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Was bedeutet Ihnen die Berner Ehrendoktorwürde?
Es war mir natürlich eine grosse Freude und Ehre, und die Aussicht auf ein offizielles Treffen in Bern in Bezug auf Walter Benjamin war sehr bewegend. Im Frühling 2020 hatte ich einen Vortrag zur Beziehung Benjamins zu Bern vorbereitet: zu seinen Gesprächen mit Gershom Scholem über Prophezeiung, Klage und Klagelied sowie über Romantizismus. Seitdem bilden diese Überlegungen die beiden letzten Kapitel meines neuesten Buchs: Imaginer recommencer. Dieses Buch beschreibt, wie sich in Deutschland vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zum Aufkommen des Nationalsozialismus ein ausserordentlicher intellektueller Aufschwung über die Begriffe der Temporalität oder der Zeitlichkeit, der Historizität und der politischen Hoffnung entwickelte. Auf der einen Seite war da Heidegger, gegen den Benjamin auf der anderen Seite eine originelle Antwort zur gleichen Zeit erarbeitete. Ich habe versucht, das Thema auf eine Konstellation auszudehnen, die Herbert Marcuse, Günther Anders, Hannah Arendt und vor allem Ernst Bloch einschliesst, der mir ein grundlegender Autor zu sein scheint und der Benjamin auch in ihren schwierigen Beziehungen sehr nahe stand.
Welchen Einfluss hat Walter Benjamin auf Ihre Arbeit?
Benjamin begleitet mich seit dem Anfang meiner Arbeit zur Photographie am Ende der siebziger Jahre, als ich seine heute klassischen und dennoch unerschöpflichen Überlegungen etwa zur Reproduzierbarkeit entdeckte. Benjamin hat mir die Lesbarkeit jenseits der traditionellen Ikonologie beigebracht. Als ich mich mit dem Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler Aby Warburg beschäftigte, fiel mir auf, dass Benjamin derjenige war, der ihn am besten zu interpretieren wusste. Und als ich mich vor kurzer Zeit mit den Zeugnissen des Warschauer Ghettos beschäftigte, erschien mir sein Aufsatz, der den Titel Der Erzähler trägt, grundlegend. Benjamin ist immer bei mir, und jedes Mal, wenn ich ihn wieder lese, entdecke ich neue Aspekte.
Worum ging es in Ihrem Vortrag zur Literaturnobelpreisträgerin Svetlana Alexijewitsch, den Sie kürzlich an der Universität Bern hielten?
Ich behandelte eine laufende Arbeit zu den Emotionen, den Affekten und dem Pathos. Mein Fachgebiet – die Bilder – reicht mir nicht aus. Es reicht nicht aus, die Dinge als Kunsthistoriker zu betrachten, und ich habe mir viele Beispiele in verschiedenen Bereichen angesehen. Wenn man sich mit dem Thema Emotionen beschäftigt, denkt man oft, dass es darum geht, sie zu rehabilitieren, aber auch die Nationalsozialisten oder die Faschisten hatten Emotionen. Wie können wir dieses Problem angehen? Vor Alexijewitsch habe ich mich mit dem Buch Ernst Jüngers – Der Krieg als inneres Erlebnis – auseinandergesetzt, und ich habe versucht herauszufinden, welche Antworten auf dieses wichtige Buch möglich sind. Solche Antworten sind bei Georges Bataille und Walter Benjamin zu finden, aber die vielleicht schönste ist die von Alexijewitsch. Denn sie sammelt die Geschichten von Frauen, die den Krieg direkt erlebt haben und die sehr lange Zeit kein Zeugnis ablegen konnten. Ihre Antworten treten in Alexijewitschs eigener literarischer Kompositionsweise hervor, die auf aufgezeichneten Zeugenaussagen beruht und zum sehr wichtigen Buch Der Krieg hat kein weibliches Gesicht führte.
Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Benjamins Berner Dissertation zum Begriff der Kunstkritik und Ihren Fragestellungen zur Kunstgeschichte und zum Verständnis der Gesellschaft?
Ich erinnere mich an einen Text, der Benjamins Dissertation vorausgeht, in dem er sich an Studierende wendet und ihnen die Frage stellt: «Also verzichten wir auf die Romantik?» Die Antwort lautet: «Nein, wir sollten nicht darauf verzichten.» Benjamins Dissertation ist schwierig und hochkonzeptuell und sein Vorgehen ist eine Strategie, um die Romantik von jeglicher Sentimentalität zu trennen. Er tut dies mithilfe einer philosophischen Geschichte, wie er es auch später macht mit dem barocken deutschen Trauerspiel. Ich glaube, dass er dieses Vorgehen, das sich auch auf seine Arbeiten über Baudelaire oder Kafka bis zum Surrealismus erstreckt, nie aufgegeben hat.
In meinem – etwas schwierigen – Versuch, eine nicht-sentimentalistische Rehabilitierung der Gefühle zu erarbeiten, erscheint mir der romantische Weg wesentlich. Ich tue dies unter der Annahme, dass der Romantizismus nicht die Verteidigung der Einbildungskraft als persönliche Fantasie bedeutet. Vielmehr geht es um die Verteidigung der Einbildungskraft als kritische Fähigkeit – und dies von Goya bis zu Benjamin und dem Surrealismus.
Inwiefern ist Benjamin Ihrer Meinung nach für die Inter- und Transdisziplinarität von Bedeutung?
Zusammen mit anderen Autoren, darunter Aby Warburg, und Ernst Bloch, ist Benjamin mit seinen «dialektischen Bildern» grundlegend dafür. Wenn Walter Benjamin über Kafka spricht, sagt er, dass wir ihn nicht entziffern sollten, wie es die Literaturwissenschaft tut, sondern dass wir uns für seine Bildwelt interessieren sollten. Benjamin schenkte der Bild-Frage grösste Aufmerksamkeit, und zwar schon in seiner Berner Zeit, wo er wunderschöne Texte über die Imagination und die Einbildungskraft schrieb. Mit dieser Einbildungskraft, mit den dialektischen Bildern, mit diesen Begriffen von Bild oder Bildwelt oder Wunschbildern, verfügen wir über den Kristallisationspunkt einer Interdisziplinarität, die in alle Richtungen geht: in Richtung Philosophie, Geschichte, Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft, Anthropologie und Politik.
Der französische Kunsthistoriker und Philosoph Georges Didi-Huberman ist der Autor eines umfangreichen Werks, darunter die Bände «Fra Angelico: Unähnlichkeit und Figuration», «Wenn die Bilder Positionen beziehen» oder «Remontagen der erlittenen Zeit».
Didi-Huberman beschäftigt sich unter anderem intensiv mit Walter Benjamin, dessen Dissertation zum Begriff der Kunstkritik in der Romantik 1919 an der Universität Bern verteidigt wurde. Georges Didi-Hubermans Verknüpfung von Kunstgeschichte, Philosophie, Kulturwissenschaften und Literatur machte ihn zu einem herausragenden Kandidaten für die Ehrendoktorwürde der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern.
Didi-Huberman lehrt seit 1990 als Philosoph und Kunsthistoriker an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris. Er war Gastprofessor an der Johns Hopkins University, der Northwestern University, der University of Tokyo, in Berkeley, am Londoner Courtauld Institute und an der FU Berlin u.a.