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4. Auffälliges Verhalten umdeuten: den positiven Kern erkennen
Das Entwicklungsquadrat von Schulz von Thun (2010, Aufl. 48) kann Sie dabei unterstützen: Es basiert auf der Annahme, dass Fehlverhalten nicht gelöscht werden kann, sondern dass es durch erwünschtes Verhalten an Bedeutung verliert und dem erwünschten Platz macht.
Das Entwicklungsquadrat stützt sich auf das Wertequadrat. Erwünschtes Verhalten soll mit anderem richtigen und erwünschten Verhalten in Balance stehen, damit beide Qualitäten im positiven Bereich bleiben. Wird die eine Komponente zu stark, so verdrängt sie die andere; durch ihr Übergewicht ist zudem das ursprünglich positive Verhalten nicht mehr positiv (Keller-Schneider, 2018, S. 102 ff.).
Dazu ein Beispiel:
Die Lehrperson erwartet, dass sich die Schülerinnen und Schüler am Unterricht beteiligen und aktiv Beiträge einbringen. Zugleich erwartet sie, dass sich die Schülerinnen und Schüler zurückhalten und sich in die soziale Ordnung der Schule einfügen können. Das heisst, sie strecken bei Wortmeldungen auf und warten, bis sie aufgerufen werden. Diese beiden Verhaltensweisen stehen in einem gewissen Spannungsfeld. Sie müssen sich gegenseitig ausbalancieren, damit nicht der eine oder der andere Pol zu stark gewichtet wird. In Abb. 3.1 ist diese Balance mit 1 bezeichnet (Schulz von Thun, 1989, in Keller-Schneider, 2018, S.102ff.)
Wird der eine Pol zu stark, das heisst, meldet sich die Schülerin oder der Schüler zu Wort, ohne dass sie oder er dazu aufgefordert wird, so steigert sich das Bedürfnis, im Unterricht mitzuarbeiten. Sein ursprünglich positives Verhalten kann störend wirken. Die Fähigkeit und Bereitschaft sich einzuordnen und zu warten, bis er/sie aufgerufen wird, ist zu schwach ausgeprägt. Diese Konstellation ist in Abb. 3.2 mit 2 bezeichnet:
Richtet eine Lehrperson nun die Aufmerksamkeit darauf, das überaktive «Sich-Beteiligen» einzudämmen und sich auf «reinrufende» Schülerinnen oder Schüler und ihre unaufgefordert eingebrachten Wortmeldungen zu «fixieren», so wird der Beitrag, den die Schülerin oder der Schüler bringen möchte, vergessen oder missachtet. Die Tendenz, dass sich die Schülerin oder der Schüler noch stärker einbringen will, könnte zunehmen.
Am positiven Gegenpol anzuknüpfen und die Schülerin oder den Schüler im erwünschten Verhalten zu stärken, macht der Schülerin oder dem Schüler deutlich, dass sie oder er lernt, Beiträge der Situation angemessen einzubringen. Damit können ihre oder seine Beiträge zur Geltung kommen (Markierung 3).
Derselbe Mechanismus liegt auch dem Gegenpol zugrunde, wenn dieser zuviel Gewicht bekommt. Das heisst, die Schülerin oder der Schüler, die oder der nicht aufstreckt und damit nicht zeigt, dass sie oder er etwas zu sagen hätte, sondern wartet, bis sie oder er dennoch an die Reihe kommt, fällt weniger negativ auf, weil ihr oder sein Verhalten weniger dominant ist und nicht stört. Dieses Verhalten ist nicht lernförderlich und kann durch die Stärkung des Gegenpols aufgefangen werden (Markierung 4).
Dieses Werte- und Entwicklungsquadrat lässt sich auf jedes unerwünschte Verhalten übertragen.
Wichtig dabei ist:
- den Gegenpol des gewünschten Verhaltens finden.
- den positiven Kern im unerwünschten Verhalten suchen.
- das erwünschte Verhalten loben und stärken, auch wenn es selten vorkommt.
Damit wird der Schülerin oder dem Schüler klar:
- welches Verhalten sie oder er zeigen soll.
- und dass sie oder er damit Beachtung und Anerkennung bekommt.
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