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Robert Walser (1878–1956), so scheint es, war ein massloser Schriftsteller. Er produzierte eine schier unendliche Fülle an Texten, die er zuvor in einzigartiger Präzisionsarbeit mit Bleistift in kleinster Kurrentschrift auf einzelnen Papieren, so genannten Mikrogrammen, entworfen und skizziert hatte. Auf einem zurechtgeschnittenen Papierbogen ordnete er mehrere Textblöcke an und schrieb dabei zuweilen nicht höher als einen Millimeter.
Als Schreibunterlage diente ihm allerlei Material: Walser beschrieb Kalenderblätter und Kunstdruckblätter, Karten, Couverts, Visitenkarten, Drucksachenumschläge, die leer stehenden Ränder von Zeitungsbelegen, selbst Honorarquittungen verwendete er.
Eine neue Edition, die «Kritische Rober Walser-Ausgabe», stellt das Werk des schillernden Schriftstellers nun umfassend dar. Gemeinsam haben sich Wolfram Groddeck von der UZH und Barbara von Reibnitz von der Universität Basel des Unterfangens angenommen, das gesamte Schaffen des Autors zugänglich zu machen. Acht Bände sind bis jetzt erschienen, drei weitere sind in Vorbereitung.
Bleistifteln und gfätterlen
Das langfristig angelegte Projekt – der letzte Band erscheint frühestens im Jahre 2020 – wird etwa 50 Bände umfassen, wobei neben den Buchpublikationen und den Drucken in Zeitungen und Zeitschriften sämtliche Manuskripte und Mikrogramme als Faksimile zugänglich gemacht werden. Begleitend zu den Buchpublikationen erscheint eine elektronische Edition, die den Umgang, etwa das systematische Durchsuchen des Werks oder das Betrachten der fotografischen Reproduktionen der Handschriften und Mikrogramme massiv vereinfacht – dies verspricht einen vertieften Einblick in Walsers wunderliche Textwelt.
Was aber hatte Walser überhaupt dazu bewogen, diese wundersame Bleistiftarbeit zu tätigen? 1927 berichtete der Schriftsteller von einem Schreibkrampf, der von der Anstrengung beim Schreiben mit der Stahlfeder herrühre, mit der er seine Texte «in die Bestimmtheit hineinschrieb». In einem Brief an den Redaktor Max Rychner schreibt er, wie er sich vom Schreibfederüberdruss befreite und anfing «zu bleistifteln, zu zeichnelen, zu gfätterlen» und wie diese «Bleistifterei» in ihm die «Schriftstellerlust» wiedererweckte.
Bild vom obsessiven Aussenseiter
Von der Literaturwissenschaft wurde Walsers Faible für Mikrogramme zuweilen vorschnell psychologisch erklärt und pathologisiert. Hintergrund dafür bot seine Biografie. Der Schriftsteller, der mit den spärlichen Einnahmen aus seinen Publikationen immer wieder am Rand der Existenz stand, begab sich 1929 wegen Angstzuständen in die Heilanstalt Waldau. Als er vier Jahre später gegen seinen Willen in die Heilanstalt Herisau versetzt wurde, schrieb er keine Zeile mehr, bis er 1956 starb.
Erst in den 1970er-Jahren wurde Robert Walser für ein breiteres Publikum (wieder-) entdeckt. Damals, in einer Zeit des antipsychiatrischen Denkens, etablierte sich wohl auch das etwas verklärende Bild des obsessiven, Mikrogramme schreibenden Aussenseiters.
Eigenwillige Schreibtechnik
Wolfram Groddeck versteht Walsers Texte im Miniaturformat dagegen weniger als Ausdruck einer psychischen Obsession denn vielmehr als eigenwillige Schreibtechnik. «Ich verstehe die Mikrogramme als grafisch-skripturale Sprachkunstwerke», erklärt Wolfram Groddeck, «denen wir in der ‹Kritischen Robert Walser-Ausgabe› gerecht werden wollen.»
Die Originale werden reproduziert und daneben die Umschrift der jeweiligen Textanordnung entsprechend und zeilengetreu wiedergegeben. Zudem werden sich die Mikrogramme in der elektronischen Edition in der Vergrösserung auch en détail bestaunen lassen können. Die Mikrogramme sind allerdings nur eine der Besonderheiten des eigenwilligen Schriftstellers Robert Walser, die das Herausgeberteam der Kritischen Ausgabe beschäftigen.
Durchforsten des historischen Blätterwaldes
«Bei Walser hat man es gewissermassen mit einem verborgenen Werk zu tun», sagt Groddeck. Zum einen sind seine Mikrogramme scheinbar – und teilweise tatsächlich – unlesbar, zum andern verzweigt sich sein Werk in eine unüberblickbare Zahl von Einzelpublikationen in diversen Zeitungen und Zeitschriften. Zunächst ist die editorische Situation zwar noch überschaubar – zumindest für die Zeit bis 1913, als Walser in Berlin lebte: Mit «Fritz Kocher’s Aufsätze» begann 1904 seine Schriftstellerkarriere. Danach erschienen die drei Romane «Geschwister Tanner», «Der Gehülfe» und «Jakob von Gunten» in Buchform. Der erfolglose Band «Die Rose» wurde schliesslich 1925 veröffentlicht. Danach erschienen zu Walsers Lebzeiten keine Buchausgaben mehr. Das Werk Robert Walsers zerstreute sich in eine unendliche Fülle von Einzelveröffentlichungen.
Unermüdlich durchforsten die Herausgeber nach wie vor den historischen Blätterwald. Und tatsächlich entdeckte ein Mitarbeiter des Editionsteams gerade erst zwei Texte von Robert Walser, die im «Nebelspalter» 1926 und 1927 veröffentlicht worden waren.
Avantgardistischer Autor
Angesichts dieser uferlosen Textproduktion ist es fraglich, ob man bei Walser überhaupt von einem abgeschlossenen Werk sprechen kann. Der eigenwillige Schriftsteller entzieht sich den traditionellen Einordnungen. «Robert Walser war ein avantgardistischer Autor», sagt Wolfram Groddeck. Er positionierte sich bewusst ausserhalb des damaligen literarischen Mainstreams. So wurde er nicht müde, seine Kollegen Thomas Mann und andere Hochliteraten zu parodieren.
Walser hatte eine eigene, selbstbewusste Vorstellung von der schriftstellerischen Arbeit. Er unterschied nicht zwischen so genannter ernster und unterhaltender Kultur. Der Schriftsteller bezog sich in seinen Texten zwar auch auf den Kanon der Literaturgeschichte, genauso gerne aber bediente er sich bei der Trivialliteratur.
Frischen Einblick in das literarische Wunderwerk
In seinem letzten Buch «Die Rose» schreibt Walser von «kioskischen Quellen», das heisst Groschenromanen, aus denen er Schreibanregungen schöpfte. Für einen etablierten Autor gehörte es sich, Bücher, am besten Romane, zu schreiben. Doch Romane in der Tradition des 19. Jahrhunderts mochte Walser nicht schreiben.
Tatsächlich, so Groddeck, wird der traditionelle Werkbegriff dem Schaffen Robert Walsers nicht gerecht. «Und eine kritische Edition darf das Werk des Autors nicht eigenmächtig herstellen», sagt der Literaturwissenschaftler. Vielmehr gehe es darum, alle möglichen Informationen verfügbar zu machen, aus denen sich, im Kopf der Lesenden, Walsers Werk erst bilden kann.
Heute gibt die «Kritische Robert Walser-Ausgabe » einen frischen Einblick in das literarische Wunderwerk des Schriftstellers. Dank der sorgfältigen Dokumentation und der elektronischen Hilfsmittel wird man einen neuen Blick in die schillernde Bleistifterei Robert Walsers werfen können. Ein Rest Unlesbarkeit wird aber auch dem elektronischen Auge wohl für immer erhalten bleiben.
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