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H. U. Müllers Welt ist der Kreis 3 in Zürich. Hier lebt er, hier schreibt er, hier destilliert er aus seinen alltäglichen Erfahrungen teils tragikomische, teils kafkaeske Geschichten, diesmal unter dem Titel «Single-City» sieben Stories: etwa die Geschichte jenes Mannes, der die Erinnerung an die Stimme seiner verstorbenen Frau verloren hat, diese Stimme eines Abends beim Bier in der Beiz wiederfindet und den Abend schliesslich mit dieser Stimme, die einem Transvestiten gehört, verbringt. Oder jener Single, der als Lebenszeichen jeden Nachmittag mit geschlossenen Augen einen Pistolenschuss aus dem Fenster abgibt, bevor er sich, wie alle Singles pechschwarz gekleidet, auf Schlummertrunk in die Stadt begibt und sich um Mitternacht mit seiner Verflossenen trifft, um mit ihr bis am Morgen eine Mischung von Eile-mit-Weile und russischem Roulette zu spielen.
In diesem Jahr wird H. U. Müller 70. In den achtziger Jahren hat er sich mit drei Bänden «Überlebensprosa» aus einer schweren psychischen Krise herausgeschrieben («Der Ausgerissene», 1984; «Der Entfesselte», 1986; «Der Unvergleichliche», 1988). 1992 folgte mit dem umfangreichen Bericht «Eldorado-City» die erste literarische Annäherung an seine Lebenswelt; 2000 gestaltete er diese in einem Roman («Stadt ohne Echo»); 2003 schliesslich brach er die Grossform in einzelne Storys auf («Der Nachlass des Buchhalters»).
Diese Kurzform hat Müller nun weiterentwickelt, sein Erzählton ist schneller und direkter geworden; was er zu sagen hat, löst er immer mehr in Handlung auf. Aus früheren Texten geblieben sind die labyrinthischen Kulissen und die oft (alb-)traumhafte Logik, die seine Figuren lenkt. Typisch für diesmal sind die nichtzwingenden Schlüsse: Statt Showdown oder Happy End zu bemühen, schickt Müller seine Figuren zurück in die Rätselhaftigkeit: Sie bleiben Singles über den letzten Satz hinaus.
Wie andere ältere Autoren mag sich der Schriftsteller H. U. Müller nicht mehr mit der frustrierenden Verlagssuche abmühen. Er produziert seine Bücher im billigen Book-on-Demand-Verfahren und sagt, dass diese Publikationsmöglichkeit dann «grössere Freiheiten» bringe, «wenn man willens ist, Voraussetzungen für ‹Erfolg› zugunsten von ‹Erfüllung im Schreibprozess› fallen zu lassen».
H. U. Müller: Single-City. 7 Stories, Zürich (Peter Sand Verlag) 2009.
In der WOZ erschien der Text leicht gekürzt unter dem Titel «Single-City». –Zu H. U. Müller siehe «Realität statt Milch und Honig». In der Anmerkung am Schluss jenes Textes führen Links zu Rezensionen von Müllers weiteren Büchern.