Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03273.jsonl.gz/2366

Lebensgeschichten könnten auch anhand von Klängen erzählt werden. Melodien begleiten einen, weil sie in bestimmten Situationen und Phasen wichtig waren. Oder weil sie immer wieder auftauchen und mit einem durchs Leben gehen. Wie beispielsweise die Melodie zum Lied «Mit Ernst, o Menschenkinder» im Falle der Autorin. Das Melodie begeisterte nicht nur sie, sondern war im 16. Jahrhundert ein äussert beliebtes und weit verbreitetes Volkslied.
Katrin Kusmierz
Populäre Musik des 16. Jahrhunderts
Die Melodie von «Mit Ernst, o Menschenkinder» begegnete mir schon lange bevor ich entdeckte, dass sie auch im Reformierten Gesangbuch zu finden wäre. Als Teenager liess ich mich von einer engagierten Flötenlehrerin für Renaissance- und Barockmusik begeistern. Sie liess uns in grösseren Ensembles musizieren und hatte einen grossen Fundus an Instrumenten und Kostümen aus den entsprechenden Epochen, die wir zu den Konzerten trugen. Zur ungefähr selben Zeit lief der Film «Tous les matins du monde» im Kino, der im 17. Jahrhundert spielt, und die Geschichte des französischen Gambisten Monsieur de Sainte-Colombe erzählt. Angeregt durch das eigene Musizieren schaute ich mir den Film an, war begeistert und kaufte anschliessend die CD mit der Musik, die von Jordi Savall und anderen Grössen der «Alten Musik»-Szene eingespielt worden war. In einer Szene des Films singen die beiden Töchter des Protagonisten das Lied «Une jeune fillette de noble coeur». Es erzählt von einer jungen Frau, die gegen ihren Willen als Nonne in ein Kloster eintreten muss. Motiv wie Melodie waren in der damaligen Zeit in vielen Ländern Europas weit verbreitet und finden sich in unzähligen Variationen sowohl vokal als instrumental. In Italien beispielsweise als «La Monica» (eigentlich «Madre non far mi monarca»). Dass Töchter, die nicht verheiratet werden konnten, in Klöstern untergebracht wurden, war damals nicht ungewöhnlich. Das Volkslied thematisiert und besingt dieses Schicksal.
Jedenfalls blieb mir die Melodie hartnäckig im Ohr und Herzen. Kürzlich begegnete sie mir wieder, in einem Konzert mit Marc-Antoine Charpentiers (1643 – 1704) «Messe de Minuit», in die der Komponist populäre französische Weihnachtslieder eingewoben hat. Darunter: «Une jeune pucelle, de noble coeur». Aus dem jungen Mädchen, das zu einem Dasein als Nonne gezwungen wurde, wird hier im Weihnachtslied Maria, der der Engel verkündet, dass sie schwanger werden wird. «L’ange du Ciel descendant sur la terre, lui conta le mystère de notre Salvateur».
Es war durchaus üblich, dass die Melodien von Volksliedern auch für geistliche Lieder verwendet wurden, weil sie bekannt und populär waren. Die Melodie von «Une jeune fillette» taucht leicht verändert 1566 in einem Gesangbuch auf und zwar zu Ludwig Helmbolds «Von Gott will ich nicht lassen» (im RG 671). Mit einem Text von Valentin Thilo wird sie zum Adventslied (RG 364).(1)
Zu Licht und Leben
Das Adventslied ruft die Menschenkinder dazu auf, ihr Herz bereit zu machen. Es zu öffnen, weit zu machen, damit der «grosse Gast» im kleinen Kind einziehen kann, das Gott der Welt als Licht und «zum Leben» gegeben hat. Mit Bildern aus Jesaja 40 wird dies in der zweiten Strophe veranschaulicht: «macht seine Steige richtig; lasst alles, was er hasst. Macht eben jeden Pfad, die Täler erhöhet; macht niedrig, was hoch stehet, was krumm ist, macht gerad». Es geht nicht nur darum, Platz zu schaffen im Herzen und all das beiseite zu stellen, was im Weg steht. Der Text weist darauf hin, dass die Ankunft des Gastes nicht nur eine individuelle geistliche Erfahrung ist. Raum bekommt der Herzensgast, indem die Menschen sich an dem orientieren, was Jesus selbst am Herzen lag: Aufmerksamkeit für die Menschen, ihr geistliches, seelisches, körperliches Wohl, ihre Freiheit, Gerechtigkeit. «Was krumm ist, macht gerad!».
«Zieh in mein Herz hinein, vom Stall und von der Krippen», so lässt die vierte Strophe die Singenden bitten. Die Melodie, die mich schon so lange begleitet, die mir im Gedächtnis haften geblieben ist, hilft jedenfalls dabei. Sie macht das Herz weit.
Wer mehr zum Lied «Mit Ernst, o Menschenkinder» erfahren möchte, sei auf den wunderbaren «Wochenliederpodcast» verwiesen, in dem Martina Hergt von der Arbeitsstelle Kirchenmusik in Sachsen und die Theologin Kathrin Mette die in der Perikopenordnung vorgesehenen Wochenlieder vorstellen.
[1] M: Lyon 1557 / geistlich Erfurt 1562 / Hans Leo Hassler 1608.