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Vom Onkel
Rebecca Gislers Debütroman "Vom Onkel" erzählt - wie es der Titel verspricht - vom Onkel. Dieser lebt mit seiner Nichte und seinem Neffen in seinem Elternhaus an der bretonischen Küste, zurückgezogen, fährt höchstens mal mit dem Roller zum Supermarkt.
Ein sich entziehender Onkel im Fokus
Namenlose Ich-Erzählerin des Romans ist die Nichte vom Onkel, der wiederum der jüngere Bruder ihrer Mutter ist. Er lebte mit seinen Eltern zunächst in der Nähe von Paris und dann im kleinen weissen Haus an der rauen Atlantikküste Frankreichs, bis die Eltern starben und mehr oder weniger unabsichtlich Nichte und Neffe ins Haus des Onkels einzogen. Autorin Rebecca Gisler nennt es "unvorhergesehene Wohngemeinschaft".
Die Handlung des 150-seitigen Buchs ist überschaubar und etwas schwer nachzuerzählen. Die Ich-Erzählerin mäandert durch das Leben des skurrilen Onkels, der sich immer mehr in seinem Zimmer zurückzieht, erzählt hier von ihrer Mutter, der Schwester des Onkels, die Frankreich verliess und in der Schweiz ihre zwei Kinder bekam, erzählt dort vom Militärdienst des Onkels - als Grenadier! - und da vom Übersetzen von Futtermittelbeschreibungen, den sie selbst und ihr Bruder in der bretonischen Abgeschiedenheit ausüben. Irgendwann finden die Geschwister heraus, dass der Onkel ein Messi ist und der Boden seines Zimmers von einer 20-jährigen Schmutzschicht bedeckt ist.
Lange und doch gut lesbare Sätze
Das Besondere am Roman ist die Sprache der Schweizer Autorin Rebecca Gisler, die auf Deutsch und Französisch schreibt. "Vom Onkel" entstand zuerst auf Französisch, was auch satztechnisch auf die deutsche Version abgefärbt hat. Es sind lange, verschachtelte Sätze, die durch die Seiten tragen. Spannenderweise sind sie überhaupt nicht schwer zu lesen, man verliert sich selten darin. Oft sind es auch nur kurze Hauptsätze, die aber mit Kommata aneinandergereiht sind. Das ergibt eine besondere Sprachmelodie, einen Rhythmus und einen Sog, der einen direkt ins Buch hineinzieht. Zumindest zu Beginn.
Leider konnte mich die Sprache aber nicht durch das gesamte Buch tragen. Sie nutzt sich in ihrer lakonisch, unaufgeregt dahinrauschenden Art - sanftem Wellengang am Wattenmeer gleich - etwas ab und liess mich ab und zu abdriften, um für ein paar witzige Schaumkronen wieder aufzutauchen. Etwa wenn die Ich-Erzählerin die Trümpfe der Schweiz beschreibt:
"...die Schweiz barg in ihrer angenehmen, milchigen Brust die besten Zahnärzte und die besten Ingenieure, die besten Piloten und die besten Physiker, die besten plastischen Chirurgen und die besten Skifahrer, die Schweiz hatte im Jahr 2014 den niedrigsten Prozentsatz an Zahnfleischentzündungen, und das weltweit..." (S. 100)
Das Skurrile, teils Abstossende des Onkels und auch der bei ihm lebenden Geschwister, das einfache, abgeschiedene Leben, der Gesellschaft etwas entrückt, aber zumindest im Fall des Bruders mit der Sehnsucht, ins pralle Leben zurückzukehren, den Blick für absurde Details und die leisen zwischenmenschlichen Schwingungen mochte ich gerne. Leider habe ich mich in der Uferlosigkeit der Schilderungen dann aber doch etwas verloren.
Rebecca Gisler wurde für ihren Roman mit dem Schweizer Literaturpreis 2022 ausgezeichnet. Grund genug, es vielleicht trotz meiner durchzogenen Bilanz einmal mit dem Buch zu versuchen. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich es auch nochmals mit Rebecca Gisler probiere, sei es mit einer kürzeren Erzählung oder mit ihrem zweiten Roman. Wer eine begeisterte Rezension und ein interessantes Interview mit der Autorin lesen möchte, wird bei Gallus Frei-Tomic fündig.
Fazit
"Vom Onkel" von Rebecca Gisler ist ein Roman für Sprachverliebte, die damit leben können, scheinbar ohne Kompass durchs Wattenmeer eines Textes zu stapfen. Sprachlich ein erfrischendes, nicht zu anspruchsvolles, aber auch nicht anspruchsloses Debüt, das Hoffnung auf mehr macht!
Die Fakten
Rebecca Gisler
Atlantis Verlag
144 Seiten
Erschienen am 10.03.2022
Hardcover
ISBN: 978-3-7152-5003-8
PS: Herzlichen Dank an den Atlantis Verlag (Kampa) für das Rezensionsexemplar.
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