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Dampf-Schneeschleudern R 1051/1052
Die Berninastrecke war anfänglich nur für den Sommerbetrieb vorgesehen. Bereits wenige Jahre nach der Eröffnung entschloss sich die Berninabahn jedoch zu einem ganzjährigen Verkehr, was den Bau zusätzlicher Tunnel und Galerien sowie die Beschaffung von Schneeschleudern erforderte.
Ab dem Winter 1910/11 wurde ab Pontresina bis Alp Grüm gefahren, ab dem Winter 1914/15 die Bahn durchgehend in Betrieb gehalten.
Die Bahn bestellte dazu bei der SLM nacheinander zwei dampfbetriebene Schneeschleudern, die in den Jahren 1910 (R 1051) und 1912 (R 1052) ausgeliefert wurden. Es handelt sich um selbstfahrende Fahrzeuge. Die Berninabahn entschied sich hierzu, weil sie selbst keine fahrdrahtunabhängigen Triebfahrzeuge besass. Die Schleudern kamen dennoch häufig mit Schiebetriebfahrzeugen zum Einsatz, damit die gesamte Dampfleistung für den Schleuderantrieb zur Verfügung stand.
Mit der Übernahme der Berninabahn durch die RhB erhielten die beiden Schleudern die neuen Bezeichnungen R 13 und R 14, 1950 dann Xrot d 9213 und 9214. Die beiden Fahrzeuge befanden sich bis 1967 im regelmässigen Einsatz und wurden danach durch modernere Schleudern ersetzt.
Die Xrot d 9214 gelangte daraufhin 1990 zur Dampfbahn Furka-Bergstrecke die sie 1996 im Tausch gegen die RhB R 12 an die Museumsbahn Blonay-Chamby weitergab. Die Xrot d 9213 wird dagegen im Heimatdepot in Pontresina weiterhin betriebsfähig gehalten. Sie wird heute (wohl aus Marketinggründen) das "Ungeheuer der Bernina" genannt, naja... Ich kann mich mit dieser Bezeichnung nicht anfreunden, wie man erkennt.
Die Fahrzeuge verfügen über je zwei dreiachsige Triebdrehgestelle. Die vier Zylinder zum Antrieb der Triebgestelle befinden sich mittig des Fahrzeugs, darüber befindet sich der Antrieb für die Schneeschleuder, die von zwei Zylindern angetrieben wird. Der Durchmesser des Schleuderrads beträgt zweieinhalb Meter und es dreht mit maximal 170 Umdrehungen pro Minute. Damit können bis zu drei Meter hohe Schneemassen beseitigt werden.
Gekuppelt sind die Schneeschleudern mit einem zweiachsigen Tender.
Werkaufnahmen SLM
Die SLM besass eine Lizenz für den Bau von Dampfschneeschleudern nach dem Patent Leslie. Sie baute diverse solche Schneeschleudern für die Gotthardbahn, die RhB und die Berninabahn. Es entstanden diverse Werksaufnahmen für den Katalog. Dabei wurden hinter den Fahrzeugen weisse Tücher aufgehängt, damit diese gut zur Geltung kamen.
Rarität - Abzug von einem grossfartigen Glasplatten-Dia aus dem Jahr 1910!
Ähnliche Werksaufnahmen der Dampfschneeschleuder gibt es in der Fachliteratur - aber dies ist die erste farblich nachkolorierte, die mir bekannt ist!
Aus einer 20-teiligen Dia-Serie über die "Eisenindustrie" der Firma Ganz & Co, Zürich Die Dokumentation ist vermutlich als Anschauungsmaterial im Unterricht verwendet worden, um die
Produktion von Eisen Schritt für Schritt zu erläutern. Die Schneeschleuder dient wohl als Anwendungsbeispiel, was aus Eisen entstehen kann.
Die Aufnahme zeigt die erste Schneeschleuder der Berninabahn (BB R 1051, RhB R 13, Xrot d 9213) im Areal der SLM in Winterthur ohne Fahrzeugkasten. Wie erkennen so die beiden gegeneinander angeordneten angetriebenen Drehgestelle und darüber den Zylinder und Antrieb für das Schleuderrad.
Genauso interessant ist der geschichtliche Hintergrund der Firma Ganz:
Die Firma war jahrzehntelang Pionierin im Bereich Fotoprojektion. Johannes Ganz erfand neuartige Lichtbildprojektoren für Universitäten, Schulen und Kirchen. Später auch für Kinoprojektion. Offenbar bot Ganz u.a. zu verschiedenen Themen Serien an. Die obige Aufnahme stammt aus dem genannten Thema und ist ein Abzug eines grossformatigen Glasplatten-Dias. Ob es von Ganz selbst fotografiert wurde, ist unklar.
Die Firma Ganz, im Jahr 1844 gegründet war ein wesentlicher Player und Pionier im Fotomarkt und das bedeutendste Fotogeschäft in Zürich. Ende 2018 musste es die Tore schliessen. Die Geschichte und das Ende dieser Zürcher Traditionsfirma ist hier gut beschrieben
Werksaufnahmen der G 2x3/3
Die SLM hatte eine Lizenz zum Bau der Dampfschneeschleudern nach dem amerikanischen Patent "Leslie" und belieferte die Berninabahn mit zwei Exemplaren. Aufgrund der guten Erfahrungen der BB bestellte dann auch die Rhätische Bahn solche Fahrzeuge, jedoch nicht als selbstfahrende Schneeschleudern.
Ursprünglich erscheint in den Dokumentationen die Bezeichnung G 2x3/3, also gleich wie eine Mallet-Lok. In den mir zugänglichen Unterlagen der BB ist jedoch stets vom Typ "R" die Rede.
Info: Die Anfrage der Gotthardbahn im Jahr 1895 hatte die SLM aus Kapazitätsgründen (mit einer Lieferfrist von neun Monaten, heute unvorstellbar!) abgelehnt, diese bestellte dann bei Henschel & Sohn. in Kassel.
In Winterthur gab es die Fotografenfamilie Linck. Dieser Name erscheint immer wieder bei Bildern des SLM Archivs. Mit etwas Recherche bin ich auf Philipp Hermann Linck gestossen (1866-1938), der u.a. spezialisiert auf Industrie- und Maschinenaufnahmen war.
801-1051-1051-002 SLM Werkfoto (Linck) Im bekannten Katalog der SLM wurde natürlich auch die imposante Dampfschneeschleuder der Berninabahn aufgeführt.
801-1051-1051-005 Aus der gleichen Aufnahme entstand auch eine Werbepostkarte im Eigenverlag der SLM, welche mit technischen Details versehen war.
Selbstverständlich war der Name des Herstellers auf dem Kessel aufgepinselt!
Eine moderne Replika Postkarte zeigt diese schöne Werkaufnahme ohne den Tender.
Man erkennt die Schiebebühne und etwas Material im Vordergrund.
Oft wurde damals bei solchen Aufnahmen der Hintergrund mit weissen Tüchern abgedeckt.
Hier eine Werkaufnahme der SLM von der Heizerseite und ohne Tender. Wie anders die Dampfschneeschleuder ohne Holzkasten aussieht!
Diese Werkaufnahme ist auch im interessanten Buch "Rauch, Dampf und Pulverschnee - Die Dampf-Schneeschleudern der Schweizer Bahnen" von Alfred Leuenberger (Orell Füssli, 1967) enthalten.
Es ist antiquarisch zu relativ normalen Preisen erhältlich (ZVAB, Amazon)
801-1051-1051-006a Die selbe Aufnahme wurden für den Beschrieb in der SBZ Schweizerische Bauzeitung vom Juli 1911 verwendet, Titel: "Die Schneeschleudermaschine der Berninabahn" von Ingenieur E. Gysel, Winterthur. Die Bezeichnung "Schneeschleudermaschine" wurde auf den zeitgenössischen Postkarten übernommen, wohl die offizielle Bezeichnung der Berninabahn für die G 2x3/3 (R 1051)
801-1051-1051-003: Werkaufnahme des zweiachsigen Tenders, ebenfalls mit Tüchern abgedeckter Hintergrund
Auf dieser Aufnahme sind alle drei Dampfaggregate und deren Anordnung sichtbar. Die beiden Fahrtriebwerke sind gegeneinander angeordnet, das vereinfachte die Dampfzufuhr.
Das markante Schleuderrad wurde noch unlackiert in der SLM fotografiert.
Beschriftung des Bildes im Buch von Leuenberger:
"Orignalschleuderrad nach Patentanspruch Leslie mit zehn Wurfbechern, und bei Drehsinnwechsel automatisch sich verstellenden Schneidmessern"
801-1051-1051-010-014 Werkzeichnung SLM / SBZ
Im Artikel von E. Gysel in der Schweizerischen Bauzeitung von Juli 1911 wurden auch die Konstruktionspläne publiziert. Die erste Dampfschneeschleuder der Berninabahn wurde innert wenigen Monaten konstuiert und abgeliefert.
Ein besonders schwierig herzustellendes Teil ist das Kegelrad*, welches die Kräfte der gemeinsamen Welle der beiden Dampfantriebeauf die Achse des Schleuderrads umlenkt. Es muss äusserst präzise bearbeitet werden und sehr stabil sein.
*) ich habe auch den Begriff Pfeilrad gelesen. Da ich technisch absolut nicht versiert bin, kann ich die Unterscheidung, sofern es eine gibt, nicht erläutern - Danke für Hinweise!