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«Unser Sohn ist ein Naturkind, er ist viel draussen und hat einen enormen Bewegungsdrang. Stillsitzen über längere Zeit bereitet ihm grosse Mühe. Wenn er dazu gezwungen wird, entwickelt er Ticks und bekommt Bauchweh. Er ist äusserst sensibel. Je mehr Druck auf ihn ausgeübt wird, desto mehr verschliesst er sich.» Wenn Karin Lerch aus St. Antoni von ihrem heute zehnjährigen Sohn erzählt, dann ist das keine schöne Geschichte. So lange der Kleine zu Hause war, gingen die Eltern davon aus, ein gesundes, aufgewecktes Kind zu haben.
«Mal ist er als lernbehindert eingestuft worden, mal als hochbegabt.»
Karin Lerch
Mutter
Als er aber in die Schule kam, begannen die Probleme. Karin Lerch erzählt von Gängen zu den Lehrpersonen, zur Schulpsychologin, zur schulischen Heilpädagogin, zum Hausarzt und zum Spezialisten in Bern – immer in der Hoffnung, dass es einen Weg gebe, ihrem Kind zu helfen. Oft hatte sie das Gefühl, die Lehrer und Schulverantwortlichen seien überfordert mit der Situation und suchten die Fehler nur immer beim Kind. «Mal ist er als lernbehindert eingestuft worden, mal als hochbegabt.» Sie und ihr Mann hätten sich selbst hinterfragt, ob sie ihr Kind nicht richtig einschätzten oder gar falsch behandelten.
Auffällig aus Langeweile
Was Roland und Karin Lerch erlebt haben, ist kein Einzelfall. Den FN liegen mehr als zwei Dutzend Namen von Familien vor, die Gleiches oder Ähnliches erlebt haben. Die Familie B., die lieber anonym bleiben will, hat zum Beispiel einen Sohn, der hochbegabt ist. «Ihm war vom ersten Tag an im Kindergarten langweilig. Zu Hause hat er ganze Hörbücher auswendig gelernt, und nun sollte er ein einziges kleines Verslein dutzende Male wiederholen», erzählt die Mutter. Ihr Sohn reagierte, indem er sich auffällig benahm, so dass er als «unreif» eingestuft wurde. «Er ist zwei Jahre lang mit Bauchweh in die Schule gegangen und weinend wieder nach Hause gekommen, weil er spürte, dass er den Ansprüchen der Lehrpersonen nicht genügen konnte.» Die Mutter erzählt, wie hilflos sie sich gefühlt habe, weil all die Gespräche, die sie mit der Schule gesucht hat, nichts brachten. Ihr Sohn sei als «verwöhntes Prinzlein» bezeichnet worden, weil er den Schulunterricht verweigerte.
Auch Daniel von Gunten aus Schmitten ist Vater eines kleinen Jungen, der «bei der Einschulung nicht ins Schema passte». «Er war extrem aufgeweckt, hat selbst angefangen zu lesen. Es machte richtig Freude, wie schnell er Neues lernte», erzählt er. Als der Kleine in den Kindergarten kam, ging gar nichts mehr. Erst als er in einen privaten Kindergarten wechselte, entwickelte er sich weiter, und die Eltern wagten einen neuen Versuch mit der öffentlichen Schule. Doch schon die ersten Wochen in der ersten Klasse zeigten, dass der Bub in der Regelklasse einfach nicht zurechtkam. Die Schule legte dem Vater gar nahe, das Kind in die Psychiatrie zu geben. «Einen Fünfjährigen!» Daniel von Gunten ist immer noch schockiert darüber. Seinem Sohn ging es derweil immer schlechter. «Er wurde verhaltensauffällig und war nicht mehr ansprechbar.»
Teure Privatschulen
All diesen Eltern ist klar, dass ihre Kinder «nicht 0815 sind» – wie es eine Mutter ausdrückte – und deshalb auch nicht in die Regelschule gehören. «Uns war klar, dass wir unser Kind zu seinem eigenen Wohl aus dem öffentlichen System herausnehmen mussten», sagt Karin Lerch. Der Druck, der auf die Kinder bereits von klein auf ausgeübt werde, sei enorm. «Alles muss von Anfang an gut laufen. Wenn jemand nicht in die Norm passt, dann hat die Lehrperson keine Zeit, sich darum zu kümmern.» Zwar gebe es Hilfsangebote wie den Heilpädagogischen Stützunterricht. Doch wenn auch diese nicht fruchten, werde das Kind als «nicht normal» eingestuft.
Für Eltern solcher Kinder gibt es nur zwei Alternativen: Privatschule oder Heimunterricht. Sie hätten eine Privatschule in Betracht gezogen, sagt Karin Lerch. «Doch wer zahlt das?» Die monatlichen Gebühren von 1000 bis 1500 Franken seien kein Pappenstiel. Auch die Familie B. hat abgeklärt, ob sie ihren Sohn bereits ab dem Kindergarten in eine Privatschule geben soll. «Wir konnten uns das schlicht nicht leisten», sagt die Mutter. Doch, als es ihrem Sohn immer schlechter ging, blieb ihnen kaum eine Alternative. Der Bub habe angefangen, sich selbst zu verletzen und habe – mit gerade mal viereinhalb Jahren – gar Suizidgedanken geäussert. Die Eltern haben ihn deshalb trotz der finanziellen Belastung in der Privatschule Sesam in Düdingen angemeldet. Der Schritt hat sich gelohnt: «Es war unglaublich, zu sehen, wie er wieder aufblühte.» Er habe nun in seinem Tempo und auf seine Art lernen können, mit einem auf ihn zugeschnittenen Programm.
Der Heimunterricht
Eine Alternative zu einer Privatschule ist der Unterricht zu Hause, das sogenannte Homeschooling. Doch: «Die Auflagen sind im Kanton Freiburg so hoch – das geht hier gar nicht», sagt Karin Lerch. Tatsächlich sieht das Freiburger Schulgesetz zwar vor, dass die Kinder zu Hause unterrichtet werden können.
Jedoch müssen die Eltern ausgebildete Lehrkräfte sein oder jemanden mit Lehrerausbildung anstellen. Die Ausbildung muss jener an öffentlichen Schulen entsprechen. Im Gegensatz zum Kanton Bern ist es auch nicht erlaubt, dass sich beispielsweise zwei oder mehr Elternpaare zusammentun und ihre Kinder gemeinsam von einem Hauslehrer betreuen lassen – denn dann fiele dies unter das Kapitel Privatschule, für die noch einmal spezielle Vorschriften gelten.
«Das ist so ungerecht. Wir wohnen nur wenige Meter von der Grenze zum Kanton Bern entfernt. Dort ist es für Eltern viel einfacher, ihre Kinder selbst zu unterrichten», sagt Karin Lerch. Tatsächlich sieht das bernische Schulgesetz vor, dass die unterrichtenden Eltern nicht unbedingt ausgebildete Lehrperson sein müssen. Sie müssen ein Lernkonzept erstellen und können einen Lerncoach auswählen. Noch offener ist der Kanton Waadt. Eine Familie aus dem Greyerzbezirk hat deswegen den Wohnort gewechselt (siehe Kasten rechts oben). Allgemein sind die Westschweizer Kantone sowie Bern, Aargau und Appenzell-Ausserrhoden in der Schweiz am Homeschooling-freundlichsten. In der Schweiz setzen sich mehrere Organisationen für freie Bildungswahl der Eltern ein, zum Beispiel der Verein Elternlobby Schweiz und der Verein «Bildung zu Hause». Sie stützen sich auf den Artikel 26 der allgemeinen Erklärung über Menschenrechte, in der die Verantwortung für die Bildung ausdrücklich den Eltern zugesprochen wird.
Kritik am öffentlichen System
Die Eltern aus dem Kanton Freiburg, die mit ihren Kindern einen belastenden Leidensweg erfahren haben, machen den Schritt in die Öffentlichkeit, um anderen Eltern zu zeigen, dass sie keine Einzelfälle sind. Sie hoffen auch, auf politischem Weg zu erreichen, dass ihr Heimatkanton liberaler wird. Sie kritisieren das heutige System der öffentlichen Schulen. «Immer mehr Kinder werden vom uniformen Schulsystem überfordert und von diesem ausgegrenzt», sagt Karin Lerch. Für diese Kinder habe der Kanton kaum Lösungen. Sie würden entweder in eine heilpädagogische oder in eine psychiatrische Tagesschule abgeschoben. Beides sei stigmatisierend und entspreche häufig nicht den Bedürfnissen der aus dem Schulsystem gefallenen Kinder.
Ihr Mann Roland Lerch, Heilpädagoge und Karatelehrer, ist überzeugt, dass jedes Kind seine Stärken hat und im richtigen Augenblick gefördert werden muss. Ihr Sohn ist jetzt in der privaten Tagesschule Sesam, wo genau dies gemacht wird.
Schaden fürs ganze Leben
«Der Formalismus ist wichtiger als das Wohl des Kindes», sagt auch Daniel von Gunten. Sein Junge ist heute zwölf Jahre alt und hat eine Odyssee hinter sich, die von Privatschulen, Heimunterricht, Versuche der Wiedereinschulung bis zu einer Abklärung bei der Invalidenversicherung ging. In einer Privatschule in Bern ist er zur Ruhe gekommen. Der Vater ist überzeugt, dass in den ersten Schuljahren Schaden angerichtet wurde, der kaum mehr zu korrigieren sei. So sehen es auch die Eltern der Familie B.: «Da geht viel kaputt, für das ganzes Leben.» Sie und ihr Mann hätten absolutes Desinteresse und komplette Überforderung seitens der Schule erfahren, sagt die Mutter. «Zudem wurde uns die Schuld für das Verhalten unseres Kindes zugeschoben.» Es gebe zwar Unterstützung für lernschwache Kinder, «jedoch nicht für gelangweilte Kinder. Dabei geht es denen nicht besser.» Ausserdem müssten diese Kinder oftmals doppelt leiden, da sie durch ihr Anderssein nebst ihren Schulproblemen noch zu Mobbing-Opfern von anderen Kindern und sogar Lehrpersonen würden.
Alle Eltern sagen auch, dass die Schwierigkeiten mit ihren Kindern Auswirkungen auf die ganze Familie hatten. «Wir sind fast daran zerbrochen», sagt Karin Lerch. «Die Machtlosigkeit droht den Familienbund auseinanderfallen zu lassen, wenn ein einst fröhliches Kind apathisch wird und man als Eltern nichts dagegen tun kann», so die Familie B. Er sei eigentlich ein rationaler Mensch, sagt Daniel von Gunten. «Man verliert jedoch den Kompass und fragt sich nur: Was machen wir falsch, dass es unserem Kind so schlecht geht?»
Weitere Infos: www.elternlobby.ch
Homeschooling
Familie zieht zum Wohl des Kindes um
Die Familie von Murielle Favre Perret wohnt heute in Payerne. Bis vor einiger Zeit war sie in Charmey zu Hause. Die Familie ist umgezogen, weil der kleine Sohn mit dem freiburgischen Schulsystem nicht mehr zurande kam. «Er wollte partout nicht in die Schule gehen», erzählt die Mutter. «Wir haben ihn ermuntert, ihn unterstützt, aber alles Zureden nützte nichts, er hat nur geweint.» Jeder Tag sei für den Kleinen eine Qual gewesen. Abklärungen hätten nichts ergeben, die Schule habe nur festgestellt, dass es dem Kind an Selbstvertrauen fehle. Er habe Angst gehabt, etwas falsch zu machen, und sei gemobbt worden. Die Mutter suchte das Gespräch mit der Schule, blitzte mit ihren kritischen Fragen jedoch ab.
Heute unterrichtet Murielle Favre Perret ihren Sohn selber. Ein letzter Versuch, ihr Kind in der zweiten Klasse der öffentlichen Schule unterzubringen, schlug fehl. «Mein Sohn sagte mir, er wolle sterben, wenn er weiter da hingehen müsse. Da wusste ich, es hat keinen Sinn.»
Im Kanton Waadt wird es den Familien leicht gemacht, ihr Kind selbst zu unterrichten. Trotzdem: «Es war eine Herausforderung.» Sie habe viel gelernt und gelesen. Zum Beispiel, dass es in der Natur der Kinder sei, lernen zu wollen, «aber auf ihre eigene Weise, in ihrem Rhythmus, ohne Formalitäten».
Mit anderen Homeschooling-Eltern aus der Waadt ist sie daran, ein Angebot auf die Beine zu stellen, wie es im Kanton Bern auch besteht: Regelmässige Lernworkshops, an denen sich die Heimunterrichtkinder treffen und austauschen können. Zudem setzt sie sich dafür ein, dass eine angekündigte Gesetzesänderung die Freiheit für den Heimunterricht nicht einschränkt. Für ihren Sohn ist ihre Methode die Beste: «Er bekam sofort ein besseres Selbstwertgefühl und viel Selbstvertrauen.»