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«Die meisten Menschen, die mir begegnen, kenne ich nur als Oberfläche», sagt Martin Guldimann.
In seiner künstlerischen Arbeit interessiert ihn nicht das einzelne Individuum, sondern der Massenmensch ohne erkennbare
Identität, der Mensch als Software, die ohne Anspruch auf Copyright beliebig übermittelt und manipuliert werden kann.
Das Ausgangsmaterial für seine Fotoserie fand Guldimann auf einer CD-ROM «Premium Image Collection»
mit 100.000 Masterclips. In der Rubrik «Leisure» kann man dort durch digital gespeicherte Urlaubsparadiese browsen
wie durch ein anonymes Fotoalbum. Die ausgesuchten Allerweltsmenschen an typischen Nicht-Orten sehen so aus, als hätten
wir sie schon einmal irgendwo gesehen, nur wo genau? Das im Gespräch vertiefte Paar mit Hund auf einer Felsenklippe sitzend.
Mann und Frau knietief im Meer stehend, mit Angelruten in der Hand. Die zwei Touristen, die vor einer Schneelandschaf mit sich
überkreuzenden Skiern auf dem Sessellift sitzen, sehen aus wie ein amerikanisches Liebespaar auf Honeymoonreise in der Schweiz.
«A. und G. aus Z» lautet der Titel der Arbeit. Während die dystopischen digitalisierten Porträts der amerikanischen
Künstler Aziz und Cucher noch Vornamen wie Maria oder Chris tragen, reduziert Martin Guldimann die Persönlichkeit seiner
Modelle auf Anfangsbuchstaben. Solche Kürzel erscheinen auch in der Boulevard-Werbung unter verschwommenen Fotos von
«Menschen wie du und ich», die mit ihren Zitaten die Wirkung von fragwürdigen Produkten verifizieren sollen.
Der Wahrheitsgehalt der Fotografie, die spätestens seit Baudrillard als ein kulturell codiertes Simulakrum entlarvt worden ist, ist mit dem Einzug der digitalen Technik ganz und gar relativ geworden. Martin Guldimann führt die Möglichkeiten der Täuschung auf offensive Weise vor. Farbdetails der Kleidung wurden verändert. Das grelle Rot der Jacke, das zu den Söckchen der auf einem Felsen sitzenden Frau passt, scheint etwas zu grell. Das Karomuster auf dem Hemd des danebensitzenden Mannes setzt sich fort im vergrösserten Computerraster und auch der Wald besteht nur aus abstrakten Pixeln. Die Haut der Touristen, die eigentlich sonnengebräunt sein müsste, wurde im Photoshopverfahren entfärbt. Gesichter, Arme und Beine sind so weiss wie der Schnee, der Felsen, die Meeresgischt. Geblieben sind körperlose Hüllen, die sich farblich und formal einpassen in die künstlich wirkenden Kulissen.
Die Neugierde am Privaten prallt ab an diesen anonymen Modellkörpern im Doppelpack. Wenn Guldimanns Appropriationen überhaupt etwas erzählen, dann erzählen sie von Baudrillards «klonischer Melancholie der ins Unendliche teilbaren Lebewesen». Und trotzdem fressen sich die anonymen Bilder ein in das eigene Wahrnehmungssystem. Eine Schrecksekunde lang erscheinen die Solariums-vorgebräunten Gesichter der Restaurantbesucher, die auf einer sonnigen Terasse am Thuner See sitzen, unendlich leer und bleich. Und fröstelnd drängt sich die Frage auf, ob es so etwas wie ein Original je gegeben hat.
Beate Engel
Erschienen in:
Berner Kunstmitteilungen der Bernischen Kunstgesellschaft, Nr. 316, Sept./Okt. 1998
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