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Fast 40 Prozent des in der Schweiz gewonnenen Trinkwassers stammen aus Kleinanlagen mit weniger als 5000 angeschlossenen Bezügern. Im Interesse einer besseren Wasserqualität und Versorgungssicherheit sollten die kleinräumigen Strukturen künftig zu regionalen Verbundnetzen ausgebaut werden.
«Die Wasserversorgung der Freiberge ist ein Vorzeigebeispiel für eine seit Jahrzehnten funktionierende, erfolgreiche Regionalisierung», erklärt der Geologe Benjamin Meylan von der Sektion Grundwasserschutz beim BAFU. Ganz freiwillig haben die 27 Gemeinden am Nordrand der Schweiz diese Vorreiterrolle allerdings nicht übernommen. Der Zusammenschluss erfolgte aus der Not heraus.
In den Freibergen (Franches-Montagnes, JU) fällt mehr Niederschlag als im Mittelland, und dennoch gibt es auf dieser Hochebene zwischen dem Delsberger Becken im Nordosten und der Stadt La Chaux-de-Fonds (NE) im Südwesten weder bedeutende Fliessgewässer noch grössere Seen. Des Rätsels Lösung verbirgt sich im Untergrund mit seinem stark verkarsteten Kalkgestein. Tausende von trichterförmigen Senken überziehen das auf rund 1000 Metern über Meer gelegene Plateau mit seinen landschaftstypischen Wytweiden und Tannenwäldern. Ein Grossteil des Regen- und Schmelzwassers verschwindet durch diese sogenannten Dolinen über Höhlensysteme mehrere hundert Meter in die Tiefe.
Die meisten Quellen treten erst am Fuss der Höhenkämme in den angrenzenden Flusstälern des Doubs und der Schüss wieder an die Erdoberfläche. Nur in einigen Muldenlagen, wo Mergel und Ton den sonst durchlässigen Untergrund abdichten, konnten kleinere Moorseen entstehen.
Die Natur erzwingt eine regionale Lösung. Der naturbedingte Mangel an Wasservorräten hat die kleinen Dörfer der Franches-Montagnes bereits in den 1930er-Jahren zu einer regionalen Planung der Trinkwasserversorgung gezwungen. Bis dahin hatte man sich mit Zisternen beholfen - eine qualitativ und quantitativ unbefriedigende Lösung. Eine zentrale Verteilung sollte die Versorgung mit bakteriell einwandfreiem Wasser in ausreichender Menge sicherstellen.
1936 wird daher der Wasserversorgungsverband SEF gegründet, der heute ein Einzugsgebiet von etwa 400 Quadratkilometern umfasst und 27 Gemeinden in den Kantonen Jura und Bern jährlich mit 1,5 Millionen Kubikmetern Trinkwasser beliefert. Angesichts der politischen Grosswetterlage im Vorfeld des 2. Weltkriegs lehnen die Bundesbehörden die ursprünglich am Grenzfluss Doubs bei Le Theusseret (JU) geplante Quellfassung aus Gründen der nationalen Sicherheit ab. Gleichzeitig sichern sie aber zu, eine zentrale Versorgung für die Hochebene im gut 12 Kilometer südöstlich gelegenen St.-Immer-Tal mit Bundesgeldern von 1,1 Millionen Franken zu unterstützen, was gut einem Viertel der damaligen Baukosten entsprach.
Gemeinsame Infrastruktur.Statt die steile Südflanke des Doubstals zu überwinden, muss das Trinkwasser für die Freiberge nun von der zuerst gebauten Grundwasserfassung im Flusstal der Schüss bei Cortébert im Berner Jura auf den Höhenzug des Montagne du Droit gepumpt werden. Im Zuge eines späteren Kapazitätsausbaus kommt talaufwärts bei Cormoret die mit der Stadt St. Immer (Saint-Imier) geteilte Karstquelle Torrent dazu. Nach der Passage eines Quarzsandfilters mit anschliessender Chlor¬behandlung wird dieses Quellwasser von leistungsfähigen Hochdruckpumpen durch eine 2,7 Kilometer lange Leitung in eines der Hauptreservoire auf den über 500 Meter höher gelegenen Mont Crosin befördert. Von dieser Hügelkuppe aus erfolgt dann mittels Schwerkraft die Feinverteilung in die Reservoire der einzelnen Gemeinden.
Heute umfasst die Infrastruktur des SEF zur Versorgung der angeschlossenen 15‘000 Personen zwei grössere Pumpstationen, welche die Höhendifferenz zwischen Schüsstal und Hochebene überwinden, 6 Hauptreservoire, ein 100 Kilometer langes Leitungsnetz und 30 kommunale Reservoire. Die angeschlossenen Gemeinden können das Trinkwasser überall im Versorgungsgebiet zu einem Einheitspreis von 1.10 Franken pro Kubikmeter beziehen. Dieser Tarif schliesst gut 25 Rappen für eine jährliche Abgabe in den Erneuerungsfonds ein, welcher so pro Jahr mit 400‘000 Franken gespiesen wird. Damit will der SEF künftig die Werterhaltung seiner Infrastruktur sichern und veraltete Anlagen ersetzen, ohne den Wasserpreis massiv erhöhen zu müssen.Ein Beispiel mit Vorbildcharakter.«Aus gesamtschweizerischer Sicht stellt der Zusammenschluss dieser Gemeinden jedoch eine Ausnahme dar, denn das Versorgungsnetz ist im 19. und 20. Jahrhundert fast überall auf lokaler Ebene entstanden und in der Regel noch heute meist kleinräumig organisiert», hält Benjamin Meylan vom BAFU fest.
Gemäss dem Schweizerischen Verein des Gas- und Wasserfaches (SVGW) stammten 2010 fast 40 Prozent der hierzulande abgegebenen Gesamtmenge von 940 Millionen Kubikmetern Trinkwasser aus Kleinversorgungen mit weniger als 5000 angeschlossenen Bezügern. Insgesamt gibt es in der Schweiz sogar mehr Wasserversorgungen als Gemeinden.
Die dezentralen Versorgungssysteme bieten durchaus einige Vorteile – so zum Beispiel die Nähe der Wassergewinnungsgebiete, Aufbereitungsanlagen und Reservoirs zu den Endverbrauchern, wobei kurze Distanzen die Betriebskosten mindern und auch die Gefahr einer Wiederverkeimung des Trinkwassers im Leitungsnetz reduzieren. Der SVGW weist zudem darauf hin, dass sich insbesondere kleine Grundwasservorkommen durch mehrere lokal angepasste Fassungen optimaler bewirtschaften lassen. Bei nur einem Bezugsstandort mit einem leistungsstarken Pumpwerk könnte es sonst zu einer zeitweisen Übernutzung kommen.
Die Schwächen kleiner Versorgungen. Kleinräumige Lösungen haben allerdings auch gravierende Nachteile. Dies zeigte sich etwa im Trockensommer 2003, als etliche nicht vernetzte Versorgungen mit nur oberflächennahen Quellen ihre Lieferungen wegen Wassermangels einstellen mussten. «Um in solchen Fällen die Versorgungssicherheit zu garantieren, braucht es unbedingt ein zweites Standbein», sagt Benjamin Meylan dazu. «Selbst unter den Vorzeichen eines sich verschärfenden Klimawandels ist die landesweite Versorgung mit Trinkwasser nämlich kein Problem, wenn man diese Herausforderung rechtzeitig in grösseren geografischen Räumen angeht. In der wasserreichen Schweiz nutzen wir dafür ja nicht einmal 2 Prozent der gesamten Niederschlagsmenge.»
Auch die steigenden Qualitätsanforderungen - etwa vor dem Hintergrund neuer Erkenntnisse über Verunreinigungen - setzen kleine Wasserversorgungen unter Druck. Als verantwortliche Brunnenmeister arbeiten hier oft Allrounder, die sich in der Gemeinde um eine Vielzahl weiterer Aufgaben kümmern müssen. Das für Trinkwasser geltende Lebensmittelrecht stellt komplexe Qualitätsanforderungen, denen Brunnenmeister ohne fachspezifische Ausbildung in der Regel nicht gerecht werden können.
Vernachlässigte Werterhaltung. Eine weitere Schwachstelle ist die in kleinen Gemeinden oft ungenügende Werterhaltung der Infrastruktur. Die Kantone haben das schweizweit rund 50 Milliarden Franken teure Werk der öffentlichen Trinkwasserversorgung zwar mitfinanziert. Die laufenden Unterhalts- und die künftigen Investitionskosten für die Erneuerung der Fassungen, Aufbereitungsanlagen und Leitungsnetze müssen jedoch aus den Wassergebühren der Gemeinden gedeckt werden.
Im Landesdurchschnitt kommen 1000 Liter einwandfreies Trinkwasser die Endverbraucher auf gut 1.80 Franken zu stehen, was bei einer verkauften Menge von 740 Millionen Kubikmeter ziemlich genau den jährlichen Betriebskosten der Wasserwerke von 1,5 Milliarden Franken entspricht. Deutlich tiefere oder gar fehlende Gebühren, wie sie vorab in ländlichen Gebieten noch verbreitet sind, deuten meistens darauf hin, dass einzelne Aufgaben - beispielsweise Kontrollen oder Investitionen - entweder gar nicht wahrgenommen, zeitlich hinausgeschoben oder mit Steuergeldern finanziert werden. Dies zeigte sich im Neuenburger Val-de-Ruz, wo die meisten Gemeinden ihre Aufgaben und Infrastrukturanlagen im Bereich der Wasserwirtschaft per Januar 2011 an eine neue öffentlich-rechtliche Trägerschaft abgetreten haben. Diese ist seither für die Wasserversorgung, Abwasserentsorgung sowie für sämtliche landwirtschaftlichen Drainagen zuständig und kümmert sich auch um den Gewässerunterhalt. Als Folge der früher nicht verursachergerechten Finanzierung mussten die Wasserbezüger zum Teil erhebliche Gebührenaufschläge in Kauf nehmen.
Vorteile der Regionalisierung. Im Normalfall führt eine solche Regionalisierung jedoch zu günstigeren Kosten. Im regionalen Verbund können Personal, Anlagen, Maschinen, Geräte und Fahrzeuge besser ausgelastet werden. Zudem erhöhen Kooperationslösungen die Fachkompetenz, weil es dadurch möglich wird, anstelle mehrerer Allrounder spezifisch ausgebildete Berufsleute vollamtlich zu beschäftigen.
Auch beim SVGW betont man die Vorzüge von regionalen Zusammenschlüssen. So liessen sich Wasserbilanzen ausgleichen, schlecht genutzte Kapazitäten besser auslasten, unwirtschaftliche Anlagen stilllegen und geeignete Wasservorkommen in der Region gemeinsam erschliessen.
«Das Optimierungspotenzial ist gross», bilanziert Benjamin Meylan vom BAFU. «Wir erwarten von regionalen Zusammenschlüssen eine bessere Versorgungssicherheit, eine konstant gute Wasserqualität sowie eine höhere Kosteneffizienz.»
In diese Richtung zielt das vom BAFU lancierte Projekt Wasserversorgung 2025, mit dem auch Massnahmen zur Stärkung der entsprechenden Kompetenzen auf Kantonsebene erarbeitet werden.
Pionierrolle des Kantons Bern. Mit seiner neuen Wasserstrategie gilt auch der Kanton Bern landesweit als Vorreiter der regionalen Zusammenarbeit. Bereits vor Jahrzehnten förderte er im Gemüseanbaugebiet Grosses Moos ein Verbundnetz, damit Gemeinden wie Ins und Müntschemier ihre damals stark mit dem Nährstoff Nitrat belasteten Wasserfassungen aufgeben und qualitativ gutes Trinkwasser aus der näheren Umgebung beziehen konnten.
Auch im Berner Jura erhalten der SEF und die Region St. Immer vom Kanton weiter Unterstützung bei der Diversifizierung ihrer Trinkwasserressourcen. Hydrogeologische Untersuchungen, die auch Tiefenbohrungen umfassten, wiesen in der Nähe von Sonvilier 400 bis 600 Meter unter dem Talgrund ein ergiebiges und qualitativ einwandfreies Grundwasservorkommen nach. «Es liegt unter einer 200 Meter dicken Mergelschicht und ist damit gut vor Oberflächeneinflüssen geschützt», erklärt Gil Meienberger von der Abteilung Siedlungswasserwirtschaft beim Amt für Wasser und Abfall (AWA) des Kantons Bern. Gemessen am Qualitätsziel für die Temperatur des ins Netz eingespeisten Trinkwassers von 8 bis 15 Grad Celsius ist das geförderte Tiefenwasser mit 20 Grad jedoch zu warm. Deshalb soll die überschüssige Wärme künftig energetisch genutzt werden und öffentliche Gebäude wie etwa das Spital in St. Immer heizen.
Die geplanten Anlagen ermöglichen zudem Trinkwasserlieferungen an die fünf zusätzlichen Talgemeinden Renan, Sonvilier, Villeret, Cormoret und Courtelar, was diese langfristig entlastet. «Sie erhalten dadurch die Möglichkeit, eigene Karstquellen, Reservoire, Pumpwerke, Leitungen und Schutzzonen aufzugeben, die zum Teil nicht mehr den heutigen Anforderungen genügen, unwirtschaftlich sind oder aus technischen Gründen stillgelegt werden müssen», erklärt Gil Meienberger.
Beat Jordi
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Diese Ausgabe als Download (PDF, 6 MB, 21.05.2012)2/2012 - Kostbare Umweltinfrastruktur
Letzte Änderung 22.05.2012