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Die Geschichte der SP Uster
Vier Generationen im Kampf für soziale Gerechtigkeit
Die folgende Skizze ist das Resultat einer «Archiv-Probebohrung». Die Frage war, wie man über lange Zeit hinweg – auch in der täglichen Routine – linke Politik macht. Vier Generationen haben dafür unterschiedliche Lösungen gefunden.
Von Ruedi Vetterli*
Die erste dieser Generationen tritt gegen Ende des Ersten Weltkrieges an, als sich die Klassenauseinandersetzungen verschärfen und die Arbeiterbewegung in der ganzen Schweiz einen grossen Aufschwung nimmt. Der Grütliverein, der in Uster lange Zeit die Funktion der Arbeiterpartei wahrgenommen hat, macht diese Linksbewegung nicht mit; so kommt es 1917 zur Gründung der SP Uster. Ihre Mitglieder sind mehrheitlich jung und überwiegend gelernte Arbeiter. Intellektuelle gibt es keine, ungelernte Arbeiter sind in der Minderzahl. Erstmals befinden sich unter den Mitgliedern eine grössere Anzahl Frauen. Die Zahl der Mitglieder steigt auf über 200, nimmt jedoch in den 1920er-Jahren wieder ab. Das politische Gewicht ist beträchtlich, bei der ersten Wahl für den Grossen Gemeinderat im Jahr 1928 erringt die SP 41 Prozent der Stimmen. Zu einer Mehrheit reicht es allerdings nie.
Wohlorganisiert
Die zweite Generation formiert sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, ebenfalls in einer Krisen- und Aufbruchsphase. Sie bestimmt das Leben der Sektion bis in die 1970er-Jahre. Auch hier dominieren die gelernten Arbeiter, die vor allem im SMUV gewerkschaftlich organisiert sind. Einzelne Lehrer vertreten jetzt die intellektuellen Berufe. Der erste richtige «Studierte» taucht jedoch erst in den 1950er-Jahren auf. Die Mitgliederzahl steigt in dieser Zeit wieder auf mehr als 200 und bleibt lange hoch. Die Zahl der Neueintritte sinkt jedoch und die Sektion überaltert stark. Der Wähleranteil liegt von den 40er- bis zu den 60er-Jahren bei gut 30 Prozent.
Rot und grün
Die dritte Welle schliesslich kommt in den 1970er-Jahren, nicht aus einer äusseren Krise heraus, sondern aus der kritischen Auseinandersetzung mit der Hochkonjunktur und ihren Folgen. Studenten spielen jetzt eine grössere Rolle. Klassische Arbeiter- und Angestelltenberufe verlieren an Bedeutung. Neben sozialen Themen stehen auf lokaler Ebene Verkehr und Ökologie im Zentrum. Die Mitgliederzahl wächst nicht entsprechend dem Bevölkerungswachstum. Der Wähleranteil sinkt 1982 auf 15 Prozent, steigt seither jedoch stetig und erreicht 2002 wieder 34 Prozent.
Konstanten
Trotz der grossen Unterschiede in den Lebensumständen und Erfahrungen dieser Gruppen finden sich über die Zeit hinweg bemerkenswerte Konstanten: «Betreffs Rauchverbot stellt der Parteivorstand zur heutigen Parteiversammlung den Antrag, dass das Rauchen während den Parteiversammlungen verboten werden soll, da wegen dem starken Rauchen immer eine Anzahl Mitglieder die Versammlungen nicht besuchen oder an der Versammlung selbst reklamieren.» Dieses Zitat stammt nicht etwa aus dem Jahr 2002, sondern aus 1922. Der schwache Versammlungsbesuch, bzw. die Klage darüber, ist eine weitere Konstante. Auch das mangelnde Engagement der Mitglieder wird häufig beklagt: «Nun dem Vorstande hat man ja das Recht Vorwürfe zu machen & Kritik zu üben, wenn man aber die Genossen je für eine Hilfeleistung benötigt, da ist niemanden zu haben.» (1920) In der mittleren Generation sind solche Klagen allerdings selten. Der Versammlungsbesuch bleibt gut, 30 bis 50 Personen sind die Regel, bei wichtigen Versammlung können es auch 80 sein.
Lebenslust
Politik allein ist es nicht, was die Genossinnen und Genossen zusammenhält. Etwas Spass ist erlaubt: «Gen. Koch macht die Anregung, diesen Sommer das Kraftwerk Eglisau zu besuchen. Einhellige Zustimmung. Betreffend Bahn, oder Autofahrt erklärt sich die Mehrheit für letzteres.» Noch muss es nicht der öffentliche Verkehr sein (1926). Auch für die Frauengruppe stellt in den 1950er-Jahren der «Bummel» im Sommer den Höhepunkt des Veranstaltungsjahres dar, selbst wenn er nur bis Freudwil oder Greifensee führt. Selbst die 68er-Generation entwickelt eine Festkultur, von der Maifeier über das Forumfest bis zum grandiosen Maskenball.
Krisen
Nicht alles ist lustig. Die Entwicklung der Sektion kennt auch schwere Krisen, die sich in einer Abfolge von Parteispaltungen äussern. 1921 treten zahlreiche Mitglieder aus, um sich der neu gegründeten Kommunistischen Partei anzuschliessen. 1944 wird die Arbeiterschaft in Uster erneut gespalten, diesmal durch die Gründung der PdA, und 1979 spaltet sich der rechte, gewerkschaftlich orientierte Flügel als DSP von der Partei ab. Die Folge ist jedesmal eine Schwächung der Arbeiterbewegung. Oft verunmöglichen Abgrenzungs- und Profilierungszwänge eine sinnvolle Zusammenarbeit auch dort, wo inhaltlich kaum Differenzen bestehen. Gemeinsam ist diesen Abspaltungen, dass sie letztlich erfolglos bleiben. Die PdA erreicht zwar 1946 immerhin 8 Prozent der Stimmen bei den Gemeinderatswahlen, die DSP 1982 sogar deren 10. Danach geht es jeweils rasch abwärts.
Jahrhunderttrend Individualisierung
In der ersten Generation bildet die Linke noch eine eigentliche Subkultur mit eigenen Vereinen und Bildungseinrichtungen, vom Sportverein und der Abstinenten-Vereinigung über die Bibliothek bis zur «soz.dem. Sonntagsschule». In der zweiten Generation verstärkt sich die Tendenz zur individuellen Lebens- und Freizeitgestaltung. Im letzten Drittel des Jahrhunderts ist politische Arbeit nur noch eine Möglichkeit unter vielen, die Freizeit und das Leben zu gestalten. Das höhere Bildungsniveau von Frauen und Männern, die Verkürzung der Arbeitszeiten und vor allem die steigenden Einkommen haben die individuellen Handlungsspielräume entscheidend erweitert. Informelle Netze der progressiven Kräfte bestehen zwar weiter, doch ungleich weniger verbindlich und wirkungsmächtig als früher.
Agitation
Verändert haben sich dadurch auch die Methoden der Werbung und Agitation. Bis über die Jahrhundertmitte hinaus werden die Beiträge durch ein Netz von «Einzügern» bei den Mitgliedern zu Hause eingesammelt. Der Kontakt zu den Mitgliedern beibt so auch erhalten, wenn diese die Versammlung nicht besuchen. Auch die Wahlwerbung und Unterschriftensammlungen erfolgen von Haus zu Haus. Demgegenüber setzt die SP seit den 1970er-Jahren werbemässig auf die eigene Zeitschrift «Forum», die regelmässig in alle Haushaltungen verteilt wird, und neuerdings auf die eigene Website. Der Standard ist professioneller, die Distanz zum Zielpublikum aber ungleich grösser als früher.
Aufstieg der Frauen
Ein zweiter Jahrhunderttrend ist das zunehmende Gewicht der Frauen. Anfangs der 1920er-Jahre treten sie erstmals in grösserer Zahl auf, und zwar, soweit man das aus den Namen schliessen kann, nicht einfach als Anhängsel der Brüder und Ehemänner. Anna Baur wird 1921 Einzügerin und ist damit die erste weibliche Funktionärin ausserhalb der Frauengruppe. Als Votantinnen treten die Frauen allerdings nicht auf, das Reden wird noch ganz den Männern überlassen. Als 1921 elf Mitglieder zur KP übertreten, befinden sich darunter fünf Frauen. In den folgenden Jahren geht es mit der Frauen-Power wieder bergab. 1926 finden sich nur noch «33 Genossen» an der GV ein, unter den 85 Mitgliedern finden sich gerade noch 9 Frauen.
Im Aufbruch nach dem Zweiten Weltkrieg spielen Frauen keine aktive Rolle. 1949 sind es sogar die Männer, welche eine Frauengruppe gründen: «Jeder Genosse soll an dieser Versammlung mit seiner Frau oder Braut teilnehmen.» Die Frauengruppe kommt unter diesen Umständen über ein Mauerblümchen-Dasein nicht hinaus. Die Referate an den Versammlungen werden meist von Männern gehalten. Noch 1962 trauen sich die Frauen nicht, parteiintern an Abstimmungen teilzunehmen.
Dies ändert sich in der dritten Generation grundlegend. In den 1970er-Jahren wird erstmals eine Frau Präsidentin. Seit den 1980er-Jahren übernehmen Frauen zunehmend politische Ämter im Gemeinderat und den Schulpflegen. Selbst die traditionell wichtigsten Funktionen der Stadt- und Kantonsrätin und der Bezirksrichterin werden erobert. Viele dieser Frauen erlebten ihre Politisierung in reinen Frauenorganisationen, beispielsweise in der INFRA (Informationsstelle für Frauen). In der Sektion setzen sie sich jedoch ohne separate Frauenstruktur durch.
Generation Vier
Und die nächste Generation? Sie ist schon da, und nicht zu knapp: 2002 erreicht die SP Uster bei den Gemeinderatswahlen ihr bestes Resultat seit mehr als 50 Jahren. Und im Stadtrat holt sie, nach mehreren vergeblichen Anläufen, den anlässlich der Parteispaltung Ende der 1970er-Jahre verlorenen zweiten Stadtratssitz zurück. 2006 dann der vorläufige Höhepunkt: Mit Martin Bornhauser stellt die SP Uster erstmals den Stadtpräsidenten und erobert ein weiteres, drittes Stadtratsmandat hinzu. Jüngere Mitglieder aus der Nach-68er-Generation prägen die Arbeit in Vorstand und Fraktion. Die Chancen stehen also gut, dass die Sozialdemokratie auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten eine wichtige Rolle bei der Gestaltung von Usters Zukunft spielen wird.
*Ruedi Vetterli hat diesen Beitrag 2002 für die Broschüre «Flintenweiber und rote Hunde» geschrieben, welche die SP Kanton Zürich anlässlich ihres 100 Jahr-Jubiläums herausgegeben hat. Der letzte Abschnitt wurde durch Stefan Feldmann ergänzt.
Die Jubiläumsschrift «Flintenweiber & rote Hunde» steht Ihnen auch zum Download zur Verfügung (PDF/4.3MB)