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Stefan Zweigs Erbin erzählt Die privaten Briefe eines privaten Paares
- Freitag, 19. Mai 2017, 8:05 Uhr
Sie war seine Sekretärin, er ein berühmter Schriftsteller. Lotte und Stefan Zweig gingen 1942 gemeinsam in den Tod. Lotte Zweigs Nichte gibt nun Briefe der beiden frei und ermöglicht so neue Einblicke.
Das Wichtigste in Kürze:
- Eva Alberman ist die Erbin Stefan Zweigs. Ihre Tante Lotte Altmann war Zweigs zweite Frau. Nun gibt sie Familienbriefe aus dem südamerikanischen Exil an die Öffentlichkeit.
- Die Briefe zeigen laut Alberman, wie Zweig mit seinem Leben haderte. Er bezeichnete in den Briefen seine Generation als überflüssig und als Versager.
- Stefan Zweig lebte priviligiert im Londoner Exil. Nach Südamerika ging er nicht aus Angst vor den Nazis, wie die Briefe zeigen, sondern weil ihn nichts mehr in Europa hielt.
Eva Alberman ist die Erbin des Schriftstellers Stefan Zweig. Heute ist sie 88-jährig. Ihre Tante war Lotte Altmann, Zweigs zweite Frau. Zusammen gingen Stefan und Lotte Zweig nach Südamerika ins Exil und nahmen sich dort gemeinsam am 23. Februar 1942 das Leben.
Der Hintergrund zu Zweigs Suizid
Das Verdikt Thomas Manns, Zweigs Suizid sei «albern, schwächlich und schimpflich», mag sie nicht gelten lassen: «Ich habe mich immer nur gewundert, warum sich die Leute gewundert haben.»
Eva Alberman spricht damit den Hintergrund dieses Suizids an: Die Verfolgung und systematische Vernichtung der europäischen Juden.
Stefan Zweig veröffentlichte seine Autobiographie unter dem Titel «Die Welt von gestern». In einem ersten Entwurf nannte er sie «Drei Leben». Dieser Titel spielt an auf sein Leben in der k. u. k Monarchie, jenes nach dem 1. Weltkrieg und jenes im Exil an. Er zog darin eine vernichtende Bilanz.
Zweig empfand seine Generation als Versager
Diese Bilanz kommt immer wieder auch zum Ausdruck in den Briefen, die er und seine Frau Lotte aus dem südamerikanischen Exil an Lottes Bruder und Schwägerin in London schrieben: «Ihr seid viel jünger und werdet sicher nach dem Krieg eine bessere Welt erleben, aber ich mit meinen ‹Drei Leben› fühle, dass meine Generation überflüssig geworden ist. Wir sind Versager und haben kein Recht mehr, anderen Ratschläge zu erteilen.»
Private Briefe zweier privater Menschen
Eva Alberman zögerte lange, Stefan und Lotte Zweigs Briefe an ihre Eltern zur Publikation freizugeben: «Lotte und mein Vater hätten es gehasst. Sie waren sehr private Menschen. Und Lotte hat Publicity wirklich nicht gern gehabt.»
Die Beziehungen zwischen den Zweigs und den Altmanns waren sehr eng. Eva lebte als Kind 1939 ein Jahr bei Stefan und Lotte Zweig in Bath, weil es dort sicherer als in London schien. Und als die Zweigs England 1940 Richtung Südamerika verliessen, hielten die Altmanns in London die Stellung.
Privilegierte Flüchtende
Eva Alberman liebte ihre Tante Lotte: «Sie war wie mein Vater. Sehr still, sehr ruhig, sehr geradlinig. Stefan sprühte vor Leben, er war entzückend, wenn es ihm gut ging. Wenn er an seinen Depressionen litt, musste man ihn in Ruhe lassen. Lotte hingegen war immer dieselbe, immer lieb, immer still, sie liess sich durch nichts aus der Ruhe bringen.»
Unter den Exilierten waren Stefan und Lotte Zweig privilegiert. Es war Zweig gelungen, einen Teil seines Vermögens von Salzburg nach London und dann nach Bath zu transferieren. Er hatte sehr viele Kontakte und war wie seine Frau sehr sprachbegabt. Die beiden hatten also gute Voraussetzungen, sich auch anderswo zuhause zu fühlen. Und sie hatten britische Pässe.
Die Armut der anderen
Eva Alberman erzählt, wie schwierig es für viele andere war: «Die meisten deutschen und österreichischen Juden hatten ein schreckliches Leben in England. Vor allem ab 1938. Da war es nicht mehr möglich, Geld mit ins Exil zu nehmen.
Leute, die früher wohlhabend waren, mussten nun putzen, um zu überleben. Und 1939, nach dem Kriegseintritt Englands, wurden sie als «enemy aliens» interniert.
Zerstörerischer Krieg
Warum Stefan Zweig England 1940 verliess, vermögen seine Briefe an Schwägerin und Schwager etwas zu erhellen. Es war wohl nicht die Angst vor einer deutschen Invasion oder der Fakt, dass die Absatzmärkte für seine Bücher einer nach dem anderen wegbrachen und er sich also zu Vortragstourneen genötigt sah.
Es war das Gefühl, dass der Krieg alles zerstörte, worauf sein Leben und Werk gefusst hatte.
- Stefan Zweig, der Exhibitionist: «Stefan Zweigs brennendes Geheimnis» sorgt für ein Rumoren im Literaturbetrieb.
- «Schönheit genug für ein halbes Leben» – Stefan Zweigs Brasilien: «Das Leben an sich ist hier wichtiger als Zeit.» – Das ist einer der schönsten Sätze in Stefan Zweigs Brasilienbuch.
Buchhinweis
Darién J. Davis und Oliver Marshall (Hg.): «Stefan und Lotte Zweigs südamerikanische Briefe – New York, Argentinien und Brasilien 1940–1942». Hentrich & Hentrich Verlag, 2017.
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