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Den Zeit-Fragen-Lesern ist Professor Eberhard Hamer durch seine Analysen der wirtschaftspolitischen und finanzpolitischen nationalen und globalen Räume wohl bekannt. Als Gründer des Mittelstandsinstituts Niedersachsen in Hannover im Jahre 1975 sieht er seine Aufgabe darin, die Bedeutung des Mittelstandes für das Funktionieren einer tatsächlich freien Marktwirtschaft und eines wirklich existierenden Wettbewerbes am Markt herauszustellen. Er ist davon überzeugt, dass es ohne einen starken Mittelstand weder demokratische Verhältnisse noch einen freien marktwirtschaftlichen Wettbewerb geben kann.
Mittelstand als Motor gesellschaftlicher Entwicklungen
Dem Leser, der das gemeinsam mit Olaf Jörgens – der im übrigen auch schon bei früheren Büchern Eberhard Hamers Mitautor war – verfasste neue Buch, «Wer ist Mittelstand?»1, zur Hand nimmt, sei vorab gesagt, dass er dieses Buch wie ein Nachschlagewerk, aber ebenso wie ein Lesebuch benutzen kann. So wird der Leser mit dem Blick auf die unternehmerische Persönlichkeit durch die Geschichte geführt. Die Unternehmerpersönlichkeit wird immer als innovativ, initiativ, verantwortungsbewusst, ideen-reich sowie, bezogen auf die Gesellschaft, immer auch als gesellschaftstragend im positiven Sinne charakterisiert. Von der Antike übers Mittelalter, die Neuzeit, die Weimarer Republik bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland wird aufgezeigt, welche tragende Funktion der sich herausbildende Mittelstand in Europa und in Deutschland hatte. Von Karl dem Grossen über die Entwicklung der Marktflecken, der Freien Reichsstädte, von den Gilden und Zünften, der «Freiheit eines Christenmenschen», der Geburtsstunde der allgemeinen Schulpflicht und der Pädagogik, von Cromwell über die Freiheitsideale der Französischen Revolution, vom Übergreifen derselben nach Deutschland mit seiner 48er Revolution, von der Weimarer Republik über den Nationalsozialismus bis zur Niederschrift des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland und der Existenz zweier deutscher Staaten – Hamer sieht in der Entwicklung Deutschlands zu einer Demokratie mit einer eindeutigen Grundentscheidung zugunsten persönlicher Freiheit, Selbstverantwortung und individueller Entscheidungskompetenz nicht nur die Grundlage einer freien Gesellschaft nach Recht und Gesetz, sondern ebenso sieht er darin die grundsätzlichen Bedingungen einer freien Marktwirtschaft mit frei agierenden Personalunternehmen, die ihren Platz in einem wirklich freien Wettbewerb am Markt behaupten können und müssen.
Mittelstand, Demokratie und personale Marktwirtschaft bedingen sich
Folgendes Zitat verdeutlicht sehr klar, wie Hamer die bürgerliche Mittelschicht versteht und welchen Herausforderungen und Gefahren sie sich gegenübersieht:
«Inzwischen ist die bürgerliche Mittelschicht von kleineren und mittleren Kaufleuten oder Fabrikanten, von Landwirten und verschiedenen Dienstleistungsunternehmen (alter, selbständiger Mittelstand), von technischer Intelligenz, Verantwortungsträgern in Staats- und Privatverwaltungen sowie in Kultur, Bildung, Wirtschaft und Wissenschaft (neuer Mittelstand der angestellten Bildungsbürger) als stärkste Funktionsgruppe für die Entwicklung und Stabilität der Gesamtgesellschaft von hervorragender, tragender Bedeutung. Deshalb wird sie auch als Garant für die den dezentralen Ordnungssystemen – Demokratie und Marktwirtschaft – zugrunde liegenden Grundentscheidungen persönlicher Freiheit, Selbstverantwortung und individueller Entscheidungskompetenz als unverzichtbar angesehen. Ohne starken Mittelstand gibt es keine Demokratie und keine Marktwirtschaft.» (S. 21, Hervorhebung ew)
Mit dem letzten Satz hat dieses Buch das heutige Ringen um Demokratie und freie Marktwirtschaft thematisiert. Diese Auseinandersetzung zieht sich durch das gesamte Werk. Und sehr bald wird auch deutlich, dass Demokratie und Marktwirtschaft, die bürgerliche Gesellschaft mit ihren individuellen Grundfreiheiten eben nicht ein festes und unverrückbares Ordnungssystem darstellt, deren Bestand per se eine Ewigkeitsgarantie hätte. Es wird deutlich, dass genau darum gerungen werden muss.
Mittelstand aus soziologischer Sicht
Bevor die Autoren zu der genaueren Darlegung der gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Bedeutung des Mittelstandes kommen, beschäftigt sich Olaf Jörgens im zweiten Kapitel mit der Frage nach einer allgemein anerkannten Definition der sogenannten Mittelschicht. Dabei greift er auf die soziologischen Analysen seit dem 19. Jahrhundert zurück. Er legt die Analysen von Karl Marx, Max Weber und Theodor Geiger dar. Nach dem Zweiten Weltkrieg sieht er in Helmut Schelsky, Ralf Dahrendorf, Karl Martin Bolte und Rainer Geißler jene Vertreter des soziologischen Schichtenmodells, die er als Referenzen angibt und darstellt. Ähnlich wie im ersten Kapitel, in dem Hamer durch die Geschichte streift, von der Antike bis zur Formulierung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland, lernt der Leser die unterschiedlichen soziologischen Modellanalysen kennen, die sich bei der Definition des Mittelstandes mal nach dem Einkommen, mal nach dem Bildungsstand, mal nach der unternehmerischen Tätigkeit einer initiativen, selbstverantwortlichen, risikofreudigen und ideenreichen Persönlichkeit richtet. Dabei ist der mittelständische Unternehmer immer als Personalunternehmer seinen Angestellten, seinen Zulieferern und seinen Kunden in besonderer Weise verpflichtet.
Zusammenfassend kann man diesen Teil so wiedergeben, dass sich der gesellschaftliche Mittelstand aus dem selbständigen und dem angestellten Mittelstand zusammensetzt. So, wie der selbständige Mittelstand als selbstverantwortlicher Produzent von Waren oder Dienstleistungen am Markt auftritt, so sehen die Autoren im angestellten Mittelstand jene Personen, die Führungs- und Verantwortungsfunktionen ebenso wie ihre Entscheidungsfunktion in fremdem Namen ausführen.
Der Mittelstand in Zahlen
Im weiteren zeigen die Autoren auf, dass sich gerade der selbständige und unselbständige Mittelstand, der heute in Deutschland in der ersten Gruppe etwa 5 Millionen und in der zweiten Gruppe etwa 8 Millionen Menschen umfasst, als effektivste Leistungsträger in unserer Gesellschaft erweisen. Ihr Einsatz hat bisher zu immer grösserem allgemeinem Wohlstand geführt und sorgt auch heute noch für den grösseren Teil unseres Wirtschaftslebens. So werden zwei Drittel unseres Arbeitsmarktes von ihnen abgedeckt; sie erwirtschaften 63 % aller Steuern und bestreiten 56 % der gesamten Soziallasten. Damit alimentieren sie sowohl die Unterschicht als auch den grössten Teil der Subventionen an die Konzerne. Der Mittelstand beider Gruppen macht mit seinen Angehörigen nahezu 47 % der Gesamtbevölkerung in Deutschland aus. Das sind etwa 40 Millionen Einwohner. Ihre persönlichen Anschauungen mögen nicht identisch sein; ihr Anliegen, weiterhin als Personalunternehmen am Markt bestehen zu können, sollte sie zusammenbringen und sie dazu veranlassen, sich ihrer Stärke bewusst zu werden.
«Machtwirtschaft» gegen «personale Marktwirtschaft»
Obwohl sie die eigentlichen Träger der dezentralen Ordnungssysteme Demokratie und Marktwirtschaft sind, bleibt ihr politisches Gewicht unterrepräsentiert. Ihnen bleibt kaum Zeit, wirksame Standesvertretungen zu organisieren und zu betreiben. Die, die bereits aufgebaut wurden, werden nicht selten von Funktionären bestimmt, die dem Anliegen und den berechtigten Bedürfnissen des Mittelstandes nicht wirklich gerecht werden. Dass eine ausufernde nationale, von EU-Bürokraten erdachte Verwaltungstechnokratie mit einem Wust an Antragsbögen und Dokumentationspflichten den Personalunternehmen die Arbeitsleistung und auch ihr Leben erschweren, ist das eine. Dass dann aber noch global agierende Gross-konzerne vom Staat hofiert werden mit Begünstigungen, die einer freien Marktwirtschaft und dem fortwährend beschworenen freien Wettbewerb hohnsprechen, ist das andere. Die Leistungsträger des freien Mittelstandes werden so aufgerieben. Folgendes Zitat fasst das Anliegen der Autoren, auf das sie eindringlich hinweisen, prägnant zusammen:
«Der Kapitalfeudalismus der Obergruppe strebt eher Zentraldiktatur statt Volkswillen und Machtwirtschaft statt Marktwirtschaft an sowie Globalmonopol statt Konkurrenz von gleichwertigen Wettbewerbern.
Andererseits streben Teile der Unterschicht nach einem immer stärkeren Sozialstaat (Umverteilung) mit Versorgungsgarantie statt Eigenleistung und Leistungsertrag.
Die bürgerliche Gesellschaft ist somit kein festes, sondern ein latentes Ordnungssystem, welches immer wieder gegen die Machtansprüche der beiden Randgruppen ‹verteidigt› werden muss, wenn es nicht zerrieben werden soll.» (S. 21)
So ist es auf keinen Fall sicher, dass die persönliche Freiheit und Selbstverantwortung der Bürger generell politisch gesichert bleibt. Sie wird durch Machtansprüche des Grosskapitals (welches herrschen will) oder die Umverteilungsansprüche der Unterschicht (welche die Bestimmung über die Leistungserträge von Mittelstand und Oberschicht verlangt), aber auch durch die supranationale Machtkonzentration der Eurokratie sowie durch Weltmonopole und Weltfinanzmächte (Globalisierung) ständig bedroht (S. 22).
Für Gemeinwohl und allgemeinen Wohlstand
Professor Dr. Eberhard Hamer ist der bekannteste deutsche Mittelstandsforscher. Er gründete vor 45 Jahren das Mittelstandsinstitut Niedersachsen. Seit dieser Zeit weist er in mehr als 30 Büchern und unzähligen Artikeln unermüdlich daraufhin, dass die Wirtschaftswissenschaften sich zu sehr auf die 6 % Kapitalgesellschaften und ihre Bedingungen ausrichten und die Bedeutung des Mittelstandes nicht richtig einschätzen. Deshalb richtete Professor Hamer von je her sein Augenmerk auf die Person des Unternehmers und ihrer Personalunternehmen. Er begründete damit die «personale Marktwirtschaft». Für diese wissenschaftliche Arbeit erhielt Hamer das Bundesverdienstkreuz. Nach der Mittelstandsökonomie begründete er neuerdings auch die Mittelstandssoziologie.
Mit seiner Überzeugung, dass das mittelständische Personalunternehmen ein Unternehmen von Menschen, mit Menschen, für Menschen ist, stellt er wie kein anderer die gemeinwohlorientierte Bedeutung des Mittelstandes für alle Bereiche der Gesellschaft heraus: für Wohlstand, für Kultur, für Bildung und vor allem für den Erhalt und Ausbau demokratischer Verhältnisse.
Die Pandemie – eine Zäsur für den Mittelstand?
Dass die Corona-Pandemie eine so noch nicht dagewesene Bedrohung des Mittelstandes, ihrer Personalunternehmen und ihrer Mitarbeiter darstellt, deren Ausmass noch gar nicht abzuschätzen ist, muss an dieser Stelle nicht besonders hervorgehoben werden. Der aufmerksame Beobachter des wirtschaftspolitischen Geschehens sieht das seit langem. Es sind gerade die global agierenden Grosskonzerne, die durch die Pandemie ihre Gewinne exorbitant erhöhen konnten. Der Mittelstand ringt ums Überleben. Dass eine Pandemie grosse Teile der Träger schützenswerter gesellschaftspolitischer Verhältnisse bedroht, ist mehr als beunruhigend, bedenkt man, wofür ihre Vertreter stehen. •
1 Hamer, Eberhard; Jörgens, Olaf. Wer ist Mittelstand? Soziologie der Mittelschicht. Herausgegeben vom Mittelstandsinstitut Niedersachsen, Büsingen 2021, ISBN 978-3-00-066875-3
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