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| Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)

Erstes Buch: Vom Sittlichguten
XIII. Kapitel
[S. 34] Von der göttlichen Vorsehung: Der vorausgehende Exkurs nicht zwecklos (47). Widerlegung der aristotelischen und epikureischen Auffassung (48—50).
47. Doch kehren wir zum Thema zurück, damit es nicht scheine, wir hätten die Einteilung, die wir machten, vergessen, weil wir der Meinung derer entgegentraten, die deshalb, weil sie die lasterhaftesten Menschen in Reichtum, Vergnügen, Ehren und Macht sehen, während so viele Gerechte darben und kranken, wähnen, Gott kümmere sich entweder keinen Deut um uns, wie die Epikureer behaupten, oder aber er wisse um das Treiben des Menschen nicht, wie die Lasterhaften meinen, oder er sei, wenn allwissend, ein ungerechter Richter, der die Guten darben, die Ungerechten in Überfluß leben lasse. Nicht überflüssig war der ‚Exkurs‘, wenn ich so sagen darf. Es sollte einer derartigen Auffassung gerade das seelische Empfinden derer Antwort stehen, die sie glücklich preisen, während sie sich selbst für unglücklich halten; denn mich dünkte, sie würden ihnen selbst eher Glauben schenken als uns.
48. Nach dieser Darlegung erachte ich es für leicht, die übrigen Einwände zu widerlegen: zunächst die Behauptung derer, die glauben, Gott kümmere sich keineswegs um die Welt. So behauptet Aristoteles, seine Vorsehung reiche nur bis zum Monde1. Aber welcher Meister vergäße der Sorge um sein Werk? Wer ließe das, was er selbst ins Dasein setzen zu sollen glaubte, im Stiche und gäbe es preis? Wenn Regieren ein Unrecht ist, liegt nicht im Erschaffen ein noch größeres Unrecht? Würde doch, so wenig das [S. 35] Nichterschaffen ungerecht ist, im Nichtsorgen die größte Grausamkeit liegen.
49. Gott, seinen Schöpfer, verleugnen, oder aber sich selbst zu den Tieren und Bestien rechnen: was sollen wir zu solchen Leuten sagen, die sich selbst so unrecht tun und verurteilen? Sie behaupten selbst, Gott durchdringe alles und auf seiner Kraft beruhe alles, seine Macht und Größe durchdringe alle Elemente, Erde, Himmel und Meere: und wenn er den Geist des Menschen, das Erhabenste, was er uns verliehen hat, durchdringt und mit dem Wissen seiner göttlichen Majestät darin eindringt, so rechnen sie ihm das als ein Unrecht an.
50. Indes spotten die Philosophen selbst, soweit sie als nüchtern gelten, über den Lehrer solcher Leute (Epikur) als einen Trunkenbold und Anwalt der Lust. Was soll ich aber von der Meinung des Aristoteles sagen, der glaubt, Gott bescheide sich in die ihm gezogenen Grenzen und friste sein Dasein innerhalb eines abgesteckten Reiches gemäß jener Fabeldichtungen, wonach drei Herrscher in der Weise in die Welt sich teilten, daß dem einen der Himmel, dem anderen das Meer, dem dritten die Unterwelt durch das Los zur Beherrschung zufiel; und wonach sie sich hüteten, um fremde Gebietsteile sich zu kümmern und so Krieg unter sich heraufzubeschwören? Ähnlich, so behauptet er, kümmert sich auch Gott nicht um die Erde, wie er sich auch um das Meer oder die Unterwelt nicht kümmert. Wie wollen sie denn die Dichter ablehnen2, denen sie folgen?
1: Diese Behauptung legt Diogenes Laertios (Φιλόσοφοι βίοι) [Philosophoi bioi] dem Aristoteles fälschlich in den Mund. Die Unzuverlässigkeit dieses Autors, der „mehr Leseeifer als Fleiß beim Niederschreiben aufwandte“, war übrigens dem Ambr. nicht unbekannt.
2: Vielleicht Anspielung auf die Äußerung des Aristoteles Metaph. I 2, daß „nach dem Sprichwort die Dichter viel lügen.“