Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03125.jsonl.gz/320

Feldhasen gibt es noch in der ganzen Schweiz, ihre Population geht aber stetig zurück. Wie zahlreich sie einmal waren, sieht man an den vielen Redensarten und Flurnamen, die den Hasen enthalten. Die Wahrscheinlichkeit, an einem Ort namens «Hasenloch» gar keinen Hasen mehr anzutreffen, ist recht gross.
«Osterhasen» sind heute nur noch im Supermarkt zahlreich. Seit den 1950er-Jahren ist die Population der Feldhasen regelrecht eingebrochen. Seit 1991 zählt ein Unternehmen im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (BAFU) im Frühjahr stichprobenartig die Feldhasen in der Schweiz.
Das Feldhasenmonitoring 2020 fand 2,72 Feldhasen pro 100 Hektaren (ein Quadratkilometer), nur noch halb so viele wie im Jahr davor. Das ist ein gewichteter Mittelwert oder Median. Dieser gilt bei Zahlenverteilungen mit vielen Ausreissern als zutreffender als der Mittelwert, der in der Grafik unten dargestellt ist. Dieser sank von 2,7 Feldhasen auf 2,5 Feldhasen pro Quadratkilometer.
Allerdings zeigen diese Zahlen wie auch die obenstehende Grafik kein ganz exaktes Bild. Die Feldhasen-Dichte wird nicht flächendeckend erhoben, sondern in ausgewählten Gebieten per Scheinwerferflächentaxation. Ein Auto mit darauf montierten Scheinwerfern fährt einen festgelegten Weg ab und leuchtet mit Scheinwerfern die Umgebung aus. Die vom Licht erfassten Hasen werden gezählt.
Dabei fallen nicht nur die Tücken kleiner Zahlen ins Gewicht. Seit Beginn der Zählungen haben sich Art und Anzahl der untersuchten Gebiete mehrmals geändert. Gebiete, in denen die Zählenden nur wenige bis gar keine Hasen erwarteten, wurden dabei am ehesten gestrichen. Einige Gebiete werden nicht jedes Jahr ausgewertet.
Auf solche Einschränkungen weisen sowohl das Feldhasenmonitoring wie auch «Wildtier Schweiz» hin, das dem Feldhasen letztes Jahr eine Ausgabe von «Fauna Focus» gewidmet hat.
Grösserer Schwund als in anderen Gebieten Europas
Dennoch ist die Zählung ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Zahl der Feldhasen war im vergangenen Jahr im Vergleich zu den vorhergehenden Jahren niedrig war. Sie war zudem niedriger als in anderen europäischen Ländern, wo es ebenfalls immer weniger Feldhasen gibt.
Die meisten Schweizer Feldhasen gibt es im Südwesten, am stärksten abgenommen hat ihre Anzahl im Norden. In der Region Aare und Emmental gibt es kaum noch Feldhasen. In einem Gebiet in der Nähe von Freiburg hoppelten bei der Zählung dafür mehr als 23 Hasen pro Quadratkilometer durch die Lichtkegel der Zählscheinwerfer. Das aber ist eine absolute Ausnahme, in den allermeisten Gebieten sind es noch maximal zwei.
Die meisten kommen unter die Räder
In den 1960er-Jahren lagen die Zahlen örtlich im dreistelligen Bereich, das zeigt die Jagdstatistik. Früher waren Hasen das meistgejagte Wild. Die Jagd auf Feldhasen ist noch immer erlaubt, die meisten Jäger verzichten aber darauf. Im Kanton Basel-Land wurde in der Saison 2020/2021 beispielsweise kein einziger Hase geschossen.
Ein weiterer Indikator sind die stark sinkenden Fallwildzahlen, die in den 1980er-Jahren rund viermal so hoch waren. Zum Fallwild gehören Tiere, die an Krankheiten verendet, von Hunden gerissen oder von Autos und Landmaschinen getötet wurden.
Die meisten Hasen kommen demnach unter die Räder. Von 16 getöteten Feldhasen in der Statistik Basel-Land starben 12 im Verkehr. Im Kanton Aargau liessen 2020 von 49 Hasen 34 ihr Leben auf der Strasse.
Schlecht für den Nachwuchs: Nichts mehr zum Verstecken
Im Mittelland fühlten sich Feldhasen früher besonders wohl. Es gab genügend offenes Gelände und durch die damals übliche Dreifelderwirtschaft auch genügend Brachen, in denen sie Schutz suchen konnten.
Die zunehmende Unterteilung der Äcker, häufiges Mähen und die Abnahme von Hecken und Feldrandbewuchs machen heute den Hasen das Leben schwer. Sie finden keine Verstecke mehr in der intensiv genutzten Landschaft. Vor allem ihr Nachwuchs fällt so leicht Fressfeinden wie Füchsen, Katzen, Greifvögeln, Krähen und Hunden zum Opfer.
Grünflächen wie Weiden sind häufiger geworden, auch das ist schlecht. In Ackerbaugebieten gibt es fünfmal mehr Hasen als im Grünland, stellte das Feldhasenmonitoring 2019 fest. Förderlich für die Hasenpopulation sind Kulturen mit Winterweizen und Winterraps, fand eine Studie in Niedersachsen, ungünstig sind grosse Flächen mit Mais.
Die Halme dürften auch nicht zu dicht stehen, sonst wirken sie wie eine Mauer, schreibt «Birdlife Aargau», das in Kooperation mit Landwirten eine lockere Art der Bepflanzung durchgesetzt hat, um den Hasen zu helfen.
Förderung von Biodiversitätsflächen brachte bisher nichts
Der Schutz der Feldhasen wird gefördert. Zu den Massnahmen des Bundes zählt beispielsweise die Vergrösserung von Biodiversitätsflächen. Laut Feldhasenmonitoring sollten sie mindestens zehn Prozent der Nutzfläche ausmachen. «Birdlife Schweiz» geht von 15 Prozent aus. Geholfen hat bisher beides nichts. Warum, ist nicht eindeutig geklärt. Eigentlich sollte sich die Population schnell erholen können, wenn der Nachwuchs bis zum Herbst überlebt.
Feldhasen gibt es an einigen Orten also bald wohl nur noch aus Schoggi. In der aktuellen Ausgabe der Roten Liste Schweiz wird der Feldhase als «verletzlich» eingestuft und gehört damit zu den 19 gefährdeten Säugetieren im Land. Seine österliche Tätigkeit könnte er zwar notfalls an das Kaninchen abgeben. Allerdings sind Wildkaninchen in der Schweiz sogar «stark gefährdet».
Dabei gehören beide, der Feldhase wie das Wildkaninchen, zu den mittelgrossen Säugetieren. Deren Verschwinden hätte noch vergleichsweise milde Folgen im Vergleich zu viel kleineren Tieren wie den Bestäubern und den Klein- und Kleinstlebewesen im Boden, die für die Bodenfruchtbarkeit wichtig sind.
Die globale Biodiversität gehört zu den neun planetaren Grenzen, das heisst zu den Faktoren, die das globale Gleichgewicht schwer aus dem Ruder bringen können. Werden diese Grenzen überschritten, könnte das Überleben der Menschheit gefährdet sein. Neben der Klimakrise, die ebenfalls dazugehört, erfährt das Artensterben bisher vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.