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Als sie 23 Jahre alt war, starb ihr jüngerer Bruder. Ihre Mutter kam lange nicht über den Verlust weg, die Familie brach auseinander. Seither wusste Barbara Walti: «Das Schlimmste, das mir passieren kann, ist ein Kind zu verlieren.» Und genau das ist der Waberin passiert: Ihr Sohn Julian starb im September 2014. Sie dachte, er schlafe bei einem Kollegen. Doch er war auf einer Waldparty, rauchte Haschisch und nahm gestrecktes LSD.
Julian hatte Krampfanfälle; er fiel hin, blutete am Kopf. Seine Kollegen schlugen nicht Alarm, Julian starb. Der Fall war monatelang in den Medien präsent. Die Jugendlichen wurden wegen Unterlassung von Nothilfe verurteilt. Über die Art und die Höhe der Sanktionen machten die Behörden keine Angaben: Jugendstrafverfahren sind nicht öffentlich. Nicht einmal die Familie von Julian kennt die Urteile, obwohl sie als Privatklägerin aufgetreten ist.
«Du bleibst bei uns, oder?»
Die Polizei überbrachte die Nachricht von Julians Tod. Sein grösserer Bruder hatte sein Leben lang von seiner Mutter gehört: «Wenn Euch etwas passiert, überlebe ich das nicht.» Seine erste Reaktion war denn auch: «Mama, du bleibst bei uns, oder?»
«In dem Moment wusste ich, dass ich die Geschichte meiner Familie nicht wiederholen würde, dass ich für meinen Sohn Basil da sein werde, dass ich nicht wie meine Mutter über Jahre in ein Loch fallen werde.» Barbara Walti empfand diesen ersten Moment nach der Todesnachricht als wegweisend. «Mein Sohn war mir in diesem Moment näher als ich mir selber–ich entschied, das durchzustehen.» Ihr Partner war darauf vorbereitet, dass sie nach einer, nach zwei, nach drei Wochen zusammenbrechen würde. Doch nichts geschah.
«Ich spürte nach kurzer Zeit eine Art Urvertrauen, dass ich das schaffen werde», sagt Barbara Walti. Sie hatte viele spirituelle Bücher gelesen. Präsenz im Moment, Akzeptanz und Hingabe waren ihr vertraut und halfen ihr in den ersten Wochen. «Und dann entdeckte ich ‹The Work› von Byron Katie.» Die Amerikanerin geht davon aus, dass Gedanken Gefühle auslösen. «Das Gefühl übermannt mich, den Gedanken dahinter kann ich analysieren», fasst Walti zusammen. Sie analysiert ihre Gedanken, bis diese sich von ihr lösen.
So ist der Gedanke nicht mehr da, dass der Tod eines Kindes das Schlimmste ist, was ihr passieren kann. Und so hat sie ihre Schuldgefühle analysiert. «Bei einem Tod gibt es Tausende von Schuldgefühlen.» Sie hätte ihren Sohn nicht bei seinem Kollegen übernachten lassen dürfen; sie hätte in der Nacht spüren müssen, dass es ihm schlecht geht; wären sie später aus den Ferien heimgekehrt, wäre er nicht an die Waldparty gegangen. «Hätte, wäre, würde–alles ging mir durch den Kopf.»
Barbara Walti fand auch Halt in der Überzeugung, dass es ein Jenseits gibt, dass der Tod nicht zwangsläufig das Ende bedeutet. Bereits nach dem Tod ihres Bruders hatte sie sich mit der Nahtodforschung auseinandergesetzt, jetzt las sie wieder Bücher über das Thema. Sie weiss: «Der Glaube, dass wer gestorben ist, nicht mehr existiere, kann sehr einsam machen.»
Kontakte mit dem Jenseits
Für Barbara Walti ist klar: Ihre Verstorbenen sind da. Und es geht ihnen gut. «Julian hat mir das mehrmals gesagt, und er hat auch gesagt, dass er in der Todesnacht nicht gelitten hat.» Denn sie hatte Kontakte zu ihm, via Medien: Mehrmals war sie an Veranstaltungen, an denen Jenseitskontakte hergestellt werden. «Dieses Thema ist nach wie vor mit vielen Vorurteilen behaftet.» Ihre Familie ist wie Barbara Walti davon überzeugt, dass es Jenseitskontakte gibt. «Andere glauben nicht daran, sind aber froh, dass es mir besser geht.» Heute seien die Leute offener und neugieriger, was Nahtoderfahrungen betreffe, als vor zwanzig Jahren.
Auch wenn Barbara Walti ihren Weg gefunden hat, mit dem Tod ihres Sohnes umzugehen und nicht in der Trauer zu ertrinken–es geht ihr nicht immer gut. Immer wieder hat sie düstere Gedanken. Dann setzt sie sich hin und analysiert sie, bis sich die Gedanken von ihr lösen. «Der Verarbeitungsprozess dauert ein Leben lang.» Sie hat eine Mischung an Werkzeugen gefunden, die ihr helfen. Und diese möchte sie auch anderen bekannt machen, die einen Menschen verloren haben: Darum hat sie das Buch «Trosthandbuch. Eine Mutter erzählt von ihrer Zeit danach» geschrieben (siehe Kasten). «Ich will niemanden von meinen Ideen überzeugen. Aber ich möchte mit meinen Erfahrungen anderen helfen.» Wer sich für ihr Buch interessiere, müsse nicht ans Jenseits glauben. «Nur an das Prinzip, dass in uns Menschen die Fähigkeit steckt, auch nach schweren Schicksalsschlägen wieder glücklich zu werden.»
Vernissage: «Das wird kein Bestseller, sondern ein Longseller»
S ie ist die Grossmutter des verstorbenen Julian und die Mutter der Autorin von «Trosthandbuch»: Die Murtnerin Marianne Walti. «Meine Tochter hat mir geholfen, den Tod meines Enkels zu verarbeiten», sagt Marianne Walti den Freiburger Nachrichten. «Ich hätte für sie da sein sollen, aber sie hat mir in stundenlangen Gesprächen durch meine abgrundtiefe Trauer geholfen und mir Mut gegeben.»
Marianne Walti ist Mitinhaberin der Altstadtbuchhandlung Murten; und es ist diese Buchhandlung, welche die Vernissage für das «Trosthandbuch» im Kulturzentrum im Beaulieu organisiert. «Das ist ein wichtiger Anlass für die Buchhandlung», sagt Marianne Walti. Das Buch ihrer Tochter werde sicher kein Bestseller – aber ein Longseller: «Das ist kein Buch, das man gelesen haben muss. Aber wenn man trauert, braucht man es.» njb
Kulturzentrum im Beaulieu, Prehlstrasse 13, Murten. Buchvernissage, Do., 16. Juni, 19 Uhr.