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Ehemaliges Jesuitenkolleg und Kirche St. Salvator (später Hl. Geist)
Die Jesuiten in Heidelberg
1685, mit dem Übergang der Pfalz an die katholische Neuburger Linie der Wittelsbacher, beruft Kurfürst Philipp Wilhelm zwei Patres aus der oberrheinischen Jesuitenprovinz zum Unterricht der Humaniora und der Rhetorik nach Heidelberg.[1] Als Kirche dient die Kapelle der Deutschordenskommende.[2] 1688 kann mit vier Professoren bereits der zweijährige Philosophiekurs angeboten werden. Im gleiche Jahr beginnt der Pfälzische Erbfolgekrieg.[3] Mit der Zerstörung Heidelbergs 1693 kommt die Lehrtätigkeit zum Erliegen. Fünf Jahre später beschliesst Kurfürst Johann Wilhelm[4] der seit 1690 regiert, in Heidelberg ein Kollegium einzurichten und beruft die Jesuiten erneut in die noch völlig verwüstete Stadt, in der die Bürger erst langsam zurückkehren. 1699 sind wieder vier Patres als Professoren tätig. Ihre Predigten können sie jetzt in der Heiliggeistkirche abhalten. Für die vom Kurfürsten beabsichtigte Einrichtung eines Kollegiums in Heidelberg fehlt nur noch das Grundstück, denn die verstorbene Gattin des Kurfürsten hat für den Bau bereits 40 000 Gulden gestiftet. Mit dem Erwerb von zerstörten Liegenschaften der Universität stossen die Jesuiten anfänglich auf Widerstand. Erst nachdem 1702 der Kurfürst in der Platzfrage gegen die jesuitenfeindlichen Universitätsleitung entscheidet, kann 1703 mit dem Bau begonnen werden. Ein erster Flügel der neuen Jesuitenresidenz kann 1705, die beiden weiteren 1708 und 1711 bezogen werden. In zwei Etappen, von 1712 bis 1723 und von 1749 bis 1759 folgt der Kirchenneubau.
1715 bauen die Jesuiten auch das Gymnasium, das südlich gegenüber von Kolleg und Kirche liegt. Die Schule der neuen Jesuitenniederlassung entwickelt sich günstig. Auch Kinder aus protestantischen Familien besuchen sie, weil die Jesuiten Nachteile auf Grund der Religion ausschliessen. Die Jesuitenresidenz wird 1725 zum Kolleg erhoben.[5] Es ist das jüngste Kolleg der Jesuitenprovinz.[6] 1730 eröffnen die Heidelberger Jesuiten in einem Bürgerhaus am Klingentor ein Seminar, das sie zu Ehren von Karl Borromäus «Carolinum» nennen. 1750 bauen sie für das Seminar südlich des Kollegs, jenseits des ehemaligen Stadtgrabens, eine grosse Dreiflügelanlage mit Ehrenhof und verstärken damit ihre bauliche Präsenz in Heidelberg. An der Universität bekleiden, zwar im nicht immer spannungsfreien Umfeld des mehrheitlich protestantischen Lehrkörpers, inzwischen Jesuitenpatres mehrere Professuren. 1772 sind in Heidelberg 45 Lehrkräfte der Jesuiten an Gymnasium, Seminar und Universität tätig. Verständlicherweise sind sie von Protestanten, aber auch von Freimauern und Aufklärern immer angefeindet. Ihre unabhängige und wenig ortsgebundene Organisation und ihre soziale Einstellung im Bildungswesen macht aber die absolutistisch regierenden Monarchen zu Hauptfeinden der Jesuiten, allen voran die Könige von Frankreich und Spanien. Der Jesuitenorden wird auf deren Druck 1773 vom Papst aufgehoben.
|Der Plan von Heidelberg, als Steingravur 1821 von Carl Wagner in Karlsruhe lithographiert, basiert auf einer Zeichnung von Friedrich Ludwig Hoffmeister (1773–1853). Die äusserst präzise Stichgravierung im Format 41 cm (B) x 20,5 cm (H) ist, wie in Heidelberg noch lange üblich, nach Süden orientiert (Süden ist oben). Sie zeigt in der Planmitte das Jesuitenkolleg links (östlich) des Paradeplatzes (später Ludwigplatz, dann Universitätsplatz). Der Kolleghof ist mit «Katholische Pfarr-Kirch» beschriftet, im Ostflügel des Kollegiums ist zu dieser Zeit die Briefpost untergebracht. Oberhalb (südlich) des Kollegs ist das Seminarium beschriftet.

Bildquelle: Landesarchiv BW.
Kolleg, Seminar und Kirche nach 1773
Nach 1773 gehen die ehemaligen Jesuitenschulen und Kollegien an den Staat über. Anfänglich führen die Exjesuiten ihre Lehrtätigkeit an Hochschule, Seminar und Gymnasium als Weltgeistliche noch weiter. Altersbedingte Lücken veranlassen Kurfürst Karl Theodor 1781, alle ehemaligen Güter der Jesuiten und deren Einnahmen der französischen Kongregation der Lazaristen zu übergeben, die in Heidelberg ihre erste Niederlassung im deutschsprachigen Raum gründen können.[7] 1792, nach der Auflösung der Kongregation, weist der Kurfürst Vermögen und Einnahmen dem katholischen Schulfond zu. 1794 bis 1808 dienen die ehemaligen Kolleggebäude als Gefängnis, die Kirche und das Seminar werden Militärlazarett. In allen Gebäuden verschwindet zu dieser Zeit die barocke Ausstattung, von der heute nichts mehr vorhanden ist. Die 1803 erfolgte Eingliederung der Kurpfalz in das neue Kurfürstentum Baden verändert für die Bevölkerung von Heidelberg wenig. Auch die staatliche Auflösung aller Klöster wirft keine grossen Wellen.[8]
1808–1809 erfolgt aus Mitteln des Schulfonds eine Sanierung der Jesuitenkirche. Die Kirche wird an die Pfarrei Heilig-Geist übergeben, die dafür auf die bisher paritätisch genutzte Heilig-Geist-Kirche verzichten muss. Die Altäre werden aus dieser Kirche mitgenommen. Weitergehende Renovierungen folgen 1829 und 1868-1874. Anlässlich der Letzteren erhält bis 1872 der noch unvollendete Kirchturm zwei weitere, nun neubarocke Obergeschosse. Er hat seither die heutige steile Form. Ein weitaus weniger ambitioniertes Projekt von Friedrich Theodor Fischer wird vorgängig verworfen. Bis 1874 wird auch der noch barocke Innenraum völlig umgestaltet und verliert mit düsteren Farben und Buntverglasungen seine Helligkeit. 1953–1954 werden diese Eingriffe teilweise rückgängig gemacht. Erst mit der 2001–2004 erfolgten letzten Restaurierung dürfte die Kirche wieder dem barocken Innenraum entsprechen und erhält gleichzeitig eine sehr gelungene Neuaustattung.
Weniger sorgfältig ist der Umgang mit Kolleg, Seminar und Gymnasium. Schon während den Revolutionskriegen innen verwüstet, werden die Kolleggebäude 1809 in Losen versteigert. Im Nordflügel hält das katholische Pfarramt Einzug. Der Süd- und Westflügel des Kollegs wird 1846 mit Teilen des Ostflügels zu Gunsten eines Neubaus für das Amts- und Landgericht abgebrochen. Die ehemaligen Räume des Ostflügels erwirbt die Stadt und lässt sie zur Universitätsbibliothek umbauen. Heute enthalten sie Seminarräume der Universität. Die noch erhaltenen Fassaden sind inzwischen restauriert. Insbesondere der Haupteingang im Nordflügel und die rekonstruierte Gartenanlage im Innenhof geben noch einen Eindruck von der Wirkung des ehemaligen Kollegs im Äussern.
Ebenfalls erhalten, wenn auch stark verändert, ist das blockartige Gebäude des ehemaligen Jesuitengymnasiums an der Schulstrasse und der anspruchsvolle Dreiflügelbau des ehemaligen «Seminarium Carolinum». Bei allen diesen ehemaligen Jesuitengebäuden kann die teilweise rekonstruierende neue Fassadengestaltung nicht über den praktisch vollständigen Verlust der barocken Innenräume hinwegtäuschen.
Die Baumeister der Jesuiten in Heidelberg
Für das Jesuitenkolleg können die planenden und ausführenden Baumeister nur vermutet werden. Offenbar stellt der Kurfürst dazu Mitarbeiter des Bauamtes zur Verfügung. Seit 1699 hat Baumeister und Oberfeldmesser Johann Adam Sartorius die Leitung,[9] ihm stehen als Bauschreiber der Bildhauer Heinrich Charrasky[10] und als Werkmeister Johann Adam Breunig zur Seite.[11] Breunig, der 1708 Sartorius als Leiter ablöst, ist beim Bau der Kirche und des Gymnasiums als planender Baumeister verbürgt. Beim Kollegneubau ist er Baumeister, aber nicht Planverfasser. Der Verfasser des Genehmigungsplanes zum Kolleg muss im Kreis der bauerfahrenen Jesuiten zu suchen sein.[12] Zwar ist Breunig als Entwurfsplaner nicht verbürgt, bleibt aber für das Kolleg, die Kirche und das Gymnasium der wichtigste der beteiligten «architecti». Er stirbt 1727. Der Kirchenneubau ist wegen politischer Verwerfungen inzwischen eingestellt und kann erst 1749 weitergeführt werden. Die Leitung der Arbeiten übernimmt jetzt der kurfürstliche Hofbaumeister Franz Wilhelm Rabaliatti.[13] Sein Hauptwerk in Heidelberg ist der Neubau der Seminarium Carolinum.
Bauabschnitt 1712–1717/23
1711 wird der in Rom eingereichte Kirchengrundriss[14] vom Ordensgeneral Michelangelo Tamburini provisorisch, im Juni 1712 dann definitiv genehmigt. Die Grundsteinlegung erfolgt schon am 19. April 1712. Zudem sind seit Oktober 1711 Vorbereitungsarbeiten auf der Baustelle im Gange. Planer der Kirche, die allerdings abweichend vom Genehmigungsplan erstellt wird, ist Johann Adam Breunig, dem 1712 ein Honorar von 100 Gulden bezahlt wird. Bis Ende 1716 sind die beiden Chorjoche und ein Langhausjoch mit bisherigen Gesamtauslagen von 33 000 Gulden eingedeckt und gewölbt. 1717 wird mit Auslagen von 3145 Gulden noch gearbeitet, aber dann tritt ein Stillstand ein. Gründe sind der Tod des grossen Förderers der Heidelberger Jesuiten, Kurfürst Johann Wilhelm, und die anschliessenden Streitigkeiten des neuen Kurfürsten Carl Philipp mit den Heidelberger Protestanten. Sie enden 1720 mit der endgültigen Verlegung der Residenz nach Mannheim. Der Neubau der Jesuitenkirche wird jetzt nicht mehr weitergeführt. Zur Nutzung der begonnen Kirchenhälfte werden noch der Steinboden verlegt, die Fenster verglast und die offene Nordseite mit einer Scheidemauer geschlossen. Im Mai 1723 erfolgt die Einweihung der Rumpfkirche.
Bauabschnitt 1749–1759
Nach seiner Verlegung des Hofes nach Mannheim beginnt Kurfürst Carl Philipp nicht nur mit dem Bau des weit ausladenden Mannheimer Schlosses, sondern setzt auch mit dem Bau der grossen Jesuitenkirche von Mannheim ein deutliches Zeichen. Sie kostet bis zu ihrer Fertigstellung 1756 über 400 000 Gulden, das Vierfache der getätigten und noch folgenden Aufwendungen für die Heidelberger Kirche. Es liegt auf der Hand, dass der Kurfürst, der 1742 stirbt, an der gleichzeitigen Förderung der Heidelberger Jesuiten wenig Interesse hat. Dies ändert sich unter dem Nachfolger Carl Theodor. Er ist wie die Vorgänger Jesuitenzögling und geht als aufgeklärter Landesherr, grosser Förderer der Wissenschaften und der Künste in die Geschichte ein.[15] Seinen Hofbaumeister Franz Wilhelm Rabaliatti lässt er 1750 in Heidelberg das Seminarium Carolinum der Jesuiten bauen. Schon ein Jahr vorher, Im Frühjahr 1749, beginnt nach über dreissig Jahren Stillstand die Weiterführung der Arbeiten an der Jesuitenkirche. Obwohl keine Quellen Rabaliatti als Leiter der gleichzeitigen Kirchenfertigstellung nennen, wird von seiner Bauleitung ausgegangen. 1750 ist die Schaufassade vollendet, deren Entwerfer Rabaliatti sein muss. Die Rohbauarbeiten sind vermutlich Ende 1752 vollendet. Die Bauausgaben seit 1749 betragen 42 000 Gulden. Bis zur endgültigen Fertigstellung um 1759/61 betragen sie nur noch um die 2000 Gulden pro Jahr. Insgesamt sind 1712 bis 1760 rund 94 000 Gulden für den Kirchenbau verbucht worden, dem aber noch immer die Turmobergeschosse fehlen. Im Gegensatz zur reich ausgestatteten Mannheimer Jesuitenkirche dürfte der Innenraum weder Stuck noch Fresken und auch keine hochstehende Altarausstattung erhalten haben. Jedenfalls ist kein Name eines Künstlers oder ein Beschrieb aus dem 18. Jahrhundert überliefert.[16]
Die Architektur der Jesuitenkirche
Typologie
«Die Heidelberger Jesuitenkirche unterscheidet sich in tiefgreifender Weise von allen anderen Kirchen der Ordensprovinz, ja von allen anderen deutschen Jesuitenkirchen» schreibt ihr erster Monograph Joseph Braun 1910. Er bezieht sich auf ihre Freipfeiler-Bauweise mit gestaffelten Gewölben, die für die Jesuitenkirchen in den oberrheinischen und oberdeutschen Provinzen in barocker Zeit bisher nie angewendet worden ist.
|Mehr zur Typologie siehe im Anhang «Die Heidelberger Jesuitenkirche, ihr Unterschied zur üblichen Bauweise von Jesuitenkirchen und die Herkunft ihrer tektonischen Form»|
Baukörper
Der Kirchenraum
Die Kirche ist eine dreischiffige Halle von rund 22 Meter Innenbreite, die beidseitig mit korrespondierenden, zwei Meter tiefen Wandpfeilern erweitert ist und damit eine lichte Innenbreite von 26 Metern erreicht. Freipfeiler tragen die allseits mit Gurtbögen getrennten Kreuzgewölbe, die Wandpfeiler sind mit den üblichen Quertonnen verspannt. Die Mittelschiffgewölbe setzen höher an und ragen entsprechend dem Typus der Staffelhalle in den Dachraum. Die Kirche ist nach Süden orientiert. Im Grundriss folgen nach einem schmalen Emporenjoch vier Volljoche. Im vierten, leicht tieferen Volljoch liegen die Seitenaltäre. Der Chor schliesst nahtlos mit einem weiteren Volljoch an. Dieses Joch und auch das folgende, durch den Turm gestutzte Halbrund des Altarraums sind jeweils mit Pfeilerverdoppelung getrennt.
Die Längsfassaden
«Sehr eigentümliche Gebilde sind die Fenster der Langseiten und des Chores» urteilt wieder P. Joseph Braun 1910. Es sind die Fenstergestaltungen und die Pilastergliederungen, die ihn an den Fassaden irritieren. Cornelius Gurlitt vermutet deswegen 1889 sogar, dass sie «eine ursprünglich gotische, neuerdings aber wieder im Renaissancestil umgeschaffene Anlage von trefflicher Raumverteilung» abschliessen. Die Urteile der beiden bekannten Kunsthistoriker können nachvollzogen werden, denn die Heidelberger Fassadengestaltung ist wirklich unorthodox.
Alle Fassaden und auch der Turm sind vollständig in Rotsandstein ausgeführt. Die Längsseiten sind entsprechend der inneren Jochteilung aussen mit Pilastern gegliedert, die ohne Fassadenbezug zweigeschossig gestaltet sind.[17] Das kräftige Pfeilergesims des ersten Geschosses liegt in Fassadenmitte zwischen den unteren Fensterreihen. Die Ausbildung dieser Fensterreihen ist der Grund für die Vermutung Gurlitts, dass er vor einer Renaissance-Umgestaltung eines gotischen Bauwerkes stehe. Die unteren Rundbogenfenster und auch die oberen Halbkreisfenster sind mit vier profilierten Sandsteinpfosten geteilt, die bei den unteren Fenstern in einem gotisch anmutenden Masswerk enden. Der Gestalter verdichtet hier Vorbilder von zweigeteilten Fensteröffnungen zu einer einzigartigen Steinhauerarbeit.[18]
Die Schaufassade
Die eigentliche Fassade an der Nordseite ist ein Werk des Mannheimer Baumeisters Franz Wilhelm Rabaliatti. Sie zeigt das übliche Schema römischer Barockfassaden. Derart wird sie schon 1683 in einem bekannten römischen Standardwerk der Kirchen Roms veröffentlicht.[19] Der dreiteilige Unterbau der Fassade ist mit gekoppelten Pilastern versetzt und bildet im Mittelteil ein leichtes Risalit. Dieses setzt sich über der Attika des Unterbaus im einteiligen Ädikula-Oberbau fort, der mit einem Dreiecks-Frontispiz bekrönt ist. Eingerollte Voluten seitlich des Oberbaus sind zwischen Fortsetzungen der Pilaster über der Attika eingeklemmt, die als Vasen-Piedestale dienen. Drei Ädikulanischen enthalten überlebensgrosse Statuen. Unten links ist es der Ordensgründer Ignatius, recht der Jesuitenmissionar Franz Xaver. In der grossen Nische des Obergeschosses steht Christus als Weltenerlöser.
Der Dachstuhl
Nicht nur die Freipfeilerbauweise der Jesuitenkirche ist singulär, auch die gewählte Dachform verdient Beachtung. Das Dach der Stadtkirche Heilig-Geist ist Vorbild. Nachdem diese Kirche 1693 der französischen Brandschatzung zum Opfer gefallen ist, erhält sie beim Wiederaufbau 1698 anstelle des ursprünglichen «Deutschen Daches» ein französisches Mansarddach. Der Grund für die Wahl dieser schwer wirkenden Dachform muss eine vorübergehende Modelaune sein.[20] Schon beim Kirchenneubau konkurrenzieren die Jesuiten mit der Grösse der Stadtkirche,[21] 1715 übernehmen sie auch deren Dachform. Der Dachstuhl ist ein Werk des späteren Mannheimer Stadtzimmermeisters Heinrich Wilhelm Warth.[22] Das Dachwerk ist, wie dies der Querschnitt von 1804 schön darstellt, ein Stockwerksbau mit abwechselnd stehenden und liegenden Stühlen, deren Binder verdoppelt sind und damit sandwichartig die Hängesäulen fassen. Das erste Geschoss dient der Überbrückung des erhöhten Mittelschiffs, auf ihm liegt als Fusspunkt der eigentlichen statischen Konstruktion ein 25 Meter langer Kehlbalken, der Zerrbalkenfunktion übernimmt. In der sonst korrekten Aufnahme von 1804 sind die Druckstreben der Hängesäulen zum Fusspunkt des zweiten Geschosses geführt, heute enden sie auf den Stühlen des Mittelschiffs.[23]
Ausstattung, Stuckaturen und Fresken
Ausstattungen
1794 bis 1808 wird die Kirche als Lazarett und als Militärmagazin genutzt. Die barocke Ausstattung muss verschwinden und wird vermutlich zerstört. Es handelt sich um den Hochaltar, den Kreuzaltar, den Marienaltar und den Franz-Xaver-Altar, alle aus der Bauzeit um 1716. In der zweiten Bauphase verschwinden Aloysiusaltar, Stanislausaltar und die Orgel. Weder das Aussehen noch die Meister dieser Ausstattung sind bekannt. Auch die 1809 aus Heilig-Geist übernommenen spätbarocken Altäre verschwinden während der umfassenden Neorenaissance-Neugestaltung der Kirche von 1870/73. Die Restaurierung von 1953/54 macht diese Eingriffe rückgängig, lässt aber eine konsequente Rückkehr zur barocken Helligkeit vermissen. Die qualitativ hochwertigen Hoch- und Seitenaltarbilder (1871) von Andreas Müller[24] und Ferdinand Keller.[25] Erhalten bleiben auch die Kanzel und der Taufstein von 1871. Seit der gelungenen Restaurierung 2001–2004 durch das erzbischöfliche Bauamt Heidelberg (Projektarchitektin: Ursula Jasper) kann der Innenraum wieder barocke Helligkeit ausstrahlen. Eine neue Orgel von Kuhn Männedorf (III/P/54) vervollständigt seit 2009 eine einfühlsame moderne Zusatzausstattung. Die Chororgel der gleichen Firma von 2014 überzeugt hingegen mit ihrer Interpretation von Barock-Ornamentik nicht mehr.
Stuck und Fresken
Völlig unbekannt bleibt, ob im Innenraum anlässlich der ersten Renovationen 1809 und 1829 Stuckaturen oder Fresken entfernt werden. Das Fehlen jeglicher schriftlicher oder bildlicher Quelle lässt aber vermuten, dass Gewölbefresken des 18. Jahrhunderts, die sonst immer beschrieben werden, in der Jesuitenkirche fehlen. Die gratigen Kreuzgewölbe hätten sich dazu auch schlecht geeignet. Das gleiche dürfte für allfällige Stuckaturen gelten.[26] Die Raumhülle der Barockzeit und ihre heutige Erscheinung müssten deshalb identisch sein.
Pius Bieri 2021
|Literatur

Braun, Joseph S.J.: Die Kirchenbauten der deutschen Jesuiten II, Freiburg 1910.
|Duhr, Bernhard: Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge, Band III-2 und IV-I, München-Regensburg 1913/1921.|
|Oechelhäuser, Adolf von: Die Kunstdenkmäler des Amtsbezirks Heidelberg. Tübingen 1913.|
|Riedl, Peter Anselm: Die Heidelberger Jesuitenkirche. Heidelberg 1956.|
|Flum, Thomas und Carmen: Der Wiederaufbau Heidelbergs nach der Zerstörung im Pfälzischen Erbfolgekrieg, in: Heidelberg im Barock. Katalog zur Ausstellung, Seite 84-163. Heidelberg 2009./td>|
|Riedl, Peter Anselm: Geschichte und Gestalt der Heidelberger Jesuitenkirche, in: Festschrift 250 Jahre Jesuitenkirche Heidelberg, Lindenberg 2009.|
|Wiesneth, Alexander: Die Dachkonstruktion der Jesuitenkirche in Heidelberg, in: Festschrift 250 Jahre Jesuitenkirche Heidelberg, Lindenberg 2009.|
Anmerkungen
[1] Es ist der zweite Versuch, Jesuiten in der protestantischen Stadt anzusiedeln. Schon 1622 setzt der Bayernherzog Maximilian erstmals Jesuiten an der Universität ein. Sie müssen nach dem Westfälischen Frieden wieder ausziehen.
[2] Die Kommende und die Kapelle sind nicht mehr vorhanden. Ihre Lage nach Oechelhäuser (1913) ist Zwingerstrasse 7.
[3] Der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688–1697) ist einer der Eroberungskriege, mit denen der französische Sonnenkönig die Nachbarländer zwischen 1667 bis 1714 überzieht. Er beansprucht im Namen seiner Schwägerin Liselotte von Pfalz-Simmern die 1685 gemäss Erbvertag an Philipp Wilhelm gefallene Pfalz. 1688 beginnt er den Krieg, in welchem er die Pfalz und ihre Nachbarregionen bis zum Frieden von Rijswijk 1697 systematisch verwüstet. Die grossen Dome von Speyer und Worms, die Städte Heidelberg und Mannheim werden niedergebrannt, das Schloss Heidelberg gesprengt. Bezeichnet für das Selbstverständnis, mit dem Louis XIV diese barbarische Aktion durchführen lässt, ist die Medaille zur Zerstörung Heidelbergs 1693 mit der Überschrift «Heidelberga delata» (Heidelberg ist ausgelöscht). Im Frieden von Rijswijk muss Frankreich auf die pfälzischen Gebiete verzichten, erreicht aber die Anerkennung der Religionsparität in der Pfalz. 1720 werden in Heidelberg 400 calvinistische, 200 lutherische und 180 katholische Familien gezählt. Die Einwohnerzahl vor der Zerstörung wird aber erst um 1800 wieder erreicht.
[4] Johann Wilhelm von der Pfalz (1658–1716) regiert 1690–1716 als Pfalzgraf-Kurfürst von der Pfalz und als Pfalzgraf-Herzog von Pfalz-Neuburg. Er entstammt der jüngeren Neuburger Linie der Wittelsbacher. Sein Vater Philipp Wilhelm, Herzog von Jülich-Berg, wird nach dem Aussterben der männlichen Linie Pfalz-Simmern 1685 neuer Kurfürst der Pfalz. Damit regiert ein katholisches Herrscherhaus die calvinistische Pfalz. Der Regierungssitz des Kurfürsten bleibt nach der Zerstörung Heidelbergs 1693 weiterhin Düsseldorf. Hingegen lässt er ab 1697 Schwetzingen zu seinem Sommersitz ausbauen. Seine erste Ehefrau Maria Anna Josepha von Österreich (1654–1689) ist Tochter von Kaiser Ferdinand und stiftet in ihrem Testament 40 000 Gulden zur Gründung des Jesuitenkollegiums in Heidelberg.
[5] Der Titel eines Kollegs wird einer grösseren Jesuitenniederlassung verliehen. Das Kolleg ist direkt dem Provinzial unterstellt. Eine Niederlassung, die dem Kolleg angegliedert ist, wird Residenz genannt, eine kleinere heisst Mission. Der Name Kolleg benennt gleichzeitig das klosterähnliche Gebäude mit den Zellen und Studiersälen der Religiosen. Jedes Kolleg betreibt ein angegliedertes Gymnasium, manchmal auch ein Lyzeum und ein Seminar. Zu jedem Kolleg gehört eine grössere Kirche. Kolleg, Schule und Kirche sind immer baulich getrennt. Das Gymnasium der Heidelberger Jesuiten liegt deshalb westlich gegenüber dem Kolleg an der heutigen Schulstrasse 6. Südlich gegenüber, an der heutigen Seminarstrasse 2, liegt das von den Jesuiten 1750 erbaute Seminar.
[6] Die Oberrheinische Provinz umfasst 1760 folgende 16 Kollegien, die meist schon im 16. Jahrhundert gegründet werden:
Aschaffenburg, Baden-Baden, Bamberg, Erfurt, Ettlingen, Fulda, Hagenau, Heidelberg, Heiligenstadt, Mainz, Molsheim, Schlettstadt, Speyer, Worms, Würzburg. Als letztes Kolleg nach Heidelberg folgt Mannheim 1735.
[7] Die von Vinzenz von Paul gegründete Kongregation (kein Orden!) von Weltpriestern erhält 1655 die päpstliche Anerkennung. Ihr Name «Congrégation de Saint Lazare» stammt vom 1632 bezogenen Mutterhaus, dem ehemaligen Leprosenspital Saint-Lazare in Paris (nach 1792 Gefängnis, der Name des Pariser Bahnhofs stammt von der zum Mutterhaus führenden Strasse). Ihren nach Heidelberg gerufenen Kongregationsmitgliedern wird vorgeworfen, die deutsche Sprache nicht zu beherrschen. Die Kongregationspriester können nur wenige Jahre wirken, denn schon 1786 erfolgt die Aufhebung der Kongregation in Frankreich. Nach 1793 kommt auch ihr Ende in der Kurpfalz.
[8] In Heidelberg werden 1801–1802 folgende Klöster aufgehoben: Augustinerinnen-Chorfrauenstift (Abriss 1901); Dominikanerinnenkloster (Abriss Konventgebäude 1901, die Kirche ist heute Erlöserkirche); Dominikanerkloster (Abriss 1855 zu Gunsten der Universität); Franziskanerkloster (Abriss nach 1802); Kapuzinerkloster (Abriss ab 1807); Karmeliterkloster (Abriss bis 1809). Mehr dazu unter Klöster in Baden-Württemberg https://www.kloester-bw.de/index.php.
[9] Baumeister Franz Adam Sartorius wird auch als «Feldmesser und Ingenieur» bezeichnet. Er leitet das Bauamt 1699–1708. Von ihm sind keine Lebensdaten bekannt.
[10] Heinrich Charrasky (1656–1710) aus Komorn in Ungarn ist Bildhauer, Bauschreiber der Stadt und auch Baumeister. 1698–1706 baut er das im Krieg zerstörte Schloss Schwetzingen wieder auf. Zu ihm siehe die Wikipedia-Biografie.
[11] Johann Adam Breunig (um 1660–1727) aus Mainz. Er wird von der Hofkammer 1698 als städtischer Werkmeister mit dem Hinweis auf das erworbene Wissen beim «berühmten Bawmeister Wachter» empfohlen. Er muss also zur Zeit seiner Wohnsitznahme Anfang der 1680er Jahre in Heidelberg beim kurpfälzischen Oberbaumeister Johann Peter Wachter (Eintrachtskirche, Nationalkirche) in Mannheim seine Sporen abverdient haben. Breunig ist seit 1695 am Wiederaufbau Heidelbergs beteiligt. 1699 ist er Werkmeister der Stadt, 1708 städtischer Baumeister. Er ist in Heidelberg Baumeister vieler Universitätsbauten, des Jesuitenkollegiums, der Jesuitenkirche, des Jesuitengymnasiums, der Karmelitenkirche, des Augustinerinnen-Chorfrauenklosters und vieler Privatbauten. Die Nähe seiner Gestaltungen zu den Würzburger Baumeistern Petrini und Greissing zeigt, dass er deren Bauten kennt. Arbeitet er vielleicht nach der Zerstörung Heidelbergs kurzzeitig im Würzburgischen? 1701–1708 ist er im kurfürstlichen Residenzschloss Weinheim tätig, dessen Planung 1698 Antonio Petrini zugeschrieben wird. Seit 1705 steht ihm der erfahrene Vorarlberger Baumeister Johann Jakob Rischer (1662–1755) als Werkmeister zur Seite. Eine Mitwirkung Rischers am Kirchenneubau wird vermutet. Ab 1711–1713 erweitert Breunig das Schloss Schwetzingen um die Ehrenhofanlage. 1715-1716 baut er in Schwetzingen auch die Westerweiterung des Schlosses. 1720 übersiedeln Breunig und Rischer nach Mannheim, wo beide am Schlossneubau unter der Leitung von Jean Clemens Froimont tätig sind. Breunig stirbt 1727 in Mannheim. Zu Petrini, Greissing und Rischer siehe die Biografien in dieser Webseite.
[12] 1701–1705 ist P. Johannes Keuffer Rektor in Heidelberg. Er ist Mathematiker, 1715–1717 auch Professor an der Universität. Baukunst zählt damals zum Fachbereich Mathematik. Eher als ein Baumeister kann er die Organisation eines Kollegs planen. Ein bauerfahrener Jesuitenbruder dürfte den Plan gezeichnet haben. Dass ein solcher auch in Heidelberg tätig ist, belegen die Honorarzahlungen «pro Architecto et fratribus» 1712 und 1717.
Während dieser ersten Bauphase der Kirche sind P. Adam Heyd (1711–1715) und P. Johann Baptist Heckman (1715–1718), Rektoren. Heckman ist vorher Rektor in Würzburg, 1724–1728 auch Provinzial.
[13] Franz Wilhelm Rabaliatti (1716–1782) vermutlich aus Stella (Savona I). Sein Name wird in Italien Rabagliati geschrieben. Er schreibt sich selbst Raballiati. Sein Vater wird schon 1703 im kurkölnischen Westfalen vermutet, sodass heute als Geburtsort auch Rüthen genannt wird. Ältere Quellen nennen Stella bei Savona in Ligurien. Rabaliatti lernt Steinmetz bei seinem Vater in Deutschland. Die Gesellentätigkeit ist unbekannt. Seit den frühen 1740er-Jahren dürfte er am Bau der Jesuitenkirche tätig sein, wird aber erstmals 1746 als Steinmetz-Palier erwähnt. 1747 ist er Baumeister (nicht Hofbaumeister!). Als Nachfolger von Galli da Bibiena leitet er 1748–1754 die Vollendung der Jesuitenkirche von Mannheim. 1756 ist er für die Barockisierung der Jesuitenkirche von Freiburg im Üechtland (Fribourg) tätig. In Heidelberg leitet er 1749–1759 die Fertigstellung der Jesuitenkirche und baut 1750–1765 das repräsentative, schlossähnliche Seminarium Carolinum südlich des Jesuitenkollegs.
[15] «Der Name Karl Theodor steht für die wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit Mannheims im 18. Jahrhundert und für den Aufstieg der Stadt zu einem der Kristallisationspunkte des europäischen Barocks. In seiner Regierungszeit wurden der Bau der kurfürstlichen Residenz mit Schloss und Schlosskirche – eine der größten barocken Schlossanlagen in ganz Europa – sowie der Sommersitz in Schwetzingen vollendet. Das Leben in Mannheim entfaltete einen bislang nicht gekannten höfischen Glanz» (Wikipedia).
Mehr dazu: wikipedia.org/wiki/Karl_Theodor_(Pfalz_und_Bayern)
[16] Völlig anderer Ansicht ist Germaid Ruck im «Dehio» 1993, die von einer ehemals reichen Ausstattung spricht.
[17] Bedeutend logischer ist die innere Gliederung. Das Gesims ist innen umlaufend am Fusspunkt der Halbkreis-Quertonnen mit den Halbkreisfenstern angeordnet und korrespondiert mit dem Pfeilergebälk. Die äussere Gestaltung zeigt, dass Baumeister Breunig die Säulenordnungen recht frei und vor allem dekorativ interpretiert. Dem verantwortlichen Baumeister der zweiten Hälfte (Rabaliatti ?) ist hoch anzurechnen, dass er die begonnenen Längsseiten 1750 trotzdem ohne Korrekturen zu einer Einheit vervollständigt.
[18] Das Renaissance-Vorbild des zweigeteilten Fensters mit Masswerk könnte die Veröffentlichung eines Fensters im 1559 erschienenen Traktat von Jacques Androuet de Cerceau sein. Es wird in Regensburg (Dreieinigkeitskirche 1627), Grosscomburg (Kirchenfenster 1707) und noch in Einsiedeln (Glockenstube 1723) angewendet. Daraus entwickelte dreiteilige Gestaltungen sind in Dillingen (1610, Jesuiten) und in der Kirche St. Anna in Heidelberg angewendet. In Heidelberg sind sie dreiteilig auch für die Karmelitenkirche (1684/1701) und für die Providenzkirche (1661) überliefert. Viergeteilt wie an der Jesuitenkirche sind sie nur an gotischen Bauwerken zu finden, interessanterweise wieder an der Heilig-Geist-Kirche von Heidelberg.
[19] «FACIES EXTERNA TEMPLI SANCTAE MARIA LAVRTANIA QUOD IN AGRO PICENO…» (Bild 53) in «Insignium Romae templorum» von Giovanni Giacomo de Rossi, [Roma], 1683. Die von Otavio Mascherini 1592 geplante Fassade wird in der Folge nicht gebaut. Das Werk über die neueren Kirchenbauten Roms muss für deutsche Baumeister wie ein Fassaden-Musterbuch gewirkt haben. (Abrufbar unter: e-rara)
[20] Ein Nutzen des schwer wirkenden Mansarddaches ist bei dieser Spannweite nicht mehr ersichtlich. Der französische Dachtypus des 17. Jahrhunderts wird für repräsentative Gebäude, vor allem bei Eckpavillons, zwar auch von deutschen Baumeistern schnell übernommen. Er ist zudem für die Wohnraumnutzung im Steilbereich sehr geeignet. Aber selbst die Baumeister des Mainzer Kurfürsten, wie Maximilian von Welsch und Johann Dientzenhofer, die das Mansarddach bei Repräsentativbauten immer anwenden, nehmen bei Raumbreiten über 20 Meter davon Abstand. Auch andere grosse Baumeister wie Balthasar Neumann (Vierzehnheiligen, Neresheim) oder Johann Michael Fischer (Ottobeuren, Diessen) verzichten bei Kirchenbauten auf dieses aufwendige Dach. Eine Beratung durch Balthasar Neumann für den Dachstuhl der Heidelberger Jesuitenkirche (Alexander Wiesneth 2009) ist auch deshalb Wunschdenken. Nur bei Raumbreiten mit Spannweiten von 15–20 Meter (Wiesentheid 1726, Maria Steinbach 1749) sind Mansarddächer noch anzutreffen.
[22] Heinrich Wilhelm Warth (vor 1693–nach 1750) aus Egolzwil (Luzern) wird 1712 als Meister des Dachstuhls der Karmelitenkirche Heidelberg erwähnt. Er wandert nach 1693 in Heidelberg ein (Dachstuhl Heilig-Geist-Kirche?) und wird hier 1709 als Bürger vermerkt, dürfte aber 1720 nach Mannheim gewechselt haben. 1730/32 schliesst er den Akkord für das Dach des Mannheimer Jesuiten-Kollegiums. 1737–1739 ist er Zimmermeister des dreifachen Hängewerks über dem Opernhaus am Mannheimer Schloss und 1745 schliesst er den Akkord für das Dachwerk der Mannheimer Jesuitenkirche. Ab 1748 baut er auch ihre Holzkuppel. Weil zur Jesuitenkirche Heidelberg alle Meisternamen fehlen, ist ihm der Dachstuhl von 1715 nur in der Ausführung zugeschrieben. Es gibt aber keinen Grund, Baumeister Breunig als den Planer des Dachstuhls zu bezeichnen, ebensowenig wie dies in Mannheim für den Baumeister Alessandro Galli da Bibiena zutreffen würde. Barocke Dachstühle sind Planungen von Zimmermeistern. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Mannheimer Stadtzimmermeister Warth auch Zimmermeister des Daches von 1750 ist, sehr gross. Denn die Untersuchung ergibt nicht die geringste Abweichung des Dachwerkes beider Etappen.
[23] Der heutige Strebenverlauf ist von mir in die Bauaufnahme von Carl Schaefer (1804) einpunktiert. Es erstaunt, dass er gerade diese statisch wichtige Druckstreben des Polygonal-Sprengwerkes an die äusseren Auflagerpunkte führt (was durchaus auch Sinn hätte), aber sonst den ganzen Dachstuhl getreu der heutigen Situation zeichnet. Liegt hier vielleicht eine spätere Änderung vor?
[24] Andreas Müller (1831–1901) malt das Hochaltarbild mit dem Pfingstwunder und das rechte Seitenaltarbild mit der Verehrung des hl. Joseph durch Papst Pius IX. Die Bilder sind auf Putzgrund gemalt und werden als Fresken bezeichnet, sind aber aufgrund ihrer kräftigen Farbigkeit mit Sicherheit nicht «al fresco» gemalt.
[25] Ferdinand Keller (1842–1922) malt das linke Seitenaltarbild mit der Aufnahme Mariens in den Himmel.
[26] Das gleiche Schicksal wie die Jesuitenkirche von Heidelberg ereilt 1803 auch die Studienkirche von Ehingen. Sie wird über 30 Jahre als Getreidespeicher genutzt. Fresken und Stuck der Gewölbezone bleiben trotzdem erhalten, vor allem aus ökonomischen Gründen. Auch in Heidelberg ergäbe eine aufwändige Zerstörungsaktion in 19 Meter Höhe keinen Sinn.
|Die Altäre von 1871/74 und ihre Wandbilder

Die drei Altarbilder, die Kanzel, der Kredenztisch und das Taufbecken sind Werke der eingreifenden Restaurierung von 1871–1874, die sich in das heutige, wieder barocke Raumkleid gut einfügen. Sie sind Werke ausgezeichneter Künstler der historisierenden Periode des späten 19. Jahrhunderts. Fotos: Bieri 2021.
|1.
||2.||3|
|1. Das Retabel des Hochaltars ist eine schon fast barocke Schöpfung mit bestechend einfachem Aufbau. 1871/74 übernimmt der Allgäuer Maler Andreas Müller den bestehenden Altrarraumabschluss mit Pilastern und Gebälk, versieht sie mit Marmorierung und fügt in die konkave Nische das Wandbild der Entsendung des Hl. Geistes mit der Pfingstpredigt des hl. Petrus ein. In der über dem Gebälk liegenden Lünette malt er das Bild der Marienkrönung, das nach einer Übermalung 1954 erst seit 2004 (allerdings stark lädiert) wieder freigelegt ist.

|2. Auch die Seitenaltäre, ebenfalls Werke von 1871/74, bestehen aus einem über einer schlichten Mensa in die konkave Mittelwand eingefügten Wandbild. Am linken (östlichen) Altar ist es Mariä Himmelfahrt, gemalt vom Akademieprofessor Ferdinand von Keller aus Karlsruhe.|
|3. Das Wandbild des rechten (westlichen) Seitenaltars ist wieder ein Werk von Andreas Müller, der Papst Pius IX. in Verehrung des hl. Joseph malt.|
|Ort, Land (heute)||Herrschaft (18. Jh.)|
|Heidelberg

Baden-Württemberg
|Kurfürstentum Pfalz

|Bistum (18. Jh.)||Baubeginn|
|Worms||1703|
|Bauherr und Bauträger|
|Kurfürst Johann Wilhelm (reg. 1690–1716) und Kurfürst Carl Theodor (reg. 1716–1799)|
|P. Johannes Keuffer SJ, Rektor 1701–1705

|P. Adam Heyd SJ, Rektor 1711–1715|
|P. Johann Baptist Heckman SJ, Rektor und Provinzial 1715–1728|
Der Bautypus barocker Jesuitenkirchen
Barocke Jesuitenkirchen sind in der Regel Wandpfeilerbasiliken oder Wandpfeilerhallen.[1] Der Typus der Wandpfeilerhalle ist weitaus verbreiteter. Nach den ersten derartigen Jesuitenkirchen in Dillingen (1610-1617) und in Eichstätt (1617–1620) erfassen die deutschen Jesuiten die Vorteile dieses einschiffigen Bautypus schnell.[2] Im Gegensatz zur Wandpfeilerbasilika und zur Wandpfeilerhalle wird eine dreischiffige Freipfeilerhalle bisher nur einmal, und dies zudem in der abgewandelten Form einer Emporenhalle, in der niederrheinischen Provinz gebaut. Es ist die 1622–1629 errichtete Andreaskirche zu Düsseldorf. Ihr Vorbild ist die Hofkirche von Neuburg an der Donau. Ihr Bauherr ist Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg, der Grossvater des Förderers des Heidelberger Jesuitenkollegiums.
|Die Heidelberger Jesuitenkirche

Tatsächlich ist die Heidelberger Jesuitenkirche weder eine Emporenhalle wie Düsseldorf noch eine reine Freipfeilerhalle wie etwa die gotische Stadtkirche von Amberg (1421). Amberg und auch die erste Planung zur Jesuitenkirche von Köln, die «Idea I Bavarica» von 1617,[3] haben wie Heidelberg einen dreischiffigen Grundriss und innenliegende Wandpfeiler. Ihre Mittelschiffgewölbe schneiden aber nicht in den Dachraum ein.
Dies ist in Heidelberg der Fall. Die gestaffelte Freipfeilerhalle der Heidelberger Jesuitenkirche hat, zwar nur optisch, grosse Verwandtschaft mit Wandpfeilerhallen, deren Pfeilerköpfe freigestellt sind. Man vergleiche den Querschnitt der Heidelberger Freipfeiler-Staffelhalle mit Wandpfeilerhallen der Vorarlberger Baumeister.[4] Eindrücklich ist der Vergleich mit der Stiftskirche St. Gallen, auch die Übereinstimmung der Baugrösse.[5] Die Durchbrüche in den tiefen Wandpfeilern von St. Gallen, verbunden mit der Freistellung der gekoppelten Pilaster, verführen zur Verwechslung mit einem dreischiffigen Langhaus, der Unterschied einer Freipfeilerhalle zur Wandpfeilerhalle wird auf den ersten Blick verwischt. Er ist trotzdem sehr gross und im Grundriss nicht ablesbar. Denn bei jeder Wandpfeilerhalle versteifen Quertonnengewölbe die Wandpfeiler, die damit Widerlager der grossen Tonnengewölbe oder Hängekuppeln sind. In Freipfeilerhallen sind hingegen nur Kreuzgewölbe möglich, die alle vier Fusspunkte gleichmässig belasten. Auch in Heidelberg tragen alle Freipfeiler Kreuzgratgewölbe. Die Wandpfeilerstümpfe, die hier mit den Freipfeilern korrespondieren, sind bei korrekter Ausführung der Gewölbe und des Dachstuhls in dieser Art nur bei sehr grossen Innenhöhen nötig, wie dies in vielen gotischen Freipfeilerhallen (Beispiel Amberg nebenan) Usanz ist.
|Der Genehmigungsplan (Approbationsplan

1712) der Jesutienkirche Heidelberg im
Vergleich mit der Jesuitenkirche Düsseldorf
und der Heidelberger Stadtkirche Heilig-Geist.
Die Vegleiche sind im gleichen Massstab.
|Die gotische Freipfeilerhalle der Stadtkirche

St. Martin in Amberg (1421–1520) ist in der Tektonik mit der Heidelberger Jesuitenkirche verwandt. Bild: Kunstdenkmale Bayern 1909.
Warum wenden die Jesuiten in Heidelberg den Typus der Freipfeiler-Staffelhalle an?
Eigentlich bevorzugen die deutschen Jesuiten des 17. und 18. Jahrhunderts Wandpfeilerhallen. Noch mehr als die Wandpfeilerbasiliken (in der Nachfolge der römischen Jesuitenkirche Il Gesù) erlauben die einschiffigen Wandpfeilerhallen die Ausrichtung und Blickführung zum Hochaltar und die für das «theatrum sacrum» einfacheren Möglichkeiten der Altarpräsentation im Langhaus. Dass in Heidelberg trotzdem der Freipfeilerraum gewählt wird, muss mit dem Förderer der Heidelberger Jesuiten, dem Kurfürsten Johann Wilhelm zusammenhängen. Er residiert in Düsseldorf und ist täglich mit der von seinem Grossvater gebauten Jesuitenkirche konfrontiert. Diese Kirche ist eine aus dem Freipfeilerschema entstandene Emporenhalle und das bisher einzige derartige Bauwerk der deutschen Jesuitenprovinzen. Wie sein Grossvater in Düsseldorf, dürfte auch in Heidelberg der Kurfürst seine Bauvorstellungen durchgesetzt haben. Im Heidelberger Approbationsplan von 1712 sind sogar die beiden Räume eingetragen, die den Choreinzug flankieren. In Düsseldorf sind dies Turmfundamente, in Heidelberg Sakristeien. Diese Räume, in Düsseldorf von der Hofkirche zu Neuburg an der Donau übernommen, fallen in der späteren Heidelberger Ausführungsplanung weg. Nur die eingefügten zusätzlichen Wandpfeiler-Stümpfe weichen von der Düsseldorfer (und Neuburger) Tektonik ab. Die These von der Düsseldorfer Abstammung wird zudem durch anfängliche auch in Heidelberg geplante Seitenemporen gestärkt. Die Jesuitenkirche von Heidelberg ist aber, wie der Vergleichsplan zeigt, in allen Dimensionen grösser als Düsseldorf. Sie nimmt die Grösse der gotischen Stadtkirche Heilig-Geist ein. Diese ist wie die Düsseldorfer Jesuitenkirche eine Emporenhalle und besitzt einen Hallenchor. Für die ähnliche Grösse dürften politische Gründe massgebend sein. Nur die 1733 begonnene Mannheimer Jesuitenkirche, nun wieder eine Wandpfeilerhalle, wird noch grösser.[6]
Die hier dargelegte Düsseldorfer Abstammung der Jesuitenkirche von Heidelberg wird vom verdienstvollen Monographen der Kirche, Peter Anselm Riedl, nicht in Betracht gezogen. Er sieht die Vorbilder eher in den Stiftskirchen von Grosscomburg (1706/07–1715) und Schöntal (1708–1727), beides Freipfeilerhallen und beide im Bistum Würzburg gelegen. Dass Baumeister Breunig diese Kirchenbaustellen vor 1712 besucht oder sogar Kontakt mit Baumeister Greissing gesucht hat, ist möglich. Nur dürften ihm weder der Kurfürst noch der Jesuiten-Rektor einen Freipass für die Grösse und Gestaltung der Kirche erteilt haben. Noch heute wird der Einfluss mitplanender Bauherren der Barockzeit völlig unterschätzt. Die Vorgaben kommen von ihnen und nicht vom Baumeister. Und dass der Kurfürst oder der Rektor sich mit den in Bau befindlichen Kirchen von Nachbarstaaten beschäftigen, ist praktisch ausgeschlossen. Die Vorgabe zur Heidelberger Hallenkirche und ihre Grösse muss vom Kurfürsten stammen.
Pius Bieri 2021.
[1] Zu den Bautypen der Wandpfeilerkirchen siehe das Glossar in dieser Webseite, Buchstabe «W».
Zum Bautyp der Freipfeilerhalle gehe zum Exkurs «Die barocke Freipfeilerhalle und ihre Herkunft».
|[3] 1617 liegen in Köln 3 Projekte unter dem Titel «Idea Bavarica» vor. Projekt I ist eine Freipfeilerhalle, deren Mittelschiff-Gewölbe zwar wie eine Staffelhalle höher ist, aber nicht in den Dachraum eingreift. Der Zerrbalken wird nicht durchschnitten. Projekt II ist eine Pseudobasilika mit Emporen. Projekt III ist im Schnitt geteilt und wie Projekt I eine Freipfeilerhalle, der aber in der rechten Hälfte eine Empore eingefügt wird. Alle drei Projekte werden nicht weiterverfolgt. Gebaut wird 1618–1629 eine rein gotische Basilika ohne jeden Anklang an den Barock. Die fortschrittlichen Projekte I und III sind heute in der Webseite der Bibliothèque nationale de France abrufbar.|
|Das (nicht verwirklichte) Projekt I der Jesuitenkirche Köln von 1617 .

Quelle: Bibliothèque nationale de France.
|[4] Es sind meist Wandpfeiler-Emporenhallen, wie die Stiftskirche von Rheinau (1705), hier im Schnitt und im Grundriss.|
|[5] St. Gallen wird ab 1755 von Peter Thumb gebaut. Die Vergleiche der Querschnitte sind hier im gleichen Massstab.|
[6] Die annähernd gleiche Grösse der Jesuitenkirche und der Stadtkirche in Heidelberg scheint auch eine Machtdemonstration der Jesuiten und des Kurfürsten zu sein, was im damaligen vergifteten Klima nicht abwegig ist. Die gotische Heilig-Geist-Kirche wird bis 1699 ausschliesslich von den Calvinisten benutzt. Dann weist der Kurfürst den Chor den Katholiken zu. Die Jesuiten sind nun auch Prediger in der Stadtkirche. 1706 wird eine Scheidemauer eingebaut. Die Feindschaft der Stadtbevölkerung gegen die Jesuiten verstärkt sich, als der neue Kurfürst 1719 die Heilig-Geist-Kirche, mit dem Angebot einer neuen protestantischen Kirche, als geplante Residenzkirche den Katholiken geben will. Nach dem Scheitern dieses Vorschlags verlegt er die Residenz nach Mannheim.