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Der amerikanische Kriegsfotograf James Nachtwey und der Reporter Peter Hossli waren einst Nachbarn in New York. Fast zwanzig Jahre später trafen sie sich in einem Dachrestaurant in Tallinn zum Interview. Sie verliessen es hungrig und durstig.
Wir kennen uns von früher, als der Fotograf James Nachtwey und ich Ende der neunziger Jahre im selben New Yorker Quartier wohnten, unten beim Fischmarkt, an der Südspitze Manhattans. Zufällig trafen wir uns jeweils beim Italiener zum Espresso.
In unmittelbarer Nähe fotografierte Nachtwey am 11. September 2001 die Terroranschläge auf Amerika für das «Time Magazine», ich berichtete darüber für das damalige Schweizer Magazin «Facts».
Ein halbes Jahr danach redeten wir für ein Interview über den Wert der Kriegsfotografie. «An diesem Tag wurde der seriöse Journalismus wiedergeboren», sagte Nachtwey. «Der 11. September 2001 hat dem Fotojournalismus und dem Journalismus insgesamt neue Relevanz verliehen. Zu lange prägten Skandale und der Starkult die US-Medien.»
Siebzehn Jahre später schrieb ich eine E-Mail an die damalige Adresse Nachtweys und bat ihn erneut um ein Interview. «Schön, von dir zu hören», antwortete der Amerikaner. «Schreib mir aber besser per SMS, da bin ich schneller.» Er schlug ein Treffen in Tallinn vor. «Ende November eröffne ich in Estland eine Ausstellung, dort kannst du die Abzüge vieler meiner Fotos an der Wand sehen.»
Einen genauen Interviewtermin konnte Nachtwey nicht anbieten, zumal er selber noch nicht wusste, wann er Zeit haben würde. «Komm einfach, es klappt schon.» Ich flog nach Tallinn und besuchte Nachtweys Ausstellung im Fotomuseum Fotografiska. Herzlich grüsste James Nachtwey beim Ausgang, ein ruhiger Mensch, drahtig und gross. Nichts von der nachgesagten Arroganz, der angeblichen Eitelkeit. Neugierige Augen lassen den 71-jährigen Mann jugendlich erscheinen. «Wollen wir etwas essen?», fragte er.
Wir begaben uns zum Dachrestaurant des Museums und redeten während einer Stunde über Fotografie und über die Fragen, warum Nachtwey Kriege und Krisen dokumentiert, wie er mit Trauer umgeht und woher er die Kraft nimmt für seine Tätigkeit. «Meine Arbeit ist getrieben von Wut und Mitgefühl», erklärte Nachtwey, «wobei die Wut das Mitgefühl nie erdrücken soll. Und umgekehrt darf das Mitgefühl die Wut nicht verwässern.»
Das Restaurant verliessen wir durstig und hungrig. Nie kam der Kellner vorbei, um die Bestellung aufzunehmen. Die beiden Gäste schienen ihm zu vertieft in ihr Gespräch zu sein.
Unten im Café nahmen wir je ein Sandwich und erkundeten – «strictly off the record» – den mittelalterlichen Stadtkern Tallinns, besuchten Kirchen und Galerien, redeten über das Quartier, in dem wir beide einst wohnten.
Er habe New York verlassen, sagte Nachtwey beim Abschied. «Die Stadt, wie wir sie einst kannten, gibt es nicht mehr. New York ist nur noch etwas für reiche Menschen.»