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Marokko scheint bei der Bekämpfung der Corona-Krise einiges richtig zu machen – vor allem in Sachen Impfungen: Bald hat das nordafrikanische Land in fast 3000 Impfzentren vier Millionen Dosen verimpft. Bei einer Einwohnerzahl von etwa 34 Millionen ergibt das die mit Abstand höchste Impfquote auf dem afrikanischen Kontinent.
Daniel Voll
SRF-Korrespondent für Frankreich und den Maghreb
Daniel Voll ist seit 2018 Frankreich-Korrespondent von Radio SRF mit Sitz in Paris. Der Maghreb gehört ebenfalls zu seinem Berichtsgebiet. Zuvor war er u.a. als EU-Korrespondent und Auslandredaktor für SRF tätig.
SRF News: Warum gelingt es Marokko, so rasch so viele Menschen zu impfen, trotz einem vergleichsweise schwachen Gesundheitssystem?
Daniel Voll: Marokko hat schon sehr früh auf eine Impfkampagne als zentrales Element der Corona-Politik gesetzt. Die Kampagne wird nicht vom Gesundheitsministerium, sondern vom sehr gut organisierten Innenministerium organisiert, dem auch die Polizei untersteht.
Das Land hat sich seit Monaten darauf vorbereitet und alles generalstabsmässig organisiert.
Die Polizei ist ein wichtiges Element in dieser Impfkampagne. Das Land hat sich seit Monaten darauf vorbereitet und das Ganze generalstabsmässig organisiert.
Marokko ist gross und voller abgelegener Gebiete. Macht das eine Massenimpfung nicht äusserst anspruchsvoll?
Marokko hat in den grossen Städten begonnen, wo es einfacher ist. Zuerst wurden Funktionäre und Funktionärinnen geimpft, dann Gesundheitspersonal, Polizei und Armee und dann die ältesten und geschwächten Personen in den Städten. Also dort, wo es eine grosse Konzentration von Menschen gibt. Schwieriger wird es dann in den abgelegenen Gebieten, doch die Polizei ist in Marokko überall präsent.
Wie kam Marokko an genügend Impfdosen?
Es war eine Mehrfach-Strategie. Das Land beteiligte sich an der Entwicklung eines Impfstoffs, zusammen mit dem chinesischen Produzenten Sinopharm.
Es war eine Mehrfach-Strategie.
Marokko beteiligte sich an Tests. So hat man sich Impfstoff gesichert. Zudem setzt Marokko auch auf einen indischen Impfstoff, neben Astra-Zeneca, der auch in Europa verwendet wird.
König Mohammed VI. hat sich im Januar als Erster impfen lassen. Hat das die Impfbereitschaft erhöht?
Das war sicher ein Signal. Der König steht ganz klar hinter dieser Kampagne, die er schon sehr früh angeordnet hatte. Zudem ist die Impfung kostenlos. Im Unterschied zu Tests, die umgerechnet 60 Franken oder mehr kosten, was für Arme bis zum einen halben Monatslohn ausmacht. Die Impfung wurde auch als obligatorisch erklärt, wobei das kaum kontrolliert wird. Die Menschen verstehen die Impfung als Teil einer nationalen Pflicht, die allen dient.
Ist Marokko zum Pandemie-Musterschüler geworden, wie das verschiedentlich zu lesen ist?
Da muss man zwischen Fassade und Wirklichkeit unterscheiden und auch die offiziellen Statistiken mit Vorsicht lesen. Zu diesem Schluss kommt auch das Corona-Portal der Universität Oxford mit einem internationalen Vergleich. Auch marokkanische Gesprächspartner sagen mir, dass sie sehr skeptisch sind.
Ob sich nach dem gelungenen Impfauftakt der Erfolg im Sommer fortsetzt, bleibt abzuwarten.
Richtig ist aber: Marokko hat im März 2020 sehr schnell reagiert, die Flüge gestoppt, Grenzen geschlossen und die Reisefreiheit im Inland tatsächlich sehr stark eingeschränkt. Die Fallzahlen blieben im Frühling sehr tief, bevor sie dann im Herbst markant in die Höhe schossen. Vor allem der strenge Lockdown im Frühling hatte fatale Folgen für die Wirtschaft. Stark betroffen waren jene Leute, die ihr Leben von Tag zu Tag in der Schattenwirtschaft verdienen. Es gibt massive soziale Spannungen, weil es kein soziales Auffangnetz gibt. Ob sich nach dem gelungenen Impfauftakt der Erfolg im Sommer fortsetzt und man das sehr ehrgeizige Ziel von 28 Millionen geimpften Menschen erreicht, bleibt abzuwarten.
Das Gespräch führte Roger Aebli.