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Geb.: 31.05.1962
Kinder: 1 Tochter
Schulen: KG bis 2. PS in der Schule Wollerau, weitere PS in der Taubstummen- und Sprachheilschule St. Gallen (heute Sprachheilschule St. Gallen)
Ausbildung: Metzger A
Interview von Ruth von Matt mit Daniel Mielsch vom 25.01.2020
Daniel, erzähl uns doch bitte von deinem Leben und wie das Hören und Nicht-Gut-Hören darin vorkommen.
Als ich 4 Jahre alt war, bemerkte meine Mutter, dass ich nicht gut hörte. Wenn sie mich draussen zum Essen rief, spielte ich weiter und hörte sie nicht. Auf Mutters Seite gibt es mehrere Familienmitglieder, die schwerhörig oder gehörlos sind. Wir haben herausgefunden, dass Frauen diese Schwerhörigkeit weitervererben. Unsere Tochter hört gut. Das freut uns.
Mein Vater versuchte, dass ich die Regelschule mit gut Hörenden absolvieren konnte. In der 2. Klasse aber war der Lehrer der Meinung, dass ich mehr Aufmerksamkeit benötige. So wurde ich mit meinem 1 Jahre jüngeren Bruder in die damals genannte Tabustummen und Sprachheilschule in St. Gallen eingeschult. Mein Bruder wechselte in ein Internat, das auch Sekundarstufen führte. Ich blieb in St. Gallen bis zur 8. Klasse. Eine Beratungsstelle unterstützte uns bei der Lehrstellensuche. 2 Berufe interessierten mich. In den Sommerferien durfte ich jeweils zu zwei Onkeln in die Ferien. Einer war Bauer, der andere Metzger. Diese Arbeiten gefielen mir. Der Berufsberater jedoch riet mir aufgrund von Tests, die er mit mir machte, dass ich Maler werden sollte. Er meinte, dass ich ein besonderes Auge für Farben habe. Beim Schnuppern verursachten mir die Dämpfe der Farben Schwindel und Übelkeit. Auch ein Abstecher ins Gartengewerbe machte mir klar, dass dies nicht die von mir gewünschte Arbeit war. Also blieben noch die Berufe Bauer und Metzger. Ich wurde gefragt, ob mein Vater einen Bauernhof besitze oder vermögend sei? Oder ob ich die Chance hätte, eine Bauerntochter zu heiraten? All dies musste ich verneinen, und so liess sich der Berufsberater auf die Idee der Metzgerausbildung ein. Ich besuchte das Fach Berufskunde in der Berufsschule mit all den anderen Metzgerlehrlingen in Weinfelden und das Fach Allgemeinbildung für Gehörlose in Oerlikon. Mein Lehrbetreib war klein. Der Lehrmeister meinte, dass ich die Abschlussprüfung nicht schaffe. Der Metzgerchef im Betrieb unterstützte mich mit Tipps und Theorie. Mein Ziel wäre gewesen, dass ich eine Note von 5.3 erhalten würde und damit die Ehrenmeldung. Ich schaffte die Prüfung mit 5.0. Ja, es stimmt. Das ist auch gut.
Arbeitest du jetzt als Metzger?
Nein, jetzt nicht mehr. Als ich die Lehre abgeschlossen hatte, blieb ich noch 2 Jahre im Lehrbetrieb in Adorf und wollte meine Stellung verbessern. Ich wollte andere Erfahrungen machen und nahm den Stellenanzeiger der Metzgerzeitung, kreiste mit dem Finger und geschlossenen Augen darüber, und zack: Das wurde meine Stelle. So landete ich in Sarnen und bezog anfänglich ein Zimmer oberhalb der Metzgerei. Da ich dort niemanden kannte, ging ich jedes Wochenende heim. Dankbar war ich der Ladentochter, die mich ab und zu in den Ausgang mitnahm. In ihrem Kollegenkreis traf ich einen, der ebenfalls gerne Töff fuhr und Mitglied des Motorradclubs Emmenbrücke war. Dies motivierte mich, da auch mitzumachen. So ging ich dann nur noch alle 2-4 Wochen heim. Der Chef hat mir zu Beginn versprochen, dass ich nach und nach selbständige und anspruchsvollere Arbeiten, wie das Wursten, machen könne. Mit der Zeit musste ich mir eingestehen, dass es nie dazu kommen würde. Der Chef hat diese Arbeiten auch gern selber gemacht. So trat ich eine Stelle in Luzern an. Die Lehrlinge dort konnten die schöneren Arbeiten verrichten, als ich es tun durfte. Nach 4 Monaten wechselte ich die Stelle wieder. So ging das mehr oder weniger weiter mit Unterforderung und nicht ernst genommen werden.
Im Motorradclub war ein gelernter Bäcker, der in der Firma Pistor arbeitete. Er erzählte mir, dass sie immer Mitarbeiter suchen würden. Ich wurde zu einem ersten Treffen eingeladen und war überwältigt von der riesigen Lagerhalle. Ich durfte dann in der Rüsterei arbeiten. Dort stellt man die Kundenbestellungen zusammen. Als Metzger war ich es gewohnt, dass ich jeden Tag eine andere Arbeit vor mir hatte. Die Eintönigkeit der Rüsterei machte mir zu schaffen. Ich musste mich fragen, was ich denn genau wollte. Abwechslung oder Freizeit waren mir wichtig. Und ich biss mich durch. Als dann ein Staplerfahrer gesucht wurde, meldete ich mich sofort. Von da an arbeitete ich in verschiedenen Bereichen und bin nun schon 30 Jahre im Betrieb. Jetzt bin ich im Kleincolilager/Verdichten tätig und stellvertretender Schichtleiter.
Du bist gern unter Menschen?
Ich bin eher ein Einzelgänger und ein ruhiger Typ.
Ich dachte es, weil du vom Töffclub erzählt hast. Bist du noch immer dort dabei?
Nein. Mein damaliger Kollege, der mich für die Arbeit in der Pistor AG ermutigt hat, erlitt einen tödlichen Töffunfall. Der war 36 Jahre alt. Er hatte 2 Kinder, wovon das jüngste um die 2 Jahre alt war. Dieser Kollege hat mir seiner Zeit sogar eine Wohnung vermittelt. An einem Freitagabend half er mir einen Rasenteppich verlegen und erzählte, dass er am Wochenende auf eine Töfffahrt nach Österreich gehen wolle. Am Sonntagmorgen war seine Frau vor unserer Tür mit den zwei Kindern und sagte: » Erwin kommt nicht mehr». «Was nicht mehr?» erwiderte ich. Sie erzählte vom Töffunfall, und ich glaubte es nicht. Ich konnte es nicht fassen. Erst im Aufbahrungsraum wurde mir klar, dass sein Wegbleiben für immer ist.
Und dann kam Noemi zur Welt. Ich hörte mit dem Töfffahren auf. Jeannette, meine Frau, sah, dass ein Bauernhaus im Leidenberg in Oberkirch zur Miete ausgeschrieben war. Nach einer kurvenreichen Fahrt standen wir vor dem Häuschen, und ich sagte: «Das kannst du vergessen. Das ist so abgelegen hier.» Ich wollte schon wieder umkehren und liess mich trotzdem zu einer Besichtigung überreden. Ein Kleinbauer mit ungefähr 6 Mutterkühen begrüsste uns. Als wir uns unverbindlich verabschieden wollten, fragte Noemi: «Mami, wann zügeln wir»? So überlegten wir uns nochmals die Vor- und Nachteile und so zügelten wir. Die Ruhe und die Sicht auf das Alpenpanorama waren wie in den Ferien sein. Ich blühte richtig auf und wurde fast so was wie ein Bauer. Ich vertrat den Bauern während seiner Ferien. Das war eine schöne Zeit.
Noemi kam dann in den Kindergarten und wir zügelten schlussendlich ins Dorf von Oberkirch. Das ist schon lustig. Zuerst wollte ich nicht so abgelegen wohnen und dann wollte ich nicht wieder vom Berg runter. Jeannette begann in der Calida als Reinigungskraft zu arbeiten. Und wir sind nun mittlerweile schon 16 Jahre in Oberkirch.
Jeannette, deine Frau, hat erzählt, dass du in Vereinen aktiv bist?
In der Pistor haben wir einen Sport- und Freizeitclub. Da mache ich mit, wenn es passt. Zum Beispiel ein Skiweekend oder Wandern interessieren mich schon. Ich bin auch als Treiber bei der Jagdgesellschaft Geuensee-Büron unterwegs. Im Treffpunkt Hörbehinderter Luzern habe ich seit 2018 die Leitung übernommen. Seit 2019 bin ich Mitglied des Vereins pro audito sursee.
Wenn du 3 Wörter hättest, um dich zu beschreiben, welche wären das?
Ich bin ruhig, ein Familienmensch und auch ein gesellig gemütlicher Mensch.
Guter Beobachter
Wenn ich während des Gesprächs Notizen mache, hört Daniel auf zu sprechen. Erst wenn ich ihn wieder ansehe, redet er weiter. Es ist Daniel wichtig, richtig verstanden zu werden. Als guter Beobachter erkennt er schnell, ob jemand dem Gespräch folgt.
Daniel hat mit seinem Töffkollegen, so wie seine Frau mit ihrem Lehrer, eine Schlüsselperson getroffen, die ihn ernst nahm und förderte. Die Suche nach dem für ihn passenden Arbeitsplatz und das Anerkennen seiner eigenen Bedürfnisse waren für Daniel eine Herausforderung, die es zu meistern galt. Und er hats geschafft. Daniel ist anerkannt und geschätzt. In Gedanken überreiche ich Daniel die bestens verdiente Ehrenmeldung.