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Die legendäre Liberty Bell in Philadelphia, Freiheitssymbol im historischen Kontext der Gründung der USA. (Bild: Keystone)
Verschiedene Benennungen werden erfunden, um eine Orthodoxie von der anderen zu unterscheiden: Liberal, libertär, paläoliberal, klassisch-liberal, neoliberal usw.
Das Paradoxe ist: Je mehr Bezeichnungen, desto unklarer, was der Liberalismus eigentlich ist. Kein Wunder. Denn wenn die Frage «was ist liberal» als Glaubensfrage gestellt wird, droht sie zu spalten, zu splittern und zu schwächen. Doch wer über liberale Persönlichkeiten schreibt, muss sich die Frage stellen: «Wer ist liberal?»
In «Liberale und Andere» (1994) portraitierte Ralf Dahrendorf viele deutsche Sozialdemokraten. Denn praktisch nur SPD-Politiker waren bereit, sich gegen den Ständestaat, den Militarismus und den Protektionismus Deutschlands vor dem zweiten Weltkrieg zu stellen. Als ich jenes Buch zum ersten Mal las, konnte ich der Intention Dahrendorfs nur wenig Verständnis entgegenbringen.
Pierre Bessard (früherer Direktor des Liberalen Instituts, Schweiz), Daniel Klein (George Mason Universität, USA) und ich entwarfen einst die Idee, eine Übersicht über die Schweizer Liberalismen zu schaffen. Dabei ermahnten mich beide, möglichst die verschiedenen Facetten des Liberalismus zu beleuchten und nicht einer wie auch immer eingebildeten oder konstruierten Orthodoxie zu verfallen. Dann wurde es mir klar: Sie – und Dahrendorf – haben Recht. Diese Erkenntnis wurde zum Grundprinzip dieser Portraitserie.
Der Liberalismus ist ein breiter und offener Begriff. Er muss nicht notwendigerweise als eine auf England oder Frankreich zurückgehende philosophische Tradition gedacht werden. Er kann auch eine Geisteshaltung sein. Wie sich diese Geisteshaltung in die Praxis umsetzt, ist dann auch abhängig von ihrem Kontext. Zeit, Umstände, geographischer Raum und praktische Abwägungen sind Elemente dieses Kontextes.
Im Japan zwischen den Weltkriegen ging es um Pazifismus. Der Liberalismus war dort die einzige anti-etatistische Kraft. In Europa geht es (immer noch) um die Abwehr gegenüber verschiedenen Formen staatlicher Bevormundung. Schwarze US-Amerikanerinnen und Amerikaner mussten für Gleichstellung kämpfen aber auch gegen eine Sonderbehandlung, die vom Staat forciert wurde (und wird). Frauen setzten sich ein für das Recht, als eigenständige Individuen anerkannt zu werden.
Es kommt auf den Kontext an
Damit wird exemplarisch gezeigt: Was liberal ist hängt vom jeweiligen Kontext ab. Vor allem aber hängt er vom Individuum ab, das die Geisteshaltung trägt und aufgrund ihrer handelt. Darin gründet also das Auswahlkriterium, das ich in dieser Sammlung anwende:
Wer sich für individuelle Freiheit und gegen Kollektivismen aller Arten einsetzt, ist eine Liberale – oder ein Liberaler. Der Einsatz für Individuelle Freiheit ist das notwendige und die Ablehnung des Kollektivismus das hinreichende Kriterium. Mit anderen Worten, das liberale Etikett wird nicht an die europäische Geistesgeschichte geknüpft, sondern an die Ideen der Freiheit, des Individuums und der Verantwortung. Und an die Praxis ihrer Umsetzung.
Dann kam die zweite Frage: Wie soll ich diese Leute überhaupt portraitieren? Die Antwort darauf lieferte ein paralleles Projekt der Foundation for Economic Freedom FEE (USA, Link). Lawrence Reed startete im Jahr 2015 die Serie «Real Heroes» (Link). Er ging darin dem Leben und Wirken von Menschen nach, die man getrost als Vorbilder, ja sogar Helden, bezeichnen kann. Während bei ihm das Heroische und Nachahmenswerte im Mittelpunkt steht, habe ich mich für das Alltägliche des Liberalismus entschieden. Liberal sein heisst nicht nur sinnieren, sondern auch handeln – im Alltag.
Der FEE bin ich ohnehin sehr verpflichtet: Die hier enthaltenen Portraits von Gladstone, Atholl, Owens und Kellems sind auch Buch von FEE «Real Heroes: Inspiring true stories of Courage, Character, and Conviction» (2016) enthalten – aber auf unterschiedlicher Weise dargestellt. Einige Materialen für die Texte über Cleveland, Wilder Lane und Cowperthwaite kommen auch aus dem FEE-Fundus. Dafür bedanke ich mich bei Larry Reed und Richard Lorenc.
Und dann kommt die schwierigste Frage: Wen nehme ich? Oder noch zugespitzter: Wenn diese Liberale unbekannt sind, warum sollten sie ausgerechnet mir bekannt sein? Ich bin nämlich kein Historiker. Und die Gattung der Biographie gehört definitiv nicht zu meinen Vorlieben. Aber: Je mehr ich recherchierte, desto mehr merkte ich, gerade das sei das Interessante an diesem Projekt. Ich konnte mich unabhängig von Vorgaben dem nachgehen, was ich als Speziell empfand. Und so ging ich unsystematisch vor. Las hier und da etwas. Und was mir gefiel, nahm ich auf.
Damit ist es gesagt: Wer auch immer hier inkludiert wurde, ist zufällig da. Es ist weder Ziel noch Anspruch, die «liberalsten» oder die «unbekanntesten» oder die «herausragenden» zu portraitieren. Es sind einfach die, von denen ich der Meinung bin, dass sie a) liberal sind, b) interessante Leben hatten, und c) in ihrem Leben liberale Prinzipien verwirklicht haben.
Ich suchte zwar nach einem sehr differenzierten und globalen Bild; nahm mir aber keine Quoten vor. Es ist also Zufall, dass in dieser Serie so viele Frauen hier portraitiert sind. Es ist aber nicht Zufall, dass beispielsweise nur wenig Islamisches und Indisches den Weg in dieses Büchlein gefunden haben. Der Grund dieses Mankos hat mit mir zu tun. Ich kann weder Türkisch noch Arabisch noch Sanskrit lesen…
Auch wenn diese Serie von Portraits keine wissenschaftliche Abhandlung über Liberale, die man nicht kennt, ist, bemühte ich mich, nach wissenschaftlichen Kriterien vorzugehen. Ich befasste mich meist mit Texten, welche die hier portraitierten geschrieben haben. In einigen Fällen befragte ich Leute, welche diese Persönlichkeiten kannten oder erlebten. Am Schluss jedes Portraits wird auf Literatur verwiesen. Es ist dabei kein kompletter Materialienapparat, sondern weiterführende Literatur für jene Leserinnen und Leser, die sich vertiefen möchten.
André Lichtschlag und Henning Lindhoff sind die eigentlichen Urheber der Idee dieser zuerst als Buch erschienenen Serie. Ihnen gilt mein Dank. Und damit ist genug der Vorrede.
Literatur:
Dahrendorf, Ralf. Liberale und andere: Portraits. Stuttgart (1994).
Reed, Lawrence. Real Heroes: Inspiring true stories of Courage, Character, and Conviction. Wilmington (2016).
Mehr als Menschen: Helden
Wer ist liberal? Gibt es nicht-westliche Erscheinungsformen des Liberalismus? Diese Sammlung von Portraits von Henrique Schneider zeigt die Diversität des breit verstandenen Liberalismus. Und er ist nicht nur abhängig vom kulturell-geschichtlichen Kontext. Zuerst erschienen die Portraits in: Henrique Schneider: Mehr als Helden: Menschen, Lichtschlag, 2017 (Link). Verwendung mit freundlicher Genehmigung des Urhebers.