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Derrik Olsen: Ein Leben für den Gesang
Am 30. März 1923 erblickte in Bern ein neuer Erdenbürger das Licht der Welt. Die Eltern nannten ihn Diego Frédéric und legten ihm das Gesangstalent sozusagen in die Wiege. Der Vater, Ulrich Ochsenbein, arbeitete als Zahnarzt in Bern; er pflegte den Gesang auf recht hohem Niveau mit solistischen Einsätzen. Seine Mutter, eine geborene Martha Rosalie Schaub aus dem Elsass, war der Musik ebenfalls sehr zugetan. Aus dem kleinen Diego sollte später ein Opern- und Konzertsänger mit einem enormen Repertoire und ein geschätzter Gesangspädagoge werden. Er nannte sich zu Beginn seiner glanzvollen Karriere allerdings nicht mehr nach seinem Vater, sondern benutzte ab 1950 den Künstlernamen Derrik Olsen. Das dürfte auf dem internationalen Parkett, auf dem er sich bewegte, wohl gefälliger geklungen haben als der etwas derbe, aber durchaus vornehme Berner Name Ochsenbein. Die Ochsenbeins sind nämlich seit 1911 Mitglieder der traditionsbewussten Berner Burgergemeinde.
Das Schicksal meinte es nicht nur gut mit dem talentierten Diego Ochsenbein. Sein Vater verunglückte 1938 bei einem Reitunfall tödlich. Darauf zog die Mutter mit dem 15jährigen Sohn in die Westschweiz, wo er die Schulen bis zur Matura (1942) besuchte und dann sein Studium aufnahm. Seine Zweisprachigkeit sollte ihm später in vieler Hinsicht zugutekommen. Kurze Zeit liebäugelte er mit der Theologie, wandte sich dann einem Studium der Rechte zu, das er 1945 mit dem Lizenziat abschloss. Schon in Bern nahm er Klavierunterricht, unter anderen bei Franz Chardon, dem er "die Grundlage, die Methodik, die Sicherheit und die Genauigkeit"1 verdankte. Von 1942 bis 1946 war er parallel zur Universität auch am Genfer Konservatorium eingeschrieben, wo er Gesang bei der renommierten Sopranistin Rose Féart studierte.
Seine Tätigkeit als Opern- und Konzertsänger begann gleichsam mit einem Paukenschlag, als er 1945 am Genfer Musikwettbewerb zu den Preisträgern gehörte. Damit lancierte er so richtig eine Bühnenkarriere, zunächst am Grand Théâtre in Genf (1945 bis 1951) und dann in einem festen Engagement am Stadttheater Basel (heute Theater Basel) von 1950 bis 1956. Daneben und anschliessend gastierte er an zahlreichen Theatern und auf Festivals in ganz Westeuropa, Israel und Argentinien. Die "Basler Woche"2 schrieb über den noch nicht dreissigjährigen Derrik Olsen:
"Man konstatiert mit Genugtuung, dass sich dieser junge Schweizer Sänger überraschend schnell zu einem dramatischen Bariton von hohen Qualitäten entwickelt."
Mit vierzig Jahren erlebte er seine erste grosse Liebe zu einem jungen Mann. Doch das Schicksal schlug erneut zu. Wegen einer Hüftgelenks-Arthrose, die sich damals schon bemerkbar machte und nach zwei Operationen (1972 und 1975) musste Olsen seine Bühnenkarriere und Konzerttätigkeit einschränken, schliesslich ganz aufgeben. Beruflich bedeutete dieser Einschnitt aber keine komplette Neuausrichtung. Olsen hatte schon zuvor für das Radio gearbeitet und wirkte fortan auch als Gesangspädagoge in Genf und Basel.
Josef Burri, Juni 2017
- 1
Persönliche Aufzeichnungen von Derrik Olsen.
- 2
Ausgabe vom 9.3.1952.