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„Dieser Stein ist 100 Millionen Jahre alt, grob gesagt"
Text: Beat Bühlmann Bild: Joseph Schmidiger
Er holt uns am Bahnhof Littau ab und eilt uns fast davon, über die Thorbergbrücke ans Ufer der Kleinen Emme. Wenn es um Wasser und Steine geht, ist Roy Freeman in seinem Element. Er nimmt einen Stein aus dem breiten, mit viel Geröll angehäuftem Flussbett in die Hand. „Der lag einst im Ozean und ist 100 Millionen Jahre alt, grob gesagt." Roy Freeman ist jetzt kaum zu bremsen. Er weiss zu jedem Stein eine Geschichte, erklärt den weissen Strich auf der Oberfläche, vor Tausenden von Jahren da eingewoben, nimmt eine Pipette aus dem Rucksack und lässt ein paar Tropfen auf den Stein fallen; es schäum leicht. „Ja, das ist Kalkstein, 100 Millionen Jahre." Woher rührt seine Leidenschaft für die Steine? „Als Knirps haben mich beim Spazieren im Central Park die glitzernden, glimmernden Steine fasziniert", erzählt Freeman. „Ich habe nur noch auf den Boden geschaut." Kopf hoch, habe ihm der Vater dann immer wieder gesagt.
Keine Wissenschaft für Stubenhocker
Roy Freeman (66) ist in Kalifornien und New York aufgewachsen. Seine Liebe zur Geologie und zu den Steinen hat dort ihre Wurzeln. „In Kalifornien habe ich das Erdbeben gespürt, das ist mir eingefahren", erinnert er sich. „Es wurde mir schlagartig bewusst, dass im Erdinnern alles lebendig ist." Freeman ist alles andere als ein Stubenhocker. Er muss die Welt draussen sehen und spüren. Er war Wellenreiter in Kalifornien, hielt sich als Jugendlicher während Monaten bei den Mazatec Indianer in Mexiko auf, war Thunfischer im Pazifik, Verkäufer in Manhattan. 1970 kam er in die Schweiz, studierte an der ETH in Zürich Physik, Mathematik, Chemie, war ETH-Privatdozent in Erdwissenschaften und Geophysik; er lehrte Seismologie, Erdwärme, Umweltphysik, forschte über Materialen in Kalksteinen, die Plattentektonik im Mittelmeer und über die mathematische Modellierung von geodynamischer Prozesse.
Der nächste Tsunami kommt bestimmt
Das alles ist mir ziemlich fremd. Doch Roy Freeman versteht es innert Minuten, diese physikalischen Prozesse auch für mich anschaulich zu machen – ohne dass ich sie hier halbwegs plastisch und korrekt wiedergeben könnte. Die Rede war vom Ozeanboden, gequetscht von Lavaströmen, von den Steinen am Pilatus, die in früheren Zeiten 20 bis 100 Meter tief auf dem Meeresboden lagen. „Am Pilatus können wir die Klimageschichte über einen Zeitraum von 20 Millionen Jahren nachvollziehen", sagt Freeman. Am Ufer der Kleinen Emme in Littau, wo er Stein für Stein in die Hand nimmt und sie zeitgeschichtlich einordnet, befand sich der Reussgletscher, der bis zum Napf reichte. Die Gletscher schmolzen, die Stadt Luzern ist auf Molasse gebaut. „Das ist ein Gestein, das die Entwicklungsgeschichte der Alpen wiedergibt – wenn wir wissen, wie das alles zu lesen ist!"
Hin und wieder entdeckt Freeman Fossilien in alten Steinen. „Die Alpen sind auch heute noch in Bewegung, der Druck der afrikanischen Kontinentalplatte hält an", erklärt er. Es sei auch für ihn faszinierend, diesen langsamen Naturprozessen zu begegnen, die unmerklich in den Tiefen der Erde schlummern und plötzlich ausbrechen. „Der nächste Tsunami im Vierwaldstättersee kommt bestimmt", sagt Roy Freeman, „auch wenn wir selber ihn vielleicht nicht erleben werden." Schon einmal hat in der Zentralschweiz ein starkes Erdbeben eine Flutwelle im Vierwaldstättersee ausgelöst. Am 18. September 1601, so berichtete Renward Cysat, floss die Reuss zurück in den Vierwaldstättersee, sodass man schier trockenen Fusses über die Reuss gehen konnte – bevor das Wasser wieder mit grosser Heftigkeit in den Flusslauf zurück strömte. Die Flutwelle forderte damals mindestens acht Todesopfer, die meisten in Beckenried.
Dem Zeitlosen begegnet
Vor zehn Jahren hat Freeman seine Karriere an der ETH abgeschlossen und sich danach „neu erfunden", wie er sagt. Er arbeitete fünf Jahre in Zürcher Behindertenheimen, hat danach als Coach Menschen mit Autismus begleitet. Autisten und Stein sind oft sprachlos. „Ich selber war wie ein weisses Blatt und wollte zu mir selber kommen." Freeman lebt seit zehn Jahren mit seiner Partnerin, einer Naturärztin, in Littau und führt geologische Wanderungen durch, um anderen sein vielschichtiges Wissen über die Erde zu vermitteln. Zum Beispiel für Pro Natura oder per pedes, aber auch auf private Anfragen hin. Er bietet aber auch Geologietouren rund um Luzern an, zum Beispiel eine Halbtages-Wanderung am Nordfuss des Pilatus – zu sehen ist etwa ob Horw Grisiger Mergel. Der wurde vor etwa 34 Millionen Jahren im Meer abgelagert (siehe Webseite). „Speziell für ältere Menschen kann es sehr wertvoll sein, sich mit dem Ewigen, dem Zeitlosen und Vergänglichen in der Natur zu befassen und sich dem eigenen bevorstehenden Wandel, dem Tod anzunähern."
Das Wissen weitergeben
„Ich habe von meinem Studium in der Schweiz viel profitiert, deshalb möchte ich mein Wissen weitergeben und so zur Naturverbundenheit beitragen." Bei der Plakataktion vor zwei Jahren auf dem Plakatplatz, als wir ältere Frauen und Männer nach ihren Träumen fragten, machte auch Roy Freeman mit. „Ich möchte noch vielen Menschen die Natur näherbringen", lautete sein Zitat. Als Wissenschaftler fühle er sich verpflichtet, sich bei öffentlichen Debatten einzumischen und zum Beispiel über den Verlust der Gletscher zu reden. „Ich will Wissen vermitteln, nicht missionieren", sagt Roy Freeman. In diesem heissen Sommer – das Jahr 2014 war bereits eines der wärmsten! - sei er über alpine Landschaften mit auftauendem Permafrost marschiert. Die Schnelligkeit der Veränderung sei extrem, das hat ihn beeindruckt. „Die Natur kann damit leben", sagt Roy Freeman, „aber für uns birgt der Klimawandel grosse Risiken." Also ist er in den Bergen unterwegs, solange es geht. Denn das Wandern sei für ihn auch eine existenzielle Erfahrung. „Die Wanderungen eröffnen mir ganz andere zeitliche Dimensionen und verdeutlichen mir, dass ich nur ein kleiner Teil in einem grossen Prozess bin." – 15.9.2015