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Miroslav Bartak
Menschen sammeln alles. Es gibt nichts, was sie nicht sammeln würden. Mit Ausnahme von sich selbst. Das tun die wenigsten. Das Sichsammeln und Zusammennehmen seiner eigenen Gedanken, sofern man sie hat, ist weitaus schwieriger, als Verstreutes zu einem Gesammelten zusammenzubringen. Eher als zu einer Sammlung droht das Gesammelte zu einem Sammelsurium zu werden.
Philatelisten sammeln Briefmarken, Numismatiker Münzen. Die meisten der Ersteren sammeln bestimmte Motive, zum Beispiel Berge, die sie nicht zu besteigen vermögen, oder Oldtimer, die sie sich nicht leisten können.
Bare Münze
Ein erfahrener Münzsammler nimmt das Angebot eines Betrügers, der ihm eine gefälschte antike Münze offeriert, um sie in klingende Münze umzuwandeln, nicht für bare Münze. Manch Betrogener versucht, dem Betrüger den Betrug mit gleicher Münze heimzuzahlen.
Andere sammeln Orden, welche sie selbst nicht verliehen bekommen haben, und Medaillen, welche sie selbst nie zu erringen fähig sind. Wieder andere sammeln Sammeltassen. Viele der Sammeltassensammler, welche Sammeltassen sammeln, haben nicht alle Tassen im Schrank.
Glassammler sammeln mundgeblasene, gegossene, gezogene, gepresste, geätzte, polierte und gravierte Gegenstände aus geschliffenem, dünnem, trübem, milchigem, farbigem und farblosem Glas. Wenn ein Glassammler zu tief ins Glas schaut, bekommt er einen gläsernen Blick.
Uhrensammler sammeln Zeitmesser. Manche rund um die Uhr, emsig wie ein Schweizer Uhrwerk. Schweizer Chronometer sind weltweit bei Sammlern begehrt. Viele Uhrensammler haben sogar goldene Uhren, aber keine Zeit. Viele, für die es fünf vor zwölf ist, wissen auch nicht, was die Uhr geschlagen hat und wann ihre Uhr abgelaufen ist.
Bücherwurm
Auch Bücher werden immer noch gesammelt. Mit ihnen lassen sich sehr dekorativ ganze Regale füllen. Autogramme, Unterschriften und Belege werden auch sehr gern gesammelt. Letztere vor allem für die jährliche Steuererklärung und das gierige Finanzamt. Reisende werden häufig zu Souvenirsammlern. Sie füllen die Zimmer ihrer Wohnungen und Häuser mit Masken und Figuren, Bildern und Postern, Schilden und Speeren, welche sie auf ihren Reisen von Einheimischen erbeutet haben.
Ansichtskarten aus aller Welt sind immer noch ein begehrtes Sammelobjekt der aussterbenden Spezies der Ansichtskartensammler. Sie erhalten sie vor allem von Verwandten, Freunden und Bekannten aus deren oft exotischen Ferienorten. Sie dokumentieren, wie schön es dort ist, wo sie selbst nie waren.
Schnäppchenjäger
Der Homo consumens ist ein eifriger Punktesammler. Er sammelt vor allem Bonuspunkte bei seiner Lieblingstätigkeit, dem exzessiven Shoppen. Er mutierte vom Jäger und Sammler zum Schnäppchenjäger und Punktesammler. Figurensammler sammeln Figuren – und Plastikfigürchen aus Überraschungseiern, deren Verzehr ihrer Figur schadet.
Auch Pilze werden gesammelt, um sie zuzubereiten und zu verspeisen: Steinpilze, Maronen, Pfifferlinge, Champignons und Grüne Knollenblätterpilze. Vom Verzehr Letzterer wird dringend abgeraten. Zwar sind alle Pilzarten essbar, manche jedoch nur einmal.
Der moderne, in asozialen Netzwerken gut vernetzte Homo digitalis sammelt mit Vorliebe Apps und Likes. Er ist stolz auf jeden Follower, der ihm folgt. Wer früher analoge Fotos sammelte, sammelt heute digitale, vorzugsweise Selfies. Denn was gäbe es schon Wichtigeres zu fotografieren als sich selbst und sein Essen! Schon die alten Meister, Dürer, Rembrandt und Co., verewigten sich in Selbstporträts und schufen Stillleben. Die Kunstsammler von heute sind es, die diese Bilder sammeln und in sicheren Safes lagern, um sie Jahre später gewinnbringend versteigern zu lassen.
Ordnung muss sein
Zur Aufbewahrung all des mühsam gesammelten Sammelguts gibt es spezielle Sammelalben, Sammelmappen, Sammeldepots und Sammellager.
Übrigens: Zitate werden von Zitatesammlern gesammelt. Das sind neben Aphorismen und Bonmots einprägsame Sätze wie der Grundsatz des französischen Philosophen René Descartes «Ich denke, also bin ich». Heute gilt für so manchen Zeitgenossen eher der Umkehrsatz: «Ich denke nicht, aber ich bin trotzdem.»
Der Wahlspruch der Sammler und Sammeltriebtäter könnte – frei nach Descartes – lauten: «Ich sammle, also bin ich.»