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Die Frauen können länger
Das schwache Geschlecht hat eine Stärke, die bei den Marathonherren offenbar nicht weit verbreitet ist: Die Frauen sind hervorragende Laufstrateginnen. Zwar legen die Männer die besseren Endzeiten hin – das hat mit den physischen Voraussetzungen etwa dem Körperbau und der Muskelmasse zu tun. Die Frauen nutzen aber offenbar einen psychischen Vorteil: Sie teilen ihre Energie an einem Marathon besser ein als die Männer, die schlechter mit ihrem anfangs angeschlagenen Marathontempo Schritt halten können.
Eine Studie zeigt, dass Frauen die zweite Marathonhälfte im Durchschnitt 11,7 Prozent langsamer laufen als den ersten Streckenabschnitt. Die Herren verlangsamen ihren Lauf deutlicher auf den zweiten 21 Kilometern, nämlich um 15,6 Prozent. Das Phänomen verstärkt sich sogar nach 25 Kilometern und je langsamer die Sportler grundsätzlich unterwegs sind.
Am konstantesten laufen bei den Herren die Elitemänner, was wegen ihrer Erfahrung nicht weiter erstaunt. Verwunderliches fördert aber bei dieser Läufergruppe der Vergleich mit den Elitefrauen zutage: Während das starke Geschlecht auf den letzten zwei Kilometern seinen Lauf drastisch verlangsamt, legt das schwache Geschlecht genau in diesem Streckenabschnitt markant zu.
Das gilt aber nicht nur für die Weltspitze der Athletinnen: Durch sämtliche Laufniveaus hindurch vermochten die Frauen der betrachteten Läufe am Schluss genügend Energie zu mobilisieren, um nochmals deutlich an Tempo zuzulegen – etwas, was bei den Männern nur die langsamste Gruppe der Untersuchung auf die Reihe kriegt.
Eine zweite Studie untermauert diese Forschungsergebnisse. Erstellt hat sie der einstige dänische Läufer Jens Jakob Anderson. Die 1’815’091 von ihm untersuchten Resultate von Läufern an 131 Marathons quer über den Erdball machten deutlich: Die Männer verlangsamen ihren Lauf nach der Hälfte zwischen 17 und 27 Prozent stärker als die Frauen.
Der Evolutionspsychologe Robert Deaner von der Grand Valley State University hat sich an einer Erklärung dieses Phänomens versucht. Er führt es auf die grössere Risikobereitschaft der Herren zurück. Offenbar leben sie in den Laufschuhen eher über ihre Tempo-Verhältnisse als die Frauen – ich hege aus Erfahrung den Verdacht, dass dies auch bei kürzeren Strecken der Fall ist.
Deaner macht für diese Veranlagung die unterschiedlichen Herausforderungen verantwortlich, denen sich die Geschlechter in ihrer Evolution stellen mussten: Die Männer trugen Überlebenskämpfe aus, bei denen sie sich möglichst schnell mit viel Kraft und Vehemenz gegen ihre Rivalen behaupten mussten. Die Aufgabe der Frauen war es hingegen, das Überleben des Nachwuchses zu sichern. Sie trugen die Kinder dafür oft stunden- und kilometerlang mit sich. Sie teilen ihre Energieressourcen entsprechend ein. Statt den Mukis war die Strategie ihr Überlebensgarant. Sie sind deshalb – anders als die Männer – am Schluss der Strecke noch in der Lage, einen Nachbrenner zu zünden und an Tempo zuzulegen.
Nach vielen Gesprächen mit Läuferinnen und Läufern vermute ich, dass auch die Psyche der Geschlechter dabei eine Rolle spielt. Die Frauen wollen sich tendenziell auf der sicheren Seite wissen, wenn sie etwas anpacken. Egal, ob in den Laufschuhen oder im Geschäftsleben. Sie zaudern oft, bis sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Herausforderung meistern, bevor sie sie anpacken. Frauen wählen zudem oft die konservative und nicht die offensive Strategie.
Ganz anders die Herren, die in dieser Hinsicht mutiger oder eben risikofreudiger sind. Ich kenne wiederum nur wenige Frauen, die sich selbst überschätzen – das scheint eher die Domäne der Männer zu sein. Etliche vor allem unerfahrene Läuferinnen unterschätzen ihre Fähigkeiten sogar. Erst kurz vor dem Ziel realisieren sie, dass der Energietank noch genügend hergibt, um das Tempo zu steigern.
Also, liebe Frauen: Packt den Stier bei den Hörnern und wagt etwas – ohne die Strategie zu vergessen. Und liebe Männer: Denkt, bevor ihr losrennt – ohne euren Kraftvorteil zu vergessen!