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«Es war im Juni des Jahres 1976. Es war der Beginn der grossen Ferien meines dreizehnten Sommers. Es war das Jahr der Dürre.»
Mit diesem Satz beginnt der Roman von Roland Buti in der deutschen Übersetzung. Der dreizehnjährige Erzähler ist Gus, dessen Welt auf dem grossen Bauernhof im Verlauf dieses brandheissen Sommers Stück für Stück auseinanderbricht und sich schliesslich neu ordnet.
Die Freundin der Mutter
Der Film trägt den französischen Originaltitel des Buches: «Le milieu de l’horizon». Er beginnt damit, dass Gus auf seinem Fahrrad auf der Landstrasse durch die Sommerhitze strampelt. Im Dorfladen klaut er ein Heftchen mit Fotos nackter Frauen und schiebt es sich unters Hemd.
Die Fotos werden ihn noch weiter beschäftigen im freundschaftlichen Umgang mit der Nachbarstochter, vor allem aber, als eine alte Freundin der Mutter auftaucht.Die fröhliche Cécile lässt Gus' Mutter aufblühen, und bald beobachtet Gus mit grosser Konsternation durchs Gestrüpp, wie sich die zwei Frauen küssen. Auch Gus' Vater entgeht nicht, dass seine Frau hier gerade ein neues Leben beginnt.
Familien- und Naturkatastrophen
Zur familiären Disruption, die alles in Frage stellt, kommt die grosse Naturkatastrophe. Zuerst kommen die tausenden von Hühnern in den grossen Mastpavillons fast um in der Hitze, bis Gus' Vater in der Verzweiflung die Dachplanen zerschneidet, um den Tieren etwas Luft zu verschaffen.
Und dann kommt plötzlich der grosse Regen, dem schliesslich der Knecht zum Opfer fällt, beim Versuch, die Hühner vor dem Ertrinken zu retten.
«Le milieu de l’horizon» online sehen
Der Film kann für 10 Franken über www.outside-thebox.ch, Link öffnet in einem neuen Fenster gestreamt werden. Die Hälfte der Einnahmen kommt den geschlossenen Kinos zum Gute.
«Le milieu de l’horizon» ist eine radikal alltägliche Coming-of-age-Geschichte, die auf einem grossen Bauernhof spielt und das Ende der Kindheit von Gus zusammenbringt mit dem Ende der traditionellen Landwirtschaft, der patriarchalen Geschlechterrollen.
Zeitenweise, unter der sengenden Sonne dieses Sommers, sogar mit dem beinahe apokalyptischen Ende der Welt, das der Klimawandel bringen könnte. Auch wenn das 1976 noch kaum jemand so gesehen hat.
Den Roman zu eigen gemacht
Mit grossartigen, meist dem titelgebenden Horizont verpflichteten Panoramabildern, abwechselnd mit ruhig und schneidend inszenierten Begegnungen, Streitereien, Hoffnungen und Alltägllichkeiten folgt Regisseurin Delphine Lehericey den grossen Zügen des Romans und macht sich die Geschichte dabei zu eigen.
Es ist nicht nur das Weltbild von Gus und seinen Eltern, das sich in diesem Katastrophensommer verändert. In dem, was passiert, spiegelt sich die Veränderung unserer Welt, unsere Träume und unsere Alpträume.
Gus wird erwachsen am Ende dieses Sommers. Und wir im Kino erinnern uns daran, dass auch wir nicht immer gleich gefühlt, gelebt und gehofft haben. Das macht «Le milieu de l'horizon» zu einem starken, aufrührenden, seltsam persönlichen Film.