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Er spielte im Schauspielhaus den Buben des Tell und den König Ptolemäus in Shaws «Cäsar und Cleopatra»: Jenö Marton, geboren am 25. November 1905 in Hamburg, Sohn eines ungarischen Zirkusdirektors, den der Krieg 1915 nach Zürich verschlagen hatte. Und er blieb, obwohl die Schule es verbot, dem Theater auch treu, als er 1917 Gymnasiast wurde. Bis 1921, als er den Gassenjungen in Tagores «Postamt» spielte, der Rektor in der ersten Reihe sass und er von der Schule flog. Als er sich weigerte, Zirkusartist zu werden, steckte ihn der Vater in die Erziehungsanstalt Aarburg, wo er Schneider lernte und die Erfahrungen sammelte, die er 1936 im Jugendroman «Zelle 7 wieder frei» umsetzte. Mit siebzig Rappen im Sack kam er 1925 nach Zürich zurück – Vaters Zirkus war längst über alle Berge –, und während er als Tellerwäscher arbeitete, engagierte er sich leidenschaftlich bei den Pfadfindern. 1929 wurde sein Pfadfinder-Stück «Gärende Seelen» uraufgeführt, 1930 publizierte er im Gefolge einer Ungarnreise den Roman «Mit Huhaha durch Paprika: Der Waelsen Fahrt ins Hunnenland». Der Umgang mit Jugendlichen kam dem auch zeichnerisch Begabten zugute für die von ihm selbst illustrierten Kinderbücher, mit denen er sich zwischen 1935 und 1941 einen Namen machte: «Dreihäuserkinder», «Zelle 7 wieder frei», «Ueli, Urs und Urseli im Kinderparadies» und – auf eigenen Erinnerungen basierend – «Jimmy, Jacky & Jonny, die Zirkusbuben». Am erfolgreichsten aber war er mit dem interaktiven Krimi «Stop Heiri – da dure!», der die Kinder zu Detektiven machte. 1942 überraschte Marton, inzwischen in führender Position bei einem Handelshaus beschäftigt, mit dem für Erwachsene bestimmten Roman «Gunaria, das Reich der Ameisen», der ganz unter Ameisen spielt und mit der Gründung, dem Zerfall und dem Wiederaufbau eines Ameisenstaates zeigen will, dass das Individuum seine beste Kraft und seine Lebensfreude aus der Verbundenheit mit der Gemeinschaft schöpft. Eine Intention, die zweifellos mit der Ausgrenzung zu tun hatte, die Marton, obwohl er 1940 Zürcher geworden war, als gebürtiger Ungar noch immer fühlte. Sein Opus magnum, der Bündner Roman «Jürg Padrun» von 1944, ist denn auch als eine gewaltige Kraftanstrengung zu begreifen, sich zumindest literarisch ganz in die neue Heimat zu integrieren. Vom Schrei eines sterbenden Baumes erschüttert, nimmt sich der junge Jürg Padrun vor, den Bannwald, der in sich selbst am Ersticken ist, zu retten und damit die Nachwelt vor Schaden zu bewahren. Dem Aberglauben der Zeit zum Trotz forstet er als Bannwart den Wald frisch auf und erlebt es als alter Mann noch, dass die jugendfrischen Bäume dem Ansturm jener gewaltigen Lawine trotzen, die ihn selbst in die Tiefe reisst. In einer mit ladinischen Begriffen, Namen und Einsprengseln gespickten, kraftvoll-altertümlichen Sprache bringt der Roman packend zum Ausdruck, wie ein visionärer Einzelner sakrosankte, aber gefährlich gewordene Überlieferungen überwindet und der Zukunft eine Bresche schlägt. Ausser bei der Büchergilde, die es 1944 mit ihrem grossen Preis ehrte, wurde das urschweizerische Werk eines von aussen Gekommenen mehr oder weniger totgeschwiegen. Marton, der das nicht begreifen konnte, verstummte bis auf die melancholischen «Blauen Sonette» von 1947 fast ganz, und als ihn am 18. Juni 1958 eine Lungenembolie dahinraffte, war er einzig noch mit dem unverwüstlichen «Stop Heiri – da dure!» in Erinnerung geblieben.
Jenö Marton
Das Waldsterben als Thema der Schweizer Literatur? Da darf der Roman Jürg Padrun nicht vergessen gehen. Erschienen ist er 1944, sein Verfasser war Jenö Marton. Aber klingt der Name denn nicht ungarisch? Ja, sicher, und schon wären wir mittendrin in der Tragik dieses Schriftstellerlebens. Er wollte ja so wenig, dieser Marton Jenö, der 1917 als Zirkuskind in die Schweiz gekommen war und bis 1925 in der Anstalt Aarburg zu einem fügsamen Bürger gedrechselt wurde: ein Schweizer wie die andern hat er sein wollen, und dafür war er bereit, mehr als die andern zu leisten! Zu einem Schneider hatten sie ihn in Aarburg gemacht, aber er wollte mehr, wollte anderes. Er wurde Reklameberater, Filmregisseur, zuletzt Kaufmann und Direktor. Daneben aber engagierte er sich zunächst voll in der Zürcher Pfadfinderbewegung, und aus dieser Betätigung heraus sind dann seine schriftstellerischen Versuche gewachsen. Nach dem kühnen Anstaltsroman Zelle 7 wieder frei! (1935) schrieb er pädagogisch unaufdringliche, pfiffig komponierte Kinderbücher wie z. B. das sehr erfolgreiche, in städtischem Milieu angesiedelte Abenteuerbuch Stop Heiri - da dure! von 1936 oder das auf eigenen Erlebnissen basierende Zirkusbuch Jimmy, Jacky & Jonny von 1941.
Im selben Jahre 1941 errang Marton mit Gunaria das Reich einen Preis der Büchergilde Gutenberg. Es ist der Roman eines Ameisenstaates, der das soziale Leben über das individuelle stellt: eine virtuos verschlüsselte Hommage an die Schweizer Demokratie, die Marton 1940 endlich eingebürgert hatte - eine Namensänderung in Georg Martin allerdings wurde abgelehnt! Dann, 1943/44, der grosse Wurf: Jürg Padrun, ausgezeichnet mit dem Preis der Büchergilde. Es ist dieses Buch Höhepunkt und Abschluss der Schweizer Heimatliteratur unseres Jahrhunderts, geschrieben von einem Autor, dem die Sehnsucht, wirklich dazuzugehören, Kräfte gab, die andern fehlten.
Jürg Padrun, im 18.Jahrhundert Bannwart des Engadiner Dorfes Avrona und in etwa ein alpiner Verwandter von Storms Schimmelreiter, hat früh erkannt, dass der Bannwald über dem Dorf krank ist. Gegen die Vorurteile der Bevölkerung erkämpft er die Sanierung.
Als die Katastrophe hereinbricht, kommt er ums Leben, der Bann aber hält. Mit seinem leicht altertümlichen, rhapsodischen Sprachduktus, seiner erstaunlichen Verschmelzung ladinischen und deutschen Vers- und Sprachguts und mit seiner spannungsgeladenen Handlung ist Jürg Padrun ein hinreissendes Epos von eigenartigem Zauber. Gelegentliches Pathos wird gemildert durch die wissenschaftliche Akribie, mit der Marton den alpwirtschaftlichen Techniken und Benennungen nachgegangen ist, die er wiederum in einem angehängten Lexikon weiter erklärt.
Auch diese fulminante Liebeserklärung an die Schweiz fand nicht das von Marton erhoffte Echo. Und zusätzlich noch durch persönliches Leid zermürbt, gab er das Schreiben schliesslich ganz auf. Als er 1958 Mit 53 Jahren starb, war er als Schriftsteller bereits so gut wie vergessen.
(Literaturszene Schweiz)
Marton, Jenö
*Hamburg 25.11.1905, Zürich 18.6.1958, Schriftsteller. Der Sohn ungar. Zirkusleute war in der Erziehungsanstalt Aarburg gegen seinen Willen zum Schneider ausgebildet worden, brachte es dann aber zum Reklameberater, Filmregisseur und zum Direktor einer schwed. Importfirma. Als Schriftsteller debütierte M., der sein Handwerk in der Presse der Pfadfinderbewegung erprobt hatte, mit den Jugendromanen »Dreihäuserkinder« (1935) und »Zelle 7 wieder frei ...« (1936), letzterer ein Erfahrungsbericht über seinen Aufenthalt in der Erziehungsanstalt. Im gleichen Jahr erregte er mit dem pfiffigen, vom jugendl. Leser eigtl. Detektivarbeit verlangenden Kinderbuch »Stop Heiri - da dure!« grosses Aufsehen. 1941 wiederholte er den Erfolg mit dem autobiograph. Zirkusroman für Kinder, »Jimmy, Jacky und Jonny, die Zirkusbuben«. 1942 publizierte die Büchergilde Gutenberg sein erstes Buch für Erwachsene, den Roman »Gunaria das Reich«, der ganz in der Welt der Ameisen spielt und eine eindrückl. Allegorie auf die Gefahren eines totalitären Staates darstellt. Seine bedeutendste Leistung war der Roman »Jürg Padrun« (1944), der 1943 den grossen Preis der Büchergilde Gutenberg gewann. Es ist die Lebensgeschichte eines mutigen, integren Bannwarts, dem eine Bündner Bergregion ihre Errettung vor einer drohenden Umweltkatastrophe verdankt. Obwohl er mit diesem Werk, das nicht nur die Ergebnisse der volkskundl. Forschung, sondern auch rätorom. Texte und Lieder integrierte, der schweiz. Heimatliteratur neue Wege wies, fand M. damit nicht das erhoffte Echo in seiner Wahlheimat, die ihn 1940 zwar einbürgerte, aber niemals wirkl. als einen der Ihren anerkannte. Nach 1945 verstummte M. als Autor weitgehend.
Lit.: Linsmayer, C.: J.M., in: Literaturszene Schweiz, Zürich 1989. (Schweizer Lexikon)
Marton, Jenö
* 25. 11. 1905 Hamburg, 18. 6. 1958 Zürich. - Erzähler, Kinderbuchautor.
M., Kind ungarischer Zirkusartisten, kam 1917 in die Schweiz, besuchte in Zürich u. Aarburg die Schulen u. begann früh, als Aktivist der Pfadfinderbewegung, kleinere Texte u. dann auch Jugendbücher zu schreiben. Obwohl gelernter Schneider, arbeitete er als Reklameberater, Filmregisseur u. zuletzt als Kaufmann u. Direktor einer Importfirma. Nach dem Jugendroman Zelle 7 wieder frei...! (Aarau 1936), der seinen Aufenthalt in der Jugendbewahranstalt Aarburg thematisiert, gelang ihm mit dem originell aufgemachten Kinderbuch Stop Heiri - da dure... (ebd. 1936) ein lang anhaltender Erfolg. Ein weiteres, ebenfalls vielgelesenes Jugendbuch, Jimmy, Jacky und Jonny, die Zirkusbuben (Zürich 1941), verarbeitet auf lebendige, jugendgerechte Weise Erinnerungen an seine Artistenkindheit.
Mit dem Ameisenroman Gunaria das Reich. Sinn und Deutung der Gemeinschaft (Zürich 1942) gelang M. auf Anhieb eine in ihrer Art einzigartige Parabel auf die moderne Staatlichkeit u. deren Bedrohung durch Totalitarismus u. Kollektivismus. 1943 gewann M. mit seinem Roman Jürg Padrun (ebd. 1944) den großen Preis der Büchergilde Gutenberg. Dieses sprachlich bewußt altertümlich gehaltene, in Romanisch-Graubünden angesiedelte Berg-Epos, das um 1800 spielt, läßt in der Figur des Titelhelden einen verlachten Außenseiter zum Retter einer ganzen Talschaft werden. Innerhalb der Schweizer Berg- u. Heimatliteratur des 20. Jh. gehört dieser Roman, der mit seiner volkskundl. Präzision u. dem Einbezug von rätoromanischem Liedgut auch über die Grenzen der Gattung hinausweist, zu den eigenwilligsten u. überzeugendsten Texten.
WEITERE WERKE: Dreihäuserkinder. Chur 1935 (Jugendroman). - Die blauen Sonette. Zürich 1947.
(Bertelsmann Literaturlexikon)