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Obbo Dhoketa Gadhafo kann sich noch gut erinnern: «Vor 30 oder 40 Jahren war dieses Land nicht wie jetzt», sagt der Viehzüchter aus der Region Borana im Süden Äthiopiens. «Damals gab es genügend Wasser und Weideland, der Viehbestand war überschaubar.» Regelmässige Regenzeiten hätten Weiden und Tiere gedeihen lassen, an Milch, Butter und anderen tierischen Produkten habe kein Mangel geherrscht. Doch gegen Ende der 1990er-Jahre hätten sich die Dinge zu ändern begonnen. Wegen des Klimawandels sei der Regen spärlicher und unberechenbarer geworden, die Dürren hätten zugenommen, ebenso der Viehbestand und die Bevölkerungsdichte. «All das hat dazu geführt, dass die Weiden immer schlechter wurden und wir kaum noch genug Futter für unser Vieh finden.»
Was Obbo Dhoketa Gadhafo beschreibt, macht auch vielen anderen Viehzüchtern in seiner Heimat zu schaffen. Ihr Lebensraum, der mehr als 60% der Fläche Äthiopiens ausmacht, ist stark betroffen von den häufiger werdenden Dürren, von Konflikten zwischen Hirtennomaden und sesshaften Bauern um die Ressourcen des Landes und von der Verschlechterung der Weiden – sei es durch Übernutzung, Verbuschung oder Bodenerosion. Die Folgen sind dramatisch: die Produktivität sinkt, Armut, Hunger und Wassermangel nehmen zu. Allein in der Region Borana haben mehr als 200'000 Menschen zu wenig zu essen, in manchen Jahreszeiten sind bis zu 80% der Haushalte von Hungersnot betroffen.
Hilfe für 71'000 Menschen in 12'000 Haushalten
Um Abhilfe zu schaffen, hat die DEZA 2016 das Projekt «Sustainable Natural Resources Management for Enhanced Pastoralist Food Security in the Borana Zone» lanciert, das von einem NGO-Konsortium unter der Leitung von Helvetas in Zusammenarbeit mit den äthiopischen Behörden umgesetzt wird. Das Projekt hat zum Ziel, dank der nachhaltigeren Nutzung der natürlichen Ressourcen die Ernährungssicherheit der Hirtengemeinschaften in der Region Borana langfristig zu verbessern und ihre Widerstandsfähigkeit gegen Krisen wie Dürren und Hungersnöte zu erhöhen. Insgesamt sollen knapp 12'000 Haushalte mit rund 71'000 Menschen von den Massnahmen profitieren.
Angesetzt wird auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig. Zusammen mit den betroffenen Viehzüchtergemeinschaften werden beispielsweise Pläne zur nachhaltigen Nutzung des Weidelandes erarbeitet und gestützt darauf Massnahmen zu seiner Verbesserung ergriffen – vom Roden von Büschen bis zum Ansäen von Futterpflanzen anstelle von Sorten, die für das Vieh ungeniessbar sind. Ein Rotationssystem soll künftig sicherstellen, dass die Weiden nicht mehr unkontrolliert genutzt werden, sondern dass sich der Boden zwischendurch erholen kann.
Mindestens ebenso wichtig ist der Zugang von Mensch und Tier zu Trinkwasser. So werden unter anderem zahlreiche Wasserquellen und Tümpel von Schlamm befreit und saniert, wobei die Anwohnerinnen und Anwohner tatkräftig mit anpacken. Dazu kommen Filter und Aufbereitungsanlagen, um das Wasser trinkbar zu machen. Mit einer Informationskampagne soll zudem darauf hingewirkt werden, dass die Menschen ihre Notdurft künftig nicht mehr unter freiem Himmel verrichten – was die Ursache zahlreicher Krankheitsfälle ist.
Weiterbildungsangebote speziell für Frauen
Besonderes Augenmerk richtet das Projekt auf die Situation der Frauen in der männerdominierten Viehzuchtgesellschaft. So wird darauf geachtet, dass sie bei Behördengremien und Gemeinschaftsinstitutionen Gehör finden. In Kursen wird den Frauen zudem vermittelt, wie sie hochwertige Nahrungsmittel und Viehfutter anbauen können. Dank weiteren Kursen zu Themen wie Geflügelhaltung, Bienenzucht und Unternehmensführung werden die Frauen befähigt, neue Einkommensquellen für sich und ihre Familien zu erschliessen.
All diese Massnahmen sind langfristiger Natur. Das auf eine Laufzeit von fünf Jahren angelegte Projekt umfasst aber auch eine kurzfristige Komponente: einen Fonds für Notmassnahmen im Krisenfall. Wegen der katastrophalen Dürre kam dieser schon kurz nach dem Projektstart 2017 zum Einsatz. So konnten Hunderte von Haushalten notfallmässig mit Viehfutter und Tiermedizin versorgt werden. Der Viehzüchter Obbo Dhoketa Gadhafo ist dankbar für die rasche Hilfe in der Not. Auf diese Weise hätten zahlreiche Tiere gerettet werden können, die sonst verendet wären, sagt er.