Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03515.jsonl.gz/570

| Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Einunddreissigste Homilie.
III.
Gehen nun aber die ansehnlicheren, falls die unansehnlicheren losgetrennt werden, zu Grunde, so müssen wohl jene für diese ebenso Sorge tragen, wie für sich selber, da ja ihr Heil von dem Heile derselben abhängt. Du magst tausendmal sagen, dieses oder jenes Glied sei unanständig und unansehnlich; wenn du für dasselbe nicht ebenso wie für dich selber besorgt bist, sondern es als etwas Geringes vernachlässigst, so fällt der Schaden auf dich selber zurück. Darum sagt er nicht, daß die Glieder bloß für einander Sorge tragen, sondern daß sie gleiche Sorge für einander tragen sollen, für das kleinere wie für das größere. Sage also nicht: „Dieser oder Jener ist ein gemeiner Mensch,“ sondern bedenke, daß er ein Glied jenes Körpers ist, der alle Glieder zusammenhält; und wie das Auge, so bewirkt auch dieser, daß der Körper Körper sei. Denn wo ein Körper gebildet wird, da ist kein Theil mehr als der andere; [S. 536] denn nicht Das macht den Körper aus, daß (ein Glied) mehr, das andere minder sei. Denn wie du, der du größer bist, den Körper bildest, so auch Jener, der da kleiner ist: in Bezug auf die Bildung des Körpers seid ihr gleich, und zu diesem schönen Gebilde trägt der Eine soviel als der Andere bei; das ergibt sich aus Folgendem. Gesetzt, es gäbe unter den Gliedern keinen Unterschied zwischen großen und kleinen, ansehnlichen und unansehnlichen, sondern lauter Auge, lauter Kopf: wird da der Körper nicht aufhören, Körper zu sein? Das leuchtet doch Jedermann ein. Und wieder müßte dasselbe geschehen, gäbe es lauter unansehnliche Glieder. Also auch hierin sind die unansehnlichen (den andern) gleich. Und wenn ich noch mehr sagen soll, so ist der unansehnliche Theil eben deßwegen unansehnlich, damit der Körper bestehe, also darum, daß du, der du größer bist, fortbestehest. Daher fordert er von Allen gleiche Sorgfalt, und nachdem er gesagt: „Damit die Glieder für einander gemeinschaftlich sorgen,“ erläutert er Dieses und spricht:
26. Und wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied verherrlicht wird, so freuen sich alle Glieder mit.
Denn darum, sagt er, hat Gott gewollt, daß diese Sorgfalt gemeinschaftlich sei, und hat aus diesen so verschiedenen Theilen ein Ganzes gebildet, damit auch in Bezug auf ihr Schicksal eine gänzliche Gemeinschaft obwalte. Wenn unser gemeinschaftliches Heil es erfordert, daß wir für unsere Nebenmenschen sorgen, so muß auch Freud und Leid gemeinschaftlich sein. Er fordert also hier drei Dinge: daß wir uns nicht trennen, sondern innig verbunden bleiben; daß wir gemeinschaftlich für einander sorgen; daß wir Freud und Leid mit einander theilen. Oben sagte er, daß Gott Demjenigen, dem es gebrach, reichlichere Ehre verlieh, und zeigte, daß dieses Gebrechen selber reichlichere Ehre verschaffe; hier aber stellt er sie einander gleich in Bezug auf die Sorge, die der Eine für den Andern trägt. Denn da- [S. 537] rum, will er sagen, hat ihnen Gott reichlichere Ehre verliehen, damit für sie nicht minder gesorgt würde. Jedoch nicht bloß dadurch, sondern auch durch glückliche oder unglückliche Ereignisse sind die Glieder mit einander verbunden. Ist etwa einmal ein Dorn in die Ferse gedrungen, so fühlt der ganze Körper den Schmerz und leidet daran, und es beugt sich der Rücken, Unterleib und Schenkel ziehen sich zusammen, und die Hände sind als Diener und Trabanten beschäftigt, den Dorn herauszuziehen, und das Haupt beugt sich abwärts und die Augen spähen scharf (nach der verwundeten Stelle). Wenn also auch der Fuß darin geringer ist, daß er keine höhere Stelle einnimmt, so hat er doch darin gleichen Werth mit dem Haupte, daß er dasselbe zu sich herabzieht, und um so mehr, da dieses nicht aus Gnade, sondern des Nutzens wegen geschieht. Wenn es daher auch einigen Vorzug hat, daß es ansehnlicher ist, so beweist es doch darin wieder eine vollkommene Gleichheit, daß es dem unansehnlicheren Theile Ehre und Sorgfalt erweist und sich an seinem Leiden betheiligt. Denn was ist unansehnlicher als die Ferse? Was ehrenvoller als das Haupt? Aber das eine Glied hat einen Zug zu dem andern und zieht so alle an sich. So leidet ferner Allcs, wenn die Augen leiden. Alles ist in Unthätigkeit: die Füße gehen nicht mehr, die Hände arbeiten nimmer und der Magen verschmäht die gewohnten Speisen; und doch ist es nur eine Augenkrankheit. Woher kommt es denn, daß der Leib kraftlos wird? Daß die Füße gelähmt werden? Daß die Hände erschlafft sind? Weil diese Glieder mit jenem in Verbindung stehen, leidet der ganze Körper auf eine unerforschliche Weise. Denn wäre Das nicht der Fall, so würden sie für einander nicht gemeinschaftlich sorgen. Daher fügt der Apostel nach den Worten: „Damit die Glieder für einander gleichmäßig sorgen,“ hinzu: „Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied verherlicht wird, so freuen sich alle Glieder mit.“ Und wie theilen sie denn ihre Freude? Wird das Haupt gekrönt, so wird der ganze Mensch verherrlicht; spricht der Mund, [S. 538] so erheitern1 sich die Augen und drücken ihre Freude aus, wenngleich nicht die Schönheit der Augen, sondern die Beredsamkeit der Zunge gerühmt wird. Und wieder, sind die Augen schön, so wird das ganze weibliche Antlitz2 geschmückt, wie denn auch Diejenigen sich höchlich erfreuen, an denen man die gerade Nase, den aufrechten Nacken oder andere Glieder belobt, hingegen Thränen vergießen, wenn diese fehlerhaft sind, obwohl ihre Person an sich nicht verletzt ist.
1: Γελῶσιν — rident.
2: Ἡ πᾶσα γυνή.