Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03379.jsonl.gz/1340

Der Name Jing-Jin-Ji ist Programm. Jing steht für Beijing (Peking), Jin für Tianjin, Ji ist der alte Name der Provinz Hebei und zugleich der historische Name von Peking bis zur Tang-Dynastie (618-907). Jing-Jin-Ji ist ein Labor für moderne Stadtentwicklung. Liu Gang, Professor an der Nankai-Universität in Tianjin, sagte in einem Interview mit der «New York Times», die neue Superstadt sei die «Avantgarde der wirtschaftlichen Reform» und reflektiere «die Sicht der Führung für Integration, Innovation und Schutz der Umwelt». Am Projekt Jing-Jin-Ji sind chinesische und ausländische Stadtplaner, Architekten, Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler beteiligt. Chinas Premier Li Kejiang, die Nummer zwei der Partei, ist bei der Entwicklung des Mega-Projekts besonders kompetent, hat er doch an der Pekinger Elite-Universität Beida mit einer Doktorarbeit über Stadt-Land-Modernisierung promoviert.
Drei vernetzte ZentrenIn der Mega-Region Jing-Jin-Ji soll alles miteinander vernetzt sein, und auch die bislang schlechter entwickelten Gegenden profitieren von neuer Infrastruktur. Dabei werden jeder Stadt und Region spezifische Aufgaben zugeteilt. Peking bleibt das politische und kulturelle Zentrum und soll auch künftig wegweisend sein in den Bereichen der Bildung, der wissenschaftlichen Forschung und der Spitzen-Technologie. Tianjin und die umgebende Provinz Hebei sollen Industrieproduktion und Handel noch mehr ankurbeln. Tianjin mit 13 Millionen Menschen ist Chinas drittgrösste Stadt und führend in der Luftfahrtindustrie, im Schiffbau und als Hafenstadt natürlich in der Logistik. Ausserdem ist Tianjin zusammen mit Hebei ein wichtiges Zentrum der Automobilindustrie. In der Bohai-Bucht, an der Jing-Jin-Ji liegt, wurden zudem neulich vielversprechende Erdöl- und Erdgasvorkommen entdeckt.
Das neue Peking: «Grün, bewaldet, intelligent»Jing-Jin-Ji nimmt bereits erste Formen an, zum Beispiel im Verwaltungsbezirk Tongzhou im Osten Pekings. Hier ist in den letzten Jahren das neue Stadtgebiet Haojiafu entstanden mit allem, was dazugehört: Anschluss an den Öffentlichen Verkehr, Wohnungen, Industriezonen, Parkanlagen, Schulen, Spitäler und vieles mehr. Parteichef Xi Jinping äusserte sich voller Lob zum neuen Stadtteil. An einer Politbüro-Sitzung im Mai bezeichnete er das «neue Peking» als «grün, bewaldet, intelligent».
Die Neustadt Haojiafu – geplant für 2 Millionen Menschen – zählt derzeit rund 900'000 Einwohner. Bereits sind rund 2000 kleine, mittlere und grosse Industriebetriebe zugezogen. Läuft alles nach Plan, sollen bereits ab 2017 Ministerien und andere wichtige Teile der Verwaltung, Universitäten, Spitäler, eventuell sogar die Zentrale der Kommunistischen Partei aus dem Zentrum von Peking verschwinden und in neu geschaffene Stadtgebiete wie Haojiafu verlegt werden. Die Urbanisierung des Umlands soll Pekings Innenstadt von Verkehr und Bevölkerungsdruck entlasten.
Stadtluft macht reichVor dreissig Jahren zählte Chinas Hauptstadt knapp zehn Millionen Einwohner. Heute leben in Peking 21,5 Millionen Menschen, davon rund sieben Millionen im Zentrum. Trotz gut ausgebautem U-Bahn-Netz fahren auf den Strassen 5,6 Millionen Autos. Die Stadt ersäuft im Verkehr, die Luftverschmutzung ist immens. Die Stadtbehörden versuchten den Zustrom der Migranten zu bremsen – ohne Erfolg. Chinesische Wanderarbeiter und Wanderarbeiterinnen – rund 300 Millionen – träumen den Traum: Stadtluft macht, wenn nicht frei, so doch immerhin wohlhabend oder gar reich.
Aus ökonomischer Sicht haben in den letzten zweihundert Jahren städtische Gebiete tatsächlich mehr Wohlstand gebracht. Heute werden laut UNO-Zahlen rund 80 Prozent des weltweiten Brutto-Inlandprodukts in städtischen Agglomerationen erarbeitet. Doch die Kehrseite der Verstädterung ist urbane Armut. Auch in China. Zudem verläuft der Urbanisierungs-Prozess in China um einiges schneller als vor 150 Jahren in Europa. Und das in einem geradezu gigantischem Ausmass.
Urbanisierung nach PlanDie Entwicklung der von Xi Jinping so hoch gelobten neuen Stadt in Tongzhou ist Teil einer neuen Politik. Urbanisierung wird ein wichtiger Punkt der neuen Wirtschaftsstrategie Chinas sein, die sich von einseitiger Export- und Investitionsabhängigkeit befreien will und mehr Binnennachfrage, Konsum, Innovation und Umweltverträglichkeit anstrebt.
Bei der Gründung der Volksrepublik 1949 lebten knapp 10 Prozent der Bevölkerung in Städten. Ende 2015 waren es laut offiziellem Census 760 Millionen Menschen, davon 260 Millionen zugewanderte Bauern. Das ergibt eine Urbanisierungsquote von knapp 55 Prozent. Dieser Anteil soll bis zum Jahr 2050 auf 75 Prozent oder knapp über eine Milliarde Einwohner erhöht werden. In der Mitte des Jahrhunderts soll es in China 2000 Städte geben, davon 200 Millionen-Städte. Die Planer in Peking gehen davon aus, dass es dann 30 städtischen Agglomerationen mit mehr als 5 Millionen Einwohnern und 15 mit mehr als 10 Millionen geben wird.
Die Urbanisierung Chinas lässt sich trefflich an Jing-Jin-Ji erläutern. Heute gibt es dort vier Städte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern (Pekig, Tianjin, Baoding, Shijiazhuang) und fünf Städte mit mehr als drei Millionen Einwohnern (Tangshan 7,5 Mio., Cangzhou 7 Mio., Langfang 4,5 Mio., Zhangjiakou 4,5 Mio. und Chengde 3,5 Mio.). Wirtschaftlich und sozial sind die städtischen Behörden in ganz China gefordert.
Es geht um Arbeitsplätze, Wohnraum, Schulen, Spitäler, soziales Netz mit Renten, Krankenkassen und Betreuung der schnell alternden Bevölkerung. Dazu kommen Strassen, Kanalisation, Wasserversorgung, öffentlicher Verkehr, Strom, Erdgas oder Erdöl. Chinesische Ökonomen und Städteplaner plädieren deshalb für eine Verlangsamung der Urbanisierung. Nur so sei eine umweltgerechte und vor allem finanzierbare Entwicklung überhaupt möglich. Premier Li Kejiang wird denn auch nicht müde, zu betonen, dass eine erfolgreiche Urbanisierung mittels Reformen «nicht über Nacht erzielt werden kann».
Einmal mehr werden Olympische Spiele Peking zu Hilfe kommen. Wie bereits bei den Sommerspielen 2008 werden auch die Winterspiele 2022 dem Ausbau der Infrastruktur und deren Finanzierung zugute kommen. Das gilt besonders für die 4,5-Millionen-Metropole Zhangjiakou in den Bergen, wo die Schweizer Wintersportler in sechs Jahren olympisches Gold holen werden...