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Ist Religion auf dem Vormarsch?
Reinhold Bernhardt
Dass die Religionen auf dem Vormarsch seien, ist seit Jahren immer wieder zu hören. Doch die viel beschworene «Rückkehr der Religion» ist ein Mythos.
Als der deutsche Philosoph Willi Oelmüller 1984 ein Buch unter dem Titel «Wiederkehr der Religion?» herausgab, wurde es bestenfalls in religionsphilosophischen Zirkeln diskutiert. Doch mit dem Abbau des Ost-West-Gegensatzes änderte sich die Szene: Religion wurde als politischer Machtfaktor wahrgenommen – wobei sich der Blick vor allem auf die radikalisierten Formen richtete. Symptomatisch dafür ist das 1991 erschienene Buch «Die Rache Gottes. Radikale Moslems, Christen und Juden auf dem Vormarsch» von Gilles Kepel. Zwei Jahre später erregte Samuel Huntingtons Szenario eines «clash of civilisations» weltweite Aufmerksamkeit. Nicht nur politische und ökonomische, sondern auch kulturelle und religiöse Faktoren seien bei der Prognose zukünftiger Konflikte in Rechnung zu stellen, so seine These, mit der er die Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmung dieser Faktoren lenkte.
Desäkularisierung der Welt?
2000 erschien dann das Buch, das der neuen Fokussierung auf Religion den Namen gab: «Die Rückkehr der Religionen», geschrieben vom in den USA lehrenden Religionssoziologen Martin Riesebrodt. Damit war die Renaissance der Religion ausgerufen. Ihre Propheten wenden sich ab von der sogenannten Säkularisierungsthese, die von der sukzessiven Auflösung der Religion im Prozess der Modernisierung ausging. Stattdessen sprechen sie von einer «Desäkularisierung der Welt» (Peter Berger), und der Journalist Günther Nenning schrieb 1997: «Ein Gespenst geht um in Europa. Das Gespenst der Religion. Die illiberal gewordenen Liberalen aller Länder jagen es. Ein neues Zeitalter der Religionsfeindschaft bricht an, weil ein neues Zeitalter der Religionsfreundschaft anbricht.» Handelt es sich bei dieser neuen Zeitansage aber wirklich um eine grundlegende Veränderung der Religionslandschaften oder nur um einen Wechsel der Beobachtungsund Beschreibungsperspektive? Oder um eine Erweiterung des Blickfeldes über Mitteleuropa hinaus, das mit seinem (vermeintlichen) Religionsverfall nur eine kleine säkulare Insel im weltweiten Meer vitaler Religiosität darstellt? Oder handelt es sich um eine weniger reale und mehr mediale Erscheinung – um ein Medienphänomen also? So viel scheint sicher: Religion ist im beginnenden 21. Jahrhundert wieder Thema in der Öffentlichkeit – auch in der Schweiz. Die medialen Debatten um die Minarettverbots- Initiative kreisten nicht nur um ein Gebäude, sondern um die Präsenz des Islam in diesem Land. Allein vier Sendungen der «Arena» im Schweizer Fernsehen waren 2009 diesem Streitpunkt gewidmet, im April 2010 folgte eine weitere zum Thema «Radikale Muslime im Aufwind?» Den Eigengesetzlichkeiten des Medienmarktes entsprechend sind es besonders die radikalen Erscheinungsformen der Religionen, die in den Vordergrund der Berichterstattung gestellt werden: nicht der unauffällige «Durchschnittsmuslim», sondern der extremistische Schweizer Konvertit, der sich für die Steinigung von Frauen ausspricht. Das Schweizer Fernsehen verzeichnet 46 Sendungen auf SF1, die sich mit dem Islam befassen, davon allein 37 aus den Jahren 2008 bis Juni 2010. Die Diskussionen über den Islam rücken aber auch andere Religionsgemeinschaften in den Blick. Und sie lösen die Rückfrage nach den christlichen Wurzeln Europas und der Schweiz aus. Die Bundesverfassung ist «im Namen Gottes des Allmächtigen» erlassen, auf dem Rand eines jeden Fünf- Franken-Stücks ist ein Bekenntnis zur Vorsehung Gottes eingeprägt und auf der Nationalflagge prangt ein Kreuz.
«Religionsmonitor»: Schweiz in Spitzengruppe
Der «Religionsmonitor» der Bertelsmann-Stiftung (2008) kommt für die Schweiz zu einem überraschenden Befund: Rund 80% der Wohnbevölkerung können als religiös eingestuft werden, 22% davon sogar als hochreligiös. Weniger als 20% verstehen sich als nichtreligiös. Im langfristigen Trend kann keine anhaltende Säkularisierung breiter Bevölkerungsschichten festgestellt werden. Zwischen jüngeren und älteren Menschen lässt sich kaum ein Unterschied in der quantitativen Verteilung von Religiösen und Nichtreligiösen ausmachen. Lediglich der Anteil der Hochreligiösen ist unter den Älteren deutlich höher. Der höchste Anteil an Nichtreligiösen findet sich nicht bei den Jungen, sondern in der Altersgruppe zwischen 50 und 59 Jahren. Dabei herrscht in der Schweiz eine grosse Vielfalt an religiösen Einstellungen, Bindungen und Identitäten mit einer weiten Verbreitung auch pantheistischer Glaubensüberzeugungen. Dieser bislang detailliertesten weltweiten repräsentativen Erhebung zufolge rangiert die Schweiz im europäischen Vergleich in der Spitzengruppe in Sachen Religion. Unter den Nachbarländern sind religiöse Überzeugungen und Praxisformen nur in Italien weiter verbreitet. Demnach ist Religion hierzulande nicht auf dem Vormarsch, aber auch nicht auf dem Rückzug. «Vielmehr haben wir in der Schweiz eine grosse Stabilität des religiösen Bewusstseins in breiten Bevölkerungsschichten, das auffällig bunt und vielfältig ist», resümiert Projektleiter Martin Rieger. Die Erscheinungsformen des Religiösen verändern sich hin zu einer stärkeren Individualisierung und Pluralisierung, aber weder die These vom Rückgang der Religion noch die gegenteilige von ihrer Rückkehr lässt sich bestätigen. Ein anderes Bild ergibt sich, wenn man nicht die religiösen Überzeugungen und Praxisformen (wie die Gebetshäufigkeit), sondern die Zugehörigkeit zu Religionsgemeinschaften als Bemessungsgrundlage nimmt. Die vom Bundesamt für Statistik bei der Volkszählung 2000 erhobenen Daten lassen einen starken Anstieg der Religionslosen von 71’580 (1970) auf 810’000 erkennen. Mittlerweile dürfte diese Zahl die Millionengrenze überschritten haben. In Basel-Stadt bilden die Religionslosen die grösste Gruppe in der Statistik. Die Mitgliederzahlen der beiden grossen Volkskirchen sind demgegenüber rückläufig. Einen markanten Zuwanderungsgewinn haben nur die christlich-orthodoxen und die islamischen Gemeinschaften erzielt. Aus diesen Daten folgert die neue Studie von Jörg Stolz und Edmée Ballif, «Die Zukunft der Reformierten»: «Von einer Rückkehr der Religion(en) auf der Ebene faktisch gelebter Religiosität kann – aufs Ganze gesehen – in der Schweiz keine Rede sein.» Im Gegenteil: Religion ist auf dem Rückzug. In die gleiche Richtung geht das Urteil des Religionssoziologen Detlef Pollak: «Die Formen der Religion wandeln sich in der modernen Gesellschaft. Zweifellos. Aber mit dem Formenwandel geht ein Bedeutungsverlust der Religion einher, der alle ihre Dimensionen betrifft, ihre institutionelle und rituelle ebenso wie ihre individuelle und erfahrungs- und überzeugungsmässige. Es ist einfach nicht wahr, dass die Kirchen sich leeren, die Religion aber boomt.»
Mehr Medienpräsenz
Also doch fortschreitende Säkularisierung? Je nach dem Beobachtungsinstrumentarium, den zugrunde gelegten Erhebungskriterien und vor allem je nach dem vorausgesetzten Religionsbegriff variiert das Ergebnis. Wenn man «Religion» nur weit genug fasst, wird man eine weite Verbreitung der darunter verstandenen Phänomene konstatieren. Wenn nicht nur die Zugehörigkeit zu einer traditionellen oder neuen Religionsgemeinschaft, sondern alle (individuellen und kollektiven) Bezugnahmen auf etwas unbedingt Gültiges «Religion» genannt werden, dann ist Religion allgegenwärtig. Man verweist auf die Liturgie und die religiöse Symbolik bei grossen Sportereignissen und politischen Veranstaltungen, auf die Aufnahme religiöser Anspielungen in der Werbung, auf die Ergriffenheit beim Anblick von emotional bewegenden Kunstwerken oder beim Hören von Musik, auf die natürliche Theologie des Bergwanderers, auf beeindruckende Gemeinschaftserlebnisse, auf die Mythen in Fantasy-Literatur und in Hollywood- Filmen, auf die Verehrung des Geldes, des Autos, auf den Starkult in der Popkultur und im Sport und so weiter. «Worauf du … dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott», hatte Luther in seinem Grossen Katechismus geschrieben. Wenn alles, was für einen Menschen «Letztbezug und Höchstrelevanz» (Detlef Pollack) darstellt, in die Rubrik «Religion» fällt, dann ist auch der Fussballfan, der sich auf dem vereinseigenen Friedhof des Hamburger Sportvereins beerdigen lässt, ein Hochreligiöser. Wie weit Religion verbreitet ist, hängt also von der Weite des Blickfeldes ab. Man sieht mehr Religion, nicht weil es mehr Religion gibt, sondern weil man das Beobachtungsraster grobkörniger angelegt hat. Die Antwort auf die Frage, ob Religion (wieder) auf dem Vormarsch ist, wird je nach Perspektive also unterschiedlich ausfallen. Zweifellos gibt es eine verstärkte Wahrnehmung von Religion, eine massivere Präsenz religiöser Themen in den Medien, eine grössere Aufmerksamkeit für die Hebungen und Senkungen in der religiösen Topografie, einen lautstärkeren gesellschaftlichen Diskurs über Religion. Das heisst aber noch nicht, dass es eine «Renaissance der Religion» (Hans Joas) gibt oder dass wir in einer «postsäkularen Situation» (Peter Berger) leben. Ereignisse, die man zum Beweis des Gegenteils ins Feld führt, sind in erster Linie von den Medien hochgespielte Hybridevents. Man denke an den Papst-Hype von 2005: die weltweite Aufmerksamkeit, die der Tod von Papst Johannes Paul II., die Wahl von Benedikt XVI. und dessen Auftritt beim Weltjugendtag in Köln auslösten. Der genuin religiöse Faktor spielte dabei aber eine nebensächliche Rolle. Bei vielen Zuschauern und Teilnehmenden mag religiöse Ergriffenheit im Spiel gewesen sein. Aber zunächst waren es mediale Inszenierungen nach den Vermarktungsregeln des eventkulturellen Showbusiness. Das macht noch keinen neuen gesellschaftlichen Megatrend zu Religion hin aus. Wenn das Ereignis vorbei ist und der Medientross weiterzieht, bleibt von der angeblich wiedergekehrten Religion nicht viel übrig. Der behauptete «Vormarsch» der Religion ist nur die Kehrseite der unerfüllten Erwartung einer unaufhaltsam fortschreitenden Säkularisierung. Die unter Religionssoziologen lange heilig gehaltene Säkularisierungstheorie hat sich nicht bestätigt – noch nicht einmal für Europa – und die Verwunderung darüber schlägt nun in die Gegenthese von der «Rückkehr der Götter» um. Jede dieser grosskalibrigen Thesen lässt sich ebenso belegen wie widerlegen – je nachdem, wie und wohin man schaut und welche Brille man aufhat.
Wachstum durch Demografie
Das gilt auch, wenn man den Blick über die Schweiz und Mitteleuropa hinaus in andere Weltgegenden schweifen lässt. Vor allem durch das schnelle Bevölkerungswachstum in «christlichen » Ländern wie etwa Brasilien, Uganda oder den Philippinen nimmt das Christentum weltweit zu. In China gibt es mehr evangelische (!) Christen als in den Stammlanden der Reformation, in Deutschland und der Schweiz, zusammen. Auch der Islam wächst durch demografische Vermehrung und Ausbreitung. Aber ist es wirklich das Christentum und der Islam, die auf dem Vormarsch sind? Es sind zunächst Bevölkerungsentwicklungen, die über die Intensität der individuellen Bindung an die Religion wenig aussagen. Die Darstellung, dass es sich dabei um einen «Vormarsch» handelt, beschreibt nicht nur, sie deutet, wertet, drückt eine Angst aus und schürt damit diese Angst. Das war und ist auch die Gefahr des von Samuel Huntington proklamierten «clash of civilisations». Natürlich gab und gibt es viele Indizien, die sich zur Erhärtung dieser Prognose anführen lassen. Doch die Selektion, die Interpretation und die Gewichtung dieser Indizien sind durch die Theorie selbst vorgespurt. Entgegenstehende Evidenzen werden in der Wahrnehmung zurückgedrängt. So entwickelt sich ein Selbstbestätigungszirkel, der nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch die Handlungsstrategien lenkt und damit zu einer «self-fulfilling prophecy» zu werden droht. Es gilt die von José Casanova formulierte allgemeine Regel, dass es «auf dem Gebiet der Religion … keine global gültige Regel» gibt: «Alle Weltreligionen erleben heute eine radikale Transformation durch Modernisierung und Globalisierung. » Und die verläuft je nach den historischen Gegebenheiten eines Landes an jedem Ort auf ihre je eigene Weise. Wenn es eine Rückkehr der Religion gibt, dann besteht sie in der Rückkehr der Religion in das öffentliche Bewusstsein.