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Text: Jutta und Beat Strasser
Bild: Dominique Uldry, Bern
Herausgeber: Hochbauamt des Kantons Bern, 2003-09, Seite 23-25
«Konversion im Berner Kasernenareal»
Baugeschichte
Die Kasernenanlage und das kantonale Zeughaus wurden zwischen 1873 und 1878 erstellt. Die gesamte Militäranlage ist im schweizerischen Inventar der Kulturgüter als Objekt von nationaler Bedeutung aufgeführt und im Quartierinventar Breitenrain-Wyler als schützenswerte Anlage enthalten.
Um den offenen Exerzierplatz an der Papiermühleallee sind mit starken axialen Bezügen die Kaserne, die Militärstallungen mit Reithalle und das kantonale Zeughaus gruppiert. Trotz den unterschiedlichen Gebäuden – ihre Form ist geprägt durch die vielfältigen Nutzungen – bildet das Ensemble ein ausgewogenes Ganzes von hoher architektonischer und städtebaulicher Qualität mit differenzierten Aussenräumen.
Die ehemaligen Stallungen bilden mit der hohen, lang gestreckten Reithalle eine H-förmige Anlage. Die Stallungen sind zwischen dem Hauptkörper der Reitbahn und den Eckpavillons, die bei den nördlichen Flügeln als selbstständige Baukörper ausgebildet sind und quer zu den Stallgebäuden stehen, eingespannt. Mit den geschlossenen Mauerflächen unter den hochliegenden Parterrefenstern wird der militärisch-festungsartige Bauausdruck unterstrichen. Als Ergänzung der Anlage wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts, nebst kleineren Schuppen, das Schmiedegebäude und das Waaghäuschen erstelllt. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts beeinträchtigte der Einbau einer Motorfahrzeughalle den Komplex erheblich.
Konversion
Die Kasernenanlage mit der Reithalle und den Stallungen nimmt als städtebaulich bedeutende Anlage eine wichtige Stellung im Stadtberner Breitenrain-Quartier ein. Seit 1991 gab es politische Vorstösse, die eine zivile Nutzung in der Anlage postulierten, nicht zuletzt, weil die vorhandenen räumlichen Ressourcen auf stadtnahem Terrain immer mehr zur Neige gingen und mit dem Kasernenareal an der Papiermühlestrasse ein grosses Raumpotenzial brachlag. Zwischen 1993 und 1995 stieg andererseits der Druck im Zusammenhang mit der bildungspolischen Neuorientierung und der Begründung von Fachhochschulen in der Schweiz. Das Zusammenspiel dieser Umstände führte zum 1995 ausgeschriebenen Wettbewerb des Kantons Bern. Er ging von einer Öffnung der Anlage für zivile Nutzungen aus und stärkte mit diesem Entscheid die Zielsetzung einer voll ausgelasteten, belebten und nutzungsdurchmischten Gesamtanlage.
Während die Kasernenanlage für die neue Armee «gerüstet» wurde, war bei der Reithalle und den Stallungen eine teilweise zivile generelle Neunutzung vorgesehen. Der Regierungsrat entschied 1994, für deren Umgestaltung einen Projektwettbewerb durchzuführen. Anfang 1996 prämierte die Jury das Projekt «Trojanisches Pferd» mit dem ersten Preis und beantragte dessen Weiterbearbeitung. Nach der Projektierung und der Kostenermittlung genehmigten der Grosse Rat und der Nationalrat 1997den Baukredit von 43 Mio. Franken. Nach Vorliegen der Baubewilligung und der Durchführung der Ausschreibungsphase wurde im Sommer 1999 mit dem Bau begonnen. Ende 2000 fand der Bezug einer ersten Etappe mit militärischer Verwaltung, öffentlichem Restaurant, der grossen Mehrzweckhalle und den Übungsräumen für die militärische Blasmusik statt.
Die Bildung der Berner Fachhochschule für Musik und Theater während den bereits laufenden Bauarbeiten führte zu einer Überarbeitung des ursprünglichen Raumprogramms und zu einem Nachtragskredit über weitere 6,2 Mio. Franken, welche der Grosse Rat im Sommer 2001 genehmigte. Nach Abschluss dieser rollenden Projektierungs- und Planungsarbeiten konnte mit dem Umbau für die Hochschule für Musik und Theater, welche zahlreiche Übungsräume, ein Multi-Media-Zentrum, Verwaltungsräume und eine Bibliothek enthält, begonnen werden. Die letzten Räume der Anlage wurden Ende März 2003 bezogen und stehen nun allen Musikinteressierten offen.
Transluzide Körper und Bruchstein
Ein Novum war bei der seinerzeitigen Wettbewerbsausschreibung die Bedingung, sich als integrales Planungsteam, bestehend aus Architekten und Fachingenieuren, zu bewerben. Dementsprechend war die interdisziplinäre Zusammenarbeit bereits für unseren Wettbewerbsentwurf bestimmend. Die neuen Nutzungen – Musikübungsräume für die militärische Blasmusik und die Hochschule für Musik und Theater, eine Bibliothek, ein Restaurant sowie Büroräume für die Armee und die Hochschule – sind grundverschieden zu den ursprünglichen Rossställen. Mit dem Einbau von frei gestellten Raumkörpern wird dieses Spannungsfeld thematisiert; der Zwischenraum zwischen Alt und Neu bildet die Verkehrsfläche in der neuen Anlage. Die transluziden Körper erzeugen spezifische Licht- und Klangstimmungen und ermöglichen sinnliche Wahrnehmungen auf mehreren Ebenen. Tagsüber durchdringt Licht die Körper, abends leuchten diese wie Laternen. Die Zwischenräume sind Teil des akustischen Dämmungssystems. Die transluziden Körper isolieren die Musik nur teilweise. Damit ist aussen wahrnehmbar, was im Innern der Räume vor sich geht. Da die Übungszimmer über Zwischenraum und zwei Wandsysteme voneinander getrennt sind, ist die gegenseitige Beeinträchtigung minim. Die transluziden Körper sind teilweise frei unterteilbar, so dass Spielraum für veränderte Nutzungsansprüche besteht. Das Konzept bewirkt zudem eine Optimierung des Energiehaushaltes, da zwischen den alten Aussenfassaden und den Einbauten ein Pufferklima besteht.
Nur an einer Stelle durchdringt ein neuer Glaskörper das schwere Bruchsteinmauerwerk. Das Restaurant, das hier in den Hof hinaustritt, soll Interesse am Geschehen hinter den historischen Mauern wecken. Die Obergeschosse sind der vorhandenen Struktur entsprechend konventionell ausgebaut. Sie enthalten kleinteilige Nutzungen wie Büros und Einzelübungsräume, aber auch grossteilige Nutzungen wie Musikübungsräume für Formationen usw. Die ehemalige Reithalle beeindruckt durch ihre Ausmasse (85 x 22 m) und die Schönheit von Konstruktion und Proportion. Sie wird als zentrale, sorgfältig renovierte Mehrzweckhalle verschiedenartigste Nutzungen und Veranstaltungen, auch mit besonderen Anforderungen, ermöglichen.
Die Aussenräume der einzelnen Gebäudeteile orientieren sich unterschiedlich. Einerseits ist dies der östliche Hof mit dem Restaurant und seinen bewusst sparsam gestalteten Elementen. Zum Verweilen, sich Treffen und Verpflegen soll dieser «Erholungshof» dienen. Der «Betriebshof» im Westen mit angebautem Lagerkubus in Holz dient der Infrastruktur wie Post, Anlieferung, Abstellfläche und Magazinzufahrten.