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Gletscher entstehen, wenn in einer Gebirgsregion so viel Schnee fällt, dass dieser nicht wieder gänzlich verdunsten oder abtauen kann. Das so genannte Firneis entsteht, wenn bereits vorhandene Schneekristalle durch zusätzliche Niederschläge weiter zusammengedrückt werden.
Kommen immer mehr Schneeschichten dazu, entsteht Gletschereis, das ab einer bestimmten Dicke durch die Schwerkraft ins Tal zu wandern beginnt. Ohne die Gletscher sähe Europa anders aus, denn in der Eiszeit war die Landschaft mit Eis überzogen. Viele Hügel und Täler, Seen und Bäche sowie Aufschüttungen von Geröll gäbe es ohne die Gletscher von damals nicht.
Aufgrund des Klimawandels sieht es nun jedoch so aus, als würden die Eisriesen weltweit verschwinden. «Die Gletscher sind wohl verloren», meint etwa der Schweizer Gletscherforscher Wilfried Haeberli. Wenn Gletscher tauen, verändert sich die Landschaft: Täler verwandeln sich in Gesteinswüsten, in denen sich nur wenige Lebewesen wohlfühlen.
Die Bäche von Schmelzwasser, die nun auszubleiben drohen, versorgen die Pflanzen, die in Randlagen des Eises einen Lebensraum für viele Kleintiere bilden. Der Rückzug des Eises hat zudem auch geologische Konsequenzen: Der Boden der Alpen wird instabil, Erdrutsche und Bergabgänge sind die Folge.
Um die Gletscher wieder wachsen zu lassen, reichen kalte Winter nicht aus. Wissenschaftler*innen betonen, dass für einen Zuwachs vor allem kühle und niederschlagsreiche Sommer notwendig wären. Mit diesen ist aufgrund der Erderwärmung immer weniger zu rechnen – zusätzliche Massnahmen sind gefragt. Eine Möglichkeit, die auch in der Schweiz diskutiert wird, ist das so genannte Schmelzwasser-Recycling.
Die Idee: Man sammelt das in der Sommerzeit reichlich vorhandene Schmelzwasser und stellt daraus eine künstliche Schneeschicht her, die den Gletscher vor dem Schmelzen schützen soll. Experten glauben, dass so in wenigen Wochen im Juli mehrere Millionen Tonnen des Gletschereises gerettet werden könnten.
«Aber von unserer jetzigen Idee bis zur Ausführung dauert es noch», sagt der Schweizer Glaziologe Felix Keller, der mit dieser Methode den Morteratschgletscher im Engadin retten will. Dieser ist in den letzten hundert Jahren um etwa 2’500 Meter kürzer geworden.
Erste Erkenntnisse zum Schmelzwasser-Recycling und dessen Potential gibt es aus Experimenten im indischen Jammu und im Kaschmir. Dort wird Flusswasser direkt vertikal in Form von riesigen Eistürmen von bis zu 20 Metern eingefroren. Da diese Eiszapfen nach oben in Richtung Sonne ragen, ist die Angriffsfläche für die Sonneneinstrahlung sehr klein. Das verzögert das Schmelzen und die über diese Methode erreichte Gewinnung von Wasser ist für die dortige Hochgebirgswüste überlebenswichtig.
Ob die Methode nun auch im Alpenraum funktioniert, um die Gletscher zu retten, wird sich bald zeigen. Das entsprechende Projekt am Morteratschgletscher unter der Leitung von Felix Keller startete im vergangenen Sommer, nachdem die Finanzierung gesichert werden konnte: Die Schweizerische Agentur für Innovationsförderung (Innosuisse) hat die Hälfte der Kosten von total 2,5 Millionen Franken übernommen. Die andere Hälfte stammt von Industriepartnern.