Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03431.jsonl.gz/169

24. Dezember 2006 / Daniel Gerstgrasser, Michael Kasper
Aussergewöhnlich kräftiges Hoch über Nordwesteuropa
Am 19. Dezember 2006 bildete sich über den Britischen Inseln ein kräftiges Hochdruckgebiet. Dieses verstärkte sich in der Folge und erreichte in der Nacht auf den 22. Dezember 2006 seinen Höhepunkt. Über Südengland stieg dabei der Luftdruck am Boden kurzzeitig auf 1046 Hektopascal, für ein Warmlufthoch ein aussergewöhnlich hoher Wert, wie er in dieser Region nur etwa alle 10 Jahre vorkommt. Im Bereich des Hochzentrums bildete sich dann auch für ein paar Tage dichter Nebel, welcher im englischen Flugverkehr grössere Probleme verursachte.
Bild 1: Bodenwetterkarte mit Fronten, 22.12.2006, 00 UTC. Der Hochkern liegt über Südengland, der Druck im Zentrum ist über 1045 hPa gestiegenQuelle: DWDgross.gif, 108 KB
In der Schweiz wurde das Hochdruckgebiet ebenfalls am 19. Dezember 2006 wetterwirksam, allerdings lagen wir noch am Rand des Hochs in einer ausgeprägten Bisenströmung. Im Mittelland wurden Böenspitzen von 50 bis knapp 80 km/h, auf den Jurahöhen bis 110 km/h gemessen. Zudem trockneten die Luftmassen vorerst nur in den Hochalpen sowie auf der Alpensüdseite richtig ab. In den übrigen Regionen deckte hochnebelartige Bewölkung mit einer Obergrenze von 2000 bis 2500 Metern die Sonne zeitweise ab.
Von Tag zu Tag verstärkte sich der Hochdruckeinfluss nun auch über der Schweiz. Die Hochnebelfelder waren aber in den meisten Regionen vorerst noch nicht allzu zäh. Am 23. Dezember löste sich der Hochnebel nur noch östlich vom Aargau auf. Am 24. Dezember blieb er über dem Mittelland erstmals verbreitet hartnäckig liegen, und drang am frühen Morgen auch in die Voralpentäler ein. In dieser Phase konnte am Zürichberg erstmals in diesem Winter sogenannter Industrieschneefall beobachtet werden (Details dazu weiter unten). Die Obergrenze des Hochnebelgraus lag auf ziemlich genau 1000 Metern Höhe.
Bild 3: Hochnebelsituation am 24. Dezember 2006, 12.00 Uhr. Viele Gebiete Mitteleuropas liegen unter einer kompakten Nebel- oder Hochnebeldecke, so auch das Schweizer Mittelland. Der Hochnebel reicht zum Teil bis in die Alpentäler hinein.Quelle: Eumetsatgross.gif, 266 KB
Stark ausgeprägte Inversionslage
Das erwähnte Hoch sorgt mit seiner Subsidenz (=Absinkbewegung im Hoch, dabei werden die Luftmassen erwärmt und abgetrocknet) für eine markante Inversionslage über der Schweiz. Bild 4 zeigt die vertikale Temperaturschichtung im Raum Zürich am Morgen des 24. Dezembers. Die Obergrenze der Inversion liegt auf etwa 1100 Metern, innerhalb von 100 Höhenmetern erfolgt eine Temperaturzunahme von etwa 10 Grad.
Bild 4: Vertikales Temperatur- und Feuchtigkeitsprofil im Raum Zürich, 24. Dezember 2006, 9 Uhr Lokalzeit. Die Spitze des Üetlibergturms markiert die Untergrenze der Inversion, das Hörnli im Zürcher Oberland die Obergrenze.gross.gif, 18 KB
Noch markanter ausgeprägt war die Inversion im Radiosondenaufstieg von Payerne. In der Nacht auf den 24. Dezember wurde auf 300 Höhenmetern eine Temperaturzunahme von 14 Grad gemessen.
Auch in den kommenden Tagen bleibt die Inversionswetterlage erhalten, im Laufe der letzten Woche des Jahres sinkt die Inversion langsam auf 600 bis 800 Meter ab. Damit wird der Luftmassenaustausch im Flachland massiv eingeschränkt, stark steigende Schadstoffwerte dürften die Folge sein.
Sondierung_Payerne.gif, 151 KB
Bild 5: Kamerbild von Landquart/GR, vom Morgen des 24. Dezember 2006. Die Inversions befindet sich hier in Bodennähe, vom Sarganserland her (im Bild links) dringt allmählich Nebel ein.gross.jpg, 249 KB
Bild 6: Sonnenaufgang am 24. Dezember 2006 auf dem Mont Pelerin/VD, 1080 m. Die Obergrenze des Hochnebels befindet sich auf 900 bis 1000 Meterngross.jpg, 188 KB
Bild 7: Blick von Murtel/GR, 2700 m ins Oberengadin. Die Lufmassen sind ausgesprochen trocken. In den Bergen herrschen sehr gute Sichtbedingungen.gross.jpg, 305 KB
Interessante, aber nicht ungewöhnliche Temperaturverteilung
Die Temperaturkarte mit den Höchstwerten vom 23. Dezember 2006 zeigt einige interessante Details:
Maxima_23122006.jpg, 283 KB
Einzelne Stationen im Flachland registrierten einen Eistag, so zum Beispiel Payerne, Bern und Wädenswil sowie die leicht erhöhten Stationen von St. Gallen und Rünenberg/BL. Oberhalb der Inversion war es ausgesprochen mild, schweizweit die höchsten Werte wurden mit +8.5 Grad in Montana (1508 m, VS) und in Disentis (1190 m, GR) gemessen, drittwärmste Station war mit 8.3 Grad der Chasseral (1599m, BE)! Generell war es in den Höhenlagen zwischen 1200 und 2000 Metern mit 4 bis 8 Grad sehr mild.
Industrieschnee - ein Phänomen in den Agglomerationen
Eine tiefe Nebel- oder Hochnebelobergrenze (idealerweise um 900 Meter) in Verbindung mit einer markanten Inversion sind ideale Voraussetzungen für die Bildung von Industrieschnee. Weitere Voraussetzungen sind deutliche Minustemperaturen an der Untergrenze der Inversion und eine eher instabile Schichtung vom Boden bis zur Untergrenze.
Bild 8: Grafische Darstellung der Entstehung von Industrieschnee, weitere Erklärungen im Textgross.gif, 183 KB
Als wichtigster Auslöser für Industrieschnee gelten Kehrrichtverbrennungsanlagen, da diese Wärme und grössere Mengen Wasserdampf freisetzen. Dies vor allem dann, wenn die Rauchgase nass gereinigt werden. Die Kühltürme der Atomkraftwerke produzieren in der Regel kein Industrieschnee, da die Abluft genügend warm ist, um die Inversion zu durchstossen. (Quelle: "Die Entstehung von Industrieschnee", Alexandra Tsakanakis, Diplomarbeit an der ETH Zürich).
Das Phänomen Industrieschnee tritt nur sehr lokal auf, wie beispielsweise am Morgen des 24. Dezembers 2006 am Zürichberg. Am Morgen früh konnte hier während einiger Zeit schwacher Schneefall beobachtet werden, währenddem in der unmittelbaren Umgebung kaum eine Flocke vom Himmel fiel. Die untenstehenden drei Bilder zeigen, dass die Gegend um den Zürichberg immerhin leicht angezuckert war. Auf den Strassen wurde es sogar für kurze Zeit ziemlich rutschig.