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Kürzlich fahre ich mit meinem schrottreifen Passat durch die Stadt. Es schneit, die Heizung ist kaputt. Ich schalte das Radio ein und die Musik wärmt gleich die ganze Karre. Es klingt nach balinesischer Gamelan-Zeremonie auf einem Schrottplatz in Detroit, gekreuzt mit impressionistischen Träumereien à la Debussy und der Groove-Versessenheit von Nik Bärtsch. Zeitlos, rhythmisch vertrackt, gestochen scharf, improvisatorisch verspielt. Die Musik strahlt eine kompromisslose Dringlichkeit aus. Ich halte an und warte, bis die Moderatorin das Stück ansagt: «Sonatas and Interludes» von John Cage. Sein berühmtestes und ausgereiftestes Werk für präpariertes Klavier, geschrieben zwischen 1946 und 1948.
Die Kraft des Experiments
Präpariert hat John Cage das Klavier erstmals aus purer Not, wie man im neuen Dokfilm von Thomas Steinaecker erfährt: Eine Tänzerin hatte ein Klavierstück bestellt, das «afrikanisch» klingen sollte. Cage stiess beim Komponieren an seine Grenzen. In seiner Verzweiflung steckte er Schrauben, Radiergummis und andere Materialien in das Klavier, um neue Klänge zu erzeugen – und schuf damit ein neues Instrument: Perkussion, Klavier und Geräuscherzeuger in einem.
Jetzt macht auch die Assoziation zum Zürcher Komponisten Nik Bärtsch Sinn, einem zeitgenössischen Musketier des präparierten Klaviers: Cage erinnert mich an Bärtsch, weil mich Bärtsch logischerweise an Cage erinnert.
Der groovige Kauz
Ich rufe Bärtsch an und frage ihn nach seiner ersten Begegnung mit Cage. Es sei «Perilous Night», bezeichnenderweise ein Stück für präpariertes Klavier. «Da machte es sofort Klick, weil es sehr komisch und poetisch ist. Und weil es para-afrikanisch groovt», so Bärtsch. «Cage bestätigte mich im Eindruck, dass Kauzigkeit seriöse und wirksame Qualität erzeugen kann. Cage machte Nicht-Musik zu Musik.»
Das ist das Faszinierende an Cage: Er ist ein radikaler musikalischer Entdecker, dem kein Stein im Weg zu schwer ist.
Cage hatte kein Gefühl für Harmonie
John Cages Kompositionslehrer Arnold Schönberg hielt ihn für talentfrei: «Sie werden irgendwann an eine unüberwindbare Wand stossen», so der Meister der zwölf Töne. Im Dokumentarfilm von Thomas Steinaecker erinnert sich Cage: «Ich hatte kein Gefühl für Harmonie. Schönberg war der Meinung, ich könnte deshalb unmöglich komponieren.» Cage beschloss daraufhin, «mit dem Kopf gegen diese Wand zu schlagen», bis Musik daraus wird. Es hat funktioniert.
Cage sprengt Grenzen
John Cage gilt heute als einer der visionärsten Komponisten unserer Zeit. Sein Einfluss über die Klassik hinaus ist allgegenwärtig. Die Faszination der Beatles für Cage ist in ihrer Klangkollage «Revolution 9» zu hören. Die Einstürzenden Neubauten bringen in Cage’scher Tradition Schrott zum Klingen. Und der Jazz ist voll von präparierten Klavieren: Keith Jarrett, Esbjörn Svensson, Irène Schweizer – wie sagte Bärtsch? «Cage ist ein weiser Wegweiser und krass eigenständiger Charakter.»
Grossartige Spinnereien
Neben Werken wie «Sonatas and Interludes» hat Cage einige der grossartigsten Spinnereien des 20. Jahrhunderts geschrieben. Zum Beispiel das Stück «As Slow As Possible». Die Aufführung wurde in Halberstadt im Jahr 2001 begonnen und soll 639 Jahre dauern.
Oder «Tacet»: ein Stück, bei dem der Pianist den Klavierdeckel öffnet und nach 4 Minuten und 33 Sekunden wieder schliesst – ohne eine Taste berührt zu haben. Nonsense? Keineswegs, wie Cage einmal sagte: «There is no such thing as silence.»