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Darf Simon Ammann nicht an die Winterspiele nach Vancouver? Genau dazu könnte die sture Haltung des IOK bei der Zulassung der Skispringerinnen führen.
«Es hätten die ersten Spiele in der olympischen Geschichte werden können, bei denen endlich Gleichberechtigung herrscht,» kommentiert Victor Method den Entscheid des Olympischen Komitees (IOK), bei den Winterspielen 2010 in Vancouver Skispringen als einzige Disziplin nur für Männer zuzulassen. Method ist Vizepräsident des US-Skispringerinnenverbandes. Schon im Vorfeld der Spiele 2006 in Turin hatte sich die Organisation dafür ins Zeug gelegt, ihr Team - das zu den besten der Welt gehört - an die Spiele zu bringen. Doch vergeblich: Statt den Weltklasseathletinnen Lindsey Van und Alissa Johnson vertraten nur die erfolglosen US-Männer ihre Nation. Der beste Einzelteilnehmer beendete den Wettbewerb auf dem 40. Platz, das US-Team wurde 14. von 16 - direkt hinter Südkorea und Kasachstan.
Das IOK mauert
Öl ins Feuer der Auseinandersetzung goss damals noch der Schweizer Gian-Franco Kasper, Präsident des Weltskiverbandes FIS, als er in einem Bericht des US-TV-Kanals ABC am Vorabend der Spiele bemerkte, Skispringen sei ohnehin ein Sport, bei dem «man sich überlegen muss, inwiefern er für Frauen angemessen sei». Kasper hatte in einem Vortrag am Nordic Forum im hessischen Willingen erläutert, dass die Wucht des Aufsprungs die Gebärmutter platzen lassen könnte. Der Aufschrei im für Gleichstellungsfragen sensiblen Nordamerika war gross. Kasper musste sich von der Aussage distanzieren, und auch die FIS als Ganzes dachte um: Für die Spiele 2010 empfahl der Verband dem IOK mit 114:1 Stimmen, die Skispringerinnen endlich zuzulassen. Die Gegenstimme stammte von der Schweizer Delegierten.
Doch das IOK mauerte: «Mit zu wenigen Athletinnen, die diesen Sport betreiben, und mit erst einer einzigen ausgetragenen Weltmeisterschaft so kurz vor den Spielen erfüllt Frauenskispringen die notwendigen Kriterien nicht und verdient noch keinen Platz an der Seite der anderen olympischen Wettbewerbe», wiederholt IOK-Sprecherin Emmanuelle Moreau auf Anfrage die gleiche Begründung wie vor vier Jahren.
Deedee Corradini war Bürgermeisterin von Salt Lake City, als es 2002 die Winterspiele austrug, und ist heute Präsidentin des US-Skispringerinnenverbands. Sie hält dagegen: «Das IOK hat falsche Zahlen. Als das IOK das letzte Mal abstimmte, gab es 83 Skispringerinnen aus vierzehn Nationen, im Skicross dagegen nur 34 Athletinnen aus zehn Nationen.» Skicross wurde für 2006 als olympische Disziplin zugelassen - Corradini mutmasst, weil dieser Trendsport ein junges, neues Publikum anziehen würde. «Es gibt inzwischen 150 aktive Springerinnen aus 17 Ländern, und trotzdem dürfen sie nicht teilnehmen. Das ist Diskriminierung und widerspricht der olympischen Charta.»
Auch Gary Furrer, Disziplinenchef Skispringen bei Swiss Ski, ist überrascht: «Wir dachten, nach so einer klaren Entscheidung des FIS wäre das eine Formsache.» Und: «Vielleicht gibt es andere, sportpolitische Gründe.» Diesen forschte die deutsche Sportwissenschaftlerin Annette Hofmann nach: «Skispringen ist eine Sportart, in der typisch männliche Symbole wie Freiheit, Mut und die Einnahme von Raum inszeniert werden», erklärt sie der WOZ. «Wie würde denn das aussehen, wenn die Männer plötzlich durch springende Frauen ersetzt werden?» Und es sei auch möglich, dass die Männer Angst davor hätten, im Kampf um die in diesem Nischensport besonders begrenzten Sponsorengelder den Kürzeren zu ziehen. Tatsächlich hielt bis Ende Januar eine Frau den Rekord auf der olympischen Schanze in Vancouver - die US-Amerikanerin Lindsey Van.
Alle oder niemand
Hofmann ist eine von zehn Klägerinnen, welche die Sache der Skispringerinnen vor dem obersten Gerichtshof der kanadischen Provinz British Columbia vertreten werden. Ihre Klage richtet sich insbesondere gegen die Verwendung von öffentlichen Geldern für eine Aktivität, von der Frauen ausgeschlossen werden - nach kanadischen Gesetzen ist dies verboten. Die Sprecherin der Klage, Deborah Folka, gibt sich siegessicher: «Man sagt uns, das IOK sei nervös. Die kümmern sich zwar nicht um schlechte Publicity, das haben wir in Peking gesehen. Aber hier haben wir es mit einem Gerichtsprozess im Austragungsland zu tun: Die Richter können die Veranstalter in Vancouver zwingen, die Frauen zuzulassen - oder die Männer aus den Spielen zu werfen. Alles oder nichts.»
Anita DeFrantz, Präsidentin der IOK-Kommission für Frauen und Sport, ist sich da nicht so sicher. Die rechtlichen Grundlagen seien kompliziert, und die Zuständigkeiten seien nicht so einfach zu klären. Doch DeFrantz sieht eine viel elegantere Möglichkeit: Ab Freitag dieser Woche nehmen die Skispringerinnen an der FIS-Weltmeisterschaft im tschechischen Liberec teil. Danach könnte das Exekutivkomitee des IOK erklären, es hätte die Qualität der Springerinnen erkannt - und seinen Entscheid revidieren. «Da ist noch genügend Zeit bis zu den Spielen», sagt die Amerikanerin, «und das IOK würde sich damit zum Helden in der Sache der Frau und der Fairness machen. Es müsste nur einmal seine Meinung ändern.» Verglichen mit dem Imageschaden für die Spiele, falls das Gericht am 20. April den Skispringerinnen recht gibt, klingt das nach wenig. Und nicht nur Simon Ammann hätte seine Freude daran, in Vancouver springen zu dürfen.