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South Georgia
Stephen Venables, Bath GB
Die britische Insel Südgeorgien in der Antarktis Der Mount Paget von King Edward Point, dem Verwaltungszentrum von South Georgia, aus Sir Ernest Shackleton oder die Erhabenheit des Misserfolgs Die Engländer haben viele seltsame Angewohnheiten - so leben sie etwa in kalten Häusern, ihr Essen ist ungeniessbar, sie lieben Tiere bis zur Besessenheit und gelten als fremdenfeindlich. Allerdings: sie haben auch sympathische Seiten; so kultivieren sie mit Leidenschaft ihre Gärten, und zur Literatur haben sie viel beigetragen. Last but not least weist England eine lange Tradition in der Polarforschung auf. Aus der Sicht der Briten müssen selbstverständlich die heldenhaften Versager als die grössten Polarforscher betrachtet werden. Der grösste unter diesen war Sir Ernest Shackleton. 1915 gelang es ihm wegen des gefrorenen Meeres nicht, Fuss auf das antarktische Festland zu setzen, und sein Traum von der Durchquerung des eisbedeckten Kontinents blieb unerfüllt. Sein anschliessendes Entkommen war eines der grössten Abenteuer aller Zeiten. Monatelang trieben er und seine Männer auf der eisigen Weddell Sea. Ihr Schiff, die , zerbarst und sank, so dass sie auf dem Eis campieren mussten. Es folgte schliesslich seine tollkühne Landung auf Elephant Island.
Im April 1916 erreichten Shackletons Erlebnisse ihren Höhepunkt: Er liess 22 Männer auf Elephant Island zurück und schiffte sich mit fünf Gefährten ein, um Hilfe zu holen. Die einzige Hoffnung auf Rettung bestand darin, zu den Walfangstationen in Südgeorgien zu gelangen. Dazu mussten sie aber 1200 Kilometer durch das stürmischste Meer der Welt in einem sieben Meter langen, offenen Boot nach Nordosten vordringen. Die Mannschaft überstand die sech-zehntägige Fahrt und legte bei einem infernalischen Sturm von Windstärke 10 an der Südküste von Südgeorgien an. Von hier aus mussten die drei stärksten Männer, Shackleton, Worsley und Crean, 40 Kilometer über unbekannte, noch nicht kartographierte Gletscher marschieren, um die nächste menschliche Siedlung, Stromness, an der Nordküste zu erreichen. Ihre spärliche alpinistische Ausrüstung bestand aus einem kurzen Stück Hanfseil, einer Zimmermannsaxt und einigen Schiffsnägeln, die in die Sohlen ihrer zerfetzten Stiefel eingeschlagen waren.
Sie wussten nur allzugut, dass die einzige Hoffnung auf Rettung im Erreichen von Stromness lag. Sonst würden sie und ihre Gefährten trostlos auf den Gletschern zugrunde gehen. Aber Shackleton, der Seemann aus Berufung, setzte sich auch als Bergsteiger durch und schlug sich nach Stromness durch. Die drei Gefährten, die an der Südküste zurückgeblieben waren, wurden per Schiff abgeholt. Schliesslich gelang auch die Rettung der 22 Männer, die auf Elephant Island gewartet und sich zuletzt nur noch von Napfschnecken ernährt hatten.
20 Grytvikenbt Andrew's Bay Mount Kling Royal Bay A Vogel Peak Mount Carse Die Stirn des Norden-skjöldgletschers in der Cumberland Bay 1982 lenkte die unbewilligte Landung argentinischer Soldaten, die sich als Altei-senhändler ausgaben, auf der Insel die öffentliche Aufmerksamkeit wieder auf Südgeorgien und löste einen bizarren Krieg aus. Eine wichtige Rolle in diesem sinnlosen Konflikt spielte die zu Ehren von Shackletons verlorenem Schiff so getaufte
Von den Streitkräften unterstützte Expedition Die Expedition nach Südgeorgien hatte ich zusammen mit meinem Freund Julian Freeman-Attwood geplant, der die Berge des fernen Südens seit langem besuchen wollte. Auch in meinen Gedanken geisterte Südgeorgien schon seit Jahren herum -nun nahm dieser einst vage Traum plötzlich Gestalt an. Nachforschungen ergaben, dass der höchste Berg, der Mount Paget ( 2934 m ), schon bestiegen war. Viele der Gipfel, die sich auf der Insel erheben, waren aber noch unberührt. Weder Julian noch ich besassen allerdings eine Privatyacht, und eine kommerzielle Kreuzfahrt konnten wir uns auch nicht leisten. So bestand unser grösstes Problem darin, wie wir auf die Insel gelangen würden. Glücklicherweise konnten wir schliesslich dank unserer guten militärischen Beziehungen die 1300 Kilometer lange Seefahrt von den Falklandinseln nach Südgeorgien auf der
kapitän gewährte uns fünf Plätze, und so konnten wir drei weitere Teilnehmer mitnehmen: Lindsay Griffin, einer der erfahrensten und meistgereisten britischen Bergsteiger, Brian Davison, von Beruf Glaziologe und leidenschaftlicher Bergsteiger, und schliesslich Kees't Hooft, ein holländischer Filmemacher, dessen Fernsehdokumentarfilm unsere Expedition finanzieren sollte.
Kurs auf die Salvesen Range Der Beginn unserer Reise zum Südende der Insel war ein einmaliges Erlebnis: Die Sonne funkelte auf dem türkisblauen Wasser, und im saphirblauen Himmel türmten sich riesige, vom Wind geformte Wolken über der gleissenden Eisfläche des Nor-denskjold Glacier auf. Wir erblickten die Wände und Grate der Gipfel, die das Rückgrat der Insel bilden. Später, als wir der Küste entlangwanderten, begegneten wir erstmals den Einwohnern von Südgeorgien -den Millionen von Robben, Pinguinen und Sturmvögeln, die hier Jahr für Jahr zusammenkommen, um auf den eisfreien, von üppigem Gras bewachsenen Stränden und Klippen zu brüten. Genau um dieses einzigartige, einmalige Zusammentreffen von Bergen, Meer und Tierwelt zu erleben, hatten wir die lange Reise überhaupt auf uns genommen!
Wir waren allerdings auch zum Bergsteigen nach Südgeorgien gekommen: Shackleton hatte die Insel an ihrem nordwestlichen Ende gequert. Seine Route war in den sechziger Jahren wiederholt worden, wobei einige der Gipfel der mittleren Kette, einschliesslich des Mount Paget, bestiegen wurden. Aber in der Salvesen Range am Südzipfel der Insel war noch sehr wenig unternommen worden, so dass uns dieses Gebiet als günstiges Tourenziel erschien. Wir wollten - wenn möglich - die Besteigung des höchsten noch jungfräulichen Gipfels, des Mount Carse, versuchen.
Unser Eingangstor zum Süden war der Ross Pass, eine der wenigen natürlichen Scharten in der Bergkette. Zuerst mussten wir allerdings bis zur Royal Bay entlang der Küste wandern. Dazu benötigten wir zwei Tage; auf dem Weg konnten wir eines der eindrucksvollsten Schauspiele der Natur bewundern: die Brutstätte der Königspinguine an der St. Andrew's Bay. Später, auf dem Heimweg, verbrachten wir einige Tage an diesem Ort: Diese Vögel, deren Gefieder nach dem Urteil eines früheren Forschers nur von dem des Pfaus übertroffen wird, faszinierten uns. Beim ersten Anblick waren wir allerdings allein schon von der unabsehbaren Menge überwältigt. Man schätzt, dass sich 30000 bis 100000 Tiere vom geneigten Strand bis auf den darunter- See-Elefanten in der Royal Bay - vom Wind, der mit voller Wucht Gischt über das Wasser bläst, nehmen sie keine Notiz.
liegenden Gletscher zusammendrängen. Der Geruch ist eine Mischung zwischen Fischfabrik und Geflügelfarm, und der Lärm ist ohrenbetäubend. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie die Vögel nach dem täglichen Fischfang ihren Partner in diesem unglaublichen Gewimmel wiederfinden.
Freundlicherweise hatte der Helikopterpilot von der « Endurance ) beinahe unseren ganzen Vorrat in der Royal Bay deponiert. Unser Gepäck erwartete uns neben einer alten Hütte, die Forschern gedient hatte. In den folgenden Tagen beförderten wir die Ladungen um die Bucht zum Ross Glacier und hinauf zum Ross Pass, wo wir unser Hauptlager erstellen wollten. Das launische ozeanische Wetter von Südgeorgien spielte uns arg mit: Manchmal war es sanft, dann wieder liess es seine Wut mit Sturmböen an uns aus; die Böen legten unsere Zelte flach und trieben uns Sand ins Gesicht, während wir uns mit unseren schweren Ladungen abmühten. An einem Tag war der Strand trocken, am nächsten war er voller Eis- blocke, die von der Brandung herumgeworfen und abgeschliffen wurden.
Falls ich je nach Südgeorgien zurückkehren sollte, werde ich eine Pulka mitnehmen und mich mit ihr wie mit einem mobilen Heim über die Gletscher fortbewegen. 1989 zwang uns die Ungewissheit über die Transportmöglichkeiten zu Kompromissen in Sachen Ausrüstung. Darüber hinaus veranlasste sie uns zum Operieren von einem festen Stützpunkt am Ross Pass aus. Nachdem ein Zelt bereits vom Wind zerstört worden war, entschlossen wir uns, eine Schneehöhle als Standquartier zu bauen. Den ersten Versuch machten wir in der Wand einer riesigen Schneeverwehung: Das Ergebnis bewährte sich gerade einen einzigen Tag lang, dann bildete sich ein Teich auf dem Boden der Höhle, da die Temperaturen drastisch angestiegen waren. Als Lindsay und Brian am Weihnachtsmorgen aufwachten, plätscherte das Wasser munter an der Tür und stieg rasch weiter an. So übersiedelten wir am Neujahrstag 1990 in eine neue, vor jeglicher Flut geschützte Höhle auf 20 m Höhe in der Wand der Verwehung. Da wir hier mehr oder weniger die nächsten 23 Tage verbringen mussten, bauten wir das Innere unseres Heims luxuriös aus: Wir erstellten einen Ost- und einen Westflügel, wobei jeder Flügel genug Platz für Herumlaufen und ein aufgestelltes Zelt bot. Die Küche richteten wir vollständig ein; weiter leisteten wir uns Lagerschränke und Wand-bretter. Die innenarchitektonische Gestaltung war eine subtile Verschmelzung von romanischem und gotischem Stil. Die Vor-dertür liessen wir meistens verschlossen, um die tobenden Schneestürme draussen zu halten. Einmal konnten wir die Höhle während vier Tagen überhaupt nicht verlassen.
Die grossartige Nordwand des Mount Paget über dem Nordenskjöld-gletscher. Bis heute wurde kein Besteigungsversuch dieser Wand unternommen, da das Wetter selten länger als einen Tag lang schön bleibt.
Erste Besteigungen Wir konnten nur die kurzen Wetteraufhel-lungen zum Bergsteigen ausnützen. Die erste Besteigung führten wir ohne Sicht im dichten Nebel durch, und wir mussten mit Hilfe des Kompasses auf unseren Skis zurück zur Höhle laufen. Die zweite Bergtour war angenehmer. Wir machten uns bei Tagesanbruch auf und gelangten auf den Skis unter die Südwand des Mount Vogel, so benannt nach einem Mitglied der deutschen wissenschaftlichen Expedition von 1882-1883. Das Wetter hielt sich gerade lange genug, dass vier von uns eine Route begehen konnten, die sich zwischen Spalten und Eisabbrüchen bis zu einem Gipfelgrat mit einer gefrorenen Reifkruste empor-schlängelte. Dieser Gipfelgrat erinnerte mich stark an den Ruwenzori; während im Fall des afrikanischen Berges die feuchte Luft aus den Dschungeln von Zaire herauf-strömt, stürmt sie in Südgeorgien vom Kap Horn her über das Meer. In beiden Fällen bewirkt sie allerdings das gleiche Phänomen, sobald sie auf die gefrorenen Felsen prallt.
Wir freuten uns über die Erstbesteigung des Mount Vogel, aber unser eigentliches Ziel, den Mount Carse, hatten wir bis jetzt nur flüchtig in der Ferne erblickt. Mich reizte die Besteigung dieses Berges ganz besonders, da wir - kurz vor unserer Abreise aus Grossbritannien - den Mann getroffen hatten, nach dem der Gipfel benannt ist: Duncan Carse. Carse hat in den fünfziger Jahren ein einmaliges Kapitel in der Polarforschung geschrieben: Er leitete eine Reihe von privaten Expeditionen, mit denen er die Insel in ihrer Länge und Breite durchquerte. Gleichzeitig erstellte er die ersten ( und einzigen ) Karten des Inselinneren. Er entwickelte dabei eine beinahe possessive Liebe für dieses Gebiet, das er besser als jeder andere kannte. Als wir uns in England an ihn wandten, um Ratschläge zu erhalten, reagierte er erst misstrauisch auf unsere Bitten. Allmählich aber erwärmte er sich für unsere Expedi-tionspläne; er teilte uns seine Begeisterung und seine Kenntnisse mit und wünschte uns schliesslich viel Glück. Gerade aus diesem Grund waren wir besonders darauf erpicht, Berg zu besteigen.
In der letzten Januarwoche gewahrten wir endlich eine Chance, den Mount Carse anzugehen: Das Wetter verbesserte sich dramatisch. Da unsere Nahrungsvorräte auf dem Ross Pass beinahe aufgezehrt waren, mussten wir rasch handeln. Wir beschlossen, dass Brian und ich mit dem kleineren, leichten Zelt, möglichst ohne Zeit zu verlieren, in den Süden gehen sollten, um eine Blitzbesteigung des Mount Carse zu versuchen. Lindsay und Julian wollten dagegen eine technisch schwierigere, aber nähergelegene Route am Mount Kling, einem anderen unbestiegenen Berg direkt nördlich vom Ross Pass, begehen.
20 km langer Anmarsch zum Mount Carse Brian und ich machten uns gleich nach dem Frühstück auf den Weg. Es war ein wunderbarer, verheissungsvoller Morgen. Wir genossen die Bewegung nach dem tagelangen Eingeschlossensein. Zuerst bestiegen wir einen Grat aus Nunataks1, von dem wir die weisse Kuppe unseres Gipfels, der uns 20 km weiter südlich erwartete, erblicken konnten. Eine kurze Abfahrt führte uns dann auf den Spenceleygletscher hinunter, wo wir die Felle für den langen Aufstieg zum nächsten Pass wieder befestigten. Es war, als ob wir uns in den Alpen befinden würden - der gleiche regelmässige Rhythmus, während ein Gipfel nach dem anderen an uns vorbeiglitt. Zwei Unterschiede gab es allerdings: Die nächsten Skifahrer befanden sich 2000 Kilometer von uns entfernt in Argentinien, und im Unterschied zu den Alpen konnten wir immer wieder einen flüchtigen Blick auf das sonnenbeschienene Meer erhaschen.
Vom dritten Pass aus sahen wir den Mount Carse erstmals in seiner vollen 1 Nunatak: Wort aus der Eskimosprache, das einen Hügel oder einen Berg bezeichnet, der ringsum von Gletschern umgeben ist ( Inselberg ).
Brian Davison unterwegs bei typischen südgeorgischen Wetterverhältnissen Grösse; wir entschlossen uns für die Begehung des Südwestgrates. Zuerst schwangen wir in einer herrlichen Abfahrt auf den Novosilskigletscher hinunter. Hier hielten wir an und errichteten unser Zelt. Ich hätte die Besteigung des Mount Carse gerne auf den nächsten Morgen verschoben, doch Brian bestand zu Recht darauf, dass wir jeden Augenblick guten Wetters - solange es noch anhielt - ausnützen sollten. Wir befanden uns in einem sehr abgelegenen Gebiet, hatten nur noch für einen Tag Proviant und auch nicht mehr viel Gas. Es würde fast unmöglich sein, bei einem Schneesturm unsere Spuren gegen den Wind zurück zum Ross Pass zu verfolgen; wir würden das Risiko eingehen, tagelang blockiert zu sein. So machten wir nur eine kurze Ruhepause, assen etwas und zogen dann unsere Steigeisen an. Die Skis und das Zelt Messen wir zurück und brachen dann zur Besteigung des Mount Carse auf.
Wir mussten 1200 Höhenmeter überwinden und hatten nur noch fünf Stunden Tageslicht zur Verfügung; glücklicherweise war die Kletterei einfach. Ab und zu mussten wir eine Spalte, dann wieder eine kurze Eiswand oder einige Türme bezwingen -diese kleinen Hindernisse hielten uns bei guter Laune. Die eigentliche Genugtuung lag aber einfach darin, hier unterwegs zu sein, ganz allein in diesem unendlich grossen Raum. Unter uns verlängerten sich die dolchartigen Schatten auf der samtenen Oberfläche des Novosilskigletschers, der gegen Westen fliesst, bis er sich unmerklich mit dem Ozean vereinigt. Auf dem Meer schwammen Eisberge wie in flüssigem, von keinem Windhauch getrübtem Gold. Es sah alles so sanft und freundlich aus, dass es schwerfiel, sich Shackleton und seine Mannschaft dort draussen vorzustellen, am Ende ihrer alptraumartigen Reise, zu Tode erschöpft, vom Durst gequält, vom Salz wundgerieben und im Kampf um ihr Leben, als der Sturm versuchte, ihr winziges Boot auf den Klippen zu zerschmettern.
Über ein Phantasiegebilde aus Reif zum Gipfel Der letzte Grat vor dem Gipfel war ein Phantasiegebilde aus Reif, ein grosser Teppich aus Eisblumen, die in einem violetten Die luxuriösen Räumlichkeiten in unserer Schneehöhle am Ross Pass Himmel schwebten. Weiche, ausnahmsweise harmlose Wolkenkissen streiften die Ostseite des Berges; als wir nach Norden zurückblickten, konnten wir entlang der ganzen Kette bis zur hochaufragenden Masse des Mount Paget und weiter bis zur nördlichen Spitze der Insel dieselbe Wetterinver-sion beobachten. Wir erreichten unseren unberührten Gipfel genau in jenem Moment, als die Sonne am fernen, gekrümmten Rand des Horizonts unterging. Zwei Stunden später waren wir in unserem Zelt zurück und streckten uns voller Wonne in unseren herrlich warmen Daunenschlafsäcken aus. Das seltene Gefühl reiner körperlicher Müdigkeit war ein Genuss.
Brian gestand mir vier Stunden Schlaf zu, bevor er mich für den Rückweg weckte. Obwohl meine Muskeln müd waren, genoss ich die lange Schussabfahrt zurück auf den Spenceleygletscher hinunter im Wettlauf mit dem nächsten Sturm. Alles ging gut bis zum nächsten Grat aus Nunataks: Hier überfiel uns plötzlich ein bösartiger Wirbelsturm. Der Wind warf uns immer wieder zu Boden, so dass wir schliesslich die Skis abnehmen und uns mit Steigeisen auf dem Grat festkrallen mussten. Tief vornüber gebeugt, die in Fausthandschuhe eingepackten Hände vor dem Gesicht als Schutz vor dem stechenden Sturm, bahnten wir uns unseren Weg. Einmal war ich gar - blind und taub vom wirbelnden Getöse - zum Kriechen auf allen vieren gezwungen. Einen unheroische-ren Anblick gibt es in den Bergen wohl kaum! Den letzten Kilometer zurück zur schützenden Schneehöhle mussten wir in klassischer südgeorgischer Art bewältigen, indem wir uns völlig auf unsere Orientierungshilfe, den Kompass, verliessen. Wir erreichten die Höhle 31 V2 Stunden nach unserem Aufbruch.
Julian und Lindsay waren am Mount Kling auf eine beinahe senkrechte Schlusswand gestossen, die sie zu einer Seillänge heikler, gefährlicher, kombinierter Kletterei zwang. Wahrscheinlich bewältigten sie damit die einzige schwierige Kletterei, die je auf Südgeorgien versucht worden ist. Technisch schwierige Wandklettereien werden auf dieser Insel wegen des äusserst stürmischen, unbeständigen ozeanischen Wetters immer problematisch sein. Es ist realistischer, hier verhältnismässig leichte Routen durchsteigen zu wollen. Die wirkliche Befriedigung liegt sowieso ganz einfach im Aufenthalt an diesem aussergewöhnlichen Ort, der viel mehr zu bieten hat als nur Berge.
Die Fauna der Insel Während der uns verbleibenden vier Expeditionswochen bestiegen wir keine weiteren grösseren Gipfel mehr. Wir hatten genug zu tun mit dem Rücktransport der Ausrüstung nach Grytviken. Darüber hinaus halfen wir Kees bei der Zusammenstellung seines Films. Wir verbrachten viele Stunden mit Filmen und mit der Beobachtung der makellosen Königspinguine und der kleineren, plumperen schwarzfüssigen Pinguine ( Pygoscelis papua ). Der eleganteste aller Vögel ist der Helle Russmantelalbatros, ein hervorragender Luftakrobat mit kohlefarbe-nem, samtenem Gefieder. Als hässlichste Vögel empfanden wir die Riesensturmvögel oder ( Stinken - die Geier der Antarktis. Die bösartigsten wiederum sind die Skuas ( Catharacta skua ), die uns wie Sturzbomber angriffen; ihretwegen wanderten wir nie ohne einen Skistock als Schutz. Die Stöcke waren auch zur Abwehr der scharfen, zuschnappenden Zähne der Pelzrobben nützlich. Im 19. Jahrhundert, als die Nachfrage nach ihrem filzigem Pelz riesig war, wurden die Robben bis an den Rand der Ausrottung gejagt. In den letzten vierzig Jahren haben sie ein eindrückliches Comeback gegeben: Inzwischen soll es bereits wieder 3 Millionen Exemplare auf Südgeorgien geben.
Die Wale, deren gebleichte Knochen nach wie vor wie Treibholz auf den Stränden herumliegen, brauchen länger zur Regeneration ihres Bestandes. Zuletzt filmten wir die verrosteten Überreste von Grytviken, der ersten Walfangstation auf Südgeorgien, die Kapitän Larsen mit einem Pachtvertrag der britischen Regierung und finanzieller Unterstützung durch Argentinien im Jahr 1904 errichtete. Hier wurde 1912 der grösste je gefangene Wal, ein 35 Meter langes Tier, verarbeitet. Insgesamt wurden in Grytviken und in den anderen südgeorgischen Fabriken 175250 Wale verarbeitet, bis der Bestand so dezimiert war, dass die Industrie nicht mehr lebensfähig war. 1965 wurde die letzte Walfangstation geschlossen. Heute erinnern die Werkstätten und Molen, die Flensendecks und grossen Dampfsägen, die Specksieder und Knochenkocher als verro-stende Denkmäler an die ökologische Dummheit des Menschen. Sie stehen auch als Warnung vor der möglichen Bedrohung durch zukünftige kommerzielle Fischerei-betriebe.
Aus dem Englischen übersetzt von Ernst Sondheimer/ Christine Kopp Die Sonne geht über der Cumberland Bay unter. Die Wolken werden vom Wind, der fast ununterbrochen über die Insel fegt, geformt.