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Der erste Punkt ist relativ leicht zu widerlegen. Der Impfstoff von Biontech nutzt die mRNA-Technologie. Daran, diese Technologie aus der Grundlagenforschung in marktfähige Anwendungen zu überführen, arbeitet Biontech seit der Gründung der Firma im Jahr 2008. Von 2008 bis 2019 war Biontech ein verlustreiches Unternehmen, das sein Fortbestehen vor allem zwei Faktoren verdankte.
Dies waren privaten Investoren, insbesondere dem Family Office der Familie Strüngmann, die mit langem Atem darauf vertrauten, dass die Pionierforschung unter der Leitung des Gründerehepaars doch noch zu wirtschaftlichem Erfolg führen würde. Und es waren Kooperationen mit anderen, größeren und etablierten Firmen, die in unregelmäßigen Abständen immer wieder neue Liquidität ins Unternehmen leiteten.
In dieser langen Durststrecke erhielt Biontech zwar immer mal wieder auch staatliche Förderung. Dabei handelte es sich aber um kleine, meist einstellige Millionenbeträge aus den üblichen Töpfen für Forschungsförderung von Deutscher Forschungsgemeinschaft, Forschungsministerium und European Research Council. Keineswegs waren diese Beträge so substantiell, dass sie die Existenz des Unternehmens gesichert hätten. Sie waren sehr gering verglichen mit den privatwirtschaftlich organisierten Mittelzuflüssen.
Zu beachten ist außerdem die Zeitlinie. Biontech erhielt zwar tatsächlich, wie im Artikel bei Medinside
angeführt, im Jahr 2020 eine Förderung von 375 Millionen Euro des deutschen Forschungsministeriums und einen vergünstigten Kredit der Europäischen Investitionsbank. Diese Mittel flossen aber erst, nachdem die Entwicklungsarbeit für den Impfstoff abgeschlossen war und erste klinische Studien bereits seine Wirksamkeit zeigten. Der Staat hat also das größte unternehmerische Risiko nicht übernommen, nämlich jenes, das in der sehr unsicheren Entwicklungsphase auftritt, in welcher der allergrößte Teil begonnener Projekte scheitert.
Die Förderung hatte vielmehr zum Ziel, die letzte Zulassungsphase und vor allem den Aufbau von Produktionskapazitäten zu fördern. Wie wir heute wissen, war dies eine sinnvolle politische Entscheidung, da die schnelle Impfstoffverfügbarkeit ein wichtiger Faktor bei der Kontrolle der Pandemie war. Aber nochmals: diese Förderung des schnellen Kapazitätsaufbaus erfolgte erst, als die erheblichen Risiken des Entwicklungsprozesses bereits weitgehend ausgeräumt waren. Getragen wurden diese Risiken, die bei kleinen Firmen wie damals Biontech auch schnell zum Totalverlust führen können, von privaten Kapitalgebern.
Damit kommen wir zum zweiten Argument der Biontech-Kritik: Ist der Preis des Impfstoffs tatsächlich zu hoch? Auf diese Idee kann man kommen, wenn man einer Inputlogik anhängt und glaubt, ein fairer Preis dürfe nur knapp über den durchschnittlichen Produktionskosten liegen. Aber auch dies ist aus zwei Gründen falsch.
Erstens ist der gesellschaftliche Nutzen des Impfstoffs zu berücksichtigen. Die beiden Ökonomen Clemens Fuest und Daniel Gros haben den gesellschaftlichen Wert einer Impfdosis mit etwa 1.500 Euro beziffert. Die Verhinderung von Krankheiten, von wirtschaftliche Verwerfungen verursachenden Lockdowns, die Verlängerung von Leben – all dies führt zu einem hohen gesellschaftlichen Wert. Verglichen damit ist der Preis, der für eine Dosis des Biontech-Impfstoffs tatsächlich gezahlt wird, ein extremes Schnäppchen. Das ist auch gut so, weil zu diesem geringen Preis die schnelle Verbreitung erleichtert wird. Aber es zeigt auch, dass von Wucher keine Rede sein kann.
Und zweitens ist zu bedenken, dass die Gewinne, die Biontech heute einfährt, eine Belohnung für das unternehmerische Risiko sind, welches Gründer und Investoren über lange Jahre getragen haben, in denen keine Gewinne gemacht wurden. Es ist sinnvoll, hier einmal nicht mit dem Wissen von heute die Situation zu beurteilen, sondern die Perspektive des Gründungsjahres 2008 einzunehmen. Unter welchen Bedingungen sind Investoren bereit, in sehr riskante Start-ups zu investieren, die versuchen, aus Grundlagenforschung nützliche medizinische Anwendungen zu machen? Natürlich nur, wenn im Erfolgsfall, der im Jahr 2008 recht unwahrscheinlich war, auch außergewöhnlich hohe Pioniergewinne zu erwarten sind.
Es ist wohlfeil, mit heutigem Wissen und unter Ausblendung aller über mehr als zehn Jahre existierenden Risiken zu behaupten, die Gewinne seien zu hoch. Denn würde man sich heute daran machen, solche Gewinne politisch zu drücken oder abzuschöpfen, dann würde man den Anreiz für den zukünftigen Fortschritt in der Entwicklung neuer Medikamente zerstören.
Biontech erntet derzeit die Früchte einer betriebswirtschaftlich gesehen ungewöhnlich langen Durststrecke. Die Existenz des Vakzins verdanken wir dem forschenden Pioniergeist des Gründerehepaars und dem ökonomischen Pioniergeist der privaten Investoren. Der Staat kam in nennenswertem Umfang erst ins Spiel, als die Risiken bereits weitgehend verschwunden waren. Vor diesem Hintergrund wäre heute Anlass zu Optimismus. Wir sollten nicht neidisch auf neue Milliardäre schauen, sondern sehr darauf gespannt sein, welche medizinischen Entwicklungen Biontech mit der neu gewonnenen Liquidität nun vorantreiben wird.
Gastbeitrag von Jan Schnellenbach
Universitätsprofessor für VWL, insb. Mikroökonomik an der Brandenburgischen Technischen Universität in Cottbus