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Hermann Hartmann: Berner Oberland in Sage und Geschichte. II. Das große Landbuch
Mit diesem II. Band — den ersten habe ich im Jahrbuch XLVII, p. 323—24, eingehend besprochen — hat der für das Berner Oberland seit langem mit rührender Treue tätige Verfasser ein großangelegtes Werk zum glücklichen Ende gebracht, das ihn beinahe anderthalb Jahrzehnte lang beschäftigte und das nur dank der wissenschaftlichen Mitarbeit des bernischen Staatsarchivars Dr. Tilrler, der Herren Pfarrer Dr. Bähler, damals in Thierachern, und Pfarrer Iselin in Riehen-Basel, der illustrativen Unterstützung durch das Kunstmuseum in Basel, das historische Museum und die Landesbibliothek in Bern und der Subventionen des Oberländischen Verkehrsvereins und der Kurhausgesellschaft und Gemeinde Interlaken u.a. überhaupt auf die schweizerische Landesausstellung hin veröffentlicht werden konnte. Es kann natürlich keine Rede davon sein, auf dem beschränkten Kaum, der mir noch für Bücherbesprechungen zur Verfügung steht, diesen 1042 Seiten und ungezählte Illustrationen aufweisenden sehr stattlichen und gewichtigen Band eingehend zu würdigen. Dies um so weniger, als die auf dem Rücken des mit den Wappen der sieben Ämter des Berner Oberlandes und dem Berner Bären geschmückten Karton-umschlags angebrachte I und gewisse Andeutungen im Text darauf schließen lassen, daß noch ein im Manuskript fertiger Schlußband folgen wird, sobald es die Zeitumstände erlauben. Ich muß mich daher darauf beschränken, die Hauptresultate des vorliegenden, soweit sie für ein alpines Jahrbuch Bedeutung haben, anzugeben und auf Punkte hinzuweisen, die im ausstehenden vielleicht noch berücksichtigt werden können. Ich konstatiere zunächst mit Vergnügen, daß meine Kritik der Zitate in Band I auf Band II nur noch teilweise zutrifit. Immerhin wäre noch einzelnes zu bessern und befremdend ist, daß eine Liste der benutzten Literatur, bei welcher man sich in Zweifelsfällen Rates erholen könnte, fehlt. Für eine solche möchte ich anmerken, daß der Verfasser der „ Reisen durch die merkwürdigsten Gegenden Helvetiens " der gleiche ist wie der der „ Eisgebirge des Schweizerlandes ", nämlich Gottlieb Sigmund Grüner, und daß die „ Briefe über ein schweizerisches Hirtenland " von Karl Viktor v. Bonstetten verfaßt sind. Hartmann scheint das zu wissen, sollte es aber deutlich sagen. Ebenso, daß der Verfasser der „ Briefe eines Sachsen aus der Schweiz an seinen Freund in Leipzig " C. G. Küttner heißt. Ein Lapsus ist, daß Hartmann ( pag. 337/38 ) sagt: „ Meiners Briefe über seine Schweizerreisen schwollen zu drei Bändchen an ", und von dem gleichen: „ man muß ihm dafür dankbar sein, daß er die Reisen der Schuljugend wieder in Gang gebracht hat ". Hier, und noch an einer andern Stelle, liegt eine Verwechslung mit Friedrich Meisner vor, dem dieses Verdienst für Bern unstreitig gebührt. Wer darin sein Vorgänger, Patentträger, wie sich Hartmann ausdrückt, gewesen sein soll, gestehe ich nicht zu wissen. Ein Versehen ist auch, wenn unter den Freunden Heinrich v. Kleists bei dessen Aufenthalt in Bern 1801 ein Heinrich von Zschokke genannt wird. Es handelt sich um den bekannten, in mehreren Sätteln gerechten Literaten und Publizisten Heinrich Zschokke, der meistens in Aarau tätig war, aber damals in Bern gewesen sein mag. Im übrigen ist gerade dieser Abschnitt über den Aufenthalt des Dichters Heinrich v. Kleist in Bern und Thun 1801 und 1802 gut behandelt und mit zum Teil neuen Aufschlüssen ausgestattet. Das nämliche gilt für Goethes Oberlandreise im Herbst 1779 und besonders für die Lösung der Frage: Wo hat Goethe in Lauterbrunnen logiert? Ich habe über diese Dinge, die mir sonst ziemlich geläufig waren ( siehe S.A.C.J.. LI, pag. 229 und 231 ), von Hartmann Neues gelernt. Das gleiche gilt von den Ausführungen Hartmanns über den Aufenthalt von Zacharias Werner in der Schweiz und dessen „ 24. Februar " und, die Lokalisierung dieser Schauertragödie im Schwarenbachwirtshaus an der Gemmi. Mit Recht ist Hartmann mißtrauisch gegen das, was Alexandre Dumas in seinen „ Impressions de voyage " 1833 aus diesem Stoff gemacht hat. Aber ähnliche Vorsicht wäre auch am Platz gewesen gegenüber den albernen Erzählungen M. Th. Bourrits über eine angebliche Reise von M. Polier de Bottens zu Pferde über die Gletscher von Kandersteg nach Lauterbrunnen, deren Unmöglichkeit ich an mindestens sechs Orten schon dargetan zu haben glaube. Bessern Glauben verdienen dagegen Hartmanns Zusammenstellungen über „ Gesundbrunnen und Heilbäder des Berner Oberlandes " ( II. Buch ), „ Aus dem Register der Gäste " ( III. Buch ) und „ Von Hospiz und Herberge zu Gasthaus und Hotel ". Hier, sowie auch in Buch I: Die ersten Lichtstrahlen, und in Buch V: Im Zeichen des Verkehrs, weiß Hartmann über die Entwicklung von Handel und Wandel, Land- und Alp Wirtschaft, Hausindustrien, Säumerei und Paßtransport, Fremdenverkehr, Wirtschafts- und Herbergswesen, Tarife und Réglemente, Fluß-, See- und Straßenverkehr, von* der „ Kälberflotte " und Karrerei über die Post zu den Dampfschiffen und Eisenbahnen, amüsant und belehrend zu plaudern. Der Umstand, daß in jedem dieser Abschnitte immer wieder von den Uranfängen ausgegangen wird, macht Wiederholungen und gelegentliche Widersprüche fast unvermeidlich und erschwert die Übersicht, welche ein an den Schluß gestelltes ausführliches Inhaltsverzeichnis „ Band 1 " notdürftig wieder herstellt. Mit dem Dank für die Fülle der Belehrung, welche dieser „ Band 1 " durch Text und Illustrationen, die gut gewählt und durch Beriteli A.G. tadellos reproduziert sind, will ich zum Schluß noch einiges anbringen, was Herrn Hartmann für „ Band 2 " dienlich sein kann. Den von mir wiederholt geforderten strikten urkundlichen Beweis dafür, daß der Name Jungfrau nicht, wie Thomas Schöpf 1577 meinte, von der hehren Erscheinung dieses Gebirges herrühre, sondern von der Übertragung des Namens von einer am Fuß liegenden, den Ursulinerinnen von Interlaken zugehörenden Alpweide auf den Gipfel, ist Herr Hartmann auch im „ Großen Landbuch " schuldig geblieben und ich muß daher auch ferner auf meinem Schein, d.h. auf dem genauen Text aus dem „ Pfennigzinsrodel " des Klosters bestehen. Zur Geschichte des Grimselpasses und des Hospizes, der Spittler, des Besitzwechsels der Unter- und Oberaaralp, der Grenzen und Ver-marchungen daselbst wäre aus neuerer, aber schon vor 1914 bekannter Literatur einiges nachzutragen. Es ist gewagt, das Seite 183 abgebildete Muttergottesbild aus der „ Vita Beati " des Agricola 1511 für die Wallfahrten zu der Klause dieses Heiligen heranzuziehen, da Agricola höchst wahrscheinlich nicht unsern „ Batt " meinte. In der langen Reihe der Besucher des Berner Oberlandes und seiner Gletscher, welche Fürstlichkeiten ( von Markgraf Albrecht von Brandenburg 1690 bis auf Kaiser Wilhelm II. 1912; die Hohenzollern sind auffallend stark vertreten ), Musiker, Maler, Schriftsteller, Gelehrte und zuletzt auch die misera plebs der zu Fuß gehenden Touristen und Alpinisten aufweist, die sich irgendwie bemerkbar gemacht, z.B. in Fremdenbücher eingetragen haben, vermisse ich, außer den Gästen des „ Hotel des Neuchâtelois " und des Pavillon Dollfus der vierziger und fünfziger Jahre, die vielleicht im zweiten Band werden nachgeholt werden, einen großen Namen, Edward Whymper. Und doch besitzt, worauf ich schon in der „ Alpina " vom 15. Dezember 1911 aufmerksam gemacht habe, die Bibliothek der Sektion Bern S.A.C. einen Interlachen, July 25. 1825 datierten und auf Papier des Hotel Ober geschriebenen eigenhändigen Bericht Whympers, in englischer Sprache mit französischer Übersetzung von P. Ober, über die Matterhornkatastrophe. Mit Genugtuung habe ich die Notizen über diesen für Interlaken bahnbrechenden Hotelier gelesen, an den mich auch persönliche Erinnerungen und Freundschaftsbande knüpfen. Überhaupt können wohl die „ youngsters " unter meinen Lesern, welche in Gastwirten und Berufsführern zumeist Ausbeuter zu erblicken belieben, nicht richtig einschätzen, was uns Bergsteigern des ersten Dezenniums des S.A.C. Männer wie die Ober und Wyder in Interlaken, die Sterchi iu Murren, die Gurtner und von Allmen in Lauterbrunnen, die Seiler auf der Wengernalp, die Bohren und Boß in Grindelwald, die Nägeli auf der Grimsel, die Egger in Kandersteg als Gastgeber und Förderer unserer Unternehmungen bedeuteten. Herr Hartmann hat wenigstens noch aus einer guten Tradition geschöpft. Ich hoffe, daß es mir noch vergönnt sein werde, aus den Papieren des Pfarrers J. S. Wyttenbach Ergänzungen zu den Berichten von Hartmann über den Fremdenbesuch im Berner Oberland während der Kriegsjahre 1804—1815 beizubringen. Über die bewirtschafteten Hütten an der Stieregg und Bäregg erfahren wir durch Hartmann weniger als durch Dr. Coolidge ( siehe S.A.C.J.. LI, pag. 222 ) und auch sonst finden sich im Geschichtlichen des Hartmannschen „ Großen Land-buches " Lücken, die ausgefüllt werden sollten. Immerhin aber ist es eine Arbeit von staunenswertem Fleiß und großer Belesenheit und vom Verlag Benteli A.G. musterhaft gedruckt, illustriert und gebunden.Bedaküon.