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Dora Rittmeyer – eine Wegbereiterin von Frauenstimmrecht und moderner Schweiz
Die kürzlich erschienene Biografie mit dem Titel «‹Wo bleibt die Rechtsgleichheit?› Dora Rittmeyer-Iselin (1902–1974) und ihr Einsatz für Flüchtlinge und Frauen», recherchiert und geschrieben von Marianne Jehle-Wildberger, zeichnet das Bild einer der profiliertesten Schweizer Frauen des 20. Jahrhunderts – trotzdem geriet sie weitgehend in Vergessenheit. In der Zeit des Nationalsozialismus kümmerte sie sich um jüdische Flüchtlingskinder. Früh stieg sie in die Frauenbewegung ein, war Präsidentin der Frauenzentrale St.Gallen, Mitkuratorin der Schweizerischen Frauenausstellung SAFFA 58, dann Präsidentin des Bunds Schweizerischer Frauenvereine (heute «alliance F») und schliesslich sogar Vorsitzende der Dachorganisation der Frauen Europas.
Ein Gespräch mit der Autorin Marianne Jehle-Wildberger
Was denken Sie, wäre Dora Rittmeyer heute zufrieden mit der Stellung der Frau in der Gesellschaft, in der Politik, in der Wirtschaft?
Das denke ich nicht. Sie hätte auch sicherlich heute noch viele Fragen und Anliegen. Sie wäre jedoch glücklich darüber, dass das Frauenstimmrecht auf allen Ebenen durchgekommen ist.
Was war das grösste Vermächtnis von Dora Rittmeyer?
Sie wollte etwas bewegen, was ihr auch gelungen ist. Vor allem im sozialen Bereich. Durch die Vorstandsarbeit in der Frauenzentrale und beim Bund Schweizerischer Frauenvereine hat sie sehr viel erreicht. Beispiele sind Sozialwohnungen und der Einbezug von Frauen in das Vormundschaftswesen. Und dies in einer Zeitspanne, von den Dreissiger- bis in die Siebzigerjahre, die in der Schweiz sehr konservativ war.
Insbesondere in den Kriegsjahren hat Dora Rittmeyer mit ihrem Engagement viel bewirkt. Sie kümmerte sich, neben ihren eigenen Söhnen, beim Schweizerischen Hilfswerk für Emigrantenkinder um Hunderte jüdischer Flüchtlingskinder. Es gab ganz wenige Personen, die sich öffentlich für jüdische Flüchtlinge einsetzten. In politischen Kreisen, insbesondere in Bern, war man skeptisch gegenüber der Aufnahme von Flüchtlingen und wollte die Deutschen nicht verärgern. In der Bevölkerung gab es aber viel Sympathie für Vertriebene und Verfolgte.
Dora Rittmeyer hat sich auch für die Rechte der Frauen stark gemacht. Sie war bereits während ihres Studiums der Musikwissenschaften in Basel, übrigens als einzige Frau unter Männern, für das Frauenstimmrecht. Bei ihrer Verlobung mit Ludwig Rittmeyer erklärte sie, dass sie keine Hausarbeit machen und berufstätig sein wolle. Das war aussergewöhnlich. Dora Rittmeyer ist vergleichbar mit Iris von Roten, Autorin von «Frauen im Laufgitter», ihr Stil war aber zurückhaltender. Sie wollte überzeugen und nicht provozieren.
Obwohl sich Dora Rittmeyer für die Frau im Beruf stark machte, war sie hauptsächlich ehrenamtlich tätig und finanziell abhängig von ihrem Ehemann. Widerspricht sich dies nicht? Wie sehen Sie das?
Das hat sie schon gestört. Sie musste zum Beispiel das Haushaltsgeld bei ihrem Mann im Büro abholen. Aber sie musste es akzeptieren, da sie als Musikwissenschaftlerin beruflich keine grossen Möglichkeiten hatte. Ihre Tätigkeit als Flüchtlingshelferin und in Frauenorganisationen war ehrenamtlich. Aber das ist ja auch heute noch so, dass Frauen – in allen Gesellschaftsschichten – sehr viel ehren- amtliche Arbeit leisten. Das wird einfach zu wenig honoriert.
Obschon Dora Rittmeyer, insbesondere in den Jahren des Nationalsozialismus, sehr viel bewirkt hat, ist sie in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Wie erklären Sie sich das?
Da ist sie nicht allein. Es gibt auch andere Persönlichkeiten, die sich damals für jüdische Flüchtlinge einsetzten und die bis heute keine oder erst spät Beachtung und Anerkennung gefunden haben wie zum Beispiel Paul Grüninger oder Carl Lutz.
Auf Dora Rittmeyer bin ich 1999 gestossen, als man in der Synode der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St.Gallen die Rolle der Kirche während der Zeit des Nationalsozialismus beleuchtet haben wollte. Vorher war sie mir unbekannt. Die Aufzeichnung ihrer Biographie war eine Herausforderung, weil es keinen Nachlass gibt. Ich musste die Informationen in Archiven zusammensuchen.
Was war Ihre Motivation, ein Buch über Dora Rittmeyer zu schreiben?
Ich bin überzeugt, dass Dora Rittmeyer in der Zeit der Dreissiger- bis in die Sechzigerjahre eine der bedeutendsten Frauen der Schweiz war.
Welche Reaktionen haben Sie erhalten?
An der Vernissage erhielt ich sehr gute Reaktionen. Mich hat auch sehr gefreut, dass Ulrike Landfester, Prorektorin der Universität St.Gallen, an diesem Anlass eine Einführung machte. Der Bezug zur Uni ist wichtig, da Dora Rittmeyer die erste Frau war, die in St.Gallen öffentliche Vorlesungen hielt. Seither haben sich etliche Leserinnen erfreut über das Buch geäussert.
Haben es die Frauen heute einfacher als früher?
Das ist eine schwierige Frage. Zu der Zeit, als Dora Rittmeyer Präsidentin der Frauenzentrale St.Gallen war, hatten viele Frauen kein feministisches Bewusstsein. Die Vorstandsfrauen waren erschrocken darüber, dass sich nicht mehr Frauen für das Frauenstimmrecht engagierten. Allerdings gab es natürlich auch damals viele Kämpferinnen. Heute ist es für Frauen insbesondere schwierig, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Ich selbst war in der glücklichen Lage, dass der Rektor der Kanti Sargans, wo ich Geschichte und Deutsch unterrichtete, sehr frauenfreundlich war und die Frauen als gleichwertig betrachtete. Ich konnte ein Teilzeitpen- sum unterrichten. Ich bin mir nicht sicher, ob Frauen im Geschäftsleben heute gleich wie Männer akzeptiert werden. Es kommt sehr auf die Vorgesetzten an und darauf, welche Einstellung diese gegenüber berufstätigen Frauen haben.
Auch auf politischer Ebene harzt es. Ich finde es sehr schade, dass es so wenig Nationalrätinnen und Ständerätinnen gibt. Ich erkläre mir diesen Missstand damit, dass bei berufstätigen Frauen mit Kindern ein politisches Mandat zeitlich einfach nicht drin liegt. Aber ich hoffe, dass die Frauen zumindest wählen und abstimmen gehen.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Frauen?
Ich bin eine Anhängerin des Differenzfeminismus, der Theorie, dass Frauen und Männer andere Gaben besitzen. Sie haben andere Biographien und machen andere Erfahrungen, die sie einbringen können. Daher empfinde ich es als wichtig, dass sich die Frauen vermehrt in die Politik einbringen.
Eines meiner grossen Anliegen sind Teilzeitstellen, und zwar für Frauen und Männer! Denn Karriere und Familie zugleich können bei beiden zu einer Überforderung führen. Da muss die Wirtschaft umdenken!
Ich wünsche mir, dass in diesem Dezember mindestens eine Frau in den Bundesrat gewählt wird – zwei wäre noch schöner*. Gerade für die Frauenzentrale gibt es noch viel zu tun – packen wir’s an!
Maya Grollimund Bühler und Karin Roelli, Vorstandsmitglieder
* Das Ergebnis der Bundesratswahlen war bis Redaktionsschluss noch nicht bekannt.
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