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SRF: Nicolas Wadimoff, man merkt Ihrem Film an, dass Sie für Ihren Protagonisten Sympathien hegen. Wie weit darf oder muss man als Filmemacher seine Figuren mögen?
Nicolas Wadimoff: Das ist für mich eine fundamentale Frage. Ich könnte keinen Film über jemanden drehen, für den oder die ich keine Empathie empfinde. Das heisst nicht, dass man nicht kritisch sein kann oder sogar total gegenteiliger Meinung. Aber wenn man jemanden nicht auf die eine oder andere Weise liebt, hat man keine Lust, ihn zu filmen.
Was nun Jean Ziegler angeht: Ich habe einen tiefen Respekt vor seinem Weg, ich habe Respekt vor seinem nicht abreissenden Engagement, ich habe Respekt vor vielen Dingen in seiner Karriere. Aber ich bin auch in vielen Dingen uneins mit ihm, in Bezug auf Weltanschauungen, auf politische Ideen.
Es war sehr schwierig, den richtigen Rahmen für mein Filmprojekt zu finden, in dem ich sowohl diesen Respekt als auch diese Meinungsverschiedenheiten ausdrücken konnte.
Besonders, wenn das Filmsubjekt – Jean Ziegler – ein guter Selbstdarsteller ist. Wie haben Sie als Regisseur mit ihm zusammen gearbeitet?
Das war ein langer Weg. Es brauchte viel Arbeit, diese Rollenverteilung – ich der Regisseur, er mein Filmsubjekt – in der Praxis zu verteidigen. Ich musste immer die Zügel fest in der Hand halten und nicht zulassen, dass Jean Ziegler die Inszenierung diktierte.
Ich durfte nicht zulassen, dass Jean Ziegler die Inszenierung diktierte.
Ein Beispiel: zu Beginn der Dreharbeiten setze sich Ziegler viel zu sehr in Szene, er plusterte sich auf, gab sich besonders Mühe. Nach einigen Aufnahmen musste ich ihm sagen: «Hör mal, Jean, wir machen keine Fernsehshow, hör auf, dich so aufzuplustern.»
Das akzeptierte er. Aber danach brauchte er stattdessen ein Gegenüber: Er hat begonnen, mich immer wieder anzusprechen, auch während die Kamera lief. Schliesslich musste ich akzeptieren, dass ich – zum ersten Mal in meiner filmischen Arbeit – selber zum Teil eines Films werden musste, in der Konfrontation mit Ziegler.
Und so sind Sie im Film auch der Kritiker Jean Zieglers, zum Beispiel während einer Kuba-Reise. Warum haben Sie keine andere Kritiker, politische Gegenspieler etwa, im Film zu Wort kommen lassen?
Wenn man ein Filmporträt dreht, gibt es zwei Möglichkeiten: entweder man dreht einen Film über eine Person oder mit ihr. Hätte ich den Film über ihn gedreht, mit ihm als einer von vielen Stimmen, hätte er sich konstant nur verteidigt.
Ich fand es viel interessanter, einen Film über und mit Jean Ziegler zu machen: Einen Film, in dem ich ihm Raum gebe, in dem er sich selber sein kann, die Hüllen fallen lassen kann. In dem ich in die Tiefe gehen kann, mit ihm zusammen.
Der Film erfährt in der französischen Schweiz eine andere Aufmerksamkeit als in der deutschen Schweiz. Jean Ziegler ist ein Mann dieser beiden Welten, in Thun gebürtig, in Genf seit Jahrzehnten lebend und arbeitend. Ist auch die Wahrnehmung seiner Person unterschiedlich?
Ja. Für mich ist das ein Rätsel. Die enorme Kritik an Ziegler, er sei ein «Landesverräter», «spucke in die Suppe» etc., die gibt es auch in der französischen Schweiz. Aber in der Deutschschweiz ist sie lauter, habe ich das Gefühl. Das hat auch mit dem deutschsprachigen Begriff der «Heimat» zu tun. Das ist in Genf irgendwie weniger wichtig, wo alles auf Internationalität ausgerichtet ist.
Mich interessiert aber vor allem, wie unterschiedlich Jean Ziegler in der Schweiz und international wahrgenommen wird. Als ich Ziegler für den Film nach München begleitet habe, wurde mir bewusst, welche Ausstrahlung er im Ausland hat.
Wie immer gilt hier der Prophet im eigenen Land wenig. In Deutschland, in Frankreich, in Lateinamerika, sogar in Nordamerika, hat Jean Ziegler den gleichen Status wie Noam Chomsky, wie Susan Sontag, ganz anders als bei uns.
Jean Ziegler hinterlässt Spuren, Ideen.
Jean Ziegler ist ein Intellektueller von internationalem Format, der gegen die grossen kapitalistischen Systeme und Strukturen kämpft. Und er hinterlässt Spuren, Ideen. Der Film sollte das auch zum Thema haben, nicht nur die innerschweizerischen Kontroversen, die Jean Ziegler auslöst.
Das Gespräch führte Brigitte Häring.
Kinostart: 19.01.2017
Nicolas Wadimoff
Der Genfer Regisseur ist für seine engagierten, auch unbequemen Filme etwa «Opération Libertad» über Linksterrorismus. «Spartiates» porträtierte einen Kampfsportler in Marseille und stiess 2015 in Frankreich auf Widerstand – im Interview mit SRF erklärt der Regisseur, was das mit falschen Idealen zu tun hat.
Der Film
Nicolas Wadimoffs neuer Dokumentarfilm «Jean Ziegler, l'optimisme de la volonté» ist an den 52. Solothurner Filmtagen zu sehen. Unser Kritiker, der den Film bereits gesehen hat, meint: «Wadimoff begegnet Ziegler als einem Mann, der so viel zu sagen hat, dass er schon gar nicht mehr zuhört.»
Der Auftakt
Solothurn eröffnete mit starken Frauen: «Die göttliche Ordnung» von Petra Volpe verpackt den Kampf ums Frauenstimmrecht in eine Komödie. Vergnüglich und erschreckend, heisst es in unserer Besprechung des Films.