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Als sich Simon Petrus daran machte, in der Höhle des Löwen Jesus Christus zu verleugnen, war ihm seine Sprache nicht eben dienlich. «Und über eine kleine Weile traten die hinzu, die dastanden, und sprachen zu Petrus: Wahrlich, du bist auch einer von denen; denn deine Sprache verrät dich.» Simon stammte wie Jesus aus Galiläa und war an seiner Sprache als Galiläer erkennbar.
Ja, man sagt einen Satz und ist geliefert, auch hier und heute, mit der alten Methode linguistischer Fahndung geographisch ins Bünderische, Oberwalliserische oder Berner Unterländische verortet, alles Leugnen verschlimmert das Elend noch, und man kann sich höchstens noch retten durch wunderbare Täuschung, durch kunstvolle Verstellung der Akzentfreiheit.
Der «Kleine Sprachatlas der deutschen Schweiz»» gibt nun einem breiteren Publikum ein hervorragendes Fahndungsmittel in die Hand. Man schenkt jemandem ein Bonbon, und ob er dann für das «Zältli», «Zückerli», «Möckli» oder «Täfeli» dankt, lässt erkennen, aus welcher Gegend er stammt, und schon ist der Sprecher gestellt. Man kann es je nach lebensweltlicher Angemessenheit auch mit «Quetschflecken», «Kuss» oder «Stalljauche» versuchen.
Grundlage für die 120 farbigen Sprachkarten bildet der 1962 bis 1997 erschienene «Sprachatlas der deutschen Schweiz», der 1’548 Karten enthält und für den zwischen 1939 und 1958 an Hunderten von Orten Daten erhoben worden sind. Sollten die dialektkundigen Leser nicht in jedem Fall die erwarteten Einträge vorfinden, so erklärt das Vorwort im «Kleinen Sprachtatlas», sei dies wohl mit dem zeitlichen Abstand zu den Befragungen zu erklären. In der Tat, wiederholt werden Aussagen gemacht, die mit der Zürichdeutsch-Erfahrung des Rezensenten nicht mehr übereinstimmen und denen die Zeit eine deutliche sprachmuseale Färbung zugefügt hat. Auch werden Begriffe wie «Abäisi» oder «Hambitzgi» (für Ameise) angeführt, die bei aller Farbigkeit doch eher einem Kapitel «vergangene Sprachwelten» zuzuschlagen wären. Dies zeigt aber auch, dass die Dialekte die nach einem gängigen, hier präzisierten Stereotyp auf einem Sprachstand verharren sollen, der jenem des Mittelhochdeutschen entspricht doch einem steten, vielleicht neuerdings sogar beschleunigten Wandel unterliegen.
Da es um Vollständigkeit ohnehin nicht gehen kann, leistet der «Kleine Sprachatlas» ebensogute Dienste wie sein grosser Bruder. Er ist viel mehr als ein blosser Atlas. Das sehr sorgfältig hergestellte Buch bietet Einblick in den Variantenreichtum der ihrerseits nicht zählbaren Deutschschweizer Dialekte für «Fangen spielen» etwa werden weit über hundert Ausdrücke aufgeführt und zeigt die Vielfalt des schweizerdeutschen Wortschatzes und die lautliche Verschiedenheit der Dialekträume. Auf der Grundlage des «Schweizerischen Idiotikons» erklärt es anschaulich, vergnüglich und informativ unzählige Dialektwörter und beschreibt grammatikalische Feinheiten. Eine ungemein interessante Einführung, ebensolche Kapiteleinführungen und zahlreiche Kästchen vermitteln viel Wissenswertes zur Sprachwissenschaft und zur Sprache überhaupt, zum dialektalen Wortschatz, aber auch zu Lauten und Formen, zu Volksetymologien, zu sprachgeschichtlichen Hintergründen der viersprachigen Schweiz oder zum Sprachleben in der Deutschschweizer Diglossie. Auch der Anhang mit Personen- und Literaturverzeichnis sowie Glossar ist nützlich. Dem Buch ist weite Verbreitung zu wünschen.
Helen Christen, Elvira Glaser & Matthias Friedli: «Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz». Frauenfeld: Huber, 2010