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Die COVID-19-Pandemie als Ereignis kollektiven Stresses galt nicht nur als Risikofaktor für physische Gesundheit, sondern auch für das psychische Wohlbefinden. In solchen herausfordernden Zeiten wenden wir uns an Menschen um uns herum, um mit unseren emotionalen Reaktionen auf die Situation umzugehen. Dies wird interpersonelle Emotionsregulation genannt.
In zwei Studien haben wir in der Forschungsgruppe CoupleSense: «Health and Interpersonal Emotion Regulation» am UFSP «Dynamik Gesunden Alterns» der Universität Zürich untersucht, wie solche unterschiedliche sozio-affektive Prozesse mit psychischer Gesundheit und Wohlbefinden bei Menschen unterschiedlichen Alters während des kollektiven Stress-Ereignisses der COVID-19-Pandemie zusammenhingen.
Die Studie
In einem Online-Fragebogen wurden insgesamt 1401 Personen im Alter zwischen 18 und 88 Jahren in der Schweiz, Deutschland, Grossbritannien und den USA befragt. Unsere Resultate zeigten, dass ältere Menschen tendenziell gesündere Emotionsregulationsstrategien anwendeten. Entsprechend zeigte diese Gruppe auch weniger Symptome emotionaler Belastung in Bezug auf die Pandemie. Wir befragten die Studienteilnehmenden auch zu ihren tiefsten Gedanken und Gefühlen im Hinblick auf die Pandemie und schauten auf den Gebrauch von «Ich» und «Mir» in diesen Texten. Diese sogenannten linguistischen Marker spiegeln erhöhten Selbstfokus, der in Studien mit jungen Erwachsenen meist mit einer erhöhten Verhaftung mit negativen Gedanken (sogenannter Rumination) verbunden ist. Rumination wiederum hängt in der Regel mit eher weniger günstigen weiteren Merkmalen und Ergebnissen zusammen.
Unterschiedliche Zusammenhänge zwischen Selbstfokus und Rumination in jüngeren und älteren Erwachsenen
In unserer Studie zeigte sich dieses Zusammenhangsmuster in vergleichbarer Richtung – allerdings auch nur bei den jüngeren Erwachsenen. Bei den Studienteilnehmenden mit mehr Lebenserfahrung war es genau umgekehrt – mehr Selbstfokus war mit weniger Rumination verbunden. Dies könnte als Hinweis darauf verstanden werden, dass Menschen im höheren Alter das Potential haben, eine gesündere, potenziell weisere Form der Selbstreflektion zu pflegen, und dass sie dies in Krisenzeiten resilienter macht. Diese Resultate tragen dazu bei, das stereotype Bild von älteren Erwachsenen als vulnerabel und fragil anzufechten. Unsere Ergebnisse zeigen, dass mindestens in dieser Studie die älteren Teilnehmenden tendenziell einen gesünderen Umgang mit der Pandemie zeigten, insbesondere durch einen gelasseneren Umgang mit den Stimmungsreaktionen auf die insgesamt stressreiche Situation.
Günstigerer Umgang mit Emotionen im höheren Lebensalter
In der Pandemie fand sich ein solch protektiver Effekt im höheren Alter auch in anderen Studien (z.B: Bruine de Bruin, 2020; Young et al., 2020) und dieses Befundmuster passt auch zu etablierten Ergebnissen der Altersforschung, die einen im höheren Lebensalter geschmeidigeren Umgang mit insbesondere nicht aufregenden Emotionen nahelegen. Derartige Forschungsergebnisse leisten einen wichtigen Beitrag zu einem positiveren Bild des Alter(n)s, da ältere Erwachsene ansonsten oft negativ stereotypisiert werden und dies wiederum zu negativen Effekten auf ihr Wohlbefinden führen kann (Pachana, 2022).
Veröffentlichte Original-Artikel zur Studie:
Dworakowski, O., Huber. Z. M., Meier, T., Boyd, R. L., Martin, M., & Horn, A. B. (2022). You Do Not Have to Get through This Alone: Interpersonal Emotion Regulation and Psychosocial Resources during the COVID-19 Pandemic across Four Countries. International Journal of Environmental Research and Public Health, 19(23):15699. https://doi.org/10.3390/ijerph192315699
Dworakowski, O., Huber, Z. M., Meier, T., Boyd, R. L., & Horn, A. B. (2022). Emotion regulation across the lifespan: age differences in intrapersonal and interpersonal strategies for the adjustment to the COVID-19 pandemic in four countries. Aging & Mental Health, 26:10, 2048-2053. https://doi.org/10.1080/13607863.2021.1972933
Weitere Literatur:
Bruine de Bruin, W. (2021). Age Differences in COVID-19 Risk Perceptions and Mental Health: Evidence From a National U.S. Survey Conducted in March 2020. The Journals of Gerontology: Series B, 76(2), e24–e29. https://doi.org/10.1093/geronb/gbaa074
Pachana, N. A. (2022). Promotion of Psychological Well-Being in Later Life and Prevention of Late-Life Mental Disorders. Advances in Psychiatry and Behavioral Health, 2(1), 173–181. https://doi.org/10.1016/j.ypsc.2022.05.007
Young, N. A., Waugh, C. E., Minton, A. R., Charles, S. T., Haase, C. M., & Mikels, J. A. (2021). Reactive, Agentic, Apathetic, or Challenged? Aging, Emotion, and Coping During the COVID-19 Pandemic. The Gerontologist, 61(2), 217–227. https://doi.org/10.1093/geront/gnaa196