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SRF: Klaus Schmeh, selbst der amerikanische Geheimdienst scheiterte am rätselhaften Voynich-Manuskript. Weshalb wurde es bisher nicht entschlüsselt?
Klaus Schmeh: Es könnte durchaus sein, dass der darin niedergeschriebene Text keinen Sinn macht. Das ist meiner Meinung nach die wahrscheinlichste Erklärung. Aber garantieren kann ich das natürlich nicht – vielleicht findet am Ende doch jemand eine Lösung.
Sie sind Kryptologe. Was tun Sie mit einem unentzifferbaren Text wie dem Voynich-Manuskript?
Mich interessiert vor allem die Art der Verschlüsselung des Textes. Bei einer Handschrift erstelle ich zuerst eine Transkription. Das heisst, ich übertrage die unbekannten Schriftzeichen in Buchstaben.
Der zweite Schritt sind dann statistische Untersuchungen: Ich zähle die Buchstaben, analysiere wie lange die Wörter sind, wie häufig sie vorkommen. In den meisten Fällen kann man damit eine Verschlüsselung knacken – beim Voynich-Manuskript funktioniert das nicht.
Abgesehen von der unentzifferbaren Schrift: Was weiss man bisher über das Manuskript?
Es gibt Forscher, die sich etwa mit dem Material des Manuskripts auseinandergesetzt haben. Die Pergamentseiten wurden mit einer Radiocarbon-Analyse untersucht, die Farben und die Tinte unter dem Mikroskop. Kunsthistoriker und Botaniker haben sich die Bilder angesehen und versucht herauszufinden, was sie abbilden.
Wir sind weit davon entfernt, das Rätsel zu lösen.
An allen Fronten ist das Ergebnis bisher dürftig. Noch immer weiss man nicht, wer das Voynich-Manuskript geschrieben hat und zu welchem Zweck. Wir sind weit davon entfernt, das Rätsel zu lösen.
Sie kennen die meisten Lösungsansätze zum Voynich-Manuskript. Welche erscheinen Ihnen bisher plausibel?
Meine Lieblingstheorie ist, dass jemand vor rund 500 Jahren ein Buch gefälscht hat, mit dem einzigen Zweck, dieses teuer zu verkaufen. Für einen Fälscher hätte sich die aufwendige Arbeit wohl gelohnt.
Ein Buch war damals etwas viel Wertvolleres als heute. Es konnten nur wenige Leute lesen und es gab noch keinen Buchdruck. Adlige oder Klöster sammelten Bücher und waren auch bereit, eine Menge Geld dafür auszugeben.
Denkbar wäre, dass jemand dazu einen bestehenden Text durcheinandergewürfelt hat, etwa von hinten nach vorne abgeschrieben oder Zeichen ausgelassen hat.
Abgesehen von einer Fälschung: Welche anderen Motive hätte es im Spätmittelalter geben können, einen Text zu verschlüsseln?
Es gab sicherlich viele Gründe. Adlige oder das Militär verschickten verschlüsselte Briefe, denn es bestand immer die Gefahr, dass Boten abgefangen und die Briefe mitgelesen wurden.
Für einen Fälscher hätte sich die aufwendige Arbeit wohl gelohnt.
Aber ein ganzes Buch zu verschlüsseln, ist ungewöhnlich. Eine Möglichkeit wäre, dass es ein religiöser Text eines Ketzers ist, den die Kirche nicht lesen sollte.Oder ein Handwerker wollte sein Wissen vor der Konkurrenz schützen.
Damals versprach man sich übrigens auch eine magische Wirkung von der Verschlüsselung. Damit glaubte man etwa Geister oder Engel zu beschwören.
Was halten Sie persönlich von der Theorie, dass es sich um geheimes Wissen handeln könnte etwa von einem Arzt oder einem Alchemisten?
Das ist denkbar. Es sind fast keine Korrekturen im Text, jemand schrieb mit grösster Sorgfalt. Es ist also sicher kein verschlüsseltes Notizbuch – wenn, dann hätte jemand sein gesamtes Wissens zu Papier gebracht. Doch was bedeuten die Bilder? Wozu soll ich rund 130 Pflanzen abbilden, die es gar nicht gibt?
Dazu kommen die astrologischen Motive und die badenden Frauen. Dass diese Illustrationen einen Sinn ergeben, kann ich mir kaum vorstellen. Vielleicht sind sie reine Tarnung, um vom Inhalt des Textes abzulenken.
Sie arbeiten hauptberuflich mit computerbasierter Datenverschlüsselung. Inwiefern helfen moderne Verschlüsselungstechniken die historischen zu verstehen?
Wozu soll ich rund 130 Pflanzen abbilden, die es gar nicht gibt?
Die Verschlüsselungstechnik hat seit Aufkommen des Computers enorme Fortschritte gemacht. Die Verfahren die man heute einsetzt, haben mit denen vor 50 Jahren nichts mehr zu tun und erst recht nicht mit denen vor 500 Jahren.
Aber man kann den Computer natürlich auch einsetzen, um alte Verschlüsselungen zu entschlüsseln. Das ist ein sehr aktiver Forschungsbereich. Ich kann mir vorstellen, dass so noch die eine oder andere Erkenntnis zum Voynich-Manuskript gewonnen wird.
Zur Person
Klaus Schmeh ist ein deutscher Informatiker und Experte für Verschlüsselungstechniken. Er schreibt Sachbücher und betreibt einen Blog zur Geschichte der Kryptographie. Dort stellt er immer wieder ungelöste Rätsel vor. Das Voynich-Manuskript beschäftigt ihn seit rund zehn Jahren.
Das Voynich-Manuskript
Der Antiquar Wilfrid Voynich erwarb 1912 das nach ihm benannte Manuskript. Untersuchungen belegen, dass es anfangs des 15. Jh. angefertigt wurde – doch von wem? Das Voynich-Manuskript liegt heute in einer Bibliothek der Yale University. Ein spanischer Kleinverlag erstellt davon gerade 898 exklusive Kopien.
Buchhinweis
Klaus Schmeh: «Nicht zu knacken: Von ungelösten Enigma-Codes bis zu den Briefen des Zodiac-Killers», Hanser Verlag, 2012.