Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03189.jsonl.gz/1773

Geschlechterkampf
Eva Riese
Der Präsident der Harvard-Universität löste einen «intellektuellen Tsunami» aus – er dachte kreuz und quer und laut darüber nach, wieso es so wenige Mathematik- und Physikprofessorinnen gibt. Die Wissenschaftlerinnen konnten dem Mann nicht folgen. Wie auch?
Larry Summers, Präsident der renommierten Harvard-Universität, liebt die Provokation. Vor zwei Jahren fragte er Cornel West, den Star an der Abteilung für Afroamerikanische Studien, wann er endlich mal wieder ein solides wissenschaftliches Werk produzieren werde. Beleidigt packte West seine Sachen und wechselte an die Konkurrenz-Uni in Princeton. Vergangenes Jahr ärgerte Summers die Gay-Community – und nun sind die Frauen an der Reihe.
An einer Konferenz zum Thema «Frauen und Wissenschaft» ging er kürzlich auf die Frage ein, weshalb es in der Mathematik und Physik immer noch so wenige Professorinnen gebe. Neben Diskriminierung und der Schwierigkeit, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, nannte Summers unterschiedliche «angeborene Fähigkeiten» von Mann und Frau als einen möglichen weiteren Grund. Seine These veranschaulichte er mit einer persönlichen Anekdote: Ernsthaft bemüht, seine Kinder möglichst geschlechtsneutral zu erziehen, habe er seiner Tochter einmal zwei Lastwagen geschenkt. Doch statt mit ihnen herumzukurven, wie das seine Söhne taten, habe sie die Fahrzeuge wie Puppen behandelt – die eine nannte sie «Papi-Lastwagen», die andere «Baby-Lastwagen».
Das ging einigen Zuhörerinnen zu weit. Sie standen auf und verliessen den Saal. Solche Aussagen, sagte Nancy Hopkins, Biologie-Professorin am MIT, gegenüber dem Boston Globe, machten sie körperlich krank. Wäre sie geblieben, hätte sie entweder einen Ohnmachtsanfall erlitten oder sich übergeben müssen. Seither überschlagen sich die amerikanischen Medien mit Analysen und Kommentaren. Einen «intellektuellen Tsunami» habe Summers losgetreten, zitiert die linksliberale New York Times eine Forscherin. Für das konservative Wall Street Journal hingegen liefern die gehässigen Reaktionen einiger Wissenschaftlerinnen «weitere Evidenz für die Aushöhlung der akademischen Freiheit, die gegenwärtig die amerikanische Hochschullandschaft prägt».
Fakt ist: Nur zehn Prozent aller Physikprofessoren in den USA sind weiblichen Geschlechts. Noch seltener sind Physikerinnen an Schweizer Hochschulen anzutreffen: Hier sind es vier Prozent oder, anders ausgedrückt, fünf Frauen. Etwas höher liegt dafür der Frauenanteil in Israel. Trotzdem lässt sich nicht leugnen: In den exakten Naturwissenschaften erreichen Frauen nicht die gleichen akademischen Leistungen wie die Männer. Die Preisfrage lautet nun: Können oder wollen sie es nicht?
Um solche Fragen zu beantworten, müssen Wissenschaftler Hypothesen aufstellen. Unter Neuropsychologen zurzeit besonders beliebt ist die von Larry Summers formulierte: Der Frauenmangel ist Folge einer genetisch bedingten unterschiedlichen neuronalen Hardware.
Tatsächlich ist das weibliche Gehirn anders als das männliche. Männer verfügen zum Beispiel über zehn Prozent mehr Hirnmasse als Frauen. Abweichungen finden in jüngster Zeit auch Forscher, die das «arbeitende» Gehirn mit bildgebenden Methoden beobachten. So betätigen Männer beim Lösen verschiedener Aufgaben andere Hirnareale als Frauen: Beim Sprechen etwa aktiviert der Durchschnittsmann vor allem die linke Hirnhälfte, die Durchschnittsfrau hingegen verarbeitet Sprache bilateral.
Etwas globaler formuliert der Autismus-Forscher Simon Baron-Cohen von der University of Cambridge seine auf psychologischen Tests basierende These. In seinem 2003 veröffentlichten Buch «Vom ersten Tag an anders» schreibt er: Das weibliche Gehirn ist so «verdrahtet», dass es überwiegend auf Empathie ausgerichtet ist. Das männliche Gehirn ist so «verdrahtet», dass es überwiegend auf das Begreifen und den Aufbau von Systemen ausgerichtet ist. Baron-Cohen macht unterschiedliche Hormonkonzentrationen, denen Föten im Mutterleib ausgesetzt sind, für das geschlechtsspezifische Rollenverhalten verantwortlich.
Die Gesellschaft, sagt Baron-Cohen, brauche beide Gehirntypen. «Personen mit weiblichem Gehirntyp geben die besten Sozialarbeiter, Grundschullehrerinnen, Krankenpfleger, Therapeutinnen ab, Personen mit männlichem Gehirntyp die besten Naturwissenschaftler, Architektinnen, Banker, Programmierer.»
So einleuchtend diese These sein mag, so eindrücklich die unterschiedliche Hirnaktivität auch ist: Sollen sie für den Frauenmangel verantwortlich gemacht werden, muss eine weitere Annahme zutreffen. Diejenige nämlich, dass bestimmte Aktivierungsmuster mit bestimmten intellektuellen Leistungen korrelieren. Hier sieht die Datenlage prekär aus. «Die Aktivierung bestimmter Hirnareale», sagt Anelis Kaiser, Psychologin von der Universität Basel, «sagt nichts über Leistung aus.»
Anders ausgedrückt: Leuchtet bei einer Person, die eine Aufgabe löst, ein Areal stärker auf als bei einer anderen, bedeutet dies nicht, dass sie sie auch besser löst. Männer und Frauen mögen also unterschiedliche Hardware im Gehirn haben, was das Meistern verschiedener Sprachtests anbelangt, so lassen sich kaum Unterschiede feststellen.
Eine Beobachtung, die Psychologen auch bei Vorschulkindern machen: Trotz unterschiedlichem Spielverhalten von Mädchen und Knaben findet man beim Lösen räumlicher und numerischer Aufgaben keine geschlechtsspezifischen Abweichungen. Ähnlich verhält es sich bei den Leistungen von Primarschülern. Zumindest bis zur sechsten Klasse schneiden amerikanische Mädchen in der Mathematik ebenso gut ab wie Knaben. Danach allerdings beginnt sich die Schere zu öffnen. Trotzdem schaffen es in den USA fast ebenso viele Frauen wie Männer bis zum Mathe-Vordiplom. Doch je weiter das Studium fortschreitet, desto kleiner wird der Frauenanteil. «Where do we lose the girls?», fragen sich deshalb die Bildungspolitiker, nicht nur in den USA.
Die Schweiz folgt einem anderen Muster. Hier erbringen Mädchen bereits im Grundschulalter schlechtere Mathe-Leistungen als Knaben. Warum, weiss niemand. Doch macht der Ländervergleich eines deutlich: Die Überlegenheit der Knaben ist keine universelle Konstante. In der neuesten OECD-Studie schnitten die 15-jährigen Knaben nur in der Hälfte der 41 untersuchten Länder besser ab als die Mädchen. In Japan etwa waren die Mädchen den Knaben ebenbürtig. Und nicht nur das: Sie waren auch besser als die amerikanischen und viele europäische Knaben. So ganz können die Behauptungen also nicht stimmen, das weibliche Gehirn sei anders «verdrahtet».
Ebenso gut liesse sich nämlich folgern, das asiatische Gehirn sei anders «verdrahtet» als das amerikanische. «Ich finde es müssig, sich über einen kleinen Unterschied in der Biologie zu begeistern», sagt Elizabeth Spelke, Professorin für Psychologie an der Harvard University, gegenüber der New York Times, «wenn die Evidenz zeigt, dass Frauen auf jeder Stufe diskriminiert werden.»
Einstein gab sich keinen Illusionen hin Beispielsweise bei der Vergabe von Forschungsgeldern. In einer Studie sollten Männer Forschungsanträge im Bereich der Mathematik auf einer Skala von eins bis fünf benoten. Stammte die Arbeit von einem John T. McKay, wurde sie im Schnitt um einen Punkt besser bewertet, als wenn sie eine Joan T. McKay verfasst hatte. In einer anderen kürzlich durchgeführten Studie sollten Studenten zwei hochqualifizierte Kandidaten für einen Ingenieurjob beurteilen. Der eine hatte eine bessere Ausbildung vorzuweisen, der andere dafür mehr Arbeitserfahrung. In 75 Prozent der Fälle war die Präferenz klar: für den besser Ausgebildeten. War jedoch das Geschlecht der Kandidaten bekannt und die besser Ausgebildete eine Frau, wurde sie nur noch in 48 Prozent der Fälle vorgezogen. Ganz offensichtlich werden Frauen und Männer nicht gleich behandelt.
Auch Albert Einstein war sich dessen bewusst, als er sich einmal zum Thema der weiblichen Begabung äusserte: «Wie in allen anderen Bereichen sollte Frauen in den Naturwissenschaften der Weg möglichst einfach gemacht werden.» Trotzdem gab auch er sich keinen Illusionen hin: «Man sollte es mir nicht übel nehmen», sagte er, «wenn ich die möglichen Resultate [unterstützender Massnahmen] mit einer Portion Skepsis betrachte. Ich spreche von gewissen Hindernissen im System der Frau, die wir als naturgegeben betrachten müssen und die uns verbieten, an Frauen die gleichen Erwartungen zu stellen wie an Männer.»
Einstein präzisierte nicht, was er mit den «gewissen Hindernissen im System der Frau» meinte. Nima Geffen, Professorin für Mathematik an der Universität von Tel Aviv, glaubt, dass Frauen grundsätzlich zu den gleichen Leistungen fähig sind wie Männer. «Will man in den Wissenschaften ganz nach oben, sind zwei Dinge gefragt: Absolute Selbstsicherheit und die Fähigkeit, sich einer Sache bis zur Selbstvergessenheit hinzugeben.» Beide Geschlechter, so Geffen, starten mit den gleichen Eigenschaften. Den meisten Frauen kommen sie aber im Laufe des Lebens abhanden, sei es, weil sie eine Familie gründen, sei es, weil sie andere Dinge als lohnenswert erachten.
Es ist also weniger die Frage, ob Frauen Physikprofessorinnen werden können, als warum sie es nicht werden wollen. Lise Meitner, eine der herausragendsten Physikerinnen des 20. Jahrhunderts, beantwortete 1953 die Frage, warum Frauen in den Naturwissenschaften untervertreten sind. «Sicher spielen die geschichtliche Entwicklung, Tradition und Gewohnheit, psychologische und physiologische Momente eine nicht unerhebliche Rolle», sagte sie. «Dass die zwei letztgenannten Faktoren unter normalen Umständen überwunden werden können, haben die vergangenen Jahrzehnte deutlich gezeigt. Es kann auch kaum bezweifelt werden, dass die Entwicklung in der Richtung der Gleichstellung der Frau vor sich geht. Dass dabei einige besondere Probleme noch ihre Lösung finden müssen, wird wohl niemand übersehen.» Neben der Diskriminierung und der Schwierigkeit, Familie und Beruf miteinander zu verbinden, dachte Meitner auch an wissenschaftlich fragwürdige, inzwischen widerlegte Behauptungen, wie die des deutschen Nervenarztes Paul Julius Moebius. In seinem 1903 erschienenen Werk «Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes» schrieb er, «dass für das geistige Leben ausserordentlich wichtige Gehirnteile, die Windungen des Stirn- und des Schläfenlappens, beim Weibe schlechter entwickelt sind als beim Manne».
Ob die von Summers formulierte These langfristig bestätigt oder verworfen wird, das können nur weitere Forschungen zeigen. Die heute vorliegenden Daten jedenfalls genügen nicht, um den Frauenmangel in den Wissenschaften zu erklären. Summers hat sich inzwischen mehrmals entschuldigt. Er sei an die Konferenz eingeladen worden, mit der expliziten Bitte zu provozieren. Er habe weder gesagt noch glaube er, dass Mädchen den Knaben intellektuell unterlegen seien. «Die Fähigkeit, in den Wissenschaften zu brillieren, kann nicht nur dem Geschlecht zugeschrieben werden.» Und: Er versprach, 25 Millionen Dollar in die Förderung von Frauen und anderen Minderheiten an Harvard zu investieren.