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Architektur Der neue Schlupfwinkel
Studio Sansano hat im wilden Misox die «Posta Vecchia» umgebaut und mit einem Anbau erweitert. Nun funktioniert sie als zweiteiliges Wohnhaus.
Auf 600 Meter über Meer am Dorfeingang des bündnerischen Verdabbio liegt die «Posta Vecchia». Mitte des 19. Jahrhunderts prominent platziert, steht die einstige Post heute leicht versteckt unterhalb der Kantonsstrasse. Noch immer aber markiert sie den Eingang zum autofreien, historischen Dorfkern.
Als Post dient das Haus schon lange nicht mehr, der Revierförster wohnt hier mit seiner Familie. Als die Kinder auszogen, beauftragte er das Berner Studio Sansano, das Haus zu erweitern: Es sollten zwei unabhängige Wohnungen mit separaten Eingängen entstehen.
Die Denkmalpflege wiederum verlangte, das Haupthaus mit einem Anbau nicht zu konkurrieren und diesen in die Landschaft einzubetten. Diese Aufgabe löst die Architektin Paula Sansano clever mit einem zurückhaltenden Äusseren, das sie mit starken Innenräumen ergänzt.
Situation bereinigt
Nordseitig, zwischen Wohnhaus und Kantonsstrasse, störte ein kleiner Anbau aus den Achtzigerjahren
die klare Formsprache. «Er wirkte fremd. Wir schafften Klarheit, indem wir das Haupthaus auf sein ursprüngliches Volumen zurückbauten», sagt die Architektin.
So rekonstruierte das Studio die klassische Typologie der einstigen Post, deren ursprüngliche Form aus Norditalien stammte. Ein charakteristisches Element davon ist das steinerne Walmdach mit der «gronda romana» – einer römischen Traufe. Es fügt sich harmonisch in die Umgebung.
Dieses Element behält seinen Ausdruck, indem ein unauffälliger Betonsteg die obere Einliegerwohnung
direkt über die Kantonsstrasse erschliesst. «Ein zusätzliches, zweigeschossiges Volumen kam nicht infrage, weil es den historischen Bau arg bedrängt und insbesondere das plastische Traufdetail zerstört hätte», sagt Paula Sansano.
«Ein zusätzliches, zweigeschossiges Volumen kam nicht infrage.»
Für den Anbau studierte die Architektin Referenzen wie die «Casa Ugalde» vom spanischen Architekten
José Antonio Coderch oder Louis Kahns «Fisher House» in Pennsylvania: «Bei ersterem interessierte mich der Ansatz, das Haus anmutig in die bestehenden Mauern einzubetten, bei Kahn studierte ich die diagonal gestellten Volumen.»
Blick ins Tal
Ähnlich abgewinkelt steht nun der neue Baukörper im nordöstlichen Garten zum Haus und ist so von
der Kantonsstrasse her schier unsichtbar. Indem sie den Anbau präzise setzt und den Garten neu gliedert, schafft die Architektin Aussenbezüge und integriert das neue Volumen in Mauern und Niveausprünge.
«Wir beabsichtigen ein Spannungsfeld zwischen Alt und Neu – kraftvoll, aber ausgeglichen», sagt Paula Sansano. Um die historische Substanz dennoch angemessen abzusetzen, ist der Anbau hybrid aus Beton und
Holz gefertigt. Der massive Rücken folgt dem bestehenden Mauerlauf.
Die Gartenfassade ist in Holzrahmenbauweise erstellt und auf den Ortbeton montiert. Rot geschlemmte Weisstanne kontrastiert den ockergelben Putz, das Dach ist aus vorbewittertem Zinkblech.
Ein cleveres Wechselspiel zwischen innen und aussen prägt das Projekt: «Wir setzen auf die rohe
Schönheit der Holz-Beton-Konstruktion und der interessanten Raumfolgen mit markantem Treppauf und Treppab», sagt die Architektin. Der Innenraum ist stützenfrei, durch die Geometrie des Dachs ist jeder Sparren unterschiedlich lang.
So erweitert Studio Sansano das Haupthaus mit neuer Raumqualität. Die zentrale Eingangshalle, über
eine Aussentreppe im Süden erschlossen, ist neuer Dreh- und Angelpunkt für das Leben im Haus: Indem Studio Sansano den Anbau im Winkel von 21 Grad abgedreht haben, etablieren sie die Sichtachse
Alt–Neu und definieren ihn über diese Diagonale.
Daran sind die alten und neuen Räume zu einer langen, bewegten Raumflucht aneinandergereiht. Das ist auch entlang der Firstlinie sichtbar. Die äusseren Bezüge schaffen Studio Sansano, indem sie Topografie und Mauerverlauf einbeziehen und die südseitige Erschliessung akzentuieren.
Den Anbau abzudrehen, hat einen weiteren, markanten Vorteil: Ein Eckfenster mit Sitzbank öffnet den Blick über das Haupttal ins atemberaubende Val Cama – es ist Teil des grössten Schweizer Waldreservats
ausserhalb des Nationalparks.