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Die seltsame Geschichte des Osterhasen
In gewisser Weise sieht er aus wie ein alter Mythos, der christianisiert wurde, aber es gibt keinen bekannten Mythos oder eine Fabel, die diesen lästigen Hasen hervorgebracht hat. Natürlich kann man den Hasen als «Fruchtbarkeitssymbol» und die Eier als Zeichen der «Wiedergeburt» deuten und so eine wacklige Verbindung zur «Auferstehung» konstrurieren.
Aber das ist einfach ein Deutungsversuch, der auf romantische Erfindungen zurückgeht. Forscher des 19. Jahrhunderts – allen voran Jakob Grimm – behaupteten, dass die Germanen im Frühling das Fest für die Fruchtbarkeitsgöttin Ostara gefeiert hätten, daher auch der Name Ostern. Um sie herum hopsen Hasen, ihre heiligen Tiere. Das Bild der Oster-Göttin findet sich in unzähligen Sagenbüchern, Schulbüchern und Lexika, teilweise bis heute. Aber es spricht nur sehr wenig für die Existenz dieser Oster-Göttin – in den überlieferten Mythen taucht sie nicht auf.
Spuren in der Geschichte
Zurück zum Osterhasen. Hier sind die Spuren, die er in unserer Geschichte hinterlassen hat:
692 - Ein Kirchenkonzil in Konstantinopel, das die religiöse Praxis in der gesamten Christenheit vereinheitlichen will, verbietet den Verzehr von Milchprodukten und Eiern während der Fastenzeit. Da gekochte Eier länger haltbar sind, werden sie Teil der Osterfeierlichkeiten.
1290 - Der englische König Edward I. ordnet an, dass zu Ostern 450 mit Farbe und Blattgold verzierte Eier an den königlichen Haushalt verschenkt werden.
1530 - Tizian malt die Madonna mit dem Hasen, auf der die Jungfrau Maria einen weissen Hasen in der Hand hält. Manche glaubten, das Tier könne sich asexuell fortpflanzen.
1569 - In einer holländischen Satire auf die «römische Religion» werden neben Kerzen, Ikonen, Palmzweigen, Asche, verschiedenen Hüten und Gewändern auch verzierte Eier als eine der «lächerlichen Praktiken» der katholischen Kirche aufgeführt.
1572 - In Edinburgh wird ein katholischer Priester an ein Kreuz gebunden und mit Eiern beworfen. Der Reformator John Knox berichtet darüber und notiert die erste bekannte Verwendung des englischen Wortes «Easter Eggs».
1682 - Der Heidelberger Medizinprofessor Georg Franck von Franckenau beschreibt, wie Kinder in der Gegend von Heidelberg in Kräutergärten nach «Haseneiern» jagen, die der Osterhase im Garten versteckt hat. Dies ist die erste bekannte Beschreibung der Ostereiersuche. Der Arzt Johannes Richier promoviert bei ihm mit der Abhandlung «De ovis paschalibus – von Oster-Eyern» Er schildert für Oberdeutschland, Pfalz, Elsass und angrenzende Gebiete sowie Westfalen einen Brauch, wonach ein Osterhase die Eier lege (ova excludere) und in Gärten im Gras, Gesträuch usw. verstecke, wo sie unter Gelächter und zum Vergnügen der Erwachsenen von den Kindern eifrig gesucht würden. Dass der Osterhase die Eier verstecke, nennt er «eine Fabel, die man Einfältigen und Kindern aufbindet». Er warnt die Menschen vor zu hohem Eierverzehr.
1725 - In Frankreich lässt Ludwig XIV. ein Schokoladenei herstellen, um das Ende der Fastenzeit zu feiern.
1800 - Johann Conrad Gilbert, ein deutscher Künstler in Pennsylvania, malt einen Osterhasen – die erste bekannte Darstellung in Amerika.
1819 - Prinzessin Victoria von Sachsen-Coburg-Saalfeld, die Mutter der späteren Königin Victoria, zieht von Deutschland nach England und nimmt die Tradition des Ostereiersuchens mit.
1835 - Jacob Grimm spekuliert in seiner Sammlung «Deutsche Mythologie» über eine mögliche Verbindung zwischen dem Osterhasen und einer alten heidnischen Göttin «Ostara», der er analog zur englischen «Eostre» den Ostermonat zuschreibt. Grimm spekuliert, dass es sich um die Göttin des Morgens und der Auferstehung handeln könne.
Die Dichter der Romantik nehmen die Idee der neuen Göttin begeistert auf und nehmen Ostara in ihre Sammlungen der deutschen Götter- und Heldensagen auf. Ihr wird der Hase als heiliges Tier und das Ei als Symbol der Wiedergeburt zugeschrieben.
1848 - Die gescheiterte Revolution führt zu einer Massenauswanderung aus Deutschland in die USA. Durch deutschsprachige Auswanderer wird der Osterhase auch ausserhalb Europas verbreitet. Insbesondere in den USA hat er eine gewisse Popularität gewonnen. Im Englischen überwiegt dabei die Bezeichnung «Easter Bunny» gegenüber der wörtlichen Übersetzung «Easter Hare», sodass die Figur häufig als Kaninchen verstanden wird.
1874 - Der deutsche Philologe Adolf Holtzmann schreibt: «Der Osterhase ist mir unerklärlich». Auch er vermutet einen Zusammenhang mit einer Göttin «Ostara», kann ihn aber nicht schlüssig nachweisen.
1874 - In England zahlt ein anglikanischer Priester jungen Männern 100 Eier, wenn sie am Ostermontag vor 10 Uhr morgens einen Hasen erlegen.
1875 - Cadbury Chocolate beginnt in England mit der Herstellung von Schokoladeneiern für Ostern.
Der Grund für den kräftigen Aufschwung, den der Osterhasen-Glaube schliesslich im 19. Jahrhundert nahm, ist nach Auffassung der Kulturwissenschaft in der industriellen Herstellung von billigem Rübenzucker zu finden, wodurch die Produktion von erschwinglichen Schokoladenhasen und -eiern erst möglich wurde.
1878 - Präsident Rutherford B. Hayes lädt Kinder zum Ostereierrollen ins Weisse Haus ein, nachdem der Kongress das Spielen auf dem Capitol Hill verboten hat.
1883 - Der deutsche Volkskundler K. A. Oberle vermutet, dass die Tradition des Osterhasen auf einen Mythos über eine heidnische Göttin zurückgeht, die einen Vogel in einen Hasen verwandelte. Er hat keine Beweise dafür, dass ein solcher Mythos jemals existiert hat. Zeitungen nehmen die Annahme als Fakt und bringen immer wieder Geschichten über den «Osterhasen».
1903 - Britische Einzelhändler verkaufen zu Ostern Holzeier mit Spielzeug darin.
1910 - Eine deutsche Zeitung stellt fest, dass die nordische Tradition des Osterfuchses verschwindet und durch den populäreren Osterhasen aus dem Süden ersetzt wird.
Wikipedia schreibt zu Nutzen und Schaden des Osterhasen-Mythos: «Es gilt weithin als unschädlich, kleineren Kindern zu vermitteln, der Osterhase bringe Eier und Süssigkeiten zum Osterfest. Nach Auffassung von Psychologen rege diese Illusion die Fantasie an und unterstütze die kognitive Entwicklung. Allerdings sollten kritische Fragen und Zweifel der Kinder unterstützt werden, sodass der Glaube an den Hasen auch durch Austausch mit anderen Kindern schliesslich von selbst verschwindet.»
Die Anschlussfrage sei erlaubt: «Und ersetzt durch was?»