Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03516.jsonl.gz/3021

Streifung - Vorbote einer vermeidbaren Katastrophe
PDF | 2.67 MB
«Glück gehabt», sagen sich wohl alle, die eine Streifung erlitten haben. Die Anzeichen einer Streifung sind meistens innerhalb von Minuten verschwunden, und man geht zur Tagesordnung über. Doch Vorsicht: Eine Streifung ist immer ein Warnsignal, denn bereits in den nächsten 48 Stunden erleidet jeder 20. Patient einen Schlaganfall. Schnelles Handeln ist deshalb erforderlich und hilft, drohenden Katastrophen vorzubeugen!
Eine Streifung, auch transiente ischämische Attacke (TIA) genannt, ist die Folge einer plötzlich auftretenden, jedoch vorübergehenden Durchblutungsstörung eines Hirnareals. Die dort lokalisierten Nervenzellen erhalten keinen Sauerstoff und keine Energieträger mehr und stellen ihre Funktion ein. Je nachdem, welches Hirnareal betroffen ist, treten unterschiedliche Symptome auf: Sehstörungen (einseitige Blindheit, Gesichtsfeldausfall, Doppelbilder), Sprech- und Sprachstörungen, Schwindel, Gleichgewichtsstörung, halbseitige Lähmung und/oder Fühlstörung auf einer Körperseite. Die Symptome einer Streifung sind identisch mit denjenigen eines Schlaganfalls (Hirnschlag). Sie dauern bei einer Streifung weniger als 24 Stunden, meist weniger als 30 Minuten; bei einem Schlaganfall halten sie jedoch mindestens 24 Stunden an.
Die Hirndurchblutungsstörung entsteht durch ein Blutgerinnsel, welches eine das Gehirn mit Blut versorgende Hirnarterie verschliesst. Das Blutgerinnsel wird in einer grösseren Arterie oder dem Herz gebildet und mit dem Blutstrom ins Hirn geschwemmt. Zudem können Erkrankungen auch kleine, das Hirn versorgende Arterien verschliessen. Bei etwa jedem 5. Patienten bleibt die Ursache der Streifung unklar, was jedoch keinen Nachteil für die Prognose bedeutet. Die übliche Ursache einer Erkrankung der das Hirn versorgenden Arterien ist die Arteriosklerose, die meist auch andere Arterien des Körpers (Herzkranzgefässe, Beinarterien usw.) befällt. Die Arteriosklerose entsteht durch sogenannte vaskuläre Risikofaktoren, wobei Rauchen, Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte und Diabetes mellitus die wichtigsten sind.
Ohne Behandlung erleidet jeder 20. Patient in den ersten 48 Stunden danach einen Schlaganfall. Doch damit nicht genug: In den ersten 3 Monaten nach einer Streifung tritt bei jedem 4. Patienten ein Schlaganfall, eine erneute Streifung oder ein Herzinfarkt auf, oder er wird wegen Herzproblemen ins Spital eingeliefert oder er verstirbt. Eine rasche medizinische Versorgung nach einer Streifung ist deshalb unerlässlich!
Eine notfallmässige Abklärung und sofort anschliessende Präventivmassnahmen senken das Risiko eines Schlaganfalls um 80 %! Deshalb sollten Sie sofort handeln, die Notrufnummer 144 wählen oder notfallmässig einen Arzt aufsuchen!
Wie wichtig schnelles Handeln ist, zeigt das folgende Beispiel: Samstagmorgen, das Rentnerehepaar Ursula und Peter M. sitzen gemütlich beim gemeinsamen Frühstück. Plötzlich fällt der am Vortag 80 Jahre alt gewordenen Ursula das Messer aus der rechten Hand. Peter blickt seine Ursula erstaunt an und stellt mit Schrecken fest, dass nicht nur ihre Hand schlaff herunterhängt, sondern auch ihr Mund schief ist. Ihm wird die Situation unheimlich und er alarmiert über die Notfallnummer 144 die Ambulanz. Mit Blaulicht wird Ursula in ein «Comprehensive Stroke Center», eine Spezialabteilung für Patienten mit Streifung, Schlaganfall und anderen Erkrankungen der Hirngefässe, eingeliefert. Dort angekommen, sind Ursulas Symptome schon abgeklungen, worüber sich Peter sehr freut. Anderseits denkt er: «Vielleicht war es doch nicht so schlimm und wir haben der Ambulanz, dem Spital und dem Arzt unnötig viele Umstände gemacht.» Weit gefehlt! Ursula wird vom Arzt untersucht, Blut wird entnommen und ein EKG erstellt; dieses zeigt eine häufige Rhythmusstörung, nämlich ein Vorhofflimmern. Das Ultraschallbild der das Hirn versorgenden Arterien ist normal. Zum Schluss wird ein Kernspintomogramm des Gehirns angefertigt. Der Arzt erklärt dem Ehepaar M., dass die Ursache der Streifung das Vorhofflimmern sei. Dieses habe die Entwicklung eines Blutgerinnsels im Herz ermöglicht. Es müsse deshalb unverzüglich eine Blutverdünnung eingeleitet werden, wodurch das Risiko eines Schlaganfalls massiv verkleinert werde. Dann wendet sich der Arzt Peter zu und gratuliert ihm zu seinem Handeln. Indem er die Ambulanz alarmierte, habe er seine Frau vor Schlimmerem bewahrt. Der Arzt erklärt den beiden Ursache und lauernde Gefahren der Streifung. Ursula und Peter wissen nun, dass sie dank Medikamenten und einigen Änderungen ihrer Lebensgewohnheiten das Risiko eines Schlaganfalls und anderer Katastrophen deutlich reduzieren können.
Der sofortige Beginn einer medikamentösen Behandlung mit Substanzen, welche die Bildung von Blutgerinnseln verhindern, ist entscheidend. Dabei handelt es sich entweder um Substanzen, welche die Bildung von Blutgerinnseln, die aus Blutplättchen bestehen, hemmen, die sogenannten Blutplättchenhemmer (Acetylsalicylsäure, Dipyridamol oder Clopidogrel). Solche Blutgerinnsel entstehen typischerweise in grossen oder kleinen Arterien, welche das Gehirn versorgen. Anderseits verhindern die bei Ursula M. eingesetzten Antikoagulantien, dass sich Blutgerinnsel im Herz bilden. Falls die Streifung durch ein Gerinnsel verursacht wurde, dessen Ursprung in einer eingeengten Halsschlagader liegt, sollte diese Einengung in den nächsten 48 Stunden durch eine Operation beseitigt werden. Wichtig ist auch, die oben genannten vaskulären Risikofaktoren durch eine Umstellung der Lebensgewohnheiten günstig zu beeinflussen. Die Umstellung umfasst den vollständigen Stopp des Rauchens und eine Ernährung mit viel Gemüse und Früchten, aber wenig Fett. Gemieden werden sollten gesättigte Fettsäuren und Cholesterin, wie sie beispielsweise in tierischen Fetten, Fleisch oder Eiern vorkommen. Trotz dieser Massnahmen ist es oft notwendig, Medikamente zur Behandlung von Bluthochdruck, Diabetes mellitus und erhöhten Cholesterinwerten einzusetzen. Diese Massnahmen bekämpfen die Arteriosklerose und verkleinern auch das Risiko anderer Gefässerkrankungen und eines Herzinfarkts.
Eine Streifung ist immer ein Notfall. Handeln Sie sofort – eine medizinische Versorgung ist unerlässlich, auch wenn die Symptome abklingen.