Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03428.jsonl.gz/631

Seit Jahrhunderten wurden die Schweizer Wälder vom Menschen gestaltet. Bäume werden durchschnittlich bereits in der Hälfte ihres biologisch möglichen Alters gefällt; es gibt deshalb heute kaum mehr sich natürlich entwickelnde Wälder. Vom Menschen gänzlich unberührte Wälder gibt es in Mitteleuropa schon lange keine mehr. Deshalb wird der Urwald hierzulande definiert als ein Wald, der vom Menschen „nicht wesentlich“ verändert worden ist. In der Schweiz gehören dazu viele kleine Waldstücke. Vom menschlichen Eingriff verschont wurden sie bloss, weil sie an steilen Felshängen und Graten wachsen und somit für die Bewirtschaftung nicht in Frage kommen. Nur etwa 33’000 Hektare machen solche Waldfragmente aus — das entspricht etwa 2,7% der gesamten Waldfläche. Daneben gibt es noch drei grössere Wälder in der Schweiz, die offiziell als Urwälder bezeichnet werden: Der Bödmeren-Fichtenwald auf Karst im Kanton Schwyz, der Tannenwald von Derborence im Kanton Wallis, sowie der Fichtenwald von Scatlé im Kanton Graubünden. Diese drei Urwälder stehen derzeit, gemeinsam mit kleineren Waldbeständen, unter Schutz als sogenannte Waldreservate.
Biodiversität vor Mensch
Wälder, die den Status eines Waldreservates erlangen, werden für eine bestimmte Zeit aus der Waldbewirtschaftung genommen, sodass sie wieder eine natürliche Entwicklung durchlaufen können. Damit wird dem Schutz des Ökosystems und dem Erhalt der Biodiversität höhere Priorität eingeräumt als den wirtschaftlichen Interessen des Menschen. Auf diese Idee kam man erst in den 1990er-Jahren, als im Anschluss an den Erdgipfel in Rio 1992 Forderungen nach mehr Waldschutzgebieten laut wurden. Damals verpflichteten sich die Unterzeichnerstaaten der Biodiversitätskonvention, zu denen auch die Schweiz gehört, grosszügig bemessene Waldreservate einzurichten. In diesen Schutzgebieten soll die Biodiversität Vorrang haben vor anderen Waldfunktionen wie Holznutzung oder Erholung. In den Reservaten will man auch die wirtschaftlich uninteressanten, aber ökologisch wertvollen Zerfalls- und Pionierphasen zulassen und so vielfältige Lebensräume für seltene Tier- und Pflanzenarten schaffen.
In Waldreservaten lässt man die Natur walten. Jan Mallander, pixabay
Auf halbem Waldweg da
2001 erliess das BAFU die „Leitsätze einer schweizerischen Waldreservatspolitik“, welche konkrete nationale Ziele vorgibt: Bis ins Jahr 2030 sollen 10% der Schweizer Waldfläche als Reservate ausgewiesen sein. Heute bedecken Waldreservate rund 84’000 Hektare — das entspricht erst 6,3% der Waldfläche der Schweiz. Es gibt in den nächsten zehn Jahren also noch viel zu tun!
Auf etwa der Hälfte aller geplanten Reservatsgebiete soll die natürliche Waldentwicklung wieder zugelassen werden. In solchen Naturwaldreservaten wird für mindestens 50 Jahre ganz oder weitgehend auf Eingriffe verzichtet. Je nach Status sind eine Regulation der Wildtierbestände mittels Jagd, Sicherheitsschläge an Strassen und die Waldbrandbekämpfung möglich. Ansonsten lässt man der natürlichen Entwicklung freien Lauf und stärkt damit Organismen, die im Wirtschaftswald zu kurz kommen - wie beispielsweise im Holz lebende Insekten und Pilze. Etwa ein Fünftel aller Tiere, Pflanzen und Pilze im Wald — das sind alleine schon über 6000 Arten — sind auf Totholz als Lebensraum und Nahrungsquelle angewiesen.
Die restlichen 5% der gesamten Waldfläche dienen als Sonderwaldreservate. Um die ökologische Qualität bestimmter Biotope zu erhalten sowie bedrohte Pflanzen- und Tierarten zu fördern, sind hier gezielte Eingriffe möglich und oft sogar nötig. Dazu zählen etwa die Entbuschung von Felsen und Geröllhalden mit Reptilienpopulationen oder die Freihaltung von Waldlichtungen für Tagfalter, Orchideen oder Auerwild.
Totholz ist lebendiges Holz. Michi Nordlicht, pixabay
Grössere Reservate nötig
Damit ein Wald alle wichtigen ökologischen Funktionen erfüllen kann, sollte er eine Fläche von mindestens 40 Hektar, optimal aber 100 Hektar aufweisen. Von den 2’895 Waldreservaten in der Schweiz sind 1’743 aber nur Kleinstreservate, die kleiner als 5 Hektare sind. Immerhin gibt es bereits 26 Grossreservate — das sind Waldgebiete, deren Fläche 500 Hektare überschreiten.
Dank der Waldreservate bleiben der Nachwelt wenigstens Stücke (fast) unberührter Natur erhalten — Kleinode von unschätzbarem Wert. Der heutige World Wildlife Day, der insbesondere dem Erhalt der kulturellen und biologischen Diversität in Waldgebieten gewidmet ist, hat damit Relevanz nicht nur für den Schutz weit entfernter Wälder, sondern auch vor unserer Haustür.