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Geschichte des Wasserballs
Wasserball ist das älteste olympische Mannschaftsspiel. Sehr lange vor Tennis, Fussball und anderen herkömmlichen Ballsportarten wurde es bei den olympischen Spielen 1900 in Paris zum ersten Mal gespielt.
Wasserball (engl. „water polo“, manchmal auch „waterpolo“) ist ein dem Handball und Rugby ähnliches Ballspiel im Wasser, bei dem die Spieler zweier Mannschaften versuchen, durch geschicktes Abspielen und Freischwimmen den Ball in das gegnerische Tor zu werfen. Ziel des Spieles ist es, mehr Tore als der Gegner zu erzielen. Die Mannschaft mit den meisten anerkannten Toren wird als Sieger betrachtet.
Wasserball gilt als Teildisziplin des Schwimmsports, so dass der Weltschwimmverband FINA der internationale Dachverband der Sportart Wasserball ist. Eine Mannschaft besteht aus maximal 13 Spielern (bei einigen Turnieren bis zu 15 Spieler) von denen sieben spielen. Es gibt einen Torhüter und sechs Feldspieler.
Urgeschichte
Experten sind sich nicht einig, wie es zu der Idee dieses Spiels mit einem Ball und zwei Mannschaften kam. Als Ursprung kommen heute zwei Möglichkeiten in Frage. Klar ist jedoch, dass der Ort des Geschehens das britische Imperium des vorletzten Jahrhunderts war.
Erste Variante:
Im Londoner Hafen langweilten sich die Arbeiter. Zur Auflockerung der Schicht warf man leere Fässer ins Wasser, auf denen man Wettrennen veranstaltet hat. Später wurden die Fässer mit Pferdeköpfen verziert und ein Ball mit ins Wasser genommen, der mit einem Stock vorangetrieben wurde.
Diese Nachahmung der Pferdesportart Polo erklärt die Herkunft des englischen Namens "Water Polo" für Wasserball. Das Problem dieser Variante: Keiner kann bis heute erklären, wie ein Hafenarbeiter auf der Themse gleichzeitig auf einem Fass balanciert, vorwärts rudert und einen Ball spielt.
Zweite Variante:
Schwimmen wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts immer beliebter. Lange und langweilige Schwimmwettkämpfe sollten aufgepeppt werden, deshalb hat man das bekannte und traditionsreiche Rugby-Spiel ins Wasser übertragen. Das Publikum war begeistert, da es zu spektakuläre Szenen im Wasser kam.
Im Jahre 1876 wurde auf diese Weise in Bournemouth gespielt. Das Spielfeld war etwa 50 Meter lang und die Tore waren Ruderbote, in welche der Ball gelegt werden musste. Auf einem weiteren Ruderboot in der Spielfeldmitte stand der Schiedsrichter, der wie heute den Ball in die Mitte legte und das Spiel anpfiff. Die Spieler starteten danach aus den Toren – also den Booten – das Spiel.
In der Halle kam es bereits 1874 im Londoner "Chrystal Palace" zur Premiere eines Wasserball-Spiels. Auch diese Variante erklärt den seltsamen Namen "Polo": Aus den indischen Kolonien wurde ein luftgefüllter Gummiball, genannt "pulu", importiert. Er ersetzte die alten Bälle aus Schweinemägen und war ideal für das Spiel im Wasser. Allerdings hatte dieser Ball einen Fehler: Er platzte andauernd und musste während eines Spieles mehrmals ersetzt werden.
Diese zweite Variante ist die wahrscheinlichere Entstehungsgeschichte der Sportart Wasserball.
Ab 1870 gab es in London erste Hallenbäder und der Londoner Schwimmverband einigte sich auf erste Spielregeln. Allerdings gab es noch keine Tore. Der Ball musste stattdessen an das Ende des Beckens gespielt werden oder, wie bei der ersten Variante, auf ein Boot oder Floss gelegt werden. Ein beliebter Spielzug war, den Gummiball einfach in den Badeanzug zu stopfen und zu verstecken. Das war in dem trüben Wasser durchaus möglich. Die Aufgabe des Torwarts war es, am Beckenrand zu warten und bei einer günstigen Gelegenheit einfach auf den Gegner zu springen.
Schiedsrichter gab es bei dieser Hallenvariante nicht. So ging es bei den Spielen manchmal sehr brutal zu und her und nicht selten trieben am Ende eines Spieles einige Spieler mit Rücken nach oben im Becken.
Die Spiele waren Gruppenkämpfe mit Ringkampfeinlagen unter Wasser. Sie hatten kaum etwas mit dem Wasserball zu tun, das wir heute kennen.
Mit der Zeit wurde die Brutalität immer unbeliebter. Schliesslich wurde es notwendig, für diese neue Sportart einheitliche und "zivile" Regeln festzulegen.
Evolution
1877 änderte der Schotte William Wilson die Regeln und schuf damit eine Grundlage für das moderne Wasserballspiel.
Neu war, dass nur der Spieler, der in Ballbesitz war, angegriffen werden durfte. Damit wurden die Ringkämpfe vermieden und es entstand ein schnelles Passspiel. 1886 wurde auf dieses Regelwerk aufgebaut und die Grundlage der heutigen Regeln geschaffen.
Weitere Regeln waren:
- Ein Spiel dauerte zwanzig Minuten.
- Zu Beginn des Spiels warf der Schiedsrichter den Ball in die Mitte - das Anschwimmen.
- Der Ball war jetzt aus Leder und wurde wegen des Wassers eingefettet.
- Im Spiel durfte der Ball irgendwie über und unter Wasser geführt werden.
- Wer den Ball nicht hatte, durfte auch nicht behindert werden, ansonsten gab es einen Freiwurf.
- Das Spielfeld war wegen der kleinen Hallenbäder nur 8 x 17 Meter gross und mindestens 90 Zentimeter tief. Das Stehen war verboten.
- Das Tor war ein 3 x 10 Fuss grosser Käfig, also fast so groß wie heute.
- Bei einem Regelverstoss gab es einen Freiwurf für die gegnerische Mannschaft. In der Spielzeit vor einem Freiwurf durfte sich kein Spieler im Spielfeld bewegen.
Einen weiteren Schritt nach vorne erlebte der Wasserballsport durch die Einführung des Kraulschwimmens, dem "Trugdeon-Stil". John Trugde brachte aus Südamerika einen Schwimmstil mit, den er bei den Eingeborenen abgeschaut hatte. Dabei werden die Arme über Wasser nach vorne gezogen, die Beine werden gegrätscht und der ganze Körper macht eine Rollbewegung. Mit dem modernen Kraulen hat dies zwar wenig zu tun, das Wasserballspiel wurde aber bedeutend schneller und wendiger, aber auch kräftezehrender.
1888 kam Wasserball nach Amerika. Die Zuschauer waren fasziniert, denn es wurde nicht nach den gerade beschlossenen Regeln gespielt. Das Spiel glich eher einer Art American Football im Wasser und im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts war die nationale Liga sehr beliebt. Bis zu 14'000 Zuschauer zog der neue Sport in seinen Bann, so beispielsweise im Madison Square Garden.
Die "amerikanischen Regeln" lebten ganz eindeutig von der erlaubten Brutalität. Ein Journalist prägte das Zitat vom "Massenmord im Wasser". Besonders beliebt waren Spielzüge wie der "springende Lachs", bei dem ein Spieler von seinen Mitspielern aus dem Wasser geschleudert wurde, um ein Tor zu werfen.
Die Amerikaner erklärten, ihre Schwimmbecken wären zu klein um ein Werfen über Wasser zu erlauben und behielten ihr Regelwerk bei. In Europa hingegen wandte man sich entsetzt ab. Ab 1894 entschieden sich die führenden Wasserball-Länder für die "schottischen Regeln". Das Spiel wurde sehr populär und im Jahre 1900 holten sich die Briten bei den Olympischen Spielen in Paris die ersten Goldmedaillen.
Olympisches Zeitalter
Zur Jahrhundertwende gab es das erste olympische Wasserballereignis internationaler Art. Vier Jahre später waren mit St. Louis als Austragungsort die Amerikaner die Gastgeber. Sie wollten natürlich nach ihren eigenen Regeln spielen.
Die europäischen Länder beschlossen daraufhin gemeinsam, dass die Anreise über den Ozean zu teuer wäre und sagten ab. Schlussendlich spielten dort nicht Länder, sondern Clubs um olympisches Gold. Weil die Konkurrenz aus Übersee fehlte, konnten auch die "amerikanischen Regeln" angewandt werden und so kam es zum totalen Desaster. In den USA spielte man in künstlich angelegten Seen und Tümpeln. Dort nahm man es mit der Wasserqualität und der Hygiene lange nicht so ernst wie in Europa. Infolge dessen infizierten sich mehrere Spieler mit Typhus. Erst 1912 nahm auch die USA das internationale Regelwerk an, nachdem ein Spiel in einer Massenschlägerei endete.
Rechtzeitig vor den Olympischen Spielen 1908 in London wurde der Weltschwimmverband (FINA) gegründet. In diesem Zuge setzten sich die "schottischen Regeln" durch, nach welchen das Olympische Turnier schlussendlich gespielt wurde.
Das Spielfeld erhielt die heute üblichen Masse und die Spielzeit wurde auf 14 Minuten festgelegt. Die Spieler mussten von der Torlinie aus starten und der Ball durfte nur noch mit einer Hand gespielt werden. Der Torwart bekam einen 4-Yard-Raum, entsprechend dem heutigen 4-Meter-Raum, den er nicht verlassen durfte. Des Weiteren wurden Regeln, sogenannte schwere Fehler, wie Abseits, das absichtliche Spritzen oder das Zeitspiel eingeführt. Ein Spieler, der einen schweren Fehler beging, musste bis zum nächsten Tor das Spielfeld verlassen. Ein schwerer Fehler innerhalb des 4-Yard-Raumes hatte einen Strafwurf von der 4-Yard-Linie zur Folge.
Ein kurioses Spiel fand 1920 in Antwerpen statt. Die Mannschaften aus Italien und Schweden sollten gegeneinander spielen. Leider war den Italienern das Wasser zu kalt und nur der Mannschaftskapitän traute sich rein. Beim Spielstand von 0:7 gab aber auch er mit hängender Zunge auf und so gab's Gold für die abgehärteten Schweden.
Zu diesem Zeitpunkt war Deutschland aus politischen Gründen kein Mitglied der FINA. Entsprechend wurden die Regeln nach eigenen Vorstellungen und aus heutiger Sicht etwas sinnfrei abgeändert: Es war dann in Deutschland zum Beispiel nicht erlaubt, während eines Spieles zu sprechen. Ab 1924 wurden die internationalen Regeln in Deutschland wieder gültig.
Neuzeit
Zu Beginn der olympischen Wasserballgeschichte waren die Spielbälle normale Fussbälle, die mit Fett eingeschmiert waren. Ab 1936 wurden diese durch baumwollgefütterte Gummibälle ersetzt. Die Bälle waren zunächst rot, nach 1956 setzte sich jedoch gelb als komplementäre Farbe zum Blau des Wassers durch.
1950 wurde endlich der "Standwasserball" abgeschafft. Man durfte nun während der gesamten Spielzeit schwimmen, also auch in der "toten Zeit", das ist die Zeit in der z. B. ein Freiwurf ausgeführt wird. Diese kleine Zeile im Regelwerk ist für das Spiel entscheidend. Ab jetzt kam es neben dem Ballhandling auch auf schwimmerisches Geschick und Kondition an.
Ein medial sehr bekanntes Spiel, jedoch ein sportlicher Tiefpunkt, war das "Blutspiel" oder gar "Blutbad" bei den Olympischen Spielen in Melbourne 1956. Ungarn spielte gegen die Sowjetunion, die kurz vorher die ungarische Revolution mit Waffengewalt beendete. Die ungarische Spielerlegende Ervin Zador musste auf Grund von blutenden Verletzungen im Gesicht das Becken zwei Minuten vor Spielende verlassen. Doch schliesslich gewannen die Ungarn das Spiel doch mit 4:0
Nach den olympischen Spielen 1960 in Rom wurden weitere grundlegende Regeln geändert. Ein Spiel dauerte jetzt vier mal fünf Minuten. Nach jedem Viertel wurden die Seiten gewechselt. Zu einer Mannschaft gehörten 11 Spieler, jedoch durften diese nur in der Viertelpause ausgewechselt werden.
In den folgenden Jahrzehnten wurden die Regeln weiter ausgebaut, die Spielzeit verlängert und die Angriffs- und Ausschlusszeit verkürzt. Nachdem bei den Olympischen Spielen in Barcelona 1992 das Endspiel insgesamt sechs Verlängerungen hatte und sich König Juan Carlos als Zuschauer einen Sonnenbrand dabei holte, wurde kurzzeitig ein Golden Goal als Entscheidungsfindung eingeführt.
Ein Jahr später wurde festgelegt, dass es bei zwei kurzen Verlängerungen und einem abschliessenden Vier-Meter-Schiessen bleiben sollte.
Seit der Schwimm-Weltmeisterschaft 1976 in Berlin durften endlich auch Frauen an internationalen Wettkämpfen teilnehmen. Erst in Sydney 2000, 100 Jahre nach den Männern, wurde Frauen-Wasserball in das olympische Programm aufgenommen.