Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03644.jsonl.gz/119

Fokus Medizin
«Gallenkoliken» ohne Gallenblase: Nach Codein-Einnahme fragen!
Epigastrische Schmerzen und stark erhöhte Leberwerte führten dazu, dass eine 65-jährige Frau mit Status nach Cholezystektomie ins Spital eingewiesen wurde. Des Rätsels Lösung brachte die Medikamenten-Anamnese.
Die als heftig und konstant beschriebenen Schmerzen hatten vor knapp drei Tagen begonnen und in Rücken und Abdomen ausgestrahlt. Zum Zeitpunkt der Aufnahme waren sie aber schon wieder rückläufig. Die Art der Schmerzen erinnerte die Frau an die Beschwerden, die sie früher bei Gallenkoliken empfunden hatte. Vor zwei Jahren war die Gallenblase entfernt worden.
Eine Voruntersuchung am Tag nach Schmerzbeginn hatte einen ausgeprägten Anstieg der Transaminasen gezeigt sowie ein leicht erhöhtes Gesamtbilirubin. Vorher wären die Leberwerte stets normal gewesen, sagte die Patientin. Das Aufnahmelabor ergab für die Leberwerte eine abnehmende Tendenz. Klinisch fiel lediglich eine umschriebene Druckdolenz im rechten Oberbauch auf. Die Gallenwege waren sonografisch unauffällig, das Hepatitis-Screening negativ.
Schliesslich gab die Medikamenten-Anamnese den entscheidenden Hinweis: Die Schmerzen hatten wenige Stunden, nachdem die Frau wegen eines Atemwegsinfekts einmalig 50 mg Codein eingenommen hatte, begonnen. Die Diagnose: Es handelte sich um einen codeininduzierten Spasmus des M. sphincter Oddi.
Intraduktaler Druck steigt wegen Muskelspasmus
An diese seltene Ursache epigastrischer Schmerzen ist bei Patienten, die eine Cholezystektomie hinter sich haben, immer zu denken. So zeigte eine retrospektive Analyse, dass 30 % der Patienten mit Verdacht auf biliär bedingte Oberbauchschmerzen und Zustand nach Cholezystektomie unmittelbar vor Auftreten der Schmerzen ein Opiat eingenommen hatten. Der als pathophysiologisch verantwortlich eingeschätzte Spasmus des Sphincter Oddi führt zu einem transienten Anstieg des intraduktalen Drucks, der ohne die Speicherfunktion der Gallenblase keinen Ausgleich findet.
Zwar verschwinden die Schmerzen nach einigen Tagen wieder und die Leberwerte normalisieren sich. Dies war auch in dem beschriebenen Fallbericht so. Doch durch Gabe des Opioid-Antagonisten Naloxon können Patienten innerhalb von 15 bis 20 Minuten von den Schmerzen befreit werden.
Fazit: Betroffene mit Status nach Cholezystektomie, die sich wegen Oberbauchbeschwerden vorstellen, sollte man immer nach Einnahme von Codein fragen. Besser noch: Ärzte sollten bei Patienten nach einer Gallenblasenoperation Codein nur zurückhaltend verordnen.
Sutter T et al. Swiss Medical Forum 2017; 17: 147–148.