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Christian Stamm, Hofgärtner, 1846 - 1917
D
Christian Stamm, zurück in Schleitheim
Die Villa Aïda - eine bewegte Geschichte
Christian Stamm, der das Alter in seiner Heimat
verbringen wollte, plante in Schleitheim einen
grosszügigen Wohnsitz. Von Kairo aus kaufte er im
September 1903 von den Erben des verstorbenen
Altgemeinderats-Schreibers Adam Wanner dessen
Liegenschaft oben in der Gass und von
verschiedenen Grundeigentümern einige Pündten
hinter dem Haus.
Vorgesehen war, das bestehende Haus um ein
Stockwerk zu erhöhen und nach Osten zu
erweitern. Christian Stamm schloss mit Heinrich
Stamm, Baumeister zur Bachwies, einen Werkvertrag. Im April 1906 erfolgte die
Bauausschreibung im Amtsblatt.
Baubeginn war der 1. Oktober 1906. Bald stellte sich heraus, dass das alte Mauerwerk zu
wenig stabil war, weshalb Baumeister Stamm die Pläne ändern musste. Das bestehende
Gebäude wurde abgebrochen und als Villa neu erstellt. Trotz geäusserter Bedenken
seitens des Baumeisters wurde während der Wintermonate gearbeitet. Im Mai 1907
war der Neubau vollendet, doch es sollten sich schwerwiegende Mängel herausstellen,
die langwierige Prozesse zur Folge hatten. Christian Stamm hat nach seiner Rückkehr in
die Schweiz nie in der «Villa Aïda» gewohnt. Er logierte zunächst in Schaffhausen, und
als das gleichzeitig mit der »Villa»erstellte Gärtnerhaus in Oberwiesen fertig war, nahm
er dort Wohnsitz.
- 1910 ist die Villa Aïda im Besitz seiner beiden in Kairo wohnhaften Söhne.
- 1915 wurde das markante Gebäude von der Spar- und Leihkasse übernommen.
- 1919 ist neuer Eigentümer Arthur Thein, Werkleiter
- 1942 erwirbt die Gemeinde das Haus und nutzt es, nach baulichen Veränderungen im
Innern, als Verwaltungsgebäude. Diesem Zweck dient es heute noch.
Der mit speziellen architektonischen Elementen ausgestatte Bau wurde aus
Backsteinen erstellt. Die Sandstein-Einbauten wie Tür- und Fenstergewände, Säulen
bei der Veranda, Gurten und Konsolen usw. wurden nicht in Schleitheimer-Sandstein
erstellt, da die Brüche zuvor aufgegeben wurden. Verwendet wurde Rorschacher- und
St. Margrether-Sandstein.
Gärtnerhause in Oberwiesen
Die Obstplantage in Oberwiesen
m August 1906 kam nach einigen Verhandlungen mit den Grundstückbesitzern der Kauf des
gesamten Areals in Langen Wiesen / Gemeindeägerten und Unterwiesen zustande. Von 29
verschiedenen Besitzern konnte Stamm das Gelände zwischen der Wutach, der Landstrasse
und dem Schleitheimer-Bach erwerben, insgesamt fast acht Hektaren. Der Kaufpreis lag
zwischen 35 und 45 Rappen/m2. Stamm plante auf dem Gelände rund 6000 Obstbäume zu
pflanzen. Nachdem alle Grundstücke abgeerntet waren, begann er im Oktober 1906 mit dem
Rigolen (Tiefpflügen) des Geländes. Mit zwei Spezialpflügen, einem 14-spännigen und einem
16-spännigen Zug wurde der fruchtbare Boden gewendet. Am 9. Oktober hielt Fotograf Koch
aus Schaffhausen die einmalige Situation im Bild fest.
Im Frühjahr 1907 wurde das ganze Gelände mit Obstbäumen der verschiedensten Sorten
bepflanzt (Plan unten). Zwischen den Obstbaum-Reihen baute Gärtner Stamm Kartoffeln,
Bohnen, Erbsen und anderes Gemüse an. Auch 2000 Rhabarberstöcke fanden Platz am
Rande der Anlage.
Für die Ernte der Zwischenkulturen benötigte Stamm viele Helfer. Teils über 100 Mädchen
und Frauen aus dem Dorf pflückten Bohnen für 8 Rappen/kg. und sortierten diese im
Sortierraum des Magazingebäudes an 10 Meter langen Tischen. Abnehmer war die
Konservenfabrik in Frauenfeld.
Der fruchtbare Boden brachte auch Grossernten an Kartoffeln. Von der Sorte «Kaiserkrone»,
exakt verlesen, wurden ganze Wagenladungen an einen Grossabnehmer verkauft.
Lagerkeller im ehemaligen Gipsstollen
Um die nach einigen Jahren zu erwartende grosse Ernte an Obst lagern zu können,
kaufte Christian Stamm 1907 von der Gemeinde den vorderen Gipsstollen in der
Flüelihalde. Er richtete dort einen grossen Obstkeller ein, indem er durch einen neuen
Verbindungsstollen einen riesigen, kreisförmigen Lagerkeller erhielt. Auf Schienen
konnten die Obstkisten leicht ins Bergesinnere transportiert werden. Den vorderen Teil
des Zugangsstollens liess er ausmauern. Ausserhalb des Stollens erbaute Stamm ein
einstöckiges, flachgedecktes Lager- und Arbeitsgebäude - das heutige Gipsmuseum. Der
Lagerkeller bewährte sich nicht, die Luft war mit 8 Grad Celsius zu wenig kühl und zu
feucht - das Obst hielt zu wenig lange.
Das weitere Schicksal der Edelobstanlage
Nach dem 1917 erfolgten Tod von Christian Stamm führte die Witwe den Betrieb noch
eine kurze Zeit weiter. 1919 kaufte der junge Gärtner Hans Schüeli aus Oberwiesen die
ganze Anlage. Sein Schwergewicht lag in der Gärtnerei. Da sich die Hoffnungen des
jungen Berufsmannes nicht erfüllten, musste der Betrieb aufgegeben werden.
Die Gemeinde liess darauf das Gelände in 15 ungefähr gleich grosse Parzellen einteilen
und erstellte neue Wege. 1924 fand eine öffentliche Versteigerung der Grundstücke statt.
Das Gärtnerhaus blieb bis 1921 im Besitz der Witwe Bertha Stamm-Sennhauser.
Schliesslich erwarb die Zollverwaltung das Haus, und über 50 Jahre wurde der schöne
Sitz von vielen Grenzwächter-Familien bewohnt.
Mehrspänniges
Rigolen (Tiefpflügen)
Edelobstanlage in Oberwiesen
Links: Plan der Edelobstanlage,
Oben: Auszug daraus
Lager- und Arbeitsgebäude vor dem
Gipsstollen. Heute Gipsmuseum.
Nachfolgebetrieb Hans Schüehli