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Irma Hirschi verrät, warum für sie mit der Zusammenführung der jurassischen Gebiete ein ganz persönlicher Jugendtraum in Erfüllung ginge – und was der neue Kanton für die Linke und die Romandie bedeuten würde.
WOZ: Frau Hirschi, die bernjurassische SVP verbreitet ein neues Plakat, auf dem ein in die Jurafahne eingewickeltes Sprengstoffpaket zu sehen ist, mit dem das bernjurassische Regionalspital in die Luft gesprengt werden soll. Was sagen Sie dazu?
Irma Hirschi: Der SVP mangelt es an Argumenten, sie versucht es nun mit Stimmungsmache. Die Partei würde gescheiter zugeben, dass sie ihr Leben für den Kanton Bern opfern würde und keine anderen Ambitionen hat, als ihm bedingungslos Gefolgschaft zu leisten. So würde sie wenigstens glaubwürdig bleiben.
Ist die Abstimmung vom 24. November die letzte Chance, den historischen Jura zu vereinen?
Es wäre das Ende der Jurafrage, wie sie seit dem 25. März 1994 und seit der Absichtserklärung vom 20. Februar 2013 diskutiert wird. 1994 wurde die Assemblée interjurassienne gegründet mit dem Ziel, den Konflikt zwischen dem Kanton Jura und dem Berner Jura zu entschärfen und die beiden Teile zusammenzuführen. Wenn die Teilung bleibt, müssen unsere Nachkommen die Sache weiter ausfechten. Gleiche Ursachen werden auch in Zukunft gleiche Wirkungen erzielen. In einer Demokratie ist es immer möglich, wieder von vorn anzufangen.
Der Jurakonflikt könnte wieder aufflammen?
Im Fall eines Nein im Berner Jura können die bernjurassischen Gemeinden, die dies wünschen, immer noch über einen Beitritt zum Kanton Jura abstimmen. Ein Teil von ihnen würde von diesem Recht Gebrauch machen. Das aber würde die Zersplitterung der Region bedeuten. Vielleicht muss der Berner Jura noch mehr leiden, bis er einsieht, wie es um ihn wirklich steht? Denn mit dem Kanton Bern geht es finanziell bergab. Heute bemüht er sich noch um seinen Berner Jura, doch wenn nur noch einzelne Gemeinden verbleiben, wäre es mit dieser Unterstützung wohl bald vorbei. Und die Gefahr wäre real, dass die verbliebenen südjurassischen Gemeinden zu einer Art Vorort von Biel verkommen.
Der frühere Bürgermeister von Genf und heutige Genfer SP-Nationalrat Manuel Tornare spricht von der Chance, die ein doppeltes Ja für die Romandie und sogar für die gesamte Schweiz bedeuten würde.
Er hat hundertmal recht! Die Romandie würde durch einen neuen französischsprachigen Kanton Jura gestärkt. Die gesamte Schweiz würde gestärkt. Sie könnte zeigen, wie dank ihres ausserordentlichen, vorbildlichen Demokratiemodells Konflikte gelöst werden, derentwegen andernorts auf der Welt Blut fliesst. Zudem könnte sich der Kanton Jura für die Schaffung einer auf vielen Gemeinsamkeiten beruhenden Region am Jurabogen einsetzen. Er könnte die Debatte um eine Schweiz der Regionen neu lancieren: eine Schweiz der Regionen in einem Europa der Regionen!
Ganz persönlich, warum träumen Sie von einem zur Romandie gehörenden Kanton?
Ich bin Jurassierin, und ich bin französischsprachig. Als Bewohnerin von Moutier im Berner Jura bin ich damit doppelt in der Minderheit. Der französische Politiker François Bayrou sagte einmal: «Niemand kann akzeptieren, überall eine Minderheit zu sein. Um akzeptieren zu können, zu einer Minderheit zu gehören, muss man sich zu Hause fühlen.» Das ist exakt das, was ich fühle: In einem neuen Kanton Jura, der zur Romandie gehört, würde ich mich zu Hause fühlen.
In der Regierung des Kantons Jura sitzen zwei SP- und zwei CVP-Vertreter sowie ein Freisinniger. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie so etwas zum Träumen bringt …
Es ist immerhin annähernd eine Mitte-links-Regierung. Entscheidend für mich als Aktivistin des Parti socialiste autonome du Sud du Jura PSA ist aber vor allem: In einem neuen Kanton Jura wäre die linke Familie sehr viel stärker. Sie hätte mehr Gewicht und könnte sich vielleicht sogar zu einer grossen Linkspartei entwickeln, gemeinsam mit all den Kräften, die heute links der SP stehen und bei uns eine gewisse Bedeutung haben. Im PSA wird schon heute über eine solche vereinte Linkspartei nachgedacht.
Ist die Gründung eines neuen Kantons für Sie noch immer eine Revolution?
Ja. Wobei es natürlich nicht mehr, wie in den siebziger Jahren, um diese romantische Suche nach der absoluten Freiheit geht. Aber die beiden Teile des historischen Juras sind eine Schicksalsgemeinschaft, die auf der gleichen Geschichte, der gleichen Sprache, der gleichen Kultur und dem gleichen kreativen Geist beruht. Wenn es uns gelingt, gemeinsam unser Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, ist das eine pragmatische, eine sanfte Revolution.
Und wenn sie gelingen würde: Hätten Sie das Gefühl, Ihre Pflicht erfüllt zu haben?
Der Kampf für die Autonomie des jurassischen Volks bestimmt mein ganzes Leben, Denken und Fühlen. Ich würde nicht von Pflicht reden, es geht um etwas viel Persönlicheres. Ich würde es eher ein Lebenswerk nennen. Ein Lebenswerk, das ich mit allen meinen Kampfgenossinnen und -genossen teile.
Irma Hirschi (62) ist Mitglied des Parteivorstands des Parti socialiste autonome (PSA). Die Sekretärin der autonomistischen Bewegung MAJ hat ihren Jugendträumen nicht abgeschworen; sie möchte sie mit der Gründung eines neuen, zur Romandie gehörenden Kanton Jura verwirklichen. Am 24. November wird darüber abgestimmt, ob eine Verfassungsgebende Versammlung eingesetzt wird.