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Am 12. September 2021 besuchte ich das 25-jährige Jubiläum des «Evangelischen Gemeinschaftswerkes EGW», welches unter dem Motto «Begeistert von Gott Brücken bauen» stattfand.
Als ich die Anfrage erhielt, das 25-jährige Jubiläum des EGW zu besuchen, dachte ich an eine kleine Gemeinde, welche noch nicht lange existiert. Ich erfuhr dann schnell, dass das nicht stimmt. Das Netzwerk des EGW Bern ist weitaus grösser und vernetzter, und auch schon um einiges älter. Gefeiert wurde am 12. September 2021 in Bern der Zusammenschluss der Landeskirchlichen Gemeinschaft (LKG) und der Evangelischen Gesellschaft (EG) im Jahr 1996 unter dem Namen “Evangelisches Gemeinschaftswerk”. Die EG besteht schon seit 1831. Aufgrund theologischer Meinungsverschiedenheiten ereignete sich eine Trennung, bei welcher sich im Jahr 1908 einige Mitglieder von der EG abwandten und an 21 Versammlungsorten die LKG gründeten. Die theologischen Differenzen bestanden darin, dass sich in den 1870er-Jahren der Gedanke eines Zeltevangelisten verbreitete, man könne von der Sünde völlig frei werden. Einigen Mitgliedern der EG war dies zu absolut, und somit versuchte man, die Gemeindemitglieder von einer derartig überheblichen Haltung, «in einen höheren Heilszustand gelangt zu sein», abzubringen.
Ich fand dies verständlich und nachvollziehbar für eine nüchterne, pietistische Bewegung, welche Wert darauf legt, dass das Gemeindeleben in gemässigten Bahnen verläuft.
Im Verlauf des 20. Jahrhunderts fand man vereinzelt wieder zueinander, und für grössere Anlässe arbeitete man auch zusammen. Ansonsten fanden viele Angebote getrennt statt. Mit der Zeit kristallisierte sich immer mehr der Wunsch heraus, doch wieder zusammen gehören zu wollen, auch aufgrund der zunehmenden Säkularisierung ab den 70er-Jahren. Man erkannte, dass eine grössere Trennung zwischen Gläubigen und Ungläubigen existierte als in der eigenen Gemeinde, und um der Glaubwürdigkeit des christlichen Glaubens «in der Welt» willen sollten Jünger Jesu doch umso mehr zusammenfinden. Nach 88 Jahren Trennung fanden die Gemeinden wieder zueinander. Dieses Zusammenfinden wird vom EGW als Zeichen Gottes gesehen, denn diese neue Einheit sei durch Jesus gewirkt worden, mit welchem jeder Gläubige ebenfalls «eins» ist.
Festgottesdienst
Am Jubiläumsgottesdienst nahmen gegen 650 Personen teil. Diese verteilten sich den Abstands-Regeln entsprechend grossflächig auf den Stühlen der Mehrzweckhalle in Bern. Da wir uns in einer Halle befanden mit Turnhallenboden und Basketballkörben auf den Seiten, wirkte ein Gottesdienst etwas fehl am Platz. Die Moderatoren und Moderatorin, die Pfarrer, die bis zu 9 Instrumentalisten sowie der 22-köpfige Chor wurden auf Leinwände übertragen, so dass alle das Geschehen gut verfolgen konnten. Das Publikum war altersmässig gut durchmischt, trotzdem waren viele Besucherinnen und Besucher schon älter. Die ca. 30 Kinder durften während des zweistündigen Gottesdienstes am Kinderprogramm teilnehmen, welches von einer Jungschargruppe organisiert wurde. Insgesamt hat die EGW 3’600 Mitglieder in 35 Ortsgemeinden, welche vorwiegend im Kanton Bern ansässig sind.
Ablauf Gottesdienst
Als Einstieg war ein Stück der 7-köpfigen Bläsergruppe «Posaunenchor Walterswil-Oeschinenbach» zu hören. Anschliessend wurde das Publikum von Urs Eugster begrüsst und in einem Gebet wurde um Gottes Gegenwart gebeten. Daraufhin folgten einige Gedanken, welche wohl der Einstimmung auf das Predigtthema dienen sollten. Die Predigt begann nämlich erst etwa eine halbe Stunde nach Gottesdienstbeginn. Urs Eugster sprach vom antiken griechischen Philosophen Diogenes, welcher eines Tages mit einem Stein gesprochen haben soll. Auf die Frage, weshalb er dies tue, erwiderte er, er übe sich darin, zu reden, und keine Antwort zu erhalten. Urs Eugster zog daraufhin eine Parallele zu seinem Leben, jedoch habe er – nach Jahren abendlicher Gebete – im Gegensatz zu Diogenes eine Antwort von Gott erhalten. Mir wurde leider nicht ganz klar, worin die Antwort genau bestand. Anschliessend erzählte er von der kürzesten Brücke, welche überhaupt existiere, und diese sei einerseits der Augenkontakt zwischen zwei Menschen, andererseits auch der Augenkontakt zwischen einem Menschen und Gott.
Bevor die Predigt begann, wurden einige Lieder gesungen, zu welchen zum Mitsingen eingeladen wurde.
Predigt
Das Leitthema der darauffolgenden Predigt nannte sich «Begeistert von Gott Brücken bauen». Dabei wurde diese nicht von einer einzelnen Person gehalten, sondern als Dialog zweier Personen gestaltet. Zu Beginn wurde von der aussergewöhnlichen Zusammenkunft gesprochen, und es wurde besonders betont, dass Menschen «ihre eigenen Vorstellungen hinterfragt und Neues gewagt hätten». Diese Feststellung überraschte mich positiv. Daraufhin folgte die Frage, ob denn mit diesem Jubiläum nicht genug getan sei, und man als gläubiger Christ nicht einmal etwas zurücklehnen und stolz sein dürfe auf das Erreichte. Die Antwort handelte davon, dass die Motivation sich zu engagieren (und das Evangelium zu verkünden) «aus der Freude an Gott» komme. Zur Bekräftigung dieses Arguments wurden zwei Bibelverse aus dem Buch Richter und dem Buch Daniel genannt. Also lautet die Antwort auf die Frage, ob es möglich sei, nicht zu missionieren, nein.
Die Predigt behandelte anschliessend, wie man in der Schweizer Gesellschaft «Brücken schlagen» könne: Man solle seine Feinde lieben, für ihr Glück beten, müsse nicht sofort angreifen und auch nicht immer Kontakte abbrechen. Als ich dies hörte, hatte ich das Bild eines verdeckt aufdringlichen Christen vor Augen, welcher betont freundlich und geduldig, zurückhaltend und doch bestimmt einem Zeitgenossen die «Gute Botschaft» weitergeben möchte. Offensichtlich war sich die Gemeinde dieses Phänomens auch bewusst, und es wurde geraten, man solle die Menschen heute nicht mehr mit Traktaten überfallen. Eher solle man einen authentischen Lebensstil pflegen, sich auf die Interessen der anderen Menschen einlassen und im Verlauf eines Gesprächs hoffen, dass dieses schliesslich auf Gott kommt.
Abschliessend lässt sich sagen, dass die Predigt erstaunlich viele selbstkritische Gedanken beinhaltete. Einige theologische Begriffe, welche von der Allgemeinheit zunehmend in negativen Kontexten verwendet werden, wurden aufgegriffen und in einem leicht ironischen Unterton wiedergegeben. Dies liess die Gemeinschaft – und die Pfarrer – sehr sympathisch wirken.
Musik
Die Auswahl der Lieder erwies sich als vielfältig. Vorherrschend war ein Liedstil, welcher heute mancherorts als altbackene Kirchenlieder bezeichnet werden würde. Durch die Begleitung des Keyboards, welches als Orgel eingestellt war, erhielten diese Lieder eine kirchliche Komponente. Einige Lieder waren schweizerdeutsch und hatten durchaus schöne Melodien. Durch die Chorbegleitung, ein schönes Klavierspiel, Gitarren- sowie Schlagzeugbegleitung wurde eines dieser Lieder etwas charismatischer interpretiert. Der schnelle Rhythmus und drei Tänzerinnen, welche Fahnen schwangen und tanzten, liessen das Lied mitreissend wirken. Jedoch merkte man, dass diese Art von Musikstil nicht in die Gemeindekultur hineinpasste, und ein leichtes Befremden war spürbar. Die Lieder handelten von Dankbarkeit, Nähe, Hoffnung, dem Wunsch nach Führung und Sehnsucht nach Gott.
Fazit
Das EGW präsentierte sich als eine Generationen-übergreifende Gemeinschaft, welche eine lange Gemeindegeschichte besitzt. Durch das Jubiläum wurde der Gemeinschafts- und Identitätsgedanke wieder aufgenommen und gefestigt. Die Lehre erwies sich als gemässigt evangelikal, die Pfarrer wirkten gebildet und aufgeklärt, und der Anlass besass eine friedliche und gesetzte Atmosphäre.
Lilian Zwygart, 13. September 2021