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Aarau 18. Nov. 1852.
Hochverehrter Herr!
Ich schreibe Ihnen diesesmal nicht über akademische Angelegenheiten1, sondern über Eisenbahnen, worüber Sie sich vielleicht wundern von mir behelligt zu werden. Dieses thue ich aber, weil ich erkenne, daß jetzt der günstige Moment wäre, der Sache eine richtige Wendung zu geben, und thue es einem Manne gegenüber, der vorzüglich geeignet ist, das Richtige in meiner Ansicht zu prüfen und, falls es sich bewährt, demselben Geltung zu verschaffen.
Wie viele andere unbefangene Leute betrachte ich das Bestreben der Centralbahngesellschaft als ein verkehrtes, anstatt den kürzesten Weg nach Osten und wieder den nach Südwesten zu suchen, von wo es ausgemachtermaßen neue Anknüpfungspunkte giebt, in Basel vielmehr das Prospectiv in die Hand zu nehmen, damit nur über Olten nach dem Gotthard zu ziehen, wie wenn Anderes gar nicht da wäre, und mit der gezwungenen schrägen Diagonale Alles zu zwingen dort in Olten anzuknüpfen, wo es für die Meisten am unbequemsten ist. Verderblich für die Gesellschaft selber, da sie die einzige Garantie gegen künftige Concurrenz, die in der geradesten und kürzesten Linie liegt, aufgiebt. Endlich auch bedenklich | für unsern Kanton, deßen Lage ihm im Eisenbahnwesen eine ganz andre Bestimmung anweist, als die Centralbahn ihn spielen laßen will.
Ich läugne nicht, daß dieser letztere Punkt mich schon immer bestimmte, und zwar um so mehr, als ich sonst sehr gescheide Leute in unserm Kanton fast unbegreiflich für die Idee der Centralbahn schwärmen sah, so daß man ihnen mit keinem Wort mehr nahen konnte. Jetzt aber fängt Mancher an, die Sache anders anzusehen und es wird, wenn man sie recht angreift, leicht, der Sache eine vernünftigere Wendung zu geben.
Schon 1838, wo die Eisenbahnfrage sehr ventilirt wurde,2 überzeugte ich mich, daß wenn irgend eine Bahn sich rentiren wird, es die bei ihrer beträchtlichen Länge ungemein frequente von Basel nach Zürich ist, und daß diese vor allem uns bauwürdig wäre. Zugleich überzeugte ich mich, zwar ohne technische Kenntniß zu besitzen, aber bei meiner sehr genauen Localkenntniß durch gesunden Blick, daß diese Bahn nicht der Aare und dem Rhein nach hinunter durch wenig bevölkerte, arme und gewerblose Gegenden, mit einem kostbaren Umweg von 3 Stunden, sondern von Baden über Brugg durch3 den Bözberg und durchs Frickthal zu führen sei, was ungleich mehr Frequenz des für die Einnahme wichtigen innern Verkehres verheißt, viel kürzer ist, schneller fördert, größere Wohlfeilheit der Taxen ermöglicht, und wo die Ausgaben für den Tunnel | unter dem Bötzberg (der bei 400 Meter kürzer und auch in anderm Betracht leichter auszuführen ist als der über den untern Hauenstein) von dem langen Umweg von 3 Stunden längs den Flüßen in Betreff der Kosten mehr als aufgewogen wird.
Später hatte ich Gelegenheit mich zu freuen, daß ich auf ganz ähnliche Gedanken gekommen war, die auch der in solchen Dingen praktische und hellsehende Altbürgermeister Herzog4 gesagt hatte. Gegenwärtig, seitdem auch mehrere Zeitungen davon sprechen, öffnen sich auch bei uns viele Ohren dafür und die Centralbahn hört auf alleinseligmachend zu sein.
Gegenwärtig also steht es bei uns so: An der Centralbahn hängt der Bezirk Zofingen, ein Theil von Aarau und ein Theil von Kulm mit Entschiedenheit. Ein Theil von Kulm und der Bezirk Lenzburg sind bedeutend im Eifer abgekühlt, seitdem es nicht mehr durch das Seethal nach Luzern gehen soll. Andere Bezirke sind gleichgültiger und schwankend. Die Meisten aber ärgert, daß man mit unsrer aargauischen Haut in Luzern, in Baselstadt und Land so verfährt, als ob sie nur dazu da sei darauf zeichnen zu laßen, was man dort will.
Das ist die günstige Lage, um mit einem Project aufzutreten, dem auf einmal die beiden Bezirke des Frickthals, Brugg, Baden, Lenzburg beifallen würden, gegen das der Bezirk Aarau nichts haben könnte, und bei dem die | beiden Bezirke des Freiamtes die Aussicht hätten auch noch ins Intereße gezogen zu werden, wenn möglicher Weise gar die Bahn nach dem Gotthard über Zug und Schwyz gehen sollte. Also zwei Drittheile des Kantons!
Dazu aber muß (ich will der Kürze wegen nicht sagen warum) die Anregung von außen kommen, und zwar den Augenblick kann es nur die Nordbahngesellschaft.
Zwar höre ich, diese werde es nicht thun wollen 1.) wegen Besorgniß der Unzulänglichkeit ihrer Geldkräfte, 2.) wegen vielleicht schon zu tief eingegangener Verpflichtungen mit dem Großh. Baden.
Darauf bemerke ich 1.) eine äußerst frequente, ja in der Länge in der Schweiz, wie der jetzige Verkehr ausweist, frequenteste Bahn5, die der projectirten längern sich zur Seite stellt, kürzer und wohlfeiler ist, wird, wenn das darüber jetzt nicht aufgeklärte Ausland in Kenntniß gesetzt wird, unzweifelhaft mehr Anklang bei auswärtigen Capitalisten finden, wenn sich eine namhafte Corporation, wie die der NBGes. an die Spitze stellt, als die eigensinnige Centralbahn. Auch wird man sich im Aargau, wenn wir schon nicht viele reiche Capitalisten haben, nach Kräften betheiligen. 2.) Wenn ich schon nicht weiß, wie tief die Verbindlichkeiten der NBGes. gegen Baden reichen, so ist doch so viel klar, daß Baden, das die Nordbahn von Zürich bis Waldshut abnehmen will, sie eben so gut bei Säkingen oder gar bei Rheinfelden abnehmen wird, oder vielmehr noch lieber, dann, wenn schon die Bad. Regierung den festen Entschluß haben muß, bis an den Bodensee zu fahren, so weiß ich doch, daß es ihr vor der Hand lieber wäre, nur bis Rheinfelden oder höchstens Säckingen zu bauen. Sie wird also der NBGes. keine Schwierigkeiten entgegenstellen. |
Dagegen gewänne die NBGes. den in solcher Frage in Hinsicht des ausländischen Credits und Intereßes höchst wichtigen Vortheil, daß sie nicht nur den Anschein nähme eine verhältnißmäßig geringfügige Zweigbahn zu bauen, sondern eine große und einträgliche Hauptbahn, an der es der Mühe Werth ist sich mit Capital zu betheiligen. Und je länger eine so frequente Bahn, desto einträglicher wird sie.
Die eigensinnige Centralbahn hat also jetzt eine Ohrfeige bekommen in Solothurn6, die zweite und entscheidende könnte sie jetzt im Aargau bekommen, wenn – «die Nordbahngesellschaft ganz nächstens vor Aargau träte mit dem Begehren einer Conceßion von Baden bis Baselaugst.»
Ich habe nicht nöthig, Hochverehrter Herr, die Folgen und die unerwartete Wendung, welche durch ein solches Begehren, das im Aargau unzweifelhaft mit lebendigster Theilnahme begrüßt würde, eintreten müßte, auszuführen. Die Centralbahn, die uns und Andere so wenig berücksichtigt, hätte den Stoß und die jetzt verstummte Nordbahn bekäme ihren natürlichen Schwung auf einmal wieder. Die Herren Basler von Stadt und Land hätten dann die Wahl, der Bahn bei Rheinfelden höchst bereitwillig entgegenzukommen, und man hätte eine eidgenößische Bahn, oder von Rheinfelden aus über badisches Gebiet wohlverdient und mit stätem | Selbstvorwurf sich umgangen zu sehen. Nach nicht langer Zeit würden sie das Erstere und Ehrenhaftere vorziehen und auch selbst sich Einzelne anfangen an der ganzen Nordbahn zu betheiligen. Und statt des leidigen eifersüchtigen Haders, mit dem Allen Schaden zugefügt wird, hätte man ein vernünftiges und nützliches Uebereinkommen.
Es ist nicht nöthig, daß ich Ihnen, dem Mann von Blick in die Sache, hinter meinen Büchern hervor mit Mehrerm erörtere, wie populär im eignen Lande eine solche Auffaßung wäre.
Ein solcher Gedanke, in die künftige Woche zusammentretende Nordbahngesellschaft geworfen, müßte, wie ich mir vorstelle, von manchen Seiten eifrig aufgegriffen werden. – Mit Fleiß hab ich noch Unbestimmtheit in dem Conceßionsbegehren gelaßen über die Frage, ob unter dem Bözberg durch oder den Flüßen nach. Letzteres hat natürlich auch seine, obschon minder zahlreiche Freunde, darunter aber einen Mann, der im Kanton, besonders aber in seinem Bezirke von Einfluß ist, Hn Schaufelbühl7. Ich vermuthe er werde auch in der Sitzung erscheinen, aber als höchst specifischer Zurzacher gegen einen Bözberger Tunnel nach Möglichkeit manövriren. Zwar wird dieser Widerstand eines einzigen Mannes auch nicht Alles ausrichten; allein so lange die Unbestimmtheit dauern könnte, so lange hätte man auch mehr Intereßenten dafür. |
Wenn nun auch in dem, was ich Ihnen schreibe, für Sie nur wenig Neues sein kann, so ist doch das Wenige vielleicht geeignet, Ihre Aufmerksamkeit zu erwerben und würdig, daß Sie es prüfen. In der Zukunft werden sich unzweifelhaft da und dort viele Zweigbahnen ansetzen, die frühere ungeschickte Anlagen verbeßern werden. Allein beßer ist es doch, daß man gleich von Anfang das Richtige treffe, als durch Eigensinn und enge Rücksichten und Eifersüchteleien die erste Grundlage zu langem Schaden verhunzen laße. Und zur Verhinderung dieses Letztern, wo möglich etwas beizutragen, das bezweckt mein anspruchloser Privatbrief. Daß ich mich mit diesen Bemerkungen an Sie wende, geschieht in Folge der Bekanntschaft, die ich voriges Jahr die Ehre hatte mit Ihnen zu machen.
Genehmigen Sie den Ausdruck meiner vollkommenen Hochachtung!
Ihr ergebener
Dr. R. Rauchenstein,
Profeßor.
P. S. Es ist einleuchtend, daß die Weiterführung der Bahn von Brugg aus über Wildegg, Lenzburg, Aarau und beliebig nach Westen durch dieses Project nicht nur nicht ausgeschloßen, sondern sehr erleichtert wird.
Wird die Eisenbahn gegen Rheinfelden geführt, so muß ich noch auf die bedeutende Zunahme an Fracht durch die Salinen aufmerksam machen, die mit einer solchen Bahn noch mehr in Schwung kämen.
d. O.