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Das Kapitel (S. 118ff.) eignet sich, um Stanišićs literarisches Verfahren zu beschreiben. Die gut vier Seiten sind der Mutter gewidmet: Zuerst wird ihre Biografie bis zur Flucht erzählt, dann setzt sich der Erzähler Stanišić in ein Verhältnis zu ihr:
Mutter leidet an der Vergangenheit unromantisch. […] Das , was ihr fehlt, ergänzt sie heute nicht mit Erfindungen wie ich. Was fort ist, ist fort.Herkunft, S. 120
Die Mutter wird anhand von zwei Lieblingsfotos beschrieben. Stanišić hält fest, die Mutter sei erst für ihn, dann für andere, dann für sich dagewesen (S. 121) – im Titel hebt er aber den Moment hervor, in dem sie für sich ist, zu sich kommt.
So entstehen drei Gegensätze: Die Selbstlosigkeit der Mutter und ihre Bedürfnisse und Wünsche, die Nostalgie der Mutter und die Nostalgie ihres Sohnes, die Geschichte der Mutter und Bilder der Mutter. Dieser letzte Gegensatz verschärft Stanišić: Kursiv fügt er ein Marx-Zitat ein (die Mutter hat Marxismus studiert):
Die Menschen machen ihre eigene Geschichte unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, MEGA Abt. 1. Bd. 11, S. 96f – Herkunft S. 119
Das Zitat rahmt die Entscheidung der Mutter, Višegrad zu verlassen, als es 1992 zu Gewalt gegen Muslime kam. Sie macht ihre eigene Geschichte – Stanišić schreibt aber ihre Geschichte, er erfindet eine Antwort aus »einem Leben, das ich für sie geschrieben hätte«. In diesem Leben würde sie sich gegen Fremdzuschreibungen wehren, statt sie als Umstand zu verstehen, der sie zur Flucht nach Heidelberg zwingt. Der Moment der Flucht ist der Schluss des Kapitels.
Das Kapitel enthält ein Biogramm der Mutter, eine Beschreibung, eine Raffung der Zeit vor der Flucht, um dann die Entscheidung zur Flucht stehen zu lassen, von verschiedenen Seiten und aus verschiedenen Perspektiven vorzuführen. Diese Perspektiven führen nicht zu einer kohärenten Theorie, sondern stehen nebeneinander. Stanišić erzählt und erprobt andere Erzählungen, nimmt seine persönliche Perspektive zurück und intensiviert sie darauf.
Und letztlich schafft er ein einfaches Muster, um über geliebte Menschen zu sprechen:
- Was machen sie gern? – »Mutter raucht gern eine zum Kaffee und isst dazu gern Twix« (S. 120)
- Wie sehen sie auf den Lieblingsfotos von ihnen aus? – »Auf dem zweiten Bild ist sie umgeben von Freunden. Schlaghosen, Koteletten, Alkohol und Wünsche.« (S. 121)