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Newsletter 98
März 2018
Diese Ausgabe enthält folgende Themen:
- R. Gérard Doscot: Autor, Zeichner, Historiker
- Otto Hug: "Vielen Unglücklichen ein Lichtlein sein"
R. Gérard Doscot: Autor, Zeichner, Historiker
eos. R. Gérard Doscot (1923-1968), ein Pariser Historiker und Literat mit schweizerischen Wurzeln, war einer der fruchtbarsten Mitarbeiter des Kreis oder besser des Cercle. Erste seiner Beiträge erschienen 1957, der letzte zehn Jahre später im Dezember-Heft, mit dem die Zeitschrift endete. Zwischen Doscot und dem Redaktor Eugen Laubacher / Charles Welti entwickelte sich rasch eine geistige Freundschaft, von der zahllose Briefe im Laubacher-Nachlass Zeugnis ablegen. Doscot war eine vielseitig begabte Persönlichkeit mit besonderem Interesse für die Geschichte des 18. Jahrhunderts und die Frauen, die diese Geschichte prägten, wie auch für die Exponenten der literarischen Avantgarde seiner Zeit, etwa Jean Cocteau. Auch zeichnete er sehr gekonnt mit unverwechselbarem, eigenem Strich und liess seine erotischen Vorlieben und Vorstellungen auf diese Weise Gestalt annehmen. Laubacher erfuhr davon, förderte ihn und legte sich eine Sammlung jener Zeichnungen an, die er im Kreis nicht veröffentlichen konnte.
Rechtzeitig zur Eröffnung der ersten Ausstellung über den KREIS als Organisation wie als Zeitschrift am 22. April 1999 im Schwulen Museum Berlin erschien das Buch von Hubert Kennedy "Der Kreis – Le Cercle – The Circle, eine Zeitschrift und ihr Programm". Die Ausstellung selber war den "Mitgliedern, Künstlern und Autoren" gewidmet. Doch ein Hinweis auf Gérard Doscot fehlte. Auch in Kennedys Buch stand unter "R. Gérard" nur, dass er "einer der besten literarischen Autoren" war und "ausgezeichnete Buchbesprechungen verfasste" unter "der Sigle 'R.G.D.' ". Im Abschiedswort "En guise d'adieu", worin Eugen Laubacher / Charles Welti auf seine Zeit als Redaktor des französischen Teils des Kreis zurückblickte und von den Mitarbeitern sprach (12, 1967, S. 24-27), erwähnte er auch das Jahr 1957:
"Cette année-là un nouveau collaborateur se joignit à nous: R. Gérard, qui a gagné notre amitié par de nombreux récits intelligents et sensibles et a soulevé un nouvel intérêt pour les livres par ses critiques, souvent acerbes mais enthousiastes, qu'il signe R.G.D. Écrivain lui-même et historien reconnu, il nous reste fidèle jusqu'au dernier moment puisqu'il a tenu à nous envoyer, pour ce dernier numéro, une nouvelle qui reflète bien la tristesse de tout ce qui finit."
Typisch Kreis und typisch für den perfekt in zwei Identitäten lebenden Redaktor: Er belässt seine Mitarbeiter hinter einem oder mehreren angenommenen Namen sorgfältig getarnt. Nur den unentwegt Nachforschenden gelangen später einige Enthüllungen. Im Kreis-Novemberheft 11, 1963, Seite 21, erschien ein bewegender Nachruf auf Jean Cocteau, gezeichnet mit R.G.D. Er beginnt mit "Jean Cocteau a traversé le miroir. Lui qui, tant de fois, a joué avec la mort, le voici pris au jeu". Nach diesem Hinweis auf Cocteaus berühmten Film "Orphée" erschliesst sich auf den folgenden zweieinhalb Seiten ein naher Freund und bester Kenner, der ebenso liebenswert wie geistreich einen Essay verfasst, der weit mehr als ein Nachruf ist und auch einiges über den Verfasser selbst aussagt. An einer Stelle nennt er Cocteau den einzig wahren Verzauberer der ersten Hälfte des Jahrhunderts und lässt durchblicken, dass dieses Verzaubert-sein in vielen Menschen, die seinen Werken oder ihm selbst begegneten, bis heute unauslöschlich blieb.
An seinem 80. Geburtstag im Dezember 1982 lud der ehemalige Redaktor des französischen Teils des Kreis uns beide, Röbi Rapp und mich, zum Festessen und danach in seine Wohnung ein, wo er Zeichnungen eines Künstlers bereit hielt, die er uns schenken wollte. Sie waren mit G. Scot beschriftet. Wir kannten solche Zeichnungen aus der Zeitschrift. Nur, diese hier waren bedeutend erotischer, etliche davon reine Pornografie. Dazu erklärte er, jetzt könne er es uns ja sagen, Scot sei ein Kürzel für seinen ehemaligen Mitarbeiter und Freund R. Gérard, der richtig Raoul Gérard Doscot oder R.G.D. geheissen habe und ein berühmter "homme de lettres", Schriftsteller, Künstler und Historiker gewesen, leider jedoch mit nur 45 Jahren an einer Krankheit verstorben sei. Erst 17 Jahre später, kurz nach dem Tod des Redaktors Eugen Laubacher / Charles Welti, fanden wir im Nachlass viele Briefe an "Doscot" - so waren sie bezeichnet - und erhielten Einblick in die Freundschaft, die beide Männer verband. Es sind nun fünfzig Jahre vergangen, seit die bösartige Krankheit 1968 diesen besonderen Menschen aus dem Leben riss. Hier noch weiteres über ihn und seine Werke:
Zum Nachlesen bei e-Periodica:
Otto Hug: "Vielen Unglücklichen ein Lichtlein sein"
jb. Ein "Lichtlein" wollte der deutsche Studienrat Otto Hug durch seine Mitarbeit an der Zeitschrift Der Kreis sein. Leicht hat er es sich nicht gemacht - auch den anderen nicht. Er stand dem Kreis durchaus kritisch gegenüber und bezeichnete etliche Beiträge darin als "Tanten-Dichtung". In Deutschland hätte er im Verein für humanitäre Lebensgestaltung am liebsten "Krach" geschlagen. Er schritt aufrechten Hauptes durch ein nicht ganz leichtes Leben als Homosexueller und wollte "als ganz ungebrochenes Exemplar der Gattung Mensch in die Grube steigen". Raimund Wolfert trug zusammen, was wir über diesen für seine Zeit unkonventionellen Intellektuellen wissen.