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«Architectus ist ein Baumeister»
Dies schreibt noch 1788 Johann Ferdinand Roth in seinem Lexikon. Die Bezeichnung Architekt für den Planer und Leiter eines Bauwerks setzt sich im deutschen Sprachraum erst im späten 18. Jahrhundert durch. Der Baumeister, lateinisch architectus, ist im Barock für die von ihm geplanten Bauwerke technisch und kostenmässig verantwortlich, selbst bei Gebäudeentwürfen von Künstlern oder Bauherren. Im architektonischen Standardwerk «De architectura libri decem» verurteilt sein Verfasser Vitruv eine Trennung zwischen dem planenden und ausführenden Baumeister.[1] Sie ist allerdings über Jahrhunderte selbst im deutschsprachigen Gebiet für Künstler-, Kavaliers-, Hof- und Ordensbaumeistern üblich. Künstler- und Liebhaberarchitekten als Baumeister im Sinne Vitruvs zu bezeichnen, ist allerdings sogar den barocken Zeitgenossen suspekt. In den lateinischen barocken Klosterchroniken wird zudem jeder entwerfende Baumeister als «architectus» bezeichnet.
Wege zum Baumeister
Die grossen römischen Baumeister Carlo Maderno, Gianlorenzo Bernini und Francesco Borromini stammen aus dem Bildhauerhandwerk. Pietro da Cortona ist Maler, prägt aber die römische Barockarchitektur entscheidend. Auch Johann Bernhard Fischer von Erlach findet als Bildhauer in Rom den Zugang zu Bernini. Alle diese grossen Baumeister kommen aus dem Handwerk.[2] Sie verstehen die Architektur im Sinne von Vitruv als eigenständige Gattung und nicht als arbeitsteilige Aufgabe zwischen verschiedenen Berufsgattungen. Für sie gilt der Leitsatz von Vitruv, dass bei einem Bauwerk der Dauerhaftigkeit, der Zweckmässigkeit und der Schönheit Rechnung getragen müsse. Ohne dass Vitruv davon spricht, kommt für den barocken, Baumeister zu diesen drei vitruvianischen Säulen «firmitas, utilitas, venustas» noch eine vierte dazu, die der Verantwortung für die Baukosten.
Vor 1700 sind ein Viertel der entwerfenden Baumeister, die nördlich der Alpen im deutschsprachigen Raum tätig sind, «Welsche». Sie stammen meist aus dem Gebiet der oberitalienischen Seen und aus Südbünden. Aus Frankreich stammt keiner. Diese welschen, fast immer saisonal tätigen Baumeister erstellen im 17. Jahrhundert die meisten der wichtigen Barockbauten im Süden des Alten Reichs. Sie liefern den Entwurf mit Kostenvoranschlag und führen den Bau mit Kostengarantie durch. Im heutigen Verständnis wären sie Totalunternehmer. Noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sind die Vorarlberger Baumeister für diese Art der Baudurchführung bekannt. Als entwerfende Baumeister sind im 18. Jahrhundert auch die Wessobrunner Dominikus Zimmermann oder Johann und Joseph Schmuzer tätig.[3] Sie stammen aus dem Stuckateurhandwerk. Der «Handwerker-Architekt» vulgo Baumeister ist im Barock die Regel. Dazu zählen selbst die Hofbaumeister.
Enrico Zuccalli bewirbt sich 1672 in München als Hofbaumeister mit den Worten, dass er keinem unterstehen wolle, der weniger als er von Baukunst verstehe. Damit zielt er zwar auf die damals weniger erfahrenen einheimischen Kräfte ab, benennt aber ungewollt die hierarchische Situation der Bauorganisation an deutschen Fürstenhöfen zur Zeit der Aufklärung.
Hofbaumeister
An Fürstenhöfen und in Reichsstädten werden entwerfende Baumeister schon im 16. Jahrhundert in Hof- und Kommunaldienste genommen. Ihre Bestallung erfolgt als Hof-oder Stadtbaumeister, als Ober-Landbaumeister, auch als Baudirektor, aber selbst im 18. Jahrhundert noch selten als Hofarchitekt. Mit diesen Anstellungen ist immer ein gesichertes Jahresgehalt verknüpft. Das Berufsbild ändert sich nun erheblich. Als erste Person in der Hierarchie der fürstlichen oder städtischen Bauämter sind sie nicht mehr in der Ausführung tätig, sondern sind jetzt für Planung, Vergabe und Aufsicht zuständig. Für die Ausführung erteilen sie Landsleuten den Auftrag. Beispiele: Enrico Zucalli in München, Gabriele de Gabrieli in Eichstätt.
Ordensbaumeister
Ähnlich wie die Hofbaumeister sind auch die Ordensbaumeister nicht als Bauunternehmer tätig. Meist sind es Brüder und Patres des Jesuitenordens, die als gut ausgebildete Baufachleute im Sinne des «magister operis» bedeutende barocke Bauten in den katholischen Gebieten des deutschen Südens erstellen.[4] Sie sind immer dem Ordensprovinzial unterstellt, der ihre wechselnden Einsatzsorte bestimmt. Auch bei den Benediktinern, Franziskanern und weiteren Orden sind Ordensleute derart tätig.[5] Anders ist es bei den Ritterorden. Ihre Ordensbaumeister bleiben weiterhin selbständig tätige Unternehmer, der aber für alle Ordensbauten der jeweiligen Ballei beigezogen werden. Beispiel: Johann Caspar Bagnato für die Ballei Elsass-Burgund.[6]
Die Veränderung des Berufsbildes im Frühklassizismus
Vor allem in den stark nach Frankreich orientierten Ländern des Rheingebietes, Schwabens[7] und der Westschweiz sind die der Aufklärung zugeneigten Bauherren auch Bewunderer des klassizistischen französischen Barocks, dem mit dem «Goût à la grecque» der Klassizismus folgt. Zwar sind schon vorher französische, an der Pariser Akademie geschulte Architekten wie Germain Boffrand oder Robert de Cotte an deutschen Fürstenhöfen anwesend, allerdings meist als Berater in einem Planerkollektiv. Nach der Jahrhundertmitte ändert sich das Bild. Nun sind frühklassizistisch geschulte Franzosen an den Höfen in Stuttgart, Mannheim und selbst in Berlin leitend tätig. Diese Akademie-Architekten sind, nicht nur wegen fehlender Deutschkenntnisse, abhängig von den ihnen am Hof unterstellten oder beigestellten deutschen Handwerker-Architekten, die für die Bauausführung die Verantwortung übernehmen müssen.
Gleichzeitig ändern auch die Ausbildung und die barocken Berufsbilder gegen Ende des Jahrhunderts gewaltig. Akademien treten an die Stelle von Meisterlehren und Zünften. Der Handwerker-Architekt vulgo Baumeister und der raumgestaltende Stuckateur verschwinden. Das heutige Berufsbild des akademisch gebildeten, nur noch planenden und bauleitenden Architekten setzt sich auch im deutschen Sprachraum zur Zeit des Frühklassizismus endgültig durch. Die Bezeichnung des barocken Baumeisters als Architekten, wie sie heute üblich ist, vernachlässigt deshalb die völlig andere Bedeutung der Berufsbezeichnung vor dem grossen Paradigmawechsel im späten 18. Jahrhundert.
Architekt oder Planerkollektiv?
Zu den Bevorzugungen grosser Namen
Die Wahrnehmungen des Baugeschehens von unbeteiligten Personen sind schon im 18. Jahrhundert abweichend von den tatsächlichen Planungsvorgängen und ihrer Umsetzung in ein gebautes Werk. Vermehrt gilt dies heute. Vor allem die Kunstwissenschaft bevorzugt grosse Namen.[8] Dies, obwohl jedes grössere barocke Bauwerk meist im Planerkollektiv entsteht.
Selbst die Kunstgeschichte verdrängt zudem gerne, dass die geistlichen Auftraggeber einen barocken Sakralraum manchmal entscheidender als die Künstler prägen und missachtet auch die übliche Kollektivplanung, die zu Ergebnissen wie Einsiedeln, Ottobeuren, Weingarten, Weltenburg oder Zwiefalten führt. Entscheidend ist eigentlich bei einem Kunstwerk nur, wessen Handschrift es trägt und nicht, welche Koryphäe im Laufe des Planungsprozesses mitbeteiligt ist. Wo der Bau das Werk eines Kollektivs ist, sind Einzelzuweisungen aber irreführend.
Pius Bieri 2019
|Weiterführende Literatur

Markowitz, Irene: Französische Architekten an deutschen Fürstenhöfen des 18. Jahrhunderts, in: Francia, Band 25, Paris 1992.
|Oechslin ,Werner (Hrsg.): Architekt und / versus Baumeister. Die Frage nach dem Metier. Zürich 2009.|

Bognàr, Anna Victoria: Der Architekt in der frühen Neuzeit. Dissertation Heidelberg 2019.

Diese neueste, umfassende Darstellung des Architektenberufs im Alten Reich kann als PDF heruntergeladen werden.
[1] Vitruv verurteilt in seinem Traktat «De architectura libri decem» die Trennung zwischen einem planenden und einem ausführenden Baumeister. Er nennt den Fachmann, der das Gebäude plant, für die Einhaltung der Regeln der Baukunst verantwortlich ist und das Werk auch erstellt «architectus», im Plural «architecti». Während diese Berufsbezeichnung in den deutschen Ausgaben des Traktates vom 16. bis zum 19. Jahrhundert als Baumeister übersetzt ist, wird der rein ausführende Baumeister selbst in den lateinischen Ländern nie als Architekt bezeichnet. Er wird im deutschen Sprachraum Maurermeister genannt, dieser heisst französisch: Maître maçon (maîte bâttiseur, maître constructeur), und italienisch: Capomastro, capomaestro, capomastro muratore.
[2] Zu den römischen Baumeistern siehe die Kurzbiografien in dieser Webseite unter «Wege 1» > «Baumeister Roms».
Zu Johann Bernhard Fischer von Erlach siehe die Biografie in dieser Webseite.
[4] In den an Jesuitenkollegien angeschlossenen Schulen wird schon im 16. Jahrhundert im Lehrfach Mathematik ein Studium der Baukunst angeboten. Dies ist auch der Grund, warum viele Jesuitenpatres sich auch mit der Planung ihrer Kollegien und Kirchen beschäftigen. Beispiele (Biografien in dieser Webseite): Vogler, Demess, Guldimann, Loyson. Die aus dem Handwerk stammenden Brüder erarbeiten ihr Zusatzwissen am jeweiligen Kolleg (Beispiele: Amrhein, Hueber, Huber, Hörmann, Kurrer, Kaiser, Mayer, Merani)
[7] Das Schwaben des 18. Jahrhunderts, also das Gebiet zwischen Lech und Rhein. Siehe dazu die Landkarte «Circulus Suevicus» von Tobias Conrad Lotter, Augsburg 1741. Der im 19. Jahrhundert geschaffene bayrische Regierungsbezirk Schwaben führt dazu, dass der alte Umfang Schwabens vergessen geht. So wird unter dem Titel «Klassizismus in Bayern, Schwaben und Franken, Architekturzeichnungen 1775–1825» (Ausstellungskatalog TU München 1980) nur der heutige bayrische Raum behandelt.
[8] Sechs Beispiele für die Bevorzugung grosser Künstlernamen:
1. Das Stadtpalais Kaunitz-Liechtenstein in Wien wird 1691-1692 von Enrico Zucalli nach eigener Planung im Rohbau erstellt. Dann übernimmt Domenico Martinelli die Leitung. Für Wiener Kunsthistoriker ist nicht der ursprüngliche Planer, sondern der in Wien bekanntere Martinelli Architekt des Palais.
2. Balthasar Neumann wird in Würzburg als Architekt der Würzburger Residenz bezeichnet. Er ist zwar bauleitende Hauptperson, aber im Planungskollektiv von 1729–1738 jeweils an zweiter Stelle. Die Mitplaner Maximilian von Welsch (Mainz) und Lucas von Hildebrandt (Wien) werden kaum genannt. Wie in Wien wird hier eine Lokalgrösse bei der Namensnennung bevorzugt. Dass im Barock meist im Kollektiv geplant wird, scheint unwichtig.
3. Joseph Greissing ist Planer und ausführender Baumeister vieler wichtiger Bauten der Region Würzburg, so unter anderen der berühmten Neumünsterfassade (1710), des Klosters Ebrach (1715) und vieler Kirchen mit wegweisenden Einturmfassaden. Noch lange wollen viele Kunsthistoriker diese Werke Greissing nicht zuschreiben und suchen nach bekannteren Namen wie Johann Dientzenhofer (Neumünster) oder Balthasar Neumann (Ebrach, Kirche von Steinbach). Hier ist die abwertende Einreihung Greissings als Zimmermann Ursache der Kunsthistoriker-Blindheit.
4. In Zwiefalten wird 1750–1753 durch den Bildhauer Johann Joseph Christian und den Baumeister Schneider die Westfassade der Klosterkirche gebaut. Obwohl keine Dokumente auf den Baumeister Johann Michal Fischer hinweisen, der schon 1746 Zwiefalten verlässt, und obwohl die Fischer-Biografin Gabriele Dischinger das Werk ausschliesslich Christian zuordnet, wird noch von Bernhard Schütz (2000) die Fassade als Meisterwerk Fischers bezeichnet.
5. Das Frankfurter Palais Schweitzer-Alessina wird 1788–1792 gebaut. 1787 ist Nicolas de Pigage beratend anwesend. Am Bau ist er nicht beteiligt. Die Pläne zeichnet 1788 ein anderer Baumeister. Die Nachwelt macht Pigage trotzdem zum Schöpfer des Palais.
6. Für die Jesuitenkirche von Freiburg im Üechtland ist der Name des ausführenden Baumeisters überliefert. Weil dieser aber vielleicht nach einer Drittplanung gearbeitet hat, suchen Kunsthistoriker (in neuester Zeit) nach grösseren Namen und werden mit dem Römer P. Giovanni de Rosis S.J. (1538–1610) als Planer «fündig». Mehr dazu siehe im Beitrag «Jesuitenkolleg Fribourg» in dieser Webseite.
7. Ein moderner Fall, bei dem die eigentlichen Planer verschwiegen werden, um mit einem grossen Namen zu glänzen, ist das Corbusierhaus in Berlin. Le Corbusier entwirft 1956 für Berlin eine «Unité d'habitation». Das Haus wird zwar gebaut, aber ohne jeden Respekt vor den Plänen und den Intentionen des grossen Architekten. Trotz seiner klaren Distanzierung vom übel geänderten Bau wird Le Corbusier heute als Architekt des Berliner «Corbusierhauses» bezeichnet.