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Studentische Blicke auf den Schweizer Film
Unter dem Motto ‹Studentische Blicke auf den Schweizer Film› publizieren wir hier die Seminararbeiten zur Veranstaltung, die im Herbstsemester 2013 am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich stattgefunden hat (die längeren Arbeiten sind während des zweiten Semesters im Frühjahr 2014 entstanden).
Autorinnen und Autoren: Elisa Bazzi, Jessica Berry, Seraina Brunner, Seraina Büeler, Nina Bühlmann, Noemi Daugaard, Chloé Hoffmann, Marius Kuhn, Kilian Lilienfeld, Charlotte Matter, Jeanne Rohner, Andrej Ruesch, Dominik von Büren, Anna Weber.
Online-Herausgeberschaft:
Margrit Tröhler (redaktionelle Betreuung)
Marius Kuhn (formale Bearbeitung, Layout etc.)
Zum Thema
Kurt Früh war ein Pendler zwischen den Welten (des Spiel- und Auftragsfilms, des Theaters, des Fernsehens oder des Hörspiels) und zwischen den Zeiten (des Alten und Neuen Schweizer Films). Die schillernde Figur und das ebenso faszinierende Werk von Früh wurden im Seminar analysiert und auf ihren kultur- und filmhistorischen Kontext ebenso wie auf die Anleihen an internationale Stile oder filmästhetische Konzeptionen hin befragt.
Kurt Früh (1915–1979) ist vor allem bekannt für seine Kleinbürgerdramen, die zwischen Mitte der 1950 Jahre und Anfang der 60er Jahre im Kino zu sehen waren – dies sind etwa OBERSTADTGASS (1956), BÄCKEREI ZÜRRER (1957), HINTER DEN SIEBEN GLEISEN (1959), CAFÉ ODEON (1959) oder ES DACH ÜBEREM CHOPF (1961). Von 1938 bis 1974 hat er aber auch bei vielen Auftragsfilmen (Werbe- und Industriefilmen sowie Fernsehproduktionen) mitgearbeitet oder selbst Regie geführt. Ab 1940 war er Montagechef für die Schweizer Filmwochenschau. Er schrieb Liedertexte für verschiedene Cabarets, inszenierte Theaterstücke und war Assistent bei Leopold Lindtberg, bevor er mit POLIZIST WÄCKERLI 1955 seinen ersten erfolgreichen Spielfilm ins Kino brachte. Anfang der 1960er Jahre drehte er auch musikalische Komödien, darunter DER 42. HIMMEL (1962). Von 1964-67 leitete er das Ressort Theater beim Fernsehen, von 1967-69 lehrte er an der ersten Filmklasse der Kunstgewerbeschule in Zürich. Und mit seinen letzten beiden Spielfilmen DÄLLEBACH KARI (1970) und DER FALL (1972) schaffte er den Anschluss an den Neuen Schweizer Film.*
Die soziale Schweizer Wirklichkeit, die Kurt Früh in seinen Spielfilmen der 50er und 60er Jahre skizziert – die Zeit, auf die sich das Seminar hauptsächlich konzentrierte –, entspricht nicht eigentlich den historischen Realitäten. In den 1970er und 80er Jahren wurden diese Filme oft als überzeichnet, beschönigend oder gar als rückständig empfunden. Aus heutiger Warte lässt sich darin aber sehr wohl die zeitgenössische ‹Ambivalenz› zwischen Wirtschaftsboom, Wertekonservatismus und gesellschaftlichem Aufbruch herauslesen. Durch seinen dokumentarisierenden Stil, für den er sich vom Neorealismus und vom poetischen Realismus inspirieren liess, entwirft Kurt Früh auch ein atmosphärisches Bild dieser Zeit: Figurenkonzeption, Objekte, Detailaufnahmen charakterisieren das fiktionale Milieu und erstellen gleichzeitig eine sozio-politische Beschreibung der Stadt Zürich. In solchen Aspekten machen sich Erfahrung und Blick des Dokumentarfilmers bemerkbar.
In der Zeit der Verve des Neuen Schweizer Films gerieten seine Filme – abgesehen von den beiden letzten der 1970er Jahre – und sein künstlerisches Schaffen etwas in Vergessenheit. Nach dem Jahrestag seines 70. Geburtstags 1985 blieb es wiederum längere Zeit eher still um das Werk von Kurt Früh.
Doch seit den 2000er Jahren wird ihm späte Ehre zu teil: 2003 stiftete ihm die Stadt Zürich einen Ehrengrab auf dem Friedhof Fluntern; 2005 beschloss der Stadtrat, den Fuss- und Radweg entlang des Leutschenbachs im Bereich des Schweizer Fernsehens DRS mit dem Strassennamen «Kurt-Früh-Weg» zu versehen (der Weg führt von der Leutschenbachstrasse 74 bis an die Stadtgrenze nach Opfikon).
2004 erscheint dann das Filmporträt von Renata Münzel: LICHT UND SCHATTEN: DER FILMEMACHER KURT FRÜH (Produktion: Praesens-Film), und anlässlich seines 25. Todestages organisierte das Filmpodium der Stadt Zürich im März 2004 eine Retrospektive seiner Filme. Ebenso waren seine populärsten Spielfilme auf SF DRS und in der Sendung «Delikatessen» auf SF1 drei seiner ersten, kaum bekannten Dokumentar- und Werbefilme zu sehen (kommentiert von Georg Janett, der ebenfalls als Multitalent – Cutter, Drehbuchautor, Regisseur, Schauspieler – den Schweizer Film der letzten 50 Jahre geprägt und bei einigen von Frühs Filmen mitgearbeitet hat; er ist im letzten Januar gestorben.). Mit der Neuinterpretation des Stoffes von Dällebach Kari durch Xavier Koller, der 2012 EINE WEN IIG ins Kino brachte, wird das ‹Original› des DÄLLEBACH KARI (1970) von Kurt Früh wieder in die kollektive Erinnerung zurückgeholt: Dieser Film, der noch einmal die realistische und «sozialpolitische Dimension» von Frühs Filmen sowie seinen besonderen Blick für das Nonkonformistische deutlich macht, lockte bei seinem Erscheinen 50'000 Zuschauer im ersten Monat ins Kino: «relativ wenig für einen Regisseur, dessen frühere Werke eine Million Eintritte verzeichneten», wie Christian Jungen festhält. Er gilt aber auch heute noch als Kultfilm («Von Kurt Früh lernen», NZZ am Sonntag vom 19.02.2012).**
Vor wenigen Wochen nun ist der reichbebilderte Textband Eugen Früh und seine Brüder. Auf den Spuren einer Künstlerfamilie in Zürich im Verlag Scheidegger & Spiess erschienen; der Band widmet sich hauptsächlich seinem Bruder Eugen, dem Kunstmaler, beinhaltet jedoch auch einen Aufsatz von Peter Müller zu Kurt Frühs vielfältigem künstlerischen Schaffen.
Seit Anfang der 1990er Jahre sind indes kaum mehr neue historisch-kritische Studien oder Analysen zum Werk von Kurt Früh unternommen worden. Deshalb erachten wir es als sinnvoll, die aus dem Seminar hervorgegangen Arbeiten einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Durch die studentischen Blicke auf den Schweizer Film möchten wir einerseits dokumentieren, dass die Filme von Kurt Früh auch heute (noch – oder: wieder) vielerlei Anknüpfungspunkte bieten: Es sind die Blicke einer jungen Generation auf eine für sie weit entfernte (Film-)Welt und auf einen Wegbereiter des Neuen Schweizer Films. Andererseits zeigen die hier präsentierten schriftlichen Arbeiten, dass bereits während des Studiums Forschungsleistungen erbracht werden können.
Die Forschungsarbeit von Charlotte Matter wurde im Herbst 2014 mit einem Semesterpreis der Universität Zürich (Frühjahrssemester 2014) ausgezeichnet.
** 2012 figurieren Hinter den sieben Gleisen und Dällebach Kari auf Platz 12 respektive 13 auf der SRF-Rangliste „Gipfelstürmer – die unvergesslichsten Schweizer Filme“ (vgl. auf Youtube).
Zu den Arbeiten
Das Seminar war, wie erwähnt, hauptsächlich den Filmen gewidmet, die Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre entstanden sind. Auch wenn einige der studentischen Arbeiten sich auf den Auftragsfilm beziehen und andere Ausblicke auf die 1970er Jahre gewähren, so bietet das Spektrum der bearbeiteten Fragestellungen keine umfassende Übersicht über Kurt Frühs Werk. Die Themenwahl war den Studierenden freigestellt und beruht auf ihren Interessen an den Filmen und deren historischem und diskursivem Kontext.
Die Arbeiten lassen neben den individuellen Fragestellungen auch vielfältige Herangehensweisen erkennen, und sie sind, was die Qualität der Ausführung betrifft, unterschiedlich bewertet worden (die Noten lagen zwischen 4,5 und 6). Wir haben beschlossen, alle Arbeiten zu publizieren, da jede einzelne dem Bild von Kurt Früh eine neue Facette hinzufügt.
Die Texte sind unterschiedlich lang, je nach dem für welchen Leistungsnachweis sich die Studierenden in das Seminar eingeschrieben hatten (die Siglen hinter den Titeln entsprechen den verschiedenen Formaten: FA = Forschungsarbeit; SA = Seminararbeit; SU = Schriftliche Übung). Ausserdem sind dem Konvolut zwei kurze Arbeiten auf Französisch beigefügt (SU_UNIL): Sie wurden von Studentinnen der Universität Lausanne verfasst, die im Rahmen des interuniversitären Master-Programms NETZWERK CINEMA CH ihr Austauschsemester an der Universität Zürich absolvierten.
Die Texte wurden inhaltlich, sprachlich und in Bezug auf die akademischen Anforderungen des Zitierens etc. betreut und von den Studierenden überarbeitet. Für die Veröffentlichung haben die Herausgeber_innen kleine stilistische und formale Bereinigungen vorgenommen. Die Arbeiten wurden jedoch weder publizistisch aufbereitet noch zu umfassenden Untersuchungen ausgebaut: Es handelt sich um Aufsätze von Studierenden, die von ihrem Blick, ihrem Interesse an und ihrem Engagement für die Sache, von ihrem Kenntnisstand wie von ihrer Art und Weise, all dies in Sprache umzusetzen, zeugen.
Zürich, im November 2014 Margrit Tröhler
Inhaltsverzeichnis
Einleitung (online)
Margrit Tröhler
Die Ambivalenz der 1950er Jahre
Jessica Berry, Noemi Daugaard, Kilian Lilienfeld (SU)
Zwischen Geistiger Landesverteidigung und 50er-Jahre-Boom. Ambivalenz in den Filmen von Kurt Früh
Zum Auftragsfilm
Charlotte Matter (FA – Semesterpreis FS 2014)
Ambivalenz im Schweizer Industriefilm der 1950er Jahre. Fallbeispiel UNSER MITBÜRGER CHRISTIAN CADUFF (Kurt Früh, CH 1955)
Frühs Blick auf das «typisch» Kleinbürgerliche
Andrej Ruesch (SA)
Der Blick auf das Kleinbürgerliche
Seraina Büeler (FA)
Eine Topologie des «typisch Schweizerischen». Auf Spurensuche mit Hilfe von Kurt Frühs musikalischer Komödie DER 42. HIMMEL
Figurenzeichnung – Konzeption und Wandel von Nebenfiguren
Jeanne Rohner (SU_UNIL)
Le statut du personnage dans POLIZISCHT WÄCKERLI (1955) et OBERSTADTGASS (1956)
Anna Weber (FA)
Die Töchter des Kleinbürgerdramas. Ein Vergleich der Töchterfiguren in Kurt Frühs Filmen POLIZISCHT WÄCKERLI und BÄCKEREI ZÜRRER
Dominik von Büren (FA)
Weg vom Herd. Wie sich die gesellschaftlichen Veränderungen der Frauenrolle in Kurt Frühs Filmen bemerkbar machen
Nina Bühlmann (SA)
Dunkle Figuren werden ins rechte Licht gerückt. Das wiederkehrende Motiv des «Clochards» in Kurt Frühs Filmen 1950er Jahre
Stadtansichten
Elisa Bazzi (FA)
Eine Stadt wird geboren. Zürich in den Filmen von Kurt Früh
Stilfragen und historische Anleihen
Seraina Brunner (SA)
Sozialkritik in der Form stilisierter Wirklichkeit. Eine Analyse der Filme HINTER DEN SIEBEN GLEISEN und ES DACH ÜBEREM CHOPF des Schweizer Filmemachers Kurt Früh
Marius Kuhn (SA)
Fahrraddiebe in Zürich? BÄCKEREI ZÜRRER und der italienische Neorealismus
Die Rezeption von Kurt Früh in der Filmgeschichtsschreibung der Romandie
Chloé Hoffmann (SU_UNIL)
Les longs-métrages de fiction de Kurt Früh : un réalisateur et une partie de son oeuvre passés à la loupe des historiens romands du cinéma suisse