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Am Neujahrstag wird die Revolution fünfzig Jahre alt. Nach Jahrzehnten der Handelsblockade und einer wirtschaftlichen Stagnation in den neunziger Jahren ist die Versorgungslage wieder besser geworden. Aber gibt es wirklich etwas zu feiern?
Dort, wo in Kubas Hauptstadt Havanna die aus der Altstadt kommende Prachtallee Prado in die Uferdammstrasse Malecón mündet, findet sich eine Mauer: Es sind die Überreste der Fassade des ehemaligen Hotels Pakar. Eine Wand, drei Stockwerke hoch, mit langen Reihen aus hohen, leeren Fenstern. Die Trümmer der eingestürzten Stockwerke dahinter sind längst weggeschafft. Nur die koloniale Fassade liess man stehen. Sie ist eingerüstet und soll dereinst einem neuen, modernen Hotel Patina verleihen.
Falsche Fassaden, imaginäre Front
Wer Havanna zum ersten Mal besucht, hat den Eindruck, als ob hier tatsächlich etwas geschehe. Als ob der Staat etwas tue gegen den Verfall. Man kann sich das neu eröffnete Hotel Pakar schon vorstellen. Aber bis es so weit sein wird, werden noch viele Jahre vergehen, und vielleicht wird es nie geschehen. Das Gerüst steht schon lange und schützt die Wand vor dem Einsturz. Seit über einem Jahrzehnt ist das Hotel am Prado nicht mehr als eine Fassade und dadurch symbolisch für vieles, was in Kuba im 50. Jahr der Revolution nicht funktioniert.
Schon 1957 in der Sierra Maestra, als seine Rebellenarmee kaum zwei Dutzend Kämpfer zählte, zeigte Fidel Castro, dass er ein genialer Täuscher war. So erzählt Elio Pena, laut Visitenkarte «Erster Spezialist in Museologie», im Museum der Revolution, wie der Comandante en Jefe 1957 den «New York Times»-Reporter Herbert Mathews zum Interview in sein Guerillacamp lud. Während die beiden dort Zigarren schmauchten und plauderten, liess Fidel seine wenigen Männer in verschiedener Maskerade immer wieder auf- und abtreten. Als angebliche Botschafter der ersten, zweiten, dritten oder vierten Kolonne brachten sie Nachrichten von imaginären Fronten. Der Reporter war beeindruckt und schrieb auf der Titelseite seiner Zeitung eine Hymne auf eine - nicht existente - Rebellenarmee und ihren charismatischen Führer.
Scharaden wie diese schufen das Bild vom sympathischen, schlitzohrigen Revolutionär. Garniert wurde es mit Wahnsinnstaten wie der Fahrt der für höchstens zwanzig Personen gebauten Ausflugsjacht Granma, mit der am 2. Dezember 1956 über achtzig seekranke Guerilleros an der kubanischen Küste landeten, um das Land vom Tyrannen Fulgencio Batista zu befreien. Museologe Pena kann stundenlang über diese und andere Taten reden. Er kennt die Details aller Schlachten und Siege. Zwölf Kämpfer sollen es gewesen sein, die zusammen mit Fidel den Angriff der Batista-Armee nach der Landung der Granma überlebten. (In Wirklichkeit waren es ein paar mehr.) Vom Auftakt des Befreiungskriegs mit dem gescheiterten Sturm auf die Moncada-Kaserne am 26. Juli 1953 bis zur Flucht des Diktators am 1. Januar 1959 vergingen genau fünf Jahre, fünf Monate und fünf Tage. Mystische Zahlenspiele, die Fidel Castro und seiner Revolution eine beinahe religiöse Aura verleihen. Sieben Jahre arbeitete ein Künstler an den lebensechten Puppen der dahingeschiedenen Comandantes Ernesto «Che» Guevara und Camilo Cienfuegos, die heute die Hauptattraktion des Revolutionsmuseums sind. Hinter dem Museum liegt die «Granma» in einem pharaonischen Sarg aus grünem Panzerglas.
Mehr als alles andere sind es diese Legenden, an die man am 50. Jahrestag der Revolution erinnern wird. Es ist die Vorgeschichte der Revolution, auf die man im offiziellen Kuba besonders stolz ist. Ist der Museologe aber am 1. Januar 1959 angekommen, wird sein Redefluss stockend. Gerade so, als sei mit dem Sturz Batistas und dem eigentlichen Beginn der Revolution alles schon wieder vorbei gewesen; als gäbe es danach kaum mehr etwas zu erzählen.
Krisen? Welche Krisen?
Sicher, es gab noch ein paar Schlachten und Siege: Im April 1961, als in der Schweinebucht eine von den USA finanzierte Söldnertruppe in wenigen Tagen aufgerieben wurde. Oder im Oktober 1962, als die Sowjetunion Mittelstreckenraketen auf Kuba stationierte und damit die Welt an den Rand eines Atomkriegs brachte. Auch das heldenhafte Ertragen der seit bald fünfzig Jahren andauernden Handelsblockade der USA wird gerne erwähnt. Und natürlich die angeblich mehr als 600 Attentatsversuche, denen Castro entkam.
Von der sogenannten Mariel-Krise 1980, als Castro nach der Erstürmung der peruanischen Botschaft in Havanna rund 130 000 KubanerInnen in die USA fliehen liess, redet der Museologe nicht. Auch nicht von der Balsero-Krise 1994, als sich Zehntausende auf Flossen ins Meer stürzten und viele von Haien getötet wurden, bevor sie die 140 Kilometer entfernte Küste Floridas erreichen konnten. Heute sind solche Massenfluchten unwahrscheinlich. Die grosse Mehrheit der KubanerInnen hat sich mit dem Sozialismus der Gebrüder Fidel und Raúl Castro abgefunden.
Nach den harten Jahren der sogenannten «Spezialperiode in Friedenszeiten», die auf den Zusammenbruch der Sowjetunion nach 1991 folgten, ist das Leben wieder erträglicher geworden. Damals waren Kuba in kürzester Zeit 85 Prozent seiner Exportmärkte weggebrochen, das Bruttoinlandsprodukt sackte innerhalb eines Jahres um über dreissig Prozent ab. Der Wechselkurs des kubanischen Peso stürzte auf dem Schwarzmarkt so dramatisch in die Tiefe, dass einfache ArbeiterInnen für einen Monatslohn gerade einmal einen einzigen US-Dollar bekamen.
Massentourismus war damals die Lösung - und schaffte zunächst nur Probleme. Denn TouristInnen geben Trinkgelder in harten Devisen. Als Parkplatzwächter bekam man an einem Tag mehr Geld zugesteckt, als eine Neurochirurgin in einem Monat verdient; als Liftboy konnte man mit einer einzigen Aufzugfahrt mehr verdienen, als das Gehalt einer Lehrerin ausmachte. Entsprechend fragten sich viele KubanerInnen: Warum dann noch unterrichten oder operieren? Das Bildungs- und das Gesundheitssystem - bis dahin florierende sozialistische Vorzeigebiotope - trockneten aus. In den Bodegas, in denen auf Bezugsschein subventionierte Lebensmittel zu symbolischen Preisen abgegeben werden, verstaubten die Regale.
Die Bodegas sind noch heute ein eher trauriger Anblick. Aber immerhin, es gibt dort Reis und Bohnen, Speiseöl und Salz, sogar Zigarren und Rum. Ab und zu, sagt ein Kunde, bekomme man sogar eine Kartoffel. Jedes Kind bis zum Alter von sieben Jahren erhält einen halben Liter Milch pro Tag. Knapp die Hälfte des Lebensmittel- und Hygienebedarfs kann eine Familie zu Spottpreisen in der Bodega befriedigen. Immerhin: Die grosse Mehrheit der BewohnerInnen der karibischen Nachbarinseln wie Jamaica oder Haiti kann von so etwas nicht einmal träumen. Ganz zu schweigen von der ärztlichen Versorgung, die weiterhin gratis für alle ist.
Exportschlager Gesundheit
Das kubanische Gesundheitssystem sei so potent, dass man sogar über 30 000 ÄrztInnen exportieren könne, sagt Eneida Pérez, stellvertretende Direktorin der Augenklinik Ramón Pando Ferrer. Seit Fidel Castro und der venezolanische Präsident Hugo Chávez 2004 die Mission Milagro (Wunder) erfanden, sind AugenärztInnen die Avantgarde. Bis zum Jahr 2020 sollen sie die vom grauen Star verursachte Blindheit beseitigen. Und das nicht nur in Kuba und Venezuela, sondern weltweit. Kuba stellt die ÄrztInnen, Venezuela bezahlt mit Petrodollars. Gemeinsam haben die beiden Länder schon Augenkliniken in Bolivien, Ecuador und etlichen anderen lateinamerikanischen Ländern gebaut; auch in Algerien, Mali und China. Aus anderen Ländern werden PatientInnen zur Behandlung nach Kuba geflogen. Das Operationszentrum ist das Krankenhaus Pando Ferrer, ausgerüstet mit der neuesten Medizintechnologie aus europäischen Ländern. Eben deshalb werden JournalistInnen gerne ins Pando Ferrer geführt. Fast zwei Millionen Blinde hat die Mission Milagro wieder sehend gemacht.
Eine Vorzeigeschule scheint es dagegen nicht zu geben. Die Schule des 24. Februar im Stadtteil Playa am westlichen Rand von Havanna, die mit staatlicher Erlaubnis besucht werden darf, ist schon rein äusserlich kein Renommierobjekt: Zwei heruntergekommene ehemalige bürgerliche Villen, die notdürftig für den Unterricht hergerichtet wurden. Seit 1959 wurde nichts in die Substanz der Gebäude investiert. Ein paar Dutzend Stühle mit integrierter Schreibunterlage wurden aufgestellt, ein paar Tafeln an die Wand gehängt und auch ein paar Fotos von Che und Fidel.
In der Schule werden zurzeit 748 Erwachsene unterrichtet, die auf diesem Weg die Matura nachholen. Viele von ihnen waren in den neunziger Jahren direkt nach den neun Jahren Pflichtunterricht von der Schule abgegangen, da es in dem zusammenbrechenden staatlichen System keinen Grund mehr gab, etwas zu lernen. Qualifizierte Berufe brachten damals nur einen Bruchteil dessen, was man als HandlangerIn in der Schattenwirtschaft verdiente. Zeitweise war selbständige Arbeit sogar legal. Und richtiges Geld floss auf dem Schwarzmarkt. Doch in den neunziger Jahren verwandelte sich Kuba in ein korruptes Land: Wer die Möglichkeit hatte, klaute aus dem staatlichen Sektor, was er konnte, und verkaufte es gegen harte Devisen.
Je mehr sich die staatliche Wirtschaft dank Tourismus und Petrodollars aus Venezuela erholte, desto stärker wurde die Schattenwirtschaft reglementiert. Heute gibt es kaum mehr ArbeiterInnen, die legal auf eigene Rechnung wirtschaften. Die meisten damals entstandenen Familienrestaurants sind unter den Steuern, die ihnen auferlegt wurden, konkursgegangen. Wer aufs schnelle Geld gesetzt hatte, gehört heute zu den VerliererInnen. Es gibt kaum mehr Berufe, für die ein Hauptschulabschluss reicht, sagt Alicia Loy, die Direktorin der Erwachsenenschule 24. Februar. Selbst für einfache Arbeiten werde mindestens Matur verlangt, oft auch Fremdsprachen- und Computerkenntnisse. Hier, in den beiden alten Villen, kümmern sich die LehrerInnen darum, dass aus den VerliererInnen «wieder nützliche Mitglieder der Gesellschaft werden». Inzwischen gibt es im ganzen Land 128 solcher Erwachsenenschulen.
Alles auf dem Schwarzmarkt
Die Gehälter im staatlichen Sektor sind heute deutlich besser als vor zehn oder fünfzehn Jahren. Für einen US-Dollar bekommt man keine 160 kubanische Pesos mehr, sondern nur noch 20. Und mit einem ordentlichen Job lassen sich durchaus 350 oder 400 Pesos verdienen, womit man in Kuba knapp das Lebensnotwendige kaufen kann. Doch das alleine reicht nicht als Motivation, um im Alter von dreissig oder vierzig Jahren noch einmal die Schulbank zu drücken.
Wer in Kuba überleben will und kein Geld von Verwandten aus dem Ausland bezieht, braucht einen staatlichen Job. Wo sonst gäbe es etwas zu stehlen? So sagen ApothekerInnen ihren KundInnen, die mit Rezept verlangte Gratismedizin sei derzeit nicht zu haben - um ihnen genau dieses Mittelchen eine halbe Stunde später auf der Strasse gegen harte Devisen zu verkaufen. BauarbeiterInnen schleppen Zementsäcke aus dem Depot, KrankenhausköchInnen Säcke voller Reis aus dem Vorratsraum. Alles landet auf dem Schwarzmarkt. Jeder und jede braucht harte Währung, um das, was es in der Staatsbodega nicht gibt, in der Schattenwirtschaft zu besorgen. Und weil überall zu viel geklaut wird, wird es nie genug in der Bodega geben. Ein absurdes System. Gesundheit und Bildung mögen sozialistisch sein im besten Sinne. Aber hinter dieser Fassade subventioniert ein trister Staatssozialismus einen illegalen wilden Kapitalismus im Untergrund - und kommt deshalb selbst nie vom Fleck.
Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.Unterstützen Sie den ProWOZ