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Auf den ersten Blick könnte es die Geschichte einer Tellerwäscher-Karriere wie aus dem Bilderbuch sein. Da zieht ein 2.-Liga-Fussballer vom rechten Zürichseeufer aus in die weite Welt. In Südostasien will er das obligatorische Auslandjahr seines Studiums verbringen. Und plötzlich läuft er im Nationalstadion in der höchsten Liga des Landes auf.
Der Protagonist in dieser Geschichte ist Philipp Marda. Vor kurzer Zeit kickte er noch auf der Sportanlage Heslibach. Dort wurde er von Ex-Profi Rainer Bieli meistens im Mittelfeld eingesetzt.
Dann verschlug es ihn von der Goldküste in die Taiwan Football Premier League. "Ich wollte unbedingt Chinesisch lernen. Taiwan ist ein interessantes Land, weil es unterschiedliche Kulturen und Traditionen vereint", sagt Marda.
Anschluss gefunden
Das war im vergangenen Sommer. Seither hat Marda viel erlebt auf der Insel im Westpazifik, die etwa um einen Achtel kleiner ist als die Schweiz dafür aber mehr als zweieinhalb Mal so viele Einwohner zählt. Fussballerisch gesehen ist Taiwan eher ein Zwerg. Aktuell belegt das Nationalteam Position Nummer 124 der Fifa-Weltrangliste – zwischen den ehemaligen WM-Teilnehmer Togo und Angola, aber immerhin vor Nationen wie Kosovo, Lettland oder Litauen.
In der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh, in deren Grossraum alleine etwa sieben Millionen Menschen leben, hat sich Philipp Marda an der renommierten Nationaluniversität eingeschrieben: International Management. Und sobald er auf seiner Suche nach einer Studentenwohnung fündig geworden war, kümmerte er sich um sein liebstes Hobby. Marda wollte sich einem Fussballteam anschliessen.
Stammplatz für "Pippo"
Dass dieses Team keineswegs ein Provinzklub, sondern vielmehr eines in der höchsten Liga des Landes werden würde, konnte er da noch nicht ahnen. Ein Bekannter vermittelte ihn an den Präsidenten des Royal Blues FC, bei dem er zum Probetraining kommen durfte.
"Pippo", wie Marda auch in Taiwan genannt wird, überzeugte auf Anhieb und erhielt einen Stammplatz im Mittelfeld des Premier Ligisten. Mit seiner Körpergrösse von 1,81 Metern gilt er in Südostasien als gross gewachsen.
Das Niveau in der Meisterschaft sei sehr unterschiedlich, so Marda. "Das obere Feld der Liga würde ich mit der 1. Liga respektive der Challenge League vergleichen, da die Spieler dort Vollzeit-Fussballer sind und jeweils bis zu zweimal täglich trainieren."
Generell werde in der Liga stark auf den Ballbesitz geachtet. Die Teams würden das Risiko eher scheuen, was wohl auch kulturell bedingt ist. Statt der individuellen Kreativität stehe mehr das Kollektiv im Zentrum.
Angenehmer Zustupf
Obschon die taiwanesische Meisterschaft in keiner Form mit der englischen Premier League zu vergleichen ist, konnte sich Marda tatsächlich schon bald wie ein Profifussballer fühlen. Auch wenn der Fanaufmarsch an den Partien gering ist, wird in grossen Stadien gespielt.
So auch im Kaohsiung Nationalstadium, das mit 40'000 Plätzen die grösste Arena der Insel ist. Für Marda war das Einlaufen in diesen Tempel, dessen Dach aus über 8000 Solarmodulen besteht, ein absolutes Highlight. Dass dabei nur rund 300 Zuschauer auf der Tribüne Platz nahmen, spielte keine Rolle.
Der Fussball ist in Taiwan zwar auf dem Vormarsch. Nationalsport ist und bleibt aber Baseball. "Fussball ist hier nur etwa die Sportart Nummer drei oder vier", erklärt Marda. Der niederigere Stellenwert verglichen mit Fussball in Europa ist denn auch der Grund, weshalb die Spieler in der Taiwan Football Premier League keine Millionensaläre, sondern in erster Linie Punkteprämien erhalten.
Für Student Marda ist das Kicken daher eher ein angenehmer Zustupf. Ein Erlebnis ist es aber allemal.
Ambitionierte Ziele
Dieses Abenteuer wird für den Küsnachter fortan an anderer Wirkungsstätte weitergehen. Scouts des Taipeh City Red Lions sind auf Marda aufmerksam geworden.
Nach reiflichen Überlegungen habe er sich für einen Wechsel entschieden. Sein neuer Verein hat grosse Ambitionen. Der Spanier Felix Ramirez hat als Trainer übernommen. Er war zuletzt in Marbella tätig. Längerfristig wollen sich die roten Löwen unter den Top-Teams der Liga etablieren.
"Unser Team verfügt über Spieler aus der ganzen Welt. Diese Internationalität ist eine Bereicherung", sagt Marda.
Die Erwartungen in der Hauptstadt sind gross. "Wir wollen den dritten Tabellenplatz anstreben", sagt er. Diese Klassierung würde die Qualifikation für den AFC Cup bedeuten. Einige punktuelle Verstärkungen sollen helfen.
Kürzlich wurde eine Partnerschaft mit einer Sportuniversität geschlossen. Durch gezielte Talentförderung wollen die Red Lions zu den Spitzenteams aufschliessen.
Zurzeit dominieren jedoch die beiden Krösusse Tatung und Taipower, die über die grössten Budgets verfügen und professionellsten Strukturen haben, die Meisterschaft. Praktisch alle taiwanesischen Nationalspieler stehen bei einem der zwei Grossen unter Vertrag.
Respekt auf dem Rasen
Mit dem Wechsel wird die Freizeit für Philipp Marda noch knapper. Trainiert wird fast jeden Abend. Am Tag lernt er an der Uni. Wenn noch Zeit bleibt, unternimmt er mit Kollegen Ausflüge quer durchs Land. Die Einheimischen seien generell zurückhaltender, sagt Marda.
Ein Charakterzug, der auch auf dem Spielfeld zu beobachten sei. "Auf dem Platz herrscht extrem viel Respekt und Wertschätzung anderen Teams gegenüber. Das würde ich mir in der Schweiz – vor allem in den unteren Ligen, auch mehr wünschen."
Auch aus der Ferne verfolge er, wie sich sein Stammverein am Zürichsee schlägt. "Ich bin überzeugt, dass die Mannschaft den Abstieg abwenden kann und mit der Gemeinde Küsnacht im Rücken den baldigen Aufstieg in die 2. Liga schafft. Denn dorthin gehört dieser Verein."
Mehr als ein temporärer Abstecher soll das Taiwan-Abenteuer für ihn aber nicht werden. Nach dem Auslandjahr will Marda in die Schweiz zurückkehren. Ob er in nächster Zeit Angebote anderer Premier-League-Teams erhalten wird, ist dabei irrelevant. Das Studium habe oberste Priorität.
Bis im Sommer darf sich der Küsnachter aber zumindest ansatzweise fühlen wie Pogba, Kanté oder de Bruyne und fernab von der Heimat einen Hauch von Profiluft schnuppern.
Über seine fussballerische Zukunft nach der Rückkehr in die Schweiz macht sich Philipp Marda vorerst keine Gedanken. "Ich geniesse es in der höchsten Liga eines Landes mitspielen zu dürfen." (Marco Huber)