Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03152.jsonl.gz/2146

Er würde diese Woche 91-jährig, und ich weiss nicht recht, weshalb er mir immer im Herbst in den Sinn kommt. Vielleicht, weil er ein grosser Melancholiker war, besser: stets Melancholiker verkörperte. Ich habe Marcello Mastroianni ja nicht gekannt. Und doch war er wie ein Vater für mich. Spätestens seit meinem Lieblingsfilm.
Er sagte es genauso, in demselben hastigen Flüsterton, derselben ungenierten Burschenhaftigkeit, wie mein eigener Vater es auch hätte sagen können. «Sagen Sie, Fräulein», fragte Mastroianni im Film «Che ora è?» die Geliebte seines Sohnes, und nur schon das «Fräulein» war peinlich … «Sagen Sie mal, Signorina, wie ist er, wenn es … Sie wissen schon … zum Äussersten kommt?» Wie sein erwachsener Sohn im Bett sei, wollte der Vater wissen. Eine furchtbare Einmischung, dennoch rührend menschlich: die versuchte Anteilnahme, die zur Dreistigkeit gerät, die väterliche Neugierde, die lieb gemeint ist, aber anstössig wirkt. Und ich schämte mich im Kinosessel, als wäre die Peinlichkeit mir selber widerfahren. Ich verachtete und liebte den Alten, wie man nur den eigenen Vater gleichzeitig lieben und verachten kann. Natürlich war es bloss eine Rolle, aber Mastroianni spielte ohnehin meist sich selbst, und am Ende tat er es tatsächlich: Als Zitat seiner selbst trat er in Federico Fellinis «Intervista» und Robert Altmans «Prêt-à-porter» auf, und beide Male hätte er einem leidtun können. «Lass gut sein, Vater», hätte man ihm zurufen mögen, wenn er sich als ergrauter Casanova lächerlich machte, noch einmal mit Anita Ekberg in den Trevi-Brunnen, noch einmal mit Sophia Loren ins Bett stieg.
Ganz zuletzt, im Theaterstück «Le ultime lune», das er täglich spielte, solange sein Krebsleiden es zuliess, wurden Mime und Rolle eins. Der Schauspieler Mastroianni gab das Stück über die Tragik eines Alten, der abtreten muss, und das Publikum wusste, dass der Mensch Mastroianni hier seinen Abschied inszenierte. Gerade so, wie er im Film «Stanno tutti bene» als Vater kreuz und quer durch Italien seiner verstreuten Familie und dem Glück hinterhergereist war, bereiste Mastroianni nun mit dem Stück das Land.
Als hätte er ein letztes Mal seine 57 Millionen Kinder besuchen wollen. Er war ihr Übervater, war Italiens letzte grosse Integrationsfigur. Laut wurde er nie, nur ans Brummeln eines traurigen Clowns erinnere ich mich,
der stets leicht abwesend wirkte, oft müde, der aber eine Nähe in den Vorführsaal zauberte wie kein anderer Schauspieler. 1996 starb er, und falls Sie sich überhaupt an ihn erinnern, dann vermutlich als einen Latin Lover aus dem fernen letzten Jahrhundert. Ich nehme Ihnen das nicht übel. Aber mir war er mehr, und er fällt mir immer ein, wenn die Tage wieder kürzer werden.
Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)
Website: www.baenzfriedli.ch
Bänz Friedlis Facebook-Auftritt
Autor: Bänz Friedli