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Was hat euch zu diesem Projekt inspiriert?
Vor rund 50 Jahren wurden die letzten europäischen Kolonien in Afrika in die Unabhängigkeit entlassen. Die Kolonialherrschaft ist Geschichte - aber das Erbe des Kolonialismus wirkt weiter: In den Köpfen der Menschen, in subtilen Abhängigkeiten, in Herrschaftsstrukturen und politischen Phänomenen.
"Ich erlebe die Kolonialgeschichte überall, wo ich hingehe - in der Art, wie wir sprechen, wie wir uns kleiden, wie wir lehren, und wie wir glauben." (Mizambwa, künstlerische Leitung in Tansania)
Tansania ist gesegnet mit fruchtbarem Boden und einem grossen Reichtum an Bodenschätzen (das größte Goldvorkommen der Welt, Diamanten, Kohle, Platin, Eisen, Mangan, Kupfer, Öl, Uran und Blei). Trotz des Reichtums an Bodenschätzen lebt ein grosser Teil der Bevölkerung Tansanias - vor allem in ländlichen Gebieten - in extremer Armut. Vom Reichtum der natürlichen Ressourcen Tansanias profitiert im gegenwärtigen Wirtschaftssystem vor allem der globale Norden. Afrika wird weiterhin zum Nutzen einiger weniger Länder und Unternehmen ausgebeutet. Viele Tansanier*innen sind sich des Reichtums des eigenen Landes nicht bewusst. In den Schulen lernen die Schüler*innen nichts über die Umwelt und die Nutzung natürlicher Ressourcen für eine nachhaltige Entwicklung. «Wir, Tansanier*innen, müssen unseren eigenen Minderwertigkeitskomplex überwinden und vor allem junge Menschen ermutigen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und Verantwortung zu übernehmen, statt auf die sogenannte Hilfe der Weissen zu warten». (Mary, künstlerische Leitung Tansania)
"Mein Grossvater arbeitete viele Jahre als Lehrer für die Basler Mission. Ich wuchs mit seinen Geschichten auf. Als Kind war er mein Held. Dann wurde ich älter... " (Gabriela, künstlerische Leitung Schweiz)
Tansania war vor dem Ersten Weltkrieg (1885 – 1919) eine deutsche und nach dem Ersten Weltkrieg (1920 – 1961) eine britische Kolonie. Die Schweiz spielte eine subtilere, aber nicht weniger wirksame Rolle in der Kolonialgeschichte. Obwohl sie selbst keine eigenen Kolonien besass, hat auch sie eine koloniale Vergangenheit. Zwischen 1773 und 1830 wurden schätzungsweise 172.000 Menschen mit Hilfe von Schweizer Investoren versklavt und verschifft. Die Schweiz profitierte massiv vom Sklavenhandel. Ausserdem spielte sie eine entscheidende Rolle in der Rassenforschung und in der Missionierung. Völkerschauen und Menschenzoos waren damals in der Schweiz sehr beliebt. Im heutigen Neokolonialismus ist die Schweiz einer der wichtigsten Orte für den Warenhandel. Zürich ist der weltweit grösste Handelsplatz für Gold, während Tansania der viertgrößte Goldproduzent der Welt ist. Auch in der Entwicklungshilfe ist die Schweiz sehr aktiv. Laut dem Entwicklungshilfeausschuss der OECD liegt die Schweiz im internationalen Vergleich derzeit auf Platz acht (von 29 Mitgliedsländern) mit Ausgaben von 0,44 Prozent des Bruttonationaleinkommens (BNE) im Jahr 2019.
Der Kolonialismus ist nicht Vergangenheit, sondern er erscheint in subtilen neuen Formen und impliziten Abhängigkeiten. In unserer Wahrnehmung gibt es entweder Menschen, die sich nicht mit dem Thema auseinandersetzen oder aufgrund eines grossen Bewusstseins so viel Angst vor Fehlern haben, dass sie vor gemeinsamen Projekten zurückschrecken. Passivität scheint jedoch nicht der richtige Weg zu sein. Wir brauchen einen Perspektivenwechsel und neue Wege der Zusammenarbeit.
Was ist das Ziel eures Projekts?
Unser Ziel ist es Menschen aus beiden Ländern miteinander zu verbinden, in Dialogräume und der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Thematik soll ein bewussteres Denken und somit auch Handeln entstehen. Es soll ein Grundstein sein für eine langfristige, gleichberechtigte Zusammenarbeit zwischen dem Globalen Süden und dem Globalen Norden.
Was ist eure genaue Projektidee?
«uncovered kin» ist ein interkulturelles Theaterprojekt unter der Leitung des Kollektivs «Pambazuko». Das Kollektiv wurde 2019 gegründet und setzt sich aus Künstler*innen aus Tansania und der Schweiz zusammen. Die Produktion befasst sich mit den Nachwehen des Kolonialismus und deren Erscheinungsbild in den Beziehungen der Gegenwart. Inwiefern beeinflusste die Kolonialzeit heutige Denk- und Verhaltensmuster? Und welche wirksamen Parameter prägen die Beziehungen zwischen dem globalen Süden und Norden bis heute? Welche unbewussten stereotypen Zuschreibungen dienen uns als Orientierung für unser Handeln? Und welche Rolle spiele ich in der fortdauernden Wirkung dieses Geschehens? Unter der Leitung des Kollektivs «Pambazuko» gehen zwei Gruppen in Tansania und der Schweiz auf die Suche nach ersten möglichen Antworten.
Im Februar 2022 kommen die beiden Ländergruppen in Tansania zusammen und entwickeln eine gemeinsame Inszenierung, welche in Tansania und der Schweiz zur Aufführung kommen soll. Ziel ist es, die verschiedenen Konzeptionen von Theater und Vorstellungen von Ästhetik zu integrieren, verbinden und vermengen, um so einen neuen theatralen Erfahrungsraum zu schaffen. Wir arbeiten mehrsprachig mit eigenen und fremden Texten, möchten dem theoretischen Diskurs aber auch eine physische Auseinandersetzung gegenüberstellen. Bewegung macht eine emotionale Wucht und physische Unmittelbarkeit möglich und kann so alternative Bilder und Atmosphären kreieren. Es ist uns ein Anliegen, einen Dialograum zu schaffen und durch den gemeinsamen Theaterprozess bestenfalls sowohl die Teilnehmenden als auch die Zuschauenden in eine Auseinandersetzung mit den Folgen der Kolonialgeschichte und den eigenen Privilegien zu bringen. Mit dem Projekt möchten wir ein Bewusstsein und ein gemeinsames Verständnis für die Komplexität der Thematik schaffen. Darüber hinaus wollen wir ein gutes Beispiel für eine gleichberechtigte Zusammenarbeit in einem globalen Kontext setzen – eine Zusammenarbeit, die von der künstlerischen Leitung aus Tansania und der Schweiz gleichermaßen beeinflusst und gestaltet wird. Die gemeinsamen Proben werden durch kollektive Aktivitäten (z.B. Kochabende) ergänzt, um den informellen Austausch und das gegenseitige zwischenmenschliche Verständnis zu stärken.
Was ist das Ziel eures Projekts?
Unser Ziel ist es Menschen aus beiden Ländern miteinander zu verbinden, in Dialogräume und der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Thematik soll ein bewussteres Denken und somit auch Handeln entstehen. Es soll ein Grundstein sein für eine langfristige, gleichberechtigte Zusammenarbeit zwischen dem Globalen Süden und dem Globalen Norden.
Was habt ihr bis jetzt konkret gemacht?
Im Jahr 2019 gründeten wir das Kollektiv "Pambazuko". Wir alle haben eigene tiefgreifende Erfahrungen mit den Folgen des Kolonialismus gemacht. Im Februar und August 2021 haben wir uns in Tansania getroffen, um gemeinsam nachzudenken, zu planen, zu recherchieren, erste Ziele zu formulieren und eine Grundlage für den Arbeitsprozess zu schaffen. Wir haben begonnen, uns inhaltlich und formal zu finden, denn wir haben nicht nur unterschiedliche Perspektiven auf das Thema, sondern auch ein unterschiedliches Verständnis von Theater. Es geht darum, Gemeinsamkeiten zu finden, aber auch, Unterschiede willkommen zu heißen, sowie unterschiedliche Ideen als Möglichkeit der Bereicherung und Erweiterung des eigenen Blickfeldes zu erkennen.
Die tansanische Gruppe hat bereits einen kontinuierlichen Probenprozess etabliert, in dem sie sich inhaltlich und thematisch mit den Fragen und Inhalten auseinandersetzt. Im September 2021 hatten sie zum ersten Mal die Möglichkeit Einblicke in ihren bisherigen Probenprozess im Nafasi Art Space (eine der grössten Kulturzentren Ostafrikas) vor Publikum zu präsentieren. Durch die aktuelle Pandemie mussten wir in der Schweiz die Proben verschieben. Wir freuen uns daher umso mehr nun im Oktober 2021 mit unseren Proben in Zürich zu beginnen.
Die Gruppe besteht aus jeweils 10 Performer*innen. Die tansanischen Teilnehmenden sind Studierende, lokale Fischer*innen, Kleinunternehmer*innen und Arbeitssuchende aus weniger privilegierten Verhältnissen. Die Spielenden sind zwischen 19 und 40 Jahren alt. Es treffen dementsprechend bereits in Tansania Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, Altersgruppen und Religionen zusammen. In gemeinsamen Proben haben sie sich auf die Suche nach den Spuren des Kolonialismus in ihrem eigenen Land gemacht. Viele waren sich den gravierenden, tiefgreifenden Auswirkungen nicht bewusst. Selbst die Teilnehmenden, die Zugang zu schulischer Bildung geniessen konnten, wurden nicht ausführlich über die Thematik aufgeklärt. Ein bereichernder Austausch durfte somit bereits stattfinden. Im Nafasi Art Space konnte die tansanische Gruppe im September bereits einem Publikum einen Einblick in ihre künstlerische Auseinandersetzung geben. Durch den Erfolg der Aufführung und unseres Crowdfundings über «wemakeit» wird es eine weitere Aufführung in dem Fischerdorf Kunduchi geben. Den Teilnehmenden aus Kunduchi bedeutet die Aufführung sehr viel, da sie dadurch ihre Arbeit mit ihren Freunden und Familien teilen können, die normalerweise bezüglich der extremen Armut keinen Zugang zu Theater, Bildung und Kultur haben. Zudem haben die Spieler*innen aus Tansania einen eigenen Verein gegründet und sich als Gruppe angemeldet. Damit gelten sie als offizielle Theatergruppe in ihrem Land und können langfristig zusammenarbeiten.
In der Schweiz besteht die Gruppe aus Studierenden unterschiedlicher Vertiefungen der Zürcher Hochschule der Künste, sowie Menschen aus unterschiedlichen Berufsfeldern unter anderem einer Lehrerin und einem Architekten. Durch Infogespräche und über «wemakeit» konnten wir bereits ebenfalls einige Menschen in der Schweiz und in Deutschland erreichen. Uns ist es wichtig die Abschlussinszenierung in beiden Ländern zu zeigen, um möglichst viele Menschen zu einer eigenen Reflektion, einem bewussteren Denken und Handeln zu inspirieren. Wir halten das für notwendig, um aus dem Kreislauf der Wiederholung auszubrechen und eine gemeinschaftliche Zukunft zu gestalten.
Was ist für die Zukunft des Projekts geplant?
In der ersten Phase des Projekts, die in Tansania bereits begonnen und in der Schweiz wegen der Pandemie auf Oktober verschoben wurde, proben die beiden Gruppen separat und beschäftigen sich individuell mit dem Thema der Inszenierung. Beide Gruppen beginnen mit einer Recherche und entwickeln anschliessend Text-, Bewegung und Szenenmaterial.
Die zweite Projektphase findet im Februar 2022 in Tansania statt. Die Teilnehmenden aus Tansania und der Schweiz werden zusammenwohnen und proben. Das entstandene Text-, Bewegungs- und Szenenmaterial wird anschliessend gelesen, verdichtet und transformiert, so dass am Ende eine gemeinsame Inszenierung entsteht. Aufführungen sind am 25./26. und 27. Februar 2022 im TaSUBa College of Arts, Bagamoyo sowie im Nafasi Art Space, Dar es Salaam geplant.
Die dritte Projektphase soll im Juni/Juli 2022 in der Schweiz stattfinden. Die Teilnehmenden aus Tansania werden voraussichtlich für 3 Wochen nach Zürich kommen, so dass wir die Inszenierung auch in der Schweiz zeigen können.
Wir streben eine kontinuierliche Zusammenarbeit an, um effektive Veränderungen in der Gesellschaft bewirken zu können.
Für die Gruppe in Kunduchi ist es uns zudem ein Anliegen einen eigenen Raum zu kreieren, indem die Gruppe sich weiterentwickeln, selbstständig proben und künstlerisch tätig sein kann.
Was war ein Highlight eures Projekts?
Unser gemeinsames Kochen vor den Proben und die gemeinsamen Aufwärmübungen. Wir haben uns immer abgewechselt mit dem Anleiten und sehr viel miteinander gelacht.
Ein Projekt von
Theresa, Christine, Mary, Gabriela, Epimack
Weitere Infos
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