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Existenzphilosophie in Ägypten –ʿAbd ar-Raḥmān Badawīs (1917-2002) Versuch einer “kopernikanischen Wende
|Verantwortliche||Sevinç Yasargil, M.A.|
|Trägerschaft||Institut für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Phililogie|
|Betreuung||Prof. Dr. Anke von Kügelgen|
|Finanzierung||Schweizerischer Nationalfonds|
ʿAbd ar-Raḥmān Badawī (1917-2002), der in seinen Studienjahren halb Europa bereiste, später in Kairo, Bengasi und Teheran westliche und islamische Philosophie und Mystik lehrte und seine letzten zwanzig Lebensjahre in Paris verbrachte, hat mit seinen zahlreichen Editionen, Zusammenfassungen und Übersetzungen von Werken griechischer und moderner europäischer Philosophen, u.a. von Platon, Aristoteles, Kant, Schopenhauer, Nietzsche und Spengler, „Generationen junger Philosophen in allen arabischen Ländern geformt“. Zugleich gilt er aufgrund seiner Dissertation Die existentielle Zeit (publ. 1945) als der “arabische Existentialist” schlechthin und sein Name fehlt in kaum einem Werk zur neueren arabischen Philosophie. Badawīs Bekanntheit zum Trotz ist seine Philosophie weitgehend unerforscht.
Für das Vorhaben sind folgende (Hypo-)Thesen erkenntnisleitend: Badawīs Zugang zur Existenzphilosophie (und im weiteren Sinne auch sein akademisches Gesamtwerk) lässt sich als Bemühung um eine „kopernikanische Wende“ verstehen, die er in der modernen Philosophie und insbesondere in Heideggers existenzphilosophischen Deutung des Seins und seiner Metaphysikkritik verwirklicht sieht und im arabischen Sprachraum zu verbreiten beabsichtigt, um seine arabischen Zeitgenossen wachzurütteln. Besonderes Interesse kommt in diesem Rahmen Badawīs eigenem existenzphilosophischen Beitrag zu.
Das Vorhaben geht davon aus, dass Badawī in seiner Dissertation eine eigenständige Existenzphilosophie entwickelt, die sich zwar auf das Fundament von Heideggers Daseinsanalytik stützt, jedoch auch von weiteren Philosophen stark geprägt ist (Kierkegaard, Schopenhauer, Nietzsche, Spengler, Bergson).
Badawīs eigens betonte Nähe zu Heidegger wird in der Sekundärliteratur angezweifelt. Während diese davon ausgeht, dass Badawīs Existenzphilosophie stark vom Existentialismus Sartres überprägt ist, arbeitet das Vorhaben mit der These, dass die Nähe zu Sartre daraus resultiert, dass sowohl Badawīs Lehrer Alexandre Koyré (1892-1964) als auch Sartre in Frankreich derselben Generation von Heidegger-Rezipienten angehörten, die eine humanistische und anthropozentrische Lesart von Heideggers Existenzphilosophie vertrat. Koyré, der in den 1930er und 40er Jahren an der Kairoer Universität Philosophie lehrte, stand in regem Austausch mit seinem Schüler Badawī. Auf dessen Anregung hin beschäftigte sich Badawī etwa intensiv mit dem Verhältnis von der islamischen Mystik (Sufismus) zur Existenzphilosophie. Seine Parallelisierung des Sufismus und der Existenzphilosophie gilt es in vorliegendem Projekt im Hinblick auf seine metaphysikkritische und atheistische philosophische Grundhaltung zu untersuchen.
Ausgehend von diesen Thesen und zugleich zu ihrer Überprüfung soll die Existenzphilosophie Badawīs 1. in mehreren miteinander verschränkten Schritten (systematische Erfassung des akademischen Werkes, analytische und werkimmanente Interpretation) erarbeitet werden und 2. in den Kontext einer transnationalen Wissensgeschichte gestellt werden. Zur Darstellung der wissensgeschichtlichen Verflechtungen, die sich in Badawīs philosophischem Werk herauskristallisieren, bedient sich das Vorhaben der theoretischen Überlegungen im Bereich des Wissens- und Wissenschaftstransfers.