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English
Michel Roth, born 1976 in Altdorf, lives in Lucerne. He is professor of composition and music theory at the Hochschule für Musik Basel and member of its research department. As long-time director of the Lucerne Studio for Contemporary Music, he worked with Pierre Boulez, Helmut Lachenmann and Peter Eötvös, among others. Many radio and CD productions document his work, for which he has received numerous prizes and grants. His works can be heard regularly at international music festivals, including the opera "Im Bau" (2012, Theater Basel, Zurich, Barcelona) and the depressive operetta "Die Künstliche Mutter" (2016, Lucerne Festival, Gare du Nord Basel). He also researches and publishes on music-theoretical and interdisciplinary topics with a focus on game theory and indeterminacy (e.g. David Tudor), collaborative art (e.g. Dieter Roth and his "Rarely Heard Music") and organology (e.g. trombone and percussion playing techniques).
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Deutsch
Michel Roth, geboren 1976 in Altdorf, lebt in Luzern. Er ist Professor für Komposition und Musiktheorie an der Hochschule für Musik Basel und Mitglied der dortigen Forschungsabteilung. Als langjähriger Leiter des Luzerner Studios für zeitgenössische Musik arbeitete er unter anderem mit Pierre Boulez, Helmut Lachenmann und Peter Eötvös zusammen. Viele Radio- und CD-Produktionen dokumentieren sein Schaffen, für das er zahlreiche Preise und Förderbeiträge erhalten hat. Seine Werke sind regelmässig an internationalen Musikfestivals zu hören, darunter die Oper „Im Bau“ (2012, Theater Basel, Zürich, Barcelona) und die depressive Operette „Die Künstliche Mutter“ (2016, Lucerne Festival, Gare du Nord Basel). Daneben forscht und publiziert er über musiktheoretische und interdisziplinäre Themen mit den Schwerpunkten Spieltheorie und Indetermination (u.a. David Tudor), kollaborative Kunst (u.a. Dieter Roth und die „Selten gehörte Musik“) und Organologie (u.a. Spieltechniken der Posaune und des Schlagzeugs).
Siehe auch: Wikipedia-Artikel
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Français
Michel Roth, né en 1976 à Altdorf, vit à Lucerne. Il est professeur de composition et de théorie musicale à la Hochschule für Musik Basel et membre de son département de recherche. Directeur de longue date du Studio de musique contemporaine de Lucerne, il a notamment travaillé avec Pierre Boulez, Helmut Lachenmann et Peter Eötvös. De nombreuses productions radiophoniques et CD témoignent de son travail, pour lequel il a reçu de nombreux prix et bourses. Ses œuvres sont régulièrement entendues dans des festivals de musique internationaux, dont l'opéra "Im Bau" (2012, Theater Basel, Zurich, Barcelone) et l'opérette dépressive "Die Künstliche Mutter" (2016, Lucerne Festival, Gare du Nord Basel). Il fait également de la recherche et publie sur des sujets théoriques et interdisciplinaires portant sur la théorie des jeux et l'indétermination (p. ex. David Tudor), l'art collaboratif (p. ex. Dieter Roth et sa "Selten gehörte Musik") et l'organologie (p. ex. les techniques du trombone et de la percussion).
Essay on Michel Roth by the writer Peter Weber
Echo
Wenn er komponiert, zieht er sich zurück in ein Haus in den Bergen. Einmal, als wir telefonierten, hörte ich Gebimmel weidenden Viehs und das Rauschen eines nahen Bachs. Bach und Gebimmel, vielleicht waren es Störgeräusche der Übermittlung. Man wähnt sich sicher in seinem Tal, sagte ich, aber es gibt keine Landschaftsgewissheiten, keine Sitzgewissheit, wir sind Sedimente, ich habe es erlebt: plötzliche Ausrutschungen, ganze Landschaften waschen sich aus, gehen mit dem Wasser, um anderswo wieder abgelagert zu werden. Ich höre friedliches Gebimmel, aber ich höre auch Rauschen des Hintergrunds. Vielleicht ist dies dein Geheimnis: du bist in Bachnähe, somit in Ufernähe.
“Molasse vivante”, Uraufführung - eine Komposition für zwei Flügel, schwarze Riesen, ein Aufführungsort mit glatten Wänden, Kellerwänden. Weltraum zwischen schwarzoffenen Instrumenten. Erstakkord, Weltwerdungsrollen, Klangrandüberlagerungen. Molasse: Flüsse aus den entstehenden Alpen, anleckende Meere aus dem Norden. Der Urrheintalsee, aufgestaut nach einem Bergsturz, niemand weiss, wo er gewesen sein könnte, Katastrophe, plötzlich bricht er durch Schranken, reisst Material fürs spätere Mitteland mit. Deine lebendige Molasse: Sie rollt mir durch den Kopf. Wäre ich Musiker, ich würde nicht schreiben, ich glaube an den simplen Zweisatz der Sublimation. So höre ich beim Schreiben Stücke für Tasteninstrumente im Kopfhörer, ich brauche spielende Finger im Kopf.
Es gibt bei jeder Textentstehung diesen gewaltsamen Moment, da Skizzisches plastisch werden will –
Flugtaucher mit breiten Schwingen – zuäusserst Fingerfedern. Er überfliegt Jahrhunderte, bringt schildernd zum Klingen. Wenn er über Musik spricht, klingt es wie Liebeserklärungen – er berichtet von Quellsystemen, Strömungszusammenhängen. Er spricht benetzt, als wäre eben aufgetaucht –
Ich beschäftige mich ja nur mit Musik, um mit Musikern und Komponisten über Musik reden zu können, sage ich. Er hört zu, umsichtig, jetzt höre ich Rhein durchs Telefon, er arbeitet in einer sogenannten Lachswaage in Basel, früheres Lachsfischerhäuschen hoch über dem Ufer. Er belauscht Texte. Passagen, die er birgt: Neuralgismen, arbeitende Motive – oft sind es Sätze, Begriffe, die der Autor eingearbeitet, versenkt glaubt, umsponnen. Die Titel seiner Stücke: auch Beleuchtungen.
In einem Granitstollen im Schwarzwald werden Erdtöne gemessen, hast du davon gehört? Seismologen in einem früheren Silberbergwerk, sie nennen ihre Arbeitsstätte “Observatorium”. Betreten des Stollens verboten, Schritte irritieren die Messgeräte für Jahre. Rätselhafte Eigengeräusche der Erdkugel, im fürs menschliche Ohr unhörbaren Bereich. Tiefes Brummen oder: hum, aufgenommen zwischen den Beben, die, verschnellert abgespielt, wie Schläge einer Trommel tönen. Wechselwirkung von Ozeanen und Atmosphäre möglicherweise, sagt der Wissenschaftler. Du bist an diesen Forschungen beteiligt, wie ich höre, dies erstaunt mich nicht.
Am Radio hörte ich neulich alte rauschstarke Aufnahmen von Chopinschülern – deren Rubato klang riskant, gefahrenvoll. Es waren eigentliche Aufspaltungen der Person, auseinanderlaufende Extremitäten, wieder zusammenfindend. Geraubte Zeit: ich liebe diese so klaviergemässe Zerdehnungsweise, und sie scheint längst nicht ausgereizt, wie deine lebendige Molasse beweist: Zwei Flügel, vier Hände, Trennverläufe, Überrennungen. Jahrmillionenrubato. Dieser wundervolle Schluss: Zerkieselungen, der weiche Nachhall. Ich höre Seewellen durchs Telefon, du bist auf deinem Hausboot im Vierwaldstättersee, hier testest du deine Echolote. Im Hausboot bist du möglicherweise sicher, selbst wenn dereinst Reussbarrieren reissen und Teile deines See plötzlich ausrutschten – du könntest mitgehen und entstehende Ufer erkunden.
Peter Weber