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Plötzlich Prinzessin sein
Text: Barbara Loop; Foto: iStockPhoto / Sportactive
Für manche ein Mädchentraum, für Altinaï Petrovic-Njegos aber Realität. Mit 12 erfuhr die Pariser Regisseurin, dass sie Prinzessin eines Landes ist, von dem sie nie etwas gehört hatte.
Ich war zwölf Jahre alt, als ich erfuhr, dass ich Prinzessin bin. Die echte Prinzessin eines Landes, von dem ich nie zuvor gehört hatte. Montenegro.
Alles begann damit, dass ein montenegrinischer Minister bei uns in Paris anrief und meinen Vater verlangte. Man wolle die Gebeine von König Nikola und Königin Milena nach Montenegro überführen, die im Exil gestorben und in Italien begraben worden waren. Da mein Vater der einzige Nachfahre der Königsfamilie von Montenegro sei, brauche man seine Einwilligung. Wenige Tage später sass ich neben meinem Bruder und meinen Eltern in einem mit Blumen geschmückten, von einem Priester geweihten Wagen und starrte all die Menschen an, welche die Strassen der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica säumten, aus den Fenstern schauten und uns zuwinkten.
Dabei waren wir eine ganz normale Familie. Mein Vater war kein König, sondern Architekt. Wir lebten nicht in einem Schloss, sondern in einer Vierzimmerwohnung in Paris. Dass die königlichen Vorfahren bei uns zuhause kaum ein Thema waren, hat mehrere Gründe. Einer davon war meine bretonische Grossmutter. Die engagierte Sozialistin hatte sich früh von meinem Grossvater getrennt, einem nostalgischen Aristokraten aus Montenegro. Für ihren Sohn, meinen Vater, wünschte sie sich ein Leben ohne die Schatten der Vergangenheit.
Der letzte König von Montenegro, mein Urgrossvater Nikola I. Petrovic Njegos, und seine Familie wurden am Ende des Ersten Weltkriegs aus Montenegro vertrieben – und verloren ihren gesamten Besitz. Montenegro wurde vom neu entstandenen Königreich Jugoslawien annektiert. Die traumatische Erfahrung lastete auf der Familie und schürte Zwietracht. Als mein Vater als junger Mann nach Montenegro reiste, begriff er zwar, welche Bedeutung seine Vorfahren für die Menschen noch immer hatten. Das beschäftigte ihn jedoch nicht weiter, mit seinem Leben in Paris hatte das nichts zu tun. Bis 1989 das Telefon klingelte.
Natürlich war es aufregend, plötzlich Prinzessin zu sein. Aber dann, in Montenegro, hat es mich vor allem gelangweilt. All die Empfänge und Feierlichkeiten, das strenge Protokoll. Ständig musste ich still sitzen und warten. Und überall, wo wir hinkamen, ging ein endloses Geplapper los. Aber weder meine Eltern noch wir Kinder sprachen Montenegrinisch. Jeder hatte eine eigene Geschichte von König Nikola zu erzählen, und als seine Nachfahren waren wir wie selbstverständlich Teil ihrer Geschichte. Uns aber waren diese Menschen fremd. Gross, machohaft und auch ein bisschen brutal.
Meinen Freundinnen in Paris habe ich kaum etwas davon erzählt. Wir gingen an Demos, verehrten die Filme von Pasolini, hörten die Rolling Stones und die Pixies. Eine Prinzessin hätte da wirklich nicht reingepasst. Die Einladung zum Debütantenball in Paris, wo die junge europäische Aristokratie eingeführt wird, nahm ich nur unter der Bedingung an, dass ich Doc Martens zum Ballkleid tragen konnte. Ich machte der Gräfin von Paris in diesen klobigen Stiefeln meine Aufwartung. Dabei trug ich den höchsten Titel von allen Gästen.
Heute nutze ich mein familiäres Netzwerk für die Stiftung, die meine Familie gegründet hat und die sich für die kulturelle und ökologische Entwicklung Montenegros einsetzt. Die Prinzessin von Monaco ist inzwischen eine Freundin der Familie geworden, und die königlichen Familien, die Österreicher, die Russen, sind alle entfernt mit uns verwandt. Ja, selbst Prinz Charles müsste ein entfernter Cousin sein. Unseren Sohn haben wir Nikolai getauft, nach dem letzten König von Montenegro. Aber manchmal nennen wir ihn auch Le Petit Prince.
Text: Barbara Loop; Foto: iStockPhoto / Sportactive