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24. August 2015
Das anarchisch pochende Herz der Bibliothek Züst, die voller Überraschungen und Trouvaillen ist. Der Schiffskörper, in dem sich das papierene Aggregat befindet, mit gut gesetzten und grosszügigen Fenstern, die der Weite der Landschaft und der Phänomene eine Fassung geben.
Eine Wetterstation, um innere und äussere Stürme zu beobachten, mit Kabinetten, Sälen, Passagen, alimentiert & animiert von porösen und empfänglichen Papieren und Köpfen.
Ein Schiffstau auf der Rückseite des Baus, auf einem Gitterrost liegend, das im Nachmittagslicht an Präsenz und Plastizität gewinnt.
Annahme
Ein Bergsturz hätte Liechtenstein unter sich begraben, eine Walze von Geröll und Steinblöcken hätte sich nach tagelangem Regen von den Dreischwestern bis zum Rappenstein gelöst; hätte Liechtenstein als Staat ausgelöscht, das Rheintal entstellt und zerstört. Der Rhein staute sich auf in der Weite. Eine Wucht, die den Staat samt grenznahen Dörfern von der Erdoberfläche hätte verschwinden lassen.
Ich versuche, mir das Staatsbegräbnis vorzustellen…
25. August 2015
Im Süden, vom Alpenhof aus betrachtet, Liechtenstein. In diskreter Distanz. Zu beobachten wäre, wie das Land, wie man landläufig den Staat nennt, in der Landschaft eingeht. Die Landschaft als erweiterter Körper, darin sich Landstriche, Hügel und Wetterlagen als Figuren vermischen. In der gefassten Landschaft die Vermischung der Luftmassen.
Der Satz von Karl Deutsch, den ich mir vor Jahren aufgeschrieben habe, steht unvermittelt da: «Eine Nation ist eine Personengruppe, die mittels eines gemeinsamen Irrtums über ihre Vorfahren und eine gemeinsame Aversion gegen ihre Nachbarn geeint wird.»
Vor mir liegt der Irrtum. Und Traversen, Schrägen, Schräglagen, bebende Blätter & ein Lichtfächer. In meinem Kopf klopft Karl Kraus: «Es genügt nicht, keine Einfälle zu haben; man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken.» Leonardo empfahl als Methode, um zu Einfällen oder Erfindungen zu kommen, die Flecken einer Mauer anzusehen, zu schauen, absichtslos, bis sich ein empfänglicher Moment einstellt, Initialen eines Erwachens.
Mesmerisierend geradezu, wie und unter welchen Umständen in Peter Mettlers & Andreas Züsts Dokumentarfilm «Pictures of Light» (1994) Aufnahmen und Erscheinungen von Polarlichtern gelingen: ein Pulsieren, Wehen und Aufleuchten. Reine Illuminationen, Entladungen in Polarnächten, vor denen physikalische Erklärungen verstummen. Wovon vielleicht nur die Summe der Inuit-Sprachen eine Ahnung zu geben vermag.
Dem Magnetismus des Naturforschers Johann Wilhelm Ritter (1776–1810) nachsinnen, wie er das Phänomen in seinen «Fragmenten aus dem Nachlasse eines jungen Physikers» erläutert.
Stosse in Inger Christensens «Geheimniszustand» auf das Anagramm des italienischen paradiso und diaspora: Das Paradies & das In-alle-Winde-zerstreut-Sein, die Ambivalenz der Vorstellung, die sich einstellt in den Hügeln des Appenzeller Vorlands, den Bodensee auf der einen, das Rheintal auf der anderen Seite. Der Bodensee in seiner Glattheit und in seinem Eingeschmiegtsein, schwefelgelbe Striemen in einem matt-hellen Blau. Eine Wolkenkarawane über der langgezogenen Lache, die Oberfläche hat einen Schmelz von Emaille, gespickt mit winzigen, weissen Segelspitzen. Das Rheintal: ein offener breiter Fächer, von seenhafter Weite.
26. August 2015
Der Hexenschuss dehnt nochmals das Warten auf die «kleinen Sensationen», wie das ein Maler nannte. Latenzzeit als entzündliche Momente, eine Beeinträchtigung, die eine Klarheit des Urteils schafft, von Nachsicht geleitet.
Stöbere und streune absichtslos in Züsts Bibliothek, bleibe bei Robert Walsers «Dichterbildnissen» hängen, lese das Stück zu Hölderlin, dessen Zerschellen an der Gewöhnlichkeit der Verhältnisse ihn verfolgt: «Es war ein tonloses, stilles, träges Zertrümmern himmlisch heller Welten.»
27. August 2015
Inger Christensens Essay «Die Seide, der Raum, die Sprache, das Herz», eine Meditation zu Lu Chis klassischem Text «Schreibkunst». Seinen Satz «In einem einzigen Meter Seide findet sich der unendliche Weltraum» führt die Dichterin weiter: «Lu Chi hat natürlich leicht das Wort Seide auf Seide schreiben können, ohne an den Seidenspinner zu denken; aber ebenso oft hat er an ihn gedacht und besonders vielleicht an dessen Larve, die Seidenraupe, die von den Blättern des Maulbeerbaums lebt, und an dessen Seidengespinst, worin sie sich zu einem kleinen Kokon verpuppt. Das äussere Gespinst ist ziemlich verfilzt, das innere am ehesten pergamentähnlich, das mittlere ist für die Seidenherstellung das feinste, aber es macht einen zusammenhängenden Seidenfaden von etwa viertausend Metern Länge aus.»
Die Verwandlung von Maulbeerblättern in ein Universum von Seidenfäden, als kanonisches Lehrbild und Muster für die Schreibkunst: Beobachtungen und Erinnertes erzeugen den Rohstoff für ein Textgewebe, das eigene Muster bildet, selbstredend. Lu Chis Zusatz zur Sprache lautet: «In einem Meter Seide findet sich der unendliche Weltraum; die Sprache ist eine Sintflut, aus einem kleinen Winkel des Herzens.»
Beobachtung
Flechten auf dem Ahornstamm. Aschfahle Ausblühungen. Man sieht förmlich die Langsamkeit ihres Wachstums. Von der Konsistenz bleifolienhaft, mit winzigen Röhren, Saugnäpfen und Abblätterungen. Ziselierungen und Fransungen. Daneben goldgelbfarbene Flechten. Unklar, ob es ein anderer Zustand ein- und derselben Flechten ist. Weiter oben im Stamm Moospolster. Mittige Nester. Die Rinde des Ahorns in Rosafärbungen, fein geschuppt.
Eine Symbiose mit Flechten und Pilzen, die aus der Feuchtigkeit, der Luft & dem Licht ihre Mineralien ziehen.
Ein Traum
Eine Linie ziehen. Fiebernd.
Da gehst du. Siehst Emil im Übergewand.
Rosa in ihrer nicht endenden Güte.
Die Katze döst. Sie blinzelt, hebt die Pfote in Erwartung
einer Anrede, sie murrt und maunzt. Ein Blinzeln.
Die Katze ist bei sich.
Die Heizung rauscht, Luft im Heizkörper rieselt,
gluckst, ja zischt.
wacholderwach…
wacholderwach
wie nur Licht
schwerelos
wie nur Licht
28. August 2015
Beobachte den Föhn, diesen Wind aus Süden, der die Sichtbarkeit der Dinge erhöht und den Dingen Glanz und Deutlichkeit verleiht.
In Züsts Bibliothek finde ich das Werk «Der Föhn. Ein Beitrag zur orographischen Meteorologie und comparativen Klimatologie» von Dr. Gustav Berndt (1896), mit Ausführungen zu den «optischen Phänomenen» des Föhns: «Da, wo in sonndurchglühten Hochsommertagen dichte Dunstmassen brüteten, ragen jetzt in unabsehbarer Zackenreihe die allmächtigen Alpen in den stillen Himmel und umsäumen mit ihren schneeschimmernden Scheiteln den ganzen südlichen Horizont. Wie weggewaschen ist jener zarte durchsichtige Duftschleier, der im Sommer bei gutem Wetter die Flanken der Berge zu umhüllen pflegt und, vom dunklen Lasurblau bis zum matten Perlgrau in den feinsten Nuancen sich abstufend, dem Auge einen Massstab für ihre Entfernung gibt. Nicht mehr weit hinausgerückt in dämmernde Ferne wie wesenlose Luftgebilde einer sinnetäuschenden Fata Morgana, sondern wahrhaft körperlich, scheinbar zum Greifen nah, stehen sie da von den schärfsten Contouren umrissen in einer Reinheit und Klarheit, dass man jeden Vorsprung, jede Schlucht, jede Falte ihres gewaltigen Felsenbaus vom Scheitel bis zur Sohle selbst mit unbewaffnetem Auge deutlich erkennen kann. Die Durchsichtigkeit der Luft, die der nahende Föhn erzeugt, gestattet dem Blick, bis in unglaubliche Ferne zu dringen und da noch mit vollkommener Deutlichkeit Dinge zu erkennen, die bei normalem Zustande der Atmosphäre gänzlich unsichtbar sind. Zwar bleibt der Spiegel des grenzhütenden Rheinstromes, der alemannisches von helvetischem Lande scheidet, dem Auge verborgen; aber ein feiner Lichtnebel, der aus der Tiefe heraufdringt und die Füsse der Uferberge umflirrt, bezeichnet weithin seinen Lauf.»
Möglichkeit
Der narrative Nebel & Weihrauch, den die Obrigkeit zu produzieren pflegt, wird beizeiten von widerspenstigem Föhn & Mutterwitz von Aufmüpfigen vertrieben. Kein argumentativer Diskurs vermag den Nebel zu vertreiben: das Schwert zerschneidet den Nebel nicht. Das andere Erzählen bewirkt föhngleich Klarheit der Sicht & Phänomene.
Memento 4. Jänner 2015
Die Fuchsfalle ist zugeschnappt. Kein Fuchs drin. Keine Beute. Jäh jedoch die Nachricht, dass F. ein Schlägle hatte. Drei Stunden haben sie zugewartet, trotz dumpfer Ahnung, kostbare Zeit, unverrichteter Dinge, so dass er schlechte Karten hat. Sie haben ihn nach St. Gallen gebracht. Es ist ein Jammer.
«Nun haben aber die Sirenen eine noch schrecklichere Waffe als den Gesang, nämlich ihr Schweigen.» (Franz Kafka)