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Gebetshaus
21. August 2015
“Angstvolle Stücke konnte ich sehr gut singen!”
Interview mit der Sopranistin Rosemary Hardy
Rosemary, wann hast du zu singen begonnen und wie verlief deine Laufbahn? Ich erinnere mich sehr genau an eine Begebenheit – ich war noch nicht einmal vier Jahre alt. Ich hörte eine Opernsängerin am Radio und sagte sehr resolut: “Einmal werde ich so singen wie die!”
Ich war sehr überzeugt davon und brachte meine Eltern mit meinem Entschluss in einige Schwierigkeiten. Sie mussten für ihre achtjährige Tochter eine Lehrerin suchen, obwohl man ihnen sagte, Gesangsunterricht sei eigentlich erst etwas für Siebzehnjährige. Sie fanden eine wundervolle Lady, Mrs. Stevenson, die mir nun die ersten musikalischen Schritte zeigte.
Musik war schon damals meine ganze Welt. Mit sechzehn fuhr ich dann zu einem Vorsingen an das “Royal College of Music” in London. Eine der dortigen Professoren fragte verwundert: “Solltest du in deinem jugendlichen Alter nicht noch etwas länger zur Schule gehen?” Ich gab zur Antwort: “Das wäre totale Zeitverschwendung. Ich möchte singen, nur singen!” So nahmen sie mich auf.
Danach studierte ich zwei Jahre im kommunistischen Ungarn an der Franz Liszt-Akademie. Zurück in London sang ich in professionellen Chören und “Consorts”, also in Gruppen von fünf bis sechs Sängern. Ich war im Dela-, im Purcell- und im Wilby-Consort zusammen mit Peter Pears. Diese Consorts verhalfen mir zu einer enormen musikalischen Erfahrung. In den 1970-er Jahren begann ich als Barock-Solistin, wollte mich jedoch später weiterentwickeln und wandte mich ganz der modernen Musik zu.
Wie wirkten die geistlichen Inhalte der Barockwerke auf dich? Ich war sehr wütend auf die Kirche, hatte aber nichts gegen die Texte. Einmal wäre ich in einem Gottesdienst beinahe aufgestanden und hätte eine Schimpftirade losgelassen.
Wie hast du die Musikwelt erlebt? Die Musikwelt ist eine enorm grosse Welt. Man findet sicher auch gute Freunde, aber ein grosser Teil ist ungeheuer weltlich. Es geht um Erfolg und Geld. Sogar grösste Musiker sind davon völlig eingenommen.
Was ich beobachte: Viele Sänger verlieren unter dem konstanten Druck die Freude. Der Druck heisst: “Ich muss berühmt werden! Ich muss mehr Geld verdienen! Ich muss die beste Rolle haben!” Ich hatte nicht das Bedürfnis und auch nicht die Energie für Kämpfe solcher Art, obwohl ich mit meiner Stimme beste Engagements bekam – und wohl noch bessere hätte bekommen können.
Nein, ich stand in anderer Hinsicht unter Druck: Da ich Musik des 20. Jahrhunderts sang, war ich musikalisch bis aufs Äusserste gefordert. Aber sie hat mir zum Teil auch geholfen. Ich ging durch schreckliche Zeiten, in der ich in der Ehe seelische Gewalt litt. Da kam ich auf den Gedanken: “Musik könnte dich heilen.”
Ich begann, anders zu atmen und konzentrierter zu singen. Das tat mir gut. Und dann kann Musik ja auch tiefe Gefühle der Freude und des Schmerzes ausdrücken, für die man oft keine Worte findet. Und dies kann irgendwie heilend wirken.
Du hast vorhin von Kämpfen gesprochen, durch die Du hindurch musstest. War der Weg zum Glauben auch so ein Kampf? Ein unerhört starker Kampf! Meine Ehe war, wie gesagt, zu einer Katastrophe geworden, und ich musste mich von meinem Mann trennen. Da ich das eigentlich nie gewollt hatte, erlebte ich einen persönlichen Zusammenbruch.
Ich litt ungeheure seelische Qualen, stand aber gleichzeitig auf der Bühne und spielte meine Rolle, ohne dass man mir etwas anmerkte. Ich entwickelte zu jener Zeit eine besondere Begabung in der Interpretation ausdrucksstarker, angst- und schmerzvoller, sehnsüchtiger Musik. “Erwartung” von Arnold Schönberg war so ein Stück, das ich sehr authentisch wiedergeben konnte.
Doch Musik wirkte nicht nur heilend. Sie setzte sich zugleich in meiner Seele fest und verstärkte sogar die Angst! Ich merkte: Ich war gar nicht geheilt, und suchte nun Heilung andernorts, eine Zeitlang in östlichen Religionen. Zum Glück war ich skeptisch gegenüber dem “New Age”-Supermarkt.
Nach meiner Scheidung ging es mit mir nur noch bergab, bis mich eines Tages der Heilige Geist besuchte. Ich stand in der Küche, und auf einmal war ER da mit seiner überwältigenden Liebe. Es ist schwer zu beschreiben.
Du wusstest, dass es der Heilige Geist oder der Gott der Bibel war? Noch nicht so genau, aber es wurde mir bald klar. Es war, als ob endlich die geliebte Person käme, auf die ich schon immer sehnsüchtig gewartet hätte. Es war für mich zugleich ein Damaskus-Erlebnis. Ich stürzte wie Paulus vom Pferd und begann nun verzweifelt, Gott anzurufen. Über Wochen hinweg tobte ein ungeheurer geistlicher Kampf in mir. Ich erlebte dabei eine solche Veränderung, wie es auch eine jahrelange Psychoanalyse nicht zustande gebracht hätte.
Wie hast du Gottes Stimme gehört? Hast du vielleicht begonnen, die Bibel zu lesen? Nein, erst Monate später. Gott sprach sehr direkt zu mir. Er zeigte sich mir als der himmlische Vater und lehrte mich Dinge, die ich damals noch gar nicht richtig begreifen konnte.
Ich hatte auch noch keinen Kontakt zu anderen Christen. Seltsame Dinge geschahen. Als ich einmal in Basel war – ich trat in Christoph Marthalers “20th Century Blues” auf – fragte mich der Herr: “Willst du mir nachfolgen? Willst du meine Dienerin sein?” Ich war so schockiert, sagte aber voller Enthusiasmus: “Ja, ja, ja!”
Ein anderes Mal, als ich vor Jahren mit meiner Tochter in die Region Basel zog, hörte ich Gott deutlich sagen: “Join my church!” – “Tritt meiner Kirche bei!” So fand ich die anglikanische Kirche in Basel. Ich geriet zunächst in ein kleines Morgengebet, bei dem ich mich sehr wohl fühlte.
Ein andermal stand ich vor verschlossener Tür. Da kam der Pfarrer, Geoff Read, und sagte, der Gottesdienst, zu dem ich kommen wolle, fände schon lange nicht mehr statt. Er habe aber den starken Eindruck gehabt, er müsse kommen und sehen, ob jemand da sei. Wir sprachen lange miteinander, und dann betete er für mich. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass jemand für mich betete!
Wie erfährst du Gott als Sängerin? Ich habe bald einmal begonnen, in meinen Gebetszeiten neue Melodien zu singen. Ich erlebe auch oft, wie Gott meine sorgenvollen, bitteren oder ängstlichen Gedanken in ein Lob transformiert.
Das ist wohl dieser “Strom des lebendigen Wassers”! – Wie erfahre ich Gott als Sängerin? Ich bin viel befreiter! Ich singe befreiter. Und ich bekomme interessanterweise keine Anfragen mehr für angstbesetzte Stücke! Das hat plötzlich aufgehört.
Dafür singe ich andere, schönere Stücke. Und mein Beruf als Sängerin ist mir gar nicht mehr so extrem wichtig. Ich könnte auch als Köchin oder als Krankenschwester glücklich sein! Das beunruhigt mich manchmal fast etwas. Ich glaube aber trotzdem, dass ich als Sängerin eine Aufgabe habe. Es geht ja darum, Gott mit der Musik zu dienen, durch die Kunst der Welt eine geistliche Dimension zu vermitteln.
Fragen:
- Kannst du die Aussagen von Rosemary Hardy über die Musik- und Kunstwelt nachvollziehen: “Der Druck heisst: Ich muss berühmt werden! Ich muss mehr Geld verdienen! Ich muss die beste Rolle haben!”?
- Wie gehst du damit um?
- Kennst du das: Gott spricht zu dir? Wie?
- Wie wünschest du, dass Gott in dein Leben eingreift?
Etwas, was helfen könnte (neben dem Gebet allein oder mit jemandem anderen): Aufschreiben, was dich bewegt – in ein Tagebuch, auf dein Mobile Phone usw. Gott hört und erhört auch geschriebene Gebete!
TUNE IN 137 vom 16. August 2015 | Das Gespräch mit Rosemary Hardy führte Beat Rink, Präsident von ARTS+ © Crescendo 2007/2015 | Weitere TUNE INs findest Du hier | Zur Zeit wirkt Rosemary Hardy am Schauspielhaus Hamburg