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Emma hat Glück gehabt. Gewissenhaft achtet ihre Mutter auf alle Früherkennungsuntersuchungen, neulich wurden bei Emma die Augen kontrolliert. Die Zweijährige schielt leicht, wie die Augenärztin feststellte. Jetzt hat Emma eine Brille, und die bewahrt sie vermutlich davor, später Schwierigkeiten in der Schule zu haben. Denn Studien zeigen, dass Kinder mit unkorrigierten Sehstörungen schlechter in Hirnfunktions-Tests abschneiden, Probleme haben, lesen zu lernen, und dauerhaft schlechter sehen.
Jetzt schlägt der Augenarzt Rohit Varma von der Universität Süd-Kalifornien Alarm. Immer mehr Kleinkinder entwickeln Sehprobleme, und wenn man die früher erkennen und behandeln würde, könnte man damit Schul- und Entwicklungsprobleme verhindern («Jama Ophthalmology» online). Im Jahre 2015 wurden in den USA bei 174 600 Kindern zwischen 3 und 6 Jahren Sehprobleme festgestellt, laut den Berechnungen von Varma sollen es bis zum Jahre 2060 26 Prozent mehr sein.
In 69 Prozent der Fälle steckten eine Kurz- oder Weitsichtigkeit oder eine Hornhautverkrümmung dahinter. Diese lassen sich leicht behandeln, etwa mit einer Brille gegen Kurz- oder Weitsichtigkeit oder mit dem Abkleben eines Auges.
Mit Brille nicht mehr zu korrigieren
Bei jedem vierten Kind diagnostizierten die Mediziner eine sogenannte Amblyopie, entstanden durch Kurz-, Weitsichtigkeit oder Schielen. Bei einer Amblyobie sieht das Kind auf einem oder auf beiden Augen unscharf, weil sich sein Sehsystem während der frühen Kindheit nicht adäquat entwickeln konnte. Die verminderte Sehschärfe lässt sich später auch mit Brille oder Kontaktlinsen nicht mehr korrigieren.
Das National Expert Panel in den USA empfiehlt zwar, jedes Kind zwischen 3 und 6 Jahren mindestens einmal zu screenen, doch wurde das 2008 nur bei einem von vier Kindern gemacht. Und wurde eine Sehstörung diagnostiziert, hat man diese bei weniger als der Hälfte der Kinder weiter abgeklärt. Ein Augen-Screening sei bei allen Kleinkindern zu empfehlen, so Varma, das hätte deutliche Effekte auf das Sehvermögen, die akademische Leistung und das Sozialverhalten.
Häufige Sehstörung
5-6%
der Erwachsenen haben eine Amblyopie, die sich in einer Verminderung der Sehschärfe äussert. Sie beruht meist auf einer fehlerhaften Entwicklung des visuellen Systems während der frühen Kindheit.
«Wie haben für die Schweiz zwar keine solche Zahlen, aber wir wünschen uns auch ein obligatorisches Sehscreening bei Kindern, um Spätschäden zu vermeiden», sagt Veit Sturm, Leitender Arzt in der Augenklinik am Kantonsspital St. Gallen. Damit sich die Sehschärfe normal entwickelt, muss das visuelle System funktionieren.
Von einem Objekt – etwa einem Haus – muss ein scharfes Bild auf der Netzhaut abgebildet werden, die Netzhaut muss das Bild erfassen, das Licht in elektrische Reize umwandeln und diese zum Sehnerv weiterleiten. Von dort gehen die Impulse über Nervenbahnen ins Gehirn, wo das Haus als Haus interpretiert wird. Wird nur ein unscharfes Bild dem Gehirn zugeleitet, entsteht eine Amblyopie.
In den ersten Lebenswochen lernt das Hirn rasch, die visuellen Eindrücke zu verarbeiten, aber seine Lernfähigkeit nimmt ab dem zweiten Lebensjahr wieder ab. Entwickelt sich im Kindesalter eine Sehstörung, muss man diese zeitnah erkennen und behandeln, da das Gehirn sie später nicht mehr beheben kann. «Die höchste Vulnerabilität liegt im Vorschulalter», sagt Sturm.
Tests nicht immer gut genug
Hierzulande gibt es zwar Früherkennungs-Untersuchungen im Vorschulalter, und sie werden auch von den Kassen bezahlt. «Diese sind aber nicht obligatorisch», kritisiert Sturm. In Deutschland wird im Rahmen der neun Untersuchungen im Kleinkindalter auch das Sehen kontrolliert. «Die von den Kinderärzten durchgeführten Tests sind aber nicht immer gut genug», sagt Sturm. So hatte jedes dritte von 665 Kindern zwischen 3,5 und 4,5 Jahren eine Sehstörung, aber bei 70 Prozent war dies in den Untersuchungen nicht aufgefallen.
«Eine dauerhafte Sehminderung kann man nur verhindern,
wenn man Störungen in der frühen Kindheit erkennt und therapiert.»
«Wir Augenärzte setzen uns schon seit längerem für ein professionelles Augen-Screening im Kindergarten ein», sagt der Augenarzt. Er erachtet es als wichtig, europaweit einheitliche Richtlinien für ein Sehscreening zu erstellen. Denn unter den Augenärzten gibt es noch keinen Konsens, welche Untersuchungen am besten sind.
Der ideale Zeitpunkt sei zwischen 3 und 5 Jahren, so Sturm. Kinder mit Risikofaktoren, also etwa wenn Familienmitglieder schielen oder stark kurz- oder weitsichtig sind oder wenn das Kind ständig ein Auge zukneift, den Kopf schief hält oder lichtempfindlich ist, sollte man bereits zwischen 6 und 12 Monaten untersuchen. «Eine dauerhafte Sehminderung kann man nur verhindern, wenn man Sehstörungen in der frühen Kindheit erkennt und therapiert», sagt Sturm.