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Herr Lück, wie beurteilen Sie die Schwere der Coronavirus-Krise auf einer Skala von 1, das heisst leicht, bis 10, ganz schwer?
Martin Lück: Wenn wir die grosse Depression der 1930er Jahre mit einer 10 bewerten, dann stehen wir jetzt vielleicht bei 7 oder 8. Die Rezession in den Jahren 2008 und 2009 würde ich im Vergleich dazu mit einer 5 oder 6 einstufen. In anderen Worten: Was wir jetzt erleben, ist viel schlimmer als die Lehman-Rezession, auch wenn man die Folgewirkungen in Betracht zieht, die noch eintreten könnten.
Ein Beispiel: Die Arbeitslosigkeit in Norwegen hat sich in bloss vier Wochen verfünffacht. Das ist dramatisch.
Ja, und wenn man dies so laufen liesse, dann würde diese Zahl weiter ansteigen. Nun haben aber viele Länder das Instrument der Kurzarbeit. Damit kann man einen dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit verhindern. Das ist einer der Lerneffekte aus der Lehman-Krise. Das Ifo-Institut hat ausgerechnet, dass nun etwa 6 Millionen Menschen in Deutschland von Kurzarbeit betroffen sein könnten. Ohne das Instrument der Kurzarbeit würde ein Grossteil dieser Menschen wohl ihren Job verlieren.
Martin Lück ist Chefanlagestratege für Deutschland, Schweiz, Österreich und Osteuropa bei Blackrock, dem grössten Vermögensverwalter der Welt. Der promovierte Ökonom arbeitete zuvor bei der UBS Deutschland, wo er als Chefökonom für Deutschland und Mitglied des European-Economics-Teams beschäftigt war. Zu Lücks früheren beruflichen Stationen zählen Kepler Equities, CAI Cheuvreux und Schröder Münchmeyer Hengst Research.
Wie lange können die «Lockdown»-Massnahmen der Regierungen in Kraft sein, bis es für die Wirtschaft ans Lebendige geht?
Da kann man nur Vermutungen anstellen. Die Leute erkennen angesichts der Infektionszahlen, dass man die sozialen und ökonomischen Aktivitäten herunterfahren muss. Es wird aber Punkte geben, wo manche Leute wieder Lockerungen verlangen werden. Dann muss man sich die Frage stellen: Sind jederzeit genügend Kapazitäten im Gesundheitswesen vorhanden, um Menschen mit schweren Krankheitsverläufen zu behandeln? In China zum Beispiel, in Wuhan, war das Gesundheitssystem zu Beginn der Epidemie überfordert. Aus Italien erreichen uns Bilder, die ähnliche Zustände vermuten lassen.
Das heisst?
Solange die Menschen die Bedrohung der Epidemie erkennen, akzeptieren sie die täglichen Einschränkungen und die wirtschaftlichen Folgeschäden. Sollte es allerdings Anzeichen geben, dass die Lage glimpflicher ist, werden die ersten Rufe nach einer Lockerung laut. Dann wird das eintreffen, was auch der Schweizer Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar prophezeit. Die Gesellschaft wird sich gegen den ökonomischen Schaden wehren.
«Ich halte es für illusorisch, dass wir vom jetzigen 'Lockdown' gleich zum Normalbetrieb übergehen werden.»
Auch Donald Trump hat für die USA bereits wieder Lockerungen ins Auge gefasst.
Die Aussagen von Donald Trump beruhen ja nicht immer auf besonders tiefgreifenden Analysen. Ich denke, dass man diese Aussage nicht besonders Ernst nehmen sollte. Gerade die USA mit ihrem Gesundheitssystem – das alles andere als gut vorbereitet ist – sollten dies nicht tun. Aber Donald Trump ist im Prinzip ein extremes Beispiel für den Zwiespalt, in dem wir stecken und wo wir uns die Frage stellen: Wieviel ökonomischen Schaden können wir zulassen? Ich halte es übrigens für illusorisch, dass wir vom jetzigen «Lockdown» gleich zum Normalbetrieb übergehen werden.
Welches wirtschaftliche Szenario für die nächsten Monate halten Sie am wahrscheinlichsten?
Es gibt ein Status-Quo-Szenario: Es tritt also keine Verschlechterung ein. Dann gibt es ein mildes Eskalationsszenario, in dem sich die Dinge in den nächsten vier bis acht Wochen verschlechtern - und dann verbessern. Und es gibt ein dramatisches Eskalationsszenario mit einem kompletten Lockdown grosser Volkswirtschaften und einem De-Facto-Stillstand der Weltwirtschaft.
«Wir befinden uns zwischen dem milden und dem dramatischen Eskalationsszenario.»
Ihre Einschätzung?
Das Status-Quo-Szenario ist quasi abgehakt. Das wäre vor einer Woche noch einigermassen vorstellbar gewesen. Wir befinden uns zwischen dem milden und dem dramatischen Eskalationsszenario. Die wirtschaftlichen Verwerfungen werden gravierend sein, das sieht man zum Beispiel anhand aktueller Daten wie dem Einkaufsmanagerindex. Und Morgan Stanley schätzt das Wachstum in den USA auf minus 30 Prozent im zweiten Quartal. Wir wissen vor allen Dingen nicht, wie sich die Epidemie in den grossen Volkswirtschaften auswirken wird.
Gibt es diesbezüglich Einschätzungen von Ihrer Seite?
In Deutschland scheint sich die Epidemie relativ langsam auszubreiten. In den USA ist dies aber höchst unsicher. Die Zahlen der Infektionen steigen exponentiell. Das US-Gesundheitswesen wird hoffnungslos überfordert sein. Solange der Markt über diese Entwicklung keine Gewissheit hat, wird auch die Krise an den Finanzmärkten nicht ausgestanden sein. Die Börsenerholung am Dienstag ist zum Beispiel aus meiner Sicht nur ein temporäres Luftholen. Das ist noch nicht der Boden.
Auf welche Signale einer Bodenbildung schauen Sie? Oder was braucht es, damit Vertrauen in die Märkte zurückkehrt?
Das einfachste wäre natürlich das Vorhandensein eines medizinischen Wirkstoffes, es gibt ja ein paar Hoffnungsträger auf dem Gebiet. Die Entwicklung eines Impfstoffes wird noch lange dauern. Der zweite positive Indikator wäre, wenn die Zahl der Neuinfektionen in Italien zurück ginge. Das beobachten wir genau, und das müsste in den nächsten Tagen passieren. Dann würde der Markt daraus folgern, dass wir ähnliche Tendenzen in anderen Ländern hätten und dass wir nun noch ein paar Wochen warten müssten.
Und bis dann kann der Markt aber noch weiter fallen?
Ja, aber wir kämen dann in einen Bereich, wo der Boden sichtbar wird.
Die US-Notenbank hat in der Krise bislang keinen guten Eindruck gemacht, sie hat viele Marktteilnehmer noch mehr verunsichert. Ihr Urteil?
Die erste Massnahme war nicht besonders glücklich. Die Fed hatte die herkömmlichen Mittel einer Zinssenkung eingesetzt. Jetzt hat sie nachgelegt und ist sehr weit gegangen mit ihren Instrumentarien. Mehr Spielraum hat die Fed nun gar nicht mehr. Sie feuert aus allen Rohren, und das muss sie in der jetzigen Situation tun. Die Massnahmen zielen erstens darauf ab, den Bankensektor liquide zu halten. Erst in einer zweiten Phase sollen die Fed-Massnahmen den volkswirtschaftlichen Schaden eingrenzen. Ob es reicht, einen grossen Schaden für die US-Wirtschaft fernzuhalten, bleibt abzuwarten.
«In der Rückbetrachtung wird die derzeitige Situation wahrscheinlich nur ein paar Monate gedauert haben.»
Wie sollen sich Anleger derzeit positionieren?
In der Rückbetrachtung wird die derzeitige Situation wahrscheinlich nur ein paar Monate gedauert haben. Es wird eine Phase einer sehr starken Erholung mit deutlich steigenden Kursen geben. Für Anleger, die jetzt in Aktien investiert sind, macht es keinen Sinn, zu verkaufen. Natürlich können wir jetzt nochmals 20 bis 30 Prozent verlieren, bis der Boden erreicht ist. Aber ob man dann den richtigen Zeitpunkt wieder schafft, um den Schwung nach oben zu erwischen?
Was empfehlen Sie Investoren denn?
Vernünftig umschichten, wenn es notwendig ist. Zum Beispiel in den Aktienbereich, der eher defensiv ausgerichtet ist. Auf der Zinsseite sollte man auch investiert sein. Denn man sollte in einer Situation wie heute als Anleger nicht nur ruhig bleiben, sondern auch diversifiziert sein. Einen Teil des Portfolios sollte man jetzt auch in Cash halten. Damit man trockenes Pulver hat zum Investieren, wenn die Märkte wieder nach oben gehen. Das kann sehr schnell gehen.
Was sind derzeit die riskantesten Anlageklassen, die bei einem Rebound aber auch am meisten Gewinnpotenzial haben?
Das ist sicher zum einen der hochverzinsliche Bereich und zum anderen Öl, also Rohstoffe. Die Bereiche sind eng verbunden, weil der Energiesektor im amerikanischen «High-Yield»-Markt sehr stark vertreten ist. Wenn sich ein Ende der Krise abzeichnet, wird sich der Ölpreis sehr stark erholen. Ein anderer Bereich sind zyklische Aktien. Ich denke da an die Aktien der Fluggesellschaften oder an die Automobilwerte. Da sehe ich ein enormes Erholungspotenzial.
Es gibt massive Hilfsprogramme in den einzelnen Ländern, auch in solchen mit ausgezeichneter Bonität wie Deutschland, Niederlande oder Schweiz. Könnten diese Länder ihr AAA-Rating verlieren?
Das ist möglich, aber nicht wahrscheinlich. Wir werden sicher eine Verschlechterung der Credit-Ratings sehen bei staatlichen Emittenten, aber noch mehr im Unternehmensbereich. Ich würde eher davon ausgehen, dass es zu einer noch stärkeren Spreizung kommt zwischen den gut gerateten Ländern und Ländern mit schlechter Bonität.