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Here i go again on my own
von Sarah Stutte
An der diesjährigen Oscarverleihung sahnte “The Fighter” gleich in zwei aussagekräftigen Kategorien ab: Melissa Leo bekam eine Trophäe als beste Nebendarstellerin. Christian Bale wurde für seine Performance als bester Nebendarsteller geehrt. Kein Zweifel, dass diese Auszeichnungen berechtigt waren: Denn David O. Russels Boxerdrama lebt vor allem von seinen grandiosen Schauspielern.
Einst war Boxer Dicky Eklund (Christian Bale) der Stolz von Lowell, Massachusetts. 1978 schickte er den damaligen Weltergewichts-Weltmeister Sugar Ray Leonard (der sich im Film selbst spielt) auf die Bretter, der Ringrichter entschied jedoch, dass nicht Eklunds Hieb, sondern Leonards Stolpern zu dessen Sturz führte. Dicky liess sich nicht entmutigen und holte sich fünf Jahre später einen regionalen Championtitel im Weltergewicht. Inzwischen sind die 90er angebrochen, der ehemalige Profisportler ist cracksüchtig, doch von den goldenen Zeiten zehrt er immer noch und kündet lautstark seine Rückkehr in den Ring an. Zusammen mit Stiefmutter und Managerin Alice (Melissa Leo) will er zugleich die Box-Karriere seines Halbbruders Mickey Ward (Mark Wahlberg) fördern. Dann aber dreht der US-Fernsehsender HBO eine Dokumentation über Cracksüchtige in Amerika (1995 unter dem Titel “High on Crack Street: Lost Lives in Lowell” tatsächlich ausgestrahlt). Als Dicky darin porträtiert wird, nimmt er an, dass sein Comeback zum Greifen nah ist. Fortan sind Dicky und Alice nur noch auf seine eigene Karriere konzentriert und das Projekt Mickey rückt in den Hintergrund. Halbpatzig werden dem kleinen Bruder miese Kämpfe zugeschoben, bei denen dieser von vornherein keine Chance hat und noch dazu aufs Übelste verprügelt wird. Mickey zieht, unterstützt von seiner neuen Freundin Charlene (Amy Adams), die Konsequenzen und trennt sich beruflich von Mutter und Bruder. Sportlich geht es für ihn damit bergauf, doch der sensible Mickey merkt schnell, dass seine Familie ihm in seinem neuen, eigenständigen Leben fehlt…
Geschichten, die das Leben schreibt, sind in Hollywood überaus beliebt. Umso mehr, wenn sie, wie dieses Biopic, so typischen Underdog-Stoff bieten: Zwei ungleiche Brüder aus einer White Trash-Familie erkämpfen sich beide für sie bedeutsame, fürs grosse Boxgeschäft aber kleine Titel.
Aus einer solchen Vorgabe werden oft pathetische Sportlerdramen geschmiedet, in denen die Helden am Filmende unter frenetischem Jubel minutenlang ihren Sieg feiern. Zwar gibt es aufgrund realer Begebenheiten auch in The Fighter ein absehbares Happy End, doch fällt dieses angenehmerweise sehr viel unspektakulärer und aufrichtiger aus als in vergleichbaren Filmen. Dies mag auch daran liegen, dass man hier nur sekundär einen Boxerfilm vor sich hat. Wie schon in seinen früheren Werken Spanking the Monkey (1994) oder Flirting with Disaster (1996) erzählt Regisseur David O. Russell im Grunde die Geschichte einer anstrengenden Familie – und davon, wie man sich von ihr abnabelt. Den dramatischen Elementen des Films, wie zum Beispiel Dickys Cracksucht, gibt Russel gerade soviel Raum wie nötig. Probleme werden damit nicht überthematisiert, sind nicht mehr als Teil des Ganzen und vermögen trotzdem zu berühren. Daneben wird die Schwere wiederkehrend durch stimmige Musikuntermalung (u.a. Whitesnake) und komödiantische Einflüsse aufgelockert. Köstlich sind die Szenen, in denen Dicky vor seiner Mutter flüchtet und durch das Fenster des Crackhauses direkt in die Mülltonne springt. Oder die herrlich überzeichnete Prügelattacke von Mickeys sechs Flodder-Schwestern auf die nicht minder durchgeknallte Charlene. Überhaupt sind die Figuren so wunderbar schräg, dass man sie, trotz all ihrer überdeutlichen Makel, sofort ins Herz schliesst. Vielleicht auch, weil man als Zuschauer merkt, dass Russel sie nahe an der Wirklichkeit zeichnet, ohne sie offenkundig blosszustellen.
Dass der Regisseur für diese extremen Figuren die passenden Schauspieler fand, ist als Glücksfall zu sehen. Denn ohne das glänzende Cast wäre The Fighter womöglich ein nur halb so guter Streifen geworden. Nach einer ähnlichen Rolle in The Machinist spielt Christian Bale als süchtiger Makerhaken abermals an der gesundheitlichen Schmerzgrenze und ist ein absolutes Erlebnis. Bale kommt (wie im Abspann ansatzweise zu erkennen ist) dem Original mit einer Mischung aus abgewracktem, hyperaktivem und nervösem Platzhirschgehabe, seinem Wahnwitz und dem slangigen Geplapper sowie den traurigen, leeren Augen sehr nahe. Auch Melissa Leo ist als energiegeladene White-Trash Mama mit hochtoupierten Haaren und Kippe eine wahre Wonne. Dass der schüchterne Mickey neben diesen grundguten, doch extrovertierten und nervigen Duracel-Familienmitgliedern verloren wirkt, liegt auf der Hand. Auch ein Mark Wahlberg hätte, angesichts dieser schauspielerischen Wucht und seiner eher begrenzt darstellerischen Fähigkeiten, hier einen schweren Stand. Doch erstaunlicherweise macht sich Wahlbergs gemächliches Spiel für einmal bezahlt, fügt sich harmonisch ins Gesamtbild ein und hat eine beruhigende Wirkung auf die Handlung. Mehr noch: Man nimmt Wahlberg (der den Film auch mitproduzierte) den stillen Kerl, der von seiner Familie nicht ernst genommen wird und sich erst Gehör verschaffen muss, ohne einen Anflug von Zweifel ab. Auch Amy Adams und Jack McGee in der Rolle von Mickeys Vater fügen sich mit ihrer grossartigen Performance nahtlos in diese aussergewöhnlich gute Schauspielriege ein.
Ursprünglich sollte Darren Aronofsky hier die Regie übernehmen, widmete sich dann aber seinem Herzensprojekt Black Swan. Trotz seines Absprungs erinnert The Fighter mit seiner unprätentiösen Geschichte, Herangehensweise und Optik eher an ein Werk wie The Wrestler als an Rocky oder Ali. Das ist den Boxszenen aber nicht abträglich, sondern verleiht ihnen höhere Glaubwürdigkeit. Als packende Charakterstudie ist The Fighter darüber hinaus überaus unterhaltsam und anrührend. Ein Feuerwerk der Schauspielkunst, das eine Würdigung verdient.
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The Fighter (2010)
Originaltitel: –
Land: USA
Regie: David O. Russell
Drehbuch: Scott Silver, Paul Tamasy, u.a.
Schauspieler: Christian Bale, Mark Wahlberg, Amy Adams, Melissa Leo, Robert Wahlberg, Dendrie Taylor, Jack McGee, Jenna Lamia, Salvatore Santone, u.a.
Musik: Michael Brook
Laufzeit: 116 Minuten
Start CH: 31.03.2011
Verleih: Pathé Films
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©Pathé Films
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