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Was macht ein Schweizer Papierfabrikant auf der Titanic?
von Frank Heinzig, Fockendorf
sph-Kontakte Nr. 96 | Dezember 2012
Alfons Simonius-Blumer (Quelle: Papiermuseum Fockendorf)
Die Papierfabrik Fockendorf in Thüringen, der Präsident des Schweizerischen Bankvereins und die grösste Katastrophe in der Geschichte der Passagierschifffahrt im Netz der aufkommenden Globalisierung zur Zeit der Jahrhundertwende.
In Fockendorf, einem Ort im thüringischen Landkreis Altenburger Land, mit heute etwa 850 Einwohnern, begann die Papierherstellung im Jahr 1692. Um 1700 übernahm der Herzog von Sachsen-Gotha-Altenburg, Friedrich II., die Papiermühle und liess hier noch eine zweite errichten, die um 1703 in Betrieb ging. Aus ihr entwickelte sich später die Fabrik. Erster Pächter dieser herzoglichen Papiermühle war Hans Wieser aus Schrobenhausen. 1712 trennte sich der Herzog von der Papiermühle und sie kam in private Hände. 1728 erwarb sie schliesslich Wiesers Sohn, Johann Conrad. 1861 ging dann in Fockendorf die erste Papiermaschine in Betrieb.
1880 erwarb der Leipziger Papiergrosshändler Camillo Drache, der aus Grossenhain in Sachsen stammte, die Fockendorfer Papierfabrik. Innerhalb von sechs Jahren baute er die bis dahin kleine, unbedeutende Fabrik zu einem Unternehmen aus, das sich bald mit den damals grössten und modernsten Fabriken der europäischen Papierbranche messen konnte. Er modernisierte die vorhandene Papiermaschine und stellte noch drei weitere Maschinen auf. Darunter eine Zeitungsdruckpapiermaschine mit einer Arbeitsbreite von drei Metern, laut einem Gutachten von 1886 die damals grösste und modernste auf dem europäischen Kontinent. Nachdem die umfangreichen Investitionen weitgehend abgeschlossen waren, entschloss sich Camillo Drache, das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln.
Am 3. Juli 1886 fand im «Wettiner Hof» zu Altenburg die Gründungsversammlung statt. Gründungsmitglieder der Gesellschaft waren, Camillo Drache aus Fockendorf, der Bankier Carl Neuburger aus Berlin, Hermann Jansen aus Fockendorf, Alfons Simonius-Blumer aus Zürich und Friedrich Wilhelm Meyner aus Altenburg.
Der aus Basel stammende, 1855 geborene Ingenieur Alfons Simonius-Blumer, er nannte sich meist nur Simonius, hatte 1881 in Wangen/Allgäu eine der ersten deutschen Zellstofffabriken (Cellulosefabrikation) errichtet. Um den Absatz für seinen Zellstoff zu sichern nahm er u. a. Kontakt zur Fockendorfer Papierfabrik auf und stieg dann sogar in das Unternehmen ein. Ab 1890 waren die Simonius’schen Cellulosefabriken AG in Wangen/Allgäu mit 100 Aktien zu je nominell 1000 Mark an der Papierfabrik Fockendorf beteiligt. Schliesslich erwarb Alfons Simonius das gesamte Aktienpaket der Gesellschaft und war damit ab dem Jahr 1900 praktisch Alleineigentümer der Fockendorfer Papierfabrik mit ihren Zweigwerken, die nun unter dem Namen «Simonius’sche Cellulosefabriken AG, Fockendorf» firmierte. Diese Bezeichnung war allerdings etwas irreführend, denn Cellulose (Zellstoff) wurde in Fockendorf nie hergestellt. Es wurde sofort mit verschiedenen Investitionen begonnen, vor allem der Ausrüstungsbereich (Glätten, Schneiden, Veredeln, Sortieren) erfuhr eine umfangreiche Modernisierung. Bereits 1901 errichtete man für diesen Zweck ein neues Bauwerk, es handelt sich dabei um eins der Gebäude, die noch erhalten sind, es befindet sich unmittelbar an der Fabrikstrasse.
Im Juli 1907 wurde mit dem Bau eines neuen Schornsteins begonnen. Nachdem eine Höhe von 40 Metern erreicht war, musste der Bau jedoch abgebrochen werden, weil es zu einer Senkung des Fundaments kam und daher der Schornstein sich zur Seite neigte. Daraufhin wurde er wieder abgetragen. In einem Abstand von 11 Metern begann man den Bau erneut, dieser ist dann 1908 fertiggestellt worden. Es sich hierbei um den Schornstein, der am 21. September 2000 unter reger Anteilnahme der Bevölkerung gesprengt wurde. Er war über viele Jahrzehnte nicht nur ein Wahrzeichen der Papierfabrik, sondern auch der Ortschaft Fockendorf. Erbaut hat ihn damals die Firma «H. R. Heinicke Fabrikschornstein- und Dampfkesseleinmauerung», Chemnitz. Zunächst hatte er eine Höhe von 60 Metern über Flur, später wurde der Kopf noch einmal um etwa vier Metern erhöht.
Gleichzeitig, also in den Jahren 1907/08, wurde in Fockendorf für 600’000,– Mark eine Holzschleiferei errichtet und 1908 in Betrieb genommen. Sie war aufs modernste eingerichtet und erzeugte mit zwei Stetig- und zwei Dreipressenschleifern jährlich 5’000 t
Holzschliff; die Holzschleifereien in den beiden Zweigwerken Fischersdorf und Freyburg erzeugten zusammen knapp 2’000 t im Jahr. Insgesamt wurden in dem Zeitraum von 1900 bis 1910 in Fockendorf Investitionen in Höhe von 2,5 Mio. Mark realisiert.
Alfons Simonius, nach wie vor Vorsitzender des Aufsichtsrats der Aktiengesellschaft, war inzwischen zum Oberst des Schweizerischen Bundesheeres und zum Präsidenten des Schweizerischen Bankvereins, einem Konsortium aus mehreren Schweizer Privatbanken, avanciert. In dieser Eigenschaft musste er 1912 nach New York fahren, weil das Bankhaus Arnold B. Heine & Cie. in Schwierigkeit geraten war und subventioniert werden sollte. Diese Firma besass ein Büro in New York und hatte ihn und den 36-jährigen Anwalt Dr. Max Stähelin-Mäglin gebeten, die New Yorker Filiale zu besuchen. Stähelin war Direktor der Schweizer Treuhandgesellschaft, welche eine Tochter des Schweizerischen Bankvereins war. Natürlich nutzten beide die sich bietende günstige Gelegenheit und buchten ihre Reise auf dem damals grössten Schiff der Welt, dem Passagierschiff «Titanic», das im April 2012 seine Jungfernfahrt nach New York absolvieren sollte.
Die «Titanic» war 269,04 m lang, 28,19 m breit und 53,33 m hoch (Unterkante Kiel bis Oberkante Schornstein), hatte 10,54 m Tiefgang, 46’329 Bruttoregistertonnen Rauminhalt, 39’380 Tonnen Leermasse und 13’767 Tonnen Tragfähigkeit. Der britische Liner war von den Behörden für 3’300 Passagiere zuzüglich der benötigten Mannschaft zu-gelassen worden. Allerdings wurde diese Passagierkapazität aufgrund der Ausstattung der «Titanic» nicht voll ausgenutzt. In der ersten Klasse fanden 750 Personen, in der zweiten Klasse 550 Personen und in der dritten Klasse 1’100 Personen Platz. Das Schiff bot damit Raum für insgesamt 2’400 Passagiere.
Die Titanic am 10. April 1912 (Quelle: Wikipedia)
Der damals 56-jährige Alfons Simonius und Dr. Max Stähelin gingen am 10. April 1912 in Southampton an Bord der «Titanic». Beide fuhren natürlich erste Klasse. Simonius bezog die Kabine Nr. A 26 und Stähelin die Kabine Nr. B 50.
Am Sonntagabend, den 14. April sassen Max Stähelin-Mäglin, Maximilian Frölicher-Stehli und Alfons Simonius-Blumer im Rauchsalon der ersten Klasse und spielten Karten bis kurz nach 23 Uhr. Um 23.30 Uhr gingen sie zu ihren Kabinen. Max Stähelin berichtete später, dass er während des Auskleidens ein tiefes Rollen spürte, das mit einem leichten Stoss begann. Er fragte draussen einen Steward, was passiert sei, die Antwort war: nichts! Er kleidete sich trotzdem wieder vollständig an und ging nach oben. Ganz ähnlich mag es Alfons Simonius erlebt haben. Beide trafen sich an Deck und um 0.50 Uhr bestiegen sie auf der Steuerbordseite das Rettungsboot Nr. 3, das gegen 1 Uhr zu Wasser gelassen wurde.
Dieser Bericht hört sich sehr unspektakulär an, und wenn man ihn mit den Szenen der einschlägigen Filme vergleicht, ist er eigentlich kaum zu glauben. Fakt ist aber, dass von den 175 Männern in der ersten Klasse 57 gerettet wurden, von den 144 Frauen in der ersten Klasse sogar 140. Von den 462 Männern der dritten Klasse wurden dagegen nur 75 gerettet. Neben der Klassenzugehörigkeit spielten bei der Rettung auch die unterschiedlich angewendeten Praktiken der Offiziere, die die Boote besetzten, eine erhebliche Rolle. Der zweite Offizier Charles Lightoller auf der Backbordseite legte den Befehl, «Frauen und Kinder zuerst», eher nach dem Motto «Männer auf keinen Fall» aus, selbst wenn dadurch ein nicht einmal halb volles Boot zu Wasser gelassen wurde, weil keine weitere Frau bereit war, die noch stabil erscheinende «Titanic» zu verlassen. Eine Mutter hatte laut Augenzeugenberichten sogar Mühe, ihren 13-jährigen Sohn zu sich in ein Rettungsboot zu nehmen, da der Offizier diesen bereits als Mann ansah. Auf der Steuerbordseite hingegen, wo der erste Offizier Murdoch Aufsicht führte, hatten Männer, darunter auch viele Besatzungsmitglieder, weniger Probleme in ein Boot zu gelangen. Deshalb wurden auf der Steuerborseite wesentlich mehr Menschen gerettet als auf der Backbordseite. Simonius und Stähelin waren zu ihrem Glück auf die Steuerbordseite geraten und hatten, im Gegensatz zu vielen anderen, keinen Augenblick gezögert, das havarierte Schiff zu verlassen. Ein grosser Teil der Passagiere glaubte bis zu diesem Zeitpunkt immer noch an die Unsinkbarkeit des Schiffes und sehr viele Frauen weigerten sich deshalb, das scheinbar sichere, noch hell erleuchtete grosse Schiff mit den vergleichsweise winzigen Booten einzutauschen und in die mondlose Dunkelheit zu fahren. Das Boot Nr. 1 zum Beispiel, mit einem Fassungsvermögen von 40 Personen, wurde mit nur 12 Personen zu Wasser gelassen, weil sich niemand weiter fand, der bereit war einzusteigen. Erst nach 1 Uhr 30, als die meisten Boote schon abgefiert waren, der Maschinenraum unter Wasser stand und das Deck sich deutlich neigte, brach vielerorts Panik aus und der Kampf um einen Platz in einem der letzten Rettungsboote eskalierte.
Der Bugabschnitt des Schiffes, der um 2 Uhr schon fast komplett unter Wasser lag, ging unauffällig unter, während sich das Heckteil steil aufrichtete und schliesslich gegen 2 Uhr 20 versank. Nach dem Untergang mussten die geretteten Menschen in den Booten noch ungefähr zwei Stunden warten, bevor sie von der RMS Carpathia aufgenommen werden konnten. Die Nacht des Untergangs war sehr kalt, die Wassertemperatur lag unter 0° C. Stähelin berichtete, dass er ebenso wie Simonius zeitweise selbst das Rettungsboot ruderte, um warm zu bleiben.
Von den insgesamt 2’224 haben nur 711 Menschen überlebt, das sind aber immerhin 32 %. Übrigens ist die Legende einer angeblichen Wettfahrt der «Titanic» um das «Blaue Band» als Ehrung für die schnellste Transatlantiküberquerung eine völlig aus der Luft gegriffene Behauptung. In die Welt gesetzt hat sie Josef Pelz von Felinau in seinem 1939 erstmals erschienen Roman «Titanic». Der Autor hat diese angebliche Wettfahrt aus rein dramaturgischen Gesichtspunkten seiner auch ansonsten wenig realistischen Geschichte beigefügt. Sie wurde dann für den 1943 gedrehten Propagandafilm «Titanic» und eine Hörspielfassung in den 1950er Jahren verwendet und ist deshalb auch heute noch populär.
Nachdem Alfons Simonius an Bord der «Carpathia» aufgenommen worden war, gab er, wie viele andere auch, über den Bordfunk eine Nachricht an seine Familie auf.
Das Marconigramm ist an den Vater, Oberst Simonius in Basel, gerichtet und lautet: «Staehlin and I well safe on Carpatia, Thursday New York. Alfons.» Übersetzt heisst das: «Staeh[e]lin und ich wohlbehütet auf der Carpat[h]ia, Donnerstag [sind wir] in New York ». Wie der Stempel «NOT TRANSMITTET» verrät, ist diese Nachricht allerdings nicht gesendet worden, was wohl der Überlastung der Funkstation geschuldet ist.
In New York wurden Alfons Simonius und Dr. Max Stähelin von Dr. Hans Winterfeldt erwartet und im Hotel Waldorf-Astoria einquartiert. Gemeinsam besuchten sie später, wie geplant, das Bankhaus Arnold B. Heine & Cie. und reisten dann am 7. Mai 1912 an Bord der «Victoria Luise» zurück nach Europa.
1917 verkaufte Alfons Simonius-Blumer seine gesamten Aktien an der Fockendorfer Papierfabrik; der Grund dafür ist nicht bekannt, es könnte aber mit dem zu dieser Zeit tobenden I. Weltkrieg zusammenhängen, vielleicht aber auch mit seinem Gesundheitszustand. Simonius starb am 26. Mai 1920 in Luzern, wo er sich zur Kur aufhielt, an Herzversagen. Er hinterliess die Ehefrau und drei Söhne.
Die Aktien wurden anschliessend vom Konzern Waldhof-Mannheim übernommen, damals einer der grössten Papierkonzerne Europas, die Fockendorfer Papierfabrik blieb dann bis zur Enteignung 1945 ein Werk dieses Konzerns. Der Firmenname «Simonius’sche Cellulosefabriken AG, Fockendorf» blieb bis 1935 erhalten.
Dass Alfons Simonius-Blumer damals an Bord der «Titanic» war, kann dem Zufall zugeschrieben werden oder aber als Beispiel für die weitläufige Vernetzung der Industriellen Anfang des 20. Jahrhunderts gelesen werden.
Quellen: Papiermuseum Fockendorf, Wikipedia