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Bereits vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie waren ArbeitsmigrantInnen in Südostasien kaum geschützt. Reiko Harima vom Mekong Migration Network, einer Partnerorganisation von Solidar Suisse, will dies ändern. Im Interview erzählt sie von der Geschichte der Arbeitsmigration in Thailand und wie Covid-19 MigrantInnen hart trifft.
Die meisten MigrantInnen in Südostasien versuchen ihr Glück in Thailand. Sie kommen mehrheitlich aus Kambodscha, Myanmar und Laos, den ärmsten Ländern der Region. Die schätzungsweise vier Millionen MigrantInnen sind auf dem Bau, in Fabriken, in der Landwirtschaft, in der Fischerei und im Tourismus beschäftigt.
Wie müssen wir uns die Arbeit von MigrantInnen in Thailand vorstellen?
Reiko: Ihr wärt schockiert! Meist sind die ArbeiterInnen kaum geschützt. In der Landwirtschaft erhalten die ArbeiterInnen für das Versprühen von Pestiziden nicht die richtigen Masken, Handschuhe oder Schutzkleidungen und sind damit grossen Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Auf den Baustellen arbeiten sie vielfach ohne Sicherung in schwindelerregenden Höhen und in Fabriken sind Arbeitsunfälle, wie zum Beispiel abgetrennte Finger, keine Seltenheit. Es gibt keine festen Ruhezeiten, und die Löhne sind sehr tief. Der Mindestlohn beträgt ungefähr 300 Baht (10 Dollar) pro Tag. Doch viele ArbeitsmigrantInnen erhalten nicht einmal diesen Mindestlohn.
Wer arbeitet unter solch prekären Verhältnissen in Thailand?
Die meisten ArbeitsmigrantInnen sind jung und kommen aus armen Familien. Sie erledigen gefährliche und schlecht bezahlte Arbeiten, zu denen ThailänderInnen nicht mehr bereit sind. Viele Branchen sind auf diese Arbeitskräfte angewiesen. Es sind etwa gleich viele Männer und Frauen, aber sie sind sehr unterschiedlich auf die Sektoren verteilt. Auf den Fischerbooten arbeiten fast nur Männer. In Thailand heisst es, dass Frauen ein Schiff zum Sinken bringen. In den Fabriken zur Fischverarbeitung sind dann aber vor allem Frauen angestellt.
Weshalb müssen die MigrantInnen in Thailand unter so schlechten Bedingungen arbeiten? Haben sie keine Rechte?
Als ab Ende der 1980er Jahre MigrantInnen in grosser Zahl nach Thailand kamen, waren sie fast alle ohne Dokumente. Seit den 1990er Jahren begann Thailand den Status dieser MigrantInnen zu legalisieren. Die Arbeitsbewilligung war in den meisten Fällen aber nur während einem Jahr gültig, so dass die MigrantInnen in ständiger Ungewissheit über ihre Zukunft blieben. Gegenwärtig gibt es etwa 2,6 Millionen registrierte ArbeitsmigrantInnen in Thailand. Gleichzeitig schätzen wir, dass mehr als eine Million MigrantInnen ohne Bewilligung arbeiten. Alle MigrantInnen können sich nur sehr beschränkt gegen Rechtsverletzungen wehren.
Welche Auswirkungen hat Corona auf die Situation der ArbeitsmigrantInnen?
Die ArbeiterInnen in Dienstleistungsbetrieben sind am schwersten betroffen, aber auch viele MigrantInnen, die in Fabriken und auf Baustellen tätig waren, haben ihre Jobs verloren und ArbeiterInnen in der Landwirtschaft wurde der Lohn gekürzt. Ohne Einkommen oder mit deutlich reduziertem Lohn können sie sich und ihre Familien nicht mehr ernähren. Nur eine kleine Minderheit der ArbeiterInnen erhält Abfindungen oder Arbeitslosenunterstützung.
Und wie kommen diese Menschen jetzt über die Runden?
In ländlichen Gebieten ist vor allem die Nachbarschaftshilfe entscheidend und die Unterstützung durch Lebensmittellieferungen von lokalen NGOs. In städtischen Gebieten versuchen die Menschen einen anderen Job zu finden. Von der Regierung erhielten sie bisher wenig bis keine Unterstützung und Aktionen oder Streiks, welche die ArbeitgeberInnen in die Pflicht nehmen wollten, waren wegen Corona strikt verboten.
Was unternimmt Mekong Migration Network (MMN) in dieser schwierigen Situation?
Mitglieder des MMN verteilen Lebensmittel und informieren die MigrantInnen in den verschiedenen Sprachen über Präventionsmassnahmen. Und unser Netzwerk macht auf unerkannte Missstände aufmerksam, so zum Beispiel auf die Situation in den Internierungslagern. Dort werden MigrantInnen, die in ihre Herkunftsländer zurückgeschafft werden sollen, festgehalten. Wegen Corona wurden die Grenzen geschlossen und alle Abschiebungen gestoppt. Die Lager waren aber bereits zuvor überfüllt und es gibt nur eine unzureichende medizinische Versorgung. Wir haben deshalb an die thailändische Regierung appelliert, die Menschen frei zu lassen. Die Regierung hat sich jedoch geweigert. Immerhin haben wir erreicht, dass sie jetzt weitere Zentren öffnen, um die Überbelegung in den Lagern zu reduzieren.
Reiko Harima kämpft seit vielen Jahren für die Rechte von MigrantInnen. Sie schloss sich 1999 dem Asian Migrant Centre (AMC) an, einer regionalen NGO mit Sitz in Hongkong, und spielte eine Schlüsselrolle bei der Gründung des Mekong Migration Network (MMN). Das MMN ist ein subregionales Netzwerk von Organisationen der Zivilgesellschaft und Gewerkschaften zum Schutz der Rechte von MigrantInnen in Südostasien. Heute leitet Reiko Harima als Regionalkoordinatorin die Arbeit des Netzwerks.