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5 Fragen an Dr. Silke Schmitt Oggier - Wann sind Antibiotika sinnvoll bei Halsschmerzen?
Die 18-jährige junge Dame, die noch zuhause wohnt, klingt wirklich angeschlagen am Telefon an diesem Samstagabend. Die Gesundheitsberaterin kann jedoch nach ein paar gezielten Fragen fast sicher ausschliessen, dass Lea Pünter eine antibiotische Behandlung benötigt. Da die Patientin aber auch noch über Bauchweh klagt, organisiert die Gesundheitsberaterin einen Rückruf durch eine santé24-Ärztin.
Muss man Halsschmerzen immer mit Antibiotika behandeln?
Nein, denn die häufigsten Auslöser von Halsschmerzen sind verschiedenste Viren inkl. dem Grippe-Virus. Seltener sind Bakterien, sogenannte Streptokokken (Strep A), im Spiel. In der Regel hat man bei viralen Infektionen zumindest im Verlauf auch noch andere Symptome einer Erkältung oder Grippe wie Husten, Schnupfen, Ohrenweh usw. Fieber kann sowohl bei viralen als auch bei bakteriellen Infektionen vorkommen und ist deshalb kein Unterscheidungsmerkmal. Ein wichtiges Kriterium ist das Aussehen der Gaumenmandeln, die man selber im Spiegel betrachten kann, vor allem, wenn man versucht, die Zunge nach unten zu drücken oder laut «AAAA» oder «ÄÄÄÄÄÄ» dabei zu sagen, damit man möglichst weiter hinten in den Rachen schauen kann. Sind die Gaumen-Mandeln sehr gross und rot und vor allem mit weisslich, gelblich oder gräulichen Belägen oder Stippchen versehen, muss man die Diagnose einer eitrigen Mandelentzündung und somit eine bakterielle Ursache zumindest auch in Betracht ziehen.
Woher weiss ich, ob ich eine eitrige Mandelentzündung habe?
Es gibt einen Symptom-Test bzw. einen sogenannten Score, den ein Herr Dr. McIsaac erfunden und verifiziert hat, der einem weiterhelfen kann, abzuschätzen, ob eine virale oder eine bakterielle Ursache der Halsschmerzen wahrscheinlicher ist. Diesen Score benützen auch die Ärzte und Gesundheitsfachpersonen von santé24 zur Orientierung. Hat man z.B. zusätzlich zu den Halsschmerzen Husten als Zeichen einer generellen Erkältung und ist man älter als 15 Jahre, dann beträgt die Wahrscheinlichkeit für eine bakterielle Infektion nur 35 Prozent, auch wenn Fieber, vergrösserte oder belegte Mandeln und geschwollene Lymphknoten vorhanden sind. Ist man bei genau gleichen Symptomen älter als 45 Jahre, ist die Wahrscheinlichkeit sogar nur noch bei 17 Prozent. Bei Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren steigt die Wahrscheinlichkeit jedoch auf 50 Prozent, weil Kinder im Kindergarten- und Schulalter viel häufiger von Streptokokken-Entzündungen betroffen sind.
Das ist natürlich nur ein Anhaltspunkt und kann von Ärzten aufgrund zusätzlicher Symptome und des Verlaufs anders gewichtet werden. Deshalb ist der Score für Laien auch nur orientierend einzusetzen und ersetzt nicht das Gespräch oder die Untersuchung durch eine Fachperson.
Warum behandelt man eine eitrige Mandelentzündung nicht mehr immer mit Antibiotika?
Die häufigste Ursache einer bakteriellen Mandelentzündung sind Stretokokken der Gruppe A. Vor allem bei schlechtem Allgemeinzustand des Patienten schon vor der akuten Erkrankung, z.B. in Kriegszeiten oder in Entwicklungsländern, können sie schwerwiegende Folgeerkrankungen auslösen. Dies kann man mit einer entsprechenden Antibiotikabehandlung verhindern. Vor allem in Europa hat man jedoch über lange Zeit gesehen, dass diese möglichen Folgeerkrankungen aufgrund unserer guten Grundgesundheit gar nicht mehr vorkommen. Deshalb haben sich die ärztlichen Fachgesellschaften erst kürzlich darauf geeinigt, die generelle Antibiotika-Empfehlung aufzuheben. Streptokokken sollen nur noch in bestimmten Situationen gesucht und behandelt werden, z.B. bei sehr schweren Verläufen oder bei Patienten mit geschwächter Abwehr. Bezüglich der Symptome haben Antibiotika nur einen sehr kleinen Nutzen, der ihren Einsatz nicht rechtfertigt.
Wann sollte man die Mandeln entfernen lassen?
Generell ist man sehr zurückhaltend mit der Empfehlung, die Mandeln zu entfernen, da die Mandeln ein Teil des Abwehrsystems darstellen und damit durchaus nützlich sind. Dennoch kann eine sogenannte Tonsillektomie (Mandelentfernung) bei Erwachsenen beim Auftreten von vier, bei Kindern von sieben Strep-A-Infektionen in einem Jahr oder je fünf Episoden in zwei aufeinander folgenden Jahren oder je drei 3 Episoden in drei aufeinanderfolgenden Jahren erwogen werden, wenn die Infektionen schwer beeinträchtigend sind und/oder jeweils den Einsatz verschiedenster Antibiotika notwendig machen. Dann wird eine Vorstellung beim Arzt für Hals-Nasen-Ohrenerkrankungen (ORL) empfohlen.
Wie kann man Halsschmerzen sonst behandeln?
Halsentzündungen, egal ob viral oder bakteriell, können sehr starke Hals- oder Schluckschmerzen auslösen. Deshalb sind Schmerzmedikamente zum Einnehmen, wie man sie in der Apotheke bekommen kann, sinnvoll. Zusätzlich können antientzündliche Sprays oder Gurgellösungen und Lutschtabletten, die schmerz- und entzündungshemmend wirken, die Symptome lindern. Meiden sollte man stark gewürzte oder fruchtig-saure Speisen und stattdessen kühlende Getränke, milde weiche Nahrungsmittel oder Rahmglacé zu sich nehmen, um das Schlucken zu erleichtern.
Bei Lea Pünter konnte die santé24-Ärztin eine bakterielle Ursache für die starken Halsschmerzen weitestgehend ausschliessen und die Symptome wie oben beschrieben gut behandeln. Nach weiteren zwei Tagen ging es ihr schon deutlich besser, so dass sie auch Ihre Arbeit wieder aufnehmen konnte. Da Lea Pünter nicht in der Lehre oder Ausbildung, sondern in einem festen Anstellungsverhältnis ist, konnte ihr die santé24-Ärztin das Arbeitsunfähigkeitszeugnis für den dritten Arbeitstag, an dem sie krankheitshalber gefehlt hatte, ausstellen und zuschicken.
Dr. med. Silke Schmitt Oggier ist die Medizinische Leiterin von santé24 und selber Fachärztin für Kinder und Jugendliche. Die telemedizinische Beratung ist eine zentrale Dienstleistung von santé24, die den SWICA-Versicherten bei allen Fragen rund um die Gesundheit unter der Nummer 044 404 86 86 kostenlos zur Verfügung steht. Eine Praxisbewilligung für Telemedizin ermöglicht es den Ärzten von santé24 zudem, bei telemedizinisch geeigneten Krankheitsbildern weiterführende ärztliche Leistungen zu erbringen. Mit der medizinischen App BENECURA können SWICA-Versicherte ausserdem bei Krankheitssymptomen einen digitalen SymptomCheck machen und erhalten Empfehlungen fürs weitere Vorgehen. Bei einem anschliessenden Telefonat mit santé24 entscheidet der Kunde im Einzelfall selber, ob er die im SymptomCheck gemachten Angaben santé24 freigeben möchte.