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Die zweistündige Zugfahrt im klimatisierten Zweitklasseabteil hatte an grünen Feldern und arbeitenden Fellachenfamilien durch das fruchtbare Niltal geführt. Kaum in Alexandria angekommen, winkte Alba eines der leuchtend gelben Taxis herbei. «Zur Bibliothek», sagte sie zum schnauzbärtigen Taxifahrer und rutschte auf den Sitz. Ungeduldig klammerte sie sich an die Sitzlehne des Beifahrersitzes und reckte den Hals, um etwas von den engen Strassen der Altstadt mit den ineinander verschachtelten Gebäuden zu sehen. Obwohl die Stadt nördlich von Kairo lag, strahlte sie ein südliches Flair aus.
«Wo ist das Meer?», fragte sie den Taxifahrer. Er lachte, nahm eine Hand vom Steuer und bewegte sie beschwichtigend auf und ab. «Gleich, gleich.» Als sie bei Rotlicht über eine Kreuzung schossen und dann die Uferstrasse entlangfuhren, breitete sich der glitzernde Ozean vor ihr aus, kleine Schiffchen schaukelten wie helle Wattebausche auf dem Wasser. Irgendetwas in Albas Brust öffnete sich, wurde weit, all der Druck der letzten Zeit fiel von ihr ab, in Alex rauschte der Verkehr gemächlicher, die Leute fuhren anständiger, «liebliches Alex», murmelte Alba, kurbelte das Fenster herunter und atmete die salzige Meeresluft ein. Einen Moment lang schloss sie die Augen, als sie wieder öffnete, erblickte sie eine grosse Möwe, die gerade ihre Schwingen ausbreitete und zum Flug ansetzte.
In einer Kurve hielt der Fahrer und deutete auf das Bauwerk direkt an der Strasse. «Das ist die Bibliothek.» Alba reichte ihm einen Geldschein, bedankte sich und knallte die Tür hinter sich zu. Eine flache Treppe führte zum Eingang des imposanten Gebäudes, mit seinen terrassenförmigen Treppenstufen und der Glaskuppel erinnerte es Alba an eine Muschel. Der Professor erwartete sie bereits.
«Der Meerzugang macht Alexandria zu einer offenen Stadt», sagte Mahmoud Abla. «Das meine ich durchaus auch geistig. Seit jeher haben sich hier Künstler und Intellektuelle niedergelassen und sich von der Umgebung inspirieren lassen, Alexandria ist Schauplatz zahlreicher Romane», fuhr er fort. Ist das Ihr erster Besuch?», fragte der weisshaarige Mann.
Alba nickte. «Alexandria scheint wirklich etwas ganz Besonderes zu sein.»
«Miss Wolf, wie kann ich Ihnen helfen?», fragte der Professor.
Alba räusperte sich. «Zuerst möchte ich Ihnen danken, dass Sie sich die Zeit nehmen um mich zu empfangen. Ich drehe einen Dokumentarfilm über sexuelle Belästigung in Ägypten, und daher gelange ich an Sie, Ihr Forschungsinstitut setzt sich ja mit diesem Thema auseinander.»
«Miss Wolf, hier in unseren Räumlichkeiten treffen sich jährlich über tausend Leute aus aller Welt, um in Podiumsdiskussionen und Referaten über das Problem der sozialen Ungleichheit zwischen Mann und Frau unter den Geschlechtern zu diskutieren. Im Grunde ist allen klar, dass wir zuerst dieses Problem lösen müssen, bevor wir uns an die anderen Themen wagen können.»
Albas Telefon vibrierte in der Tasche, der Professor hob die buschigen Augenbrauen. Schnell griff Alba in ihre Handtasche, Eric, las sie auf dem Display. Sie drückte ihn weg, murmelte eine Entschuldigung.
«Aber schauen sie sich einmal den Rest der Welt an, sind Frauen da wirklich frei? In China und Indien zum Beispiel ist die Lage fast noch prekärer als bei uns, und wenn Sie einen Blick auf die Industrienationen werfen, nehmen wir zum Beispiel die USA, England, Deutschland oder Schweiz: Sind die Frauen da wirklich gleichberechtigt?»
Alba neigte den Kopf zur Seite, dachte nach. «Gesellschaftlich gesehen vielleicht nicht, aber vor dem Gesetz schon.»
«Das sind sie bei uns hier in Ägypten auch.»
«Ach ja?»
«Das Problem ist, dass es immer darauf ankommt, wie die Gesetzestexte ausgelegt werden. In vielen Industrienationen ist die Präambel «Gleicher Lohn für gleiche Arbeit» im Gesetzesbuch verankert, und trotzdem wird sie immer mit Füssen getreten.»
«Wissen Sie, ich bin jetzt 23 und verstehe immer noch nicht weshalb.» Der Professor lachte ein lautes Bärentöterlachen. «Ich bin 73 und verstehe noch nicht warum.»
Sein Gelächter ebbte ab, er wurde wieder ernst: «Es hängt mit der biologischen Fähigkeit der Frau zusammen, Leben zu gebären. Mutterschaft ist eine Wahl, aber der Preis dafür wird nur von den Frauen in dieser Gesellschaft bezahlt.» Erst jetzt fielen Alba die schöne Farbe seiner Augen auf. «Bitte verzeihen Sie mir den Vergleich, aber erst wenn wir unsere Kinder im Internet bestellen können, sind Mann und Frau wirklich gleichberchtigt.»
Wieder blinkte das Telefon in ihrer Tasche, das sie inzwischen stumm geschaltet hatte. Möglichst unauffällig griff sie erneut in ihre Tasche, dieses Mal stellte sie das Telefon ganz aus. «Eine Frau ist einem Mann an Mut ebenbürtig», sagte Alba, fast trotzig.
«Sie sind der lebendige Beweis für diese These. Eine Frau ist nicht wie der Mond, sie hat ihr eigenes Licht. Aber zumindest in diesem Teil der Welt hat sich diese Erkenntnis noch nicht durchgesetzt.»