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Er sass allein an der Bar. Vor ihm stand ein Bier, in den Händen hielt er ein winziges Buch. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen.
Ich stand im Windfang, hinter mir war die Tür leise ins Schloss gefallen. Niemand ging in dieses Restaurant, um ein Buch zu lesen. Niemand ausser mir. Er passte nicht hierher. Ebenso wenig wie ich selbst.
In der Trattoria trafen sich Menschen, mit denen ich nicht das Geringste zu tun hatte. Lokalpolitiker pflegten ihre Seilschaften, Immobilienhändler wickelten hier ihre Geschäfte ab, Männer mit teuren Uhren und glänzenden Schuhen sprachen grossspurig mit anderen Männern ihres Schlags, flankiert von herausgeputzten jungen Frauen. Manchmal kamen diese Frauen bereits im Schlepptau der Männer, manchmal mit dem Taxi.
Die Trattoria war zu jener Zeit das einzige Restaurant in der Nähe meiner Wohnung. Keiner behelligte mich, wenn ich schreibend oder lesend an der Bar sass. Eine fünfundzwanzigjährige Studentin der Kulturwissenschaften in kaputten Jeans und Turnschuhen war keine begehrenswerte Beute für die Art Mann, die hier verkehrte.
Und dann gab es noch A. Der junge Sizilianer mit dem unergründlichen Lächeln, der dort als Kellner arbeitete, hatte gleich bei unserer ersten Begegnung etwas in mir berührt. Er war schlank, gross und schön und schien das Treiben in der Trattoria mit der gleichen Distanz zu betrachten wie ich. Er sprach nur wenig Deutsch. Um das zu ändern, traf ich ihn hin und wieder in seiner Wohnung, die keine Hundert Meter entfernt von meiner lag. Besonders ehrgeizig war er nicht.
Am liebsten hatte er es, wenn wir auf seinem Bett sassen und ich ihm vorlas. Dann hörte er eine Weile zu, murmelte manchmal ein Wort vor sich hin und schien sich ganz in seine Bedeutung und seinen Klang zu vertiefen. Früher oder später jedoch nahm er mir das Buch aus den Händen, beugte sich über mich und begann, mich auszuziehen. Er tat es wortlos und mit grösster Selbstverständlichkeit, und ich sah keinen Grund, ihn abzuwehren.
Unser Verhältnis blieb ohne Definition. Trafen wir uns zufällig auf der Strasse, nickte ich ihm beiläufig zu, er sagte mit einem verlegenen Lächeln «Ciao» und ging weiter. Ich rief ihn nie an, und ich versprach ihm nichts. Er war es, der um die Treffen bat. Manchmal gewährte ich ihm eines, manchmal nicht. Ich war es gewohnt, zu gewähren.
Dostojewski genügt
Ich machte einen Schritt in die Trattoria hinein, öffnete die Knöpfe meines Mantels, wickelte mir langsam den Wollschal vom Hals und sah dabei zu dem Fremden hinüber, der meinen Platz besetzte. Dunkelblonde Locken, ganz in Schwarz gekleidet, die Beine übereinandergeschlagen, den Kopf über sein Buch gesenkt. Ruhig und dennoch raumgreifend.
A. winkte und wies auf den freien Barhocker neben dem Lesenden. So unauffällig wie möglich setzte ich mich. Nachdem A. meinen Mantel zur Garderobe gebracht hatte, stellte er mir wortlos zwei Gläser hin. Eines füllte er zur Hälfte mit Rotwein, das andere mit Wasser. Auch einen Aschenbecher bekam ich und ein neues Päckchen Zündhölzer. Ich dankte ihm, holte mein Buch aus der Tasche und legte es auf den Tresen. Erst jetzt sah der Fremde auf. Sein Blick streifte das Buch, dann schaute er mir in die Augen.
«Sehr gut», sagte er. «Im Grunde genügt es völlig, Dostojewski zu lesen. Man findet alles in seinen Büchern.»
Er nahm eine Zigarette aus einer Schachtel, bot auch mir eine an, zog ein Feuerzeug aus seiner Hosentasche und stellte sich vor. J.M. – ein nordischer Name mit vielen Silben.
Der Klang seiner Stimme gefiel mir. Und was er gesagt hatte, machte mich neugierig.
Ich zog an der Zigarette, warf einen Blick auf sein Miniaturbuch und fragte: «Und warum halten Sie sich nicht daran?»
«Sehe ich so alt aus, dass du mich siezen musst?» Er schmunzelte. «Warte… Vielleicht sollte ich dich auch siezen. Also… wie war Ihre Frage noch gleich?»
«Warum halten Sie sich nicht daran, ausschliesslich Dostojewski zu lesen?»
«Weil ich meine These bei der Lektüre anderer Werke immer wieder bestätigt sehe. Und ich liebe es, recht zu haben.»
Ich nickte lächelnd, und dann rauchten wir und schwiegen eine Weile.
Ich griff nach seinem Büchlein: Rilke. Briefe an einen jungen Dichter.
Er nahm es mir gleich wieder aus den Händen und schlug es an einer Stelle auf, wo nahezu jedes Wort unterstrichen war. «Das hier lohnt sich. Ich gebe es zu», und dann begann er, mir vorzulesen.
Während ich zuhörte, beobachtete mich A. Sein Gesicht zeigte keine Regung, der Blick war ausdruckslos. Keine Enttäuschung, kein Ärger, nur stummes, scheinbar gleichgültiges Wissen.
J.M. las unterdessen weiter. Es ging um Liebe, Einsamkeit, Kunst. Er gab sich keinerlei Mühe, diskret zu sein. Die Stellen, die ihm wichtig schienen, deklamierte er so laut, dass einige Gäste sich zu uns umdrehten.
«Sind Sie Schauspieler?» fragte ich. Statt einer Antwort schnitt er eine Grimasse, räusperte sich übertrieben laut und las dort weiter, wo ich ihn unterbrochen hatte.
A. polierte Gläser und fixierte mich erneut mit diesem seltsam leeren und gleichzeitig tiefen Blick. Ich fühlte mich unbehaglich und trank meinen Wein zu schnell. Sofort griff A. nach der Flasche, um mein Glas wieder zu füllen. Lächelte er oder bildete ich mir die winzige Bewegung nur ein? Sein sparsames Mienenspiel fesselte mich.
Einfach nur «Ciao»
J.M. schien es bemerkt zu haben. Er hörte auf zu lesen, zog einen Stift aus seiner Tasche, bat A. um ein paar Blätter seines Kellnerblocks und zeichnete zwei Skizzen. Ein Stadthaus mit einem Restaurant im Erdgeschoss, zwei Menschen an der Bar. Eine Treppe hinauf zu den oberen Etagen, ein Zimmer im zweiten Geschoss mit einem Tisch und zwei Stühlen, auf dem Tisch eine Flasche und zwei leere Gläser.
Er schob den Zettel wortlos zu mir rüber und begann die nächste Zeichnung. Wieder das Haus und das Restaurant im Erdgeschoss, doch diesmal ohne Gäste. Nur ein einsamer Strichmännchen-Kellner hinter der Bar. Oben jedoch, in der Wohnung im zweiten Geschoss, ein Mann und eine Frau. Und die Gläser auf dem Tisch waren gefüllt. Auch diese Zeichnung schob er mir zu.
J.M. verlangte die Rechnung für uns beide, aber A. kassierte lediglich sein Bier. Sie blickten sich kurz an. Ich tat, als bemerkte ich es nicht.
J.M. gab zu viel Trinkgeld, packte die Zigaretten, sein Buch und den Stift in seine Tasche, tat das alles sehr langsam und stand schliesslich auf.
Ich faltete die Zettel zusammen, steckte sie in meine Tasche und stand ebenfalls auf. J.M. half mir in den Mantel und legte mir den Schal um den Hals.
Zum Abschied grüsste ich A. mit einer flüchtigen Handbewegung.
J.M. und ich verliessen die Trattoria wie ein altes Paar, das einer seiner Routinen folgt.
In der kommenden Zeit ignorierte ich die Nachrichten, die A. mir gelegentlich schickte und in denen er meistens um ein Treffen bat. Schon bald kamen sie seltener. Manchmal schrieb er einfach nur «Ciao…». Sah ich ihn in unserem Viertel, wechselte ich rechtzeitig die Strassenseite. Die Trattoria besuchte ich nicht mehr.
Als ich J.M. zum ersten Mal auf der Bühne erlebte, löschte er noch den letzten Gedanken an A. vollständig aus. Er glänzte in dem Stück, und ein kleines bisschen seines Glanzes sprang auf mich über.
Bald stellte ich fest, nicht die einzige zu sein, die seinem Zauber verfiel. Ich schrieb ihm Gedichte und Geschichten, und niemand bewahrte mich davor, sie ihm zu übergeben. J.M. rief mich nie an, und er versprach mir nichts. Ich war es, die um die Treffen bat.
Eines Tages antwortete er nicht auf meine Nachricht. Und in den folgenden Wochen schrieb ich manchmal nur ein «Hallo…?». Und einmal, als ich ihn von weitem auf der Strasse sah, wechselte er rasch die Seite.
Daniela Krien (*1975) ist eine deutsche Autorin und Schriftstellerin, ihr Roman «Irgendwann werden wir uns alles erzählen» wurde in 14 Sprachen übersetzt. 2019 ist von ihr «Die Liebe im Ernstfall» bei Diogenes erschienen. Daniela Krien lebt in Leipzig.