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Titel:
Möbel für die Seidenweberfamilie Walser
Thema: Leute
Datum: 27.10.1920
Masse: 14,6 x 16,4 cm
Standort: Privatbesitz Susi Gutgsell, Waldstatt
Urheber/-in: Emil Bänziger, Schreiner
Beschreibung:
Rechnung von Schreiner Emil Bänziger in Wolfhalden für Familie Walser, wohnhaft im Sonder, Wolfhalden. Die Familie Walser hatte beim Dorfschreiner einen Stubentisch, einen Küchenschrank, 2 Tabourettli und einen Handtuchhalter anfertigen sowie einen Kasten abnehmen lassen und dafür eine Rechnung im Betrag von Fr. 180.50 erhalten.
Geschichte:
Die Stuben- und Küchenmöbel hatte Witwe Mina Walser-Graf (1863-1950) wohl anlässlich der Hochzeit ihrer jüngsten Tochter Clara herstellen lassen, die am 28. Oktober 1920 stattfand. Der Vater Huldreich Walser, ein Seidenweber, war bereits 1909 im Alter von 45 Jahren an Krebs gestorben und hatte seine Frau und seine beiden Töchter Hulda und Clara zurückgelassen. Sechs Jahre zuvor war der älteste Sohn Emil beim Baden im Bodensee ertrunken. Seit dem Tod des Vaters lebte die Familie von der Hand in den Mund. Dass die Witwe Walser dennoch eine statthafte Mitgift beim Dorfschreiner Emil Bänziger in der Gaiswies, Wolfhalden, anfertigen liess, gibt Aufschluss über die Wichtigkeit und den sozialen Wert des Heiratsguts.
Die Familie Walser war über mehrere Generationen in der Seidenweberei tätig. Seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die „Seidenbeuteltuchweberei“ (Seidengazeweberei) ein wichtiger Wirtschaftszweig im Vorderland. Mit dünnen Seidenfäden wurden Gewebe verfertigt, die im Müllereigewerbe Verwendung fanden. Die Seidenbeuteltuchindustrie wurde um 1830 vom Zürcher Fabrikanten Heinrich Bodmer in Thal eingeführt. Sein Angestellter Pierre Antoine Dufour erkannte schliesslich das Klima und die bereits bestehenden Webkeller des Appenzeller Vorderlandes als besonders günstig für die Herstellung der Seidengazeherstellung und gewann die Appenzeller Heimarbeiter für diesen Erwerbszweig. Er gründete 1833 in Thal ein eigenes Geschäft „Dufour & Co.“, welches bis zur Fusionierung mit fünf anderen Firmen der Branche bestand und nach 1907 unter der Bezeichnung „Schweiz. Seidengazefabrik AG, Zürich und Thal“ weitergeführt wurde. Damals beschäftigte die Firma noch etwa 800 Heimweber. In Heimarbeit erledigte auch die Familie Walser Aufträge für die Seidengazefabrik Thal. Im Weiler Sonder in Wolfhalden waren anfangs des 20. Jahrhunderts noch weitere Seidenweber tätig: Der Weiler bestand damals aus fünf Weberhäuschen, einem Landgasthof, einem Spezereiladen und einem Schulhaus. Marta Gutgsell-Sieber, die bei Hulda Walser (1889-1984) als Pflegekind aufwuchs, erinnert sich an die heimelige Stimmung im Wohnhaus: „Das Surren der Spulrusti in der Stube und der rhythmische Anschlag der Weblade im Keller bildeten eine göttliche Harmonie von Ruhe und Frieden.“ (Mit der Spulrusti wurden die Seidenstränge auf die kleinen Spulen übertragen, die dann im Webkeller ins Weberschiffchen eingelegt wurden.) Die Wirtschaftskrise der 20er Jahre liess auch die Seidenweberei nicht unberührt. Dennoch konnte sich dieser Industriezweig im Gegensatz zum Stickereigewerbe weiterhin behaupten. So arbeitete auch Hulda Walser bis ins hohe Alter als Heimweberin für die Seidengazefabrik.
Autorin: Kathrin Hoesli, Herisau
Literatur:
StAAR, Cb.Q47-02 Bürgerregister Wolfhalden, Nr. 231.
Gutgsell-Sieber, Marta: Mein Leben, geprägt von einer einmaligen Persönlichkeit Hulda Walser. Typoskript.
Schläpfer, Walter: Wirtschaftsgeschichte des Kantons Appenzell Ausserrhoden bis 1939. Gais 1984.
Züst, Ernst: Wolfhalden. Gemeindegeschichte. Wolfhalden 1997.
Transkription:
„Rechnung für Familie Walser, Sonder
von Emil Bänziger, Schreiner
Gaiswies den 27. Okt. 1920
1 Stubentisch 85.-
1 Küchenkasten 77.-
2 Taboretli 14.-
Handtuchhalter 2.50
Summa 178.50
für 1 Kasten abnehmen 2.-
Dankend erhalten 180.50
Emil Bänziger, Schreiner“
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