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Heimatlos
Katharina Achermann
Ältere, allein lebende Ausländer sind oft heimatlos und leben unbemerkt an der Armutsgrenze.
Da ist ein älterer, kleiner Mann, wir nennen ihn nun Louis (Pseudonym), mit der für ihn typischen warmen Halsschleife. Er sucht nach Verwertbarem für seinen Garten und Haushalt, manchmal schaut er auch nach Kleidern. Monatelang ist es kalt bei uns, und er muss sich, weil auch seine Wohnung schlecht geheizt ist, dick einmummen. In unserer von Wohlstand verwöhnten Wegwerfgesellschaft findet sich noch einiges an Brauchbarem, wenn man gezielt und oft nach „Trouvaillen“ Ausschau hält.
Schwierige Integration
Louis, ein Südländer, kam vor vielen Jahren, um Arbeit zu finden, zuerst nach Deutschland, dann in die Schweiz. Hier arbeitete er und hier lebt er seit Jahrzehnten. Eine Familie hatte er auch, nun ist er allein. Richtig daheim ist er hier nicht. Unsere Sprache versteht er zwar ein wenig, aber sprechen fällt ihm schwer. Er unterhält sich lieber in seiner Muttersprache. Louis entspricht nicht dem Bild des gesprächigen, temperamentvollen Südländers. In der langen Zeit seines Aufenthaltes hat er sich verschiedenen schweizerischen Eigenschaften angepasst, und Sorgen scheinen ihn zu drücken. Ein Teil seiner Familie, auch seine betagte Mutter, wohnt weit entfernt im Stiefel unseres Nachbarlandes. Auch die Tochter wohnt seit ihrer Heirat wieder im Süden. Wenn es die finanziellen Verhältnisse erlauben, fährt Louis manchmal zu seinen Verwandten. Er fühlt sich seiner Heimat verbunden, aber zuhause fühlt er sich auch dort nicht mehr. Zu lange war er weg. Eine gute Integration in der Schweiz kann mit mangelnden Sprachkenntnissen und finanziellen Sorgen in dem hier vorherrschenden, auf Ausschluss bedachten gesellschaftlichen Klima leider nicht recht gelingen. Armut verhindert eine Teilnahme an den gesellschaftlichen Aktivitäten. Louis würde sich öffentlich nicht als arm bezeichnen.
Finanznöte erzwingen Einsparungen
Nach jahrzehntelanger Arbeit wurde Louis in fortgeschrittenem Alter arbeitslos. Vorübergehend konnte er zu einem Niedriglohn an einem Arbeitslosenprojekt teilnehmen. Er arbei-tete in der Küche und half beim Putzen. Obwohl er sehr bescheiden lebt, brachte ihn diese Lebenssituation in finanzielle Bedrängnis; Wohnungsmiete und Arztrechnungen mussten bezahlt werden. Heute bekommt Louis eine kleine AHV-Rente und Ergänzungsleistungen. Das schmale Budget erlaubt keine Sonderausgaben: Eine teure Zahnarztrechnung macht ihm das Leben schwer. Er erwog sogar, die ebenfalls erhöhten Heiz- und Nebenkosten für seine Wohnung nicht mehr zu bezahlen. Seine Bemühungen, Heizgeld zu sparen und auf Sparflamme zu leben, haben wenig gebracht. Weniger Geld verbrauchen als wenig, ist nicht möglich. Er hätte eine Kündigung und einen Rauswurf in Kauf genommen. Diese Sorge ist er nun los; die Kündigung der Wohnung hat er aus einem andern Grund erhal-ten. Das alte Haus muss einer Überbauung weichen und wird abgerissen werden. Aber Louis muss in fortgeschrittenem Alter mit seinen bescheidenen Finanzen und Sprachkenntnissen eine bezahlbare Wohnung finden. Das macht Angst.