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Ausgangspunkt von Theodor W. Adornos «Ästhetischer Theorie» sind die «revolutionären Kunstbewegungen um 1910». Moderne sei, schreibt er, «Kunst durch Mimesis ans Verhärtete und Entfremdete». Während ich davon ausgehe, dass diese damaligen Kunstavantgarden nach Darstellungsformen suchten, die weder fiktional, noch mimetisch sein sollten, hält Adorno auch für die avancierte Moderne am Begriff der Mimesis fest, indem er in den Kunstwerken jener Bewegungen «Abstraktheit als Mimesis» erkennt: Mimetisch ist nicht mehr ein irgendwie geartetes Abbild von Welt, sondern jener «frisson nouveau», den, so Adorno, Victor Hugo beim Lesen Rimbauds empfunden habe. Mimesis steckt demnach in einem «neuen Schauder» (Adorno übersetzt mit «Schauer»), der wohl auch ein «Schauder des Neuen» ist: «Nur im Neuen vermählt sich Mimesis der Rationalität ohne Rückfall: ratio selbst wird im Schauer des Neuen mimetisch.»[[1]
Weiter bestimmt Adorno das Verhältnis zwischen der Mimesis und der Rationalität des «Konstruktiven» als «fraglose Polarität», wobei Konstruktion als «Grundschicht von Moderne» und «konstruktive Verfahrensarten» als der «subjektiven Imagination» vorausgehend verstanden werden. So gesehen wären Kunstwerke dann modern, wenn die Rationalität der Konstruktion dem mimetischen Anspruch vorausgeht. Oder anders: In dem Mass, in dem Mimesis rational konstruiert wird, wird sie als «Schauder des Neuen» abstrakt.[2]
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Um 1900, so meine These, zerfällt das ehemalige belletristisch-feuilletonistische Universum in drei Bereiche: in einen geschrumpft belletristischen, in einen journalistischen und in ein avantgardistischen. Was bedeutet Adornos Diagnose, die aus der Analyse des avantgardistischen Bereichs abgeleitet ist, für Belletristik und Journalismus? Was bedeutet es hier, wenn «konstruktive Verfahrensarten» der «subjektiven Imagination» vorausgehen?
In jedem der drei Bereiche müssen die Texte durch eine Art Narrativität getragen werden, die die Wörterreihen plausibilisieren. Demnach muss es drei unterschiedlich funktionierende Narrativitäten geben: eine fiktional-mimetische der Belletristik, eine nichtfiktional-mimetische des Journalismus und eine nichtfiktional-nichtmimetische der Kunstavantgarden.
Jede dieser Narrativitäten wird nach bestimmten Konstruktionsprinzipien gebaut, wobei mich im Grenzgebiet zwischen Journalismus und Belletristik hier die beiden ersten interessieren.
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Die Herstellung von Narrativität als Transportmittel der mimetischen Absicht bedeutet für Belletristik und Journalismus gleichermassen Gliederung und Formung des Sprachmaterials, also Konstruktion. Konstruieren heisst nach der Materialbeschaffung stets: auswählen aus der Fülle des Möglichen, weglassen alles Überflüssigen und zusammenfügen des Ausgewählten. In den Bereichen von Belletristik und Journalismus heisst das gleichermassen Montage.
Dem Journalismus dient die Montage dazu, (im Dienst der Verlagsinteressen) Welt mittels Sprache konsistent nachzubilden. Deshalb ist er der Idee einer direkten Mimesis verpflichtet.
Der Belletristik dient die Montage dazu, (im Dienst der Verlagsinteressen) Sprache mittels Welt wirkungsvoll zur Geltung zu bringen. Deshalb ist sie der Idee einer indirekten Mimesis verpflichtet.
Das Zeitalter der Moderne hat das Bewusstsein dafür geschärft, dass bei der Spracharbeit der Umgang mit dem ausgewählten Material ein Montieren ist von an sich dispersen Textfragmenten: Wie bei einzelnen Mosaiksteinen zufällige Randverläufe durch geschicktes Zusammenfügen und etwas Mörtel ihren plausiblen Ort finden, so legen assoziative, rhetorische oder begrifflich-klangliche Bezüge nebst etwas narrativem Mörtel die Textanschlüsse nahe – bleiben aber genau genommen den einzelnen Fragmenten äusserlich.
Dass das Zusammengefügte schliesslich als mimetisch gelungen verstanden wird, hat auch mit Rezeptionskonventionen zu tun, mit dem Vorwissen des Publikums: Wenn die Aussage so formuliert ist, ist gewöhnlich ungefähr dies gemeint. Neben dem «Schauer des Neuen» spielt deshalb in Journalismus und Belletristik ohne Avantgardeanspruch auch die Leseerfahrung ihre Rolle: die auf Erfahrungswissen gegründete Gewissheit des Alten.
[1] Ganzer Abschnitt: Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie, Frankfurt (suhrkamp) 1973, S. 38f.
[2] Adorno a.a.O. S. 72+43.
(bis 11.11.2012; 09.+17.01.; 17.07.2018)