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| Hieronymus († 420) - Briefe

II.d. Aszetische Briefe: Trostbriefe
60. An Heliodor: Nachruf auf Nepotian
11.
Wie oft kam nicht von jenseits des Meeres ein Brief von ihm mit der Bitte, ich möchte ihm etwas schreiben! Wie oft wandte er sich nicht an mich als der nächtens drängende Bittsteller des Evangeliums oder als die den harten Richter ständig angehende Witwe! 1 Wenn ich ohne formelle Ablehnung über seinen Wunsch einfach hinwegging, wenn schamhaftes Schweigen meine Antwort auf seine bescheidene Bitte war, da steckte er sich hinter seinen Oheim, der für einen anderen unbefangener bitten konnte und wegen seiner bischöflichen Würde mehr Aussicht auf Erfolg hatte. Ich war ihm schließlich zu Willen, und in einer kleinen ihm gewidmeten Schrift habe ich unserer Freundschaft ein unvergängliches Denkmal gesetzt. 2 Da glaubte er reicher zu sein als Krösus und Darius. 3 Bald warf er sein Auge auf die Schrift, bald nahm er sie zur Hand, bald führte er sie ans Herz, bald an den Mund. Weil er häufig darin im Bette las, so glitt das geliebte Buch oft auf die Brust herab, wenn ihm die Müdigkeit die Augen schloß. Kam ein Fremder oder ein Freund, dann gab er seiner Freude über diesen Beweis meiner ihm erzeigten freundschaftlichen Gesinnung Ausdruck. War eine Stelle darin etwas schwach, so glich er es durch maßvolle Betonung und Abwechslung in der Aussprache aus, so daß er Tag um Tag, wenn er daraus vorlas, Lob oder Tadel der Zuhörer zu ernten schien. Woher dieser Eifer, wenn nicht aus der Liebe zu Gott? Woher die unermüdliche Betrachtung des Gesetzes Christi, wenn nicht aus Sehnsucht nach dem, der dieses Gesetz gegeben hat? Andere mögen Geld auf Geld häufen, bis der Beutel platzt, indem sie sich durch allerhand Dienstleistungen [S. 44] die Erbschaft alter Damen sichern. Es mag solche geben, die als Mönche mehr besitzen, als sie in der Welt je besaßen, die als Diener des armen Christus Schätze ihr eigen nennen, wie sie solche als Kinder des reichen Teufels nie kannten. Mag die Kirche Grund zur Klage haben über den Reichtum derer, in denen die Welt vordem Bettler sah. Unser Nepotian trat das Gold mit Füßen und machte statt dessen lieber Jagd auf einen Brief von mir. Aber während er im Fleische ein Verächter seiner selbst war, während die Armut seinen schönsten Schmuck bildete, setzte er sich voll und ganz für die Ausschmückung des Gotteshauses ein.
1: Luk.11, 5 ff.;18, 2 ff.
2: Ep. 52 (BKV II. Reihe XVI 122 ff.).
3: Darius (vgl. Plato, Lysis 8, 211) und der Lyderkönig Krösus galten den Alten als die typischen Vertreter großen Reichtums.