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Elisabeth Vetter war die erste Redaktorin Schaffhausens. Die Schnäuze legten ihr Steine in den Weg. Sie liess sich nicht beirren.
Eine Mischung aus heissem Ärger und kühler Genugtuung floss in Elisabeth Vetters Hände. Am 29. Juni 1977 tippte sie einen kurzen Brief auf ihrer Schreibmaschine. Adressat war Walther Bringolf, 81-jähriger Patriarch der sozialdemokratischen Partei und Verwaltungsratspräsident der Schaffhauser AZ.
Sehr geehrter Herr Bringolf,Elisabeth Vetter
hiermit kündige ich meine Stelle als Redaktorin … Ich gebe damit meinen Platz frei für einen «besseren Parteifunktionär» und einen «besseren Sozialdemokraten» … Sie, Herr Bringolf, machten mich ja verschiedentlich recht deutlich darauf aufmerksam, ich müsse mit der sofortigen Kündigung rechnen … Ich danke Ihnen, dass man mich hier bei der AZ so lange «geduldet» hat.
Jahre später erzählte Elisabeth Vetter von den wahren Gründen für die Entlassung: Walther Bringolf wollte den zweiten Teil seiner Memoiren verfassen. «Er begann, mich zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten zum Diktat (nach Hause) zu bestellen», sagte Vetter. Dagegen wehrte sie sich, worauf Bringolf mit der Entlassung drohte.
Sie wäre aber nicht Elisabeth Vetter, wenn sie nicht Jahre später gelassen über Bringolf sagen konnte: «Er war ein einsamer Mann, und schliesslich weiss man nie, wie man mal mit 80 sein wird.»
«Eifach kein Pfarrer»
Elisabeth Vetter, geboren 1945 im streng katholischen Kanton Schwyz, war das zweitjüngste von sieben Geschwistern. Ihr Vater war Gymnasiallehrer, ihre Mutter kümmerte sich um Kinder und Haus. «S Lisbethli» besuchte ein katholisches Internat, bildete sich zur medizinischen Laborantin und dann zur Korrektorin aus.
Mit dem Katholizismus stand sie früh auf Kriegsfuss. Ihr Sohn, der Satiriker Gabriel Vetter, erinnert sich, wie sie ihm, als man über ihre Beerdigung sprach, sagte: «Es söll cho, wer mag. Wichtig isch: eifach kein Pfarrer.»
1966, mit 21, wurde Elisabeth Vetter schwanger – unverheiratet. Es war die Zeit, als junge Frauen wegen «sittlicher Verwahrlosung» kurzerhand weggesperrt wurden; als Tochter einer honorablen Familie blieb ihr dies erspart. Vetter brachte eine Tochter zur Welt und arbeitete als Korrektorin.
Anfang der Siebzigerjahre kaufte sie ein Bauernhaus im thurgauischen Schlattingen; sie war inzwischen mit ihrem Partner Martin Vetter verheiratet (und blieb es bis 1982). Die Hintertür zur Küche stand stets offen, ständig gingen irgendwelche Leute ein und aus. Über dem runden Holztisch in der Küche vermischten sich Zigarettenrauch, Heiterkeit und Politik.
Das Motto der Emanzipation der Siebziger – «Das Private ist politisch» – lebte Elisabeth Vetter.
1974 begann sie, für die Schaffhauser AZ zu schreiben. Per 1. Januar 1976 wurde sie die erste zeichnungsberechtigte Redaktorin der Region. Von Anfang an stiess Elisabeth Vetter auf Widerstand der Schnäuze und Geheimratsecken. Vetter musste sich, neben dem Schreiben, um die Honorare der Autoren kümmern. Dennoch verdiente sie mit 2 520 Franken pro Monat deutlich weniger als ihre Redaktionskollegen Arthur Müller (3 600 plus Zuschläge) und Hugo Leu (3 250).
Und dann wollte sie, im Gegensatz zu den journalistischen Knollennasen, nichts trinken. Damals gab es bei allen Pressekonferenzen und zu jeder Tageszeit Apéros; der sechste Sinn des Journalisten war der Sinn nach einem trockenen Weissen. Doch Vetter, wie sie später erzählte, habe nur einmal getrunken. Dann sei sie angesäuselt vor dem Schaffhauser Kantonsgericht auf der Eingangstreppe gesessen und habe ein Lied gesungen. Immerhin, geraucht hatte Elisabeth Vetter zeitlebens für zwei.
Oft arbeitete sie abends allein auf der Redaktion, um die Zeitung abzuschliessen. Und oft, wenn jemand das Büro aufsuchte, wurde sie gefragt: «Ist niemand da?» Sie antwortete jeweils: «Doch, ich bin da.» Worauf man sie befremdet anschaute und meinte: «Ich meine die Herren Redaktoren!»
Dabei stach, durchkämmt man die Arbeiter-Zeitungen jener Jahre, Elisabeth Vetters bissige und nicht selten enorm lustige Sprache aus dem staubigen Parteifunktionärdeutsch hervor – die AZ war damals offizielles SP-Organ. So schrieb sie im Juni 1976 über das Stadtparlament: «Wegen der gestrigen Hundstagshitze erlaubte der Ratspräsident …, sich teilweise zu entblössen, das heisst, die anscheinend zur Aufrechterhaltung des Vaterlandes notwendige standesgemässe Jacke abzulegen.»
Vetter schrieb auch Gerichtsberichte. Als sie den Gerichtssaal zum ersten Mal betreten wollte, verwehrte man ihr den Zutritt – was sucht eine Frau hier? Jedenfalls: Bald machte sie sich einen Namen. «D Vetteri» nannte man sie oder «Die rote Lisbeth».
Rücktritt des VR-Präsidenten
Am meisten Probleme hatte Elisabeth Vetter mit den grauen Eminenzen der SP, die sich in ihre Arbeit einmischen wollten. Das vertrug sich schlecht mit Vetters Arbeitsethos.
Seine Mutter habe einen «Gerechtigkeits-Eifer» gehabt, meint Gabriel Vetter, der auch Freunde unerbittlich habe treffen können.
Im Juni 1976 kam es zu einem Streit in der AZ. Elisabeth Vetter schrieb einen kurzen Bericht über den Freispruch eines bürgerlichen Stadtrats, der wegen Ehrverletzung angeklagt worden war. Ernst Illi, 73-jähriger Präsident des AZ-Verwaltungsrats, erschien auf der Redaktion und wollte den Bericht zensieren. Vetter weigerte sich, worauf Illi voller Wut zurücktrat.
Die AZ besass eine sogenannte Redaktionskommission. Sie entschied über den Inhalt der Zeitung. Einsitz hatten diverse Parteigrössen, darunter Walther Bringolf, Regierungsrat Paul Harnisch oder Chefredaktor Arthur Müller. Auch über den Illi-Vorfall diskutierte man.
Es sei natürlich kein Zustand, wenn Frau Vetter befehle, ob etwas erscheine oder nicht, sagte Bringolf. Wenn Frau Vetter sich nicht einfügen könne, sei ihr zu kündigen. Paul Harnisch stiess ins selbe Horn: «Frau Vetter ist auch familiär überfordert … Die Kräfte reichen nicht. Frau Vetter soll nicht politisch eingesetzt werden.» Markus Wüthrich verteidigte Vetter jedoch: «Man darf die Zeit nicht vergessen, als Frau Vetter als einzige fleissig gearbeitet hat. Die Arbeit von Frau Vetter: Reportagen und Gerichtsberichte sehr gut. [Sie] hat sich einen Namen geschaffen und ihre Neigungen bestehen in Richtung Strassenjournalismus.»
Schliesslich entschied man sich gegen ihre Entlassung, «können wir uns nicht leisten», so die Begründung. Doch Vetter blieb immer wieder Thema an den Sitzungen. Man stellte insbesondere ihre «Belastbarkeit» infrage. Eine Kritik, mit der ihre Kollegen nie konfrontiert wurden. Zu Recht beschwerte sie sich, die Kommission würde sie unterschätzen.
Als Walther Bringolf begann, sie zum Memoiren-Schreiben zu sich nach Hause zu zitieren, hatte Elisabeth Vetter genug und kündigte. Die Redaktionskommission schäumte. Sie habe «die elementarsten Regeln des Anstandes» verletzt, hiess es.
Redaktionsleiterin beim Bock
Vetter wechselte zum bürgerlichen Schaffhauser Bock, wo sie mehr Freiheiten besass. Zwischen 1977 und 1983 war sie Redaktionsleiterin. Sie prägte die Öffentlichkeit mit ihrer Rubrik «Von oben herab», in der sie Parlamentsdebatten von der Tribüne aus beobachtete und den Tanz der Eitelkeiten süffisant kommentierte. Das Pausenbrot eines Politikers konnte plötzlich genauso aussagekräftig sein wie eine krumme Metapher.
1983 kam ihr Sohn Gabriel auf die Welt – wieder zog sie ihn allein gross. In der Folge arbeitete sie als freie Journalistin.
«Sie arbeitete sehr viel», erinnert sich Gabriel Vetter. «Ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem in unserem Haus nicht irgendein Text produziert worden wäre. Oft arbeitete sie bis spät in die Nacht. Als kleines Kind fiel ich fast jeden Abend unter ihrem Bürotisch in den Schlaf, dem Klappern ihrer Schreibmaschine lauschend.»
Die kommenden Jahre waren geprägt von Geldsorgen. 1994 musste sie das Bauernhaus in Schlattingen verkaufen und zog nach Beggingen, später nach Stein am Rhein. Dort eröffnete sie 2003 einen Souvenirladen. 2010 musste sie ihn, nachdem sie zwei Herzinfarkte erlitten hatte, aufgeben. Seit den Achtzigerjahren kämpfte sie mit gesundheitlichen Beschwerden. Auf Nierenprobleme folgte eine chronische Lungenerkrankung (das Rauchen). Am 8. Juli 2015 starb sie mit 70 Jahren.
Was bleibt von Elisabeth Vetter? Sicherlich einige leere Zigarettenschachteln – und darüber hinaus eine neue Sprache in der Schaffhauser Presse, eine voluminöse Sprache mit Gespür fürs Komische.
1986 besuchte sie eine Sitzung des Schaffhauser Regierungsrats. Es war eine der letzten Gelegenheiten, kurz darauf wurde das Gesetz geändert und die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Vetter also platzte unangemeldet in die Sitzung und dokumentierte die Verhandlungen. Sie schrieb: «Es tönt … wenig musikalisch, wie meistens, wenn senkrechte und bodenständige Eidgenossen versuchen, sich in gepflegtem Hochdeutsch auszudrücken.»
Abschliessend protokollierte sie «eine kleinere Meinungsverschiedenheit» wegen der Verpflegung von Soldaten: «Der Militärdirektor, noch nicht allzu lange im Amt und demzufolge, wie er betont, ‹ein Neuling›, weiss nicht, wie er angesichts der allgemeinen Sparappelle mit dieser hochnotpeinlichen Angelegenheit verfahren soll. Der Justizdirektor schlägt, ganz praktischer Mann vom Land – er war früher Heuhändler – Chäs-Chüechli vor.»
Frauen, die Schaffhausen bewegten
Dieser Artikel ist der 4. Teil der AZ-Serie über Frauen, die Schaffhausen geprägt haben – auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Lesen Sie hier die weiteren vier Porträts:
Teil 1: Fräulein Dr. Schudel, Anwalt
Teil 2: Die Revolutionärin
Teil 3: Filmreife Glamour-Ganovin
Teil 5: D’Frau Mäjoor