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Sie leben von der Hand in den Mund und haben wegen des Coronavirus harte Zeiten durchgemacht. Derzeit brummt jedoch das Baugeschäft für Wanderarbeiter in Wuhan.
Mit dem Greenland Center in Wuhan soll bis Ende dieses Jahres das mit 475 Metern höchste Gebäude in Zentralchina fertiggestellt sein. Die Bauarbeiten sind in vollem Gange.
Es ist bitterkalt an diesem Morgen. Ein kleingewachsener, drahtiger Mann mit Sonnenhut und Ohrwärmern isst ein Ei. In seiner linken Hand hält er einen in eine Tüte verpackten Becher. Seine Kleidung und seine Schuhe sind voller Staub.
Der Mann in den Fünfzigern bietet wie viele andere Frauen und Männer als Tagelöhner seine Arbeitskraft in Guocikou, einem Viertel in Wuhan, der Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz Hubei, an. An diversen Essens- und Getränkeständen stärken sich die Arbeiter für den langen Tag. Es gibt Pfannkuchen, Suppen und heisses Wasser. Eine in Orange gekleidete Putzfrau schwingt ihren Besen und fegt den achtlos weggeworfenen Abfall zusammen. An einem anderen Stand können sich die Tagelöhner mit billigen Arbeitshosen, Warnwesten und Ladekabeln für das Smartphone eindecken.
In Guocikou, einem Stadtteil von Wuhan, warten Tagelöhner darauf, eine Stelle auf dem Bau zu bekommen. Eine Putzfrau wischt den achtlos weggeworfenen Müll weg.
Überall ragen Baukräne in den Himmel
«Seit 15 Jahren gibt es diesen provisorischen Arbeitsmarkt für Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter», erzählt ein Taxifahrer. «Hier bekommt man alles an menschlicher Arbeitskraft, was man am Bau braucht. Er ist der grösste seiner Art in Wuhan.»
Der Tagelöhner in den Fünfzigern ist voller Zuversicht, dass er auch heute wieder einen Job bekommt. Eine Woche will er hier noch täglich sein Glück versuchen, bevor er wegen des nahenden chinesischen Neujahrsfests zu seiner Familie, die im ländlichen Teil von Hubei lebt, zurückkehren wird. Wie es danach weitergehen wird, weiss er noch nicht. Wahrscheinlich probiere er es nach den Festlichkeiten abermals in Guocikou, sagt er noch. Dann bricht er auf.
Auf den Baustellen in Wuhan und Umgebung ist derzeit Hochsaison, weshalb die Chancen der Tagelöhner gross sind, eine Stelle zu finden. Überall ragen in der Millionenstadt Baukräne in den Himmel. Neue Quartiere mit gesichtslosen Hochhäusern werden in die Höhe gezogen. Minibusse und Taxis, die darauf warten, die Arbeitskräfte an ihren Einsatzort zu bringen, stehen herum.
Es ist dennoch ruhiger als bis anhin. «Als die Zeiten noch besser waren, standen hier frühmorgens bis zu tausend Tagelöhner», sagt der Taxifahrer. Während der fast dreimonatigen Abriegelung von Wuhan als Reaktion auf den Ausbruch des neuartigen Coronavirus waren jedoch auch die Dienste dieser Arbeitskräfte nicht mehr gefragt. In der Millionenstadt Wuhan stand das Leben still. Danach kehrten zahlreiche Wanderarbeiter nicht mehr aus den ländlichen Gebieten nach Wuhan zurück.
Wuhan, die Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz Hubei, liegt am Jangtse. Von dem im Bau befindenden Greenland Center hat man einen atemberaubenden Blick auf die Stadt.
Drei Franken Vermittlungsgebühr
Die Auftraggeber tauchen nicht selbst in Guocikou auf. Vielmehr schicken sie Mittelsmänner, welche die gewünschten Arbeitskräfte rekrutieren sollen. Manche von ihnen haben einen guten Ruf unter den Tagelöhnern, weil sie die versprochenen Saläre auch wirklich zahlen. Andere gelten wegen ihrer schlechten Zahlungsmoral dagegen als wenig vertrauenswürdig. Ihnen fällt es schwer, Arbeitskräfte zu akquirieren.
Je nach Qualifikation müssen die Tagelöhner den Mittelsmännern eine Vermittlungsgebühr von 20 Yuan (annähernd 3 Franken) oder mehr zahlen. Anschliessend werden sie in Kleinbusse verfrachtet, um nach meist ein- bis zweistündigen Fahrten bis gegen 17 Uhr auf der Baustelle zu arbeiten. Danach geht es zurück in die kargen Schlafsäle, wo die Bauarbeiter nach einer kurzen Nacht gegen 4 Uhr wieder aufstehen, um eine halbe Stunde später abermals nach Mittelsmännern Ausschau zu halten – tagein, tagaus.
Eine Tagelöhnerin mit einer roten Jacke und einem gelben Helm auf dem Kopf sagt, die Saläre schwankten in Abhängigkeit von den Fähigkeiten der Arbeitskräfte zwischen 100 und 350 Yuan. Sozialversicherungen gehen davon keine ab. Bei Krankheit kann das wenige Ersparte denn auch schnell weg sein. Chinas Sozialstaat ist noch rudimentär. In Guocikou leben die Tagelöhner von der Hand in den Mund. Sie sind am unteren Ende der chinesischen Einkommensskala.
Die Tagelöhner offerieren täglich ab 4 Uhr morgens in dem Stadtviertel Guocikou ihre Dienste.
Und dennoch ist die Stimmung gut. Es gibt kein aufgeregtes oder gar aggressives Gedränge, weil alle optimistisch sind, einen Job zu finden. Würde das Virus erneut ausbrechen, dann wären die Dienste der Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter jedoch schlagartig nicht mehr gefragt. Ein Tagelöhner unkt im Vorbeigehen, die Virussituation in Wuhan sei lange nicht so gut, wie der Rest in China glaube.
Das Durchschnittsalter auf dem Arbeitsmarkt in Guocikou beträgt rund fünfzig Jahre. «Die Jüngeren gehen in die Fabrik», sagt ein Tagelöhner. Dieser erzählt, dass er Projekte auf Tagesbasis bevorzuge. Er spricht offenbar aus Erfahrung. Die Gefahr soll gross sein, dass die Bauarbeiter bei längeren Anstellungen am Ende hören: «Leider haben wir kein Geld mehr.» Verpflichtet man sich jedoch nur für einen Tag, sind die Chancen grösser, das verabredete Salär auch zum Abschluss eines harten Arbeitstages zu erhalten, bevor nach wenigen Stunden Schlaf frühmorgens wieder der Wecker klingelt und es heisst: neues Spiel, neues Glück.