Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03437.jsonl.gz/1811

Franz Hohler: «Das Ende eines ganz normalen Tages». München: Luchterhand, 2008.
Krieg! Die Rotoren eines Kampfhelikopters zerschnitzeln, nun, was? Ein weisses Täublein. Eine Feder schwebt zu Boden, ein Kind findet sie, kurz darauf muss die Familie flüchten. Man rafft zusammen, was man in solchen Fällen eben zusammenrafft (bei Hohler: Dokumente, Schmuck, Äpfel, Schokolade), aber das Kind? Trennt sich nicht? Richtig: von der weissen Feder.
Vielleicht liegt es am Rezensenten; mag sein er ist innerlich verhärtet. Aber er besteht doch darauf, dass dann, wenn Hohler in seinem neuen, allzu disparaten Band mit Kurzprosa versucht, über Gesellschaft zu schreiben, zumeist moralischer Kitsch entsteht. Das zu vermeiden, gelingt dem Autor da, wo er sich auskennt und sich auf Details einzulassen versteht, ohne sogleich zu werten: in der Beschreibung zweier Schweizer Landsgemeinden etwa. Doch schlimm wird es, wenn Hohler auf Reisen geht.
Bei einem leider nicht datierten Besuch in Israel und Palästina sieht er, wie die israelische Schutzmauer entsteht, und ist empört. Die armen Betroffenen! Ein israelischer Beamter hat einen «Sicherheitsbegriff, der ein rein militärisch-technischer ist»; ihm stellt Hohler auf der palästinensischen Seite einen Lyriker entgegen, und nach den ersten Worten sind die beiden Dichter ein Herz und eine Seele und fachsimpeln zu Übersetzungen. Es sollen indessen auch schon in Israel Schriftsteller gesichtet worden sein; wie umgekehrt der Bau der Mauer darauf verweist, dass auf palästinensischer Seite ein gewisses Interesse an der Militärtechnik des Bombenbastelns besteht.
An einigen Stellen wird spürbar, wie Hohler selber eine Ahnung davon hat, dass ihm für die Gestaltung von Konflikten, die sich einem einfachen Gut-Böse-Schema entziehen, das Instrumentarium fehlt. In der Titelgeschichte erfährt ein Erzähl-Ich am 11.9.2001 von den Anschlägen in den USA. Und was tut dieses Ich, das wie die anderen des Bandes vom Autor kaum zu unterscheiden ist? Es vertieft sich sogleich in Stifters «Nachsommer», ein «Buch, in dem gute Menschen Gutes tun und schöne Menschen Schönes schaffen und niemand irgendjemandem etwas zuleide tut».
Und so wie diese Lesart von Stifter ist denn auch die Welt, die Hohler in manchen der kurzen Skizzen entwirft: übersichtlich und harmonisiert. «Herbsttag» etwa schildert, wie ein kleines Mädchen mit den Grosseltern einen beschaulichen Tag in einem Tessiner Tal verbringt; gut drei Seiten voller Glück, auf denen allenfalls das Zwergenhotel, das die Grossmutter mit der Kleinen bastelt, an gesellschaftliche Konflikte erinnert: für die reichen Zwerge gibt es Einzelzimmer, für die armen Zwerge nur Schlafsäle. Ähnlich milde verzwergt kommt Welt meist auch sonst in diesen Idyllen vor. Wenige Texte erheben sich über dieses Niveau: «Eine mongolische Hochzeit» etwa hebt an, als gehe es um ein Fest glücklicher Menschen in gesicherten Traditionen, verdichtet dann die Hinweise auf Störungen und endet in allseitiger Aggression. Das ist ähnlich geschickt gemacht wie gleich die erste Geschichte, in der ein einfaches Stolpern ein Selbstbewusstsein zerstört. Aber meist hindert nichts die Leser daran, so glücklich in den behaglichen Schlafsack zu kriechen wie am Ende die drei Herbsttägler: Draussen hört es sich an, als gehe jemand ums Haus; es ist bei Hohler aber nur eine Kastanie, die herabkullert, und so schlummert man beruhigt ein.
vorgestellt von Kai Köhler, Berlin