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Auf der Suche nach einer Antwort hat die Psychologin Stephanie Carlson die Ergebnisse des berühmten Marsmallow-Tests vergangener Jahrzehnte analysiert.
Von Ümit Yoker (Text)
Zwei Zimtsterne reichen, um eines der bekanntesten Psychologieexperimente zu Hause nachzumachen: Man lege einen davon vor dem Grosskind auf den Küchentisch. Dann erkläre man, man müsse rasch weg, etwas erledigen, zum Beispiel. Wenn das Kind mit dem Zimtstern essen warte, bis man wieder zurück sei, fügt man hinzu, gebe es übrigens zwei statt nur den einen. Dann verlasse man die Küche, lasse die Tür aber einen Spaltbreit offen: Was tut das Kind nun? Greift es hurtig nach dem Gebäck? Lenkt es sich mit einem Liedchen ab? Schleckt es an der Zuckerglasur und legt das Guetzli wieder zurück?
Der Psychologe Walter Mischel hatte für seine kleinen Probanden damals zwar Oreos, Goldfischchen und natürlich jene Marshmallows parat, die seinem Experiment schliesslich den Namen gegeben haben, unter dem es heute alle Welt kennt. Doch grundsätzlich lief der Marshmallow-Test, den der gebürtige Österreicher in den Sechzigerjahren in einer Kindertagesstätte der Universität Stanford durchführte, tatsächlich in etwa so ab. Mischel wollte so herausfinden, wie gross die Selbstkontrolle von Kindern im Vorschulalter ist. Wie gut würde ihnen das gelingen, was Psychologen unter «Belohnungsaufschub» verstehen – einer unmittelbaren Versuchung widerstehen, um längerfristig ein lohnenswerteres Ziel zu erreichen?
Bildschirm voller Belohnungen
Der Marshmallow-Test ist in den vergangenen Jahrzehnten in unzähligen Studien wiederholt und variiert worden. Was das Experiment so berühmt gemacht hat, waren nicht seine direkten Ergebnisse, sondern das, was sich erst nach einigen Jahren abzeichnete: Wer als Vierjähriger gute Strategien zur Selbstkontrolle zur Hand hat, dem scheint auch später im Leben vieles besser zu gelingen: Er bereitet sich eher auf Prüfungen vor, landet mit geringerer Wahrscheinlichkeit im Gefängnis, spart mehr, isst gesünder, hat stabilere Beziehungen.
Kein Wunder also, dass sich die amerikanische Psychologin Stephanie Carlson vor einiger Zeit gefragt hat, wie es denn eigentlich heute um die Selbstkontrolle von Kindern bestellt sei. Schliesslich verbringen sie viel mehr Zeit vor grossen und kleinen Bildschirmen als die Generationen vor ihnen, und auf Belohnungen muss man hier selten lange warten: Sternchen blinken allerorten, Herzen glitzern allenthalben, ping, schon kommt die nächste Nachricht, tadaa, wieder ein Level geschafft!
Die Professorin an der Universität Minnesota durchkämmte gemeinsam mit weiteren Forscherinnen und Forschern die Ergebnisse aus Marshmallow-Test-Studien vergangener Jahrzehnte: Wie lange zügelten sich Kinder in den Sechzigerjahren? Wie viele Minuten waren es in den Achtzigerjahren? Und nach der Jahrtausendwende?
Das Ergebnis: Das Warten fiel den Kindern früher nicht etwa leichter als späteren Generationen – sondern schwerer. Die Mädchen und Jungen, die zwischen 2002 und 2012 am Experiment teilgenommen hatten, harrten durchschnittlich ganze zwei Minuten länger aus als Gleichaltrige ein halbes Jahrhundert davor. Im Vergleich zu den Kindern aus den Achtzigerjahren betrug der Unterschied immerhin eine Minute. Anders gesagt: Was heute einem Zweieinhalbjährigen oder einem Dreijährigen gelingt, schaffte ein Kind vor ein paar Jahrzehnten erst mit mehr als vier Jahren.
Batman kann besser warten
Warum? Zum einen verlange die rasante Technologisierung nach ausgeprägteren Fähigkeiten in abstraktem und symbolischem Denken, vermuten Carlson und ihre Kollegen. Diese Formen des Denkens erleichterten aber auch den Belohnungsaufschub, denn sie schaffen psychologische Distanz: Stellt sich ein Kind vor, sein Marshmallow wäre ein Wattebäuschen, fällt ihm das Warten leichter, das haben Forscher schon in den Sechzigerjahren gemerkt. Versetzt es sich in die Rolle eines Superhelden, dienen ihm dessen Superkräfte auch dazu, süssen Versuchungen zu widerstehen.
Hinzu kommt: Das Konzept der Selbstkontrolle hat über die Jahre immer mehr Aufmerksamkeit erhalten und findet sich in Erziehungsratgebern ebenso wie in Kindersendungen wieder. Kinder besuchen heute früher und häufiger eine Vorschule, wo es sich kaum vermeiden lässt, dass man auch einmal warten muss, bis man an der Reihe ist. Dass die Preschools gerade in den Vereinigten Staaten Kinder nicht nur betreuen, sondern auch auf die Schule vorbereiten sollen, rückt die Selbstkontrolle weiter in den Fokus. Nicht zuletzt, so die Autoren, hätte sich auch der Erziehungsstil verändert: Eltern verlangten heute selten mehr blinden Gehorsam, der wenig Raum lasse, um eigene Grenzen und Fähigkeiten auszutesten, sondern versuchten, Kinder in ihrer Eigenständigkeit zu bestärken.•