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Zeitgenössisches Erinnerungsblatt an das Inkrafttreten der Schweizerischen Bundesverfassung am 12. September 1848.
Die Fakten: Heute vor 175 Jahren, am 12. September 1848, erklärte die Tagsatzung die neue Bundesverfassung für angenommen. Der Bundesstaat entstand. Warum das wichtig ist: Die Schweiz war das erste Land Europas, das sich eine liberale Verfassung gab, wo (fast) alle Männer das gleiche Wahlrecht bekamen – und behielten. Es gilt heute in aufgeklärten Kreisen ja als wenig schick, die Geschichte des eigenen Landes zu kennen, geschweige denn auf gewisse Errungenschaften dieser Geschichte sogar noch stolz zu sein:
- Sonderfall Schweiz? Igitt
- Unsere Vorfahren haben irgendetwas richtig, ja womöglich besser gemacht als deren Kollegen in anderen europäischen Ländern? Pfui Teufel
Wenn wir allerdings den 12. September 1848 betrachten, dann bleibt uns gar nichts anderes übrig, als den schweizerischen Sonderfall zu feiern – und unseren Vorfahren dafür dankbar zu sein, was sie damals erreicht hatten. Es war eine Meisterleistung der Politik. Es bewegte die Welt.
Die Vorgeschichte: Nachdem die Liberalen und Radikalen 1847 die Katholisch-Konservativen in einem kurzen Bürgerkrieg besiegt hatten, galt es, den neuen Bundesstaat zu schaffen. Dafür war man schliesslich in den Krieg gezogen. Die Zeit drängte: Denn die Könige von Frankreich und Preussen sowie der Kaiser von Österreich hatten mit einer Mischung von Ekel und Unbehagen dem Treiben in der Eidgenossenschaft zugesehen.
- Sie rasselten mit den Säbeln
- Sie erwogen eine militärische Intervention, um dem gefährlichen, demokratischen Spuk in den Alpen den Garaus zu machen
In Bern brach Hektik aus, unschweizerische Hektik, ein demokratischer Blitz:
- Im Februar 1848 setzte sich eine Kommission von 23 Männern zusammen, um eine neue Bundesverfassung zu schreiben. Man arbeitete Tag und Nacht
- Kurz darauf prüfte die Tagsatzung den Text und nahm ihn an (Juni)
- Im Juli und August stimmten zuerst die Parlamente aller Kantone zu, dann wurde die neue Verfassung dem Volk vorgelegt (ausser in Freiburg dem Grossen Rat, in Graubünden den Gerichtsgemeinden)
- 145 584 sagten Ja, 54 320 Nein. 15 ½ Kantone nahmen an, 6 ½ lehnten ab
- Im Oktober wurde das neue Parlament gewählt, im November der erste Bundesrat
In bloss acht Monaten war die neue Schweiz ins Leben gerufen worden. Als ob die 23 Staatsgründer geahnt hätten, dass jederzeit ein Gewitter heraufziehen konnte, hatten sie die Ernte ins Trockene gebracht. Tatsächlich spielte Glück mit. Viel Glück. Früher als erwartet donnerte und blitzte es, allerdings nicht über der Schweiz.
- Im Februar und März 1848 brach in fast ganz Europa die Revolution aus
- Jetzt hatten die Monarchen andere Sorgen, als in der Schweiz zum Rechten zu sehen. Mit ihren Kanonen schossen sie nun auf die eigenen Untertanen – statt auf die Eidgenossen
Das – und Grossbritannien, welches die Monarchen von Beginn weg vor einer Intervention gewarnt hatte – rettete die neue, liberale und demokratische Schweiz. The Big Picture: Es war eine Meisterleistung. Es bewegte die Welt. Es machte die Schweiz – von neuem – zu Sonderfall in Europa:
- Die einzige Republik – umgeben von Monarchien
- und eine besonder demokratische dazu: Alle männlichen Schweizer erhielten 1848 das allgemeine Wahlrecht (ausser den Juden, sie bekamen es 1856)
- In keinem anderen Land der Welt war man schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts so weit fortgeschritten
- Selbst in Amerika nicht oder im revolutionären Frankreich: in den USA waren die Schwarzen im Süden bis 1865 vollkommen rechtlos, in Frankreich gab es seit 1848 zwar ebenfalls ein allgemeines Wahlrecht, aber ohne jeden Einfluss auf das politische Geschehen. Ein Kaiser regierte, wie es ihm beliebte (Napoleon III.)
Wir leben noch heute in diesem Bundesstaat, und die damalige Verfassung wurde seither zwar dauernd ergänzt und verändert, überdies zwei Mal einer Totalrevision unterzogen (1874, 1999), doch im Wesentlichen besteht sie bis in die Gegenwart. Nur Amerika besitzt eine ältere, kontinuierlich geltende Verfassung (und was für eine: das Staunen der Welt).
- Sonderfall Schweiz? Aber sicher.
Wenn wir darüber nachdenken, woran es liegt, dass wir 1848 als einziges Land eine erfolgreiche Revolution vollbracht haben, – während sie überall sonst scheiterte, etwa in Deutschland, Österreich, Ungarn oder Italien, – dann hat das viel damit zu tun, dass sich die Schweiz eben nicht erst 1848 als Sonderfall erwiesen hatte, sondern das schon lange vorher gewesen war.
- Auch das ist ein Tabu – in den aufgeklärten Kreisen unserer Zeit.
Faktisch war die Alte Eidgenossenschaft schon im 15. Jahrhundert zu einer Republik herangewachsen.
Offiziell huldigte man dem Kaiser, tatsächlich machte man, was man wollte.
- 1499 erlangten unsere Vorfahren die faktische Unabhängigkeit (nach dem Schwabenkrieg)
- 1648 wurde sie auch formell erzielt. Wir gehörten nicht mehr zum Reich. Den Adel hatte man schon im 14. Jahrhundert umgebracht oder nach Süddeutschland vertrieben – wo seither die glühendsten Schweiz-Hasser lebten
Der 12. September 1848 war ein grosser Tag. Der 1. August 1291 allerdings ebenso, ein nur zur Hälfte mythischer Tag, der für die sehr lange Unabhängigkeitsgeschichte der Schweiz steht. Es ergibt wenig Sinn, die beiden bedeutendsten Daten der Schweizergeschichte gegeneinander auszuspielen. Mit Genugtuung dürfen wir an beide denken. Oder um es mit Werner von Attinghausen, dem Landammann von Uri, in Friedrich Schillers Tell zu sagen: «Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit und neues Leben blüht aus den Ruinen.» Ich wünsche Ihnen einen historischen Tag Markus Somm Wer es genauer wissen will: Bundesverfassung vom 12. September 1848 Im Original (handschriftlich)