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Es gibt viele Menschen, die brauchen einen Sündenbock. Im Alten Testament steht, dass der Sündenbock jeweils mit den Sünden der Menschen in die Wüste geschickt und dort von den wilden Tieren gefressen wurde. So wurden die Menschen von ihren Sünden befreit.
(3. Moses, Kapitel 16). Noch heute dient uns ein Sündenbock als Blitzableiter. Wenn es uns schlecht geht, dann brauchen wir einen anderen, der schuld daran ist. Das kann ein Nachbar sein, ein Verschwörungs-Theoretiker, ein Ausländer, ein Schwarzer, ein Grüner und viele mehr. Früher habe ich zum Trost oft einen «Moorenkopf» gegessen. Nicht weil ich dabei an einen »Neger» dachte, sondern, weil er mich mit seiner weissen, süssen, von dunkler Schokolade umgebenen und in Goldpapier eingewickelten Schönheit getröstet hat. Es gab nichts Besseres als Belohnung, wenn wir Kinder den ganzen Tag in der Sägerei geschuftet hatten.
Nun, 65 Jahre später, soll dieser «Moorenkopf» abgeschafft, nein, in die Wüste geschickt werden. Nicht im Traum hätte ich mir vorstellen können, dass diese Süsse einmal so schändlich an den Pranger gestellt werden könnte. Ich glaube nicht, dass es um den «Moorenkopf» geht, und auch nicht um die Schwarzen. Ich glaube, es geht darum, immer wieder neue Sündenböcke zu kreieren.
Elsi Reimann, Bärau