Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03307.jsonl.gz/1223

Oskar Kokoschka war nicht nur Maler, er schrieb unter anderem auch Dramen. Einer seiner ersten Texte ist «Mörder, Hoffnung der Frauen», den er einer «modernen Penthesilea» widmete. Das frühexpressionistische Stück wurde 1909 an der Kunstschau in Wien erstmals aufgeführt, hat allerdings weitaus weniger Wirbel ausgelöst, als der Künstler in seiner Autobiografie beschrieb. Im Zürcher Kunsthaus wurde das Stück im Rahmen von «Zürich liest» in einer szenischen Lesung vorgestellt.
Von Jolanda Heller.
Das Drama «Mörder, Hoffnung der Frauen» gilt in der Literaturgeschichte als eines der ersten expressionistischen Dramen. Es fand seine Anhänger und seine Gegner, die das Stück etwa als «Schreidrama» bezeichneten. Den Künstler selbst nannte sein Freund Albert Ehrenstein «Explosionist». Und in der Tat wirken Sprache und Handlung des Textes explosiv.
Im Stück trifft eine Gruppe von Männern auf eine Gruppe von Frauen. Die beiden Anführer (der Mann, die Frau) sind voneinander angezogen, doch nach einem erst werbenden, dann heftigeren Wortwechsel lässt der Mann der Frau ein Zeichen ins Fleisch brennen. Sie antwortet mit einem Messerstich in dessen Seite. Der sterbende Mann wird in einen Turmkäfig getragen, um den die Frau lange Zeit schleicht. Abermals findet ein Wortwechsel statt, der von Hoffnung spricht – auch derjenigen, zusammenzufinden. Eine Einigung gibt es jedoch nicht. Die Frau will den Mann nicht leben lassen, aber der Mann kommt ihr zuvor, tötet sie und entflieht.
Die szenische Lesung des Stückes «Mörder, Hoffnung der Frauen» fand in den Ausstellungsräumen des Museums selbst statt, umrahmt von einigen Werken Kokoschkas. Vorgetragen wurde der Text von Sarah Sandeh (Theater Neumarkt) und Jan Bluthardt (Schauspielhaus Zürich). Wer den expressionistischen Text Kokoschkas etwas besser kennt, ihn zumindest ein-, zweimal gelesen hat, weiss um dessen Wortgewalt. Davon war bei Jan Bluthardt etwas zu spüren, bei Sarah Sandeh hingegen kaum etwas. Eher fade kam die Rezitation daher. Die schlechte Akustik des Raumes und die nicht funktionierende Verstärkung durch Mikrophone und Lautsprecher haben insgesamt zu einer enttäuschenden Lesung beigetragen.
Erfahren hat man von der Schriftstellertätigkeit Kokoschkas nicht viel. Das hätte man sich für diesen zwar weltbekannten Maler, doch wenig bekannten Autoren gewünscht, zumal der Anlass unter dem Label «Zürich liest»stattfand. Auch das Interesse der Leute für die im Dezember angesagte grosse Retrospektive im Kunsthaus hätte geweckt und ein literaturinteressiertes Publikum angesprochen werden können.
«Mörder, Hoffnung der Frauen» erfüllt schon im Text den Anspruch eines «Gesamtkunstwerks»: Tanz, Musik, Bühnenbild, Licht und Schauspielerei sind vom Künstler kenntnisreich angelegt. Die frühen Umsetzungen auf der Bühne anfangs des 20. Jahrhunderts konnten diesen Anspruch aber nicht einlösen. Erst im Jahr 1921 mit der Vertonung durch Paul Hindemith und dem Bühnenbild sowie der Choreographie durch Oskar Schlemmer könnte man behaupten, hat es diesen Schritt getan.
In dem Sinne hat sich am Ende des Kunsthaus-Abends auch diese Aussage Kokoschkas bestätigt, in der er das Stück nicht bloss als ein Lektürestück betrachtete. Für ihn musste es auf der Theaterbühne gestaltet und erlebt werden.
Zur Kokoschka-Retrospektive im Kunsthaus Zürich vom 14.12.2018-10.03.2019.