Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03486.jsonl.gz/1537

Verhaltenstherapie beim Hund - Teil 1 / 3
In dieser 3-teiligen Serie befassen wir uns mit der Verhaltenstherapie beim Hund. Wir klären, wie Verhaltensprobleme entstehen können und welche Details für eine fachgerechte Analyse, Diagnosestellung und schliesslich für die Erstellung eines Therapieplans anhand lerntheoretischer Grundsätze und medizinischer Massnahmen erforderlich sind.
Verhaltensprobleme beim Hund - was ist darunter zu verstehen und wie können sie entstehen?
Das Zusammenleben mit einem Hund gestaltet sich leider nicht immer so harmonisch wie man es sich anfänglich vorgestellt hat.
Als Verhaltensprobleme werden landläufig Verhaltensweisen angesprochen, bei denen der Hund ein „als problematisch angesehenes“ Verhalten an den Tag legt.
Konkret fügt er in verschiedenen Abstufungsformen sich selbst, Mitgliedern der Familie, anderen Menschen oder Tieren Schaden zu oder „stört“ allenfalls auch nur.
Im Zusammenleben werden in all diesen Fällen jedoch mehr oder weniger langanhaltende Belastungen erlebt.
Verschiedene Begriffe rund um Verhaltensprobleme
Aus fachlicher Sicht grenzt man drei Begriffe und Schwerestufen voneinander ab:
Unerwünschtes Verhalten
Der Hund verhält sich hier nicht so wie der Tierhalter es erwartet oder sich erhofft hatte. Die Verhaltensweise selbst ist aber Bestandteil des Normalverhaltens von Hunden.
Beispiele: Jagdverhalten, Anspringen, Wälzen in üblen Gerüchen, Kotfressen etc.
Problemverhalten
Hierunter zählen Verhaltensauffälligkeiten, die nicht nur aus einer individuellen Betrachtungsweise „störend“ sind. Diese Verhaltensweisen erfüllen den Tatbestand von Leid. Dieses kann emotionaler Natur sein (z.B. Angst) oder mit körperlichen Ursachen verknüpft sein (z.B. Reaktion auf Schmerzen, bakterielle Infektionen, die eine Unsauberkeit begünstigen etc.).
Beispiele: Geräuschangst, Trennungsangst, bestimmte Formen aggressiven Verhaltens, Unsauberkeit etc.
Verhaltensstörung
Bei Verhaltensstörungen handelt es sich um abnorme Verhaltensweisen. Sie werden grundsätzlich als krankhaft klassifiziert. Es gibt beim Auftreten dieser Verhaltensweisen keinen normalen oder (etho-)“logischen“ Auslöser für die gezeigten Reaktionen. Das bedeutet, die überwiegende Mehrzahl aller Hunde würde in der gleichen Situation dieses Verhalten nicht zeigen. Allenfalls ist das Verhalten nicht einmal Bestandteil des sogenannten gesamthaften Verhaltenskatalogs (Ethogramms) von Hunden.
Beispiele: Sich während einer längeren Zeitspanne wiederholt in engen Bögen im Kreis zu drehen, auf der Jagd nach imaginären „Fliegen“ in die Luft zu schnappen, sich selbst Wunden zuzufügen etc.
Psyche oder Körper?!
Laut Definition ist „Verhalten“ all das, was wir im Hinblick auf die Reizbeantwortung an Reaktionen beobachten oder messen können. Wichtig zu wissen ist, dass Verhalten nicht aus sich selbst heraus entsteht. Es handelt sich vielmehr um eine Antwort auf innere oder äussere Reize.
Merke: Verhalten ist die Antwort auf die Gesamtheit aller Reize, die auf den Hund einwirken.
Die 4 Konfliktstrategien eines Hundes
Fühlt sich ein Hund bedroht, stehen ihm vier Möglichkeiten offen, die aus dem Englischen übernommen, »die 4 F der Verhaltensreaktion« genannt werden:
- Fight (Angriff, Kampf)
- Flight (Flucht)
- Freeze/Faint (Schreckensstarre, Ohnmacht, Ausdruck einer erlernten Hilflosigkeit)
- Flirt/Fiddle about (Beschwichtigungsgesten, Spielangebote, anbiederndes Verhalten)
Wahrnehmung der Belastung
Fragt man Hundehalter, was sie im Zusammenleben mit ihrem Hund am meisten stört oder belastet, benennen sie „ängstliches“ oder „aggressives“ Verhalten am häufigsten. Soweit so logisch. Beides führt schliesslich in nachvollziehbarer Weise zu erheblichen Belastungen. Von fachlicher Seite her gesehen sind diese Antworten jedoch zu differenzieren!
Die Begriffe Angst, Unsicherheit, Furcht, Panik, Phobie beschreiben einen gefühlsmässigen Zustand bzw. eine Emotion. Aggression oder »sich aggressiv zu verhalten« hingen beschreibt eine Verhaltensreaktion. Angst und Aggression befinden sich demnach nicht auf einer Ebene! Dies spielt bei der Analyse des Problems und auch bei der Auswahl der Therapiemassnahmen eine wesentliche Rolle.
Ursachen von Verhaltensauffälligkeiten
Jedes Individuum strebt, angetrieben durch seinen Selbstschutzmechanismus, danach, im grösstmöglichen Wohlbefinden durchs Leben zu gehen. Im Idealfall wäre es also dauerhaft frei von negativen Emotionen, Schmerzen oder anderen schädlichen Einflüssen.
Gerät der Körper aufgrund eines (schädigenden) äusseren oder inneren Reizes aus der Homöostase (Balance) kommt es zur Gegenregulation. Im Körper ist die sogenannte Stresskaskade aktiviert. Der gemeinsame Nenner aller Verhaltensauffälligkeiten ist somit eine negative Stressbelastung.
Eine negative Stressbelastung liegt für den Hund dann vor, wenn er für den entsprechenden Reiz keine Lösungsstrategie kennt. Genau wie die Belastungen selbst beziehen sich auch die Lösungsstrategien auf „innen“ und „aussen“.
Als Beispiel für eine innere Lösungsstrategie wäre die Immunreaktion des Organismus zu nennen, wenn dieser etwa durch Krankheitserreger belastet wird. Eine Lösungsstrategie, als Antwort auf äussere Reize, wäre beispielsweise eine gezielte Verhaltensanpassung anhand bereits abgespeicherter Lernerfahrungen.
Übersicht über mögliche Ursachen für Verhaltensauffälligkeiten
Genetik
Der Hund weist genetisch codierte Eigenschaften (Veranlagungen) auf, die in der Umwelt, in der er lebt, zu Problemen führen.
Beispiele:
- Rassewahl passt nicht zum Lebensstil/Lebensumfeld der Hundehalter
- Krankheitsdispositionen, die dem angestrebten Leistungsziel entgegenstehen
- Genetisch codierte Ängstlichkeit
Zucht und Aufzucht
Mangelnde Zuverlässigkeit und/oder Kontrolle bei der Auswahl der Elterntiere im Hinblick auf Gesundheit und Charakter.
Mangelnde Förderung der Welpen (Defizite in der Sozialisation und Habituation).
Beispiele:
- Streuung von Krankheitsdispositionen
- Streuung von Stress- oder Frustintoleranz
- Schlechte Anleitung der Welpen, wenn die Mutterhündin Verhaltensauffälligkeiten zeigt (Nachahmungslernen)
- Stress und Ängste durch mangelnde Förderung und/oder Überforderung
Gesundheit
Der Hund leidet unter einer oder mehreren Grunderkrankungen, die zu der Verhaltensauffälligkeit führen oder diese begünstigen.
Beispiele:
- Das angestrebte Leistungsziel entspricht nicht den körperlichen oder mentalen Möglichkeiten des Hundes.
- Durch den Einsatz von Strafen nimmt der Hund körperlich (Verletzungen) oder psychisch (z.B. Druck in der Ausbildung) Schaden.
Soziales Umfeld und Pflege
Die Haltungsform, der Umgang mit dem Hund, die angewandten Pflege- bzw. Managementmassnahmen sind nicht tierschutzkonform.
Beispiele:
- Häufige oder langanhaltende soziale Isolation
- Ruppiger und körperlich manipulativer Umgang
- Einsatz schmerzhafter oder anderweitig schädlicher Pflege- oder Managementmassnahmen
Training
Der Trainingsansatz ist im Sinne des Tierwohls und einer sicherheitsbewussten Problemlösung schlecht gewählt oder fachlich nicht korrekt.
Beispiele:
- Mangel an lerntheoretisch orientierter Struktur
- Einsatz von nicht tierschutzkonformen Techniken und Hilfsmitteln
- Strafbasiertes Training, speziell ohne vorherigen Aufbau einer für den Hund erfolgreichen Lösungsstrategie
Vorsicht vor Fehlinterpretationen
Wichtig zu wissen ist, dass Hunde kein Verhalten „für uns Menschen“ zeigen. Ihr Verhalten ist an die Details der jeweiligen Situation (Gesamtheit aller inneren und äusseren Reize) gebunden. Wenn Hunde also Verhaltensweisen zeigen, die uns stören, die problematisch oder sogar gefährlich sind, geht es ihnen nicht darum, sich an uns Menschen zu rächen oder anderweitig in die Verzweiflung zu treiben.
Gleiches gilt jedoch auch für Verhaltensweisen, die wir als positiv wahrnehmen. Schnell keimt hier der Glaube auf, dass dies ggf. ein Ausdruck von Dankbarkeit oder Ähnlichem wäre. Beides ist eine Fehlinterpretation.
Unterm Strich geht es bei der Verhaltenssteuerung um zwei banale Dinge: die Bedarfsdeckung und die Schadensvermeidung. Erscheint eins dieser beiden Ziele „gefährdet“, wird als Gegenregulation die Stressreaktion in Gang gesetzt.
Auswirkungen von Stress
„Stress“ wird durch Hormone gesteuert. Eines dieser Hormone ist Cortisol. Eine hohe Cortisolausschüttung führt zu einer auch ganz kurzfristig abrufbaren deutlich gesteigerten Leistungsbereitschaft. Sie dient dem Tier als Schutzmechanismus. Der Hund ist in der Lage, schneller, kräftiger und in jeder Form heftiger zu reagieren.
Genau hier liegt jedoch auch ein Teil des Problems, denn bedingt durch die gleichzeitige Ausschüttung eines anderen Hormons, dem Noradrenalin, ist der Organismus in Stresssituationen auf Handeln und nicht länger auf Denken gepolt. Die Quittung sind in diesem Fall nicht selten affektive Kurzschlusshandlungen. Ihr Auftreten ist umso wahrscheinlicher, wenn der Hund zuvor keine (durch etliche Wiederholungen gefestigte) positive Lösungsstrategie für die entsprechende Situation erlernt hat.
Regenerationsmöglichkeiten sind wichtig
Ein anderer negativer Aspekt einer generell zu hohen oder häufig auftretenden Stressbelastung ist der Mangel an Regenerationsmöglichkeiten.
Für die Regeneration benötigt der Hund Zeit zur vollständigen Entspannung, das Gefühl von Sicherheit sowie die Möglichkeit zu schlafen und in Ruhe Futter aufnehmen zu können.
Wird ihm dies (in schneller Folge oft hintereinander oder für einen einzigen jedoch langen Zeitraum) verwehrt, gerät der Körper des Hundes im Hinblick auf die ihm zur Verfügung stehenden Kraftressourcen zunehmend ins Hintertreffen.
Bild: C. Wagner
Stress kann auch langfristige Folgen nach sich ziehen
Der Entstehung von Krankheiten sind Tür und Tor geöffnet. Woran der Hund als erstes erkrankt, ist individuell unterschiedlich. Sein „schwächstes“ Organsystem nimmt als erstes Schaden.
Genau wie bei vielen Menschen, die unter einer zu hohen Stresslast leiden, manifestieren sich gesundheitliche Probleme auch beim Hund häufig zuerst im Bereich des Verdauungstraktes (Magenschmerzen, Erbrechen, Durchfälle) oder in der Haut (stumpfes Fell, hoher Haarverlust, Hautentzündungen). Auch Beeinträchtigungen der Fruchtbarkeit sind keine Seltenheit.
Kurz zusammengefasst
Wenn der Organismus einer individuell zu hohen Stressbelastung körperlich oder psychisch nicht standhalten kann, äussert sich dies in Verhaltensauffälligkeiten, die wir je nach Sachlage als unerwünscht, problematisch oder gar pathologisch einstufen.
Die gesamte Serie "Verhaltenstherapie beim Hund" lesen
Wir sind uns bewusst, dass die einzelnen Beiträge dieser Serie etwas länger ausfallen als gewohnt. Doch dieses wichtige Thema liegt uns ausserordentlich am Herzen und für das gute Verständnis der Zusammenhänge wollten wir die Serie nicht noch weiter aufteilen.
Es lohnt sich sehr alle 3 Teile zu lesen:
Dieser Beitrag wurde geschrieben von Celina del Amo, Lupologic GmbH Hundeherzlichen Dank!