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Catherine stand am Fenster.
Wie weisse Sommersprossen zeigten sich die Sterne am schwarzen Himmel.
In der Stube sassen die Gäste herum.
Einige stierten weggetreten an die Wand. Und inhalierten ihren Joint.
Andere schütteten den Alk direkt ab Flaschenhals in sich rein.
Agnes, die Mutter von Catherie, schleppte zwei frische Säcke mit Curry-Chips an.
CATHERINE HASSTE CURRY-CHIPS.
CATHERINE HASSTE AUCH DIE GÄSTE IHRER MUTTER.
«Wir feiern eine Silvester-Party», hatte Agnes gesagt. Und ihre Tochter etwas abwesend angeschaut: «Tut dir gut, einmal normale Menschen zu treffen... du kannst nicht immer nur bei dieser alten Dora herumhocken... das ist nicht normal für ein junges Mädchen, wie du ....»
Agnes wusste, was normal war. Sie war Psychologin.
IHRE SPEZIALITÄT WAREN «KAPUTTE KINDERSEELEN».
Der Zulauf junger Mütter oder alleinerziehender Väter mit ihren Kindern im Schlepptau war enorm.
Während Agnes die Kinderherzchen reparierte, brachte Catherine nach der Schule den Haushalt in Ordnung. Die Kleine bereitete ein warmes Nachtessen vor. Und besuchte Dora.
Die alte Frau in der Nachbarswohnung war krank.
Meistens lag sie auf der Couch. Döste vor sich hin – aber wenn Catherine auftauchte, stemmte sie sich hoch. Ging zur grossen Blechbüchse. Und legte ein paar Vanille-Plätzchen auf einen Teller.
Dora war eine grossartige Bäckerin.
Vor allem: auch eine grossartige Zuhörerin.
WENN CATHERINE VON IHREN SORGEN ERZÄHLTE, WUSSTE DIE NACHBARIN RAT.
Und wenn die Kleine sich über die Mutter beklagte: «Sie hat nie Zeit … immer steckt sie in ihrer Praxis… und danach hockt sie mit ihren Freunden herum…», tröstete Dora das Kind: «Sie weiss eben, dass du schon ein grosses Mädchen bist. Und dass sie sich deinetwegen keine Sorgen machen muss, Catherine…»
Dora wurde nun immer schwächer.
Sie stand jetzt nur noch auf, um die Plätzchen für Catherine zu backen.
«Was mache ich ohne dich…», hat das Mädchen nach den mühsamen Weihnachtstagen mit seiner Mutter die Nachbarin gefragt.
Die Bude war am Fest mit verladenen Freunden voll gewesen. Einen Baum hatte es keinen gegeben: «Du musst lernen, in der realen Welt zu leben, Catherine!», hatte ihr die Mutter erklärt. Und sich eine Zigarette mit Stoff gedreht.
«Weshalb must du sterben, Dora», hatte das Mädchen geweint.
«EIN ALTES JAHR GEHT, EIN NEUES KOMMT – MIT DEN MENSCHEN IST ES AUCH SO, CATHERINE...»
Die Nachbarin hat dann gelächelt: «Das alte Jahr fährt in einer goldenen Kutsche weg aus dieser Welt... es ist glücklich, dass die Sorgen nun vorbei sind... und dass es die Verantwortung einer neuen Generation übertragen kann... sterben ist nicht schlimm, Catherine... es ist oft eine Erlösung. Auch für das alte Jahr.»
Die Glocken hiessen das junge Jahr willkommen. Und Catherine musste an Dora denken.
Die Mutter erschien mit billigem Sekt: «Hat jeder ein Glas...?»
Jeder hatte.
Das Kind presste seinen Kopf an die kalte Fensterscheibe.
Plötzlich sah es, wie eine goldene Kutsche zu den funkelnden Sternen fuhr.
Dora winkte dem Mädchen zu.
Das Kind winkte stumm zurück.
Ein Korken knallte.
«Happy New Year», lallte eine Männerstimme.
CATHERINE WEINTE.
Die Mutter schaute zu ihrer Tochter.
Dann seufzte sie etwas geniert zu den Gästen: «Ein seltsames Kind ... ich werde einfach nicht schlau aus dem Mädchen ...»-