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Kunst
Der Italo-Western in Cinemascope
Ein Westernbuch im Cinemascope-Format mit Einschusslöchern: was könnten sich die junggebliebenen Herren und innerlichen Buben besseres wünschen als diese Publikation des Hannibal-Verlages, das noch dazu mit einem herausnehmbarem Plakat und der Beilage eines Programmheftes zu "Für ein paar Dollar mehr" - die Mutter aller Western mit Clint Eastwood und Lee van Cleef - ausgestattet ist. "Dreckige Spaghetti - Die glorreiche Geschichte des Italowestern" erzählt die Geschichte des Italo-Westerns von seiner Geburt bis zu seinem Tode. Und wer könnte das besser, als ein Mann namens "Killing?" Überraschen mag vielleicht die Tatsache, dass das Genre eigentlich von in Spanien stationierten US-Filmteams (MGM 2oth Century Fox) aus der Taufe gehoben wurde, die eigentlich dorthin kamen, um Sandalenfilme zu drehen und Produktionskosten zu sparen. Für den "Koloss von Rhodos" wurde der junge italienische Regisseur Sergio Leone verpflichtet, der wie kein anderer von Amerika träumte. So kam es, dass die vier späteren Italo-Großmeister Sergio Corbucci (Django), Duccio Tessari (Ringo), Enzo Barboni (Vier Fäuste für ein Halleluja) und eben Sergio Leone gemeinsam einen Film verantworteten, der "handwerklich allenfalls Durchschnitt" gewesen sei, so Uwe Killing. Aber egal: die Geburt des Italo-Westerns aus der griechischen Tragödie finanziert mit US-Geldern, gibt es eine schönere Ironie der Geschichte?
Camus’ "Der Fremde" im Westerngenre
Der "amerikanische Heimatfilm", wie Killing den Western auch gerne ironisch bezeichnet, hatte in Amerika schon ausgedient, ein wichtiger Protagonist John Wayne war krank und alkoholsüchtig und John Ford, Fred Zinnemann und Howard Hawks hatten sich längst anderen, gewinnträchtigeren Genres zugewandt. In Deutschland begann man 1962 mit den ersten von insgesamt 11 Karl-May-Verfilmungen, die man bezeichnenderweise im Osten drehte und nicht zuletzt der Soundtrack des Jazz-Gitarristen Martin Böttcher machte Winnetou et al zu einem durchschlagenden Erfolg, dessen Beben auf dem Filmmarkt sich bis nach Spanien fortsetzte, wo sich in Almerià und bei Madrid zwei Westernproduktionen festsetzten. Die Koproduktionen können durchwegs als Euro-Western bezeichnet werden, steckte doch vor allem Geld von Italien und Deutschland drinnen. Im Zentrum der ersten Filme stand der Magnifico Straniero (so auch ein Filmtitel von Corbucci), dessen Vorlage eigentlich ein Stoff aus Japan lieferte: Yojimba von Akira Kurosawa. Aber wer an einen West-Ost-Klau glaubt, irrt, denn Kurosawa hatte seinerseits wiederum bei Dashiell Hammett geklaut. Der 33-jährige Clint Eastwood wird schließlich zur Paradebesetzung einer Reihe von Western, der den kühlen und geheimnisvollen Fremden wie kein anderer verkörperte: katzenhaft, wortkarg, gelassen und immer auch ein kleines bisschen grantig. "Er ist der Fremde, der Stimmungen und Sehnsüchte hervorruft. Der aber keine eindeutige Herkunft hat, keine Geschichte, keine eindeutigen emotionalen Bezüge. Und der vor allem die Verbindungen zum verlässlichen Wertesystem des Westens gekappt hat.", schreibt Killing und "hinter dessen lethargischer Aura eine allzeit gefährliche Männlichkeit lauerte". Aber natürlich wäre kein Italo-Western ohne den Soundtrack von Ennio Morricone zu denken.
Das Westerngenre in Cinemascope
"Dreckige Spaghetti" erzählt im Cinemascope-Breitwandformat die glorreiche Geschichte des Italo-Westerns von 1964 bis Mitte der Siebziger Jahre. Rund 500 Filme auf 256 Seiten werden mit vielen Filmplakaten, Standfotos und Texten aufgearbeitet, die einen starken Suchtcharakter aufweisen. Henry Fonda bis Claudia Cardinale, von Klaus Kinski bis Lee van Cleef - oder die junge Iris Berben als feurige Rebellin: alle sind mit dabei. Schurken und Halunken ebenso wie Frauen, Erotik und der Freigeist der Sechziger Jahre. Das der Publikation beigefügte Poster "Die Blüte des Italo-Western" bietet jedem Western-Fan einen Überblick über die wichtigsten Filme, Regisseure und Spielarten des Genres. Das ebenfalls beigefügte Programmheft "Illustrierter Film-Kuriere" zu dem Klassiker "Für eine Handvoll Dollar mehr" vermittelt zudem authentische Filmatmosphäre. Anfänger werden sich freuen, Fortgeschrittene Westernkenner werden aber einige Mängel auffallen. Alles in allem, aber natürlich ein wichtiger - wenn auch etwas reißerischer Beitrag - zum wichtigsten europäischen Film-Genre, denn der Italo-Western steht metaphorisch auch für die europäische Sehnsucht nach Amerikas vermeintlicher Freiheit und dem symbolischen Ausbruch der hier eng gesetzten Grenzen.