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Die allererste Gründung eines Orchestervereins fand schon 1873
statt, als sich 19 Musikfreunde in Liestal zusammenschlossen und
noch im selben Jahr ein erstes Konzert gaben. Die Anfangsschwierigkeiten waren aber so gross, dass die Tätigkeit 1885 wieder
eingestellt wurde. Inventar und Finanzen des vorherigen Orchesters
konnten vom Gemeinderat übernommen werden.
Aus dem Protokoll vom 21. Januar 1897:
"Ein Kontrabass, 4 Klarinetten, 3 Horns, eine Viola; ein Sparkassenbuch lautend auf Fr. 395.85. Der Bass ohne Saiten, die Hörner zur Benützung untauglich und die Klarinetten vollkommen unbrauchbar."
Kleine Instrumentalformationen bestanden jedoch weiter und am 24.01.1896 kam es erneut zur Gründung eines Orchestervereins - 1991 umbenannt in "Orchester Liestal" - dessen Geschichte lückenlos dokumentiert ist.
Trotz „rauschendem Beifall“ nach dem ersten Konzert scheinen die Schwierigkeiten nicht geringer gewesen zu sein; man probierte verschiedene Programmvarianten und wechselte die Konzertorte (Engel, Reformierte Kirche, Falken, Falkengarten, Bahnhofrestauration). Die Presse konstatierte schwachen Konzertbesuch und „eine Teilnahmslosigkeit, die den Kreisen, die es betrifft, nicht gerade ein gutes Zeugnis ausstellt.“ Trompete und Posaune scheinen jedoch deutlich Publikumsmagnete gewesen zu sein.
Nach internen Schwierigkeiten demissionierte 1906 praktisch der gesamte Vorstand. Die Geigerin Julie Köchlin, die schon Gründungsmitglied war, übernahm die Präsidentschaft kompetent und energisch. Im selben Jahr trat das Vereinsmitglied Karl Lüdin die Dirigentschaft an, beide bis 1919 die kriegsbedingt äusserst schwierige Zeit glücklich meisternd. Zu dieser Zeit hatte sich der Verein durch seine eigene Tätigkeit und durch gemeinsame Auftritte mit Solisten und den Gesangsvereinen Liestals fest ins musikalische und gesellschaftliche Leben der Region integriert.
Die nächsten 29 Jahre waren geprägt durch Walter Sterk (1920 – 1949), Cellist, später Gesangspädagoge und Chorleiter, der 1920 - erst 25jährig die Leitung als Dirigent übernahm und sich rasch in dieses Amt einarbeitete. Er hatte kein leichtes Erbe übernommen. 1919 stand im Jahresbericht: „Der Orchesterverein ist aus seiner kritischen Periode noch lange nicht herausgetreten... Er bewegt sich nicht nur musikalisch, sondern auch finanziell auf schiefer Bahn... Unser Passivmitgliederbestand nimmt ständig ab.“ Immerhin gehörten damals schon 24 Aktive dem Verein an.
Schon bald wurde jeweils im Frühjahr ein Unterhaltungskonzert, im Herbst ein Symphoniekonzert gegeben, meist im Engel, trotz der schlechten Akustik. „Ein Konzert unter Walter Sterk ist ein gesellschaftliches und künstlerisches Ereignis ersten Ranges“ so schrieb ein Kritiker damals, wurden doch die Konzerte im Engel mit Tanz beschlossen, die Damen kamen in langen Kleidern. Das Orchester betrieb eine Zeitlang mit dem Orchester Rheingold sogar eine eigene Tanzkapelle.
Die musikalische Spannweite des Orchesters war gross: Konzerte mit Solisten, Symphonien, Oratorien, Operetten und Serenaden, es gab Hausmusiken im Spital, in Altersheimen und unter freiem Himmel, zum Teil mit dem Sterk'schen Privatchor. Auch zeitgenössische Musik stand auf dem Programm. Das Konzert von 1932 z.B. enthielt nur Werke noch lebender Komponisten, 1939 wurden drei Uraufführungen zeitgenössischer Basler Komponisten gespielt. Die Solisten waren meist Künstler aus der Region.
1949 trat Peter Zeugin (-1970), zu der Zeit ein noch junger Pianist mit wenig Dirigentenerfahrung, die Nachfolge von Walter Sterk an. Er übernahm ein gut motiviertes Orchester mit 40 Aktiven. Er konnte begeistern, dirigierte von Anfang an auswendig und hatte Erfolg. Kritiker schrieben: „Ein Dilettantenkonzert ohne Dilettantismus.“ „Was da musiziert wird, hat Hand und Fuss und lässt das einstige dilettantische Buchstabieren weit hinter sich.“
Zeugin gewann für das Orchester jungen Nachwuchs und verpflichtete für die Konzerte wenn möglich bekannte, publikumswirksame Solisten. Da Peter Zeugin auch Dirigent des Liestaler Gesangvereins war, gab es viele gemeinsame Konzerte. Es war eine Zeit der Reifung und Aufwärtsentwicklung des Orchesters, dessen Strukturen aber noch weitgehend unverändert blieben.
Unter dem Dirigenten Bruno Goetze (1970-1977) initiierten die Vereinspräsidenten Walter Bühler und Paul Schneider bedeutsame Veränderungen in der Vereinsstruktur: Schaffung einer Musikkommission, Einführung von Registerproben, intensivere Betreuung der Bläser, Festigung der Stellung des Konzertmeisters. Das Orchester begann, seine Jahressitzungen auswärts abzuhalten und organisierte gelegentlich Vereinsreisen. Musikalisch zeigte sich, dass noch Neues möglich war, und auch an Modernes wagte Goetze sich heran - nicht immer mit voller Zustimmung der Aktiven: es gab Proteste und Dispensationsgesuche. Zum letzten Konzert von Goetze schrieb Ansgar Sialm in der bz: „Goetze forderte von diesem Kleinstadtorchester hohe Leistungen und verbesserte dessen Niveau Jahr für Jahr.“
Mit Raymond Meylan (1977-1991), Soloflötist im Radioorchester und Musikwissenschaftler, hatte das Orchester von 1977 bis 1991 einen musikalisch äusserst vielseitigen Dirigenten. Seine Kenntnis der für Laienorchester spielbaren Musik vom 15. bis zum 20. Jahrhundert ist unerschöpflich und seine Begeisterung, diese Werke mit dem Orchester Liestal auch zu spielen, ist bis zu seinem Rücktritt nie erlahmt.
Seit 1978 wird fast regelmässig einmal pro Jahr auswärts ein bei den Musizierenden sehr beliebtes Probewochenende durchgeführt. Die Bläser werden noch besser betreut und unter der Leitung des Konzertmeisters Tom James, der seit 1971 mitspielt, finden regelmässig Registerproben statt.
Bei soviel musikalischem Neuland unter Meylan gab es natürlich einige Durststrecken und Turbulenzen, sodass immer wieder mal an die Loyalität und Mitarbeit der Aktiven appelliert werden musste. Dem gegenüber standen aber viele positive Kritiken und viele Höhepunkte, unter anderen: Ein Konzert zum 150jährigen Jubiläum von Baselland mit Musik von Baselbieter Komponisten. Meylan grub zwei Werke des 1790 geborenen Arlesheimers Joseph Hartmann Stuntz und ein Concertino des mehrere Jahre im Kanton ansässigen Bohuslav Martinu aus. Solisten waren ebenfalls Baselbieter: Regina Jauslin, Simon Fuchs und Ulrich Koella.
Da Stuntz später Hofkapellmeister in München geworden war, wurde das Orchester Liestal 1986 von einem seiner Nachkommen, Pankraz Freiherr von Freiberg, nach München eingeladen, um mit den Stuntz- Nummern in der Ursulinen- Kirche und im Englischen Garten aufzutreten. Das Konzert stand unter dem Patronat des Vereins Blühtenring und wurde als Festkonzert zum 200-jährigen Geburtstag von Ludwig I. angekündigt.
In Andreas Spörri (1991 - 1992) hatte das Orchester bis November 1992 einen hoch qualifizierten Interimsleiter, der nicht nur Besonderes mit diesem Laienorchester wagte, wie einen Sprechchor für die „Fuge aus der Geographie" von Ernst Toch, sondern das Orchester auch klanglich und rhythmisch mit geeigneten Mitteln schulte.
Im Sommer 1992 wurde der Saxofonist Beat Hofstetter (1993-2003) mit grosser Mehrheit zum neuen Dirigenten gewählt. Er ist ein guter, kenntnisreicher Musiker und sicherer Dirigent, der das Orchester forderte und förderte. Seine Konzertprogramme, die meist unter einem Motto standen, führten uns musikalisch in verschiedene Länder, z.B. Norwegen, Russland, Frankreich, England und in verschiedene Zeiten, von den Antiche Danze ed Arie bis zum Heute mit z.B. der Uraufführung eines Werkes des Baselbieters Kaspar Ewald (ein Auftragswerk). Wir konzertierten mit verschiedenen, auch ungewöhnlichen Soloinstrumenten wie Tuba, Marimbafon, 4 Hörnern und Schlagzeug.
Mit Yaira Yonne-Konishi (2003-2014), einer freischaffenden Dirigentin, stand zum ersten Mal in der über 100-jährigen Geschichte des Orchesters eine Frau am Dirigierpult. Yaira Yonne-Konishi war von 1993-2009 Dozentin für Dirigieren an der Musikhochschule Luzern, war u.a. acht Jahre lang Dozentin für afrikanische Trommeln an der Musikschule Küsnacht ZH, tritt als Klavierbegleiterin an Chansonabenden sowie als Percussionistin auf. Seit den Jahren 2001, 2011 und 2013 leitet sie auch drei Gesangsensembles in Bern und Luzern. Sie prägte das Orchester Liestal über die Jahre durch ihre Arbeit massgeblich und trug dazu bei, dass sich das Orchester musikalisch als auch technisch weiterentwickelte. Unter ihrer Leitung wurden Werke abseits des mainstreams, die man auch von professionellen Orchestern selten hört, z. B. auch Komponistinnen des 19. und 20. Jahrhunderts aufgeführt. Es war ihr ein grosses Anliegen die Orchestermitglieder, junge Solisten und junge Musiker aus der Region in ihren Fähigkeiten zu fördern.