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Zur Jubelsession «700 Jahre schweizerische Bundesversammlung» vom 2./3. Mai teilt diese ihrem Volk mit: «Um 17.45 Uhr wird eine Theatergruppe ein Stück von Friedrich Dürrenmatt spielen, einer für die Kultur unseres Landes bedeutenden Persönlichkeit» (pour les romands: «...un auteur qui appartient à notre patrimoine national»). Das Stück heisst «Herkules und der Stall des Augias» (Hörspielfassung 1954, Bühnenfassung 1962). Die SchauspielerInnen heissen zum Beispiel: Wolf Dietrich Berg, Christina Nell, César Keiser, Paul Bühlmann, Fritz Denoth, Uli Beck, Guido Bachmann. Regie führt der Verwaltungsdelegierte der «Lukas Leuenberger Produktionen LLP AG», Lukas Leuenberger, kompetent beraten vom LLP-AG-Verwaltungsratspräsidenten Fürsprecher Peter Bratschi, der seine intime Kenntnis hiesigen Kulturschaffens bis 1988 den Verwaltungsräten der Consen AG (Mittelstreckenraketen) und der Inter Nuklear AG (Atommüllentsorgung) zur Verfügung gestellt hat.
Einiges war anders geplant gewesen. Als Dichter des verlangten «Sinnspiels» war der Basler Schriftsteller Hansjörg Schneider vorgesehen. Er wurde vom Berner Staatsregisseur Leuenberger in die Wüste geschickt, nachdem er das Stück «Tellensöhne» geschrieben und in drei Fassungen vorgelegt hatte. Dafür hat Schneider ungefähr ein halbes Jahr gearbeitet, Geld hat er noch keines gesehen. Dass sich Leuenberger mit dem Geld auch diesmal schwertun würde, war abschätzbar: Die Gemeinde Ins, wo er 1986 den «Besuch der alten Dame» als «Theater am Tatort» inszeniert hatte, musste später gegen ihn um die Billettsteuer-Gelder prozessieren; nach dem Trachselwalder Gotthelf-Verschnitt «Die schwarze Spinne» hat er trotz Publikumserfolg Schulden gemacht, angeblich 1,6 Millionen Franken. Der Gesamtkredit für die Jubelsession (Theaterstück, Bankett, drei Chöre, ein Orchester und ein «Blechquartett») beträgt 300000 Franken. Das geheimgehaltene Pauschalhonorar für Schneider, das im Werkvertrag zwischen Leuenberger und der Bundesversammlung vereinbart worden ist, macht einen Teil dieser 300000 Franken aus. Dazu kommt das Geld für die angedrohte Fernseh-Direktübertragung.
Schneider will sich nun einen Anwalt nehmen, der sein Honorar eintreiben soll. Gegenüber der WoZ will er die Affäre nicht kommentieren, weil er als einer, der sich pointiert gegen den Kulturboykott ausgesprochen hatte, in dieser Zeitung «angepöbelt» worden sei (siehe WoZ Nrn 4/1990 und 19/1990[1]).
In seinem Stück hätte Schneider unter dem Titel «Tellensöhne» laut einem Kurzbeschrieb des Stücks von Urs Bircher, Dramaturg am Schauspielhaus Zürich, vorführen wollen, «wie jeder Versuch, vor dem Parlament diese Schweiz festlich zu feiern, kläglich danebengehen muss», Theater im Theater also. Dazu hätten zwei Clowns als Volksvertreter den versammelten Potentaten vorgespielt, «wie man vom echten zum gewählten Volksvertreter avanciert und sich dabei schamlos bereichert». Leuenberger jedoch wollte höher hinaus; Schneiders Entwurf «klebe thematisch zu sehr an der Alltagspolitik, sei formal unbefriedigend und zu kurzlebig» (das Stück wäre ein einziges Mal aufgeführt worden), geruhte der unterdessen 28jährig Gewordene der «Berner Zeitung» anzuvertrauen.
Darum also «Augias» von Dürrenmatt, obschon der kurz vor seinem Tod in einem Interview mit Michael Haller in der «Zeit» zur 700-Jahr-Feier gesagt hatte: «Ich will damit nichts zu tun haben.» Bereits vor einem Jahr war Dürrenmatt von Leuenberger angegangen worden um ein Stück zur Jubelsession im Parlamentssaal. Dürrenmatt sagte ab. Leuenberger schlug eine Collage aus verschiedenen Dürrenmatt-Texten vor und bot Dürrenmatts Ehefrau Charlotte Kerr die Regie an. Kerr sagte ab. Leuenberger griff deshalb als zweite Wahl auf Hansjörg Schneider zurück. Dann starb, am 14. Dezember 1990, Dürrenmatt. Jetzt sah Leuenberger die Chance, ihn gegen seinen expliziten Willen zu inszenieren. Er mischelte sich die Rechte an Kerr vorbei beim Diogenes-Verlag.
Den Schauspieler Guido Bachmann legte er gleich doppelt: Er behauptete, die Aufführung habe nichts mit der 700-Jahr-Feier zu tun, und: Dürrenmatt wäre begeistert von der Idee; kurz vor seinem Tod habe er gesagt, man müsste den «Augias» im Nationalratssaal spielen, den habe er ja gemeint. Bachmann, Unterzeichner der Kulturboykott-Drohung, danach einige Zeit landesabwesend, sagte als routinierter Dürrenmatt-Interpret gutgläubig zu. Jetzt fühlt er sich «verarscht»: «Ich habe einen Ruf zu verlieren.» Er hat Anfang dieser Woche Leuenberger und den Medien schriftlich mitgeteilt, dass er sofort aus dem Projekt aussteigt.
Lukas Leuenberger kommentiert (via Sekretärin): «Lukas Leuenberger gibt der WoZ keinen Kommentar.» Was sollte der ertappte Hochstapler auch sagen? Wenn man im Nationalratssaal eine Schweinerei aufführen will, muss man sein Handwerk verstehen.
[1] In der WoZ 19/1990 wurde eine «hausmitteilung» veröffentlicht, die mehrere Abschnitte hatte, und deren erster – vermutlich von mir selbst verfasst, so lautete: «Hansjörg Schneider, jener 700-Jahr-Feier-Autor, der zur Zeit unverdrossen an einem Theaterstück für die Bundesversammlung schreibt, hat sich in der ‘Weltwoche’ über den diesbezüglichen Bericht in der WoZ Nr. 14/1990 vernehmen lassen: ‘Die WoZ […] ist zwar eine gute und notwendige Zeitung, die ich bis jetzt regelmässig gelesen habe. Jetzt aber, nachdem ich am Telefon ihre Schnüffelmethoden kennengelernt habe, habe ich eine Zeitlang die Nase voll.» Was ist geschehen? Zwischen Schneider und WoZ-Redaktor Fredi Lerch hat es genau drei Telefongespräche gegeben: Am 27. März, als Schneiders Bundeshaus-Engagement öffentlich wurde, bat die WoZ um ein Interview; Schneider war zuvorkommend und sagte es für den folgenden Tag zu, bat jedoch gleichentags in einem zweiten Telefongespräch um Verschiebung auf den 30. März. An diesem Tag sagte er das Interview, ebenfalls telefonisch, überraschend ab. Auf Fragen nach den Gründen der Absage reagierte er unwirsch: ‘Du willst gegen meinen Willen Sachen herausfinden, das scheisst mich an.’ Mit der Bemerkung: ‘So, jetzt chlemm i ab’, beendete er das Gespräch grusslos. Schneider hat bis 1968 für die ‘Basler Nachrichten’ und die ‘Nationalzeitung’ journalistisch gearbeitet. Der verleumderische Charakter seine Formulierung in der ‘Weltwoche’ ist deshalb zweifellos gewollt.»