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Ganz Fussball-England ist von Grossklubs mit schwerreichen Investoren besetzt. Ganz England? Nein! Eine Kleinstadt rund 50 Kilometer nördlich von London hat beschlossen, den Eindringlingen zu beweisen, dass auch ohne grosse Kohle erfolgreicher und ansehnlicher Fussball gespielt werden kann.
Luton heisst die Kleinstadt mit rund 200'000 Einwohner, Luton Town der dort ansässige Fussballklub. Im 18. Jahrhundert war der Ort in der Grafschaft Bedfordshire berühmt für seine Strohhut-Industrie, «The Hatters» werden die Fussballer deswegen auch genannt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann Vauxhall ganz in der Nähe mit der Produktion von Automobilen und wurde so schnell zum grössten Arbeitgeber der Region. Bekannt ist auch der Flughafen «London Luton Airport», der dank des Aufkommens vieler neuer Billigflug-Airlines oft Ziel von Budget-Touristen ist, die dann überrascht sind, dass sich die Reise in die Londoner Innenstadt um gut eine Stunde verlängert.
Der Stolz der Stadt ist und bleibt aber der Fussballklub Luton Town. 1885 gegründet, erlebten die «Hatters» ihre Blütezeit in den 1980er-Jahren: Zehn Jahre lang spielten sie in der Football First Division, damals die höchste englische Fussball-Liga, und feierten 1988 mit dem Gewinn des League Cup den einzigen Titelgewinn der Klubgeschichte. Just 1992, im Jahr vor der Einführung der Premier League, stieg Luton dann ab und verpasste so den Sprung in die Neuzeit des durchkommerzialisierten Fussballs.
30 Jahre später darf der Klub trotzdem von der Rückkehr ins Fussball-Oberhaus träumen. Dank Rang 6 in der Championship, der zweithöchsten englischen Liga, haben es die «Hatters» gerade noch in die Aufstiegsplayoffs geschafft. Nur zwei Hürden müssen auf dem Weg in die Premier League noch überwunden werden: Erst geht es im Halbfinal mit Hin- und Rückspiel gegen Huddersfield Town, im Final würde dann entweder Notthingham Forest oder Sheffield United waren. Es wäre ein kleines Fussball-Wunder, wenn der Coup gelingen würde.
Luton Town ist nämlich keiner dieser neureichen Klubs mit einem milliardenschweren Besitzer, die sich in England mittlerweile fast jeden Fussballverein mit Tradition und Entwicklungspotenzial unter den Nagel gerissen haben. Seit 2008 ist der Klub in den Händen eines Fan-Konsortiums, das Luton damals vor dem Bankrott rettete. Nicht verhindert werden konnte dadurch allerdings der Fall aus dem Profi-Fussball. Mit einem 30-Punkte-Abzug belegt stiegen die «Hatters» aus der viertklassigen League Two ab, womit der Klub erstmals seit 89 Jahren nicht mehr in der Football League vertreten war.
Mühsam kämpfte sich Luton Town schliesslich zurück: 2014 folgte die Rückkehr in die League Two, 2018 der Aufstieg in die League One und ein Jahr später machten die «Hatters» gar den Durchmarsch in die Championship perfekt. Dort stieg man in der Corona-Saison 2020 um ein Haar gleich wieder ab. Nur dank drei Siegen und einem Unentschieden in den letzten vier Spielen konnte sich Luton noch retten.
Seither ging es kontinuierlich aufwärts: 2021 holte sich die Luton einen sicheren Mittelfeldplatz, nun also die erstmalige Playoff-Teilnahme. Väter des Erfolgs sind Cheftrainer Nathan Jones und Chefscout Mick Harford. Trotz sehr beschränkter finanzieller Mittel haben sie es geschafft, die «Hatters» von Transferfenster zu Transferfenster stets qualitativ zu verbessern.
Fast alle Spieler kommen ablösefrei oder sind ausgeliehen, so auch die aktuellen Leistungsträger Elijah Adebayo, Cameron Jerome, Allan Campbell, Fred Onyedinma und Kal Naismith. Ausgewählt werden sie strikt nach eingehender Video-Analyse. Auf bewährte Spieler wird bedingungslos gesetzt: Noch immer sind sieben Spieler dabei, die auch schon zu League-Two-Zeiten im Kader standen. Rekordtransfer der «Hatters» ist noch immer der kroatische Torhüter Simon Sluga, der 2019 für 1,7 Millionen Euro von HNK Rijeka kam, mittlerweile aber bei Ludogorets Rasgrad spielt. Es war der einzige Millionen-Transfer in 18 Jahren.
Kein Wunder also beträgt der Gesamtmarktwert des Kaders aktuell nur gerade 21 Millionen Euro. Das ist der viertniedrigste Wert in der Championship – die Aufsteiger Fulham und Bournemouth, die nach deren Abstieg aus der Premier League noch immer von sogenannten «Parachute Payments» profitieren, spielen mit einem Gesamtmarktwert von 147 Millionen bzw. 170 Millionen Euro eigentlich in einer ganz anderen Liga.
Dank viel Solidarität, harter Arbeit und eines aggressiven und offensiven Spielstils hat sich Luton in dieser Saison in der Spitzengruppe festgesetzt und schliesslich entgegen aller Erwartungen für die Playoffs qualifiziert. Für den Klub soll der aktuelle Erfolg aber nicht eine einmalige Ausnahme bleiben. Hinter den Kulissen werden bereits die Weichen für die Premier League gestellt: So gibt es beispielsweise Pläne für ein neues, 23'000 Zuschauer fassendes Stadion.
Aktuell spielt Luton noch immer im Kenilworth Road Stadium, das 1905 erbaut wurde und nur 10'226 Plätze bietet. Es ist ein Stadion wie aus einer längst vergangenen Zeit. Mitten in einem Wohngebiet gelegen, musste eine Tribüne wegen des benachbarten Eisenbahntrassees etwas schief in die Landschaft gebaut werden, der Zugang zum Oak Stand für die Gäste erfolgt durch eine Reihe von Wohnhäusern.
Man könnte mit etwas Fantasie durchaus sagen, dass das Kenilworth Road Stadium einem uns wohlbekannten gallischen Dorf mit seinen Palisaden ähnelt. Ob damit aber auf Dauer den Eindringlingen mit schwerreichen Investoren Widerstand geleistet werden kann, bleibt mehr als fraglich, spielt derzeit aber keine Rolle. Zunächst hofft ganz Luton nämlich nur auf eines der grössten Fussball-Wunder der Neuzeit.
Deutschland reist 1994 als Titelverteidiger und EM-Finalist an die WM in die USA. Zwölf Weltmeister von 1990 sind noch immer dabei, erstmals auch die Stars der ehemaligen DDR wie Matthias Sammer oder Ulf Kirsten sowie die hochgejubelten Talente Mario Basler und Stefan Effenberg.