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Anhand General Guisans und des Reduits im Zweiten Weltkrieg wird wieder einmal der Sonderfall der Schweiz rekonstruiert. Dabei müssen es erneut die grossen Männer richten.
Dieses Buch hat einen beträchtlichen Medienwirbel ausgelöst. Es wurde in allen grösseren Zeitungen besprochen, in Radio und Fernsehen kontradiktorisch diskutiert. Deshalb ist es ja auch geschrieben worden, als ideologisch-politischer Eingriff. Markus Somm, stellvertretender Chefredaktor der «Weltwoche», will damit gegen die angeblich dominierende linke Geschichtsschreibung der letzten dreissig Jahre zur Schweiz im Zweiten Weltkrieg antreten, gegen die Abwertung des Reduit «die Proportionen wiederherstellen» und General Guisan als die «wohl bedeutendste Persönlichkeit der Schweizer Geschichte des 20. Jahrhunderts» neu lancieren.
Mit neuen Quellenfunden wartet Markus Somms «General Guisan» nicht auf. Zumeist stützt er sich auf die monumentale Guisan-Biografie von Willi Gautschi (4. Auflage 1994) und ein paar neuere Spezialstudien. Dieses Material fasst er gekonnt und rasant zusammen; mehr Erzählung als Geschichtsstudie spitzt das Buch eingängig und thesenartig zu.
Zu Beginn in eher unerwartete Richtung. Bis weit über die Hälfte des Buches hinaus zeichnet Somm ein ziemlich kritisches Bild von Henri Guisan. Der war ein Bummelstudent, ein Herrenreiter, versagte im persönlichen Führungsstil, liebäugelte mit «autoritären Fantasien» und Benito Mussolini und stand der Demokratie reserviert gegenüber; seine geheime Zusammenarbeit mit dem französischen Militär war neutralitätspolitisch fragwürdig, ja, grenzte an Landesverrat und bedeutete, dass nach dem Zusammenbruch Frankreichs 1940 die westliche Flanke der Schweiz offen lag; in einem kritischen Moment Anfang Juni 1940 unterwarf er sich dem Anpassungskurs von Aussenminister Marcel Pilet-Golaz.
Im Eiltempo zur Lichtgestalt
So weit scheint Somm eher einen Denkmalsturz denn Denkmalschutz zu betreiben. Doch dann verändert sich plötzlich alles. Zwischen dem 22. Juni und dem 7. Juli 1940 wird Guisan zum aufrechten Demokraten, zum Retter, zur Lichtgestalt: Sein Entscheid für das Reduit, die Rücknahme aller Truppen in die Alpenfestung, bewahrt die Schweiz vor dem Zweiten Weltkrieg, die Rütlirede befestigt auf einen Schlag den Wehrwillen, denn «eine einzige Rede wendet das Land»; danach wird Guisan zum Symbol des Widerstands, zur «Verkörperung des kollektiven Bewusstseins der Schweizer», zum Vater der Nation und zum Mythos.
Dieser Mythos war geschichtsmächtig und bleibt zu untersuchen. In der Darstellung von Somm aber setzt sich eine romantische Geschichtsauffassung durch. Die zugespitzte Entscheidungssituation, der Ursprungsmythos, die Konzentration auf den einsamen Anführer und seine Tat. Wenn die Stunde schlägt, zeigt sich die wahre Bestimmung eines Mannes.
Zweieinhalb Gründe
Darin steckt eine politische Auffassung. Somm tritt an gegen die 68er-GeschichtsschreiberInnen, die mit ihrer sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Betrachtungsweise angeblich «spektakulär versagen», weil sie den Krieg nicht verstanden haben. Jene Fragen, die Forscher wie Markus Heiniger, Jakob Tanner und die Bergier-Kommission aufgeworfen haben, ob denn die wirtschaftlichen Beziehungen mit Nazideutschland wichtiger als das Reduit waren, werden allerdings bloss auf drei Seiten abgehandelt und verworfen. Markus Heiniger hat 1989 in seiner bahnbrechenden Schrift «13 Gründe» genannt, «warum die Schweiz im Zweiten Weltkrieg nicht erobert wurde». Somm geht auf zweieinhalb davon ein.
Zwar räumt Somm ein, man könne nicht beweisen, ob das Reduit als Abschreckung gewirkt habe. Um es dennoch «als einzige und beste Möglichkeit» für die Schweizer Armee zu behaupten. Mehr noch: «Als Idee war das Reduit Teil der DNA der Schweiz.» In solchen Metaphern drückt sich eine biologistische Denkweise aus.
Nach Schweizerart
Aber eigentlich geht es nicht um Guisan, und nicht einmal um das historische Reduit. Es geht um das, was der General laut Untertitel verkörpern soll: «Widerstand nach Schweizerart». Somm streut durchs ganze Buch Aphorismen zu dieser Schweizerart ein. Natürlich, Demokratie und Freiheit gehören dazu. Aber das führt in Schwierigkeiten, weil Guisan seine antidemokratischen Vorbehalte und autoritären Vorstellungen nie ganz aufgegeben hat, während des Kriegs die Vorzensur einführte und in der Flüchtlingspolitik laut Somm «versagte». Deshalb packt Somm die Sache einfacher an. Etwa so: «In sich selbst zu ruhen und nichts anderes sein zu wollen, war Guisans Stärke. Darin glich er der Schweiz.» Oder so: «Dieser konservative Eigensinn nicht aus Entschluss, sondern, weil er sich ergab: Das zeichnete Guisan aus. Das machte ihn zu einem ziemlich typischen Schweizer.» Die «DNA», die «Seele der Schweiz» ist der Eigensinn, eigenständig zu bleiben.
Nun kann man Eigensinn durchaus progressiv verstehen: ein selbstbestimmter Sinn. Seit einiger Zeit wird er in neoliberalen Kreisen konservativ gewendet. Thomas Widmer, Ex-«Weltwoche» und momentan beim «Tages-Anzeiger», hat vor ein paar Tagen damit die Wiedereinführung der Appenzeller Landsgemeinde unterstützt: weil darin Schweizer «Eigenheit und Eigenwillen» zelebriert würden. Das wird zum Zirkelschluss: Wir Schweizer (vorwiegend männlich) sind Schweizer, weil wir Schweizer bleiben wollen. Wir können nicht anders. Zumindest die richtigen Schweizer können nicht anders. Das dreht sich im Kreis. Der Eigensinn ist der Sinn, der uns von allen andern unterscheidet. Der Eigensinn macht die aufrechten Schweizer (vorwiegend männlich) eigen und die anderen fremd.
Zuweilen wird Klartext gesprochen. Dass Guisan «sein eigener Herr» war, heisst dann vor allem: Herr sein. «Um es modern auszudrücken: Er war kein Teamplayer, sondern ein Chef, der es schaffte, dass sich alle im Team sehr wohl fühlten, sofern sie sich unterwarfen und dazugehörten.» Die Selbstunterwerfung in die autoritäre Hierarchie hinein wird als demokratische Freiheit verkauft.
Somms knappe Guisan-Biografie folgt auf seine ausufernde Blocher-Biografie. Im neuen Buch spricht Somm nicht vom Übervater. Doch der gefeierte «Eigensinn» steht im entsprechenden Umfeld. Der gewendete Martin Walser hat in der «Zeit» zu Christoph Blocher gemeint: «sein Eigensinn imponiert mir einfach». Der SVP-Pressedienst hat ein Interview mit Somm über sein Buch folgendermassen betitelt: «General Guisan – Retter der Schweiz? Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen General Guisan und Christoph Blocher?» Womit wir beim autoritären Messianismus gelandet sind.