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Im Juni 2021 hat die US-Arzneimittelzulassungsbehörde (FDA) ein neues Medikament zugelassen: Aduhelm. Es ist ein Medikament, das gegen Alzheimer helfen soll. Viele Patientinnen und Patienten, Ärztinnen und Ärzte jubelten. Doch das Beratungsgremium aus Medizinprofessoren, das die FDA bei solchen Entscheidungen berät, hatte sich zuvor fast geschlossen gegen die Zulassung des Medikamentes gestellt. Aaron Kesselheim, Medizinprofessor an der Harvard University in Boston, verließ daraufhin als dritter Experte in Folge das Gremium. Wie konnte es dazu kommen?
Dafür muss man in der Geschichte zurückblicken. Denn das Medikament Aduhelm basiert auf einem Verfahren, dass auf den Entdecker der Krankheit, Alois Alzheimer, zurückgeht. Er identifizierte bei seiner Patientin Eiweißablagerungen im Gehirn, hinter denen er die Ursache der Krankheit vermutete. So gut wie alle Medikamente, die seit den 1980er Jahren auf den Markt gekommen sind, basieren auf dieser Idee von Alois Alzheimer, die Eiweißablagerungen im Gehirn zu entfernen. Natürlich hat sich das Verständnis über die Ablagerungen weiter entwickelt. Dennoch bleibt die Grundidee der Entfernung der Ablagerung bestehen. Dieses „Müllsammeln“ der Eiweißablagerung ist auch der Mechanismus von Aduhelm mit dem Wirkstoff Aducanumab. Aduhelm ist nicht das erste Mittel mit dieser Vorgehensweise. Der Mechanismus die Ablagerungen abzubauen, funktioniert tatsächlich, das Problem: der Effekt kann Alzheimer nicht wie erwartet stoppen. Zahlreiche Wirksamkeitsstudien zu solchen Medikamenten mussten abgebrochen werden, auch Aducanumab von Biogen versagten in den entscheidenden Tests an echten Erkrankten. Bis jetzt wurde der kognitive Rückgang trotz Abbau von Eiweiß noch nie zum Halten gebracht.
Neurobiologe Karl Herrup ist nur einer der Wissenschaftler, die ein Umdenken in der Entwicklung von Alzheimer Medikamenten fordern. Herrup versucht an der University of Pittsburgh School of Medicine selbst Wege zu finden, die der komplexen Krankheit gerecht werden. Er möchte das einfach gestrickte Modell zur Beseitigung des Eiweißes durch ein komplexeres, holistisches Modell der Alzheimer Entstehung ersetzten. Dieses soll das komplexe Zusammenleben der verschiedenen Zellen im Gehirn beleuchten. „Alzheimer ist tatsächlich kein biochemisches oder molekulares Problem, sondern ein physiologisches Problem der gestörten Konnektivität zwischen Zellen“, schreiben auch die Neuroforscher Bart de Strooper und Eric Karran von der Universität Leuven und dem University College in London im Fachblatt Cell. Die Krankheit könne nur im Kontext der komplexen zellulären Interaktionen verstanden werden, die das Gehirn im Gleichgewicht bewahren.
Die Zulassung von Aduhelm könnte durch die immense Kritik das Ende einer einseitigen Forschungsära einläuten und so den Weg für komplexer erforschte Medikamente gegen Alzheimer frei machen, die dann auch vom Expertengremium anerkannt werden.