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Die polnische Künstlerin Ewa Kuryluk zeigte 2022 an der Biennale in Venedig die Ausstellung «I, White Kangoroo». Seit der Direktor des Warschauer Zoos die vierjährige Ewa, die einen Beutel vor der Brust trug, zum Ehrenkänguru ernannte, ist der Titel ihr Motto.
Malerin? Zeichnerin? Textilkünstlerin? Ewa Kuryluk hat Malerei und Kunstgeschichte studiert, betätigte sich über Jahre als Journalistin, Verlegerin, Aktivistin, und malte in einem hyperrealistischen Stil. Ende der 1970er Jahre begann sie, mit Geweben zu arbeiten und auf Baumwolle und Seide zu zeichnen. Stoff lässt sich zur Installation drapieren, Faltungen und Nähte werden zum Gestaltungsmittel. Diese Arbeiten sind persönlich, intim, oft autobiografisch und voller Geschichten. Die grosse Installation «»Within Our Four Walls» besteht aus drei je zehn Meter langen Seidenstoffen in Weiss, Pink und Schwarz, die unseren Tagesablauf erzählen. Auf der weissen Stoffbahn entdeckt man Morgenaktivitäten wie Körperpflege und Kaffee, auf der kräftig rosa Bahn legt man mit Spielen und Lesen eine Pause ein, die Abendseite zeigt Entspannung, Lektüre, Zärtlichkeit. Die Faltungen der Seide legen Bruchstücke der Zeichnungen offen, andere Bildteile verstecken sich im Stoff. Der Glanz der Seide vermittelt das Licht des Tages, aber auch die Geheimnisse der Nacht.
Die Geschichte «Effi Briest» von Theodor Fontane hatte Ewa Kuryluk in ihrer Jugend beeindruckt. Effi war an einen viele Jahre älteren Mann verheiratet worden, der sie in seinem unheimlichen Haus an der Baltischen See mit Gespenstergeschichten zu disziplinieren suchte. Die Geräusche, die Effi erschreckten, stammten aber nicht vom Geist eines Chinesen (wie es ihr Mann suggerierte), sondern von auf dem Boden schleifenden Seidenvorhängen im oberen Stock. An diese Vorhänge und an den weissen Dünensand denkend, wählte Ewa Kuryluk weisse Seide als Grund ihrer Arbeit. Darauf malte sie den Garten und das wundervolle, freie Leben, von dem Effi in ihrer Backfischzeit träumte: Pflanzen, Blüten und immer wieder die Schaukel, auf der Effi hoch zum Himmel flog …
Für eine Skulpturen-Ausstellung In San Francisco gestaltete Ewa Kuryluk zwölf Stühle, über die sie mit nackten Körpern bezeichnete Baumwollhüllen legte. Obwohl hier nichts vertuscht wird, wirkt die Installation nicht pornografisch, sondern intim, als sässe Ewa in ihrem Zimmer und setzte sich mit sich und ihrer Situation auseinander. Und tatsächlich litt sie während der Arbeit an den Zeichnungen schrecklich unter der Hitze im heissen New York jenes Sommers, und manche Bilder zeigen, wie sie sich selber quält oder erschöpft auf den Stuhl kauert …
«The Theater of Love» besteht aus liegenden bzw. stehenden, bis zur Decke reichenden (Selbst-)Porträts. Die Zeichnungen sind manchmal zärtlich und liebevoll, manchmal erbarmungslos. Oft zeichnet die Künstlerin einen Stoff auf den Stoff, als würde sie Lagen übereinanderschichten. Ab und zu näht sie mit einem roten Faden ein paar Stiche. Durch den zarten Strich und die Reduktion der Zeichnungen erinnern die Stoffbahnen an religiöse Reliquien, wie zum Beispiel das Schweisstuch der Veronika.
Anknüpfend an eine korinthische Legende, in der ein Mädchen erstmals einen Schatten nachzeichnete und so die Liebe verewigte, fragt die Künstlerin nach der Bildwahrheit. Sie legt offen, versteckt, zeigt und verhüllt. Und letztendlich machen wir uns selber das Bild – Ewa Kuryluk gibt uns ein paar Striche als Anstoss, und wir erzählen uns beim Schauen unsere eigene Geschichte.
www.kuryluk.art.pl Text und Fotos: Christine Läubli Quelle: «I, White Kangoroo», Ausstellungsführer mit Texten von Ewa Kuryluk