Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03195.jsonl.gz/2386

REGION: Wie leben Biber? Welche Bauten erstellen Sie? Wieso können Sie quasi versteckt mitten in den Dörfern und Städten leben? Zeit, sich mal das Leben und «Wirken» dieser spannenden Tiere anzuschauen. awu
In der Ausgabe 9 der «D’REGION» vom 2. März 2021 berichteten wir im Rahmen des Interviews mit Wildhüter Simon Quinche bereits über die Ausbreitung des Bibers. Wie kann die Stadt Burgdorf, aber auch grosse Teile unserer Dörfer von Bibern bevölkert sein, ohne dass die Einwohner viel davon merken? Auch ich stellte beim Schreiben des Berichts fest, dass ich gar nicht viel über das Leben der Biber weiss. Regelmässig besucht uns ein Biber in unserem Garten und ich stellte mir vor, dass dieser im Wald in einer grossen Biberburg lebt. Wildhüter Simon Quinche erklärte mir jedoch, dass die meisten Biber «unsichtbar» wohnen. Grosse und sichtbare Biberburgen entstehen nur in seltenen Fällen. Grund genug, die Lebensgewohnheiten dieser Nagetiere etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.
Wie lebt der Biber?
Biber leben in einer monogamen Dauerehe. Die Biberfamilie besteht aus den Jungtieren des aktuellen Jahres sowie den Jungtieren des Vorjahres. Von Januar bis März paaren sich die Altbiber. Im Frühjahr, also etwa ein bis drei Monate bevor das Muttertier erneut Junge bekommt, werden die dann fast zweijährigen Jungtiere aus dem Revier vertrieben. Dies geschieht nicht gewaltsam auf einmal. Stattdessen werden die Elterntiere aufdringlich und unleidig, so wird der halbstarke Nachwuchs unter Anwendung von gelegentlichen Zwicken oder Scheinangriffen vom Fressplatz verscheucht.
Nach einer Tragzeit von maximal 107 Tagen kommen zwei bis vier voll entwickelte Jungtiere mit einem Geburtsgewicht von 500 bis 700 Gramm zur Welt. Die Jungtiere werden in der Regel zwei Monate lang von der Mutter gesäugt und erlangen nach etwa drei Jahren die Geschlechtsreife. Die jungen Biber sind wasserscheu, so muss das Muttertier die Kleinen zuerst in das Wasser werfen, um sie daran zu gewöhnen.
Der Biber ist dämmerungs- und nachtaktiv und ein reiner Pflanzenfresser. Er bevorzugt Kräuter, Gräser, Schilf und Wasserpflanzen, fällt Sträucher und Laubbäume und verzehrt deren Zweige, Rinden und Blätter. Die Bäume bearbeitet er in der für Biber typischen «Sanduhrtechnik», was die Bäume zum Fall bringt. In einer Nacht fällt der Biber so ohne Probleme einen Baum mit bis zu 40 Zentimetern Stammdurchmesser.
Auch im Winter bleiben die Biber aktiv und suchen weiter nach Nahrung. In dieser Zeit legt er zusätzliche Nahrungsvorräte an und spezialisiert sich auch besonders auf Rinde, weswegen im Herbst und Winter besonders viele Spuren an Bäumen zu finden sind. Wenn sie durch das gefrorene Wasser ihren Bau nicht mehr so einfach verlassen können, ernähren sie sich von der Rinde der gelagerten Äste.
Das Revier einer Biberfamilie misst meistens über einen Kilometer. Die Grenzen werden mit dem sogenannten «Bibergeil», einem Sekret, das der Biber ausscheidet, markiert. Wenn ein anderer Biber das so abgesteckte Revier betritt, wird er von den Bewohnern verjagt.
Ein sturer Bewohner
Wie eingangs erwähnt, wohnen Biber nur sehr selten in einer imposanten Biberburg, wie man sie kennt, sondern in einem sogenannten Wohnkessel. Dieser ist der Mittelpunkt für die Familie und pro Revier werden unter Umständen drei bis vier Wohnkessel angelegt. Diese sehen aus wie ein Iglu mit einem Durchmesser von circa 120 und einer Höhe von rund 60 Zentimetern. Als zusätzliche Fress-, Spiel- und Versteckmöglichkeit gräbt der Biber mehrere sogenannte Biberröhren. Diese Röhren sind nicht mit dem Wohnkessel verbunden und befinden sich im Abstand von 50 bis 100 Metern von diesem. Beim Anlegen des Baus ist der Biber stur und hartnäckig, das heisst: Er will genau hier seinen Bau errichten und sonst nirgends!
Der Eingang einer «Biberwohnung» liegt immer unter Wasser. Beim Betreten ihrer Behausung müssen die Biber also wie durch eine Art «Siphon» wieder über den Wasserspiegel nach oben tauchen und sind so vor ungebetenen Gästen geschützt. Um den Wasserspiegel zu regulieren, baut der Biber Dämme und staut das Wasser je nach seinem Bedarf. Je nach Ort und Gewässer entsteht dabei eine von drei Arten Biberbauten.
Baumeister Biber
Wenn das Gewässer tief genug ist, erstellt der Biber rund 100 Meter vom Damm entfernt eine sogenannte Erdburg als seinen Wohnkessel. Dies ist die häufigste Behausung und ist von aussen nicht zu erkennen. Wie erwähnt, ist der Eingang unter Wasser und ein kurzer Gang in der Uferböschung führt in die Erdburg. Meis-tens befindet sich neben Bächen ein Weg, welcher direkt über des Bibers Burg führt und bei starker Belastung wie etwa durch Nutztiere, Maschinen oder Fahrzeuge einstürzt und dann repariert werden muss. Sofort nach einem Einsturz beginnt der Biber seine Behausung zu reparieren, allerdings wieder zu schwach oder angehäuft und deshalb nicht praktikabel für den Menschen. Dies ist dann ein Fall für eine Zusammenkunft von Wildhüter und Landbesitzer. In Gewässern in und um die Dörfer wie auch in der Stadt Burgdorf befinden sich daher die meis-ten Biberbauten im Untergrund.
Wenn das Gewässer zu wenig tief ist oder eben wie oben erwähnt einstürzt, erstellt der Biber eine «Mittelburg». Dieses Bauwerk ist vom Aufbau her identisch wie die Erdburg, ist aber sichtbar und sieht aus wie ein Asthaufen mit Dreck vermischt. Aufgepasst: Es ist gesetzlich verboten, diesen «Haufen» zu betreten oder zu zerstören.
Am bekanntesten, aber zahlenmässig am geringsten sind die Biberburgen mit Dämmen von bis zu drei Metern Höhe. Bei dieser Variante wohnen die Biber im Damm. Dafür stauen Biber Bäche im grossen Stil und legen sogar künstliche Teiche an. Auch hier trägt der Damm dazu bei, den Wasserstand circa 60 Zentimeter über dem Eingang zu halten und einen genügend grossen Wasserbereich um die Burg herum zu gewährleisten.
Alle Biberdämme bedürfen ständiger Unterhaltsarbeiten und werden laufend erneuert und verstärkt. Biber sind also richtige Arbeitstiere. Bei Hochwasser durch starke Regenfälle können die Biber ihren Damm öffnen und so vor dem Wegschwemmen schützen. Diese Regulierung ermöglicht vielen Wasserpflanzen ein Gedeihen. Diese wiederum dienen dem Biber teilweise als Nahrung. So entsteht ein natürlicher Kreislauf, welchen wir heute «Win-win-Situation» nennen.
Alexandra Weber