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Seit Manolo zwei Wochen bei Natascha gelebt hatte, hatte sie auch an anderen Rassekatzen Gefallen gefunden. Eines Tages fand sie im Internet eine Anzeige, dass eine trächtige Britisch-Langhaar-Dame ein neues Zuhause suchte. Sie nahm das Tier gerne auf, das bereits ein dickes Bäuchlein hatte. Niemand wusste, wann es so weit sein sollte. Die ehemaligen Besitzer hatten lediglich erklärt, dass auch der Vater reinrassig war. Ueber das Datum der Niederkunft sprach man nicht. Somit musste Natascha einfach abwarten und sich überraschen lassen. Lady, so hiess die Schöne, brachte ein paar Wochen später fünf Kätzchen zu Welt, eines schöner als das andere. Eines davon war Nala. Sie verbrachte eine schöne Jugendzeit mit ihren Geschwistern und ihrer Mama.
Als Nala etwa sieben Wochen alt war, geschah das Unglück. Niemand wusste genau, wie das kommen konnte. Natascha vermutete, dass sie vom Kratzbaum gefallen und irgendwo aufgeprallt war. Dabei hatte sie sich am Rücken verletzt und sich eine irreparable Behinderung zugezogen. Sie konnte die Rückhand nicht mehr richtig kontrollieren, schwankte bei Gehen, als sei sie betrunken. Doch sie konnte gut damit umgehen. Ihre Vorderbeine waren stark und vollkommen in Ordnung. Sie konnte somit ihre Schwäche in den Hinterläufen ausgleichen.
Natascha konnte das Kätzchen niemandem abgeben. Wer wollte schon ein behindertes Tier, das sein Leben lang mit einem Handicap leben musste? Die Geschwister waren vollkommen gesund und durften schon bald in ihr neues Zuhause umziehen. Nala blieb noch länger bei ihrer Mutter. Als Tina das kleine Wesen sah, stand ihr Entschluss fest. Sie würde Nala bei sich aufnehmen. Sie hatte die Geduld und das Verständnis für ein behindertes Tier.
Sie erkundigte sich, um welche Krankheit es sich hier handelte und erfuhr, dass Ataxie bei einigen Katzen vorkommt. Früher hatte man diese Tiere erlöst. Doch heute hat man festgestellt, dass die Katzen gut damit leben können. Es gibt die Krankheit in starker oder schwächerer Form. Manche Tiere können nicht mal alleine aufs Katzenklo oder fallen bei jedem zweiten Schritt um. Diese sind extrem auf den Menschen angewiesen, könnten alleine nicht zurechtkommen. Nala hatte Gott sei Dank keine starke Ausprägung von Ataxie. Ihr Gang war einfach wacklig, und auf glatten Böden fiel sie manchmal um, meistens wenn sie mit Manolo durch die Zimmer raste. Es gibt bei Ataxie-Katzen aber noch andere Probleme. Diese Krankheit kann auch aus anderen Gründen entstehen als durch einen Unfall. Es gibt Tiere, bei denen das Knochenmark geschädigt ist oder Ataxie auf Grund eines Schadens im Gehirn entstanden ist.
Tina las viel im Internet über die Krankheit. Sie wollte wissen, was sie tun musste, damit es Nala bei ihr schön hatte. Es gab gewisse Dinge, die es zu beachten gab, damit sich die Krankheit nicht noch mehr ausprägte.
Für Nala war das alles kein Problem. Sie hatte gelernt mit ihrer Behinderung zu leben. Dafür war sie ein äusserst anhängliches Kätzchen, das am liebsten ununterbrochen bei Tina auf dem Schoss lag. Schon wenn man Nala anschaute, schnurrte sie. Nachts lag sie Kopf an Kopf bei Tina im Bett. Ihr extrem liebes Wesen war der Ausgleich für ihre Krankheit. Zudem war sie auch äusserlich bezaubernd. Sie war uni grau mit weissen Pfoten. Noch hatte sie den Kinderflausch, doch eines Tages würde sie halblanges Haar bekommen, wie ihre Mutter. Als Nala bei Tina einzog war sie sechs Monate alt.
Tina musste gut aufpassen, denn Manolo und Aramis waren potente Kater. Die anderen Tiere waren kastriert. Zwar war Manolo nun gespritzt, so eine Art chemische Kastration, doch die Spritze hielt nur vier Monate an und war keineswegs sicher. Also gab sie Nala die Pille. Sie durfte unter keinen Umständen Junge bekommen. Im Internet konnte sie sowieso nichts darüber finden, ob das grundsätzlich möglich war oder nicht, denn Ataxie-Katzen sind ja im hinteren Teil des Körpers leicht gelähmt. Und es steht somit nicht fest, ob sie bei der Geburt genügend pressen könnten. „Sicher ist sicher“, dachte sie und gab ihr die Antibabypille. Als Nala dann etwas zunahm, beachtete sie das gar nicht so. Sie bekam ja die Pille. Und junge Katzen brauchen viel Nahrung, sie sind ja noch im Wachstum.
Doch diese Ueberlegung war falsch. Kurz vor Pfingsten spürte Tina beim Streicheln Bewegung in Nalas Bauch. „Oh mein Gott, sie ist trächtig.“ Was sollte sie nur tun? Würde Nala die Geburt überstehen? Wann war es wohl so weit? Wieso hatte die Pille nichts genützt? Es ging ihr so viel durch den Kopf und Tina wusste nicht recht, was sie machen sollte. Aber Zeit hatte sie keine mehr. Am Pfingstsonntag ging es los. Nala bekam Wehen. Aber sie war noch viel zu klein mit ihren acht Monaten und wusste überhaupt nicht, was da bei ihr los war. Als die Geburt nicht vorwärts ging, packte Tina die Katze ein und brachte sie zu Natascha.
Sie hatte durch ihre Zucht und den Beruf viel mehr Erfahrung mit Geburten. Doch auch Natascha konnte nur wenig helfen. Gebären musste Nala alleine. Ein Kaiserschnitt wäre auf Grund der Narkose viel zu gefährlich gewesen. Nala litt. Die Geburt dauerte unendlich lang. Dann endlich nach vielen Stunden gebar sie zwei kleine Manolos, allerdings waren sie schon bei der Geburt tot. Es war schrecklich für alle Beteiligten. Für Nala gab es nur den Trost, dass nun alles vorbei war. Tina wusste, dass sie nun etwas unternehmen musste. Sie wollte unter keinen Umständen mehr, dass Nala nochmals trächtig wurde. Sie wusste aber auch, dass jede Operation bei einer Ataxie-Katze äusserst gefährlich war. Die Narkose könnte tödlich sein oder die Krankheit verschlimmern. Doch es gab keine Alternative. Sie musste es wagen. Nala musste sterilisiert werden. Drei Wochen nach der Geburt brachte sie die Schöne zum Tierarzt. Es begann ein Tag des Wartens und Hoffens. Ihre schöne Nala hatte schon so viel durchgemacht, sie sollte bei dieser Operation nicht sterben. Tina wollte, dass sie noch ein langes schönes Leben bei ihr haben durfte. Am Abend dann die erlösenden Worte: „Es ist alles gut gegangen, Nala ist wohlauf.“ Nun hatte sie das Schlimmste hinter sich gebracht. Nala war sterilisiert. Es dauerte nur wenige Tage und Nala war wieder die Alte. Sie hatte die Operation sehr gut überwunden. Schon bald sprang sie mit Manolo wieder durch den Garten, als sei nichts gewesen.
An kalten Winterabenden sass Tina daheim und las. Neben ihr hatten sich ihre Katzen aufs Sofa gelegt und drückten den Kopf an ihren Schoss. Tina hatte von einer älteren Dame ein paar Geschichten erhalten, die sie schon lange einmal lesen wollte. Leider kam sie nie dazu. Nun hatte sie etwas Zeit. Der Inhalt dieser Geschichten erinnerte sie an ihr eigenes Leben mit ihren Tieren.