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Vier grosse Bücher hat er geschrieben und dazu das meistgedruckte Märchen des 20. Jahrhunderts, «Der kleine Prinz». Fünf Flugzeuge hat er zu Schrott geflogen; beim sechsten Mal, 1944 – längst ein Krüppel und der schnellen Lightning kaum gewachsen –, landete er auf dem Grund des Mittelmeers.
Nie war ein Mensch vom Fliegen derart besessen wie der Vicomte Antoine de Saint-Exupéry, der 1900 in Lyon als drittes von fünf Kindern eines verarmten Adligen geboren wurde. Er war kein Musterschüler, verpatzte 1919 die Aufnahmeprüfung für die Marineakademie, studierte ein bisschen Architektur und schaffte es 1921, sich privat zum Piloten ausbilden zu lassen – in seiner Freizeit und eigentlich illegal; zwar war er als Wehrpflichtiger zur Luftwaffe eingezogen worden, doch bloss als Mechaniker.
Mit guten Beziehungen gelang es ihm noch im selben Jahr, zum militärischen Flugunterricht ins französische Marokko versetzt zu werden. 1923 als Leutnant entlassen, wurde er 1927 ziviler Luftpilot: Er flog Post von Toulouse nach Dakar an der Westspitze Afrikas – in pelzgefütterter Fliegerkombination mit vermummtem Gesicht hinter der Windschutzscheibe eines Doppeldeckers.
1929 nahm Saint-Exupéry den Auftrag an, eine Postlinie von Buenos Aires nach dem mehr als 2000 Kilometer entfernten Punta Arenas am Südzipfel Argentiniens zu eröffnen, der stürmischen Küste Patagoniens entlang. 240 Kilometer pro Stunde war die Höchstgeschwindigkeit seines Flugzeugs, mit fast demselben Tempo blies ihm eines Tages ein Orkan vom Land entgegen, mit brüllendem Motor brauchte er für die letzten zehn Kilometer zur Küste eine Stunde, die Hände schmerzhaft am Steuer verkrampft. Nur mit Vollgas konnte er im Schritttempo landen, hundert Soldaten erwarteten ihn und zerrten das Flugzeug in den Hangar. «Wir sind junge Wilde», schrieb er, «und staunen über unsere neuen Spielsachen.»
Im selben Jahr erschien sein erster Roman, «Südkurier», die Geschichte eines Postfliegers und seiner unglücklichen Liebe; über der Sahara stürzt er ab und wird ermordet, doch die Post ist unversehrt. Der zweite Roman, «Nachtflug» (1931), machte Saint-Exupéry berühmt: ein Flugpionier und ein Meister des Wortes dazu – ein Novum in der Literaturgeschichte, geehrt mit dem Prix Fémina. Wieder ging’s um einsame Piloten, die unter den Sternen träumen, «mutterseelenallein vor dem gewaltigen Gerichtshof, den der stürmische Himmel eingesetzt hat». Einer bleibt verschollen über Patagonien. Die Tat, sinnieren die Flieger, ist mehr als alles Glück der Erde.
Es ist das Tun, das vom Tod befreit
Saint-Exupéry demonstrierte das 1932 wieder einmal auf seine Weise: Auf dem Flug von Marseille nach Algier stürzte er ins Meer und war dem Ertrinken nah. Doch 1935 trieb es ihn, sich die 150 000 Francs zu verdienen, die das Luftfahrtministerium für den schnellsten Flug nach Saigon ausgesetzt hatte, der Hauptstadt von Französisch-Indochina. In der Sahara musste er notlanden; nach fünf Tagen des Herumirrens und dem Verdursten nah wurde er von Beduinen gerettet.
Immer noch nicht satt von Abenteuern, wollte Saint-Exupéry 1937 den ersten Flug von New York nach Feuerland riskieren. Bei einer Zwischenlandung in Guatemala jedoch war sein Flugzeug so mit Treibstoff überladen, dass es nicht abhob, sondern am Ende des Flugfelds in eine Kiesgrube stürzte. Mit schweren Kopfverletzungen und mehr Knochenbrüchen, als die Ärzte überhaupt entdeckten, wurde der athletische Mann aus dem Wrack gezogen.
Obwohl seitdem unfähig, sich die Fliegermontur ohne Hilfe anzuziehen und allein in ein Cockpit zu klettern, flog er wieder; 1940 als Pilot eines Aufklärers in einem längst absurd gewordenen Widerstand gegen die vorstürmenden Deutschen, wie er 1942 in seinem Roman «Flug nach Arras» schrieb; da fielen immer noch französische Soldaten, «weil es sich gehört, dass eine Niederlage sich durch Tote ausweist». Und 1944, obwohl er nun auch die Altersgrenze für Piloten überschritten hatte, erbettelte sich der berühmte Mann bei der französischen Luftwaffe auf Korsika noch einmal fünf Flüge. Am 31. Juli startete er zum letzten Mal – und kam nicht wieder.
2003 wurde seine Lightning aus dem Mittelmeer geborgen. 2008 behauptete ein ehemaliger deutscher Jagdflieger im ZDF, er sei es gewesen, der sie abgeschossen habe. Daneben hält sich die Vermutung, Saint-Exupéry habe es so gewollt. Das Ziel ist nichts, hatte er im «Nachtflug» geschrieben; es sei das Tun, das vom Tod befreie. Auch der kleine Prinz schrie ja nicht, als er sich von der Erde verabschiedete – «er fiel sachte, wie ein Baum fällt».
Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).
Artikel in Englisch: Saint-Exupéry: pilot, poet, pioneer