Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03508.jsonl.gz/677

aus: Die Kunstdenkmäler des Kantons Graubünden, E. Pöschel, Band V, S. 86ff – Ergänzungen und Korrekturen G. Tenner
Vorbemerkung: 1921 stand der Altar in der Kapelle St. Agatha [bei Disentis], doch gehörte er zweifellos ursprünglich nicht zu deren Ausstattung, da er mit seiner (nun verschwundenen) Bekrönung in dem niederen Gotteshaus nicht Platz gefunden hätte . Welche der Disentiser Kirchen er ehemals zierte, ist nicht bestimmt nachzuweisen, da die alten Schreinfiguren nicht mehr vollzählig erhalten sind. Zu unbekannter Zeit, vermutlich beim Standortswechsel, kamen zwei Statuen abhanden und wurden hernach durch jene zwei aus dem Greutter-Altärchen stammenden, jetzt auf dem Hochaltar stehenden Figuren von St. Jakobus d.Ä. und Ulrich ersetzt. 1921 aber, als der Altar in der Marienkapelle des Klosters Unterkunft fand, entfernte man sie wieder und komplettierte nun die Schreinausstattung mit den spätgotischen Statuen von St. Peter und Johannes Baptist, die in der Pfarrkirche zu seiten des Hochaltares gestanden hatten. 1941/42 wurde das Werk durch E.OETIKER, Zürich, restauriert.
Beschreibung
Der viereckige Schrein (H. 2 m, Br. 2,15 m) ist durch Säulchen, Bogen und Laubwerk in drei Tabernakel und zwei Ecknischen aufgeteilt; im mittleren Kompartiment steht auf gestuftem Sockel die Muttergottes zwischen St. Magdalena und Sebastian, dessen Attribut — Pfeil — nicht mehr vorhanden war; in den Seitenteilen St. Peter und Johannes Baptist. Die laubenartigen oberen Eckstücke bergen die Büsten von St. Nikolaus und Ulrich. Der Hintergrund der Tabernakel ist als goldener, mit einem Granatapfelmuster gezierter und mit roten Fransen gesäumter Teppich aufgefasst. Auf dem Sockel steht die Inschrift : completum est hoc opus per magistrum Yvonum Strigel de Memmingen) . Auf der Mittelleiste des Hintergrundes: „IWDS“, wohl die Initialen des Fassmalers und Vergolders. Auf den Innenseiten der Flügel sieht man vor goldenen, von gemalten Engeln gehaltenen Teppichen je zwei weibliche Heilige in Relief auf Konsolen aus Laubwerk, links (vom Beschauer) St. Katharina und Ursula, rechts Barbara und Margaretha. Von der Predella, die in Relief die Halbfiguren Christi und der Jünger zeigte, fehlte der Mittelteil mit dem Herrn und vier Aposteln, der zur Unterbringung eines Tabernakels ausgeschnitten worden war .
Die Aussenseiten der Flügel sind bemalt und zwar mit je einem Paar männlicher Heiliger, die auf einem gelblichen Schachbrettboden vor blauem Hintergrund stehen, über den sich oben goldene Laubranken schlingen. Die Sockelstreifen tragen ihre Namen, links: Sanct’ placitus • sanctus (Sigispert, rechts: Sanctus martin‘ • sanctus antoni’.
Auf der Rückseite des Schreins ist das Jüngste Gericht dargestellt: Christus thront auf dem Regenbogen zwischen den fürbittend knienden Gestalten der Maria und des Täufers. Von seinem Haupt gehen Schwert und Lilienstengel aus, um die sich Bänder mit Inschriften schlingen: benite benebicti in tegnum patris mei — itc malebidi in ignem dernum. Die Füsse des Herrn ruhen auf einer Weltkugel, auf der man eine Phantasielandschaft mit einer von Mauern und Wehrtürmen umgebenen Kirche erkennt. Beidseits davon die posaunenblasenden Engel des Gerichts, unten die sich öffnenden Gräber. Auf den noch erhaltenen Teilen der Predellenrückwand zwei fliegende Engel, die das Schweisstuch tragen, das auf dem (verschwundenen) Mittelstück zu sehen war.
Vom figuralen Beiwerk des Altars haben sich noch erhalten: die Statuetten von St. Luzius und Florinus (H. 66 und 68 cm), die, den Schrein flankierend, auf der Predella aufgesetzt waren, und die zentrale Gruppe der Bekrönung, der Leidenschristus (H. 97 cm) zwischen Maria und Johannes (H. 85 cm). Die Seitenstatuetten wurden bei der Restaurierung wieder am Altar angebracht, während die Bekrönungsfiguren, da das Gespreng nicht mehr vorhanden ist, getrennt aufgestellt wurden.
Würdigung
Die beiden äusseren Schreinfiguren, St. Peter und Johannes, unterscheiden sich deutlich von den übrigen Skulpturen; die Gesichter sind von schmalwangiger Bildung, der Wuchs graziler und der Faltenstil zeigt nicht die charakteristische Strigelsche kraus-dekorative und hartkantige Knitterung. Als äusseres Merkmal dafür, dass die Figuren von einem andern, zeitlich jedoch kaum wesentlich fernerliegenden Werk stammen, kommt dazu, dass die Fussplatten hier rund, bei den andern Statuen aber polygonal sind und dass die Figuren an keiner Stelle mit den Aussparungen in der Vergoldung des Hintergrundes zusammenstimmen. Auch ist anzunehmen, dass der St. Magdalena eine andere weibliche Heilige als Pendant entsprach, denn in den fünffigurigen gotischen Altären pflegen männliche und weibliche Heilige nur paarweise zu erscheinen. Der Altar ist jedoch kunstgeschichtlich schon dadurch von Bedeutung, weil er das älteste voll signierte Werk des Yvo STRIGEL ist und dadurch für die Zuweisung anderer Arbeiten an den Meister, wie die Altäre von St. Eusebius zu Brigels (1486) und von Obersaxen, zum Ausgangspunkt dient. Die Figuren, soweit sie zum ursprünglichen Bestand gehören, zeigen die Strigelsche Art, sein gesundes, bürgerlich-behäbiges Lebensgefühl in reiner Darstellung. Während die Skulpturen unbestritten als eigenhändige Arbeiten Yvo Strigels gelten, wird der gemalte Teil neuerdings dessen Sohn Bernhard zugeschrieben (von G. Otto wie J. Baum). Nur die, wie erwähnt, aus einem andern Altar stammenden, qualitativ geringeren äusseren Schreinfiguren sind neu gefasst, im übrigen aber ist das Werk in seinen originalen Farben und Vergoldungen erhalten. Bei der Restaurierung wurden nur die Beschädigungen ausgetupft; sie betrafen an den Flügeln allein die Gewänder und Hintergründe, während die sorgfältiger untermalten Gesichter ungemindert erhalten waren.