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Musikgeschichtlicher Exkurs
Die Musik ist seit jeher einer der wichtigsten Bestandteile des kulturellen Lebens des Menschen. Egal ob zur allgemeinen Erheiterung, um Gefühle auszudrücken, als Zeitvertreib, um Geschichten zu erzählen, oder als Bestandteil von religiösen Ritualen überall ist Musik präsent. Dies war auch im Mittelalter nicht anders. Im Gegenteil, gerade während des Mittealters erlebte die Musik grosse Veränderungen, deren Tragweite bis in unsere Zeit reicht.
Kurzer Rückblick von 600 n. Chr. bis Ende 13. Jh.
In der Mitte des 7. Jahrhunderts n. Chr. entstand der Gregorianische Choral, ein einstimmiger, lateinischer Kirchengesang, welcher nach liturgischen Texten der Bibel gesungen wurde. Um 900 wurden diese einstimmigen Gesänge in Frankreich und Deutschland durch Quinten oder Quarten erweitert. Die erste Mehrstimmigkeit war geboren. Ab Mitte des 12. Jh. übernahm die Kirche Notre Dame eine führende Rolle in der Erweiterung der Mehrstimmigkeit. Durch die zunehmende, komplexere Mehrstimmigkeit werden 1180 die ersten rhythmischen Grundsätze entwickelt. Um 1250 setzt sich die Mensuralnotation durch, welche jeder Note einen genauen Wert zuordnet, dieses System besteht in erweiterter Form bis heute. Auch unser Notensystem mit fünf Linien wurde in dieser Zeit in Paris erarbeitet.
Neben dem geistlichen Zweig der Musik, bildete sich auch der weltliche Zweig der Musik stetig weiter. Dieser war in den Anfängen stark geprägt von den Adligen und dem Rittertum. Ab 1080 machten sich die Adlige als Troubadouren kunstvolle, musikalische Gedichte. Im 13. Jh. erzählten die Trouvères Geschichten von Königen und ihren Taten und schafften so den Heldenepos. Schliesslich folgten darauf die Minnesänger, welche mit ihren Liedern um eine Dame warben.
Die frühe höfische Musik im 13./14. Jh.
In dieser Zeit war die vokale Musik noch immer wichtiger als die Instrumentale. Das zeigt sich auch in den überlieferten Stücken. Die Melodie der Instrumentalstücke ist um einiges simpler. Dies soll jedoch das Können der damaligen Instrumentalmusiker nicht schmälern, denn aufgeschrieben wurde damals nur das Nötigste. Das meiste spielten die Musiker aus dem Gedächtnis. Das höchste Musikgut dieser Zeit sind die „Estampie“ und „Danses reales“. In der wichtigsten, überlieferten Quelle aus dieser Zeit, dem „Chansonnier du Roi“ mit über 400 Lieder und Liedsequenzen, kann man erkennen, dass diese Estampies wahrscheinlich einer genauen Reihenfolge nach gespielt wurden. Ein Zeitzeuge Johannes de Grocheo schreibt über diese Estampies: „Eine Estampie ist ein wortlose, musikalische Komposition mit einer komplizierten melodischen Entfaltung. Durch ihre Schwierigkeit nimmt sie vollends den Geist des Spielers und des Zuhörers in Beschlag und hält die Herrscher von bösen Gedanken ab.“ Umso erstaunlicher die Leistung der damaligen Musiker, welche übrigens besser bezahlt wurden als die Soldaten und Köche des Hofes.
Die späte höfische Musik im 14./15. Jh.
Im 14. Und 15. Jh. könnte man fast von einem musikalischen Wettrüsten sprechen. Jeder Hof wollte mehr und bessere Musiker haben. Die Hofmusiker begleiteten mit ihrer Musik Hoffeste und Zeremonien, sorgten für Erheiterung in den Privatgemächern und umrahmten zusammen mit den Kapellsängern liturgische Feste. Hofmusiker beherrschten immer mehrere Instrumente. Sie reisten durch ganz Europa um sich an Musikschulen, wie zum Beispiel in Brügge oder Paris, weiterzubilden und dabei neue Musik und neue Instrumente zu entdecken. Das Geld dafür erhielten sie von ihren Herrschern, diese nutzend ihre Musiker zu weil auch als Diplomaten und Boten. Man unterschied zwischen „les hautes instruments“ also Trompeten, Schalmei und Posaunen, welche zu offiziellen Anlässen, Fanfaren und Tänzen spielten und „les bas instruments“, wie Flöten, Fiedel, Laute, welche an Banketten oder den Privatgemächern für musikalische Umrahmung sorgten.
Die Musik am burgundischen Hofe
Die Musik am burgundischen Hofe ist eine der grössten, wenn nicht gar die grösste Musik des Mittelalters. Der burgundische Hof nutzt die Musik zur Sichtbarmachung seiner herrschaftlichen Grösse. Die Musik am Hofe war nichts für den gemeinen Mann, sondern nur etwas für Kenner, so enthielt sie komplexe Melodien, sowie Lieder mit mehreren Texten übereinander. Tänze spielten am burgundischen Hof eine wichtige Rolle. Ihre Reihenfolge war klar festgesetzt und diente nicht nur zur Erheiterung, sondern auch zur Pflege von Diplomatischen Beziehungen. Leider sind uns von den burgundischen Tänzen nur noch melodische Grundmuster erhalten geblieben. Eine Ahnung wie pompös die musikalische Begleitung am burgundischen Hof war, bietet uns die Überlieferung des Fasanenfest von 1454. Der Herzog von Burgund Philippe „le bon“ sollte damals den Vorsitzt zu einem letzten Kreuzzug in die Türkei übernehmen. Aufgrund dessen liess der Herzog seine Ritter an ein grosses Fest kommen um ihm die Treue zu schwören. Zum Fest ist unter Anderem folgendes Überliefert: „ Es gab drei Tafeln. Auf der 1. war eine Kirche mit Glasfenstern und eine Glocke, welche geläutet werden konnte. In ihr fanden drei Musiker und Sänger Platz. Auf der zweiten und grössten Tafel befand sich ein Pastete in welcher 28 Musiker platzt fanden und darin spielten.“ 1474 waren 12 Hoftrompeter, 6 Kammermusiker, 40 Kapellsänger, ein Bläserensembel mit 6 Personen am Hofe angestellt. Auch Karl „der Kühne“ selber wurde als „perfecto musico“ beschrieben und hat selber einige Stücke komponiert. Dies zeigt welche wichtige Rolle die Musik in der damaligen Zeit für die Adligen Personen hatte.
Mit dem Burgunderkrieg prallten zwei kulturelle Welten aufeinander. Die Eidgenossen waren nämlich damals alles andere als musikalisch weit entwickelt! Den Sieg der Eidgenossen bildete jedoch nicht das Ende der burgundischen Hofmusik. Maria, die Tochter von Karl, heiratete Maximilian von Österreich und nahm die Musikkultur an den Habsburgischen Hof mit, wo diese weiterlebte. Die eigentliche Katastrophe ereignete sich viel später, als, aus bisher unerklärlichen Gründen, die burgundischen Chorbücher verloren gingen und somit ein grosses Erbe der mittelalterlichen Musikgeschichte.
Problematik der historischen Einordnung von Musikstücken
Möchte man historisch Belegte Musik aus dem Mittelalter machen, stösst man auf einige Probleme. Musik wird im Mittelalter als vergänglich und nicht von historischem Interesse angesehen. Das Bedeutet die Melodien werden mehrheitlich nicht notiert. Die Chance besteht, dass sie zusammen mit historisch Wichtigen Ereignissen an den Höfen, zum Beispiel ein Sieg, eine Krönung oder eine Hochzeit, in den Schriften der Königreichen festgehalten wurden. Die Volkmusik wird dadurch aber so gut wie nie festgehalten. Viele Melodien sind nur erhalten Geblieben, weil sie irgendwann in Sammelwerke eingetragen wurden. Dies hilft zwar in der geschichtlichen Einordnung, aber es sagt uns nicht wie alt die einzelnen Melodien sind.
Das grösste Problem ist aber das Anonyme Verfassen von Musik. Berufsmusiker und Komponisten gab es schon seit der Troubadourenzeit. Die Komponisten hatten jedoch noch nicht das heutige Verständnis eines Komponisten. Die Musik war entscheidend, nicht derjenige, der sie geschrieben hat. Erst Anfang des 15. Jh. beginnt sich das Bewusstsein der Komponisten zu wandeln. Guillaume de Macheau war einer der Ersten Komponisten, welcher konsequent seine Werke sammelte und so für uns festhielt.
Die letzte Schwierigkeit liegt im grossen Unterschied zwischen Volks- und Hofmusik. Diese unterscheiden sich wie Tag und Nacht. Denn die Hofmusik ist für Kenner, sie ist Kunst, während die Volksmusik zur täglichen Erheiterung dient und einfach bleibt. Eine simple volksmusikalische Melodie bedeutet also nicht zwingend, dass das Stück sehr alt ist. Im Gegenzug sind diese Melodien über Jahrhunderte überliefert worden.
Was sollen wir nun also tun? Erfreuen wir uns doch an der Vielfalt der mittelalterlichen Musik und über das was wir haben. Auch die Musikhistoriker sind sich in vielen Orten unsicher, wie denn diese Noten geklungen haben sollen. Heisst das wir dürfen keine solche Musik spielen? Meiner Meinung nach ist dies falsch. Spielen wir nach bestem Wissen und Gewissen diese Musik und bringen wir so uns allen ein Teil des mittelalterlichen Lebens etwas Näher.
Auszüge des Vortrags: „Die Musik des Mittelalters mit Schwerpunkt burgundische Musik“ Ein Vortrag für die Companie Basilisk, gehalten am 1. Oktober 2010, von Julia Zeier.
Literatur:
I Cifré, J.M.G. (2009). In: Ministriles Reales, musica instumental de los Soglos de Oro del renacimiento al Barroco 1450 – 1690. Bellaterra: Allia Vox.
Savall, J. (2008) In: Estampies & danses royales, le manuscrit du roi ca. 1270-1320.Bellaterra: Allia Vox.
Wächter, R.(2008). In: Karl der Kühne und die burgundische Hofmusik. Eine Koproduktion von Schweizer Radio DRS und Raumklang. Berlin: Raumklang.
Wächter, R. (2008). Karl der Kühne und die burgundische Hofmusik. Sendung „Parlando“ Roland Wächter im Gespräch mit Klaus Pietschmann. Ausgestrahlt am 27. April 2008 auf DRS 2. Eine Koproduktion von Schweizer Radio DRS und Raumklang. Berlin: Raumklang
Wörner, K.H. (1980). Geschichte der Musik. Ein Studien- und Nachschlagebuch. 7. Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.