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Haben Sie schon einmal erlebt, dass Sie gemerkt haben: Das Kind will nicht das, was die Eltern wollen?
Oh ja. Das kommt gar nicht selten vor.
Wie reagieren Sie darauf?
Man muss unterscheiden zwischen Dingen, die eine gewisse Brisanz haben, und jenen, die elektiv sind, also aus medizinischer Sicht nicht zwingend nötig. Nehmen wir den Fall eines
15-jährigen Mädchens, das mit seinen Eltern ins Spital kommt, weil es einen krummen Zeh hat. Wenn die Eltern darauf drängen, den Zeh zu korrigieren, das Mädchen den Eingriff aber nicht machen möchte, dann sage ich als Behandler guten Gewissens: «Diesen Zeh werde ich nicht korrigieren.» Diese Fehlstellung hat keine derartige Brisanz, dass ich die Autonomie der jungen Dame missachten würde. Das kann sie ab dem 18. Lebensjahr selbst entscheiden.
Was aber, wenn eine Operation dringend wäre?
Nehmen wir den Fall, dass das Mädchen eine schmerzende Hüfte aufgrund einer Reifungsstörung mit Vorschaden hat. Wenn es die Operation nicht machen will, die Eltern aber einverstanden sind – dann ist Aufklärung von ärztlicher Seite gefragt. Wenn sie den Zusammenhang zwischen der schmerzenden Hüfte und der Aussicht einer Verbesserung durch die Behandlung verstanden hat: Warum sollte sie immer noch entgegengesetzter Meinung sein?
Ein viel diskutiertes Thema sind Wachstumsbeschwerden. Gibt es die?
Die gibt es definitiv. Am häufigsten äussern sie sich als Beschwerden in den Fersen, an der Rückseite des Oberschenkels, am Kniescheibenbandansatz oder am Schienbein. Die Frage ist jedoch, ob man sie als Schmerzen bezeichnen soll. Letztlich sind es Körpersignale: Die Knochen wachsen und die Weichteile müssen mitwachsen. Bei Wachstumsschüben kommt es dann immer wieder zu Dehnungszuständen und Reizungen von Muskulatur und Bändern. Wenn man Schmerz als negatives Phänomen definiert, ist der Ausdruck Wachstumsschmerz jedoch wahrscheinlich nicht adäquat.
Wie kann man Schmerzen positiv sehen?
In der Schmerzlehre sagt man, dass es hilft, wenn Schmerzen positiviert werden – wenn sie keinen direkten anatomischen Ursprung haben, nur in bestimmten Situationen auftreten und auch keine Bedrohung darstellen. Nehmen wir die Wachstumsschmerzen: Hier braucht es die Einschätzung eines Kinderorthopäden, der sagt: «Ich kann Sie beruhigen, das ist ein typischer Wachstumsschmerz.» Ohne diese Information kann es so weit kommen, dass sich der Schmerz chronifiziert.
Der Schmerz bleibt, weil ihn die Patientin als etwas Negatives sieht?
Ja. Die Positivierung des Wachstumsschmerzes wäre, zu sagen: «Juhu, ich wachse, ich werde grösser!» Und wenn das Kind versteht, woher der Schmerz kommt und dass er von alleine wieder weggeht, kann es besser damit umgehen. Wenn man nicht ständig darüber nachgrübelt, ist man weniger sensibel für diese Signale. Wenn man hingegen Angst hat und nicht versteht, warum sie da sind, dann empfindet man Schmerzen als negativ und deshalb schlimmer. Das ist bei allen Arten von Schmerzen so. Ansonsten muss ich aber Kindern mit Wachstumsbeschwerden und deren Eltern sagen, dass ich nichts tun kann und dass die Schmerzen irgendwann von alleine wieder weggehen werden.
Akzeptieren sie das?
Es gibt Eltern, die von Arzt zu Arzt gehen, wenn es längere Zeit nicht besser wird. Und es kommt vor, dass dann ein Arzt eine Behandlung empfiehlt, die es eigentlich nicht braucht. Vielen Ärzten fällt es schwer zu sagen, dass sie nicht helfen können. Die klassische Vorstellung ist die, dass der Arzt immer einen Weg parat hat und mit seinen Künsten die Dinge verändern kann. Das ist aber eben nicht immer der Fall. Und gerade wenn es um Schmerzen im Bewegungsapparat geht, gilt: Nicht immer ist eine Behandlung nötig.
Buchtipp:
Mit dem Kind bei der Ärztin: Zwei Berner Kinderärztinnen haben ein liebevoll gestaltetes Bilderbuch herausgegeben, das Kinder und Eltern auf die Vorsorgeuntersuchungen vorbereitet. Mit vielen Fotos wird kind- und erwachsenengerecht erklärt, was vom Wägen übers Impfen bis zur Suchtprävention alles passiert bei der Kinderärztin – oder natürlich beim Kinderarzt. Sabine Zehnder & Lea Abenhaim: Alles ok? Alles ok! Was ich bei der Kinderärztin erleben kann ..., Creathera 2019, 24 Fr.
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