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In unmittelbarer Nähe von Grönland brachen während der letzten Eiszeit regelmäßig massive Eisberge von einem Eisschild in Nordamerika ab. Die großen Eismengen im Nordatlantik rund um Grönland hatten abrupte Auswirkungen auf das weltweite Klima, auch in der Antarktis. Die einzige Region, die überhaupt nicht mit einer Temperaturveränderung auf die Ereignisse reagierte, war Grönland, trotz der Pole Position. Die neuen Erkenntnisse werfen neue Fragen zur Klimadynamik auf.
Die Episoden, in denen während der letzten Eiszeit vor 16.000 bis 60.000 Jahren riesige Eisberge von dem nordamerikanischen Eisschild abbrachen, werden als Heinrich-Ereignisse bezeichnet. Sie traten plötzlich auf und veränderten die Ozeanströmungen, führten zu einer Abkühlung im Nordatlantik und beeinflussten weltweit die Monsunregenfälle.
Welche Auswirkungen diese Ereignisse auf Grönland hatten, war bisher unbekannt, man nahm aber an, dass es sehr empfindlich auf Veränderungen im Nordatlantik reagierte. Wissenschaftler der Oregon State University zeigen jetzt in einer Studie, die am 24. April in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurde, dass das Gegenteil der Fall war.
«Es hat sich herausgestellt, dass in Grönland nichts passiert ist. Die Temperatur ist einfach gleich geblieben», sagt Kaden Martin, Doktorand am College of Earth, Ocean, and Atmospheric Sciences der Oregon State University und Hauptautor der Studie. «Sie hatten Plätze in der ersten Reihe, bekamen aber die Show nicht mit.»
Anhand von Eiskernen aus der Antarktis konnten die Forscher ermitteln, dass es in der Folge der Heinrich-Ereignisse auf dem weißen Kontinent zu einer raschen Erwärmung kam, was auf eine Telekonnektion der Polargebiete über die Atmosphäre hindeutet. Für Grönland hatten die Forscher aufgrund der großen Anzahl an Eisbergen, die rund um die Insel trieben, eine Abkühlung erwartet.
Die ausbleibende Reaktion Grönlands auf solch einschneidende klimarelevante Ereignisse überraschte die Wissenschaftler und könnte Auswirkungen auf das Verständnis für die Klimadynamik in der Vergangenheit haben, so Christo Buizert, Assistenzprofessor am College of Earth, Ocean, and Atmospheric Sciences und Co-Autor der Studie.
«Wenn überhaupt, werfen unsere Ergebnisse mehr Fragen als Antworten auf», sagt Buizert, der als Spezialist für den Klimawandel Eiskerne von Grönland und der Antarktis verwendet, um die Klimageschichte der Erde zu rekonstruieren und zu verstehen. «Das verändert unsere Sichtweise auf diese massiven Ereignisse im Nordatlantik. Es ist rätselhaft, dass die weit entfernte Antarktis stärker reagiert als das nahe gelegene Grönland.» Die Ergebnisse stellen das derzeitige Verständnis der globalen Klimadynamik während dieser gewaltigen Ereignisse in Frage, so Buizert weiter.
Für die aktuelle Studie verwendeten die Wissenschaftler einen Eiskern, der bereits im Jahr 1992 am höchsten Punkt Grönlands entnommen wurde, wo der Eisschild mehr als 3.000 Meter dick ist. Seitdem wird der Kern in der National Science Foundation Ice Core Facility in Denver, Colorado, gelagert. Mit neuen wissenschaftlichen Instrumenten und Messungen analysierte das Team den Eiskern nun erneut.
«Wenn diese großen Kalbungsereignisse in der Arktis stattfinden, wissen wir jetzt, dass die Antarktis sofort darauf reagiert», so Buizert. «Was in einem Teil der Welt geschieht, hat Auswirkungen auf den Rest der Welt. Diese interhemisphärische Verbindung wird wahrscheinlich durch eine Veränderung der globalen Windmuster verursacht.»
Im nächsten Schritt wollen die Forscher herausfinden, ob Klimamodelle nach dem Einfügen der neuen Informationen das Geschehene reproduzieren können. «Es muss eine Geschichte geben, die zu all den Beweisen passt, etwas, das alle Punkte verbindet», sagt Buizert. «Unsere Entdeckung fügt zwei neue Punkte hinzu; es ist nicht die ganze Geschichte, und es ist vielleicht auch nicht die Hauptgeschichte. Es ist möglich, dass der Pazifische Ozean eine wichtige Rolle spielt, die wir noch nicht verstanden haben.»
Die Forscher betonen, dass das wichtigste Ziel ist, besser zu verstehen, wie das Klimasystem zusammenhängt und wie die einzelnen Komponenten zusammenwirken.
«Heinrich-Ereignisse werden sich in Zukunft zwar nicht wiederholen, aber abrupte Veränderungen im global vernetzten Klimasystem werden wieder auftreten», so Martin. «Das Verständnis der globalen Dynamik des Klimasystems kann uns dabei helfen, künftige Auswirkungen besser zu prognostizieren und uns darüber zu informieren, wie wir reagieren und uns anpassen können.»
Julia Hager, PolarJournal
Beitragsbild: Michael Wenger
Link zur Studie: Kaden C. Martin, Christo Buizert, Jon S. Edwards, et al. Bipolar impact and phasing of Heinrich-type climate variability. Nature, 2023; DOI: 10.1038/s41586-023-05875-2