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«Das war schon immer so und du wirst diese Tradition ebenfalls weiterführen, Natascha!» ruft der Vater empört quer über den Tisch. Stille, die Mutter seufzt. Natascha schaut hinab in ihr Mittagsmal, das Klimpern des Löffels im Suppenteller geht durch Mark und Bein. «Jegor hat Recht. Obwohl wir kaum Anerkennung erhalten, sind die Einnahmen für uns überlebensnotwendig», fügt die Mutter an. Mit der Hinterhand schlägt Jegor den Plastikbecher in Richtung seiner Tochter. Natascha kreischt auf und rennt die Treppe hoch. Die Türe knallt zu, die Mutter beginnt zu weinen. Oma Marija, die normalerweise nur noch schlecht zu Fuss ist, spring auf und folgt ihrer Enkeltochter in das Obergeschoss. Jegor zündet sich eine zuvor selbst gedrehte Zigarette an, nimmt zwei kurze aber tiefe Züge und streckt den Glimmstängel seiner Frau zu. «Unser Garten ist vollständig geerntet und das Wild beinahe ausgestorben», brummt Jegor vor sich hin, schwingt sich im Aufstehen das Gewehr an den Rücken und gestikuliert mit dem Kopf Richtung Haustüre. «Der Notstand ist Tatsache, Irina. Komm.» Die Mutter öffnet eine Schublade, steckt sich ein Messer in den Bund des Rockes und lässt den Saum ihrer Bluse darüber baumeln. Jegor ist schon längst draussen, als Marija die Treppe hinunter humpelt und hinterherruft: «Das dürft ihr nicht machen, wie soll ich alleine mit dem Kind…». «Lerne ihr das Handwerk, so wie du es mich in Nataschas Alter ebenfalls gelernt hast», unterbricht sie Irina und geht.
Natascha ist in ihrem Zimmer und skizziert in ihr Notizbuch. Nichts ist ihr heiliger, und nichts beschützt sie stärker von neugierigen Augen. Sie blickt durch das Schlüsselloch, die Luft ist rein, während sie unten schon den ersten Kunden hört. «Reparieren sie meine Marionette, sofort!» hört Natascha einen Mann rufen. Ihre Familie verkauft seit Generationen menschengrosse Gliederpuppen an Fäden. Aufgrund der Armut kauft niemand mehr neue Meisterwerke und nur Herzogen, Fürsten und Zarren kommen noch, um welche zu reparieren. Geld geben sie kaum, doch manchmal lässt sich die Menge der monatlichen Abgaben ein wenig heruntersetzen. Natascha trottet hinab zu ihrer Grossmutter und setzt sich gespannt daneben, als Marija beginnt, die Schulter der Marionette auszuwechseln. «Natascha, immer beobachtest du mich beim Bauen der Puppen. Gegenüber deinen Eltern zeigst du aber keinerlei Interesse am Erlernen des Handwerks. Wieso nur?», fragt sie ihre Enkelin. Diese schweigt und schaut konzentriert der Oma bei der Arbeit zu.
Es ist schon spät und Marija schliesst die Haustüre ab, die gleichzeitig auch der Eingang zum Geschäft der Familie ist. Natascha ist wieder in ihrem Zimmer. «Liebling, die Suppe ist fertig.», ruft sie nach oben und stellt den Teller auf den Tisch, während sie für sich ein Stück altes Brot abschneidet. «Natascha, das Essen wird kalt», singt sie in den nettesten Tönen Richtung Treppe. Nichts rührt sich. Marija tippt mit ihrem Zeigfinger noch die letzten Krümel vom Tisch auf und zieht sich heute schon das gefühlte hundertste Mal am Geländer die Treppe hoch. Sie klopft an Nataschas Zimmertüre und will eintreten, aber sie ist verschlossen. Marija ruft noch mehrere Male nach ihrer Enkelin, und obwohl ein Spalt Licht durchschimmert, bleibt ihr den Einlass verwehrt. Den Teller vor der Türe abgestellt, holt sie sich einen Stuhl, um vor dem Zimmer zu warten. Als sie ihn durch den engen Gang stösst, bemerkt sie die gelungene Täuschung: Der Teller ist weg. Verärgert, aber trotzdem zufrieden über Nataschas Lebenszeichen legt sie sich schlafen.
Ein ohrenbetäubendes Poltern an die Haustüre wird einzig noch übertönt vom Geschrei eines Kunden: «Die beste Qualität wurde mir versprochen, die beste Qualität. Nun fällt sie schon förmlich auseinander», empört er sich. Marija reibt sich die Augen und setzt sich an den Bettrand auf. In ihrem Alter ist man sich nicht mehr gewohnt, dass die Stadt früh morgens bereits so belebt ist. Als das Poltern und Fluchen nicht aufhören will, macht sie sich in ihrem Nachtgewand auf zur Haustüre und klopft unterwegs bei Natascha an. «Tagwach», flüstert sie zwischen Türe und Rahmen hindurch und will eintreten, doch das Zimmer lässt sich immer noch nicht öffnen. «Kommt jetzt sofort jemand den Laden öffnen!» schreit es immer noch die Treppe hoch und Marija entscheidet sich, zuerst unten zum Rechten zu sehen. Kaum ist die Türe geöffnet, will ihr der Herr beinahe an den Kragen springen. «Guten Tag, wollen sie eine neue Marionette kaufen? Ihre sieht schon sehr alt aus», begrüsst Marija ihn gelassen. «Um vier, komme ich sie abholen, funktionstüchtig», knurrt er und drückt ihr die Puppe in die Arme. Die Grossmutter legt den hölzernen Patienten auf den Teppich, geht in die Küche und streicht sich zwei Butterbrote. Eines legt sie vor Nataschas Türe, nachdem sie ein weiteres Mal vergebens in ihr Zimmer eintreten will. Bereits in einer Stunde muss die Marionette fertig sein, sie darf keine Zeit verlieren und macht sich an die Arbeit.
Marija hat Hunger und entscheidet sich das letzte Stück Brot vor Nataschas Zimmer selbst zu essen. Bis sie einige Meter vor dem Zimmer sieht, dass der Teller wieder leer ist. Dies geht noch einige Male so weiter. Jede Mahlzeit stellt sie der Enkelin hin, als sie zurückkommt, ist der Teller leer. Marija ist trotz ihres Alters noch sehr klar im Kopf und schmiedet einen Plan: Nachdem sie erneut einen Suppenteller positioniert hat, legt sie sich auf die Treppe und behält über den obersten Tritt die Zimmertüre im Visier. Sie reinigt noch rasch ihre dicken Brillengläser und bereitet sich auf einige Minuten in dieser akrobatischen Position vor.
Doch niemand öffnet die Türe und der Abend wird später und später. Langsam fallen ihr die Augen zu, bis ein Knarzen der Türklinke sie aus dem Halbschlaf reisst. Gespannt versucht sie etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Der Teller ist noch voll. Plötzlich sind die Umrisse eines Kopfes mit kurzen Haaren zu sehen und eine Hand, die zum Teller greift. Marija spring auf und rennt in die Richtung des Zimmers, doch die Person zieht sich schnell wieder in das Zimmer zurück und schliesst es ab. Wild hämmert sie mit den Fäusten gegen die Tür, doch weder ihre geliebte Enkelin noch das unbekannte Wesen öffnen die Türe. Marija weiss nicht was sie machen soll, es ist mittlerweile stockfinstere Nacht und die Ochrana schert sich einen Dreck um Kinder von armen Familien. Sie entschliesst sich, die Nahrungslieferungen vor dem Zimmer zu stoppen, so muss sich auch das seltsame Geschöpf irgendwann zeigen oder zumindest das Haus unbemerkt verlassen.
Einen Tag später hat sie noch nichts aus dem Zimmer gehört und es ist weiterhin verschlossen. Marija beschliesst, zum Wohle ihrer Enkelin, wieder ein Stück Brot hinzulegen und in der Zwischenzeit selbst etwas zu essen. Kaum hat sie den letzten Bissen hinuntergeschluckt, zieht sie sich wieder die Treppe hoch. Aber das Brot ist noch immer vor Nataschas Zimmer. Marija blickt auf und sieht, dass die Türe einen Spalt geöffnet ist. Ein fürchterlicher Gestank kommt ihr entgegen. Sie betritt den Raum und entdeckt Natascha kniend inmitten des Raumes. Zwei Silhouetten beginnen das Kind langsam von beiden Seiten zu umarmen. «Oh mein Gott, sind das Irina und Jegor?», fragt die Oma mit zitternder Stimme leise vor sich hin. Als ihre Enkelin plötzlich die Arme nach vorne bewegt und die Gestalten je ein Messer von hinten durch Nataschas Körper rammen. Marija bricht zusammen. Sie schaut auf und sieht wie Fäden langsam aus den Händen der Leiche gleiten. Vor ihr liegt ein Buch. Marija klappt es auf, es ist Nataschas Notizbuch. Voll mit Beobachtungen zur Herstellung von Marionetten, Plänen und Skizzen. Marija sieht Natascha an. Trotz Blut aus ihrem Mund rinnend, lächelt sie, umarmt von den hölzernen Armen ihrer Eltern. Endlich wieder einmal seit langem – und für immer.
Analytische Beschreibung
Eine fiktionale Kurzgeschichte schildert einen Ablauf, einen Vorfall oder ein Ereignis. Im Unterschied zur Dokumentation wird nicht versucht eine reale Geschichte wahrheitsgetreu aufzuschreiben, sondern selbst eine zu erfinden.
Eine Kurzgeschichte hat immer eine Erzählperspektive, die bestimmt, wer der Erzähler ist und was er alles weiss. Dieser kann beispielsweise allwissend, im Kopf der Hauptperson oder selbst eine Person der Geschichte sein. In meinem Text gibt es einen objektiven Erzähler. Er ist wie ein Beobachter im Raum des Geschehens und weiss nur das, was man vor Ort sieht oder hört.
Des Weiteren gibt es in einer Kurzgeschichte diverse Charaktere, diese können Menschen, Tiere oder in stark fiktionalen Geschichten sogar Objekte sein. Treffen zwei Fronten aufeinander, spricht man von einem oder mehreren Protagonisten und Antagonisten. Im Gegensatz zum Protagonisten wird der Antagonist als Gegner angesehen. In meiner Geschichte habe ich zwei Hauptpersonen: die Grossmutter Marija und ihre Enkelin Natascha. Natascha ist seit Beginn eine sehr zentrale Person, wobei Marija nach dem Fortgehen der Eltern immer wichtiger wird. Die Eltern, also Jegor und Irina, kommen am Anfang der Geschichte vor und verlassen danach den Schauplatz. Sie sind für den Erzähler ausserhalb seines Sehvermögens. Das Aussehen der beiden wurde am Ende von Natascha für ihre beiden Puppen übernommen. Die Kunden sind ebenfalls nur Nebencharaktere.
Die meisten Geschichten bestehen aus drei Teilen: der Einleitung, dem Hauptteil und dem Ende. Bei mir startet die Kurzgeschichte mit der Einleitung in die Familie. Man kann sich immer mehr ein Bild der Lage machen, je länger man die Einleitung liest. Ausserdem werden die Personen vorgestellt, nicht durch den Erzähler, aber man lernt sie über die Taten und Reaktionen kennen. Dann folgt der Hauptteil. Darin hat Marija ein Problem, das sie lösen muss. Ein solches Ziel der Hauptperson ist ebenfalls typisch für eine Geschichte. Die Lage spitzt sich gegen Ende immer mehr zu und der Spannungsbogen steigt, bis aufgedeckt wird, ob sie das Problem lösen kann. Aufgelöst wird dann im dritten Teil: Marija erreicht ihr Ziel leider nicht und Natascha begibt Selbstmord. Für die anderen Personen der Geschichte bleibt die Fortsetzung offen. Der letzte Abschnitt erscheint einem nicht als klar, wenn man ihn das erste Mal liest, bis man den vollständigen Text gelesen hat. Dies hat wieder etwas mit der Erzählperspektive zu tun, da man als Beobachter nicht wusste was genau passiert und wer die Gestalten sind. Als die Oma dann meint, ihre Tochter und den Schwiegersohn zuerkennt, ist man als Leser genauso verwirrt wie Marija, bis es sich herauskristallisiert, dass es zwei gebaute Marionetten von Natascha in Form ihrer Eltern sind.