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Geöffnete Schleusentore, gebrochene Deiche
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Der Präsident war gewarnt worden, dass sein Arbeitsplatz bald überflutet werden könnte. Nun stand er tatsächlich barfuss und mit hochgekrempelten Hosenbeinen im Präsidentenpalast. Dreissig Zentimeter hoch stand das Wasser. Das Staatsbankett mit Argentiniens Präsidentin Cristina Fernandez De Kirchner musste verlegt werden. Auch der Merdeka-Palast nebenan stand unter Wasser.
„Dass der Palast unter Wasser steht, ist kein Problem“, ermahnte Präsident Bambang Susilo Yudhoyono seine Minister und Berater. „Die Anwohner haben Vorrang. Unternehmen Sie alles, um die Auswirkungen der Fluten zu mindern, und helfen Sie der Stadtverwaltung.“
Notstand
Nach tagelangen anhaltenden Regenfällen versanken weite Teile Jakartas in den Wassermassen. Zehntausende mussten ihre Häuser räumen und in sichere Unterkünfte gebracht werden, aus dem Kampung Malayu, aus Rawajati, Bukit Duri, Bidara Cina, aus Depok, Cimanggis, Cisalak, Sukmajaya, Kemirimuka und anderen Stadtteilen. Jetzt sind sie untergebracht in Hospitälern, Sporthallen, Busstationen und Bahnhöfen, die leer stehen seit die Gleise überflutet und nahe der Tanah-Abang-Haltestation 40 Gleismeter von den Fluten einfach weggeschwemmt wurden und der Bahnverkehr ebenso eingestellt werden musste wie zuvor schon einige Linien der Transjakarta-Schnellbusse. Oder sie hausen auf Plastikplanen unter Autobahnen oder Bahngeleisen. Soldaten und Polizisten paddeln in Schlauchbooten durch die Strassen, um Alte, Kinder oder Gebrechliche in Sicherheit zu bringen.
Sieben der zehn Stadtbezirke sind überflutet. Sogar in Menteng, dem Luxusviertel, das einst den holländischen Kolonialherren vorbehalten und sogar bei den schweren Überschwemmungen des Jahres 2007 trocken geblieben war, stand das Wasser eineinhalb Meter hoch und drang in Wohnstuben und Schlafzimmer. Jakartas Gouverneur Joko Widodo rief den Notstand aus, der vorläufig bis 27. Januar aufrecht erhalten werden soll.
Im nahe gelegenen Bogor starben sechs Menschen, als ein Erdrutsch aus 30 Metern Höhe zehn Häuser und eine Moschee begrub. In Jakarta forderten die Überschwemmungen bisher neun Tote. Auch in Banten, Jakartas Nachbarprovinz an der Sundastrasse, flohen 100 000 vor dem Wasser.
Alle Jahre wieder
Über ein Dutzend Flüsse münden in Jakarta in die Javasee. Hunderte Kanäle durchschneiden die Stadt, die ohnehin zu dreissig Prozent unter dem Meeresspiegel liegt und infolge des sinkenden Grundwasserspiegels nicht so langsam im Meer versinkt. In manchen Gegenden sinkt Jakarta um sechs Zentimeter pro Jahr. Und jedes Jahr zur Regenzeit verwandeln sich die Flüsse, vor allem der Ciliwung mit seinen beiden Nebenarmen, dem Laya und dem Jantungfluss, zu reissenden Strömen. Die Entwaldung der Hügel im Süden der Stadt, die damit verbundene Bodenerosion, chaotische Verkehrs- und Stadtplanung, eine vernachlässigte Infrastruktur und kläglich ignorantes menschliches Verhalten vereinen sich alljährlich mit den Monsunregen, um grosse Teile der Stadt, Strassen, Büros, Fabriken, Schulen, Wohnungen unter Wasser zu setzen und den offiziell 14 Millionen, inoffiziell über 20 Millionen Einwohnern das Resultat dieser Versäumnisse vorzuführen.
Erst vor einem Jahr baute die Stadtverwaltung unter der Jalan Thamrin (jalan = Strasse), eine der Hauptverkehrsadern durch Jakarta, die in diesen Tagen ebenfalls überflutet ist, drei Abflussanlagen. Doch alle Gullis und Abflussschächte waren schon lange vor Beginn der Regenzeit von Abfällen verstopft, da sie während der Trockenzeit der Bevölkerung als Mülltonnen dienen. Jetzt reicht das Wasser in der Thamrinstrasse bis zum Oberschenkel. Mit schäumenden Bugwellen pflügen Busse und vereinzelte Autos durch die Wassermassen, umkreisen die Plaza Indonesia, vorbei am Hotel Kempinski, hinter dem sie in das ein Meter hohe Wasser in der Jalan Sudirman einbiegen.
Die Hütten entlang der Flussufer sind längst fortgeschwemmt, ganze Wohneinrichtungen treiben auf den Kanälen und Flüssen der Stadt in Richtung Meer, Matratzen, Sessel, Plastikgeschirr, aber auch Speisereste, Fäkalien oder Öl. In wenigen Wochen, wenn sich die Wasser in der Trockenzeit wieder beruhigt haben, werden Plastiktüten, zerrissene Hosen und andere Abfälle hoch oben im Geäst der Büsche und Bäume entlang der Flussufer hängen und darauf warten, in der nächsten Regenzeit endlich doch noch fortgespült zu werden. In der Jalan Cilicap Ecke Jalan Semarang patscht ein junger Mann unter den verwunderten Blicken der Passanten wild in das aufgestaute Wasser, bis er endlich triumphierend einen Fisch in die Höhe hält.
Immenser Druck auf die Schleusentore
Am Donnerstagmorgen stieg der Wasserstand am Schleusentor in Manggarai auf 1020 Zentimeter, bei 950 Zentimeter wird der Notstand ausgerufen. Auch an den Kanalschleusen in Katulampa in Bogor, in Depok und Pesanggrahan in Südjakarta erreichten die Wasserpegel bereits Alarmstufe drei. Bei Alarmstufe eins müssten die Schleusentore geöffnet werden, womit weitere, bislang von den Fluten verschont gebliebene Stadtgebiete überschwemmt würden. In Ostjakartas Kampung Pulo (kampung = Dorf oder armes Stadtviertel) stand das Wasser drei Meter hoch, in Westjakartas Kedoya Selatan zwei Meter.
Nachdem das Manggarai-Schleusentor geöffnet worden war, und pro Sekunde 500 Kubikmeter Wasser in den Kanal strömten, brach in Zentraljakartas Geschäftsviertel ein 30 Meter langer Deichabschnitt des Westflut-Kanals, der die Wassermassen in die Javasee bringen sollte.
Millionen versuchen nun auf Umwegen ihre Arbeitsplätze zu erreichen. Liegt das Büro während der Trockenzeit vielleicht eine Autostunde entfernt, so verlängert sich die Anfahrtszeit infolge der Überschwemmungen auf zwei, drei, manchmal sogar mehr Stunden. Viele gelangen erst gar nicht an ihre Arbeitsplätze. Die wirtschaftlichen Verluste sind noch nicht abzusehen. Sogar die Tierwelt scheint verwirrt. Neuerdings werden bis zu zwei, drei Meter lange Pythonschlangen und Krokodile gesichtet. Die Krokodile entpuppten sich später allerdings als relativ harmlose, jedoch immerhin über ein Meter lange Echsen, die man sonst höchstens auf Borneo oder auf den fernen Inseln Komodo oder Sumba findet.