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Aus dem eigenen Garten
Annemarie Voss: Meine Grosseltern liessen sich im November 1916 im Berner Münster trauen. Viele Kinder wurden geboren, acht davon überlebten. Grossvater hatte als Verdingbub keine Lehre machen können und mit dem Lohn als Hilfsarbeiter auf dem Bau musste «jedes Füfi» umgedreht werden. Ein grosser Garten lieferte vom Frühsommer bis in den Spätherbst Gemüse, Beeren und Äpfel. Für den Winter musste vorgesorgt werden.
Ich erinnere mich noch, dass ich beim Bohnen-Auffädeln geholfen habe. Die Bohnen wurden auf dem Estrich zum Trocknen aufgehängt. Das war zu einer Zeit, als ich oft die Ferien bei meinen Grosseltern verbrachte. Die Familie war kleiner geworden, nur noch der jüngste Onkel war zu Hause, aber an den Gewohnheiten, sich aus dem Garten zu versorgen, wurde nicht viel geändert. Kartoffeln und Äpfel kamen in den Keller auf die «Hurd». Auch schrumplige Äpfel wurden geschätzt, so gegessen, als Apfelmus oder zu einem Kuchen verarbeitet. Am besten schmeckten mir die Bratäpfel, die im Winter in der im Kachelofen eingelassenen Nische brutzelten und einen köstlichen Duft verbreiteten. Rüebli kamen ebenfalls in den Keller mit Naturboden und wurden mit Sand zugedeckt. Ein bisschen ekelte ich mich, dass in den Rüebli oft kleine Würmchen krabbelten. Ich wurde ausgelacht, weil die ja mitgekocht würden und davon dann gar nichts zu merken sei. Kohl wurde zu Sauerkraut fermentiert. Und in einem grossen Tongefäss wurden auch Eier eingelegt. Eier waren in der Winterzeit rar und dadurch teuer. Federkohl, Rosenkohl, Rotkohl, Kabis und auch Randen und Zwiebeln ergänzten den winterlichen Speiseplan.
Um ab und zu sonntags Fleisch auf den Tisch bringen zu können, wurden Kaninchen gehalten, in einem dunklen und engen Stall. Da im Garten kein Platz war für eine Wiese, holten meine Grosseltern das Gras von der Bahnböschung. Sogar Heu wurde davon gemacht. Die Kaninchen erhielten auch Rüstabfälle vom Gemüse, die aber möglichst klein gehalten wurden. Die Kaninchenhaltung war immer die Aufgabe der ältesten Buben.
Einer meiner Onkel arbeitete nach der regulären Schulzeit bei einem Milchmann. Er musste jeweils im Sommer sehr früh aufstehen, da es keinen Kühlwagen gab. In unseren Nachbarländern herrschte Krieg und er war noch zu jung, um in den Aktivdienst eingezogen zu werden. Die Milch wurde aus grossen Milchkannen in die bereitgestellten «Milchkesseli» literweise abgefüllt. Die Milch musste dann meistens sofort abgekocht werden, damit sie etwas länger haltbar blieb. Im Winter war das allerdings kein Problem, da konnte Milch und allenfalls auch Butter zwischen dem Vorfenster und dem Fenster kühl gehalten werden.
Eine Sensation in den 1920er-Jahren bildeten die ersten Verkaufswagen der Migros. Anfänglich wurden nur sechs Artikel angeboten, unter anderem Reis, Zucker, Teigwaren und Kaffee. Da die meisten Lebensmittel etwa 40 Prozent günstiger angeboten wurden als in anderen Kolonialwarenläden, war die Migros bei der Bevölkerung mit kleinem Einkommen schnell beliebt.
Als die Grosseltern in den 1950er-Jahren wegen einer geplanten Überbauung umziehen mussten, hatten sie keinen Garten mehr, dafür einen Kühlschrank.
Einkaufen als Erlebnis
Raphael Bigler: Der Schweizer Detailhandel befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel und ist gefordert, Strategien zu entwickeln, um die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung meistern zu können. Es geht darum, innovative Marketingstrategien zu entwickeln, um den KundInnen durch die Kombination der Digitalisierung mit dem stationären Handel ein angenehmes und individuelles Shopping-Erlebnis zu bieten. Personal Shopping, dynamische Preisangebote, durchgehende Öffnungszeiten über 24 Stunden sind nur einige Stichworte, die darlegen, wie die Detailhändler um die Gunst ihrer Kundschaft buhlen.
Die Treiber im Schweizer Detailhandel sind sicherlich der Einkaufstourismus im nahen Ausland und die naheliegenden Vorteile von E-Commerce, wodurch Produkte dank tieferen Vertriebskosten günstiger angeboten werden können. Digitalisierungsstrategien im Schweizer Detailhandel beinhalten beispielsweise die Veränderung der Verteilerkette und den Kulturwandel durch Soziale Medien. Entscheidend wird im Schweizer Detailhandel sein, wie sich das Konsumverhalten bei Lebensmitteln im Online-Bereich verändern wird, wie liberal die Rahmenbedingungen betreffend Datenschutz sind und wie gross die Mitwirkung von KundInnen ist. Prominentes Beispiel in diesem Zusammenhang ist IKEA mit ihrer erlebnisorientierten KundInnenführung, welche rund um den Globus auf die meisten Kulturkreise adaptierbar ist. Dies hat dazu geführt, dass die Kundschaft aufgrund von Preisvorteilen dazu bereit ist, bestimmte Aufgaben der Wertschöpfungskette im Bereich der logistischen Abwicklung selbst zu übernehmen. Dadurch können die Vertriebskosten niedriger gehalten werden und gleichzeitig wird ein Erlebnis geschaffen, welches auf dem Markt einzigartig ist. Dies schafft Kundenbindung und so entstehen nachhaltige Wettbewerbsvorteile. Einfache Verpflegungsangebote vor Ort mit unverkennbaren Snacks erhöhen die Identifikation der KundInnen mit der Marktleistung von IKEA zusätzlich.
Jüngstes Beispiel in der Schweiz sind regionale Lebensmittelgeschäfte in urbanen Gebieten, welche rund um die Uhr während 24 Stunden zugänglich sind, nur regionale Produkte anbieten und ohne Verkaufspersonal funktionieren. Solche Konzepte ermöglicht die Digitalisierung; und die KäuferInnen übernehmen die gesamte Kassenabwicklung selbst. Selbstverständlich werden diese Geschäfte vollständig überwacht und die KonsumentInnen müssen sich im Vorfeld persönlich registrieren. Das könnten die Verkaufsformate der Zukunft werden, welche gezielte Einkauferlebnisse fördern, wobei die Rückverfolgbarkeit der Produkte transparent ist.