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Honey wird uns als Notfall vorgestellt: Der Hund hat einen ausgelöffelten Joghurtbecher ausgeleckt und damit eine gewisse Menge des Süsstoffs, welche die Besitzerin dem Joghurt beigefügt hatte, aufgenommen. Da der Besitzerin die Problematik des Süssstoffes Xylitol bekannt ist, hat sie entsprechend reagiert und uns angerufen. Eine halbe Stunde nach der Aufnahme des Joghurtrestes treffen die Besitzer mit dem Hund in der Praxis ein.
HONEY, Australian Shepherd, weiblich-kastriert, 3 Jahre alt
Untersuch und Problemstellung
Honey geht es sehr gut, sie ist munter und interessiert, der körperliche Untersuch ist unauffällig. Das Problem: Der Süssstoff Xylitol (Birkenzucker) bewirkt beim Hund (weitestgehend im Gegensatz zum Mensch) eine sofortige starke Ausschüttung von Insulin aus der Bauchspeicheldrüse: Der Körper hat den Eindruck, dass eine grosse Menge Zucker (Glucose) aufgenommen worden sei, welcher mittels Insulinwirkung in die Zellen verteilt werden sollte. Im Zuge dieser Reaktion sinkt der eigentliche Blutzucker (Glucose) dann innert Kürze dramatisch ab, was zu Krämpfen, Koma, Leberschäden und Tod führen kann: Das Xylitol "sieht" für den Körper zwar so aus wie ein brauchbarer Zucker, ist aber kaum für den Stoffwechsel verwendbar. Dieser Effekt ist schon bei verhältnismässig kleinen Mengen vorhanden - bereits 100 Milligramm pro Kilogramm Gewicht kann zu einem dramatischen Blutzuckerabfall führen - in Honey's Fall wären dies ca. 2 Gramm Birkenzucker, was einem Viertel des dem Joghurt zugesetzten Esslöffels entspricht.
Blutuntersuch
Sofort wird Honey Blut entnommen, um den Blutzuckerspiegel sowie die Leberwerte zu bestimmen. Glücklicherweise erweist sich der Blutzucker als normal; und auch die Leber erscheint vorerst keinen Schaden genommen zu haben.
Therapie und weiterer Verlauf
Wir injizieren Honey intravenös ein Medikament, welches einen kurz andauerenden, starken Brechreiz bewirkt. Kurz darauf erbricht der Hund Futter und weissliches Material - offensichtlich das kürzlich geschluckte Joghurt. Das injizierte Medikament ist ein Opiat und bewirkt deshalb eine je nach Hund schwerere oder leichtere Sedation. Honey ist nach Abflauen des Brechreizes sehr schläfrig und kann nicht stehen - entsprechend wird ihr ein Antagonist (Gegenmittel) gespritzt, und schon wenige Minuten später ist der Hund wieder auf den Beinen.
In der Folge geht es dem Hund sehr gut; auf eine erneute Blutentnahme zur Kontrolle der Leberwerte wird deshalb verzichtet.
Wissenschaftliches
Xylitol ist ein Süsstoff, welcher in vielen zuckerfreien Lebensmitteln zur Kalorienreduktion verwendet wird. Er wird durch ein aufwändiges industrielles Verfahren aus Pflanzenfasern (v.A. Maiskolben, aber auch Bäume wie Birke und Buche) hergestellt und deshalb auch "Birkenzucker" genannt. Der Süssstoff hat einen deutlich tieferen Brennwert als normaler Zucker, bewirkt weniger Karies und führt beim Menschen nur zu einem geringen Insulinanstieg, weshalb er auch bei Diabetikern beliebt ist.
Beim Hund bewirkt Xylitol allerdings eine massiv stärkere Insulin-Ausschüttung als normaler Zucker (Saccharose). In der Folge sinkt der Blutzuckerspiegel sehr schnell und dramatisch ab, was zu Unterzuckerung (Bewusstseinsstörungen, Krämpfe, Tod) und Leberzellschäden führen kann. Für den starken Blutzuckerabfall reichen verhältnismässig geringe Mengen des Süsstoffes: ab 100 Milligramm Xylitol pro Kilogramm Körpergewicht muss mit Toxizität gerechnet werden - für einen 2 kg schweren Chihuahua entsprechend beispielsweise 10 Stück xylitolhaltige homöopathische Globuli oder ein einziger zuckerfreier Kaugummi. Problematisch ist auch, dass im Gegensatz zur Schokolade das Bewusstsein der Besitzerschaft bezüglich der Xylitol-Problematik oft geringer ist. Gefährlich ist der Stoff z.B. auch bei Frettchen, Kühen und Ziegen, unproblematischer ist er (entgegen gewissen anderslautenden Informationen im Web) bei Katzen und Pferden.
In Honey's Fall war sicherlich das Risiko eines gravierenden Verlaufs von der wahrscheinlich aufgenommenen Menge her eher gering, zudem konnte durch das schnelle Eingreifen der grösste Teil der Substanz zeitnahe aus dem Körper entfernt werden.
Der relativ starke sedative Effekt des Medikamentes, welches zum Auslösen des Erbrechens verwendet wurde, könnte bei Honey möglicherweise mit der Rasse des Hundes erklärt werden: Der Australian Shepherd gehört zu einer Gruppe von Hunderassen, welche einen genetischen Defekt aufweisen können, welcher z.B. den Übertritt von gewissen Medikamenten ins Hirn beschleunigt und somit eine stärkere Wirkung des Medikamentes bewirken (MDR1-Defekt). Allerdings war uns diesbezüglich bei der Narkose zur Kastration der Hündin nichts besonderes aufgefallen. Klären würde diese Frage ein DNA-Untersuch mittels Blutprobe.
Problematische Nahrungsmittel bei Haustieren
Viele für den Menschen unproblematische Nahrungsmittel können für Hunde und Katzen giftig sein - auch hier spielt natürlich die Dosis eine entscheidende Rolle.
Problematisch sind u.A. Schokolade und Kaffee; Trauben, Weinbeeren und Sultaninen; Zwiebeln und Knoblauch, Macadamia-Nüsse und Alkohol.
Eine sehr gute veterinärmedizinische Datenbank für Vergiftungsfragen findet sich auf der Website des Pharmakologischen Instituts der Vetsuissefakultät Zürich. Auch via Toxzentrum (www.toxinfo.ch) sind viele Informationen verfügbar.
Im Zweifelsfall lohnt es sich, bei beobachteter Aufnahme einer problematischen Substanz notfallmässig einen Tierarzt aufzusuchen - kann der Hund innert kürzerer Frist zum Erbrechen gebracht werden, ist das Problem meistens schon gelöst.