Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03528.jsonl.gz/1606

Copyright Nikita Fedosik.
Iryna Herasimovich lebt im Übersetzerhaus Looren im Exil. Vielleicht sind Sie ihr schon im Dorf begegnet. Lernen Sie sie hier etwas näher kennen.
Woher kommst du?
Ich komme aus Belarus, einem Land, das im deutschsprachigen Raum immer noch sehr wenig bekannt ist. Jahrzehntelang war es der berüchtigte “weiße Fleck auf der europäischen Landkarte”. Jahrzehntelang musste ich erklären, was das für ein Land ist.
In Belarus bin ich mit drei Orten verbunden: Minsk, wo ich geboren wurde, studiert und bis vor Kurzem gelebt habe. Die zwei weiteren Orte sind Gorki, eine Universitätsstadt im Osten des Landes, wo meine Eltern wohnen, und Varapaeva, ein Ort im Nordwesten des Landes. In diesem Dorf bin ich aufgewachsen. Wenn ich an meine Herkunft denke, muss ich immer auch an die sprachliche Situation denken, die mich sehr geprägt hat. Ich habe sehr früh gelernt, was es bedeutet, wenn eine Sprache nicht neutral ist, sondern ganz viele gesellschaftliche und politische Bedeutungen hat. Der nordwestliche Dialekt des Belarussischen, der in Varapaeva gesprochen wird, ist meine erste Muttersprache. Ich wurde russischsprachig eingeschult. In meiner Kindheit in der Sowjetunion war Russisch eine Prestige-Sprache und Belarussisch eher verpönt. Wenn man Dialekt sprach und in die Stadt kam, musste man sich für die Art, wie man spricht, schämen. Hochbelarussisch spielte sehr lange eine eher symbolische Rolle, war eher dekorativ und wurde zum Beispiel im Kulturbetrieb oder im Fernsehen gesprochen. Gleichzeitig war sie in der „Wendezeit“ (Ende der Sowjetunion) die Sprache der antisowjetischen Bewegung und später die Sprache der Opposition. Jetzt wird Belarussisch immer populärer, vor allem unter jungen Menschen. In den letzten Jahren verstärkt sich dies, als Zeichen der Distanz zu Russland. Die sprachliche Situation hat mich sehr in meiner Arbeit als Übersetzerin geprägt. Ich übersetze ins Belarussische, unter anderem, weil ich dieser Sprache zum Weiterleben verhelfen will. Ich benutze in meinen Texten immer wieder Wörter und Wendungen aus dem Dialekt, weil ich Wörter aus meiner Kindheit in die literarische Tradition einführen will.
Was machst du beruflich?
Ich bin vor allem Literaturübersetzerin. Seit 2007 bin ich in diesem Bereich tätig. Über das Übersetzen bin ich auch mit der Schweiz und mit dem Übersetzerhaus Looren verbunden, weil ich schon einige Schweizer Autor:innen übersetzt habe, wie zum Beispiel Lukas Bärfuss, Franz Hohler, Ilma Rakusa, Jonas Lüscher oder Nora Gomringer.
Die anderen Tätigkeiten, wie Kulturvermittlung oder Publizistik, ergeben sich aus meiner übersetzerischen Arbeit. Wenn man in zwei Kulturräumen unterwegs ist, beginnt man irgendwann natürlicherweise, die Kulturräume füreinander zu erklären, auszulegen. Ich glaube, ich habe auch in meinem Schreiben eine übersetzerische Haltung: Ich übersetze zum Beispiel für den deutschsprachigen Raum, was ich in Belarus oder als Belarussin in der Schweiz sehe und erlebe.
Derzeit bin ich am Slavischen Seminar der Universität Zürich tätig. Auch da geht es oft um mein Heimatland. Aktuell arbeite ich am Belarussisch-Kolloquium mit, einem Gemeinschaftsprojekt des Slavischen Seminars und des Übersetzerhauses Looren. Da geht es darum, mehr Übersetzer:innen fürs Belarussische zu interessieren. Vielleicht gelingt es uns, einen Beitrag dazu zu leisten, dass mehr belarussische Bücher im deutschsprachigen Raum ankommen. Bis heute sind das nur einzelne Übersetzungen.
Meine Forschungsarbeit, (ich forsche zu der Rezeption von Büchners „Woyzeck“ in Osteuropa), ist auch aus meiner Arbeit als Übersetzerin hervorgegangen: Ich habe selbst “Woyzeck” übersetzt, die Aufführung wurde noch 2017 vom Spielplan abgesetzt. Und mich hat es sehr interessiert, welcher Sprengstoff in diesem Werk ist, der auch heute noch eine solch starke Wirkung entfalten kann.
Seit wann bist du in der Schweiz?
Seit dem 10. Mai 2021.
Warum kannst du aktuell nicht in dein Land zurückreisen?
Das ist keine einfache Frage. Die autoritären bzw. diktatorischen Systeme zeichnen sich dadurch aus, dass man keine genauen Regeln hat. Ich weiss nicht, ob ich in mein Land zurückreisen kann oder nicht. Ich habe kein offizielles Einreiseverbot. Da ich aber die Ereignisse nach den gefälschten Präsidentschaftswahlen 2020 aktiv kommentiert habe (beziehungsweise als Übersetzerin vermittelt und erklärt habe), habe ich Angst, dass ich verhaftet werden könnte. Und diese Angst ist nicht unbegründet, weil es viele gibt, die zum Beispiel für Kommentare oder Posts auf Facebook verhaftet worden sind. Manchmal wurden die Menschen auf dem Flughafen festgenommen. Das ist das Bild, das mir Angst macht. Ich komme an und werde verhaftet. Heutzutage ist es auch schwer, nach Belarus zu reisen: Die Flugzeuge fliegen nicht (wegen des Flugverbots wegen der erzwungenen Flugzeuglandung mit dem Blogger Roman Protassewitsch an Bord). Der Krieg in der Ukraine macht die ganze Situation noch schmerzhafter. Wie mein guter Freund, der Schriftsteller Artur Klinau, sagt, ist Belarus in dieser Situation eine Geisel von Russland. Wie die Situation sich entwickelt und welche Gefahren noch entstehen, ist im Moment sehr unübersichtlich. Auch deswegen habe ich Angst, zurückzugehen.
Ausserdem wurde in den letzten anderthalb Jahren, seit den Präsidentschaftswahlen, die Kulturszene konsequent vernichtet. Die Szene, in der ich gearbeitet habe, gibt es so gar nicht mehr. Ich hätte in Belarus keinen Raum, in dem ich arbeiten könnte.
Wie sieht dein Alltag im Moment aus?
Mein Alltag sieht nicht viel anders aus als in Belarus. Darin finde ich einen gewissen Trost: Ich mache immer noch das Gleiche. Jetzt habe ich aber mehr Möglichkeiten, ich erfahre hier die Unterstützung von Mitstreitern, die ich in Belarus so gar nicht kannte, ich meine sowohl die Universität Zürich, als auch das Übersetzerhaus und meine Schweizer Freunde. Ich fühle mich hier sehr willkommen, auch mit den Belarus bezogenen Themen. Ich versuche, die Möglichkeiten aufzugreifen, die sich mir hier eröffnen. Ich schreibe viel und halte Vorträge über Belarus, seine Kultur, Gesellschaft und Politik. Der “Alltag” gestaltet sich unterschiedlich, je nach den Aufgaben, die ich auf dem Tisch habe. Die Selbstbestimmung bei der Arbeit war mir schon immer sehr wichtig. Ich habe auch jetzt viele Freiräume, um meine Arbeit selbst zu gestalten. Ich muss aber sehr auf mich achten, sensibel sein, weil das keine alltägliche Situation ist, eher ein Ausnahmezustand. Eigentlich habe ich keine Routine. Stellen Sie sich vor: Sie sind plötzlich in einem anderen Land, ohne Vorbereitung, ohne grosses Nachdenken, ohne Übergang. Das ist an sich schon eine grosse Arbeit. Um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, muss man sehr sensibel mit der Situation umgehen. Das versuche ich. Manchmal gelingt es mir besser, manchmal schlechter, aber ich versuche es.
Mit dem Wort “Exil” konnte ich mich lange nicht anfreunden. Einerseits will ich nicht in die Schublade gezwungen werden, eine Exilautorin zu sein, andererseits heisst dieser Zustand eben so. Mittlerweile gebrauche ich das Wort auch selbst, achte aber sehr darauf, dass ich nicht auf diese eine Eigenschaft, Exilantin zu sein, reduziert werde. Wir Menschen sind nie nur eines, wir haben sehr viele Dimensionen, im Exil wird es noch deutlicher.
Was bedeutet es für dich, im Exil zu sein und welche Perspektiven hast du?
Exil ist eine Herausforderung und eine grosse Chance zugleich. Es macht vieles sichtbar: In den Menschen, in den Kulturen, in mir selbst. Ich glaube, die Frage nach der Bedeutung des Exils kann ich erst später beantwortet, nachdem ich sehe, was es aus mir gemacht hat. Ich lerne mich in diesem Zustand neu kennen.
Über Perspektiven zu sprechen, fällt mir gar nicht leicht. Es ist zu vieles ungewiss. Hätte mir jemand genau vor einem Jahr gesagt, ich würde in einem Jahr in der Schweiz leben, hätte ich es nicht geglaubt. Unter anderem an diesem kleinen Beispiel habe ich gelernt, dass die Realität unsere Vorstellungen von ihr bricht. Ich versuche auf das Hier und Jetzt zu antworten. Über Perspektiven nachzudenken, ist für mich im Moment eine zu schwierige Aufgabe.
Wie nimmst du deine Umgebung, speziell Wernetshausen, wahr?
Ich kenne das Übersetzerhaus Looren und Wernetshausen seit 2014 und fühle mich mit dem Haus verbunden. Es ist kein Zufall, dass ich in diesen schweren Zeiten gerade hier Zuflucht gefunden habe. Wernetshausen ist eindeutig „mein Ort“, ich meine damit, ein Ort auf der Welt, mit dem ich verbunden bin. Ich geniesse die Umgebung sehr, ich mag die langen Spaziergänge, die phantastische Aussicht, die Ruhe, die Natur und die guten Lebensmittel aus dem Dorfladen. Die Joghurts von der Sennerei Bachtel sind immer in meinem Kühlschrank und den Perry Schaumwein vom Hof Looren nehme ich sehr gern als Gastgeschenk mit. Das alles gehört zu der hohen Lebensqualität. Das hilft mir unter anderem, diese unsicheren Zeiten zu überstehen. Aber gleichzeitig bin ich ständig in meinen Gedanken in verschiedenen Realitäten: Die Bilder aus dem Krieg in der Ukraine, die Sorge um die Verwandten und Freude in Belarus – das trage ich immer mit durch diese wunderschönen Landschaften.