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Bill Gross, der schwerreiche Chef des Fondsriesen Pimco, sorgt dieser Tage für Aufsehen: Er fordert höhere Steuern für Vermögende. Dies würde mehr Wohlstand für die gesamte Realwirtschaft erlauben. Wie argumentiert Gross? Hier der Original-Text.
Bill Gross gründete 1971 die Anlagegesellschaft Pimco. Heute ist er Managing Director des Unternehmens, das zum Allianz-Konzern gehört, und verwaltet den zweitgrössten Fonds der Welt, den Pimco Total Return Fund.
Da ich seit Beginn meiner Karriere enorm vom Hebeleffekt des Kapitals profitieren durfte und dank der niedrigeren Steuern unter den US-Präsidenten Ronald Reagan und George W. Bush einen immer kleineren Prozentsatz meiner Erträge teilen musste, neigt sich meine intellektuelle Haltung zunehmend in Richtung der Arbeitnehmer. Meiner Frau Sue erkläre ich häufig, dass es sich dabei vermutlich um ein Kennedy-artiges Phänomen handelt.
Da ich auf Kosten der Arbeiterschaft reich geworden bin, kommt ein Schuldgefühl in mir auf, und ich empfinde immer mehr Mitleid mit den weniger Wohlhabenden unter uns. Also schreibe ich sehr öffentliche «Investment Outlooks», die den Erfolg verwünschen, der mich überhaupt auf dieses Podest gebracht hat.
Die Dagobert Ducks dieser Welt, die sogar die Besteuerung der Reichen anprangern, sollten Folgendes zu überdenken: Anstatt das Steuerreform-Argument vom Standpunkt aus zu betrachten, welch enormer Prozentsatz der Steuern durch die oberen 1 Prozent bezahlt wird, sollten Sie bedenken, welchen Anteil des Nationaleinkommens Sie erzielen durften.
In den USA hat sich der Anteil am Gesamteinkommen vor Steuern, der dem oberen Prozent zukommt, mehr als verdoppelt: von 10 Prozent in den 1970er-Jahren auf 20 Prozent heute. Geben Sie zu, dass Sie, ich und andere Mitglieder der großartigen «1%» in einem Goldenen Zeitalter der Kredite aufwuchsen, in dem jene, die Geld liehen oder Gebühren auf die expandierenden Finanzanlagen erhoben, über wesentlich bessere Karten verfügten als jene, die ihren Lebensunterhalt mit harter, körperlicher Arbeit bestritten.
Geniessen Sie Ihren Château Lafite 1989!
Ich weiss, dass viele unter Ihnen Geldleuten ebenso hart gearbeitet haben wie ich, und Sie haben überlebt und hatten Erfolg, während anderen dies nicht vergönnt war. Ein faires Wirtschaftssystem sollte also stets eine Chance auf Erfolg beinhalten. Herzlichen Glückwunsch! Rauchen Sie Ihre Zigarre und geniessen Sie Ihren Château Lafite 1989.
Vor allem jedoch sollten Sie sich der glücklichen Fügung bewusst sein, dass Sie in den 40er-, 50er- oder 60er-Jahren geboren wurden, 25 Jahre später in die von Männern dominierte Arbeitswelt eintraten und das Privileg erhielten, während der vergangenen drei Jahrzehnte auf einer Kreditwelle zu reiten und Zeuge eines Kredit-Booms zu werden.
»You didn't build that«, wie Barack Obama anmerkte – Sie haben diese Welle nicht ins Rollen gebracht. Sie sind lediglich auf ihr geritten.
Sie können weiterhin an Wohltätigkeits-Galas
Und jetzt ist es an der Zeit, sie zu verlassen und einen Teil Ihres Glücks mit anderen zu teilen, indem Sie höhere Steuern zahlen oder sie reformieren, sodass sie dem Wirtschaftswachstum und der Arbeit zugute kommen und nicht den Unternehmensgewinnen und den privaten Milliarden. An den Wohltätigkeits-Galas werden Sie auch weiterhin teilnehmen und dem bewundernden Publikum Ihr Wohlwollen und Ihren philanthropischen Charakter demonstrieren können.
Nur wird der Scheck, den Sie ausstellen, ein wenig kleiner ausfallen müssen. Dagobert Duck würde sich auf der einen Seite beschweren, auf der anderen Seite schwimmt er jedoch in Geld und kann es sich leisten, für eine Weile an einer seichteren Stelle zu paddeln. Wenn Sie zum privilegierten Prozent zählen, sollten Sie mitschwimmen und bereit sein, höhere Steuern auf Gewinnbeteiligungen zu befürworten und selbstverständlich auch eine Anpassung der Kapitalerträge an den derzeitigen Einkommensgrenzsteuersatz unterstützen.
Das Zeitalter, in dem das Kapital mit einem geringeren Satz besteuert wird als die Arbeit, sollte nun vorüber sein.
Nicht mehr Umsatz, aber mehr Gewinn
Vor sehr vielen Jahren gab es in Pimco-Land einmal eine Zeit, in der ich ein grosses «Fortune 500»-Unternehmen wegen seiner Bilanz und seines Einsatzes von Finanzanlagen kritisierte. Dabei war die Kritik nicht wirklich an das Unternehmen gerichtet, sondern diente eher dazu, den wachsenden Schuldenberg zu verdeutlichen, den unser Kreditsystem duldete. Das Unternehmen nahm es jedoch persönlich. Dafür möchte ich mich entschuldigen.
Ich bringe es heute zur Sprache, im Zeitalter des Goldenen Dagobert Duck, weil ein anderes Grossunternehmen – ich werde es Unternehmen X nennen, nur um sicherzugehen – uns das Übermass erneut vor Augen führt, das die Zukunft Amerikas überschatten könnte. X ist ein wohlbekannter Konzern, der, vereinfacht ausgedrückt, seinen Gewinn und seinen Gewinn je Aktie zunehmend steigert, während der Umsatz nahezu unverändert bleibt. Dieser besorgniserregende Trend setzte vor einem knappen Jahrzehnt ein: Seit 2003 stieg der Absatz um lediglich 9 Prozent – kaum ein Prozentpunkt pro Jahr. Im zuletzt abgeschlossenen Quartal in 2013 war überhaupt keine Steigerung zu erkennen; die Umsätze gingen sogar um 1 Prozent zurück.
Aktienrückkäufe statt Anlagen
Trotzdem erhöhten sich die Gewinne, da das Unternehmen in diesem Zeitraum die Ausgaben kürzte. Der Gewinn pro Aktie stieg sogar noch stärker, da X einen Teil seiner Cashflows aufwandte, um Aktien zurückzukaufen, anstatt den Grossteil des Geldes in neue Anlagen und Ausrüstung zu reinvestieren.
Was mich beunruhigt, ist die Ähnlichkeit mit dem Zustand, in dem sich die gesamte amerikanische Wirtschaft auch die Weltwirtschaft befindet. Nie zuvor wandelten US-Unternehmen einen grösseren Anteil ihrer Umsätze in Gewinne um. Selbst wenn die Unternehmen im S&P 500 einen Rückgang ihrer Erträge verzeichneten, stieg der Gewinn je Aktie (EPS), wie die Grafik verdeutlicht.
Auch die US-Wirtschaft sieht Unternehmen X sehr ähnlich, vielleicht sind es sogar Zwillinge. Das Umsatzwachstum in den USA lässt sich am besten anhand des Nationaleinkommens oder seines Näherungswerts bestimmen, besser bekannt als nominales BIP. Während die annualisierte Wachstumsrate des nominalen BIP in den USA über die zurückliegenden zehn Jahre eine Spur besser aussieht als das eine Prozent von Unternehmen X, hat sich der gleitende Fünf-Jahres-Durchschnitt in den vergangenen Jahren von nahezu 7 auf knapp über 3 Prozent verlangsamt; und selbst dieser Wert wurde nur mit Ach und Krach erreicht.
Ach du meine Güte!
Die «Ausgaben» wurden beträchtlich gesenkt; so ging der BIP-Anteil der Löhne und Gehälter im vergangenen Jahrzehnt von 58 auf 53 Prozent zurück. Über denselben Zeitraum erhöhte sich der BIP-Anteil des Vorsteuergewinns hingegen von 10 auf 14 Prozent – analog zu dem, was bei Unternehmen X geschah.
Und nun ein relativ unglaublicher Gedanke zu diesem theoretischen Vergleich: Seit Ende 2008 setzten die USA nahezu jedes Jahr eine besondere Art von Aktienrückkaufprogramm um, indem die US-Notenbank Fed US-Staatsanleihen in Höhe von einer Billion Dollar zurückkaufte, und zusahen, wie ein Grossteil dieses Geldes auf direktem Weg in risikoreiche Anlagen und Stammaktien floss, anstatt in Produktionsanlagen und Ausrüstung investiert zu werden. Ach du meine Güte!
Wenn Unternehmen X seine Umsätze nicht mehr steigern kann und wenn die Aktie des Unternehmens nur aufgrund von Ausgabenkürzungen und Aktienrückkäufen zulegt, was sagt dies dann über die USA und eine Vielzahl anderer globaler Volkswirtschaften aus?
Ohne Sparen keine Investitionen
Ist unser Wohlstand auf das Drucken von Geld, die Kreditausweitung und die Kostenreduzierung zurückzuführen und nicht auf grundehrliche Investitionen in die Realwirtschaft?
Die einfache Antwort lautet, dass das langfristige Wachstum jedes Unternehmens und jedes Landes nicht auf Bilanz-Alchemie und Finanz-Magie beruht, sondern auf der Investitionstätigkeit und der endgültigen Nachfrage nach den Produkten eines Unternehmens oder eines Landes. In den USA bekamen wir nur wenig davon mit und sahen zu, wie der prozentuale Anteil unserer Investitionen (exklusive Immobilien) am BIP während der vergangenen 13 Jahre von 14,6 auf 12,2 Prozent sank. Unsere nationale Nettosparquote (Gesamtersparnis nach Abschreibungen) rutschte in den zurückliegenden Jahren gleichermassen unter den Nullpunkt, bevor sie zuletzt wieder anstieg. Ohne Sparen keine Investitionen. Und ohne Investitionen nur ein geringes Wachstum.
US-Präsident Obama läutete kürzlich eine schwache Alarmglocke und rief eine Kampagne ins Leben, um die Auslandsinvestitionen in Amerika zu fördern – aufgrund von Nachweisen, dass die USA im Rennen um Investitionen und die künftige Produktivität weit hinter weniger entwickelte Nationen wie Mexiko zurückfallen.
Die normalen Leute haben kein Geld mehr
«Es ist an der Zeit, dass sich die Leute ... darauf konzentrieren, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um das Wachstum anzukurbeln und hochwertige Arbeitsplätze zu schaffen», erklärte er unlängst.
Die Leute? Die normalen Leute – also die 99 Prozent – haben kein Geld mehr, Herr Präsident. Die reichen 1 Prozent und die Unternehmen allerdings schon. Vielleicht könnte Ihre Regierung in den bevorstehenden Monaten einen Teil ihrer Aufmerksamkeit auf Anstrengungen richten, um die amerikanischen Unternehmen, die oberen 1 Prozent und die ausländischen Anleger zu Investitionen zu bewegen. Wenn es keinen neuen und profitablen I-Tech-Star gibt oder einen dynamischen Durchbruch der Biotechnologie, wie wäre es dann mit einfachen, gemeinsamen Anstrengungen von Regierung und Privatwirtschaft, mit einer Infrastrukturbank die Flughäfen, Strassen und Wassersysteme in der Dritten Welt zu modernisieren?
Obamacare ist zweitrangig
Zurück zu meinem Ausgangspunkt. Industrieländer sind am effektivsten, wenn die Einkommensungleichheit minimal ist. Was den Gini-Koeffizienten für industrialisierte Nationen angeht, liegen die USA gegenwärtig auf Platz 16, knapp vor Spanien und Griechenland. Durch eine Senkung der 20 Prozent am Nationaleinkommen, das die «Goldenen Dagoberts» derzeit verdienen, sowie durch eine Umsetzung gerechterer Steuerreformen könnten wir auf einen der vorderen Plätze aufsteigen und produktiveren Volkswirtschaften wie Deutschland und Kanada Konkurrenz machen.
Unsere Probleme sind von großer Relevanz, während «Obamacare» und seine Umsetzung weit unten auf der Liste jener Themen stehen, an denen wir arbeiten müssen, um uns in Richtung von Wachstumsraten zu bewegen, die der «alten Normalität» entsprechen. Einige der scharfsinnigen Betrachter im Kongress sind sich dessen bestimmt ebenfalls bewusst. Solange wir die Besteuerung von Dagobert Duck nicht gerechter gestalten können, um den Wohlstand besser zu verteilen und den Gini- Koeffizienten zu verbessern, und uns nicht gleichzeitig auf Investitionen in die Real- anstelle der Finanzwirtschaft konzentrieren, sind die Aussichten für die Märkte alles andere als golden.
Resumé
- Wachstum beruht auf Investitionen, die wiederum teilweise durch eine gerechtere Verteilung der persönlichen Einkommensteuern, der Kapitalerträge und der Gewinnbeteiligungen bedingt sind.
- Das Zeitalter, in dem das Kapital mit einem geringeren Satz besteuert wird als die Arbeit, sollte vorbei sein.
- Anleger, die in die USA und andere Länder investieren, sollten sich auf Investitionen in die Realwirtschaft konzentrieren und sich vor Aktienrückkaufmanövern in Acht nehmen, die die Kurse künstlich erhöhen.