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800'000 Schweizerinnen und Schweizer leben irgendwo im Ausland. Nur in Turkmenistan, Nordkorea, Palau, Tuvalu, den Marshallinseln und Nauru ist keine einzige Schweizerin und kein einziger Schweizer offiziell angemeldet. Turkmenistan und Nordkorea sind die wohl selbstisoliertesten Nationen der Welt (hier gibt es grandiose Bilder aus Turkmenistan), die anderen vier Länder sind Ministaaten, die abgelegen im Südpazifik liegen.
In fünf der sechs Ländern lebten früher Schweizer:
Einzig auf Nauru lebte seit Datenerfassung 1995 (darum der * im Titel) noch nie ein Schweizer oder eine Schweizerin. Ob je jemand mit Schweizer Pass auf dem Eiland offiziell angemeldet war, ist nicht klar. Grund genug, um das Land hier einmal vorzustellen.
Klären wir zunächst die Lage. Nauru ist ein gehobenes Atoll auf der Spitze eines erloschenen untermeerischen Vulkans. Der ganze Korallenstock reicht bis 2000 Meter tief ins Meer, schon einen Kilometer vor der Küste beträgt die Meerestiefe über 1000 Meter.
Wir zoomen noch bisschen näher ran, weil man von Nauru und seiner «Nachbarschaft» ja noch nicht allzu viel erkennt. Die erste Nachbarsinsel liegt mit Tapiwa (Kiribati) rund 300 Kilometer entfernt, also Luftlinie praktisch vom westlichen zum östlichen Ende der Schweiz. Die weiteren Inseln in der Mitte des Bildes gehören ebenfalls zu Kiribati, die drei Inseln unten zu Tuvalu (Tonga ist nicht das Land Tonga), Tofol im Nordosten ist Teil von Mikronesien und Jabor im Norden von den Marshallinseln.
Jetzt zoomen wir ganz nah ran: Der höchste Punkt auf der ovalförmigen Insel ragt 60 Meter aus dem Meer, zumeist ist es auf den 21 Quadratkilometern aber praktisch flach. Eine Lagune, wie sie viele Südsee-Atolle haben, fehlt in Nauru.
Die Lage und ungefähre Form wäre also geklärt. Rund 11'500 Menschen leben in der kleinsten Republik der Welt. Gemessen an der Fläche ist Nauru mit 21 Quadratkilometern der drittkleinste Staat der Welt (nach Vatikan und Monaco). Das entspricht ungefähr der Fläche von Schweizer Gemeinden wie Biel, Zug, Thun oder Wil. Rund 450 Schweizer Gemeinden erstrecken sich über eine grössere Fläche – unter anderem auch Gommiswald SG (dazu gleich mehr).
Aber erst einmal versuche ich, einige Informationen über den Ministaat zu erhalten. Ein «E-Mail an alle» meine watson-Kollegen soll helfen. Normalerweise erhält man da immer eine Antwort von jemandem, der zumindest jemanden kennt, der schon mal irgendwo war. Dieses Mal: nichts. Nur mein Sitznachbar Nik Helbling dreht sich zu mir: «Das isch ja chliner als Gommi!» In «Gommi» (lokaler Slang für Gommiswald SG) ist er aufgewachsen. Tatsächlich misst seine Heimat 33 Quadratkilometer. «Aber vieles ist Wald, da musst du auch nicht gewesen sein. Vermutlich wie auf Nauru», sagt Nik.
Ich hake bei unserer hellsten Kerze der Redaktion nach. «Nauru isch am Arsch», rutscht es aus Dani Huber raus. «Phosphat machte die unglaublich reich. Sie legten das Geld falsch an, verloren alles und haben jetzt nichts mehr. Übergewicht ist ein Problem und australische Flüchtlinge werden dahin abgeschoben», ergänzt er dann.
Ich kläre die Inputs später ab, frage aber auch noch bei unserem weit gereisten Corsin Manser nach Informationen. «Da muss man wohl etwa drei bis vier Stunden von Neuseeland hinfliegen. Und die haben die australischen Flüchtlinge. Das ist doch eigentlich ein Freiluftgefängnis, nicht?», antwortet er fragend.
Mit anderen Worten: Die Redaktion hat für einmal nicht geholfen. Ich maile Hanspeter Gsell, er ist DER Inselsammler der Südsee. Wenn ein Schweizer schon einmal auf der Insel war oder jemanden kennt, dann er. Die Antwort aus Papeete (Tahiti) kommt prompt: «Auf Nauru waren wir nie und da werden wir auch nie hingehen.» Auf meine Nachfrage ergänzt er kurz vor der Abfahrt nach Raiatea (Cook Islands): «Nauru ist eine Vogelschissinsel, sprich Phosphat ... da geht niemand freiwillig hin. Ich kenne niemanden, der dort war.»
So mache ich mich auf die Suche nach jemandem, der nicht freiwillig dort war. Oder zumindest aufgrund eines selbstauferlegten Ziels. Der Däne Thor Pedersen ist in den letzten Zügen seiner Mission, während einer Reise jedes Land der Welt ohne Flugzeug zu erreichen. Nach fast zehn Jahren erreichte er sein letztes Land – die Malediven – diese Woche und muss nur noch nach Hause. Ich interviewte ihn vor fast zwei Jahren und frage nach, was ihm von Nauru in Erinnerung geblieben ist. Erstmals kommt viel Positives zurück. «Die haben weder Schlangen noch giftige Spinnen und auch keine Malaria», schreibt Thor.
Er sei in weniger als sechs Stunden um das ganze Land spaziert. Nauru sei wunderschön und es stimme überhaupt nicht, dass man das ganze Land in einem Tag sehen könne. Er würde es locker eine Woche schaffen. In seinem Blog schrieb Thor im Dezember 2019: «Nauru ist für mich ein wirklich interessantes und sehr faszinierendes Land.»
Noch einer, von dem ich weiss, dass er auf Nauru war, ist Gunnar Garfors. Der Norweger ist der erste Mensch, der jedes Land der Welt zweimal besuchte. Er schrieb danach das Buch «Anderswo» über die am wenigsten besuchten Nationen. Nauru liegt in diesem Ranking hinter Jemen auf Rang 2. Auch Garfors sieht durchaus positive Punkte.
Ich schreibe noch eine E-Mail an den nauruischen Präsidenten Russ Kun. Im September wurde er ohne Gegenkandidat ins Amt gewählt. Bis jetzt habe ich leider keine Antwort erhalten. Er scheint trotz «nur» rund 12'000 Untertanen Wichtigeres zu tun zu haben. Sehr viel erfahre ich über ihn bei einer Kurzrecherche nicht. Im Februar war er auf Staatsbesuch auf den Fidschi-Inseln.
Bleibt noch die Anfrage bei der Schweizer Botschaft Naurus in Australien. Botschafterin Caroline Bichet-Anthamatten war im Januar 2023 für eine Woche auf der Insel. Ein Interview ist aber momentan nicht möglich.
Grosse Erkenntnisse gewinnen wir bisher noch nicht. Schauen wir uns das Land also noch etwas genauer an:
Nauru hat nicht nur einen Flughafen, sondern auch eine eigene Airline. Es gibt direkte Flüge von Brisbane (Australien), Nadi (Fidschi) und auch von kleineren Inseln in der Südsee. Denn Nauru will mit seiner Airline unbedingt die ganze Region abdecken.
Mit dem Schiff kommst du nur schwierig nach Nauru. Frachtschiffe steuern die Insel an, weil aber eine richtige Hafenanlage fehlt, kann sich das Löschen und Beladen der Schiffe über mehrere Tage erstrecken, sobald die See zu unruhig ist.
Nun, viele Gründe gibt es wirklich nicht. Touristisch ist das Land praktisch nicht erschlossen. Es existieren wenige Hotels und Restaurants. Nauru ist ja auch das am zweitwenigsten besuchte Land der Welt. Nur Jemen darf als einzige Nation noch weniger Touristen begrüssen. Die Strände sind nicht überragend, die Landschaft eher langweilig und flach.
Die Pinnacles, die sich an vielen Stellen befinden, sind eine geologische Besonderheit. Aber nur für die auf die Insel? Viele Touristen dürften ein anderes Ziel verfolgen: Sie wollen alle Länder der Welt bereisen und sagen können: «Ich war auf Nauru, einem der am wenigsten besuchten und abgelegensten Länder der Welt.»
Die Insel tauchte vor rund 300'000 Jahren aus dem Ozean auf. Seevögel nutzten das Eiland als Nist- und Brutplatz. Ihre phosphatreichen Exkremente stapelten sich über die Jahrtausende stellenweise mehrere Meter dick. Insgesamt sammelten sich so geschätzte 90 Millionen Tonnen Guano an, wie das feinkörnige Gemenge von verschiedenen Phosphaten genannt wird.
Guano entsteht aus den Vogelexkrementen und deren Einwirkung auf Kalkstein (nicht vollständig geklärt). Die Phosphatvorkommen waren bis zu 90 Prozent rein. Und da Phosphat einen wichtigen Teil von Düngemittel ausmacht und damit auch Sprengstoff hergestellt werden kann, wurde Nauru sehr reich.
Tatsächlich war Nauru in den 1970er-Jahren das reichste Land der Welt. Die «Bild» fragte 1973, ob es Paradiese gibt und antwortete gleich selbst: «Eines bestimmt. Auf der Insel braucht man keinen Finger zu rühren.» Der «Spiegel» berichtet von einer «Dauerparty», welche das Land damals feierte. Alleine 1974 nahm die Nation 450 Millionen australische Dollar ein. Man wusste, dass die Vorräte wohl rund 30 Jahre halten würden.
Statt klug zu investieren und das Geld anzulegen, wurde – frei nach dem ehemaligen Fussballer George Best – alles verprasst. Steuern musste niemand mehr bezahlen, auch Wasser und Energie soll es zum Nulltarif gegeben haben. Statt kaputte Autos zu flicken, wurden diese einfach stehengelassen und ein neues gekauft. Gemäss dem «Spiegel» besassen diverse Bewohner mehrere Luxuskarossen (wofür braucht man auf so einer kleinen Insel überhaupt ein Auto?).
Übrigens: Die Phosphatvorräte wurden der Legende nach per Zufall entdeckt. 1896 fand Henry Denson, Kapitän der britischen Handelsgesellschaft Pacific Island Company, auf Nauru einen Stein, der wie versteinertes Holz aussah. Er nahm ihn mit und nutzte ihn drei Jahre lang als Türstopper, bis ein Arbeitskollege ihn analysieren liess. Er bestand aus praktisch reinem Phosphat – das Schicksal der Insel war damit praktisch besiegelt.
Bis 1968 profitierten die Grossmächte vom Phosphat auf Nauru. 1968 führte Hammer DeRoburt das Land in die Unabhängigkeit, wodurch es steinreich wurde. Doch von Anfang an war klar, dass die Vorräte um die Jahrtausendwende enden würden. Aktuell baut die Regierung mit «secondary mining» das Phosphat-Erz aus tieferen Schichten noch ab.
Das Land stürzte finanziell ab. Man suchte nach Einnahmequellen, wurde zum Briefkastenfirma-Paradies und lockte Steuerflüchtlinge an. In dieser Zeit fing man damit an, Bootsflüchtlinge von Australien aufzunehmen (mehr dazu unten).
Doch nicht nur der finanzielle Schaden ist gross, auch die Umwelt hat durch den Tagebau gelitten. Rund 80 Prozent der Insel wurden quasi zu einer Mondlandschaft. Die Gewässer um Nauru leiden durch die phosphathaltigen Abwasser und die marinen Organismen sind bis zu 40 Prozent zerstört.
Bootsflüchtlinge schiebt Australien nach Nauru ab («Pacific Solution»). Dafür zahlt die Regierung dem Inselstaat viel Geld. Mehr als 4000 Flüchtlinge landeten so in den letzten rund zehn Jahren schon auf Nauru und Papua-Neuguinea. Einige warten bis zu zehn Jahre, bis sie umgesiedelt werden. In Australien erhalten sie aber kein Asyl. Ende März 2023 befanden sich gemäss den australischen Behörden 41 Asylsuchende auf Nauru.
Die Zustände im Auffanglager seien desaströs, wie die Organisation Ärzte ohne Grenzen in einer Studie von 2018 berichtete. Mehr als die Hälfte soll damals suizidgefährdet gewesen sein, fast jeder Dritte habe schon versucht, sich umzubringen.
Die meisten der Flüchtlinge werden allerdings in die örtliche Gemeinschaft integriert und bereichern das Land mit Läden und Restaurants, wie der Weltreisende Garfors bei seinem Besuch berichtete.
Die australische Abschreckungspolitik hat mittlerweile aber Amnesty International auf den Plan gerufen. 2016 erklärte die Organisation, dass die Behandlung der Flüchtlinge völkerrechtlich als «Folter» einzustufen sei. Damals lebten 1193 Bootsflüchtlinge auf Nauru. Erst im Februar 2023 entschied das australische Parlament, die umstrittene Methode weiterzuführen, auch wenn davon ausgegangen wird, dass ab 2024 keine Asylsuchende mehr auf Nauru leben werden. Die Anlagen wolle man aber instand halten.
Ja. Fast 90 Prozent der Erwachsenen sind auf Nauru übergewichtig. Landwirtschaft ist praktisch nicht möglich. Frische Lebensmittel müssen importiert werden und sind damit seltener und teurer. Die Regierung versucht zwar, die Einwohner zu mehr Sport zu bewegen und eigenes Gemüse anzubauen.
Gemäss dem deutschen Adipositas-Forscher Matthias Blüher trage ein grosser Anteil der Bevölkerung ein Risikogen für Übergewicht in sich. Die Veränderung von gesundem Essen und viel Bewegung zu westlichem Ess- und Bewegungsverhalten tut ihr Übriges.
Regelmässige «king tides», riesige Fluten, treten mit der globalen Erwärmung immer häufiger auf. Dadurch wird die Ringstrasse um die Insel teilweise unter Wasser gesetzt und die Süsswasserreserven können kontaminiert werden.
Die Regierung überlegt, auch die höher gelegenen Regionen (ca. 50 bis 60 Meter über Meer) zu besiedeln. Die Nähe zum Äquator bietet immerhin einen gewissen Schutz vor Wirbelstürmen, dafür litt die Insel vor den Regenfällen im Januar 2023 unter einer monatelangen Dürre.
Neben dem Klimawandel beschäftigt aber auch das wirtschaftliche Überleben das Land. Die einzigen regelmässigen Einnahmen stammen aus den Flüchtlingszentren und den Fischereilizenzen. Hohe Energiepreise, der Mangel an eigenen Ressourcen und Kapazitäten, Bildungsdefizite und fehlende Absatzmöglichkeiten gehören auf der Insel zu den drängendsten Problemen.
Anfangs Woche diskutierte der Ständerat über das Budget für das kommende Jahr. Er will mehrere Millionen mehr als der Bundesrat ausgeben. Heute diskutiert der Nationalrat.