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Margarete Wittkowski promovierte 1934 als siebte Frau bei Edgar Salin und wurde eine der einflussreichsten Ökonominnen in der DDR als stellvertretende Ministerratsvorsitzende und später als Präsidentin der Staatsbank. Kaum etwas verbindet sie mit Salins anderen Doktorandinnen, etwa mit Marion Dönhoff, der Gräfin aus einer privilegierten Oberschicht, die als Bürgerin der BRD frei reisen und arbeiten konnte und Salin zeitlebens verbunden blieb. Die Promotion von Wittkowski, die als aktives KPD-Mitglied in der Schweiz nicht unbehelligt blieb, zeigt einen spannenden Aspekt der facettenreiche Basler Nationalökonomie der 1930er Jahren.
Margarete Wittkowski, 1911 in Posen geboren, stammte aus einer jüdischen Mittelschichtsfamilie und schloss in Berlin ein Studium in Nationalökonomie und Rechtswissenschaften ab. Als junge Frau engagierte sie sich in einer zionistischen Organisation und exponierte sich als aktives Mitglied der KPD, was sie nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten zum Umzug in die Schweiz bewog. In Basel begann sie ein Promotionsstudium bei Edgar Salin, Fritz Mangold, Hans Ritschl und Erwin Ruck; bei Salin verfasste sie schliesslich ihre Dissertation über die Verflechtungen zwischen den Grossbanken und der Industrie in Deutschland. Nach den mündlichen Doktorexamina im Februar 1934 kehrte sie nach Berlin zurück und bewarb sich für ein Forschungsstipendium der Emma-Budge-Stiftung. Ihren Doktorvater bat sie um ein unterstützendes Gutachten, was dieser ihr aber mit der Begründung verwehrte, sie verfüge über zu wenig fundierte wissenschaftliche Fertigkeiten.
Verhaftung in Zürich
Trotz dieses Misserfolges blieb Wittkowski vorerst nebenberuflich in der Forschung tätig. Zusammen mit dem Wirtschaftswissenschaftler und Historiker Jürgen Kuczynski arbeitete sie an einer Studie über die Wirtschaftspolitik der faschistischen Staaten, die 1942 erschien. Zwischen 1934 und 1938 pendelte Wittkowski zwischen Deutschland und der Schweiz und verlegte ihren Wohnsitz immer dann, wenn die Situation für sie zu gefährlich wurde. In Berlin war sie an der Herausgabe der Gewerkschaftszeitung der Revolutionären Opposition beteiligt; in der Schweiz engagierte sie sich in der Auslandsgruppe der KPD, für die sie Parteischriften vertrieb, politische Schulungen durchführte und Spenden sammelte. Bei den KPD-Zeitungen «Süddeutsche Volksstimme» und «Süddeutsche Informationen» arbeitete sie als Redaktorin und unternahm für deren Vertrieb Kurierfahrten in den südbadischen Raum. Im November 1938 wurde Wittkowski in Zürich verhaftet und des Landes verwiesen, sie hielt sich aber noch bis im Frühjahr 1939 illegal in Basel auf, ehe ihr die Flucht nach England gelang.
Die erste Frau im Ministerratsvorsitz der DDR
Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte Wittkowski nach Deutschland zurück. Bei der SED-Parteizeitung «Neues Deutschland» übernahm sie die Leitung des Wirtschaftsressorts und arbeitete in der Organisation des Wiederaufbaus in der sowjetischen Besatzungszone. Nach einigen parteiinternen Weiterbildungen und einem Studienaufenthalt in Moskau übernahm sie eine leitende Funktionen in einer Kommission der SED, als jüdische Westemigrantin blieb ihr der Aufstieg in die wichtigsten Gremien jedoch vorerst versagt. Erst 1954, als sie Mitglied des Zentralkomittees wurde, gelang ihr der entscheidende Karriereschritt. Als stellvertretende Vorsitzende der staatlichen Planungskommission hatte sie erheblichen Einfluss auf die Wirtschaftspolitik der DDR. Durch Wittkowskis Beteiligung in einer Gruppe von oppositionellen ÖkonomInnen verlor sie 1958 ihre Ämter und wurde degradiert, drei Jahre später aber erneut befördert und als erste und einzige Frau zur stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrats ernannt. Ihr enormes Fachwissen und die politische Erfahrung machten sie zu einer der gefragtesten und einflussreichsten Ökonominnen in der DDR. Im Anschluss an ihre politische Karriere wurde Wittkowski 1967 Präsidentin der Staatsbank der DDR, was sie bis zu ihrem Tod im Jahre 1974 blieb.
Politische Flüchtlinge bei Salin und Ritschl
Wittkowski war bei weitem nicht die einzige politische Aktivistin unter den DoktorandInnen Salins, wenn auch die international bekannteste. Zur selben Zeit wie sie studierten einige KommunistInnen und SozialdemokratInnen in Basel, viele von ihnen waren aus Deutschland geflohen. Die Basler Flüchtlingspolitik war weniger repressiv als jene des Bundes, insbesondere im so genannten Roten bzw. Sozialen Basel, was sich in einer grosszügigen Bewilligungspraxis zeigte. Allerdings war die Aufnahmebereitschaft der Schweiz für politische Flüchtlinge gering, vor allem KommunistInnen waren einer strengen polizeilichen Überwachung und Repressionen ausgesetzt, auch in Basel. Ein prominentes und trauriges Beispiel ist der Schweizer Kommunist Konrad Farner, der in den 1940er Jahren bei Salin und Ritschl eine Dissertation über den Eigentumsbegriff Thomas von Aquins verfasste.
An der Universität waren viele der LinksaktivistInnen in politischen Verbindungen zusammengeschlossen. In Basel gab es die Marxistische Studentengruppe, der auch die Kommunisten Josef Dünner und Franz Jakubowski angehörten, beides Doktoranden Salins und Ritschls. Hans Ritschl stand selber sozialistischen Ideen nahe, distanzierte sich aber vom Stalinismus. Salin hielt zwar einige wenige Veranstaltungen zu sozialistischen Themen ab, ist aber selber wohl eher dem bürgerlichen Lager zuzuordnen, wenn auch mit einer ausgeprägten Fähigkeit als Vermittler zwischen den verschiedenen sozialen Lebenswelten und ihren politischen Anschauungen.