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Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
Unter der kundigen Führung meiner persischen Frau sah ich mir diese einzigartigen Schätze aus der Aga Khan Sammlung im schlichten Ismaili Zentrum gegenüber dem Viktoria & Albert Museum in South Kensington an. Auf dem Plakat beim Eingang las ich Aga Khans Geleitworte, hier frei übersetzt: Die Werke muselmanischer Kunst und Kultur, so hoffe ich, möge den Dialog zwischen morgenländischer und westlicher Kultur fördern und damit beitragen, Missverständnisse abzubauen. Dieser Austausch zwischen Völkern bezweckt gemeinsame kulturelle Werteschätzung und gegenseitigen Respekt fördern und für die Zukunft sichern. (Diesen Kommentar hat Aga Khan besonders auf Amerika gemünzt.)
Diese Ausstellung lockt viele Besucher an – vorwiegend Kenner des Islams. Der Wunsch, dass rotznasige Gegner des Islams hier Eingang zum besseren Verständnis finden werden, bleibt leider unerfüllt.
Kalligraphie
Den sakralen Texten aus dem Koran, in kalligraphischer Pracht minutiös geschrieben, ist ein Teil der Ausstellung gewidmet. Bei uns zuhause haben wir ein einziges wunderbares, museumswürdiges Miniatur-Blatt des Korans auf Goldblatt geschrieben, von einem alten „Berber“ (aus Jazula, Südmarokko) in ein Koranständchen eingerahmt. Es stammt aus dem Jahr 1548 und wurde aus einem sonst schwer beschädigten Koran gerettet.
Die ältesten Koran-Handschriften in der Ausstellung stammen aus dem 8. Jahrhundert und sind arabesk auf Pergament in kufischer Schrift festgehalten, die viele Unterarten kennt. Das erwähnte kufische Schriftbeispiel ist aus Persien (Piramouz), ehe die arabische Schreibweise übernommen wurde. Jedes Land des Islams hat seine eigene ausgeprägte Schriftweise – von Andalusien (Maghribi-Schrift), Ottomanisches Reich (Naskh-Schrift) Ägypten (Muhaqqaq-Schrift), bis nach Indien (Bihari-Schrift) und viele andere Schriften, bis tief in Asien reichend.
Die 1. Sure (Surat-al-Fatiha) oder Kapitel beginnt mit den Worten „Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers“. Dieses Exordium heisst Basmala بسم الله الرحمن الرحيم (bi-smi llāhi r-rahmâni r-rahīm). Diese Kapitelüberschrift ist allen 114 Suren vorangestellt und ist oft von berühmten Kalligraphen wie etwa Mir’Ali und seinem Schüler Ishaq al-Shabiri auf der 1. Sure doppelseitig in virtuoser Meisterschaft in Wort und Ornamentik dargestellt.
Meine persönliche Vorliebe gilt mehr der säkularen als der sakralen Kunst des Islams, ganz besonders dem Fabelreichtum und der Poesie aus dem Zweistromland mitsamt den Weisheiten der Sufis/Derwische und Dichter, wie kurz in meinem Blog „Geist und Leben: Balsamtropfen fürs Filigrane in Gold“ vom 29.07.2007 gestreift.
Das Perserreich kann als die Drehscheibe der islamischen Kunst gelten. Auch der Bilderbogen dieser Ausstellung ist besonders reich beschickt aus dem kulturellen Nachlass von Persien und seinem unmittelbaren geographischen Umfeld (Bagdad, Damaskus usf.). Dabei sind auch die Wissenschaften eingeschlossen, worunter die Medizin und Kräuter-Heilkunde. Als Beispiel seien die 2 Folianten „Khawass al-ashjr“ (De Materia Medica) aus dem 12. Jahrhundert erwähnt, voller Abbildungen von Heilpflanzen. Diese Lehrbücher belegen gleichzeitig, wie das Wissen der Alten Griechen über Grenzen und Kriege hinweg auch nach Persien gelangte. Dazu gehört die Philosophie. Dafür gelte als Beispiel das Manuskript über den Gedankenaustausch zwischen „Saqrat“ und „Aristajanis“ – dem griechischen Philosophen Sokrates und seinem Zeitgenossen, dem Dramatiker Aristophanes aus dem 13. oder 14. Jahrhundert.
Der Westen unterschätzt leicht die Musik aus der islamischen Welt. Im Ausstellungskatalog steht, dass Musik unter gewissen religiösen Kreisen verpönt war (auch heute noch von den Fundamentalisten missbilligt), da sie zu ekstatisch geäusserter Lebensfreude verführe. Viele Miniaturen jedoch zeigen Musikanten, Sänger und Tänzer – selbst Derwische, die munter mithielten – und zeugen davon, dass kein despotischer Asket diesen Quell der Lebensfreude dämpfen oder ausrotten kann. In unserer Kirchenmusik wird zum Lob Gottes aufgespielt. Wer ein offenes Ohr hat, der hört und erkennt vielfach Liebesallegorien. Ein Blatt zeigt einen Jüngling, der das klassische persische „Tar“ (Saiten auf persisch), also ein Saiteninstrument, spielt. Ich vermute, dass er dabei weniger an Mohammed denkt, als an seine Angebetete … Innig vertieft streicht auf einer anderen Miniatur ein kauernder Mann in gelber Robe sein „Kamancheh“ – eine persische Fiedel. Der Miniaturmaler dieses Blattes hiess Mansur und war ein berühmter Maler der Vogelwelt, der Aufträge für den Mogul-Herrscher Jahangir ausführte. Lieder und Poesie gehören zusammen – weltweit. Schade, dass diese Brücke zwischen Kulturen so wenig begangen wird.
Wie auch im Abendland erfreuten sich die muselmanischen Regenten und Fürsten der Kunst, sammelten Artefakte und förderten Künstler zwischen der Umayyad-Periode im 8. Jahrhundert bis zu jener der Qajar im 19. Jahrhundert. Meine Frau Lily konnte mir einiges über den Qajar-Herrscher „Fath’Ali Shah“ (1798–1814) – der persische Schah des Sonnenthrons (Emblem Sonne mit Löwen) – berichten, worüber ich mich hier nur ganz kurz fasse. Von diesem Schah mit langem schwarzem Bart sind viele Bilder ausgestellt. Diese Sippe stammt aus Turkmenistan und gewann an Bedeutung zur Zeit der Safaviden (1501–1722). Fath’Ali Schah stabilisierte das Land und belebte die Beziehungen mit dem Ausland. Auch er gehörte zu den Kunstmäzenen. Das Qajar-Regime dauerte bis 1924. Geschwächt von Sippen-Fehden und unter zunehmendem Druck der westlichen Marktwirtschaft mussten die Qajar abdanken und den Thron für Reza Schah räumen, gefolgt von seinem Sohn Mohammad Reza Schah, dem letzten Schah. Das aber hat längst nichts mehr mit dieser Ausstellung zu tun.
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Nachtrag: Die Suche nach der verlorenen Oase von Zerzura (arabisch: زرزورة)
Jede Kunstausstellung ist ein Stückchen Geistesgeschichte, und die ausgestellten Objekte bedingen einen illustrierten Katalog – „un catalogue raisonné“, von Fachleuten verfasst, um dem interessierten Laien auf die Spur zu helfen. Auch ich bin ein solcher Laie, der dieser Spur gefolgt ist.
In einem arabischen Text aus dem 15. Jahrhundert steht geschrieben (hier gekürzt): Du findest diese Oase eingebettet zwischen Palmen, Reben und Quelle, zwischen 2 Hügeln am Ende eines Tals. Die Tore von Zerzura sind geschlossen. Diese Oase ist so rein und weiss wie die Friedenstaube aus Marmor beim Eingang. Nimm ihr den Schlüssel vom Schnabel und öffne das Tor. Dort findest du Reichtum. Bereichere dich und gehe fort. Das ist alles.
Viele Schatzsucher haben diesen Text wörtlich genommen und suchten nach den Schätzen dieser verlorenen Oasenstadt zwischen Libyen und Ägypten – umsonst. Warum? Die Ausstellung „Spirit & Life“ gibt den Schlüssel zur Antwort. (Die Ausstellung dauert bis zum 31. August 2007.)
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