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Prall und süss hängen die Trauben an den Rebstöcken. «Es wird ein aussergewöhnlich guter Jahrgang», freut sich Marie-Jo Mercier. Doch die Winzerin fürchtet, einen guten Teil ihrer Pinot-, Meunier- und Chardonnay-Beeren für die eigene Marke Alain Mercier & Fils liegenlassen zu müssen.
Seit wegen des Coronavirus Hochzeiten und Empfänge en masse abgesagt wurden und Luxushotels und Clubs geschlossen bleiben, wird weniger Champagner getrunken. Viel weniger. Der Vereinigung der Champagner-Produzenten brach der Umsatz um 1.7 Milliarden Euro ein. Das würde eine Reduktion der Verkaufserlöse auf 3.3 Milliarden bedeuten, ein Rückgang um über ein Drittel gegenüber 2019.
Streit um Erntemenge
Um nicht auf hohen Lagerbeständen sitzen zu bleiben, wollen Händler und grosse Champagner-Produzenten die Mengenkontingente drastisch reduzieren. Diese werden seit 1945 jedes Jahr von den Interessenverbänden festgelegt, um das Risiko schlechter Ernten und grosser Preisausschläge zu mindern.
Eine gute Woche vor der klimabedingt ausserordentlich früh beginnenden Weinlese sind sich die Winzer auf der einen und die Abnehmer (Weinhandel und grosse Champagner-Marken) auf der anderen Seite zum ersten Mal noch immer nicht einig. «Die Limite, um als Winzer überleben zu können, liegt bei 9000 Kilogramm pro Hektar. Der Handel will ihnen dieses Jahr aber nur 6000 bis 7000 abnehmen», erklärt Maxime Toubart, Präsident des lokalen Winzerverbands SGV Champagne, der über 18'000 Weinbauern vertritt.
Champagner in Zahlen
Champagner wird in drei Regionen (Grand Est, Hauts-de-France, Île de France) auf 34'300 Hektar angebaut. Das ist ein Anteil von vier Prozent aller französischen Weinbaugebiete, der aber einen Umsatzanteil von 20 Prozent erwirtschaftet. 2019 waren dies fünf Milliarden Euro (vor Steuern). Im selben Jahr wurden 300 Millionen Flaschen produziert, davon gingen 52 Prozent in den Export.
Es gibt 360 Champagner-Marken, 140 Kooperativen, über 18'000 Winzer. Grösster Abnehmer am Umsatz gemessen sind die USA. Gemessen am Export Anzahl Flaschen ist es Grossbritannien mit 27 Millionen Flaschen. Es folgen die USA (25.7 Mio.) und Japan (14.3 Mio.). Die Schweiz liegt mit 5.4 Millionen Flaschen auf Rang 7 der wichtigsten Exportmärkte.
Bei einem Kilopreis von 6.50 bis 8 Euro für die edelsten Grand-Cru-Trauben gehe dies jenen Winzern an die Existenz, die keinen eigenen Champagner keltern, sondern ihre Trauben an grosse Marken verkaufen. Sie machen erst bei grösseren Mengen Gewinn.
Gelassenheit bei Prestige-Marken
Traditionelle Maisons de Champagne, die bis zu 75 Prozent ihres Champagners exportieren, leiden genauso. Doch sie können es sich eher leisten, die Krise in ihren Kreidekellern aus gallo-römischer Zeit einfach auszusitzen. «Wir haben das Glück, über ein unverderbliches Produkt zu verfügen», lacht Clovis Taittinger, «das wird nur besser, je länger es im Keller lagert.» Die Prestige-Marke verfügt über eine Reserve von über 20 Millionen Jahrgangs-Champagnerflaschen.
«Natürlich machen wir eine Krise durch. Aber es ist in erster Linie eine Krise der Nachfrage. Wir sind sehr zuversichtlich, dass, wenn die Hotels, Restaurants, die Clubs und so weiter wieder aufmachen, auch der Champagner wieder perlen wird wie zuvor», ist der Generaldirektor und Chef von 250 Angestellten überzeugt.
Eine mögliche zweite Viruswelle könnte diese Hoffnungen zerstören, wird doch jede zweite Champagnerflasche im November und Dezember verkauft.