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In ein paar Wochen werde ich umziehen, und wie es bei einem Wohnortwechsel oft der Fall ist, erinnert man sich dann an all die Orte, an denen man früher gelebt hat. So denke ich etwa an meine zehn Quadratmeter grosse Pariser Wohnung, ein «chambre de bonne» in der Nähe der Place de Clichy. Diese «Bedienstetenzimmer», die typisch für die haussmannschen Gebäude sind, entstanden um 1830 zusammen mit einer neuen städtischen sozialen Hierarchie: die Reichen unten, die Bediensteten oben. Es waren Schlafzimmer, die in den obersten Stockwerken bürgerlicher Gebäude für die Unterbringung von Bediensteten eingerichtet wurden. Es gab in der Regel nur eine Wasserstelle für die gesamte Etage, die nur über die Hintertreppe erreichbar war. Von Anfang an wurden die Zimmer mit Gefängniszellen verglichen und als unhygienisch kritisiert.
Heute ist dieses Dachzimmer teilweise zu einem Pariser Klischee geworden. In Filmen wird unter den Dächern geträumt, geliebt, geweint, Rotwein getrunken. Es gibt nur wenige Studierende, die nicht in einem solchen Zimmer gelebt haben. Man sagt, dass sogar Emmanuel Macron einst in einem solchem Zimmer untergebracht war; heute ist er nichts weniger als der Mieter des Élysée-Palasts.
Es kann sich also alles ändern, würde er wahrscheinlich behaupten. Was früher aber als günstiger Wohnraum vermietet wurde, wird heute durch die Pariser Quadratmeterpreise zu sehr interessanten Objekten für Investoren gemacht, die die damaligen «chambres de bonne» als «studettes» (kleine Studios) vermieten. Bedauernswert ist, dass die Preise der Wohnungen steigen, die Orte aber nicht besser werden.
Trotzdem denke ich nostalgisch an mein Dachzimmer in Paris zurück. An meine Nachbarin, die in den Galeries Lafayette Handtaschen verkaufte und jeden Abend mit Familie und Freund:innen über Lautsprecher telefonierte. An ihre Spaghettireste, die aus irgendeinem Grund zusammen mit irgendwelchem Gestein aus dem Abfluss meiner Dusche kamen, sodass diese immer wieder verstopft war.
Meine Küche bestand aus zwei Kochplatten, die oberhalb des Kühlschranks in einem Schrank verstaut waren; mein Bett diente als Ess- und Schreibtisch zugleich. Das Klo am anderen Ende des Flurs teilte ich mit den anderen Nachbar:innen, denen ich aber kaum begegnete. Meine Haustür war mit einer Eisenplatte abgedeckt und ziemlich lotterig. Nach einem Einbruch in einer anderen Dachwohnung wurde mir erklärt, dass die Einbrecher immer ganz oben oder ganz unten einbrechen würden, da, wo es wahrscheinlich am wenigsten zu finden gibt, wo man aber am schnellsten unbemerkt fliehen kann.
Und so werde ich mich auch bald an meine kleine Studiowohnung in Zürich zurückerinnern, die ich nun verlasse: an das Vogelgezwitscher, an meinen Nachbarn von nebenan, der, sobald ich mit meinem Besuch auf dem Balkon sass, ein beeindruckendes Radio aus den sechziger Jahren auf einen Liegestuhl stellte und SRF in maximaler Lautstärke laufen liess, und an die 4G-Antennen, die noch höher in den Himmel ragen als die höchsten Bäume.
Egal wo man lebt, es gibt immer etwas Geheimnisvolles, an das man sich zurückerinnert: an einen Nachbarn mit seltsamen Gewohnheiten oder an sonstige Geister, die man nie zu Gesicht bekommt, mit denen man aber irgendwann einmal ein Klo unter den Dächern von Paris geteilt hat.
Rebecca Gisler ist Autorin in Zürich.