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«Das Ereignis an diesem 25. August ist nicht: Irgendwo in den Bergen von Kamtschatka greift ein Bär eine französische Anthropologin an», heisst es auf einer der letzten Seiten des der Erzählung. «Das Ereignis ist: Ein Bär und eine Frau begegnen sich, und die Grenzen zwischen den Welten implodieren.»
Am 25. August 2015 wird auf der russischen Halbinsel Kamtschatka eine 29-jährige Französin von einem Bären angefallen. Er beisst einen Teil ihres Unterkiefers weg, doch sie kann den Bären mit ihrem Eispickel in die Flucht schlagen. Wie durch ein Wunder überlebt sie.
So könnte eine Zeitungsmeldung zusammenfassen, was der Autorin selbst widerfahren ist. Die Anthropologin hat ihre Erfahrung in einem schmalen Buch beschrieben: wie sie dem Bären begegnete und von ihm verletzt wurde, wie man sie in Russland und Frankreich medizinisch behandelte und wie sie nach wenigen Monaten erneut nach Kamtschatka reiste. Es ist ein Buch, das einen die Welt neu sehen lässt. «Wie durch ein Wunder überlebt», so sagt man. Martins Worte sind andere. «Wunder» ist keine Analysekategorie, in der sie über das nachdenkt, was sie erlebt und überlebt hat: Martin ist Wissenschaftlerin; dem Bären begegnete sie während eines Forschungsaufenthalts bei den EwenInnen Kamtschatkas.
Die Ewenen, über die Martin forschte, haben sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entschieden, ihr modernes sowjetisches Kolchoseleben aufzugeben und wieder in den Wäldern zu leben, wie es ihre Vorfahren jahrhundertelang taten. Sie leben heute mit den Wesen der Wälder zusammen, zeitgemäss mit Motorschlitten und moderner Bildung. Martin interessiert sich für diese Weltsicht, die keine scharfen Grenzen zwischen dem Menschen und der nichtmenschlichen Natur zieht, wie es das moderne Denken tut. Sie interessiert sich insbesondere für das, was in der Fachsprache das «Liminale» heisst – das Dazwischen, das Nicht-mehr und Noch-nicht, das Sowohl-als-auch. Dafür findet sie eine poetische Sprache, die den Animismus ernst nimmt, aber nie esoterisch wird; die voller Zärtlichkeit ist, aber nie kitschig.
Martins Buch gibt eine Ahnung davon, dass es eine Art gibt, anders mit unserer Mitwelt umzugehen, als es das rationalistische Denken tut, das diese Mitwelt zum ausbeutbaren Objekt degradiert und zerstört.
Monika Steiner