Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03467.jsonl.gz/1671

Der Luzerner Franz Hunkeler wanderte 1819 im Auftrag des Königs von Portugal mit rund 140 anderen Luzernern nach Brasilien aus. In einem Brief berichtete er von der Reise und seinem neuen Leben in Brasilien. Doch nicht allen erging es so gut wie ihm – nur 123 Luzerner kamen lebend in Nova Friburgo an.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts flüchtete der portugiesische König João VI. vor Napoleons Streitmächten und liess sich mit seinem Kolonialheer in Rio de Janeiro nieder. Um das neue Vereinigte Königreich von Portugal und Brasilien «weisser» zu machen und fleissige Arbeiter nach Brasilien zu holen, verhandelte er mit verschiedenen Regierungen in Europa, um Europäer in sein neu gegründetes Königreich zu holen, denn ein grosser Teil seines portugiesischen Kolonialheeres bestand aus schwarzen Sklaven aus den verschiedenen Regionen Afrikas.
Brasilien stand schon über 200 Jahre unter portugiesischer Herrschaft und kämpfte zu Beginn des 19. Jahrhunderts für die eigene Unabhängigkeit. Die Ureinwohner Brasiliens wurden von den Portugiesen schon im 17. Jahrhundert grösstenteils getötet, weshalb nun so viele afrikanische Sklaven eingeschifft wurden.
Beweggründe zur Auswanderung
João VI. schloss also unter anderem ein Abkommen mit der Freiburger Kantonsregierung ab, in dem geregelt wurde, dass eine grosse Gruppe von 2006 Personen aus der Schweiz bezahlt werde, um nach Brasilien in das neue Königreich auszuwandern. Teil dieser Gruppe waren neben Freiburgern auch viele Bewohner Luzerns. Im Staatsarchiv Luzern befindet sich neben einer detaillierten Liste aller aus Luzern ausgewanderten Personen mit Namen, Kindern, Beruf sowie dem Wohnort. Darunter befindet sich auch Franz Hunkelers Brief, in welchem er die beschwerliche Reise und das Leben in Brasilien detailliert schilderte. Er schickte diesen im Mai 1820 an den Luzerner Regierungsrat Vinzenz Hegi, um die aktuelle Situation und die Überfahrt zu beschreiben.
Die Reise
Franz Hunkeler kam aus Altishofen und war Schreiber. Gemeinsam mit den anderen Luzerner Kolonisten begab er sich am 12. Juli 1819 auf die lange Reise. Die Herkunft der Luzerner war sehr vielfältig. Von der heutigen Stadt Luzern über Malters und Grosswangen bis hin zu Willisau waren viele Dörfer vertreten. Die Reise ging von Luzern nach Basel und von dort über den Rhein bis in den Norden der Niederlande zur Westfriesischen Insel Texel. Von dort aus begann am 11. Oktober 1819 die lange Überfahrt nach Brasilien. Die Reisenden mussten sich auf eine sehr mühselige zweimonatige Schifffahrt einstellen.
An Bord waren 140 Luzerner, gemeinsam mit 302 weiteren Schweizer Kolonisten. In der Nähe der kanarischen Inseln brachen alle drei Mastbäume des Schiffs ab. Die Reparatur dieser Mastbäume verzögerte die Weiterreise um zwei Wochen. Franz Hunkeler beschrieb die Überfahrt ansonsten aber als ruhig und das Meer als «halb so gefährlich wie alle posaunen». Anders erging es dem Luzerner Goldschmied Josef Wendelin Rüttimann. Er verlor bei der Überfahrt zuerst seine Tochter und bei der Ankunft in Brasilien auch seine Frau. Danach starben auch sein Bruder, Michael Rüttimann (er war Kupferschmied) und dessen Frau und Tochter. Von den 140 Luzernern kamen nur 123 lebend in Brasilien an.
Ankunft, Niederlassung und das Leben in Nova Friburgo
Ein halbes Jahr nach der Abreise aus Luzern kam die Kolonialtruppe schliesslich an ihrem Ziel Neufreiburg an. Das Gebiet nordöstlich von Rio de Janeiro, welches ihnen vom portugiesischen König zugeteilt wurde, war gebirgig und grün. Die Lage sollte an die alpine Schweiz erinnern und war ungefähr 30 Stunden von Rio de Janeiro entfernt. Alle Einwohner und Sklaven unterstanden dem portugiesischen Grosskanzler Miranda. Er war Aufseher der Schweizer Kolonie und laut Hunkeler ein «sehr herzlicher und hilfsbereiter» Mann.
Das neue Zuhause war ein kleines Dorf, in dem bereits grobe, robuste Häuser aus Holz, jedoch ohne Bett oder Möblierung standen. Hunkeler beschreibt sie folgendermassen: «Man hat keine andere Bettstätt als vier Stützen in den Boden eingeschlagen und darauf Stecken gelegt, wo sich ein wenig Stroh von Dürkenkorn befindet. Darauf kann man ruhen und es wird noch lange gehen, bis wir Federbetten haben.» Erst mit den Jahren baute die Kolonie ein «modernes» Dorf auf.
Kühe gaben kaum Milch
Die Hauptbeschäftigung der Kolonisten war die Landwirtschaft. Jeder Schweizer erhielt einen eigenen Acker zur Bewirtschaftung. Dieser musste jedoch zuerst so präpariert werden, dass er überhaupt brauchbar war. Franz Hunkeler schilderte die Situation folgendermassen: «Der Boden ist sehr gut, allein zum Anpflanzen gibt es noch viele Mühe […]. Es hat hier schöne Ochsen und Kühe, allein die Kühe geben fast keine Milch. Jedoch wenn selbe gut behandelt würden wie in der Schweiz, würden sie auch so gut werden.» Die Luzerner, unter denen es viele Landwirte gab, würden selbst aber kaum arbeiten. Die Sklaven mussten die ganze Arbeit verrichten. Sie wurden geschlagen, kaum ernährt und genauso wie das Vieh be- und gehandelt.
Wer in der Kolonie ein gutes Handwerk hatte, könne laut Hunkeler sehr reich werden. Längst nicht alle Luzerner waren Landwirte. Auch andere Berufe waren sehr gesucht. Zum Beispiel der des Gerbers oder Uhrmachers. Wer solch einen Beruf hatte, könne in Nova Friburgo grossen Reichtum erlangen, schrieb Hunkeler. Wer den weiten Weg von Neufreiburg bis zum Hafen nach Rio de Janeiro ging, konnte auch durch Handel viel Geld verdienen. Dort konnte man alles Mögliche kaufen und verkaufen.
Von den Luzernern war der Bäcker aus Knutwil, Josef Lütolf, der einzige, der aktiv Handel betrieb. Hunkeler schreibt dazu: «Von den Luzernern handelt niemand als ein gewisser Josef Lütolf von Knutwil und ich bin überzeugt, dass dieser Mann in paar Jahren zu einem schönen Vermögen kommen wird.» Neben ihm sei auch Leonz Lak aus Wikon einer der wenigen Luzerner, der noch Ersparnisse auf der Seite hatte. In Luzern war er Kaufmann gewesen. Er wusste aber nicht, was er mit dem Geld anfangen wollte, schrieb Hunkeler.
Für viele der Schweizer Kolonisten war das Leben aber härter als erwartet. Die Lebensmittel wurden nur sehr teuer verkauft, was in häufiger Mangelernährung resultierte. Von den 2006 Schweizern, welche die Reise antraten, waren in der zweiten Woche nach der Ankunft nur noch circa 1600 am Leben. Von der Luzerner Truppe starben 32, darunter auch viele Kinder. Der hohe Preis der Waren sei mit dem Transport von Rio bis nach Nova Friburgo zu erklären. Hunkeler empfahl in seinem Brief allen, die auch nach Neufreiburg auswandern wollten, Leinentücher, Salami, gedörrte Würste oder Schweizer Käse mitzunehmen. Diese Waren könne man sehr teuer verkaufen, da sie äusserst beliebt und entsprechend selten waren.
Wie die Situation heute aussieht
Trotzdem fanden viele der Schweizer ein neues, glückliches und wohlhabendes Leben in ihrer neuen Heimat. Bis heute stehen die Orte Freiburg und Nova Friburgo in Verbindung. Viele Brasilianer kontaktieren noch heute den Kanton Freiburg, um Familienforschung zu betreiben und ihre Vorfahren und Wurzeln zu finden. Diese reichen bis ins Herz der Zentralschweiz. So hat zum Beispiel die Ahnenforscherin Anita Weibel-Knupp herausgefunden, dass sie in Nova Friburgo einen Cousin 5. Grades hat. Auch andere Schweizer fanden heraus, dass sie im weit entfernten Brasilien Verwandte habe. Ihre Vorfahren gehörten ebenfalls zu den über 100 Luzernern, die damals alles in der Schweiz aufgegeben haben, um ein neues Leben in weiter Ferne zu beginnen.
Die Association Fribourg-Nova mit Sitz in Freiburg hat es sich zum Ziel gesetzt, die Erinnerungen an die Schweizer Auswanderer aufrechtzuerhalten. Auch der Kanton Freiburg selbst pflegt rege Beziehungen zu Nova Friburgo. Es findet ein kultureller als auch sportlicher Austausch zwischen den Städten mit Möglichkeiten zu Aufenthalten im jeweils anderen Land statt. In Nova Friburgo steht heute auch ein «Schweizer Haus», das an die Geschichte erinnern soll und als Museum dient. Nova Friburgo ist heute eine Moderne Stadt mit über 150’000 Einwohnern.