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Eine Kritik zu Die Kolumne von Samuel Prenner.
Da spricht mich dieser Mann aus dem Text heraus an, als sässen wir in seinem Arbeitszimmer bei einem vertrauten Gespräch. Mit dem Anführungszeichen ist ein Zeichen gesetzt, das programmatisch auf Mündlichkeit verweist. Ich steige ein in den Text und verpasse den Einstieg mit dem Einstieg. Das Adverb also erscheint als Résumé von bereits Gesagtem, wobei bald deutlich wird, dass es sich um ein Résumé von bereits Geschriebenem handelt. Der Text führt einen Dialog, indem er alle möglichen ‹nassen Wollfäden›, vollgesogen mit intertextueller Bedeutung, zu einer subtilen Kritik an vorangehenden Texten verwebt. So ist z.B. das ‹gefährliche Mensch› ein Verweis auf den Text von Manuel Müller in der ersten Ausgabe von delirium. Es erscheint aber auch als Kritik an grimmig-höhnischen Kritiken, vor denen allfällige Autoren zu schützen sind, und zugleich als Kritik an der Kritik von solchen Kritiken: «Speichelfluss gehört kontrolliert!»
Die Ebenen zwischen dem fiktiven, dem textuell konzipierten und dem realen bzw. den realen Kritikern vermischen sich zunehmend. Der Text ist literarisch umgesetzt als ‹Simulation einer Kritik› und ist gleichzeitig echte Kritik an den vorangegangenen literarischen Texten und am – im delirium geäusserten – Selbstverständnis von Literaturkritik. Doch nicht genug an literarisch-intertextuellen Bezügen: Mit Beatrice Stoll hebt Samuel Prenner einen Namen in die Welt der Literatur, der darin bereits seinen Platz hat – Stoll war langjährige Leiterin des Zürcher Literaturhauses.
Spätestens mit der rhetorischen Frage «[W]ie ging das zu?», die eigentlich von mir als Leserin gestellt werden sollte, um nachzufragen, was in dieser scheinbar so ‹gelungenen Kolumne› denn drinsteht und was an der «denkwürdigen Lesung» wirklich passiert ist, offenbart sich, dass der monologisierende Ich-Erzähler keineswegs vorhat, mich am Gespräch teilhaben zu lassen. Indem er mir das Wissen um den Hintergrund seines Monologs vorenthält, macht es mir der «Literaturkaiser» unmöglich, eine bessere Kritik bzw. überhaupt eine Kritik zu schreiben – über einen Text, den man nicht gelesen hat, lässt sich weder etwas sagen, noch urteilen.
Vom Ich-Erzähler einerseits zur Zuhörerin objektiviert und gleichzeitig der Möglichkeit entzogen, eine ‹bessere› Kritik zu schreiben, bin ich an den Rand gedrängt, bevor ich überhaupt zu Wort kommen konnte. Es scheint, als hätten die Intertextualität und der Ich-Erzähler zusammen einen Pakt gegen mich, die Leserin und Kritikerin, geschlossen – als sei ich Georg, dem es vor der bösartigen Weltmaschine (delirium N°04) graut, nur dass meine die Welt der Literatur ist. Ich muss mir meinen Sprach-Raum suchen und finde ihn in den vielen Zwischenräumen, den Absätzen, die den Text als regelmässige Atempausen – zwischen dem Monolog des Literaturkaisers und den intertextuellen Bezügen – visuell strukturieren.
Von den Rändern her betrachtet es sich jedoch gut, ich sehe die Fantasie spielen, die keinem konkreten Subjekt zugeordnet werden kann; ich weiss nicht, wem die Unverschämtheit der Gedanken zuzuschreiben ist, da so viele Autoren hier mitgeschrieben haben. Die eigens verworfene «trügerische Kunst der fantasievollen Wendungen» – verstanden als Wort- und als Gedanken-Wendung – ist insbesondere in der Binnengeschichte, die der Literaturkaiser explizit den Qualitätsansprüchen der Literaturkritik entzieht, in einer auffallenden Dichte umgesetzt. Auf absurde Weise verbinden sich hier Sätze und Gedanken zu einem stilistisch und gleichzeitig inhaltlichen stream of consciousness ohne konkretes Bewusstsein:
«Die Bilder an der Wand liessen sich in keine Reihenfolge bringen. Manche Gestalten waren beschrieben. So sah John Odysseus umringt von Frauen in einem Bordell, obwohl er sich nicht erklären konnte, welche Szene aus der Odyssee dargestellt wurde. Auch gab es sonst keine Bilder, die Aufschluss geben konnten. Keine Bezüge, keine Linearitäten. Nur Holzfiguren. Grausige Gesichter. Sie standen gefährlich weit von der Wand ab. Keiner hätte einer Schulklasse erlaubt, darin zu lernen.»
Schön ist es, der Performanz (ein leider allzu oft verwendeter Begriff in der Zürcher Literaturwissenschaft) auf so vielen Ebenen zu begegnen. Ein weiteres Beispiel dafür sind die «‹toten› Klammern», die sich wie Sargdeckel um sich selber legen und die Andacht – im Sinne der angedachten Texte – religiös aufladen: Es wird derjenigen Texte im delirium, welche die ‹gute› Literatur zu Grabe getragen haben, seien es literarische Texte oder Kritiken, angemessen gedacht. Um der Andacht Willen bleiben sie unbenannt; an diesem Punkt erscheint es unangebracht, konkrete Kritik zu üben.
Mit dem letzten Abschnitt der Erzählung, in dem der Dialog ‹hastig abgebrochen› wird, bestätigt sich dieser Eindruck und besonders der Schlusssatz: «Seine Zunge bleckte hervor und strich über das starre Auge», der wiederum mit einem Anführungszeichen geschlossen wird, evoziert eine morbide Stimmung. Als Leserin frage ich mich unweigerlich, ob diese Mia eigentlich noch lebt oder ob sie vom Monolog, in dem «nur wichtige und richtige Dinge gesagt werden», bereits erschlagen bzw. «begraben» ist.
Dass der Schlusssatz mit einem Anführungszeichen geschlossen wird, verweist wiederum auf den Anfang des Textes. Indem der Ich-Erzähler mich in der direkten Rede anspricht, wird der Monolog auf eine persönliche Ebene gehoben. Es öffnet sich ein privater Raum, der sich im Verlauf der Erzählung als Arbeitszimmer des Literaturkaisers herausbildet. Kurz vor dem Höhepunkt, fast hätte man dem Literaturkaiser beim geifernden Masturbieren zuhören können, wird jedoch mit einer chauvinistischen Bemerkung abgebrochen – die Frauenstimme tritt in diesem Text entweder als störendes Element im Zwischenraum oder als Stille in «kurzen Pausen» auf. Als Kritikerin und Leserin bereits in diesen Raum gedrängt, scheint es, als müsse ich diesen auch als Frau mit einer Stimme füllen (was ein wenig nervt).
Zugleich haben sich kleine, in erster Linie formale Ungereimtheiten und syntaktische Unreinheiten eingeschlichen, die den starken literarischen Stilelementen ein wenig den Glanz nehmen. Warum die Geschichte z.B. rückblickend erzählt wird, ist nicht nachvollziehbar. Auch der Konjunktiv hätte meiner Meinung nach sparsamer verwendet werden dürfen, um den Text schlank zu halten. Die Lektüre hinkt bei solchen Dingen etwas, ohne dass der Text daran scheitert; was ernst gemeint ist, da hier keineswegs nur Streicheleinheiten ausgetauscht werden sollen.
Sofie Gollob