Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03354.jsonl.gz/3149

SRF News: Nach dem Erdbeben von Amatrice im letzten August ist Italien wieder Opfer einer tödlichen Erschütterung geworden, dieses Mal in Ischia. Ist Italien besonders anfällig für Erdbeben?
Olivier Bachmann: Ja, Italien befindet sich in einem Gebiet, das geologisch sehr aktiv ist: an der Grenze zwischen zwei tektonischen Platten, der eurasischen und der arabischen Platte. Deswegen kommt es häufig zu Erdbeben in der Region.
Zwei Vulkangebiete liegen in unmittelbarer Nähe von Ischia: der Vesuv und die Phlegräischen Felder. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Erdbeben und vulkanischer Aktivität?
Das Erdbeben, das letzte Nacht passiert ist, ist wahrscheinlich mit einer Bewegung auf einer lokalen Verwerfung verbunden. Allerdings kann es auch Erdbeben geben, die einen vulkanischen Ursprung haben: Wenn sich Magma in der Kruste bewegt oder eine Magmakammer unter Druck gesetzt wird, können Erdbeben erzeugt werden. Deshalb müssen wir auf weitere Informationen über dieses spezifische Erdbeben warten, um zu bestimmen, ob es einen Zusammenhang gab.
Könnten Erdbeben sogar Vulkanausbrüche auslösen?
Es gibt sehr wenige Hinweise darauf, dass Erdbeben Vulkanausbrüche auslösen können. Allerdings kann ein starkes Schütteln im Zusammenhang mit tektonischen Erdbeben eine Reaktion im vulkanischen System auslösen.
Immer wieder heisst es, ein Ausbruch des Vesuvs sei überfällig – wie viel ist dran an dieser Aussage?
Der Vesuv ist, wie auch die Phlegräischen Felder, ein aktiver Vulkan. Beide können irgendwann in der Zukunft ausbrechen, aber es ist wahrscheinlich, dass das Erdbeben von gestern Abend dieses Risiko nicht erhöhen wird. Es ist sicherlich höchst unwahrscheinlich, dass die Vulkane in den nächsten Tagen oder Wochen ausbrechen werden.
Wie würden Sie generell das Risiko eines Vulkanausbruchs in Süditalien bewerten?
Die Vulkane in Süditalien sind alle sehr aktiv, aber das Risiko hängt von der Art der Aktivität ab. Aus dem Stromboli brechen jeden Tag kleine Mengen Magma aus, der Ätna hat mehrere Eruptionen in den letzten Jahren produziert. Allerdings sind diese Ausbrüche relativ mild, sie bleiben meist weg von den Städten. Daher ist das Risiko für die lokale Bevölkerung begrenzt.
Im Gegensatz dazu brechen der Vesuv und die Phlegräischen Felder explosiver aus und produzieren oft grössere Materialmengen während der eruptiven Phasen. Diese eruptiven Phasen sind aber viel seltener.
Ruheperioden wie die jetzige können viele Jahrzehnte bis Jahrhunderte dauern, aber das Risiko ist viel grösser, wenn diese Vulkane einen Kreislauf der Aktivität betreten. Die Menschen vergessen, wie gefährlich diese Vulkane sein können. Das ist der Grund, warum Vulkanologen ihre Aktivität weiter überwachen müssen.
Das Gespräch führte Felix Bartos.
Olivier Bachmann
Prof. Dr. Olivier Bachmann ist Professor für magmatische Petrologie an der ETH Zürich. In seiner Forschung befasst er sich mit vulkanischen Prozessen, der Bildung von Magma und der kontinentalen Erdkruste.