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Die Mehrsprachigkeit gehört zum Selbstverständnis der Schweiz. Allerdings werden die verschiedenen Landessprachen seit jeher in sehr homogenen und voneinander getrennten Räumen gesprochen. Das zeigen schon die historischen Volkszählungen ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Die allermeisten Gemeinden haben eine klar dominierende Sprache.
Die Sprachgrenzen, die sich über Jahrhunderte ausgebildet hatten, veränderten sich seit 1860 nur geringfügig. Zwischen deutsch- und französischsprachigen Gebieten verläuft die Grenze durchs Wallis, über die Alpen, durch den Kanton Freiburg zum Murtensee, dem Bielersee entlang und schliesslich über den Jura. Im Berner Jura kam es zu den grössten Verschiebungen, als die Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Deutschschweizer Familien in die Gegend lockte.
Der italienische Sprachraum beschränkte sich derweil auf den Kanton Tessin und die Bündner Südtäler, wobei durch die Zuwanderung italienischer Arbeiter im 20. Jahrhundert auch italienischsprachige Gemeinschaften im Mittelland entstanden.
Eine Ausnahme bildet das Rätoromanische, dessen Sprachraum sich seit 1860 zusehends verkleinert. Wurde die vierte Sprache der Schweiz 1860 noch in einem zusammenhängenden Gebiet in Graubünden gesprochen, zerbröckelte dieser Sprachraum über die Zeit: Rätoromanisch wird mehr und mehr vom Deutschen zurückgedrängt.
Die Bundesverfassung von 1848 legte Deutsch, Französisch und Italienisch als die drei offiziellen Landessprachen fest. Zuvor war die Schweiz offiziell «nur» deutschsprachig. Die Rätoromanen mussten sich bis 1938 auf die Anerkennung ihrer Sprache als Amtssprache gedulden. In den Volkszählungen wurde jedoch bereits ab 1860 nach allen vier Landessprachen gefragt.
Die Stellung des Deutschen als Sprache, die in der Schweiz am häufigsten verwendet wird, blieb von der ersten Volkszählung bis zur Gegenwart unangetastet: Stets sprachen rund zwei Drittel der Bevölkerung Deutsch. Allerdings kam es nach 1960 zu einem Rückgang auf rund 63%, während der Anteil der Personen wuchs, die eine Nichtlandessprache sprechen, ebenso der Anteil der Französischsprachigen.
Diese Grafik zeigt die Entwicklung der Landessprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch sowie der Nichtlandessprachen von 1860 bis 2014.
Eines der wenigen Gebiete, in denen sich die Sprachgrenze im Laufe der vergangenen 150 Jahre verschob, ist das Gebiet des Berner Juras sowie Teile des heutigen Kantons Jura. Deutsch breitete sich dort gegen Ende des 19. Jahrhunderts so stark aus, dass sich nördlich und nordwestlich des Bielersees sogar einzelne deutsche Sprachinseln bildeten. Wie aber die animierte Karte eindeutig zeigt, nimmt ihr Anteil schon nach wenigen Jahrzehnten wieder ab.
Der Zuwachs dürfte auf die Binnenwanderung zurückzuführen sein: Deutschschweizer Familien zogen in die Region, um in der Uhrenindustrie zu arbeiten. Dass diese Sprach-«Enklaven» später wieder verschwanden, hat mit der Integration der Deutschsprachigen zu tun. Die Deutschschweizer passten sich sprachlich ihrer Umgebung an, wobei die Schulpflicht und das höhere Prestige des Französischen unterstützend wirkten.
Exemplarisch für diese Entwicklung steht Delémont (Delsberg). Mit der Industrialisierung zogen so viele Deutschschweizer zu, dass sie bis zu 43% der Bevölkerung (1888) ausmachten. Schon 1920 sank der Anteil wieder auf unter 30%. Heute ist Delémont fast vollständig französischsprachig.
Im Berner Jura sind heute lediglich die Kleingemeinden Mont-Tramelan, Rebévelier, Schelten und Seehof mehrheitlich deutschsprachig; in Romont (BE) sind die Anteile Französisch und Deutsch fast gleich gross.
Diese Grafik zeigt die Entwicklung der Sprachanteile in Delémont von 1860 bis 2014.
Diese Grafik zeigt die Entwicklung der Sprachanteile im heutigen Berner Jura von 1860 bis 2014.
Das Französische vermochte sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts nicht über den damaligen Sprachraum hinaus auszubreiten, obwohl der Anteil Französischsprachiger in den vergangenen Jahrzehnten leicht zunahm.
Auffallend ist der Wandel der Unterwalliser Orte Sion und Sierre. Obwohl sie im französischsprachigen Unterwallis liegen, waren beide Gemeinden einst mehrheitlich deutschsprachig. In der Volkszählung von 1860 wies Sierre an der Sprachgrenze noch eine Dreiviertelmehrheit Deutschsprachiger aus, in Sion waren es 42,9%. Diese Anteile schmolzen innerhalb eines halben Jahrhunderts weg. Bis ungefähr 1920 passten sich die beiden Gemeinden dem Umfeld an.
Diese Grafik zeigt die Entwicklung der Sprachanteile in Sierre von 1860 bis 2014.
Entlang des Genfersees, des Lago Maggiore (TI) und in Graubünden lässt sich bis in die Gegenwart eine Zunahme des Deutschen beobachten. Ein Grund für den Zuzug Deutschsprachiger dürfte das angenehmere Klima im Süden und in den Bergen sein. Besonders ausgeprägt zeigt sich die «Flucht in die Sonnenstube» um Ascona und Locarno (TI), wo es viele Deutschsprachige gibt. Diese Binnenwanderung vom Norden in den Süden hat ihren Ursprung schon vor dem Ersten Weltkrieg. Was Tessin-Fans heute kaum bewusst ist: Zwischen 1940 und 1980 war der Anteil Deutschsprachiger in der Gegend sogar deutlich höher als heute.
Die Karte, welche die Anteile Italienisch sprechender Personen im Zeitverlauf visualisiert, liest sich bis 1970 wie eine Karte der Grossbaustellen. Es waren vor allem Arbeiter aus Italien, die den Gotthardtunnel (um 1880), den Lötschbergtunnel (um 1910) und später Autobahnen und Kraftwerke bauten oder in Fabriken arbeiteten.
Noch deutlicher wird das Phänomen, wenn man die Anteile der Italienischsprachigen sämtlicher Gemeinden in einem Diagramm darstellt. Praktisch jeder Ausreisser, genauer gesagt das Hochschnellen des Anteils der italienischsprachigen Bevölkerung, lässt sich einer Grossbaustelle zuordnen. Bemerkenswert ist, dass der Effekt jeweils nur während einer einzigen Volkszählung anhielt.
Diese Grafik zeigt die Entwicklung des Anteils der Italienischsprachigen in allen Gemeinden der Schweiz von 1860 bis 2014. Hervorgehoben sind die Gemeinden Göschenen, Ferden, Steg-Hohtenn und Ferrera.
Auch in den Zahlen der 1970-er Volkszählung zeigte sich die Zuwanderung aus Italien als Folge des Saisonnierstatuts, das damals mehrheitlich Italiener nutzten. Die Anteile der Italienischsprachigen erhöhten sich in vielen Gemeinden des Mittellandes und entlang der Gotthard-Route auf Werte zwischen 10 und 20%.