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Französische Lieder des 13. Jahrhunderts in der Burgerbibliothek Bern
Seit 1632 befindet sich der Codex 389 im Besitz der Burgerbibliothek Bern. Doch bis heute gibt diese Liederhandschrift Rätsel auf. Im vergangenen Jahr hat ein interdisziplinäres Expertenteam die faszinierende Sammlung an der Universität Bern erneut unter die Lupe genommen.
Henry Hope — Unter den 700 Handschriften, die einst dem französischen Gelehrten Jacques Bongars gehörten und über dessen Patensohn Jakob Graviseth in die Sammlung der Burgerbibliothek Bern gelangten, befindet sich auch der Codex 389. Wohl am Ende des 13. Jahrhunderts in Metz zusammengestellt, bietet die Handschrift auf knapp 250 Pergament- Blättern ihren NutzerInnen noch immer Zugang zu über 500 altfranzösischen Liedern.
Religiöses, Streitgedichte und Liebeslieder
Zahlreiche dieser Lieder stammen aus der Dichterschmiede namhafter Trouvères wie Thibaut de Champagne, dem einstmaligen Grafen der Champagne und König von Navarra. Auch Texte aus dem Umfeld von Arras finden sich im Codex 389. Die Stadt war bekannt für ihre Sänger-Gilden, den sogenannten Puy und die Confrérie des jongleurs et bourgeois d’Arras. Der Puy veranstaltete Dichter-Wettkämpfe, an denen nicht nur Thibaut de Champagne teilnahm, sondern auch andere Dichter, die in der Berner Trouvère-Sammlung überliefert werden: Gillebert de Berneville und Jehan Bretel, zum Beispiel, welche beide für eine Zeit lang den Status des «Prince du Puy» genossen.
Während adelige Dichter wie Thibaut de Champagne in ihren Liedern vor allem der amour courtois, der höfischen Liebe, nachsinnten, waren Jehan Bretel und die Sänger des Puy d’Arras gerade auch durch ihre poetischen Streitgesänge bekannt: In ihren jeux partis diskutierten sie zumeist philosophisch-pragmatische Fragen der Liebe, etwa ob ein eifersüchtiger oder ein blindlings-vertrauender Liebhaber zu bevorzugen sei.
Im Codex 389 finden sich neben zahlreichen Beispielen des chanson d’amour und jeu parti auch ein Lied der Duchesse de Lorraine, sowie weitere anonym überlieferte Lieder, die wohl von Dichterinnen, sogenannten Trobairitz, verfasst wurden. Besonders auffällig sind in der Sammlung auch die religiösen Lieder. Obgleich viele dieser chansons pieuses in der Handschrift ohne AutorInnen- Zuschreibung überliefert werden, kommt ihnen eine entscheidende Funktion zu. Die Lieder der Sammlung sind nach dem Alphabet sortiert — von «Aveugles, mués et sours» hin zu «Uns hons ki ait en soi sen et raixon»: Am Beginn jedes neuen Buchstabens steht jeweils eine oder mehrere der religiösen Dichtungen, die häufig auch die Buchstaben-Gruppen beschliessen.
Codex 389 und die Wissenschaft
Trotz ihres reichhaltigen Repertoires ist die Berner Trouvère-Sammlung in der Forschung häufig übergangen worden. Bereits 1846 hatte der in Basel tätige Philologe Wilhelm Wackernagel eine Auswahl dieser Lieder herausgegeben; Julius Brakelmann besorgte wenig später eine Edition aller übrigen Texte, sodass die Sammlung bereits Ende der 1860er Jahre vollständig erschlossen war. In vielen Fällen bietet die Handschrift jedoch problematische Lesarten ihrer Texte und oftmals werden die Lieder in anderen Quellen anderen Autoren zugeschrieben, sodass LiteraturwissenschaftlerInnen die Genauigkeit und Glaubwürdigkeit des Codex 389 in Zweifel gezogen haben.
Für MusikwissenschaftlerInnen wiederum schien die Sammlung gänzlich uninteressant, denn sie enthält, gemäss dem Bibliothekskatalog des 17. Jahrhunderts, «chansons en vers françois du vieux style et lignes de musique sans notes». Tatsächlich bietet Codex 389 musikbegeisterten BetrachterInnen ein trauriges Bild: Durchweg bietet die Handschrift Notenlinen für ihre Lieder, doch findet sich auf diesen keine einzige Note.
Nichtsdestotrotz: Bei der Berner Trouvère-Handschrift handelt es sich ohne Zweifel um eine Liedersammlung — und so kam im vergangenen Dezember ein Team internationaler ExpertInnen aus Romanistik, Kodikologie, und Musikwissenschaft auf Einladung von Henry Hope am Institut für Musikwissenschaft der Universität Bern zusammen, um der Geschichte und den Liedern dieser faszinierenden Sammlung gemeinsam nachzuspüren. Unterstützt wurden die ForscherInnen in ihren Bemühungen durch ein Ensemble unter der Leitung von Marc Lewon und Baptiste Romain (Schola Cantorum Basiliensis). Die Melodie-Überlieferung der Parallelquellen erlaubte es den MusikerInnen, dem Berner Konzertpublikum zu St. Peter&Paul einen einprägsamen Einblick in die mögliche Klangwelt dieser Lieder zu geben.
Das Digitalisat dieser Handschrift befindet sich auf e-codices.