Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03361.jsonl.gz/2031

April 1939: «Wenn du nicht bald mit deinen Memoiren beginnst», sagt Virginia Woolfs Schwester Vanessa, «dann bist du bald zu alt und hast alles vergessen». Die Schriftstellerin nimmt sich ein Herz und beginnt mit ihren Aufzeichnungen. Im Alter von 57 Jahren, zwei Jahre vor ihrem Suizid.
Schöne Mutter
Das Kratzen einiger Perlchen am Kleid, das ist Woolfs erste Erinnerung an die Mutter. Und auch das Klimpern ihrer Armbänder, wenn sie im Haus umherging blieb der Schriftstellerin in Erinnerung. «...vor allem wenn sie abends nach oben kam, um nachzusehen, ob wir schliefen. Die Kerze in der Hand abschirmend.»
Julia Prinsep Jackson war eine ausserordentliche Schönheit. Aber als Kind habe sie das bloss als natürliche Eigenschaft einer Mutter angesehen, schreibt Virginia Woolf. Ausserdem sei die Mutter schnell, direkt, praktisch und amüsant gewesen. Sie konnte auch schroff sein und sie hasste Affektiertheit: «Wenn du den Kopf so schief hältst, darfst du nicht auf die Gesellschaft.» Virginia liebt ihre Mutter und deren früher Tod ist ein schwerer Schlag für die damals 13-Jährige.
Jähzorniger Vater
Mit dem Vater verbindet sie eine Hassliebe. Sie ist stolz, weil er findet, «dass kein anderes Kind in diesem Alter solche Bücher lesen und verstehen kann.» Er ist auch aufbrausend und steigert sich jeweils in heftige Wutanfälle hinein.
Er sei aber nie auf die Idee gekommen, dass es etwas Schlechtes sein könnte, jemand zu sein, mit dem nicht leicht zu leben war. Woolf vermutet, dass damals alle genialen Männer unbeherrscht waren. Und er sei ein Genie gewesen, ihr Vater Leslie Stephen, der altersmässig eigentlich ihr Grossvater hätte sein können.
Leben in verschiedenen Jahrhunderten
Als Teenager leiden Virginia Woolf und ihre Geschwister unter dem viktorianischen Elternhaus. Woolf schreibt: «Wir lebten im Jahr 1910. Sie im Jahr 1860. Während wir in die Zukunft blickten, standen wir vollständig unter der Macht der Vergangenheit.»
Gegen halb fünf müssen die Kinder anwesend sein, um fünf muss der Vater seinen Tee bekommen und alle sollen ordentlich zurechtgemacht an ihren Plätzen am Teetisch sein. Denn in der damaligen Gesellschaft konnte Vater sich seinen Tee nicht selbst einschenken.
Leid und Erfolg in Virginia Woolfs Leben
Virginia Woolf wird 1882 in London geboren und wächst im grossbürgerlichen Haushalt einer neunköpfigen Familie auf. Die glücklichen und sorglosen Monate im Sommerhaus an der Küste Cornwalls prägen ihre Kindheit. Nach dem Tod der Mutter 1895 leidet Virginia zum ersten Mal an einer psychischen Krise. 1912 heiratete sie Leonard Woolf.
Virginia Woolfs Karriere als Romanautorin begann 1915 mit «The Voyage Out». Ihr bekanntestes Werk ist «Mrs. Dalloway», ein experimenteller Roman über einen Tag im Leben einer Lady der englischen Upper-Class.
Ihr Essay «Ein eigenes Zimmer» wird zur Bibel der Frauenbewegung. Mit ihrem Mann, mit dem sie einen Verlag gründet, ist Woolf glücklich. Doch sie liebt auch Frauen. 1941 nimmt sie sich während einem der sich wiederholenden depressiven Schübe das Leben.
Augenblicke des Daseins
Die Skizzen über Virginia Woolfs Vergangenheit sind auch literarisch interessant. Und sie wirken über 70 Jahre nach ihrer Niederschrift überhaupt nicht verstaubt. Mit ihrer grossen Sprachgewalt zieht Woolf einen hinein in ihr frühes Leben und offenbart ihre Seele.
Viele Passagen der hochsensiblen Autorin sind wehmütig, andere keck, arrogant und auch witzig. Wie zum Beispiel die Szene, in der die Mutter Virginia zum Vater schickt: «Geh und zupf die Krümel aus seinem Bart.»
Im Hörbuch liest die österreichische Film- und Theaterschauspielerin Sophie Rois die «Skizze der Vergangenheit». Ihre Interpretation ist grossartig. Sie durchlebt die Schilderungen von Virginia Woolf, hat aber immer die nötige professionelle Distanz.
Hörbuch
Virginia Woolf: «Skizzen der Vergangenheit». Gelesen von Sophie Rois, produziert vom Hessischen Rundfunk. Argon edition.
Buchhinweis
«Skizze der Vergangenheit». In: Virginia Woolf: «Augenblicke des Daseins. Autobiografische Skizzen.» S. Fischer.