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Unweit von Andermatt liegt ein grosser, weisser Steinblock, an dessen Stelle vor vielen Jahren ein Haus gestanden haben soll, in welchem ein altes Weib wohnte. Sie wurde Nidelgret genannt, weil sie, obwohl sie bloss eine Kuh besass, immer mehr Nidel hatte, als fünfzig der besten Kühe zur Zeit der Sommerfahrt geben. Eines Abends schlüpfte ein neugieriger Küher in ihren Stall und versteckte sich im Futterkasten, um die Alte beim Melken zu belauschen. Da sah er sie einen grossen Gebs vor sich hinstellen und hörte sie, indem sie wunderliche Zeichen oder Geberden machte, immer vor sich hinmurmeln:
»Hexengut und Sennenzoll,
Von jeder Kuh zwei Löffel voll.«
Der Gebs füllte sich aber sofort bis an den Rand mit dem schönsten Rahm, worauf die Alte ihn auf den Rücken nahm und den Stall verliess. Der Küher aber, der sich den Spruch wohl gemerkt hatte, lief voller Freuden nach Hause, um die Kraft der Zauberformel zu erproben. Mit zwei Löffeln aber nicht zufrieden, murmelte er:
»Hexengut und Sennenzoll,
Von jeder Kuh zwei Kübel voll.«
Da aber floss der Rahm in solchen Strömen zu, dass sich bald Stall und Wohnung des Kühers damit füllte, so dass er gar elendiglich in der köstlichen Flüssigkeit ertrank. Auf dem Dache ihrer Hütte aber sass die Nidelgret und rief: »Der tut's mir nimmer nach!« Kaum hatte sie jedoch das gesagt, so kam eine dunkle Wolke mit fürchterlichem Sturmwind daher gesaust, der die Hütte des Kühers samt der ihrigen hinwegfegte. An der Stelle der letzteren stand aber von dieser Zeit an der weisse Steinblock. Darin steckt die Nidelgret neben dem habgierigen Sennen, den sie bis zum jüngsten Tage hüten muss.
Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.