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Journal B: Madeleine Corbat, Sie sind Präsidentin des Vereins «Cinéville». Ist Bern eine Kinostadt?
Madeleine Corbat: Früher war es eine Kinostadt. Noch vor dreissig Jahren hatten wir eine sehr hohe Dichte an Kinos in der Innenstadt. Der radikale Bruch kam, als die Pathé Kinos im Westside eröffneten Heute hat sich vieles in Multiplexkinos am Stadtrand ausgelagert. Im Zentrum sind noch die Quinnie-Kinos sowie «Off-Kinos» zu finden. Obwohl das Kino Rex mit so vielen Besuchern wie dieses Jahr wohl nicht mehr als alternatives Kino bezeichnet werden kann.
Welche Rolle spielt in Bern die einheimische Filmproduktion?
Die Filmproduktion hat dank dem erhöhten Filmkredit des Kantons schon an Bedeutung gewonnen. Was ausserdem erfreulich ist: Im Kino Rex laufen Berner Filme extrem gut. Es gehört auch zum Konzept von Thomas Allenbach, den Berner Filmen eine Heimat und die Chance zu geben, lange zu laufen und damit ein grösseres Publikum zu erreichen.
Der Verein Cinéville besteht seit den 90er-Jahren. Weshalb wurde der Verein gegründet?
Man wollte Kunst und Kino vereinen – damals war das sehr visionär. Das erste Kino befand sich denn auch im Kunstmuseum.
Madeleine Corbat (*1971 in Bern), arbeitete als Platzanweiserin beim Kino „Jura“, studierte Journalismus und Kulturmanagement, arbeitete als Filmredaktorin bei der Berner Zeitung. Seit 2012 ist sie Präsidentin des Vereins Cinéville. Hauptberuflich arbeitet sie als Produzentin und ist zusammen mit Tamara Milosevic Geschäftsführerin der Recycled Tv AG.
Das Kino Rex wird vom Verein Cinéville betrieben, den es seit den 1990er-Jahren gibt. Dieser betrieb zuerst das Kino Kunstmuseum. Das Kunstmuseum lagerte diesen hauseigenen Kinobetrieb nach und nach aus. Als 2010 auch eine Kürzung der städtischen Subventionen zur Debatte stand, schien das Ende des Kinos nahe. Durch Lobbying konnte schliesslich aber eine Bekenntnis zum Kino Kunstmuseum herbeigeführt werden. Die Kürzung der Subventionen wurde rückgängig gemacht, der Trägerverein aber auch damit beauftragt, sich neu auszurichten und die Standortfrage zu klären. Diese Bemühungen führten schliesslich 2015 zur Eröffnung des Kino Rex am heutigen Standort. In den letzten Jahren konnte das Kino seiner Besucher*innenzahlen kontinuierlich erhöhen.
Setzte sich das Erbe des Kunstmuseumkinos im heutigen Kino Rex fort?
Sehr ja. Zum Beispiel mit dem Kassenhäuschen, in dem oft Kunstinstallationen präsentiert werden. Und natürlich in den vielen Filmen zum Thema Kunst, die hier gezeigt werden.
Was hat sich seit der Gründung des Kino Rex 2015 verändert?
Die Bar ist zu einem Treffpunkt geworden. Auch für Leute, die nicht ins Kino gehen. Das Kino Rex ist zu einem festen Teil der Stadt geworden, zu einem Begriff. Und was mittlerweile sehr wichtig geworden ist, sind die sogenannten «Events», Gespräche mit den Filmschaffenden oder Podiumsdiskussionen. Das ist ein Erfolgsrezept des Kino Rex.
Das Kino wird immer wieder totgesagt. Heute mit dem Streaming und früher mit dem Aufkommen der VHS-Kassetten, danach mit den DVDs. Aber es lebt immer noch.
Wie finanziert ihr euch?
Mit den Premieren finanzieren wir die Retrospektiven mit. Von der Stadt erhalten wir substantielle Subventionen für den Programmteil. Aber den grösseren Umsatz erwirtschaften wir mit den Premieren.
Verliert das Kino in der Ära von Netflix und anderen Streamingplattformen an Bedeutung?
Das Kino wird immer wieder totgesagt. Heute mit dem Streaming und früher mit dem Aufkommen der VHS-Kassetten, danach mit den DVDs. Aber es lebt immer noch. Heute wissen wir: Ob Leute ins Kino kommen, hängt auch stark von den Filmen ab, die laufen. So hatten wir dank den drei Filmen «Unrueh», «Bratsch» und «Albert Anker» ein sehr gutes Jahr, einen Besucherrekord. Und das Wetter spielt auch eine Rolle sowie die Konkurrenz, nicht nur im Kino, grundsätzlich im kulturellen Angebot. Ich finde, man muss Streaming und Kino auch nicht unbedingt als Gegensätze anschauen. Zum Beispiel haben viele junge Leute angefangen Dokumentarfilme zu streamen. Das kommt schlussendlich auch der Kinobranche zugute.
Also hat das Kino eine Zukunft.
Ja natürlich! (lacht) Das glaube ich zumindest. Sonst würde ich nicht in dieser Branche arbeiten. Es ist ähnlich wie im Buchhandel. Im Kino gibt es die Grossen und die Nischenbetriebe, die überleben.
Welche Herausforderungen stellen sich heute dem Kino Rex?
Die Stromkosten sind ein Thema. Letztes Jahr mussten wir schon ein wenig leer schlucken mit der 25-prozentigen Teuerung. Eine weitere Herausforderung ist es, junges Publikum zu erreichen. Mittlerweile laufen die Kinderfilme zum Glück sehr gut. Aber das hat viel Arbeit gebraucht. Und nicht zuletzt erneuern sich die Technologien wahnsinnig schnell. Als die Digitalisierung kam, hiess es, man müsse alle zehn Jahre die Server auswechseln. Und jetzt sind wir etwa bei einer Laufzeit von sechs bis acht Jahren.
Was ist Ihnen aus den vergangenen acht Jahren Rex in besonderer Erinnerung geblieben?
Vieles! So finden die Premieren von uns Produzent*innen jeweils hier statt. Das ist immer wild, lustig und berührend. Und kürzlich war ich an einem verregneten Samstagnachmittag im Rex. Es lief ein Kinderprogramm und die Eingangshalle war voll mit Kiddies. Ein Gewusel war das, eine Aufregung! Mir hat es das Herz geöffnet, alle diese Kinder hier zu sehen.
Zusammen einen Film zu schauen – was das auslöst, kann man eigentlich gar nicht wirklich beschreiben.
Weshalb ist es so schwierig, Kinder ins Kino zu kriegen?
Das grössere Problem sind eigentlich die 14- bis 40-Jährigen. Wir hatten mal ein GA für 18 bis 25-jährige, wirklich günstig. Aber es hat alles nichts gebracht. Und irgendwann kommt dann der Kindergap.
Wie war das damals, als Sie zwanzig waren?
Wir sind sehr, sehr viel ins Kino gegangen. Die ganze Generation. Kino hatte einen viel grösseren Stellenwert als heute. Es gab mehr Kinos und es gab auch sonst weniger kulturelle Veranstaltungen. Konzerte gab es zum Beispiel oft nur freitags und samstags.
Waren Sie schon als Kind vom Kino begeistert?
Ich bin mit meinem Vater ins Kino. Die Begeisterung für Filme kam sicherlich von ihm. Und dann habe ich angefangen, als Platzanweiserin zu arbeiten und da hat es mir den Ärmel reingenommen. Ich habe es geliebt. Lion King – fünf Mal ausverkauft! Die Kinder zum ersten Mal im Kino. 1500 Leute, Popcorn, du wirst gaga, es stinkt, aber alle sind total fröhlich. Zusammen einen Film zu schauen – was das auslöst, kann man eigentlich gar nicht wirklich beschreiben.
Im Endeffekt haben wir alle, ob Kino Rex oder Westside, dasselbe Interesse.
Nach Ihrer Arbeit als Platzanweiserin, haben Sie als Filmjournalistin, bei einem Verleih und in den letzten Jahren als Produzentin gearbeitet. Wie unterscheidet sich Ihre Perspektive als Produzentin von der als Präsidentin von Cinéville auf das Kino?
Die Zeitperspektive ist eine ganz andere. Nehmen wir zum Beispiel den Film «Las Toreras», der heute Premiere feiert. Von der Finanzierung bis zur Premiere vergingen sieben Jahre. Und dann kommt er ins Kino und wenn es gut geht, läuft er einen Monat und wenn es schlecht geht, nur zwei Wochen. Auf der anderen Seite kann ich dank meiner Nähe zum Kino das Publikum besser einschätzen. Ich habe eine Vorstellung davon, welche Filme laufen könnten und welche nicht. Nur die eigenen kann ich nicht einschätzen.
Was läuft denn zurzeit gerade gut?
Schweizer Dokumentarfilme laufen momentan sehr gut. Da wurde die Branche positiv überrascht. Und mit Barbie und Oppenheimer gingen viele Leute wieder aufs Neue ins Kino. Super! Damit wurde auch die Faszination fürs Kino wieder geweckt. Wer hätte gedacht, dass Barbie dem Kino hilft…. Im Endeffekt haben wir alle, ob Kino Rex oder Westside, dasselbe Interesse.
Für seine Arbeit erhält das Kino Rex nun den Kulturpreis des Kanton Bern. Was wünschen Sie sich dir für die nächsten acht Jahre des Kinos?
Neue Stühle! (lacht) Nein, was will man sich schon wünschen, ausser, dass es so weiter geht, wie bisher.