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Der technische Fortschritt spielt bei der ökologischen und ökonomischen Effizienz der Entsorgung eine grosse Rolle. Dies gilt nicht nur für die Entwicklung umweltfreundlicherer Produkte wie Batterien ohne Quecksilber und Cadmium (vgl. «Recycling oder Entsorgung?»), sondern auch für die Bewirtschaftung des Abfalls selbst.
Es ist deshalb sinnvoll, die gesetzlichen Grundlagen der Entsorgung und des Recycling technologieneutral zu formulieren. Statt der Methode (z.B. Separatsammlung) sollten nur die Ziele (z.B. Schadstoff-Grenzwerte oder Quoten rezyklierter Materialien) festgehalten werden. Verankert man auf Bundesebene nur die Zielgrade der Abfallbewirtschaftung und überlässt die Umsetzung den Kantonen, Gemeinden oder gar Privaten, entsteht ausserdem ein Ideenwettbewerb. So kann im Zusammenspiel von Ökologie und Ökonomie die effizienteste Lösung zum Tragen kommen.
Effizienter als das heutige im Gesetz erwähnte System der Separatsammlung für gewisse Stoffe (Art. 13 der Abfallverordnung, VVEA) könnte eine gemischte Entsorgung, das sogenannte «Single-Stream-Recycling», sein. Vorreiter sind amerikanische und kanadische Gemeinden in den Staaten Kalifornien, Florida, Ohio, Texas, Illinois, Washington und Ontario. In Europa ist das System noch nicht stark verbreitet. Im heute angewandten System in der Schweiz wird dem Verbraucher das Trennen des Abfalls überlassen, vor der Verbrennung in einer KVA erfolgt keine Nachsortierung.
Trotz etlichen Aufklärungskampagnen besteht ein durchschnittlicher Kehrichtsack fast zur Hälfte aus grundsätzlich rezylierbarem Material, gemäss Schätzungen wären rund ein Fünftel eines Sackes unter Kosten-Nutzen-Überlegungen effektiv rezyklierbar (Bafu 2014). Die Schlussfolgerung, nun noch mehr Mittel in Sensibilisierungskampagnen zu stecken, wäre verfehlt. Hingegen gilt es, das historisch gewachsene System zu überdenken. Würde die Trennung, wie in einigen nordamerikanischen Staaten üblich, nicht durch den Verbraucher, sondern vor und nach der Verbrennung maschinell vorgenommen, könnten folgende Vorteile realisiert werden:
- Die Menge an separiertem Material für das Recycling steigt aus zwei Gründen: Erstens nimmt die Partizipation zu, Abfall korrekt zu entsorgen. Durch den vereinfachten Wegwerfprozess (ein Kehrichtsack, keine Trennung) steigt die erfasste Menge an Abfall. Damit erhöht sich auch die Menge an rezyclierbarem Material, Schätzungen gehen von 20 bis 30% aus (Kinsella 2007). Übertragen auf die Schweiz gehen – basierend auf Schätzungen von Swissrecycling (2012) – z.B. jedes Jahr Metalle im Wert von 100 Mio. Fr. im Abfallsack bzw. der KVA-Schlacke verloren. Zweitens gelingt heute einer modernen Trennmaschine die Separierung des Abfalls in der Regel deutlich besser als dem durchschnittlichen Verbraucher.
- Die volkswirtschaftlichen Einsparungen aufgrund des Wegfalls von Separatsammlungen dürften höher sein als die zusätzlichen Investitions- und Betriebskosten für das Single-Stream-Recycling. So weist eine kanadische Studie (Lakhan 2015) eine Kostensteigerung von 28,5% aus. Überträgt man die Erfahrungen auf die Schweiz, würde das neue Verfahren jährliche Zusatzkosten von rund 215 Mio. Fr. verursachen. Bewertet man die aufgewandte Zeit der Verbraucher beim Separieren des Abfalls mit einem Stundenlohn von 25 Fr., beträgt die Ersparnis für das Single-Stream-Recycling gegenüber dem heutigen System rund 2,3 Mrd. Fr. Werden davon die zusätzlichen Investitions- und Betriebskosten grosszügig abgezogen, verbleibt – sehr grob geschätzt – ein Wohlfahrtsgewinn 2 Mrd. Fr.
- Die Aufwendungen für die Sensibilisierung zur Abfalltrennung – man denke nur an die häufigen Plakat- oder die TV-Kampagnen für die Separatsammlungen von Batterien, Glas oder Aluminium – könnten grösstenteils eingespart werden. Berechnungen gehen von rund 9 Mio. Fr. an jährlichen Ausgaben für die Abfallwerbung aus.
- Es kann Platz eingespart werden. So könnte die Fläche der Sammelstellen reduziert werden, was insbesondere in Ballungszentren interessant wäre. Auch private Haushalte könnten Platz einsparen. Denn heute werden die rezyklierbaren Abfälle bis zum nächsten Gang zur Sammelstelle oft getrennt zu Hause gelagert.
- Durch den Wegfall der Separatsammlung von vielen verschiedenen Stoffen entstehen auch bei der Logistik Einsparungen. So müssen Sammellastwagen nicht mehr getrennte Abteile für die verschiedenen Wertstoffe aufweisen.
Es existiert ein Bedürfnis, die Sortierarbeit auszulagern. So ist mit Mr. Green in Zürich ein Unternehmen entstanden, das gegen Entgelt einen unsortierten Abfallsack entgegennimmt und diesen grösstenteils manuell sortiert. Doch auch bei der Sortierung schreitet die technologische Entwicklung voran: Ende 2019 wurde im Kanton Genf die modernste Recyclinganlage der Schweiz eröffnet. Roboter sortieren Sperrmüll sowie Abfälle aus Unternehmen und von Baustellen, Siedlungsabfall befindet sich (noch) nicht darunter (Fumagalli 2019).
Das Single-Stream-System hat aber auch Nachteile. Es besteht z.B. die Gefahr einer Cross-Kontamination für einzelne Stoffe. So verliert Papier durch Nässe und Fremdstoffe an Recycling-Qualität. Entsprechend könnte es sinnvoll sein, die Separatsammlung für Papier und Karton beizubehalten. Ähnliches gilt für Glas: Wird es in einem Single-Stream-System gesammelt und danach getrennt, sind rund 40% des Sammelguts für die Weiterverwendung unbrauchbar. Zu viel Glas geht kaputt, so dass Am Ende vielfach nur noch Glaskörner und Sand übrigbleiben (CRI 2009).
Ebenso sollten potenziell stark umweltschädigende Stoffe wie z.B. Energie-Sparlampen (Quecksilberdämpfe bei Bruch) oder Farben/Lacke und Öle nicht mit anderen Abfällen zusammen in einem Sack gesammelt werden.
Das Ziel des Vorschlags ist nicht, das Single-Stream-System rechtlich zu verankern, sondern die zukünftigen, gesetzlichen Grundlagen – auch für Siedlungsabfälle – so auszugestalten, dass neue Techniken und Methoden der Abfallbewirtschaftung durch die Kantone, Gemeinden oder Private nicht behindert werden. So entsteht föderalistischer Ideenwettbewerb um das effizienteste System.
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