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Mein Theodor Fontane
Am Anfang meines Interesses für Theodor Fontane steht ein amerikanischer Seemann. Er trägt den Namen John Maynard und ist die Haupt- und Titelfigur einer von Fontanes Balladen, die noch heute aus dem Deutschunterricht unserer Schulen nicht wegzudenken ist. Das Gedicht, 1885 niedergeschrieben, schildert ein Schiffsunglück, das sich vierzig Jahre zuvor in den USA zutrug.
John Maynard – unvergesslich
Damals war ein Raddampfer auf dem Erie-See in Brand geraten, und wenn nicht alle Passagiere ums Leben kamen, so war dies dem Mut des Steuermannes John Maynard zu verdanken. Dieser wackere Mann opferte sein Leben, indem er auf seinem Posten bis zuletzt ausharrte und mit dem Schiff die rettende Küste ansteuerte. Das dramatische Geschehen wird in Fontanes Ballade gleichsam im Zeitraffer dargestellt, wobei die Wiederholung des berühmten Verses „Noch zwanzig (fünfzehn, zehn) Minuten bis Buffalo“ die Spannung geschickt ins kaum mehr Erträgliche steigert.
John Maynard ist die erste Figur aus dem Werk Fontanes, die Eingang in meine private Porträtgalerie literarischer Gestalten gefunden hat. Ich bin kein Literaturwissenschaftler, sondern in Sachen Belletristik ein Dilettant. Ich lese Romane, um mich zu unterhalten und um Menschen und Schicksale kennenzulernen und nicht, um in die Geheimnisse künstlerischen Schaffens einzudringen. In meinem Gedächtnis versammeln sich seit früher Jugend literarische Figuren, die mich aus irgendeinem Grund besonders beeindruckt haben. Sie begleiten mich als treue Weggefährten durch mein Leben, einer andern Welt zugehörig als der realen, aber nicht minder gegenwärtig.
Baron Instetten kam dazwischen
Zum amerikanischen Steuermann Maynard gesellte sich wenig später die Tochter des preussischen Landedelmanns Briest, Effi. Wir Mittelschüler lasen in der Deutschstunde Eichendorffs „Taugenichts“ und Hesses „Knulp“ und langweilten uns ein bisschen. Zu Hause aber vertieften wir uns mit heissen Köpfen in die grossen europäischen Gesellschaftsromane der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: „Madame Bovary“, „Anna Karenina“ und eben auch in Fontanes “Effi Briest“. Es war dies für viele junge Menschen meiner Generation die erste Begegnung mit literarischen Frauenfiguren – was, nebenbei bemerkt, die Beziehungen zum andern Geschlecht in der realen Welt nicht erleichterte.
Effi schloss ich schon nach der Lektüre der ersten Kapitel in mein Herz. Sie ist zu Beginn des Romans 17 Jahre alt und ich war damals ungefähr im gleichen Alter; wir hätten zueinander gepasst und hätten ein glückliches Paar werden können. Doch da kam dieser unselige Baron von Innstetten dazwischen, dreissig Jahre älter als Effi, steif und ehrgeizig. Er heiratete das reizende Kind und zog mit ihm nach Kessin in die tiefste pommersche Provinz.
Das fatale Nähtischchen
Man kennt den weiteren Verlauf der Geschichte. Effi ist einsam, langweilt sich und lässt sich von einem Major namens Crampas verführen. Sechs Jahre vergehen. Innstetten macht Karriere, das Ehepaar ist mit seinem Kind nach Berlin gezogen. Da stösst der Baron durch einen Zufall, den man nur unglücklich nennen kann, im Nähtischchen Effis auf ein Paket mit Liebesbriefen des Majors. Innstetten handelt rasch. Er reist nach Kessin, tötet Crampas im Duell, verstösst seine Frau, lässt sich scheiden. Effi verfällt der gesellschaftlichen Ächtung, wird krank und stirbt im Haus ihrer Eltern.
Es mag merkwürdig scheinen; aber ich habe Effi ihren Ehebruch nie übel genommen. Sie ist für mich immer das unschuldige Kind geblieben, das sie am Anfang war. Mag sein, dass sich meine Zuneigung mit den Jahren mit einer Nuance väterlichen Wohlwollens eingefärbt hat, aber sie ist konstant geblieben. Dabei ist Effi, im Gegensatz zu Emma Bovary und Anna Karenina, keine komplizierte tragische Heldin. Sie ist einfach da wie eine schöne Blume und beglückt uns mit ihrer liebreizenden Gegenwart.
Als das fatale Nähtischchen seinen Inhalt preisgibt, akzeptiert sie ihr Schicksal und sucht keine Schuldigen. Gegen den Schluss des Romans aber spricht sie mit ihrer Mutter über Innstetten und sagt einen Satz, der mich bei jeder neuen Lektüre tief berührt: „Denn er hatte viel Gutes in seiner Natur und war so edel, wie jemand sein kann, der ohne rechte Liebe ist.“
Instetten und Karenin
Auch Innstetten und Crampas habe ich in meine Porträtgalerie aufgenommen. Innstetten, der in Tolstois Alexej Karenin einen ähnlich gearteten Doppelgänger hat, ist wie viele Gestalten in Fontanes Romanen eine vielschichtige Persönlichkeit und mit gängigen moralischen Begriffen nicht zu fassen. Viele Leser sehen in ihm den herzlosen Vertreter eines überholten und übersteigerten Ehrbegriffs.
Aber der Mann hat Haltung und Charakter, und ich kann gut verstehen, dass er den Crampas totschiesst. Auch der Major ist alles andere als ein simpler Casanova, der sich mit seinen Erfolgen brüstet. Von sympathischem Naturell, gewandt im gesellschaftlichen Umgang und unglücklich verheiratet, fühlt sich Crampas in Kessin nicht weniger fremd als Effi. Auch seine Persönlichkeit lässt sich nicht abschliessend beurteilen, denn er verlässt uns Leser mit einem Geheimnis auf den Lippen.
Von der tödlichen Kugel getroffen, flüstert er Innstetten noch etwas zu, bricht jedoch mitten im Satz ab, und niemand kann wissen, was der arme Kerl noch hätte sagen wollen. Wer den Schriftsteller Fontane näher kennt, kann sich vorstellen, wie stolz er auf den Einfall war, seinen Major so sterben zu lassen.
Der Apotheker Alonzo Gieshübler
Eine weitere Figur aus meiner Porträtgalerie ist Alonzo Gieshübler. Alles an diesem Mann wirkt im Provinznest Kessin ungewöhnlich, fast exotisch: der Vorname, den er seiner spanischen Mutter verdankt; seine Liebe zur Kunst, zur Musik und zum feinen Essen; seine höflichen Umgangsformen. Gieshübler ist von kleiner, buckliger Gestalt, von Beruf Apotheker wie Fontane es vor Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn war. Er verehrt Effi, besucht sie gelegentlich und verwöhnt sie mit kleinen Aufmerksamkeiten; sie findet in ihm einen verständnisvollen Freund.
Gieshübler hat übrigens einen Fachkollegen in der Person des selbstgefälligen, durchtriebenen und intriganten Apothekers Homais in Flauberts „Madame Bovary“. Man hat gesagt, Flaubert habe mit seinem Homais dem guten Ruf des Apothekerberufs nachhaltigen Schaden zugefügt. Von Fontane aber liesse sich sagen, er habe mit seinem Gieshübler dem Berufstand zu dauerhaftem Ansehen verholfen.
„Rollo liegt wieder vor dem Stein“
Fast hätte ich noch jemanden aus Fontanes Roman vergessen, den man keinesfalls übersehen darf: den Hund Rollo. Er begleitet Effi aufmerksam und treu durch ihr kurzes Leben und bringt hin und wieder seine Anteilnahme durch ein zustimmendes oder besorgtes Knurren zum Ausdruck.
Am Schluss des Romans sehen wir das gute alte Tier beim Gedenkstein für die verstorbene Effi liegen, und Frau von Briest sagt zu ihrem Mann: „Rollo liegt wieder vor dem Stein. Es ist ihm doch tiefer gegangen als uns. Er frisst auch nicht mehr.“ Und als Frau von Briest auf ihre Schuldgefühle zu reden kommt, spricht ihr Mann die berühmten Worte, mit denen der Roman schliesst: „Ach Luise, lass ..., dies ist ein zu weites Feld.“
„Noch ganz spannend“
Vor einigen Jahren rief mich ein Neffe an, der vor der Maturitätsprüfung stand. Er habe, sagte er mir, „Effi Briest“ als Prüfungslektüre gewählt; vielleicht könne ich ihm sagen, welche Fragen der Lehrer wohl stellen würde. Ich gab Auskunft, die erwarteten Fragen wurden gestellt, die Prüfung war ein voller Erfolg.
Als ich meinen Neffen danach fragte, wie ihm Fontanes Roman gefallen habe, fand er ihn „noch ganz spannend“. Nur etwas habe er nicht verstanden: Warum Effi die Briefe ihres Liebhabers nicht vorsichtshalber verbrannt habe. Die Bemerkung brachte mich in Verlegenheit, und ich wusste keine bessere Antwort als diese: Hätte Effi die Briefe verbrannt, wäre sie eben nicht Effi gewesen. Aus meinem Neffen ist übrigens ein tüchtiger Jurist geworden, der wohl nie wieder Fontane gelesen hat.