Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03624.jsonl.gz/1806

Die Radohinesgruppe in den nordalbanischen Alpen
Von Rudolf Leutelt.
Die nordalbanischen Alpen sind ein Gebirge, das zu den unbekanntesten zählt, obwohl es von Mitteleuropa in drei bis vier Tagen erreicht werden kann. Vor Jahren hat einmal ein Deutscher, Steinmetz, die Maja x ) Lis, einen Gipfel des Hauptkammes, bestiegen und eine Durchquerung der Täler durchgeführt, durch die wenigstens in bezug auf die Haupttatsachen des Talnetzes einige Klarheit geschaffen wurde.Völliges Dunkel herrschte aber immer noch über das Gebirge selbst, und zahlreiche Täler waren noch von keines Fremden Fuss betreten. In den letzten Jahren hielt sich eine italienische Vermessungsgruppe in den Bergen auf und erstieg die meisten leichter erreichbaren Gipfel, um eine Karte zu zeichnen. Das Gebiet liegt eng an der Grenze gegen Südslawien und ist für Italien daher von hohem strategischem Wert. Dies mag auch der Grund sein, warum von diesen Aufnahmen und Besteigungen nie ein Wort an die Öffentlichkeit drang und vielleicht auch dringen wird.
Im Sommer 1930 nun hat eine Gruppe von Innsbrucker Bergsteigern einige der um den im Herzen der Gruppe gelegenen Preissattel gelegenen Berge besucht, und im Sommer 1931 hat eine weitere Gruppe diese Erschliesaer-arbeit fortgesetzt und in einigen Teilen vollendet.
Allgemein geographische Verhältnisse.
Die nordalbanischen Alpen liegen ungefähr auf dem Breitengrade von Rom im äussersten Norden des Balkanstaates Albanien. Das eigentliche Hochgebirge erstreckt sich, ganz grob abgerundet, etwa 25 km von West nach Ost und 20 km von Nord nach Süd. Im Norden wird es begrenzt von den Hügelländern Montenegros, im Osten vom Hochplateau des Skelsen, im Süden von den Hügeln und Talungen des Berglandes der Mirdita, im Westen verlaufen seine Randketten gegen die Niederungen des Skutarisees.
Das eigentliche Hochgebirge erreicht Höhen von 2300 bis 2600 Meter. Die Höhenzüge streichen von dem mehr oder weniger zentral gelegenen Qafa Peis nach allen Seiten auseinander. Tiefe Täler, deren Sohlen meist in einer Höhe um 1000 Meter liegen, stossen von allen Seiten her in das Gebirge vor und zerschneiden es in eine Reihe von Höhenzügen.
Das Klima der Berggruppe verbindet die Eigenarten des Mittelmeerklimas mit jenen des Landklimas. Während unserer Anwesenheit im Sommer herrschte eine unheimliche Hitze und Trockenheit. Sie dauerte ununter- brochen vom 12. Juni an bis Ende August, zu welcher Zeit heftige Gewitterregen einsetzten. Im Herbst regnet es sehr viel. Im Winter herrscht grosse Kälte, und die Schneedecke erreicht in Thethi, einem in etwa 1000 Meter Höhe gelegenen Orte mitten im Bergland, im Durchschnitt 4 Meter, in schneereichen Wintern, wie dem verflossenen, liegen 7 Meter Schnee. Durch Wochen war jede Verbindung zwischen den einzelnen Häusern unterbunden. Auch das Frühjahr ist niederschlagsreich. Es wird unmittelbar abgelöst vom Sommer, dessen Wasserarmut die künstliche Bewässerung aller Felder nötig macht und der das Gras der Almweiden zu einem wenige Zentimeter hohen, braunen Filz verdorren lässt. In den Dolinen und Spalten der Karstflächen, in den Karen und schattseitigen Gehängen überdauert der Schnee den ganzen Sommer. Es fehlt hier der in den Alpen die Schneeschmelze beschleunigende Föhn, und auf die unerträglich heissen Tage folgen nicht minder kalte Nächte.
Die Pflanzendecke ist nicht unähnlich der unserer Alpen. In den Tälern und ihren Hängen treffen wir Buchenwald an, vermischt mit Eichen. Die Kulturen der Talsohlen bestehen aus Mais- und Weizenfeldern, seltener Kartoffeln. In im Durchschnitt 1800 Meter Höhe beginnt der Nadelwald. Er besteht ausschliesslich aus Bäumen, die an Form und Schönheit unserer Zirbe gleichen, es sind Panzerkiefern. In Höhen um 2000 Meter hören die letzten Bäume auf, und es schliesst wie bei uns Alpenweide an, die jedoch weit dürftiger und ausgetrockneter ist als jene in unseren Gegenden. Darüber folgt die Kahlregion, die in ihren Zungen und Ausläufern ins Weideland vordringt und dieses meist von allen Seiten bis auf wenige Flecke einkreist.
Wilde Tiere waren nirgends anzutreffen, ausser den Adlern, die wir oft in der Höhe kreisen sahen. Die Almen sind reichlich besiedelt mit Rindvieh, Schafen und Ziegen. Jedoch sind alle Tiere kümmerlicher als bei uns, ich sah ausgewachsene Ziegen von kaum einem halben Meter Höhe. Man konnte ihnen in höchsten Höhen begegnen, wo sie scheu wie Gemsen in die Felsen flüchteten. Es waren offensichtlich Tiere, die durch den langen Sommeraufenthalt im Freien ganz verwildert waren.
Die Almen sind zur Sommerzeit trotz ihrer unglaublichen Dürftigkeit viel dichter als bei uns von Menschen besiedelt. Die Familien ziehen mit Frauen und Kindern von weit her, selbst aus der Ebene um Skutari und bis Alessio. Hier führen sie ein höchst primitives Dasein. Die Hirten sind gute Bergsteiger. Auf ihren mit Autogummi besohlten Opanken laufen sie besser als wir mit unseren Nagelschuhen über das glatte Gestein. Auf manchen Gipfeln, deren Besteigung mit den Hirtenpflichten nichts zu tun hatte, sahen wir die Malissoren sitzen und Flöte spielen oder von Gipfel zu Gipfel mit Hilfe ihres jodlerartigen Bergtelephons konversieren.
Ein charakteristisches Bild der ganzen nordalbanischen Alpen zu entwerfen ist nicht möglich, da interessanterweise die einzelnen Teile des Gebirges völlig verschiedene Formen aufweisen. Grundlegend ist der Unterschied zwischen dem östlichen und westlichen Teile des Berglandes. Die Tiefenlinie des von Norden kommenden Tales von Ipek und des von Süden herziehenden Shalatales, die sich am Qafa Peis treffen, schneidet das ganze DIE RADOHINESGRUPPE IN DEN NORDALBANISCHEN ALl'EX.
Gebirge in eine östliche und eine westliche Hälfte. Während im grossen ganzen die östliche mehr aus Ketten besteht, bildet die westliche mehr Stöcke. Der Haupt- und Kulminationsgruppe der westlichen Alpen, der Radohinesgruppe, wollen wir unsere Aufmerksamkeit zulenken.
Die Radohinesgruppe.
Am frühen Morgen des 19. August hatten wir unser Lager am Dhenvet-passe verlassen. Es war eine Beiwacht ohne Wasser zwischen den Steinmauern des Passes gewesen. Nun stiegen wir empor zu dem unterhalb einer GRENZE G£ÛSHS VvfGf -«*— KäWMEU GIPFEL " ORTE XPÀS5E DfUEVTEir.
Scharte gelegenen Schneefleck, um ein kleines Frühstück zu uns zu nehmen. Dann überschritten wir den Pass.
Wir hatten schon einiges Merkwürdiges in diesen Bergländern gesehen, riesenhafte Platten, wie sie in solcher Ausdehnung und Glätte in den Alpen nirgends zu sehen sind, die allermerkwürdigsten Bergformen und Karstflächen. Hier aber standen wir doch überrascht still: Zu unseren Füssen breitete sich, 200 Meter unter uns, ein vegetationsloses, einige Kilometer langes Tal aus, das aber keinen Abfluss hatte, sondern nach unten genau wie nach oben von Bergen abgeschlossen war. Eine richtige, ausgangslose Riesen-wanne, in nacktem Gestein. Nur in ihiem Grunde waren einige kreisrunde Fleckchen, die wir erst mit grosser Freude als Wasserlachen deuten wollten, die sich aber als kleine Grasinseln entpuppten. Doch brauchten wir über Wasserlosigkeit nicht zu klagen, denn allenthalben in den Gehängen und, wie sich später herausstellte, in den Spalten und Dolinen des zerfressenen Karbodens lag noch Schnee.
Auf einem dieser kleinen grünen Flecke, ein Busch Königskerzen stand noch zu seiner Verzierung auf ihm, erkoren wir unser Lager für die kommende Nacht. Zunächst lag aber noch der Grossteil des Tages vor uns. Wir brannten darauf, der vor uns mächtig aufragenden Kuppel der Radohines selbst unseren Besuch abzustatten. Gegen uns herab stürzte sie in einer steilen Flucht gebogener Platten. Links davon zog eine seichte Gras-, Feisund Geröllrinne empor zu einer tief eingerissenen Gratscharte. Über sie und den voraussichtlich gemütlichen Westgrat wollten wir den Gipfel erreichen, dann über den etwas problematischeren Ostgrat absteigen, vielleicht einen im Osten anschliessenden Gipfel noch besuchen und dann eine steile, felsdurchsetzte Geröllrinne zum Abstieg zurück zu unserem Königskerzenlager benutzen.
Die Witterung war so selbstverständlich gut, der Himmel wolkenlos und klarblau Tag für Tag, dass wir längst nur mehr die allerdringlichste Ausrüstung mithatten, dazu die Photoapparate, Aneroide, Bussolen, Zeichen-und Schreibutensilien.
Es war schon spät am Vormittag, als wir die grosse, öde Bergwanne zu durchqueren begannen. Trotz des wildzerrissenen Karstbodens waren wir bald jenseits und fingen nun an, die Felsstufen und das Geröll vermeidend, von rechts her auf einem Bande gegen die Rinne anzusteigen. Ziemlich hoch oben erst querten wir in sie hinein. Unweit der Scharte erreichten wir ein Schneefeld, auf dem Schafe eben ihre Mittagsruhe hielten. Wir bogen in den linken Ast der Rinne und waren bald in der Scharte angelangt. Der Blick von hier war nicht minder überraschend als der von der vorigen Scharte: Unter uns lag ein Kessel, der sich ganz flach, an den Seiten von Bergkämmen umschlossen, weit gegen Norden hinaus erstreckte. Bei schärferem Hinsehen entdeckte man in seinem nördlichsten Teile einen Wald von Panzerkiefern, und da erkannten wir unsere Dobraschalpe wieder, den Punkt, auf dem wir von Norden her die albanischen Alpen zuerst betreten hatten. Somit war der Kreis im östlichen Teile des Berglandes geschlossen, und es lag keine Kette mehr da, von der wir nicht Notiz genommen hätten.
Die Berge links und rechts der Scharte brachen gegen Norden in jenen senkrechten Fluchten ab, die wir schon von den gegenüberliegenden Shnigut-bergen aus bewundert hatten. So waren fast alle Berge hier. Entweder, sie hielten uns eine grossartige Wand entgegen, und von der anderen Seite kamen wir dann mit den Händen in den Hosentaschen hinauf, oder wir jammerten über den schauerlichen Kuhberg und waren dann auf seinem Gipfel nicht wenig erstaunt über die Wände, mit denen er nach der anderen Seite abbrach. Es gibt wohl unter den ganzen Bergen hier nicht einen, der nicht neben seiner Allerweltsseite auch seine grossartige hätte.
Unsere Aufgabe war, die Hauptgipfel auf den leichtesten Wegen zu erreichen und Einblick und Übersicht über die Gruppen zu gewinnen, die Berggegend zu erschliessen. Wie oft sahen wir mit Neid auf die vielen herrlichen Anstiegswege und fanden doch nicht Zeit, solche Probleme näher zu beachten. Nur einmal haben wir auch in der Radohinesgruppe über die Stränge geschlagen und zwei schöne Gipfel nicht auf ihren leichtesten, sondern auf den schönsten Wegen bestiegen, die beiden Maja Viavet.
Von unserer Scharte an der Radohines stiegen wir nun auf hübschen Bändern um einen kleineren Gipfel herum in die nächste, unmittelbar am Gratanfang der Radohines gelegene Scharte und taten einen erwartungsvollen Blick nach oben. Doch es war nur Schotter; ein elender Schotterrücken. Nur ein ganz bescheidenes, kurzes Gratstückchen, kaum mittelschwer, würzte den Anstieg ein wenig. In einer halben Stunde standen wir auf dem Gipfel, der den Steinmann der italienischen Vermessung trug.
Die Aussicht freilich war unsagbar schön, weitreichend und wertvolle Aufschlüsse gebend. Wir übersahen von hier nicht nur die gesamte Radohinesgruppe selbst, sondern auch nach Norden weiter über den gewaltigen Stock der Shnigutberge und die dolomitenartig zerrissene Maja Skurz weg ins Hügelland von Montenegro mit dem Durmitorgipfel, nach Nordosten ins Tal von Ipek und in die südlich anschliessende Jeserakette, die den höchsten Gipfel der Alpen, die 2700 Meter hohe Jesera, trägt. Von Osten her sahen über die Valbonascharte die neben der Maja Boshit abzweigenden gewaltigen Kalkgipfel der Valbonakette herüber, im fernen Süden und Südosten lagen die Berge von Bog, die gegen uns zu in schönen Nordwänden abbrachen. Gerade nach Osten verlief das Tal des Proni that, in dem der Ort Bog liegt. Es verlief hinaus bis in dunstige Fernen, in denen das suchende Auge den See von Skutari zu erkennen glaubte. Rings zu unseren Füssen lag die Radohinesgruppe, in deren Einzelheiten wir von hier aus gut Einblick nehmen konnten und die ich darum von hier aus beschreiben möchte.
Die Radohinesgruppe wird gebildet von zwei grossen Wannen, die von Bergen umschlossen sind. Die Kette zwischen den beiden Wannen trägt den Hauptgipfel, die Maja Radohines, deren Höhe wir auf etwa 2600 Meter bestimmt haben. Die südliche der beiden Wannen ist allseitig von Bergen umschlossen, die alle mit steilen Wänden aufragen: auf der Südseite die beiden Maja Viavet, auf der Westseite ein von zwei Scharten flankierter unbenannter Gipfel, auf der Ostseite ein flacheres, etwa 200 Meter über dem Boden gelegenes Gratstück und im Norden in der Mitte die Maja Radohines selbst, östlich von ihr nach tiefen Scharten zwei kleinere Gipfel, westlich nach einer ebensotiefen Scharte ein kleinerer Gipfel, eine zweite Scharte und dann eine mächtige Felskuppe, die an Höhe der Radohines nicht viel nachsteht.
Nach Norden bricht dieser Kamm in die zweite Wanne ab, die sich von der südlichen namentlich dadurch unterscheidet, dass sie gegen die im Norden gelegene Dobraschalpe zu einen Talausgang besitzt. Den Südrand dieses Kares bildet die schon beschriebene Kette, den Ostrand eine kurze Nebenkette, die durch einen kleinen Kamm das Kar in zwei obere Becken teilt. Die Gipfel schauen mit ihren zahmen Seiten gegen die Radohines, während sie nach Norden schroffe Wände kehren. Die Westseite des Kares umrandet eine Reihe von etwa 2400 m hohen Gipfeln, die durch etwa 2200 m hohe Scharten getrennt sind. Der mittelste der Gipfel besitzt eine schöne, zuckerhutartige Gestalt.
Die beiden Wannen liegen oberhalb der Baum- und Niederholzgrenze. Nur der nördlichste Teil, gegen die Dobraschalpe zu, trägt einen Panzer-kiefernwald. Die grossen Karböden sind fast ganz vegetationslos, unter.Sji scheiden sich von unseren Karen aber dadurch, dass der Boden nicht von Schutthalden bedeckt ist. Diese treten sehr zurück, sind fast ganz auf die zu den Scharten emporleitenden Rinnen beschränkt, und auch dort ist die Schuttdecke dünn und oft unterbrochen. Der Grossteil der Oberfläche wird hier vom nackten Kalkgestein gebildet, das, abenteuerlich zerzackt und zerrissen, überhaupt keine Vegetation auf sich duldet. Die kleinen, runden Gras-inselchen waren die einzigen Spuren üppigerer Vegetation des Karbodens. Die Gehänge jedoch wiesen an vielen Stellen Grasbüschel auf, die Halme waren aber nur wenige Zentimeter lang und das Gras ganz filzig und braungebrannt von der Sonne. Belebt war das Kar von Schafen, von deren Existenz man aber nichts wahrnahm, wenn man nicht direkt auf sie stiess. Sogar eine Almhütte, bewohnt von Hirten, war mitten im Kar. Man konnte sie aber selbst aus nächster Nähe nicht sehen, und nur ein Zufall liess sie uns bemerken. Vom Dasein der Hirten bemerkten wir erst abends etwas, als die Flöten und der Gesang der Hirten durch das Kar tönten. Als einzige Lebewesen sah man untertags hoch über dem Kar und um die Gipfel Adler kreisen.
Am späten Nachmittage verliessen wir unsere hohe Aussichtswarte wieder. Von oben sah es aus, als würde der Abstieg über den Grat schwierig und langwierig werden, und darum versuchten wir die direkte Südflanke. Nach einem kurzen Vorstoss in die glatte Plattenflucht kehrten wir aber wieder um, um doch den Grat zu wählen. Es war ein echt albanischer Grat. Dort, wo er von oben senkrecht abzubrechen schien, teilte er sich, und eine schmale, wenige Meter tiefe Rinne führte gemütlich hinunter. Ein paar leichte Kletterstellen noch, und wir standen in der Scharte östlich der Radohines. Noch blieb uns Zeit, dem östlichen Nachbargipfel einen Besuch abzustatten. Rasch eilten wir über seine Grasflanke hinauf. Zehn Minuten weiter lag jenseits einer seichten Scharte der kleine Eckgipfel, an dem der Kamm gegen Norden abbog. Auch sein Haupt wurde mit einem Steinmann verziert, dann gingen wir an den Heimweg. Zurück zur grossen Scharte, dann das System von Schuttrinnen hinunter. Mehrmals war es von kurzen Kletterstellen unterbrochen, die aber nicht ernst zu nehmen waren. In einem kleinen Felsplateau stellten wir Felsspalten fest, die wohl 20 Meter tief waren. Sie waren genau wie Gletscherspalten anzusehen. Also hat Karl May mit seiner Spalte, über die er den Schut mit dem Pferde setzen lässt, doch nicht gelogen. Schliesslich sprangen wir über das letzte Stück der Schuttreisse hinab und langten am Rande der Wanne an. Verhältnismässig rasch erreichten wir über den zerrissenen Boden unser Königskerzenlager.
Noch lag der dritte Tag, auf den wir uns eingerichtet hatten, vor uns. Er war für die beiden Maja Viavet, den Abstieg und die Rückkehr nach unserer Talstation Thethi bestimmt Die beiden Gipfel wollten wir nun nicht nur auf ihren beiden leichtesten Wegen besuchen, diese sollten für den Abstieg reserviert bleiben. Zum Anstieg legten wir uns zwei Routen zurecht, die wir uns schon am ersten Tage in dieser Gruppe ausgesucht hatten. Ein verlockender Kamin auf den östlichen Gipfel, die herrlich schöne Ostkante auf den westlichen Gipfel.
Der etwa 40 m hohe Kamin hatte freilich nur eine schwierige Stelle, ein grösserer Klemmblock über einem glatten Kaminstück.
Die Ostkante auf die westliche Spitze wurde aber zu einer herrlichen Genusstur nicht ohne die Würze einer Stelle, die alle Kletterkünste in Anspruch nahm. Das war eine nach den leichten Schrofen des Einstieges folgende seichte Verschneidung in den Platten, die etwa 8 m senkrecht emporführte und oben von einem Überhang abgeschlossen wurde. Mein Freund Meus-burger, der die Führung übernahm, meisterte die Stelle in gewohnter Weise. Zwei Sicherungshaken hatten dafür zu sorgen, dass die anziehende Wirkung der abgründigen Tiefe unter uns nicht zu gross werde, während wir mit Vorsicht und peinlichster Balance uns Stückchen um Stückchen empor-schoben. Die böseste Stelle war der Überhang selbst. Man musste lange, den Körper weit aussen, mit den Händen und Füssen an den seichten Rauhigkeiten verklemmt, sich emporschwindeln, ehe man den Griff über dem Übergang erreichte. Dann kamen einige Grattürmchen, auf deren einem wir einen Steinmann bauten. Wir malten uns aus, wie vielleicht nach Jahren wieder einmal ein Bergsteiger hier seinen Weg wählen wird, diesen herrlichen Ostgrat zum zweiten Male erklimmend, und wie er von den unendlich vielen Problemen dieses Berglandes ein paar herrliche lösen wird. Beim Schreiben dieser Zeilen tauchen wieder die kleinen Wandstellen und Kanten und Türmchen dieses Grates vor meinen Augen auf, die Sonne strahlt aus tiefblauem Himmel auf unsere Körper, unter uns grüssen aus der Tiefe die dunkelgrünen Buchenwälder von Bog.
Vom Gipfel haben wir noch ein letztesmal das Feld unserer Tätigkeit, die Radohinesgruppe, überschauen können, ihre weiten, toten Karrenfelder, ihre wuchtigen Gipfeldome, ihie Plattenschüsse und Mauern und unser Königskerzenlager. Wir haben sie alle liebgewonnen, und vielleicht sollte sich doch noch einmal im Laufe unseres Lebens die Möglichkeit geben, sie wieder aufzusuchen.