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Tom Lüthi liegt nach drei guten Rennen auch in der neuen Motorrad-Saison auf Platz zwei in der Moto2-Klasse. Doch jetzt holen ihn im ersten Europa-Rennen in Jerez die Probleme der Vorsaison-Tests wieder ein: Lüthi qualifizierte sich nur an zwölfter Stelle.
Zu Franco Morbidelli, dem dreimaligen Sieger, klafft eine deutliche Lücke, bei den Punkten ebenso wie bei den Rundenzeiten auf den einzelnen Strecken. «Wie kann ich den Grund-Speed erhöhen, um diese Lücke zu schliessen?», lautet die Frage, die Lüthi beschäftigt, in der Box, auf der Piste, und wohl auch nachts im Hotelzimmer.
Denn die eigene Bestzeit um ein paar Zehntelsekunden zu verbessern, ist nicht einfach, wenn man schon am Limit fährt. «In dieser langen Dreifach-Rechtskurve von Texas, da war Morbidelli einfach schneller», nennt Lüthi ein Beispiel aus der Vergangenheit. «Er zog weg, doch ich war am Anschlag. Mein Vorderrad begann schon wegzuschieben, ich habe mich mit Knie und Ellbogen auf dem Asphalt abgestützt. Mehr Risiko, und ich wäre gestürzt.»
Nuancen machen Unterschied aus
Stefan Prein, Riding Coach von Franco Morbidelli, liess durchblicken, es sei ein Fehler, diese Kurvenkombination wie Lüthi in einem einzigen Radius zu fahren, weil er sich dabei zu lange und zu extrem auf der äussersten Reifenflanke bewege. Morbidelli habe die Passage besser eingeteilt.
Auf der Strecke sind es solche Nuancen, die einen Wimpernschlag hier und ein, zwei Meter dort ausmachen; Winzigkeiten, die sich über eine Runde zu Zehntelsekunden addieren. Viel grösser als der letzte Schliff an der Fahrtechnik sind freilich die Unterschiede in der Saisonvorbereitung.
Morbidelli blieb nach der Saison 2016 im Wettbewerb, nicht mehr auf den GP-Strecken, dafür aber auf der Ranch von Valentino Rossi, wo er sich mit einer bunten Schar von Rivalen und Kollegen aller Klassen und Altersgruppen beim Dirt Track und Motocross messen, wo er unter seinesgleichen über seinen Sport plaudern konnte und sich im gewohnten Ambiente bewegte.
Lüthi trainierte ebenfalls, aber ohne diesen Wettbewerb, ohne die anderen Rennfahrer. Und als er im Februar, nach drei Monaten Rennpause, zum ersten Moto2-Test des Jahres auf die Valencia-Strecke zurückkehrte, fehlte etwas vom alten Feingefühl, von jenem sicheren Instinkt fürs Limit, mit dem er im Endspurt der Saison 2016 noch Rang 2 in der WM unter Dach und Fach gebracht hatte. Nur so ist es zu erklären, dass Rivale Morbidelli sofort schnell und kontrolliert fahren konnte, während Lüthi gleich in der zweiten Testrunde einen schweren Sturz baute.
«Schlechteste Testphase meiner Karriere»
Körperlich blieb Lüthi unversehrt. Doch für sein Selbstvertrauen und das Gefühl für seinen Kalex-Prototyp war dieser Sturz Gift. In den nächsten Tests folgten weitere Rückschläge, bis dato steckte Lüthi bereits sieben Stürze weg, so viel wie in der gesamten Saison 2016. «Ich hatte die schlechteste Testphase meiner ganzen Karriere», sagt Lüthi.
In dieser Zeit verhedderte er sich auch in Zweifel über die richtige Abstimmung und, mehr noch, über die jüngste Evolutionsstufe seiner Kalex. Um das Motorrad beim Einbiegen agiler zu machen und den Fahrern mehr Gefühl für den Vorderreifen zu vermitteln, hatte Konstrukteur Alex Baumgärtel die Steifigkeit des Rahmens und damit die Eigendämpfung des Chassis während der Kurvenfahrt modifiziert.
Ausserdem hatte die Maschine eine neue Tank-Sitzbank-Einheit erhalten, um 1,8 Kilogramm Mehrgewicht durch die per Reglement nunmehr vorgeschriebene Montage einer Onboard-Kamera auszugleichen. 21 weiteren Kalex-Fahrern gefielen die Änderungen, doch Lüthi haderte mit den Modifikationen, liess auf den alten Rahmen und die alte Tankeinheit zurückrüsten und wagte sich erst nach und nach, zunächst mit dem Chassis, später auch mit Sitz und Tank, wieder an die neuen Teile.
Und trotz den Erfolgen in Qatar, Argentinien und Texas reiste Lüthi mit einem besonders bangen Gefühl nach Jerez, denn dort hatte er bei den Vorsaisontests mit der neuen Kalex-Maschine die grössten Probleme gehabt und eine Sekunde auf Morbidelli verloren.
Die Hoffnung, dass es zwei Monate später, jetzt im Grand Prix, besser laufen würde, erfüllte sich nicht. Stattdessen kehrten die alten Probleme zurück, mit schlechtem Einlenkverhalten seiner Maschine und mangelndem Gefühl fürs Vorderrad. Während der Spanier Alex Márquez und sein Teamkollege Franco Morbidelli in der Qualifikation die Plätze eins und zwei abräumten und Dominique Aegerter auf der Schweizer Suter MMX2 Rang drei eroberte, lag Lüthi bis wenige Minuten vor Trainingsende noch an 20. Stelle. Erst im Finale steigerte er sich noch auf Platz 12.