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Das Rosneft-Universum in Genf: ein Jahrzehnt völliger Freiheit
«Sanktionen sind wie ein Knopf auf dem Hintern eines Elefanten.» Im Februar 2020, nach elf Jahren friedlicher Existenz, wird Rosneft Trading SA (RTSA) – der Genfer Handelszweig des staatlichen Ölgiganten Rosneft – wegen Verstosses gegen das venezolanische Ölembargo unter US-Sanktionen gestellt, und einer der russischen Direktoren greift zur Ironie. Zu diesem Zeitpunkt ist der Ausweg bereits klar: Das lukrative Geschäft mit der staatlichen venezolanischen Ölgesellschaft PDVSA soll die Rosneft-Tochter TNK Trading International SA weiterführen; diese hat ihren Sitz ebenfalls in Genf.
Zwei Monate später setzen die USA auch sie auf die schwarze Liste. Im Herbst 2020 zaubern die Russen jedoch eine Firma namens Energopole aus dem Hut. Das neue Unternehmen wurde in aller Eile bei einem Genfer Treuhänder registriert, zog in die luxuriösen Räumlichkeiten von RTSA am Quai du Général-Guisan 14 ein und nahm den Handel wieder auf, diesmal ohne Venezuela. Es zählt zu diesem Zeitpunkt nur noch etwa 20 der 60 Angestellten, die zu den besten Zeiten bei der RTSA arbeiteten.
Es bedurfte der brutalen russischen Invasion in der Ukraine und der westlichen Sanktionen, die von der Eidgenossenschaft übernommen wurden, um den Aktivitäten des Rosneft-Netzwerks in der Schweiz ein Ende zu setzen, das heute im Sterben liegt. Lange Jahre konnte sich das nebulöse Gebilde (siehe Infografik auf der nächsten Doppelseite) in der Schweiz mit seinen Tochtergesellschaften, Partnerfirmen, bevorzugten Handelshäusern und vor allem mit seinen Mittelspersonen gut behaupten.
Vom Anwalt zum Direktor einer Handelsfirma
Zu ihnen gehört auch ein Genfer Anwalt mit einer starken Persönlichkeit und anerkannter Erfahrung: Daniel Richard. Als Partner der Grosskanzlei Python half er Rosneft im Januar 2011, eine Handelsfiliale am Genfersee zu eröffnen. Als erster Direktor von RTSA mit einem Jahresgehalt von 300 000 Franken im Jahr 2019 hält der Rechtsanwalt auch Mandate in mehreren anderen Tochter- und Partnerunternehmen von Rosneft.
Richard hat eine Vielzahl von Hüten auf. Als die Konten von RTSA im Zusammenhang mit Venezuela gesperrt wurden, rannte der Anwalt zu UBS und Credit Suisse, um die Banken zu bitten, den Angestellten die Gehälter dennoch auszuzahlen. Als einige Monate später etwa 40 Mitarbeitende vor die Tür gesetzt wurden, wird er mit der Umsetzung eines Sozialplans betraut.
Der Anwalt besass eine Vollmacht für das Schweizer-Franken-Konto von RTSA. Er war auch für die Zahlung der Mandatsgebühren zuständig, die RTSA von einer kleinen Firma namens Swissarc in Rechnung gestellt wurden. Diese winzige, in Carouge registrierte Struktur war damit beauftragt worden, etwa 30 RTSA-Angestellte zu rekrutieren und ihre Gehaltsabrechnungen zu erstellen, wofür sie eine monatliche Provision von 26 % des gezahlten Gehalts erhielt. Swissarc lieferte ausserdem zu hohen Preisen Computerhardware.
Laut einem ehemaligen Angestellten hatte Swissarc einen doppelten Zweck: «RTSA konnte leichter Personal einstellen, ohne auf die Zustimmung Moskaus warten zu müssen, und IT-Ausrüstung in den USA kaufen, ohne Sanktionen zu riskieren.» Eine andere, weniger redliche Erklärung macht ebenfalls die Runde: Einige der russischen Manager*innen von RTSA hätten ein Vehikel eingerichtet, um zusätzliche Einnahmen zu erzielen.
Auf Anfrage von Public Eye sagt Rechtsanwalt Richard, er habe «keine Ahnung», warum RTSA die Dienste von Swissarc in Anspruch genommen hat. «Ich habe RTSA von Anfang bis Ende in Übereinstimmung mit den lokalen Gesetzen verwaltet. Das ist alles», fügt er hinzu und behauptet, dass die Präsenz der russischen Tochtergesellschaft in Genf dazu geführt hat, dass die Steuerbehörde insgesamt 250 Millionen Franken eingenommen hat.