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| Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer

Zwölfte Homilie.
I.
Kap. VII.
1. 2. 3. Denn dieser Melchisedech, König von Salem, Priester des höchsten Gottes, der dem Abraham, als Dieser von der Niederlage der Könige zurückgekehrt war, entgegen kam und ihn segnete, dem auch Abraham den Zehnten gab von Allem, der für’s Erste gedolmetschet wird König der Gerechtigkeit, dann aber auch König von Salem ist, das ist König des Friedens, der ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlechtsregister weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens hat, ward dem Sohne Gottes ähnlich gemacht (ähnlich dargestellt) und bleibt Priester in Ewigkeit.
Weil Paulus den Unterschied des alten und neuen Testamentes zeigen will, streut er hiezu an vielen Stellen gleichsam den Samen aus und trifft die Einleitung, prüft die Ohren der Zuhörer und übt sie. Denn gleich im [S. 198] Anfange (des Briefes) legt er hiezu den Grund, indem er sagt, daß Gott zu Jenen durch die Propheten, zu uns aber durch den Sohn gesprochen habe, „zu Jenen mannigfaltig und auf vielerlei Weise durch die Propheten, zu uns aber durch den Sohn.“ Nachdem er dann in Bezug auf den Sohn besagt hatte, wer er sei, und was er gewirkt habe, und zum Gehorsame gegen ihn ermuntert hatte, damit wir nicht gleich den Juden heimgesucht würden; nachdem er ferner erklärt, daß er ein Hoherpriester nach der Ordnung des Melchisedech sei und, um in diesen Unterschied einzugehen, viele Einleitungen getroffen, auch sie ob ihrer Schwäche getadelte dann wieder, um ihr verletztes Gemüth zu heilen, neues Vertrauen eingeflößt hatte: führt er endlich, nachdem ihre Ohren hinlänglich gekräftiget waren, die Gründe des Unterschiedes wirklich an; - ist ja der Niedergebeugte zum Hören nicht leicht geneigt. Damit du dich davon überzeugest, vernimm, was die heilige Schrift sagt: „Aber sie hörten den Moses nicht vor Angst des Herzens.“1 Nachdem er daher ihre Zaghaftigkeit durch viele erschütternde und beruhigende Worte verbannt hatte, geht er nun wirklich zur Begründung des Unterschiedes über. Und was sagt er? „Denn dieser Melchisedech, König von Salem, Priester des höchsten Gottes.“ Zu verwundern ist es, daß er an dem Vorbilde eine große Verschiedenheit zeigt; denn, wie schon gesagt, sucht er immer aus dem Vorbilde die Wahrheit und aus der Vergangenheit die Gegenwart glaubhaft zu machen, und zwar der Schwäche der Zuhörer wegen. „Denn dieser Melchisedech,“ sagt er, „König von Salem, Priester des höchsten Gottes, der dem Abraham, als Dieser von der Niederlage der Könige zurückgekehrt war, entgegen kam und ihn segnete, dem auch Abraham den Zehnten gab von Allem.“ Nachdem er in Kürze die ganze Erzählung gegeben, unterbreitet er diese einer [S. 199] mystischen Betrachtung und zwar vorerst in Bezug auf den Namen. „Der für’s Erste gedolmetscht wird König der Gerechtigkeit.“ Richtig; denn „Sedech“ heißt Gerechtigkeit und „Melchi“ König; daher ist „Melchisedech ein König der Gerechtigkeit“. Siehst du also die Genauigkeit auch in Bezug auf die Namen? Wer ist aber ein König der Gerechtigkeit, wenn nicht unser Herr Jesus Christus? Dann heißt er auch König von „Salem“, von der Stadt so genannt, d. h. König des „Friedens“; denn so erklärt man das Wort „Salem“. Dieß paßt wieder auf Christus; denn Dieser hat uns die Gerechtigkeit verliehen und Allem, was im Himmel und auf Erden sich findet, den Frieden geschenkt. Welcher Mensch ist aber denn ein König der Gerechtigkeit und des Friedens? Kein Anderer als nur allein unser Herr Jesus Christus. Dann führt er noch einen anderen Unterschied an mit den Worten: „Der ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlechtsregister weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens hat, ward dem Sohne Gottes ähnlich gemacht (dargestellt) und bleibt Priester in Ewigkeit.“ Da ihm nun die Worte entgegenstanden: „Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedechs,“ und da Dieser gestorben und nicht Priester in Ewigkeit war, so schaue, wie er Dieß aufgefaßt hat! Damit ihm Niemand den Einwurf machen könne: Wer kann Dieß von einem Menschen behaupten? gibt er zur Antwort: Ich spreche hier nicht von der Sache selbst, sondern: Wir wissen nicht, welchen Vater oder welche Mutter er gehabt, noch, wann er geboren oder wann er gestorben ist. Und was soll denn Das? Hat er denn deßhalb, weil wir es nicht wissen, den Tod nicht gesehen oder keine Eltern gehabt? Du hast Recht; er ist gestorben und hatte Eltern. Wie war er denn „ohne Vater und ohne Mutter“? Wie hatte er denn weder „Anfang der Tage noch Ende des Lebens“? Wie? Weil in der Schrift davon Nichts erwähnt wird. Was soll Das heissen? Daß, so wie Dieser ohne Vater war, weil er kein [S. 200] Geschlechtsregister (in der heiligen Schrift) hat, in Bezug auf Christus dasselbe Verhältniß in der Wirklichkeit bestand.
1: Ex 6,9