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Auf einem anfänglich steil ansteigenden Fussweg der linken Thalseite kann man auch von Küblis über Telfsch und Runcalina, dann durch dichten Wald mehrfach auf- und absteigend, nach Sankt Antönien gelangen. Der untere Teil des Thals ist also eine enge Fels- und Waldschlucht, meist in dunklen Tannenwald gehüllt. Beim Hof Fröscheney, etwa 4 km oberhalb Dalvazza, erweitert sich das Thal etwas, und es beginnt erst hier auch im politischen Sinn die Thalschaft Sankt Antönien.
Eine Linie von Fröscheney östl. hinauf durch das Horntobel und weiter über Jägglishorn, Saaser Calanda und Madrishorn bildet die Grenze gegen Küblis und Saas, eine andere weiter nördl., von der Brücke unmittelbar vor Sankt Antönien Platz westl. hinauf über den Kammeinschnitt von Aschüel die Grenze gegen Luzein. Etwa 8 km weit, von Fröscheney bis Partnun, steigt das Thal ziemlich gleichmässig an (von 1200-1600 m), dann folgt ein steilerer Anstieg zum Kessel des durch eine Moräne gestauten Partnunsees (1874 m), endlich über einer Felsenschwelle die «nackte Kalkmuschel» der sog. Gruben, eine öde, vom Gletscher gehobelte Rundhöcker- und Dolinenlandschaft, über welche der Grubenpass (2222, resp. 2235 m) nach der Montafuneralp Tilisuna führt (Tilisunahütte des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins, 2211 m). Die untere, grösste Thalstufe ist ein grünes Wiesenthal mit sanften Schieferhängen, aber mit sehr spärlichem Wald.
Nur an den Hängen gegen das Jägglishorn und gegen das Kreuz sind noch grössere, geschlossenere Fichtenbestände vorhanden, dort bis etwa 1900 m, hier bis 1700 m, horstweise auch etwas höher hinauf. Weiter thaleinwärts ist der Wald auf einzelne steilere Stellen beschränkt und auch da nur sehr dünn. Die Buche findet sich blos bei Fröscheney in nennenswerter Zahl, der Bergahorn einzeln oder in kleinen Gruppen an manchen Stellen, ebenso der Vogelbeerbaum (Sorbus aucuparia) und die Grünerle (Alnus viridis) in Gebüschen bis 1900 m.
Von Nadelhölzern finden sich auch Lärchen und Eiben in geringer Zahl zwischen Fröscheney und Ascharina. Infolge der waldlosen Hänge ist das ganze Thal sehr von Lawinen bedroht. Von Ascharina bis Partnun zählt man auf beiden Thalseiten zahlreiche Lawinenzüge. In den letzten 200 Jahren sind durch Lawinen etwa 40 Menschen und 150-200 Stück Grossvieh getötet und 250 Gebäulichkeiten zerstört worden. Natürlich suchen die St. Antönier ihre Wohnungen an möglichst lawinensichern Orten zu erstellen und so, dass die Firsten bergabwärts schauen.
Ausserdem sieht man hinter jedem einigermassen gefährdeten Haus als Lawinenschutz einen aus Erde und Stein errichteten keilförmigen Hügel von der Höhe der Dachfirst, der die Lawinen aufhalten oder in zwei an den Seiten des Hauses vorbeischiessende Arme spalten soll. Zu grösserem Schutz tragen diese «Spaltecken» oft stattliche Ahorngruppen. Ueberhaupt spielt der oft 2-3 m hoch liegende Schnee in St. Antönien eine bedeutende Rolle. In schneereichen Wintern ist der Verkehr zuweilen tagelang völlig unterbrochen, und die Leute dürfen sich nicht aus ihren Häusern wagen. Hat sich der Schnee aber gehörig gesetzt, dann bietet er treffliche Schlittbahnen zu Heu- und Holztransporten. Es ist ein eigenartiges Winterleben da oben, das bei aller Gefahr und Einsamkeit seiner Reize nicht entbehrt.
Das ganze Thal bildet mit seinen 350 Ew. zwar eine einzige Kirch- und Schulgemeinde, zerfällt aber in drei politische Gemeinden: Ascharina mit 95, Castels mit 172 und Rüti mit 83 Ew. Kirche und Schule finden sich in Castels oder St. Antönien Platz. Die Bevölkerung beschäftigt sich natürlich hauptsächlich mit Viehzucht und Alpwirtschaft und treibt dabei ein förmliches Wander- oder Nomadenleben. Von Mitte Dezember bis Mitte Juni halten sich die Leute in den Winter- oder Thalwohnungen auf, dann ziehen sie in die Maiensässe (Vorwinterungen) nach Partnun, dann auf die Alp in Partnunstaffel, Mitte September geht's wieder hinab in die Vorwinterung, Anfangs Oktober zurück in die Thalwohnungen, Anfangs November nocheinmal ins Maiensäss zur Verfütterung des dortigen Heus, endlich Mitte Dezember definitiv für ein halbes Jahr ins Thal.
Die Heuernte dauert nahezu drei Monate (etwa vom 10. Juli bis Ende September). Zu diesem Zweck kehrt ein Teil der Familie von der Alp ins Thal zurück, während ein anderer Teil oder ein Knecht in der Alp bleibt zur Besorgung der Vieh- und Milchwirtschaft. Ende Juli rückt der Heuet in die Maiensässe (Partnuner Mäder) hinauf und dauert dort bis Ende August. Im September kommt das Emd im Thal an die Reihe. Im Oktober folgt noch die Herbstätzung (das Abweiden der gemähten Wiesen) und dann das Düngen.
Dazwischen werden auch die kleinen Kartoffel- und Gerstenäcker abgeerntet. Einigen Verdienst bringt den Einen oder Andern der Schmuggel, bezw. die Beihülfe dazu, über die St. Antönierpässe (Grubenpass, Plasseckenpass, St. Antönierjoch und all' die vielen Kammeinschnitte dazwischen). Wichtiger ist aber der seit einigen Jahren in erfreulichem Aufblühen begriffene Fremdenverkehr. In und bei St. Antönien Platz (1420 m) sind mehrere einfachere, aber gut eingerichtete und geführte Gasthäuser und Pensionen entstanden, die jeden Sommer von Kurgästen voll besetzt werden, ebenso hoch oben in Partnun Staffel die Pension Sulzfluh (1772 m), besonders als Standquartier für Touristen beliebt.
Die Gäste fühlen sich wohl da oben und kehren gerne wieder. Das schöne, blumenreiche Gafierthal (Edelweiss und Mannstreu) und das hoch gelegene Ascharinathal (beide gegen das Madrishorn ansteigend), der Partnunsee, der Grubenpass, die Tilisunahütte und andere Punkte geben Gelegenheit zu kleinen Ausflügen, Kreuz, Kühnihorn-Schafberg, Drusenthor und die jenseits gelegene Lindauerhütte, Schweizerthor und Lünersee, Sulzfluh, Scheienfluh, Schollberg, Rätschenfluh, Madrishorn und noch viele andere Gipfel und Pässe zu mancherlei leichtern und schwierigern Bergwanderungen. Auch zu geologischen und botanischen Exkursionen ist reiche Gelegenheit vorhanden.
Bibliographie:
Schröter, C. Das St. Antönierthal im Prätigau (im Landwirtschaftlichen Jahrbuch der Schweiz. 9. Band, 1895); Die Sulzfluh; Exkursion der Sektion Rätia des S. A. C. (Abhandlungen über St. Antönien, die Sulzfluh und die Sulzfluhhöhlen). Chur 1865; Imhof, Ed. Der Rätikon, das Plessurgebirge und die westl. Ausläufer der Silvrettagruppe. (S. A. C.; Itinerarium 1890-91). Glarus 1890; Fient, G. Das St. Antönierthal. Chur 1903; Jahrbuch des S. A. C. 1890-1893.