Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03437.jsonl.gz/304

Wer bist du? Wie alt bist du?
Ich bin Oliver R. Lattmann, 54 Jahre und die MS brachte mich von «Flight Level 41000 Feet auf Ground Zero».
Wie lange bestanden bei dir schon die Symptome vor der Diagnose?
Sicher schon einige Jahre, mal Probleme mit Schmerzen in den Beinen und Gelenken, Manipulationsproblemen, dann mal unerklärliche Blasenprobleme, Nervosität. Alles ging wieder genauso ohne Vorzeichen und Erklärung weg, wie es gekommen war.
Wie und in welchem Alter wurde Dir die Diagnose MS vermittelt?
Mit 35 Jahren wurde es durch eine Sehnerventzündung, die nicht erkannt wurde, dann mit 36 diagnostiziert.
Was war Dein erster Gedanke nach der Diagnose MS?
Mein Hausarzt stellte mir die Diagnose, nachdem meinem Augenarzt auf den MS-Gedanken gekommen war und durch ein MRI manifestiert wurde. Mein erster Gedanke, «Nichts»! Ich konnte nicht fassen, erinnere mich nur noch an die Aussage meines Arztes, «damit kann man leben und stirbt nicht daran!» Ich weiss noch, mit den MRI-Bildern bin ich zurück in meine Firma, habe diese ans Fenster gehalten und meinen Geschäftspartnern gesagt, «Ich habe MS». Ich bin raus und einkaufen gegangen! Ich habe es nicht begriffen!
Welche Symptome machen Dir am meisten zu schaffen? Wo behindern Dich die Symptome im Alltag, wie beeinflusst die MS Deine Lebensqualität?
Langsam kam dann bei mir das Bewusstsein, dass ich «MS» habe. Mein rechtes Augenlicht habe ich eigentlich durch die lange Diagnosezeit verloren. Das war schlimm zu akzeptieren mit der stetigen Angst, was passiert links! Ich wollte es nicht wahr haben, arbeitete wie ein Verrückter, 3 Stunden Schlaf waren schon viel, ich war überdreht und verlor Gewicht, bei 188 cm auf 57 kg. Ich konnte mich schlechter konzentrieren, meine Finger wollten nicht richtig, Schreiben fiel mir sehr schwer, Schmerzen machten sich breit, das Sehen wurde weiter schlechter, kognitive Probleme; ich machte Studien, da ich dachte, ich verblöde! Mit Interferon fing ich an, die «MS» zu behandeln, war für mich ein Horror und dann glücklich, Gelbsucht bekommen zu haben, um aufhören zu können. Die «MS» hat mein Leben völlig runter gebracht, von einem normalen, sehr aktiven Leben beruflich und privat, vom schönen Flug auf den Boden geknallt! Die «MS» als stetiger Begleiter, Schmerzen, Spastik, Migräne, Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, Aufmerksamkeitslücken, Kraftlosigkeit, Gleichgewichtsstörungen, psychische Bearbeitung, konnte mich an Dinge nicht mehr erinnern, Sachen und Situationen vergessen. Die «MS» raubte mir die Lebensqualität total, man muss sich diese ganz bescheiden wieder etwas erarbeiten und dies akzeptieren sowie begreifen!
Wie geht dein privates Umfeld, also Familie, Freunde, Partner, mit deiner Krankheit um?
Das ist eine interessante Frage! Da für viele «MS» nicht greifbar ist, aber viele meinen sie wissen alles, wird man immer mit Aufklärungsarbeit konfrontiert und nicht ernst genommen. Sehr viel habe ich zu hören bekommen wie,….. ach, Du kannst ja eigentlich noch normal gehen, das kann ja nicht so schlimm sein, oder …. so schön wie Du möchte ich es auch haben und zu Hause bleiben zu können. Viele Freunde und Bekannte haben sich abgewendet, da man ja nicht mehr so mitmachen kann. Ebenso die ewige Rechtfertigung, warum es nicht geht. Das Verständnis für die «MS» ist weit weg, das tut in der Seele weh! Eigentlich habe ich durch die «MS» und deren Umstände alle Freunde, Bekannte und Geschäftspartner verloren. Engere Familie hab ich leider nicht und somit doch ziemlich allein. Gerne nehme ich mich Personen an, die Rat benötigen und versuche dies mit Humor zu vermitteln und etwas sachlich Positives mitzugeben.
Hast du Kinder? Wie gehen sie damit um? Wie bekommst du/mit deinem Partner Kinder und Beruf unter einen Hut?
Nein, Kinder habe ich leider nicht, aber das ist andreren Umständen geschuldet. Denke aber, dass besonders Kinder unterstützend sein können und diese von Natur aus mehr Verständnis aufbringen können als teilweise Erwachsene. Meiner damaligen Partnerin war die Situation eher nicht so angenehm, was sicher auch ein Grund war, dass eine Selbstverwirklichung mit einem «MS-Bertoffenen» nicht jedem passt. Meinem Hund war das egal, der ist geblieben! Beruflich, na ja, das war ebenso sehr einschneidend. Eine Firma hatten wir zu dritt gegründet, in der Aviation, da sind eben 365/24 angesagt, dann mit «MS»? Das passt nicht mehr so ganz! Die Umstände von aussen machten es ebenso nicht einfacher in dieser Zeit, und so aus dieser Kombination noch mehr leisten zu sollen aber gesundheitlich weniger leisten zu können, verlor ich diesen für mich einmaligen Traum und diese Gelegenheit. Nebst Verlust von Gesundheit, Privatleben, Familie und nun auch noch die berufliche Perspektive, die für mich nicht Beruf sondern «Leben» bedeutetet, war mehr als sehr schwer. Wahr haben wollte ich das nicht, versuchte es nochmal selbstständig, musste aber feststellen, das klappt nicht, ich bringe die Kraft nicht auf und kann nie halten, was ich verspreche. Nach 400 Bewerbungen und nur Absagen, konnte ich auch nicht mehr irgendwie im Angestelltenverhältnis für mich eine befriedigende Tätigkeit zu finden. Ebenso realisierte ich, wie weit mich die «MS» einschränkt und endlich begreifen muss, dass es so nicht geht und ich mein Leben und meine Gedanken völlig ändern muss. Für mich war das wie einmal sterben!
Wie ist die Situation an Deiner Arbeitsstelle?
Das Thema hat sich erledigt!
Wie entspannst du dich? Welchen Rat hast du für andere MS-Betroffene?
Entspannen? Ganz ehrlich, das geht eigentlich sehr schwer, dafür brauche ich Meer und Weite, nichts weiter, aber hier? Mit Musik, mit guten Filmen, meiner Malerei, meinen Interessen für die Welt, Umwelt, Technik, Reisen und Design, meinem Humor, meinem Hund, meinem Garten! Ich habe es heute nach 18 Jahren – ja, meine «MS» ist volljährig, immer noch nicht vollständig akzeptiert. Mein «schwarzer Humor» hilft mir dabei auch ein bisschen! Entspannen tut mich, zu wissen, dass ich medikamentös sehr gut fahre! Ich muss täglich an mir arbeiten, zu entspannen. Das Problem, der Kopf will, der Rest eben nicht so! Der Rat an «MS»-Bertroffene, es zu akzeptieren, sich wirklich sachlich zu informieren, nicht verrückt machen zu lassen und für sich die beste Medikamentation zu finden. Ich hatte das Glück, 2002 in einer Studie als erster Teilnehmer ein Medikament zu bekommen, das bei mir sehr gut anspricht und für mich genial ist. Das hilft ruhiger zu werden und zu wissen, das ist wenigstens optimal! Und als «MS»-Betroffener sich bewusst zu sein, was man durch die MS eben auch positives erlebt, …. dank «MS» kann ich ……., was ich sonst nicht könnte!
Was macht Dir in Bezug auf MS Angst?
Wirklich Angst macht mir nichts. Wahrscheinlich, weil ich seit 18 Jahren mit meinem Medikament 100% zufrieden bin, herausgefunden habe, dass alles andere rundherum ‘eh nicht greifbar ist und ein «Herumgedokter» nichts bringt. Unruhe sicher innerlich, mit einigen Gedanken, aber die Realität der Stagnation ist stärker. Ich möchte nie mein restliches Augenlicht verlieren. Wenn es einmal ganz schlimm würde, dafür habe ich mich bei Exit angemeldet, damit ich frei wählen kann!
Was gibt Dir in Bezug auf MS Hoffnung?
Sehr viele Studien habe ich mitgemacht, sehr viele Studien mache ich mit, habe sehr gute Ärzte, sitze direkt an der Infoquelle. Die Forschung geht weiter, Medikamente werden immer besser, ich habe das Glück, eines der wirksamsten Medikamente ohne Nebenwirkungen für mich zu vertragen. «MS» bedeutet nicht das Aus, aber braucht viel Kraft, auch psychisch - und ich wünsche mit viel mehr Aufklärung. Man sieht Persönlichkeiten, die Aufklärungsarbeit leisten, das sollte unbedingt verstärkt werden.
Wenn du 3 Wünsche frei hättest: Welche wären das?
Ich schaue eben aus meinem Fenster, die Fee fliegt leider nicht vorbei! Diese Frage ist schwer! Gesundheit, Glück und Wohlergehen! … für jeden und alles! Wir leben auf einer wunderbaren Welt, es ist uns noch nie so gut gegangen!
Hattest Du im Zusammenhang mit MS lustige und/oder traurige Erlebnisse?
«MS» muss man selber mit einer Prise Humor sehen! Wenn wir uns in unserer MS-Gruppe treffen, haben wir es sehr viel lustig, denn wir verstehen uns damit und damit umzugehen. Traurig leider oft die Reaktionen von aussen, mit Unverständnis und sehr angriffslustigen Personen, die einem die Behinderung mit «MS» nicht glauben, glauben wollen oder es ‘eh immer besser wissen. Immer wieder die Situationen, zu erklären, was MS ist und wie man sich damit fühlt, ist nicht schön und belastet wirklich. Oder, parkt man zum Beispiel mit der blauen Behindertenparkkarte auf dem entsprechenden Parkplatz, steigt dann ohne Rollstuhl aus, wird man oft angeschnauzt, meist von Personen, die damit gar nichts zu tun haben, das tut weh! Deswegen, die Akzeptanz der «MS» ist noch weit weg! Das ist traurig für mich! Manchmal komme ich 300 Meter weit, manchmal fast gar nicht weg oder aus anderen Gründen ist man auf die Nähe des Fahrzeugs angewiesen. Dass fast jede Fahrt in Zusammenhang mit der «MS» steht, wie Ärzte, Therapie und viel Aufwand bedeutet, ist eher traurig. Lustig finde ich es nicht unbedingt, die Dinge in Zusammenhang mit «MS», man braucht es wirklich nicht! Man sieht vielleicht vieles lustiger, da man selber mehr auf dem Boden der Tatsachen lebt und die Verrücktheiten der Welt aus einer anderen Perspektive sieht.
Welche Beziehung hast du zur Schweiz. MS-Gesellschaft?
Die Schweiz. MS-Gesellschaft war eigentlich von der ersten Stunde mein «MS»-Begleiter für mich. Als Informationsquelle, Ratgeber, und aktive Unterstützung. So hat mich die MS-Gesellschaft auch bei meiner «Art» unterstützt, was psychologisch geholfen hat, mich bei finanziellen und versicherungstechnischen Belangen beraten. Ebenso die «DMSG» als Informationsquelle und Ratgeber mir sachliche Unterstützung gegeben hat. Eine Verbindung der europäischen MS-Gesellschaften finde ich wichtig, da wir eben sehr oft aus verschiedenen Ländern kommen oder auch dort Verbindungen und Bekannte haben. Diese Anlaufstellen sind sehr wichtig für Betroffene und Angehörige. Ebenso die Regionalgruppen, hier unterstützen die Betroffenen und der Austausch von Informationen untereinander ist sehr wichtig. Dies gewährleistet eben die «MS»-Gesellschaft und ebenso die Registrierung im «MS»-Register der «MS»-Gesellschaft ist ein weiterer Schritt zur Aufklärung und Informationssammlung.
Danke für die Möglichkeit des Interviews und eventuell einen kleinen Beitrag für die «MS»-Aufklärung in der Schweiz und weiter ausserhalb hiermit geleistet zu haben. Zum Schluss, jeder der es kann, andere «MS»-Betroffene oder gerade auch neu betroffene Personen etwas moralisch und fachlich mit Tipps und Erfahrungen zu unterstützen, sollte dies jederzeit tun und ich selber mache dies sehr gerne! «MS» ist nicht heilbar, derzeit, aber die «MS» bedeutet nicht, dass man kein schönes Leben haben kann! Humor ist, wenn man trotzdem lacht!