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Band II von Laßwitz’ Geschichte des Atomismus (den er konsequent Atomistik nennt) ist mir unerwartet rasch in die Hände gekommen. Er hält im Grossen und Ganzen die hohe Qualität, der Darstellung, die ich schon beim ersten Band rühmen konnte.
Es sind Laßwitz grob zusammengefasst folgende Punkte massgebend für die Entwicklung der ‘modernen’ (i.e. Newton’schen!) Auffassung der Atome in der Physik: Da ist – und damit setzt Band II ein – ein neuer Begriff der Bewegung. Bewegung nicht als aktuelle Verschiebung im Raum, sondern als intensive Realität – die Entdeckung also der (kinetischen) Energie, die zur Entwicklung der klassischen (Newton’schen) Mechanik führte. Diese Entdeckung wiederum war nur möglich, weil in der Mathematik durch Leibniz und Newton das Unendlich-Kleine so eingeführt wurde, dass man damit rechnen und Formeln gestalten konnte.
Band I hörte bei den Humanisten, den Ärzten der Renaissance-Zeit auf. Ärzte werden auch in Band II nochmals eine Rolle spielen, allerdings eine bedeutend kleinere. Mehr und mehr übernehmen ab dem 16. Jahrhundert Physiker und Chemiker den ‘Lead’ (wie man so schön auf Neudeutsch sagt). Einsetzen wird Laßwitz allerdings mit einem Universalgelehrten, mit Leonardo da Vinci, der als einer der ersten Bewegung dynamisch aufgefasst hat. Über Galileo Galilei, dessen Bild des Weltraums nur vor dem Hintergrund einer dynamischen Bewegungstheorie entstehen konnte, geht es dann zu René Descartes. Dessen Bedeutung sieht Laßwitz vor allem darin, dass er als einer der ersten Philosophen mit der Physik der Scholastik komplett gebrochen hat. (Ich habe – nebenbei gesagt – noch nie eine bessere Darstellung der nach heutigen Begriffen seltsam anmutenden Physik Descartes’ gelesen mit ihren Wirbeln, aus denen alles entsteht.)
Pierre Gassendi ist der nächste. Laßwitz sieht Gassendis Errungenschaft für die Physik vor allem darin, dass er in seiner moralischen Ehrenrettung des antiken Philosophen-Physikers Epikur auch dem Vakuum seinen übel-obszönen Ruf nahm. Gassendi war expliziter Atomist, und in seiner Nachfolge durfte man die Atome und das Vakuum wieder ohne Furcht in physikalische Überlegungen einbeziehen.
Dass dies selbstverständlich nicht Knall auf Fall so sein würde, zeigen die folgenden Kapitel. Die Grenzen zwischen philosophisch-erkenntnistheoretischem und naturwissenschaftlichem Interesse sind im 16. und 17. Jahrhundert noch nicht sauber gezogen. Ein Beispiel dafür ist Thomas Hobbes, dessen Physik durchaus erkenntnistheoretisch angelegt ist: Nur Quantitäten kann man erkennen, und diese nur, insoweit sie geometrisch zu konstruieren sind. Daher muss alles auf Bewegung von Körpern zurückgeführt werden. (S. 236)
Zusehends übernehmen aber die Chemiker im Speziellen und praktische Wissenschafter im Allgemeinen – Leute, die ihre Beobachtungen theoretisch untermauern wollen: Robert Boyle, Robert Hooke (und andere Mitglieder der Royal Society!), Christiaan Huygens. Laßwitz unterschlägt auch die etwas seltsameren Blüten nicht, die die Korpuskulartheorie vor allem im direkten oder indirekten Anschluss an Descartes entwickelte, bevor er dann mit Spinoza und Leibniz wieder bekanntere Namen und deren physikalische Anschauungen vorstellt. Spinoza, der (in Auseinandersetzung mit Malebranche) den fortwährenden Eingriff Gottes in die Naturgeschehnisse als theologisches Ärgernis empfand, und ihn durch eine mechanistische Bewegungstheorie der Atome zu ersetzen suchte, die Gottes Eingruff nur als Initiator brauchte; Leibniz, der ursprünglich unter dem Einfluss von Bacon und Gassendi Atomist war (seine Monaden zeugen davon!), später aber unter theologischem Einfluss die Bewegung als fremdes, der Materie nicht immanentes Prinzip betrachtete. Hierin stand er – einmal mehr – im Gegensatz zu John Locke (dessen Überlegungen aber von Laßwitz nur ganz kurz skizziert werden; erkenntnistheoretische Fragen stehen explizit nicht im Fokus seines wissenschaftsgeschichtlich ausgerichteten Buchs).
Über verschiedene, heute fast nur noch dem Spezialisten bekannte Namen kommt Laßwitz schliesslich zu den Theorien der Attraktion von Objekten bzw. Atomen, die in Newtons Gravitationstheorie münden. (Und in der Annahme eines Äthers, da man sich die Ausbreitung des Lichts oder die Wirkung der Gravitation nur erklären konnte, indem man sich ein ungeheuer dünnes – bzw. aus noch viel kleineren als den handelsüblichen Atomen bestehendes – Medium vorstellte, das Licht oder Gravitation transportieren sollte. Die Äther-Theorie wurde erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der Physik endgültig verworfen, war also zu Laßwitz’ Zeit durchaus noch ‘state of the art’. Es ist – nebenbei gesagt – Newton hoch anzurechnen, dass er den Äther zwar nicht verwarf, aber auch keine solche Substanz annahm. Er stand dieser Theorie eher ratlos gegenüber, was Laßwitz aus seiner Abneigung gegen Hypothesen erklärt.)
Rund 600 Seiten komprimierter Wissenschaftsgeschichte in einem Aperçu von ein paar Hundert Worten vorzustellen, ist letztlich ein Ding der Unmöglichkeit. Wir haben hier ein ungeheuer kenntnisreiches Buch vor uns, das in extenso gelesen sein will. Ich kann Laßwitz’ Geschichte der Atomistik nur jedem empfehlen, der sich über die Entwicklung von Physik und Chemie (und über die der sog. ‘Naturphilosophie’) informieren möchte. Leider ist der 1890 erschienene Text heute recht schwierig zu erhalten.