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Ausgangslage
Frau R. ist über 70 Jahre alt. Sie stammt aus einer armutsbetroffenen Familie und ist in einem kleinen Haus in der Agglomeration aufgewachsen. Der Vater war Hilfsarbeiter und Frau R. wuchs in sehr einfachen Verhältnissen auf. Als Kind wurde sie von ihren Eltern isoliert: Der Umgang mit Mitschülerinnen wurde ihr verboten. Sie durfte keine Lehre absolvieren. Eigene Bemühungen, eine Lehrstelle zu bekommen, wurden von den Eltern unterbunden.
Ihre erste Berufserfahrung machte Frau R. zunächst als Hilfskraft an einer Faltmaschine. Nach ihrer Rückkehr aus den Ferien musste sie feststellen, dass ihre Arbeit an eine andere Person vergeben worden war. Sie verlor ihren Job. Danach absolvierte Frau R. einen Schreibmaschinenkurs. Das ermöglichte ihr, lange Zeit als Datentypistin zu arbeiten. Als Hobby hat sie irgendwann begonnen, Kleider zu schneidern – in erster Linie für ihre Mutter, die damit geprahlt hatte, welch schöne Kleider ihre Tochter entwerfen und nähen kann.
Sie fürchtete sich vor ihren Eltern. Diese Angst sei lange Zeit ein Hindernis gewesen, sich nach aussen zu orientieren. Frau R. lebte bis zu ihrem 30 Geburtstag in ihrem Elternhaus.
Kritisches Lebensereignis: Brustkrebs
In der Mitte ihres Lebens erkrankte Frau R. an Brustkrebs. Sie erhielt eine Chemotherapie und musste sich eine Brust entfernen lassen. Auch beruflich geriet sie immer wieder in schwierige Lagen. Es gab Momente, wo sie kein Geld mehr hatte. Da wäre sie dankbar gewesen für Unterstützung.
Sämtliche Schicksalsschläge, auch die schwierige Kindheit, liessen Frau R. nicht resignieren. Im Gegenteil: Mit jeder neuen Herausforderung habe sie an Stärke zugelegt. So erscheint sie nicht griesgrämig oder verbittert. Auffallend ist im Gegenteil ihr ansteckender Humor. Der gehörte schon immer zu ihr. Ihr Lächeln habe sie in schwierigen Zeiten über Wasser gehalten. Sie sei immer ihre eigenen Wege gegangen und habe sich nicht unterkriegen lassen.
Ihr Bruder lebt nach wie vor im Elternhaus. Finanziell geht es ihm gut, im Gegensatz zu Frau R., die mit ihrer kleinen AHV- und BVG-Rente auch heute noch an der Armutsgrenze lebt. Deshalb verkehrt sie auch im Treffpunkt der Bewegung ATD Vierte Welt (All Together for Dignity – Gemeinsam für die Würde aller), wo wir uns für das Interview treffen. Im Treffpunkt kann sie ohne Konsumationspflicht sein, andere Menschen treffen oder stricken. Das kommt Frau R. sehr entgegen.
Kritisches Lebensereignis: Rückenoperation
Vor drei Jahren musste sich Frau R. einer Rückenoperation unterziehen. Früher hat Frau R. nie Unterstützungsangebote angenommen. Sie wollte es immer aus eigener Kraft schaffen und nicht von anderen abhängig sein. Gleichzeitig spricht sie darüber, dass es manchmal keine Angebote gegeben habe, als sie offen für Unterstützung gewesen wäre.
Frau R. blieb kinderlos und wohnt noch allein in ihrer kleinen Wohnung. Sie hat einen guten Kontakt zum Hausmeister und zu den Nachbarn, die ihr bei Bedarf manchmal helfen. Seit ihrer Rückkehr aus dem Spital wird sie sowohl durch die Haushalts- als auch Pflege-Spitex zuhause unterstützt. Bezüglich der Körperpflege habe sie keinerlei Schamgefühl. Sie hat einen pragmatischen Umgang damit und sieht die Notwendigkeit ein. Sie habe keine andere Wahl. Ähnlich sieht sie es auch mit dem Rollator – dieser sei ein Hilfsmittel, das ihr helfe, mobil zu bleiben. Um sich diese Mobilität möglichst lange zu erhalten, geht sie in die Physiotherapie und macht täglich ihre Übungen.
Gegenseitige Unterstützung
Für Frau R. ergab sich ein Problem, als sie sich die Haushaltshilfe der Spitex finanziell nicht leisten konnte. Ein glücklicher Zufall wollte, dass sie sich mit einer alleinstehenden Freiwilligen der Spitex angefreundet hat und diese ihr nun unentgeltlich die Wohnung putzt. Im Gegenzug lädt Frau R. sie einmal pro Woche zum Mittagessen ein und strickt ihr Socken. Aus diesem Geben und Nehmen entstand nicht nur eine schöne Beziehung, sondern für beide eine Win-Win Situation.
Für die jährlich anfallende Steuererklärung nimmt Frau R. die Dienste der Pro Senectute in Anspruch. Ihr Netzwerk besteht zusätzlich zu den genannten Organisationen aus dem Hausarzt und Restaurants in den Altersheimen, welche eine günstige Konsumation ermöglichen.
Frau R. ist gerne in Gesellschaft. Das Quartier ist für sie so etwas wie eine «Stube».
Wenn sie heute Hilfe braucht, dann holt sie sich, was sie braucht. Sie gibt an, keine schlechten Erfahrungen mit Ämtern oder Behörden gemacht zu haben.
Ihren Umzug in ein betreutes Wohnen plant sie in den nächsten Jahren, da eine Sanierung ihrer günstigen Wohnung ansteht. Zwar sorgt sie sich ein wenig darum, dann nicht mehr allein und selbstbestimmt leben zu können. Doch sie gehe das positiv an.
Frau R. hat ein grosses Gottvertrauen. Sie besucht regelmässig den Gottesdienst und kennt viele Leute aus der Kirche. Für sie ist klar, dass jemand seit vielen Jahren eine gütige Hand über sie hält.
Kommentare, Handlungsoptionen und weiterführende Hinweise
Strukturell hindernde Faktoren: Sozioökonomische Benachteiligung als Rahmenbedingung
Frau R. kann sich ihr Leben lang nicht aus der sozioökonomischen Benachteiligung lösen. Im Alter nimmt die Prekarisierung zu. Die Auswirkungen der Armut auf ihren Gesundheitszustand (z.B. chronische Krankheiten), lassen sich bei Frau R. aus dem Interview allerdings nicht ableiten.
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Ressourcen der einzelnen Menschen zur Risikobewältigung ungleich verteilt sind. «Armut macht krank» und «Krankheit macht arm» beschreiben in aller Kürze die oftmals ungünstige Wechselwirkung zwischen den sozialen Determinanten der Gesundheit auf der einen und dem Gesundheitsverhalten sowie dem Gesundheitszustand auf der anderen Seite.
Der Zugang zur Spitex für Haushaltshilfe ist nur mit Zusatzversicherung möglich. Das ist für Menschen mit tiefem sozioökonomischem Status jedoch nicht erreichbar.
Hingegen wird Altersarmut durch die Sozialversicherungen etwas abgefedert, indem ältere Menschen Zugang zu Hilflosenentschädigungen und Ergänzungsleistungen erhalten – sofern sie wissen, wie sie den Antrag stellen müssen oder dabei unterstützt werden.
Weiterführende Hinweise:
Beispiele guter Praxis:
- Die Beratungen und Unterstützungsangebote der Pro Senectute. https://www.prosenectute.ch/de/dienstleistungen/beratung.html
- Das Angebot der Stadt Bern «Betreuungsgutsprachen für EL-Beziehende»: https://www.bern.ch/themen/gesundheit-alter-und-soziales/alter/finanzen-und-recht/betreuungsgutsprachen-1
Literatur: Meuli, Nora & Carlo Knöpfel (2021): Ungleichheit im Alter. Eine Analyse der finanziellen Spielräume älterer Menschen in der Schweiz. Zürich und Genf: Seismo. https://www.seismoverlag.ch/site/assets/files/17213/oa_9783037777572.pdf
Lehrreicher Moment: Starker Wille und positive Lebenseinstellung als Bewältigungsstrategie
Das Ziel der Bewältigung von alters- und krankheitsbedingten Einschränkungen ist, sich an veränderte Umstände anzupassen und das innere Gleichgewicht zu erhalten. Die Bewältigungsleistung und die Resilienz werden bei dieser Patientin durch eine optimistische Grundeinstellung, Humor, Gottvertrauen und einen guten Kohärenzsinn unterstützt. Der Begriff des Kohärenzsinns kann hier auch mit Selbstverbundenheit oder Selbstbewusstsein übersetzt werden. Er erlaubt es ihr, gesundheitsfördernde Massnahmen selbst zu ergreifen.
Weiterführende Hinweise:
Literatur zu Bewältigung, Resilienz und Salutogenese, z.B.
Meier Magistretti, C., Lindstrøm, B. & M. Eriksson (Hrsg.) (2019): Salutogenese kennen und verstehen: Konzept, Stellenwert, Forschung und praktische Anwendung. Göttingen: Hogrefe
Fischer, Susanne; Menone, Laura & Ulrike Ehlert (2020). Resilienzforschung. In: Egle, Ulrich T.; Heim, Christine; Strauss, Bernhard & Roland von Känel (Hrsg.): Psychosomatik – neurobiologisch fundiert und evidenzbasiert. Stuttgart: Kohlhammer, S. 217-222
Rauers, Antje & Nina Knoll (2020). Krankheitsbewältigung. In: Egle, Ulrich T.; Heim, Christine; Strauss, Bernhard & Roland von Känel (Hrsg.): Psychosomatik – neurobiologisch fundiert und evidenzbasiert. Stuttgart: Kohlhammer, S. 238-244
Lehrreicher Moment: Ambivalentes Verhältnis zum Annehmen von Unterstützung
Frau R. hat verschiedene Erfahrungen mit Unterstützung gemacht. Sie hatte teilweise aufgrund der Armut keinen Zugang zu Unterstützung. Aufgrund ihrer prekären Lebenssituation war sie später auf Unterstützung angewiesen und hat sie gerne angenommen. Sie hat zusätzlich eine grosse Resilienz entwickelt und besitzt einen starken Wunsch nach Unabhängigkeit. Dies führte Bei Frau R. zu einem ambivalenten Verhältnis gegenüber der Annahme von Unterstützung.
Ihre Aktivität kann zur Überforderung führen. Wenn nötig, sollte ihr Unterstützung angeboten werden, mit Informationen zu Angeboten, Motivation zur Annahme etc.
Weiterführende Hinweise:
Buch mit Erklärungen zu den Wechselwirkungen von Ausgrenzung und Ausgegrenzt-Werden:
Kessl, Fabian & Melanie Plößer (Hrsg.) (2010): Differenzierung, Normalisierung, Andersheit. Soziale Arbeit als Arbeit mit den Anderen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Lehrreicher Moment: Hilfe annehmen als Überlebensstrategie
Hilfe anzunehmen ist existenziell und notwendig. Die Ausgangslage Armut/Prekariat führt dazu, dass man Unterstützung aus Vernunftgründen annimmt. Mögliche Widerstände gegen die Annahme von Unterstützung aufgrund von Schamgefühlen können durch die schiere Notwendigkeit überdeckt werden.
Weiterführende Hinweise:
Rauers, Antje & Nina Knoll (2020). Krankheitsbewältigung. In: Egle, Ulrich T.; Heim, Christine; Strauss, Bernhard & Roland von Känel (Hrsg.): Psychosomatik – neurobiologisch fundiert und evidenzbasiert. Stuttgart: Kohlhammer, S. 238-244
Lehrreicher Moment: Gegenseitigkeit als Bewältigungsstrategie
Die Pflege des sozialen Netzwerks, des Bekanntenkreises und der Freundschaften sowie der Aufbau von gegenseitigen Unterstützungsnetzwerken ist eine wichtige Bewältigungsstrategie.
Diese kann durch Besuchsdienste unterstützt und verstärkt werden.
Weiterführende Hinweise:
Beispiele guter Praxis: SRK-Besuchsdienste, Verein Etoile Bern (www.verein-etoile.ch), Kirche und andere.
Lehrreicher Moment: Positives Umdeuten der Realität als Überlebensstrategie
Menschen äussern sich manchmal widersprüchlich, was auf Ambivalenz oder aber ein positives Umdeuten der Realität hinweisen kann. Letzteres kann Ausdruck von Resilienz und einer erfolgreichen Überlebensstrategie sein.
Bei der Betreuung muss das aufmerksam analysiert werden, da widersprüchliche Aussagen auch auf Demenz oder andere Krankheitsbilder hindeuten können.
Weiterführende Hinweise:
Rauers, Antje & Nina Knoll (2020). Krankheitsbewältigung. In: Egle, Ulrich T.; Heim, Christine; Strauss, Bernhard & Roland von Känel (Hrsg.): Psychosomatik – neurobiologisch fundiert und evidenzbasiert. Stuttgart: Kohlhammer, S. 238-244