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Vor vielen Jahren las ich mit naiver Begeisterung «La Città del Sole», auf deutsch «Der Sonnenstaat». Die Naivität ist mir seither angesichts der vielen real existierenden und brutal verkommenen Utopieversuche abhanden gekommen. An Utopien bin ich aber nach wie vor interessiert. Der Dominikanermönch, Philosoph und Wissenschafter Tommaso Campanella erdachte und beschrieb 1602 ein utopisches, wenn auch nicht unbedingt erstrebenswertes autoritäres Gemeinwesen. Er war sich laut verschiedener Quellen offenbar der Widersprüche seiner eigenen Schöpfung bewusst. Das ist mutig. Vor kurzem habe ich «La Città del Sole» wieder hervorgeholt.
«La Città del Sole» ist eine kurze Abhandlung in Dialogform, von Tommaso Campanella als «poetischer Dialog» bezeichnet. Der Dialog findet zwischen Ospitalario, einem Ordensritter, und Genovese, dem Steuermann von Kolumbus statt. Genovese ist viel gereist. Gerade von einer Seefahrt zurückgekehrt, wird er bald wieder abreisen. Genovese erzählt Ospitalario, dass er auf der Insel Taprobana den Sonnenstaat entdeckt hat (italienisch als «Sonnenstadt» bezeichnet). Den Staat situiert er in der Nähe des Äquators – Campanella meint, das Klima dort bringe ehrliche Menschen hervor. Genovese schildert ausführlich, wie perfekt die Stadt gebaut ist und dass man sie kaum einnehmen könne. Der Staat wird von einem Prinzen regiert, der Geistlicher ist. Man nennt ihn Sole – in den Manuskripten steht dafür das astrologische Zeichen für Sonne – oder Metaphysiker auf Italienisch, wie Genovese betont. Sole ist oberster Richter, weltliches und religiöses Oberhaupt. Er wird assistiert von drei Fürsten: die Macht (Kriegshandwerk und Frieden), die Liebe (zum Beispiel die Verbindung von Frauen und Männern) und die Weisheit. Die Weisheit kümmert sich um alle Wissenschaften und betreut die Doktoren zum Wohle der Bevölkerung.
Genovese erzählt dem wissbegierigen und staunenden Ospitalario, dass und wie die Güter gleichmässig verteilt sind und dass es kein Privateigentum gibt. Mädchen und Buben werden gleichwertig erzogen und geschult und darauf vorbereitet, tüchtige Nachkommen zu haben. Die Frauen sind gleichberechtigt.
Minutiös zählt er die verschiedenen Nahrungsmittel auf – selbst die Petersilie kommt vor. Er schildert den Wert der einzelnen Nahrungsmittel und schwärmt, wie gesund und ausgeglichen die Menschen sich ernähren; erstaunlich die Erwähnung, dass Pflanzen sensibel sind und man deshalb im Sonnenstaat zu deren Schonung auch Fleisch verzehrt – und zwar ausgeglichen verteilt: am ersten Tag Fleisch, am nächsten Fisch, am dritten Gemüse und dann wieder Fleisch undsoweiter. Hungern muss niemand. Es gibt auch keine Völlerei.
Ospitalario will über die Gesundheit der Bewohner/innen des Sonnenstaats informiert werden. Genovese hat darüber sehr viel erfahren. Er weiss, dass es viele der damals bekannten Krankheiten im Sonnenstaat nicht gibt. Es existieren aber einige Krankheiten, für welche er die Medikamente aufzählt. Die gesunde Lebensweise hat zur Folge, dass die Menschen normalerweise hundert Jahre alt werden, manche aber 200-jährig.
Alle Menschen arbeiten, so lange sie mögen; in der Regel nicht mehr als vier Stunden täglich. Sklaven gibt es nicht, weil das dekadent ist. Damit die fremden Händler von eintreffenden Schiffen und deren Sklaven das Volk nicht verderben, werden die Handelsgeschäfte ausserhalb der Mauern am Hafen getätigt. Auch hier merkt man, dass der Sonnenstaat die Menschen als Individuen sehr einschränkt und von andern entschieden wird, was ihnen gut tut und vor allem was nicht. Obwohl manche der Massnahmen im «Sonnenstaat» einleuchten, erfüllt dieser insgesamt den Anspruch nicht, sich am Wohl der Schwachen zu orientieren und die Grundrechte aller zu befördern.
Die Bewohner/innen des Sonnenstaats glauben gemäss Genovese nicht an die Hölle oder an andere göttliche Strafen. Der Mensch habe aber eine unsterbliche Seele. Die Bevölkerung orientiert sich an den Grundgesetzen der Natur, ist ähnlich wie der Katholizismus mit Sakramenten organisiert und verehrt speziell Christus.
Ospitalario ist begierig, möglichst alles über die Lebensweise, die Verhältnisse zwischen Frau und Mann, die Arbeitsorganisation und die Gerichtsbarkeit zu erfahren. Das Justizsystem sieht für gewisse Verbrechen die Todesstrafe vor. Die Folter, die zur Zeit von Campanella fester Bestandteil jedes Verhörs war, wird vom Steuermann nicht erwähnt. Wahrscheinlich hätte er sie erwähnt, wenn sie im Sonnenstaat existiert hätte.
Genovese, schon wieder auf dem Sprung ins Ausland, gibt Ospitalario konzis auch Informationen über die Namensgebung der Bewohner/innen, über Eifersucht und Neid, über die verschiedenen Wissenschaften, das Gewerbe und die Zeitmessung.
Abrupt kommt der Moment des Abschieds. Genovese verspricht aber Ospitalario, ihn bei seiner Rückkehr weiter zu informieren. Und weg ist er und lässt uns mit noch mehr Fragen zurück, obwohl er sehr viele Antworten gegeben hat.
Ein unruhiger Geist
Tommaso Campanella wird 1568 als Giovan Domenico im Ort Stilo in Kalabrien geboren. Seine Eltern sind Bauern. Süditalien wird von den Spaniern beherrscht. Sie beuten das Land und die Bauern wie eine Kolonie aus. Mit 15 geht Campanella ins Kloster und wird Dominikaner. Es ist für ihn die beste Möglichkeit, um zu studieren. Er studiert Logik, Physik und Metaphysik. Immer mehr ist er überzeugt, dass sich wie im kopernikanischen Modell die Planeten um die Sonne drehen. Das macht ihn für die Kirchenhierarchie verdächtig. Es ist die Zeit der Gegenreformation und der Inquisition. Campanella wird später auch in Schwierigkeiten geraten, weil er Galileo Galilei verteidigt.
Die Schaffenskraft von Campanella ist kaum vorstellbar: Der «Sonnenstaat» ist lediglich eine kleine Publikation neben äusserst zahlreichen anderen Schriften. «La Città del Sole» schrieb er zuerst in florentinischem Italienisch und erst später auf Lateinisch als «Civitas solis».
Campanella ist ein unruhiger Zeitgenosse, der schon früh Reformideen hat und von einer menschlicheren Gesellschaft träumt. Er verlässt das Kloster, trägt aber weiterhin die Dominikanerkluft; lebt in Rom, Neapel, Florenz, Padua, tauscht sich aus mit Intellektuellen und Herrschern, erfährt die ersten Verfolgungen und Prozesse, taucht unter, schwört auch einmal seinem «Irrglauben» ab, ein anderes Mal bleibt er trotz Folter seinen Überzeugungen treu, wird gebannt oder unter Hausarrest gestellt und hält sich nicht daran.
Die Spanier verhaften Campanella 1599 erneut und verurteilen ihn nun zu lebenslänglichem Gefängnis. Er wird von 1599 bis 1629 im Gefängnis bleiben (1606 bis 1626 im Gefängnis der Inquisition in Rom, i carceri del Santo Uffizio). Im Gefängnis schreibt er sehr viel, unter anderem 1602 auch «La Città del Sole». Dank dem Einsatz vieler Würdenträger, darunter sogar Papst Urban VIII, wird er 1629 freigelassen. Nach seiner Freilassung und der Rehabilitation bekommt Campanella bald wieder Schwierigkeiten, flüchtet deshalb nach Marseille und schliesslich nach Paris. Dort sind der königliche Hof und die kirchlichen Würdenträger toleranter. Die letzten Jahre bis zu seinem Tod 1639 lehrt und forscht er an der Sorbonne. Dort betreut er 1637 unter anderem die lateinische Ausgabe des «Sonnenstaats». Eine deutsche Ausgabe war bereits 1623 bei Adami in Frankfurt am Main erschienen.
Tommaso Campanella stirbt im Mai 1639 im Dominikanerkloster an der Rue Saint-Honoré in Paris.
Tommaso Campanella: «La Città del Sole» a cura di Adriano Seroni. Universale Economica Feltrinelli. Milano 1982.
Tommaso Campanella: «Der Sonnenstaat». Alternativtitel: «Die Sonnenstadt» Edition Holzinger. Taschenbuch. Berliner Ausgabe 2014, 3. Auflage.