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Text & Bilder: Dr. Frank Wieland
In jedem Frühsommer entsteigen an der Ostküste Nordamerikas urzeitlich anmutende Wesen in Massen dem Meer. Sie kriechen an die Strände, um der nächsten Generation den Weg ins Leben zu ebnen – sie legen Eier.
Einem hufeisenförmigen Rückenpanzer, der bis zu 60 cm Durchmesser erreichen kann, schliesst sich ein kurzer Hinterleib an, der in einem langen, stachelartigen Gebilde endet. Während der Rückenschild den Tieren im englischsprachigen Raum den Namen „Horseshoe Crab” (Hufeisenkrabbe) eingebracht hat, bedient sich der deutsche Name „Pfeilschwanzkrebs“ des Stachels am Körperende. Beide Namen sind jedoch irreführend. Es handelt sich bei unserem Meeresritter nicht um einen Krebs, sondern um einen Verwandten der Spinnen und Skorpione. Darauf weist schon der scherenartige Bau der Mundwerkzeuge hin.
Pfeilschwänze bewegen sich am Meeresgrund gehend fort. wo sie sich von Weichtieren und anderen Wirbellosen ernähren. Schwimmen können sie nur in Rückenlage. Dabei leisten ihnen ihre blattartig ausgebildeten Hinterleibsextremitäten gute Dienste, die auch die Kiemen tragen. Der “Stachel” ist übrigens nicht zum Stechen da, sondern wird als Schwimmantrieb und gelenkiges Werkzeug zum Umdrehen genutzt, wenn die Tiere ungewollt auf dem Rücken zu liegen kommen.
Pfeilschwänze (Xiphosura) bewohnen die Erde seit geraumer Zeit. In den Solnhofener Plattenkalken wurden Pfeilschwanz-Fossilien entdeckt, die den heutigen Arten gleichen. In der Kreidezeit, vor rund 150 Millionen Jahren, bewohnten sie dort die flachen tropischen Lagunen, die später zum südlichen Deutschland werden sollten, während über ihren Köpfen der Urvogel Archaeopteryx kreiste. Das älteste bekannte Fossil eines Pfeilschwanzes ist mit etwa 450 Millionen Jahren noch weitaus älter.
Nur vier Arten haben bis heute überlebt, darunter die eingangs erwähnte nordamerikanische Art Limulus polyphemus. Drei weitere Arten sind in Südostasien beheimatet. Weil sie ihnen Einblicke in die Evolution der Gliederfüsser gewähren, sind diese Überlebenden aus der Urzeit von grossem Interesse für die Zoologen. Aber auch die Medizin forscht seit über 40 Jahren an den Tieren, denn ihr blaues Blut enthält Stoffe, die beim Nachweis von bakteriellen Verunreinigungen eine wichtige Rolle spielen.