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| Gregor v. Nyssa (†394) - Gespräch mit Makrina über Seele und Auferstehung (Dialogus de anima et resurrectione)

§9 Von der Unterwelt.
1.
Als sie nach dieser Erörterung, um auszuruhen, die Rede ein wenig unterbrach, ließ ich das bereits Erklärte [S. 277] nochmals an meinem Geiste vorüberziehen; dabei hielt ich bei jener Stelle des Gespräches inne, durch welche sie die Möglichkeit darlegte, daß die Seele nach Auflösung des Körpers mit den Elementen vereinigt bleibe. Daher wendete ich mich mit der Frage an die Lehrerin: „Wo ist denn die vielbesprochene sogenannte Unterwelt, von der sooft im täglichen Leben, sooft auch in den Schriften, den heidnischen sowohl wie den unsrigen, gesprochen wird, in welche nach allgemeiner Ansicht wie in ein Behältnis die Seelen von hier versetzt werden? Du wirst wohl nicht die Elemente für die Unterwelt erklären.“
Die Lehrerin antwortete: „Offenbar hast du nicht zu sehr auf meine Worte geachtet. Denn als ich von der Versetzung der Seelen aus der sichtbaren Welt in die unsichtbare (Ἀτιδές ═ Ἅιδης), [Atides = Hadēs] redete, glaubte ich zur Unterwelts- oder Hadesfrage genug gesprochen zu haben. Denn dieser Name, der für den künftigen Aufenthaltsort der Seelen so gerne gebraucht wird, scheint sowohl bei den Heiden wie in der Heiligen Schrift nichts anderes zu bedeuten als eben die Versetzung in die Unsichtbarkeit und Verborgenheit.“ Ich erwiderte: „Und mit welchem Rechte meinen manche, der unter der Erde befindliche Raum habe diesen Namen und er beherberge die Seelen in sich und ziehe die bereits dem Leben entflohenen Seelen an sich wie zu einer Räumlichkeit, die gerade für diese Natur passe?“
Meine Lehrerin antwortete hierauf: „Durch eine solche Annahme wird meine früher aufgestellte Behauptung nicht beeinträchtigt. Ist nämlich deine Ansicht richtig1, daß nämlich der in seinem Kreise alles einschließende Himmel einen stetigen und unzerreißbaren Zusammenhang bildet, und die Erde mit dem zu ihr Gehörigen in der Mitte schwebt, so daß die Bewegung aller kreisenden Himmelskörper um das Stehende und Feste (die Erde) läuft, so muß das, was immer einem der Elemente auf der oberen Erdhälfte zukommt, auch dem entsprechenden auf der unteren zukommen, da ein und dieselbe Substanz (d. i. der Himmel) im Kreise um die ganze Masse (der Erde) herumläuft. Und wie, wenn die Sonne über der [S. 278] Erde scheint, auf dem unteren Teil derselben Schatten herrscht, da sie wegen ihrer Kugelgestalt nicht zu gleicher Zeit ringsum von den Sonnenstrahlen getroffen werden kann, vielmehr mit voller Notwendigkeit, mag die Sonne welchen Teil der Erdoberfläche nur immer bescheinen ― gegen den Mittelpunkt der Erde ist sie allerdings immer gerichtet ―, auf dem anderen diametral entgegengesetzten Punkte Finsternis sein muß und diese Finsternis einem senkrechten Strahl gegenüber zugleich mit der Bewegung der Sonne herumläuft, so daß gleichmäßig sowohl der obere als auch der untere Teil der Erde abwechselnd in Licht und Schatten sich befindet, so ist wohl auch in bezug auf alles übrige nicht zu bezweifeln, daß sämtliche Elemente und Verhältnisse, die auf unserer Erdhälfte herrschen, auf der anderen entgegengesetzten genau in der gleichen Weise sich finden. Da demnach an jedem Teile der Erde uns die nämlichen Elemente umgeben, so darf man, glaube ich, denen weder beistimmen noch widersprechen, welche unserer dargelegten Auffassung mit der Behauptung entgegentreten, man müsse entweder diese Erde oder die unterhalb der Erde befindliche Region für den Bestimmungsort der von den Leibern abgeschiedenen Seelen halten. Denn solange der Einwurf den Hauptlehrsatz von dem Fortbestehen der Seelen nach dem Fleischesleben nicht erschüttert, werden wir bezüglich des Ortes, an welchem sich die abgeschiedenen Seelen aufhalten sollen, keine Schwierigkeiten machen, in der festen Überzeugung, daß zwar die Körper eines Aufenthaltsortes bedürfen, die Seelen dagegen, weil unkörperlich, ihrer Natur nach keineswegs an bestimmte Örtlichkeiten gebunden sind.“
1: Nach einigen wird dieses Sätzchen noch zu dem Vorausgehenden gezogen.