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Bol sorgte an der WM in Budapest einmal mehr für Aufsehen. Fünf Tage nach ihrem spektakulären Sturz in der Mixed-Staffel kürte sie sich am Donnerstag über 400 m Hürden überlegen zur Weltmeisterin. In 51,70 Sekunden distanzierte Bol die zweitklassierte Amerikanerin Shamier Little um sagenhafte 1,1 Sekunden. Sie läuft in diesem Jahr über 400 m Hürden in einer eigenen Kategorie, da die amerikanische Weltrekordhalterin Sydney McLaughlin-Levrone heuer im Freien nur über 400 m flach angetreten ist. Für Budapest sagte sie wegen einer offiziell «leichten Verletzung» ab.
Die Leistungen von Bol sind umso erstaunlicher, als sie erst seit 2019 über 400 m Hürden antritt. Zuvor war sie eine mittelmässige 400-m-Läuferin gewesen. Den Wechsel machte ihr Laurent Meuwly schmackhaft, der beim niederländischen Leichtathletikverband seit April 2019 als Nationaltrainer arbeitet. Der 48-jährige Romand hatte schon die nach der Saison 2021 zurückgetretene Schweizerin Lea Sprunger über 400 m Hürden an die Spitze geführt - diese gewann 2018 in Berlin EM-Gold.
Von Lea Sprunger profitiert
Bol ist mit 1,84 m sogar noch einen Zentimeter grösser als Sprunger und verfügt ebenfalls über lange Beine. Ihre erste Saison in der neuen Disziplin beendete sie mit einer Bestzeit von 55,32 Sekunden. Seit dem 23. Juli dieses Jahres hält Bol mit 51,45 Sekunden den Europarekord, den sie beim Meeting der Diamond League in London aufstellte. «Wie schnell sie sich entwickelt hat, ist schon erstaunlich», sagt Meuwly im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Denn über 400 m Hürden spiele die Erfahrung eine grosse Rolle, «macht die Technik und Taktik einen grossen Teil der Leistung aus.»
Meuwly weiter: «Sie bereitet sich sehr gut vor, denkt an alle Details, ist ein sehr strukturierter Mensch.» Zudem konnte sie in den ersten zwei Jahren von der Erfahrung von Sprunger profitieren, da diese Meuwly nach Papendal gefolgt ist. Die beiden sind immer noch regelmässig in Kontakt, ist Bol unsicher, holt sie die Meinung von Sprunger ein.
Bol verfügt neben dem Tempo auch über eine gute Ausdauer, deshalb setzte Meuwly auch in diesem Bereich Akzente. So standen in der Vorbereitung pro Woche drei Einheiten aerobe Ausdauer auf dem Programm, in denen sie 100 m nicht schneller als in 18, 19 Sekunden zurücklegte - beispielsweise 10 bis 12 Mal 300 m oder noch etwas langsamer 6 bis 8 Mal 500 m. Mit Ein- und Auslaufen legt sie in einer solchen Einheit sieben bis acht Kilometer zurück. Das sieht man nicht oft bei 400-m-Läufern.
Steigerung dank Rhythmuswechsel
Die Erfolge geben Meuwly Recht. Nachdem Bol 2022 stagniert hatte, sie konnte ihre 2021 erzielte Bestzeit von 52,05 Sekunden nicht senken, entschieden sich die beiden, einen Rhythmuswechsel vorzunehmen. Hatte sie zuvor während des ganzen Rennens 15 Schritte zwischen den Hürden gemacht, absolviert sie nun die ersten sieben Hürden in einem 14er-Rhythmus. «Es ist nun nicht so, dass sie auf den ersten 200 m schneller ist, sie läuft aber ökonomischer und hat darum mehr Energie auf den letzten 100 Metern », erklärt Meuwly. Das sei das Ziel gewesen.
Der Rhythmuswechsel erfordert einen um etwa zehn Zentimeter längeren Schritt, «deshalb mussten wir technisch viel arbeiten, aber auch im Kraftbereich», so Meuwly. Beim Umsetzen mit der Langhantel schafft Bol beachtliche 100 Kilo. Die ersten zwei, drei Wettkämpfe der Saison wurden dann für die Feinabstimmung genutzt.
Nun also wurde Bol zum ersten Mal Weltmeisterin. Fortan gilt es, den neuen Rhythmus zu stabilisieren. Den Fabel-Weltrekord von McLaughlin-Levrone (50,68) stuft Meuwly für seinen Schützling als «nicht unmachbar» ein. Jedenfalls habe sie beim Europarekord kein optimales Rennen gezeigt.
Einen Weltrekord hält Bol bereits seit diesem Februar, nämlich jenen über 400 m in der Halle. In 49,26 Sekunden verbesserte sie die 41 Jahre alte Bestmarke der Tschechin Jarmila Kratochvilova (49,59). Und es darf nicht vergessen werden, dass Bol erst 23-jährig ist. Sie dürfte also noch für einige Schlagzeilen verantwortlich zeichnen.