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Herr Loprieno, Sie sprechen von einem Übergang von der Universität humboldtscher Prägung zur modernen University. An welchem Punkt stehen wir denn?
Lassen Sie es mich so ausdrücken: Die Menschen im Mittelalter wussten nicht, dass sie im Mittelalter lebten. Sie wussten zwar, dass die Antike vorbei war. Jedoch wussten sie nicht, welches neue Zeitalter anbrechen würde. Wir wissen, dass ein bestimmtes Modell, welches wir das humboldtsche nennen, nicht mehr produktiv ist. Wie aber unsere schweizerische Ausprägung einer University aussieht, wissen wir noch nicht.
Aber einen Transformationsprozess stösst man nicht an, ohne ein gewisses Ziel vor Augen zu haben.
Ja, aber am Anfang dieses Transformationsprozesses steht ein Missverständnis. Dessen Konsequenzen tragen wir in der Schweiz auf besondere Art. Durch die Wahl einer bestimmten Studienarchitektur – also die Umstellung auf ein modulares System – wollte die europäische Politik auch eine Annäherung an die Wirtschaft bewirken. Adoptiert wurde dabei das angelsächsische Vorbild, das ein breit angelegtes Bachelorstudium und einen Master als eigentlich professionelle Ausbildung vorsieht. Wir bieten immer noch Bachelorstudiengänge an, die so ausgerichtet sind, dass man bis zum Doktorat im gleichen Fach bleiben müsste. Das halte ich für eine systemische Störung.
Ein gelungener Umbau setzt voraus, dass man an ihn glaubt.
Was muss geschehen, um diese Störung zu beheben?
Ein gelungener Umbau setzt voraus, dass man an ihn glaubt. Sie können keine Kirche stiften, wenn Sie nicht an den Sinn von Religion glauben. Wir können nicht nachhaltig mit einem Modell leben, wenn wir nicht an dessen Vorteile glauben. Was Sie nun häufig von konservativen wie auch von progressiven Kräften hören, ist die Abwertung des Bachelor-Abschlusses. Wenn man in unserer akademischen Kultur auf so breiter Basis die Meinung hegt, dass ein wahres universitäres Studium ein Masterstudium zu sein hat, dann funktioniert es mit einer wahren Anpassung nicht.
Wir schummeln also.
Ich glaube, wir leben in einer Form der Systemneutralität. Es ist ein wenig wie in China. Das Land gibt zwar vor, kommunistisch zu sein, folgt aber marktwirtschaftlichen Gesetzen. Und trotzdem regiert die Kommunistische Partei. Wir leben mit Bachelor und Master. Das stellt niemand infrage. Aber es besteht eine Zäsur zwischen der formalen Architektur und den Inhalten des Studiums. Ich erkenne keine Zeichen, dass wir davon Abstand nehmen wollen.
Wirklich? In den letzten fünf Jahren sind eine Reihe von Studiengängen entstanden, die zumindest Tendenzen erkennbar machen. So scheint man anzufangen, wenigstens den Master speziell zu denken.
Das stimmt. Die Logik des Systems revanchiert sich. Der Druck der Studienarchitektur und der Globalisierung geht dahin, dass wir die Möglichkeiten eines spezifischen Masterstudiums ausbauen. Aber auf Bachelorstufe ändert sich sehr wenig. Es werden kaum generalistische Bachelorstudiengänge entwickelt. Man korrigiert am oberen Ende, ohne das untere umzuorganisieren.
Die Konferenz der Universitätsrektoren hat letzten Sommer ein Papier zum Bachelor verfasst, das einen Impuls für den Umbau dieser Stufe nach angelsächsischem Muster bieten sollte. Ich habe bisher von einer einzigen Fakultät eine Einladung bekommen, das Papier zu erläutern – zugegebenermassen von der grössten Fakultät der grössten Universität der Schweiz.
Der Zürcher philosophischen Fakultät.
Ja. Ich durfte das Papier dort präsentieren, was ich sehr geschätzt habe. Das zeigt, dass einige Peers darüber reflektieren. Aber es war die einzige Einladung, die ich bekommen habe. Wenn das ein Spiegel der Bereitschaft zur Diskussion ist, dann werden wir noch lange Zeit in diesem Zustand verharren.
Sie überlassen es nun Ihren Nachfolgern, wie sie mit der unvollständigen Reform umgehen werden. Sie treten im Sommer als Rektor der Universität Basel zurück. Was werden Sie anschliessend tun?
Wenn ich meine heutige wissenschaftliche Identität beschreiben wollte, würde ich sagen, sie sei zweigeteilt. Ich bin auf der einen Seite ein Altertumsforscher. Aber ich bin auf der anderen Seite auch das, was diese letzten zehn Jahre aus mir gemacht haben. Ich habe viel gelernt auf den Gebieten Strukturen, Governance und Führung.
Ich denke, es könnte sinnvoll sein, diese beiden Identitäten zu einer Versöhnung zu führen. Ich möchte deshalb als Professor in zwei Forschungsbereichen tätig werden. Einerseits im angestammten Feld. Andererseits möchte ich in den Bereichen University-Management und Geschichte von Institutionen forschen.
Welche Rolle kommt der Universität in der modernen Welt zu?
Den Nachdiplomstudiengang «MBA in Academic Management» hat die Universität Basel letztes Jahr eingeführt. Haben Sie ihre eigene Spielwiese geschaffen?
Der Nachdiplomstudiengang bedient den Arbeitsmarkt. Ich spreche hier von Grundlagenforschung, die ich betreiben möchte; Grundlagenforschung für University Leadership. Welche Rolle kommt der Universität in der modernen Welt zu? Wie muss sie geführt werden? Das möchte ich empirisch erforschen. Es ist ein wenig, wie den Flug der Vögel nachzuzeichnen. Es geht darum festzustellen, ob es Muster gibt, wissenschaftlich rekonstruierbare Regeln.
Sie möchten also das Handbuch für University Leadership schreiben?
Sagen wir das Kopfbuch dazu.