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Chen Danyan (CN)
Neun Leben. Eine Kindheit in Schanghai
1995
Aus: Chen Danyan. Neun Leben. Eine Kindheit in Schanghai. 1995
Chen Danyan schreibt für Jugendliche und Erwachsene, wobei sich, wie sie sagt nur die Themen unterscheiden und alles andere gleich sei, auch die Sprache. Sie hat bisher acht Bücher veröffentlicht. 1995 ist auf deutsch in der Baobab-Reiihe «Neun Leben. Eine Kindheit in Schanghai» erschienen, übersetzt von Barbara Wang. Am 25. April erhält Chen Danyan dafür den Oesterreichischen Kinderbuchpreis 1996.
Herbst 1966. Die Kulturrevolution hatte gerade angefangen. Am zweiten Schultag wurden die neuen Bücher verteilt. Jedes Kind ging zum Lehrerpult, erhielt sein Lesebuch für die erste Klasse und zusätzlich einen kleinen Topf Kleister. Der Kleister wae aus Mehl angerührt. Er schimmerte weiss, war fast durchsichtig und roch appetitlich. Mein Magen meldeteplötzlich einen mächtigen Hunger.
Die Lehrerin erklärte, mit dem Kleister würden wir jetzt die Seiten mit den giftigen Texten zusammenkleben. «Alle Uebungen, die Gift enthalten, lernen wir nicht!» Sie trug noch immer den himmelblauen Rock. Ihren Anweisungen entsprechend klebte ich viele Lesebuchseiten zusammen Auf einer waren wunderschöne rosafarbene Blumen gemalt. Darüber stand ein Gedicht. Mir gefiel die Seite besonders gut, und ich hatte Lust, sachte mit der Hand darüber zu streichen. Statt dessen beschmierte ich sie über und über mit Kleister. Was in dem Gedicht stand, wusste ich nicht. Ich konnte damals noch nicht lesen.