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Entstehungsgeschichte. Der jüdische Kalender ist eine Kombination aus Mond- und Sonnenkalender. Die Monate haben die Dauer eines Mondmonats (Mondumlaufzeit). Es gibt daher zwölf von ihnen, auf welche gelegentlich, wie unten beschrieben, ein dreizehnter Monat folgt. In der heutigen Reihenfolge tragen sie folgende Namen: Nissan, Ijjar, Siwan, Tammus, Aw, Elul, Tischri, Marcheschwan, Kislew, Tevet, Schewat und Adar. Die Namen sind babylonischen Ursprungs. Im beschreibenden Teil der Bibel, der Thora (oder dem Pentateuch), sind die Feiertage nach Mondmonaten festgelegt. Gleichzeitig sind sie jedoch auch an die Abfolge der Jahreszeiten gebunden, wie ihre ursprünglichen Namen beweisen: Fest des Frühlings, Erntefest, Laubhüttenfest etc.
An dieser Stelle ein bisschen Astronomie: Der Mondmonat dauert theoretisch etwas mehr als 29 1⁄2 Tage. Deshalb hat ein Mondjahr mit 12 Monaten 354 Tage, manchmal aber auch 355, um die paar Minuten Rückstand aufzuholen, die sich im Laufe der Monate ansammeln. Es fehlen also im Mondjahr gut zehn Tage, um auf ein Sonnenjahr mit 365 Tagen zu kommen. Deshalb sind Mondkalender im Bezug auf das Sonnenjahr von einem Jahr zum andern immer mehr oder weniger verschoben. Fixpunkte des Sonnenjahres, wie die Sonnenwenden, haben im Mondkalender keinen festen Tag. Das führte zu Problemen, die erst im Laufe der Zeit gelöst wurden.
Ursprünglich - zu der Zeit als sich die Juden im gelobten Land niederliessen - hatte die Ankündigung des Neumondes, d.h. das erste Erscheinen der neuen Mondsichel, eine wichtige Rolle. Ein Monat des jüdischen Kalenders konnte nur 29 oder 30 Tage haben. Wenn am Ende des 29. Tages eines Monats die neue Mondsichel im Himmel gesehen wurde, entschied das Tribunal (Bet Din) nach Anhörung von Augenzeugen, dass der nächste Tag als erster Tag des neuen Monats gilt (der Rosch Chodesh oder „Monatsanfang“). Wurde die neue Mondsichel hingegen nicht gesehen, galt der auf den 29. Tag folgende Tag als 30. Tag des Monats und der neue Monat begann erst am darauf folgenden Tag. Beide Tage wurden im religiösen Sinn jedoch als „erste Tage des Monats“ angesehen (Rosch Chodesh I und Rosch Chodesh II). In analoger Weise ging man beim Jahresbeginn vor.
Ursprung der „zweitägigen Feste“. In früher Zeit wurde der Beginn des neuen Monats durch das Entfachen von Feuern auf den Hügeln mitgeteilt, die von einem Hügel zum nächsten zu sehen waren, wie wir es aus den Indianerfilmen unserer Kindheit kennen. Um wirklich sicher zu gehen, wurden ausserdem Boten in alle Richtungen ausgesandt, die den Beginn des neuen Monats verkündeten.
Die Boten aus Jerusalem kamen jedoch nicht immer rechtzeitig in weit entfernten Gemeinden an, so dass Irrtümer nicht ausgeschlossen waren und Festtage nicht immer am richtigen Tag begangen wurden. Daraus entstand der Brauch, die Feste zu „verdoppeln“: Ein Fest, das im Land Israel einen Tag dauert, erstreckt sich über zwei Tage, wenn es in der Diaspora gefeiert wird. Dieser Brauch gilt für die drei Hauptfeste, die so genannten „Pilgerfeste“: Pessach, Schawuot und Sukkot.
Etwas anders ist es beim 1. Tag des Monats Tischri. Es wurde befürchtet, dass selbst in Jerusalem bei der Festlegung des 1. Tages des Monats Tischri mit dem Erscheinen des neuen Mondes ein Fehler auftritt. Aber gerade dieser Tag war besonders wichtig. Man einigte sich deshalb darauf, dass das Neujahrsfest (Rosch Haschana) zwei Tage lang, anstatt einen, wie in der Thora vorgeschrieben, gefeiert wird. Für das Jom-Kippur-Fest, zehn Tage nach Rosch Haschana, beschränkte man sich hingegen auf einen einzigen Tag, damit die Fastenzeit nicht zu lang wird.
Der heutige Kalender. Die Festlegung der Kalendertage durch Beobachtung des Neumondes und des Frühlingsanfangs sowie die Art ihrer Mitteilung von Jerusalem aus bis in die entfernten Gemeinden stiessen bald an ihre Grenzen. Diese Schwierigkeiten, aber auch die Gefahren, mit denen praktizierende Juden konfrontiert waren, sowie die Vertreibung der Juden aus dem Land Israel in alle Welt erforderten bald modernere Verfahren als die direkte Beobachtung, nämlich die vorherige Berechnung der Kalendertage nach festgelegten Regeln, die für jeden ausführbar und damit unabhängig von anderen Informationen waren. Eine erste Methode, eingeführt im Jahr 388, wurde später verbessert und schliesslich 840 endgültig festgelegt.
Sie bestand in einem ewigen Kalender, mit dessen verschiedenen Regeln sich der Beginn eines Monats (d.h. entweder einem Rosch Chodesh I oder Rosch Chodesh I und II) sowie die Anzahl der Monate pro Jahr (mit einem Zyklus von 19 Jahren, davon 7 so genannte Schaltjahre mit je 13 Monaten, in denen der Monat Adar zwei Mal vorhanden ist, während die anderen 12 Jahre 12 Monate haben) und die Feiertage, die nur auf bestimmte Wochentage fallen dürfen, bestimmen liessen. In dem noch heute gebräuchlichen jüdischen Kalender beginnt die Zeitrechnung mit der Schöpfung, die der jüdischen Tradition gemäss dem Jahr 3761 vor Christus entspricht. Demnach beginnt im September 2009 christlicher Zeitrechnung das Jahr 5770 des jüdischen Kalenders.
Aus dem Unterschied zwischen dem in der westlichen Welt verwendeten Sonnenkalender und dem gemischten Kalender (Mondkalender mit regelmässigen Korrekturen) der hebräischen Kultur verschieben sich die Tage ständig, behalten jedoch in etwa den gleichen Platz im Laufe der Jahreszeiten. Der 1. Tag des Monats Tischri (Rosch Haschana) fällt auf den 19. September 2009 und den 9. September 2010. Von 2011 bis 2016 liegt er zwischen dem 29. September und dem 3. Oktober, je nach Jahr abwechselnd im September und Oktober.
Israel und die Diaspora. Im jüdischen Kalender war von Anfang an eine Verdoppelung bestimmter Feiertage ausserhalb des Landes Israel und beim 1. Tischri auch in Israel vorgesehen. Die Gründe für diese Regel - das Fehlerrisiko beim 1. Tischri und die Probleme aufgrund mangelnder Kommunikation mit den Diasporagemeinden - wurden mit der Berechnungsart des neuen Kalenders beseitigt. Aber unsere Weisen sprachen sich dagegen aus: „Die Gebräuche Eurer Vorfahren dürft Ihr nicht ändern.“ Daher blieb das System bis in den heutigen Kalender erhalten. Rosch Haschana hat immer zwei Feiertage, und alle grossen Feste (ausser Jom Kippur) dauern in der Diaspora zwei Tage und in Israel einen.
Die Verdoppelung der Feiertage hängt davon ab, wo man seinen ständigen Wohnsitz hat. Hat ein Jude seinen ständigen Wohnsitz in der Diaspora und ist an einem Feiertag in Israel, muss er von sich aus den zweiten Feiertag beachten, jedoch mit Zurückhaltung, um sich nicht offen von den Landesbewohnern zu distanzieren. Umgekehrt wird ein Jude aus Israel, der vorübergehend in der Diaspora ist, den zweiten Feiertag nicht begehen, er sollte aber die äusseren Zeichen des Festes beachten, um die dortigen Einwohner nicht zu brüskieren.
Anmerkung: Der „Tag“ des jüdischen Kalenders dauert nicht von Mitternacht bis Mitternacht, sondern von Abend bis Abend (siehe Genesis 1.5: „Es gab einen Abend und einen Morgen und dies war ein Tag"). Ein gläubiger Jude muss daher für jeden Sabbat und jeden Festtag die genaue Stunde kennen, zu der seine religiösen Pflichten beginnen und zu der sie wieder enden. Diese Stunden hängen nicht nur vom Tag, sondern auch vom Ort ab. Im Zweifel kann er diese Zeiten bei der Gemeinde seines Wohnortes erfragen. Auch bei den im Kalender angegebenen Zeiten sind die Verschiebungen zu berücksichtigen.
Marc Elikan, Enable JavaScript to view protected content.
Literatur
Roger Stioui, Yesod Ha’bour, Le calendrier hébraïque, Paris, Colbo, 1988, Robert Samuel, Ephéméride de l’année juive, Keren Haséfer ve halimoud, Paris, 1976, Isaac Zerbib, Le calendrier hébraïque perpétuel, Montpellier, 1981, Moïse Sibony, Le jour dans le judaïsme, Faculté des Sciences, Tours, 1986.
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