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Bücher:
Peter Fuchs/ Niklas Luhmann
Reden und Scheigen, Suhrkamp 1989
Seite 46
Vom Zweitlosen: Paradoxe Kommunikation im Zen-Buddhismus:
Der Zen-Buddhismus dagegen will die immanente Erfahrung der primordialen Differenzlosigkeit, das Erleben der Nichtzweiheit, den Direktkontakt mit dem Zweitlosen16. Der darauf bezogene Schlüsselbegriff ist Satori. Er bezeichnet die Kombination von Immanenz und Transzendenz, oder genauer: deren Identität; er bezeichnet die Kombination von Subjekt und Objekt, oder genauer: deren Identität17. Das bedeutet: Ausschaltung jeglichen dualistischen Denkansatzes und damit auch die Unmöglichkeit einer auf Satori bezogenen Begriffsbildung18. Deshalb scheint es ausgeschlossen, sich an Satori heranzudenken. Es geschieht und ist erreichbar nur im existentiellen Sprung.
Seite 65
Gesichert bleibt auf diese Weise, daß Satori sich nicht kommunizieren lässt, aber die darauf bezogene Kommunikation verwickelt immer noch den Adepten so in die Paradoxie, hinter der sich Satori verbirgt, daß sie ihn an die Schwelle psychischer Sonderzustände treibt. Ihm bleibt dann nur der Sprung. Entweder er springt aus der Kommunikation und läuft weg, um weitere Jahre verzweifelt angestrengten Denkens auf sich zu nehmen, oder - er springt durch die Kommunikation mitten in die Paradoxie hinein, und zwar so daß er des Prä-differentiellen aller Differenzen ansichtig wird, des Urgrundes, der sich nicht beobachten lässt und zu dem man deshalb nur auf dem Weg sein kann. Dieser Weg (tao), so heißt es von altersher, ist auch schon das Ziel.
Peter Fuchs
Die Erreichbarkeit der Gesellschaft, Suhrkamp 1992
Fuchs-Erreichbarkeit42
Hyperkomplexe Systeme sind solche Systeme, die intern eine Pluralität von Komplexitätsbeschreibungen prozessieren, von denen mindestens eine besagt, dass es sich so verhält. Metaphorisch gesagt: Sie leiden unter der Unterbestimmtheit und Unbestimmbarkeit ihres Selbst, also daran, dass sie nicht ohne dramatische Ambiguitäten angeben können, wer worunter leidet.
Boe: Ambiguität - Mehrdeutigkeit / Eindeutigkeit-Zweideutigkeit-Dreideutigkeit
Fuchs-Erreichbarkeit238
239 Es gibt aber dennoch Beobachtungen im System (einige von vielen Operationen), die sich auf die Einheit der Differenz von System und Umwelt richten, die - diese Unterscheidung nutzend - die Welt (also das Nichtbezeichenbare) bezeichnen, Namen dafür verteilend wie zum Beispiel Gott oder All-Eines oder Totalität und damit Anschlüsse organisieren und limitieren, die ein Beobachter dieser besonderen Beobachtung wiederum unterscheiden und beobachten kann: als Kondensat der einer Operation, deren „Imaginarität“ (nicht: deren Folgenlosigkeit oder Unbedeutsamkeit) sich daran ab greifen lässt, dass sie operativ die Einheit realisiert, die sie weder als System noch als Umwelt bezeichnen kann. Auf die Einheit der Differenz von System und Umwelt gerichtete Beobachtungen springen (aber das tun sie nicht an sich, sondern sozusagen nur für sich) aus ihrer Paradoxie durch Designieren weder der einen noch der anderen Seite, sondern durch die Setzung einer „Leerstelle“, durch Erfindung von Wörter, Axiomen, Unbezweifelbarkeitssemantiken.
...Die moderne Gesellschaft, das haben wir eingehend diskutiert, hat ihre Modernität eben darin, dass in ihr nicht mehr die Operation der Beobachtung des Einen im Einen (und die anschließende Gleichschaltung aller Beobachtungsmöglichkeiten ) konkurrenzfrei (ihrerseits unbeobachtet ) geschieht, sondern sich vielmehr eine Art von Stabilisierung durch Komplexifikation auf der Ebene von Beobachtungsbeobachtungen, Beschreibungseschreibungen vorfindet, man sollte besser sagen: eine Art Multistabilität bei rekursiver Vernetzung und darauf fussender Produktion von „Eigenwerten“ (zum Beispiel Dingen oder Sprache), die den Anschlussoperationen als stabile zu Grunde gelegt werden, wiewohl sie doch (legt man auf der "weichen" Operation der Beobachtung ab) in the long run ehervon Bénard‘scher Instabilität sind wie Wolkenbilder oder Wabenmuster im Milchkaffee.
Fuchs-Erreichbarkeit244
Referenzprobleme: Polykontexturale Gesellschaftsverhältnisse schließen die Richtigkeit einer Weltdefinition aus. Sie bedeutenden Ausfall fassbar sicheren Wissens in einem Rationalitätskontinuum. Aus den für sie typischen pluralen Beobachtungsbeobachtungsverhältnissen bildet sich eine gleichsam bodenlose, fluktuierende Hypothetik, die sich negativ als Referenzverlust kennzeichnen lässt.
In einer zweiwertige thematisierten Welt, die als Bedingung der Möglichkeit jeder Referenz die primordiale Referenz Sein im Rahmen der für sie „primordialen“ Unterscheidung Sein/Nichts designiert, gilt, dass für jeden möglichen Referenten Bestimmtheit (Wahrheit) oder Irrtümlichkeit der Referenz (Täuschung, Unwahrheit) unterschieden werden kann. In einer seienden Welt lässt sich nur Seiendes bezeichnen und folglich bereitet Nichtseiendes oder unklar Seiendes (wie Möglichkeiten) Probleme.
249
Diese Trennung von Referenzproblem und Codierungsproblem markiert den Unterschied von moderner und alter Gesellschaft.
Diese schraubt (auf dem Hintergrund zweiwertigen Logik und ganz besonders im Hinblick auf das Erkenntnisproblem) Referenz und Kodierung zusammen; jene löst die Verschraubung und handelt sich damit zwar das Referenzproblem in verschärfter Weise ein (Explosion der Ontologien), schafft aber damit zugleich die Form polykontexturaler Gesellschaft, jenes hoch differenzierte, hyperkomplexe Arrangement, jene laterale Allgemeinheit, die sich in monomundalen Terms weder beobachtend noch beschreibend erreichen lässt, wiewohl laufend in ihr beobachtet und beschrieben wird.
Es kann nun nicht (und hier setzt die darauf bezogene Spekulation an) darum gehen, die Büchse der Pandora zu schließen und einfachere Weltverhältnisse zu imaginieren. Die Imaginate wären (im Duktus unserer Argumentation) Mehrerleierreignisse, plural konstituiert, Beobachtungen ausgesetzt, die nicht mit ihren Unterscheidungen arbeiten, Vexierbilder in einem genauen Sinne.
Stattdessen kann man die Unterscheidungen, die befähigen, eben dies zu sehen, ins Zentrum semantischer (und gleichsam nachgeführter institutioneller wie technischer) Entwicklungen stellen, deren Leitunterscheidungen Referenzverfestigungen (Inkrustationen von Realität) unterlaufen.
Daran und damit könnte das, was wir oben Beobachtungsbeobachtungskultur genannt haben, elaboriert werden als systematisches Sich-beobachtenlassen auf das, was durch die Operationsbeobachtung sich der Sicht entzieht, dritte Werte und die dritten Werte der Dritten Werte etc.
Peter Fuchs
Das Weltbildhaus und die Siebensachen der Moderne
Sozialphilosophische Vorlesungen, UVK 2001
pg 17
Das Konzept des Beobachters
pg 41
Die Form der Beobachtung
pg 65
Différance
Seite 291
Mir scheint, und dies ist eine der ernsthaftesten Erschütterungen des Weltbildhauses, daß man kaum noch leugnen kann, daß die Zeichen niemals bei einer Substanz anlangen, daß die Form des Zeichens die Einheit von Signifikant und Signifikat ist, das Signifikat unablöshar an das Zeichen geknüpft ist. Die Welt, in der wir sozial und bewußt orientiert sind, ist eine dem Sinngeschehen eingeschriebene Welt. Sie ist diese Sinnverteilung oder Sinndispersion, und mehr nicht, nicht ein Jota mehr.
Das kann ich hier nicht mehr ausarbeiten, aber diejenigen, die unter Ihnen Lust haben, mögen sich mit Jacques Derrida beschäftigen, der von einer niemals vollständig durchgeführten Dekonstruktion der Husserlschen Phänomenologie auf anderen Pfaden zu dem gekommen ist, wozu die Theorie der Operativität (diese Systemtheorie) ebenfalls kam: Es gibt für Sinnsysteme keinen direkten Weltkontakt. Daß das platonische Höhlengleichnis ebenfalls einschlägig ist, muß ich für die Philosophiefreaks unter Ihnen nicht eigens erwähnen.
Peter Fuchs
Autopoiesis, Mikrodiversität, Interaktion
in: Jahraus/Ort Bewusstsein - Kommunikation - Zeichen
Niemeyer 2001
51 Autopoiesis, Unjekte und konditionierte Co-Produktion
Peter Fuchs
Die Metapher des Systems
Velbrück Wissenschaft 2001
Seite 13 Vorwort: Im Moment, in dem das Bewusstsein tut, was es tut (nennen wir es sehr vorläufig: Erleben erleben der Beobachtung), wird seine Welt sozial formatiert. Es erlebt nicht seine Welt. (Obwohl es sie nur selbst erlebt. Es ist ausgefüllt mit der Welt der anderen, in der jeder anderer mit der Welt der anderen ausgefüllt ist). Schon in seiner Entstehung (sei es geno- oder phänotypisch) ist es strukturell gekoppelt an Sozialsysteme. Es ist nie etwas anderes gewesen als eben dies: konditionierte Koproduktion, ein Bewohner der Differenz, kein Objekt oder Subjekte mit Eigenschaften, sondern eher ein Un-jekt.
...Klar ist jedenfalls, dass die Systemtheorie mit einer Differenz startet, mit der von System und Umwelt, und: dass der Einheitsbegriff des Systems der Begriff dieser Differenz ist. Einfacher gesagt: das System lässt sich nicht aus seiner Umwelt herausgeben, es ist nicht isoliertbar. Es ist jenes Co, jenes Zugleich, jener Zweiheit, die sich nicht in zwei Einsen zerlegen lässt. (Diese Zweiheit ist, genau besehen, wiederum Dreiheit, also eine Verkürzung der Triade X - Grenze - Y. Das ließe sich ebensogut wieder auf die EINS der Grenze zuführen, die die Zweiheit auswirft und folglich eine Dreiheit etabliert.... dass das Eine ohne dass anderer nicht zu haben ist, ist geläufiger Topos.) Und im Augenblick, in dem man dieser Komplikation gewahr wird, zerfällt die cartesische Sprache. Mit ihr fallen auch die zweiwertigen logischen Mittel aus.
FuchsMetapherdesSystems16
15 Klar ist jedenfalls, dass die Systemtheorie, die wir hier bewegen, mit einer Differenz startet, mit der von System und Umwelt, und: dass der Einheitsbegriff des Systems der Begriff dieser Differenz ist. Einfacher gesagt: das System lässt sich nicht aus seiner Umwelt herausheben, es ist nicht isolierbar. Es ist jenes Co, jenes Zugleich, jene Zweiheit, die sich nicht in zwei Einsen zerlegen lässt. Und im Augenblick, indem man dieser Komplikation gewahr wird, zerfällt die cartesische Sprache. Mit ihr fallen auch die zweiwertigen logischen Mittel aus, und konsolidierte andere Instrumente sind noch nicht in Sicht.
16 Die Möglichkeit, die bleibt, ist das Nacheinander, die Bildung von oszillierenden Sequenzen: Man achtet auf die eine Seite der Unterscheidung (System), dann auf die andere (Umwelt) und wiederholt diesen Vorgang. Dabei entsteht das System als Objekt und die Umwelt als sein Korrelat. Wir haben es dann mit einer zeitgedehnten (oder Zeit zerhackenden) Beobachtung zu tun, die Informationen über hüben und drüben, über innen und außen anhäuft, aber genau dabei in Kauf nimmt, dass das Zugleich außer Sicht gerät. Das Hüben und Drüben, das Innen und Außen: die ganze Metaphorik des Räumlichen entsteht in dieser Oszillation.
Fuchssystem65
Zweite Fassung: Seite 65
Sinnsysteme sind unterscheidende Systeme. Sie beobachten Unterscheidungen, und unter anderem unterscheiden sie in sich selbst Innen und Außen, und selbst diese Unterscheidung können sie, ohne es zu müssen, noch einmal unterscheiden, wie wir es gerade tun.172
172 Das sind sehr voraussetzungsvolle Leistungen. Siehe zu Mutmaßungen über den Erwerb dieser Fähigkeit bei Säuglingen Fuchs, Das Unbewußte in Psychoanalyse und Systemtheorie, a. a. O. Vgl. zur Annahme, daß Beobachtungen »logisch mächtig genug« sein müssen, um diesen re-entry zu vollziehen, N. Luhmann, Soziologische Aufklärung, Bd. 6, OpIaden 1995, S.48.
Sie schreiben, wie man sagen könnte, in die Welt der Unterschiede eine eigene Welt der Unterscheidungen ein. Nur sie unterscheiden Unterschiede. Sie sind in dieser Hinsicht konkurrenzlos.173
Fuchs-MdS109
109 Die (T)auto-Poiesis der Gesellschaft
autos das Selbst des Beweglichen
aute Abermals, Wiederum
tautos Selbigkeit im Wiederum
Autopoiesis meint nicht: Reproduktion eines Selbst, eines Etwas, eines in der Zeit identischen Dinges. Sie bezeichnet dieSELBE Reproduktion. Die Autopoiesis der Gesellschaft ist aus dieser Perspektive zunächst nichts mehr als die an Zeit gebundene Produktion von Kommunikationen, die den Anlass bieten für die Produktion weiterer Kommunikation. Sie ist Tauto-Poiesis.
117 Gesellschaft ein Un-Ding, ein Un-jekt
118 Sie bilden eine Kategorie, die in dem Moment, in dem das Schema Sein/Nichts eingesetzt wird, verschwindet. Deshalb muss das Schema für eine Theorie der Gesellschaft suspendiert werden, sogar, wie wir später behaupten werden, für die Theorie sinngebrauchender Systeme schlechthin, also auch für das Bewusstsein.
119 Was, so lautet die Frage, geschieht mit diesem Denken, wenn die „Begriffs-Wörter“, durch die er seine Phänomene (seine Gegenstände und deren Ordnung) erzeugt, ihre Ontologie, ihres Privilegs der Seinsbehauptung und Seinsbeschreibung, beraubt werden? Was ereignet sich in dem Moment, in dem die „ Einheit des Seinssinns“, damit auch die „Einheit des Wortes“, gesprengt wird? (Derrida, Grammatologie).
124 Die différance (mit ihr temporalisation) lässt sich, wiewohl sie das Sinngeschehen geschehen lässt, selbst nicht „versinn(bild)-lichen“. Sie ist in dieser Hinsicht paradox, und jeder Versuch der Bestimmung ist ein performativer Widerspruch. Das ist das, was wir mit Derrida an dieser Unterscheidung das nennen, was auf der Folie jeder Metaphysik der Präsenz, der ousia, des Seins monströs erscheint. Aber dieses Problem, diese Wider-Sinnig-keit liesse sich leicht ertragen, wenn es jenseits des Sinngeschehens dasjenige oder denjenigen gäbe, dessen Selbstgegenwart ausser Frage steht - ein Bewusstsein (bei Derrida) oder ein zum re-entry seiner eigenen Unterscheidung fähiges System (in unserer Sprache). Was ist mit dem Prozessor, ohne den kein Sinn Sinn machen würde und für den allein aller Sinn aufscheint?
125 Die Chance des Dagegen-Denkens und Auflösens (jener Ätherhypothese) eröffnet sich, wenn das Bewusstsein aus diesem Ort der Evidenz gerückt wird. Das gelingt, wenn die différance als dasjenige begriffen wird, das jeden Sinn, also auch den, durch den das Bewusstsein seine Epiphanie (griech. epiphaneia „Erscheinung“; aus epi „über, darauf“ und phainesthai „sich zeigen“; zusammen im Sinne von „herausragen, sich hervorheben“) erlebt, organisiert. Das Bewusstsein ist in die Bewegung des Zu-spät, des Nachtrags, der temporalisation und der Verräumlichung eingebunden. Es ist, folgen wir Derrida, ein „Effekt“ und nicht ein Täter, und es ist Effekt (oder Oberfläche, die projiziert wird) durch das, was Nietzsche „die große Haupttätigkeit“ nennt, die immer „unbewusst“ ist. Diese Haupttätigkeit, dieses Sich-Weben von Sinn, das in dem Moment, indem es beobachtet wird, unter dasselbe Gesetz der Verschiebung fällt, konstituiert nach-rangig wie sich Bewusstsein begegnet.
126 In dem Moment, in dem différance mitgedacht wird, wenn von Sinn in einer nicht-trivialem Weise die Rede ist, so also, dass die Textur, das Gewebe, das „Ge-weben“ von Sinn die Frage darstellt und nicht das, was durch Sinn bedeutet wird, in dem Moment, in dem dies möglich wird, fallen alle nominalen Bestimmungen aus und verbleibt nichts als eine Katenation (und ein Gewirk) von Ersetzungen.
127 Die différance ist deshalb das Untrennbare und Namenlose, aber eben nicht als Unaussprechlichkeit, als schieres Darüber-hinaus, als das, was zu groß, zu erhaben zu sublim ist. Es ist nichts Mystisches an ihr, wie sehr man vielleicht das Phänomen der Mystik auf dieses Unnennbare (und eben nicht nur auf die Unerreichbarkeit einer Transzendenz) beziehen könnte. Sie ist die nicht aufholbare Wiedereinholung (Wiederbeschreibung) des immer gleichen Spiels der Verschiebung und der Substitution, sie ist damit auch die Vernichtung jedes einzigartigen Sinns von Sein, die Aufhebung jeder Singularität. Sie kann insofern nicht gewusst werden, sie ist einem Be-Wissen, einem Bewusstsein nicht anders zugänglich als in der Form der Ungültigkeit, die sie jedem Wissen gibt, also auch diesem, dem soeben formulierten.
Fuchs-MdS138
4.2.1 Die Operation der Gesellschaft und die Abwehr eines Taten tuenden Täters
Das Abräumen der am Raummetapher (oder wenigstens die Verunsicherung derer, die sie so selbstverständlich handhaben) führt in die Frage nach der Zeitlichkeit der Operation, die Gesellschaft konstituiert. Diese Operation ist in der Systemtheorie Bielefelder Provenienz Kommunikation. Sie wird im Singular begriffen als Synthese dreier Selektionen, von Information, Mitteilung und Verstehen, im Kollektivsingular als Katenation formgleicher Elemente (utterances), in denen diese Selektionen unterschieden und zugleich aufeinander bezogen werden.
...über Zeit laufende Bewegung in einem Differenzentriplet, dass allen möglichen sozialen Sinn inszeniert
...Prozess einer Sinndissemination, die unter keinen Umständen cartesisch begriffen werden kann, wohingegen die Hermeneutik so gestreuten Sinns (etwa die Analyse einer gesellschaftlichen Semantik) durchaus und schadensfrei im cartesischen Duktus verbleiben kann.
...der getilgte Sinn kommt im sozialen System als sozialer Sinn an, ohne vorher irgendwo gewesen zu sein und ohne dass irgendwann irgend wie eine Tilgung psychischen Sinns tatsächlich stattgefunden hätte.
Dies alles begibt sich in kontinuierlicher Transmission oder, um es gleich mit Spencer Brown zu sagen: als konditionierte Koproduktion. Es ist nichts auf der einen, nichts auf der anderen Seite. Was wir die Systeme nennen (das Bewusstsein, dass Sozialsystem), sind Aufmerksamkeitsrichtungen oder Ausfaltungen (Kondensationen) von wiederholten Aufmerksamkeiten auf die eine oder andere Seite der Unterscheidung.
...Unterschieden sind damit zwei Ebenen.
Die eine ist die der Projektionen, der Operationen, der Sinnverteilung, der konditionierten Koproduktion kurz: ihn nichtcartesische Ebene;
die andere Ebene wäre die, auf der Zeit gebunden wird, Aufmerksamkeiten verteilt und festgehalten werden können, die cartesische Ebene der Objekte und Subjekte, die durch Identität der Beobachtung entsteht.
Auf der Ebene I haben wir es mit Unjekten, mit monströsen Differenzen zu tun, auf der Ebene II mit der Welt, in der wir orientierte Systeme sind.
Peter Fuchs, Michael Wörz
Die Reise nach Wladiwostok
Eine systemtheoretische Exkursion, mwb 2004
103 Un-jekt
105… wir waren bei den Un-jekten und bei den Systemen. Unter Systemen dürfen wir also weder Objekte noch Subjekte, weder Gegenstände noch Täter verstehen, sondern eben Un-jekte.
Ich vermute, dass uns die Sprache hier einen Streich spielt. Wir sind es gewohnt, Sätze mit Subjekte, Prädikat und Objekt zu bilden und glauben, aus welchen Gründen auch immer, es gäbe nun auch Subjekte, Prädikate und Objekte. Nach Wittgenstein ist die Grammatik für uns das, was für die Fliege die Glasscheibe ist. Man spürt den Widerstand und kapiert nicht, warum es nicht weitergeht. Für die Fliege ist die Scheibe ein Unjekt.
110 … dieses Bild vom Unjekt hat den Vorteil, dass es uns daran hindert, bei Systemen immer so eine Art Ding vor uns zu sehen, das in eine Umwelt, die auch so eine Art Ding zu sein scheint, eingebettet ist.
112… Unjekt ist sicher der Ausdruck für eine Differenz-im-Betrieb
113… die lange Tradition eines Wortes wie Unjekt.
114... in der negativen Theologie wird der Begriff Gottes gewonnen durch die Negation aller denkbaren Eigenschaften. Was immer wir ihm zu schreiben, er ist es nicht. Man könnte dies alles Traditionen des Weder/Noch nennen.
115… was ich verstanden habe, das ist, dass die Systemtheorie, wenn sie ihre Systeme als Unjekt begreift, negative Theologie betreibt, Unjekt es sind irgendwie gottähnlich - nicht greifbar.
117... Unjekte (sind) was sie sind, sind sie nur in Differenz zu dem, was sie nicht sind.
Peter Fuchs
Der Sinn der Beobachtung
Velbrück Wissenschaft 2004
Seite 11
Beobachtung
0.2. Die Welt, wie sie für Sinnsysteme vorkommt, ist beobachtete Welt. Auch der Satz, daß Beobachtung ein Letztbegriff ist, ist der Ausdruck einer Beobachtung. Deswegen ist es gerechtfertigt, zu sagen, daß jede Theorie der Beobachtung (wiewohl sie selbst nichts weiter als der Ausdruck von Beobachtungen ist) eine Theorie der beobachteten Welt sein muß und selbst eine Form der Beobachtung ist. Sie ist nicht ohne die Paradoxien der Selbstreferenz zu haben.
0.3. Von einem Letztbegriff zu reden, ihn hervorzuheben, ist nur deshalb wichtig, weil mit dem Wort „Beobachtung“ eine bestimmte Form der Weltkonstruktion indiziert ist. In gewisser Weise geht es um ein Bekenntnis, mit dem festgelegt wird, daß man nicht bereit ist, diese Form zu vergessen, die besagt, daß (um nahe an SpencerBrown zu formulieren) Universa entstehen durch Unterscheidungs- und Bezeichnungsleistungen. Adam und Eva bezeichnen und unterscheiden, was da kreucht und fleucht - und so kommt es ins Spiel. Und Adam und Eva sind selbst nicht anders ins Spiel gekommen, auch die Schlange nicht und nicht der Teufel - und schon gar nicht: Gott.
Seite 44
3.6.2. Das Problem ergibt sich, ich erinnere daran, daraus, daß wir das System als Einheit von System und Umwelt definieren. Einer Differenz (die kein Objekt ist und kein Subjekt) kann eigentlich nicht zugeschrieben werden, daß sie ein Autor von Taten ist. Wenn wir formulieren, daß das Bewußtsein ein System sei, bringen wir es in den Status einer Differenz, es wäre gerade nicht sui-suffizient und autonom, kein Eigen-Bezirk, keine geschlossene Region, sondern die Reproduktion einer oder gar mehrerer Differenzen. Es wäre in gewissem Sinne die Wiederholung eines oder mehrerer Unterschiede
Peter Fuchs
Die Psyche
Studien zur Innenwelt der Aussenwelt der Innenwelt
Velbrück Wissenschaft 2005
pg 9
Ein System ist das, was es ist, durch das, was es nicht ist, und das, was es nicht ist, ist das, was es ist: durch das System. Weder System noch Umwelt sind ohne einander irgendetwas.
Man kann also auch sagen, daß das System nicht ausgedrückt ist durch das Zeichen System und nicht durch das Zeichen Umwelt, sondern durch das Zeichen der Differenz, durch die Barre in: System/Umwelt.
Eine Barre ist aber kein Ding, kein Moment der Welt als ein Etwas, auf das sich zeigen ließe anders als nur auf ein Zeichen1. Sie ist kein Objekt, das als Forschungsgegenstand in klassisch cartesischer Manier aufgegriffen werden könnte. Sie ist nichts als die Markierung eines Unjekts2. Oder - wie man es auch formulieren könnte: die Markierung einer konditionierten Koproduktion3.Darunter kann man die laufende ›Ver-zweiung‹ einer Einheit verstehn, bei der es keine Eins ohne die Zwei gäbe ohne beides: die Eins und die Zwei.
pg 17
Die Wahrnehmung und ihre Zeit
Eine erste akrobatische Entscheidung
Seit Olims Tagen hat das, was wir Psyche (Anima) nennen, ein prekäres Verhältnis unterhalten zu räumlich Ausgedehntem, zur Körperlich- und Substanzhaftigkeit. Die Vorstellung des Psychischen als Hauch, Odem, Seele stand bis in die Neuzeit in Opposition zu Substanz und Substrat. Selbst dort, wo Seele und Geist (wie bei den Vorsokratikern) als Substanz genommen wurden, sind sie feiner und feinster Stoff und alles andere als grobkörnig und ungeschlacht. Bei Platon ist die Seele dann substanzlos und zugleich präexistent, wohingegen Aristoteles teilweise anders optiert und in ihr die Entelechie eines lebenden Körpers vermutet, allerdings dann doch eine Vernunftsseele postuliert, die unsterblich und vom Körper separabel sei. ...Eine gewaltige Tradition, die über das Christentum läuft, durch Theologie und Philosophie ausgearbeitet und schließlich durch die Ausdifferenzierung der Wissenschaften erweitert wird, nimmt dieses Motiv auf und schwankt zwischen monistischen und dualistischen Auffassungen, eine Diskussion, die noch nicht aufgehört hat zu wirken und im Körper(Leib)/Seele(Geist))-Problem ihren bündigen Ausdruck findet. Es würde viele Bücher kosten, diese Tradition nachzuzeichnen, die jeden Beobachter der Psyche auf die eine oder andere Seite der Unterscheidung zwingt, ihn zum Monisten oder Dualisten macht, jedenfalls solange er meint, daß man diese Unterscheidung nicht zurückweisen oder verwerfen kann.
Eine Möglichkeit der Rejektion oder gar Abjektion dieses Schemas ist es, ncht mehr danach zu fragen, ob sich die Psyche definieren lasse. durch oder gegen "Materialität", durch den oder gegen den Körper, sondern danach, ob sich nicht eine fungierende Unterscheidung findet, die in derr gesamten Tradition, die wir hier berücksichtigen können, beide Positionen, die monistische und die dualistische, auswirft. Das wäre die Frage nach einem Problem, das den tradierten Bestimmungsmöglichkeiten vorgelagert ist und sie möglicherweise inszeniert. Monismus und Dualismus würden dann als unterschiedliche Problembearbeitungen gedeutet werden können, die sich aus einer Form ergeben. Wir wollen in scharfer Abstraktion annehmen, daß diese Form die einer seltsam verschachtelten (aber operativ einleuchtenden Innen/Aussen Unterscheidung ist.
fuchsPsycheBewusstsein (Text im Wordformat)
fuchsPsycheBewusstsein-zit
Seite 73
Sprache: Die Ausgangsthese war, daß das Bewußtsein ein System dezidierter Operativität sei, das im basalen Medium der Wahrnehmung (i. e. psychischer Operationen) und im Medium Sinn, das es mit sozialen Systemen teilt, Zeichen prozessiert ausnahmslos Zeichen. Es ließe sich auch sagen, es sei ein im wesentlichen auf Sprache angewiesenes System.
fuchsPsycheUnbewusstes ( Text im Wordformat)
fuchsPsycheUnbewusstes-zit
Das gesellschaftliche Problem: Die Idee ist, daß die Erfindung des Unbewußten ein spezifisches gesellschaftliches Problem abfedert, das seit einiger Zeit unter dem Titel Polykontexturalität verhandelt wird.72 Polykontexturalität bezeichnet einen zentralen Effekt der funktionalen Differenzierung des Gesellschaftssystems, nämlich die mit der Auflösung der stratifizierten Ordnung des Mittelalters und der Installation einer Mehrheit funktionsbezogener und autonomer Subsysteme wie Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kunst, Erziehung, Religion, Recht etc. einhergehende Entmachtung aller Beobachter, die in dieser Gesellschaft die Welt in einem Fundamentalmodus beobachten wollen73.
Peter Fuchs
Das Mass aller Dinge
Eine Abhandlung zur Metaphysik des Menschen, Velbrück 2007
Fuchs Mass aller Dinge
Die Form des Menschen - Die Konstruktion der Mitwelt
Der Geist des Menschen
FuchsMass49
Fuchs Mass 95
Fuchs Mass 98
Fuchs Mass 105
Fuchs Mass 116
E Der Tunnel zum Wesen des Menschen:Die Konstruktion der Mitwelt
Diese Sachlage wird komplizierter, wenn man Umwelt und System nicht wie räumliche Arrangements behandelt, wie Besiedelbarkeiten94, sondern die Aussage ernstnimmt, daß das System die Differenz von System und Umwelt und insofern kein klassisches Objekt, keine res extensa ist, sondern ein im Zeichen der Barre formulierter transklassischer Gegenstand, man könnte sagen: weder Subjekt noch Objekt, sondern Unjekt. Wir gehen dieser Komplikation jetzt nicht umfangreich nach, sondern halten nur fest, daß Sinnsysteme, wenn zutrifft, daß sie keine Stellen im Raum besetzen, als konditionierte Koproduktionen begriffen werden können.
Fuchs Mass 125
F Transit zur Moderne des Menschen
1. Die Frage nach einer anderen Erzählung des Menschen
Auf dem bislang zurückgelegten Weg haben wir den Versuch unternommen, die Form des Menschen zu bestimmen. Zentral war dabei, daß nach Vorspielen im Blick auf die einfachste Unterscheidung des Menschen (der Mensch/die Menschen) und im Blick auf Menschheit als Deklarationsmedium ausprobiert wurde, ob sich sozusagen quintessentiell noch etwas über den Menschen ausmachen lasse. Dabei sind wir trickreich verfahren. Wir haben nicht mehr gefragt, was der Mensch sei, sondern wie das, was wir alltäglich ›Mensch‹ nennen, von Sozialsystemen als Moment der relevanten Umwelt (als Mitwelt) konstruiert werden muß.
Fuchs Mass 233
A Die Problemexposition
Die Frage, was es mit dem Leben und gar mit dem Leben des Menschen auf sich habe, provoziert nicht nur Pathosverdacht. Sie ist so gestellt unbeantwortbar, eine Wesensfrage, deren Antwort daran scheitert, daß man auf das Leben trivialerweise so wenig zeigen kann wie auf den Menschen. Der Mensch lebt nicht, und wir haben es weit oben schon gesagt das Leben lebt nicht, und: Sozialsysteme schon gar nicht.
Das Leben ist kein empirischer Gegenstand.
Fuchs Mass 309
Fuchs Mass 319
Lösungen im Sinne von Rezepturen zur Wiedergewinnung der Einheit sind nicht in Sicht. Der alte Meister Goethe projiziert die Erlösung für seinen Faust (den paradigmatischen Menschen seiner Moderne) in’s Himmlisch-Weibliche. Mir gefällt, daß der Gegenspieler des Himmlischen, der Teufel, seinen Faust (ihn sinkend und steigend heißend zu gleicher Zeit) in ganz andere Tiefen/Höhen schickt zu den Müttern.
Essays:
Peter Fuchs
Theorie als Lehrgedicht - Parmenides
Die Göttin wohnt nicht im markierten Raum, im marked space der Unterscheidung. Sie ist weder Wahrheit noch Täuschung, womit wir denn Heideggers Annahme erledigen, sie selbst sei Alétheia, die Göttin der Wahrheit. Und sie ist auch nicht, wie andere sagen, Dike, die Göttin des Rechts, denn die verhält sich, wie wir heute sagen würden, orthogonal zur Sphäre der Wahrheit. Sie hat gar nichts mit ihr zu tun. Die Göttin, die das Schema beobachtet, wir lassen sie jedenfalls namenlos und würden allenfalls spekulieren, daß sie heute Frau Spencer-Brown heissen könnte. Jedenfalls lassen sich ihre Anweisungen an Parmenides lesen als: "Draw a distinction!" und: "Ich lehre dich die Unterscheidung!"
Peter Fuchs
Die Konditionierte Koproduktion
von Bewusstsein und Kommunikation
...Paradoxieprobleme, durch die ein viel massiver wirksames Skandalon bezeichnet wird. Wir nennen solche Probleme vorläufig EINS=ZWEI=EINS-Probleme.
...Kommt es aber auf diese Unabschließbarkeit an, geht es also um das, was man theoretische Grundlagenforschung nennt, bietet sich für das im Systembegriff eingezeichnete EINS=ZWEI=EINS-Problem der Ausdruck konditionierte Koproduktion an.7 Er besagt (in der Lesart, die ich wähle), daß erstens alles, was erscheint, seine Epiphanie historisch (das bedeutet das Adjektiv ‚konditioniert‘8) erwirtschaftet, und - zweitens - daß diese Erwirtschaftung an die Ökonomie einer Einheit gebunden ist, die nur für einen Beobachter eine Zweiheit ist. So wenig es den Herrn ohne den Knecht gibt, den Knecht ohne den Herrn, so wenig es also weder Herren noch Knechte gibt, so wenig ‚gibt‘ es die eine Seite der Differenz (das System) ohne die andere Seite (die Umwelt).
Peter Fuchs Die Verwaltung der vagen Dinge
Gespräche zur Zukunft der Psychotherapie
Carl-Auer 2011
Zitate und Gedankengang
Peter Fuchs Psychotherapie PDF: http://www.fen.ch/
Fuchs Psychotherapie