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|Wahlzeit? - Mahlzeit!|

Dieser Text von Daniel Ambühl erschien als Kolumne während des Bildwegs in der "neuen braunschweiger"
Beim Thema "Wahlen" fällt mir immer ein kopfloses Huhn ein. Ich möchte dies kurz erläutern. Das Wort "Volk" ist seit alters her Synonym für "Körper". Schon Luther hätte das hebräische Wort "Volk" ebensogut mit "Körper" übersetzen können, denn die beiden Worte sind im hebräischen Urtext genau gleich geschrieben. Eine naheliegende Sache: Der Körper ist die materielle Substanz des Menschen, wie das Volk die menschliche Substanz des Staates ist. So wie der Körper einen Kopf hat, so hat der Mensch eine Seele und so hat auch der Volkskörper ein Staatsoberhaupt, einen Präsidenten, König, Diktator oder Kanzler. Den Hals bilden die Parlamente, Ministerien und Räte.
Nun ist aber die Demokratie ein gar seltsames Gebilde. Es ist, als wolle in der Demokratie der Körper entscheiden, welchen Kopf er gerne hätte. Wie kann aber der Körper, der doch einen Kopf braucht, der für ihn entscheidet, selber entscheiden, welchen Kopf er haben möchte? Gerade dies müsste doch eigentlich der Kopf entscheiden! Soll Kohl darüber entscheiden, wer Kanzler wird? Über solche Fragen haben sich die Griechen noch den Kopf und ihre Kultur zerbrochen. Die Amerikaner haben das Problem scheinbar gelöst, indem das Volk den Hals wählt und der Hals den Kopf. Aber der Hals ist nur eine Verlängerung des Körpers und der Hals kann nicht selber zum Kopf werden, weder indem er sich ins Unermessliche verlängert, wie das Beispiel der Giraffe zeigt, noch indem er sich auflöst, wie das Beispiel des Nashorns illustriert. Aber bleiben wir beim kopflosen Huhn.
Wenn Sie in der Stadt um sich schauen werden sie sehen, dass zurzeit ein neuer Kopf gesucht wird. Deshalb werden auch ausschliesslich Köpfe vermarktet. Oder haben sie jemals einen Politiker gesehen, dessen Körper auf einem Plakat abgebildet ist? Eben!
Im kopflosen Körper des Huhns ballt sich alle Aufmerkamkeit der Eingeweide um den Magen. Der Magen ist sozusagen der Geldbeutel des Körpers. Wenn etwas Nahrhaftes in ihm ist, kann sich das kopflose Huhn dem Verdauungsschlaf hingeben; wenn nicht, knurrt der Magen und verlangt nach einem neuen Kopf. Das Volk entscheidet immer aus dem Bauch. Der Körper kann seinen Kopf aber nicht als Kopf wahrnehmen, sondern für den Körper ist der Kopf identisch mit dem, was er im Magen hat. Kohl ist für das Volk ein blähendes Nahrungsmittel. Es entsteht durch Kohl ein langanhaltendes Völlegefühl, ohne dass man etwas wirklich Nahrhaftes gegessen hat. Solche Blähungen zu verursachen, ist das Höchste, was demokratische Politik heute vermag. Von Schröder weiss man nichts Genaueres. Seine Inhaltsstoffe und Nebenwirkungen sind noch schleierhaft. Er sieht aus wie ein lackiertes Erdnüsschen und ist deshalb im Stil der amerikanischen Filmsternchen der 50-er Jahre hergerichtet. Doch nach Kohl isst niemand Erdnüsschen, sondern genehmigt sich einen Magenbitter. Das ist Schröders Nachteil.
Dass es eigentlich nichts zu wählen gibt, ist schon lange klar. Wahlen in zeitgenössischen Demokratien beruhen auf dem Prinzip: Es kommt ein Hungriger ins Wahllokal - auf der Speisekarte wird aber nur Geschirr und Essbesteck angeboten.
Das ist weiter nicht schlimm, denn die Wahl des Bundeskanzlers ist längst entschieden, und gewählt wird lediglich aus Mitleid mit denen, die Hochrechnungen machen wollen. Viele scheue Mathematiker fühlen sich deshalb beobachtet und sind derart verunsichert, dass sie zu Viagra greifen müssen, damit sie ihre Rechnung hochkriegen. Aber lassen wir das. Die Sache ist gelaufen. Am deutlichsten erkennt man dies mitten in der Stadt Braunschweig. Gisi, Fischer, Schröder und Konsorten hängen an den Laternenpfählen. Der Platz aber, auf welchem diese Köpfe feilgeboten werden heisst immer noch Kohlmarkt.