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Im Sommer 1928 erfasst eine Stechmückenplage die Stadt Zürich, «unter der in einer Reihe von Gebieten die Bewohner und namentlich die Kinder stark leiden», so der Jahresbericht des Stadtrates. Die Behörden registrieren Grossherde in Wollishofen, in den Familiengärten an der Zypressenstrasse, beim Schlachthof, auf der Waid, aber auch am Zürichberg beim Kurhaus Rigiblick und auf der Allmend Fluntern. Die Stadt musste etwas tun.
Der Stadtrat beschliesst, 4000 Franken aus dem Konto «Ausserordentliche Massnahmen gegen Epidemien» abzuzwacken und damit drei Schädlingsbekämpfer zu engagieren. Der Chemiker Dr. Max Weilenmann und seine jungen Gehilfen Willy Heilmann und Hans Lenz machen sich sofort an die Arbeit. «Einer eingehenden Winterbekämpfung besonders an den Brutstätten in den Kellern folgt die Sommerbekämpfung durch wiederholte Ölung der stehenden Gewässer und Wasserfässer und Töten der Mücken durch Spritzen mit geeigneten Flüssigkeiten», bilanziert der Stadtrat im August 1930 in seinem Protokoll.
Im selben Jahr wird die Abteilung für Schädlingsbekämpfung offiziell gegründet und dem Inspektor des Gesundheitswesens unterstellt. Die Fachstelle gibt es heute noch, mittlerweile heisst sie Schädlingsprävention und -beratung. Ihre Entwicklung widerspiegelt den gesellschaftlichen und technologischen Wandel der vergangenen 90 Jahre: die rasante Bevölkerungsentwicklung, Fortschritte in Wissenschaft und Medizin, aber auch ein gewandeltes Verhältnis zur Tier- und Umwelt hinterliessen ihre Spuren in der Schädlingsbekämpfung.
Miserable hygienische Verhältnisse in der Altstadt
Als die Abteilung gegründet wird, wächst Zürich rasant an. 1928 zählt sie 230'000 Einwohner, zwei Jahre später sind es schon 250'000 Menschen. Entsprechend beengt sind die Wohnverhältnisse, viele Strassen sind nicht asphaltiert, in der Altstadt fliessen die Toiletten- und Küchenabfälle noch durch die offenen Abwässerkanäle – die «Ehgraben» - ungesäubert in die Limmat. 1932 ordnet der Stadtrat eine Kontrolle von 2500 Wohnungen zwischen Central und Bellevue an. Sie hat 1728 Verwarnungen, 38 Bussen und eine umfangreiche Auflagenliste zur Folge: «Entfernung von Haustieren und Beseitigung von Stallungen», «Abgabe von Kehricht, Stallmist und Jauche», «Verbesserung der Abort- und Abortgrubenverhältnisse und Anschluss an die Kanalisation», «Entfernung von Ungeziefer und Schmutz».
Kein Wunder, bleibt es nicht bei der Mückenbekämpfung. Das Augenmerk müsse auch auf «Fliegen, Ameisen, Schwabenkäfer, Küchenschaben, Motten, Wanzen usw., sowie namentlich auch auf die Bekämpfung von Mäusen und Ratten» gerichtet werden, stellt der Stadtrat fest. Der Kampf gegen das «Haus-Ungeziefer» wird mit brachialen Mitteln geführt. Zur Tilgung zum Beispiel von Wanzen, aber auch zahlreicher anderer Insektenarten wie Russenkäfer, Schwabenkäfer, Küchenschaben, Silberfischchen, Flöhe und Läuse werden jedes Jahr hunderte Wohnungen mit Blausäure-Gas «entwest». Das behandelte Zimmer muss abgedichtet und die anstossenden Räume müssen für die Dauer der Durchgasung geräumt werden, heisst es in der Dienstordnung, die 1935 verabschiedet wird. In dieser wird der neuen Abteilung auch die Kontrolle und Überwachung von privaten Unternehmen aufgetragen, die solche «Entwesungen» durchführen. Denn oftmals war es zuvor zu Blausäurevergiftungen gekommen, nicht selten auch mit Todesfolgen.
Gegen Ratten und Mäuse werden Zelio-Präparate, Rattoxin und meerzwiebelhaltige Giftköder in Hydranten und Kanalschächten der Schwemmkanalisation ausgelegt. Ratten beschäftigen die Zürcher Schädlingsbekämpfer auch an der Landesausstellung 1939: «Fast während der ganzen Dauer der Landesausstellung musste auf dem linksufrigen Ausstellungsareal gegen Ratten angekämpft werden», steht im Jahresbericht.
Schon früh bemühen sich die Experten um einen Ersatz der giftigsten Insektizide. Immer wieder werden neue Chemikalien getestet, die «womöglich für Mensch und Haustiere unschädlich sind.» Der Durchbruch scheint 1944 zu gelingen. Erstmals vermeldet der Geschäftsbericht die Verwendung eines neuen Präparates der Basler Chemiefabrik J.R.Geigy mit der Code-Nummer 7111 – nichts Anderes als das berühmt-berüchtigte DDT. «Durch die Zuverlässigkeit dieser ungiftigen DDT-Produkte wird die gefährliche Verwendung hochgiftiger Gase in der Schädlingsbekämpfung nur in Ausnahmefällen notwendig», heisst es im Geschäftsbericht von 1946. Erst mit der Zeit wird bekannt, dass sich das Mittel in der natürlichen Nahrungskette anreichert und die Tierwelt nachhaltig schädigt. 1962 veröffentlicht die amerikanische Autorin Rachel Carson den Bestseller «Der stumme Frühling» über diese stille Naturkatastrophe. Das Buch gilt als Zündfunke der internationalen Umweltbewegung. Aus den Geschäftsberichten der Stadt Zürich verschwindet das mittlerweile als giftig eingestufte Insektizid bereits ab 1960 wieder.
Gammelhäuser und Ausbeutung der Gastarbeiter
Im Gesundheitsinspektorat drängen sich neue Themen auf: «Infolge der Entwicklung der Technik tritt der Schutz der Bevölkerung vor gesundheitsschädlichen oder in hohem Masse lästigen Einwirkungen von Rauch, Geruch, Verunreinigung der Luft durch chemische Stoffe sowie vor Lärm in den Vordergrund», stellt der Geschäftsbericht von 1962 fest. Es herrscht wieder einmal Wohnungsnot. Skandalgeschichten um Gammelhäuser und ausbeuterische Wohnsituationen vor allem unter den italienischen Gastarbeitern beschäftigen Presse und Politiker – und auch die Abteilung für Schädlingsbekämpfung. Der Kanton Zürich erlässt 1967 eine neue «Verordnung über allgemeine und Wohnhygiene», die heute noch die rechtliche Grundlage für die Arbeit des städtischen Schädlingspräventionsteams bildet. Immer wichtiger wird vor allem «der kostenlose Auskunfts- und Bestimmungsdienst sowie Beratung und Untersuchung von Schädlingsfällen an Ort und Stelle», die rege in Anspruch genommen werden.
Diese Entwicklung hat sich bis heute fortgesetzt. Die Fachstelle beantwortet jedes Jahr rund 2000 Anfragen von Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt Zürich. Prävention und Beratung ist sehr wichtig und die Bekämpfung wird gezielter und mit möglichst wenig Insektizid durchgeführt. Auch in den Anfragen der Bevölkerung widerspiegelt sich laut Fachstellenleiterin Dr. Gabi Müller eine Sensibilisierung der Menschen. «Viele schätzen heute den Wert der Tiere höher ein», freut sich die gelernte Biologin. Wespen und Hornissen etwa werden, wenn möglich, belassen oder umgesiedelt und nicht mehr ausgemerzt.
Moderne Schädlingsbekämpfung – Einsatz für Gesundheit und Umwelt
Die Fachstelle Schädlingsprävention und -beratung ist bei Schädlingsproblemen die offizielle Anlaufstelle für die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt Zürich sowie für städtischen Institutionen wie Alters- und Pflegezentren, Soziale Dienste, Grün Stadt Zürich und andere. Die Hauptaufgabe ist wie schon 1930 die kostenlose Beratung und Aufklärung zu Schädlingen, die Überwachung und Bestandsaufnahme schädlicher und invasiver Insekten und Nagetiere sowie die aktive Verhinderung ihrer Verbreitung. Sie führt Inspektionen in Wohn- und Geschäftsliegenschaften durch und wird von der Polizei bei aussergewöhnlichen Todesfällen hinzugezogen, wenn zum Beispiel Verstorbene längere Zeit unentdeckt in ihren Wohnungen bleiben. Immer wichtiger werden Schädlinge, die global verschleppt werden. Um diesen zu begegnen, pflegt die Zürcher Fachstelle, die mit ihrer Kombination von Kenntnissen der Insektenkunde (Entomologie) und der praktischen Bekämpfung von urbanen Schädlingen in der Schweiz einzigartig ist, auch den wissenschaftlichen Austausch mit Hochschulen und Behörden im In- und Ausland. Im Bereich Öffentlichkeitsarbeit hält die Fachstelle über 60 Merkblätter in 19 Sprachen zu häufig in Haushalten auftretenden Freilandinsekten (Irrgäste), sowie potenziellen und tatsächlichen Schädlingsorganismen bereit, darunter einige der wichtigsten eingeschleppten Arten. Die Fachstelle ist der Abteilung Umwelt- und Gesundheitsschutz UGZ im Gesundheits- und Umweltdepartement angegliedert und beschäftigt zwei Biologinnen sowie einen Agronomen und einen Umweltwissenschaftler.