Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03129.jsonl.gz/351

Das Wohl der Schwachen ist Stärke
Am 1. August wird wieder die Schweiz mit Fahnen, patriotischen Reden, Lampionen und Feuern, vielleicht auch Feuerwerk gefeiert. Es ist gut, sich dabei die Schweizer Verfassung zu vergegenwärtigen. Dort heisst es in der Präambel: «...und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen». Oder Artikel 12, Recht auf Hilfe in Notlagen: «Wer in Not gerät und nicht in der Lage ist, für sich zu sorgen, hat Anspruch auf Hilfe und Betreuung und auf die Mittel, die für ein menschenwürdiges Dasein unerlässlich sind».
Die Definition von menschenwürdig ist in der Schweiz in den letzten Jahren ins Rutschen geraten. Die IV und die Sozialhilfe stehen massiv unter Druck. Das Recht auf menschenwürdige Hilfe wird immer mehr in Frage gestellt.
Gut zwei Monate nach dem 1. August wird das Schweizer Parlament neu gewählt. Darum ist es gut, sich gerade am Nationalfeiertag Gedanken zu machen: Welche Parteien, welche Parlamentarierinnen und Parlamentarier wollen wir wählen? Dies durchaus mit dem Blick auf die Werte der Vinzenzkonferenzen.
Gegen Ausbeutung
1833 gründete Frédéric Ozanam mit anderen Studenten bei Paris die erste Vinzenzgemeinschaft. Anlass war die grosse Armut der Arbeiter und Arbeiterinnen in der Stadt. Ozanam wies entschieden auf die Verantwortung der Christen und Christinnen für die Schwachen dieser Welt hin.
So interpretierte er die Nächstenliebe angesichts dieser Situation auch auf sozialer und politischer Ebene: «Die Frage, die die Menschen in unserer Zeit teilt», sagte er, «ist keine Frage der politischen Formen, sondern eine soziale Frage: Es geht darum, ob der Geist des Egoismus oder der Geist der Aufopferung den Sieg davontragen wird, ob die Gesellschaft nur eine riesige Ausbeutung zugunsten der Stärksten oder die Aufopferung eines jeden im Dienste von allen sein wird».
Das passt sehr gut, zu der Einleitung der Schweizer Verfassung, dass die Stärke des Volkes sich am Wohl der Schwachen misst. Schauen Sie vor der Wahl, welche Werte jemand vertritt, der Sie im Parlament vertreten will. Ist ihr oder ihm der Einsatz für die Schwachen wichtig – oder nur die Steuerminimierung bei hohen Einkommen und die Kürzungen im sozialen Bereich? Wie steht es mit der Menschenwürde der Schwachen- und der Stärke des Volkes?
St. Gallen, Ende Juli 2019 von Christiane Faschon