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Franz Wenzel - Die Jahre in Tengor (1986-1995)
Wie kam ein Mann wie Franz Wenzel dazu, im 36. Altersjahr mit der Heimat jede Verbindung abzubrechen und nach Spanien zu reisen? Die näheren Umstände, die zur bedingungslosen Abreise Wenzels geführt haben, hat Wenzel selber in seinen Notizen später als Verschwörung bezeichnet. Gesichert ist folgendes:
Herrn Hugo Weinschenk, seit einiger Zeit Direktor im Dienste des Städtischen Liegenschaftsamtes, ein entschlossener Mann, der seine Fäuste vor sich her trug und der ihm jederzeit untergebene und schlicht Oreille genannte Bürolist, dessen Frau tatsächlich mit zwanzig Franken (und einem entsprechenden Auftrag) einen Regenschirm für achtzehn Franken gekauft hatte (welche Erwirtschaftung von zwei Franken einem 10%-igen Gewinn entspricht, wie Oreille nicht umhin gekommen ist, stolz zu bemerken), was ihren Mann, besagten Oreille, im Bureau einen wahren Erfolg erzielen liess, den er, einerseits im Namen seiner Frau, auszukosten wusste, andererseits aber auch auf das Konto seiner eigenen Intelligenz gutschrieb, denn schliesslich hatte er die Frau geheiratet, was durchaus als gescheiter Geschäftszug angesehen werden kann - dieser Hugo Weinschenk also und sein Untergebener Oreille, hatten, mindestens kann man das so auffassen, Franz Wenzel, auch wenn man nicht von einer Verschwörung sprechen will, zu seiner Abreise nach Spanien, ohne es freilich wirklich angestrebt zu haben, mit ihrem geschickten und hartnäckigen bürolistischen Briefverkehr, welcher sie tatsächlich als Bürolisten erster Güte auszeichnet, geradezug gedrängt, mindestens hatten sie ihm den Entscheid letzten Endes gewissermassen leichter gemacht.
Inwieweit Weinschenk und Oreille Franz Wenzel nun wirklich nach Spanien trieben, kann nicht abschliessend gesagt werden. Wenzel kannte keinen der oben erwähnten Herren und keiner der Herren, weder Direktor noch Bürolist, kannte Wenzel, es sei denn als jenen gesichtslosen Bittsteller, welcher Wenzel in den letzten Monaten seines Aufenthaltes in Tengor im Verkehr mit ihrem Amt gewesen sein muss. Es sind an die drei Dutzend Schreiben überliefert, die Wenzel als akribischen Briefeschreiber zeigen, der unerbittlich nicht den kleinsten Verfahrensfehler seitens des Weinschenkschen Amtes durchgehen lassen wollte. Die Schreiben behandeln alle den gleichen und selben Fall, nämlich die sofortige und fristlose Kündigung von Wenzels Zimmer im Dachstock des Hauses 15, Irredentaweg, in Tengor. Allerdings hatte das Liegenschaftsamt (dem die Restrukturierung des gesamten Quartiers Im Felde oblag) in seiner Gesamtplanung - Abbruch des erwähnten Objekts und Neubau an selbiger Stelle - das heisst wohl in der Hitze der Planung, welche eine aufstrebende Kleinstadt verursacht hatte, vergessen, dass einer der Mieter der unerschrockene Franz Wenzel war. Wenzel schöpfte seine rechtlichen Möglichkeiten bis zu dem Zeitpunkt aus, an dem er einsehen musste, dass gegen das Amt kein Kraut gewachsen war, da ihm nun auch nach, wie gesagt, an die 36 Bittschreiben, kein Gehör geschenkt worden war, er im Gegenteil eher, je öfter er schrieb und mit den Wochen auch persönlich vorsprach, die Türe jedes mal buchstäblich vor der Nase zugeschlagen bekam. Franz Wenzel reagierte, wie es der kleine Mann tut: Er floh! Wir wissen wohin.
Franz Wenzel hat sich in Tengor nicht verabschiedet. Franz Wenzel ist aus Tengor verschwunden.
Was diese offizielle Version der Geschichte betrifft, dürfte es angebracht sein, sie nicht als die ganze Wahrheit zu akzeptieren und vor allem in den Notizen Franz Wenzels nach weiteren Gründen zu suchen. In Wenzels Notizen finden sich aus denselben Wochen, in denen das umfangreiche Konvolut seiner Amtskorrespondenzen entstanden ist, folgende Eintragungen: [FWN, B2417] «die sainté süsanné, o wie isst sie süss, o so suze.» und [B2434] «Sie ist, bei Gott, das schönste Weib, / Das ich ever lobte; / Und es ist nicht nur der Mannestreib / Der da in mir tobte, / Als ich begann - und lieb und lang, / Ein Lied auf ihre Schönheit sang! / Bei Gott... Ich schwöre ewichlich, / Schönheit ist doch wesentlich!» Die erste Notiz mag als eine Spielerei angesehen werden, in einem Wirtshaus auf einen Serviettenrand gekritzelt, trotzdem verrät sie Wenzels Beschäftigung mit seiner Flucht. Die Fokussierung seines Verlangens auf eine Frau namens süsanné und der franz. Aperitif namens suze können als Anzeichen seiner bewussten Beschäftigung mit einem möglichen Weggang aus der Stadt gedeutet werden. Vor allem das zweite Zitat deutet aber auf den wahren Grund hin. Eine in Wenzels Gedankenwelt zur Göttin herangereifte schöne unbekannte, im ersten Zitat noch süsanné genannt, im zweiten Zitat, einem unbeholfenen dichterischen Versuch, bereits auf das weib schlechthin reduziert, hat in Franz Wenzels Bekanntenkreis nie existiert. Die stilisierte Figur, die als meine zukünftige Ex-Frau [B2432], das schöne Dockterweib [B2434], einmal sogar als Sophie [B2435] in den Notizen vorkommt, muss Franz Wenzel aus seiner Heimat fortgetrieben haben. Entweder basiert seine Fantasie dabei auf einer realen, aber nicht weiter rekonstruierbaren Begegnung, oder, was als wahrscheinlicher anzusehen ist, entstammt die gesamte Fantasie Wenzels Einbildung, die sich tatsächlich bis am Schluss so weit gesteigert hatte, dass die eingebildete Frau, die immerhin seine Erfüllung, wenn nicht gar seine Bestätigung als Mann bedeutet hätte, ihn auf dem Höhepunkt seiner Sehnsucht buchstäblich enttäuschen und gewissermassen im Stich lassen musste. Dass er sich zudem auf den mit wirklichem Herzblut geführten Kampf gegen das Amt einliess, bestätigt die dargelegte These dahingehend, dass Franz Wenzel in diesem letzten Aufbäumen die Bestätigung suchte, die er in seiner Fantasie nicht gefunden hatte. Dass er schliesslich aufgab und verschwand, wissen wir.
Wie bereits in der Einführung bemerkt, verlassen sich diese Überlegungen weitgehend auf Spekulationen. Spekulationen immerhin, die sich auf Indizien stützen und deshalb, auch aufgrund weitreichender Menschenkenntnis und in engem Zusammenhang mit Franz Wenzels eigenem Schaffen (siehe vor allem auch in den Notizkonvoluten), versuchen, möglichst nahe an Franz Wenzels wirkliches Leben heranzukommen.
Nach Franz Wenzels Abreise aus Tengor verliert sich seine Spur. Irgendwann, wir kennen weder den genauen Zeitpunkt noch den Ort, muss er das Land verlassen haben. Wenzel taucht erst wieder in Frankreich auf, wo die Angaben seiner Witwe, Doña Anna, uns mindestens seinen Weg Richtung Spanien finden lassen.
Die Jahre in Tengor (1986-1995)
Die Jahre in Spanien (1996-1999)
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