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Im vergangenen Jahrzehnt konnte man beobachten, wie die Beinsilhouette in der Damenmode schmaler und schmaler wurde. Wo man in den 1990er Jahren noch die Schlaghose sah, ging es später kontinuierlich über gerade Linien zu Slimfits über, bis wir schliesslich bei den Skinnyjeans und Jeggins angelangt waren. Wer allerdings das Geschehen in den grossen Modemetropolen letzten Sommer aufmerksam beobachtet hat, konnte eine Veränderung bemerken: die ganz weiten Beinsilhouetten sind zurück; am prominentesten in Form der Marlene-Hose und der Culotte.
Die Culotte, früher Jupe-Culotte (zu Deutsch «geteilter Rock») oder auch ganz einfach «Hosenrock» genannt, ist meist bis in die Taille geschnitten und hat ein weites, ab der Hüfte in einer A-Linie auslaufendes Bein, sodass erst beim zweiten Hinsehen auffällt, dass es sich um eine Hose handelt. Die Länge bewegt sich zwischen knielang, oder wie im Moment häufiger zu sehen, bis zur Mitte der Wade reichend. Der Hosenrock kam erstmals zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf und wurde ausschliesslich als Sportbekleidung getragen – allerdings auch das erst von einer kleinen Minderheit von Frauen. Es sollte noch bis in die 1960er Jahre dauern, bis die Culotte in der Alltagsmode der Frau Fuss fasste.
Die Marlene-Hose, auch Matrosenhose genannt, ist sozusagen die jüngere Schwester der Culotte. Der Schnitt ist weitgehend der gleiche, nur dass die Marlene-Hose bodenlang getragen wird. Ihren Ursprung hatte sie in den 1930er Jahren. Damals kämpfte die erste grosse Modeschöpferin, Coco Chanel, gegen die vom Korsett bestimmte Mode und kreierte erstmals handlichere und angenehmere Kleidung für die Frau. Ihre Mode war anstössig modern und nicht selten von der Männermode inspiriert; die Matrosenhose für die Frau ist denn auch eine ihrer einflussreichsten Schöpfungen. Der heute bekanntere Name «Marlene-Hose» geht auf die Sängerin und Schauspielerin Marlene Dietrich zurück, die, zusammen mit vielen anderen starken Frauen wie etwa Katharine Hepburn, das Tragen von Männermode für die Frau erst salonfähig machte.
Wie kombiniert man eine Marlene-Hose oder Culotte im Frühling? Die Culotte trägt man in der Zwischensaison am besten über dünne Strümpfe oder mit einer Kniesocke, die gerne auch dekorativ sein darf. Da die heutigen Modelle bis zur Mitte der Wade reichen und dadurch das Bein optisch verkürzen, sollte man unbedingt klug kombinieren: ein Paar Pumps helfen, das Bein optisch wieder zu verlängern. Die Culotte kann aber auch wunderbar mit flachen Schuhen wie Loafers, Ballerinas oder filigranen Halbschuhen getragen werden. Bei flachen, halbhohen Stiefeln ist jedoch Vorsicht geboten; diese Kombination hat die Tendenz, das Bein optisch stark zu verkürzen. Die Marlene-Hose hingegen bietet fast unerschöpfliches Kombinationspotential; insbesondere in Sachen Schuhwerk sind kaum Grenzen gesetzt. Ausserdem zieht die Marlene-Hose das Bein schon rein durch ihren Schnitt optisch in die Länge und betont die Taille. Damit schmeichelt sie jedem Figurtyp.
Sowohl bei der Marlene-Hose wie auch bei der Culotte ist die Betonung auf die Taille essenziell für den Look. Oberteile wie T-Shirt, Blusen oder Pullover sollten am besten nur knapp über den Hosenbund reichen, in die Hose gesteckt oder in der Taille verknotet werden. Grosse Frauen mit einer schmalen Silhouette können sehr gut einen offen getragenen Long Blazer dazu kombinieren.
Text Annina Iseli & Lisa Iseli
Näh-Tipps von der Schneiderin
– Nr. 6812
– Nr. 6817
Beide sind in Fachgeschäften oder über www.burdastyle.de erhältlich.
Eine Marlene-Hose nach einem Burda-Schnittmuster zu nähen, ist keine Hexerei. Wer zum ersten Mal nach einem Schnittmuster näht, kann sich vielleicht bei einer geübten Freundin oder der Grossmutter etwas Hilfe holen. Mein Expertentipp für die Marlene-Hose – oder überhaupt für Hosen -, ist folgender:
Vor dem Nähen die Hinterhose dehnen, damit sich die Hose später schön an das Gesäss anschmiegt.
Und das geht so: Nach dem Zuschnitt und Bezeichnen des Stoffes hat man zwei Stücke, welche die Vorderhose ergeben, und zwei, welche die Hinterhose ergeben. Bei den Teilen für die Hinterhose dehnen wir nun die Schrittnaht. Die Schrittnaht ist diejenige Naht, die auf der Beininnenseite vom rechten Knie über den Schritt zum linken Knie verläuft. Zunächst ist es natürlich noch keine Naht, sondern auf jedem der beiden Stoffteile der Hinterhose je eine Kante. Wir bügeln nun den oberen Teil diese Stoffkante (etwa von Mitte Oberschenkel bis zum Schritt) mit Dampf und ziehen ihn dabei sanft (!) etwas in die Länge, sodass die Kante etwa ein bis zwei Zentimeter an Länge gewinnt. Anschliessend stecken wir je das passende Vorder- und Hinterteil von unten her zusammen und nähen dann die gesteckte Naht. Dabei wird der (gedehnte) Teil der Hinterhose oben beim Schritt etwas über den Teil der Vorderhose hinausragen. Deshalb korrigieren wir nun je die Linie, welche die Leibnaht bezeichnet, auf der Hinterhose mit Stoffkreide etwas nach, sodass die Leibnaht der Vorder- und Hinterhose im Schritt ohne Knick aufeinander treffen. Die Leibnaht ist diejenige Naht, die dem Gesäss entlang abwärts bis zum Schritt und auf der Vorderhose weiter in Richtung Bauchnabel verläuft.
Viel Spass beim Schneidern!
Lisa Iseli, Couture Lui Luis, Bern
Aus Vintage Times 4/2016