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Freiheitslieder
Nkosi Sikelel’ iAfrika und Protestsongs gegen das Apartheid-Regime
Wird heute von ‚Musik gegen Apartheid‘ gesprochen, so sind meist die unzähligen Freiheitslieder gemeint, die als Träger von Botschaften der Opposition gegenüber dem autoritären Herrschaftssystem Südafrikas wichtige Kommunikationsmittel der Verarbeitung, Mobilisierung und des Aufstandes für lokale Musiker/innen darstellten. Nkosi Sikelel’ iAfrika („Gott segne Afrika“), 1897 von Enoch M. Sontonga komponiert, wird seit 1912 regelmässig vor und nach Versammlungen des ANCs gespielt und gesungen und ist heute – trotz des eigentlich unpolitischen Texts – als Bestandteil der Nationalhymne und Symbol des Widerstands und Freiheitskampfs nicht mehr aus dem kulturellen Gedächtnis der südafrikanischen Bevölkerung wegzudenken.[50]
Stilistisch zeigt der Song viele Merkmale, die sich durch die Jahrzehnte prinzipiell kaum änderten; meist wurde a cappella im christlichen Kirchenlied-Stil drei- oder vierstimmig gesungen, wobei die Lyrics oft in den indigenen Sprachen (v.a. Zulu und Xhosa) in Call-und-Response-Manier und sich häufig zyklisch wiederholenden Teilen vorgetragen wurden.[51] Bis Ende der 1950er-Jahre wurden die Texte der Freiheitslieder immer unmissverständlicher, und man schreckte auch vor direkten Drohungen an das Staatsoberhaupt, wie in Ndodemnyama we Verwoerd („Nimm dich in Acht, Verwoerd!“) von Vuyisile Mini, nicht zurück.[52] Nachdem der inländischen Anti-Apartheid-Bewegung im Massaker von Sharpeville 1960 ein vorerst jähes Ende gesetzt wurde, nahmen die Freiheitslieder Südafrikas – so beispielsweise in Senzeni Na („Was haben wir getan?“) oder Thina Sizwe („Wir, das afrikanische Volk“) – für geraume Zeit trauernden, ja teilweise resignierenden Charakter an.[53]
Im Zuge der Soweto-Aufstände um 1976 wurden dann wieder vermehrt politische Botschaften in die Liedtexte eingebaut. Aufgrund der strengen Zensurmassnahmen sowie vergangenen Negativerfahrungen geschah dies meist auf subtile und versteckte Art. So wurden die Song- oder Albumtitel phonetisch an die eigentliche Aussage angelehnt, was zu kuriosen Bezeichnungen wie Winning my dear Love (wortwörtlich „Meine Liebste gewinnen“, angelehnt an Winnie Mandela) von Yvonne Chaka Chaka oder A Naartjie in our Sosatie (Kompilationsalbum vom Anti-Apartheid-Label Shifty Music; wortwörtlich „Eine Mandarine auf unserem Spiess“ – angelehnt an das englische „Anarchy in our Society“) führte, wobei die South African Broadcasting Corporation (SABC) die Wortspiele in beiden Fällen zunächst nicht bemerkte.[54] Die SABC funktionierte für die Regierung als Kontrollorgan für die verschiedenen Radiostationen, die gezielt für die Umsetzung der Separationsideologie manipuliert wurden.[55] Mitte der 1980er-Jahre nahmen die Freiheitslieder wieder vermehrt direkten, radikalen und militanten Charakter an – eine Tendenz, die sich auch in der gesteigerten Popularität des toyi-toyi, einer Mischung aus Tanz und Sprechgesang, äusserte.
Insgesamt war das Phänomen der Freiheitslieder Südafrikas geprägt von Heterogenität – sowohl innerhalb als auch ausserhalb des Landes sowie auch in der landesinternen und -externen Handhabung. Diesbezüglich symptomatisch waren die Kulturprojekte des ANC, das Mayibuye Cultural Ensemble und das Amandla Cultural Ensemble, die beide durch Musik, Tanz und Theater als Vehikel für politische Botschaften und somit Aufruf zur Solidarisierung in Europa funktionierten.[56] Auffallend ist auch die Diskrepanz zwischen den ernsten Textthemen und der oft lebhaften, fröhlich wirkenden Musik an sich. Vielleicht waren es genau diese Faktoren, die die Freiheitslieder zu einem wichtigen Kommunikationsmittel auf dem Weg zur Befreiung Südafrikas machten.
Miranda Atmosphere: Nkosi Sikelel’ iAfrika, auf: ebd.: The Traditional Music of South Africa, One Media Publishing 2009.
Miriam Makeba & Harry Belafonte: Beware, Verwoerd! (Ndodemnyama), auf: ebd.: An Evening with Belafonte / Makeba, RCA Records 1966.
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