Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03108.jsonl.gz/1266

Ein Dienstagmittag im Januar. Ein chinesisches Restaurant im Basler St.-Johann-Quartier. Niggi Bräuning (71) belädt die Gabel mit Gemüse und hält sie seiner Frau hin. Denn Annette Bräuning (70) ist seit bald 20 Jahren vom Hals abwärts gelähmt, das Sprechen bereitet ihr Mühe. Man sieht Annette Bräuning nicht an, wie frei sie eigentlich ist. Man ahnt nicht, dass sie in Korfu im Meer badet, sich in Cornwall am Strand sonnt oder in Catania auf dem Parkplatz übernachtet. Man erwartet nicht, dass sie ins Theater nach Hamburg, Bochum oder Zürich reist.
Die jüngere Tochter Julie, eine Schauspielerin, war der Grund, weshalb Niggi Bräuning damals einen Bus kaufte: «Ohne den Bus hätte meine Frau sie nie auf der Bühne erlebt», sagt Niggi Bräuning. Ein Jahr zuvor war Annette Bräuning, die seit jungen Jahren an Multipler Sklerose leidet, für sieben Tage in ein Koma gefallen: toxischer Schock. Das erforderliche Pflegebett, das es in normalen Hotels nicht gibt, konnte er im Bus einbauen. Die Ärzte rieten zwar ab und sagten, sie müsse in ein Heim, werde nie mehr schlucken, essen und sprechen können. Doch das war keine Option. «Damit sie Tag für Tag regungslos an eine Decke starren kann?», fragt Niggi Bräuning rhetorisch. Und Annette Bräuning ergänzt: «Ich dachte: Nicht mit mir!»
Was hält das Paar zusammen?
Fanny Bräuning, die ältere Tochter, hat ihre Eltern in den vergangenen Jahren auf fünf Reisen begleitet. Im Dokumentarfilm «Immer und ewig» zeigt sie, wie ihre Mutter, eine Grafikerin, zuerst am Stock geht, dann im Rollstuhl sitzt und immer weniger zeichnen kann. Wie ihr Vater seinen Beruf als Fotograf aufgibt. Wie sich daheim zahlreiche Pflegekräfte, Haushaltshilfen und Therapeuten um ihre Mutter kümmern. Wie ihr Vater diese Aufgaben unterwegs übernimmt, den Katheter wechselt, seine Frau wäscht, anzieht, bettet – und ihnen damit die Freiheit bewahrt, gemeinsam anderes zu entdecken. Dabei stehen auch Fragen im Raum: Was wäre ohne diese Krankheit aus ihnen geworden? Was hält sie als Paar zusammen?
Ohne sie ziemlich verloren
Niggi Bräuning will darüber gar nicht nachdenken. «Ohne Annette würde ich es nicht aushalten. Ich wäre ziemlich verloren.» Niemand sonst sei so geduldig mit ihm. Sagt es, isst die beiden Enden der Frühlingsrolle und lächelt: Zu viel Teig sei nicht gut für sie. «Du solltest eigentlich deinen Fisch essen», gibt Annette Bräuning zurück. Am meisten vermisst sie ihre Hände; ohne sie ist sie abhängig. Und je älter ihr Mann wird, desto pragmatischer entscheidet er für beide. Manchmal schmerzt seine linke Hand. Doch er nimmt einen Tag nach dem anderen. «Mich darauf vorzubereiten, was kommen mag, bringt doch nichts.»
Mich darauf vorzubereiten, was kommen mag, bringt doch nichts.
Für die Weltpremiere des Dokumentarfilms fuhren sie mit dem Bus nach Leipzig. Es ist ihm nicht recht, dass einige jetzt sagen, es sei verrückt, was er leiste. «Wir sind einfach ein normales Paar», sagt er und wechselt das Thema, spricht über den Bus und die erste gemeinsame Reise mit seiner Frau, über Hamburg nach Schweden, damals mit Anfang 20. Annette Bräuning hatte ihn bei der Aufnahmeprüfung an die Kunstgewerbeschule gesehen und sich sofort in ihn verliebt. Sie sagt, er sei so selbstbewusst gewesen, sie hingegen schüchtern. Ihre Eltern waren streng, setzten ihr Grenzen. «Er war anders und freier. Das hat auch mich freier gemacht.»
Annette Bräuning will gehen, zu Hause wartet der nächste Therapeut. Ihr Ehemann packt die Essensreste ein, schiebt seine Frau im Rollstuhl in den Bus.
In zwei Tagen werden sie zum Mittagessen wieder ins chinesische Restaurant zurückkehren.