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| Tertullian († um 220) - Über das Gebet (De oratione)

16. Kap. Über das Hinsitzen nach dem Gebete.
Ebenso sehe ich dafür, daß einige nach Beendigung des Gebets sich hinzusetzen pflegen, nur Gründe, [S. 260] wie sie die Kinder lieben1. Wie denn? Wenn jener Hermas, dessen Schrift in der Regel "Pastor" betitelt wird, nach Beendigung seines Gebetes sich nicht auf das Bett niedergesetzt, sondern etwas anderes getan hätte, würden wir es dann auch zur Nachachtung festhalten? Offenbar nicht. Denn es heißt im Ton einer fortschreitenden Erzählung und nicht zum Zwecke einer Unterweisung ganz einfach: "Da ich gebetet und mich auf das Bett niedergesetzt hatte"2. Andernfalls dürfte man ja auch nirgendwo beten, als wo ein Bett steht. Im Gegenteil, man würde vielmehr gegen die Schrift handeln, wenn man sich auf einen Stuhl oder eine Bank setzen wollte. Ferner, da die Heiden ebenso handeln, d.h. sich, wenn sie ihre Puppen angebetet haben, hinsetzen, so verdient es gerade deswegen getadelt zu werden, weil es bei den Götzenbildern so gehalten wird. Darum kommt es auch dem Fehler der Unehrerbietigkeit nahe, was sogar die Heiden selbst einsehen müßten, wenn sie Verstand hätten. Denn eine Unehrerbietigkeit ist es denn doch, sich vor dem Angesichte dessen zu setzen, den man vor allen fürchtet und verehrt, um wieviel mehr ist vor dem Angesichte des lebendigen Gottes und wenn der Gebets-Engel noch da steht, eine solche Handlungsweise höchst religionswidrig! Es müßte denn sein, daß wir Gott in der Weise eines Vorwurfs zu verstehen geben wollten, daß uns das Gebet müde gemacht hat.
1: Nämlich alles nachzumachen, was sie andere tun sehen.
2: Pastor des Hermas I., Visio 5.