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In unserer Rubrik «Top Story» soll diesmal eine aussergewöhnliche Sammlerkamera beschrieben werden und die Geschichte, weshalb ein englischer Politiker und Aviatikjournalist eine Kamera erfindet und diese von einer Schweizer Uhrenfirma herstellen lässt. Die Rede ist von der «Compass», einer Kleinbildkamera aus dem Jahre 1937, die für die damalige Zeit mit ungewöhnlichen technischen Raffinessen ausgestattet war.
In den Mitte dreissiger Jahren, als die «Compass» im Entstehen war, wurde fieberhaft an neuen Technologie und Konstruktionen gearbeitet. Der Nationalsozialismus in Deutschland kurbelte die Rüstungsindustrie an, was auch die Entwicklung revolutionärer Verkehrsmittel, neue physikalische und chemische Verfahren, und nicht zuletzt auch die Optik und Feinmechanik beflügelte. Die Kameras auf dem Markt, waren entweder einfache Box- und Klappkameras, die Kodak Retina als populärste Kleinbildkamera oder die unerschwinglichen Leica- und Contax-Modelle. Auch die «Compass» gehört zu den Kleinbildkameras, nur war ihre Konstruktion derart aussergewöhnlich, dass dieses technische Wunderwerk wohl kaum von jemandem ernsthaft zum Fotografieren eingesetzt wurde.
Was den englischen Politiker Noël Pemberton-Billing dazu bewogen hatte eine Kamera zu konstruieren, und weshalb er sie gerade «Compass» nannte, ist nicht bekannt. Eine Legende besagt, dass er eine Wette abgeschlossen hatte, dass er eine «perfekte Kamera» konstruieren könne und setzte sich deshalb zum Ziel, mit seiner Konstruktion den damaligen Stand der Technik zu übertrumpfen. Dazu integrierte er nützliche Funktionen und Eigenschaften in die Kamera, die man normalerweise in Form von Zubehör kaufen musste, wie beispielsweise Belichtungsmesser, Entfernungsmesser und Filter.
Der Weg in die Schweiz
Wer war dieser Noël Pemberton-Billing? Er wurde 1880 in Hampstead, nördlich von London, geboren und nahm als 19jähriger am Burenkrieg in Südafrika teil. Damit war seine Armeelaufbahn schon vorbestimmt, die ihn durch den Ersten Weltkrieg geleitete und ihm letztlich den Grad eines Staffelkommandanten der Luftwaffe einbrachte. 1908 gründete er die Fliegerzeitschrift «Aerocraft», doch musste er diese bereits nach zwei Jahren wieder einstellen. 1913 gründete er die «Pemberton-Billing Ltd.», welche Wasserflugzeuge herstellte, verkaufte jedoch die Firma bereits wieder nach drei Jahren und wandte sich als Parlamentsmitglied der Politik zu. Daneben war er auch schriftstellerisch tätig. Sein grosses Interesse für die Technik brachte ihm einige Patente ein, und dabei muss ihn die Idee einer völlig neuartigen Kamera besonders gelockt haben. Die Entwicklungsarbeit, die er in diese investiert, muss enorm gewesen sein, wie wir gleich in der technischen Beschreibung dieser Kamera sehen werden. Er liess diese am 16.Mai 1936 patentieren und kontaktierte danach verschiedene Kamerafirmen in England und Deutschland, die jedoch alle das Projekt als unrealisierbar zurückwiesen. Die Anforderungen an die mechanische Präzision waren derart hoch, dass sich Pemberton-Billing nicht bei den Kamerafabrikanten, sondern in der Feinstmechanikbranche nach einem möglichen Hersteller umsehen musste. Und dieser Weg führte ihn schliesslich in die Schweiz zur renommierten Uhrenfirma Jaeger-LeCoultre in Le Sentier.
Jaeger-LeCoultre war sicher eine der fähigsten Uhrenfirmen der Schweiz, doch von Kameras hatte man in Le Sentier im Vallée de Joux keine Ahnung. Die Techniker von Jaeger-LeCoultre studierten das Projekt und willigten schliesslich ein, dieses für den «verrückten englischen Politiker» zu bauen, doch musste dieser das gesamte Risiko der Vermarktung selbst übernehmen.
Die «Compass» kam 1937 auf den Markt und war mit eingebautem Belichtungs-messer, gekuppeltem Entfernungsmesser und vielen nützlichen Raffinessen für die damalige Zeit technisch überdurchschnittlich gut ausgestattet.
Ein mechanisches Wunderwerk
Die Grundidee von Pemberton-Billing war eine Kamera, die nicht grösser sein sollte, als eine Packung Zigaretten – 32 x 56 x 70 mm. Sie sollte gänzlich aus Aluminium und rostfreiem Stahl gefertigt sein und sollte Ausstattungsmerkmale aufweisen, die für die damalige Zeit in einer derart kleinen Kamera spektakulär waren:
* Der Rotationsverschluss erlaubte Zeiteinstellungen von 4,5 bis 1/500 Sekunden.
* Das versenkbare Kern-Objektiv Anastigmat 1:3,5/35mm besass eine Rotationblende für die Blendenöffnungen 3,5, 4,5, 6,3 und 16, sowie eine ausziehbare Gegenlichtblende.
* Das Objektiv war mit einem Entfernungsmesser gekuppelt
* Je ein Gelb-, Grün- und Orangefilter waren eingebaut und über einen Drehring vorschaltbar.
* Der Sucher konnte als Aufsichts- oder Winkelsucher verwendet werden.
* Die Nahgrenze lag bei damals beachtlichen 50 cm und war durchgehend mit dem gekuppelten Entfernungsmesser einstellbar.
* Ein optischer Belichtungsmesser mit herausziehbarem Graukeil diente zur Ermittlung von Verschlusszeit und Blende.
* Das Bild auf der Mattscheibe konnte mit einer Lupe mit Dioptrienausgleich scharf eingestellt werden.
* Auf dem Objektivdeckel befand sich die Schärfentiefeskala.
* Der Rückteil der Kamera war wechselbar. Es konnten wahlweise Glasplatten, Einzelfilmstücke (im Kleinbildformat!) oder ein Rollfilmmagazin mit Spezialfilmen aus der 828-Konfektionierung verwendet werden.
* Eine eingebaute Wasserwaage erleichterte das Ausrichten der Kamera für Panorama- und Stereoaufnahmen. Für diese beiden Spezialbereiche besass die Kamera eine entsprechende Stativbefestigung mit 1/4″ und 3/8″ Gewinde.
Damit noch nicht genug: Zur «Compass» war ein breites Zubehörprogramm lieferbar oder mindestens vorgesehen, darunter auch ein Mini-Vergrösserungsapparat, der an einer Autobatterie angeschlossen werden konnte, und ein Taschenstativ, das auf doppelte Kameragrösse zusammengeklappt werden konnte.
Die Produktion der «Compass» wurde bei Jaeger-LeCoultre im Jahre 1937 begonnen. Es sollen rund 4’000 Exemplare hergestellt worden sein, die jedoch alle nach England geliefert und von dort aus vertrieben wurden. Allerdings dürften die Verkäufe nicht sehr ertragreich gewesen sein, kostete die Kamera doch 1937 in England angeblich nur 30 Pfund Sterling.
Dass diese aufwendige Konstruktion verschiedenste Probleme mit sich brachte, ist naheliegend. Das Objektiv, ein mit Leitz-Linsen bei Kern in Aarau gefertigter Anastigmat 1:3,5/35 mm, zeigte anfänglich eine mangelhafte Bildschärfe. Deshalb mussten die ersten etwa 150 ausgelieferten Exemplare zurückgenommen und gegen das zweite Modell der Kamera mit einem von Kern verbesserten Objektiv kostenlos ausgetauscht werden. Der wirkliche Grund der Unschärfe lag jedoch weniger in der optischen Qualität als vielmehr in der zu grossen Masse der Lamellen des Rotationsverschlusses, welche beim Auslösen eine zu hohe Eigenerschütterung in der Kamera bewirkten.
Für Jaeger-LeCoultre dürfte die «Compass» ebenso wenig ein grosses Geschäft gewesen sein, wie für den Objektivhersteller Kern in Aarau und die Compass Camera Inc. In London. Dennoch blieb die «Compass» nicht die einzige Kamera, die Jaeger-LeCoultre fertigte: 1961 beauftragte der 1939 nach Amerika emigrierte Jacques Bogopolski, Konstrukteur der Bolex-Filmkamera (1927) und der Alpa-Spiegelreflexkamera (ab 1933), die Firma Jaeger-LeCoultre eine 8mm-Mini-Filmkamera für Filmkassetten herzustellen, von der er einen Prototyp vorlegte, der jedoch von Uhrenmachern nochmals tüchtig überarbeitet werden musste. Von dieser «Bolsey Uniset 8» wurden in den Jahren 1961 bis 1963 insgesamt nur 500 Stück hergestellt und in zwei Tranchen an Bolsey in New York geliefert. Der Tod von Bogopolski im Jahre 1962 setzte dieser Partnerschaft ein Ende, und die «Bolsey Uniset 8», eine der heute seltensten Schweizer Filmkameras, nicht weiterproduziert.
Auch die «Compass» gehört heute zu den grossen Raritäten, vor allem in gutem Zustand und einigermassen funktionsfähig. Sie ist ein mechanisches Kleinod und technisches Wunderwerk, das allerdings zum Fotografieren nicht wirklich taugte. Ein italienischer Diplomat, der viel mit der Compass fotografiert hatte, soll zu der Kamera bemerkt haben: «Sie ist ein hervorragendes Abschiedsgeschenk für eine Mätresse: gefällig, klein und teuer – und völlig unbrauchbar… »
Archiv Urs Tillmanns / Schweizerisches Kameramuseum, Vevey