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Der erste Ausstellungsraum bietet dem Besucher die Möglichkeit, anhand von Dokumenten, Fotos und Gegenständen Friedrich Nietzsches Leben und Werdegang zu verfolgen. Besonders zu erwähnen unter den Exponaten in diesem Raum sind Nietzsches handschriftliche Briefe aus der Silser Zeit, die originale Totenmaske, die Marmorbüste von Max Kruse aus dem Jahr 1898 sowie eine vollständige Sammlung der von Nietzsche zu Lebzeiten selbst herausgegebenen Werke, darunter seltene Widmungsexemplare.
Im Jahr 1991 konnte die Stiftung das Mobiliar erwerben, das der junge Philologie-Professor für den ersten eigenen Haushalt in Basel am Spalenthorweg 48 in Naumburg bestellt hatte und das er bis zum Ende seiner Universitätstätigkeit in Basel (Mai 1879) durch mehrere Wohnungswechsel hindurch behielt. In ihrer bürgerlichen Solidität bilden diese Möbel einen starken Kontrast zur grossen Einfachheit des Nietzsche-Zimmers im 1. Stock, ein Kontrast, der schon im Interieur Nietzsches Weg vom respektablen Universitätsprofessor zum „Einsiedler“ und „fugitivus errans“ (als den er sich selbst sah) spiegelt. Die Dokumente und Fotos in diesem Raum geben Auskunft über Nietzsches zehnjährige Lehrtätigkeit an der Universität Basel und am dortigen Gymnasium im Mentelinshof, über seine Lektüren und seine menschlichen Begegnungen.
Der sich im hinteren Teil der „Basler Professorenstube“ anschliessende Raum ist dem Nietzsche-Übersetzer und Herausgeber Oscar Levy gewidmet. Geboren 1867 in Stargard, Pommern, verliess Oscar Levy bereits 1894 aus Protest gegen den wachsenden Nationalismus seine Heimat aus und emigrierte nach England, wo er als Arzt wirkte. Leidenschaftlicher Nietzsche-Leser, gab Levy zwischen 1909 und 1913 die erste vollständige englische Ausgabe von Nietzsches Werken in 18 Bänden heraus, die er auch selbst finanzierte. Er war ein äusserst wacher und kritischer Geist, der in zahlreichen Publikationen Stellung zum aktuellen politischen Geschehen nahm. 1921 wurde er als einer der „former alien enemies“ mit Frau und Tochter aus England ausgewiesen und lebte anschließend in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Erst 1938 durfte er wieder nach England zurückkehren, wo er 1946 starb.
2004 beschloss Oscar Levys Tochter Maud Rosenthal-Levy, dem Nietzsche-Haus die wertvolle, vor allem auf das Thema „Präfaschismus“ fokussierte Bibliothek ihres Vaters zu vermachen, die nun, zusammen mit einem Teil des Mobiliars aus Levys Studienzimmer, in diesem Raum eingerichtet ist. Der Besucher findet hier ausserdem Dokumente, Fotos und Gegenstände über Oscar Levys Leben und Werdegang, unter anderem seinen Text „Die Exkommunizierung Adolf Hitlers – Ein Offener Brief“ vom 21. Juni 1938.
Dieser Raum, in dem ein grosser Teil der hauseigenen Forschungsbibliothek untergebracht ist, steht ausserhalb der Öffnungszeiten des Museums den Hausbewohnern als Arbeitsplatz zur Verfügung. Gleichzeitig findet der Museumsbesucher hier eine Dokumentation zu Mazzino Montinari und Giorgio Colli, jenen beiden italienischen Forschern, die Anfang der 1960er Jahre den wichtigen Entschluss zu einer neuen, historisch-kritischen Gesamtausgabe von Nietzsches Werken fassten. Zu bewundern in der Arbeitsbibliothek ist ferner der originale Lehnsessel, den Nietzsche für seinen Basler Haushalt anschaffte und 1879, als er die Professur niederlegte, seinem Arzt, Professor Rudolf Massini, schenkte. Vor wenigen Jahren konnte die Stiftung „Nietzsche-Haus in Sils-Maria“ das Möbelstück für das Museum erwerben.
Das Zimmer im ersten Stock, das Friedrich Nietzsche sieben Sommer lang (1881 und 1883-1888) im Haus Durisch mietete, ist in seinem schlichten Originalzustand erhalten. Das Mobiliar stammt aus dem ältesten Silser Hotel, „Alpenrose“, in dem der Philosoph das Mittagessen einzunehmen pflegte. Links neben dem Fenster ist an der Wand ein Stück der Tapete zu sehen, die Nietzsche im Sommer 1883 auf eigene Kosten und nach einem selbst ausgewählten Muster anfertigen und anbringen liess. Es ist kein Zufall, dass auch die Tischdecke, wie die Tapete, in grünen Tönen gehalten ist. Auch in diesem Fall bestimmte der Philosoph selbst, welche Farbe der Stoff haben sollte. Nietzsche hat den „nächsten Dingen“, die unseren Alltag ausmachen, grosse Aufmerksamkeit geschenkt, denn er wusste um ihren unmittelbaren Einfluss auf Körper und Geist. Der Philosophieprofessor Paul Deussen, der Nietzsche im September 1887 in Sils Maria besuchte, hat in seinen Erinnerungen das Zimmer seines Freundes skizziert: „Am nächsten Morgen führte er mich in seine Wohnung, oder wie er sagte, in seine Höhle. Es war eine einfache Stube in einem Bauernhause, drei Minuten von der Landstrasse: Nietzsche hatte sie während der Saison für einen Franken täglich gemietet. Die Einrichtung war die denkbar einfachste. An der einen Seite standen seine mir von früher her meist noch wohlbekannten Bücher, dann folgte ein bäurischer Tisch mit Kaffeetasse, Eierschalen, Manuskripten, Toilettengegenständen in buntem Durcheinander, welches sich weiter über Stiefelknecht mit darin einen steckendem Stiefel bis zu dem ungemachten Bette fortsetzte.“
Im Gang des Obergeschosses und an der Treppe zum Untergeschoss findet der Besucher eine umfangreiche Ausstellung mit Fotos und Texten von Autorinnen und Autoren über Sils und das Oberengadin. Einige von ihnen kamen auf Nietzsches Spuren ins Tal, andere wurden von der einzigartigen Landschaft gelockt und zu literarischen Texten inspiriert. Zu erwähnen sind unter anderem Theodor W. Adorno, Alfred Andersch, Walter Benjamin, Gottfried Benn, Paul Celan, Jean Cocteau, Friedrich Dürrenmatt, Anne Frank, Max Frisch, Hermann Hesse, Karl Kraus, Erika, Klaus und Thomas Mann, Gerhard Meier, Robert Musil, Rainer Maria Rilke, Kurt Tucholsky.
Kaum ein zweiter Philosoph hat die bildende Kunst der Moderne und Postmoderne so stark beeinflusst wie Friedrich Nietzsche. Seine aussergewöhnliche Popularität in der europäischen Kunstszene verwundert nicht, wenn man bedenkt, welchen Stellenwert dieser Philosoph der Kunst immer wieder einräumt. In einem Nachgelassenen Fragment aus dem Sommer 1885 notiert Nietzsche: „In der Hauptsache gebe ich den Künstlern mehr Recht als allen Philosophen bisher: sie verloren die große Spur nicht, auf der das Leben geht, sie liebten die Dinge „dieser Welt“ — sie liebten ihre Sinne. […]“
Seit 1978 bietet die Stiftung Nietzsche-Haus in Sils-Maria Künstlern, deren Werke einen Bezug zur Region oder zu Nietzsches Denken besitzen, die Möglichkeit, kleine Ausstellungen im Nietzsche-Haus zu realisieren, die in der Regel ein Jahr, von Sommer zu Sommer, im Haus bestehen bleiben (siehe auch „Wechselausstellungen Archiv„).