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01.10.2020 16:12:50

Leitender Portfoliomanager
US-Aktien haben im vergangenen Jahrzehnt die globalen Aktienmärkte in die Höhe getrieben. So erzielten sie in den letzten zehn Jahren eine herausragende Rendite von 292 %, verglichen mit lediglich 73 % für globale Aktien (gemessen am MSCI USA bzw. MSCI AC World ex US Index, in US-Dollar, Stand: 31. August 2020).
Aber die Vergangenheit ist nicht immer ein guter Indikator für die Zukunft. Nun, da der Klimawandel auf der politischen und gesellschaftlichen Agenda nach oben rückt, könnte die Dekarbonisierung zum Megatrend der nächsten Dekade werden. Und unseres Erachtens sind viele der Unternehmen, die am besten für den Übergang zu einer CO2-armen Zukunft aufgestellt sind, an Börsen ausserhalb der USA notiert.
Wer sind die Hauptakteure des Wind- und Solarmarktes?
Die USA haben einige Unternehmen, die in ihrem Bereich eine marktbeherrschende Stellung einnehmen. Das ist jedoch nicht immer der Fall, wenn wir den Bereich der erneuerbaren Energien betrachten.
Nehmen wir zum Beispiel die Windenergiebranche, die weltweit von einer Handvoll Unternehmen dominiert wird. Nur einer der führenden Hersteller - GE - ist ein US-Unternehmen. Die grössten global agierenden Windenergiehersteller sind Vestas Wind in Dänemark und das deutsch-spanische Joint Venture Siemens Gamesa. Bei chinesischen Firmen liegt der Schwerpunkt in der Regel überwiegend auf dem heimischen Markt.
Die Solarindustrie wird unterdessen massgeblich von chinesischen Anbietern dominiert. China ist führend in der Produktion von Polysilizium und auch, was die Herstellungskapazität für Solarzellen anbelangt. Es handelt sich hier um eine relativ stark durch Standardprodukte geprägte Branche, mit entsprechend begrenzten Möglichkeiten zur Erwirtschaftung überdurchschnittlicher Gewinnmargen. Dennoch: Wenn die Solarbranche boomt, dann werden diese chinesischen Unternehmen davon profitieren. Einer der wenigen nennenswerten nicht-chinesischen Anbieter in der Branche ist First Solar, ein US-Unternehmen.
Was ist mit Elektrofahrzeugen?
Wenn es um reine Elektrofahrzeuge geht, dann ist das US-Unternehmen Tesla der Markenname, den jeder kennt. Tesla ist derzeit führend beim Verkauf batterieelektrischer Fahrzeuge, im Unterschied zu Hybridfahrzeugen.
Mit dieser Dominanz könnte es jedoch bald vorbei sein. Volkswagen hat ehrgeizige Ambitionen für die Produktion batterieelektrischer Fahrzeuge und wird wohl Tesla bis 2025 überholen, wenn das Unternehmen dann wie geplant 1,4 Millionen batterieelektrische Fahrzeuge verkaufen sollte. Auch die Allianz Renault-Nissan-Mitsubishi - Hersteller des Leaf - und Chinas Geely sind auf gutem Weg, Tesla bis 2025 einzuholen (Quelle: CNN Business 2019).
Der wichtige Teil eines batterieelektrischen Fahrzeugs ist aus Dekarbonisierungssicht die Batterie. Auch hier sind nicht-US-amerikanische Unternehmen die Marktführer. Die Batterielieferkette wird von asiatischen Unternehmen wie LG Chem und Samsung SDI aus Südkorea, Panasonic aus Japan sowie CATL aus China dominiert.
US-amerikanische und europäische Autohersteller könnten versuchen, mehr Batterien lokal zu beschaffen, wenn sie ihre Produktion an batterieelektrischen Fahrzeugen hochfahren. Vorläufig verbleibt jedoch das technische Know-how bei diesen asiatischen Firmen.
Tatsache ist ausserdem, dass die Hauptkäufer von Elektrofahrzeugen zurzeit chinesische und europäische Abnehmer sind. Die schnellere Markteinführung wird zu Grössenvorteilen, der Entwicklung von technischem Know-how und einem schnelleren Wachstum in verwandten Dienstleistungsbereichen führen, die die Elektroautoindustrie unterstützen.
Ist Wasserstoff die neue Art der Fortbewegung?
Ein Grossteil der Diskussionen um die Dekarbonisierung konzentriert sich auf den Einsatz von Strom aus erneuerbaren Energien. Wasserstoff könnte jedoch eine alternative Energiequelle für Branchen sein, bei denen sich die Dekarbonisierung mittels Strom schwierig gestaltet.
Wasserstoff lässt sich aus fossilen Brennstoffen herstellen, wobei die bei dem Prozess entstehenden Emissionen über Technologien zur CO2-Sequestrierung (CSS) aufgefangen und gespeichert werden. Eine Herstellung ist auch mithilfe erneuerbarer Energien möglich, und in den nächsten fünf bis zehn Jahren dürfte dieser regenerativ (emissionsfrei) gewonnene Wasserstoff kostengünstiger sein als jener aus fossilen Brennstoffen.
Der Vorteil von Wasserstoff liegt darin, dass bei seiner Verbrennung in einem Motor keine Kohlendioxidemissionen entstehen. Die Umwandlung von Wasserstoff in Strom kann auch über eine Wasserstoff-Brennstoffzelle erreicht werden, die Wasserstoff und Sauerstoff verbraucht. Wird eine solche Brennstoffzelle kontinuierlich mit Wasser- und Sauerstoff versorgt, dann kann sie Strom mit Wasser als einzigem Nebenprodukt generieren.
Wasserstoff kann ausserdem verwendet werden, um überschüssigen Strom aus regenerativen Quellen zu speichern. Dieser Strom lässt sich dann nutzen, wenn Wind- und Sonnenkraftanlagen gerade keinen Strom produzieren. So können die Spitzen und Flauten bei der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien entsprechend ausgeglichen werden.
Derzeit sind die Kosten der Wasserstoffherstellung noch relativ hoch, was wiederum die Nachfrage belastet. Der deutliche Rückgang der Kosten anderer grüner Energiequellen in den letzten Jahren deutet jedoch darauf hin, dass Wasserstoff die gleiche Entwicklung vollziehen wird.
Japan und Europa sind aktuell führend bei der Entwicklung der Wasserstoffenergie. Japan verabschiedete 2017 seine "grundlegende Wasserstoffstrategie" mit dem Ziel, die Kosten für Wasserstoff auf das gleiche Niveau wie bei konventionellen Energiequellen zu senken und so die Energiesicherheit zu gewährleisten sowie die CO2-Emissionen zu reduzieren.
Unsere Data Insights Unit hat ihre Expertise in der Verwaltung alternativer Datensätze genutzt, um zu analysieren, welche Unternehmen in Bezug auf die Wasserstoffherstellung die meisten Patente anmelden. Dabei wurde herausgefunden, dass die Top-3-Unternehmen allesamt aus Japan stammen: Toshiba, Honda und Asahi Kasei.
Daneben stehen europäische Unternehmen wie Siemens, Thyssen, NEL und ITM an der Spitze bei der Entwicklung von Wasserstoffelektrolyseuren. Das neue Investitionsprogramm der Europäischen Union (EU) zum Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur dürfte diesen Unternehmen in dieser frühen Phase der Industrieentwicklung einen deutlichen Vorsprung gegenüber der ausländischen Konkurrenz geben.
Eine Wasserstoffstrategie ist Teil des kürzlich angekündigten Green Deals der EU. Die Strategie verfolgt das Ziel, bis zum Jahr 2024 zunächst eine Million Tonnen Wasserstoff aus erneuerbaren Energien zu produzieren und dann bis 2030 die Menge auf zehn Millionen Tonnen zu erhöhen.
Politische Entschlossenheit treibt Dekarbonisierung an
Europa hat oft eine Vorreiterrolle gespielt, wenn es darum geht, sich der Herausforderung des Klimawandels politisch anzunehmen. Mittlerweile machen die asiatischen Länder diesbezüglich jedoch auch schnelle Fortschritte.
Mit einer solchen Dringlichkeit wurden der Klimawandel und die Umstellung auf erneuerbare Energieträger in den USA bislang nicht behandelt. Dies könnte teilweise erklären, warum US-Unternehmen derzeit noch relativ stark der Entwicklung in Richtung Dekarbonisierung hinterherhinken.
Zuletzt hat es ein paar ehrgeizige Dekarbonisierungsstrategien und Ambitionen von Unternehmen wie Microsoft und Amazon gegeben. Generell aber sind europäische Unternehmen deutlich stärker darauf fokussiert, ihre Betriebsabläufe und Lieferketten zu dekarbonisieren. Sie verfolgen dabei ehrgeizigere langfristige Zielsetzungen, die sich am Zwei-Grad-Ziel des Pariser Abkommens orientieren, und setzen sich Zwischenziele, an denen sie ihre Fortschritte messen können.
Die nachstehende Tabelle verdeutlicht dies. Unser Sustainable Investment Team hat über 10.000 Unternehmen weltweit auf ihre Verpflichtung zu wissenschaftsbasierten Klimaschutzzielen im Rahmen der Science Based Target Initiative (SBTI) hin untersucht. "SBTI" bedeutet im Wesentlichen, eine Strategie zu haben, die das Unternehmen zu Treibhausgasreduktionszielen verpflichtet, die im Einklang mit dem von Klimaforschern empfohlenen Tempo der Emissionsminderung stehen, um die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu begrenzen.
Die regionalen Unterschiede sind erheblich. Obwohl sie zahlenmässig nur 13 % der untersuchten börsennotierten Gesellschaften stellt, entfallen auf die Region Westeuropa 38 % der Gesamtzahl der Unternehmen mit wissenschaftsbasierten Klimazielen. Nordamerikanische Unternehmen machen nur 22 % dieser Gruppe aus, obwohl sie 26 % des börsennotierten Universums stellen.
Ferner gibt es auch in den asiatischen Industrieländern, in Lateinamerika und in den europäischen Schwellenländern einen höheren Anteil an börsennotierten Unternehmen, die sich zu wissenschaftsbasierten Klimazielen verpflichten, als es in Nordamerika der Fall ist.
Damit wird klar, dass europäische Unternehmen in Bezug auf die Optimierung ihrer Betriebsabläufe für einen schnellen Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft schon erheblich weiter sind. Dies wird ihnen in wettbewerblicher Hinsicht zugutekommen, da CO2-Emissionen in Zukunft zu einer wesentlich grösseren Belastung werden.
Wenn nun mit Blick auf die Bewältigung des Klimawandels die CO2-Steuern und die Preise für Kohlenstoff weltweit steigen dürften, wird dieser Vorsprung bei der Verringerung der eigenen CO2-Emissionen als Wettbewerbs- und Kostenvorteil noch wertvoller werden.
Die Dominanz, die der US-Aktienmarkt in den letzten zehn Jahren gezeigt hat, war im Wesentlichen auf die starke Wertentwicklung einer Handvoll Schwergewichten in einigen wenigen Schlüsselsektoren zurückzuführen. Angeführt haben diese Entwicklung die sogenannten FAANG-Aktien (Facebook, Amazon, Apple, Netflix, Google).
Diese fantastischen Unternehmen dürften auf ihren jeweiligen Gebieten auch weiterhin eine führende Stellung einnehmen. Da aber die Notwendigkeit zu einer kohlenstoffarmen Zukunft zunehmend an Bedeutung gewinnt, sind wir der Ansicht, dass Aktienanleger nun speziell auch die Führungsrolle im Blick haben sollten, die Unternehmen ausserhalb der USA derzeit bei den Dekarbonisierungsbemühungen spielen.
- Mehr lesen: Move over, US: time for a new stock market leader?
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