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Autor: Nicole Jegerlehner
«An einem Tag im Jahr werden die Mütter ans Licht gezerrt, mit Sentimentalitäten verziert, mit Sinnsprüchen gewürdigt und mit beweglicher Pathetik gerühmt. Dann, abends, schleichen die Mütter allmählich wieder in das bescheidene Halbdunkel ihrer Alltage zurück, wo sie nun bis zum nächsten Jahr ihre schlichten und vielfältigen Aufgaben erfüllen werden.»
Nicht etwa aus einer Rede der Gleichstellungsbeauftragten des Kantons Freiburg stammt obiges Zitat, sondern von Alice Rühle-Gerstel – sie machte sich 1932 ihre Gedanken zum Muttertag. Die Deutsche erlebte die Pervertierung eines Mutterkults, der in der Weimarer Republik seinen Anfang genommen hatte und unter den Nationalsozialisten den traurigen Höhepunkt erreichte.
Die Idee des Muttertags schwappte aus den USA nach Europa: Ann Jarvis hatte 1907 erstmals einen solchen Tag gefordert. 1914 erklärte US-Präsident Wilson den zweiten Sonntag im Mai zum offiziellen Feiertag, ab 1917 wurde er auch in der Schweiz gefeiert. In Deutschland erwärmte sich 1922 der «Verein Deutscher Blumengeschäftsinhaber» für die Idee. Die Floristen stellten die Ehrung der Mutter in den Vordergrund und kaschierten ihre Geschäftsinteressen hinter schönen Blumensträussen.
Die idyllischen Feiern
Im Deutschland der Zwanzigerjahre waren immer mehr Frauen erwerbstätig. Die Geburtenkontrolle begann sich durchzusetzen – das Gespenst des «Völkertods» ging um. «Der ?Deutsche Muttertag? erscheint in diesem Zusammenhang wie eine neu entdeckte Arznei, die der weitsichtige Arzt dem kranken ?Volkskörper? verschreibt», schreibt die Historikerin Karin Hausen. Mit Hilfe des Muttertags wollte die «Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung» dem «Gedanken der Familie und der Mutterschaft in breitesten Kreisen unseres Volkes wieder Geltung verschaffen». Dabei ging es der Arbeitsgemeinschaft um die Mutter als Verkörperung von ideal gesetzten Tugenden und Verhaltensweisen; in der «deutschen Frau» sollte das «Bewusstsein ihrer mütterlichen Verantwortung und Pflicht» geweckt werden.
Lokale Komitees der «Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung» organisierten Festprogramme für den Muttertag: Vorträge samt Bildern aufopfernder Mütter mit Kleinkindern, Festmusik, die öffentliche Ehrung armer und kinderreicher Mütter – alles unterstrich das Bild der dienenden Mutter. Innert zehn Jahren schafften es die Floristen und die gemeinnützigen Vereine, den Muttertag in Deutschland zu verankern.
Doch der Alltag der Mütter stand im Gegensatz zu den idyllischen Feiern. Während die Lohnarbeiter dank Arbeitszeitverkürzung und Ferien immer mehr Freizeit hatten, blieben Haushalt und Erziehung Frauensache. Mütter, die zur Erwerbsarbeit gezwungen waren, litten unter der Doppelbelastung. Gleichzeitig bekämpften Bevölkerungs- und Rassenpolitiker die Familienplanung, die Erwerbsarbeit von Frauen und die Gleichberechtigung. «Es war bequem, das Muttersein ideell aufzuwerten, wo man nicht bereit und fähig war, die tatsächlichen Lebensverhältnisse von Müttern zu verbessern», schreibt Hausen.
Das Ehrenkreuz für Mütter
Kinderreiche Mütter erhielten Geschenke – und dann, ab 1939, das «Ehrenkreuz der Deutschen Mutter» der Nationalsozialisten. Ab 1934 ehrte der NS-Muttertag die Mutter als «Familienhort des Volkes, als Hüterin des Erbstromes». Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in der BRD erst keinen Muttertag mehr; zu fest wurde er als Nazi-Tag betrachtet. In der DDR gab es nur noch den internationalen Tag der Frau.
Der Text stützt sich auf zwei Bücher: Gerhard Huck (Hrsg.): Sozialgeschichte der Freizeit, Wuppertal 1980; Hans Medick/ David Sabean (Hrsg.): Emotionen und materielle Interessen, Göttingen 1984.