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Rausch in Häppchen: Neuenfels‘ Fantasie über Wagner in Zürich
- Samstag, 15. Juni 2013, 16:32 Uhr
Fast 10 Jahre lebte Richard Wagner als Emigrant in Zürich und verfasste gewichtige Werke. Gelegenheit für die Zürcher, im Wagnerjahr mitzumischen: Zur Festspiel-Eröffnung wurde der Regisseur Hans Neuenfels beauftragt, «Richard Wagner – Wie ich Welt wurde» heisst seine «wahre Fantasie in zwei Akten».
«Warum sind wir in Zürich, Richard?», fragt Cosima Wagner (Elisabeth Trissenaar) eingangs der Uraufführung «Richard Wagner – Wie ich Welt wurde» des Theater- und Opernregisseurs Hans Neuenfels. Eine gute Frage. Sie wird an diesem Abend allerdings unbeantwortet bleiben.
Gewiss, Richard Wagner verbrachte – als Flüchtling nach dem Dresdner Maiaufstand 1848 – die Jahre von 1850 bis 1858 in Zürich. Es wurden wichtige Jahre in seinem Leben: Er verfasste die «Zürcher Kunstschriften» («Das Kunstwerk der Zukunft»), erfand nebenbei den Beruf des interpretierenden Dirigenten, legte den «Ring des Nibelungen» an, schrieb «Tristan und Isolde» und die Wesendonck-Lieder, aber auch die antisemitische Schrift über «Das Judentum in der Musik».
Etwas zufällig
Was wäre, wenn Wagner ein Vierteljahrhundert später nochmals in Zürich Station gemacht hätte? Das fragt sich Hans Neuenfels in der «wahren Fantasie in zwei Akten mit Musik aus dem Werk von Richard Wagner», die er für die Zürcher Festspiele verfasst und inszeniert hat. Am Lebensende kreuzen sich da Wagners Wege noch mal mit denen von Mathilde und Otto Wesendonck, von Ludwig II., aber auch von Gottfried Keller oder dem 1867 bereits verstorbenen Charles Baudelaire (der dem französischen «Wagnérisme» den Weg bereitet hatte).
Das Aufgebot wirkt etwas zufällig. Warum um Wotans Willen tritt Minna Wagner nicht auf, warum kein Friedrich Nietzsche, warum Franz Liszt bloss ab Band? Und, entscheidender: Was haben die, die vorkommen, überhaupt für eine Funktion? Mal scheinen sie einer Wagnerschen Innensicht entsprungen, mal mehr einer historischen Perspektive verpflichtet, ein andermal wieder so etwas wie ein Neuenfels-Sprachrohr. Warum sind sie in Zürich?
Eher blutarm statt rauschhaft
Die Rückblende erlaubt natürlich, von damals zu erzählen und damit Information zu transportieren. Darin liegt allerdings auch das Problem: Neuenfels muss sehr viel Information vermitteln. Er ist andauernd am Stemmen und Hieven, Daten transportieren, Werke nennen, Bezüge knüpfen. Er tut sich enorm schwer mit der umständlichen Konstruktion seiner Fantasie, und kommt nur an ganz wenigen Stellen überhaupt dazu, darüber hinausgehende phantastische Funken zu schlagen.
Was waren sie denn nun, Wagners Zürcher Jahre? Schaffensrausch, Weltwerdung (wie es der Schulfernsehen-Titel des Abends suggeriert), erotisch spannungsvolle Konstellation? Was liesse sich denken? Zu einer Heimsuchung, einer Übermalung, einer Art Traumphantasie oder einem Kunstrausch wird der Abend jedenfalls nicht – selbst Charles Baudelaire (Ludwig Boettger), der Dandy-Zombie, bleibt von so gesunder Blässe, man würde nicht glauben, er habe je ein Haschisch-Zigarettchen angefasst.
Weltwerdung im Musikalischen
Auch Richard Wagner selber geht bei Robert Hunger-Bühler – im Gegensatz zu seiner Musik – alles Rauschhafte ab; er ist ein von sich eingenommener Gnom, erstaunlich arm an Dimensionen. Simpel auch die weiteren Figuren: Gottfried Keller als alkoholisierter Bünzli (Siggi Schwientek); Mathilde Wesendonck als spätes Mädchen, Cosima als energische Prinzipalin (beide von Elisabeth Trissenaar verkörpert); Ludwig II. als Hysteriker im Märchen- und Mädchen-Ornat (Samuel Braun); platte Karikaturen.
Einzig Otto Wesendonck (Jean-Pierre Cornu) darf sich im lichtblau leuchtenden Kostüm Wagners Antisemitismus vornehmen, für Kunst als Humanismus plädieren und das Finale von Beethovens 9. Sinfonie anstimmen («Alle Menschen werden Brüder»). Eine Karikatur auch er, wenngleich mit umgekehrten Vorzeichen.
Eine Spur Wagnersche Weltwerdung stellt sich einzig in der Musik ein, der Neuenfels viel Raum gibt in seinem dreistündigen Abend mit einem Kammerorchester und Sängern vom koproduzierenden Zürcher Opernhaus. Da stellt sich zwischendurch tatsächlich so etwas wie die versprochene Wagnersche Weltwerdung ein: häppchenweise, in den brüchigen Klängen der ganz Wagner-untypisch kleinen Formation.
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