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Wenn der Krieg kommt, bringt er Zerstörung, und das ist schlecht für die Wirtschaft - so die naheliegende Logik. Doch die Börsen sehen es anders: Wenn der Krieg kommt, brummt oftmals das Geschäft. Die Kurse steigen.
"Kaufen, wenn die Kanonen donnern, verkaufen, wenn die Violinen spielen", lautet der bekannte Spruch des Bankiers Carl Mayer von Rothschild (1788–1855). Und bekannt ist auch, dass am 1. September 1939, also beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, der US-Hauptindex Dow Jones um fast 10 Prozent nach oben sprang. Sind Panzerattacken also gut für Aktienanleger?
So einfach ist es nicht. Die Verunsicherung der letzten Tage deutet zum Beispiel in eine andere Richtung: Die Börsen wackeln erheblich - und das tun sie nicht bloss wegen Inflations- und Zinssorgen, sondern stark wegen der Angst, dass in Europa ein regelrechter Krieg ausbrechen könnte.
Sieht man es kommen - oder nicht?
Doch auch dies passt in den grossen Rahmen. Die historische Faustregel besagt: Die Börsen leiden, solange die Kriegsgefahr steigt; denn die dunklen Wolken trüben den Blick in die Zukunft ein. Sobald aber die Kampfhandlungen ausbrechen, ändert sich das Bild: Es gibt eine neue Klarheit. Und folglich wagen manche Anleger wieder den Einstieg.
Das Muster wurde unter anderem von einer Zürcher Forschergruppe unter Leitung des Bankenprofessors Thorsten Hens beschrieben: In einer Untersuchung grosser Konflikte ab dem Zweiten Weltkrieg - etwa Koreakrieg, Golfkrieg, Irakkrieg, Afghanistankrieg - stiessen die Ökonomen auf zwei typische Phasen. Wenn sich ein Krieg langsam androht, sinken die Kurse; wenn die Kämpfe dann ausbrechen, steigen sie. Anders verläuft es allerdings, wenn die Kämpfe unerwartet lostoben (wie beim Überfall Südkoreas durch nordkoreanische Truppen 1950): Dann brechen die Kurse sofort ein.
Die Autoren einer anderen Studie kamen zu einem sehr ähnlichen Ergebnis. Ihre Interpretation: "Internationale Händler begrüssen Konflikte, deren erwartete Kosten die Ungewissheit über die zukünftige Entwicklung beseitigen und eine weniger kostspielige Lösung des Streits versprechen, als ursprünglich erwartet worden war."
Im Volksmund heisst das: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.
Plus 115 Prozent in zwei Weltkriegen
Schon viele Investment-Profis sind der Unerschütterlichkeit der Börsen inmitten des Blutvergiessens nachgegangen. Ben Carlson, ein Portfolio-Manager beim Vermögensverwalter Ritholtz, untersuchte beispielsweise die Börsen-Folgen der schwersten Auslandskonflikte der amerikanischen Geschichte: der beiden Weltkriege, des Koreakriegs, des Vietnamkriegs. Stets standen die US-Aktienmärkte am Ende deutlich besser da als am Anfang. Das durchschnittliche Plus des Dow-Jones Index während des Ersten Weltkriegs betrug 8,7 Prozent pro Jahr. Während des Zweiten Weltkriegs lag es bei jährlich 7 Prozent, während des Koreakriegs bei 13 Prozent und während des Vietnamkriegs bei knapp 5 Prozent.
Einen aktuelleren Fokus bietet LPL Research, der grosse kalifornische Broker, welcher unlängst die wichtigsten geopolitischen Schläge zwischen 1990 und 2020 aufschlüsselte. Fazit: In den 16 grössten geopolitischen Konflikt-Ereignissen – darunter Golfkrieg, Irakkrieg, 9/11 – sank der Dow-Jones in der Sofort-Reaktion um durchschnittlich 2 Prozent (was auch sonst an schlechten Börsentagen passieren kann). Und in den nachfolgenden drei bis sechs Monaten stieg das Börsenbarometer in 88 Prozent der Fälle. Der Durchschnittszuwachs betrug 5 Prozent nach drei Monaten sowie knapp 8 Prozent nach sechs Monaten.
Vorteil Amerika
Die Basis solcher Betrachtungen ist jeweils die US-Börse. Denn nur hier gibt es genügend Daten über eine genügend lange Zeitspanne. Und als Leitbörse der westlichen Welt bildet der New Yorker Aktienmarkt die entscheidenden Trends bei uns ebenfalls ab, zumindest ungefähr.
Allerdings verfälscht sich hier das Bild auch. Denn etwas verbindet die internationalen Kriege und die amerikanischen Börsengewinne: Sie spiegeln gemeinsam einen starken Trend des 20. Jahrhunderts, nämlich den Aufstieg der USA zur Weltmacht. Wenn geschossen wurde, siegte Amerika. Und wenn Amerika siegte, wuchsen seine Unternehmen. Hier könnten sich die Akzente im 21. Jahrhundert verschieben.
Eine Rolle spielt obendrein, wie sehr ein bestimmter Aktienmarkt durch den Krieg direkt betroffen ist. Als sich beispielsweise die Lage ersten Ukraine-Konflikt Ende Februar 2014 dramatisch zuspitzte, brach der deutsche Index DAX an einem Tag um 3,3 Prozent ein – es war der grösste Rückschlag seit Mai 2012. Denn viele prägende deutsche Unternehmen sind dem russischen Markt ausgesetzt; oder sie sind abhängig von Gaslieferungen aus dem Osten. Dass der Hauptindex der Börse in Moskau seit Jahresbeginn krasser verlor als der Dow Jones oder der SMI, liegt auf der Hand.
|Mehr / Quellen:|
Dieser Artikel erschien zuerst im Digitalangebot der "Handelszeitung" unter dem Titel: "Crash oder Rush: Wie die Börse reagiert, wenn der Krieg ausbricht".