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«Pöstler? Einer der besten Berufe, um eine Geschichte zu erzählen»
Im Roman des Schweizer Autors Thomas Pfenninger «Gleich, später, morgen» spielt ein Briefträger die Hauptrolle. Es ist die Geschichte eines Mannes, der seine Arbeit liebt. Eines Pöstlers, der gute und schlechte Nachrichten überbringt. Eines Briefträgers, der Gutes tun will und dabei Grenzen überschreitet. Doch wie viel Wahrheit steckt in diesem Buch? Wir nehmen das Buch unter die Lupe und machen den Realitätscheck.
Im Debutroman von Thomas Pfenninger «Gleich, später, morgen» ist der Protagonist ein Briefträger. Je mehr der Briefträger über die Geheimnisse der Menschen aus dem Quartier erfährt, desto mehr werden sie zu seinen eigenen Sorgen. Eine humorvolle Geschichte, die aber auch zum Nachdenken anregt.
Darf ein Briefträger Briefe lesen? Und fährt er jeden Tag die gleiche Route? Wir haben fünf Situationen aus dem Roman «Gleich, später, morgen» herausgepickt und zeigen, was aus dem Roman mit dem wahren Alltag eines Briefträgers übereinstimmt.
«Der Briefträger bog also ab, fuhr jeden Tag die gleiche Route», heisst es im Roman. Stimmt das auch ausserhalb des Romans?
Ein Briefträger oder eine Briefträgerin fährt nur sehr selten jeden Tag die gleiche Strecke. Sie kennen im Schnitt drei bis vier Touren und absolvieren diese wöchentlich alternierend. Zudem kann es bei einem Ausfall, beispielsweise aufgrund von Krankheit, auch passieren, dass die eigene Route auf mehrere Mitarbeitende aufgeteilt wird und somit gewisse Pöstler auch mal neue Strecken übernehmen müssen. Dasselbe kann auch dann geschehen, wenn es grosse Unterschiede der Briefmengen gibt. Während also ein Briefträger nicht jeden Tag die gleiche Route fährt, bleibt der Weg innerhalb einer Tour, das heisst die Reihenfolge der Häuser, immer der gleiche.
Der Briefträger bedient im Roman zweihundertelf Briefkasten, bevor er in die letzte Siedlung seiner Tour kommt, mit etwas mehr als 50 Häusern. Ist diese Zahl realitätsnah?
Jein. Diese Angabe im Buch ist eher unrealistisch. Zumindest für die Stadt Zürich. Ein Briefträger bedient im Schnitt nämlich 1200-1600 Haushalte (Briefkasten). Das gilt auch für andere grössere Städte. Ländliche Touren haben zum Teil nicht mehr als 200 Haushalte, weil auch die Wege zwischen den Häusern grösser sind. So etwa im Safiental. Über 100 Kilometer legt die Pöstlerin dort zurück. Mehr dazu finden Sie hier: Die längste Post-Tour der Schweiz. Im Schweizer Durchschnitt hat eine Brieftour rund 600 Haushalte.
Übrigens: Die Post bedient über 4 Millionen Haushalte in der Schweiz, täglich stellen die Brieträgerinnen und Briefträger rund 14 Millionen Sendungen zu (Briefe, unadressierte Werbesendungen und Zeitungen).
Der Roman spielt in einem Quartier im Südwesten von Zürich. In diesem Quartier kreuzen sich der Jakob-Peter-Weg und die Pappelstrasse. Doch gibt es dieses Quartier wirklich?
Ja, das Quartier existiert tatsächlich. Der Autor des Buches, Thomas Pfenninger, ist gar selber in diesem Quartier aufgewachsen. Doch die Personen, der Briefträger, und die Bewohner und Bewohnerinnen im Quartier sind gemäss Autor alle frei erfunden.
Herr Schwarz, eine Nebenfigur im Roman, erklärt, er habe höchstpersönlich verhindert, dass eine Frau sich strafbar mache, indem sie verbotenerweise einen Brief öffne. Und er betont: «In höchsten Masse strafbar, verstehen Sie?». Macht man sich wirklich strafbar, wenn man einen Brief öffnet, der nicht an einen selbst adressiert ist?
Ja, auch diese Aussage ist korrekt. Wer einen Brief ohne Wissen und Einwilligung des Empfängers öffnet, macht sich strafbar. In der Schweiz steht das Briefgeheimnis in Artikel 13 und 36 der Bundesverfassung sowie in Artikel 179 des Strafgesetzbuches. Dort heisst es, dass sich alle an das Briefgeheimnis halten müssen und nur der Empfänger eines Briefes lesen darf, was darinsteht. Wenn jemand ohne Wissen und Einwilligung des Empfängers Briefe öffnet und liest oder Tatsachen verbreitet, die er oder sie durch das unerlaubte Lesen der Briefe erfahren hat, so macht sich diese Person strafbar.
Felix (im Buch ebenfalls Briefträger) beschreibt folgendes Vorgehen: Er würde die Post pünktlich im Depot abholen und sie dem Briefträger nach Hause bringen.
Dass jemand die Briefe im Depot abholen würde, ist eher unwahrscheinlich. Von einem Depot sprechen wir dann, wenn der Briefträger in der Zustellstelle, also dem Ort, von wo aus er auf seine Tour fährt, nicht genügend Platz im Gefährt hat. Diese Depotstellen sind häufig Postfilialen, Garagen oder Gebäudeeingänge, bei denen der Bote auf der Tour sein Fahrzeug nachladen kann. Realistischer wäre gewesen, wenn Felix die Briefe also von der Zustellstelle aus dem Briefträger nach Hause gebracht hätte.
3 Fragen an den Autor Thomas Pfenninger
Warum haben Sie einen Pöstler als Hauptfigur gewählt?
Der Pöstler in seiner Funktion verbindet die Geschichte ganz vieler Menschen. Er kommt ihnen nah und bleibt trotzdem immer auf Distanz. Er kennt Quartiere,
Menschen und taucht täglich immer wieder an denselben Orten auf. Hinzu kommt, dass alle ein ähnliches Bild eines Pöstlers haben. Er gilt als pünktlich, zuverlässig und diskret – man vertraut ihm. Die ideale Figur also für mein Buch. Und ehrlich gesagt ist der Pöstler auch einer der besten Berufe, um eine Geschichte rundherum aufzubauen!
Eine Geschichte, in der auch ganz viel Wahrheit steckt. Sie spielen mit Fakten. Sie wissen, dass es im Regen mühsamer ist Briefe zu verteilen als bei Sonnenschein und Sie kennen auch das Briefgeheimnis. Wie haben sie sich dieses Wissen erlangt? Waren Sie selber mal Pöstler?
Nein, ich war in der Vergangenheit nie Pöstler. Was ich gemacht habe, ist einerseits eine Recherche im Internet. Daher stammen etwa die Informationen zum Briefgeheimnis. Andererseits fliesst für mich beim Schreiben Wissen und Beobachtung zusammen. So habe ich beispielsweise in der Vergangenheit einen Briefträger im Regen beobachtet. Ich habe gesehen, dass ihm das Visier anläuft und mir kam der Gedanke: Hey, das muss ja mühsam sein! Neben Wissen, und Beobachtung habe ich aber gewisse Dinge auch einfach erfunden. Und gemäss eurem Faktencheck, hatte ich wohl auch einige Glückstreffer.
Und Ihr persönlicher Postbezug?
Ich war in der Vergangenheit weder Pöstler noch war es mein Berufswunsch. Ich kenne weder meinen Briefträger, noch schreibe ich Briefe von Hand. Was mich mit der Post verbindet, ist wohl aber mein Camper: So habe ich zu Beginn der Coronapandemie einen alten Post-Lieferwagen gekauft, ihn umgebaut und seither schon einige Orte mit ihm entdecken dürfen. Und ja, der Camper strahlt im knalligen Postgelb.
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