Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03363.jsonl.gz/270

Bildungsveranstaltung 2018: Rheinkorrektion früher und heute
Dem grossen Staatsvertragswerk der internationalen Rheinregulierung war die Bildungsveranstaltung 2018 des VASO gewidmet. Gut 125 Jahre sind es her, seit die Schweiz 1892 mit Österreich-Ungarn einen Staatsvertrag zur Bändigung des Alpenrheins abgeschlossen hatte. Im Museum Rhein-Schauen in Lustenau wurde die Geschichte der Rheinregulierung wie auch ihre lange, leidvolle Vorgeschichte näher gebracht, aber auch informiert über die umfangreichen zukünftigen Vorhaben, die mit dem inzwischen 4. Staatsvertrag verbunden sind. Eine Fahrt an die Rheinmündung auf dem Trassee der ehemaligen Werksbahn rundete eine interessante Exkursion ab.
Lange schon vor dem schweizerisch-österreichischen Abkommen von 1892 versuchten sich die Menschen im Rheintal vor den regelmässig auftretenden verheerenden Überschwemmungen zu schützen. Es handelte sich aber um isolierte Massnahmen der Anwohner; zum Beispiel mit dem Bau sogenannter Schupfwuhren, von denen man sich nach dem Sankt-Florians-Prinzip erhoffte, dass die Hochwasser eher die andere Seite heimsuchen. Man schupfte sich also das Problem gegenseitig zu, ohne es aber grundlegend zu lösen. Während man bei der Linth schon Ende des 18. Jahrhunderts an einer Korrektion plante und die Kander sogar schon 1714 direkt in den Thunersee geleitet wurde, um den regelmässigen Überschwemmungen der Talschaften ein Ende zu setzen, musste die Bevölkerung des Rheintales noch während des ganzen 19. Jahrhunderts immer wieder verheerende Hochwasser erleiden. Dem Umstand, dass der Rhein Grenzfluss ist und deshalb die Übereinkunft zweier Staaten notwendig war, ist wohl die relativ späte Inangriffnahme der Flussregulierung am Alpenrhein zuzuschreiben. Zudem war das Rheintal für die Verwaltung der Donaumonarchie etwas weit vom Schuss und seit dem Verlust der vorderösterreichischen Gebiete 1806 endgültig zur äussersten westlichen Peripherie des Reiches geworden.
Deltabildung als Problem
Erst mit dem ersten Staatsvertrag zwischen dem Kaiserreich und der Eidgenossenschaft konnte 1892 der Grundstein für eine wesentliche Verbesserung der Situation gelegt werden. Die beiden wichtigsten Massnahmen waren die beiden Durchstiche von Fussach zum Bodensee (fertiggestellt 1900) und bei Diepoldsau (fertiggestellt 1923). Durch den begradigten Flusslauf war es dem Rhein fortan besser möglich, sein Geschiebe in den See zu bringen. Das leistete allerdings einer verstärkten Deltabildung an der Mündung Vorschub. So wurde 1924 ein weiterer Staatsvertrag notwendig, der die Vorstreckung des Flusslaufes in den See bezweckte. Ein dritter Staatsvertrag wurde 1954 abgeschlossen zur Verengung des Flussquerschnittes. Zudem wurde der Fluss noch weiter in den See vorgestreckt, um das Geschiebe in die tieferen Zonen zu bringen.
Mehr Ökologie
Mit dem Hochwasserschutzprojekt Rhesi (Rhein – Erholung und Sicherheit) haben sich die beiden Rheinuferstaaten auf einen nächsten grossen Schritt geeinigt. Die Abflusskapazität des Rheins soll von 3100 auf 4300 m³ erhöht werden. Der Fluss soll das Geschiebe nicht mehr vollständig zum See bringen müssen: An drei Baggerstellen zwischen der Ill-Mündung und dem See wird das Geschiebe dem Fluss zum Teil schon vorher entnommen und als wertvolles Rohmaterial verwertet. Mit den Massnahmen will man auch die ökologische Situation des Rheins positiv beeinflussen und wo möglich Naherholungsgebiete entstehen lassen. Der Baubeginn ist für 2021 geplant; die geschätzten Kosten für das Projekt belaufen sich auf 600 Millionen Franken.
Museum mit eindrucksvollen Bildern
Eine Führung durch das Museum war sehr aufschlussreich und vermittelte viele Aspekte der Geschichte und der aktuellen Situation der Rheinkorrektion. Beeindruckend vor allem auch die Bilder von den Bauarbeiten an den Durchstichen. Die gewaltigen Erdbewegungen wurden weitgehend mit Muskelkraft bewältigt. Die 3500 Arbeiter waren grösstenteils italienische Arbeitsmigranten, für die eigens Barackensiedlungen erstellt wurden. Nach der Museumsführung bestieg man das Rheinbähnle, das in 40 Minuten Fahrt die Teilnehmenden in die weit in den See vorgestreckte Mündung des Alpenrheins brachte. So sah man sich unvermittelt der bayerisch-schwäbischen Inselstadt Lindau gegenüber. Die beiden Löwen über der Lindauer Hafeneinfahrt waren deutlich zu erkennen. Der Zufall wollte es, dass während des Aufenthalts an der Mündung der alte elegante Bodenseedampfer «Hohentwil» und in den Lüften der neue Zeppelin vorbeiglitten – eine schöne Abrundung eines lehrreichen wie ungezwungenen Tages.