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Dieter Bauer, SKZ 45/2005
Wahrscheinlich würde ein grosser Teil unserer Katholiken die Frage «Muss man die Bibel lesen?» spontan bejahen, wenn auch mit einem schlechten Gewissen: «Ich müsste eigentlich schon, aber das ist halt nicht so einfach.»
Dabei wäre die Antwort auf diese Frage vor 100 Jahren sicher noch anders ausgefallen. Da hätte eine Mehrheit der Katholiken diese Frage schlichtweg verneint.
In diesen hundert Jahren hat sich viel getan. Vor allem ausgelöst durch die missionarische Bewegung der protestantischen Bibelgesellschaften wurden Anfang des letzten Jahrhunderts im Gegenzug katholische Bibelwerke gegründet. Um die Katholiken mit der Botschaft der Heiligen Schrift vertrauter (und gegen die Protestanten immuner) zu machen. Doch die wissenschaftliche Bibelauslegung bewegte sich katholischerseits immer stärker auf die moderne protestantische historischkritische Exegese zu. Und nach langer Abwehr durch die eigens hierfür gegründete päpstliche Bibelkommission wurden diese Auslegungsmethoden nach und nach akzeptiert.
Der Paukenschlag des Konzils
Vor genau 40 Jahren dann, am 18. November 1965, verabschiedete das Zweite Vatikanische Konzil die dogmatische Offenbarungskonstitution «Dei Verbum» (DV). Dort ist der vielzitierte Appell zu finden: «Der Zugang zur Heiligen Schrift muss für die an Christus Glaubenden weit offen stehen» (DV 22). Und das Konzil mahnt zum Bibellesen für die Gläubigen ganz allgemein (DV 25), die Priester (PO 13; 18), die Priesteramtskandidaten (OT 16), die Ordensleute (PC 6) und die Laien (AA 32). Allüberall entstanden biblische Initiativen, die versuchten, die katholischen Gläubigen mit ihrer Heiligen Schrift vertrauter zu machen. Vor allem die Anerkennung der historisch-kritischen Methode zur Erforschung der Bibel löste einen wahren Boom an entsprechender erklärender Literatur und erwachsenenbildnerischen Veranstaltungen aus.
Natürlich ging all das nicht ohne Probleme vonstatten. Allzu lange hatte die katholische Kirche zum Beispiel auf der Historizität der biblischen Texte beharrt, ohne die entsprechenden Textgattungen zu berücksichtigen. Und nun purzelten die Bastionen «historischen Wissens» eine nach der anderen: die Welt war nun plötzlich doch nicht mehr an sieben Tagen erschaffen worden, literarische Parallelen aus der religiösen Umwelt Israels wie etwa zur Sintflutgeschichte oder zur jungfräulichen Geburt wurden einer breiteren Öffentlichkeit bekannt und verunsicherten viele zutiefst. Bestseller wie Werner Kellers Buch «Und die Bibel hat doch recht» versuchten in biblizistischer Manier gegenzuhalten, aber in vielen Fällen war das Kind bereits mit dem Bade ausgeschüttet.
Biblische Erwachsenenbildung
Verantwortungsbewusste biblische Erwachsenenbildner haben seit jeher darauf verzichtet, Teilnehmer/ Teilnehmerinnen ihrer Kurse den (Kinder-) Glauben einfach zu nehmen ohne eine tragfähigere Basis anbieten zu können. Jeder, der in dieser Arbeit tätig ist, weiss, dass das eine sehr heikle Angelegenheit ist. Und wenn der Weihnachtsglaube eines Menschen nun einmal daran hängt, dass Jesus in Betlehem und nirgendwo anders geboren ist, dann hilft es wenig, mit historischen Plausibilitäten diesen Glauben zu verunsichern. Man müsste die eigentliche Botschaft von Weihnachten so vermitteln, dass der Glaube nicht mehr an solchen historischen «Fakten» hängt.
Hinzu kam, dass wirklich oft die reine Wissensvermittlung im Vordergrund stand. Das heisst, dass viele Kursteilnehmer/-teilnehmerinnen zunächst einmal gelernt haben, dass sie eigentlich nichts wissen. Die Expertokratie der Theologen war oft mit daran beteiligt, dass sich nicht nur «Laien» in Sachen Bibel unmündig fühlten. Dass das nicht sehr hilfreich ist, «den Zugang zur Heiligen Schrift weit zu öffnen», liegt auf der Hand.
Wozu braucht es die Experten?
Einen anderen Weg ging in Lateinamerika P. Carlos Mesters. Er sagte, dass genau so wie ein Autofahrer zwar einen Führerschein braucht, aber keinen Automechaniker auf dem Beifahrersitz, auch ein Christ seine Bibellesekompetenz mit der Taufe erworben habe. Den «Automechaniker» – sprich: Bibelexperten – brauche er in den – hoffentlich seltenen – Fällen, in denen er mit seinem «Auto» Bibel «liegen bleibt» und nicht weiterkommt. Dem Karmeliten Mesters war dabei sehr wichtig zu betonen, dass das Volk Gottes ein unmittelbares Verständnis für die Bedeutung der Heiligen Schrift bereits hat. Die Methodik seiner Bibelkurse war darauf konzentriert, das Volk Gottes zu ermächtigen, das eigene Leben mit der Bibel in Verbindung zu sehen und die reichen Schätze des eigenen Lebens- und Glaubenswissens zu heben.
Dadurch angeregt wurden seit den 70er/ 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch in Europa erfahrungsbezogene Bibelkurse «Vom Leben zur Bibel – von der Bibel zum Leben» angeboten. Gerade in der Schweiz waren der reformierte Erwachsenenbildner Volker Weymann und der Leiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle P. Anton Steiner in der Entwicklung solcher Angebote federführend. Darauf aufbauend hat dann zum Beispiel auch das Katholische Bibelwerk Stuttgart seit 1984 «Grundkurse Bibel» entwickelt, die eben diese Verbindung von Bibel und Leben erfahrbar machen konnten: mit Kopf, Herz und Hand.
«Schwellenängste»
Was ist aber mit all denjenigen, die sich zu keinem Bibelkurs anmelden wollen? Es ist einfach so, dass die Hürde zu einer solchen Veranstaltung zu gehen noch immer recht hoch ist. Und das, was ursprünglich angezielt war, nämlich die Teilnehmenden an solchen Veranstaltungen nach und nach selbst zum Bibellesen zu ermächtigen, ist wohl nur punktuell gelungen.
Ich bin jetzt seit fast 25 Jahren in der biblischen Erwachsenenbildung tätig, und wir backen inzwischen kleinere Brötchen. «Niederschwelligkeit » heisst inzwischen die Devise. Die dahinter stehende Frage ist die, wie man Menschen, die sehr wohl Bibel lesen möchten, die «Schwellenangst» nehmen kann, damit sie auch durch dieses «Tor zur Heiligen Schrift» eintreten, das wir doch so gerne «weit öffnen» möchten.
Neue Zugänge zur Bibel
Da kam uns in jüngster Zeit auch die Weiterentwicklung der Exegese entgegen. Neuere Zugänge erforschen Signale und Strukturen des Textes, seinen Platz innerhalb des Miteinanders von Altem und Neuem Testament, und zeigen, welche Leseweisen des kanonisch gewordenen «Endtextes» möglich sind. Die Hauptfrage dieser Ansätze ist nicht mehr allein, wie der Text historisch entstanden ist, sondern wie er verstanden werden kann.
Diese Zugänge erfordern in erster Linie eins: Lesekompetenz gegenüber dem biblischen Text selbst. Nicht Lexika und Kommentare bilden den ersten Schritt zum Verstehen des Textes, sondern das intensive, aufmerksame Lesen und Befragen der Bibel. Exegese ist so nichts anderes als bedächtiges, sorgfältiges Lesen. Solche leseorientierten Zugänge bieten wichtige Impulse für die Bibelauslegung in der Praxis.
Dieses Jahr ist im Katholischen Bibelwerk eine eigene Ausgabe der Zeitschrift «Bibel heute» zu diesem Thema erschienen: «Bibel lesen – auf welche Weise?» (2/2005). Darin wird Schritt für Schritt vorgeführt, wie ein solches Lesen aussehen könnte. Und es gibt ganz praktische Tipps: von der Auswahl der richtigen Bibelausgabe bis hin zum Bibellesen mit Kindern.
Und im kommenden Jahr wird das Schweizerische Katholische Bibelwerk einen kleinen «niederschwelligen» Bibelkurs «Bibel einfach lesen» für Gemeinden veröffentlichen, in dem genau diese Schritte eingeübt werden können.
Die Bibel ist es einfach wert, dass wir uns immer wieder neu um ihre Botschaft bemühen und dies auch möglichst vielen anderen Menschen ermöglichen.
Lesetipp: Die Zeitschrift: Bibel heute 162: «Die Bibel lesen – auf welche Weise?» (2/2005) ist erhältlich für Fr. 10.– (zzgl. Versand) bei: Bibelpastorale Arbeitsstelle, Bederstrasse 76, 8002 Zürich, Telefon 044 205 99 60, infobibelwerk.ch