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Viele Jugendliche interessieren sich kaum noch für die Religion und bezeichnen religiöse Gemeinschaften gar als «out». Nicht nur das Christentum ist davon betroffen. Laut einer Statistik von Statista ist die Konfessionslosigkeit ab dem letzten Jahrhundert um 11.3% der Weltbevölkerung gestiegen. Doch weshalb stösst vor allem das Christentum in den neueren Generationen auf einen solch grossen Widerstand?
Es ist 09:00, die Kirchenglocken läuten durch das Dorf. Der Nebel schleicht sich beinahe unscheinbar durch die Strassen. Auf den Strassen wiederum: Niemand. Nicht ein einziges Auto, welches sich den Weg durch die Häuser bahnt. Es scheint fast so, als wäre das gesamte Dorf noch vollkommen im Tiefschlaf. Siehe da: Nichtsdestotrotz schlendert ein älteres Pärchen auf dem Trottoir entlang in Richtung Dorfkirche. Schaut man in die Kirchen, sieht man schnell, dass der Altersdurchschnitt sehr hoch ist. Doch wo bleiben eigentlich die Jungen?
Die «Ich-Gesellschaft»
Wie der englische Poet Phineas Fletcher einmal sagte, «The way to god is by our selves». Laut dem wissenschaftlichen Buch «Religion und Spiritualität in der Ich-Gesellschaft» von der SPI kann der Mensch in der heutigen Zeit die verschiedensten Aspekte des Lebens selbst entscheiden, so selbstständig, wie noch nie zuvor. Wie beispielsweise die schulische Ausbildung und der eigene Bildungsweg, seine politische Einstellung, das ökonomische und ökologische Verhalten, sowie betreffend des Lebensstils die Sexualität und die Religion. Die Entscheidungsfreiheit in den verschiedenen Bereichen fiel noch nie so gross aus wie in den letzten Jahren. Der Mensch hat also auch mehr Verantwortung und hat vor allem mehr Schwierigkeiten zu bewältigen und zu erleben. Aus dieser Situation ergab sich dann die sogenannte «Ich-Gesellschaft».
Kulturelle Revolution
Ein grosser Teil der Antworten auf die Frage, wie denn so eine «Ich-Gesellschaft» überhaupt entstehen konnte, basiert sich auf der Theorie einer kulturellen Revolution in den 1960er Jahren. Auch darunter zu verstehen ist, dass sich die Menschheit in diesen Jahren langsam von den Autoritäten aller Art verabschiedete. Dies geschah aufgrund des Wirtschaftswunders 1945 bis 1973 und wurde auch ein wenig von der Aufklärung vom 18. Jahrhundert geprägt. Einfacher vergleichen kann man es so: Vor dieser kulturellen Revolution hatten die Menschen dieselben, identitären Merkmale, welche sich dann in den Jahren des Wirtschaftswunders veränderten und die Menschen begannen, individueller und eigenständiger zu denken.
Auch das Christentum und alle anderen Religionen, ganz besonders die monotheistischen, also die Religionen, bei denen es nur einen Gott gibt, wurden als sehr autoritär angesehen. Somit wurde insbesondere das Christentum nicht mehr zum pflichtigen Teil des Lebens zugehörig, sondern wurde immer mehr in den Bereich der Freizeit abgedrängt. Dort musste die Religion mit anderen Formen von Freizeitbeschäftigungen oder Selbstentfaltungen konkurrieren.
Der Mensch im Zentrum
Nach der kulturellen Revolution setzte sich die religiöse Individualisierung, sowie auch die Konsumorientierung durch. Um das oben erwähnte einfacher zusammenzufassen, hat sich der Mensch sozusagen selbst in den Mittelpunkt gerückt und sieht sich so als allerletzte Autorität, besonders in Fragen der Religion. Bildlich beschrieben, wie vor der Kenntnis durch Galileo Galilei, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht anders herum. Damals, was auch heute noch stark zu bemerken ist, drehte sich alles um den Menschen und alles, was «vorgeschrieben» wurde oder wird, musste oder muss immer noch direkt bekämpft werden.
Wie sieht die Zukunft des Glaubens aus?
Die Zeit der Aufklärung oder die Zeit nach dem 2. Weltkrieg, in der eben diese kulturelle Revolution stattfand, gelten als die glorreichsten Epochen der Zeitgeschichte. Nach der Reformation des Christentums, wurden die ersten demokratischen Staaten geschaffen, Wirtschafts- und Geldsysteme fanden ihren Durchbruch, später im 20. Jahrhundert wurde der Nationalsozialismus weitläufig besiegt, Staatenbündnisse wurden gegründet, in Europa kehrte Frieden ein und die Welt öffnete sich und liess die Globalisierung zu wie auch die rasant schnell wachsenden technischen Fortschritte. Doch wo findet heute das Christentum den Platz, nach all den erreichten Fortschritten und Zeiten des zunehmenden Wohlstands?
Tatsache ist, dass die Kirche nicht mehr die unterdrückende, mit harter Hand regierende Herrschaftsform ist, wie sie es im Mittelalter vor der Reformation war. Martin Luther hat die Kirche und das gesamte Christentum, protestantisch wie katholisch, reformiert. Die Kirche ist keine autoritäre Macht mehr, die den Menschen etwas vorschreibt und ist ebenfalls nicht mehr von «konservativ-orientierten Menschen» geprägt. Die Kirche ist offen und hilft da, wo sie nur kann. Sie hilft nicht nur Christen, sie hilft Juden, Muslimen, Atheisten und Menschen von überallher gleichermassen.
Wie sähe die Welt ohne Glaube aus?
Die gläubigen Menschen finden in ihrer Religion eine Art von Hoffnung und Glaube, nach dem Tod nicht einfach fort zu sein, sondern, wenn sie gute Taten vollbringen, ein anderes, ewiges Leben zu erhalten, um ihrem Schöpfer möglichst nahe zu sein. Die Menschheit braucht jede einzelne Religion auf dieser Welt, um zusammen, nicht alleine, Grosses zu erreichen und den Frieden zu fördern. Ohne Glaube hätte die Menschheit nichts, woran sie sich festhalten kann, woran sie hoffen und vertrauen kann.
Fachmann I+D in Ausbildung, Schreiberling: Auf tize.ch in der Donnerstagsausgabe zu finden, sowie auf schreibdichfrei.net unter dem Pseudonym „Nederlandfreak“.