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Börne,
Ludwig, berühmter Publizist, ward als Sohn eines jüdischen Wechselagenten zu Frankfurt [* 2] a. M. geboren und hieß vor seinem Übertritt zum Christentum Löb Baruch. Der jüdisch-orthodoxe Vater wünschte, daß sein Sohn Medizin studiere, scheute sich aber, nachdem er ihm in einer Erziehungsanstalt zu Gießen [* 3] die erste Bildung hatte angedeihen lassen, ihn zur Universität zu senden, und vertraute ihn der Leitung und Führung des ausgezeichneten jüdischen Arztes Markus Herz zu Berlin [* 4] an. Für die berühmt schöne Frau desselben, Henriette Herz, faßte der bewegliche und von den Berliner [* 5] Lebensstimmungen jener Tage ergriffene Jüngling eine Leidenschaft, die nicht Erwiderung, aber schonende Duldung fand und jedenfalls mit zu seiner geistigen Entwickelung beitrug (vgl. »Briefe des jungen an Henriette Herz«, Leipz. 1861). Nach dem Tod von Markus Herz erlangte der junge Löb doch die elterliche Erlaubnis, in Halle [* 6] zu studieren, wo er an Reil empfohlen war.
Der
Krieg von 1806 und die momentane
Auflösung der hallischen
Universität wurden Veranlassung, daß
Börne sich nach
Heidelberg
[* 7] begab und hier 1807 die medizinischen
Studien mit kameralistischen und staatswissenschaftlichen vertauschte, die er 1808 in
Gießen fortsetzte. 1809 kehrte er in seine bereits unter der Herrschaft des
Fürsten-Primas
Karl v.
Dalberg
stehende Vaterstadt zurück, wurde unter großherzoglich frankfurtischer
Regierung 1811
Aktuar bei der Polizeidirektion, ohne
daß ein Glaubenswechsel von ihm begehrt ward.
Als aber Ende 1813 das Großherzogtum
Frankfurt sich auflöste, die Hauptstadt ihre Selbständigkeit als
Freie
Stadt wiedererlangte, traten auch die altreichsstädtischen
Gesetze wieder in
Kraft,
[* 8] nach denen kein
Jude ein öffentliches
Amt bekleiden durfte.
Börne ward gegen seinen
Wunsch und
Willen pensioniert und sog bei dieser
Erfahrung einen guten Teil der grollenden
Bitterkeit gegen die deutschen Zustände
in sich, welche wenig später an ihm auffiel. Im
Interesse der
Frankfurter
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forlaufend
Judenschaft, die ihre neuen Rechte von Karl v. Dalberg erkauft hatte, schrieb
Börne mehrere Denkschriften, mit denen er seine publizistische
Laufbahn begann. Doch war er bei aller Erbitterung über die gegen seine Stammesgenossen geübte Ungerechtigkeit nicht gemeint,
sich selbst der Möglichkeit freier Bewegung zu berauben, und behufs derselben trat er in Rödelheim
bei Frankfurt zum Christentum über und nannte sich von nun an Ludwig
Börne. Schon zuvor hatte er nach kurzer Thätigkeit in der
Redaktion des Frankfurter »Staats-Ristretto« die in Offenbach
[* 10] gedruckte Zeitschrift »Die Zeitschwingen« begründet, welche bald
von der großherzoglich hessischen Regierung unterdrückt wurde; seit 1818 aber redigierte er die bedeutendere
Zeitschrift »Die Wage,
[* 11] Blätter für Bürgerleben, Wissenschaft und Kunst«, in der er die Reihe jener Aufsätze, namentlich jener
Kritiken zu veröffentlichen begann, welche ihm den Ruf eines geistvollen Oppositionsschriftstellers verschafften.
Schon in den ersten 20er Jahren, wo er im Auftrag Cottas als Korrespondent für dessen Zeitschriften nach
Paris
[* 12] ging, machte sich
Börne mit den geistigen Kräften und der politischen Taktik des französischen Liberalismus vertraut. Die
heimischen Verhältnisse gestatteten freilich zunächst keine Anwendung des Neuerlernten und zwangen ihn, seine politische
Kritik und Satire in die Hüllen halb belletristischer, jeanpaulisierender Aufsätze einzukleiden. Abwechselnd lebte er in Heidelberg,
seiner Vaterstadt Frankfurt, Berlin und Hamburg.
[* 13]
Der Tod seines Vaters gab ihm 1827 die längst ersehnte materielle Unabhängigkeit; bald darauf schloß er mit Campe in Hamburg einen Vertrag über die Herausgabe seiner »Gesammelten Schriften«, in denen er seine Humoresken, Satiren, Kritiken und zerstreuten Aufsätze vereinigte, die kraft ihrer Vorzüge und Mängel nun erst die beabsichtigte weit und tief gehende Wirkung hervorbrachten. Die Kunde von der Pariser Julirevolution begrüßte er mit Enthusiasmus, ging schon im Herbste des Jahrs 1830 wieder nach Paris, das ihm nunmehr als das Mekka der politischen Freiheit galt, und ließ sich seit 1832 dauernd in der französischen Hauptstadt nieder.
Seine litterarische Wirksamkeit setzte er von hier aus mit den »Briefen aus Paris« fort und ward wie einer der Hauptvorläufer,
so nunmehr auch einer der Hauptschriftsteller des »jungen Deutschland«,
[* 14] das die Zeit gekommen erachtete, die ästhetisch-sittliche
Kultur der Nation mit der rein politischen zu vertauschen. Der Gang
[* 15] der Dinge in Paris selbst widersprach
freilich
Börnes Träumen und Erwartungen, führte ihn aber zu keiner billigern und leidenschaftslosern Beurteilung der deutschen
Zustände.
Vielmehr entfremdete er sich der Heimat mehr und mehr und schalt sich in eine Verachtung nicht nur der Schwächen, Thorheiten
und wirklichen Armseligkeiten des damaligen deutschen Lebens, sondern auch des deutschen Charakters und
Wesens hinein, welche umsonst nachträglich als Beweis der Liebe zum Vaterland erklärt wurde. Unverkennbar hatten an der galligen,
stachlichten Manier, der
Börne mehr und mehr anheimfiel, auch seine Gesundheitsverhältnisse Anteil, welche sich seit 1833 langsam,
aber stetig verschlechterten. An einer Freundin, deren Verhältnis zu ihm freilich auch bedenklichen Verdächtigungen,
namentlich Heinrich Heines, unterlag, fand
Börne eine sorgfältige, aufopfernde Pflegerin.
Während seiner letzten Lebensjahre ergriffen ihn die Erscheinung und das Auftreten Lamennais', des prophetischen Apostels,
in mächtiger Weise; er nahm die Idee der demokratisch-christlichen Völkerverbrüderung in sich auf
und sah dieselbe zunächst
durch die unbedingte geistige Hegemonie Frankreichs verkörpert. In diesem Sinne nahm er seine seit langer
Zeit eingegangene Zeitschrift »Die Wage« wieder auf und ließ sie als »Balance« in französischer Sprache
[* 16] erscheinen; gleichzeitig
suchte er Menzels teutonische Einseitigkeit mit der Schrift »Menzel, der Franzosenfresser« (Par. 1836) niederzuschmettern. Seit
dem Ende des Jahrs 1836 litt unter einer Grippe, die zur tödlichen Brustentzündung ward, der er erlag.
Seine Ruhestätte fand er auf dem Friedhof Père Lachaise, wo ihm 1843 von seinen Landsleuten ein von David gefertigtes Erzdenkmal
errichtet wurde. - Zur Zeit seines Todes stand die Begeisterung für ihn, im engsten Zusammenhang mit den
politischen Zeitströmungen, auf ihrem Gipfelpunkt; wenige Jahrzehnte später war
Börne zwar nicht vergessen, aber
nicht mehr enthusiastisch beurteilt.
Der Schwerpunkt [* 17] seines geistigen Wesens lag im politischen Pathos, in der unbedingten und uneigennützigen Hingabe an die, Idee der Freiheit, wie er sie verstand, an einen Rechtsbegriff, der zuerst mit den Lehren [* 18] des französischen Liberalismus, später mit denen des Radikalismus zusammenfiel. In je entschiedenerm Gegensatz er die deutschen Zustände und die Gesinnungen der Mehrzahl des deutschen Volkes zu diesem Freiheits- und Rechtsbegriff sah, um so schonungsloser und heftiger griff er die wirklichen und vermeinten Hindernisse einer freiern und menschenwürdigern Entwickelung an. Da es ihm erst in der zweiten Hälfte seines Lebens gegönnt war, unbeirrt von drohenden persönlichen Gefahren und ungehemmt von der Zensur seine politischen Überzeugungen zu bekennen, so hatte er in seinen frühern Schriften sich der belletristischen Formen und der litterarischen Kritik als eines Mittels bedient, politisch zu wirken, den Servilismus und die Ruheseligkeit der Deutschen zu bekämpfen.
Selbst seine jeanpaulisierenden Humoresken, z. B. »Die Monographie der deutschen Postschnecke«, »Der Eßkünstler«, »Die Kunst, in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden«, bergen einen satirischen Stachel, der wunden Flecken in den öffentlichen Zuständen gilt. In seinen Theater- und Litteraturkritiken legte er die völligste Gleichgültigkeit gegen die in der Sache liegenden Gesetze an den Tag, soweit es sich um politische Propaganda handelte.
Obschon ihm gelegentlich der feinste Blick für poetische Schönheit, das treffendste Urteil über dramatische Leistungen eigen war, so mißhandelte er mit sophistischer Willkür und gröblicher Unduldsamkeit gegen jede andre Welt- und Lebensanschauung als seine eigne selbst die poetischen Heroen der deutschen Litteratur. »Die Theaterkritik ward nur eine Larve für das geistreiche Ich, seine Augenblitze und Gestikulationen. Auf die Wahrheit der Sache, auf ästhetische Prinzipien kam es nicht an.« (Gottschall.) Schiller und Goethe, von den Talenten zweiten Ranges zu schweigen, wurden getroffen, wo in Wahrheit der Bundestag und das patriarchalische Regiment in gewissen deutschen Kleinstaaten gemeint waren.
Die geistvolle Schärfe und der Reiz seines fein durchgebildeten Stils zogen auch Tausende von Lesern an, die weder mit den politischen
noch mit den ästhetischen Grundanschauungen des Autors einverstanden waren; für den deutschen Journalismus der 30er
und 40er Jahre und noch viel späterer Zeit galt
Börne als Meister und Vorbild; ja, ein gewisser Geist der Negation, ein Ton souverän
absprechender Willkür erhielten sich leider viel länger als das Bestreben, auch dem kleinsten Aufsatz einen allgemeinen
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forlaufend
Gehalt und einen gewissen Schliff der Form zu verleihen. Die persönlichen Vorzüge
Börnes, die Reinheit seines Charakters,
die Uneigennützigkeit und, wo die Unduldsamkeit seines Liberalismus nicht in Frage kommt, die Humanität seines Wesens, wurden
auch von seinen achtbaren und besonnenen Gegnern nicht in Abrede gestellt, genügten aber nicht, die Einseitigkeit
seiner Anschauungen auszugleichen. Der ersten Ausgabe seiner »Gesammelten Schriften« (Hamb. 1829-1831) folgten die »Nachgelassenen
Schriften« (Mannh. 1844-50); eine vollständigere Ausgabe der »Gesammelten Schriften« erschien in 12 Bänden (Hamb. 1862-63,
neue Aufl. 1868). Seine französischen Schriften (»Fragments politiques et littéraires«) gab Cormenin heraus (Par. 1842; deutsch
von Weller, Bern
[* 20] 1847).
Vgl. Beurmann, L.
Börne als Charakter und in der Litteratur (Frankf. 1841);
Gutzkow,
Börnes
Leben (Hamb. 1840);
Gervinus, Über
Börnes Briefe aus Paris (»Historische Schriften«, Darmst. 1838).