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Ärzte haben mir Nitroglycerin verordnet. Ist das nicht ein Witz?
- Montag, 7. Oktober 2013, 10:34 Uhr
Alfred Nobel lebte sehr zurückgezogen. Der Chemiker, Erfinder und erfolgreiche Unternehmer war weit weniger berühmt als der Preis, den er ins Leben rief. Ein historisches Interview.
M. Pietschmann: Guten Tag, Herr Nobel. Ich hoffe, Sie haben gut geruht. Geht es Ihnen heute besser?
A. Nobel: Meine Migräne ist etwas abgeklungen, aber mein Herz macht wie immer Probleme.
Sie sind in Behandlung?
Ja, die Ärzte haben mir Nitroglycerin verordnet. Ist das nicht ein Witz?
Allerdings. Aus Nitroglycerin haben Sie einst Dynamit entwickelt und damit ein Vermögen gemacht, und nun brauchen Sie es, um überhaupt nur am Leben zu bleiben.
Wer weiss, wie lange noch. Aber konzentrieren wir uns auf das von Ihnen gewünschte Gespräch. Was möchten Sie wissen?
Wie Sie überhaupt in dieses Sprengstoffgeschäft geraten sind. Ihr Vater – selbst ein Erfinder wie Sie – hat Ihnen in St. Petersburg eine wertvolle humanistische Bildung ermöglicht, mit den besten Privatlehrern. Sie hätten bei Ihren vielen Talenten ebenso gut Literat werden können.
Übertreiben Sie da nicht ein wenig? Wahr ist allerdings, dass mein Vater mich als junger Mensch auf eine zweijährige Studienreise geschickt hat, nach Frankreich, Deutschland, England, sogar in die USA. Ich habe viele geistige Impulse erfahren, die mich bereichert haben. Aber wenn ich daran dachte, einen Beruf zu ergreifen, habe ich mich immer als Chemiker im Labor gesehen.
In einem Ihrer Labors starb Ihr kleiner Bruder Emil 1864 bei einer Explosion.
Ein tragischer Unfall, der alles infrage stellte. Ich war zu Tode verzweifelt.
Trotzdem haben Sie weiter Sprengstoff produziert. Andererseits bezeichnen Sie sich als Pazifisten. Sie sind seit über 20 Jahren mit der Friedensaktivistin Bertha von Suttner befreundet und unterstützen ihre Arbeit mit großzügigen Spenden ...
... und kaufe trotzdem das Rüstungsunternehmen Bofors. Das wollten Sie doch sagen, nicht wahr? Hören Sie: Ich habe mit meinen Erfindungen die Handhabung von Sprengstoff sehr viel sicherer gemacht. Meine Arbeit dient also ebenfalls dem Frieden und dem Fortschritt. Denken Sie an den Bergbau und das Anlegen von Strassen im Gebirge. Der Bau der Eisenbahn in den USA und die Arbeiten am Panamakanal hätten ohne mein Dynamit sicher weit mehr Opfer gekostet.
Zugegeben. Mit einem Nachfolgeprodukt – Seismogelit – habe ich selbst 100 Jahre später gearbeitet. Es lässt sich nur elektrisch zünden – man könnte mit dem Hammer daraufschlagen, ohne dass es explodiert. Aber andererseits haben Sie auch Ballistit erfunden, ein raucharmes Schiesspulver – und das ist, wie der Name schon sagt, nicht für den Bergbau bestimmt.
Da haben Sie allerdings recht; und Europas Armeen reissen es mir aus den Händen. Aber wenn es Sie tröstet: Es hat mir kein Glück gebracht.
Warum nicht? Sie verdienen sehr gut an Produktion und Lizenzen.
Weil die Franzosen, die 1887 eine ähnliche Substanz entwickelten, das Ballistit als Konkurrenzprodukt ansahen. Um mich kalt zu stellen, bezichtigten sie mich, der ich damals schon 14 Jahre in Paris wohnte, der Spionage. Ich ein Spion? Ich liebe Frankreich, ich betreibe Fabriken dort.
Ich erinnere mich. Man verbot Ihnen das Experimentieren auf französischem Boden.
Was sollte ich machen? Ich zog dann 1891 schweren Herzens nach San Remo um.
Wäre das nicht ein Zeitpunkt gewesen, innezuhalten und sich in Italien Ihren kulturellen Interessen zu widmen, wie es die Baronin von Suttner Ihnen seit Jahren empfiehlt? Sie sind ein Kosmopolit, sprechen fünf Sprachen und haben jüngst sogar ein Drama geschrieben.
Nur weil ich monatelang ans Bett gefesselt war und nicht im Labor arbeiten konnte. Sie vergessen ausserdem, dass Dinge ihre eigene Dynamik entfalten.
Wie meinen Sie das?
Ich betreibe Firmen und Fabriken in vielen verschiedenen Ländern, unter anderem in Deutschland. Soll ich die vielleicht sich selbst überlassen? Ich trage Verantwortung für die Menschen, die für mich arbeiten, und für deren Familien. Nein, ich bin und bleibe Erfinder und Unternehmer.
Ihr Preis ist sehr hoch, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf.
Das mag sein. Aber ich kann die Kontrolle nicht abgeben. Einmal habe ich es gemacht und wurde ein Opfer meiner offenbar miserablen Menschenkenntnis.
Sie spielen auf Paul Barbe an, jahrelang Ihre rechte Hand?
Ein begnadeter Geschäftsmann, aber leider auch sehr eitel und gewissenlos, wie sich zu spät herausstellte. Dass er Unsummen veruntreut und den Nobel-Konzern an den Rand des Ruins gebracht hat, kam erst nach seinem Tod heraus. Ich habe Millionen verloren.
Es war nicht Ihre einzige menschliche Enttäuschung, nicht wahr?
Ich ahne, worauf Sie anspielen. Aber darüber werde ich hier nicht sprechen. Nur so viel: Gern hätte ich mein Leben mit einer geliebten Frau geteilt. Es war mir leider nicht vergönnt. Dadurch habe ich auch keine Kinder.
... denen Sie Ihr grosses Vermögen vererben könnten.
Es geht nicht ums Geld. Das sollten verantwortungsvolle Menschen ohnehin nicht ihren Verwandten überlassen. Ich werde es jedenfalls nicht tun, mein Testament sieht etwas anderes vor.
Das ist ein guter Abschluss, lassen Sie uns das Gespräch beenden. Sie wirken sehr erschöpft.
Einverstanden. Aber eine Frage habe ich auch an Sie: Wie war das mit dem Seismogelit, von dem Sie sprachen? Das interessiert mich sehr. Könnten Sie vielleicht noch ein wenig aus der Zukunft plaudern ...?
Der Stifter des Nobelpreises
Alfred Nobel (* 1833) war 3. Sohn eines schwedischen Ingenieurs, der in St. Petersburg Hüttenwerke betrieb und Minen an Russland lieferte. Der Sohn entwickelte 1863 die Initialzündung für Nitroglycerin. Er erfand Dynamit, Sprenggelatine und vieles mehr. Im Testament verfügte er 1895, seine Stiftung zu gründen. Er starb am 10.12.1896 in San Remo.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift «Technology Review» in der Rubrik «Historisches Gespräch». Für die Zweitpublikation wurde er freundlicherweise vom Heise Zeitschriften Verlag in Hannover zur Verfügung gestellt.
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