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Zeichnung als Gespräch
Rezension
Michael Merrill (Hg.), Louis Kahn – The Importance of a Drawing
Zunächst ins Auge sticht die sehr sorgfältige und überzeugende Gestaltung dieses Buchs, angefangen vom in Leinen gebundenen Buchdeckel mit Prägung einer Skizze und dem gelblich getönten Vorsatzpapier, das dezent auf den Inhalt vorbereitet: Viele der Zeichnungen entstanden auf dem feinen gelben Skizzenpapier, das Kahn so gern benutzte. Ein Blick ins Innere des Buches macht auch schnell klar: die 512 Seiten halten, was der Umschlag verspricht: ein aussergewöhnliches Buch, um sich darin zu verlieren.
Michael Merrill, der Herausgeber des Buches, verbrachte bei mehreren Aufenthalten rund acht Monate in Philadelphia in den Architectural Archives an der University of Pennsylvania, wo auch die Louis I. Kahn Collection untergebracht ist. Die Sammlung besteht aus etwa 6 000 Skizzen und Zeichnungen von Kahn, über 30 000 Büro-Zeichnungen sowie 15 000 Fotografien und 100 Modellen. Das Archiv befindet sich im historischen Gebäude von Frank Furness, der Fisher Fine Arts Library, wo Kahn auch seine Master Class unterrichtete. Durch Sichtung von vielen tausend Zeichnungen und mit kompetenter Unterstützung des Kurators William Whitaker trafen Merrill und seine Mitstreiter für dieses Buch eine Auswahl von über 900, haben diese – nicht wie üblich nach Projekten, sondern nach eigenen Kriterien sortiert – zur Grundlage ihrer Texte, Kommentare, Bildergalerien und Essays gemacht. Sichten, Ordnen, Forschen, Besprechen, Schreiben, Gestalten: ein Arbeitsprozess von über fünf Jahren.
Der Titel dieser Neuerscheinung ist aus folgendem Zitat entlehnt: «The importance of a drawing is immense, because it’s the architect’s language.» (Master Class 1967)
Für Kahn war die Zeichnung vor allem Mittel der Erkenntnis und war eng mit dem Wunsch verbunden, sich auszudrücken («desire to be, to express»). Sie diente der Klärung der eigenen Gedanken und als Kommunikationsmittel innerhalb des Büros im Rahmen der Projektentwicklung; viele der Zeichnungen sind kommentiert und ermöglichten so dem Büro die Umsetzung der Ideen und Gedanken Kahns in die Planung und schliesslich in die gebaute Realität – auch während seiner längeren Abwesenheiten auf den Baustellen oder beim Unterrichten.
Das Buch dokumentiert in einem grossen Bogen Kahns zeichnerische Entwicklung, von sehr frühen Dokumenten als Schüler bis zu seinen letzten Skizzen, die er auf seinem Rückflug von der Baustelle für das Indian Institute of Management in Ahmedabad in die USA fertigte, wo er nach seiner Ankunft in New York auf tragische Weise einem Herzstillstand erlag. So verliess uns Kahn mit einer kommentierten Zeichnung.
Das umfangreiche Material ist im Buch thematisch aufgeteilt in acht unterschiedlich lange Abschnitte. Die Essays, Kurztexte, und Kommentare von Merrill und seinen Mitautoren sind vorbildlich. Thematisch vielfältig, allesamt aufschlussreich und eine Freude zu lesen, werfen die vielen Beiträge neues Licht auf Kahns Werk. Sie regen an, grundsätzlich über Beziehungen zwischen Zeichnen und Architektur zu reflektieren.
In der vorliegenden Auswahl der Zeichnungen fallen die vielen Schnitte im zweiten Kapitel auf, denn sie geben Aufschluss darüber, wie das Licht in den Raum geführt wird – ein zentrales Anliegen in Kahns Architektur. Seinen frei gesprochenen Vortrag Silence and Light (1969, ETH Zürich) begann er mit den Worten: «…denn – wissen Sie – es ist wie mit einem leeren Blatt Papier, auf das ich eine Zeichnung machen muss. Und so ist die Zeichnung heute ein Gespräch – sehen Sie.» Das unterstreicht auch, wie bedeutsam die Zeichnung für Kahn war.
Gegen Ende des Vortrags sagte er: «Ich kann nicht genug über Licht sprechen, weil Licht so wichtig ist, weil in Wahrheit die Struktur die Erzeugerin des Lichtes ist. Wenn Sie über die Struktur entscheiden, entscheiden Sie über Licht. In den alten Gebäuden waren Säulen ein Ausdruck von: Licht – kein Licht… Das Modul ist ebenso: Licht – kein Licht. Das Gewölbe stammt von ihm, die Kuppel stammt von ihm so wie die gleiche Erkenntnis, dass Sie Licht freilassen. Das sind die Ordnungen, über die Sie nachdenken, wenn Sie in gewissem Sinn die Elemente des Entwurfs bestimmen – also die Elemente und die Art des Entwurfs, die Sie in Betracht ziehen, um sie zu vervollkommnen. Im Entwurf muss der Unterschied zwischen der Ordnung der Struktur und der Ordnung der Konstruktion berücksichtigt werden. Das sind zwei verschiedene Dinge. Es gibt eine Ordnung der Konstruktion, welche die Ordnungen der Zeit hineinbringt. Sie sind sehr eng miteinander ‹verheiratet›.»
Reiseskizzen, Entwurfsstudien, Perspektiven, Axonometrien, Diagramme, Werkpläne und mehr: alle wurden für diese Publikation hochauflösend gescannt und reproduziert. Noch nie wurden so viele von Kahns Zeichnungen zusammen in solcher Qualität präsentiert. Dabei fallen die vielen Schnitte im zweiten Kapitel auf; denn sie geben Aufschluss darüber, wie das Licht in den Raum geführt wird – ein zentrales Anliegen in Kahns Architektur.
Einmalig ist der Umfang des in der Kahn Collection verfügbaren Materials; denn Skizzen blieben erhalten und wurden nicht, wie schon vor 50 Jahren in der analogen Zeit in so vielen Fällen üblich, dem Papierkorb überlassen. Und so ist es möglich, die Entwicklung der Projekte auch heute noch mit all den begleitenden Gedankengängen nachzuvollziehen und daraus einen Arbeitsprozess zu beschreiben. Dieses Hineindenken in das Werk – und in das architektonische Entwerfen durch das Werk – war bereits das Anliegen der ersten umfassenden Ausstellung über Louis Kahn an der ETH Zürich im Jahr 1969. In der Folge entstand aus dem Ausstellungskatalog (Dokumentation Arbeitsprozesse) das inzwischen kanonische Louis I. Kahn: Complete Work 1935-74, an dem wir am Lehrstuhl von Heinz Ronner und am Institut gta ebenfalls viele Jahre gearbeitet haben und das noch von Louis Kahn persönlich kommentiert wurde, als wir mit dem ersten Entwurf im Büro in der Walnut Street 1501 eine Woche lang die Planschränke durchforsten durften und uns mit einer Auswahl von 1 500 Skizzen und Zeichnungen an die weitere Arbeit machten. So kommt es, dass das hier vorgestellte Buch einen grossen Sprung nach vorne in Richtung Vollständigkeit darstellt. Uns war allerdings schon bei der Titelgebung klar, dass bei dem Umfang der vielschichtigen Informationen niemals eine vollständige Darstellung des Werks von Kahn möglich sein würde. The Importance of a Drawing setzt diese Tradition fort und denkt sie weiter, indem sie die Zeichnungen mit erhellenden Texten erschliesst, die explizit an entwerfende Architekten adressiert sind.
Das Buch zeigt die Bedeutung und Wichtigkeit der Zeichnung als Kommunikationsmittel des Architekten. Was in analogen Zeiten selbstverständlich war, hat auch heute noch eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Diese kam bei der Buchpräsentation zum Ausdruck, die im Rahmen des ersten Architekturbuch-Festivals vom 17. bis 20. November 2021 in der Buchhandlung Never Stop Reading in der Spiegelgasse in Zürich stattfand.
Die Diskussionen sind auch online gestellt, und sie können deshalb auf YouTube abgerufen werden – dieses Buch betreffend unter dem Titel «Welche Bedeutung hat das Zeichnen für den Entwurf von Gebäuden» am 19. November 2021 (19:30 Uhr).
Das Buch ist eine Fundgrube neuer Informationen und vieler bisher nicht publizierten Zeichnungen von Kahn und seinen Mitarbeitern; es wird so auch zu einem wichtigen Nachschlagewerk. Auch nicht-professionelle Leser können das Buch als eine Sammlung in sich abgeschlossener Essays handhaben und sich wahlweise nach Lust und Laune einzelne Abschnitte zu Gemüte führen.
Das Buch ist eine grosse Bereicherung zu den bereits existierenden Publikationen, die es den interessierten Leser und Leserinnen ermöglichen, einzelne Projekte vergleichend zu betrachten und so zu einem besseren Verständnis der Projekte führt.
Es ist nicht nur die thematische Tiefe und die vielgerühmte Qualität seiner Bauten, die Kahn zum idealen Gegenstand einer solch ausgiebigen Studie machen, sondern auch die Tatsache, dass so viele seiner Entwurfsskizzen nicht dem Papierkorb überlassen wurden. So ist es im Nachhinein möglich, Gedankengängen zu folgen, Arbeitsprozesse zu beschreiben, und über Zusammenhänge zwischen Theoretischem und Konkretem zu reflektieren.
So ist es zu wünschen, dass The Importance of a Drawing in viele professionelle Hände gelangt und so das Bewusstsein der Bedeutung dieses Jahrhundert-Architekten und der analogen Zeichnung weitergetragen wird und erhalten bleibt.
In diesem Buch nicht enthalten sind die Modelle zu den Projekten. Sie waren für Kahn ein weiteres Mittel der Darstellung seiner Ideen und dienten der Verifizierung in der dritten Dimension, sei es für die Verteilung der Massen auf dem Gelände und in ihrer Umgebung oder der Raumentwicklung im Inneren. Dazu ist eine weitere Publikation in Planung.
Es ist ein grosses Glück, dass Michael Merrill die Möglichkeit und Zeit gegeben wurde, diese Informationen in fünfjähriger Arbeit so zusammenzutragen, zu ordnen und zu beschreiben, dass daraus ein weiteres Nachschlagewerk über Kahn entstand. Als neues Standardwerk ist es eine reiche Quelle neuer Informationen, fundierter Analysen und bisher nicht publizierter Zeichnungen. Es ist zu wünschen, dass The Importance of a Drawing in möglichst viele professionelle und studentische Hände gelangt und so das Bewusstsein der Bedeutung dieses Jahrhundert-Architekten und der analogen Zeichnung weitergetragen wird.Von bleibendem Wert wird es mit Sicherheit in vielen öffentlichen und privaten Bibliotheken seinen dauerhaften Standort finden.
LOUIS KAHN – THE IMPORTANCE OF A DRAWING, hrsg. v. Michael Merrill, mit Beiträgen von Michael Benedikt, Michael Cadwell, David Leatherbarrow, Louis Kahn, Nathaniel Kahn, Sue Ann Kahn, Michael J. Lewis, Robert McCarter, Michael Merrill, Marshall Meyers, Jane Murphy, Gina Pollara, Harriet Pattison, Colin Rowe, David Van Zanten, Richard Wesley, William Whitaker; Buchgestaltung: Integral Lars Müller, 512 Seiten, 919 Abbildungen, gebundene Ausgabe, Englisch.
2021, Zürich, Lars Müller Publishers; ISBN 978-3-03778-644-4
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Zum Autor:
Alessandro Vassella, Dipl. Architekt ETH/SIA, Co-Autor von Louis I. Kahn – Complete Work 1935-74 (1977) – Reprint in Vorbereitung (2022). Darüber hinaus Herausgeber von Louis I. Kahn – Silence and Light (2013). Diese Publikation enthält eine Audio CD mit dem berühmten Vortrag, den Kahn 1969 zur Eröffnung der ersten umfassenden Ausstellung an der ETH Zürich hielt.
> Um mehr über Louis Kahn und seine beeindruckende Arbeit mit Beton als sichtbares Element sowie seinen Überlegungen über Fugen-Setzung zu erfahren, lesen Sie hier einen Kommentar zum Vortrag von Anna Rosellini.
> Ein weiterer spannender Architekt ist der Pritzker Preisträger Balkrishna Doshi. Die Arbeit des indischen Architekts ist tief geprägt von Louis Kahns Werk. Das Vitra Design Museum widmete Doshi eine umfangreiche Ausstellung.