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Medea ist eine der rätselhaften Frauenfiguren der griechischen Mythologie. Für uns Heutige ist sie als die die eigenen Kinder tötende Mutter die unbegreiflichste.
Über 200 verschiedene Fassungen des Medea-Stoffes aus der Literatur- und Musikgeschichte sind bekannt und dokumentiert. Das Fortleben antiker Gestalten verschiebt sich zwar von Epoche zu Epoche, doch Mythen haben es in und an sich, dass ihre untergründige Wirksamkeit sich durch exemplarische historische Verkörperungen zwar verwandelt, aber nicht erledigt.
So ist Medea in der frühen Phase eine Figur, die zum Sagenkreis der Argonauten zählt, neben Jason und einigen anderen, die mit dem Raub des Goldenen Vlieses aus Kolchis zu tun haben. Was immer mit diesem Raub gemeint sein mag, es war die Geschichte, wie die zivilisierten Griechen es fertigbringen, den «Barbaren» am Schwarzen Meer ihren Goldschatz zu entwenden.
Dramatische Zuspitzung
Als Euripides 431 v. Chr. den Stoff aufgriff und in seiner Tragödie «Medeia» gestaltete, machte er aus einer mythischen Gestalt, halb Zauberin, halb Hexe, eine zwischen Himmel und Hölle schwebende Giftmischerin und Furie, aber in erster Linie eine tief verletzte und enttäuschte Frau. Medea musste sich von ihrem Geliebten Jason, der ihr im Grunde alles verdankte, verraten und verstossen fühlen. Kaum in Korinth mit der faszinierenden Magierin aus dem Osten angekommen, wollte dieser von ihr und den gemeinsamen zwei Knaben nichts mehr wissen. Jason verliebte sich gottsträflich in die Tochter des dort herrschenden Kreon. Es war diese neue Liaison, für Jason verbunden mit der Aussicht, nach der Heirat auch die Herrscherkrone in Korinth für sich zu gewinnen, die Medea den Verstand raubte.
Medea ist auf einmal nur noch die Fremde, die abgeschoben werden muss. So wächst verständlicherweise in ihr ein Racheplan heran. Er sucht nicht nur den Tod der neuen Konkurrentin und Braut, sondern auch – und dies ist heute schwer zu verstehen – den Tod der eigenen Kinder. Offenbar war Euripides der erste, der die Wut und die Verzweiflung einer betrogenen und verstossenen Mutter so zu steigern wusste, dass er sie Hand an die eigenen Kinder anlegen liess. Um so den Betrug und Verrat ihres Geliebten und Erzeugers der eigenen Kinder unvorstellbar grausam zu rächen. Verzweiflung pur!
Für die folgenden Jahrhunderte spielte vor allem die lateinische Fassung des Medea-Dramas durch Seneca (ca. 50 n. Chr.) die wirkungsgeschichtlich entscheidende Rolle. Es gibt erhebliche Unterschiede zwischen der antiken griechischen und der klassisch lateinischen Medea. Wichtige Varianten der Neuzeit – um nur drei zu nennen – kommen hinzu: die französische von Pierre Corneille (1635), die deutschsprachige von Franz Grillparzer (1821), die moderne von Jean Anouilh (1948). Medeas Raserei gegen ihr eigenes Glück kennt also Varianten, die bis zum modernen Existenzialismus reichen.
Es ist nicht überraschend, dass die Figuren eines ungetreuen Jason und einer sich an ihm rächenden Medea auch das Musiktheater beschäftigen mussten. So gibt es bald nach Claudio Monteverdi schon 1649 einen «Giasone» von Pier Francesco Cavalli. Von der grossartigen «Médée» von Marc Antoine Charpentier (1693) war in einer früheren «Arie des Monats» bereits die Rede. In der Beethoven-Zeit machte Giovanni Simone Mayr mit seiner «Medea in Corinto» (1813) von sich reden. Doch als die bis heute bekannteste Medea der Operngeschichte dürfte die von Luigi Cherubini gelten, die am 23. März 1797 im Théâtre Feydeau in Paris in französischer Sprache ihre Uraufführung hatte.
Cherubinis Pech
Alles begann denkbar schlecht. Das Werk nach einem Libretto von François-Benoît Hoffmann – eine verschlankte Version von Euripides – hatte Cherubini für eine Produktion an der grossen Pariser Oper vorgeschlagen, doch es wurde dort abgelehnt. Er fand hingegen Gehör an der Opéra Comique, was aber bedeutete, dass die auskomponierten Arien und Ensembles kombiniert wurden mit gesprochenen Dialogen, in denen sich Komik, Witze und aktuelle modische Pointen von Aufführung zu Aufführung trefflich einflechten liessen. – Wenn es je eine tragische Oper gibt, in welcher sich aber auch nicht die geringste Spur von Komik aufspüren lässt, ist es die Geschichte um das tragische Schicksal der Medea.
So verschwand die Originalfassung bald einmal von den Pariser Bühnen und fand ein etwas verkrüppeltes Dasein in deutschen und später in italienischen Varianten. 1855 – 13 Jahre nach Cherubinis Tod – komponierte der Wagnerianer Franz Paul Lachner die gesprochenen Dialoge zu Rezitativen um. An diese vom Original weit entfernte Fassung hielt man sich in Europa vornehmlich. Denn dass man es hier mit der Musik eines erstklassigen Komponisten zu tun hatte, merkten eigentlich alle, die Sinn für Drama auf der Opernbühne hatten.
1909 kam eine ins Italienische übertragene Fassung mit den Lachner-Rezitativen zum ersten Mal in der Mailänder-Scala zur Aufführung. Selten hat ein Meisterwerk der Opernkunst ein verkannteres Dasein in Schwund- und Verfallsformen der merkwürdigsten Arten überlebt als die ursprüngliche «Médée» von Cherubini. Sie war bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts nur noch als «Medea» in der italienischen Fassung bekannt.
Cherubinis Glück
Der Weckruf erfolgte im Jahr 1953, als eine sängerische und darstellerische Ausnahme-Erscheinung wie Maria Callas der Welt vormachte, was für ein existentiell-dramatisches Verstörungspotential hinter dieser antiken Frauen- und Muttergestalt verborgen lag. Als sie beim «Maggio musicale fiorentino» im Mai 1953 zum ersten Mal die Gestalt der Medea verkörperte, entdeckte die Musikwelt Cherubinis Medea geradezu neu. Maria Callas wurde zwischen 1953 und 1962 weltweit zur «Cherubini-Medea-assoluta». Aus diesen Jahren sind 31 Aufführungen von ihr in dieser Rolle dokumentiert. Neben ihrer «Norma» aus Bellinis Oper gehört ihre «Medea» zu den geradezu vergleichslosen Lebensleistungen, die die Musikwelt heute mit dem Namen von Maria Callas verbindet. Ihren Abschied gab die Callas-Medea allerdings nicht als Sängerin, sondern 1969 als Schauspielerin in Pasolinis legendärer Verfilmung des Stoffes. Auch dies eine Variante, die ihren Medea-Ruhm vergrössert hat.
Die Abschiedsszene der Cherubini-Medea im dritten Akt der Oper könnte man als das operistische Paradestück fraulicher und zumal mütterlicher Verzweiflung ansehen. Was hat jetzt überhaupt noch Bedeutung? Ich, mein verlorener Mann, unsere Kinder? Sie schwankt in ihren Überlegungen hin und her. Soll sie fliehen? Die Kinder in der Hand eines Verräters lassen? Und was erwartet diese, wenn sie nicht mehr da ist? Sie ruft die rachedürstenden Erinnyen um Beistand.
Die Szene schaukelt sich auf mit dem Chor, der entdeckt hat, dass Medeas Konkurrentin – hier heisst sie Glauce – im vergifteten Kleid gestorben ist. Wir hören ihre Dienerin Neris, die sich um das Leben der Knaben Sorgen macht. Dabei ist auch Jason, der nur noch feststellen kann: «Giusti dei! O terror!». Medea stürmt in den Tempel, ermordet ihre Kinder, erscheint mit blutigem Dolch am Tempeltor und verkündet im Feuerbrand des Tempels den Anwesenden: Sie fahre jetzt zum Fluss der Unterwelt, wo sie als Schatten ihren ungetreuen Jason erwarten werde.
Wir hören hier den Mitschnitt dieser Schlussszene des dritten Aktes aus dem Teatro alla Scala mit Maria Callas als Medea und mit dem Scala-Ensemble unter der Leitung von Leonard Bernstein. Die hier ausgesuchte Variante, wie sie akustisch am 10. Dezember 1953 aufgezeichnet wurde, gehört zu den wildesten, die überliefert sind. Doch ist es diejenige, die der Medea-Figur wohl am besten gerecht wird.
Will man nicht die italienische Medea, sondern Cherubinis Ursprungsfassung hören, mit gesprochenen Dialogen und in französischer Sprache, so gibt es auf DVD eine von klugem modernem Regietheater geprägte Produktion aus dem Theater La Monnaie in Brüssel aus dem Jahr 2011 in der Regie von Krzysztof Warlikowsky und unter der musikalischen Leitung von Christophe Rousset. Die gestalterisch sehr wandlungsfähige moderne Medea wird dort von der deutschen Sängerin Nadja Michael verkörpert. Eindrücklich ist diese Original-Fassung der Cherubini-Medea für alle, die die Frage plagt, wie und warum eine Mutter je im Leben bereit sein kann, ihre eigenen Kinder zu töten. Menschliche Vernunft wird dafür nie eine Antwort finden.