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Endlich liegt er vor: Der umstrittene Forschungsbericht über den Zürcher Kunstsammler und Waffenproduzenten Emil Georg Bührle. Zwei externe Gutachten zeigen ausserdem, was dran ist an den Vorwürfen, die die WOZ im August publik machte.
Fabienne Grimm
Die Ziele waren hochgesteckt: Ein «international vorbildhaftes Projekt zum Umgang mit einer politisch ‹belasteten› Kunstsammlung» sollte die von Stadt und Kanton Zürich in Auftrag gegebene historische Aufarbeitung der Kunstsammlung von Emil Georg Bührle gemäss Forschungsauftrag werden. Umso schwerer wogen die Vorwürfe, die die WOZ im August publik machte: Gemäss dem Historiker Erich Keller, der bis im Frühjahr noch massgeblich an der Studie beteiligt gewesen war, soll der Steuerungsausschuss «zahlreiche Änderungsvorschläge» angebracht haben. Dadurch sei die Forschungsfreiheit kompromittiert gewesen. Die Universität Zürich gab darauf zwei externe Gutachten in Auftrag. Am Dienstagmorgen wurden nun der fertige Bericht sowie die beiden externen Gutachten durch die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch, Regierungsrätin Jacqueline Fehr und den Forschungsleiter der Universität Zürich Matthieu Leimgruber den Medien vorgestellt.
Der eiskalte Opportunist
Der gut 200-seitige Bericht zeichnet ein Bild von Bührle als eiskalten Opportunisten. So belieferte Bührles Rüstungsunternehmen «Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon» (WO) im Zweiten Weltkrieg zuerst die Alliierten mit Flugabwehrkanonen. Nach der Niederlage Frankreichs verkaufte die WO ihre Kanonen für circa 540 Millionen Franken an die Nazis und die Achsenmächte. Aus seiner Beteiligung an der deutschen Rüstungsfirma «Ikaria GmbH», die während des Krieges Zwangsarbeiterinnen einsetzte, erhielt Bührle von 1941 bis 1944 Lizenzzahlungen von insgesamt 870 000 Franken. Ob Bührle in dieser Zeit von den Zwangsarbeiterinnen in den Ikaria-Werken gewusst hat, kann der Bericht nicht abschliessend beurteilen. Was aber klar ist: Der Zweite Weltkrieg machte Bührle zu einem der reichsten Männer der Schweiz. Sein Vermögen wuchs von 8 Millionen Franken im Jahr 1938 auf 162 Millionen Franken im Jahr 1945 an.
Mit der Niederlage Hitlers wandte sich Bührle wieder den Alliierten zu. Er pflegte intensive Kontakte mit US-Amerikanern und schaffte es, erstaunlich schnell von der Schwarzen Liste der Alliierten gestrichen zu werden. Schon bald war Bührle auf den «Society-Pages» amerikanischer Zeitungen und in exklusiven Klubs in Palm Springs anzutreffen. 1947 machte Bührles Tochter Hortense Bührle ein Praktikum bei General W.J. Donovan in New York. Donovan war bis 1945 Leiter des US-Nachrichtendienstes OSS und gilt als Gründer der CIA. In Anbetracht dieser Kontakte ist es wenig überraschend, dass die CIA im Oktober 1948 einen Bericht über die strategische Bedeutung von WO-Pulverexporten verfasste. Das grosse Geschäft gelang Bührle im Koreakrieg: Im grossen Stil lieferte die WO Pulverraketen an die US-Luftwaffe. Und auch in der Schweiz ergaben sich für Bührle in dieser Zeit lukrative Geschäfte: 1954 gewann sein Unternehmen die Ausschreibung für die Aufrüstung der Schweizer Luftabwehr. Gleichzeitig etablierte sich Bührle in der Zürcher Elite. Entgegen früherer Annahmen war Bührle kein Aussenseiter, sondern sehr gut vernetzt. Laut Leimgruber war gerade Bührles Kunstsammlung Teil seiner Integrationsstrategie und wurde dadurch gewissermassen zum Türöffner zur lokalen Elite. Über den Zürcher Bankier und Präsidenten der Zürcher Kunstgesellschaft (ZKG) Franz Meyer-Stünzi gelang Bührle in die Sammlungskommission der ZKG. Sowohl Bührle als auch Meyer-Stünzi waren nicht nur Kunstfreunde, sondern während der 1940er Jahre «tief vernetzt in Deutschland-freundliche Netzwerke», wie Leimgruber an der Pressekonferenz erklärte.
Der Bericht beinhaltet keine Provenienzforschung. Stattdessen arbeitet er die Verflechtungsgeschichte Bührles heraus. So kann er aufzeigen, wie untrennbar Bührles Kriegsgeschäfte mit seiner Sammlungstätigkeit verbunden sind. «Bührles Gemälde sind eng und untrennbar verflochten mit den anderen Dimensionen seines sozialen Aufstiegs, mit den Kriegsgeschäften und seiner ‹Embeddedness› (Einbettung) in der Zürcher Elite», resümierte Leimgruber.
«Es hat gerumpelt»
So spannend die Ausführungen Leimgrubers zu den Studienergebnissen auch waren, ein grosser Teil der Pressekonferenz drehte sich dann doch um die Frage nach der Forschungsfreiheit. «Es hat in letzten Monaten öffentlich gerumpelt», sagte Stadtpräsidentin Mauch zu Beginn der Pressekonferenz. Sie sei deshalb sehr froh, dass die Universität Zürich auf «diese sehr gravierenden Vorwürfe schnell, sorgfältig und entschieden» reagiert habe. Auch das Ergebnis dieser Reaktion, die zwei Expertengutachten, wurden am Dienstag präsentiert. Sowohl das Gutachten von Esther Tisa Francini, Historikerin und Leiterin der Provenienzforschung des Museums Rietberg, als auch das des emeritierten Geschichtsprofessors Jakob Tanner stellen der Studie insgesamt ein gutes Zeugnis aus. «Der Bericht ist sehr fundiert und spricht alle heiklen Punkte von Bührles vielseitiger Tätigkeit an», heisst es im Gutachten von Tisa Francini. Erich Kellers Vorwurf, Matthieu Leimgruber habe «die wissenschaftlich unhaltbaren, politisch teilweise brisanten Kommentare und Sprachregelungen willfährig übernommen», lasse sich nicht erhärten, schreibt Tanner. Einzig «zwei Eingriffe in die Wortwahl des Berichts» seien nicht konform mit der «Best Practice» der historischen Auftragsforschung gewesen. Bei den erwähnten Eingriffen handelt sich einerseits um den Begriff «Freicorps», den Leimgruber auf Anraten von Lukas Gloor, Direktor der Bührle-Stiftung, durch den Begriff «Freiwillige Landesschützenkorps» ersetzt habe. Diese Änderung ist zwar inhaltlich nicht falsch, ist aber angesichts sensitiver Umstände suboptimal. Andererseits beurteilte Leimgruber einen Brief Bührles an den ‹Nebelspalter› nach Rücksprache mit Gloor nicht als «antisemitischen Ausfall». Tanner kommt in seinem Gutachten dagegen zum Schluss, dass der Brief tatsächlich als antisemitischer Ausfall gewertet werden muss. In beiden Fällen wurde der Bericht entsprechend der Empfehlungen der Gutachten umformuliert.
Kritisch sieht Tanner auch die Einberufung eines Steuerungsausschuss an und für sich an, da in diesem Fall sehr wichtige und heikle Fragen geklärt werden sollten. Ein derartiges Forschungsprojekt müsse institutionell unabhängig durchgeführt werden können. «Das war hier nicht der Fall.» Obwohl die Einflussnahme auf der inhaltlichen Ebene wenig wirksam gewesen sei, habe sie sich unter Reputationsaspekten als destruktiv erwiesen. Dass der Steuerungsausschuss rückblickend ein Fehler gewesen ist, musste auch Corine Mauch eingestehen. Die Kritik an der Projektorganisation fliesse in die «learnings» von Stadt und Kanton ein. Das wichtigste sei jetzt aber, dass das Kunsthaus die Erkenntnisse des Berichts in die Vermittlung miteinbeziehe. «Darauf werden wir ein scharfes Auge haben.»