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Nord-Süd-Gefälle
«Nord-Süd-Gefälle» bezeichnet die soziale Disparität zwischen wohlhabenden und armen Regionen der Welt. Der Begriff «globaler Süden» wurde vermutlich von der Weltbank Ende der 1980er Jahre in die entwicklungspolitische Debatte eingeführt. Zum globalen Süden gehören vornehmlich Länder, die sich von jenen im Norden, zu denen auch die Schweiz gehört, durch ein geringes Bruttosozialprodukt pro Kopf, geringe Industrialisierung, hohe Verschuldung, geringes Bildungsniveau, tiefe Lebenserwartung, starke sozioökonomische Ungleichheiten und Armut, geringe Demokratisierung sowie eine koloniale Vergangenheit unterscheiden.
Für die Sozialpolitik der Schweiz ist das Nord-Süd-Gefälle insofern von eminenter Relevanz, als die Bevölkerung in der Schweiz einerseits vom Import fiskalisch belastbarem Humankapital und ökonomischem Kapital sowie Billigprodukten aus dem Süden profitiert. Andererseits wird moniert, dass die Schweiz infolge Zunahme wenig qualifizierter MigrantInnen aus kulturell entfernten Kontexten mit Integrationsproblemen und finanziellen Mehrbelastungen ihrer Sozialwerke konfrontiert werde.
Die Polarität globaler Norden versus Süden ist weniger von normativen und theoretischen Prämissen konnotiert als die Typologie der Modernisierungstheorie, die zwischen entwickelten und Entwicklungsländern differenziert, der Weltsystemtheorie, die zwischen Zentrum, Peripherie und Semiperipherie unterscheidet und der seit dem Fall des Sowjetkommunismus obsoleten Aufteilung in 1., 2. und 3. Welt. Dennoch ist auch die Nord-Süd-Polarität umstritten, da sie darüber hinweg täusche, dass es auch im Norden arme Regionen (z. B. Moldawien) und im Süden reiche Regionen (z. B. Australien) gibt.
Das Gefälle zwischen Nord und Süd ist Ergebnis einer Vielzahl von endogenen und exogenen Faktoren, die die Entwicklung eines Landes beeinflussen. Innerhalb der Länder wirken u. a. politisch-institutionelle und kulturelle Faktoren, Bildung aber auch ökonomische Faktoren wie etwa Rohstoffvorkommen, sozioökonomische Ungleichheiten. Als entwicklungsbremsende Faktoren, die ihren Ursprung ausserhalb des Landes haben, werden u. a. der Kolonialismus, asymmetrische Handelsbeziehungen und Kapitalflucht gesehen. In Bezug auf die Globalisierung klaffen die Meinungen auseinander. Während liberale Ökonomen die Vorzüge des Freihandels preisen, monieren globalisierungskritische Stimmen, dass vom Nord-Süd-Handel vornehmlich die grossen Konzerne im Norden und politischen Eliten im Süden profitieren.
Einen guten Überblick über das Gefälle zwischen Nord und Süd bieten die seit 1990 jährlich vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen publizierten Human Development Reports. Ein Nachteil dieser Datenquelle ist zwar, dass deren Indikatoren keine Auskunft über die intranationalen Ungleichheiten und die Qualität des politischen Regimes geben. Immerhin ist aber erkennbar, ob die Nationalstaaten hinsichtlich der Humanentwicklung konvergieren oder divergieren. In der Tat hat in den letzten Dekaden die Kluft zwischen reichen und armen Ländern abgenommen, vor allem hinsichtlich Bildung, Gesundheit, Alphabetismus und der Lebenserwartung. So zeigen die Trends des Human Development Index, der neben dem Bruttoinlandprodukt pro Kopf die Lebenserwartung und den Bildungsstand (durchschnittliche Schuljahre von 25-Jährigen, voraussichtliche Ausbildungsdauer von Kindern) berücksichtigt, dass Länder mit tiefen und mittleren Index-Werten seit 1990 am stärksten aufholten, d. h. insbesondere Südkorea, Iran, China und Chile. Geringe Fortschritte verzeichnen wir dagegen in Afrika. In der Tat fallen die Länder mit den tiefsten Indexwerten, vor allem in Subsahara-Afrika, bezüglich Einkommen und Armut eher zurück. Zudem zeigt sich, dass die meisten Regionen zwar weniger Ungleichheiten bezüglich Bildung und Gesundheit, aber auch mehr Ungleichheit bezüglich Einkommen ausweisen.
Zumindest in Bezug auf das Einkommen und das Vermögen gibt es inzwischen auch Analysen, die sowohl intra- als auch internationale Ungleichheiten berücksichtigen. Milanovic zufolge ist die globale interpersonelle Ungleichheit höher als die höchste innerhalb eines Landes gemessene Ungleichheit. Das rührt vor allem daher, dass auf der globalen Ebene keine Instanz analog zum nationalstaatlichen Sozialstaat ökonomische Ungleichheiten reduziert. Da die Sparneigung bei hohem Einkommen grösser ist als bei tiefem, liegt es auf der Hand, dass die globale Vermögenskonzentration noch höher ist als die Einkommensungleichheit. Berechnungen zufolge besitzt das reichste Prozent der Weltbevölkerung über 43 % des Weltvermögens. Bemerkenswert ist dabei, dass die Schweiz zu den Ländern mit den weltweit höchsten Vermögenskonzentrationen gehört.
Die Schweiz nimmt gemäss Bruttosozialprodukt pro Kopf spätestens seit dem 20. Jh. im internationalen Schichtungssystem eine Spitzenposition ein. Da die Einkommensungleichheit im Unterschied zur Vermögenskonzentration vergleichsweise bescheiden ist, gehören aus globaler Perspektive indes selbst Arme in der Schweiz kaufkraftbereinigt zur globalen Oberschicht. Auch gemessen am Human Development Index gehört die Schweiz eindeutig zum privilegierten Norden. 2012 erzielte die Schweiz global Rang 9 (187 Länder) und 2014 gar Rang 3 (188 Länder). In beiden Jahren liegt Norwegen auf Rang 1.
Auch wenn der Süden auf vielen Entwicklungsdimensionen seinen Abstand zum Norden verringert: Gemessen an der Einkommensungleichheit und vor allem an der Vermögenskonzentration ist das Nord-Süd-Gefälle nach wie vor extrem. Von daher liegt es auf der Hand, dass viele Menschen im Süden in den reicheren Norden auswandern möchten. Für die Länder im Süden ist die Emigration allerdings dann problematisch, wenn sie sich auf hoch qualifizierte Arbeitnehmende beschränkt (brain drain). Gleichwohl können selbst ärmere Länder grundsätzlich von der Emigration profitieren, wenn die Emigrierenden ihre Familien zuhause finanziell unterstützen (remittances). Für die Bevölkerung in den Ländern des Nordens bleibt das ökonomische Gefälle solange kein Problem, als nicht Jobs in den Süden verlagert werden und man von wohlhabenden Touristen, reichen und hoch qualifizierten MigrantInnen, Kapitalflucht sowie von dank Tieflöhnen im Süden kostengünstigen Importprodukten profitiert.
Falls die Migration von Süd nach Nord weiter anwächst und sich nicht auf hoch qualifizierte Erwerbstätige mit kulturell ähnlichem Hintergrund beschränkt, dürfte sich allerdings das soziale Klima in der Schweiz verschlechtern. So ist absehbar, dass sich die Ressentiments gegen all jene MigrantInnen verstärken, die nicht als produktiv, sondern in erster Linie als KonkurrentInnen auf dem Arbeitsmarkt, schwer integrierbar und reine Nutzniessende der Sozialwerke perzipiert werden. Allen voran geraten dabei wenig qualifizierte Asylsuchende aus kulturell entfernten Kontexten ins Visier von Teilen der einheimischen Bevölkerung, wird ihnen doch häufig unterstellt, sie hätten ihre Heimat nicht aus politischen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen verlassen. Indes wird damit u. a. übersehen, dass auch in der Schweiz nicht zuletzt junge erwerbstätige MigrantInnen mit ihren Vorsorgebeiträgen mithelfen können, die demografisch bedingten Finanzprobleme der Altersvorsorge zu bewältigen, und sowohl legale als auch illegale MigrantInnen (sans papiers) das teure Care-System entlasten.
Literaturhinweise
Davies, J.B., Sandström, S., Shorrocks, A. & Wolff, N. (2011). The level and distribution of global household wealth. The Economic Journal, 121(551), 223–254.
Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen (Hrsg.) (2013). Bericht über die menschliche Entwicklung 2013. Der Aufstieg des Südens: Menschlicher Fortschritt in einer ungleichen Welt. Berlin: UNO-Verlag GmbH.
Milanovic, B. (2016). Global inequality: a new approach for the age of globalization. Cambridge: The Belknap Press of Harvard University Press.