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Die wundersame Wirkung der Literatur hat Bernhard Schlink, eigentlich gelernter Anwalt, schon in "Der Vorleser" meisterhaft beschrieben. Auch in seinem neuen Roman, "Die Enkelin", spielt die Literatur und damit auch das Lesen und die Bücher wieder ein wichtige, heilsame Rolle. Nicht zuletzt ist der Protagonist, Kaspar, ja auch ein Buchhändler.
Birgit und Kaspar sind seit 1961 ein glückliches Paar. Kaspar hatte Birgit auf einem Jugendaustausch damals in Ostberlin kennengelernt und sie später aus dem Osten rausgeschmuggelt. Seither waren sie unzertrennlich, d. h., bis Birgit unruhig wurde und sich selbst neu ausprobieren musste und nach Indien ging, um dort zu meditieren. Als sie zurück kam, wollte sie Bücher schreiben und versuchte sich als Autorin. Kaspar, der eine Buchhandlung führte, gab ihr stets die Stabilität, die sie brauchte, dann aber schmähte. Denn Birgit hatte ein schlechtes Gewissen. Nicht etwa weil sie Kaspar nichts von ihrem Geheimnis erzählte, sondern weil sie dieses Geheimnis selbst nicht mehr aushielt. Und so brachte sie sich um. Erst langsam mit immer mehr Alkohol, dann mit Pillen. Kaspar, inzwischen 71, findet sie tot in der gemeinsamen Wohnung. Allmählich gelingt es ihm, ihr wirkliches Leben zu rekonstruieren und er fühlt sich bald "wehmütig wie alles Gute, von dem man weiß, dass es nicht stimmt". Er versteht auch ihre Depressionen, als er ihr Manuskript findet und es liest.
Während die ersten Passagen des Romans in kurzen Kapiteln geschrieben sind, wird das Buch von Birgt in einer langen Erzählung wiedergegeben, in der man die Gedanken von ihr und ihr Verhältnis zu Kaspar kennenlernt. Worunter sie zeitlebens gelitten hat, ist nämlich die Tatsache, dass sie eine Tochter hatte von dem Freund vor Kaspar, Leo. Beides wollte sie Kaspar nie gestehen, da sie wohl ihre Liebe so rein und unschuldig wie möglich halten wollte. Sie hatten sich ja schließlich als Teenager kennengelernt und die erste Jugendliebe zu heiraten, das war damals wohl ein Traum, den man sauber halten wollte. Kaspar verurteilt Birgit nach dem Lesen ihres Manuskripts nicht. Stattdessen macht er sich auf die Suche nach der verschollenen Tochter, die Birgit nie hatte, aber immer suchen wollte. Er wird statt ihr zum Suchenden und bald fündig. Jedoch befindet sich Svenja in den Fängen der "Rechten". Aber sie hat auch eine Tochter, Sigrun. Diese Sigrun ist die Enkelin und Kaspar versucht nun sie aus ihrem Umfeld herauszulösen, indem er Björn, dem Mann von Svenja, ein unmoralisches Angebot macht. Geldgierig wie dieser ist, steigt er sogar darauf ein. Und so bleiben Kaspar und Sigrun die Oster- und Weihnachtsferien, in denen ihn die Enkelin im inzwischen wiedervereinigten Berlin besuchen darf. Sie lebt mit ihrer Familie in einer sog. national befreiten Zone in Ostdeutschland. Dort spürte Kaspar sie auch auf. Während er bei Svenja bereits aufgegeben hat, hat er bei Sigrun die Hoffnung, dass sie sich noch ändern konnte. Und dann passiert etwas Unvorhergesehenes und Kaspar darf bald die Früchte seiner Arbeit ernten.
Eigentlich ist "Die Enkelin" ein Roman im Roman im Roman. Denn es gibt einerseits die Handlung des betrogenen und verlassenen Kaspars, der es auf wundersame Weise schafft, sich trotz der herben Enttäuschungen wieder hochzurappeln. Andererseits ist es aber auch der Roman von Birgt, die durch ihr Manuskript ausführlich zu Wort kommt. Und schließlich ist es auch der Roman von Sigrun, der Enkelin. Nicht zuletzt ist "Die Enkelin" aber vor allem ein Roman über die Wunden, die die Wiedervereinigung schlug, ein Roman also auch über die DDR und die Bundesrepublik und ihrer jeweiligen BürgerInnen, die auch mehr als 30 Jahre nach dem Mauerbau nicht so richtig zusammenfinden wollen. Die Milieuschilderung des rechten Randes an der Gesellschaft ist Schlink beklemmend authentisch gelungen und Björn, der Ewiggestrige mit seinen völkischen Ansichten sicherlich ein Kandidat für einen deutschen Horrorfilm. Darüber hinaus haben mich aber vor allem die Passagen über Kaspar begeistert, der Birgits Mission trotz ihres Betrugs zu seiner eigenen macht und so zu dem Großvater wird, den wir uns wohl alle wünschen würden. Bernhard Schlink hat es also wieder mal geschafft, ein kontroversielles Buch über die Macht der Literatur zu schreiben und dieser Macht einen würdigen Status verliehen.