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Wenn man Hörbücher auf Spotify konsumiert (am besten mit einer dieser Apps), dann fällt einem auf, dass die Tracks nichts mit der Kapiteleinteilung der Geschichte zu tun haben. Die allermeisten Hörbücher sind willkürlich in Segmente von drei Minuten zerlegt.
Der Grund dafür ist ein rein monetärer: Wie bei der Musik erhält der Rechteinhaber Geld für jeden Track, der abgespielt worden ist. Das bedeutet für ein Hörbuch, dass es mehr Geld gibt, wenn die Kapitel kürzer sind. Doch beliebig verkürzen dürfen die Verlage die Stücke nicht; drei Minuten sind das Minimum.
Wieso sollte sich diese Logik, die Inhalte dem Abrechnungsmodus anzupassen, nur auf die Hörbücher beschränken? Die Vermutung liegt nahe, dass auch die Musik diesem Mechanismus unterworfen ist: Und in der Tat: Songs sind in den letzten Jahren kürzer geworden. Hier in diesem Blogpost heisst es:
Die populäre Musik schrumpft. Von 2013 bis 2018 ist der durchschnittliche Song in den Billboard Hot 100 von drei Minuten und fünfzig Sekunden auf etwa drei Minuten und dreissig Sekunden gesunken. Sechs Prozent der Hit-Songs waren 2018 zwei Minuten dreissig Sekunden oder kürzer, fünf Jahre zuvor war es nur ein Prozent.
Das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) stellt sogar fest, dass heute «kaum ein Song in den Charts noch länger als 2:50 Minuten laufen würde». Was bedeutet, dass viele Stilmittel nicht mehr zum Zug kämen: Intros, Bridges und Gitarrensoli seien von gestern.
Musik muss kompatibel zu Kurz-Video-Plattformen und Monetarisierungsmethoden sein
Schuld daran ist nebst dem Streaming auch die Videoplattform Tiktok, die noch weiter verkürzt und verdichtet.
Bleibt die Frage, ob wir das bedauern oder achselzuckend als natürlichen Lauf der Dinge hinnehmen. Im zitierten Blogpost wird erklärt, dass die Songs auch schon vor dem Aufkommen der Streamingdienste kürzer geworden seien. Die Begründung ist, dass sich unsere Aufkmerksamkeitsspanne schon vorher verringert hat. Das Fazit ist hier:
Die Musik hat sich immer mit der Technologie verändert. Frühe Phonografen konnten nur etwa zwei bis drei Minuten Musik speichern, und das war die typische Länge eines Liedes von 1920 bis 1950. Mit der Einführung der Schallplatte, dann des Tonbands und der CD wurden längere Lieder möglich, da jedes Medium eine grössere Speicherkapazität hatte. Jetzt, im Zeitalter des Streamings, scheinen Technologie und Wirtschaft uns wieder zur Kürze zu zwingen.
Der Einwand liegt auf der Hand, dass es etwas anderes ist, wenn technische Limiten gewisse Kompromisse erzwingen, als wenn das Abrechnungsmodell einen Trend auslöst.
Ein Song von einem halben Tag
Heute gilt noch nicht einmal mehr die Längenbeschränkung der CD, die bekanntlich 74 Minuten beträgt. Wenn ein Musiker sich berufen fühlt, einen Song von 13½ Stunden aufzunehmen, dann kann er das tun. Apropos:
Laut Guinness World Records (Stand 2019) ist der längste offiziell veröffentlichte Song «The Rise and Fall of Bossanova» von PC III, der 13 Stunden, 23 Minuten und 32 Sekunden dauert.
Der längste aufgenommene Popsong ist «Apparente Libertà» von Giancarlo Ferrari, der 76 Minuten und 44 Sekunden lang ist. Damit wurde der bisherige Rekord von «The Devil Glitch» von Chris Butler, der 69 Minuten lang ist, überboten.
… behauptet almanac.com. Solcherlei Ideen würden belohnt werden, wenn Spotify nicht pro Wiedergabe abrechnen, sondern beispielsweise jede angehörte Sekunde entgelten würde; was nach meinem Gefühl gerechter wäre, aber vielleicht den gegenteiligen Effekt hätte – indem die Musiker versucht wären, die Zuhörer noch ein wenig länger bei der Stange zu halten.
Länger ist kreativer, oder?
Das wäre womöglich genauso absurd, aber musikalisch wahrscheinlich interessanter: Es braucht mehr Kreativität für einen Song wie «The Prophet’s Song» (8:21) als für «Yeah» (letzterer ist vier Sekunden lang und auf dem Album Made in Heaven zu finden). Aber der Nachteil bleibt, dass auch diese Metrik einen Einfluss auf die Musik hätte, während wir Konsumenten uns wünschen würden, dass die Künstler ihre Musik so produzieren, wie es schlüssig und stimmig ist und nicht so, wie sie sich am besten monetarisieren lässt.
RND sieht jedenfalls keinen Grund für Kulturpessimusmus, weil jede Bewegung auch eine Gegenbewegung habe. Erstens stimmt das und zweitens würde ich die heutige Hitparadenmusik wahrscheinlich noch weniger hören, wenn sie noch länger wäre…