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Die Hochgebirge der Antarktis
Von Christoph Höbenreich
Die Anfänge des Bergsteigens in der Antarktis
Die erste Bergtour am weißen Kontinent wurde im Zuge der britischen Southern-Cross-Expedition durch den Physiker Louis Bernacchi und den Expeditionsleiter Carsten Borchgrevink am Kap Adare in Victoria Land im April 1899 unternommen. Die Gauß-Expedition, die erste deutsche Antarktisexpedition unter der Leitung von Erich von Drygalski, bestieg dann im März 1902 den Gaußberg (365 m) in Kaiser Wilhelm II. Land. Und am 10. März 1908 gelang die Besteigung des ersten, großen Berges der Antarktis: In einer abenteuerlichen, fünftägigen Tour erreichten Mitglieder der von Ernest Shackleton geleiteten Nimrod- Expedition den Gipfel des Mt. Erebus (3795 m) auf der Ross-Insel. Die zweite Besteigung gelang am 13. Dezember 1912 der Terra-Nova-Expedition unter Robert F. Scott (der neun Monate vorher bei der Rückkehr vom Südpol mit seinem Team umgekommen war). Ab Beginn des 20. Jahrhunderts wurden zahlreiche relativ leicht erreichbare Berge auf der Antarktischen Halbinsel bestiegen. Als der Kontinent dann in den folgenden Jahrzehnten mit Forschungsstationen erschlossen wurde, bestieg man auch die Berge im Umfeld und im Hinterland der Stationen, wie etwa im Transantarktischen Gebirge nahe der US-Basis McMurdo und der neuseeländischen Scott-Station.
Bergsteigen in der Antarktis war damals den Teilnehmern nationaler Forschungsprogramme im Rahmen ihrer wissenschaftlichen (und pseudowissenschaftlichen) Aufgaben vorbehalten, etwa um Proben zu nehmen oder Messgeräte zu installieren. In den 1950er- und 1960er-Jahren wurden während der legendären Hundeschlittentransversalen zahlreiche Berge bestiegen, zumeist die höchsten und am leichtesten zu erreichenden Gipfel, um primär einen Überblick über das zu erkundende Gelände zu erhalten. Bergsteigen war Mittel zum Zweck der Durchführung geographischer und naturwissenschaftlicher Forschung. Auf nicht wenigen Gipfeln landete man in den 1970er-und 1980er-Jahren auch einfach mit dem Hubschrauber. Bergsteigen um seiner selbst willen wurde je nach nationalem Forschungsprogramm teilweise begrüßt oder zumindest geduldet, war meist aber verpönt oder untersagt. Manch abenteuerlustiger Forscher stieg dennoch in seiner Freizeit auf den Berg. Oftmals im Stillen und ohne darüber zu publizieren. Das sollte sich erst durch einige visionäre Bergsteiger und Polarpioniere Mitte der 1980er-Jahre ändern.
Mt. Vinson – der höchste Berg Antarktikas
Erst nachdem das Ringen um die Erstbesteigungen aller Achttausender längst beendet war und nur zweieinhalb Jahre vor der ersten Mondlandung, gelang es im Rahmen einer aufwendigen Expedition des American Alpine Club unter der Leitung von Nicholas Clinch und mit finanzieller Hilfe der National Geographic Society sowie logistischer Unterstützung der US-Marine, erstmals den höchsten Punkt Antarktikas zu betreten. Am 18. Dezember 1966 standen Barry Corbet, John Evans, William Long und Pete Schoening, dem 1958 bereits die Erstbesteigung des Gasherbrum (Hidden Peak) im Karakorum gelungen war, als erste Menschen auf dem Gipfel des Mt. Vinson. Er wurde damals mit einer Höhe von 5140 Meter vermessen – deutlich zu hoch, wie sich später herausstellen sollte. Es war eine der wenigen offiziellen US-Expeditionen mit primär alpinistischer Intention und noch dazu eine besonders erfolgreiche. Ihr gelangen nämlich auch gleich die ersten Besteigungen des Mt. Shinn (4660 m) und der bergsteigerisch schwierigen Mt. Gardner (4573 m) und Mt. Tyree (4852 m). Der extrem anspruchsvolle Mt. Epperly (4508 m) wurde erst am 1. Dezember 1994 von Erhard Loretan bestiegen, solo, über ein steiles Eisculouir durch seine 2100 Meter hohe Südwand.
Die zweite und nicht ganz unumstrittene Besteigung des Mt. Vinson glückte am 22. Dezember 1979 den Deutschen Peter von Gizycki und Werner Buggisch sowie dem Russen Vladimir Samsonov während einer US-Forschungsexpedition. Da die drei bergsteigenden Geologen aber weder den offiziellen Auftrag noch die Autorisierung zur Besteigung hatten, führte ihre Aktion zu einer Missstimmung beim US-Antarktis-Forschungsprogramm (USARP). Tourismus in der Antarktis und damit auch Bergsteigen und Skilaufen aus rein hedonistischen Gründen waren gegen dessen Politik. Aber ein wissenschaftlicher Vorwand wurde gefunden: Mit einer auf dem Gipfel an einem Skistock improvisiert aufgepflanzten, gut sichtbaren roten Flagge konnte die Höhe des Vinson-Massivs für den Geological Survey trigonometrisch neu vermessen und auf 4897 Meter korrigiert werden. Der Skistock verblieb und zierte den Gipfel bis 2007.
Ab Mitte der 1980er-Jahre wurde der Mt. Vinson dann als einer der sogenannten Seven Summits, der höchsten Berge aller sieben Kontinente, zum Ziel der Begierde. Die amerikanischen Millionäre Dick Bass, Besitzer des Snowbird Ski Resorts in Utah, und Frank Wells, Präsident der Warner Brothers Studios und später der Walt Disney Company, bezahlten Topalpinisten, um sie auf die begehrten Gipfel zu führen. Für den Mt. Vinson engagierten sie die Bergsteigerlegenden Chris Bonington und Rick Ridgeway. Doch weder die amerikanische National Science Foundation noch der British Antarctic Survey wollten diese private Unternehmung unterstützen. Erst durch eine diplomatische und flugtechnische Meisterleistung des Polarpiloten Giles Kershaw gelang ihnen am 23. November 1983 schließlich die dritte Besteigung des Berges. Auch Reinhold Messner wollte teilnehmen. Er wurde jedoch ausgebootet, da er den Amerikanern sonst den Ruhm als erster Mensch (und „richtiger“ Alpinist) auf den Seven Summits weggeschnappt hätte. Bass und Wells lösten mit ihrem Buch „Seven Summits“ einen globalen Bergreiseboom aus. Messner konnte dann in dessen Sog am 3. Dezember 1986 mit Adventure Network International (ANI) neben Oswald Ölz, Wolfgang Thomaseth und Gerhard Schmatz den Mt. Vinson besteigen und damit auch ein halbes Jahr nach Pat Morrow und als zweiter Mensch überhaupt die anspruchsvollere Seven-Summit- Liste komplettieren – mit der Carstensz-Pyramide als höchstem Berg Australozeaniens.
Den Mt. Vinson überhaupt zu erreichen, war damals viel schwieriger, als ihn zu besteigen. Die Pionierarbeit und der Mut von Giles Kershaw sowie der Innovationsgeist des britischen Glaziologen Charles Swithinbank machten es möglich, nicht nur aufwändig mit kleinen Skiflugzeugen, sondern mit größeren Transportmaschinen direkt ins Innere Antarktikas zu fliegen. Schlüssel zur Entwicklung der zivilen Polarluftfahrt und damit des privaten Expeditionswesens in der Antarktis war die Entdeckung eines von katabatischen Winden blankgefegten Blaueisfeldes am Fuße der Patriot Hills in der Heritage Range. Hier konnte Flugpionier Kershaw am 17. November 1987 erstmals ein Flugzeug mit Rädern, eine DC-4, im Inneren des Kontinents landen und starten. Er und die kanadischen Alpinisten Pat Morrow und Martyn Williams, denen am 19. November 1985 die vierte Besteigung und auch die erste Skiabfahrt vom Mt. Vinson gelungen war, erkannten das Potenzial, die höchsten Berge der Antarktis für Seven- Summit-Aspiranten zugänglich zu machen. Sie gründeten dazu das Logistiknetzwerk der ANI, das als erstes privates Flugunternehmen betuchte Alpinisten von Punta Arenas in Chile zum Mt. Vinson beförderte und private Skiexpedtionen bis zum Südpol ermöglichte: eine Innovation, die die Zugänglichkeit der inneren Antarktis für private Expeditionen schlagartig veränderte. Sie ermöglichte dann 1989/90 auch die 2390 Kilometer lange Antarktis-Transversale von Reinhold Messner und Arved Fuchs sowie die spektakuläre 6048 Kilometer lange, internationale Hundeschlittenexpedition Trans-Antarctica.
Die Idee, den höchsten Berg jedes Kontinents zu besteigen, beflügelte eine weltweite Bergreiseindustrie. Der Mt. Vinson zog Bergsteiger aus aller Welt an, er wurde nicht nur von Alpin- und Telemarkskifahrern (Pat Morrow und Martyn Williams, 1985) sondern auch Paragleitern (Vernon Tejas, 1988) und Snowboardern (Stephen Koch, 1999) erfolgreich befahren bzw. beflogen.
Ich hatte zu Beginn der 2000er-Jahre das Privileg, die kleine Polarbasis Mt. Vinson Base Camp der ANI leiten und den Berg insgesamt fünf Mal besteigen zu dürfen. Es waren noch wilde Pionierzeiten mit viel Freiheit im höchsten Gebirge der Antarktis. Die antarktische Stille und Abgeschiedenheit schenkten mir einige der intensivsten Erfahrungen meines Lebens. Damals kam auch Damien Gildea in das Camp, der immer wieder in die Sentinel Range reiste, um die höchsten Berge zu besteigen und mit Hilfe modernster GPS-Technologie digital zu vermessen. Dem australischen Alpinpionier verdanken wir heute nicht nur die genaueste und offiziell gültige Höhe des Mt. Vinson – 4892 Meter –, sondern auch die ausführlichste Chronik der antarktischen Alpingeschichte.
Seitdem hat sich am Berg viel getan. Die abenteuerlichen Zeiten, in denen man als Basecamp-Manager in diesem gewaltigen Massiv auf sich alleine gestellt war, sind vorbei. Gab es damals jährlich nur ein paar Dutzend Bergsteiger, so tummeln sich dort mittlerweile jedes Jahr in der kurzen Sommersaison von November bis Ende Januar zwischen 150 und 200 Bergsteiger. Seit der Übernahme der Pionierorganisation durch die Antarctic Logistics & Expeditions wurde das Vinson Basecamp professionell ausgebaut und mit mehreren Personen besetzt. Am Berg selbst legt man seit 2007 die Route nicht mehr über die risikoreiche, da von Eisschlag bedrohte und von Gletscherspalten durchzogene Flanke zum Vinson-Shinn- Sattel, sondern mit Fixseilen über einen etwas steileren, aber sicheren Eishang entlang der Vinson- Westwand. Es gibt vorgegebene Hochlagerplätze und sogar patrouillierende Ranger. Und auch die legendäre Hauptbasis Patriot Hills mit ihren berüchtigten, quer zur Landerichtung wehenden katabatischen Fallwinden wurde 2010 durch ein neues Camp und eine gegen den Wind angelegte Landepiste am Union Glacier ersetzt.
Der Mt. Vinson avancierte zu dem am häufigsten bestiegenen Berg des Kontinents, sieht man einmal vom 230 Meter hohen Ausflugshügel Observation Hill nahe der siedlungsartigen US-Polarstation McMurdo ab. All das hat dem Berg aber nichts von seiner Faszination genommen. Das Glück auf diesem exklusiven Gipfel und dem Dach Antarktikas zu stehen und die Ausblicke über die Ellsworth Mountains und die Weiten des Inlandeises zu genießen, lässt nach wie vor jedes Bergsteigerherz jubilieren.
Bergsteigen und Umweltschutz in der Antarktis
Antarktika ist nicht nur der südlichste, kälteste, windigste und trockenste, sondern auch der friedlichste und der sauberste Kontinent der Erde. Vereisung, klimatische Verhältnisse und die (noch) zu hohen Kosten schützen ihn bisher vor geologischer Ressourcenausbeutung.
Antarktika zu erreichen, wirft nicht mehr oder weniger Fragen hinsichtlich des CO2-Ausstoßes auf als der moderne Flug- oder Schiffsverkehr zu anderen Kontinenten. Aber bereits bei der Anreise gibt es schon einen Unterschied: Die Ausrüstung muss mit Staubsaugern peinlichst genau gereinigt und die Schuhe müssen desinfiziert werden, bevor man Antarktika betritt. Es dürfen keine Keime oder Samen eingeschleppt werden. Ein umweltbewusstes Vorgehen erscheint an vielen Bergen der Erde lediglich als leere Worthülse, wenn man beispielsweise an die Müllhalden in Basislagern oder die mit Fäkalien übersäten Routen und Hochlager der überlaufenen „Weltberge“ denkt. In der Antarktis hingegen ist Umweltschutz gelebte Praxis. So werden von den antarktischen Bergen sämtliche Abfälle einschließlich der Fäkalien wieder vom Berg mitgenommen, ins Basislager getragen und ausgeflogen. Durch die tiefen Temperaturen sind mikrobiologische Zerfallsprozesse äußerst langsam, wodurch jedes organische Material für Jahrhunderte konserviert bliebe. So berichtete Peter von Gizycki, am Gipfel des Mt. Vinson eine Aprikose der Erstbesteiger gefunden zu haben, die nach 13 Jahren noch immer unverdorben war und vorzüglich schmeckte.
Das Umweltprotokoll zum Antarktisvertrag von 1991 erlaubt keine fremden Tierarten am Kontinent mehr. Dass die Umweltschutzregeln auch die eleganten Hundeschlittengespanne zum Schutz der einheimischen Tierwelt vor übertragbaren Krankheiten verbieten, ist traurig, aber nachvollziehbar. Motorfahrzeuge aller Art sind dagegen zulässig. Jetzt ist man als Bergsteiger auf Skiflugzeuge oder Fahrzeuge angewiesen oder, ganz modern und umweltschonend, mit Ski und Windsegeln in der weißen Wildnis unterwegs. In der Antarktis gibt es auch keine indigene Bevölkerung, die beim Transport helfen könnte – und andererseits durch Expeditionsbergsteiger einem Kulturkonflikt ausgesetzt wäre.
Autor: Christoph Höbenreich
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