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Ich bin in London geboren, wo ich mit meinen Eltern mein erstes Lebensjahr verbrachte. Nach Zwischenstationen in New York und Hongkong wohne ich seit ca. zehn Jahren wieder in London. Anders als ich leistet mein älterer Bruder nicht bei der Schweizer Armee Dienst. Meine jüngere Schwester hat soeben ihr Studium begonnen.
Ich selber habe in England ein Studium angefangen, das ich jedoch leider nicht fortsetzen konnte. Dann kam Covid. Und während zwei Jahren habe ich nicht viel gemacht. Ich habe mich dann mit der Armee beschäftigt und stand mit der Person in Kontakt, die für dienstwillige Auslandschweizerinnen und -schweizer zuständig ist.
Ich will mich nicht nach Stereotypen richten. Aber in London ging ich in meiner Freizeit mit meinen Freunden ins Pub, wo wir den ganzen Abend lang redeten. Da ich Filme liebe, ging ich mit Freunden auch oft ins Kino, um mir die neusten Streifen anzuschauen.
Mein liebstes und einziges richtiges Hobby sind Langstreckenläufe. Ich nehme an 10-Kilometer-Sponsorenläufen teil, die im Zeichen des Kampfs gegen Krebs stehen. Diese Sache liegt mir sehr am Herzen.
Ich habe mich für den Militärdienst entschieden, da mich das Militär begeistert. Doch hätte mein Vater, der in Frankreich als Leutnant in einer Panzerkompanie diente, nicht so viel über seinen Militärdienst erzählt, hätte ich die Idee wahrscheinlich nicht gehabt. Ich habe mich über die Dauer des Militärdienstes in England, Frankreich und der Schweiz informiert, da ich diese drei Staatsangehörigkeiten besitze. In England und Frankreich dauert der Dienst drei Jahre. In der Schweiz vier Monate. Daher habe ich mir gesagt: Wenn du einen Einblick in die Armee erhalten willst, dann lieber vier Monate als drei Jahre.
Ich habe keinen Orientierungstag absolviert. Vor allem habe ich mich online informiert. Ich wusste also ganz genau, dass ich Infanterist werden wollte. Für die Rekrutierung bin ich in die Schweiz gekommen. Vier Tage danach begann die Rekrutenschule.
Als ich meinen Freunden erzählte, dass ich meinen Militärdienst in der Schweiz leisten würde, kamen keine negativen Reaktionen. Im Gegenteil: Alle unterstützten die Idee mehr oder weniger, da sie sahen, wie begeistert und motiviert ich war. Dennoch waren sie traurig darüber, dass wir uns während vier Monaten nicht sehen würden. Bis auf Bruno und Francesca, die selber in der Schweiz leben.
Mir gefällt die Landschaft in der Schweiz sehr gut. Das Wetter aber ist total verrückt: An einem Tag schüttet es wie aus Kübeln, am nächsten Tag knallt die Sonne vom Himmel.
Was ich im Dienst sonst noch festgestellt habe: dass die Schweizer sehr regional ausgerichtet sind. Ich höre oft, wie sich meine Kameraden lustig machen über die kantonale Herkunft der anderen, was aber nicht böse gemeint ist.
In den ersten Tagen der Rekrutenschule bereitete mir vor allem die Sprache Mühe. Meine Erstsprache ist Englisch, in der Familie sprechen wir zudem Französisch wie in Frankreich. Hier wurde ich mit dem Westschweizer Französisch und seinen Ausdrücken konfrontiert, die mir komplett fremd waren. Deshalb musste ich immer nachfragen. Auch hatte ich davor eine ganze Weile nicht mehr jeden Tag Französisch gesprochen. Abgesehen davon war ich mental bereits auf den militärischen Rhythmus vorbereitet: dass man schweigen, stets die Ruhnstellung einnehmen und sich an- und abmelden muss. Auch wenn es etwas dauerte, bis ich dies alles korrekt beherrschte.
Mein erster Eindruck der Kaderangehörigen und des Militärbetriebs? Es war ein gemischter Eindruck. Ich kann mich nicht wirklich beklagen. Die negativen Seiten betreffen wie erwartet den Militärbetrieb. Der Grossteil des Materials scheint aus einem anderen Jahrhundert zu stammen. Dieser Eindruck entsteht vor allem bei der Verwendung des Funkgeräts. Oft quäle ich mich damit herum, die Taschen der Trageinheit zu öffnen oder zu schliessen. Und dann der Kampfrucksack, den wir bekommen haben.
Wegen der sehr dünnen Riemen ist er weniger bequem. Eine Sache aber ist in der Schweizer Armee so gut wie einwandfrei und das ist die Standardwaffe. Das Stgw 90 kann einfach zerlegt und zusammengesetzt werden. Der Rückstoss ist sehr gering und es kommt äusserst selten zu Störungen. Sein einziger Schwachpunkt: die Länge. Diese macht einem den HOK (Häuser- und Ortskampf) nicht gerade einfach.
Was unsere Kaderangehörigen angeht, gibt es einen einzigen Negativpunkt: die Gegenbefehle unserer Wachtmeister. So sagt uns einer der Wachtmeister, was zu tun ist. Einige Minuten später, wenn er nicht mehr da ist, kommt ein anderer Wachtmeister und meint, dass das, was mir machen, nicht korrekt ist. Auch fand ich, dass unsere Kader viel herumbrüllten.
An meinen ersten Wochenendurlaub erinnere ich mich noch sehr gut. Denn ich wurde krank und konnte darum nicht wirklich aufstehen oder die Kaserne verlassen. Die Kaserne ist hier mein Zuhause, da ich in der Schweiz keine Familienangehörigen habe. Deshalb verbringe ich die Wochenenden in der Umgebung. Ich gehe ins Stadtzentrum, an den See, rufe meine Familie und Freunde an, besuche meinen Deutschschweizer Freund.
Zwei Dinge haben mich wirklich geprägt. Erstens das Werfen der Granate. Ich fand es sehr interessant, die Sicherheitsvorschriften zu lernen und umzusetzen und vor allem ein Ziel komplett zu zerstören. Das war echt cool.
Das zweite prägende Ereignis, das mich auch sehr stolz machte, war der Moment, als wir unser zweites Abzeichen erhielten. Das erste Abzeichen erhält man beim Einrücken in die Kaserne, das zweite verdient man sich. Wir waren damals im Biwak. Die Wachtmeister befanden sich an verschiedenen Orten und befahlen uns «Daher!». Wir mussten zu ihnen rennen, Liegestützen und Planks machen und anschliessend durch Tunnel robben. Danach war ich zwar erschöpft, aber sehr stolz über mein zweites Abzeichen – ich hatte es mir verdient, Infanterist zu sein.
Was mir ebenfalls echt gefallen hat: das Motto unseres Zuges. Unser Leutnant ist schwer in Ordnung. Er spricht uns gut zu, selbst wenn wir nicht das tun, was wir sollten. Er ist meiner Meinung nach korrekt und macht seine Arbeit gut. Ich habe deshalb sein Motto sehr geschätzt: «Acta non verba». Dieser lateinische Satz bedeutet, dass Taten wichtiger sind als Worte. Unter dieses Motto fällt auch die Kameradschaft. Wir versuchen uns immer gegenseitig zu helfen. Als wir einmal morgens eine Laufrunde absolvierten, mussten einige Kameraden auf die Schnelle frühstücken, weil sie davor Wache geschoben hatten. Einige hatten Mühe, den Lauf zu beenden – was normal ist, wenn man kurz vor dem Sport etwas isst. Deshalb sprachen wir ihnen Mut zu und legten ihnen helfend die Hand auf den Rücken, um sie leicht vorwärtszuschieben. Dank der Kameradschaft gelang es uns allen, den Lauf zu beenden.
Einerseits kann ich es kaum erwarten, dass der Dienst zu Ende geht und ich nach Hause zurückkehren, endlich meine Familie wiedersehen und mit meinen Freunden feiern kann. Andererseits werde ich auch etwas betrübt sein, da ich echt gerne schiesse. In England aber darf man keine Waffe besitzen, weshalb ich wohl das Schiessen nicht weiter ausüben werde, oder jedenfalls nicht mehr häufig. Ich denke, dass ich aus dieser Erfahrung viel mitnehme. Zum Beispiel kann ich endlich mein Bett richtig machen und früh aufstehen und ich bin nun sportlicher und disziplinierter. Wenn ich in der Schweiz wohnen würde, hätte ich gerne weitergemacht, um Wachtmeister zu werden.