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Posthumanisten und Transhumanisten spielen beide mit dem Gedanken an eine Zeit nach dem Menschen angesichts neuer technologischer Bedingungen und Möglichkeiten – Eugenik, Prothetik, Bionik, künstliche Intelligenz usw. Philosophisch als auch praktisch gibt es dabei aber große Unterschiede. Wie das Präfix trans- schon sagt, wollen Transhumanisten den Menschen und seine „Natur“ überwinden und stehen technologischen Möglichkeiten deshalb generell positiv oder geradezu technoutopisch gegenüber (man schaue sich z.B. das Programm der „Singularity Universität“ an). Das Präfix post- ist wesentlich komplexer und ambiger. Wie schon in der Diskussion um die Postmoderne, geht es auch Posthumanisten oft nicht einfach um eine Ablösung des Menschen durch eine Nachfolgespezies, sondern um eine Komplikation der Idee des Menschen und einer „menschlichen Natur“ als solche. Posthumanisten (insbesondere diejenigen, die sich einem strategischen oder „kritischen“ Ansatz verschrieben haben) attackieren also eher die Grundwerte eines jeweils zu definierenden Humanismus, um zu zeigen, dass wir nie jene Art von Menschen waren, die der Humanismus mit seinen universalen Ansprüchen uns vorspiegeln wollte.
So wie Bruno Latour behauptete, dass „wir“ nie modern waren, würden einige kritische Posthumanisten sagen, dass „wir“ (und wer wäre überhaupt dieses mythologische Kollektiv – „Menschheit“?) nie human (im humanistischen Sinne) waren. Weitere Fragen tun sich im Anschluss hieran auf: sollten wir es noch einmal versuchen – jetzt erst recht – durch eine Radikalisierung und Intensivierung des Humanismus uns quasi neu auf das zu besinnen, was uns zum Menschen macht? Oder wäre es besser, insbesondere den dem Humanismus zugrundeliegenden Anthropozentrismus weiter anzugreifen und endgültig zu „dekonstruieren“ (wie das die Dekonstruktion und der Poststrukturalismus eines Derrida oder Foucault schon von den 1970ern an begonnen haben)? Zentral für die letztere Option ist die Verbindung aus früheren antihumanistischen philosophischen und kulturtheoretischen Ansätzen und neuen technischen, medialen, wissenschaftlichen und sozialen Herausforderungen an die zentrale Stellung des Menschen. Diese Herausforderungen ergeben sich z.B. aus der Tatsache des menschlich bedingten Klimawandels und der fortschreitenden Erosion der Umwelt (vgl. Schlagworte wie Anthropozän, oder Verlust der Biodiversität usw.) aber auch aus der zunehmenden Marginalisierung des Menschen durch autonome Medien und Techniken. All diese Herausforderungen erfordern einen posthumanistischen im Sinne von postanthropozentrischen Ansatz, wie er schon längst in den Naturwissenschaften existiert. Allerdings kann es für die Geistes-, Sozial- oder Humanwissenschaften nicht darum gehen, einfach die empirische, objektive aber auch spekulative Vorgehensweise der Abstraktion vom menschlichen Beobachter zu übernehmen. Dennoch liegt die Zukunft der Geistes- und Sozialwissenschaften (der „Posthumanities“) sicherlich in neuen Formen von Interdisziplinarität, wie sich z.B. im Werk einer Donna Haraway, N. Katherine Hayles, Karen Barad oder auch eines Bruno Latour praktiziert werden. Dies könnte man sagen, ist der zukunftsorientierte kritische Posthumanismus, der sich um neue Wissensproduktion angesichts einer Aushebelung des Anthropozentrismus und um eine demokratischere Wissensproduktion bemüht, die nichtmenschlichen Akteuren und Phänomenen größeren Spielraum einräumt, sei es aus ökologischen, epistemologischen oder ethischen Gründen.
Innerhalb des posthumanistischen Diskurses (vgl. Herbrechter 2009 und 2013) gibt es aber auch einen „retroaktiven“ und genealogischen Posthumanismus. Dieser benutzt die zweite oben eingeführte Unterscheidung – also zwischen posthumanistisch und posthuman – als Ausgangspunkt für eine weniger technozentrisch geführte Attacke auf den Humanismus. Posthuman spielt hierbei eher die Rolle einer (rhetorischen) Figur, wie z.B. die Figur des Cyborgs (und der menschlichen Cyborgisierung), die frühere (hybride) „Trickster“ Figuren wie Engel, Dämonen, Wilde, Chimären, Zombies usw. wiederaufnimmt (vgl. Graham 2002). Die Behauptung „wir waren nie human“ lässt sich weiter zurückverfolgen und eröffnet die Möglichkeit einer Relektüre der menschlichen (und nichtmenschlichen) Vergangenheit. Diese genealogische Vorgehensweise sucht nach „Proto-Posthumanismen“, Momente des Widerstands innerhalb der Geschichte des Humanismus und sogar der „Hominisation“ als solchen. Immer wieder gab es im Verlauf der Geschichte der Spezies homo auf diesem Planeten Momente der Gemeinschaftsbildung und gleichzeitig des Ausschlusses, vom prähistorischen Zeitalter bis zur Gegenwart. Immer mussten dabei symbolische Grenzen gezogen werden: zwischen human und inhuman, aber auch innerhalb der Kategorie des Humanen (so konnte und kann auch weiterhin die Humanität einiger Menschen immer wieder von Menschen und Institutionen infrage gestellt werden). Die Abgrenzung zwischen Mensch und Tier untermauert einerseits die Legitimation einer Sonderstellung des Menschen, andererseits erlaubt sie auch die Identifikation einiger Menschen mit Tieren (die Geschichte des Rassismus und der Misogynie sind voll von Beispielen von „Animalisierungen“). Diese Dialektik greifen die sogenannten Animal Studies an und setzen sich für eine gerechtere und ökologischere Beziehung zwischen Menschen und Tieren ein, indem sie die Sonderstellung des Menschen radikal infrage stellen. Mit dem Posthumanismus haben sie also einen postanthropozentrischen Ansatz gemein.
Gegenwärtige Themen in der posthumanistischen Debatte – außer der Frage nach der Technologie und Ökologie – sind zum einen ein Weiterdenken der Biopolitik (im Anschluss an Foucault und Agamben) im Zeitalter des globalen Kapitalismus, der Migration und dem Aufflammen diverser Fundamentalismen. Im Zusammenhang mit einer Ethik und Politik nichtmenschlicher Akteure steht die Frage nach dem Status der „Objekte“ (vgl. Latours Begriff eines „Parlaments der Dinge“, oder die sogenannte Object-Oriented-Ontology). Schließlich lässt sich zum Posthumanismus noch eine im weitesten Sinne pädagogisch-mediale Debatte rechnen: Humanismus ist die Epoche der (nationalen) Brief- und Buchkultur (vgl. Sloterdijk). Diese geht im Zeitalter globaler digitaler Medien zu Ende. Mit ihr verschwindet nicht nur ein Menschenbild, sondern auch bestimmte Formen von Subjektivität und Selbstverständnis. Im Zeitalter der Partizipation im Netzwerk der sozialen Medien und der digitalen Kultur allgemein entwickeln sich neue Formen von Interaktion, Gemeinschaft und Identität. Die Frage ist, wie sich pädagogische Politik und Institutionen hierzu verhalten sollen.
Literaturhinweise
Verweise und Auswahlbibliographie zum Posthumanismus (siehe auch unsere Internetseite: http://criticalposthumanism.net):
Agamben, Giorgio (2002) Homo sacer: Die souveräne Macht und das nackte Leben, Frankfurt: Suhrkamp.
Badmington, Neil, Hg. (2000) Posthumanism, Houndmills: Palgrave.
Barad, Karen (2007) Meeting the Universe Halfway: Quantum Physics and the Entanglement of Matter and Meaning, Durham: Duke University Press.
Braidotti, Rosi (2013) The Posthuman, Cambridge: Polity.
Graham, Elaine (2002) Representations of the Posthuman: Aliens and Others in Popular Culture, Manchester: Manchester University Press.
Haraway, Donna (2007) When Species Meet, Minneapolis: University of Minnesota Press. Haraway, Donna (1991) Simians, Cyborgs and Women: The Reinvention of Nature, New York: Routledge.
Hayles, N. Katherine (1999) How We Became Posthuman: Virtual Bodies in Cybernetics, Literature, and Informatics, Chicago: University of Chicago Press.
Hayles, N. Katherine (2012) How We Think: Digital Media and Contemporary Technogenesis, Chicago: University of Chicago Press.
Herbrechter, Stefan (2013) Posthumanism: A Critical Analysis, London: Bloomsbury.
Herbrechter, Stefan (2009) Posthumanismus: Eine kritische Einführung, Darmstadt: WBG.
Herbrechter, Stefan und Ivan Callus, Hgg. (2012) Posthumanist Shakespeares, Houndmills: Palgrave.
Sloterdijk, Peter (2009) Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik, Frankfurt: Suhrkamp.
Stiegler, Bernard (2009) Technik und Zeit (1): Der Fehler des Epimetheus, Zürich: Diaphanes.
Ulmer, Gregory (2003) Internet Invention: From Literacy to Electracy, New York: Longman.
Wolfe, Cary (2010) What Is Posthumanism? Minneapolis: University of Minnesota Press.