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Glas liegt im Trend und ist ein beliebter Baustoff. Nicht nur die Fenster, sondern ganze Wände werden seit der Moderne in Glas gedacht und ausgeführt. Sie bringen Transparenz in das Bauwerk, Innen und Außen verschmelzen.
Das berühmteste Beispiel hierfür stellt das Farnsworth House vom Architekten Mies Van Der Rohe dar. Dieses Haus in der Nähe von Chicago wurde zwischen 1950 und 1951 erbaut und war das erste Haus, dessen Außenwände nur aus Glas bestanden. Das Haus steht in einem großen Park, der Entwurf war seinerzeit radikal. Ziel von Mies war es, die Natur nicht durch bunte Häuser zu stören. Aus diesem Grund verwendete er für das Haus weiße Stahlträger und Glas. Das Design war minimalistisch und auf das Wesentlichste reduziert. Als Auftraggeberin des Bauwerks fungierte eine Ärztin aus Chicago. Sie wollte ein Haus, in das sie sich am Wochenende zur Erholung zurückziehen konnte.
Wie so oft bei Architekten, war aber auch hier die kleine Aufgabe eines "Einfamilienhauses" die größte Herausforderung: Der Architekt Mies van der Rohe verbrachte tausende von Arbeitsstunden, um das einfache Haus realisieren zu können. Dabei besteht dieses Haus laut Mies Van Der Rohe selbst aus "praktisch nichts". Es war also die Kunst, ein "praktisches Nichts" zu entwerfen. Dieses "praktische Nichts" wurde weltberühmt.
Für Edith Fansworth, die Bauherrin des Mies van der Rohe Gebäudes, war das Wochenendhaus durchaus gewöhnungsbedürftig. Sie beschrieb es so:
"Das Haus ist durchsichtig wie ein Röntgenbild. Ich wollte etwas "Bedeutungsvolles" haben, und alles, was ich bekam, war diese aalglatte Spitzfindigkeit."
Die Bauherrin hatte einen langen Streit bezüglich des Honorars mit Mies van der Rohe, welcher für das "praktische Nichts" auch entsprechend entlohnt werden wollte. Jedoch versöhnte sie sich mit dem Haus, denn sie blieb dort 21 Jahre.
Die Idee mit dem Glas und der Natur wurde beim "Dutch House", ein Einfamilienhaus von Rem Koolhaas in Holten / Holland Jahrzehnte später aufgegriffen, sowie auch beim "Landschaftsinhalator", ein Haus von Transbanana in Graz. Beide Häuser bestehen zwar nicht nur aus dem Glaskörper, sondern haben noch weitere (verborgene) Teile, aber das wesentliche Element bildet ein Glaskubus, ein "praktisches Nichts".
Nun hat sich die Glastechnologie seit den Lebzeiten von Mies van der Rohe gravierend verändert. In den 50-er Jahren des letzten Jahrhunderts war es schwierig das "praktische Nichts" zu beheizen. Die Gläser hatten sozusagen ein wärmetechnisches Problem, welches den Bewohnern gravierend zu schaffen machte. Die Heizkosten explodierten oder das praktische Nichts war überhaupt nur für andere klimatische Regionen geeignet.
Mittlerweile ist das alles kein Problem mehr. Gläser haben derart gute technologische Eigenschaften, dass sie tatsächlich mit massiven Wänden mithalten können, was ihren Wärmedurchgang anbelangt. Insofern ist es nun tatsächlich nur eine Frage des Geschmacks, wie die Wände gestaltet werden. Massiv oder eben durchsichtig, robust oder als "praktisches Nichts".
Die Idee der Glaswände hat durchaus einen Reiz, denn das Erleben der Natur ist so hautnah aber doch klimatisch geschützt möglich. Das Spiel der Farben von hellem Grün im Frühling, zu sattem Gelb im Sommer, zu Rot und Braun im Herbst bis zu einer weißen Schneedecke im Winter - alles kann direkt erlebt werden. Auch Sturm und Niederschläge, Tag und Nacht, es gibt keine Grenzen im Erleben. Landschaft und Haus verschmelzen. Sie verschmelzen aber nicht, weil das Haus so gut in die Landschaft passt, sondern vor allem deshalb, weil der Bewohner die Landschaft inhaliert.
Wohnen in einem Haus aus Glas bedeutet also, sich der Natur auszusetzen. Edith Farnsworth wusste nicht so recht, wie sie das Haus im grünen Park bewohnen sollte. Trotzdem wurde gerade dieses Haus auf Grund der Einfachheit in der architektonischen Sprache, der Strenge und der Eleganz eines der radikalsten und bemerkenswertesten Häuser der modernen Architektur.
Bildquelle: 12019 / pixabay.com