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«Schon mit zehn Jahren zog ich allein los, um meine Kleider zu kaufen, die ich zu Hause umnähte. Die Initialzündung hatte ich aber im Alter von 16 Jahren, als ich mit meinem Freund Charles zu einem Schneider an die Löwenstrasse ging. Damals wurde mir klar, dass ich in der Mode landen muss.
Ich hatte eine Skizze angefertigt, wie meine Hose aussehen sollte, der Schneider nahm Mass. Als ich später zur Anprobe ging, hielt er mir eine Hose hin, die nichts mit meiner Vorstellung zu tun hatte. Anstatt hoch geschnitten und mit engem Hosenbein sass die Hose auf den Hüften und hatte ein gerades Bein. Ich reklamierte, und er verschanzte sich hinter seinen vierzig Jahren Berufserfahrung. Frustriert bezahlte ich die stattlichen 550 Franken, trug die Hose ein einziges Mal, bevor ich sie verschenkte. Das konnte es ja unmöglich sein.
Als Brigitte mich im Herbst 1985 zum ersten Mal sah, hielt sie mich für einen bunten Vogel. Im Gespräch merkten wir rasch, dass wir einander Paroli bieten konnten – das gefiel uns.
Als unsere drei Mädchen klein waren, arbeitete ich nur 80 Prozent, was damals etwas Besonderes war. Brigitte studierte noch an der Uni, ich brachte dann die Mädchen in den Hort, mittags gingen wir in den Zoo oder assen in der ‹Kronenhalle› einen Salat, das sind bis heute bleibende Erinnerungen.
In dieser Wohnung in einem Haus aus den 1930ern leben wir seit 21 Jahren. Es kommt regelmässig vor, dass Brigitte morgens eine Veränderung ankündigt, abends hat sie dann eine Wand neu gestrichen. Wir mögen die Flohmärkte in Paris, die Geschichten hinter den Fundstücken. Wie Trüffelschweine graben wir uns hindurch. Wir haben Freude an Bildern, hier hängen vor allem Werke von Schweizer Malern, die wir persönlich kennen oder kannten.
Je älter unsere Töchter wurden, desto heftiger entbrannte der Streit um eigene Zimmer. Also räumten wir unser Schlafzimmer und machten aus dem Wohnzimmer eine Art Hotelsuite mit Schiebetür, die wir nur zuziehen, wenn einer früher schlafen gehen möchte. Wir sitzen alle gerne vor dem modernen Cheminéefeuer, dem TV, lesen aber auch täglich in der Bibel.
Aus unserem alten Schlafzimmer wurde ein Kinderzimmer, in dem wir hinter riesigen Schrankwänden auch noch unsere Kleider aufbewahren. Zehn Massanzüge gelten für den Herrn als Basis. Damit meine ich nicht die Konfektionsanzüge, an denen in der Fabrikation eine Änderung vorgenommen wurde. Ein Massanzug ist reine Handarbeit, 50 Stunden mindestens. Leider kleiden sich viele Männer schlecht und denken, ein Anzug sei ausreichend. Lieber gehen sie mit der Frau zu Chanel, um dort aufwendig einzukaufen.
Ich besitze deutlich mehr als zehn Anzüge. Und sehr viele Schuhe. Brigitte hat auch nicht wenig. Vieles lagert im Keller, wir sind immer am hoch- und runtertragen. Zudem gilt: Kommt ein Pulli rein, muss einer raus.
Die Töchter leben noch immer daheim, was vermutlich für uns spricht. Auch nach Griechenland in die Ferien geht’s einmal im Jahr gemeinsam. Im Auto wird dann gestritten wie vor zehn Jahren.
Wir leben gerne in der Stadt, wir mögen es, in den Ausgang, etwas trinken und essen zu gehen. Wir haben die Tramstation direkt vor der Tür, aber dennoch drei Autos und zwei Töffs. Die ideale Stadtfamilie eben. Das Quartier hat sich stark verändert. Als wir herzogen, gab es noch den Strassenstrich. Heute ist das Zürcher Seefeld total hip. Unser Mietzins ist zum Glück anständig geblieben, diese Gegend ist mittlerweile unbezahlbar. Ein Penthouse gibt’s für 15 000 Franken, unter Umständen ohne Seesicht.
Der See ist nur einige Schritte entfernt. Das ist perfekt für uns, da wir Wasser lieben und von zu Hause aus in Badehose und mit Taucherbrille losziehen können. Wir sind alle Taucher. Gelernt habe ich es im Zürichsee, wo es ausser Seekreide, also aufwirbelndem Dreck und Algen, nichts zu sehen gibt. Zum Tauchen fliegen wir nach Ägypten oder auch schon mal nach Bora Bora. Das ist zwar weit weg, steigt man aber aus dem Flugzeug, denkt man: Ja, so ein Leben hat auch seinen Reiz. Nach drei Wochen wird’s aber auch uns zu langweilig.
Der Ruhigere von uns beiden bin sicher ich. Brigitte muss immer raus, ist in Bewegung. Ich hingegen liebe es, auch einfach mal auf dem Sofa zu liegen.»