Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03527.jsonl.gz/1508

Bonfol, das ehemalige Strassenzeilendorf im Kanton Jura, erlangte unrühmliche Bekanntheit durch seine Sondermülldeponie. Hier hat die Basler Chemische Industrie jahrelang hochgiftigen Chemiemüll aus ihren Fabriken deponiert.
Einst als Glücksfall bezeichnet, wurde die Deponie zur Hypothek und zum 380 Millionen teuren Sanierungsfall.
Die Geschichte der Deponie Bonfol im Zeitraffer
1. Am Anfang war die Tongrube
Betrieben wird die Deponie in Bonfol (JU) von 1961 bis 1975. Durch den Erdabbau der Keramikindustrie ist eine wasserundurchlässige Tongrube entstanden. Der hochgiftige Chemiemüll stammt fast ausschliesslich aus Basel, nämlich von den Firmen der Basler Chemischen Industrie (BCI) – unter anderen von den Chemie- und Pharmakonzernen Novartis, Roche, Syngenta, Clariant und BASF (ehemals Ciba).
2. 114'000 Tonnen Giftmüll
Während 15 Jahren haben vor allem die Basler Chemische Industrie (BCI), aber auch der Kanton Bern, das regionale Gewerbe sowie die Schweizer Armee in der ehemaligen Tongrube rund 114'000 Tonnen Sonderabfälle deponiert. Es landete fast alles darin, was an giftigen Abfällen anfiel: Destillations- und Filterrückstände, Farbstoffe, Agrochemikalien, chlorierte Lösungsmittel, Galvanikschlamm, radioaktives Tritium der Uhrenindustrie. Die BCI muss Jahre später eingestehen: «Während des Betriebs war es nicht üblich, die Zusammensetzung der Abfälle genau zu bestimmen. Deshalb sind die detaillierte Zusammensetzung und der genaue Ort der Einlagerung nicht bekannt.»
3. Deponie wird geschlossen
1976 ist die Grube voll. Die Deponie wird stillgelegt, mit einem Tondeckel versehen und wieder bepflanzt. Sie umfasst eine Fläche von rund 20'000 Quadratmetern, was vier Fussballfeldern entspricht.
4. Wasser läuft in die Grube
1981 wird ein Leck in der Tonabdeckung entdeckt. Wasser läuft in die Grube und es kommt zu Auswaschungen von Schadstoffen. Es folgt eine erste Sanierungsphase zwischen 1986 und 1995: Ein Drainagesystem (Bild) wird angelegt, der Grundwasserspiegel stabilisiert, eine biologische Kläranlage vor Ort gebaut und die Abdichtung der Grube wird verstärkt.
5. Greenpeace macht Druck
Mit verschiedenen Aktionen und der Besetzung der Deponie macht Greenpeace Schweiz auf die Sondermülldeponie aufmerksam. Im Jahr 2000 – nach jahrelangem Streit und unter grossem öffentlichen Druck – wird eine Einigung erzielt.
6. Die Vereinbarung steht
Die jurassische Regierung und die BCI unterzeichnen am 17. Oktober 2000 eine Vereinbarung, welche die definitive Sanierung der Deponie Bonfol vorsieht. Die BCI übernimmt die operative Verantwortung für die Sanierung. Für die Basler Chemische Industrie unterzeichnet Franziska Ritter, für den Kanton Jura Regierungsratspräsident Pierre Kohler.
7. Hürdenlauf für das Sanierungsprojekt
Bis zum Spatenstich am 3. September 2007, welcher die Sanierung einleiten soll, vergehen mehrere Jahre. Varianten werden erarbeitet und geprüft, Sanierungspartner müssen bestimmt werden, Einsprachen gegen das Projekt laufen, mehrere politische Hürden müssen genommen und Baubewilligungen eingeholt werden. Und für die Sanierung wird das bestehende Schienennetz von «Chemins de fer du Jura» um ca. 700 Meter verlängert.
8. Ferngesteuertes Arbeiten unter luftdichter Halle
Die Vorbereitungen für die endgültige Sanierung beginnen 2007. Über der Deponie wird eine Aushubhalle errichtet: 3000 Tonnen schwer, 150 Meter lang, 122 Meter breit, 40 Meter hoch. Sie deckt die Hälfte der Deponiefläche ab. Ist der Aushub darunter beendet, soll die Halle auf die andere Deponiehälfte verschoben werden. Die Halle wird luftdicht abgeschlossen, den Aushub besorgt ein ferngesteuertes Kran-System.
9. Der Sonderabfall rollt nach Deutschland
Der Aushub wird in Spezialcontainern per Bahn zu den Sonderabfall-Verbrennungsanlagen der HIM GmbH im deutschen Biebesheim und weiteren Entsorgungsbetrieben transportiert. In Drehrohröfen wird der Abfall bei Temperaturen von über 1200°C verbrannt und in chemisch stabile Schlacke umgewandelt.
10. Achtung, giftige Atmosphäre!
Im März 2010 beginnen die Arbeiten im Innern des Sarkophags. Bis zu zwölf Meter tief wird gegraben, ferngesteuert wird täglich bis zu 160 Tonnen verseuchte Erde abgeführt. Die Luft in der «Zone noire» des Sarkophags ist während der Sanierung so giftig, dass sie gefiltert und verbrannt werden muss.
11. Explosion legt Arbeiten lahm
Im Juli 2010 kommt es in der Aushubhalle zu einer Explosion. Eine Baggerschaufel trifft am Rand der Grube auf ein explosives Gemisch: Die Verbindung von schlagempfindlichem Chlorat und einer unbekannten, brennbaren organischen Substanz geht in die Luft. Trotzdem geht der Unfall glimpflich aus. Der Maschinist erleidet lediglich leichte Schnittwunden. Aber die Arbeiten müssen für mehrere Monate unterbrochen werden.
12. Nach dem letzten Kubikmeter folgt die Aufforstung
2016 sind die letzten Kubikmeter der verseuchten Erde ausgebaggert und abtransportiert. Die Kosten belaufen sich auf 380 Millionen Franken – dafür kommt das Dörfchen Bonfol nach 55 Jahren wieder zur Ruhe.
Das Gelände soll nun wieder aufgeforstet werden. Bis sich jedoch der Wasserhaushalt im Gebiet wieder stabilisiert hat, werden noch weitere drei bis vier Jahre vergehen.