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«Freitag ist Deadline», ruft Royce Stuteville am Montag in den langen Gang hinein, der zum Ausgang der Subway führt: «nur noch vier Tage, um wählen zu können». Dazu schwenkt er ein Schild, auf dem «Register to Vote» steht. Auf einem Klapptisch hat er die Antragsformulare der Wahlbehörde ausgelegt. Schon in den ersten Minuten nach seiner Ankunft füllt ein Dutzend Leute die Din-A-4-Blätter aus. Darunter auffallend viele junge Leute.
Direkt über der mobilen Registrierstation liegt der Washington Square in Manhattan. Rund um den kleinen Park befinden sich Kulturinstitute, Geschäfte sowie die Jura-Fakultät der New Yorker Universität. StudentInnen und andere junge Leute zwischen 18 und 24 Jahren sind die am wenigsten im Wahl-Register vertretene Bevölkerungsgruppe.
Woher kommt es, dass gebildete US-AmerikanerInnen bis zum allerletzten Moment warten, bevor sie sich - wenn überhaupt - in das Wahlregister eintragen? Ist es Desinteresse? Misstrauen? Trägheit?
«Die Leute haben ein sehr geschäftiges Leben», versucht Royce Stuteville eine Erklärung, «Ihnen fehlt Zeit.» Dann nennt er andere Gründe, die er in den Gängen der New Yorker U-Bahn hört. «Die Wahlen sind unwichtig», zum Beispiel. Oder: «Meine Stimme verändert eh nichts.» Oder: «New York wählt sowieso demokratisch.» Oder: «Es ist keine Direktwahl. Ich habe keine Kontrolle darüber, für welchen Präsidenten die die Mitglieder des electoral college am Ende stimmen.» Letzteres ist eine bittere Lehre aus dem Urnengang des Jahres 2.000, als der Demokrat Al Gore die Mehrheit der WählerInnenstimmen im Land hatte. George W. Bush jedoch am Ende die Mehrheit der Stimmen des «Electoral College» bekam und Präsident wurde.
Royce Stuteville diskutiert über jedes Argument. «Wir brauchen mehr Motivation», sagt er allen, die an seinem Tisch Halt machen. Er gibt zu, dass New York am 6. November «höchstwahrscheinlich» demokratisch wählen wird. Was zugleich der Grund dafür ist, dass in dem Bundesstaat so gut wie kein Wahlkampf stattfindet. Sowohl RepublikanerInnen, als auch DemokratInnen konzentrieren ihr Geld, ihre Werbespots und ihr Personal auf das knappe Dutzend von «Swing States», wo der Wahl-Ausgang offen ist.
Der 23jährige studierte Philosoph Royce Stuteville ist bei der Studentenorganisation NYPIRG angestellt. Für sie zieht er seit September mit dem mobilen Registriertisch durch die Stadt. Am 25. September, dem «National Voter Registration Day», als allein in New York mehr als 8.000 Leute in derselben Mission unterwegs waren, hat die Gruppe immerhin mehr als 6.000 New YorkerInnen zum Eintrag ins Wahl-Register bewegt.
Das Wahlrecht in den USA ist kompliziert und in jedem Bundesstaat anders. Die Fristen, die Brief-Wahl-Möglichkeiten und die für eine Wahl nötigen Dokumente sind in Gesetzen geregelt, die von jedem einzelnen Bundesstaat verfasst werden. In den vergangenen Monaten haben viele Bundesstaaten mit republikanischer Mehrheit - nicht aber New York - ihr Wahlrecht verändert. Die meisten von ihnen verlangen nun Identitätspapiere mit Fotos. In dem riesigen Land, aus dem viele nie ins Ausland reisen, ist der Führerschein das wichtigste Foto-Dokument. Aber viele StudentInnen, alte Leute und Arme haben keinen Führerschein.
An der Subway Station Washington Square macht an diesem letzten Montag, an dem ein Eintrag ins Wahlregister von New York noch möglich ist, auch ein 48jähriger Afro-Amerikaner Halt. Beim Ausfüllen seines Antrags ist er konzentriert und angestrengt wie bei einer wichtigen Prüfung. «Ich habe noch nie im Leben gewählt», verrät er mir. «Warum?» frage ich zurück. «Weil ich eine criminal history habe», sagt er: «Ich war im Gefängnis. Dann hatte ich Bewährung.»
Beinahe 6 Millionen US-AmerikanerInnen haben ihr Wahlrecht zugleich mit ihrer gerichtlichen Verurteilung verloren. Besonders betroffen sind Afro-Amerikaner. 13 Prozent aller afroamerikanischen Männer haben nach Informationen des Brennan Center kein Wahlrecht. Diese Gruppe, die auch den höchsten Anteil der Gefängnisbevölkerung stellt, ist sieben Mal häufiger von Wahlrechtentzug betroffen als die US-AmerikanerInnen insgesamt.
Am 6. November dieses Jahres will Joseph zum ersten Mal in seinem Leben wählen. Roy Stuteville wird den von ihm ausgefüllten Antrag bei der Wahlbehörde abgeben. «Es war hart», sagt Joseph über die Jahrzehnte seines Ausschlusses vom Wahlrecht. «Bless you brother», ruft ihm ein anderer Afro-Amerikaner zu, der unser Gespräch am Registrier-Tisch verfolgt. Er hat sein ganzes Leben lang gewählt. Kürzlich ist er innerhalb New Yorks von Manhattan nach Brooklyn umgezogen. Deswegen muss er sich nun neu ins Register eintragen lassen.
Später erklärt er mir, dass er dem 48jährigen Erstwähler Joseph aus zwei Gründen gratuliert hat: Erstens, weil er seine «criminal history» hinter sich gelassen hat. Und zweitens, weil er künftig wählen will.
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