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Paloma wird uns wegen eines Problems vorgestellt, welches sie schon etliche Jahre beeinträchtigt: Immer wieder zeigt der Hund Episoden mit lähmungsartigen Zuständen und grummelnden Därmen. Die Besitzerin hat den Eindruck, dass der Hund Bauchschmerzen hat, weil er in diesen Phasen auch häufig Gras frisst. Vor vier Jahren wurde in einer anderen Praxis eine Nebennierenunterfunktion vermutet; seither erhält Paloma ein entsprechendes Medikament. Leider hat die Behandlung aber bisher nicht zum gewünschten Erfolg geführt - im Gegenteil, die Anfälle erfolgen inzwischen mehrmals wöchentlich und können bis zu einer halben Stunde dauern.
PALOMA, Foxterrier-Mischling, weiblich-kastriert, 8 Jahre alt
Untersuch
Die körperliche und neurologische Untersuchung verläuft unauffällig.
Eine umfassende Blutuntersuchung zeigt keinerlei Auffälligkeiten - insbesondere sind die Bauchspeicheldrüsen- und Darmwerte normal. Nach Studium der angeforderten Unterlagen aus der ersten Tierarztpraxis, welche die Diagnose einer Nebennierenunterfunktion nicht wirklich unterstützen, bitten wir die Besitzerin, uns Videos solcher Anfälle anzufertigen.
Das Video verdeutlicht das Problem eindrücklich: Die Hündin ist nicht in der Lage, sich auf den Beinen zu halten und weist einen angestrengten Gesichtsausdruck sowie eine leicht gebückte Haltung auf. Die wackeligen Versuche, aufzustehen, werden von Kontrakturen insbesondere des linken Hinterbeines begleitet. Das Tier scheint bei vollem Bewusstsein; nach mehreren Minuten endet der Spuk spontan und Paloma ist wieder in der Lage, sich normal zu bewegen.
Diagnose und Therapie
Die beobachteten Krampfanfälle sind verdächtig für eine sogenannte Paroxysmale (= anfallsmässig verlaufend) Dyskinesie (= unkontrollierte Bewegungsstörung). Die Paroxysmale Dyskinesie ist ein Sammelbegriff für krampfartige Bewegungsstörungen bei vollem Bewusstsein, welchen je nach Rasse des Hundes allenfalls sogar einen spezifischen Namen tragen (z.B. Canine Epileptiform Cramping Syndrome CECS bei den Border Terriern oder Scotty Cramp bei den Scotch Terriern). Die Ursache dieser Bewegungsstörung ist gegenwärtig nicht geklärt, man nimmt aber an, dass sie in den sogenannten Basalganglien des Hirns ihren Ursprung hat. Es existieren Hinweise, dass zumindest bei einem Teil der Probleme das bekannte "Gluten" (d.h. Klebereiweiss, welches in Getreiden vorkommt) die Ursache sein könnte.
Zur Absicherung der Diagnose wird noch die Meinung zweier Neurologen eingeholt, welche den Verdacht bestätigen. Paloma wird auf ein glutenfreies Futter gesetzt. Schon kurze Zeit später berichtet die Besitzerin, dass die Anfälle aufgehört haben und der Hund offensichtlich zu einer neuen Lebensfreude gefunden hat. Bis zum Zeitpunkt dieser Publikation (d.h. ca 1 1/2 Monate nach Beginn der Diät) sind keine Anfälle mehr aufgetreten.
Wir hoffen, dass diese Verbesserung langfristig anhält und versuchen gegenwärtig, das über Jahre verabreichte Medikament langsam auszuschleichen. Anschliessend möchten wir mittels eines spezifischen Testes definitiv nachweisen, dass der Hund wie vermutet nicht an einer Nebennierenunterfunktion leidet.
Wissenschaftliches
Noch ist über den Problemkreis der paroxysmalen Dyskinesie wenig bis sehr wenig bekannt. Sehr wahrscheinlich scheint, dass ein genetischer Hintergrund besteht, sind bestimmte Rassen (Border Terrier, Cavalier King Charles Spaniel, Scottish Terrier, Boxer, Cairn Terrier) doch überproportional häufig betroffen. Für gewisse Rassen wurden denn auch spezifische Namen der Problematik eingeführt (zB Episodic Falling Syndrome bei den Cavalier King Charles Spaniels, Scotty Cramp bei den Scottish und Cairn Terriern oder Canine Epileptiform Cramping Syndrome bei den Border Terriern). Die Problematik kann schwierig von einem fokalen (d.h. partiellen) epileptischen Anfall abzugrenzen sein.
Die Therapie kann sich sehr schwierig gestalten - immerhin scheint sich zu zeigen, dass bei den Border Terriern eine glutenfreie Diät das Problem häufig zu lösen scheint; Acetazolamid (ein Medikament gegen erhöhten Augeninnendruck beim Menschen) scheint bei Cavalier King Charles Spaniels einen positiven Effekt zu haben. Unter diesen Umständen sind wir sehr erleichtert, dass bisher die glutenfreie Diät bei Paloma einen derart positiven Effekt zu haben scheint.
Eine gute Zusammenfassung dieses erst kürzlich erkannten, seltsamen Phänomens ist auf der Website einer englischen Spezialistenklinik in englischer Sprache einsehbar: http://vetspecialists.co.uk/factsheets/Neurology_Facts/Movement_Disorders.html