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Am 14. November 2011 wurde die Grabplatte von Robert Lucas Pearsall aus einem Schopf auf Schloss Wartensee oberhalb von Rorschach in die Steinhauerei des Klosters Einsiedeln transportiert. Dort wird die circa 900 Kilo schwere Platte aus Rorschacher Sandstein vorübergehend gelagert bis zum Weitertransport in die südwestenglische Stadt Bristol, wo Pearsall am 14. März 1795 geboren wurde. Der Transport nach Einsiedeln wurde notwendig, weil Schloss Wartensee oberhalb von Rorschach in andere Hände kommt. Seit 1954 war das Schloss im Besitz der reformierten Landeskirche des Kantons St. Gallen, welche es als Tagungszentrum für Kurse, Seminare und Ausstellungen vielfach nutzte. Nach einer Renovation des Schlosses fand man für die Grabplatte keinen Platz mehr und stellte sie in einem für die Öffentlichkeit unzugänglichen Schopf ab. Im kommenden Jahr soll das Schloss verkauft werden. Eine interessierte dänische Bank hat sich allerdings inzwischen wieder zurückgezogen. P. Lukas Helg aus dem Kloster Einsiedeln erhielt von der Reformierten Landeskirche die Vollmacht, den Grabstein einem sinnvolleren Zwecke zuzuführen. Es war also allerhöchste Zeit, die Grabplatte zu "retten".
Wer war Pearsall?
Den Schweizer Katholiken ist Robert Lucas Pearsall unbewusst oder bewusst bekannt als Komponist des Kirchenliedes "Geist der Wahrheit, Geist der Liebe" im Kirchengesangbuch Nummer 230. Der englische Adlige kaufte im Jahre 1842 das Schloss Wartensee und verbrachte dort die letzten vierzehn Jahres seines Lebens. Obwohl Anglikaner, arbeitete Pearsall mit bei der Schaffung eines neuen Kirchengesangbuches für das Bistum St. Gallen, welches 1863 erschien. Von seinen etlichen Kirchenliedern hat sich dieses eine Lied zum Heiligen Geist bis heute halten können. Pearsall kam auch in Kontakt mit dem Kloster Einsiedeln und vermachte ihm vor seinem Tod seine gesamte musikalische Bibliothek (rund 150 Eigenkompositionen und etwa 700 erworbene Fremdkompositionen in Drucken und Handschriften.) Dieser bedeutende Schatz wird bis heute in der Einsiedler Musikbibliothek aufbewahrt und ist für die Forschung zugänglich. Es war deshalb mehr als nur eine Pietätspflicht, wenn sich der Einsiedler Musikbibliothekar um Pearsall’s Grabstein kümmerte.
Wo ist Pearsall begraben?
Am 5. August 1856 starb Robert Lucas Pearsall und wurde auf Schloss Wartensee in der Schlosskapelle in einer Gruft begraben. Seine Tochter Philippa war verantwortlich für den Text auf der Grabplatte. Sie begann nämlich, dem Namen ihres Vaters ein adliges "de" beizufügen, was er selber nie tat. Hier der Originaltext:
"In the vault beneath repose the // remains of Robert Lucas de Pearsall // Esquire of Willsbridge house in the // County of Glorister England and // of this Castle of Wartensee in the // Cant. St. Gall Switzerland born at // Clifton in the County of Glorister 14 // March 1795 and died at this Castle // 5. August 1856 // Requiescat in pace"
Im Jahre 1954 ging, wie oben erwähnt, das Schloss Wartensee einmal mehr in neue Hände über. Die katholischen Franziskaner-Missionsschwestern verkauften das Schloss an die Reformierte Landeskirche des Kantons St. Gallen. Obwohl Pearsall erst drei Tage vor seinem Tod in die katholische Kirche übergetreten war, empfand Kaplan Arthur Kobler diesen Besitzerwechsel so gravierend, dass er die sterblichen Überreste Pearsall‘s im reformiert gewordenen Schloss exhumieren und einige hundert Meter weiter unten vor der katholischen Kapelle Wilen-Wartegg neu begraben liess. Eine aus heutiger Sicht kaum mehr nachvollziehbare Aktion. Vor der Kapelle Willen - Wartegg befindet sich bis heute Pearsall‘s Grab mit einer neu gestalteten Grabplatte mit deutschem Text. Im Text werden speziell Pearsall’s Verdienste um die Kirchenmusik des Bistums St. Gallen gewürdigt. Die ursprüngliche Grabplatte oben im Schloss war funktionslos geworden und landete in einem unzugänglich Schopf.
Warum nach England?
P. Lukas Helg versuchte, die ursprüngliche und wertvolle Grabplatte aus ihrem Schattendasein zu erlösen. Aber weder auf Schloss Wartensee noch in der katholischen Pfarrei Rorschach noch im Klosterbezirk St. Gallen sah man eine Möglichkeit, die Platte an einer sichtbaren Stelle aufzustellen. Nachdem die Platte vom jetzigen Schlossbesitzer freigegeben wurde, gestattete Abt Martin Werlen, sie nach Einsiedeln bringen zu lassen. Hier wäre sie auch wirklich an einem sinnvollen Ort, nachdem das Kloster im Jahre 1856 auf zwei Fuhrwagen Pearsall’s gesamten Musiknachlass nach Einsiedeln bringen durfte. In der Zwischenzeit tat sich aber durch Kontakte mit Pearsall‘s Heimat Bristol eine neue Lösung für die Grabplatte auf. Der von Robert Lucas Pearsall gegründete Madrigalchor von Bristol übernimmt die Grabplatte sehr gern und lässt sie auf ihre Kosten in die Kirche von Bitton (in der Nähe von Bristol) bringen, wo bereits andere Tafeln und Inschriften an den berühmten Engländer erinnern. Der Transport soll so bald wie möglich über die Bühne gehen.
P. Lukas Helg