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Der Mythos von Amerikas frommen Gründervätern
Eine Gruppe gottesfürchtiger Pilger legte Anfang September 1620 mit einem Dreimaster von Plymouth ab. Sie wollten in Nordamerika eine neue Gemeinschaft aufbauen, die auf Gleichheit, Brüderlichkeit und Gottes Wort beruhen sollte. So fromm ist die Legende von der Mayflower, deren Geschichte für den Beginn der englischen Besiedlung des nordamerikanischen Kontinents steht.
Dumm nur, dass die Mayflower vor 400 Jahren keine Ratte interessierte, als sie im November in Cape Cod (Massachusetts) landete. Zahlreiche europäische Siedlungen hatten sich bereits an der nordamerikanischen Küste etabliert. Zwei Drittel dieser Auswanderer waren sehr diesseitig orientiert und suchten vor allem ein sicheres Auskommen oder, noch besser, Reichtum – genauso wie die meisten Passagiere der Mayflower. Nur eine Minderheit der 102 Auswanderer auf dem Schiff waren fundamental-christliche Zeloten, die sich nach einem Gottesstaat sehnten. Die meisten der Mayflower-Abenteurer würden heute als Wirtschaftsflüchtlinge durchgehen, die dem damals verarmten England den Rücken kehrten. Zu diesem Schluss kommen der amerikanische Historiker John Butman und der englische Publizist Simon Targett in ihrem lesenswerten Buch «New World, Inc.».
Zu schön, um nicht wahr zu sein
Die tief gespaltene US-amerikanische Gesellschaft brauchte im 19. Jahrhundert dringend eine Legitimation wie die Mayflower für ihr Staatswesen. Da bot sich die religiöse Vorsehung an; zumal pietistische Bewegungen wie die Mormonen damals mehr denn je angesagt waren. Diesen Zeitgeist spürte etwa der Politiker und nachmalige US-Aussenminister Daniel Webster (1782–1852). Er schwärmte 1820 an dem angeblich exakten Landungsort von den frommen Urvätern aus dem englischen Plymouth: «Wir sind heute an diesem Felsen zusammengekommen, um unsere Pilgerväter zu ehren, ihren Leiden Tribut zu zollen und ihnen zu danken …» Denn sie lebten gemäss Webster das Ideal einer freien Gesellschaft nach dem Gebot der Gleichheit, wie es die Französische Revolution propagiert hatte.
Schön wärs. Die Fundamentalisten der Mayflower setzten in Wirklichkeit auf einen autoritären Gottesstaat, in dem alle, wie damals allgemein üblich, an sechs Tagen in der Woche unentgeltlich für die Gemeinschaft zu arbeiten hatten. Nach weniger als drei Jahren lag das utopische Unternehmen in Trümmern. Die Frommen hatten sich heillos zerstritten, was das Schicksal mit schlechten Ernten zusätzlich bestrafte. Governor William Bradford beschrieb den Niedergang ausführlich in seinen Aufzeichnungen «Of Plymouth Plantation», die lange Zeit verloren waren und erst Mitte des 19. Jahrhunderts in London auftauchten. Sie konnten dem frommen Ruf der Mayflower-Pilger nicht mehr schaden. Er war so gut in der angloamerikanischen Gedankenwelt verankert wie damals die Legenden rund um die Gründung der Eidgenossenschaft in den Schweizer Köpfen.
Lösung der «sozialen Frage»
Auch der französische Staatskundler Alexis de Tocqueville (1805–1859) würdigte die Demut der Gottesfürchtigen. Er spielte sie gegen die südlichen Siedler in Jamestown (Virginia) aus, die lediglich der Gier wegen zu den neuen Ufern aufgebrochen seien. Oder besser aus materieller Verzweiflung, denn wirtschaftliche Perspektiven in Europa hatten auch diese nicht.
Die Mayflower-Reisenden profitierten von der finanziellen Unterstützung begüterter Handelsleute, in deren Auftrag sie neue Märkte erschliessen sollten. Auch die englische Krone hatte ein Interesse an ihrem Auszug. Ähnlich wie in der Schweiz hoffte man dadurch, «die soziale Frage» zu lösen.
Bleibt die Frage nach der Atlantik-Überquerung von Greta Thunberg. Vielleicht findet diese in einigen Jahre neue Beachtung – als ein Zeichen für politische Veränderung, welcher Art auch immer.