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| Tertullian († um 220) - Über die Schauspiele (De spectaculis)

5. Ihr Ursprung ist zweideutigen Charakters und führt auf den Götzendienst zurück.
Was zunächst den Ursprung angeht, so ist er, weil mehr verborgen und vielen von den Unsrigen unbekannt, [S. 109] tiefer zu ergründen, und zwar nirgendwo andersher als aus den Hilfsmitteln der heidnischen Literatur, Es sind noch viele Schriftsteller erhalten, welche über diesen Gegenstand Abhandlungen herausgegeben haben. Sie geben über den Ursprung der Spiele folgendes: Die Lydier hätten sich, wie Timäus berichtet, als Ankömmlinge aus Asien in Etrurien niedergelassen unter der Führung des Tyrrhenus, welcher seinem Bruder im Streite um die Herrschaft unterlegen sei. In Etrurien führten sie neben ihren ändern abergläubischen Gebräuchen unter dem Vorwande der Religion auch die Schauspiele ein. Die Römer entlehnten von ihnen herbeigerufene Handwerker und Künstler sowie die Zeit und die Benennung, so dass also der Name Spiele, ludi, von Lydi herkäme. Wenn auch Varro den Namen ludi von ludo d. h. vom Spielen ableitet, wie man die Luperci auch Ludier nannte, weil sie im Spiel hin und her laufen, so gehört doch diese letztere Art Spiel der Jünglinge nach seiner eigenen Meinung für die Festtage, in die Tempel und zu den religiösen Feierlichkeiten, Es handelt sich aber nicht mehr um den Namen, da das, um was es sich bei der Sache selbst handelt, der Götzendienst ist. Denn da die Spiele den gemeinsamen Namen Liberalia führen, so gereicht schon der Klang des Namens dem Vater Liber zur Ehre. Denn sie wurden zuerst von den Landlauten für den Vater Liber gehalten wegen der Wohltat, die sie ihm zuschrieben, auf die Lieblichkeit des Weines hingewiesen zu haben. In der Folge hießen die Spiele, welche von Anfang an zur Ehre des Neptun dienten, Consualia; denn man nannte ihn auch Consus, Sodann ordnete Romulus für den Mars die Equiria an, wiewohl man auch die Consualia auf Romulus zurückführt, weil er sie dem Gott Consus geweiht habe, der, wie man meint, der Gott des Rates ist, jenes Rates nämlich, dass er den Raub der Sabinischen Jungfrauen aussann, um sie zu Weibern seiner Soldaten zu machen. Ein ehrenwerter Rat fürwahr, der auch noch bei den Römern selbst, um nicht zu sagen bei den Göttern, gerecht und erlaubt ist! Denn auch das gereicht ihrer Entstehung zur Befleckung, dass man nicht für gut halten kann, was von [S. 110] etwas Bösem seinen Anfang genommen hat, von der Schamlosigkeit, der Gewalttätigkeit, dem Hass, von einem Brudermörder als Begründer, von einem Sohne des Mars. Auch jetzt noch ist dem Consus im Zirkus bei der ersten Spitzsäule ein Altar aufgeschüttet mit folgender Inschrift: „Consus ist mächtig im Rate, Mars im Kriege, die Laren im Hause". Es opfern daselbst am 7. Juli die Priester des Staates und am 21. August der Flamen Quirinalis mit den Jungfrauen, Darauf setzte derselbe Romulus für den Jupiter Feretrius Spiele auf dem Tarpejus ein, welche nach dem Bericht des Piso Tarpejische und Kapitolinische genannt worden sind. Darnach veranstaltete Numa Pompilius solche für Mars und die Robigo — denn man ersann sich auch eine Göttin des Getreidebrandes (robigo),— danach Tullus Hostilius, danach Ancus Martius und auch die übrigen der Reihe nach. Für welche Götzen sie Spiele angestellt haben, das steht bei Suetonius Tranquillus oder bei denen, von welchen es Tranquillus entnommen hat. Dies wird jedoch genügen, um den Ursprung der Spiele als götzendienerisch zu brandmarken.