Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03304.jsonl.gz/2598

In der alten Mühle zu Seon wohnte im vorigen Jahrhundert ein Junker, welcher sich bei den Leuten in der Umgegend dadurch sehr verhaßt machte, daß er sie zwang, ihr Getreide alles auf seiner Mühle mahlen zu lassen. Er hatte einen Hund, den er über alles liebte, und als ihm das Tier starb, ließ er ihm einen Sarg machen und in seinem Garten das Grab graben. Den folgenden Tag, als es im Kirchturme Mittag läutete, zog der Junker den Leidmantel an, den man beim Begräbnisse von Blutsverwandten trägt, und schritt hinter dem Sarge drein, den zwei Knechte auf einer Bahre trugen. Auf das Grab wurde eine Trauerweide gepflanzt, und lange noch sah man den Junker und sein Gesinde Trauerkleider tragen. Seitdem er selbst gestorben ist, hat sein Geist keine Ruhe finden können; man sieht ihn zu gewissen Zeiten im Trauergewande hinter seinen Knechten bis zum Grabe des Hundes schreiten und dann wieder in die Mühle zurückgeben. Als man vor etlichen Jahren an jener angeblichen Stelle im Wieslande des Müllers nachgrub, ist man wirklich auf ein Grab gestoßen, in welchem sich ein sehr großes und ziemlich erhaltenes Menschengerippe vorfand.
(Seminarist J. R. Suter v. Seon.)
Band 3.1, Quelle: Ernst L. Rochholz, Naturmythen, Neue Schweizer Sagen, Leipzig 1962, S. 87 - 88
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung www.maerchen.ch