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Die Allgemeine Krankenpflege von 1863

Wurde früher ein Handwerker krank und erlitt einen Erwerbsausfall, gab es in der Neuzeit bei Basler Zünften so genannte "Krankenladen", die als Unterstützungkassen fungierten. Das Geld der Krankenlade diente zur Hilfe für kranke Zunftbrüder. In mittelalterlichen Zeiten nahmen sich die zunfteigenen religiösen Bruderschaften zum Teil solch sozialer Aufgaben an.
Bruderschaften sorgten mit Stiftungen an entsprechenden Altären für das Seelenheil der Zunftbrüder, und auch für ein angemessenes Begräbnis. Zudem gab es Vorkehrung zur Unterstützung kranker Mitbrüder. Die Zunft der Grautücher und Rebleute schloss etwa 1398 eine Vereinbarung mit den Spitalspflegern, um ihren Kranken dort stets ein mit Bettzeug versehenes Bett zu sichern.
Detail zur Krankenpflege der romanischen Galluspforte des Basler Münsters, darstellend Taten der Barmherzigkeit.
Die Bruderschaften waren den Meistern vorbehalten, während die Gesellen eines Handwerks eigene Vereinigungen hatten. Von der Bruderschaft der Müllerknechte im Klingental und jener der Schlossergesellen zu St.Leonhard ist belegt, dass sie Unterstützung für in Armut und Krankheit geratene Brüder besorgten. Mit der Reformation verschwanden diese religiösen Bruderschaften.
Frühe Kassen und Gründung der Allgemeinen Krankenpflege
Nach den Bruderschaften und den Krankenladen brachte das 19. Jahrhundert notwendige Neuerungen. Immer mehr Einwohner Basels waren nicht mehr zünftige Handwerker, sondern arbeiteten etwa in der Textilindustrie. Unterstützt von der Gesellschaft zur Beförderung des Guten und Gemeinnützigen, kurz GGG, entstanden diverse Hilfsgesellschaften auf Gegenseitigkeit.
Diese ersten Kassen hatten die Schwäche, dass sie oft zu wenig Mitglieder aufwiesen, weil sie nach Fachrichtung und nach Fabriken aufgeteilt waren. Wenige Mitglieder brachten folglich wenig Beiträge, was wiederum die Hilfsmittel einschränkte. Aus diesem Grund wurde im November 1863 die umfassendere "Allgemeine Krankenpflege" gegründet. Sie hatte drei Gruppen von Mitgliedern.
Die Ehrenmitglieder nahmen als Gönner der Kasse ihre Leistungen nicht in Anspruch. Die Ärzte und Apotheker der zweiten Mitgliedergruppe boten ihre Dienste wiederum zu verbilligten Tarifen den Versicherten der dritten Gruppe an. Im Jahr 1864 zählte die Allgemeine Krankenpflege bereits 3'643 Mitglieder. Bis zur Jahrhundertwende sollten es mehr als 15'000 werden.
Die Gesellschaft hatte indes schwer daran zu tragen, dass sich viele Versicherte auch die verbilligten Dienstleistungen der Mediziner nicht leisten konnten. Daher mussten die Ärzte und Apotheker oftmals grössere Ermässigungen zugestehen, als ursprünglich vereinbart, damit die Kranken ihre Hilfe bekamen. Auch war das Risiko bei den Versicherten ungleich verteilt.
Junge und gesunde Leute sparten sich oft die Beiträge einer Mitgliedschaft, so dass es praktisch nur Versicherte gab, die gesundheitshalber öfter auf Hilfe angewiesen waren. Als 1914 das vom Basler Bundespolitiker Wilhelm Klein (1825-1887) mitangeregte Kranken- und Unfallversicherungsgesetz in Kraft trat, wurde die Krankenpflege zu einer normalen Krankenkasse umgestaltet.
Zusammenfassung
Seit dem Mittelalter unterstützten die jeweiligen Zünfte ihre Gewerbetreibenden im Krankheitsfall. Mit der Industrialisierung wuchs um 19. Jahrhundert die Zahl jener Arbeitenden, die nicht Zünften angehörten. Für sie entstanden Hilfsgesellschaften auf Gegenseitigkeit, die aber Schwächen hatten, etwa weil ihnen oft zu wenige Mitglieder angeschlossen waren.
Um das Dilemma der kleinen Mitgliederzahlen zu überwinden, entstand 1863 in Basel die von der GGG geförderte Allgemeine Krankenpflege. Sie zählte innerhalb eines Jahres über 3'500 Mitglieder, und wuchs aus stetig weiter. Ehrenmitglieder waren als Gönner dabei, während Ärzte und anschlossene Apotheker den Versicherten vergünstigte Dienstleistungen boten.
Beitrag erstellt 29.08.17
Quellen:
Bernard Degen, Beitrag "Von Pionier- zu Zusatzleistungen", publiziert in Armut und Fürsorge in Basel - Armutspolitik vom 13. Jahrhundert bis heute, Beiträge zur Basler Geschichte, Christoph Merian Verlag, Basel, 2011, ISBN 978-3-85616-523-9, Seiten 148 bis 149
Paul Koelner, Basler Zunftherrlichkeit, Birkhäuser Verlag, Basel, 1942, Seiten 68 und 76