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Wenn Sie nur eine halbe Stunde Zeit und einen Stadtrucksack hätten, was würden Sie mitnehmen, um all die wichtigsten Dinge in Ihrem Leben zu retten?
Während Sie nachdenken, erzähle ich eine Geschichte.
Als ich 2015 einen Film über geflüchtete Menschen aus der Ostukraine drehte, erzählten sie mir viel von den Dingen, die sie zu Hause zurückgelassen hatten. Es war sehr seltsam für mich. Nun, was sind schon Dinge? Hauptsache, Leben, dachte ich damals. Sie sprachen ruhig darüber, wie sie in Luftschutzbunkern gesessen hatten, wie sie durch verminte Felder geflohen waren. Und wenn es um etwas Einfaches ging wie die Blumen, die jeden Sommer in ihren Beeten in der Nähe des Hauses blühten, fingen sie an zu weinen.
Blumen, eine Krippe, die vor der Geburt der Tochter gekauft wurde, ein vom Vater gebauter Pavillon – einfache Dinge lösten viele Emotionen aus. Und neulich habe ich über meine Sachen nachgedacht. Was würde ich heute mitnehmen von dem, was ich zurückliess, als ich ging?
Und ich dachte an meinen Laptop, den ich gekauft und den Film darauf geschnitten habe. Er enthält Fotos, Videos und meine Texte, die nicht online sind. Dann ist da mein rotes Fahrrad, das mich schon mein halbes Leben lang begleitet und auf dem ich meine Kinder herumgefahren habe, als sie klein waren. Meine Orchideensammlung. Neue Winterstiefel, über die ich mich so gefreut habe, die ich aber nie richtig benutzen konnte. Notizbücher. Kinderhandwerk. Eine Aromalampe, die mir mein Freund geschenkt hat. Also Dinge, die wertvolle Erinnerungen sind.
Bei meinem ersten Besuch in Basel sah ich eine Puppe von Anna, einer Schweizer Kollegin. Annas Tochter spielte damit, Annas Mutter hatte sie genäht, als Anna ein Kind war. Ich erinnerte mich, für jeden meiner Söhne eine Puppe genäht zu haben, und mir wurde bewusst, dass keiner von ihnen sie nun bei sich hat. Und dass die Jüngeren, die mit ihrem Vater nach Spanien gegangen sind, keines der Spielsachen mitgenommen haben, die ich ihnen gegeben habe. Ich weiss nicht, was der älteste Sohn mitnehmen und was er zurücklassen wird, wenn er der Besatzung entkommen kann. Und woran er sich dann mit einem Kloss im Hals erinnern wird. Der Krieg kostet die Überlebenden das Leben – denn unsere Leben sind wertvolle Erinnerungen.
Was würden Sie also in Ihren Rucksack packen, wenn Sie Ihr Land für immer verlassen müssten? Was würden Sie am meisten vermissen?
Die Drehbuchautorin und Theatermacherin Natalia Blok (41) lebt zurzeit in Basel. Übersetzt hat den Text die Autorin Julia Gonchar. Die Serie «Geflüchtet» wird vom Verein ProWOZ finanziert.