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Im Sommer 1953 flog eine Gruppe Schweizer in die UdSSR. Ein Bericht und Fotos dieser Reise landeten später im Basler Staatsarchiv.
Ankunft der Schweizer Reisegruppe in Moskau.(Bild: Staatsarchiv BS)
Auch im Osten ists im Sommer warm: hier vor dem imposanten Komplex der Lomonossow-Universität in Moskau.(Bild: Staatsarchiv BS)
Ein Bild fürs Fotoalbum: die Basler Reisegruppe unter der grossen Kanone in Moskau.(Bild: Staatsarchiv BS)
Inszenierung für die Gäste: zu Besuch im Pionierlager «Roter Proletarier».(Bild: Staatsarchiv BS)
Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Auf die Basler Zahnärztin Martha Camenisch, die im Sommer 1953 zusammen mit acht weiteren Mitgliedern der Gesellschaft Schweiz-UdSSR die Sowjetunion besuchte, trifft dies mit Sicherheit zu.
Ihre Eindrücke hat sie minutiös festgehalten. Der Reisebericht befindet sich heute als Teil ihres Nachlasses im Staatsarchiv Basel-Stadt, das auch über den Nachlass ihres Ehemanns Paul Camenisch (1893–1970) verfügt.
Eine Zahnärztin mit Altsprachen-Flair
Paul Camenisch war zunächst als Bauführer und Architekt tätig. In den 1920er-Jahren wandte er sich aber der Malerei zu. Er war Gründungsmitglied der Künstlergruppen «Rot-Blau» und «Gruppe 33».
Politisch aktiv war er in der 1944 gegründeten Partei der Arbeit, für die er auch im Grossen Rat sass, sowie in der Gesellschaft Schweiz-UdSSR, die er 1952 präsidierte. Die Reise im Sommer 1953 war seine zweite Reise mit einer Delegation dieser Gesellschaft in die Sowjetunion.
Angaben zur Biografie von Martha Camenisch-Hoerler (1900–1985) sind rar. Aus ihrem Reisebericht geht hervor, dass sie Zahnärztin war (sie selbst schreibt: Zahnarzt). Zudem bedauerte sie, dass sie nicht Russisch gelernt habe «anstatt althochdeutsch, altenglisch und gotisch etc.»
Auf zum Wolga-Don-Kanal
Die neunköpfige Reisegruppe flog am Donnerstag, 30. Juli 1953, von Kloten nach Prag und tags darauf nach Moskau. Hier galt es ein intensives Besuchsprogramm zu absolvieren. Am Freitag, 7. August, starteten sie zu einer ausgedehnten Rundreise durch die UdSSR.
Die Interessen der Besucher aus der Schweiz waren vielfältig. So stand auf der Wunschliste, welche die Gruppe den sowjetischen Gastgebern vorlegte, der Besuch folgender Betriebe oder Einrichtungen: «1. Wolga-Don-Kanal, 2. Ferienlager oder Pionierlager, 3. Kolchos, 4. Autofabrik, 5. Chemische Fabrik, 6. Holzbearbeitungsfabrik, 7. Universität & Orientierung über Fragen der Volkserziehung, 8. Automatische Brotfabrik, 9. Fragen der Sozialversicherung und der Sozialen Sicherheit (Gesundheitswesen), 10. Ein Wohnblock.»
Diese Liste spiegelte auch den unterschiedlichen beruflichen Hintergrund der Delegationsmitglieder wider, bei denen es sich neben den beiden Camenischs um einen Chemiearbeiter, einen Automechaniker, einen Schreiner, einen Lehrer, einen Gewerkschaftssekretär, einen Bauern und eine Hausfrau handelte.
«Jetzt liegt vor uns der Kreml, der Hort des Friedens und der glücklichen Zukunft der Menschen.»
Paul Camenisch wünschte sich insbesondere «über die Freiheit des Künstlers und die künstlerische Ausbildung zu orientieren (Atelier sehen, Zusammentreffen mit Malern und Schriftstellern)».
Martha Camenisch ihrerseits wollte «selbstverständlich die Organisation der zahnärztlichen Versorgung der Bevölkerung kennen lernen; dann das Gesundheitswesen allgemein: ärztliche Versorgung, Schutz von Mutter und Kind».
In ihren Schilderungen erweist sich Martha Camenisch als eine an allen Details interessierte Beobachterin mit klar positiven Vorurteilen hinsichtlich der Sowjetunion. So schreibt sie etwa: «Jetzt liegt vor uns der Kreml das meistgeliebte und bestgehasste Zentrum des menschlichen Fortschritts, der Hort des Friedens und der glücklichen Zukunft der Menschen.»
«Niet fotografierowat!»
Martha Camenisch suchte auch das Gespräch mit der einfachen Fabrikarbeiterin oder dem gewöhnlichen Sowjetbürger. So fragt sie im Moskauer Gorki-Park einen Besucher, der sich als Lehrer erweist, «nach Strich und Faden» aus. Etwas erstaunt will ihr «Opfer» schliesslich wissen, weshalb sie ihn das alles frage, ihre Begleiter wüssten das ebenso gut wie er.
Ihr Kommentar dazu: «So sind wir! Wir müssen doch ein wenig Inquisition spielen. Das ist das Resultat davon, dass man bei uns zuhause erklärt, wir erfahren und sähen doch nur was man für uns zurecht gelegt hat.»
Es gibt aber auch Dinge, die sie leicht irritierten. Beim Besuch des Museums, das die Geschenke zeigte, die Stalin zu seinem 70. Geburtstag aus aller Welt erhalten hatte, möchte sie das «immense Stalinbild» an der Museumswand fotografieren. Doch das wird unterbunden, wie sie schreibt: «Niet fotografierowat! Dieses Stalinbildnis darf nicht geknipst werden. Warum wohl nicht?»
Am 22. oder 23. August 1953 flog die kleine Reisegruppe zurück in die Schweiz. Keine drei Jahre später rechnete Nikita Chruschtschow, der Generalsekretär der KPdSU, in seiner «Geheimrede» am XX. Parteitag schonungslos mit dem «Personenkult» und Stalin ab – für manche Freunde der Sowjetunion ein böses Erwachen.
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Während der Museumsnacht vom 20. Januar 2017 beleuchtet das Staatsarchiv Basel-Stadt in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Osteuropa der Uni Basel anhand von Archivalien sowie in Kurzvorträgen und Lesungen die vielfältigen Beziehungen zwischen Basel und Russland.
Aus dem Programm: Im Zug mit Lenin 1917 (20 Uhr). Russlandheimkehrer in Basel (21 Uhr). Basel und die Schweiz in den Augen russischer Schriftsteller (22 und 23 Uhr).