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Lena leckte genüsslich den Löffel ab und seufzte leicht. Olivers Lachen holte sie zurück in die Gegenwart. «Wir können eine zweite Portion bestellen.» «Wenn die noch Platz hätte, wäre ich dabei. Aber so wundervoll es schmeckt, ich kann nicht mehr.» «Nur weil du den leeren Teller so traurig angeschaut hast.» «Ja, das kommt vor.» Oliver schaute Lena so tief und ruhig in die Augen, dass sie verlegen wurde. «Wollen wir langsam zahlen?» «Das können wir.» Er winkte dem Kellner. «Die Rechnung, bitte.» Lena fühlte sich unbehaglich. Sie wollte nicht, dass er das Essen für sie bezahlte. Aber wie sollte sie ihm das beibringen, ohne ihn zu kränken? Er war kein Macho, das hatte sie im Gefühl. Aber welche Vorstellungen er sich vom Verlauf des Abends machte, konnte sie in keiner Weise einschätzen. «Machen wir halbe-halbe?» Sie nickte erleichtert und fügte hinzu. «Das passt. Schliesslich haben wir beide das Gleiche verspeist.» Auch Trinkgeld gaben sie beide.
Oliver stand auf und marschierte Richtung Ausgang, als könnte es ihm nicht schnell genug gehen. Er öffnete ihr die Tür. Lena wollte ihm gerade dafür danken, doch sie war völlig perplex: Vor ihr stand eine Kutsche, eine richtig schöne, altmodische Kutsche. «Brauchst du Hilfe beim Einsteigen?» Oliver war neben sie getreten. Sie schüttelte den Kopf und bewegte sich nicht. «Dann solltest du das auch tun.» Langsam und vorsichtig kletterte sie die Stufen hinauf und setzte sich. Oliver folgte ihr und legte Lena eine Decke um. «Bevor ich dich nach Hause bringe, machen wir noch eine kleine Ausfahrt. Das könnte ohne Schutz zu kalt werden.» Die Kutsche setzte sich in Bewegung und Lena strahlte übers ganze Gesicht, als die Pferde in die Steinbruchstrasse abbogen. Irgendwann wandte sie sich Oliver zu: «Wie bist du auf eine solche Idee gekommen? Ich wollte schon immer mal in einer Kutsche fahren. Ich habe als Kind die Hochzeit von Prinzessin Diana und Prinz Charles im Fernsehen gesehen und mich seither gefragt, was eine solche Fahrt für ein Gefühl sein muss.» «Ich hatte einfach keine Lust zu laufen», war Olivers schlichte Antwort. «Das glaube ich nicht.» «Kannst du aber. Und jetzt geniess die Fahrt – ich fühle mich auch keineswegs ignoriert, wenn du dir dabei statt meiner die Landschaft ansiehst.» Lena wusste nicht, ob das stimmte, aber sie konnte der Versuchung des steten Rundumblicks nicht widerstehen, die Kutschfahrt war zu schön. Nach einer Stunde hielt die Kutsche vor Lenas Haus. «Schon vorbei», entfuhr es ihr. Oliver lachte. «Wir können das ja wieder machen.» Er war ausgestiegen und um die Kutsche herumgegangen. Er öffnete die Tür auf Lenas Seite und half ihr auszusteigen. Die beiden sahen sich in die Augen, mitten in Spreitenbach war es ganz still. Lena räusperte sich: «Ich danke dir für einen wunderschönen Abend.» Oliver nahm sie in den Arm. Er hielt sie fest. Als er sich wieder von ihr löste, nahm er ihren Kopf in beide Hände. Lena fürchtete sich vor dem, was sie kommen sah. Oliver gab ihr einen Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn. «Schlaf gut, Lena.» Er drückte sie noch einmal kurz an sich, bevor er sich umdrehte und in die Kutsche stieg. «Du auch.» Sie winkten sich zu, als die Pferde sich wieder in Bewegung setzten.
Etwas unsicher auf den Füssen stieg Lena die Stufen zu ihrer Wohnung hoch. Sie drehte sich noch einmal um, da verschwand die Kutsche aus ihrem Blickfeld. Zuhause angekommen, schloss sie die Tür und lehnte sich dagegen. Was war das für ein verrückter Abend gewesen. Sie hatte die Gespräche genossen. Seine Denkweise war eine Herausforderung. Wann hatten sie eigentlich aufgehört, sich zu siezen? Sie wusste es nicht, hatte es nicht realisiert, weil es plötzlich nicht mehr relevant gewesen war. Aber seine Blicke hatten sie verlegen gemacht. Er hatte sie angesehen, als wäre sie die schönste Frau, die ihm begegnet war. Ihr schien das … sie suchte innerlich nach dem richtigen Wort … unrealistisch. Als Computerfachmann musste er doch vielen weiblichen Wesen begegnen. Und die Kutsche – Lena ertappte sich selbst beim Lächeln. Die Fahrt war unglaublich gewesen. Wie war er bloss auf die Idee gekommen? Beim Gedanken an den Abschied wurde sie rot. Eine Umarmung. Eine Umarmung nach einem Date? War es ein Date gewesen? Sein «Schlaf gut» kam ihr näher, als wenn er die Nacht mit ihr hätte verbringen wollen. Oliver hatte gut gerochen, sich wunderbar warm angefühlt. Lena schüttelte sich. Der Mann bringt mich komplett durcheinander, dachte sie. Wenn das bloss gut geht. Wie das im Büro werden soll? Lena verdrängte die Fragen. Doch als sie kurz darauf im Bett lag, waren sie wieder da. Wenn er jetzt hier wäre? Sie spürte förmlich, wie sie wieder errötete. Ihr Zusammensein mit Luis war schön gewesen, befreiend. Doch Oliver strahlte eine Ernsthaftigkeit aus. War sie einem solchen Miteinander gewachsen? Sie atmete tief durch. Keine Ahnung, nicht die geringste, dachte Lena und schlief müde ein.