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Umfahrung Winterthur / Autobahn A1
Nach der umstrittenen Linienwahl —die Projekte durchs Dättnau oder durchs Schlosstal standen sich gegenüber— wurde die in der Stadt sehnlichst erwartete Autobahn-Umfahrung mit der Töss tangierenden und Wülflingen zerschneidenden Variante „Schlosstal“ im Herbst 1968 eröffnet. Heute 50 Jahre später ist die A1 im Bogen um Winterthur vielfach überlastet und Staus nicht ausgeschlossen.
Schon 1935 und 1943 kam eine Automobil-Umfahrungsstrasse für Winterthur ins Gespräch, im zweiten Fall verbunden mit einer vierspurigen Automobil-Fernverkehrsstrasse Zürich–Winterthur nach deutschem Vorbild. Erst in den 1950er-Jahren nahm die Idee aber konkrete Formen an. 1955 führte das Bauamt ausführliche Verkehrszählungen im ganzen Stadtgebiet durch. Sie waren die Grundlage für den „Verkehrslinienplan“ von 1957/58, der die Verkehrsführung in der Stadt Winterthur für die kommenden Jahrzehnte festlegte. Gleichzeitig plante eine eidgenössische Kommission ab 1954 ein schweizerisches Nationalstrassennetz, dessen Realisierung in einer nationalen Volksabstimmung 1958 mit grosser Mehrheit angenommen wurde. Beide Planungen sahen eine Umfahrung der Stadt Winterthur zur Entlastung der städtischen Durchgangsachsen vor – die Zürcherstrasse war gemäss den Verkehrszählungen von 1955 die meistbefahrene Strasse der Schweiz!
Das Projekt der eidgenössischen Kommission sah eine Autobahn von Zürich über Kemptthal nach St. Gallen vor, die Winterthur in einem grossen Bogen nordwestlich umfahren sollte. Während der Stadtrat in der Detailplanung ab 1960 eine Variante durch das Schlosstal bevorzugte, trat der Grosse Gemeinderat für eine etwas weitere Linienführung durchs Dättnau ein. Im April 1961 entschied der Regierungsrat zugunsten der Schlosstal-Variante, im November 1962 bestätigte der Bundesrat diese Planung mit der Fortsetzung durch die Wülflinger Ebene und einem Einschnitt durch den Amelenberg – die Stadt Winterthur hatte sich vergeblich für eine Variante nördlich von Ohringen und vom Amelenberg durch Seuzacher Gemeindegebiet eingesetzt.
Im April 1964 begannen die Bauarbeiten zwischen Töss und Wülflingen, zwei Jahre später zwischen Wülflingen und der Ruchegg, wo die Ausfahrt Oberwinterthur zu liegen kam. Der Eingriff in Landschaft und Siedlung war gewaltig, besonders in Töss , wo dem Anschlussbauwerk das traditionsreiche Hotel Krone (Link Hotel Krone), die beiden Kronenbrücken von 1850 und 1938 und ein idyllischer Abschnitt der Töss zum Opfer fielen. Der Bau der Umfahrung Winterthur geriet durch den spektakulären Einsturz der Tössbrücke bei Wülflingen am 27. Oktober 1966 national in die Schlagzeilen: Da das Stützgerüst der Belastung nicht standhielt, brach die Brücke mitten im Bau zusammen.
Am 19. September und 21. Dezember 1968 wurde die 12.7 km lange Autobahn zwischen den Ausfahrten Töss und Oberwinterthur in zwei Etappen dem Verkehr übergeben – vorerst noch ohne die Fortsetzung an beiden Enden. 1970 fand die Eröffnung der durchgehenden Autobahn A1 Winterthur–St. Gallen statt, Ende 1974 die Eröffnung der Fortsetzung von Winterthur-Töss nach Zürich. 1994 wurde der Anschluss der A4 nach Schaffhausen in Betrieb genommen.
Die Belastung der Zürcherstrasse in Töss ging mit der Eröffnung der Umfahrung zunächst markant zurück. Schon 1977 erreichte sie aber als Folge der allgemeinen Zunahme des Verkehrs wieder die Werte von 1965 und übertraf diese 1990 um ein Drittel. Auch die Autobahn A1 weist stark steigende Verkehrszahlen aus: Von 1980 bis 2015 hat sich der Verkehr auf gegen 100‘000 Fahrzeuge pro Tag annähernd verdreifacht; nur gerade an sieben Tagen floss er 2014 staufrei. Das regionale Gesamtverkehrskonzept 2005 sah zur Entlastung der Autobahn und der Stadt eine zusätzliche Autobahn-Südostumfahrung Winterthurs unter dem Eschenberg vor, die im Gebiet Neuhegi-Grüze den Anschluss ans städtische Strassennetz schaffen und dann wiederum mehrheitlich unterirdisch zur Autobahnausfahrt Oberwinterthur führen sollte. Der Kanton nahm das Projekt aber nicht in seine Planung auf; in der Folge gab es die Stadt 2006 auf. Im Programm des Bundes zur Engpassbeseitigung auf Nationalstrassen von 2014 ist der Ausbau der Umfahrung Winterthur auf sechs Spuren im zweiten Modul vorgesehen, aber (Anfang 2017) noch nicht beschlossen; der Zeithorizont für die Umsetzung reicht bis 2030.
Text: Andres Betschart
Quellen:
Winterthurer Stadtgeschichte Bd. 2, S. 286-288;
Informationen des Bundesamts für Strassen ASTRA
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