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Praktische Umsetzung
Restaurative Praktiken sollen die Theorie und Philosophie der Restaurativen Justiz in die Praxis umsetzen. Die häufigsten Praktiken sind:
Opfer-Täter Mediation (VOM) oder Täter – Opfer Ausgleich (TOA):
Dies ist weltweit eine der ältesten und am weitesten verbreiteten Form der restaurativen Praktiken. Sie basiert stark auf den Kernwerten der Restaurativen Justiz, wie unter "Werte" diskutiert. Qualifizierte Mediatoren ermöglichen ein freiwilliges Treffen zwischen Opfer und Täter. Beide können ihre Erfahrungen mitteilen, ihre Gefühle ausdrücken, ihren eigenen Weg suchen um Lösungen zu finden und den Schaden zu reparieren, und auf die Verwirklichung der Gerechtigkeit hin arbeiten. Der Prozess unterstreicht die aktive Beteiligung der betroffenen Parteien.
Die erste moderne Umsetzung erfolgte durch einen unkonventionellen Ansatz in Elmira, Kanada, im Jahr 1974. Mark Yantzi, ein Bewährungshelfer und freiwilliger Mitarbeiter beim Zentralkomitee des Kitchener Mennoniten Zentrums, führte gemeinsam mit Dave Worth die erste Täter-Opfer Begegnung durch. Das Ziel der Beiden war es, dass Täter ihren Opfern persönlich ins Gesicht sehen, Verantwortung für ihr Handeln übernehmen und Wege suchen, um den Schaden zu reparieren. Nach diesem ersten Versuch fuhren sie fort, Vermittlungen innerhalb der Strafjustiz zu fördern und auszuprobieren. Daraus entwickelte sich das sogenannte "Victim / Offender Reconciliation Project" (Opfer-Täter Versöhnungsprojekt, 1975). Ihr Ansatz begann sich in ganz Kanada, den USA und anderen Ländern zu verbreiten (Kelly, 2006; Peachey, 2003).
Konferenzen:
Family Group Conferences (FGC / Familiengruppenkonferenzen) wurden in Neuseeland im Jahr 1989 eingeführt. Seitdem werden sie auf der ganzen Welt verwendet und den jeweiligen Bedürfnissen angepasst, um in einer Vielzahl unterschiedlicher Kontexte eingesetzt zu werden. Der Hintergrund, der zu ihrem Einsatz in Neuseeland führte, war eine Krise im landeseigenen Jugendjustizsystem, welches überlastet war und sich als unwirksam erwies. Als die Regierung dann in den 80-er Jahren begann verschiedene Gemeinschaften und Gruppierungen, darunter die Maori, anzuhören, tauchten Konferenzen als ein zentrales Werkzeug auf. Die Maori empfahlen, aufgrund ihrer eigenen, langen Erfahrungen, die erweiterte Familie und Gemeinschaft in die Prozesse einzuschliessen, damit diese unterstützend mitwirken können.
FGCs sollen eine persönliche Begegnung zwischen Tätern, Opfern und ihren Familien ermöglichen, weitere Unterstützungspersonen und wenn nötig gesetzlichen Vertretern werden zugezogen. Ziel ist es die Straftäter zu unterstützen, ihre Verantwortung zu übernehmen und ihr Verhalten zu ändern, wie auch ihren Familien zu helfen, eine aktive Rolle zu übernehmen, und die Bedürfnisse der Opfer zu stillen. Es sollte ein kulturell sensibler Prozess sein, der Familien in ihren jeweiligen Rollen stärkt. Ziele, welche verfolgt werden, sind z. B. die Rechenschaftspflicht, die Beteiligung der Opfer, die Stärkung der Familie des Täters und die Hilfe zur Konsensfindung zwischen den Parteien. Um diese Ziele zu verwirklichen gibt es spezifische Leitsätze, welche der Situation und den Bedürfnisse der Beteiligten entsprechen sollen (MacRae & Zehr, 2004).
Circles / Kreisprozesse:
Circles (oder Kreisprozesse) basieren auf alten Traditionen, die von vielen Kulturen auf der ganzen Welt praktiziert wurden, oder noch werden. Viele verschiedene Arten von Circles sind nach wie vor im Einsatz, darunter: Circles um Jugendliche in ihrer entsprechenden Situation zu unterstützen, Circles um das Strafmass in der Justiz festzulegen, Circles um ehemalige Gefangene zu unterstützen in der Wiedereingliederung und Rechenschaftspflicht, Circles für Heilungsprozesse, zum Beispiel nach Trauma, oder Konfliktlösungsprozesse. Circles sind Dialogs- oder "Erzählprozesse", die einen sicheren Raum schaffen, um schwierige, schmerzhafte Themen zu diskutieren und das gegenseitige Verständnis zu verbessern, um Beziehungen zu stärken und gemeinsam passende Lösungen oder Konsense zu finden (Pranis, 2005). Circles können nicht nur reaktiv sondern auch proaktiv genutzt werden und fördern gesunde und restaurative Beziehungen. In Gefängnissen werden sie oft in der Arbeit mit Häftlingsgruppen verwendet, manchmal unter Beteiligung von Mitgliedern aus der Gesellschaft. Sie haben sich als ein wertvolles Instrument erwiesen um Konflikte, Leid, Schädigungen und Traumata anzugehen und Beziehungen aufzubauen. Circles werden auch erfolgreich in Schulen, Gemeinden, Firmen, verschiedenen Organisationen und Arbeitsorten eingesetzt, um Beziehungen zu stärken, an der Teambildung zu arbeiten, Visionen zu teilen und Pläne auszuarbeiten, Konflikte zu lösen, stärkere Gemeinschaften zu fördern und das gegenseitige Verständnis zu verbessern.
Restaurative Dialoge:
Restaurative Dialoge zwischen Opfern, Tätern und Mitgliedern der Gesellschaft können tief greifende Auswirkungen auf die Teilnehmer haben. In einigen Programmen sind direkt Betroffene an den Programmen beteiligt, in anderen Programmen treffen sich Opfer und Täter, welche nicht in direkter Verbindung stehen. Es wird über die Auswirkungen der Kriminalität auf Einzelpersonen und die Gesellschaft gesprochen, wie auch über die daraus resultierenden Schäden und Konsequenzen. Weiter wird besprochen was es heisst, Verantwortung zu übernehmen und wie Wiedergutmachung aussehen kann / sollte. Solch geleitete Dialoge können dazu beitragen, dass Opfer einen Heilungsprozess beginnen können. Den Tätern kann es helfen zu realisieren, welche Auswirkungen ihre Handlungen auf das Leben anderer Menschen hatten. Es kann Straftätern sogar helfen, sich mit den eigenen Traumata auseinanderzusetzen, die sie in der Vergangenheit erlitten haben, oft während ihrer Kindheit oder Jugend. Solche Traumata können Wut auslösen, die, wenn sie nicht adäquat angegangen wird, zu Gewalt führen kann (Gilligan, 2003). Studien zu Programmen wie dem Sycamore Tree Project®[1] haben gezeigt, dass sich die Einstellungen der Straftäter bei diesen Programmen signifikant ändern kann und die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass sie bei Entlassung rückfällig werden.
Restaurative Praktiken können mehr oder weniger restaurativ sein, abhängig von den Elementen, die sie beinhalten. Martin Wright spricht von "einseitiger", "autoritärer" und "demokratischer" Justiz. Unilaterale Ansätze dienen entweder dem Opfer oder dem Täter, bringen sie aber nicht zusammen. In autoritären Ansätzen können Gerichte, und damit in Verbindung stehende Institutionen, endgültige Entscheidungen treffen. In demokratischen Ansätzen, wo es darum geht die erlittenen Schäden anzuerkennen und die notwendigen Wiedergutmachungsschritte zu unternehmen, sind nicht nur Opfer und Täter am Dialog beteiligt, sondern auch Mitglieder der Gesellschaft spielen im Prozess eine Rolle (Wright, 2001).
Van Ness und Schiff (2001) deuten darauf hin, dass vier Komponenten in die restaurativen Praktiken einbezogen werden sollten: 1)Eine "Begegnung" - in der Regel von Angesicht zu Angesicht - welche in einem sicheren Rahmen stattfindet, wo alle Betroffenen ihre Geschichte, ihre Gefühle und Erfahrungen teilen können und so das gegenseitige Verständnis gefördert wird. Dadurch wird auch die Konsensfindung erleichtert. 2) Eine Wiedergutmachung, die die Schwere des Schadens und Verbrechens widerspiegelt, oder für Opfer und Täter angemessen erscheint. 3) Wiedereingliederung von Opfer und Täter in die Gesellschaft. Förderung restaurativer Beziehungen, die auf gegenseitigem Respekt, Engagement und gemeinsamen Werten beruhen. 4) Freiwilligkeit des Prozesses für Opfer und Täter.
Laut Ted Wachtel (2013) ist es wichtig, diese Praktiken nicht nur als reaktiv zu betrachten, sondern auch als proaktive, nützliche Instrumente, zur Schaffung und Stärkung gesunder, restaurativer Beziehungen und Gesellschaften, die in der Lage sind auf Verbrechen und Vergehen zu reagieren und diese zu verhindern.
[1] Diverse Studien wurden durchgeführt, in Europa von der Sheffield Hallam University in 2009 and der University of Hull in 2014 – 2016, diesmal unter dem Namen “Building Bridges”.