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Monatsinterview mit GM Yannick Pelletier: «Der SSB muss sein Förderkonzept für die besten Junioren nach dem 20. Lebensjahr überdenken»
von Felix Hindermann
fh - GM Yannick Pelletier ist seit 1996 Schachprofi, lebt mit seiner Familie seit kurzem in Burden (Lux) und erwartet diesen Sommer erneut Nachwuchs. Er ist Mitorganisator des am 22. Juli startenden 50. Bieler Schachfestivals.
Welche Schachfigur spiegelt ihren Charakter am besten wider und weshalb?
Ich würde den Bauern allen anderen Figuren vorziehen – und als regelmässiger Französisch-Spieler den Bauern auf e7 im Speziellen. Normalerweise bleibt er zwar stets im Hintergrund, bildet aber die Basis der Bauernstruktur. Die Konsequenzen seines Handelns immer weise überdenkend, schreitet er nur langsam voran, aber stets in der Hoffnung, sich einmal selbst umzuwandeln!
Welche Person(en) hat (haben) Sie am meisten geprägt? In schachlicher Hinsicht?
Bezüglich des Lebens weiss ich es nicht, aber schachlich gesehen möchte ich zuerst Antonin Robert erwähnen, der in den späten 80er-Jahren und zu Beginn der 90er-Jahre die besten Bieler Junioren trainiert hat. Später hat mir GM Viktor Gawrikow ermöglicht, die nötigen Schritte zum Grossmeister-Titel zu tätigen, indem er mich in gewisse Geheimnisse der sowjetischen Schachschule eingeführt hat. Er lebte Mitte der 90er-Jahre in der Schweiz, leider verstarb er im letzten Jahr.
Welche Rolle spielt Schach in Ihrem Leben?
Mit der Geburt unseres Sohnes im 2015, habe ich mich entschieden, das Pensum meines Trainings zu reduzieren. Ich spiele weniger Turniere und leider leiden auch meine Resultate darunter. Ein professioneller Spieler zu sein ist auch eine Chance, denn meine Arbeitszeiten erlauben es mir, viel Zeit mit meinem Kind zu verbringen. Diese Tendenz wird sich wohl mit der Geburt unseres zweiten Kindes diesen Sommer auch nicht ändern. Auf höchsten Niveau erfordert das Schachspiel harte und regelmässige Arbeit, das erworbene Wissen alleine reicht nicht mehr aus. Viele professionelle Schachspieler vernachlässigen ihre Elternpflichten, diesen Fehler versuche ich zu vermeiden!
Der Schweizerische Schachbund leidet seit Jahren an einem Mitgliederschwund – mit welchen Massnahmen würden Sie diesen Trend stoppen?
Die Hauptursache ist klar: Die Computer und das Internet erlauben es den Leuten, zuhause zu trainieren und zu spielen. Die meisten Schachklubs bieten keinen Mehrwert und leiden deshalb vermehrt an Mitgliederschwund. Dazu hat die Schweiz noch hausgemachte Probleme. In erster Linie denke ich an die mangelnde Popularität des Schachsports in unserem Land. Klar, auf einen Magnus Carlsen in der Schweiz zu hoffen, wäre vermessen. Aber Schach als Schulfach zu etablieren, scheint mir notwendig. Viele angrenzende Länder haben dies bereits umgesetzt, und die Resultate sind vielsagend – sowohl in Bezug auf die gestiegene Anzahl der Spieler als auch bezüglich deren Turnierleistungen. An Grossevents waren wir beispielsweise stets vor den Italienern klassiert, aber vor einigen Jahren haben sie uns überholt. Viele junge, vielversprechende italienische Talente, die das Schachspiel in der Schule erlernt haben, verstärken mittlerweile das Olympiade-Team. So spielten diese an der letzten Olympiade in Baku in der Schlussrunde gegen die Russen!
In der Schweiz haben wir aber auch talentierte Junioren?!
Die Tendenz zeigt auch hier nach oben, allerdings zu langsam. Die Trainingsbedingungen für Junioren haben sich gegenüber meiner Zeit deutlich verbessert. Beispielsweise haben Nico Georgiadis und Noël Studer bereits ein gutes Niveau, und Fabian Bänziger wird vielleicht sogar noch stärker. Bei den Mädchen ist die Entwicklung von Lena Georgescu sehr vielversprechend. Trotzdem gibt es noch viele Baustellen. Ich denke, der SSB muss sein Förderkonzept für die besten Junioren nach dem 20. Lebensjahr überdenken, denn ein seriöses Trainingsprogramm zu finanzieren, ist kein leichtes Unterfangen für einen Jungprofi. Der SSB sollte einen Budgetposten für die Ausbildung und Trainings der Kaderspieler reservieren. Der SSB hat viel Geld für Trainings für Junioren «vergeudet», die kurz darauf aufgehört haben, Schach zu spielen – dies ist zwar unausweichlich, aber trotzdem ärgerlich.
Bleiben wir bei diesem Thema. Gibt es Ihrer Meinung nach andere Dinge, die der SSB besser machen könnte?
Meine 20 Jahre als Schachprofi haben es mir ermöglicht, in die Arbeit vieler anderer internationaler Verbände zu sehen. Und man muss sehen, dass sich der SSB global gesehen sehr gut organisiert. Der neue Präsident, Peter A. Wyss, hat viele gute Ideen, und in diesem Sinne wünsche ich mir, dass er seinen Einfluss in anderen Kommissionen noch verstärkt. Um die Frage nach den Verbesserungen zu beantworten, muss ich zuerst ein wenig ausholen und zwei länger bestehende Probleme erörtern. Ich halte sie für die wichtigsten, da sie die wenigen Spieler behindern, die eine Profikarriere einschlagen wollen. Sie betreffen sowohl die SEM wie auch die SMM und ich möchte betonen, dass die Probleme nicht finanzieller Natur sind. Seit 20 Jahren, als das System eingeführt wurde, kritisiere ich den alternierenden Rhythmus (einmal geschlossenes Turnier – einmal Open) der Schweizer Einzelmeisterschaften. Im Speziellen bin ich dagegen, dass ausländische Spieler am Open teilnehmen – und so massgeblich die Medaillenvergabe beeinflussen können. In den letzten Jahren kamen alle Kaderspieler zum Schluss, dass ein jährliches geschlossenes Turnier nicht nur fairer, sondern auch sportlich interessanter sei. Peter A. Wyss unterstützte diese Ansinnen vollständig, aber leider konnte er die hierzu zuständige Kommission nicht umstimmen. Das zweite Problem betrifft die Mannschaftsmeisterschaft. Meiner Meinung nach muss der Verband die Verantwortung bezüglich des bestehenden Reglements übernehmen. Den Mannschaftsleitern die Entscheidungshoheit zu geben ist keine gute Sache, wenngleich eine Abstimmung offensichtlich wichtig ist. Die Nationalliga A vereint sowohl Profi- wie Amateurspieler, die Interessen divergieren und dadurch werden wenig (gute) Entscheidungen getroffen. Jemand muss entscheiden, und wer ist da besser geeignet als der SSB? Persönlich verstehe ich die Argumente der Amateure, aber man sollte sich auch Gedanken dazu machen, wie die Schweiz endlich ihr Niveau auf ein international konkurrenzfähiges anpassen kann. Es ist notwendig, dass das Reglement bezüglich der grotesken Ausländer- und Grenzgänger-Regelung aus den 90er-Jahren angepasst wird. Im Ernst: Das ist wie wenn ein Schweizer, wohnhaft in Genf, das Recht hätte in der französischen Meisterschaft als Einheimischer zu spielen. Manchmal ist es weise, auch über den Tellerrand (Landesgrenzen) hinauszusehen, um sich von den Regeln unserer Nachbarländer inspirieren zu lassen. Sie denken über dieselben Probleme nach und haben manchmal die besseren Lösungen. Des Weiteren wäre ein Nachdenken über den Rundenplan der NLA ein für alle Mal nötig. Die aktuelle Ansetzung ist total ungünstig für Profispieler aufgrund vieler Kollisionen mit anderen Nachbarligen.
Warum gibt es so wenig schachspielende Frauen?
Und weshalb spielen sie weniger gut? Das sind schwierige Fragen, die verschiedene Aspekte betreffen – soziale, hormonale, mentale.
Meine Antwort könnte noch länger als diejenige auf die vorangehende Frage sein!
Für was können Sie sich begeistern?
Ich mag es, mich auf einer Sonnenterrasse auszuruhen.
Was stört Sie in der Schweiz? Was würden Sie ändern, wenn Sie könnten?
Ich habe zehn Jahre in Frankreich gelebt, zuerst in Montpellier, später in Paris. Glauben Sie mir, die Schweizer haben wirklich Glück. Wenn man etwas ändern müsste, dann wäre das vielleicht den Trott der Routine, an dem viele Schweizer Gefallen finden. Mit anderen Worten: Weshalb für etwas eine Verbesserung suchen, das bereits angenehm läuft? Bis zur Faulheit ist es nur ein Schritt. Des Weiteren gibt es die Tendenz – grundsätzlich sicher löblich – anderen den Vortritt zu lassen. (Bitte suchen sie keinen politischen oder ideologischen Sinn in dieser Aussage.) Ich erwähne hier nur ein Beispiel von vielen: 2010 fand der Mitropa-Cup in Chur statt. Im Hotel hatte es nicht genügend Platz, um alle zehn Mannschaften unterzubringen. Der SSB hat dann die Schweizer Equipe «geopfert», die sich dann in einem Hotel von minderer Qualität direkt an der Autobahn wiederfand. Jedes andere teilnehmende Land hätte seine eigene Mannschaft bevorzugt! Die Schweizer Lösung ist weder schlechter noch besser, es ist schlicht eine andere Mentalität.
Welche Länder/Orte haben Sie bereist, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben – und warum?
Ich habe zwei Mal in Reykjavik gespielt, und ich muss sagen, dass mir Island sehr gut gefällt. Die Leute sind schlicht und einfach offen und liebenswürdig. Und die Natur ist ziemlich faszinierend. Vielleicht bevorzuge ich aber trotzdem Japan, wo ich mich auch zwei Mal aufgehalten habe. Denn zusätzlich zu den isländischen Qualitäten schätze ich die aussergewöhnliche japanische Küche. Und glauben Sie mir, diese besteht nicht nur aus Sushi!
Welchen Traum würden Sie sich gerne noch erfüllen?
Erst kürzlich habe ich mich mit meiner Familie eine Reise nach Italien unternommen – vielleicht schaffen wir eines Tages auch noch eine Weltreise!
Abschliessende Frage: War Ihre Popularität in der Schweiz einmal so gross, dass Sie auf der Strasse angesprochen wurden? Was war ihr lustigstes Erlebnis mit einem Fan?
Ja, manchmal in Biel, in meiner Heimatstadt. Hierzu eine lustige Geschichte, die sich vor einigen Jahren im Hotel «Mercure» in Biel abgespielt hat: Während des Bieler Schachfestivals sind meine Frau und ich dort abgestiegen, und so ziemlich das ganze Personal kannte mich. Eines Abends sind wir von einem Spaziergang zurückgekehrt und der Rezeptionist begrüsste uns mit «Guten Abend, Herr Boyard» (mit dem Namen meiner Frau).
Yannick Pelletier im Porträt
Geburtsdatum: 22. September 1976.
Wohnort: Burden (Lux).
Beruf: Schachprofi.
Titel: Grossmeister (seit 2001, erster in der Schweiz aufgewachsener Grossmeister).
Grösste Erfolge: Schweizer Schülermeister 1991, Schweizer Meister 1995, 2000, 2002, 2010, 2014, Schweizer Mannschaftsmeister 1997, 2000, 2001, 2004 (alle mit Biel), 2008, 2009, 2010, 2016 (alle mit Zürich), deutscher Mannschaftsmeister 2005 (mit Werder Bremen), Sieg am Weihnachts-Open in Zürich 2001, 2002, 2006, erster gebürtiger Schweizer mit über 2600 ELO und damit in den Top 100 der Welt (2003).