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An einem Abend im März 2016 entfernen zwei Männer schwungvoll die Plasticfolie von einem neun Meter langen und zwei Meter breiten roten Teppich. Im Schiffbau des Zürcher Schauspielhauses werden die Schweizer Filmpreise vergeben. Die beiden Männer machen Probeaufnahmen des Teppichs und der weissen Wand mit den Logos der Sponsoren. In einer halben Stunde wird vor ihnen die Prominenz der Schweizer Filmbranche posieren.
Um die Wirkung des roten Teppichs wussten schon die alten Griechen. Als Agamemnon, der Anführer der Griechen bei Troia, siegreich nach Mykene zurückkehrte, soll ihm seine Gattin Klytämnestra einen purpurfarbenen Teppich ausgerollt haben. Agamemnon aber zögerte, den Teppich zu betreten. Ein solches Privileg sei den Göttern vorbehalten.
Heute werden rote Teppiche allerdings längst nicht mehr allein von göttlichen Gestalten und Staatsmännern beschritten. Die Schweizer Filmpromis warten in der Eingangshalle des Schiffbaus, deponieren die Wintermäntel an der Garderobe, trinken ein Cüpli. Der Teppich muss seine sakrale Wirkung erst entfalten. Noch stehen die Techniker auf ihm herum und richten die Scheinwerfer oben am Gerüst. Das Team der Boulevard-Fernsehsendung «Glanz und Gloria» bespricht den Ablauf der Interviews während des Schaulaufens; die Bewegungen der Moderatorin, die Kamerafahrt. Ohne das Fernsehen wäre der rote Teppich nie das geworden, was er heute ist. Den Anfang machten die Oscar-Verleihungen, die in den 1960er Jahren erstmals am Fernsehen übertragen wurden. Danach wurde seine besondere Ausstrahlung bald einmal auch für profanere Anlässe genutzt.
Bei der Preisverleihung im Zürcher Schiffbau drängen nun Fotografen, Kameramänner und Journalisten vor den Stoffstreifen. Mit jedem zusätzlichen Objektiv scheint der Teppich wichtiger zu werden. Kurz vor 18 Uhr, dem offiziellen Beginn der Veranstaltung, wagen ihn die Techniker nicht mehr zu betreten.
Der SRG-Generaldirektor Roger de Weck und die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch stehen am Kopfende des roten Teppichs bereit, um die Gäste zu begrüssen, die sich in der Eingangshalle aufgereiht haben; die Organisatoren des Abends haben einen Zeitplan fürs Defilee erstellt. Als die ersten Filmpreis-Nominierten ihre Füsse auf den Teppich setzen, knipsen die Fotografen los. Kameramänner drängeln vor, iPhones werden gezückt, Namen in Notizblöcke geschrieben. Die Fotografen animieren die Frauen mit Komplimenten zu gewagten Posen.
Zwei junge Nachwuchsregisseure schreiten unbeachtet dahin, bis ihnen ein Fotograf befiehlt stehen zu bleiben. Kaum ist das erste Foto geschossen, richten auch die anderen Fotografen die Kameras auf die irritiert lachenden Newcomer. Andere biegen nach zwei Metern ab und vermeiden so, in die Visiere der Kameras zu gelangen. «Ich schleiche mich jetzt ganz gekonnt am roten Teppich vorbei», raunt ein Schauspieler in sein Telefon, während er die Rücken der Kameraleute passiert.
Doch die meisten geniessen jede Sekunde auf der magischen Fläche und scherzen mit den Fotografen. Leonardo Negri, ein bekanntes Gesicht aus Sonntagabendfilmen, ist mit seiner Mutter gekommen. «Meine Mama!» ruft er den Fotografen zu und knutscht die Mutter auf die Backe. Immer wieder bleibt er stehen, umarmt die Mama und grinst; so viel Aufmerksamkeit kriegt man sogar als nationale Leinwandgrösse nur an dieser Zeremonie.
Geliefert wurde der rote Teppich von der Top Events AG. Er lag einst im Lagerhaus in der Industriezone von Ostermundigen BE. Der Eingang ist unglamourös: eine kaum meterbreite, stahlumrahmte Tür mit der Aufschrift «Achtung Gabelstapler». In den düsteren Hallen dahinter lagert Partymaterial, 1500 Artikel auf 5000 Quadratmetern Fläche. Zelte, Lampen, Grills, Töggelikästen und ein Regal voll mit roten Teppichen, abgepackt in 50-Meter-Rollen, unten im Keller hat es noch mehr davon. Philipp Ginsig, ein hünenhafter Berner, sitzt im gläsernen Chefbüro der Firma. «Es ist der Wahnsinn», sagt er vor seinem mit Papier und Sichtmäppchen überfüllten Schreibtisch. Ginsig rechnet hinter seinem Computer die jüngsten Verkäufe zusammen. «Zwei Kilometer vom einen Meter breiten Teppich und fünf Kilometer vom zwei Meter breiten.» Roter Teppich ist der Verkaufsschlager der Top Events AG, der Absatz hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt.
Als Ginsig vor zwanzig Jahren seine Firma gründete, bestellten vor allem die Organisatoren hochkarätiger Veranstaltungen roten Teppich. Dann kamen Nachtclubbetreiber auf die Idee, einige Meter Teppich vor den Eingängen auszulegen, um die Exklusivität ihres Etablissement zu betonen. Es folgten die Organisatoren von Firmenanlässen, heute Ginsigs wichtigste Abnehmer. Vor einigen Jahren hat sich ein weiteres Kundensegment aufgetan: Hochzeitspaare. «Geheiratet wird überall», sagt Philipp Ginsig, «aber egal, wo: Der Teppich zwischen den Stühlen hat heute rot zu sein.»
Ginsig hat die Liste der letzten Kunden ausgedruckt; ein Paraplegikerzentrum ist darunter, Mode- und Lebensmittelgeschäfte, Casinos, Hotels, Altersheime, Restaurants, Schulen, Messen. Inzwischen, sagt Ginsig, werde bei jedem Sonderverkauf und jeder Produktpräsentation ein roter Teppich ausgerollt. «So signalisiert man dem Kunden: Du bist für uns wichtig!» Auch der Top-Events-Chef wird von grossen Kunden manchmal an solche Anlässe eingeladen. Einmal beim Berner Fussballclub Young Boys. «Die Spieler standen auf beiden Seiten des Teppichs Spalier, wir schritten hindurch», sagt Ginsig und lacht.
Dass auf dem roten Teppich die Eventkultur den VIP längst den Rang abgelaufen hat, zeigte sich besonders schön am 3. November 2013: Zum 15. Geburtstag eines Warenhauses in Thüringen wurde ein 5353 Meter langer roter Teppich ausgerollt. Dagegen nimmt sich der rote Teppich, der vor Schweizer Staatsempfängen im «Bernerhof» zum Einsatz kommt, bescheiden aus: «Ganze 25 Meter ist er lang», sagt Michela Lucchini-Zobrist, die im Bundesamt für Bauten und Logistik die Staatsbesuche organisiert. Wenigstens ist er ein Einzelstück, wird nach den Einsätzen im Fachgeschäft gereinigt und bis zum nächsten Besuch in einem Lager in der Berner Innenstadt versorgt.
Vor dem roten Teppich im Zürcher Schiffbau kommt es zum Promi-Stau: das Team von «Glanz und Gloria» blockiert den vorderen Teil des Teppichs. Die Moderatorin interviewt Leonardo Negri und Carla Chiara Bär, eine junge Darstellerin des nominierten Spielfilms «Amateur Teens». Drei TV-Kameras und alle Blicke sind auf sie gerichtet.
Und dann steht plötzlich Alain Berset da. Der Ehrengast und Kulturminister wartet am Eingang mit seiner Entourage auf den Einmarsch, im Schatten des Scheinwerferlichts. Nach einigen Sekunden entschliesst er sich, nicht über den Teppich, sondern durchs Publikum zu spazieren. Die Leute starren gebannt auf die «Glanz und Gloria»-Moderatorin, die Negri und Bär interviewt, der Bundesrat wird nicht beachtet.
Die Demokratisierung des roten Teppichs, sagt der Kommunikationswissenschafter Thomas Neubner, der 2014 eine Arbeit zur Inszenierung von Prominenz auf dem roten Teppich verfasst hat, bedeute allerdings nicht, dass Normalsterbliche nun zu Prominenten würden. Anders als die Social Media, mit denen heute jeder ein eigenes Publikum erreichen kann, gehöre der rote Teppich zum alten, elitären, von den grossen Medien gesteuerten Prominenzsystem. «Wenn man einen roten Teppich vor einer neuen Shoppingmall ausrollt, dann steht die Shoppingmall im Zentrum, die Kunden anlocken soll, und weniger die Kunden selbst», sagt Neubner.
Doch die Illusion, Normalsterbliche zu Prominenten zu machen, hat für Eventfirmen ein neues Geschäftsfeld eröffnet. Top-Events-Chef Philipp Ginsig zeigt auf seinem Computer E-Mails, die für ein VIP-Package am «Moon and Stars»-Festival in Locarno werben: ein Stehdinner, eine grandiose Aussicht und ein Konzert für 500 Franken. Wahrscheinlich werden die Gäste mit einem roten Teppich begrüsst. Der Konzertveranstalter Good News deckt mit seiner eigenen VIP-Agentur You are special dieses neue Segment ab. «Aber weil der VIP-Status käuflich geworden ist», sagt Philipp Ginsig, «gibt es bei solchen Anlässen neben den VIP nun die VIP-VIP. Nur ein VIP-VIP ist wirklich jemand und muss keinen Eintritt bezahlen.»
Nachdem die Promis am Schweizer Filmpreis über den Teppich defiliert sind, stärken sich die Fotografen mit den Gratisdrinks im Hauptsaal. Die Aura des roten Teppichs verblasst sekündlich. Er schrumpft zu dem, was er ist: 18 Quadratmeter Kunststoff. Der Raum leert sich. Zwei Frauen vom Veranstalterteam machen ein Erinnerungsselfie. Dann liegt der Teppich verlassen da und wartet auf seine Entsorgung.
Die Veranstalter des Schweizer Filmpreises haben bei Philipp Ginsig die günstigste Ware bestellt, sechs Franken pro Quadratmeter, macht 108 Franken. Was das Material angeht, aus dem heute rote Teppiche gefertigt sind, ist die Demokratisierung keine Illusion: Ginsig greift in seinem Büro nach einem Ordner mit Teppichmustern. Er zeigt den Stoff, der vor einigen Jahrzehnten für roten Teppich verwendet wurde: dick und samtig. Dann blättert er weiter zur neuen Version: Kunststoff, nicht viel stärker als ein Putzlappen, auf der Oberfläche eine dünne Flaumschicht. Ginsig hat auch bessere Ware, für zwanzig Franken der Quadratmeter. Aber die kauft heute keiner mehr.
JOEL BEDETTI ist freier Journalist; er lebt in Zürich.