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Das Lipödem ist schon seit vorchristlicher Zeit bekannt. 1940 erschien die erste wissenschaftliche Publikation zu diesem Thema, seither wird dem Lipödem im Rahmen des “dicken Beines” zunehmend Bedeutung geschenkt. Erst in den letzten Jahren wurden eindeutige Begriffsdefinitionen geschaffen, die das Lipödem als solches ausweisen und nicht mit einer Venenschwäche oder einer Lymphstauung verwechseln.
Jede 3. bis 5. Frau (je nach Definition) leidet unter einem Lipödem. Manchmal stört das Lipödem nur optisch, in vielen Fällen jedoch führt es zu Beschwerden, die die Lebensqualität der Betroffenen sehr einschränken. Leider ist das Lipödem, obwohl es sehr häufig vorkommt, eine Erkrankung, die bei vielen Ärzten nach wie vor unbekannt ist.
Lipödeme treten fast ausschliesslich bei Frauen auf. Sie sind charakterisiert durch eine symmetrische Fettgewebevermehrung mit ödembedingten Spannungs- und Schweregefühlen an den Ober und Unterschenkeln, aber auch an den Armen.
Zusätzlich besteht eine ausgeprägte Berührungs- und Druckschmerzhaftigkeit sowie eine auffallende Neigung zu Blutergüssen nach kleinsten Traumata. Nicht selten fühlt sich die Haut an einzelnen Stellen sehr kühl an.
Die Erkrankung besteht lebenslang, erste Symptome treten oft in der Pubertät oder nach einer Schwangerschaft auf.
In seiner Entwicklung durchläuft das Lipödem drei Stadien, die ineinander übergehen können, aber nicht unbedingt müssen.
Zunächst ist die Haut noch glatt, aber die Unterhaut (Subkutis) verdickt sich und das Fettgewebe scheint feinknotig strukturiert. Dies ist das häufigste Stadium 1. Anamnestisch klagen die Patienten über die Schwellung der Beine oder Arme beim Sitzen oder Stehen, die sich dann nachts im Liegen zurückbildet. Dieses Stadium bleibt oftmals ein Leben lang gleich, sofern das Gewicht in etwa unverändert bleibt. Es kann sich jedoch in Einzelfällen verschlechtern: Die häufigste Ursache für eine Verschlechterung ist mit Sicherheit eine starke Gewichtszunahme. Jede Zunahme an Gewicht führt zu einer unproportionalen Fetteinlagerung in den Beinen, die bei einer Gewichtsreduktion zu einem späteren Zeitpunkt nur schwer wieder verloren werden kann.
Stadium 1 kann in das Stadium 2 übergehen: Hierbei kommt es zu grobknotigen Veränderungen des Fettgewebes, die Hautoberfläche wird uneben.
Im Stadium 3 bilden sich dann ausgeprägte Hautdeformierungen mit derben Fettlappen. Es kommt aufgrund der wulstartigen Schwellungen zu Schürfungen und Entzündungen an den Beininnenseiten.
Lipödeme sind grundsätzlich genetisch bedingt, können aber auch ohne ähnliche Fälle in der Familie auftreten.
Lipödeme stören meistens nur optisch, weil z.B. Stiefel nicht mehr passen oder eng geschnittene Jeans nicht mehr getragen werden können.
In vielen Fällen führen Lipödeme zu Beschwerden; diese können gering oder aber auch extrem (invalidisierend) sein, unabhängig vom Ausmass des Lipödems. Manchmal ist ein Lipödem nur sehr gering ausgeprägt, die Beschwerden aber immens; in anderen Fällen ist ein Lipödem grotesk ausgeprägt, aber vollständig schmerzfrei.
Im Vordergrund der Symptome steht die Schwellung der Beine, die vor allem tagsüber im Stehen und Sitzen zunimmt, sich nachts aber stets zurückbildet. Bei dieser Schwellung handelt es sich um eine lymphatische Begleitschwellung. Sie ist harmlos und tritt nur im Rahmen eines Lipödems auf. Die Schwellung geht von den einzelnen Fettzellen aus, die sich im Laufe eines Tages mit Wasser einlagern und damit grösser werden. Lymphödeme hingegen führen zu einer Stauung in den Lymphgefässen, die meistens mit einer Schwellung des Vorfusses und der Zehen einhergehen, dann den Unterschenkel ergreifen und letztendlich den Oberschenkel ebenfalls einbeziehen.
Diese Schwellung kann rein optisch stören oder aber auch mit Beschwerden einhergehen. Schwere- und Zerschlagenheitsgefühl, Müdigkeit, Berührungsempfindlichkeit und Stauungsbeschwerden werden am häufigsten als Beschwerden angegeben.
Diese Schwellungen und/oder Beschwerden werden meistens symmetrisch und vor allem im Bereich der Unterschenkel angegeben, teilweise aber auch ganz örtlich z.B. seitlich am Unterschenkel in der Knöchelregion, an der Vorderseite des Oberschenkels etc. Die Beinschwellung am Unterschenkel kann wenige Millimeter (abends finden sich die Abdrücke der Socken) bis einige Zentimeter ausmachen. Der Vorfuss und die Zehen bleiben meistens von der Schwellung ausgespart oder schwellen nur wenig auf. Bei einem Lymphödem hingegen schwellen vor allem als erstes die Füsse und dann erst die Unter- und zum Schluss die Oberschenkel auf. Im Gegensatz zu anderen Ursachen für eine Beinschwellung ist die Schwellung beim Lipödem niemals eindrückbar (beim Drücken bleiben “Dellen“ der Finger übrig).
Lipödeme beginnen üblicherweise am Unterschenkel im Bereich der Knöchelregion und hören dort wie ein “Muffenkragen“ auf. Bis zum Abend ist eine richtige Stufe sichtbar, die oftmals die Knöchel miteinbezieht, so dass diese nicht mehr sichtbar sind. Der Fuss selbst und die Zehen schwellen hierbei nur mässig oder sogar gar nicht auf. Am Oberschenkel tritt das Lipödem vor allem an der Innenseite, vorne und an der Aussenseite auf. Die typischen weiblichen Fettpolster wie Reiterhose oder der Innenbereich der Oberschenkel werden bei einem Lipödem wesentlich ausgeprägter und nehmen teilweise sogar groteske Formen an. Am Oberarm treten Lipödeme ebenfalls zirkulär auf und sind in selteneren Fällen auch am Unterarm sichtbar. Auch das Gesäss, der Bauch sowie andere Regionen können vom Lipödem betroffen sein, doch finden sich solche Befunde eigentlich nur bei zusätzlichem Übergewicht und einem Stadium III.
In vielen Fällen ist eine Neigung zu “blauen Flecken“ ein weiteres Symtom, das beobachtet wird. Die Ursachen sind noch nicht erforscht, das Phänomen ist allerdings harmlos.
Es gibt eine Reihe anderer Ursachen, die ebenfalls zu Beinschwellungen führen. Die wichtigste ist hierbei eine Venenschwäche, die venöse Insuffizienz.
Oftmals finden sich im Rahmen eines Lipödems Venen, deren Venenklappen defekt sind. Der Blutfluss fliesst dann nicht mehr nach oben zurück ins Herz, sondern staut nach “unten“ in den Gefässen bis in die kleinsten Kapillaren. Dies führt dazu, dass aus den Gefässen “Lymphe“ ausgepresst wird, die sich zwischen dem Bindegewebe und Fett einlagert. Venenschwellungen ähneln denen des Lipödems und sollten unbedingt bei jeder Lipödemabklärung mit dem Ultraschall mituntersucht werden.
Selbstverständlich sollten auch weitere Schwellungsursachen der Beine ausgeschlossen werden wie Herz- und Nierenschwäche, orthopädische Probleme, rheumatologische Ursachen oder auch Veränderungen der Blutzusammensetzung.
Lymphödeme fallen ebenfalls durch eine Schwellung auf, unterscheiden sich jedoch klar vom Lipödem, auch wenn sie häufig mit Lipödemen gemeinsam auftreten.
Lymphödeme treten meistens zuerst an den Füssen bis zu den Zehen auf – plötzlich will kein Schuh mehr passen. Auch das Lymphödem nimmt tagsüber zu und bildet sich im Liegen in der Nacht zurück. Im Gegensatz zum Lipödem kommt es beim Lymphödem jedoch nicht nur zur Stauung von Wasser, sondern auch zur Stauung eiweissreicher Flüssigkeit im Gewebe, was im Laufe der Jahre zu einer sogenannten Gewebesklerose (Gewebeverhärtung) führt. Im Gegensatz zum Lipödem ist ein Lymphödem niemals schmerzhaft, egal, wie gross und ausgeprägt die Schwellung auch ist.
Die beschriebenen Merkmale betreffen vor allem das erworbene Lymphödem, das meistens ab 30 Jahren bei Frauen auftritt (lymphödema tarda). Natürlich gibt es auch angeborene Lymphgefässmissbildungen, diese Schwellungen eines Armes oder Beines sind meistens einseitig. In speziellen Fällen können Lymphödeme auch durch eine Verletzung oder Stauung der Lymphgefässe auftreten, wie z.B. nach einer Lymphknotenentfernung, nach Bestrahlungen, nach Operationen etc.
Das Lymphsystem besteht aus einem eigenen Netzwerk von Gefässen, in die aus dem Gewebe Lymphe in den Blutkreislauf zurücktransportiert wird. Lymphe ist eine eiweissreiche Flüssigkeit, die im Gewebe am Übergang von den feinsten, arteriellen Haargefässen zu den dünnen Venenkapillaren im Gewebe übrig bleibt. Es handelt sich hierbei um eine Menge von ca. 2 Litern. Über ein spezielles System von Gefässen wird diese Flüssigkeit bis zur Schlüsselbeingegend transportiert, wo sie in das Venensystem zurückfliesst. Die Lymphgefässe sind taktil; dies bedeutet, dass sie kleine Pumpmechanismen haben, die dafür sorgen, dass die Flüssigkeit auch entgegen der Schwerkraft von unten zurück nach oben transportiert werden kann.
Lymphgefässe haben Zwischenstationen: Lymphknoten, die sich alle paar Zentimeter im Körper finden. Das Lymphsystem hat zusätzlich zum Rücktransport von Flüssigkeit zum Körper viele weitere Aufgaben wie beispielsweise Krankheitsbekämpfung oder Immunabwehr, doch soll in diesem Rahmen nur auf seine Gefässfunktion eingegangen werden.
Bei einem ausgeprägten Lipödem kommt es auch zur Einlagerung von vermehrter Lymphe im Gewebe, doch ist das immer eine Begleiterscheinung des Lipödems, die mit seiner Behandlung bessert. Nach einer Absaugung eines Lipödems kommt es übrigens immer zu einer Verbesserung dieser Lymphkomponente.
Ein erfahrener Arzt sollte mit einem Blick sehen, ob ein Lipödemleiden vorliegt oder nicht – vorausgesetzt, er kennt dieses Krankheitsbild. Grundsätzlich benötigt es somit keine spezielle Diagnostik dieser Erkrankung. Eine weiterführende Abklärung macht immer dann Sinn, wenn andere Begleiterkrankungen gesucht oder ausgeschlossen werden müssen (z.B. eine Venenschwäche, ein rheumatisches Leiden, eine Arthrose etc.).
Das Lipödem hat charakteristische Merkmale, weswegen oftmals nur ein Blick genügt, um die Diagnose zu stellen. Als erstes fällt auf, dass die Beine und/oder Arme im Vergleich zum restlichen Körper (Stamm) zu dick erscheinen. Das Lipödem am Unterschenkel beginnt auf der Höhe der Fussknöchel und erfasst meistens den ganzen Unterschenkel. Die Region unterhalb der Knöchel hinten am Fuss (Knöchelkulisse) und auch der Fussrücken bleiben ausgespart. Am Oberschenkel findet sich vermehrtes Fettgewebe vorne, an der Innen- und/oder an der Aussenseite. Klassische Fettdepots wie Reiterhose oder zwischen den Oberschenkeln wirken noch viel ausgeprägter, ja teilweise grotesk. In manchen Fällen ist die Gesässpartie einbezogen, doch muss dies nicht sein.
Oftmals findet sich das Lipödem auch am Oberarm als zirkuläre Fettansammlung, d.h. der gesamte Arm ist davon betroffen. Hände wie auch Füsse sind eigentlich nie vom Lipödem betroffen, es ist jedoch möglich, dass die Gefässe am Fuss nicht sichtbar sind. Die Ursache ist dann aber nicht ein Lipödem, sondern eine Stauungskomponente der Lymphe (Begleitlymphstauung).
Die Haut an den Armen und Beinen ist grundsätzlich sehr dünn, so dass die Venen auf dem Hand- oder Fussrücken sowie oftmals auch am gesamten Unterschenkel sichtbar ist. Bei einem “Kneif-Test“ zeigt sich, dass an dieser Stelle kein Fettgewebe vorhanden ist. Bei einem Lipödem hat es nun deutlich mehr bis ganz viel Fett zwischen der Haut und der Muskulatur. Auf dem Unterschenkel sind gar keine Adern ersichtlich, und beim “Kneif-Test“ ist die Hautfalte zwischen den Fingern sehr dick – im schlimmsten Fall kann gar keine Hautfalte gebildet werden. Am Fussrücken sind die Gefässe im Normalfall immer sichtbar bei einem Lipödem, diese verschwinden nur bei einem Lymphödem.
Der Ultraschall wird bei der Diagnose eines Lipödems eingesetzt, um eine Venenschwäche auszuschliessen. Diese kann als Begleiterkrankung vorhanden sein, ohne dass dies am Bein ersichtlich ist. Nur der Ultraschall klärt diese Fragestellung mit Sicherheit ab.
In gewissen Fällen macht der Einsatz des Ultraschalls auch Sinn, um die Fettdicke an bestimmten Stellen zu messen, z.B. um einen Verlauf zu dokumentieren oder für ein Gutachten. Der Ultraschall kann zudem unterscheiden, ob die Beinschwellung ein Lipödem oder Lymphödem ist. Bei einem Lipödem finden sich “Schneesturm-artige“ Bilder vom Gewebe unter der Haut, während bei einem Lymphödem die Stauungen der Lymphsepten sichtbar sind.
Diese Untersuchungen sind normalerweise nicht notwendig, sondern werden nur bei ganz speziellen Fragestellungen durchgeführt.
Lesen Sie in unserem Artikel, wie ein Lipödem behandelt werden kann. Für weitere Details vereinbaren Sie ein Beratungsgespräch bei Dr. Linde.
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