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Kein Talent wird verschwendet, der attraktivste Job geht an die Person mit dem meisten Talent, an jene, die am härtesten arbeitet. So ungefähr lautet das Versprechen der Meritokratie. In demokratischen Gesellschaften wird erwartet, dass das Schulsystem die Leute selektioniert und aufgrund ihrer Leistungen und ihres Könnens auf dem Arbeitsmarkt verteilt. Die Einhaltung des meritokratischen Prinzips ist – zumindest in der Theorie – grundlegend für das Funktionieren moderner Gesellschaften; es garantiert, dass jeder und jede einzelne sich im fairen Wettbewerb seine gesellschaftliche Stellung erarbeiten kann, und zwar unabhängig von den geburtsbestimmten Faktoren wie familiärem Vermögen, Geschlecht und Nationalität.
Um herauszufinden, ob diese meritokratischen Erwartungen erfüllt werden, bietet sich das Studium der intergenerationellen sozialen Mobilität an. Doch: was heisst das? Indem man die gesellschaftliche Stellung einer Person mit jener ihrer Eltern vergleicht, wird das Ausmass ersichtlich, in dem der soziale Hintergrund die individuelle Schul- und Berufslaufbahn beeinflusst. Bis vor kurzem wurde dieses Forschungsfeld in der Schweiz nur wenig beackert. Dafür verantwortlich ist nebst Datenmangel der weitverbreitete Glaube an die hier herrschende Chancengleichheit. Immer wieder illustrieren medial gepushte «Erfolgsgeschichten», dass alle es schaffen können, gesellschaftlich voranzukommen. Bekanntestes Beispiel dieses Narrativs ist Ueli Maurer, Bauernsohn und Bundesrat. Doch wie realistisch sind solche Laufbahnen hierzulande? Wie sehr honoriert die schweizerische Gesellschaft individuelle Leistungen und gleicht damit allfällige geburtsbestimmte Vorteile anderer aus?
Entwicklung der sozialen Mobilität im 20. Jahrhundert
Antworten liefert die Auswertung von insgesamt 19 Datensets, die zwischen 1975 und 2013 erhoben wurden. Sie zeichnen die Entwicklung der generationenübergreifenden sozialen Mobilität im 20. Jahrhundert in fünf Geburtskohorten nach. Für die Analyse wird die «soziale Leiter» in drei breiter gefasste Kategorien unterteilt:
(1) eine obere Mittelklasse (Unternehmer, Führungskräfte, grosse Arbeitgeber etc.),
(2) eine untere Mittelklasse (Lehrer, Büroangestellte, Kleinunternehmer, Kunsthandwerker etc.) und
(3) die Arbeiterklasse (Handwerker, Kassierer, Fahrer, Verkaufsangestellte etc.).
Im Gegensatz zur landläufigen Annahme ist der Prozentsatz der Menschen, die gesellschaftlich aufgestiegen sind, im 20. Jahrhundert stabil geblieben. Fast 40 Prozent der Bevölkerung schafften den Aufstieg in eine höhere soziale Schicht (siehe Feld B in Grafik 1). Dennoch zeigt sich bei genauerem Hinschauen, dass es nur ungefähr 12 Prozent der Bevölkerung gelang, von der Arbeiterklasse zur oberen Mittelklasse aufzuschliessen. Zugleich verharren mehr als 40 Prozent der Bevölkerung auf demselben Niveau (vgl. Feld A in Grafik 1). Auch dieser Anteil ist durch alle Geburtskohorten hindurch konstant geblieben, obschon die soziale Immobilität hin zur oberen Mittelklasse über die Alterskohorten hinweg angestiegen ist – von 9 auf 18 Prozent zwischen der ältesten und der jüngsten Kohorte.
Schliesslich ist auch der Anteil jener, die einen sozialen Abstieg erlebten, stabil geblieben – und zwar unterhalb der 20-Prozent-Schwelle (vgl. Feld C in Grafik 1). Nur 3 Prozent der Bevölkerung sind von sozialem Abstieg von der oberen Mittelklasse zur Arbeiterklasse betroffen.
Um zu verstehen, was diese Trends befeuert, müssen wir den Prozess, der zur Verteilung der Leute auf dem Arbeitsmarkt führt, genauer anschauen. Zunächst betrachten wir also die Schulbildung.
Auswirkungen der Schulbildung auf den Arbeitsmarkterfolg
Schulische Erfolge sind ausschlaggebend für die Verteilung von Individuen auf den Arbeitsmarkt. In einer bildungsbasierten Meritokratie wird erwartet, dass eine höhere Ausbildung auch zu einer besseren Position auf dem Arbeitsmarkt führen wird. Tabelle 1 zeigt, wie stark die Chancen, in der Schweiz zur oberen Mittelklasse zu gehören, von der Schulbildung abhängt. Insgesamt erreichen fast alle Universitätsabgänger (90 Prozent) die obere Mittelklasse – wie erwartet garantiert der Universitätsabschluss also eine günstige Position auf dem Arbeitsmarkt. Mit einem Schulabschluss auf Sekundarstufe I1 hingegen stehen die Chancen, gesellschaftlich aufzusteigen, schlecht (nur 10 Prozent). Die Verbindung zwischen Schulbildung und Arbeitsmarkterfolg ist also in der Schweiz besonders stark. Je höher die Schulbildung, desto besser die soziale Stellung.
Die Bedeutung der Schulbildung für den Arbeitsmarkterfolg hat im Laufe der Zeit sogar noch zugenommen. So stieg unter den Absolventen einer höheren Berufsbildung die Wahrscheinlichkeit, die obere Mittelklasse zu erreichen, von 49 auf 67 Prozent – und zwar quer durch die Alterskohorten. Im Gegensatz dazu verringerten sich die Chancen auf einen gesellschaftlichen Aufstieg für Absolventen der Sekundarstufe II zwischen der ältesten und der jüngsten Kohorte von 31 auf 25 Prozent. Wenn Schulbildung die Arbeitsmarktaussichten also so sehr bestimmt, lautet die Frage: Welchen Einfluss hat noch der familiäre Hintergrund auf die Schulbildung und somit auf die Arbeitsmarktaussichten?
Einfluss der gesellschaftlichen Herkunft auf Schulbildung und Arbeitsmarkterfolg
Tabelle 2 zeigt, wie sich die Bildungsabschlüsse innerhalb einer sozialen Schicht verteilen. Wären die Chancen, den jeweiligen Bildungsgrad zu erreichen, für Personen aller sozialen Schichten die gleichen, so lägen die Werte zur jeweiligen sozialen Herkunft nahe am Anteil der Gesamtbevölkerung mit diesem Abschluss (vgl. die Zeile «Total» am Ende jedes Schulbildungsniveaus).
Die Tabelle illustriert, dass gewisse gesellschaftliche Hintergründe unter- und andere überrepräsentiert sind in den Bildungsniveaus. So ist es zum Beispiel für Angehörige der oberen Mittelklasse sehr viel wahrscheinlicher, einen Universitätsabschluss zu machen, als für Leute aus der unteren Mittelklasse und der Arbeiterklasse. Während in der Geburtenkohorte 1965–1978 16 Prozent der Gesamtpopulation einen Universitätsabschluss hat, verteilt sich dieser zu 33 Prozent auf die obere Mittelklasse und nur zu 7 Prozent auf die Arbeiterklasse. Diese Kluft zwischen oberer Mittelklasse und Arbeiterklasse nimmt über die Kohorten betrachtet sogar noch zu. Es liegt also der Schluss nahe, dass die Erleichterung des Universitätszugangs vor allem zugunsten der Bessergestellten ging. Im Hinblick auf den Zugang zu tertiärer Berufsbildung sind die Unterschiede weniger ausgeprägt. Auf den Stufen Sekundar I und II hingegen kommt die soziale Herkunft wieder zum Tragen, ist doch die obere Mittelklasse da stark untervertreten.
Grafik 2 zeigt, dass die soziale Herkunft aber nach wie vor die Chancen, die obere Mittelklasse zu erreichen, beeinflusst – auch unter Absolventen derselben schulischen Stufe. Betrachten wir die Kohorten der zwischen 1955 und 1978 Geborenen: Obschon die Schulbildung starken Einfluss auf die Arbeitsmarkterfolgsaussichten hat (vgl. Tabelle 1), haben Kinder von Angehörigen der oberen Mittelschicht im Schnitt bessere Chancen, selbst die obere Mittelklasse zu erreichen, und zwar unabhängig von ihrer schulischen Bildung. Erst auf Universitätsstufe wird diese Ungleichheit aufgrund der sozialen Herkunft ausgeglichen – wobei der Anteil der Kinder aus der Arbeiterklasse auch hier noch leicht hinterherhinkt.
Die hartnäckige Wichtigkeit sozialer Hierarchien in der Schweiz
Insgesamt haben sich die geburtsbestimmten Vorteile in der Schweiz seit Beginn des 20. Jahrhunderts nicht entscheidend abgeschwächt. Obschon gewichtige Veränderungen stattfanden (besonders im Hinblick auf den Bildungszugang), haben sich gesellschaftliche Hierarchien im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern nicht verringert.
In Skandinavien beispielsweise hat die auf der sozialen Herkunft basierende Ungleichheit abgenommen – u.a. dank geschickter Ausgestaltung der Verbindungen zwischen Kindertagesstätten, Schulen und Studienkrediten. Verglichen damit haben die Schweizer Schulen bis heute nur wenig Spielraum, nicht zuletzt, weil die Einteilung in die verschiedenen Schullaufbahnen schon sehr früh stattfindet. Andere Untersuchungen haben nachgewiesen, dass Schüler (mit identischen Noten) bis in die Gegenwart hinein eher vom Besuch des Gymnasiums abgehalten werden, wenn sie aus der Arbeiterklasse stammen, als wenn sie der oberen Mittelklasse angehören – weil die akademische Laufbahn «teurer» und «mental belastender» sei.
Das kann sich nur ändern, wenn mehr Bewusstsein für die Ungleichheit in der schweizerischen Gesellschaft, die aus sozialer Herkunft resultiert, entsteht. Klar ist: die Idee der Meritokratie war und ist stets nur schwer in die Praxis umzusetzen. Die Nichtbeachtung von prinzipiell ausgleichbaren Ungleichheiten allerdings führt langfristig zur gänzlichen Infragestellung der Gerechtigkeit einer Gesellschaft.
Aus dem Englischen übersetzt von Gregor Szyndler.
1 Obligatorische Schulzeit.