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Viele Alltagstexte sind zu anspruchsvoll. Darum gibt es Ansätze, die dafür sorgen, dass geschriebene und gesprochene Sprache für alle verständlich wird. Ihr gemeinsames Interesse ist also klar. Doch bei den Konzepten gibt es auch grundsätzliche Unterschiede. Und diese betreffen vor allem das Sprachniveau und die Zielsetzung bei der Leserschaft.
Beim Sprachniveau helfen uns die sechs Stufen des Europäischen Referenzrahmens: A1, A2, B1, B2, C1, C2. Auf der niedrigsten Stufe (A1) versteht man bekannte Wörter und einfache Sätze, die höchste Stufe (C2) entspricht einem Hochschulniveau. Unsere schriftliche Standardsprache befindet sich auf dem Niveau B2–C1.
Niveau und Ziel – wie machen sich die beiden Punkte also in den verschiedenen Sprachstandards bemerkbar? Um das im Detail zu zeigen, spielen wir gleich einen kurzen Beispieltext durch die Varianten hindurch. Und wer würde sich dafür besser eignen als einer, der so gar nicht für seine einfache Sprache bekannt war?
Wir wollten darum wissen: Wie würde Karl Marx klingen, wenn er sich statt «superkompliziert» in Plain Language / Einfacher Sprache oder Leichter Sprache ausgedrückt hätte? Und was bedeutet das für die beiden Konzepte dahinter?
Dazu nehmen wir die ersten Sätze aus seinem Werk «Das Kapital»:

Marx im Original
Plain Language / Einfache Sprache
Sprachniveau: B1
Konzept: Eine Vereinfachung der Standardsprache. Dafür gibt es unterschiedliche Begriffe: Plain Language, Einfache Sprache sowie im Englischen clear writing oder clear language. Der Ansatz zielt auf ein einfaches Sprachniveau und damit die breite Masse ab. Mit Plain Language verstehen 80 % der Menschen die Kommunikation – auch die Leute, die eigentlich über ein höheres Sprachniveau verfügen. Trotzdem lassen sich damit auch anspruchsvolle Sachverhalte problemlos vermitteln.
Fachspezifische Texte sind oft auf Sprachniveau B2 und höher verfasst. Zum Beispiel Verträge, Versicherungspolicen, medizinische Informationen, amtliche Texte oder Fachliteratur. Diese komplizierten Texte werden auf das Sprachniveau B1 angepasst und damit für den Grossteil der Bevölkerung gemacht. Die genannten Textformate sind Paradebeispiele. Eine Vereinfachung nach Plain Language ist aber fast überall sinnvoll. Denn angenehmer und einfacher lesbar werden Texte dadurch immer. Die Grundsätze dazu hat Plain Language Europe zusammengefasst.
Ziel: Eine leserfreundliche Alltagssprache ohne komplizierte Satzstrukturen, Fachbegriffe oder zu viele Fremdwörter. Texte sollen so geschrieben sein, dass sie auch fachfremde Personen verstehen.

Marx in Plain Language
Leichte Sprache
Sprachniveau: A1–A2
Konzept: Eine deutliche Abweichung von der Standardsprache. Die Sprache wird maximal vereinfacht und reduziert für Menschen mit Leseschwäche und Problemen beim Textverständnis (z. B. bei kognitiver Beeinträchtigung, Lernschwierigkeiten, Demenz, aber auch bei sehr geringen Deutschkenntnissen).
Der Standard hat klar festgelegte Regeln, herausgegeben vom Netzwerk Leichte Sprache. Ein Auszug daraus: kurze Sätze, Wörter aus dem Grundwortschatz, nur eine Aussage pro Satz, ein Satz pro Zeile. Neben Sprachregeln beinhaltet das Regelwerk auch Empfehlungen zu Typografie und Mediengebrauch.
Ziel: Menschen mit geringer Sprachkompetenz das Verstehen von Texten erleichtern, einen Zugang zur Schriftsprache und damit zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Leichte Sprache dient deshalb auch der Barrierefreiheit. Und kommt zum Beispiel häufig bei Texten von Dienststellen oder Behörden zum Einsatz, die möglichst ohne fremde Hilfe verstanden werden müssen.

Marx in Leichter Sprache
Zusammengefasst: Beide Konzepte trimmen einen Text auf Verständlichkeit. Plain Language / Einfache Sprache dröselt Sätze auf und reduziert Fachbegriffe, ohne dass der Text an Informationen einbüsst. Leichte Sprache sorgt mit maximaler Reduktion und einem klaren Regelwerk dafür, dass die Hauptinformationen bei den Empfänger*innen ankommen. Die komplexen Gedanken eines Karl Marx bringt sie hingegen nur noch schwer aufs Papier.
Welcher Ansatz wann zum Tragen kommt, ist damit immer vom Publikum abhängig, das man ansprechen möchte. Und davon, was das konkrete Ziel eines Texts ist. Klar ist: Karl hätte jede Art von Vereinfachung gutgetan. Wie siehts bei Ihnen aus?
Titelbild via Supertext