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Seit kurzem haben wir eine Spülmaschine in der Küche. Mit ihr entfiel ein nächster Zweck meines Daseins. Über Jahrzehnte liebte ich es, per Hand abzuwaschen.
Wir planten eine neue Küche und überlegten, was wir brauchen und was wir nicht brauchen. Eine komplett neue Küche hat ihren Preis, wie vermutlich jeder weiss, der nach Sanierung des vielleicht lebenswichtigsten Raumes einer Wohnung trachtet. Küchen sind nicht nur Herd und Kühlschrank und Konservenregal. Küchen waren immer die Höhlen, in denen zwei lebenswichtige Vorgänge stattfanden: Es wurde Essen zubereitet und es wurde geredet. Beide Tätigkeiten fruchten ohne Denken nicht, und so konnte es geschehen, dass bei der Zubereitung von Pelmenis, Soljanka oder Borschtsch über die Revolutionen in der Welt nachgedacht wurde; dass beim Kartoffelschälen und Weintrinken die zwischenmenschlichen Krisen wenigstens verbal und vorübergehend entschärft wurden; dass das eine oder andere Gedicht entstand, eine Idee für einen Roman, der Plan für einen nächsten Urlaub, während geschnitten, geklopft und gerollt wurde … Und all das hat auch in meinem Kopf stattgefunden, wenn ich meine Hände ins heisse Wasser steckte. Fit-geschäumtes Wasser.
Wenn ich die Teller wusch, die mich niemals zum Millionär werden liessen. Wenn ich jene Deckel schrubbte, die auf jeden Topf passten. Wenn ich die Messer und Gabeln reinigte, als wäre der Akt der Waschung ein Teil der kulturellen Säuberung oder moralischen Erneuerung. Wobei ich jetzt einschieben muss, dass ich nicht genau weiss, was eine moralische Erneuerung oder kulturelle Säuberung sein könnte. Das sind eher Begriffspaarungen, die nach nichts Gutem riechen. Jedenfalls war, mit den Händen abzuwaschen, eine machbare Revolution, war die sinnliche Erfahrung, dass es einen Weg zum Reinen gibt.
Nein, ich habe mich bis zum Schlussentscheid gewehrt. Eine Spülmaschine braucht es nicht. Es sind nicht nur zwei Wörter, die nicht zueinander passen: SPÜLEN und MASCHINE – geht nicht zusammen. Ich spüle meinen Titan-Teller und meinen Titan-Löffel in einem eiskalten Bach Lapplands -, und Titan ist ein Material, das es ohne Fortschritt nicht gäbe; ich bin durchaus kein Fortschritts-Feind. Ich spüle meine Hände nach der Gartenarbeit im Wasser der Regentonne, die aus Plastik ist; ich bin durchaus kein Fortschrittsfeind. SPÜLEN steht mit SPIELEN und SPÜREN ganz weit oben auf der Ranking-Liste des Nützlichen und Schönen, des Sinnlichen und Erfahrbaren.
Aber dann wieder … all die anderen … Freunde, Bekannte, Verwandte … diese ganze Welt, die seit Jahren und Jahrzehnten SPÜLMASCHINEN besitzt. Wie NASEN- und OHRENTRIMMER. Wie ESPRESSOMASCHINEN und LAUBSAUGER. Und am SELBSTFAHRENDEN AUTO wird auch getüftelt. Sie alle sagten, mehr oder weniger durch die Blume des Guten: „Ja biste denn närrisch! Eine neue Küche und keine Spülmaschine, wie töricht ist das denn! Das erleichtert! Das spart Platz, weil das dreckige Geschirr nicht mehr rumsteht! Das spart Zeit, weil du, während die Maschine an deiner Stelle spült, am Schreibtisch sitzen, dir in der Nase popeln und Sonette einfallen lassen kannst!“
Wir haben uns entschieden. Ich höre sie gerade wieder. Sie ist sehr leise, fast melodisch will ich es nennen: dies sanfte Brausen in einer Maschine, die zudem verkleidet ist mit einer Schicht eleganten Dekors.
Ich gewöhne mich allmählich. Wie immer, glaube ich, und es kommt wie ein Echo aus fernen, red- und weinseligen Zeiten auf mich, als in Küchen noch philosophiert, phantasiert und üppig palavert wurde: Was ist der Mensch anderes als ein Gewohnheitsviech, und wenn er dem trüben Vergangenen nachweint, dann weint er seinem betrüblichen Vergehen nach.
Im Übrigen soll alles, was aus Holz oder Plastik besteht, ohnehin nicht in die spülende Maschine. Las ich in der Gebrauchsanweisung. Ich bin nicht ganz chancenlos gegen die neue Maschine in meinem Haushalt.