Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03615.jsonl.gz/1714

Biographische Angaben
Heute hauptsächlich noch als Begründer des Dadaismus und des Cabaret Voltaire in Zürich bekannt, durchlebten Hugo Ball (1886
- 1927) und Emmy Hennings (1885 - 1948), seit 1920 ein Ehepaar, ein sehr wechselreiches und von grosser Armut geprägtes Leben
entlang verschiedener Stationen in Deutschland, Italien und der Schweiz. Hier hielten sie sich u.a. als Variété-Künstler (Zürich,
Basel) und Ball 1918-1920 in der Redaktion der Freien Zeitung (Bern) über Wasser. Die Dada-Phase in den Jahren 1916/17 bildete
dabei nur eine vergleichsweise kurze Episode. Mit dem darauf folgenden Rückzug ins Tessin wandte sich das emigrierte Autorenpaar
einem mystisch-romantischen Katholizismus zu, der ihr weiteres Schaffen weitgehend prägen sollte. Der Grossteil ihres Nachlasses
stammt aus dieser Tessiner Zeit.
Umfang und Inhalt der Dokumente
Aufgrund der engen biographischen Verflechtung liegen nicht zwei getrennte Nachlässe, sondern ein Doppelnachlass vor, der
neben der Lebens- auch die Produktionsgemeinschaft widerspiegelt (Hennings und Ball teilten sich zum Beispiel über Jahre hinweg
dieselbe Schreibmaschine). Genauer handelt es sich um den Hauptnachlass von Emmy Hennings, der als Kryptonachlass die Sammlung
Hugo Ball enthält.
Nach dem frühen Tod ihres Mannes amtierte Hennings als erste Nachlassverwalterin und sorgte aufgrund von Nachbearbeitungen,
aber insbesondere durch ihre Ball-Biographien für eine einschlägige Rezeptionslenkung, die den Konvertiten Ball in den Vordergrund
stellte. Auch quantitativ dominiert der Nachlass von Hennings. Hier gibt es - neben den Typoskripten zu den (heute kaum mehr
greifbaren) Veröffentlichungen - noch zahlreiche unpublizierte Texte zu entdecken, bspw. die Teile einer "Gefängnis"-Trilogie.
Zudem finden sich auch eine Vielzahl kleinerer Prosatexte sowie Feuilleton-Beiträge und Rezensionen, die Hennings als äusserst
produktive Schriftstellerin ausweisen. Eine Besonderheit des Nachlasses stellt die einige hundert Abzüge umfassende Foto-Sammlung
dar, die zum Grossteil aus (Selbst-)Porträts der Autorin besteht und eindrücklich ihre Inszenierungsgabe vor Augen führt.
Bei Ball verhält es sich hinsichtlich der Veröffentlichung seiner Texte umgekehrt. Von dem ohnehin nur fragmentarisch vorhandenen
Nachlass ist das meiste bereits publiziert, und sein letztes Projekt über "Exorzismus und Psychoanalyse" liegt nur in Entwurfsstufen
vor. Besondere Bedeutung gewinnen deshalb die zwar ebenfalls nur unvollständige, aber mit intensiven Bearbeitungsspuren versehene
Autorenbibliothek sowie komplementär dazu die umfassende Exzerptsammlung, die Ball als veritablen "poeta doctus" ausweisen
und Einblicke in seine Schreibpraxis gewähren. In dieses Umfeld gehört auch eine Sammlung von reproduzierten Kriegsfotografien,
die Ball handschriftlich mit Bildunterschriften versah. Unter die Rubrik der "Devotionalien" ist schliesslich als Gründungsdokument
Das erste dadaistische Manifest im Original zu rechnen sowie die Totenmaske Balls, die ehedem bei Emmy Hennings im Wohnzimmer
hing. Eine mehr als 1'200 Briefe umfassende Korrespondenz sowie eine Sammlung mit Autographen zeugt von der engen Freundschaft
des Autorenpaars zu Hermann und Ninon Hesse.
Insgesamt akzentuiert der Doppelnachlass die durch den Dadaismus verdeckten Facetten ihrer Tätigkeit. Emmy Hennings kann als
Schriftstellerin entdeckt werden und nicht nur, wie oft dargestellt als Künstler-Muse und Kokotte, während Ball insbesondere
über seine theologischen Studien der 1920er Jahre begegnet werden kann.
Zum erweiterten Nachlass gehört der Nachlass von Annemarie Schütt-Hennings, der Verwalterin der Nachlässe ihrer Eltern bis
zu ihrem Tod Ende der 1980er Jahre, und die Sammlungen und Ankäufe des Robert Walser-Archivs. Diese ergänzen den Doppelnachlass
um weitere Originale und dokumentieren die Rezeptionsgeschichte bis in die Gegenwart.
Administrative Informationen
Zugang
Konsultation nur im Lesesaal SLA. Die Tagebücher Hugo Balls und weitere Einzeldokumente sind gesperrt. Für eine Einsichtnahme
sind die Erben zu kontaktieren.
Bevorzugte Zitierweise
Schweizerisches Literaturarchiv (SLA): Nachlass Emmy HenningsSchweizerisches Literaturarchiv (SLA): Nachlass Hugo Ball
Erwerbung
Der Nachlass bildet seit 1995 ein Depositum des Robert Walser-Archivs der Carl Seelig-Stiftung Zürich (heute Robert Walser-Stiftung
Bern). Gemäss der Vereinbarung zwischen der Robert Walser-Stiftung Zürich und der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 24.
April 2009 wird der Nachlass als Depositum des Robert Walser-Archivs seit Oktober 2009 im Tieflager des Schweizerischen Literaturarchivs
(SLA) der Schweizerischen Nationalbibliothek (NB) deponiert und konserviert. Diese Überführung erfolgte auf der Grundlage
einer Ermächtigungsvereinbarung zwischen den Nachlasseigentümern von Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings und der Robert Walser
Stiftung Bern/des Robert Walser Zentrums vom Dezember 2009. Die Nutzung des Nachlasses durch das Schweizerische Literaturarchiv
regelt ebenfalls die genannte Vereinbarung zwischen der Robert Walser-Stiftung Zürich und der Schweizerischen Eidgenossenschaft.
Im Jahr 2012 wurde der Nachlass vom SLA erworben.
Hinweise zur Erschliessung
Dieses Online-Inventar wurde aus HelveticArchives generiert. Es unterscheidet sich in seinem Erscheinungsbild von "normalen" Online-Inventaren hauptsächlich durch die beiden
folgende Merkmale: das Datum wird mit Punkt (statt Trennstrich) angezeigt, es gibt - strukturell bedingt - mehr „Darin“-Auflistungen
im Bemerkungsfeld. In ihrem Inhalt sind die beiden Inventarformen jedoch identisch.
Inventar aktualisiert 2014-03-13, wimm
Inventar aktualisiert 2014-06-10, bac