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Erste Nennungen von Ä.n im Gebiet der Schweiz datieren in das SpätMA. In dieser Zeit und in der frühen Neuzeit war die Zahl der studierten Ä. indes sehr klein. Sie lebten meistens in den Städten, später auch in Landstädtchen, kaum jedoch auf der Landschaft. Das Gros der männl. Heilpersonen in Stadt und Land bildeten hingegen die Handwerkschirurgen. Verbindungen der beiden Berufsgruppen ergaben sich erst gegen Ende des 18. Jh. Im ausgehenden 19. Jh. dann wurde der Arztberuf auch für Frauen zugängl.
Die Ärzteschaft gehört heute zu den sog. freien Berufen, die gesellschaftl. besondere Anerkennung geniessen und sich durch eine hohe Autonomie in der Berufsausübung auszeichnen. Diese Position errang die Berufsgruppe in einem lange dauernden Prozess der Professionalisierung (Beruf), der in Teilen bereits in frühester Neuzeit begann und in dem sich aus den versch. Gruppen männl. Heiler der moderne, der sog. Schulmedizin verpflichtete Ärztestand entwickelte (Medizin). Häufig wurde dieser Wandel vom Staat aktiv unterstützt, in der 2. Hälfte des 18. Jh. z.B. durch die teilweise Verwirklichung des Konzepts einer Gesundheitspolizei (Gesundheitswesen), im 19. Jh. durch den Aufbau von staatl. Ausbildungsstätten.
Die Ä. des SpätMA und der frühen Neuzeit stammten fast ausschliessl. aus regimentsfähigen Familien. Nach der Absolvierung städt. Lateinschulen wurde ein Stud. in Basel (ab 1460), in Italien, Frankreich und Deutschland, im 17. und 18. Jh. häufig auch in den Niederlanden absolviert. Für die gesellschaftl. Stellung war die berufl. Kompetenz weniger relevant als die wirtschaftl. Lage, die weltmänn. Erfahrung, der Zugang zu den exquisiten Zirkeln der Gesellschaft sowie der Status, den eine Fam. genoss. Immerhin waren die Ä. an der wiss.-humanist. Entwicklung der frühen Neuzeit beteiligt, so etwa Paracelsus, Konrad Gessner, Felix Platter, Albrecht von Haller, Johann Jakob Scheuchzer und Auguste Tissot.
Das Berufswissen der praktizierenden Ä. änderte sich durch die wiss. Entdeckungen der frühen Neuzeit nicht erheblich. Immerhin kann auch in der Schweiz im Anschluss an das in Basel gedruckte Werk "De humani corporis fabrica libri septem" (1543) von Andreas Vesalius in der Handwerksmedizin eine stärkere Hinwendung zur Anatomie festgestellt werden, die im 18. Jh. auch zu einer "Chirurgisierung" der inneren Medizin führte. Im Grundsatz fand vor dem 19. Jh. aber kein Wandel des Berufswissens statt, was in der andauernden Vorherrschaft der Säftelehre (phlogist. Theorie) zum Ausdruck kam. Im ausgehenden Ancien Régime gelangten vermehrt innovative Elemente zum Durchbruch, etwa die Einführung der Statistik, die gegenseitige Annäherung von Medizin, Geburtshilfe und Chirurgie sowie Analyse und Vergleich von Krankengeschichten. Der fundamentale Wandel des Berufswissens fand aber erst Mitte des 19. Jh. statt: Die naturwiss. Ausrichtung brachte ab etwa 1850 das exklusive Expertenwissen, das die Professionen kennzeichnet.
Obwohl das Berufswissen also nicht als Impulsmerkmal der Professionalisierung gelten kann, fanden wichtige Änderungen im Bereich der Ausbildung statt. Nachdem die bereits erw. Hinwendung zur Anatomie auch die schweiz. Ausbildung ergänzt hatte (z.B. in Bern 1735, in Zürich öffentl. Vorlesungen ab 1686, Einrichtung eines anatom. Theaters 1741), entstand dank den Einflüssen der Aufklärung auch für die Medizin eine neue Ausbildungskonzeption. In Zürich gründeten aufgeklärte Ä. 1782 das medizin.-chirurg. Inst., das der Verbesserung der wiss. Bildung von Stadt- und Landärzten diente; ein ähnl. Inst. öffnete 1797 in Bern seine Tore. Beide wurden zu Fakultäten der neu gegr. Akad. bzw. Univ. (Akad. Bern 1805, Univ. Bern 1834, Univ. Zürich 1833). In der Westschweiz wurden medizin. Fakultäten 1876 in Genf und 1890 in Lausanne gegründet. Eng verknüpft mit der Akademisierung war auch die Intensivierung der Berufstätigkeit: Während in der frühen Neuzeit die meisten Heiler Nebenberufe ausübten, konzipierten die akadem. gebildeten Ä. auch auf der Landschaft an der Wende zum 19. Jh. ihre Tätigkeit mehr und mehr als Vollberuf. Dies ist nicht zuletzt als Amortisation der länger und teurer gewordenen Ausbildung zu verstehen.
Die um 1800 in den städt. und stadtnahen Gebieten erfolgte Entwicklung zum akadem. und vollberufl. Arzt hatte Rückwirkungen auf den sozialen und wirtschaftl. Status. Ä. -- auch auf der Landschaft -- gehörten ab der Mitte des 19. Jh. wegen ihrer Ausbildung und Zugehörigkeit zum Bürgertum zur gesellschaftl. Elite. Am Übergang vom Ancien Régime zur bürgerl. Gesellschaft gehörte auch die liberale polit. Gesinnung zum Habitus des Arztes. Waren die Ä. vor 1800 als weltmänn.-gebildete Berufsleute häufig aufgeklärt, als Mitglieder des städt. Regiments aber nur in Grenzen reformfähig, so entwickelten sich die medizin. Berufsvertreter an der Wende zum 19. Jh. meist zu entschiedenen Vertretern der bürgerl.-liberalen Partei. In Zürich gehörten beispielsweise überdurchschnittl. viele Ä. zur helvet. wie auch in den 1830er Jahren (Ustertag) zur liberalen Reformbewegung.
Nach dem endgültigen Sieg der bürgerl. Kräfte durch die Schaffung des Bundesstaates von 1848 zogen sich die Ä. mehr und mehr von ihrer gesellschaftl.-polit. Führungsrolle zurück und überliessen diese den Juristen, deren Professionalisierung in der Schweiz übrigens eindeutig später eingesetzt hatte. Die Ä. zogen sich häufig ins Privatleben zurück, wandten sich der nach 1850 rasant sich entwickelnden medizin. Wiss. zu oder engagierten sich in volksaufklärer. Weise (u.a. Hygiene, Moral).
Ein wichtiger Aspekt von Professionalisierung ist die Selbstorganisation einer Berufsgruppe. Gleichzeitig zum allg. polit. Engagement der Ä. entstanden in Überwindung des zünft. Korporationswesens erste Berufsvereinigungen neuen Typs. 1788 gründeten aufgeklärte Ä. (darunter führend Johann Heinrich Rahn) die erste schweiz. Standesges., die Helvet. Ges. correspondierender Ä. und Wundärzte. Diese statuierte in Vorwegnahme bürgerl. Gesellschafts- und Rechtsvorstellungen die Rechtsgleichheit der Mitglieder, nahm aber gleichzeitig den Ausschluss "vor"-wiss. gebildeter Berufskollegen vor. Nach der Kantonalisierung der Politik in der Mediationszeit entstanden in den Kt. Standesges. mit jeweils gleichen Funktionen (Aargau 1805, Bern 1809, Zürich 1810, Luzern 1811 usw.). Die kant. Ausrichtung dieser Standesges. blieb trotz entgegengesetzter Bestrebungen (z.B. Ignaz Paul Vital Troxler) auch nach der Gründung des Bundesstaates bestehen. Sie konnte erst in den 1860er und 70er Jahren überwunden werden, in denen sich auch die eidg. Freizügigkeit der Ä. durchsetzte (Konkordat 1865, Bundeskompetenz in der Bundesverfassung von 1874, Gesetz 1877). In dieser Zeit entstanden auch erste interkant. Zusammenschlüsse: 1867 die Société médicale de la Suisse romande, 1870 der Ärztl. Centralverein (Deutschschweiz). Die Gründung der gesamtschweiz. Ärztevereinigung erfolgte erst 1901 durch die Foederatio Medicorum Helveticorum (FMH).
Gegen Ende des 19. Jh. kann die Professionalisierung der schweiz. Ärzteschaft und die damit verbundene Positionierung als Gesundheitsexperten und als Teil der akadem. Elite der Gesellschaft als abgeschlossen gelten. Zwar gelang die Beherrschung des Gesundheitsmarktes nicht stetig und auf Dauer, wie etwa die Abschaffung des Impfzwangs Ende des 19. Jh. oder die Zulassung von Chiropraktik und Psychotherapie im 20. Jh. zeigen. Auch die gesellschaftl. Stellung blieb nicht unangefochten, was in intensiven öffentl. Debatten über Kunstfehler oder ärztl. Einkommen zum Ausdruck kommen kann. Zudem gefährdet auch die zunehmende Spezialisierung die Einheit und damit die Position des Ärztestandes. Dennoch gilt der Arztberuf mit Recht als Musterbeispiel einer gelungenen Professionalisierung. Die Errungenschaften der Berufsgruppe konnten bis heute weitgehend erhalten werden, wenn auch Ende der 1990er Jahre mit dem polit. Versuch der Kostenlimitierung die Ärztehonorare unter Druck geraten sind.
Literatur
– E. Olivier, Médecine et santé dans le Pays de Vaud, 4 Bde., 1962-63
– R. Braun, «Zur Professionalisierung des Ärztestandes in der Schweiz», in Bildungsbürgertum im 19. Jh., Tl. 1, hg. von W. Conze, J. Kocka, 1985, 332-357
– J. Bachelard, Les médecins vaudois en 1985, 1987
– S. Brändli, "Die Retter der leidenden Menschheit", 1990
– D. Puenzieux, B. Ruckstuhl, Medizin, Moral und Sexualität, 1994
– A. Bosson Histoire des médecins fribourgeois (1850-1900), 1998
Autorin/Autor: Sebastian Brändli