Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03314.jsonl.gz/620

Den Blues erzählen lassen
Der Britische Blues-Historiker Paul Oliver (1927–2017) ist Mitte August im Alter von 90 Jahren gestorben. Er hatte den Bluesmen eine Stimme gegeben. Der Quereinsteiger und Blues-Enthusiast veröffentlichte mit Conversation with the Blues ein Buch, das mit dem Mythos aufräumte, dass Bluesmen ihre Geschichten durch ihre Songs erzählten. Indem er sie im Interview selbst und direkt sprechen liess, schuf Paul Oliver nicht nur unwiederbringliche Tondokumente, er ermöglichte einen neuen Zugang zu den Menschen hinter der Fassade als Künstler.
Der Blues wurde als Kunstform geschaffen, aber die Anerkennung der Musik als Kunstform war bekanntlich kein gradliniger Weg. Wurde die Musik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vom gottesfürchtigen Teil der Schwarzen Bevölkerung als «The Devil’s Music» verurteilt, so begann die Rezeption ausserhalb der Bevölkerung mit Afrikanischen Vorfahren mit den Aufnahmen, die Alan Lomax (1915–2002) im Jahr 1941 im Auftrag der US-Nationalbibliothek Library of Congress machte, als er durch den Süden zog und «Folk Songs» sammelte.
Ohne böse Absicht stellten Lomax’ Aufnahmen die Schwarzen US-Bluesmusiker aus dem Süden als etwas Fremdes hin, etwas «anderes», und damit Objekt ethnologischen Begierde, erschaffen von Menschen, mit denen man nichts zu tun hatte. Der Bluesmen aus North Carolina oder aus Mississippi war den Weissen Musikliebhabern, die die Aufnahmen der Library of Congress mit Interesse hörten, ebenso fremd wie das Throat-singing der Inuit oder die Gesänge des Japannischen Nô-Theaters.
1965 erschien dann eine Sammlung von Interviews unter dem Titel Conversation with the Blues (das Buch wurde auf diesen Seiten bereits besprochen), die Paul Oliver zwischen 1960 und 1965 geführt hatte, und diese brachten die Wahrnehmung des Blues ein grosses Stück voran. Paul Oliver liess die Musiker selbst erzählen, was ihr Leben geprägt hat, wie ihre Kunst und ihre Biographie zusammenhängen, wer sie als Personen sind. Als Brite hatte er einen Aussenblick auf die USA und er zögerte nicht, diese auch mit ihren hässlichen Seiten darzustellen. Oliver stellte zu einer Zeit, als die Schwarze Bevölkerung Bürgerrechte einforderte, diese als Menschen dar, und damit eben nicht als «die anderen», sondern als Nachbarn, als Mitbürger, als Zeitgenossen. Das Buch wurde 1991 in die «Hall of Fame» des Blues aufgenommen, aber Paul Oliver verfasste zahlreiche andere Titel, so 1959 eine Biographie von Bessie Smith sowie systematisierende Titel wie Screening The Blues : Aspects Of The Blues Tradition von 1968 oder schon 1960 den Titel Blues fell this morning : the meaning of the blues.
Der Mann war im Kerngeschäft Kunsthistoriker, und er unterrichtete Kunstgeschichte, insbesondere Architekturgeschichte in London und Umgebung. Seine zu Lebzeiten erlangten Würdigungen umfassen einen Verdienstorden und eine Ehrendoktorwürde, aber in Blueskreisen wird er für seine Bahnbrechenden Publikationen in Erinnerung bleiben sowie für den Mut, die Glitzerfassade des Weissen Amerikas der 1960er Jahre nicht akzeptiert zu haben und stattdessen den Alltag zeigte, indem insbesondere die Gesellschaftsschicht lebte, die den Blues hervorgebracht hatte, Olivers grosse Leidenschaft..