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Mal zart, mal wuchtig: Posaunenkonzert mit einem breiten musikalischen Spektrum
Rudi Hermann eröffnete das Konzert im Lilienberg Zentrum mit den «Vier ernsten Gesängen op. 121» von Johannes Brahms. Begleitet wurde er von der Pianistin Muriel Zeiter – auch sie ist eine Walliserin. Die «Vier ernsten Gesänge» sind bittere Meditationen eines illusionslosen Mannes, die Brahms kurz vor seinem Tod geschrieben hatte. Brahms verfasste den Zyklus ursprünglich für Bass und Klavier. Er verwendete Worte aus der Luther-Bibel und benutzte auch Skizzen für eine nicht mehr aufgeführte Sinfonie.
Mit viel Wärme und einem langen Atem liess Rudi Hermann das Werk erklingen, übertrug die von Moderatorin Eva Oertle gelesenen Bibelzitate auf die Posaune, die von Tränen, sanftem Hineinschmiegen in die Arme des Todes und von der hoffenden Liebe sang.
Die Texte der ersten drei Lieder sind dem Alten Testament entnommen (Prediger Salomo, Kap. 3 und 4, Jesus Sirach, Kap. 41) und thematisieren Tod und Vergänglichkeit des Lebens. Der Text des vierten Liedes, «Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete», stammt aus dem Neuen Testament (1. Brief des Paulus an die Korinther 13, 1-3 und 12-13) und stellt Glaube, Hoffnung und Liebe in den Mittelpunkt.
Dramatische Klänge bei der Vertonung des Hamlet-Monologs
Für ein bereicherndes musikalisches Erlebnis sorgte auch Henri Tomasis modernes Stück «Être ou ne pas être», bei dem sich der französische Komponist aus Korsika mit Shakespeares berühmtem «Hamlet» und mit der noch berühmteren Frage «To be or not to be» auseinandergesetzt hatte. Tomasi komponierte das Werk als Posaunenquartett. Rudi Hermann untermalte den von Eva Oertle gesprochenen Monolog aus Shakespeares Drama mit düsteren dramatischen Klängen. Er spielte die tiefen Passagen auf der Bassposaune souverän und dynamisch und interagierte inspiriert mit seiner Klavierbegleiterin Muriel Zeiter.
Ein Instrument mit grosser Bandbreite
Der Komponist und Tubist Alexej Lebedjew dürfte nur wenigen ein Begriff sein. Er studierte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Tuba, wurde Solotubist am berühmten Bolschoi-Theater in Moskau und Professor am Tschaikowski-Konservatorium. Sein kompositorisches Schaffen ist vergleichsweise klein und widmet sich mit Ausnahme einiger Lieder nur «seinem» Instrument, der Tuba. Für sie schrieb er zwei Konzerte und einen Konzertsatz für Tuba und Orchester sowie zahlreiche Etüden. In dem überschaubaren Repertoire von Originalwerken für Tuba haben diese Kompositionen jedoch einen hohen Stellenwert.
Die gut 60 Lilienberg Besucher genossen das elektrisch wirkende einsätzige Konzert Nr. 1, das Lebedjew 1947 als 23-jähriger Student komponiert und es in seiner eigenen Abschlussprüfung gespielt hatte, in der Version für Bassposaune und Klavier. Das Stück ist bestimmt durch den kräftigen Klang der Posaune sowie eine reizvolle Mischung aus herb-spröder Klanglichkeit und wunderbaren Melodiebögen. Rudi Hermann zeigte in dieser Komposition die gesamte dynamische Bandbreite seines Instrumentes.
Zum Schluss des Konzerts intonierte Hermann das Stück «New Orleans» von Eugène Bozza. «New Orleans» wurde ursprünglich für Saxhorn geschrieben. Weil dieses Instrument jedoch in Vergessenheit geraten ist, wird das Solo nun öfters auf der Bassposaune gespielt. Stark beeinflusst ist es von der Jazzkultur von New Orleans. Das Stück gilt als ein wichtiges Element des Solorepertoires der Bassposaune und gelangt immer wieder bei Castings zur Aufführung. Mit seinem fast holzbläserartig geschmeidigen Ton demonstrierte Rudi Hermann erneut eindrucksvoll die schier unendlichen klanglichen Möglichkeiten der Bassposaune.
Die Welt der tiefen Töne
Rudi Hermann entführte seine Zuhörer an diesem Konzertabend in eine neue Welt der höllisch tiefen Töne. Das Lilienberg Publikum erlebte hautnah den Reiz und die Vielseitigkeit der Bassposaune. Das Nebeneinander von Zartheit auf der einen und Wuchtigkeit auf der anderen Seite vermittelte den Besuchern ein grosses musikalisches Spektrum. Und Muriel Zeiter als Begleiterin vereinte in ihrem Klavierspiel gekonnt Eleganz, Präzision und sensible Virtuosität. Dennoch: Es war – über alles gesehen – ein von ziemlich schwermütigen Stücken geprägtes Konzert. Einzig die beiden Zugaben («Go tell it on the mountain» und ein ganz kurzes Werk, das nach dem Motto «Die Musik muss weitergehen!» zu Corona-Zeiten geschrieben wurde), sorgten für eine etwas positivere Stimmung im Konzertsaal.
Lilienberg Rezital vom 25. August 2020 mit Rudolf Hermann (Posaune) und Muriel Zeiter (Klavier); Gastgeber: Lilienberg Unternehmerforum, vertreten durch Susanne Rau-Reist; Moderation: Eva Oertle.
Die Künstler
Der Bassposaunist Rudolf Hermann wuchs im Walliser Bergdorf Albinen auf. Bereits im Kindesalter erhielt er Klavier- und später Posaunenunterricht. Er studierte in Bern, in Luzern und an der Zürcher Hochschule der Künste, besuchte Meisterkurse bei Dietmar Küblböck (Wiener Philharmoniker), Weston Sprott (Metropolitan Opera New York), Jesper Busk Sørensen und Stefan Schulz (Berliner Philharmoniker). Orchestererfahrung sammelte Rudi Hermann bei der Philharmonia Zürich, im SWR Sinfonieorchester, im Tonhalle-Orchester Zürich und dem Luzerner Sinfonieorchester. Rudi Hermann ist Mitglied des Gstaad Festival Orchestra. Gegenwärtig lebt und arbeitet er als Orchestermusiker in Berlin.
Nach einem Studium der Violine und der Musikwissenschaft gab die Walliser Pianistin Muriel Zeiter dem Klavier den Vorrang und absolvierte an der Hochschule der Künste Bern ein klassisches Klavierstudium. 2018 folgte der Abschluss an der Swiss Jazz School. Neben ihrer Lehrtätigkeit am Konservatorium Bern und an der Regionalen Musikschule Liestal ist Muriel Zeiter an verschiedensten Projekten beteiligt: Sie musiziert in einer Jazzband, spielt Filmmusiken ein, komponiert Musik zu Dokumentationen und tritt als Kammermusikpartnerin sowie Liedbegleiterin auf. Regelmässig ist sie auf Konzerttourneen unterwegs, unter anderem als Solistin mit der Ungarischen Kammerphilharmonie, der Liberty Brass Band sowie mit ihrem neuesten Projekt, dem Duo GIOVIVO.