Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03129.jsonl.gz/2792

600 Jahre nach der Apokalypse schöpfen überlebende Wildlinge neue Hoffnung. Wenn da nur nicht die böse Königin wäre ...
Vergiss alles, was du über die neue Serie mit Jason Momoa («Aquaman») gehört hast. Gemeint ist «See» (Reich der Blinden), ein sogenanntes Apple Original, also eine Filmproduktion, die der iPhone-Hersteller für seinen neuen Streaming-Dienst in Auftrag gegeben und finanziert hat.
Es ist eine Mischung aus «Game of Thrones», «Mad Max» und «Der Herr der Ringe». Eine aufwendige Produktion, die (zumindest am Anfang) nur in der Wildnis Nordamerikas spielt.
Wir reden hier von der Champions-League. Eine einzelne Folge soll um die 15 Millionen Dollar gekostet haben. Weil es sich um eine der wenigen Eigenproduktionen handelt, mit denen Apple ins Streaming-Business einsteigt, waren die Augen vieler Kritiker darauf gerichtet. Und einige urteilten alles andere als schmeichelhaft, was ich übrigens überhaupt nicht nachvollziehen kann nach den ersten Folgen.
Aber genug des Vorgeplänkels, kommen wir zu den sieben Punkten, warum die neue Serie deine Zeit wert ist.
Die Handlung von «See» wird im Beitrag nur gestreift, wer die Serie völlig unbelastet von Vorab-Informationen geniessen möchte, sollte an dieser Stelle mit dem Lesen aufhören.
«See» spielt 600 Jahre in der Zukunft.
Am Anfang erfahren wir nur, dass im 21. Jahrhundert ein tödlicher Virus ausbrach, die Menschheit dezimierte und die verbliebene Bevölkerung (2 Millionen) blind machte.
Sehkraft ist inzwischen nur noch ein Mythos, und diejenigen, die auch nur davon sprechen, werden als Ketzer verfolgt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Die Serie ist gerade mal drei Folgen alt und doch glauben neunmalkluge Besserwisser bereits beurteilen zu können, was nach dem «Outbreak» passierte und stellen infrage, dass sich die Menschen ohne Sehkraft dermassen weiterentwickeln und eine neue Zivilisation aufbauen konnten.
Dabei kennen wir bislang nicht viel mehr als den Zeitraum, in dem diese nächste «Evolutionsstufe» stattfand. Und wir wissen, dass gewisse technischen Errungenschaften trotz des Rückfalles in dunkle Zeiten erhalten blieben.
Wenn du zu den Serien-Fans gehörst, die jedes noch so kleine Detail nur an ihrem eigenen Erfahrungshorizont messen, dann lass lieber die Finger von «See». Sicher ist: Das Fantasy-trifft-Science-Fiction-Drama verlangt ein gerütteltes Mass an Fantasie und Vorstellungsvermögen. Wer zwanghaft Haare in der Suppe sucht, wird sie bestimmt finden.
Halten wir fest: Niemand kann sagen, was passieren würde, wenn die Menschheit erblindet. Niemand! Und wir werden es hoffentlich auch niemals herausfinden müssen.
Statt zu nörgeln, sollte man lieber zurücklehnen und die starke Erzählung einer märchenhaften Geschichte geniessen.
«See» ist definitiv nicht jugendfrei, sondern gemäss offiziellem Rating für ein Streaming-Publikum ab 16 geeignet.
Mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten. Nur noch das: Eine Kampfszene aus der dritten Folge gehört für mich zu den besten und ungewöhnlichsten «Fights» aller Zeiten. Der blinde Baba Voss nimmt es auf relativ engem Raum mit mehreren Gegnern auf. Nichts für schwache Nerven!
Womit wir beim Sex sind. Den gibt es tatsächlich auch, und zwar in unerwarteter Form und messerscharf für eine Produktion, die das als prüde verschriehene Apple bezahlt hat.
Gedreht wurde im Westen Kanadas, unter anderem auf Vancouver Island. Und wir lernen: Filmemacher müssen nicht nach Neuseeland für spektakuläre Landschaften und atemberaubende unberührte Wildnis. British Columbia bietet eine unglaubliche Kulisse, wobei einige Kamera-Einstellungen an die Reisen von Frodo Beutlin und Co. erinnern.
Ich habe die ersten drei Folgen auf einem Macbook Pro geschaut, und werde sie sicher auch noch auf einem grossen Screen geniessen. Der Soundtrack von Bear McCreary sowie viele düstere und geheimnisvolle Toneffekte tragen das ihre zu einem besonderen Heimkino-Spektakel bei.
Trotz häufig bedrohlicher und düsterer Atmosphäre ist es in keiner der gesehenen Folgen zu dunkel. Ein kleiner, aber wichtiger Unterschied zu «Game of Thrones», bei dem ausgerechnet in der alles entscheidenden Schlacht gegen den Nachtkönig nicht mal die Hand vor Augen zu erkennen war.
In «Game of Thrones» war Jason Momoa Khal Drogo, brutaler Krieger und Fürst des Reitervolkes der Dothraki. In Erinnerung geblieben sind vor allem auch die Sexszenen mit der späteren Drachenkönigin Daenerys Targaryen (Emilia Clarke).
In «See» spielt der 1,93 grosse US-Amerikaner, der am 1. August 1979 in Honolulu auf Hawaii zur Welt kam, erneut einen bärenstarken Kämpfer und mutigen Anführer, in erster Linie aber einen liebevollen Familienvater. Und er bekommt viel mehr Screen-Time als bei GoT, was sich lohnt! Der muskulöse Schönling kann zeigen, was er schauspielerisch drauf hat.
In einem Interview sagte Momoa alias Baba Voss, dass er viel lieber draussen sei, bei Kälte und Nässe, mit Fell und Leder bekleidet, anstatt im Filmstudio mit einem Superhelden-Latexanzug vor einem Greenscreen herumzuhampeln.
Prädikat: bärenstark und sehenswert!
Eine Pandemie globalen Ausmasses, die weite Teile der Erdbevölkerung dahinrafft: Das hält nicht nur der Microsoft-Gründer Bill Gates für ein realistisches Szenario. Wobei man angesichts der sich abzeichnenden Klimakatastrophe gar nicht so weit suchen muss. Schafft sich die Menschheit ab?
Der Regisseur von «See» brachte es in einem Interview mit medienmagazin.de auf den Punkt:
Mein persönliches Fazit: «See» ist eine klassische Geschichte von Gut gegen Böse, stark und in wohltuendem Tempo erzählt. Auf nervöse Schnitt-Effekthascherei wird verzichtet, dafür gibts die wunderschön wilde Natur Westkanadas und packende, höchst ungewöhnliche Kampfszenen.
Schon nach drei Folgen entwickelt sich ein ungeheurer Sog. Als Zuschauer will man auch unbedingt mehr darüber erfahren, wie die Menschheit eine solche Katastrophe globalen Ausmasses bewältigen konnte.
Dazu sagt der Regisseur:
Die Benutzeroberfläche und Steuerung des Streaming-Dienstes lässt definitiv noch zu wünschen übrig. Zumindest, was die Apple-TV-App auf dem iPhone betrifft. So kann man etwa während des Abspanns nicht einfach problemlos zur nächsten Folge springen. Für Binge-Watcher ein No-Go. Zudem startet die Wiedergabe immer mal wieder in der Original-Sprache (Englisch), obwohl zuvor Deutsch eingestellt war.
Bei IMDb ist die Serie als Drama und Science-Fiction klassifiziert. Die derzeitige durchschnittliche User-Bewertung liegt bei 7.7 (abgerufen am 6. November 2019).
Schlechte Nachricht für Binge-Watcher: Apple hat sich für eine gestaffelte Lancierung der Serie entschieden. Zum Start sind nur die ersten drei Folgen verfügbar.
Die Verantwortlichen wollten nicht gleich das ganze Pulver verschiessen. Und wie bei «Game of Thrones» hofft man auf eine wachsende Fangemeinde, die fleissig diskutiert und durch Mund-zu-Mund-Propaganda Werbung macht.
Laut Berichten ist bereits die zweite Staffel geplant bzw. die Finanzierung durch Apple gesichert. Wobei noch nicht feststehen soll, welche Produktionsfirma ran darf.
Weitere (lesenswerte) «See»-Reviews: