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Die chinesische Autorin und Filmemacherin Xiaolu Guo glaubt nicht mehr an die politische Kraft der Kunst. Die kommerzielle Zensur im Westen findet sie fast schlimmer als die politische in China.
WOZ: Xiaolu Guo, Sie kommen soeben aus den Bergen nach Zürich zurück. Hat es Ihnen gefallen?
Xiaolu Guo: Ja, schon, aber hier in der Schweiz ist man überall in einer so schönen Szenerie. Es ist fast zu idyllisch. Das lässt vergessen, dass man eigentlich arbeiten sollte. Und ich vermisse langsam die Grossstadt London.
London ist der Geburtsort des Punk. Kublai Jian, der Protagonist Ihres neuen Buchs «Ich bin China», ist ein wütender Punkmusiker. Gibt es auch in China eine Punkszene?
Nein, es sind der Rock ’n’ Roll und die Popmusik, die Ende der Achtziger und in den frühen neunziger Jahren in China wichtig wurden. Punk entdeckte ich erst, als ich vor dreizehn Jahren nach England kam. Und ich begann, diese Musik – etwa die der Sex Pistols – zu lieben. Auch mag ich die Idee der englischen Punkkultur! Wäre ich selbst Musikerin geworden, dann wäre ich eher im Punk gelandet als in einem klassischen Setting wie der Oper. Ich bin nun 42 Jahre alt und war noch nie in einer Oper. Allerdings habe ich mir fest vorgenommen, das hier in der Schweiz nachzuholen …
Kublai Jian schreibt ein politisches Manifest, weswegen er das Land fluchtartig verlassen muss. Darin heisst es: «Die immerwährende Revolution ist die Revolution, die sich sogar selber revolutioniert. Die immerwährende Revolution ist die absolute Freiheit.» Träumen auch Sie von einer Revolution?
Das Problem ist ja, dass die Revolutionen meistens im Establishment enden. Und das ist ja völlig gegen die Idee der Revolution. Deshalb bräuchte es eine immerwährende Revolution – was natürlich auch unmöglich und entgegen der eigentlichen Idee der Revolution ist, einen neuen Zustand zu schaffen. Hier in Europa wäre eine Revolution unmöglich, weil in der westlichen Gesellschaft Desillusion über den politischen Kampf herrscht. Jede Wahl gibt vor, demokratisch gewesen zu sein, doch kein Politiker hält anschliessend, was er versprochen hat. Deshalb gibt es im Westen ein grosses Misstrauen und eine Lethargie gegenüber der Politik. Man hat die Hoffnung aufgegeben, dass sich etwas verändern könnte. In China ist das ganz anders. Zwar ist China – nennen wir es mal so – eine Autokratie, aber die Menschen haben gegenüber der Politik sehr grosse Hoffnungen. Denn wenn du die sogenannt freien Wahlen nicht hast, dann behältst du eine reine und verklärte Idee, wie die Politik sein würde, wenn sie denn frei wäre.
Für Kublai Jian ist Kunst die reinste Revolution und damit die reinste Form von Politik. Ist für Sie Kunst auch zwingend politisch?
Früher war ich genau so wie Kublai Jian. Ich war überzeugt, Kunst könne politische Veränderungen bewirken. Doch dann verlor ich meine romantische Idee. Dieser Moment war für mich, als ob ich sterben würde. Und dann habe ich mich neu erfunden und wurde zu einer neuen Person. Ich glaube an absolut keine Ideologie und traue auch keiner Gesellschaft, die auch nur in kleinster Weise ideologisch ist. Somit bin ich heute so wie die zweite Protagonistin im Buch, Mu, Jians Freundin, die nicht an die politische Kraft der Kunst glaubt.
Gibt es denn heute gar keine Kunst mehr, die politisch etwas bewirken kann?
Von den fünfziger Jahren bis in die Siebziger hatte die Kunst in Europa eine grosse Kraft und auch politisch Einfluss. Da waren Jean-Paul Sartre, Rainer Werner Fassbinder oder Pier Paolo Pasolini. Sie und ihre Werke waren nah bei der Gesellschaft, und sogar Präsidenten hörten auf sie. Doch mit ihrer ganzen Kommerzialisierung hat die Kunst ihre politische Wirkkraft verloren – sowohl in China wie auch in Europa und in den USA. Als Autorin bin auch ich Teil dieser ganzen Kommerzialisierung und arbeite an einer Art Tötung des Intellektuellen mit.
Wie meinen Sie das?
Der Markt ist grausam. Es wird von einer Autorin erwartet, an ihre potenzielle Leserschaft zu denken. Ich bin Teil des Markts, und natürlich überlege ich auch ab und zu, wie ich schreiben soll, damit ich mehr Leser erreiche. Alle Autoren machen das, und doch ist es schrecklich. Denn wenn du im liberalen, freien Markt des Westens publizierst, ist das einzige Problem, um das es schliesslich geht, ob dein Buch gut zu vermarkten ist oder nicht. Wo du politisch stehst, ist völlig egal. Das jedoch generiert eine neue Zensur: die kommerzielle Zensur. Als Künstlerin aus China finde ich diese Zensur fast schlimmer als die politische. Denn meine Bücher sind trotz allem keine kommerziellen Werke und sollen es auch nicht sein.
Werden Ihre Bücher in China publiziert und gelesen?
Ich schreibe intellektuelle Romane, die allgemein kaum jemand liest. Vielleicht ein paar Leute hier in der Schweiz und in den USA, aber die normalen Leute in China lesen keine Literatur. Die lesen, wie sie ein Visum bekommen oder wie sie einen Master of Business Administration erhalten. Meine frühen Bücher wie «Stadt der Steine», die ich in China publiziert habe, erreichten eine Auflage von 20 000 Exemplaren – das wäre hier in der Schweiz wohl ziemlich viel, in China ist das nichts. Mein neustes Buch, «Ich bin China», das ich in Englisch geschrieben habe, ist in China nicht erhältlich. Dazu müsste sich erst die Regierung ändern.
Xiaolu Guo (42) ist seit Juni Writer in Residence im Literaturhaus in Zürich. Am 28. August 2015 liest sie im Toni-Areal aus ihrem neuen Buch «Ich bin China». Am 20. September 2015 um 12 Uhr zeigt das Filmpodium ihren preisgekrönten Film «She, a Chinese» in Anwesenheit von Xiaolu Guo.