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Abessinische
Kirche, früher Äthiopische Kirche, ein eigentümlicher Zweig der christl. Kirche. Das Christentum faßte in Abessinien zuerst Fuß durch die Thätigkeit des Frumentius (s. d.) und Ädesius. Frumentius wurde etwa 326 n. Chr. von Athanasius, dem Patriarchen von Alexandrien, zum ersten Bischof von Axum geweiht und führte den einheimischen Titel Abba Salâma («Vater des Friedens»),
der neben dem später aufgenommenen
Titel
Abuna («Unser
Vater») immer noch in Gebrauch ist.
Größere
Fortschritte machte das
Christentum erst im 5. Jahrh. durch die aus
Ägypten
[* 2] eingewanderten Mönche, die
zugleich das ganze Mönchswesen mitbrachten.
In den auf dem
Konzil zu
Chalcedon 451 erledigten Streitigkeiten über die
Person
Jesu schlossen sich die abessin.
Christen, wie die Hauptmasse der ägyptischen, dem monophysitischen
Bekenntnis an und blieben
fortan dem monophysitischen Patriarchen von
Alexandria unterthan. Es wurde strenges
Kirchengesetz, daß
nur dieser den Vorsteher der
Abessinische Kirche weihen durfte, wie auch die wichtigern dogmatischen und kirchenpolit.
Schriften ägypt.-monophysitischen Ursprungs sind. Gegen Ende des 5. Jahrh. scheinen auch die Könige zum Christentum übergetreten zu sein, und im 6. Jahrh. war das Reich in der Hauptsache christlich. Damals, wenn nicht schon früher, entstand die sog. Äthiopische Bibelübersetzung und wurde auch der Kultus einigermaßen organisiert. Aber noch lange finden sich nicht nur zahlreiche Juden, sondern auch heidn. Stämme im Lande, und erst im 15. Jahrh. wurde das Heidentum völlig ausgerottet. Im Mittelalter war die abessin.-äthiop. Kirche die Trägerin der Kultur und litterar.
Thätigkeit, wie dies sowohl
Übersetzungen christl. Schriften als auch eigene Produktion von Gebet- und Hymnenbüchern
bezeugen. Aber das immer tiefere Sinken der kopt.
Mutterkirche, der polit.
Verfall des
Reichs vom 16. Jahrh. an (s.
Äthiopien),
die in den
Kriegen zunehmende Verwilderung des
Volks, das
Absterben der Geezsprache (in der alle heiligen
und kirchlichen Schriften abgefaßt sind, s.
Äthiopische Sprache), das Eindringen der moslem. und heidn.
Völker brachten
der
Abessinische Kirche den Untergang.
Die Zähigkeit seines monophysitischen Glaubens zwar, die das Volk den Bekehrungsversuchen der Jesuiten im 16. und 17. Jahrh. entgegensetzte, hat sich erhalten, aber der Geist des Christentums und das christl. Leben ist längst daraus geschwunden. Nur die leeren Formen sind geblieben. In grober Unwissenheit und wüstem Aberglauben wetteifern die Christen des Landes jetzt mit den Moslems, und in Sittenlosigkeit übertreffen sie diese vielleicht noch. Im 19. Jahrh. waren evang. und röm.-kath. Missionare hier erfolglos thätig.
Die religiöse Erkenntnisquelle der Abessinier heißt Semanja Abâdu, d. h. Einundachtzig,
und enthält außer unsern 65 biblischen
Büchern noch die sog.
Apokryphen, die
Briefe des Clemens
Romanus und den Synodus, eine
Sammlung von apostolischen, synodalen und
kirchenväterlichen
Kanones, aber in monophysitischer Bearbeitung. In ihren Gebräuchen
haben sie noch viel aus der ältesten christl.
Kirche, ja sogar aus dem Alten
Testament beibehalten. Die
Taufe der Erwachsenen (bekehrter Heiden oder Moslems) wird fast ganz nach urchristl.
Ritus vollzogen. Mit der Taufe der Kinder (der Knaben am 40., der Mädchen am 80. Tage nach der Geburt) ist Abendmahl verbunden. Auch die Beschneidung haben sie am 8. Tage nach der Geburt, zugleich mit der Namengebung. Das Abendmahl wird unter beiderlei Gestalt mit gesäuertem, am Gründonnerstag mit ungesäuertem Brot [* 3] empfangen. Der Gottesdienst am Sonntag besteht aus Gebet, Psalmenvortrag und Lektionen ans der Bibel [* 4] in der altkirchlichen, jetzt nicht mehr gebräuchlichen Sprache. [* 5] Gepredigt wird nicht. Außer dem Sonntag wird auch noch der Sabbat gefeiert und außer den altkirchlichen Festen noch eine Reihe von Gedächtnistagen, so daß das abessin. Kirchenjahr im ganzen 180 Festtage zählt. Die Fasten sind sehr streng und häufig, etwa 200 Fasttage im Jahr, und gelten als ein Hauptstück des Christentums. Endlich ist auch das System kirchlicher Pönitenzen sehr ausgebildet.
Die kirchliche Einsegnung der Ehe ist nicht notwendig. Monogamie gilt zwar als Regel, aber vor dem Gesetz ist die Polygamie geduldet und auch die Scheidung durch den bürgerlichen Richter sehr leicht zu erlangen. Kirchen haben die Abessinier sehr viele; sie sind kreisrund, meist aus Flechtwerk und Lehm gemacht. Man beobachtet auch noch gewisse alttestamentliche Reinigungsgesetze und enthält sich einiger im Alten Testament oder Apostelg. 15,29, 16,4 verbotenen Speisen. Die Bekreuzung ist herrschende ¶
forlaufend
Volkssitte. Als christl. Abzeichen zur Erinnerung an die Taufe tragen die Abessinier eine blaue Schnur um den Hals, Mateb genannt. Der Glaube an Zauberei, Amulette u. s. w. hat seit dem 16. Jahrh. sehr überhand genommen. Fasten, Schenkungen an Bettler, Pilger, Priester, Kirchen und Klöster gelten als gute Werke, ebenso Pilgerfahrten nach Jerusalem. [* 7]
An der Spitze der
Abessinische Kirche steht der Abuna (auch Metropolit, Patriarch genannt), der früher in Axum residierte, jetzt in Gondar.
Er ist in Glaubenssachen die höchste Autorität, hat allein das Recht, die Könige zu salben und Priester und Diakone zu ordinieren,
nimmt aber auch in weltlichen Dingen eine bedeutende Machtstellung ein, sogar gegenüber dem Könige,
ob obgleich dieser Schutzherr und nominelles Oberhaupt der Kirche ist. Von dem kopt. Patriarchen (jetzt in Kairo)
[* 8] ernannt,
soll er nach einer aus dem 13. Jahrh. stammenden Bestimmung kein Abessinier, sondern ein
Kopte sein.
Der Bildungsgrad der Abuna, wie überhaupt der Geistlichen, ist gegenwärtig sehr gering, wie denn zum Diakonenamte alle, die sich melden, ordiniert werden, wenn sie nur lesen können. Der Großprior der Klostergeistlichkeit, Etschege genannt, mit dem Sitz auf dem im 13. Jahrh. gegründeten Kloster Dabra-Libanos in Schoa, ist die zweite geistliche Person des Reichs. Außerdem sind berühmte Klöster: Debra-Dammo, Axum, St. Stephan, Abba-Garima und Lalibela. Die Zahl der Mönche ist sehr groß. -
Vgl. Ludolf, Historia Aethiopica (Frankf. 1681);
Waldmeier, Erlebnisse in Abessinien (Bas. 1869);
Arnhard, Liturgie zum Tauffest der Äthiopischen Kirche (Münch. 1886);
Doncourt, L'Abyssinie (Par. 1886).