Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03193.jsonl.gz/2055

ESSAYWas ich über Liebe gelernt habe
Undefinierbar
Was hat es nun auf sich mit dieser Idee über Liebe und Frieden? Wieso ist es so schwierig, einen Konsens über die Begrifflichkeit der Liebe zu schliessen? Ist es tatsächlich so, dass das hobbessche Weltbild stimmt und wir letztlich in all unserem Tun und Denken für unseren Eigennutz unterwegs sind?
Wenn sich Eines gezeigt hat – während das Billboard in Times Square hing – dann, dass Liebe nicht selbsterklärend ist. Es ist vielmehr so, dass für gewisse Menschen das Wort an Bedeutung verloren hat, weil es in so vielfältigem Kontext verwendet worden ist. Ein New Yorker meinte zu mir: so wie ich es benütze sei es identisch inhaltslos wie z.B die Marke Nivea.
«Liebe» als Begriff in einem kommerziellen Umfeld, in einem kommerziellen Design, wird offensichtlich nicht identisch als universale Liebe verstanden. Obwohl ich nur den Globus und den Begriff «LOVE» gezeigt habe, war es symbolisch für viele Menschen bereits in einem kommerziellen Kontext belegt. Welche visuelle Sprache wäre richtig, um die Botschaft zu vermitteln: «hey, deine ganz persönliche Liebe, die du in dir trägst, ist damit gemeint»? Vielleicht müsste es ein Statement wie « LOVE? LOVE!» sein.
Während der gesamten Projektphase habe ich viel gelesen und mich mit dem Begriff «Liebe» und der Wirkung auseinandergesetzt. Ich wollte wissen, wo die Grenzen des Möglichen in der Kommunikation und Kunst liegen. Ich wollte zudem ergründen, für was denn der Begriff «Liebe» steht. Ein grosses Wort, welches ich 2003 selber nicht zu definieren vermochte, obwohl ich es in grossen Lettern aufgehängt hatte.
Für mich war später das Buch von Erich Fromm «Die Kunst des Liebens» sehr inspirierend, wie auch «Haben oder Sein». Für Fromm gibt es nicht nur eine Form der Liebe, er schlüsselt den Begriff in fünf verschiedene Formen der Liebe auf. In «Haben oder Sein» beschreibt er einen gewaltfreien Weg der Liebe.
«Liebe» kann aber auch sehr wissenschaftlich biologisch gesehen werden. So gibt es Bücher über verschiedene Wissenschaftliche Studien, welche die Liebe der Evolution unterordnen. Alles was wir tun, tun wir schlussendlich nur darum, damit es der Fortpflanzung dient. Die Liebe ist somit eine Erfindung der Natur, um uns dazu zu bringen, dass der Mensch sich weiterentwickelt. Es mag wissenschaftlich stimmen, finde aber die Sicht auf den Menschen als rein seelenlosen triebgesteuertes Wesen doch zu eng gehalten.
Es gibt aber auch Wissenschaftler die eine Brücke bauen können. Im Magazin «Zeit Wissen» las ich ein Interview mit Martin Nowak, Professor für Evolutionsbiologie in Harvard, für den Gott und die Naturgesetze gleichberechtigt sind. Er war der Meinung, dass die Wissenschaft z.B unsere Motivation zur Forschung nicht erklärt. Dass es eben noch etwas Anderes geben muss, was uns Inspiriert und dazu führt, dass wir unseren Fokus auf gewisse Dinge lenken.
Eine Frage für mich war auch, ob es überhaupt so etwas gibt wie eine universale allgemeingültige Definition der «Liebe», oder ob wir eben durch unsere Unterschiedlichkeit jedes Menschen ganz einfach keinen gemeinsamen Nenner finden können.
Und doch ein Schlüssel
Schlussendlich fand ich anhand des Philosophen Ernst Cassiers eine brauchbare philosophische Explikation der «Liebe» für diese Universalität. Er erläutert, dass das Universelle und das Individuelle als etwas Gemeinsames gesehen werden muss. Das Universelle ergibt sich aus dem gemeinsamen Individuellen. Es fusst auf einer persönlichen Freiheit und wird doch zu einer universellen gemeinsamen Form vereint. Daraus kann geschlossen werden, dass es eben im Grunde doch eine persönliche Entscheidung ist, ob Frieden oder Krieg herrscht.
Menschen sollten aus ihrem eigenen individuellen Antrieb sich dafür entscheiden ihren Fokus auf Frieden zu lenken, ohne das ein Führer oder sonstige Leitfigur sie dazu nötigt. Der Mensch soll diesen universellen Wunsch nach Frieden in sich selber entdecken, und ihn an die Oberfläche holen und in ihrem Lebenskontext realisieren.
Aber wie kann man Menschen zu etwas inspirieren, ohne Gefahr zu laufen sie zu bevormunden? Speziell wenn man mit den Mitteln der kommerziellen Kommunikation arbeitet, um damit die grösste mögliche Aufmerksamkeit zu erreichen. Wie kann man ein Projekt von existenziellem Wert ins Leben rufen, ohne dass es für persönliche Interessen missbraucht werden kann?
Die Definition sollte gemeinsam gefunden werden. Ich finde das ein erhebliches Problem. Wie die Geschichte zeigt, hat die Bewegung von grösseren Massen immer auch etwas Totalitäres.
Wie also kann man die Welt über Liebe für einen Tag vereinen, ohne hier einen Grundstein für totalitäre, oder sogar gewalttätige Ideologien zu legen?
Ich denke im Kern ist es eminent wichtig, die Klarheit herzustellen, dass Gewalt nie einen Weg darstellt. Dass es um die gewaltlose, konstruktive Form der Liebe geht und dass wir diesen Weg als Individuen beschreiten können, als freie Menschen, ohne dass wir uns Systemen unterordnen müssen.
Gemäss Cassier ist Religion ein Weg, um genau dies zu fördern, jedoch scheint Religion immer wieder missbraucht zu werden für ganz persönliche Interessen, die losgelöst sind von diesem Zweck. Das Ganze wird wohl noch verschlimmert, indem man sich auf alte Schriften beruft, die teilweise Gewalt als Lösung für Probleme anpreist. Ob dies wirklich im Sinne der Verfasser war, sei dahingestellt.
Es stellt in unserer Zeit ein Problem dar, weil es zur Legitimierung von Gewalt benützt werden kann.
Es ist unverständlich, wie Menschen, die behaupten religiöse Werte zu leben, so rassistisch und gewaltverherrlichend sein können. Dies schein unlogisch und doch können diese Menschen es für sich moralisch legitimieren.
Gianni Vattimo, ein italienisicher Philosoph, hat ein Buch geschrieben. In «Die Zukunft der Religionen» zeigt er auf, dass das Christentum überleben wird, wenn es sich als Gastreligion und vereinende Religion sehen kann. Als eine Religion, die hilft die verschiedenen Religionen zu befrieden und zusammenzuführen.
Das höchste Gut ist hier die entschiedene, konsequente Gewaltlosigkeit. Egal was Menschen glauben, was sie für Werte in sich tragen. Gewaltlosigkeit sollte der höchste Wert sein. Darum bediene ich mich gerne der Liebes Definition von Erich Fromm (Siehe ABOUT). Liebe heisst Gewaltlosigkeit.
Was den Umgang mit Symbolen angeht, das habe ich mich schlau gemacht bei C.J. Jung. Ich habe sein Buch «Der Mensch und seine Symbole» gelesen. Er schreibt auch hier darüber wie Symbole immer wieder auch missbraucht werden, um Menschen zu manipulieren. Jedoch sieht er auch, dass dies meistens nicht von langer Dauer ist, da die Menschen diese falsche Symbolik längerfristig auch durchschauen.
Eine finale Frage geht dahin, ob man ein Projekt wie dieses auch missbrauchen könnte, indem man die Symbolik anders definiert. Liebe zu etwas macht, was sie eigentlich nicht ist. Beispielsweise zu etwas Totalitärem, zu einer Diktatur. Ich darf dir Gewalt zufügen, weil du nicht so liebst, wie ich es will. Wäre das so, ist es umso wichtiger zu definieren, dass es sich hier um eine reine Definition der Gewaltlosigkeit handelt.
Schlussendlich kann ich sagen, dass für mich «Liebe» ein gewaltloser, konstruktiver Weg ist. Ob dies für andere auch so ist? Ich würde es mir wünschen, jedoch liegt es in der Verantwortung und Freiheit jedes einzelnen.
LOVE = GEWALTLOSIGKEIT im FREIEN WILLEN
Zu guter Letzt habe ich vor Kurzem ein Interview mit dem Dalai Lama im GEO gelesen.
Bei den Buddhisten scheint die Gewaltlosigkeit ein zentrales Thema. Auch der Glaube an die harmoniebedürftige Natur des Menschen ist eine Grundvoraussetzung.
Daraus lässt sich schliessen, dass ich wohl unbewusst mit dem Love Project eine gleichwertige Botschaft wie es im Buddhismus sichtbar wird, vermitteln wollte: Die Liebe als gewaltlosen Akt des Menschseins und einen friedvollen Appell an unseren innersten freien Willen.
In diesem Sinne: LOVE!
Rudi-Renoir Appoldt