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Das Fremde und das Eigene. Wandlungen eines Liedes zwischen der Schweiz und Lesotho
Auf gelegentliche Eingebungen hofft nicht bloss das künstlerisch tätige Genie, auch Wissenschaftlerinnen sind abhängig von Inspiration. Dabei sind Ideen häufig verbunden mit gedanklicher Anstrengung, manchmal kommen sie aber auch – ganz profan – per Post: So erreichten vor einiger Zeit zwei kleinere Pakete das Basler Musikwissenschaftliche Seminar. Sie enthielten, neben Dokumenten zu ausgewählten Ereignissen des hiesigen Musiklebens und kleinen, gedruckten sowie handschriftlichen Notenbüchern, auch einige lose Autographe. Es handelte sich dabei um zwölf vierstimmige Chorlieder des Komponisten Ferdinand Samuel Laur (1791–1854), der als Chorleiter, Gesangslehrer, Komponist und Musikpädagoge tätig war und das Musikleben Basels insbesondere in den zwanziger und dreissiger Jahren des 19. Jahrhunderts prägte. Laur unterrichtete ab 1810 zunächst in Hofwyl, ab 1820 dann in Basel Gesang, gründete und leitete 1824 den Basler Gesangverein, dirigierte den Universitätschor und organisierte das in Basel stattfindende Schweizerische Musikfest 1840.
Doch die Zielrichtung des hieraus entwickelten Projekts weist deutlich über die Grenzen Basels hinaus. In seinem Mittelpunkt steht mit „Freiheit“ (Text: Friedrich Schlegel) ein Chorstück, das die Wirkungsgebiete des Komponisten in ihrer Breite widerspiegelt: Zunächst erscheint es sowohl in Laurs pädagogischem Lehrbuch 50 Zweistimmige Gesänge in den gebräuchlichsten Dur und Moll Tonarten für Schulen und Gymnasien (um 1825) als auch im national-politischen Gesangbuch Vaterländische Lieder zur Feier des 26. Augusts als dem Jahrestage der Schlacht bei St. Jakob (1824). Eine andere Fassung mit dem Titel „Des Lebens Güter“ (Text: Ferdinand Laur) besitzt die Funktion eines Freundschafts- und Weinliedes. Während sich an diesen verschiedenen Liedfassungen und ihren Gebrauchszwecken ein Bild der zeitgenössischen Musikausübung in Schulen oder Studentenverbindungen, zwischen Gedenkfeiern und Kneipengeselligkeit, illustrieren lässt, weist eine weitere Verwendung der Melodie in eine überraschend andere Richtung: Mit François Coillard (1834–1904), einem französischen Missionar aus Paris, der ein Teil seiner Ausbildung im Elsass erhielt, gelangte „Freiheit“ nach Lesotho. Mit der neuen Textierung „Lesōthō fatše la bo ntat'a rōna“ – „Lesotho, Land unserer Väter“ – (Text: François Coillard) verbreitete sich das Lied in Lesotho und wurde nach der Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1966 zur offiziellen Nationalhymne gewählt.
Forschungen zur Basler Chortradition, zur südafrikanischen Missions- und zur Transkulturalitätsgeschichte sollen im Projekt miteinander enggeführt werden, um zu zeigen, wie dasselbe Musikstück in extrem unterschiedlichen Zusammenhängen Bedeutung entfalten konnte – als populare, kultische und politische Musik. Im zweiten Teil einer forschungsnahen Lehrveranstaltung im kommenden Herbstsemester wird eine Ausstellung vorbereitet, die ab dem 28. September 2018 in der Universitätsbibliothek Basel gezeigt wird. Die Publikation erscheint im Christoph Merian Verlag.