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Jesus entgegnete: »Ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.«Joh 3:3
Gottes Wort ist vielschichtig, und Gott ist grösser als unser Verständnis. Es kann durchaus sein, dass eine biblische Geschichte unterschiedliche Aussagen in sich trägt, und alle Betrachtungsweisen wahr sein können, auch wenn sie sich nach unserem Wahrheitsverständnis gegenseitig auszuschliessen scheinen.
Ich glaube, dass dieses Gespräch mit Nikodemus eine solche Stelle ist. Ich möchte hier nicht sagen, dass wir den Glauben an Jesus nicht brauchen, dass eine Hinwendung zu Jesus nicht notwendig ist. Bitte behalte dies im Hinterkopf, wenn Du diesen Text liest.
Jesus spricht hier mit Nikodemus, einem Pharisäer und Führer Israels. Wie nannte Jesus die Pharisäer? Blinde, die die Blinden führen.
Blinde leben in Dunkelheit, und genau so kommt Nikodemus zu Jesus: in der Dunkelheit der Nacht.
Jesus sagt ihm, dass nur der Wiedergeborene, der Bekehrte in den Himmel kommt.
So wenigstens verstehen wir heute diesen Vers, und wir haben dass Gefühl, eine grössere Einsicht zu haben als Nikodemus, der das alles nur im Natürlichen verstand.
Wie kann ich denn zurück kriechen in die Gebärmutter meiner Mutter und nochmals geboren werden, fragte Nikodemus. Und wir lächeln ob dieser naiven Antwort.
Doch wir sind kaum besser in unserem Verständnis.
Schauen wir uns den Vers etwas genauer an. Vielleicht entdecken wir eine tiefere Schicht.
Gennao, das griechische Wort, das wir mit geboren übersetzen, heisst eigentlich empfangen, hervorbringen.
Anothen, welches wir mit wieder übersetzen, heisst von oben, von Anfang an, von der Quelle, vom Ursprung.
Eine andere mögliche Übersetzung wäre also:
„Nur wer erkennt, dass er von der Quelle hervorgebracht wurde …“
Das Königreich auf der anderen Seite kann nicht beobachtet werden. Man kann nicht sagen: da ist es, und dort. Denn das Königreich ist in uns.
Und so wird aus dem Vers dies:
Nur wer seinen Ursprung in Gott erkennt, kann das Königreich in sich erkennen.
Nur wer erkennt, dass er schon immer ein Kind Gottes war, erkennt das Königreich.
Das Königreich aber ist Gerechtigkeit, Friede und Freude.
Gerechtigkeit ist, auf dem Weg auf Gott zu zu sein. Freude und Friede ist unsere Identität.
Erkennen wir unsere Identität als Verkörperung der Eigenschaften Gottes und die Tatsache, dass wir von Gott kommen und auf ihn zugehen, dann sind wir im Königreich.
Was heisst das?
Wir sind geschaffen im Ebenbild Gottes. Wir sind Friede, Freude, Geduld, und all die anderen Eigenschaften Gottes.
Gleichzeitig sind wir auf dem Weg, unser Bewusstsein zu schärfen. Gott hat uns auf diese Reise gesetzt. Er hat uns Bewusstsein geschenkt, und Lebensumstände, an denen wir wachsen.
Damit wir erkennen, was bereits ist:
Wir haben unseren Ursprung in Gott. Das ist der Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Wir leben nicht mehr im Mangel, sondern in unserer Identität.
Wir waren nie getrennt von Gott, und nichts kann uns je trennen von Gott.
Wir laufen hin zu der Bewusstwerdung der letzten Tatsache: wir sind Gott. Er der Ursprung, er das Haupt, und wir der Körper. Wir sind eins.
Was meine ich mit dieser Aussage: wir sind Gott? Natürlich nicht, dass wir anstelle von Gott Gott sind, sondern dass wir eins sind mit ihm.
Wer sich nicht bewusst wird, dass er seinen Ursprung in Gott hat, kann das Königreich in sich nicht erkennen. Nicht, dass es nicht da wäre. Nicht, dass er nicht darin leben würde. Er erkennt es nur nicht.
Heisst das, dass diese Person nicht in den Himmel kommen wird?
Nein, das heisst es nicht. Es heisst, dass diese Person all die wunderbaren Wahrheiten und Werkzeuge nicht zur Verfügung hat, die für sie im Königreich bereitliegen: Identität, Autorität, Überfluss, Gelassenheit, Sicherheit, Ruhe, Frieden.
Heisst das denn, das alle in den Himmel kommen? Das heisst es auch nicht, denn diese Schicht der Auslegung spricht über das Königreich jetzt. Die uns bekanntere Auslegung spricht über das Königreich in der Zukunft, was wir als Himmel bezeichnen.
Jesus doppelt auf die Nachfrage von Nikodemus hin nach:
Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.Joh 3:5
Wenn jemand nicht erkennt, dass er hervorgebracht wird aus Wasser und Geist hat, kann er ins Königreich nicht eintreten.
Im zweiten Teil des Verses geht es nicht um eine Erlaubnis im Sinne von: darf er nicht ins Königreich kommen. Es geht um eine Fähigkeit: wer das Königreich nicht sieht, kann nicht bewusst eintreten und von seinen Früchten geniessen.
Was aber hat es mit dem Wasser und dem Geist auf sich?
Unsere erste Auslegung ist wiederum natürlicher Art, und scheint im nächsten Vers unterstrichen zu sein. Wer zusätzlich zu seiner natürlichen Geburt im Fruchtwasser nicht auch im Geist wiedergeboren wird …
So sagt es doch auch Jesus: Fleisch und Geist.
Aber wenn wir zurückgehen in die Schöpfungsgeschichte, dann finden wir dort zwei Prinzipien, die einander gegenübergestellt werden: das Prinzip des Gebens und das Prinzip des Empfangens und der Reflexion.
Wer also nicht erkennt, dass er seinen Ursprung im Prinzip des Lebens hat, und seine Funktion im Prinzip des Empfangens und der Reflexion, der kann nicht im Königreich eintreten, weil er es nicht sieht.
In der Schöpfungsgeschichte werden diese beiden Prinzipien einander gegenübergestellt, genau so, wie das Wasser getrennt wird in die Wasser oben und die Wasser unten.
Der Geist aber ist das Denkmuster, das Denken Gottes. Wie sagt Paulus: wir aber haben das Denken Christi. Anders ausgedrückt: wir leben im Geist von Christus.
Ein Aspekt des Denkens Christi: er sah sich als Sohn Gottes, das heisst, er sah seinen Ursprung in Gott.
Nehmen wir die „Bekehrung“ von Petrus als Beispiel.
Doch erst noch etwas über das Wort Bekehrung. Warum taucht es in unserem Sprachgebrauch überhaupt als Synonym von Wiedergeburt auf? Weil wir glauben, uns von etwas abwenden zu müssen, um wiedergeboren zu werden. Das ist die falsche Sicht auf das, was hier geschieht: wir fokussieren uns auf den Zustand vorher und müssen ihn als sündenbeladenes Leben definieren, um etwas zu haben, von dem wir uns abwenden müssen.
Wenn wir das Wort Bekehrung brauchen, dann ist es doch in erster Linie eine Zuwendung hin zu Jesus, die uns dann dazu führt, dass wir uns aus Liebe von dem alten Lebensweg abwenden.
Die Wiedergeburt aber teilt unser Leben nicht in zwei Abschnitte, nur unser Denken. Wir sehen jetzt mit offenen Augen, geheilt von unserer Blindheit, was immer schon war. Bei der Wiedergeburt geht es nicht in erster Linie um Bekehrung, es geht um Wiederherstellung. Wiederherstellung unserer Sicht.
Zurück zu Petrus:
Jesus fragte, für wen die Leute ihn hielten, und erhielt die verschiedensten Antworten. Dann hakte er nach: Für wen haltet Ihr mich?
Das ist die wichtige Frage: für wen hältst Du Jesus? Nicht Dein Pastor, Deine Gemeinde, Deine Denomination oder Dein Mann, Deine Frau. Du.
Simon Bar-Jona erkennt, dass Jesus den Ursprung in Gott hat. Der Menschensohn, denn so fragt Jesus, hat seinen Ursprung in Gott. Das umschliesst natürlich nicht nur Jesus, sondern jeden Menschensohn.
Wir würden heute sagen: der Mensch hat seinen Ursprung in Gott.
Aufgrund dieser Erkenntnis, ja Offenbarung vom ewigen Geber her, erhält Simon eine neue Funktion. Namen im Hebräischen sind Berufung und Funktion. Er wird zum Stein, herausgebrochen aus dem Felsen. Das bedeutet Petrus.
Der Fels, das ist diese Erkenntnis, dass wir unseren Ursprung in Gott haben, mit allen Konsequenzen.
Der Eckstein und der Fels, das ist Jesus, weil er uns dieses Prinzip des Empfangens und der Reflexion vorgelebt hat, es erfüllt hat.
Wir sind Teil dieses Felsens. Hierauf ist die Kirche aufgebaut.
Die Kirche aber liess sich verhexen, wie Paulus den Galatern sagte, und sie ging zurück zu Anforderungen und Gesetzen. Nicht meine Worte, ich zitiere hier nur Paulus.
Sie definierte wiedergeboren zu sein als Anforderung mit einem genauen Prozess. Es kam darauf an, Busse zu tun, Jesus zu bekennen, ein Gebet zu sprechen, getauft zu werden (Wasser) und die Geisttaufe zu erhalten (Geist). Abgehakt. Von jetzt an muss man nur noch ein heiliges Leben führen.
Wiedergeboren zu sein aber ist die Erkenntnis, die Offenbarung, dass wir bereits sind, was wir zu erreichen suchen. Gottes eigen Fleisch und Blut. Er musste uns nie annehmen, denn er hat uns nie verworfen. Er möchte keine Diener, die ihm gefallen müssen, er erwartet nichts von uns. Wir sind seine Kinder und seine Freunde, und er hat Freude an uns.
Wiedergeboren zu sein heisst, zu erkennen, dass ich bereits im Königreich lebe, von innen heraus. Es ist kein „Ticket to Heaven“, keine Voraussetzung, es ist eine Einladung: tiefer hinein, höher hinauf.
Mission und Evangelisation ist nicht nur Retten vor der Hölle, es ist ein Befreien aus der Hölle. Der Hölle des eigenen Weltbildes, nicht zu genügen, etwas tun zu müssen.
Mögen wir erkennen, dass wir bereits sind. Denn darin liegt Leben.