Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03142.jsonl.gz/2323

Als Coach ist es nicht viel anders: Ich lenke die Phantasie der Kundin... nicht dorthin, wo ich will, sondern dorthin, wo die Kundin selbst hin will.
Noce Noseda
Heute im Gespräch mit Noce Noseda, einem Künstler und Denker, der Theater und Coaching miteinander verbindet. Lieber Noce, wenn du in fünf Worten beschreibst, was du beruflich machst, welche sind das?
Ein Wort ist sicherlich 'Phantasie': Ich arbeite mit der Phantasie. Das sind die fünf Worte!
Oder wolltest du eine Liste? Man weiss erst, was man gefragt hat, wenn man die Antwort bekommt.
Als Theaterregisseur arbeite ich mit meiner Phantasie, aber vor allem mit der Phantasie der Zuschauer. Auf der Bühne zeigt man nur so viel, dass die Phantasie des Zuschauers angeregt wird, eine Welt zu erschaffen. 'Il faut pas dire... il faut suggérer!', sagt die Regisseurin Ariane Mnouchkine vom Théâtre du Soleil in Paris. Andeuten, suggerieren, vorschlagen... der Phantasie die Möglichkeit geben, zu erwachen.
Als Coach ist es nicht viel anders: Ich lenke die Phantasie der Kundin... nicht dorthin, wo ich will, sondern dorthin, wo die Kundin selbst hin will.
Ben Furman sagt, dass es wahrscheinlich nur einen Grund gibt, warum jemand ein Problem haben kann: Er hat den Zugang zur eigenen Phantasie verloren. Die Arbeit des Coaches besteht darin, diesen Zugang wieder zu ermöglichen.
Was fasziniert/motiviert dich aktuell am meisten?
Die Berge! Ich mache gerade eine Auszeit vom Theater, habe gemerkt, dass meine Kreativität erschöpft ist, und überlegte, ob ich mit einer Art Meditation beginnen sollte. Ich habe die Berge wiederentdeckt: Schritt für Schritt Tausende von Höhenmetern zu überwinden, durch Wälder und Wiesen, über steile Hänge und Grate zu gehen, das ist meine Meditation. Und oben angekommen, rauche ich eine.
Lass uns einen Moment über die Auswirkungen der lösungsorientierten Arbeitsweise in deinem Alltag sprechen: Nehmen wir an, wir wären bereits am Ende des Interviews, was möchtest du dazu dann unbedingt gesagt haben?
Unsere Gesellschaft und unsere Kultur sind geprägt von den neuen Erkenntnissen des Konstruktivismus, der Systemtheorie, der lösungsfokussierten Kurztherapie etc. So wie die Psychoanalyse und die Medizin den Zeitgeist geprägt haben (und immer noch prägen), haben die Arbeiten von Watzlawick, Bateson, Bandler und Grinder, Virginia Satir, Milton Erickson, Insoo Kim Berg und Steve de Shazer, Fritz B. Simon usw. unsere Selbstwahrnehmung und unsere Gesellschaft verändert.
Dank Freud waren wir alle traumatisiert… und sind es zum Teil immer noch: Wenn wir mit einem Freund über ein Problem sprachen, fragten wir uns früher oder später, woher es wohl in unserer Kindheit entstanden war. Jetzt sind wir alle lösungsorientiert! Ich finde das eine positive Entwicklung, aber so wie wir Sonntagspsychoanalytiker/innen mit dem Es und dem Unbewussten umgegangen sind, so gehen viele jetzt mit dem lösungsfokussierten... Ansatz um. Und wenn es nur eine Floskel ist, kann es auf die Nerven gehen!
Ich lade diejenigen, die den lösungsorientierten Ansatz noch nicht kennen, ein, ihn zu vertiefen, Bücher zu lesen: von Peter Szabo oder Daniel Meier oder Ben Furman bis hin zu Insoo Kim Berg und Steve de Shazer. Oder Kurse zu besuchen, wie bei euch!
Ich sage vertiefen, weil... wir hören es immer wieder: «think positive» oder «nutzt eure Ressourcen» oder «es gibt keine Probleme, es gibt nur Herausforderungen» und so weiter. Das ist Teil des Zeitgeistes geworden. Wir hören das zum Beispiel immer wieder bei Teambesprechungen in der Firma.
Oft sind es aber nur Floskeln, Stosstangenaufkleber, Phrasen, die mit lösungsorientiertem Arbeiten so gut wie nichts zu tun haben.
Wir hören zum Beispiel: «Lass uns nicht über die Vergangenheit reden, lass uns über die Zukunft reden». Das geht so weit, dass es langsam verpönt ist, z.B. in einem Mitarbeitergespräch über die Vergangenheit zu sprechen, auch wenn der Mitarbeiter dieses Bedürfnis hat. Wie ärgerlich kann das sein!
Zuerst fühlt sich der Mitarbeiter fehlerhaft, weil er in der Vergangenheit schwelgt und nicht mal in die Zukunft denken kann, dann fühlt er sich nicht gehört und missverstanden. Schliesslich wissen wir: Was verschwiegen wird, wird grösser!
Diese zukunfts- und lösungsorientierte Denkweise, die unsere Zeit prägt, wird oft oberflächlich angewendet und wie in diesem Fall missverstanden! Wenn der Mitarbeiter das Bedürfnis hat, über die Vergangenheit zu sprechen, muss dieses Bedürfnis gehört und akzeptiert werden. Was dann geschehen kann (oder soll) ist entscheidend!
Ich habe es sehr genossen, dieses diffuse, allgegenwärtige Lösungsfokussierte... Konzept näher kennenzulernen. Ich finde es lohnt sich in alle Bereiche des Lebens!
Wenn heute ein Problem auftaucht, ist es in meinem Kopf eben durchgestrichen. Statt mich in das Problem zu vertiefen, suche ich sofort nach Ausnahmen, nach Umwegen, nach kleinen Schritten in die gewünschte Richtung, nach Hilfe... irgendwas Ähnliches, das ich gemeistert habe…
Noce Noseda
Wo und vor allem auch wie setzt du die lösungsorientierte Arbeitsweise in deinem Alltag um?
Früher habe ich mich sooo gerne in Problemen gewälzt! Für jede Lösung immer zwei Probleme gefunden... mindestens!
Heute, egal was ich tue… In «Das Spiel mit den Unterschieden» schreibt De Shazer das Wort Problem so: Problem. (“...De Shazer schreibt das Wort Problem immer durchgestrichen.”) Wie er auch auch Erklärung, Ursache, Wirkung immer durchgestrichen angibt in seinen Werken.
Das finde ich so treffend!
Wenn heute ein Problem auftaucht, ist es in meinem Kopf eben durchgestrichen. Statt mich in das Problem zu vertiefen, suche ich sofort nach Ausnahmen, nach Umwegen, nach kleinen Schritten in die gewünschte Richtung, nach Hilfe... irgendwas Ähnliches, das ich gemeistert habe… und allenfalls verschaffe ich mir einfach Zeit. Zugegeben: Geduld war noch nie meine Stärke, aber es geht in die gewünschte Richtung!
Wenn heute ein «nicht» kommt, ist immer ein «noch» dabei.
Und was fasziniert dich besonders am Kurzzeitcoaching?
Das Fragen. Ich staune immer mehr, was eine gute Frage auslösen kann!
Und was noch? (schmunzelt)
Genau das! Drei Zauberworte und ein Fragezeichen! Mich faszinieren Geschichten, Erzählungen, als Theatermacher und auch als Coach. Es fasziniert mich zu beobachten, wie im Coaching aus einer Erklärung eine Geschichte wird. Wir alle tragen Erklärungen mit uns. Warum ein Problem? Warum diese Situation? Warum kann ich X und Y nicht? Es ist so befreiend, wenn eine Erklärung zu einer Erzählung wird. Eine von vielen möglichen Erzählungen, die ausgewählt, angepasst und umgestaltet werden können.
Im Coaching lassen wir mit unseren Fragen Geschichten weben. Welche Frage ist aus deinem Repertoire nicht mehr wegzudenken?
Ich liebe die „Celebration Question“ von Ben Furmann! Wenn es angebracht ist, stelle ich sie gerne. Es ist eigentlich eine Reihe von Fragen. Man fragt nach dem hypothetischen Fest oder der Party, die die Kundin veranstalten würde, um das erreichte Ziel zu feiern.
Auf die Fragen „Stellen Sie sich vor, Sie haben Ihr Ziel erreicht: Freuen Sie sich? Würden Sie feiern?“ wird in der Regel mit Ja geantwortet, wenn nicht, wurde die Frage zum falschen Zeitpunkt gestellt. Das Fest wird dann bis ins kleinste Detail ausgemalt: von der Einladung der Gäste bis zur Location, Essen und Trinken, Musik... keine Ahnung... Dresscode! Wie gesagt: die Fantasie beflügeln. Und dann "kling, kling, kling"... jemand, vielleicht die beste Freundin, oder der Vater, oder die Cheffin... "kling, kling, kling" jemand ruft „Rede!“.
Die Kundin bedankt sich bei den Menschen, die ihr geholfen haben, erzählt von Lösungen und Umwegen, von ersten Schritten und was sie motiviert hat, dranzubleiben... und da sind neugierige Gäste, die noch Fragen haben, sich bedanken und um Rat fragen. Irgendwo ist vielleicht ein Kind, das auch wissen will, wie sie es geschafft hat. Ressourcen, unterstützende Faktoren und Systeme, Erfolge, nächste Schritte werden wiederentdeckt und das Ziel wird so schmackhaft!
Ich habe diese Frage einmal mit einem Freund angewendet... außerhalb des Coachings, beim Flanieren. Wenn er jetzt dieses Interview liest! Wir sprachen über eine schwierige Situation, in der er sich befand, und ich sagte:
stell dir vor, irgendwann hast du es hinter dir und bist noch stärker als vorher. Dann feiern wir, oder?»
Wir hatten viel Spass beim Ausmalen der Party (er kennt sich mit Partys aus!) und auch dank etwas Campari und Prosecco konnte ich die Celebration Question wirken lassen und diesen kathartischen Moment mit ihm genießen.
Auf viele Partys und Feste!
Darauf, dass wir viele Feste feiern können! Und welche Frage möchtest du hier, so kurz vor dem Abschluss noch gestellt bekommen?
Bitte, überrasche mich!
Immer gerne doch… Was hast du zuletzt zum ersten Mal gemacht?
Oh, wunderbare Frage! Mit vielen wunderbaren Annahmen: dass ich zuletzt etwas zum ersten Mal gemacht habe! Und dass ich zuletzt etwas zum ersten Mal gemacht habe! Dass ich fähig bin, Neues zu tun, heute, morgen, nächste Woche… Dass ich mutig bin, neugierig, offen für Neues. Und dieses «zum ersten Mal»? Wunderbar! Also: Ich habe zuletzt zum ersten Mal mit meinem erwachsenen Sohn zwei Stunden lang in den Sonnenuntergang geschaut, ohne ein Wort zu sagen.
Wie schön zu hören! Und zu welchem Thema könntest du ohne Vorbereitung eine 15-minütige Präsentation halten?
Ich bin Schauspieler, ich unterrichte Theaterimprovisation! Ich kann über alles eine 15-minütige Präsentation halten!
(lacht) und sag, was wirst du nie wieder tun?
Hoffentlich nie wieder eine Präsentation halten. Komm, noch eine Frage!
Dein Wunsch sei mein Ansporn: Wenn du in diesem Moment eine neue Fähigkeit erlernen könntest, welche wäre es?
Bündigkeit. Und deine Fähigkeit Fragen zu stellen. Das habe ich so genossen während der Ausbildung bei euch, wie ihr eine Frage mit einer Frage beantwortet habt und das so charmant! Wie war es? «Stell dir mal vor, du wüsstest die Antwort, was würdest du dann sagen?». Ihr vermittelt den lösungsfokussierten Ansatz so konsequent! Vielen Dank!
Ok, letzte Frage!
Danke für die Blumen, lieber Noce, und es bedarf dazu auch immer mehr als einer Person - somit haben eigentlich wir zu danken. Aber zurück zu der letzten Frage:
Wenn du mit einer Person (tot oder lebendig) zu Abend essen könntest, welche wäre das?
Arianne Mnouchkine, die Regisseurin, von der ich erzählt habe.
Und welche Frage möchtest du ihr unbedingt stellen?
Ich würde sie fragen, wie die Phantasie funktioniert... und sie würde wahrscheinlich mit einer Frage antworten, ganz in eurem Stil! Aber ich würde ihr so viel Wein einschenken, dass sie irgendwann anfangen würde zu reden!
Darauf lass uns anstossen!
Mit herzlichem Dank verabschieden wir uns von Noce Noseda.
Seine Begeisterung für den lösungsorientierten Ansatz und seine Leidenschaft für Fragen und Geschichten haben uns inspiriert.
Danke, lieber Noce!
«... stell dir vor, irgendwann hast du es hinter dir und bist noch stärker als vorher. Dann feiern wir, oder?»
Noce Noseda