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Je suis Charlie!
Das hätte vor einem Jahr vielleicht auch Henry James (1843–1916) proklamiert – würde er heute leben. Das ist leider nicht der Fall. Schliesslich ist er vor genau 100 Jahren gestorben.
Deshalb dieser Post, um ihn zu ehren, den Unvergleichlichen, so überaus klugen, sympathischen und warmherzigen Schriftsteller.
Liest man nämlich heute Picture and Text, jenes Büchlein, das Henry James 1893 in New York (Harper and Brothers) publiziert hat, so kann man auf diesen Gedanken verfallen – dass er die Zeichner von Charlie Hebdo, wie viele vor einem Jahr, auch verteidigt hätte.
Oder doch nicht? Hätte er, wie so oft in seinen Romanen, eine nüanciertere, eine vermittelnde Position eingenommen?
Besagtes Büchlein
ist auf Deutsch bislang nicht erschienen. Der Piet Meyer Verlag (Bern/Wien) plant für kommenden Spätherbst eine schön gestaltete Ausgabe, welche diese Schrift in der Übersetzung von Jan-Frederik Bandel (Buchholz in der Nordheide) dem deutschsprachigen Leser zum ersten Mal nahebringen wird – herausgegeben von Michael Glasmeier (Berlin), versehen mit einem Nachwort von Alexander Roob (Düsseldorf) und zahlreichen Illustrationen.
Denn es geht hier um eine Sammlung von Texten, die der grosse amerikanische Schriftsteller gegen Ende des 19. Jahrhunderts über verschiedene Reportage- und Illustrationskünstler verfasst hat: über Männer wie Frank D. Millett, Edwin A. Abbey, Charles S. Reinhart, Alfred Parsons, John Singer Sargent oder Honoré Daumier – Künstler, die ihm häufig persönlich nahestanden und deren handwerkliches Können er in hohem Masse schätzte und im hier angezeigten Büchlein mit eloquent-warmen Worten pries und beschrieb.
Was aber hat dies mit Charlie Hebdo zu tun?
Im Kapitel über den schärfsten französischen Karikaturisten seiner Zeit, über Honoré Daumier (1808–1879; hier in einem Porträt um 1856), stellt James eine Frage.
Er stellt fest, dass die USA – er redet über die Vereinigten Staaten seiner Zeit – über ähnlich viele Zeitungen und Zeitschriften wie das zeitgleiche Frankreich und England verfügen. Auf beiden Kontinenten blüht die Karikatur. Doch tritt letztere, so James, in Europa ungleich virulenter, ätzender und polemischer auf als in Amerika. Hier ein paar Beispiele des von James bewunderten Honoré Daumier:
Was erklärt diesen Unterschied zwischen den beiden Kontinenten?
Henry James versucht sich an folgender Antwort:
»The newspaper thrives in the United States, but journalism
languishes; for the lively propagation of news is one
thing and the large interpretation of it is another.
A society has to be old before it becomes critical, and it
has to become critical before it can take pleasure in the
reproduction of its incongruities by an instrument as
impertinent as the indefatigable crayon. Irony, scepticism,
pessimism are, in any particular soil, plants of gradual
growth, and it is in the art of caricature that they flower
most aggressively. Furthermore they must be watered
by education – I mean by the education of the eye
and hand – all of which things take time. The soil
must be rich too, the incongruities must swarm.
It is open to doubt whether a pure democracy is
very liable to make this particular satiric return
upon itself; for which it would seem that certain
social complications are indispensable. These
complications are supplied from the moment a
democracy becomes, as we may say, impure from its
own point of view; from the moment variations and
heresies, things afford a point d’appui; for it is evidently
of the essence of caricature to be reactionary. We hasten
to add that its satiric force varies immensely in kind
and in degree according to the race, or to the individual
talent, that takes advantage of it.«
Henry James: Picture and Text, Harper and Brothers, New York 1893, S. 117–119
Diese Antwort, wunderbar unakademisch formuliert, lässt sich auf keinen einfachen Nenner bringen. Ich meine hier wie in nuce verschiedene Argumentationsstränge zu sehen, die alle weiterentwickelbar wären.
Zurück zu Charlie Hebdo:
So lässt sich fragen: Was hätte denn Henry James, würde er heute leben, zu den Pariser Geschehnissen gesagt? Hätte er sich dazu öffentlich geäussert, Partei bezogen? Ausgeschlossen ist es nicht.
Wenn dem geschehen wäre: Hätte er die heutige Pariser Karikatur um jeden Preis befürwortet? Oder hätte er in Richtung eines milden „Nein, bitte nicht so“ argumentiert? Nicht ausgeschlossen jedenfalls, dass er Argumente in die Diskussion gebracht hätte, die man in den Debatten der letzten Monate nicht vernommen hat.
Vielleicht hätte er gar, so fantasiere ich weiter, ein eigenes Buch dazu geschrieben, ein Pamphlet, das in den Regalen der Buchhandlungen neben Titeln von Intellektuellen wie Emmanuel Todd gestanden – und vielleicht ähnlich viele Leser gefunden hätte?
Sein Befund wäre vermutlich nicht nur im Inhalt, sondern auch im Ton anders ausgefallen als jener heutiger Intellektuellen: weiser, vielschichtiger, nüancierter, „weicher“, vielleicht auch trauriger.
Das oben Zitierte, so modern es klingt, hat Henry James vor mehr als 123 Jahren zu Papier gebracht. Würde ihm die heutige Correctness-Mentalität die darin geäusserten Gedanken so durchgehen lassen? Sicher ist es nicht. Denn diese Gedanken kommen ganz ungewöhnlich daher, purzeln mit dem Charme, der Nonchalance und der Lebendigkeit quirliger Kinder übers Papier. Sie passen schon deshalb in keine heutige starre Meinungsschublade.
Nun, die Sache ist schwierig. Lassen wir sie für heute deshalb mal auf sich beruhen – und schliessen mit den Worten:
Hoch lebe Old Europe!