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Pfingsten,
30. Mai 2004

Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?
Daß ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre. Er hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst.
Und er bewahrt mich so, daß ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt fallen kann, ja, daß mir alles zu meiner Seligkeit dienen muß.
Darum macht er mich auch durch seinen heiligen Geist des ewigen Lebens gewiß und von Herzen willig und bereit, forthin ihm zu leben. Amen
(Heidelberger Katechismus, Frage und Antwort 1)
Liebe Geschwister,
Im Jahre 1559 trat Kurfürst Friedrich III sein Regierungsamt über die damals recht bedeutende Pfalz an. Sein Vorgänger hatte nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 lutherische Theologen ins Land geholt, war jedoch mit der Einführung der Reformation nicht vorangekommen.
Friedrich III war streng katholisch erzogen, seine Frau, eine Brandenburger Markgrafentochter, war evangelisch. Sie regte ihren Mann zum Bibellesen an, was der auch brav und eifrig tat. Sehr bald sah er sich der Aufgabe gegenüber, für sein Land die Richtlinien des Glaubens festzulegen. Denn weil sein Vorgänger die Reformation nicht flächendeckend eingeführt hatte, war das Land zerstritten und die Bevölkerung verwirrt. Um Klarheit zu schaffen, berief Friedrich III eine Reihe namhafter Professoren an die Heidelberger Universität, darunter zwei junge Theologen: Den aus Breslau stammenden Zacharias Ursin, gerade mal 28 Jahre alt; er hatte in Wittenberg bei Melanchtons und bei Calvin in Genf studiert. Der zweite war Caspar Olevian aus Trier, ganze 26 Jahre alt, Freund eines Sohnes Friedrichs III und Schüler Calvins. 1561 traten beide ihre Lehrtätigkeit in Heidelberg an, Olevian war gleichzeitig Hofprediger.
1562 begannen die beiden im Auftrag ihres Kurfürsten mit der Arbeit an einer “festen Grundlage biblischer Glaubenserkenntnis,“ zogen dabei den Zürcher und den Emdener Katechismus ebenso zu Rate wie den Londoner und den Genfer. Oft nahm Friedrich III an den Besprechungen teil, stellte hilfreiche Fragen und verzichtete auf landesherrliche Anweisungen. Über die Gliederung war man sich schnell einig: Ein erstes Kapitel sollte von des Menschen Elend handeln, von seiner Gottesferne und davon, dass ein Leben ohne Schuld nicht möglich ist. Dann sollte von der Erlösung die Rede sein, von der Versöhnung mit Gott durch Jesus Christus und davon, dass der Mensch trotz und mit seiner Schuld leben kann und darf. Im dritten und letzten Kapitel schließlich sollten die Menschen aufgefordert und erinnert werden, für ihre Erlösung aus dem Elend dankbar zu sein, und zwar in Gedanken, Worten und Werken. Die Arbeit schritt gut voran, und im späten Herbst lud der Kurfürst alle Superintendenten und bedeutenden Kirchendiener – so nannte man die Pastoren – nach Heidelberg ein, um den Entwurf ausführlich zu diskutieren.
So weit die wichtigsten geschichtlichen Daten; das nun Folgende ist überwiegend frei erfunden:
Ursin und Olevian waren mit dem Ergebnis sehr zufrieden, es hatte keine grundsätzlichen Bedenken gegeben, nur einige Ergänzungen für die biblischen Begründungen einiger Fragen und Antworten. Und natürlich ein paar redaktionelle Änderungen, Vorschläge für griffigere Formulierungen. Der Kurfürst dankte allen für die Anregungen, vor allem und vor allen aber dankte er den beiden jungen Männern für ihre gute Arbeit. Vergaß auch nicht zu erwähnen, an wie vielen Sitzungen und Beratungen er teilgenommen hatte. Der erhoffte Applaus blieb nicht aus.
Nach der Sitzung lud der Kurfürst die beiden Professoren zum Essen aufs Schloss ein. Ihm sei, sagte er, noch ein Gedanke gekommen, den er mit ihnen gern durchsprechen wolle. Sie möchten sich bitte in etwa einer Stunde im Schloss einfinden. Er verabschiedete sich, Ursin und Olevian vertraten sich die Beine am Ufer des Neckar, dann stiegen sie zum Schloss hinauf.
Schon als das Essen aufgetragen wurde, sagte der Kurfürst, ihm fehle an dem Entwurf noch etwas Wichtiges, nämlich so etwas wie eine kurze, knappe Zusammenfassung des Ganzen. Er wolle zwar noch ein Vorwort schreiben, aber es müsse – am besten gleich danach – etwas stehen, das den christlichen Glauben in einer einzigen Antwort zusammenfasse, eine Art Bekenntnis. „Ein neues Glaubensbekenntnis?“ fragte Olevian erschrocken, denn er wußte, welchen Streit es um das sogenannte apostolische Glaubensbekenntnis und erst recht um das nicäische gegeben hatte. „Nicht jeder wird den ganzen Katechismus lernen,“ meinte der Kurfürst, „ich möchte aber jeden Untertan jederzeit fragen können, worauf es im Glauben ankommt, und dann eine ordentliche Antwort erhalten. Doch jetzt laßt uns essen und trinken, man soll dem Esel, der da drischt, nicht das Maul verbinden.“ Er lachte schallend, die beiden Professoren lachten höflich mit. Als sie spät am Abend und leicht schwankend das Schloss verließen, sagte der Kurfürst ihnen noch, er wolle das Ergebnis bis Jahresende. Dann wünschte er den beiden einen guten Heimweg und frohes Schaffen.
Die beiden verabredeten sich für den nächsten Tag. Ursin begrüßte seinen Kollegen mit der Frage, worauf er sich unbedingt verlassen könne. „Auf die Trinkfestigkeit des Kurfürsten,“ antwortete der mit angerauhter Stimme. „Nein, im Ernst,“ beharrte Ursin, „worauf allein kannst du dich im Leben und im Sterben verlassen?“ – „Ach so,“ begriff Olevian, „auf Jesus Christus natürlich. Auf nichts und niemanden sonst. Weder auf Engel noch auf Heilige, weder auf geistliche noch weltliche „Herren,“ weder auf Ikonen noch auf Salböl noch auf Weihwasser. Willst du das hören? Aber lass mich doch erst einmal eintreten, es ist lausig kalt heute.“ Ursin trat beiseite, Olevian trat ein, beide gingen ins Studierzimmer, wo ein gemütliches Feuer brannte, und setzten sich. Ursin erzählte, er sei unerwartet früh wach geworden und habe über ihren Auftrag nachgedacht, habe auch schon eine Idee, nämlich: Christus habe das Verhältnis der Menschen zu Gott in Ordnung gebracht, habe statt ihrer Gottes Vertrag, seinen Bund mit ihnen erfüllt, so dass sie nicht mehr vertragsbrüchig werden könnten.
„Dann sollten wir damit beginnen, dass wir alles, was im neuen Testament über die Bedeutung Christi steht, in einem Satz zusammenfassen,“ meinte Olevian. Ursin zögerte mit seine Zustimmung, denn bisher begannen alle Bekenntnisse mit Gott dem Schöpfer. Aber – warum nicht etwas Neues wagen? Außerdem, ging ihm auf, könne man so den Aufbau des ganzen Katechismus vorwegnehmen: Elend – Erlösung – Dankbarkeit. Die Frage müsse das Elend benennen, die Trostbedürftigkeit des Menschen.
Olevian war von dem Vorschlag sehr angetan, griff zur Feder und schrieb: „Was ist deine einzige Hoffnung im Leben und im Sterben?“ „Hoffnung ist mir zu schwach,“ wand Ursin ein, „Zuversicht wäre besser.“ – „Dann lass uns doch gleich vom Trost sprechen,“ meinte Olevian, „Trost meint schließlich einerseits ‚Zuversicht,‘ andererseits aber auch ‚Vertrag, Bündnis,‘ jedenfalls etwas, worauf man sich ohne Wenn und Aber verlassen kann. Und darum geht es doch in dieser unzuverlässigen Welt.“ Olevian schrieb: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ und las die Frage vor. Ursin antwortete: „Dass Christus mein Herr ist. – Aber das müssen wir wenigstens etwas ausführen und begründen.“ Sie berieten sich, dann notierte Olevian: „Daß ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre. Er hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst.“
„Jetzt in einem zweiten Absatz von Gott reden, und zwar von Gott als Bewahrer und Erhalter, der mein Heil will; der ‚Bund und Treue hält ewiglich,‘ wie er es Noah versprochen hat,“ schlug Ursin vor. Wieder berieten sie kurz, dann formulierte Ursin, und Olevian notierte: „Er bewahrt mich so, daß ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt fallen kann, ja, daß mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss“ – „Alles?“ fragte Olevian, „auch z. B. Krankheit?“ – „Krankheit gehört zum Leben; wer nicht krank wird, ist nicht gesund! – sagt meine Oma immer“ lautete Ursins Antwort und Olevian verstummte.
Nun fehle nur noch die Dankbarkeit, stellte Olevian fest, und die hänge ja wohl mit dem heiligen Geist zusammen. Damit hätten sie dann die drei klassischen Teile eines Glaubensbekenntnisses zusammen, wenn auch in etwas anderer Reihenfolge. „Schreib doch einfach, dass Gott uns durch seinen Geist in die Lage versetzt, fortan ihm zu leben,“ meinte er. Darauf Ursin: Nicht fortan müsse es heißen, sondern forthin. M. a. W.: Nicht ab jetzt, sondern weiterhin.“ Das leuchtete Olevian ein.
Pünktlich zu Weihnachten lieferten sie das Ergebnis ihrer Arbeit beim Kurfürsten ab und bekamen von ihm eine Einladung zur Abschlussbesprechung am 6. Januar. Er wolle, begründete der Kurfürst den Termin, deutlich machen, dass dieser Tag der Verehrung von drei Königen oder Weisen, normalen Menschen also, nicht damit zu vereinbaren sei, dass allein Gott die Ehre gebühre. Darum solle es diesen Feiertag in seinem Land hinfort nicht mehr geben.
Der Kurfürst zeigte sich dann hoch zufrieden mit dem, was Ursin und Olevian als Frage und Antwort eins des Katechismus formuliert hatten und machte sich in den nächsten Tagen daran, das Vorwort zu schreiben.
Noch ein paar geschichtliche Tatsachen zum Abschluss: Am 19. Januar 1563 unterschrieb der Kurfürst sein Vorwort, dann ging der Heidelberger Katechismus in Druck und verbreitete sich schnell. 1566 wurde Friedrich III beim Kaiser angeklagt, gegen die Augsburger Konfession verstoßen zu haben. Er nach Worms vor den Reichstag zitiert. Der Kaiser verlangte unter Androhung strengster Strafen, dass der Kurfürst seine Reformation zurücknähme und den Heidelberger Katechismus zurückzöge. Friedrich III stellte fest, dass es für ihn nur einen Herren aller Herren, einen König aller Könige gäbe, dem er gehorche: Jesus Christus. Außerdem sei sein Katechismus unumstößlich, weil biblisch begründet.
Der Reichstag konnte nicht anders, als das zu respektieren. Der Kurfürst wurde nicht mit Acht und Bann belegt, der Heidelberger Katechismus war bald europaweit verbreitet und hat seit dem ungezählten Menschen im Leben und im Sterben Mut und Zuversicht gegeben. Amen
Gebet:
Guter Gott, dein heiliger Geist ist es, der uns führt und leitet - durch unsere Zeit, durch unser Leben und gewiss auch durch unser Sterben. Dein heiliger Geist ist es, der uns Kraft und Zuversicht gibt, der uns stärkt und tröstet, wo wir schwach und verzagt sind. Das macht uns froh und dankbar.
Guter Gott, wir erfahren und erleben Dinge, die uns kraft- und mutlos machen; die uns resignieren lassen. Sie erscheinen uns so stark, dass wir uns klein und hilflos vorkommen. Wir bitten dich: Vergib uns Mutlosigkeit und Verzagtheit und gib uns deinen Geist des Glaubens und der Stärke.
Guter Gott, deine Liebe hat uns von aller Schuld, die wir im Leben und durch unser Leben auf uns laden, befreit. Das öffnet uns den Blick für einander und für andere; das macht uns dankbar, denen von deiner Liebe geben, die unter Lieblosigkeit leiden.
Guter Gott, wir bitten dich: Nimm deinen heiligen Geist nicht von uns, damit wir weiterhin dir leben und allein dir die Ehre geben. Was dem im Wege stehen kann, bringen wir vor dich und beten gemeinsam:
Unser Vater im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen
Gesänge: 131; 290; 398; 607
Paul Kluge, Pastor em.

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