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Es ist eine gespenstische Szene: Drei Männer warten an einer Bahnstation in der blendenden Sommerhitze. Aus dem einfahrenden Zug steigt ein Fremder. Er spielt eine geheimnisvolle Melodie auf seiner Mundharmonika. Und erschiesst die drei Männer so schnell und präzise, dass es schwerfällt, dem Geschehen zu folgen.
Mit Worten ist diese Szene aus Sergio Leones Film «Spiel mir das Lied vom Tod» kaum zu beschreiben – und ohne Ennio Morricones Filmmusik kaum denkbar.
Trotz seines Erfolgs blieb der introvertierte Italiener lieber im Hintergrund, Glamour war ihm fremd. Lange Zeit komponierte er sogar unter zwei Pseudonymen.
Am Anfang war die Trompete
Zur Musik gebracht hatte ihn sein Vater, ein Trompeter. Morricone interessierte sich schon als Kind für die Musik und begann bereits im Alter von sechs Jahren zu komponieren. Später studierte er in Rom am Conservatorio di Santa Cecilia Trompete, Chormusik und Komposition. Er spielte nebenher in Nachtlokalen, arrangierte Schlager, begann für Radio und Fernsehen zu arbeiten.
Sendehinweis
Anlässlich des Todes von Ennio Morricone läuft heute um 22:25 Uhr auf SRF 1 der Film «Spiel mir das Lied vom Tod».
Anfang der 1960er-Jahre schrieb er zum ersten Mal den Soundtrack für einen Film. Dann kam der Durchbruch: Mit seinen Scores für Italo-Western ist Ennio Morricone weltberühmt geworden. Er arbeitete mit namhaften internationalen Regisseuren zusammen, hat über 500 Kompositionen für das Kino geschaffen, arrangiert und eingespielt – über 50 Millionen Alben wurden mit seiner Musik verkauft.
«Il Maestro»
Allein die Mundharmonika-Melodie aus «Spiel mir das Lied vom Tod» wäre einen Oscar wert gewesen. Mehrmals wurde «Il Maestro», wie er ehrfürchtig-liebevoll genannt wurde, auch für einen Oscar nominiert. Gewonnen haben ihn lange Zeit aber andere. 2007 gabs dann immerhin einen Ehren-Oscar für Morricones Lebenswerk. Und 2016, im Alter von 87 Jahren, dann endlich einen richtigen, für den Soundtrack zu Quentin Tarantinos «The Hateful Eight».
Morricones Platz scheint im Kino zementiert. Dabei sah sich Ennio Morricone nicht nur als Filmkomponist. Seine immerhin 70 Kompositionen für den Konzertsaal, darunter das mächtige und in Teilen experimentelle Oratorium «Voci dal Silencio», sind heute selten zu hören. Schade, dass dieser (nicht kleine) Teil seines Oeuvres so wenig Beachtung fand.
Mehr als ein Filmkomponist
Doch auch seine Filmmusik unterscheidet sich stark von den üblichen symphonischen Hollywood-Soundtracks, blieb stets ungewöhnlich, eine Art Collage verschiedener Stile und Epochen, manchmal komplex, gleichzeitig eingängig und tiefgründig.
Er schrieb seriell geprägte Werke in der Nachfolge von Anton Webern und war Mitglied der avantgardistischen Improvisationsgruppe «Nuova Consonanza», beschäftigte sich mit Zwölftonmusik, war beeinflusst von Luigi Nono und John Cage.
Klangliche Experimente
Die musikalische Fantasie und Innovationskraft Morricones war einzigartig. Morricone hat sich nie von klanglichen Experimenten und künstlerischen Prätentionen abhalten lassen.
Immer wieder verwendete er ungewöhnliche Soundelemente wie Maultrommeln, Pfiffe, Kojotengeheul, Eulenrufe, Glocken, Spieluhren, Peitschenknallen, Schläge auf einen Amboss und dergleichen. Und prägte so auch Generationen von Pop-Musikern: Von Hardrockern wie Metallica, über die Starsopranistin Renée Fleming und Bruce Springsteen. Unzählige Jazz-Musiker coverten seine Musik.
Seine Musik verstummt nicht
Noch bis 2019 führte Ennio Morricone seine Musik auch selbst live auf. Liess sich zu Konzertauftritten überreden, die ganze Sportarenen füllten und dirigierte bis zuletzt seine Highlights aus 50 Jahren Filmmusik.
Dann verabschiedete er sich mit einer «Farewell Tour» aus der Öffentlichkeit. Am 6. Juli 2020 ist «Il Maestro» im Alter von 91 Jahren in Folge eines Sturzes gestorben, meldet die italienische Nachrichtenagentur Ansa. Doch seine Musik verstummt nicht: Sein «Lied vom Tod» wird wohl auch in 100 Jahren noch gepfiffen werden.