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«Achtung, hier gab es viele schwelende Brände und es gibt Löcher im Boden!» Jennifer Baltzer führt über den feuerversehrten Boden durch das, was vom Wald übrig geblieben ist. Die Waldökologin der Wilfrid Laurier University in Waterloo, Kanada, sticht mit einem Messstab in eine Höhle unter einem verkohlten Baumstrunk. «Hier sieht man, wie tief es in die Böden hinein gebrannt hat. Das ist alles Torf.» Wir befinden uns in den Nordwest-Territorien in Kanada, nicht weit vom Polarkreis.
Statt durch einen Wald immergrüner Schwarzfichten führt der Weg zwischen verkohlten Stämmen durch. Doch sie sind nur die sichtbarsten Zeugen der Rekordbrände im vergangenen Sommer.
Trockene Böden werden zu Brennstoff
Für das Klima entscheidend sind die Böden. «Die meisten Wälder speichern CO₂ vor allem in den Bäumen. Doch in diesen Ökosystemen hier steckt 80–90 Prozent des Kohlenstoffs im Torfboden. Wenn die Böden feucht sind, sind sie feuerresistent. Doch wenn sie trocken sind, brennen sie leicht», erklärt Baltzer.
Das grosse Problem ist, dass die nordischen Wälder von wichtigen CO₂-Speichern, die unsere Emissionen aufnehmen, selbst zu Quellen von CO₂ werden.
Feuer sind eigentlich ein natürlicher Teil dieser Landschaft nahe am Polarkreis. Doch mit dem Klimawandel wird es hier trockener und heisser, die Brände werden stärker und häufiger, sagt die Waldökologin. «Wir hatten hier gegen 40 Grad, in einem arktischen und subarktischen Gebiet. Das hat bewirkt, dass Teile der Landschaft zu Brennstoff für das Feuer wurden, die es sonst nicht sind, und dass die Feuer viel grössere Gebiete erfassten und nichts sie bremsen konnte.»
Allein hier in den Nordwest-Territorien verbrannte eine Fläche so gross wie Schweiz. In ganz Kanada war es eine Fläche, die viereinhalbmal so gross wie die Schweiz ist. Es sind die schlimmsten Waldbrände seit Beginn der Aufzeichnungen.
Gemäss Schätzungen haben die Brände dieses Jahr dreimal so viel CO₂ freigesetzt wie die gesamte Wirtschaft Kanadas zusammen. «Das grosse Problem dieser Megafeuer-Jahre ist, dass die nordischen Wälder der Welt von wichtigen CO₂-Speichern, die unsere Emissionen aufnehmen, zu Quellen von CO₂ für die Atmosphäre werden, mit Folgen für das Klima weltweit.»
Diesen Trend beobachtet auch Werner Kurz. Er ist Autor für das Klimaexpertengremium der Uno (IPCC) und erforscht die Kohlenstoffbilanz der kanadischen Wälder. Er sagt, 2023 sei kein Ausnahmefall. «Wir haben als Wissenschaftler seit Jahrzehnten darauf hingewiesen, dass mit Klimaveränderungen die Brandsaison länger wird, dass die Trockenheit grösser wird, dass Bäume sterben werden, auch die Borkenkäferplage schlimmer wird. Die Zunahme der Waldbrände ist ein Trend, den wir seit über 30 Jahren beobachten.»
Im Süden und Westen Kanadas spiele auch der Mensch eine Rolle, da teils jahrelang Waldbrände unterdrückt wurden und nun zu viel Brennmaterial in den Wäldern verfügbar sei. Doch im Norden sei der Grund ganz überwiegend die Klimaveränderung. «Diese Gebiete im Norden sind wirklich Urwälder, die jetzt durch den Klimawandel diese Brandprobleme bekommen. Es gibt im Norden kaum Versuche, Waldbrände zu unterdrücken, mit Ausnahme von einem Kreis um einige der Ortschaften und der Infrastruktur.»
Wir erreichen diese «Tipping points», wo die Klimaveränderung Treibhausgasausstösse in diesen Waldbränden befördert, die das Klima wiederum weiter erhitzen. Wir müssen sehen, dass die Daten alarmierend sind.
In den 90er-Jahren waren die Wälder Kanadas noch sogenannte CO₂-Senken, nahmen mehr Kohlenstoff auf als sie freigaben, sagt Kurz. Doch in den letzten zehn Jahren seien die Wälder in Kanada überwiegend zu Kohlenstoffquellen geworden – sie geben mehr Treibhausgase in die Atmosphäre ab, als sie herausfiltern. Sie stehen an einem entscheidenden Wendepunkt.
«Wir erreichen diese «Tipping points», wo die Klimaveränderung den Ausstoss von CO₂- und anderen Treibhausgasen durch diese Waldbrände befördert, die das Klima wiederum weiter erhitzen. Wir müssen sehen, dass die Daten alarmierend sind», sagt Kurz. Im Norden Kanadas gebe es Bereiche, in denen die Erwärmung dreimal so schnell ist wie im globalen Durchschnitt. «Deswegen sehen wir diese katastrophalen Waldbrände im Norden Kanadas und in anderen Bereichen im Norden von Alaska und Russland.»
Brände setzen Langzeit-Kohlenstoffspeicher frei
Jennifer Baltzer und ihr Team erforschen seit über einem Jahrzehnt die Ökosysteme in den Nordwest-Territorien. Sie führt durch einen borealen Wald, in dem es seit über hundert Jahren keinen Brand gab, mit Schwarzfichten und den charakteristischen Böden mit Flechten, Moosen und Torf. «In den Wäldern in den Polarregionen der Welt ist ein Drittel des gesamten Kohlenstoffs auf der Erde gespeichert – mehr als doppelt so viel, wie CO₂ in der Atmosphäre ist», sagt sie. Besser, es bleibt im Boden.
«Die Böden hier in den nordischen Ökosystemen gehören zu den kohlenstoffreichsten der Welt. Es gibt riesige Mengen von Moosen, und weil es kalt und feucht ist, speichern sie enorm viel Kohlenstoff», erklärt Baltzer. Über Jahrtausende sammelte sich immer mehr Pflanzenmaterial, und weil es kalt und feucht ist, bleibt der Kohlenstoff gespeichert. Doch gibt es sehr intensive Brände oder in zu kurzen Abständen, dann fressen sie sich tief in den Boden und setzen alte Kohlenstoffspeicher frei.
Die Schichten von Moos und Torf schützen auch den Permafrost. Das sind Böden, die ganzjährig gefroren bleiben. Baltzer und ihr Team messen an verschiedenen Stellen regelmässig, wie tief unten der Permafrost beginnt. Diesen Sommer war es sehr warm, sodass der Boden etwas mehr auftaut ist als sonst. Auch Permafrost ist ein Kohlenstoffspeicher. «Wenn Kohlenstoff in Permafrost eingesperrt ist, bleibt er noch mehr geschützt und entweicht nicht in die Atmosphäre», erklärt Baltzer.
Eigentlich gehören Brände zu diesen Ökosystemen. So brauchen die Schwarzfichten Feuer für ihren Fortbestand: Feuerhitze setzt die Samen in den Zapfen frei. Der Baum stirbt, doch in der Asche wachsen neue Fichten nach. Doch mit häufigeren und extremeren Bränden verkohlen die Zapfen oft komplett, sodass sich die Fichten nicht fortpflanzen können.
Verbrannter Wald wird teils zu Grasland
Baltzer weiss von früheren Bränden in anderen Waldabschnitten, dass sich der Wald unterschiedlich gut erholt. «Manchmal kommt der Wald zurück, ist widerstandsfähig. Manchmal wird es ein Wald mit neuen Baumarten und neuen Eigenschaften. Doch wenn es sehr intensive Brände gibt oder in kurzen Abständen, dann sehen wir oft, dass der Wald verloren geht.» Dann wächst Busch- oder Grasland nach anstelle des Waldes, das weniger CO₂ speichert als die Ökosysteme mit den Schwarzfichten.
Noch immer schwelen Brände im Boden weiter. Einige könnten überwintern und sich im Frühling wieder entzünden.
Brandbekämpfung in der Wildnis – aussichtslos
Die Wälder hier sind unvorstellbar gross, oft unberührte Wildnis – Brandbekämpfung ein aussichtsloses Unterfangen, sagt die Forscherin. «Die meisten Wälder hier im Norden erreicht man nicht. Für den Grossteil der Wälder hier ist die einzige Möglichkeit, den Feuerzyklus zu verlangsamen, den CO₂-Ausstoss zu verringern und die Klimaerwärmung zu bremsen.»
Im Norden Kanadas war es dieses Jahr drei Grad wärmer gegenüber dem vorindustriellen Stand. Das kann eine gefährliche Spirale auslösen in den CO₂-speichernden Ökosystemen, die sich um den Polarkreis über Jahrtausende gebildet haben.