Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03390.jsonl.gz/2149

-
Während die Bevölkerung in der Schweiz auch während der COVID-Pandemie zugenommen hat, war bei der Beschäftigung im Jahr 2020 ein Rückgang zu beobachten. Lediglich im periurbanen Raum konnte die Beschäftigung auch während der Krise zulegen.
-
In den ländlichen Gemeinden war die Beschäftigungsentwicklung schwächer als in den urbanen Räumen, dies insbesondere zwischen den Jahren 2013 bis 2017.
-
Gründe für das relativ betrachtet schlechtere Abschneiden des ländlichen Raums sind neben dem unterdurchschnittlichen Bevölkerungswachstum auch die tiefere Wettbewerbsfähigkeit der ansässigen Branchen, die vergleichsweise schlechte Erschliessung bzw. Erreichbarkeit und eine schwache Dynamik bei der Neugründung von Unternehmen.
Bei der Beschäftigung öffnet sich die Stadt-Land-Schere
Die Gesamtbeschäftigung hat in der Schweiz im vergangenen Jahrzehnt und bis zur Corona-Pandemie stetig zugenommen. Auf der regionalen Ebene war das Beschäftigungswachstum aber Jahre unterschiedlich stark ausgeprägt. Die Zunahme der Beschäftigung war primär getrieben vom Zuwachs in den periurbanen und urbanen Gebieten. In den ländlichen Gemeinden war das Beschäftigungswachstum in den letzten Jahren hingegen unterdurchschnittlich.
Im Jahr 2020 war das Beschäftigungsniveau aber aufgrund der Pandemie erstmals rückläufig. Krisenresistent zeigten sich vor allem die periurbanen Gemeinden: Als einziger Raumtyp konnte dort während der Pandemie ein Beschäftigungswachstum verzeichnet werden, während es in allen anderen Gebieten es zu einer negativen Entwicklung kam.
Der Arbeitsmarkt dürfte sich aber relativ rasch von diesem Einbruch erholt haben, wie der vom BFS berechnete Indikator der Beschäftigungsaussichten zeigt. Nach einem Einbruch im Jahr 2020 befand sich dieser bereits Mitte 2021 wieder auf dem Vorkrisenniveau.
Damit weist die Beschäftigungsentwicklung grundsätzlich ein ähnliches Muster auf wie die Bevölkerungsentwicklung. Denn auch bei der Bevölkerungsentwicklung sind die Wachstumstreiber die periurbanen und urbanen Gemeinden, während sich der ländliche Raum nur unterdurchschnittlich entwickelt hat. Eine Ausnahme stellt das COVID-Jahr 2020 dar: In diesem entwickelte sich die Beschäftigung in den urbanen und ländlichen Gebieten negativ, obwohl die Bevölkerung weiter wuchs.
Exkurs: Hohe Arbeitsplatzdichte in städtischen Kernzonen
Die Arbeitsplatzdichte ist insbesondere in den Kernzonen der Agglomerationen überdurchschnittlich hoch. Die höhere Verfügbarkeit von Arbeitsplätzen pro Einwohner ist ein Indiz dafür, dass das Beschäftigungswachstum in den Städten nicht (allein) vom Bevölkerungswachstum getrieben wird. Vielmehr dürfte die Wechselbeziehung auch von der anderen Richtung ausgehen: Die vorteilheilhafte Arbeitsplatzdichte in den Städten zieht Personen aus dem peripheren Raum an, wobei sich viele in den stadtnahen periurbanen Gemeinden niederlassen und dort wiederum für eine tiefe Arbeitsplatzdichte sorgen. Aus dieser verstärkten Konzentration von Arbeits- und Wohnorten resultiert letztlich ein erhöhtes Pendleraufkommen.
Neben dem Bevölkerungswachstum gibt es natürlich weitere Gründe für die zunehmende Diskrepanz bezüglich Beschäftigungswachstum der verschiedenen Räume, wie beispielsweise:
- Die tiefere Wettbewerbsfähigkeit der im ländlichen Raum ansässigen Branchen
- Die im Vergleich zum urbanen Raum schlechtere Erschliessung bzw. Erreichbarkeit des ländlichen Raums
- Die schwache Dynamik bei der Neugründung von Unternehmen im ländlichen Raum
Die obenstehenden Aussagen werden in den folgenden Abschnitten kurz erläutert und mit Daten unterlegt.
Tiefe Wettbewerbsfähigkeit des ländlichen Raums
Ein Grund für die tiefere Wettbewerbsfähigkeit der ländlichen Räume ist die zunehmende Abwanderung von jungen, gut qualifizierten Arbeitnehmenden. Dies führt in den ruralen Räumen Europas zu einem Mangel an qualifizierten Fachkräften und einer Überalterung der Bevölkerung.
Der Bericht von Avenir Suisse (2017) zum Strukturwandel im Schweizer Berggebiet zeigt zudem, dass ländliche Regionen und insbesondere Berggebiete eine wachstumsschwache, kaum exportierende und innovationsschwache Wirtschaftsstruktur aufweisen. Da die Schaffung neuer Stellen häufig mit Innovationsprozessen zusammenhängt, erklärt dies zumindest teilweise, weshalb die Beschäftigungsentwicklung im ländlichen Raum tiefer ist als in urbanen Räumen.
Der Branchenmix des Jahres 2020 bestätigt, dass produktivitätsschwache Branchen, wie z.B. die Land-/Forstwirtschaft oder das Gastgewerbe, im ländlichen Raum überdurchschnittlich stark vertreten sind (gemessen in vollzeitäquivalenten Stellen). Demgegenüber ist in den urbanen Regionen ein höherer Anteil der Beschäftigten in Branchen tätig, die eine hohe oder mittlere Arbeitsproduktivität aufweisen, wie beispielsweise der Finanz- und Versicherungssektor.
Unterschiede in der Erreichbarkeit der Räume
Die unzureichende Anbindung an wichtige Zentren wirtschaftlicher Aktivität sowie der erschwerte Zugang zu grossen Beschaffungs- und Absatzmärkten aufgrund der schlechteren Erschliessung schwächt die Wettbewerbsposition des ländlichen Raumes zusätzlich: Beispielsweise sind im ländlichen Raum die Reisezeiten zur nächsten Agglomeration, Kernstadt oder zu gewissen Dienstleistungen deutlich höher als im urbanen Raum.
Bei der Standortwahl von Unternehmen spielt die Erschliessung häufig eine entscheidende Rolle. Dies bestätigt auch die untenstehende Karte, die veranschaulicht, dass das Beschäftigungswachstum entlang der Nationalstrassen (rot) stärker ist als in weniger gut erschlossenen Gebieten.
Beschäftigungswachstum nach Gemeinden (Zeitraum 2011-2020)
Gerade für grosse Unternehmen scheint eine gute Erreichbarkeit ein wichtiges Argument zu sein. Entsprechend sind grosse Unternehmen vermehrt in den besser erschlossenen urbanen Räumen zu finden.
Neu gegründete Unternehmen siedeln sich primär in urbanen Räum an, wobei Ballungsräume wie Zürich, Zug oder Genf am beliebtesten zu sein scheinen. Eine mögliche Erklärung hierfür ist, dass die Unternehmen von niedrigeren Transportkosten und weiteren Agglomerationseffekten wie der Nähe zu einem grossen lokalen Markt, einem grossen Arbeitskräfteangebot und einem verstärkten Wissenstransfer profitieren wollen. All diese Faktoren wirken sich positiv auf die Gründungsdynamik aus und führen letztlich zu mehr Neugründungen in Städten und Agglomerationen. Urbane Räume sind somit nicht nur bei bestehenden Firmen der beliebtere Standort als ländliche Räume, sondern auch bei neu gegründeten Unternehmen.