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National-Zeitung, Beilage NZ am Wochenende, 13. November 1976
Antonio Gramsci, Italien und die KPI
Leben und Werk des kommunistischen Theoretikers – seine Bedeutung und seine Grenzen
Eine Analyse von Paul Huber
vom Juni dieses Jahres stellte sich mit grosser Dringlichkeit das Problem einer Regierungsbeteiligung der Kommunisten. Sie kam in der Folge nicht zustande, aber das Problem wird sich in Zukunft wohl erneut stellen.
Die Erfolge und die zunehmende Bedeutung der KPI in der italienischen Politik haben auch im Ausland das Interesse an dieser Partei und ihrer Geschichte verstärkt. Der Blick fiel dabei auch immer wieder auf jenen Mann, den die italienischen Kommunisten nicht nur als einen der Gründer ihrer Partei, sondern als einen ihrer grössten Theoretiker betrachten: Antonio Gramsci.
Wer war Antonio Gramsci?
Er wurde geboren am 22. Januar 1891 in Ales (Cagliari) auf Sardinien, als viertes von sieben Kindern. Er besuchte die Schule in Ghilarza und absolvierte bis 1911 das Gymnasium. Ein Stipendium, das er gewinnt, ermöglicht ihm ein Studium. Im Herbst 1911 reist er nach Turin und schreibt sich an der Fakultät für Literatur ein.
Die ersten Jahre in Turin lebt Gramsci zurückgezogen und widmet sich seinen Studien, geplagt von materiellen Nöten. Zwar hat er Kontakte zur Sozialistischen Bewegung Turins, aber erst im Winter 1913 beginnen sie enger zu werden; in diese Zeit fällt auch sein Beitritt zur Sozialistischen Partei (PSI). Im Frühjahr 1915 gibt er die Studien auf. Vorher schon, am 31. Oktober 1914, war sein erster Artikel erschienen, der Beginn einer journalistischen Tätigkeit, die bis zu seiner Verhaftung (1926) anhalten sollte. Die Zeitungsartikel sind, mit wenigen Ausnahmen, die einzigen Dokumente, anhand derer man die Entwicklung seines Denkens verfolgen kann, denn Gramsci schrieb und veröffentlichte in dieser Zeit keine Bücher.
Für Gramscis Denken bildete das entscheidende Ereignis die Russische Revolution, deren überzeugter Anhänger er wird; seine Auseinandersetzung mit den Theorien Lenins stellt für ihn das bestimmende intellektuelle Erlebnis dar.
< Ordine Nuovo >
1919 gründet Gramsci mit einigen Gleichgesinnten (Tasca, Terracini, Togliatti) die Wochenzeitschrift «Ordine Nuovo». Sie ist, zusammen mit «Il Soviet» (gegründet in Neapel von Amadeo Bordiga), das Sprachrohr der kommunistischen Fraktion innerhalb des PSI, jener Fraktion, aus der später die KPI hervorgehen sollte. Von der Tribüne des «Ordine Nuovo» aus verlangen Gramsci und seine Freunde von ihrer Partei eine revolutionäre Politik leninistischer Art. Nach Gramscis Meinung muss die Partei schon jetzt um die Bildung eines Rätesystems bemüht sein, das später den bürgerlichen Staat in seinen Funktionen ersetzen soll: «Der Fabrikrat ist das Modell des proletarischen Staates» (11.10.1919), stellt Gramsci fest und erklärt: «Die Revolution ist kein wundertätiger Akt, sie ist ein dialektischer Prozess der geschichtlichen Entwicklung. Jeder Rat industrieller oder landwirtschaftlicher Arbeiter, der um eine Arbeitseinheit entsteht, ist ein Ausgangspunkt dieser Entwicklung, ist eine kommunistische Verwirklichung.»
Die Räte sind für Gramsci ein erster Schritt auf dem Weg zur Revolution und gleichzeitig Grundlage des neuen, proletarischen Staates. Von dieser ihrer doppelten Funktion her erklärt sich die Bedeutung, die Gramsci ihnen beimass; er kehrt immer wieder zu dieser Frage zurück. Zur gleichen Zeit verschärft sich aber auch seine Kritik an der eigenen Partei, die nach seiner Meinung keine genügend revolutionäre Politik betreibt.
Fabrikbesetzungen
In dieser Situation kommt es zu jenem Ereignis, das in mancher Hinsicht eines der entscheidenden der Zwischenkriegszeit in Italien ist: die Besetzung der Fabriken durch die Metallarbeiter im September 1920. Die Kontroverse, die von Lohnforderungen ausgegangen war, hatte mit der Besetzung eine Dimension angenommen, die das ganze politische System bedrohte. Jedoch – die Fabrikbesetzungen enden nicht in einer Revolution, wie Gramsci und mit ihm viele andere gehofft hatten, sondern in einer Abstimmung, in der sich die Arbeiter für die zugesprochenen Lohnerhöhungen und gegen die Durchsetzung politischer Forderungen aussprechen.
Der Konflikt innerhalb des PSI wird nun immer offener. Am 21. Januar 1921 unterliegt am Parteitag in Livorno eine Motion der linken Fraktion, in der die Umgestaltung der Partei gemäss den Richtlinien der III. Internationale gefordert wird. Die kommunistischen Delegierten verlassen den Saal und gründen gleichentags in Livorno die Kommunistische Partei Italiens, «Sektion der III. Internationale». Mit dabei ist Gramsci, der zum Mitglied des ersten Zentralkomitees der neuen Partei wird.
Mussolinis Repression
Die Fabrikbesetzungen hatten aber nicht nur die Gründung der KPI beschleunigt, sondern auch einer anderen Bewegung Auftrieb gegeben: dem Faschismus, der nun die Strassen zu beherrschen beginnt und den Gramsci als die «Mobilisierung des Kleinbürgertums für den Angriff des Kapitals gegen das Proletariat» begreift. Zwar erkennt Gramsci, dass der Faschismus «das oberste Ziel jeder Bewegung, den Besitz der politischen Macht» verfolgt; trotzdem kommt er in seinen Artikeln nur wenig auf ihn zu sprechen. Seine dauernde Polemik richtet sich gegen die Sozialisten, wohl gemäss den Ausarbeitungen der Internationalen.
Der Marsch auf Rom am 28. Oktober 1922 bringt Mussolini an die Macht. Gramsci befindet sich seit Mai in Moskau, als Mitglied der Exekutive der Internationalen. In einem Krankenhaus bei Moskau, wo er sich erholt, lernt er Julija Schucht kennen; mit ihr hat er zwei Kinder: Delio und Giuliano. Im November 1923 zieht Gramsci nach Wien. Am 6. April des folgenden Jahres zum Abgeordneten gewählt, kehrt er im Mai nach Italien zurück und nimmt, nebst der Parteiarbeit, an den Parlamentssitzungen teil.
Nach der Matteotti-Krise wird die Repression der Regierung Mussolini gegen die politischen Gegner immer härter, und am 8. November 1926 wird auch Gramsci, zusammen mit anderen Führern der KPI, verhaftet. Er wird in einem ersten Verfahren zu fünf Jahren Verbannung verurteilt und auf die Insel Ustica gebracht. Am 1. Februar 1927 beginnt das «Spezielle Gericht für den Schutz des Staates» seine Arbeit; von diesem wird Gramsci erneut verurteilt, diesmal zu 20 Jahren, vier Monaten und fünf Tagen. Er tritt seine Haft im Gefängnis von Turi (Bari) an.
lm November 1932 wird seine Strafe auf zwölf Jahre und vier Monate reduziert. inzwischen verschlechtert sich seine Gesundheit immer mehr; er leidet an Bluthusten, sein körperlicher Zustand ist ernst. lm Oktober 1934 (Gramsci ist in einer Klinik interniert) wird er, nicht zuletzt dank einer Pressekampagne im Ausland, bedingt freigelassen; im April 1936 folgt die definitive Freilassung. Die anderthalb Jahre dazwischen hatte Gramsci unter Bewachung in einer Klinik verbracht. Aber schon am 25. April 1936 erleidet er eine Gehirnblutung. Seine Schwägerin Tatjana Schucht, die sich schon während der Haft um ihn gekümmert hat, pflegt ihn. Doch zwei Tage später stirbt Gramsci.
Gramscis Hauptwerk
Während der Zeit im Gefängnis nun sind diejenigen Schriften Gramscis entstanden, die als sein Hauptwerk gelten: die «Quaderni del carcere» - 29 Hefte, in die Gramsci Notizen zu verschiedensten Themen eintrug, die ihn beschäftigten und die er später in ausführlicher Form behandeln wollte. Die Hefte wurden nach dem Krieg in einer Ausgabe herausgegeben, die die Aufzeichnungen nach Themenkreisen ordnete. Letztes Jahr erschien nun auch eine kritische Ausgabe, die die Notizen, Heft für Heft, in der ursprünglichen Reihenfolge enthält.
Die Aufzeichnungen der «Quaderni» entwickeln nicht immer ein geschlossenes Konzept, sondern sind oft einfach Anmerkungen zu Büchern oder Artikeln und damit ohne direkten Bezug zueinander (was die Lektüre manchmal erschwert). Alle Aufzeichnungen aber; und insofern sind sie eben doch verbunden, kreisen stets um je ein spezifisches Hauptthema, zu dessen Erörterung sie einen Beitrag darstellen. Diese Hauptthemen (oder Themenkreise) werden durch die Titel der einzelnen Bände der älteren Ausgabe bezeichnet. Auf diese Ausgabe werden wir im folgenden eingehen.
Im ersten Band, «Il materialismo storico e la filosofia di Benedetto Croce», gibt Gramsci einige grundsätzliche Hinweise, welche Bedingungen er an die Philosophie stellt. Er erklärt, dass der Katholizismus «das Problem, die ideologische Einheit im ganzen sozialen Block zu bewahren», in der Vergangenheit mittels des Klerus gut lösen konnte. Dabei habe der Katholizismus jedoch die unteren Schichten in der Ignoranz belassen. Für Gramsci dagegen kann eine eigentliche Philosophie nur jene sein, die «nie vergisst, im Kontakt mit den ‘Einfachen’ zu bleiben und die in diesem Kontakt den Ursprung der zu studierenden und zu lösenden Probleme findet».
Die Partei als Elite
Nachdem Gramsci hingewiesen hat auf die «Wichtigkeit und Bedeutung, die die Parteien in der modernen Welt bei der Ausarbeitung und Verbreitung von Weltanschauungen haben, insofern als sie im wesentlichen die diesen konforme Ethik und Politik ausarbeiten», folgert er:
«Deshalb kann man sagen, dass die Parteien die Ausarbeiter der neuen integralen und totalitären lntelligentien sind, das heisst der Schmelztiegel der Vereinigung von Theorie und Praxis, verstanden als realer geschichtlicher Prozess.»
Für Gramsci ist die Partei eine «élite, in welcher die in der menschlichen Aktivität implizierte Konzeption schon in einem gewissen Mass aktuelles kohärentes und systematisches Bewusstsein und genauer, entschiedener Wille geworden ist».
«Totalitär»: Gramsci selbst gebraucht diesen Ausdruck in den obigen Ausführungen. Man wird an ihn erinnert, wenn Gramsci davon spricht, wie in einem späteren Zeitpunkt, nach der Überwindung des bürgerlichen Staates, die Auswahl zwischen gesellschaftlich relevanten und nur individuellen Denkanstössen getroffen werden soll:
«Es ist im übrigen nicht unmöglich zu denken, dass die individuellen initiativen diszipliniert und geordnet werden, in der Weise, dass sie zuerst durch das Sieb der Akademien und kulturellen Institute verschiedener Art gehen und erst, nachdem sie selektioniert worden sind, öffentlich werden.»
Damit hebt Gramsci die Möglichkeit der freien Urteilsbildung auf; der Staat bevormundet das öffentliche Bewusstsein.
Volk und Nation
Auf die erwähnte Wichtigkeit der Verbindung mit den niederen Schichten kehrt Gramsci wiederholt zurück, so zum Beispiel wenn er feststellt: «Man macht nicht politica/storia [Politik/Geschichte] ohne diese Leidenschaft, das heisst ohne diese gefühlsmässige Verbindung zwischen Intellektuellen und popolo-nazione [Volk/Nation].»
Dieses Zitat soll uns aber auch in einem anderen Sinne interessieren: in ihm taucht der Begriff «popolo-nazione» auf, den Gramsci in seinen Erörterungen immer wieder gebraucht und der gleichzeitig eine jener manchmal etwas unscharfen Wortverbindungen ist, wie er sie gerne gebraucht und die einem Bedürfnis nach naturhaften Begriffen zu entspringen scheinen. Eine ganze Reihe davon findet sich in folgender Stelle, wo Gramsci, von den Volksgefühlen sprechend, sagt:
«Die Kenntnis und die Beurteilung der Wichtigkeit solcher Gefühle geschieht von seiten der Führer nicht mehr durch Intuition, gestützt auf die Identifikation statistischer Gesetze, das heisst auf rationalem und intellektuellem, zu oft trügerischem Weg – die der Führer in Ideen/Kraft [idee-forza], in Worte/Kraft [parole-forza] übersetzt –, sondern sie geschieht von seiten des kollektiven Organismus durch ‘aktive und bewusste Teilnahme’, durch ‘Mitleidenschaftlichkeit’, durch Erfahrung der unmittelbaren Einzelheiten, durch ein System, das man das der ‘lebendigen Philologie’ nennen könnte. So bildet sich ein enges Band zwischen grosser Masse, Partei, führender Gruppe, und der ganze Komplex, gut artikuliert, kann sich bewegen als ‘Mensch/Kollektiv’ (‘uomo-collettivo’).»
Die Intellektuellen
Nun, die Bezeichnung des intellektuellen Weges als «trügerisch» mutet seltsam an – wobei zudem das Bild eines monolithisch sich bewegenden staatlichen Ganzen unliebsame Assoziationen weckt (und auch der Ausdruck «totalitär» stellt sich in der Erinnerung wieder ein).
In den Bereich der naturhaften Begriffe gehört auch der des «organischen Intellektuellen», den Gramsci im zweiten Band, «Gli intellettuali e l’organizzazione della cultura», darlegt:
«Jede gesellschaftliche Gruppe, entstehend auf dem ursprünglichen Feld einer wesentlichen Funktion in der Welt der wirtschaftlichen Produktion, schafft sich gleichzeitig, in organischer Weise, eine oder mehrere Schichten von Intellektuellen, die ihr Homogenität und Bewusstsein der eigenen Funktion nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene, sondern auch auf sozialer und politischer gibt: der kapitalistische Unternehmer schafft mit sich den Techniker der Industrie, den Wissenschafter der politischen Ökonomie, den Organisator einer neuen Kultur, eines neuen Rechts usw.»
Gramsci analysiert in diesem zweiten Band der «Quaderni» die Rolle der Intellektuellen in der Geschichte Italiens und arbeitet heraus, was er die «kosmopolitische Funktion der italienischen Intellektuellen» nennt. Während in anderen Ländern die Intellektuellen Träger eines nationalen Bewusstseins wurden, sind sie in Italien in der Gegenreformation von der Kirche aufgesogen worden. Der Bereich ihrer Aufmerksamkeit war daher nicht Italien, sondern das ganze christliche Europa; daher ihre «kosmopolitische Funktion».
Verpasste Chance
Reflexionen über die Epoche von Renaissance und Gegenreformation finden sich auch im dritten Band, «Il Risorgimento». Gramsci wendet sich gegen eine Einschätzung der Renaissance als progressive Bewegung. Wirklich progressiv wäre sie für ihn nur gewesen, wenn das Bürgertum die Notwendigkeit der Schaffung eines nationalen Staates erkannt hätte. Die Erkenntnis dieser Notwendigkeit macht für Gramsci die Grösse Machiavellis aus.
Die erwähnte «kosmopolitische Funktion der italienischen Intellektuellen» bezeichnet Gramsci auch als eine der Ursachen für die Schwäche des nationalen Bewusstseins vieler Intellektueller während des Risorgimento. (Mit diesem Begriff werden die italienischen Einigungsbestrebungen des 19. Jahrhunderts bezeichnet.)
Für viele Probleme des geeinten Italien sieht Gramsci die Ursache bereits im Risorgimento. An diesem waren nur die oberen Klassen interessiert gewesen, und überdies war es zu grossen Teilen von aussenpolitischen Ereignissen determiniert worden. Die Möglichkeit, breite Massen am Risorgimento zu interessieren, hätte laut Gramsci bestanden: Dazu hätte die Partei Garibaldis die Rolle des Jakobinismus spielen und die Agrarfrage stellen müssen, um die ländlichen Massen zu mobilisieren. Durch diese Mobilisation wäre das Volk selbst der Protagonist des Risorgimento geworden. So aber blieb dieses die Angelegenheit eines kleinen Kreises. Das Risorgimento erscheint damit als eine der verpassten Gelegenheiten der italienischen Geschichte, als ein Moment. wo die Chance, ein moderner Staat mit breiter Massenbasis zu werden, vertan wurde.
Um den Fragenkreis des modernen Staates geht es auch im vierten Band, «Note sul Macchiavelli, sulla politica e sullo stato moderno». Gramsci versteht die Figur des Fürsten bei Machiavelli als einen politischen Mythos, eine konkrete Person als zentralen Punkt, in dem sich die politischen Kräfte vereinen sollten, die in jener gegebenen Situation den nationalen (und somit modernen) Staat hätten begründen können.
Was damals der Fürst, ist für Gramsci in der Gegenwart die Partei:
«Der moderne Fürst, der Mythos-Fürst, kann nicht eine reale Person sein, ein konkretes Individuum, er kann nur ein Organismus sein, ein komplexes Element von Gesellschaft, in welchem das sich Konkretisieren eines anerkannten kollektiven und teilweise durch die Aktion bestätigten Willens bereits begonnen hat. Dieser Organismus ist von der geschichtlichen Entwicklung bereits gegeben; es ist die politische Partei: die erste Zelle, in welcher die Keime kollektiven Willens, welche dazu tendieren, universelle und totale zu werden, sich zusammenfassen.»
Gramsci wendet sich im Band zu Machiavelli auch Problemen der Ideologie zu, wobei er das für ihn wesentliche Konzept der «Hegemonie» ausarbeitet. Er spricht von einer Phase der Konfrontation der «Partei» gewordenen Ideologien, in welcher eine dazu tendiert, die Oberhand zu behalten, «nebst der Einigkeit der ökonomischen und politischen Ziele auch die intellektuelle und moralische Einheit bestimmend, indem sie alle Fragen, um die der Kampf tobt, nicht nur auf eine korporative, sondern auf eine ‘universelle’ Ebene stellt und so die Hegemonie einer wesentlichen gesellschaftlichen Gruppe über eine Reihe von untergeordneten Gruppen schafft».
Im fünften Band der «Quaderni» mit dem Titel «Letteratura e vita nazionale» kommt Gramsci auf die Literatur zu sprechen. Er stellt das Fehlen einer volkstümlichen italienischen Nationalliteratur entsprechend der französischen fest, und er sieht den Grund dazu im mangelnden Eingehen auf die unteren Volksschichten. Kategorisch erklärt er:
«Jede intellektuelle Bewegung wird oder wird wieder national, wenn ein ‘Gang zum Volk’ [andata al popolo] erfolgt ist.»
Für den «Gang zum Volk» eignet sich dabei laut Gramsci insbesondere der Fortsetzungsroman in Zeitschriften. Dies Beharren auf sogenannt volkstümlichen Literaturformen und auf der Notwendigkeit des «Ganges zum Volk» diente in der Nachkriegszeit oft als Begründung für den unbrauchbarsten sozialistischen Realismus . . . Die Lektüre dieses fünften Bandes der «Quaderni» ist enttäuschend, nicht nur wegen des ausgiebigen Eingehens auf völlig unwichtige Schriftsteller, sondern mehr noch wegen des Fehlens von Hinweisen auf diejenigen Schriftsteller, deren Erwähnung man erwarten könnte. Hier wird eine bestimmte Beschränkung von Gramscis Blickwinkel sichtbar. Kein einziger Hinweis findet sich etwa auf die russische Avantgarde oder die deutsche Literatur der Zeit — beides erstaunlich, da Gramsci beide Sprachen kannte und in Wien wie auch in Moskau wohl die dortigen Diskussionen um die Kunst miterlebt hatte. Die italienischen Futuristen erwähnt er zwar, lehnt sie aber – als nicht volkstümlich, sondern intellektuell – ab.
Der letzte Band, «Passato e presente», enthält Aufzeichnungen zu eng begrenzten Problemen der Geschichte, die für die meisten Leser von geringem Interesse sind; hier werden auch keine Thesen aufgestellt wie in den anderen Bänden.
Das Entscheidende
Die vorliegende Darstellung der «Quaderni» musste notgedrungen lückenhaft bleiben und wollte auch nicht mehr, als einige ihrer wichtigeren Gedanken kurz zu erläutern. Es stellt sich nun die Frage, wie die «Quaderni» heute in Italien gesehen werden.
Die KPI beruft sich für ihre Politik des demokratischen Wegs zum Sozialismus immer wieder auf die Reflexionen Gramscis. Jedoch hat man dabei manchmal das Gefühl, dass dieser selektiv zitiert werde, denn trotz allen Modifikationen steht er doch fest auf dem Boden der leninistischen Theorie, vor allem was die Probleme des Parlamentarismus, des Pluralismus oder der Partei betrifft. Entscheidend für die Bedeutung Gramscis ist aber wohl, dass er sein Augenmerk immer wieder auf die konkreten geschichtlichen Bedingungen Italiens richtete. Diese Hinwendung zur italienischen «Praxis»» erklärt, weshalb er für die KPI zum Repräsentanten einer wirklich nationalen Tradition des Marxismus werden konnte, auf den sie sich gern beruft.
Nach Gramscis Überzeugung sollte die Machtergreifung durch eine leninistische Elitepartei erfolgen. Für die KPI heute steht diese Form der Machtergreifung nicht mehr zur Diskussion. Sie hat sich für den parlamentarischen Weg entschieden und garantiert den Parteienpluralismus, die Demokratie, die bürgerlichen Freiheiten.
Und Gramsci? Hinter der neuen Politik der KPI steht wohl nicht so sehr er, sondern vielmehr vor allem das Trauma des Stalinismus und der Ereignisse in Ungarn und der Tschechoslowakei. Die KPI, in der Demokratie grossgeworden, will die Demokratie als wichtige Errungenschaft auch bewahren. Wird sie diesen Willen auch je in der Realität des Regierungsgeschäfts beweisen können?
Wie gesagt – die Frage einer Regierungsbeteiligung der italienischen Kommunisten dürfte sich in Zukunft erneut stellen.