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Bücher als Raumschmuck
Michael Guggenheimer
An vier Wänden, die 15 Meter und zwanzig Büchertablare hoch sind, stehen Bücher Seite an Seite. Wenn ich stehe und meine Hand ausstrecke, dann reicht sie bis zum fünften Tablar. Eine Leiter ist da, sie reicht bis zum siebten. Wenn ich die Sprossen hinauf klettre, schafft es meine Hand bis zum zehnten Tablar. „Die Alpen“, drei Bände, habe ich herausgeholt, weiter hinauf schaffe ich es nicht. Die „Kunstdenkmäler der Schweiz“ stehen von unten gesehen auf Tablarhöhe 8. Ich könnte den Band für die Stadt Zürich also mühelos herausgreifen. „Dies ist mein Volk“ von Abba Eban erkenne ich weiter oben. Mein Vater hatte dieses Buch in seiner Bibliothek stehen. Vaters Bibliothek habe ich nach seinem Tod mit vielen anderen Büchern bei einem Antiquariat abgegeben. Ob das wohl Vaters Exemplar sein könnte? Erkennen könnte ich’s nicht, Vater hat seine Bücher nicht angeschrieben. „August vierzehn“ von Solschenizyn könnte mich interessieren. Aber auch dieses Buch steht in luftiger Höhe. Ebenso das Buch „Die Tausend Tage Kennedys“. Den Titel in Gold auf Schwarz kann ich lesen, der Name des Autors ist zu klein. Ich bin zu weit unten. Ganz oben im Bücherhimmel erkenne ich eine lange Reihe von Krimis, zu weit entfernt stehen sie im sechzehnten Stockwerk dieser Konstruktion aus Bücherregalen. Auch wenn ich die Leiter benutzen würde, so weit reicht keine Hand. Drei Bände Duden leuchten farbig von hoch oben. Ob das Wort ‚zuhause’ nun klein und in einem Wort oder in zwei Wörtern geschrieben wird, lässt sich hier nicht nachschauen. Auch die sechs Bände des Statistischen Jahrbuchs der Schweiz bleiben ausser Griffweite.
Der Bücherturm war früher das Sudhaus der Brauerei Hürlimann. Sie gibt es nicht mehr. Wo einst Bier gebraut wurde, werden heute Möbel und Brautkleider verkauft, sind Restaurants eingezogen und arbeiten die Erfinder von Google. Das Sudhaus und die Kühlanlage wurden umgebaut und umgenutzt. Heute übernachten hier Touristen und Geschäftsleute. Das Zielpublikum des Hotels seien „Business-Nomaden, lifestyle- und architekturaffine Städte- und Kulturreisende sowie Wellness-Kurzaufenthalter“, steht in der Dokumentation, die zur Hoteleröffnung herausgegeben wurde. Ich schaue mich um und entdecke auf Sockelhöhe die Ecke mit den Kinderbüchern. So niedrig, dass sich Kinder bedienen können. Gegenüber sind die Kochbücher. Auch sie alle in erreichbarer Höhe ebenso wie die Unterhaltungsliteratur in mehreren Sprachen. Und je weiter der Blick nach oben schweift, umso eher handelt es sich um Sach- und Fachbücher, die ein Hotelgast, der seine eine Nacht oder zwei Nächste in einem Hotelzimmer verbringt kaum in schlaflosen Nächten konsultieren würde.
33 000 Bücher lagern in den Gestellen in diesem hohen Raum. Wir sind in einem Hotel, es ist die Lobby, die gleichzeitig Frühstücksraum und Restaurant ist und deren Raumschmuck aus Büchern besteht. Library heisst dieser Raum in der Hotelsprache. Die Library mit ihren lang gezogenen Bogenfenstern mute wie eine Kathedale an, heisst es im Hotelbeschrieb. Bücher von Kniehöhe bis zur Decke hinauf. Bücher aus einem aufgelösten Antiquariat in der Altstadt von Zürich. 50 000 Bücher hat der Innenarchitekt hierher transportieren lassen. Und weil der Café- oder Frühstücksraum nicht alle Bücher fassen konnte, lagern im ehemaligen Maschinenraum weitere Massen von Büchern in Schachteln. Bücher überall in diesem Hotel. Neben jedem Bett der 60 Hotelzimmer finden sich Bücher. Und wenn Hotelgäste ein Buch aus dem Bücherturm mit aufs Zimmer nehmen wollen, sind sie herzlich dazu eingeladen, sagt Katrin Wolf, „Guest Ambassador“ am Hotel B2, wobei B für Bookmark Hotel oder auch für Boutique Hotel steht. Nur mit nach Hause nehmen, ist nicht gestattet. Ich schaue in die Höhe und denke an den Staub, der sich mit der Zeit hier festsetzen wird. „Kein Problem“, sagt Guest Ambassador Wolf: Ein Mal im Jahr klettern hier bergerprobte Mitarbeiter einer Reinigungsfirma, die an Seilen angemacht sind, den Bücherwänden entlang mit Bürste, Kleinstaubsauger und Putztüchern von oben nach unten, um Buchreihe nach Buchreihe vom Staub zu befreien.
B2 Boutique Hotel + Spa
Hürlimann-Areal
Brandschenkestrasse 152
8002 Zürich
T: 044 567 67 67
www.b2boutiquehotels.com
Flaschengrün
Heinz Egger
Er streicht sich übers Kinn, dann schaut er auf die Uhr. Seine Stirn legt sich in Falten, glättet sich jedoch gleich wieder, während sein Blick durch den Raum geht. Er ist der einzige Gast. Er hat sich an einem Tisch mitten im Raum gegenüber dem leeren Buffet für das Morgenessen eingerichtet. Er war selbst knapp auf die verabredete Zeit angekommen und hoffte, nicht wesentlich nach seinem Freund einzutreffen.
Ein Dutzend leere Tische. Auf zweien sind noch Gedecke aufgelegt. Für eine Person auf dem einen, für zwei auf dem anderen. Hochstielige Weingläser, eine Pfeffer- und Salzmühle mit hölzernem Körper, Besteck säuberlich arrangiert auf einem hellen Tischset, das kräftig mit dem dunklen Holz der Tischplatte kontrastiert. Gediegen. Das Zentrum des Raums besetzt ein ovaler Tisch. Eine Früchteschale mit drei Etagen ragt wie ein Turm in der Mitte hoch. Die rotwangigen Äpfel spiegeln sich in den polierten Aussenseiten der höheren Ebenen. Sechs schwarze, lederne Stuhllehnen überragen den Tisch. An den übrigen Tischen stehen Beizenstühle verschiedenster Art und aus verschiedenen Hölzern gefertigt. Kaum einer ist gleich wie sein Nachbar. Das gibt eine leise Unruhe.
Er schaut wieder auf die Uhr und blickt darauf in die Hotellobby und zur Eingangstüre. Alles ist still.
Die Wände des Restaurants sind gesäumt von Büchergestellen aus dunkel gebeiztem Holz. Sie sind 15 Meter hoch und jedes Fach von etwa 30 mal 40 Zentimetern ist mit Büchern gefüllt. Insgesamt 33’000 seien es, erklärt der junge, schwarz gekleidete Kellner, während er, die linke Hand artig auf dem Rücken versteckend, das Glas des Gasts nachfüllt. Auch zu den drei Lüstern, die von der schneeweissen Decke hängen, weiss er Näheres: Auf den zehn unterschiedlich grossen Ringen, die dem Lüster eine glockenartige Form geben, sitzen je 20 Flaschen. 400 Kilogramm bringe jeder Lüster auf die Waage.
Die offenen Bügelverschlüsse glänzen. Die roten Dichtungsringe kontrastieren zum Grün der Flaschen. Im Innern jeder Flasche finden sich ein „Drahtknäuel“ und Leuchtdioden. Ihr Licht ist dank dem moosigen Grün der Flaschen weich und warm. Durch die raumhohen Fenster bricht grelles Licht herein.
Er steht auf, tritt an die Leiter, die an einer Stange verschoben werden kann. Er packt sie und spürt, wie schwer sie ist. Nur mit Mühe lässt sie sich etwas verschieben. Dann steigt er hinauf, um zu sehen, wie hoch er ein Buch greifen kann. Weit unter der halben Raumhöhe bleibt seine ausgestreckte Hand. Mehr als die Hälfte der Bücher sind somit unerreichbar – ob der Bestand jeweils während des Frühlingsputzes umgestellt wird? Und ganz ungefährlich ist der Aufstieg auch nicht, sind die Hände über dem Ende der Leiter, gibt es kaum Haltemöglichkeiten.
Auf dem Rückweg zum Platz findet er auf zwei Tischen ein Glas mit Farbstiften – alle wie neu mit frischen Spitzen – und Ringbücher. Er schlägt eines auf, findet aber nur leere Seiten. Schade, der Raum mit seiner tiefen Stille würde sich eignen, seine Gedanken zu Papier zu bringen und zu zeichnen.
Er schaut wieder auf die Uhr. Er greift zum Handy. Das Gespräch ist kurz, es wird auf Italienisch geführt. Appuntamento … Malintenso … Der Freund kommt nicht. Er zahlt, packt seine Sachen zusammen und verlässt das Lokal.