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8. Die Rückkehr der Herrlichkeit (Hesekiel 43,1-11)
Die Vision von der Herrlichkeit Gottes war für Hesekiel die Grundlage für seine Berufung zum Propheten gewesen. Ein Jahr später hatte er in einem anderen Gesicht den Schmerz erlebt zu sehen, wie diese Herrlichkeit den Tempel in Jerusalem verliess und – wie mit bedauerndem Zögern – zur Stadt hinausging, um sich auf den Ölberg zu begeben. Welche Stärkung musste er empfinden, als er im 25. Jahr der Gefangenschaft (Hes 40,1), also zwanzig Jahre nach dem ersten Gesicht, in einer prophetischen Vorausschau die Rückkehr dieser Herrlichkeit in den neuen Tempel betrachten konnte!
Sie hatte dieses durch Salomo errichtete Heiligtum verlassen müssen wegen des darin öffentlich und im Geheimen herrschenden Verderbens (Hes 8-11). In den durch Serubbabel wiederaufgebauten Tempel ist sie nicht zurückgekommen. Dieses Gebäude – zum Teil zerstört, wiederaufgebaut und ausgebessert – hat der Herr der Herrlichkeit selbst betreten, wie uns die Evangelien berichten. Aber Er wurde nicht darin aufgenommen; keine Türe, kein Herz öffnete sich für Ihn. Daher die feierliche Erklärung: «Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen; denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: ‹Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!›» (Mt 23,38-39).
Wie viele Jahrhunderte der Prüfung wird es brauchen, bis Israel, seine Abgötterei und den Mord an seinem Messias bereuend, gereinigt und wiederhergestellt in seinem Land wohnen wird, wie wir es in den vorhergehenden Kapiteln gesehen haben! Unter den Segnungen der Wiederherstellung war die eine Verheissung vorherrschend: «Und meine Wohnung wird über ihnen sein» (Hes 37,27). In den Kapiteln 40 – 46 hat Hesekiel die Vision dieses neuen Tempels und seines Dienstes. Doch wozu wäre das Haus nützlich, wenn die Herrlichkeit nicht dorthin zurückkehrte?
Fühlen wir nicht, wie der Prophet vor Freude bebt, wenn er sieht, wie diese Herrlichkeit von Osten kommend und die ganze Erde erleuchtend, das Haus betritt und es erfüllt? Im Osten des Heiligtums hatte er mit Schmerz gesehen, wie fünfundzwanzig Männer die Sonne anbeteten; am östlichen Tor gaben fünfundzwanzig andere Führer des Volkes böse Ratschläge. Jetzt war alles verändert: die Gnade hatte gewirkt, die Herrlichkeit war wieder da. Es ist die Vision einer zukünftigen Zeit, die heute noch nicht erfüllt ist, aber sicher kommen wird. Was konnte er anderes tun als – wie im ersten Kapitel – auf sein Angesicht fallen und anbeten (Hes 43,3)? Die Beziehungen zu Israel, die beim Weggang der Herrlichkeit unterbrochen und während der ganzen «Zeit der Nationen» nie mehr aufgenommen wurden, werden wieder angeknüpft werden, wenn beim Anbruch des Reiches die Herrlichkeit des Gottes Israels aufs Neue das Haus erfüllen wird.
Beim Betrachten der Kapitel 8 – 11 haben wir den Weggang der Herrlichkeit auf den Zustand eines Herzens angewandt, das unter dem Einfluss der göttlichen Dinge stand, aber dann zuliess, dass es nach und nach von «Götzen» erfüllt und so von Ihm abgezogen wurde. Wie die Geschichte Israels uns lehrt, ist es immer möglich darüber Buße zu tun, solange man lebt und der Herr noch nicht gekommen ist. Vielleicht sind viele Prüfungen und Kümmernisse nötig, bis das Herz sich wirklich zum Herrn wendet. Aber welche Freude ist es, wenn jemand, nachdem er durch das Blut Christi gewaschen ist und den Herrn Jesus im Glauben aufgenommen hat, eines Tages die ganze Wonne seiner Gegenwart geniessen kann!
Wahre Kinder Gottes können eine ähnliche Erfahrung machen. Anstatt im Licht zu wandeln, gibt man in seinem Herzen einer oder zwei «geheimen Kammern» Raum, die sich der Wirkung des Heiligen Geistes entziehen. Darüber betrübt, kann Er uns den Herrn nicht in dem Mass geniessen lassen, wie Er es gerne tun möchte. Aber wenn das Hindernis verurteilt und weggetan ist, wenn die fremden Götter begraben sind (siehe 1. Mose 35,2-4 und 2. Kor 7,1), kann dann der Genuss der Gegenwart des Herrn nicht aufs Neue die Seele erfüllen?
Hesekiel 43,9.10 gibt uns hinsichtlich des zukünftigen Tempels eine besondere Belehrung. Der Prophet sollte die damit verbundenen hauptsächlichen Anordnungen dem Haus Israel zeigen, sowohl den ihn in der Gefangenschaft umgebenden Juden als auch, mittels seiner Schriften, dem zukünftigen Volk Israels. Was wird die Wirkung dieser Darstellung der grossen Linien des Hauses sein? Nicht Bewunderung, sondern Beschämung! Nur wenn sich die Israeliten über all ihr Tun demütigen werden, nur dann wird er ihnen die Form des Hauses und seine Einrichtung, seine Ausgänge und seine Eingänge und alle seine Formen und alle seine Satzungen zeigen können (V.11).
Finden wir hier nicht einen wichtigen Grundsatz in der Offenbarung der Gedanken Gottes hinsichtlich seines Hauses? Heute handelt es sich nicht um einen von Menschenhand erbauten Tempel, sondern um ein geistliches Haus, bestehend aus lebendigen Steinen (1. Pet 2,5). Die die Versammlung betreffenden Wahrheiten können nur durch demütige Herzen erfasst werden, die gebeugt sind über den gegenwärtigen Zustand der Dinge und alles dessen, was damit zusammenhängt. Nur wenn diese Demütigung echt ist, wird der Herr in der Erkenntnis seiner Gedanken weiterführen und zeigen können, wie es noch heute möglich ist, sich in Einfachheit um Ihn zu versammeln. Der Prophet hatte dem Volk die Satzungen bezüglich des Hauses dargelegt, «um sie zu tun». Sucht man demütig und bescheiden sich nach den Belehrungen des Wortes zu richten und verlässt man sich auf die Verheissung des Herrn, wonach Er da, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, in ihrer Mitte ist, so führt dies zu einer Freude, die durch nichts auf dieser Erde ersetzt werden kann: «Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen» (Joh 20,20).
9. Die Wasser des Heiligtums (Hesekiel 47,1-12)
Wir können diese Stelle von drei Gesichtspunkten aus betrachten.
- Ihre prophetische Auslegung kann sich auf das Materielle beziehen. Es ist sehr wohl möglich, dass der Fluss, von dem uns Hesekiel ein Bild gibt und den Joel (4,18) und Sacharja (14,8) erwähnen, in dem zukünftigen Palästina eine geographische Wirklichkeit wird.
- Die geistliche prophetische Bedeutung führt uns jedoch weiter: Jerusalem, als Sitz der Gegenwart Gottes auf der Erde, während des Reiches, wird für die ganze Welt zur Quelle des Segens; die Wasser der Gnade fliessen sowohl gegen Osten als gegen Westen hinab, um das Leben dorthin zu bringen, wo der Tod herrschte.
- Doch wir wollen uns besonders mit der praktischen Anwendung dieses Gegenstandes auf uns selbst beschäftigen.
Was stellen diese Wasser dar, «die aus dem Heiligtum hervor fliessen»? Sind sie nicht ein bemerkenswertes Bild der Gnade und der Liebe Gottes, die seinem Herzen entspringen und sich zum Segen für die Seinen und für die Welt immer weiter und tiefer ausbreiten?
Durch den Fluss gehen
Der Erlöste hat eine erste Erfahrung von der Gnade gemacht, wenn er zum Herrn gekommen ist und in Ihm seinen Heiland gefunden hat: «denn durch die Gnade seid ihr errettet, mittels des Glaubens; und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es» (Eph 2,8). In seiner letzten Botschaft ermahnt uns dann der Apostel Petrus, «in der Gnade zu wachsen» (2. Pet 3,18). Viele Christen begnügen sich damit, diesem Fluss entlang zu gehen, ohne ihn jemals zu durchschreiten. Doch nur die persönliche, praktische Erfahrung der Gnade kann uns zum Genuss ihrer Tiefe führen.
Nachdem der Prophet tausend Ellen abgeschritten hat, musste er durch die Wasser gehen – Wasser, die bis an die Knöchel der Füsse reichten. Das ist die Gnade in den verschiedenartigen Umständen des Lebens. Bei wie viel Gelegenheiten erfahren wir die Güte Gottes, seine Fürsorge, seine Befreiungen! So erlebte es Israel in der Wüste, wo trotz vierzigjähriger Wanderung sein Fuss nicht geschwollen wurde.
Doch soll man nicht dabei stehen bleiben. Hesekiel muss nochmals tausend Ellen gehen und aufs Neue durch die Wasser schreiten Wasser bis an die Knie. Das Wort spricht oft von wankenden Knien, von Knien, die zittern oder gelähmt sind. Begegnen wir auf dem Glaubenswege nicht auch Tagen der Entmutigung, wo wir müde werden und Angst haben? Was ist dann zu tun? Aufs Neue durch den Fluss gehen und die Erfahrung der Gnade Gottes machen, die allem entspricht, was wir sind und was wir nicht sind. Im Gebet auf den Knien den aufsuchen und finden, der immer bereit ist zu helfen, zu stärken und wiederherzustellen.
Der Prophet muss wieder tausend Ellen gehen und durch die Wasser schreiten, die jetzt bis zu den Hüften reichen. Auch im Neuen Testament wird von diesen Hüften oder Lenden gesprochen, die umgürtet sein müssen – ein Bild von unserem inneren Wesen, das durch das Wort der Wahrheit geformt und Tag für Tag erneuert werden soll. Es genügt nicht, die Gnade nur in Verbindung mit unseren täglichen Umständen oder nur als Hilfe in den Augenblicken der Entmutigung zu kennen. Sie muss unser inneres Leben durchdringen und unsere Persönlichkeit bilden. Welch eine Ausstrahlung geht von einer Person aus, die eine solche Erfahrung der Gnade Gottes gemacht hat und davon durchdrungen ist!
Da ist aber noch mehr. «Und er mass 1000 Ellen: ein Fluss, durch den ich nicht gehen konnte; denn die Wasser waren tief, Wasser zum Schwimmen.» In seinem Gebet, in Epheser 3,18.19, bittet der Apostel darum, dass «ihr völlig zu erfassen vermögt mit allen Heiligen, welches die Breite und Länge und Höhe und Tiefe sei, und zu erkennen die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus, damit ihr erfüllt sein mögt zu der ganzen Fülle Gottes.» Wenn wir in der Gnade und Erkenntnis des Herrn wachsen, wird uns bewusst, dass diese Gnade und diese Liebe grenzenlos ist. Man konnte ihre Tiefe geniessen, ihre Breite und ihre Länge staunend betrachten, sich in sie versenken, wie in einen gewaltigen Strom, aber er ist zu tief, um hindurchzudringen: die Liebe des Christus übersteigt jede Erkenntnis!
Der Fluss fliesst hinaus
Die Verse 6-12 stellen uns einen anderen Gegenstand vor Augen. Der Prophet wird an das Ufer des Flusses zurückgeführt: er stellt fest, dass diese tiefen Wasser in die Ebene hinabfliessen und ins Meer gelangen. Es ist kostbar, die Gnade des Herrn für sich selbst zu geniessen, aber die Gnade möchte sich ausbreiten, und der Segen, den man selbst erhalten hat, kann und soll anderen mitgeteilt werden. Der Herr Jesus sagt zu seinen Jüngern: «Umsonst habt ihr empfangen, umsonst gebt» (Mt 10,8). Sie hatten nur fünf Brote, aber Er sagt zu ihnen: «Gebt ihr ihnen zu essen!» Die Wasser fliessen hinaus … hinab … gelangen ins Meer und machen seine Wasser gesund. Das ist es, was den Weg der Gnade und auch den des Herrn selbst kennzeichnet: sein Pfad führte hinab, um die zu erreichen, «die da wohnen im Land des Todesschattens» (Jes 9,1) und ihnen das Leben zu bringen: «und alles wird leben, wohin der Fluss kommt» (V. 9). Jesus hatte zu seinen Jüngern gesagt: «Ich werde euch zu Menschenfischern machen.» Reden «die Fische» in Vers 9 nicht von jenen Seelen, die aus dieser verdorbenen Welt herausgerettet und zum Herrn gebracht worden sind, um durch die Neugeburt die Erfahrung der ganzen Liebe Christi zu machen?
Die Bäume
An dem Ufer des Flusses standen sehr viele Bäume auf dieser und jener Seite (V. 6). Das Gesicht Hesekiels gilt für die Erde. Stellen diese Bäume nicht die Gläubigen dar, die im Wort so oft mit einem Baum verglichen werden (Ps 1; Jer 17 usw.), dessen Wurzeln sich zum Wasser ausstrecken, damit sein Blatt nicht verwelkt und immer grün bleibt? Niemand sieht die Wurzeln, das verborgene Leben, das sich von der Gnade nährt. Aber jedermann sieht die Blätter: das Zeugnis eines Lebens mit dem Herrn, zum Segen anderer: «ihre Blätter dienen zur Heilung.» Auch Frucht wird hervorgebracht und das Volk Gottes empfängt Speise.
Der Lebensbaum
Beachten wir wiederum die Übereinstimmung der Visionen des Apostels Johannes mit denen des Propheten Hesekiel. In Offenbarung 22,1-2 spricht Johannes von dem Strom von Wasser des Lebens, glänzend wie Kristall, der hervorgeht aus dem Thron Gottes und des Lammes. Das Gesicht des Johannes ist für den Himmel. In der Mitte der Strasse der Stadt, da wo ihre Bewegung vor sich geht, und des Stromes – im Mittelpunkt von allem Erfrischenden – diesseits und jenseits, war der Baum des Lebens. Im Himmel sind es nicht mehrere Bäume, sondern dort ist der Baum: der Herr Jesus selbst. Seine immer frische und unaufhörlich erneuerte Frucht wird auf ewig die nähren, die dort oben seine Gegenwart geniessen. Und die Blätter des Baumes sind zur Heilung der Nationen, die unentbehrliche Hilfsquelle derer, die während des Tausendjährigen Reiches auf dieser Erde gesegnet sein werden.
Der HERR ist hier
Der letzte Vers im Buch Hesekiel lautet: «Und der Name der Stadt soll von nun an heissen: ‹Der Herr ist hier›» (Hes 48,35). Ist dies nicht die Zusammenfassung des ganzen Buches, das Endergebnis, das einzige, das wirklich Wert hat: die Gegenwart Gottes inmitten des endlich vereinigten Volkes? In der Stiftshütte und im Tempel Salomos war es die Wolke; im Tempel Hesekiels ist es die zurückgekehrte Herrlichkeit: Israel ist dann gesegnet aufgrund der Verheissungen. Für uns ist es die Erscheinung des Herrn Jesu im Obersaal am Abend der Auferstehung; seine Gegenwart, die genossen wird inmitten der Seinen, die während seiner Abwesenheit zu seinem Namen hin versammelt sind. Eine Gegenwart, die auch persönlich im Herzen verwirklicht wird: «Christus lebt in mir … Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit.» Und endlich seine ewige unverhüllte Gegenwart an jenem glückseligen Tag, wo alle seine Gedanken erfüllt sind und Gott alles in allem sein wird.