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Luisa Miller
Melodramma tragico in drei Akten von Giuseppe Verdi (1813-1901)
Libretto von Salvatore Cammarano
nach dem bürgerlichen Trauerspiel «Kabale und Liebe» von Friedrich Schiller
In italienischer Sprache mit deutscher und englischer Übertitelung. Dauer 2 Std. 55 Min. inkl. Pause nach ca. 55 Min. Werkeinführung jeweils 45 Min. vor Vorstellungsbeginn.
Luisa Miller
Kurzgefasst
Luisa Miller
«Es ist ein grossartiges Drama, voller Leidenschaft und theatralisch sehr effektvoll», befand Giuseppe Verdi über Kabale und Liebe, als er sich entschloss, bereits zum dritten Mal eine Oper nach einem Schauspiel von Friedrich Schiller in Angriff zu nehmen. Verdi war vor allem von Schillers psychologischem Scharfblick auf die Figuren angetan sowie von der Unausweichlichkeit, mit der die Handlung auf ihr tragisches Ende zurast: Rodolfo wirbt um Luisa, die Tochter des alten Soldaten Miller. Beide Väter widersetzen sich jedoch aus Standesgründen der Heirat, denn Rodolfo ist der Sohn eines Grafen. Als Rodolfo droht, ein düsteres Geheimnis seiner Familie zu enthüllen, wird Miller auf Betreiben des intriganten Verwalters Wurm, der selber ein Auge auf Luisa geworfen hat, festgenommen. Um ihren Vater vor dem Tod zu retten, erklärt sich Luisa bereit, Wurm zu heiraten. Rodolfo ist über die angebliche Untreue seiner angebeteten Luisa so verzweifelt, dass er sie und sich selbst vergiftet. Zu spät erkennen die beiden, dass sie Opfer einer Intrige geworden sind.
Das exquisite Solistenensemble unserer Wiederaufnahme präsentiert einmal mehr den grossen Leo Nucci in der Rolle des Vaters Miller. Nuccis Auftritte am Opernhaus Zürich sind legendär: Als Miller gab er hier bereits in der Spielzeit 1981/82 sein Debüt. Die Titelrolle singt Nino Machaidze, als Rodolfo ist der gefeierte amerikanische Tenor Matthew Polenzani zu erleben.
Essay
In Verdis Luisa Miller sind die beiden Hauptfiguren nicht das Liebespaar Luisa und Rodolfo, sondern Miller und der Graf von Walter. Ich sage das wirklich nicht, weil ich als Miller selbst die Baritonrolle singe, aber die beiden Väter sind nun einmal die wichtigen Kontrahenten in dieser Oper. Während der Graf von Walter mit aller Wucht und Grausamkeit für den Machterhalt steht, ja sogar für den Machtmissbrauch, verkörpert der alte Soldat Miller die bürgerliche Ehre und die Würde! Und er ist im Gegensatz zu Walter, der die Vaterliebe einmal als Höllenqual beschreibt, ein emotionaler und gütiger Vater: «In terra un padre somiglia Iddio / per la bontade, non pel rigor!»(«Auf Erden gleicht ein Vater Gott durch Güte, nicht durch Strenge»). Miller hat seine Tochter Luisa freiheitliches Denken gelehrt und überlässt ihr die Wahl ihres Gatten. Anders der Graf von Walter: Er projiziert seine eigenen Vorstellungen auf seinen Sohn und will in erster Linie über ihn bestimmen.
Vaterrollen nehmen in Verdis Werk ja grundsätzlich eine zentrale Stellung ein, und in diesem Zusammenhang möchte ich auf ein wichtiges biografisches Detail hinweisen: Verdi empfand die Übermacht der Väter während der Komposition von Luisa Miller ganz besonders stark. Damals hatte er selbst grossen Streit mit seinem Vater, so dass es später schliesslich zum Bruch kommen sollte. Der Anlass war unter anderem seine unkonventionelle Liaison mit der Sängerin Giuseppina Strepponi, die sich in Busseto grossen Anfeindungen ausgesetzt sah. Die beiden entschieden sich schliesslich, auf Verdis Gut nach Sant’Agata zu ziehen – ein Befreiungsschlag, der Rodolfo und Luisa in der Oper leider nicht vergönnt ist...
Für mich persönlich hat die Rolle des Miller eine wichtige Bedeutung: Zwar habe ich meine Karriere mit Rossinis Barbiere begonnen, und ich habe den Rigoletto so oft wie kein Zweiter gesungen, aber mein endgültiger internationaler Durchbruch gelang mir als Miller, als ich 1978 an der Londoner Covent Garden Opera debütierte. Und: den Miller habe ich auch bei meinem Debüt am Zürcher Opernhaus gesungen, in der Spielzeit 1981/82! Die Luisa war damals keine Geringere als Katia Ricciarelli, den Rodolfo sang José Carreras, den Grafen von Walter Bonaldo Giaiotti und Maestro Nello Santi dirigierte...
Gerade führe ich in Genova bei Luisa Miller selbst Regie, denn die Oper fasziniert mich wirklich sehr. Zwar ist es nicht Verdis berühmtestes Werk, aber ich halte es für ein richtiges Kleinod, denn es ist, 1849 in Neapel uraufgeführt, gleichsam eine Vorstudie dessen, was Verdi später schreiben sollte. Wieviele wunderbare Dinge kann man hier doch entdecken! Denken wir zum Beispiel an die Szene, in der der Intrigant Wurm Luisa zwingt, den Brief an Rodolfo zu schreiben, in dem sie ihre Liebe zu Rodolfo leugnet – eine Stelle, die von der Klarinette begleitet wird, genau wie später in der Traviata, wenn Violetta den Brief an Alfredo schreibt. Oder die ganze zweite Hälfte der Arie des Grafen von Walter, da hören wir schon Filippo II im Don Carlo! Wurm ist gleichsam eine frühe Skizze zu Jago, und Miller ist weniger mit Rigoletto verwandt als viel mehr mit dem Marquis von Posa im Don Carlo: Wie Posa ist auch Miller ein stolzer und von grossen freiheitlichen Idealen geprägter Charakter. Luisa Miller ist wirklich eine grosse Inspirationsquelle für die nachfolgenden Meisterwerke Verdis!
Nun aber freue ich mich, in der erfolgreichen Inszenierung von Damiano Michieletto wieder ans Zürcher Opernhaus zurückzukehren. Dieses Haus fehlte mir wirklich sehr!
Leo Nucci
Meine Rolle
Als ich mit 13 Jahren meinen ersten Gesangsunterricht bekam, dachte ich nicht einmal im Traum daran, Opernsänger zu werden. Man könnte ja meinen, dass die Oper europäischer Prägung in China weit weg ist. Aber das ist nicht so. Ich stamme aus Dalian, einer Hafenstadt auf der Halbinsel Liaodong ganz im Nordosten Chinas. Dort ist – wie auch im restlichen China – das Interesse an europäischer Oper sehr gross, immer mehr Opernhäuser werden gebaut. Wenn man an einer Musikhochschule Gesang studieren möchte, stehen die Chancen nicht schlecht; zwar muss man eine schwierige Aufnahmeprüfung absolvieren, aber da es sehr viele Ausbildungsplätze gibt, ist es einfacher als in Europa, einen Platz zu bekommen. Allerdings ist die Aus-bildung selbst nicht so gut, so dass viele Studenten nach ihrem Abschluss nach Europa gehen, um sich weiterzubilden. Und viele kommen danach wieder zurück nach China, um ihr Wissen weiterzugeben.
2005 stand ich zum ersten Mal auf der Bühne, ich sang Zuniga in Carmen in Shanghai. Da hat mich das Bühnenfieber gepackt: Seit dieser Erfahrung wollte ich alles dafür tun, um Opernsänger zu werden! Nach meinem Studium in Guangzhou war ich Stipendiat am Centre National d’Insertion Professionnelle d’Artistes Lyriques in Marseille. Meine erste Begegnung mit der Musik von Giuseppe Verdi hatte ich dann 2011 an der Oper in Bordeaux, wo ich Ferrando in Il trovatore sang. Seitdem singe ich sehr viel Verdi. Partien wie der Grossinquisitor und König Philipp in Don Carlos, Ramfis in Aida und natürlich Banco in Macbeth, den ich auch hier am Opernhaus Zürich in der Inszenierung von Barrie Kosky gesungen habe, sind perfekt für meine Stimme. Deshalb freue ich mich auch sehr auf den Wurm in Luisa Miller. Er hat zwar keine eigene Arie, ist aber an fast allen Ensembleszenen beteiligt und zieht sich als Figur durch das ganze Stück.
Technisch gesehen ist die Rolle nicht schwierig für mich zu singen. Diese Figur glaubwürdig auf die Bühne zu bringen, ist schon schwieriger, aber auch eine tolle Herausforderung, die mir wirklich grossen Spass macht, denn ich liebe es, solche Rollen auf der Bühne darzustellen! Wurm ist ein richtiger Bösewicht, ein furchtbarer Intrigant, der Luisa nicht liebt (und vielleicht auch gar nicht fähig ist zur Liebe), aber sie trotzdem um jeden Preis besitzen will. Er geht dafür buchstäblich über Leichen und ruft sogar die Hölle an, ihm beizustehen. Auch verfolgt ihn eine düstere Vergangenheit: Gemeinsam mit dem Grafen Walter hat er schon einmal einen Mord begangen, um Walter die Macht zu sichern.
In dieser Rolle sind Elemente des Bösen mit Elementen des Komischen verbunden. Das Diabolische und das Komische halten sich die Waage. Die Oper Luisa Miller geht zwar auf das Schauspiel von Schiller zurück, doch in Bezug auf Wurm fühlt man sich fast noch mehr an Figuren aus den Dramen Shakespeares erinnert. Und in gewisser Weise ist Wurm sogar ein Vorläufer des Hofnarren Rigoletto! Doch im Gegensatz zu Rigoletto wird Wurm am Schluss des Stückes nicht mit dem Tod seiner geliebten Tochter bestraft, sondern muss mit seinem eigenen Tod für seine Untaten bezahlen.