Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03538.jsonl.gz/1567

Der Begriff Lippen-Kiefer-Gaumenspalten umfasst alle Fehlbildungen (Anomalien) der Lippen, des Oberkiefers und/oder des Gaumens. Bei der Spaltenbildung ist die jeweilige Gesichtspartie nicht vollständig zusammengewachsen. Die genauen Ursachen sind oft nicht feststellbar. Eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte ist für das betroffene Kind und damit auch für die Eltern eine grosse körperliche und seelische Belastung. Operativ können Lippen-Kiefer-Gaumenspalten heutzutage sehr gut behandelt werden.
Der medizinische Fachausdruck «Cheilognathopalatoschisis» setzt sich zusammen aus den griechischen Wörtern «cheĩlos» Lippe, «gnáthos» Kiefer, «schisis» Spalte und dem lateinischen Wort «palatum» Gaumen. Während der fünften bis siebten Schwangerschaftswoche verbinden sich die zuvor separat entstandenen Teile von Nase, Lippe und Kiefer. Bis zur zwölften Woche entsteht normalerweise ein zusammenhängender Gaumen aus Teilen des Oberkiefers. Diese beiden Vorgänge sind voneinander unabhängig, weshalb bei Störungen der embryonalen Entwicklung entweder eine Lippen-Kiefer-Spalte oder eine Gaumenspalte auch unabhängig voneinander entstehen können. Sehr häufig treten die Fehlbildungen aber gemeinsam auf.
In früheren Zeiten war eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte ein massives gesundheitliches Problem; Atmen, Nahrungsaufnahme, hören und Sprechen war gravierend erschwert. Die moderne Medizin macht eine sehr gute Behandlung möglich und trägt damit nicht nur zur vollständigen Gesundheit der Betroffenen bei. Das durch die abweichende ästhetische Erscheinung entstehende Stigma und die damit verbundenen sozialen, emotionalen und psychischen Hürden können verhindert werden. Eine Behandlung ist kompliziert und zieht sich über einen langen Zeitraum. Dass das Krankheitsbild der Lippen-Kiefer-Gaumenspalten mittlerweile überhaupt und auch so gut therapierbar ist, sichert den betroffenen Kindern und deren Eltern eine gute Lebensqualität.
Lippen-Kiefer-Gaumenspalten zählen mit 10 bis 15 Prozent zu den weltweit häufigsten, angeborenen Fehlbildungen des Menschen. Von 500 Geburten kommt 1 Neugeborenes im europäischen Raum mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte zur Welt. Spalten von Lippen und Kiefer treten häufiger bei Jungen auf, die des Gaumens häufiger bei Mädchen. Die linke Seite ist eher betroffen als die rechte, bei etwa 15 Prozent sind die Spalten beidseitig. Ein erhöhtes Risiko liegt nachweislich bei Kindern, in deren unmittelbaren familiären Umfeld die Erkrankung schon aufgetreten ist. Bei etwa einem Viertel der Betroffenen finden sich Fälle von Lippen-Kiefer-Gaumenspalten in ihrer Verwandtschaft.
Die genauen Ursachen für die Ausbildung einer der Formen der Lippen-Kiefer-Gaumenspalten sind bisher nicht abschliessend geklärt. Neben genetischen Gründen und Syndromen, die auf fehlerhaftem Erbgut beruhen, kennen Mediziner/-innen noch andere Faktoren, die eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalten begünstigen. Dazu gehören Gesundheit und Verhalten der werdenden Mutter. Dazu zählen:
Gerade in den ersten Wochen und Monaten der Schwangerschaft ist der Embryo gefährdet, wenn er im Bauch der Mutter ungenügend versorgt oder schädlichen Einflüssen ausgesetzt ist. Eine Vielzahl von Störungen wird durch Alkohol und Rauchen ausgelöst. Fachleute empfehlen, dass bereits Frauen mit Kinderwunsch möglichst alle Verhaltensweisen einschränken, die die Gesundheit eines Babys gefährden könnten.
Abhängig davon, in welcher Schwangerschaftswoche die Entwicklungsstörung des Embryos auftrat, zeigen sich beim Säugling nach der Geburt unterschiedliche Schweregrade und Formen der Lippen-Kiefer-Gaumenspalten:
Die Intensität der Fehlbildungen variiert von sehr geringer Ausprägung (milde Lippenkerbe), die gegebenenfalls nicht oder nur kosmetisch behandelt werden muss, bis zu schwersten Graden, die erhebliche medizinische und psychische Folgen mit sich bringen. Glücklicherweise ist die Medizin heutzutage für Herausforderungen zur Korrektur oder Behebung von Lippen-Kiefer-Gaumenspalten gut gewappnet.
Ist der Lippenbereich durch die Erkrankung betroffen, so wird die Fehlbildung nach der Geburt bei der routinemässigen Untersuchung eines Neugeborenen sofort festgestellt werden. Liegt eine Spaltung von Kiefer und/oder Gaumen vor, ohne dass die Lippen betroffen sind, kann erst eine genaue Untersuchung der Mundhöhle die Entwicklungsstörung aufdecken. Auch vor der Geburt entdecken wir mithilfe von Ultraschall eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, jedoch nur wenn der Embryo während der Untersuchung günstig im Mutterleib positioniert ist. Eine Diagnose als Teil der Pränatal-Untersuchung ist spätestens ab der 20. Woche der Schwangerschaft möglich. Sie ermöglicht den werdenden Eltern, sich schon vor der Geburt über die Erkrankung und Behandlungsmethoden zu informieren.
Bei der Untersuchung der Lippen-Kiefer-Gaumenspalte kommen ausserdem folgende Methoden zum Einsatz:
Da die Ursachen einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte noch nicht endgültig geklärt sind, können Frauen mit Kinderwunsch und Schwangere nur vorbeugen, indem sie einen möglichst gesunden Lebensstil verfolgen. Medizinerinnen und Mediziner empfehlen die Einnahme von Folsäure: vor der Schwangerschaft eine tägliche Dosis von 400µg (Mikrogramm) und während des ersten Trimesters (erste drei Schwangerschaftsmonate) von 800µg pro Tag. Nach der 13. Schwangerschaftswoche ist die Einnahme von Folsäure nicht mehr notwendig, da die Entwicklung des Embryos abgeschlossen ist. Folgende Risikofaktoren sollten werdende Mütter vermeiden:
Eine Früherkennung ist im Rahmen der Pränataldiagnostik mittels Ultraschall bei günstiger Position des Embryos im Mutterleib möglich.
Bei einer isolierten Lippenspalte ohne Fehlbildungen von Kiefer und/oder Gaumen sind die Auswirkungen gering und können durch eine Operation meist vollständig behoben werden. Allerdings ist zur korrekten Artikulation meist der Einsatz von Logopädie notwendig. Eine isolierte Gaumenspalte oder eine volle Lippen-Kiefer-Gaumenspalte bringt verschiedene, zum Teil massive Beschwerden mit sich:
Modernste Operationstechnik und kombinierte Therapieverfahren machen Lippen-Kiefer-Gaumenspalten heutzutage sowohl in funktionaler als auch ästhetischer Hinsicht sehr gut behandelbar. Manche Erkrankte, die aufgrund ihres höheren Lebensalters nicht in den Genuss moderner Therapieverfahren gekommen sind, können eine Schwerbehinderung geltend machen. Die Erwerbsfähigkeit ist bis zu 50 Prozent gemindert. Jüngere Generationen profitieren von den höchsten Standards der Medizin und hochentwickelten begleitenden Massnahmen wie Logopädie und psychologische Unterstützung. Das ermöglicht in der Regel ein völlig normales Leben. Um trotzdem mögliche Defizite – zum Beispiel beim Hören oder Sprechen – frühzeitig zu entdecken, sind regelmäßige Routineuntersuchungen wichtig, bis die Betroffenen erwachsen sind.
Die Therapie einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte führen optimalerweise interdisziplinäre Fachkräfte und Therapeuten oder Therapeutinnen durch. Dazu zählen:
Es gibt mittlerweile Behandlungszentren, die sich auf Erkrankte mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten spezialisiert haben. Dort ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit optimal aufeinander abgestimmt. Das Ziel ist eine umfassende Behandlung des Kindes in den ersten Lebensjahren, damit es bis zum Schuleintritt keine optischen Auffälligkeiten zeigt und normal atmen, kauen, hören und sprechen kann. In den ersten Tagen nach der Geburt wird eine Gaumenplatte nach Kieferabdruck angefertigt, um sicherzustellen, dass das Baby normal trinken kann: die Platte trennt die Nase vom Mund und ermöglicht neben der ungestörten Nahrungsaufnahme auch eine gesunde Funktion der Zunge.