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Sigrun Gudjonsdottir wollte als Geschäftsfrau ein Vorbild für andere Frauen sein und möglichst viel Führungsverantwortung übernehmen. Nach einem Treffen mit Carlos Ghosn, dem Konzernchef von Renault-Nissan, erhielt sie ein verlockendes Angebot – und verzichtete. Doch auch als Ein-Frau-Unternehmerin verfolgt sie hohe Ziele. Das nächste lautet: 1 Million Dollar Umsatz.
Interview: Mathias Morgenthaler
Frau Gudjonsdottir, Sie haben sich als 16-Jährige geschworen, ihre Träume nicht zu verraten. Mit 33 Jahren wurden Sie Chefin einer Software-Firma. Haben Sie anders geführt als Ihre männlichen Vorgänger?
SIGRUN GUDJONSDOTTIR: Ja, eindeutig. Ich habe zum Beispiel vielen Quereinsteigerinnen eine Chance gegeben, weil die motiviert und belastbar sind. Das fehlende Fachwissen konnten sie sich rasch aneignen. Den Programmierern ohne Schulabschluss habe ich ermöglicht, ein Informatikstudium zu belegen. Grundsätzlich stand bei mir immer die Sache im Vordergrund, nie mein Ego oder mein Status. So habe ich einen elf Jahre älteren Universitätsdozenten als technischen Leiter engagiert, um unser Unternehmen auf ein höheres Level zu bringen. Dass er mehr verdient hat als ich, war für mich kein Problem. Elf Monate, nachdem ich die Verantwortung für die Firma übernommen hatte, kehrten wir in die schwarzen Zahlen zurück. Im nächsten Jahr wuchsen wir um 40 Prozent und fanden nicht mehr genug Programmierer.
Trotzdem wurden Sie am Ende als Chefin entlassen – was ist da passiert?
Es war eine sehr turbulente Zeit. Der Investor, der unsere Firma gekauft und mich als Chefin eingesetzt hatte, vertraute mir noch ein zweites Unternehmen zur Führung an – eine der grössten IT-Firmen Islands. Ich sah rasch, dass dort die Trendwende nicht gelingen würde. Also ging ich zurück und steigerte die Profitabilität des kleineren Unternehmens noch weiter. Parallel dazu absolvierte ich ein MBA an der London Business School. Auf meinen Vorschlag hin wurde die Firma verkauft. Die neuen Besitzer wollten mich zwingen, neue Arbeitsverträge zu deutlich schlechteren Konditionen durchzusetzen. Ich stellte mich quer, weil ich mich meinem Team gegenüber verantwortlich fühlte, was zur Folge hatte, dass ich entlassen wurde. Daraufhin zog ich nach London und konzentrierte mich ganz auf mein MBA…
…und dann wären Sie um ein Haar Chefin einer Automarke geworden.
Ja, das war noch so ein Moment, in dem ich komplett unkonventionell vorging und dafür belohnt wurde. Einer der Gastredner in der MBA-Ausbildung war Carlos Ghosn, der Konzernchef von Renault-Nissan. Er sprach über Turnaround-Management, und nach seinem Auftritt wurde er umringt von jungen ehrgeizigen Studenten. Ich nahm mein Herz in die Hand, ging schnurstracks auf ihn zu und sagte zu ihm: «Hey, ich bin Sigrun und ich habe auch an Turnarounds gearbeitet.» So sind wir Isländer halt, wir erstarren nicht in Ehrfurcht vor mächtigen Menschen. Vermutlich half es auch, dass ich die einzige Frau in der Runde war. Jedenfalls nahm er sich Zeit für mich, stellte mir ein paar Fragen und gab mir anschliessend seine Visitenkarte. Einige Wochen später bot er mir dann tatsächlich an, die Verantwortung für Nissan Schweden zu übernehmen.
Warum haben Sie abgelehnt?
Weil ich mir zum Glück in der Zwischenzeit die Frage stellte, ob das wirklich das Leben war, das mir vorschwebte: allein in Schweden zu sitzen und eine Autofirma zu führen. Lange hatte ich davon geträumt, Chefin eines Unternehmens mit 500 oder 1000 Angestellten zu werden. Ich wollte als Geschäftsfrau ein Vorbild für andere Frauen sein, etwas Bedeutendes erreichen. Aber in London wurde mir bewusst, dass mein Lebensentwurf einseitig auf berufliche Performance ausgerichtet war. Es fehlte die Abwechslung, das seelische Wachstum, die Sinnkomponente und die Partnerschaft. Dies wurde mir in einem Seminar des Bestseller-Autors und Coachs Tony Robbins klar. Und der Zufall wollte es, dass ich in diesem Seminar neben einem freundlichen Mann sass, der später mein Ehemann werden sollte. So kam ich wieder in die Schweiz statt nach Schweden, hatte zwar keinen CEO-Job, aber Schmetterlinge im Bauch.
Das war Ihr Start in die Selbständigkeit?
Noch nicht, ich übernahm in Zürich noch einmal eine Geschäftsführung, aber dann streikte mein Körper. Ich hatte derart starke Schmerzen in Nacken, Schultern und Armen, dass ich sieben Monate nicht arbeiten konnte. Später folgte eine Phase der Arbeitslosigkeit. Meine Bewerbungen blieben ohne Echo, vermutlich wollte niemand eine Frau einstellen, die vier Uniabschlüsse und 10 Jahre CEO-Erfahrung mitbrachte. So war ich ganz auf mich zurückgeworfen, hatte viele Ideen, aber kein Geschäftsmodell. Schliesslich begann ich im September 2013 aus Frust zu bloggen. Das waren keine Expertentexte, sondern eher ein öffentliches Nachdenken über meine Situation. Die Zugriffe auf meine Beiträge schnellten so schnell in die Höhe, dass mir rasch klar wurde: da habe ich einen Nerv getroffen. Die Frage, wie man seine Leidenschaft in ein Business transformieren kann, beschäftigt sehr viele Frauen.
Und Sie haben mit der Zeit eine Antwort auf diese Frage gefunden?
Ich merkte bald, dass ich bei anderen sehr viel klarer sah, was zu tun war, als bei mir selber. Eines Tages setzte ich einen Button auf meine Website: «Eine Stunde Online-Coaching: 180 Dollar.» Als der Button erstmals angeklickt wurde, war ich elektrisiert – es war das wichtigste Signal für mein Unterbewusstsein, dass es funktionieren kann. Dann weitete ich das auf sechs Stunden Coaching aus, entwickelte schliesslich einen einwöchigen Online-Kurs. Weil ich nicht sicher war, wie gut das funktionieren würde, führte ich ihn ein erstes Mal mit 134 Teilnehmerinnen gratis durch. Die Rückmeldungen waren so euphorisch, dass ich den Preis sukzessive anhob: via 99 Dollar auf 149 und 300 Dollar. Im Juli 2014 startete ich mit Webinaren. Da zeige ich den Kundinnen live, wie sie durch gezielten Einsatz von Social Media, Facebook-Werbung und Mailing-Versand ihre Kundenbasis ausbauen. In eineinhalb Jahren habe ich bereits 64 solche Webinare mit Tausenden von Teilnehmern durchgeführt.
An Ehrgeiz mangelt es Ihnen auch in der Selbständigkeit nicht. Wo soll die Reise hingehen?
Dieses Jahr verdopple ich den Umsatz vom letzten Jahr 2016 soll es eine halbe Million Dollar werden. Das Ziel ist klar: 1 Million Dollar Umsatz und dann irgendwann ein Auftritt in der Talkshow von Oprah Winfrey. Ich könnte es mir jetzt gemütlich machen und stolz über das Erreichte sein. Aber ich mag es, mich unter Druck zu setzen, Risiken einzugehen und mir die Ziele extrahoch zu setzen. Entsprechend treffe ich auch vorwiegend Menschen mit eigenen Unternehmen und grossen Ambitionen. Das hat einen grossen Einfluss. Du tickst so wie der Durchschnitt der fünf Menschen, mit denen du am meisten Zeit verbringst. Es ist also deine Entscheidung, ob du klein blieben und darüber schimpfen oder etwas Grosses erreichen willst. Mein Motto ist: Be Inspired. Think Big. Take Action. Wichtig ist, dass man nicht der Illusion aufsitzt, alles alleine schaffen zu müssen. Ich habe mir in einer Phase, als ich wenig Geld hatte, ein Business Coaching gegönnt. So lernte ich, mich selber besser zu verkaufen und nur noch die Dinge zu tun, bei denen ich wirklich den Unterschied ausmachen kann. Für alles andere habe ich meine drei Assistentinnen in England, Kanada und Portland (USA).
Kontakt und Information:
www.sigrun.com oder <email-pii>
Teil 1 des Interviews ist vor einer Woche an dieser Stelle erschienen.« Zur Übersicht