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Frauen haben es in der Ökonomie schwer: In der Forschung dümpelt ihr Anteil bei den Ökonomie-Professorinnen zwischen 15 Prozent (USA) und 22 Prozent (Europa). Bisher gab es gerade mal 2 Nobelpreisträgerinnen für Ökonomie (genauer Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften) von insgesamt 51 Verleihungen. Bei den Studierenden hat an der Universität Zürich die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät mit 33 Prozent mit grossem Abstand den geringsten Frauenanteil – weit geringer als in der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät mit 54 Prozent.
Aber auch als «Beforschte» sind Frauen untervertreten. Frauenarbeit wurde früher von den Ökonomen nicht als wirtschaftlich interessant erachtet. Sie wurde vorzugsweise als Haus- und Kindeserziehungsarbeit verstanden, welche nicht im Bruttoinlandsprodukt erfasst werden. Die sozialen und ökonomischen Realitäten der meisten Frauen wurden weitgehend ignoriert. Heute sind Berufsfrauen durchaus im Fokus – aber meist als Mängelwesen. Im Zentrum stehen «Gender gaps», etwa bezüglich des Lohnes oder des Anteils an Führungspositionen – immer gemessen an Männern in einer Welt, die nach von Männern geprägten Regeln funktioniert.
Gebildet, geistreich, schön
Um so erfreulicher ist meine jüngste Entdeckung: In dem 1912 veröffentlichen Buch des zu seiner Zeit berühmten Ökonomen Werner Sombart «Liebe, Luxus und Kapitalismus» spielen die Frauen die tragende Rolle. Und zwar nicht die arbeitsamen und gesitteten Ehefrauen der Handwerker, Bauern und Geschäftsleute, sondern die Mätressen und Kurtisanen, deren Inbegriff Madame de Pompadour ist. Sombart argumentiert, dass sich in der beginnenden Neuzeit die Frauen in den Höfen und Adelspalästen von den theologischen Fesseln der Ehe als Sakrament gelöst haben. Liebe und Ehe trennten sich.
Die Mätressen – gebildete, geistreiche und schöne Salondamen – verbanden die Kultur der illegitimen Liebe mit einer vom esprit de finesse geprägten Lebensform. Als Königinnen der Gesellschaft beförderten sie den Luxuskonsum. Mode, Paläste, teures Porzellan, Spiegel, prächtige Feste, höfisches Theater und Konzerte garantierten einen hohen Absatz an Luxusgütern. Die Seiden-, Spitzen- und Wollindustrie florierten, ebenso die Hutmacher. Für Porzellan wurde ein Vermögen ausgegeben. Ludwig XIV verbrauchte fast ein Drittel des gesamten Staatshaushaltes für seinen persönlichen Luxus. So baute er Versailles für seine Maitresse Louise de La Valliere.
Der Hof und die oberen Stände machten es ihm nach. Das ging einher mit einer Verachtung des Geldes und aller Geldwerte. Vornehmheit und Geschäftssinn schlossen einander aus. Geld war nur zum Ausgeben da, der Erwerb des Geldes war den Krämern überlassen. Auf diese Weise – so Sombart – zeugte der Luxus als legitimes Kind der illegitimen Liebe den Kapitalismus.
Unterdrückung des Luxus
Man kann sich kaum einen grösseren Gegensatz zur Protestantismus-These von Max Weber vorstellen, einem Zeitgenossen von Werner Sombart (den Sombart in seinem Buch mit keinem Wort erwähnt, obwohl beide miteinander befreundet waren). Nach Max Weber ist es die asketische Lebensweise, «der Erwerb von Geld, immer mehr Geld unter strengster Vermeidung allen unbefangenen Geniessens», welche den Geist des Kapitalismus ausmacht. Nach dieser Lesart verdankt der Kapitalismus seine ökonomischen Energien in erster Linie der Unterdrückung des Luxus. Frauen spielen bei Max Weber keine besondere Rolle.
Wie begründet nun Werner Sombart seine zu Max Weber gegensätzliche These, dass erst die durch die Mätressenwirtschaft ausgelöste Luxusindustrie – sozusagen nachfrageorientiert – den Kapitalismus hat entstehen lassen?
Luxusgüter benötigen kostbare Rohstoffe, die aus der Ferne bezogen werden mussten. Das erforderte Kapital und ihre Bearbeitung spezielle Geschicklichkeit, worüber die herkömmlichen Handwerker nicht verfügten. Spezialisierung war eine Sache der neu entstandenen Manufakturen. Diese wurden häufig von Migranten gegründet, zum Beispiel den Humiliaten und Hugenotten. Sie waren im Gegensatz zu den alteingesessenen Handwerkern frei von Zunftschranken und alteingewurzelten Interessen und deshalb rational geprägt. Sie konnten deshalb die Schranken des alteingesessenen Handwerks durchbrechen.
Der Kapitalismus ist geblieben
Was können wir aus den beiden gegensätzlichen (oder möglicherweise komplementären) Erklärungsansätzen für das Entstehen des Kapitalismus und der Rolle der Frauen lernen?
Erstens, die Mätressenwirtschaft ist gegangen. Der Kapitalismus ist geblieben.
Zweitens wird wieder einmal bestätigt, dass es «die» Wissenschaft nicht gibt, in der Ökonomik so wenig wie der Epidemiologie oder Virologie. Wissenschaft lebt von der Diversität der Erklärungsansätze, die zu fruchtbaren Auseinandersetzungen führen.
Drittens mag es zwar divergierende wissenschaftliche Erklärungen über die dominanten Einflussfaktoren bei der Entstehung des Kapitalismus geben. Für die Rolle der Frauen sind meines Erachtens die Folgen des Kapitalismus und der sozialen Marktwirtschaft zentral. Dank des geschaffenen Wohlstandes und den guten Bildungsmöglichkeiten für Frauen sind heute Liebe und Ehe wieder vereinbar. Um versorgt zu sein muss heute keine Frau einen ungeliebten Mann heiraten. Und sie muss sich auch nicht als Mätresse aushalten lassen.