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Hunde, die in Zwingern leben, beginnen zu geifern, sobald sie die Schritte ihres Herrchens hören. Sie produzieren Verdauungssäfte, obwohl noch gar kein Futter in Sicht ist. Auf dieser Beobachtung fussten die Forschungen des russischen Mediziners Iwan Petrowitsch Pawlow, deren Ergebnis wir heute unter dem Begriff der klassischen Konditionierung kennen. Pawlow wies nach, dass die Hunde darum geifern, weil sie wissen, dass die nahenden Schritte den Eimer mit Futter ankündigen.
Im Kino kommt man sich je länger, je mehr vor wie ein Pawlowscher Hund. Oder wie eine Laborratte, an der die grossen, damals ehrwürdigen Studios ihre Verführungskünste testen wollen. Seit das Zeitalter der immer mehr werdenden Prequels, Sequels, Spin-offs und Reboots angebrochen ist, also ungefähr, seit man mit «Lord of the Rings» entdeckt hat, dass ein Film nicht zwingend eine einzelne, in sich geschlossene Geschichte erzählen muss, sondern als Mehrteiler ein Vielfaches einspielt, flimmern als Filme getarnte Waren über die Leinwand, deren offensichtlicher Zweck es ist, möglichst viel Geld einzuspielen, aber nicht mehr, gute Unterhaltung zu sein. Kunst schon gar nicht.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Die grossen Studios haben schon immer Filme gemacht, um damit Geld zu verdienen; Walt Disney war eines der ersten Marketing-Genies. Aber er war es auch, der das Genre des Trickfilms revolutioniert hat, der mit «Snow White and the Seven Dwarfs» 1937 als Erster einen abendfüllenden Trickfilm gemacht hat, der damals selbst das erwachsene Publikum zum Weinen brachte. Aus dem Haus Columbia, heute Sony Pictures, stammen Legenden wie «On the Waterfront» (1954), «Kramer vs. Kramer» (1979) oder auch «Taxi Driver» (1976), eine Art von Film, die man sich heute nur noch als Co-Produktion von einigen experimentierfreudigen Independent-Firmen vorstellen kann. Für grosse Studios wäre so ein unkonventioneller Stoff viel zu unberechenbar.
Da erinnert man sich wehmütig an Momente im Kino, wo man sich als Zuschauerin noch ernst genommen fühlte, weil einem eine richtig gute Geschichte erzählt wurde. Damit sind nicht nischige Arthouse-Filme gemeint, sondern Kommerzielles wie «Pretty Woman» (Disney), «Forrest Gump» (Paramount), «American Beauty», «A Beautiful Mind» (Dream Works), «Shakespeare in Love» (Universal), «Moulin Rouge!» (20th Century Fox). Würde «Pretty Woman» heute produziert, gäbe es eine oder zwei Fortsetzungen, zu «Titanic» würde ein Prequel geplant à la «Was davor geschah».
Zurzeit pilgern wir ins Kino, weil wieder überall «Star Wars» auf den Plakaten steht, obwohl man von Freundinnen und Kritikern bereits erfahren hat, dass die Handlung von «Rogue One: A Star Wars Story» geradezu lächerlich sei. – Aber die zwei Wörter «Star Wars» haben auf uns denselben Effekt wie die nahenden Schritte auf einen hungrigen Zwingerhund.
Am Science-Fiction-Abenteuer-Liebesfilm-Zwitter «Passengers», in der Schweiz von Disney vertrieben, kann man die Verführungskünste der Studios zurzeit besonders gut beobachten. Es ist ein Machwerk aus Versatzstücken, von denen die Studiobosse wissen, dass sie uns ins Kino locken: Man nehme mit Jennifer Lawrence und Chris Pratt zwei der beliebtesten Hollywood-Darlings – an ihr klebt noch der Ruhm der «Hunger Games»-Franchise. Man füge ein bisschen Science-Fiction à la «Star Wars» hinzu, und um dem Ruf nach Diversität gerecht zu werden, gebe man einem schwarzen Star (Laurence Fishburne) einen Kurzauftritt; dann mische man viel Romantik, Herzschmerz und Action dazu, und fertig ist der Lockvogel.
Dabei fängt der Film ausserordentlich gut an: Aus der Dunkelheit des Weltalls taucht ein Raumschiff auf, das filigran und organisch aussieht, wie eine überdimensionale Zelle. Es heisst «Starship Avalon» und trägt einen Teil der menschlichen Zivilisation an Bord, alle künstlich im Tiefschlaf gehalten, damit sie die Ankunft einer unserer Nachbargalaxien auch wirklich erleben werden. Reisezeit: 140 Jahre. Wegen einer Panne wird einer der Passagiere 90 Jahre zu früh aufgeweckt. Jim Preston (Chris Pratt) findet sich allein auf diesem Raumschiff wieder, umgeben von hypermoderner Technik, aber in unvorstellbarer Einsamkeit. Verloren im All und auf sich selbst zurückgeworfen, verkommt Jim zu einem Robinson Crusoe ohne Aussicht auf Rettung, sein Strand sind die aseptisch weissen Hallen eines Raumschiffs. Kurz vor dem Selbstmord, verliebt er sich in Aurora, die wie Schneewittchen im Glassarg schläft. Obwohl er weiss, dass er ihr damit ihr Leben raubt, weckt er sie auf.
Jetzt kippt, was ein existenzialistischer Thriller hätte werden können, in eine generische Romanze, zusammengebaut aus Stereotypen, die in die fünfziger Jahre zurückreichen: Während die Frau vor allem schön auszusehen und schöngeistig zu sein hat – sie schreibt an ihren Memoiren –, hetzt er, der trotz jahrzehntelangem Tiefschlaf immer noch sehr muskulös ist, mit seiner Werkzeugkiste durch das Raumschiff und repariert die immer häufiger auftretenden Schäden. Nachdem sie sich planmässig in ihn verliebt hat, folgt auf den zu erwartenden Totalausfall des Systems die Gelegenheit für Jim, zum Retter von Aurora und der schlafenden halben Menschheit zu werden. Während Aurora ihm nur noch ängstlich schreiend und keuchend beistehen und Fragen stellen darf: «Was machen wir jetzt?» – «Kannst du das reparieren?» Natürlich kann er. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch lange, glücklich und zufrieden in einem Häuschen, das Jim in der Lobby gebaut hat – auf dem Raumschiff muss es irgendwo Holz gegeben haben. Ob sie auch Kinder hatten, ist nicht überliefert. Vermutlich schon, es sei denn, sie haben irgendwo in einer Raumschiff-Apotheke Verhütungsmittel gefunden.
«Passengers» erzählt in einem sagenhaft schön gestalteten futuristischen Setting eine derart reaktionäre Geschichte, dass man von fahrlässiger Propaganda sprechen möchte. Aber für Sony zahlt sich das aus, der Film hat bis jetzt weltweit 125,5 Millionen Dollar eingespielt. Noch besser läuft das Geschäft für Disney. «Rogue One: A Star Wars Story» brachte bisher 817 Millionen ein. Die Geschichte handelt von Rebellen, die die Pläne des Todessterns klauen, und ist vor der Episode IV angesiedelt, dem ersten aller «Star Wars»-Filme. Wenn «Rogue One» nicht Teil des berühmtesten aller Universen wäre, würde wohl niemand einen derart phantasie- und humorlosen Film sehen wollen.
Aber weil der Film Teil der Franchise ist, hat er Disney 2016 zusammen mit den Animationsfilmen «Zootopia», «Finding Dory» und «Captain America: Civil War», einem Produkt aus der Marvel-Disney-Maschine, zu einem Rekordumsatz von sieben Milliarden Dollar verholfen. Der nächste Coup dürfte «Beauty and the Beast» werden, die Realverfilmung des Trickfilms von 1991 mit Emma Watson in der Hauptrolle. Der Trailer ist der meistgesehene zurzeit, er schlägt sogar «Star Wars».
2017 lockt mit massenhaft verführerischen Déjà-vus. Wir werden also noch lange die Ratten sein. Superman, Batman, Suicide Squad drängen auf die Leinwände, auch in Form von Lego-Figuren; «Despicable Me» geht in die dritte Runde, «Pirates of the Caribbean» in die fünfte, «Fast and Furious» in die achte. Es gibt Fortsetzungen von Kultfilmen wie «Alien», «Blade Runner» und sogar «Trainspotting».
Das einzig Gute daran, dass wir uns massenhaft das Geld aus der Tasche ziehen lassen: Mit den Hollywood-Milliarden wird indirekt das Independent-Kino am Leben erhalten. Der «New Yorker» nannte Hollywood «die beste Geldwaschanlage der Welt». Ein Teil des Gewinns fliesst in Werke von Künstlern wie Wes Anderson, Sofia Coppola und Martin Scorsese. Der Oscar-Anwärter «Moonlight» von Barry Jenkins wurde unter anderen von Plan-B produziert, der Firma von Jennifer Aniston, Brad Pitt und Brad Grey. Einer der Produzenten von «Manchester by the Sea», ebenfalls ein Oscar-Kandidat, ist Pearl Street Films, die Firma von Ben Affleck und Matt Damon. Er ist der Star aus der «Bourne»-Franchise, mit der uns Universal seit 2002 mit immer flacher werdenden Storys in Scharen in die Kinos lockt.
Erschienen am 8. Januar 2017 in der NZZ am Sonntag.
(Bild: Sony)