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Bevor es zwischen Professor Dr. Barbara Mahlmann und PD Christian von Zimmermann zum Machtkampf gekommen ist, haben sie an der Universität Bern neuneinhalb Jahre gemeinsam das historisch-kritische Gotthelf-Editionsprojekt geleitet.
Das Fass ohne Boden
Mit einer Medienkonferenz fiel am 26. Oktober 2004 der Startschuss für das Projekt. Der damalige Regierungsrat Mario Annoni freute sich in seinem Statement, dass Mahlmann und von Zimmermann bereits «ein modulares Editionskonzept erarbeitet» hätten und «die Finanzierung der ersten beiden Editionsteile der Predigten und der Kalendergeschichten sowie der politischen und pädagogischen Schriften» durch den Schweizerischen Nationalfonds sichergestellt sei.
Heute ist dem Vernehmen nach zwar das Nationalfondsgeld von 6 Millionen Franken weitgehend aufgebraucht, aber die ersten beiden Editionsteile sind noch nicht abgeschlossen. Zur Verfügung steht vorderhand noch der restliche Teil der 6,5 Millionen Franken aus dem Lotteriefonds, das der Grosse Rat für die Edition und das Gotthelf-Zentrum in Lützelflüh gesprochen hat. Diesen Beitrag hat das Kantonsparlament am 17. November 2005 allerdings mit einer Einschränkung verbunden: «Weitere Kantonsbeiträge für das Editionsprojekt sind ausdrücklich ausgeschlossen.»
Unteressen hat das Editionsteam 11 von «zirka 67» Bänden fertig gestellt, einige weitere sind in Arbeit. Vermutlich sind die zuerst bearbeiteten beiden Editionsteile die aufwändigsten (von vielen Gotthelf-Romanen gibt es zum Beispiel keine Manuskripte mehr – entsprechend kleiner wird dort der editorische Aufwand sein). Die Zuständigen terminieren den Projektabschluss zurzeit auf 2030/32, was zufälligerweise mit dem Pensionsalter von Christian von Zimmermann zusammentrifft (* 1965). Ursprünglich war von 2045/48 die Rede gewesen.
Die finanzielle Situation
Christoph Pappa ist Generalsekretär der Universität Bern und in dieser Funktion auch Stiftungsratspräsident der Gotthelf-Stiftung, die das Kantonsgeld verwaltet. Auf die Frage von Journal B nach der finanziellen Situation des Projekts, führt er per Mail aus: «In der Projektgutsprache des Kantons ist ein Auftrag enthalten, weitere Drittmittel zu akquirieren.» Das Geld des Kantons sei bloss als «Sockelbeitrag» zu verstehen gewesen. Zudem seien unterdessen neue Aufgaben aufgetaucht: «Stichwort digitale Edition, eventuell eine Popularausgabe der Werke Gotthelfs.» Zudem gebe es «steigende Gehaltskosten». Und es sei die «Etablierung eines festen Kernteams» geplant (bisher wurde nur mit befristeten Verträgen gearbeitet).
Zu den bisherigen Erfolgen im Bereich der Drittmittelbeschaffung schreibt Pappa: Kleinere Beiträge «für Sonderaufgaben» hätten bisher die Bieler Stiftung Vinetum und die Ernst-Göhner-Stiftung beigesteuert, im Bereich der «computerphilologischen Reorganisation des Projekts» gebe es einen Kooperationsvertrag mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.
Wer möchte in dieser Situation bezweifeln, dass die bisher investierten 12 Millionen Franken von National- und Lotteriefonds, sowie die paar privaten Beiträge schliesslich den kleineren Teil des Gesamtaufwands ausmachen werden? Dass demnach – über den Daumen gerechnet – sicher noch 20 Millionen Franken zusammengetragen werden müssen? Einen Teil davon wird zweifellos der Nationalfonds beisteuern. Aber der Rest?
Die Stellvertreterin Zihlmann-Märki
Für die Gotthelf-Edition hat deshalb die Stunde der reichen Privaten geschlagen. Ohne deren Drittmittel wird sie absehbar ein Torso bleiben.
Einen ersten Akquisitionserfolg hat nun Dr. Patricia Zihlmann-Märki, eine Mitarbeiterin in von Zimmermanns Projektteam, verbucht. Ihr ist es dem Vernehmen nach gelungen, einen potenten «privatwirtschaftlichen Mittelgeber» für die Gotthelf-Edition zu interessieren. Diese anonyme Person hat vorderhand 450'000 Franken zugesichert. Über ihr weitergehendes Engagement sind zurzeit Verhandlungen im Gang. Kolportiert wird, die Person wünsche neben der Einzelleitung des Projekts auch eine Vergrösserung des Teams und dadurch einen schnelleren Abschluss des Projekts.
Die Ernennung von Zihlmann-Märki zu von Zimmermanns Stellvertreterin hat offensichtlich nicht nur mit ihren wissenschaftlichen Leistungen zu tun (sie hat unter eigenem Namen über Gotthelf noch keine wissenschaftliche Zeile publiziert). Laut Pappa ist sie denn auch nicht nur für die «Supervision der computerphilologischen Reform der Edition» zuständig, sondern auch für die «fortlaufende Drittmittelanwerbung».
Dementi betr. Dr. Blocher
Bleibt die Frage, wer dieser Sponsor ist. Bekannt ist, dass Pappa als Präsident der Gotthelf-Stiftung an der letzten Stiftungsratssitzung auf eine entsprechende Frage gesagt haben soll, dazu könne er nichts sagen, da spielten andere Gesetze. Bekannt ist, dass auch der wissenschaftliche Beirat des Projekts an seiner Sitzung vom 17. Mai keine Antwort erhielt. Bekannt ist auch, dass die anonyme und zweifellos sehr reiche Person im Bereich Finanzberatung und Firmencontrolling arbeite und als Gotthelf-Liebhaber gelten könne.
Man rate.
Christoph Blocher, der sich in seiner Wyniger Rede am 2. Januar 2011 ausführlich über Gotthelfs «gute moderne Führungslehre» ausgelassen hat und dessen Robinvest AG «Beratung, Erbringen von Dienstleistungen im Bereiche Unternehmensführung und Durchführung von Finanzgeschäften» bezweckt, kommt einem zuerst in den Sinn. Will er Gotthelf zum nächsten kulturellen Säulenheiligen in seiner Réduit-Schweiz machen? «Wir können bestätigen», antwortet Christoph Pappa, «dass es sich bei der Person NICHT um Herrn Blocher oder eine mit ihm in Zusammenhang stehende Firma handelt.»
Problematischer Einfluss der Privatwirtschaft
Der Sponsor bleibe, so Pappa, vorderhand deshalb anonym, weil noch Verhandlungen im Gang seien: «Wenn sie zu einem erfolgreichen Abschluss führen, werden wir auf jeden Fall darüber informieren.» Das ist auch nötig. Die neue WOZ gibt eine Übersicht über «Die 'Symbiose' zwischen Wirtschaft und Wissenschaft» und erwähnt: «An den Universitäten Bern und St. Gallen können Geldgeber in der Berufungskommission vertreten sein.»
Vor dem Hintergrund, dass die Berner Universitätsleitung zurzeit über dem Vorschlag brütet, für von Zimmermann eine «Stiftungsprofessur für Editionsphilologie mit Schwerpunkt Gotthelf-Edition» einzusetzen – also eine Professur, die ganz oder teilweise aus Drittmitteln finanziert wird –, so stellt sich die Frage: Macht der anonyme Sponsor die Stiftungsprofessur zu einer Bedingung seines Engagements? Und wenn ja: Warum? Kurzum: Wo beginnt die Einflussnahme der Wirtschaft auf die Wissenschaft im Bereich der Editionsphilologie?