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Das Untermattquartier weist neben dem Galgenfeld im Osten der Stadt Bern die grösste zusammenhängende Fläche für Gewerbebauten auf. Einer der ersten und zugleich grössten Betriebe war die ehemalige Automobilwerkstätte PTT. Die gelben Fahrzeuge, insbesondere die Postautos, prägten über 80 Jahre das Bild des Quartiers.
Von den Ursprüngen des Postautodienstes
Die drei Schweizer Firmen Saurer, Berna und Martini lieferten 1906 je ein Fahrzeug für den ersten fahrplanmässigen Automobil-Postkurs zwischen Bern und Detligen. Gemeinsam waren diesen Pionierfahrzeugen der Innenraum – zwei plüschbezogene Längsbänke mit einem Sitzangebot von 14 Plätzen – sowie ein Motorenlärm, der die Ankunft der Autos lange vor dem Eintreffen ankündigte. Dagegen waren die defektanfälligen Vehikel nicht einmal mit gleich grossen Rädern ausgerüstet, was den Unterhalt und die Störungsbehebung sehr erschwerte. In einem Rapport des Garagenchefs im Innenhof der damaligen Hauptpost am Bollwerk hiess es zur Verkehrstauglichkeit: «Keines dieser Autos erhält eine besondere Auszeichnung. Dem einen fehlt es mehr am hinteren Teil, beim andern vorn und beim dritten überall».
In den Jahren 1919/1920 erwarb die Reisepost von der Armee 40 Lastwagen, die zu Reisebussen umgebaut wurden. Dies bedeutete auch den Beginn der Alpenpost: Die Passlinien Simplon, Grimsel, Furka, Bernardino und Oberalp wurden fortan regelmässig bedient. Die Pferdepost hatte bis auf wenige Nebenstrecken (Avers – Juf) ausgedient. Die grösstenteils auf den Sommerbetrieb ausgerichteten Strecken brachten zwei Neuerungen: Die Postautochauffeure verbrachten die Saison mehrheitlich an ihren Einsatzorten und die Fahrzeuge erhielten nur den absolut notwendigsten Unterhalt. Dies änderte sich jeweils mit dem Beginn des Winterhalbjahrs: Alle Busse kehrten für eine Generalüberholung nach Bern zurück und die Fahrzeuglenker übernahmen ihre angestammten Berufe als Mechaniker, Autoelektriker, Carrossier oder Schmied. Im Jahre 1921 mieteten die PTT von der Einwohnergemeinde Bern den alten Schlachthof an der Engehalde und richteten ihn als Hauptwerkstätte ein. Die Ausrüstung der Räumlichkeiten war rudimentär und verlangte von den Mitarbeitern (ausschliesslich Männern) viel handwerkliches Gespür und Improvisationstalent. Im Keller verfügte der Werkführer über einen Schrank mit Werkzeug, das nur er herausgab. Im Weiteren wies der Raum zwei Holzkisten mit alten Schrauben auf, die von überzähligen oder demontierten Motoren stammten. Bei Bedarf mussten passende Schrauben nach langer Suche herausgeklaubt werden.
Die Automobilwerkstätte von 1941
Mit der technischen Entwicklung und dem Anwachsen des Fahrzeugparks ergab sich die Notwendigkeit eines Ausbaus der Infrastruktur für Unterhalt und Reparaturen. 1934 liess die Generaldirektion PTT Studien für einen neuen Standort ausarbeiten. Der Entscheid fiel zu Gunsten des Stöckacker-Quartiers beziehungsweise der unbebauten Untermatt, die damals der Burgergemeinde Bern gehörte. Das notwendige Baugelände konnte in der Folge zum Preis von 3,60 Franken pro Quadratmeter erworben werden. Trotz kriegsbedingten Erschwernissen schritt das Bauvorhaben zügig voran, so dass am 3. Februar 1941 die modernen Werkstätten eingeweiht werden konnten. Endlich konnten alle Unterhaltsarbeiten unter Dach ausgeführt werden und die Mitarbeitenden verfügten nun über menschenwürdige Garderobenräume. Dementsprechend war die Begeisterung der Direktbetroffenen gross.
Schon bald nach der Betriebsaufnahme zeigten sich die Auswirkungen des Kriegsgeschehens in der täglichen Arbeit. Rund hundert Grossfahrzeuge mussten auf Holzkohlegas und zweihundert Kleinfahrzeuge auf Holzkohlegas, Karbidgas oder Flaschengas umgebaut werden. Die mit Ersatztreibstoffen angetriebenen Fahrzeuge versagten oft und zwangen die Verantwortlichen zu ständigen Improvisationen und zur Suche nach Lösungen. 1943 wurde das Bereifungsmaterial derart rar, dass die Postautos auf Vollgummireifen umgerüstet werden mussten – ein Umstand, der das Reisen keineswegs zum Vergnügen machte.
Das Kriegsende brachte für den Automobildienst der PTT nicht nur das Abwenden einer latenten Bedrohung – die Werkstätten galten als potenzielles Ziel für Sabotage und Terroranschläge – sondern mit der Eröffnung der Sustenpass-Strasse auch den Beginn der bis heute beliebten Drei- und Vierpässefahrten. Die Zahl der stets moderner werdenden Reisebusse stieg unaufhörlich an.
Die Rolle der Mitarbeitenden in der Automobilwerkstätte
Mit dem Aufkommen der touristischen Fahrten im Alpengebiet stieg die Zahl der saisonalen Arbeitsplätze in den traditionellen Ausgangsorten wie Chur, Brig oder Martigny. Viele Mitarbeitende der Automobilwerkstätte waren demzufolge über die Sommer- und Herbstmonate an ihrem temporären Arbeitsort stationiert und häufig von ihren Familien getrennt. Einzig während den Schulferien ergab sich die Möglichkeit, die Ehegatten und Väter auf ihren Fahrten zu begleiten. Speziell für die Kinder waren diese Ausflüge von grosser Bedeutung und nicht wenige lernten hier die Grundzüge ihrer späteren beruflichen Tätigkeit. So wird vom Postkreis Brig berichtet, dass ein technisch versierter zehnjähriger Zögling eines Chauffeurs zum Schrecken – vielleicht auch zum Stolz – seines Vaters selbständig eine Runde auf dem Bahnhofplatz drehte.
Während der Wintermonate kehrten die in alle Landesteile versetzten Wagenführer nach Bern zurück und nahmen ihre Arbeit in der Automobilwerkstätte wieder auf. Die meisten von ihnen wohnten in Bümpliz, insbesondere im Stöckacker-Quartier und gingen zu Fuss an ihren Arbeitsplatz. Der Beruf eines Postautoführers genoss in der Öffentlichkeit grosses Ansehen und er stand für Zuverlässigkeit und soliden Lebenswandel. Die Lehrlingsausbildung galt als erstklassige Plattform für die Weiterentwicklung zum Meister oder Automobil-Ingenieur – zu jener Zeit eine ausgesprochene Männerdomäne.
Die Zukunft der Automobilwerkstätte und des Gewerbequartiers Untermatt
Unter dem Titel «Entwicklungsschwerpunkt (ESP) Ausserholligen» planen die Behörden in unmittelbarer Nähe des Geografischen Zentrums der Stadt (im Areal der Badeanlage Weyermannshaus) eine Neuüberbauung grösseren Ausmasses. Der Perimeter des neuen Quartiers umfasst im Wesentlichen nebst der Badeanlage auch das bereits im Bau befindliche Gebiet des künftigen Campus der Fachhochschule Bern, die Senke am Ladenwandweg sowie die als Weyermannshaus West bezeichnete Gegend des Untermatt-Quartiers. Im ersten Richtplan Ende der 1990er Jahre war nebst Dienstleistungen, Gewerbe und Freizeiteinrichtungen auch Wohnen vorgesehen. Diese planerischen Vorgaben wurden zwischenzeitlich zu Gunsten eines massiven Wohnanteils verändert. Mit einem Schlag soll eine der letzten zusammenhängenden Gewerbezonen der Stadt verschwinden. Gegen dreissig Betriebe mit über hundert Arbeits- und Ausbildungsplätzen erfahren im laufenden Planungs- und Mitberichtsverfahren eine augenfällige Geringschätzung, die sich unter anderem darin äussert, dass man ihnen von Seiten der Behörden allen Ernstes den Vorschlag unterbreitet, sie sollten sich doch ausserhalb der Stadtgrenzen ein neues Zuhause suchen.
Die Tradition des nahen Beisammenseins von Gewerbe und Wohnen, der kurzen Wege von Arbeitnehmenden und Kunden, wie auch der Verzicht auf eine durchstilisierte Architekturlandschaft gerät mit dem Rauswurf von Handwerksbetrieben in eine gefährliche Schieflage. Das Beispiel der ebenfalls vom Abbruch bedrohten Automobilwerkstätte hat bis Ende des letzten Jahrhunderts gezeigt, dass der Quartier-Werkplatz samt seinen qualifizierten Mitarbeitenden den Ansprüchen einer vielfältigen Nutzungsmischung entgegen kommt. Ob sich dadurch eine Renaissance der alten Automobilwerkstätte als neue Bleibe für die betroffenen Betriebe ergeben könnte? Max Werren
DER AUTOR
Max Werren ist ehemaliger Inhaber einer Kommunikations-Agentur und einstiger ehrenamtlicher Co-Ortsarchivar von Bümpliz. Er ist Verfasser zahlreicher Publikationen, darunter der «Bümplizer Geschichte(n)». Zudem ist Werren Präsident von «Kultur Schloss Bümpliz».