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Endlich hat Joe Biden seine Wahl getroffen. Am Dienstag gab der Präsidentschaftskandidat der Demokraten bekannt, wen er als «running mate» nominiert: Kamala Harris, die 55-jährige Senatorin aus Kalifornien, die bis vergangenen Dezember selbst Präsidentschaftskandidatin war.
Zuvor hatten die Beobachter wochenlang gerätselt, mit wem Biden antreten werde. Sie hätten es sich leicht machen und einfach das Wikipedia-Orakel befragen können. Wikipedia-Orakel? Es geht um eine eigenartige Korrelation, die der Publizist Micah Sifry in einem Artikel auf Medium in Erinnerung ruft: Das Rennen macht jene Politikerin, deren Wikipedia-Seite in den letzten sechs Wochen vor der Nomination am häufigsten editiert wurde.
In der Tat traf das Wikipedia-Orakel zu: Der Wikipedia-Artikel über Kamala Harris wurde in den sechs Wochen vor Bidens Entscheidung 400 Mal editiert. Mehr als die Hälfte dieser Vorgänge entfielen allerdings auf allein die erste dieser sechs Wochen. Hätte man nur die Änderungen der letzten drei Wochen berücksichtigt, wäre es Susan Rice gewesen, die ehemalige Sicherheitsberaterin von Barack Obama.
Das Wikipedia-Orakel habe bereits 2008 und 2012 funktioniert, schreibt Sifry. Damals hätten politikinteressierte Nerds die Anzahl der Edits bei den Wikipedia-Artikeln der potentiellen Kandidaten und Kandidatinnen als Kriterium für eine Voraussage herangezogen. So wurde Sarah Palins Wikipedia-Seite in den Tagen vor ihrer Nomination durch John McCain mehr als 100 Mal editiert, wie die «Washington Post» danach feststellte. Die Artikel von anderen bekannten Politikern, deren Namen ebenfalls kursierten – etwa Mitt Romney –, wurden bedeutend weniger verändert.
Dasselbe bei den Demokraten: Der Artikel über Joe Biden, der Barack Obamas Vize wurde, war kurz vor der Bekanntgabe der Nomination mehrfach geändert worden. Vermutlich habe jemand aus Obamas Wahlkampf-Team den Auftrag erhalten, den Wikipedia-Artikel des künftigen Vize-Kandidaten aufzupolieren, mutmasst Sifry.
Anfang August 2012 habe er sich an diese völlig nichtssagende Bagatelle erinnert, so Sifry. Eine kurze Recherche habe ihm darauf verraten, dass die Wikipedia-Seite des Kongressabgeordneten Paul Ryan in der vorhergehenden Woche einen moderaten Anstieg von Edits verzeichnet hatte – mehr als jene von Rivalen wie Marco Rubio. Der Name des Vizepräsidentschaftskandidaten, den Mitt Romney dann nominierte: Paul Ryan.
Wer nun denkt, mithilfe des Wikipedia-Orakels liessen sich künftige Vizepräsidentschafts-Nominierungen in den USA beeinflussen, indem man einfach die Seite des gewünschten Kandidaten massenweise editiert, könnte sich täuschen. Sifry erinnert daran, was 2012 geschah: Er hatte seine Recherche zum Wikipedia-Orakel und den Favoriten Paul Ryan in einem Artikel beschrieben, auf den der Satiriker Stephen Colbert aufmerksam wurde. Colbert rief sein Publikum prompt dazu auf, die Seite des jeweils favorisierten Kandidaten zu editieren. Das funktionierte nicht: Wikipedia reagierte schnell und sperrte die entsprechenden Artikel für Veränderungen. (dhr)