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Die beiden Frauen, mit denen Baron Léon d’Hervey de Saint-Denys bei seinen Ballbesuchen oft tanzte, ahnten nicht, dass sie Teil seines seltsamsten Experiments waren. Falls sie die merkwürdige Abfolge der Musik überhaupt bemerkten, hielten sie sie wohl für zufällig: Jede Frau hatte ihre eigene Melodie. Wenn der Baron mit der einen Frau tanzte, spielte das Orchester immer den gleichen Walzer, bei der anderen Frau einen anderen. Es schien, als hätte Hervey de Saint-Denys eine geheime Abmachung mit dem Dirigenten getroffen. Und genau so war es auch. Der Baron hatte sich mit dem Orchesterchef angefreundet und ihn gebeten, je nach Tanzpartnerin ein bestimmtes Musikstück zu spielen. Und das während einer ganzen Pariser Ballsaison Mitte des 19.Jahrhunderts.
Baron Léon d’Hervey de Saint-Denys war der Spross einer französischen Adelsfamilie, der sich leidenschaftlich für die Bedeutung und die Herkunft von Träumen interessierte. Seit er vierzehn Jahre alt war, schrieb er auf, was er im Schlaf erlebte. Er war derart besessen von diesem Vorhaben, dass er nach zweihundert nächtlichen Beobachtungen davon träumte, wie er seine Träume aufzeichnete. Kurze Zeit später hatte er diesen Traum zum zweiten Mal, doch jetzt wusste er, dass er träumte.
Vierzehn Monate darauf beherrschte er den seltenen Trick, die Handlungen seiner nächtlichen Visionen beeinflussen zu können. Mit dem Kopf auf dem Kissen stürzte er sich nun von Kirchtürmen und kämpfte mit gezogenem Schwert gegen Verbrecher.
Lange Zeit hatten die Menschen geglaubt, Träume erlaubten den direkten Kontakt mit Göttern oder Toten. Doch der Baron vermutete, dass das Gehirn sie aus verschiedenen Erinnerungen zusammenschustere. Um diese Idee zu prüfen, unternahm er sein Experiment.
Nachdem die Ballsaison zu Ende gegangen war, kaufte er in der Galerie Colbert, der edlen Ladenpassage in Paris, eine Musikdose, die beide Walzer spielen konnte. Vor dem Schlafengehen stellte er die Dose so ein, dass sie eine der Melodien in den frühen Morgenstunden spielte. Tatsächlich träumte er je nach Walzer von der einen oder anderen Frau, nicht allerdings vom Ball. Offenbar war die Melodie an die Person gekoppelt, nicht an die Situation, in der er sie getroffen hatte.
Doch das Experiment hatte einen Schönheitsfehler: Weil Hervey de Saint-Denys die jeweilige Melodie am Vorabend selber auswählte, könnte er allein deshalb von der betreffenden Frau geträumt haben.
Bei einem anderen Experiment konnte er diese Möglichkeit ausschliessen. Während einer Reise nach Südfrankreich träufelte er immer wieder Parfum auf ein Taschentuch und roch daran. Nach der Rückkehr beauftragte er seinen Diener, in zufällig ausgewählten Nächten einige Tropfen davon auf sein Kissen zu geben, während er schlief. Und wirklich: Der Geruch beschwor in den Träumen die Kastanienbäume und Felslandschaften seiner Reise herauf.
Hervey de Saint-Denys’ Methoden waren bemerkenswert modern. Mit ähnlichen Vorgehen versuchen Traumforscher heute noch herauszufinden, wie weit der Mensch in Kontakt mit der Aussenwelt bleibt, wenn er schläft. Die Resultate sind durchzogen. Manchmal gelingt es, Einfluss zu nehmen, dann wieder nicht. Das hält selbsternannte Traumspezialisten allerdings nicht davon ab, im Internet Geruchstraumkissen und Apps anzubieten, die versprechen, mit bestimmten Düften und Geräuschen Träume zu kontrollieren.