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In diesen Tagen eröffnen Stadt und SBB ein gemeinsames Bauwerk: Den Negrellisteg, eine Fussgängerbrücke über das Gleisfeld zwischen Europaallee und dem oberen Kreis 5 – eine erfreuliche, wenn auch bescheidene Wiedergutmachung eines uralten Sündenfalls der Stadtentwicklung.
Hannes Lindenmeyer
172 Jahre nach der Eröffnung der Spanisch-Brötli-Bahn von Zürich nach Baden werden die beiden seither getrennten Teile der einstigen Gemeinde Aussersihl an einem wichtigen Ort miteinander verbunden. Die Aussersihler hatten sich damals wohl kaum vorgestellt, dass das erste Gleis im Sihlfeld nach rund 20 Jahren zu einer 250 bis 500 Meter breiten, unüberwindlichen Gleiswüste anwachsen würde, die ihr Gemeindegebiet vollständig zweiteilte. Während andere europäische Städte Hochbahnen konstruierten, unter deren Viaduktbögen die innerstädtischen Verbindungen erhalten blieben, haben die Eisenbahnbarone keine Rücksicht auf die Lebensverhältnisse in der armen Vorortgemeinde Aussersihl genommen. Erst 1890 wurden die Linien nach Örlikon und ans rechte Zürichseeufer auf den Aussersihler- und den Lettenviadukt verlegt, aus rein bahntechnischen Gründen.
Getrennte Quartiere
Der Negrellisteg hat einen Vorgänger: die Seufzerbrücke. An der Stelle des jetzt eingeweihten Stegs stand 1936 eine Passerelle mit einem «Befehlsstellwerk» – das am ersten Tag voll versagte, die einfahrenden Züge blieben drei Stunden stehen – darum: Seufzerbrücke. Diese Passerelle war natürlich nur für Bahnpersonal benützbar. Die Tausenden von Passanten, die täglich zwischen den getrennten Stadtteilen zirkulierten, mussten sich jahrelang an einer Reihe von Barrieren, die die verschiedenen Gleise sicherten, gedulden – erst um 1890 machte die Unterführung die Langstrasse durchgängig.
In dieser Unterführung quälte der wachsende Autoverkehr die Fussgänger zunehmend mit «Luft und Lärm». Das war auch der Name der Quartiergruppe, die ab 1977 in der Unterführung protestierte, anfänglich mit einer Gasmaskenaktion, später mit Strassentheater, schliesslich mit einem Aussersihler Sechseläuten. Ihr Erfolg: Die zwei Betonröhren, in denen heute der tägliche Nahkampf zwischen Fuss- und Velovolk und E-Bike-rasern ausgefochten wird.
Nun bietet der neue Negrellisteg einen bequemen, aussichtsreichen Übergang bei guter Luft, unter freiem Himmel. Allerdings nur für Fussgänger und Veloschieber. Das erste, 2011 preisgekrönte Projekt von Flint&Neill, London, hatte eine für Velos befahrbare Konstruktion mit beidseitigen Rampen vorgesehen. Das hochelegante Projekt hätte sich den einfahrenden Zugpassagieren als strahlende Visitenkarte der Stadt gezeigt. Klar, mit 11 statt 30 Millionen muss auf Glanz verzichtet werden. Immerhin hat auch der jetzige Negrellisteg etwas Schwung, leider bricht der an den beiden Enden abrupt ab. Aber Hauptsache: Er verbindet.
Ehre für Alois Negrelli
Negrelli ist er geweiht: zu Recht! Dem italienischen Ingenieur, der vor mehr als 200 Jahren für Zürich die erste Steinbrücke über die Limmat und die bis heute schönste Brücke der Stadt konzipiert hat. Sein neuer Steg startet bei Gustav Gull, dem grossen Stadtbaumeister, und bei Robert Stephenson, dem Erfinder der Eisenbahn und dem Vater des schweizerischen Eisenbahnnetzes. Und wo endet der Steg? An der Zollstrasse. Wie banal und ernüchternd nach so grossen Namen!
Und die Frauen und Kinder?
Die Quartiervereine Industriequartier und Aussersihl machen einen Vorschlag. Am Fusse der Treppe gibts ein schönes neues Plätzchen, bis jetzt namenlos. Ingenieure und Baumeister wurden schon geehrt, Brücken und Bahnen gewürdigt. Es wäre Zeit, an die Menschen zu denken: An die Frauen und Kinder. Mit einem entsprechenden Namen für das neue Plätzchen lässt sich das nachholen. Es gibt eine historische Persönlichkeit, die Generationen von Kindern das Leben der Kinder in den dunklen Anfangszeiten des Industriezeitalters in einer ergreifenden Kindergeschichte nahegebracht hat. Sie war Lehrerin im Lettenschulhaus und ist mit ihren Schulklassen oft der Sihl entlang spaziert: Olga Meyer. Mit dem «kleinen Mock» hat sie das Kinderleben in der Stadt geschildert, als hier in Aussersihl noch bittere Armut herrschte. Olga Meyer hätte es verdient, dass sie an diesem Plätzchen im einstigen Industriequartier geehrt würde, in Gedenken an die Tausenden Kinder, die ein hartes Leben in der Frühzeit der Industriealisierung nicht nur im Zürcher Oberland – dort, wo ihr «Anneli» spielt –, sondern auch im Arbeiterviertel Aussersihl erlitten haben. Die Quartiervereine haben zur Eröffnung des Negrellistegs eine entsprechende Eingabe an die Strassenbenennungskommission eingereicht – und, welch ein Zufall, genau jetzt will auch die Stadt Olga Meyer ehren, wenn auch anders.
Pro Memoria
Noch immer warten die beiden Quartiere auf die andere längst versprochene Wiedergutmachung: Die Vollendung des Lettenviadukts von der Josefswiese zur Hohlstrasse.