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13. Auswanderung.
Die Tessiner und im besondern die Bewohner der Bezirke Lugano, Locarno und Mendrisio sind schon seit Jahrhunderten mit grosser Vorliebe ausgewandert. Schon im 15., 16. und 17. Jahrhundert finden wir in allen Ländern Europas Tessiner Künstler, die sich als Maler, Bildhauer, Baumeister und Stukkateure rühmlichst ausgezeichnet haben. Als später die natürlichen Hilfsmittel des jeden industriellen Erwerbs entbehrenden Landes bei der stets zunehmenden Einwohnerzahl nicht mehr genügten, begannen die Männer ganz allgemein ihren Unterhalt ausserhalb der engern Heimat zu suchen.
Der Entwicklung von industrieller Tätigkeit im Tessin stellten sich der Alpenwall im N. und die hohen Zollschranken im S. hindernd in den Weg. So finden wir heute Tessiner Auswanderer in aller Welt: in Norditalien aus dem Sotto Ceneri stammende Arbeiter und Fabrikanten des Ziegelei- und Backsteingewerbes, in der Toscana eine Anzahl Maler aus der Gemeinde Ronco sopra Ascona, in Florenz und Rom Messerschmiede und Scherenschleifer aus Losone bei Locarno, in Livorno Lastträger und Kolonialwarenhändler aus der Landschaft Pedemonte am Eingang ins Val Onsernone;
im Piemont die Leute aus dem Onsernonethal, die sich mit Strohindustrie beschäftigen, welche bis in die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts noch in ihrem heimischen Thal blühte, dann aber infolge der ausländischen Konkurrenz und der hohen Ausfuhrzölle nach Italien stark in Rückgang gekommen ist;
in den grössern Städten Italiens, Frankreichs (besonders Paris) und Englands (London) Kellner und Besitzer von Gastwirtschaften und Hotels aus Brissago, dem Bleniothal und der Leventina;
in Frankreich zahlreiche Glaser aus der Riviera;
in allen Kantonen der deutschen Schweiz Hausierer (Blechwaren, Brillen etc.) aus Gambarogno am linken Ufer des Langensees;
in allen Städten der Schweiz, Frankreichs und sogar Englands die Kastanienbrater aus dem Maggia- und dem Bleniothal. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lockten die Goldminen Australiens und Amerikas viele Tessiner aus allen Thalschaften, namentlich aber aus dem Maggia- und dem Verzascathal an.
Diese überseeische Auswanderung ist heute noch von Bedeutung und geht in erster Linie nach Kalifornien, wo sich die Tessiner meist der Viehzucht und Milchwirtschaft widmen. Die Auswanderer aus dem Sotto Ceneri wenden sich dagegen mit Vorliebe nach Südamerika, wo sie sich im Baugewerbe und im Handel lebhaft betätigen. Einige der bedeutendsten Handelshäuser von Buenos Aires, Rosario und Montevideo sind in den Händen von Tessiner Geschäftsherren. Mehrere Luganesen sind in Nordafrika zu grossem Reichtum gelangt.
Bürger der Gemeinden Ascona und Gambarogno leben in Paris und andern Städten Frankreichs als Ofensetzer und Kaminkehrer, in welcher Eigenschaft man während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Leute aus Cavergno und Bignasco (Maggiathal), sowie aus Brione sopra Minusio auch in Holland, Oesterreich und Ungarn antraf. Mehrere Tessiner Familien haben sich in diesen Ländern dauernd niedergelassen. Die Ausdehnung, die seit etwa 20 Jahren die periodische Auswanderung von Maurern, Gipsern, Steinhauern, Flachmalern, Zimmerleuten etc. in die übrigen Kantone der Schweiz genommen, erscheint für die volkswirtschaftliche, landwirtschaftliche und moralische Zukunft des Tessin beunruhigend.
Die ihre Familie im Frühjahr verlassenden Männer überlassen die Sorge um Haus, Vieh und Ackerland den Frauen, die infolge dieser Ueberlastung ihrer Arbeit nicht mit der nötigen Sorgfalt und Ausdauer nachzukommen vermögen. Daraus erklärt sich u. a. der Rückstand des Bauerngewerbes, der trotz aller von anderer Seite gemachten Anstrengungen und gebrachten Opfer zur Hebung von Viehzucht und Ackerbau sich nicht heben lassen will. Daher auch der Rückgang im Wert von Grund und Boden, wie er in gewissen Thalschaften des Kantons zu beobachten ist.
Die im Frühjahr weggezogenen Auswanderer kehren zwar im November wieder heim, betrachten dann aber vielfach den Winter als eine angenehme Ferienzeit, während welcher sie jeder ernsthaften Arbeit aus dem Wege gehen und im Wirtshaus oft die ganzen Ersparnisse des Sommers mit Spiel und Trunk verprassen. Man muss dringend wünschen, dass die Gotthardbahn und die allmählig sich entwickelnden Industrien dieser kräftigen Jungmannschaft lohnende Arbeit im heimatlichen Kanton selbst zu verschaffen imstande sein werden. Im Verschwinden begriffen ist eine ganz eigene Art von winterlicher Auswanderung: zahlreiche Kinder im Alter von 7-14 Jahren aus dem Verzascathal und Centovalli pflegten einst im November ihre Dörfer und Weiler zu verlassen, um im Piemont und in der Lombardei als Kaminkehrer ein recht mageres Brot zu verdienen. Dieser offene Schaden ist nun aber dank einer strengen Aufsicht von Seiten der Schulbehörden nahezu vollständig verschwunden.
Der Ausgewanderte zeigt sich stets seinem Heimatkanton sehr anhänglich und pflegt mit seinen Ersparnissen so rasch als möglich wieder in sein heimatliches Dorf zurückzukehren. Auch fern der Heimat nimmt er am öffentlichen und politischen Leben, sowie am wirtschaftlichen Wohl des Tessin lebhaftesten Anteil. So sehen wir in Paris, Mailand, London, New York, Washington, Buenos Aires und anderswo Vereine bestehen, deren Zweck es ist, bei ihren Mitgliedern die Anhänglichkeit an das Vaterland wach zu erhalten und in Not geratenen Mitbürgern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Man schätzt die Zahl der periodisch auswandernden Tessiner auf jährlich 13000 und diejenige der überseeischen Auswanderer auf über 500 Köpfe. Ihre Uebersiedelung vermitteln 10 Auswanderungsagenturen, von den 6 ihren Sitz in Chiasso, 2 in Locarno und je eine in Giubiasco und Bodio haben. Die Zahl der überseeisch auswandernden Männer ist doppelt so gross als diejenige der Frauen.
14. Tracht.
Die malerischen Volkstrachten der verschiedenen Thalschaften sind leider auf den Aussterbeetat gesetzt. Doch sieht man im Maggia- und besonders im Verzascathal noch oft Frauen mit kurzem, enggefälteltem dunkelfarbigen Wollen- oder Baumwollenrock, farbiger hoher und über der Brust gebundener Schürze, sowie einem vorn offenen Mieder, das das weisse Hemd aus grober Leinwand frei lässt. Um den Kopf wird fast immer ein buntfarbiges Wollentuch geschlungen. Ferner tragen die Frauen lange und bis zu den Schuhen herunterreichende Wadenstrümpfe (ohne Fussstück), die sie gewöhnlich aus Stoffresten selbst verfertigen.
Einige Männer bedienen sich noch der Kniehosen. Der immer seltener werdende Kopfschmuck der Frauen im Mendrisiotto erinnert an denjenigen der Bewohnerinnen der Brianza in der Lombardei und besteht aus einer Art Halbkreis von ins Haar gesteckten silbernen Pfeilen. Die Landleute und zahlreiche in den Städten ansässige Arbeiterinnen tragen das ganze Jahr hindurch als Schuhwerk sog. «zoccoli», die aus einer dem Fuss genau angepassten Sohle aus Pappel-, Erlen- oder Weidenholz bestehen und vorn mit einem Lederstreifen geschlossen sind. Die Mädchen des Sotto Ceneri legen Wert darauf, dass der Lederstreifen beiderseits abgeschnitten und durch buntfarbige Bänder verknüpft ist, was ihrem Gang und zierlichem Tanz eine ganz besondere Anmut und Eleganz verleiht.
[G. Mariani.]
15. Industrie.
Der Tessin gehört nicht zu den eigentlichen Industriekantonen der Schweiz. Ein mächtiges ¶
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Hindernis für gedeihliche industrielle Tätigkeit bildete lange Zeit die topographisch bedingte Abgeschlossenheit und der Mangel an Verkehrsgelegenheiten. Als natürliche Folge der ungenügenden Hilfsmittel des eigenen Landes entwickelte sich die bereits erwähnte Auswanderung, die heute noch andauert, ihren Zug selbst nach überseeischen Landen nimmt und dem Heimatkanton vielfach die besten Kräfte entzieht. Dank der Entstehung und dem Ausbau von modernen Ansprüchen genügenden Verkehrswegen und Transportgelegenheiten, sowie der tatkräftigen Initiative unternehmender Persönlichkeiten und dem von Geldinstituten gewährten finanziellen Beistand sind in jüngster Zeit eine Reihe von industriellen Betrieben ins Leben getreten, die zum Teil in grosser Blüte stehen.
Den Aufschwung begünstigen die Fülle von Wasserkräften und der natürliche Reichtum des Landes. Immerhin bleiben noch manche Hindernisse zu überwinden, wie namentlich der der Auswanderung zuzuschreibende Arbeitermangel, die wegen zu hoher Transportkosten sehr schwierige Eroberung von Absatzgebieten ausserhalb des Einzugsgebietes der Gotthardbahn und endlich die starke Konkurrenz von Seiten Italiens, besonders der Lombardei, deren Industrie durch die niedrigen Arbeitslöhne, Zollbegünstigungen und grössere Bewegungsfreiheit hinsichtlich der Bestimmungen des Fabrikgesetzes wesentlich begünstigt erscheint.
Obwohl Viehzucht, Acker- und Weinbau etc. im ganzen Kanton betrieben werden, gibt es nicht gar viele Familien, die ihren Lebensunterhalt ausschliesslich dem Anbau des Bodens entnehmen. Der Familienvater oder seine Söhne pflegen neben der Landwirtschaft meist noch ein Handwerk auszuüben, dem sie entweder in ihrem Heimatkanton selbst oder dann in der übrigen Schweiz und im Ausland nachgehen. Viele Männer sind auch das ganze Jahr hindurch in industriellen Betrieben beschäftigt.
Diese letztern verarbeiten in der Mehrzahl Bodenprodukte und bestehen in Sägereien, Möbelfabriken, Ziegeleien, Stein- und Bildhauergeschäften, Strohhutfabriken etc. Mehrere solcher Unternehmungen haben sich in Aktiengesellschaften umgewandelt und verfügen z. T. über genügend hohe Kapitalien, um sich dem Grossbetrieb für die Ausfuhr widmen zu können. Am lohnendsten ist die Tabak- und Zigarrenindustrie (Brissago, Chiasso, Lugano, Locarno), die sich auf die Herstellung einiger Massenartikel (Virginiazigarren etc.) spezialisiert hat.
Unter den grossen industriellen Etablissementen sind in erster Linie zu nennen: die Konstruktions- und Reparaturwerkstätten der Gotthardbahn in Bellinzona und diejenigen der Dampfschiffahrtsgesellschaft auf dem Luganersee, sowie die grossen Elektrizitätswerke der Stadt Bellinzona im Val Morobbia, der Stadt Lugano am Ausgang des Verzascathales, der Aktiengesellschaft Motor zwischen Giornico und Bodio und der Elektrizitätsgesellschaft Locarno beim Ponte Brolla. Was die Kleinindustrie anbetrifft, kann gesagt werden, dass die Mehrzahl der Zweige menschlicher Tätigkeit vertreten sind. Ein gewisser Stillstand in der Auswanderung und leichte Kapitalbeschaffung lassen hoffen, dass der Tessin in naher Zukunft aus dem Reichtum seiner natürlichen Hilfsquellen und den mannigfaltigen Fähigkeiten seiner Bewohner lohnenden Nutzen ziehen werde.
Im Bezirk Mendrisio blühen Zigarrenfabriken, Seidenspinnereien, Ziegeleien, Kalk- und Zementbrennereien, Filzhutfabrikation, sowie eine Eisengiesserei. - Der Bezirk Lugano erscheint besonders im Frühjahr und Herbst als von Fremden gut besuchte Kurlandschaft begünstigt. In der Stadt Lugano und Umgebung finden wir ausserdem Seidenspinnereien, zwei Schokoladen- und Teigwarenfabriken, Möbelfabriken, Getreidemühlen, Tabak- und Zigarrenfabriken, ferner Handschuhfabriken, Stickereien, Wagen- und Automobilfabrikation, Bierbrauereien und Eisfabrikation. Längs dem Seeufer reihen sich mehrere Kalkbrennereien auf. Die ganze industrielle Tätigkeit geht einem erneuten Aufschwung entgegen, seit ihr vom Elektrizitätswerk an der Mündung des Verzascathales reichlich Kraft zur Verfügung gestellt werden kann. - Auch im Bezirk Bellinzona nimmt die Industrie seit der Erstellung des grossen Elektrizitätswerkes von Giubiasco am Eingang des Morobbiathales einen unerhofften Aufschwung.
Neben den grossen Reparatur- und Konstruktionswerkstätten der Gotthardbahn, die einige hundert Arbeiter beschäftigen, bestehen in Giubiasco noch eine grosse Dampfkesselfabrik, eine Linoleumfabrik, mehrere Getreidemühlen und eine Teigwarenfabrik. Die Entdeckung von Kaolin- und Feldspatlagern in der Umgebung von Sementina hat zur Entstehung der grossen keramischen Fabrik in diesem Dorf Veranlassung gegeben. In Bellinzona selbst finden wir je eine Strohhutfabrik, Wagenfabrik, Velofabrik, Bierbrauerei und Eisfabrik, sowie drei Buchdruckereien von einiger Bedeutung. - Wie Lugano zieht auch der Bezirk Locarno aus seiner landschaftlichen Lage und dem milden Klima grosse Vorteile, indem sich hier namentlich im Winter zahlreiche Fremde aufhalten.
Dazu gesellen sich Steinhauerei (Granit aus dem Verzascathal), sowie Fabrikation von Zigarren, Teigwaren, Obst- und Gemüsekonserven, Bürstenwaren; Wagen, Möbeln und Parketteriewaren, ferner je eine Uhrensteinschleiferei, Papier- und Zellulosefabrik, Bierbrauerei und Eisfabrik, mehrere grosse Getreidemühlen und eine grosse Kaolin- und Feldspatmühle neben dem bedeutenden Elektrizitätswerk am Ponta Brolla. Dank den erleichterten Exportbedingungen nehmen Obst- und Traubenproduktion einen stets grössern Umfang an, so dass der Wert der 1907 ausser Landes gegangenen Obst- und Traubensendungen auf rund 100000 Fr. geschätzt werden kann. Dagegen hat die Strohindustrie im Onsernonethal infolge der ausländischen Konkurrenz jegliche Bedeutung verloren. - In den Bezirken Riviera und Leventina stehen die Granitbrüche mit den zugehörigen Steinhauereien in erster Linie.
Dazu werden die in der Leventina zwischen Bodio und Giornico schon bestehenden und noch zu errichtenden Elektrizitätswerke in naher Zukunft neuen Industrien rufen, die zahlreichen jungen Leuten, die heute noch ins Ausland gehen, Arbeit und Verdienst im eigenen Kanton geben sollen. Auch im Bezirk Valle Maggia sind Steinbruchbetrieb und Steinhauerei von grosser Bedeutung, doch spielt hier wie in der Leventina, die Milchwirtschaft die erste Rolle. Besonders zu nennen ist die Herstellung von Weichkäse (sog. Piorakäse und «formaggio dolce»).
Im Jahr 1902 zählte man im Kanton Tessin 150 dem eidg. Fabrikgesetz unterstellte Betriebe, welche etwa 5000 Arbeiter (2600 Männer und 2400 Frauen) beschäftigten, wovon 2800 Schweizer und 2150 Italiener waren. Nach einer Ende 1905 aufgenommenen Statistik bestanden 180 dem Gesetz unterstellte Fabriken. Dem Bundesgesetz betr. die Haftpflicht aus Fabrikbetrieb sind mehr als 100 Betriebe, von denen die meisten dem Baugewerbe angehören, unterstellt.
Von besonderer Bedeutung sind im Tessin auch Fremdenverkehr und Hotelwesen. Deren Mittelpunkt, das von der Natur so begünstigte Lugano, sieht die Zahl der vom April bis Juni und wiederum vom September bis Ende Oktober zum Kuraufenhalt eintreffenden Fremden von Jahr zu Jahr sich mehren. Beständig wachsen neue grossartige Hotels aus dem Boden, so dass die Stadt heute bereits 50 Hotels und Pensionen zählt. Man schätzt die Zahl ¶