Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03159.jsonl.gz/2120

An den philosophischen Seminaren in der Schweiz und Deutschland wird kaum afrikanische oder ostasiatische Philosophie gelehrt. Man verbannt diese Denktraditionen in die Ethnologie oder Religionswissenschaften.
Zu Unrecht, findet der Philosoph und Japanologe Paulus Kaufmann.
Paulus Kaufmann
Philosoph und Japanologe
Paulus Kaufmann ist Philosoph und Japanologe. Bis 2018 forschte er an der Universität Zürich, derzeit in München.
SRF: Texte von chinesischen Philosophen wie Laozi oder Konfuzius scheinen schwer verständlich. Es sind mehr Gedichtzeilen oder Orakel, als klare Argumente. Ist das wirklich Philosophie?
Paulus Kaufmann: Die genannten Autoren sollen im 6. Jahrhundert vor Christus gelebt haben. Wir haben leider nur wenig verlässliche Informationen über sie.
Ihre Texte sind also sehr alt und wurden vermutlich noch nach ihrem Tod weitergeschrieben. Sie wurden ausserdem in klassischem Chinesisch verfasst, einer Hochsprache, die nie gesprochen wurde, aber auch in Japan und Korea die Sprache der Religion und Philosophie war.
Die Leute verstanden die Texte also gar nicht?
Zumindest nicht alle. Interessanterweise wurde in Japan selbst Ende des 19. Jahrhunderts Philosophie noch in dieser Hochsprache verfasst. Die erste Übersetzung von Rousseaus «Contract Social» ist zum Beispiel in klassischem Chinesisch verfasst.
Das wäre etwa so, wie wenn man David Hume oder John Stuart Mill ins Lateinische statt ins Deutsche übertragen hätte.
Gibt es ein, zwei Kerngedanken der ostasiatischen Philosophie, die das Denken zusammenfassen?
Nein, das ist eine ähnlich absurde Frage, wie wenn Sie mich fragen würden: Was macht den Kern der europäischen Philosophie aus? Die ostasiatische Philosophie umfasst als Hauptströmungen den Konfuzianismus, den Daoismus und den Buddhismus inklusive umfassender Neuauslegungen.
Die Philosophie von Xunzi, Wonhyo oder Ogyu Sorai sind genauso argumentativ wie zum Beispiel Kant oder Hume, man kennt sie in Europa einfach kaum.
Es gibt verschiedene Schulen und philosophische Unterdisziplinen. Dieses reiche Denken auf ein paar Kernthesen reduzieren zu wollen, würde ihm nicht gerecht.
Ich würde aber behaupten: Die Philosophie, die bei uns gelehrt wird, setzt auf Klarheit, aufs bessere Argument. Das ist ihr Kennzeichen.
Erstens lässt sich dies kaum von der Philosophie etwa von Schelling, Fichte oder Plotin behaupten.
Zweitens sind die Philosophie etwa eines Xunzi, Wonhyo oder Ogyu Sorai genauso argumentativ wie zum Beispiel Kant oder Hume, man kennt sie in Europa einfach kaum.
Hegel ist zumindest zugute zu halten, dass er sich ausführlich mit asiatischer Philosophie beschäftigt hat, bevor er sie ablehnte.
Drittens dient diese Unterstellung der Verworrenheit ostasiatischer Philosophie oft auch dazu, diese Denktraditionen als minderwertig auszuweisen.
Diesen Vorwurf erhoben 2016 auch die Philosophen Brian van Norden und Jay Garfield in einem Beitrag für die Zeitschrift «The Stone». Die Philosophie an den westlichen Universitäten sei komplett eurozentrisch und man müsste die Philosophie-Lehrstühle umbenennen in «Departments of European and American Philosophy». Teilen Sie die Kritik?
Ja. Die Unterstellung ist allerdings alt, schon Hegel hat Ähnliches behauptet. Aber es gab immer auch andere europäische Denker, die den Brückenschlag versuchten, zum Beispiel Schopenhauer oder Hume. Und Hegel ist zumindest zugute zu halten, dass er sich ausführlich mit asiatischer Philosophie beschäftigt hat, bevor er sie ablehnte.
Das Gespräch führte Barbara Bleisch.