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Am 31. Mai und 1. Juni 1897 wurde die Strecke Zug – Goldau der Gotthardbahn gefeiert und eröffnet. Für diesen Zweck wurde der Bahnhof an den heutigen Standort verschoben und befand sich danach zu damaliger Zeit noch weiter von der Stadt entfernt als zuvor (die Gotthardbahn-Gesellschaft bestand wider den Willen der Zuger darauf). Obwohl die Eisenbahn zu der Zeit schon seit einigen Jahren im Kanton verkehrte, tangieren die Schienen zum ersten Mal direkt die Stadt über den Viadukt, kreuzen Bahnhofstrasse und Poststrasse und verschwinden im Dunkel des Stadttunnels hinter dem Postgebäude.
Der Anschluss an die Europäische Bahnstrecke läutete so sinnbildlich einen Aufbruch in ein neues industrielles, wirtschaftliches und touristisches Zeitalter der Stadt ein. Damit verbunden sind auch klangliche Landschaftsveränderung der Stadt.
Fast genau 100 Jahre zuvor schrieb Carl Julius Lange in seinen Berichten „Ueber die Schweiz und die Schweizer“ (1796, Band 2, S. 161 ff.):
„Folgen Sie mir wieder nach Zug. Ehe ich diesen Kanton verlasse, habe ich Ihnen noch das Eine und Andere davon zu erzählen. Da man hier gar keine Fabriken und Manufakturen hat, und da sich alles vom Ackerbau und der Viehzucht nährt, so entsteht daraus eine grosse Menschenleere und Geschäftlosigkeit in der Hauptstadt, weil die ganze Thätigkeit sich auf dem Lande, auf den Alpen, in den Feldern konzentrirt. Wer also das stille und bewegungsleere Zug als den Maassstab der Bevölkerung des ganzen Kantons annehmen wollte, würde sich sehr betrügen; da dieser Kanton als der volkreichste in der ganzen Schweiz angesehen wird, und in Betracht seines sehr eingeschränkten Flächenraums auch füglich dafür gelten kann. Was mir in der Stadt am meisten missfällt, sind die vielen müssigen wohlgemästeten Pfaffen, die einem alle zwei Schritte zu grossem Missbehagen aufstossen. Diese Larven der Mässigkeit voll innerlicher Leidenschaft. Diese Sittenlehrer ohne Sitten; diese Toleranzprediger, deren ganzes Wesen von oben bis unten die grimmigste Intoleranz ist. Sie sind eine schwere Aufgabe in einem demokratischen gut regierten Freistaat. – Es ist ein glüklicher Umstand für die Freiheit dieses Kantons, dass der Stadt- und Amt-Rath, der in Zug seinen Siz hat, nicht aus lauter Städtern besteht. Zu den 40 Gliedern, die diesen höchsten Rath ausmachen, gibt die Stadt 13, die äussern Ämter aber 27, wodurch eine glükliche Mehrheit von Seiten des Landvolks entsteht, dessen Repräsentanten auch den meisten und kräftigsten Freiheitssinn in den Rath bringen.
Übrigens bin ich mit den Bewohnern dieses Kantons zufriedener, als mit ihren Brüdern in den aufgeklärtern Kantonen. Die Zuger sind im Ganzen thätig, ehrlich, genügsam, und – obgleich dem Jupiter Xenios, dem Gott der Gastfreundschaft, in der Schweiz eben keine glänzenden Altäre prangen – auch hin und wieder gastfrei.“
Doch ab Mitte des 19. Jahrhunderts kamen die Fabriken und Manufakturen. Zunächst in Ägeri und Baar, entlang der Lorze, denn Wasserläufe waren zu der Zeit auch „Kratfwerke“, dann, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, auch im damaligen näheren Umland der Stadt. 1887 wurde die Metallwarenfabrik Zug gegründet (Angabe Metall Zug AG, laut der Publikation „Architektur und Städtebau 1850-1920“ der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte wurde die Email- und Metallwarenfabrik Zug 1880 gegründet), 1896 das Electrotechnische Institut Theiler & Co., 1905 umgetauft in Landis & Gyr, die Kistenfabrik Zug 1900 oder die Zigarrenfabrik Kerckhoffs & Cie 1890.
Abb.: Metallwarenfabrik Zug, Herbst 1909 (Quelle: INSA: Inventar der neueren Schweizer Architektur, 1850-1920: Städte, Volume 10)
Durch die Eisenbahn, die Industrie und die Hotellerie verlegte sich die gewerbliche Beschäftigung immer mehr in die Stadt und wirkte so der „grosse[n] Menschenleere und Geschäftlosikgeit“ entgegen und im „stille[n] und bewegungsleere[n] Zug“ vernahm man nun auf einmal, auch durch das ungefähr zeitgleiche Auftreten der ersten Automobile, akustisch den Einzug in die industrielle Epoche, die sich im Allgemeinen durch mehr sich überlagernde Geräusche auszeichnet.
Natürlich ist es nicht so, dass die Stadt und das nähere Einzugsgebiet zuvor totenstill waren (still ist immer relativ und eine absolute Stille werden wir auf der Erde nicht „zu hören“ bekommen). Allerdings haben sich die meisten Tätigkeiten auf den Tag beschränkt, wegen der Schliessung der Stadttore (bis 1835), der Sperrstunde und dem Mangel an Licht, und die meiste Arbeit ging, wie Carl Julius Lange schreibt, auf dem Feld zustatten. Da diese Arbeit meistens eine händische war, das heisst, lange noch ohne Maschinen auskam und die Höfe auf freiem Feld in grossem Abstand standen, wurden die Arbeiten in einem „menschlichen Tempo“ durchgeführt und die Klänge konnten sich nicht überlagern. Typische Klänge waren, stark vereinfacht, zum Beispiel das Hufgeklapper von Pferden auf Boden der Pflasterstrasse oder das Bellen von Hunden. Als dominante „Leitmotive“ wahrscheinlich die Kirchenglocken. Alle wahrnehmbaren Klänge aus nah und fern mussten aber relativ gut parallel zu hören und zu unterscheiden gewesen sein, auch innerhalb der Stadtmauern, während nach der Industrialisierung der Alltag sich beschleunigte, und sich mit Maschinen, Fabriken, Eisenbahn und Automobilen neue, lautere Klänge dazu mischten. Aus einzelnen unterscheidbaren Klangaktionen entstehen durch Überlagerungen kontinuierliche Klanggemische, eine Art Hintergrundrauschen, das später mit der Elektrizität noch mal verstärkt wird. Dieses Rauschen enthält auch leise, kontinuierliche Geräusche, wie zum Beispiel das Geräusch der Gaslampen oder später auch das 50Hz-Brummen (in Amerika 60Hz) unserer Wechselstromleitung, das wir im Alltag aber in der Wahrnehmung meist nicht (mehr) bewusst hören.
Die erste „echte“ Tonaufnahme stammt aus 1860 und wurde auf einem sogenannten Phonautographen gemacht, einem Gerät, dass Schall aufzeichnete, aber nicht wiedergeben konnte. Im digitalen Zeitalter kann man diese grafische Aufzeichnung heute jedoch in Klang umsetzen:
Scott-Au-Clair-de-la-Lune-09-08, www.firstsounds.org.
Die Erfindung des ersten Tonaufnahmegerätes, das auch wiedergeben konnte, wird Edison zugeschrieben und stammt aus dem Jahr 1877. Die ersten Aufnahmen mit „modernen Methoden“ (elektromagnetische Aufzeichnung) stammen von 1898 und die ersten brauchbaren Tonbandaufnahmen von ca. 1940. Dazu kommt, dass ein Mikrofon, im Gegensatz zu zum Beispiel einer Luftaufnahme (also Fotografie), immer nur einen sehr kleinen Radius aufnimmt und den nicht direkt abbildet, sondern gewissermassen vergrössert, also eher wie ein Licht im Dunkeln einen kleinen Umkreis erhellt oder wie eine Lupe nur einen Ausschnitt betrachtet. Um herauszufinden, wie sich die klangliche Landschaft früher anhörte, bin ich also auf schriftliche Berichte von Zeitgenossen wie Carl Julius Lange angewiesen. Viele Hinweise zu Geräuschen oder Lärm sind aber auch da oft recht versteckt oder nur sehr wage beschrieben und deshalb mit Vorsicht zu interpretieren. So wie im Zeitungsbericht über die Eröffnung der Strecke Zug – Goldau vom Juni 1897:
Eröffnung der nördlichen Zufahrtslinien zum Gotthard
„Nach den bösen Regentagen, mit denen die letze Woche sich eingeführt, erglänzte gestern Sonntag der Himmel im herrlichen Festwetter, gerade als wollte der liebe Herrgott jenen Landesgegenden, die so lange und so sehnlich auf die Eröffnung besserer Verkehrswege gewartet hatten, nicht noch hintendrein den Spielverderber machen und als wollte er seinen ungeduldigen Menschenkindern wieder einmal recht gründlich die Wahrheit des Satzes beweisen: „Ende gut alles gut!“
Kein Wunder daher, wenn sich der klare schöne Festhimmel auf den fröhlichen Festgesichtern von Jung und Alt der zugerischen Bevölkerung abspiegelte, die scharenweise schon vom Vormittag weg die reich und sinnig dekorierten Strassen und Plätze der Residenz besichtigte.
Um 1 Uhr begaben sich die Mitglieder der städtischen Behörde und Komitees unter den Klängen eines flotten Festmarsches der wackern Stadtmusik und mit einer Abteilung Feuerwehr nach dem neuen Bahnhof, um den von Goldau her einfahrenden Festzug zu begrüssen.
Hier waltete bereits das geschäftige Wirtschaftskomitee seines Amtes, das sich in sinniger Weise einige blühende Jünglinge, Zöglinge der Kantonsschule, beigesellt hatte, um den werten Festgästen in silbernen Pokalen den Ehrenwein oder auch einen Humpen frischen Bieres zu kredenzen. Wir mußten noch eine Weile warten, bis unser Donnergott mit einem ersten Schusse die Einfahrt des Festzuges in den Stadt Tunnel avisieren konnte.
Endlich kam er heran mit prächtigen neuen Luxuswagen, wie sie in der Schweiz nur bei dieser großen internationalen Gotthardbahn zu sehen sind. Die Stadtmusik intonierte ihre festlichen Weisen und Gruß und Händedruck und Ehrentrunk wechselten zwischen fröhlichen Festgästen und den Vertretern von Kanton und Stadt Zug. Auch ein lieblicher Damenflor hatte sich den offiziellen Herren beigesellt und selbst die weißgekleideten und sinnig geschmückten Ehrendamen von Meggen, Küßnacht, Arth-Goldau und Walchwil fehlten nicht. Hut ab diesmal vor den Walchwilern. Die Walchwiler-Meiteli waren die schönsten! Sie haben es den Zugern so angethan, daß die offiziellen Angströhren nur so herunterflogen und daß die ernsten Magistraten und würdigen Komiteeherren schmunzelnd nach den silbernen Pokalen langten, welche die lieblichen Nachbarinnen von Walchwil ihnen kredenzten. Lange dauerte jedoch der Jubel nicht auf dem Zuger-Bahnhofe. Schon nach einigen Minuten ertönte das Zeichen zur Abfahrt. Unter Musikklängen, Kanonendonner und dem fröhlichen Grüßen der Menge fuhren die Gäste, denen sich Vertreter der Zuger Behörden beigesellt hatten, wieder südwärts.
„Station Oberwil!“ ruft eine Stimme. Ja wirklich eine richtige, leibhafte Station, selbst das Personal fehlte nicht und geläutet wurde auch, aber anhalten wollte der Zug doch nicht! „Es wär zu schön gewesen, es hat nicht sollen sein!“ Gefallen hat aber der Ulk gleichwohl und die Herren Direktoren und Verwaltungsräte der Gotthardbahn haben nun wenigstens die Stelle gesehen, wo dereinst eine Station in Oberwil richtig platziert werden könnte, wenn diese Ortschaft im Schritthalten mit der Zeit sich so entwickelt, daß ein Anhalten der Züge dort sich verlohnen wird. Nur Geduld, es wird schon kommen; jetzt liegen wir an einer internationalen Verkehrslinie und bald werden Zug und dessen Vorstadt Oberwil zusammenwachsen, dann wollen wir das Ding wieder besprechen.
„Weiter gings durch Feld und Hag“ auf der von hier an erst prächtig sich entfaltenden Linie auf steiler Bergeshalde und großartigen Kunstbauten; links die grünen Waldeshöhen, rechts unten der tiefblaue Zugersee, dessen jenseitige idyllischen Ufer heute besonders lieblich und freundlich herübergrüßten, vor uns die stolzen Wächter und Schützer dieser Idylle, Rigi und Pilatus, und zwischen den beiden die schnee- und eisgekrönten Berneralpen, Jungfrau, Eiger und Mönch und wie sie alle heißen diese Majestäten. Fürwahr! Ein herrlich-schönes Stück Gottes Natur und Schweizerpracht, wie es nur auf dieser unvergleichen Linie zu schauen ist und wie es, des sind wir überzeugt, inskünftig von tausenden ob dieser Herrlichkeit entzückten Touristen und Naturfreunden gerne geschaut werden wird. Doch halt da, während ich im besten Zuge meines Festberichtes bin, läßt unser prompte Kanonier-Hauptmann schon wieder „Bum!“ machen und mahnt mich in seiner Tagwache, daß heute nochmals Eröffnungsfeier ist. Ja, ja ich komme schon, schnell hinein ins Festgewand und Fortsetzung in nächster Nummer!“
Die Hinweise sind sehr spärlich vorhanden, die Qualität der klanglichen Informationen sehr gering. Weil ich ihn ansonsten sehr lesenswert und aus historischer Sicht informativ finde und beim Lesen auch mehrere Male ob der Berichterstattung schmunzeln musste, gebe ich ihn trotzdem in seiner gesamter Länge wieder.
Die spielende Stadtmusik, die es immer noch gibt, kennen wir ja (bei der Einweihung des neuen Bahnhofs in Zug 2003 haben sich lediglich gebuchte Musiken und inhaltlicher Stil geändert). Auch den „Donnergott“ beziehungsweise das „Bum!“ des Böllerschiessens oder Freudenschiessens kennen wir noch, wenn auch nicht mehr in demselben Ausmasse wie früher. Jedoch ist mir aufgefallen, dass auch in Oberwil „geläutet wurde“, wobei aus dem Kontext heraus nicht zweifelsfrei festzustellen ist, ob das Läuten vom Zug oder vom „Oberwiler Personal“ stammte. Auf alle Fälle wurde geläutet, das heisst, mit einer Glocke. Heutzutage sind die Glocken der Lokomotiven durch Hupen, sogenannte Makrofone, ersetzt worden, während die Bahnhofsglocken durch elektronische akustische Signale (wobei das SBB / CFF / FFS Soundlogo eigentlich nur noch als Hinweis zu einer bevorstehenden Ansage dient) ersetzt wurden. Auch haben sich ihre Funktionen teilweise verändert. Während die akustischen Signale früher je nach Art und Anwendungen verschiedene Informationen übertrugen (zwischen Bahnwärtern, Zügen, Streckenarbeitern und Passagieren), gelten sie heute nur noch als Warnung. Durch engere Zeitpläne und technischer Entwicklung wurden sie durch Streckentelefon und visuelle (Licht-) Signale ersetzt.
2014: Vor und im Bahnhof Zug habe ich Tonaufnahmen gemacht. Vorher möchte ich kurz darauf hinweisen, dass:
- es von Vorteil wäre, alle Tonaufnahmen in meinen Beiträgen wenn immer möglich mit Kopfhörern anzuhören, da die räumlichen und klanglichen Informationen in diesem Fall über Kopfhörer viel präziser und damit aussagekräftiger gehört werden
- alle Tonaufnahmen an Werktagen im engen Zeitraum zwischen ca. 14.00 und 15.30 Uhr gemacht wurden und eine Länge von ungefähr 5′ haben (Start- und Endpunkt sind zufällig gewählt, dazwischen gibt es keine Schnitte)
- die Aufnahmen in unbearbeiteter Form vorliegen (keine Dynamik- oder Frequenzbearbeitung)
- die Aufnahmen von der Lautstärke alle zueinander in Relation stehen und somit untereinander verglichen werden können, aber keine Aussage zum tatsächlichen Schalldruckpegel gemacht werden kann
Audio: Aufnahme Bahnhofplatz
In meiner Vorstellung haben Bahnhöfe in Städten immer etwas hektisches an sich. Als ich mich rechts des Trinkbrunnens, mit Blick auf den Haupteingang des Bahnhofs, auf dem Bahnhofsplatz postierte und diese Aufnahmen machte, war ich überrascht, wie ruhig es hier ist. Von allen Aufnahmen die ich in öffentlichen Räumen der Stadt Zug gemacht habe, gehören diese zu den ruhigsten.
Erwähnenswert ist die starke Veränderung des Klangs in Abhängigkeit von der Distanz der Klangquelle zum Aufnahmeort. Das „Plätschern“ des Trinkbrunnens zur Linken ist eine gute Referenz. Es ist ziemlich eindeutig lokalisierbar und vom Klang her recht brillant und klar. Die Autotüre [0:06] ist schon ein wenig dumpfer. Deutlich hört man (vor allem mit Kopfhörern) von rechts das Echo, ein Hinweis darauf, dass wir uns in einem „umschlossenen“ Raum befinden. Stimmen in der Nähe sind recht gut zu entschlüsseln, während sie mit zunehmender Distanz schnell in den Hintergrundgeräuschen untergehen. Sehr schön finde ich den klanglichen Verlauf von ca. 2:25 bis 2:50. Das impulsartigen „Klacken“ der Stiletti gibt uns wunderbare Informationen zur Akustik des Bahnhofsplatzes. Da es sich um sehr kurze Klänge handelt, hört man den Nachhall gut. Es gibt einen kurzen Moment, etwa zwischen 2:34 und 2:36, wo der Hall weniger dominant scheint und das Klacken sehr direkt und nah zu hören ist.
In der Akustik spricht man von Direktschall und Diffusschall. Direktschall bezeichnet man die Schallquellen, die als erste am Ohr eintreffen, ohne vorher an einer Wand, Boden oder Decke reflektiert worden zu sein. Also die Schallquellen, die auf direktem Weg (über die Luft) von der Klangquelle (den Stiletti) an mein Ohr gelangen, während der Diffusschall alle Schallquellen bezeichnet, die über einen Umweg, zum Beispiel den asphaltierten Boden, bei mir eintreffen. Der Direktschall ist wichtig für die Ortbarkeit oder die Sprachverständlichkeit, während der Diffusschall Auskunft über Raumbeschaffenheit und Raumgrösse gibt.
Die Dominanz des Halls bei Autotüre, Stiletti und Sprache deuten auf eine sehr reflexionsreiche Akustik hin. Der Bahnhofsplatz ist tatsächlich von fast allen Seiten mit Häusern umgeben (beidseitig der Alpenstrasse und Bahnhofsfassade), die den Schall reflektieren. Gleichzeitig ist er seit dem Umbau 2003 eine Art arenaartige Mulde, der Schall wird also von allen Seiten zurück geworfen. Trotzdem hören wir nicht viele klangliche Überlagerungen. Die meisten Geräusche können wir unterscheiden und erkennen. Die „Wände“ und die vertiefte Lage bilden gleichzeitig einen Schallschutz vor Geräuschen von „aussen“. Der Schall bewegt sich über den Kessel hinweg oder wird von den Häusern abgeblockt. Das früher erwähnte „kontinuierliche Klanggemisch“ ist leise im Hintergrund (die Autos, der Pressluftbohrer, …).
Für die Ruhe gibt es aber auch noch weitere Gründe. Tatsächlich habe ich per Zufall gerade fünf Minuten erwischt, in denen weder Züge, noch Busse ankommen, man deswegen wenig Verkehrslärm hört und nicht so viele Menschen unterwegs sind. Ebenso ist mir aufgefallen, dass die Hauptmasse der Traversierenden nicht mehr den Weg über Bahnhofsplatz und Haupteingang benützt, sondern den Bahnhof in der Ost-West Achse durchquert.
Audio: Aufnahme Bahnhofshalle
Die Aufnahmeposition ist vor dem Reisebüro, mit Blick zur Mitte der Halle. Auch diese Aufnahme ist generell eher leise, im Gegensatz zum Bahnhofsplatz allerdings chaotischer.
Sofort hört man die typischen Klangcharakteristiken einer grossen Halle: Viel Echo und viel Hall. Durch die Gewerbe und mehr Menschen und vor allem auch, weil es sich um einen Innenraum handelt, ergeben sich viel mehr klangliche Überlagerungen von Geräuschen, als vor dem Bahnhof. Die vielen Stimmen bilden einen kontinuierlichen Klangteppich, verständlich sind nur Sprachfetzen aus nächster Nähe. Kurze mechanische Klänge oder Geräusche aus der Gastronomie weben sich ebenfalls in diesen Teppich ein. Selten stechen einzelne diskrete Geräusche hervor, wie die Münzen des Billettautomaten [1:44], das Knattern [4:20], oder das Öffnen der Getränkedose [5:25]. Die räumliche Lokalisierung der Klangquellen ist fast unmöglich.
Trotz der vielen akustischen Ereignisse macht auch die Bahnhofshalle auf mich keinen hektischen Eindruck, wahrscheinlich dank der fast monotonen Kontinuität. Auf der Aufnahme sehr auffallend finde ich das konstante Geräusch auf immer gleichbleibender Tonhöhe, dass man vor allem in Hintergrund auf dem rechten Kanal hört. Ein bisschen wie ein Staubsauger. Im Bahnhofskontext kann ich das gerade nicht wirklich zuordnen. Eine Lüftung? Ob es wohl immer zu Hören ist im Bahnhof Zug?