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(1) Es ist ein Verdienst der Radikal-Konstruktivistischen Wissenstheorie (RKW) von Ernst von Glasersfeld (EvG) zu zeigen, dass die Äusserungen eines Menschen, Äusserungen der (Er)Innerungen eben dieses Menschen sind. Wer sich äussert, äussert sich.
(2) Die Aufforderung, Wissen als interne Konstruktion aufzufassen ((1)), ist zugleich (die unausgesprochene) Aufforderung, den Ausdruck 'interne Konstruktion' metaphorisch zu begreifen. Die folgenden Äusserungen sind in dem Sinne als Kritik zu verstehen, als sie einen Vergleich darstellen zwischen zwei Positionen: ich interpretiere den Text von EvG so, als ob er bewusst auf die Unterscheidung zwischen eigentlichen und uneigentlichen Konstruktionen verzichten würde und äussere mich selbst aufgrund dieser Unterscheidung.
(3) Die RKW befasst sich mit den (Er)Innerungen der Menschen. Ihr Denkmodell veranschaulicht, wie wir zu Vorstellungen und Wissen von der Erfahrungswelt kommen ((64)). Welcher Bezug dieses Denkmodell zu eigentlichen Konstruktionen hat, wird in der RKW kaum diskutiert. Zwar verweist EvG in seiner Zusammenfassung explizit auf die Übereinstimmung der Schematheorie Piaget's mit der Idee des negativen Feedbacks, verkörpert in der eigentlichen Konstruktion eines Thermostaten sowie auf die technische Analyse von Kommunikationssystemen und der (teilweisen) Übertragung ihrer Funktionsweise auf den intelligenten Organismus ((37))-((39)), aber das Interesse gilt nicht der eigentlichen Konstruktion, sondern dem intelligenten Organismus. Natürlich können wir gar nicht anders, als zu versuchen, durch Äusserungen uns selbst - wie die RKW ja zeigt - zu begreifen, aber wir können uns der Mittel, die wir dazu benötigen, bewusst werden. Wenn Piaget beispielsweise beschreibt, dass der Mensch gemäss der Schematheorie via Akkommodation ein neues Schema bildet, wenn ein erwartetes Ergebnis nicht erreicht wird und man später findet, dass dies der Idee des negativen Feedbacks entspricht, dann haben wir damit eben erst später einen Hinweis dafür, wo für den Ausdruck Akkommodation die begriffliche Grundlage entdeckt werden kann: im Thermostaten. Ich kann mir gewahr werden, dass die Natur (des Menschen) weder die Akkommodation noch die Idee des negativen Feedbacks kennt und ich sie in meinen Äusserungen nur so beschreiben kann, wie es unsere Kultur, also beispielsweise die Konstruktion des Thermostaten zulässt. Die aus unserer Kultur abgeleiteten Begriffe wie der Thermostat, die Steuerung, der Sollwert und der Kode - um nur einige, der von EvG benützten Begriffe zu nennen -, welche uns zur Beschreibung von natürlichen Organismen nützlich scheinen, haben bei der Beschreibung der Natur metaphorischen Charakter. Wir können die Innerungen der natürlichen Geschöpfe noch so genau ausleuchten und analysieren, wir werden, ausser unserer begrifflichen Blindheit gegenüber der Natur, nichts entdecken, was wir unmittelbar begreifen könnten. Was ich hier als begriffliche Blindheit bezeichne, heisst in Kulturen, die bewusst auf Begriffe verzichten, Erleuchtung. In einer Kultur hingegen, in welcher beispielsweise eine RKW entwickelt wurde und kritisch gewürdigt werden soll, sind wir auf Begriffe angewiesen.
(4) An der Äusserung Einsteins, dass Begriffe freie Schöpfungen des Geistes sind ((8)), können wir insofern festhalten, als damit gemeint sein muss, dass ein Zusammenhang zwischen einer Äusserung (bei Einstein als Begriff bezeichnet) und einer von uns unabhängigen Welt rational unbeantwortbar ist ((13)). Der Freiheit der Schöpfung sind hingegen Grenzen gesetzt, denn das, was wir als Begriffe bezeichnen, erzeugen wir nicht willkürlich, sondern nach eindeutigen Regeln: jeder Begriff steht für die Definition eines Gegenstandes. Wenn wir einen Begriff (von einer Sache) haben, meinen wir damit, dass wir einen Gegenstand definitionsgemäss, d.h. mit Oberbegriff und Kriterium beschrieben und einem Ausdruck zugeordnet haben. So können wir beispielsweise dem Ausdruck 'Thermostat' für unsere Zwecke die Beschreibung 'Temperatur-Regelkreis mit negativem Feedback' zuordnen. Insofern der Thermostat als Gegenstand tatsächlich hergestellt wurde, hat er die bei seiner Konstruktion hergestellte Bedeutung, die wir, je nach Interesse und Vermögen, mehr oder weniger genau beschreiben (definieren) können. Dies widerspricht nur scheinbar der Äusserung, dass Wortbedeutungen in der Erfahrungswelt (des Kindes) entstehen und sich nicht auf Gegenstände der realen Welt beziehen ((39)),((40)), denn was EvG mit Wortbedeutung meint, ist nicht Bedeutung im Sinne von Gegenstandsbedeutung2, sondern Bedeutung im Sinne von Wortgebrauch. Es ist in der Tat so, dass jeder Mensch den eigenen Wortgebrauch erfahren muss und dieser nicht in irgendeiner Form vermittelt werden kann. Die Tasse als Gegenstand bleibt aber gegestandsbedeutungsvoll, unabhängig davon, welcher Wortgebrauch verinnerlicht und ihr gegenüber geäussert wird. Die eigentliche Bedeutung liegt nicht in den Wörtern, sondern in den Gegenständen. Dass wir zu den Gegenständen keinen unmittelbaren Zugang haben, sondern nur vermittelt über unsere (Er)Innerungen, heisst nicht, dass die Bedeutung in unserer Erlebenswelt liegt oder von uns in irgendeiner Weise erworben werden kann. Wenn ein Kind den Gegenstand Tasse im Gesichtsfeld isoliert und diesem Erlebnis schliesslich den Wortlaut Tasse zugeordnet und geäussert hat, so kann es beispielsweise erleben, dass dieser Wortgebrauch viabel ist (die Mutter macht ein freundliches Gesicht). Die erzeugte Äusserung Tasse und ihre Erinnerung erlangt aber dadurch nicht die Bedeutung, die bei der Konstruktion des Gegenstandes Tasse hergestellt wurde, sondern sie verkörpert lediglich die Erfahrung mit der Äusserung Tasse. Was wir mit unseren Äusserungen und ihren Erinnerungen verknüpfen ist Erfahrung und nicht Bedeutung. Die bei der Konstruktion der Gegenstände hergestellte Bedeutung aber zeigt, ob unsere Äusserungen - oder allgemeiner, unser Verhalten - zu den Gegenständen passt. Auch wer keine Sprache hat, kann sich gemäss seinen (Er)Innerungen gegenüber einer Tasse passend verhalten, beispielsweise so, dass er daraus trinken kann. Die Bedeutung der Tasse, Trinkgefäss zu sein, bleibt dabei bei der Tasse, wie die Erinnerung des aus der Tasse trinkenden Verhaltens beim Trinkenden bleibt. Das Wort selbst hat keinerlei Bedeutung: Geäussert zeigt es sich als sprachliches Verhalten, erinnert verkörpert es die Erfahrung davon. Dass sich die Erinnerung an sprachliches Verhalten von der Erinnerung an die Tat des Trinkens unterscheidet ist anzunehmen, das heisst, sprachlos aus der Tasse Trinkende machen andere Erfahrungen als Trinkende, die den Gegenstand, aus dem sie trinken, auch benennen können. Wir können aber weder die Erinnerung an das Trinken noch die Erinnerung an das sprachliche Verhalten begreifen, so wie wir Gegenstände - beispielsweise die Tasse - begreifen können. Gegenstände stellen wir her und die bei der Herstellung konstruierten Zusammenhänge sind eindeutig festgelegt und begrifflich rekonstruierbar. Erinnerungen und die ihnen entsprechenden Äusserungen hingegen erzeugen wir und über 'Zeugungen' und ihre Voraussetzungen lässt sich nur spekulieren.
(5) Wenn diese Argumente sinnvoll sind, erscheint das, was EvG als interne Konstruktion bezeichnet, in einem andere Licht. Ein Beispiel, das EvG illustriert, ist die (interne) Konstruktion der Mehrzahl ((43)). EvG's Beispiel Tasse zeigt, dass das Verhalten eines Menschen gegenüber mehreren Gegenständen der gleichen Art - sprachlich ausgedrückt als 'Tasse, Tasse, Tasse, ...' - sprachlich viabler ausgedrückt wird mit dem Ausdruck 'Tassen'. Als Erklärung dafür, dass wir in der Lage sind, eine einzelne Tasse als Tasse zu bezeichnen, benutzt EvG das Prinzip der Sensomotorik; als Erklärung dafür, dass wir in der Lage sind, mehrere Tassen als Tassen zu bezeichnen, benutzt er das Prinzip der mentalen Operation. Es ist wesentlich, zu sehen, dass EvG in beiden Fällen ein Erklärungsprinzip verwendet, um unser mehr oder weniger viables sprachliches Verhalten zu beschreiben. Wir können weder die Sensomotorik des natürlichen Organismus noch seine mentalen Operationen konstruktiv begreifen. Zwar wissen wir inzwischen viel über die Sensomotorik und einiges über mentale Operationen, aber nicht, weil wir in der Lage wären, die Sensomotorik oder die mentalen Operationen des Organismus unmittelbar zu beschreiben, sondern weil wir - bewusst oder unbewusst - Mittel (sprich Konstruktionen) beschrieben haben, die dem Zeitgeist (sprich den tatsächlich vorhandenen Konstruktionen) gemäss, dem entsprechen, was wir beim intelligenten Organismus als Sensomotorik oder als mentale Operation bezeichnen. Das Beispiel der Momentaufnahme aus der Argumentation von EvG zur Identität mag hier genügen, um zu zeigen, was mit Mittel (sprich Konstruktion) gemeint ist. Ein statisches Erlebensmoment des Organismus wird mit einer Momentaufname (ein einzelnes Bild in einem Filmstreifen) verglichen ((47)). Ohne die Vorstellung dieser Momentaufnahme - die wir beim Organismus nicht entdecken können, sondern nur in unserer Welt der eigentlichen Konstruktionen - wären die nachfolgenden Überlegungen zur Reflexion nicht, oder nicht in derselben Weise möglich. Dass in diesen Überlegungen sodann explizite Bezüge zu eigentlichen Konstruktionen weitgehend fehlen, zeigt, dass wir in vielen Bereichen noch zur Begriffslosigkeit verurteilt sind und nicht etwa, dass wir uns auch unbegrifflich verständigen können. Für mich bleibt die Reflexion ein Erklärungsprinzip für die durch den aktiven Verstand in der Folge der Erlebensmomente geschaffenen Beziehungen. Die Erklärung dieses Prinzips gelingt mir nicht, wenn ich den Organismus betrachte. Selbst der Anspruch Maturanas, der sagt "... dass jeglicher Versuch, ein Phänomen wissenschaftlich zu erklären, in der Tat darin bestehen muss(te), einen Mechanismus zu entwickeln, der das zu erklärende Phänomen erzeugt(e)"3 ist irreführend. Wir sind es, die Phänomene erzeugen und Organismen, insbesondere uns selbst, können wir nicht konstruieren. Zwar gibt es Forscher, die an Lebewesen herummanipulieren, so dass sie (die Forscher) seltsame Phänomene erzeugen können, beispielsweise indem sie Frösche mit einem um 180 Grad gedrehten Auge zu ihrem Vergnügen mit der Zunge statt nach der Fliege in die von ihnen erfundene Leere schnappen lassen4. Statt anhand eines tatsächlich hergestellten Mechanismus zu begreifen, was sie leisten können, leisten die Forscher sich den (grausamen) Spass, eine Kreatur zu verstümmeln um darüber zu staunen, dass 'es' so funktioniert, wie sie sich konditioniert haben. Dass wir mit einer solchen Manipulation nicht mehr erklären können, als ohne diese, ist offensichtlich, denn wie 'es' - also der Nicht-Artefakt - funktioniert, werden wir dadurch nicht erfahren. Was wir nicht hergestellt haben, können wir nicht begreifen. Dem englischen Physiker William Thomsen, Lord Kelvin (1824-1907) wird die Aussage zugeschrieben: "Ich bin erst dann zufrieden, wenn ich von einer Sache ein mechanisches Modell herstellen kann. Bin ich dazu in der Lage, dann kann ich sie verstehen"5. Wir müssen die Mechanismen, die wir begreifen wollen, tatsächlich konstruieren. Dass wir es tun und dass wir damit - wie wissend oder unwissend bleibe dahingestellt - gleichzeitig die begriffliche Grundlage für unsere metaphorische Beschreibung der Nicht-Artefakte schaffen, zeigt unter anderem das, was in der Aussage von EvG hoffnungsvoll durchschimmert, wenn er sagt, dass wir die Lösung eines Problems nie als die einzig mögliche betrachten dürfen, weil sie uns zu einer gegebenen Zeit als die einzig mögliche erscheint ((58)). Wir kommen begrifflich zu anderen Lösungen, weil wir uns andere Konstruktionen und damit einen anderen Zeitgeist leisten. Dabei bleibt unbestritten, dass uns kein Zeitgeist Einsicht in eine von uns unabhängig existierende Welt gewähren wird.