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Wer hat die Lieder komponiert?
Lewinsky: Markus Schönholzer hat die Lieder komponiert. Ich arbeite seit vielen Jahren mit ihm zusammen und trete sogar mit ihm auf. Wir sind ein festes Team. Roman Glaser ist muskalischer Leiter und hat ebenso Arrangements beigefügt.
Die Themen, die Shakespeare im Stück aufgreift, haben nichts von ihrer Aktualität verloren: verborgene Identitäten, Eifersucht und Täuschung.
Lewinsky: Das macht die Grösse von Shakespeare aus: dass er in seinen Stücken Charaktere und Situationen beschreiben kann, die absolut zeitlos sind. Theaterwissenschaftler, die seine Stücke analysieren, können bis ins Detail nachweisen, was damals aktuell war und warum Shakespeare in einem Werk eine bestimmte Pointe machte. Aber weil er genial war, funktionieren seine Stücke auch ohne diese aktuellen Bezüge.
Hat oder hatte Shakespeare einen besonderen Einfluss auf Sie als Autor? Oder anders gefragt: Was konnten Sie von ihm lernen?
Lewinsky: Das kann man so nicht sagen. Shakespeare ist unter den Autoren einer der Götter und der Massstab. Wenn man sich überlegt, wie viele Werke er manchmal in einem Jahr verfasst hat – ein Meisterwerk nach dem anderen. Unglaublich und unerklärbar! Seine Stücke sind tief in unserer Kultur verankert. Auch wenn Sie nie im Theater waren, kennen Sie Romeo und Julia. Wir verwenden heute automatisch Shakespeare-Zitate, ohne zu realisieren, dass sie von ihm sind. Shakespeare hat wahnsinnig viele Worte erfunden. Viele davon sind heute Bestandteil der englischen Sprache. Das zeigt seinen enormen Einfluss.
Was würden Sie mit Shakespeare besprechen, wenn Sie mit ihm zu Abend essen könnten?
Lewinsky: Mit Shakespeare essen und von ihm hören zu können, wie er arbeitete, wäre wahnsinnig spannend! Ich würde gerne von ihm wissen: Welche Bedingungen und Vorgaben hatte er bei seinen Werken, und wie ging er handwerklich damit um? Bei höfischen Theaterstücken gab es damals viele Zwänge. Man weiss zum Beispiel, dass Königin Elisabeth I. beim Stück «Was ihr wollt» im Detail bestellt hat, was es vor der Aufführung zum Apéro geben sollte. Aber auch bei den grossen Werken, die Shakespeare für das Globe Theatre schrieb, fällt auf, dass sie – stark vereinfacht – alle die gleiche Dramaturgie aufweisen. Ich habe mich gefragt, warum dies so ist, und war sehr stolz, als ich den Grund dafür fand: den Verkehrsstau auf der Themse! Die Theater befanden sich damals alle auf der anderen Seite der Themse. Die Zuschauer fuhren mit Booten über den Fluss, was ein grosses Verkehrschaos verursachte. Die einfachen Leute, die keine reservierten Plätze hatten, gingen deshalb sehr früh ins Theater und schauten sich das ganze Stück an. Die nobleren Gäste hatten auf der Galerie reservierte Plätze: Sie kamen später und gingen früher, um den Stau zu umgehen. Aus diesem Grund gibt es bei allen Stücken im ersten Akt einfache Theatereffekte: Hexen, Gespenster, Stürme und dergleichen. Im zweiten Akt wird plötzlich klug geredet, doch eine komische Figur wie der Totengräber bei Hamlet bleibt, um die einfachen Zuschauer nicht zu verlieren. Im dritten Akt, wenn die Zuschauer auf der Galerie schon weg sind, gibt es wieder Action.
Trotz diesen Bedingungen und Vorgaben hat Shakespeare Meisterwerke geschrieben. Das bewundere ich enorm!
Gibt es andere Schriftsteller, die Sie geprägt haben?
Lewinsky: Ich finde, dass man nicht von einem Autor geprägt wird. Wie man im Leben 1000 Dinge erlebt, so liest man auch 1000 Bücher. Von einem Autor wird man stärker beeinflusst, vom anderen weniger. Wenn ich am Schreiben bin, wehre ich mich ganz bewusst gegen diese Beeinflussung, indem ich keine deutschen Bücher lese.
«Viel Lärm um nichts» ist das zweite von drei Shakespeare-Werken, die an den Freilichtspielen Luzern aufgeführt werden. Die erste Dialektfassung stammte von Thomas Hürlimann. Tauschen Sie sich untereinander aus?
Lewinsky: Wir haben uns nur einmal zusammengesetzt und uns über die Werke unterhalten. Wir sind sehr verschieden und arbeiten auch unterschiedlich. Der Schriftstellerberuf ist ein einsamer Beruf, und das ist auch richtig so. Niemand wird Autor, weil er jeden Tag Gesellschaft braucht.
Stehen Sie in engem Kontakt mit dem Regisseur Ueli Blum?
Lewinsky: Wir haben einmal über meine Vorstellungen gesprochen. Gerade weil ich auch gelernter Regisseur bin, will ich mich um Himmels willen nicht einmischen. Theaterstücke schreiben heisst loslassen können. Ich werde an die Premiere gehen und mich freuen oder ärgern. Die Voraussetzungen sind gut, dass ich mich freuen werde. Denn Ueli Blum ist ein erfahrener Regisseur – es wird sicher eine lebendige Aufführung.
Es sind Laienschauspielerinnen und -schauspieler, welche die Bühne auf Tribschen zum Leben erwecken werden. Haben Sie beim Schreiben des Drehbuchs berücksichtigt, dass keine Profis auf der Bühne stehen?
Lewinsky: Ja, klar. Etwas zu schreiben, das die Darstellerinnen und Darsteller nicht spielen können, wäre sinnlos. Schreiben ist ein Handwerk – man muss handwerkliche Probleme lösen. Für Berufsschauspieler hätte ich ein etwas komplizierteres Drehbuch verfasst, eines mit mehr Zwischentönen. Für Laien muss ein Stück holzschnittartiger sein – hell und dunkel. Ich habe mehr Gruppenszenen eingebaut, weil sich diese gut inszenieren lassen, und mit den Liedern eine Sprachebene ergänzt, die für Laien einfach ist. Die grossen Reden sind im Vergleich zum Original kürzer. Ich habe mir aber einen Spass daraus gemacht, den Wechsel zwischen Prosa und Blankvers genau gleich zu handhaben wie Shakespeare.
Wird man Sie bei den Aufführungen antreffen?
Lewinsky: Für die Premiere komme ich extra in die Schweiz. Danach gehe ich nach Frankreich zurück, wo ich seit 30 Jahren im Sommerhalbjahr schreibe.
Was schreiben Sie am liebsten?
Lewinsky: Im Moment Bücher. Sie haben den grossen Vorteil, dass ich mein eigener Auftraggeber bin und mir niemand reinredet.
Schreiben Sie den aktuell an einem Buch?
Lewinsky: Sie könnten auch fragen: Atmen Sie gerade? Ich schreiben immer an einem Buch.
Woher nehmen Sie die Ideen?
Lewinsky: Nichts wird so überschätzt wie Ideen! Wichtig sind nicht die Ideen, sondern das, was man daraus macht. Shakespeare hätte man wahrscheinlich sagen können: Schreib etwas über einen grünen Elefanten! Er hätte sich etwas einfallen lassen, und es wäre ein wunderbares Stück entstanden. Wenn ich an einem Buch bin, greife ich eine Idee auf und schaue, was ich daraus machen kann. Oft dauert es Monate oder Jahre, bis aus dem Sandkorn in der Auster eine Perle wird – oder auch nicht.
Wie wichtig ist Talent beim Schreiben?
Lewinsky: Es gibt einen berühmten Satz von Thomas Edison: Genie ist 1 Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration. Ich gehöre zu den Autoren, die ihren Beruf als Handwerk sehen. Fürs Schreiben braucht es ein gewisses Talent wie für jedes andere Handwerk auch: Sie können nicht Buchhalter werden ohne ein Flair für Zahlen und nicht Verkäufer ohne Begabung für Menschen.