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Weinbaugeschichte ist Klimageschichte
Zwei Klimaforscher, der Historiker Christian Pfister und der Klimatologe Heinz Wanner, haben in ihrem Buch «Klima und Gesellschaft in Europa – die letzten tausend Jahre» das Klima über die letzten 1000 Jahre zurückverfolgt. Wie aber lässt sich das Klima rekonstruieren, als noch keine Wetterdaten wie Temperatur, Niederschläge und Luftdruck erhoben und notiert wurden? Aufzeichnungen über Weinernten haben dabei geholfen.
Es gibt zwei Ansätze, um das Klima zu rekonstruieren: der naturwissenschaftliche Zugang durch die Klimatologie und der geistes- und sozialwissenschaftliche durch die (Umwelt-)Geschichte. Während der naturwissenschaftliche Ansatz sich auf mess- und beobachtbare Fakten wie die Analyse von Baumringen, Eisbohrkernen oder Beobachtung von Gletscherständen anhand von Moränen stützt, nutzen Historiker Berichte über Extremereignisse, Naturkatastrophen, pflanzenphänologische und weinbauliche Aufzeichnungen. Interessant sind auch Berichte von Bittprozessionen oder von überlieferten Messungen über Temperatur und Niederschlag.
Am Anfang stand das Quecksilber
Die Herstellung eines ersten Quecksilberthermometers um 1643 durch Evangelista Torricelli bedeutete den Beginn der instrumentellen Messung von Klimadaten. Bereits um 1684 gab es ein Messnetz von zehn Stationen, das von Florenz über Pisa bis nach Paris und Warschau reichte. Gemessen wurden Temperatur, Luftdruck und Feuchtigkeit. Ab 1759 konnten die Forscher das Klima Mitteleuropas aufgrund von instrumentellen Messungen rekonstruieren. Zuvor, bis zurück ins Jahr 1500, beruhte die Rekonstruktion auf der Basis der frühen instrumentellen Messungen und auf Wettertagebüchern verschiedener Persönlichkeiten wie dem dänischen Astronomen Tycho Brahe (1546–1601) oder dem Luzerner Chronisten Renwart Cysat (1545–1614).
Vor 1500 notierten verschiedene Chronisten das Wettergeschehen und dessen Auswirkungen auf Bevölkerung und Umwelt. Der englische Benediktinermönch Matthew Paris verzeichnete beispielsweise für das Jahr 1236 einen ungewöhnlich nassen Winter und dann eine drei- bis viermonatige Trockenheit mit unerträglicher Hitze. Tümpel und Teiche trockneten aus, die Wassermühlen standen still und die Saat ging nicht richtig auf.
Weinbau und Klima
Zwei US-amerikanische Forscher, der Önologe Gregory V. Jones und der Umweltwissenschaftler Robert E. Davis, wählten einen originellen Ansatz, um Daten von zehn bis fünfzehn Weingütern aus dem Bordelais aus den Jahren 1938 bis 1995 zu analysieren. Mittels Blindtests teilten sie die Weine in Qualitätsstufen von 1 (sauer) bis 7 (Spitzenwein) ein und verglichen sie mit Klimadaten. Sie wiesen nach, dass Erntetermin, Erntemenge und Zuckergehalt von wenigen Wetterlagen gesteuert werden. Häufige, von Tiefdruckgebieten gesteuerte Wetterlagen mit starken Winden und Kaltfronten verzögern die Beerenreife und mindern Menge und Qualität des Weinmostes, während anhaltende warme Hochdrucklagen zu einer frühen, grossen und qualitativ hochwertigen Ernten führen. Zwei gegensätzliche Jahre aus dem 16. Jahrhundert zeigen dies eindrücklich. 1536 herrschten grosse Hitze und eine Dürre von Mai bis November. In Paris fanden Prozessionen statt, in welchen Gott um Regen angefleht wurde. Die Weinernte aber war früh, reich und süss. Die Temperatur lag in Mitteleuropa geschätzte 2.8 °C über dem Mittel 1961–1990. Das Jahr 1542 dagegen war regnerisch und kalt mit dominierenden Westwinden. Die Temperatur lag um 2.8 °C unter dem genannten Mittel. Die Lese fand Anfang November statt, wobei die Beeren nicht reif wurden. Solche Muster lassen sich bis ins 11. Jahrhundert zurückverfolgen.
Rekonstruktionen
Während (früher) Quantität und Qualität der Ernte nur geringfügig durch menschliche Eingriffe beeinflusst wurden, spielten sie für den Erntezeitpunkt eine erhebliche Rolle. Nicht selten wurde ein Lesebann (ein Verbot der individuellen Weinernte) über die Weinberge gelegt, der erst von der Obrigkeit aufgelöst werden konnte. In Aufzeichnungen des Domkapitels von Beaune, die bis 1354 zurückreichen, ist auf den Tag genau festgehalten, wann zum ersten Mal Löhne an die Hilfskräfte für die Weinernte ausbezahlt wurden. Diese daraus resultierende Datenreihe diente schliesslich zur Rekonstruktion der Sommertemperaturen im 14. und 15. Jh.
Daten vergleichbar machen
Während der geschätzte Temperaturverlauf ab 1500 und die Aufzeichnung meteorologischer Daten ab 1759 den Witterungsverlauf ab dem 16. Jahrhundert abbildeten, war dies für die Zeit vor 1500 nicht möglich. Um die Daten über die lange Zeitreihe ab dem Jahr 1000 vergleichbar zu machen, schuf der Historiker und Autor Christian Pfister den «Pfister-Index». Er teilte die Jahre in einer Skala von -3 bis +3 ein. 0 bedeutet ein normales, unauffälliges Jahr, -3 ein sehr nasses und kaltes Jahr und +3 ein sehr heisses und trockenes. So liess sich das Klima über die Zeit vom Jahr 1000 bis heute abbilden.
Drei klimatische Epochen
Aus dieser Rekonstruktion lassen sich drei lange klimatische Perioden herausschälen. Das Hochmittelalter vom Jahr 1000 bis um 1300 war eine klimatisch warme Periode. Die Landwirtschaft florierte und dank dem besseren Nahrungsmittelangebot wuchs die Bevölkerung Mitteleuropas. Ab 1300 bis zum Jahr 1900 folgte eine Periode, die heute als «die nordhemisphärische Kleine Eiszeit» bezeichnet wird. Klimatisch bedingte schlechtere Ernten führten zusammen mit den ersten Pestepidemien zu einem Bevölkerungsrückgang und zu einem Rückgang der Agrarproduktion. Eine Periode sehr schlechter Jahre zwischen 1570 und 1608 sowie die Katastrophe des 30-jährigen Krieges waren erneut Ursache eines Bevölkerungsrückgangs in Mitteleuropa. Die Modernisierung der Agrarproduktion ab 1750 durch bessere Düngung der Felder und den Anbau von Klee führte zu einer vermehrten Produktion von landwirtschaftlichen Produkten und zu einem Bevölkerungswachstum. Das 19. Jahrhundert war schliesslich unterdurchschnittlich kalt. Die Kleine Eiszeit erlebte ihren Höhepunkt.
Mit dem Aufkommen der Dampfmaschinen im 19. Jahrhundert stieg der Bedarf an zusätzlicher Energie, der mit dem Verbrennen von Kohle gedeckt wurde und den CO2-Gehalt in der Atmosphäre ansteigen liess. Dies und andere Einflussfaktoren führten zu einem allmählichen Temperaturanstieg im 20. Jahrhundert. Die Klimatologen bezeichnen folgerichtig die Zeit nach 1900 bis heute als «Moderne Warmperiode». Nach 1950 stiegen zudem die Förderung und der Verbrauch von Erdöl rasant an. Später kam noch das Erdgas als Energiequelle dazu (Abb. 1). Dies führte zu einem entsprechend raschen Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre mit der bekannten Folge der Klimaerwärmung. Die Temperaturaufzeichnungen belegen einen eigentlichen Temperatursprung ab 1990. Die Klimatologen sprechen deshalb von der Zeit von 1900 bis 1990 vom «kurzen 20. Jahrhundert». Ab 1990 lagen die durchschnittlichen Jahrestemperaturen in Mitteleuropa in fast allen Jahren über der Durchschnitttemperatur für den Zeitraum von 1871 bis 1900. Diese Periode der letzten gut 30 Jahre wird als «Warmperiode der Gegenwart» bezeichnet (Abb. 2).
Abb. 1: Der weltweite Energieverbrauch seit 1800 in Terrawattstunden. Bis zum Beginn des Industriezeitalters deckte die Menschheit die Energie aus Biomasse. Mit dem Aufkommen der Dampfmaschinen kam Kohle als Energieträger dazu. Ab 1950 nahm der Verbrauch von Erdöl, etwas später von Erdgas rasant zu. (Quelle: https://ourworldindata.org/energy-mix)
Abb. 2: Jahresmitteltemperaturen einer Messreihe von Basel-Binningen. Deutlich zu erkennen ist das Ende der Kleinen Eiszeit, die um 1900 endete. Höhere Temperaturen ab 1900 führten zur «Modernen Warmperiode». Den Zeitraum bis 1990, in dem ein eigentlicher Temperatursprung zu erkennen ist, nennen die Klimatologen das «Kurze Zwanzigste Jahrhundert» und die darauffolgende Zeit die «Warmperiode der Gegenwart». (Quelle: Klimawandel Schweiz – MeteoSchweiz (admin.ch))
Die Verletzlichkeit der Menschheit kehrt zurück
Klima-Anomalien hatten für die Menschheit einst verheerende Konsequenzen. In kalten und nassen Jahren reifte die Ernte nicht, faulte das Gras. Es fehlte das Getreide für die menschliche Ernährung, Futter für das Vieh. Klima-Anomalien waren oft Folge eines Ausbruchs eines tropischen Vulkans, dem oft ein «Jahr ohne Sommer» folgte. Das letzte solcher Ereignisse, das die Schweiz betraf, war der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien im April 1815, bei dem vom 4300 m hohen Berg der Gipfel bis auf die Höhe von 2850 m weggesprengt wurde. Geschätzte 60 bis 80 Megatonnen SO2 gelangten in die Atmosphäre und trieben in oxidierter Form als Schwefelsäure rund um den Globus. Die Folge war eine Abkühlung des Erdbodens und der bodennahen Atmosphäre. Im folgenden Jahr 1816 verdoppelte sich in Mitteleuropa die Zahl der regnerischen Nordwestlagen. Warme, sonnige Hochdrucklagen fehlten fast vollständig. Besonders betroffen waren die Schweiz nördlich der Alpen und das Tirol. Es war meistens bewölkt und es regnete. Wegen der häufigen Regenfälle konnte das Getreide auf den Feldern nicht trocknen. Es musste feucht gelagert werden und verfaulte. Die wenigen Trauben waren noch grün, als sie Anfang November gepflückt wurden. In der Ostschweiz assen die Menschen Gras wie das Vieh. Auf einer Toggenburgischen Hungertafel (s. Einstiegsbild) wurde aufgezeigt, wie aussergewöhnlich die Situation 1817 war, als zusätzlich «eine beispiellose Theurung» (Originaltext) aller Produkte erfolgte. Wenigstens war dies die letzte Hungersnot in der Schweiz. Die Transportrevolution mit dem Bau besserer Strassen und der Eisenbahnen sowie mit Dampfschiffen auf den Weltmeeren sorgten danach für eine grundlegend bessere Versorgung mit Lebensmitteln. Mangeljahre konnten mit der Zufuhr von Lebensmitteln aus entfernteren Gebieten wettgemacht werden.
Aber auch Dürreperioden wie die über elf Monate anhaltende Trockenheit im Jahr 1540 waren für die damalige Bevölkerung eine Katastrophe. Vielerorts brannten die Wälder und auch Stadtbrände häuften sich. Auf den Weiden verdurstete das Vieh. Lastschiffe beförderten auf den ausgetrockneten Flüssen nur einen Bruchteil der üblichen Ladung. Die Mühlen an den Bächen standen still. Wegen des verschmutzten Wassers kam es zu einer Ruhr-Epidemie, grosser Tod genannt. Der Reformator Martin Luther deutete die unsägliche Hitze, die Tag und Nacht anhielt, als Zeichen des bevorstehenden Jüngsten Tages.
Mit dem Aufkommen des Welthandels blieb Europa von Hungerkrisen verschont, doch die Klimaforschenden warnen, dass mit dem Klimawandel die Verletzlichkeit der Menschen zurückkommen könnte. In Klimaszenarien sagen sie voraus, dass es in Zukunft weniger kalte Tage geben wird, dafür mehr warme und insbesondere heisse Tage. Die maximalen durchschnittlichen Sommertemperaturen könnten um bis 8 °C steigen. Zudem wird es in Zukunft mehr Trockenperioden geben, umgekehrt aber auch mehr Ereignisse mit Starkregen. Gut möglich, dass die letztjährige Flutkatastrophe im deutschen Ahrtal bereits ein Zeichen dafür ist.
Die Achillesferse unserer heutigen Gesellschaft ist die Energie. Eine Wasserknappheit wie im Jahre 1540 hätte massive Auswirkungen auf die Energieerzeugung. Fossile und atomare Kraftwerke könnten nicht mehr genügend gekühlt werden. Es würde eine Stromknappheit drohen, die zu anhaltenden Stromausfällen führen könnte. Die Landwirtschaft hätte Ernteausfälle zu beklagen und die Viehwirtschaft würde in Mitleidenschaft gezogen. Wie der bisher heisseste Sommer 2003 gezeigt hat, sinkt die Transportkapazität auf den Flüssen. Die Eisenbahnen könnten wegen verbogener Geleise nur noch beschränkt befahren werden.
Die Warnung der Klimaforschenden ist eindeutig: «Moderne Klimaszenarien zeigen, dass Jahre mit dramatischer Hitze und Dürre sogar über mehrere aufeinanderfolgende Jahre hinweg auftreten könnten. Wenn (…) wir nicht in der Lage sind, das globale Energiesystem zu dekarbonisieren, könnten wir in der Zukunft mit gewaltigen Problemen konfrontiert werden.»
Empfehlenswerte Lektüre
Das von Pfister und Wanner verfasste Werk «Klima und Gesellschaft in Europa – die letzten tausend Jahre» führt lehrreich durch die Klimageschichte. Es ist detailreich und umfassend und verbindet geschichtliche Ereignisse mit Klimadaten. So erklärt sich z.B. der Untergang der spanischen Armada vor England 1588 aufgrund ungünstiger klimatischer Bedingungen. Ebenso kann der massive Anstieg von Hexenverbrennungen nach 1570 eingeordnet werden. 40 000 bis 60 000 Menschen, zumeist Frauen, fielen dem Wahnsinn zum Opfer – nicht zuletzt wegen des Klimas. Für geschichts- und klimainteressierte Leserinnen und Leser ist die Lektüre dieses Buches daher sehr zu empfehlen.
Titelbild © Toggenburger Museum Lichtensteig
Angaben zum Buch
Pfister Christian, Wanner Heinz: «Klima und Gesellschaft in Europa – die letzten tausend Jahre». Verlag Haupt, Bern 2021. ISBN 978-3-258-08182-3 (E-Book 978-3-258-48182-1)