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SAPA
Bei der Pansenazidose unterscheidet man drei verschiedene Formen.
Die akute Pansenazidose ist lebensbedrohlich und kommt glücklicherweise nur selten vor. Nach einer plötzlichen und massiven Steigerung der Aufnahme von leichtverdaulichen Kohlenhydraten kommt es durch die bakterielle Fermentation zu einer massiven Produktion von Milchsäure (Laktat). Ein typisches Beispiel dafür ist eine Kuh, welche während längerer Zeit freien Zugang zu Kraftfutter hatte. Die Laktat-abbauenden Bakterien sind überfordert und die Resorption von Laktat in das Blut ist ungenügend. Es kommt zu einer Akkumulation von Laktat im Pansen. Der Panseninhalt wird sehr sauer (pH < 5.5). Dies hat weitergehende gefährliche Konsequenzen:
- Der osmotische Druck im Pansen steigt stark an. Dadurch wird Wasser aus dem Blut in den Pansen getrieben und der Körper dehydriert (trocknet aus).
- Es kommt zu einer Entzündung der Pansenwand und Entzündungsmediatoren werden ausgeschüttet.
- Viele Pansenbakterien sterben ab und dabei werden Giftstoffe freigesetzt (Endotoxine).
- Die Resorption von viel Laktat führt zu einer Übersäuerung des Körpers (metabolischen Azidose).
Schlussendlich kommt die Kuh in einen lebensbedrohlichen Schockzustand.
Die subakute Pansenazidose (SAPA) ist eine Adaptationsstörung mit geringgradigen klinischen Erscheinungen einer Pansenazidose. Sie tritt insbesondere während dem Übergang von der Trockensteh- zur Laktationsration statt. Letztere enthält im Verhältnis zum strukturierten Futter deutlich mehr leicht verdauliche Kohlenhydrate.
Eine zweite Risikogruppe sind hochleistende Kühe auf dem Weg zum Laktationsgipfel. Im Zentrum steht dabei eine Überforderung des unangepassten Pansens, die vermehrt anfallenden Säuren, insbesondere Laktat, zu puffern (zu wenig Speichel), zu verarbeiten (zu wenig Laktat-verwertende Bakterien) oder zu resorbieren (zu kurze Pansenzotten). Der pH im Pansen sinkt auf Werte unter 5.8. Durch den erhöhten osmotischen Druck kommt es zu einer Verzehrsdepression, was die Wiederkauaktivität und somit die Pufferkapazität noch mehr herabsetzt. Folgen können sein eine Entzündung der Pansenwand und die Freisetzung von Giftstoffen durch das Absterben vieler Pansenbakterien.
Klinisch manifestiert sich eine SAPA durch eine wechselhafte Futteraufnahme, relativ dünnbreiigen, häufig hellen und mit Gasblasen durchsetzten Kot und mittelfristig durch einen erhöhten Anteil von Kühen mit einer chronischen Klauenrehe.
Eine chronisch latente Panzenazidose entwickelt sich aus einer langanhaltenden subakuten Pansenazidose. Dabei hat sich die Pansenflora an ein im Verhältnis zum strukturierten Futter zu hohes Angebot an leicht verdaulichen Kohlenhydraten adaptiert. Zusätzlich reguliert die Niere erfolgreich die metabolische Azidose. Der Pansen-pH kann leicht erniedrigt, im normalen Bereich legen oder sogar leichtgradig erhöht sein. Der Futterverzehr ist jedoch reduziert, die Milchleistung erniedrigt und die Anfälligkeit auf sogenannten Produktionskrankheiten ist erhöht. Da der Pansen aber nicht mehr im sauren Bereich liegt, spricht man nicht mehr von einer SAPA, sondern von einer Pansenfermentationsstörung.
Diagnostik
Diagnose beim Einzeltier
Akute Pansenazidose
Für die Diagnosestellung ist der Vorbericht sehr wichtig. Das Tier hatte mehrere Stunden Zugang zu Futtermitteln mit einem hohen Gehalt an schnell abbaubaren Kohlenhydraten wie beispielsweise Getreide oder Brot. Je nach Schweregrad der Azidose variieren die Symptome. Was mit einer verminderten Futteraufnahme (Inappetenz) beginnt, kann bis zum Festliegen oder dem Tod führen. Häufig zeigen die Tiere starken Durchfall. pH-Messungen im Urin können bei der Diagnose-Stellung helfen, pH-Messungen im Pansensaft (pH < 5) liefern den Beweis.
Die subakute Pansenazidose (SAPA) ist ein fütterungsbedingtes Bestandesproblem und daher ist eine Abklärung nur auf Bestandesebene sinnvoll.
SAPA - Diagnosestellung im Bestand
Bei der Abklärung einer SAPA kommen nach Wichtigkeit sortiert drei hierarchische Ebenen zur Anwendung. Da die direkte Messmethode (Messung des Pansen-pH) mit viel Aufwand verbunden ist und häufig nur unbefriedigende Resultate liefert, werden verschiedene Parameter herangezogen, welche Hinweise auf das Problem geben können (indirekte Methoden).
Von besonderer Bedeutung sind die Beurteilung der Milchinhaltsstoffe, die Bestimmung des Anteils der strukturierten Rohfaser in der Ration und die Berechnung der Kationen-Anionen-Differenz (DCAD) in der Ration.
Bei den Milchinhaltsstoffen steht der Fettgehalt im Vordergrund. Dabei dürfen nicht Einzeltiere, sondern nur Gruppen beurteilt werden. Niedrige Fettgehalte (< 3 %) können ein Indiz für SAPA sein. Der Fett-Eiweiss-Quotient scheint für diese Abklärung weniger geeignet zu sein (Oetzel).
Der Anteil der strukturierten Rohfaser kann mit der Schüttelbox abgeschätzt werden. Am besten eignet sich das Verfahren für totale Mischrationen (TMR), kann jedoch auch mit Einzelfuttermitteln angewendet werden.
Eine Abschätzung des Anteils an Strukturfutter in der Ration ist auch möglich über die Analyse der Rohfasermenge in der Ration unter Berücksichtigung der sog. Strukturwirksamkeit des betreffenden Futtermittels (sog. Struktur-Faktor).
Eine noch genauere Abschätzung der Strukturversorgung ermöglicht die Bestimmung der peNDF (physikalisch-effektiver Anteil der Zellwandbestandteile); dieser Wert ergibt sich aus den Ergebnissen der Separierung der Rationskomponenten mit Hilfe der Schüttelbox (oberes und mittleres Sieb), multipliziert mit der NDF-Konzentration, die mittels Analyse (sog. Van Soest-Verfahren) bestimmt wird.
Die Kationen-Anionen-Differenz berechnet sich nach der Formel KAD = (Na+ + K+) – (CL- + S2-). Der hohe Kaliumgehalt in den grasbasierten Rationen in der Schweiz führt in der Regel zu einem positiven Resultat. Dies bedeutet für die Kühe eine leichtgradige metabolische Alkalose.
Eine Pansenpunktion muss standardisiert (2 - 4 Std nach Hauptfütterung) und durch einen Tierarzt durchgeführt werden. Die Beprobung von einzelnen Tieren ist sinnlos. Es muss immer eine grössere Anzahl von Tieren untersucht werden, idealerweise 12 Tiere in der Frühlaktation. Aufgrund des hohen Aufwandes und den möglichen Komplikationen empfiehlt der Rindergesundheitsdienst diese Methode nicht.
An zweiter Stelle stehen die Bestimmung der Brutto-Säure-Basen-Ausscheidung (BSBA) im Harn, die Bestimmung des Harn-pH (bei gesunden Milchkühen 8 – 8.5) und die Bestimmung der Ca- und P-Konzentrationen im Harn. Hier gilt, dass bei Tieren mit einer Übersäuerung des Organismus die Calciumkonzentration im Harn deutlich ansteigt (> 3 mmol/L).
An letzter Stelle stehen allenfalls noch eine Blutgasanalyse und die Bestimmung von flüchtigen Fettsäuren und Laktat im Panseninhalt.
Pansenfermentationsstörung - Diagnosestellung im Bestand
Auch hier stehen indirekte Messmethoden im Vordergrund. Dies bedeutet mehr oder weniger eine Abklärung der Risikofaktoren. Dabei muss die Wichtigkeit (Hierarchie) der Faktoren berücksichtigt werden.
1. Strukturbewertung der Ration
- mit Hilfe der Schüttelbox
2. Bewertung der direkt pH-wirksamen Rationsbestandteile
- Berechnung der Kationen-Anionen-Differenz: KAD = (Na+ + K+) – (CL- + S2-)
- Beurteilung der Proteine in der Ration
- Verwendung von Pansenpuffern
3. Bewertung der indirekt pH-wirksamen Rationsbestandteile
- Anteil an Zucker und Stärke in der Ration
- Anteil an nicht-Faser-Kohlenhydrate total
4. Bewertung der Kuhsignale
- Wiederkauverhalten
5. Bewertung des Milchfettgehaltes
6. Bewertung der weiteren Erkrankungen und Abgänge
7. Pansensaftuntersuchung
8. Harnuntersuchung
Risikofaktoren/Ursachen
Im physiologisch funktionierenden Pansen muss jederzeit ein Gleichgewicht bestehen zwischen Produktion und Elimination der kurzkettigen Fettsäuren, die beim mikrobiellen Abbau von Kohlenhydraten entstehen. Für eine Störung des Gleichgewichtes können beide Seiten verantwortlich sein.
Faktoren, welche die Säureproduktion im Pansen steigern
- Hoher Anteil an leicht verdaulichen Kohlenhydraten in der Ration.
- Hoher Gehalt an pansenabbaubarer Stärke, Zucker und weiteren schnell abbaubaren Kohlenhydraten (als problematisch gelten Rationen mit > 25 % der TS aus Stärke und Zucker).
- Sehr hohe tägliche TS-Aufnahme.
- Sehr hohe TS-Aufnahmen werden nur erreicht, wenn viel leicht und schnell abbaubare Kohlenhydrate verfüttert werden (Kraftfutter).
- Bei niedrigem Pansen-pH wird vermehrt Laktat gegenüber den anderen kurzkettigen Fettsäuren (Acetat, Butyrat, Propionat) gebildet. Es entsteht ein „Teufelskreis“.
- Laktat hat eine deutlich niedrigere Säurekonstante (pKs-Wert von Laktat = 3.86, von Acetat = 4.76) und macht deshalb den Panseninhalt stärker sauer als die kurzkettigen Fettsäuren Acetat, Butyrat und Propionat.
- Bei einem Pansen-pH < 5.5 vermehren sich speziell die Lactobacillen
- dadurch wird die Laktatproduktion noch mehr angekurbelt und Laktat-verwertende Bakterien sterben im zu sauren Milieu ab.
Faktoren, welche die Säureelimination im Pansen reduzieren
- Ungenügende Pufferung durch den Speichel.
- Wenig Wiederkauen, weil es an strukturierter Rohfaser fehlt.
- Ungenügende Resorption der Säuren aufgrund von kleinen Pansenzotten oder einer Ruminitis (Entzündung der Pansenschleimhaut).
- Unangepasste Pansenwand nach schnellem Wechsel von zellulosereicher Ration zu einer stärke- oder zuckerreichen Ration.
- Ruminitis, beispielsweise durch eine Pansenazidose.
- Wenig Laktatverwerter in der Mikrobenpopulation bei unangepasster Pansenpopulation oder tiefem Pansen-pH.
- Zu starke pH-Schwankungen innerhalb des Tages.
- Zu grosse Einzelportionen an Kraftfutter (> 2 kg).
- Falsche Futtermittelreihenfolge (Kraftfutter vor Dürrfutter).
Prophylaxe
Im Zentrum der Prophylaxe steht eine optimale Gestaltung der Milchviehration. Insbesondere muss auf deren Strukturwirksamkeit geachtet werden.
Optimale Gestaltung der (TMR-) Ration
- 16-20 % Rohfaser (RF) in der Trockensubstanz (TS), davon mindestens 60% aus dem Raufutter.
- Schüttelbox: mindestens 60% (Gewichtsprozente der Frischsubstanz) in den oberen beiden Sieben, 10 % im obersten Sieb.
- Schüttelbox:
- peNDF>1.18 bei Frühlaktierenden > 31 %, andere > 28 %,
- peNDF>8 bei Frühlaktierenden > 22 %, andere > 18 %
- Vorsicht: peNDF bezeichnet zwei verschiedene Parameter ◦üblicherweise ist damit peNDF>1.18 gemeint: der NDF-Gehalt der TMR-Mischung wird multipliziert mit dem Anteil, welcher in den oberen 3 Sieben (Löcher mit 19, 8 und 1.18 mm Durchmesser) der 4-teiligen Schüttelbox liegen bleibt.
- peNDF>8 : der NDF-Gehalt der TMR-Mischung wird multipliziert mit dem Anteil, welcher in den oberen 2 Sieben (Löcher mit 19 und 8 mm Durchmesser) der 3-teiligen Schüttelbox liegen bleibt.
- Mindestens 400 g strukturierte RF/100 kg Lebendmasse (LM) (≈ 2.6 kg bei 650 kg LM).
- Strukturwirksame Rohfaser nach Hoffman: je nach Futtermittel, Vegetationsstadium und Zerkleinerungsgrad kommen unterschiedliche Faktoren zur Anwendung, welche mit dem Rohfasergehalt multipliziert werden.
- Mindestens 30 % NDF in der TS, davon 65 - 75 % aus dem Raufutter.
- Fettgehalt maximal 4 % in der TS (< 800 g bei 20 kg TS).
- Integriere während Phasen mit hoher Leistung Futtermittel mit hoher Pansenstabilität in die Ration (z. B. Maiskörner).
- Häcksellänge Maissilage > 6 mm; Häcksellänge Grashalme bei Grassilage > 20 mm (besser > 40 mm).
- Kraftfuttermenge bei Umstellung Galtration-Startphase (Transitphase) etappenweise anpassen (2 bis 3 Wochen vor bis 3 Wochen nach der Geburt).
- Bei konventioneller, separater Fütterung von Rau- und Kraftfutter das Raufutter immer zuerst anbieten.
- Futtermittel mit viel schnell abbaubaren Kohlenhydraten (Kraftfutter, Rüben, Kartoffeln) auf mehrere Gaben à 2 - 3 kg verteilen.
- Genügend Fressplätze (Kuh : Fressplatzverhältnis = 1 : 1) und ausreichend Zeit zur Futteraufnahme zur Verfügung stellen (mindestens 22 Std. / Tag).
- TMR-Rationen mit Sorgfalt zubereiten: gut mischen, aber nicht „musen“!
- Achte auf Entmischungen auf dem Futtertisch bzw. kontrolliere, ob die Kühe beim Fressen sortieren (v.a. möglich, wenn Futterstroh nicht oder zu lang gehäckselt wurde).
- Begrenze den Anteil von Maissilage in der Ration auf maximal 75 % bei laktierenden und auf 50 % bei trockenstehenden Kühen.
Therapie
Therapie beim Einzeltier bei einer akuten Pansenazidose
Sie richtet sich je nach Schweregrad der Krankheit. In allen Fällen ist das Absetzen des Kraftfutters und die Verfütterung von ausschliesslich gut strukturiertem Dürrfutter der erste Schritt. In einfachen Fällen kann diese Massnahme bereits genügen. Sogenannte Pansenpuffer können zusätzlich helfen, den physiologischen Pansen-pH wieder herzustellen. Am häufigsten wird dabei Natriumbicarbonat verwendet. Dabei muss man jedoch beachten, dass diese Substanz Basen enthält und es kann, wenn zuviel davon verwendet wird, zu einer Pansenalkalose kommen. In schwerwiegenden Fällen sind Infusionen notwendig. Dabei muss sehr viel Flüssigkeit substituiert werden. Vielfach ist die chirurgische Eröffnung des Pansens und Ausräumen des gesamten Panseninhalts der einzige Weg, um das Tier zu retten.
Therapie der subakuten Pansenazidose und Pansenfermentationsstörung
Eine Therapie im medizinischen Sinne gibt es nicht. Die Risikofaktoren müssen nach Möglichkeit eliminiert oder zumindest minimiert werden (siehe Diagnostik und Prophylaxe). Dies bedingt in der Regel eine Änderung im Management und/oder der Rationsgestaltung. Pansenpuffer sollten nur gezielt (einzelne Tiere, Tiergruppen) und vorübergehend eingesetzt werden. Bei Tieren, welche eigentlich keine Pansenpuffer benötigen (z. B. wenig Kraftfutter), kommt es sonst zu einer unnötigen Erhöhung des Pansen-pH. Pansenpuffer müssen als „Krücke“ betrachtet werden, welche man schnell wieder loswerden möchte.