Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03389.jsonl.gz/2141

Sehr geehrter Herr Dr. Jordan
Vorab möchte ich Ihnen meine Anerkennung für Ihre grosse Leistung im Rahmen Ihrer Tätigkeit innerhalb der Schweizerischen Nationalbank (SNB) ausdrücken. Es ist sicherlich keine einfache Aufgabe in der heutigen Zeit, welche durch Systemrisiken innerhalb des Währungssystems gekennzeichnet ist, den besten Weg zu finden. Ich beneide Sie in keiner Weise in dieser extrem schwierigen Aufgaben in einer Situation, welche den Rahmen vieler konventionellen ökonomischen Lehren zumindest in Zweifel ziehen.
Trotzdem erlaube ich mir in der Funktion eines besorgten Bürgers Sie hiermit anzusprechen mit der kleinen Hoffnung, dass dieser oder jener Gedanke einen bescheidenen Einfluss auf Ihre Betrachtungsweise der heutigen Geldpolitik erwirken möge.
Wenn immer man auf grundlegende Fragen der Geldpolitik zu sprechen kommt, wird verhältnismässig schnell und deutlich zum Ausdruck gebracht, dass die Unabhängigkeit der SNB eine unantastbare Tatsache darstellt, welche unter allen Umständen verteidigt werden muss. In die Begründung fliesst oft die Idee ein, dass eine politisierte Geldpolitik wohl automatisch einem massiv inflationären Weg ausgesetzt sein würde, da Politiker sich darin profilierten, die Währung durch dauernde Ausweitung der Geldmenge schrittweise zu entwerten (dabei wird ü ersehen, dass die heutigen Zentralbanken genau dies bewerkstelligen). Es gibt genügend Beispiele in der Geschichte, wie z.B. Zimbabwe, die Weimarer Republik sowie viele in vergangenen Jahrhunderten, wie z.B. die "South Sea Bubble", welche im Juni 1720 platzte, oder der Fall John Law's, welcher sich mit seinen Aktionen als wohl der erste rücksichtslose Zentralbanker entpuppte. Während John Law acht Druckpressen verwendete, sind die heutigen Zentralbanker in der komfortablen Lage, per Druckknopf ihre ankerlose Geldpolitik umzusetzen. Diese Beispiele demonstrieren eindrücklich, welche Konsequenzen durch die von einer Regierung bestimmten inflationäre Geldpolitik zur Folge haben können, womit in der Folge dieses Thema über viele Jahrzehnte vollständig tabuisiert wurde. Da die heutigen Zentralbanken sich hauptsächlich darauf fokussieren, das Finanzsystem vor einer Implosion zu bewahren, verletzen die heute getroffenen Massnahmen oft das Prinzip der Nachhaltigkeit und führen uns in eine Zukunft, in welcher die meisten nachhaltigen Strategien schrittweise eliminiert werden, womit auch ohne oder vielleicht gerade mangels des offenen Einflusses der Politik (und damit des Volkes), sich eine Situation vergangener Krisen zu etablieren scheint.
Es sind nicht nur die Medien, sondern auch die Ökonomen, welche die Aufweichung dieser Unabhängigkeit mit Schreckensszenerien in fast schon religiöser Art und Weise sowie mit entsprechender Vehemenz verteufeln, da die Gründe so offensichtlich und klar nachvollziehbar zu sein scheinen. Der Verdacht, dass die Meinung der Öffentlichkeit sowie der Ökonomen durch Institutionen, welche durch das gegenwärtige System der erklärten Unabhängigkeit der SNB am meisten profitieren und zugleich auch noch die meisten Ökonomen beschäftigen, beeinflusst wird, kann wohl kaum von der Hand gewiesen werden. Kaum ein Politiker würde sich trauen, sich auch nur annähernd diesem Thema zuzuwenden, sofern er auf weiteren politischen Erfolg zählen will. Dies dürfte wohl die gegenwärtige Situation in Bezug auf die Unabhängigkeit der SNB beschreiben.
Niemand scheint auch nur im Ansatz die Frage zu stellen, wovon die SNB dadurch wirklich unabhängig ist und ob die SNB in einem Umfeld von Spannungen und dem Druck verschiedener Interessengruppen (welche vermeintliche Sachzwänge hochstilisieren) überhaupt in der Lage sein kann, sich unabhängig zu verhalten. Es handelt sich wohl in erster Linie um die Unabhängigkeit von politischem Druck erzeugt durch den schweizerischen Souverän. Dabei wird vernachlässigt, dass unsere Politiker die gewählten Vertreter des Volkes sind und damit grundsätzlich nicht gegen das Wohl der Bevölkerung handeln dürfen. Die meisten Beispiele der Geschichte zeugen jedoch von politischen Aktionen in dieser Beziehung, welche wohl kaum durch wirklich demokratisch legitimierte Akteure, welche sich über etliche Wahlzyklen bewiesen, in Gang gesetzt wurden, sondern eher von diktatorisch orientierten Persönlichkeiten unter extremen Stress-Situationen. Schlussendlich ist der Weg zur z.B. Hyperinflation nicht eine gewünschte oder angestrebte "Lösung", sondern das unvermeidbare Resultat einer vorhergehenden ankerlosen Geldpolitik, welche schrittweise die andern Optionen (welche keineswegs frei von kurzfristig schmerzhaften Veränderungen gewesen wären, aber langfristig aufgrund ihrer Nachhaltigkeit eine positive Wirkung erzeugt hätten) aus dem Wege räumte. Um auf die Unabhängigkeit gegenüber der Politik zurückzukehren, ist mit entsprechendem Nachdruck darauf hinzuweisen, dass dies ebenfalls bedeutet, dass die SNB keine Verantwortung gegenüber der eigenen Bevölkerung wahrzunehmen hat und daher grundsätzlich in der Lage ist, mehr oder weniger frei über ihre Strategien zu entscheiden. Dies soll, sehr geehrter Herr Dr. Jordan, Ihre Absicht zum Wohle der Schweiz zu handeln in keiner Weise in Frage stellen.
Aber ist die SNB wirklich unabhängig in ihren Entscheiden oder bestehen etwelche Interessengruppen, welche auf ihre Beschlüsse einzuwirken vermögen? Formelle Unabhängigkeit ist noch lange keine Garantie, dass aufgrund verschiedener Beeinflussungsvarianten eine Institution nicht unterschwellig indoktriniert und/oder beeinflusst wird, ob dies nun aufgrund des vertretenen Gedankengutes der in der SNB tätigen Ökonomen basiert oder durch die täglichen Kontakte, welche die Mitarbeiter der SNB mit anderen Machtzentren pflegen.
Sehr geehrter Herr Dr. Jordan, es dürfte sicherlich zweifelsfrei sein, dass das Gedankengut, welches den gegenwärtig aktiven und gut positionierten Ökonomen vermittelt wurde, wohl 20plus Jahre zurück greift. Ökonomen, welche nicht die allgemein anerkannte Lehre adoptierten oder sich gar wagten diese Lehre zu hinterfragen oder zu kritisieren, sind zur Zeit eher ausgeschlossen aus dem Kreise der Entscheidungsträger. Die ökonomische Lehre hingegen scheint gerade heute einem Umbruch ausgesetzt zu sein, welcher die Grundmauern dieser Lehre erschüttert. Viele Modelle der Lehre scheinen nicht mehr die Realität zu spiegeln, sondern müssen neu definiert werden um wieder Relevanz zu gewinnen. Die Modelle, welche während des Aufbaus der Kreditblase sehr gut funktionierten, zeigen ihre Fehlerhaftigkeit in einer Umgebung, welche durch das natürliche und auch notwendige "Deleveraging" geprägt ist. Es liegt in der Natur von hierarchischen Gebilden wie auch der Verwaltungsapparat der SNB sicherlich ebenfalls eines ist, dass das Umdenken und Verwerfen fragwürdiger Theorien unterdrückt werden muss, um an der bestehenden Machtstruktur festhalten zu können. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich ein Entscheidungsträger dazu durchringen wird, seine Fehlbarkeit öffentlich zu erklären mit der damit verbundenen Konsequenz eines Rücktrittes. Es handelt sich um die menschliche Natur, welche in solch einer Situation verhindert, sich ethisch und moralisch korrekt zu verhalten. Es liegt nicht im Interesse des Verfassers hier einen der Entscheidungsträger zu hinterfragen, sondern es ist einzig ein Versuch, das Dilemma der Situation zu erläutern. Im Endeffekt darf sicherlich gefolgert werden, dass das Gedankengut der SNB sehr stark den teilweise fragwürdigen ökonomischen Theorien der Lehre vergangener Jahrzehnte unterworfen ist und sich sehr schwer tut, sich neuen Erkenntnissen in diesem Bereiche zu öffnen. Dies ist zwar keine erzwungene Einflussnahme auf die Entscheide der SNB, sehr geehrter Herr Jordan, spielt aber trotzdem mit eine entscheidende Rolle in der Frage der Unabhängigkeit der SNB. Unabhängigkeit beinhaltet auch Unabhängigkeit von Dogmen verbunden mit einem fast religiösem Eifer, die eigene Unfehlbarkeit zu verteidigen.
Die Mitarbeiter der SNB kommunizieren untereinander und mit den Grossbanken wohl täglich. Dieser Umstand liegt in der Natur der Sache, da dies wohl Teil ihrer Aufgabe darstellt, um geldpolitische Manipulationen und Massnahmen zu implementieren. Bei einem Kind ist man sehr darauf bedacht, sicherzustellen, dass es sich nicht in "schlechten" Kreisen Freunde sucht, sondern sich in einem "guten" Umfeld aufhält. Es ist allgemein bekannt, dass die Umgebung Einfluss nimmt auf die Persönlichkeit und Auffassungsgabe eines Menschen. Wenn wir diesen Umstand in seiner Konsequenz beurteilen, können wir die zwar nicht formelle jedoch aktuelle Einflussnahme dieser Finanzinstitute nicht verneinen. Es liegt auch in der Natur des Menschen, sich Freunde mit ähnlichen Interessen anzueignen, da man sich in diesem Kreise besser verstanden und aufgehoben fühlt. Ebenfalls muss sich auch ein Ökonom, welcher bei der SNB arbeitet, um seine berufliche Karriere kümmern, was natürlich ebenfalls eine Wirkung auf die Einstellung gegenüber eines potentiellen zukünftigen Arbeitgebers haben dürfte. Es handelt sich um rein menschliche Aspekte, welche in sich nicht verwerflich sind, jedoch klar zum Ausdruck geben, dass die Mitarbeiter der SNB wohl nicht wirklich unabhängig handeln dürften, sondern weitgehend dem Einfluss des Gedankengutes, welches in den Grossbanken vorherrscht, ausgesetzt sind. Inwiefern das Wohl der Grossbanken mit dem Wohl der schweizerischen Bevölkerung übereinstimmt, sehr geehrter Herr Dr. Jordan, ist in diesem Zusammenhang nicht relevant, sondern einzig die Frage der wirklichen Unbefangenheit der Mitarbeiter zum Zeitpunkt der Erarbeitung von Entscheidungsgrundlagen in der Form von Analysen, Strategien etc.
Sie, sehr geehrter Herr Dr. Jordan, pflegen als Haupt der SNB Kontakt zu den grossen Zentralbanken der Welt (FED, EZB). Stellen Sie sich einmal vor, Barack Obama würde mit einem unserer Bundesräte Kontakt pflegen und wer wohl in solch einer Situation den anderen beeinflussen dürfte. Es ist offensichtlich, dass unser Magistrat sich so sehr geehrt und bestätigt fühlen würde, dass eine harte Verhandlungsweise seinerseits aufgrund des Macht-Gefälles, welches zwischen diesen Gesprächspartnern vorherrschte, ausgeschlossen werden kann. Ähnlich dürfte es der Ihnen, sehr geehrter Herr Dr. Jordan, ergehen mit dem Vorzug, dass Sie keiner demokratischen Legitimation durch das Volk unterliegen. Ich will hier nicht näher auf die geldpolitischen Entscheide der SNB eintreten, jedoch möchte ich hier erwähnen, dass auch eine alternative Lösung in Bezug auf die Schwächung des CHF bestanden hätte, welche nicht mit den negativen Nebenwirkungen wie z.B. der Vermögens-Umverteilung von der Mittelklasse an die Elite verbunden gewesen wäre und welche nicht einer Art von "Quantitative Easing" im Sinne der amerikanischen Geldpolitik entsprochen hätte, sondern den Schweizer Bürger bevorzugt, die Privatschulden und als Folge die Macht der Banken reduziert hätte und damit der Nachhaltigkeit des Systems förderlich gewesen wäre. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass die Schweiz seit geraumer Zeit spasseshalber als Zimbabwe der Alpen bezeichnet wird. Wie gesagt will ich hier nicht näher auf die geldpolitischen Entscheide der SNB eintreten, sondern einzig feststellen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Beeinflussung auf unsere Geldpolitik durch die grossen Zentralbanken sehr hoch sein dürfte. Dieser Aspekt darf nicht unterschätzt werden, da dadurch sehr wohl längerfristig negative Konsequenzen für die schweizerische Bevölkerung die Folge sein können.
Zusammenfassend dürfen wir wohl die Aussage wagen, sehr geehrter Herr Dr. Jordan, dass die SNB zwar formell Unabhängigkeit geniesst, jedoch einerseits unter dem Einfluss von Grossbanken und den grossen Zentralbanken und andererseits dem Einfluss eines Dogmas vergangener Wirtschaftslehre steht. Diese Aspekte tangieren ihre wirkliche und objektive Unabhängigkeit und dürften dazu beitragen, dass das Handeln zum Wohle der schweizerischen Bevölkerung eher eine zweitrangige Stellung einnehmen dürfte. Niemand wirft der Führung der SNB schlechte Absichten vor, aber der Weg in den Ruin ist meistens mit guten Absichten gepflastert und dies dürfte wohl auch in diesem Falle zutreffen.
Der Weg aus diesem Dilemma liegt in der Demokratisierung der Geldpolitik, womit die Bevölkerung nach entsprechender Medienaufbereitung und öffentlicher Diskussion über die grundsätzlichen Strategien entscheiden darf, dies insbesondere unter dem Aspekt, dass die Folgen (Kosten) geldpolitischer Entscheide schlussendlich auf den Schultern der schweizerischen Bürger landen werden. Die Frage einer alternativen und nicht manipulierbaren Währung dürfte in solch einer Diskussion sicherlich ebenfalls auf Interesse stossen. Der Vorschlag der Demokratisierung der Geldpolitik muss nicht unbedingt in deren Realisation resultieren um Erfolg aufzuweisen, sondern einzig die Tatsache, dass die Gangart und Mode of Operation der SNB öffentlich diskutiert wird, darf schon als Erfolg gewertet werden. Es scheint mir wichtig, dass sich die Bevölkerung mit den Grundlagen der Geldpolitik auseinandersetzt, damit sie die verschiedenen Auswirkungen ankerloser Geldpolitik erkennen kann und in der Lage ist, sich eine nicht auf eindimensionale Darstellungen basierende Meinung zu bilden. In solch einem Diskurs ist es von Bedeutung, dass unkonventionelle Denker (auch aus anderen Wissenschaften als der Ökonomie; z.B. mag ein Wissenschaftler von Eco-Systemen wertvolle Beiträge liefern) ähnlich stark von den Medien Beachtung finden, um die gängige Lehre zu relativieren. Geld ist nicht einzig ein Zahlungsmittel, sondern bildet in der heutigen Zeit den Kit zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren, womit der Verlust des Vertrauens in eine Währung das gegenseitigen Vertrauen der einzelnen Akteure innerhalb einer Gesellschaft negative beeinträchtigt, also Werte, welche massgebend sind fuer ein friedliches Zusammenleben und weit über die Absicht rein funktioneller Geldpolitik hinausgeht.
Um abzuschliessen, sehr geehrter Herr Dr. Jordan, möchte ich dem Konsument dieses Essays folgenden Grundsatz ans Herz legen: Ein guter Ökonom ist jener, welcher kurzfristig schmerzhafte Veränderungen in Kauf nimmt um langfristig eine positive und nachhaltige Situation zu erreichen. Dieser Grundsatz wurde seit Jahrzehnten nicht nur von Zentralbanken sondern auch von Regierungen oft missachtet, was uns in diese heutige missliche Lage führte.
Mit freundlichen Gruessen
Linus Huber