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Alain Tanner - Der «Filmemacher des Ortes»
Alain Tanners Sehnsucht nach der Fremde, nach dem Anderen, trieb ihn erst an die See und in die Welt der Häfen – später machte sie ihn zu einem der inspirierendsten Filmemachern des Nouveau Cinéma, der seine Utopie vom freieren Leben in beunruhigend subversiven Filmen formulierte.
CINEMAsuisse
Zehn grosse Schweizer Filmschaffende und jeder ein Meister seines Fachs: Ihnen widmete CINEMAsuisse, die Fernsehreihe der SRG SSR, 2012 je einen Porträtfilm. Zehn weitere Porträtfilme folgen ab Juni 2013.
Alain Tanner mochte die Schweiz nicht sonderlich.Hätte es die Filmerei nicht gegeben, wäre er wohl Seefahrer geworden. Nach einem Ausflug in die Marine ging Tanner 1955 nach London, wo er in der Cinemathek arbeitete und mit Claude Goretta den Film «Nice Time» über die Londoner Amüsiermeile Picadilly Circus drehte. Tanners Erstling wurde in Venedig prompt als bester experimenteller Kurzfilm ausgezeichnet.
Nach seiner Rückkehr nach Genf gründete er zusammen mit Goretta und anderen Filmemachern aus der Romandie die Produktionsgemeinschaft «Groupe 5». Er drehte zahlreiche Filme für das Westschweizer Fernsehen und feierte später grosse Erfolge als freier Regisseur.
Goldener Leopard für «Charles, mort ou vif»
Mit «Charles, mort ou vif» von 1969 gewann Tanner den Goldenen Leoparden am Filmfestival von Locarno. Charles gibt seine gutbürgerliche Behaglichkeit auf, um sein Leben fortan mit einem Bohemien-Paar zu teilen, das ihn lehrt, was Lebenslust und Gedankenfreiheit bedeuten. Für manchen «der intelligenteste Film, den der Geist von 68 hervorgebracht hat», wie ein Kritiker bemerkte.
Illusionen und verirrte Utopien
Die Menschen in Tanners Filmen lehnen sich auf gegen Regeln und Werte, pflegen Illusionen und verirrte Utopien. So wie Rosemonde in «La Salamandre» (1971), einem Film über radikal gelebte Unabhängigkeit – Tanners erster Erfolg beim grossen Publikum.
Oder der Held in «Jonas qui aura 25 ans en l’an 2000» (1976), seinem bekanntesten Film: Komisch und ernst zugleich wird hier das Ausbrechen aus Konventionen und die Idee aus Freiheit und Selbstbestimmtheit zelebriert.
Die Orte als Lebewesen
Auch wenn Tanners Filme sehr realistisch wirken, sind sie alles andere als naturalistisch. Neben den Figuren waren es vor allem die Orte, die seinen Geschichten Leben einhauchten. Er selbst sagte von sich, er sei ein «Filmemacher des Ortes» gewesen, weil die Orte in seinen Filmen nicht nur Kulisse, sondern selbst gleichsam Lebewesen waren.
In «Dans la ville blanche» (1982) etwa irrt Bruno Ganz als Seefahrer Paul durch Lissabon. Für diesen Film existierte kein Drehbuch, kein Plot – vielmehr entwickelte sich die Geschichte nach und nach, indem Alain Tanner dem Puls der Stadt und seiner Figur nachspürte. Er bezeichnete diesen Film später als seinen besten.
Im sicheren Hafen gelandet
Alain Tanner wollte immer weg, immer woanders hin. Heute hat er Frau, Kinder und Enkelkinder und lebt in seinem Elternhaus am Genfer See. Ein sicherer Hafen – denn vielleicht ist das Andere ja auch immer bloss dasselbe.