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Bis weit in die 1980er Jahre hinein setzten sich die Berliner Philharmoniker hauptsächlich aus deutschen Musikern zusammen – heute dagegen stammen über 50% der Mitglieder aus anderen Ländern, aus mehr als 20 Nationen …
Tatsächlich waren die Berliner Philharmoniker bis Anfang der 1980er Jahre ein fast rein deutsches Männerorchester, aber noch heute ist es so, dass die meisten Musiker aus Zentraleuropa stammen oder hier ihre Ausbildung absolviert haben.
Wir haben zum Beispiel zwei polnische Kontrabassisten, einen tschechischen Kontrafagottisten oder einen ungarischen Solobratscher, und die Amerikaner, die bei uns spielen, haben entweder in Deutschland studiert oder waren vorher hier schon in anderen Orchestern. Natürlich sind die Menschen inzwischen viel mobiler geworden, nur wenige bleiben ihr ganzes Leben an ihrem Geburtsort. Jeder möchte heute dorthin gehen, wo es etwas Interessantes gibt, und ganz klar: Für Musiker sind das die Berliner Philharmoniker.
Sehen Sie diese Internationalisierung als Chance oder als Risiko?
Ich gehöre nicht zu den düsteren Propheten, die in der Globalisierung den Weltuntergang erkennen. Jedes Orchester verändert sich zwangsläufig mit der Zeit: In meinen 23 Jahren bei den Philharmonikern habe ich zum Beispiel einen kompletten Generationswechsel erlebt. In den 1990er Jahren erfolgte ein natürlicher Austausch: Die Generation, die nach dem Krieg das Orchester gebildet hatte, trat nach und nach in den Ruhestand. Dadurch senkte sich der Altersdurchschnitt der Philharmoniker zeitweilig auf 37 Jahre! Wir waren damals fast schon ein Jugendorchester, und das hatte zwangsläufig Auswirkungen. In der Ära von Simon Rattle hat sich dann alles wieder konsolidiert, man hatte das meiste schon einmal gespielt und dabei zu einer gemeinsamen Klangkultur gefunden. Rein spieltechnisch, glaube ich, befinden sich die Philharmoniker derzeit auf einem exzellenten Niveau, alle sind topfit.
In welcher Sprache arbeiten und sprechen die Philharmoniker eigentlich miteinander?
In der Zweierkonstellation gibt es unzählige verschiedene Varianten, aber die Amtssprache ist Deutsch, in Orchesterversammlungen wie auch auf der Bühne. Es sei denn, der Dirigent beherrscht die Sprache nicht und führt seine Proben auf Englisch durch.
Wenn wir jetzt einmal von der Nationalitätenfrage absehen: In welchem Repertoire sind die «Berliner» am meisten in ihrem Element?
Ohne Zweifel bei Johannes Brahms – der steckt irgendwie im Blut des Orchesters. Inzwischen aber, dank Simon Rattle, fühlen wir uns auch bei den Haydn-Sinfonien sehr wohl. Oder bei Strawinskys Sacre, den hat das Orchester so oft mit Simon gespielt, dass er auch zur Identität gehört. Oder die Mahler-Sinfonien, die uns Claudio Abbado so unvergleichlich nahegebracht hat! Wir sprechen heute nicht mehr über ein schmales Kernrepertoire, sondern über eine breite Palette – jedenfalls können wir in ganz verschiedene Richtungen gehen. Und entsprechend wandelt sich auch der Klang.
Und was macht dieses Orchester einzigartig, was unterscheidet es von allen anderen?
Sicher gibt es eine bestimmte Klangkultur der Philharmoniker, die von Generation zu Generation weitergegeben worden ist. Aber es ist auch die Einstellung zum Beruf: die Leidenschaft zum Beispiel, bei der es um viel mehr geht als «nur» um das korrekte Spiel. Oder die Fähigkeit, zuzuhören und aufeinander zu reagieren. Oder auch die etwas draufgängerische Lust, das Äusserste zu geben. Es gehört zu unseren Markenzeichen, dass wir uns mit viel Energie und Risikobereitschaft ins Orchesterspiel werfen – das übrigens ist auch ein Stück unserer Tradition, denn die Philharmoniker haben sich 1882 ja in einem Akt der Rebellion gegründet: Damals machten sich die Musiker der Bilse’schen Kapelle selbständig, um neue Wege gehen zu können – ein grösseres Risiko kann man gar nicht eingehen.
Sie selbst haben einen ziemlich polyglotten Hintergrund: Sie wurden in Kanada geboren, als Sohn australisch-chinesischer Eltern, sind in Australien aufgewachsen, haben in Linz die Schule besucht und in Luzern studiert. Und seit 1994 gehören Sie den Berliner Philharmonikern an. Wo fühlen Sie sich zuhause?
Ich bin ein internationaler Bastard. Offiziell bin ich Australier und Deutscher, habe also zwei Pässe, und ich fühle mich auch beiden Ländern zugehörig. Wenn ich in Australien bin, merke ich, dass dieses Land ein wichtiger Teil von mir ist; als Musiker fühle ich mich aber wirklich in Deutschland zuhause, hier in Berlin. Ansonsten geht es mir wohl wie manch anderen auch, die viel unterwegs sind und sich nicht physisch binden: Dann wird das, was man tut, zur eigentlichen Heimat, also die Musik. Wenn ich Brahms oder Mussorgsky oder was auch immer spiele, bin ich glücklich, ob das nun in Istanbul, Budapest oder Peking geschieht.
Ihre drei Geschwister sind allesamt auch Geiger: Ihr Bruder Daniel Dodds ist Konzertmeister der Festival Strings Lucerne, Ihre Schwester Kyli ist Konzertmeisterin der Thüringer Symphoniker, Ihre jüngste Schwester Sofia ist Leiterin einer Streicherschule in Australien. Gibt es so etwas wie den Dodds’schen Familienklang?
Oh, wir haben jetzt seit 25 Jahren nicht mehr zusammen gespielt … Uns verbindet sicher der erste Teil unserer Ausbildung, Dan, Kyli und mich auch die Berufstätigkeit im deutschsprachigen Raum – allerdings spielen wir schon in sehr verschiedenen Orchestern. Sofia unterrichtet Geige, Bratsche, Cello und Kontrabass nach der Suzuki-Methode. Sie führt die nächste Generation im ländlichen Australien an die Musik heran, und das macht sie mit grosser Ernsthaftigkeit. Unsere gemeinsame Identität ist die Herkunft und die Tatsache, dass wir nichts anderes als Musik machen wollten und diesen Wunsch auch umsetzen konnten. Denn Musiker zu sein, ist etwas anderes, als es sein zu wollen.
Die Fragen stellte Susanne Stähr | Dramaturgie & Leitung Redaktion LUCERNE FESTIVAL
Am 30. und 31. August und musizieren die Berliner Philharmoniker in Luzern die beiden letzten Konzerte unter ihrem scheidenden Chefdirigenten Sir Simon Rattle. Auf dem Programm stehen Sinfonien von Dmitri Schostakowitsch und Haydns «Schöpfung».
Als Dirigenten können Sie Stanley Dodds beim diesjährigen Piano-Festival erleben: am 26. November dirigiert er die Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker in einer «Hommage à Claudio Abbado».