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Schweizerische Gewerbezeitung: Im November findet in Sharm El-Scheich die Klimakonferenz statt. Wie stehen Sie zu dieser «afrikanischen COP» und zu dieser Art von Veranstaltungen?
Luc Ferry: Ich habe nie wirklich daran geglaubt: Natürlich kann die Politik einen Impuls geben und einen Kurs festlegen. Aber der Ball liegt bei den Wissenschaftlern und der Industrie. Sie sind es, die umweltfreundliche Produkte erfinden und auf den Markt bringen können – nicht die Politiker, die sich meistens nur auf die Öffentlichkeitsarbeit beschränken.
Welche Interessenabwägung gibt es Ihrer Meinung nach zwischen der neuen Klimareligion und dem Überleben der Wirtschaft?
Eines ist klar: Ein Ausweg aus der ökologischen Krise kann nur gefunden werden, wenn die industrielle Produktion so gestaltet wird, dass sie die Umwelt nicht verschmutzt oder diese sogar entlastet. So paradox es auch klingen mag, das «Ökomodernistische Manifest» schlägt genau dies vor und stützt sich dabei auf zwei besonders starke Ideen: Entkopplung und Kreislaufwirtschaft, zwei Themen, die weiterentwickelt werden sollten. Und hier könnten Politiker und Intellektuelle einen positiven Einfluss haben, damit die Ökologie nicht in den traurigen Leidenschaften der «strafenden Ökologie» versinkt.
Michael Shellenberger, der Autor des Ökomodernistischen Manifests, erklärt: «Viele menschliche Aktivitäten, insbesondere Landwirtschaft, Energieerzeugung und Siedlungen, so zu intensivieren, dass sie weniger Boden beanspruchen und weniger in die natürliche Welt eingreifen, ist der Schlüssel zur Entkopplung der menschlichen Entwicklung von den Auswirkungen auf die Umwelt. Diese technologischen und sozioökonomischen Prozesse sind das Herzstück der Modernisierung der Wirtschaft und des Umweltschutzes, um den Klimawandel abzuschwächen und die Natur zu schonen.»
Um ein gutes Beispiel für die Entkopplung zu geben, erinnert Shellenberger daran, dass bereits heute vier Milliarden Menschen in Städten leben, die nur drei Prozent der Erdoberfläche ausmachen. Wenn man die Urbanisierung weiter vorantreibt und die Städte menschlicher gestaltet, könnte man der Natur noch mehr Raum zurückgeben, sodass sie wieder wild werden und die Artenvielfalt neu entstehen kann.
Die zweite Säule des Projekts ist die Kreislaufwirtschaft, die besagt, dass unendliches Wachstum in einer endlichen Welt möglich ist, wenn in der Produktion die Möglichkeit geschaffen wird, Industrieprodukte zu zerlegen und zu recyceln. Ich habe diese beiden Ideen in meinem Buch «Die 7 Ökologien» entwickelt, denn natürlich muss man sie ernsthaft argumentieren, wenn man will, dass sie verstanden werden.
In der Schweiz scheint die Rückkehr zur Kernenergie wieder populärer zu sein. Was halten Sie davon?
Die Kernenergie ist die einzige Energiequelle, die praktisch keine Treibhausgase freisetzt und gleichzeitig eine nachhaltige industrielle Entwicklung ermöglicht. Also ja, natürlich bin ich für die Kernenergie. Im Übrigen können Sie sehen, wie sehr es sich in Deutschland heute rächt, dass das Land nicht mehr seiner KKW behalten hat. Seine starke Abhängigkeit von russischem Gas zwingt es dazu, seine extrem umweltschädlichen Kohlekraftwerke wieder in Betrieb zu nehmen.
Wohin führt uns der Klima-wandel auf ideologischer Ebene?
Wie man es auch dreht und wendet, die von Greta Thunberg verkörperte neue Religion bietet zu viele Vorteile in Bezug auf die Medienpräsenz und den «grossen Plan», als dass sie nicht von Dauer sein könnte.
«Der Kommunismus ist tot; nun hat die grüne Religion seinen Platz im Kampf gegen den Kapitalismus eingenommen.»
Der Kommunismus ist tot, und da die Natur die Leere verabscheut, hat nun die grüne Religion seinen Platz im Kampf gegen den Kapitalismus eingenommen. So schrecklich es sich für die Priester der neuen grünen Religion auch anhört: Es ist der Kapitalismus, der den Planeten retten wird, nicht die politische Ökologie. Wenn Philips LED-Lampen auf den Markt bringt, die Glühbirnen ersetzen, wenn Autohersteller Elektroautos erfinden und an der Lösung des Problems der seltenen Erden arbeiten, dann tun sie mehr für den Planeten als die Anhänger eines Schrumpfungsprozesses, den in Wirklichkeit niemand will.
Wie sehen Sie angesichts der klimatischen Herausforderungen die Situation der KMU und die Ressourcen, die sie bieten können?
Zwischen den Befürwortern des grünen Wachstums, das allzu oft nur ein zaghaftes Schrumpfen ist, und denen des strafenden Schrumpfens bietet der Ökomodernismus ein ökologisches Programm, das sowohl ehrgeiziger als auch realistischer ist, da es sich für Unternehmen, einschliesslich KMU, lohnt. Diese Alternative zum Degrowth schlagen William McDonough und Michael Braungart in ihrem Buch «Cradle to Cradle» mit Fakten, Beispielen und Argumenten vor. Sie betonen, dass es in der Natur keine Mülltonnen gibt, der Begriff Abfall keine Bedeutung hat und alles wiederverwertbar ist. Wenn man sich die Natur zum Vorbild nimmt, könnte man nicht nur Kosten senken und Gewinne erzielen, sondern auch eine ökologische Zukunft aufbauen, die sich in die Wirtschaft integriert und weder das Wachstum noch den bei den grünen Khmer so verhassten Konsum behindert.
Interview: François Othenin-Girard