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Korallenriffs seien ökologische Zombie-Systeme geworden, weder wirklich tot noch lebendig, aber auf dem Weg innerhalb einer Generation zu kollabieren. Diesen Zustand beschreibt der australische Meeresökologe Roger Bradbury in der der «New York Times».
Die Gründe dafür seien Überfischung, Übersäuerung und Verschmutzung der Meere. Jeder einzelne dieser Faktoren, so Bradbury, «ist in der Lage, den globalen Kollaps der Korallenriffs herbeizuführen, zusammen garantieren sie ihn». Der wissenschaftliche Beweis dafür sei erbracht, «aber es scheint, als gäbe es einen kollektiven Widerwillen, die logische Schlussfolgerung zu ziehen», ärgert sich Bradbury.
Geschönte Sicht ärgert den Experten
Was wir stattdessen hörten, sei eine geschönte Sicht der Krise – eine Sicht, die von Korallenriff-Experten unterstützt , von Umweltbewegungen verstärkt und von Regierungen akzeptiert werde. Korallenriffs seien wie die Regenwälder ein Symbol für die Biodiversität des Planeten; zwar würden sie als hochgefährdet begriffen, aber nichts desto trotz als zu retten. Die Botschaft heisse: «Es besteht noch Hoffnung.»
Diese Sichtweise sei kürzlich wieder in einer einmütig verabschiedeten Erklärung des Internationalen Korallenriff-Symposiums niedergelegt worden, worin die Regierungen aufgefordert würden, «die Zukunft der Korallenriffs zu sichern». Das Papier wurde von mehr als 2000 Wissenschaftlern, Offiziellen und Naturschützern unterzeichnet.
Prozesse sind unumkehrbar
Überfischung, Übersäuerung der Ozeane und Verschmutzung haben laut Bradbury zwei Merkmale gemeinsam. Sie beschleunigen sich und sie reagieren träge – das heisst, Prozesse, die einmal in Gang gekommen sind, lassen sich kaum mehr aufhalten.
• Überfischung kann Riffs zerstören, weil Fische ein Schlüsselfaktor dafür sind, dass Riffs zusammenhalten. Untersuchungen machten deutlich, dass der Fangdruck noch immer zunehme, obwohl die Ertragsmengen zurückgingen. Die Überfischung mache die Riffs kaputt; dieser Effekt werde über die nächsten Jahrzehnte dramatisch zunehmen.
• Die Übersäuerung der Ozeane kann die Riffs zerstören, weil sie die Korallen selber angreift. Korallen können ihre kalkhaltigen Skelette nur innerhalb einer bestimmten Bandbreite von Temperatur und Säuregrad des Wassers produzieren. Die Meere übersäuerten aber fortlaufend weiter, indem sie steigende CO2-Mengen aus der Atmosphäre aufnähmen. Konsequenz: Die Korallen können nicht mehr wachsen.
• Weniger wisse man über die genauen Effekte der Verschmutzung. Man wisse zwar, dass Nährstoffe, besonders stickstoffhaltige, nicht nur in den Küstengewässern sondern auch in offenen Ozean zunähmen. Auch diese Entwicklung beschleunige sich und man wisse, dass Korallenriffs in nähstoffreichen Gewässern schlicht nicht überleben können.
Auf Millionen kommt ein Desaster zu
Bradbury schreibt: «Es ist macht mir keinen Spass, diese Geschichte zu erzählen. Aber sie muss dringend erzählt werden, weil es für Hunderte von Millionen von Menschen in armen, tropischen Ländern wie den Philippinen und in Indonesien, die auf Korallenriffs als Nahrungsquelle angewiesen sind, zum Desaster kommen wird.»
Die Entwicklung werde auch den Tourismus in reichen Ländern mit ihren Korallenriffs bedrohen, wie die USA, Australien und Japan. Länder wie Mexiko und Thailand, die Korallenrifffs sowohl als Nahrungsquelle bräuchten wie als touristische Attraktion vermarkten, müssten gleich eine doppelten Rückschlag hinnehmen.
Was von den Korallenriffs übrig bleiben werde, sei ein von Algen bedeckter harter Meeresboden. Anstelle von Fischen würden Quallen dominieren. Bradbury vergleicht das Resultat mit der erdgeschichtlichen Epoche des Präkambrium, das vor mehr als 500 Millionen Jahren endete, lange bevor Fische überhaupt entstanden.
Umverteilung der Forschungsmittel gefordert
Korallenriffe seien das erste, aber sicher nicht das letzte Ökosystem, das Opfer des neuen, von Menschen gemachten Zeitalters Anthropozän. Roger Brabury schlägt eine massive Umverteilung der Mittel für Forschung und Anstrengungen von Regierung und Umweltakteuren vor, damit wir verstünden, was geschehen ist und weiter geschehe, «so dass wir das nächste Mal eine Antwort haben auf ein Desaster dieses Ausmasses».
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
keine