Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03595.jsonl.gz/1446

Mein Kind kifft - und nun?
Wie sollen Eltern reagieren, wenn sie ihren Sohn oder ihre Tochter beim Kiffen erwischen? Aus welchen Gründen greifen Jugendliche zum Joint? Und an welchen Symptomen und Verhalten erkennt man, dass man eingreifen muss? Suchtexperte und Therapeut René Kostka gibt wertvolle Tipps im Umgang mit Cannabiskonsum bei Jugendlichen.
Wenn der Charakter des Kindes unter einer Wolke aus Cannabisdunst vergraben ist, sollten Eltern eingreifen. Foto: Ricardo Mancia - Unsplash
Herr Kostka, wann haben Sie das letzte Mal eine Zigarette geraucht?
Ich habe in meiner Schulzeit geraucht, habe aber endgültig vor mehr als 10 Jahren damit aufgehört.
Wissen Sie noch, warum Sie angefangen haben zu rauchen?
Ich wollte wahrscheinlich erwachsener sein. Im Nachhinein denke ich, dass mich die Vorbilder aus dem Showbusiness auch beeinflusst haben.
Inzwischen haben Sie das Rauchen aber vor zehn Jahren aufgegeben. Was gab den Anstoss dafür?
In erster Linie die Gesprächen mit meinen Söhnen. Als wir in der Pubertät über das Thema Rauchen gesprochen haben, haben sie mir deutlich gesagt, dass ich ein schlechtes Vorbild für sie sei.
Wie haben Sie das Thema Rauchen und Kiffen mit Ihren Söhnen besprochen?
Zunächst hatten wir eine Abmachung, dass sie vor ihrem 16. Lebensjahr weder Legales noch Illegales rauchen sollten. Als mein Sohn mit 15 eine Wasserpfeife mit seinen Freunden rauchen wollte, haben wir ein langes Gespräch geführt und unsere Regeln neu abgesprochen.
Sie sind aber nicht nur Vater, sondern auch Suchtexperte und Leiter der Suchtpräventionsstelle in Zürich. Wie sollen Eltern reagieren, wenn ihr Kinder kifft? Wir haben zwei Szenarien vorbereitet. Erstens:
Die Eltern erwischen den Sohn, wie er im Garten mit ein paar Freunden einen Joint raucht. Der Junge reagiert mit Verharmlosungen wie: «Alle meine Freunde machen das, ich kiffe nur gelegentlich am Wochenende. Alkohol ist viel schlimmer als Cannabis.»
Das wichtigste und schwierigste ist es jetzt, Ruhe zu bewahren. Vertrauen ist die Basis für alles, was nachher kommt. Viele Eltern haben die Tendenz, sofort ein Referat über die Gefährlichkeit von Cannabiskonsum zu halten im Sinne von «Kiffen zerstört deine Gehirnzellen, du wirst nur noch schlechte Noten schreiben, irgendwann wirst du mit der Polizei Probleme haben.» Gerade dann wäre es wichtig, dem Kind Fragen zu stellen.
Was würden Sie Ihr Kind in dieser Situation fragen?
Nach der Haltung zum Konsum, wie häufig und in welchem Umfeld geraucht wird. Und auch nach den Gründen, warum geraucht wird. Was gefällt dem Kind konkret am Kiffen? Braucht es einen Joint, um sich abzulenken. Zum Beispiel, wenn es eine schlechte Note geschrieben hat? Eltern sollten Probierkonsum aber auch nicht sofort mit Abhängigkeit gleichsetzen. Es geht darum zuzuhören, das Kind zu verstehen. Oft stecken hinter dem Cannabiskonsum auch ganz andere Themen.
Anzeichen, dass Ihr Kind kifft
Wie merken Sie, ob Ihr Kind kifft? Die folgenden körperlichen Symptome und Verhaltensmerkmale deuten darauf hin, dass Ihr Kind vielleicht Cannabis konsumiert.
Körperliche Anzeichen:
geweitete Pupillen und gerötete Augenhaut, Heisshungerattacken, Müdigkeit
Anzeichen Beziehungsebene:
Wechsel oder Abbruch von Freundschaften, Isolation
Anzeichen Verhaltenseben:
zunehmende Teilnahmslosigkeit, abfallende Leistungen in der Schule, Vernachlässigung der Hobbies
Zum Beispiel?
Überforderung in der Schule. Oder Ängste. Die heutige Elterngeneration ist oft gut informiert, auch über Themen wie Krisen in der Adoleszenz. Wenn nicht, sollte der erste Schritt sein, sich über Cannabiskonsum zu informieren. Dann können Eltern auch sachlich argumentieren. Wenn der Sohn beispielsweise sagt: «Aber alle kiffen!», können sie sich auf eine der zahlreichen Studien beziehen und entgegen: «Aber schau mal, 70 Prozent der 15-Jährigen haben noch nie gekifft.»
Was sind Symptome dafür, dass ein Kind regelmässig Cannabis konsumiert?
Problematischer Cannabiskonsum kann sich auf verschiedenen Ebenen zeigen: der Verhaltensebene, der Beziehungsebene, der Gefühlsebene und der körperlichen Ebene. Körperlich kann sich Problemkonsum so zeigen: Jemand hustet chronisch, leidet an Müdigkeit, hat gerötete Augen oder Heisshungerattacken. Auf der Verhaltensebene kann das zum Beispiel Gleichgültigkeit, Unzuverlässigkeit oder die Vernachlässigung der Körperpflege bedeuten. Auf der Beziehungsebene kann sich das so äussern, dass sich das Kind nur noch mit Freunden trifft, die auch dieselbe Substanz konsumieren. Auf der Gefühlsebene kann es ein emotionaler Rückzug sein, das, was Eltern als «Abblocken» empfinden. Häufen sich solche Zeichen, sollten sich Eltern professionelle Hilfe holen. Aber Achtung – alle in Zusammenhang mit Cannabiskonsum auftretenden Symptome können auch andere Ursachen haben.
Was raten Sie bei Szenario 2?
Der Vater bemerkt, dass seine Tochter immer ruhiger und lustloser wird und sich oft zurückzieht. Er hat den Verdacht, dass sie kifft. Wie soll er auf sie zugehen?
Er sollte den Dialog suchen, Fragen stellen, sich selbst informieren. Er sollte nicht zu schnelle Schlussfolgerungen ziehen. Das sage ich jetzt auch als Vater: Es ist nicht immer möglich, mit den eigenen Kindern alles auszudiskutieren. Auch wenn ich mir gewünscht habe, so offen wie möglich mit meinen Kindern über Drogen und Sexualität zu sprechen – man muss als Vater und Mutter respektieren, dass man nicht zu jedem Thema ein Gesprächspartner sein kann.
Was können Eltern tun, wenn das Kind abblockt?
Dann müssen Eltern jemanden in der Familie oder im Bekanntenkreis suchen. Idealerweise ist es jemand aus dem Freundeskreis des Kindes. Eine Ansprechperson, die beim Kind nicht auf Widerstand stösst. Vielleicht die Gotte oder der Götti? Grundsätzlich sollten Eltern anerkennen, dass Kinder, genauso wie die Erwachsenen, ein Bedürfnis nach aussergewöhnlichen Körper- und Bewusstseinszuständen haben. Wenn sie das bejahen, können sie auch darüber sprechen, wie man diesen Zustand erreicht. Psychoaktive Substanzen wie Cannabis sind nur eine der Möglichkeiten. Andere erreichen diesen Zustand beim Sport, in einer Beziehung oder beim Lesen. Es fängt schon bei kleinen Kindern auf der «Gigampfi» an, beim Hin- und Herschaukeln. Ich zum Beispiel mache gerne Skitouren. Dieses Anerkennen bringt manchmal schon eine Entspannung in die Diskussion mit Kindern ein. Ich finde es auch sehr wichtig, dass Eltern zu ihren Kindern eine gute Beziehung aufbauen und aufrecht erhalten. Gerade bei sensiblen Themen ist eine vertrauensvolle Beziehung das A und O.
Ab wann wird Kiffen gefährlich?
Diese Tabelle hilft bei der Einschätzung, ob ein problematisches Suchtverhalten vorliegt und ob professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden sollte.
|Typen des Konsums||Kontext des Nutzens/Gebrauchs||Konsumierte Menge||Konsum Häufigkeit|
|experimentell/gelegentlich||Neugier||variabel||ein paar Mal im Leben|
|Risikoarmer Konsum||Zur Entspannung in der Freizeit, vor allem am Abend und in Gruppen||Ein paar Joints, weniger als ein Gramm/Monat||ein paar Mal/Monat|
|Problematischer oder riskanter Konsum||in der Freizeit und beruflich; vor der Arbeit oder Schule. Alleine, morgens und unter 16 Jahren||Zwischen 0,1 und 1 Gramm/Tag||ein paar Mal/Woche, abends, besonders intensiv am Wochenende|
|exzessiv/masslos||Berufliche und persönliche Probleme||Mehr als 1 Gramm/Tag||Mehrmals/Tag|
Nicht immer bleibt es beim gelegentlichen Cannabiskonsum. Wann sollten Eltern professionelle Unterstützung suchen?
Eine Abhängigkeit zu therapieren ist schwierig. Eltern sollten deshalb so früh wie möglich intervenieren und nicht zulassen, dass sich ein Suchtverhalten entwickelt. Wichtig ist: Eltern können ihre Kinder nicht therapieren, sie können nur entscheiden, ob sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Vor der Entscheidung hilft es oft, sich mit Bezugspersonen des Kindes auszutauschen, wie mit Lehrern oder Sporttrainern zu sprechen. Aber nicht Cannabiskonsum-zentriert, sondern mit Fragen wie: «Wie nehmen sie unser Kind wahr? Haben sie eine Veränderung an unserem Kind bemerkt?»
Zur Person
René Kostka arbeitet seit 1996 als Projektleiter bei der Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich. Hier leitet er u.a. Kurse für Jugendliche mit einer Verzeigung wegen Cannabiskonsum. Neben seiner 60-Prozent-Anstellung arbeitet René Kostka auch als selbstständiger Psychotherapeut.