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"Das Beste, was wir tun können auf dieser Welt, ist: Gutes tun, fröhlich sein, und die Spatzen pfeifen lassen." Sagte der Priester und Erzieher Don Giovanni Bosco. Nun kennen wir den Herrn nicht persönlich, aber wir vermuten mal, er meinte mit den Spatzen jene sprichwörtlichen, die von den Dächern pfeifen. Denn die realen Spatzen waren zu seiner Zeit, im 19. Jahrhundert, recht unbeliebt. Das hatten sie sich - wie die öffentliche Meinung wohl wusste - zur Gänze selbst zuzuschreiben.
Ein ungeliebter Freund
Der Grund für die jahrhundertelange Ächtung der Sperlinge ist so offensichtlich wie einleuchtend: "Da sie faul sind und viel fressen..." brachte es der durchaus nicht generell vogelfeindliche Comte de Buffon auf den Punkt. Wobei die unterschobene "Faulheit" bezüglich eines Vogels, dessen Name sich wahrscheinlich vom indogermanischen sper, zappeln, ableitet, nicht auf Anhieb überzeugt. Doch da der Begriff des "Kulturfolgers" noch nicht geprägt war, wie sollte man sich damit anfreunden, dass die Spatzen sich frech an menschlicher Hände Arbeit gütlich taten? Die Verbitterung jener Bauern jedenfalls, denen beim Aussäen ein fröhlicher Schwarm Feldsperlinge auf dem Fuss folgte, ist verständlich. Die Volksmagie riet ihnen diesbezüglich - aus Aberglauben oder zur Schonung tugendsamer Ohren? -, beim Säen zu schweigen und ein paar Körner Saatgut unter der Zunge zu tragen. Von amtlicher Stelle wurden die Untertanen indessen vielerorts zur Entrichtung einer "Spatzensteuer" verpflichtet: 20 Spatzenköpfchen jährlich beispielsweise gemäss einer Verordnung gegen die Spatzenplage in Kurmainz, 1745. Das brachte zwar auf längere Sicht nicht viel, aber immerhin konnte man sensibleren Gemütern eine Strafgebühr aufbrummen.
Erfolgreicher war Mao Zedong, der 1957 die Ausrottung der Spatzen forderte und dazu die Gesamtbevölkerung Chinas auf die Felder scheuchte. Diese veranstaltete dann tagelang Lärm, bis die verängstigten Vögel schliesslich erschöpft zu Boden fielen und bequem entleibt werden konnten. Das Ergebnis: Eine Insektenplage, Hungersnot, Millionen (menschliche) Tote. Denn entgegen der Weisheit des Parteiführers fressen Spatzen nicht nur Weizen und Gerste, sondern auch die Samen von Unkräutern und - besonders in der Brutzeit - eine schöne Anzahl von Insekten.
Brauner Kopf, grauer Kopf, kluger Kopf
Der Sperling verbreitete sich im Gefolge des Menschen über die ganze Welt. Dementsprechend gibt es ihn in allerlei Arten: Weidensperlinge, Steinsperlinge, die vormals falsch klassifizierten Schneefinken, richtiger Schneesperlinge, und - möglicherweise, die Ornithologen streiten noch - Italiensperlinge sind es neben den weitverbreiteten Feld- und Haussperlingen in Europa. Davon konzentrieren wir uns hier auf die beiden Letzteren. Unterscheiden lassen sich diese leicht.
Der Feldsperling lebt, seinen Namen zu Herzen nehmend, traditionell auf dem Land. Männchen und Weibchen sind sich sehr ähnlich, mit braunem Gefieder und einem kleinen schwarzen Fleck auf den weissen Wangen, einem ebenfalls hellen Nackenband sowie - Achtung, Unterscheidungsmerkmal! - einem braunen Scheitel.
Das in der Stadt ansässige Haussperlings-Männchen gibt sich hingegen "bunt": Ebenfalls kräftig braun befiedert, prunkt es mit schwarzem Kehllatz und auffälligem bleigrauen Scheitel. Das Weibchen weiss sich etwas zurückhaltender zu präsentieren und gewandet sich in ein schickes Braungrau unter einem ebensolchen Scheitel.
Was unter diesem Scheitel so alles vorgeht, verblüfft all jene, die Denkvermögen mit Hirnvolumen gleichsetzen. Nicht nur, dass Spatzen jeweils artspezifische und regionale Dialekte 'sprechen' und sich bezüglich ihres Liebeslebens freizügiger zeigen als von Stammbaumforschern gern gesehen. Das teilen sie mit vielen Singvögeln. Sie beweisen ausserdem herausragende Findigkeit und Neugier. Da flattern sie dann vor Lichtschranken herum, um sich Einlass durch die zugehörigen Türen zu verschaffen, warten auf Züge, um nach deren Eintreffen vom stirnseitigen Insektenbuffet zu naschen, oder platzieren Zigarettenkippen in ihren Nestern, um mittels der darin befindlichen Gifte Parasiten fernzuhalten. Ihr musikalisches Gespür harrt derweil noch einer kultivierten Verfeinerung. Bislang kapriziert es sich auf den verzückenden Klang von Steinchen auf Metall oder dem Picken gegen Porzellanisolatoren. Ebenfalls scheinen sie sich der unter mancherlei Vögeln verbreiteten Kulturpraktik des "Einemsens" noch nicht ganz sicher zu sein. Diese Gepflogenheit, sich stinkwütende Ameisen ins Federkleid zu stecken, um mittels Ameisensäure lästige Schmarotzer auszutreiben, vollziehen sie nach Meinung von Beobachtern noch weitgehend unkoordiniert nach dem berühmten Prinzip: "Wenn die Eichelhäher das machen, wird's wohl für was gut sein."
Spatzenschutz: Lieber jetzt als zu spät
Diese Anpassungen des Spatzen an den Windzug unserer industriellen Entwicklung scheinen allerdings von ebendem wieder verblasen zu werden. Was Heerscharen zornentbrannter Bauern nicht vermochten, könnten wir nun schaffen. Seit spätestens den späten Achtzigern nimmt die Population der Spatzen in Europa ab. Die Gründe dafür sind die klassischen. Dem Feldsperling hat gewiss die Industrialisierung der Agrarwirtschaft mit ihrer Räumung der Landschaft, ihrem Mangel an Brachflächen und der Effizienz ihrer mechanisierten Erntegeräte zu schaffen gemacht. Er fand da immer weniger zu fressen und auch immer weniger geschützte Plätzchen für die Aufzucht seiner Jungen, weshalb er auch zunehmend auf die Städte und Vorstädte auswich. Sein Bestand scheint sich indessen nach einem bemerkenswerten Einbruch im letzten Vierteljahrhundert auf niedrigerem Niveau stabilisiert zu haben.
Etwas unübersichtlicher gestaltet es sich für die Hausspatzen. Deren Bestände nehmen in Europa weiterhin soweit ab, dass sie in Deutschland zur verschärften Beobachtung auf die sogenannte Vorwarnliste gesetzt wurden. Zwei oder mehr Ursachen könnten hier zusammenfallen. Einerseits ein Nahrungsmangel, speziell bezüglich der Nestlingsnahrung aus Insekten. Viele Jungvögel verhungern oder schwächeln soweit, dass sie Gefahren leichter zum Opfer fallen. Dieser Befund wird gestützt durch hohe Verlustzahlen vor allem in Städten mit "gepflegten", zurückgestutzten Grünflächen und mit Gärten mit vorzugsweise exotischer Bepflanzung, beweist sich jedoch nicht einheitlich. Weiterhin mag es sein, dass unsere löbliche Anstrengung zur energetischen Sanierung von Gebäuden ein unvermutetes Opfer fordert, indem es die Spatzen ihrer Nistplätze beraubt. Die geschwächten Populationen werden dann gegen bekannte Drangsale wie Katzen, Autoverkehr, Lärm und Glasflächen nochmals anfälliger. Dass der Bestandesrückgang mit der Eingrenzung ihrer Brutmöglichkeiten zu tun haben muss, ist schlüssig: Frühere Vernichtungsfeldzüge konnten sie durch ihre Fähigkeit, bis zu drei Bruten jährlich aufzuziehen, verhältnismässig leicht abwehren. Das gelingt ihnen offensichtlich nicht mehr. Dass aber einer der anpassungsfreudigsten Vögel nach Jahrtausenden der zwieträchtigen Koexistenz plötzlich merkliche Mühe mit seiner menschlichen Nachbarschaft zeigt, muss uns stutzig machen - vielleicht mehr noch als die akute Gefährdung seltenerer, spezialisierter Spezies.
Von der fortgesetzten Energiesanierung unserer Behausungen sollten wir uns von dieser Nachricht dann gleichwohl nicht abbringen lassen. Glücklicherweise haben wir einige weitere simple Spatzenschutzmassnahmen zur Auswahl. Das gute alte Vogelhäuschen wird vom Spatz immer noch gern genommen, solange es einen Fluglochdurchmesser zwischen 3 und 3,5 Zentimetern aufweist. Gesellig, wie sie sind, mögen sie dieses dann auch als Reihenhaus. Oder wir pflanzen eine hübsch dornige Hecke, oder begrünen eine Hausfassade. Bezüglich der Nahrungsbereitstellung können wir auf weitere unserer repetitiv vorgetragenen Tipps zurückgreifen: Naturgarten, samentragende, insektenfreundliche Bepflanzung und nochmals; Hecken. Daneben sollte man sich überwinden, etwas von dem, was so von den Sträuchern und Bäumen fällt, auch mal liegenzulassen. Und bis diese Massnahmen greifen, können wir uns in der ewigen Diskussion um Sinn und Unsinn der Singvogelfütterung vorerst auf die Seite der Piepmätze schlagen: Stichwort Meisenknödel.
Etwas kostspieliger: Eine möglichst transparente, also nicht spiegelnde Fensterverglasung. Spatzen wollen nicht aufs Sofa, wenn sie gegen die Scheibe donnern, sondern zu der sich im Glas spiegelnden Birke. Alternativ nützt auch ein Vorhang. Greifvogelsilhouetten hingegen wirken nicht. Wir können ausserdem Nistmaterial anbieten: Federchen aus Bettzeug, ausgekämmte Haarbüschel oder Wollreste in ein Drahtgeflecht verpacken und regengeschützt aufhängen. All das dürfte helfen, dass nachkommende Generationen nicht über uns urteilen wie der alternde Wilhelm Busch über sich selbst:
„Ich rief: "Spatz, komm, ich füttre dich!"
Er fasst mich scharf ins Auge.
Er scheint zu glauben, dass auch ich im Grunde nicht viel tauge.“