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Wenn ich an starke Frauen in der Antike denke, kommt mir nur Kleopatra in den Sinn. Habe ich da eine Bildungslücke?
Martin Bürge: Diese Wahrnehmung ist stark durch die Neuzeit geprägt, in der Frauen marginalisiert wurden. Historische Frauenfiguren wie Kleopatra gab es viele, aber sie sind vergessen gegangen. Artemisia zum Beispiel, die Königin der Karer, die im späten 6. bis frühen 5. Jahrhundert vor Christus lebte, nahm als Beraterin des persischen Königs Xerxes grossen strategischen und taktischen Einfluss auf Seeschlachten. Auch Agrippina, die Mutter von Kaiser Nero, sagte, wo es politisch langging.
Die Frauen standen in der Antike zwar nicht zuvorderst an der Macht, aber sie hatten ganz entscheidende Funktionen. So ist es auch in den Mythen der Antike. Zeus/Jupiter ist zwar der Göttervater, aber aus seinem Kopf wird kein Sohn geboren, sondern Athena/Minerva, die den Geist und die Intelligenz verkörpert. Frauen haben sowohl in der Weltvorstellung als auch in der gelebten Welt eine viel grössere Rolle gespielt, als man sich das später zurechtlegte.
Wieso sind so viele antike Frauenfiguren in Vergessenheit geraten?
Agata Guirard: Das liegt vor allem an der schriftlichen Überlieferung, die eher Bereiche thematisierte, in denen Männer das Sagen hatten. Wenn wir jedoch die Bilder auf unseren Vasen betrachten oder die Statuen in unserer Sammlung, finden wir viele Frauen in ganz unterschiedlichen Rollen.
Es gibt Frauen in der Rolle der Mutter, als Symbol der Fruchtbarkeit oder als Herrin über die Natur oder die Tiere. Wir haben auch Darstellungen von Hetären, die als einzige Frauen Zugang zum attischen Symposion hatten, einem Gelage, an dem auch zusammen philosophiert und Dichtkunst betrieben wurde. Die Hetären waren nicht nur für die erotische Unterhaltung zuständig. Sie waren auch in der Musik und teilweise in der Dichtkunst versiert und hatten als gebildete Frauen Zugang zu diesem Kreis von politisch einflussreichen Männern. Auch finden sich in unserer Sammlung Darstellungen von Priesterinnen, die in Athen zu den höchsten Würdenträgerinnen überhaupt gehörten.
Werden die Frauen in der Archäologie also weniger marginalisiert als in der Geschichtsschreibung?
Martin Bürge: Bei der schriftlichen Überlieferung gibt es mehrere Filter. Schon in der Antike konnten mehr Männer schreiben und lesen, im Mittelalter bestimmte dann die stark männlich geprägte christliche Perspektive, was überliefert wurde. Und mit der Reformation, die die Position der Männer noch einmal massiv stärkte, wurde das noch verschärft. Bei der materiellen Überlieferung dagegen spielt der Zufall eine grössere Rolle. Wir kennen etwa 100´000 überlieferte attische Vasen mit bildlichen Darstellungen aus dem 6. bis 4. Jh. vor Christus. Mit diesen Gefässen, die zunächst vor allem zur Zubereitung und zum Servieren von Speisen und Wein gebraucht wurden, erhalten wir ein viel breiteres Bild.
Agata Guirard: Das Bild der Frau in der Antike hat allerdings auch mit der Entwicklung der Archäologie und der Grabungsgeschichte zu tun. Früher hat man vor allem Gräber ausgegraben und den Fokus stärker auf Funde gelegt und weniger auf die Verstorbenen. Das hat damit zu tun, dass die Archäologie aus einem kunsthistorischen Interesse heraus entstand. Man war an kunstvollen Objekten interessiert und wollte vollständige Gegenstände. Und diese findet man eher in Gräbern.
Lange Zeit fragte man auch gar nicht danach, welches Geschlecht die Verstorbenen hatten. Unlängst wurde entdeckt, dass auch Frauen mit Schwertern begraben wurden. Die Bestimmung des Geschlechts wird durch neue naturwissenschaftliche Methoden erleichtert. Doch der entscheidende Punkt ist, dass man früher einfach davon ausging, dass da ein männlicher Krieger liegen musste. Zudem gräbt man heute auch eher im Siedlungsgebiet und erhält so ein besseres Bild vom Alltagsleben und damit von der Rolle der Frau.
Was bedeutet es, dass auch Frauen mit solchen Gegenständen begraben wurden?
Martin Bürge: Heute wissen wir von ganzen Zeilen von Gräbern, wo Frauen mit einem extrem grossen Beigabenschatz begraben wurden. Diese Frauen bildeten als Mütter das Zentrum der Familie und spielten eine viel grössere Rolle, als wir das mit unserem patriarchalisch geprägten Blick ermessen können. Sie waren für den Erhalt der Familie verantwortlich, für den Oikos, der in der Antike den wirtschaftlichen Kern bildete und auch als Altersversicherung fungierte. Auch weibliche Tätigkeiten wie das Weben, die gesamte Produktion von Textilien wurden von der Wissenschaft lange Zeit abgewertet, obwohl das überlebenswichtige Tätigkeiten waren.
An der Langen Nacht der Zürcher Museen führen Studierende durch die Archäologische Sammlung und sprechen über starke Frauen auf selbst gewählten Ausstellungsobjekten. Welche Frauenbilder haben Sie in der Vorbereitung neu entdeckt?
Agata Guirard: Etwas Spannendes, was ich auf unseren Vasen entdeckt habe, sind die vielen Darstellungen von Frauen, die sich unkontrolliert gebärden. Da findet man ekstatische, erotisch aufgeladene Mänaden, gefährliche Wesen mit Frauenattributen wie die Sphinx oder unbeherrschte und mörderische Frauenwesen. Aber auch die Amazonen-Statuen gehören in diesen Bereich des Unkontrollierten. Auf den attischen Vasen unserer Sammlung übernehmen eher die weiblichen Figuren die unkontrollierten, mörderischen Rollen, nicht die Männer. Und dies, obwohl die attischen Bürgerinnen sich in der Realität vorwiegend im häuslichen und damit gut überwachten Bereich bewegten.
Wird dieses Unkontrollierte bei Frauen in der antiken Kunst positiv oder negativ bewertet?
Martin Bürge: In der Antike gibt es durchaus positiv besetzte Bilder von Frauen, die sich mit Gewalt durchsetzen. Auf dem Pergamon-Altar etwa sieht man, wie Aphrodite und Athena einen Giganten niedermachen und damit massgebend an der Rettung der Welt beteiligt sind.
In unserer Sammlung findet sich auch eine Darstellung von Thrakerinnen, die Orpheus im Rausch erschlagen. Diese Thrakerinnen werden nicht negativ dargestellt. Rausch und Raserei werden in der Antike zwar problematisiert, aber auch so weit akzeptiert, dass sie ins Bild gesetzt werden können. Auch die weibliche Lust wird in der Antike gezeigt. In mittelalterlichen Darstellungen wird das dann alles der Sphäre des Bösen zugeordnet, Frauen als erotische Wesen etwa kommen nur in der Hölle vor.
Lange Nacht der Zürcher Museen
Am Samstag, 3. September, öffnen die Zürcher Museen ihre Tore bis spät in die Nacht hinein. Auch die universitären Museen der UZH sind mit Spezialprogrammen dabei.
In der Archäologischen Sammlung führen Studierende der Archäologie jeweils zur vollen Stunde durch die Originalsammlung und stellen Objekte vor, die von starken Frauenfiguren geprägt sind. Zudem werden in der Gipsabgusssammlung an kurzen Konzerten Barockstücke aufgeführt, die starke Frauen der Antike ins Zentrum stellen, und in einem Workshop kann man ein persönliches Amulett mit dem Münzbild einer starken Frau giessen.
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