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Wenn von einer künftigen Besiedlung einer anderen Welt durch die Menschheit die Rede ist, ist damit meist der Mars gemeint – gelegentlich vielleicht noch der Mond der Erde. Doch es gibt mindestens eine weitere Welt im Sonnensystem, die ebenfalls ein grosses Potential hat, zur ersten „zweiten Heimat der Menschheit“ zu werden: der Zwergplanet Ceres. Vermutlich durch einen Glücksfall ihrer Entstehungsgeschichte ist Ceres – übrigens einer der wenigen Himmelskörper mit weiblichem Artikel, so wie die Venus – aussergewöhnlich reich an Wasser bzw. Wassereis, und das in einer Gegend des Sonnensystems, die sonst eher trocken ist. Die Position der Ceres in der Mitte des Asteroidengürtels, auf einer nur wenig exzentrischen, nur wenig geneigten Bahn macht sie zudem zum idealen Basis-Lager für den Abbau von Rohstoffen im Asteroidengürtel. Warum also redet kaum jemand von einer künftigen menschlichen Siedlung auf Ceres?
Auf den ersten Blick gewinnt der Mars einen direkten Vergleich locker. Er ist näher an der Erde gelegen – ein Flug dorthin dauert auf einer energiesparenden Hohmann-Transferbahn ca. 6-9 Monate, und die Signalverzögerung zwischen den beiden Planeten dauert maximal ca. 20 Minuten. Mars hat eine dünne Atmosphäre, die etwas Schutz vor der kosmischen Strahlung bietet, eine Gravitation, die immerhin rund 38% der irdischen beträgt, und ein Tag auf dem Mars dauert nur rund 38 Minuten länger als auf der Erde. Die Oberfläche ist etwa so gross wie die gesamte Landfläche der Erde zusammen und die Sonne scheint im Schnitt etwa halb so stark wie auf der Erde. Im Gegensatz dazu dauert ein Flug zur Ceres auf einer Hohmann-Transferbahn ganze 15 Monate, die Signalverzögerung beträgt bis zu 33 Minuten. Ceres hat keine Atmosphäre und eine schwache Gravitation von nur gerade 3% der irdischen. Ein Tag auf Ceres dauert nur rund 9 Stunden. Die Oberfläche von Ceres ist etwa so gross wie jene von Argentinien, und die Sonne scheint im Schnitt etwa ein Achtel so stark wie auf der Erde. Fall abgeschlossen? Nein – wie fast immer lohnt sich auch hier ein zweiter Blick.
Zum einen ist Ceres ungewöhnlich reich an Wasser: aus ihrer Dichte, die etwa mittig zwischen jener von Gestein und Wassereis liegt, lässt sich schliessen, dass etwa die Hälfte des Zwergplaneten aus Wassereis besteht. Gemäss den Daten, die die NASA-Raumsonde Dawn gesammelt hat, verbirgt sich unter einer Oberfläche, die aus hydrierten (verwitterten) Silikaten, Salzen und Karbonaten besteht, ein dicker Wassereis- und Schlamm-Mantel, in dem es sogar noch Resten von einem einzigen Ozean geben könnte. Der Mantel umgibt seinerseits einen diffusen Kern aus Silikaten und Eisen. Dieser Aufbau erinnert eher an die Objekte des Kuipergürtels, und gemäss einer wissenschaftlichen Hypothese stammt Ceres ursprünglich tatsächlich aus dieser Region und wurde in der Frühzeit des Sonnensystems in den Asteroidengürtel verpflanzt. Ceres enthält etwa ein Viertel so viel Wasser wie alle Ozeane auf der Erde zusammen. Das ist aussergewöhnlich viel, aussergewöhnlich zugängliches Wasser. Zwar gibt es an den Polen des Merkurs und des Mondes, sowie unter dem roten Staub des Mars‘ ebenfalls Eisvorkommen, aber diese sind nicht nur relativ beschränkt, sondern sie stecken auch tief in den „Gravitationspotentialen“ dieser relativ grossen Körper. Eine Rakete, die diesen Welten entkommen will, muss mindestens einige Kilometer pro Sekunde schnell fliegen – bei Ceres sind es dagegen nur gerade 350 Meter pro Sekunde.
Doch warum ist Wasser so wichtig? Es geht nicht nur darum, den Durst von allfälligen Siedlern (oder ihren Nutzpflanzen) zu decken. Aus Wasser lässt sich auch Raketen-Treibstoff herstellen: etwa Wasserstoff und Sauerstoff via Elektrolyse, oder aber, wenn man die sehr häufig vorkommenden Karbonate auf Ceres dazunimmt, Methan und Sauerstoff, die in Raketen-Triebwerken der neusten Generation Verwendung finden (z.B. beim Starship von SpaceX, der Vulcan von ULA oder der New Glenn von Blue Origin). Mit diesem Treibstoff lässt sich zumindest ein Nachteil von Ceres im Vergleich zum Mars – jener der grösseren Distanz – wieder wettmachen. Da im Vergleich zum Mars nur ein kleiner Teil des Treibstoffs verwendet werden muss, um den Orbit bzw. die Fluchtgeschwindigkeit zu erreichen, steht mehr Treibstoff zur Verfügung, um die Reisezeit zur Erde abzukürzen. Natürlich kann derselbe Treibstoff auch genutzt werden, um Rohstoffe auf anderen Asteroiden des Asteroidengürtels abzubauen. Ein weiterer Vorteil von „billigem“ Wasser ist, dass es dank seines hohen Gehalts an Wasserstoff-Atomen gut geeignet ist, um kosmische Strahlung effektiv abzuschirmen. Mit etwa 10 Metern Wasser lässt sich eine Abschirmung der kosmischen Strahlung ähnlich jener durch die Erdatmosphäre erreichen. Eine menschliche Siedlung auf Ceres könnte so unter einem 10 Meter dicken Dach bzw. Dom aus Wassereis gebaut werden.
Bleibt das Problem der geringeren Gravitation (3% vs. 38%) und der deutlich kürzeren Tageslänge (9 Stunden vs. 24.6 Stunden) auf Ceres im Vergleich zum Mars. Es ist heute unklar, ob die geringe Gravitation auf Ceres für Menschen ausreichend ist, um langfristig den Abbau von Knochenmasse und anderer „Null-Ge“-Beschwerden zu verhindern. Wir wissen nur, dass Null-Ge (auch Schwerelosigkeit oder Mikrogravitation genannt) dem Menschen grosse gesundheitliche Probleme bereitet, während 1 Ge natürlich problemlos ist – Langzeitstudien für Schwerkraft-Beschleunigungen zwischen diesen beiden Extremen gibt es gegenwärtig keine. Es ist aber beides denkbar: da sich der Mensch in konstant 1 Ge entwickelt hat, könnte es gut sein, dass sein Körper langfristig nicht für Abweichungen von dieser „Konstante“ gerüstet ist. Anderseits könnte es auch sein, dass bereits der leichte Hauch einer Gravitation ausreicht, um die schlimmsten Folgen der „Null-Ge“-Beschwerden zu verhindern. An dieser Frage wird sich langfristig entscheiden, ob die Besiedlung der Oberflächen anderer Himmelskörper im Sonnensystem durch Menschen überhaupt möglich ist (allerdings: selbst wenn nahezu 1 Ge nötig sind, bleiben dann immer noch die Atmosphären der Venus sowie der drei äusseren Gasplaneten als Option…).
Doch nehmen wir im Folgenden mal an, dass die Gravitation auf Ceres kein Problem ist, einer Besiedlung diesbezüglich also nichts im Wege steht. Etwas ungewöhnlich für menschliche Siedler ist dann nur noch Ceres‘ eher kurze Rotationsdauer von etwas über 9 Stunden. Dem menschlichen Biorhythmus am nächsten käme man, wenn drei Rotationsperioden jeweils einen menschlichen Tag (von etwas über 27 Stunden) ergäben. Da sich der menschliche Biorhythmus ohne äusseren Taktgeber bei ca. 25 Stunden einpendelt, wäre es einerseits denkbar, dass ein 27-Stunden Rhythmus mit etwas Training und genügender Licht-Stimulation zur richtigen Zeit erreichbar wäre. Die Sonnenintensität auf Ceres ist mit 13% (entspricht ca. 13000 Lux, was das menschliche Auge immer noch als „helles Tageslicht“ empfindet) sicher stark genug, um den menschlichen Biorhythmus dahingehend zu triggern. Alternativ wäre es aber auch denkbar, dass eine Siedlung unter einem 10 Meter dicken Eispanzer, der ohnehin kaum direktes Sonnenlicht durchlässt, auch einfach einen irdischen 24-Stunden-Tag mit künstlicher Beleuchtung simulieren könnte. So könnten auch verschiedene Siedlungen auf dem Zwergplaneten alle dieselbe Zeitzone teilen – ungeachtet der Beleuchtungssituation draussen.
Welche Energie-Optionen hätte eine menschliche Siedlung auf Ceres? Die Nutzung von Solarenergie (Photovoltaik) ist trotz der grösseren Distanz von der Sonne nicht völlig aussichtslos: da Ceres keine Atmosphäre hat, hat man keinerlei atmosphärische Verluste – im Gegensatz zum Mars gibt es auch keine gelegentlichen Staubstürme, im Gegensatz zur Erde gibt es auch kein schlechtes Wetter. Das fehlende Wetter macht die Differenz durch die grössere Distanz von der Sonne nicht ganz wett, ausser vielleicht an den Polen von Ceres, wo aufgrund der geringen Achsenneigung nahezu permanent beschienene Solarzellenfelder denkbar wären. Ansonsten bliebe den Ceres-Siedlern – wie überall sonst im Sonnensystem – auch noch die Option von nuklearer Energie (etwa Thorium-Flüssigsalz-Reaktoren). Alles in allem scheint es also, dass Ceres – sofern die geringe Gravitation kein Problem für den menschlichen Körper darstellt – eine attraktive Alternative zum Mars wäre. Eine Siedlung auf Ceres, insbesondere, wenn sie lokal hergestellten Raketen-Treibstoff verkauft, könnte sich schnell zum Schlüssel zu den unermesslichen Rohstoffen des Asteroidengürtels entwickeln.
Was meinst du? Könnte sich Ceres vielleicht etwas überraschend als besserer Ort für eine menschliche Siedlung herausstellen als der Mars? Schreib es unten in die Kommentare!