Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03358.jsonl.gz/407

Wie andere Weltgegenden, die in den vergangenen Jahrtausenden Hochkulturen ernährten (z.B. der ganze Mittelmeerraum, Indien, China), ist auch das äthiopische Hochland heute verödet und seiner Waldbedeckung fast gänzlich beraubt. Die Folgen sind Hochwasser und Dürre, Bodenerosion und teilweise gar klimatische Veränderungen. Die Bevölkerung spürt dies am Rückgang der Ernteerträge und an der zunehmenden Schwierigkeit, überhaupt Brennholz zu finden. Dabei ist für die ländliche Bevölkerung Brennholz fast die einzige Energiequelle.
Ohne die Eingriffe des Menschen wäre Äthiopien fast ganz bewaldet, und die vielfältigen Waldtypen würden sich entsprechend der Höhenstufung und Regenverteilung ausbreiten können. Heute zeugen einzig die kleinen Waldinseln um die Kirchen herum vom ehemaligen Waldreichtum.
Der Zerstörung der Wälder geschah (und geschieht vor allem im Süden weiterhin) nach einem einfachen Muster. Zuerst wurde gerodet, um Ackerland, Bau- und Brennholz zu gewinnen. Die intensive Beweidung durch zu grosse Bestände an Haustieren verunmöglichte dann eine Wiederherstellung der Baumvegetation selbst auf ackerbaulich nicht genutzten Flächen. Die Böden waren ungeschützt Wind und Wasser ausgesetzt und verloren durch die Bodenerosion ihre Fruchtbarkeit. Die Verwüstung der Ackerflächen ihrerseits nötigte die Bauern, den begonnenen Raubbau nochmals zu intensivieren – und der Teufelskreis war geschlossen.
Diese Umweltzerstörung unterscheidet sich wesentlich von jenen in den industrialisierten Ländern. Der Raubbau in den Ländern der Dritten Welt ist meist armutsbedingt und wird häufig durch die ärmsten Glieder der Gesellschaft, durch Ziegenhalter und Holzsammler, verursacht. Bei uns hingegen ist es nicht der nackte Überlebenskampf des Menschen, der die massiven Umweltschäden herbeiführt.
Überraschend ist in diesem Zusammenhang der Umstand, dass Terrassenkulturen, wie sie etwa in Südarabien anzutreffen sind, in Äthiopien nie Fuss fassten, jedenfalls nur von einzelnen Völkern wie den Konso angewendet werden. Ein solcher kulturtechnischer Bodenschutz hätte freilich schon früh die Erosion drastisch mindern können, wird aber erst heute von der Regierung im grossen Stile propagiert und verwirklicht.
Das Verhalten der Bäche und Flüsse in Äthiopien ist typisch für vegetationsarme Gebiete. Jeder Regen fliesst schnell an der Oberfläche von Hängen und Feldern ab, sodass die Gerinne in kürzester Zeit zu Hochwasser anschwellen. Die Flut donnert mit zerstörerischer Kraft in wenigen Stunden zu Tale. Anschliessend verkümmert das Gewässer wieder zu einem bescheidenen Bächlein. Diese extremen Abflussschwankungen erschweren die technische Bändigung der Natur. Brücken und Strassenfurten lassen sich nur mit erheblichem Aufwand bauen. Es ist äusserst schwierig, Bewässerungsanlagen zu erstellen oder Flüsse zu stauen – letzteres würde wegen der hohen Sedimentfracht schnell zur Verlandung des Stauraumes führen. Der Teufelskreis der Umweltzerstörung wird damit nochmals mit grossem Radius geschlossen, indem die Nutzung der fruchtbaren Talauen durch die Entwaldung der Gebirge erschwert wird.
Es gibt kaum ein Land auf der Welt, das während den vergangenen zwanzig Jahren mehr für den Boden- und Wassererhalt getan hat als Äthiopien. Auch in der Verbesserung der Wasserwirtschaft sind grosse Fortschritte zu verzeichnen. Allerdings fehlt es vielen Projekten an Umsetzungskapazität und Nachhaltigkeit ist nicht immer sichergestellt.