Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03489.jsonl.gz/2437

Einfälle beim Laufen 03: “Moderne” Musik.
Transkript:
Sonntag, den 20. April 2014, der Tag meines 73. Geburtstags (in der Tat ist es mein 72igster, interessante Fehlleistung) im “stade de Sousmoulins” nach 16 Runden sehr erfolgreichen Laufens, ohne Beschwerden, möchte ich etwas aufnehmen, was mir während des Laufens in den Kopf gekommen ist und beim Laufen kommen mir immer gute Gedanken. Im Anschluss an die Diskussion mit Christoph, gestern, dem anderen Christoph, über die Musik, dachte ich, ich würde gern ein ganz kurzes Essay oder Blog schreiben, über eine bestimmte Entwicklung innerhalb der europäischen Musik und diese Musik fängt an irgendwo mit einer Melodielinie und geht dann bis zu unserer Zeit mit höchst komplexen Kombinationen, Melodien, Harmonien, keine Melodien, keine Harmonien, und es geht immer hin und her zwischen Zwangsjacke und totaler Anarchie. Das Thema der Zwangsjacke und der Anarchie finde ich hochinteressant, weil die erste Zwangsjacke war eigentlich ein Riesenfortschritt …. Die Erfindung der Polyphonie … Ich bin kein Spezialist auf diesem Gebiet, aber ich denke halt, die Polyphonie ist am weitesten entwickelt worden von Johann Sebastian Bach und der hat dann versucht alles auzureitzen, was es innerhalb dieses Systems, dieser Zwangsjacke … was in diesem System möglich war. Es war dann am Ende überhaupt keine Zwangsjacke, weil dabei enorm schöne und gute und wichtige Dinge entdeckt (wurden), aber dennoch war dies ein System mit Regeln und das Interessante daran ist es, die Regeln beruhen einmal auf was schön klingt, zum zweiten was sich entwicklen möchte, nach links, nach rechts, nach oben oder nach unten, dass bestimmte Töne in bestimmten Harmoniekombinationen sich einen Partner wünschen, in den sie sich auflösen können oder in den sie sich erweitern können oder irgendsowas. Das heisst, diese Polyphonie war eigentlich die Öffnung in einen Bereich enormer Freiheiten, die aber bestimmt waren von den Gedanken, von dem, was passt dort hin. Man muss natürlich dazu einbeziehen, dass es, um ein solches polyphones harmonisches Regelsystem herzustellen, braucht man polyphonische Instrumente und diese polyphonischen Instrumente mussten so gestimmt sein, dass die Töne, die auf ihnen gespielt werden konnten, untereinander in einer … ahh, wie kann man sagen … in einer richtigen Reihenfolge gespielt, in einer richtigen Harmonie zueinander stehen. Das heisst, erst mit der Erfindung des Klaviestimmens, und da hat der Bach ja sein berühmtestes Werk darüber geschrieben, die harmonische Klavierlehre dann daraus gemacht, das war eigentlich der Anfang. Ich will mal noch weitergehen, weil bis ins Ende des 19. Jahrhunderts hat dieses Regelwerk eigentlich gegolten, hat aber dann schon ganz früh im 19. Jahrhundert eine Auflösung in sich getragen oder gesucht, zuerst waren da die Romantiker, die haben dann versucht, noch mehr auszureitzen und noch gewagtere Harmoniekombimationen zu wagen und dann gings eigentlich erst so richtig los, mit dem Wagner, und alles was dann nach dem Wagner kam. Ganz plötzlich hatte man den Eindruck, da ist einer, der will sich eigentlich nicht mehr von dem Gedanken der Harmonie, von dem, was “stimmig” ist, von dem, was “schön” klingt, von dem was “richtig” ist, leiten lassen, sondern irgendwo hat der sich eingelassen auf Töne und auf Klangfarben, was man heute sagen würde, “clusters”, “patterns”, und das war eigentlich der erste grosse Durchbruch, den er nicht ganz zu Ende geführt hat. Es gibt dann noch weitere Entwicklungen, vor allem in Anton Bruckner. Dann gibts natürlich auch den Mahler noch, und die haben dann alle versucht, innerhalb dieses Denkens weiterzuentwickeln oder nicht weiterzuentwickeln.