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Wladimir Bukowski (* 1942) ist nicht zu beneiden. Schon als Jugendlicher wurde er wegen staatsfeindlicher Meinung von Schule und Universität ausgeschlossen. Er durchlitt Gefängnis, Lager und Verbannung. Zudem wurde er 12 Jahre zwangsweise in eine psychiatrische Anstalt gesteckt. Nach seiner Abschiebung in den Westen 1976 wurde er von seinem Heimatland heftig verleumdet.
Schockierend schildert er in seinem Buch „Dieser stechende Schmerz der Freiheit“ seine Erfahrungen nach fünf Jahren Aufenthalt im Westen. Ein Augenöffner für mich waren seine Beobachtungen zum Thema Wahrheitssuche im Westen. Er spricht von drei Einstellungen gegenüber der Wahrheit (S. 60):
- Es kann nur eine Wahrheit geben.
- Die Wahrheit muss irgendwo in der Mitte zwischen zwei widersprüchlichen Behauptungen liegen.
- Es gibt zahlreiche Wahrheiten, und jede Ansicht enthält ihre eigene.
Jede dieser Einstellungen könne richtig sein, wenn sie allerdings „auf die eine oder andere Kategorie von Problemen angewandt wird“ (ebd.).
Ich hatte oft Gelegenheit, diesen Unterschied zu beobachten, wenn Menschen in der UdSSR und hier im Westen diskutierten. Bei uns streitet man sich die ganze Nacht hindurch bis zur Heiserkeit und versucht entweder, den Partner eines Besseren zu belehren oder gemeinsam die einzige Wahrheit zu finden. Hier (im Westen, meine Ergänzung) gibt es kaum echte Diskussionen. Beide Seiten bescheiden sich damit, ihren Standpunkt in allen Einzelheiten darzulegen und zu präzisieren, aber sie diskutieren nicht. Sie machen Versuche, einen Kompromiss, nicht jedoch die einzige Wahrheit zu finden. (61)
Worauf führt Bukowski dies zurück?
… vielleicht hat sich der Mensch, in der pluralistischen Gesellschaft aufgewachsen, an den funktionellen Charakter der Wahrheit und an Kompromisse gewöhnt. … Vor die Wahl zwischen zwei verschiedenen Standpunkten gestellt, macht der Sowjetbürger sich daran, die Wahrheit herauszukristallisieren, während der westliche Mensch entweder beide Standpunkte hinnimmt oder eine mittlere Linie vertritt. (61)
Während seines Aufenthalts in der Psychiatrie bzw. im Gefängnis wandte der Autor eine geniale Strategie an. Sie lasen in der Gruppe alle verfügbaren Zeitungen und Zeitschriften.
Jeder arbeitete fünf bis sieben Exemplare durch, und die so gewonnenen Informationen wurden zum Gegenstand einer allgemeinen Diskussion. Vieles blieb natürlich unklar oder strittig, aber ich konnte mich, im Westen angekommen, überzeugen, dass meine Vorstellungen von ihm überraschend präzise waren. Selbstverständlich waren mir zahllose elementare Dinge unbekannt, doch das, was ich schon vorher wusste, erwies sich als zutreffend. (62)
Fazit: Wir sind Falschinformationen gegenüber ziemlich hilflos ausgeliefert. Wir begnügen uns damit, uns widerstreitenden Meinungen hinzugeben. Keine gute Voraussetzungen für Propaganda und Manipulation!