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Tom Coraghessan Boyles Versuch, unter dem Titel «The Inner Circle» das Leben des Sexdoktors Alfred Kinsey aus nächster Nähe unter die Lupe zu nehmen, scheint zunächst mehr als überzeugend: Er erfindet mit John Milk einen Durchschnittsamerikaner, der eher per Zufall - er begleitet eine von ihm angehimmelte Studentin zur Vorlesung - an den später berühmten Mann gerät. Fasziniert nimmt er das Angebot des Professors an, ihm assistieren zu dürfen. Anfangs transkribiert er bloss die Interviews, später darf er selbst welche führen.
Was sich grandios hätte entwickeln können - der Clash unterschiedlicher Kulturen und sozialer Schichten ist ein klassischer Stoff von Boyles frühen Romanen wie «America» -, gerät immer mehr zur Farce, unter anderem deshalb, weil Boyle einen Kinsey zeichnet, der nicht nur objektiv forscht, sondern unter anderem auch seine Mitarbeiter dazu nötigt, ihre eigene Sexualität subjektiv unter die Lupe zu nehmen. Am Ende des Romans steht Kinsey als die Figur da, zu der ihn die öffentliche US-amerikanische Meinung schon immer degradiert hatte: Ein sexuell Besessener mit heftigen homoerotischen Neigungen, eine doppelte Gefahr also für die amerikanische Kleinfamilie der vierziger und fünfziger Jahre. «Dr. Sex» ist deshalb nicht das Buch, das Mann oder Frau mit Spass oder gar «einer Hand» (Simone de Beauvoir) lesen wird, sondern eine ziemlich prüde Angelegenheit.