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Sollten wir uns historische Gedenkstätten – etwa das Cabaret Voltaire in Zürich – leisten?
Nicht wirklich. So lautet im konkreten Fall die Antwort derer, für die «die Musealisierung Dadas» im krassen Widerspruch dazu steht, dass «der Dadaismus die gewaltigste Attacke gegen unser Denken und Fühlen» war (Stefan Zweifel). Gedenkfeiern sind in dieser Sicht «Massengräber des Spassspiessertums». Dada muss vor «Jubiläumsattacken» geschützt werden, bei denen es lediglich darum geht «Empörung zu konsumieren».
Natürlich nicht! antworten auch jene, für die der «historische Dada eine peinliche Angelegenheit» ist (Daniel Regli). Dada ist niveaulos und populär nicht zu vermitteln. Er ist «wirr, konfus, unsinnig, absurd, abstrus, lächerlich, befremdlich, widersprüchlich». Das Volk muss vor Dada geschützt werden, genauer vor dessen «Nihilismus“, der die «Gültigkeit jeglicher religiöser, politischer, gesellschaftlicher und künstlerischer Werte» verneint. Hier wird befürchtet, dass Erinnern schädlich sein könnte.
Geschichte ist unvorhersehbar
Offensichtlich ist, dass beiden Neinsagern ein implizites «Ja» gemeinsam ist: Es scheint richtig und wichtig, sich darüber zu streiten, wessen wir gedenken. Es gibt nicht die eine Geschichte, deren wir gedenken könnten, es gibt mehrere Varianten unserer Geschichte. Unsere Geschichte ist umkämpft. Es gilt für uns analog: „Russian history is unpredictable“ (Kreml Museumsführerin). Wir konstruieren erstaunlich virtuos unsere jeweilige Geschichte. Und wir streiten deshalb korrekterweise darüber, welche Geschichte denn nun unser Gedenken verdient.
So müsste die Eingangsfrage besser lauten: Welche historischen Gedenkstätten leisten wir uns? Etwa das Cabaret Voltaire in Zürich?
Ein erstes vorsichtiges Ja deutet sich hier an. Es macht für die städtische Gemeinschaft Sinn, sich an das zu erinnern, was vor etwa hundert Jahren in der Stadt geschehen ist. Weil es nicht «natürlich» so ist, dass man weiss, was vor hundert Jahren geschehen ist. Weil es nicht so «offensichtlich» ist, wie es damals «wirklich» war. Weil die Arbeit des historischen Gedenkens die Möglichkeit bietet, in der kämpferischen Auseinandersetzung die Vergangenheit besser kennen zu lernen und umfassender zu verstehen. Dada 1916: «wirr», «negativ» und «destruktiv»? Das «grosse Nein zur gesamten abendländischen Kultur»? «Attacke auf den gesunden Menschenverstand»? Verkünder der «Dialektik der Aufklärung»? «Das international gesehen wohl bedeutendste Kulturerbe Zürichs seit der Reformation»? Eine der noch immer relevanten «leçons d’histoire»?
Die Existenz des Streites darüber, wie die Vergangenheit ausgesehen haben mag, macht geschichtsbewusstes Erinnern nicht zum Problem. Im Gegenteil: Gedenken wird so zur Lösung. Es begründet tiefgründig das Sprichwort: «Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft» (Wilhelm von Humboldt). Wie das?
Geschichte als Produktivkraft
Weil der Streit über das Geschehene Einsichten dafür liefern kann, wie die Zukunft aussehen könnte oder gar aussehen sollte.
Man kann auf die Lernfähigkeit der Menschheit setzen. Dann ist die Hoffnung naheliegend, dass die Kenntnis des Vergangenen dazu beiträgt, frühere Irrtümer und Fehlentscheidungen zukünftig zu vermeiden. Historische Analogien entspringen nicht nur der «Waffenschmiede für politische Polemik» (Caspar Hirschi). Wir können auch auf ihre produktive Kraft als selbstzerstörende Prophezeiungen hoffen: «Möge es so nie mehr geschehen.»
Die genauere Beschäftigung mit dem Geschehenen offenbart auch, was nicht geschehen ist, was also eigentlich hätte geschehen können. «Eine (noch) striktere Flüchtlingspolitik hätte Dada mit hoher Wahrscheinlichkeit verhindern können» – mag der eine oder andere Zeitgenosse träumen und in die Zukunft weiter denken.
Man kann es offensichtlich auch genau umgekehrt sehen. Hoffentlich werden wir im (längst eingetroffenen?) Ernstfall wieder angewidert sein von der Zerstörungswut von Kriegen, rebellisch gegenüber der Scheinheiligkeit herrschender Verhältnisse, zweifelnd gegenüber Scheinwahrheiten der herrschenden Meinung. Hoffentlich schaffen wir zur richtigen Zeit (also jetzt?) Raum für positive Einflüsse auch und insbesondere von «aussen». Solche, die verunsichern, wo ansonsten falsche intellektuelle Sicherheit herrscht. Solche, die in Frage stellen, was öfters vorschnell allgemeingültig zu sein scheint oder ein blinder Glaube an Wahrheit, Rationalität und Technik verabsolutiert. Solche, die dazu anleiten aufzubegehren, wann immer es sein muss. Solche, die anstrengend die Vernunft herausfordern, wenn andernorts fanatisch und gedankenlos populistisch gewütet wird.
Eine stolze Geschichte
Einst war Zürich dazu, wenn auch eher passiv denn aktiv, in der Lage – so die eine mögliche, im Kern eigentlich bürgerlich-linksliberale, Konstruktion der Stadtgeschichte im Zusammenhang mit dem Cabaret Voltaire. Das könnte und sollte zukunftsgerichtet Hoffnung machen, kritische Energien freisetzen, ungewohnte Handlungsoptionen eröffnen, mutigen Änderungswillen bestärken.
In dieser Perspektive würde die Beschäftigung mit dem Geschehenen Zukünftiges freier, breiter und kreativer vorstellbar machen: „providing a map for negotiating and shaping new futures“ (Arjun Appadurai). Orte der Geschichte in der Art des Cabaret Voltaire, also Archive des radikalen Widerspruchs, wären in der Auseinandersetzung um mögliche Zukünfte dann als „archives of memories – both material and cognitive … critical sites for negotiating paths to politically feasible maps for the future“. Das Cabaret Voltaire könnte als Gedenkstätte auch zu einer Zukunftswerkstatt werden. Ein Ort, an dem „the future as cultural fact“ mit geschaffen würde.
Das Cabaret Voltaire als «Monument des Widerstands» (Adrian Notz), als begeh- und erfahrbarer «Ermöglichungsort» (Sandro Zanetti) für die hoffnungsvolle Auseinandersetzung mit möglichen Zukünften. Gestützt auf die detaillierte und kritische Kenntnis der komplexen Beschaffenheit des kulturellen Erbes, getragen vom «Glück des Freiraums» und motiviert von der Freude daran, «den von Dada verfochtenen Unsinn als Korrektiv zu jenem – politischen, ökonomischen, habituellen – Unsinn wertzuschätzen, der von einer Gesellschaft womöglich gar nicht mehr als solcher erkannt wird.»
Das sollte Zürich sich mit Blick auf die Zukunft ganz offensichtlich und in angemessener Form und Ausstattung leisten.
Prof. Dr. Jürgen Häusler ist Markenexperte und Mitglied des Verwaltungsrats bei evoq, sowie Honorarprofessor für strategische Unternehmenskommunikation und Chairman von Interbrand Central and Eastern Europe bis zum Eintritt in den Ruhestand.
Bildquelle: Cabaret Voltaire