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In der dritten Ausbauphase nach 800 kamen dann kaum mehr neue Einwanderer ins Land, sondern es ging nun um den Ausbau der bestehenden Siedlungen, vorwiegend durch den Nachwuchs der Siedler aus den vorangehenden Phasen. Dabei kam es immer noch zu Neugründungen von Höfen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Innenkolonisation. Diese hat bis ins Mittelalter angedauert. Danach gab es kaum mehr Neugründungen. War die gallorömische Bevölkerung anfänglich noch in der klaren Mehrzahl, so änderte sich dieses Verhältnis mit jeder Ausbauphase immer mehr zugunsten der Alemannen. Auch das war in Örlikon kaum anders. Man darf vermuten, dass im Mittelalter der gallorömische Anteil der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung in unserer Gegend nur noch 15% betrug und sich durch die weitere Einwanderung bis heute auf weniger als 8% reduziert hat. Wegen der Durchmischung der Ethnien über die Jahrhunderte gibt es heute keine reinen Gallorömer mehr, aber alle Alteingesessenen tragen immer noch einen mehrprozentigen Anteil gallorömischer Gene in sich. Auch in Örlikon.
Etwas anders sieht das bei der schweizerdeutschen Sprache aus, welche je nach Gegend noch eine ganze Menge gallorömischer und vor allem aus der Keltenzeit stammende Substratwörter enthält. Aber auch hier ist die Zahl dieser Wörter am Schwinden. Beim Lesen alter Texte kann man diesen Schwund sehr schön feststellen.
Wer war Orilo?
Man sagt den Germanen nach, dass sie bei der Vergabe der Rufnamen eine sehr grosse Fantasie gehabt hätten und viele hundert verschiedene Rufnamen kannten. Zumindest ein kleiner Teil der Fantasie geht aber auch auf die Forscher selber zurück, die ganz grundsätzlich aus jedem Ortsbestimmungswort einen neuen alemannischen Rufnamen rekonstruierten, auch wenn sie diesen in der Literatur nicht auffinden konnten. Daher darf durchaus am einen oder anderen alemannischen Namen ein wenig gezweifelt werden, denn die Ortsgründungen der ersten Ausbauphase fanden zu einer Zeit statt, als die gallorömische Bevölkerung erst begann, sich mit den Neusiedlern zu mischen. Sie trugen daher noch ihre alten gallorömischen Rufnamen. Auch sie hatten dann und wann Grund, einen neuen Hof zu gründen und haben das mit Sicherheit auch getan. Daher ist es für einen bestimmten Zeitabschnitt durchaus möglich, dass Ortsnamen mit deutschen Gattungwörtern (Endungen), jedoch auf der Basis eines gallorömischen Rufnamens entstanden sind.
Im Falle Örlikons ergibt die Suche nach Orten in Deutschland, welche auf dem Rufnamen Orilo basieren soviel wie null. Zwar gibt es in der Eifel ein Orlenbach, bei Lippstadt ein Örlinghausen (1026 = Orlinchusen = Häuser der Leute des Orilo) und in Thüringen ein Orlamünde und ein Flüsschen namens Orla, doch sind diese Orts- und Flussnamen eindeutig auf Orte, Bäche und Flüsse zurückzuführen, die auf polnischen, sorbischen oder wendischen Spracheinfluss zurückgehen und letztlich Ableitungen von poln. orli = Adler sind. Einzig mit dem lippischen Örlinghausen und dem Weinländer Örlingen gibt es zwei echte Namensvetter, bei denen eine Ableitung aus Orilo in Frage kommt. Daher muss im Falle von Orilo auch eine andere als die germanische Abkunft ins Auge gefasst werden.
In Frage käme somit, dass Örlikon seinen Namen von einem römischen Hofgründer erhalten haben könnte. Es ist allerdings zu befürchten, dass die Germanisten jetzt aufschreien werden und zwar mit Recht. Denn die Ortsnamenbildung von Örlikon passt organisch so sauber ins gängige, germanistische Bild, dass man eine andere Deutung zu Recht ablehnen muss. Immerhin ist aber nicht ganz auszuschliessen, dass der Name auf einen Römer zurückgeht, welcher zugewandert ist. Noch heute ist der Name Orilo in Italien, Spanien und Portugal recht häufig. Orilo könnte demnach auch ein eigenständiger römischer Name gewesen sein. Die Namensbildung des Ortes Örlikon wäre dennoch nach gängiger alemannischer Gewohntheit erfolgt, da der Orilo sich längst assimiliert hatte und wie ein germanischer Namenträger behandelt wurde. Dass diese Annahme nicht abwegig ist, sieht man bei Rümlang, wo der Begründer Rumilo einen Abhang besass, welcher dann zum Ortsnamen «Rumilinswanc» und im Laufe der Zeit zu Rümlang verschliffen wurde. Dieser Rumilo könnte ursprünglich ein Romanus gewesen sein, also ebenfalls ein Gallorömer lateinischer Abkunft oder zumindest mit solchem Namen. Beispiele von Ortsnamen, welche nach germanistischen Regeln gebildet wurden, aber auf einem rnömischen Vornamen zurück gehen, gibt es im Kanton Zürich mehrere!
Doch zurück zum Orilo: In dieser Vermutung wird man bestärkt, wenn man in alten germanischen Namenbüchern nach einem Orilo oder etwas Ähnlichem sucht. In den Unterlagen der OGS findet sich kein Orilo, der germanische Wurzeln hätte. Zwar lässt sich im Althochdeutschen mit dem Wort Orlog = Krieg ein rein germanischstämmiges Grundwort finden, aus dem sich der Name Orilo bilden liesse, doch ist ein Wortentwicklungsprozess von Orlog zu Orilo nicht sehr überzeugend darzustellen. Zudem müsste dann in den Niederlanden der eine oder andere Orlog-Ort zu finden sein, denn dort lebt das Wort noch bis heute fort. Auch das ist nicht der Fall.
Man kann es auch so sagen: Wenn Orilo wirklich ein gemeingermanischer Rufname gewesen wäre, dann müsste es mindestens in Deutschland ein paar Dutzend Orte geben, die auf diesem Namen fussen. Genau das ist aber nicht der Fall und zwar sehr explizit! Auch unter der Annahme, dass Orilo lediglich ein alemannischer und nicht ein gemeingermanischer Name gewesen wäre, müssten zumindest auf dem Gebiet, wo die Alemannen vom Elbgebiet her südwärts in Richtung Oberrhein gezogen sind, ein paar Orilo-Orte zu finden sein. Auch das ist nicht der Fall. Die OGS hat Tage lang deutsche Landkarten durchmustert und die deutsche Telekom bemüht, aber sie konnte keinen einzigen deutschen Ortsnamen finden, welcher auf dem Personennamen Orilo beruht.
Somit ist die Vermutung, dass Orilo kein germanischer Name ist, eine sehr gut fundierte Annahme. Das schliesst allerdings noch nicht aus, dass er in der Literatur doch vereinzelt vorkommt, nur ist die OGS diesem Orilo bisher einfach noch nicht begegnet, so sehr sie sich auch anstrengte. In allen ihr verfügbaren Referenzwerken zu althochdeutschen Personennamen ist sie dem Orilo ebenfalls nirgends begegnet. Vielleicht klärt das aber ein richtiger Germanist demnächst noch besser ab, der davon ja viel mehr versteht als ein auswärtiger Hobby-Forscher und der auch die besseren Nachschlagwerke besitzt.
Dass alemannische Ortsgründungen mit römischen oder keltischen Namen durchaus realistisch sind, zeigt Flurlingen, welches auf den Römer Florinus zurückgeht. Obwohl abstammungsmässig Römer oder Kelten, dürften zu jener Zeit noch etliche andere Ortsgründer bereits als voll germanisierte Personen betrachtet worden sein. Ein ehemals römischer, zwischenzeitlich aber germanisierter Personenname könnte somit die hiesigen Ortsnamen Örlingen und Örlikon auch zur vollen Zufriedenheit der Germanisten erklären. Klar wäre dann auch, warum es den Ortsnamen nördlich des Rheins nur ein einziges Mal als Örlinghausen bei Lippstadt gibt. Es bleibt nun der Forschung überlassen, dies zu widerlegen oder dann mit dem vorliegenden Erklärungsversuch vorerst zufrieden zu sein. Fazit: Örlikon ist zwar durchaus eine alemannische Ortsgründung, aber der Gründer war ein assimilierter Römer oder vielleicht sogar ein Gallorömer.
Wie entstand der Name Dörfli?
Obwohl das Dörfli bereits einen alemannischen Namen hat und damit nicht mehr zur Frühgeschichte Örlikons gehört, bestehen da doch so gewisse Verdachtsmomente, dass der Name des Dörfli von den Gallorömern mit beeinflusst wurde. Wie kam es nun zum Namen Dörfli? Wissenschaftlich ist das nicht zu erklären, volksetymologisch schon eher.
Nachdem die gallorömische Bevölkerung im Gebiet Halden um 700 schon recht gut mit den neuen alemannischen Nachbarn Bekanntschaft geschlossen hatte, kam es vermutlich an lauen Sommerabenden zu kleinen Treffs in einer Taverne im besser ausgebauten alemannischen Orlinc-hoven. Die Gallorömer nannten diese Taverne, wo man sich traf «Tref», was von einem ursprünglich keltischen Wort «trebh» (das Fischerhaus zur Treib lässt grüssen!) herstammen soll und «Ort, wo man sich trifft» bedeutet. Die Alemannen nannten die Taverne vermutlich «Deref», was von einem germanischen Wort herstammen soll, welches ebenfalls «Ort, wo man sich trifft» bedeutet. Die Taverne hiess also modern gesagt «Treff».
Die Gallorömer kannten zusätzlich noch den Diminutiv -li, ein Diminutiv, den die Alemannen längst von den Kelten übernommen hatten und der «klein» bedeutete. Und weil man so eng beisammen sass, nannten die Gallorömer die Taverne mit dem alemannisch-gallischen Mischwort «Thoruf-li», also der kleine Treff. Die gallischen Einwohner hingegen nannten die Taverne «Tref-li», mit der genau gleichen Bedeutung. Da die Männer mit fortschreitender Stunde immer schwerere Zungen bekamen, bevorzugten beide Ethnien letztlich das leichter von der Zunge gleitende und weichere «Thoruf-li», welches sich dann im Laufe weiterer Jahrhunderte zu Derefli, Dorefli, Dörefli und schliesslich zu Dörfli verschliffen haben dürfte. Die Taverne existiert auch 1256 Jahre nach dieser Zeit weiterhin, wurde aber in der Zwischenzeit mehrmals neu aufgebaut und heisst immer noch fast gleich wie damals: Dörfli-Bar. Absolut gesichert ist diese Deutung nicht, aber es sprechen viele Gründe dafür: Noch heute hört man jene Männer, welche nach Mitternacht leicht angeheitert nach Hause wanken, mit schwerer Zunge lallend sagen: 'Chume grad vom Deref-li'.
Damit endet die Frühgeschichte Örlikons.
Quellen: - Gesammeltes Einzelwissen, aber auch Legenden und Vermutungen zu einem Ganzen zusammengetragen durch die OGS.