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Mit Holmger 14/07/2023
Im Anschluss an unsere "Ferieneröffnungstour" über den Frendopfeiler wird das Wetter im Montblanc-Gebiet instabiler, und wir ziehen in Richtung Süden, um in der Gegend rund um Briançon zu klettern. Als sich nach einigen Tagen wieder ein zweitägiges Schönwetterfenster abzeichnet, beschliessen wir, dieses für eine Besteigung der Barre des Écrins über den Südpfeiler zu nutzen. Die Frage ist: Zweitagestour mit Biwak oder lange Tagestour? Beide Strategien sind üblich und haben ihre Vor- und Nachteile. Die Wahl fällt schliesslich auf eine Eintagestour mit leichterem Gepäck. Ausschlaggebend ist unter anderem auch die Tatsache, dass wir nicht in Erfahrung bringen können, ob in Biwakplatznähe Schnee für Trinkwasser vorhanden sein würde, was bedeutete, dass wir (gerade bei den aktuell sehr hohen Temperaturen in einer Südwand) für eine Zweitagestour sehr viel Wasser mitschleppen müssten. Schwer abschätzbar ist, wie lange die Tour werden würde. Da wir aber davon ausgehen können, dass wir im Abstieg über den Normalweg eine gute Spur durch den Gletscher vorfinden würden, erachte ich eine etwaige späte Gipfelankunft und ein nächtlicher Abstieg als relativ unproblematisch.
So gehen wir etwa um 4:00 Uhr in Pré de Madame Carle los (1874 m) und steigen zuerst auf dem breiten Wanderweg, dann auf einem schmaleren und teilweise exponierten aber immer noch gut ausgetretenen Pfad auf der nördlichen Begrenzungsmoräne des Glacier Noir aufwärts. Zwei junge Franzosen mit dem Ziel Südpfeiler der Barre Noir überholen uns in einem Affenzahn, haben aber noch Zeit und Atem, ein paar Worte auszutauschen. Weit oben in "unserem" Südpfeiler können wir Stirnlampenlichter ausmachen, mindest eine Seilschaft scheint gerade von ihrem Biwakplatz zu starten. Schliesslich geht die Moräne in einen steilen Geröllhang über, der Weg verliert sich, und nach ein paar hundert Metern horizontaler Hangquerung steigen wir auf das Firnfeld ab, das zum Einstieg in de Pfeiler hinaufzieht. Bis hier hin ist alles deutlich leichter zu gehen und einfacher zu finden, als ich vermutet hatte.
Der Firn ist hart, lässt sich aber ohne Steigeisen gehen. Allerdings macht die Steilheit des Geländes den Aufstieg ganz schön anstrengend. Spätestens hier bin ich sehr froh um meine Stöcke zur Entlassung der Oberschenkel, schliesslich sind nur schon im Zustieg 1000 Höhenmeter zu überwinden. Kurz nach halb sieben erreichen wir den Bergschrund und legen Gurt und Material an. Dank Spuren von vorangegangenen Seilschaften finden wir rasch einen Weg über (bzw. durch) den Bergschrund und können auch auf das Seil verzichten.
Nun geht es in teilweise mit Graspolstern durchwachsenen aber relativ solidem Fels über diverse Stufen aufwärts. Gehgelände wechselt sich ab mit Kraxelei im II. und selten III. Schwierigkeitsgrad, so dass wir gut seilfrei gehen können – in diesem oft flachen und losen Steinen bedeckten Gelände doch sehr angenehm, auch wenn dafür das Seil im Rucksack schwer auf meine Schultern drückt. In diesem Abschnitt ist die Routenwahl sehr offen – es gilt, auf einfachstem Weg auf den gut erkennbaren Gratrücken einer Art Vorpfeiler zu gelangen. Dies gelingt uns einigermassen zügig, wie ich finde. Um viertel vor acht seilen wir uns für die eigentliche Kletterei an und wechseln auf Kletterschuhe. Hier zweigt die Route über den Südpfeiler von der Route über die Arête Rouge ab.
Erst durch eine kompakte, nach rechts führende Verschneidung (1 Schritt 4a), dann in etwas losem Gelände nach links traversierend erreichen wir die Pfeilerkante. Zwei Meter abkletternd geht es um diese herum und durch eine ziemlich brüchige Rinne hoch. Das Gelände wäre einfach genug, und simultan zu klettern, allerdings müsste man bei diesem Zickzackverlauf das Seil wegen dem Seilzug auf etwa 20 m verkürzen. Dies wollen wir wegen den spärlichen Absicherungsmöglichkeiten vermeiden, so wechseln wir auf Standplatzsicherung, was zudem den Vorteil hat, dass wir so nicht direkt übereinander klettern und einander mit Steinen bewerfen. Möglicherweise gäbe es hier auch eine bessere Routenvariante, wir sind jedoch nicht die ersten, die hier durchklettern, wie Abnutzungsspuren verraten.
Nach ein paar Seillängen und 1,5 Stunden wird das Gelände flacher, wir haben die Tête Rouge hinter uns gelassen. Nun gilt es, in einfachem Gelände nach rechts zu traversieren und anschliessend wieder nach oben zu klettern. Doch wo genau geht es hoch? Diverse nach oben führende Rinnen sehen kletterbar aus – richtig einfach allerdings auch nicht. Ganz allgemein ist der Pfeiler enorm breit und bietet somit sehr viel Platz, sich zu verklettern. Ein detailliertes Topo gibt es nicht, was bei einer Wandhöhe von 1200 m natürlich auch nicht erstaunlich ist. Die Tatsache, dass älteres und neueres Schlingenmaterial, Schlaghaken und Fixcams hier wild verstreut sind, macht die Sache auch nicht leichter.
Schliesslich entscheiden wir uns für eine Rinne relativ weit rechts, anschliessend geht es über eine erstaunlich kompakte, aber gerade ausreichend strukturierte Wand nach oben (ca. 5a). Wirklich schön zu klettern, aber überhaupt nicht absicherbar. Die Tatsache, dass wir nicht wissen, ob wieder eine Sicherungsmöglichkeit kommt oder wir in einer Sackgasse landen, verlangsamt uns stark. Da wir es als wahrscheinlicher erachten, dass die Erstbegeher durch eine Rinne weiter links aufgestiegen sind, traversieren wir recht knifflig nach links und kommen tatsächlich wieder in einfacheres, besser strukturiertes Gelände.
Die Orientierung ist immer noch nicht einfach, jedoch sind die Abnutzungsspuren im Fels etwas weniger weit gestreut und für einige hundert Meter erwischen wir die Routenwahl relativ gut. Der Fels ist nicht top stabil, aber auch nicht ultra brüchig und die Kletterei im 3. bis 4. Schwierigkeitsgrat macht Spass. Allerdings kommt allmählich eine gewisse Müdigkeit im Kopf auf und durch die hohen Temperaturen drücken die Kletterschuhe. Wegen den vielen Richtungsänderungen im Routenverlauf ist es weiterhin schwierig, simultan zu klettern, auch wenn der Schwierigkeitsgrad dies durchaus zugelassen hätte.
Kurz nach 12 erreichen wir die rot-orangene kompakte Pfeilerkante – wohl die Stelle, die im Topo mit "la plus belle" markiert ist. Der Fels erinnert mich stark an den Nesthorn Südgrat und ist toll zu klettern. Hier kann man nach Herzenslust an den Schuppen ziehen, was die Stellen im 5. Grad relativ einfach erscheinen lässt. Leider ist der Spass nur von kurzer Dauer, die Gratkante wird nämlich bald zu steil und zu schwer, so dass wir wieder nach rechts ausweichen müssen.
Hier ist der Fels wieder brüchiger, die Kletterei bleibt aber schwierig. Es sind – zumindest bei unserer Routenwahl – diverse Stellen im oberen 5. Grad zu überwinden. Auch hier ist die beste Routenwahl nicht immer klar, diverse Schlaghaken und Schlingen weisen aber daraufhin, dass wir zumindest nicht völlig falsch liegen.
Schliesslich erreichen wir wieder die Gratkante und machen an einem Biwakplatz eine gute Pause. Die Wasservorräte schwinden in der Hitze ganz schön schnell...
Es folgt ein horizontales, einfaches Gratstück, bevor der Pfeiler wieder in eine breite Wand übergeht. Der weitere Verlauf sieht aus der Distanz völlig unklar aus, ergibt sich dann aber relativ gut. Wieder ist der Fels von der instabilen Sorte, zudem verklemmt sich unser Seil stets irgendwo. Wir umrunden den breiten Pfeiler in einer grossen Rechtsschlaufe und klettern dann – immer noch leicht nach rechts ziehend – aufwärts. Hier befinden sich die schwersten Seillängen, diverse Stellen wären anderswo bestimmt mit 6a gradiert. Das Gelände ist steil und teilweise äusserst lose. Zum Glück klettern wir selten direkt übereinander, und hinter uns kommt auch niemand. Die zunehmende Müdigkeit lässt uns aber langsamer werden. Um etwa 15:00 zeigt mein Höhenmesser knapp 3800 m an. Demnach müssten wir eigentlich bald den leichteren Schlussgrat erreicht haben. Leider unterläuft uns an dieser Stelle ein unnötiger Fehler. An einem Standplatz sehen wir ein von oben her kommenden Fixseil und Schlingen und folgen diesen in äusserst brüchiges, steiles und nicht absicherbares Gelände. Hätten wir nur kurz nach links geschaut, hätten wir die einfache, auf den Grat führende Rampe gesehen. Das Material, dem wir gefolgt sind, stammt also höchstwahrscheinlich von Bergsteigern, die sich hier ebenfalls auf dem Holzweg befunden haben. Es dauert eine Weile, bis wir uns aus dem üblen Gelände zurückgezogen haben. Ein Stein trifft dabei meine Hand, doch wie ein Wunder passiert ausser einer stark blutenden Platzwunde nichts.
Es ist schon nach 18:00 Uhr, als wir endlich den Grat und somit das Ende der Hauptschwierigkeiten erreichen. Hier befindet sich der letzte Biwakplatz, und wären wir noch später dran gewesen, hätten wir diesen wohl trotz fehlender Ausrüstung genutzt. Zumindest hätten wir in der Nähe Schnee gefunden, aber die Nacht wäre frisch geworden, denn der Platz ist exponiert. Wir wechseln wieder auf Bergschuhe und kraxeln einfach und genussvoll über den Grat. Warum muss ich mich eigentlich immer auf schwere Touren begeben, wenn eine solche leichte Gratkletterei wie hier im Grunde mehr Spass macht?! Der Grat zieht sich in die Länge und wird plötzlich wieder schwierig. Glücklicherweise entdecken wir an dieser Stelle im Firn links von uns eine Spur, die in ein Couloir führt, über welches man den Verbindungsgrat zwischen Barre des Écrins und dem Dôme de Neige des Écrins zu erreichen scheint. Auch wenn wir im Vorfeld nichts über diese Aufstiegsvariante gelesen haben, entscheiden wir uns, der Spur zu folgen.
Bis auf eine kurze Blankeisstelle ist der Aufstieg einfach, erfordert aber volle Konzentration, denn ausrutschen darf man hier nicht. Trotz fehlender Sicherungsmöglichkeiten bleiben wir am Seil, da wir es spätestens beim Abstieg über den Gletscher wieder brauchen würden. Das Couloir zieht sich. Kurz nach 20 Uhr erreichen wir endlich den Grat und es tut sich eine fantastische Weitsicht auf, die wir allerdings nicht mehr wirklich geniessen mögen. Auch einen grossen Teil des Abstiegs über den Gletscher kann man überblicken – wie erwartet zieht eine gut ausgetretene Spur hinunter. Ich versuche mir, deren weit ausholenden Verlauf einzuprägen, da unterdessen klar ist, dass wir hier im Dunkeln absteigen werden.
Der Gipfel scheint noch weit weg, aber ihn auszulassen kommt nicht in Frage. Wir deponieren Steigeisen und Pickel und klettern über den leichten Blockgrat zum Gipfel, den wir um halb neun erreichen. Nach einem müden Gipfelselfie (das nicht an die Öffentlichkeit gehört ;-)) steigen wir wieder zurück und dem Grat entlang hinauf zum Pic Lory (4087 m, kein eigenständiger 4000-er) und klettern zur Abseilstelle oberhalb der Brèche Lory ab.
Die Kraxelei ist zum Glück leichter als befürchtet und der Fels so abgenutzt, dass die Route offensichtlich ist. Bei Dämmerung erreichen wir die Abseilstelle, und während Holmger abseilt, tausche ich schon mal Sonnenbrille gegen Stirnlampe.
Unser 40 m Seil reicht locker bis hinunter auf den Gletscher. Trotz Müdigkeit und später Stunde nehmen wir den kleinen Umweg auf den als eigenständiger 4000-er geltenden Dôme de Neige des Écrins (4015 m) unter die Füsse. Was für eine Stimmung und ein Weitblick auf diesem Gipfel! Leider befindet sich mein Handy im in der Brèche Lory deponierten Rucksack, so dass es hiervon kein Foto gibt.
Es ist unterdessen sehr frisch geworden. Zügig geht es zurück in die Brèche Lory. Hier befindet sich praktischerweise eine Abseilstelle, an der wir uns über den weit geöffneten Bergschrund abseilen können. Das Erreichen der Abseilstelle erfordert allerdings nochmals unangenehmes abwärtstraversieren in Blankeis. Die Erleichterung ist gross, als wir sehen, dass unser Seillocker über den Schrund reicht. Es folgt ein dank der ausgetreten Spur einfacher aber ewiger Abstieg über den Gletscher. Wegen der Dunkelheit können wir die riesigen Spalten nur erahnen, die grossräumig umgangen werden müssen. Dank der Abkühlung und Abstrahlung ist der Schnee schon wieder sehr hart und die Brücken wirken stabil – so gesehen ist das Timing für den Abstieg perfekt. Dehydrierung und Müdigkeit machen unsere Schritte kurz und langsam, ich habe leichte Kopfschmerzen und jegliches Zeitgefühl verschwindet.
Der flache Abschnitt des Gletscher zieht sich. Wir kennen die Gegend nicht und haben keine Ahnung, wo sich der Übergang auf den Fels befindet. Zuletzt wird der Gletscher blank und die Spur verschwindet. Immerhin läuft hier endlich Wasser über das Eis, nachdem wir es lange Zeit nur verlockend gluckern gehört haben. Obwohl das Wasser eiskalt ist und kaum runter geht, tut trinken gut. Gerne hätten wir etwas pausiert, aber dazu ist es zu frisch.
Schliesslich finden wir den Übergang auf die Felsen. Steinmännchen und Wegspuren folgend steigen wir ab, verlieren uns aber immer wieder im Dunkeln und müssen wieder etliche Höhenmeter zurücksteigen. Endlich erreichen wir einen guten Weg, auf dem uns bald die ersten aufsteigenden Bergsteiger kreuzen. Etwa um 3:00 Uhr kommen wir zum Refuge du Glacier Blanc, wo sich weitere Alpinisten zur Tour bereit machen. Wir setzen uns hin und überlegen, hier zu übernachten. Mein Wunsch, endlich unten zu sein, ist aber zu gross, so steigen wir weiter ab. Weit kann es ja nicht mehr sein, denn schliesslich ist der Aufstieg zur Hütte mit nur 2h angegeben, somit sollten wir in höchstens 1,5 h unten sein. Zudem wird die Orientierung auf einem Hüttenweg ja kein Problem darstellen.
Doch weit gefehlt... Tatsächlich verlaufen wir uns mehrmals. Führt der richtige Weg wirklich so weit nach Westen, und warum geht es immer wieder aufwärts?! Wegweiser ins Tal gibt es keine und eine Karte vom Gebiet haben wir auch nicht. Im Nachhinein hätten wir uns für das letzte Wegstück besser vorbereiten sollen, aber wer rechnet schon damit, für einen Hüttenabstieg eine Karte zu brauchen? Wir fragen uns auch, wieviele Leute den Aufstieg zur Hütte wirklich in zwei Stunden schaffen. Irgendwann sind wir so unsicher, auf dem richtigen Weg zu sein, dass wir uns kurz auf einen Stein legen. Schliesslich steigen wir aber weiter auf dem Weg ab und treffen wenig später auf Bergsteiger, die uns bestätigen, richtig zu sein – immerhin. Der Weg zieht sich, aber kurz nach Anbruch der Dämmerung sind wir endlich im Tal und legen uns kurz darauf ins Auto, um ein paar Stunden zu schlafen. Was für ein Abenteuer!
|Gipfel:||Barre des Écrins|
|Route:||Südpfeiler/Pilier Sud|
|Ausgangspunkt:||Pré de Madame Carle|
|Höhe:||4102 m|

Schwierigkeit:
|SS+, 5c|

Führerliteratur:
|Ein detailiertes Topo haben wir keines gefunden. Einen groben Überblick über die Tour findet man hier. Weitere Informationen im Führer «Oisans nouveau / oisans sauvage – livre est"|