Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03415.jsonl.gz/699

«Jeder ist für alles verantwortlich». Dieser alle ideologischen Vorbehalte übersteigende Satz aus «Die Brüder Karamazow» von Dostojewski ist in den grauen Beton der Eingangshalle des Internationalen Rotkreuz- und Halbmondmuseums in Genf gemeisselt. Ein Besucher hat das Museum im Gästebuch als «das wichtigste Museum der Welt» bezeichnet. Das Motto spiegelt die hohe und schlichte ethische Forderung wider, die das Rote Kreuz an sich und andere stellt. Helfen, unterstützen und schützen, lauten die grundsätzlichen Ziele der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung. Seit ihrer Gründung im Jahr 1863 in Genf, kümmert sich die Bewegung um Hilfsbedürftige jeder Staatszugehörigkeit, ungeachtet ethnischer Abstammung, sozialer Herkunft und politischer Überzeugung.
Das Rotkreuzmuseum lädt die Besucher ein, sich mit dieser Solidarität zu identifizieren. Man wird hier mit vielen Gesichtern menschlichen Leidens konfrontiert. Es ist dies eine Art, das Leid zu zeigen, es aber nicht zu einem voyeuristischen Besichtigungsobjekt zu machen; nirgends findet sich der Sensationen heischende Blickwinkel einer Fernsehkamera. So hat es Susan Sontag in ihrem Buch «Das Leiden anderer betrachten» postuliert: «Das Bild sagt: Setzt dem ein Ende, interveniere, handle. Und dies ist die entscheidende Reaktion.» So wird unter anderem die weltweite humanitäre Arbeit des Roten Kreuzes von seiner Entstehungszeit bis heute durch eine 150’000 Photographien umfassende Sammlung aus fast allen Operationsgebieten dokumentiert.
Das Ende des Kalten Krieges gewissermassen ankündigend, waren bei der Grundsteinlegung des Museums im November 1985 Raissa Gorbatschova und Nancy Reagan zugegen. Der Betonbau ist auf halber Höhe in den Hügel hineingebaut, auf dem sich der Sitz des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz befindet. Diese Verborgenheit soll auf die zurückhaltende und zugleich effiziente Tätigkeit der Rotkreuzbewegung hindeuten. Durch einen Graben gelangt man in den Innenhof, der von zwei Segeln mit den Emblemen des Roten Kreuzes und des Roten Halbmonds überdacht ist. Überall finden sich Zeugnisse für die schützende, bergende Ausrichtung der Organisation. Im Innenraum werden die wichtigsten Entwicklungsphasen der Bewegung mit audiovisueller Technik chronologisch nachgezeichnet.
Seit der Eröffnung am 2. Oktober 1999 haben eine Million Menschen aus allen Erdteilen die humanitäre Botschaft des Museums auf sich wirken lassen; mehr als die Hälfte davon waren Jugendliche. Dem Besucher wird hier auch vor Augen geführt, wie viel der Einsatz Einzelner bewirken kann – sei es am Beispiel Florence Nightingales, die sich um die Verwundeten auf den Schlachtfeldern des Krimkrieges (1853 -56) kümmerte, oder Clara Bartons, die während des Sezessionskrieges (1861- 65) Hilfsaktionen für Verwundete und Kranke organisierte, besonders aber durch das Schlüsselerlebnis Henry Dunants in der Schlacht von Solferino, das ihn bewog, das Rote Kreuz zu gründen. Dank einer neuen technischen Rauminszenierung kann man diese Begebenheit gewissermassen miterleben.
Mit Sonderausstellungen will das Museum Einblick in die verschiedenen Facetten seiner humanitären Arbeit geben. So zieht es mit eindringlichen Photoausstellungen die Besucher in seinen Bann. Vor einigen Jahren wurden Bilder zum Thema «Kinder im Krieg», von 1900 bis heute, gezeigt. Da gerade in der Kindheit die gesamte menschliche Gesellschaft einen gemeinsamen Nenner findet, wird das Motto «Jeder für alles» besonders deutlich. Das Wortpaar Kindheit und Krieg stellt ein schreckliches Paradox dar, das nur zu oft aus einer scheinbar friedlichen Alltäglichkeit verdrängt wird: Zärtlichkeit, Liebe und Hoffnung für die Zukunft – vor dem blinden Grauen unbarmherziger Zerstörung. Es sind Bilder, die vom Ersten Weltkrieg, vom Spanischen Bürgerkrieg, vom japanischen Mandschurei-Feldzug, aus Auschwitz, vom Suez-Krieg, aus Vietnam oder Afghanistan berichten, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Bilder erzählen vom ohnmächtigen Leiden der Opfer. Unbeantwortet bleibt die Frage, warum die Menschheit bis heute ihre Geschichtsbücher so stolz mit Berichten grosser Schlachten füllt.
In der aktuellen Sonderausstellung «Zona», dem sibirischen Ausdruck für Gefängnis, wird bis zum 18. Juli 2004 mit siebzig farbigen Photographien des Belgiers Carl de Keyzer in Grossformat dokumentiert, wie heutige Häftlinge ihre Straftaten in sibirischen Gefangenlagern bei Krasnojarsk verbüssen. Noch in den fünfziger Jahren fristeten in diesen von Alexander Solschenizyn meisterhaft beschriebenen Gulags rund 12 Millionen Menschen ein menschenunwürdiges Dasein. 135 Lager bestehen immer noch, man hält dort eine Million Straftäter gefangen. Die Aufnahmen de Keyzers befremden den Betrachter. Statt mit den erwarteten Schwarzweissaufnahmen wird man mit fast kitschig bunten Bildern aus einem Lagerleben konfrontiert, das an eine Disney-Illusionswelt erinnert. Gefangene haben das Eingangstor «künstlerisch mit merkwürdigen Metallskulpturen gestaltet, als ob man am Eingang irgendeines billigen Vergnügungsparks stünde», meint de Keyzer. Doch man spürt deutlich, dass sich hinter dieser fast banal anmutenden, vermeintlich heilen Welt tiefe Abgründe menschlichen Elends verbergen.
Grauen mit blauem Dekor
Durch die potemkinsche Atmosphäre, die de Keyzers Aufnahmen prägen, wird die Doppelbödigkeit beschönigter Zustände entlarvt. Die verlogene Menschlichkeit entartet zur Maske. Überall dominiert die Farbe Blau: in den eigens für den Besuch des Photographen neu getünchten Gängen, auf den frisch gestrichenen Eisenstäben vor den Zellen, im Himmelblau des sibirischen Sommers, der als Dekor herhalten muss. Unter freiem Himmel werden auch «sportliche» Veranstaltungen organisiert. Für eine Aufnahme von zwei tennisspielenden Gefangenen fanden sich die Schläger erst nach langem Suchen, Bälle tauchten gar nie auf. Das Bild vom Tennisspiel ohne Bälle, Symbol eines sinnlosen Lebens, erinnert fast an ein absurdes Theaterstück von Beckett. Carl de Keyzers Photos sind ungewöhnliche Dokumente einer exakten Beobachtungsgabe, die dem Besucher Einblicke in eine von Unmenschlichkeit geprägte Scheinwelt gewähren.
Das Museum zeigt aber auch viele Dokumente der Menschlichkeit. Seit Juni 2002 wird das Original der Genfer Konvention von 1864 ausgestellt. Dieses wichtige Dokument ist ein Grundstein des humanitären Völkerrechts, namentlich der Genfer Abkommen von 1949 und der Zusatzprotokolle. Der vor fünf Jahren eingeweihte Ausstellungsraum «Heute» stellt anhand konkreter Beispiele dar, wie das Rote Kreuz bei Bedarf im Feld vorgeht, welche Hilfsmittel es bei Naturkata-strophen einsetzt, wie Minenopfer rehabilitiert oder politische Gefangene geschützt werden können. In einer nach Angaben eines Delegierten exakt nachgebauten winzigen Betonzelle sollen bis zu 17 Gefangene zwischen sechs und neunzig Tagen festgehalten worden sein. Trotz Intervention des IKRK wurde die Zelle erst fünf Jahre später endgültig geschlossen. Um die Arbeit der Organisation nicht durch Indiskretion zu gefährden, wird der Name des betreffenden Landes nicht preisgegeben.
Besonderes Gewicht gibt das IKRK der Zusammenführung von Familien, die durch kriegerische Konflikte auseinandergerissen worden sind. So werden Porträts von Kleinkindern, die sich weder an ihren eigenen Namen noch an den ihrer Familien erinnern, im Rahmen von «Photo-Recherchen» in Ländern wie Ruanda verwendet. Glückstrahlende Gesichter zeigen Familien, bei denen die Suche erfolgreich war.
In der grossen Sammlung beeindruckt auch die Kartei der Internationalen Zentralstelle für Kriegsgefangene. Sie umfasst die Zeit vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis 1923. Bei einem kürzlichen Besuch des britischen Thronfolgers Prinz Charles konnten zwei seiner Verwandten ausfindig gemacht werden. Die Kartei gliedert sich in zwei Hauptteile, die den verfeindeten Lagern entsprechen. Sie enthält sieben Millionen Karteikarten: Millionen von Schicksalen also, sorgsam und in alphabetischer Reihenfolge abgelegt in grünen, braunen und grauen Schachteln. Karton 206 reicht von Deih bis Dekos, Karton 255 von Eger bis Eglers.
Dieser Raum bewegt durch seine Nüchternheit. Er ist ein Friedhof, eine Endstation der Illusionen, Ideologien und Machtgelüste. Von all den unzähligen Menschen, die dem patriotischen Wahn einer Epoche geopfert worden sind, ist nicht mehr übriggeblieben als der Eintrag auf einer Karteikarte. Anderseits aber legen eben diese Karten auch Zeugnis ab vom nie endenden Bemühen des IKRK, die Folgen kriegerischer Auseinandersetzungen zu mildern und sich unbeirrbar einzusetzen für eine friedvollere Welt.
Die Publizistin Felizitas von Schönborn ist für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunkanstalten an der Uno und in Genf akkreditiert. Unter anderem ist sie Autorin von «Peter Ustinov. Ich glaube an den Ernst des Lachens» (2000) sowie «Dalai Lama – Mitgefühl und Weisheit» (2004).