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- Zum ersten Mal werden in der altehrwürdigen «Hall of Presidents» zwei Werke von afroamerikanischen Künstlern hängen.
- Michelle und Barack Obama lassen sich von Amy Sherald und Kehinde Wiley porträtieren. Von einer Künstlerin und einem Künstler, die sich mit schwarzer Identität in Amerika auseinandersetzen.
- Dass die Künstler mit popkulturellen Einflüssen arbeiten, passe zu einem Präsidentenpaar, von dem so viele Bilder kursieren, sagt Kunsthistoriker Christian Kravagna.
Pomp trifft Street Style
Auf den Gemälden von Amy Sherald, Link öffnet in einem neuen Fenster und Kehinde Wiley, Link öffnet in einem neuen Fenster stehen afroamerikanische Menschen im Zentrum. Wiley spricht sie auf der Strasse an und bittet sie, für ihn Modell zu stehen. Auf seinen grossformatigen Bildern inszeniert er sie wie Adelige, Herrscherinnen oder Märtyrer.
Der Maler spielt mit Motiven aus Porträts der Renaissance und des Barocks und versetzt sie in die Welt des Hip-Hops, Sports und Glamours. Auf einem Bild posiert eine Afroamerikanerin mit pompöser Turmfrisur in Heiligenpose. Auf einem anderen zirkelt ein schwarzer Mann mit einem Gehstock um seine Sneakers.
Auch Sherald porträtiert unbekannte, afroamerikanische Personen. Ihre Haut malt sie in Grautönen.
Neben den kräftigen Farben von Kleidung und Hintergrund tritt die Hautfarbe bei Sherald umso deutlicher hervor: Ein Verweis darauf, wie wesentlich sie die Identität einer Person prägt.
Weisse Tradition, schwarze Porträts
«Beide stellen einfache, schwarze Menschen in einer Art und Weise dar, die sich stark auf die Tradition der europäischen Porträtmalerei bezieht», erklärt Christian Kravagna, der sich als Kunsthistoriker und Kurator mit afroamerikanischer Kunst beschäftigt: «Also auf Porträts von Menschen, die weiss waren und mächtig.»
Dass sie dominante Formen aus marginalisierter Position aufnehmen und umformen, sehe man oft in schwarzer Kunst und Populärkultur, so Kravagna.
Sherald und Wiley zeigen schwarze Menschen in einem Genre, in dem sie historisch keinen Platz hatten: «Wenn wir uns an Porträts von Präsidenten erinnern, George Washington zum Beispiel, steht ein mächtiger weisser Mann im Zentrum. Schwarze Menschen tauchen als Sklaven oder Diener auf, klein, im Hintergrund.»
Die Figuren stehen frei
Für ihre Bilder befreien Sherald und Wiley die Porträtierten aus konkreten Räumen. Sie stellen sie frei, vor verschnörkelte oder einfarbige Hintergründe.
Diesen Stil kann man in der afroamerikanischen Kunst über viele Jahre zurückverfolgen, sagt Kravagna.
Hall of Presidents
In der National Portrait Gallery in Washington, Link öffnet in einem neuen Fenster hängen Porträts von fast allen amerikanischen Präsidenten. Seit 1998 gibt das Museum Porträts der Präsidenten und First Ladys in Auftrag. Diese wählen selbst, wer es anfertigt.
Es gehe dabei um die Befreiung von Diskriminierung und Stereotypen: «Das ist ein Versuch, die Grenzen von sozialen Welten zu überschreiten. Diese Figuren in imaginäre Räume zu projizieren, in denen sie sich freier entfalten können.»
Symbolisch wichtiger als künstlerisch
Vor allem als Geste sei es wichtig, dass die Obamas sich für diese zwei Maler entschieden, schätzt Kravagna: «Vermutlich werfen Wiley und Sherald einen ironischen Blick auf die Darstellung von mächtigen Menschen. Das ist ein radikaler Bruch mit der Tradition der Präsidentenporträts, die eher konservativ sind.»
Für den Status afroamerikanischer Kunst ist die Wahl wohl weniger bedeutend. Vom diesem Standpunkt aus sei es viel wichtiger, dass Werke schwarzer Künstler in grossen Museen gezeigt und bei Auktionen gehandelt werden, so Kravagna.
Zur Person
Christian Kravagna ist Kunsthistoriker, Kurator und Professor für Postcolonial Studies an der Akademie der Bildenen Künste, Link öffnet in einem neuen Fenster in Wien. Er forscht zu afroamerikanischer Kunst, etwa zur Harlem Renaissance der 1920er-Jahre und Kunst der Nachkriegszeit.
Obama als Förderer schwarzer Kunst?
Hier hat sich in den letzten zehn Jahren einiges getan: «Afroamerikanische Künstler haben auf dem Kunstmarkt Positionen eingenommen, die früher weissen Künstlern vorbehalten waren.»
Inwiefern diese Entwicklung mit Obamas Präsidentschaft zu tun hat, findet Kravagna schwer zu beantworten: «Ich zweifle eher daran.»
Fest steht: Barack und Michelle Obama haben die Bedeutung von afroamerikanischen Kulturschaffenden immer wieder hervorgehoben – sei es in der Literatur, Musik oder Mode.
Bereits jetzt Ikonen
Das Interesse Wileys an Starkult und Popkultur passt gut zum ehemaligen Präsidenten. «Obama wurde sehr oft dargestellt und porträtiert, es zirkulieren unendlich viele Obama-Bilder», sagt Kravagna.
Auch wenn ihre Porträts noch nicht in der «Hall of Presidents» hängen – zu Ikonen sind Michelle und Barack Obama längst geworden.