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Christina Viraghs Pilatus
«Das Voralpengebiet, sehr viel später. Es macht einen kargen, kahlen Eindruck. Zahlreiche Erdrutsche und Bergstürze haben die Wälder dezimiert und das Mikroklima verändert. Oft weht Wind, manchmal führt er Sand mit sich, der sich als graue Schicht ablagert. Das Vieh muss weite Märsche machen, um zu Gras zu kommen. (...) Als keine Touristen mehr in die Gegend kamen, zog der Ort noch einige Zeit Leute vom Gewerbe an und wurde dann ganz gemieden. (...) Ein Monitorturm im See registriert die Schwankungen in der Intensität des Bröckelns. Nachts hört man auch mit bloßem Ohr, wie sich das Bröckeln beschleunigt. Wenn es klingt wie das Rauschen eines Wildbachs, ist es ein schlechtes Zeichen. Hingegen bedeutet es nicht viel, wenn Steine auf die Dächer der nicht mehr bewohnten Ortschaften am Fuß des Berges fallen.»
«Die Frau, die ich seit einiger Zeit nicht mehr Mutter nenne, steht auf einer flachen, mit kurzem, weichem Gras bewachsenen Bergwiese unterhalb der Granitzinnen des Pilatus und vergisst ihre ältere Tochter Jolan im Wald.» Rätselhaft genug beginnt «Pilatus» von Christina Viragh. Es ist der vierte Roman der ungarisch-schweizerischen Autorin, die heute in Rom lebt, und in ihm werden mit virtuosen sprachlichen Mitteln Luzern, der Pilatus und die weitere Umgebung in ein (in mehrfacher Hinsicht) schwankendes Terrain verwandelt.
Zunächst verschwindet eine der Hauptfiguren spurlos bei einer Wanderung auf dem Pilatus. Und dann werden wir in eine bedrohliche Zukunft katapuliert (Zitat): Eine veränderte Landschaft wird bruchstückhaft vorgestellt, aber eben so, als müsste gar nicht ausführlich erläutert werden, was geschehen ist, sondern so, als wäre das alles bereits Wirklichkeit. Der Seespiegel ist gestiegen, so dass einzelne Ufer-Ortschaften verschwunden sind, Dächer und die Spitzen von Hochspannungsmasten ragen aus dem Wasser. Unter Wasser sind Brücken zu sehen, die ganze Seebucht ist gesichert mit einem Schutzring aus Absturzmaterial, gepresstem Metall und Autoreifen, von einem Stahlnetz zusammengehalten. Die Rigi hat durch anhaltende Erosionsprozesse ihre berühmte Form eingebüsst und ist ein blosser Hügel geworden, der Pilatus ist nicht länger besteigbar, die Lichter auf seiner Krete sind erloschen.
Merkwürdige Szenen spielen sich am Ufer ab. Ein Junge zieht ein anderes Kind an einem Strick hinter sich her. Drei Männer sind auf dem alljährlichen Geburtstagsausflug, «sie haben alle jetzt im Spätherbst Geburtstag und alle denselben Jahrgang (2019).» Das Alter der Männer wird nicht genannt, nur dass sie ältere Herren seien. Wir dürften uns irgendwann in einer Zeit um – sagen wir 2090 – befinden. Auf den Roman muss man sich einlassen wollen, er birgt viele Rätsel, aber keine einzige Auflösung. (BP)
Wettermacher, Drachensitz, Riesenheimat und Herrschergrab: Der Luzerner Hausberg Pilatus (2128 m) ist einer der sagenumwobensten Orte der Zentralschweiz. Und einer der schönsten. An klaren Tagen bietet er ein Panorama mit 73 Alpengipfeln. Zahlreiche Wanderrouten und mehrere Bergbahnen führen auf Pilatus Kulm. Oben angekommen kann man sich aufs Trefflichste im historischen Hotel verwöhnen lassen.