Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03564.jsonl.gz/2241

| Syrische Dichter - Ausgewählte Gedichte des Baläus

2. Fünf Loblieder auf den Bischof Akazius von Aleppo.
Einleitung
Text: Mus.Br. Nr.14 591 [Codd.descr. Nr.XXV]; Overbeck a.a.O., S.259-270. Der handschriftliche Titel lautet: „Madrasche des Mar Balai, gedichtet auf den seligen Bischof Mar Akak, nach dem Metrum: O Herr, in Deinen Gezelten.“ - Demnach hat unsere Überschrift, in der wir den von Baläus gefeierten Kirchenfürsten als Bischof von Aleppo bezeichnen, in der handschriftlichen Überlieferung keine Stütze. Es ist dies eine bloße, allerdings vollkommen sichere Vermutung, und bedarf daher zunächst noch des Beweises.
In der Zeit, welcher nach dem Zeugnis des Barhebräus unser Dichter angehört haben muss, gab es überhaupt nur zwei namhafte syrische Bischöfe, welche den Namen Akazius führten. Es war dies der Bischof Akazius von Amida und der Bischof Akazius von Aleppo, oder, wie diese Stadt bei den Griechen hieß, Beröa. Der Erstere kann wohl nicht gemeint sein, denn sonst würde seine bekannteste Handlung, der vom Kirchenhistoriker Sokrates berichtete Loskauf vieler persischer Kriegsgefangener aus dem Erlös der Kirchengefäße, vom Lobredner gewiss nicht mit Stillschweigen übergangen worden sein. So bleibt also nur Akazius von Aleppo übrig, für welchen außerdem noch folgende positive Gründe sprechen:
1. Aleppo liegt ganz nahe bei Kenneschrin, wo unser Dichter bekannt war. Aus der Biographie des hl. Rabulas1 wissen wir sogar, dass Akazius von Aleppo ein vertrauter Freund des Bischofs Eusebius von Kenneschrin war.
2. Der von Baläus gepriesene Akazius ist hundert Jahre alt geworden; ebenso wird auch berichtet, dass Akazius von Beröa das hundertste Lebensjahr überschritten habe.
3. Von unserem Akazius wird gerühmt, dass er auf dem Meere und in den vier Himmelsgegenden für die Kirche und ihren Frieden gearbeitet habe. Damit stimmt überein, dass Akazius von Beröa nach Rom reiste, um den Papst Siricius zur Anerkennung des Flavian als Patriarchen von Antiochien zu bewegen und auf diese Weise der durch das Meletianische Schisma hervorgerufenen Spaltung der antiochenischen Gemeinde ein Ende zu machen. Wahrscheinlich hatte auch seine erste Reise nach Rom unter Damasus den Zweck, diesen Papst mit Meletius auszusöhnen. Auf dem Rückwege von seiner zweiten Romreise besuchte er in gleicher Absicht Ägypten. Während des zweiten ökumenischen Konzils hielt er sich in Konstantinopel auf, welche Stadt er auch später mehrmals besuchte, jedoch leider nicht in friedlicher Absicht, sondern um den hl. Chrysostomos zu verfolgen.
Akazius von Beröa ist eine in der Kirchengeschichte viel genannte Persönlichkeit, und es ist schon für das Verständnis der folgenden Loblieder unerlässlich, hier eine kurze Übersicht über seinen Lebenslauf zu geben. Wenn wir dabei genötigt sind, ihn mehrmals als Verteidiger der Ungerechtigkeit und des Irrtums zu zeigen, so bürgt uns nicht nur seine allgemein anerkannte Frömmigkeit und die Hochachtung, welche mehrere der größten Heiligen seiner Zeit für ihn hegten, sondern auch die Bereitwilligkeit, mit der er sich noch in seinem letzten Lebensjahr dem gegen seine eigene Ansicht ausgefallenen Urteil der Kirche unterwarf, dafür, dass er sich auch bei jenen bedauerlichen Agitationen nur durch einen zeitweilig irregeführten Eifer für die Ehre Gottes und das Wohl der Kirche leiten ließ.
Von frühester Jugend an hatte sich Akazius dem asketischen Leben gewidmet. Als sein Lehrer wird ein gewisser Asterius genannt, Schüler des hl. Julianus Saba und Abt eines Klosters bei Gindarus, mit welchem er sich noch um 372 zu dem hl. Julianus Saba begab, um diesen zum Besuch von Antiochien zu bewegen, wo damals Kaiser Valens die Kirche verfolgte. Später wurde er selbst Abt eines Klosters in der Nähe von Beröa. Um das Jahr 374 empfing er hier den Besuch des hl. Epiphanius, dem er später gemeinschaftlich mit einem benachbarten Abt Paulus die briefliche Bitte um eingehende Beschreibung und Widerlegung aller Irrlehren vortrug. Diese Bitte veranlasste den hl. Epiphanius, sein Panarium zu schreiben und es den beiden Bittstellern zu widmen.
Bald darauf treffen wir unseren Akazius in Beziehungen zum hl. Basilius. Die Kirche von Beröa hatte ihn im Jahre 375 als ihren Abgesandten zu dem großen Kirchenvater geschickt, um diesem die ihr von den Arianern bereiteten Verfolgungen zu schildern. Im folgenden Jahre erhielten Akazius und mehrere andere Anachoreten von Basilius einen Trostbrief wegen der Beraubung und Vertreibung, die sie von den Häretikern zu erdulden hatten. Um diese Zeit scheint Akazius auch im Auftrag des Bischofs Meletius von Antiochien seine erste Reise nach Rom unternommen zu haben; wenigstens wissen wir, dass er bei einer vor dem Papst Damasus gehaltenen Disputation gegen die Apollinaristen zugegen war. Doch da dieser Umstand bereits Beziehung auf das meletianische Schisma hat, welches in den Lebensschicksalen unseres Akazius eine so bedeutende Rolle spielt, müssen wir etwas weiter ausholen, um Entstehung und Verlauf jener Spaltung kurz anzudeuten.
Nachdem der hl. Eustathius in den letzten Regierungsjahren Konstantins verbannt worden war, verwüsteten arianische Bischöfe die Kirche von Antiochien, bis im Jahre 360 Meletius zum Bischöfe gewählt wurde, der, obgleich von den Arianern eingesetzt, doch von Anfang an das katholische Glaubensbekenntnis verteidigte. Viele Katholiken erkannten ihn deshalb als rechtmäßigen Bischof an, während andere ihm misstrauten; für diese weihte Luzifer von Calaris einen Gegenbischof Paulinus, mit welchem der hl. Athanasius und der römische Stuhl Kirchengemeinschaft unterhielt, während fast der ganze Orient auf Seite Meletius trat. Da der hl. Stuhl den orientalischen Bischöfen, die wie der hl. Basilius den Meletius anerkannten, deshalb seine Gemeinschaft nicht entzog, so stand Meletius wenigstens indirekt auch in Gemeinschaft mit Rom, und wir können es daher entschuldigen, dass unser Akazius mit allem Eifer gegen Paulinus für Meletius wirkte und den hl. Papst Damasus für letzteren zu gewinnen suchte. Dagegen müssen wir einen anderen Schritt, welchen er in dieser leidigen Sache tat, auf das strengste tadeln.
Akazius nämlich, der schon bei seinem Zusammentreffen mit dem hl. Epiphanius die priesterliche Würde besaß, wurde kurz vor dem zweiten ökumenischen Konzil zu Konstantinopel, dem er beiwohnte, zum Bischof von Aleppo oder Beröa als Nachfolger des Theodotus erwählt. Eine seiner ersten Amtshandlungen war nun leider die Fortsetzung der Spaltung zu Antiochien, indem er nach dem Tode des Meletius einen Nachfolger für denselben in der Person Flavians weihte. Infolge dessen beschloss ein im Jahre 382 zu Rom versammeltes Konzil, nur den Paulinus als rechtmäßigen Bischof von Antiochien anzuerkennen, den Flavian ganz zu ignorieren, seine Konsekratoren Akazius und Diodor von Tarsus aber wegen ihrer fast mutwilligen Störung des Kirchenfriedens zu exkommunizieren. Bald nach der Konsekration des Flavian begleitete ihn Akazius zum hl. Einsiedler Marcian.
Paulinus starb im Jahre 388, weihte sich aber kurz vor seinem Tode in unkanonischer Weise selbst den Evagrius zum Nachfolger. Eine Folge dieses bedauerlichen Schrittes war, dass die abendländischen Bischöfe im nächsten Jahre auf dem Konzil zu Kapua beschlossen, die Kirchengemeinschaft mit allen rechtgläubigen Bischöfen wiederherzustellen, die Ansprüche des Flavian und Evagrius aber der schiedsrichterlichen Entscheidung des Patriarchen Theophil von Alexandrien zu überlassen. Aber erst im Jahre 398, nachdem Evagrius bereits gestorben war, gelang es dem hl. Chrysostomos, der Kirche von Antiochien den Frieden und die Gemeinschaft mit Rom wieder zu verschaffen. Eine Gesandtschaft, an deren Spitze Akazius stand, begab sich nach Rom, um dem Papst Siricius die Ernennung des hl. Chrysostomos zum Patriarchen von Konstantinopel anzuzeigen und zugleich die Anerkennung des Flavian zu erbitten. Nachdem die Gesandtschaft in Rom den vollständigsten Erfolg gehabt hatte, kehrte sie über Ägypten nach Syrien zurück, und die orientalischen Bischöfe schrieben das Verdienst, den kirchlichen Frieden wiederhergestellt zu haben, hauptsächlich dem Akazius zu, den sie ihren Vater nannten. Gerne erwähnen wir hier, dass dieser einst so heftige Gegner des Paulinus denselben in einem gegen Ende seines Lebens geschriebenen Brief „den seligen“ nennt.
Die dunkelste Seite an unserem Akazius aber bleibt sein Verhältnis zum hl. Chrysostomos, dessen erbittertster Gegner er war, wenn auch nicht, wie Palladius behauptet2 aus gekränkter Eitelkeit. Jedenfalls wirkte er auf den berüchtigten Synoden zu Konstantinopel in den Jahren 403 und 404 auf das eifrigste zur ungerechten Absetzung jenes großen Heiligen mit. Außerdem weihte er im letzteren Jahre nach dem Tod des hl. Flavian einen Feind des hl. Chrysostomos, namens Porphyrius, zum Bischof von Antiochien, den aber Rom niemals anerkannt hat. Nun traf unseren Akazius zum zweiten Male der Bannstrahl der römischen Kirche, dieser unerschrockenen Rächerin des Unrechts. Als jedoch der Nachfolger des Porphyrius, Alexander, eine Gesandtschaft an Papst Innozenz I. schickte mit dem Versprechen, den Namen des hl. Chrysostomos wieder in die Diptychen aufzunehmen und mit der Bitte um Aufhebung der Exkommunikation, legte auch Akazius einen Brief bei, in welchem er seine friedliebende Gesinnung beteuerte. Der Papst erklärte zwar, er habe das Schreiben des Akazius nur aus Achtung gegen Alexander angenommen, beantwortete es aber doch, indem er zugleich den Alexander beauftragte, dafür zu sorgen, dass Akazius alle vorgeschriebenen Bedingungen der Rekonziliation erfülle. Dies scheint geschehen zu sein, denn Akazius beteiligte sich später mit Alexander an einer Bischofsweihe. Theodotus, der Nachfolger Alexanders, wünschte den Namen des hl. Chrysostomos wieder aus den Diptychen zu entfernen, musste aber aus Furcht vor dem Volke von diesem Versuche abstehen. Darauf ließ er durch Akazius die Patriarchen Attikus von Konstantinopel und Cyrill von Alexandrien brieflich ersuchen, ihm ihren moralischen Beistand zu leihen und ihm durch ausdrückliche Sendschreiben von der Kommemoration des hl. Chrysostomos abzuraten. Dieser Plan misslang zwar, ist aber ein schmerzlicher Beweis dafür, dass Akazius selbst damals seine feindliche Gesinnung gegen den einst von ihm verfolgten Heiligen noch nicht aufgegeben hatte.
In seinen beiden letzten Lebensjahren finden wir den Akazius wieder in hervorragender Weise an den nestorianischen Streitigkeiten beteiligt. Kurz vor dem ökumenischen Konzil von Ephesus beantwortete er einen Brief des hl. Cyrill mit warnenden und mahnenden Worten, indem er ihn bat, den dogmatischen Streit mit Nestorius zu unterlassen. Wegen seines hohen Alters konnte er nicht persönlich auf dem ephesinischen Konzil erscheinen, sondern ließ sich durch den Bischof Paul von Emesa vertreten, welcher sich auf die Seite des Patriarchen Johannes von Antiochien und seines Gegenkonzils stellte. Ja, Akazius selbst ließ sich dazu verleiten, anfangs in diesem Sinne zu wirken und an den kaiserlichen Hof um Absetzung des hl. Cyrill und des Bischofs Memnon von Ephesus zu schreiben. Doch im Jahre 432 änderte er seine Gesinnung, verwandte seinen Einfluss in Konstantinopel zugunsten des kirchlichen Friedens und ließ dem hl. Cyrill durch Johannes von Antiochien mitteilen, dass er den Nestorius verwerfe, das Konzil von Ephesus anerkenne und mit den rechtgläubigen Bischöfen Gemeinschaft haben wolle. Es war hohe Zeit, diesen heilsamen Schritt zu tun, denn noch im selben Jahre starb der ehrwürdige Greis im Alter von 110 Jahren, nachdem er ein halbes Jahrhundert hindurch die Kirche von Aleppo regiert hatte. Sein hohes Ansehen in der Kirche, das er trotz aller Unbegreiflichkeiten seines öffentlichen Auftretens genoss, beruhte nicht nur auf der Ehrerbietung, welche sein fast beispiellos hohes Alter einflößte, sondern auch auf seiner persönlichen Heiligkeit. Denn schon in seinem Mannesalter hatte er sich die Bewunderung seiner gefeiertsten Zeitgenossen erworben. Ein Basilius und ein Epiphanius schätzten ihn hoch; der hl. Anachoret Eusebius von Telada, dessen Leben Theodoret nach den Berichten des Akazius beschrieben hat, wählte ihn zu seinem geistlichen Ratgeber. Die syrische Biographie des hl. Rabulas erwähnt ihn in der anerkennendsten Weise; hatte doch unser Akazius einen hervorragenden Anteil an der Bekehrung des Rabulas; ebenso nahm er an jener Bischofsversammlung zu Antiochien teil, welche Rabulas zum Bischof von Edessa wählte.
Die folgenden Loblieder bringen zwar keine Erweiterung oder Berichtigung dessen, was wir bereits über seine äußeren Schicksale wissen; dagegen entwerfen sie ein schönes Bild von der Heiligkeit, den Tugenden und der pastoralen Tätigkeit dieses merkwürdigen Bischofs. Das letzte Gedicht zeichnet sich durch wahre Erhabenheit aus.
1: S. Overbeck, a.a.O., S.159ff
2: Dialogus de vita S. Joannis Chrysostomi, Migne P.Gr. XLIII, S.5