Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03220.jsonl.gz/2115

Fünf MusikerInnen und KomponistInnen aus der alten und der neuen Welt erzählen von ihren Begegnungen mit John Cage. Sie zeichnen das Bild eines bescheidenen und einfühlsamen Menschen, der es verstand, Kunst und Alltag in Harmonie zu leben.
In der grünen Oase
Als ich John Cage 1981 traf, war er bereits als einer der Vordenker der Avantgarde akzeptiert und anerkannt. Seine Werke wurden weltweit aufgeführt, die Hungerjahre waren vorbei, trotzdem lebte er weiterhin sehr bescheiden.
Er wohnte in Manhattan an einer der lärmigsten Stellen, in einem wunderbaren Loft im sechsten Stock mit mehr als 200 Pflanzen. Eine grüne Oase inmitten dieses Betondschungels. Rund um die Uhr konnte man den Strassenverkehr hören. Cage störte das nicht, im Gegenteil. Er sah darin eine dauernde Aufführung seines Stück «4’33’’», das aus 4 Minuten und 33 Sekunden Stille besteht, was die Umgebungsgeräusche in den Vordergrund treten lässt – Alltagsmusik!
Margaret Leng Tan (geboren 1945, Pianistin, New York und Singapur)
Den Kürbis rösten
Ich arbeitete in Frankfurt am Main an der Oper, als 1987 die Uraufführung von John Cages «Europeras 1 & 2» anvisiert wurde. Cage lud mich zur Mitarbeit ein. Ich war damals Anfang 20, und er war mit seinen 75 Jahren eine Grossvatergestalt für mich. Er wurde von allen vergöttert und war genau das Gegenteil: offen für alles, sehr kindlich, lebensfreudig, nicht der Guru, zu dem er oft stilisiert wird. Alles, was er wollte, war gesunde Nahrung, seine Ruhe haben und die «Europeras» vernünftig auf die Bühne bringen. Als ich ihn kennenlernte, hatte er gerade auf dem Biomarkt einen Kürbis gekauft, und der musste jetzt makrobiotisch zubereitet werden. Wir sind dann zuerst einen Ofen kaufen gegangen, um den Kürbis zu rösten.
Die Konzeption der «Europeras» hat das Selbstbild der beteiligten OpernsängerInnen vollständig infrage gestellt. Deshalb kam es zu Konflikten. Hier standen nicht die einzelnen SängerInnen im Zentrum, sondern sie waren Teil eines grossen Ganzen, mussten vielleicht eine Arie in einer dunklen Ecke der Bühne singen. Dagegen wurde aufbegehrt. Cage stach in einen Bienenkorb hinein – ob es naiv oder kalkulierend war, weiss ich nicht.
Christina Tappe (geboren 1966, Regisseurin, Berlin)
Von absichtslosen Klängen
Ich hatte die Idee, Cages gesamte Saxofonwerke aufzunehmen. 1990, bei den Ferienkursen in Darmstadt, lernte ich ihn persönlich kennen, und einige Wochen später traf ich ihn erneut in New York, um über die Interpretation zu sprechen. Cage war sehr nett und aufgeschlossen für Fragen und Vorschläge – keine Starallüren. Damals war ich ein kleiner klassischer Saxofonist, der gerade seinen Hochschulabschluss gemacht hatte.
Schon während des Studiums habe ich mich für die US-amerikanische Avantgardemusik interessiert, die völlig anders war als die europäische. Deshalb haben mich Cage, aber auch Morton Feldman und die Minimalisten fasziniert, weil ihre Musik kein Drama kennt. Es ist im weitesten Sinne «Ambient Music». Dieses Absichtslose hat mich fasziniert.
Cages kompositorisches Zufallsprinzip wird oft missverstanden, weil es sich nur auf den Kompositionsprozess bezieht, nicht auf die Interpretation. Seine Stücke geben den InterpretInnen Freiheit, und damit kommt Verantwortung. Man muss sich mit den Stücken intensivst auseinandersetzen, eine Haltung dazu entwickeln. Die Frage ist: Wie weit geht die Freiheit? Wann schlägt sie in Beliebigkeit um? Solche Fragen habe ich mit Cage erörtert. Man muss die Stücke verstehen lernen, begreifen, was ihm vorschwebte. Nur so kann man mit der Freiheit verantwortlich umgehen.
Ulrich Krieger (geboren 1962, Saxofonist, Komponist und Hochschullehrer, Los Angeles)
Die heroische Phase
In den fünfziger Jahren lebte John Cage in einem winzigen Apartment auf der Lower East Side von Manhattan – weit unten. Er war stolz darauf, dass er sein Leben riskiert hatte, um Komponist zu sein. Und irgendwie war er überzeugt, dass es auch nur so ginge. Später nannte er diese Zeit seine «heroische Phase», weil das Leben so schwierig war. Und genau in dem Moment fing er mit dieser neuen Methode der Zufallskomposition an. Die Leute sagten: «Nein! Er ist überhaupt kein Komponist!» Und diesen Schritt tat er zu einem Zeitpunkt, als er Arbeit und Unterstützung am dringendsten benötigt hätte.
Christian Wolff (geboren 1934, Komponist, Hannover, New Hampshire)
Zum Tee bei John Cage
Es ist nun 23 Jahre her, dass ich John Cage in New York treffen durfte und er mich aufforderte, ihm das Projekt mit Auftragskompositionen für Soloschlagzeug von elf KomponistInnen aus Europa und den USA zu erläutern. Als ich ihn anrief, kam die Aufforderung zum Tee spontan und herzlich.
Die mitgebrachten CDs wollte er nicht hören, sagte, er würde gerne Geschichten und Stimmen hören. Als ich meine Erläuterungen abgeschlossen hatte, erhob er sich, ging in seiner von Licht durchfluteten Dachwohnung auf und ab, stand lange am Fenster und sagte dann mit seiner weichen, immer mit einem inneren Lächeln versetzten Stimme: «I like it, I’ll do it!»
Das war der Auftakt einer Begegnung, die dann bei der Besprechung seiner Partitur – zwölf Monate, einige Briefe und zwei längere Telefonate später – in Berlin ihre Fortsetzung erfuhr. Ich hatte das Stück studiert, mir Fragen aufgeschrieben, wollte von ihm wissen, ob dieser oder jener Ansatz auch denkbar wäre – im Rahmen seiner Spielanweisungen natürlich. Er schaute interessiert auf die Partitur, dann zu mir, wieder auf die Partitur. Das ging einige Male hin und her. Schliesslich lächelte er mich an und sagte: «But Fritz, this is your piece!»
Damit hat er mir die Verantwortung für das Gelingen seiner Musik übergeben, hat mich inspiriert, über Stille und Klang, Spannung und Ruhe, Inhalt, Form und Stimmung nachzudenken. Vor allem aber hat er mir sein Vertrauen geschenkt, mich einbezogen in die Gestaltung seiner Musik.
Fritz Hauser (geboren 1953, Schlagzeuger und Komponist, Basel)