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Mitten in der Nacht war ich aufgewacht. Mit blödsinnigen Schmerzen. Ich musste sofort ins Krankenhaus. Das lag eine halbe Stunde entfernt im Emmental. Dort empfing mich eine leicht verschlafene Crew.
Beim Anblick der Weisskittel ging es mir schlagartig besser. Ich wollte wieder nach Hause. Aber – man liess mich nicht. Mit ernsten Worten versuchte man mir zu erklären, dass mein Platz jetzt hier sei: Inmitten von grellem Licht, weiss gekachelten Wänden und diesen furchtbaren Spitalbetten, die immer so aussehen, wie wenn sie aus einer Folterkammer stammen.
Mir war auf der Stelle klar: Hier würde ich nicht lange bleiben!
Meinen Göttergatten, den ich mitgebracht hatte, bestach man mit einem deftigen Frühstück, damit er nicht auf den Gedanken kam, mich zurückzubringen. Und mich bestach man auch. In die Fruchtblase, die nicht platzen wollte.
Innerhalb kürzester Zeit wurde ich von einem karottenhaarigen Jungen befreit, der der Verursacher von so heftigen Wehen war, dass ich Hebamme und Arzt mit den Füssen durch das Gebärzimmer wegkickte. Ich ging in die Geschichte des Krankenhauses ein…
Beim Anblick der roten Haare zwischen meinen Schenkeln hatte der Kindsvater mit Atmen aufgehört. Die Hebamme fasste ihn mit Judogriff unter und schleppte ihn an die frische Luft. Dort erklärte sie dem blau gewordenen Gesicht, das nicht geboren hatte, wie es atmen sollte.
Das Kind sah gut aus. Es war schön. Weil es von mir war. Denn Babys sind nicht zwingend schön. Genau so wenig wie es Erwachsene sind.
Das rothaarige Kind wurde von der übereifrigen Hebamme in einen orangen Strampelanzug gesteckt und mir zurückgegeben. Mama mit Karotte im Arm. Sie sah sich das an. Die Gebärfachfrau runzelte die Stirn und meinte streng: “Nein, das geht nicht!”
Sie riss mir das Neugeborene aus dem Arm.
Fünf Minuten später war sie wieder da. Jetzt trug das zarte Wesen einen meergrünen Anzug. “Das passt!”, meinte sie. Farbenlehre nach Johannes Itten im Krankenhaus.
Dann schickte sie den Kindsvater mit dem Baby raus auf die Station. In einem der Krankenzimmer lag die Uroma meines Kindes, die die Schwestern jeden Tag gefragt hatte, ob ihre Enkelin denn noch nicht zum Gebären aufgekreuzt sei? Freudentränen liefen ihr über die faltigen Wangen, als sie mit zitternden Händen das Kind halten durfte. Einen Monat später starb sie auf den Tag genau in dem Zimmer, wo ich im Wochenbett gelegen hatte…
Vor 27 Jahren lag ich also im Krankenhaus. Ein Grund, heute zu feiern. Mit meinem Sohn, der so toll ist und dem meine ganze Liebe gehört.
Und der, wenn er den Nikolaus macht, seinen schönen und wundervollen, roten Bart gänzlich weiss pudert…
Redaktionsassistentin, Autorin, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Oma einer Schulkind-Prinzessin und eines süssen kleinen Enkels. Schamgefühle sind nach so einer Mutter-Karriere wie der ihren kein grosses Thema mehr. Sie hat nicht immer Recht. Aber sie liegt selten falsch.