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Neue Herausforderung für die ehemalige Generaldirektorin der Expo.02: Die Schaffung eines Kulturzentrums von weltweiter Ausstrahlung auf einer Insel in der Region von Paris, wo während 60 Jahren die Fabriken des Autoherstellers Renault standen.
"In Ile Seguin, am Ufer der Seine, entsteht ein neues Quartier", heisst es auf einem riesigen Schild am Ausgang der Metro-Station Pont de Sèvres. Auf der Insel aber, die hübsch in einer Biegung der Seine im Westen von Paris liegt, besteht das "neue Quartier" im Moment aus 11,5 Hektaren Brachland und spriessenden Gärten, auf denen zwei Zirkuszelte stehen.
Am Samstag war an der Spitze der Insel Tag der offenen Tür . Während es in Strömen regnet, empfangen zwei Schweizer, die neuen Leiter des Projekts, die Besucher. Yves Bouvier, der Patron der Kunsttransport-Firma Natural Le Coultre, hat im vergangenen Dezember 30'000 m2 der Insel erworben, um dort ein "Zentrum für bildende und visuelle Kunst" zu erstellen.
Die Leitung des Projekts mit dem Namen R4, benannt nach dem legendären Kleinwagen von Renault, hat er Nelly Wenger, der ehemaligen Chefin der Landesausstellung Expo.02, anvertraut.
"Bei diesem Projekt gibt es gewisse Ähnlichkeiten mit der Expo.02", sagt Nelly Wenger. "Natürlich das Wasser, aber auch das Gebot, einem grossen Publikum Kunst von Spitzenqualität näher zu bringen."
Am Samstag konnte die Bevölkerung von Paris das Gelände erstmals entdecken, oder besser gesagt, den Esprit von dem, was 2015 oder 2016 dort stehen wird.
Zwischen Gras und Beton
Ein bescheidener Anfang. Die künftigen riesigen Gebäude, die Galerien, Ausstellungsflächen und kreative Orte beherbergen sollen, stehen noch nicht. Die Baugesuche werden Ende Jahr eingereicht. Aber das helvetische Duo will nicht warten: R4 wird eröffnet – auf dem Gras, zwischen Kieselsteinen und altem Beton.
Drei Künstler präsentieren dort ihre Werke: Der Amerikaner Oscar Tuazon unterbreitet eine Variation zum Thema Hütten. Die Schweizer Nicolas Party und Reto Pulfer zeigen bemalte Steine als exotische Früchte und ein riesiges Segel, das im Wind weht. Offensichtlich hat die Inselwelt die drei Künstler inspiriert. Weit mehr als die industrielle Vergangenheit der Ile Seguin.
Und dennoch: Während 60 Jahren, von 1929 bis 1989, war die Insel eine Fabrik. Hier stellte Renault seine Autos her, hier war der Sitz der renommierten "Régie", dem Stolz der Franzosen. Auf dem Höhepunkt seiner Geschichte arbeiteten auf der Insel und am Ufer gegenüber, in den Werkstätten von Billancourt, 30'000 Arbeiter. Ende der 1960er-Jahre wurden dort Tag für Tag 1100 Autos produziert. 1992 schliesst Renault seine Fabriken auf der Ile Seguin und in Billancourt. Zwischen 2004 und 2005 wird alles abgerissen.
Ein Traum für Architekten
"Architekten auf der ganzen Welt haben davon geträumt, auf der Insel Seguin zu bauen", sagt Nelly Wenger. "Denn stellen Sie sich vor: eine brachliegende Insel im Zentrum einer Hauptstadt. Eine Insel voller Phantasien, verflucht, weil die meisten Projekte bislang nie umgesetzt wurden. Ich will mit all diesem Humus arbeiten, der dem Laufe der Zeit ausgesetzt war."
In den Jahren 1990 bis 2000 interessierten sich auch Renzo Piano, Paul Chemetov, Bernard Tschumi und andere grosse Architekten für die Sanierung der Insel.
Der Milliardär François Pinault träumte davon, hier sein Privatmuseum für zeitgenössische Kunst zu bauen, bevor er dann Venedig den Vorzug gab. Der Franzose Jean Nouvel wurde dann schliesslich vom Bürgermeisteramt für ein Projekt auserkoren. Nouvel und Wenger kennen sich bestens, da sie für die Expo.02 zusammengearbeitet hatten.
Das Projekt von Jean Nouvel für die Ile Seguin ist äusserst ambitiös: Ein zentraler Teil soll aus Gewerbe- und Büro bestehen, dann ein Zentrum für Musik an der Inselspitze flussaufwärts und das R4 an der Ostseite der Insel.
"Das von Nouvel für R4 entworfene Gebäude wird funktional sein wie eine Renault-Halle, im Dienste der Kunst", freut sich Nelly Wenger.
"Im Untergeschoss werden die Werke aufbewahrt", präzisiert Yves Bouvier. "Im Erdgeschoss sollen die Ausstellungsräume, Galerien und Verkaufsräume entstehen. Auf dem Dach ein Hängegarten."
Monumentale Werke sollen auf dem Seeweg transportiert werden, "günstig und ökologisch", betont der Patron von Natural Le Coultre.
Der Unternehmer hofft, das Kulturzentrum mit der Vermietung von Räumen finanzieren zu können. Kauf und Bau des Projekts R4 dürften insgesamt zwischen 75 und 100 Millionen Euro kosten. Die Finanzierung ist ausschliesslich privat. Das helvetische Leitungsteam sucht nun Partner, um die nächsten Etappen vorantreiben zu können.
Widerstand aus der Nachbarschaft
Wer das von Louis Renault gebaute Werk auf der Insel gekannt hat, für den ist der Schock gross, wenn er den Ort leer vorfindet. Nichts ist übrig von den Fabrikräumen, kein einziger Hangar. "Ja, die Untergeschosse waren wie vergrabene Kathedralen", meint ein Bewohner von Boulogne.
Mitte 20. Jahrhundert baute Renault inmitten dieser grösstenteils künstlichen Insel eine Versuchspiste für seine neuen Autos: bedeckt mit Pflastersteinen natürlich – wie die Strassen von Paris.
Gruppen von Anwohnern protestierten gegen das Projekt von Nouvel, der zu Beginn fünf (kleine) Wolkenkratzer plante. "Die erbittertsten Gegner sind die Bürger des benachbarten Hügels von Meudon, die Angst davor haben, dass man ihnen die Aussicht verbaut", relativiert der Parlamentsabgeordnete Silvain Canet. "Es ist gut, wenn man sich gegen die Verdichtung wehrt. Aber man muss das Kulturprojekt R4 verteidigen. Sonst ziehen die Investoren ab, wie Pinault im Jahr 2005."
Das nächste Ereignis von R4 ist die erfolgreiche internationale Messe zeitgenössischer Kunst (FIAC), die auf der Ile Seguin mehrere Werke ausstellen wird