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Südamerika war nach Indien zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Ort, an den am meisten Schweizer Heilsarmee-Missionare ausgesandt wurden. Zwar hatte die Schweiz schon früh, nämlich 1903 und 1904, eine Dreierdelegation von Offizieren – Jakob Nüesch, Karl Pankratz und Oskar Harth – nach Argentinien geschickt. Doch nach einigen wenigen Briefen in den ersten Jahren liessen die Missionare kaum mehr etwas von sich hören.
In den 1920er Jahren zog eine grössere Anzahl Offiziere aus der Schweiz in die südamerikanischen Länder. Waren die Schweizer Missionarinnen in Asien und Afrika eher kleine, wenn auch wichtige Rädchen in einem bereits funktionierenden Werk, so leisteten die Schweizer Vertreter in Südamerika Aufbauarbeit. Die prominenteste Rolle kam David Miche zu, der die Heilsarmee in Brasilien eröffnete.
Hauptsächlich Männer oder Ehepaare zogen nach Südamerika – auch das war ein Unterschied zu den vielen ledigen Missionarinnen in Indien und Afrika. Die Männer gründeten viel eher Familien und blieben dadurch lange. Einige blieben ein Leben lang. Zudem stiessen auch erstaunlich viele Schweizer Auswanderer in Südamerika zur Heilsarmee. Was dort ebenfalls auffällt, ist die Tradition von Landesleitern mit Schweizer Wurzeln.
In Brasilien stehen bis heute zahlreiche Schweizer Salutisten im Einsatz. Aber schon in den ersten Jahren wirkte ein Schweizer an der Spitze mit: Der Jurassier David Miche baute ab 1922 die Heilsarmee in Brasilien auf. Ohne Unterbruch arbeiten seither Schweizer Missionare im Land.
David Miche erhielt als 54-jähriger Heilsarmee-Offizier den Auftrag, mit dem Heilsarmee-Werk in Brasilien zu beginnen. Oberst Miche – ein Respekt einflössender Mann mit weissen Haaren und buschigem Schnurrbart – war für diesen grossen Auftrag schon in fortgeschrittenem Alter. Doch der General suchte nach einem Offizier mit Erfahrung in katholischen Ländern. Diese Erfahrung brachte Miche mit, da er vor allem in Frankreich, Belgien und Italien tätig gewesen war. Etwas überrascht und mit einem mulmigen Gefühl akzeptierten er und seine Familie den Auftrag und traten die Reise ins fremde Land an, wie Gilbert Abadie in einer Biografie über Miche schreibt. Miche war überzeugt, dass Gott diesen Weg für ihn wollte. Zunächst ging es für den Offizier aber nach London, wo er von General Bramwell Booth instruiert wurde. „Vor unserer Abreise hat der General uns noch empfangen und uns die Fahne für Brasilien mitgegeben“, schrieb Miche.
Der Anfang in Brasilien war mühsam. Miche bekundete Probleme mit der Sprache. Im Gegensatz zu seiner Frau Stella gelang es ihm nie, portugiesisch sprechen zu lernen. Einige Monate nach seiner Ankunft in Rio de Janeiro schrieb Miche: „Eine grosse Aufgabe liegt vor uns und wir können noch nicht sagen, wie wir unsere Botschaft den Leuten am besten nahe bringen können. Doch Versammlungen im Freien, die ja für unsere Arbeit immer ein wirksames Hilfsmittel waren, werden uns auch hier gute Dienste leisten. Auf den Strassen erweckt unsere Uniform einiges Aufsehen. Manchmal grüssen uns Soldaten in der Meinung, ausländische Offiziere vor sich zu haben. Auch die Fahne, die uns der General mitgegeben hat, wird mit Interesse von unseren brasilianischen Freunden betrachtet“ (Kriegsruf, 19.8.1922).
Nur kurze Zeit nachdem er diese Zeilen geschrieben hatte, fand Miche nach langer Suche eine Halle für 150 Personen zur Miete. Unermüdlich arbeitete er weiter. Durch gute Beziehungen zum Bürgermeister und zum Polizeichef von Rio de Janeiro gelang es ihm, für die Heilsarmee einen Stand an der Landesausstellung zu ergattern und die Organisation damit bekannter zu machen. Einflussreiche und wohlhabende Gönner mit christlicher Gesinnung griffen der Heilsarmee zudem unter die Arme. Aus Argentinien, wo die Heilsarmee seit 1890 präsent war, trafen auch immer wieder Offiziere als Unterstützer ein.
Schliesslich musste Miche in Brasilien Leute finden, um die Heilsarmeearbeit zum Laufen zu bringen. Unter den Kontaktadressen, die er aus Europa mitgebracht hatte, war auch jene von Christian Balmer. Der gebürtige Berner Oberländer war für eine Kaffee-Exportfirma in Santos tätig. Als er von der Ankunft der Heilsarmee in Brasilien erfuhr, entschloss er sich, Offizier zu werden. Der erfahrene und sprachgewandte Geschäftsmann wurde der erste in Brasilien geweihte Offizier – und er blieb bis zu seinem Tod im Alter von 100 Jahren in Brasilien.
Das tropische Klima Brasiliens bekam Miche schlecht. Bereits bei seiner Ankunft gesundheitlich angeschlagen, kämpfte er immer wieder mit Krankheiten. Anfang 1928 kehrten er und seine Frau in die Schweiz zurück. Ein Jahr später trat er in den Ruhestand; 1938 starb er. Stella Miche kehrte danach nach Brasilien zurück, wo sie bei einem ihrer Söhne lebte.
Für den Pionier Miche war Brasilien ein kurzes Abenteuer. Nachdem der Grundstein gelegt war, führten aber andere Menschen sein Werk fort, unter ihnen auch zahlreiche Schweizer, die bis heute in Brasilien arbeiten. Als Landesleiter von 1950 bis 1957 ging auch das Ehepaar Maurice und France Cachelin-Hauswirth in die Geschichte des Territoriums ein.
Die über 30 Schweizerinnen und Schweizer, die in Brasilien für die Heilsarmee wirkten, leisteten zusammen mehr als 400 Jahre Dienst. Mehr Dienstjahre leisteten Schweizer lediglich im Kongo. Nebst der Evangelisation widmet sich die Heilsarmee in Brasilien besonders den Kindern. Gleich mehrere Schweizer Offiziere leiteten Kinderheime und Waisenhäuser in Brasilien. Einen besonderen Bezug zur Schweiz hat das „Blütenheim“ (Blossom Home) in der Nähe von Sao Paulo. Nicht nur standen in den 1930er und 1940er Jahren die Schweizer Offiziersehepaare Henri und Madeleine Steinmetz sowie Ernst und Sarah Hofer dem Waisenhaus vor. Es war auch der Ort, an dem Christian Balmer mit der Heilsarmee in Kontakt kam. Nach seinen eigenen Worten sorgte nicht zuletzt seine persönliche Erfahrung dafür, dass er sich zum Offiziersdienst meldete.
Stefan Trachsel
Schweizer Missionare im Ausland sind nicht immer aus der Schweiz ausgesandt worden. Vor allem in Südamerika kamen erstaunlich viele Schweizer Auswanderer zur Heilsarmee. Meist hatten sie
bereits in der Schweiz von der Heilsarmee gehört, schlossen sich aber erst im Ausland an. Dort halfen sie beim Aufbau mit und berichteten zum Teil rege von ihren Erfahrungen in die Schweiz. Das
wiederum lockte neue Missionare an.
Ein Beispiel ist Ernst Hofer: Zusammen mit einer Schwester seiner 14-köpfigen Familie aus dem basellandschaftlichen Buckten landete Hofer 1922 in Brasilien, um dort Arbeit zu finden. Nach mehreren Jahren in verschiedenen Jobs und schwierigen Erfahrungen entschloss er sich, Heilsarmee-Offizier zu werden. Die Heilsarmee kannte er schon aus der Heimat: Auf dem Nachbarshof in Buckten hielt sie Versammlungen ab.
Ernst Hofer sollte während über 35 Jahren für die Heilsarmee in Brasilien arbeiten, ehe er für den Ruhestand in die Schweiz zurückkehrte. Hofers Sohn Ernest trat in vielerlei Hinsicht in die Fussstapfen seines Vaters. Obwohl Schweizer, verbrachte Ernest die längste Zeit seiner Offizierslaufbahn in der Wahlheimat Brasilien. Heute im Ruhestand zurück in der Schweiz erinnert sich der leidenschaftliche Salutist im Gespräch, wie er Arme in den berüchtigten Favelas der Millionenstadt Rio de Janeiro besuchen ging und den brasilianischen Kriegsruf (Brado da guerra) verkaufte. „Ich wollte immer ein gutes Instrument für Gott sein“, sagt Ernest. „Könnte ich nur nochmals zurückgehen – aber mit all der Erfahrung, die ich nun habe.“
Aus Brasilien ist auch das Beispiel von Christian Balmer bekannt, der als Geschäftsmann für eine Exportfirma arbeitete, als er sich für den Offiziersdienst zur Verfügung stellte.
Ebenfalls in seiner Wahlheimat zur Heilsarmee gestossen ist der spätere Landesleiter der Schweiz, Marcel Edmond Allemand. Der gebürtige Schweizer kam 1902 in Argentinien zur Heilsarmee, wo er arbeitete, bis er 1947 seine Aufgabe in der Schweiz antrat. Zuvor war er bis zum Territorialkommandanten für Südamerika Ost aufgestiegen.
Die Auswanderer-Offiziere haben eines gemeinsam: Von allen Schweizer Heilsarmee-Missionaren hatten sie die längsten Einsatzzeiten. Das lässt sich damit erklären, dass sie im Ausland zuerst eine neue Heimat und erst dann die Heilsarmee gefunden haben. Erstaunlich ist aber auch, dass sie praktisch alle den Kontakt zur Schweiz pflegten. In vielen Briefen, die im „Kriegsruf“ und „Cri de Guerre“ abgedruckt wurden, bezeugten sie ihre Verbundenheit. Die Schweizer Freunde verdankten die Treue mit Spenden und Gaben, die im fernen Land dankbare Empfänger fanden.
Chile gehörte auch zu den Ländern, in denen viele Auswanderer als Salutisten wirkten. Der Brigadier Charles Hauswirth berichtete 1922 davon, dass „zwei Schweizer Familien, wo bei beiden der Vater der Trunksucht fröhnte, [...] sich Gott übergeben [haben] und [...] seit einem Jahr glückliche Heilssoldaten [sind]“. Zeugnisse späterer Missionare zeigen, dass sich die Heilsarmee besonders auch um eingewanderte Europäer kümmerte. Rosa Gerber, fast 19 Jahre (1949-1968) im chilenischen Sozialwerk tätig, bedankte sich im „Kriegsruf” für deutschsprachige Literatur, die sie in einem deutschen Altersheim verteilen konnte.
Chile ist eng verbunden mit Bolivien und Peru, zusammen bilden die Länder das Territorium Südamerika West. Charles Hauswirth, von 1920 bis 1924 mit seiner Frau in Chile, gilt als Planer des Werks in Bolivien. Die Offiziere wechselten ihre Posten oft über die Landesgrenzen hinweg: Daniel Goetschmann, der 1934 als 26-Jähriger in Valparaiso in Chile ankam, erhielt eine seiner ersten Bestallungen im bolivianischen Hochland. Dort besuchte er auf tagelangen Reisen zu Pferde Indios. Goetschmann leistete total 25 Jahre Missionsdienst.