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Es begann mit einem Blick in meine Küche, der das Ausmass all der leeren Versprechungen offenbarte: Die Zukunft kommt näher, doch das Kochen droht trist zu bleiben wie eh und je. Ich besitze keinen Star-Trek- Replikator, der mir ein Mittagessen nach Wahl aufbaut, und auch keinen Black & Decker-Food-Hydrator, der aus einer gefriergetrockneten, geschrumpften Pizza eine voluminöse zaubert, wie das schon 1989 im Film «Zurück in die Zukunft II» zu sehen war.
Es gibt heute Roboter, die Autos zusammenschrauben, Fussbälle kicken oder Bomben entschärfen; Toyota hat sogar einen gebaut, der Violine spielt. In meiner Küche aber ist die Robotik bisher in Form eines Brotbackautomaten und eines alten Thermomix angekommen. Beide haben keine Körper, keine Arme und eine recht beschränkte Intelligenz. Auf der Generalversammlung der Roboter wären sie die Vertreter eines abgekapselten Landes, das sich nur zögerlich dem technologischen Fortschritt öffnet.
Dann kam mir ein Gedanke: Wenn ein Roboterarm nur noch wenige Hundert Franken kostet, warum helfe ich mir nicht selbst? 520 Jahre nach Leonardo da Vincis mechanischem Ritter, 66 Jahre nach Stanisław Lems Konstrukteuren Klapauzius und Trurl, 42 Jahre nach George Lucas’ R2D2 beschloss ich, einen eigenen Roboter zu entwickeln: meinen Robokoch.
Erster Tag: Kaufen
339 US-Dollar beamen mich in die Zukunft. So viel kostet uArm, «der erste Open-Source-Roboterarm der Welt», wie die Herstellerfirma wirbt. Sein Design ist dem eines Industrieroboters mit Namen IRB 460 nachempfunden, der in Fabrikhallen Säcke auf Paletten stapelt. Nur ist er eben kleiner. Im Werbevideo schreibt uArm seinen Namen, spielt Tic-Tac-Toe und überreicht einen Strauss Blumen. Ein chinesisches Start-up hat ihn entwickelt, deshalb kostet er so wenig. Gesteuert wird er von einem Arduino-Kleincomputer. Drei Wochen soll es dauern, bis uArm geliefert wird.
Ab sofort übersetze ich jeden Handgriff in Roboterkoordinaten. Wenn ich ein Brot schmiere, wiederhole ich Handgriffe auf verschiedene Art und Weise. Wenn ich Nudeln in einen Topf schütte, klappe ich meinen Arm mehrmals hoch und runter, berechne jede Drehung. Manchmal mache ich dazu «Bsst». Ich suche ein Rezept und entscheide mich für Pasta mit Tomaten-Karotten-Sugo: Als Gericht kann es in einem Topf gekocht werden – ohne dass man das exakt bemessene Wasser abgiessen muss. Und wenn man die Würze variiert, kommt so erst noch jeden Tag was anderes auf den Tisch. Dazu soll mir mein Robokoch ein Glas Wein einschenken.
Ich recherchiere, wie andere das Problem lösten. Für die nahe Zukunft, das Jahr 2017, sind zwei Roboterküchen angekündigt. Das Team Spyce vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) schreibt: «Unsere Vision ist zu ändern, was man unter Fastfood versteht.» Das Start-up Moley verspricht: «Die Zukunft ist serviert.» In tollen Videos ist zu sehen, dass Spyce auf einen Automaten aus Holz setzt, während bei Moley zwei riesige Arme kochen. Ich kombiniere beide Ideen und beginne, eine Kiste aus Holz zu bauen.
Zweiter Tag: Kennenlernen
Nach drei Wochen kommt das Paket. Ein Bausatz in einer schwarzen Kiste, fast so, als habe Ikea ihn aus der Zukunft geschickt. Die Glieder des Roboterarms schimmern matt und edel. Die Füsse liegen unmontiert daneben, dazu ein USB-Kabel, drei weisse Boxen, ein Schraubenzieher und ein Kasten mit der Vakuumpumpe. Ich sage unwillkürlich «Hallo».
Zehn Schrauben später steht er vor mir: ein Roboterarm aus silbernem Metall auf vier gebogenen Füssen. Vorne hat er eine Robotersauglippe, um Gegenstände per Ansaugen hochzuheben. Bis zu einem Kilo soll er schaffen, verspricht der Hersteller. Die filigrane Konstruktion gleicht einem Giraffenhals. Ich stöpsle den Strom ein. Zur Begrüssung macht es «tschck». Der Arm legt sich auf den Tisch. Er sieht jetzt aus wie eine schlafende Giraffe. Oder eine tote. Auf jeden Fall nicht wie Paul Bocuse.
Ich rufe in der Kommandozeile ein Tool auf, mit dem sich der Arm steuern lässt. Die Giraffe erwacht wild zuckend. Der Arm bohrt sich in den Tisch, als hätte er einen Krampfanfall. Ich habe Angst, dass er sich verletzt. Oder mich. Wie heilt man einen kranken Roboter? Das Einzige, was hilft: Stecker ziehen und die chinesisch-englische Anleitung studieren. Im Notfall könne man uArm kalibrieren, steht dort. Dafür muss man den Arm führen, mit ihm eine Art Yogaübung machen, um ihn in den Urzustand zurückzuversetzen. Nach einigen Fehlversuchen im Roboteryoga entkrampft er sich und lässt sich steuern. Jetzt bewegt uArm die erste Tomate in den Topf. Er ist noch etwas ungelenk. Und fremdbestimmt von meinem Touchpad am Computer. Aber es klappt. Er saugt die rote Haut an, hebt die Tomate hoch, als sei sie ein Zementsack. Dann schwebt, «tschck», die Tomate in den Topf. «Plong.»
In diesem Moment klingelt der Pizzabote. Es fühlt sich an wie eine Niederlage. Tomate für Tomate in den Topf zu befördern ist eine Sackgasse. Ich brauche etwas, das mehr Tomaten zugleich bewegt. Erst überlege ich, ob der Roboter eine ganze Tüte in den Topf schmeissen kann. Bei den Konstrukteuren vom MIT und ihrer Roboterküche Spyce entdecke ich dann das System des Schüttens: Die Zutaten sind in Schraubensortierkästen untergebracht, die nach vorne kippen. Das will ich auch. In Dr. Vicaris Robokoch-Automat wird es automatische Schütten geben, die Nudeln, Möhren und Tomaten ins Essen befördern. Dazu Pumpen: eine Pumpe für das Wasser und eine fürs Öl. Und vielleicht noch eine für den Wein. Und uArm braucht noch das wichtigste Werkzeug des Spitzenkochs: einen Kochlöffel.
Um Mitternacht sind meine Fingerkuppen taub von Sekundenkleber, mein Hemd ist voller Plasticspäne, und es riecht nach verbrannter Elektronik. uArm winkt mit einem Kochlöffel. Aus dem Rezept ist eine Choreographie für einen Roboterarm, zwei Pumpen und drei motorisierte Schütten geworden. Nudeln, Karotten, Tomaten sollen nacheinander in den Topf fallen. Sie fallen wild durcheinander. Ich gebe auf, für heute.
Dritter Tag: Scheitern
Am nächsten Tag rufe ich Simone Giertz an. Giertz ist eine führende Roboterexpertin, das Role-Model der Home-Robotics-Szene. Vor allem, wenn es ums Scheitern geht. Sie baue Roboter, die sie gerne benutzen würde, sagt Giertz. Als «Queen of shitty robots» erschuf sie einen Aufweckroboter, einen, der Lippenstift aufträgt, und einen, der ihre Haare wäscht; keiner funktionierte so richtig. Berühmt gemacht hat sie ihre Frühstücksmaschine: Ein Roboterarm ist mit Klebeband auf einen Karton fixiert. Er greift nach einer Packung Cornflakes und schüttet sie vor Giertz aus, die ungerührt einen Fantasyroman liest. Dann schüttet er die Milch aus. Zuletzt versucht er, Giertz zu füttern – doch in der Schüssel ist nichts. Es gibt eine Schweinerei. Hat sie einen Tip für mich? Sie sagt: «Ein gutes Projekt geht schief in eine Richtung, in der Menschen es nicht erwarten.»
Einer von Simone Giertz’ Vorfahren war Lars Magnus Ericsson. Er sass in seiner Küche und erfand Telefone. Darauf gründete er den Weltkonzern Ericsson. Heute ist ihm ein eigenes Museum gewidmet. Seine Urenkelin sitzt in ihrer Küche, baut scheiternde Maschinen und gründet darauf ihre weltweite Bekanntheit. Ist das vergleichbar? «Ich hoffe, dass meine Enkel in der Lage sein werden, die Youtube-Videos zu finden und zu sagen: Wow, das ist unsere Grossmutter. Ich hoffe, sie werden stolz auf mich sein.»
Den Rest des Tages verbringe ich damit, Löcher in ein Kunststoffrohr zu schneiden. Das wird mein Zuleitungsrohr werden, durch das die Zutaten aus den Schütten in den Topf rutschen. Auf das Video für meine Enkel verzichte ich. Aber immerhin habe ich keine Angst mehr vor dem Scheitern.
Vierter Tag: Bauen
Am Morgen des vierten Tages habe ich einen Roboterarm, der in einem Topf mit harten Nudeln rührt. Das Kochfeld ist noch nicht angekommen, weshalb der Topf provisorisch auf einem Exemplar des Buches «Making Things Move» und dem «Lexikon des Unwissens» steht. Darüber sind drei motorisierte Schütten für Nudeln und Tomaten angebracht und zwei Arduino-Controller. Der eine Controller befindet sich auf der drehenden Basis des uArms, den anderen habe ich geschützt hoch oben montiert, wo durch einen konstruktiven Irrtum jetzt die Flasche mit dem Wasser steht. Die Pumpe für das Nudelwasser ist noch nicht installiert. Die Pumpe für den Rotwein kam defekt an. Auch die fürs Olivenöl. Das finde ich bei einem Test im Waschbecken heraus, bei dem ich mir leichte Stromschläge holte.
Immer noch liegt der Duft von verbranntem Kunststoff statt der von Basilikum und Parmesan in der Luft. Es knirscht, wenn ich mein Büro betrete. Auf dem Boden liegen überall zerbrochene Nudeln. Die Schütten entladen jetzt zwar Pasta, Karotten und Tomaten, aber die Nudeln stauen sich im Nudelzuleitungsrohr, das nicht steil genug ist. Und noch ist keine Zeile Programmcode geschrieben – der Robokoch braucht immer noch einen Robokoch-Bediener mit Touchpad.
Das Start-up Moley hat in seiner glänzenden MK1-Küche zwei Roboterarme, die mit Händen das Essen zubereiten. Sie versprechen, dass die Küche Rezepte aus dem Internet laden kann, in einer Bibliothek wie von iTunes, samt Choreographie für die Roboterarme. Die Bewegungen eines Sternekochs könnten aufgezeichnet werden, damit die Roboterarme seine Bewegungen in der eigenen Küche nachvollziehen. Nur der Mund zum Abschmecken fehlt in der MK1-Küche.
Mit dem Rohr aus Plexiglas und den zwei Etagen aus Holz sieht mein Roboter aus wie die schlecht gebaute Inneneinrichtung eines Hamsterkäfigs. Ein holzgewordener Beweis für meinen Grössenwahn. Ich montiere die Schläuche der Pumpen. In kleine Kunststoffbehälter bohre ich seitlich Löcher. So sollen die Gewürze herausrieseln, wenn uArm sie hin und her schwenkt. Am Nachmittag studiere ich das erste Rezept ein.
Fünfter Tag: Kochen
Es wird ernst: Das Kochfeld kommt. Der Mittag des fünften Tages soll das Finale sein. Meine Familie hat Hunger. Eine Generalprobe gab es nicht. Ich klebe noch einen goldenen Schriftzug auf das rohe Holz: «Dr. Vicaris Robokoch». Dann fülle ich eine Fuhre Nudeln in die erste Schütte, kleine Tomaten in die zweite, Karotten und Basilikum in die dritte, und Salz in einen kleinen Streuer. Ich lasse noch einmal den Kochlöffel herunterklappen, vollführe mit dem Roboterarm eine mechanische Rührbewegung. Dann drücke ich auf Start.
Noch hat der Robokoch keine Intelligenz. Ich habe meine Ansprüche angepasst. Das Ziel ist jetzt, ein Essen zuzubereiten, gesteuert über das Touchpad. Das ist mir vorerst futuristisch genug. Programmieren werde ich ihn später, wenn ich die richtige Choreographie heraushabe. «Tschck» macht der Roboterarm. Die Pumpe summt. Das genau abgemessene Wasser braucht zwanzig Minuten, bis es eingelaufen ist. Es tropft auf das Stromkabel. Dann scheitert der uArm am Einschalten der Kochplatte. Der Knopf scheint auf menschlichen Hautwiderstand getrimmt zu sein, nicht auf eine Robotersauglippe. Von den Nudeln schafft es nur die Hälfte in den Topf. Die Tomaten bleiben im Zuleitungsrohr stecken. Ein Hieb mit dem Kochlöffel gegen das Rohr hilft. uArm fährt herum, greift nach den Gewürzen, verteilt Salz und Kräuter rund um die Arbeitsplatte. Dann klappt er den Löffel in den Dampf und beginnt zu rühren, schwungvoll wie eine italienische Mamma, wenn auch etwas eckiger und ächzend wegen des Wasserwiderstands. Tomate spritzt auf das unlackierte Holz.
Eine Sirene ertönt von der Basis des uArm, das Wasser im Topf ist eingekocht. Den Inhalt muss ich selbst auf Teller schaufeln, weil meine Frau mir verboten hat, ein Loch als Abfluss in den Topf zu bohren. Und um die schwere Pfanne anzuheben, brauchte man zwei Roboterarme. Essenszeit. Etwas zu weich sind die Nudeln, es fehlt auch ein wenig Salz, aber die Familie wird satt. Das ist die Zukunft, und sie hat einen Beigeschmack von Kunststoffspänen.
Jakob Vicari ist Wissenschaftsjournalist; er lebt in Lüneburg (D).