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Mit G. wird die Gesamtheit der Normen und Werte, der gelebten Praxis und der betroffenen Personen (Behandelnde oder Behandelte) im Zusammenhang mit körperl. und seel. Gesundheit bzw. Krankheit bezeichnet. Im Folgenden soll vom G. im engeren Sinn die Rede sein und das Gewicht v.a. auf institutionell fassbare Prozesse und Einrichtungen gelegt werden. Der öffentl. Charakter des G.s ist dabei nur unscharf bestimmt; "öffentlich" kann vielerlei bedeuten im Spektrum zwischen "öffentlich zugänglich" auf der einen, "durch die öffentl. Hand getragen, organisiert und geführt" auf der anderen Seite.
Gesellschaftlich relevant für das öffentl. G. ist die Definition von Gesundheit respektive Krankheit, die ab dem SpätMA durch Rationalismus und Industriegesellschaft immer stärker auf die Arbeitsfähigkeit bezogen wurde. In Verbindung mit der sich entwickelnden Pflicht zur Arbeit entstand so eine Pflicht zur Gesundheit, die als Pendant das Grundrecht auf Gesundheit bedingt. Ein explizites Recht auf Gesundheit enthielten die Bundesverfassungen von 1848 und 1874 nicht, wohl aber wurde dieses als ungeschriebenes Verfassungsrecht aus dem Recht auf persönl. Freiheit hergeleitet und anerkannt. In der Bundesverfassung von 1999 ist das Recht auf "körperl. Unversehrtheit" explizit enthalten (Art. 10). Mit der Entwicklung der individuellen Bedürfnisse und Möglichkeiten verknüpft ist die zunehmende Etablierung des öffentl. G.s, die als Medikalisierung der Gesellschaft in grundsätzlich zwei Formen auftritt: Einerseits durch die Errichtung einer v.a. staatl. Gesundheitsinfrastruktur, andererseits durch das Entstehen eines durch private Anbieter und private Nachfrager konstituierten Gesundheitsmarktes, der durch die Gesetzgebung reguliert ist.
Die modernen Vorstellungen über Gesundheit und Krankheit entwickelten sich ab dem frühen MA aus dem religiösen Kontext. Sie entstanden in Verbindung mit wichtigen anderen Säkularisierungs- und Modernisierungsleistungen der Gesellschaft, die Max Weber als "Entzauberung der Welt" (Säkularisierung, Rationalismus) bezeichnete. Vom vormodernen Umgang mit Gesundheit und Krankheit zwischen medizin. Behandlungen und mag. Ritualen zeugen zahlreiche Aufzeichnungen im Zusammenhang mit der spätma. und frühneuzeitl. Medizin oder auch etwa die Quellen zur Hexenverfolgung. Bis ins ausgehende 18. Jh., als Pioniere der akadem. Medizin die fatalistisch-passive Haltung breiter Bevölkerungsgruppen zu überwinden trachteten, blieb ein vorwissenschaftl. Verhältnis gegenüber der Medizin vorherrschend. Zu diesem Zeitpunkt gelang es der sich entwickelnden wissenschaftl. Medizin im Gefolge des Aufschwungs der Naturwissenschaft und der Technik, die Deutungs- und Definitionsmacht über Gesundheit und Krankheit zu erlangen; Schützenhilfe dazu leistete der sich ebenfalls neu konstituierende Staat, der im G. ein willkommenes Instrument der Sozialdisziplinierung der Staatsbürger- und insbesondere auch der Arbeitnehmerschaft erblickte; eine im engeren Sinne auf Arbeitsfähigkeit spezialisierte wissenschaftl. Disziplin entwickelte sich gegen Ende des 19. Jh. in der Arbeitsmedizin.
Von besonderer Bedeutung für die Etablierung des modernen öffentl. G.s war die Statuierung des heute praktizierten Subjekt-Objekt-Verhältnisses zwischen gesundheitsbringenden und -suchenden Personen als gesellschaftlich vorherrschendes und weitgehend akzeptiertes Verhältnis. Das G. im vormodernen Sinn, bei dem das gesundheitl. "Heil" von Gott kam, war demgegenüber weniger deutlich von den heilbringenden Personen dominiert. V.a. über die Entwicklung des modernen Ärztestandes (Ärzte) gelang es den Expertenberufen im G., eine Dominanz der Heilenden über die Heilsuchenden zu erlangen.
Von grosser Bedeutung sind seit der frühen Neuzeit auch geschlechtl. Aspekte dieser Rollenfixierungen, indem in der Ärzteschaft Frauen ab der frühen Neuzeit nicht mehr vorkommen und erst Ende des 19. Jh. wieder zugelassen werden. Spätestens ab 1750 drangen die männl. Ärzte auch ins Berufsfeld der Hebammen ein und dominierten dieses zusehends.
Weitere Grundlagen des genannten Subjekt-Objekt-Verhältnisses sind die Individualisierung der Lebensverhältnisse sowie die Vergesellschaftung des G.s. Letzteres geschah ebenso durch polit. Implementierung von gesundheitl. Ordnungen wie durch den Aufbau eines Angebots marktgängiger Gesundheitsleistungen durch Private. Die privaten Anbieter, v.a. die Ärzte, schufen unter diesen mentalitäts- und organisationsgeschichtl. Rahmenbedingungen die Professionalisierung ihrer Berufsgruppe, die als Leitentwicklung auch die übrigen Teile des G.s prägen und insbesondere wieder eine Rückwirkung auf die gesetzl. Normierungen entfalten. So sind etwa die für das G. wichtigsten Bestimmungen von Bundes- und Kantonsverfassungen sowie der entsprechenden Gesetzgebung ganz auf die Dominanz der Ärzte als wissenschaftl. Berufsgruppe unter staatl. Schutz ausgerichtet (Eingriff in die Handels- und Gewerbefreiheit im Bereich wissenschaftl. Berufe, Vorherrschaft der wissenschaftl. Medizin, Regelung von seuchenpolit. Interventionen, Fabrikgesetzgebung, Bildungsgesetzgebung, die staatl. Führung der medizin. Fakultäten sowie Forschungsförderung).
Ein besonderes Instrument des G.s das die marktförmige Entwicklung unterstützt und vielleicht erst ermöglicht, ist die spezielle Absicherungsmöglichkeit durch die Krankenversicherung. Entstanden v.a. aus den diversen Formen der Selbstorganisation der Arbeitnehmerschaft (z.B. Gesellenkassen, die ihrerseits auf zünft. Solidarregelungen zurückgeführt werden können) und aus der Betriebsversicherung, die Unternehmer einrichteten, entwickelten sich Krankenkassen gegen Ende des 19. Jh. zu leistungsfähigen Organisationen, die zunehmend gesetzlich geregelt und geschützt wurden (Bundesgesetze 1911, 1964 und 1994). Die Krankenkassen organisierten sich im privatrechtlichen sog. Konkordat der schweiz. Krankenkassen, das alle Kantonalverbände umfasst und der Interessenwahrung sowie der Ausbildung der Mitarbeitenden dient. Neben den Krankenkassen zielten spätestens ab 1850 auch andere Versicherungsarten auf die Abdeckung gesundheitl. Risiken, darunter Unfall- und Haftpflichtversicherungen und seit 1911 die eidg. Unfallversicherung SUVA (Unfallversicherung). Im 20. Jh. kamen die Sozialversicherungen hinzu: 1948 die Alters- und Hinterbliebenenversicherung (AHV) und die Invalidenversicherung (IV), 1985 das Bundesgesetz über die berufliche Vorsorge (BVG).
Autorin/Autor: Sebastian Brändli
Eine mit der Entwicklung des G.s untrennbar verknüpfte Doppelrolle spielt der Staat, indem er einerseits als Ordnungsgeber, andererseits als Leistungserbringer und als Träger der Infrastruktur im G. auftritt.
Im Ancien Régime waren die Orte Träger der staatl. Kompetenzen im G., die allerdings unterschiedlich intensive Ausprägungen erfuhren und v.a. in Stadtstaaten auch teilweise von Körperschaften wie Zünften, Gesellschaften, Fakultäten wahrgenommen wurden. Die Alten Orte entwickelten im Rahmen ihrer Gesundheitsordnung verschiedene medizin.-polit. Behörden und Beamtungen zur Erfüllung der anstehenden Aufgaben. Diese bestanden u.a. in der Anstellung von Stadtärzten, der Führung von Spitälern, der Regelung und dem Vollzug der Zulassung von Heilpersonal, der Regelung der Armenarztpraxis, der medizin.-gerichtl. Untersuchung, der Schlichtung zwischen Heilpersonal und Patientenschaft und in der Seuchenvorsorge. In Bern wurde dafür ab 1679 eine Komm. eingesetzt (ab 1709 Sanitätsrat). Im Bereich der Seuchenvorsorge wurde bereits zu Beginn der frühen Neuzeit eine Zusammenarbeit unter den Orten installiert und sogar international kooperiert (Absprache über Quarantänemassnahmen und Sperren).
1803 war das G. ein staatl. Bereich, der dem generellen Trend, das Rad zurückzudrehen, widerstand. Bei seiner Installierung baute es auf den fortschrittl. Elementen des Ancien Régime und auf Innovationen der Helvetik auf und entwickelte sich weiter; auch die Restauration 1815 änderte nichts an dieser Stossrichtung. In den Jahren nach 1803 ordneten die meisten Kantone ihr G. in formellen Gesetzen und gaben sich oberste Medizinalbehörden (Sanitätscollegia, Sanitätsräte), die z.T. schon auf Vorgängergremien aufbauten. Ihre Aufgabe bestand v.a. in der Zulassung des Heilpersonals und der Aufsicht über das Spitalwesen. Weiter übernahm sie die Funktion einer sog. Medizinalpolizei ("Medicinische Policey"), die sich um die Durchsetzung sanitär. und hygien. Standards kümmerte (Hygiene). Diese Behörden standen mit der staatl. Exekutive stets in engem Kontakt; meistens führte ein Mitglied des Kl. Rats den Vorsitz. Bei den übrigen Mitgliedern dominierten oft die akadem. Ärzte.
Die Gründung des Bundesstaats brachte keine prinzipielle Änderung: Trotz substanzieller Bundeskompetenzen blieb das G. nach 1848 im Wesentlichen eine kant. Domäne, die in entsprechenden Gesetzgebungen und im Auf- und Ausbau von kant. G. ihren Ausdruck fand. Die Kantone schlossen sich bereits im 19. Jh. zwecks Erbringung gewisser Ordnungs- und Vollzugsleistungen in Konkordaten und Absprachegremien zusammen, z.B. 1900 mit der Interkant. Vereinigung für die Kontrolle der Heilmittel (IKV, heute Schweiz. Heilmittelinstitut Swissmedic) und 1919 mit der Sanitätsdirektorenkonferenz (SDK). Gleichzeitig sicherten sie sich mit Verträgen die Unterstützung Dritter, v.a. die des Schweiz. Roten Kreuzes im Bereich der Ausbildung von pfleger., medizin.-techn. und medizin.-therapeut. Berufen. Teilweise wurden von diesen interkant. Ansätzen bundesrechtl. Lösungen initiiert: Die Freizügigkeit der Ärzte wurde 1867 als Konkordat eingeführt und 1874 in die Bundesverfassung integriert. 1877 erfolgte die Einführung der eidg. Medizinalprüfung.
Die Kompetenzen des Bundes im G. sind im Einzelnen in der Bundesverfassung festgehalten; seit 1848 haben sie punktuell zugenommen. Ein wichtiges Instrument des Bundes ist die entstehende Gesundheitsverwaltung, die allerdings zunächst auf prekärer rechtl. Grundlage stand und politisch umstritten war: 1879 wurde eine eidg. Sanitätskommission eingesetzt (1882 wieder aufgelöst). Das Amt eines Gesundheitssekretärs im Eidg. Departement des Innern, das die Ärzteschaft unter der Führung von Jakob Laurenz Sonderegger ab den 1870er Jahren gefordert hatte, wurde 1889 geschaffen und mit dem Arzt Johann Friedrich Schmid besetzt. Das Eidg. Gesundheitsamt (heute Bundesamt für Gesundheit) entstand 1893 aus dieser Stelle. Bereits ab 1876 wurde eine eidg. Gesundheitsstatistik geführt (Todesursachen, Krankheitshäufigkeit usw.) und in der Person von Fridolin Schuler ein medizin. Bundesinspektor für den Vollzug der Fabrikgesetzgebung eingesetzt. Weitere Kompetenzen des Bundes waren die Lebensmittelpolizei sowie die Tuberkulose- und Rheumabekämpfung. Seit dem 2. Weltkrieg wachsen die Bundesaufgaben im Bereiche der internat. Zusammenarbeit im G. 1948 war die Schweiz Gründungsmitglied der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die bisher letzte Kompetenzverschiebung erfolgte durch die Bundesverfassung von 1999 (Art. 63) und durch das Bundesgesetz über die universitären Medizinalberufe von 2006 (2007 in Kraft).
Autorin/Autor: Sebastian Brändli
Von zentraler Bedeutung für die Etablierung des modernen G.s war die Entwicklung des Ärztestands und der Schulmedizin. Der Begriff der Schulmedizin tauchte in den 1880er Jahren als polem. Kampfbegriff im Kreis von Laien-Homöopathen auf, um die an Universitäten gelehrte und staatlich geprüfte Medizin zu bezeichnen (Homöopathie). Heute wird darunter die überwiegend anerkannte naturwissenschaftl. Medizin verstanden.
Die Entwicklung des modernen G.s ist in mehreren parallelen Entwicklungsschritten verlaufen. So wurde der seit dem MA gelebte Dualismus zwischen innerer "gelehrter" Medizin und der Chirurgie (Handwerkschirurgen) überwunden und die beiden Berufsbereiche konstituierten sich als Disziplinen einer umfassend verstandenen Medizin. Dazu kam die Integration der Geburtshilfe, die zu einem dritten Standbein der modernen Schulmedizin wurde. Zunehmend wurde die medizin. Ausbildung von den Medizinschulen und Universitäten mit medizin. Fakultäten (Basel 1460, Zürich 1782, Bern 1797, Genf 1872, Lausanne 1890) dominiert. Die ärztl. Berufspraxis wurde aus der zünft. Ordnung herausgelöst und Zulassungsprüfungen zur medizin. Praxis eingeführt (kant. Staatsexamen ab 1803). Der Staat übernahm eine aktive Rolle bei der Durchsetzung der schulmedizin. Anliegen, z.B. in der Ausbildung oder auch bei der Normierung gewisser medizin. Dienstleistungen (z.B. obligator. Pockenimpfung, in Zürich ab 1836). Der Trend zur Verwissenschaftlichung der Medizin und insbesondere die Entwicklung der Naturwissenschaften führten zu einer wissenschaftl. Spezialisierung der Ärzte und einer zunehmend nötigen Fortbildung, was 1932 zur Einrichtung eines Fortbildungs-Zertifizierungssystems durch die (private) Foederatio Medicorum Helveticorum (FMH) führte. Im Laufe des 19. Jh. setzte sich eine flächendeckende medizin. Versorgung von Stadt und Land durch Vertreter der Schulmedizin durch.
Die Entwicklung des modernen Spitals zu einer Ausbildungsstätte des Heilpersonals und zum institutionellen Rückgrat der medizin. Versorgung der Bevölkerung hatte ebenfalls einen Wandel des G.s zur Folge. Die frühesten geistl. Gründungen von Hospitälern als Herbergen und Pflegorte erfolgten bereits im FrühMA (St. Gallen 8. Jh.), die späteren Gründungen waren meistens Bürger- oder Heiliggeistspitäler. Als Reaktion auf das Auftreten bestimmter epidem. Krankheiten (Aussatz, Syphilis) wurde das alte Spitalwesen räumlich und funktional differenziert und Absonderungs-, Siechen- und sog. Blatternhäuser errichtet. Mit dem Ausbau und der Rationalisierung des Spitalwesens im 17. und 18. Jh. erfolgten zahlreiche Spitalneubauten und Revisionen der Spitalordnungen, z.B. in Zürich 1683 und 1780-85. Ab den 1830er Jahren wurden zahlreiche kant. Spitäler entsprechend der ausländ. Vorbilder Bamberg, Würzburg, Paris und v.a. Hamburg gegründet bzw. reorganisiert. Oft aufgrund privater Initiative kam es ab den 1860er Jahren zu einer Gründungswelle regionaler Spitäler. 1930 wurde die Vereinigung Schweiz. Krankenhäuser (Veska) ins Leben gerufen, 1972 das schweiz. Krankenhausinstitut (SKI), das zur Eindämmung der Kostenentwicklung im Spitalwesen beitragen sollte.
Eine besondere Entwicklung ist bei der Psychiatrie auszumachen, die sich zu einem eigenständigen Teilgebiet des modernen G.s entwickelt hat. Eine zentrale wissenschaftl. Errungenschaft besteht in der Identifizierung von Geistesstörung als Krankheit durch die aufgeklärten Ärzte des 18. Jh. (William Battie, "A Treatise on Madness" 1758). In der Folge befassten sich Allgemeinpraktiker vermehrt mit Geisteskranken, und auch im Spitalwesen wurden behutsam besondere Institutionen aufgebaut (etwa Bau eines Irrenhauses auf dem Areal des Alten Spitals 1817 in Zürich). Im Verlauf des 19. Jh. wurden im Rahmen der kant. G. spezif. Anstalten geschaffen, als bekannteste 1863 die Psychiatr. Universitätsklinik Burghölzli in Zürich (eröffnet 1870). Verknüpft mit der wissenschaftl. Spezialisierung schufen diese Institutionen die Grundlage für eine eigenständige Psychiatriepolitik, die im Spannungsfeld zwischen individueller Therapie, wissenschaftl. Profilierung und kant. bzw. eidg. Politik teils zu sehr umstrittenen Lösungen führte (u.a. Ausgrenzung versus Integration, Verhältnis zu Eugenik und Rassenfrage). Aktuelle Konzepte, die durch die Fortschritte in Pharmakologie und Therapie ermöglicht wurden, versuchen, die ambulante Behandlung durch geeignete institutionelle Massnahmen zu stärken.
Die wissenschaftl. und professionelle Entwicklung der Medizin seit dem 2. Weltkrieg hat im G. zu einem sehr differenzierten, teils standardisierten Angebot geführt, in dem private und öffentl. Leistungsanbieter, über Staat und Krankenkassen finanziert, eine immer anspruchsvollere und ältere Patientenschaft betreuen. An der damit verbundenen Mengenausweitung ist insbesondere eine starke Ausrichtung auf techn. Apparaturen und aufwendige Medikamente beteiligt; über deren Rationierung wird heute punktuell diskutiert.
Autorin/Autor: Sebastian Brändli
Als Folge des Siegeszuges von Schulmedizin und Krankenhauswesen stellt die Krankenpflege (Pflegepersonal) heute neben der Ärzteschaft die zahlenmässig grösste Gruppe der Heilberufe im öffentl. G. Im MA und in der frühen Neuzeit waren Pflegeleistungen im öffentl. G. vergleichsweise klein; wo diese formell erbracht wurden, waren v.a. Ordensgemeinschaften beteiligt. Die Pflege war im frühneuzeitl. Europa eine Aufgabe des gesamten Haushalts. Im Zuge der Industrialisierung entwickelten sich aus philanthrop. Motiven neue Formen gemeinnützigen Verhaltens, die sich teilweise in der Gründung neuer Orden kristallisierten (Diakonissen auf ref., Kongregationen auf kath. Seite). Diese beschäftigten sich häufig mit der Krankenpflege. Der Aufstieg des Krankenhauswesens im 19. Jh. hatte eine Neurekrutierung von Pflegepersonal zur Folge, hauptsächlich von Frauen. Als Träger der Krankenpflegerinnenbewegung fungierten der Schweiz. Gemeinnützige Frauenverein und das Schweiz. Rote Kreuz (operative Tätigkeiten erst ab 1900); in Bern und Zürich wurden Anfang des 20. Jh. Pflegerinnenschulen eröffnet. Die Entwicklung des Berufsstandes, der bis heute weitgehend von Frauen getragen wird, wurde durch die Dominanz männl. und schulmedizin. Interessen über weite Strecken behindert, so dass zwar ein berufl. Identitäts-, nicht aber ein eigentl. Professionalisierungsprozess erfolgte. Im Spitalbereich differenzierten sich die Berufe durch versch. Aus- und Weiterbildungen aus. In den Gem. entstanden Betreuungsdienste für Kranken- und Hauspflege (Spitex).
Auch andere Berufsgruppen sind im öffentl. G. tätig, teilweise seit dem MA. Dies gilt insbesondere für die Apotheker, die in den Städten sowohl für den internat. Handel als auch für die lokale Produktion von Medikamenten zuständig waren (Pharmazie). Im Zuge der Medikalisierung eröffnete sich der Apothekerschaft die Chance, im wachsenden Gesundheitsmarkt ihre Position zu stärken, was ihr allerdings mehrere Male von den Ärzten streitig gemacht wurde. V.a. im 19. und 20. Jh. entlud sich diese Rivalität in den Auseinandersetzungen um die Selbstdispensation der Ärzte. Beispielsweise erhob sich 1830-33 in Zürich eine öffentl. Diskussion über die Rolle der Apotheker. Auf die Eingabe des Schweiz. Apothekervereins an Bund und Kantone 1934 folgten heftige Auseinandersetzungen in der Sanitätsdirektorenkonferenz. Auf der anderen Seite erwuchs der Apothekerschaft v.a. im 20. Jh. in den Drogerien eine im Bereich der allg. Gesundheitsversorgung tätige Konkurrenz, die in einzelnen Kantonen sogar zum Verkauf klassierter Heilmittel legitimiert war (1948 Einigungsvertrag der Berufsgruppen mit der Interkant. Kontrollstelle für Heilmittel, der Vorgängerin der Swissmedic).
Gross ist heute die Bedeutung der Pharmaindustrie für das G. Einerseits kann ihr Beitrag für die Entwicklung der modernen Diagnosetechnik und Therapieinstrumente nicht hoch genug veranschlagt werden. Auf der anderen Seite gerät das G. häufig in monopolartige Abhängigkeit, und der Kampf zwischen Verwertung der Immaterialgüterrechte und zahlbaren Medikamentenpreisen - insbesondere durch die Zulassung von Generika - wird immer wieder auf der polit. Bühne ausgetragen.
Gegen Ende des 19. Jh. formierten sich die Zahnärzte als eigenständige akadem. Berufsgruppe, nachdem das "Zahnausbrechen" zuvor zum Metier der Barbierchirurgen gehörte. Der Zahnmedizin gelang es, sich als universitäre Ausbildung zu etablieren und damit eine weitgehende Gleichbehandlung von Zahn- und Humanmedizin zu erreichen. Im 20. Jh. wurde das zahnärztl. Monopol in der sog. Zahnarztfrage nochmals in Frage gestellt, indem die Zahntechniker die Forderung nach eigenständiger zahnmedizin. Praxis erhoben. 1920 wies die Sanitätsdirektorenkonferenz allerdings dieses Ansinnen zurück.
Weitere Berufsgruppen im G. entstanden hauptsächlich im 20. Jh. u.a. in den Bereichen Chiropraktik, Psychotherapie (Psychologie), Physiotherapie, Ergotherapie, Spitalaushilfe. Sie trugen zu einem ständig wachsenden, sich professionalisierenden und ausdifferenzierenden G. bei.
Im Verlaufe der letzten Jahrhunderte wurden aber auch Berufsgruppen aus dem G. verdrängt. Zu diesen Verlierergruppen gehören die von der Chirurgie abgetrennten hist. Nachfolger der Barbierchirurgen, die Coiffeure, die sich vom ursprüngl. Berufsfeld der "Schärer" wenigstens die Haarpflege sicherten (Deprofessionalisierung). Ganz verschwunden ist im frühen 20. Jh. der Berufszweig der niederen Chirurgie, der im 19. Jh. vom Arzt-Chirurgen abgetrennt wurde, aber staatlich geregelt blieb. In gewisser Weise sind unter säkularer Betrachtung auch die Hebammen als Verliererinnen der Entwicklung einzustufen, wenngleich diese Berufsgruppe sich sowohl als Funktion erhielt und in beschränkter Form auch eine eigene Professionalisierung durchlief (Ausbildung, Regelung der Zuständigkeit, Berufsverband).
Autorin/Autor: Sebastian Brändli
V.a. ab der 2. Hälfte des 19. Jh. hatte die erfolgreiche Medikalisierung Auswirkungen weit über das G. hinaus. Der Ansatz des G.s wurde verallgemeinert, das medizin. Paradigma übernahm Leitfunktionen für weitere gesellschaftl. Strategien. So wurden medizin. Theorien insbesondere auch zur Lösung der Sozialen Frage herangezogen. Diese weitergehenden Implikationen bestanden in der Fabrikgesetzgebung mit Arbeiterschutz und Kinderarbeitsverbot, der Urbanisation und dem Städtebau, der Kanalisierung und dem Abwasserwesen, der Architektur und dem Wohnungsbau, der Sittlichkeitsbewegung, den Reform- und Volksgesundheitsbewegungen, der Hygiene als Wissenschaft und als Rezeptur für diverse gesellschaftl. Normierungen und der Entwicklung einer differenzierten Präventionsstrategie im Rahmen der entstehenden wissenschaftl. Disziplin der Präventiv- und Sozialmedizin.
Hauptkatalysatoren dieser Entwicklung im 19. Jh. waren die beiden Krankheiten Cholera und Tuberkulose, in geringerem Masse auch der Typhus. Die Cholera trat 1830 mit dem "Grossen Sterben" in vielen europ. Grossstädten ins öffentl. Bewusstsein; die Schweiz war erst von den Epidemien 1854 und 1867 namhaft betroffen. Die zur Cholerabekämpfung von Berufsvertretern vorgeschlagenen Massnahmen beeinflussten die Behörden massgeblich (z.B. der Bericht des Bezirksarzts Carl Zehnder 1867, die Stadt- und Wohnsanierungen sowie der Bau von Kanalisationsanlagen durch den Stadtingenieur Arnold Bürkli in Zürich).
Die Tuberkulose, die als Krankheit der Armen galt, war spätestens am Ende des 19. Jh. die wichtigste Todesursache. Das grosse öffentl. Interesse setzte allerdings bereits früher ein: Aufsehen erregten v.a. die Entdeckung des Tuberkulosebazillus 1882 und die Ankündigung von Tuberkulin als Heilmittel 1890 durch Robert Koch; das Tuberkulin erwies sich allerdings als unwirksam. Trotz dem Nimbus als Volkskrankheit wurden ab 1860 zunächst teure Heilverfahren wie die Liegekur in Hochgebirgssanatorien (der wichtigste Standort in der Schweiz war Davos) und erst später Volkssanatorien eingerichtet, von denen 1895-1900 die ersten sechs entstanden. 1903 wurde eine erste schweiz. Vereinigung gegen die Tuberkulose gegründet; im 20. Jh. entstanden dann weitere auf einzelne Krankheiten bezogene private Gesundheitsligen (Rheuma, Sucht, Krebs usw.). Im Zusammenhang mit dieser erweiterten Geltung des G.s stehen die seit 1850 intensivierten Bemühungen, einer breiten Bevölkerung über populäre Zeitschriften die Anliegen der Medizin und der Hygiene näherzubringen. In jüngster Zeit rückte die Volksgesundheit unter dem Titel Prävention wieder vermehrt ins wissenschaftl. und polit. Geschehen (Public Health).
Autorin/Autor: Sebastian Brändli
Trotz der fortschritts- und wissenschaftsgläubigen Rahmenbedingungen nach 1850 waren bereits Anfang des 19. Jh. Anzeichen einer forschungs- und wissenschaftsskept. Stimmung der Bevölkerung wahrnehmbar. Der Kampf richtet sich v.a. gegen die obligator. Impfung (Abschaffung des Impfzwanges in Kantonen, 1882 Ablehnung des eidg. Epidemiegesetzes wegen vorgesehenen Impfzwangs), gegen die Tierversuche sowie gegen das Heilmonopol der Schulmedizin. Die Vertreter einer alternativen Medizin traten für die sog. Kurierfreiheit und für die Zulassung der Naturheilkunde ein. Eine entsprechende Initiative wurde aber im Kt. Zürich 1904 abgelehnt. Obschon einzelne kant. Gesetzgebungen die Zulassung zu Heilberufen freier regeln, behauptet die Schulmedizin bis heute ihr weitgehendes Heil- und Behandlungsmonopol. Dieses wurde erst im 20. Jh. mit der Zulassung der Chiropraktik, der Psychotherapie, der mit der Schulmedizin kombinierten Akupunktur, der Homöopathie und ähnl. Behandlungsmethoden teilweise gelockert.
Autorin/Autor: Sebastian Brändli
Während frühere Finanzierungssysteme des G.s auf der direkten Entlöhnung der Behandelnden durch die Behandelten basierten (z.B. Arztlohn), wird das öffentl. G. im 20. und 21. Jh. grundsätzlich über Versicherungen und den Staat finanziert. Nur marginal werden Leistungen direkt von Privaten abgegolten (v.a. in der Zahnmedizin); die Belastung der privaten Haushalte durch die Krankenkassenprämien hat indessen in den letzten Jahren einen bisher nicht gekannten Stand erreicht. Die Finanzierungsflüsse dieses Zusammenwirkens sind teilweise sehr kompliziert, insbesondere in den Bereichen, in denen Gesundheitsleistungen mit der Ausbildung von Berufsgruppen verbunden sind. Die Auseinandersetzung, wieviel das G. kosten darf, reicht tief ins Ancien Régime zurück; so wurde die Spitalkommission (sog. Wundgeschau) vom Zürcher Rat im Ancien Régime mehrfach angehalten, die Zeddelzensur (Kostenkontrolle) sorgfältig durchzuführen. Die aktuelle Kostenexplosion des G.s ist historisch allerdings ohne Vergleich. Seit dem 2. Weltkrieg wurden zahlreiche Anläufe zur Eindämmung der Kostenentwicklung unternommen (1972 Gründung des SKI durch die Sanitätsdirektorenkonferenz; Lancierung von Forschungsprogrammen; 1994 Erlass des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung). Bis jetzt blieb diesen Anläufen allerdings der Erfolg versagt, die Kosten für das G. sind immer noch im Steigen begriffen.
Autorin/Autor: Sebastian Brändli
Die Wirkung des G.s ist schwierig zu erfassen. Unter säkularer Betrachtung wird der Effekt der Medikalisierung wohl häufig überschätzt, indem z.B. Bewegungen der Demografie (Rückgang der Säuglingssterblichkeit, Erhöhung der Lebenserwartung) in ein einfaches Begründungsverhältnis mit der Entwicklung der Schulmedizin gebracht werden, andere Faktoren wie Sozialpolitik, Ernährung oder Lebensstandard aber ausgeblendet bleiben. Wenig aussagekräftig betreffend die Wirkung des G.s ist auch die Gesundheitsstatistik, die sich stärker auf die Frage, wo Massnahmen angezeigt sind, als auf Wirkungsforschung konzentriert. Gleichwohl können einzelne Wirkungen des G.s festgehalten werden: So sind z.B. die Pocken weltweit ausgerottet; in der Schweiz ist der Kropf seit der Jodierung des Kochsalzes massiv zurückgegangen (1922 schweiz. Kropfkommission) und die Kinderlähmung ist dank genereller Impfung seit 1957 bzw. 1961 fast gänzlich verschwunden. Trotz Bedenken gegen zu einfache Erklärungen deutet die derzeitige heftige Diskussion um Kosten und Organisation des G.s - diskutiert werden die "Prämienexplosion" und die Beschränkung von Gesundheitsleistungen - darauf hin, dass dem G., das sich dem "kostbarsten Gut", der Gesundheit, widmet, nach wie vor grösste Bedeutung zugemessen wird.
Autorin/Autor: Sebastian Brändli