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|Grund. Im ganzen sind sie den Nachschriften völlig gleich.||Im 15. Jahrh. wird der Gebrauch der Zettel immer häufiger, namentlich im politischen Verkehr. Oft finden sich mehrere Zettel nebeneinander.||Sie enthielten oft wichtigere Nachrichten als der Brief selbst. Übrigens war der Gebrauch der Zettel keineswegs ungehörig; man konnte sie z. B. Briefen an hohe Herren beischließen. Im 16. Jahrh. war der Gebrauch, namentlich in den Kanzleien, am stärksten, im 17. nimmt er allmählich ab.|
|Den Höhepunkt der aufsteigenden Entwickelung bezeichnet Luther, dessen deutsche Briefe wahrhaft klassisch genannt werden dürfen. Aber den fernern erfreulichen Fortschritt hinderten einmal die Wiederbelebung des lateinischen Briefes durch die Humanisten, anderseits das immer stärkere überwuchern des Kanzleistils, von dessen Einfluß man sich kaum befreit hatte. Jenes Moment hatte nicht nur zur Folge, daß die Gelehrten und Geistlichen fortan wieder fast ausschließlich lateinisch schrieben, sondern veranlaßte auch eine Sucht, auch in deutschen Briefen überall lateinische Worte und Floskeln anzubringen: die ersten Anfänge des Fremdwörterunwesens.||Dies führte zu einer gesuchten Weitschweifigkeit und künstlichen Umständlichkeit, die allmählich jeden natürlichen Ausdruck erstickte.||Der volkstümlich freie und natürliche Stil findet sich noch oft genug in den Privatbriefen des 16. Jahrh., aber er geht doch langsam verloren. Der gesellige Briefverkehr freilich, die Quantität und die Häufigkeit der Briefe nimmt in dieser Zeit sehr zu, wie auch in politischer Beziehung eine ungemeine Schreibthätigteit sich entfaltet.|
Mit dem 17. Jahrh. tritt dann eine immer unerfreulichere Entwickelung hervor. Die Sprache [* 2] der Briefe ist entweder überhaupt nicht deutsch oder arg mit Fremdwörtern durchsetzt;
der Ton zeigt nicht mehr Natürlichkeit und Volkstümlichkeit, sondern steife Künstlichkeit und zierliche Phrasenhaftigkeit;
es beginnt außerdem das Zeitalter der servilen Komplimente;
der Geist ist durch und durch unwahr.
Dabei steigert sich der Briefverkehr, den neuern Interessen und Verhältnissen entsprechend, immer mehr. Am meisten fällt zunächst die Wandlung der Sprache, die Ausländerei, auf. Eine große Zahl der deutichen Briefschreiber schrieb überhaupt nicht mehr deutsch, sondern die Gelehrten schrieben lateinisch und die Vornehmen und alles, was so aussehen wollte, französisch, denn Frankreich begann das Ideal zu werden. Die deutschen Briefe aber wurden in jener französisch-lateinisch-deutschen Mischsprache abgefaßt, die schon damals heftige, freilich durchaus vergebliche Opposition erregte. Um 1700 gab es rein deutsche Briefe überhaupt nicht mehr. Beispielsweise waren Adresse, Anrede und Unterschrift auch in deutschen Briefen in der Regel französisch.
Der Stil steht unter dem Zeichen des Schwulstes, jener blumen- und bilderreichen Sprache, die sich keineswegs bloß aus die poetische Litteratur beschränkt. Ungeheures Gewicht wurde sodann in dieser Zeit auf Formalien, Titel und Zeremonien gelegt, ein allgemeines Avancement im Titel fand statt. Man sah es ferner auf eine servile Höflichkeit ab; charakteristisch sind namentlich die Eingänge der Briefe, die von überhöflichen Entschuldigungen strotzen. Überhaupt that man in eigner Erniedrigung und Erhebung des andern das Menschenmögliche; geradezu widerlich sind z. B. die Bittschreiben (vgl. Titelunwesen, Bd. 17, S. 800). Gewisse Ausnahmen sind freilich nicht zu verkennen.
In der ersten Hälfte des Jahrhunderts bewahren einzelne eine natürliche Schreibart, wenn sie auch der Fremdwörterei verfallen. Als solche bessern Briefschreiber sind unter andern Wallenstein und Karl Ludwig von der Pfalz zu nennen. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts konnte man sich vor dem allgemeinen Schwulst höchstens durch eine gewisse Mäßigung und Nüchternheit auszeichnen. Dagegen haben die Frauen fast durchweg Natürlichkeit, die freilich oft mit Ungeschicklichkeit verbunden ist, bewahrt. Namentlich ragen die Briefe Lise Lottes, der pfälzischen Fürstentochter und spätern Herzogin von Orleans, außerordentlich hervor, zumal in ihnen zum erstenmal ein außerordentliches Plaudertalent, das in französischen Briefen längst allgemein war, sich zeigt.
Der Briefverkehr nimmt in diesem Jahrhundert außerordentlich zu. Das Briefgeheimnis wird freilich damals durchweg und ohne Scheu verletzt, und man wandte daher besondere Vorsicht bei der Beförderung namentlich von politischen Briefen an (Chiffern). Vielfach vertritt der auch die Stelle der Zeitung, so namentlich unpolitischen Verkehr, aber auch in demjenigen der Gelehrten, der Kaufleute und der Privaten. Es war daher in jener Zeit auch besonders wichtig, möglichst große Korrespondenz zu haben.
Man drängte sich aber zu solcher Korrespondenz mit einflußreichen Leuten namentlich, um persönliche Vorteile daraus zu ziehen. So findet man zahlreich die Anwerbungsschreiben, überhöfliche Anerbietungen der Korrespondenz. Sehr beliebt sind auch die Grußbriefe. So werden im allgemeinen damals freundschaftliche Briefe (im 16. Jahrh. nannte man sie Gesellenbrieflein) überhaupt bezeichnet, im speziellen aber gänzlich inhaltlose Schreiben, die nur um der Korrespondenz willen da sind.
Die streberhafte, servile Zeit vermehrte auch die Zahl der Gelegenheitsschreiben, der Glückwünsche zu allen möglichen Gelegenheiten, der Kondolenzbriefe, der Dankesschreiben außerordentlich. Sehr bezeichnend sind auch die Rekommandationsbriefe und die Bitten um solche, die Interzessionsschreiben und die Dedikationen. Anderseits ist aber die Steigerung des Briefverkehrs auch auf ein größeres Bedürfnis freundlichen Umganges zurückzuführen, und es entwickeln sich die Anfänge einer Briefliebhaberei, die wesentlich durch den Einfluß Frankreichs, wo die Briefstellerei längst ein Hauptinteresse der Gesellschaft geworden war, befördert wurde.
Ein Beispiel fast übergroßer Korrespondenz bietet wieder Lise Lotte von der Pfalz. Wichtig ist auch der sich gegen Ausgang des Jahrhunderts entwickelnde Briefverkehr der Pietisten als Vorläufer der spätern empfindsamen Briefwechselei. Die Briefsteller dieses Jahrhunderts repräsentieren eine äußerst zahlreiche Litteraturgattung. Wesentlich ist, daß sie sich von dem juristisch-notariellen Element im großen und ganzen frei machen und vorzugsweise sprachlich-stilistische Werke, und zwar meist überaus umfangreiche werden.
Sie entlehnten ihren Stoff in der Regel französischen und italienischen Werken, z. B. dem Persiko, Loredano und de la Serre. Am meisten wurden wohl der »Teutsche Secretarius« von Harsdörfer und die »Teutsche Secretariatkunst von dem Spähten« (Kaspar Stieler) benutzt. Gegen Ausgang des Jahrhunderts kamen die nach französischem Muster und durchweg in jener deutsch-französischen Mischsprache abgefaßten galanten Briefsteller auf und schössen bald wie Pilze [* 3] aus der Erde. Über den Arbeiten der Schmierer, wie August Bohse (Talander) und Hunold (Menantos) stehen Christian Weises »Curiöse ¶
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Gedanken von deutschen Briefen« und andre Werke, obgleich sie ebensowenig wie die spätern Schriften Benjamin Neukirchs einen wirklichen Fortschritt bedeuten. Das Äußere des Briefes verändert sich in dieser Epoche insofern, als der Gruß am Anfang allmählich abkommt und nur die Anrede gesetzt wird;
als Pronomen der Anrede tritt jetzt das Sie auf;
die Empfehlung in Gottes Schutz weicht höflichen Komplimenten, die meist mit der Unterschrift verbunden sind;
das Datum, das früher nur unter dem Brief stand, wird jetzt auch oft zu Anfang gesetzt.
Das Papier wird feiner, das große Format wird für offizielle Schreiben gebraucht, sonst ist ein Quartformat üblich. Als Verschlußmittel kommt statt des Wachses der Siegellack auf.
Die notwendige Besserung des Briefstiles trat erst im zweiten Drittel des 18. Jahrh. im Zusammenhang mit der durchgreifenden Änderung im ganzen Geistesleben der Nation ein. Eine neue gebildete und natürliche Sprache beginnt in den Briefen zu herrschen, als erste Repräsentantin dieses neuen Stiles darf die Jungfer Kulmus, die spätere Frau Gottsched, angesehen werden. Um die Mitte des Jahrhunderts wird dann auch theoretisch eine Reform verfochten. Gellert trat 1751 mit einer Sammlung wirklich geschriebener Briefe hervor, der er eine »Praktische Abhandlung von dem guten Geschmacke in Briefen« voranschickte; die »Grundsätze wohleingerichteter Briefe« von Stockhausen kommen daneben nicht in Betracht.
Gellert drang vor allen Dingen auf eine natürliche Schreibart, und in seinem reichen Briewerkehr
suchte er sie auch zu bethätigen.
Sein Beispiel wirkte auch ungemein; die Gellertsche Schreibart (neben ihm ist noch Rabener zu nennen) war bald die Schreibart
des ganzen gebildeten Publikums. Sie war leicht und gefällig, vor allen Dingen ohne Fremdwörter, aber
doch noch weitschweifig, wässerig und oft affektiert. Die Unsitte der französischen Briefe blieb in den vornehmen Kreisen
freilich noch lange bestehen; die Adressen, auch der deutschen Briefe, blieben bis in unser Jahrhundert in der Regel französisch.
Dagegen geht die lateinische Korrespondenz der Gelehrten sehr zurück. In eine neue Phase trat die Entwickelung
des deutschen Briefstiles in der Sturm- und Drangperiode. Man sprach von Gellertschem Gewäsch und
suchte das Prinzip der Natürlichkeit
in äußerster Übertreibung durchzuführen. Formlosigkeit, Lakonismus, Derbheit, oft dialektische Schreibweise charakterisieren
die Briefe der jungen Leute. Am meisten änderte aber den Stil der seit langem vorbereitete Durchbruch
des Gefühlslebens.
Für die Aufgeregtheit des Stiles sind die zahlreichen Ausruf- und Fragezeichen bemerkenswert. Die übertriebene Empfindsamkeit änderte auch Ton und Inhalt der Briefe. Sie sollten ein Abdruck der Seele sein; nur Briefe voll Empfindung und Gefühl schienen den damaligen Menschen die rechten Briefe zu sein. Wertvoll ist aber die neue Entwickelung namentlich dadurch, daß jetzt eine vollendete Individualität des Briefstiles erreicht ist. Hervorragend individuelle Briefschreiber sind Lessing, Merck, Claudius, Lichtenberg, Lavater, Goethe. Nachdem sich das aufgeregte Treiben beruhigt hatte, Zeigt sich der deutsche Brief so auf seiner Höhe. Ganz ausgezeichnete Briefe stammen namentlich von Frauen; Beispiele bieten diejenigen Eva Königs, Charlotte Schillers und die der originellen Frau Rath, der Mutter Goethes. Gleichzeitig gelangt der Briefverkehr zu einer neuen Steigerung. Das 18. Jahrh. ist das Jahrhundert des Briefes; es wird ein wahrer
Briefkultus getrieben. Überall treffen wir
fleißige Briefschreiber, dabei werden die Briefe selbst ungeheuer
lang; bei manchen ist eine wahre Briefwut zu erkennen. Der freundschaftliche Briefverkehr namentlich ist geradezu ein allgemeines
Lebensbedürfnis geworden; man
sucht überall Korrespondenten. Oft kennen sich langjährige Brieffreunde gar nicht persönlich.
Briefe wurden ein wichtiges Dokument zur Beurteilung der Menschen, nach Briefen verliebte man sich sogar. Man gab sich daher außerordentliche Mühe, da man sich gewöhnte, jeden auch von unbekannten Absendern, zu kritisieren. Das führte teilweise zu einer Effektschreiberei. Um die Briefe hervorragender Leute mühle man sich sehr; sie wurden oft massenhaft, z. B. diejenigen Gellerts, durch Abschriften, oft auch durch den Druck verbreitet.
Das Äußere der Briefe änderte sich auch in dieser Epoche. Das Papier wird feiner, das Format ist in der Regel Quart. [* 5] Umschläge (Kouverts) kommen häufiger als früher vor, doch blieb das Falten der Briefe noch bis zur Mitte unsers Jahrhunderts eine Kunst, die jeder lernen mußte. Die Adresse ist einfach und kurz geworden, ohne die früher üblichen langen Zusätze.
Die Art der Briefe des 18. Jahrh. dauerte bis in die 40er Jahre unsers Jahrhunderts. Die langen Briefergüsse blieben beliebt,
ebenso die Offenheit und Traulichkeit des persönlichen Verkehrs. Empfindung und Geist
suchte jeder in seine Briefe hineinzulegen.
Seit 1848 trat dann eine starke Änderung ein. Der Umschwung im Verkehrsleben, die rasche Verbindung durch Eisenbahnen, Dampfschiffe und Telegraphen, [* 6] die rastlose Geschäftigkeit der Neuzeit beeinflußte den Briefverkehr. Kürze wird die Seele des Briefes. Unsre Zeit charakterisiert die Postkarte mit ihrer Kürze und Bequemlichkeit. Charakteristisch ist sie namentlich auch als Ausdruck dafür, wie wir aus unsern Briefen immer mehr die früher so wertvollen Äußerlichkeiten und Formalien verbannen. Die Postkarte wieder wird übertroffen durch das Telegramm. Die einfache Vergleichung eines Glückwunschtelegramms und eines Glückwunschbriefes aus dem 17. oder 18. Jahrh. zeigt, wie sehr sich die Zeit geändert hat.
Vgl. Steinhausen, Geschichte des deutschen Briefes (Berl. 1889-91, 2 Bde.).
Die Briefform in der Litteratur.
Sobald die Briefschreibekunst eine besondere Pflege genießt, bemächtigt sich auch die Litteratur der Brief: form, um beliebige Stoffe zwanglos zu behandeln. Bei den Griechen der spätern Zeit sind fingierte Briefe, zumal die Sophistik diese Form sehr bevorzugte, nicht selten. Der Rhetor Lesbonax, der zur Zeit des Kaisers Augustus lebte, verfaßte erotische Briefe. Später schrieb Melesermos aus Athen [* 7] 14 Bücher Hetärenbriefe, ferner Briefe von Landleuten 2c. Von Alkiphron existieren Briefe von Fischern, Landleuten, Hetären, die ein treffliches Bild des damaligen Lebens in Athen geben.
In den erotischen Briefen des Aristänetos tritt die Briefform fast ganz zurück. Übrigens lieben es die griechischen Romanschreiber, Briefe häufig in ihre Romane einzufügen. Bei den Römern findet man zunächst den didaktischen, poetischen Brief. Am meisten ragen des Horaz Episteln und des Ovid Herolden und Tristien hervor. Auch Lucilius und Catull verwenden die Form hin und wieder. In prosaischen fingierten Briefen wurden ebenfalls mannigfache Stoffe behandelt. Lehrhafte Tendenz haben Catos Briefe an seinen Sohn; in Briefform wurden ferner juristische, medizinische, politische und litterarische Gegenstände behandelt. Die Verwendung der Briefform zu ¶