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2017: Vor 500 Jahren veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen. Ob er sie tatsächlich anschlug, ist meine Wissens immer noch ein Streitpunkt der Gelehrten. Jedenfalls konnte Luther keinesweg vorhersehen, was er da lostrat. Da begann ziemlich genau 100 Jahre später der Dreissigjährige Krieg, der Deutschland so verwüstete, dass es rund nochmals 350 Jahre brauchte, um sich davon zu erholen. Und heute, 500 Jahre nach der Veröffentlichung wird der Buchmarkt nachgerade überschwemmt mit Büchern über Luther – Luther und dies, Luther und das… Jeder, der sich kompetent genug fühlt, bastelt heuer seinen eigenen Luther.
Ich für meinen Teil habe beschlossen, auf die Wurzeln zurückzugehen und habe die 95 Thesen gelesen. (Nämlich, damit ich mir meinen eigenen Luther basteln kann.) ‚Thesen‘ waren im damaligen Sprachgebrauch, Positionspapiere, die ein Disputant vorschlug, und die von einem andern Disputanten erwidert wurden. Den Sieger machte ein unabhängiger neutraler Dritter aus. Also suchte Luther zuerst einmal den Dialog. Allerdings sind einige seiner Thesen so extrem formuliert, dass sie eigentlich nicht mehr erwidert werden können.
Luther wendet sich gegen das grassierende Ablasswesen – die Tatsache, dass man bei speziell lizenzierten Verkäufern Ablässe gegen alles und jedes, auch gegen zukünftige Sünden kaufen konnte – wenn man genug Geld hatte.
Es gibt zwei Gründe, warum gemäss Luther ein Ablass nicht funktionieren kann. Da ist einerseits die Tatsache, dass die Kirche nur lösen kann, was die Kirche gebunden hat – also Verstösse gegen das Kirchenrecht. Verstösse gegen göttliche Satzungen kann sie nicht lösen. Denn es findet Luther nirgends in der Schrift die Möglichkeit, dass der Papst solche Ablässe erteilen kann. Luther ist Fundamentalist. Sola Scriptura lautet seine Losung schon bei den 95 Thesen. Luthers Zeugen sind Jesus Christus, Johannes der Täufer und der Apostel Paulus. Die Zeugnisse von Thomas von Aquin oder Bonaventura sind ihm irrelevant. Johannes Tetzel, zu Beginn der Ablassgeschichte Luthers Hauptgegner, liess dies natürlich nicht gelten. Last but not least war Luther auch der Meinung, dass ein gekaufter Ablass den Sünder von jeder wirklich bei Gott wirksamen Busse entfernt. Anstatt sein Geld dem Bau der Petrus-Kirche in Rom in den Schlund zu werfen, würde ein Sünder lieber Busse tun durch barmherzige Werke. Und diese lokal, im eigenen Kirchspiel. Wenn dann noch Geld übrig ist, kann es der Busse Tuende für die Verschönerung seiner eigenen Kirche spenden. Und erst, wann dann immer noch Geld da ist, kann er für die Petrus-Kirche spenden. Tetzels Antwort hierauf, dass man sich ja auch mal selber der Nächste sein könne, ist besonders revoltierend, weil besonders kaltschnäutzig.
Nicht, dass Luther in seinen Thesen als Engelskind erscheint. Seine fundamentalistische Position scheint recht scharf durch. Es muss nicht gut Kirschen essen gewesen sein mit ihm.
Ich für meinen Teil möchte aber Kund zu tun und zu wissen geben, dass ich – nach allem, was man zu Beginn eines Neuen Jahres sagen kann – meine Schuldigkeit an Martin Luther für 2017 getan habe, und ich würde jedem empfehlen, lieber auf Luthers Originaltexte zurückzugehen als Biografien zu lesen.