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Festrede gehalten von
Bern, am Hochschultag der Handels-Hochschule St. Gallen, 23. Mai 1959
Überreicht vom St.-Galler Hochschul-VereinMeine Damen und Herren!
«Nichts ist so sehr geeignet, für ein Volk auf der ganzen Welt zu werben und es als einen führenden Kulturträger erscheinen zu lassen, wie die Erweiterung des menschlichen Wissens und die Erschließung neuer Quellen für die Arbeit und Gesundheit der gegenwärtigen und zukünftigen Generation.» Diese Worte hat Adolf von Harnack im Jahre 1910 anläßlich der Einweihung des ersten Kaiser-Wilhelm-Institutes für wissenschaftliche Forschung gesprochen, und sie haben noch heute weltweite Bedeutung.
Unwissen und stumpfes Dahinleben großer Massen war während vieler historischer Epochen bis zur Aufklärung die Grundlage, auf der eine kleine, aber sehr kultivierte Oberschicht ein verhältnismäßig sorgenfreies, prachtliebendes und kulturelles Leben führen konnte. Künstler und Wissenschaftler wurden eingeladen, am reichgedeckten Tisch teilzunehmen. Wenn sie auch oft nicht sehr viel besser als die Hausangestellten gehalten wurden, so haben sie doch ihre unsterblichen Werke ihren Fürsten und Gönnern gewidmet. Die mit dieser Widmung Versehenen haben wohl diese Werke kaum oder nur flüchtig durchgeblättert und waren sich meist nicht im klaren, um was es ging. Denken Sie an Dante, denken Sie an Mozart, denken Sie an die großen Heroen des Geistes, die in jenen Zeiträumen an den Höfen Europas ihre unsterblichen Werke vollbrachten. Große Baudenkmäler, wunderbare Werke der Literatur, des Geisteslebens, der Musik waren die Folgen dieser auf eine kleine Gruppe von Menschen konzentrierten geistigen Kräfte. Die Französische Revolution hat diesem — ich möchte es einfach kurz als «Ancien Régime» bezeichnen — Ancien Regime einen schweren und entscheidenden Stoß versetzt, und in ganz Europa haben neue Gedanken Einzug gefunden. Einer der größten Naturforscher der damaligen Zeit, Lavoisier, wurde zusammen mit den Aristokraten auf die Guillotine geführt, und man gestattete sich den Satz: «La Revolution n'a pas besoin des savants».
Aus dieser Entwicklung heraus, wenn nicht unmittelbar, so doch mittelbar, hat sich langsam im europäischen Raum der demokratische Gedanke entfaltet, und die bürgerlich-demokratische Staatsform ist allmählich zum europäischen Gemeingut geworden. Erst in den Jahren 1848-80 hat dieser Prozeß sich eigentlich zu seiner vollen Reife entwickelt.
Gleichzeitig setzt auch die staatliche Förderung der wissenschaftlichen Tätigkeit, des wissenschaftlichen Lebens und des wissenschaftlichen Forschens ein. Im 17. Jahrhundert wurden zwar schon die ersten Akademien gegründet, die sich mit der Förderung der Wissenschaft befaßten. Daneben bestanden aber auch die aus der Zeit des Mittelalters stammenden angesehenen Universitäten. Die breite Förderung wissenschaftlicher Forschung, das eigentlich intensive Eingreifen des Staatswesens in das Geistes- und in das Forschungsleben hat aber erst im 19. Jahrhundert mit der Entwicklung der bürgerlich-demokratischen Staatsform die Breite gewonnen, die sie in den vorhergehenden drei Jahrhunderten nicht haben konnte.
In Deutschland haben Bunsen und Helmholtz, in Frankreich Claude Bernard und Louis Pasteur, in Skandinavien Jörns Jakob Berzelius — um nur einige Namen zu nennen —als Pioniere eine neue Naturwissenschaft, eine neue Form wissenschaftlicher Forschung, unterstützt durch den Staat, aufgebaut und haben damit mit dem individualistischen und einzelgängerischen Forschungswesen des 17. und 18. Jahrhunderts gebrochen.
Anders waren die Verhältnisse in England. England hat ja sein Ancien Regime praktisch zweihundert Jahre früher mit der Bill of Rights überwunden. Es ist deshalb kein Zufall, daß gerade in England die wissenschaftliche Forschung, gefördert durch den Staat, sehr viel früher einsetzt als auf dem europäischen Kontinent. Isaac Newton, Michael Faraday u. a. waren die großen Pioniere der Chemie und Physik, und sie haben in einem Land arbeiten können, in dem der demokratische Gedanke, wenn auch mit der monarchistischen Staatsform verknüpft, bereits zu einer Zeit Allgemeingut war, als auf dem europäischen Kontinent das Anden Régime noch in vollster Blüte stand.
Es ist in diesem Jahre gerade hundert Jahre her, daß Charles Darwin mit seinem Werk über die Entstehung der Arten eine Revolution im wissenschaftlichen Denken hervorgerufen hat. Er hat zum erstenmal seine Gedanken am 2. Juli 1859 in London vorgetragen, und am 24. November 1859 erschien sein umwälzendes und revolutionierendes Buch. Die Auswirkung auf seine Zeit war wohl ähnlich, wenn wir im Sinne von Sternstunden der Wissenschaft sprechen, wie der Augenblick, als Kopernikus im Jahre 1543 mit seinem posthum erschienenen Werk das damalige Weltbild vollständig veränderte und als Galilei mit seinen wissenschaftlichen Argumenten zeigte, daß die Vormachtstellung der Erde im Weltall wissenschaftlich nicht haltbar sei und damit in schärfsten Konflikt mit der Kirche kam. Darwin ist es ähnlich ergangen, denn auch er hat durch einen revolutionierenden Gedanken die Vormachtstellung des Menschen im Tierreich erschüttert und gezeigt, daß der Mensch
im Grunde genommen nichts anderes als das Endglied einer konsequenten, auf Evolution fußenden Stammesgeschichte ist. Auch ihm blieb der Widerspruch der Kirche nicht erspart. Sie erinnern sich vielleicht, daß in einer sehr erregten und außerordentlich scharfen Debatte der Bischof von Oxford, Wilberforce, gegen die Darwinsche Lehre Stellung nahm und den Verteidiger Darwins, Thomas Huxley, im Jahre 1860 schließlich herausforderte, indem er ihn fragte: «Stammen Sie väterlicher- oder mütterlicherseits vom Affen ab?» Thomas Huxley sagte zu seinen Freunden: «Jetzt ist er in meiner Hand», stand auf und erwiderte: «Ein Wissenschaftler wird sich nie schämen, einen Affen als Großvater oder als Großmutter zu haben. Ich würde mich aber schämen, einen Mann als meinen Vorfahren zu bezeichnen, der...», und dann folgte eine Charakterisierung der geistigen Eigenschaften des Bischofs von Oxford, in so scharfer Form, daß die Anspielung im Auditorium voll und ganz verstanden werden mußte. Wir sind 1959 im Zentenarium der Darwinschen Lehre. Gestatten Sie mir daher, am Rand einen alten, aus dem Altersspital hervorgeholten Witz über diese Lehre ganz kurz zu erwähnen: die Geschichte vom Sohn, der nach Hause kommt und seinen Vater, den er durch schlechte Zeugnisse bereits schon in gereizte Stimmung versetzt hatte, fragt: «Ist es wirklich wahr, Vater, daß wir vom Affen abstammen?» Worauf der Vater in heller Wut sagt: «Du vielleicht, aber ich sicher nicht!»
Das Interessante an der Entwicklung in England ist die Tatsache, daß Darwin mit seinen revolutionären Ideen in völliger Freiheit weiterarbeiten konnte, daß ihm der Staat in keiner Weise Hemmschuhe anlegte und daß auch die Opposition, die er mit seiner umwälzenden Lehre hervorgerufen hatte, sich zwar frei entwickeln konnte, aber niemals zu Zwangsmaßnahmen in irgendeiner Form führte. Das zeigt uns, wie stark die demokratische Gesinnung für die Entwicklung der Freiheit der Forschung maßgebend ist. Damit kommen wir zum Thema: In welcher Art kann die Demokratie zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung beitragen, wieweit ist ihre Aufgabe zu begrenzen und welches sind die Früchte, die die Demokratie von der Förderung wissenschaftlicher Forschung erwarten kann?
Ich möchte mich auf unsere schweizerischen Verhältnisse beschränken, weil Parallelen, sagen wir zu den Verhältnissen in Deutschland, Frankreich oder Italien, viel zu weit führen würden. Unsere Bundesverfassung hatte seinerzeit eine eidgenössische Universität vorgesehen, und die Männer, die damals an der Arbeit waren, wollten damit einen hundertjährigen Traum verwirklichen, für den sich Herr Stapfer in der Zeit der Helvetik außerordentlich lebhaft eingesetzt hatte. Man wollte einen Brennpunkt des schweizerischen Geistes- und Forschungslebens schaffen,
man wollte den Traum sogar einer europäischen Mission der Schweiz im Geistesleben durch die Gründung einer schweizerischen universitas literarum verwirklichen. Ihr Hauptförderer war Escher, der diesen Gedanken als die schönste schweizerische Kulturfrage bezeichnete. Die Planung war so weit gediehen, daß man Zürich als den Sitz dieser eidgenössischen Universität in Aussicht nahm, weil Bern durch die Ernennung zur Bundeshauptstadt bereits schon berücksichtigt war. Es gelang Escher, mit seinen Kollegen den Plan im Nationalrat durchzusetzen; im Ständerat dagegen kam er zu Fall, weil sich inzwischen eine kirchliche und sprachlich-kulturelle Minderheit gegen den Mehrheitsantrag gebildet hatte. Die welsche Schweiz fürchtete eine starke Germanisierung unseres Geisteslebens, und föderalistische Gedanken flößten den Räten Bedenken ein. Man kann wohl heute sagen, daß es wahrscheinlich ein glücklicher Entscheid war, daß dieser Plan damals zu Fall kam, denn in seiner ursprünglichen Konzeption hatte er einer großen Zahl von Gegebenheiten in unserem schweizerischen Raum, die wir alle sehr genau kennen, nicht in genügendem Maße Rechnung getragen.
Die Ablehnung der eidgenössischen Universität und die Annahme des Planes einer Eidgenössisch-Technischen Hochschule hat in der Folge mehr und mehr in unserer Bundesversammlung den Gedanken reifen lassen, daß die technisch-wissenschaftliche Forschung zwar ein Bundesanliegen sei, daß hingegen die übrige wissenschaftliche Forschung, die Förderung der Geisteswissenschaften und der kulturellen Belange überhaupt, den Kantonen zufalle und in keiner Weise als Bundesaufgabe betrachtet werden könne. Damit ist mehr und mehr ein Rückzug des Parlamentes von diesen Problemen erfolgt, und den Kantonen, aber ganz besonders den Hochschulkantonen, wurde die Aufgabe voll überlassen, sich ihrer Hochschulen, der Lehre und der Forschung selbständig anzunehmen.
Im 20. Jahrhundert hat sich eine Entwicklung der Wissenschaft in die Breite ergeben, die man damals im 19. Jahrhundert niemals voraussehen konnte. Die Anforderungen, die heute an die wissenschaftliche Forschung in bezug auf Mitarbeiter, Mittel und Räumlichkeiten gestellt werden, sind so gewachsen, daß man sich wirklich fragen muß, ob der Gedanke, daß nur einzelne Kantone in unserem Bundesstaat die ganze schwere Last tragen müssen, noch vertretbar sei. Die Universitätskredite steigen in allen Universitätskantonen an, und mit Besorgnis sieht der Stimmbürger, wie der Anteil der Hochschulausgaben zum Gesamteinkommen des Kantons immer größer und größer wird. Man kann wohl sagen, daß die Gründung des Nationalfonds im Jahre 1952 in einem gewissen Sinne eine Wiederbelebung des schweizerischen Universitätsgedankens in neuer Form war. Durch die Einrichtung dieser Stiftung
konnte ein Organ geschaffen werden, das wenigstens einen Teil der großen Aufgaben, nämlich die Förderung der Forschung, übernehmen konnte. Wenn auch die Mittel des Nationalfonds nicht übermäßig groß sind, so ist doch von dieser Seite den Universitätskantonen in den letzten sieben Jahren eine aktive und immer größer werdende Hilfe zugeflossen. Eine Universitas der Forschung ist in unserem Lande entstanden, die eidgenössisch unterstützt und subventioniert wird; damit ist ein gewisser Ausgleich zu der einseitigen Belastung der Hochschulkantone durch diese Gründung geschaffen worden. Eine Reihe von grundsätzlichen Fragen stellen sich. Kann man mit Geld die wissenschaftliche Forschung wirklich wirkungsvoll fördern? Ist es möglich, in unserem Lande die Forschung so zu koordinieren, daß man sagen kann, die Mittel, die eingesetzt werden, seien wirklich zweckmäßig gebraucht worden, oder besteht nicht vielmehr die Gefahr einer Verzettelung, die wir zu vermeiden trachten sollten? Können wir in unserem kleinen Land das Wettrennen mit den Großmächten überhaupt noch mitmachen? Sind wir in der Lage, Schritt halten zu können, oder sollten wir uns nicht besser mit Resignation zurückziehen? Wie steht es mit den geistigen Kräften und mit dem Nachwuchs in unserem Land? Ist er in der Lage, das, was wir von ihm erhoffen, voll und ganz zu erfüllen?
Kann mit Geld allein die Forschung gefördert werden? Diese Frage muß man zunächst, wenn sie isoliert gestellt wird, mit Nein beantworten. Geld allein hat noch nie wissenschaftliche Forschung wirksam gefördert. So wenig wie eine Violine ein Geigenkonzert hervorbringt, kann Geld wissenschaftliche Forschung fördern. Es braucht den Meister, der die Geige zu spielen versteht, denn ohne ihn ist die beste Geige wertlos. Erfinderische Gedanken und die besondere schöpferische Atmosphäre, die in einem Forschungsinstitut herrschen muß, Mut, ungewohnte und als aussichtslos bezeichnete Probleme anzugreifen —das sind die Faktoren, die in einem Kreis von intellektuell geschulten, geistig hochstehenden Menschen vorliegen und Forschung möglich machen. Mit Geld kann man eigentlich furchtbar wenig ausrichten. Man kann, und das hat das Ehepaar Curie bestätigt, das selbst in Armut und unter außerordentlich schwierigen Verhältnissen seine Forschungen durchgeführt hat, mit Geld den Weg zum Ziel abkürzen. Aber Armut und Mangel an Mitteln hat einen guten Forscher noch nie daran gehindert, sein Ziel unbeirrt zu erreichen. Mit anderen Worten: Wir können die Wirksamkeit eines Menschenlebens, das sich der Forschung widmet, verstärken. Wir können die Zeitspanne verkürzen, in der der Betreffende neue Etappen erreichen kann; aber das ist alles. Und es besteht eine Gefahr: Zu reiche Mittel lähmen Unternehmungslust und Erfindungsgabe. Gestatten Sie mir ein Beispiel anzuführen, das doch sehr nachdenklich
stimmt. Die Gemsen in unseren Alpen sind in den harten Wintern bemitleidenswerte Geschöpfe. Es wurde mehrfach versucht, durch Aufstellung von Futterstellen diesen Tieren eine gewisse Hilfe zu bringen. Das Resultat: Mehr Tiere gingen im Winter ein, als wenn man sie hat hungern lassen, weil der Hunger ihre Widerstandskraft gegenüber den Unbilden der Witterung ganz wesentlich erhöht hat. Hat zu reiche Ausstattung mit Mitteln, ein zu gepolstertes Forschungsdasein nicht den selben Effekt wie die Fütterung der Gemsen im Winter? Ist es nicht gerade sehr oft der Mangel, der die besten Qualitäten im Gehirn eines Forschers zum Einsatz bringen kann? Damit gar keine Mißverständnisse entstehen, möchte ich sagen, daß wir auch mit der Förderung der wissenschaftlichen Forschung durch den Nationalfonds immer noch im Zustand der hungernden Gemsen im Winter sind!
Im Vergleich mit den ausländischen Laboratorien — man braucht nicht bloß an Amerika zu denken, man kann nach Frankreich gehen, nach Deutschland, nach Italien, nach Belgien oder Holland —, im Vergleich zu diesen Ländern sind unsere Mittel sehr bescheiden, und unsere Forscher arbeiten immer noch unter dem Zwang, sparsam mit ihren Möglichkeiten umzugehen.
Eine reiche Ausstattung eines wissenschaftlichen Institutes ist noch lange nicht der Beweis großer wissenschaftlicher Leistungen. Im Gegenteil! Es ist ja meist so, daß reiche Ausstattung oft das Zeichen eines gewissen wissenschaftlichen Leerlaufes sein kann; denn dort, wo wirkliche Pionierarbeit geleistet wird, braucht man Apparate und Instrumente, die man sich hat selber bauen müssen, weil die Apparateindustrie von diesen Dingen überhaupt noch gar nichts hat wissen können. Ich ziehe es vor, in Laboratorien viel Selbstgebautes und Selbstgeschaffenes im Bastelzustand anzutreffen als eine reiche Ausstattung mit Apparaten, die katalogmäßig von der Industrie verkauft werden!
In der wissenschaftlichen Forschung hat sich in den letzten Jahrzehnten eine ganz grundlegende Wandlung abgespielt. Zur Zeit, als ich noch als Student tätig war, bestand auf dem Gebiete der Naturwissenschaften ein sehr starkes Einzelgängertum. Es bot keine Schwierigkeiten, den Nobelpreisträger des Jahres zu wählen, weil einzelne, stark hervorragende Gestalten sich so deutlich hervorhoben. Heute ist aus den Einzelgängern eine riesige Armee geworden, und der alte Pioniergeist, der in den wissenschaftlichen Laboratorien herrschte, ist in einem Achtstundentag, in festgelegten Arbeitszeiten und in der Rückkehr des Forschers in die Familie um 6 Uhr abends untergegangen. Der hungernde Privatdozent, der in der Klinik mit einem Brötchen um Mitternacht seine wissenschaftliche Arbeit fortsetzt und bis 2 oder 4 Uhr morgens im Labor bleibt, ist leider verschwunden. Wir sind geneigt zu sagen, daß die
heutige Generation in wissenschaftlicher Beziehung nicht mehr das ist, was wir hätten sein sollen!
Eine ganz neue Art der Arbeit ist in der Wissenschaft entstanden. Der Amerikanismus, der sich in Europa an so vielen Stellen bemerkbar macht, ist auch stark in der wissenschaftlichen Forschung bemerkbar. Der Glaube, daß genügend Mitarbeiter, genügend Mittel und genügend Arbeitszeit für ein bestimmtes Problem zu einer Lösung führen müssen, dieser Glaube hat in einzelnen Fällen, wo die Problemstellung als solche bereits schon von Europäern gelöst worden war, in Amerika sehr große Erfolge gebracht. Man denke an den Ausbau der Gewinnung des Penizillins und der Antibiotika. Meiner Ansicht nach basiert dieser Glaube auf einem Trugschluß. Durch den Aufwand an entsprechenden Mitteln und durch einen riesigen Einsatz von Mitarbeitern kann man wohl technische Probleme bis zu einem gewissen Grad lösen, aber neue, jungfräuliche Gebiete des Wissens werden immer noch vom Einzelgänger, von demjenigen, den eine höhere Begeisterung führt, erschlossen, und an dieser Tatsache hat auch der Massenbetrieb in der wissenschaftlichen Forschung nichts geändert.
Man spricht so viel von Koordination der Forschung. Es ist begreiflich, daß ein Parlament, das eine große Summe für die wissenschaftliche Forschung beschließt, die Auffassung vertritt, es möge dafür gesorgt werden, daß dieses Geld durch eine möglichst zweckmäßige Koordination der Forschung nutzbar gemacht werde.
Wir sind zurzeit in der Lage, durch die Atomkredite in der Schweiz eine große Zahl von kostspieligen neuen Instrumenten anzuschaffen. In bezug auf die Verwendung dieser Instrumente, in bezug auf ihre Nutzbarmachung für die Forschung ist Koordination am Platz. Wenn man aber daran denkt, den Forschungsplan und das schöpferische Arbeiten eines Wissenschafters zu koordinieren, dann möchte ich sagen: Nein, lassen wir die Hände davon, denn wir werden nachher durch die Erfolge für unsere Großzügigkeit belohnt. Wie weit ist überhaupt bei den Hochschulen in der Schweiz eine Koordination möglich? Verzetteln wir nicht unsere Mittel, wenn wir sie auf die verschiedenen Hochschulen ausstreuen? Können wir überhaupt im Kampf mit den Großmächten mitmachen? In unserer föderalistischen Struktur liegt eine ungeheure Stärke. Der Stolz, der in den einzelnen kulturellen Zentren unseres Landes besteht, spornt uns zu Leistungen an, die wir vielleicht in einer zentralen eidgenössischen Universität oder einem zentralen eidgenössischen Forschungslaboratorium nie erhalten würden. Gerade die Gegensätze zwischen welsch und deutsch, zwischen italienischer und romanischer Schweiz und den übrigen Landesteilen sind es, die unsere Stärke im kleinen ausmachen! Und wenn wir vielleicht auch manchmal etwas
mehr Geld aufwenden müssen, weil wir so viele verschiedene kulturelle Zentren in unserem Lande haben, so ist das ein Tribut, den wir unserem Föderalismus entrichten müssen, aber vielleicht ein Tribut, der gerade unsere Stärke im kleinen noch fördert!
Können wir im Rennen mit den Großmächten mitmachen? Unser Nationalfonds — wenn ich ein kurzes Wort darüber sagen darf — nimmt eine Sonderstellung in der ganzen Welt ein, indem er einen sehr viel größeren Prozentsatz seiner Mittel für die geisteswissenschaftliche Forschung einsetzt als irgendeine andere vergleichbare Stiftung. Das ist einem Mann zu verdanken, dessen Andenken ich gerade hier in diesem Kreis besonders ehren möchte, dem kürzlich verstorbenen Werner Näf, dem feinsinnigen Geisteswissenschafter, der mit steter Wachsamkeit dafür gesorgt hat, daß das Geisteswissenschaftliche, daß die Zusammenhänge der menschlichen Beziehungen durch unseren Nationalfonds so intensiv als möglich gefördert wurden. Wir sind ihm dafür großen Dank schuldig! Das geistige Leben eines Landes ist ein Tragbalken, der mehr wert ist als viele technische und industrielle Erfolge; es ist der Tragbalken, der die Zukunft sichert. Ein Land, in dem die geisteswissenschaftlichen Belange in dem Maße gefördert werden, wie es in der Schweiz der Fall ist und wie wir bereit sind, sie auch in der Zukunft zu fördern, kann als kleines Land im Wettrennen der Großen ohne weiteres bestehen. Das ist meine feste Überzeugung, und ich glaube, daß wir durch die geisteswissenschaftliche Betonung unserer Forschung eine Grundlage schaffen, die später für die Entwicklung schöpferischer Pionierarbeit auf wissenschaftlichen, naturwissenschaftlichen und technischen Gebieten eine entscheidende Rolle spielen wird.
Die Demokratie hat einen sehr wichtigen Grundgedanken, das ist die Gleichberechtigung aller und der Wunsch nach gleichmäßiger Berücksichtigung. Wenn wir von wissenschaftlicher Forschung und von der Förderung wissenschaftlicher Forschung sprechen, ist das ein sehr schwieriges Kapitel. Wie weit können wir es uns leisten, demokratische Gesichtspunkte in der Förderung unseres jungen Nachwuchses und in der Förderung der wissenschaftlichen Forschung in unserem Lande zu berücksichtigen? Die Regierung eines Hochschulkantons wird dafür sorgen müssen, daß alle Institute und alle Abteilungen der betreffenden Hochschule gleichmäßig und möglichst gerecht berücksichtigt werden. Anderseits ist aber gerade die Bevorzugung und die Förderung dessen, was über das Mittelmaß herausragt, so außerordentlich wichtig für die wissenschaftliche Forschung. In Deutschland wurde die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, jetzt Max-Planck-Gesellschaft, eingerichtet, durch die die besten Wissenschaftler des Landes aus ihren Hochschulen herausgenommen werden, um in schön eingerichteten Forschungsinstituten
sich ausschließlich ihrer wissenschaftlichen Forschung widmen zu können. Wir können es uns nicht leisten, bevorzugte Gelehrte und bevorzugte Wissenschaftler zu schaffen, und wir müssen vielleicht einen gewissen Preis dafür zahlen, daß wir dafür sorgen, daß die Kirche in der Mitte des Dorfes bleibt. Soweit es tragbar ist, ist es, glaube ich, aber Aufgabe jeder Institution, die sich mit der Förderung der wissenschaftlichen Forschung befaßt, bestimmte Richtungen zu bevorzugen und bestimmte Männer zu verwöhnen.
Die Frage, wie weit unser Nachwuchs den Anforderungen der kommenden Jahre entsprechen wird, ist heute aktuell. Der Delegierte für Arbeitsbeschaffung, Herr Dr. Hummler, hat eine größere Kommission versammelt, die die Frage der Nachwuchsförderung intensiv bearbeitet hat. Das Problem ist schwierig, denn wir können nicht sagen, der beste Nachwuchs solle in die Wissenschaft gehen. Wir brauchen in der Wirtschaft, in der Landwirtschaft, in der Industrie, wir brauchen überall gute Leute. Es ist schwierig, dafür zu sorgen, daß die Gleichgewichte nicht durch einseitige Förderung einer Richtung gestört werden. Wir glauben, daß wir durch aktive Maßnahmen den wissenschaftlichen und technischen Nachwuchs in der Schweiz noch ganz wesentlich heben können, daß viele Kräfte noch unverbraucht verkümmern, weil wir durch Aufklärung bis jetzt zuwenig getan haben und weil wir auch finanziell nicht dafür gesorgt haben, daß intelligente Talente aus ländlichen und gebirgigen Gegenden zum Studium zugezogen werden konnten. Wir müssen unsere jungen Leute auch ins Ausland schicken. Und da bekommen wir eine interessante Antwort auf die Frage, ob wir im Wettbewerb mit den Großmächten mitmachen können. Unsere jungen Schweizer genießen wegen ihrer Schulbildung und Gymnasialbildung und wegen ihrer sorgfältigen Hochschulausbildung einen guten Ruf und sind fähig, im Konkurrenzkampf ihren Mann zu stellen. So erfreulich das für uns wohl sein mag, daß so viele junge Schweizer im Ausland und in Großmächten führende Stellungen auf wissenschaftlichem und technischem Gebiet erlangen, so sehr müssen wir natürlich auch darüber wachen, daß uns nicht zu viele Kräfte auf diesem Weg verlorengehen. Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses durch Entsendung junger Leute in das Ausland hat etwas sehr Gutes, enthält aber auch eine Gefahr, dann nämlich, wenn wir nicht dafür sorgen, die besten dieser Leute wieder in unser Land zurückzubekommen. Wir müssen dafür sorgen, daß wir in der Schweiz Stellen schaffen können, um unsere besten Wissenschaftler aus dem Ausland wieder zurückholen zu können, damit sie ihre Kraft, die sie in den Entwicklungsjahren im Ausland gestählt haben, unserem eigenen Vaterland nachher voll und ganz zur Verfügung stellen. Oft war es bisher so, daß sich ein begabter jüngerer Mann ausgezeichnet hat und
daß man den Wunsch hatte, für ihn irgend etwas zu tun, aber es war keine Stelle frei. Was ist passiert? Er hat den Verlockungen nachgegeben, hat eine Stelle irgendwo im Ausland angetreten und ging unserer Hochschule verloren. Zwei Jahre darauf ist eine entsprechende Stelle in der Schweiz freigeworden, und bei einer Rückfrage an den jungen Mann hat es sich herausgestellt, daß er sagte: «Ich kann, nachdem man mir vor zwei Jahren hier an meiner neuen Stelle derart schöne Möglichkeiten geschaffen hat, anständigerweise jetzt nicht mehr zurückkommen.» Wir müssen dafür sorgen, daß in Zukunft für wissenschaftliche Talente Stellen geschaffen werden, durch die sie unserem Vaterlande erhalten bleiben.
Über dieses Thema ließe sich ja noch sehr viel sagen, aber ich muß zum Schluß kommen. Der Mann auf der Straße in der Schweiz ist sich kaum im klaren, wie groß das wissenschaftliche Ansehen der Schweiz im Ausland ist, und an sehr vielen offiziellen Stellen realisiert man nicht genügend, wie sehr wir der aktiven Förderung unserer wissenschaftlichen Arbeit und unserer wissenschaftlichen Forschung bedürfen. Hier müssen wir aber auch an unsere eigene Brust klopfen. Die Wissenschaftler finden oft teils aus Bescheidenheit, teils aus Unvermögen es nicht für nötig, von ihrer wissenschaftlichen Arbeit, über ihre wissenschaftlichen Erfolge in gemeinverständlicher Form der schweizerischen Öffentlichkeit zu berichten. Aber auch die Presse erfüllt nicht das, was wir von ihr eigentlich wünschen möchten. Wenn wir nur einen Zehntel des Raumes in den Tageszeitungen für die wissenschaftlichen Erfolge der Schweiz zur Verfügung hätten, der den sportlichen Erfolgen reserviert ist, wären wir mehr als befriedigt. Sie werden sich vielleicht erinnern, daß einmal im Nebelspalter ein amüsantes Bild erschienen ist. Es stellte einen Bahnhof in der Schweiz dar mit einer riesigen Volksmasse. Eine Figur entsteigt dem Zug. Darunter ein zweites Bild, der Bahnhof vollständig leer, und wiederum entsteigt eine Figur dem Zug. Oben hieß es: Rückkehr des Siegers der Tour de France; unten hieß es: Rückkehr des diesjährigen Nobelpreisträgers.
Wir müssen dafür sorgen, daß unsere wissenschaftliche Forschung, daß das, was in der Schweiz wirklich geleistet wird, noch stärker Gemeingut unserer Bevölkerung wird und daß sich mehr Menschen in der Schweiz für die Wissenschaft interessieren. Die Zukunft auf wissenschaftlichem Gebiet ist gesichert, denn Tüchtigkeit, Bescheidenheit und ein ausgesprochenes Pioniergefühl sind Eigenschaften, die wir in vielen jungen Menschen unseres Landes immer wieder finden werden. Auf solchen Grundlagen aufbauend kann unsere kleine Demokratie getrost und mit Zuversicht der Zukunft entgegensehen, auch wenn sie noch größere Opfer für die Wissenschaft zu leisten haben wird als bisher.