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Im Zeitalter von Social Media müssen selbsternannte Experten, Stars und Sternchen eine Verlautbarung nur oft genug repetieren, bis sie unter der Fan-Gemeinde zur Gewissheit verkommt – selbst wenn sie nicht der Wahrheit entspricht. Aber auch die Wissenschaft war nie vor Dampfplauderern gefeit. Irgendwann tauchte die Anmerkung auf, die Eskimos würden bis zu 400 Begriffe für Schnee verwenden. Das ist mittlerweile empirisch zwar mehrfach widerlegt, dreht aber als Mythos nach wie vor seine Runden.
Lebensentwurf reflektiert sich in der Sprache
Immerhin werden noch Sprachen entdeckt, die Erstaunliches über das Sozialverständnis ihrer Sprecher verraten. Eine solche macht derzeit im Vielvölkerstaat Malaysia mit seinen rund 140 unterschiedliche Sprachen von sich reden. Die 280 Menschen, die diese als Jedek bezeichnete Sprache am Pergau-Fluss in der Provinz Sungai Rual sprechen, waren zwar bereits von Anthropologen studiert worden. Dennoch fiel erst einem schwedischen Team der eigentümliche Charakter dieser Sprache auf, in der sich ihr Lebensentwurf reflektiert. Die Gemeinschaft, in der Jedek gesprochen wird, gilt als äusserst gleichberechtigt und friedfertig; Wettbewerb wird den Kindern aberzogen. Dies spiegle sich auch in der Sprache wider, so die beiden Linguisten Joanne Yager und Niclas Burenhult von der Universität Lund in «Linguistic Typology». Es gebe keine eigentumsbezogenen Begriffe wie «Stehlen», «Verkaufen» oder «Ausleihen». Hingegen sei das Vokabular umfassend für die verschiedensten Aspekte von «Kooperation», «Teilen» und «Austauschen». Das klinge ein bisschen nach einer utopischen Gesellschaft, sei aber typisch für Jäger-und-Sammler-Gesellschaften, was die Jedek-Sprecher trotz Sesshaftigkeit immer noch sind. In solchen Gesellschaften sind hierarchische und geschlechtsbezogene Unterschíede tendenziell geringer als bei uns, zudem fehlen Ausdrücke, die Berufsbezeichnungen entsprechen würden.
«Es gibt so viele Möglichkeiten, menschlich zu sein, aber allzu oft werden unsere eigenen modernen und hauptsächlich städtischen Gesellschaftsformen als Massstab dafür genommen, was allgemein als menschlich zu gelten habe. Wir müssen noch so viel lernen von den weitgehend undokumentierten und gefährdeten sprachlichen und kulturellen Reichtümern, die es da draussen gibt», erklärt Niclas Burenhult.
Überleben von Jedek ungewiss
Yager und Burenhult wurden auf Jedek aufmerksam, als sie eine andere Sprache – Jahai – in der Region studierten. Dabei fiel ihnen auf, dass sich Jedek deutlich von diesem und allen anderen Idiomen der Region unterschied.
Angesichts der geringen Zahl an Sprechern ist das Überleben von Jedek ungewiss. Etwa 40 Prozent der weltweit vorhandenen 6000 Sprachen gelten als vom Aussterben bedroht. Sie verschwinden, weil die Ethnien verschwinden, die das Idiom nutzen. Oder sie werden verdrängt, weil jüngere Menschen diese Sprachen nicht mehr lernen oder verlernen und stattdessen weit verbreitete Sprachen wie Englisch, Urdu, Chinesisch oder Malaiisch annehmen.