Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03432.jsonl.gz/2985

Der Tod des Gotthardtunnellbauers Louis Favre am 19. Juli 1879 löste starke Trauer aus. Diese galt auch den vielen anderen Opfern dieses Tunnelbaus. Aus Mitgefühl wollte man ein Ehrenmal in Göschenen schaffen. Airolo wollte jedoch auch eines. Der Skulpteur Richard Kissling fand jedoch, dass sich seine grossen Monumente in unmittelbarer Nähe der gewaltigen Gebirgsmassen als wirkungslos erweisen. Man solle daher in Airolo bestenfalls eine Gedenktafel anbringen. Kissling schlug deshalb vor, ein Denkmal in Luzern zu errichten. Sein Entwurf war jedoch nicht ein Gedenken an die Opfer, sondern vielmehr eine Idealisierung des Gotthardunternehmens und seines Erfolges.
Die Figur versinnbildlicht den rastlosen, sich über alle Hindernisse hinwegsetzenden Genius der Zeit1, „über den Geist seiner Zeit, für die höchste Technologie, wissenschaftliche[r] Fortschritt und Bequemlichkeit (fast) alles aufzuwenden bereit ist, dieser Technologie und diesem Fortschritt aber dann doch nicht ganz traut.“ 2 Die Bedeutung und der Zusammenhang der links und rechts des Jünglings situierten Stein-Frauenskulpturen ist auch durch Recherchen nicht beantwortbar geworden. Kisslings Vorstellung war es, die Kupferfigur auf einer Halbinsel am Schweizerhofquai zu errichten, damit der Jüngling mit dem ausgestreckten rechten Arm Richtung Süden, Richtung Gotthardtunnel zeigt. Die Stadt verweigerte jedoch die Errichtung einer Halbinsel. Deshalb wurde das Werk vorerst nicht realisiert. Erst anlässlich des 1903 lancierten Wettbewerbs fand die Figur wieder zurück ins Gespräch. Als Folge davon fand die 1907 fertiggestellte3 Figur ihren Platz auf dem Bahnhofsportal hoch über den Köpfen der vorbeizirkulierenden Menschen.
Nach dem Bahnhofsbrand 1971 wurde die Figur unter Denkmalschutz gestellt.4 Ausserdem schenkte die SBB das tonnenschwere Kunstwerk der Stadt Luzern, mit der Bitte, einen geeigneten Standort zu finden. Diese nahm das Angebot dankend an, ohne jedoch einen geeigneten Standort zu haben.
Im Jahr 1977 gab es rund um die Skulptur eine grosse Aufruhr, da der Basler Heimatschutzkreis diese Figur wollte. Dieser wollte nämlich in Zukunft damit das Portal des Basler Bahnhofs schmücken, denn die Basler hatten 1973 aus Versehen ihren Portalschmuck, einen steinernen Hermes, zerstört. Jedoch war dies ein nicht umsetzbarer Wunsch der Basler, denn die Figur stand ja bereits unter Denkmalschutz und Luzern suchte nur einen neuen Standort. 5
Im Juli 1990 wurde die Figurengruppe in einem grossen Medienspektakel auf das ehemalige Hauptportal des alten Luzerner Bahnhofs auf dem Vorplatz des neuen Luzerner Bahnhofs gestellt.3 Zuvor war sie rund fünf Jahre in einem Depot in Rothenburg zwischengelagert.7
Richard Kissling (15. April 1848 – 19. Juli 1919) gehört zu den namhaftesten Denkmalplastikern der Schweiz im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert. Nach seiner Lehre als Stuckateur lebte er 13 Jahre in Rom, wo er 1872 / 73 beim spätklassizistischen Schweizer Bildhauer Ferdinand Schlöth arbeitete. Danach war Kissling einer der am meisten beschäftigten Schweizer Bildhauer, wiewohl sein klassizistisch-heroischer Stil in seinen letzten Lebensjahren zunehmend als veraltet galt. Nach dem Tod verblasste sein Ruhm rasch. Sein bekanntestes Werk ist das Telldenkmal in Altdorf.8