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| Sulpicius Severus (um 420) - Drei Dialoge (Dialogi; über den hl. Martinus)

1. Dialog
16.
Auch der Name eines andern Anachoreten war in jener Gegend in aller Mund. Dieser wohnte in der Wüste bei Syene1 . Er hatte sich erst vor kurzem in die Wüste zurückgezogen und wollte von Kräuterwurzeln leben, wie sie hie und da ganz süß und außerordentlich schmackhaft im Sande wachsen. Nun sammelte er, weil er es nicht verstand, unter den Kräutern auszuwählen, häufig schädliche Wurzeln. Es war ja nicht leicht, am Geschmacke die Beschaffenheit der Wurzeln zu unterscheiden; denn es waren alle gleich süß, aber manche enthielten ganz verborgen ein tödliches Gift. Als er nun einmal solche gegessen hatte, empfand er furchtbare Schmerzen, unsägliche Peinen folterten alle edlen Körperteile; er mußte sich häufig erbrechen, der Magen versagte schon seinen Dienst, unerträgliche Schmerzen drohten sein Leben aufzureiben. Infolge davon hatte er einen großen Ekel vor allem Eßbaren und brachte sieben Tage ohne Speise zu, so daß sich seine Lebenskraft verzehrte. Da kam ein Tier zu ihm, ein Steinbock. Da es sich näherte, warf er ihm ein Büschel Kräuter hin, die er tags zuvor gesammelt hatte, aber sich nicht anzurühren getraute. Das Tier warf, was darunter giftig war, mit seiner Schnauze auf die Seite und suchte sich nur heraus, was es als unschädlich kannte. So wurde der heilige Mann durch das Beispiel des Tieres belehrt, was er essen dürfe und was nicht, entging der Gefahr des Verhungerns und wußte von da an die giftigen Kräuter zu meiden.
Es würde zu weit führen, wollte ich alles erzählen, was ich von den Bewohnern der Einöde erfahren und gehört habe. Ich blieb ein ganzes Jahr und fast sieben Monate in der Wüste, mehr um die Tugend der andern zu bewundern, als weil ich imstande gewesen wäre, mich zu so hohen und schwierigen Grundsätzen zu verpflichten. Mehrmals verweilte ich bei jenem Greis mit dem Brunnen und dem Ochsen,
1: Das heutige Assuan in Oberägypten.