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Kognitive Modelle
Sozial-kognitive Lerntheorie
Gleichzeitig mit dem Behaviorismus entwickelten sich Theorien, die Lernen nicht nur als Reiz-Reaktions-Verkettungen ansahen, sondern als Resultat innerer Wahrnehmungs– und Informationsverarbeitungsprozesse. Damit werden kognitive Aspekte ins Spiel gebracht, das Individuum erwirbt neues Verhalten durch aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt. Die Repräsentationen dieser Begriffe und Objekte können durch schlussfolgerndes Denken auf neue Sachverhalte übertragen werden (Petermann et al., 2011).
Die sozial-kognitive Lerntheorie geht auf Albert Bandura (geb. 1925) zurück. Dieser postulierte, dass alle möglichen Verhaltensweisen über die Beobachtung des entsprechenden Verhaltens gelernt werden können. Dies gilt auch für komplexe Verhaltensabläufe, die durch Nachahmung zeitökonomisch erlernt werden.
Der Lernprozess kann nach Bandura auf drei verschiedene Arten geschehen:
- durch direkte Erfahrung (Konditionierungslernen),
- durch symbolische Erfahrung (Instruktionslernen)
- durch stellvertretende Erfahrung (Modelllernen).
Beobachtungslernen:
Das zentrale Konzept von Banduras Theorie ist das Beobachtungslernen. Dabei wird Verhalten durch die Beobachtung anderer Individuen erworben oder modifiziert. Gelernt wird nicht nur das Verhalten, sondern auch die Kenntnis der Konsequenzen. Die Imitation ist eine einfache Form von Beobachtungslernen, eine reflexhafte Nachahmung von beobachteten Verhaltensweisen, die man vielfach bei Säuglingen und im Tierreich nachweisen kann. Gegenüber dem Lernen durch direkte Erfahrung (Konditionierungslernen) hat Beobachtungslernen den Vorteil, dass negative Konsequenzen, die bei Versuch-Irrtums-Lernen zwangsläufig auftreten, vermieden werden können. Ausserdem ist Lernen auch möglich, wenn das Modell nicht selbst anwesend ist, sondern beispielsweise als Film gezeigt wird, was die Lernmöglichkeiten deutlich erweitert (Petermann et al., 2011). Eine Beobachtung am lebenden Objekt ist allerdings der Beobachtung im Film an Wirksamkeit überlegen (Kriz, 2007).
Modelllernen:
Eine Sonderform des Beobachtungslernens bildet das Modelllernen, bei dem neue Verhaltensweisen erworben werden, die bislang nicht im Verhaltensrepertoire enthalten waren. Bekannt geworden sind besonders Banduras Untersuchungen zum Modelllernen in Bezug auf die Therapie von Ängsten (Kriz, 2007).
Bandura unterscheidet vier potenzielle Effekte des Beobachtungslernens (Petermann et al., 2011):
- Modellierender Effekt (Modelllernen): Erwerb neuer Verhaltensweisen.
- Hemmender Effekt: Unterdrückung eines bereits gelernten Verhaltens.
- Enthemmender Effekt: Verstärkung eines bereits gelernten Verhaltens.
- Auslösender Effekt: Auslösung eines bereits verfügbaren Verhaltens in neuen Kontexten oder veränderter Ausprägung.
Die Bobo Doll-Experimente
Mit den Bobo Doll-Experimenten zum Erwerb aggressiven Verhaltens untersuchte die Forschungsgruppe um Albert Bandura Modelllernprozesse an 3—6 jährigen Kindern und demonstrierte damit anschaulich das menschliche Beobachtungslernen.
Nachdem Kinder erwachsene Modelle beobachtet hatten, die eine grosse
Clownpuppe aus Plastik namens Bobo gestossen, geschlagen und getreten hatten, zeigten die Kinder in dem Experiment später selber eine grössere Häufigkeit dieses Verhaltens als Kinder einer Kontrollbedingung, welche die aggressiven Modelle nicht gesehen hatten (Bandura, et al., 1963).
Spätere Studien zeigten, dass Kinder dieses Verhalten auch nur durch das Betrachten von Sequenzen gefilmter Modelle imitieren, sogar wenn diese Cartooncharaktere waren.
Wir lernen viel — sowohl prosoziales als auch antisoziales Verhalten — durch die Beobachtung von Modellen; allerdings gibt es viele mögliche Modelle, die zur Auswahl stehen. Welche Variablen bestimmen nun, welche Modelle am wahrscheinlichsten das Verhalten beeinflussen werden? Die Forschung förderte die folgenden allgemeinen Schlussfolgerungen zutage: Das Verhalten eines Modells wird dann besonders einflussreich sein:
- wenn vom Beobachter wahrgenommen wird, dass das Verhalten verstärkende Konsequenzen erbringt;
- wenn das Modell als positiv, beliebt und respektiert wahrgenommen wird;
- wenn wahrgenommen wird, dass eine Ähnlichkeit im Hinblick auf Merkmale und Eigenschaften des Modells mit dem Beobachter besteht;
- wenn der Beobachter dafür belohnt wird, seine Aufmerksamkeit auf das Verhalten des Modells zu lenken;
- wenn das Verhalten des Modells gut sichtbar und salient ist, d.h. wenn es als klares Bild gegen den Hintergrund konkurrierender Modelle hervorsticht;
- wenn es für den Beobachter im Rahmen seiner Möglichkeiten ist, das Verhalten zu imitieren.
(nach Zimbardo & Gerrig, 2008)
Das folgende Video dokumentiert die von Bandura durchgeführten Experimente.
Gewaltdarstellung in den Medien
Beispielexperiment zur These:
«Gewaltdarstellung in den Medien erhöht die Toleranz gegenüber Aggression im echten Leben»
Modelllernen und Heilpädagogik
Im heilpädagogischen Arbeitsfeld sollte Lernen am Modell so gestaltet sein, dass die individuellen Lernvoraussetzungen eines Kindes berücksichtigt werden, z.B. Sinnes-, Aufmerksamkeits-, Wahrnehmungsleistungen sowie motorische Voraussetzungen. Beim Lernen in der Gruppe erweist sich der enthemmende Effekt und der Mitreisseffekt etwa im Zusammenhang mit Angst vor etwas als bedeutsam […] . Modelllernen stellt bezüglich zahlreicher Verhaltensweisen (Sprache, Sozialverhalten, Handlungen) ein wichtiges Argument für gemeinsame Erziehung und Unterrichtung von Kindern mit und ohne Behinderungen dar. Günstige Bedingungen für Modelllernen sind die Identifikationsmöglichkeit mit dem Modell, eine emotional positive, entspannte Atmosphäre, das Gefühl der Freiwilligkeit bezüglich Annahme oder Ablehnung einer Handlungsweise (Bundschuh, 2008, S. 274).
Heilpädagogik: sozial-kognitive Kompetenzen
Praktische Anwendungen der kognitiven Modelle in der Heilpädagogik umfassen vor allem Verhaltenstrainings, wie sie z. B. in Petermann et al. (2006) beschrieben werden («Verhaltenstraining für Schulanfänger») .
Sozial-kognitive Kompetenzen trainieren
Das Sozialverhalten wird von unterschiedlichsten Faktoren beeinflusst; als besonders wichtig haben sich sozial-kognitive Prozesse erwiesen, die bewirken, wie Jugendliche und Kinder (aber auch Erwachsene) handlungsrelevante Informationen aufnehmen, interpretieren, bewerten und weiter verarbeiten. Das abgebildete Informationsverarbeitungsmodell (nach Petermann et. al., 2006) soll die dabei ablaufenden Prozesse in sechs Stufen abbilden:
Wie wir Beziehungen und Kommunikation gestalten, hängt stark davon ab, wie wir Information aufnehmen, bewerten und in unser Erfahrungsspektrum einordnen. Kinder mit problematischem und aggressivem Verhalten dürften demnach Defizite auf den verschiedenen Stufen aufweisen, wie Petermann et al. (2006) schreiben:
Aggressive Kinder
- zeigten demnach eine stärkere selektive Aufmerksamkeit für aggressive Hinweisreize,
- nahmen ihre Interaktionspartner als aggressiver wahr und unterstellten ihnen häufiger feindselige Absichten,
- entwarfen eher unsoziale, aggressive Ziele,
- zeigten ein tendenziell eingeschränktes Handlungsrepertoire mit dem Schwergewicht auf aggressivem und impulsivem Verhalten,
- wählten eher Handlungen mit geringerer Selbstkontrolle und kurzfristiger Orientierung,
- beurteilten Konsequenzen aggressiven Verhaltens eher positiv […]
Petermann et al. (2006) schlagen ein angepasstes Verhaltenstraining für Schulanfänger mit den folgenden Schwerpunkten vor: Aufmerksamkeitslenkung, differenzierte Wahrnehmung und Interpretation, Finden alternativer Lösungsstrategien, Antizipation von Handlungskonsequenzen und Bewertung von Handlungen und deren Konsequenzen.
- Ich verspüre einen leichten Schlag eines Mitschülers auf den Rücken, während ich mich auf einem Schulhof aufhalte.
- Ich interpretiere den Schlag auf den Rücken als feindselige Attacke eines Mitschülers und bewerte diese gedanklich (Gemeinheit!) und emotional (starke Ärgerreaktion).
- Ich entscheide mich für einen Vergeltungsschlag («Dem zeig’ ich’s! Der soll mich kennen lernen! Mich schlägt niemand ungestraft! Den mache ich fertig!»).
- Ich könnte treten, hauen oder schubsen und zusätzlich noch schimpfen.
- Im Schubsen bin ich richtig gut. Ausserdem habe ich den Gegner dann erst einmal in einiger Distanz zu mir und kann schon mal den nächsten Schlag planen. Ich wähle passend dazu das gemeinste Schimpfwort, das mir einfällt.
- Ich schubse den vermeintlichen Angreifer mit voller Wucht zurück und beschimpfe ihn unflätig. Es klappt gut. Er stürzt und stöhnt vor Schmerz.
Die Reaktionen und Bewertungen von mittelbaren oder unmittelbaren Interaktionspartnern sowie eigene Empfindungen werden registriert und gegebenenfalls zum Auslöser einer erneuten Handlung.
Im Beispiel: Um uns herum hat sich eine erschrockene Menge gebildet. Ich sehe ihre bewundernden Blicke und anerkennendes Johlen. Jetzt komme ich so richtig in Fahrt…
Heilpädagogik: emotionale Kompetenzen
Der kompetente Umgang mit eigenen Gefühlen und den Gefühlen anderer ermöglicht die Entwicklung eines angemessenen Verhaltensrepertoires. Emotionen sind auf allen Stufen der kognitiven Verarbeitung sozialer Information mitbeteiligt (Petermann et al., 2006). Emotionale Kompetenz umfasst die folgenden Aspekte:
- den eigenen mimischen Ausdruck von Emotionen,
- das Erkennen des mimischen Emotionsausdrucks anderer,
- den sprachlichen Emotionsausdruck,
- das Emotionswissen und -verständnis und
- die selbstgesteuerte Emotionsregulation.
Kinder sind emotional kompetent, wenn sie emotionale Fertigkeiten in sozialen Interaktionen anwenden können und so selbstwirksames Verhalten zeigen. Sie sind sich dabei bewusst, dass ihr eigener Emotionsausdruck andere beeinflusst, und sie haben gelernt, ihr Verhalten so zu steuern, dass gewünschte Reaktionen bei andern auftreten.
Im Verhaltenstraining für Schulanfänger (Petermann et al., 2006) werden emotionale Kompetenzen in der dritten und vierten Trainingsstufe vermittelt, indem besonders folgende Aspekte berücksichtigt werden:
- Die eigenen Gefühle erkennen,
- die Gefühle anderer erkennen und verstehen,
- die Fähigkeit, altersangemessenes Emotionsvokabular verstehen und einsetzen zu können,
- sich in andere einfühlen zu können sowie
- mit belastenden Emotionen und Problemsituationen angemessen umgehen zu können.