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Strohflechter/in
Dieses alte Handwerk wurde im 17. und 18. Jahrhundert vor allem als Nebenerwerb in der Landwirtschaft in Heimarbeit betrieben. In den unproduktiven Wintermonaten flocht die ganze Familie vom Kind bis zur Grossmutter in der warmen Stube Strohbänder, die danach zu Strohhüten zusammengenäht wurden. Das Rohmaterial Stroh stand kostenlos zur Verfügung. Wie in anderen Textilindustrien auch, bildete sich aus dieser Tätigkeit und dem einfachen Handel Mitte 18. Jahrhundert ein Verlagswesen heraus.
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Die Strohflechterei fand ihre Verbreitung vor allem im aargauischen Freiamt, im Sensebezirk des Kantons Freiburg und im Onsernonetal, Tessin. Im 19. Jahrhundert folgte der Übergang zur Strohindustrie: Es wurden neue Muster und Herstelltechniken entwickelt, das Stroh wurde gebleicht und gefärbt und mit neuen synthetischen Materialien kombiniert. Auch entwickelte sich ein Handel mit chinesischen und japanischen Geflechten, die veredelt wurden. Als Zentrum der Strohindustrie gilt Wohlen im Aargau. Heute dient Strohflechten als Oberbegriff für alle kunsthandwerklichen Tätigkeiten mit Stroh und umfasst weit mehr als das ursprüngliche Flechten von Strohbändern oder -borten. Im Weiteren werden geknüpfte Hüte und Gegenstände, Corndollies und als Schweizerische Spezialität auch kleine Dekorationen aus Stroh, sogenannte Agréments, hergestellt und auf vielfältige Art miteinander kombiniert.
Man kann das Strohflechten in drei Arbeitstechniken unterteilen: das Flechten, das Knüpfen und die Agrémentstechnik. Beim Flechten werden ganze oder gespaltene Strohhalme in verschiedenartigen Mustern miteinander verflochten. Es entstehen entweder flache Bänder, die aneinandergenäht zu Hüten, Trachtenhüten[1], Taschen, Tischsets etc. verarbeitet werden können oder aber dreidimensionale Geflechte (Corndollies), die als Wand- und Türschmuck dienen.
Beim Knüpfen[2] werden lediglich ganze Strohhalme mit Hilfe eines gewachsten Baumwollfadens über eine Form aneinander geknüpft. Es entstehen geknüpfte Röhrlihüte, Strohsterne, Schatullen etc.
Die Agrémentstechnik ist die vielfältigste und auch anspruchsvollste Technik. Aus ganzen, gespaltenen oder verzwirnten Strohhalmen[3] werden kleine Dekorationen hergestellt, die vor allem Hüte aber auch andere Gegenstände schmücken. Zur Herstellung werden verschiedenartigste Werkzeuge verwendet. Die sogenannten Strohschnüerli werden zum Beispiel mit Hilfe einer Drähtlimaschine[4] hergestellt. Man spaltet mit Strohspaltern einen Strohhalm in bis zu 12 Teile und verzwirnt dann auf der Maschine zwei Teile miteinander. Dies ergibt eine kurze Strohkordel, die sehr biegsam ist und an wietere Kordeln angeknüpft werden kann, so dass ein Strohfaden entsteht. Daraus können dann Blumen oder Stickereien entstehen. Ab Mitte 19. Jahrhundert wurden Strohschnüerli auch mit Rosshaar zu Borten kombiniert.
Als Rohmaterial dient vor allem Weizen- oder auch Roggenstroh. Dabei werden alte Sorten von Stroh[5] angebaut, die einen langen ersten Strohhalm[6] besitzen. Man erntet das Stroh in der sogenannten Milchreife, wenn die Ähre noch nicht voll ausgereift und das Stroh noch geschmeidiger und biegsamer ist. Danach werden die Halme «geputzt»: die Ähre und die Knoten werden weggeschnitten, die Blätter des Halmes entfernt. Zum Strohflechten wird mit Vorzug der oberste Strohhalm verwendet, da er am längsten ist und dadurch während der Arbeit am wenigsten Strohhalme eingesetzt werden müssen.
[1] Zu den meisten Schweizer Trachten gehört ein spezifischer Strohhut aus Strohborten
[2] vgl. hierzu auch Strohhutknüpfer/in
[3] Verzwirnte Strohhalme: Strohschnüerli (AG), Strohdrehtli, Strohdrähtli (FR)
[4] Drähtlimaschine, Drehtlimaschine (FR), Schnüerliredli (AG)
[5] Am besten geeignet: Poppeliweizen (Rouge de Gruyère)
[6] Der Halm unterhalb der Ähre bis zum ersten Blattknoten
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Literatur
Helfer Monique: Eine Industrie nimmt den Hut. Aufschwung, Krisen und Untergang der schweizerischen Stroh- und Hutgeflechtindustrie zwischen 1800 und 1974. Lizentiatsarbeit Universität Bern 2010.
Main Veronica: Zauberhaftes Stroh. Herstellungstechniken aus dem Freiamt. Bucks Main Collins 2003.
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