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Lebendiger Augenzeuge
Als der 31-jährige Jules Decrauzat 1910 für die alle zwei Wochen in Genf erscheinende Illustrierte „La Suisse Sportive“ zu fotografieren beginnt, ist die Welt noch in Ordnung. Zwar stürzt in Portugal die Monarchie, bricht in Mexiko die Revolution aus und stehen auf verschiedenen Kontinenten Einheimische gegen die Kolonialherren aus Europa auf.
Junge Pressefotografie
Doch der 1. Weltkrieg ist 1910 noch nicht einmal ein fernes Grollen. Der „Wettlauf zum Südpol“ zwischen dem Briten Robert Falcon Scott und dem Norweger Roald Amundsen bewegt die Massen. Indes kommt es in der Schweiz zwei Jahre nach Annahme der Volksinitiative zu einem Verbot des Absinthes. Die erste Radiosendung des Landes wird erst 1923 ausgestrahlt werden.
Die Pressefotografie ist 1910 noch jung. Zwar haben Fotografen schon 1842 den grossen Brand von Hamburg auf Daguerreotypien festgehalten. Roger Fenton dokumentierte in den 1850ern den Krimkrieg; Matthew Brady und Alexander Gardner fotografierten in den 1860ern im Amerikanischen Bürgerkrieg.
Diese Aufnahmen, mit aufwändiger Technik realisiert, erscheinen aber noch in Alben oder auf Ausstellungen. Trotz der Erfindung des Halbtondrucks sind Zeitungen und Magazine bis in die 1880er Jahre dem neuen Medium gegenüber eher skeptisch eingestellt. Und noch ist das Wort schneller als das Bild, obwohl die Kameras allmählich kleiner und handlicher werden.
Eyecatcher
Mit dem Aufkommen der Illustrierten erblüht in den USA und in Europa der Fotojournalismus. „Heute schreibt der Fotograf Geschichte“, prahlt 1913 das amerikanische Wochenmagazin „Collier‘s“: „Der Journalist schreibt lediglich noch Legenden.“ Gemäss Harold Evans, Autor des Lehrbuches „Pictures on a Page“, kann ein gutes Pressebild selbst im Innern einer Publikation die Aufmerksamkeit von vier Fünfteln aller Leserinnen und Leser auf sich ziehen: „Das ist eine phänomenale Zahl.“
Leicht also vorzustellen, wie stark, kurz nach der Jahrhundertwende, die Aufnahmen von Jules Decrauzat in „La Suisse Sportive“ auf ein breites Publikum wirken. Dies umso eher, als der Bieler Sujets fotografiert, welche die Schweizer Bevölkerung mit Sicherheit faszinieren: die Pioniere der Aviatik, etwa der Peruaner Juan Bielovucic, der als erster über die Alpen fliegt, Auto- und Motorradrennen, am Klausen oder an der Furka, am Albis oder beim Grand Prix Moto in Genf, Radrennen wie die Tour de France oder das Querfeldein in Genf, Ballon-Wettfahrten wie den Gordon-Bennett-Cup.
Die Fotografie hat der junge Decrauzat in Paris entdeckt, wohin es ihn 1897 als Bildhauer gezogen hat. Besonders tut es ihm die Pressefotografie an, allerdings nicht deren statische, gestellte Spezies, sondern die direkte, dynamische. 1899 gelingt dem jungen Reporter im Umfeld des Dreyfus-Prozesses in Rennes ein Primeur: Er fotografiert das Attentat auf den Anwalt des jüdischen Hauptmanns Alfred Dreyfus, ein Schnappschuss, den ihm die französische Wochenzeitschrift „L’Illustration“ gegen gutes Geld abkauft. Decreuzats Karriere ist lanciert. Ein Jahr später berichtet er aus Südafrika über den Krieg zwischen Briten und Buren, danach für französische Medien aus Europa.
Neues Lebensgefühl
Jules Decrauzats Bilder behalten ihren eigentümlichen Reiz, obwohl „La Suisse Sportive“ ihre Fotografen noch nicht als eigenständige Kreative, sondern lediglich als Illustratoren verstanden hat, deren Aufnahmen, fast wie im Stil einer Foto-Romanze, auf den einzelnen Seiten der Illustrierten eng aneinander gereiht und ohne grosse Rücksicht beschnitten wurden – so als wollte man, unbewusst, das bewegte Nachrichtenbild des Fernsehens vorwegnehmen. Dank leichterer Handkameras mit kürzeren Belichtungszeiten ist es Fotografen wie Decrauzat nun möglich, das Studio zu verlassen und sich im Freien zu bewegen, sich Menschen bei deren Aktivitäten unauffällig zu nähern und entscheidende Augenblicke festzuhalten.
Decrauzats Sportbilder sind Folge eines neuen Lebensgefühls, der Faszination von Geschwindigkeit und Technik, Ausdruck eines Aufbruchs in die Moderne, der auch ein neues Körpergefühl mit sich bringt, wie es sich im Sport schön zeigt, in der Leichtathletik, beim Tennis, beim Wasserspringen. Über den Sport hinaus dokumentieren diese Aufnahmen auch Schweizer Sozialgeschichte, etwa die Bedeutung des äusserst populären Boxsports als Sprungbrett für Angehörige ärmerer Volksschichten.
Der Fund im Archiv
Als Jules Decrauzat 1960 stirbt, kennt man ihn in Genf zwar noch als liebenswürdigen „Oncle Jules“, als Pionier der Schweizer Pressefotografie aber ist er schon weitgehend vergessen. Was auch damit zu erklären ist, dass er sich nach seiner Zeit bei „La Suisse Sportive“ allmählich von der Sportfotografie ab- und in den 40er- und 50er-Jahren mehr dem Schreiben und anderen Aktivitäten, zum Beispiel als Sportfunktionär, zugewandt hat. Für das „Journal de Genève“ schrieb er über Autofragen.
Doch das Glück und der Zufall wollten es, dass von Jules Decrauzats vermutlich um die 80‘000 Glasnegative rund 1250 Exemplare im Archiv von Keystone überlebt haben. Denn 1980 integrierte die Zürcher Bildagentur die Bestände der Konkurrentin Photopress in ihr Archiv. Diese ihrerseits hatte 1932 nach der Einstellung von „La Suisse Sportive“ Decrauzats Glasplatten übernommen.
Obwohl Keystone den Autor der Bilder nicht mehr kannte, liessen ihre Verantwortlichen die 1250 Negative im Format 13x18 Zentimeter akribisch klassifizieren und aufarbeiten. Der Kunsthistorikerin Medea Hoch gelang es schliesslich dank eines Auftrags der Fotoagentur, durch Quervergleiche zwischen Negativen und Reproduktionen in „La Suisse Sportive“ zu belegen, dass es sich beim fraglichen Fotografen um Jules Decrauzat handelte. Zehntausende von Glasplatten des Fotopioniers bleiben verschollen oder sind zerstört worden. Denkbar, dass sie noch irgendwo lagern, in einem Keller, auf einem Estrich, in einem Schrank – ein Schatz von unvorstellbarem Wert.
In der Ausstellung in Winterthur sind von den 1250 geretteten Bildern deren 98 zu sehen. 62 Fotos, die Decrauzat auch als talentierten Porträtisten ausweisen, werden in der Stiftung zudem als Dias projiziert. Die Aufnahmen des Fotopioniers erlauben es dem Betrachter, sich auf eine faszinierende Zeitreise zu begeben, zurück in die Schweiz, wie sie vor 100 Jahren war, eine Destination, die heute seltsam zeitlos wirkt und deren sportliche Sehenswürdigkeiten nach wie vor bewegen.
Zu Recht nennt Peter Pfrunder von der Fotostiftung Schweiz, welche die Ausstellung „Das Leben ein Sport“ in Kooperation mit Keystone, dem Echtzeit-Verlag sowie dem Photoforum PasquArt realisiert hat, Jules Decrauzats Werk „ein Stück Neuland“: das unbekannte Werk eines kaum bekannten Fotografen. Für den Direktor der Fotostiftung ist Decrauzat ein Könner und Wegbereiter: „Einer, der nicht nur aufregende Einzelbilder schuf, sondern auch seiner eigenen Epoche ein fotografisches Denkmal setzte.“ Jules Decrauzat hat laut Pfrunder dem geringen Umfang des erhaltenen Materials zum Trotz „den Nerv der Gesellschaft an der Schwelle zur Moderne“ getroffen.
Ausstellung: Fotostiftung Schweiz, Winterthur, 30. Mai bis 11. Oktober 2015
Publikation: „Jules Decrauzat – Der erste Fotoreporter der Schweiz“, Echtzeit Verlag Basel, 240 Seiten, CHF 48.-