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Ich würde gern leben wie ein armer Mann mit einem Haufen Geld.»(Pablo Picasso)
Obwohl der Trend, wie man so hört, in die gegenteilige Richtung geht, bin ich immer noch ein feuriger Befürworter der 1:12-Initiative. Ich verstehe nicht, warum sich die Leute jahrelang über schwindelerregende Managerlöhne ärgern, aber kaum unternimmt jemand etwas Konkretes dagegen, kommen tausend Wenn und Aber und am Schluss bleibt alles wieder beim Alten. Ja, Sie haben richtig verstanden: Dies ist eine Abstimmungsempfehlung!
Ich habe mich umgehört: Niemand stösst sich daran, dass eine Putzfrau einen Zwölftel von dem verdienen soll, was ihr oberster Chef verdient. Alle, die ich gefragt habe, finden das angemessen. Aber die meisten stimmen trotzdem nein. Das finde ich irgendwie schizophren.
Die Vorstellung, dass Daniel Vasella nur dann in den Genuss eines Jahressalärs von 24 Millionen gekommen wäre, wenn er gleichzeitig den Lohn der Putzfrau oder den des Türstehers auf zwei Millionen Franken angehoben hätte, reisst mich zu inneren Beifallsstürmen hin. Bei der Credit Suisse hätten Letztere im Jahre 2010 sogar 7,5 Millionen verdient. Dort stand das Lohnverhältnis nämlich bei 1:1812 (in Worten: eins zu eintausendachthundertzwölf). Walter Kielholz nannte es nachträglich «einen Fehler», Brady W. Dougan, dem obersten Manager der Credit Suisse, ein Jahressalär von 90 Millionen Franken ausbezahlt zu haben.
Der Fehler liegt nicht in der Tatsache, dass es solche Dinge gibt, sondern im System, das solche Tatsachen zulässt. Ich verstehe die 1:12-Initiative als Trompetenstoss, als Weckruf aus dem Dornröschenschlaf: Schaut her, so weit ist es schon gekommen! Wenn wir die Dinge nicht bald wieder in ein massvolleres Verhältnis rücken, geht der soziale Zusammenhalt in diesem Lande langsam, aber sicher vor die Hunde. Ich behaupte nicht, dass mit 1:12 die soziale Gerechtigkeit schon hergestellt wäre, aber ein hoffnungsvolles Zeichen wider die Unverhältnismässigkeit wäre es schon.
Vielen geht diese Initiative zu weit. Mir geht sie zu wenig weit. Ich sehe nicht ein, warum 1:12 nur für die Löhne gelten soll und nicht auch für andere Lebensbereiche, die von einem ähnlich krassen oder sogar noch krasseren Missverhältnis betroffen sind. Zum Beispiel der Fleischkonsum, die Bekleidungsindustrie, die Medien, der Strassenverkehr und so weiter. Der entsprechende Forderungskatalog könnte im Groben etwa folgendermassen aussehen: mindestens 1 Vegetarier auf 12 Fleischfresser, 1 autofreier Sonntag auf 12 verkehrsinfarktgefährdete, 1 Aufsteller auf 12 Katastrophenmeldungen, 1 Frohnatur auf 12 Griesgrämige, 1 Burkaträgerin auf 12 Striptease-Tänzerinnen, 1 Greenpeace-Transparent auf 12 Fussballstadien, 1 Parteiausschluss auf 12 Kilchenmänner und so weiter.
Die Liste liesse sich beliebig verlängern. Aber um die Anstrengung des Masshaltens nicht ins Masslose zu steigern, schlage ich vor, dass wir die 1:12-Initiative vorerst einmal in diesen Bereichen umsetzen. Ich bin zuversichtlich, dass wir – einmal warmgelaufen–das natürliche Augenmass allmählich wieder zurückgewinnen werden, ja dass wir es darin sogar zur Meisterschaft bringen können. Und in nicht allzu ferner Zukunft wird uns 1:12 vielleicht masslos erscheinen und wir werden uns in unserem aufkeimenden Ehrgeiz erst zufriedengeben, wenn wir es auf 1:1 gebracht haben werden.
Von diesem Tag an werde ich mir für die Herren Vasella, Dougan und ihresgleichen gern die Finger schmutzig machen, falls sie sich aus lauter Geldgier nicht schon selbst auf ihre gut bezahlten Billigjobs gestürzt hätten …
Hubert Schallerunterrichtet Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael. Er ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986) und «Drùm» (2005). Als Kulturschaffender ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.