Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03100.jsonl.gz/309

Links zu den folgenden Themen:
die Krux mit der Verknüpfung
weshalb das Projekt aufgegeben wurde
juristisches Nachspiel
die Veröffentlichung in der Archive Collection 2018
Die Idee war eigentlich bestechend, Paul McCartney wollte nach der Veröffentlichung im des ersten Albums seiner neuen Band Wings, «Wild Life», (Dezember 1971), auf Tour gehen, um sich musikalisch kennenzulernen und den Tourfilm als weiteres PR-Element zu nutzen. So folgten im Februar 1972 die Tour durch Englands Universitäten, im Sommer jene durch Europa, die auch in Montreux und Zürich Station machte. Die Konzerte wurden gefilmt und auch aufgenommen. Bisher aber blieben bis auf «The Mess (Live At The Hague)» als B-Seite der Single «My Love» die Dokumente der «Wings Over Europe»-Tour unveröffentlicht. Die Tonspur von der «Bruce McMouse Show» stammt vom viertletzten Konzert der Tour, das am 20. August 1972 im Concertgebouw in Amsterdam stattfand. Wohl stammen auch die meisten Filmaufnahmen von diesem Konzert, es wurde, wie unschwer an den Kleiderwechseln innerhalb eines Songs feststellbar ist, auch Bildmaterial von anderen Konzerten verwendet. Vielleicht auch von den beiden Schweizer Konzerten, wie das 1991 beim Konzertfilm «Get Back» der Fall sein sollte.
die Krux mit der Verknüpfung
Obwohl wahrscheinlich die meisten Leute bei einem Konzertfilm ausschliesslich diesen sehen möchten, tut sich Paul McCartney schwer damit. So auch bei der «Bruce McMouse Show». 1973 erzählte er in einem Interview mit dem New Musical Express: «Wir entschieden, dass es etwas langweilig sein könnte, der Gruppe während einer Stunde lang zuzuschauen. So steigerten wir das Interesse in dem wir eine Cartoon-Story über eine Mausfamilie, die unterhalb der Bühne lebt damit verknüpften.» Wann auch immer Paul auf die Idee kam, inspiriert durch seine Kinder oder während des Genuss eines Joint, dass die Sache nicht aufging, liegt nicht an der Umsetzung, sondern dass die Idee zu wenig ausgereift war und nicht das Optimum daraus hervorgeholt wurde. Etwas, was man mit dem Miteinbezug von professionellen Drehbuchschreibern hätte verbessern können. Denn an der Umsetzung lag es nicht, dass das Projekt unveröffentlicht blieb.
Wings live 1972: Paul McCartney und Denny Laine im Vordergrund, Denny Seiwell und Linda McCartney.
Paul McCartney brachte seine ersten Skizzen der Mausfamilie zu Eric Wylam, einem Animator, der diese fertig ausarbeitete und die Animationssequenzen umsetzte. «Ich habe schon als Kind Cartoons geliebt», so Paul McCartney im Begleitbuch zur Deluxe Edition von «Red Rose Speedway». In anderen Interviews bestätigte Paul dies und wies darauf hin, dass er ein grosser Fan von Disneyfilmen war. Der NME schrieb 1973, dass die Animationen der «Bruce McMouse Show» wie in Disneys «Mary Poppins» sein sollten. Optisch erinnern sie denn auch an Disneyfilme. «Es wurde aber nicht so gut, wie ich mir das vorgestellt habe. Ich wollte es so als ob es von Disney wäre. Doch um so gut zu sein, musst du Disney selber sein», so Paul weiter.
weshalb das Projekt aufgegeben wurde
Regisseur war Barry Chattington, der 1982 die Dokumentation «The Other Side Of ‹The Wall› drehte und für Paul McCartney den ebenso bis heute unveröffentlichten Dokumentarfilm «Rockestra» (1979) sowie Linda und Paul McCartneys Dokumentation «Appaloosa» über Appaloosa Pferdedrehte (1994). Die Arbeiten am Film erstreckten sich über die Jahre 1972 und 1973 und die Bruce McMouse Show sollte beim englischen Fernsehsender ITV ausgestrahlt werden. Die fertig produzierte Show enthält sogar die Unterbrecher für die Werbung.
Wings live 1972.
Während den Konzerttagen (wohl in Holland, mit Blick auf die Reisedistanz und Konzertdaten) wurden nachmittags die Szenen mit der Band gedreht. So mussten die Musiker auf der Bühne mit den Mäusen interagieren. «Wir gingen in ein Studio um einen speziellen Tanzschritt zu lernen», erzählt Gitarrist Henry McCullough in Peter Ames Carlins «Paul McCartney: A Life» «Old-time-Music-Hall-Tanz mit den Armen in der Luft und ähnliches. Ich glaube nicht, dass ich den Kurs überhaupt bestanden habe.»
Offenbar muss Paul McCartney das Projekt abrupt gestoppt haben. Seine damalige Enttäuschung über das Nichterreichen seiner qualitativen Ziele mag sicher eine Rolle gespielt haben. Aber auch er wird gemerkt haben, dass der Schwachpunkt die Story war. Etwas, was Maggie Thornton, Tochter von Eric Wylan, 2011 in einem Interview mit dem Independent, bestätigte: «Ich habe den Film gesehen und ich verstehe, weshalb er nicht veröffentlicht wurde. Die Handlung funktioniert nicht wirklich und einige der Schnitte zwischen dem Gesang und der Animation sind nicht sehr gut.» Diese Schwächen hätte man mit der Überarbeitung durch professionelle Drehbuchschreiber verhindern können. Ein weiterer Grund für das Scheitern des Projekts dürfte sein, dass die «Bruce McMouse Show» ihre Zielgruppe verfehlt. Der Konzertfilm ist für McCartneys Fans und die sind in der Regel jugendlich oder erwachsen. Die Animationen mit der Mausfamilie und den netten, teilweise vorhersehbaren Gags ist für Kinder. Beides zusammen geht in diesem Fall nicht auf.
Der letzte Grund für die Projektsistierung dürfte sein, dass Gitarrist Henry McCullough und Schlagzeuger Denny Seiwell im Sommer 1973 kurz vor den Aufnahmen zum Album «Band On The Run» die Wings verliessen. «Band On The Run» wurde eines der erfolgreichsten Alben der 1970er-Jahre, weshalb Paul McCartney das Interesse an einer Überarbeitung des Films verloren haben dürfte, da er mit den erneuerten Wings 1974 eine neue Dokumentation drehte: «One Hand Clapping». Doch auch die blieb bis 2010 unveröffentlicht. Abschliessend meint Paul im Begleitbuch zu «Red Rose Speedway»: «Aber es hat grossen Spass gemacht (den Film) zu produzieren und zurückblickend halte ich ihn für ein hübsches Retrostück.»
Faksimile aus der Deluxe Edition von «Red Rose Speedway» von der besten Skizze von Paul McCartney, die Bruce McMouse in seinem Wohnzimmer unterhalb der Bühne zeigt.
juristisches Nachspiel
2011 kam es wegen der «Bruce McMouse Show» zu einem juristischen Nachspiel. 1993 erkrankte Eric Wylam, woraufhin sich seine Tochter Maggie Thornton mit Paul McCartney in Verbindung setzte, ob ihr Vater den fertig gestellten Film einmal sehen könnte. McCartney liess ihnen ein Video zukommen. Wylam verstarb 1997. 2011 ordnete Thornton den Nachlass ihres Vaters und fand darin die Projektskizzen, die Paul McCartney vier Jahrzehnte zuvor Wylam gegeben hatte. Thornton gab die Skizzen einem Auktionshaus, das sie auf einen Wert von 25'000 Pfund schätzte. Paul McCartney liess die Auktion erfolgreich stoppen und Thornton musste ihm die Skizzen zurückgeben. Der Zeitung Independent sagte sie enttäuscht: «Mein Vater erhielt einen Stapel Skizzenpapier mit Schemenhaften Zeichnungen. Und ich glaubte, die würden ihm gehören.» Ein Irrtum, denn nach dem Projektstopp hätte Wylam die Skizzen Paul McCartney zurückgeben müssen. Dieser argumentierte, dass er nicht wusste, dass die Skizzen noch existieren würden, diese aber nach wie vor sein Eigentum wären.
die Veröffentlichung
Es mag für Maggie Thornton ein schwacher Trost sein, dass nun Faksimiles der Skizzen mit der Veröffentlichung des Filmes erhältlich sind. Die Deluxe Edition von «Red Rose Speedway», die 2018 im Rahmen der Paul McCartney Archive Collection veröffentlicht wird, enthält die «Bruce McMouse Show» auf DVD und BlueRay sowie 14 Skizzenblätter als Faksimile und ein Nachdruck des sechsseitigen Textbuches der Show.
Trotz den konzeptionellen Fehlern ist die «Bruce McMouse Show» sehenswert. Der Film wurde sorgfältig restauriert und verwendet dieselben Hi-Res Tonspur das remasterte Album. Zudem ist es die einzige Dokumentation, bei der man Wings MK 2 länger sieht und geniessen kann. Als jene Formation, als die Band mit Henry McCullough und Denny Laine über zwei Bluesrock Gitarristen verfügte und auch solchen spielte. Einziger Wermutstropfen ist, dass die CD von «Wings Over Europe» ausschliesslich in der bereits vergriffenen, stark limitierten Box «Wings 1971-73» und nicht auch bei «Red Rose Speedway» enthalten sind. Dies ist aber eine andere Geschichte.
Am 21. Januar 2019 wurde die «Bruce McMouse Show» in 18 Kinos in den USA, Kanada, Australien und England gezeigt.
Denny Laine und Paul McCartney live 1972. Foto aus dem Songbook von «Red Rose Speedway».

Die «Bruce McMouse Show» ist teil des «Red Rose Speedway» Deluxe Edition Boxed Set und dort als DVD und Blue Ray erhältlich.
Tracklist
Prolog
Titel: Uncle Albert /Admiral Halsey - Thrillington Version)
Big Barn Bed
Animation 1
Eat At Home
Animation 2
Bip Bop
The Mess
Wild Life
Mary Had A Little Lamb
Blue Moon Of Kentucky
I Am Your Singer
Animation 3
Seaside Woman
Animation 4
My Love
Maybe I'm Amazed
Hi Hi Hi
Encore:
Long Tall Sally
Epilog
.