Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03630.jsonl.gz/645

Angst bei Katzen (Verhaltensstörung)
Die Katze verhalf schon den Ägyptern ihre Kornvorräte vor Mäusen zu schützen. Mittlerweile unterstützt sie Millionen von Menschen bei der Bekämpfung der Einsamkeit. Sie lebt heute vielfach nicht mehr unter freiem Himmel, sondern in Wohnungen, wo ihr natürliches Verhalten zum Teil nicht ausgelebt werden kann. Angstverhalten kann dessen Folge sein.
Katzen fliehen meistens vor Hunden, oder Erstarren bei Schreck. Ein Angriff kann auch in Erwägung gezogen werden. Grundsätzlich ist Angst eine normale, lebenserhaltende Reaktion auf irgendwelche bedrohliche Reize. Wenn die Katze es mit der krankhaften Angst zu tun hat, werden normale, nicht bedrohliche Reize zum Problem und es kommt zu Nebenreaktionen wie Harnmarkieren, Aggression gegen Menschen oder gar Depressionen.
Natürlich sollte auch bei Katzen immer ausgeschlossen werden, dass u.A. keine Blasenentzündung oder Gelenksschmerzen bestehen, die dem Tier ein normales Verhalten verunmöglichen. Hat die Katze Schmerzen beim Urinieren, kann sie dies mit dem Kistchen in Verbindung setzen und andere Plätze suchen für die schmerzhafte Handlung. Genauso wird sie ein Kistchen meiden, das beim Reinsteigen zu Schmerzen führt.
Lilo, der 4 jährige Tiger lebt in einer 3-Zimmer-Wohnung im 4. Stock, zusammen mit Bea, eine siamesische Katze. Er schläft viel, weckt aber seine Leute regelmässig mit lautem Miauen um fünf Uhr morgens. Er langweilt sich offensichtlich.
Vor Geräuschen fürchtet er sich besonders. Sobald es auf dem Balkon etwas lärmig wird, verzieht er sich blitzartig unters Sofa. Anfangs war es nur bei Blitz und Donner, mittlerweile verschwindet er bei jedem Laut. Auch wenn Kinder unten im Garten beim Spielen schreien.
Zudem hat er angefangen die Wände zu verkratzen und seine Besitzer vom Kratzbaum aus anzufallen. Lilo lebt in dauernder Aufmerksamkeit, es könnte ja irgendwo laut werden, und er will bereit sein zu fliehen. Dies ist ein Stresszustand, den er mit Kratzen und Aggressionen gegen seine Leute abzubauen versucht. Dies kann als ein Dauerstresszustand beschrieben werden.
Deshalb braucht Lilo dringend ein Medikament (Homöopathie oder Schulmedizin), das ihm Ruhe verschafft. Dazu braucht er eine Verhaltenstherapie: er soll lernen, das Lärm auch mit angenehmen Situationen verbunden werden kann, er muss beschäftigt und sehr laute Geräusche sollten vermieden werden. Für die Beschäftigung wird ein Pipolino gekauft: dank dem Beschäftigungsspielzeug wurde Hunderten von gelangweilten, depressiven oder gar aggressiven Katzen das Leben in ein lebenswertes Abenteuer umgewandelt. Denn dank dem rollenden Futterverteiler kann die Katze stundenlang spielen und dabei immer wieder belohnt werden, ohne menschliche Präsenz.
Die siamesische Katze Bea, die mit Lilo zusammen lebt, reagiert ganz anders. Sie spielt viel mit herumliegenden Papierknäueln und kann durch die ganze Wohnung rasen. Sie miaut selten und scheint ganz zufrieden. Dies zeigt wie stark sich jedes Individuum bei gleicher Umgebung, auch bei Katzen, ganz unterschiedlich verhält. Deshalb ist es so wichtig auch Tiere individuell und spezifisch auf Ihre Reaktionsart zu behandeln.
Die Hauskatze Puff setzt seit einiger Zeit Kot aufs Bett ihrer Besitzer ab. Sie schleicht die Wände entlang und ist aussergewöhnlich aufmerksam. Die Besitzer sin diesem seltsamen Verhalten gegenüber ratlos. Bei Besuch verkriecht sie sich im Bad und kommt nicht mehr nach einiger Zeit heraus, wie sie es früher zu machen pflegte. Es stellt sich nach tiefgehendem Gespräch mit den Besitzern heraus, dass ihr Kistchen seit einigen Monaten auf dem Balkon steht. Es stank zu sehr, um es in der kleinen Wohnung im Gang zu haben. Für Puff war dies scheinbar eine grosse Verletzung ihrer Katzenwürde. Sie wurde gezwungen, ihre Bedürfnisse im Kalten auf einer unreinen Basis zu erledigen.
Nachdem ein kleines Kistchen ins Bad gestellt wurde, und die Besitzer sich anstrengten es jeden Tag zu reinigen, gab es kein Kot mehr auf dem Bett und Puff entspannte sich langsam ihrer Umwelt gegenüber.
In diesem Falle war nur die Umgebung für das auffällige Verhalten der Katze verantwortlich. Indem diese Umgebung katzenwürdig gestaltet wurde, verschwanden auch Puffs schlechte Manieren. Hier hat Puff mit Kotabsatz reagiert. Er hätte sich aber genauso die Haare ausreissen oder die Wohnung mit Urin markieren können.
Sehr oft verwandelt sich bei Katzen Verwirrung zu Angst und Angst zu Depression oder Aggression, wenn lange nicht gehandelt wird. Schläft also ihre Katze vierundzwanzig Stunden lang oder greift sie ihre Waden an, wenn sie um die Ecke kommen, reisst sie sich die Haare vom Bauch oder vom Nacken aus, ist eine Verhaltenskonsultation unumgänglich. Vielleicht braucht Ihre Katze auch nur ganz einfach eine Beschäftigung die ihrer würdig ist.
Verhaltensauffälligkeiten sollten genauso wie Herz- oder Nierenkrankheiten angegangen werden: systematisch und ernsthaft. Denn das Leiden dieser Katzen ist gross: gefangen in Ihrem Spannungszustand finden sie keine Ruhe. Ihr Umfeld erlaubt es ihnen nicht die Zeit artgerecht zu verbringen und zwingt sie früher oder später zu abartigem Verhalten.
Denn vergessen wir nicht, dass eine Katze im Freien bis zu hundert Jagdversuche pro Tag unternimmt und stundenlang konzentriert vor dem Eingang eines Mauselochs sitzen kann!
Dr. D. Reiwald