Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03338.jsonl.gz/1457

Erst kürzlich schickte China mehrere Dutzend Kampfflugzeuge in Richtung Taiwan. Die Lage ist so angespannt wie lange nicht. Die Präsidentin Taiwans, Tsai Ing-wen, hat sich am Nationalfeiertag am Sonntag deutlich zu diesen Drohgebärden geäussert.
Taiwan werde niemals dem Druck nachgeben, sagte sie, und betonte die Souveränität Taiwans. Sie sagte auch, dass weder die Republik China, also Taiwan, noch die Volksrepublik China Anspruch auf das Gebiet des anderen hätten. Die Bevölkerung Taiwans forderte sie zu Wachsamkeit auf. Und sie kritisierte unter anderem die Unterdrückung der Demokratiebewegung in Hongkong.
Am Tag zuvor hatte Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping noch zu einer Wiedervereinigung mit dem chinesischen Festland aufgerufen. Diesem Aufruf erteilte Tsai Ing-wen wie erwartet eine deutliche Abfuhr.
China sieht Taiwan nach wie vor als chinesisches Territorium. Die beiden Länder verbindet eine komplizierte Geschichte und auch die gemeinsame Sprache, die Schrift und viele kulturelle Eigenheiten. Doch es gibt auch deutliche Unterschiede, gerade was die Entwicklung der letzten Jahrzehnte betrifft.
Hinterfragung der Identität
In den 1980er-Jahren wurde in Taiwan das Kriegsrecht aufgehoben. Die Insel hat sich dann nach und nach in eine vielfältige Demokratie mit freien Wahlen und verschiedenen politischen Parteien entwickelt. So habe Präsidentin Tsai Ing-wen am Sonntag auch auf die am Nationalfeiertag vertretenen Oppositionsparteien hingewiesen, sagt SRF-China-Korrespondent Martin Aldrovandi. Das ist ein riesiger Unterschied zu China, wo nur die Kommunistische Partei die Führung hat.
Die Identifikation mit dem chinesischen Festland hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten abgenommen.
Aus diesen Entwicklungen resultiert die Frage der Identität. Immer mehr Taiwanerinnen und Taiwaner würden sich als solche sehen und somit immer weniger als Chinesinnen und Chinesen. «Die Identifikation mit dem chinesischen Festland hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten abgenommen», so Aldrovandi.
Taiwan nehme die Drohungen aus China eher gelassen. Die taiwanesische Bevölkerung habe sich daran gewöhnt. Vielmehr beschäftige die empfundene Ungerechtigkeit. Taiwan wird international von den meisten Staaten nicht anerkannt. Das Land darf nicht in der UNO und beispielsweise in der WHO vertreten sein. Bei den Olympischen Spielen nahmen die Teilnehmenden aus Taiwan als «Chinese Taipeh» teil.
Ein offener Krieg ist wohl unwahrscheinlich
Aber: «Taiwan lebt mit diesem sehr vagen Status Quo schon seit vielen Jahren. Damit wird man wahrscheinlich weiterfahren. Das heisst: keine offizielle Unabhängigkeit», schätzt der China-Korrespondent. Die Wahrscheinlichkeit eines offenen Krieges sei aktuell aber sehr gering. «Davon würde niemand profitieren.»
Den Status Quo beibehalten
Taiwan versuche schon seit einiger Zeit wirtschaftliche Beziehungen zu anderen Staaten und Regionen zu verstärken. So wäre das Land auf dem chinesischen Festland wirtschaftlich weniger abhängig. Taiwan versuche auch die politischen Beziehungen mit anderen Staaten zu stärken, auch wenn es mit den meisten keine diplomatischen Verbindungen gebe, erklärt China-Korrespondent Martin Aldrovandi. Er hat jahrelang in Taiwan gelebt.
Die USA und Japan sind Bündnispartner Taiwans. Die USA verpflichten sich, dafür zu sorgen, dass sich Taiwan verteidigen kann. In welcher Weise sie das tun würden, bleibt unklar. Aldrovandi vermutet: «Das lässt man bestimmt auch absichtlich etwas vage, damit sich die Taiwaner nicht allzu stark auf die USA verlassen und auch selbst ins Militär und in ihre Verteidigung investieren.»