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Preisfrage: Was für ein Landsmann ist Reinhold Glière? Natürlich Franzose, mit diesem Namen. Falsch geraten. Vielleicht ein Deutscher, mit diesem Vornamen? Nochmals falsch geraten. Рейнгольд Глизр ist Russe, genauer gesagt Ukrainer, 1874 in Kiew geboren, ab 1920 aber am Moskauer Konservatorium tätig und in Moskau auch bis zu seinem Lebensende 1956 wohnhaft. Er war Sohn eines eingewanderten deutschen Instrumentenbauers namens Glier, bei uns würde man sagen ein Secondo. Daher also der deutsche Vorname Reinhold, auf Russisch allerdings «Reingold». Und der französische Accent? Den hat sich der Meister selber zugelegt. Soviel also zur Biografie.
Nun zur Musik: Glière, in der spätromantischen russischen Tradition aufgewachsen, bleibt dieser zeit seines Lebens treu und geniesst so auch das uneingeschränkte Vertrauen der sowjetischen Führung. Noch vor fünfzig Jahren war er in der westlichen Musikwelt eine absolute Persona non grata und eine Aufführung eines seiner Werke wäre einem musikalischen Selbstmord gleichgekommen. Nun, da die Sowjetunion Vergangenheit ist, wagen sich einzelne Pflänzchen aus dem musikalischen Garten Glières zaghaft ans Licht, so eben auch unser Harfenkonzert. Es ist ein Werk, das der Harfe ein weites solistisches Feld überlässt, aber auch dem Orchester immer wieder Gelegenheit gibt sich zu präsentieren. Daraus entsteht ein abwechslungsreicher Dialog, dem man sich als Zuhörer, wenn man es mehr mit der Harfenistin hält, oder als Zuhörerin, wenn man lieber zum Dirigenten schielt, lustvoll hingeben kann.
Umrahmt wird dieses Konzert von den Tönen zweier Musikfreunde. Schreibt Mozart in seinen Briefen etwas über Bach, dann meint er Johann Christian, den jüngsten Sohn des Johann Sebastian. Und setzt sich Johann Christian in London mit Mozart zum vierhändigen Spiel ans gleiche Klavier, dann ist der Knabe neben ihm Wolfgang Amadeus, der jüngste Sohn des Leopold. Um diese Freundschaft musikalisch zu dokumentieren, haben wir Bachs einzige g-Moll-Sinfonie und Mozarts grosse g-Moll-Sinfonie aufs Programm genommen. Bei Bach hören wir einen Komponisten, der im Geburtsjahr Beethovens eine dreisätzige Sinfonie voller elementar geladener Wucht und Dramatik, ganz im Sinne von Sturm und Drang, in die Welt setzt. Mozarts Sinfonie hingegen strömt in klassischer viersätziger Ausgewogenheit dahin, getragen von einer unbeschreiblichen, unterschwelligen Melancholie, wie man sie stellenweise in der zwei Jahre zuvor entstandenen Oper «Le Nozze di Figaro» bereits hören kann.
Mit diesem Konzert läuten wir unser 103. Konzertjahr ein, in dessen Verlauf wir Sie noch mit weiteren Trouvaillen verwöhnen werden. Ich freue mich aufrichtig, wenn Sie uns weiterhin die Treue halten