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Die Zeit liegt noch nicht allzuweit zurück, da gehörte Seppl Bernardi zu den bedeutendsten Persönlichkeiten schweizerischer Kleinkunstbühnen. Ihm – wie vielen seiner Kollegen und Kolleginnen vom gleichen Fach – wurde dasselbe Los zuteil: Auf dem Gipfel seines Ruhms wurde er als Publikumsliebling bejubelt, um dann, als er sich vom Bühnenleben zurückzog, völlig in Vergessenheit zu geraten.
Seppl Bernardi hiess in Wirklichkeit Walter Barny und stammte aus der Zürichseegemeinde Wädenswil, wo er am 2. Juli 1899 das Licht der Welt erblickte. Sein Vater, Johann Friedrich Barny, war von Beruf Küfer und arbeitete in einem Lebensmittelgeschäft des Einwohnervereins Wädenswil. Er war für die Auslieferung der Getränke zuständig. Seine Mutter hiess Katherine Pauline und war eine geborene Krauss. Zur Zeit von Walters Geburt wohnte die Familie in der Liegenschaft «Wasserfels» und siedelte später in ein Haus an der Eintrachtstrasse um.
Walter Barny verbrachte seine Jugendjahre in Wädenswil, wo er auch die Primar- und Sekundarschule besuchte. Anschliessend absolvierte er eine Berufslehre als Feinmechaniker.
Als aktiver Sportler wurde er Mitglied des Wädenswiler Turnvereins. Schon in diesen Jahren entpuppte er sich als glänzender Unterhalter, der gerne zu den Festveranstaltungen verschiedener Vereine zugezogen wurde. Sein Talent für Stegreifdichtung und heiterkomischen Vortrag fand grosse Beachtung. Insbesondere erntete er mit selbstverfassten Versen beim Publikum stürmischen Beifall.
Seppl Bernardi (1899–1984).
Um 1921 verliess Walter Barny seine Heimatgemeinde, um nach Zürich überzusiedeln. Er legte sich den Künstlernamen Seppl Bernardi zu und schloss sich mit Fritz Fenner (Künstlername «Zürich Fritz») zu einem Humoristen- und Komikerduett zusammen, welches sich «Zürcher Juxbrüder» nannte. Dieser Name war keineswegs neu, denn bereits im Zeitraum von 1903 bis 1919 war er von einem andern Humoristenteam, bestehend aus Emil Bloch und Karl Hinnen, verwendet worden.
Nach dem Ausscheiden Hinnens gründete Bloch 1919 das Quartett «Zürcher Stadtsänger». Aus gesundheitlichen Gründen sah er sich im Frühling 1922 gezwungen, seine Tätigkeit als Künstler stark einzuschränken. In diesem Zusammenhang verkaufte er den neuen «Juxbrüdern» sein reichhaltiges Lager an Kostümen und Theaterrequisiten und überliess diesen sein gesamtes Repertoire selbstverfasster Bühnenliteratur. Dies ermöglichte es Fritz Fenner und Seppl Bernardi von Anbeginn an, bei Vorstellungen für ein farbenprächtiges und abwechslungsreiches Programm zu sorgen. Dem Team schloss sich nun noch der Konzertmeister und Jodler Seppl Gaugler an.
Mitte Dezember 1922 verheiratete sich Seppl Bernardi mit der Österreicherin Aloisa Deutschmann.
Doch die Verbindung Fenner-Bernardi hatte keinen langen Bestand. Fritz Fenner trat mit andern Partnern wie Hans Walther und Walter Schultheiss auf, wobei er den Namen «Zürcher Juxbrüder» beibehielt. Seppl Bernardi stellte ein neues Humoristen- und Komikerduett zusammen, dem er den Namen «Zürcher Juxgesellen» gab. Über längere Zeit trat er mit dem Bauernkomiker Hans Schneider (und später Max del Vito) auf. Als Seppl Bernardi sich Ende 1929 von den «Zürcher Juxgesellen» löste, führte Max del Vito mit Walter Rubin die Tradition dieser Gruppe weiter.
Hans Schneider und Sepp! Bernardi (rechts), Aufnahme um 1925.
In vielen seiner Programme tritt Seppl Bernardi als Clown auf.
Das Unterhaltungsgewerbe in Zürich war in jenen Jahren ein hartes Pflaster. Die meisten Vergnügungslokale der Stadt beschäftigten Unterhaltungskünstler nur an Wochenenden und Festtagen. Die Ausübung des Artistenberufs allein hätte Bernardi keineswegs ein genügend hohes Einkommen erbracht. So war er gezwungen, sich zeitweilen auch auf seinem erlernten Beruf als Feinmechaniker zu betätigen. Lange Zeit musste Seppl Bernardi sich mit finanziell wenig attraktiven Engagements begnügen. Die ihm dabei vorzugsweise zugedachte Rolle, auf der Bühne den «Hanswurst» zu spielen, behagte ihm auf die Dauer nicht. Mit Fleiss und Beharrlichkeit erwarb er jedoch das erforderliche Rüstzeug, um sich im anspruchsvollen Beruf als vielseitig einsetzbarer Unterhaltungskünstler durchzusetzen. Seine Bemühungen wurden belohnt, denn allmählich begann sich der Erfolg einzustellen. Manager von renommierten Unterhaltungsstätten in Zürich wurden auf ihn aufmerksam und boten ihm lukrativere Gagen an.
Ein neuer, wichtiger Abschnitt im Leben Bernardis begann am Silvester 1929, als er mit seinem neuen Partner Karl Blondel ein Engagement in der Unterhaltungsstätte «Urania» antrat. Dies war der Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit, welche bis 1936 dauern sollte.
Blondel, ein gebürtiger Deutscher (Rheinländer), war ein witziger und versierter Gesangshumorist. Er brachte in allen Bereichen des Unterhaltungsgewerbes grosse Erfahrungen mit, von welchen nun auch Bernardi in hohem Masse profitierte. Karl Blondel hielt sich bereits seit anfangs der zwanziger Jahre in unserem Lande auf und war beim Publikum bekannt und sehr beliebt. Seine Spezialität war die Spontaneität seiner Einfälle. Die von ihm verfassten Produktionen waren stets von beachtlichem Niveau. Bei dem von ihm geleiteten Spielensemble hatte er den untrüglichen Instinkt, nur erstklassige Künstler um sich zu vereinen.
Beim Debut im «Urania» unterhielten Blondel und Bernardi das Publikum mit humoristischen Einlagen, während die aus München stammende Kapelle Max Pfahler für die musikalische Unterhaltung sorgte. Doch das Auftreten zu zweien genügte den beiden Komikern auf die Dauer nicht. Sie trugen sich mit weitreichenderen Plänen. Sie rechneten mit grösseren Chancen, wenn sie in der Lage waren, an der Spitze eines mehrköpfigen Ensembles, ein breitgefächerteres Programm anzubieten.
Als erster Schritt wurde ein aus zehn Musikern bestehendes Orchester zusammengestellt, wobei nur vielseitig einsetzbare Künstler engagiert wurden. Es waren Musiker, welche Streich- und Blasinstrumente mit gleicher Sicherheit meisterten und welche zudem auch gewiegte Sänger waren. Es war wiederum im «Urania», wo Blondel und Bernardi im Spätherbst 1930 mit dem neu gegründeten Orchester ihr erstes Konzert gaben. Das auf das Publikum zugeschnittene Programm strömte Fröhlichkeit und Gemütlichkeit aus, welche unmittelbar auf das Publikum übergriff. Die Leistungen des neuen Ensembles wurden von Presse und Publikum lobend anerkannt. Nach ersten erfolgreichen Auftritten in Zürich folgten bald Anfragen von Variete-Theatern anderer Schweizer Städte. Damit eröffneten sich den beiden Komikern Möglichkeiten, ihren Tätigkeitsbereich über die Limmatstadt hinaus auf das ganze Land und später sogar ins benachbarte Ausland auszuweiten.
Karl Bondel, Seppl Bernardis Partner in den Jahren 1929 bis 1936.
Orchester Blondel und Bernardi. Sitzend von links: Seppl Bernardi und Karl Blondel.
Bald einmal gehörten auch Theateraufführungen aller Art zum festen Repertoire der Künstlertruppe, zu deren Besetzung nun auch zusätzlich Schauspieler engagiert wurden. Die Palette reichte vom einfachen Bauernschwank bis zur anspruchsvollen Revue-Operette. Auf diese Weise konnten Blondel und Bernardi ihrer Kundschaft mit eigenen Leuten abendfüllende Programme anbieten. Das Unternehmen nahm immer grösseren Umfang an, so dass Blondel und Bernardi an der Schmidgasse im Zürcher Niederdorf eine Konzert- und Theateragentur eröffneten, von wo aus sie den Betrieb leiteten.
Auf Grund der periodisch veröffentlichten Presseinserate und -berichte lässt sich ein jährlich wiederkehrender Turnus zwischen Auftritten des Ensembles in Zürich und ausserhalb der Limmatstadt feststellen. In der Regel umfasste der Spielplan während dem Winterhalbjahr Auftritte in Zürcher Gaststätten, wie «Urania», «St. Annahof», «Rothaus» usw. In den Sommermonaten unternahm die Truppe Gastspielreisen in andere Schweizer Städte und andere Länder (vorzugsweise Deutschland).
Viel zum Erfolg trug die hervorragende Kabarettistin Ella Prettner bei, welche dem Ensemble von 1933 bis 1937 angehörte. Die kleine, quicklebendige Wienerin vermochte das Publikum mit ihrer unnachahmlichen Komik und zwerchfellerschütternden Vortragskunst zu fesseln. Bei Bühnenauftritten wurden ihr stets Hauptrollen übertragen.
Zirka Frühling 1936 trennte sich Karl Blondel von seinem bisherigen Partner Seppl Bernardi. Nachfolgend übersiedelte Blondel nach Basel, wo er weiterhin in der Unterhaltungsbranche tätig blieb.
Orchester Bernardi in Luzern. Links aussen Käti Kade. Fünfte Person von links Karl Blondel, achte Seppl Bernardi.
Orchester Blondel und Bernardi. Von links: 2. Käti Kade (Handorgel), 4. Kurt Meier (Klavier), 5. Karl Blondel (Gitarre), 7. Seppl Bernardi, 8 .... Walter (Schlagzeug), 10. Ruedi Mächler (Bassgeige/Posaune). Aufnahme in emem Luzerner Lokal um 1935.
Das Ensemble blieb auch nach dem Ausscheiden Blondels weiterhin bestehen, nun unter der alleinigen Leitung von Seppl Bernardi. Eine Zeit lang trat wiederum sein ehemaliger Partner Hans Schneider in Erscheinung. 1937 verliess Ella Prettner die Truppe.
Um die gleiche Zeit schloss sich ein aus Österreich stammender Unterhaltungskünstler dem Ensemble an. Sein Name war Otto Pircher, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Otto Veselco. Vormals hatte er zu der von seinem Vater geleiteten Konzertgruppe «Pirchers Obersteiger» gehört, welche lange Zeit im «Floragarten» in Luzern aufgetreten war. Bald einmal avancierte er zum wichtigsten Mitarbeiter Bernardis. Mittels eines Rundschreibens wurde die Kundschaft auf die Reorganisation des Attraktionsorchesters aufmerksam gemacht, das nun unter die gemeinsame Leitung von Bernardi und Veselco gestellt wurde. Nach wie vor wurde die gesamte internationale Konzert- und Stimmungsmusik gepflegt. Doch im Gegensatz zu früher wurde nun auch der einheimischen Volksmusik vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt. So führte das Ensemble, in Schweizer Nationaltrachten gekleidet, Ausschnitte aus dem Schweizer Volksleben vor. Für solche folkloristischen Aufführungen wurden auch prominente Gesangsinterpreten zugezogen, wie beispielsweise die «Sing Vreneli» oder die Jodlerin Emmy Braun.
Attraktions-Orchester Bernardi um 1937. Von links: 4 .... Fantozzi (Cello), 5. Sepp! Bernardi (Bassgeige), 6. Otto Veselco (Handorgel), Ruedi Mächler (Posaune).
Die Verbindung Bernardi-Veselco dauerte bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Während der Kriegsjahre blieben die Landesgrenzen geschlossen, und Gastspielreisen ins Ausland konnten nicht mehr durchgeführt werden. Anderseits blieb in jener Zeit auch die ausländische Konkurrenz der Schweiz weitgehend fern. Dies liess die Nachfrage nach einheimischen Ensembles sprunghaft ansteigen. In Zürich trat die Truppe Bernardi-Veselco des öftern in Lokalen wie «Urania», «St. Annahof», «Hungaria» und «Johanniter» auf. Parallel dazu erfolgten Tournees an die Bühnen anderer Städte unseres Landes. Zu den bevorzugten Stationen, wo das Ensemble häufig gastierte, gehörten der «Stadtkeller» und der «Floragarten» in Luzern, der «Aarauerhof» in Aarau, das «Küchlin Theater» in Basel, das «Du Pont» in Biel, der «Rüden» in Schaffhausen und weitere mehr.
Nachdem Sepp! Bernardi während zweieinhalb Jahrzehnten den Beruf eines Unterhaltungskünstlers ausgeübt hatte, begann ihn die aufreibende Tätigkeit mit zunehmendem Alter mehr und mehr zu ermüden. Aus diesem Grunde zog er sich 1946 von der Bühne zurück und wurde Gastwirt. 1954 übernahm er das Restaurant «Zur Linde» in Zürich-Oberstrass, welches er bis zum Jahre 1958 führte. Anschliessend zog er sich endgültig aus dem Berufsleben zurück.
1950 hatte sich Walter Barny von seiner bisherigen Frau getrennt und ein zweites Mal geheiratet. Im Einwohnerregister wurde er daraufhin als Walter Barny-Hafner verzeichnet. 20 Jahre später verehelichte er sich zum dritten Mal mit einer Frau namens Gertrud Wolf. Es ist nichts Näheres über die Umstände bekannt, die zur Trennung von seiner zweiten Frau geführt haben.
Walter Barny starb im Alter von 85 Jahren am 21. November 1984 in Zürich.
Walter Barny als Gastwirt im Restaurant Linde in Zürich-Oberstrass.
Die hervorstechendsten Qualitäten Bernardis als Unterhaltungskünstler lassen sich wie folgt umschreiben: Er war befähigt, auf der Bühne als Witzbold und Conferencier für eine geschickte Verbindung zwischen den verschiedenen Vorführungen der Künstlertruppe zu sorgen. Seine grosse schauspielerische Begabung ermöglichte es ihm, jede ihm zugewiesene Rolle mit Leichtigkeit zu meistern. Im weiteren war er ein hervorragender Sänger mit einer kräftigen Tenorstimme. Überdies half er in seinem Orchester als Musiker aus, wenn immer die Umstände dies erforderten. Schliesslich sei noch auf sein Talent hingewiesen, Verse zu schmieden. Eine ganze Reihe der vom Ensemble aufgeführten Produktionen stammen aus seiner Feder.
Aus der Zeit seiner Partnerschaft mit Karl Blondel hat uns Seppl Bernardi rund zwei Dutzend Schallplattenaufnahmen hinterlassen. Sie wurden im Zeitraum von 1931 bis 1934 im Auftrage der englischen Firmen Edison Bell Ltd. respektive Gramophone Co. (HIS MASTERS VOICE) eingespielt. Aus heutiger Sicht sind es Dokumente von unschätzbarem Wert, da sie uns Gelegenheit verschaffen, Einblick in das Wirken einer der damals führenden schweizerischen Kleinkunstbühnen zu nehmen. In einem Teil der Einspielungen sind Karl Blondel oder Seppl Bernardi als Vortragssolisten zu hören, so Blondel in «Blondel bringt moderne Schlager» und «Ach, isch das e schlägti Zyt» und Bernardi in «Füürwehrma Brändli vo Füürthale», «Einige Selbstmord-Rezepte», «Redaktor Gübeli vom Dumliker Tagblatt» und «Der Stier auf der Alm». Im weiteren treten die beiden Künstler in verschiedenen Sketchs im Duett auf, so beispielsweise in «I de Rekruteschuel», «Im Wysse Rössli am Brienzersee», «Bim Hüratsvermittler», «E fideli Stadtrundfahrt», «Schaggi und Sepp im Variete» und «Jubiläum in Seldwyla». Bei den EDISON-BELL-Aufnahmen sorgt ein Klavierspieler für die musikalische Umrahmung, während Blondel und Bernardi in einigen Darbietungen (übertragen auf HIS-MASTERS-VOICE-Platte) von ihrem Attraktionsorchester begleitet werden.
Bernardi (1899–1984), ein wenig bekannter Unterhaltungskünstler aus Wädenswil.
Klassenzusammenkunft vom Oktober 1971. Oberste Reihe ganz rechts: Seppl Bernardi.
Bemerkenswert sind sowohl die gesungenen als auch die orchestralen Partien in der Parodie «Der Stier auf der Alm» und den beiden Gesangspotpourris «Bi eus diheim» und «Erinnerung an die Grenzbesetzung 1914–18», welche sauber und mit künstlerischer Routine zu Gehör gebracht werden. Das letztgenannte Stück ist ein Soldatenlieder-Potpourri und wurde 1934 im Gedenken der 20. Wiederkehr des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs auf Platte übertragen. Bedauerlicherweise wurde seinerzeit die Gelegenheit verpasst, Seppl Bernardis unnachahmliches mimisches Spiel in einem Film für die Nachwelt festzuhalten.
Frank Erzinger