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Benedikt Meyer
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Aperçus

Nimm Dir einen Himmel und mal ihn schwarz an. Dann stell einige Hügel drunter, verstreu ein paar Höfe darüber, rück sie von Hand noch weiter auseinander und lass ein gezacktes Strässchen aus dem Tal über den Horizont verschwinden. Nimm das Geräusch von Hufen, träufle es über das Bild und lass es vorüberziehen. Dann leg‘ eine Stille drauf und lass sie eine Ruhe sein. Nun setz Dich auf eine Bank, auf die Lehne, denn die Fläche ist nass, hinter Dir ein Buchenwald aus dem es etwas modrig und nach nasser Erde riecht und von dem sich ein 257farbiger Herbstblätterteppich unter Deine Bank und das neben ihr stehende Fahrrad geschoben hat. Greif nach dem Eimer mit kalter Luft und giess sie Dir tief in die Lungen; lass sie Dir übers Gesicht fliessen und bade Deine Hände darin. Dann nimm Deinen rechten Daumennagel und mach ein Loch ins Gewölk. Lass eine Sonne durchbrechen und giess ihr Licht über die Landschaft, die Höfe, die Buchen und Deine Haut. Mach das gezackte Strässchen gleissen, lass Dich ein wenig blenden und dann, ganz wichtig, sitze einen langen Moment lang einfach nur da.
Und während Du anschliessend weiterziehst, Dein Rad über Wurzeln schiebst und Dir über den sumpfigen Waldboden einen Pfad suchst, wiege Deinen Blues, diesen Moment gerade alleine erlebt zu haben, mit der Gewissheit auf, dass Du ihn nicht erlebt hättest, wärst Du stattdessen zu zweit an einem gut geheizten Brunch mit einer geraden Anzahl Gäste gesessen, wo man über Dinge gesprochen hätte, über die man sich einig gewesen wäre; dass Du Dich zu zweit nicht durch die Hügel zu jenem Bänkchen hättest treiben lassen und selbst wenn, dass dann ein anderer neben Dir gesessen hätte, mit dem Du hättest reden oder nicht-reden müssen, bei dem Du etwas näher oder ein wenig weiter weg hättest sitzen und dessen Hände Du vermutlich hättest wärmen müssen und Du hättest den Moment verpasst. Darum: Wenn Du vom Pfad auf den Schotter und vom Schotter auf den talswärts strebenden Asphalt kommst, gib Deinem Lenker Spiel, strecke Deinen Rücken durch, weite Deine Brust und lass Deine Räder ziehen.
„Heb‘s mal hoch“ sagte der Mann. Wir standen auf dem Perron, jeder mit Fahrrad, und warteten auf den Zug. Sein Gefährt war durchdesignt: schwarz, gold, glänzend, sauber. „Drüehalb Kilo, cool gäll? Fahrt fasch vonelei!“ Ich machte „mhm“ und lehnte wieder gegen meinen Stahlrahmen. „Hät mer imfall en Spezialischt gmacht, muschmal uf däm sini Websiite ga. bpod.ch – wäisch, wie i-pod!“ Ich machte nochmals „mhm“, strich über meinen Ledersattel und blickte zur Bahnhofsuhr. „Was mäinsch hätts gchoschtet?“ Ich schätzte den Wert auf zweitausend, gab etwas Höflichkeitsbonus und sagte: „Drei?“ Der Mann strahlte. „Sibä!“ „Boah“ antwortete ich „zu dem Preis hättest Du Dir eine Lambretta kaufen können. Die sieht noch besser aus und fährt wirklich von selbst.“
Sie war zu hören, bevor sie zu sehen war: Mitten im Pendlerstrom der Bahnhofsunterführung versuchte sie voranzukommen. Verspätet und gehetzt schob sie ihren Kinderwagen durchs Gedränge. Es gelang ihr überraschend gut, denn sowohl der Knopf im Buggy, wie auch die zwei Knöpfe, die sich links und rechts am Wagen festhielten, waren so irritiert, dass sie lauthals heulten und so als kleine menschliche Sirenen ihrer Mutter den Weg durchs Gedränge freiheulten. Manchmal sind so kleine Kinder halt einfach schon etwas Praktisches.
Etymologische Freude des Abends: Bei Recherchen für einen kurzen Text zur Pest stosse ich auf den Ursprung der "Quarantäne". Das war so: In Ragusa (Dubrovnik) verbannte man Reisende, die aus Pest-Gebieten kamen vorsichtshalber einen Monat lang auf eine Insel vor der Stadt. Die Idee wurde andernorts aufgegriffen und zu einer "Quarantaine de Jours" (also auf 40 Tage) aufgestockt.
Etymologische Freude des Tages: Die Bank hat in ihrer Broschüre süsse Lämmchen abgebildet und schreibt in fetten Lettern "Bringen Sie Ihre Schäfchen ins Trockene". Nun, gut. Offenbar ist heute nicht mehr bekannt, dass es "Sein Scherflein ins Trockene bringen" heisst und dass ein Scherflein ein kleines Bündel Holz ist. Auch bekannt aus "Jeder hat sein Scherflein zu tragen" und "Jeder muss sein Scherflein beitragen" (letzteres war übrigens der Slogan einer Crowdfunding-Plattform für Scheiterhaufen). Brennholz sollte übrigens tatsächlich nicht nass werden, Lämmer hingegen sind einigermassen wasserfest. Es sei denn, der Regen ist über 30° warm. Dann gehen sie ein.
Woher ich hingegen weiss, was ein Scherflein ist, ist mir selbst ein Rätsel.
Man müsste das Portrait mit dem vollen, sorgsam gepflegten, weissgrauen Bart beginnen. Dann würde man zur Anordnung der Falten und Furchen im Gesicht übergehen, zur aufrechten, würdevollen Haltung und zur souveränen Ruhe, die der alte Herr ausstrahlte. Ergänzend könnte man das karierte Hemd und die schwarze Hose streifen, würde anschliessend den Rucksack erwähnen, den Fahrradhelm auf seinem Kopf und dann am Schluss vielleicht noch das Kickboard-Trottinett unter seinen Füssen, mit dem er mir auf der Passstrasse entgegenbretterte.
Und dann gibt’s eben auch Tage wie diesen hier. Wo du die Augen aufschlägst und feststellst, dass du in Clonakilty bist, einem Ort wo du nur hingegangen bist, weil dir die Melodie des Namens so gefallen hat. Tags zuvor hast du dich mit dem Strand und der Sonne und dem Pub mit dem Torffeuer und der Livemusik vertraut gemacht, jetzt schlurfst du zum Frühstück und stellst fest dass Black Pudding nichts mit Schokolade zu tun hat, sondern mit Blutwurst. Zum Frühstück. Warum bist du da selbst noch nie drauf gekommen? Am Nachmittag willst du weiter nach Baltimore (nicht wegen des Namens, aber der Reiseführer hat den Ort als rusty old seadog bezeichnet, sowas sollte man sich doch ansehen). Du putzt dir gerade die Zähne, als das Zimmertelefon klingelt. Hey, hier ist Bill von der Rezeption, du wollstest doch westwärts – willst du mitgenommen werden? Zehn Minuten später sitzt du im Auto von Eamon, auf dem Fussboden liegt Stroh, am Armaturenbrett sind getrocknete Blumen angebracht und der Bauer erzählt dir von der Landwirtschaftspolitik, seinen Lieblingsbüchern und dem grossen kosmischen Ganzen. Er nimmt dich mit bis Skibbereen und meint, du solltest dir Lough Hyne anschauen, das liegt einigermassen am Weg. Warum auch nicht, denkst du dir, schulterst deinen riesigen Rucksack und läufst los. Ein bisschen nervst du dich darüber, dass du als guter Schweizer nicht nur Kleider, Taschenmesser und Lebensmittel eingepackt hast, sondern auch noch eine komplette Skiausrüstung, ein Feuerwehrauto und einen Anker, weil man weiss ja nie. Der See entpuppt sich als ziemlich hübsch und recht speziell, weil er von Bächen gespeist und vom Meer geflutet wird und darum als mi-salé etikettiert würde, sollte er sich eines Tages plötzlich in einen Greyerzer verwandeln. Du ziehst weiter westwärts, nimmst statt des kurzen den langen Weg und der katapultiert dich unverhofft auf eine Klippe und gibt einen fantastischen Meerblick frei. Die Sonne scheint und die paar Wolken treiben bloss vorbei um Abwechslung zu schaffen. Irgendwann wird der Rucksack nun wirklich recht schwer und der Weg wirklich noch recht weit und genau jetzt überholt dich erstmals seit Stunden wieder ein Auto. Du willst es passieren lassen, da hält es an und eine alte Frau fragt, ob du zufällig mitgenommen werden möchtest. Also steigst du ein und unterhältst dich die nächsten zehn Minuten mit einer italienischen Architektin, die aufgehört hat Häuser zu bauen und jetzt stattdessen Brot macht. Dann bist du in Baltimore, wo dir ein paar weitere kleine Absonderlichkeiten passieren und denkst dir abends beim Glas Rotwein an der Bar, dass das Leben insgesamt eigentlich recht okay ist.
Vor zwei Jahren rastete ich auf einer Fahrradtour auf einem Feld. Als mich der Bauer sah, meinte er "Was sitzt du im Feld? Komm doch mit und setz dich bei uns auf die Veranda." Seine Frau hatte gerade gekocht und schöpfte mir einen Teller Suppe. Heute radelte ich wieder durch dieselbe Gegend. Ich machte einen Abstecher über den Hof und brachte einen Sack Kambly-Biscuits vorbei. Für eine gute Geschichte müsste jetzt noch eine knackige Schlusspointe her. Aber es muss ja nicht jede schöne Begebenheit auch eine gute Geschichte sein.