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Der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn und seine Hauptstadt Wien wiesen schon damals multikulturelle Verhältnisse auf, wie wir sie heute in ganz Europa kennen. Österreich kannte seit dem Reichsschulgesetz von 1869 ein vergleichsweise modernes, gegliedertes Schulwesen (achtjährige Schulpflicht), die höhere Bildung (Mittelschulen) blieb jedoch den gehobenen gesellschaftlichen Schichten vorbehalten.
Die junge Demokratie braucht gebildete Bürger
Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs initiierte die Sozialdemokratie im „Roten Wien“ neben anderen Reformprojekten auch die Wiener Schulreform. Dabei kam ihr der Umstand zugute, dass das damalige Wien mit Freud und Adler eine Hochburg der neuen Entwicklungen der Tiefenpsychologie war, deren Erkenntnisse nun allmählich in der Volksschule pädagogisch umgesetzt wurden. Die Schulreform wurde auch von gemeinnützigen Vereinen wie den österreichischen Kinderfreunden (Schönbrunner Erzieherschule) und dem Verein für Individualpsychologie (28 Erziehungsberatungsstellen) unterstützt, die Kinderferien, Lehrer- und Elternbildungsstätten usw. organisierten und betrieben.
Abschaffung der alten Zöpfe
Die Wiener Schulreform fand unter dem geschäftsführenden Präsidenten des Stadtschulrates, dem Sozialdemokraten, Reformpädagogen und österreichischen Unterrichtsminister Otto Glöckel statt. Glöckels Reformabteilung u.a. mit Carl Furtmüller arbeitete daran, entgegen dem früheren autoritären Prinzip, die Entfaltung der Persönlichkeit des Kindes in den Mittelpunkt zu stellen. Sie sollten zur Kritikfähigkeit und selbständigem Handeln angeleitet werden. Glöckel war ein Verfechter der Gesamtschule und Gegner von Bildungsprivilegien sowie Kämpfer gegen die kirchliche Vormachtstellung in den öffentlichen Schulen. Das Reformprogramm umfasste u.a. die Unentgeltlichkeit von Unterricht und Lehrmittel, die Begrenzung der Schülerzahl auf 30 Schüler pro Klasse, eine gründliche Lehrerbildung und demokratisch zusammengesetzte Schulbehörden.
Die methodischen Neuerungen wurden von einem Grossteil der österreichischen Lehrerschaft mitgetragen, obwohl die Mehrheit nicht sozialdemokratisch ausgerichtet war. Die Lehrer nahmen in breiter Front, meist unbeeinflusst von parteipolitischen Überlegungen, die Reformarbeit auf. Sie hatten in den provisorischen Lehrerkammern eine beratende Funktion und die Einsetzung von pädagogischen Arbeitsgemeinschaften und Bezirkslehrerkonferenzen ermöglichte ein differenziertes Zusammenwirken zwischen Unterrichtsverwaltung und Lehrerschaft. „Die Schulstadt Wien“ profitierte auch davon, dass wegen dem fehlenden Bildungsartikel in der neuen, demokratischen Verfassung über sämtliche Reformen im Konsens abgestimmt werden musste.
Verbindung von Reformpädagogik und individualpsychologischer Pädagogik
Erste Versuche erfolgten auf privater Initiative in den von Lehrkräften des individualpsychologischen Arbeitskreises unterrichteten Klassen. Ab 1924 erhielt die Versuchsklasse von Oskar Spiel und Franz Scharmer im Rahmen der Versuchsreihe „Lebens- und Arbeitsgemeinschaften“ einen offiziellen Charakter. Die Verbindung der Gedanken der Individualpsychologie mit jenen der Reformpädagogik wurde von den Wiener Schulbehörden unterstützt.
1931 wurde die Knabenhauptschule Staudingergasse in eine Individualpsychologische Versuchsschule umgestaltet und bildete nun das Kernstück der Wiener Schulreform. Sie wurde vom Stadtschulrat als wichtiges Vorzeigeobjekt präsentiert, um damit internationale Anerkennung zur Unterstützung seiner Reform zu erhalten. Die Versuchsschule erregte grosse Aufmerksamkeit bei der Wiener Lehrerschaft und den Hospitanten aus dem In- und Ausland und trug zum guten Ruf der Stadt Wien als „Mekka für die moderne (psychologisch ausgerichtete) Pädagogik“ bei. Publikationen der Versuchsschullehrer Oskar Spiel und Ferdinand Birnbaum in verschiedenen Sprachen führten unter anderem in Ungarn und der Türkei dazu, dass die individualpsychologische Pädagogik von den Schulbehörden offiziell umgesetzt wurde.
Individualpsychologische Erziehungslehre in der Praxis
Die individualpsychologisch ausgerichtete erzieherische Arbeit im Rahmen der Klasse sollte die Schüler in die Lage versetzen, ihren Lebensstil zu verstehen, ihre von Gefühlen geleitete Wahrnehmung einer wirklichkeitsgetreueren anzunähern und konstruktive Auswege aus einer empfundenen Minderwertigkeit zu finden sowie ihr Gemeinschaftsgefühl weiter zu entwickeln. Das Konzept der Individualpsychologischen Versuchsschule stand damit in Übereinstimmung mit den wesentlichen Erziehungszielen der Wiener Schulreform.
Sehr moderne Ansätze mit Augenmass
Die Versuchsschullehrer Spiel und Birnbaum unterschieden fünf verschiedene Gemeinschaftsformen: In der „Aussprachegemeinschaft“ wurden tatsächliche Vorfälle (Nichteinhalten von Klassenregeln, Fortkommen bei Lernen) besprochen, um den Kindern eine psychologische Sichtweise mitmenschlicher Probleme näher zu bringen. In der „Verwaltungsgemeinschaft“ wurden organisatorische Belange (Klassenordnung) im Klassenverband gemeinsam ausgehandelt und geregelt. In der „Arbeitsgemeinschaft“ als Unterrichtsfunktion in Anlehnung an den Arbeitsschulgedanken wurden verschiedene Unterrichtsformen (Einzel-, Gruppen- oder Ganzklassenunterricht) angewendet. Das methodische Arrangement findet individualpsychologisch gesehen seine Grenzen, wenn ein Kind entmutigt ist und das Gefühl hat, das Verlangte nicht bewältigen zu können. Bei der „Erlebnisgemeinschaft“ stand das Gemeinschaftserlebnis im Mittelpunkt (Sport, Spiel, Spass), wo gerade die schwächsten Schüler sich positiv in der Gemeinschaft profilieren konnten. Bei der „Hilfeleistungsgemeinschaft“ galt das Prinzip der gegenseitigen Hilfe. Schüler konnten unter Anleitung des Lehrers schwache Mitschüler unterstützen, wobei Empfangende und Gebende im Sinne des Gemeinschaftsgefühls profitierten. Verwaltungsgemeinschaft
„Erziehung der Erzieher“
1919 wurde von den österreichischen Kinderfreunden im Schloss Schönbrunn die „Schönbrunner Erzieherschule“ unter der Leitung von Otto Felix Kanitz als pädagogische Ausbildungseinrichtung gegründet. Der Lehrkörper bestand aus bekannten sozialistischen und individualpsychologischen Pädagogen wie Alfred Adler, Max Adler, Anton Tesarek, Karl Kautsy usw.
Das Pädagogische Institut der Stadt Wien wurde 1923 durch Otto Glöckel eröffnet. Dozenten waren u.a. Alfred Adler, Max Adler, Charlotte Bühler usw. Von 1929 bis 1934 hielt Birnbaum hier Vorlesungen für Lehrer.
Lehrer mussten über psychologisches Wissen und gutes Einfühlungsvermögen verfügen.
Der individualpsychologische Charakter des pädagogischen Konzepts der Versuchsschule stellte an die Lehrkräfte besondere Anforderungen. Sie mussten über psychologisches Wissen und über ein gutes Einfühlungsvermögen verfügen bzw. sich das aneignen, um den Schülern durch eine gefühlsmässige und rationale Beziehungsgestaltung über unbewusste seelische Fehlhaltungen hinweghelfen zu können. Dazu erfolgten im Rahmen von Lehrerkonferenzen der Versuchsschule regelmässige Aussprachen über Theorie und Praxis der Individualpsychologie. Weniger erfahrene Lehrkräfte hospitierten bei erfahreneren im Unterricht. Die „Erziehung der Erzieher“ zielte darauf ab, die persönliche Erzieherkompetenz (das Gemeinschaftsgefühl) der Lehrer auszubilden.
Der Charakter des Menschen ist nicht unabänderlich
„Was für den begeisterten Pädagogen nur eine sanguinische Hoffnung ist, das wird für die individualpsychologische Betrachtungsweise durch Zergliederung des Werdeganges der menschlichen Persönlichkeit zur gefestigten wissenschaftlichen Überzeugung: Der Charakter des Menschen erscheint nicht mehr als unabänderliche und daher trostlose Gegebenheit, sondern als ein Werdendes, sich Gestaltendes, Gestaltbares und Umgestaltbares, und so ist die Erwartung berechtigt, dass eine völlige Neuordnung der Erziehung uns einst ein gesünderes, mutigeres und glücklicheres Geschlecht werde bescheren können.
Carl Furtmüller, Mitarbeiter Glöckels, in „Denken und Handeln“, 1930/1983
Ende und Neubeginn
Bereits 1934 setzte der autoritäre österreichische „Ständestaat“ dem erfolgreichen Schulversuch ein Ende. Glöckel wurde aus politischen Gründen verhaftet. Die Wiener Schulreform erholte sich nach dem Krieg trotz Erfolgen der von Oskar Spiel ab 1946 geleiteten Versuchs- und Besuchsschule nie mehr richtig. Den individualpsychologischen Wiederbelebungsversuchen durch Spiel, Birnbaum und Scharmer fehlten die Förderung durch die Behörden und die breite Unterstützung. Insofern ging es ihr ähnlich, wie heute der erfolgreichen „Direkten Instruktion“ in den Vereinigten Staaten.
Quellen:
- Karl Popper: Einige Bemerkungen über die Wiener Schulreform und ihr Einfluss auf mich. In: Frühe Schriften. Mohr Siebeck, Tübingen 2006, ISBN 978-3-16-147631-0
- William Warren Bartley: Die österreichische Schulreform als die Wiege der modernen Philosophie. In: Club Voltaire IV, Gerhard Szczesny, Hamburg 1970, ISBN 3-499-65086-X
Lutz Wittenberg: Geschichte der individualpsychologischen Versuchsschule in Wien. Eine Synthese aus Reformpädagogik und Individualpsychologie. Dissertation der Universität Wien, Universitätsverlag Wien 2002, ISBN 3-85114-739-1
https://www.aerzteblatt.de/pdf.asp?id=192437 Otto Spiel (1892–1961): Individualpsychologische Schulreform