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von Dave Maurer
Eigentlich bin ich zu jung, um als verkappter Nostalgiker beschimpft werden zu können. Doch werde ich das Gefühl nicht los, seit Jahren dem minutiösen Zerfall des ehemals so stolzen Horrorgenres beizuwohnen. Zugegeben, ohne Pauschalisierungen und Verallgemeinerungen lässt sich eine solche Aussage nicht in die Tasten hämmern. Aber, wie besagt eine Volksweisheit doch so schön: “At some point the world shits on everybody. Pretending it ain’t shit makes you an idiot, not an optimist.” Und so flüchtete ich mich in letzter Zeit nach dem „Genuss“ zeitgenössischer Horrorfilmkost (Friday the 13th, House of Wax, The Fog und viele mehr) vermehrt in die Arme der Genreklassiker. Und hiermit sind nicht nur Altmeister wie Argento, Romero, Carpenter, Hooper, Gordon, Bava oder Cronenberg gemeint, sondern auch literarische Maestros ihrer Zunft wie H. P. Lovecraft oder Edgar Allan Poe. Doch warum empfinde ich das „ältere“ Horrorschaffen als effektiver als Hollywoods aktueller Schocker-Output? Man lese folgende Zeilen und erschaudere:
[…]”Death,” I said “any death but that of the pit!” Fool! might I not have known that INTO THE PIT it was the object of the burning iron to urge me? Could I resist its glow? or if even that, could I withstand its pressure ? And now, flatter and flatter grew the lozenge, with a rapidity that left me no time for contempla- tion. Its centre, and of course, its greatest width, came just over the yawning gulf. I shrank back — but the closing walls pressed me resistlessly onward. At length for my seared and writhing body there was no longer an inch of foothold on the firm floor of the prison. I struggled no more, but the agony of my soul found vent in one loud, long, and final scream of despair […]
Wenn der Pionier der Horrorliteratur Edgar Allan Poe den Lesern von „The Pit and the Pendulum“ mit seiner Kurzgeschichte den Angstschweiss auf die Stirne treibt, dann nicht, weil er dem Publikum verrät, was sich in der titelgebenden Grube befindet, sondern weil er diese Information der Leserschaft eben bewusst vorenthält. Der menschliche Verstand, von Natur aus neugierig und wissensdurstig, wird nun also versuchen, dieses fehlende Detail zu ergänzen. Dabei wird ein Schreckensbild kreiert, welches auf den ganz persönlichen Ängsten des jeweiligen Lesers aufbaut und mit einer unbequemen Dosis Urängste angereichert ist. Im Kopf des Betrachters wird die Grube also durch intensive Gedankenarbeit „gefüllt“, eine Füllung, welche die grösste Furcht des jeweiligen Lesers darstellt. So lauern nun leserspezifische Gefahren in „The Pit and the Pendulum“, seien es beispielsweise bodenlose Wassermengen (der Text selbst deutet auf eine Art Brunnen hin), ein höllisches Flammenmeer oder gar eine blutdurstige Kreatur mit langen Reisszähnen – die morbide Fantasie der Lesenden wird vermutlich sämtliche Grausamkeiten, die Poe in ausführliche Worte hätte packen können, bei weitem übertreffen.
Eine Axt, die schwungvoll in ein Gesicht kracht, wird nur bei zartbesaiteten Naturen mehr auslösen als ein kurzes Zusammenzucken. Denn plakative graphische Gewalt in Bild und Wort sorgt höchstens für ein temporäres Erschrecken. Bildliche Gräueltaten entfalten erst durch ein reibungsloses Zusammenspiel von Intensität und richtigem Timing eine nachhaltige Wirkung. Poe verstand dies, und versah seine Kurzgeschichten mit einer zurückhaltenden Spannungskurve. Auf äusserst subtile Art und Weise tönte Poe viele Dinge nur an, um so geistiges Wasser auf die schaurigen Gedankenmühlen der Leserschaft zu träufeln. Sein Horror kroch in die Köpfe der Leser und gebar dort eine Brut der Furcht. Langsam, aber konstant wurde der Lesende nun sogartig in die düsteren Erzählungen Poes gezogen – bis es schliesslich kein Entrinnen mehr gab und man sich einer Mischung aus poe’schen und persönlichen Hirngespinsten gegenübersah. Auf perfide und effektive Art und Weise wurde so „greifbarer“ Terror geschaffen, interaktiv und beängstigend.
Der Weg zur zerbrechlichen Psyche der Leserschaft geht über deren persönliches Angstempfinden, so hätte Poes Terrorkonzept lauten können. Hätte das moderne Horrorkino eine solche These, so würde diese wohl wie folgt lauten: Wir demontieren den Verstand des Zuschauers mit mürbe machenden Soundschocks (schrille Violinen) und einer Aneinanderreihung von hemmungslos brutalen Gewaltsequenzen (zahlreiche Körperteile gehen verlustig). Zugegeben, auch in der heutigen Kinolandschaft findet noch die eine oder andere Perle des stillen Horrors ihren Weg auf die Kinoleinwand – doch: Ein Grossteil des aktuellen Horrorprogramms hat seinen Fokus auf die erlesene Palette an Grausamkeiten, die man dem menschlichen Körper antun kann, gelegt. Wo früher nervenzerrende Stille herrschte, wird heute geschrien, geflucht, gestöhnt, geblutet und gestorben – eine Aneinanderreihung von Misstönen des Todes verdrängt und erdrückt die minimalistische Horroratmosphäre älterer Werke.
In vielen Genrebereichen scheint der Zuschauer nach einfacherer Kost zu schreien, oder zumindest wird dies von den finanzstarken Produzenten in der Traumfabrik so dargestellt. Simpel und schlicht soll er sein, der als Publikumsmagnet konzipierte Neuzeit-Horror. Für eine zurückhaltende Spannungsstruktur fehlt es an Publikum und dem Drehbuch an Motivation, und so tritt eine unverhohlene Freude am blutigen Voyeurismus jegliche Subtilität aus dem Rennen. Man will sich am filmischen Leid anderer ergötzen, ohne dabei selbst einen Tropfen Angstschweiss vergiessen zu müssen – anders lässt sich nicht erklären, warum Hollywood mit seiner gewinnerprobten Horrorformel (Beliebte Jungdarsteller + bekannte Vorlage + viel Blut = Kassenschlager) immer wieder Erfolge feiern kann.
Doch meine pessimistisch gefärbten Zeilen zeichnen die Zukunft des Horrorgenres vielleicht düsterer, als sie es wirklich ist: Es sind die kleinen Werke, welche die Frische und die Innovativität des Genres zu erhalten versuchen. Der schleichende Horror in der britischen Sc-Fi-Produktion Moon oder die morbide Vampirromanze Thirst aus Südkorea – beide beweisen sie, dass nach wie vor Hoffnung auf Fingernägelkauen und Mitfiebern besteht. Kunst anstelle von Kommerz scheint also noch immer möglich zu sein. Ein gutes Zeichen.