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Geschichte
Zwangsarbeit im Bergbau
Anfang der 90er Jahre begann sich die historische Forschung mehr und mehr den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern in der deutschen Wirtschaft zu widmen. Trotz der inzwischen zahlreichen Untersuchungen gibt es immer noch große Lücken, beispielsweise bei der Betrachtung ganzer Branchen. Der vorliegende Sammelband, das Ergebnis eines Projektes der Ruhrkohle AG unter Leitung von Prof. Dr. Klaus Tenfelde (Institut für soziale Bewegungen in Zusammenarbeit mit dem Bergbauarchiv Bochum), schließt diese Lücke zum Teil. Im Ruhrkohlenbergbau waren 350'000 ausländische Arbeiter beschäftigt. In Spitzenzeiten betrug der Ausländeranteil rund 40 Prozent.
In Insgesamt 18 Aufsätzen wird ein profunder Überblick über den Ausländereinsatz im Bergbau gegeben. Der Leser darf sich jedoch vom Untertitel des Werkes nicht täuschen lassen. Gerade einmal zwei Beiträge befassen sich mit dem Arbeitseinsatz im Ersten Weltkrieg. Dass die Quellenlage für den Ersten Weltkrieg ungleich schlechter ist als für den Zweiten Weltkrieg, liegt auf der Hand. Dennoch ist die mangelnde Gewichtung dadurch alleine nicht zu entschuldigen. Aufgewogen wird diese Schwäche durch die Themenvielfalt hinsichtlich der Arbeitseinsätze im Zweiten Weltkrieg. Neben Stein- und Braunkohlenbergbau werden besonders die besetzten Gebiete Slowenien, Sowjetunion und die Niederlande betrachtet.
Inhaltlich loten alle Beiträge die Frage des Handlungsspielraums im Bergbau aus. Wie in vielen Unternehmen verhielten sich auch die Geschäftsleitungen im Bergbau zurückhaltend, da man Sanktionen befürchtete und durch vermehrten Zufluss ausländischer Arbeiter die Produktivität in Gefahr sah. Erst ab 1942 hatten die Unternehmen keine Alternative mehr. Damit wurde eine mörderische Maschinerie in Gang gesetzt, die letztlich zu vielen zehntausenden Toten führte. Der ausländische Arbeiter war nichts mehr wert, bei Verlust standen genügend weitere Kräfte zur Verfügung. Die im zweiten Band edierten Dokumente, die fast ausschließlich die Perspektive der "Täter" und nicht die Sicht der Zwangsarbeiter wiedergibt, zeigen deutlich den polykratischen Charakter des NS-Regimes.
Trotz der Mängel, neben der Ungleichgewichtung der Quellen und Darstellungen zum Ersten Weltkrieg vor allem die Leitthese der Herausgeber, dass der Erste Weltkrieg nur ein Auftakt zum Zweiten wäre und somit nicht eigenständig zu betrachten sei, werden die beiden Bände schnell zum Standardwerk über die Zwangsarbeit im Bergbau avancieren. Das qualitative Niveau beinahe aller Aufsätze sowie deren Homogenität findet man nicht häufig in Sammelbänden. Sie verdeutlichen aber auch, das gilt gerade für den Zeitraum 1914-1918, wie viele Forschungen noch nötig sind, um den Ausländereinsatz im Vergleich angemessen darstellen zu können.