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Abstract
Im Sommersemester 1910 trat der aus Bonn nach Zürich berufene Hochschullehrer Willy Freytag seine Stelle als Dozent an der Philosophischen Fakultät an. Seine Hochschulkarriere in der Schweiz nahm jedoch im Jahr 1933 ein abruptes Ende, nachdem durch die Presse die Sympathien und das aktive Engagement Freytags für den deutschen Nationalsozialismus publik geworden waren. Die «Affäre Freytag» zwang den Dozenten schliesslich zum Rücktritt und zur Rückkehr nach Deutschland.
Als Nachfolge von Friedrich Schumann wurde im Jahr 1910 Willy Freytag an die Universität Zürich berufen. Stand sein Vorgänger noch für eine eher experimentelle Ausrichtung des Philosophie-Lehrstuhls, so sollte mit dem deutschen Hochsachullehrer wieder eine klare Rückbesinnung auf die philosophischen Grundlagen der Pädagogik stattfinden. Die Anstellung des an der Universität Bonn bis dahin bloss als Privatdozent und Titularprofessor angestellten Freytags war in Zürich nicht unumstritten. Seine Fähigkeiten als Dozent wurden in einigen Kreisen angezweifelt und eine von der Philosophischen Fakultät beantragte Beförderung zum Ordinarius wurde erst nach mehreren Vorlesungsbesuchen durch die entsprechenden Instanzen gutgeheissen (Criblez 2001, S. 60). Freytag galt zwar als scharfsinniger Denker, soll aber auf zwischenmenschlicher Ebene ein eher schwieriger Professor gewesen sein (Universität Zürich 1983, S. 51). Trotz dieser Anfangsschwierigkeiten blieb er über zwei Jahrzehnte lang im Dienste der Zürcher Universität tätig. Erst ein veritabler Skandal sollte der Laufbahn des Deutschen in der Schweiz ein Ende bereiten.
Im Frühsommer 1933 herrschte in Zürich eine eifrige Debatte über die jüngsten politischen Entwicklungen in Europa. Der Vormarsch der Nationalsozialisten in Deutschland fand auch in der Schweiz durchaus begeisterte Anhänger (Wolf 1969, S. 16ff). Unter der Zürcher Studentenschaft waren seit Beginn der 1930er-Jahre ebenfalls vermehrt Sympathien für die nationalsozialistische Ideologie und auch die Gründung eigener rechtsextremer Gruppierungen festzustellen. Exemplarisch dafür steht der «Zürcher Student», welcher zu jener Zeit immer wieder die Demokratie infrage gestellt und elitäres, rechtes Gedankengut in seinen Artikeln verbreitet hatte (Universität Zürich 1983, S. 47f). Der Schweizerische Frontismus wurde darüber hinaus von Studierenden der Universität Zürich initiiert (Glaus 1969, S. 49ff.). Eine überwältigende Mehrheit der Schweizer Bevölkerung lehnte die NS-Ideologie jedoch entschieden ab (Bergier et al. 2002, S. 76). Umso grösser war die Entrüstung, als in diversen Zeitungen plötzlich zu lesen war, dass an der Universität Zürich ein bekennender Nationalsozialist mit der Ausbildung angehender Lehrpersonen beauftragt war. Sein Name: Willy Freytag.
Bereits ein Jahr zuvor, im Mai 1932, hatte sich der damalige Student Joachim Krull mit einem Brief an die Verantwortlichen der Zürcher Universität gewandt. Krull, dessen Mutter gemäss eigenen Angaben Jüdin war, beklagte sich darin über abschätzige Kommentare Willy Freytags während eines gemeinsamen Gesprächs. Zudem habe sich der Dozent während der Unterredung offen zum Nationalsozialismus bekannt (UAZ AB.1.0285 27. Mai 1932).
Tatsächlich machte Freytag in dieser Zeit keinen Hehl aus seiner politischen Gesinnung. Kurzzeitig hatte er in der Landesgruppe der NSDAP sogar das Amt als Kreisleiter für die Nordostschweiz inne. Ein erklärtes Ziel dieses Parteiablegers in der Schweiz war es, sowohl hier lebende deutsche Bürger als auch Schweizerinnen und Schweizer im «deutschfreundlichen» und damit wohl auch im nationalsozialistischen Sinne zu beeinflussen (Lachmann 1962, S. 34). Zwar ist in unterschiedlichen Quellen belegt, dass Freytag seine politische Gesinnung im Vorlesungssaal nie zum Ausdruck gebracht hatte. In der öffentlichen Debatte war ein Nationalsozialist auf einem Lehrstuhl der Universität Zürich aber für viele nicht mit den liberalen und demokratischen Werten der Schweiz vereinbar. Die sozialdemokratische Zürcher Tageszeitung «Volksrecht» zitierte am 26. Juli 1933 einen Bericht aus Deutschland, wonach Freytag in einer Rede an der Delegiertenversammlung des Verbandes deutscher Vereine Zürich die Verdienste Adolf Hitlers gelobt und diesen mit dem damaligen Reichspräsidenten Hindenburg verglichen habe. So wie man diesen anfänglich verschmäht und später für den Friedens-Nobelpreis nominiert habe, so werde es laut Freytag auch einmal mit Hitler geschehen (vgl. Volksrecht 26. Juli 1933). In der Folge forderte die Zeitung öffentlich den sofortigen Rücktritt des «Naziprofessors» Freytag an der Universität Zürich. Und auch die «Neue Zürcher Zeitung» debattierte in mehreren Ausgaben über die Tragbarkeit Willy Freytags. Als einer Demokratie «unwürdig» wurde dessen politische Haltung mitunter bezeichnet (vgl. NZZ 22. August 1933). Der Druck auf die Person Willy Freytag nahm durch die Veröffentlichungen in der Presse schlagartig zu, sodass er vom politischen Posten bei der NSDAP-Landesgruppe zunächst temporär und wenig später nach Intervention des Zürcher Erziehungsdirektors mit definitiver Wirkung zurücktreten musste. Und auch an der Zürcher Universität war die «Affäre Freytag» zum Streitthema geworden. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr hatte die Hochschule somit einen hochpolitischen Eklat, der über Wochen in der Presse diskutiert wurde. Zum einen ging es in der Debatte um die Grundsatzfrage, wie sich die Schweiz gegenüber dem demokratiefeindlichen Gedankengut der Nationalsozialisten positionieren sollte. Das Beispiel der «Affäre Freytag» zeigte aber auch konkret, wie rasch der Universität die Gefahr einer Politisierung durch das Ausland drohen konnte (vgl. Universität Zürich 1983, S. 50).
Am Schluss war es Willy Freytag selbst, welcher der aufgeheizten Diskussion über seine Person im September 1933 ein Ende bereitete. Mit einem Schreiben an den Erziehungsdirektor des Kantons Zürich reichte er seinen Rücktritt per 15. Oktober ein. Seine Wiederwahl sehe er nach den Vorkommnissen ohnehin als unwahrscheinlich an, schreibt Freytag an den Regierungsrat. Zudem sei er es der Universität und sich selber schuldig, «dass ich nicht zu lehren versuche, wo mir das Vertrauen fehlen würde» (UAZ AB.1.0285 26. September 1933). Für die Zürcher Universität konnte damit ein Fall abgeschlossen werden, den sie bis zum Schluss nur zögerlich und ohne konsequente Position behandelt hatte. Die mitunter lauten Töne der Presse wurden von Erziehungsdirektor Oskar Wettstein kritisiert. Er warnte vor einer «Ära gegenseitiger Repression» unter den verschiedenen politischen Lagern (Prot. KR 1933, S. 664ff). Als Zeichen der versöhnlichen Haltung kann daher auch die Honorarprofessur angesehen werden, welche Freytag allen Diskussionen zum Trotz von der Universität Zürich noch verliehen wurde. Doch auch diese Form der Anerkennung kann nicht über das gespaltene Verhältnis zwischen der Universität und Freytag hinwegtäuschen. So unterlies die Universität die Publikation eines Nachrufes für Willy – eine sonst für alle Professoren selbstverständliche Geste.
Die «Affäre Freytag» sollte noch Jahre nachhallen. Vor allem gegenüber deutschen Dozenten herrschte in der Folge noch längere Zeit grosses Misstrauen. Auch die Nachfolge Freytags war davon betroffen: Die Berufung des Berliner Philosophen und Pädagogen Eduard Spranger wurde vom Gesamtregierungsrat versenkt mit der Begründung, neben Eberhard Grisebach nicht noch einen weiteren deutschen Dozenten nach Zürich beordern zu wollen. Die Wahl fiel schliesslich auf den Zürcher Philosophen Karl Dürr, der im Jahr 1935 sein neues Amt antrat (Universität Zürich 1983, S. 52).
Nur kurz nach seinem Rücktritt kehrte Willy Freytag nach Deutschland zurück. Dort kam er schliesslich am 8. September 1944, acht Monate vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, während eines Luftangriffs ums Leben.
Quellen und Literatur
Bergier, Jean-François et al.: Die Schweiz, der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg. Schlussbericht. Pendo Verlag GmbH, Zürich 2002.
Criblez, Lucien: Pädagogik an der Universität Zürich. Eine Disziplin für unterschiedliche Professionsansprüche (1857-1949). In: Rita Hofstetter et al.: Zur Geschichte der Erziehungswissenschaften in der Schweiz. Vom Ende des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Hep Verlag, Bern 2011.
Glaus Beat: Die Nationale Front. Eine Schweizer faschistische Bewegung, 1930-1940. Benziger Verlag, Zürich 1969.
Lachmann, Günter: Der Nationalsozialismus in der Schweiz 1931-1945. Ein Beitrag zur Geschichte der Auslandsorganisation der NSDAP. Ernst-Reuter-Gesellschaft, Berlin 1962.
Rektorat der Universität Zürich (Hg.): Die Universität Zürich 1933-1983. Festschrift zur 150-Jahr-Feier der Universität Zürich. Universität Zürich, 1983.
Staatsarchiv (StAZH):
- Protokoll des Kantonsrats Zürich. Interpellation vom 25.9.1933. S. 664-669.
Wolf, Walter: Faschismus in der Schweiz. Die Geschichte der Frontenbewegungen in der deutschen Schweiz, 1930-1945. Flamberg Verlag, Zürich 1969.
Printmedien:
Neue Zürcher Zeitung, 154. Jahrgang. Abendausgabe Nr. 1512 vom 22. August 1933.
Volksrecht. Sozialdemokratisches Tagblatt. Nr. 173 vom 26. Juli 1933.
Autorenschaft
Andrea Cattani
Zeitmarke
1933