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Auf der Sandalp, die sich im hintersten Winkel des Linthtales am Fuße der höchsten Glarnergebirge hinzieht, hatte vor vielen Jahren ein böser Mann aus Linthal seine Sennhütte, und brachte daselbst wie die andern Hirten mit seinem Vieh den Sommer zu. Er war jähzornig, frech und übermütig; einen armen Jungen, der bei ihm diente, quälte er auf jede erdenkliche Weise mit schwerer Arbeit, rauhen Worten und grausamen Schlägen. Eines Tages hieß er ihn ein Geschäft verrichten, für das der Knabe lange nicht genug Kraft besaß, so dass er sich desselben weigern musste; da geriet der Hirt in solchen Zorn, dass er den Knaben ergriff und mit dem Kopf in den Kessel tauchte, worin eben die Milch sott, um sie zu scheiden. So starb der Knabe, und der Senn warf den Leichnam in die Linth; daheim aber sagte er, der dumme Junge müsse von einer Fluh herabgestürzt sein, denn er sei fortgegangen, um die Geißen zu melken, und nicht wieder zurückgekommen.
Es vergingen viele Jahre, das Gebein des Knaben hing ungerächt an einem Felsen des wilden Linthbaches, und von Zeit zu Zeit, wenn eine stärkere Welle vorbeirauschte, nahm sie eins von den Knöchlein mit fort, spielte eine Weile damit und ließ es dann am einsamen Ufer liegen. Einstmals aber traf es sich, dass im Linthtal Kirchweih war, wobei es lustig zuging und der böse Senn von Wein, Musik und Tanz betäubt ward, so dass er alle Demuth und Vernunft von sich tat und in seiner Sündentorheit wild dahintaumelte. Es war ihm drinnen zu heiß, drum ging er an den Bach hinaus, der, oben von einem starken, warmen Regen angeschwellt, stärker als sonst vorüberrauschte, kniete daran nieder und zog den Hut ab, um sich Wasser zu schöpfen. Er trank aus, was hineingelaufen war; auf dem Grund aber fand er ein weißes Knöchlein, das steckte er auf seinen Hut und ging so in den Saal zurück. Da fing auf einmal das Knöchlein an zu bluten, und man wusste nun, wohin der Knabe gekommen war; das Fest nahm schnell ein Ende, der Bösewicht ward ergriffen und bald nachher in Glarus auf den Richtplatz geführt.
C. Kohlrusch, Schweizerisches Sagenbuch. Nach mündlichen Überlieferungen, Chroniken und anderen gedruckten und handschriftlichen Quellen., Leipzig 1854.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.