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Wenn Anurag Singh dieser Tage das Haus verlässt, dann tut er das vermummt. Mit hellen Stoffen versucht er, seinen Körper zu schützen. Die Hitze, der die Menschen derzeit in weiten Teilen Indiens ausgesetzt sind, ist überwältigend. Singh lebt im Umland von Amritsar, einer Stadt im «Kornkammerstaat» Punjab im Norden des Landes. Nächste Woche sollen die Temperaturen dort auf weit über vierzig Grad steigen. «Gerade Menschen aus der älteren Generation wollen es vielleicht immer noch nicht wahrhaben, aber wir spüren den Klimawandel sehr», sagt der junge Landwirt und Student.
Sinkende Ernteerträge
Nachdem Indien bereits den heissesten März seit Beginn der Wetteraufzeichnungen vor 122 Jahren erlebt hat, setzte sich die gefährliche Hitzewelle im April fort. Mancherorts näherten sich die Temperaturen der Fünfzig-Grad-Marke. In Regionen wie Haryana, Punjab, Delhi, Uttar Pradesh und Teilen Zentralindiens wurde die zweithöchste Alarmstufe ausgerufen. Und es wird immer deutlicher, dass solche Hitzewellen häufiger, extremer und früher im Jahr auftreten.
Nicht nur Indien ist betroffen, sondern auch Regionen in den Nachbarländern Pakistan, Nepal und Bangladesch. Anurag Singh ist besorgt: Er weiss, dass er alleine nicht viel dagegen ausrichten kann. Den Mut zur Initiative hat er aber nicht verloren; auf dem Grundstück seiner Eltern hat er einen «food forest» angelegt, einen Waldgarten. Um diesen zu bestellen, muss er tagsüber nicht in der prallen Sonne stehen. Seine Setzlinge wachsen gut, weil ihnen grössere Pflanzen Schatten spenden. Beim Weizenanbau, der für das Bundesland enorm wichtig ist, sind die Prognosen dagegen bitter: Die Erträge der kommenden Ernte werden gering ausfallen.
«Für eine gute Weizenernte ist Feuchtigkeit in der Luft erforderlich», erklärt Sarabjit Singh, der am Khalsa College Amritsar Agrarwissenschaften unterrichtet. «Aufgrund der jüngsten Hitzewelle ist die Temperatur im Punjab über den Durchschnitt gestiegen. Es ist sehr trocken, was die Ernte gefährdet», so Singh. Es werde sich wenig daran ändern lassen, dass das Wetter unberechenbarer werde; es bleibe deshalb nicht viel anderes übrig, als auf hitzeresistentere Getreidesorten zu wechseln und die Anbauzeiten anzupassen, sagt der Agrarexperte. Und vor allem müsse die Kommunikation zwischen Wetterdienst und Landwirt:innen verbessert werden, um Ernteausfälle zu verringern.
Auch werde künftig eine intensivere Bewässerung der Agrarflächen nötig, sagt Singh. Wie in Pakistan sind die Niederschlagsmengen in diesem Jahr allerdings zurückgegangen. Seen und Flüsse trocknen deshalb schneller aus, womit sich die Lage weiter zuspitzt.
Lokalregierungen rufen die Bevölkerung mittlerweile dazu auf, viel zu trinken und ihre Häuser nachmittags möglichst nicht mehr zu verlassen. Bloss können sich das viele Inder:innen gar nicht leisten, insbesondere seit den wirtschaftlichen Verlusten, die sie aufgrund der Covid-Pandemie erlitten haben.
Die Gesundheit der Armen
Mediziner:innen warnen daher, dass mit der sehr frühen Hitzewelle in diesem Jahr in den betroffenen Regionen die Sterblichkeitsrate steigen könnte. Was das heisst, sieht die Frauenärztin Meenu Goyal aus Delhi bereits jetzt: Täglich muss sie dehydrierte Patient:innen behandeln. «Menschen brechen bei der Hitze vor Erschöpfung zusammen», sagt sie. Auch die Hauptstadt kämpft mit ungewöhnlich hohen Temperaturen von bis zu 45 Grad. Dabei hat der Sommer noch nicht begonnen.
In ernsten Fällen seien Kochsalzinfusionen nötig, um verlorene Elektrolyte zuzuführen, sagt Goyal. Die Anpassungszeit für den Körper ist aufgrund des raschen Temperaturanstiegs im März und April viel kürzer gewesen als üblich, was insbesondere für Kleinkinder, ältere Menschen und Vorerkrankte problematische Folgen habe. Über der Ärztin rotiert ein Deckenventilator. Solange es möglich sei, nutze sie die Klimaanlage in der Klinik kaum, sagt Goyal. Es ist kein Geheimnis, dass die Abwärme der Maschinen den Menschen in den Städten weiter einheizt.
Unterdessen fordern indische Umweltschützer:innen, dass das Land endlich den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen vorantreibt. Aber Indien befindet sich in der Zwickmühle, wie so viele andere Länder auch. Der Strombedarf wächst, und über siebzig Prozent der elektrischen Energie werden in Kohlekraftwerken produziert.
Für die Mittdreissigerin Ruhie Kumar besteht kein Zweifel daran, dass sich das ändern muss. Schon mehrmals war die Umweltaktivistin auf der Strasse, um Klimagerechtigkeit einzufordern. Die Nutzung fossiler Energiequellen gehe zulasten der Gesundheit von sehr vielen Menschen, sagt Kumar. Ein Fünftel der Weltbevölkerung lebt im südlichen Asien, ein Grossteil davon ist von Armut betroffen. «Menschen, die keinen Zugang zu Kühlsystemen haben, werden weiter sozial ausgegrenzt», erklärt Kumar. In den Städten müssten die Behörden deshalb etwa mehr öffentliche Grünflächen zugänglich machen: «Keine gepflegten Gärten, sondern lokale Waldflächen, die Menschen Schatten spenden.»
Was droht, wenn die Anpassung an die Klimaerhitzung nicht schleunigst voranschreitet, zeigt sich in Indien derzeit überdeutlich. Im Bundesstaat Maharashtra wurden in diesem Jahr bereits 25 Hitzetote gemeldet. Es kam zu Bränden, etwa auf einer Mülldeponie in Delhi oder in den bewaldeten Gebieten von Uttarakhand und Himachal Pradesh. Auch das nördliche Nachbarland Nepal hat Brandwarnungen ausgegeben.