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Ich werde meine Ausführungen in drei Abschnitte gliedern: 1. Befund, 2. Ursachen, 3. Alternativen zur existierenden Weltordnung – und inwiefern diese konform sein können mit ethischen Grundsätzen.
Zunächst zum Befund.
Der Begriff «Globalität» (globality) wurde weltweit in englischsprachigen Diskursen im Umfeld der Davoser Gespräche zum Ende des letzten Jahrtausends lanciert. («Responsible Globality» war das Generalthema des Weltwirtschaftsforums 1999.) Suggeriert wird damit ein Zustand der Welteinheit, die den Alltag jedes Menschen bestimme und die aus einer immer komplexeren wirtschaftlichen Verflechtung über alle Staatsgrenzen hinweg resultiere. Diese Vision einer einheitlichen Welt der Globalität wird vor allem von sogenannten Vordenkern der westlich geprägten Welt wie Thomas L. Friedman (mit seinem Bestseller «The World is Flat») und Kishore Mahbubani (mit dem ebenfalls als Bestseller etablierten Buch «The Great Convergence – Asia, the West and the Logic of One World») propagiert. Tatsächlich ist es jedoch so, dass «globality» die Folgen des mit Hilfe der Technik entgrenzten Gewinnstrebens des Menschen beschreibt, das mit einer Art Allmachtsillusion einhergeht, die gerade durch diese technischen Möglichkeiten genährt wird.
Seit «Globalität» als Zustand diagnostiziert wurde, hat sich die Geschichte allerdings eher gegenläufig entwickelt. Sie ist nicht, wie Francis Fukuyama, ein anderer «Vordenker» der westlichen Welt, und die Apologeten der «Einen Welt» (One World) unter den Auspizien der sogenannten liberalen Marktwirtschaft meinten, an ihr Ende gekommen. Einmal mehr zeigt sich hier, so glaube ich, die Problematik aller säkularen Endzeitvisionen. Hier und heute, 2019, ist die Welt – wie immer man persönlich dazu stehen mag – nicht das eine grosse Netzwerk universeller Interaktion aller Staats-, Wirtschafts- und Kulturräume, in dessen Rahmen die – westlich verstandene – «Freiheit» gesiegt hätte. Die Welt ist weiterhin ein Ort der Konflikte, wirtschaftlicher, sozialer, kultureller Gegensätze und Spannungen, wo die mächtigsten Akteure um die Vormachtstellung ringen.
Der globale Frieden ist prekär. Das aktuelle Stichwort wäre hier – ich kann es leider nicht näher ausführen – die sogenannte Thukydides-Falle.1 Des weiteren ist zu konstatieren, dass die Kluft zwischen Arm und Reich in vielen Regionen und auch innerhalb der Staaten der industrialisierten Welt in den letzten Jahren und Jahrzehnten grösser geworden ist. Schliesslich ist auch darauf zu verweisen, dass die Migrationsströme als Folge unter anderem von Angriffskriegen, aber auch des Wohlstandsgefälles, gewaltig angeschwollen sind, wodurch bisher stabile Regionen aus dem Gleichgewicht geraten, ja, zu Konfliktzonen geworden sind.
Als empirischen Befund könnte man lapidar festhalten, dass sich ein globales Bewusstsein eigentlich an keinem Ort herausgebildet hat, so sehr es auch uns allen von den Globalisten verordnet wird. Tatsächlich gibt es ein wachsendes Misstrauen zwischen auch jetzt noch oder jetzt wieder existierenden Blöcken und Gruppen, den sogenannten Akteuren auf der internationalen Szene, und es gibt auch eine wachsende Entfremdung auf der Ebene der Weltanschauungen und Zivilisationen, zum Beispiel im Verhältnis zwischen der islamischen und der westlichen Welt.
Dies bringt mich zum zweiten Teil meiner Überlegungen, der Frage nach den Ursachen.
Das entscheidende Ereignis, das zu dem hier von mir ganz kursorisch skizzierten Zustand geführt hat, ist wohl die Entfesselung des Gewinnstrebens auf weltweiter Ebene nach dem Wegfall der Barrieren, die in der Ära der Bipolarität – also der Ost-West-Spaltung – noch bestanden haben. Es war der von der westlichen Welt proklamierte «Sieg» des «liberalen» Wirtschaftssystems – wobei man inzwischen wohl konstatieren muss, dass diese Proklamation voreilig war. Dieser sogenannte Sieg eines ganz bestimmten Wirtschaftsmodells stand am Anfang der Probleme, mit denen wir gegenwärtig konfrontiert sind. Man muss diese Entwicklung auch in einem engen Zusammenhang mit dem militärischen Kräfteringen in den letzten Jahren und Jahrzehnten sehen.
Des weiteren ist auch auf den weltweiten Abbau der Handelsschranken im Rahmen der Welthandelsorganisation WTO zu verweisen, was auch bedeutete, dass – aus der Sicht der westlichen Welt – frühere Gegner nach und nach in das System eingemeindet wurden.
Zusätzlich kommt hier noch der globale, auch ideologische Herrschaftsanspruch des wirtschaftsliberalen Modells zum Tragen. Dies wird besonders deutlich, wenn man den Bestseller von Mahbubani aus dem Jahr 2013 aufmerksam liest. Die Ideologie des Wirtschaftsliberalismus wird letztlich nicht in Frage gestellt. Tatsache ist jedoch, dass das freie Spiel der Kräfte, so wie es unter dem Titel der Globalität propagiert wird, nicht nur auf der regionalen, sondern auch und gerade auf der weltweiten Ebene Anarchie bedeutet. Wir sehen dies gerade jetzt wieder im Zuge der Handelskonflikte – ja Handelskriege –, die an verschiedenen Ecken des Globus ausbrechen bzw. erneut aufbrechen.
Gleichzeitig kann man aber nach dem Gesetz von Actio und Reactio konstatieren, dass durch diese Entwicklung die Tendenzen gegen den universalen Herrschaftsanspruch des sich selbst als siegreich proklamierenden Modells immer stärker wurden. Es gibt neue regionale und globale Zusammenschlüsse beziehungsweise Kooperationsformen, die als Reaktion auf diese Entwicklungen interpretiert werden können, wie zum Beispiel BRICS (als Rahmen für die Zusammenarbeit von Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika), die Shanghai Cooperation Organization (SCO) oder neuerdings auch die Eurasische Union.
Die Interessenkonflikte und Blockbildungen, die ich hier meine, sind nicht mehr vorrangig militärisch, sondern auch wirtschaftlich und zivilisatorisch dimensioniert. Sie sind auch ganz entscheidende zusätzliche Faktoren systemischer Instabilität und Unvorhersehbarkeit der geopolitischen Entwicklung.
Ausserdem ist festzustellen, dass es im Sinne von Actio und Reactio nicht nur eine Mobilisierung der Kräfte in Form wirtschaftlicher Zusammenschlüsse gegeben hat. Es gibt auch so etwas wie eine Reaktion gegen den ideologischen Primat – den universalen Herrschaftsanspruch – des neoliberalen Wirtschaftsmodells. Dies zeigt sich vor allem an den Entwicklungen in China und Russland.
Auch auf soziokultureller – also gesamtgesellschaftlicher – Ebene ist eine solche Reaktion festzustellen. Trotz oder gerade wegen des Internets und des ständigen Bombardements mit Information und Propaganda ist in verschiedenen Bereichen und in vielen Regionen der Welt eine Art Abgrenzungsprozess gegenüber dem wirtschaftsliberalen Modell im Gange. Zunehmend kann man in ganz verschiedenen Kulturkreisen und Regionen eine verstärkte Behauptung der Identität durch die Betonung der jeweils eigenen Tradition – die prononcierte Rückbesinnung auf eben diese Tradition – konstatieren. Dies gilt insbesondere für die Entwicklungen in der islamischen Welt, aber auch innerhalb von anderen grossen Kulturräumen ausserhalb Europas wie etwa in Indien.
Schon vor Jahrzehnten habe ich im Rahmen von Debatten über die internationale Zusammenarbeit von der Dialektik der Identität in der Ära der technischen Zivilisation gesprochen und Vorschläge zu einem System der friedlichen Koexistenz unterbreitet. Es gibt in diesem Zusammenhang auch einen wachsenden Widerstand gegen die selbsternannten globalen Eliten in Sachen Wertvorstellungen, Political Correctness und dergleichen mehr. Die «Rückbesinnung auf das Eigene», wie man diesen Prozess auch nennen könnte, das heisst auf die Tradition, wäre nicht erfolgt, wenn der globalistische Druck und die Bevormundung nicht so gross geworden wären.
Der irrationale Glaube an die Selbstregulierungskraft der Märkte auf globaler Ebene kann schlicht und einfach nicht aufrechterhalten werden. Die so häufig formulierte Phrase von sogenannten «Win-win-Situationen» ist, so scheint mir, im weltweiten Wirtschaftswettbewerb irreführend. In sehr vielen Konstellationen bedeutet nämlich Gewinn auf der einen Verlust auf der anderen Seite. Ein Beispiel ist die Situation der manuellen Arbeiter in den traditionellen Industrieländern, auch in Deutschland und Österreich. Diese Problematik hat schon vor relativ langer Zeit, als man begonnen hat, über die Globalisierung zu reden, der österreichische Journalist Hans-Peter Martin in seinem Bestseller «Die Globalisierungsfalle» thematisiert. Das Versprechen, dass in der Globalisierung, wenn man sich als einzelner nur füge in den vielgepriesenen Wandel, letztlich alle gewinnen würden, ist oberflächlich. Es appelliert an eine naive Art von Heilserwartung, wonach, wenn alle Grenzen gesprengt werden und es keinerlei Einschränkungen wirtschaftlicher und sozialer Interaktion mehr gibt, wenn also nur noch der eine, einheitliche, grosse globale Rahmen existiert, alle Probleme gelöst seien.
Die Konflikte brechen – so scheint mir – nunmehr auch insofern offen auf, als mit dem Instrument unilateraler Sanktionen immer häufiger Wirtschaftskriege in bedrohlichem Ausmass heraufbeschworen werden. Dies zeigt sich vor allem an den Entwicklungen zwischen der Volksrepublik China und den Vereinigten Staaten von Amerika. Die Sanktionspolitik überlagert sich mit dem Streben nach politischer und militärischer Vorherrschaft – und widerspricht übrigens der in vielen Ländern quasi offiziellen Ideologie der Globalisierung. Diese Doktrin würde ja – ganz im Sinne des Credos der Welthandelsorganisation – den Primat des freien Welthandels bedeuten. Praktisch jedoch dient gerade die Sanktionspolitik dem einen Ziel des Globalismus, nämlich der Machterhaltung des Blocks, der sich nach dem Ende des Kalten Krieges als sogenannte Internationale Gemeinschaft deklariert hat. Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten versuchen damit, ihren Herrschaftsanspruch weltweit und auf Dauer zu sichern.
Diese Art von Globalität – um es nochmals zu sagen – ist jedoch ein Truggebilde. Sie ist letztlich totalitär. Sie widerspricht der Selbstbestimmung der Völker, ist insofern auch antidemokratisch, und – wegen des zunehmenden Widerstandes der Betroffenen, den sie in allen Regionen provoziert – vor allem auch nicht nachhaltig. Man könnte hier auch von einer Art begrifflichem Konstrukt sprechen, das lediglich dem Selbstbehauptungswillen einer privilegierten Staatengruppe entspringt, aber nicht die tatsächlichen wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten auf diesem Globus abbildet.
Die Infragestellung des globalistischen Denkmusters wird heutzutage häufig als «Populismus» diskreditiert – oder auch als Aufstand der Verlierer beziehungsweise der Modernisierungsverweigerer. Als selbständig denkender Mensch sollte man sich davon aber nicht einschüchtern lassen. Für mich hat es nie irgendwelche Vorgaben gegeben, was den Rahmen betrifft, innerhalb dessen man denken dürfe oder innerhalb dessen man sich äussern dürfe.
Dies bringt mich zum dritten und letzten Abschnitt meiner Überlegungen: Was sind die Alternativen zum Projekt des Globalismus, das heisst zum Projekt einer aus meiner Sicht falsch verstandenen Welteinheit? Und aus welchen ethischen Prinzipien können diese Alternativen abgeleitet werden?
Ob wir uns dessen im Alltag immer bewusst sind oder nicht: Wir sind alle Angehörige der einen Menschheit; jeder einzelne ist in diesem Sinne Teil eines grösseren Ganzen. Man könnte hier auch etwas hymnisch – oder philosophisch, im Sinne der deutschen idealistischen Tradition – von der Universalität des Geistes sprechen. An dieser hat jeder Angehörige der Gattung Mensch teil – in jeder Kultur, in jeder Epoche, und völlig unabhängig von den wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen er lebt. Dass sich der einzelne als Kosmopolit, als Bewohner dieses Globus in Gemeinschaft mit allen anderen sieht – Stichwort: Immanuel Kant – heisst jedoch nicht, dass er seine Identität als Angehöriger eines Volkes, eines Staates, einer Zivilisation aufgeben und sich nur noch als Bürger eines letztlich nicht existierenden Weltstaates verstehen müsste. Dies wäre eine totalitäre Illusion, die jegliche Vielfalt ausschliesst. In meiner Lesart bedeutet Kosmopolitismus, den ich hier der Ideologie des Globalismus entgegenstelle, vielmehr die Einheit aller Menschen als Angehörige der Menschheit (humanitas) in der Vielfalt der Völker und ihrer Kulturen, einschliesslich ihrer ganz spezifischen, auch wirtschaftlichen Interessen. Dies könnte man auch mit einem von der UNO propagierten Slogan ausdrücken (auch wenn dieser sich zunächst im engeren Sinn auf Kulturen bezieht): «Unity in Diversity» (Einheit in der Vielheit).
Die Ziele der hier angedachten Alternative sind demgemäss:
Nur wenn diese drei Ziele konsequent und konsistent (also widerspruchsfrei) angestrebt werden, scheint mir Friede auf globaler Ebene überhaupt vorstellbar – und zwar ein stabiler Friede anstatt einer Situation, in der es um immer brutaler geführte Verteilungskämpfe um die immer knapper werdenden Ressourcen geht. Dies ist auch das grosse Dilemma einer globalen Umweltpolitik.
Die Prinzipien für die Realisierung dieser Ziele – und dies bringt mich zum Ende meiner Ausführungen –, also die Grundsätze, nach denen man diese Ziele in ethisch verantwortbarer Weise realisieren kann, sind eigentlich alle schon in den Statuten der bereits existierenden weltweiten Organisationen niedergelegt. Ich meine hier vor allem die Vereinten Nationen und ihre Unterorganisationen. Die Charta der Vereinten Nationen – die Verfassung der Weltorganisation – enthält unter anderem die Prinzipien der Nichteinmischung, des Gewaltverzichtes, aber auch das Prinzip der Gegenseitigkeit, das in dem Begriff der «sovereign equality» (der souveränen Gleichheit) aller Staaten impliziert ist. Es geht hier aber auch um Prinzipien, die, wenngleich sie machtpolitisch oft ignoriert werden, im Statut der Welthandelsorganisation niedergelegt sind. Ich meine damit vor allem den Grundsatz der Nicht-Diskriminierung in den internationalen Handelsbeziehungen.
Die Philosophie einer solchen Alternativ-Version einer nicht-globalistischen Weltordnung ist in der Präambel der UNO-Charta sehr schön, geradezu poetisch, ausgedrückt. Woran es mangelt, ist – wie fast immer und überall – die Umsetzung. Durch die Entwicklung der technischen Möglichkeiten – wenn plötzlich die ganze Welt (wie man heute im Sinne von McLuhan gerne sagt, das «globale Dorf» [global village]) als Markt rund um die Uhr zur Verfügung steht – ist eine Dynamik wirtschaftlicher Tätigkeit entstanden, die der Regulierung im Sinne der vorhin von mir erwähnten Ziele bedarf. Dies ist kein Ruf nach einem diktatorischen Eingriff, sondern ein Einmahnen der Verantwortung, die jeder international wirtschaftlich Agierende für das grössere Ganze hat. Es geht also hier nicht, wenn man eine englische Terminologie verwenden möchte, um «government» – um eine globale Regierung, die in die Angelegenheiten des souveränen Staates eingreift –, sondern um Grundsätze, die – im Sinne von «governance» als Koordination unter Gleichen – gegenüber allen eingemahnt werden.
Damit es nicht ganz so abstrakt bleibt: Was die Gerechtigkeit betrifft, geht es hier auch um wirtschaftliche Chancengleichheit und ganz konkret in der sogenannten freien Marktwirtschaft um die Vermeidung von Wettbewerbsverzerrungen, auch und gerade international. Um dies zu verdeutlichen, könnte man auf ein besonderes Dilemma einer ungehemmten Globalisierung verweisen: Es gibt eine Vielzahl von souveränen Staaten mit ganz unterschiedlichen Sozial-, Wirtschafts- und Rechtssystemen. Einige Länder in Europa orientieren sich am System der «Sozialen Marktwirtschaft» – in Österreich sprechen wir auch von der «Sozialpartnerschaft». In anderen Ländern sind die sozialen Rechte der Arbeiter und Angestellten oftmals ganz anders definiert. Die Sozialstandards sind in vielen Ländern, verglichen zum Beispiel mit dem Modell in Österreich oder Deutschland, durchaus niedriger.
Was ist nun das Problem im Hinblick auf Wettbewerbsverzerrungen? Wenn man plötzlich alle Schranken, also alle Grenzen für die wirtschaftliche Tätigkeit, aufhebt, bedeutet das in einer solchen freien Marktwirtschaft eine Art unfairen Verdrängungswettbewerb. Die Produktion wird dorthin verlagert – weil man ja unter dem Druck steht, Gewinn zu erwirtschaften –, wo es billiger ist, weil die Standards niedriger sind. Das hat in zweifacher Hinsicht negative Folgen. Erstens geht es hier um die Arbeitslosigkeit beziehungsweise das Lohndumping in den sogenannten entwickelten Industrieländern, mit der Folge auch einer Senkung des Lebensstandards. Diese Entwicklung hat sich schon lange abgezeichnet.
Zweitens ist noch auf Folgendes zu verweisen: Es mögen zwar durch die Verlagerung der Produktion zusätzliche Einkommenschancen in ärmeren Ländern geschaffen werden, aber es gibt in diesen Ländern gleichzeitig auch den Zwang, ausbeuterische Arbeitsbedingungen zu akzeptieren, wie dies zum Beispiel in Südostasien dokumentiert ist. Man müsse das jedoch hinnehmen – so wird argumentiert –, um zu verhindern, dass der Zirkus dorthin weiterwandert, wo es die gleiche Arbeit «noch billiger gibt». In ethischer Hinsicht müsste also, wenn Handelsschranken abgebaut werden beziehungsweise ganz verschwinden sollen, auch eine Angleichung bei den Sozialstandards erfolgen. Ansonsten herrscht Kapitalismus in Wildwestmanier. Man darf sich dann auch nicht über weltweite Migrationsströme und grosse Wanderungsbewegungen innerhalb einzelner Regionen wundern.
Wenn man den Schritt einer Annäherung der Sozialstandards nicht setzen will, ist ein globalisierter «freier» Welthandel ausbeuterisch und ungerecht. Hier muss, so meine ich, der souveräne Staat auf seine Autorität pochen. Wenn man erläutern möchte, was das konkret bedeutet, so kann man auf die strukturell ähnlich gelagerte Problematik im Währungsbereich in Europa verweisen. Es gibt eine Einheitswährung, den Euro, es existiert aber kein einheitliches System der Wirtschafts- und Finanzpolitik, so dass das ganze System dysfunktional und letztlich zum Scheitern verurteilt ist. Man kann nicht eine Massnahme auf einer Ebene treffen und alles andere so belassen, wie es bisher war. Konkret wären – was das Problem der Vermeidung einer Wettbewerbsverzerrung und der Gerechtigkeit ganz generell betrifft – Reformen in den Statuten, vor allem der WTO und der ILO, der Internationalen Arbeitsorganisation, erforderlich. Diese könnten in der UNO-Generalversammlung debattiert und initiiert werden. Der 100. Gründungstag der ILO in Genf in diesem Jahr wäre ein guter Anlass, über Gerechtigkeit in der globalen Arbeitswelt nachzudenken. Hier gibt es übrigens auch eine moralische Verantwortung der Religionsgemeinschaften.
In Anbetracht des immer noch grossen, ja vielfach noch grösser werdenden Abstandes zwischen dem Bekenntnis zu den Zielsetzungen einerseits und der Umsetzung dieser hehren Ziele, die ich hier kursorisch aufgezählt habe, andererseits, wage ich eine Art Conclusio im Sinne eines noch nicht völlig globalisierten Hausverstandes: Solange es keine weltweit geltenden, das heisst überall durchsetzbaren Sozialstandards gibt, solange kann und darf die Freiheit der Wirtschaft nicht «moralisch grenzenlos» sein und muss jedes Volk, als Gemeinschaft mündiger Bürger, seine Identität – unter Einschluss der wirtschaftlichen Interessen – selbst definieren und realisieren dürfen. Dies bedeutet: Der Globalismus als Ideologie der «Einen Welt» – die faktisch ohnedies nicht existiert – muss gerade im Interesse der Freiheit in seine Schranken gewiesen werden.
Ganz zum Schluss noch ein ceterum censeo: Ich habe hier nicht einer sogenannten «splendid isolation» das Wort geredet, einer romantischen Idealisierung der Rückbesinnung auf das Eigene bzw. eines für sich allein – autark – Existierens. Angedacht ist – mit all dem, was ich hier zu skizzieren versucht habe – so etwas wie eine echte internationale Gemeinschaft, in welcher jeder Staat sein Potential – wirtschaftlich und kulturell – in Kooperation mit allen anderen auf der Basis der Gleichberechtigung voll ausschöpft. Das ist, rein semantisch, die Bedeutung von «inter-national», also: zwischen-staatlich; es ist gerade nicht eine Organisationsform gemeint, die man als über-staatlich («supra-national») bezeichnet. Zwischenstaatlich heisst, dass es Regeln gibt, die von untereinander selbständig agierenden Einheiten ausgehandelt werden müssen. Es geht also nicht um den Staat als ein standardisiertes Gemeinwesen, das sich den sogenannten Sachzwängen der Globalisierung unterordnet. Gemeint ist nicht der «globalisierte» Staat, sondern ein Staat, der auf der Grundlage seiner Souveränität weltweit agiert und dabei seine Verantwortung für die Erhaltung der Lebensgrundlagen aller – nicht nur der eigenen Bürger – wahrnimmt. Dies bedeutet, schlagwortartig als Imperativ formuliert: Kosmopolitische Verantwortung statt Unterwerfung unter ein globalistisches Diktat! •
* Vortrag beim Internationalen Kongress «Mut zur Ethik» mit dem Thema «Alternativen zu Globalismus und Globalisierung» am 30. August 2019 in der Schweiz.
1 Im Zusammenhang mit dem stetig wachsenden globalen Einfluss der Volksrepublik China hat der in Harvard lehrende Politologe Graham Allison 2012 die Theorie der Thukydides-Falle (Thucydides's Trap) entwickelt. Allison greift eine Überlegung von Thukydides auf, wonach der Peloponnesische Krieg (431–404 v. Chr.) unausweichlich gewesen sei und zurückzuführen war auf den Aufstieg Athens und die Befürchtungen, die dadurch in Sparta ausgelöst wurden. Diese Theorie könne Allison zufolge auf Situationen in späteren Epochen angewendet werden, wo eine bislang existierende Hegemonialmacht von einem neuen aufstrebenden Rivalen herausgefordert wurde, was oft in militärische Auseinandersetzungen mündete. Allison meinte, dass in der heutigen Konstellation der wirtschaftliche und militärische Aufstieg Chinas und entsprechende Befürchtungen in den USA denselben unheilvollen Effekt haben könnten. In diesem Zusammenhang könne eine sich wechselseitig verstärkende Abwehrpolitik beider Seiten (etwa im Rahmen eines Zollkriegs) unter Umständen zu einem militärischen Konflikt führen [Anmerkung der Redaktion, nach Wikipedia].
Neuerscheinung im Verlag Zeit-Fragen
Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Hans Köchler (*1948) war von 1990 bis 2008 Vorstand des Institutes für Philosophie an der Universität Innsbruck.
Er ist Gründer und Präsident (seit 1972) der International Progress Organization (Wien), setzt sich mit zahlreichen Publikationen, Reisen, Vorträgen und durch sein Mitwirken in verschiedenen internationalen Organisationen für einen Dialog der Kulturen ein und arbeitet in verschiedenen Komitees und Expertengremien mit, die sich mit Fragen zur internationalen Demokratie, zu Menschenrechten und Entwicklung befassen. Hans Köchler ist Mitglied des Universitätsrates der Berlin University for Digital Sciences (Berlin). Seit 2018 lehrt er am Center for Cultural Diplomacy Studies in Berlin. Hans Köchler lebt in Wien.
«Das Buch ‹Schweizer Vorträge – Texte zu Völkerrecht und Weltordnung› umfasst eine Sammlung der von Hans Köchler in den Jahren 2011 bis 2018 veröffentlichten Beiträge in der Schweizer Zeitung Zeit-Fragen. Die Beiträge beinhalten in erster Linie Vorträge, die er in der Schweiz vor dem Leserkreis der Zeitung gehalten hat. Hinzu kommen Analysen und Interviews, die grundlegende Positionen zum Zeitgeschehen abbilden.
Hans Köchlers Texte verbinden grundsätzliche rechtsphilosophische Analysen und Überlegungen mit aktuellen Fragestellungen aus Völkerrecht und Weltordnung. So heisst es in einem seiner Texte:
‹Mein philosophisch-hermeneutischer Standpunkt ist: Ich kann mich selbst nur voll verstehen, wenn ich imstande bin, einen Bezug zu anderen Identitäten herzustellen. Das gilt für das Individuum genauso wie für das Kollektiv. […] Wenn man einsieht, dass die Kenntnis anderer Kulturen Bedingung der Möglichkeit dafür ist, dass man weiss, wer man selbst ist, dann hat man eine ganz andere Basis für das, was man als friedliche Koexistenz bezeichnet, also ein friedliches Zusammenleben zwischen den Kulturen und den Ländern.›
‹Möge die Lektüre dazu anregen, den Gedanken der Achtung der Kulturen und Menschen voreinander, das Bewusstsein für die Produktivität von Austausch und Vielfalt anstelle gewalttätiger Machtpolitik und die ‹Notwendigkeit der Verständigung über weltanschauliche Grenzen hinweg› zu vertiefen und weiter fruchtbar zu machen.›»
(Aus dem Vorwort der Herausgeber)
Das Buch kann bestellt werden bei:
Zeit-Fragen. Redaktion und Verlag, Postfach,
CH-8044 Zürich. E-Mail: <email-pii>, <email-pii>; www.zeit-fragen.ch
CHF 30.– / EUR 25.– (zuzüglich Versandkosten)
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