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Ein Mann fand ein Adlerei und legte es in das Nest einer gewöhnlichen Henne. Der kleine Adler schlüpfte mit den Küken aus und wuchs zusammen mit ihnen auf. Sein ganzes Leben benahm sich der Adler wie die Küken, weil er dachte, er sei ein Küken aus dem Hinterhof.
Er kratzte in der Erde nach Würmern und Insekten. Er gluckte und gackerte. Und ab und zu hob er seine Flügel und flog ein Stück, genau wie die Küken. Schliesslich hat ein Küken so zu fliegen, stimmt’s?
Jahre vergingen und der Adler wurde sehr alt. Eines Tages sah er einen herrlichen Vogel hoch über sich im wolkenlosen Himmel. Hoheitsvoll schwebte er durch die heftigen Windströmungen, fast ohne mit seinen kräftigen goldenen Flügeln zu schlagen. Der alte Adler blickte ehrfürchtig empor. “Wer ist das?” fragte er seinen Nachbarn. “Das ist der Adler, der König der Vögel”, sagte der Nachbar. “Aber reg dich nicht auf. Du und ich sind von anderer Art.”
Also dachte der Adler nicht weiter an diesen Vogel. Er starb in dem Glauben, ein Küken im Hinterhof zu sein.
“Entschuldigung”, sagte ein Fisch aus dem Ozean zu einem anderen. “Du bist älter und erfahrener als ich und kannst mir wahrscheinlich helfen. Sag mir, wo kann ich die Sache finden, die man Ozean nennt? Ich habe vergeblich überall danach gesucht.”
“Der Ozean”, sagte der ältere Fisch, “ist das, worin du jetzt schwimmst”. “Das? Aber das ist ja nur Wasser. Ich suche den Ozean”, sagte der jüngere Fisch sehr enttäuscht und schwamm davon, um anderswo zu suchen.
Ein Pendler sprang in New York auf einen Zug und sagte dem Schaffner, er fahre nach Fordham. “Sonnabends halten wir nicht in Fordham”, sagte der Schaffner, “aber hören Sie zu. Wenn wir in Fordham die Fahrt verlangsamen, werde ich Ihnen die Tür öffnen und Sie können hinausspringen. Aber achten Sie darauf, zunächst ein Stück in Fahrtrichtung mitzulaufen, sonst fallen Sie platt aufs Gesicht.”
In Fordham ging die Tür auf und der Pendler, der absprang, lief vorwärts. Ein anderer Schaffner, der ihn erblickte, machte die Tür auf und zog ihn in den Zug, als dieser wieder schneller fuhr. “Da haben Sie aber Glück gehabt, Kumpel”, sagte der Schaffner. “Dieser Zug hält sonnabends nicht in Fordham.”
(Quelle: Anthony De Mello, Gib deiner Seele Zeit, Herder Verlag, ISBN 978-3-451-05916-2)