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Als der zweijährige Kadin an einem sonnigen Novembertag im amerikanischen St. Joseph beim Spielen im Garten seinen Finger in den Mund steckt, beginnt Mutter Laura Mignery zu schimpfen. Sie zeigt auf die abblätternde Farbe an ihrem alten Haus: Bei Kadin, sagt sie, sei eine Bleivergiftung diagnostiziert worden.
Das Blei, das er über den Boden aufnimmt, stammt von dem uralten Farbanstrich des Hauses. Und Kadin ist nicht alleine: In den 15 Häuserblocks um das Haus seiner Familie in der Stadt im US-Bundesstaat Missouri sind nach Reuters-Recherchen seit 2010 bei mindestens 120 Kleinkindern Bleivergiftungen festgestellt worden.
Bereits 2015 machte der Ort Flint in Michigan weltweit Furore, als bekannt wurde, dass dort fünf Prozent der Kinder durch Blei im Trinkwasser vergiftet wurden - hauptsächlich verursacht durch alte Bleirohre. Aber Flint ist kein Einzelfall - im Gegenteil. Die Auswertung von Gesundheitsdaten ergibt, dass in fast 3000 US-Gegenden die Rate von Bleivergiftungen bei Kindern mindestens doppelt so hoch ist wie in Flint. In Warren, einem Ort am Allegheny-Fluss in Pennsylvania, wurden sogar bei 36 Prozent der Kinder hohe Bleiwerte gemessen. Aber anders als in Flint gab es nie öffentliche Aufmerksamkeit für das Problem.
Erhebliche Folgewirkungen
Nach der Auswertung von Blutproben der Gesundheitsbehörden von US-Bundesstaaten und des US-Zentrums für Seuchenkontrolle und -Prävention ist klar, dass die Betroffenheit sehr unterschiedlich ist. Insgesamt gibt es zwar Zahlen, dass die Werte von Bleivergiftungen seit dem Verbot für Blei aus Farben und Benzin in den späteren siebziger Jahren um 90 Prozent gefallen sind.
In den gesamten USA wird die Zahl der Kinder mit erhöhten Bleiwerten aber auch heute noch auf 2,5 Prozent geschätzt. Und ein besonderes Problem sind die regionalen Differenzen: "Die Unterschiede, die sie zwischen verschiedenen Gegenden gefunden haben, haben erhebliche Folgewirkungen", sagt Dr. Helen Egger, Chefin der Psychiatrie im Kinderzentrum des NYU Langone Klinik (CDC), zu den Reuters-Recherchen. "Denn wo Bleivergiftungen verbreitet sind, leiden Kinder unter Entwicklungsstörungen und fallen zurück." Selbst die kleinste Überschreitung der Richtwerte könne den Intelligenz-Quotienten eines Kindes beeinträchtigen, warnt das CDC.
Ein soziales Problem
Das Problem: Der US-Kongress hat nach der landesweiten Debatte zwar 170 Millionen Dollar an Hilfen für die Ortschaft Flint bereitgestellt. Aber das CDC verfügt nicht einmal über ein Zehntel dieser Summe, um Bundesstaaten über Bleivergiftungen beraten zu können. Dabei gibt es Daten bisher nur in 21 US-Bundesstaaten. Und wie im Falle der Familie von Kadin steckt Blei noch immer in alten, billigen Holzhäusern, die seit 1978 nicht renoviert wurden. Dadurch wird die Bleivergiftung auch ein soziales Problem. CDC schätzt, dass heute Kinder in mindestens vier Millionen US-Haushalten der Gefahr erhöhter Bleiwerte ausgesetzt sind.
Zwar schreiben Bundesgesetze mittlerweile vor, dass Besitzer von Häusern, die vor dem Bleiverbot in Farben gebaut wurden, die Mieter auf die Gefahren aufmerksam machen müssen. Aber bei weitem nicht in allen US-Gemeinden ist vorgeschrieben, die alte Farbe auch zu entfernen. In Milwaukee, der größten Stadt in Wisconsin, versucht man dies nun zu ändern. Aber das Problem ist riesig: Denn allein in dieser Stadt gibt es 135.000 betroffene Gebäude und dazu noch 70.000 Wasserleitungen mit Bleirohren - konzentriert auf bestimmte Gegenden der Stadt.
Über die Jahre geraten Betroffene in einen Teufelskreis - so wie der heute 20-jährige Brandon in Milwaukee. Die Vergiftung führt zu Entwicklungsproblemen, die wiederum zu schlechten Schulnoten, hohen Abbruchraten bei Ausbildungen, weniger Jobmöglichkeiten - und mehr Konflikte mit dem Gesetz. Besonders Gegenden mit einer industriellen Vergangenheit wie Pennsylvania sind dabei betroffen. Dennoch werden viele Kinder in den Hochrisiko-Gebieten nach Reuters-Recherchen bis heute nicht einmal getestet.
Daten nicht veröffentlicht
Und nicht immer ist man an einer Aufklärung interessiert - so wie in dem ländlichen Ort Viburnum, etwa sechs Stunden Autofahrt südwestlich von St.Joseph. Die Bergbaugegend ist als "lead belt", also Bleigürtel, bekannt. Seit 2010 stieg hier die Zahl der Kinder mit hohen Bleiwerten erheblich. "Wirklich? Das wusste ich gar nicht", sagt dazu Bürgermeister Johnny Setzer. Auch Mark Yingling, zuständiger Manager für Sicherheit und Gesundheit von The Doe Run Company, die Bergwerke in der Gegend betreibt, betont, die hohen Werte seien ihm neu. Der Gesundheitsdienst des Bezirkes hat nach eigenen Angaben entsprechende Daten tatsächlich noch nie veröffentlicht oder weitergegeben.
Dabei ist Blei ein Dauerthema in der Bergbauregion. Denn die Firma und andere Bergbau-Gesellschaften haben von den Bundesbehörden bereits die Auflage bekommen, 150 Grundstücke von Blei zu säubern und weitere 250 auf eine Bleibelastung zu testen. Die Bundesumweltbehörde EPA hat angeordnet, dabei vorrangig etwa Kinderspielplätze zu entgiften.
Aber für einige Einheimische ist die Gefahr einer Vergiftung offenbar nur Teil des normalen Lebens in der Stadt. "Sie können sich hier sehr vergiften", räumt etwa Antonin Bohac ein, ein Mechaniker an des nahegelegenen Brushy Creek Bergwerkes. "Aber ich verdiene gutes Geld", fügt er hinzu. Dabei hätte Bohac selbst fast seinen Jobs verloren, als bei ihm vor einigen Jahren das vierfache des Grenzwertes für Blei in seinem Körper festgestellt worden war.
(Reuters)