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Mit ihrer Art des Erzählens schuf Trudi Gerster soziale Räume, in die man sich bis heute gern begibt. Auch den realen politischen Raum prägte sie mit – als Politikerin, Alleinunternehmerin, Matriarchin.
Es war einmal ein kleines Mädchen mit neugierigen Augen, blondem Haar und einer etwas gross geratenen Nase im runden Gesicht – es hiess Trudi. Von der Mutter fühlte es sich nicht sonderlich geliebt, vom Vater hingegen auf Händen und mit Stolz getragen. Das Lesen lernte Trudi, bevor sie zur Schule ging. Sie unterhielt Mädchen und Buben im Quartier, indem sie stundenlang ihre Lieblingsmärchen vorlas.
Mit unverkennbarem Ostschweizer Dialekt und einer virtuos variierbaren, sonoren Stimme charakterisierte die Märchentante, wie wir sie nannten, ihre Protagonisten: Sie verlieh den Tieren wie auch den bösen und den liebenswerten Figuren ihre Individualität. Trudi Gerster, 1919 geboren und vergangene Woche gestorben, ist längst als Märchenkönigin in den Adelsstand erhoben worden.
Noch als 88-Jährige tourte sie mit ihrem Programm «Märchen für Erwachsene» (Grimm-Märchen im Business-Slang) zusammen mit Polo Hofer, Michael von der Heide und Timmermahn 2007 durch die Schweiz und begeisterte Grosseltern, Eltern, Tanten und Onkel in ausverkauften Häusern. Gerster hat mit ihren Märchen viel erreicht. Für die Interpretation der Geschichte des Peter Pan erhielt sie die Auszeichnung der Vereinigung zur Förderung der Schweizer Jugendkultur, 2005 wurde sie mit dem Prix Walo für ihr Lebenswerk geehrt.
Kulturell und politisch engagiert
Trudi Gerster war eine der ersten Frauen, die in Basel 1968 in den Grossen Rat gewählt wurden. Ihre Popularität hatte ihr eine Kandidatur auf der Liste des Landesrings der Unabhängigen und postwendend den Sitz im Rathaus gesichert. Zwölf Jahre lang hat sie sich als Grossrätin betätigt. Anfänglich litt sie unter dem Image der «Märchentante», wurde auch als alleinerziehende Mutter einer Tochter und eines Sohns nicht immer ernst genommen – bis auch dem Parlament klar wurde, dass hier eine vielseitig engagierte, rhetorisch höchst versierte Frau hartnäckig am politischen Werk war. Schon früh setzte sie sich für die Umwelt ein. So geht etwa das Baumschutzgesetz in Basel auf ihre Initiative zurück. Sie plädierte für mehr Transparenz der Kultursubventionen, namentlich beim Stadttheater Basel.
Eigentlich hatte Trudi Gerster nach der Matura Theologie studieren wollen, doch es kam anders: An der Landesausstellung 1939 in Zürich wurde sie sozusagen über Nacht zur Märchenfee der Nation. Am Seerosenteich der «Landi» zog sie Kinderscharen in den Bann ihrer Erzählkunst. So konnte sie sich mit einem Lohn von 250 Franken Schauspiel- und Gesangsstunden finanzieren. Doch nach nur einem Jahr an der Schauspielschule warben diverse Theater in der Schweiz und in Deutschland um ihr Engagement. Der Grundstein für eine märchenhafte Karriere war gelegt.
Generationen sind seither Trudi Gerster am Radio, bald auch am Fernsehen und immer wieder auf der Bühne zu Füssen beziehungsweise zu Ohren gelegen. «Bibelgeschichten», sagte Trudi Gerster über ihr letztes grosses Projekt, «sind den Kindern hier leider viel zu wenig bekannt.» Grund genug für sie, längst vergessene Geschichten aus dem Alten Testament zugänglich zu machen. Wichtig dabei sei, dass die Geschichten sprachlich so verfasst würden, dass sie auch problemlos im Dialekt erzählt werden können. Die Idee dazu kam ihr während einer Indienreise: Dort würden die Kinder ihre religiösen und kulturellen Wurzeln sehr viel besser kennen, als es unsere hier im Abendland tun, und dies unabhängig von ihrer sozialen Herkunft.
Erzählen als Begegnung
Trudi Gerster verkörpert nicht nur die Geschichte einer Erzählkunst, die für die deutschsprachige Schweiz einmalig ist. Die kleine, bisweilen resolute Dame faszinierte auch als Persönlichkeit, die sich mit emotionaler Besessenheit und Bestimmtheit für ihre Kunst eingesetzt hat. Und das in einer Zeit, in der die Frauen in der Schweiz noch kein Stimmrecht hatten. Als junge Frau geschieden, alleinerziehend und karrierebewusst – auch für ihre beiden Kinder war das nicht einfach, mussten sie doch immer wieder in die Kameras lächeln. Zwei Ehen hatte Gerster hinter sich, beide gingen in die Brüche. «Happy Ends gibts nur im Märchen», meinte sie einmal lakonisch.
Gedruckte Märchen seien wie Musiknoten, und beim Erzählen komme es auf den Ton an – dies sei ihre Spezialität, meinte sie selbstbewusst. Ihren Erzählungen lag ein fremder Text zugrunde – und doch war Trudi Gerster stets Autorin ihrer Geschichten. Sie war Regisseurin, Darstellerin, Dramaturgin, Bühnen- und Kostümbildnerin in einem. Der Text, den sie sprach, trug den Abdruck ihres Ichs, ihres Temperaments und ihrer Imaginationen. Nie missbrauchte sie dabei die Geschichte zur Selbstdarstellung, sondern trat mit den Zuhörenden in einen Dialog, machte das Erzählen zu einer ästhetischen und sozialen Form der Begegnung.
Barbara Zürcher leitet das Haus für Kunst Uri und hat mit Angelo A. Lüdin den Film «Trudi Gerster. Die Märchenkönigin» (2009) realisiert.