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Der belarussische Autor Sasha Filipenko macht den Kampf gegen Langzeitmachthaber Alexander Lukaschenko in Belarus zum literarischen Thema. Sein Roman, im Original aus dem Jahr 2014, liegt jetzt in deutscher Übersetzung vor unter dem Titel «Der ehemalige Sohn» - und ist leider immer noch aktuell.
Es ist das Jahr 1999 in der belarussischen Hauptstadt Minsk: Der 17-jährige Franzisk gerät in einer Unterführung in eine Massenpanik, wird schwer verletzt und fällt ins Koma.
Mehr als zehn Jahre später wacht er wieder auf - und an den politischen Zuständen in seinem Land hat sich nichts geändert: Langzeitdiktator Lukaschenko ist immer noch an der Macht, immer noch unterdrückt er sein Volk, immer noch gibt es keine freien Wahlen, immer noch halten sich junge Belarussinnen über Wasser, indem sie sich an westliche Sextouristen verkaufen.
Das ist die Anlage des Romans «Der ehemalige Sohn» von Sasha Filipenko. Raffiniert daran ist, dass dieses Koma eines Einzelnen als Allegorie auf ein ganzes Land gelesen werden kann, ja soll. «Dieses Buch ist ein Versuch zu analysieren, warum mein Land eines Tages in einen lethargischen Schlaf sank, aus dem es scheinbar gar nicht mehr aufwachen wollte», schreibt Filipenko im Vorwort.
Faktentreu und detailreich beschreibt der Autor die Zustände im Land, bezieht sich auf reale Vorgänge, geht zurück in die belarussische Geschichte von 1918. Dabei überhäuft er seine Leserinnen und Leser jedoch nicht mit historischen und politischen Analysen, sondern macht die verschiedenen Episoden fest an den einzelnen Figuren des Romans. Das schafft persönliche Nähe und Betroffenheit.
Das Problem dabei: Die Figuren im Roman sind holzschnittartig eingeteilt in Befürworter oder Gegner des Regimes, allenfalls Resignierte, in Opfer oder starke Persönlichkeit. Wobei eine starke Person einzig die Grossmutter von Franzisk ist. Zwar besticht auch sie die Lehrerinnen und Lehrer, damit ihr Enkel die nächste Klasse erreicht, aber sie ist die Einzige, die fest daran glaubt, dass ihr Enkel aus dem Koma wieder aufwachen wird; unkorrumpierbar setzt sie sich für ihn ein. Filipenko schreibt dazu im Vorwort, das Buch erzähle vor allem von der Liebe, «von der Liebe, die die Kraft hat, einen Menschen zu heilen und ein ganzes Land aus dem Tiefschlaf zu wecken». Er hat im Übrigen den Roman seiner eigenen Grossmutter gewidmet.
Mit «Der ehemalige Sohn» nimmt Filipenko seine Leserinnen und Leser mit ins Innere einer Diktatur; er macht beispielsweise erlebbar, was Angst nach einer Demonstration heisst, wenn Sicherheitskräfte in Zivil Türen zu Wohnungen eintreten und willkürlich Demonstranten mitnehmen.
Die Leserin, der Leser im gemütlichen Lesesessel sollte sich in der Schweiz aber nicht in sicherer Distanz wähnen. So heisst es im Roman: «Für die Europäer sind wir Menschen zweiter Klasse aus einem Dritte-Welt-Land. Alle sagen immer nur, man müsse uns helfen, die Tür aufmachen, [...] aber sobald es um das Thema Visum geht - ziehen sie zwischen uns eine riesige Panzerglasscheibe hoch.»
Zudem wendet der Autor einen erzählerischen Kniff an, der uns das Schicksal eines Belarussen wie Franzisk aus einer alltäglichen, wohlbekannten Perspektive nahebringt. Der Roman ist in auktorialer Er-Perspektive geschrieben, bis auf die letzte Seite. Dort taucht plötzlich ein «Ich» auf, das einem Strassenmusiker in Deutschland, im Zentrum einer Hafenstadt zuhört. Dieses «Ich» fragt: «Wie muss sein Schicksal verlaufen sein, was muss er erlebt haben? Was ist in seinem Leben passiert und umgekehrt, was nicht?»
Sasha Filipenko zeigt sich mit «Der ehemalige Sohn» als Autor, der mit seiner Literatur für politische Anliegen kämpft. So sagte er in einem Verlagsinterview, er habe ein Buch schreiben wollen über Menschen, die sich wie ehemalige Söhne und Töchter ihres Landes fühlten: «Über Menschen die gezwungen sind, ihr Zuhause zu verlassen.»
Im Übrigen ist der Roman erstmals bereits 2014 erschienen. Inspiriert dazu hatten den Autor die Demonstrationen von 2010. Vor diesem Hintergrund ist es bitter, dass das Werk auch nach den Demonstrationen von 2020 noch aktuell ist. Als Autor freue ihn das, so Filipenko, «als Staatsbürger von Belarus macht es mich jedoch traurig».
Auch Filipenko selbst hat sein Zuhause verlassen, 2003 als Präsident Lukaschenko die Universität schloss, an der er studierte, wie er gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA sagt. Er hat in Russland eine Familie gegründet und lebt in St. Petersburg. Derzeit, bis zum Sommer, wohnt er in der Schweiz als Writer in Residence bei der Michalski-Stiftung im waadtländischen Montricher.
«Wir leben hier das Leben einer durchschnittlichen schweizerischen Familie», sagt er. Aber «meine Zuneigung zu dem Land» entbindet die Schweiz nicht davon, «agiler und flexibler» zu sein. Wohlstand und Reichtum im Innern bedeuteten nicht, dass sich das Land auf sich selbst zurückziehen könne. «Im Gegenteil: In der heutigen Welt gibt es keine ausländischen Katastrophen oder Missstände in anderen Ländern - alles ist in der Nähe, vor der eigenen Haustür.»