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Die Mechanisierung der Baumwollspinnerei im Kanton Aargau vollzog sich unter dem Konkurrenzdruck des billigen englischen Garns rasch und radikal. 1828 erwarb der Zürcher Fabrikant Heinrich Kunz ein Grundstück in Windisch an der Reuss, um sein Spinnereiimperium weiter auszubauen. Mit einem imposanten und industriegeschichtlich bedeutenden Doppelstreichwehr schafften Kunz und seine Erben die Voraussetzung für eine der grössten und modernsten Spinnereien Europas.
Nach dem Tode von Heinrich Kunz bauten die Erben 1864/65 den Unter- und Oberwasserkanal aus und liessen den 30 Fuss breiten Stichkanal verdoppeln und auf 3900 Fuss verlängern. Grund für diese Neuerung war die Ersetzung der alten Wasserräder durch neue Turbinen. 1866 liefen bereits vier Jonval-Turbinen von der Firma Escher, Wyss & Cie.
Der Ausbau der Wasserkraft ermöglichte den Bau einer dritten Spinnerei. Heute wird etwa 2/3 der im Betrieb benötigten Energie durch das eigene Kraftwerk erzeugt.
Die mehrgeschossigen klassizistischen Fabriken veranschaulichen den Rationalismus des Industriezeitalters. Ihre Merkmale sind einfache, rechteckige Baukörper mit gleichmässig verteilten Fenstern. Um gute Arbeiter und Arbeiterinnen an die Fabrik zu binden, stellten die Besitzer um die Mitte des Jahrhunderts Wohnungen bereit. Diese sogenannten Kosthäuser werden heute noch von Mitarbeitern bewohnt und weisen acht bis zwölf Wohnungen von grösster Einfachheit auf. Die Arbeiterhäuser, die nordöstlich des Industrieareals aufgereiht sind, nehmen die strenge Gliederung der benachbarten Fabrikbauten auf.
Zusätzliche Kosthäuser auf der Gebenstorfer Seite werden über eine Brücke mit der Spinnerei verbunden.
Die Arbeiter und Arbeiterinnen waren der Willkür des Unternehmers Kunz ausgeliefert. Bei geringfügigen Verstössen gegen die rigide Fabrikordnung wurden happige Bussen oder die fristlose Entlassung verordnet. Das Fabrikgesetz von 1877 verbot zwar Kinderarbeit, brachte sonst aber kaum Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und auch keine soziale Sicherheit, Erst 1912, nach dem Verkauf an einen deutschen Textilkonzern, wurden die sozialen Verhältnisse verbessert.
Situation um 1900. Vor der sechsgeschossigen Doppelfabrik führte ein Holzsteg über die Reuss. 1916 ersetzte man ihn durch die heute noch bestehende Betonbrücke.
|1||Spinnerei I|
|2||Spinnerei II|
|3||Spinnerei III|
|4||Wohnhaus Kunz|
|5||Kraftwerk|
|6||Wohlfahrtshaus|
|7||Verwaltungsgebäude|
|8||Kosthaus|
|⃘||Standort|
Das gewaltige Windischer Wasserwerk mit Doppelstreichwehr, erbaut zwischen 1829 und 1838, ermöglichte den Ausbau zu einer der grössten Spinnereien Europas.
Planskizze, die Kunz dem Konzessionsgesuch von 1828 beilegte.
Flugufnahme um 1920. Längs des ein Kilometer langen Kanals enstanden nach 1837 mehrere Wohnhäuser für Fabrikarbeiter, sogenannte Kosthäuser.
Der Krämerladen der Familie Müller um 1940 diente als Kleinstwarenhaus für die Arbeiter der Spinnerei Kunz.
|1828||Konzession zur Wassernutzung|
|1829||Bau der ‘alten Fabrik‘, des Kanals und des angebauten Wohnhauses rechts des Kanals|
|1835||Bau der zweiten Fabrik links des Kanals|
|1836||100 Spinnmaschinen mit 35‘000 Spindeln in Betrieb|
|1837||Bau des ersten Kosthauses|
|1846||567 Beschäftigte in der Spinnerei Windisch|
|1859||Tod von Heinrich Kunz (ledig, kinderlos). Fabrik an Miterben Heinrich Zollinger, Johannes Wunderly-Zollinger|
|1865||Bau der dritten Fabrik und von zwei zusätzlichen Kosthäusern. Verlängerung des Unterwasserkanals und Antrieb durch vier Jonval-Turbinen|
|1868||Betrieb einer fünften Jonval-Turbine. Anstieg der genutzten Wasserkraft auf 842 PS|
|1873||Übernahme durch die Söhne Hans Wunderly-von Muralt, Paul Wunderly und Ernst Zollinger|
|1879||Grösster Arbeitgeber im Kanton Aargau mit über 900 Beschäftigten|
|1910||Modernisierung und Reduzierung der sechsgeschossigen Bauten auf vier Geschosse. Räume dadurch von 2.70 auf 4.00 m erhöht|
|1912||Verkauf an den deutschen Textilkonzern W. Wolf & Söhne aus Stuttgart|
|1917 – 1918
||Neubau Turbinenhaus. Bau des Verwaltungsgebäudes und des Wohlfahrtshauses|
|1941||Verkauf der ‘Spinnerei Kunz AG‘ an den Oerlikon-Bührle Konzern|