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Die Meereisbedeckung im Südlichen Ozean bleibt praktisch seit Beginn dieses Jahres deutlich unter dem langjährigen Mittelwert und lässt Wissenschaftler zu dem Schluss kommen, dass das antarktische Meereis in einen neuen Zustand übergegangen ist.
Zum dritten Mal in den vergangenen sieben Jahren setzte die sommerliche Meereisbedeckung in der Antarktis im Februar dieses Jahres einen neuen Negativrekord. Und aktuell, im antarktischen Winter kurz vor dem jährlichen Maximum, fehlen mehr als 1,8 Millionen Quadratkilometer Meereis (17. September 2023, Quelle: Meereisportal) im Vergleich zum langjährigen Durchschnitt an diesem Tag (1991 – 2020) und rund 1,1 Millionen Quadratkilometer im Vergleich zum letzten Rekordminimum im Jahr 2017.
Nachdem die antarktische Meereisausdehnung im Zeitraum von September 2007 bis August 2016 trotz steigender globaler Temperaturen zunahm und Rekordmaxima erreichte seit das Meereis 1979 von Satelliten beobachtet werden kann, nimmt sie seit September 2016 ab mit einer bisher nie dokumentierten negativen Anomalie von 2,33 Millionen Quadratkilometer im Juni 2023.
Dr. Ariaan Purich von der Monash University, Australien, und Dr. Edward Doddridge vom Australian Antarctic Program Partnership an der University of Tasmania analysierten das abnormale Verhalten des Meereises. In der Nature-Zeitschrift Communications Earth & Environment beschreiben sie, dass es Anzeichen für einen Regimewechsel im Südlichen Ozean gibt, der weitreichende Auswirkungen auf antarktische Ökosysteme und das globale Klima haben wird.
«Unsere Studie deutet darauf hin, dass die Erwärmung der Ozeane aufgrund der globalen Erwärmung seit 2016 das antarktische Meereis in einen neuen Zustand mit geringerer Bedeckung versetzt hat, von dem es sich nur schwer erholen wird», so Dr. Purich in einer Pressemitteilung der Monash University. «Die Merkmale dieses neuen Zustands deuten darauf hin, dass sich die zugrunde liegenden Prozesse, die das antarktische Meereis steuern, grundlegend verändert haben. Es scheint, dass wir den von Klimamodellen lange vorhergesagten Rückgang des Meereises erleben.»
In ihrer Studie schreiben die Forschenden, dass die jüngsten Meereisextreme nicht mit großräumigen natürlichen Klimamodi wie der Antarktischen Oszillation, El Niño und anderen in Verbindung zu bringen ist. Stattdessen hatten die letzten drei Sommer mit Rekordminima in der Meereisausdehnung eines gemeinsam: höhere Temperaturen in den oberen 100 bis 200 Metern des Südlichen Ozeans. Für sie ein Hinweis darauf, dass das Meereis die Verbindung zur Atmosphäre verloren hat.
Das antarktische Meereis spielt im globalen Klimasystem eine extrem wichtige Rolle. Ist seine Ausdehnung geringer, wird auch weniger Sonnenstrahlung zurück ins All reflektiert während gleichzeitig der dunkle Ozean mehr Wärme aufnimmt und weniger Meereis entstehen lässt — ein sich selbst verstärkender Teufelskreis. Mit weniger Meereis gerät auch die Tiefenwasserbildung ins Stocken, was Auswirkungen auf die globale Ozeanzirkulation hat.
Als physische Barriere schützt Meereis darüberhinaus Eisschelfe vor den Wellen des Südlichen Ozeans und vor noch schnellerem Schmelzen und bietet einen Lebensraum für Kaiserpinguine, die Ikonen der Antarktis, und andere einzigartige Tiere, die für die Aufzucht ihrer Jungen auf das Meereis angewiesen sind.
Der Meereisverlust hat auch dramatische Auswirkungen auf die Organismen am unteren Ende der Nahrungskette, die zwingend Meereis für ihr Überleben benötigen: Der Antarktische Krill zum Beispiel, Schlüsselkomponente und Fundament des antarktischen Nahrungsnetzes, ernährt sich von einzelligen Algen, die an der Unterseite des Meereises wachsen. Sein Rückgang hätte fatale Folgen für das gesamte antarktische Ökosystem.
«Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich vieles von dem, was wir über das Meereis zu wissen glaubten, geändert hat», sagt Dr. Doddridge. «Früher wurde das Gedächtnis des Ozeans jeden Winter ausgelöscht – es gab keine erkennbare Beziehung zwischen dem Sommerminimum und dem folgenden Wintermaximum. Doch seit 2016 scheint dieser jährliche Reset nicht mehr zu funktionieren. Dies lässt vermuten, dass das Meereis in einen neuen Zustand eingetreten ist, in dem früher wichtige Beziehungen die Meereisentwicklung nicht mehr dominieren.»
Wie viele andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor ihnen, betonen Dr. Purich und Dr. Doddridge erneut die dringende Notwendigkeit, die Emissionen fossiler Brennstoffe zu reduzieren.
Julia Hager, PolarJournal
Meereisdaten stammen von www.meereisportal.de (Förderung: REKLIM-2013-04)