Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03462.jsonl.gz/3035

Vorgeschichte
Seit einigen Tagen scheint Sophy etwas weniger zu fressen; kürzlich haben die Besitzer nun auch eine Schwellung am Kinn der Katze entdeckt.
Seit einigen Tagen scheint Sophy etwas weniger zu fressen; kürzlich haben die Besitzer nun auch eine Schwellung am Kinn der Katze entdeckt.
Am Kinn der Katze findet sich eine knapp kirschgrosse Schwellung, welche sich weichelastsich anfühlt und leicht schmerzhaft scheint. Die Haut ist unversehrt, ebenso scheinen die Zähne in dieser Region (Schneidezähne und beide Eckzähne) unversehrt. Eine Punktion der Schwellung zeigt, dass es sich wie erwartet um einen Abszess handelt und Eiter vorhanden ist. Die Katze wird narkotisiert und der Abszess mit dem Skalpell eröffnet. Seltsamerweise sitzt der Eiter sehr tief, und eine Kanüle kann bis in die Region des Zahnfleisches des linken Unterkieferastes vorgeschoben werden.
Diese Befunden lassen vermuten, dass die Eiterbildung wohl nicht wie zuerst vermutet in einer inzwischen schon verheilten Hautwunde, sondern doch in einer Zahnwurzelvereiterung ihren Grund hat.
Eine Röntgenaufnahme bestätigt dann, dass eine Vereiterung der Wurzel des linken Unterkiefer-Eckzahns der Grund für den Abszess darstellt: Die Wurzel befindet sich aufgrund des Infektes in Auflösung, auch der umliegende Knochen hat sich teilweise aufgelöst. Es haben sich aufgrund des Infektes auch Knochenzubildungen am Unterkiefer gebildet.
Der linke Unterkiefer-Eckzahn ist offensichtlich der Grund für die Abszessbildung und muss entfernt werden. Im Verlauf der Extraktion wird aber ersichtlich, dass der Zahn schon so beschädigt ist, dass die Krone sofort abbricht und sich die Wurzel nicht gänzlich entfernen lässt. Die Wurzel wird deshalb mittels eines hochtourigen Bohrers ausgebohrt. Ausserdem hat der eitrige Infekt die Knochenverbindung zwischen den beiden Unterkieferästen aufgelöst, weshalb der Unterkiefer unter den Extraktionsbemühungen instabil wird. Da die Katze mit instabilem Unterkiefer kaum in der Lage sein wird, feste Nahrung zu sich zu nehemen, werden mittels einer Drahtschlinge die Kieferhälften aneinander fixiert. Die Schlinge wird etwas weiter hinten als üblich angebracht, damit sie nicht im infizierten Gewebe zu liegen kommt. Die Haut über dem Quirl wird chirurgisch verschlossen; die Katze erhält eine Injektion mit einem Depot-Antibiotikum da eine orale Gabe von Kapseln durch die Besitzer nicht möglich ist.
Die Katze erholt sich erstaunlich schnell von ihrem Eingriff. Schon am Tag nach der Operation frisst sie wieder, und eine Woche später zeigt ein Kontrolluntersuch, dass die Abszesswunde schon praktisch verheilt und der Unterkiefer stabil ist. Die Wunde, welche durch die Entfernung des Zahnes entstanden ist, ist ebenfalls verheilt. Der Drahtquirl sticht allerdings durch die chirurgische Hautwunde ins Freie; dies stellt allerdings kein Problem dar, weshalb auf ein neuerliches Unterbringen des Quirls in der Unterhaut verzichtet wird. Ein Depot-Antibiotikum wird erneut injiziert, um die vollständige Abheilung der Infektion zu gewährleisten.
5 Wochen später wird unter einer kurzen Narkose die Drahtschlinge entfernt - der Unterkiefer ist wieder stabil und die Extraktionswunde des Eckzahnes schön verheilt.
Dadurch, dass die Drahtschlinge (bedingt durch den Infekt im vorderen Kieferbereich) weiter hinten als normal angebracht werden musste, ist das Zungenbändchen durch das stete Scheuern am Draht etwas geschwollen und entzündet. Nach Entfernung des Drahtes ist jedoch zu erwarten, dass diese Veränderung aber schnell wieder verschwinden wird.
Der Unterkiefer wird durch zwei Unterkiefer-Hälften gebildet, welche im Kinn miteinander verwachsen sind. Diese "Knochennaht" bildet einen natürlichen Schwachpunkt im Unterkiefer, weshalb bei Schlägen (z.B. Fensterstürzen) oder Entzündungen eine Lockerung dieser Naht (oder Symphyse) entstehen kann. Manchmal ist der Zusammenhalt durch das Zahnfleisch und das Bindegewebe noch genügend, das Tier kann trotz dieser eigentlichen Fraktur fressen und der Knochen heilt innert einigen Wochen wieder zusammen.
Bei Sophy war die Kiefersymphyse durch den Zahnwurzelinfekt so angegriffen, dass sich die Kieferhälften während des Extraktionsversuches des Zahnes voneinander lösten und eine instabile Situation entstand. Durch die Drahtcerclage werden die beiden Kieferhälften gegeneinandergepresst, was einerseits Stabilität beim Kauen vermittelt und ein Verheilen der Fraktur begünstigt. Da der vordere Bereich des Kieferst infiziert war, musste die Drahtschlinge weiter hinten als üblich angebracht werden, weshalb eine gewisse Beschädigung des Zungenbändchens durch den Draht erfolgte. Nach Entfernung des Drahtes wird die Schädigung aber innert kurzer Zeit verheilen.
Der sehr tiefliegende Wurzelrest des linken Eckzahnes konnte auch mit dem Bohrer nicht komplett entfernt werden. Der Heilungsverlauf zeigt, dass das verbliebene Zahnmaterial offenbar durch die lange Antibiotikumgabe bakterienfrei geworden ist, und es ist zu hoffen, dass der Körper es mit der Zeit abbaut. Sollte dies nicht der Fall sein, müsste der Wurzelrest nach Auffräsen des Kieferknochens von der Seite her entfernt werden - diesmal aber unter deutlich günstigeren (weil stabileren) Umständen.