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| Augustinus (354-430) - Bekenntnisse (Confessiones)

Zwölftes Buch
8. Die ungestaltete Materie ward aus dem Nichts, alles Sichtbare aber aus ihr geschaffen.
Doch jener "Himmel des Himmels"1 ist dein, o Herr; aber die Erde, die du den Menschensöhnen zu sehen und zu berühren gegeben hast, war nicht so, wie wir sie jetzt sehen und berühren. Denn sie war gestaltlos und leer, ein Abgrund, über dem kein Licht war, oder wie es in der Schrift heißt: "Finsternis war über dem Abgrunde"2, d. h. mehr als in dem Abgrunde. Denn der Abgrund des Meeres mit seinen nunmehr sichtbaren Wassern hat auch in seinen größten Tiefen ein Licht eigener Art, das den Fischen und dem Gewürm auf seinem Grunde irgendwie sichtbar ist. Jenes Ganze aber war beinahe ein Nichts, weil es noch ganz ungestaltet war; doch befand es sich bereits in dem Zustande, daß es gestaltet werden konnte. Denn du, o Herr, hast die Welt aus ungestalteter Materie erschaffen, die du aus dem Nichts zu etwas, das nicht viel mehr war, geschaffen hast, um daraus jene großen Werke zu bilden, die wir Menschenkinder so anstaunen. Überaus staunenswert ist jener körperliche Himmel, den du am zweiten Tage nach der Erschaffung des Lichtes als Feste zwischen Wasser und Wasser durch dein Wort "Es werde!" gesetzt hast, und deinem Worte gemäß geschah es. Diese Feste nanntest du Himmel; es war dies aber der Himmel zu dieser Erde und zu diesem Meere, die du am dritten Tage schufest, in dem du der gestaltlosen Materie, die du vor jeglicher Zeit erschaffen, eine sichtbare Form verliehest. Denn auch den Himmel hattest du bereits vor jeglicher Zeit erschaffen, aber das war der Himmel zu diesem Himmel, da du im Anfange Himmel und Erde erschaffen hattest, Die Erde aber selbst, die du erschaffen hattest, war eine ungestaltete Materie, denn "sie war gestaltlos und leer und Finsternis über dem Abgrunde". Aus dieser gestaltlosen und leeren Erde, aus dieser Gestaltlosigkeit, aus diesem Etwas, das nicht viel mehr als ein Nichts war, wolltest du dieses alles bilden, woraus diese wandelbare Welt besteht und [S. 307] doch nicht besteht, da eben an ihr die Veränderlichkeit sich zeigt, mittels deren wir die Zeiten wahrnehmen und messen. Denn die Zeiten entstehen durch den Wandel der Dinge, deren Stoff die vorhin genannte gestaltlose Erde ist, indem die Formen sich verändern und umgestalten.
1: Ps. 113,16.
2: Gen. 1,2.