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Roland Blaettler 2019
Die Geschichtsschreibung des Nyoner Porzellans begann mit dem 1904 von Aloys de Molin veröffentlichten Grundlagenwerk «Histoire documentaire de la manufacture de porcelaine de Nyon». Da im Rahmen der Landesausstellung von 1896 wenig Informationen zur Porzellanmanufaktur vorlagen, hat sich der Autor daran gemacht, die Primärquellen, die Aufschluss über das Thema geben könnten, methodisch zu erforschen. Fündig wurde er vor allem in den Waadtländer Kantonsarchiven, im Stadtarchiv von Nyon, in den Archiven der Töpfermanufaktur in Nyon und in den Ratsregistern in Genf. Zum ersten Mal wurden die Umstände der Gründung des Unternehmens ermittelt und die Hauptakteure klar identifiziert.
Das zweite Referenzwerk zu diesem Thema wurde 1957 von Edgar Pelichet veröffentlicht, knapp zwanzig Jahre nach seiner Ernennung zum Kurator des Museums von Nyon und vor allem zehn Jahre nach der Nationalen Porzellanausstellung in Nyon, die es ihm ermöglichte, sich intensiv mit dem Thema zu befassen und mit den meisten bedeutenden privaten und öffentlichen Sammlungen der damaligen Zeit in Kontakt zu treten. Darin liegt der originelle Beitrag von Pelichet im Vergleich zu Molins hauptsächlich dokumentarischer Studie. Geht es um die Geschichte der Manufaktur, stützt sich Pelichet fast ausschliesslich auf die Arbeit von de Molin. In seiner Publikation hingegen gibt er einen viel umfassenderen Überblick von der Produktion in Nyon selbst, indem er die Vielfalt der Formen und Dekore hervorhebt. Im Vergleich zu de Molin konnte Pelichet auch neue archivalische Quellen nutzen, die in der Zwischenzeit gefunden wurden: einen Teil der – zugegebenermassen etwas unvollständigen – Rechnungsbücher der Fabrik und das sehr interessante Fabrikbuch von 1801 (das Pelichet auf das Jahr 1799 datierte). Auf diese Weise konnte der Autor eine erste Annäherung an den wirtschaftlichen Aspekt des Unternehmens skizzieren, insbesondere an den kommerziellen Vertrieb von Porzellan. Ein wichtiger Teil des Werks von Pelichet ist einem detaillierten Katalog von Formen und Dekoren gewidmet. Aus den alten Buchhaltungsunterlagen bezieht er sogar chronologische Daten in seine umfangreiche Aufzählung ein, allerdings in einer sehr punktuellen Weise, mit falschen Interpretationen und vor allem ohne jede systemische Perspektive.
Pelichet unternahm den Versuch, die Produktion auf der Grundlage vager stilistischer Überlegungen zu periodisieren (Pelichet 1957, 69–70 und 135–136; Pelichet 1985/1, 89 und 173). Auch wenn der Autor hier und da einige Überlegungen äussert, die man in Betracht ziehen könnte, überzeugt das Resultat nicht gänzlich. Es ist sicher nicht falsch zu behaupten, dass der Insektendekor zum Beispiel von Beginn der Produktion an «jedenfalls bis 1809» (Pelichet 1985/1, 173) ausgeführt wurde, aber das greift zu kurz! In Wirklichkeit können wir mindestens fünf Varianten des Insektendekors unterscheiden, die alle einer anderen Phase in der Entwicklung des Repertoires entsprechen.
Laurent Droz analysierte 1997 die Buchhaltungsquellen der Fabrik neu und wertete sie unter Anwendung wissenschaftlicher Methoden aus. Trotz der unvollständigen und sich widersprechenden Quellen ist es dem Autor gelungen, die wichtigsten Phasen der wirtschaftlichen Entwicklung des Unternehmens darzustellen. Diese neuen Erkenntnisse werden für die Erstellung unserer relativen Chronologie der Produktion nützlich sein. Die Arbeit von Droz bezieht sich insbesondere auf die einzigen Dokumente, die aus der Fabrik stammen und bis heute in den Archiven des Schlosses von Nyon aufbewahrt werden:
– Das grosse Buchhaltungsbuch (le Grand livre comptable) vom 1. Juni 1787 bis 27. November 1794 (inv. 4187)
– Das grosse Buchhaltungsbuch (le Grand livre comptable) vom 1. Juli 1801 bis 1. Januar 1809 (inv. 4188)
– Das Fabrikjournal (le Journal de fabrique) (mit detaillierterer Buchhaltung), vom 8. September 1794 bis 1. Juli 1801 (inv. 4190)
– Das Fabrikbuch (le «Livre de fabrique»), ohne Datum (Droz datiert es ins Jahr 1801– inv. 4189).
Erst kürzlich hat der Historiker Grégoire Gonin einen neuen Blick auf das Thema, das uns beschäftigt, geworfen und dazu eine anregende Fragestellung formuliert (Gonin 2017). Der Autor leistete Pionierarbeit, indem er die Bedingungen der Verbreitung und Rezeption des Nyoner Porzellans weiter erforschte. Obwohl sein Ansatz, was das 18. Jahrhundert betrifft, aufgrund der äusserst spärlichen Quellenlage eher theoretisch bleibt, lieferte Gonin eine Fülle äusserst wertvoller Daten über die Umstände, unter denen das Nyoner Porzellan in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt wurde, und über den Platz, den es fortan im Kreis der Sammler und auf dem Kunstmarkt einnahm. Der Autor eröffnete damit neue und oft sehr konkrete Perspektiven, um die Geschichte bestimmter Objektgruppen neu einzuordnen, zum Beispiel das berühmte «neapolitanische» Service, dessen Entstehung lange Zeit von einem relativ mythischen Nimbus umgeben war (Gonin 2017, 61–66).
Grégoire Gonin plädiert zudem für einen umfassenderen historiografischen Ansatz für das Phänomen des Nyoner Porzellans, der nicht nur seine technischen oder künstlerischen, sondern auch seine wirtschaftlichen, soziologischen und kulturellen Aspekte im weitesten Sinne berücksichtigt.
Von unserer Seite konzentrieren wir uns auf die Produktion selbst, ihre Formen und Dekore und versuchen, die verschiedenen Phasen ihrer Entwicklung zu beleuchten. Siehe das Kapitel «Nyon VD, Manufacture de porcelaine – Chronologie relative de la production».
Kurze Geschichte der Manufaktur
Aloys de Molin begann seine Studie damit, dass er mit den verschiedenen Legenden aufräumte, die über die Entstehung der Manufaktur kursierten, insbesondere mit derjenigen, die die Gründung des Unternehmens einem Pariser Maler namens François Maubrée zuschrieb. Diese Hypothese wurde noch von Maurice Girod in seiner Präsentation der Manufaktur für die Landesausstellung 1896 vertreten (Girod 1896, 383–386). Andererseits hatte Girod auch die beiden Schlüsselfiguren des ganzen Abenteuers identifiziert: Ferdinand Müller, den er zum Partner von Maubrée machte, und Jacob Dortu, den er schon ab 1789 als Direktor der Manufaktur erwähnte. Girod hatte auch das Verdienst, eine andere Legende zu widerlegen, wonach die Manufaktur in Nyon während der Revolutionszeit von Arbeitern aus Sèvres gegründet wurde, die in die Waadt geflüchtet waren. Dank der in den Genfer Archiven gefundenen Dokumente (offenbar die einzigen, die er konsultiert hat) konnte er feststellen, dass die Fabrik «bereits um 1780 in Betrieb war».
Die von Aloys de Molin durchgeführte Untersuchung der Akten des Rats von Nyon ergab, dass Jacob Dortu, «Chemiker und Porzellanfabrikant», und sein Schwiegervater Ferdinand Müller im Frühjahr 1781 in Nyon eintrafen. Müller stammte aus Frankenthal und gab später bekannt, in der Porzellanindustrie in Russland und Dänemark gearbeitet zu haben, was jedoch nie überprüft werden konnte. In einem Brief an die bernischen Behörden behauptete Müller 1787, er habe die Gründung der Fabrik in Nyon allein finanziert. Diese Aussage war höchst wahrscheinlich übertrieben, da de Molin davon ausgeht, dass sich auch Dortu an den anfänglichen Kosten beteiligte.
Jacob (oder Jean-Jacques) Dortu (1749–1819) stammte aus Berlin, wo seine Familie, die ursprünglich aus der Champagne stammte und protestantischen Glaubens war, auf der Flucht vor den Hugenottenverfolgungen durch Ludwig XIV. Zuflucht gefunden hatte. Jacob wurde am 23. Mai 1749 in Berlin geboren. Dort machte er zwischen 1764 und 1767 eine Lehre als Maler in der Königlichen Porzellanmanufaktur. Im Laufe der Jahre erweiterte der junge Dortu sein Wissen über alle Aspekte der Porzellantechnologie. Er spielte eine wichtige Rolle bei der Entwicklung mehrerer europäischer Manufakturen. Laut Pelichet arbeitete er 1773 in der kleinen Fabrik von Pontenx in der Region Landes in Frankreich, wo er Ferdinand Müller, seinen späteren Partner, kennenlernte (Pelichet 1985/1, 24). Zwischen 1773 und 1777 wurde er von dem Steingutfabrikanten Gaspard Robert in Marseille mit dem Aufbau einer Porzellanproduktion beauftragt (Pelichet veröffentlichte den Vertrag zwischen Robert und Dortu: Pelichet 1985/1, 219–220). Später stösst man im schwedischen Marieberg auf seinen Namen, wo er 1777/78 die Produktion von Hartporzellan einführte.
In Nyon machte sich Dortu bald einen Namen in der Stadt, wurde Mitglied und später Direktor der französischen Börse und knüpfte enge Beziehungen zu einigen der führenden Familien der Stadt. Im Jahr 1799 wurde er in den Stadtrat gewählt.
Müller und Dortu installierten ihre Fabrik 1781 in einem Haus auf einem gepachteten Grundstück. Da beide nur eine befristete Aufenthaltsbewilligung besassen und nicht den Status von Einwohnern erhielten, waren sie nicht berechtigt, Grundbesitz zu erwerben. Pelichet verortet das betreffende Gebäude in der Rue de la Colombière (Pelichet 1985/1, 24).
Im Frühjahr 1785 richteten Müller und Dortu ein Gesuch an Ihre Exzellenzen in Bern, um eine fast vollständige Zollbefreiung für ihre Waren zu erhalten. In ihrer Stellungnahme betonte die Westschweizer Zollverwaltung, dass «die Fabrik eine sehr nützliche Einrichtung für das Land sei, vor allem weil sie den Einwohnern von Nyon und der Region ein monatliches Einkommen von etwa 80 neuen Dublonen, d.h. mehr als 50’000 Livres pro Jahr, verschafft [und dass] die von ihr hergestellten Porzellanwaren zum grössten Teil ins Ausland gehen und folglich beachtliche Geldsummen einbringen» (De Molin 1904, 20). In einer 1787 an Ihre Exzellenzen in Bern gerichteten Denkschrift erklärte Ferdinand Müller, dass die Fabrikdirektoren, nachdem sie im August 1785 die gewünschten Zollbefreiungen erhalten hatten, einen neuen Ofen bauen liessen, um das Produktionsvolumen zu erhöhen und um somit «den Fortbestand der Fabrik zu sichern» (De Molin 1904, 29). In einem Memorandum vom 23. März, das an dieselben Behörden gerichtet ist, kommt Müller auf die 1785 getätigten Investitionen zurück und schreibt: «Nach einem Versuch in kleinem Rahmen hat er [der Bittsteller] seine Produktion entwickelt …» (De Molin 1904, 40).
Die Geschäfte liefen anscheinend gut, die Fabrik begann ihre Infrastruktur auszubauen, als Ferdinand Müller eine Krise auslöste. Im Juni 1786 richtete Jean-Adam Mülhauser, der Genfer Treuhänder der Fabrik, ein Gesuch an den Genfer Rat, um die Erlaubnis zu erhalten, in der Stadt am Ende des Sees zusammen mit Müller eine Porzellanfabrik zu gründen. Darin wird mitgeteilt, dass sich die «Société des fabricants de Nyon» aufgelöst und Dortu die Stadt verlassen habe. Letzterer hatte sich tatsächlich am 2. Juni 1786 einen Pass besorgt, um nach Berlin zu reisen. Die Genfer Behörden hielten das Projekt für interessant und verpflichteten sich, die Ansiedlung der neuen Industrie im Bezirk Pâquis zu unterstützen (De Molin 1904, 27).
Müller hatte bereits mit der Verlagerung seiner Produktionsanlagen und Rohstoffe begonnen, als in Nyon die wahre Natur seines Vorhabens – die reine Verlagerung der Fabrik und nicht die Eröffnung einer einfachen Genfer Niederlassung – ans Licht kam. Ein Konsortium von Kreditgebern wurde gebildet und die städtischen Behörden nahmen sich der Sache an, indem sie Ihre Exzellenzen um ein Darlehen von 12.000 Franken baten «für den Bau der Öfen, die Anschaffung von Utensilien [sic] und die Löhne der Arbeiter für ein Jahr». Die Idee war, nach der endgültigen Liquidation der alten Fabrik einen neuen Betrieb zu errichten.
Nach der Befragung, zuerst durch den Stadtrat von Nyon und darauf durch den stellvertretenden Vize-Gerichtsvollzieher Stettler, behauptete Müller, dass er nicht die Absicht habe, die Porzellanfabrik in Nyon zu schliessen, sondern in Genf eine Fabrik für Fayence und Steingut zu eröffnen, «da es dem Land an dieser Art von Industrie fehle». Dank der aus Genf erhaltenen Informationen konnte der stellvertretende Gerichtsvollzieher mühelos feststellen, dass Müller tatsächlich plante, in Genf Porzellan herzustellen (De Molin 1904, 33–37). In einem letzten Versuch, sich zu rechtfertigen, schrieb Müller im März 1787 eine Eingabe an die bernische Regierung, ein Dokument, das einige interessante Überlegungen zu den wirtschaftlichen Bedingungen enthält, unter denen er seine Industrie betrieb. Wir erfahren zum Beispiel, dass Genf drei Viertel der Produktion der Manufaktur beanspruchte (De Molin 1904, 39-42). Die Behörden gingen auf die Argumente Ferdinand Müllers nicht ein, er verlor all seine Rechte und wurde aus dem Waadtland ausgewiesen; er fand vorübergehend Zuflucht in Genf.
Nachdem Meine Gnädigen Herren in Bern das Darlehen von 12.000 Franken gewährt hatten, übernahm Jean-Georges-Jules Zinkernagel, ein einfacher Vorarbeiter der Fabrik, vorübergehend das Unternehmen. Zurück in Nyon wurde Dortu im April 1787 zunächst zur Persona non grata erklärt. In der Zwischenzeit unternahm Zinkernagel die notwendigen Schritte, um eine Liegenschaft zu erwerben, und beim Staat bat er um die Nutzung eines angrenzenden Grundstücks mit dem Flurnamen Croset. Der Vertrag für das Haus Ducosterd am Chemin du Port wurde am 7. Juni 1787 abgeschlossen. Die Käufer waren Henri Veret, ein Kaufmann aus Nyon, Moïse Bonnard, Zinkernagel und Dortu, wobei Letzterer wahrscheinlich zugezogen wurde, um die Zukunft der Fabrik zu sichern (De Molin 1904, 47–50; Droz 1997, 27–32). Die Manufaktur zog im September 1787 in das Haus Ducosterd ein, in der Folge wurde die Arbeit ohne grosse Verzögerung wieder aufgenommen. Der Erwerb des Geländes von Croset, das den Ausbau der Infrastrukturen ermöglichen sollte, nahm einige Zeit in Anspruch: Das Geschäft wurde erst im März 1789 abgeschlossen.
Die neue Gesellschaft, die das Unternehmen betreiben sollte, wurde am 1. Juni 1787 gegründet; Henri Veret und Moïse Bonnard brachten die von Bern geliehenen 12.000 Francs als Anzahlung auf, für die sie gegenüber der Stadtverwaltung bürgten, und Dortu steuerte 8.000 Livres bei, die den Bau eines Ofens und der Rohstoffe miteinschlossen. In offiziellen Dokumenten erschien die Firma zunächst unter dem Namen «Dortu, Zinkernagel et Cie»; ab März 1789 wurde Zinkernagels Name nicht mehr erwähnt (die Firma hatte ihn im Juli 1788 ausbezahlt); danach lautete der Firmenname «Bonnard, Veret et Cie», häufiger auch «Dortu et Cie». Im Jahr 1790 zog sich Henri Veret aus dem Unternehmen zurück, blieb jedoch finanziell beteiligt und wurde durch seinen Sohn Bernard-Henry ersetzt, der 1804 Dortus Tochter Louise heiratete. Was Moïse Bonnard betrifft, so scheint er 1795 aus dem Unternehmen ausgeschieden zu sein, nachdem er seine Anteile an Bernard-Henri Veret verkauft hatte (Bonnard 1934/1, 118; Pelichet 1985/1, 120). Ein neuer Partner, César Soulier (1763–1830), Jurist und Geschäftsmann in Nyon, soll 1797 in die Leitung des Unternehmens eingetreten sein (Droz 1997, 36).
Das Unternehmen konnte endlich in grösseren Räumen und mit besserer Infrastruktur durchstarten. Die Fabrik, insbesondere die Dekorationswerkstatt, waren nun voll ausgelastet. Das Produktionsvolumen sollte zügig wachsen, leider geschah diese Entwicklung in einem zu hohen Tempo mit dem Resultat, dass die Bestände zwischen 1790 und 1795 und dann wieder zwischen 1797 und 1801 weiter anwuchsen (Droz 1997, 42–44). Die Überproduktion entpuppte sich immer mehr als das selbst verursachte Übel, das die wirtschaftliche Gesundheit des Unternehmens unwiederbringlich untergraben würde. Trotz der äusserst lückenhaften Quellenlage stellt Droz einen erheblichen Anstieg der Verkaufszahlen fest, insbesondere zwischen 1790 und 1793. Auf der Grundlage der verfügbaren Lohndaten schätzt er, dass die Belegschaft der Fabrik nie so gross war wie zwischen 1790 und 1798 (Droz 1997, 51).
Vermutlich um zusätzliche und regelmässige Einnahmen zu erzielen, begann das Unternehmen 1792 mit der Vermarktung von Steingut aus England, insbesondere aus der berühmten Wedgwood-Manufaktur Etruria (De Molin 1904, 64). Die im Jahr 1785 gewährte Zollbefreiung wurde im August 1793 erneuert.
Laurent Droz ist der Ansicht, dass die Jahre zwischen 1798 und 1801 durch einen schlechten Geschäftsgang und insbesondere durch einen zunehmenden Mangel an Liquidität geprägt waren. Trotz dieser ungünstigen Situation scheint die Produktion bis 1801 auf demselben Niveau geblieben zu sein. Die Verkäufe konnten jedoch nicht Schritt halten.
1801 wurde die alte Firma zugunsten einer neuen Gesellschaft («Dortu, Soulier, Monod & Cie») aufgelöst, in der César Monod, Forstinspektor und Abgeordneter des Grossen Rats, als neuer Gesellschafter auftrat, eine Position, die er bis 1808 innehaben sollte. Bernard-Henry Veret war bereits 1798/99 aus dem Unternehmen ausgeschieden, um sich in Marseille niederzulassen- Laut Pelichet folgte ihm sein Bruder Samuel als Teilhaber nach, was Droz in seinen Quellen nicht verifizieren konnte (Pelichet 1985/1, 120; Droz 1997, 36).
Das 1801 verfasste «Fabrikbuch» gab eine klare Einschätzung des Problems der Überproduktion und empfahl, die Aktivitäten auf «günstigere» Produkte auszurichten und «aufwändige Muster nur zur Verzierung und Ausstattung des Ladens» herzustellen (Archives du Château de Nyon, Inv. 4189). Wie Laurent Droz hervorhebt, suggeriert dieses Dokument «eine Erneuerung, einen Neuanfang» (Droz 1997, 37). Die Verantwortlichen des Unternehmens zogen die Konsequenzen aus dieser alarmierenden Feststellung: Die Produktion wurde reduziert, während sich der Umsatz zwischen 1801 und 1805 erholte und das Unternehmen seine Schulden abbauen konnte. Aber auch diese Massnahme konnte die Firma nicht retten: 1808 wurde das Unternehmen ein weiteres Mal aufgelöst.
Im Dezember desselben Jahres wurde ein neues Unternehmen gegründet, eine Aktiengesellschaft mit dem Namen «Dortu, Soulier, Doret et Cie», die die Aktiven und Passiven des vorherigen Unternehmens übernahm. Das Aktienkapital belief sich auf 120.000 Franken, auf 80 Aktien verteilt. Dortu und sein Schwiegersohn Bernard-Henry Veret hielten zusammen fünfzehn Anteile (De Molin 1904, 72).
Dreissig Jahre nach Erscheinen der Publikation von de Molin entdeckte Georges Bonnard die Statuten der neuen Gesellschaft in den Archiven der Familie Guiger in Prangins. Der Text vom 9. Dezember 1808 nennt eindeutig den Hauptzweck des Unternehmens: «die Herstellung und den Verkauf von Porzellan, Steingut und rotem Steingut («poteries étrusques»). Die Leiter des Etablissements waren Jacob Dortu, «verantwortlich für die Zusammensetzung des Tons, die Herstellung der Farben und die allgemeine Leitung der Fabrik»; César Soulier, «verantwortlich für die Geschäftsreisen und die Buchführung», und Vincent Doret, «verantwortlich für die Kasse, […] den Verkauf und den Versand, die Führung der Journale, die Korrespondenz und die Überwachung der Produktion». Die neue Gesellschaft ersetzte die alte ab dem 1. Januar 1809 (Bonnard 1934/1, 115–117).
Jacob Dortu hatte sich in der Tat bemüht, seine Produktion zu diversifizieren, indem er Keramiksorten entwickelte, die günstiger zu erwerben waren als Porzellan, in der Hoffnung, einen grösseren Kundenkreis zu erreichen. Seine erste Innovation, die er 1807 einführte, war die rotorange «terre étrusque», Keramik, die offensichtlich an griechisch-römische Töpferwaren erinnerte und damals Etrurien zugeschrieben wurde. Später, wahrscheinlich bereits 1809, produzierte die Fabrik ihr erstes Steingut, das in den Archiven der Fabrik als «terre de pipe» bezeichnet wurde (siehe Kapitel «Nyon – Steingutfabriken [2]»).
Da das Unternehmen einen überdimensionierten Lagerbestand an Porzellan aufwies, beschlossen die Verantwortlichen, einen grossen Teil davon im Rahmen einer Lotterie an ihre Aktionäre zu verkaufen. Der Erlös sollte zur Finanzierung der Herstellung von Steingut verwendet werden. Die von Georges Bonnard veröffentlichte detaillierte Liste der Lose liefert wertvolle Informationen über die in der Fabrik verwendeten Formen und Dekore sowie über die damals zur Charakterisierung verwendeten Begriffe (Bonnard 1934/2; Bonnard 1934/3).
Angesichts der verzweifelten finanziellen Lage der Porzellan- und Steingutfabrik, setzten die Aktionäre am 31. Januar 1813 eine fünfköpfige Kommission unter dem Vorsitz von Pierre-Louis Roguin de Bons (1756–1840) ein, die eine Bilanz erstellen und Vorschläge für die Zukunft machen sollte. In den Augen der Kommission erforderte die Aufrechterhaltung einer Keramikindustrie in Nyon die Auflösung des ehemaligen Unternehmens «Dortu, Solier, Doret & Cie» und die Gründung einer neuen Einheit, die sich auf die Herstellung von Steingut beschränken sollte. In einer Plenarsitzung am 3. März beschloss die Generalversammlung der Aktionäre, den Markennamen «Dortu et C.e» aufzugeben und ihn auf künftigen Produkten durch «Commandite de Nyon» oder die Kurzformel «Comte de Nyon» zu ersetzen. Dieser Beschluss wurde wahrscheinlich nie umgesetzt: Bereits im April erwarben Jean-François Delafléchère, Pierre-Louis Roguin de Bons und Jean-André Bonnard (1780-1859) die Manufaktur einschliesslich Fabrikationsgeheimnis (Archives du Château de Nyon, Protocole de la liquidation de 1813; De Molin 1904, 74-79).
Am 23. Mai 1813 bestätigte die Aktionärsversammlung den Verkauf des Unternehmens an eine Kommanditgesellschaft, die von Jean-François Delafléchère, Jean-André Bonnard, Moïse Bonnard, seinem Vater, Pierre-Louis Roguin de Bons, Augustin-Alexandre Bonnard und André-Urbain Delafléchère de Beausobre gegründet wurde (De Molin 1904, 82 – Die Identität der Eigentümer ist in zwei notariellen Urkunden von 1814 und 1817 über Landkäufe belegt: Archives communales de Nyon [ACN], R 810). Siehe Kapitel «Nyon –Steingutmanufakturen (2)».
Das Fabrikationsgeheimnis wurde von seinem wichtigsten Produzenten, Jacob Dortu, gehütet, der es nur ungern preisgab. Mit dem Argument, dass Dortu sein Verfahren nur dank der vom Unternehmen zur Verfügung gestellten Mittel entwickeln konnte, überzeugte ihn die Kommission schliesslich davon, seine Kenntnisse gegen eine Entschädigung von 200 Louis d’Or zu lüften. Nach Abschluss des Geschäfts im Juni 1813 verliess Dortu Nyon, um sich in Carouge niederzulassen.
Bereits 64 Jahre alt, eröffnete er dort zusammen mit seinem Schwiegersohn Bernard-Henry Veret und dessen Neffen Auguste Bouverot eine neue Manufaktur für Steingut. Die Einrichtung arbeitete bis 1824 erfolgreich unter dem Firmennamen «Dortu, Veret et Cie» oder «Dortu, Veret et Bouverot». Nach dem Tod von Jacob Dortu im Jahr 1819 trat sein Sohn Frédéric die Nachfolge an. 1824 verlegte er seine Fabrik nach Turin (Dumaret 2006, 100–102).
Übersetzung Stephanie Tremp
Quellen:
Archives communales de Nyon, R 810, Fonds Fernand Jaccard
Bibliographie:
Bonnard 1934/1
Georges Bonnard, Trois documents relatifs à la manufacture de porcelaine de Nyon I. In: Indicateur d’antiquités suisses, 36/2, 1934, 115-118.
Bonnard 1934/2
Georges Bonnard, Trois documents relatifs à la manufacture de porcelaine de Nyon II. In: Indicateur d’antiquités suisses, 36/3, 1934, 208-213.
Bonnard 1934/3
Georges Bonnard, Trois documents relatifs à la manufacture de porcelaine de Nyon III. In: Indicateur d’antiquités suisses, 36/4, 1934, 273-283.
De Molin 1904
Aloys de Molin, Histoire documentaire de la manufacture de porcelaine de Nyon, 1781-1813, publiée sous les auspices de la Société d’histoire de la Suisse romande et de la Société vaudoise des beaux-arts. Lausanne 1904.
Droz 1997
Laurent Droz, Les comptes de la manufacture de porcelaine de Nyon, 1791-1813. Aspects économiques. Mémoire de licence, Université de Lausanne. Lausanne 1997.
Dumaret 2006
Isabelle Dumaret, Faïenceries et faïenciers à Carouge. In: Arts à Carouge: Céramistes et figuristes. Dictionnaire carougeois IVA. Carouge 2006, 15-253.
Girod 1896
Maurice Girod, Les porcelaines de Zurich, de Nyon et de Genève. In: Exposition nationale suisse Genève 1896. Catalogue de l’art ancien, Groupe 25, 381-389.
Gonin 2017
Grégoire Gonin, Redécouvrir la porcelaine de Nyon (1781-1813). Diffusion et réception d’un artisanat de luxe en Suisse et en Europe du XVIIIe siècle à nos jours. Neuchâtel 2017.
Pelichet 1957
Edgar Pelichet, Porcelaines de Nyon. Nyon 1957.
Pelichet 1985/1
Edgar Pelichet, Merveilleuse porcelaine de Nyon. Nouvelle édition remaniée et définitive. Lausanne 1985.