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Rudolf von Laban (1879-1958) hat die Entwicklung des Ausdruckstanzes geprägt – ab 1913 auf dem Monte Verità
AUF DEM BERG DER WAHRHEIT FREIGETANZTvon Francesco Welti
In Paris hat er in den Anfängen seiner Karriere gewirkt, dann in München eine Schule für Bewegungskunst gegründet und ist von da nach Zürich weitergezogen. Nun ist es Sommer, der Tessiner Sommer von 1913 und Tanzlehrer von Laban hat Ascona mit dem Monte Verità sozusagen als Labor für seine Projekte entdeckt. „Wir fanden in den kleinen Holzhäusern einer ehemaligen vegetarischen Kolonie geeignete billige Unterkunft, Luftbäder, Weiden, ein kleines Königreich...“, schreibt er in seiner Autobiografie „Ein Leben für den Tanz“ über die Ankunft auf dem Monte Verità. Er schildert darin auch den Tagesablauf bei seiner dort gegründeten (Sommer-)Schule. „Am frühen Morgen schlug ich auf der Veranda meines von Hecken überwucherten Häuschens den Gong. Alle traten zur Arbeit an. Die Geräte wurden verteilt, und noch vor der Morgenmahlzeit ging je eine Gruppe in die verschiedenen Gärten, um dort zu jäten, umzugraben, anzupflanzen (...) Frauengruppen gingen in die Nähstuben, wo Tanzkleider und Sandalen angefertigt wurden. (...)“ Als „Tanzfarm“ bezeichnete er die Schule in Ascona, die eine Mitarbeit im Sanatorium beinhaltete oder auch Bewegungskunst mit Laien. Hauptsächlich ging es auf dem Monte Verità jedoch um das Tanzen. Im Freien, in der Natur rund um den Hügel und am See, wurde geübt.
Von Laban war kein Künstler, der sich treiben liess. Er hatte klare Vorstellungen davon, was er erreichen wollte. Der ungarischstämmige Erneuerer sah den Tanz, dem er sein Leben ganz verschrieben hatte, als eigenständige Kunstform. Als Lehrer einer Truppe mit etlichen Protagonistinnen des modernen Tanzes wie Mary Wigman, Suzanne Perrottet – seine Lebensgefährtin –, Berthe Trümpy und Katja Wulff versuchte er systematisch diese Bewegungsform in eine neue Dimension zu bringen. Körper, Seele und Geist sollten dabei eins sein.
Mit Sommerfestspielen versuchte er in dieser Phase das Geld zu verdienen, um parallel dazu sein grosses Projekt weiterentwickeln zu können. Es waren wichtige Experimente für seine Karriere, welche von Laban nach dem Ersten Weltkrieg zurück nach Deutschland führen sollte. In den 1920-er Jahren gründete er dort in verschiedenen Städten Tanzgruppen und entwickelte seine Philosophie des Tanzes weiter. 1930 bis 1934 war er Ballettdirektor der Berliner Staatsoper. Indem er gerne auch mit Laien arbeitete und festliches Zusammenwirken in grossen Gruppen förderte, passte er gut zur Massenideologie der aufkommenden Nationalsozialisten. 1934 war er daher auserkoren, die deutschen Tanzfestspiele zu organisieren, 1936 mit zwei Kollegen, die Festspiele im Zuge der Olympiade in Berlin zu inszenieren.
Ein Massenspektakel mit 10‘000 Laien war geplant. Doch von Labans Choreographie missfiel. Weil er sich nicht der Zensur unterwerfen wollte, fiel er in Ungnade. Seine Schriften wurden daraufhin verboten. Er verliess Deutschland, um seine Tätigkeit in England weiterzuführen. Im Exil arbeitete er weiter an seiner wissenschaftlichen Idee des Tanzes, den er als „Bewegungschor“ mit vielen Teilnehmenden sah, die in einen höheren sinnlichen Zustand geraten. Er entwickelte zudem die Raumharmonielehre, die insbesondere in Übersee eine Basis für die Tanztherapie bildete.
Unter den Nazis war der moderne Tanz im zuvor führenden Deutschland verkümmert und noch in den ersten Nachkriegsjahren war das klassische Ballett dort Trumpf. Erst mit der Zeit änderte sich das – und von Labans Wirken bekam wieder mehr Aufmerksamkeit.