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Wie würdest du dich beschreiben?
Als nichts. Es gibt kein Selbst.
Wie soll man sich an dich erinnern?
Spielt keine Rolle.
Was für Träume hattest du als Kind?
Albträume.
Dramolett. Lebensphilosophie. Pose. Wahrheit. Dialog zwischen einer Filmemacherin und einem alten Mann.
Unbeirrbarkeit zählt zu den vielen Tugenden der Schweizer Regisseurin Sophie Huber. Sie pickelte, hofierte und liess nicht locker, bis sich der 1926 in Kentucky geborene Schauspieler Harry Dean Stanton, mit dem sie seit zwanzig Jahren befreundet ist, auf das filmische Porträt einliess, das jetzt vorliegt: ein seltenes Kleinod von schlichter Schönheit, eine witzige, berührende Verführung zu einer Gedankenfahrt durch jene karge Landschaft, in der sich Kunst und Leben Gute Nacht sagen.
Nach einer dreissigjährigen Karriere als Nebendarsteller engagierte Wim Wenders Harry Dean Stanton als Hauptdarsteller in Paris, Texas (1984), diesem von Sam Shepard geschriebenen Abgesang auf den Western, durchweht von einem existentialistischen Sisyphos-Wind. Mit Wucherbart und rotem Baseball-Cap lässt Wenders seinen Travis in eine Wüste stolpern, die an John Fords Monument Valley erinnert – mit beschwingtem, leicht überdrehtem Gang, die seltsam starren, dunklen Augen auf ein imaginäres Objekt des Begehrens irgendwo am Horizont gerichtet.
Stantons Lebensrolle ist ein grosser Schweiger und Verweigerer, ein amerikanischer Odysseus, der vier Jahre lang herumirrt, bis er zusammenbricht und seinem Bruder in Obhut gegeben wird. Dort trifft er auf seinen kleinen Sohn, dem er sich schrittchenweise annähert. Die Szene, in der Harry Dean Stanton der in einer Peepshow arbeitenden Nastassja Kinski via Zimmertelefon und Einwegfenster die gemeinsame Liebestragödie in der dritten Person erzählt, ist Filmgeschichte. Gibt es ein schöneres Bild für den Abgrund absoluter Nicht-Kommunikation, in dem die tiefste Liebe gipfelt?
Sophie Hubers Dokumentarfilm wirkt wie die Fortsetzung von Paris, Texas. In den kurzen Statements, in denen sich Harry Dean Stanton als «loner» und «womanizer» beschreibt, der sich nie binden mochte. Vor allem aber in seiner geschmeidigen, warmen Stimme, in der noch immer dieses Zittern schwingt, dieses unbestechliche Bleib-nicht-Liegen. Zur Ruhe kommt die Zauberstimme paradoxerweise in dem Dutzend Lieder, die das Herzstück des Filmes bilden. Stanton singt dieselben Country- und Folksongs, die er seit Jahrzehnten bei Live-Auftritten in den Bars von Los Angeles vorträgt, jedoch nie für ein Album aufzeichnen wollte: von klassischen Schnulzen wie «Blue Bayou» und «Tennessee Whiskey» bis zum “Heroin-Song” «Everybody’s talkin’», den wir aus Midnight Cowboy kennen. Oder – ganz ohne den typischen Gringo-Akzent! – die mexikanische «Canción Mixteca», das Heimwehlied par excellence, das er schon für Ry Cooders Soundtrack zu Paris, Texas gesungen hat.
Der renommierte Kameramann Seamus McGarvey (Atonement, Anna Karenina) geht ganz nah heran, füllt die Leinwand mit diesem in hartem Schwarzweiss gefilmten Geschichtengesicht. Mit halb geschlossenen Augen und der tiefen Falte über der Nasenwurzel gibt sich Harry Dean seinen Songs hin, die Stimme zart und zerbrechlich; ab und an greift er zur Mundharmonika, begleitet einzig vom zurückhaltenden Gitarristen Jamie James – so dicht und konzentriert wie die «American Recordings» von Johnny Cash, aber noch reduzierter, viel leichter noch.
Unmittelbar nach den Liedern gelingt es Sophie Huber jeweils am ehesten, die Maske der Sphinx etwas zu lüften und Stanton ein Wort über seine Mutter zu entlocken, die ihm irische Lieder vorsang, über seine schauspielerischen Vorbilder (Montgomery Clift und Marlon Brando, mit dem er eng befreundet war) oder über eine grosse Liebe wie Rebecca de Mornay, die ihm von Tom Cruise (!) ausgespannt wurde.
Um diese musikalische Seelensäule ihres Films herum baut Huber Ausschnitte aus den rund 250 Filmen, in denen Stanton auftrat: Repo Man (1984), Cisco Pike (1972), The Missouri Breaks (1976) oder Alien (1979), wo er als Ingenieur Brett die im Raumschiff verschwundene Katze Jonesy sucht und den avant-goût des Horrors zelebriert. Sie habe keinen «Talking Heads»-Film machen wollen, sagt Huber, die sich viel Zeit nimmt, um ihren Helden in seine Stammbar zu begleiten. Zum Glück hat sie trotzdem eine Handvoll Freunde und Weggefährten über Harry Dean befragt: Wim Wenders und Sam Shepard natürlich, Deborah Harry (Blondie), die einst «I wanna dance with Harry Dean» sang. Eine umwerfende Idee, als Interviewer David Lynch zu verdingen, der Stanton für sechs Filme castete und ihn ursprünglich auch für den monströsen Frank Booth in Blue Velvet vorgesehen hatte, den schliesslich Dennis Hopper spielte. Lynch und Stanton hocken auf dem Sofa, zwischen ihnen feixt ein Plüschhund. «Warst du mal verheiratet?» – «Nein.» – «Wie hast du deine Frau kennengelernt?» – Grinsen.
Ein weiterer alter Kumpel ist der schauspielernde Singer / Songwriter Kris Kristofferson, dessen Lied «Pilgrim, Chapter 33» dem Film den Titel gibt: «He’s a walking contradiction, partly truth and partly fiction, taking every wrong direction on his lonely way back home.» Damit hat Kristofferson sich selbst und einer ganzen Generation von kreativen Querköpfen ein Denkmal gesetzt, die immer entweder «wasted» (betrunken) oder «stoned» (bekifft) waren: Johnny Cash, Waylon Jennings, Dennis Hopper, Harry Dean Stanton.
Harry Dean Stanton: Partly Fiction hat eine erfolgreiche Festivalkarriere um die Welt gestartet: von der Mostra von Venedig über die Solothurner Filmtage ans SXSW in Austin, Texas. Für den «Austin Chronicle» fasste Sophie Huber ihre Erfahrungen mit Stanton so zusammen: «Wenn er in einem Film spielt, spielt er nicht. Wenn er singt, spielt er nicht. Aber im Gespräch spielt er sehr oft. Ich war auf jene Momente aus, wo er keine Rolle spielt. Vor allem wenn er schweigt oder nur einen ganz kurzen Satz sagt.» Das Authentische herauszuarbeiten, ist keine einfache Aufgabe, wenn Melancholie und Humor, Wahrheit und Fiktion verschmelzen. Stanton ist stets auf der Suche nach dem, was übrig bleibt, wenn wir nicht mehr an eine absolute Wahrheit glauben. Der schöne Schein ist es jedenfalls nicht. Schon Nietzsche wusste: «Mit der wahren Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft.» Doch was ist es dann, dieses geheime Zentrum, um das Stantons Schauspielkunst ebenso kreist wie Hubers Porträt? Eine Leerstelle vielleicht, ein Weder-noch; ein unablässiges Horchen; eine Passivität vor jedem Gegensatz zwischen aktiv und passiv; das Dunkel, aus dem erst etwas entsteht.
«Alles ist vergänglich», philosophiert der Schauspieler, der seine Worte wählt und zufrieden lächelt, wenn er etwas auf den Punkt gebracht hat, «alles ist auf der Flucht. Alles geht vorbei. Das ist keine negative Sicht der Dinge. Es ist, was es ist. Eine Befreiung.» Er sagt es mit der heiteren Lässigkeit des Cowboys, der in den Sonnenuntergang reitet.
Doch plötzlich, auf einer der Autofahrten, die Sophie Hubers Film zu einem «road movie» ohne konkrete Stationen machen, ist da wieder dieser Unwille, diese Irritation, als hätte ihn etwas gestochen … als wäre ihm etwas äusserst Beunruhigendes eingefallen. «Die Erde rast mit 17 000 Meilen pro Stunde um die Sonne», sagt Harry Dean Stanton nervös, «und das Schlimmste ist: Ich kann nichts dagegen tun.»