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«Gibst du mir mal die Butter?», fragte Ernesto seine Frau. Das allmorgendliche Frühstück in der Küche glich einem festen Ritual, das so peinlich genau eingehalten wurde, wie die Zeremonie der Wachablösung vor dem Buckingham Palace. Wortlos schob Annegreth die Butter die nötigen zehn Zentimeter rüber, damit Ernesto ein Stücklein davon abschneiden konnte, um seinem Brot die erste Schicht aufzuerlegen. Annegreth schüttelte den Kopf, denn sie wusste, was nun folgte. Weitere vier Schichten wuchtete ihr Mann auf das erbarmungslos ausgelieferte Brot. Nach der Butter folgt die Himbeerkonfi, dann ein paar Scheiben Mozzarella, gefolgt von ein paar Cherrytomaten und zu guter letzt noch eine solide Schicht Mortadella. Annegreth nippte an ihrem Milchkaffee, ehe sie nicht minder ritualisiert das Brot in die milchige Brühe steckte, um wenig später beherzt reinzubeissen. Dasmit dem Reinbeissen gestaltete sich bei Ernesto deutlich schwieriger. Sein Konstrukt hatte nahezu die Höhe von Tisch bis Lampe eingenommen. Nur eine Schlange, die ihren Kiefer ausrenken kann, wäre in der Lage mit einem Biss die ganze Schichterei ins Maul zu schieben. Oder Ernesto. Mit der Erfahrung von 45 Jahren Frühstück mit Annegreth an ein und demselben Platz, hatte er sein Maul so gut trainiert und dehnbar gemacht, wie es kein anderer Muskel an seinem alten Körper sonst vermocht hätte. Das wortlose Frühstücksprozedere endete mit dem obligaten «adesso basta», mit welchem Ernesto sein Messer auf den Tellerrand legte, aufstand und den Tisch abdeckte.
Im Vergleich zu den 45 Jahren Früshtück, war das zweite Morgenritual geradezu blutjung. Seit fünf Jahren begab sich das betagte Ehepaar anschliessend ans Fenster beim Balkon, um die Nachbarn zu beobachten. Die Familie Ben Oit – alles dunkelhaarige Menschen. Sie verliessen in aller Regel einer nach dem anderen das Haus. Annegreth vermutete schon lange, dass diese Muslimen sich dieses schöne Haus eigentlich gar nicht leisten könnten. Womöglich waren sie in Kontakt mit den Tschihadisten oder dem IS, auf alle Fälle konnte da etwas nicht stimmen. Ernesto notierte und Annegreth diktierte. «08.03 Al Ain Ben Oit verlässt das Haus und fährt mit dem Auto weg». Dann war es wieder ruhig. «08.12 Ben Oit der Älteste verlässt das Haus. Sein Bart wirkt noch etwas voller». Als das Prozedere mit dem Weggang von Aischa Ben Oit mit dem Vermerk «hat sich heute wieder verschleiert», endete, begab sich Ernesto mit den Notizen zum Computer im Bürozimmer. «Bin ich fertig», sagte er und Annegreth schaute ihm nun über die Schulter, um die Rechtschreibefehler zu korrigieren, die der gebürtige Italiener nach wie vor machte. Mit einem kurzen gegenseitigen Zunicken, schickten sie die Email mit dem täglich selben Vermerk «Rapport über unsere islamischen Nachbarn» an die Polizei ab. Antwort haben sie noch nie erhalten, dennoch vermuteten die beiden eine Schläferzelle im Nachbarshaus; man musste also äusserst vorsichtig zu sein. Ernesto hatte die alte italienische Pistole der Marke «Tanfoglio» seines Vaters aus dem zweiten Weltkrieg immer mit dabei. Am Morgen bot sich dabei ein absurdes Bild, Ernesto schlurfte mit seinen Pantoffeln und im Bademantel bekleidet umher, die Pistole hing im Gürtel, den er um den Bademantel geschnallt hatte.
Es war am Morgen noch dunkel und früh Abend auch wieder. Die Adventszeit liess das Leben ihrer Nachbarn irgendwie noch bedrohlicher wirken. Annegreth und Ernesto beruhigte es auch nicht, dass Ben Oits einige weihnachtliche Lichterketten aufhängten. «Alles nur Show, nur um nicht aufzufallen», war sich Annegreth sicher. Ernesto riss gerade im Gang beim Tageskalender das Blatt von gestern ab, so dass heute 23. Dezember drauf stand. «Nur ein Fremdling, sagt man mit Recht, ist der Mensch hier auf Erden. Jeder von uns», Johann Wolfgang von Göthe, las Ernesto den dazugehörigen Spruch des Tages vor. Annegreth liess ihn unkommentiert, ein sicheres Zeichen, dass dieser Spruch ihr nicht passte. Ernesto beschloss, eine Schallplatte aufzulegen, damit seine Frau wieder in bessere Stimmung kam. «O sole mio» kratzte über den Plattenteller. Behutsam nahm er Annegreths Hand und begann zu dieser Urmelodie seiner Heimat zu tanzen. Die beiden vergassen für einen Moment all ihre Rituale und gaben sich ganz den Klängen dieses Klassikers hin. Unsanft wurden sie jedoch – kurz bevor der Tenor zum Finale ansetzte – aus dem Tanz gerissen. Die Türklingel hatte Ernesto so laut eingestellt, dass diese selbst der Gemeinde Sirene auf dem Dach des Schulhauses trotzig entgegentreten konnte. «Wer mag das wohl sein», hielt Annegreth inne. Hastig schob sich Ernesto die «Tanfolgio» vorne in die Hose und schritt Richtung Tür. «Guten Abend, wir haben so viele Weihnachtsguetzli gebacken, dass wir dachten, vielleicht mögen sie auch noch welche», sagte eine Stimme mit einem deutlichen Akzent. Da stand doch wahrhaftig Al Ain Ben Oit vor der Türe. Verdutzt, verdattert und verwundert blieben Annegreth und Ernesto eine ganze Weile stehen. «Ach backen wie wir können Sie auch noch», meinte Annegreth wenig später. «Verzeihung, ich verstehe nicht ganz? Haben sie auch gebacken?», fragte der Fremde nach und hielt noch immer den Teller mit drei verschiedenen Biscuitsorten auf der Hand. «Ja natürlich, aber bei ihnen ist das vermutlich ja nicht Teil ihrer Kultur», sagte Ernesto und griff mit der linken Hand in seine Hose. Al Ain musterte diese Bewegung einigermassen amüsiert. Zweifelslos hätte man diese Hand im Schritt bei einem jüngeren Italiener vermuten können, aber bei einem Mann, dessen Jahrgang vermutlich weit ins vorherige Jahrhundert zurückreichte, sah das doch ziemlich witzig aus. «Naja, wir sind zwar nicht von hier, aber dort wo wir herkommen, bäckt man auch», antwortete er. «Ja aber sicherlich keine Weihnachtsguetzli», erwiderte Annegreth. «Wie kommen sie darauf?», wollte Al Ain wissen. «Muslime sind keine Christen, die kennen keine Weihnachten». Die alte Frau nahm nun richtig Fahrt auf und Ernesto wurde immer nervöser. Einzig, die Pistole im Schritt gab ihm ein wenig Sicherheit. Doch die Biscuits konnten vielleicht vergiftet sein, eine Art Biowaffe und sie wären nun quasi die Testpersonen. Al Ain Ben Oit erkannte die Skepsis und Angst der beiden und wollte gerade umkehren, als er sich ein letztes Mal ein Herz fasste und meinte: «Sie sind doch auch nicht von hier Ernesto und doch backen auch sie Weihnachtsguetzli». «Komme ich aus Italien, da ist Rom, da ist der Vatikan, da ist sozusagen die Weihnachtsbäckerei zuhause, eh» sagte er und presste alle fünf Finger zusammen, als er mit der rechten Hand umherfuchtelte. «Und ich komme aus Fribourg, zwar nur ein Bistum, aber immerhin mit einer schönen Kathedrale». «Non e vero, sie sind doch Muslime», stiess Ernesto wütend hervor und fuchtelte nun mit beiden Händen. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er dabei seine Pistole aus dem Schritt zog und diese nun wild durch die Luft wirbelte. Alain Ben Oit wich erschrocken zurück. «Oh scusi, ist nur zu unserem Schutz», stammelte Ernesto etwas verlegen. «Der Name, sie heissen doch Al Ain Ben Oit», versuchte Annegreth wieder etwas Ruhe ins Gespräch zu bringen. Da lachte der Nachbar laut auf. «Ja, man kann es auch so betonen, aber wir sagen Alain Benoit». Ernesto liess langsam die Pistole sinken. Die Peinlichkeit stand den beiden ins Gesicht geschrieben. In diesem Moment erblickte der Nachbar im Gang an der Wand den Spruch auf dem Zettel des 23. Dezembers: «Nur ein Fremdling, sagt man mit Recht, ist der Mensch hier auf Erden. Jeder von uns», Johann Wolfgang von Göthe, las er vor. Ernesto beschloss, dass er nur mit viel italienischem Flair diese Peinlichkeit noch retten könnte, er nahm den Teller mit den Biscuits ab und bat den Gast ins Haus. Annegreth wusste, was zu tun war und schnitt den Panetone in ein paar Stücke, während Ernesto den Lambrusco öffnete. «Holen sie doch noch ihre Familie her, damit wir uns für unsere Furcht entschuldigen können», bat Annegreth. Alain tat wie ihm geheissen und wenig später standen die vier Nachbarn versammelt in der Stube. Der Plattenspieler beschloss just in diesem Moment «Volare» zu krächzen, worauf alle sechs in das Lied einstimmten. Das Gelächter und der Gesang erfülten die sonst so ritualisierten Räume mit viel Lebensfreude oder wie Ernesto sagen würde: italianita. «Nie hätten wir gedacht, dass sie aus Fribourg sind», meinte Annegreth schliesslich in die Richtung von Aischa. «Naja, das bin ich auch nicht. Ursprünglich komme ich aus Syrien», sagte sie. Augenblicklich wurde es muskmäuschen still im Haus. Ernesto war es, der nun mit dem Weinglas in der Hand umherfuchtelte und meinte: «Nur ein Fremdling, sagt man mit Recht, ist der Mensch hier auf Erden. Jeder von uns», Johann Wolfgang von Göthe. «Ah, hört hört», lachte Alain und klopfte dem alten Mann auf die Schulter bis alle wieder lachen mussten. Es sollte nicht die letzte Flasche Lambrusco bleiben und am darauffolgenden Morgen, am 24. Dezember, standen Annegreth und Ernesto für ihre Verhältnisse viel zu spät auf. Es war schon viertel nach sieben.
«Gibst du mir mal die Butter», sagte Ernesto wenig später am Frühstückstisch. «Nein», erwiderte Annegreth vergnügt. Als er sie verdutzt ansah und selbst versuchte die Butter zu erreichen, realisierte er den Witz. Sie hatte das kostbare Gut für die erste Schicht seines turmhohen Brotgebäudes bereits deutlich näher an seinen Teller geschoben. «Es ist nie zu spät, die Dinge zu ändern oder sie anders zu betrachten», kommentierte sie. Ernesto stand auf und zeigte auf seinen Bademantel, an dessen Gürtel heute die Pistole fehlte. «Ich selbst war einmal fremd in diesem Land, es waren unsere Gewohnheiten, die uns so engstirnig gemacht haben. Lass uns für die verbleibenden Jahre tanzen», sagte er stand auf und ging Richtung Plattenspieler. «La donna e mobile», schepperte ähnlich laut wie die Türklingel durch das Haus. Annegreth liess das Frühstück einfach auf dem Tisch stehen und begab sich Richtung Stube. Beim vorbeigehen am Eingang, erspähte sie kurz das Kalenderblatt 23 und beschloss, dieses ab zu reissen und den Spruch vom 24. Dezember zu lesen, ehe sie in den Armen ihres Mannes tanzen wollte. Wa darauf stand, rief sie mit ihrer Sonoren Stimme aber laut durch die musikbeschallten Räume ihrem Mann zu: «Weihnachten kennt keine Grenzen. Es verbindet Kulturen, Geschlechter, Kinder und Erwachsene, Arm und Reich», Gudrun Kropp.
Sacha Jacqueroud