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Das hörte ich ganz nebenbei vor etwa drei Jahren. Damals studierte ich noch Literarisches Schreiben in Biel, der junge Typ, den ich noch nie am Institut gesehen hatte, schob sich das dunkle Haar hinter die Ohren und fuhr fort, einem meiner Kommilitonen zu erörtern: «Du weisst schon, wie ich das meine. Sie hat seither halt einfach nicht geschrieben. Zumindest nicht publiziert.» Die beiden balancierten ihre Kaffeetassen die Treppe hoch und ich hätte dem Bürschchen gerne im Vorbeigehen in seine Tasse gespuckt. Aber ich rührte nur in meinem Tee und versuchte, das Ganze im Heisswasserwirbel untergehen zu lassen.
Einige Monate später beendete ich mein Studium. An der Bachelorfeier war mein Debütroman reif fürs Lektorat und mein Bauch war bereits bewohnt. Ich dachte an Ruth Schweikert, die fünf Söhne hat, an Alina Bronsky, damals noch mit drei Kindern, und auch an eine Kollegin, die ein Jahr zuvor ihre Tochter geboren hatte und mir versicherte, das Schreiben falle ihr nun leichter. Damals gab es das Buch «Schlafen werden wir später» von Zsuzsa Bánk noch nicht. Protagonistinnen dieses Briefromans sind zwei Frauen: die eine ist kinderlos und selbstbestimmt, die andere eine um (Schreib-)Zeit ringende Mutter und Lyrikerin. Márta schleppt sich durch die Tage, sucht immer wieder nach Räumen, um mit ihren Kindern zu sein, die Beziehung mit ihrem Mann zu retten und um zu schreiben. Muttersein und Schriftstellerinsein: frau scheint zwangsläufig in der Spalte zwischen dem einen und dem anderen zu verschwinden. Und ich stürze mich mit Freude und Absicht hinein?
Moment mal. Die «literarische Laufbahn»? Hatte er das damals wirklich gesagt? Meinte er tatsächlich den «festgelegten Weg des Aufstiegs in einem Beruf» (Duden), also einen Werdegang wie in einer Bank: man schliesst ein Wirtschaftsstudium an der HSG ab und steigt dann stetig auf. Natürlich ist es nicht leicht, Familie, Schreiben, Brotjob und noch einiges mehr unter einen Hut zu bekommen, und Márta aus Zsuzsa Bánks Roman ist mit Sicherheit keine durch reine Fiktion erschaffene Figur. Aber bitte, würde ich dem Bürschchen heute sagen, nachdem ich meinen Tee im Literaturinstitut abgestellt, die Treppe hochgepoltert und zu den beiden Jungs ins Kurszimmer stolziert wäre: überdenke deine Ausdrucksweise. Wir brauchen Männer, die in bezug auf eine Geburt nicht abschätzig von «flutschen» reden, und Menschen, die eine Laufbahn nicht zwangsläufig als Gerade sehen, in der es keine Windungen, Umwege, Einschübe, Pausen geben darf. Und überhaupt, Kleiner, worüber schreibst du eigentlich?
Zugegeben, so würde ich es ihm nicht sagen. Aber ich würde es so meinen. Und ich wünsche Márta ihre Räume und guten Durchbiss, und das wünsche ich auch allen Schriftstellerinnen und Schriftstellern mit Kindern überhaupt. Weiterschreiben. In der Angst und auch über sie. Und natürlich über vieles mehr.
Laura Vogt
ist Schriftstellerin. Zuletzt von ihr erschienen: «So einfach war es also zu gehen» (VGS St. Gallen, 2016). In ihrer Kolumne macht sie sich Gedanken zum Schriftstellerin- und Muttersein.