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Nachahmung fremder Eigenschaften und Eigentümlichkeiten ist viel
schimpflicher als das Tragen fremder Kleider: denn es ist das Urteil der
eigenen Wertlosigkeit, von sich selbst ausgesprochen.
Arthur Schopenhauer
Wenn Sie, wie ich, die NZZ am Sonntag am liebsten beim gemütlichen Sonntags-Brunch lesen, dann haben Sie jetzt bestimmt auch Zeit für ein kleines Quiz.
Also dann: Welchen der folgenden Buchtitel gibt es nicht wirklich, und ich habe ihn nur zum Zweck dieser Glosse erfunden?
a) „Die alte Dame, die ihren Hut nahm und untertauchte“;
b) „Der 50-jährige, der nach Indien fuhr und über den Sinn des Lebens stolperte“;
c) „Der Schriftsteller, der dachte, sein Roman würde sich besser verkaufen, wenn er auch wie alle andern einen Relativsatz in den Buchtitel einbaute“.
Na?
Ich wünschte ja, alle drei Titel wären nur Ausgeburten meiner kranken Fantasie, aber die ersten beiden liegen tatsächlich in den Buchhandlungen. Die „Relativsatz im Titel“-Seuche ist ausgebrochen und bis jetzt hat die Wissenschaft noch kein Heilmittel dagegen zu gefunden.
Die Typhoid Mary dieser Epidemie, also derjenige, der alle andern angesteckt hat, war wohl der schwedische Autor Jonas Jonasson. Wenn er gewusst hätte, was für Folgen das haben würde, hätte er seinen sympathischen Erstlingsroman vielleicht gar nicht geschrieben. Oder er hätte ihn anders genannt.
„Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ wurde ein internationaler Grosserfolg. Und das Nachfolgebuch, „Die Analphabetin, die rechnen konnte“, verkauft sich auch nicht schlecht.
Seither ist das Virus nicht zu stoppen.
In den Verlagen gibt es wahrscheinlich schon eigene Spezialisten, die nichts zu tun haben als die Titelvorschläge der hauseigenen Autoren zu verrelativsatzen. „Wie soll ihr Büchlein heissen, Herr Goethe? ‚Die Leiden des jungen Werther‘? Da müssen wir schon noch etwas dran tun, wenn die Buchhändler ihr Werk direkt neben die Kasse legen sollen.“
Und, wer weiss, vielleicht hätte ja „Der Werther, der zu jung war und daran litt“ noch viel mehr Erfolg gehabt. Vielleicht hätten sich nach der Lektüre auch nicht liebeskranke junge Leute reihenweise umgebracht, sondern nur feinsinnige Ästheten, die es nicht ertragen, wenn eine so sinnlose Modewelle die Titelliste der Neuerscheinungen überrollt.
PS: Vielleicht ist ja auch Oliver Sacks an allem schuld. Er schrieb „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“. Aber Sacks ist wenigstens Arzt und weiss, dass das Ganze eine Seuche ist.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 29. März 2015,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«