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Mary Elizabeth Barber: Eine vergessene Naturforscherin wird wiederentdeckt
Eine Pionierin der frühen Naturwissenschaft, Mary Elizabeth Barber, wurde heute Freitag vor genau 200 Jahren geboren. Die Britin entwickelte in Südafrika eigenständige Ansätze und korrespondierte mit führenden Gelehrten, wurde aber als Frau kaum ernst genommen. Nun hat sich die Basler Historikerin Tanja Hammel erstmals auf die Spuren von Leben und Werk der weitgehend vergessenen Wissenschaftlerin gemacht.
Barber, eine der ersten Naturwissenschaftlerinnen des 19. Jahrhunderts, untersuchte in der damaligen Kapkolonie Pflanzen, Vögel, Schmetterlinge und Insekten. Sie legte nicht nur umfangreiche Herbarien an, entdeckte und zeichnete Pflanzen, sondern tauschte sich auch mit anderen Forschern aus, darunter Joseph Hooker und Charles Darwin. Als eine der Ersten fand Barber Beweise für Darwins Evolutionstheorie und trug damit massgeblich zu deren Akzeptanz und Verbreitung bei. Rund 15 Pflanzen- und Schmetterlingsarten sind nach ihr benannt, so etwa Aloe barberae aus der Gattung der Aloen. Auch als Archäologin und Schriftstellerin machte sie sich einen Namen.
Ein Leben für die Wissenschaft
Es ist eine fast unglaubliche Biografie: Sie wurde 1818 als Mary Elizabeth Bowker in Südengland als neuntes von elf Kindern in die Familie eines Schafzüchters geboren. Ihr Vater wanderte kurz darauf mit Frau und Kindern in die Kapkolonie aus, wo den Siedlern Land versprochen wurde. Seine ersten landwirtschaftlichen Versuche mit Nutzpflanzen scheiterten.
Obwohl sie keine offizielle Schule besucht hatte, befasste sich die junge Frau früh mit Phänomenen der Natur. So kam sie zusammen mit einem ihrer neun Brüder bald in Kontakt mit den bekannten Naturforschern ihrer Zeit. Doch obwohl die Autodidaktin bereits als junge Frau Wesentliches zu den neuen biologischen Erkenntnissen beitrug, fand sie sich oft in der Rolle einer Helferin und Zuträgerin.
Später konnte Barber ihre Forschungsresultate – und jene ihres Bruders James Henry Bowker – in Fachzeitschriften veröffentlichen und kam zu Anerkennung. Dabei kürzte sie zeitweise ihre Vornamen mit M. E. ab, um nicht als Frau erkennbar zu sein. Mit 24 Jahren heiratete sie und wurde Mutter von drei Kindern. Erst als 71-Jährige konnte Barber ihre erste Reise nach Europa unternehmen und hier Fachkollegen treffen – sie publizierte, zeichnete und korrespondierte dafür umso mehr. Nach einem langen Leben für die Forschung starb sie 1899 in Südafrika.
Für Gleichstellung der Geschlechter
«Mit ihren vielfältigen Interessen gilt sie als Südafrikas allererste Naturwissenschaftlerin», sagt die Historikerin Tanja Hammel, die am Departement Geschichte eine Dissertation über sie verfasst hat. Sie nennt Beispiele aus Barbers Forschung: Ganz im Sinn zeitgenössischer rassistischer Strömungen wollte sie die Überlegenheit der britischen Siedler nachweisen und tat dies mittels Analogien in wissenschaftlichen Artikeln beispielsweise über Insekten. Gleichzeitig entwickelte sie sehr moderne Ideen zur Gleichstellung der Geschlechter – als sie beobachtete, dass die Gefieder bei Männchen und Weibchen vieler Vogelarten gleich gefärbt sind und dass sich bei einigen Arten Männchen und Weibchen gleichmässig an der Aufzucht des Nachwuchses beteiligen.
«Sie war ihrer Zeit weit voraus», kommentiert die Historikerin und Anglistin Barbers Leben und Werk. In Briefen habe sie sich immer wieder darüber geäussert, dass sie es in der Wissenschaft als Mann viel einfacher haben würde. Denn die führenden Botaniker hätten Frauen damals vor allem dazu aufgerufen, Pflanzen zu sammeln, zu zeichnen und sie ihnen einzusenden. So schickte Barber im Lauf der Jahre rund 1000 Exemplare an den Botaniker William Henry Harvey in Dublin. Jede einzelne Pflanze versah sie dabei mit genauen Beschreibungen.
Weltweite Spurensuche
Auch die einheimische Bevölkerung der Xhosa, Khoisan und mFengu bezog Barber in ihre Arbeit mit ein, sagt Hammel. Um die Spuren der heute weitgehend vergessenen Forscherin zu verfolgen, unternahm die Historikerin grössere Recherchen: Mehrere Reisen führten sie nicht nur nach Südafrika, sondern auch nach England, Irland und Australien. Die Dokumente zu Leben und Werk Barbers sind weit verstreut – ein eigenes Archiv oder Museum hat die Wissenschaftspionierin nicht. So dürfte ihr heutiger 200. Geburtstag wohl kaum irgendwo in grossem Stil gefeiert werden.
Tanja Hammel, Shaping Science and Society at the Cape – A Relational History of Mary Elizabeth Barber, Department of History, University of Basel, January 2017.