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Geschichte

Straubenzells

Fürstenland

1524 nahm die kleine, aber bedeutsame Republik St. Gallen die Reformation an. Dies betraf aber nur das Gebiet von St. Leonhard bis Linsebühl. In den jetzigen Vorstandquartieren verlief die Geschichte anders. Hier wohnten da und dort Bauern, es gab vereinzelte Dörfer wie Bruggen, und alle gehörten zum „Fürstenland“, d.h. zum Benediktinerkloster. Auch hier setzte sich die » Reformation zunächst mehrheitlich durch, die freikirchliche » Täuferbewegung veranstaltete an der Sitter bei Bruggen 1525 gar eine Massentaufe. Nach der Niederlage der Zürcher Reformierten 1531 im Zweiten Kappelerkrieg wurde die Bevölkerung der st. gallischen Alten Landschaft aber rekatholisiert, der Fürstabt als Landesherr bestimmte die Religionszugehörigkeit seiner Untertanen.
Gründung des Kantons St.Gallen
Dies änderte sich schlagartig mit dem Einfall der Franzosen. Der Fürstabt musste 1798 abdanken, seine Untertanen wurden frei, die über tausendjährige Geschichte des Klosters war zu Ende, die evangelische Stadt St. Gallen wurde aus Napoleons Gnaden 1803 Hauptort des gleichnamigen, grossmehrheitlich katholischen Kantons.
Die Entwicklung führte dazu, dass auch Katholiken in der Stadt wohnhaft und Bürger werden konnten, und umgekehrt Evangelische in den katholischen Alten Landschaften. 1803 wurde » Straubenzell zum Gemeindenamen für das Gebiet auf beiden Seiten der Sitter. 1837 zählte man hier unter 1769 Einwohnern 160 Evangelische, die zerstreut in der „Diaspora“ unter den katholischen Einheimischen lebten und noch kaum Kontakt untereinander hatten. Kirchge-nössig waren sie zum noch 1470 für Klosterfrauen gebauten Gotteshaus St.Leonhard, wo seit 1834 ein besonderer Kirchkreis eingerichtet wurde mit einem eigenen Pfarrer; sie wurden bis 1873 auch auf dem dortigen Friedhof bestattet, erst von da an in Bruggen oder im Feldli (eröffnet 1876, Krematorium seit 1903).
Industrialisierung
Der Aufschwung der Industrie brachte aber besonders ab 1870 eine enorm zunehmende Bevölkerung nach St. Gallen, vor allem im Zusammenhang mit der blühenden Stickereiindustrie. In Kürze wohnten fast unzählige Frauen und Männer hier, die gerade in den Aussengemeinden oft in einfachen Arbeiterquartieren lebten, zum Teil auch in ärmlichsten Verhältnissen. Um all den Neuzugezogenen in Straubenzell und bis Engelburg besser gerecht zu werden, ersetzte man 1887 die schlichte » Kirche St. Leonhard mit einem grossräumigen Neubau, der über 990 Sitzplätze verfügte, und 1891 wurde bei St. Leonhard ein Doppelpfarramt für das weite Diasporagebiet im Westen der Stadt eingerichtet. Aber die Entwicklung lief anders.
Eigene Kirchgemeinde
Der Anteil der Protestanten in Straubenzell erreichte um 1900 bereits 43 Prozent (3517 von insgesamt 8090 Personen). Eine Versammlung von mehr als dreihundert Evangelischen beschloss, sich von der Kirchgemeinde St. Gallen Centrum zu trennen und eine eigene Kirchgemeinde Straubenzell zu gründen. Im Saal der Brauerei Schönenwegen wurde am 15. Juni 1902 diese Gründung vollzogen. Man tendierte sogleich auf einen eigenen » Pfarrer und eine eigene Kirche. Bereits im folgenden Jahr konnte ein 31jähriger St. Galler als Pfarrer begrüsst werden. Zwei Jahre später traten dem Kirchengesangsverein bei seiner Gründung gleich 90 Aktivmitglieder bei.
Eigene Kirche in Bruggen
Die weite Ausdehnung der Gemeinde Straubenzell machte die Wahl des Kirchenstandorts schwierig: in der Mitte eine gemeinsame Kirche in Schönenwegen? Oder Hinwirken auf zwei Kirchen, „eine gehört nach Bruggen und eine in die Lachen“ ? Die Stimmberechtigten entschieden sich 1902 schliesslich in ihrer Mehrheit für Bruggen. Am 14. Januar 1906 wurde die » Kirche Bruggen an der Zürcherstrasse festlich eingeweiht. Der damals kreuzförmig gedachte Zentralbau mit seinem Sternengewölbe wies 730 feste und 132 Ausziehplätze auf; der weithin sichtbare Turm hat eine Höhe von 57 Metern.
Mit dem grossen Umbau von 1966/67 verkleinerte man den Hauptraum und gewann dadurch beim Eingang ein Vestibül und im oberen Stock einen Saal mit Teeküche.
Kirchliche Richtungen
Im Laufe des 19. Jahrhunderts hatte die theologische Ausrichtung der Pfarrer, die sog. „Richtungsfrage“, immer mehr auch die aktiven Gemeindeglieder beschäftigt. Die „liberalen“, von der Aufklärung geprägten „Reform“-Theologen stritten mit den Vertretern der meist als „orthodox“, „positiv“ oder „bibeltreu“ bezeichneten traditionelleren Richtung. In Straubenzell war man sich aber einig, „für unsere vielgestaltigen Verhältnisse mit einer wahren Musterkarte verschiedenster religiöser Ansichten kann nur ein Geistlicher gemässigter Richtung passen.“ Bei der Kampfwahl zogen 1902 die Stimmberechtigten schliesslich einen 30jährigen liberalen Pfarrer vor. Bald wurde die Spannung liberal – positiv in der Gemeinde aber relativiert durch die Herausforderungen der neuen Zeit und auch durch die dritte Richtung der „Religiös-Sozialen“.
Stadtverschmelzung
1918 vereinigten sich die politischen Gemeinden Straubenzell und Tablat mit St. Gallen. Die drei evangelischen Kirchgemeinden blieben selbständig, ebenso die Orts(bürger)gemeinden, z.B. in Straubenzell.
Wirtschaftskrise
Im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts hat sich die protestantische Bevölkerung in Straubenzell von 3'517 auf 6'730 erhöht, somit fast verdoppelt. 1910 wohnten in Winkeln 572 und in der „Mittleren Gemeinde“ Bruggen 1’671 Evangelische, in der „Inneren Gemeinde“ Lachen-Vonwil aber bereits 4’487. So sollte 1913 dringendst eine neue Pfarrstelle für Lachen-Vonwil geschaffen werden. Lange musste in diesem jetzt plötzlich volksreichen Gemeindeteil ein ehemaliger Stickereisaal an der Feldbachstr. 23 als bloss gemieteter, provisorischer Gemein-desaal genügen und an der Schillerstrasse das 1922 erbaute Pfarrhaus mit seinem Unterrichtszimmer.
Die Weltwirtschaftskrise suchte St. Gallen und seine exportorientierte Stickereiindustrie besonders schwer heim. Viele Fabriken mussten schliessen, Arbeitsplätze gingen in grosser Zahl verloren, die Bevölkerungszahlen gingen wieder zurück. Weite Volkskreise verarmten aufs Neue, die Kirchgemeinde war stark herausgefordert. 1929 wurde nun eine erste Gemeindehelferin angestellt (später zusätzlich eine zweite), und im folgenden Jahr wurden der Evangelische Frauenverein Straubenzell für finanzielle Hilfen und Gartenlandpachten wie auch die Evangelische Gemeindehilfe Straubenzell für Arbeitsvermittlungen gegründet.
Kirchgemeindehaus Lachen
Der Feldbach-Saal stand 15 Jahre lang und bis November 1933 zur Verfügung. Mit einer äusserst knappen Stimmenmehrheit beschloss die Kirchgemeindeversammlung 1933 nun doch überraschend, trotz der Finanzknappheit an der Burgstrasse neben dem Pfarrhaus den Bau eines » Kirchgemeindehauses Lachen zu wagen, was immerhin Arbeit brachte. Es konnte am 13. Januar 1935 eingeweiht werden, war in der weiten Gegend das erste in dieser Art und Lachen-Vonwil hatte endlich sein lang ersehntes Zentrum für den Gemeindeaufbau.
Um dem grossen Saal einen mehr kirchlichen Charakter zu verleihen, wurde er später umgestaltet, und das Gemeindehaus erhielt 1963 einen Turm mit Glocken.
Zweiter Weltkrieg
Bereits zu Bettag 1934 liess ein Straubenzeller Pfarrer im „Gemeindeblatt“ eine Erklärung der „Bekennenden Kirche“ abdrucken und kommentierte, es gehe in Deutschland „um letzte, grundsätzliche Glaubensentscheidungen, und darum geht es auch uns an.“ So leistete das „Gemeindeblatt“ auch wertvolle Unterstützung für alle Aktionen, die während und nach den Kriegsjahren für die » Flüchtlingshilfe unternommen wurden.
Hochkonjunktur
Diese begann gegen 1950 und dauerte fast drei Jahrzehnte. Die Zahl der Straubenzeller Gemeindeglieder hatte sich in den Dreissigerjahren kaum mehr verändert, nahm jetzt aber wieder dauernd zu, von 6’412 im Jahr 1940 über 7’987 im Jahr 1960 bis zu 9’380 im Jahr 1980.
Seit 1942 wurde jeweils für kurze Zeiten ein Hilfspfarrer angestellt. 1953 wurde stattdessen ein drittes Gemeindepfarramt bewilligt, damit Lachen und Vonwil je separat betreut werden konnten.
In den Nachkriegsjahren erlebte auch » Winkeln einen neuen Aufschwung. Kurz nach der katholischen Bruder-Klausen-Kirche konnte am 28. Oktober 1962 das Kirchgemeindehaus Winkeln mit dem Glockenturm eingeweiht werden, und 1965 wurde dort die vierte Pfarrstelle besetzt.
Frauen
1968 führte die Kantonalkirche in einer Volksabstimmung das Frauenstimmrecht ein. 1976 fand in Straubenzell erstmals eine Pfarrerin eine Stelle, wenigstens als Verweserin 1985 wählte die Kirchgemeinde eine Präsidentin. Eine Theologin, die bereits seit 1972 freiwillige Mitarbeiterin in den Heimen und in Winkeln gewesen war, wurde jetzt teilzeitlich als Pfarrerin angestellt. Seit dieser Zeit wurde das Amt einer „Pfarrerin“ selbstverständlich.
Abberufung eines Pfarrers
Drei Jahre lang galt der für Bruggen gewählte rumänische Pfarrer aus Siebenbürgen als sehr engagiert und beliebt, bis 1979 seine verborgen gehaltene » Neonazi-Tätigkeit bekannt wurde und er sich weigerte, sich klar von Hitlers Ideen zu distanzieren. Er wurde deshalb in einer ungewöhnlich gut besuchten Kirchgemeindeversammlung mit nur noch ganz wenigen Gegenstimmen abberufen.
Abkurung und Ablehung
1980 wurde für Riethüsli-Hofstetten ein eigenes kirchliches Zentrum gebaut. Dieses wurde aber fünf Jahre später mitsamt dem dicht bewohnten Quartier westlich der Teufenerstrasse (ursprünglich das Stammgebiet von Straubenzell) an die Nachbargemeinde St. Gallen C ab-getreten, sodass dort ein eigenes Pfarramt in einem eigenen Kirchkreis geschaffen werden konnte.
Als sehr erwünschter weiterer Treffpunkt wurde 1984 die „Baracke“ Haggen an der Ecke Oberstrasse/Haggenstrasse in Betrieb genommen.
Mit der Schaffung einer fünften Pfarrstelle 1987 galt Haggen fortan als selbständiger Kirchkreis. Man projektierte dort eine Versammlungs- und Begegnungsstätte, die zugleich auch als ökumenisches Zentrum dienen könnte. Die reformierte Kirchgemeindeversammlung hiess das Vorhaben zwar gut, bei der gesamtstädtischen katholischen Abstimmung wurde es mit 2578 Nein gegen 1893 Ja aber deutlich abgelehnt. Den dortigen Reformierten steht seit 1993 wenigstens ein eigener Pavillon im Wolfganghof zur Verfügung.
Ökumene am Ort und weltweit
Seit den Sechzigerjahren lebte sich immer mehr das Zusammenwirken mit den Katholiken ein. Die Erstaugustfeier wurde mehrfach durch einen ökumenischen Gottesdienst ersetzt. Straubenzell beteiligte sich 1981 an der dreijährigen Anstellung von Pfr. Pieter Tanamal aus Indonesien: halbzeitlich wirkte er hier. Zu einem gemeinsamen Suppentag im November 1981 luden neben den Pfarrämtern Lachen und St. Otmar auch fünf Ausländervereine ein. An der Vorbereitung des in St. Gallen 1951 eingeführten und seit 1974 ökumenisch gefeierten „Weltgebetstags der Frauen“ nahmen auch Frauen aus Straubenzell teil, sodass diese Feier seit 1984 auch im Westen der Stadt selbständig geführt wird.
Straubenzell engagierte sich stark bei Brot für alle, in der kirchlichen Entwicklungshilfe und in der Flüchtlingshilfe. Dies brachte aber auch viele persönliche Kontakte und bereicherte das eigene kirchliche Leben. Statt auf die gewohnte Bausteuer von 3 % ganz zu verzichten, beschlossen die Stimmberechtigten 1988 auf Antrag aus ihrer Mitte, ein Prozent einzusetzen „an Menschen, die es nötig haben“.
Jugendarbeit
1983 bewilligten die Kirchgenossen, auf Grund eines neuen Konzepts die Kinder- und Jugendarbeit auszubauen. Dazu wurden neue Mitarbeitende, in den Quartieren aber auch geeignete Räume gesucht und gefunden.
Ein freikirchlicher Pfarrer in der Volkskirche
Für die vakante Stelle in Vonwil wurde 1987 ein freikirchlicher Pfarrer angefragt, der bis dahin die Baptistengemeinde St. Gallen geleitet hatte. Nach einer zweijährigen provisorischen Vertretung wurde er definitiv als Gemeindepfarrer gewählt. So vereinfachte sich auch der Kontakt zu den Freikirchen. Die bulgarische Baptistengemeinde Varna am Schwarzen Meer ist seit 1990 Partnergemeinde von Straubenzell.
Übergangs-Gestalter
In den letzten drei Jahrzehnten ging die Zahl der Gemeindeglieder rapid zurück, von 9'380 im Jahr 1980 über 7'494 im Jahr 1990 und 5'746 im Jahr 2000 bis zu 5'170 im Jahr 2005. Zu diesem Rückgang trugen auch die Kirchenaustritte bei, etwa 50 pro Jahr. Dass aber die gesamte Wohnbevölkerung (Rezession) und besonders die Schweizer Bevölkerung in den städtischen Gebieten stark abnahm (Landflucht), war in der ganzen Stadt St. Gallen und fast überall festzustellen. Damit wurden in den Neunzigerjahren auch die finanziellen Ressourcen dramatisch eingeschränkt. Wie sollte die Kirchgemeinde auf diese Übergangszeit reagieren? Den Übergang einfach verwalten? Nein, so formulierte es der Straubenzeller Jahresbericht 2001, wir sind daran, den Übergang engagiert zu gestalten. Nacheinander wurden dazu seit 1992 auch zeitgemässe Strukturen geschaffen: Kirchgemeindeordnung und » Leitbild erarbeitet, die » Organisation der Verwaltung und der Kirchenvorsteherschaft überdacht, ein neuer Stellenplan, ein Stellenprofil und ein Finanzplan geschaffen, eine Strukturkommission gebildet.
Neue Zuständigkeiten
Auf 1. Januar 2006 wurden die Wirkungskreise neu definiert. Die Pfarrpersonen bieten als „Grundversorgung“ natürlich weiter Gottesdienste und Amtshandlungen an, alle sind aber neu zuständig für spezielle Bereiche in der Gesamtgemeinde: » Kinder, Jugend, Familie, » Gottesdienst und Kirchenmusik, » Erwachsenenbildung, » Senioren und Heime und » Sozialdiakonie, Mission, Ökumene.
Verfasst von Walter Frei, Pfarrer
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