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Während Armut in den westlichen kapitalistischen Ländern inklusive der Schweiz zunimmt, fokussieren die Massenmedien zwecks Profitmaximierung zunehmend auf billige Unterhaltung. Die Lebensrealität Armutsbetroffener wird ausgeblendet, und es fehlt an Analysen zu strukturellen Gründen von Armut sowie möglichen Widerstandsformen. Dieser Artikel erzählt die Geschichte von Women’s Press Collective, eine unabhängige Mitgliederorganisation in Brooklyn, NY, die mit Freiwilligenarbeit alternative Medien für Armutsbetroffene produziert.
Im Mai 2010 traf ich Women’s Press Collective (WPC) während eines Forschungsaufenthaltes in New York durch eine der vielen Standaktionen, welche die Organisation regelmässig durchführt. Seither bin ich aktives Mitglied und unter anderem als Europakorrespondentin für die Organisation tätig. WPC wurde 1982 mit dem Ziel gegründet, politische und soziale Bewegungen von Arbeiterinnen und Arbeitern in den USA durch das Bereitstellen von Ressourcen zu unterstützen, die für die Herstellung von Printmedien benötig werden. Wie auch in der Schweiz werden in den USA die Lebensrealität und politischen Bestrebungen von Arbeiterinnen und Arbeitern für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen von den Massenmedien mehrheitlich ignoriert oder falsch dargestellt.
Armut „Made in the USA“
Durch meine Arbeit mit WPC habe ich erfahren, wie Armut in New York aussieht. 46% der New YorkerInnen sind von Armut betroffen. JedeR sechste BewohnerIn – 1,6 Millionen Menschen – und jedes vierte Kind leiden Hunger. Eine 2008 unter alleinerziehenden armutsbetroffenen Müttern in New York durchgeführte Umfrage ergab, dass 43% aller Frauen, die im Jahr weniger als USD 32’000 – aktuell entspricht das knapp 32’000 Franken – verdienen und eine dreiköpfige Familie ernähren müssen, auf Suppenküchen angewiesen sind. 42% haben Mietausstände, einem Drittel wurde wegen Nichtbezahlens der Rechnungen Strom oder Gas abgestellt. Mehr als die Hälfte hatten kein Anrecht auf Krankentaggelder, 80% waren nicht gegen Krankheit durch den Arbeitgeber versichert und 37% mussten im Jahr zuvor auf nötige ärztliche Behandlung verzichten.
Medienkompetenzen sind lernbar!
WPC bietet seinen Mitgliedern die Möglichkeit, sich kostenlos Kompetenzen und Wissen in der Herstellung alternativer Medien anzueignen. Freiwillige MitarbeiterInnen unterrichten Journalismus und Computergrafik und lehren die Mitglieder die Druckerpressen zu bedienen, damit sie selber die Printmedien herstellen können, die sie für sich brauchen: Flugblätter, Visitenkarten, Broschüren, Magazine, Newsletter, Poster und vieles mehr. WPC unterstützt zudem andere Organisationen Armutsbetroffener sowie weitere Gruppen, die in den Massenmedien keine Stimme haben.
Ein Netzwerk aus Freiwilligen und GönnerInnen
WPC funktioniert ausschliesslich mit Freiwilligenarbeit. Für AktivistInnen, die sich Vollzeit für die Organisation einsetzen, werden Nahrung, Obdach, Transport, medizinische Versorgung, Kleider sowie alle übrigen zum täglichen Leben notwendigen Ressourcen bereitgestellt. Dies ist dank eines gut ausgebauten Netzes von GönnerInnen – in erster Linie Privatpersonen sowie kleinen und mittleren Unternehmen und Geschäften, aber auch Berufsleuten aus dem Gesundheitswesen und anderen Dienstleistungsbereichen – möglich. Spendeneinnahmen in Form von Geld werden ausnahmslos für das Begleichen der laufenden Rechnungen wie Miete, Strom, Telefon, Benzin und die Versicherungen für den Personenwagen der Organisation verwendet.
Grosskonzerne kontrollieren Medien
Mitglieder und GönnerInnen von WPC schliessen Medienschaffende und Leute aus dem Grafikbereich ein: SchriftstellerInnen, JournalistInnen, GrafikerInnen, IllustratorInnen und DruckerInnen – alles Berufsgruppen, die je länger je mehr Teil der NiedriglohnarbeiterInnen werden. Über 90% der US-Medien werden von sechs grossen Medienunternehmen kontrolliert. In der Deutschschweiz sind es deren drei:
Tamedia AG, Ringier AG und die NZZ-Mediengruppe kontrollieren 83% der gedruckten und online aufgeschalteten Medien in der Deutschschweiz (Jahrbuch, 2014). Wie alle kapitalistischen Unternehmen sind auch Medienkonzerne darum bemüht, steigende Dividenden an ihre Shareholder auszuzahlen. Um ihre Gewinne zu steigern, werden auf dem Buckel der Medienschaffenden Produktionskosten gesenkt. Deren Arbeitsbedingungen werden immer schlechter, was sich negativ auf die Qualität unserer Medien auswirkt.
Armutsbetroffene machen Medien
Armutsbetroffene können nicht auf die Massenmedien zählen, wenn es darum geht, ihre Anliegen zu vertreten. Sie müssen eigene, konzernunabhängige Medien produzieren. WPC gibt vierteljährlich eine Zeitschrift mit dem Namen Collective Endeavor heraus. Collective Endeavor wird durch WPCs Schreib- und Grafikwerkstätten produziert, die durch freiwillige Medienschaffende geleitet werden. Die Zeitschrift enthält Artikel zu Themen, die für Armutsbetroffene und im Speziellen für Frauen sowie für Medienschaffende relevant sind. Die Zeitschrift wird kostenlos an die Mitglieder verteilt. Sie ist zudem ein wichtiges Instrument für Armutsbetroffene, um Menschen aus allen Bevölkerungsschichten zu erreichen. Dies passiert in erster Linie durch regelmässig durchgeführte Standaktionen. Um unabhängig zu bleiben, nimmt WPC keine öffentlichen Gelder an, sondern finanziert sich ausschliesslich durch Spenden. Auch die Produktion von Collective Endeavor erfolgt ausschliesslich durch Spenden, einschliesslich des für die Zeitschrift verwendeten Papiers, des Drucks, etc.
Auch in der Schweiz brauchen Armutsbetroffene unabhängige Medien, um eine Stimme zu haben. Die Zeitung der IG Sozialhilfe leistet dazu einen wichtigen und wertvollen Beitrag. Die IG Sozialhilfe sucht VerkäuferInnen für die IG Zeitung. Zeitungen können für Fr. 2.50 bezogen und für Fr. 5.—verkauft werden. Interessierte melden sich bitte per Mail bei <email-pii> oder per Telefon unter 079 545 66 43.
Natalie Benelli, Mitglied IG Sozialhilfe und Europakorrespondentin von Women’s Press Collective