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Wie man Pfarrer wird
Der Rheintaler Guido Kolb, Pfarrer in Zürich, erfreute letztes Jahr [1980] unsere Leser mit Erinnerungen an die schwere Stickereikrise in Oberriet. Diesmal dürfen wir ein kurzes, faszinierend geschriebenes Selbstportrait veröffentlichen. Daneben freuen wir uns auf den zugesicherten Beitrag für 1982!
Ich suchte den Sinn des Lebens
Ueber mein Geburtsdatum herrscht Zweifel — meine Mutter und die Hebamme legten es auf den 26. März des Jahres 1928 fest.
So feierte ich während meiner ganzen Schulzeit meinen Geburtstag eben an diesem genannten Tag. Als ich meine Existenz einmal durch ein amtliches Dokument zu beweisen hatte, schaute mich der Zivilstandsbeamte missbilligend an, da ich meinen Geburtsschein unter besagtem Datum bestellte: «In deinem Alter sollte man doch wissen, wann man geboren wurde. Du bist am 27. März eingetragen. So etwas!» Ich erzählte diese Begebenheit am Mittagstisch. Die Mutter lächelte vielsagend zum Vater hinüber: «Jetzt wird mir vieles klar. Nach deiner Geburt sollte dich der Vater auf der Gemeindekanzlei anmelden. Aber bevor dich der Schreiber ins Register eintrug, gingen beide in den nahen «Frohsinn», um deine Ankunft zu feiern. Und als sie dann heimkehrten, wussten sie nicht mehr, ob du heute oder gestern auf die Welt gekommen seiest.»
Meine Jugendzeit verbrachte ich im heimatlichen Dorf Oberriet im sankt-gallischen Rheintal. Es war eine sehr gewöhnliche, unauffällige und alltägliche Jugend. Geprägt wurde das Leben unserer siebenköpfigen Familie durch die Krisenjahre der Stickereiindustrie. Unser Vater war jahrelang arbeitslos, wie so viele andere in unserm Dorf. Er konnte aber nicht stempeln wie die andern, weil er vorher Selbständigerwerbender gewesen war und keiner Arbeitslosenkasse angehört hatte. Wir waren zeitweise so arm wie die Kirchenmäuse. Ich weiss heute noch nicht, wie es Mutter fertigbrachte, jeden Tag volle Schüsseln auf den Tisch zu stellen. Die Hauptnahrung bestand denn auch aus dem, was wir aus Garten und Acker holen konnten — morgens und abends «Türggenriebel» (gebratener Mais, bei dem allerdings das Fett eher spärlich in der Pfanne schwamm), am Mittag vor allem Kartoffeln, Apfelmus, Kraut und Rüben. Und dabei waren wir gesund und wurden kräftig und stark. An eine Begebenheit erinnere ich mich gut — eines Tages hatte die Mutter keinen Rappen Geld im Haus, um Brot zu kaufen. Wir warteten mit Ungeduld, bis die Hühner drei Eier gelegt hätten, um diese beim Nachbarn, dem Bäcker, gegen ein Brot einzutauschen. Die Hühner mussten unsere Spannung gespürt haben, als wir immer und immer wiederum im Stall nachschauten, denn keines dieser Federviecher wollte sich aufs Nest setzen, um ein Ei zu legen. Es wurde Mittag, bis sich endlich drei von ihnen bequemten, uns zum ersehnten Brot zu verhelfen.
Im Laufe meiner Jugendzeit wollte ich ziemlich alles werden, was es so an Berufen gibt — Bäcker, weil Süssigkeiten an unserer Familientafel eher spärlich erschienen — Metzger, weil die seltenen Wurstzipfel so arg klein ausfielen — Schneider, weil meine Hosenböden manchmal so blöd waren, dass sie bei jedem Klettern über die Gartenhäge durchrissen — Lokomotivführer, weil das der Traumberuf jedes Buben in meiner Jugend war, zumindest Heizer auf einer Dampfmaschine — Bauer, wie mein Grossvater war, weil ich das Leben auf Wiesen und Aeckern herrlich fand; die Mutter redete mir das allerdings aus, weil man Geld haben sollte, um einen Bauernbetrieb anzufangen — eine Zeitlang schwärmte ich für Posthalter, weil ich leidenschaftlich Briefmarken sammelte, dann wieder für Autorennfahrer, für Buchdrucker, für Zahntechniker, für Abenteurer — Karl May hatte es mir in frühen Jahren schon angetan. Meine Lehrer meinten, ich sei zu vielseitig interessiert und darum zersplittert; mit meiner Sudelschrift würde ich wohl als «Fädler» bei den Stickmaschinen landen. Das brachte mir allerdings einen heilsamen Schrecken bei, denn mein Leben lang Fäden in die ausgehängten Nadeln einzuziehen, schien mir doch zu trostlos zu sein. Pfarrer werden lag eigentlich nie so «drin». Ich kann mich auch nicht erinnern, dass jemand einmal gesagt hätte, dass aus mir einmal ein Priester würde, weil ich so brav sei! So brav war ich tatsächlich nie, denn in meinem Schädel steckten tausend Lumpereien. Also, eine ganz gewöhnliche, normale Jugendzeit.
Schliesslich machte ich eine kaufmännische Lehre und fand, dass der Kaufmannsberuf spannend und faszinierend sei. Ich legte mich mit viel Spass ins Zeug und träumte als Merkurjüngling von fernen Ländern, von grossen Reisen, von Erfolg und Karriere. Mit dem Lehrlingslohn von fünfundzwanzig Franken im Monat waren aber eher enge Grenzen gesetzt. Ich begann daher auf eigene Rechnung mit Textilresten zu handeln, schrieb lange Artikel in die «Rheintalische Volkszeitung», weil ich pro Zeile vier Rappen erhielt, machte Umfragen für ein Meinungsforschungsinstitut und las wie besessen alles, was mir unter die Augen kam. Ich kaufte Bücher — zumeist aus Antiquariaten — von jedem ergatterten Franken und verschlang unendlich vieles, ob ich's verstand oder nicht. Der verdrängte Wunsch, ein Studium zu machen, schaffte sich allmählich Luft. Ich suchte eine Stelle in Zürich, um das Abendgymnasium absolvieren zu können, und bestand dann schliesslich jene böse Hürde der Matura, ohne die ein Fachstudium nicht möglich ist.
Und dann wurde ich das, was ich früher eigentlich nie werden wollte und — wie ich später entdeckte — irgendwie doch «drin» lag: nämlich Pfarrer. Ich suchte Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens — diese Frage hatte mich im Verlaufe meiner Berufsjahre immer mehr beschäftigt. Es wurde mir klar, dass eine religiöse Begründung tiefer führte als nur materielle Antwortversuche. Mir scheint heute, dass ich den schönsten und faszinierendsten Beruf gewählt habe. Was man da alles erlebt und erfährt, habe ich in meinen Geschichten, «die das Leben schrieb», zu erzählen versucht. Es sind Begegnungen mit gewöhnlichen, liebenswürdigen, freundlichen, humorvollen Mitmenschen, aber auch mit den schrulligen, verschrobenen, heimlichfeissen oder auch abgefeimten Kerlen. Es gibt ja so verschiedene heilige oder auch ganz unheilige Ausgaben unter den lieben «Schwestern und Brüdern». Geschichtenerzählen ist mir eine besondere Freude, die ich wahrscheinlich von meinem Grossvater geerbt habe. Wenn der zu erzählen begann — von seinen Erlebnissen als Armenvater des Dorfes, von den Ereignissen als Kavallerist beim Militär, von seinen Rossen und Kühen, von den Maikäfern und den Mäusen, von den Rheinüberschwemmungen und Ungewittern —, dann sassen wir Buben mäuschenstill und lauschten den Schilderungen.
Ob ich einmal etwas «Grösseres» als nur Kalendergeschichten schreiben werde, weiss ich heute noch nicht. Ein Pfarrer hat von einem nie genug, was man in Fülle haben sollte: nämlich Musse und Zeit. Aber das Leben schreibt weiter seine Geschichten ... und deshalb hoffe ich, noch einige weitere erzählen zu können.
Quelle Text: Unser Rheintal (1981) p. 183 / 154; Quelle Bild: https://www.portraitarchiv.ch/portrait/show/278429

Nachruf
Pfarrer Guido J. Kolb ist gestorben
Im Bann der «Niederdorf-Geschichten»
In den sechziger Jahren trat Guido J. Kolb als junger katholischer Pfarrer an der Zürcher Liebfrauenkirche seine erste Stelle an. Dass er dort zu schreiben begann, war auf einen Zufall zurückzuführen: Zu den Aufgaben des Pfarrvikars gehörte auch das Redigieren
In den sechziger Jahren trat Guido J. Kolb als junger katholischer Pfarrer an der Zürcher Liebfrauenkirche seine erste Stelle an. Dass er dort zu schreiben begann, war auf einen Zufall zurückzuführen: Zu den Aufgaben des Pfarrvikars gehörte auch das Redigieren des Pfarrblatts. Dabei habe er, pflegte Kolb später zu erzählen, oft leere Seiten zu füllen gehabt. Und wenn ihm weder etwas Gescheites noch etwas Frommes eingefallen sei, habe er für diese leeren Seiten Geschichten verfasst: Erlebnisse in der Zürcher Altstadtgemeinde, Begegnungen mit Clochards, eigenwilligen Künstlernaturen, gescheiterten Existenzen, aber auch mit ganz normalen Leuten. Frei erfunden, fügte Kolb dann jeweils hinzu, sei keine seiner Geschichten: «Ein Pfarrer lügt doch nicht.» Viele von Kolbs Geschichten erzählen von materieller Not und von den engen Verhältnissen der Menschen, die damals im Niederdorf lebten. Und doch sind sie auf einen versöhnlichen Ton gestimmt und von feinem Humor durchzogen.
Kolbs Erzählungen wurden von einer vorwiegend älteren Leserschaft sehr geschätzt, und bald folgte der Vorschlag, eine Auswahl in einem Sammelband zusammenzufassen. 1976 erschienen die «Niederdorf-Geschichten» zum ersten Mal. Seither haben sie dreizehn Neuauflagen erlebt, insgesamt sind mehr als fünfzigtausend Exemplare verkauft worden. Dass er also ein heimlicher Bestsellerautor war, kümmerte Guido Kolb nicht, obwohl es ihn sichtlich freute, dass seine Geschichten nach fast vierzig Jahren noch immer gelesen wurden. Während seiner Zeit als Priester an der Pfarrei St. Peter und Paul in Zürich, in der er jahrelang wirkte, schrieb Kolb weiterhin über Begegnungen aus seinem Alltag. Und noch in den letzten Jahren, als er, bereits pensioniert, wieder in «seiner» Pfarrei predigte und seelsorgerisch tätig war, verfasste er Geschichten. Obschon sein Gesamtwerk schliesslich rund 25 Bücher umfasste, darunter auch solche über historische Themen - bekannt blieb Guido Kolb für die «Niederdorf- Geschichten». Und das wird so bleiben. Am Berchtelistag ist er 78-jährig gestorben.
Quelle: NZZ, 4. Januar 2007 (rib)