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Im Blickpunkt …
1460 kam es zur Invasion im Thurgau durch Eidgenössische Truppen (ohne Beteiligung Berns) – ausgelöst durch Papst Pius II. (Piccolomini) simultan mit dem Kirchenbann gegen Herzog Sigmund von Österreich. Mit dabei war auch der hochrangige Offizier Niklaus von Flüe (Bannerherr von Obwalden). Bisweilen ist auch von einer «Eroberung» die Rede. Diese Einschätzung ist allerdings nicht ganz korrekt, anders gedeutet war es eine Befreiung.
1481/82 bewarb sich die Stadt Konstanz um die volle Mitgliedschaft in der Eidgenossenschaft. Rat und Bürger der Stadt am Bodensee stellten jedoch zugleich die Forderung, dass Konstanz die Hauptstadt des neuen «Ortes» Thurgau werde, verbunden mit der dazugehörenden Gerichtsbarkeit, was jedoch nach der tatsächlichen Rechtslage nicht möglich war. Für das aussichtslose Vorhaben suchte der Rat von Konstanz Unterstützung beim Einsiedler im Ranft, der sich bereits als politischer Ratgeber einen Namen gemacht hatte. Doch Bruder Klaus konnte im Sinne der Konstanzer nicht helfen und mahnte sie, sich friedlich und als gute Nachbarn zu verhalten (Quelle 026). Diese konnten sich aber nie recht mit der Absage durch die Eidgenossen und deren Politik abfinden.
1477 schlossen die fünf Landorte Uri, Schwyz, Unterwalden, Glarus und Zug ein «Landrecht» ab. Ein weiteres Vollmitglied war der Bischof von Konstanz und eben nicht die Stadt. Doch hier lag und liegt ein Missverständnis vor. Die Teilnahme am «Landrecht» erfolgte nicht als kirchlicher Ordinarius und Würdenträger sondern als Gaugraf des Thurgaus. Die Ministerialen des Gaugrafen arbeiteten seit Jahrhunderten in Arbon, auch als dann die Gaugrafen selbst in Konstanz residierten. Den Titel «Gaugraf» hatten die Alemanen von der einstigen römischen Militärverwaltung geerbt. Der Titel «Tribun von Arbor Felix» wurde umgewandelt zu «Gaugraf des Thurgaus». Der Tribus Arbor Felix (in der Provinz Rhaetien) wurde zum wesentlichen Teil des Thurgaus. Dessen Hauptstadt war nun traditionell Arbon. Das war auch noch der Fall, als der alemannische Gaugraf Titel und Rechte dem Bischof von Konstanz übertrug.
Der Thurgauerkrieg der Eidgenossen richtete sich nicht gegen den Gaugrafen sondern gegen die Schutzherrschaft und Schirmvogtei der Habsburger – der Thurgau lag in der beanspruchten Domäne der Habsburger, des westlichen Herzogs von Österreich, bzw. Vorderösterreich (Grafschaften Tirol, Breisgau, Sundgau, Habsburg, Kyburg etc.) –, die sich oft zu selbstherrlich und anmassend verhalten hatten, besonders als bis vor Kurzem Kaiser Friedrich III. für seinen unmündigen Vetter Sigmund die vorderösterreichischen Lande regierte (Quelle 018). Die Habsburger wollten den Gaugrafen entmachten. – Den Titel «Herzog von Österreich» durften zwei Habsburger gleichzeitig führen. In Vorderösterreich mit Sitz in Innsbruck war dies Sigmund (zugleich mit mehreren Grafentitel ausgestattet), im Osten, im eigentlichen Herzogtum war es eben Friedrich (zugleich auch Herzog von Steiermark und Kärnten, doch König von Ungarn und von Böhmen war er nie). Die Eidgenossen wollten nun selbst die Schutzherrschaft über den Thurgau übernehmen, ohne die rechtliche Position des Gaugrafen anzutasten – bestätigt durch das erwähnte Landrecht.
Durch das Stanser Verkommnis 1481 wurden zwar das Burgrecht der Städte Bern und Zürich (sowie weitere Städte wie Freiburg, Solothurn und St. Gallen) aufgehoben sowie ebenso das erwähnte Landrecht. Wer nun nicht selbst zu den zehn Orten gehörte, jedoch bereits Verträge mit eidgenössischen Orten hatte, wurde nun ein «Zugewandter Ort». Der Thurgau war also nicht einfach Untertanengebiet (Gemeine Herrschaft) sondern hatte einen Sonderstatus, dank des Gaugrafen, in Personalunion als Bischof von Konstanz. Das blieb de jure lange so, de facto aber hatte der Gaugraf immer weniger zu sagen. Dennoch, im 15. Jahrhundert wurde der Gegensatz zwischen der Stadt Konstanz einerseits sowie dem Bischof und Gaugrafen andererseits akut. Die Eidgenossen wollten aber an den bestehenden rechtlichen Verhältnissen nichts ändern.
Im Thurgau existierten in der Lehenshierarchie viele einzelne Herrschaften. Besonders zu erwähnen sei hier diejenige des Jakob von Rappenstein – auch «Mötteli» genannt. Er erwarb 1486/88 im Thurgau die Herrschaften Dettighofen und Phyn (ehemals Ad Fines, Grenze zwischen den römischen Provinzen Rhaetien und Gallien). Um 1490 heiratete er Justina Roll von Bonstetten, diese war eine Tochter des Andreas Roll von Bonstetten und der Johanna von Bubenberg (Schwester Andrians v. B.), Albrecht von Bonstetten (Quelle 015) war ihr Onkel. Jakob von Rappenstein und die ganze Verwandtschaft unterstützten die Politik der Eidgenossen und erhielten dafür 1465 das Bürgerrecht von Unterwalden. Dass sich die Rappensteiner damit als Gegner der Habsburger, welche die Schutzherrschaft über den Thurgau verloren, den Zorn Friedrichs III. und dessen Sohnes Maximilian zuzogen, ist nicht verwunderlich. Herzog Sigmund hingegen, selbst mit Friedrich meistens nicht in gutem Einvernehmen, pflegte gute Beziehungen zu den Rappensteinern. – Eine nähere Verwantdte, Ursula von Rappenstein, war Priorin des Klosters St. Katharinental in Diessenhofen, als die Eidgenossen 1460 im Thurgauerkrieg dort eintrafen und Bruder Klaus sie von der Plünderung und Brandschatzung des Klosters abhalten konnte (Prozessakten 1618 bis 1654, Quelle 307). «… an diesem Ort werde noch viel Gutes geschehen», soll der Obwaldner Offizier von Flüe dabei gesagt haben.
In der ursprünglichen Rechtslage, welche die Eidgenossen als gültig anerkannten, war es demnach unmöglich, die Stadt Konstanz zur Hauptstadt des Thurgaus zu erheben. Die Bemühungen um Vermittlung durch Bruder Klaus konnten da nichts verändern. Der Eremit konnte in seinem heute allgemein bekannten Brief in diesem Konflikt nur zum Frieden raten. Das Landgericht blieb allerdings bis 1499 (gleichzeitiger Austritt der Eidgenossenschaft aus dem römischen Königreich) dennoch de jure bei Konstanz. Es wurde seinerzeit 1415 (Konzil von Konstanz sowie Verurteilung und Verbrennung des Reformators Jan Hus in Konstanz) durch den römischen König Sigismund an die Stadt nur «verpfändet» bzw. vorübergehend ausgeliehen, also nicht fest übergeben (es galt darum immer noch die ursprüngliche Rechtslage)*, jedenfalls unter Umgehung der hierarchischen Position des Gaugrafen. Ein Missverständnis seitens der Konstanzer. – De facto war jedoch das Landgericht seit 1460 unter der Kontrolle der Eidgenossen, stellvertretend für den Gaugrafen. – Jan Hus starb am 6. Juli 1415 auf dem Scheiterhaufen, der Tag ist in Tschechien auch heute noch nationaler Feiertag.
* Zwischen dem Prozess gegen den Dissidenten aus Böhmen, Jan Hus, 1415, während des Konzils, und der leihweise Übergabe (bzw. Verpfändung) der Gerichtsbarkeit an die Stadt Konstanz gibt es ziemlich sicher einen Zusammenhang. König Sigismund (seit 1411 römischer König sowie seit 1387 König von Ungarn und Kroatien, erst seit 1419 König von Böhmen und seit 1433 Kaiser) wollte den Gastgeber gerade für den Prozess in Konstanz mit entsprechenden Vollmachten ausstatten. Ein Irrtum? Ein Missverständnis? Der Vollzug des Todesurteils sollte ja keine kirchliche sondern eine weltliche Angelegenheit sein, der Bischof und Gaugraf sollte dabei aussen vor bleiben. Offensichtlich hatten die römischen Könige immer Mühe damit, das Amt des Gaugrafen des Thurgaus richtig in ihre Hierarchie einzuordnen, obwohl es sich hier um altes römisches Recht handelte, das auf die Alemannen übergegangen war. – Der Auslöser für die Verfolgung des Magisters der Karls-Univeristät, Jan Hus, war dessen Ablehnung des durch den Pseudopapst Baldassare Cossa (Johannes XIII.) verordneten Ablasshandels. Weil König Wenzel von diesem Ablasshandel finanziell profitieren wollte, brach hier ein Konflikt aus. Das Geld sollte Cossa dessen Krieg gegen den Bischof von Rom (Papst Gregor XII:) und den König von Neapel finanzieren. Cossa berief als Gegenpapst das Konzil von Konstanz ein. Dann änderten sich die Fronten und die gesamte Lehrtätigkeit von Jan Hus wurde als Ketzerei beurteilt. Verurteilung und Hinrichtung, die Causa Jan Hus, diente in Konstanz als gewaltige Show, sie sollte die Einheit der westlichen Kirche und des römischen Königreiches einstweilen zu festigen helfen. Die Mahnung: So wird es denen ergehen, die sich den Mächtigen widersetzen, und wer die Macht hat, kann auch bestimmen (oder meint es zu können), was Wahrheit ist.
Herzog Sigmund von Österreich (Vorderösterreich mit Sitz in Innsbruck) schloss 1474 nach langer Feindschaft mit den Eidgenossen einen Friedensvertrag, die «Ewige Richtung». Der Zweck war, zusammen Herzog Karl den Kühnen von Burgund zu bekämpfen, mit den österreichischen Vasallen und Kommandanten Oswald von Tierstein sowie Andreas Roll von Bonstetten. Der Herrscher von Innerösterreich (Herzogtümer Österreich, Steiermark und Kärnten), Kaiser Friedrich III., liess jedoch ausdrücklich verlautbaren, dass er den Vertrag nicht anerkenne. Sein Sohn und Nachfolger als römischer König, Maximilian I., Ehemann der Maria von Burgund (Tochter Karls d. K.), anerkannte den Vertrag ebenfalls nicht, was schliesslich 1499 zum «Schwabenkrieg» führte sowie zum Austritt der Eidgenossenschaft (inkl. Thurgau) aus dem römischen Reich.
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