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von Dr. Maida Mustafic
Gängige Alltagspsychologie geht von der Annahme aus, dass wir mit zunehmendem Alter weiser werden. Wie selbstverständlich haben wir die Vorstellung, dass mit der wachsenden Zahl an Lebensjahren schon das quantitativ grössere Ausmass an Lebenserfahrung im älteren Lebensalter wie «von selbst» dazu beiträgt, einen weiser zu machen. Die Ergebnisse der Forscher Ursula Staudinger und Paul Baltes lassen an dieser Annahme zweifeln.
Weisheit wird von Staudinger und Baltes als Expertentum in der fundamentalen Pragmatik des Lebens, höchstes Wissen und höchste Urteilsfähigkeit in Problemen der Lebensplanung, Lebensgestaltung und Lebensdeutung definiert. Anhand von fünf weisheitsbezogenen Kriterien (reiches Lebenswissen, Lifespan-Kontextualismus, Wert-Relativismus, Erkennen und Umgehen mit Ungewissheit) erfassten die Forscher Weisheit und fragten sich, ob Intelligenz, Persönlichkeit oder das Alter uns weiser machen.
Konkret sollten in den durchgeführten Studien Personen Lösungsvorschläge für schwierige Lebenssituationen entwickeln. Eine solche schwierige Lebenssituation war beispielsweise die Folgende:
Sinnkrise:
Beim Nachdenken über ihr Leben stellen Personen manchmal fest, daß sie im Leben nicht das erreicht haben, was sie sich vorgestellt hatten. Was könnte man/was könnten diese Personen in einer solchen Situation bedenken und tun?
Auszüge einer hoch bewerteten Antwort auf solch eine Fragestellung lauteten:
Zunächst möchte ich sagen, dass wahrscheinlich nur sehr wenige und wenn dann recht unkritische Personen von sich sagen würden, dass sie mit dem, was sie erreicht haben, völlig zufrieden sind. … Es hängt sehr von der Art der Ziele ab, die sich die Person gesetzt hat, ob es eher idealistische oder eher materialistische Ziele sind. Es hängt auch vom Alter der Person ab und von den Lebensumständen, in denen sie sich befindet. … Dann würde man wahrscheinlich versuchen die Gründe zu untersuchen, warum bestimmte Ziele nicht erreicht wurden. Oft ist es so, dass viele Dinge gleichzeitig verfolgt wurden, ohne Schwerpunkte zu setzen und dann am Ende gar nichts dabei herauskommt. … Man muss allmählich realistischer werden in den eigenen Zielen. Oft hilft es, wenn man mit anderen darüber redet. … Schwierigkeiten im Leben können in der Person aber auch in der Umgebung liegen oder in der Passung zwischen beiden.…
Die Ergebnisse der Studien deuten darauf hin, dass Intelligenz und Persönlichkeit zur Weisheit beitragen, Alter jedoch nicht. Interessanterweise zeigt sich allerdings eine altersspezifische «Verdichtung und Spezifizierung des Wertesystems». Das bedeutet, dass man der beste Experte für die Probleme der eigenen Altersgruppe zu sein scheint. Dieser Befund unterstützt die Annahmen der Lebensspannenpsychologie, nach der die Entwicklung weisheitsbezogenen Wissens nicht ein sich «anhäufender» sondern ein sich verändernder Prozess ist, bei dem Wissen aus spezifischen Lebensbereichen Wissen aus anderen Lebensbereichen überformt, verdrängt und sogar aus mangelnder Anwendung in Vergessenheit gerät.
Quelle: Staudinger, U. M., & Baltes, P. B. (1996). Weisheit als Gegenstand psychologischer Forschung. Psychologische Rundschau, 47, 57–77.
Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.