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Die Anfänge der Informatik an der ETH Zürich durch Niklaus Wirth
Niklaus Wirth (1934-2024) war ein Vorbereiter der Informatik in der Schweiz und hat die rasante Entwicklung dieser Technologie gefördert und miterlebt. Er entwickelte unter anderem die Programmiersprachen Euler (1966), Algol (1968), Pascal (1970), Modula-2 (1980) und Oberon (1988) mit. Zudem baute er 1980 den Rechner Lilith sowie 1986 Ceres.
Nach seinem Studium der Elektrotechnik an der ETH Zürich war er an der Universität Stanford (Kalifornien) Assistenzprofessor und wechselte 1967 an die Universität Zürich. Er war beim Operations Research von Professor Hans Künzi, Informatiker und Zürcher Regierungsrat, angesiedelt und konnte den eben erworbenen IBM 360/40 Computer benutzen. Wirth schreibt in seinen Lebenserinnerungen: «Persönliche Rechner gab es damals nicht, und so war ein relativ freier Zugang für Entwicklungsarbeiten essenziell, und ich hatte Glück damit.»[1] Ein Computer Science Department konnte er nicht etablieren, weswegen er schreibt: «Das Fehlen eines Computer Sience [sic!] (heute: Informatik-) Departements äusserte sich in zweifacher Hinsicht. Erstens gab es dafür keine Studienrichtung. Studenten kamen aus allen möglichen Richtungen in meine Vorlesung, wenigstens eine Zeit lang. […] Zweitens hatte ich keine Kollegen aus dem Fach. Die Kollegen waren Mathematiker mit wenig Interesse an dem jungen Computer-Techniker. […] Bald war meine Zuhörerschaft auf einige wenige von der ETH zusammengeschrumpft, unter ihnen die späteren Kollegen Peter Läuchli und Gusti [Carl August] Zehnder, sowie Alfred Schai, Leiter des Rechenzentrums der ETH. Aber selbst für sie war mein Fach, Software-Technik und Übersetzerbau, eine eher esoterische Spezialität.»[2]
Mit der Absicht eine Fachgruppe Computer-Wissenschaften einzurichten, holte ihn Professor Peter Henrici bereits 1968 an die ETH Zürich. «An der ETH waren wir zu dritt in der neuen Fachgruppe: Heinz Rutishauser (50), Peter Läuchli (41), und ich (34). Die ersten zwei befassten sich mit numerischer Mathematik und waren bereits an der ETH. Ich selber war […] der Einzige, der sich mit der neuen Computer-Wissenschaft befasste, mit Programmieren, Sprachen, Software, Systemen.»[3]
In der Fachgruppe ging alsbald die Entwicklung der Programmiersprache Pascal voran. Wirth äussert sich wie folgt: «’Realisieren’ heisst hier, ein Programm zu entwickeln, das Texte, geschrieben in Pascal, in Code übersetzt, den der Rechner interpretieren kann. Ein solches Programm nennt man ‘Compiler’».[4] Wirth hätte gerne die Programmiersprache ALGOL verwendet, aber da der Rechner der ETH Zürich nur mit Fortran beschrieben werden konnten, mussten sie diese verwenden.
«Diesem Ansatz war leider ein böser Misserfolg beschieden. Pascal besitzt Anweisungs- und Datenstrukturen, die in Fortran fehlen. Wir hatten übersehen, dass es praktisch unmöglich ist, Programme aus einer unstrukturierten in eine strukturierte zu übertragen, denn eine solche Übersetzung kommt praktisch einem Neuschreiben gleich. Diesem Prozess unterwarfen wir uns zwangsweise: Der Compiler sollte in einer strukturierten Sprache formuliert werden, und zwar in Pascal selbst. Man stelle sich vor: ein ganzer Compiler sollte konstruiert werden in einer Sprache, die noch niemand kannte, und ohne dass die Möglichkeit zum Testen bestand! Arbeiten auf dem Papier allein, ohne Computer! Wer hätte heute noch die nötige Disziplin dazu?!»[5]
Nachdem es immer noch kein Studium Informatik gab, zeigte Wirth den Studierenden im Fach «Einsatz von Rechenanlagen» die neue Programmiersprache Pascal. Er äussert sich dazu in seinen Lebenserinnerungen: «Dies aber war nicht ganz widerstandslos über die Bühne gegangen. Es regte sich Opposition. Die ETH müsse den zukünftigen Ingenieuren das beibringen, was von der Industrie heute gefordert werde, und jene Werkzeuge vorstellen, die in der Industrie verwendet werden. […] Aber ich blieb mit meinem harten Kopf dabei. Erst Jahre später bekam ich von Ehemaligen Komplimente für meine Art, Programmieren und Computer-Anwendung zu lehren.»[6] Trotz dieser Schwierigkeiten und einem Angebot einer Professur an der der Universität Stanford blieb Wirth in Zürich und bekam mit Erwin Engeler (geb. 1930) Unterstützung, welcher von 1972 Ordinarius für Computer-Wissenschaften und ab 1974 für Informatik war.
Wirth baute Kleincomputersyteme und entwickelte 1980 den Rechner Lilith, der mit der dafür entwickelten Sprache Modula-2 lief. Nach den anfänglichen zwei Prototypen gab es schnell 50 Geräte am Institut. Wirth folgert 1984 in einem Bericht: «Durch die stetige Präsenz des Rechners, der nicht zeitlich mit anderen Benützern und Aufgaben geteilt werden muss, sowie durch die Informationsfülle am Bildschirm ergeben sich völlig neue Möglichkeiten. […] Resultat dieser Anstrengungen sind ein hervorragendes System zur Programmentwicklung, ein Datenbanksystem, Systeme zur Verarbeitung von Texten und von Diagrammen, ein Kommunikationssystem, das die 50 Maschinen verbindet, ein zentraler Speicher (file server), Service Rechner zum Betrieb eines Laser Druckers und anderes mehr.»[7] Zudem beschreibt er ausführlich die Vorteile eines Text-Editors und die Arbeit, wie die mit einer Computer-Maus ausgeführt werden kann. «Eine weitere, äusserst nützliche Eigenschaft ist die gleichzeitige Darstellbarkeit von mehereren [sic!] Dokumenten. Jedes erscheint in einem eigenen Fenster, worin beliebige Ausschnitte auswählbar sind. Um Teile eines Textes in ein anderes Dokument zu kopieren, brauchen sie nur von einem Fenster in das andere bewegt zu werden,»[8] bemerkt Wirth weiter.
Im Jahr 2024 ist die Arbeit ohne einen Computer nicht mehr denkbar. Auch wenn kein persönlicher zur Verfügung steht, beeinflusst er unser Leben grundlegend. Der im Januar verstorbenen Informatiker hat mit seiner Forschung und Entwicklung das moderne Leben – neben diversen anderen Informatikpionier:innen – beeinflusst.
Wirth übergab seinen Nachlass (Signatur: Hs 1544) noch zu seinen Lebzeiten dem Hochschularchiv der ETH Zürich.
Titelbild: ALGOL-60, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 1543:24