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Chaos Talks
Ausschnitte aus einem Brainstorming vom 9. 3. 1988
v: Vic (Genie) - w: Wau (Wau) - p: Poetronic (Dichter)
Grippers made from a soft gel and wrapped in
a rubberlike membrane will soon give robots
the sensitivity of human hands
w: Gibson beschreibt in "Neuromancer" konsequent die Geschichte, daß
man sich am Rückenmark einstöpselt. Wenn man sich
da in eine Datenbank rein hackt, die einem nicht zusteht, dann ist
man gehirntot. Man ist nicht über die Tasten verbunden,
sondern über den Stöpsel.
p: Öd, wenn man da nicht kompatibel ist.
w: Aber so auf der Ebene der ganzen kleinen Computer - In der "Byte"
war vor acht Jahren der Kleincomputer drauf, den du
dir um die Hand schnallen kannst, als Uhr. Da war auf der Uhr zu lesen
"insert disc" und da gab's eine pfenniggroße Diskette
zum Reinschieben. Das auf der Titelseite, als Grafik. Aber klare Vision.
Der nächste Punkt: Der Computer zum Aufklappen.
Den feuert man in die Ecke, dann entfaltet er sich, stellt die Beinchen
hoch, da entfaltet sich ein Drucker, da entfaltet sich der
Bildschirm.
p: Eine Düsentrieb-Maschine. Daniel Düsentrieb baut ein Campingzelt,
das so klein ist. Wenn du an der Schnur ziehst, hast du
ein dreistöckiges Haus mit Badewanne.
w: Aber auf der Ebene 'Kofferklappelemente' und 'Ausziehen' läßt
sich wohl einiges machen. In dem Format eines Koffers
müßte das in absehbarer Zeit unterzubringen sein.
p: Ich denke, es wird darauf hinauslaufen: Kittler hat geschrieben
"Der Computer wird den Begriff 'Medien' einkassieren, weil
er alle Medien in sich vereinigt". Da wird es irgendwann nur noch ein
digitales Medium geben. Es herrscht doch eine
Unzufriedenheit darüber, daß du heutzutage die einzelnen
Medien noch getrennt hast. Man wünscht sich eine Art Zentralstation,
wo du Fernseher, Radio, Video, Audio, Rechnervollkompatibel in einem
Kasten hast. Einen Universal-Player.
w: Und dann soll er wie ein Hund neben dir herrollen.
p: Gut, dann können wir gleich weiterphantasieren. Du kannst noch
einen Staubsauger einbauen, das Ding kann 'Guten Tag'
sagen, und du kannst ihm wie einer kleinen druise missiie beibringen,
sich in deiner Wohnung zurechtzufinden.
v: Kannst nichts verdienen dran.
w: Mir geht's momentan nur um's Phantasieren..
p: Vic hat insofern recht, als die Kreativität in bestimmten Teilen
schon auch vom Erwerbstrieb gesteuert wird.
w: Aber irgendwann wird's doch die Maschinen geben.
v: Das ist die Frage, ob es das geben wird.
p: Nun, wenn ein Markt da ist..
v: Aber es macht sie keiner.
w: Wieso soll man sie denn nicht machen. Das versteh ich nicht recht.
p: Kann man sie überhaupt schon machen? Das ist die Frage.
v: Ja, man kann sie machen.
p: Dann hast du 'ne VAX im Wohnzimmer rumfahren, so was.
w: Ja. Mindestens. Dann lieber so'n Transpoterchen. Wenn sich das dann
noch teleskopisch ausfährt und so auf der Straße
hinterher fährt..
p: Solche Roboter gibt's ja schon. Aber das sind eher Partygags. Ich
hab' auf der Buchmesse einen gesehen. Der war auch
noch gefaked, mit einer Videokamera drin. Da saß einer in einem
Verschlag und hat den ferngesteuert.
v: Die Videokamera war auch nur Fake. Der Typ stand daneben. Ich kenne
die Dinger.
p: Meinst, man kann da schon differenziertere Dinger bauen?
w: Also, der Atari ist die billigste Lösung
p: Der fährt doch nicht in der Wohnung rum.
w: Das ist ja das Programm. Das Problem ist, daß solche Sachen
nicht käuflich zu erwerben sind, aber aus handelsüblichen
Bauteilen zusammengesetzt werden können.
p: Was könnte man sich denn davorstellen? Ich meine, es wär
schon witzig, wenn man so ein universaldomestiziertes Haustier
hätte. Soll das alle Arbeiten, die sonst einer Hausfrau übertragen
sind, übernehmen? Soll das mehr können? Soll das Sympathie
erwecken? Ich könnt mir schon vorstellen, mich mit so einer Maschine
anzufreunden.
v: Daß man so was im Haushalt brauchen kann, interessiert mich
gar nicht. Was mich daran viel mehr interessiert, sind die
psychologischen oder philosophischen Aspekte. Das find ich interessanter.
Ob das Ding fährt oder nicht, ist mir völlig egal
p: Dich interessiert also ein HIRN.
v: Mich interessiert nur das Hirn.
w: Das mobile Hirn.
v: Braucht nicht mobil zu sein. Das kann auch in der Ecke liegen. Mich
interessiert nur das Hirn. Seit vielen, vielen Jahren
fasziniert mich der Gedanke der Zusammensetzung der Emotionen. Und
da hab ich so ein paar verschiedene Hypothesen
hingestellt..
p: Sag mal. Ich hab auch eine Hypothese.
v: Die eine Hypothese ist, daß das eine Form von komplexer Logik
ist. Daß also Gefühl komplexe Logik ist.
w: Das ist Logik auf der Ebene der Mustererkennung. Aber noch nicht
erkannt.
p: Mein Konzept von Emotioneri ist: Ich nehme mal den biologischen
Organismus. Jedes Organ sendet dauernd eine
Zustandsmeldung aus in Form chemoelektrischer Signale, Botenstoffe,
so was. In Form von Stofflichkeiten. Diese Emanationen
der einzelnen Körperteile oder Organe - wenn du es ganz rationalistisch
ohne Geist und Seele siehst - ergeben das, was man
so'emotionale Grundlage' nennt. Das Gefühl.
v: Mein Ansatz ist ein anderer. Ich bastel was zusammen, was fühlt-
p: Dazu mußt du dir doch erstmal darüber klar sein, was
Gefühle sind.
v: Da ist eben die eine Hypothese, das sei eine komplexe Logik, die
gar nicht so komplex ist, aber komplex genug, um vom
Vordergrundverstand erfaßt werden zu können.
p: Nimm als Modell deine eigenen Emotionen.
v: Meinetwegen. Aber warum soll ich.. ich mein, ich hab mein Modell
doch schon gefunden.
p: Ja, 'ne komplexe Logik. Aber von was..?
v: Wie - von was?
p: Wie - wie von was? (Heiterkeit)
v: Was soll die Frage? 'Ne komplexe Logik ist , ne komplexe Logik.
p: Logik ist 'ne Denkfunktion. 'Ne Gehirnfunktion. Keine emotionale
Funktion. Ich weiß nicht, ob das Modell übertragbar ist..
v: Nein..! Das hat mit Mustern überhaupt nichts zu tun. Du kommst
da viel zu sehr von der deduktiven Seite her.
p: Ich komm von d& sprachlichen Seite. Die Sprache gibt auch ein
Modell von Emotionen.
v: Nein. Warum verbeißt du dich auf dieses Scheißmodell
von Emotion. Stell dir einfach mal vor, ich will 'ne Emotion erklären.
p: Das soll ja angeblich immer wieder mal versucht werden.
v: Gut.
p: Sie stehen auf meinem Fuß. Es tut mir weh. So die Art, nicht?
v: Nein. Außerdem bringt das nichts, wenn du
mir dauernd zwischenredest.
p: Ich hör schon auf.
v: ..sondern wenn ich mir überlege: Woraus besteht Emotion?
Wenn ich mir Gedanken mache darüber: Woraus könnte
Emotion bestehen? Dann ist mir eine Hypothese eingefallen: Sie könnte
aus Logik bestehen. Das nehmen wir einfach mal so als
Hypothese hin. So. Diese Gesetze der Logik kann man ja normalerweise
ganz gut erfassen, mit Hilfe von Computern, oder
selber drüber nachdenken oder was weiß ich. Man müßte
daher eigentlich von der Eingabe zur Ausgabe kommen. D.h., man
müßte diese Logik nachverfolgen können. Da das aber
äußerst schwierig ist, kann man diese Idee weiterspinnen und
sagen: Die
ist eben ein bißchen komplizierter. Die kann man nicht einfach
so durchrechnen. Und - wenn ich mir jetzt die richtigen
Menschen ansehe, dann kann man manchmal von bestimmten Eingangsparametern
auf die Ausgangsparameter schließen.
p: Das heißt, wenn ich jemanden wie Kurt Waldheim sehe und sein
Gesicht sehe, dann kann ich annehmen, daß er hinterhältig
ist.
v: Nein! Wenn ich was rein tue, dann kommt was raus. Das Verarbeitungsprogramm
ist Emotion, okay. Also: Eingabe -
Emotion - Ausgabe, das ist mal so das Modell, das grobe.
w: Wenn ich mal so zurückgehe, dann ist also das jeweils gemeinsame
historische Moment das Übertragen der jeweils
fortgeschrittensten Technologie auf der Lanze. Zu der Zeit, wo sie
die Uhren hatten, da war die Erfindung des Perpetuum
Mobile angesagt. Und da wurden dann Menschen, Maschinen und Puppen,
gebaut, mit hervorragend natürlichen
Kurvenbewegungen, mechanisch realisiert. Die sehen echt aus. Wenn ich
mir heut einen Roboter anschau, dann ist der echt
Scheiße. Da war ein Menschenbild dahinter, das auch stark uhrwerkgesteuert
war.
p: Hast du 'mal Mumford gelesen, "Der Mythos der Maschine"? Es ist
mir schwer vorstellbar, wie ein einzelner Mensch in einer
Lebenszeit so viel an Gesamtwissen zusammentragen kann, aus sämtlichen
Natur- und Geisteswissenschaften und der Literatur,
und das noch verarbeiten kann. Das Buch geht vom aufrechten Gang bis
zur Mondrakete, wobei er nebenbei noch
wissenschaftliche Ansichten revidiert, z.B. daß in den Altertumswissenschaften
bisher viel zu großes Augenmerk auf dig
Artefakte gelegt worden ist, die materiellen Funde. Was eigentlich
passiert ist, ist in keiner Versteinerung enthalten, z.B. das
Ritual. Oder raus zu finden, wie man eine Kaffeebohne richtig behandelt,
damit sie antörnt. Wenn du Urmensch bist, stehste da
vorerst im Wald. Das mußt du erstmal raus finden, und das ist
eine gewaltige Leistung, bedeutender als irgendwelches
Steinchenklopfen.
Oder die Zeit. Heutzutage stehen in jedem Zimmer drei Digitaluhren
rum. Herauszufinden, wie du einen Kalender machst.. Ich
stell mir manchmal vor, daß einige hunderttausend Jahre lang
Leute, die nachts Schwierigkeiten mit dem Einschlafen hatten, in
die Sterne geguckt haben. Irgendwann muß jemandem aufgefallen
sein, daß sich da was ändert. Irgendwann viel, viel später
muß jemandem aufgefallen sein, daß sich da regelmäßig
was ändert. Und dann muß sich jemand gesagt haben: das wollen
wir
doch jetzt mal festhalten.
Oder wenn du dir überlegst, was für eine Großtat die
Entwicklung von einem Gefäß ist, 'nem Krug. Dazu mußt
du
vorausschauen können, das kann kein Tier. Ein Gefäß
ist etwas, wo noch nichts drin ist. Da wird erst etwas rein kommen.
Das Hauptthema in dem Buch ist die Maschine. Wann ist die Maschine
entstanden, der Mythos der Maschine? Mumford sagt:
Die erste Maschine ist zusammengebaut worden im alten Ägypten,
in der Pyramidenzeit. Das waren die ersten
Pyramidenbaumeister, die diese Logistik bewältigt haben und eine
Maschine aus menschlichen Teilen zusammengesetzt haben.
Diese ganze Transportproblematik, die Bautrups, die Leute in den Steinbrüchen,
die Versorgung. Das war das erste Mal in der
Menschheitsgeschichte, die erste Maschine. Nach und nach sind dann
im Lauf der Geschichte die unzuverlässigen menschlichen
Teile der Maschine durch mechanische ersetzt worden.
Und daß man heute - ich hab den Mumford noch ein bißchen
weiterphantasiert - daß man heute viele Parallelen findet zum
Pyramidenzeitafter. z.B. bei einem Atomkraftwerk, wie da mit den Tricks
der Bronzezeitgötter gearbeitet wird. Der Mensch
versucht, dem Sonnengott das Werkzeug aus der Hand zu nehmen. Diese
kontrollierten Energien, die auf der Sonne vor sich
gehen, zu zähmen und zu bändigen. Daß unsere Priesterkaste,
die Wissenschaftler und Technologen, das will.
w: In der Bibel heißt das 'Das eherne Meer'. Beim Tempelbau des
Königs Salomon. Da ist der Guß schief gegangen, die
Zugabe von Wasser erfolgte nicht wie geplant. Das ganze haben noch
Gesellen versiebt, die dem Meister die neue Braut nicht
gegönnt haben, und da isser dann in dieses flüssige Meer
hinein getaucht
und wieder zurück. Also, flüssiges Metall von dieser Größenordnung,
so wie ich mir das dann nach dieser biblischen Erzählung
vorgestellt habe, das hatte ich so in der Birne bei Tschernobyl. Da
stehen schon sehr starke Visionen drin.
p: Das anschaulichste Bild, das Mumford verwendet, ist der Vergleich
zwischen altägyptischen Pyramiden und Mondraketen.
Beides sind Bauten einer Großtechnologie. Das Innere einer Raumkapsel
ist gleichzusetzen mit der innersten Kammer einer
Pyramide, wo auch die miniaturisierte Ausrüstung für eine
Reise in die Unendlichkeit steht. Und wenn du 'ne Mumie und 'nen
Astronauten vergleichst, fallen die Ähnlichkeiten schon rein optisch
auf. Beides sind Menschen in einem Zustand
höchstmöglicher Reduktion der Lebensprozesse, was notwendig
ist, um solche außermenschlichen Bereiche zu erfahren. Ein
Astronaut trainiert jahrelang, seine Lebensfunktionen auf größtmögliche
Weise zu reduzieren, um diesen Bedingungen, die im
Raum herrschen, entgegenstehen zu können.
Es gibt ja auch nix Irrationaleres als die Vorstellung, auf den Mond
zu fliegen. Das ist das unwirtlichste, menschenfeindlichste..
das wußte man schon vorher, daß da die Kälte ist,
und Steine.
w: Also, an der Hell-Dunkel-Grenze das Zelt aufzuschlagen, das fand
ich schon interessant.
p: Klar hat das eine gewisse Poesie. Ich meine: bei den Pyramiden versteht
heute auch keiner mehr, warum man die gebaut hat.
Um nochmals zurückzukommen: Was ist die Konsequenz aus der fortschreitenden
Computerisierung? Die Idealvorstellung von
der Vollautomatisierung? Es ist halt sehr die Frage, ob wir das wollen.
Einzelmedien bringen es mit sich, daß, wenn du z.B.
fotografierst, die Bereitschaft nachläßt, Bilder mit Aufmerksamkeit
wahrzunehmen und zu behalten. Wenn du dauernd
fotografierst, verlierst du dein visuelles Gedächtnis.
w: Medialer Analphabetismus.
p: Wenn wir nun also grob gesagt mit den Computern den Geist nach außen
verlegen, oder das Bewußtsein, um das alles von
Automaten erledigen zu lassen - daß wir vielleicht im Endzustand
ausgeleert, mild lächelnd und haschischrauchend in der Ecke
sitzen, und die Rechner treiben die Kulturentwicklung voran. Ich mein',
ich hab mich schon mal gefragt, ob das dieses Gefühl,
zu leben, ist: Diese leichte.. auch wenn's einem gut geht, Wenn du
grade gevögelt hast, gegessen hast und die Sonne scheint,
trotzdem dieses leichte Gefühl von Last, von Anstrengung. Diese
Anforderung, die Kulturgeschichte der Menschheit
voranzutreiben, auch wenn du nur hustest. In diesen ganzen mikroskopischen
Einzelheiten. Es ist sehr die Frage, ob Rechner so
was jemals machen können, ob selbstmodifizierende Systeme wie
die biologischen Organismen in digitaler oder elektronischer
Form möglich sind.
Und dann: Wir scheiden uns selber aus der Entwicklungsgeschichte aus.
Wir sitzen daneben und schauen, wie die Apparate
sich weiterentwickeln und sind froh, daß wir nichts mehr machen
müssen. Dann wird's uns irgendwann nicht mehr gaben. Oder
wir werden 'ne Art Parasiten der Maschinen. Was ist deine Sicht von
der Zukunft der Computerei?
w: Zugang zu Datenbanken und Wissen.
p: Aber, Alter, schaut es nicht im Augenblick eher umgekehrt aus? Daß
wir Wissen verstecken in Datenbanken, vergraben?
Wissen, das keiner mehr suchen will oder kann, entweder weil es zu
teuer ist, oder zu kompliziert?
w: Es ist einfach zu teuer aus politischen Gründen. Die Kommunikationspreise
sind um den Faktor 1000 überteuert.
p: Auch wenn's nix kosten würde. Wenn du nicht mehr weißt,
was du überhaupt suchen kannst..
w: Das Suchen wird künstlich behindert von den Staaten. Als die
Amis hier einmarschiert sind, haben sie nicht nur das
Patentamt ausgeräumt - da sind nur noch Mikrofilme da -, sondern
es ist doch so, daß jeder Staat sein Patentwissen so gut
hütet, daß jeder Staat für sich selber ein so absurdes
Ordnungssystem hat, mit dem man zwar leben kann, mit dem man aber
nichts finden kann.
p: Ich hab mir schon mal überlegt, das wäre eine Möglichkeit
zur Arbeitsplatzbeschaffung, wenn die einzelnen User in den
Datenbanken nicht qualvoll x Retrievalsprachen lernen müßten,
sondern du nicht mehr an eine automatische Zutrittsmeldung
kommst, sondern an einen Portier, einen richtigen Menschen. Wie an
der Hotelrezeption. Ein Navigator.
v: Gibt's schon.
p: Daß da einer sitzt, den du antickern kannst?
v: Nicht nur einer. Da sitzt ein ganzes Team. Bei "Delphi". Die sind
immer da, und wenn du
irgendwie Probleme hast, kannst du die direkt anquatschen.
p: Ach ja, das haben die doch von vornherein gemacht. So'n Operator.
v: Nein, das sind keine Operators. Das sind Leute aus dem kultur- oder
sprachwissenschaftlichen Bereich, und was weiß ich
wofür. Fachleute.
p: Die kennen sich auch mit den ganzen Retrievals aus?
v: Manchmal machen die auch gar kein Retrieval. Manchmal schlagen die
ein Buch auf.
p: Man glaubt es kaum.
w: ..oder telefonieren..
v: ..oder antworten einfach so. Find ich 'ne wirklich gute Idee. Das
Orakel von, Delphi ist ja schon in der griechischen Sage
nicht zu kurz gekommen.
p: Ich hab' unlängst wieder ein Urbild vom Monitor in den alten
Mythen gefunden. Alexander der Große hatte angeblich einen
'Weltenspiegel', durch den er auf alle sieben Kontinente gleichzeitig
gucken konnte. Tolle Vision. Und alles Tun seiner Feinde
beobachten. So , ne Art Spähsatelliten hatte der schon. Gabs schon
im Mythos. Ist schon komisch, was man da an Bildern
wiederfindet.
Kennst du das: wenn du einen Scheit Holz im Feuer hast, diesen Scheit
siehst, wenn das Feuer schon runtergebrannt ist und der
noch glüht. Du siehst keine Flammen mehr, nur noch dieses glühende
Holz, und die Rinde springt in kleinen Blockmustern auf.
Wenn du drei Minuten abmeditierst - das geht mir jedesmal so -, dann
siehst du exakt, auch durch diese leichten Windflüge in
der Glut, das Bild einer nächtlichen Großstadt im 20. Jahrhundert,
wie man's jetzt aus dem Flugzeug sehen kann. Manchmal
denke ich mir: Sind das die Dinge, die Bilder, die die Kulturvorantreiben?
Wenn da Steinzeitmenschen vor dem Feuer gesessen
sind und das gesehen haben, und dann irgendwann 5000 Jahre später
ist das Bild realisiert?
w: Das beantworte ich insofern mit Ja, als: Hast du mal die Augen eines
Schmiedes gesehen?
p: Noch nicht bewußt.
w: In ihnen lebt dieses Feuer. Berufsbedingt. Von daher auch die Rolle
des Schmiedes in der griechischen Sage. Ich mein', es
ist ja nicht nur so, daß man dem Menschen das Feuer bringen muß,
sondern man muß ja auch was damit machen. Einfach
nur'ne Fackel irgendwo hinstellen ist ein bißchen lahmarschig.
Und für so was wie die Bronzezeit meinetwegen bedurfte es eines
Schmieds. Und das Gedicht von der Glocke - also: Schmied - Kunstschmied
- Glockenschmied. Glockenschmied: Besondere
Probleme, besondere Situation, weil: Ich brauch einfach mal fünf
Kilo Gold und zwölf Kilo Silber, und wenn ich das nicht
kriege, dann klingt das halt nach Blech. Und dann sind da ungeheure
logistische Probleme zu bewältigen. Aus irgendwelchen
Ruten, mit Ton zu verschmieren und die Suppe da reinzukippen. Ein Versuch.
p: Da gibt's übrigens in Kairo heutzutage noch einen schönen
Beruf, und zwar gibts in den Basaren eine Straße, da sitzen die
Kupferschmiede, eine, da sitzen die Goldschmiede - übrigens: wenn
du dir da Schmuck machen läßt, das kostet nur den
Goldpreis -, und da gibt's einen Typen, der kommt um vier Uhr morgens
und bringt die Glut.
w: Auf dieser Produktionsebene, da kommt davor der Köhler, und
der Schmied ist einfach all-in-one-production, die Reste
sind dann alles so verfeinert.. Ich denke, daß es genau dieses
Licht ist. Wenn du damit umgehen kannst, hast du irgendwo
erstmal keine Angst.
p: Geht's nicht beim Computer letztlich immer noch um die Beherrschung
des Feuers? Es ist doch so: Man könnte sagen, es
war der dramatische Punkt in der Menschheitsgeschichte, die Beherrschung
des Feuers. Und das geht durch die ganze
Geschichte.
w: Computer ist die Beherrschung des Lichts.
p: Ja, paß auf. Irgendwann ist das Feuer arbeitsteilig gemacht
worden. Die Wärme ist abgespalten vom Feuer, und das Licht.
Elektrischer Strom. Da ist'ne elektrische Heizung, du hast kein offenes
Feuer mehr. Das Licht - für mich ist immer der Monitor
gleichzusetzen mit dem Lagerfeuer. Es gibt doch diesen ganz archaischen
Eindruck, wenn du ins Feuer schaust. Da kann man
stundenlang reinschauen. Du siehst immer wieder Bilder, Visionen, irgendwas
passiert, du bist fasziniert. Fast dieselbe
hypnotische Faszination gibt's beim Fernseher respektive Monitor. Nur,
es sind kalte Bilder, kaltes Feuer. Und die Phantasien,
die, wenn du vor 'nem Feuer sitzt, vor dir aufsteigen, das ist soweit
rationalisiert worden oder "bequemer' gemacht worden, daß
man heutzutage die Phantasiebilder schon fertig geliefert kriegt. Vor
dem Feuer hast du noch die Freiheit, deine eigenen Bilder
zu entwickeln. Und am Computer geht's auch wieder.
vic: Das Interesse am Computer hat nichts mit dem Licht zu tun. Es
ist mir wurscht, wo das rauskommt, auf 'nem Display, auf
'nem Drucker. Ob das ein paar Lämpchen waren, die da aufgeleuchtet
haben, oder ob das irgendein Streifen ist, oder Löcher
drin..
p: Es ging dir schon um den Output.
v: Aber das hat überhaupt nichts mit dem Licht zu tun, weil das
Licht völlig im Hintergrund steht. Es ist die geistige Verbindung,
die über jede beliebige Schnittstelle gehen kann. Wenn ich blind
gewesen wär, dann hätte ich's eben gefühlt. Oder gehört.
w: Das bezweifle ich. Weil auf der Ebene des Fühlens kommst du
nicht weit. Das Auge ist das Werkzeug zum Überschreiten
von Entfernungen. Ich will jetzt nicht sagen.. das Riechen z.B., da
riechste Moleküle, das ist die Feinheit der Auflösung. Das
Schmecken: schmeckste Moleküle. Das Hören ist auch so verflucht
fein..
p: Wußtest du, daß das Wort 'Ereignis' von 'Auge' kommt?
Eräugnis.
v: Ist ja wundervoll..
w: ..die größte Bitdichte..
v: ..ja, die größte Bitdichte. Aber es kann über jede
irgendwie geartete Schnittstelle gehen. Es ist völlig egal, weiche
Bitdichte
die hat. Mit der einen geht's ein bißchen besser und mit der
anderen geht's ein bißchen schlechter.
w: Ja, bei'ner langsameren Bitdichte dauert es eben ein paar Jahr Milliarden
länger, bis sich Intelligenz entwickelt hat.
v: Das ändert ja nichts.. jetzt sind wir schon wieder bei einem
völlig anderen Thema. Ich wollte mich nur gegen die Äußerung
wehren, daß das was mit Feuer oder mit Licht oder sonst so was
zu tun hat, weil's einfach Unsinn ist. Es kann auch ein Drucker
sein.
w: Ich hab bloß historisch diese Bitdichte reingebracht. Und
damit einen Erkenntnisschritt auf der organischen Seite ermöglicht.
v: Deine Phantasie..
p-. Für mich spielt das Licht'ne große Rolle. Ich bin Großstadtromantiker.
Und mich fasziniert am Computer, daß ich da mit
Licht schreiben kann. Oder rotationssysmmetrische Modelle in 3D-CAD-Programmen,
töpfern mit Licht. Diese Leichtigkeit in
den Bildern, Schwerelosigkeit, alles schwebt. Du hast so ein cleanes
Universum. Ich mein, die sind natürlich auch antiseptisch,
die Bilder. Wenn man Computergraphiken sieht, wünscht man sich
manchmal, daß da jemand in die Ecke kackt. Alles so glatt
und glänzend, da müssen sie immer zeigen, was sie können.
Irgendwann wird's Schmutz- und Verrohungsprogramme geben.
p: . Warum baut eigentlich noch niemand Haushaltsroboter?
v: Ich weiß nicht, 'n Haushaltsroboter...
p: Ist es nicht das Ziel der Automatisation, alle lästige Arbeit
vom Menschen wegzunehmen?
v: Ich weiß nicht. Ich meine, wir sind keine Automatisierer.
Ich jedenfalls bin kein Automatisierer, wenn ich nicht damit mein
Geld verdienen muß. Dann ist mir das scheiß egal.
w: Bei mir ist es so: Ich möchte genug Rechenkapazität haben..
p: Wozu? Wo willst du hin damit?
w: Strukturen angucken.
v: Und wo ich hinwill, das kann ich dir auch sagen.
p: Bloß so philosophisch Strukturen angucken, Mandala-artig?
Geil, ne Struktur..
w: Ne, nicht: Geil, ne Struktur. In der Perspektive, meine Realitätssicht
dort in Bits zu haben und das abgleichen zu können mit
anderen, sodaß man auch bestimmte Zukunftsplots machen kann,
die mit einander abstimmen kann. Meinetwegen so ein
organisiertes.. das, was intern bei IBM läuft. Die Datenbank Geschichten,
wo man als Angestellter seinen Datenbank junk
kriegt, was man wissen will, und das ganze eben nicht mit Papa IBM,
sondern selbst organisiert und frei fluktuierend in die
Zukunft.
p: Wie, läuft das schon?
w: Das ist meine Vorstellung. Dazu bräucht'ich eigentlich so ein
Transputerdingens mit Gigabyte dran und zwei WORMs, und
dann könnte ich in dieser Hinsicht die ersten Schrittchen machen.
p: Hast du'ne Ahnung, was die bei IBM grad in der Küche haben?
Woran die in den Labors basteln?
w: Weiß ich nicht. Aber wenn ich mir anguck', auf was für
Hobeln deren Datenbankanwendungen heute laufen, dann denk ich:
Die technologische Entwicklung gibt mir bald die Möglichkeit,
mir zuhause so einen Kasten hinzustellen, wie ich mir eben vor
ein paar Jahren den Atari hinstellen konnte.
p: Die Taschen-Cray.
w: Ja. Und dann kann ich diese ganzen Anwendungen drauf fahren. Schweizer
Telefonbuch, eine CD-Disk, mit den
Mädchennamen der Frau. Kann man mal rangehen, 'ne Vornamen Statistik
der Schweizer zu machen, Datei der Orter. Zu
solchen Sachen hab ich Lust.
p: Vornamenstatistik der Frauen?
v: Ich möchte gerne Urknall-Experimente machen.
p: Also den lieben Gott ausrechnen.
v: Nein. Urknallexperimente.
p: Ham' sie bei Abel Image Resarch schon gemacht.
v: Wenn du sowieso schon alles weißt, warum stellst du mir überhaupt
noch 'ne Frage?
p: Flecht' ich nur am Rande rein.
v: Aber du Bla'st mir immer so die Birne zu.. Ich will keinen lieben
Gott ausrechnen, sondern..
w: ..Du willst 'ne Struktur, die antwortet.
v: Meine fixe Idee ist einfach, daß irgendwas sich selbst entwickelt,
wenn man nur genügend Voraussetzungen dafür schafft.
Das ist meine Urknall-Theorie.
p: Homunkulus. Kennste das? Doktor Faust.
v: Jetzt komm doch nicht mit irgendwelchen Scheißbüchern.
Ich hab noch, keins gelesen, das weißt du ganz genau.
p: Deswegen frag ich auch, ob du das kennst.
w: Faust, das sind Warnungen vor den Folgewirkungen, von vor 200 Jahren.
v: Das ist eben die Idee, die mich da dran fasziniert: N' Modell zu
entwickeln, richtig was zum Anfassen, woran ich mich selber
studieren kann. Sozusagen eine Maschine mit möglichst vielen Parallelen
zu mir zu bauen, um mich selber dran studieren zu
können.
p: Warum begnügt man sich dann nicht mit Menschen? Das sind doch
genau wie du konstruierte Systeme?
v: Du kannst sie leider nicht auseinandernehmen und ihre Zustände
an jeder Stelle abfragen.
w: Sie sind eben ein bißchen komplexer als zehn Transputer, deren
Software man untereinander verschalten kann.
v: Darum geht es nicht. Das ist einfach ethisch nicht drin. Und auch
technisch sind die Meßverfahren schwieriger. Wenn man
so'ne Elektronik hat, hat man eine Vereinfachung. Man kann mit dem
Voltmeter rangehen. Ich hab da natürlich noch ein
bißchen AnalogIdee mit dran. Es wird noch was Analoges mit dabei
sein.
w: Wie bringst du das Analoge mit rein? Auf der Ebene Analog-Digital-Wandler?
v: Ne. Hardwaremäßig. Mit analogen Logikgattern.
w: Also, neuronales Vernetzungskonzept.
v: Das sowieso. Aber das kannste ja auch noch digital machen. Die Erweiterung
um die analoge Komponente, die stell ich mir
so vor, daß man diese.. den.. wie soll ich sagen: nur mit Bauelementen
arbeitet, die sagen wir mal, wenn jetzt irgendne logische
Verknüpfung stattfinden soll, die eben eine bestimmte Durchsetzungskraft
haben soll, verstehst du, in Form von Spannung oder
irgendeiner Größe, das ist völlig egal, einfach nur
um diese gewisse Durchsetzungskraft zu realisieren.. Und dann hab ich mir
auch noch so was überlegt wie Erlebnisfilter. Es ist ja ein recht
interessantes Phänomen, daß eben, daß man so was
Suchmäßiges los schicken muß im Kopf, und daß
das zunächst mal überhaupt nichts findet und auch unmöglich
was finden
kann, und nach einerZeit doch was ausgegraben hat. Daß das so
funktioniert, da hab ich mir vorgestellt - ist auch wieder nur
eine Idee -, daß vielleicht im Gehirn ein Kompressions-Algorithmus
für den ganzen Schrott da ist, und daß das immer wieder
erst auseinandergebastelt werden muß, bevor man's wieder vergleichen
kann.
w: Nein. Das funktioniert so, daß die Kornpression so codeintensiv
ist, daß du von vorne nach hinten immer feinere Auflösung
machen kannst. Das ist die effektivste Form, was zu machen. Meinetwegen,
wenn du ein Bild zeilenweise abspeicherst, daß du
bis zu demjenigen Delta abspeicherst, wo du es nicht mehr codemäßig
effektivieren kannst. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es
anders funktioniert, weil das ist das Effektivste. Was man dann noch
von der Codestruktur her verdichten könnte, wäre
meinetwegen, daß man sich aus dem Integer-Raum Randomziffern
bildet nach'nem Algorithmus und dann mit einem Search
derartige Bitmuster sucht und durch die Adresse abspeichert und die
Adresse kürzer ist als die Daten. Aber das ist ein
Komprimierungsalgorithmus, der tendenziell die Grenzen von Huffmans
Theorie sprengt. Und das ist unpraktisch zu
implementieren, das ist großer Rechenaufwand.
Und ich meine, daß die Transputer einen entscheidenden Nachteil
haben gegenüber der neuronalen Vernetzung, weil sie
nämlich nur vier Dinger haben. Und die Neuronen sind meines Wissens
mehrfach vernetzt. Die Abbildung von Analogwerten im
Digitalen ist für mich die dritte Dimension gegenüber einem
horizontalen Netz. Das ist mein Denken darüber, wie das Ganze
funktioniert.
p: Wir sind in der Computerentwicklung ja erst in der zweiten Dimension
angelangt. Aus dem Linearen raus.
v: Was mich beschäftigt, ist daß diese Geschichte mit den
Prozessoren wieder zu wenig allgemein ist für meine Begriffe. Und
deswegen hab ich die Prozessoren einfach weggelassen und wieder durch
TTL-Gräber ersetzt.
p: Was heißt TTL eigentlich?
w: Transistor-Transistor-Logik.
v: Und da ich mir überlegt hab',. Paß auf: Jetzt kommt der
Kernpunkt, der in meiner Geschichte da drinsteht. Die Kernaussage
ist: Ich hab die Prozessoren, weil ich diese als Quatsch erkannt hab,
also wieder durch TTL-Gräber ersetzt. Diese TTL-Gräber
vernetze ich möglichst universell und, was noch hinzukommt: Diese
TTL-Gräber müssen modifizierbar sein.
Das heißt, dieser Prozessor muß sich selbst umbauen können.
So, und wozu komm ich da? Ich komm zu einer PAL-Logik,
zunächst mal. PAL-Logik, wunderbar..
w: Und da gibts ja die modernere GAL- oder So..
v: Genau da komm ich hin. Und dann sag ich: Mein Gehirn besteht aus
auf 'ne bestimmte Weise vernetzten dynamischen GALs
sozusagen, die, wenn du den Strom ausschaltest, alles wieder vergessen.
w: Dynamisch ist das eine. Das zweite, hast du dir mal über die
Clock Gedanken gemacht?
v: Du meinst den Systemtakt?
w: Ich meine jetzt nicht die Megaherz-Ebene, sondern die Herz-Ebene.
v: Über die Clock hab ich mir insofern wenig Gedanken gemacht,
als man die an jeder Stelle des Systems - auch mehrere
verschiedene Taktsignale - einspeisen könnte, und die auf irgendeine
Art und Weise vermarmeln. Ich könnte das Sonnenlicht
als Clock nehmen, und einen Radiosender und ein was weiß ich.
Ich kann verschiedene Taktsignale in meine Schaltung rein
lassen.
w: Wenn das System eine bestimmte Intelligenz haben soll, ist das damit
verbunden, daß es bestimmte klar definierte
Eigenschwingvorgänge im Herz-Bereich hat.
v: Mein Ansatz geht ja anders'ran. Ich versuch ja eher.. vielleicht
ergeben sich diese Schwingungen im Herz-Bereich ja aus
diesen Faktoren, die auf die Schaltung einstürmen. Vielleicht
ergeben die sich sogar zwangsläufig.
p: Was sind denn das für Schwingungen im Herz-Bereich?
w: Das ist so dieses ganze Alfa bis Theta. Das ist in der Situation
wie wir zusammensitzen und eine gewisse Ruhe an den Tag
legen, da sind wir auch in der Lage, das, was wir diskutieren, in unser
Langzeitgedächtnis aufzunehmen. Wenn dauernd das
Telefon klingelt, sind wir mit unserer Eigenschwingung eben jetzt etwas
höher, Streßniveau, und dann ist die Funktion 'auf
Dauer abspeichern' beschränkt. Das sind bestimmte Eigenarten unseres
Allgemeinsystems.
p: Wahrscheinlich, weil die Übertragungsgeschwindigkeit runter
auf die langsamere Ebene nicht ausreicht.
w: Da ist die vorhandene Rechenkapazität mit anderen Aufgaben
soweit ausgelastet, daß diese aufwendigen Archivierungs- und
Filterfunktionen bis in die Details, so stückweise runter und
dafür dann irgendwelche Bereiche frei räumen, und in dem Gehirn
dann die Chemikalien ausstoßen, die bewirken, daß ich bestimmte
Strukturen konserviere, die ist bei den höheren Frequenzen
gebremst.
p: Es gibt ja auch scheinbar so was wie genetische Clocks. Da ist vor
einem halben Jahr eine Untersuchung eines Biologen
veröffentlicht worden, der Pflanzen untersucht hat, und die wochenlang
in dunkle Schränke eingesperrt hat. Die haben sich
trotzdem nach Tag und Nacht verhalten, in bestimmten Zyklen. Die haben
sich sogar nach den Mondzyklen verhalten. Ganz
interessant.
w: Magnetfeld.
p: Das interessante war: Die genetische Uhr in den Pflanzen geht scheinbar
ein bißchen nach. Die stammt scheinbar aus'ner Zeit,
wo die Erde sich noch ein bißchen langsamer gedreht hat.. oder
schneller.. wie 'rum jetzt?
w: Ich glaub, die bremst. Ich glaub nicht, daß sie beschleunigt.
(Heiterkeit)
p: Wer kann das sagen.. Ich meine, die Parallelrecher sind in einer
Hinsicht ein interessantes Konzept, das wahrscheinlich noch
eine zeitlang weiterverfolgt wird, weil wir damit zum ersten Mal aus
unserer von der Schriftkultur geprägten Denkweise
ausbrechen. Aus dem linearen Denken, was du immer als erstes eingetrichtert
bekommst, schon als Kind, in der Schule, dieses
Eins-nach-demanderen-Denken..
w: ..du sollst keine gordischen Knoten erzeugen..
p: Und jeder weiß aber aus ganz banaler Erfahrung, daß
der Mensch eigentlich Multitaskingfähig ist. das heißt, du kannst
gleichzeitig telefonieren, fernsehen, Brötchen essen und was aufschreiben.
Es ist jetzt halt sehr die Frage.. Nach meinem Wissen
gehört zu den Hauptproblemen an den Transputern zur Zeit, daß
die Leute sich an der Software das Hirn ausreißen, weil keiner
parallel denken kann. In gewisser Hinsicht können die Programmierer
jetzt eine kulturelle Avantgarde werden oder'ne philosophische, weil
sie eine neue Art zu denken ausprobieren, nämlich
paralleles Denken. Meinst du, daß es möglich ist, daß
du in deinem biologischen System einen Kanal, der normalerweise fürs
Telefonieren abgestellt ist, freisetzen kannst für einen zweiten
rationalen Gedankenlauf? Daß man das lernen kann, parallel zu
denken?
w: Ja.
p: Also, daß du zwei oder mehrere Gedanken nebeneinander her
verfolgen kannst und sie verzweigen läßt.
w: Also, als Übung seh' ich dazu die Bücher von Robert Wilson,
"illuminatus". Da hast du stets mit einem halben Dutzend
Ereignisse zu tun, die sequentiell..
p: Aber das ist Fake. Das läuft auch noch alles linear, wenn du
Illuminatus liest. Da bist du immer noch in EINER Zeile. Du
kannst vielleicht Arno Schmidt lesen, "Zettels Traum". Der hat ab und
zu Wörter oben drüber und unten drunter geschrieben in
der Zeile, das ist schon.. und Noten, Partituren. Du müßtest
beim parallelen Denken sozusagen sprachlich eine Partitur
realisieren, im Kopf. Opernhaftes Denken.
w: Dieses Strickmuster einer Vierer partitur, das hat der Wilson auch
gebracht. Das sind für mich so diese Multitasking-Dinger.
Ein Buch lesen und vier Geschichten verfolgen. Nett. Vier Schachaufgaben
auf einmal, das ist bäh.
v: Aber zwei Bücher gleichzeitig lesen, das ist eigentlich das
Interessante. Wenn du es schaffst, dein eines Auge zu
programmieren auf ein Buch - du kannst mit einem Auge lesen -, und
es schaffst, dein anderes Auge auf das andere Buch zu
programmieren und das parallel in deinem Hirn zu verarbeiten, dann
ist das , ne verdammte Beschleunigung. Dann ist es eine
neue Qualität.
p: Das ist es, was ich meine.
w: Training. Verdammt hartes Training.
p: Vielleicht dauert das Generationen. Wir haben 5000 Jahre Schriftkultur
hinter uns jetzt.
w: Wobei ich aber zu behaupten wage: Ich trainiere lieber linear schneller
und lese die beiden hintereinander. Ich glaub', das
geht schneller.
v: Es ist immer noch die Frage, wie weit sich das
perfektionieren läßt. Denn, möglicherweise, wenn man
das perfektionieren kann, daß man nicht nur zwei Vorgänge, sondern
beliebig viele Vorgänge parallel denken kann, dann kannst du zum
Beispiel'nen Binärbaum geistig durcharbeiten, verstehst du,
nicht immer wieder zurückspringen, sondern alles auf einmal, und
dann die Enden langsam.. die Prozesse abkappen, wenn sie
an irgendein Ende gekommen sind. Was meinste, wie schnell du da zu
irgendeinem Ergebnis kommst.
w: Wir machen einen Halbjahreskursus: So integriere ich den Bubblesort
in mein Hirn.
v: Ganz genau. Sachen, die bisher die Hirnkapazität gesprengt
haben.
p: Zu deutsch: Wie lerne ich, Occam zu programmieren.
v: Nein: Wie lerne ich, Occam zu denken. Das ist es.
w: K.S. will immer, daß die Leute alle Forth denken.
p: Weißt du, auf was ich gekommen bin? Es gibt verschiedene Ähnlichkeiten
zwischen Programmiersprachen und Musik. Die
Forth Leute sind für mich so die Freejazzer. Forth ist genauso
schwer verdaulich wie Freejazz. Nur für Assembler hab ich noch
kein richtiges Musikanalogon gefunden. Vielleicht Industrial Rock oder
so, stimmt auch nicht ganz. Burundi Beat, ja, dorn dum
dom dum. C ist elegante Popmusik. Basic ist deutscher Schlager. Und
Occam hab ich noch nicht kategorisiert. Occam ähnelt
'ner Orchesteraufführung. Occam ist opernhaft.
w: Aber dann eine moderne Oper mit einem Theater, wo in dem Theater
die Bühne eine Drehbühne in der Mitte ist, und links
rum sind vier Zuschauersäle und die Drehbühne dreht sich
von Szene zu Szene und die Schauspieler spielen kontinuierlich. Ich
glaub, das ist ein Alptraum für einen Schauspieler.
v: Oder stell dir vor: Eine Bühne an so 'nem langen Band, 'nem
Fließband. Wo jede Szene an dem Fließband dran ist, und in
jeder Szene spielen immer Schauspieler. Die Fließbandidee ins
Theater gebracht. Jeder spielt nur diese eine Szene..
p: ..und geht dann wieder weg..
v: Nein. Die bleiben da drin, und dieses Fließband wird nur an
den einzelnen Zuschauer eins weitergetickt. Und es spielt immer
in diesen Boxen, immer dieselben Schauspieler spielen immer dieselben
Szenen.
p: Damit ist das Arbeitslosenproblem beseitigt.
w: Da machste nur: die Bewegung im Filmprojektor auf real existierende
Leute zu übertragen.
v: Neinneinnein.. ich mein das szenenweise. Die gleichen Schauspieler
spielen immer die gleichen Szenen. Aber jede Szene hat
ihre eigenen Schauspieler.
w: Meine Szenen-Einheitsdefinition hab ich jetzt so getroffen, daß
ich meine dafür mechanisch vorgegebene Zeit, nämlich das
Nicken mit den Augen von etwa 1/25 Sekunde als eine Szene definiert
habe. Noch 'ne andere Zeit. Tack, Blinker. 4
Hundertstel Sekunden.
v: Na und?
w: Das ist eine Zeiteinheit. Die Szene. In einer Oper meinetwegen.
'Ne Szene, die ich so wahrnehme..
p: Das ist ein sehr subjektiver Maßstab. Wie der geheimnisvolle
Pyramidenzoll.
v: Ich hab auch gar nicht mitgekriegt, was das sein soll.
p: 'Ne Zeiteinheit. Wau hat 'ne subjektive Zeiteinheit für sich
erfunden.
w: Nö, `ne objektive.
p: Das behauptest DU.
w: Ja, das behaupte ich.
p: Meinste, das Tickern ist bei allen Menschen genau gleich lang?
w: Es liegt in dieser Größenordnung.
p: Und das, sagst du, ist ab jetzt eine Szene? Ist aber 'n bißchen
knapp. Das ist ein Augenblick, keine Szene.
w: Ist ein Augenblick, gut.