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Als Elternteil eines ADHS-betroffenen Kindes leistet man mehr Erziehungsarbeit als andere Eltern und muss sich trotzdem so einiges anhören. Vielleicht kommen Ihnen haaresträubende Kommentare wie "Die Eltern sind halt zu wenig konsequent.", "Das kommt davon, dass man den Kindern alles durchgehen lässt.", "Klar, dass das Kind so schwierig ist, die Mutter ist ja auch alleinerziehend." bekannt vor. Warum Sie sich guten Gewissens von solchen Vorwürfen distanzieren dürfen, zeigt der folgende Artikel.
Nach vielen Jahrzehnten Forschung ist klar: Die Erziehung spielt eine wichtige Rolle für die Entwicklung ADHS-betroffener Kinder, aber sie ist nicht die Ursache der Verhaltensauffälligkeiten. Vielmehr wird eine ADHS-Symptomatik durch ein kompliziertes Zusammenspiel von Genen und Umweltbedingungen hervorgerufen. Sehen wir uns die wichtigsten Risikofaktoren im Detail an.
Risikofaktor Genetik
ADHS-Symptome treten in Familien gehäuft auf (Faraone und Biederman, 2000; Thapar und Kollegen, 2005). Ist ein Elternteil selbst betroffen, so erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für eine Betroffenheit des Kindes um den Faktor 8 (Mick und Kollegen, 2002). Forscher fanden zum Beispiel in Zwillingssstudien heraus, dass eineiige sich im Gegensatz zu zweieiigen Zwillingen sehr stark in ihren hyperaktiven Verhaltensweisen und in der Aufmerksamkeitslenkung ähneln. Welche Gene genau an der Entstehung der AD(H)S beteiligt sind, wird momentan intensiv beforscht. Im Verdacht stehen gewisse Genvarianten, die das Botenstoffsystem im Gehirn beeinflussen. Die AD(H)S wird jedoch nicht einfach vererbt. Es ist vielmehr so, dass Gene mit gewissen Umweltbedingungen zusammenwirken. Die Ursachenforschung im Bereich der ADHS versucht herauszufinden:
- welche Genvarianten an der Entstehung der ADHS beteiligt sein könnten
- welche Umweltbedingungen das Risiko für eine ADHS erhöhen
- wie die verschiedenen Risikofaktoren zusammenwirken
- welche Veränderungen im Gehirn dadurch ausgelöst werden
- wie dies das Erleben und Verhalten des Kindes beeinflusst
Bedingungen während der Schwangerschaft und Geburt
Forscher haben herausgefunden, dass Stress, Alkohol- oder Zigarettenkonsum in der Schwangerschaft mit einem erhöhten ADHS-Risiko des Kindes eingergeht. Frühgeburtlichkeit, ein geringes Geburtsgewicht und Sauerstoffmangel bei der Geburt scheinen ebenfalls eine Rolle zu spielen.
Umweltgifte
Experten diskutieren schon lange darüber, inwiefern Umweltgifte das Risiko für eine ADHS erhöhen. Die Studienergebnisse sprechen bisher keine eindeutige Sprache. Unter Verdacht stehen insbesondere Blei, Quecksilber, gewisse Inhaltsstoffe von Pflanzenschutzmitteln und bestimmte Weichmacher in Kunststoffen.
Ernährung
Die Ernährung ist in den letzten Jahren auf die Agenda vieler Forscher gerückt. Es wird der Frage nachgegangen, inwiefern niedrige Folsäurewerte, Zink-, Eisen- bzw. Omega-3-Fettsäurewerte beim Kind und gewisse Farb- und Konservierungsstoffe einen Einfluss auf die Entwicklung einer ADHS haben könnten.
Krankheiten
Manche Forscher haben Krankheiten in der Kindheit wie Infektionen, Viruserkrankungen, Hirnhautentzündungen, Kopfverletzungen und Epilepsie wurden mit einem erhöhten ADHS-Risiko in Verbindung gebracht (z.B. Millichap, 2008).
Ungünstige Lebensumstände
Kinder, die traumatischen Lebensumständen ausgesetzt sind, entwickeln eher eine ADHS-Symptomatik: Dazu zählen schwere Vernachlässigung, eine Heimunterbringung in der frühen Kindheit, traumatische Erlebnisse (beispielsweise in Form von Gewalt) oder extreme Armut der Eltern (für einen Überblick siehe Frölich und Kollegen, 2011).
Kein einzelner Risikofaktor löst AD(H)S aus!
Ob ein Kind eine ADHS entwickelt, hängt wahrscheinlich von einem komplizierten Zusammenspiel zwischen den Anlagen und der Umwelt ab. Bestimmte Genvarianten können zum Beispiel dafür sorgen, dass wir empfindlicher auf Umweltbedingungen reagieren als andere Menschen. Dies erklärt, warum nur ein kleiner Teil der Kinder, die mit den oben beschriebenen Umweltbedingungen in Kontakt kommen, eine ADHS entwickeln. Gleichzeitig beeinflussen unsere Gene auch, ob wir mit gewissen Umweltbedingungen in Kontakt kommen. Drittens können gewisse Umweltbedingungen wie die Ernährung in der oder Stress in der Schwangerschaft auch dazu beitragen, dass gewisse Gene „eingeschaltet“ oder „ausgeschaltet“ werden und somit zum Zug kommen. Ein solches "Einschalten" bzw. "Ausschalten" von Genen kann wiederum beeinflussen, wie sich das Gehirn eines Kindes entwickelt.
ADS / ADHS: auch eine Auffälligkeit des Gehirns
Kinder mit AD(H)S haben Schwierigkeiten mit der „Kommandozentrale“ im Gehirn, dem sogenannten Frontal- oder Stirnhirn. Das Frontalhirn hat viele Aufgabenbereiche: Die Stabilisierung von Konzentration, die Filterung von Außenreizen, Planung und Steuerung, Verhaltens- und Impulskontrolle und die Steuerung von Gefühlen, um nur einige wichtige zu nennen. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse legen nahe, dass die Aufmerksamkeitsdefizitstörung mit einer Funktionsstörung in ebendiesem Hirnbereich und einigen Nervenzentren, die mit dem Frontalhirn in Verbindung stehen, zusammenhängt. Was heißt das genau?
Der „Motor“ unseres Gehirns verbraucht Zucker, den es umsetzt, wenn es aktiv ist. Studien bei Kindern mit AD(H)S belegen, dass das Frontalhirn und einige andere damit verbundene Bereiche kaum Zucker verbrauchen, selbst wenn der Gehirnbereich aktiv ist.
Hirntätigkeit wird dadurch ermöglicht, dass Nervenzellen im Gehirn miteinander „kommunizieren“, also Signale aneinander weiterleiten. Sie können sich diese Kommunikation im Gehirn wie ein „Stille- Post-Spiel“ vorstellen, bei dem jeder Spieler eine Nervenzelle repräsentiert. Damit die Nervenzellen Informationen weiterleiten können, benötigen sie Botenstoffe (= Neurotransmitter), die vom Endknopf (=Synapse) der einen Nervenzelle zur anderen Nervenzelle „wandern“. Auf unser Bild übertragen sind die Botenstoffe also die Sprache im „Stille Post Spiel“.
Es gibt verschiedene Botenstoffe im Gehirn, zum Beispiel Dopamin, Serotonin, Acetylcholin, Noradrenalin und viele andere. Manche Experten vertreten die Annahme, dass die AD(H)S durch ein verändertes Zusammenspiel und Gleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn bedingt ist. Diese sogenannte Botenstoffhypothese fusste am Anfang vor allem auf Studien mit Medikamenten (sogenannten Stimulanzien). Dabei erhielten ADHS-Betroffene einen Wirkstoff, der die Aktivität der Botenstoffe im Gehirn verändern soll. Die Forscher beobachteten, dass die Kernsymptome der AD(H)S bei einem wesentlichen Teil der Betroffenen zurückgingen, wenn sie solche Stimulanzien einnahmen. Die Forscher schlossen darauf, dass durch die Medikation ein vorhergehender Botenstoffmangel „normalisiert“ werden konnte. Heute stehen der Forschung ausgeklügeltere Methoden zur Verfügung: So wagen Wissenschaftler mit bildgebenden Verfahren einen Blick in das Gehirn und versuchen herauszufinden, ob AD(H)S-Betroffene tatsächlich an einem Botenstoffmangel leiden. Die Forschung konnte diese Annahme bisher nicht eindeutig bestätigen, da die Ergebnisse zum Botenstoffsystem bei AD(H)S-Betroffenen bisher widersprüchlich sind. Inwiefern gewisse Botenstoffe (=Neurotransmitter) genau für die AD(H)S verantwortlich sind und wie der Zusammenhang zu den Verhaltensauffälligkeiten genau aussieht, muss in Zukunft noch genauer erforscht werden.
Auffälligkeiten sind nicht in Stein gemeisselt
Unser Gehirn ist plastisch
Die Neurowissenschaft zeigt eindrücklich: Unsere Hirnentwicklung, die Vernetzungen in unserem Gehirn und die Aktivität der Botenstoffe werden auch durch Lernerfahrungen mit beeinflusst. Deshalb ist es zentral, welches Lernumfeld Kinder mit AD(H)S erhalten. Die Umwelt, also die Bedingungen in Familie und Schule, können zwar nicht als alleinige Ursache der Verhaltensauffälligkeiten angesehen werden, sind aber erheblich an der Entwicklung der Symptomatik und des weiteren Verlaufes der Verhaltensauffälligkeiten beteiligt. Wie sich ein Kind mit AD(H)S weiterentwickelt hängt auch entscheidend davon ab:
- ob das Umfeld auf die Besonderheiten des Kindes eingeht
- ob und wie Eltern Grenzen setzen
- wie Konflikte gelöst werden
- wie das Kind die Beziehung zu seinen Mitmenschen erlebt
- ob Bezugspersonen dem Kind wichtige Kompetenzen im Umgang mit seinen Defiziten vermitteln
Daher kommt diesen Faktoren in unserem Kurs „Erfolgreich lernen mit AD(H)S“ und dem gleichnamigen Elternratgeber eine wichtige Rolle zu:
"ADHS gibt es nicht! Das ist nur eine Modediagnose!" - Im Interview nehmen wir Stellung zu den häufigsten Vorurteilen rund um ADHS
Autorin dieses Artikels: Stefanie Rietzler
Stefanie Rietzler ist Psychologin und leitet die Akademie für Lerncoaching gemeinsam mit ihrem Kollegen Fabian Grolimund.
Als Expertin für das Thema ADHS hält sie regelmässig Seminare für Eltern und Weiterbildungen für Fachpersonen.