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(Kunstindustrie) nennt man die Verbindung der Kunst mit dem Gewerbe. Man versteht unter Erzeugnissen des
Kunstgewerbes diejenigen, welche ihrem Wesen nach für einen praktischen Zweck bestimmt sind, deren Formen
jedoch durch die Kunst so veredelt sind, daß sie zugleich als Kunstwerke betrachtet werden müssen. Die Geistesrichtung,
welcher das Kunstgewerbe seine Entstehung verdankt, findet sich als Gemeingut aller Kulturepochen schon in den rohesten
Anfängen menschlicher Thätigkeit.
Die Bronzegeräte prähistorischer Zeit, die Flechtarbeiten wilder Stämme, die Thongeräte und Nähereien
bäuerlicher Distrikte gehören in den Kreis
[* 3] des Kunstgewerbes und geben häufig dem überreizten und vom rechten Weg abgedrängten
Geschmack die richtigen Fingerzeige. Das Kunstgewerbe ist daher keineswegs nur an kostbares Material gebunden, es erzeugt aus verhältnismäßig
wertlosem MaterialWerte, welche sich denen der freien Kunstwerke annähern. Im Mittelalter bestand kein
Unterschied zwischen Handwerkern und Künstlern.
Als 1851 die erste allgemeine Industrieausstellung in London
[* 7] veranstaltet wurde, stellte es sich heraus,
daß die Erzeugnisse der Franzosen als die reizvollsten beim Publikum den meisten Beifall fanden, und daß infolgedessen die
Industrie für das Land eine unerschöpfliche Quelle
[* 8] des Wohlstandes war, weil sie den Weltmarkt beherrschte. Die Engländer
verstanden sofort die Wichtigkeit der Frage, sie erkannten die Einseitigkeit ihres auf Massenproduktion
gerichteten Fabrikwesens und sahen ein, daß die französischen Fabrikate ihre Herrschaft ganz besonders der Vernachlässigung
in den übrigen Ländern verdankten, während sie doch vielfach den nationalen Bedürfnissen der einzelnen Länder nicht entsprachen,
ja dieselben geflissentlich mit den dazu gehörigen Industrien in den Hintergrund drückten.
Die Engländer beschlossen daher, einen Wettkampf auf dem Gebiet des Kunstgewerbes mit den Franzosen aufzunehmen.
Sie begründeten das Department of science and art und das SouthKensington-Museum, welches sich in großartigster Weise entwickelte
und einige ganz neue Industriezweige ins Leben rief, welche jetzt zu hoher Blüte
[* 9] gelangt sind. Auch wurden an verschiedenen
OrtenKunstschulen gegründet, in welchen besonders der Zeichenunterricht, als die Grundlage kunstgewerblicher
Thätigkeit, gepflegt wurde.
Bereits 1867 auf der PariserAusstellung stand die englische Kunsttöpferei ebenbürtig neben der französischen und beherrscht
seitdem gemeinsam mit ihr den Weltmarkt. Das englische Glas
[* 10] ist zu derselben Vollendung gelangt. Weit wichtiger noch ist die
nationale Selbständigkeit, welche die englische Möbelindustrie und Zimmerausstattung zu erringen beginnt,
und welche sich auf der PariserWeltausstellung von 1878 zuerst dem Ausland bemerklich gemacht hat. Mit Anlehnung an die mittelalterlich-gotischen
Formen, einem kräftigen Naturstudium und geistreicher Benutzung orientalischer, speziell chinesisch-japanischer, Motive ist
dort eine Dekorationsweise entstanden, welche mit den französischen Formen fast nichts mehr gemeinsam
hat und welche sich jetzt auf den Bau des Hauses,
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Mit einer festen Anlehnung an die edlen Formen der Renaissance verbinden sich architektonische Selbständigkeit
und tüchtige malerische Wirkung. Auch unabhängig vom Museum hat sich das BerlinerKunstgewerbe namentlich in der Metall- und Möbelindustrie
im letzten Jahrzehnt zu hoher Blüte und größter Leistungsfähigkeit entwickelt. So nimmt die Berliner Silberwarenindustrie
eine führende Stellung ein. Außerhalb Berlins sind in zahlreichen Provinzialstädten Kunstgewerbe- und
Fachschulen errichtet worden, welch letztere
besonders zur künstlerischen Veredelung lokaler Industriezweige bestimmt sind.
Die Zentralstelle in Stuttgart
[* 30] und die Gewerbehalle in Karlsruhe
[* 31] waren ursprünglich mehr auf Vervollkommnung
der technischen Gebiete gerichtet, sind aber später mit Fachkursen, resp. mit der Kunstgewerbeschule in Verbindung gebracht
worden. Die Zahl der Kunstgewerbe- und gewerblichen Fachschulen in Deutschland, die zum Teil auch eigne Museen oder Vorbildersammlungen
besitzen, beträgt ca. 60. Einen ersprießlichen Einfluß auf die Förderung des deutschen Kunsthandwerks
haben auch die zahlreichen (ca. 40) Kunstgewerbevereine geübt.
Noch mehr wirken die öffentlichen Bauten mit ihrer vollendeten künstlerischen Ausstattung. Die PariserWeltausstellung von 1878 hat die glänzende Leistungsfähigkeit Frankreichs aufs neue bewiesen, daneben aber auch die Thatsache,
daß Frankreich nicht mehr allein in erster Reihe steht. Besonders haben die letzten Jahre auf dem Gebiet der Luxusindustrie,
welche bis dahin die ausschließliche DomäneFrankreichs gewesen war, einen großen Umschwung zu gunsten
Deutschlands hervorgerufen, so daß die Führerschaft Frankreichs vorläufig ein Ende erreicht hat. - Der Orient hat bisher eine
besondere Unterweisung und Belebung noch nicht nötig gehabt.
»Blätter für Kunstgewerbe« (Wien 1872 ff.) und das »Kunstgewerbeblatt«
(Leipz. 1884 ff.).
Für Frankreich ist die »Revue des arts décoratifs« (Par. 1880 ff.) Zentralorgan. Daran schließen sich
noch zwei Sammlungen von Abbildungen mustergültiger Gegenstände in Form von Zeitschriften: »L'art pour tous« (Par. 1861 ff.)
und »Das Kunsthandwerk« (hrsg. von Bucher und Gnauth, Stuttg. 1874-76).