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Lange Zeit wurden die Erfahrungen von Männern bei der Flucht oder Migration als Standard gesehen. Eine Frau auf der Flucht wurde lediglich als Begleiterin ihres Mannes gesehen¹. Dies ist jedoch eine zu einfache Betrachtung und ignoriert geschlechtsspezifische Realitäten und Wahrnehmungen. Vor allem, da Frauen und Mädchen fast die Hälfte der internationalen Migrantinnen und Migranten weltweit ausmachen². In der Schweiz beispielsweise wurden 36.8% der Asylanträge im Jahr 2019 von Frauen gestellt³. Zudem wurde lange nicht beachtet, dass Frauen oft eigenständig migrieren und nicht nur als Teil des Haushaltes, beispielsweise als Wanderarbeiterinnen, Studentinnen oder Geflüchtete⁴. Dabei sind sie besonders vulnerabel und werden vor viele Herausforderungen gestellt. In der heutigen Forschung wird auch viel über die spezifischen Erfahrungen von Frauen geforscht.
Doch was sind die grössten Herausforderungen, die weibliche Geflüchtete erleben?
1. Defizite bezüglich Bildung und (dokumentierter) Arbeitserfahrung
Geflüchtete Menschen haben im Durchschnitt ein niedrigeres Qualifikationsniveaus als die einheimische Bevölkerung, beispielsweise weil Ausbildungszertifikate im Zielland häufig nicht anerkannt werden. Dabei sind Frauen oft besonders schlecht ausgebildet, was ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt stark reduziert. Hinzu kommt häufig wenig oder fehlende Arbeitserfahrung, was ebenso ein grosses Hindernis für die Integration im Arbeitsmarkt darstellt⁵. Eine weitere Schwierigkeit geflüchteter Frauen ist, dass knapp drei Viertel von ihnen (oft kleine) Kinder haben⁶. Weitestgehend fehlt eine Kinderbetreuung, beispielsweise in Asylzentren. Aufgrund von traditionellen Geschlechterrollen führt das dazu, dass oftmals der Mann einen Sprachkurs besucht, während die Frau die Kinder betreut. Das hat weitreichende Konsequenzen für die Integration der Frau⁷. Oft haben Migrantinnen ein weniger gut ausgeprägtes soziales Netzwerk als das der Migranten. Dieses Netzwerk spielt jedoch eine entscheidende Rolle bei der sozialen Integration und kann auch entscheidend sein für die Jobsuche⁸.
2. Geschlechternormen
Die Arbeitsmarktintegration von Migrantinnen hängt stark mit den Geschlechternormen im Herkunftsland zusammen. Sehr traditionell geprägte Geschlechterrollen korrelieren mit niedrigen Frauenerwerbsquoten. Bei verheirateten Frauen hat zudem häufig die Einstellung des Ehemannes gegenüber berufstätigen Frauen einen starken Einfluss⁵. Da Überzeugungen und Einstellungen von Generation zu Generation weitergegeben werden, spielt die Kultur von Migrantinnen eine entscheidende Rolle für ihr Arbeitsmarkverhalten in den Aufnahmeländern⁵. Ein Grund dafür sind familiäre Verpflichtungen und die Erwartung, Kinder zu bekommen⁸. Politische Massnahmen zur Erhöhung der beruflichen Integration sollten die Geschlechterrollenvorstellungen berücksichtigen, wenn im Herkunftsland der Frauen grosse Gleichstellungsdefizite vorhanden sind⁶. Die erfolgreiche soziale und berufliche Integration von Frauen erfordert eine interkulturell sensible Befreiung von traditionellen Geschlechterrollen.
3. Mangelnde Sprachkenntnisse
Eine weitere Herausforderung sind die mangelnden Sprachkenntnisse der Migrantinnen. Ohne das Beherrschen der Sprache ist die soziale und berufliche Integration der Migrantinnen fast unmöglich zu erreichen. Die Diskrepanzen zwischen den Geschlechtern sind jedoch gross. Beispielhaft liegt in Deutschland der Anteil der weiblichen Geflüchteten, die an einem Integrationskurs des Bundesamts teilnehmen, bei nur 25 %. Der Anteil männlicher Geflüchteter liegt bei 37%⁵. Auf der folgenden Abbildung ist ein deutlicher Unterschied der Tätigkeiten der geflüchteten Frauen und Männnern, beispielsweise in Deutschland, innerhalb der ersten 5 Jahre nach der Anunft im Zielland abgebildet⁶.
4. Trauma- und Missbrauchserfahrungen vor und während der Flucht
Während der Flucht sind Geflüchtete auf Schlepper und Menschenschmuggler angewiesen. Frauen erfahren dabei besonders häufig Gewalt und Missbrauch, sowohl in Flüchtlingscamps aufgrund der schlechten Lebensbedingungen als auch während der gefährlichen Reise ins Zielland. Frauen sind besonders häufig Opfer von Menschenhandel, wobei sexueller Missbrauch, Zwangsprostitution und Zwangsehen Teil davon sind⁹. Auch vor der Reise kann es zu traumatischen Erfahrungen kommen. In Kriegsgebieten ist sexualisierte Gewalt gegen Frauen weit verbreitet. Zudem kommt die Not im Hinblick auf die hohe finanzielle Belastung der Flucht. Die Kosten der Migration beispielsweise nach Europa sind sehr hoch und können zwischen 5.000 und 60.000 CHF betragen. Da viele Frauen über geringere finanzielle Mittel verfügen, kann es sehr schwierig sein, die notwenigen Kosten zu tragen. Das zwingt Frauen teilweise zur Sexarbeit⁹.
Da Frauen vielen Herausforderungen gegenüberstehen, ist eine Unterstützung bei der Integration besonders wichtig. Insbesondere ein stabiles und verlässliches soziales Netzwerk hat einen enormen Einfluss. Daher organisiert fokusnetzwerk auch viele Tandems mit Frauen zum Deutschlernen und für die Arbeits- oder Wohnungssuche. Wenn du gerne einer geflüchteten Frau bei der Integration unterstützen möchtest, melde dich gerne bei uns!
Quellen
- Wastl-Walter, D. (2010). Gender Geographien. Geschlecht und Raum als soziale Konstruktionen. Stuttgart, Steiner.
- UN DESA (Hg.) (2020). International Migration 2020. Highlights. New York.
- UNHCR (2019) https://www.unhcr.org/dach/ch-de/frauen-auf-der-flucht (20.06.2023)
- International Organization for Migration (Hg.) (2019). World Migration Report 2020. Genf. 10.
- Albrecht, C.; Hofbauer P.; Stitteneder, T. (2021). The Integration Challenges of Female Refugees and Migrants: Where Do We Stand? CESifo Forum (22), 39–46.
- Kosyakova, Y.; Gundacker, L.; Salikutluk, Z.; Trübswetter, P. (2021). Arbeitsmarktintegration in Deutschland: Geflüchtete Frauen müssen viele Hindernisse überwinden, IAB-Kurzbericht, No. 08/2021, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Nürnberg
- Schweizerisches Kompetenzzentrum für Menschenrechte (2019): Analyse der Situation von Flüchtlingsfrauen: Zur Situation in den Kantonen. Postulat Feri 16.3407
- Liebig, T.;Tronstas, K. (2018). Triple Disadvantage? A first overview of the integration of refugee women. OECD Social, Employment and Migration Working Papers 216. https://doi.org/10.1787/3f3a9612-en.
- Mixed Migration Centre (Hg.) (2018). Experiences of female refugees & migrants in origin, transit and destination countries. A comparative study of women on the move from Afghanistan, East and West Africa.