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In einem Brief von Albert Einstein an Marcel Grossmann kommt seine tiefe Dankbarkeit zum Ausdruck. Ohne die Hilfe seines Studienfreundes wäre Albert Einstein auf seinem Weg zur wissenschaftlichen Ikone vielleicht schon früh gescheitert.
Albert Einstein lernte Marcel Grossmann während seines Studiums an der heutigen ETH Zürich kennen. Zwischen den beiden entwickelte sich rasch eine enge Freundschaft, an die er sich in seinen Erinnerungen an die Zeit an der ETH erinnert, die 1955 in einer Sonderausgabe der Schweizerischen Hochschulzeitung zum 100-Jahr-Jubiläum der ETH erschienen sind
“In diesen Studienjahren entwickelte sich eine richtige Freundschaft mit einem Studien-Kollegen, Marcel Grossmann. Mit ihm ging ich jede Woche einmal feierlich ins Café Metropol am Limmatquai und sprach mit ihm nicht nur über das Studium, sondern darüber hinaus über alle Dinge, die junge Menschen mit offenen Augen interessieren können. Er war nicht so eine Art Vagabund und Eigenbrödler wie ich, sondern einer, der in dem schweizerischen Milieu verankert war, ohne dabei die innere Selbständigkeit irgendwie zu verlieren.”
Was mag die jungen Männer “mit offenen Augen” im Café Metropol am Limmatquai interessiert haben? Hatte die Wahl des Stammlokals vielleicht etwas mit dem Frauenbad nebenan zu tun? Während des Studiums war Marcel Grossmann aber nicht nur ein angenehmer Weggefährte, sondern er ermöglichte es Einstein, trotz seiner Marotten das Studium zu bestehen. Denn der junge Albert verfolgte zwar einige Vorlesungen “mit gespanntem Interesse”, ansonsten aber “schwänzte ich viel und studierte zu Hause die Meister der theoretischen Physik mit heiligem Eifer”. Grossmann hingegen “besuchte nicht nur alle für uns in Betracht kommenden Vorlesungen, sondern arbeitete sie auch in so vorzüglicher Weise aus, dass man seine Hefte sehr wohl gedruckt hätte herausgeben können. Zur Vorbereitung für die Examina lieh er mir diese Hefte, die für mich einen Rettungsanker bedeuteten”. Einstein gesteht denn auch: “Wie es mir ohne sie ergangen wäre, darüber will ich lieber nicht spekulieren”. Grossmanns Hefte, mit denen sich Einstein auf die Prüfungen vorbereitete, befinden sich übrigens im Hochschularchiv der ETH Zürich.
Erste Seite des Briefs Albert Einsteins an Marcel Grossmann vom 14. April [1901] (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 421a:1, DOI: 10.7891/e-manuscripta-142310)
Im Brief vom 14. April bedankt sich Einstein allerdings nicht dafür, dass er sich mit Grossmanns Vorlesungsmitschriften auf die Prüfungen vorbereiten durfte. Obwohl im Datum des Briefes die Jahreszahl fehlt, geht aus dem Inhalt schnell hervor, dass der Brief 1901 geschrieben worden sein muss, also nach Einsteins Abschluss an der ETH im Juli 1900.
“Lieber Marcel!
Als ich gestern Deinen Brief fand, war ich ernstlich gerührt über Deine Treue und Menschenfreundlichkeit, die Dich an Deinen alten Freund und Pechvogel noch nicht hat vergessen lassen. Ich glaube wirklich, dass nicht so leicht einer bessere Kollegen gehabt hat wie ich in Dir und Ehrat. Ich brauche Dir wohl kaum zu sagen, dass ich glücklich wäre, wenn ich immer einen so schönen Wirkungskreis erhalten könnte, und dass ich alles aufbieten würde, um Eurer Empfehlung keine Unehre zu machen.
Seit drei Wochen bin ich hier bei meinen Eltern, um von hier aus eine Stelle als Assistent an einer Universität zu suchen. Ich hätte schon längst eine solche gefunden, wenn Weber nicht ein falsches Spiel gegen mich spielte. Trotzdem lasse ich kein Mittel unversucht und lass mir auch den Humor nicht verderben….. Gott schuf den Esel und gab ihm ein dickes Fell.”
Mit Ehrat ist Jakob Ehrat (1876-1960) gemeint, der ebenfalls mit Einstein und Grossmann an der ETH studiert hatte. Dass Einstein sich selbst als Pechvogel bezeichnet, erklärt sich aus der weiter unten erwähnten erfolglosen Suche nach einer Assistentenstelle an einer Universität.
Als einziger Absolvent seines Jahrgangs und seiner Fachrichtung erhielt Albert Einstein direkt nach seinem Abschluss keine Assistentenstelle an der ETH, da er offensichtlich seine Professoren durch sein Schwänzen verärgert und diese den Eindruck hatten, dass er sich ihnen gegenüber respektlos verhalten hatte. Einstein bewarb sich aber auch erfolglos um Assistentenstellen an anderen Universitäten in der Schweiz sowie in Deutschland, Holland und Italien. Wie aus dem Brief weiter hervorgeht, ist Einstein davon überzeugt, dass er längst eine Stelle gefunden hätte, “wenn Weber nicht ein falsches Spiel gegen” ihn gespielt hätte. Bei Professor Heinrich Friedrich Weber (1843-1912) hatte Einstein seine Diplomarbeit geschrieben, für die er nur die Note 4,5 erhielt. Einstein ging davon aus, dass alle Universitäten, bei denen er sich bewarb, bei Weber nachfragten und dieser ihnen von einer Zusage abriet.
Einstein war verzweifelt. Sein Wunsch, eine akademische Laufbahn einzuschlagen, schien sich nicht zu erfüllen. Einstein schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Für zwei Monate konnte er am Technikum in Winterthur unterrichten, danach arbeitete er als Hauslehrer an einer privaten Lehr- und Erziehungsanstalt in Schaffhausen. Er war frustriert. Und nun eilte ihm sein alter Freund Grossmann wieder zu Hilfe. Denn Marcel Grossmann hatte seinen Vater Jules Grossmann (1843-1934) gebeten, Einstein dem Direktor des Eidgenössischen Amtes für geistiges Eigentum in Bern zu empfehlen. Jules Grossmann und Friedrich Haller (1844-1936) waren seit vielen Jahren befreundet.
Am Ende des Briefes lässt er deshalb auch voller Demut den Vater grüssen:
“Ich bitte Dich, Deine werten Angehörigen freundlichst von mir zu grüssen, und Deinem Papa herzlichst für seine Bemühung zu danken, sowie für das Vertrauen, das er mir dadurch entgegenbrachte, dass er mich empfohlen hat.”
Als im Dezember eine Stelle im Patentamt ausgeschrieben wird, bewirbt sich Einstein als technischer Experte dritter Klasse. Nicht zuletzt dank der Empfehlung der Grossmanns erhält Einstein die Stelle. Auch daran erinnert sich Einstein in seinen «Erinnerungen» von 1955:
“Nach eingehender mündlicher Prüfung hat Herr Haller mich dort angestellt. Dadurch wurde ich 1902-1909 in den Jahren besten produktiven Schaffens von Existenz-Sorgen befreit. Davon ganz abgesehen war die Arbeit an der endgültigen Formulierung technischer Patente ein wahrer Segen für mich. Sie zwang zu vielseitigem Denken, bot auch wichtige Anregungen für das physikalische Denken.”
In diese Phase “besten produktiven Schaffens” fiel Einsteins annus mirabilis, das Wunderjahr, in dem der Physiker fünf bahnbrechende Arbeiten veröffentlichte.
Literatur:
Einstein, A.: Erinnerungen – Souvenirs. In: Schweizerische Hochschulzeitung 28 (1955) Sonderheft 100 Jahre ETH, S. 145-153.
Stachel, J., Cassidy, D., Schulmann, R. (Ed.): The Collected Papers of Albert Einstein, Vol. 1: The Early Years, 1879-1902.
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