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Dies ist eine wahre Geschichte. Die in den nachfolgenden Zeilen beschriebenen Ereignisse haben sich am 9. Juli 2015 ab 00:10 genauso und nicht anders zugetragen.
Ich schlage das 46. Kapitel eines Buches mit vielen Kapiteln auf.
«I took Ruby down to the beach in the Barracuda. She was wearing jeans shorts and a peacock blue halter. Her bare feet were up on the dashboard and her thin brown hair …»
Weiter komme ich nicht. Sie spricht so laut, dass es jeder im Zug mitbekommt. In Italienisch, langsam und jedes Wort wohl akzentuiert. Wir sind in Olten am Bahnhof, es ist zehn Minuten nach Mitternacht. Für ihn, der ihr gegenüber sitzt, spielt das keine Rolle. Er versteht sie, antwortet ihr in breitem Luzernerdeutsch, etwas leiser, aber dennoch laut genug, damit auch ich jedes seiner Worte verstehe. Der Zug setzt sich in Bewegung. Ich versuche, mich wieder dem Roman in meinen Händen zu widmen. «Wo hämmer öis troffe?», fragt er sie.
Ich blicke auf. Die beiden sitzen im Abteil vor mir. Zwischen die bunt bemusterten Sitze hindurch sehe ich sein königblaues Hawaiihemd, sein gelocktes Haar. Im Fenster spiegelt sich ihr Gesicht. Sie antwortet in einem Gemisch aus Italienisch und Schriftdeutsch und immer noch so, als stünde sie auf einer Theaterbühne. Zunächst freue ich mich, die italienische Sprache zu hören. Diesen Sommer werde ich in Italien verbringen, dann werde ich diese schöne und sinnliche Sprache lernen. Ich versuche, genau hinzuhören, frage mich, was sie sagt. Das einzige Wort, das ich wirklich verstehe, ist ‚Stronzo‘. Sie sagt es wieder und wieder. Vielleicht will ich doch nicht wissen, worüber sie reden. Ich schaue ihr Spiegelbild im Fenster an. Sie dürfte etwas älter als vierzig Jahre alt sein, trägt eine schmale Brille, die die Fadheit ihrer Züge unterstreicht. Sie sieht verbraucht aus. Alt.
Der Zug schnellt durch die Nacht. Es scheint, als wären nur das laute Paar und ich im Zug. Die anderen Passagiere sind weit weg, im Reich der Träume. Kurz bevor der Zug an der nächsten Haltestelle anhält, tritt ein junger Mann mit hellbraunem Haar zum Abteil vor mir hinzu. Er lehnt sich an den leeren Sitz neben ihr. «Wo semmer?», will der Typ im Hawaiihemd wissen. «Aarbig», antwortet der junge Mann. Durch die beiden Zugsitze hindurch sehe ich, wie die Frau nach der Halskette des jungen Manns greift.
«I took Ruby down to the beach …»
Ich hatte den Faden endgültig verloren.
«Kosovo?», fragt die Frau. Der junge Mann schüttelt den Kopf und grinst.
«Woher kommst du? Was bist du?»
«Kein Albaner», antwortet er.
Der Typ im Hawaiihemd sagt: «Was wottsch du do?» Ob er die Schweiz oder das Zugabteil meint, weiss ich nicht. Die Frau winkt ab.
«Araber», sagt er. Sie nickt langsam und hält ihre tätowierte Hand an seine Wange, woraufhin der Lockenschopf im Hawaiihemd fragt: «Gfaut se der?» Der Araber schweigt, lächelt aber freundlich.
«Wie fendsch mini Frau? Gfaut se der?», fragt der andere weiter. Der junge Mann wägt ab. Dann schüttelt er den Kopf. «Z’alt.» Sie lässt ihre Hand fallen und lehnt sich in ihren Sitz zurück. Der junge Araber geht wieder zu seinem Zugabteil zurück.
Es sind wieder nur das laute Paar und ich hier. Ich lese weiter.
«I took Ruby down to the beach and …»
«Ich will eine dicke weisse Linie», ruft sie aus, auf Deutsch. Dem Lockenschopf scheint es gleich zu gehen. Er stöhnt und sagt dann: »Ech ha nor Schnopf do.»
«Zuhause habe ich alles was du willst. Wieso geht das so lange?» Er greift in eine Plastiktasche, zumindest lässt das laute Rascheln dies vermuten. Zofingen. Als der Zug wieder anfährt, stösst der junge Araber nochmals zu dem Paar hinzu. «Was wottsch du do?», fragt der Hawaiianer erneut. «Wie lang gohts no bes of Sämpach?» Der junge Mann blickt auf die digitale Anzeige mit dem Reiseverlauf und sagt: «Vierzg Minute.» Der Mann im Hawaiihemd stöhnt. Sie greift nach der Hand des Jungen. «Komm mal her, halt das so», weist sie ihn an. Was passiert, bleibt meinem Blick verborgen, ich höre nur, wie sie sich einige Sekunden darauf etwas durch die Nase zieht, merke, wie sich ein schwacher Mentholgeruch ausbreitet. Der junge Mann geht nach einem Moment wieder zu seinem Sitz zurück. Ich versuche weiterzulesen.
«I know this guy named Edgar who lives down on Venice. He’s married, you know, but he’s kinda crazy about me», she said. «Well maybe not about me, but people like me, and I don’t think he’s weird»…
Als ich das nächste Mal aufschaue sehe ich nur, wie sich der Mann im Hawaiihemd zu ihr hinüberlehnt, sie halten sich eng umschlungen. Ich meine zu hören, wie eine Gürtelschnalle geöffnet wird. Sie stösst ihn aber sogleich zurück und ruft aus: «Palermo, nicht!»
Der Zug hält an. Reiden. Der junge Araber und ein andere junger Mann steigen aus. Als sie zuerst an ihrem Fenster und dann an meinem vorbei schreiten, schauen sie herein. Er renkt nur den Daumen nach oben, grinst mir hämisch zu. Ich lächle müde und schüttle den Kopf. Der Zug fährt erneut an. Es ist nun still, ich höre nur, wie sich das Paar im Abteil vor mir küsst, alles andere geht in den Geräuschen des fahrendes Zuges unter. Sie lehnt sich nach vorne, und senkt ihren Kopf zu seinem Schoss. Ich versuche ein nächstes Mal, mich auf mein Buch zu konzentrieren. Vor etwas mehr als einer Stunde hatte ich bemerkt, dass mein Handy umgehend den Geist aufgeben würde. «Schön doof», meinte meine Begleitung in Anbetracht der langen Zugfahrt, die mir vorsteht. Ich zuckte mit den Schultern und sagte nur: «Ich habe ja ein Buch. Ein gutes dazu.» Es spielte keine Rolle mehr. Für Unterhaltung war bereits gesorgt.
Der Zug hält an. Dagmersellen. Niemand steigt aus. Leise tropft der Regen an die Zugfenster, vom Sitzabteil vor mir nehme ich nur ein ganz leises schmatzendes Geräusch wahr. Ihr Kopf ist immer noch zwischen seinen Beinen. Er beginnt auf Italienisch zu reden. Ich verstehe immer noch nichts. Dem Tonfall nach scheint er über irgendwen zu lästern. Sie lacht, laut und manisch, und verstummt dann wieder. Der Zug fährt an. Ich klappe mein Buch zu und schaue aus dem Fenster. In der Ferne sehe ich wie mehrere Blitze niedergehen. Das Paar ist nun ganz nah beieinander, wieder eng umschlungen. Schon vorbei? Vielleicht habe ich mir das auch alles nur eingebildet, so unwirklich schien das Gebotene.
Nebikon. Auch hier bleiben alle sitzen. Wieder ihr manisches Lachen. Sie lehnt sich in ihrem Sitz zurück und lächelt verschmitzt. Wauwil. Ich bin der einzige, der aus dem Zug tritt. In der Ferne Donnergrollen, warme Regentropfen auf meiner Haut. Noch 12 Minuten bis nach Sempach. Bis dahin wäre der italienischen Sprache ihre Schönheit wohl gänzlich abhanden gekommen. Vielleicht werde ich sie in Italien wiederfinden. Vielleicht denke ich dann wieder von der schönsten Sprache der Welt.