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Am nächsten Morgen war Herbert Mäder alles andere als erfreut, als er vom Alleingang seiner Kollegin Janine Auderset hörte. Dass man niemals alleine Zeugen oder Verdächtige besuchen sollte, lernte man doch schon ganz am Anfang in der Polizeischule. Er machte ihr Vorwürfe. Sie liess es über sich ergehen. Sie wusste, dass sie einen Fehler gemacht hatte.
Im Mordfall von Bernhard Knüsel, der am ersten August erschossen worden war, hatte die Polizei mehrere Spuren. Von B wie Baubewilligung über H wie Hanfplantage bis zu P wie Poker gab es verschiedene erfolgversprechende Ansätze. Alle Verdächtigen waren am Tatabend in Baumetswil gewesen und hatten dort den Nationalfeiertag begangen.
Janine Auderset persönlich hielt Luca Keller für den wahrscheinlichsten Täter. Luca war wegen Knüsel vom Collège geflogen, das musste grossen Frust verursacht haben. Sie wollte heute noch mit dem Rektor des Kollegiums über Luca sprechen. Herbert Mäder hatte sich etwas anderes vorgenommen. Er wollte am Abend im «Löwen» in Gurmels als verdeckter Ermittler pokern gehen. In Knüsels alter Stammbeiz wollte er das eine oder andere erfahren.
Es war schon ziemlich spät, als Mäder in Gurmels ankam. Wie erwartet, wurde er sofort in die fröhliche Runde aufgenommen. Im «Löwen» wurde tatsächlich um Geld gespielt. Mäder zahlte 100 Franken Einsatz und versuchte in den nächsten Stunden fieberhaft, nicht alles gleich zu verspielen. Sein direkter Nachbar war ziemlich erfolgreich. Als er schon wieder eine Runde gewonnen hatte, gratulierte ihm die einzige Frau am Tisch: «Jetzt, wo Knüsel nicht mehr da ist, gewinnt auch mal ein anderer.»
Mäders Tischnachbar lachte und bestellte eine Runde Bier, ehe er antwortete: «Ich hab zwar schon häufig verloren, aber so viel wie Tinguely dann doch nicht.» Mäder lachte nun auch und meinte dann: «Meine 100 Franken sind auch bald weg.» Sein Tischnachbar drehte sich zu Mäder um und raunte ihm zu: «100 Franken, das ist doch gar nichts. Da ging es manchmal um Tausende Franken. Allein letzte Woche hat Tinguely 10 000 Franken verloren.» «Ist Tinguely heute Abend auch hier?», fragte Mäder. Sein Tischnachbar schüttelte den Kopf: «Der kann sich hier nicht mehr blicken lassen mit über 50 000 Schulden!»
In der Folge erfuhr Herbert Mäder noch viel mehr. Die ganze Runde wusste auch über den Rechtsstreit der Familie Keller Bescheid. Die einzige Frau in der Runde war der Meinung, dass die Baubewilligung nie hätte erteilt werden dürfen. Nur Marius Kellers guter Draht zum Oberamtmann und zum zuständigen Kantonsrichter habe dafür gesorgt, dass er jetzt bauen könne. Mäders Tischnachbar stimmte ihr bei: «Leute wie Keller bekommen immer, was sie wollen.» Kurz vor Mitternacht verliess Mäder die Pokerrunde – mit weniger Geld in der Tasche, dafür mit einer neuen Erkenntnis: Georg Tinguely hatte bei Knüsel Spielschulden und damit definitiv auch ein Tatmotiv.
Janine Auderset hatte schon den ganzen Tag versucht, den Rektor des Kollegiums telefonisch zu erreichen. Am Abend beschloss sie, ihn persönlich zu Hause aufzusuchen. Der Rektor erinnerte sich sehr gut: «Luca Keller kiffte. Knüsel hatte Luca zufälligerweise gesehen und ihn zu mir geschickt. Luca schwor in meinem Büro dann, dass er sofort aufhören würde. Ich beschloss, ihm nochmal eine Chance zu geben, und es sah ziemlich gut aus, bis Knüsel ihn kurz vor den Sommerferien wieder erwischte. Dieses Mal bestritt er vehement, gekifft zu haben.»
Janine fragte nach: «Da haben Sie ihn von der Schule entlassen?» «Nein, wir haben noch zwei Wochen gewartet. Dann bestand er aufgrund einer sehr schlechten Biologienote das Semester nicht.» Janine hob eine Augenbraue: «Bernhard Knüsel als sein Biologielehrer hat ihm eine schlechte Note gegeben?» Der Rektor nickte: «Der Notenschnitt war massiv ungenügend.» Janine fragte weiter: «Haben Sie Luca geglaubt, beim zweiten Mal?» Der Rektor zögerte: «Ich hatte nicht den Eindruck, dass Knüsel und Luca sich gegenseitig besonders schätzten. Ich habe Luca eigentlich geglaubt, deswegen habe ich ihn auch nicht suspendiert. Erst die schlechte Biologienote hat seine Schulzeit an unserem Kollegium beendet.»
Im August erscheint in den FN in Form einer Sommerserie die Krimikurzgeschichte «Vogelfreunde», verfasst vom Wünnewiler Jungschriftsteller Philipp Spicher. Personen und Handlung sind frei erfunden. Alle bisher veröffentlichten Kapitel im Internet unter: www.freiburger-nachrichten.ch, Dossier «Sommerkrimi».