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Elisa schrie auf, so viel Blut. Ein stechender Schmerz im linken Daumenballen, schon tropfte es auf ihre Hose und auf den Boden, hellrot, eine richtige Sauerei. Elisa legte Messer und Zweige hin, drückte mit der rechten Hand auf den Ballen, die linke Hand hochgehoben, schob sie den Türspalt mit der Fussspitze auf. Über dem Waschbecken liess sie die Hand los, erneut stach der Schmerz, tropfte Blut grellrot über den weissen Rand und auf die weissen Fliesen. Sonst übernahm das immer Jan, er hatte die besseren Nerven und wusste bei Krankheiten und sonstigen Unfällen Bescheid. Sie schüttete Desinfektionsmittel über den Schnitt, legte ein paar viel zu grosse Gazen darauf und umwickelte die Sache mit einem dünnen Verband, danach mit einem dicken. Als sie sich auf den Badewannenrand setzte, zitterten ihre Knie. Es war halb vier und bald würden Jan und die zwei Jungs zurückkehren. Ob sie damit zum Arzt sollte? An Skifahren war in den nächsten Tagen nicht mehr zu denken. Jan würde sich ärgern, aber nichts sagen. Nun war sie schon wegen ihrer Tage zu Hause geblieben, was er mit Schulterzucken zur Kenntnis genommen hatte. Jan war mit seinen fünfzig Jahren sehr sportlich, verlangte aber auch Musse, Zeit für sich, wollte auch einmal in die Sauna oder einen Nachmittag allein zu Hause verbringen. Die Jungs hingegen brauchten immer Action. Vielleicht konnten die Jungen ja einmal drei Stunden allein fahren.
Elisa erhob sich wieder und wischte das Gröbste weg. Dann nahm sie ihr Handy und versuchte einen Arzt im Dorf ausfindig zu machen, rief an, erkundigte sich, ob und wie lange sie mit dem Schnitt vorbei gehen konnte. Bis um halb fünf sei der Arzt in der Praxis, es war noch eine Stunde bis dahin, bis dann würden sie sicher hier sein. Elisa kochte einhändig Tee, stellte Obst und Kekse auf den Tisch, nach dem Skifahren hatte alle immer Hunger, und legte sich dann hin. Die Hand schmerzte.
Als sie vom Arzt zurückkam, sassen die Jungs immer noch auf dem Sofa, wo sie sie zurückgelassen hatte, Gameboy und Handy in der Hand und hatten alle Kekse gefuttert. Wo ist Jan? fragte Elisa.
Samuel sah nach einer Weile hoch, noch nicht zurückgekommen, murmelte er und wandte sich wieder dem Display zu. Aber er wollte doch kurz nach euch hier sein, hast du gesagt. Hör mal auf zu spielen, fuhr Elisa ihren Älteren an. Wo ist dein Vater? Weiss ich nicht, maulte er. Er wollte die hintere Piste hinunter und direkt hierher zurück fahren, weiss ich doch nicht. Wie spät ist es denn? Elisa sah auf die Uhr, zehn nach fünf. Ihr seid um Viertel nach vier gekommen. Die schwarze Piste, sagst du? Und dann freeriding durch den Wald hierher zum Dorf? – Ja, Mama, haben wir doch auch schon gemacht. – Was ist? fragte nun auch Noah, der Jüngere, etwas beunruhigt. Jan sollte längst hier sein, es dämmert, ich mache mir Sorgen, sagte Elisa gereizt, während sie Jans Nummer wählte. Er war nicht erreichbar, bitte rufen Sie später an, der gewünschte Teilnehmer ist zurzeit …, Elisa drückte auf die Taste. Es gab nicht überall Empfang hier in den Bergen. Deswegen waren sie auch hergekommen, weil es abgelegen war. Da geht keine Pistenkontrolle mehr durch, Samuel, nicht wahr? Ich glaube nicht, schüttelte Samuel den Kopf. Es war keine offizielle Piste. Panik schoss in Elisa hoch. Wir müssen nach vorne zur Skistation. Wenn wir Glück haben, ist noch jemand da und sie suchen ihn. Du bleibst hier, Samuel, du hast ein Handy, wenn er kommt, rufst du uns sofort an, klar? Und du, Noah, kommst mit mir. Warum rufst du denn nicht an, Mama, geht doch schneller? meinte jetzt Noah. Ja, klar, kann ich machen, wir müssen trotzdem dahin. Falls ihm etwas passiert ist, können wir das nicht einfach per Telefon… – Kommt jetzt die Rega? Das war Noah, er sah jedem Helikopter voller Sehnsucht nach. Ich hoffe nicht, reiss dich zusammen, Noah, es geht um deinen Vater. Inzwischen hatte sie sich die Jacke um die Schultern geworfen und versuchte sie vorne zu schliessen. Hilf mir mal, Samuel, ich hab mich doch geschnitten. Blut drückte durch den verrutschten Verband, es kommt immer alles zusammen, dachte Elisa. Ich will nicht hier bleiben, Mama. – Du bleibst hier, falls er kommt. – Wir können ihm doch einen Zettel schreiben, dann ruft er uns auch an. Elisa kniff die Lippen zusammen, okay, mach aber schnell. Falls ihm etwas passiert ist, zählt jede Minute, hörst du? Endlich hatte sie jemanden vom Skilift am Apparat. Mein Mann sollte schon seit einer Stunde zu Hause sein, er ist in der Mittestation gestartet, wann, sagt ihr, habt ihr euch getrennt? Um vier, ja genau. Nein, er ist dann die schwarze Piste hinunter und danach durch den Wald hierher. Ja, ich weiss. Aber er hat seinen Söhnen gesagt, er wolle diesen Weg nehmen und jetzt sollte er schon seit einer Stunde hier sein, es ist bald dunkel. Wildschutzzone? Ah, das wusste ich nicht. Ja. Ja. Kann ihn denn nicht jemand von Ihnen suchen gehen? Ich komme gleich nach vorne zum Lift, bin schon unterwegs. Schon durch, die Pistenkontrolle, schon nach Hause? Ja, aber. Aber jemand muss ihn doch suchen, vielleicht ist ihm etwas passiert. Die Rega? Also, das macht wirklich niemand vom Dorf hier? Gar niemand, alle schon nach Hause? Wie komm ich denn zur Rega? Ja, ja, gern also, 044 654 33 11, danke, wiederhörn. Die wollen ihn nicht suchen, habt ihr das gehört? Keiner geht ihn suchen. Was soll ich dazu sagen. Elisa wählte hastig eine nächste Nummer. Ja, hier Dettler, wir sind in Antonskirchen in einer Ferienwohnung, mein Mann hat einen Weg nach Hause genommen, der abseits der Pisten liegt, und nun kommt er nicht, ich vermisse ihn seit etwa einer Stunde. Was soll ich tun? Können Sie ihn suchen? Nein, ich habe mich an diesem Nachmittag am Daumen verletzt, ich kann nicht die Hand nicht benutzen. Es ist sehr teuer, ja, ich weiss. Aber ich habe Angst um ihn, verstehen Sie? Es ist ihm etwas passiert, er kommt sonst nie zu spät. Nein, er geht nicht einfach so etwas trinken, er hätte uns etwas gesagt. Regress bei Selbstverschulden? Also. Das hab ich jetzt noch nie gehört. Suchen Sie ihn jetzt oder nicht? Ich glaube, jede Minute zählt, oder nicht? Es ist dunkel, wahrscheinlich bereits unter null Grad. Holzernweg 3a. Ja, auf diese Nummer. Von der Mittelstation die schwarze Piste runter, dann nicht zum Skilift, sondern durch den Wald zum Dorf. Soll ich nach vorne zum Lift kommen? Ah. Was schätzen Sie, wann sind Sie dort? Eine halbe Stunde? Ja. Gut. Danke. Auf jeden Fall, ja. Danke. Wiederhören.
Elisa sank aufs Sofa. Die Jungen starrten sie an. Was ist jetzt? fragte Samuel. Ja, die Rega kommt. Das heisst, sie sind erst in einer halben Stunde bei der Mittelstation. Von da aus suchen ihn drei Männer mit Schlitten und Leuchten. Vielleicht finden sie ihn ja bald, seufzte Elisa. Sie strich Noah durchs Haar, dieser entzog sich, fragte, er wird mit dem Regaschlitten gefahren? Meinst du, er ist schwer verletzt? – Er ist im Funkloch, shit, das habe ich vergessen zu erwähnen, Elisa riss erneut das Handy hoch, tippte, vertippte sich, wurde dann mit einer ganz anderen Person verbunden, begann zu stottern, es war vergebens, natürlich hatten die das angenommen. Aber zur Sicherheit nannte sie ihnen auch Jans Nummer. Dann legte sie wieder auf. Ob man ihn orten konnte?
Was sollten sie tun? Samuel, hilfst du mir, einen neuen Verband anzulegen? – Was hast du denn gemacht? fragte Noah entsetzt, der Verband war rot verfärbt und nass. Ach, nichts. Hab ich euch doch gesagt, vorhin, als ich ins Dorf ging. Hab mich geschnitten, mit dem Dolch aus dem Keller, als ich Zweige zuschneiden wollte. Die liegen unten noch auf der Liege, geh, Noah, hol sie doch schnell hoch. Irgendwie mussten sie sich beschäftigen. Noah rannte, verstört brachte er die Zweige, einige waren blutig. Es ist alles voller Blut, Mama, sagte er. Ah ja. Hab ich ganz vergessen, Elisa schnalzte mit der Zunge, das war ihr weggerutscht. Ob sie Samuel auftragen sollte, es wegzuwischen? Samuel, könntest du… – Nein, Mama. Kein Blut putzen. Nein. Ich warte hier auf Papa. – Okay. Also. Wartet hier auf dem Sofa. Nehmt wieder eure Gameboys. Wir müssen warten, bis wir wieder Bescheid bekommen. Das kann dauern. Irgendwie müssen wir die Zeit bis dahin rumkriegen, hört ihr. Sie nickten stumm, Noah langte nach seinem Gameboy, Samuel nach seinem Handy.
Elisa ging in die kleine Küche, setzte Tee auf. Schaute in den Kühlschrank. Ob sie kochen sollte? Essen musste man ja doch irgendwann. Spaghetti, Tomatenbüchse. Lauch, Karotten, alles da. Schneiden ging nicht. Noah, kannst du mal Käse reiben? Keine Antwort. Sie schaute nach. Noah lehnte an Samuels Schulter, heulte leise. Hey, das wird schon wieder, sagte Elisa, strich Noah über die Schulter. Was, wenn nicht? Elisa sah auf die Uhr. Zwanzig vor sechs. Würden die sich melden? Jan war ein guter Skifahrer. Kräftig, schwungvoll, er ging selten an die Grenze. Habt ihr euch gestritten? Oder warum hat er einen anderen Weg genommen? – Noah war kalt, er wollte Schokolade trinken. Aber wir waren schon im Restaurant gewesen, Papa mochte nicht noch einmal rein. Er musste immer warten, sagte Samuel. Noah sah schuldbewusst aus. Elisa nickte, ging wieder in die Küche. Noah, kommst du jetzt? Ich kann nichts schneiden wegen der Hand, keinen Käse reiben. Noah schniefte, kam in die Küche. Ich muss noch das Blut wegwischen. Schneid dich nicht auch noch, hörst du? Sie sah ihm zu, nahm dann einen Lappen und ging in den Keller. Als sie in die Knie ging, schmerzte die Hand erneut. Was, wenn ihm etwas passiert war. Er war irgendwo da draussen, verletzt, in der Kälte, allein. Bei Bewusstsein? War er am Leben? Würden sie ihn finden? Sie konnte nicht mehr klar denken, ein Brei und Nebel im Gehirn, undurchdringlich, was sollte sie tun, sie fand es nicht heraus. Nils hatte sie nach einem halben Jahr stehen lassen. Das war vorbei, seit sieben Jahren. Auch Julia war vorbei. Das hatte sie viel gekostet. Dabei hatte er nicht einmal mit ihr geschlafen. Sagte er. Glaubte sie ihm auch, meistens. Dann waren sie in die Paartherapie gegangen, ein halbes Jahr lang. Immer den Babysitter organisieren. Paarinseln, idiotisches Wort. Aber der Paartherapeut hatte ein paar Sätze gesagt, die waren hängen geblieben. Dass sie wenig Entlastung hätten, weil keine Grosseltern in der Nähe lebten, das war ihr nicht bewusst gewesen. Dass auch Liebesbeziehungen flacher würden, wenn man nichts für sie tue, wie Freundschaften. Jan hatte dann darauf bestanden, dass sie manchmal miteinander ausgingen, auch wenn es aufwendig war zu organisieren. Zehn Jahre älter als sie, hatte er bereits eine gescheiterte Ehe hinter sich, das wollte er nicht noch einmal erleben. Ein paar Mal hatten sie sich in der Stadt getroffen, wie Bekannte, die sich zu einem Glas Wein verabredeten. Sie hatte ihn von weitem beobachten können, wie er sich dem Platz näherte, sich umschaute, die Jacke öffnete, schliesslich lächelnd an ihren Tisch trat. Ein kantiges, aber offenes Gesicht, geschmeidige Bewegungen, schlank. Überrascht hatte sie festgestellt, dass er ihr immer noch sehr gefiel, nach Jahren des Zusammenlebens, nachdem er knapp zehn Jahre älter und nicht mehr ganz der gleiche Mann war wie der, dem sie mit siebenundzwanzig begegnet war. Sie würde genau ihn wieder kennen lernen wollen, hatte sie gedacht, überrascht von der Stabilität ihrer eigenen Gefühle. Manchmal verbrachten sie ein Wochenende miteinander. Ein-, zweimal pro Jahr, nur von Mittag bis Mittag. Aber die Zeit verdoppelte sich geradezu, weil kein Kind dazwischendrängte und irgendetwas verlangte, Essen, Spiel, Antworten, Nähe. Die Sexualität war dünn geworden, wie denn nicht, Noah war sechs Jahre lang jede zweite Nacht über den Flur zu ihnen ins Bett getapst. Jan hatte ihn manchmal zurückgetragen, seltener sie. Seit Neustem wollte Samuel nicht mehr zu Bett, jeden Abend den gleichen Kampf, und dann nach einer halben Stunde nachschauen, ob er nicht las, gamete, wach lag. Aber manchmal hatte es eine Gelegenheit gegeben, überraschend, eine gestohlene halbe Stunde, während der sie miteinander schliefen, schnell erregt, sie vor lauter Überraschung mehrmals kam, manchmal in unerklärliches Gelächter ausbrach. Manchmal, wenn er sie unvermittelt umarmte, in der Küche, am Schreibtisch, fühlte sie Glückhormone in ihrem Kopf purzeln. Manchmal wenn sie miteinander schliefen, war sie glücklich, einfach und eins, er ihr Mann, sie seine Frau. Das hatte sie immer für romantischen Kitsch gehalten, Bilder aus Liebesromanen. Wenn sie ihn eine Nacht nicht sah, sehnte sie sich nach ihm.
Willst du nicht mal anrufen, Mama? Samuel trat zögernd in die Küche. Vielleicht wissen sie ja schon etwas. – Ja, du hast recht, mach ich. Elisa nahm ihr Handy, wählte, wartete. Ja, bitte, ich habe vor einer Stunde meinen Mann als vermisst gemeldet in den Bergen. Es machte sich eine Dreiermannschaft auf, ihn zu suchen. In Antonskirchen. Wissen Sie schon etwas von ihm? Ja, klar, ich dachte, vielleicht wissen Sie schon etwas. Nix zu machen, Samuel. Er drehte sich um und ging zurück. Sind wir schuld, Mama? flüsterte Noah. Nein, bist du verrückt. Papa kommt wieder, ganz bestimmt. Sie werden ihn bringen. Vielleicht ist er etwas krank. Es dauert bestimmt nicht mehr lange. – Kann ich etwas Schokolade? Noah führte sich auf wie ein Sieben-jähriger. Nein, ich bin am Kochen. Wenn du willst, etwas Möhren, willst du? Noah schüttelte wortlos den Kopf und trottete wieder zurück. Beide Jungen kauerten auf dem Sofa, starrten wortlos in die Ecke, ihre Spiele in der Hand. Was ist denn, wenn Papa verletzt ist? Können wir dann morgen wieder skilaufen gehen? – Ich weiss es noch nicht, Noah. Ich weiss nicht, was sein wird. Sie fuhr sich durchs Haar, seufzte.
Elisa nahm ab. Es war die Rega. Haben Sie ihn gefunden? Ist er – hat er – lebt er? Unterkühlt, ja. Ins Krankenhaus Unterwalden – es fährt kein Bus mehr um diese Zeit und wir haben kein Auto – sollen wir eine Taxe nehmen? Ah, so, nein, ich habe die zwei Jungen bei mir, sie können nicht auch bei ihm übernachten, nicht wahr? Ja, vielen Dank, ich überlege, wie wir kommen können. Wie kann ich Sie wieder erreichen? Ja, auf diese Nummer, Sie geben mir sicher Bescheid? Danke, bis dann, wiederhörn, Elisa legte auf, krümmte sich unter Tränen, Samuel rannte herbei, Noah klammerte sich an die beiden. Was ist, Mama, ist er tot? schrie Samuel mit aufgerissenen Augen. Nein, Elisa würgte, nein, er lebt. Aber sie fliegen ihn sofort ins Krankenhaus in Unterwalden. Das ist mit dem Auto eine Dreiviertelstunde von hier, aber wir haben keins, es geht kein Bus mehr. Es geht ihm nicht gut, er ist stark unterkühlt, wie sehr, wollte er mir nicht sagen. Ich weiss nicht, was ist, Samuel und Noah. Wir packen Dinge für eine Nacht, ich bestelle ein Taxi und versuche ein Hotel in der Nähe zu buchen. Los, Kinder, holt eure Sachen. Noah blieb wie angewurzelt stehen, dann schrie er los, er schrie hoch und laut, wie ein wild gewordenes kleines Tier. Elisa beugte sich zu ihm, umarmte ihn, Noah wehte sich heftig, versuchte sich frei zu machen, Elisa hielt ihn fest. Endlose Minuten hielt sie ihn, bis er schluchzte, dann sackte er in sich zusammen. Samuel hatte in der Zwischenzeit ihre Pijamas und je ein T-Shirt geholt und in eine Tüte gestopft. Elisa hielt Noah und wiegte ihn. Wir gehen jetzt zu Papa, flüsterte sie, wir müssen wissen, wie es ihm geht. Kommst du mit? Noah schüttelte heftig den Kopf, aber stand dann auf.
Es dauerte noch eine ganze halbe Stunde, bis der Taxifahrer bei ihnen klingelte. Es war kalt und dunkel, als sie einstiegen, die Jungs hinten, sie vorne. Sie erzählte dem Fahrer ihre Geschichte, der nickte ab und zu, ich wünsche Ihnen viel Glück. Können Sie gebrauchen, murmelte er. Er fuhr nicht schnell, ab und zu lag etwas Schnee auf der Strasse, vielleicht Eis, kaum Gegenverkehr. Keiner sagte mehr etwas. Ab und zu drehte sich Elisa um, versucht etwas zu schlafen, es ist schon spät und es dauert noch eine ganze Weile.
Sie würde mit Ach und Krach in der Lage sein, für die Kinder zu sorgen. Sich ihretwegen um Stabilität bemühen. Samuel würde bald in die Pubertät kommen, sie fürchtete sich vor seiner Ablehnung. Sie würde wieder unstet werden, fahrig, sprunghaft, wie sie gewesen war, bevor sie Jan kennen gelernt hatte. Aber Quatsch, Jan lebte ja. Sie fuhren geradewegs zu ihm. Die Medizin würde ihn retten. Die Unterkühlung konnte nicht allzu stark sein, er hatte nur drei Stunden draussen gelegen. Vielleicht würde er eine Zeitlang krank sein. Finanzielle Folgen würde es haben, durch die Wildschutzzone, allein, um diese Uhrzeit, was hatte er sich dabei gedacht. Alle machten das, sie auch. Regress? Hauptsache, er würde bald wieder gesund sein. Aber was hatte er sonst noch? Beinbruch, Kopfverletzung? Wieder schlug Panik über ihr zusammen. Was wenn? Natürlich waren sie beide, Jan und Elisa, auch manchmal schlecht gelaunt gewesen, hatten sich gestritten. Manchmal war er kühl, fast überheblich. Sie gereizt bis aggressiv, sagte er. Es gab Situationen, in denen sie mit schöner Regelmässigkeit Krach miteinander bekamen. Manchmal hatten sie tagelang kaum miteinander zu tun, er arbeitete, sie arbeitete. Sie teilzeit, er in Vorgesetztenposition, verantwortlich für grössere Summen, sie machte nebenbei den Haushalt. Beide besetzt und angespannt, da brauchte es wenig. Wenn Jan sie anschrie, wurde sie klein, ein Nichts. Wenn sie ihn anschrie, erstarrte er, wurde zu Eis. Was schlimmer war, konnte sie nicht sagen. Selten schrien sie sich gegenseitig an. Einmal war Samuel dazu getreten, wieder wach geworden, blinzelnd und sehr erschrocken. Aber immer hatten sie wieder zueinander gefunden. Wer wen mehr suchte, war nicht klar, wer wen wieder gewann und womit, auch nicht. Wenn er seufzte, an ihrem Rücken im Bett, dann wusste sie, dann war wieder gut. Immer wieder schafften sie es. Aber was wenn jetzt.
Sie zahlte den Taxifahrer mit ihrem letzten Bargeld, dann meldeten sie sich in der Notfallstation, wurden weiter verwiesen, zwei Stockwerke hoch, alles in gedämpfter Nachtbeleuchtung, geräuschlos, sie hörten einzig ihre eigenen Schritte. Eine Schwester kam, Sie können kurz zu ihm, sein Zustand ist kritisch, bleiben Sie nicht lange. Sie betrat vor ihnen das Zimmer, knipste eine kleine Lampe an, die indirektes Licht gab. Elisa und die beiden Jungen traten ans hintere Bett, da lag er, in weissen Krankenhauskleidern, eingewickelt in seltsame glitzernde Decken, bleich, die Augen geschlossen, einen Schlauch in die Nase, Infusion am Unterarm.
Jan, flüsterte sie, Jan, hörst du mich? Sie berührte ihn sachte am Arm. Jan? flehte sie.
Er drehte etwas den Kopf, öffnete die Augen.