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"Oliver" ist ein Kater, welcher auf einem Bauernhof lebt. Seit längerer Zeit haben die Besitzer beobachtet, dass sich das Tier häufig am linken Ohr kratzt und dort auch schmerzhaft scheint. In der Vergangenheit wurde das Ohr mit Salben behandelt und Antibiotika verschrieben; die Problematik tauchte aber immer wieder auf - und dies mit gutem Grund: Oliver leidet an einem sogenannten Ohrenpolyp.
Auch ohne spezielles Gerät ist der Polyp, eine länglich geformte Schleimhaut-Wucherung, im linken Gehörgang erkennbar. Die gutartige Wucherung verstopft den Gehörgang völlig, was zu einer chronischen Entzündung, Schmerzen sowie einem eingeschränkten Hörvermögen führt. Mit Ausnahme der schon seit lange bestehenden Missbildung des rechten Nasenlochs verläuft der Untersuch ansonsten unauffällig.
Da eine konservative Behandlung mit Salben, Antibiotika und Entzündungshemmern keine Lösung auf Dauer bieten kann, wird beschlossen, den Polyp chirurgisch zu entfernen.
Hierzu können verschiedene Methoden angewendet werden. Aus verschiedenen Gründen wird bei "Oliver" die relativ einfach auszuführende Extraktionsmethode angewendet: Mittels einer Fasszange wird das Gewebe ergriffen und unter stetigem Zug an der Basis abgerissen. Hierbei ist eine geringe Blutung normal, auch kann eine (meist temporäre) Schädigung eines Gesichtsnervs erfolgen.
Die Extraktion verläuft erfolgreich, und es zeigt sich keine Lähmung des gefährdeten Gesichtsnervs. Hingegen blutet die Katze nach der Entfernung des Polypen kontinuierlich aus dem Ohr - offensichtlich wurde bei der Extraktion ein grösseres Blutgefäss verletzt oder aber die Katze weist eine erhöhte Blutungsbereitschaft (z.B. durch Konsum von an Rattengift verendeten Mäusen) auf. Da alleiniger Druck auf das Ohr und Auflegen von Eis keine Blutstillung bewirkt, wird das Ohr tamponiert: Ein Tupfer wird in den Gehörgang eingeführt und eine Naht in die Ohrmuschel gelegt, welche den Tupfer mit Druck in den Gehörgang presst. Ausserdem erhält die Katze zum Ausgleich des Blutverlusts eine intravenöse Infusion sowie Antibiotika und Schmerzmittel.
Die Tamponade wird 4 Tage belassen und dann entfernt - die Blutung ist definitiv gestoppt und Oliver kann nach Hause entlassen werden.
Bei einem Kontrolltermin nach einer weiteren Woche berichten die Besitzer, dass es der Katze sehr gut gehe; im Gegensatz zu vor der Operation kratzt sich "Oliver" nicht mehr am Ohr und zeigt keine Schmerzäusserungen mehr. Praktisch das ganze Gerinnsel ist schon aus dem Gehörgang verschwunden und das Ohr erscheint ruhig und ist schmerzlos. Das nur etwa zur Hälfte inspizierbare Trommelfell scheint intakt.
Polypen sind gutartige, meist zusätzlich entzündete Schleimhautwucherungen. Bei Katzen entstehen sie aus unbekannten Gründen vor allem bei jüngeren Tieren mit Vorliebe im Rachenraum, der eustachischen Röhre (der Verbindung von Rachenraum und Mittelohr, welche um den Druckausgleich z.B. im Flugzeug besorgt ist) und dem Mittelohr. Es kann vorkommen, dass ein Polyp im Rachenraum zu wachsen beginnt und über die eustachische Röhre, das Mittelohr und unter Durchbrechen des Trommelfells bis in den äusseren Gehörgang einwächst. Als Folge ist meist eine chronische Entzündung des Gehörganges und/oder des Mittelohrs zu erwarten.
Eine chirurgische Entfernung des Polypen ist die Therapie der Wahl. Je nach Lokalisierung kann das Gewächs durch einfachen Zug abgerissen werden oder aber nach Auffräsen des Mittelohrs aus der Paukenhöhle entfernt. Bei Polypen, welche im Nasen-Rachenraum entspringen kann unter Zurückziehen oder Spalten des Gaumensegels der Polyp aus dem Rachenraum entfernt werden.
Da viele Polypen das Mittelohr involvieren, können bei der Entfernung feine Nerven geschädigt werden, welche durch die Paukenhöhle ziehen. Es resultiert ein sogenanntes Hornersyndrom (hängendes Oberlid, eine vorgefallene Nickhaut und eine verengte Pupille), welches sich aber meist nach einiger Zeit wieder zurückbildet. Die bei "Oliver" beobachtete starke Blutung ist eine unübliche Komplikation.