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Die Alpen, ein «locus terribilis» Gipfel und Berge in der römischen Literatur
Literatur über die Alpen erlebt einen Boom. Bekanntlich haben Schriftsteller bereits im 18. Jahrhundert die Alpen beschrieben. Doch die Anfänge reichen noch weiter zurück. Bis zu den Römern.
Die Alpen waren für die Römer eine unangenehme Sache. Historisch gesehen wurden sie verhältnismässig spät erobert, um 15 v. Chr. in der Augusteischen Ära. Ganz Gallien war Jahrzehnte zuvor von Julius Cäsar erobert worden. Doch sein Legat Servius Galba scheiterte 56 v. Chr. in Octodurus (Martigny) mit seiner zwölften Legion am Widerstand der Einheimischen, als er den Mons Poeninus, den heutigen Grossen Sankt Bernhard, überqueren wollte.1 Das Hochgebirge war den Römern zuwider: zu kalt und zu lebensfeindlich. Sie waren typische Unterländer, würden wir heute sagen, «der Blick hinauf zu den hohen Felsen erregt Schwindel»2, ihre Armee ist für die offene Feldschlacht geeignet und nicht für den Kampf gegen Kelten, die sich in den Bergen verschanzen. Dennoch haben die Römer über die Berge geschrieben, viel sogar.
Allerdings ist die Überlieferungslage vieler antiker Texte sehr problematisch: Erhalten geblieben ist nur, was in der Spätantike in Klöstern sicher verwahrt wurde und die folgenden 2000 Jahre unbeschadet überdauerte, fleissig abgeschrieben und später gedruckt wurde. Wenn wir uns mit Bergen in der römischen Literatur beschäftigen, kommt –nebst der uns so fremden Kultur und Sprache – erschwerend hinzu, dass Berge in der römischen Literatur zwar eine gewisse Rolle spielen, das Thema aber ziemlich wenig erforscht ist, sodass man gezwungen ist, sie in der Literatur mühsam zu suchen. Es gibt fast keine Publikationen über Berge in der römischen Literatur. Bei genauerem Hinsehen jedoch stellt man fest, dass Berge darin häufiger vorkommen, als man denken könnte, wenn auch vielleicht anders, als man erwartet hätte. Dank hervorragenden Übersetzungen ins Deutsche sind diese Textstellen auch Lateinunkundigen zugänglich. Drei Beispiele möchte ich hier vorstellen.
Einer der berühmtesten Texte zum Thema ist wohl der Alpenübergang des Karthagers Hannibal im Spätherbst 218 v. Chr. Der renommierte römische Geschichtsschreiber Titus Livius (ca. 59 v. bis 17 n. Chr.) schildert im 21. Buch seines monumentalen Werkes «Ab urbe condita» (Von der Gründung der Stadt an) diese aussergewöhnliche militärische Leistung, die für Rom den Anfang verlustreicher Schlachten auf heimischem Boden und beinahe den Anfang vom Ende bedeutete. Die (angeblich) 14 Tage leidvollen und verlustreichen Marsches über die Alpen schildert er in sachlich-neutralem Stil. Der Übergang mutet jedoch mehr römisch denn karthagisch an: Wenn Hannibal seinen Soldaten befiehlt, «corpora curare atque ad iter se parare» – also die Körper zu pflegen und sich auf den Marsch vorzubereiten –, erinnert das nicht an die ausgeprägte römische Badekultur und den Körperkult? Anders schildert Silius Italicus (ca. 25–100 n. Chr.) den Alpenübergang Hannibals, den er zu grossen Teilen Titus Livius abgekupfert hat. Hannibals Plan, die Alpen zu überqueren, wird bei Italicus zu einem Showdown zwischen Mensch und Natur. Je weiter er sich ins Gebirge vorwagt, desto grösser werden die Gefahren, und desto hartnäckiger stellt sich die Natur gegen ihn. Unter hohen Verlusten schafft es Hannibal gerade noch nach Italien. In Italicus Epos «Punica» wird der Marsch durch das Hochgebirge zum Horrortrip. Er schildert die Furcht der Soldaten, das Eis und den Schnee, das fürchterliche Wetter in den Bergen, die Halbwilden, die dort wohnen, und die steilen Felswände, die bis in den Äther ragen – Wohnsitz zahlreicher Winde und des Wettergottes Jupiter. Er schreibt: «So tief wie der tatarische Schlund des fahlen Königreiches sich von der Erdoberfläche bis zu den untersten Manen und dem schwarzen Sumpf erstreckt, so hoch richtet sich in den Alpen die Erde in die Lüfte empor und unterbricht mit ihrem Schatten den Himmel. Kein Frühling, nirgendwo, keine Annehmlichkeiten des Sommers. Einzig der hässliche Winter bewohnt die schrecklichen Gebirgszüge und verteidigt (dort oben) sein ewiges zu Hause» (Sil. 3, 483–489). Die zum Sprichwort gewordene Wendung des Horaz «ut pictura poesis» – die Dichtung ist wie ein Gemälde – wird hier in die Tat umgesetzt. Die römischen Dichter waren in der Lage, mit Worten plastische Bilder in den Köpfen der Leser hervorzurufen.
Solche Horrorszenarien haben einen eigenen Namen erhalten: der «locus terribilis», der grauenvolle Ort. Für die Römer sind die Alpen ein Gebiet, das eigentlich den Göttern und Halbgöttern vorbehalten ist – ein Gebiet am Rande der zivilisierten Welt, wo Herkules, der Kulturbringer, in grauer Vorzeit als Erster Wege erschlossen hat. Es ist ein Gebiet, in dem der Mensch stetiger Bedrohung ausgesetzt ist und Gefahr läuft, göttliche Gesetze zu brechen und damit einen Frevel zu begehen, seine eigenen Grenzen nicht nur abzutasten, sondern zu überschreiten und so ins Verderben zu stürzen. Letztlich ist es ein moralischer Grundton, der bei Silius Italicus zum Vorschein kommt. Hannibal überschreitet am Ende scheinbar die dem Menschen von der Natur gesetzten Grenzen. Es gelingt ihm, was zuvor nur wenigen gelungen ist: Mit einem Heer die « moenia Romae », die Mauern Roms, zu überschreiten, geweihte italische Erde zu betreten und zu verwüsten. Doch wird er seine Überheblichkeit am Ende büssen müssen und den Krieg verlieren.
Der Gegensatz zwischen dem lebensfeindlichen Hochgebirge und den angenehmeren Niederungen wird gut in einem Text ersichtlich, der um Christi Geburt gedichtet wurde, von einem der grössten Meister seines Faches: Ovid (43 v. bis 17 n. Chr.). Niederere Berg- und Hügellandschaften bilden die Szenerie für das Motiv des «locus amoenus» (der liebliche, anmutige Ortdas Gegenstück zum «locus terribilis». Im fünften Buch der Metamorphosen wird ein solch landschaftlich reizvoller Ort beschrieben, an dem Proserpina von Pluto geraubt wird, weil er sich unsterblich in sie verliebt hat. Zuerst beschreibt er Sizilien und den Ätna: «Die riesige Insel Trinacris ist auf Gigantenglieder geschüttet und drückt den darunterliegenden Typhoeus, der es gewagt hatte, einen Sitz im Himmel zu erhoffen, mit grosser Last nach unten. Oft jedoch trachtet jener danach, sich aufzurichten, aber seine rechte Hand liegt unter dem Kap Pelorus, seine Linke unter Pachynus, und die Beine drückt Lilybäum zu Boden. Der Kopf wird vom Ätna niedergedrückt, unter dem der wilde Typhoeus – auf dem Rücken liegend – Sand ausspuckt und Feuer aus dem Mund speit. Oft versucht er, die Last der Erde von sich abzuwälzen und die Städte und hohen Berge von seinem Körper loszuwerden: Daher bebt die Erde, und selbst der König der Toten fürchtet, dass ein weiter Spalt sich im Boden auftut und das eindringende Tageslicht die zitternden Schatten erschreckt» (Ov. Met. 5, 346–358). Ovid liefert hier, mithilfe des Mythos, eine Erklärung, weshalb in dieser seismisch aktiven Zone rund um den Ätna oft die Erde bebt und der Vulkan Lava speit. Sizilien, die grösste der Mittelmeerinseln, und der Ätna, der heute ca. 3300 Meter aus dem Meer herausragt, können angesichts der Ausmasse wirklich als «gigantisch» bezeichnet werden. Ganz anders mutet hingegen der liebliche Lago die Pergusa an: «Nicht weit von Hennas Mauern gibt es einen See mit tiefen Wassern, Pergus mit Namen. Nicht hört der Caystros mehr Lieder von Schwänen auf gleitenden Wellen. Ein Wald umkränzt das Gewässer von allen Seiten und hält mit seinem Laub wie mit einem Sonnensegel die Sonnenstrahlen fern. Die Zweige spenden Kühle, der feuchte Boden purpurrote Blumen: Ewiger Frühling herrscht.»
In den oben genannten Beispielen scheint eine tiefe Verbundenheit mit der Natur zum Ausdruck zu kommen. Es ist ein Naturgefühl, ein Sinn für die Schönheit der Natur, aber auch für die grosse Bedrohung, die aus ihr erwachsen kann. Es liegt jedoch im Wesen des Menschen, die Natur nicht nur zu bestaunen, sondern sie auch für sich selbst zu nutzen. Das war auch bei den Römern nicht anders. Die Natur wurde zwar nicht in so grossem Stil ausgebeutet, wie es seit dem 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung der Fall ist – es fehlte an den technischen Möglichkeiten. Dennoch wurde damals schon systematischer Raubbau an der Natur betrieben, wie unser letztes Beispiel veranschaulichen soll. In der «Naturalis historia», dem 33. Buch seiner Naturgeschichte, beschreibt Plinius der Ältere die Goldgewinnung in Spanien. Das Gewinnungsverfahren bestand darin, Stollen in die Berge zu treiben und diese von innen auszuhöhlen. Dann wurden die Stützbögen herausgeschlagen. Ein Posten in der Zone beobachtete den Berg und gab ein Signal, sobald der Einsturz drohte: « Ein Riss gibt das Zeichen, und diesen bemerkt allein der Wächter auf dem Gipfel des Berges. Auf seinen Wink hin lässt er die Arbeiter herausrufen, und auch er selbst macht sich schnell davon. Der bezwungene Berg fällt mit lautem Krachen in sich zusammen, das mit menschlichem Sinne nicht zu erfassen ist, und ebenso mit einem unglaublichen Windstoss. Die Sieger schauen auf die Trümmer der Natur » (Plin. nat. 33, 72–73).