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Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften an die US-Wissenschafter William D. Nordhaus und Paul M. Romer verliehen
Am Montag, 08.10.2018 gab die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften die diesjährige Vergabe des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften bekannt. Preisträger sind die amerikanischen Ökonomen William D. Nordhaus und Paul M. Romer. Sie haben unter anderem die Folgen von Wirtschaftswachstum für die Umwelt erforscht.
Die Berichterstattung ging durch die Medien. In der NZZ vom 08.10.2018 [1] fasst Jürg Müller die Erläuterungen der Akademie zur Begründung der Vergabe zusammen. "Geehrt werde die Forschung für «langfristiges nachhaltiges Wachstum in der globalen Wirtschaft und das Gemeinwohl der Weltbevölkerung».", liest man dort und weiter, die Forscher "(…) hätten Modelle entwickelt, welche das Zusammenspiel zwischen Marktwirtschaft und Natur und Wissen erklärten."
Yvonne Mery hat Prof. Dr. Frank C. Krysiak, Professor für Umweltökonomie und Prof. Dr. Sarah M. Lein, Professorin für Makroökonomie, dazu befragt.
Yvonne Mery: Herr Professor Krysiak: Das Zusammenspiel zwischen Marktwirtschaft, Natur und Wissen erklären. Kann ein so komplexes Vorhaben überhaupt gelingen?
Frank Krysiak: Es geht, aber natürlich nur mit erheblichen Vereinfachungen. So ist zum Beispiel der ökonomische Teil der Modelle von William Nordhaus weitaus einfacher als die von Paul Romer entwickelten Wachstumsmodelle und der Klimateil der Modelle ist nur eine grobe Skizze der in naturwissenschaftlichen Klimamodellen abgebildeten Prozesse. Der Wert liegt in der Kopplung der verschiedenen Modellteile, die es erlaubt herauszufinden wie sich Klimasystem und Wirtschaft in gegenseitiger Abhängigkeit entwickeln. Dies gilt im Übrigen auch für die Wachstumsmodelle von Paul Romer, in denen Wissensbildung stark vereinfacht dargestellt, aber dann eben sehr gut in ein Wachstumsmodell eingebettet werden.
Wie kann man sicherstellen, dass Forschung im Bereich der Klimaforschung nicht instrumentalisiert wird? Wie politisch ist aus Ihrer Sicht die Vergabe des diesjährigen Alfred-Nobel-Gedächtnispreises?
Frank Krysiak: Es für keine gesellschaftlich relevante Forschung möglich eine Instrumentalisierung vollständig zu verhindern. Aber es ist möglich dem entgegenzuwirken. Ein Weg ist Transparenz. So macht z.B. William Nordhaus seine klimaökonomischen Modelle der Allgemeinheit in verschiedenen Formen zugänglich: Als wissenschaftlich nutzbares Modell, in vereinfachter Form zum Nachvollziehen der wichtigsten Ergebnisse, und in Form auch für Laien lesbarer Publikationen. Dies hat dazu geführt, dass seine Modelle von vielen Gruppen weltweit verwendet werden und ihre Stärken und Schwächen dementsprechend gut untersucht sind und viel diskutiert werden.
Gerade aus dieser Perspektive ist die Vergabe des Preises sicher nicht „politisch“. Nordhaus ist zudem für seine Empfehlung einer eher vorsichtigen Klimapolitik bekannt; seine Modelle sind vielfach dafür kritisiert worden, dass sie die Auswirkungen des Klimawandels eher unterschätzen. Von allen Klimaökonomen ist er wahrscheinlich derjenige, der am wenigsten für ein politisches Signal geeignet wäre.
Die Vergabe zeigt aber, dass die Diskussion um langfristiges Wohlergehen und den Erhalt der dafür notwendigen natürlichen Grundlagen im Zentrum der Ökonomie angekommen ist.
Sie selbst beschäftigen sich seit mehreren Jahren mit der Schweizer Energiezukunft. Welche Einsichten liefert die Forschung von Nordhaus hier?
Frank Krysiak: Sie zeigt, dass eine massvolle Umstellung des Energiesystems hin zur Nutzung weniger fossiler Brennstoffe ökonomisch sinnvoll ist. Durch ihren bereits praktisch CO2-freien Stromsektor ist die Schweiz hier anderen Ländern etwas voraus; In den Bereichen Mobilität und Wärme kann aber auch hier noch viel getan werden. Auch zeigt die Forschung von William Nordhaus deutlich, dass sozialwissenschaftliche Forschung einen wichtigen Beitrag zur Lösung von Herausforderungen liefern kann, die gemeinhin eher im Bereich der Naturwissenschaften gesehen werden. Naturwissenschaftliche und technische Forschung hilft Probleme im Energie- und Klimabereich zu verstehen und technische Lösungen bereitzustellen. Um zu entscheiden wann welche technischen Lösungen in welchem Umfang eingesetzt werden sollten und welche politischen Massnahmen dafür hilfreich sind, braucht es aber sozialwissenschaftliche Forschung.
Und wie sieht das mit den Modellen von Romer aus, Frau Professor Lein? In Ihrer Vorlesung "Intermediate Macroeconomics" machen Sie die Studierenden mit makroökonomischen Zusammenhängen und grundlegenden Modellen vertraut. Ist Romer auf der Literaturliste?
Sarah M. Lein: Die Arbeit von Paul Romer wird in diesem Kurs im Bereich «langfristiges Wachstum» angesprochen, genauer gesagt seine Beiträge zur endogenen Wachstumstheorie. Wir behandeln in dieser Vorlesung allerdings auch Modelle, die die konjunkturellen Schwankungen erklären und abbilden, Romers Beiträge sind vor allem in der Forschung zum langfristigen Wachstum und seinen Determinanten zu finden, somit nur in einem Teil der Vorlesung. Vertieft wird diese Thematik in der Vorlesung von Yvan Lengwiler zu Wachstum und Entwicklung. Auch auf Masterstufe ist Romer einer der wichtigsten Namen auf den Literaturlisten. Sein Lehrbuch zur Wachstumstheorie ist ein Standardwerk.
In der Handelszeitung[2] wird der Romer, der 62-jährige Professor der Stern School of Business in News York so portraitiert: "Romer blickt neben seiner akademischen Laufbahn ebenfalls auf eine längere Berater-Karriere zurück. Er beschäftigte sich zum Beispiel mit Problemen der Wirtschaft in Entwicklungsländern, den besonderen Effekten der Verstädterung auf das Wachstum dort, Folgen technischer Neuerungen sowie der Verteilung des wirtschaftlichen Wohlstands." Wie wichtig ist für Sie, für Ihre Forschung und Lehre, die Anwendung auf konkrete wirtschaftspolitische Fragestellungen?
Sarah M. Lein: Wie in vielen Bereichen zählt auch in Forschung und Lehre eine gute Balance zwischen theoretischen Überlegungen und konkreter Anwendung. Um wirtschaftspolitische Fragen adäquat adressieren zu können, müssen wir oft zuerst mit sehr vereinfachten Modellen der realen Welt arbeiten. Wichtig ist hier, dass wir dabei lernen, Mechanismen zu verstehen, die es in der realen Welt auch gibt oder geben könnte. Erst wenn man in diesen vereinfachten Modellen Zusammenhänge versteht und abbilden kann, kann man auch wirtschaftspolitische Implikationen ableiten und/oder in den Daten untersuchen, inwieweit diese Zusammenhänge identifizierbar sind und welche Rolle sie quantitativ spielen. Romer ist ein Paradebeispiel für einen Forscher, der sowohl überaus wichtige Beiträge zur Grundlagenforschung geliefert hat, welche seit Jahrzehnten die Literatur beeinflussen, und welche er dann in seiner Funktion als Berater, beispielsweise als Chefökonom der Weltbank, auch in konkrete politische Handlungsempfehlungen übersetzt hat.
Wenn wir abschliessend auf das Gemeinwohl der Bevölkerung als Ziel zurückkommen. Wie optimistisch sind Sie, dass technologischer Fortschritt und Innovation sich langfristig positiv auf die – globale - wirtschaftliche Entwicklung auswirken werden?
Sarah M. Lein: Langfristig haben technologischer Fortschritt und Innovation sicher einen positiven Effekt auf das Wirtschaftswachstum, das zeigt sich sowohl in Studien von Paul Romer als auch in denen von vielen anderen Makroökonomen. Was aber oft als schmerzhaft wahrgenommen wird ist der Effekt auf die Beschäftigung in der kurzen Frist. Neue Technologien führen zu einer Verschiebung der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt nach bestimmten Fähigkeiten: Zum Beispiel gab es Anfang der 1990er Jahre in der Schweiz doppelt so viele Beschäftigte in der Textilindustrie wie in der IT Branche, heute sind es fast achtmal so viele Beschäftigte in der IT Branche wie in der Textilindustrie. Diese Umstellung hat sicherlich dazu geführt, dass Beschäftigte der Textilindustrie Verluste erlitten haben, weil sie beispielsweise umschulen mussten oder früh in Pension gingen, auch wenn wir gesamtwirtschaftlich einen substanziellen Zuwachs der Beschäftigung beobachten konnten (die Beschäftigung in der Summe der beiden Sektoren ist in diesem Zeitraum um 40% gestiegen). Somit kann man sagen, dass technologischer Fortschritt für die Gesamtwirtschaft positive Effekte hat, aber nicht ausgeschlossen werden kann, dass es auch Verlierer gibt.
[1] https://www.nzz.ch/wirtschaft/wirtschaftsnobelpreis-ld.1426550
[2] https://www.handelszeitung.ch/konjunktur/paul-romer-und-william-nordhaus-gewinnen-den-nobelpreis
Bilder: https://www.istockphoto.com/ch
Prof. Dr. Frank C. Krysiak, ist Professor für Umweltökonomie und Leiter des Competence Center for Research in Energy, Society and Transition (SCCER CREST). Seine Forschungsschwerpunkte sind die langfristigen Wirkungen von Umweltpolitik und die ökonomische Theorie der Nachhaltigkeit. Im Bereich Umweltpolitik befasst er sich insbesondere mit der Wirkung von Umweltpolitik auf technischen Fortschritt sowie mit der Gestaltung von Umweltpolitik unter Unsicherheit. Anwendungsbereiche sind Klima- und Energiepolitik. Im Bereich Nachhaltigkeit untersucht er wie Nachhaltigkeit erfasst werden kann, wenn zukünftige Wünsche und Lebensbedingungen unsicher sind, und welche Bezüge es zwischen Nachhaltigkeit und Effizienz gibt.
Prof. Dr. Sarah M. Lein ist Makroökonomin mit Forschungsschwerpunkten in den Bereichen monetäre Ökonomie, Konjunkturzyklen sowie internationale Makroökonomie. Ihre jüngsten Forschungsarbeiten konzentrieren sich auf die Auswirkungen von Wechselkursschwankungen auf Preise, Konsum, Produktivität und Handel und auf die Rolle von Finanzierungsengpässen für Beschäftigung und Investitionstätigkeit von Firmen. Sie ist ausserdem assoziierte Forschungsprofessorin an der KOF ETH Zürich und Officer im European Chapter von CEBRA (Central Bank Research Association). Vor ihrem Eintritt an die Universität Basel war Sarah M. Lein als Senior Economist in der Konjunkturabteilung der Schweizerischen Nationalbank tätig.