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Erinnerung an die Mischabel
Von Geoffrey Winthrop Young. Ubersetzt von Alexander Perrig.
Unsere lange Lehrzeit in der Entmutigung kam uns zustatten. Muskeln strafften sich in erneuter Hartnäckigkeit. Entschlossenheit schnellte grollend empor. Die Nische, an deren Rand wir hingen, war durch das Abgleiten eines grossen Felsquaders von seinem ursprünglichen Bette, der geneigten, deckelartigen Platte, gebildet worden. Aber zu unserer Rechten setzte der Fels die ursprüngliche Wandflucht fort. Die Örtlichkeit machte auf mich den Eindruck eines Hochbaues, zu dem ich über eine seiner Ecken hinaufschauen würde. Die eigentliche steile Gebäudefront zog sich in einer Geraden mit der Schwelle unserer Platte nach rechts hin. Die Gebäude-schlusswand bildete die rechte Seite unserer Nische und überhing die Platte. Die rechtwinklige Ecke des Baues, wo beide Wände zusammentrafen, erhob sich unmittelbar über uns, lotrecht und vereist, doch leicht angerauht durch die Bruchspuren des ausgebrochenen Quaders. Die frontale Wand dieses vorspringenden Hauses stieg jedoch nicht zur gleichen Höhe auf wie die Felswand, die den Hintergrund unserer Nische bildete; in einer Höhe von vierzig Fuss — meine Masse sind nur gefühlsmässige Schätzungen — neigte sich die Wand steil zurück zu einem für uns nicht mehr sichtbaren Dache. Mutmasslich war auch an dieser höhern Stelle ein anderer ungeheurer Block von seiner Unterlage abgeglitten. Über dem Dache und rechts jenseits desselben waren die Abstürze wieder sichtbar; sie zeigten die gleiche Linienführung und Höhe wie die Felsen des Hintergrundes unserer Nische; nur war die senkrecht über uns befindliche Felswand von einer grossen Kuppel oder einem grossen Überhang gekrönt. Es musste deshalb droben — unsichtbar — irgendeine unvollkommene Verbindung oder ein Riss existieren, wo die Linie der Felsen oberhalb des zurücktretenden Hausdaches sich an den auskragenden Teil unserer Kuppel anfügte.Vier lebenswichtige Fragen stellten sich: Konnte die Hausecke erklettert werden? War das Dach, wofern erreichbar, zu steil zum Hinaufkriechen? Würde dort, wo der an das Dach angrenzende Felsabsturz sich seitlich an die Kuppel anschloss, eine rissartige Verbindung existieren? Falls ein solcher Riss existierte, würde dieser uns hinaus auf das eigentliche gewölbte Dach der konvexen Kuppel bringen oder unterhalb desselben, hinein unter das hoffnungslose Gewölbe? Diese Einzelheiten wirken ermüdend, vielleicht sind sie unverständlich; vielleicht aber können sie auch andern Bergsteigern zu einem bessern Verständnis von Franzens denkwürdiger Leistung verhelfen.
Ganz droben im Nischenwinkel war eine rundliche Felsbeule in schwachem Relief in die Platte einmodelliert. Angeschmiegt an die dürftigen Kerben der steilen Fläche konnte ein Mann um sie herum gerade einen Seilbeleg herstellen. Josef und Franz kauerten droben in der Nische an dieser Beule. Wir übrigen waren über frostige Kletterhalte längs des untern Plattenrandes verstreut.
Und unterbrochen durch Schneeböen ging die Beratung weiter: Der zur Führung bestimmte Mann musste glattweg hundert bis hundertfünfzig Fuss Seil verfügbar haben. Ihm konnte keinerlei Unterstützung gewährt werden. Sein zweifelhaftestes Wegstück würde ungefähr achzig Fuss höher, oberhalb des Daches, kommen. Falls er dort einen Riss fand und dieser ihm günstig diente, würde er dann, an die hundert Fuss über uns, hinaus auf die äussere Wölbung der Kuppel gelangen, die uns senkrecht über unsern Köpfen über-kragte. Konnte er nach Erreichen dieser Stelle nicht weiter vorrücken — gut, dann war es ebenso unwahrscheinlich, dass er wieder zurückzukehren vermochte!
Franz zeigte keine Unschlüssigkeit. Trotz aller Behinderung schritten die Vorbereitungen für den Angriff eilig voran. Wir mussten uns alle, so gut es ging, losbinden, um die zweihundert Fuss möglichen Auslaufes herzubringen, und wir klammerten uns mit Mühe an unsere Griffe, während das schneestarre Seil um uns herum giftig schlingerte und schlug. Klein J. und ich hatten schliesslich unangeseilt zu bleiben, um genügend frei zu lassen. Und dann nahm Franz die Ecke in Angriff, « der Flamme vergleichbar, die vom Luftzug eines Schachtes angefacht, » ( Milton .) und kletterte mit übermenschlichem Wagemut, und doch war sein Vorrücken kaum merklich. Als unternähme man, an der Eckkante eines eisbedeckten Turmes hochzukrabbeln, so sah es aus.
Ryan und klein J. krochen hinauf in die Nähe der Beule; da aber daselbst kein Platz mehr war, blieb ich an der brüchigen Kante der Platte hängen. So war ich weiter draussen und konnte gerade zusehen, wie Franzens Füsse verzweifelt nach Haltepunkten kratzten, um ihn über den Dachrand oberhalb der Ecke auf das Dach hinauf zu stossen. Der übrige Teil seines Körpers war jetzt ausser Sicht. Gleich Stunden krochen die Minuten dahin, und das Seil, das über das Giebelende herabhing, schien sich kaum hinaufzubewegen. Schneeböen verwirrten uns grausam. Ein Abgrund im Sonnenlicht scheint wenigstens Anteil zu nehmen an unsern mikroskopischen Anstrengungen. Seine Ruhe vermag selbst unsere Bewegungen zu unterstützen, indem es ihnen eine deutliche Wichtigkeit gibt. Wenn aber die festen und die beweglichen Kräfte der Natur sich vereinen zu einem ihrer wilden, unentschiedenen Konflikte, dann wird die kleine, menschliche Anstrengung vom Aufruhr unbarmherzig verschlungen und rücksichtslos hin- und hergeworfen und moralisch geknickt, wie ein nasser Strohhalm auf einer vulkanischen Sturzwelle.
Da plötzlich höre ich das unmissverständliche Kratzen und Reiben gleitender Schuhnägel und Kleider. Hoch über mir, bei der Dachkante zur Rechten, sehe ich Franzens Beine hinaus ins Leere schiessen. Die Zeit hält inne. Ein Schauer der Erwartung durchzittert die Witterung der unsichtbaren, dunkeln Schwingen hinter mir von einem Ende der Klippen zum andern. Empfindungslos stelle ich fest, dass der Schwung des Seiles mich von meinen Halten wegfegen muss, bevor es sich am zweifelhaften Beleg der Beule straffen würde. Aber das Verhängnis spielt sein Spiel in merkwürdig fernen Räumen. Mein Geist, selbst von der gleichen leidenschaftslosen Atmosphäre umfangen, beobachtet die einzelnen Bewegungen. Jeder Wunsch, den Ausgang durch die Fassung eines Gedankens oder selbst nur durch eine Regung der Furcht zu stören, scheint ihm genommen. Das körperliche Geschehen scheint nebensächlich; es existiert für die beobachtende Ferne nicht, in die alles Bewusstsein sich zurückgezogen hat. Ein ähnliches Empfinden der Trennung von Körper und wachem Geist haben Stürzende oder Ertrinkende, wenn der Abwehrkampf zu Ende und nicht einmal die Fähigkeit der Schmerz-empfindung mehr übrig ist, um körperliches und seelisches Fühlen miteinander zu verbinden. Jenes Empfinden aber hielt in der Krisis dieses Tages, bei mir wenigstens, während Zeiträumen an, die nur nach Stunden gemessen werden können.
Franzens Stiefel verschwanden neuerdings über der Dachkante. Keiner in der Nische hatte etwas von diesem Ausgleiten erfahren; ihrem Blick entzogen und im Schneegestöber verloren hatte es sich abgespielt. Es war ihm gelungen — es ist wie ein Wunder —, sich am Dachrand durch Verkrallen der Hände in den vereisten Grübchen der Platten aufzuhalten. Das baumelnde Seil begann neuerdings über das Giebelende des Daches hinaufzuwandern. Es folgte eine lange Pause und dann und wann das Geräusch des kratzenden Schuhes oder das Rascheln loser Oberfläche. Dann begann das Seil sich ruckweise in Bewegung zu setzen, hinaus und quer herüber, hoch über unsern Köpfen. Franz hatte bei der Verbindungsstelle der Felswand, oberhalb des Daches, einen Riss gefunden und kroch nun hinaus auf den auskragenden Teil der Kuppel. Das länger werdende Seil hing nun draussen, ganz ausserhalb der Männer in der Nische herab, und es hätte selbst ausserhalb des untern Randes, an dem ich mich aufhielt, herabgehangen, wenn sie sein Ende nicht festgehalten hätten. Sein Gewicht, da es so durch den Schnee herunter-schwang, musste Franzens ungeheure Schwierigkeiten noch gesteigert haben! Er war mir gänzlich aus den Augen und kletterte irgendwo auf dem Dache des Überhanges. Halb verschluckt vom Echo, Wind und Schnee begann ein undeutlicher Austausch von Zurufen. Danach war Franz noch immer nicht sicher, ob er irgendwie weiter fortkomme. Im Augenblicke hatte er genügend Stand, um einem Manne Seilhilfe zu gewähren; aber er hatte nicht beide Hände zum Ziehen frei. Auf die Frage, ob er zurückzukehren vermöchte, konnte ich sein kleines, ruckweises Lachen hören. Er schlug vor, Josef solle zu ihm heraufkommen, während wir übrige zu warten hätten, bis sie beide mit einer Rettungsmannschaft zurückkehren würden. Hier warten und während bestenfalls fünfzehn Stunden in solchem Schneewind an den eisigen Griffen hangen! Gut dann, wie wenn wir vier den Abstieg versuchen würden und er allein weiterginge — wenn er es könnte? « D'rdir embri gah? Ho lala! » ( Heruntersteigen? Ho lalaJosef war am Ende seiner Erfindungskraft angelangt. Ich schlug besänftigend vor, dass Ryan als Verstärkung auf Franz aufschliessen solle, während wir Verbleibenden selbdritt den Abstieg versuchen könnten. Dies löste die seit langem drohende Krisis aus. In seiner Sachkenntnis und Beherrschung stand Josef in den Alpen keinem nach; aber die Verantwortung, die physische Anspannung und diese letzte Enttäuschung hatten die Sehne überspannt. Sie sprang, und zwar in einer etwas beunruhigenden Weise.
Wenn derlei Zufälle sich ereignen, wogegen auch der Mutigste, unbillig auf die Probe gestellt, nicht gefeit ist, dann kann harter Erfahrung zufolge nur ruhiges Zureden oder Aufschrecken helfen. Das erstere war in unserer Lage nicht anwendbar. Ich sprach im scharfen Tone des Vorwurfs, ohne aber meine Stimme zu verstärken. Der Versuch gelang überraschend. Augenblicklich kehrte die Selbstbeherrschung wieder und während des übrigen Tages kletterte Josef und betreute er uns mit all dem ihm eigenen prachtvollen Geschick und mit seiner ganzen rücksichtsvollen Ritterlichkeit.
Darin hatte er recht, dass zu dieser Tagesstunde und auf solch trügerischen Felsen, die bei dem zunehmenden Schnee nun doppelt gefährlich waren, aller Wahrscheinlichkeit nach keiner von uns bei einer Umkehr lebend herabkäme. Franz konnte jedenfalls nicht zu uns zurück und möglicherweise auch nicht weiter vorwärts. Der Versuch, zu ihm zu gelangen, musste deshalb gemacht werden, wenn auch die Aussichten auf Erfolg noch so düstere waren. So viele als möglich mussten zu ihm heraufgebracht werden — die übrigen aber dem Schicksal überlassen bleiben.
Josef begann seine Angriffe auf die Ecke. So bekam ich Platz und konnte mich die Platte hinauf zu Ryan bewegen. Ich entsinne mich seiner Frage, wie ich die Wahrscheinlichkeit unseres Entrinnens einschätze. Ich entsinne mich gleichfalls, reiflich überlegt zu haben, und noch jetzt höre ich meine Antwort: « Ungefähr wie eins zu fünf! » Während wir bruchstückweise redeten und dem fernen Kratzen von Josefs Schuhen auf dem Dache droben lauschten, erinnerte ich mich, mit einer grimmigen Würdigung dieser neuen Erfahrung aus erster Hand, wiederholt aus Erzählungen über Schiff-brüche oder andere Katastrophen gelernt zu haben, dass der Gebildete in solchen Lagen geradezu zwangsläufig eine erspriessliche Rolle spielt. Denn ebensosehr um der Zeugenschaft des eigenen Innern wie um der andern willen bewahrt er schier unbewusst jene Haltung, die seine Erziehung ihm als allein mit seiner Selbstachtung vereinbar auferlegt.
Das Ende des langen Seiles sauste pfeifend an uns vorbei. Es hing frei baumelnd draussen vor der Nische herunter; um es einzuholen, musste ich neuerdings über den Plattenrand hinabklettern und mit ausgestreckter Axt einhändig danach greifen. Ich reichte es hinauf und blieb dann eingehängt drunten, da ich meinen Händen und Füssen ein neuerliches Überwinden des Hanges nicht mehr zutraute. Ryan nahm nun die Ecke in Angriff. Wofern ich die Lage genau verständlich geschildert habe, wird man sich Rechenschaft geben, dass die Ecke zu unserer Rechten senkrecht in die Höhe stieg, das Seil hingegen parallel dazu von der unmittelbar über uns schwebenden Kuppel herabhing. Je höher wir demnach die Eckkante hinaufkletterten, um so waagrechter wurde der schiefe Zug des Seiles und um so mehr war es bestrebt, uns seitlich von der Ecke weg, herüber unter den Überhang, zu zehren. Ehe Ryan ansetzte, rief er uns ganz kaltblütig eine Warnung über die unzureichende Kraft seiner erstarrten Hände zu. Als er eine Höhe von ungefähr zwanzig Fuss erreicht hatte, riss ihn das Seil von seinen unzulänglichen, verschneiten Griffen weg. Er schwang über unsere Köpfe herüber und blieb frei in der Luft schweben. Das Seil war um seine Brust geschlungen. Nach einer Minute schon begann ihm die Luft auszugehen. Ein oder zweimal rief er den Männern droben zu, sich zu sputen; dann ein schwächerer Ruf: « Ich bin hin! » und dann baumelte er anscheinend bewusstlos am Seile. Franz und Josef konnten ihn nur halbzollweise hochziehen. Während dieser ganzen Stunde — mutmasslich dauerte es noch länger — waren sie, einer über dem andern, an das steile Kuppeldach angeklammert, die Füsse in seichten Felskerben verstemmt; mit einer Hand sich festhaltend, blieb ihnen nur die andere zum Heraufziehen frei. Während der eine einen Zoll weit höher zog, hielt der andere fest. Die rauhe Oberfläche der Felswölbung, über welche das obere Seilstück herunterführte, beeinträchtigte durch die Reibung die Wirksamkeit jeden Ruckes. Je mehr man ihre Lage überdenkt, desto übermenschlicher erscheint einem die Zusammenarbeit und Kraft, die jene beiden damals nach so viel Stunden vorausgegangener Anstrengungen entfalteten. Klein J. und mir blieb nichts anderes übrig, als hilflos in tödlicher Beklemmung zu warten und hinauf zu starren in den verwirrenden Schnee und Schatten, und das war genug! J. war den ganzen Tag hindurch schweigend und selbstlos nachgefolgt, und selbst jetzt sagte er nichts und blieb in stummer Ausdauer neben der eisigen Beule auf der Platte hingekauert.
Endlich langte Ryan an — irgendwo droben auf dem Überhang — und wurde das rauhe Kuppeldach hinaufgezerrt. Ein paar kleine Splitter lösten sich ab und fielen pfeifend neben mir und auf mich nieder. Ich entsinne mich, apathisch berechnet zu haben, ob die Gefahr grösser sei, unangeseilt und mit gefühllosen Fingern und Zehen hinauf in die Nische zu klettern oder angeklammert auf meiner Schwelle zu verbleiben und es darauf ankommen zu lassen durch einen Stein hinuntergeschlagen zu werden. Es ist bezeichnend für meine Gemütsverfassung, dass ich mich entschloss, zu bleiben, wo ich war und wo meine erstarrten Muskeln und Glieder sich noch wenigstens rein mechanisch an die paar abgeschliffenen Griffe und Tritte verkrallt zu halten vermochten.
Ryan war jetzt ausser Sicht und bei den andern. Nach Lösen des zu-sammenschnürenden Seiles musste er sich in erstaunlicher Zähigkeit erholt haben, und zwar sofort, denn nach einer kurzen, aber angsterfüllten Pause pfiff das schneestarre Seil neuerdings herunter, so dicht an mir vorbei, dass klein J. vor Entsetzen aufschrie. Ich konnte es vorerst nicht einangeln, und während ich mich bange und steif vor Kälte danach streckte, rief mir Josef mit Zurufen, die auf den Schneewirbeln herabtanzten, aus scheinbar unendlich fernen Höhen zu, sie könnten mein grösseres Gewicht unmöglich heraufziehen. Wenn ich nicht sicher wäre, mich an der Ecke halten und auf Franzens Weg zu ihnen klettern zu können, wäre mein Versuch sinnlos. Endlich hatte ich das Seil mit einem Schauer der Erleichterung eingefischt, und ich biss die Zähne meines innern Menschen zusammen. Mit jenen zwei da droben am einen Seilende und mir hier drunten am andern Ende festgebunden, wie ich mich festbinden wollte, würde nichts mehr dem Ermessen des einzelnen überlassen bleiben. Wir waren jetzt alle wie ein Mann; und wenn ich auch noch einiges Vertrauen zu mir selber hatte, so hatte ich doch noch mehr in jene Kraft der Verzweiflung, die das Unmögliche möglich macht für Männer, wie ich sie über mir an mich gebunden wusste. Und wenn ich einmal droben sein würde, gut, dann war auch das Nachkommen des kleinen J. ausser allem Zweifel.
Ein letztesmal schlug ich mir Hände und Füsse an den Felsen blau, um ihnen wieder etwas Leben zu vermitteln. Dann knotete ich das Seil um meine Brust, band das lose Ende in drei Schlingen als Sitz um die Oberschenkel und begann mit eher dürftigem Erfolge die rechtwinklige, vereiste Kante hinaufzukrabbeln. Die ersten fünfundzwanzig Fuss — oder waren es viel wenigerkonnte ich es gerade noch erzwingen. Dann aber fing das Seil an, mich unerbittlich wegzuzerren. Knirschend kämpfte ich mich noch ein paar Fuss weiter hinauf, und dann fühlte ich, dass ich gehen lassen musste, der Seilzug war zu mächtig für erstarrte Finger. Wie ich mir vorher schon vorgenommen hatte, stiess ich mich in der letzten Sekunde mit all meiner Kraft vom Felsen ab. So flog ich denn am Seil hinaus und hinüber unter den Überhang, als wäre ich an ein tolles Pendel geknüpft. Ich konnte sehen, wie klein J. tief drunten in der Nische sich zusammenkauerte und instinktiv den Kopf zu schützen suchte. Der Abstoss liess das obere Seilstück von seiner Felsunterlage auf der Kuppel losspringen und erlaubte den Männern, schnell einen Fuss oder zwei einzuholen. Das Zurückschwingen brachte mich, wie ich es halb erhofft hatte, ein bisschen höher zurück auf die Eckkante. Ich verkrallte mich mit Händen und Zähnen und kletterte ein paar Fuss weiter hinauf. Aber der Seilzug war nun unwiderstehlich. Ich stiess mich neuerdings ab, gewann einen Fuss oder zwei und schwang spinnengleich zurück.
Ich war nun über die Höhe der eigentlichen Ecke hinausgelangt und hätte jetzt von Rechts wegen jenseits der mir zugekehrten Giebelkante über das Dach hinaufklettern sollen. Aber das Seil, wenn nichts anderes, schnitt mir jede Möglichkeit ab, mich über diese Kante und weiter gegen rechts hinüber zu ringen. Noch ein erneutes Festklammern und Hinaufrutschen am Giebelrand, und ich war fast so hoch wie die oben und zu meiner Linken überhängende Kuppel. Ein letztes Mal fiel ich herab. Diesmal war die freie Seillänge unter der Auflagestelle so kurz, dass jedes Zurückschwingen ausgeschlossen war. So schoss ich hilflos hinaus, um dann langsam drehend, mit dem Empfinden, meine Rolle sei zu Ende, unter der Kuppel zu hängen. Wenn ich einwärts drehte, so sah ich hinauf zur rötlichen Wand mit ihren Narben und ihrem Schneegesprenkel und hinauf zum straffen Seil, das dünn und zerbrechlich wie graues Spinngewebe über dem gierig gewölbten Felsvorsprung ob meinem Haupte verschwand. Wenn ich auswärts drehte, so sah ich hinunter — belanglos wie viele tausend Fuss — zu den dunkeln, schlängelnden Linien des Gletschers am Fusse des Gipfels, die im Schneefall verschwammen, und zwischen meinen Füssen hindurch konnte ich auf dem düstern Antlitz des Absturzes das kleine, weissgetünchte Dreieck der Nische und den mattern, weissen Fleck von J.s Antlitz sehen, wie er bei der Beule kauerte. Der törichte Gedanke durchzuckte mich, mehr als um mich müsse er sich um die Wirkungen meiner Turnerei auf den zerbrechlichen Faden des Bergseiles ängstigen, um diese einzige Verbindung, die ihm zur Hoffnung noch verblieb.
Ich war ganz bequem in meinem Sitz; aber die Drehbewegung musste abgestellt werden. Mit der Axt auf volle Reichweite auslangend, glückte es mir, an den rückwärtigen Felsen unter der Kuppel anzustossen. Dies brachte mich mit einwärts gewandtem Gesichte zum Stillstand. Ich hörte unartikulierte Zurufe von droben und erriet ihren Sinn, obwohl ich zu dicht unter der Kuppel war, um die Worte selbst einzufangen. « Sie können mein totes Gewicht nicht heben. » Ich überlegte, streckte die Axt erneut aus, bekam ihre Spitze in eine Wandritze hinein und stiess mich ab. Dies liess mich unterhalb der Kuppel aus- und einpendeln. Zwei Stösse nur, und schon schwang ich nahe genug hinein, um einen heftigen Abstoss mit angezogenen Armen ausführen zu können. Er schleuderte mich dermassen weit hinaus, dass mehrere Fuss des Seiles völlig von ihrer Haftung mit dem Fels droben losschnellten. Diese Entlastung nutzten die Führer zum Einholen aus, und ich pendelte einen guten Fuss höher zurück. Die mir gegenüberliegende Felswand begann nun in den gotischen Bogen des Überhanges vornüber zu springen. So war sie leichter erreichbar. Noch verzweifelter wiederholte ich das Abstemmen. Wieder holten sie ein Stück des entlasteten Seiles ein. Diesmal kehrte ich knapp unterhalb des Bogens zurück; beim Hineinschwingen suchte ich nach einer passenden Stelle, zog beide Beine an, stiess sie gegen die Wand und schnellte mich auf- und auswärts. Das Seil verkürzte sich nach oben hin, und als ich zurückschwang, flitzte der Bogensaum unmittelbar über meinem Haupte auf. Nun aber war die verbleibende, freie Seillänge so kurz geworden, dass weder Bein noch Axt die Rückwand des Gewölbes zu erreichen vermochten. So hing ich da und suchte vergeblich mit meinen Händen hinauf nach dem untersten Friesrand zu langen. Ganz deutlich vernahm ich jetzt von droben her ein Keuchen und Prusten. Das Seil spannte sich und knarrte und knirschte auf der Felskante über mir. Ich fühlte das Zittern der Sehnen, die an ihm rissen. Aber trotz allem bewegte ich mich nicht nach aufwärts. Die Axt in beiden Händen langte ich nach oben, hackte die Spitzhaue glücklich in einen Riss des untern Friesteiles und zog, den ganzen Körper krampf-artig emporwindend. Es war nur ein schwächlicher Hub, aber ausreichend, dass ihn die Anakssöhne da droben in einen wertvollen Gewinn verwandelten. Die Axt glitt hinunter auf meine Schulter, wo ihre Schlinge sie aufhielt. Mit beiden Armen griff ich hinauf und vornüber, erfasste einen Fingergriff und gewann einen weitern Zoll; verschwindend kleine Zollmasse scheinbar, jeder eine äusserste Anstrengung, bis Nase und Kinn sich droben an einer Leiste des Frieses verschrammten; dann gaben die Arme vollständig auf, dermassen ausgeschöpft in ihren Kräften, dass sie leblos herabsanken; aber meine obere Zahnreihe hakte sich an einem zerbrochenen Felsleistchen fest und stützte mich zusammen mit dem kräftiger helfenden Seil während der Sekunden, die das Blut brauchte, um in meine Arme zurückzuströmen.
Zug um Zug ging das Ringen weiter. Jeder Kraftvorrat schien aufgezehrt, aber ein Schimmer von Hoffnung gab jetzt neuen Antrieb, bis ich endlich fühlte, wie mein Knie über das Randfries hinübergriff und ich für einen Augenblick Ruhe vornübersinken und mich mit zusammengeschobenen Kleidern auf dem rauhen, steilen, aber hintenüber gewölbten Dach der Kuppel anklammern konnte. Unmöglich ist es, die Entspannung auch nur anzudeuten, die das Bewusstsein mit sich brachte, dass jene einzige feste Fläche, die mich noch mit dem Dasein in Berührung hielt, aufgehört hatte, sich als ewig unüberwindliche Schranke über meinem Haupte vorzuschieben und sich nun wirklich einer halben Stütze gleich unter mich zurückzog.
Aber es war weder Zeit noch Neigung da, der keuchenden menschlichen Natur Rast oder innere Einkehr zu gestatten. Ich kroch noch einige Fuss weiter hinauf zu kleinen, brüchigen, aber zureichenden Runzeln. Jetzt wurden weiter droben die drei Männer sichtbar, krabbengleich und erschöpft an ähnliche Kerben angeklammert, verschwommen im schneeerfüllten Düster, aber doch menschliche Gesellschaft! Ich musste bleiben, wo ich war, mich losbinden, das Ende des langen, schweren Seiles zu einer Schlaufe verknoten und es nach einwärts klein J. zuschwingen, der unter mir im Hintergrunde der Nische versteckt war. Der zweite Wurf gelang. Ich fühlte, wie er es ergriff, und überliess es dann zum Halten den andern droben, die eher in der direkten Linie waren. Alsbald sah ich es sich von mir wegschlängeln, quer über die paar sichtbaren Fuss der abschüssigen Klippe, als J. drunten sich zum Start über die vereiste Ecke hinüber bewegte. Er hatte meines Wissens ausser seinem eigenen Rucksack noch zwei weitere und mindestens drei zusätzliche Äxte umgehängt; aber meisterlich erklomm er die Ecke und erzwang sich seinen Weg hinauf aufs Dach. Bei der Aussichtslosigkeit, ihn heraufhissen zu können, wie sie uns heraufgehisst, hatten die Männer aus reiner Erschöpfung gelernt, ihm am Seil mehr Bewegungsfreiheit zu gewähren. Freilich benötigte er sehr viel Zeit, so dass sich nur zu viel Musse fand, sich klar zu machen, wie unwiderruflich der Abstieg uns nun abgeschnitten und wie unwahrscheinlich die weitere Durchführung unseres Aufstieges war.
Das erste Glimmen blendender Erleichterung erlosch. Nebelgleich überschwemmte die düstere Zukunft alles. Die Abstürze über uns ertranken im Dunkel der Ungewissheit; mehr denn je starrte aus ihnen finstere Entmutigung und ergriff unsere Lebenskräfte, die im Flutwechsel der Empfindungen dahinebbten. Die schattenhaften, zusammengekauerten Gestalten droben waren stumm; alle die herzstärkenden Gespräche fehlten, die uns nach Überwindung einer schwierigen Stelle sonst zu begrüssen pflegen und uns Gewissheit geben, dass das Schlimmste nun vorüber. Da ich nicht einmal das Seil als Mahner an die Gefährten hatte, verlor ich das Gefühl, dass andere Menschen mir nahe und in gleicher Lage waren. Schlaftrunken irrten meine Gedanken herum; alles Leben in den Gliedmassen schien zu stocken, wie wir es manchmal unmittelbar vor dem Einschlafen empfinden.
Der Schnee begann in grossen, nassen Flocken zu fallen; nicht in sausenden Pfeilen, die uns mit der frischen Feindschaft von Eindringlingen in unsere ihnen fremde Erde anfallen; nein, in Flocken gleich lebendigen Flügel-schwingen, die einen Besucher ihrer eigenen luftigen Gegend mit geheimnisvoller, aber eindringlicher Freundschaft umschmeicheln und willkommen heissen. Einige liessen sich neugierig auf dem kurzen Bogen dunkeln Felsens nieder, der zwischen meinen Füssen in den Schatten abglitt, um eine Sekunde lang aufzuglimmen und dann zu erlöschen wie heruntergefallenes Sternenlicht. Die andern trieben licht und unbekümmert dahin, an meinen Fusssohlen vorbei in die Tiefe und verschwanden in der gähnenden Leere; und sie raunten mir zu, wie leicht und geruhsam mein eigener Fall sein würde, wenn die ermüdeten Muskeln sich überreden liessen, ihre zähe Anklammerung an die verbleibenden paar Fuss ungastlichen Felsens zu lockern. Weit drunten zur Rechten dräute der Rand eines vereisten Absturzes; ein blasses Zwielicht drang aus den tiefhängenden Wolken auf die dazwischen ragenden Felskulissen, und die weissen Flocken wirbelten und kreisten in einem tollen Tanz um sie herum, als hätten sie den scheuen Flug bereits vergessen, mit dem sie über den Fremdling da droben geflogen waren. Und sie sanken weiter in eine Unendlichkeit grauen Dunstes, gestaltlos, bis auf die schwarzen Mo-ränenstreifen, die scharfumrissen hoch über ihren unsichtbaren Gletschern dahinschwammen, wie Schilfrohre hoch über den widerspiegelnden Tiefen eines durchsichtigen Gewässers zu schwanken scheinen. In diese unergründlichen, grauen Tiefen schien alles hinunterzugleiten, unwiderstehlich und doch wie aus freien Stücken, die langen Reihen der vereisten Klippen, die wechselnden Schneewirbel, die schattenhaften Ausstrahlungen unter den Sturmwolken, das Auge selbst und der erschöpfte Geist. Nur ein rebellischer Instinkt in Hand und Fuss schien dem allgemeinen Gesetze zu trotzen.
Die unaufhörliche Bewegung des Schnees teilte sich dem Felsen mit. Alle müssen wir es schon empfunden haben, wenn wir an überhängende Klippen hinauf blickten, wie sie sich stürzend über uns hinauslehnen und doch niemals sichtbarlich bewegen, als gehörte ihre drohende Bewegung nicht dem Raume an, sondern irgendeiner andern Dimension. Wie ich mich so an den rauhen, schmalen Felsbogen — dieses wolkenumspülte Eiland — festklammerte, überkam mich das nämliche Empfinden. Die Kuppel neigte sich hinaus, immer mehr und mehr, mit ewiger Beharrlichkeit, und doch bewegte sie sich für Auge oder Tastsinn nicht. Es war kein gewöhnliches Schwindel-empfinden: meine Augen hielten die Klippen ebenso fest an ihrem Orte, wie Fuss und Hand sich selbst festhielten. Jetzt wurde die Bewegung allgemein und ward zu einem ungestümen Sausen durch die Luft, das trotzdem die Höhen und die Tiefen in ihrer unverrückten, gegenseitigen Lage beliess. Und die Phantasie wähnte, dies müsse die kreisende Wirbelbewegung der Erde sein, wahrnehmbar von einer ihrer überragenden Spitzen aus.
Mit einer leichten Erschütterung kehrte das Bewusstsein der Verlassenheit, des langen Wartens und des immer noch wahrscheinlichen Endes zurück. Was wir in solchen Zeiten denken? Solange ein Handeln noch möglich, denken wir bewusst nur an dieses. Doch wie, wenn das Handeln aufhört? Wir denken nicht lange an unsere Befürchtungen. Etwas Gewisses oder selbst Wahr-scheinliches vermag uns nicht andauernd zu erschrecken. Jede starke Furcht muss, um rege zu bleiben, immer wieder mit neuen Gefahren genährt werden, und das Gift behält nur dann seine Schärfe, wenn frische Ungewissheit es in Gärung hält. Wir fürchten uns nicht mehr vor der Angst. Sind wir einmal so weit, dann vermag unsere rein instinktive Scheu vor dem allen Sterblichen gemeinsamen Geschick nur mehr ein Teilinteresse zu beanspruchen.
Auch über den Tod selbst und was nach ihm kommt, denken wir nicht viel. Was folgt, kann uns nicht treffen, so wie wir jetzt sind, und deshalb scheint es einer Geistesverfassung belanglos, die zu stark mit der furcht- baren Gegenwart beschäftigt ist, um Musse zum Nachsinnen über andere und übersinnliche Dinge zu haben. Was unser persönliches Sterben anbelangt, so haben wir uns mit diesem Ausgang abgefunden. Das Ende unserer Persönlichkeit in all seiner Bedeutung und in all seinen Folgen für andere ist ins Auge gefasst worden und somit nicht länger mehr von unmittelbarster Bedeutung.
Das Denken schien mir in der Tat von allen menschlichen Leiden und Sorgen und in gleicher Weise von allen übernatürlichen Belangen losgelöst. Es ging einen verwickeiteren oder doch zum mindesten verschiedenen Pfad, in ein Gebiet des Ernstes, der Abkehr von allem Gefühlsmässigem und merkwürdiger Unpersönlichkeit. Das Aufflackern der ureigenen Persönlichkeit bei plötzlich drohender Auslöschung — wie ich es beim Sturz in eine Gletscherspalte erfahren hatte — war nicht wahrzunehmen; die drohende Gefahr in der allmählichen Umklammerung der dunkeln Schwingen war zu schleichend zur Wirklichkeit angeschwellt. Das Bewusstsein meiner selbst als Eigenpersönlichkeit schien in der Tat langsam erloschen oder doch am Erlöschen zu sein. An seiner Stelle hatte ich das Empfinden, zu einem unfassbaren Erlebnis zu gehören oder mit ihm selbst verschmolzen zu sein und so durch eine Wolke zu schweben. Ich veranschauliche dieses Empfinden, ohne es auch nur versuchsweise erklären zu wollen, wenn ich sage, mir war, als sei mein Bewusstsein, damals als sich für mich persönlich die Tore des Lebens bereits so gut wie geschlossen hatten, wieder eingegangen in das nie unterbrochene, meiner eigenen Seele zugeteilte Lebensprinzip. Es war eine Sphäre mächtiger Eindrücke und wieder mächtiger Eindrucksleere, die ich nur mit bedeutungslosen Worten als unbegrenzt, allem Menschlichen entrückt, allumfassend, über alles erhaben und dergleichen beschreiben kann. Während ich dies erlebte, sah ich, wie dieses Leben immer wieder oszillierend durch das Einzelsterben verdunkelnd unterbrochen und durch neues Einzelleben aufgehellt wurde. Aber die Schatten überwogen die Aufhellungen, und hiefür mag damals meine eigene Lage verantwortlich gewesen sein; denn meine Nutzniessung des zugeteilten Lebensprinzips war noch nicht abgelaufen, und deshalb musste die Vernichtung, die diesem persönlichen Besitz drohte, notwendigerweise auf jeden meiner Gedanken abfärben, er mochte noch so fernab schweifen.
Zweifellos war mein persönliches Interesse am Leben, obschon verringert, doch nicht zu Ende. Der Wille beispielsweise, mich durch den Rest der Besteigung durchzukämpfen, und wäre es auch nur um der Zeitspanne willen, die mir noch beschieden war, bedurfte keiner Stärkung: das Interesse, zu wissen, ob ich am Leben bliebe oder nicht, war wohl noch rege, aber es war zu einer Angelegenheit von untergeordneter Bedeutung geworden.
Als wir neuerdings zu klettern begannen, stellte ich fest, dass die Wertschätzung der Tatsache, als Eigenpersönlichkeit am Leben zu sein, stärker wurde, je mehr Gelegenheit zu persönlicher Behauptung der Kampf uns bot. Gleichzeitig verringerte sich das Empfinden, zu einer unpersönlichen, zeitlosen Existenz zu gehören; aber es blieb den Gedanken überlagert. Als dann später, ohne vorherige Warnung oder allmähliche Vorbereitung, die Wahrscheinlichkeit unserer Errettung, ja geradezu ihre Gewissheit, plötzlich in mir durchbrach, war die erste gedankliche Wirkung eine komische Umkehrung im Vorrang der Interessen. Ich musste innerlich darüber lachen, da ich fühlte, wie die Tatsache, mich selbst am Leben zu wissen, sich unverzüglich und trotzig wieder Wichtigkeit und Geltung verschaffte und wie das Persönlichkeitsbewusstsein sich erweiterte, bis es sogar seine normalen, nicht kleinen Ausmasse überschritt. Und ein bisschen später musste ich abermals lachen im Gedanken, dass gerade ich unter all den Menschen einmal dahin gebracht worden war, mein Verliebtsein in das Leben lächerlich zu finden.
Dieses letzte Lachen war vielleicht das beste. Es war ein Ausdruck freundlichen Verstehens für das Leben in all seinen Äusserungen, die Frucht einer Unterrichtsstunde in Selbstbesinnung — oder in Humor —, heimgebracht von jener düstern Forschungsfahrt. Menschen, die im Kriege die Wochen der Hingabe an « besonders gefährliche Dienste » überlebten, könnten besser darüber berichten. Aber keiner, der die paar Stunden miterlebte, die wir auf dem Südabsturze unter den dunkeln Schwingen zugebracht, hätte daraus wiedererstehen können, ohne in sich selbst eine Änderung zu verspüren.
Das Auftauchen von klein J., als er, ein brauner Kobold aus Ruck-sackhöckern und Eispickelspitzen zusammengesetzt, mit Geklirr über einen nahen Buckel der schemenhaften Kuppel klomm, brachte mich in die Welt der menschlichen Gesellschaft und in den Kampf zurück. Der Tag dunkelte stetig — oder ist meine Erinnerung an das Dunkle nur der Schatten unserer Lage? Denn noch war es nicht 4 Uhr — aber das Schneien hörte auf, nachdem es sein Ärgstes zu einer Zeit gewirkt, da uns dies am Schlimmsten behinderte. Wir seilten uns wieder geduldig an und begannen neuerdings unser endloses Kriechen und Anhalten, hinauf über vereiste, gleich unfreundliche Platten wie zuvor; und alle fünfzig Fuss erhob sich vor uns die Drohung einer vollkommenen Unterbrechung. Wenn sie jetzt sich einstellte, nun, so musste es eben so sein! Keiner von uns hatte, so will mich bedünken, noch irgendeine Besorgnis übrig, es sei denn die Sorge, sich festzuklammern und sich hinaufzuzwingen. Da eine wahrheitsgetreue Wiedergabe der Empfindungen mich zur Beschränkung auf meine eigene Gedankenwelt zwingt, so kann ich nur sagen, dass bei meinem eigenen Selbst die Fähigkeit der Empfindung oder der Wahrnehmung erschöpft war. Franzens Sinne müssen aber reger gewesen sein, denn er vermochte ohne jeden Aufenthalt oder Fehlversuch eine verwickelte Aufstiegslinie über die aufschiessenden, gigantischen Platten ausfindig zu machen. Ich erinnere mich ausschliesslich nur an Dunkelheit, Steilheit und ein endloses Aufpeitschen der Muskeln zu ihrer Arbeit. Immer noch erreichte uns keine Hoffnungsbotschaft von droben, und doch mussten wir weitere vierhundert Fuss Rippen und Risse, vereisten Schnees und arglistiger Griffe hinter uns gelassen haben. Selbst die Phantasie wagte es nicht, sich einzuflüstern: die nächsten fünf Fuss und dann die nächsten fünf würden das Ende aller Anstrengungen und aller Erwartungen, würden den Gipfel bringen.
Aber jetzt ging etwas vor! Aus der Dämmerung da droben kam ein Rede-gemurmel. Bewegen sich da nicht zwei Schatten gleichzeitig? Ich stand am Fusse eines langen, vereisten Bandes, das sich nach rechts hinaufzog. Zur Linken hing der Fels über, wie immer. Zur Rechten glitt er ins Leere, wie immer, und wie immer fehlten ihm auch alle Griffe, um mich darauf festzuhalten. Ich begann das ewige Kriechen mit reibenden Knien. Das Seil spannte sich um meine Brust. « Soll i ziäh? » ( Soll ich ziehen ?) rief Josefs Stimme, und sie klang fremd nach all den Stunden des Schweigens und mit einem Unterton, als fürchtete sie, der Gipfel möchte es hören und aufwachen, um irgendeine neue Teufelei zu ersinnen. « Warum nichtwenn Ihr es wirklich könnt! » rief ich zurück, voll Überraschung und Hoffnung, und ich schlidderte die Rinne hinauf und fand Josef an einem königlichen Felszacken verankert, dem dritten und besten des Tages! Und standen wir jetzt nicht zweifelsohne auf den Zinnen eines mächtigen Grates, der aus dem immerwährenden Dunkel der Klippen und des Himmels herausgezaubert war? Und der gewaltige, trotzige Schatten zunächst da droben musste der Gipfel sein! In der Tat, wir hatten die aufschiessende Kammlinie des Südostgrates erreicht, und sechzig Fuss höher bog sie zur Spitze der Gipfelpyramide um. Josef band sich von mir los, während ich klein J. heraufhalf. Und da wir zwei uns anschickten, die Besteigung zusammen, in unserer altgewohnten Gefährtenschaft, zu Ende zu führen, sah ich die Silhouetten der drei andern der Reihe nach die spitze Umrisslinie des Gipfels überschreiten.
Wir trafen sie in entspannten, erschöpften Haltungen auf den Gipfelplatten beim Verschlingen von Schnee und Sardinen, der ersten Nahrung seit morgens halb 8. Jetzt war es nahezu 6 Uhr. Franz kam zu mir herüber, und wir reichten uns die Hände. « Sie werden niemals etwas Härteres vollbringen als dies, Franz! » « Ne—i » ( nein ), sagte er nachdenklich, « meh chännti dr Mänsch nit leischte! » ( Mehr könnte der Mensch nicht leisten. ) Das Ende der Erzählung folgt der üblichen Route hinunter ebenso leicht, wie wir es taten, und muss jene zehntausend Fuss ebenso rasch hinabeilen. Da wir nur unser zwei und darum im Vorteil waren, rannten klein J. und ich voraus, die abendlichen Schneehänge hinunter. Als wir die Moräne am Ende des Kiengletschers erreichten, holte uns die Dunkelheit ein. Wir teilten uns, um die damals noch neue Kienhütte als Obdach für die Nacht zu suchen. J. fand die Wegspur zur Hütte, aber Franz war inzwischen talwärts vorausgesprengt, und wir waren bereits so weit drunten, dass es unklug gewesen wäre, uns wieder zurückzurufen. Wir stolperten und taumelten die steilen Waldhänge hinunter und suchten vergeblich nach den verschlungenen Abirrungen des alten Randapfades. Das Kerzenlicht der Laternen erwies sich wie immer als tröstlich aber unwirksam. Ich glaube den Pfad als erster entdeckt zu haben, indem ich kopfüber über einen Haufen Föhrenäste fiel und in jäher Überraschung auf einer ebenen Fläche landete. Nachts ist dies in den Voralpen das untrüglichste Anzeichen, dass man den Pfad gefunden hat. Schleppenden Ganges zogen wir eine halbe Stunde vor Mitternacht in Randa zu einem richtigen Mahle ein. Und dann trennten wir uns, Ryan und ich, von den Führern, auf dass sie schlafen und alles ausser der Grösse der Unternehmung vergessen könnten; und wir wanderten gemächlich die langen historischen Meilen hinauf nach Zermatt. 315 Uhr begannen wir unser letztes Nachtmahl und unser erstes Frühstück und schlossen damit einen Kreislauf von Erlebnissen ab, die zeitlich sechsundzwanzig Stunden gedauert, aber Eindrücke hinterlassen hatten, die so tief in uns eingegraben sind wie jene der fünf späteren Jahre des Krieges.
Seither sind Josef, der grosse Führer und gute Kamerad, und auch der unvergleichliche Franz von uns geschieden. Mein eigner, einzigartiger kleiner J. aber steht noch immer — und in Gedanken freue ich mich dessen — an der Spitze der ruhmreichen Führerschar von St. Nikiaus. Aber über die Täschhornsüdwand ist bis heute unsere Besteigung nicht wiederholt worden — auch nicht in abgeänderter Form.