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Pädagogik
Rechenschwäche (Dyskalkulie) erkennen und dem betroffenen Kind helfen
Die Arbeit mit einem rechenschwachen Kind kann Eltern und Lehrer zur Verzweiflung bringen; einem Erwachsenen selbstverständlich erscheinende Dinge leuchten diesem Kind überhaupt nicht ein. Mit Beharrlichkeit hält es an scheinbar unerklärlichen Fehlern und einfachen, aber ineffizienten Verfahren fest, auch wenn man ihm Alternativen aufzeigt. Widersprüche zum Beispiel hinsichtlich der Plausibilität eines Resultates fallen ihm nicht auf. Gerade glaubte man, das Kind habe etwas verstanden, schon klappt nichts mehr. Das kleine Einmaleins wird ausreichend beherrscht, doch beim Subtrahieren passieren Fehler. Was geht im Kopf eines solchen Kindes vor und wie kann man ihm helfen?
Hendrik Simon beginnt sein Buch mit einem anschaulichen Beispiel. Anhand eines fiktiven Dialoges zwischen einem Kind und einer Lehrerin zeigt der Autor die Denkweise eines rechenschwachen Kindes auf. Das Denken des Kindes zu verstehen ist unabdingbare Voraussetzung jeder Hilfe. Das Kind kann mit den von Lehrern und Eltern angebotenen Erklärungen nichts anfangen. Also müssen sich diese Erwachsenen in die Denkweise des Kindes einfühlen. Vor allem darf man sich nicht von richtigen Rechenergebnissen täuschen lassen, sondern muss genau analysieren, wo wirkliches Verständnis und die Fähigkeit zum Systematisieren vorhanden sind oder wo nur ein Schema auswendig gelernt und unverstanden reproduziert wird; dies ist der Schlüssel zum Erfolg bei der Arbeit mit dem Kind.
Simon weist am Anfang seines Buches auf verschiedene Methoden hin, die rechenschwache Kinder oft mit Erfolg anwenden, um richtige Rechenergebnisse zu produzieren, obwohl es ihnen an Verständnis für das Zahlensystem und die grundlegenden Rechenoperationen fehlt. Zum Beispiel zählen sie mit teilweise unglaublicher Geschwindigkeit mit oder ohne Hilfe der Finger, anstatt zu effektiveren Rechenverfahren überzugehen; oder sie erschließen aus bestimmten Hinweiswörtern bei Textaufgaben, welche Rechenoperation wahrscheinlich gefordert ist - so deutet das Wort "zusammen" auf eine Addition hin - können aber tatsächlich einen Text nicht in eine Rechnung umwandeln, weil sie mit Rechenoperationen keine realen Handlungen verbinden. Dadurch, dass sie auf diese Weise teilweise zu korrekten Ergebnissen gelangen, lassen sich Eltern und Lehrer täuschen und halten die Fehler beispielsweise für die Konsequenz fehlender Anstrengung. Ein Erwachsener, der vergessen hat, wie langsam man selbst als kleines Kind ein echtes Verständnis für die Welt der Zahlen erlangte, kann sich kaum vorstellen, mit welchen Problemen ein Kind kämpft, dem das Kardinalzahlverständnis fehlt, das also mit einer ganzen Zahl keine konstante Menge verknüpft, oder das unser dezimales Stellenwertsystem nicht durchschaut.
Der Autor schlägt eine Reihe von Tests vor, die er ausführlich erläutert; diese erfordern allerdings einigen Zeitaufwand. Mit ihrer Hilfe lässt sich eine Dyskalkulie bei normal intelligenten Kindern ausschließen; und man bekommt detaillierte Einblicke in die Probleme und das Denken eines rechenschwachen Kindes. Daran schließen sich zahlreiche wertvolle Vorschläge für Lernspiele und gezieltes Training an. Sowohl für den allgemeinen als auch den Förderunterricht in der Grundschule finden sich interessante Anregungen. Der Schwerpunkt liegt auf dem Aufbau von Verständnis. Denn alles Üben im Rechnen hilft nicht weiter, wenn die Grundlagen fehlen. Deshalb empfiehlt der Autor betroffenen Eltern zu Recht, dem Kind nicht zu Hause den Schulstoff einzupauken, sondern Mathematik für das Kind sichtbar in den Alltag zu integrieren und mit selbst hergestelltem Anschauungsmaterial das Denken und Begreifen zu befördern.
Positiv ist hervorzuheben, dass der Autor über ein tiefes Verständnis rechenschwacher Kinder verfügt und den Leser immer wieder auf die psychologischen Aspekte hinweist. Eine Teilleistungsschwäche wird sich nämlich meist auf das gesamte Leben des Kindes und seiner Familie negativ auswirken. Das Kind verliert an Selbstvertrauen und flüchtet sich in Fehlverhalten, zum Beispiel Stören während des Mathematikunterrichtes oder "Träumen"; viele Lehrer sind diesen Kindern gegenüber negativ eingestellt, weil es ihnen an Empathie und einfach auch an Sachwissen zur Dyskalkulie fehlt.
Dieses Buch kann eine große Hilfe für betroffene Eltern sein und auch Grundschul-Lehrern möchte man die Lektüre wärmstens ans Herz legen. Denn die Rechenschwäche wird allzu oft zu spät erkannt. Und ein negatives Ergebnis beim Test durch den schulpsychologischen Dienst kann verschiedene Ursachen haben, beispielsweise eine allgemeine Leistungsminderung durch Stress. Da sind viele Eltern und Nachhilfelehrer oft noch auf sich allein gestellt.