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Mo, 17. Januar 2022, Niklas
Wie oft wünschte ich mir in Zeiten, in denen ich sehr aktiv in einigen Foren war, einfach mit einem nativen Programm darauf zugreifen zu können? Oder mit einer App? Die Webseiten waren oft altbacken und schlecht programmiert, und gerade auf alten Android Handys mit wenigen Megabyte RAM haben Webseiten echt keinen Spass gemacht. Da muss es doch irgendeinen Standard geben, der das alles vereinheitlicht und den Nutzer mit verschiedenen, quelloffenen Programmen darauf zugreifen lässt, dachte ich mir.
Es dauerte nun etliche Jahre, bis ich eher durch Zufall erfuhr, dass es etwas viel Besseres schon länger gibt, als die Foren, in denen ich aktiv war. Er nennt sich Usenet. Diesen Begriff haben bestimmt die meisten schon einmal gehört, aber besonders die Jüngeren wissen oft nicht, was sich dahinter verbirgt. Nun, das möchte ich heute ändern. Kurz gesagt: Das Usenet ist ein weltweites dezentrales Netzwerk mit Diskussionsbereichen zu allen möglichen Themen, vergleichbar mit einem einzigen riesigen Forum.
Das Usenet, ursprünglich Unix User Network, entstand 1979 als Verbindung zwischen zwei Unix Rechnern an zwei US-amerikanischen Universitäten. Es sollte eine freie Alternative zum Arpanet sein und einen freien Informationsaustausch über herkömmliche Telefonleitungen und das Unix to Unix Copy Protocol (UUCP) ermöglichen. 1986 wurde das Network News Transport Protocol (NNTP) veröffentlicht, mit dem über das Internet auf das Usenet zugegriffen werden kann.
Das Usenet ist dezentral organisiert. Es gibt viele verschiedene Newsserver, über die man darauf zugreifen kann. Sie sind untereinander verbunden, sodass die Server teilweise über gleiche Inhalte verfügen. Teilweise, weil nicht 100 % der Server miteinander verbunden sind. Dennoch ermöglicht dieses Konzept eine sehr gute serverübergreifende Kommunikation.
Als das Usenet in den 1990er Jahren seine grösste Beliebtheit hatte, hatten die meisten Internetanbieter eigene Newsserver, mit denen Kunden auf das Usenet zugreifen konnten. Dazu gehörten zum Beispiel die Deutsche Telekom und O2. Auch Microsoft hatte einen eigenen Newsserver. Es wurde dort als Support-Plattform eingesetzt, im Jahr 2010 allerdings durch ein Webforum ersetzt. Auch fast alle Internetanbieter haben ihre Newsserver inzwischen aufgegeben, die Deutsche Telekom bereits 2011 und O2 folgte Ende 2014.
Trotzdem lebt das Usenet bis heute weiter. Die Newsserver als Zugangspunkt werden heute in der Regel kostenlos von freiwilligen Hobbyadministratoren oder kostenpflichtig von auf das Usenet spezialisierten Unternehmen angeboten, jedoch nicht mehr als Nebenprodukt zum Internetzugang oder ähnliches. Die Teilnehmerzahlen sind zwar seit 2001 rückläufig, doch das Usenet hat nach wie vor eine treue Fangemeinde, die sich aktiv an Diskussionen beteiligt. Zudem werden manche Newsletter in das Usenet gespiegelt, zum Beispiel der des FreeBSD Projekts.
Um einen ungefähren Eindruck von der Grösse des Usenet zu bekommen, nennt Wikipedia Schätzungen von etwa 50000 bis 170000 Newsgroups verteilt über rund 6500 Newsserver. Genaue Zahlen sind aufgrund des dezentralen Aufbaus des Usenet nicht verfügbar. In vielen dieser Newsgroups ist jedoch kaum noch Aktivität vorhanden.
Wer Linux nutzt und sich darüber austauschen will, dem möchte ich die Newsgroup de.comp.os.unix.linux.misc empfehlen. Diese ist noch sehr aktiv, es gibt fast täglich neue Beiträge und eine aktive Diskussionskultur. Wer sich allerdings mehr für alternative Betriebssysteme wie BSD, Haiku, OpenIndiana, etc. interessiert, wird vielleicht eher enttäuscht sein. In den Newsgroups dazu gibt es bestenfalls alle paar Wochen mal einen Beitrag.
Auch zum Programmieren Lernen kann das Usenet eine grosse Hilfe sein. Unter de.comp.lang finden sich zu einigen beliebten Programmiersprachen sogar deutsche Diskussionsbereiche. Wer dort nicht fündig wird, hat unter comp.lang und alt.comp.lang eine noch viel grössere Auswahl an Programmiersprachen im englischen Diskussionsbereich.
Daneben hat das Usenet auch noch eine ganze Reihe von Kuriositäten zu bieten, wie im deutschsprachigen Raum etwa eine ziemlich aktive Fangruppe des Discounters Aldi oder ganze fünf Newsgroups zur Science-Fiction-Serie Star Trek. Das veranschaulicht aber gut das breite Themenspektrum des Usenet. Dort sind keineswegs nur IT-Nerds anwesend.
Ein grosser Vorteil des Usenet ist, dass es mit nativen Programmen genutzt werden kann. So kann es selbst auf älterer und weniger leistungsstarker Hardware problemlos genutzt werden. Ausserdem spart es Datenvolumen: Statt Forenwebseite mit Javascript, CSS und Bildern muss hier nur der Inhalt geladen werden, alles Weitere macht der Client selbst. Dieser bestimmt auch, wie das User-Interface auszusehen hat. So hat jeder die Möglichkeit, das Erscheinungsbild des Usenet durch die Wahl des Clients an seinen Geschmack anzupassen.
Ausserdem verzichtet das Usenet konsequent auf Werbung und Tracking. Viele Newsserver speichern nicht einmal Logs. Der Datenschutz ist also gesichert. Zudem bieten inzwischen die meisten Newsserver eine TLS verschlüsselte Verbindung an, sodass auch kein Dritter die Verbindung ausspionieren kann. Zu Anfangszeiten des Usenet gab es das noch nicht, heute ist es jedoch bei den meisten Netzwerkprotokollen Standard.
Fazit: Das Usenet hat auch heute noch einiges zu bieten, ob nützlich oder unterhaltsam. Ausprobieren lohnt sich. Es ist zwar im modernen Internet selten noch die Rede vom Usenet, trotzdem ist es innerhalb seiner Fangemeinde sehr beliebt und aktiv. Im Gegensatz zu vielen Foren ist es freie Software, auch Werbung und Tracking gibt es hier nicht.
Morgen werde ich erklären, wie man das Usenet benutzen kann, welche quelloffenen Newsreader es für verschiedene Plattformen gibt und welche freien Newsserver empfehlenswert sind.
Quellen:
- Usenet-Inhalte
- https://de.wikipedia.org/wiki/Usenet