Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03331.jsonl.gz/2566

Er wird achtzig, sie ist dreissig: Über das halbe Jahrhundert, das ihrer Geburt vorausging, wollte unsere Autorin von Peter Bichsel etwas erfahren. Und merkte bald, dass sie die falschen Fragen stellt.
Mitte Februar berichtet die BBC via Radio, es gebe neue Erkenntnisse über die Beschaffenheit der Erde: Der Kern des Planeten besitze wiederum einen Kern, der über eine ganz andere Struktur verfüge. Das Material des innersten Teils sei in ost-westlicher Richtung angeordnet, dasjenige des äusseren Kerns orientiere sich in vertikaler Richtung von Norden nach Süden. Wenn wir den inneren Kern sehen könnten, fragt der Sprecher die zugeschaltete Wissenschaftlerin, wie würde der aussehen? Den Kern, antwortet die Wissenschaftlerin, können wir niemals sehen, und so können auch die Forschenden zu ihren Resultaten nur über einen Umweg gelangen: Sie studieren seismische Wellen, die durch die Erde gehen, und die Veränderung, die diese Wellen erfahren, wenn sie die verschiedenen Schichten des Erdinnern durchlaufen.
Einer, der ähnliche Studien betreibt, so scheint mir, ist Peter Bichsel: Ein Ohr auf der Schiene der Eisenbahn, um die Entfernung des nächsten Zugs zu bestimmen, die Hände flach auf der Beizentischplatte, um jede Bewegung, die kleinste Erschütterung zu spüren, die ganz genau tickende Uhr in der Westentasche, das Handy auf Empfang, ist sein Forschungsfeld die Schweiz: ihr innerer, ihr allerinnerster Kern.
Den «Busant» im Rucksack
Peter Bichsel feiert Geburtstag. Er ist nun ein halbes Jahrhundert älter als die Schreiberin, die sich in diesem Moment im Zug befindet und Richtung Solothurn fährt, ein halbes Jahrhundert, in dem sich viel ereignet: Der Zweite Weltkrieg beginnt und endet, Republiken werden gegründet, Rosa Parks steht nicht auf von ihrem Platz im Bus, Kolonien erlangen die Unabhängigkeit, die Jugend wird unruhig, die Mauer fällt, und der Kalte Krieg ist vorbei. Es werden fortlaufend Geräte entwickelt, die Computer immer kleiner und schneller, die Telefone mobil, ein Millennium wird gefeiert, die Zauberformel diskutiert, Krisen kündigen sich an, Grenzen werden passiert: Neue Kinder ziehen ein mit neuen Sprachen und Dialekten, über weite Distanzen wird nun Tag und Nacht via unsichtbare Drähte kommuniziert, gesendet, übertragen.
Zwei Frauen, die sich in Aarau neben mich setzen, besprechen ihre Einkaufsliste. Ich schreibe alles auf, erklärt die eine, die Aufschreiberin, und später hake ich es ab. «Abhaken gibt ein gutes Gefühl, n’est-ce pas!», ruft die zweite, und während die Schweizer Landschaft an uns vorbeispurtet und der Kondukteur sich unserem Abteil nähert, da biegen die beiden plötzlich über den Ärmelkanal nach London ab, die Oyster Card für die U-Bahn schon gezückt, sie kennen sich aus. Ein ganz bichselsches Szenario!, denke ich, da sitzen sie, ganz weltläufig auf einmal, Liste und Stift noch in der Hand.
In der Solothurner Bahnhofsunterführung steht Peter Bichsel und wartet. Wir kennen uns nicht, ich nähere mich ihm als Fremde, als Leserin zwar, seine Kolumnen, die «Totaldemokraten», die Poetikvorlesungen, den «Busant» im Rucksack, trotzdem aber mit dem Wissen, dass die allermeisten ihn besser kennen, mehr Zeit zumindest mit ihm teilen, als Zeitgenossen, als Leserinnen, als Weggefährten: Als solche, die sich seine Geschichten haben erzählen lassen, vielleicht ein ganzes langes Leben lang. Fast unverschämt also, mich nun anzumelden in Soleure, finde ich; immerhin aber reise ich im Auftrag und habe Fragen.
Einer sitzt auf einem Mäuerchen und ruft Bichsel einen Gruss zu.
In mein Heft habe ich Stichworte, Sätze notiert: «1966: Princeton!; Bichsel, Seite 118: ‹Der Leser ist ein Subversiver. Die Lust am Lesen ist bereits eine Veränderungslust, ist bereits die Lust, die Sehnsucht nach einer anderen Welt›; Bichsel und Frisch, die in einer Silvesternacht durch New York wandern, dabei dem Sohn des Erbauers des Empire State Building begegnen; Seite 143, Bichsel schreibt: ‹Ich habe die Veränderung der Welt nicht miterlebt›. Bichsel in der WOZ: ‹Wenn ich auf der Strasse einen Mann und eine Frau sehe, die sich umarmen …›. Max Frisch über Bichsel: ‹Peter Bichsel ist ein Poet› und ‹Nämlich wir brauchen ihn› (Seite 110).»
Im Netz eine Fotografie, die den jungen Peter Bichsel inmitten einer Gruppe von jungen Schriftstellern vor dem Literarischen Colloquium in Berlin zeigt, auf einer anderen die Gruppe 47, die im Jahr 1966 nach Princeton reist, «Welcome Gruppe 47» ist im Hintergrund unter dem Hotelsignet angeschlagen. Ein drittes Bild: Peter Bichsel neben Willi Ritschard auf einer Holzbank.
Ich höre mir die Aufnahme von Peter Bichsels Lesung in Princeton an, die Qualität ist schlecht, die Stimme geht in einem Rauschen unter. «Ich möchte Sie alle bitten, keine Bekannten oder Freunde oder sonst noch hierher mitzubringen, wir werden zu viele Menschen», sagt eine Stimme. Auch Peter O. Chotjewitz, Hermann Piwitt und Peter Weiss sind auf Aufnahmen zu hören, die Rede, mit der der junge Peter Handke auf sich aufmerksam machte. «Von einer Rede keine Rede, eher gestottert», sagt Peter Bichsel und lacht.
Nachdenken über die Dringlichkeit
In der Beiz steht erst einer an der Bar, und später sitzt ein Kind in der Ecke und trinkt Sirup mit einem Röhrchen. Es ist still. Ich möchte vom Schriftsteller Bichsel etwas wissen über das halbe Jahrhundert, das meiner Geburt vorausging; ich möchte wissen, was es ist, das einen antreibt, ein Leben schreibend zu bestehen, ich möchte wissen, ob der Schein trügt oder ob die Leute tatsächlich gedrängt sassen und standen in verrauchten Räumen und tagelang über Literatur, über Politik diskutierten. Aber der Schriftsteller bedient nichts, er gibt mir keine Auskunft in dieser Hinsicht, keine Erklärung der Vergangenheit, und später denke ich, dass ich es hätte besser wissen und andere Fragen stellen sollen.
Der Schriftsteller sagt: «Um zu lesen, brauche ich einen Tisch, damit ich meinen Kopf halten kann.»
Der Schriftsteller sagt, er lese nun selten neue Bücher, vielmehr lese er alte Bücher noch einmal – sie seien seine eigentlichen «Tagebücher».
Der Schriftsteller sagt, er habe Anfang der sechziger Jahre ein halbes Jahr in Berlin verbracht, eine Zeit, in der die Spuren des Kriegs noch sichtbar waren, in der nur Junge und Alte dort lebten, die Generation dazwischen vom Krieg verschluckt. Seine «Jahreszeiten» habe er damals aus einer Berlin-Euphorie heraus geschrieben, auch wenn die Stadt an keiner Stelle Erwähnung finde.
Der Schriftsteller sagte einmal: «Wenn ich auf der Strasse einen Mann und eine Frau sehe, die sich umarmen, habe ich immer das Gefühl, sie haben dasselbe Buch gelesen.»
Vor acht Jahren ungefähr schob mir einer den «Busant» zu, das Buch «von Trinkern, Polizisten und der schönen Magelone», erschienen im Jahr meiner Geburt, das mein liebstes Bichsel-Buch wurde. Vielleicht, weil darin die erste Erzählung mit diesem Satz seinen Anfang nimmt: «Unsere Polizisten, hier in dieser Stadt, sind wie alle andere Polizisten in jeder anderen Stadt korrekt und tun ihre Pflicht.» Vielleicht weil gleich danach «die Langhaarigen, die Hascher, die Arbeitsscheuen» auf dem Aaremäuerchen auftauchen, vielleicht wegen der trinkenden Magelone und dem Ueli, mit denen die Leserin durch die Geschichte reist. Vielleicht weil man in dem schmalen Buch mit eigenen Augen sieht, wie Erzählen geht, wie ein Strich aufs Papier gesetzt wird, daraus ein Buchstabe wird und bald darauf eine Geschichte: «Erzähl mir doch was, erzähl mir doch was, und ohne mir Gedanken zu machen über Alter, Aussehen, Beruf und soziale Bezüge, erfinde ich mir einen Namen …» Weil die Gefahren und Tücken des Erzählens miterzählt werden. «Wer nimmt uns das ab?», fragt der Erzähler an einer Stelle in «Laufbahn».
Ein anderer schickte mir bis vor kurzem jeden Monat die bichselschen Kolumnen aus der «Schweizer Illustrierten» zu, ich las sie und gleichzeitig mich zurück durch die Jahre. Da tauchte das Waldsterben auf, die unruhige Jugend, ein Gastarbeiter in der Beiz: keine Landesgeschichte, sondern eine der Leute, hin und wieder ein Abzweiger nach Frankfurt, nach New York. Bichsels letzte Kolumne erreichte mich verspätet, ich hatte fast den Eindruck, sie wurde vom Boten zurückgehalten, weil es von ziemlicher Traurigkeit ist, wenn der Kolumnist darin Morgenstern zitiert: «Ich gehe tausend Jahre / um einen kleinen Teich / und jedes meiner Haare / bleibt sich im Wesen gleich», wenn er den Hut nimmt, sich bedankt und verabschiedet.
Sein Arbeitszimmer nenne er nun Lager, sagt Peter Bichsel; ein Speicher, finde ich, als ich den Raum betrete. Wir sitzen da, hinter uns auf den Gestellen sind Nashörner versammelt. Und dann erklärt der Schriftsteller doch noch etwas, legt das «Museum der modernen Poesie» vor mir auf den Tisch, über 300 Gedichte im Original und in deutscher Übersetzung, herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger im Jahr 1960. Im Vorwort zur ersten Auflage schreibt Enzensberger, das von ihm eingerichtete «Museum» sei der Versuch, die poetischen Errungenschaften der Moderne der kommenden Generation zur Bearbeitung zur Verfügung zu stellen: ein Museum nicht im herkömmlichen Sinn, sondern «als Annex zum Atelier», zum Arbeitszimmer, ein Museum, das «Vergangenes nicht mumifizieren, sondern verwendbar machen» will. Ein Museum, von dem Peter Bichsel jetzt sagt, es habe ihm einmal sehr viel bedeutet, genauso wie der Jazz: Mit einer grossen Dringlichkeit habe er in diesem Buch gelesen. Es sei nicht leicht, wenn man merke, dass diese Dringlichkeit kleiner werde, und mit Gelassenheit, mit Erfahrung habe dies nichts zu tun: Am erfahrensten, erfahrungswillig nämlich, sei man in jüngeren Jahren. Lange Zeit habe er das Buch gesucht, erst vor kurzem wieder gefunden.
Noch in der Beiz sagt Peter Bichsel allerdings, er wolle jetzt mal sehen, ob er ohne das Kolumnenschreiben auskomme, sonst fange er dann wieder an. Zwei Handwerker betreten das Lokal, als das Kind mit dem Sirup noch in der Ecke sitzt, es gebe ein Bänklein zu reparieren, erklärt die Wirtin dem Bichsel von der Theke aus, es sei am Vorabend zu Bruch gegangen, am Nebentisch lachen zwei und stellen sich vor, wer es denn schaffte, so ein Bänklein zu erledigen. So ist das also in der Beiz, sehe ich, alles ist wahr.