Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03448.jsonl.gz/2333

Kommunikativ vermüllt
Unlängst, liebes Publikum, war ich zu Gast an der jährlichen Sharing-Knowledge-Tagung am Gottlieb Duttweiler Institut in Rüschlikon. Dort hörte ich einen fürchterlichen Vortrag von einem Zürcher Feierabendliteraten namens Catalin Florescu, ein wirres, esoterisches Psycho-Konvolut über die mutmasslichen Schrecken einer Schimäre namens «entfesselter Konsumkapitalismus». Sowas kommt in der Regel von Leuten, die von Konsum keine Ahnung haben. Dieser platitüdenhafte, provinzielle Unsinn war immerhin interessant als Zeichen für all das, was mit dem sogenannten Kulturbetrieb nicht stimmt. Dies übrigens nur am Rande. Ich habe in diesem Magazin wahrscheinlich schon etliche Mal meine Heldin Fran Lebowitz zitiert, die einst auf die Frage «Brauchen wir mehr schwarze Autoren?» erwiderte: «Nein. Wir brauchen weniger Autoren. Von jeder Sorte.» Wie wahr. Und ganz besonders brauchen wir weniger Autoren von der Sorte des Herrn Florescu, thank you very much.
Wesentlich besser gefiel mir an der ansonsten tadellosen Veranstaltung der Vortrag des inzwischen ja weitherum bekannten Ökonomen Tomáš Sedláček. Der begann mit der Feststellung, dass bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts Kinder mit Spielsachen aufwuchsen, die auch schon von babylonischen Kindern 4,000 Jahre vorher benutzt worden sind: im Wesentlichen einfach Miniatur-Repräsentationen der Welt um sie herum, kleine Tiere aus Stoff oder Holz, zum Beispiel. Und heute? Heute, sagte Herr Sedláček, spielten Kleinkinder mit elektronischen Gadgets, die vor fünf Jahren noch nicht mal Erwachsene bedienen konnten. Was mich wiederum daran erinnerte, dass Richie, der beste Ehemann von allen, neulich anlässlich des Super Bowl XLVII erklärte, ich wäre ein bisschen wie Amy Poehler in diesem Best-Buy-Werbespot, wo sie den Elektronikfachverkäufer fragt: «What’s LTE – is it contagious?»
iPhone Blindness
Ja, ich bin vielleicht nicht so super mit Gadgets. Jedenfalls konnte ich sofort nachempfinden, was mit «iPhone Blindness» gemeint war, zufällig ungefähr zur gleichen Zeit «Ausdruck des Tages» im «Urban Dictionary»: An acute condition which renders the sufferer incapable of remembering why he or she unlocked their iPhone, even when this was done as little as one or two seconds previously. – Man hält also sein iPhone in der Hand und fragt sich, ärk, was wollte ich schon wieder? Denn man war kurz abgelenkt durch all die kleinen roten Kreise mit weissen Nummern drin, denen man unbedingt sofort nachgehen musste … und dann fragt man sich: Was wollte ich eigentlich ursprünglich schon wieder? Wozu hatte ich das Telefon aktiviert? Eben: iPhone Blindness.
Ja, ich bin vielleicht nicht so super mit Gadgets, aber ich muss immer die neuesten und besten haben, was damit zusammenhängt, dass ich als Kind nur ein Damenfahrrad hatte, aber es gab ja schon sorgenvolle Hinweise aus dem Publikum, dass ich dies Trauma vielleicht zu oft erwähne, deswegen komme ich nun endlich auf meinen eigentlichen Punkt: im «Vanity Fair» las ich über die sogenannte Quantified-Self-Bewegung, und dann dachte ich: All dieser Umgang mit all diesen elektronischen Gimmicks und vernetzten Apparaten und bits and pieces – das hat was Messiehaftes. Was Messiehaftes haftet dem an. Und das alles bringt mich auf die Frage: Sind wir Kommunikations-Messies?
Der Kommunikationsmessie
Denn irgendwie hat doch der zeitgenössische Umgang mit Kommunikation und Kontakten viel von der klassischen Messie-Symptomatik. Wahrscheinlich haben Sie doch auch schon auf Ihrem Smartphone mit seinen unglaublichen Speichermöglichkeiten Namen im Verzeichnis der Kontakte gefunden, bei denen Sie gar nicht mehr wussten, wer sich überhaupt dahinter verbarg. Oder? Und dieser äussere Zustand ist, wie beim klassischen Messie, der alles hortet und sammelt, bloss die Widerspiegelung innerer Zustände: Der Kontakte-Müll verweist auf die Schwierigkeit, das eigene Leben sinnvoll zu ordnen. Uns kommt die Fähigkeit abhanden, Kontakte nach dem Kriterium «aktuell» und «obsolet» zu unterscheiden und danach zu handeln. Zu löschen. Alles wird zu einem potentiellen Anfang, Kontakte können ja schliesslich irgendwann nochmal wertvoll werden und sind heutzutage auch irgendwie ein Statussymbol. Und so werden wild wuchernde Daten zu Denkmälern für hypothetische Aktivitäten und eventuelle Vorhaben – und wir alle allmählich zu Kommunikationsmessies.
Die digitale Vermüllung kompensiert – oder, genauer: überdeckt – wenigstens teilweise das innere Chaos durch den bekannten Messie-Mechanismus: der Entäusserung der eigenen Person ins Gegenständliche – bzw. hier: ins Virtuelle, Post-Gegenständliche. Mit der Konsequenz, dass der derart vermüllte Mensch sich zwanghaft an allem festkrallt, was er irgendwo eintippen und also vermeintlich mit Bedeutung aufladen kann: das labile spätmoderne Ich, ständig von Verlust bedroht, wird süchtig nach Kontakten, Nummern, elektronischen Visitenkarten. Der Kommunikationsmessie lebt, wie sein materielles Gegenstück, in einem eingebildeten Paradies potentieller Nutzwerte, das nie realisiert wird. Anderseits spiegeln sich hier natürlich auch die Kommunikationsverwirrungen und Massstäbe einer Aussenwelt, die es angesichts von Massen an Informationsschrott, denen unbegrenzte Speicher gegenüberstehen, nicht mehr so ganz hinkriegt, zwischen Wertvollem und Wertlosem zu unterscheiden. Und jetzt entschuldigen Sie mich. Ich muss ein paar tausend Fotos löschen.
Im Bild oben: Berge von Kassetten. Ausschnitt aus dem Dokumentarfilm «Messies, ein schönes Chaos».