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Ihre Malerei lässt eine Disposition für schnelles, situationsbezogenes und dem inneren Antrieb verpflichtetes malerisches Handeln erkennen. Katharina Grosses frühe Arbeiten leben vom Gegensatz zwischen der formalen Bildanlage und dem betont freien Umgang damit. Eine zentrale Rolle spielten dabei die Malbewegungen mit breiten Pinseln. Im Sommer 1998 sprühte Grosse in der Kunsthalle Bern grüne Acrylfarbe ohne Vorzeichnung direkt in eine Raumecke auf Wand und Decke. Es sollte die erste einer inzwischen kaum noch zu überblickenden Anzahl von in ihrer Existenz befristeten Sprüharbeiten sein, welche die Künstlerin seither weltweit in Galerien und Museen, aber auch im öffentlichen Raum realisiert hat.
Erstmals begegnet sind wir uns im Frühjahr des Jahres 1998 in Basel zwischen zwei Zügen. Katharina Grosse war auf der Durchreise. Die Einladung, eine Arbeit für den Projektraum der Kunsthalle Bern zu entwickeln, war bald ausgesprochen. Wenig später kam die Künstlerin nach Bern, um sich den Raum anzusehen. Ich wollte keine Leinwände ausstellen, soviel war schon bei unserem ersten Treffen vor Ort klar, alles andere entwickelte sich in den anschliessenden Monaten. Katharina Grosse arbeitete zuerst an einem Film, dann parallel an einem Projekt für eine Sprüharbeit. Ich besuchte sie in ihrem Düsseldorfer Atelier, um mit ihr erste Versuche zu besprechen. Zu sehen gab es ein kleines Kartonmodell des Raumes mit einem Farbfleck aus der Sprühdose und eine gesprühte dunkelgrüne Malerei auf Wand und Decke, deren Zauber und Pathos ich mich nicht entziehen konnte: Ein grüner Fleck, wie ihn ein Kind mit einem dicken Filzstift malen würde. Generationen von Künstlern haben in ihren Werken nach Antworten auf die Fragen nach der Bestimmung der Malerei, nach möglichen malerischen Verfahren und der Rolle des Künstlers gesucht. Sollte es Katharina Grosse wirklich gelungen sein, die Malerei neu zu erfinden, indem sie den malerischen Prozess als performativen Vorgang im Raum abbildete? Obgleich der Film schon weit entwickelt war, entschieden wir uns, die Sprüharbeit zu zeigen.
1999, im Jahr nachdem Grosse mit der Sprühpistole zu arbeiten begonnen hatte, verwandelte sie in Amden zwei dunkle Stallungen, die zuvor nie für Ausstellungen benutzt worden waren, in Orte für Malerei, ohne deren ursprünglichen Zweck zu verändern oder zu verstecken. Die beiden Räume wurden in jenem baulichen Zustand belassen, in dem sie die Künstlerin bei ihrer ersten Ortsbegehung im Winter vorgefunden hatte. Grosse beauftragte einen lokalen Handwerker mit Einbauten, die den Lichteinfall in den niedrigen Räumen thematisierten, und sprühte in diese Strukturen je einen Farbton. Wahl und Verwendung der Farbe folgten keinen inhaltlichen Vorgaben, erwünscht war der betont freie Zugriff auf Bildanlage und Farbe. Eine Zwischendecke aus Gips im einen und eine von der Decke hängende Raumecke aus Karton im anderen Gebäude bildeten die Träger, auf denen die Künstlerin mit Farbe arbeitete. An der Decke dehnte sich Orange über die ganze Fläche aus, auf dem eingebauten Raumsegment nahm das Rot die Form einer Figur an. Die Dimensionen von Haus, Einbau und Gemälde lagen sehr nahe beieinander; alle Elemente waren auf einen Blick erfassbar. Katharina Grosse spricht rückblickend von einem Eindruck, der beim Betrachten ihrer Arbeit entstanden sei, als treffe »ein Haus auf ein Bild gleicher Grösse«. Diese Wirkung wurde durch die isolierte Lage der Stallungen und die Weite und Erhabenheit der umgebenden Berglandschaft noch gesteigert. Tatsächlich fand beim Betreten der einzimmrigen Gebäude eine extreme Massstabsverschiebung statt. Der massiv gebaute, über Generationen bewirtschaftete Gaden und die leuchtende Malerei schienen für einen Augenblick ein und derselben fiktiven Ordnung anzugehören.
– Roman Kurzmeyer