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Über die „Kommune von Oaxaca“
--- Interview mit Miguel Linares Rivera* ---
Linke LehrerInnen in den indigenen Comunidades kämpfen für eine antiautoritäre und antikolonialistische Erziehung. Ihr Kampf für Lohnerhöhung löst eine Volksbewegung aus, die sich aus indigenen Quellen nährt und im amerikanischen Kontext weiss. Aus einem Interview vom 29. Oktober mit einem der 21 APPO-AktivistInnen, die damals seit drei Wochen in Mexiko-Stadt im Hungerstreik waren. Die Fragen stellte Hernán Ouviña.
Wie ist die Situation für die LehrerInnen in Oaxaca?
Eine Minderheit befindet sich in den grossen Hauptorten der Gemeinden, doch die meisten von uns arbeiten unter extrem prekären Bedingungen. Viele von uns müssen während 18 Stunden den Bus nehmen, um zum Arbeitsort oder nach Hause zu gelangen. Manchmal geht dafür der halbe Lohn drauf, und dazu kommen noch die Mieten. An gewissen Orten wie an der Küste sind überdies die Essenspreise sehr hoch, da es sich um touristische Zonen handelt. Trotz der niedrigen Löhne müssen wir das ganze Untrerrichtsmaterial, das wir brauchen, selber kaufen. Wir zahlen selbst unsere eigenen Fortbildungskurse, um uns kulturell und pädagogisch weiter zu bilden. Der grossen Mehrheit der Lehrer in Oaxaca geht es also verschissen.
Das staatliche Erziehungswesen drückt im Allgemeinen markant Kolonialismus und Verachtung für die indigene Kultur aus. Wie wollt ihr dagegen angehen?
In den Comunidades von Oaxaca gibt es 16 indigene Sprachen. Die meisten von uns Lehrer sprechen neben spanisch noch eine weitere Sprache. Ich zum Beispiel kann zapotekisch. Aber von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist uns sehr bewusst, dass wir nicht zum Kolonialisieren in die Comunidades kommen, auch nicht, um den Compañeros eine Kultur aufzuzwingen. Den Kindern sagen wir „Compañeros“, denn wir wissen, dass wir auch von ihnen lernen. Wenn wir in eine Comunidad kommen, müssen wir Lehrer die Sprache des Kindes respektieren. Nichts liegt uns ferner, als das Spanisch aufzuzwingen. Wir erklären dem Kind, dass es, wenn es spanisch lernt, dies tut, um seine eigene Sprache zu verteidigen. Dann versteht das Kind: Es lernt spanisch, behält aber seine eigene Sprache und Kultur bei. Wir versuchen, auch im Klassenzimmer einen demokratischen Prozess zu erzeugen, obwohl das schon mit einem „erhöhten“ Teil für den Lehrer gebaut ist. Wir sagen, dass diese Strukturen in Oaxaca nicht toleriert werden dürfen. In der Schule bauen viele von uns den Kollektivismus mit den Kindern auf; wir sind Teil dieses Prozesses. In Oaxaca finden die Ideen von Paulo Freire grosse Anwendung, die in der LehrerInnenschaft stark verankert sind. Obwohl uns auch Paulo Freire nicht mehr reicht, denn letztlich blieb seine Praxis teilweise an die institutionellen Apparate von Brasilien gebunden. Wir nehmen also seine Erfahrung auf, eben so wie die kubanische, und haben auch unsere eigenen Erfahrungen mit alternativer Erziehung in Oaxaca. Das ist ein sehr langer Prozess, aber in dem stehen wir.
Viele bezeichnen euren Prozess als „Kommune von Oaxaca“. Worauf bezieht sich das?
Ich glaube, das spielt auf unseren internen Organisationsprozess in der APPO an: Wir haben unsere „topiles“, wir organisieren uns in Versammlungen und auf Barrikaden, wir konfrontieren uns direkt mit der Polizei. Das bezieht sich also auf die Frage der Selbstorganisierung, auch wenn wir noch nicht dort angekommen sind, wo wir hin wollen, zu etwas wie der Kommune von Paris. Die Idee der „Kommune“ in Oaxaca bezieht sich aber vor allem auf die Praktiken der indigenen Comunidades, die seit sehr vielen Jahren in diesem Prozess stehen. Wir haben einen Aufstand mit einigen Tendenzen der Volksmacht, die denen der Pariser Kommune gleichen. Jedenfalls handelt es sich noch um ein Embryo, wir sind am Arbeiten.
Was sind die „topiles“?
Das übernehmen wir von den indigenen Comunidades. Dort gibt es keine bewaffneten Polizisten mit Uniform. Die Autorität sind die Campesinos und Indígenas selbst, die nur einen Befehlsstab in der Hand haben. Ohne Waffen haben zu müssen, sind sie die Autorität. Kommt es zu einem Streit unter Nachbarn, kommen sie und regeln die Angelegenheit. Die „topiles“ üben die Justiz im Dorf gratis aus, ohne dafür einen Lohn zu erhalten.
Wie werden sie gewählt?
In Gemeindeversammlungen. Diese indigenen Erfahrungen führten wir in der Hauptstadt von Oaxaca ein, als die Bewegung ausbrach. Unsere „topiles“ sind die Compañeros, die sich freiwillig zur Verfügung stellen oder in ihren Organisationen gewählt werden, um diese Funktion auf den Barrikaden, in der Selbstverteidigung gegen die Polizei und Taschendiebe, auszuüben.
Wie integriert sich der Kampf in Oaxaca neben diesem enormen indigenen Einfluss in die Erfahrungen des Widerstandes quer durch Amerika?
Auch wenn wir von unseren indigenen Gemeinden beeinflusst sind, die sich über die Gemeindeversammlungen nach altem „Brauch und Recht“ ausrichten, ist unser Kampfprozess nicht etwas Isoliertes, sondern Teil eines Ganzen. Unsere Erfahrung verdankt sich dem, was in Ecuador, Brasilien und Argentinien gemacht worden ist. Wir sind uns aller Prozesse bewusst, die in Lateinamerika und auch in den USA mit unseren migrantischen Compañeros gelaufen sind. Deshalb hoffen wir, dass die nationale und internationale Solidarität mit unserem Kampf sofort erfolgt. Wir erhalten sie ja auch schon. Wir haben Informationen aus Spanien, Italien, den USA und anderen Ländern, wo es zu Protesten vor den Botschaften und Konsulaten kommt. Wir glauben, dass wir die Zukunft der Menschheit verändern können von dem Ort aus, an dem wir uns befinden.
* Prensa de Frente, 1.11.06, Hernán Ouviña: „En Oaxaca estamos viviendo un proceso de insurrección popular“