Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03390.jsonl.gz/1282

Beginnen wir mit einer Begriffserklärung: In der Antike bezeichnet das Wort "Olympiade" einen Zeitraum von vier Jahren. Der Zeitraum beginnt mit dem Start der Olympischen Spiele und endet mit der Eröffnung der nächsten Spiele. Laut Überlieferung finden die ersten Spiele im Jahr 776 v. Chr. in Olympia statt. Solche Festspiele sind aber schon aus früheren Kulturen bekannt, wie etwa aus der mykenischen Zeit. Ähnlich ist es bei den Wissenschafts-Olympiaden in der Schweiz: Sie reihen sich in eine ältere Tradition von Wettbewerben ein.
Spiele und Götter
Ein Fest zu Ehren der Götter: Das sind die Wettbewerbe damals in der Antike. Die Menschen sind überzeugt, dass die olympischen Götter um den Göttervater Zeus bei den Festessen und Wettkämpfen anwesend sind. Damit sie bei den Opferritualen keine Gottheit vergessen, haben sie den Ablauf genaustens definiert. Zu Beginn ist der Sport nur eine von vielen Disziplinen. Ebenso wichtig waren Wettkämpfe für Sänger und Musiker, aber auch Theaterspiele und Aufführungen. In der Schweiz gibt es zwar keine Theater- oder Literatur-Olympiade. Doch die Vielzahl an Disziplinen ist ein Merkmal, das sich schon in der Antike finden lässt.
Antike Wettkämpfe: Nicht nur in Olympia
Obwohl die Spiele von Olympia noch heute die bekanntesten antiken Wettkämpfe sind, gibt es daneben zahlreiche grössere und kleinere solcher Anlässe. Die Wichtigsten lassen sich in zwei Gruppen aufteilen: die Panathenäischen und die Panhellenischen Spiele. Zu den Panhellenischen Spielen gehören neben den Olympischen Spielen in Olympia noch drei weitere: die Pythischen Spiele in Delphi, die Nemeischen Spiele in Nemea sowie die Isthmischen Spiele in Isthmia, nahe der Handelsstadt Korinth. All diese Veranstaltungen sind einer bestimmten Gottheit gewidmet.
«Zu Beginn ist der Sport nur eine von vielen Disziplinen. Ebenso wichtig waren Wettkämpfe für Sänger und Musiker, aber auch Theaterspiele und Aufführungen.»
Serie Spiel: Das Spiel verbindet alle Olympiaden miteinander. In unserer Serie gehen wir der Frage nach, warum Spielen wichtig ist fürs Lernen. Wir treffen Teilnehmende und eine Forscherin, die liebend gerne spielen. Und wir klären die Frage, welches das beliebteste Olympiaden-Spiel ist. Zudem finden wir heraus, weshalb Legos nützlich sind, um Organisationen weiterzubringen. Und wir schauen zurück: Wie viel von den Olympischen Spielen steckt in den Wissenschafts-Olympiaden?
Die Spiele und ihre mythische Herkunft
Die Panathenäen finden in Athen statt, zu Ehren der Stadtgöttin Athena. Die Pythischen Spiele sind Apollon gewidmet. Laut Mythos soll Apollon die Schlange Python getötet haben. Die hellseherischen Fähigkeiten, die man der Schlange zuschreibt, übertragen sich über ihr Blut auf den Ort Delphi. Damit begründet Apollons Akt auch gleich das Orakel von Delphi. Der Halbgott Herakles gilt als Begründer der Nemeischen Spiele. Er widmet das Fest seinem Vater Zeus. Dies, nachdem Herakles, den nemenischen Löwen mit blossen Händen erwürgt, weil dieser durch Waffen nicht zu besiegen ist. Die Isthmischen Spiele sind dem Meeresgott Poseidon und dem Hafengott Palaimon gewidmet. Hier gibt es seit dem 11. Jahrhundert v. Chr. einen Kultort des Poseidons.
Mit den Olympischen Spielen ehren die Menschen der Antike den Göttervater Zeus. Olympia kennt bereits eine längere kultische Tradition. Mit der Einführung der Spiele gewinnt der Ort an Bedeutung. Die Menschen beginnen, Tempel zu bauen, sie errichten Altäre und Statuen. Besonders bekannt ist die 13 Meter hohe Statue des Zeus aus Gold und Elfenbein. Sie gehört zu den sieben Weltwundern der Antike.
«Anders als heute stehen die antiken Olympischen Spiele keinesfalls allen offen. Nur frei geborene, griechische Männer dürfen teilnehmen, den unzähligen Sklaven ist die Teilnahme verboten.»
Unterschiedliche Spiele, unterschiedliche Disziplinen
An den verschiedenen Spielen gibt es eine Vielzahl von Disziplinen zu bewundern, die zwischen den einzelnen Anlässen durchaus variieren. Bei den allerersten Olympischen Spielen im Jahr 776 v. Chr. gibt es einen einzigen Wettkampf: den Wettlauf über die Länge des Stadions (ca. 192 Meter). Mit der Zeit kommen weitere Disziplinen hinzu, wie Ringkampf, Faustkampf und der Fünfkampf (Pentathlon: Speer, Diskus, Sprung, Lauf und Ringen). Pferderennen gehören ebenso dazu wie musische Wettkämpfe. Ganz anders sieht es bei den Pythischen Spielen aus: Bevor es auch um Sport geht, gibt es zunächst nur Gesangswettbewerbe. Bei den Isthmischen Spielen stehen die Pferdewettkämpfe im Vordergrund, während bei den Nemeischen Spielen zunächst nur Sport und Pferderennen stattfinden, bevor musische Wettbewerbe hinzukommen.
<iframe allowfullscreen frameborder="0" height="360" src="https://www.youtube.com/embed/iihHZI5f8mw" width="550"></iframe>
Sky hat bei der Physik-Olympiade mitgemacht. Er wäre an den Olympischen Spielen der Antike nicht am falschen Ort gewesen: Damals gab es an den Olympiaden auch musische Wettkämpfe.
Teilnehmer und Schlupflöcher
Anders als heute stehen die antiken Olympischen Spiele keinesfalls allen offen. Nur frei geborene, griechische Männer dürfen teilnehmen, den unzähligen Sklaven ist die Teilnahme verboten. Bei den Frauen gibt es verschiedene Regeln: Anfangs dürfen verheiratete Frauen nicht als Zuschauerinnen dabei sein. Je grösser die Spiele werden, desto weniger lässt sich diese Regel jedoch durchsetzen, Frauen sind jetzt also Teil des Publikums. Teilnehmerin zu sein, ist jedoch weiterhin unmöglich. Auch verkleiden funktioniert nicht, da alle Wettbewerbe nackt ausgetragen wurden. Ein Schlupfloch aber gibt es: Wohlhabende Frauen können ihre Pferde für die Spiele anmelden. Gewinnen diese bei den Rennen, gilt die Besitzerin als Olympiasiegerin, nicht das Pferdegespann mit Wagenlenker oder Reiter. Olympiasiegerinnen gibt es daher bereits seit der Antike.
«Während der Dauer der Olympischen Spiele gilt Waffenstillstand.»
Die Olympischen Spiele: Mittelpunkt des öffentlichen Lebens
Die antiken Olympischen Spiele haben eine enorme Bedeutung für die Gesellschaft damals. Dies hängt primär damit zusammen, dass sie untrennbar mit den griechischen Göttern verbunden sind, die das gesamte öffentliche Leben prägen. Ein Zeichen dafür, wie wichtig die Spiele sind, ist die Zeitrechnung: ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. etabliert sich die Zeitrechnung, die sich an den Olympiaden orientiert und im gesamten griechischen Raum gilt.
Zeitrechnung: Eine Olympiade umfasst vier Jahre und es wurde ab der ersten Olympiade im Jahr 776 v. Chr. gezählt. Die Jahre innerhalb des Vierjahreszyklus orientierten sich ebenfalls an den Olympischen Spielen, die jeweils im ersten Jahr einer Olympiade stattfanden. Mit folgender Formel können wir die Olympiaden-Zeitrechnung in unsere Zeitrechnung umwandeln: 780 minus die Nummerierung mal 4. Zum Beispiel entspricht das erste Jahr der 109. Olympiade unserem Jahr 344 v. Chr., da 780 – 109 x 4 = 344. Will man das dritte Jahr der 109. Olympiade kennen, zählt man einfach von 344 runter und erhält 342 v. Chr.
An einem weiteren Punkt wird die gesellschaftliche Bedeutung noch deutlicher. Während der Dauer der Olympischen Spiele gilt der Waffenstillstand. Die Städte und Machthaber müssen ihre kriegerischen Aktivitäten einstellen, damit die Olympischen Spiele in Frieden stattfinden können. Drei Herolde werden von Olympia aus in die gesamte griechische Welt verschickt: Sie verkünden den Waffenstillstand, teilen die genauen Daten der Spiele mit und laden die Bewohner der verschiedensten Gebiete zum Anlass ein. Der Waffenstillstand dauert ursprünglich einen Monat, wird aber im Lauf der Zeit auf zwei und dann auf drei Monate verlängert, um den Besuchern aus weit entfernten Gebieten eine sichere Anreise zu ermöglichen. Den teilnehmenden Staaten war es verboten, Krieg zu führen oder Todesstrafen zu vollstrecken. Wer den Waffenstillstand brach, wurde mit einer hohen Geldstrafe belegt. Sogar Alexander der Grosse musste einem Athener eine Entschädigung zahlen, weil dieser auf dem Weg nach Olympia von Soldaten Alexanders ausgeraubt worden war.
«Sowohl damals als auch heute steht nicht nur der Wettkampf im Mittelpunkt. An den Olympiaden tauschen Menschen ihr Wissen und ihre Erfahrungen aus und geben sie weiter.»
Wissenschafts-Olympiade und Olympische Spiele
Die antiken Olympischen Spiele mit den Schweizer Wissenschafts-Olympiaden zu vergleichen, ist sicherlich schwierig. Ein kurzer Versuch lohnt sich trotzdem: Die Wissenschafts-Olympiaden von heute sind definitiv inklusiver. Zudem finden sie regelmässiger statt und beinhalten keine sportlichen Wettkämpfe. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten: Zum Beispiel der Wettbewerbsgeist. Beide Wettbewerbe zielen darauf ab, Talente zu versammeln und sie in einem fairen Wettkampf gegeneinander antreten zu lassen.
Weiter gibt es schon in der Antike zahlreiche Disziplinen, die an unterschiedlichen Orten im griechischen Raum ausgetragen wurden, ähnlich wie bei den Wissenschafts-Olympiaden, die sich mit ihren verschiedenen Fächern über die gesamte Schweiz verteilen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Förderung von Bildung und Wissen. Sowohl damals als auch heute steht nicht nur der Wettkampf im Mittelpunkt. Die Olympiaden waren und sind eine Möglichkeit für Menschen, ihr Wissen und ihre Erfahrungen auszutauschen und weiterzugeben. Zu guter Letzt fördern sowohl die antiken Olympiaden als auch die Wissenschafts-Olympiaden den Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher Hintergründe und Herkünfte.
Zum Autor: Dominic Schmid ist Olympiaden-Koordinator und Historiker. Er freut sich auf deine Rückmeldungen.
Links: