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Kinder entwickeln sich in Beziehungen. Besonders in den frühen Lebensjahren wird ein Grossteil aller Erfahrungen der Kinder durch die Eltern gestaltet und vermittelt. Es bildet sich eine vertrauensvolle Beziehung zu den (elterlichen) Bezugspersonen. Der Londoner Kinderpsychiater und Pionier der Bindungsforschung John Bowlby beschrieb diese Beziehung, welche sich in frühen Lebensjahren des Kindes bildet, wie folgt:
«Bindung ist das gefühlsgetragene Band, das eine Person zu einer anderen spezifischen Person anknüpft und das sie über Raum und Zeit miteinander verbindet.»
Dabei ist die körperliche und emotionale Entwicklung des Kindes auf die elterliche Fürsorge angewiesen. Eine sichere Bindung wirkt sich langfristig positiv auf das Kind aus: So können sicher gebundene Kinder ihre Emotionen besser regulieren und ihre sozialen Bindungen zu anderen Personen sind grösser. Aber auch kognitive Aspekte, wie zum Beispiel Lösungsorientierung und Ausdauer, sind bei sicher gebundenen Kindern signifikant besser als bei nicht-sicher gebundenen Kindern.
Eine stabile und sichere Bindung zwischen den Bezugspersonen (z.B. den Eltern) und dem Kind sind eine wichtige Voraussetzung für die psychische Gesundheit des Kindes.
Erfährt ein Kind wenig elterliche Liebe und Geborgenheit (quantitativ und qualitativ), kann sich das negativ auf die Entwicklung des Kindes auswirken und zu einer Bindungsstörung des Kindes führen. Bindungsstörungen werden in der Gruppe gestörter sozialer Funktionen klassifiziert. Sie beginnen in den ersten 5 Lebensjahren.
Im ersten von vier Teilen werden die Symptome und Diagnose einer Bindungsstörung beschrieben. Im ICD-10 bzw. DSM-5 wird zwischen zwei Formen der Bindungsstörung unterschieden:
- Reaktive Bindungsstörung
Soziale Funktionen:
Eine reaktive Bindungsstörung ist besonders gekennzeichnet durch ein abnormes Beziehungsmuster zu den Bezugspersonen, welches aus einer Mischung aus Annäherung und Vermeidung besteht. Die Kinder wenden sich nur selten einer Bezugsperson zu. Die Bindung zwischen dem Kind und der Bezugsperson ist stark unterentwickelt.
Ausserdem haben betroffene Kinder meist eine eingeschränkte Interaktion mit gleichaltrigen Kindern und eine Beeinträchtigung des sozialen Spielens. Auch auf andere oder sich selbst gerichtete Aggressionen können im klinischen Störungsbild der Bindungsstörung erscheinen.
Emotionale Auffälligkeiten:
Häufige emotionale Auffälligkeiten sind Furchtsamkeit, Übervorsichtigkeit, Unglücklichsein, Mangel an emotionaler Ansprechbarkeit, Verlust oder Mangel an emotionalen Reaktionen und Apathie.
Weitere Merkmale:
Häufig werden reaktive Bindungsstörungen von Entwicklungsverzögerung, z.B. kognitive und sprachliche Entwicklungsverzögerung, begleitet.
- Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung
Die Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung weist ähnliche Störungen der sozialen Funktionen auf wie die reaktive Bindungsstörung. Bei dieser Form der Bindungsstörung kommt das Symptom der Enthemmung hinzu: Kinder nehmen aktiv Kontakt zu unbekannten Erwachsenen auf und interagieren mit ihnen. Dabei fehlt es ihnen an einer angemessenen Zurückhaltung oder sie zeigen ein übermässig vertrautes (verbales oder körperliches) Verhalten zu der fremden Person.
Emotionale Auffälligkeiten:
Emotionale Auffälligkeiten stehen zwar nicht im Vordergrund einer «enthemmten» Bindungsstörungen, kommen aber durchaus vor.
Bevor eine reaktive oder «enthemmte» Form der Bindungsstörung diagnostiziert werden kann, müssen folgende mögliche andere Ursachen für die Symptome ausgeschlossen werden:
- eine Autismus-Spektrum-Störung (ASS)
- Intellektuelle Entwicklungsstörung
- andere unspezifische psychosoziale Probleme aufgrund von sexueller oder körperlicher Misshandlung im Kindesalter
- körperliche Probleme aufgrund von Misshandlung
Im zweiten von vier Teilen werden mögliche Ursachen für eine Bindungsstörung beschrieben.