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Lead
Die Wissenschaften, die in der Frühen Neuzeit unter dem Namen "Naturphilosophie" zusammengefasst wurden, sind aus heutiger Sicht sehr unterschiedlich. Aristoteles hatte das Ideal festgelegt, dass eine Wissenschaft von ersten Prinzipien ausgehen müsse, weswegen auch in der Erforschung der Natur die Diskussion der theoretischen Grundlagen eine grosse Rolle spielte.
Lay summary
Naturphilosophie ist im frühen 17. Jahrhundert die Erforschung des Ganzen der Natur. Sie enthält durchaus auch empirische Elemente, aber die Struktur, in denen die Ergebnisse der Erfahrung eingeordnet werden, ist noch sehr an Aristoteles und seinen Texten ausgerichtet. Autoren, die eine alternative Naturphilosophie präsentieren wollen, haben keine andere Wahl, als die vorherrschende Philosophie mindestens als Startpunkt zu nehmen. Weil aber Bewegung bei Aristoteles Natur überhaupt erst definiert - Natur ist "das Prinzip von Ruhe und Bewegung in allen Dingen" - muss sich auch jeder Gegner von Aristoteles mit der Bewegung auseinandersetzen.
Das Projekt untersucht vier solche Aristoteles-Gegner: Sébastien Basson, David Gorleus, Daniel Sennert und Francis Bacon. Sie haben alle vier den grossen Anspruch, eine Naturphilosophie zu schreiben, das heisst ihre Entwürfe behandeln zugleich Medizin, Kosmologie, Chemie, Physik, Biologie und anderes mehr. Sie lösen sich dabei ein Stück weit von der langen Tradition der Aristotelesauslegung und bleiben ihr doch verhaftet. Für die Bewegungen von fallenden und geworfenen Steine zum Beispiel gibt es in Aristoteles' Theorie akzeptierte Erklärungen, aber wenn man sich von dieser Theorie wegbewegt, muss erst eine Alternative gefunden werden. Wie die Neuerer solche alltäglichen Phänomene beschreiben, kann zeigen, wo sie von Aristoteles wegkommen.
Basson, Gorleus, Sennert und Bacon veröffentlichen alle in den 1620er-Jahren. Es gibt auch vorher und nachher ähnliche Versuche, neue Naturphilosophien zu schreiben, aber kurz darauf veränderte sich die Situation grundlegend. Bereits in den 30er Jahren wären die Theorien von Basson & al so nicht mehr möglich gewesen. Galileo Galilei und René Descartes hatten nämlich inzwischen Bücher geschrieben, die so überzeugend und kohärent waren, dass sie die Naturphilosophie völlig veränderten: Descartes mit einer philosophisch untermauerten Zweiteilung der Welt in Körper und Geist und einer Physik, die zum ersten Mal so etwas wie das Trägheitsprinzip aussprach, Galilei mit einer mathematischen Beschreibung von Naturvorgängen. Galilei und Descartes liegen aus heutiger Sicht, mindestens bei der Beschreibung der Bewegung, stellenweise immer noch richtig, während die früheren Autoren in den meisten Fragen schlicht Unrecht hatten. Gerade deshalb kann man aber an diesen sehen, was in der Abgrenzung von Aristoteles die brennenden Fragen und die Schwierigkeiten waren.
Der Wechsel weg von Aristoteles und hin zu mathematisch interpretierten Experimenten ist eine der Gründungsepisoden moderner Naturwissenschaft. Hier wird diese Episode gewissermassen von unten betrachtet, aus der Sicht von weniger bekannten Figuren und mit einem Fokus auf die Probleme, wie die Zeitgenossen sie sahen.