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Die Targa Florio war eines der ersten Autorennen der Welt, 1906 gegründet vom sizilianischen Unternehmer Vincenzo Florio. Auf einem Rundkurs zwischen der Nordküste und den Bergdörfern des Madonie Gebirges raste jedes Jahr die Crème de la Crème des Rennsports um den Sieg. Bis zu 900‘000 Zuschauer säumten den Strassenrand. Sicherheitsvorkehrungen gab es kaum. Die einzige Warnung lautete lange Zeit: Kinder und Haustiere einsperren. Die Boliden wurden immer schneller, die Strassen aber nicht sicherer. Bei Unfällen verunglückten auch Zuschauer tödlich. Mitte der Siebziger Jahre wurde das Rennen verboten. Kurz darauf nahmen die autoverrückten Sizilianer ihre Targa Florio aber wieder in den Rennkalender auf, allerdings in abgeschwächter Form als Rally und nur auf Teilabschnitten des ehemaligen Rundkurses.
Die historische Schlacht
Die ehemalige Boxengasse der Targa Florio gleicht heute einer Ruine. Momentan wird sie restauriert und soll bald als Museum wiedereröffnet werden. Die Sizilianer gedenken gerne grosser Siege und rasenden Legenden. Was kaum einer der Piloten gewusst haben mag: Der schnellste Streckenabschnitt der Targa Florio, die lange Gerade nach dem Dorf Campofelice, führte durch eine Ebene, auf der schon vor tausenden von Jahren um den Sieg gekämpft wurde. Kurz vor der Zieleinfahrt bei Cerda rasten die mutigen Männer an einer anderen Ruine vorbei: Dem Siegestempel von Himera, einem wichtigen Zeitzeugnis der griechischen Eroberung Siziliens vor über 2500 Jahren. In der Schlacht von Himera im Jahre 480 vor Christus besiegten Griechen aus verschiedenen Stadtstaaten die Phönizier, die damals über den Westen Siziliens herrschten. Das griechische Syrakus wurde in Folge zum Machtzentrum der Insel. Um an den spektakulären Sieg zu erinnern, liessen die Griechen den Tempel in Himera erbauen.
Sizilien, das Amerika der Griechen
Wegen seiner zentralen Lage im Mittelmeer gaben sich in Sizilien schon seit Jahrtausenden die Grossmächte die Klinke in die Hand. Auf der Insel findet man einige der besterhaltenen griechischen Tempel. Ab Mitte des 8. Jahrhundert vor Christus wurde es vielen Hellenen in ihrer Heimat zu eng und sie waren die vielen Streite zwischen den Stadtstaaten leid. Sie begannen Süditalien zu kolonialisieren und gründeten dort unabhängige Tochterstädte ihrer Stadtstaaten. Ihre neuen Territorien nannten die Invasoren Grossgriechenland, «Magna Graecia». Wie bei der Eroberung Amerikas schien den Siedlern in der neuen Welt alles möglich und sie bauten ihre Götterhäuser besonders gross und prunkvoll. Die Blütezeit des Tempelbaus war das fünfte Jahrhundert vor Christus. Nach dem Sieg bei Himera waren die Staatskassen mit Kriegsbeute gefüllt und die als Sklaven arbeitenden Kriegsgefangenen bauten viele der noch heute faszinierenden griechischen Tempel in Syrakus, Agrigento und Selinunte.
Doch die Überlegenheit dauerte nicht lange. Die erstarkten Phönizier attackierten Sizilien erneut und zerstörten 409 vor Christus Himera. In den Folgejahren fielen fast alle griechischen Kolonialstädte in die Hände der Nordafrikaner. Einzig Syrakus konnte sich noch halten. Doch die Niederlage bei Himera war ein Vorbote des Anfangs vom Ende von Grossgriechenland. Schon bald meldete sich von Norden her die neue Weltmacht Rom.
Die Targa Florio lebt weiter
Wer heute die Ausgrabungen von Himera besucht, hat unmittelbar beim Eingang zur Ruine des Siegestempels die Möglichkeit in einem sizilianischen Restaurant einzukehren. Tempelsouvenirs sucht man dort allerdings vergebens. Die Wände sind tapeziert mit Bildern von Rennboliden und strahlenden Siegern der historischen Targa Florio. Kulturerbe - hier sind es die die Helden der Strasse! Nächsten Frühling findet bereits die 100. Ausgabe der Targa Florio statt. Im Rennen um Aufmerksamkeit sind die Hasardeure der Antike denjenigen der Strasse klar unterlegen.