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Nummer 86:
Obwohl Johann Peter Hebels deliziöse Kalendergeschichte «Kannitverstan» (1808) wohl alle kennen, rufe ich sie mit einer kurzen Inhaltsangabe richtig ins Gedächtnis zurück, damit wir dann eine Überlegung anstellen können, die nicht eigentlich sprachwissenschaftlich ist, aber das nicht immer erquickende Phänomen der Paretymologien etwas ausleuchtet:
Ein junger Handwerksbursche aus Süddeutschland besucht zum ersten Mal Amsterdam und bewundert dort ein prächtiges Haus, dann ein Prunkschiff, aus dem gerade kostbare Waren entladen werden. Er fragt Einheimische, wem das Gebäude und das Schiff gehören und erhält zweimal die Antwort ‹Kannitverstan› (als ein Wort verstanden und geschrieben, was jedoch für den niederländischen Satz steht: «Ik kan niet verstaan.» [Ich kann nicht verstehen.]). Der deutsche Bursche glaubt, ‹Kannitverstan› sei der Name des vermeintlichen Eigentümers und ist sehr beeindruckt von dessen Reichtum. Als er später auf einen Leichenzug trifft und fragt, wer denn gestorben sei, bekommt er wieder die Antwort ‹Kannitverstan›. Durch die erneute Missdeutung versöhnt er sich mit seinem eigenen Schicksal, weil er sich bewusst wird, dass der reiche ‹Kannitverstan› angesichts des Todes ihm, dem armen Arbeiter, nichts voraus hat.
Die Erzählung beruht auf einer realen, schriftlich belegten Begebenheit: 1757 reiste der siebzehnjährige Franzose de Custine nach Amsterdam, wo ihm ziemlich genau dasselbe widerfuhr wie dem deutschen Handwerker in Hebels Kurzgeschichte. Die Begebenheit wurde 1782 in ‹Les numéros› von Charles Peyssonel auf Französisch und 1783 in deutscher Übersetzung im ‹Luzernischen Wochenblatt› abgedruckt.Dass Hebels literarisches Kleinod auf einer realen Begebenheit beruht, tut der Kunst des Autors keinen Abbruch! Genaueres über das Verhältnis zwischen Dokumentation und Fiktion in der Literatur werde ich in der nächsten Reihe sagen, wo es nicht, wie in den ‹Amuse-Bouche›, vornehmlich um Linguistik gehen wird. — Während Hebel aus dem Prinzip, das der Kurzgeschichte zu Grunde liegt, nämlich, dass eine fremdsprachige Information falsch gedeutet wird, ein Kunstwerk schafft, haben es unzählige andere genützt, um mutwillig irre Volksetymologien oder eigentlich Fake-Etymology in Umlauf zu bringen.
Wo auch immer Europäer auf ihren Reisen auf andere Kulturen stießen und von diesen entdeckt wurden, wiederholte sich die immer gleiche, schale, einfältige Geschichte, die Namen von Vulkanen, exotischen Tieren, ungewohntem Körperschmuck, unbekannten Geräten (Bumerang) und vielem mehr erklären sollten.
Von den vielen Beispielen greife ich nur eines heraus:Als die ersten Europäer in Australien mit fragendem Blick auf ein ihnen völlig unbekanntes Tier gezeigt hätten, hätten sie ‹Känguru› zur Antwort bekommen — was überhaupt nicht erstaunen sollte, weil das Tier ja tatsächlich so heißt. Nun wurde die Sache aber deftig gewürzt: Ein Sprachforscher (der keinen Namen hat, an keiner Universität je weder lehrte noch forschte, nie etwas publiziert und sich nie zu irgendetwas anderem geäußert hat) offenbarte später, ‹Känguru› bedeute in DER (!) australischen Sprache nichts anderes als «Ich verstehe Sie nicht!» (oder: Ik kan niet verstaan.) — Interessant ist, dass dem existenzlosen Sprachpropheten aus dem Nichts gelingt, mindestens 250 Sprachen aus drei Sprachfamilien, die untereinander so verwandt sind wie Indoeuropäisch und die Turksprachen oder Finno-Ugrisch, nicht bloß auf einen Schlag zu vereinen, sondern ihnen auch noch eine Höflichkeitsform nach deutschem Bilde aus der Rippe zu hauchen. Seit Ende neunzehntes Jahrhunderts kann man in mehreren Wörterbüchern der Universitäten Canberra, Perth, London, Oxford, Southern California und anderen Forschungsinstituten nachlesen, dass ‹Känguru› (in etwa achtzig, zum Teil stark voneinander abweichenden phonetischen Varianten) immer und nur ‹hüpfendes Tier› bedeutet.
Ik kan niet verstaan, dass man auf solche Ammenmärchen reinfällt.
Nummer 87:
Aus keiner anderen Sprache sind mehr Wortstämme ins Deutsche und generell in die indoeuropäischen Sprachen eingeflossen als aus der griechischen. Sogar Anglizismen wie ‹Recycling›, ‹Hype›, ‹Lyrics›, ‹Android›, ‹Bike›, ‹Taxi›, ‹Cyber Attack›, ‹Nanotechnologie›, ‹Pentagon›, ‹Disc›, ‹Fantasy›, ‹Petrol›, ‹Basics›, ‹Mega-, Giga-, Terabyte› und unzählige mehr sind ohne linguistische Kenntnisse als griechischen Ursprungs erkennbar.
Die deutschen Wörter, die dem Griechischen entstammen, sind zu einem großen Teil direkt und meistens nicht sehr verändert übernommen. Dazu gehören: Philosophie, Geometrie (Algebra nicht, ist Arabisch), Musik, Atom, Demokratie, Theater, Strophe, Akademie, Gymnasium, Sympathie, Hygiene, Diät, Theologie, Athlet, Orthografie, Physik (Chemie nicht, ist Arabisch), Psychologie und unzählige mehr.
Richtig interessant wird es aber erst jetzt! Der wohl größte Teil der deutschen Wörter griechischen Ursprungs ist erst entstanden, als das Altgriechische bereits eine tote Sprache war! (Und Neugriechisch spielt in dieser Sache überhaupt keine Rolle.) Wenn während der vom Lateinischen dominierten Spätantike, dem Mittelalter und der Neuzeit neue Denkweisen, Einrichtungen, Entwicklungen, Erfindungen nach neuen Wörtern verlangten, um diese Neuigkeiten auch benennen zu können, bedienten man sich oft und immer öfter des Altgriechischen gewissermaßen als Steinbruch, um aus alten Wörtern und Wortelementen neue Ausdrücke zu bilden. So bildete zum Beispiel Thomas More (1478 – 1535) aus ‹οὐ› (u) ‹nicht› und ‹τόπος› (tópos) ‹Ort› das Wort ‹Utopie›, also ein ‹Nicht-Ort›, ein Ort, den es gar nicht gibt, also nicht erreicht werden kann — ein Wort, mit dem dann leider mehrere Jahrhunderte lang und bis heute viele sich selbst als weise, realistisch, erfahren und weitsichtig Bezeichnenden manchen kreativen Ansatz bei jungen und nicht nur jungen Menschen im Keim erstickt haben: «Ach hör mir doch auf! Eine gerechtere Welt ist doch bloß eine Utopie! Tu lieber deine Pflicht, damit sich ja nichts ändert!»
Aus solchen Elementen, sozusagen sprachlichen Lego-Steinchen, kann man schier alle Wörter schöpfen, die wir brauchen und in Zukunft brauchen werden. Ich mache ein paar Beispiele: ‹graph› = ‹Zeichen, Zeichnung, Schrift›, ‹hetero› = ‹verschieden›, ‹geo› = ‹Erde›, ‹phyt› = ‹Pflanze›, ‹bio› = ‹Leben›, ‹gyno› = ‹Frau›, ‹mega› = ‹sehr groß›, ‹mikro› = ‹winzig›, ‹andr› = ‹Mann›, ‹anthr› = ‹Mensch›, ‹skop› = ‹Spähen›, ‹phon› = ‹Geräusch, Laut›, ‹tele› = ‹weit weg, fern›, ‹gen› = ‹erschaffen, bilden, hervorbringen› und viele, viele, mehr! — Jetzt verstehen wir ganz leicht, dass ein Mikroskop ein Gerät ist, um Winziges zu erspähen, ein Teleskop hingegen erspäht etwas, was weit weg ist. Und ein Megaphon? Wo hatten wir das gleich? ‹mega› = ‹sehr groß›, ‹phon› = ‹Geräusch, Laut›, also muss ein Megaphon etwas sein, was einen Heidenlärm macht.
Es sind viele! Aber keine Angst: Wikipedia hat eine tolle Seite dazu! Schaut euch die Seite mal an und versucht selbst damit herauszufinden, was eine Elektrophorese ist, was Paläozoikum bedeutet, warum die Chirurgie und warum der Pneu so heißt, was man sich wohl unter einem Chronometer, einem Thermometer, einem Barometer und unter einem Hexameter vorstellen muss. — Hier ist der Link zur Seite:
Und nun zeige ich mit der Methode, was alle sowieso schon wissen, nämlich: was ein Helikopter ist. — Das Wort setzt sich zusammen aus: ‹ἕλιξ› (hélix), Genitiv: ‹ἕλικος› (hélikos) ‹Windung, Spirale, Schraube›. Die Helix finden wir auch im Zellkern, als spiralige Verwindung der DNA zur Doppelhelix. Meerschnecken gibt es auch, die so heißen, wegen ihres spiraligen Häuschens. Und Palladio, der geniale Architekt, der nannte seine traumhaften Wendeltreppen ‹a elica› (viele Italiener können das H nicht aussprechen, darum schreiben sie es gar nicht erst hin). Und jetzt zum zweiten Teil: ‹πτερόν› (pterón) ‹Flügel›. Aha! Jetzt versteht man endlich, warum die Flugsaurier in Jurassic Park Pterosaurier und Pteranodon heißen. — Jetzt brauchen wir das Fluggerät nur noch zusammenzubauen: ἕλικος + πτερόν → ἕλικοπτερ(όν): Helikopter(on).
Einige haben Angst vor dem griechischen oder eine Abneigung (eine ‹φόβία› Phobie) gegen das griechische Alphabet. Aber erstens transkribiert die oben erwähnte Seite alles auch in lateinische Buchstaben, zweitens ist das griechische Alphabet wirklich etwas, was man in allerhöchstens zwei regnerischen Nachmittagen lernen kann. Und regnerische Nachmittage gibt’s zurzeit ja mehr als genug. (Um das arabische und das hebräische Alphabet zu erlernen, brauchen Mitteleuropäerinnen und Mitteleuropäer in der Regel etwas länger — da würde ich schon mit einer ganzen Woche rechnen.)
Nummer 88:
‹σπείρεω› (spéreo) bedeutet ‹ich säe›, meint aber auch metaphorisch das Verstreuen oder Ausstreuen von irgendetwas — wegen des typischen Bildes der Handbewegung eines säenden Bauern. Man kennt ja etwa die Wendung ‹Zwietracht säen›; und Italienisch wird alles Mögliche ‹gesät›: ‹seminar zizzanie› (wie Deutsch ‹Zwietracht säen›), aber auch ‹seminar odio› (Hass verbreiten), ‹seminar dicerie o sospetti› (Gerüchte in die Welt setzen oder Verdächtigungen verbreiten), doch wenigstens auch ‹seminar speranze› (Hoffnung machen).
Etymologisch von ‹σπείρεω› abgeleitet ist die ‹Spore›: in der Biologie ein einzelliges oder wenigzelliges Entwicklungsstadium eines Lebewesens, das der asexuellen Vermehrung oder der Ausbreitung dient und kein Gamet, also keine Geschlechtszelle ist. Echte, haploide Geschlechtszellen sind hingegen die Spermien. (Haploid, von ‹ἁπλόος› [haplóos] ‹einfach›; bedeutet, dass die Erbinformation nur in einfacher und nicht wie bei Körperzellen in doppelter Form vorliegt). Auch Spermien haben dieselbe Etymologie wie Sporen.
Leute, deren Heimatlos zur Heimatlosigkeit wird, werden in viele Länder verstreut. Dann sind sie in der Diaspora, ein weiterer (trauriger) Ableger des Etymon. Aber jetzt wird’s dafür heiterer: Dieses ‹σπείρεω› hat auch unser Adverb ‹sporadisch› generiert und die Verben ‹sprühen›, ‹sprenkeln›, ‹spritzen›, ‹sprießen›, ‹springen› und die ‹Spreu›, die wir vom Weizen trennen, und die ‹Spur›, die wir verfolgen… und jedes dieser Wörter hat wie die Sporen eines wundersamen Sprosses Dutzende von Wörtern sprießen lassen und über die Sprache versprüht…
So sehr sich die Vermutung auch aufdrängen würde, die lästigen ‹Spam messages› und das ‹Spamming› hätten auch etwas mit ‹σπείρεω› zu tun, muss man diesen Verdacht aber zerstreuen und wir können die alten Griechen in diesem Anklagepunkt von aller Schuld freisprechen. ‹Spam› ist eine Kontraktion von ‹sp[iced h]am›, einem Dosenfleisch von geringer Qualität, für das mit aufsässigen Mitteln geworben wurde.
Eine letzte Kuriosität: Der Pottwal heißt auf Englisch, wie wir von Moby Dick wissen, ‹Sperm whale›. — Warum? — Nun, im Kopf der Pottwale befindet sich ein Organ, das auch Melone genannt wird und das große Mengen einer wachshaltigen gallertigen Substanz, den ‹Walrat›, enthält. Diese Substanz hielt man für das Sperma des Tieres und nannte sie ‹Spermaceti›. (‹Cetus› bedeutet auf Lateinisch Seeungeheuer).
Nebenbei: Auf Italienisch heißt der Pottwal ‹capodoglio›, ‹Ölkopf› (wegen des Walrats im Kopf); auf Spanisch ‹cachalote›, ‹viel Jagender, tüchtiger Jäger›; auf Griechisch ‹φῡσητήρ› (Physeter), ‹der Pustende›. Das deutsche Wort ‹Pottwal› ist aus dem Niederländischen ‹potswal› direkt übernommen und vergleicht den Kopf des Tieres mit einem Pott oder Topf.
Nummer 89:
Die deutsche Cousine, die Base, die gibt es, zusammen mit der niederdeutschen Variante ‹Wasa›, schon seit dem Althochdeutschen bedeutungsgleich, allerdings mit der Anmerkung, dass im 8. bis 10. Jahrhundert die Bezeichnung auch für die Tante und für die Frau des Cousins verwendet wurde. Sprachgeschichtlich hat sie mit allem Folgenden nichts zu tun.
Alles Folgende hängt hingegen zusammen wie eine Traube:
Die Basis bildet das griechische Wort ‹βασις› (basis), das ‹Basis› bedeutet. Dass das Wort in der Geometrie, in der Baukunst, in der Soziologie, in der Demokratie, in der Pädagogik, in der Kommunikationstheorie, in der Rhetorik, in Kochrezepten und überall schier Verwendung findet, muss man nicht speziell erwähnen. In der Chemie hat das Wort eine leichte Veränderung erfahren und bedeutet als ‹Base› eine nicht saure Lösung, das heißt: pH-Wert größer als 7.
Was war die Basis eines Staates in vordemokratischer Zeit? — Natürlich der ‹βασιλεύς› (basileus), der König. Und dieser König von Konstantinopel und später Byzanz wohnte in einer ‹βασιλική› (basiliké), einem prunkvollen Palast, aus dem später die lateinische und noch später die italienische ‹Basilica› wurde; bei den Römern noch Sitz der Richter und des Gerichts, im Mittelalter dann die Hauptkirche eines Bischofs, Erzbischofs oder des Papstes, gleichbedeutend mit ‹Dom› (der abgeleitet ist von ‹domus› = ‹Haus›). Dom sagte man eher im Norden, Basilika eher im Süden, so heißt der Petersdom auf Italienisch ‹Basilica di San Pietro›. Als Vena basilica, Königsvene, bezeichnet man auch die Armvene, die zum Beispiel beim Blutspenden angezapft wird.
Königlich war für mediterrane Gaumen aber auch das ‹βασιλικόν› (basilikón), das Königskraut, das wir als Basilikum kennen. Ein beliebter männlicher Vorname war und ist, obwohl heute ein bisschen weniger häufig, ‹Βασιλειος› (Basileios), Lateinisch ‹Basilius› und heute ‹Basil›. (Jetzt bekomme ich grad Lust auf Rossinis ‹Barbiere di Siviglia›, speziell auf die Arie des Don Basilio!)Ein solcher Basilius, von dem wir leider gar nichts wissen, gab unserer Stadt den Namen. Die älteste schriftliche Erwähnung aus dem Jahr 374 sagt, dass Kaiser Valentinian mit seinen Truppen bei Basilia gelagert habe.
Den Diminutiv ‹βασιλίσκος› (basilískos), also ‹Königlein› verwendete man als Namen für einen Drachen, der zwar kleiner ist als die Feuer speienden, die der Heilige Georg jeweils töten muss, aber dafür ist er insofern wahrhaft königlich, als er nicht einmal einen Feuerwerfer-Atem braucht — er tötet nämlich allein mit dem Blick: der Basilisk. Nach ihm haben dann die Biologinnen und Biologen viel später auch eine Gattung aus der Familie der Leguane benannt.Radio Basilisk ist in Basel ein beliebtes Lokalradio.
(Nicht verwandt, obwohl ebenfalls aus dem Griechischen stammend, ist der Name der Gesteinsformation ‹Basalt›, aus ‹βασανίτης› (basanítes), ‹sehr hart›.)
Nummer 90:
Schlips oder Selbstbinder wird der wohl merkwürdigste Artikel der Textilbranche erst seit dem 20. Jahrhundert genannt. So steht es in den sprachgeschichtlichen Werken. Und sehr viel älter ist der Stoffstreifen gar nicht, dessen genaue Funktion für einmal wesentlich mysteriöser ist als die Etymologie.
Dass die Krawatte würgt, einengt, die Kehle zuschnürt, dass man keine Luft kriegt, stimmt nicht. Das wird wohl eher damit zusammenhängen, dass man sie zu eng bindet, und diesen Effekt könnte man, wenn man wollte, ganz gut auch mit einem Schal oder mit einem Strick erzielen. Ich trage ganz gern ab und zu eine Krawatte, vor allem zu unpassenden Gelegenheiten wie etwa bei einer Lesung, denn bei Künstlern und Schriftstellern ist das textile Ornament verpönt. Aber warum sollte man auf einer Bank oder bei einer Versicherungsgesellschaft eine Krawatte tragen? Da sind ja alle so rigoros und durchgehend krawattiert, dass gar keiner merkt, dass das Ding keine Funktion hat. Und etwas Sinnloses zu tragen, wenn es niemandem auffällt, dass es sinnlos ist, ist doch absolut sinnlos, folglich ist der Anlass, zu dem man eine Krawatte trägt, der eigentliche Anlass, zu dem man keine Krawatte tragen sollte.
Natürlich gibt es auch um die Entstehung des unnützen Stoffstreifens eine Fülle von unnützen Geschichten wie etwa jene, wonach Soldaten (schon wieder die Soldaten!) durch Paris gezogen seien — und die hätten alle einen gebundenen Schal getragen. Darauf hätten, wie nicht anders zu erwarten, alle Pariser Männer augenblicklich das Bedürfnis verspürt, sich einen Schal um den Hals zu binden. Und selbstverständlich war ihnen die Sache so peinlich, dass sie sämtliche schriftlichen Belege für die Geburt des einzigen Symbols, das nichts weiter als ein Symbol ist und ausschließlich sich selbst symbolisiert, radikal zu vernichten.
Durch Bild und Schrift dokumentiert ist hingegen Folgendes: Feine, leichte, oft kostbare, nicht selten seidene Foulards mit reiner Zierfunktion waren im 19. Jahrhundert beliebt, etwa bei Dandies wie Oscar Wilde. Einen bestimmten Namen hatten sie lange nicht. Da und dort erfanden einzelne Pariser Geschäfte Bezeichnungen für die Mode wie ‹à la viennoise›, ‹à l’italienne›, ‹fleur de Florece› oder man gab ihr den Namen des Schöpfers: ‹Gaston›, ‹Philippe›, ‹Laurent› etc. — Nur eine dieser Bezeichnungen war von Dauer, obwohl auch sie sich nur sehr langsam durchsetzte: ‹à la croate›. Tatsächlich war etwas Ähnliches wie eine Krawatte im 17. Jahrhundert Teil der Uniform kroatischer Soldaten, was jedoch die Pariser Modebranche eher zur Namensgebung als zur Gestaltung des besagten textilen Schmucks inspirierte. In den Achtzehnhundertachtzigern verkaufte man in Paris einen winzigen Schal, den man nicht knüpfen musste, weil er bereits geknüpft zusammengenäht war und den man mit Stoffbändern am Hals befestigte. Es war die Vorstufe der Fliege und die wurde ‹Hrvatska› (Kroatien auf Kroatisch) genannt. Das war für Franzosen aber nur mit Mühe auszusprechen, sodass daraus bald ‹à la cravate› und später einfach ‹cravate› wurde.
Vorerst gab es aber nur die Fliege. Die Enden der zur Fliege geknüpften Schleife wurden jedoch immer länger und fielen, über oder unter dem Rock, auf die Brust, bis man beschloss, sie anders zu binden und die beiläufige Schleife zum eigentlichen Gegenstand zu befördern. Weil aber einige noch an der alten ‹cravate› hingen, die nun den Namen an die Krawatte abgetreten hatte, brauchte man für die Fliege einen Ersatznamen und nannte sie ‹papillon›. Auch auf Italienisch heißt die Fliege ‹farfalla› (Schmetterling).