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Nach Strich und Faden ausgenutzt
Der Schweizer Zivilschutz lässt Uniformen in Indien produzieren - unter unmenschlichen Bedingungen
VON MARTIN STOLL
Ajit L. ist 33 Jahre alt und ein schüchterner Mann. Wenn er in der kleinen Schneiderei im Bhim-Nagar-Slum in Mumbai von sich und seiner Familie erzählt, verschluckt der Strassenlärm seine leisen Worte.
Vor einem Jahr brach er auf, verliess seine Frau und die vier Kinder, um Geld zu verdienen. Der jüngste Sohn war gerade ein halbes Jahr alt, als er sich von dem verarmten Distrikt Kushinagar im Norden Indiens hierhin aufmachte. Mit dem kleinen Schneideratelier, das er besass, konnte er seine Familie nicht mehr ernähren.
Jetzt lebt Ajit in einem drei mal fünf Meter grossen Raum in einem Slum in Mumbai. Hier schläft er am Boden, die Notdurft verrichtet er draussen im Strassengraben. Den engen Raum teilt er mit zwei, manchmal auch drei anderen Männern - und mit ihnen das Heimweh. In den letzten zwölf Monaten, in denen er in Mumbai geschuftet hat, sah er seine Familie viermal. Jedes Mal reiste er dafür 92 Stunden mit dem Zug: «Es ist schwierig, so zu leben, aber wir brauchen das Geld.»
Ajits Dasein ist Arbeit. Sechs Tage in der Woche, von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends sitzt der Wanderarbeiter aus Uttar Pradesh im dreistöckigen Shree Ram Fashion Workshop an der lärmigen Shivaji Nagar Road. Für einen Lohn, der in schlechten Monaten unter dem gesetzlichen Minimum liegt. Ohne Versicherung, ohne Vorsorge, ohne Arbeitsvertrag. Alle arbeiten im Akkord. Fällt Ajit wegen Krankheit aus, gibt es keinen Lohn. Im fensterlosen Raum ist die schwüle Luft zur Mittagszeit zum Schneiden dick.
In diesem Sweatshop im Norden Mumbais wurden laut Recherchen der SonntagsZeitung dieses Jahr für den Schweizer Zivilschutz und die Zürcher Sicherheitsdirektion Kleider produziert. Eine Testserie von rund 1000 Stück für die neue Zivilschutz-Uniform ging hier über die Nähtische. Auch im Zürcher Zeughaus zum Verkauf angebotene Instruktorenjacken wurden hier unter illegalen Arbeitsbedingungen hergestellt.
Die Textilien werden von der indischen Firma Qualiance International Pvt Ltd. in die Schweiz geliefert. Qualiance ist ein wichtiger Textillieferant der Schweizer Verwaltung. Zwischen Dezember 2011 und Juni 2012 bestellten die Armee und der Zivilschutz bei ihr für mindestens 3,56 Millionen Franken Textilien. Auch Post und SBB gehören zu ihren Kunden.
Ihren Sitz hat die Firma im vierten Stock eines Geschäftshauses in Malad West. In diesem Teil der 12,5-Millionen-Stadt Mumbai haben internationale Firmen ihre Quartiere aufgeschlagen. Hier ist das moderne, vermögende Indien zu Hause. Wir treffen Vipul Badani, den 47-jährigen CEO von Qualiance, im südindischen Tirupur. Hier lebt fast jeder von der Textilindustrie. In Hinterhöfen sortieren Frauen und Kinder Stoffreste. Ein alter Mann schichtet Verpackungskartons auf einen Ochsenkarren. Wegen Kinder- und Zwangsarbeit und einer ruinösen Umweltverschmutzung kommt die wichtigste Textilstadt Indiens immer wieder in die Schlagzeilen.
In einer schattigen Nebenstrasse betreibt Qualiance in Tirupur eine kleine Textilfabrik mit 61 Arbeitern. Am Tag, an dem der Journalist aus Europa kommt, tragen die Arbeiter weisse Gesichtsmasken. Momentan werden 25 000 Boxershorts für die Schweizer Armee produziert. Stolz legt CEO Badani dem Journalisten das schwarz gerahmte SA-8000-Zertifikat auf den Tisch. Das Papier bekommt nur, wer gerechte Arbeitsbedingungen vorweisen kann.
Diese scheinen hier mehr als erfüllt zu sein. In der Fabrik arbeiteten die Angestellten acht Stunden am Tag, sagt der Fabrikmanager. Morgens und Mittags gibt es Pausen. Die Arbeitnehmer dürfen sich organisieren, so, wie es das Kernübereinkommen Nr. 98 der Internationalen Arbeitsorganisation vorsieht. «Wenn in der Stadt gestreikt wird, stehen auch bei uns die Maschinen still», sagt Badani. «Wir akzeptieren das.»
Er studiere den Markt in Europa genau. «Wir wissen, was unsere Abnehmer wollen», sagt der Textilingenieur. Fair Trade, anständige Löhne, regelkonforme Arbeitsbedingungen - ohne all das komme man im Behördenmarkt nicht an Aufträge.
Und wie siehts aus mit Subkontraktoren? Beauftragt er Betriebe, in denen diese Bedingungen nicht gelten? «Wir haben nur einen Standort, an dem wir Kleider produzieren», sagt Badani kategorisch - und bestätigt uns das auch schriftlich.
Ramchandra Maruti, der etwas untersetzte, pausbäckige Chef von Textilarbeiter Ajit, ist der Besitzer des Sweatshop im Slum von Mumbai. In der offiziellen Darstellung der Firma Qualiance existiert die Näherei nicht. Doch Maruti näht laut eigenen Angaben seit 2010 für die Firma. Der Kontakt zu Qualiance läuft diskret. Sunil S., ein Qualiance-Angstellter, bringe die Stoffe und Schnittmuster und hole die fertige Ware ab. Verträge gibts keine, nur Lieferscheine.
Dass er für die Schweiz produzieren kann, macht den Schneiderei-Besitzer stolz. Er legt eine Hose des Schweizer Zivilschutzes auf den Bürotisch und kramt in den Papieren mit dem Qualiance-Signet. 778 solcher Hosen mit eingenähtem Schweizer Kreuz habe er Ende Februar produziert - ein Auftrag für 20 000 Hosen und 20 000 Jacken für den Schweizer Zivilschutz sei ihm von Qualiance zugesagt worden. Weil der Grossauftrag ins Haus steht, will er neue Räume mieten und zusätzliche Mitarbeiter anstellen.
Qualiance hat für die Produktion der Zivilschutzkleider den Zuschlag bekommen. Bestellt hat das Zivilschutz-Materialforum, ein Zusammenschluss aller Zivilschutz-Organisationen der Schweiz. Das Qualiance-Angebot war mit 879 600 Franken das weitaus günstigste.
Doch für den günstigen Auftrag müssen die Arbeiter in Indien unter Bedingungen arbeiten, die nicht einmal den laschen indischen Arbeitsgesetzen entsprechen. Textilarbeiter Kasi P. arbeitet seit einem Jahr im Sweatshop von Maruti. «Wenn jemand in der Familie krank wird, können wir uns den Arzt nicht leisten», sagt der 45-Jährige.
Im Frühling nähte Kasi auch eine Schweizer Instruktorenjacke. Ende Mai wurden die letzten der 1650 bestellten Vestons an Qualiance abgeliefert. Verkauft wird die Kopie der «Fleece-Jacke Mil Pers», einem Ausrüstungsstück der Schweizer Armee, vom Zürcher Zeughaus zu einem Preis von 140 Franken. Fürs Nähen eines Stücks wurde Kasi mit 100 indischen Rupien entschädigt. Das sind 1.70 Franken. Zwei Jacken schaffte er pro Tag. Sein Tageslohn: 3.40 Franken.
Würde der Verkaufspreis der Jacke um drei Franken erhöht, würde der Näher das Doppelte verdienen, hätte eine Pension und wäre krankenversichert.
Doch davon kann Kasi nur träumen. «In schlechten Monaten verdiene ich 14 Rupien in der Stunde», sagt er. Das entspricht 23 Rappen. Der gesetzlich vorgeschriebene Mindestlohn für Textilarbeiter im Bundesstaat Maharashtra liegt bei 27 Rupien (45 Rappen). Laut der Asia Floor Wage Alliance (AFW), einem Zusammenschluss von Textilarbeitern, läge der minimale Existenzlohn für eine vierköpfige indische Familie bei 50 Rupien (85 Rappen) pro Stunde.
Zudem wird im Workshop, in dem für die Schweiz produziert wird, zu lange gearbeitet. Regelmässige Arbeitszeiten von 11 Stunden pro Tag verstossen gegen das indische Arbeitsgesetz.
Nicht nur im Bhim-Nagar-Slum, auch in einem Qualiance-Workshop im Stadtteil Kandivali-West ist die Schweiz allgegenwärtig. Derzeit stellen Schneider hier für die SBB Muster her: 20 000 T-Shirts, 7000 Polo-Shirts, Wintermützen für Rangierarbeiter und Jacken für Kondukteure brauchen die SBB. Bereits 2010 liessen die Schweizer Bundesbahnen von Qualiance 2000 T-Shirts fertigen.
Armasuisse, die Beschaffungsorganisation der Schweizer Armee und ein wichtiger Geschäftspartner von Qualiance, ist «irritiert» über die Slum-Produktion ihres langjährigen Lieferanten. «Wir werden Qualiance auffordern, all ihre Subkontraktoren offenzulegen», kündet Vizedirektor Thomas Knecht in der Armasuisse-Zentrale an der Wankdorfstrasse in Bern an. Für ihn ist es «ein ethisches Problem», wenn ein Geschäftspartner unter unhaltbaren Bedingungen produzieren lässt. «Auch wenn unsere Ware nach heutigem Stand davon nicht betroffen ist.»
Knecht will darauf hinwirken, dass ihr Lieferant die verheimlichten Geschäftsbeziehungen in die Slums aufrechterhält. Qualiance müsse seine soziale Verantwortung jetzt wahrnehmen und die Arbeitsbedingungen der Slum-Arbeiter auf das von der Firma offiziell kommunizierte Niveau anheben.
«In diesem Fall ist dies das richtige Vorgehen», sagt Christa Luginbühl von der Erklärung von Bern (EvB). Die Schneiderei im Slum von Mumbai dürfe jetzt nicht sich selbst überlassen werden. Der Kanton Zürich, der im Auftrag des Zivilschutz-Materialforums hier Uniformen produzieren liess, müsse vor Ort überprüfen, dass die Verbesserungen umgesetzt werden. Zum Indien-Deal in seiner Direktion wollte sich der sozialdemokratische Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr nicht äussern.
Doch Qualiance-Chef Badani hat bereits entschieden: Nachdem seine Zusammenarbeit mit der Manufaktur im Slum von Mumbai bekannt wurde, hat er die Geschäftsbeziehung mit Sweatshop-Besitzer Maruti gekappt. Den bereits zugesagten Auftrag für 40 000 Zivilschutzkleider hat er ihm entzogen. Dieser werde «absolut definitiv» in der Fabrik in Tirupur abgewickelt, schreibt Badani - und bestreitet, von der Schweizer Verwaltung «im Ausschreibungsverfahren erhaltene Aufträge» in den Slums abgewickelt zu haben. Laut Rahmenvertrag mit dem Zivilschutz hätte er auch die Vorserie in Tirupur produzieren müssen.
Traurig, aber wohl war: Weil die Arbeiter im Bhim-Nagar-Slum für viel zu wenig Geld gearbeitet haben, werden sie jetzt auch noch bestraft - mit Arbeitslosigkeit.
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Publiziert am 09.09.2012