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von Gregor Loepfe
«Ich habe 1953 angefangen und war totaler Autodidakt. Ich wollte eigentlich Bauer werden, aber mein Bruder hat mich dazu gebracht, in seinem Tanzorchester mitzuspielen», erinnert sich Pierre Favre an seine ersten Gehversuche als Schlagzeuger. Nach kurzer Zeit sei er ein leidenschaftlicher Drummer geworden, mit 17 Jahren in ein professionelles Tanzorchester eingetreten und schliesslich bei Albert Mangelsdorff, George Gruntz und Chet Baker gelandet – und das alles in den 1950er-Jahren. So zufällig Favre zum Schlagzeug kam, so fulminant startete seine Karriere und brachte ihn in kurzer Zeit mit den einflussreichsten Musikern zusammen.
Der Job im Orchester, Max Greger und der Freejazz
Obwohl Favre keine Noten lesen konnte, bekam er eine erste Anstellung beim damaligen Radio-Unterhaltungsorchester in Basel. Er habe sich alles gut merken können, da sei das nicht so aufgefallen, meint Favre dazu. Spätestens nach dem Besuch des ersten Jazzkonzerts 1953 galt seine Liebe aber dem Jazz, und er besorgte sich Platten von Max Roach. Mit gut 20 Jahren ging er nach Paris und nach Rom und spielte unter anderem mit dem Klarinettisten Bill Smith. Doch mit richtigem Jazz war kaum Geld zu verdienen. Da kam der Anruf von Max Greger gerade richtig. Favre liess sich jedoch zweimal bitten, bevor er zusagte. Somit geschah, was kaum einer weiss: Favre spielte fünf Jahre lang als Schlagzeuger in Max Gregers Tanzorchester und sass unter anderem bei der Einspielung der Titelmelodie zum «Aktuellen Sportstudio» des ZDF am Schlagzeug. Parallel dazu spielte er mit Albert Mangelsdorff experimentellen Jazz, später auch mit Peter Kowald, dem Propheten des europäischen Freejazz.
Vom Freejazzer zum Klangpoeten
«Kowald meckerte an meinem Gong herum. Er wollte nur, dass ich Krach mache. Da merkte ich, dass es Zeit war, mich zurückzuziehen», erinnert sich Favre an jene Periode. Das besinnungslose Draufhauen habe ihm nicht eingeleuchtet. Alles musste laut und formlos sein. Auf die Dauer habe ihn das nicht interessiert, denn es ging ihm um Feinheiten. Ende der 1960er-Jahre hat Favre seine ersten Soloprogramme entwickelt und fand zu jenen klanglichen Feinheiten, die ihm lange vorschwebten. Die Zusammenarbeit mit dem Beckenhersteller Paiste, wo er an der Entwicklung der Becken mitwirkte, beflügelte ihn zusätzlich. Sein eigenes Schlagzeugsetting erweiterte er mit neuen Komponenten, vom Beckenbaum über den Gong bis zur grossen Trommel, und er revolutionierte das Schlagzeugspiel von Grund auf. Seinen Perkussionsinstrumenten brachte er das Singen von Melodien bei. So befreite er sie aus ihrem Dasein als Rhythmussklaven. Bald wurde das Münchner Label ECM, Ort für Klangraffinessen und musikalische Innovation, auf den Schweizer Musiker aufmerksam.
Ein vielseitiges Schaffen, dokumentiert auf mehreren Tonträgern
Nach einigen Alben für ECM nimmt Pierre Favre mittlerweile beim Schweizer Label Intakt Records auf. Dabei setzt er vor allem auf verschiedene Arten des Duos: mit der Pianistin Irène Schweizer, dem Posaunisten Samuel Blaser, der chinesischen Pipaspielerin Yang Jing und anderen. Zu seinen weiteren Projekten gehören das «Pierre Favre Ensemble» sowie das Schlagzeugquartett «DrumSights». Favre ist zu wünschen, dass ihn sein Lieblingssatz «Ich mache einfach sehr gerne, was ich nicht kann» noch zu vielen weiteren kreativen Projekten führt – auch über das 80. Lebensjahr hinaus.
Pierre Favre im Programm von Radio Swiss Jazz