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Wer den Begriff „Gedankenexperiment“ hört, denkt vielleicht an Schrödingers Katze. Der Physiker Erwin Schrödinger (1887–1961) wollte mit seinem berühmten Gedankenexperiment zeigen, dass eine bestimmte Interpretation der Quantenmechanik zu absurden Schlüssen führt. Dazu beschreibt er ein Szenario, in welchem sich eine Katze, eine sehr geringe Menge radioaktiver Substanz, ein Geigerzähler und ein tödliches Gift in einer verschlossenen Kiste befinden. Solange kein Atom zerfällt, ist die Katze lebendig. Zerfällt ein Atom, wird das Gift freigesetzt und die Katze stirbt. Gemäss der Kopenhagener Interpretation der Quantenmechanik entscheidet sich nun erst bei der Beobachtung, also wenn wir die Kiste öffnen, ob ein Atom zerfallen ist – davor muss es als zerfallen und gleichzeitig nicht zerfallen beschrieben werden. Daraus folgt, dass die Katze in der verschlossenen Kiste während einer gewissen Zeit als sowohl tot als auch lebendig beschrieben werden muss. Dies ist absurd und weist auf ein Problem mit der Anwendung der genannten Interpretation der Quantenmechanik hin.[1]
In der Philosophie verwenden wir Gedankenexperimente oft, um eine Theorie oder ein Überzeugungssystem zu widerlegen oder zu motivieren. Einige Szenarien sind ähnlich spektakulär wie dasjenige von Schrödinger. So sollen wir uns etwa vorstellen, von einer Gesellschaft von Musikliebhabern gekidnappt worden zu sein und im Krankenhaus an einen berühmten Geiger angeschlossen aufzuwachen. Der Geiger leidet an einer tödlichen Nierenkrankheit, und für sein Überleben ist es notwendig, dass er 9 Monate lang an unseren Blutkreislauf angeschlossen ist.[2]
Obwohl Gedankenexperimente im Detail sehr verschieden sein können, weisen viele eine ähnliche Grundstruktur auf. Zunächst wird ein fiktives Szenario mehr oder weniger detailliert dargestellt, daraufhin stellt die Autorin eine Frage bezüglich des Szenarios, oder sie bietet eine naheliegende Antwort bereits an. Im Falle des berühmten Geigers ist das entscheidende Urteil, dass wir nicht dazu verpflichtet sind, 9 Monate mit ihm im Krankenhaus zu verharren. Vielmehr haben wir das Recht, uns von ihm abzukoppeln, auch wenn dies bedeutet, dass der Geiger stirbt.
Ein Grossteil der philosophischen Auseinandersetzung mit Gedankenexperimenten besteht in ihrer Interpretation. Gemäss Judith Jarvis Thomson, von der das Beispiel des Geigers stammt, ist die vorgestellte Situation mit derjenigen einer unfreiwillig schwangeren Frau zu vergleichen. Wenn wir urteilen, dass wir uns abkoppeln dürfen, dann folgt daraus, dass Abtreibung unter gewissen Umständen erlaubt ist – aber zeigt das Beispiel dies wirklich? Neben der Interpretation einzelner Gedankenexperimente interessieren uns als Philosophinnen ausserdem allgemeinere Fragen: Was ist die Struktur von Gedankenexperimenten? Basieren unsere Urteile über die Szenarien auf Intuitionen? Was genau ist der Gehalt unserer Urteile? Je nach philosophischem Hintergrund gibt es hierzu verschiedene Auffassungen.
Viele Autorinnen, die sich mit dem Thema befassen, sind sich allerdings darin einig, dass wir von Gedankenexperimenten etwas lernen können. Nun müssen Gedankenexperimente gar nicht so spektakulär sein wie Schrödingers Katze oder das Beispiel des berühmten Geigers, und sie müssen auch nicht notwendig dazu dienen, eine Theorie zu widerlegen oder zu motivieren. Und selbstverständlich können nicht nur Naturwissenschaftlerinnen oder Philosophinnen sich ihrer bedienen. Wenn wir einen fiktiven Roman lesen, kann es sein, dass unser Nachdenken über den Roman der Struktur eines Gedankenexperiments folgt. Romane und andere Fiktionen können also Szenarien für mögliche Gedankenexperimente liefern, und wir können von ihnen lernen wie wir von Gedankenexperimenten lernen. Ich möchte hierzu ein Beispiel geben.
Vor einiger Zeit las ich zum ersten Mal den Roman Emma von Jane Austen. Ich war gefesselt von der Figur Emma – und zwar gerade nicht, weil sie mir besonders sympathisch war, sondern weil ich sie nicht mochte und mir gewisse ihrer Handlungen höchst unangemessen, wenn nicht empörend vorkamen. Meine Abneigung gegen Emma machte mich neugierig und ich wollte wissen, was Literaturwissenschaftlerinnen zu dieser Figur geschrieben haben. Vielleicht hätte ich auch einfach ein bisschen länger über Emmas Verhalten nachdenken können und wäre selbst darauf gekommen: Emma ist unreif und egozentrisch, und das macht sie unsympathisch.
Was aber genau habe ich nun gelernt? Etwas über Emma, die doch nur eine fiktive Figur ist? Betrachten wir noch einmal das Beispiel des berühmten Geigers. Wenn ich urteile, dass ich das Recht habe, mich von dem kranken Geiger abzukoppeln, dann urteile ich nicht allein über mich. Ich meine vielmehr, dass jeder, der in einer solchen Situation wäre, das Recht hätte, sich abzukoppeln. Ebenso urteile ich, dass jeder, der genau Emmas Eigenschaften hätte und sich genau wie Emma verhalten würde, unreif und egozentrisch wäre. Eine weitere Frage ist, ob dieses Urteil nun nur für jemanden gilt, der sich tatsächlich genau wie Emma verhalten würde und genau Emmas Eigenschaften hätte, oder ob es nicht vielmehr genügt, dass sich jemand ähnlich verhält und ähnliche Eigenschaften hat. Hier gibt es einen Unterschied zwischen dem Szenario des Geigers und dem Roman Emma. Während es sehr leicht ist, im kurzen Szenario Wichtiges von Unwichtigem zu trennen (z.B. ist es nicht notwendig, dass sich das Szenario im Krankenhaus abspielt, es könnte ebenso in einem beliebigen Raum mit den relevanten Instrumenten stattfinden), ist dies im Falle der viel ausführlicheren Fiktion nicht so einfach. Es ist nicht unbedingt klar, genau welche Umstände, Handlungen und Eigenschaften Emma unreif und egozentrisch machen. Demnach ist auch nicht unbedingt klar, in welchen Aspekten eine Person Emma ähnlich sein muss, damit sich das Urteil verallgemeinern lässt.
Das sollte allerdings kein Problem sein, denn wir lernen nicht, was eine unreife, egozentrische Person ist, indem wir eine Definition lernen. Vielmehr lernen wir dies über Beispiele. Und die Fälle, mit denen wir im wirklichen Leben konfrontiert sind, sind ebenfalls oft komplex und schwer zu analysieren. Was wir von Emma lernen, ist also zunächst tatsächlich von sehr spezifischem Gehalt: nämlich dass jeder, der genau in Emmas Situation wäre und sich genau wie Emma verhalten würde, unreif und egozentrisch wäre. Darüber hinaus gewinnen wir jedoch Erfahrung im Urteilen darüber, wann jemand unreif und egozentrisch ist. Der Roman gibt uns ein – wenn auch kontrafaktisches – Beispiel einer Person, welche die genannten Eigenschaften hat. Und je öfter wir mit Personen konfrontiert werden, die unreif und egozentrisch sind, desto besser werden wir darin, sie als solche zu erkennen – das zumindest ist die Idee.
Natürlich können wir von Romanen wie Emma ganz unterschiedliche Dinge lernen, so etwa über das ländliche England im frühen 19. Jahrhundert, oder auch über unsere Präferenzen und unsere Reaktionen auf gewisse Charaktere. Eine weitere Quelle von Wissen mögen die ästhetischen Eigenschaften von Fiktion sein, die uns einen ganz eigenen Zugang zu gewissen Inhalten gewähren. Ausserdem muss selbstverständlich nicht jeder immer von Fiktion lernen wollen. Vielleicht finden wir es manchmal faszinierend, eine fiktive Person aus der Nähe, die ein Roman erlaubt, sozusagen zu beobachten und unsympathisch zu finden, ohne dabei die Gründe zu kennen und ohne mit sozialen Sanktionen rechnen zu müssen, mit denen wir im wirklichen Leben möglicherweise konfrontiert werden. Die Behauptung war nur, dass wir von Fiktion lernen können, und dass eine Möglichkeit darin besteht, den Roman als das Szenario eines Gedankenexperiments zu behandeln.
[1] Schrödinger, Erwin (1935): „Die gegenwärtige Situation in der Quantenmechanik“, in: Naturwissenschaften, Bd. 23.
[2] Thomson, Judith Jarvis (1971), „A defense of abortion“, Philosophy and Public Affairs 1, S. 47-66.
Über die Autorin
Beitrag von Dr. Julia Langkau, Universität Konstanz