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Coopzeitung: Was sind verwöhnte Kinder?
Henri Guttmann: Verwöhnte Kinder sind entmutigte, unglückliche Kinder, die sich gerne bedienen lassen, weil sie nicht gelernt haben, Vertrauen in ihre Fähigkeiten aufzubauen. Hinter einem verwöhnten Kind stehen meist wohlmeinende Mütter und Väter, doch genau dieses Zuviel des Guten ist letztlich eine Form von Vernachlässigung. Das Kind wird zu wenig angeleitet und erlebt kleinste Anforderungen als Majestätsbeleidigung. Verwöhnte Kinder sind das Resultat einer Erziehung, in der die Eltern nicht den Mut aufbringen, «Nein» zu sagen. Doch die Steine, welche die Eltern dem Kind aus dem Weg räumen, wirft es ihnen später nach.
Wie erkennt man verwöhnte Kinder?
Bei Gleichaltrigen sind verwöhnte Kinder sehr unbeliebt. Sie sind oft «Motzer» und können Spannungen und Frustrationen schlecht aushalten. Oft versuchen sie, ihre Umgebung zu manipulieren. Ein verwöhntes Kind will sich nicht in die Gruppe integrieren. Wenn es zum Beispiel zum Essen eingeladen wird und gleich sagt, «das habe ich nicht gerne» oder an einem Geburtstagsfest nicht mitspielen will, dann sind das Zeichen von Verwöhnung.
Wie unterscheidet man zwischen liebevoll Umsorgen und Verwöhnen?
Häufig tritt Verwöhnung unter dem Deckmantel der liebevollen Zuwendung auf. In Wahrheit werden damit eher die Bedürfnisse der Eltern gedeckt. So bindet zum Beispiel die Mutter dem Sohn noch schnell die Schuhe, weil sie zum Coiffeur muss. Der Vater räumt, weil er Harmonie wünscht und dadurch einem Konflikt mit der Tochter aus dem Weg geht, noch rasch ihr Zimmer auf. Liebevoll umsorgen bedeutet hingegen, dem Kind zu zeigen, dass man es lieb hat, und nicht, Verrichtungen zu übernehmen, die es eigentlich selbst erledigen sollte. Niemand hat etwas dagegen, wenn das fiebrige Kind im Elternbett schlafen darf, aber wenn es wieder gesund ist, soll es wieder im eigenen Bett einschlafen.
Sind vor allem Einzelkinder verwöhnte Kinder?
Einzelkinder sind nicht verwöhnter als Kinder mit Geschwistern. Sie haben sicher mehr Aufmerksamkeit als ein Kind mit sieben Geschwistern. Doch wenn die Eltern sich gut organisieren, andere Gspänli einladen und auch mal ein anderes Kind mit in die Ferien nehmen, besteht nicht die Gefahr, dass ein Einzelkind verwöhnt und altklug wird. Hat ein Kind ein spezielles Talent, wird es auch in einer kinderreichen Familie stärker gefördert. Die Eltern von Roger Federer haben sicher nicht gleich viel Geld für die Tennisstunden der Schwester ausgegeben wie für die des Sohnes.
Wie kann man Verwöhnung konkret entgegenwirken?
Ein Spurwechsel stösst nie auf frenetischen Beifall, ist aber immer lohnenswert. Mit kleinen Schritten beginnen, im Sinne von: «Das kannst du ab heute selbst übernehmen» oder «Ich traue dir das zu und unterstütze dich dabei». Leider wird das Kind oft als Lebenssinn betrachtet, was den Kindern sehr viel Macht gibt. Die Eltern müssen aber ihre Verantwortung wahrnehmen und das heisst nichts anderes als: «Ich bin gross und du bist klein». Es braucht wieder mehr elterliche Präsenz, also: «Ich bin da und nicht naiv». Und das müssen Kinder ernst nehmen.
Sind verwöhnte Kinder später bessere oder schlechtere Menschen?
Verwöhnte Menschen haben durch ihre Erziehung ein unrealistisches Weltbild erfahren. Sie erleben deshalb ihre Umwelt als ungerecht und reagieren feindselig und aggressiv. Wenn sie mit Wut nicht weiter kommen, bekommen sie Depressionen und neigen zu Suchtverhalten. Menschen, die in ihrer Kindheit zu stark verwöhnt wurden, haben zudem Probleme in der Partnerschaft, weil sie nur gelernt haben zu nehmen.