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Auch den Möbelpackern sind Leute, die Bücher lesen, zuwider. Aber sie haben
wenigstens einen guten Grund dafür.
Gabriel Laub
Früher habe ich immer gedacht, schwere Literatur, das sei Immanuel Kant oder Elfriede Jellinek. Jetzt weiss ich es besser. Denn ich habe ein Buch gekauft, das ist zu schwer für jede Lektüre. Zumindest kann man es nicht so lesen, wie man für gewöhnlich Bücher liest. Dafür ist der Band einfach zu gewichtig. Und zu gross. Der Postbote, der es bei mir ablieferte, liegt jetzt wahrscheinlich mit einem Rückenschaden im Spital und verflucht alle Verleger dieser Welt. Um ein Gedicht von Fontane zu variieren: „Ich hab es getragen sieben Sekunden, und ich kann es nicht tragen mehr.“ Ja, dieses Buch ist wahrlich schwere Literatur. Um es so zu lesen, wie ich es für gewöhnlich tue, bequem im Sessel hingefläzt, müsste man schon einen dieser buntbemalten Sessel haben, auf die sich, als ich ein Kind war, im Zirkus Knie die Elefanten setzten. Und im Bett geht es schon gar nicht. Wenn ich das wider alle Vernunft versuchte, würde man mich am nächsten Morgen tot auffinden, der Kriminalkommissar würde den Kopf schütteln und sagen: „Das ist das erste Mal, dass jemand von einem Buch erschlagen wurde.“ Schwere, schwere Literatur. Arnold Schwarzenegger könnte das Buch wahrscheinlich mit einer Hand halten. Aber dafür ist man bei ihm nicht sicher, ob er auch lesen kann. Im Englischen nennt man solche Ungetüme „Coffeetable books“, aber in unserer Wohnung findet sich kein Kaffeetischchen, das dieses Gewicht aushalten würde. Ich bin schon dankbar, dass wir im Parterre wohnen, so dass kein Nachbar unter uns von einem einstürzenden Fussboden begraben werden kann. Denn man kann dieses Buch nur lesen, wenn man sich dazu bäuchlings auf den Teppich legt und mit ausgestrecktem Arm eine Seite nach der anderen umblättert. Mit sehr lang ausgestrecktem Arm, denn das Buch ist nicht nur schwer, sondern auch gross. Obwohl es sich nicht um grosse Literatur handelt. Es ist ein Monstrum von einem Buch, ein Gulliver-Buch, ein lusus naturae literariae. Wenn mir ein paar nette Leute stemmen helfen, kann ich es vielleicht auf der Seite liegend ins Bücherregal packen. Allerdings müsste ich, um genügend Platz zu schaffen, dafür mindestens einen kompletten Brockhaus ins Antiquariat geben. Und ich weiss genau: Läge es einmal im Regal, ich würde es nie, nie wieder herausholen. Dafür ist es einfach zu schwere Literatur. Es handelt sich bei dem Buch übrigens um eine Produktion des Verlags Taschen. Es ist also ein Taschenbuch.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 31. Januar 2016,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«