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Vor hundert Jahren verbreitete sich eine verheerende Grippe, welcher je nach Schätzung 20 bis 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Damit war sie verlustreicher als der Erste Weltkrieg und gilt als die schlimmste Seuche des vergangenen Jahrhunderts. Die Rede ist von der sogenannten Spanischen Grippe.
Ursprung und Ausbreitung
Ihren Ursprung hatte die Spanische Grippe nicht wie es den Anschein macht auf der Iberischen Halbinsel, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach im Mittleren Westen der USA. Aus Kansas wurden erste Fälle im März 1918 beschrieben. Von dort aus gelangte der Erreger vermutlich mit den Truppentransporten nach Europa. Die ersten Meldungen über das Auftreten der Grippe stammten jedoch aus Spanien, da dieses Land nicht in den Ersten Weltkrieg verwickelt war und es deshalb keine Nachrichtenzensur gab.
Die Pandemie verlief in drei Wellen; am meisten Todesopfer forderte die zweite Welle, die sich ab Mitte August 1918 ausbreitete. In der Schweiz erfasste die Spanische Grippe rund zwei Millionen Menschen und stellte damit die grösste demografische Katastrophe der Schweiz im 20. Jahrhundert dar.
📻 Die Spanische Grippe steckte 1918 die halbe Schweiz ins Bett – wie war das Leben bei uns damals? Ein spannender #srfdoppelpunkt zum Thema: https://t.co/2XkuHYORZe#RadioSRF1 pic.twitter.com/um5CtPOs0U
— SRF (@SRF) May 22, 2018
Die als Tröpfchen- und Kontaktinfektion übertragene Grippe wurde durch mehrere Faktoren begünstigt: schlechte allgemeine Hygienebedingungen, Erschöpfung und Unterernährung der Bevölkerung am Ende eines langen Krieges, umfangreiche Truppenbewegungen aus allen Kontinenten in Verbindung mit Fluchtbewegungen der Zivilbevölkerung, die Pressezensur sowie Unkenntnis der viralen Natur der Krankheit.
Influenza-Virus
Insbesondere zwei Charakteristika unterscheiden die Spanische Grippe von anderen Grippeepidemien, nämlich die hohe Letalität, und dass insbesondere 20- bis 40-jährige der Grippe zum Opfer fielen. Die meisten Todesfälle waren die Folge einer bakteriellen Lungenentzündung. Medizinhistoriker gehen heute davon aus, dass das Virus den Organismus so weit geschwächt hat, dass sich der Körper nicht mehr gegen zusätzliche mikrobielle Attacken wehren konnte. Die Folge ist eine sogenannte Superinfektion – ein viraler Infekt bieten die Grundlage für eine zusätzliche bakterielle Infektion. Alle bekannten Therapien schlugen fehl.
Das Influenza-Virus wurde erst 1933 entdeckt; und erst in den 1990er Jahren gelang es Forschern den Erreger von 1918 zu isolieren – er erhielt die Bezeichnung „H1N1, Subtyp A“. Ein später verwandter ist H5N1, der Erreger der Vogelgrippe.
Massnahmen
Die Behörden erkannten spätestens bei der zweiten Influenzwelle den Ernst der Lage. In der Folge wurden Alarmsysteme für Grippefälle eingeführt, über Häfen und Bahnhöfe wurden Quarantänen verhängt, zudem wurden in Spitälern Isolierstationen eingerichtet.
Der Grundsatz lautete „Social distancing“ – also keine Massenansammlungen mehr. Schulen, Theater, Kinos, Wirtshäuser, Märkte und Kirchen wurden vorübergehend geschlossen. Der Gebrauch von Gesichtsmasken und Desinfektionsmitteln wurde empfohlen oder gar gesetzlich angeordnet, um die Übertragungsrate einzudämmen.
Aus Angst vor ähnlich verheerenden Pandemien gründete die WHO 1952 das Global Influenza Surveillance and Response System (GISRS). Seit der Gründung dieses Netzwerkes arbeiten Labors weltweit zusammen an der Überwachung von Influenza-Viren.
Die Schweiz bereitet sich seit 1995 systematisch auf Influenza-Pandemien vor. Unter der Leitung der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung EKP entstand 2004 der erste schweizerische Influenza-Pandemieplan. Dieser wurde in den folgenden Jahren aktualisiert.
Interview mit Marc Strasser, Chef Fachbereich Biologie am Labor Spiez
Ist eine Pandemie im Ausmass der Spanischen Grippe von 1918 heute noch möglich?
Von der Beschaffenheit der Viren her ist dies grundsätzlich denkbar. Jedoch leben wir heute unter ganz anderen Umständen als 1918. Die hygienischen Bedingungen sind bei uns heute viel besser als damals, zudem verfügen wir über Impfstoffe und haben bessere Kenntnisse über die Beschaffenheit von Viren. Genau die gleiche Situation wie 1918 würde so wohl nicht mehr eintreten.
Welche Herausforderungen bestehen heute in dieser Hinsicht?
Eine zentrale Herausforderung ist die schnelle Veränderbarkeit (der sogenannte Antigen shift oder der Antigen drift) der Influenza-Viren. Hinzu kommt, dass der globale Reiseverkehr zu einer schnellen Virus-Verbreitung weltweit führen kann. Ein entscheidender Vorteil ist aber, dass bestehende Impfstoffe rasch an neue Virustypen angepasst werden können und auf diese Weise auf den entsprechenden Virenstamm reagiert werden kann.
Welche Massnahmen würden heute angeordnet werden?
Im Grundsatz wären dies ähnliche Massnahmen, wie sie auch 1918 angeordnet wurden – Vermeidung von Massenansammlungen, das Abgeben von Schutzmasken und Sensibilisierung hinsichtlich des Desinfizierens der Hände. Ein Vorteil gegenüber 1918 ist, dass wir heute besser darüber informiert sind, wie wir uns bei einem Grippebefall zu verhalten haben. Auch die medizinischen Möglichkeiten sind heutzutage viel versierter, angesichts einer bereits erfolgten Infektion. Insbesondere können exponierte Personengruppen prophylaktisch geimpft werden.
Lassen sich Vorhersagen über zukünftige Grippeepidemien machen?
Das Vorhersagen einer Grippeepidemie ist rein theoretisch zu sehen. Nicht alle Menschen und Tiere sind für Viren gleich empfänglich. So ist beispielswiese die Übertragung von Krankheitserregern vom Schwein auf den Menschen aufgrund der ähnlichen Rezeptoren viel wahrscheinlicher, als eine Übertragung von Vögel auf Menschen. Da Viren heute sehr gut überwacht werden, kann eine neue Grippewelle erkannt und eine Epidemie frühzeitig verhindert werden.
Weitere Informationen:
Gefahren kennen: Pandemie
Die Spanische Grippe steckte 1918 die halbe Schweiz ins Bett, Beitrag Doppelpunkt SRF1, 22.05.2018
Vor 100 Jahren wütete die Spanische Grippe. Bis heute bleibt sie ein Rätsel, Neue Zürcher Zeitung NZZ, 16.03.2018
Eine Pandemie ist auch heute noch möglich, Basler Zeitung BAZ, 05.02.2018