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Wer schon fette Reggaebeats in den Ohren hat, liegt falsch. Hier ist nicht von der jamaikanischen Hauptstadt die Rede, sondern von der ehemaligen Hauptstadt des Staats New York. Kingston ist heute eine Kleinstadt, die bezüglich Fläche (22.7 km²) und Einwohner (2010: 23’893) etwas kleiner als der Luzerner Vorort Kriens ist. Kingston ist Hauptort des Ulster County, das doppelt so gross ist wie der Kanton Luzern, aber weniger als halb so viele Einwohner hat. Mein Bruder, der 13 km ausserhalb von Kingston wohnt, lebt nur zwei Autostunden von NYC entfernt in einer sehr ländlichen Gegend, die mit 60.9 Einwohnern/km² recht dünn besiedelt ist.
Die ersten Europäer, die den Hudson raufkamen, waren Holländer. An der Einmündung des Rondout Creek in den Hudson errichteten sie 1614 einen Handelsposten. Esopus, wie Kingston unter den Holländern hiess, entstand in den 1650er Jahren, doch die Gegend war nicht menschenleer — der Esopus-Stamm vom Volk der Lenape war hier ansässig und wollte sich nicht vertreiben lassen. Deshalb gab es Spannungen zwischen diesen „Native Americans“, wie die Indianer heute genannt werden, und den neu angekommenen Siedlern. Pieter Stuyvesant, Generaldirektor der von der Niederländischen Westindien-Kompanie (WIC) verwalteten Kolonie Nieuw Nederland, sorgte 1658 dafür, dass der höher gelegene Teil von Esopus mit Palisaden befestigt wurden — dieses Quartier heisst heute noch Stockade (= Palisade). Ein Jahr später eskalierten die Spannungen zum bewaffneten Konflikt: Die Esopus-Kriege dauerten ganze vier Jahre bis sich schliesslich 1663 die Holländer dank der Hilfe von zwei anderen Indianerstämmen durchsetzen konnten. Die Probleme der Holländer riefen die Engländer auf den Plan: Sie annektierten 1664 die Kolonie Nieuw Nederland und teilten sie in New Jersey und New York auf.
Heute ist Kingston kein Landstädtchen mehr, wo Landwirtschaftsprodukte umgeschlagen und Traktoren repariert werden, und das touristische Potenzial von Kingston ist begrenzt: Die Geschichte der Stadt hat im Stadtbild wenig Spuren hinterlassen, am Hudson ist es auch andernorts schön und für Wanderungen in den Catskills gibt es attraktivere Ausgangspunkte. In erster Linie ist Kingston ein Dienstleistungszentrum für Leute, die im Ulster County wohnen. Kingston ist keine Loosertown (die Arbeitslosigkeit im Ulster County lag im August bei 4.8%, im Staat New York bei 5.0%), aber auch nicht gerade eine Boomtown — vereinzelt leer stehende Ladenlokale zeigen, dass die Krise noch nicht gänzlich überwunden ist. Der Immobilienmarkt, der nach 2008 auch im Ulster County zusammengebrochen ist, erholt sich. Um nach New York zu pendeln, ist es doch etwas weit, aber die zahlungskräftige Stadtflüchtlinge kaufen sich Weekendhäuser, um wenigstens übers Wochenende dem Lärm, der schlechten Luft und dem Stress zu entfliehen. So fährt man nach Kingston zum Rechtsanwalt oder Zahnarzt, um den Computer flicken oder ein Bild rahmen zu lassen, um einen Kulturevent zu besuchen oder fein zu essen.
Nur gut hundert Jahre konnten die Briten ihre amerikanischen Kolonien ausbeuten, dann hatten die Kolonisten genug von restriktiven Vorschriften und Gesetzen aus dem Mutterland. Als die Briten auch noch die Steuern und Zölle erhöhten, um den Schuldenberg aus dem siebenjährigen Krieg abzutragen, begannen die Kolonien sich zu wehren. Ein erster Höhepunkt des Widerstands war die Boston Tea Party, als am 16. Dezember 1773 Bostoner Bürger drei Schiffsladungen Tee in den Bostoner Hafen kippten. Nachdem die Briten den Teezoll erhöht hatten, blieb die East India Trading Company wegen Boykotten und billigem Schmuggeltee aus den niederländischen Antillen auf ihrem Tee sitzen. Als die Briten ihre Fehlkalkulation mit Billigtee korrigieren wollten, war es bereits zu spät: Die Bostoner veranstalteten im Hafen eine grosse Teeparty. Von da an war der Lauf der Dinge nicht mehr aufzuhalten. Die Briten reagierten mit Strafmassnahmen und einer weiteren Einschränkung der Freiheiten der Kolonien. Die Kolonien ihrerseits begannen 1774 einen wirtschaftlichen Boykott des Mutterlands und am ersten Kontinentalkongress in Philadelphia trafen sich
ihre Delegierten, um das weitere Vorgehen abzusprechen. Als die Briten nicht einlenken wollten, erklärten die 13 Kolonien am 4. Juli 1776 ihre Unabhängigkeit von Grossbritannien.
Als im Sommer 1777 die New Yorker Verfassung geschrieben wurde, war New York unter Kontrolle der Briten und Albany, die zweitgrösste Stadt, von den Briten bedroht. Deshalb wurde Kingston zur provisorischen Hauptstadt auserkoren. Allerdings wurden die britischen Truppen bei Saratoga gestoppt und erreichten Albany nie. Aber sie landeten an der Einmündung des Roundout Creek, einem Zufluss des Hudson, und brannten — sozusagen als Strafaktion für die Unabhängigkeitserklärung — das provisorische Hauptstädtchen nieder. Kingstons Bewohner und die Regierung waren ins benachbarte Hurley geflohen. Der Spuk war schon bald vorbei und die Briten vertrieben, Kingston wurde wieder aufgebaut, blieb aber nur bis 1797 Hauptstadt des Staats New York und wurde dann von Albany abgelöst.
Das „Kingston Burning“ hat sich als tragischer Moment der Stadtgeschichte derart ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, dass jedes zweite Jahr mit einem Re-Enactment daran erinnert wird:
Die theatrale Reinszenierung von „Kingston brennt“ beginnt jeweils am Roundout und setzt sich in der ganzen Stadt fort. Wenn ich Einwohner von Kingston wäre, hätte ich wahrscheinlich keine grosse Freude daran, dass jedes zweite Jahr „Kingston brennt“ gefeiert wird, denn die Geschichte der Region ist kriegerisch genug. Zum Glück ist Kingston heutzutage weitaus friedlicher.