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SAGEN UND LEGENDEN DER ÍNDIOS AUS BRASILIEN
Ein unscheinbarer Vogel mit olivgrünem Gefieder und rostrotem Schwanz, etwa von der Grösse unseres Zaunkönigs, lebt in den tiefen Regenwäldern Amazoniens. Es ist seine flötengleiche, äusserst melodiöse Stimme, die ihn vor allen anderen Vögeln auszeichnet, und wenn er sie hören lässt, schweigen die anderen still – „vor Bewunderung, und sie hören ihm zu“, so sagen die Indianer. Die meisten Legenden über diesen geheimnisvollen Vogel, den man nur selten zu Gesicht bekommt, stammen aus den mündlichen Überlieferungen der Indianer – „wer den Uirapuru gehört hat, dem ist ein langes Leben in Glück und Zufriedenheit beschieden“, so behaupten sie. Die Bewohner des Regenwaldes sehen in dem kleinen Vogel ein übernatürliches Wesen. Und sein Name bedeutet: „Vogel, der kein Vogel ist“.
Zwei von den vielen Legenden um den kleinen gefiederten Sänger möchten wir hier wiedergeben.
Es heisst, dass im Süden Brasiliens ein Indianerstamm gelebt hat, dessen junger Häuptling von zwei Frauen geliebt und begehrt wurde – beide waren von schöner Gestalt und mit besonderen Qualitäten ausgestattet, sodass sich der Häuptling nicht zwischen ihnen entscheiden konnte. Schliesslich wusste der Medizinmann des Stammes Rat: Durch einen Wettkampf im Bogenschiessen zwischen beiden Frauen sollte die Entscheidung fallen – der junge Häuptling würde dann die Siegerin zu seiner Frau machen. Der Wettkampf fand statt – ging über verschiedene Distanzen – und endlich entschied ihn die schöne Araúna für sich. Und sie heiratete den Häuptling.
Die andere, Oribicí, die den Wettkampf verloren, weinte so bitterlich, das ihre hervorquellenden Tränen einen kleinen Bach formten. Und sie bat Göttervater Tupã, sie in einen Vogel zu verwandeln, um so den Häuptling wenigstens ab und zu sehen zu können und ihm nahe zu sein, ohne dass er sie erkennen würde. Denn, wie alle Liebenden, war sie davon überzeugt, dass niemand ihn so sehr liebte wie sie. Und der gütige Tupã erfüllte ihren Wunsch. Jedoch, als sie mit eigenen Augen sah, dass der Häuptling seine angeheiratete Frau verehrte und liebte, entschloss sich Oribicí die Gegend zu verlassen und flog weit, weit fort, bis sie im Norden Brasiliens im Regenwald des Amazonas untertauchte.
Um sie zu trösten, gab ihr Tupã eine besonders melodiöse Stimme. Sie klingt wie die Flöte eines Fauns, unvergleichlich entzückend, sodass die anderen Vögel, die dem Uirapuru begegnen, unwillkürlich in Schweigen verfallen, um keine seiner bezaubernden Noten zu verpassen.
Von einem anderen Indianervolk kann man die Legende vom Uirapuru folgendermassen hören:
Göttervater Tupã war wütend wegen all dem ohrenbetäubenden Krach, den die Tiere im Regenwald veranstalteten – besonders die Vögel.
„So geht das nicht weiter“, sprach der Allmächtige zu sich selbst.
Es musste nur ein kleiner Guainumbi sein schrilles Getriller in einer Baumkrone anfangen, gleich fühlten sich sämtliche Vögel nah und fern provoziert, ihn zu übertönen: die Acauás schrieen wie verrückt, die Aracaris klapperten mit ihren Schnäbeln, die Maracanas tschilpten um die Wette, die Guirapongas hämmerten ohrenbetäubend, es krächzten die Anhumas und die Araporós liessen ihr irritierendes, schrilles Gelächter vernehmen. Eine Hölle! Tupã jedenfalls war es schon lange zuviel! Er setzte sich auf eine seiner weissen Wolken und begann nachzudenken – und als er so in Gedanken versunken war, hörte er einen klagenden Laut, den der Wind zu ihm herauf trug:
„Araa! Araa“!
Er sah hinunter und lächelte. Es kam selten vor, dass Tupã lächelte, aber in diesem Fall konnte er nicht umhin, dass sich in ihm eine gewisse Sympathie ausbreitete. Da sass, über einen gefallenen Baumstamm gebeugt, eine junge Indianerin – und wie fürchterlich sie weinte, die Arme. Tupã hatte tief empfundenes Mitleid mit ihr und stieg auf die Lichtung hinab.
„Was hast Du, warum weinst du so fürchterlich?
Als die junge Indianerin die Stimme des Allmächtigen hörte, schnürte sich ihr die Brust zusammen und ihr Atem stockte – sie wurde still. Dann hob sie ihre Lider hilfesuchend zu ihm auf, und ihre schönen Augen schwammen in Tränen, wie die Ebenen des Waldes bei der jährlichen Überschwemmung.
„Was ich habe?
Ururaú, der Häuptling, wollte mich nicht heiraten. Er hat Araúna mir vorgezogen, weil sie besser mit Pfeil und Bogen umgehen konnte…“
Tupã erinnerte sich. Ururaú, der Häuptling des Stammes, hatte jenen Wettkampf befohlen: es sollte die gewinnen, der es gelänge den noblen Anajé im Flug zu treffen. Und Araúna hatte ihn abgeschossen.
„Dein Name“?
„Man nennt mich Oribicí… Bitte allmächtiger Tupã, verwandle mich in einen Vogel, damit ich mit eigenen Augen sehen kann, ob Ururaú seine Gemahlin Araúna auch wirklich liebt.“
„Oribicí“, sprach da der Göttervater, „ich werde deinem Wunsch entsprechen. Dein Name jedoch wird von nun an Uirapuru sein – Vogel der kein Vogel ist“.
Und in diesem Moment fuhr aus dem heiteren, blauen Himmel ein Blitz herab, und Tupã war verschwunden. Aus dem kleinen Hügel, auf den Oribicí alle ihre Tränen vergossen hatte, entsprang eine Quelle klarsten Wassers, die in ihrem weiteren Verlauf zu einem kleinen Bächlein wurde. Und Oribicí? Niemand hat sie mehr gesehen – aber dann bemerkten die Waldbewohner einen neuen olivgrünen Vogel mit rostrotem Schwanz in der Gegend – der von allen Uirapuru genannt wurde.
Und eines Tages landete er auf einem Ast des riesigen Jacarandá-Baumes, in der Nähe der Hütte des Häuptlings. Der umarmte gerade seine junge Frau Araúna. Sie schienen glücklich und liebten sich. Der kleine Uirapuru schrie schmerzerfüllt:
„Araa! Araa“!
Der Häuptling hörte das Geschrei und erschrak. „Was ist los“? fragte seine Frau Araúna. „Eigenartig der Gesang dieses Vogels“, meinte er, „warte, ich bin gleich zurück“! Und dann folgte der junge Häuptling fasziniert jener weinerlichen Stimme, diesem „Araa, Araa“ immer weiter in den Wald hinein, und je mehr er sich von seinem Dorf entfernte, desto weiter weg vernahm er die Töne dieser Stimme. Es wurde dunkel, aber Ururaú lief und lief wie unter einem Bann… immer weiter, ohne auch nur ein einziges Mal zu rasten.
„Araa“! schallte es von weit her. „Araa“! antwortete das Echo. „Araa! Araa“! tönte es in seinen Ohren. Und dann ganz plötzlich, in der Mitte der Nacht, tief drinnen im allerdichtesten Dschungel, begann der Uirapuru zu singen. Ein himmlischer Gesang – nein, eine himmlische Flöte, die sich in einer nie gehörten, übernatürlichen Melodie vernehmen liess – sie musste von den Göttern stammen. Jetzt war es um Uruaú geschehen. Er war verzaubert von dem süssen Klang und fing wieder an zu laufen, tagelang – ohne zu jagen, ohne zu fischen, ohne zu essen – weiter durch den tiefen Dschungel. Er, dessen Dorf auf den kühlen Hügeln von Curirama gestanden, tauchte schliesslich ein in die feuchtheissen Gefilde von Pindorama. Und sein Stamm hat seinen verehrten Häuptling nie mehr gesehen – und seine Frau Araúna starb an ihrem Kummer.
Nun, man weiss nicht genau, was mit ihm geschehen ist, aber die Leute sagen, dass Ururaú durchgedreht hat und verrückt geworden ist auf der Suche nach dem Uirapuru im Dschungel. Und mit seinem Schicksal hat sich die Rache von Oribicí erfüllt, die ihn einst so sehr geliebt hat.