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«Engadiner Post»: Christoph Till, was macht die Mehrsprachigkeit mit dem Menschen?
Christoph Till*: Für mich schwierig zu beantworten, da ich selbst nicht mehrsprachig bin, sondern mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen bin und erst später durch Arbeit und Beziehungen Englisch zu meiner Zweitsprache gemacht habe. Mein Alltag gestaltet sich auf jeden Fall mehrsprachig. Mir ist aufgefallen, dass ich sehr viel selbstbewusster kommu?niziere, auch wenn mir deutlich wird, dass mein Englisch nicht perfekt ist. Doch bin ich mir sicher, dass die Kommunikation funktioniert und mir den Weg zu neuen Personen öffnet. Eine Person, die noch mehr als nur zwei Sprachen spricht, hat folglich noch mehr Möglichkeiten, mit Menschen zu kommunizieren. Generell bedeutet Mehrsprachigkeit für mich Weltoffen?heit, Kommunikationsfreude, Neugier und vor allem geistige Flexibilität.
Welche Auswirkungen hat Mehrsprachigkeit auf die menschliche Entwicklung?
Zwei Erkenntnisse gelten hier als gesichert: Personen, die von Geburt an mit zwei oder mehreren Sprachen aufgewachsen sind, verarbeiten – neurologisch gesehen – Sprachen anders als einsprachige Personen. Sie können ihre Sprachen besser kontrollieren. In einer mehrsprachigen Kommunikationssitu?ation sind immer alle Sprachen aktiv. Muss man sich jedoch auf eine Sprache fokussieren, erfordert dies, dass die andere Sprache in dem Moment unterdrückt oder kontrolliert wird. Einsprachigen Personen, die beispielsweise eine weitere Sprache in der Schule gelernt haben, gelingt dies nicht so gut wie mehrsprachig aufgewachsenen Menschen. Es machen sich immer wieder Einflüsse der einen Sprache bemerkbar, es kommt zu Verzögerungen, Versprechern oder Wortfindungsproblemen. Mehrsprachige können dies besser kontrollieren, der Wechsel von der einen in die andere Sprache gelingt in der Regel mühelos und unauffällig.
Und die zweite Erkenntnis?
In Bezug auf die Sprachentwicklung spricht man davon, dass mehrspra?chige Kinder sehr viel früher ein sogenanntes metasprachliches Wissen erwerben als einsprachige Kinder. Das heisst, im Gegensatz zu einsprachigen Kindern wissen mehrsprachige sehr viel früher, dass sie mehrere Sprachen sprechen, dass diese Sprachen benannt werden können, dass sie unterschiedlich funktionieren, und sie wissen teilweise sogar schon, auf welchen linguistischen Ebenen – wie Aussprache, Wort?schatz oder Grammatik – diese Unterschiede zu finden sind.
Weshalb sind manche Menschen problemlos in zwei oder mehreren Sprachen unterwegs, andere wiederum aber nicht?
Grundsätzlich sind alle Menschen gleichermassen gut in der Lage, zwei, drei oder mehr Sprachen zu erlernen. Jedoch unterscheiden sich die Bedingungen, unter denen der Spracherwerb erfolgt, teilweise sehr stark. Beispielsweise das Alter: Erwirbt man zwei oder mehrere Sprachen von Geburt an, im Laufe der Kindheit oder erst als Erwachsener? Mehrsprachig aufwach?sende Kinder werden in der Regel durch ihre Eltern mit den verschiedenen Sprachen konfrontiert und erwerben diese wie zwei Mutter- oder Erstsprachen. Geschieht der Erwerb der Zweitsprache erst im Laufe der Kindheit – etwa zwischen dem 3. und dem 10. Lebensjahr – so basiert der Zweitspracherwerb wahrscheinlich auf einem Umzug in ein anderssprachiges Land oder Gebiet, wie in einem Migrationskontext.
Und wo geschieht der Zweitspracherwerb?
Bei Kindern oft im Austausch mit der Umgebungsgesellschaft wie durch Nachbarn, Freunde, Kindergarten oder Schule. Bei Erwachsenen hingegen ist der Zweit- oder besser Fremdspracherwerb in der Regel freiwillig und basiert auf Sprachkursen oder allenfalls auf Sprachreisen. Wie viel Kontakt man letztendlich zur erlernenden Sprache hat und welcher Qualität dieser Kontakt ist, unterscheidet sich in jedem dieser Szenarien stark: Spreche ich meine Sprachen täglich im familiären Alltag, nur am Vormittag, wenn ich den Kindergarten oder die Schule besuche, oder gar nur in meinem, einmal die Woche stattfindenden Sprachkurs? Anhand dieser – zugegebenermassen vereinfachten – Skizze von möglichen Spracherwerbswegen dürfte deutlich werden, dass die Sprachen unter ganz unterschiedlichen Bedingungen erworben werden, was sich in der Qualität der Sprachbeherrschung äussert. Hinzu kommen weitere Faktoren wie das Prestige einer Sprache und die entspre?chend höhere Wertschätzung durch die Gesellschaft, beispielsweise für das Englische. Wichtig ist, dass sich all diese Bedingungen von Person zu Person unterschiedlich ausprägen und auswirken.
Ist Mehrsprachigkeit mit bestimmten Sprachen besser in Verbindung zu setzen?
Nein, nicht per se. Aber die linguistische Verwandtschaft von Sprachen kann den Erwerb derselben beschleunigen. So sind Deutsch, Niederländisch oder auch Norwegisch als germanische Sprachen miteinander verwandt und weisen bezüglich Aussprache, Wortschatz und Grammatik grosse Gemeinsamkeiten auf. Eine deutschsprachige Person, die beispielsweise Holländisch lernt, kann viele Vergleiche zwischen den Sprachen anstellen, und so auch Wissen von der einen auf die andere Sprache übertragen. Man spricht in diesem Fall von positivem Transfer. Gleiches gilt natürlich auch für andere Sprachgruppen, wie die romanischen oder slawischen Sprachen.
Was, wenn die erworbenen Sprachen nicht zusammenpassen?
Dann kann dies den Spracherwerb erschweren. So steht im Türkischen beispielsweise das Verb immer an letzter Stelle im Satz, im Deutschen hingegen muss es je nach Satzart an erster, zweiter oder an letzter Stelle stehen. Es wäre folglich zu erwarten, dass eine türkischsprechende Person – zumindest vorübergehend – den Fehler macht, das Verb auch im Deutschen immer an die letzte Stelle zu setzen, was zu Fehlern führt. In diesem Fall spricht man von einem negativen Transfer.
Haben Sprachprobleme mit der Sprache zu tun?
Nein, es gibt keine Sprache, die Sprachprobleme in besonderer Weise verursacht oder befördert. Die genauen Ursachen für Sprachprobleme beziehungsweise Sprachentwicklungsstörungen sind nach wie vor unbekannt. Man vermutet genetische Ursachen, da Jungen häufiger betroffen sind als Mädchen, und auch, weil es zu familiären Häufungen von Personen mit Sprachentwicklungsstörungen kommt. Auch häufige Mittelohrentzündungen in den sensiblen Phasen des Spracherwerbs können die Störung verur?sachen oder zu Einschränkungen des Arbeitsgedächtnisses führen. Aber alle in Frage kommenden Ursachen sind unabhängig von den Sprachen der Personen zu verstehen. Allgemein nimmt man an, dass sechs bis acht Prozent der kindlichen Bevölkerung derartige Sprachentwicklungsstörungen haben, unabhängig davon, welche und wie viele Sprachen diese Kinder sprechen.
Was sind demnach Sprachprobleme?
In der Logopädie und deren Bezugswissenschaften unterscheidet man Sprechstörungen von Sprachstö?rungen mit folgender Begründung: Sprachstörungen sind Störungen des Sprachwissens, das eine Person mehr oder weniger bewusst über ihre Sprache erworben hat. Dazu gehört das Wissen über die regelhafte Aussprache, die Phonologie: Welche Laute darf ich wie miteinander kombinieren? Wann spreche ich welche Laute wie aus? Aber auch das wortschatzbezogene Wissen, die Semantik-Lexik: Was genau bedeutet ein Wort und wie setzt es sich zusammen? Das grammatikalische Wissen, die Morphologie-Syntax: Wie konjugiere ich ein Verb, und an welche Satzstelle muss ich das Verb setzen? Und auch das pragmatische Wissen zur Sprachverwendung: Wie formuliere ich eine Bitte oder wie halte ich eine Konversation aufrecht? Auch diese Bereiche können von Sprachstörungen betroffen sein.
Und was sind Sprechstörungen?
Bei einer reinen Sprechstörung geht es darum, dass die notwendigen motorischen Fähigkeiten zur Artikulation von Lauten und Wörtern eingeschränkt verfügbar sind. Das klassische Beispiel des «Lispelns» macht dies deutlich: Bei der Aussprache des Lautes «s» wird die Zunge so zwischen die Schneidezähne gelegt, dass das entstehende Geräusch eher klingt wie ein «th» im Englischen. Das Bewegungsmuster des Zungenmuskels ist falsch programmiert, die Korrektur erfolgt also durch eine Umprogram?mierung dieses Bewegungsmusters. Ein Kind, das lispelt, kann aber durchaus über das notwendige Sprachwissen verfügen und weiss sehr wohl, in welchen Wörtern ein «s» vorkommt, und es weiss auch, wie sich dieses anhören muss. Trotzdem ist es nicht in der Lage, das «s» genauso auszusprechen. Sprach- und Sprechstörungen sind also unabhängig voneinander zu verstehen, können aber durchaus auch kombiniert vorkommen.
An welchen Themen der Mehrsprachigkeit forschen Sie an der Uni Fribourg?
Wir haben aktuell kein spezifisches Forschungsprojekt, welches sich mit Mehrsprachigkeit auseinandersetzt, haben aber eine Studie zur Entwicklung des Sprachverständnisses in Hoch- und in Schweizerdeutsch durchgeführt, bei der auch mehrsprachige Kinder untersucht worden sind. Die Auswertung steht noch aus und könnte Aufschluss darüber geben, wie gut mehrsprachige Kinder vom Kindergarten bis zur dritten Klasse Hoch- beziehungsweise Schweizerdeutsch verstehen, und ob es allenfalls einen Vorrang einer der beiden Sprachvarietäten gibt. Am Institut für Mehrsprachigkeit der Universität Fribourg wird über Sprachkompe?tenzen mehrsprachiger Personen, gesellschaftliche und politische Dimensionen der Mehrsprachigkeit und über Sprachvermittlung in schulischen und ausserschulischen Kontexten geforscht.
Wie haben sich Sprachen entwickelt, oder wie entwickelt sich eine Sprache?
Sprachen sind grundsätzlich offen für Veränderungen, wobei dies auf einige Bereiche der Sprache stärker zutrifft als auf andere. So ist der Wortschatz generell sehr flexibel – so adaptieren wir ständig neue Nomen und Verben, beispielsweise in Bereichen der Pop-Kultur oder der Technologie. Es ist selbstverständlich, dass wir Wörter, die im Zusammenhang mit technischen Errungenschaften stehen wie Internet, Desktop, Browser oder Smartphone in unser Vokabular aufnehmen, um uns auf aktuelle Dinge beziehen zu können. Gleiches gilt auch für zugehörige Verben, wie Surfen, Googeln oder Chatten. Wörter, die dem Sprachgebrauch vor 30, 40 Jahren noch völlig unbekannt waren. Grossen Einfluss haben auch Jugendliche Slangausdrücke, die zum Teil wegen ihrer Kreativität sogar geehrt werden – Stichwort «Jugendwort des Jahres» – und ab und zu ihren Weg in den allgemeinen Sprachschatz finden.
Welche Auswirkungen haben Kurznachrichten und andere soziale Medien auf die Sprache?
Soziale Medien bieten den Kurznachrichten eine gute Plattform. Eine solche Textnachricht ist schnell mal zwischen Tür und Angel geschrieben – da ist Rechtschreibung, Grammatik oder Zeichensetzung im Gegensatz zu einem Brief oder einer offiziellen E-Mail nicht mehr so wichtig. Aus demselben Grund bietet es natürlich auch die Gelegenheit, in Dialekt zu schreiben, wo es im Allgemeinen kein offizielles Regelwerk bezüglich Rechtschreibung und Zeichensetzung gibt. Doch nicht nur Dialekt hat Einzug in die elektronische Kommunikation gefunden, sondern auch die mehrsprachige Sprachverwendung, bei der zwischen verschiedenen Sprachen hin- und hergesprungen werden kann, vorausgesetzt, das Gegenüber spricht diese Sprachen ebenso. Die Verwendung mehrerer Sprachen und Dialekte im Alltag hat in den sozialen Medien also grosse Unterstützung gefunden.
*Christoph Till hat bis 2010 Sprachheilpädagogik an der Uni Würzburg studiert und danach drei Jahre in einer logopädischen Praxis gearbeitet. Seit 2013 ist er Diplomassistent an der Uni Fribourg, Departement für Sonderpädagogik, Abteilung Logopädie. Bis Ende des Jahr will er seine Doktorarbeit abschliessen. Zudem unterrichtet er zu semantisch-lexikalischen Störungen und zu Sprachstörungen bei Mehrsprachigkeit und bildet Logopädiepersonal in den Bereichen Diagnostik und Therapie fort.
Das Interview wurde schriftlich geführt.