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Pedro Lenz über einen Trainer mit Pechsträhne
Rafa Benítez ist ein interessanter Typ. Er trägt ein längst aus der Mode geratenes Kinnbärtchen und schlecht geschnittene Anzüge. Er wirkt recht unsportlich, und offenbar hat er chronische Schmerzen in der Hüfte, denn wenn er geht, sieht es aus, als würde die ganze Welt ein bisschen schwanken.
Als Kind hatte Benítez den Traum, einmal für seinen Herzensverein Real Madrid aufzulaufen. Der Traum blieb ihm vorerst verwehrt, weil ihm das nötige Können oder das nötige Glück fehlte. Benítez sah bald ein, dass sein spielerisches Talent nicht ausreichte. Statt bis zum Karriereende in unteren Ligen über ungepflegte Rasenflächen zu stolpern, liess er sich schon in jungen Jahren zum Trainer ausbilden. Fortan träumte er davon, zumindest einmal im Leben die Stars von Real Madrid zu trainieren. Erste Erfahrungen sammelte er in der Jugendabteilung von Real. Und selbst ein paar frühzeitige Entlassungen bei seinen ersten Trainerstationen im Profifussball brachten den Mann, der es unbedingt ganz nach oben schaffen wollte, nicht aus dem Konzept.
Nachdem er einige Jahre bei bescheidenen Klubs wie Valladolid, Osasuna, Extremadura oder Teneriffa mit bald mehr und bald weniger Erfolg gearbeitet hatte, erhielt Benítez im Jahr 2001 die Chance, den FC Valencia zu führen. Ziemlich überraschend gewann er mit Valencia zweimal die spanische Meisterschaft und einmal den Uefa-Cup. Ausserdem erreichte er mit Valencia den Final der Champions League.
Die spektakulären Erfolge in Valencia machten den Madrilenen international bekannt. Er wurde beim legendären FC Liverpool verpflichtet und führte das Team von der Anfield Road, das seit vielen Jahren nichts Grosses mehr gewonnen hatte, zum Gewinn der Champions League 2005. Als er einmal an einer Pressekonferenz erklären wollte, die Wahrheit im Fussball liege auf dem Spielfeld, gelang ihm die Aussprache des Wortes «Pitch» für Spielfeld nicht recht. Statt «Pitch» sagte er «Bitch». Seither geniesst Benítez bei den Liverpool-Fans Kultstatus. Und auch er selbst ist derart in die Stadt am Mersey vernarrt, dass er seinen dortigen Hauptwohnsitz nie mehr aufgegeben hat. Selbst als er später in London, Mailand oder Neapel arbeitete, blieb seine Familie in Liverpool.
Im letzten Sommer erfüllte sich für Rafa Benítez endlich der ganz grosse Traum. Real Madrid verpflichtete ihn als Cheftrainer. Aber der Fussballlehrer, der in Valencia, Liverpool und zuletzt bei Napoli allseits gerühmt worden war, kam ausgerechnet in Madrid nicht richtig auf Touren. Seit Benítez’ Amtsantritt klebte dem weissen Ballett das Pech an den Schuhen. Nichts schien bei Real Madrid spielerisch zusammenzupassen. Und mit jedem Spiel, das nicht so lief, wie es sich die Fans und der Präsident von Real vorgestellt hatten, näherte sich der Tag seiner Entlassung.
Trainerentlassungen sind im Fussball bekanntlich nichts Aussergewöhnliches. Aussergewöhnlich war allerdings das lange Leiden von Benítez. Da der Präsident ihn noch vor wenigen Wochen als Idealbesetzung und fantastischen Strategen gerühmt hatte, hielt er viel zu lange am Trainer fest, der seinen Kredit längst verspielt hatte. So stolperte Benítez in den letzten Wochen von Pressetermin zu Pressetermin, um immer wieder die Frage zu beantworten, wie lange er wohl noch im Amt bleibe. Die Spieler und die Fans nahmen ihn nicht mehr ernst. Und er selbst konnte seine Situation mit immer neuen Durchhalteparolen auch nicht verbessern. Wie ein angezählter Boxer mogelte er sich von Runde zu Runde, weil er nicht einsehen wollte, dass er keine Chance mehr hatte. Seine berufliche Situation war unerträglich geworden, aber Rafa Benítez kratzte sich am Bärtchen und hielt sich schwankend am Traum seiner Kindheit fest.
Am letzten Montag wurde er endlich freigestellt. Es dürfte ihm wie eine Befreiung vorgekommen sein.
Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Er hat grossen Respekt vor Boxern und Fussballtrainern mit Nehmerqualitäten.