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Die Besteigung des Muztagh Towers
VON J. M. HARTOG
Mit 2 Bildern ( 64, 65 ) Der Berg Der Muztagh Tower erhielt seinen Namen von Martin Conway \ der diesen Berg 1892 auf der ersten Expedition zur Erforschung des oberen Teiles des Baltorogletschers entdeckte. Er beschrieb ihn als den schönsten Berg jener Gegend, der in der Majestät seiner Erscheinung einzig vom Matterhorn übertroffen werde. Und er fügt bei, dass sein ausserordentlich schroffes Aussehen vom oberen Teil des Baltorogletschers aus über seine wahre Gestalt täusche; in Wirklichkeit sei der Gipfel wohl schmal, besitze aber breite Flanken und sei über den Südwestgrat durchaus zugänglich. « Dies sei der Berg, den sie hätten besteigen sollen, denn seine Lage sei herrlich. » Der nachmalige General C. G. Bruce, damals Subalterner, begleitete Conway als Verbindungsund Transportoffizier. Bruce war vorher einmal in Zermatt gewesen und beschrieb den Tower als « nach den Umrissen des Matterhorns aufgebaut, aber ungeheuer viel grösser » 2.
Schon 1887 hatte Sir Francis Younghusband den Muztaghpass überschritten und muss diesen Berg auch gesehen haben, ohne aber seine ausserordentliche Erscheinung zu beachten. Conway gab ihm den Namen wegen seiner Lage unmittelbar neben dem Muztaghpass. Desio und G. O. Dyhrenfurth haben dann die Bedeutung dieses Namens untersucht.
In der Sprache von Turkestan bedeutet Muz: Eis und Tag: Berg. Einer der Haupteinwände Dyrenfurths gegen den Namen 3 war nun, dass der Tower in erster Linie ein Felsgrat sei. Das entspricht jedoch nicht ganz den Tatsachen; denn die ganze Nordflanke ist, von den Wächten auf den Gratkämmen bis auf die Talgletscher hinunter, von Eis und Hängegletschern bedeckt.
Nach Conway war Ferber der nächste, der die Gegend aufsuchte. Er fertigte vom Muztaghpass aus eine kleine Karte des Gebietes an 4, auf welcher er für einen Gipfel nordöstlich des Muztagh Towers den Namen « Black Tooth » einführte.
1909 unternahm der Herzog der Abruzzen eine wissenschaftliche Expedition nach dem Karakorum, um die Erforschung Conways weiterzuführen, das Gebiet kartographisch aufzunehmen, zu photographieren und Besteigungen durchzuführen. Offizieller Photograph der Expedition war Vittorio Sella, dessen beste Aufnahmen noch heute einen Höhepunkt in der Gebirgsphotographie darstellen, und es war die Publikation seiner berühmten Telephotographie des Muztagh Towers, die den Ruf des Berges in die ganze Welt hinaustrug.
Der offizielle Bericht 5 spricht von der einzigartigen Form dieses Berges, der mit keinem andern bekannten Gipfel verglichen werden könne: « Es scheint ein wirklicher Monolith zu sein - und ist es vielleicht auch - ohne Spur eines Bruches oder einer Schichtung, eine Felsmasse von einheitlicher, gleichmässiger Formation. Kein anderer von vergleichbarem Ausmass ist bekannt auf der Erde. » 1 Conway schrieb Mustagh mit s; das Indische Vermessungsamt und die meisten Autoritäten ziehen die Schreibweise mit z vor.
2 Brace, Twenty years in the Himalaya, 1910, London, S. 179.'O .Dyhrenfurth, Baltoro, 1939, Basel, S.66.
4 F. Ferber, Geographical Journal, 1907, Bd. 30, S. 630-643.
5 F. di Filippi, Karakorum und West-Hymalaya 1909, 1912, London, S. 298/299.
So entstand die Legende von diesem « unbezwingbaren » Berg. Die erwähnte Telephotographie war nicht Sellas einzige Aufnahme des Towers auf dieser Expedition und nicht die einzige, die 1912 publiziert wurde. Es gibt eine andere, welche die Südflanke zeigt und den grössten Teil der Nord-west- und Südostgrate 1, welche aber der symmetrischen Form auf der Telephoto so wenig gleicht, dass es auf den ersten Blick schwer ist, die beiden Aufnahmen, deren Blickrichtungen ungefähr im rechten Winkel zueinander stehen, miteinander in Beziehung zu bringen.
Auch die nächste grosse Expedition ins Baltorogebiet, 1929, wurde von den Italienern unternommen. Sie stand unter der Leitung des Herzogs von Spoleto ( einem Neffen des Herzogs der Abruzzen ), und Ardito Desio betreute den wissenschaftlichen Teil. Die Expedition arbeitete während sechs Monaten von einem Basislager in Urdokas auf dem Baltorogletscher aus, nicht weit vom Muztagh Tower.
Desio bestimmte die Höhe des Muztagh Towers mit 7273 m und beschrieb in grossen Zügen seinen Aufbau, wobei er mit der ursprünglichen Beschreibung Conways weitgehend übereinstimmt. Den veröffentlichten Forschungsergebnissen sind eine Kartenskizze und mehrere Photos des Towers, von verschiedenen Standpunkten aus aufgenommen, beigegeben, mit Hinweisen für Aufstiegsrouten. Nur in einem kleinen Punkte scheint sich Desio geirrt zu haben, was aber auf eine Besonderheit des Berges zurückzuführen ist, nämlich auf sein ausserordentlich verändertes Aussehen von verschiedenen Standorten aus.
Von der Stelle aus, wo sich Baltoro- und Younghusbandgletscher vereinigen, scheint der Tower einen Nebengipfel auf dem Südostgrat aufzuweisen. Dies war vielleicht der « Black Tower » Ferbers. Desio nannte den vermeintlichen Gipfel « Punta Bassa del Mustagh » und berechnete dessen Höhe auf 6719 m. Obwohl dieser « untere Gipfel », von einigen Standorten aus gesehen, deutlich hervorzuragen scheint, so wird doch von anderen Blickwinkeln aus dessen wahre Natur offensichtlich: Da, wo der Grat in einem Winkel abbiegt, befindet sich nordwestlich davon ein ebenes Schneefeld, das zu einer leichten Erhebung des Grates hinführt, und diese Stelle bewirkt die Täuschung.
G. Irving veröffentlichte 1935 ein Bild des Muztagh Towers 1 mit der Legende « Letztes Bollwerk der Natur » und legt dar, « dass er wahrscheinlich der ursprünglichste aller grossen Gipfel sei, dessen ungeheure Abgründe nirgends eine überwindbare Schwäche aufwiesen ».
Die ersten Versuche am Muztagh Tower wurden 1956 von einer britischen Partie über den Nordwestgrat und von einer französischen über den Südostgrat unternommen, und in beiden Fällen haben alle vier Teilnehmer den Gipfel erreicht.
Die britische Baltoroexpedition 1956 Ich war vierzehn Jahre alt, als ich zum erstenmal « The Romane of Mounteneering » las und sechs Monate später entdeckte, wie ganz anders Conways Bemerkungen zum Muztagh Tower lauteten. Von da an figurierte dieser Gipfel auf meiner Wunschliste. Aber es dauerte zwanzig Jahre, bis dieser Wunsch in Erfüllung ging. Als ich ums Neujahr 1955 wusste, dass ich im Sommer 1956 meine Expedition in den Baltoro werde ausführen können, klopfte ich bei meinen engsten Kletterkameraden an.
Für die meisten meiner Altersgenossen ist es natürlich nicht leicht, sich für drei Monate freizumachen und den nötigen finanziellen Beitrag aufzubringen. Jan MacNaught-Davis, der damals in 1 Dasselbe, S. 198 170 Ostafrika weilte, erklärte sich brieflich bereit, mit mir die Leitung und die finanzielle Verantwortung zu teilen. So holten wir die politische Erlaubnis bei der Regierung von Pakistan ein und, da Mac noch im Ausland weilte, begann ich mit den nötigen Erkundigungen, Besprechungen und mit dem Zusammenstellen der Ausrüstung für unser Unternehmen.
Die anderen zwei Mitglieder unserer Partie, Joe Brown und Tom Patey, sagten erst im März zu, kaum drei Wochen vor der Abreise.
Am Donnerstag nach Ostern, d.h. am 5. April, waren wir mit unserer Ausrüstung und den Lebensmitteln an Bord des Schiffes in Liverpool und fuhren ab.
Ende April erreichten wir Rawalpindi, wo wir mit dem pakistanischen Ingenieur Captain Riaz Mohammad, unserem Verbindungsoffizier, zusammentrafen. Hier, wie in Karachi, kamen uns die Behörden mit ausserordentlicher Zuvorkommenheit entgegen, so dass wir mit einem Minimum an Zeitaufwand und Beschwerden unsere Aufgaben erledigten. Ein Flugzeug brachte uns mit unserem Gepäck nach Skardu. Die Flugroute führte am Nanga Parbat vorbei und über die Indus-Schluchten hinweg. Es war einer der spannendsten Flüge, die es geben kann, hoch über all den unbestiegenen Gipfeln.
Skardu ist das Hauptquartier des Politischen Gouverneurs von Baltistan. Es besitzt ein Postamt, ein Spital und hat Verbindung mit der Aussenwelt. Hier rekrutierten wir unsere Träger und kauften zusätzliche Lebensmittel ein. Von Gilgit brachte ein Flugzeug noch vier Hunsa herüber, die als Träger auf grosser Höhe dienen sollten.
In einem Sechstagemarsch gelangten wir von Skardu nach Urdokas auf dem Baltorogletscher, wo wir unser Basislager errichteten. Bei unserer Ankunft mussten wir die Hunsaträger entlassen; denn sie widersetzten sich, Lasten zu tragen ( bis dahin hatten sie nur ihre persönlichen Sachen auf sich ). Wir ersetzten sie durch sechs geeignete Leute unserer Balti-Träger aus Skardu. Diese Baltis, sorgfältig ausgewählt, waren tüchtige Bergsteiger und liessen an Eifer und Ausdauer nichts zu wünschen übrig. Alle waren imstande, Lasten bis auf 5500 m zu tragen. Für drei von ihnen war dies die Höhengrenze; die übrigen stiegen bis auf 6100 m. Weiter hinauf versuchten wir nicht, sie mitzunehmen.
Der « Schlachtplan » Durch das Studium der Literatur, der Karten und Photographien hatten wir eine ziemlich gute Vorstellung vom Muztagh Tower. Aber erst, als ich von Prof. Desio zwei Luftphotos erhielt, die er auf seinem Rekognoszierungsflug zum K2 aufgenommen hatte, war ich imstande, die verschiedenen Bodenaufnahmen miteinander in Einklang zu bringen und des Berges wirkliche Form zu erfassen.
Der Berg hat zwei Hauptgrate, die beide zu einem Gipfel führen. Die beiden Gipfel sind ungefähr gleich hoch, und dazwischen liegt eine zirka 30 m tiefe Einsattelung. Die Distanz zwischen den beiden Punkten beträgt etwa 350 m.
Die Südflanke ist in ihrem unteren Teil durch den Südgrat geteilt, welcher zuerst steil abfällt und sich dann anderthalb Kilometer waagrecht hinzieht. Im unteren Teil der Westhälfte dieser Flanke liegt das Becken eines oberen Nebenarmes des Chagarangletschers. Im unteren Teil der Osthälfte liegt ein Hängegletscher und unter diesem wieder das Bett eines oberen Nebenarms des Younghus-band-Gletschers.
Die westliche Hälfte der Südflanke ist felsig und so steil ( stellenweise vertikal oder überhängend ), dass sie nur wenig Schnee festzuhalten vermag. Sie ist 1200-1500 m hoch, etwa doppelt so hoch wie der östliche Teil. Dieser ist teils felsig, teils mit Eis bedeckt und vermag Neuschnee festzuhalten, so dass sich Lawinen bilden können, die den Hängegletscher speisen. Wir sahen während unseres Aufenthaltes Lawinen über diese Flanke hinunterfegen, wie auch über die Nordflanke, welche zum Monigletscher abfällt.
Die Nordflanke ist sehr steil, 1800-2400 m hoch und mit Eis und Schnee bedeckt. Nur wenige Felsflecken sind unter einem Hängegletscher sichtbar.
Alle Grate sind lang. Der Nordwestgrat fällt steil zum Westsattel ab, verlängert sich dann in derselben Richtung und führt etwa 3 km vom Gipfel entfernt über eine Westkuppe ( über 6000 m hoch ). Dann entschwindet er dem Blicke. Beim Südostgrat ist die Kammlinie weniger steil, aber die Neigung seiner Seitenhänge ebenso gross wie beim Nordostgrat. Wie oft bei Besteigungen im Himalaya, besteht eine der Hauptschwierigkeiten darin, über die steilen Flanken hinauf zum Grat zu gelangen.
Der Südgrat ist schon erwähnt worden. Er ist offensichtlich ungeeignet für eine Erstbesteigung.
Unser Plan, den wir im September 1955 der Regierung von Pakistan unterbreitet hatten, sah vor, über den Chagarangletscher zum Nordwestgrat aufzusteigen. Wenn dies nicht gelingen sollte, würde ein zweiter Versuch über den Südostgrat gemacht. Dieser zweite Weg wäre beträchtlich länger, aber in der oberen Partie weniger steil. Für diese Route würden wir von einem Basislager auf dem Young-husband-Gletscher ausgehen, was einen längeren Transportweg für unsere Träger und damit grössere Kosten bedeuten würde.
Wir sahen deshalb keinen Vorteil, zum vornherein diese Route zu wählen, und richteten unser Basislager am 28. Mai auf dem Muztaghgletscher ein, auf einer Höhe von 4285 m.
Ein unsicherer Faktor würde das Wetter sein, und wir befolgten die nützlichen Ratschläge von Oberst M. Atah Ulla, welcher mit der amerikanischen und mit der italienischen Expedition 1953 und 1954 auf dem K2 gewesen war. Nach seiner Erfahrung waren nur wenige schöne Tage in jedem Monat zu erwarten, und so stellten wir uns zum voraus darauf ein, in jedem Lager Stürme abwarten zu müssen. Unser Vorgehen sollte gewissermassen eine « Belagerungstechnik » sein.
Fast alle von unserer Equipe waren durch kleinere Hochtouren im Himalaya gut trainiert. Trotzdem hatten wir zum voraus geplant, 600 m festes Seil mit Haken und Karabinern anzubringen Auf Anregung von Joe hatten wir uns auch in letzter Minute vor der Abreise noch einige 22-cm-Eis-haken verschafft, welche sich in der Folge als sehr nützlich erwiesen. Sauerstoff führten wir nicht mit.
Wir beabsichtigten, den Gipfel in der letzten Juni- oder ersten Juliwoche zu erreichen, und alle Daten, einschliesslich die Abreise von England, waren von jenem Termin aus rückwärts berechnet worden.
Lager I, II und III Ohne dass wir es vorher beabsichtigten, entwickelte sich von selbst eine Methode der Lager-errichtung: Zuerst führten zwei Mann eine Rekognoszierung durch und nahmen zugleich eine Traglast mit, welche am frühen Nachmittag deponiert wurde, wenn bis dann noch kein geeigneter Lagerplatz gefunden war. Am nächsten Tag stiegen wir alle vier mit den vier Trägern, wieder mit Traglasten, denselben Weg auf, bis wir einen Lagerplatz fanden. Dann war das schöne Wetter zu Ende, und wir stiegen zum Basislager ab, um die mühsam hinaufgeschleppten Höhenrationen nicht auf-zubrauchen. Während der Wartezeit sank unsere Stimmung zusehends,... bis sich das Wetter wieder aufhellte, und dann ging 's frohgemut wieder den Berg hinauf!
Da wir zwei Träger als Wächter beim Basisdepot in Urdokas liessen, blieben nur vier, um die höheren Lager zu verproviantieren. Um Zeit zu gewinnen, halfen daher alle von uns mit, so viel Gewicht als möglich hinaufzutragen.
Keiner von uns war schon einmal auf dem Chagarangletscher gewesen; darum fing für uns hier die eigentliche Erforschung an. Mac und ich führten die erste Rekognoszierung durch, indem wir den unpassierbaren Eisabbruch auf der Nordseite umgingen. Auf dem unstabilen Moränenschutt, der das Eis umsäumte, legten wir eine Art Weg an. Weiter oben bildete das Eis eine so steile, glatte Rampe, dass wir gezwungen waren, uns über die Séracs hinaufzuarbeiten. Es war aber nicht allzu schwer, da hier der Gletscher weniger steil war.
Lager I wurde auf zwei aneinanderstossenden Séracs ( jeder kaum 4 Meter breit ) auf einer Höhe von 4835 m errichtet. Zwischen den Séracs waren Spalten von 45 cm Breite. Der Gletscher hat hier die Form eines Walfischrückens. Aus dem Grunde unter dem Zelt drangen ununterbrochen Geräusche. Manchmal war es ein Krachen und Ächzen, dann wieder ein unheilverkündendes Beben. Trotzdem schien uns, dass, abgesehen von einer grossen, katastrophalen Bewegung des ganzen Gletschers, die kaum passieren würde, schlimmstenfalls die zwei Séracs zusammenstossen könnten. Dabei würden aber die Zelte auf ihrem Rücken kaum zu Schaden kommen.
Keiner von uns schätzte aber die unruhigen Nächte in diesem Lager I, am wenigsten von allen die Träger.
Die Route zum Sattel am Fuss des Nordwestgrates war vom Lager I aus nicht klar ersichtlich und auch der Sattel selbst ( ich werde ihn Westsattel nennen ) war von hier aus nicht zu sehen. Unsere erste Erkundung führte zu einem unpassierbaren Eisabbruch; beim zweiten Versuch jedoch fanden Toni und ich einen leichten Weg über den schneebedeckten Gletscher zum Platz für Lager II, und von da aus hatten wir überdies freie Sicht auf die Route zu Lager III, das wir auf dem Westsattel zu errichten beabsichtigten. Wir waren dem östlichen Seitenarm des Chagarangletschers gefolgt und gelangten zu einem breiten, ebenen Schneebecken am Fusse der Südflanke. Diese erinnerte mich an die dreieckige Westflanke des Weisshorns, nur ist sie viel steiler und eindrucksvoller mit ihrem Gipfel, der fast 3000 m höher zum Himmel ragt. Ich stieg nach meiner Gewohnheit sehr langsam bergauf, während Tom schnell vorwärtskam ( mit seinen vierundzwanzig Jahren war er immer der Schnellste von uns ). So seilten wir uns oberhalb der Gletscherspalten los, und Tom stieg zum Fuss des Abhangs empor, der zum Sattel führt.
Wir trugen kein Gepäck, und es war angenehm, einmal die Umgebung besser geniessen zu können. Für uns beide war es die grösste Höhe, wie wir bisher erreicht hatten ( 5540 m ).
Diese Erkundungen und die Auf- und Abstiege mit Traglasten brachten uns einen zusätzlichen Vorteil: sie bewirkten eine gute Akklimatisation. Als einzige nachteilige Wirkung der Höhe verspürten wir Atemnot. Besonders dieses erste Mal auf so grosser Höhe - als ich meine Tiefatemtechnik noch nicht ausgearbeitet hatte - war ich ganz ausser Atem. Es war am 2. Juni.
Am 3. Juni schleppten Joe, Mac und ich die erste Traglast zum Lager II, während die Träger die unteren Lager mit Vorräten versorgten. Aber das Wetter schlug um, und am nächsten Morgen war der Barometerstand um 4,5 mm gesunken. So kehrten wir ins Basislager zurück, für eine Periode von Schneesturm und Langeweile!
Ausser mit Lesen und Schreiben vertrieben wir uns die Zeit mit Steinstossen und mit Ausflügen nach Urdokas hinunter und zum Muztaghpass hinauf.
Am 13. Juni stiegen wir wieder zum Lager I auf und errichteten am 14. Juni Lager II. Am 15. versuchten Joe und ich vergeblich, den Westsattel zu erreichen. Vom Lager II aus hatten wir uns ohne Mühe drei Kilometer aufwärts zum Fuss des Eishangs hinaufgearbeitet, der zum Sattel hinaufführt.
Dieser ist etwa 360 m hoch und weist einen durchschnittlichen Neigungswinkel von 40° auf ( gemessen mit Abney-Neigungsmesser ). Wir stiegen wohlgemut bergan, in der Annahme, dass die Neigung nach oben abnehme. Es zeigte sich aber, wie oft schon, dass sich solche « leichte » Hänge gern als viel schwieriger herausstellen, als sie von unten aussehen.
Als der Höhenmesser 6050 m zeigte, mussten wir unter dem oberen Eishang, welcher zu steil war, um ohne Sicherung begangen zu werden, umkehren. Es lag nur eine dünne Schneeschicht auf glasigem, hartem Eis. Es wäre besonders für die Träger unmöglich gewesen, diese Strecke ohne festes Seil zu passieren. Die meisten unserer Seile befanden sich noch im Basislager in Urdokas; denn bis jetzt glaubten wir nicht, dass die Besteigung des Muztaghs schwierig werden würde.
Am nächsten Tag machten wir uns alle mit den Trägern auf den Weg. Mac und Tom gingen mit 100 Meter Seil voraus ( alles, was wir im Lager II besassen ), während Tom und ich uns als Lasttiere betätigten. Etwa 60 m oberhalb des gestern erreichten Punktes deponierten wir unsere Traglasten. Mac und Tom stiegen weiter und waren sehr beeindruckt von der Schwierigkeit der Route, die sie vor sich sahen. Dies war der Wendepunkt in unserer Einstellung zu diesem Berg.
Schon in England hatten wir angenommen, dass der Nordwestgrat mühsames Schneestapfen verlangen werde. Nun wussten wir, dass er für uns vielleicht sogar zu schwer sein könnte. Wir spannten jedoch unsere Energie aufs äusserste an. Jeder verbiss sich in seine Aufgabe. Mir erschien die Route äusserst schwierig, aber nicht unmöglich; Joe hingegen meinte, es werde der exponierteste und gefährlichste Aufstieg sein, den er je erlebt habe, und seine Vertrautheit mit der Senkrechten war grösser als meineAm nächsten Tage, am 17. Juni, schlug das Wetter um, und wir mussten noch einmal hinunter.
Als wir am 18. Juni im Basislager ankamen, erhielt ich einen Brief von Guido Magnone, dem Leiter der französischen Expedition in den Karakorum, in welchem er uns von ihrem Vorhaben unterrichtete, ebenfalls den Muztagh Tower zu besteigen. Er schrieb, dass sie ihr Basislager ursprünglich auf dem Chagarangletscher errichten wollten. Statt dessen hätten sie sich nun für den Younghusband-Gletscher entschlossen. Wir waren natürlich alle sehr niedergeschlagen von dieser Nachricht, und unser einziger Trost war, dass sie während des herrschenden Schneefalls nicht viel unternehmen konnten!
Die Depression verschwand wieder, als wir unsere Antwort abgeschickt hatten und von zu Hause einen Stoss Briefe erhielten. Aber das schlechte Wetter hielt an.
Am 26. Juni kamen G. Magnone, Paul Keller und Hauptmann Usman Ali, uns einen Besuch abzustatten. Nachdem wir uns einige Minuten ziemlich förmlich unterhalten hatten, liessen wir uns im Zelt nieder und schwatzten bald angeregt über das Bergsteigen im allgemeinen und über Baltoro-probleme im besonderen, bei Tee, Biskuits, Butter, Honig und Käse!
Nach der anfänglichen Steifheit fanden wir das Zusammensein mit den Franzosen sehr gemütlich. Auch sie waren deprimiert, einesteils wegen des schlechten Wetters, anderseits aber auch vom Eindruck, den ihnen der Berg machte. Sie luden uns herzlich zu einem Gegenbesuch ein und liessen uns als « Présent » zwei Büchsen Fruchtsaft zurück. Unnötig zu erwähnen, dass sie gut gekleidet und rasiert waren! Wir hingegen sahen sehr vernachlässigt aus und hätten alle in unseren Schlafsäcken gelegen, wenn nicht Joe, der gerade ins Schneetreiben hinaus musste, die über den Gletscher heraufstapfenden Besucher entdeckt hätte.
Zwei Tage später waren wir wieder am Berg unterwegs, um Lager III auf dem Westsattel zu errichten. Zuerst musste die Route durch feste Seile gesichert werden. Über 300 m waren gelegt, bevor die ersten Traglasten aufgenommen werden konnten. Über dem Eishang befand sich eine Felsklippe, wie die übrige Südflanke mit Schnee und Eis bedeckt, sehr steil, mit Senkrechten und mehreren Überhängen. Durch diese Klippe zog sich ein 25 m hoher Kamin, der direkt zum Westsattel hinaufführte. Unter dem Kamin führte ein Quergang von etwa 100 Metern unter der Felswand entlang zu den festen Seilen, welche über den Eishang hinabführten. Die Seile waren untereinander verknüpft und nach je ungefähr 15 Metern im Fels oder im Eis verankert ( mit 22-cm-Haken ).
Lager III hatte eine wundervolle Lage auf einer ebenen Eisfläche von der Grosse eines Tennis-platzes, auf 6180 m. Hier, zwischen den Gratfelsen und der Schneewächte, begann das Eis an der Oberfläche zu schmelzen, und so hatten wir in einer kleinen Vertiefung, die wir ins Eis gruben, immer genügend Wasser zur Verfügung.
Der Grat steigt von hier aus ungeheuer steil aufwärts, und es war uns klar, dass die Schwierigkeiten, die wir hinter uns hatten, erst einen Vorgeschmack dessen bedeuteten, was noch kommen würde.
Tom hatte mir die Überwindung einer 3,5 m hohen Steilstufe über dem Lager III als sehr schwierig geschildert. Als aber die Seile fixiert waren, vertrauten wir uns denselben samt den Trägern ohne Bedenken an und passierten die Stelle. Steigeisen waren natürlich unerlässlich auf dem Eis.
Lager IV und der Vorstoss zum Gipfel Am 1. Juli starteten Mac und ich zur Rekognoszierung für Lager IV und entdeckten, dass der Grat, der zuerst unüberwindbar steil schien, doch « gehen » würde. Unsere Gefährten waren beschäftigt, mit den Trägern den Proviant und Brennstoff für 60 Tage nach Lager III zu bringen; denn das war der letzte Vorposten unserer « Belagerung », und von hier aus wollten wir den « Angriff » unternehmen.
Die nächsten 300 m waren andauernd schwierig, und wir mussten auch diese Strecke mit festem Seil sichern. Am Morgen gingen Joe und Tom mit den Seilen voraus, während Mac und ich Vorräte für Lager IV hinauftrugen. 4.30 Uhr waren wir jedoch noch nicht hoch genug und mussten sie wieder deponieren.
Nun befanden wir uns direkt auf dem Nordwestgrat. Eine ziemlich ebene Stelle mit seitlichen Wächten über dem Lager III wurde bald wieder von einer steilen Eis- und Schneestrecke abgelöst, und diese ging nach etwa 100 Meter in Fels und Eis über. Von jetzt an war die Exponiertheit sehr gross. Nach rechts fiel die Südflanke jäh in die Tiefe, ohne irgendein Hindernis, das einen Abstürzenden hätte aufhalten können. Zur Linken wölbte sich die Gratwächte der Nordflanke.
Der Gratkamm selbst war hier nicht scharf, sondern gegen 30 Meter breit. Wir hielten uns möglichst rechts gegen die Südflanke; denn hier hatten wir den Vorteil von schnee- und eisfreien Felsen, in denen wir Griffe ausbrechen und das Seil mit Haken befestigen konnten.
Wir hatten die Absicht, Lager IV auf einer ebenen Stelle des Gratkammes, die wir von weiter unten erspäht hatten, zu errichten. Diese befand sich über dem Vorsprung, der vom Lager III aus so eindrücklich aussieht.
Wir waren alle erschöpft von der Anstrengung der Kletterei. Zum Teil konnte die Erschöpfung auch auf ein Ernährungsmanko zurückgeführt werden; denn es wurde uns auf einmal klar, dass wir in den letzten drei Tagen knappe 350 g feste Nahrung pro Kopf und Tag zu uns genommen hatten, während die vorgesehene Ration ungefähr 1 kg betrug.
Am nächsten Morgen kamen die Träger unbegleitet vom Lager II zu uns herauf, als wir noch in den Schlafsäcken lagen. Für unsern Vorstoss zum Gipfel lag zwar die Ausrüstung und Verproviantierung bereit, aber das Wetter war noch nicht sicher genug. Zudem vernahmen wir durch die Träger, dass Riag mit einer Lungenentzündung im Lager II liege. So eilte Tom an diesem Tag hinab, um nachzusehen. Die Sache stellte sich glücklicherweise als ein Missverständnis heraus, wegen unserer mangelhaften Kenntnis der Balti-Sprache!
Am 5. Juli brachen Mac und Tom auf, um Lager IV einzurichten und am nächsten Tag zum Gipfel aufzubrechen.
Es scheint mir schwierig, die nächste und letzte Phase des Aufstiegs annähernd zu beschreiben. Es war eine Erstbesteigung, und Erstbesteigungen sind ja im allgemeinen berüchtigt für ungenaue Eindrücke, und in der Tat hatte jeder von uns eine von den andern abweichende Ansicht darüber, wo die grössten Schwierigkeiten bei der Überwindung dieser Endstrecke lagen. Auf jeden Fall wäre es nicht zu verantworten gewesen, diesen ausgesetzten Grat ohne festes Seil zu ersteigen. Eine 20-kg-Traglast beeinträchtigt das Gleichgewicht verhängnisvoll genug, um einen leichten Fehltritt in ein Unglück ausarten zu lassen. Und, ganz abgesehen davon, wäre der Abstieg bei Sturm ohne Sicherungsseil einfach unmöglich gewesen. Ich beabsichtige nicht, hier in eine Diskussion über die von uns angewandte Methode einzutreten; ich möchte nur feststellen, dass nach unserer Ansicht die Verwendung fixer Seile weder unsern Genuss noch das Mass unserer Leistung beeinträchtigte und dass die Franzosen auf ihrer Seite des Berges genau die gleiche Methode benützten. Und ich wiederhole, dass die Besteigung ohne solche Sicherungen nicht nur unverantwortlich, sondern vielleicht gar nicht möglich gewesen wäre.
Eine gefährliche Passage über eine exponierte Felsleiste oder einen unsicheren Schneehang, der Durchstieg eines Felskamins oder eines Eiscouloirs, oder wenn ein Block, der den Ausgang eines vereisten Kamins versperrte, rittlings zu überwinden war: all dass bedeutete jeweils für mich persönlich beim erstmaligen Aufstieg eine viel grössere Nervenprobe als bei einem zweiten Mal, sei es im Auf- oder im Abstieg.
Über dem obersten festen Seil war der Grat durch einen vertikalen Felsvorsprung gesperrt; Joe umging die Klippe, indem er unter ihr horizontal in die Südflanke hineinquerte, ähnlich wie beim Gendarm am Nordgrat des Weisshorns. Am Ende der Klippe musste eine Spalte überschritten werden, mit einem Tiefblick von 1200 m zwischen den Füssen. ( Beim Abstieg befestigte Joe zum Abseilen über die Klippe hinab ein 70 m langes hängendes Seil. ) Lager IV wurde etwa 100 m weiter oben, direkt auf dem Gratkamm, errichtet. Die erste Gipfelpartie hackte die meterdicke Eisschicht weg und ebnete die Felsunterlage aus für das Zweimann-Zelt. In der nächsten Nacht kamen Tom und ich nach. Ich lag mit meinem Schlafsack auf der Aussenseite, und als ich gelegentlich nachschaute, ob etwas unter meinem Hintern verrutscht sei, sah ich durch einen Riss in der Zeltunterlage direkt über die Südflanke hinab.
Vom Lager IV aus arbeiteten sich Mac und Joe am 6. Juli bis zum Gipfel empor. Es sei die härteste Tagesleistung gewesen, die sie je vollbracht hätten. Sie erreichten den Gipfel abends 6.30 Uhr, stiegen noch zum Sattel zwischen den beiden Gipfeln hinab und kehrten zum Grat zurück, wo sie 100 m unter dem Westgipfel biwakierten.
Am nächsten Tag folgten Tom und ich nach. Wir hielten uns an ihre Spuren und stiegen zuerst auf Fels und Eis und dann auf einem Eis- und Schneehang von zunehmender Steilheit bis zum ersten von zwei Felsbändern, welche sich von der Südflanke her über den Grat hinziehen. Joe hatte am Tag vorher die überhängende Felspartie mit Haken zu überwinden versucht. Sie hielten jedoch nicht, und unsere Kameraden mussten das Felsband umgehen, indem sie in die Südflanke hinein-querten und sich durch ein Couloir wieder zum Grat hinaufarbeiteten. Das Couloir war metertief mit Pulverschnee gefüllt, der lose auf der Eisunterlage lag. Über dem Couloir bildeten Eisklippen und Séracs ein ebenso schwieriges Hindernis, und dabei gähnte unter den beiden eine Leere von 1800 m bis auf den Monigletscher hinab.
Es war ausserordentlich mühsam, sich hier heraufzuarbeiten. Dazu herrschte Lawinengefahr. Am zweiten Tag hatten sich die Trittspuren etwas gefestigt, und obwohl auch jetzt grosse Sorgfalt nötig war, war für uns als zweite Seilschaft die Gefahr doch wesentlich vermindert. Für Mac und Joe musste es ein unsagbar erschöpfendes, haarsträubendes Stapfen in brusthohem Schnee gewesen sein, wobei sie im Zickzack die günstigsten Stellen sondieren mussten. Das Couloir ist etwa 70 m hoch und mündet auf einen breiten Eishang, welcher nach 60 m zum Grunde einer Felspartie führt. Nach zwei Seillängen ( Grad III ) gelangt man zu einem leichter geneigten Schneehang, welcher am Ende wieder zu einer zirka 30 m hohen, steilen Böschung ansteigt. Wenn man diese überwunden hat, weicht plötzlich der Boden vor den Füssen - und man steht auf dem Westgipfel! Es ist ein schmaler Grat mit dem höchsten Punkt gegen Süden. Der Ostgipfel erscheint von hier aus als sehr feine Schneespitze mit einer 3 m hohen Felsstufe am Grunde. In Wirklichkeit ist es ein messerscharfer Schneegrat, der schärfste, den ich je gesehen, unterbrochen durch die schon erwähnte senkrechte Felsklippe.
Obschon der Ostgipfel höher zu sein schien als der Westgipfel, brachten Mac und Joe die Kraft nicht mehr auf, ihn anzupacken. Es war auch schon spät, und sie waren so schon genötigt, zu biwakieren. Sie stiegen etwa 100 m vom Westgipfel ab, wo sie zwischen den obersten Felsen der Südflanke und den Schneemassen der Nordflanke eine schützende Vertiefung fanden. Mac hatte mit der Notwendigkeit eines Biwaks gerechnet, und beide waren gut dafür ausgerüstet; nur hatten sie wenig zu essen und vor allem zu trinken; denn sie hatten keinen Kocher bei sich. Für diesen obersten Abschnitt des Aufstiegs war es wichtig, nur das Nötigste auf dem Rücken zu haben.
Immerhin verbrachten die beiden die Nacht nicht allzu schlecht und schliefen sogar ein wenig. Joe zog seine Schuhe nicht aus. Am nächsten Morgen begannen sie, hungrig und durstig, früh den Abstieg, und wir trafen sie 9.30 Uhr auf den Schnee- und Eishängen der Nordflanke. Sie orientierten uns über ihren Aufstieg und boten uns einen Teil ihrer Spezial-Unterkleidung für ein Biwak an. Aus den Zeitangaben über ihren Aufstieg ergab sich jedoch, dass wir drei Stunden im Vorsprung waren. So konnten wir annehmen, dass es uns möglich sei, noch am gleichen Tag zum Lager IV zurückzukehren und ohne Biwak auszukommen. Unsere Kameraden zeigten sich skeptisch ( mit Recht, wie es sich dann herausstellte ); aber Tom und ich dachten, dass wir ohne zusätzliche Belastung schneller vorwärtskämen. Nach einem viertelstündigen Halt trennten wir uns, sie, um zum Lager IV abzusteigen, und wir dem Gipfel zu. Um 2.30 Uhr erreichten wir ihn ( vier Stunden früher als unsere Kameraden, einzig darum, weil wir ihre Stufen benützen konnten ). Tom kam 10 Min. vor mir oben an, und als ich bei ihm anlangte, schrie er eben aus Leibeskräften zum Lager der Franzosen auf der andern Seite des Berges hinab!
Das Lager der Franzosen ( ihr Lager IV ) befand sich auf der Mitte des Hängegletschers, 600 m unter uns. Wir konnten einen kleinen dunklen Fleck neben ihrem Zelt wahrnehmen und noch zwei über dem Bergschrund auf dem Eishang, der zu einer Lücke im Südostgrat hinführt. Unverständliches Rufen drang auch von ihnen zu uns herauf, und Tom rief wieder zurück. Wir sahen, wie die zwei Gestalten am Hang rasch zu ihrem Zelt zurückkehrten. Am Abend vorher hatten auch Mac und Joe das Zelt bemerkt und hinuntergeschrien, aber, wie sich später herausstellte, sassen die Franzosen zu jener Zeit im Zelt beim Bridgespiel.
12 Die Alpen - 1957 - Les Alpes177 Tom und ich seilten uns wieder an und machten uns zum Ostgipfel auf. Mac und Tom hatten darüber gewettet, um wieviel höher dieser sei. Ich habe schon erwähnt, wie der Ostgipfel vom Westgipfel her aussieht. Tom führte, als wir uns über den Grat auf die Felsklippe zu bewegten; ich konnte nur sichern, indem ich den Pickel in den Schnee steckte. Der Grat fällt nach beiden Seiten in die mächtigen Hänge der Nord- und der Südflanke ab. Nach Süden geht es nur 600 m tief hinunter; aber gegen Norden, wo Tom hätte abstürzen können, waren es 2500 m bis zum Gletscher in der Tiefe. Wenn Tom ein Missgeschick zugestossen wäre, hätte ich mich sofort auf die entgegengesetzte Seite des Grates werfen müssen. Wir hatten dies sorgfältig erwogen, bevor Tom, mit den Steigeisen an den Füssen, die Traverse begann.
Der Felsvorsprung war nur 3 m hoch; aber es war eine glatte Platte, und ein scheinbarer Riss, der etwa 2½ m schräg daran hinauf lief, erwies sich als ganz oberflächlich und war mit Schutt gefüllt. Erst beim dritten Versuch gelang es Tom, mit den beiden vordersten Zacken der Steigeisen notdürftigen Halt zu finden und sich am dürftigen Rand der Ritze emporzuziehen. Als er endlich oben war, schlug er einen Ringhaken ein, als Sicherung für sich, und befestigte daran eine Seilschlinge als Halt für mich. Beim Abstieg seilten wir über diese Felsmauer ab.
Wenn ich geführt hätte, hätte ich dieses Hindernis nur über die stützende Schulter des Kameraden überwinden können. Die Schwierigkeit wurde noch wesentlich erhöht durch den Umstand, dass der Schnee gerade hier auf dem Grat überaus weich war und deshalb kein zuverlässiges « Sprungbrett » bildete. Tom bewältigte jedoch die Stelle glänzend; es war V. Grad.
Tom überliess mir die Führung für die letzten 50 m auf dem Grat bis zum Ostgipfel. Der Grat war messerscharf, wie ich noch keinen erlebt hatte. Der Schnee besass nur eine dünne, zerbrechliche Kruste; darunter war er feinkörnig und beweglich wie Sand. Wir gingen auf der Nordseite, welche exponierter, aber etwas weniger steil war, und wieder war die einzige Sicherung bei einem eventuellen Ausgleiten des Seilgefährten, sich sofort auf die andere Flanke hinüberzuwerfen. Vorsichtshalber bewegte sich immer nur einer auf einmal.
Schliesslich erreichten wir den Ostgipfel. Nach meinem Höhenmesser war er genau 3 m höher als der Westgipfel. Der Gipfel besteht aus einem feinen Schneegrätchen. Der Schnee war leicht und flaumig und von unsern Schuhen sofort eingedrückt. Aber es wird keine Spur von unserer Besteigung zurückbleiben ausser dem Haken fünfzig Meter weiter unten auf dem Felsen. Und der Haken stammt aus Frankreich!
Als die französische Expedition von der gegenüberliegenden Seite her über den Südostgrat den Ostgipfel erreichte, herrschte Schneesturm. Sie gingen weder auf den Sattel hinunter noch auf den Westgipfel und erfuhren nicht, wie klein der Höhenunterschied zwischen den beiden Gipfeln ist.
Der Abstieg Es war 4.30 Uhr, als wir den Ostgipfel des Muztagh Towers verliessen. Welch wundervoller Abend! Wie wunderbar die Aussicht nach allen Seiten! Der hervorrangendste von allen Gipfeln war der K2. Er zeigte uns seine prächtigen rotbraunen Felsen fast ohne Schnee und Eis. Von den andern traten besonders eindrücklich der Broad und der Gasherbrum hervor. Der Mascherbrum, welcher von Norden sehr markant aussieht ( und eigentlich der einzige von den grossen Gipfeln war, den wir schon einmal gesehen hatten ), erschien uns von hier aus zwerghaft. In der Ferne, ganz für sich allein, stand ein grosser massiver Berg. Es konnte nur der Nanga Parbat sein.
Tom drängte zum Abstieg. Aber für mich bedeutete das Erreichen dieses Gipfels die Erfüllung eines seit 1936 gehegten Traumes. Vor mir, ringsum, der unvergleichliche Anblick des Baltoros! Sicher war ich nicht gekommen, um den Berg hinauf- und wieder hinunterzurennen, die Augen auf die Fußspitzen gerichtet! Das Photographieren hatte ich bereits auf ein Minimum beschränkt. ( Vielleicht muss ich hier darauf hinweisen, dass Tom nicht nur der schnellste Gänger unserer Partie war; er war auch der Jüngste !) Nachdem ich, zwar nicht zur Genüge, aber doch einen vollen Zug all des Schönen genossen hatte, begannen wir den Abstieg. Als wir zur Stelle gelangten, wo wir Mac und Joe beim Aufstieg getroffen hatten, war es 19.30 Uhr und schon dunkel. So bestand ich auf einem Biwak.
Wir fanden einen Unterschlupf auf zirka 6700 m im Windschutz einer kleinen Eisklippe. Hier verbrachten wir die Nacht auf dem Schnee sitzend, und zwar auf einer Schneebrücke über einer kleinen Spalte, wenig von unserer Aufstiegsroute entfernt. Tom fing bald an zu klagen, seine Blutzirkulation sei schlecht, er werde erfrieren. Ich sprach ihm zu: es sei gar nicht so kalt, und wir hätten Kleider im Überfluss auf dem Leibe; meine Füsse seien OK. Seine Klagen bewogen mich aber doch, meinen Arm wärmend um ihn zu legen und seine Schenkel und Füsse immer wieder zu frottieren, die ganze Nacht hindurch. Meine eigenen Überschuhe waren im Eise eingefroren, so dass ich nicht zu den Schuhschnüren gelangen konnte. Meine Daunensocken lagen im Rucksack! Da ich aber meine Zehen noch fühlte und sie bewegen konnte, war ich beruhigt. Natürlich schlief keiner von uns.
Beim Morgendämmern seilten wir uns an, schnallten die Steigeisen fest und machten uns wieder auf den Abstieg zum Lager IV, das wir 5.30 Uhr erreichten. Tom hatte in der Nacht ein Mittel gegen Erfrierungen eingenommen; es sollte wirken, wenn es innert 4 Stunden nach Eintritt einer Erfrierung angewendet würde. Nun fühlte sich Tom aber gar nicht gut; er hatte schon unterwegs Mühe gehabt, wachzubleiben. Er sank erschöpft in seinen Schlafsack und glaubte Fieber zu haben, wahrscheinlich eine Wirkung der Droge. Ich versuchte, Wasser zu schmelzen und etwas Warmes zu kochen. Etwa 9.30 Uhr stieg ich etwas weiter ab, bis ich das Lager III sehen konnte und schrie nach Mac. Er vernahm meinen Ruf, und ich konnte ihm zu verstehen geben, dass wir hofften, gegen Abend hinunterzukommen.
Als ich im Zelt zurück war, sagte jedoch Tom, dass er an diesem Tag wohl nicht mehr weiter könne. Es war 11.30 Uhr. Hungrig waren wir beide nicht, obwohl wir sehr wenig zu essen und zu trinken hatten. Aber auch ich fühlte mich müde und beschloss, in meinen Schlafsack zu kriechen. Als ich die Socken wechselte, betrachtete Tom meine Füsse und meinte: « Die sind erfroren! » Nun wurde auch ich auf ihren Zustand aufmerksam und schluckte von Toms Mittel.
Am nächsten Morgen war ich wie « erschlagen ». Aber wir mussten hinunter. Diesmal war das Zelt mit Kochapparat, Dampf kocher und Schlafsäcken mitzuschleppen. Nach kurzem Frühstück packten wir zusammen und stiegen zur ersten Abseilstelle ab. Es ging von da 30 m senkrecht über einen Vorsprung hinunter. Tom fühlte sich besser als am Tage vorher, ich viel schlechter.
Wie segneten wir nun unsere festen Seile! Ohne sie hätten wir in ständiger Lebensgefahr geschwebt. Ich machte mich zum Abseilen bereit. Aber in meinem Zustand legte ich die Sitzschlinge, in die ich mich für ein bequemes Abseilen hätte setzen sollen, wie einen Gürtel um die Taille. Dann suchte ich vergebens eine Ersatzschlinge, und, statt die andere von meiner Taille zu lösen, schlang ich nach alter Methode das Seil unter meinen Schenkeln durch und liess mich hinabgleiten. Es war ein einlitziges Nylonseil, das erbärmlich einschnitt. An Hals und Oberschenkeln schürfte es mir durch die Kleider hindurch die Haut ab. Auf halbem Weg hinunter musste ich nach Luft schnappend anhalten, bis ich wieder zu Atem kam. Bei all dem befand ich mich seelisch in einem Zustand höchster Erregung: vor Glück, weil wir den Gipfel des Berges wirklich erreicht hatten. Dann wurde mir übel, und bevor ich merkte, was geschah, hatte ich meine Hosen genässt wie ein kleines Kind. Ich erinnere mich noch, wie ich dachte: « Gott sei Dank habe ich nicht viel zu trinken gehabt! » Am Ende dieser senkrechten Abseilstrecke wurde mir wieder schlecht. Tom kam nach. Wir hatten noch etwa 300 m Abstieg vor uns, fast immer am festen Seil, aber kein Abseilen mehr. Bei den steilsten Stellen leitete ich das feste Seil durch den Karabiner in meinem Gürtel ( à la Genevoise ). Nach jeder Seillänge musste ich anhalten, um Atem zu schöpfen... und zu erbrechen. Aber dank dem festen Seil ging alles ohne Unfall vorbei. Einmal, nahe über einem Couloir, verlor ich mit meinen Füssen den Halt und hing frei in der Luft, aber sicher gehalten vom festen Seil und darüber hinaus geschützt durch die Seilverbindung mit meinem Kameraden, der gut gesichert hatte. In unserem Zustande wäre es gefährlich gewesen, wenn wir uns beide zugleich abwärtsbewegt hätten.
Wir waren noch etwa 30 Minuten vom Lager III entfernt, als Mac und Joe aus dem Zelt traten, um nach uns Ausschau zu halten. Ich fühlte mich elend und schämte mich über meinen Zustand. Aber Tom rief hinab, dass ich Erfrierungen hätte und dass sie mir meinen Rucksack abnehmen möchten. So kamen sie uns entgegen, und wir stiegen gemeinsam zum Zelt ab.
Es war eine bewegte Wiederbegegnung mit unseren Kameraden. Wir waren glücklich, uns gegenseitig heil wiederzusehen. Ich brachte Joe seinen Handschuh zurück, den er weiter oben verloren hatte, und er war gerührt. Mac sagte nachher, dass ich vor Aufregung geredet hätte, als ob ich betrunken gewesen wäre. Aber das war ich wirklich: trunken vor Glück! Es hatte keinen Alkohol gebraucht, um diesen Zustand zu erreichen.
Dies war meine Rückkehr zum Lager III, zirka 9.30 Uhr. In den nächsten vierundzwanzig Stunden war mir andauernd schlecht, und obwohl geistig vollkommen wach, fühlte ich mich körperlich denkbar erschöpft. Am dritten Tag stiegen wir zum Lager II ab. Joe kehrte dann nochmals zurück, um meinen Sack zu holen.
Mac und ich machten den Weg zum Lager II zusammen. Während wir am festen Seil einen steilen Eishang passierten, gerieten wir in einen ungemütlichen Steinschlag. Der Sommer hatte begonnen: das Eis schmolz und das Gestein in der Felswand über uns lockerte sich. Unter dem Hagel von kleineren Steinen kamen vier enorme, 3-4 Tonnen schwere Steinbrocken herunter. Am Seil hangend, bemühten wir uns, den Steinen auszuweichen, und ich sah, wie Mac versuchte, dieselben mit dem Pickel abzuwehren. Nach etwa zwei Minuten war es vorüber. Wir standen wieder fest auf den Füssen. Ich hatte meine Steigeisen verloren und Mac, ohne dass er es gemerkt hatte, seinen Sack. Wir fanden diesen 200 m weiter unten wieder, ohne Lederriemen, jedoch die Kameras darin waren intakt!
In Urdokas trafen wir mit der französischen Expedition, mit der wir herzliche Freundschaft geschlossen hatten, zusammen. Sie hatten am 12. und 13. Juli den Ostgipfel erreicht, was uns aufrichtig freute. Unsere Partie plante noch einen Abstecher nach Concordia, um Sellas berühmte Photo noch einmal aufzunehmen. Die Franzosen hingegen mussten ohne Umweg zurückkehren und bestanden darauf, mich mitzunehmen, um meine Füsse zu retten. Ich nahm ihr Anerbieten dankbar an und verabschiedete mich am 20. Juli von Mac und Joe. Tom begleitete mich.
Die Güte, die Gefälligkeit und Besorgtheit, mit der mich die französischen Kameraden umgaben, war grösser, als ich zu sagen vermag. Jeder von ihnen half bei meinem Transport mit, und sie bemut-terten und pflegten mich, bis wir in Karachi ankamen.
Rückblick Die Besteigung des Muztagh Towers ist in technischer Hinsicht wahrscheinlich eine der schwierigsten im Himalaya. Nach meiner Ansicht wäre es in den Alpen, 3000 m weniger hoch, eine gemischte Tour ( Fels und Eis ) ersten Ranges.
Ich hatte das Glück, zuverlässigste Kameraden zu besitzen. Das Wetter war wechselnd; die vier Tage aber, die wir über dem Lager III verbrachten, vollkommen schön.
Die Grossmut der Franzosen bleibt in meinem Gedächtnis als eine der edelsten Taten in der Geschichte des internationalen Alpinismus, diese Wandlung einer ursprünglichen Rivalität in engste Freundschaft und Zuneigung.Übersetzung aus dem Englischen von F. Oe.
( Alpine Journal Vol. LXI, Nov. 1956, N°293 )