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Bereits im 8. Jahrhundert vor Christus gab es in Griechenland da und dort den Brauch, anlässlich verschiedener religiöser Feste einzelne Lorbeer- und Olivenäste oder ganze Sträucher und Bäume mit bunten Stoffbändern zu schmücken und Früchte als Opfergabe für die Götter dranzuhängen. Dieser Brauch, Eiresión genannt — ‹ειρεσιώνη› (geschmückt) —, war weder einer bestimmten Gottheit oder einem bestimmten Ritus zugeordnet noch von klaren Regeln bestimmt. Die marginale Tradition tauchte in verschiedenen Varianten während der ganzen hellenischen Antike in einzelnen Regionen auf, verlor sich allmählich und tauchte nach einer gewissen Zeit in einer andern Region wieder auf. Erstaunlicherweise wurde die Gepflogenheit trotz ihrer offenbar geringen gesellschaftlichen Bedeutung über tausend Jahre lang, auch während der römischen Antike, fortgesetzt. Die geografische Ausbreitung und ihre Funktion änderten sich, aber sie starb nie ganz aus.
Im 5. und 6. Jahrhundert übernahmen die Kelten im Gebiet des heutigen Frankreichs, der irischen Insel, Wales und Schottlands den Brauch. Im Süden Europas verschwand er ganz und es blieb keine kollektive Erinnerung daran, auch nicht in der Literatur.
Aus naheliegenden Gründen mussten die Kelten den Olivenbaum durch die Tanne ersetzen. Aber etwas viel Entscheidenderes machte jetzt erst aus dem vagen und schwammigen Brauch eine echte Tradition mit klarer Funktion und gesellschaftlicher Relevanz: Während Griechen und Römer ihre Olivenbäume und Lorbeersträucher einmal für dieses Fest, einmal für jenes, einmal auf diese Weise, einmal auf jene, einmal hier einmal dort geschmückt hatten, war bei den Kelten das Ritual einzig und allein dem Fest der Wintersonnenwende am 21. Dezember vorbehalten. Die geschmückte Tanne war nun das Symbol des Winterfestes geworden, und um den Winterbaum zelebrierten die Druiden ihre seit Generationen überlieferten Zeremonien.
Der besagte keltische Raum wurde jedoch im Vergleich zum nordgermanischen, dem skandinavischen Raum, radikal und sehr früh, nämlich bereits im Frühmittelalter christianisiert, und mit der Christianisierung wurden alle heidnischen Feste wie die Wintersonnenwende und Ostern, also der Frühlingsbeginn, die Tagundnachtgleiche, mitsamt ihren Symbolen unterdrückt. (Siehe dazu ‹Linguistische Amuse-Bouche› 46, Seite 128). Der Winterbaum verschwand aus der keltischen Kultur.
Der Brauch war, kurz bevor er im keltischen Raum aufgegeben wurde, vom nordgermanischen Raum, wo man die Wintersonnenwende ebenfalls mit Riten und Feiern beging und wo man noch einige Jahrhunderte lang vom Christentum verschont bleiben würde, übernommen worden und in Skandinavien gewann der Winterbaum binnen weniger als eines Jahrhunderts eine so zentrale kulturelle und soziale Bedeutung, dass die alleinige Überzeugung im kollektiven Bewusstsein herrschte, der Brauch sei Jahrtausende zuvor ebendort entstanden. Sagen und Legenden wurden neu darum gewoben oder ältere angepasst und vernetzt.
Als der dänische König Harald Gormsøn, genannt Blauzahn, im 10. Jahrhundert Norwegen annektierte und Skandinavien fast vollständig christianisierte (siehe dazu ‹Linguistische Amuse-Bouche› 68, Seite 188), war der Winterbaum kulturell bereits so stark verwurzelt, dass er — anders als Jahrhunderte zuvor im keltischen Raum geschehen war — nicht mehr verschwand. Einfacher war es, dem Volk den Baum, das Fest und die Tradition zu lassen und ihm weiszumachen, dass man aber etwas ganz anderes feierte, nämlich die Geburt Jesus Christus. Die Idee war verschroben genug, um allgemein akzeptiert und verinnerlicht zu werden, was allerdings erst im 16. Jahrhundert geschah! — Die Verschiebung des Datums vom 21. auf den 25. Dezember spielte dabei nicht nur eine geringe, sondern absolut keine Rolle, denn der gregorianische Kalender wurde im Königreich Schweden überhaupt erst 1753 eingeführt. Außer ein paar wenigen Astronomen wusste niemand, welches Datum man gerade hatte, oft nicht einmal den Wochentag.
Der keltische Winterbaum war also schmerzlos zum Weihnachtsbaum geworden. Bevor sich der Brauch aber von Skandinavien aus in andere Länder auszubreiten begann, sollten weitere Jahrhunderte vergehen, denn dies geschah erst und nur zögerlich ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Zudem war Skandinavien protestantisch, was die katholische Christenheit mit äußerster Argwohn betrachtete, mithin den Weihnachtsbaum entschieden ablehnte. Noch in meiner Kindheit gab es in Italien an Weihnachten keine Christbäume — oder eben: bloß im Haus der wenigen Protestanten.
Erst im Jahr 1982 wurde auf Geheiß des polnischen Papstes Karol Wojtyła (Johannes Paul II.) auf dem Petersplatz in Rom überhaupt erstmals auch ein Weihnachtsbaum aufgestellt. In den USA, wo der protestantische Anteil der Bevölkerung höher ist als in Italien und in den romanischen Ländern allgemein, geschah etwas Analoges einige Jahrzehnte früher — entgegen einer weit verbreiteten falschen Ansicht also nicht viele Jahrhunderte früher: Der erste öffentliche Weihnachtsbaum wurde in New York im Jahr 1912 aufgestellt und seit 1920 wurden elektrische Lichter zur Beleuchtung anstelle von Kerzen verwendet.
Spannend wie immer. Danke, Alberigo
Liebe Gruess und beste Festtagswünsche
heb dr Sorg
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Danke, Heinz! Auch euch frohe Weihnachten und einen guten Rutsch!