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Wann und wo ich «Fritz the Cat» zum ersten Mal gesehen habe, weiss ich nicht mehr; es ist lange her. Aber ich weiss noch, wie ungeheuer beeindruckt ich von diesem Zeichentrickfilm war – er war so anders als alle Trickfilme, die ich bis dahin jemals gesehen hatte. Eine brachiale Ode an die 60er-Jahre, selbstredend gespickt mit Sex & Drugs & Rock'n'Roll, aber auch mit Gewalt und Blut. 1972, vor 50 Jahren, erschien der impertinente Kater erstmals auf der Leinwand. Anlass genug für einen Rückblick – mit einigen Spoilern!
Fritz the Cat ist einiges älter als der gleichnamige Film. Zeichner Robert Crumb schuf die Figur schon 1959, mit erst 16 Jahren, in einem selbst gemachten Comic namens «Cat Life». Crumb liebte Katzen, und er begann Katzengeschichten zu zeichnen, um seine jüngere Schwester Sandy zu unterhalten. Vorbild war Fred, die Katze der Familie. Fritz erschien zu Beginn als echte Katze, die auf allen Vieren ging und Katzendinge machte. Schon im 1960 gezeichneten Comic «Robin Hood» stellte Crumb den Kater jedoch auf die Hinterbeine, bekleidete ihn und liess ihn sprechen. Zu Beginn der 60er-Jahre trat Fritz in den privaten «Animal-Town»-Comics auf, die Crumb allein oder mit seinem älteren Bruder Charles zeichnete.
Erst 1965 kam ein breiteres Publikum erstmals in Berührung mit dem Kater: Fritz erschien im Magazin «Help!» von Harvey Kurtzman. Nachdem Crumb bekannter geworden und nach San Francisco gezogen war, erschienen 1968 und 1972 weitere Strips – wobei sich der Kater als durchaus wandelbar erwies und in verschiedenen Rollen auftreten konnte, etwa als Popstar oder Spion. Fritz wurde zur bekanntesten Figur Crumbs, wohl noch vor Mr. Natural, und zu einer Ikone der amerikanischen Untergrund-Comics.
Und doch bereitete Crumb seinem berühmten Kater ein vorzeitiges und gewaltsames Ende – er liess den mittlerweile zum Filmproduzenten avancierten Fritz 1972 durch ein frustriertes Starlet umbringen. Der Grund für das vorzeitige Ende der Fritz-Serie war, dass Crumb mit der im selben Jahr herausgekommenen Verfilmung ganz und gar nicht zufrieden war.
Vor allem in den frühen Comics ist Fritz ein hedonistischer, schlagfertiger und egozentrischer Wichtigtuer, der selbstsicher ist und Erfolg bei Frauen hat. Dies kontrastiert stark mit Crumbs Persönlichkeit – besonders in jungen Jahren war der Zeichner scheu; er hatte wenig Freunde und «kein Sexualleben», wie Marty Pahls, ein Freund Crumbs aus Kindertagen und später der Mann von Crumbs Schwester Sandy, berichtete. Pahls war der Ansicht, dass Fritz in hohem Masse Crumbs Wunscherfüllung gedient habe; die Figur habe es Crumb ermöglicht, «wilde Abenteuer zu erleben und eine Vielzahl sexueller Erfahrungen zu machen, von denen er selbst glaubte, sie nicht machen zu können».
Als sich Crumbs Leben verändert habe – er zog 1964 nach Cleveland, fand neue Freunde und heiratete Dana Morgan, seine erste Frau –, habe sich allmählich auch der Charakter seiner Figur geändert. Der «Kompensationsfaktor» sei in den Hintergrund getreten und Fritz habe seinen «Impetus» verloren. Crumb selber weist mögliche Bezüge zwischen Fritz und ihm selbst kategorisch zurück und sagt lediglich: «Ich habe ihn einfach gerne gezeichnet ... Es hat Spass gemacht, ihn zu zeichnen.»
Robert Crumb, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, ist kein Künstler für jeden Geschmack. Manche empfinden seine Kunst als abstossend, obszön, sexistisch und rassistisch. Der «Bad Boy» der amerikanischen Untergrund-Comic-Szene zeichnete mit Vorliebe dralle Frauen mit stämmigen Beinen, und wie er vor gut drei Jahren dem «Guardian» verriet, war er früher besessen von sexuellem Verlangen und von Sexphantasien. Hätte er diese inneren Turbulenzen nicht in seinen Comics ausdrücken können, sagte Crumb, wäre er vielleicht im Gefängnis oder in der Psychiatrie gelandet. Mittlerweile sei er kein Sklave seiner Libido mehr. Und er zeichne keine Frauen mehr.
Crumb, am 30. August 1943 in Philadelphia geboren, kam aus schwierigen familiären Verhältnissen – die Dysfunktionalität seines Elternhauses lässt sich erahnen, wenn man sich den Dokumentarfilm «Crumb» (1994) anschaut. Sein älterer Bruder Charles, der als Teenager mit ihm Comics gezeichnet hatte, wurde als Erwachsener psychisch krank und brachte sich 1993 um. Möglicherweise hat nur seine künstlerische Arbeit und der damit verbundene Erfolg Crumb vor einem ähnlichen Schicksal bewahrt.
Jedenfalls stieg Crumb zum bedeutendsten Vertreter der amerikanischen Comic-Gegenkultur auf, neben vielleicht noch Gilbert Shelton. In San Francisco veränderte sich sein Schaffen; nun entwarf er unter dem Einfluss von LSD neue Figuren wie Mr. Natural, die nicht mehr anthropomorphe Tiere wie Fritz the Cat waren. Der berühmte Kater trat nun immer mehr in den Hintergrund.
In San Francisco entwarf Crumb auch das Plattencover des Janis-Joplin-Albums «Cheap Thrills», was ihm zusätzliche Bekanntheit verschaffte. Der linkische, nerdige Crumb, der selber lieber Musik aus der Swing-Ära – etwa Earl Hines & His Orchestra – hörte, passte freilich gar nicht recht zu den Flower-Power-Hippies von Haight-Ashbury. Vermutlich ist es denn auch kein Zufall, dass Crumb Mitte der 90er-Jahre mit seiner zweiten Frau, der Comiczeichnerin Aline Kominsky, in ein abgelegenes Dorf in Südfrankreich zog, wo er heute noch lebt.
Der Film «Fritz the Cat», der 1972 in die Kinos kam, katapultierte Crumbs frechen Kater aus den Kellern der Underground-Comic-Gemeinde in den Mainstream. Obwohl es der erste Animationsfilm war, der in den USA die Altersfreigabe X – nur für Erwachsene – erhielt, wurde «Fritz the Cat» ein grosser kommerzieller Erfolg. Der erfolgreichste unabhängige Animationsfilm aller bisherigen Zeiten spielte an den Kinokassen mehr als 100 Millionen Dollar ein.
Der 75-minütige Streifen basiert stark auf Crumbs Comic «Fritz Bugs Out», in dem Fritz ein Studienabbrecher ist und «die Welt erkunden» will. Schauplatz ist zum grössten Teil New York Mitte der Sechziger; die Themen sind Studentenleben, freie Liebe, Drogenkonsum, Polizeigewalt, Rassenunruhen und politischer Extremismus.
Fritz, ein arroganter weisser Student, nutzt die studentische Gegenkultur vornehmlich, um Frauen flachzulegen – legendär die Sexorgie in einer Badewanne –, doch nachdem er zwei Polizisten (in Form von stümperhaften Schweinen) knapp entkommen ist, macht er sich auf nach Harlem, um mit den Schwarzen (sie sind als Krähen dargestellt) die Rassenfrage zu diskutieren. Was nicht gut endet.
Das Film-Projekt war ein Wagnis. Regisseur Ralph Bakshi hatte noch keinerlei Erfahrung mit der Produktion von Zeichentrickfilmen und das Budget war mit 850'000 Dollar alles andere als üppig. Bakshi und Produzent Steve Krantz legten die Produktion deshalb so an, dass jener Teil des Films, der im New Yorker Stadtteil Harlem spielt, notfalls als fünfzehnminütiger Kurzfilm hätte veröffentlicht werden können, falls das Geld ausgegangen wäre.
Trotz des Erfolgs war Crumb alles andere als glücklich über den Film und liess – wie zuvor erwähnt – kurz nach dem Filmstart seine Figur Fritz sterben. Misstöne gab es schon zu Beginn des Filmprojekts. Bakshi erinnert sich, dass Crumb damals im Studio in New York protestierte, Fritz sei Teil seiner Vergangenheit: «Das ist mein ältestes Ding, ich mache die Dinge jetzt anders», habe er gesagt.
Bakshi erwiderte, wie er sagt, immer dasselbe: «Aber das ist dein Medium. In unserem Medium ist es so neu wie an dem Tag, an dem du es zum ersten Mal gemacht hast, Robert!» Crumb behauptet heute noch, er habe seine Einwilligung gar nie gegeben – es sei vielmehr seine damalige Frau gewesen, die dem Filmprojekt in seiner Abwesenheit zugestimmt habe.
In einem Interview liess Crumb später kaum ein gutes Haar an dem Film. Er habe das Gefühl, der Film sei «wirklich eine Reflexion von Ralph Bakshis Verwirrung, wissen Sie. Es hat etwas sehr Verdrängtes an sich. In gewisser Weise ist es noch verdrehter als meine Sachen. Es ist wirklich verdreht, auf eine seltsame, unlustige Art. ... Ich mochte diese Sex-Attitüde darin nicht besonders. Es ist wie echte unterdrückte Geilheit; er lässt sie irgendwie zwanghaft heraus.»
Überdies kritisierte Crumb die Verurteilung der radikalen Linken durch den Film. Den Monolog von Fritz gegen Ende des Films, in dem ein fast wörtliches Zitat aus dem Beatles-Song «The End» vorkommt («The love you take / Is equal to the love you make»), nannte er sogar «faschistisch» und erklärte: «Man hat ihm Worte in den Mund gelegt, die ich ihn nie hätte sagen lassen.»
Heute, 50 Jahre nach dem Filmstart, dürften diese Gefechte für die meisten Betrachter Schnee von gestern sein. Der Film war so erfolgreich, dass er Crumb noch berühmter machte und Bakshis Karriere weiteren Schub verlieh. Der Regisseur blieb dem Genre des Erwachsenen-Zeichentrickfilms treu und erhielt für seinen zweiten Film «Heavy Traffic» (1973) viel Kritikerlob. Ein finanzieller Erfolg wurde seine Verfilmung von «Herr der Ringe» (1978), bei der einige Szenen zuerst mit realen Schauspielern gedreht und dann mit dem Rotoskopie-Verfahren nachgezeichnet wurden.
Bakshis Erstling «Fritz the Cat» – er nannte ihn einen «Dokumentarfilm der Sechziger» – gilt heute als Kultfilm, der unter anderem Zeichentrickfilm-Serien für Erwachsene wie «The Simpsons», «South Park», «Beavis and Butt-Head» oder «Family Guy» den Weg ebnete. Er ebnete freilich auch den Weg für ein Sequel – «The Nine Lives of Fritz the Cat» (1974) –, das ohne Mitwirkung von Bakshi oder Crumb produziert wurde und seinem Vorgänger in keinerlei Hinsicht das Wasser reichen kann.