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Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Ihnen
Rolf Dubs: Meine ersten Kontakte fanden im Rahmen von Seminaren statt, die ich auf Anregung von Max Schmidheiny in Holderbank für Unternehmenskader des Konzerns durchführen durfte. Dabei ging es in erster Linie um betriebswirtschaftliche Fragestellungen. Aber auch die Förderung des volkswirtschaftlichen Verständnisses gehörte zum Programm.
Und mit der Ernst Schmidheiny Stiftung?
Rolf Dubs: Meine eigentliche Mitarbeit begann nach einem Treffen in Schaffhausen. Mit von der Partie waren Ernst Schmidheiny und Toni Schrafl. Beim Abendimbiss wurde entschieden, eine Stiftung für die Förderung der Jugend zu gründen. Aber mit welchem Zweck? Weil damals die wirtschaftliche Bildung an den Schulen sträflich vernachlässigt wurde, kam die Gesprächsrunde zum Schluss, dass die Durchführung von Wirtschaftswochen an Gymnasien und Lehrerseminaren der richtige Ansatz wäre. Ich erhielt den Auftrag, und die Vorphase des Projektes Wirtschaftswochen begann kurz danach.
Wie kamen die Gewerkschaften zum Zug?
Rolf Dubs: Für mich war der Einbezug der Gewerkschaften in die Wirtschaftswochen ein wichtiges Thema. Die Idee war anfänglich umstritten, aber die Diskussionen zeigten, dass das der richtige Weg war. Es gelang uns, den damaligen Delegierten des Bundesrates, Waldemar Jucker, zu einem Gespräch einzuladen. Das Projekt wurde ihm vorgestellt, und er sagte zuerst, das sei natürlich eine Idee von mir. Die Wissenschaft würde dann die besten Leute zur Verfügung stellen, und die Gewerkschaften hätten das Nachsehen. Wir fanden aber eine Lösung. In jeder Wirtschaftswoche sollte inskünftig ein «Sozialtag» durchgeführt werden, um mit den Schülern über soziale Probleme der Führung einer Unternehmung zu diskutieren. Waldemar Jucker erklärte schliesslich, dass er sich dafür einsetzen werde, dass am «Sozialtag» immer geeignete Gewerkschafter mitmachen würden.
Wie kam es zum Management Game MIG?
Rolf Dubs: Das war ein grosser Glücksfall. Ich war damals im Rahmen eines Sabbaticals an der Harward University in den USA. Dort gab es eine Gruppe, die sich mit Wirtschaftskundeunterricht beschäftigte, was damals auch in diesem Land eine Ausnahmeerscheinung war. Sie haben viele Schülerbroschüren geschrieben und sich aber auch mit Unternehmenssimulationen beschäftigt. Von ihnen habe ich viel gelernt. Management Games waren damals in der Schweiz unbekannt. In Gesprächen, bei denen auch Thomas Schmidheiny mitwirkte, wurde entschieden, so ein Spiel als Schülermotivation in das Programm jeder Wirtschaftswoche zu integrieren. Entwickelt wurde es unter meiner Leitung am Institut für Wirtschaftspädagogik der Universität St. Gallen. Das Projekt nahm rasch Gestalt an, und erste Testwochen wurden erfolgreich realisiert.
Wie stand es um die Fachlehrerausbildung?
Rolf Dubs: Am Anfang wurden die Kader aus der Schweizer Wirtschaft eher rudimentär für den Einsatz an Wirtschaftswochen vorbereitet. Im Zentrum stand die korrekte Anwendung des Simulationsprogrammes und weniger die Wirtschaftskunde. Das war ungenügend, und ich habe im Stiftungsrat vorgeschlagen, dass wir rasch mit einer ausgewogenen Fachlehrerausbildung beginnen. Die mehrtägigen Kurse leitete ich während Jahren selbst. Sie waren stets sehr gut besucht und zweckdienlich. Später hat Professor Hans Götsch meine Arbeit fortgesetzt, und ab diesem Zeitpunkt war er auch der Autor für das Wirtschaftswochenkonzept. In der Folge bin ich aus dem Stiftungsrat, dem ich als Gründungsmitglied angehörte, ausgeschieden. Die Arbeit hatte mir stets Spass gemacht, und es war interessant, wie ich noch Jahre später im Zug oder Flugzeug von Fachlehrern auf die Wirtschaftswochen angesprochen wurde. Dabei konnte ich feststellen, dass es für viele eine Ehre war, für die Stiftung tätig zu sein.
Wie sah der Wirtschaftskundeunterricht in den 60er und 70er Jahren aus?
Rolf Dubs: Lehrpläne über wirtschaftliche Zusammenhänge gab es nicht. Wirtschaftsunterricht wurde bei allen Reformen an Gymnasien und Lehrerseminaren konsequent ausgeklammert – Folge des vorherrschenden Negativismus. Ich habe dann mit jenen Kräften zusammengearbeitet, die Interesse am Thema hatten. So mit dem damaligen Rektor der Kantonsschule Schaffhausen. Er war ein starker Förderer der Wirtschaftswochen. Leider haben wir an der Universität St. Gallen erst spät mit Wirtschaftskunde-Kursen für Gymnasial- und Seminarlehrkräfte begonnen. Ein wichtiges Element waren auch meine Lehrbücher, die anfänglich vor allem an Wirtschaftsgymnasien eingesetzt wurden. Mit der neuen Gymnasialreform ist das Fach Wirtschaft und Recht nun in alle Lehrpläne integriert.
Wo sind noch Schwachstellen?
Rolf Dubs: Ich habe etwas Kummer über die Zielvorstellungen für Wirtschaftskunde in den Schulen. Viele Lehrkräfte verwenden heute im Unterricht ein theoretisches Lehrbuch über Volkswirtschaftslehre. Es sind alles sehr gute Bücher – keine Kritik – aber eng eingegrenzt in die Wissenschaft Wirtschaft. Es wäre aber besser, wenn über Wirtschaftsbürgerkunde gesprochen würde. Mit unseren Erklärungen wollen wir ja nicht die Unternehmungen perfektionieren, sondern dieses wichtige Thema in die Vorstellungen der Wirtschaftsbürger einbringen. Also wirtschaftsorientierte Staatskunde für Schulen und Lehrer. Ich habe den Eindruck, dass der Funke da noch nicht richtig übergesprungen ist.
Sind die Wirtschaftswochen heute noch ein Unikat?
Rolf Dubs: Das Wirtschaftswochenkonzept zur Verständnisförderung über wirtschaftliche Zusammenhänge ist im Schweizer Bildungswesen tatsächlich ein Unikat. Ich kenne auch im Ausland kein ähnliches Modell, oder es ist eine Kopie beziehungsweise Lizenz der Stiftung
Ist eine Demokratie effizient, wenn es an Wirtschaftsverständnis fehlt?
Rolf Dubs: Zum Gespött meiner Enkel und Kinder habe ich gesagt, ich möchte eine 1.-Augustrede halten unter dem Titel «Vom Niedergang der Schweiz». Tatsächlich bin ich in grosser Sorge, wenn ich sehe, wie sich die Schweiz entwickelt. Unsere fundamentalen Stärken schwinden zusehends. Die Bereitschaft, sich im Interesse der Gesellschaft zu engagieren, schwindet immer mehr. Bei fast jedem Projekt gibt es mehr Kritiker als Befürworter. Für meine Begriffe steht die Schweiz heute politisch schlecht da. Es wäre gut, wenn die Schweizer Bürgerinnen und Bürger mit wirtschaftlichen Problemen besser umgehen könnten. Auch die Jugend muss sich vermehrt mit wirtschaftlichen Dingen auseinandersetzen und lernen, dass viele Dinge komplizierter sind als angedacht. Wir müssen Staatskunde und Volkswirtschaftslehre verknüpfen – mit Schlagworten und Demonstrationen kommen wir nicht weiter!
Welches ist die Kernfrage in der aktuellen Bildungspolitik?
Rolf Dubs: Im Moment steht die Informatik im Zentrum, und alle Schulpläne werden entsprechend umgestaltet. Im Unterricht gibt es kein Papier mehr – alles ist digital. Wer Frontalunterricht macht, gehört zu den ewig Gestrigen. Es gibt in der Pädagogik aber nichts, was nicht auch Nachteile hat. Google ist hervorragend. Man muss die Schüler aber zuerst anleiten, wie sie damit umgehen können. Das Ziel ist Begriffe finden, beurteilen und anwenden. Gerade in diesem Zusammenhang sind die Wirtschaftswochen ein gutes Beispiel, denn sie lösen wirtschaftspolitische Kernfragen so, dass man auch versteht, was man lernt.
Wie sieht die schweizerische Wirtschaftsbildung in 10 oder 20 Jahren aus?
Rolf Dubs: Ich hoffe, dass die Leute merken, dass Wirtschaft für ihr Leben wichtig ist. Auf der politischen Bühne fehlen heute leider die Kämpfer für Wirtschaftsbildung an den Schulen. Das liegt wohl daran, dass fast keine Unternehmer mehr politisch aktiv sind.
Interview geführt von: Roland Walker
25. August 2021