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Sie hatte schon geglaubt, dass sie es dieses Mal schaffen würde. Sie stopfte ihre verschwitzten Turnsachen in ihren Rucksack und ging dann in die Hocke, um ihre Schnürsenkel zu binden. Gleich würde sie die Umkleide verlassen. Doch dann hörte sie, wie Jessica den Schlachtruf anstimmte. Das Lied. Das mit der Biene. Die zufällig den gleichen Namen trug wie sie. Dass man sie mit y schrieb, machte keinen Unterschied. Maya hielt inne und betrachtete den grauvioletten Linoleumboden. Unter der Holzbank tummelten sich Staubmäuse.
Als Jessica und ihre Clique den Refrain zum zweiten Mal schmetterten, begann es in Mayas Ohren zu fiepen. Sie sah sich nach Claudia um. Diese zog den Reissverschluss ihrer Jacke hoch und guckte in eine andere Richtung. Als Claudia anschliessend ihren Rucksack packte und sich durch die Garderobe Richtung Tür schlängelte, wusste Maya, dass von ihr keine Hilfe zu erwarten war. Mit roten Ohren schulterte sie ebenfalls ihren Rucksack. Nur zehn Meter. Dann wäre sie draussen im Gang und die Tür würde den Gesang zu einem Nebengeräusch verklingen lassen. Sie beschäftigte sich intensiv mit den Dreckspritzern auf den Spitzen ihrer Sneakers, während sie sich wie in Trance Richtung Tür bewegte. Ein Rempler mit dem Ellbogen brachte sie kurz aus dem Takt, dann endlich hielt sie die Klinke in der Hand und zog die schwere Tür auf. Uff, geschafft. Der Gesang verstummte. Nun konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten. Schniefend und wimmernd näherte sie sich der Doppeltür, die auf den Pausenplatz und zu den Fahrradständern führte. Freundlicherweise dämmerte es draussen bereits. Maya schlich zu ihrem Fahrrad.
"Alles okay mit dir?" Die Stimme in ihrem Rücken liess Maya zusammenzucken. Sie hielt ihr Fahrradschloss umklammert, während sie sich langsam umdrehte. Max aus der Parallelklasse. Was wollte der denn? Maya wischte mit dem Handrücken über ihre Nasenlöcher. Max wippte auf und ab und legte den Kopf schief. "Alles okay. Lass mich in Ruhe", fauchte Maya und bewegte den Schlüssel ihres Fahrradschlosses ruckartig hin und her. Mist. Er klemmte schon wieder. Ausgerechnet jetzt. Maya wollte nur noch nach Hause, in ihr Zimmer. Die Tür hinter sich zuziehen und sich auf ihr Bett legen. Die Augen schliessen und alles vergessen. Sie sah aus den Augenwinkeln, dass Max immer noch da stand. "Komm, ich mach das", sagte er und drängte Maya zur Seite. Diese beobachtete mit gerunzelter Stirn, wie sich Max mit dem Schloss abmühte, schliesslich aber einen triumphierenden Schrei ausstiess. "Geht doch!" Er reichte Maya das offene Schloss und den Schlüssel.
Maya stopfte beides in ihren Rucksack, packte ihr Fahrrad und stieg auf. "Ich bringe morgen ein Kontaktspray mit, dann sollte das Schloss wieder einwandfrei funktionieren", hörte Maya ihn noch sagen, als sie in die Pedale trat. Kontaktspray? Hatte er das gerade erfunden? Was wollte Max überhaupt von ihr? Begriff er nicht, dass sie kein Interesse hatte?
Maya radelte durch die Dunkelheit, die Kälte kroch unter ihre dünne Jacke. Da vorne kam bereits die Sackgasse, an deren Ende ihre Zuflucht wartete. Nach vier Stockwerken und drei Türen war sie endlich in ihrem Zimmer. Sie atmete erleichtert auf, als sie auf ihrem Bett lag. Die Decke roch genau richtig. Maya zog sie sich über den Kopf und hoffte, für immer in ihrer Höhle bleiben zu können. Hier gab es keinen Sportunterricht. Keine Jessica. Keine Gesänge. Eigentlich hatte sie ihren Namen immer gemocht. Maya bedeutete "Die Höhere" hatte ihr die Mutter erklärt, als sie noch klein war. Sie war die Schönste der Plejaden, dem Siebengestirn, dass man im Sommer am nächtlichen Himmel blinken sah. Und zwar am besten, wenn man daran vorbeischaute. Jetzt wünschte sie, anders zu heissen. Stefanie, Erika, Nicole. Egal. Einfach nicht wie eine Biene. In einem unbekannten Land. Vor gar nicht allzu langer Zeit.
Morgen, ja morgen würde es besser werden. Ganz sicher. Maya schloss die Augen.