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Seychellen-Riesenschildkröte
Geochelone gigantea
© 1985 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Die Seychellen-Riesenschildkröte (Geochelone gigantea) gehört innerhalb der Klasse der Kriechtiere (Reptilia) zur Ordnung der Schildkröten (Testudines) und da wiederum zur Familie der Landschildkröten (Testudinidae). Diese Familie umfasst 39 Arten, welche über den ganzen Erdball verbreitet sind. Sie bewohnen sämtliche tropischen und subtropischen Regionen Nord-, Mittel- und Südamerikas, den gesamten Mittelmeerraum, ganz Afrika südlich der Sahara und alle Teile Süd- und Südostasiens.
Einige Landschildkröten-Arten sind in ihrem Vorkommen auf ozeanische Inseln beschränkt. Zu ihnen gehören auch die beiden Riesenschildkröten: die Seychellen-Riesenschildkröte und die Galapagos-Riesenschildkröte (Geochelone elephantopus)
.
Riesenschildkröten sind altertümliche Tiere
Die beiden heute noch lebenden Riesenschildkröten sind die letzten Überlebenden einer einst weltweit verbreiteten Tiergruppe. Frühe Vertreter der gepanzerten Riesen krochen bereits im Zeitalter der grossen Saurier - vor rund 100 Millionen Jahren - auf der Erde herum. Im weiteren Verlauf der Jahrmillionen verbreiteten sich aber die wendigen und anpassungsfähigen Säugetiere immer mehr und rotteten allmählich die unbeholfenen Riesenschildkröten aus. Nur an zwei entlegenen Orten der Erde, zu denen keine raubenden Säugetiere vordrangen, konnten sich die Nachkommen dieser Riesenschildkröten halten: auf den Seychellen- und Maskareneninseln, welche sich nördlich und östlich Madagaskars im Indischen Ozean befinden, und auf dem Galapagos-Archipel, der rund tausend Kilometer von der südamerikanischen Westküste entfernt im Pazifischen Ozean liegt.
Noch vor wenigen Jahrhunderten lebte die Seychellen-Riesenschildkröte in mehreren Unterarten auf verschiedenen Inseln der Maskarenen. Doch der Mensch, der die Tiere als Nahrung seit jeher schätzte, hat sie auf den meisten dieser Inseln längst ausgerottet.
Heute kommt die Seychellen-Riesenschildkröte freilebend nur noch auf Aldabra vor. Dieses kleine Atoll befindet sich etwa 500 Kilometer nördlich von Madagaskar und gehört politisch zu den seit 1979 von Grossbritannien unabhängigen Seychellen. Von den vier Inseln, aus denen das Aldabra-Atoll besteht, beherbergen deren drei Riesenschildkröten. Der Gesamtbestand umfasst rund 150 000 Tiere.
Eine grössere Gruppe von Seychellen-Riesenschildkröten, welche von Aldabra stammt, lebt halbfrei auf der Seychellen-Insel Curieuse. Sie bildet ein beliebtes Ausflugsziel für die einheimische Bevölkerung und für Touristen. Viele kleinere Gruppen leben zudem über die ganze Erde verstreut in Tierparks und zoologischen Gärten.
Riesenschildkröten gehören zu den langlebigsten Vertretern des Tierreichs und gelten allgemein als Sinnbilder unbegrenzter Lebensdauer. Das höchste, urkundlich belegte Alter hat eine Seychellen-Riesenschildkröte erreicht, welche erwachsen in Menschenobhut gelangte und dort noch 152 Jahre lang lebte. Mit einem Gewicht von bis zu 250 Kilogramm und einer Bauchpanzerlänge von über 120 Zentimetern gehören die Riesenschildkröten auch zu den schwersten und grössten Kriechtieren unserer Zeit.
Sie trinken durch die Nase
Hinsichtlich ihrer Nahrung sind die Seychellen-Riesenschildkröten wenig wählerisch. Sie nehmen praktisch alles zu sich, was sie finden: von Pflanzen über Kot, tote Artgenossen und an Land gespülte Fischen bis hin zu Plastiksandalen.
Auf Aldabra besteht die Hauptnahrung der Riesenschildkröten aus einem sehr kurzen Rasen - «Schildkröten-Rasen» genannt. Er setzt sich aus über zwanzig verschiedenen Pflanzenarten zusammen, die sich - offensichtlich infolge der jahrtausendelangen Beweidung durch die Schildkröten - zu Zwergformen umgewandelt haben. Auch ohne Beweidung durch die grossen Reptilien bleibt der Schildkröten-Rasen stets wie frisch gemäht.
Die Seychellen-Riesenschildkröte ist die einzige Landschildkröte, welche nicht durch ihren Mund, sondern durch ihre Nase trinkt. Dieses eigenartige Verhalten ist eine Anpassung an das Leben auf dem Aldabra-Atoll, wo keine Trinkwasserquelle vorkommt und jedes Regenwasser im schwammigen Kalkstein sofort versickert. Durch die ganz vorn am Schädel sitzenden Nasenlöcher kann die Schildkröte auch kleinste Wassermengen rasch und aus jeder Gesteinsritze aufnehmen.
Schattenplätze sind überlebenswichtig
Riesenschildkröten sind wie alle Kriechtiere wechselwarm und können ihre Körpertemperatur nicht aktiv regulieren. Über Mittag müssen sie sich daher vor der gleissenden Tropensonne schützen und einen Schattenplatz aufsuchen. Andernfalls würden sie sich unweigerlich überhitzen und sterben. Schattenplätze sind aber auf Aldabra Mangelware. Die massigen Tiere sind daher gezwungen, sich zur Mittagszeit unter den wenigen Bäumen, Sträuchern und Felsnischen auf engstem Raum zusammenzudrängen - oft sogar in zwei bis drei Schichten übereinander. Solch «hautnahe» Ansammlungen sind nur denkbar, wenn die Schildkröten untereinander verträglich sind. Tatsächlich fehlt den Seychellen-Riesenschildkröten beinahe jegliche Streitsucht gegenüber Artgenossen. Sie unterscheiden sich damit wesentlich von ihren Vettern auf Galapagos wie auch von den übrigen, kleineren Schildkröten, welche recht zänkisch untereinander sind.
Abends suchen die Seychellen-Riesenschildkröten keine festen Schlafplätze auf. Sie legen sich dort zur Ruhe, wo sie sich gerade befinden. Nicht selten schaut zwischen den Kiefern schlafender Tiere noch das letzte abgerupfte Büschel Gras heraus.
Im Gegensatz zu allen kleineren Landschildkröten-Arten ziehen die Seychellen-Riesenschildkröten ihren Kopf beim Schlafen nicht unter ihren Panzer ein, sondern ruhen mit ausgestrecktem, auf dem Boden aufliegendem Hals. Tatsächlich fällt es den Kolossen sehr schwer, ihren Kopf und ihre Gliedmassen eingezogen zu halten und gleichzeitig zu atmen. Durch diese Unfähigkeit zum Verbergen der empfindlichen Kopf-Hals-Partie wären die Riesenschildkröten ohne Zweifel sehr anfällig auf Fressfeinde, sofern es auf Aldabra solche gäbe. Hier dürfte wohl eine Antwort auf die Frage sein, warum die Riesenschildkröten nach dem Erscheinen der Raubsäuger weltweit innerhalb kurzer Frist ausgerottet waren und sich nur gerade auf den beiden abgelegenen, raubsäugerfreien Inselgruppen halten konnten.
Ein Zementdeckel schützt das Gelege
Die Seychellen-Riesenschildkröten paaren sich gegen Ende der von November bis April dauernden Regenzeit. Das Männchen gerät während der Begattung in grosse Erregung und äusserst dabei heisere Laute, welche zu den lautesten in der Reptilienwelt zählen. Vom Menschen können sie über einen Kilometer weit vernommen werden.
Zwischen Mai und August, in der ersten Hälfte der Trockenzeit, legt das Schildkrötenweibchen eines nachts seine Eier, nachdem es während Tagen sorgfältig nach einem geeigneten Ort gesucht hat. Am frühen Abend beginnt es mit seinen beiden Hinterbeinen ein Loch zu graben, welches schliesslich so tief ist wie seine Beine lang sind. In das ausgehobene Loch legt es fünf bis zwanzig tennisballgrosse Eier. Dann deckt es sein Gelege wieder mit Erde zu. Der ganze Vorgang dauert rund sechs Stunden.
Während des Grabens gibt das Riesenschildkröten-Weibchen des öfteren Harn ab - insgesamt etwa sechs Liter. Damit werden zum einen die Wände des Lochs gefestigt, was den Grabvorgang erleichtert. Zum anderen wird die mit Urin durchtränkte Erde, welche das Weibchen zum Auffüllen des Lochs verwendet, nach dem Trocknen hart wie Zement und bildet einen schützenden Pfropfen über dem Gelege. Tatsächlich hindert dieser harte Gelegedeckel den eierfressenden Palmendieb (ein Krebs; Birgus latro
) wirkungsvoll daran, das Gelege zu plündern.
Die sorgfältige Wahl des Eiablageplatzes durch das Riesenschildkröten-Weibchen ist sehr bedeutungsvoll für die Nachkommenschaft. Neuere Untersuchungen haben ergeben, dass die Bodentemperatur das Geschlechtsverhältnis der schlüpfenden Jungtiere beeinflusst. Aus Gelegen an verhältnismässig warmen Stellen schlüpfen hauptsächlich weibliche Junge, aus Gelegen an kühlen Orten vornehmlich männliche.
Erst mit 20 Jahren erwachsen
Die Jungen der Seychellen-Riesenschildkröte schlüpfen zu Beginn der Regenzeit (Oktober bis Dezember), bleiben aber vorerst noch in ihrem sicheren Erdnest. Erst wenn der Dottersack-Nabel an ihrem Bauchpanzer vollständig verwachsen ist, graben sie sich ihren Weg an die Erdoberfläche. Einzeln oder zu zweit erscheinen sie seitlich des harten Erdpfropfens.
Während mehrerer Jahre führen die jungen Schildkröten ein ausgesprochen heimliches Leben. Sie ernähren sich von all den kleinen Kräutern und Gräsern, welche ganzjährig in den Spalten und Ritzen der Felsen wachsen. Mit 18 bis 24 Jahren erreichen sie die Geschlechtsreife - die Weibchen etwas später als die Männchen.
Schildkröten als Hochzeitsschmaus
Gefahr drohte den friedlichen Kriechtieren vor allem in früheren Jahrhunderten durch die Seefahrer, welche die Riesenschildkröten als lebende Fleischkonserve schätzten und sie vor grossen Fahrten zu Hunderten auf ihre Schiffe verluden. Während dies für viele Inselpopulationen im Indischen Ozean das schnelle und unwiderrufliche Ende bedeutete, hatte der Schildkrötenbestand auf Aldabra Glück im Unglück. Nachdem die Zahl der Tiere durch die masslose Ausbeutung stark abgenommen hatte, lohnte die geringe Ausbeute den weiten Umweg zu dem entlegenen Atoll nicht mehr. So vermochte eine kleine Population auf Aldabra zu überleben und sich in der Abgeschiedenheit allmählich wieder zu erholen.
Zum Rückgang der Seychellen-Riesenschildkröte auf einigen Maskarenen-Inseln hat früher wohl auch der Brauch der Inselbevölkerung beigetragen, jedem neugeborenen Mädchen ein frisch geschlüpftes Schildkrötenjunges zu schenken. Das Tier wuchs mit dem Mädchen zusammen auf und wurde schliesslich an dessen Hochzeitsfest geschlachtet und verspeist. Glücklicherweise ist dieser Brauch seit geraumer Zeit ausgestorben.
Anfang der sechziger Jahre geriet die Schildkrötenpopulation Aldabras abermals in grosse Gefahr: Die britische Regierung, die damals noch die Seychellen verwaltete, zog in Erwägung, auf dem strategisch günstig gelegenen Atoll einen Stützpunkt mit Landebahn und Versorgungshafen für die amerikanischen Streitkräfte zu erstellen. Dabei wären unweigerlich die Riesenschildkröten beiseite geräumt, die Fregattvogel- und Tölpelkolonien planiert und die Korallenriffe weggesprengt worden. Kurz vor Ausführung des Plans wurde dann aber eine andere Insel im Indischen Ozean, Diego Garcia, für das Vorhaben bestimmt. Aldabra war gerettet.
Teil des Weltnaturerbes
Das Aldabra-Atoll - und mit ihm seine Riesenschildkröten-Population - scheint heute weitgehend sicher zu sein. Eine Besiedlung der Inseln oder deren Erschliessung für den Tourismus ist äusserst unwahrscheinlich, da sie sehr abgelegen sind, nur an wenigen Stellen landwirtschaftlich nutzbaren Boden aufweisen und kein Trinkwasser besitzen. Ausserdem ist Aldabra in das Verzeichnis der schützendwerten Weltnaturgüter («World Heritage Sites») aufgenommen worden und hat somit als einzigartiges und unter allen Umständen zu erhaltendes Naturmonument weltweite Anerkennung gefunden.
Die Seychellen-Riesenschildkroete ist zudem in Anhang II des Internationalen Abkommens über den Handel mit bedrohten Tier- und Pflanzenarten (CITES) aufgeführt. Der Handel mit den grossen Reptilien unterliegt somit der Bewilligungspflicht und wird auf internationaler Ebene überwacht.
Dies alles darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Schildkrötenpopulation Aldabras auf Störungen sehr anfällig ist. Illegales Sammeln der Tiere für den Tierhandel könnte dem Bestand rasch schweren Schaden zufügen, da die grössten und fruchtbarsten Tiere am begehrtesten sind. Auch Naturkatastrophen wie Springfluten oder Wirbelstürme könnten den Bestand der altertümlichen Tiere von einem Tag auf den andern in eine kritische Lage bringen. Ferner besteht auch immer die Gefahr, dass mit unvorsichtigen oder verantwortungslosen Besuchern Ratten oder Katzen auf das Atoll gelangen. Wie man aus der Geschichte anderer ozeanischer Inseln hinlänglich weiss, können solche Fremdlinge die eingeborene Tierwelt innerhalb kürzester Frist aufs schwerste schädigen. Bereits gibt es auf Aldabra verwilderte Ziegen, die sich in den letzten Jahren stark vermehrt haben und nun den Schildkröten die Nahrung streitig machen. Und nicht zuletzt kann das Atoll in unserer unruhigen Zeit auch über Nacht wieder in den Brennpunkt militärischer Interessen geraten. So leben diese friedlichen Kolosse, Zeugen längst vergangener Erdzeitalter, in der steten Gefahr, für immer von unserem Planeten ausgelöscht zu werden.
Bildlegenden
Die letzte Population freilebender Seychellen-Riesenschildkröten (Geochelone gigantea)
ist auf dem Aldabra-Atoll im Indischen Ozean beheimatet. Sie umfasst rund 150'000 Tiere.
Riesenschildkröten sind keine heiklen Kostgänger. Sie nehmen beinahe alles zu sich, was sie auf ihren Fresswanderungen antreffen: Pflanzen aller Art, angeschwemmte Fische, Kot und selbst Plastikgegenstände.
Die wenigen vorhandenen Schattenplätze auf dem A1dabra-Atoll sind für das Überleben der Riesenschildkröten von grosser Bedeutung. Die mächtigen Reptilien würden sonst unter der heissen Mittagssonne an Überhitzung sterben.
Im Gegensatz zu den kleineren Landschildkröten schläft die Seychellen-Riesenschildkröte nicht mit eingezogenem, sondern auf dem Boden aufliegendem Hals und ausgestreckten Gliedmassen.
Wie ihre Verwandten auf Galapagos richten sich die schweren Seychellen-Riesenschildkröten so hoch wie möglich auf, wenn ein Vogel in ihre Nähe kommt, und laden ihn so zum Abpicken von Hautschmarotzern ein. Im Gegensatz zu den Galapagos-Riesenschildkröten besitzen aber die Riesen von Aldabra weder Parasiten, noch werden sie von den Vögeln im geringsten beachtet.
Die Paarungszeit der Seychellen-Riesenschildkröte fällt auf das Ende der Regenzeit. Das Männchen äussert bei der Begattung Laute, die über einen Kilometer weit hörbar sind.
Das Freigraben aus dem Erdnest ist für die frisch geschlüpften Schildkröten sehr anstrengend. Sie sind vom ersten Tag an ganz auf sich allein gestellt.
Junge Riesenschildkröten wachsen sehr langsam heran. Sie sind erst mit 18 bis 24 Jahren geschlechtsreif und können über 150 Jahre alt werden.
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