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Invasive Schadorganismen nehmen in Europa konstant zu. Die Freisetzung von gebietsfremden Arten zur Regulierung dieser Organismen könnte eine echte Alternative zu umweltschädlichen Pestiziden und aufwändigen mechanischen Bekämpfungsmethoden sein. Risiken und Chancen müssen aber genau abgewogen werden.
Artikel von Urs Schaffner aus „HOTSPOT 31/15„. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Forums Biodiversität Schweiz.
2009 wurde im Ebro-Delta in Spanien zum ersten Mal in Europa die aus Südamerika stammende Apfelschnecke Pomacea insularum entdeckt. Die ergriffenen Massnahmen konnten die Ausbreitung der Schnecke, die Schäden im Reisanbau verursacht, nicht aufhalten. Vielmehr führten die ausgebrachten Pflanzenschutzmittel zu negativen Nebenwirkungen auf Nichtziel-Organismen und auf die Ökologie der Feuchtgebiete. Wäre eventuell die Einfuhr eines spezialisierten natürlichen Gegenspielers aus dem Ursprungsgebiet der Apfelschnecke eine nachhaltigere Methode zu ihrer Regulierung?
Nur fünf Freisetzungen in der Schweiz
Seit der Marienkäfer Rodolia cardinalis 1897 zur Eindämmung der Australischen Wollschildlaus (Icerya purchasi) in Portugal eingeführt wurde, sind in Europa 174 Insekten zur biologischen Regulierung invasiver wirbelloser Kleintiere in die Umwelt freigesetzt worden, jedoch nur zwei zur Regulierung invasiver Pflanzen (Einfuhr in Gewächshäusern ausgenommen). In der Schweiz wurden wahrscheinlich nur fünf Arten zur Bekämpfung invasiver Tiere in die Umwelt freigesetzt; allerdings sind einige natürliche Gegenspieler aus den Nachbarländern eingewandert. Insgesamt machen die für die biologische Regulierung freigesetzten Arten daher einen sehr kleinen der über 800 in der Schweiz nachgewiesenen gebietsfremden Arten aus.
Eine der jüngsten Freisetzungen gebietsfremder natürlicher Gegenspieler in Europa betrifft die parasitische Erzwespe Torymus sinensis, die 2005 zur Regulierung der Kastanien-Gallwespe Dryocosmus kuriphilus in Norditalien eingeführt wurde. Die Kastanien-Gallwespe, die in Europa erstmals 2002 auftauchte, schwächt die Edelkastanie und verursacht drastische Ertragsverluste. Weil eine chemische Bekämpfung der versteckt in den Gallen lebenden Larven und Puppen nur wenig wirksam ist, wurde schon relativ früh nach dem Auftreten des Schädlings eine biologische Regulierung in Betracht gezogen und umgesetzt. Die Weibchen der Erzwespe stechen die Gallen mit ihren Legebohrern an und deponieren die Eier in den Brutkammern der Gallwespen, die dann von den geschlüpften Erzwespenlarven gefressen werden. Inzwischen ist die Erzwespe ihrem Wirt über die Landesgrenze gefolgt und hat sich von selbst in der Schweiz etabliert.
Eine zufällige Einfuhr wurde 2013 mit der amerikanische Blattkäferart Ophraella communa auf der Ambrosie (Ambrosia artemisiifolia) in Norditalien und in der Südschweiz entdeckt. Die Ambrosie, die ebenfalls aus Amerika stammt, ist wegen ihren hoch allergenen Pollen gefürchtet, die bei über 20% der Europäischen Bevölkerung Allergien und zum Teil schweres Asthma auslösen. Bereits im ersten Jahr hat der Käfer in Norditalien derart hohe Dichten aufgebaut, dass er grossflächig Ambrosie-Populationen kahlfrass und jegliches Blühen verhinderte. Es ist wahrscheinlich, dass der Käfer Hauptgrund für die 80-prozentige Abnahme der Ambrosie-Pollenkonzentrationen an den Messstationen um Mailand im Jahr 2013 war.
Risiken und Nutzen
Die klassische Regulierung invasiver gebietsfremder Organismen beruht auf der Freisetzung ebenfalls gebietsfremder Organismen, was bei einigen Umweltschützern, Forschenden und teilweise auch in der breiten Bevölkerung auf grundsätzliche Ablehnung stösst. Ein in diesem Zusammenhang häufig zitiertes Beispiel mit fatalen und unvorhersehbaren Folgen ist die Einfuhr der Aga-Kröte in Australien in den 1930er-Jahren. Dieses Beispiel hat aber nichts mit der klassischen biologischen Regulierung zu tun, da die Kröte gar nicht zur Kontrolle eines gebietsfremden Schädlings freigesetzt wurde, sondern gegen einheimische Zuckerrohr-Schädlinge. Zudem hat man keine wissenschaftlichen Voruntersuchungen gemacht, die eine Abschätzung von Risiko und Nutzen einer Freisetzung ermöglicht hätten. Organismen wie die Aga-Kröte, die nicht nur Insekten, sondern auch Amphibien und Reptilien fressen, wären nie offiziell erlaubt worden und würden heute wohl auch nicht mehr freigesetzt.
Freisetzungen von gebietsfremden Organismen, auch von Kandidaten für die biologische Regulierung invasiver Schadorganismen, können mit Risiken verbunden sein und müssen deshalb vorgängig sorgfältig untersucht werden. Für eine Abschätzung der Risiken bietet die biologische Regulierung invasiver Pflanzen wesentlich mehr Erfahrungswerte als diejenige invasiver Tiere: Richtlinien für umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen vor der Freisetzung pflanzenfressender Gegenspieler wurden schon vor etwa 50 Jahren etabliert und stetig verfeinert. Seit den 1960er-Jahren werden in der klassischen biologischen Kontrolle invasiver Pflanzen umfangreiche Untersuchungen zur Biologie, Wirtsspezifität und teilweise auch zu den Einwirkungen auf den Zielorganismus durchgeführt, die dann als Teil des Antrags zur Einfuhr des Kontrollorganismus bei den zuständigen nationalen Behörden eingereicht werden.
Kaum falsche Voraussagen
Die wissenschaftlichen Untersuchungen zur Wirtsspezifität von Kandidaten für die biologische Regulierung invasiver Pflanzen basiert einerseits auf sogenannten «no-choice»-Experimenten, in denen getestet wird, ob sich der Kontrollorganismus auf einer Nichtzielpflanze entwickeln kann oder nicht. Diese Tests, die mit 60 bis 120 verschiedenen Pflanzenarten durchgeführt werden, grenzen die Gruppe der Pflanzen ein, auf denen sich der Organismus entwickeln kann. In einem zweiten Schritt wird mit Hilfe von Wahltests untersucht, welche der Pflanzen, auf denen sich der Organismus entwickeln kann, unter Freilandbedingungen auch wirklich genutzt werden. Dieser Ansatz zur Abklärung der Wirtsspezifität pflanzenfressender Kontrollagenten hat sich bewährt: Von den insgesamt 456 wirbellosen Kleintieren und Pilzen, die man weltweit zur biologischen Regulierung invasiver Pflanzen eingeführt hat, wurden nur bei vier Arten falsche Voraussagen zur Wirtsspezifität gemacht. In mindestens zwei dieser Fälle beruhten die falschen Voraussagen auf experimentellen Fehlern (z.B. Verwendung der Testpflanzen im falschen Entwicklungsstadium). Ein kritischer Punkt bei der Abschätzung der Risiken bleiben die sogenannten indirekten Nebenwirkungen. Darunter versteht man alle Wechselwirkungen mit der belebten und unbelebten Umwelt, die nicht direkt durch Frass am Wirt oder der Wirtspflanze verursacht sind. So könnten zum Beispiel durch hohe Dichten des Kontrollorganismus auch deren Feinde zunehmen, was den Frassdruck auf einheimische Arten erhöhen könnte. Bei erfolgreicher biologischer Regulierung sind solche indirekten Nebeneffekte aber häufig vorübergehend, da sich die Populationsdichten der invasiven Schadorganismen und der Gegenspieler mittel- und langfristig auf einem niedrigen Niveau einpendeln.
Der Umgang mit der klassischen biologischen Regulierung invasiver Organismen ist auch ein gesellschaftlich-politischer Prozess. Mehrjährige wissenschaftliche Untersuchungen der möglichen direkten und indirekten Auswirkungen der Freisetzung eines gebietsfremden Organismus können zwar die Risikoabschätzung wesentlich verbessern, aber nicht alle möglichen Risiken ausschliessen. Dies gilt für jede Technologie, seien dies nun Pestizide, Staumauern oder Autobahnen. Eine zentrale Herausforderung besteht deshalb darin, aktuelle und zukünftige Schäden von invasiven Schadorganismen an Mensch, Tier oder Umwelt abzuschätzen und dann den Nutzen und die Risiken der klassischen biologischen Regulierung mit denjenigen anderer Regulierungsmassnahmen sowie der Variante «Nichts-Tun» sorgfältig zu vergleichen und abzuwägen.
Dieser Artikel erschien zuerst in Hotspot 31/15 „Chancen und Grenzen der Wiederansiedlung von Arten“.