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Eine dysfunktionale Superfamilie droht, auseinanderzubrechen. Mit der Comicverfilmung «Jupiter’s Legacy» wagt sich Netflix ins Superheld*innengenre vor. Die Umsetzung des gefeierten Epos im Geiste von «Watchmen» und «Game of Thrones» gelingt leider nicht wirklich. Und das hat Folgen.
Kaum jemand hat das Superhero-Comicgenre in den letzten 20 Jahren so stark geprägt wie Mark Millar. Der schottische Comicbuchautor und -verleger hat es sich zur Aufgabe gemacht, aus scheinbar simplen Fragen grosse Geschichten zu zaubern. «Was, wenn Superman nicht in den USA, sondern in Russland gelandet wäre?», bietet die Grundlage für den faszinierenden DC-Comic «Red Son», der geschickt den inhärenten Patriotismus der Figur Superman entlarvt. Aus «Was, wenn sich Superheld*innen nicht mehr einig sind?» entstand das Marvel-Epos «Civil War», in dem Iron Man und Captain America plötzlich auf entgegengesetzten Seiten stehen, und dessen gleichnamige Verfilmung 2016 das Marvel-Universum erschütterte.
Vor einigen Jahren begann Millar, sich verstärkt eigenen Superheldengeschichten zu widmen, die er in seinem Verlag Millarworld publiziert und die, eine um die andere, verfilmt wurden: Der Überraschungserfolg «Kick-Ass» über einen comicverliebten Jungen, der sich als Superheld versucht, erhielt 2010 eine Verfilmung und 2013 eine Fortsetzung; die auf seinen «Kingsman»-Comics basierende Filmreihe ist bereits beim vierten Teil angelangt. Was dagegen passiert, wenn man Millars Vorlage komplett missversteht, bewies Timur Bekmambetov 2008 mit dem wirren «Wanted».
«Wenn jemand Marvels Dominanz im Superheld*innen-Universum ernsthaft gefährlich werden könnte, dann sind das Netflix und Millarworld.»
Seit 2017 gehört die Erfolgsschmiede Millarworld – und mit ihr all jene Titel, deren Rechte noch nicht verkauft wurden – Netflix, das, ähnlich wie Disney mit Marvel, nun doppelt absahnen möchte: einerseits durch die erfolgreichen Comics, andererseits durch deren ebenso erfolgreiche Verfilmungen. So zumindest der Plan. Und auch wenn sich DC mit seinen Filmen mächtig ins Zeug legt: Wenn jemand Marvels Dominanz im Superheld*innen-Universum ernsthaft gefährlich werden könnte, dann sind das Netflix und Millarworld.
Also, zumindest rein theoretisch. Denn «Jupiter’s Legacy», Netflix’ erster Eintrag ins Millarworld-Universum ist zwar kein Totalausfall – das Science-Fiction-Spektakel im Geiste von «Watchmen» und «King Kong» bleibt aber unter dem Strich eine vergessenswerte Angelegenheit.
Vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise 1929 stösst eine Gruppe von Menschen um die beiden New Yorker Stahl-Magnaten Sheldon (Josh Duhamel) und Walter Sampson (Ben Daniels) mitten im Ozean auf eine mysteriöse Insel, die ihnen übernatürliche Fähigkeiten verleiht. Mit ihnen helfen sie der Menschheit und sorgen als «Union» für Recht und Ordnung, schwören sich jedoch, nicht zu töten und keinesfalls in die Politik einzugreifen. Fast ein Jahrhundert später hat sich um die originalen Held*innen eine illustre Truppe ebenfalls mit besonderen Fähigkeiten ausgestatteter Menschen formiert, darunter auch Sheldons Sohn Brandon (Andrew Horton). Der neuen Generation gefallen die alten Wege der «Union» jedoch nicht mehr, und innere wie äussere Konflikte stellen dieses fragile Konstrukt vor eine Zerreissprobe.
Zwei Namen geben Aufschluss darüber, was bei «Jupiter’s Legacy» womöglich schiefgelaufen sein könnte: Lorenzo di Bonaventura und Steven S. DeKnight. Di Bonaventura, der grosse Hollywoodproduzent mit dem filmischen Feingefühl eines jähzornigen Schlachters (siehe «Transformers», «Deepwater Horizon» und «The Meg») wurde bereits 2015 von Millar ins Boot geholt und dürfte mitverantwortlich sein für das kunterbunte Superheldengekloppe, das «Jupiter’s Legacy» geworden ist. Wo di Bonaventura dabei ist, wird nun einmal geklotzt und nicht gekleckert.
Ist das vielleicht ein Hinweis darauf, warum es mitten in der Produktion zum grossen Bruch mit Showrunner Steven S. DeKnight kam? Jenem Mann, der in «Daredevil» einen nuancierten und glaubhaften Superhelden zeichnete, der ohne grosses Spektakel für Recht und Ordnung sorgt? Der Macher der vermutlich besten Superheld*innenserie der letzten Jahre warf aufgrund «kreativer Differenzen» während der Dreharbeiten den Bettel. Für ihn wurde kurzerhand der noch eher unbekannte Sang Kyu Kim nachbeordert.
Vielleicht war es auch einfach etwas gar ambitioniert, es direkt einmal mit Millars dichtestem Werk zu versuchen – einem mehrere Dekaden umspannenden Superhero-Epos über Generationenkonflikte und geopolitische Verantwortungsfragen, das mit einer Fülle verschiedener Protagonist*innen aufwartet. «Jupiter’s Legacy», publiziert in vier Bänden, ist Millars kleines «Game of Thrones».
Nun könnte man sagen, dass ja eben gerade die HBO-Fantasyserie der Beweis ist, dass komplexe Geschichten als Serie umsetzbar sind. Das stimmt natürlich, aber: «Game of Thrones» nahm sich in seiner ersten Staffel wesentlich mehr Zeit als Sang Kyu Kim und Netflix, welche die ganze Story in acht halb- bis dreiviertelstündigen Episoden abgehandelt haben möchten. Entsprechend hektisch und sprunghaft kommt die Serie, die immer wieder von der Vergangenheit in die Gegenwart springt, und in der die zahlreichen Figuren obendrein auch noch wahlweise mit ihrem echten oder ihrem Superheldennamen angesprochen werden, daher.
«Viele Figuren von ‹Jupiter’s Legacy› bleiben uns auch nach dieser ersten Staffel ein Rätsel. Jene, die reichlich ausgeleuchtet werden, bleiben hingegen blass.»
So bleiben uns viele Figuren von «Jupiter’s Legacy» auch nach dieser ersten Staffel ein Rätsel. Jene, die reichlich ausgeleuchtet werden, bleiben hingegen blass. Sheldon Sampson, gespielt von Josh Duhamel («Transformers»), ist ein idealistischer Held und klassischer Vater, der den Draht zu seinen Kindern verloren hat, während ihm seine Frau Grace (Leslie Bibb) acht Folgen lang ins Gewissen redet, ohne dass mit beiden Figuren wirklich etwas passiert. Auch aus den Rückblenden in die Zwanzigerjahre werden wir da nicht wirklich schlauer. Gerade die als taffe Journalistin eingeführte Grace wird mit der Zeit zur Ferienfotografin, Stichwortgeberin und Streitschlichterin degradiert.
Dafür, dass die Frauenfiguren in «Jupiter’s Legacy» nicht gänzlich blass oder zumindest in langweiligen Rollenklischees gefangen bleiben, sorgt Elena Kampouris («Sacred Lies») als Sheldon und Grace’ starrsinnige Tochter Chloe, die dem Superheld*innendasein abgeschworen hat. Kampouris zeichnet Chloe, bei all ihrer Verletzlichkeit und Verletztheit, auch mit jenen Grautönen, welche die Serie bei ihren schillernden Idealist*innen in den Hauptrollen so schmerzlich vermissen lässt.
Millars Vorlage kennt diese Grautöne und spielt gekonnt mit ihnen: Die Dunkelheit, die Intrigen und der Verrat sind im Comic allgegenwärtig. Hier offenbart sich eine weitere grosse Schwäche der Serienumsetzung: Es fehlen die ernstzunehmenden Widersacher*innen und bedrohlichen Antagonist*innen. Der hünenhafte Schurke Blackstar (herrlich sympathisch: Tyler Mane) verbringt den Grossteil der Serie lesend hinter Gittern und tritt auch, wenn er mal raus darf, kaum in Erscheinung; derweil über den ominösen Oberbösewicht Skyfox (leider brutal verschwendet: Matt Lanter) praktisch nur gesprochen wird.
Immerhin verspräche die Serie für die zweite Staffel grossen Verrat, einen Bruch der Gemeinschaft und rollende Köpfe. Wer sich über diverse fehlende Elemente aus der Comicvorlage gewundert hat, dürfte, darauf zumindest scheint das Finale hinauszulaufen, in der folgenden Staffel auf die Kosten kommen. Nur: Netflix hat die Arbeit an dieser Weiterführung bereits wieder abgebrochen und alle Schauspieler*innen aus ihren Verträgen entlassen. Das ist weniger als einen Monat nach der Erstveröffentlichung – selbst in Anbetracht der schlechten Kritiken – eine Überraschung. Netflix’ grosse Superheld*innen-Offensive hat damit bereits ihren ersten Dämpfer erfahren, auch wenn sich das Studio nun bereits auf die nächsten Millarworld-Projekte stürzt. Die Frage, die sich Millar und Co. dabei nun stellen müssen, ist alles andere als simpel: «Wie zum Teufel kriegen wir das wieder hin?»
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Jetzt auf Netflix Schweiz
Serienfakten: «Jupiter’s Legacy» / Creators: Steven S. DeKnight, Sang Kyu Kim / Mit: Josh Duhamel, Leslie Bibb, Ben Daniels, Elena Kampouris, Andrew Horton, Matt Lanter, Tyler Mane / USA / 8 Episoden à 35–56 Minuten
Bild- und Trailerquelle: NETFLIX © 2021
«Jupiter‘s Legacy» will eine komplexe Welt mit ebenso komplexen Figuren in acht knappen Folgen abhandeln. Ist wirklich jemand überrascht, dass das schiefgeht?