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Ihren schlechten Ruf bekam die ganze Familie der Requiemhaie (Carcharhinidae) - wie auch die restlichen Vertreter der Haie - nicht zuletzt durch einen bekannten Horrorklassiker. Doch ganz unter uns: Jährlich sterben 10 Menschen durch Haiangriffe, während die Zahl der Todesunfälle durch Giftschlangen laut WHO bei 10.000 liegt. Von den vielen Todesopfern, die zu Lasten der Stechmücken gehen, wollen wir erst gar nicht anfangen. Menschenfressende Bestien sind Haie also absolut nicht.
In Wirklichkeit gibt es nur wenige Hai-Arten, die Menschen tatsächlich angreifen und dabei dann auch tödlich verletzen können. Attacken von Riffhaien auf aufdringliche Tauch- und Badetouristen können zwar vorkommen, Menschenfleisch steht aber ganz gewiss nicht auf ihrem Menüplan. Riffhaie gelten als soziale Tiere, jagen in Gruppen und können auch Freundschaften unter Artgenossen bilden, die teilweise jahrzehntelang halten.
Elegante Jäger
Es gibt vier Unterarten, die weltweit in den tropischen Gewässern unserer Erde vorkommen. Sie leben in seichten Gewässern, meist in der Nähe der Küsten oder eines Riffs. Der Weißspitzen-Riffhai (Triaenodon obesus) ist neben dem Schwarzspitzen-Riffhai (Carcharhinus melanopterus) (beide sind an den namensgebenden weissen bzw. schwarzen Spitzen der Flossen zu erkennen) und dem Grauen Riffhai (Carcharhinus amblyrhynchos) eine der drei häufigsten Arten der Korallenriffe des Indopazifiks. Der karibische Riffhai (Carcharhinus perezii) ist seltener anzutreffen.
Weissspitzen-Riffhaie sind sehr ortsverbunden und können sich an einem Riff monate-, sogar jahrelang aufhalten. Ihr besonders schlanker und beweglicher Körper verleiht ihnen die Fähigkeit, auch aus engen Felsspalten Beute aufzuschrecken, die für andere Haie nicht erreichbar ist.
Schwarzspitzen-Riffhaie sind bei der Jagd echte Teamplayer, und auch sonst pflegen sie komplexe soziale Beziehungen. Die mittelgrossen Tiere jagen meist nachts in grossen Gruppen entlang des Korallenriffs. Die einen schrecken die Beute aus ihren Verstecken auf, die anderen greifen blitzschnell zu.
Vom Jäger zum Gejagten
Für Meeresbiologen ist die Anwesenheit von Haien ein sicherer Indikator, dass das Ökosystem Korallenriff gesund ist. Riffhaie stehen (bzw. schwimmen) am Ende der Nahrungskette und sind somit auf ihre Beutetiere angewiesen. Diese wiederum leben und ernähren sich von den Korallen und sind damit abhängig von einer gesunden Korallenvielfalt. Je weniger Haie vor Ort sind, desto eher kann man also davon ausgehen, dass die biologische Vielfalt vor Ort zurückgegangen ist.
Das Korallensterben ist hauptsächlich bedingt durch steigende Wassertemperaturen in Folge der Erderwärmung. Zusätzlich machen es Meeresverschmutzung und Überfischung den Meeresbewohnern immer schwieriger, ausreichend Nahrung und Schutz zu finden.
Aber auch die Haie selbst werden gejagt; sei es wegen ihrer Flossen, die als Delikatesse oder Heilmedizin angepriesen werden, oder weil sie als Beifang in Kiemennetzen verenden oder der Langleinen-Fischerei zum Opfer fallen. Gibt es keine Haie, hat das wiederum für das Riff fatale Folgen. Denn der Jäger verhindert Überpopulationen bestimmter Arten, und etwa der Weißspitzen-Riffhai betätigt sich ausserdem als „Gesundheitspolizei“, indem er meist schwache und kranke Fische erbeutet.
Besorgniserregende Auswertung
Anlass zur Sorge um den Zustand der Riffhai-Populationen gibt nun die im Fachmagazin Nature erschienene Studie namens „Global FinPrint“ oder „Globaler Flossenabdruck“. Ein internationales Forscherteam beobachtete über 5 Jahre lang 370 verschiedene Korallenriffe in 58 verschiedenen Ländern. Dabei wurden über 20.000 Stunden Videomaterial ausgewertet, und die Forscher konnten 59 verschiedene Haiarten identifizieren: Die meisten davon solche, die einen großen Teil ihres Lebens in Riffen verbringen. Doch das Screening ergab auch besorgniserregende Ergebnisse: In jedem fünften der untersuchten Gebiete fand sich kein Videobeweis eines Riffhais, obwohl die dort einstmals nachweislich angesiedelt waren. Die Forscher sprechen in der Studie davon, dass die Knorpelfische dort "funktional ausgestorben" sind.
"Das bedeutet zwar nicht, dass es überhaupt gar keine Haie mehr in diesen Riffen geben muss, aber es zeigt, dass Haie dort ihre natürliche Rolle im Ökosystem nicht mehr wahrnehmen."
Colin Simpfendorfer, australischer Meeresbiologe
Der Schuldige ist entlarvt
Durch die weltweite Erhebung und die riesige Menge an erhobenen Daten konnten die Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen der Abwesenheit der Haie und der unkontrollierten Fischerei herstellen. Gerade in dicht besiedelten Ländern, in denen die Fischerei nicht reguliert ist, sind auffallend oft keine Haie mehr zu beobachten. Dazu zählen Kolumbien, Katar und Sri Lanka. Den traurigen Rekord verzeichnet die Dominikanische Republik: Obwohl 120 Videostationen an vier Riffen installiert wurden, konnte kein einziger Hai gesichtet werden. Strengere Fischereigesetze und Kontrollen wie beispielsweise in Australien, auf den Bahamas oder Malediven haben hingegen einen positiven Effekt auf die Hai-Populationen, dort sind sie stabil.
Viele Hai-Arten stehen auf der Roten Liste gefährdeter Arten. Unregulierte Fischerei, die Zerstörung ihrer Lebensräume und Wasserverschmutzung führen dazu, dass die Anzahl der Haie insgesamt immer weiter sinkt. International wird bislang leider nur sehr wenig für den Schutz der Haie getan. Im Falle der Riffhaie liesse sich die Gefahr eines Aussterbens durch eine nachhaltige Fischereipraxis wohl um einiges reduzieren.
Quellen und weitere Informationen:
Global FinPrint
Nature: Global status and conservation potential of reef sharks
Fischlexikon: Weisspitzen-Riffhai, Schwarzspitzen-Riffhai, Grauer Riffhai
WWF: Bedrohte Haie