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„Am Eingang der Kunsthalle bekamen alle Besucherinnen und Besucher der Ausstellung eine Eintrittskarte, die mit jeweils verschiedenen Textfragmenten bedruckt war. [...] [Es] sind Ausschnitte aus dem Skript, das die Konzeption der Installation im Projektraum bestimmt hat. Im Ausstellungsraum waren vier Tische aufgebaut, von denen aus Projektionen erfolgten. [...] Von den vier Tischen aus wurden nun, um jeweils eine Position in der Anordnung versetzt, dieselben Lichtbilder in derselben Reihenfolge auf die Wände des abgedunkelten Raumes übertragen.
Eran Schaerf hatte schon den Besucherinnen und Besuchern früherer Ausstellungen mit dem Verkauf der Eintrittskarte auch eine Rolle verkauft; nun beabsichtigte er dem Publikum mit dem Eintritt einen Ausschnitt einer Geschichte zu verkaufen, die in der Installation im Projektraum mittels Lichtbildern in der einen oder anderen Form erzählt wurde. [...] Das Verhältnis von Bild und Wort sowie die Frage der Ortsspezifik in der Wirklichkeitswahrnehmung und –darstellung finden sich im Schaffen von Eran Schaerf seit langem thematisiert. In seinen für den Projektraum konzipierten Arbeiten bezieht er sich auf einen französischen Salon des 18. Jahrhunderts, der als Geschenk der Familie Rothschild im Israel Museum in Jerusalem rekonstruiert wurde. [...] Eine andere Schnittstelle ist Stanley Kubricks Film 2001: A Space Odyssey von 1968, in dem der Mensch als Marionette der Technologie in einen kosmischen Zusammenhang gestellt wird. [...] Eine dritte Schnittstelle bildet die „Samson-Truppe“ der israelischen Armee. Diese Spezialeinheit operiert nicht in Uniform, sondern einsatzbezogen in entsprechender Verkleidung. Es gibt weitere Schnitt- und Nahtstellen in dieser Arbeit, deren Thematisierung erlauben würde, die Erzählung auszuweiten. Die Geschichte könnte ausführlicher, aber nicht vollständiger und keinesfalls ganz erzählt werden, selbst dann nicht, wenn dafür alle auf den Eintrittskarten abgedruckten Texte und alle von den sich langsam drehenden Projektoren auf die Wände übertragenen Bilder hinzugezogen würden. [...] Die Arbeiten von Eran Schaerf lehren uns, selbst Tatsachen als Übersetzungen zu behandeln, nicht nach dem Ursprung oder nach der Wahrheit, sondern nach der Herkunft und der Funktion von Bildern und Worten zu fragen, selbst oder gerade dann, wenn ihre Bedeutung gegeben erscheint.“ B.F.
Ausschnitte aus dem Text „Nahtstelle“ von Roman Kurzmeyer in Erlebte Modelle, Zürich, 2000, S. 102-104.