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«Der doppelte Matthias» von Meinrad Lienert neu aufgelegt
Im Zürcher Chronos Verlag ist kürzlich der Roman «Der doppelte Matthias und seine Töchter» von Meinrad Lienert neu herausgekommen. Es handelt sich um den 57. Band in der Reihe «Schweizer Texte» mit einem Nachwort des Germanisten Lukas Künzler sowie Angaben zu Leben und Werk des Einsiedler Schriftstellers.
WALTER KÄLIN
Es sind bereits sechs Jahre her, seit das Museum Fram zum 150. Geburtstag des Dichters zur Ausstellung «Auf der Suche nach Meinrad Lienert» und zu zahlreichen Begleitveranstaltungen eingeladen hat. Am Tag der Viehausstellung las Hanspeter Müller-Drossaart ein Kapitel aus dem «Matthias»-Roman unter dem Titel «Wie die Judith eine Kuh verkauft und dabei gleich selbst an den Mann kommt». Diese Überschrift setzte Charles Linsmayer, der das vergnügliche Buch 1982 in der Reihe «Frühling der Gegenwart» herausgab.
Die jetzt neu vorliegende Ausgabe verzichtet auf solche Überschriften und hält sich damit an die ursprüngliche Fassung des Autors. Meinrad Lienert veröffentlichte den Roman 1929 im Alter von 64 Jahren, nachdem er sich mit seinen Gedichten und Erzählungen oder den «Schweizer Sagen und Heldengeschichten » längst einen Namen gemacht hatte. Man vergisst leicht, dass der als Mundartdichter berühmte Lienert die meisten seiner Bücher in Schriftdeutsch geschrieben hat. Der spätere Nobelpreisträger Carl Spitteler, damals Feuilletonredaktor bei der NZZ, riet ihm dazu, als er die Mundarterzählung «Flüehblüemli » in seiner Zeitung veröffentlicht hatte.
Erzählungen statt Erzehlige
Schon sein nächstes Buch 1894 enthielt nicht mehr «Erzehlige us dä Schwyzerbärge» wie 1891 der Band «Flüehblüemli», sondern «Geschichten aus den Schwyzerbergen ». Es folgten viele weitere Erzählungen, die Kindheitserinnerungen «Das war eine goldene Zeit!», die «Zürcher Sagen», «Hansjörlis Fahrt nach dem Zauberwort », «Der Schalk im Hirthemd » oder eben «Der doppelte Matthias und seine Töchter».
Lukas Künzler bezeichnet den Roman in seinem Nachwort als «Brautschaugeschichte unter umgekehrten Geschlechtervorzeichen ». Die fünf eigenwilligen Töchter «wehren nicht nur schmalbrüstige Verehrer ab, sondern mit vereinten Kräften auch andere Eindringlinge, die es wagen, die Marken des Ruschegghofes zu übertreten», finden dann aber doch – und sei es dank eines Kuhhandels wie bei Judith – ihren Mann fürs Leben.
Eigenwillig ist auch ihr verwitweter Vater Matthias Stump. Der Herausgeber erkennt in dieser Figur Parallelen zu Meinrad Lienert, der sich «als Liberaler im konservativen Einsiedeln bisweilen ausgegrenzt» vorgekommen sei und vielleicht deshalb ein «Feingefühl für die Kehr- und Schattenseiten der menschlichen Existenz» entwickelt habe. Einsiedeln und sein Dichter
Er sei zwar in Einsiedeln nicht angefeindet worden, «aber man begegnete seinem künstlerischen Schaffen mit Zurückhaltung ». Das habe wohl weniger mit seinem Werk zu tun gehabt, als vielmehr damit, dass er einen anderen Lebensweg eingeschlagen habe, als von ihm erwartet wurde. «Es stiess auf Unverständnis, dass er darauf verzichtete, als Amtsnotar die vorgesehene Nachfolge seines Vaters anzutreten, obwohl man ihm durch die Wahl bereits den Weg dazu geebnet hatte.» Zur distanzierten Haltung seiner engeren Heimat schrieb der Kunsthistoriker und ETH-Professor Linus Birchler nach dem 60. Geburtstag des Dichters: «Die ganze gebildete Schweiz hat den sechzigsten Geburtstag unseres lieben Meinrad Lienert freudig gefeiert … Wir Einsiedler allein, die wir Meinrad Lienert dreimal mehr Dank schulden als Andere, haben ihm noch kein Zeichen unserer Verehrung gegeben …». Erst elf Jahre später, drei Jahre nach seinem Tod, wurde vor dem Schulhaus Brüel der Heiwili- Brunnen eingeweiht.
Aufmachung unattraktiv
Die Bücher in der Reihe «Schweizer Texte» ähneln äusserlich den früheren Schulbüchern, die inzwischen aber attraktiver daherkommen. Daran vermögen im vorliegenden Fall auch das Szenenfoto aus der Verfilmung des Romans (1941) auf dem Cover und die weiteren Bilder im Anhang des Buchs nicht viel zu ändern. Warum es der Chronos Verlag zudem für nötig hielt, im Text anzuzeigen, wo bei der Erstausgabe 1929 eine Seite endete und eine neue begann, erschliesst sich wohl nur den literarischen Fachleuten. Ebenso, dass Fehler der Erstfassung nicht einfach «berichtigt» oder «korrigiert», sondern im Jargon der Literaturwissenschaft «emendiert» wurden.
Da möchte ich doch die Gelegenheit beim Schopf packen und drei fehlerhafte Buchtitel im angefügten Werkverzeichnis emendieren: «Flüehblüemli» statt «Flüemblüemli », «s’Mirli» statt «s’Mirili » und «Der Schalk im Hirthemd » statt der «Schalk im Hirtenhemd ».
Der neueste Band der Reihe «Schweizer Texte» ist Meinrad Lienerts Spätwerk «Der doppelte Matthias und seine Töchter».
Foto: Vi.
Die erste Manuskriptseite des «Doppelten Matthias». Quelle: Zentralbibliothek Zürich