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Nach der Pest die meistgefürchtete «Seuche»
Mit Mutterkorn bezeichnet die deutsche Umgangssprache die Früchte eines Pilzes, welche sich auf Gräser- und v.a. Getreidesamen bilden können. Der Erreger heisst «Claviceps Purpurea». Die Zapfen (frz. Ergots) enthalten das hochgiftige Alkaloid Ergotamin. Bis Ende des 18. Jahrhunderts erkrankten Mensch und Tier immer wieder – auch später noch, im 20. Jhd. - nach dem Genuss von verunreinigtem Mehl oder Getreide. Äusserst schmerzhafte Krämpfe und Wundbrand endeten zumeist mit Verstümmelungen und dem Tod des Betroffenen. Die als «Antoniusfeuer», «Heiliges Feuer» (lateinisch: Ignis sacer) bezeichnete Krankheit war nach der Pest die meistgefürchtete «Seuche».
Beredte Bilder aus jener Zeit zeigen die Folgen der Krankheit. Während fast 500 Jahren befasste sich ein Kloster-Orden ab Mitte des 13. Jahrhunderts. ausschliesslich mit an Ergotismus erkrankten Menschen. Die «Antoniter» betrieben bis zu 370 Spitälern mit gegen 4'000 Patienten. Nach den im Jahr 1597 gewonnenen Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Brot und Mutterkorn nahm die Häufigkeit der Erkrankungen ab. Der Orden der Antoniter wurde 1777 aufgelöst. Die verbliebenen Mönche traten zu den «Johannitern» über.
Der französische Arzt Vétillard schrieb in einem Bericht über das Antoniusfeuer 1770 in Frankreich: « ...ein armer Landarbeiter, dessen Not sehr gross war, bettelte einen Getreide siebenden Bauern um den verworfenen Teil an. Er missachtete alle Warnungen und verwendete das Getreide zum Brot backen. Im Verlauf eines Monats starben der Mann, seine Frau und zwei seiner Kinder. Einem dritten Kind, das noch an der Brust genährt wurde, hatte man Brei aus diesem Mehl gekocht; es entging dem Tode, wurde aber schwachsinnig und verlor beide Beine.»
Roggen war damals insbesondere nördlich der Alpen das Hauptgetreide. Ergotismus wurde auch "Brotkrankheit" genannt, weil Roggen die für den Pilz empfindlichste Getreideart darstellt. Wenn weder Kirche noch Medizin im Mittelalter Massensterben verhindern konnten, suchte man Sündenböcke. Hexenprozesse ohne Zahl waren die Folge.
Die Pilzsporen sind «bodenbürtig», d.h. sie sind in fast allen Ackerböden auf einer Tiefe von bis zu 15cm nachweisbar. Die mittelalterliche Dreifelderwirtschaft bedeutete, dass jeweils nur in zwei von drei Jahren mit verwertbarem Ertrag gerechnet werden konnte. Und das war in aller Regel Getreide. Ideale Bedingungen für Claviceps. Die aus heutiger Sicht ungenügende, oberflächliche Bodenbearbeitung tat ein Weiteres. Besonders gefährlich wurde es, wenn nach einer schlechten Ernte eine zweite, gleiche folgte. Angesichts der knappen Versorgungslage war man gezwungen, neuerntiges Getreide zu mahlen. Es gilt: je 'frischer' die «Teufelskrallen», desto giftiger. Der Gehalt an Ergotamin vermindert sich im Getreidelager.
Als segensreich sollte sich Ende des 17. Jahrhunderts unter anderem die Einführung des Kartoffelanbaus erweisen. Die Ackerböden wurden in geordneten Fruchtfolgen von der hohen Getreidelastigkeit der Dreifelderwirtschaft befreit.
Aus Mutterkorn wird ein Medikament
«Es ist alles eine Frage der Dosis»
Paracelsus
Die erste schriftlich festgehaltene Therapie mit Mutterkorn stammt aus dem Jahr 1582. Adam Lonitzer, Stadtarzt von Frankfurt a. M. beschrieb, wie Hebammen Gebärenden Mutterkorn verabreichten. Ergotamin führt zu Muskelkontraktionen (verstärkte Wehen) und Gefässverengungen, was die Blutstillung erleichterte.
Dr. Arthur Stoll (1887-1971), nachmaliger Direktor des Basler Pharmaunternehmens "Sandoz" war es 1918 gelungen, aus Mutterkorn den Wirkstoff "Ergotamin" zu extrahieren. Dass sein Nachfolger Dr. Albert Hofmann (1906-2008) 25 Jahre später bei weiteren Arbeiten mit Mutterkorn auf die erste synthetische Droge "LSD" stossen würde, war wohl nicht beabsichtigt. Fakt ist, dass das Dr. Stolls Arbeiten 1921 zur Herstellung von "Gynergen" führte.
Das Präparat wurde nicht nur in der Frauenheilkunde, sondern auch erfolgreich zur Linderung von Migräneschmerzen eingesetzt. Gynergen lässt das Hirn "schrumpfen". Gegen Ende des 20. Jhd. wurde die Fabrikation eingestellt. Neue, synthetische Erzeugnisse zeigten ein breiteres Wirkungsspektrum. Für erste kommerzielle Anwendungen verarbeitete Sandoz 1938 3'500kg Mutterkörner. 1954 erreichte die Ernte schweizweit gegen 500 Tonnen! Übrigens: Griechisch "Gyno" steht für Frau!
«Muetterchörndler» – Kavalleristen im Oberfreiamt
Ein Hinweis aus geografische Sicht erleichtert den Einblick in diese spezielle Geschichte. Pilze gedeihen bekanntlich in feuchten, niederschlagsreicher Umgebungen besser. Trockene Böden behindern ihre Entwicklung. Mit anderen Worten: das Oberfreiamt gehört zu den regenreichen Gebieten der Schweiz, zu denen Emmental, Wiggertal, Luzerner Seetal und -Hinterland und eben auch das Oberfreiamt zählen.
Wie oben angezeigt erreichte der Bedarf an Mutterkörnern seinen Höhepunkt in den 1950-er Jahren. Neue Anbaugebiete wurden gesucht. Sehr oft waren Landwirte auch stolze Dragoner der eidgenössischen Kavallerie.
(Photo Wikipedia)
Nebst den heute noch vorgeschriebenen Schiessübungen ("Obligatorisches" für alle mit Gewehr ausgerüsteten Angehörigen der Armee) hatte die berittene Truppe zusätzlich dafür zu sorgen, dass ihr "Eidgenoss", das vom Bund verbilligt abgegebene Reitpferd, nebst der auf dem Bauernhof hochwillkommenen Zugleistung auch den militärischen Ansprüchen genügte. Einerseits mussten regelmässig Reitübungen der lokalen Kavallerievereine besucht werden. Und im Sommerhalbjahr war die Teilnahme an einer bestimmten Anzahl von Concours (Springkonkurrenzen) vorgeschrieben, welche wiederum von den Vereinen aus der näheren und weiteren Umgebung nach Vorgaben des Militärdepartements an Wochenenden ausgerichtet wurden. Selbstverständlich waren die sozialen Kontakte vor und nach den Wettbewerben nicht auf militärisches Reitwesen beschränkt. Bei einem kühlen Weissen in der Festwirtschaft müssen Freiämter Dragoner den Berichten ihrer Kameraden aus dem Michelsamt entnommen haben, dass Mutterkorn anzubauen ein äusserst lohnendes Geschäft werden könne. Kontakte zur Firma Sandoz, Inhaberin der Sorte "Kluser-Roggen" wurden über Kameraden aus dem Luzernischen hergestellt. Sandoz zeigte sich interessiert, stellte Saatgut, Reglemente, Anleitungen und besonders auch Impfstoff bereit. Der Anbau in Abtwil, Sins, Auw, Rüstenschwil konnte beginnen.
In den 1970-er Jahren gelang es, den Wirkstoff des Ergotamins synthetisch herzustellen. Die letzte Mutterkornernte fand 1976 statt. Sehr zum Bedauern der Gemeinschaft der «Mutterkörnler». Die unendlich aufwändige Arbeit, von der Hand- zur Maschinenernte bis zum Handverlesen der Mutterkörner war mit einem sehr stolzen Preis abgegolten worden (Fr. 28.-/kg). Die Rede ist von neuen Küchen und Badezimmer, welche in Bauernhäusern um- und eingebaut werden konnten. Aber auch über Barzahlungen eines neuen Traktors wird berichtet.
Weiteres in einer nächsten Folge!