Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03169.jsonl.gz/446

Worüber haben Sie sich gefreut oder geärgert? Haben Sie etwas Bestimmtes auf unserer Website nicht gefunden? Ist Ihre abonnierte Ausgabe von "Musik&Theater" nicht eingetroffen? Hat Ihnen ein Artikel ganz besonderes gefallen?
studio
Erinnern Sie sich noch an Rondo Veneziano? An jenes 1979 gegründete Ensemble, das in unzähligen TV-Playback-Auftritten beim Publikum das Bild eines neunköpfigen Ensembles in Rokoko-Kostümen vermittelte, obwohl im Tonstudio jeweils an die 30 Musiker spielten? Damit war die Entdeckung der italienischen, insbesondere der venezianischen Barock-Concerti endgültig auf einem massentauglichen Kitsch-Niveau angelangt – und ja, man durfte darüber schmunzeln. Dabei hatte alles einst sehr seriös begonnen. Federführend war dabei das Römer Ensemble I Musici, welches für Philips in den 1960er-Jahren mit grossem Erfolg ein Vivaldi-Concerto nach dem andern einspielte nach dem Motto: Genug ist nicht genug. An diesem Erfolg wollten bald auch andere LP-Labels teilhaben, zum Beispiel Erato.
Da Vivaldi bereits «besetzt» war, entschied man sich für Tomaso Albinoni, einen venezianischen Zeitgenossen Vivaldis. Und spielte 1959 das Adagio ein – jenes Werk, das den Namen Albinonis rund um die Welt populär machte. Allerdings war das ein Fake: Das berühmte Adagio stammt nicht von Albinoni und nicht aus dem 18. Jahrhundert, sondern ist 1958 vom italienischen Musikwissenschaftler Remo Giazotto (angeblich nach einer Vorlage Albinonis) zusammengestrickt worden. Natürlich fehlt dieses Adagio auch nicht in der vorliegenden Sammlung jener Albinoni-Einspielungen, die Claudio Scimone mit den Solisti Veneti für Erato einspielte. Vieles davon erscheint überhaupt zum ersten Mal auf CDs und zum Teil «newly remastered». In der Tat ist die Klangqualität überragend, was zweifellos (auch) auf den Aufnahmeort vieler dieser Einspielungen zurückzuführen ist: die Salla della Chitarra in der Villa Contadini, gelegen in Piazzola sul Brento östlich von Vicenza. Es ist ein heller, lichter Klang, der frei ausschwingt, und es ist gleichzeitig ein Klang mit idealem Raumcharakter, der den beinahe kammermusikalisch besetzten Solisti Veneti eine wohlbekömmliche sonore Fülle verleiht.
Im Vergleich dazu wirken die Einspielungen von I Musici wesentlich ruppiger. Bei Claudio Scimone hingegen scheinen die Instrumente nachgerade zu singen, besonders tonschön der ausgezeichnete Oboist Pierre Pierlot. Das klingt frisch wie am ersten Tag. Und plötzlich staunt man über die melodischen Qualitäten der Concerti Albinonis und wundert sich, dass diese bis heute ein Schattendasein führen. Immer wieder sind es langsame Sätze, die dem Ohr besonders schmeicheln: So könnte das Largo aus dem Concerto Nr. 2 op. 2 durchaus dem grossen Händel abgelauscht sein, und das darf dann auch entsprechend klingen. In den schnellen Sätzen bringen I Solisti Veneti einen vitalen rhythmischen Drive ins Spiel. Ergänzt werden die Concerti und Sonaten durch drei Bühnenwerke, was an das vielfältige Schaffen Albinonis erinnert – wohl über 50 Opern, aber nur sieben sind vollständig erhalten. Wer also den venezianischen Barock abseits des Rondo-Venezianound des Vivaldi-Mainstreams kennenlernen möchte, findet hier aparte Trouvaillen.
Werner Pfister
Tomaso Albinoni: The Collector’s Edition. I solisti veneti, Claudio Scimone. Erato / Warner Classics 0190295 115883 (16 CDs)