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Im Zusammenhang mit der Abstimmung über den Gegen(teil)-Vorschlag zur Ernährungssicherheit, über den die Schweizer am 24. September abstimmen (siehe Zeit-Fragen Nr. 19), lohnt es, sich einige Gedanken zu machen. Anregungen dazu kann auch die folgende Ausstellung geben.
Das Toggenburger Museum in Lichtensteig präsentiert neben seiner Dauerausstellung noch bis zum 29. Oktober 2017 eine Sonderausstellung zur grossen Hungersnot, die vor 200 Jahren in der Schweiz grassierte. Die starke Explosion beim Ausbruch des Vulkans Tambora im weit entfernten Indonesien bewirkte damals enorme Niederschläge aus vulkanischer Asche, was eine starke Klimaveränderung nach sich zog. Dies hatte auch auf das Wetter in Europa einen nachhaltigen Einfluss. Das Jahr 1816 wurde darauf zum «Jahr ohne Sommer», und dies hatte die letzte grosse Hungersnot in der Schweiz zur Folge, welche in der oben erwähnten Ausstellung eindrücklich dokumentiert ist.
Das Toggenburg war aus verschiedenen Gründen besonders betroffen. In jener Zeit der Frühindustrialisierung kam die Baumwollindustrie immer mehr auf. Die gewobenen Baumwolltücher konnten teuer verkauft und im Gegenzug billigeres Getreide aus dem süddeutschen Raum erworben werden. Von der Hungersnot waren dann aber auch andere Länder betroffen. Den Textilarbeitern wurde keine Baumwolle geliefert, und somit fiel der Verdienst aus. Ohne Grund und Boden waren sie nicht selbständig und konnten die überteuerten Nahrungsmittel nicht bezahlen. Aber auch die Bauern litten unter Ernteausfall. Das Wetter war nicht wie üblich. Es herrschte Kälte, und sogar im Sommer gab es Schneefälle. Die starken Regenfälle verursachten neben Missernten in der hügeligen Landschaft auch Hangrutsche, so dass ganze Anwesen überflutet oder weggespült wurden.
Wer sich in Botanik und Kräuterkunde auskannte, suchte in der Natur nach Löwenzahn und Nesseln, um sich zu ernähren. Auch Kleingetier wie Schnecken wurde verspeist. Aber in ihrer Not weideten die Menschen sogar wie das Vieh auf den Wiesen, um ihren Hunger zu stillen. Gras und Heu bereitete man entsprechend auf, dass es essbar wurde. Es gab aber auch Leute, die das Gefundene noch roh herunterschlangen. So war die Sterblichkeit in jenen beiden Hungerjahren ausserordentlich hoch. In der Ausstellung dokumentieren Texte und Bilder dieses Sterben. So ist ein Sensenmann abgebildet, der darauf wartet, die geschwächten Menschen abzuholen, oder ein langer Leichenzug mit mehreren Särgen stellt dar, wie viele Bewohner eines Dorfes gleichzeitig dahingerafft wurden.
Besonderes Glück hatten die Menschen, welche von ihrer Gemeinde eine Armensuppe beziehen konnten.
Eindrücklich dokumentiert die Ausstellung rund um einen langen Tisch die Geschichte des Toggenburger Knaben Ruedeli, der die Zeit der Hungersnot überlebt hat. Die Vertiefungen, die im Tisch eingelassen sind und aus denen die Armen anstelle von Tellern gegessen haben, beinhalten Sequenzen seiner Geschichte mit passenden Requisiten. So geht der Besucher des Museums um den Tisch herum, hebt die Deckel, um sich in die damalige Zeit einzulesen und einzufühlen.
Nach den beiden Hungerjahren war es den Überlebenden ein Anliegen, das Erlebte und die Schrecken jener Zeit zu dokumentieren. Bilder und Texte entstanden deshalb einerseits, damit nicht vergessen geht, was passierte, und um daran zu erinnern, dass es jederzeit auch schlechter gehen kann, andererseits aber auch aus Dankbarkeit dafür, dass danach wieder bessere Zeiten herrschten. So entstanden auch die sogenannten Hungertafeln, als Mahnmal an die Zeit der grossen Hungersnot.
Die Ausstellung «Z’Esse gits nur gsottes Gräs» ist bis zum 29. Oktober im Toggenburger Museum in Lichtensteig zu sehen. Geöffnet ist das Museum Samstag und Sonntag von 13 bis 17 Uhr; Führungen finden am Sonntag, 24. September, und Sonntag, 29. Oktober, je um 14 Uhr statt. Daneben gibt es zum Thema auch spezielle Veranstaltungen, siehe auch: www.toggenburgermuseum.ch.
Die Sonderausstellung «Z’Esse gits nur gsottes Gräs» ist hochaktuell und regt zum Nachdenken an. 200 Jahre sind seit der grossen Hungersnot in der Schweiz vergangen. Heute erfreuen wir uns eines grossen Wohlstandes, und hier bei uns muss kaum jemand Hunger leiden. Allerdings gilt dies leider nicht für die ganze Welt. Etwa 800 Millionen Menschen weltweit haben nicht genügend zu essen. Alle zehn Sekunden stirbt ein Kind infolge von Hunger. Das könnte geändert werden.
Der Weltagrarbericht aus dem Jahr 2008 zeigt auf, dass es möglich und nachhaltig ist, im kleinräumigen Anbau von Nahrungsmitteln anstelle von Grossproduktion die Ernährungssouveränität zu gewährleisten und damit den Hunger zu eliminieren. Dieser Bericht hat weltweite Gültigkeit, wird aber wenig ernstgenommen und umgesetzt.
Auch für die Schweiz hat dieses Dokument grosse Bedeutung. Die ursprüngliche Volksinitiative unter dem Titel «Für Ernährungssicherheit» würde in unserem Land eine grösstmögliche Souveränität in bezug auf die Ernährung ermöglichen. Der jetzige Abstimmungstext führt jedoch zu mehr Abhängigkeit vom Ausland. Wer sagt uns, dass nicht irgendein Ereignis wieder Nahrungsmittelknappheit nach sich zieht? Welches Land wird dann nicht zuerst für seine eigene Bevölkerung schauen? Und wer wird kurzfristig in der Lage sein, all das Wissen, die Fähigkeiten, Werkzeuge und das Saatgut wiederzubeschaffen, das unsere Vorfahren sich umsichtig angeeignet hatten? Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Notvorräte in jeder Familie die Regel. Und auch die Pflichtlager des Bundes wurden sorgsam gepflegt. Und heute? Hoffentlich fangen wir nicht erst an, uns Gedanken zu machen, wenn uns äussere Umstände dazu zwingen! •
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