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Horburggottesacker / Horburgpark

Gottesackerstrasse
Tram 14 - Brombacherstrasse, Tram 17/8 - Ciba
Bus 36 - Mauerstrasse
Auf den Dreirosenfeldern
Der Leichen zu viele und zu wenig Platz um sie zu bestatten. So lässt sich das Dilemma Kleinbasels in Sachen Bestattung in den 1880er Jahren umschreiben. Der 1832 angelegte Gottesacker St.Theodor im Rosental vermochte trotz mehrfachen Ausbaus die Verstorbenen von Kleinbasel nicht mehr richtig aufzunehmen, und eine Verkürzung der zwanzigjährigen Ruhezeit löste das Platzproblem auch nicht, weil der Boden die Verwesung nicht eben begünstigte.
Blick durch den Horburgpark nach Osten zum Wiesenschanzweg. Der bogenartige Hauptweg durch den Park führte früher an allen Grabfeldern des Friedhofs vorbei. Angeschnitten links ein Teil der Dirtjump-Bahn die 2001/03 entstand.
Schon 1874 hatten weitsichtige Leute nach einem neuen Begräbnisplatz in Kleinbasel Ausschau gehalten und waren dabei auf die sogenannten "Dreirosenfelder" gestossen. Man hätte das grosse Areal für 48'000 Franken kaufen können, und der Boden war laut wissenschaftlichem Gutachten der beste den man im Raum Kleinbasel für einen Friedhof finden konnte. Bloss griff man damals nicht zu, was man nun begann zu bedauern. Über ein Jahrzehnt war vergangen.
Mittlerweile war das Bestattungwesen an das neu entstandene Sanitätsdepartement übergegangen, dessen erster Vorsteher Carl Sarasin (1815-1886) mit einem Vorschlag zur provisorischen Lösung des Bestattungsproblems den Kleinbasler wenig Freude machte. Er wollte ihnen zumuten Ihre Toten auf den Grossbasler Gottesäckern Wolf und Kannenfeld beizusetzen, notabene als es noch keine BVB gab mit der weniger vermögende Trauergäste hätten anreisen können.
Mühsame Landbeschaffung
Das Sanitätsdepartement beschloss 1882 einen neuen Friedhof für Kleinbasel anzulegen. Man erinnerte sich an die Dreirosenfelder. Doch die Dinge waren nicht mehr so einfach wie 1874. Das benötigte Areal lag in mehreren Händen, unter anderem in jenen der Gesellschaft für Chemische Industrie Basel (Ciba). In einem Fall musste das Land mittels Enteignung beschafft werden. Dann endlich konnte an der Klybeckstrasse der neue Gottesacker entstehen.
Der Plan des Gottesackers wurde von Kantonsbaumeister Heinrich Reese (1843-1919) vollendet. Die Platznöte vergangener Tage auf den Friedhöfen waren allgemein bekannt, so erstaunt es nicht dass noch während der Planungsphase beim Grossen Rat im Mai 1888 eine Petition einging, die verlangte dass Basel ähnlich wie Zürich ein Krematorium erhalten solle. Vorerst vermochte die Obrigkeit allerdings in dieser Sache kein öffentliches Bedürfnis zu erkennen.
Mit der Anlage des Friedhofs wurde 1889 begonnen. Am 1. September 1890 konnte der neue Gottesacker Horburg seiner Bestimmung übergeben werden. Noch am Tag zuvor wurde ein verstorbenes einjähriges Mädchen als letztes auf dem Gottesacker Rosental beigesetzt. Danach wurde er für Beisetzungen geschlossen. Rund zwei Monate nach der Eröffnung des neuen Friedhofs beschloss der Grosse Rat die Einführung der fakultativen Feuerbestattung.
Das erste Basler Krematorium
Dem Entschluss war der Gedanke vorausgegangen in Basel ein Krematorium zu bauen. Das Projekt wurde dann aus dem konservativen Lager angefeindet, wo man sich irgendwie unbehaglich bei dem Gedanken fühlte, als Leiche zu Asche verarbeitet zu werden. Die folgende Volksabstimmung ergab eine knappen Mehrheit für eine Subvention von 67'300 Franken an den Bau eines Krematoriums. Dieses wurde vom Architekten Leonhard Friedrich (1852-1918) geplant.
A - Klybeckstrasse
B - Müllheimerstrasse (nach 1951 durch ehem. Gottesacker verlängert)
C - Gottesackerstrasse (wegen Ciba-Überbauung nach 1951 auf die Hälfte gekürzt)
D - Wiesenschanzweg
E - Mauerstrasse
1 - heute als Park erhaltene Partie des Gottesackers (rot eingefärbt)
2 - nach 1951 von der Ciba überbaute Partie des Gottesackers (blau eingefärbt)
3 - Abdankungskapelle, nach 1951 bei verlängerung Müllheimerstrasse abgerissen
4 - Robinsonspielplatz Horburg, 1957 entstanden
5 - Krematorium, 1898 eröffnet, nach 1951 abgerissen
6 - Parkeingang Südwest mit WC-Häuschen (Schauplatz der Bluttat von 2003)
7 - Kinderplanschbecken mit Dusche
8 - Kindertagesheim Novartis Müllheimerstr. 186, ehem. Haupteingang Gottesacker
Friedrich schuf 1896/97 mit seinem an eine Kapelle mahnenden Krematorium auf dem Horburg-Gottesacker am Wiesenschanzweg eine Ergänzung zur Abdankungskapelle an der Mauerstrasse. Betrat man nun den Gottesacker vom Eingang Gottesackerstrasse her, so führte der Weg über den Friedhof geradewegs zur Kapelle. Trat man von der Klybeckstrasse her ein, so endete dieser Weg beim Krematorium. Die erste Kremation sei dann aber etwas harzig verlaufen.
Nach zwei Probeverbrennungen öffnete das Sanitätsdepartement im Januar 1898 die Tore des neuen Krematoriums für das Basler Volk zur Besichtigung. Der Betrieb lief langsam an - in den ersten neun Monaten gab es nur fünfzehn Kremationen. Über drei Jahrzehnte wurde das Krematorium auf dem Gottesacker Horburg betrieben, bis zur Schliessung des Friedhofs. Nicht kremiert wurde Joseph Schetty (1824-1894), ein Vertreter der Kleinbasler Oberschicht.
Begräbnis eines Kleinbasler Grandsegnieurs
Schetty war durch seine Färberei reich geworden und residierte im Äbtischen Hof am Claraplatz. Ab 1873 stand er den Basler Pompierkorps und nach dessen Reorganisation im Jahr 1879 als Major der Feuerwehr vor. Aus gesundheitlichen Problemen zog er sich 1883 als Kommandant in den Ruhestand zurück. Am 4. Januar 1894 starb mit Joseph Schetty ein Kleinbasler Grandsegnieur. Seine Beisetzung war ein gesellschaftliches Ereignis.
Die Abdankung fand zu St.Theodor statt, und man sagte sich dass der Leichenzug so lange gewesen sei dass die letzten Trauergäste noch vor dem Äbtischen Hof am Claraplatz standen, als die ersten die Theodorskirche betraten. Schetty war der Feuerwehr zeitlebens sehr verbunden, und auch danach noch. Es wird wohl seine Idee gewesen sein, als Toter in seiner Uniform aufgebahrt zu werden. Das Gerücht ging, er sei mit seinem Helm beigesetzt worden.
In der Nachbarschaft des Gottesackers Horburg gab es von Beginn an Fabrikationsstätten. Am Knie der Wiese bei der damaligen Wiesenschanze existierte bereits bevor der Friedhof angelegt wurde eine Fabrik wo mit Guano einer der ersten Kunstdünger hergestellt wurde. An der Klybeckstrasse wiederum gab es schon 1873 erste Laboratorien der chemischen Industrie. Ab 1905 kamen zunehmend Bauten der Gesellschaft für Chemische Industrie Basel hinzu.
Links: Gottesackerbrunnen neben dem Tagesheim Müllheimerstrasse 186. Er stand bis 1898 an der Ochsengasse und kam nach deren Korrektur hierher. Rechts die kleine Porte am Wiesenschanzweg. Auf der Rasenfläche links des Wegs stand das 1898 eröffnete Krematorium.
Schliessung des Friedhofs
An der Mauerstrasse entsanden 1924 die 2006 noch existierenden Fabrikgebäude aus Backstein, die der Architekt Hans Eduard Ryhiner (1891-1934) im sakral angehauchten Stil erbaute. Die an der Klybeckstrasse und der Mauerstrasse sich ausbreitende chemische Industrie sollte nach 1951 den Gottesacker zur Hälfte geradezu auffressen. Noch vor der Schliessung des Gottesackers 1932 brachte der Ausstoss der Fabrikkamine dem Friedhof erhebliche Ungemach.
Die damals noch weitgehend ungefiltert in die Luft geblasenen Schadstoffe verfärbten und schädigten diverse Grabsteine auf dem Gottesacker, was zahlreiche Beschwerden mit sich brachte. Es dauerte keine zwei Jahrezehnte bis der Friedhof zu klein geworden war. 1909 musste er erweitert werden. Die nach wie vor stetige Nachfrage nach Begräbnisplatz führte schliesslich dazu dass 1931/32 der heute noch genutzte Friedhof am Hörnli entstand.
Der Gottesacker Horburg wurde Ende 1931 für Bestattungen geschlossen. 20'290 Beisetzungen waren insgesamt auf ihm vorgenommen worden. Die Gräber auf dem Horburggottesacker blieben bestehen, doch bestattet wurde nunmehr auf dem Hörnli. Der Friedhof bot ein etwas merkwürdiges Bild. An der heute im Novartisareal aufgegangenen Partie der Gottesackerstrasse siedelten sich im Friedhof Hühnerställe und eine Gärtnerei mit Gewächshäusern an.
Der Mann mit dem Goldhelm
Die zur Klybeckstrasse hin gelegene Hälfte des Friedhofs ging 1940 im Rahmen eines Landtausches an die Ciba AG über. Nachdem 1951 die Ruhezeit der jüngsten Gräber abgelaufen war, begann man umzubauen. Krematorium und Abdankungskapelle wurden abgerissen und die Müllheimerstrasse wurde durch den alten Friedhof hindurch bis zur Mauerstrasse verlängert. Die Friedhofshälfte zwischen Müllheimerstrasse und Klybeckstrasse wurde von der Ciba überbaut.
Im Zuge der Überbauung wurden diverse Gräber geöffnet damit die Bestatteten exhumiert werden konnten. Manche fanden auf dem Friedhof am Hörnli eine neue Ruhestätte. Auch das Familiengrab der Schetty wurde in Anwesenheit der Nachkommen geöffnet. Dabei stiess man auf den Sarg des bereits erwähnten Joseph Schetty. Gespannt fragte man sich nun, was an den Gerüchten mit dem goldenen Feuerwehrhelm dran sei, mit dem er angeblich begraben worden sei.
Das 1983 von der Ciba eingerichtete Kindertagesheim Horburgpark (ab 1999 unter der Leitung des Frauenvereins Basel) an der Müllheimerstrasse 186. Bevor die Strasse nach 1951 verlängert wurde, gehörte das Haus zu den Portalgebäuden des Haupteingangs des Friedhofs an der damals noch längeren Gottesackerstrasse.
Die sterblichen Überreste von Joseph Schetty liessen deutlich erkennen dass man ihn in einer dunklen Feuerwehruniform begraben hatte. Neben seinem Schädel lag in der Tat ein vergoldeter Feuerwehrhelm, in dem sich die schwache Wintersonne spiegelte. Das Gerücht hatte sich bewahrheitet. Zusammen mit neun Verwandten, die ebenfalls im Familiengrab bestattet worden waren, wurde Schettys Leiche in ein neues Grab auf den Friedhof am Hörnli überführt.
Der Horburgpark entsteht
Während die Hälfte des Gottesackers verschwand wurde die andere Hälfe in einen Park umgewandelt. Vom einstigen Friedhof ist heute noch das Haus Mühllheimerstrasse 186 geblieben. Es stand einst mitten in der noch längeren Gotteackerstrasse und bildete mit einem Zwillingsbau den Portalbereich des Haupteinganges. Es ist heute das Novartis Tagesheim Horburgpark, welches 1983 von der Ciba für die Kinder von Mitarbeiter/innen eingerichtet wurde.
Gleich neben dem Heim findet man den ehemaligen Brunnen des Gottesackers. Er stand einst an der Ochsengasse und musste verschwinden als man die Gasse 1898 korrigierte. Ein neuer Standort fand der Brunnen dann auf dem Friedhof, den er überlebte. Experimentell wurde 1957 der Robinson-Spielplatz Horburgpark eröffnet. Er entstand entlang der alten Friedhofsmauer in der Nordostecke des Parks und ist einer der ältesten solchen Spielplätze Basels.
Mitten im Park wurde 1964 der heute noch dominante Hügel aufgeschüttet. Auf ihm entstand 1968 das Wahrzeichen des Horburgparks - die dreispurige Rutschbahn aus Stein. Mit freiwilliger Hilfe von Jugendlichen entstand in der südwestlichen Ecke des Parks 2001 (ausgebaut 2003) der Horburg-Trail, eine Dirtjump-Bahn auf der Mountain-Biker, verjagt aus Allschwiler Wald und von der Chrischona, ihrem sprunghaften Hobby fröhnen können.
Bluttat auf dem einstigen Friedhof
In die Schlagzeilen kam der Park im August 2003, als ein Mann aus Serbien-Montenegro sich dort mit einem Landsmann, dem Freund seiner Schwester, heftig in die Haare geriet. Der Hauptbeteiligte habe daraufhin einige Familienmitglieder um sich geschart. Mit dunklen Absichten habe man sich zurück in den Park begeben, um den Landsmann nochmals aufzusuchen. Um 20.15 starb letzterer beim WC-Häuslein auf dem ehemaligen Gottesacker nach mehreren Schüssen.
Die verlassenen farbigen Container des provisorischen Kindertagesheims Müllheimerstrasse 188a, welches heute am Riehenring 201 zu finden ist. Später gingen die Container an den Jugendtreffpunkt Gundeldingen beim Heizwerk.
Im Westteil des Horburgparks stösst man heute (2006) auf einen verlotterten bunten Containerkomplex. Während des Baus der Nordtangente musste das Kindertagesheim des Basler Frauenvereins temporär dort in farbigen Containern unter der Hausnummer Müllheimerstrasse 188a Quartier beziehen. 2004 entstand am Riehenring 201 ein neues Domizil unter dem das Heim heute zu finden ist. Nun gammeln die farbigen Container im Horburgpark vor sich hin.
Dann und wann erinnert der Horburgpark an seine Vergangenheit als Friedhof. Etwa als 1979 an der Mauerstrasse eine Kanalisationsleitung verlegt wurde und dabei sterbliche Überreste in einem Sarg gefunden wurden. Als man 1995 eine neue Kanalisationsleitung durch den Park legte, stiessen die Bagger ebenfalls auf Gebeine, die man nach den Arbeiten wieder am Ort der Erde übergab.
Beitrag erstellt 04.05.06 / Korrektur Quellen 09.01.17
Quellen:
Fritz Baur, "Basler Chronik vom 1. November 1893 bis 31. Oktober 1894", publiziert im Basler Jahrbuch 1895, herausgegeben von Albert Burckhardt, Rudolf Wackernagel und Albert Gessler, Verlag W. Reich, Basel, 1895, Seite 252, (kurze Würdigung zum Tod von Joseph Schetty-Amann)
Othmar Birkner, Beitrag "Friedhof - Bestattungspark - Volksgarten", publiziert in Gärten in Basel - Geschichte und Gegenwart, herausgegeben von der Öffentlichen Basler Denkmalpflege, Gustav Gissler, Basel, 1980, ISBN 3-85556, Seite 44
Othmar Birkner / Hanspeter Rebsamen, Inventar der neueren Schweizer Architektur 1850-1920 - Basel, von der Christoph Merian Stiftung ermöglichter Seperatdruck aus Band 2 der Gesamtreihe, herausgegeben von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Zürich, 1986, Seiten 158, 171 (Luftbild) und 185
Emil Blum/Theophil Nüesch, Basel Einst und Jetzt, Eine kulturhistorische Heimatkunde (Textband), Verlag Hermann Krüsi, Basel, 1913, Seiten 110 bis 111
Sabine Braunschweig / Martin Meier, Beitrag "Der Aufbruch ins Industriezeitalter" publiziert in Leben in Kleinbasel 1392 1892 1992, Christoph Merian Verlag, Basel, 1992, ISBN 3-85616-051-5, Seiten 103 bis 104 (Bild Krematorium)
Rolf Brönnimann, Basler Industriebauten 1850-1930, Buchverlag Basler Zeitung, Basel, 1990, ISBN 3-35815-203-X, Seite 44 (Luftbild)
Arthur Burger, Brunnengeschichte der Stadt Basel, herausgegeben vom Verkehrsverein Basel, Basel, 1970, Seite 142
Paul Hugger, Kleinhüningen - Von der Dorfidylle zum Alltag eines Basler Industriequartiers, Birkhäuser Verlag, Basel, 1984, ISBN 3-7643-1577-6, Bildtafeln 211, 212, 213 und 214
Paul Koelner, Basler Friedhöfe, Verlag der National-Zeitung, Basel, 1927, Seiten 85 bis 87
Eugen Anton Meier, Basel Einst und Jetzt, 3.Auflage, Buchverlag Basler Zeitung, Basel, 1995, ISBN 3-85815-266-3, Seite 334
Eugen Anton Meier, Basel in der guten alten Zeit, Buchverlag Basler Zeitung, Basel, 1972, ISBN 3-7643-0641-6, Seiten 162 bis 163
Eugen Anton Meier, Beitrag "Der vergoldete Pompierhelm", publiziert in Das sagenhafte Basel, Litera Buch- und Verlags-Aktiengesellschaft, Basel, 1987, ISBN 3-906 701 02 6, Seiten 126 bis 129 (zur Exhumierung Schettys auf dem Horburggottesacker)
Bruno Thommen, Die Basler Feuerwehr, Birkhäuser Verlag Basel, Basel, 1982, ISBN 3-7643-1286-6, Seiten 106 bis 107
Medienmitteilung der Staatsanwaltschaft des Kantons Basel-Stadt vom 19. August 2003