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Sean Baker bleibt konsistent. Schon der Titelschriftzug Red Rocket ist in der gleichen kalligraphischen Retro-Pop-Schrift gehalten wie der Titel von The Florida Project (oder seinem Tangerine von 2015).
Auch der Stil ist wieder so etwas wie «scripted reality». Dokumentarisch auf den ersten Blick, aber hoch verdichtet, detailliert geschrieben und dieses Mal auch von den ersten Einstellungen an fiktiv überhöht.
Bevor wir wissen, was wir sehen, hören wir ein tiefes Rumpeln (das sich dann als Fahrgeräusch eines Greyhound-Buses entpuppt) und sehen ein seltsames dunkles Muster. Es ist die Sitzlehne neben dem Kopf von Mikey Saber (Simon Rex), der, wie wir später erfahren, nicht wirklich Saber heisst.
Mikey Saber ist der Pornstar-Name des Protagonisten. Und hier ist das kein Facebook-Spielchen, sondern seine Lebensrealität.
Mikey hat mit seinem letzten Geld den Bus von Los Angeles zurück in seine Heimatstadt Texas City genommen und wirft sich in Pose, um bei seiner Ex Lexi (Bree Elrod) und deren Mutter an die Haustür zu klopfen. Lexi will ihn gleich wieder fortjagen, ihre Mutter ist etwa zögerlicher.
Nun beginnt für Mikey der daily hustle wieder auf Ursprungsniveau. Er muss seine Frau (die beiden wurden offenbar nie geschieden) und deren Mutter dazu bringen, ihn aufzunehmen, er muss Arbeit finden, er muss neue Zukunftspläne schmieden.
Da er in siebzehn Jahren keinen vorzeigbaren Arbeitgeber hatte, findet er auch keinen Job, obwohl etliche potenzielle Arbeitgeber durchaus begeistert sind, als er ihnen via Internet zeigt, dass er eigentlich ein Star ist. Oder war. Also beginnt er dort, wo er seinerzeit schon erfolgreich war, und verkauft Dope für die lokale Dealer-Queen.
Und er lernt im Donut-Shop die siebzehnjährige Strawberry (Susanna Son) kennen, in der er die nächste Porno-Sensation wittert: «Introducing Strawberry – newly under contract with Mikey Saber Productions» so träumt er auf der Autofahrt mit dem Loser-Nachbarn, den Lexi seinerzeit noch gebabysitted hat. Bevor Mikey sie nach LA mitnahm und die beiden ihre Porno-Karrieren starteten.
Red Rocket vermittelt wieder diesen «real feel», den die Wetter-Apps normalerweise neben die Temperaturen schreiben. Dieses Gefühl, man sehe realen Menschen zu, auch wenn deren Lebensrealität sensationell weit von der eigenen entfernt ist.
Mikey Saber ist ein realistischer Bruder von Sean Penns Flim-Flam-Man in Flag Day, allerdings zugleich unterhaltsamer und exotischer.
Red Rocket legt es nie darauf an, für eine der Figuren Sympathie zu schaffen. Gerade die Hauptfigur arbeitet dafür um so härter daran, und wir sehen von Anfang an, wie er das tut. Darum tut er einem aber auch kaum je leid, er mag sich klar besser, als wir ihn mögen. Was ihn von den gewohnten Filmfiguren dieser Gattung unterscheidet. Die bekommen meist einen subliminalen Selbsthass verpasst von den Drehbuchautoren. Sean Baker verzichtet darauf.
Noch überraschender (wenn auch daher erst recht als fiktionale Figur markiert) ist die Siebzehnjährige, von der Mikey sich (und der er) seine Zukunft verspricht. Die scheint ihm immer einen Schritt voraus zu sein, lässt sich bereitwillig auf seine Manipulationen ein und gibt mehr als einmal zu erkennen, dass sie weiss, was er (und sie) will.
Dass es Sean Baker auf dieser Ebene gelingt, die projizierte Ausbeutung als real machbaren Traum der Figuren erscheinen zu lassen, passt dazu, dass der Film in der Zeit des Wahlkampfes Hillary Clinton gegen Donald Trump spielt. Immer wieder hören wir Trump die grundlegenden Lügen verkünden, mit denen Mikey sich durch den Tag mogelt.
Wahrscheinlich ist es allerdings auch diese Parallelsetzung, welche diesen Film deutlicher fiktiv und programmatisch erscheinen lässt als The Florida Project.
Die letzte Einstellung bestätigt das, wortlos, wie ein ironischer Epilog.