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Vergessen wir die Wachstumsmaximierung - minimieren wir stattdessen den Schaden, den Rezessionen anrichten: Ein Plädoyer für mehr Stabilität in der Wirtschaft.
Das US-amerikanische National Bureau of Economic Research (NBER) hat in einer Studie die Länge der amerikanischen Wirtschaftszyklen zu bestimmen versucht. Für die Zeit zwischen 1854 und 2009 zählte das Institut 33 Zyklen. Ein Konjunkturabschwung dauerte im Schnitt 17,5 Monate, während die Aufschwünge sich über fast die doppelte Zeit, nämlich durchschnittlich 38,7 Monate, erstreckten.
Zudem wurde festgestellt, dass sich die Einbrüche im Laufe der Zeit verkürzt, die Erholungsphasen sich aber verlängert haben. So ging das Wirtschaftswachstum der USA in den sechs Zyklen der Jahre 1945 bis 2009 während insgesamt 11 Monaten zurück und wuchs während insgesamt 58 Monaten.
Hinter dieser bemerkenswerten Entwicklung steht die Ausweitung des Dienstleistungssektors, der in den OECD-Ländern heute für rund 80 Prozent des Bruttoinlandprodukts verantwortlich ist. Der Wachstumsbeitrag dieses tertiären Sektors ist wesentlich geringeren Schwankungen unterworfen als der Wachstumsbeitrag des verarbeitenden Gewerbes (sekundärer Sektor).
So schrumpfte der Beitrag (also das Wachstum des zweiten Sektors multipliziert mit der Gewichtung des Sektors innerhalb des BIPs) des verarbeitenden Gewerbes im dritten Semester 2008 um nahezu 7 Prozentpunkte, während der Tertiärsektor im selben Zeitraum «nur» um 5 Prozentpunkte abnahm. Aufgrund der geringeren Volatilität hat sich also die zeitliche Dauer der wirtschaftlichen Abschwünge verkürzt, während sich auf der anderen Seite die Phasen eines Aufschwungs verlängert haben.
Zugleich haben sich aber auch die Wachstumsraten etwas nach unten angepasst. Die BIP-Wachstumsraten der USA und anderer entwickelter Volkswirtschaften dürften in Zukunft nicht mehr an die Werte heranreichen, die in der Vergangenheit erzielt wurden.
Unser eigentliches Erfolgsrezept heisst Stabilität
Was sind die Schlussfolgerungen aus diesen Statistiken? Eine Analyse von Stephen Broadberry und John Wallis der Oxford University (April 2017) legt nahe, dass sich Ökonomen bisher zu stark auf Aufschwünge und Wachstumsraten fokussiert haben, statt sich mit den Auswirkungen von Rezession und Kontraktion zu beschäftigen.
Bei dieser Untersuchung wurden die Beiträge an das langfristige Wirtschaftswachstum (Pro-Kopf-Veränderung des BIP) während verschiedener Phasen des Auf- oder des Abschwungs untersucht. Es zeigen sich markante Asymmetrien: So wuchs während Aufschwungsphasen das BIP pro Kopf in den entwickelten Ländern von 1820 bis 1870 um nahezu 6 Prozent, während es in Zeiten des Abschwungs um 2 Prozent zurückging. In den darauffolgenden 130 Jahren von 1950 bis 2008 betrug das Pro-Kopf-Wachstum in der Expansion noch ganze 2,2 Prozent, während sich der Rückgang während Abschwüngen auf 0,3 Prozent verringert hat. Wir haben unseren gestiegenen Wohlstand im 20. Jahrhundert demnach nicht primär den gestiegenen Wachstumsraten, sondern vielmehr den selteneren und weniger drastischen Rezessionsphasen in der Wirtschaft zu verdanken.
Anstatt das Wachstum einzelner Länder maximieren zu wollen, sollten wir uns also besser darauf konzentrieren, zukünftige Konjunkturabschwünge möglichst kurz und milde zu halten. Ein solches Vorgehen zahlt sich zum Beispiel auch bei Anlagen aus. Dort ist es in der Regel auch sinnvoller, statt der kurzfristigen die Rendite pro Risikoeinheit (Volatilität) zu maximieren.
Die häufigen Einbrüche haben Schwellenländern geschadet
Die Studie von Broadberry und Wallis zeigt auf, dass in den wenigen Ländern, für die genügend Daten vorhanden sind, die Volatilität der Zyklen seit dem Mittelalter rückläufig ist. Historisch lässt sich dieses Phänomen hauptsächlich durch den Strukturwandel, also durch das Auskommen neuer Technologien und durch demografische Veränderungen erklären. Auch sind die BIP-Wachstumsraten der Schwellenländer im historischen Vergleich selten tiefer ausgefallen als in den Industrieländern. Im Gegenteil: Was den Schwellenländern aber während langer Zeit geschadet hat, sind die stärkeren und länger andauernden Konjunktureinbrüche im Vergleich zu den Industrieländern.
Berücksichtigt man also die durch eine Minimierung der Volatilität erzielten Effekte, so beginnt man zu verstehen, weshalb Frankreich und Japan, zwei Länder, deren wirtschaftliche Lage im Allgemeinen mit «Stagnation» umschrieben wird, ein grösseres Wachstum des BIP pro Kopf erzielen können als die USA. In Amerika ist das Pro-Kopf-BIP seit 1997 real nur um 15 Prozent gestiegen – in der Schweiz betrug dieses Wachstum dagegen fast 20 und in Japan waren es sogar 28 Prozent.
Die Wirtschaft lässt sich strategisch am besten fördern, indem man nicht Renditemaximierung, sondern vor allem Verlustbeschränkung betreibt. Kurz: Wer gewinnen will, soll vor allem Verluste vermeiden.