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Benedikt Meyer
Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.
Zehn Wochen lang waren die Abbühls auf dem Meer. Vater, Mutter, vier Kinder – und hunderte weitere Passagiere. Zehn Wochen, geplagt von Kälte, Krankheiten, Stürmen und Ungewissheit. Dann endlich erreichten sie die Neue Welt.
Die Abbühls verliessen Guttannen 1851. Sie waren arm und erhofften sich ein besseres Leben; also gingen sie. Zu Zehntausenden zogen Schweizerinnen und Schweizer in den 1850er-Jahren in die USA. Ins sagenhafte Land, wo 1848 auf dem Land eines Schweizer Auswanderers der kalifornische Goldrausch ausgebrochen war.
Dass Schweizerinnen und Schweizer ihre Heimat verliessen, war nicht neu. Neu waren ihre Zahl und ihr Ziel. Denn traditionell wanderten Schweizer vor allem in die Nachbarländer aus. Ab dem 18. Jahrhundert wurde Russland populär, ab Anfang des 19. Jahrhunderts Südamerika. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die USA zum wichtigsten Auswanderungsland – und die Menschen wanderten nun zu Zehntausenden aus.
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Gründe für die Emigration waren seit Jahrhunderten ungefähr dieselben: Geburtenüberschüsse, Armut, Arbeitslosigkeit und wechselnde Krisen: Missernten, Wirtschaftskrisen, Täuferverfolgung, die Hungerjahre von 1816/1817 oder die Kartoffelfäulnis der 1830er.
Während der Kartoffelkrise war auch Kaspar Köpfli aus Sursee in die USA gezogen. 1831 gründete er in Illinois die Kolonie «Helvetia». Dort kamen die Abbühls aus Guttannen zwanzig Jahre später an, begannen zu siedeln und erweiterten ihre Kinderschar auf zehn. Später folgten ihnen Nichten, Neffen und weitere Verwandte aus dem ganzen Haslital. Manche Kantone verboten die Auswanderung, andere förderten sie nach Kräften. Und mancherorts gingen die Behörden sogar so weit, arme Leute regelrecht zur Auswanderung zu zwingen. Die Abbühls waren freiwillig weggezogen – und hielten den Kontakt zur alten Heimat mit vielen Briefen aufrecht. So erfuhren sie, dass 1891 ein Brand grosse Teile von Meiringen zerstörte. Oder dass 1894 die Grimselpassstrasse eröffnet wurde. Gebaut hatten sie allerdings nicht die Haslitaler, sondern Hunderte von Italienern.
Dass Italiener 1894 eine Schweizer Strasse bauten, war nicht ungewöhnlich. Ab 1888 wandern mehr Menschen in die Schweiz ein, als aus. Und schon 1910 verfügten Orte wie Genf, Arbon oder Lugano über Ausländeranteile von 40, 46 oder 50 Prozent. Auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überstieg die Zuwanderung die Abwanderung deutlich. Was wiederum für ganz eigene Diskussionen sorgte …