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von Kishore Mahbubani*
zf. Kishore Mahbubani mahnt schon seit Jahren den von den USA angeführten «Westen», die bisherige Sackgasse westlicher Politik zu verlassen. Diese Sackgasse besteht darin, dass dieser Westen noch immer die Welt beherrschen will, sei es nun mit «hard power», «soft power» oder «smart power». Die anderen Staaten und Völker sind nicht länger bereit, die westliche Hegemonie zu akzeptieren, und haben angefangen, eigene Wege zu gehen. Das gilt für Asien, aber auch für Lateinamerika. Es hat auch keinen Sinn mehr, mit Griffen in die politische Trickkiste die westliche Vormacht erneuern zu wollen. Der gefährlichste Weg wäre der Versuch, die Dominanz mit Gewalt wiederherstellen zu wollen. In einem Interview mit der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» vom 1. April 2012 hatte Mahbubani deutliche Worte gefunden: «Ihr kapiert es einfach nicht! Ihr seid jetzt eine Minderheit, Ihr repräsentiert 12 Prozent der Weltbevölkerung. Ihr habt nicht verstanden, wie die 88 Prozent denken, und Ihr glaubt immer noch, dass Eure mentalen Kategorien geeigneter sind, die Welt in den Griff zu kriegen. Lernt endlich!» Und er fügte hinzu: «Alle Annahmen, alle Gewissheiten, die der Westen hat, sind vollkommen aus der Zeit gefallen. Was Euch bevorsteht, ist ein unglaublich hartes Umdenken über die Welt und die Rolle, die ihr darin spielt.» Australien, um dessen Stellung im pazifischen Raum es im folgenden Beitrag von Kishore Mahbubani geht, ist deshalb ein Beispiel, dessen Studium für alle lohnt.
Auf Grund seiner geographischen Lage hätte der australische Kontinent logischerweise von Asiaten besiedelt werden müssen. Statt dessen ist Australien durch einen Zufall der Geschichte überwiegend von Abendländern bevölkert worden. Dieser historische Zufall geht nun seinem Ende entgegen.
Die vergangenen zwei Jahrhunderte weltgeschichtlicher Dominanz des Westens waren eine bedeutende geschichtliche Abweichung, denn vom Jahre 1 bis zum Jahr 1820 waren die beiden grössten Wirtschaftszonen der Welt immer asiatisch (China und Indien). Alle historischen Abweichungen finden ein natürliches Ende. Wir werden bald zum asiatischen Jahrhundert, wenn nicht zum asiatischen Jahrtausend zurückkehren.
Das Land, das die schmerzhafteste Anpassung an das asiatische Jahrhundert wird vornehmen müssen, ist zweifellos Australien. Da die Macht des Westens in Asien langsam, aber sicher schwindet, könnte Australien zusammen mit Neuseeland als einziges westliches Gebilde in Asien zurückgelassen werden. Heute hängt sich Australien aus Bequemlichkeit natürlich an die amerikanische Macht. Die kürzlich erfolgte Stationierung von 2500 Marines in Darwin signalisierte deutlich, dass Australien auf amerikanischen Schutz für seine Sicherheit zählt.
Doch auch die amerikanische Macht wird kontinuierlich zurückgehen. Nur wenige Amerikaner und Australier sind sich darüber im klaren, wie schnell die amerikanische Wirtschaft zur Nummer zwei in der Welt werden wird. Statistiken des Internationalen Währungsfonds zeigen, dass 1980 Amerikas Anteil an der Weltwirtschaft bezüglich Kaufkraftparität 25 Prozent betrug, während China lediglich über 2,2 Prozent verfügte. Bis zum Jahr 2016 wird der amerikanische Anteil auf 17,6 Prozent zurückgehen, während der chinesische Anteil auf 18 Prozent steigen wird.
Unter diesen dramatisch veränderten historischen Verhältnissen wäre der grösste Fehler, den Australien begehen könnte, weiterhin auf Autopilot eingestellt zu bleiben und an der westlichen oder amerikanischen Macht als einziger Quelle der Sicherheit festzuhalten.
Ein starker Wunsch, Teil des Westens zu bleiben, ist völlig normal. Der australische Aussenminister, Bob Carr, hat diesen Wunsch in einem Interview mit «The Straits Times» am 6. Juli gut erklärt: «Aber auf Grund von Sprache und Institutionen und Werten ist Australien zweifellos westlich und sollte sich nicht entschuldigen dafür», sagte er. «Das ist es, was wir sind. Das macht uns interessant und macht uns für alle Gesprächspartner wertvoll. […] Eine parlamentarische Demokratie, eine unabhängige Justiz, eine freie Presse, ein Schwerpunkt auf den Menschenrechten – das alles entstammt der westlichen Tradition. Die asiatischen Migranten, die hierher kommen und ihre Kultur und ihre Perspektiven mitbringen, schätzen diese Art.»
Die Logik der kulturellen Identität vermag jedoch harte geopolitische Überlegungen nicht zu übertrumpfen. Lassen Sie mich einen leicht provokativen Vergleich anführen, um diesen Punkt zu verdeutlichen. Der Westen unterstützte die Apartheidregierung der weissen Minderheit während des ganzen Kalten Krieges, weil man sie als notwendiges Bollwerk gegen sowjetische Expansion in Afrika ansah.
Sobald der Kalte Krieg jedoch zu Ende war, verlor Südafrika seinen strategischen Nutzen und wurde vom Westen rasch fallengelassen. Ihre gemeinsamen kulturellen Wurzeln wurden bei der Beurteilung nicht berücksichtigt. Dabei möchte ich, um irgendwelche Missverständnisse zu vermeiden, betonen, dass Australien – im Unterschied zum Apartheidregime in Südafrika – kein «Fremd»körper in Asien ist.
Es hat sich im Laufe der Jahre verhältnismässig gut an die asiatische Nachbarschaft angepasst. Es unterhält enge und freundschaftliche Beziehungen mit vielen seiner asiatischen Nachbarn.
In der Tat hat Australien viele Pluspunkte in Asien. Erstens ist Australien zusammen mit Singapur, Malaysia, Neuseeland und dem Vereinigten Königreich Mitglied des Fünf-Mächte-Verteidigungsbündnisses (Five Power Defence Arrangements FPDA). Das im Jahre 1971 gegründete FPDA war bestrebt, die traditionellen bilateralen US-Bündnisse und Netzwerke, in jüngerer Zeit die minilateralen Vereinbarungen und auch die Tätigkeiten der Asean zur Förderung von Frieden und Stabilität in Südostasien zu ergänzen. Auf diese Weise wirkt Australien gemeinsam mit Grossbritannien und Neuseeland bei der Erhaltung der südostasiatischen Sicherheitsarchitektur mit.
Zweitens hat Australien über die Australian Agency for International Development (AusAID) und weitere Regierungsbehörden eine Reihe von Erziehungs- und Ausbildungsprojekten durchgeführt. Faktisch finanziert AusAID das Asean-australische Entwicklungszusammenarbeits-Programm, (Asean-Australia Development Cooperation Program), das bei der Realisierung der Asean-Wirtschaftsgemeinschaft (Asean Economic Community AEC) bis 2015 hilft.
Das Programm konzentriert sich auf die Bildung der institutionellen Kapazitäten der AEC, indem es entscheidende ökonomische Forschung und politische Aktivitäten finanziert und Projekte implementiert, die weniger entwickelten Mitgliedstaaten der Asean dabei behilflich sind, Elemente der wirtschaftlichen Blaupause der Asean zu operationalisieren.
Kurz, Australien spielt bereits eine zentrale Rolle bei der Qualitätssteigerung von Erziehung und Ausbildung unter den Asean-Mitgliedstaaten.
Drittens hat Australien enge Verbindungen mit seinen asiatischen Nachbarn gepflegt, insbesondere mit Japan und Indonesien. Japan und Australien unterhalten enge Wirtschaftsbeziehungen, da Japan grösster Handelspartner Australiens ist und eine bedeutende Quelle von Kapitalanlagen. 2007 begannen Australien und Japan mit Verhandlungen über ein bilaterales Freihandelsabkommen. Die beiden Länder haben auch in den Bereichen Kultur, Tourismus, Verteidigung und wissenschaftliche Kooperation zusammengearbeitet.
Australien unterhält im allgemeinen auch gute Beziehungen zu Indonesien. Seit Indonesien unabhängig wurde, haben die beiden Länder auf den Gebieten der Erhaltung der Fischerei, des Gesetzesvollzugs und der Justiz zusammengearbeitet. Ferner schlossen Indonesien und Australien im Juni 2006 ein Sicherheitsabkommen, bekannt als Lombok-Abkommen, um einen Rahmen für die Entwicklung bilateraler Sicherheitsbeziehungen zu schaffen.
In den Jahren 2011–2012 entsprach die Hilfe Australiens an Indonesien schätzungsweise 558 Millionen Dollar. Indonesien ist Hauptempfänger von bilateraler Hilfe Australiens. Die beiden Länder führen auch eine gesunde Handels- und Wirtschaftsbeziehung mit einem wechselseitigen Handel (Güter und Dienstleistungen), der 2010/11 einem Wert von 13,8 Milliarden Dollar entsprach, und wechselseitigen Investitionen von rund 5,7 Milliarden Dollar im Jahre 2010.
Die Bedeutung der australisch-indonesischen Beziehung lässt sich anhand einer Rede von Paul Keating von 1994 zusammenfassen, in der er sagte: «Kein Land ist wichtiger für Australien als Indonesien. Wenn wir es nicht schaffen, diese Beziehung richtig hinzubekommen, sie zu hegen und zu entwickeln, ist das ganze Netz unserer aussenpolitischen Beziehungen unvollständig. […] Das Aufkommen der Regierung der ‹Neuen Ordnung› von Präsident Suharto und die Stabilität und Prosperität, die sie Indonesien gebracht hat, war die allervorteilhafteste strategische Entwicklung, von der Australien und seine Region in den letzten 30 Jahren betroffen war.»
Es gibt allerdings Pluspunkte, die Australien zu leicht als selbstverständlich ansieht. Als die Macht des Westens dominierte, konnte Australien als westliche Macht mit seinen asiatischen Nachbarn problemloser gute Beziehungen aufbauen. Es ist immer hilfreich, Mitglied des erfolgreichsten Clubs der Welt zu sein.
Daher wurden Australiens enge Verbindungen zunächst zu London und anschliessend zu Washington D.C. eher als Vorteil denn als Belastung in der Region gesehen.
Förderlich war auch, dass Australien, die Asean, China und der Westen während der ganzen Zeit des Kalten Krieges von etwa 1950 bis 1990 auf der gleichen Seite standen. Der Kalte Krieg ist jedoch seit langem zu Ende.
Der neue hauptsächliche geopolitische Wettkampf wird nun auf die eine oder andere Weise zwischen Amerika und China stattfinden. Australien wird daher sowohl an der kulturellen wie der geopolitischen Front bald schmerzhafte Entscheidungen treffen müssen.
Für Australien ist der Zeitpunkt gekommen, sich mit einigen nüchternen und unsentimentalen Fragestellungen zu seiner Sicherheit und Aussenpolitik in den kommenden Jahrzehnten zu befassen. Ich kann nicht genug betonen, dass ein Weiterfahren mit dem Autopiloten keine Option ist.
Als ein Freund Australiens möchte ich dringend bitten, sich die neuen Realitäten unserer Welt schneller klarzumachen. Je früher Australien die Anpassungen vornimmt, desto weniger schmerzhaft werden sie sein.
Niemand kann die Zukunft vorhersagen, auch wenn wir vernünftige Beurteilungen wahrscheinlicher langfristiger Tendenzen abgeben können. Es können sich alle möglichen geopolitischen Szenarien entwickeln. Ich deute einige denkbare geopolitische Herausforderungen an: die chinesisch-amerikanischen, die chinesisch-indischen und die Spannungen zwischen dem Islam und dem Westen.
Jede dieser drei geopolitischen Verwerfungslinien würde Australien vor echte Herausforderungen stellen. Alle würden Australien Anpassungen abverlangen.
Australien ist mit einem unerwarteten, aber wertvollen geopolitischen Puffer gesegnet gewesen: der Asean. Trotz all ihrer Mängel und Fehler hat die Asean die Sicherheit Australiens dadurch erhöht, dass sie den Frieden in Südostasien erhalten hat (ohne Flüchtlingsstrom auf den kaum bewohnten Kontinent), sie hat asiatische Mächte (wie China und Indien) ferngehalten und multilaterale Netzwerke der Zusammenarbeit vergrössert, die grössere geopolitische Stabilität geschaffen haben.
Einer der grössten geopolitischen Fehler, den Australien in den letzten Jahrzehnten begangen hat, war es, den geopolitischen Erfolg der Asean als gegeben anzunehmen. Schlimmer noch war, dass Australien von Zeit zu Zeit versuchte, die Asean in ihren diplomatischen Initiativen zu untergraben oder zu umgehen. Alle diese Schritte zeigen, dass Australien nicht ganz erfasst hat, wie sein geopolitisches Schicksal sich weiterentwickeln wird.
Eine fundamentale Schwachstelle im geopolitischen Denken Australiens ist Folge seiner selbstgefälligen Annahme, dass Australien in der globalen Rangordnung immer eine «Mittelmacht» bleiben werde. Australiens Aufnahme in die G-20-Staaten hat zu der Illusion beigetragen, dass es immer Mittelmacht bleiben werde.
Wenige Australier sind sich bewusst, dass Australien nur auf Grund von entsprechenden Berechnungen des Bruttoinlandproduktes, die Larry Summers und Paul Martin 1999 machten, in die G-20-Staaten aufgenommen wurde. Das war zu einer Zeit, als die Macht des Westens noch immer auf ihrem Höhepunkt war.
Da verschiedene asiatische und andere neu entstehende Mächte an wirtschaftlicher Stärke gewinnen, wird Australiens Stellung in der Weltordnung langsam und stetig schwinden. Bald wird Australien nicht mehr als Mittelmacht wahrgenommen werden.
In meinem neuen Buch «Die grosse Konvergenz» schlage ich eine neue 7-7-7-Formel zur Reformierung des Uno-Sicherheitsrates vor. Es wären sieben permanente Mitglieder, sieben halbpermanente Mitglieder aus einer Liste der 28 nächstmächtigsten Staaten der Welt und sieben gewählte Mitglieder.
Um die «demokratische Vertretung» und die «wirtschaftliche Bedeutung» gleich zu gewichten, soll der Platz eines Landes in der globalen Rangordnung auf seinem durchschnittlichen Anteil an der Weltbevölkerung und am weltweiten Bruttosozialprodukt basieren.
Anhang A liefert ein Ranking der 193 Uno-Mitgliedstaaten und der EU. Da Uno-Sitze gemäss einer Formel für regionale Vertretung verteilt werden, erhält Australien keinen Platz unter den Mittelmächten in der «Gruppe der westeuropäischen und anderen Staaten» (WEOG), zu der es gehört.
Eine schmerzhafte Entscheidung, die Australien wird treffen müssen, ist daher, wann es die «Gruppe der westeuropäischen und anderen Staaten» (WEOG) in allen Uno-Gremien verlassen will. Die geographische und geopolitische Bestimmung Australiens liegt in Asien. Seine Teilnahme an der WEOG ist das Ergebnis eines historischen Anachronismus. Wie lange noch will Australien an einen geschichtlichen Anachronismus festhalten?
Die unvermeidliche Schlussfolgerung ist, dass Australien (und Neuseeland) keine andere Wahl haben, als sich enger an die Asean anzuschliessen. Eine neue «Gemeinschaft der 12», zu der die 10 Länder der Asean, Australien und Neuseeland gehören, stellt die natürliche geopolitische Bestimmung Australiens dar. Paul Keating versuchte, Australien in den Jahren seiner Ministerpräsidentschaft von 1991 bis 1996 in diese Richtung zu lenken.
Leider haben es darauffolgende Ministerpräsidenten versäumt, das zu tun. Viele wertvolle geopolitische Gelegenheiten wurden dadurch vertan, dass Australien zu seiner traditionellen historischen Ausrichtung auf den Westen zurückkehrte. Es werden noch mehr Jahre vergeudet, wenn es Australien nicht gelingt, sich auf ein neues Denken einzulassen. •
* Der Artikel ist ein Auszug aus einem kürzlich an einem Seminar in Canberra, Australien, gehaltenen Referat. Der Autor ist Dekan der Lee Kuan Yew School of Public Policy an der National University of Singapore und früherer permanenter Vertreter von Singapur bei den Vereinten Nationen.
Quelle: The Jakarta Post vom 7.9.2012
(Übersetzung Zeit-Fragen)
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