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Ein israelischer Geheimdienstler – auf Selbstmordattentate spezialisiert – erhält einen ungewöhnlichen Auftrag. Er soll über die Schriftstellerin Daphna Kontakt zu einem todkranken Dichter aus dem Gazastreifen herstellen, dessen Sohn des Terrorismus verdächtigt wird. Doch schon bald wird der Ermittler selbst in die Ereignisse hineingezogen, denn je tiefer er ins Geschehen eintaucht, desto mehr gerät sein Weltbild ins Wanken. Im zypriotischen Limassol steht er schließlich vor der Entscheidung: Soll er an seinen Überzeugungen und seinem Auftrag festhalten oder seinen unerwarteten sympathischen Gefühlen nachgeben und den Schuldigen decken? »Limassol« ist ein packender Roman von kühnem Realismus, der den Leser in die Abgründe der zerrissenen israelischen Gesellschaft hinabstößt und wagt, die Frage nach Richtig und Falsch, Gut und Böse noch einmal neu zu stellen.
Ich blieb noch einen Moment im Auto sitzen, um einen Blick auf das alte Foto von ihr zu werfen und mir Here Comes the Sun zu Ende anzuhören. Harrison wird selten im Radio gespielt, und gute Morgenlieder wie dieses gibt es nur wenige. Vor der ersten Begegnung mit einem Menschen studiere ich seine Gesichtszüge stets genau, das beugt Überraschungen vor. Auf dem Bild sah sie sehr schön aus, nach hinten gestrafftes, hochgebundenes Haar, eine kluge Stirn. Sie war auf irgendeinem Intellektuellentreff und lächelte einem Araber zu.
Ein Morgen Ende Juli. Die Straße verströmte die städtische Gelassenheit der großen Ferien. Katzen klettern auf Müllcontainer und angeln nach Futter, zwei Freunde, die Surfbretter unterm Arm, schlendern sorglos lachend unter Tamarisken zum Meer. Ich wohne im dritten Stock, hatte sie am Telefon gesagt. An den Briefkästen klebten schichtenweise Schildchen mit den hebräischen Namen junger, häufig wechselnder Mieter, daneben lateinisch geschriebene, europäische Namen von Menschen, die schon nicht mehr lebten. Das Gebäude war ziemlich heruntergekommen, Putz bröckelte von den Wänden. Die vor Dreck undurchsichtigen hohen, schmalen Fenster im Treppenhaus erinnerten an ein verlassenes Kloster. Daphna öffnete mir barfuß, das Haar hinten zusammengebunden; ihre Augen blickten tief. Das merkte ich gleich.
»Ich bin am Telefon«, sagte sie, »kommen Sie rein.« Ich bekam das Ende des Gesprächs mit. Ein kurzes Lachen, einige praktische Hinweise. »Ich muss jetzt Schluss machen; hier wartet jemand auf mich.« Ich spähte ins Wohnzimmer. Zwei bequeme Sofas aus den Siebzigern, ein großes Fenster mit Blick in die üppige Krone eines Feigenbaums, ein kleiner Fernseher, an den Wänden interessante Arbeiten, die ich mir jetzt nicht genauer anschauen konnte. Die Wohnung ging auf einen Innenhof und war von Licht durchflutet. Aus irgendeinem Grund hatte ich düstere Gemächer erwartet.
»Wir setzen uns in die Küche«, rief sie. Auf dem runden Tisch mit der bunten Häkeldecke lag ein Stapel Papiere, in einer Schale reiften Pfirsiche. Im Radio spielte leise klassische Musik, vielleicht Chopin, vielleicht ein anderer, den ich nicht kannte.
»Warum haben Sie sich an mich gewandt?« Ihre Stimme klang erstaunlich jung.
»Sie wurden mir empfohlen. Ich brauche Hilfe bei meinem Text«, antwortete ich. »Ich möchte schreiben lernen.«
»Ist Ihnen das wirklich wichtig? Sind Sie bereit, Zeit zu investieren?« Sie lächelte verhalten, setzte sich auf einen Stuhl und schlug ein Bein unter. Ich sah, dass sie locker fallende Hosen aus einem weichen Stoff trug.
»Ja, deswegen bin ich hier.«
»Müssen Sie denn nicht arbeiten? Wovon leben Sie?«, forschte sie nach. Ihre Züge verhärteten sich; in ihrer Konzentration wirkte sie fast männlich.
»Gearbeitet habe ich genug«, gab ich zurück, »jetzt möchte ich endlich schreiben. Das ist mir wichtiger.« Ich hielt mich streng an meinen Text. Abweichen kam nicht in Frage.
»Manche erwarten, dass ich ihnen die Arbeit abnehme«, sagte sie und legte die Hände nebeneinander auf die Tischplatte. Sie hatte saubere, kurz geschnittene Fingernägel. »Aber da spiele ich nicht mit. Wenn Sie etwas veröffentlichen wollen, müssen Sie sich schon selbst anstrengen.«
Vor den vergitterten Küchenfenstern standen Töpfe mit Gewürzkräutern. Viele regnerische Winter und der ewige Salzatem des Meeres hatten Risse in den Wänden hinterlassen, von der Decke blätterte Putz. Sie schlug ein Bein über das andere und erkundigte sich nach meinem Beruf.
»Ich habe dreizehn Jahre lang einen Investmentfonds geleitet. Das waren die fetten Zeiten im Markt. Aber ich bin ausgestiegen. Vielleicht gehe ich irgendwann zurück. Momentan habe ich Geld genug. Jetzt ist die Kreativität dran. Seit meiner Kindheit träume ich davon, ein Buch zu schreiben.« Unglaublich, dass mir so was über die Lippen kam. Such dir eine Rolle aus, sagte ich mir, entscheide, wer du sein willst.
»Ein seltsames Thema für einen Investmentberater. Wie sind Sie darauf gekommen?«, fragte sie.
»Ich habe Geschichte studiert«, erklärte ich, »bis ich Geld verdienen musste. Damals stieß ich zufällig auf einen Artikel über einen Etroghändler aus der Antike, und er ging mir nie wieder aus dem Sinn. Eine Prüfung der Quellen ergab, dass er in unterschiedlicher Form auch in der Mischna und in hellenistischen Dokumenten auftaucht. Seitdem kreist meine Phantasie um ihn.«
An ihren schmalen, gebräunten Händen glänzten etliche feine goldene Ringe. Ihre Augen waren unergründlich, ich konnte kaum hineinsehen, ohne verlegen zu werden. Am grazilen Hals zeigten sich Fältchen, doch das störte mich nicht, das störte mich nicht im Geringsten. Den Unterlagen zufolge war sie sieben Jahre älter als ich. Als sie zur Armee eingezogen worden war, ging ich gerade in die fünfte Klasse.
»Das ist nichts weiter als eine Skizze. Sie stehen noch ganz am Anfang.«
»Ich habe es nicht eilig«, versicherte ich ihr.
»Das geht auf keinen Fall schon morgen in Druck. Aber sagen Sie mir trotzdem, was Sie erwarten. Ich möchte Sie vor Enttäuschungen bewahren. Das würden wir beide nicht überstehen.« Sie lachte auf. »Aus Mangel an Talent haben sich schon mehr Menschen erhängt als aus unerwiderter Liebe.«
»Keine Angst«, lachte ich zurück, »Broker springen eher von Hochhäusern. Aufhängen kommt für mich nicht in Frage. Ich möchte einfach nur ein gutes Buch schreiben. Ich bin kein Kind mehr, und Ausdauer habe ich. Ich war Langstreckenschwimmer.«
»Ich schwimme auch.« Sie schüttelte sich leicht und lächelte wieder. Es war mir gelungen, ihre Neugier zu wecken.
»Wo schwimmen Sie denn?«, wollte Daphna interessiert wissen.
Ich erzählte ihr, dass ich als Kind im Becken des Weizmann-Instituts in Rechovot trainiert hatte und bei der israelischen Jugendmeisterschaft auf der 1500-m-Kraulstrecke Fünfter geworden war. Kein überragender Schwimmer, aber ein beharrlicher. Drei bis vier Mal wöchentlich trainiert und nie einen Termin versäumt. Den meisten Menschen wird es im Wasser langweilig, Stunde um Stunde nur mit sich allein, ich aber liebte die Losgelöstheit.
»Ich kraule ein paar Mal in der Woche«, sagte Daphna, »jeweils 2000 Meter, manchmal mit Flossen, manchmal mit Fußbrettern.« Wir tauschten uns über Schwimmbäder, Strecken, Stile aus. Jetzt kannte ich den Ursprung ihrer gelassenen Frische. Schon immer hatte ich Leute gemocht, die das Schwimmen ernst nahmen ...