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Waadtländer Hexer in Freiburg verbrannt
Dommartin bei Lausanne war seit langem als Hexendorf bekannt
Im Jahr 1517 wurde in Freiburg ein Mann als Hexer verbrannt, der aus Dommartin stammte, einem Dorf, in welchem im 15. Jahrhundert immer wieder Hexer und Hexen verfolgt worden waren. Waren die Freiburger auf dem Laufenden, oder hat Pierro Perat sich selber verraten?
Von KATHRIN UTZ TREMP
Am 16. Juni 1517 wurde vor dem Stadtgericht von Freiburg ein Mann aus Dommartin, einem Dorf nördlich von Lausanne, verhört. Er hiess Pierro Perat und gestand merkwürdige Dinge: dass er seinem Cousin Jean Perat drei Mass Korn gestohlen habe, um seine Kinder ernähren zu können; er habe sie ihm aber nachher in Geld zurückgegeben (das heisst bezahlt). Dass er zusammen mit zwei Gefährten nach Chapelle-sur-Moudon gegangen sei, um einen Speicher aufzubrechen und zwei Säcke Korn zu stehlen. Bei den Gefährten handelte es sich um Jean Richard aus der Pfarrei Dommartin, der noch lebe, und Claude Jacqui, der tot sei.
Das Geständnis des Pierro Perat
Pierro Perat gestand weiter, dass er Ochsen und Kühe getötet habe, indem er ihnen ein Pulver verabreichte, das Jean Richard, sein Gefährte, fabriziert habe. Dieser habe ihm auch versprochen, dass er ihn reich machen würde, wenn er Gott, dem Herrn, abschwören wolle, was er getan habe. Zusammen hätten sie auch Hagel gemacht, mit einer weissen Rute, die er von seinem Meister Rubinet bekommen habe; danach seien sie nach Hause geflogen.
Als er Gott, dem Herrn, abschwor, habe Rubinet ihm fünf oder sechs Schilling gegeben, die sich darauf in dürres Laub verwandelt hätten. Ihre Versammlung hätten sie unterhalb des Schlosses von Dommartin abgehalten. Sein Meister sei manchmal in Gestalt einer schwarzen Katze oder eines anderen Tieres zu ihm gekommen. Sie hätten auch im Dorf Bercher (Bezirk Echallens, Waadt) Hagel gemacht, zusammen mit Jaquet Mermet von diesem Ort, den der Herr von Bercher dafür habe köpfen lassen.
Meister Rubinet und seine Sekte
Zumindest den Zeitgenossen war klar, dass es sich bei Pierro Perat um einen Hexer handelte, der von seinem Komplizen Jean Richard in die Hexensekte eingeführt worden war, mit dem Versprechen, dass er ihn reich machen würde. Er hatte sich darauf mit einem Teufel namens Rubinet eingelassen, Gott abgeschworen und dafür Geld genommen, das sich – wie das mit teuflischem Geld halt so geht – in dürres Laub verwandelt hatte.
Man wusste auch, dass die Hexer und Hexen sich nächtlicherweise an einem geheimen Ort versammelten, in diesem Fall unterhalb des Schlosses von Dommartin, und dass der Teufel sich in eine schwarze Katze oder sonst in ein Tier verwandeln konnte. Aber wussten die Freiburger, die Pierro Perat verhörten, auch, dass Dommartin ein richtiges Hexendorf war, in dem es im Lauf des 15. Jahrhunderts immer wieder zu Hexenverfolgungen gekommen war?
Das Hexendorf Dommartin
Eine erste Hexenverfolgung hatte in Dommartin bereits 1438 stattgefunden. Damals hatte der Inquisitor Ulrich von Torrenté, der acht Jahre zuvor in Freiburg die Anhänger der Sekte der Waldenser zur Rechenschaft gezogen hatte, an diesem Ort einen Mann namens Pierre de la Prelaz zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt und hinrichten lassen. Dieser hatte, nach Anwendung der Folter, gestanden, dass er Gott abgeschworen und einen Pakt mit dem Teufel geschlossen sowie Unwetter und Hagel gemacht habe.
Seither wusste man in Dommartin, dass die Hexer und Hexen einen Pakt mit dem Teufel schlossen und dass sie Hagel machen konnten, aber auch, dass sie kleine Kinder stahlen und auf ihren Versammlungen verspeisten, denn das hatte Pierre de la Prelaz ebenfalls zugegeben. Zur gleichen Zeit machten aber auch die Freiburger Bekanntschaft mit dem Hexenwesen, denn in den Jahren 1437-1442 fand in Freiburg ebenfalls eine erste Hexenverfolgung statt, die sich von der Stadt gegen das Land richtete.
Fünfzig Jahre später war Dommartin erneut Schauplatz einer Hexenverfolgung, von der wir dank vier im Staatsarchiv des Kantons Waadt in Lausanne aufbewahrten Hexenprozessen recht viel wissen. Als Erster wurde am 6. November 1498 François Marguet verurteilt, der seit gut 25 Jahren einen Ruf als Hexer hatte und ausserdem in offenem Konflikt mit seinem Neffen stand, der ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit als «Hexer» beschimpfte. Ebenso wie Pierro sollte auch François Kühe vergiftet und Hagel gemacht haben. Auch François Marguet sollte einen Pakt mit dem Teufel geschlossen und von diesem Geld bekommen haben, das spurlos verschwand, nachdem er es in seine Börse gelegt hatte. Und ebenso wie Pierro Perat sollte François Marguet mit seinen Komplizen unterhalb des Schlosses von Dommartin wilde Orgien gefeiert haben.
Es liegt in der Familie
Die nächste Verurteilte war Isabelle Perat, die den gleichen Familiennamen trug wie der 1517 in Freiburg verhörte Pierro. Sie gab zu, dass sie vor zehn Jahren in die Sekte der Hexer und Hexen eingeführt worden sei, und zwar von einer Nachbarin mit dem gleichen Familiennamen wie Jean Richard, Pierro Perats Komplize und «Verführer», nämlich Guillemette Richard, ja, Jean Richard könnte der Sohn von Guillemette gewesen sein. Demnach wäre Isabelle Perat von Guillemette Richard und Pierro Perat von deren Sohn Jean «verführt» worden. Jedenfalls hatten auch Guillemette Richard und ihr Mann, Jean Richard der Ältere, einen soliden Ruf als Hexe und Hexer, auch wenn von ihnen keine Prozesse überliefert sind.
Isabelle Perat war zwei Mal verwitwet und arbeitete als Hebamme; die Hebammen aber galten als besonders verdächtig, hatten sie doch bei den Geburten Zugang zu Neugeborenen, und wenn dabei etwas schief ging, so glaubte man rasch, die Hebamme hätte das Kind getötet, um es dem Teufel zu bringen.
Nach François Marguet und Isabelle Perat war die Reihe an Marguerite Diserens und Pierre Menetrey, ebenfalls von Dommartin. Marguerite Diserens war die Tochter einer Hexe, denn ihre Mutter war in La Sarraz verbrannt worden, und als sie – in dritter Ehe – Jean Diserens von Dommartin geheiratet hatte, hatte der Pfarrer des Orts diesen vor seiner zukünftigen Ehefrau gewarnt, und die Kinder ihres zweiten und dritten Mannes beschimpften die Stiefmutter bei häuslichen Konflikten mit schöner Regelmässigkeit als Hexe.
Der vierte Hexer schliesslich, der 1498 in Dommartin verurteilt wurde, war Pierre Menetrey, der angeblich vom ersten, von François Marguet, in die Sekte eingeführt worden war und dessen Teufel Robinet hiess, also ganz ähnlich wie derjenige von Pierro Perat.
Domkapitel gegen Bischof
Warum kam es in Dommartin regelmässig zu Hexenverfolgungen, nicht nur 1438 und 1498, sondern auch 1524-1528 und immer wieder während des 16. Jahrhunderts? Ein wichtiger Grund ist, dass die Herrschaft Dommartin dem Domkapitel von Lausanne gehörte und dass dieses hier schon nur Hexenprozesse führte, um dem Bischof zu zeigen, dass es die Hochgerichtsbarkeit nicht nur im weltlichen, sondern auch im spirituellen Bereich besass und deshalb Hexenprozesse führen konnte.
Der Bischof, der sich selber als oberster Herr der Inquisition verstand, intervenierte und protestierte immer wieder, so auch während der Hexenjagd von 1498 und wiederum 1504 und 1524, immer ohne Erfolg, ausser vielleicht, dass auf solche Interventionen wiederum eine Hexenjagd folgte, weil das Kapitel dem Bischof wiederum beweisen musste