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Soeben aus dem Ministerium des Äusseren zurükkommend beeile ich mich, Ihnen noch mit heutiger Post Bericht zu erstatten. Ich übergab dem Grafen Walewski Ihre Antwort auf die Notification der Heirath von Prinz Napoleon, die mir diesen Morgen zugekommen ist2, und die Note betreffend die neutrale Stellung der Schweiz im Fall eines Krieges d. d. 14. Merz.3
Nach Durchlesung der Lezteren sagte mir Walewski, Sardinien habe über die Frage der Besetzung der sogenannten neutralisirten Gebietstheile von Savoyen ein umfassendes Memorial der französischen Regierung mitgetheilt, in welchem man nachzuweisen suche, dass der Schweiz das Recht zur Besetzung dieser savoyischen Gebietstheile nicht zustehe; es seien seiner Zeit die bekannten Bestimmungen getroffen worden auf Begehren von Sardinien und dieselben könnten im Fall eines solchen Krieges, wo leztere Macht die Besetzung jener Provinzen durch schweizerische Truppen gar nicht für nothwendig erachte, keine Anwendung finden, etc. Ich ermangelte nicht, auf den Charakter dieser Verträge aufmerksam zu machen, den dieselben durch die Sanction der Grossmächte erhalten haben; und wenn auch der Graf sich nicht mit Bestimmtheit aussprach, so schien mir doch, dass er selbst die Argumentation von Sardinien etwas schwach finde. Auf meine Anfrage, ob diese Note auch ändern Mächten mitgetheilt worden sei, antwortete mir Walewski: dieselbe sei einstweilen nur der französischen Regierung mitgetheilt worden, um darüber ihre Ansichten einzuholen.
Ich gedenke morgen Villamarina einen Besuch zu machen, theils um womöglich über diese Démarche etwas Näheres zu erfahren, theils um ihm den Standpunkt näher zu bezeichnen, von welchem der Bundesrath bei seinem Beschluss ausgegangen sei. Es ist wohl möglich, dass Frankreich Sardinien abräth, dieser Reclamation weitere Folge zu geben, doch hat Walewski diesfalls jede Meinungsäusserung vermieden.
Ich suchte dann über den Stand der politischen Situation noch Einiges zu erfahren und vernahm darüber im Wesentlichen Folgendes: «Der Horizont scheine sich eher etwas aufzuheitern, Ostreich zeige sich nicht so widerstrebend, wie man nach seinen offiziösen Journalen vermuthen könnte. Es sei sehr wahrscheinlich, dass ein Kongress der Grossmächte zusammentrete, und wenn dies, was er vermuthe, der Fall sei, so sei sehr wohl möglich, dass er in der Schweiz abgehalten werde. Es sei von drei Städten die Rede, von Genf, Basel und Zürich.»
Es stimmt dies ganz überein mit dem, was ich gestern Abend noch aus einer ändern Quelle erfahren konnte. Es sind England, Preussen und Russland, welche auf einen Kongress dringen, Frankreich wird theilnehmen und man glaubt, dass auch Ostreich, um sich nicht zu isoliren, ebenfalls zum Kongress Hand bieten wird.
Was die Stimmung des hiesigen Kabinets betrifft, so dürfen Sie das, was ich darüber in meiner lezten konfidentiellen Depesche v. 16. d. M. an Ihr verehrliches Präsidium meldete4, als vollkommen richtig und zuverlässig ansehen. Eine Unterredung, die ich gestern mit einem Mann hatte, der in einer Stellung ist, genau die Stimmung in den Tuilerien zu kennen, stimmt vollkommen mit dem dort Gesagten überein. Gleichzeitig erfuhr ich in derselben, dass vorgestern hier eine Note von Berlin eingetroffen ist, welche sich mit Entschiedenheit für Erhaltung des europäischen Friedens aussprach. Würde England, Preussen und Russland sich für Erhaltung des Friedens und gegen jeden Angriff auf Ostreich erklären – wenn lezteres die vom Kongress zu bestimmenden Conzessionen eingehe –, so würde die Stellung Frankreichs eine solche, dass man auf Realisirung der gefassten Pläne vielleicht für einmal zu verzichten sich genöthigt sehen könnte. Dass die Friedenshoffnungen wieder etwas mehr in den Vordergrund treten, hat die Börse durch ein erhebliches Steigen der Fonds heute bestätigt. Die Hauptgefahr aber liegt dabei immer noch in der Stellung, welche Sardinien bereits eingenommen hat.
Walewski theilte mir dann noch mit, es soll in Basel an einem Fastnachtszug eine gegen den Kaiser gerichtete Szene stattgefunden haben, fügte aber zugleich bei: der dortige französische Konsul habe darüber nichts berichtet; er habe dies aus einer ändern Quelle erfahren.
Endlich kam Walewski abermals auf den Conflikt im Dappenthal zu sprechen wegen Vollziehung eines Urtheils, worüber ich Ihnen schon berichtet habe. Turgot habe nämlich ganz neulich berichtet, es sei ihm in Bern erwiedert worden, dass früher Vollziehung von gerichtlichen Urtheilen der Schweizerbehörden im Dappenthal ohne Einsprachevon Seiten der französischen Regierung geduldet worden seyen. «Ich möchte, » fügte Walewski bei, «meiner Regierung bemerken, wenn dies der Fall seyn sollte, so sei es geschehen, ohne dass die französische Regierung irgend welche Kenntnis von solchen Urtheilen gehabt habe. Er müsse in dieser Beziehung wiederholen, was er mir durch einen seiner Sekretäre bereits gemeldet habe, dass nämlich Frankreich die von der Regierung schon früher in Bezug auf das Dappenthal eingenommene Stellung festhalte.»
Die gestrige Revue der Garde impériale, circa 24’000 Mann, war äusserst brillant. Man erzählte mir, einige Male habe man neben dem Rufe «Vive l’Empereur» auch den Ruf «Vive l’Italie» gehört. Da, wo ich mich befand, vernahm ich nichts von diesem leztern Ruf. Der greise Prinz Jérôme ritt zum zweiten Mal durch die Reihen zur Seite des Kaisers. Auch Prinz Napoleon, dessen freundschaftliche Beziehungen zum Kaiser durch die Entlassung aus dem Ministerium in keiner Weise getrübt seien, war zur Seite des Kaisers.
Sobald ich werde Gelegenheit gefunden haben, den sardinischen Minister zu sprechen, werde ich Ihnen darüber berichten.
In grosser Eile unmittelbar vor Abgang der Post geschrieben.
- 1
- Rapport: E 2300 Paris/12.↩
- 2
- Napoléon Joseph Charles Paul, fils de Jérôme Bonaparte, avait épousé à Turin, le 30 janvier 185 9, Clotilde de Savoie, fille de Victor Emmanuel II. Cf. les lettres du Conseil fédéral à Napoléon III et à Kern du 18 mars 1859 (E 1001 (E) q 1/42, nos 1018a et 1018b).↩
- 3
- Cf. No 324.↩
- 4
- Non reproduite.↩