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“Alle Menschen haben eine Geschichte zu erzählen”. Davon ist der 44-jährige Künstler Steve McQueen überzeugt. In seinen Videoarbeiten, aber auch in seinen Spielfilmen, geht er Geschichten auf den Grund, die niemand erzählen will, macht Bilder, wo niemand hinschauen will. Der Blick seiner Kamera hält die gefilmten Menschen und Objekte geradezu gefangen. “Ich will wissen, wie es da gerochen hat”, begründet der britische Künstler seine langen Detailaufnahmen.
Der hinterfragende Blick der Kamera
Wurde über ein wichtiges Anliegen bereits viel geredet, dann nimmt McQueen andere Perspektiven ein. So ist der Krieg im Nahen Osten eines der wiederkehrenden Themen in den ausgestellten Werken. Noch bevor McQueen im Jahr 2003 den Irakkrieg vor Ort erlebte, schuf er für eine Galerie in Paris das Video “Illuminer” (2001). Immer wieder erkennt man auf dem dunklen Videobild einen dunkelhäutigen Mann, nämlich Steve McQueen selbst, der auf einem Bett mit weissen Laken liegt. Nur durch das wechselnde Licht des laufenden Fernsehers, von dem die Stimmen einer Dokumentation über einen Spezialeinsatz in Afghanistan zu hören sind, wird der Künstler sichtbar. Ohne das Fernsehbild selbst abzubilden stellt diese Arbeit, die McQueen mit einer einfachen Digitalkamera aufnahm, die mediale Kriegsberichterstattung infrage.
Poesie der Bilder und Töne
“Ich interessiere mich eigentlich gar nicht so sehr für das Medium”, sagt McQueen, der mit seinen Film- und Videoarbeiten als einer der erfolgreichsten Medienkünstlern unserer Zeit gefeiert wird. Der Künstler wundert sich, wieso sich so viele Leute dafür interessieren, ob er ein Werk auf analogem Filmstreifen oder einer digitalen Speicherkarte aufgenommen hat. “Bei meinen Werken geht es immer um die Botschaft oder zumindest darum, wie wir sehen.”
Während im unteren Geschoss der Ausstellung hauptsächlich Werke zu sehen sind, die Gewalt und Menschenrechtsverletzungen thematisieren, sind die Geschichten im Erdgeschoss unaufdringlicher, wenn auch nicht weniger politisch zu interpretieren. Für die Biennale in Venedig im Jahr 2009 filmte der Künstler das Ausstellungsgelände während den regnerischen Wintermonaten, in denen sich das Areal von der Masse der Kunsttouristen erholt. Die Arbeit, die nach ebendiesem Aufnahmeort “Giardini” benannt ist, lässt die Natur zwischen den monumentalen Länderpavillons zum Protagonisten werden. Immer wieder tauchen durch die Doppelprojektion auf zwei benachbarte Leinwände neue Bild- und Tonkombinationen auf. Wie in den meisten Werken McQueens, sowohl in den Videoinstallationen als auch in seinen Spielfilmen, wechseln sich auch in “Giardini” ruhige, poetische Bild- und Tonaufnahmen und geradezu aggressive Einstellungen ständig ab.
Mehr als Kino und Black Box
Neben kleineren Kinosälen oder den für Museen üblichen “Black Boxes” überrascht McQueen auch mit Präsentationsformen an den Grenzen des Filmmediums. In “Pursuit” (2005) tanzen in einem völlig verdunkelten Raum sternenähnliche Lichtpunkte auf allen Wänden und nur verschwommen sind andere Besucher zu sehen – denkt man sich. Beim Hinausgehen wird aber, wenn man beinahe in das eigene Spiegelbild hineinläuft, klar, dass der Raum rundherum verspiegelt ist und auf der Leinwand in dessen Mitte ein Film projiziert wird. Wie man aus dem Ausstellungsheft erfährt, befestigte der Künstler kleine Lämpchen an seiner Jacke und lief damit durch einen Park in seiner Wahlheimat Amsterdam.
Überraschung statt Übersicht
25 Werke von analogen Filmen über Videoarbeiten bis zu grösseren fotografischen Werken sind im Schaulager versammelt. “Filme und Videos können jederzeit ab Datenträger oder online auf dem Computer betrachtet werden”, sagt Heidi Naef, die Kuratorin der Ausstellung. In enger Zusammenarbeit mit dem Künstler und dem Art Institute of Chicago gelang es dem Schaulager aber zu beweisen, dass die Präsentation gerade auch bei McQueens Werken das wahre Erlebnis ist. Während der Katalog das gesamte Oeuvre des Künstlers mit Stills und Literaturhinweisen in chronologischer Reihenfolge präsentiert, überrascht die Ausstellung durch Unterbrüche und immer neue Vergleichsmöglichkeiten zwischen den Werken. Dabei sind es nicht nur die grosse Anzahl an verschiedenen Medien und Techniken, sondern auch die unterschiedlichen Geschichten, die diese Ausstellung so vielfältig machen. “Es gibt kein Muster für meine Arbeiten und Ideen”, sagt der Künstler selbst.
McQueens poetische Aufnahmen scheinen die Zeit geradezu einzusaugen. So sehr wird man in den Bann gezogen, dass man den Projektionsraum kaum verlassen kann, bis man das ganze Werk gesehen hat. Dass währenddessen der Zeitpunkt naht, an dem das Schaulager seine Tore schliesst, muss nicht weiter beunruhigen. Mit dem Kauf eines Tickets darf man die Ausstellung dreimal besuchen und auch einen der Spielfilme sehen, die jeweils am Donnerstagabend gezeigt werden.
Info
“Steve McQueen” ist vom 16. März bis 1. September 2013 im Schaulager in Münchenstein bei Basel zu sehen und beinhaltet im Begleitprogramm auch öffentliche Führungen, Kinoabende und wissenschaftliche Symposien.