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27. 10. 2015 Khusraw Mostafanejad und Sharon Saameli
Badiou besuchte die ASZ im richtigen Moment
Der französische Philosoph Alain Badiou (78) besuchte am 7. Oktober die Autonome Schule und hielt abends einen Vortrag vor hunderten Interessierten. Der kommunistische Philosoph war auch Aktivist – und er fand für seine Gastgeberin lobende Worte: Die ASZ habe alles, was eine mutige politische Bewegung ausmacht.
Ein Gespräch nicht mit einem Philosophen, sondern mit einem Freund: Alain Badiou mit Aktivist*innen, Moderator*innen und Kursteilnehmer*innen in Altstetten.
There is only one world. Es gibt nur eine einzige Welt; alle Menschen, durch künstliche Linien scheinbar voneinander getrennt, konstituieren letztlich eine einzige Menschheit. Dies ist der letzte und wichtigste von acht Punkten, die Alain Badiou in "Wofür steht der Name Sarkozy?" benennt. Es ist eine Forderung, ein politischer Imperativ – und es ist das Motto, unter dem Badiou jüngst die Autonome Schule Zürich besuchte und vor mehreren hundert Besucher*innen einen Vortrag hielt.
Kurse und Diskussionen verfolgt
Am Nachmittag begleitete ihn das Schulbüro und erklärte ihm erst die Kurse, dann verfolgte er eine halbe Stunde Unterricht in einem Philosophiekurs. Schon da zeigte er sich beeindruckt: "Hier kommen alle aus verschiedenen Ecken der Welt zusammen, und wir sind in Sprachen, in Gewohnheiten und Nationalitäten verschieden. Einige haben Papiere, andere nicht, aber letztlich bilden wir eine Gemeinschaft, ein Kollektiv, die universell in der Vielfalt, aber gleich im Unterschiedlichen ist." Er fügte hinzu, dass die ASZ ebendiese konkrete Welt darstelle, die er sich vorstelle – und dass er hoffe, eine solche Welt dereinst auf dem ganzen Planeten zu sehen.
Im Gespräch mit den Aktivist*innen, Moderator*innen und Kursteilnehmer*innen am späteren Nachmittag vermittelte Badiou den Eindruck, dass man nicht einen Philosophen, sondern einen Freund treffen würde. Auf die Frage eines Aktivisten, der aus dem Nahostkrieg geflohen war, antwortete er: "In meiner Vision ist jeder kriminell, der einen Kriegsflüchtling zurückweist." Er fuhr fort, dass Demokratie im eigentlichen Sinne die Gleichheit von Eingewanderten und in einem Land Geborenen bedeute – und dass wir die globale Bewegung von ganzen Bevölkerungen nach diesen Prinzipien organisieren müssen.
Kampf, Revolte und Schöpfung
Abends war der Ansturm auf die ASZ riesig: Wer pünktlich zu Veranstaltungsbeginn vor Ort war, hatte keine Chance mehr auf einen Sitzplatz, auch in den beiden Übertragungsräumen drängten sich Besucher*innen dicht aneinander – insgesamt dürften es 500 gewesen sein. Schliesslich war es den umfassenden technischen Vorbereitungen einzelner ASZ-Aktivist*innen zu verdanken, dass der Vortrag (auf Englisch) mitsamt Übersetzung ins Deutsche bald beginnen konnte.
In seinem Vortrag plädierte Badiou dafür, sich im Namen der "einzigen Welt", für die er sich stark macht, vom abgegriffenen Schwarz-Weiss-Denken abzuwenden: Es gebe nicht etwas per se Gutes oder Böses, keine gute oder schlechte Demokratie, keine gelungene oder misslungene Revolution. Solche Dualitäten würden die Erschaffung von etwas Neuem verhindern, anstatt die Veränderung der Verhältnisse voranzutreiben. "Jeder Negation muss eine Affirmation, also eine Bejahung vorausgehen. Kampf, Revolte und Schöpfung („creation“ im Original) müssen Hand in Hand miteinander gehen", erklärte er. Scherzhaft ergänzte Badiou, dass Philosoph*innen sich oftmals damit behelfen, ein Drittes hinzuzufügen, wenn sie solche strikte Zweiteilungen aufbrechen wollen. Das gelte auch für sein Verständnis von Demokratie: Demokratie könne erstens eine Staatsform sein, wie es das klassische Verständnis impliziert, zweitens aber eine Massenbewegung, etwa in Form von Aufständen Gleichgesinnter. Und drittens – dies schien ihm der wichtigste Aspekt zu sein – bedeute Demokratie für ihn die Verwirklichung des politischen Subjekts sowie die Ausarbeitung des Wegs dorthin im Kollektiv. In der (einzigen) Welt, die so geschaffen wird, sind die Menschen "universell in der Vielfalt und gleich im Unterschied".
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Alain Badiou: Gelehrter und Aktivist
Der französische Philosoph, Mathematiker, Dramaturg und Romancier Alain Badiou gilt gegenwärtig als einer der bedeutendsten und kontroversesten französischen Denker. Studiert hat er in den Fünfzigern an der Ecole Normale Supérieure in Paris und nahm zwischen 1969 und 1999 einen Lehrstuhl an der Universität Paris VIII ein. Auch nach seiner Emeritierung arbeitet er noch am Collège international de philosophie. Doch Badiou verstand sich nie nur als Akademiker: 1985 begründete er die Organisation politique mit, eine Bürgerrechtsorganisation, die sich vor allem mit den Themen Einwanderungspolitik, Asylrecht, Arbeit und Gewerkschaften beschäftigt und in den letzten Jahren zunehmend im Umfeld der Sans Papiers aktiv war. Das Kollektiv vertritt eine andere Meinung von der Politik ausserhalt systematischer Herrschaften: Vielmehr sei Politik eine kollektive Meinung – das bedeutet auch, dass staatliche Politik der Politik mancher Leute widersprechen kann. Heute wird der 78-Jährige gern in einem Atemzug mit Philosophen wie Slavoj Zizek, Antonio Negri und Jacques Rancière genannt