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N. Luhmann ist Soziologe. Als solcher spricht er nicht über Menschen - die er als psychische Systeme den Psychologen überlässt -, er spricht über "funktionale Systeme". In seiner Theorie ist Kommunikation ein funktionales System, das sich - wie jedes System - erhalten will. N. Luhmann sagt, dass die Kommunikation kommuniziert, nicht die Menschen.
In dieser soziologischen Sicht ist beispielsweise auch die Kunst ein funktionales System. Der gesunde Menschenverstand glaubt, dass Künstler Kunst hervorbringen. Nach N. Luhmann dagegen bringt die Kunst die Künstler und die Kunstwerke hervor. Und dazu braucht die Kunst menschliche Rollenträger, die dann tun, was die funktionalen Rolle verlangen. Im gleichen Sinn ist die Kommunikation ein funktionales System. Es bringt Kommunikationen hervor und verwendet dabei - wie das Kunstsystem - Menschen als Rollenträger.
Kommunikation ist nach N. Luhmann ein System, welches Menschen organisiert. Das System kommuniziert, nicht die Menschen. In diesem Sinne sagt N. Luhmann: "Man (der Mensch) kann nicht kommunizieren". Menschen fungieren lediglich als Instanzen in der Kommunikation. Logischerweise entfällt dann auch die Frage des Verstehens, und sogar die Möglichkeit des Mitteilens. Bei einer Thermostatenheizung sage ich ja auch nicht - oder nur ganz metaphorisch -, dass der Thermometer dem Oelbrenner mitteilt, dass es zu kalt ist, und dass der Oelbrenner das versteht und deshalb mehr heizt. Die Kommunikation findet nicht zwischen Thermometer und Oelbrenner statt, sondern ist ein Ausgleichsprozess im Heizungssystem. Bei N. Luhmann findet die Kommunikation nicht zwischen Menschen statt, sondern in der Gesellschaft, und zwar so, dass die Gesellschaft erhalten bleibt. N. Luhmann sagt, dass man auch den einzelnen Menschen als funktionales System (dann als psychisches oder als biologisches System) betrachten könne, dass man dann aber von andern Systemen spreche.
Funktionale Systeme sind keine Systeme, wie sie in der kybernetischen Systemtheorie beschrieben werden, sondern Handlungszusammenhänge. Handlungszusammenhänge sind Interpretationsrahmen, die ein deutender Beobachter verwendet, um eine kohärente Deutung zu schaffen. Im Handlungszusammenhang "Kunst" gibt es das Phänomen "Kunstwerk". Bevor die Werke als Kunst gesehen wurden, gab es den Handlungszusammenhang "Kunst" nicht. Das Phänomen "Werk" war dann beispielsweise gutes Handwerk. Noch heute bezeichnen wir den Uebergang als Kunsthandwerk. Wenn jemand für ein Stück bemalte Leinwand ein Million Franken bezahlt, ist das im Handlungszusammenhang der Warenökonomie nicht "verstehbar". Sinnvoll beschreiben lässt sich dieses Verhalten aber im Handlungszusammenhang "Kunst". Und wenn ein Stück bemaltes Tuch im Hinterhof eines Malergeschäfts auf einem Abfallhaufen liegt, sehe ich es normalerweise in einem andern Handlungszusammenhang, als wenn es eingerahmt im Museum hängt.
N. Luhmann hat seine autopoietische Theorie teilweise von H. Maturana übernommen und für seine Zwecke adaptiert. Das Luhmannsche Verständnis der Systemtheorie wurzelt bei den amerikanischen Soziologen (T. Parsons), während H. Maturana seine Autopoiese aus neurobiologischen Ueberlegungen heraus entwickelte. N. Luhmann's funktionalen Systeme entsprechen der Systemtheorie insofern, als sie operationell geschlossen sind, also nicht mit andern Systemen, sondern nur in sich selbst kommunizieren. N. Luhmann verwendet aber ein sehr komplexes "Beobachterkonzept" und damit verbunden eine eigene Sprache, die nicht ohne weiteres auf die kybernetische Systemtheorie abbildbar ist. Insbesondere ist mir unklar, wie N. Luhmann zwischen System und Systemprozess unterscheidet, da er den Ausdruck Kommunikation für beides verwendet. Man kann - ich tue es - N. Luhmann so verstehen, dass er auf diese Unterscheidung und mithin auf einen Prozessträger verzichtet. Kommunikation wäre dann in einem formalen Sinn freischwebend und würde sich in funktionalen Systemen wie Kunst oder Politik instanziieren, also beliebige solche System als Rollenträger verwenden. (Um N. Luhmann verstehen zu können, müsste man in diesem Fall ziemlich formal Denken (können)). Die operationale Geschlossenheit hat Luhmann von Humberto Maturana mit dem Konzept der Autopoiese übernommen. Es ist aber nicht leicht nachvollziehbar, wie N. Luhmann H. Maturana interpretiert (H. Maturana hats einem verbreiteten Gerücht nach auch nicht verstanden).
N. Luhmann verwendet H. Maturana's Konzept der Autopoiese ziemlich abstrakt. Bei H. Maturana ist die Sache noch relativ leicht nachvollziehbar.
|Kommunikationstheorie N. Luhmanns

von http://www.michael-giesecke.de/theorie/index.htm

|Am Ende des Milleniums faßte Niklas Luhmann die Glaubenssätze
der europäischen Buchkultur über 'Kommunikation' noch einmal zusammen.
Ohne jede kritische Distanzierung stellt er fest:

1.
||"Kommunikation ist eine
exklusiv gesellschaftliche Operation" 1990:63

Kommunikation wird also an menschliche Sozialgemeinschaften gebunden.
|2.||Kommunikation ist 'innenhaftes'
Reden und Schreiben über die Umwelt und/der des Bezugssystems. Kommunikation
wird an sozial ausgearbeiteten, und in Sprache sedimentierten Sinn gebunden.
("Gesellschaft als operativ geschlossenes System sinnhafter Kommunikation"
1990:62)

Sinn wiederum ist letztlich an Bewußtsein gebunden.
|3.||Es gibt keine Kommunikation zwischen den Menschen (der Gesellschaft) einerseits und der Natur, Technik andererseits sondern nur soziale Kommunikation über diese anderen Arten der Umwelt.|
|4.||Resonanz, Wechselwirkung findet nur zwischen dem System und seiner Umwelt statt. Sie ist keine systembildende Kraft und kein kommunikativer Prozess. Eben deshalb kann weder die Gesellschaft mit ihrer Umwelt noch das Psychische mit dem Körperlichen (Physischen) kommunizieren.|
|5.||Kommunikation ist eine aktive, zielgerichtete menschliche Handlung deren Erfolgskriterium letztlich die Zielerreichung ist.|

Damit kann umstandslos an soziologische Handlungstheorien und die perspektivische Wahrnehmungstheorie des Spätmittelalters angeschlossen werden.
Dieser Begriff von 'Kommunikation' ist an der Jahrtausendwende anachronistisch dysfunktional und sektiererisch.
Er ist anachronistisch, weil er eine Antwort auf die Probleme der Vergesellschaftung im Industriezeitalter unter den Bedingungen typographischen Massenmedien liefert aber nicht auf die rückkopplungsintensiven neuen technischen und sozialen Kommunikationsformen eingeht.
Er ist dysfunktional weil er die drängenden ökologischen und interkulturellen, Probleme unserer Gegenwart die alle eine Kommunikation zwischen artverschiedenen Kommunikatoren erfordern, nicht behandeln kann.
Er ist sektiererisch, weil in den vielen, vermutlich den meisten Bereichen der Gesellschaft der Begriff schon in anderem zeitgemäßem Sinn verwendet wird. Er dient letztlich der Mystifizierung, der ideologischen Rechtfertigung der Buchkultur.
Ökologische Kommunikation im Sinne artenübergreifender Kommunikation schließt Luhmann explizit aus. Der homo soziologicus bzw. der Bürger der Buchkultur kommuniziert nicht mit sondern ausschließlich über die Umwelt (mit anderen Bürgern).
"Der Begriff der ökologischen Gefährdung sei vorsorglich (solange wir nicht genau wissen, worum es sich handelt) sehr weit gefaßt. Er soll jede Kommunikation über Umwelt bezeichnen, die eine Änderung von Strukturen des Kommunikationssystems Gesellschaft zu veranlassen sucht. Wohlgemerkt: es handelt sich um ein ausschließlich gesellschaftsinternes Phänomen. Es geht nicht um die vermeintlich objektiven Tatsachen: daß die Ölvorräte abnehmen, die Flüsse zu warm werden, die Wälder absterben, der Himmel sich verdunkelt und die Meere verschmutzen. Das alles mag der Fall sein oder nicht der Fall sein, erzeugt als nur physikalischer, chemischer oder biologischer Tatbestand jedoch keine gesellschaftliche Resonanz, solange nicht darüber kommuniziert wird. Es mögen Fische sterben oder Menschen, das Baden in Seen oder Flüssen mag Krankheiten erzeugen, es mag kein Öl mehr aus den Pumpen kommen und die Durchschnittstemperaturen mögen sinken oder steigen: solange darüber nicht kommuniziert wird, hat dies keine gesellschaftlichen Auswirkungen. Die Gesellschaft ist ein zwar umweltempfindliches, aber operativ geschlossenes System.
Um diesen wichtigen Ausgangspunkt noch einmal in anderer Formulierung festzuhalten, kann man auch sagen, daß die Umwelt des Gesellschaftssystems keine Möglichkeit hat, mit der Gesellschaft zu kommunizieren. Kommunikation ist eine exklusiv gesellschaftliche Operation. Es gibt auf der Ebene dieser spezifisch gesellschaftlichen Operationsweise weder Input noch Output." [1]
Die Welt des Niklas Luhmann war keine ökologische Welt sondern ein soziales Supersystem, eben 'die Gesellschaft'.
Wenn er davon spricht, daß irgendetwas 'kommuniziert' so muß - wie in dem Zitat - diesen Ausdruck mit 'reden', 'schreiben' oder bestenfalls 'drucken' übersetzen.
Jedenfalls ist diese Operation Gebrauch von Sprache und jedenfalls auch die Handlung eines Akteurs - nicht etwa eine emergentes Interaktionsprodukt.
Luhmann übernimmt mit dieser Theorieanlage die Komplexitätsreduktion der Buch- und Industriekultur. Mit Ökologie hat dies nichts zu tun - nur mit der Rede über das, was ein initiiertes geschlossenes System, an 'Belastungsgefühlen' hervorbringt, wenn sich fremde Arten in der Umwelt laut machen.

|[1] Luhmann, Niklas. Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? Opladen 3, 1990, S. 62/63|
|Was ist Kommunikation?

N. Luhmann in: Simon, F. B. (Hg.) Lebende Systeme. Wirklichkeitskonstruktionen in der systemischen Therapie. Berlin u. a.: Springer 1988

I.
Mein Ziel ist, das geläufige Verständnis von Kommunikation
zu kritisieren und ihm eine andersartige Variante an die Seite zu stellen.
Bevor ich damit beginne, sind aber einige Bemerkungen über den wissenschaftlichen
Kontext angebracht, in dem dieses Manöver vollzogen werden soll.

II.

Ähnlich wie Leben und wie Bewußtsein
ist auch Kommunikation eine emergente Realität, ein Sachverhalt sui
generis. Sie kommt zustande durch eine Synthese von drei verschiedenen
Selektionen - nämlich Selektion einer Information, Selektion der
Mitteilung dieser Information und selektives Verstehen oder Mißverstehen
dieser Mitteilung und ihrer Information.

III.
|Was ist an diesem Kommunikationsbegriff neu? Und
was sind die Konsequenzen der Neuerung?

Neu ist zunächst nicht die Unterscheidung der drei Komponenten Information, Mitteilung, Verstehen. Man findet eine ähnliche Unterscheidung bei Karl Bühler unter dem Gesichtspunkt unterschiedlicher Funktionen der sprachlichen Kommunikation. Dies haben Amerikaner wie Austin und Searle zu einer Theorie von Akttypen oder Sprechakten verstärkt und versteift. Daran wiederum hat Jürgen Habermas eine Theorie von Geltungsansprüchen angeschlossen, die in der Kommunikation impliziert sind. Das alles geht aber immer noch von einem handlungstheoretischen Verständnis der Kommunikation aus und sieht den Kommunikationsvorgang deshalb als eine gelingende oder mißlingende Übertragung von Nachrichten, Informationen oder Verständigungszumutungen. Demgegenüber wird bei einem systemtheoretischen Ansatz die Emergenz: der Kommunikation selbst betont. Es wird nichts übertragen. Es wird Redundanz erzeugt in dem Sinne, daß die Kommunikation ein Gedächtnis erzeugt, das von vielen auf sehr verschiedene Weise in Anspruch genommen werden kann. Wenn A dem B etwas mitteilt, kann sich die weitere Kommunikation an A oder an B wenden. Das System pulsiert gleichsam mit einer ständigen Erzeugung von Überschuß und Selektion. Durch die Erfindung von Schrift und Buchdruck ist dies Systembildungsverfahren nochmals immens gesteigert worden, mit Konsequenzen für Sozialstruktur, Semantik, ja für Sprache selbst, die erst allmählich ins Blickfeld der Forschung treten.
Die drei Komponenten Information, Mitteilung und Verstehen müssen also nicht als Funktionen, nicht als Akte, nicht als Horizonte für Geltungsansprüche interpretiert werden (ohne daß man bestreiten müßte, daß all dies auch eine mögliche Art ihrer Verwendung ist). Es sind auch keine Bausteine der Kommunikation, die unabhängig existieren könnten und nur durch jemanden - durch wen? durch das Subjekt'? - zusammengesetzt werden müssen. Es handelt sich vielmehr um unterschiedliche Selektionen, deren Selektivität und deren Selektionsbereich überhaupt erst durch die Kommunikation konstituiert werden. Es gibt keine Information außerhalb der Kommunikation, es gibt keine Mitteilung außerhalb der Kommunikation, es gibt kein Verstehen außerhalb der Kommunikation - und dies nicht etwa in einem kausalen Sinne, wonach die Information die Ursache der Mitteilung und die Mitteilung Ursache des Verstehens sein müßte, sondern im zirkulären Sinne wechselseitiger Voraussetzung.
Ein Kommunikationssystem ist deshalb ein vollständig geschlossenes System, das die Komponenten, aus denen es besteht, durch die Kommunikation selbst erzeugt. In diesem Sinne ist ein Kommunikationssystem ein autopoietisches System, das alles, was für das System als Einheit fungiert, durch das System produziert und reproduziert. Daß dies nur in einer Umwelt und unter Abhängigkeit von Beschränkungen durch die Umwelt geschehen kann, versteht sich von selbst.
Etwas konkreter ausformuliert, bedeutet dies, daß das Kommunikationssystem nicht nur seine Elemente - das, was jeweils eine nicht weiter auflösbare Einheit der Kommunikation ist -, sondern auch seine Strukturen selbst spezifiziert. Was nicht kommuniziert wird, kann dazu nichts beitragen. Nur Kommunikation kann Kommunikation beeinflussen; nur Kommunikation kann Einheiten der Kommunikation dekomponieren (zum Beispiel den Selektionshorizont einer Information analysieren oder nach den Gründen für eine Mitteilung fragen) und nur Kommunikation kann Kommunikation kontrollieren und reparieren. Wie man leicht sehen kann, ist die Praxis einer solchen Durchführung von reflexiven Operationen ein außerordentlich aufwendiges Verfahren, das durch die Eigenarten der Autopoiesis der Kommunikation in Schranken gehalten wird. Man kann nicht immer genauer und immer genauer nachfassen. Irgendwann, und ziemlich schnell, ist der Grenznutzen der Kommunikation erreicht oder die Geduld - das heißt die Belastbarkeit der psychischen Umwelt - erschöpft. Oder das Interesse an anderen Themen oder anderen Partnern drängt sich vor.

IV.

Diese These der zirkulären, autopoietischen
Geschlossenheit des Systems ist nicht leicht zu akzeptieren. Man muß
eine zeitlang damit gedanklich experimentieren, um allmählich zu
sehen, was sie bringt. Dasselbe gilt für eine zweite, eng damit zusammenhängende
These. Die Kommunikation hat keinen Zweck, keine immanente Entelechie.
Sie geschieht oder geschieht nicht - das ist alles, was man dazu sagen
kann. Insofern folgt die Theorie nicht einem aristotelischen Duktus, sondern
eher dem Theoriestil Spinozas.

V.
|Lassen Sie mich nunmehr diesen allgemeinen Theorieansatz
an einer Spezialfrage ausprobieren: am Problem der Wertbeziehung von Kommunikationen.
Wir sind auf neukantianischen Grundlagen oder auch durch Jürgen Habermas
trainiert, hier sogleich Geltungsansprüche zu wittern und zu ihrer
Prüfung einzuladen. Die Wirklichkeit ist einfacher - und zugleich komplizierter.

Was man empirisch beobachten kann, ist zunächst, daß Werte in der Kommunikation per Implikation herangezogen werden. Man setzt sie voraus. Man spielt auf sie an. Man sagt nicht direkt: Ich bin für Frieden. Ich schätze meine Gesundheit. Man vermeidet das aus dem Grunde, den wir schon kennen: weil das die Möglichkeiten auf Annahme oder Ablehnung hin duplizieren würde. Gerade das scheint bei Werten unnötig zu sein - oder so meint man jedenfalls.
Werte gelten somit kraft Unterstellung ihrer Geltung. Wer wertbezogen kommuniziert, nimmt eine Art Werte-Bonus in Anspruch. Der andere muß sich melden, wenn er nicht einverstanden ist. Man operiert gleichsam im Schutze der Schönheit und Gutheit der Werte und profitiert davon, daß derjenige, der protestieren will, die Komplexität übernehmen muß. Er hat die Argumentationslast. Er läuft die Gefahr, innovativ denken zu müssen und sich isolieren zu müssen. Und da immer mehr Werte impliziert sind, als im nächsten Zuge thematisiert werden können, ist das Herauspicken, Ablehnen oder Modifizieren ein fast hoffnungsloses Unterfangen. Man diskutiert nicht über Werte, sondern nur über Präferenzen, Interessen, Vorschriften, Programme. Das alles heißt nicht, daß es ein Wertsystem gäbe. Auch nicht, daß Wertordnungen transitiv oder hierarchisch strukturiert sind. Es. heißt auch nicht, und das ist vor allem wichtig, daß es sich um psychologisch stabile Strukturen handele. Im Gegenteil: psychologisch scheinen Werte eine außerordentlich labile Existenz zu führen. Sie werden mal benutzt, mal nicht benutzt, ohne daß man dafür eine Art psychologische Tiefenstruktur entdecken könnte. Ihre Stabilität ist, so will ich einmal provokativ formulieren, ein ausschließlich kommunikatives Artefakt, und das autopoietische System des Bewußtseins geht damit um, wie es ihm gefällt. Und genau deshalb, weil hier Strukturen der Autopoiesis des sozialen Systems im Spiel sind, eignet sich die Wertesemantik zur Darstellung der Grundlagen eines sozialen Systems für den Eigengebrauch. Ihre Stabilität beruht auf einer rekursiven Unterstellung des Unterstellens und auf einer Erprobung der Semantik, mit der das jeweils funktioniert bzw. nicht funktioniert. Die "Geltungsgrundlage" ist Rekursivität, gehärtet durch die kommunikative Benachteiligung des Widerspruchs.
Was das Bewußtsein sich dabei denkt, ist eine ganz andere Frage. Wenn es versiert ist, wird es wissen, daß Wertkonsens ebenso unvermeidlich wie unschädlich ist. Denn es gibt keinen Selbstvollzug der Werte, und man kann alles, was sie zu fordern scheinen, im Vollzug immer noch entgleisen lassen, im Namen von Werten natürlich.

VI.

Eine derart tiefgreifende Revision der system- und kommunikationstheoretischen
Begrifflichkeit wird sicher Konsequenzen haben für den Bereich der
Diagnose und Therapie von Systemzuständen, die man als pathologisch
ansieht. Mir fehlt für diesen Bereich jegliche Kompetenz und vor
allem jene Art von automatischer Selbstkontrolle die aus einer Vertrautheit
mit dem Milieu entsteht. Trotzdem möchte ich versuchen, in einer
Art Zusammenfassung einige Punkte zu beleuchten, die vielleicht einen
Anlaß geben könnten, bekannte Phänomene neu zu konstruieren.