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Der erste "Science-Fiction-Roman" der abendländischen Literatur entstand am Genfersee, aus der Fantasie von Mary Woolstonecraft Shelley.
Angekurbelt wurde diese Fantasie von einem Vulkanausbruch, einem regnerischen Sommer, einem Schreibwettbewerb und Albträumen.
Mary Shelley wurde 1797 in London als Tochter von Schriftstellern geboren. Ihre Mutter, Mary Woolstonecraft, eine Vorkämpferin des Feminismus, starb an den Komplikationen nach der Geburt. Ihr Vater war William Godwin, ein Philosoph.
Mary wuchs auf in einer kulturell stimulierenden Umgebung. So erzählt man, dass sie 1803 anwesend war, als der Physiker Anthony Carlisle ihren Vater besuchte. Dabei erzählte Carlisle von den Galvanisierungs-Experimenten, die an den Körpern von gestorbenen zum Tode Verurteilten im Gefängnis von Newgate vorgenommen worden waren.
Sie dürfte sich daran erinnert haben, als sie mit 19 Jahren ihren "Frankenstein oder der moderne Prometheus" schrieb.
Ein Paradies und ein verregneter Sommer
Sehr früh floh Mary von zuhause mit dem genialen und rebellischen Dichter der Romantik, Sir Percy Bysshe Shelley. Nach verschiedenen wilden Fluchten quer durch Europa fanden sie schliesslich am Genfersee beim bekannten Dichter Lord Byron Zuflucht, in seiner Villa Diodati.
Aber das Wetter spielte nicht mit, der blaue Himmel wich Regen und Stürmen. Auch wenn im nachhinein der verregnete Sommer imaginär erscheinen mag, stimmt die Aussage dennoch. Die Regenfälle gehen auf einen Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora zurück.
Die Naturkatastrophe war derart stark, dass sie fast an einen nuklearen Winter heranreichte, mit Verdunkelungen und einer Abkühlung der Atmosphäre weltweit. Um sich die Zeit in jenen langen regnerischen Tagen abzukürzen, begannen die drei Schöngeister, sich gegenseitig deutsche Geister- und Gespenster-Geschichten vorzulesen.
Dabei diskutierten sie auch die wissenschaftlichen Experimente mit Elektrizität, die der Urgrossvater des Evolutionstheoretikers Charles Darwin, Erasmus Darwin, durchführte. Erasmus Darwin glaubte, mittels der Galvanisation auch tote Objekte ins Leben rufen zu können.
Aus einem Albtraum geboren
Vom gruseligen Moment inspiriert, kamen die drei wette-mässig überein, eine Horrorgeschichte zu schreiben. Alle schrieben Kurzgeschichten. Nur Mary schrieb einen langen Roman, aus dem dann sogar ein Mythos wurde.
Sie brauchte einige Monate, um ihn zu schreiben. Als sie die Schweiz schon wieder verlassen hatte, 1817, stellte sie ihr Manuskript fertig. Die Publikation ein Jahr später wurde sofort zum Erfolg.
Doch bei der Entstehung dieses Romans spielt noch ein weiteres, leicht übernatürlich erscheinendes Element eine Rolle, das mit dem Vulkanausbruch nichts gemein hat. Ein Albtraum, der sich eines Nachts in der Villa Diodati Mary Shelleys bemächtigte.
Sie lag wie in Trance im Bett: "Ich sah, mit geschlossenen Augen, aber doch als klare geistige Vision, einen bleichen Naturgelehrten, kniend vor dem "Ding", das er zusammenkonstruiert hatte", berichtet Shelley selber.
"Ich erblickte die schreckliche Silhouette eines liegenden Menschen. Und als eine Art kräftiger Motor zu Funktionieren begann, gab dieses Monster Lebenszeichen von sich, unbeholfene Bewegungen, fast menschlicher Art."
Shelley begriff, dass diese Szene, die zuerst sie derart in Schrecken versetzt hatte, auch zahlreiche Leserinnen und Leser zum Erschauern bringen würde.
Tragische Lebensgeschichten der Romantik
Nach dem helvetischen Idyll kam Unheil über Mary Shelleys Leben. Zuerst nahm sich ihre Stiefschwester Fanny das Leben. Auch die Ehefrau von Sir Shelley, Harriet, brachte sich um: Man fand sie tot, zusammen mit der Frühgeburt eines Babys von einem Geliebten.
Nach dieser Serie von Suiziden heirateten Mary und der Dichter Shelley in London. Doch der Skandal und der Groll der öffentlichen Meinung vertrieben sie nach Italien, wo sie eine kurze und schöne Saison teilten.
Sir Shelley starb 1822 frühzeitig, als er während einer Bootsfahrt zwischen La Spezia und Genua ertrank.
Schon 1819 hatte Mary ein Nervenzusammenbruch erlitten, nachdem ihr zwei Kinder früh gestorben waren. Von den vieren, die sie mit Shelley hatte, überlebte nur Percy. Wegen ihm raffte sich Mary auf und kehrte nach England zurück.
Dort engagierte sie sich sozial und beruflich als Schriftstellerin. Sie heiratete nie mehr.
Wegen ihres Antikonformismus hatte sie ihrer Lebtag gegen die Anfeindungen durch die Gesellschaft zu leiden. Sie starb 1851 an einer Krankheit, die sie schon seit mehreren Jahren geschwächt hatte.
swissinfo, Raffaella Rossello
(aus dem Italienischen von Alexander Künzle)
In Kürze
Viktor Frankenstein ist ein junger und ambitionierter Wissenschafter, der vom Tode seiner Mutter erschüttert ist.
Wie Prometheus, der den Göttern das Feuer gestohlen hatte, glaubt Frankenstein, übernatürliche Kräfte zu besitzen.
Er lässt Leben aus toten Leichenteilen entstehen.
Doch nachher stösst er das Monster von sich, dessen Schöpfer er ist.
Der Name "Frankenstein" dürfte auf ein Schloss in Deutschland zurückgehen, das Shelley während einer ihrer Reisen in Deutschland besucht hatte.
Nach ihrem Frankenstein verfasste Mary Shelley noch weitere Romane, Biografien, Reiseerzählungen und Novellen.
Sie sorgte sich auch um den Nachlass der Werke ihres Mannes Sir Percy Bysshe Shelley.
Fakten
1816: Mary Shelley ist Gast bei Lord Byron am Genfersee.
1818: Erste Publikation des Romans "Frankenstein".
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