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Wer von uns hat als Kind nicht irgendwann ein «Schäm di!» kassiert? Wahrscheinlich die meisten. Aber dadurch veränderte sich die Gefühlslage kaum. Scham entsteht nicht dann, wenn es einem befohlen wird, sondern wenn sich ein Mensch blossgestellt fühlt: Zum Beispiel durch Verletzung seiner Intimsphäre oder eine negative Beurteilung seines Verhaltens, seines Aussehens, seines Seins. Ob die Kritik angekommen ist, sehen Mitmenschen meistens sofort: Schamgefühle sind oft gepaart mit körperlichen Veränderungen wie einer leichten Röte im Gesicht oder einem erhöhten Pulsschlag.
Schuld dagegen ist als bewusster Verstoss gegen Gesetze, Moral oder bestimmte Richtlinien definiert. Menschen haben die Wahlmöglichkeit und treffen aus eigenem Antrieb den Entscheid, welchen Weg sie gehen möchten. Links oder rechts, Schuld oder unschuldig. Es geht als im Gegensatz zur Scham nicht darum, wie man von der Gesellschaft beurteilt wird, sondern mit welchen Konsequenzen zu rechnen ist – um in letzter Konsequenz von der Schuld befreit zu werden. Einfache Beispiele: «Nehme ich heute eine Parkbusse in Kauf, um mir einen längeren Fussweg zu ersparen, oder stelle ich den Wagen ordentlich ins Parkhaus?» Oder: «Löse ich das Billett für die kurze Tramstrecke, oder bezahle ich meine Schuld lieber in Form einer Busse, falls ich erwischt werde?»
Ethische Unterschiede
Die Schuldkultur wird laut der amerikanischen Ethnologin Ruth Benedict eher dem Nahen und Fernen Osten zugeordnet. Dort gilt dem irischen Altphilologen Eric Robertson Dodds zufolge nicht ein reines Gewissen, sondern die öffentliche Wertschätzung als höchstes Gut. In der westlichen Schuldkultur dagegen entscheiden Menschen aus eigenem Antrieb, ob sie schuldig sein möchten oder nicht. Die Aussenwahrnehmung und damit die Scham, etwa gegen gesellschaftliche Normen verstossen zu haben, spielt in der Theorie nur eine untergeordnete Rolle.
Die theoretische Definition und die Trennung in Ost und West, ist heute jedoch nicht mehr zwingend gültig. So schrieb der Theologe Thomas Schirrmacher bereits im Jahr 2002, dass der Westen das Ende der Schuldkultur und den Rückfall in die reine Aussenwahrnehmung erlebe . «Das Prestige wird wichtiger. Es herrscht Anpassung statt Eigenständigkeit», so Schirrmacher.
Neu wird fremdgeschämt
Wer aus der Reihe tanzt, wird von der Gesellschaft schräg angeschaut oder womöglich sogar ausgestossen. Und zwar gelten je nach Alter, Geschlecht und wo man sich bewegt, andere Richtlinien, an die sich die Menschen heute zu halten haben, um nicht aufzufallen. Sei es im Büro, an der Migros-Kasse, beim Wandern oder im Fussballstadion. Nur wer sich konform verhält, wird akzeptiert. Andere dagegen ernten abschätzige Blicke: Etwa wenn sie im Zug zu laut Musik hören, beim Schlangestehen vordrängeln oder in der Öffentlichkeit rumbrüllen. Menschen, die sich bewusst anders verhalten, als ungeschriebene Regeln vorschreiben, haben ihr Schamgefühl abgestreift. Das übernehmen andere für sie: Mit Fremdscham. Ein ganz neuer Begriff, der erst seit 2009 in den Duden aufgenommen wurde. Übrigens erst fünf Jahre nach dem Verb googeln.
Autor: Reto Vogt