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Das Besondere an der hier vorliegenden Sammlung von Texten aus den letzten 50 Jahren ist sicherlich, dass sie vom Autor selbst vorgenommen wurde. Sie führt von einer kurzen philosophischen Betrachtung, die er mit zwanzig schrieb, zu einer Reihe von politischen Texten über Themen wie Obdachlosigkeit, 9/11 oder den Zusammenhang zwischen Fußball und Krieg. Alle Essays und Schriften im typischen Stil von Paul Auster, dem Autor, der selbst gerne Vorworte zu Büchern anderer Autoren schrieb oder einfach mal so einen Artikel oder ein Pamphlet wie das titelgebende und sehr lesenswerte "Mit Fremden sprechen" verfasste.
Eigentlich trägt der Text, der den Passus "Mit Fremden sprechen" enthält, ja den Titel "Gotham Handbook" und beinhaltet "persönliche Instruktionen für seine Frau Siri, das Leben in New York zu verbessern (weil sie darum bat…)", wie Auster im Untertitel selbst schreibt. Er liest sich wie ein surrealistisches Manifest und beinhaltet so viele weitere Passagen wie etwa "Lächle so oft wie möglich Leuten zu, die du nicht kennst", "Zähle mit, wie viele Lächeln dir Tag für Tag zurückgegeben werden. Sei nicht enttäuscht, wenn Leute nicht zurücklächeln. Betrachte jedes Lächeln, das dir entgegengebracht wird, als kostbares Geschenk". Gerade in Zeiten einer weltweiten Pandemie lesen sich solche Texte, die sich direkt an den Leser wenden und deswegen auch Pamphlet genannt werden können, besonders aufmunternd und erheiternd. Und enthält auch eine passende, profunde Pointe, die den Leser wieder an den Anfang des Textes führt: "Lächle!"
Die 44 Stücke dieser Auswahl sind gegliedert nach "Kunst des Hungers", "Vermischtes", "Vorworte" und "Zu besonderen Anlässen". Zudem befindet sich auch eine besonders amüsante Geschichte zu seiner Schreibmaschine in vorliegendem Band, die 2000 entstand und durch Gemälde von Sam Messer zu einem eigenen Kapitel erweitert wurden. Tatsächlich begleitete die beschriebene Olympia-Reiseschreibmaschine den Autor nämlich mehr als die Hälfte seines Lebens und wenn man sein Ohr auf ihre metallene Hülle lege, könne man auch heute – im Zeitalter des Computers und Internets – darin noch deutlich ein Herz schlagen hören. Paul Auster gelingt es spielerisch, das zu erreichen was der von ihm zitierte französische Autor Antonin Artaud einst andeutete, nämlich "jene Ideen zu extrahieren, deren zwingende Kraft mit der des Hungers identisch ist". Paul Auster, der selbst einige Jahre in Frankreich lebte und zu so etwas wie einem Starübersetzer reüssierte, bevor er als Schriftsteller bekannt wurde, extrahiert aus allem jene Phänomene, die es auszeichnen. Es ist verblüffend, wie er über andere Autoren und deren Werke schreibt, ganz so, als würde er sie persönlich kennen und wäre mit ihnen zur Schule gegangen. Beim Lesen eines Textes von ihm über Celan bekommt man Gänsehaut. Für eine Radiosendung ließ er sich einmal Geschichten von New Yorkern über New York schicken. Seine Empathie dafür war wohl ebenso bestechend wie seine Beobachtungsgabe und darin sieht er wohl auch heute noch die Rolle des Schriftstellers, wenn er schreibt: "Am meisten, gestand ich, interessierten mich Geschichten, die in unserem Leben wirken, in unserer Familiengeschichte, in unserem Geist, unserem Körper und unserer Seele. Mit anderen Worten, wahre Geschichten, die wie erfundene klangen."
Weitere Texte beschäftigen sich mit dem Hochseilartisten Philippe Petit, den Notizbüchern von Nathaniel Hawthorne, den Filmen von Jim Jarmusch, einer Vorlesung zu Edgar Allen Poe, einer Tirade gegen den ehemaligen New Yorker Bürgermeister und Trump-Gehilfen Rudy Giuliani, mit dem New Yorker (die Zeitschrift) und mit vielem mehr.