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Die geistigen Gespenster
Bemerkenswert finde ich, nebst dem vorgängig erwähnten übernatürlichen Wesen transportiert die deutsche Sprache auch eine versteckte Ideologie: Geist, mit der sprachlichen Wurzel *gheis- [erschaudern, ergriffen und aufgebracht sein] sei als westgermanisches Wort für ein Gespenst nördlich der Alpen christlich umgedeutet und als Übersetzung für den biblischen Spiritus Sanctus verwendet worden. Dieser Sinngehalt des Wortes habe sich bis in die Gegenwart gehalten, so dass Geist auch gleichbedeutend für Gespenst verwendet werde.
Geist wurde als Wort-Begriff ein zentrales Thema der Meta-Physik einer vermeintlichen oder angeblichen Über-Natur, ein aus historischen Gründen uneinheitlich verwendeter Begriff der Philosophie, Theologie, Psychologie und der Alltagssprache.
Im Schweizer-Deutsch wird gheis noch immer gesprochen und bedeutet benennen oder heissen; wië gheist säb det? ist Deutsch-Deutsch wie heisst jenes dort? Gheist wäre demnach die fragende Benennung von etwas Unbekanntem. Die Erfassung vom Gespenst wie etwa früher die Natur-Gewalt in der Erscheinung vom Polar-Licht oder ähnlichem. So wird denn im Schweizer-Deutsch ein Schrei in höchster Erregung als Ghöis bezeichnet = erschaudern, ergriffen und aufgebracht sein.
Der Begriff entstand vermutlich einst als eine Schnittstelle zwischen der mit unbekannt, magisch, zu bezeichnenden direkten Betroffenheit und der aus dem Chaos herausgelösten bekannten, als bewusst wahrgenommenen menschlichen Wirklichkeit [war-nemen, waren bedeutet ursprünglich sehen].
Geistlich oder geistig, die Mär vom Geist ist für mich eine versteckte Ideologie in der deutschen Sprache. In der Tradition des deutschen Idealismus im 18. /19. Jahrhundert beziehe sich der Begriff Geist auf über-individuelle Strukturen, auf meta-physische Einbildungen. Die Geschichte des deutschen Eigenschafts-Wortes geistig sei ziemlich merkwürdig, namentlich in seinem Verhältnis zu geistlich, durch welches es lange mit vertreten wurde; es habe zweimal angesetzt, im 14. und 17. Jahrhundert, ohne durchzudringen, erst im 18. Jahrhundert setze es sich allmählich durch. Mittelhochdeutsch erscheine geistig in geistlich philosophischem Gebrauch im 13. Jahrhundert bei Eckhart von Hochheim, von ihm wie es scheine auch gebildet sei, aber nur als Abwechslung mit dem längst bestehenden geistlich.
Der deutsche Duden mit seiner Deutungs-Hoheit beschreibt im Jahr 2019 den Geist als denkendes Bewusstsein des Menschen. Richtig wäre für mich die Annahme, denken erfolgt immer bewusst und erzeugt Gedanken. Denken und Wissen ergibt mir jenes was IST. Das deutsche Sein oder gar Bewusst-Sein als Hauptwort ist hingegen eine meta-physische Einbildung und führt in Verbindung mit dem deutschen Geist fast zwangsläufig in eine Falle. Mit dem naheliegenden Resultat von etwas übersinnlichem in irgendeiner Form, jedenfalls germanisch mit der sprachlichen Wurzel *guda- [der Anruf vom Ganzen als Wesen in irgendeiner Form], womit die versteckte Ideologie in der deutschen Sprache wirken kann: Mit der allgemein üblichen Form der gelehrten Geistes-Wissenschaft wird unbemerkt der ursprüngliche Gheis als Gespenst [Geist] mit-gedacht und behauptet sowie in der Folge als Wesen denkend angesprochen auch geglaubt. Gefangen in mehrfach verbundenen Dualismen können nun endlos, einem Hamster-Rad gleich, trefflich von vermeintlichen Seins-Wesen ganze Bibliotheken zum Thema von vorgeblichen Geistes-Wissenschaften gefüllt werden ohne jede Möglichkeit zum Verlassen der Umdrehung vor Ort und einer gedanklichen Ohnmacht mit nicht bemerkbarer Denk-Selbst-Aufgabe solange nicht die Grund-Annahmen durch erneuern verändert werden mit Sprach-Kritik.
Geist ist bei mir wie Gott dem Glauben von Anderen anheimgestellt. Zum präzisen Ausdruck genügt mir die Formulierung durch die Begriffe denken, Gedanken und gedanklich. Geist, geistig und geistlich können problemlos vermieden werden.
Alle Philosophie sei Sprachkritik, von Ludwig Wittgenstein (*1889 in Wien; †1951 in Cambridge)
Mit anderen Worten: Die eigene Bildung kann Sinn-Bilder und Wort-Hülsen (Ober-Begriffe) jeweils umgehend abgleichen mit dem aktuellen Stand von Erkenntnis der exakten Wissenschaften.