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Die bäuerliche Bevölkerung verlor in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark an Bedeutung. 1860 lebten noch 45 Prozent aller Menschen in der Landwirtschaft, 1910 waren es 25 Prozent. Im späten 19. Jahrhundert minderte die Umstellung von Ackerbau auf Viehwirtschaft die Bedeutung der traditionell weiblichen Arbeitsbereiche in der Landwirtschaft. Die zunehmende Spezialisierung der landwirtschaftlichen Produktion und die Abnahme des Selbstversorgungsgrades führten zu einem Verlust von fast 100,000 weiblichen Arbeitsplätzen. Anfangs des 20. Jahrhunderts schuf der wirtschaftliche Aufschwung in der Industrie eine grosse Zahl neuer Arbeitsplätze für männliche Arbeitskräfte. Viele Klein- und Nebenerwerbsbetriebe wurden nun von Frauen weitergeführt, weshalb auch die Zahl der weiblichen Arbeitskräfte in der Landwirtschaft wieder zunahm: Die Frauen dienten als Puffer.
Puffer in schwierigen Zeiten
1905 waren von 100 in der Landwirtschaft Beschäftigten 43 weiblich. Besonders hoch war der Frauenanteil in vorwiegend kleinbäuerlichen Gebieten und in Gebieten mit Ackerbau (Tessin: 58 Prozent, Schaffhausen 52 Prozent) und besonders tief in milchwirtschaftlichen Gebieten (Appenzell Innerrhoden 11 Prozent, Zug 34 Prozent). 100 Jahre später, 2005, sind von 100 in der Landwirtschaft Beschäftigten 36 weiblich (in absoluten Zahlen: von 188,024 in der Landwirtschaft Beschäftigten sind 67,297 Frauen und 120,727 Männer).
Während des ersten Weltkrieges spielten die Frauen wieder eine Puffer-Rolle. Nach der erfolgten Spezialisierung auf Viehzucht stand nun wieder eine Ausdehnung des Ackerbaus und ein Ausbau der Selbstversorgungswirtschaft an – Bereiche, in denen vorwiegend Frauen engagiert waren. Die Mobilisierung entzog den Höfen nicht nur den in der Regel männlichen Betriebsleiter, sondern mit den Pferden auch die wichtigste Zugkraft. Der grösste Teil der Arbeitsmehrbelastung fiel auf die Frauen, Mägde, Kinder und nicht militärdienstpflichtigen männlichen Dienstboten. Auf Grund dieser unglaublichen Arbeitsleistung begann man, den Bäuerinnen mehr Beachtung zu schenken. Trotzdem spielten die Bäuerinnen am Ende des ersten Weltkrieges bei der Gründung der kantonalen Bauern- und Bürgerparteien, wie schon bei der Gründung des Bauernverbandes, kaum eine Rolle.
1920 gab es ungefähr 200,000 Familienhaushalte in der Landwirtschaft: drei Viertel wurden von einem Ehepaar geleitet; 25,000 hatten nur einen Bauern, 20,000 nur eine Bäuerin als Haushaltvorstand.
Spezialkulturen werden wichtiger
Als die Landwirtschaft in der Zwischenkriegszeit in eine Dauerkrise rutschte, wurden die Bäuerinnen nicht nur mit Arbeit überhäuft, sie gewannen auch an Bedeutung. Das Schlagwort der neuen Agrarpolitik hiess Rückzug auf den Betrieb. Mit dem Zerfall der Milch- und Fleischpreise erhielten Betriebszweige wie Hühnerhaltung, Gemüsebau oder Beerenkulturen, die Ende des 19. Jahrhunderts zu Stiefkindern der Landwirtschaft geworden waren, wieder eine grössere Bedeutung.
Eine rationelle Selbstversorgung im bäuerlichen Haushalt sollte sicherstellen, dass die Verpflegung auf den Bauernbetrieben günstig und effizient gestaltet werde. Eine ausgeklügelte Vorratshaltung und die Verwendung von Produkten "zweiter oder dritter Qualität" sollte dazu beitragen, dass eine Bauernfamilie auch auf kleineren Betrieben existieren könne.
Hilfe bei der Vermarktung
Es ging aber auch darum, die Produktion für den Markt auszudehnen und zugleich von den Frauen kontrollierte Vermarktungsstrukturen zu schaffen. Neue Bäuerinnenorganisationen widmeten sich neben der Bildung ihrer Mitglieder diesem Anliegen. Mit ihren Vermarktungserfolgen stärkten sie das Selbstbewusstsein vieler Bäuerinnen und demonstrierten Unabhängigkeit, wenn sie mit der in bauernpolitischen Kreisen verpönten Migros Verträge eingingen.
Während des zweiten Weltkriegs standen nicht mehr die Vermarktung, sondern die Vorratshaltung und der Anbau zur Selbstversorgung der Familie und der Nation im Vordergrund. Die Frauen mussten den Hof führen, während die Männer Aktivdienst leisteten. Die für die Bäuerinnen dadurch anfallende Mehrarbeit verhalf ihnen zu einem enormen Prestigegewinn in der Bevölkerung. Es gelang den Bäuerinnen aber nicht, ihre Anliegen im neuen Landwirtschaftsgesetz von 1951 zu verankern. So wurden die von den Bäuerinnen verrichteten Arbeiten beispielsweise bis in die jüngste Vergangenheit bei den Paritätslohnberechnungen weniger stark gewichtet als diejenige der Bauern – auch dann, wenn die Bäuerinnen diejenigen Arbeiten erledigten, die normalerweise von den Bauern verrichtet wurden.
Die familienwirtschaftlichen Strukturen gerieten in der Nachkriegszeit in den Sog der technisch-wirtschaftlichen Umwälzungen. Kleinbetriebe verschwanden, auf den mittleren ersetzte zuerst der italienische Saisonnier den schweizerischen Knecht, dann die Maschinen auch diesen.
Mit dem Verschwinden der landwirtschaftlichen Angestellten in den Fünfziger- und Sechzigerjahren mussten die Bäuerinnen oft diejenigen Aufgaben neu übernehmen , die bis dahin von Dienstboten erledigt worden waren, etwa die Stallarbeit. Erst in den Siebzigerjahren, als mit den neuen, arbeitssparenden Aufstallungssystemen und den neuen Maschinen noch viel mehr Handarbeit eingespart werden konnte, konnten sich die Bäuerinnen wieder vermehrt ihren Kernkompetenzen widmen: Der Hauswirtschaft und der Familie. (1) (6)