Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03143.jsonl.gz/1163

Gehörlosigkeit nur ein Aspekt
Die Gehörlosigkeit ist nur ein Aspekt im Leben von Urs Pfister – definiert werden möchte er über sie keinesfalls. Das Schlimmste für ihn? Mitleid. Denn er hat sich nie benachteiligt oder ausgeschlossen gefühlt, privat nicht, bei der Zürcher Kantonalbank nicht. «Ich hatte das Glück, dass ich in meinen über dreissig Jahren bei der Bank jeweils auf gute Vorgesetzte und Kollegen getroffen bin», sagt Pfister. Statt zu telefonieren, habe man eben von Angesicht zu Angesicht oder schriftlich kommuniziert.
Auch punkto Karriere empfand er seine Situation nie als Hürde: «Alles, was ich machen wollte, konnte ich immer verfolgen – auch eine Teamleiterrolle und Fachführung.» Man muss erwähnen: Das ist leider nicht selbstverständlich. Umfragen zufolge sind fast 10% aller Schweizer Gehörlosen im erwerbstätigen Alter arbeitslos, viele kämpfen mit Vorurteilen und Benachteiligungen.
Von den meisten der rund 10'000 Gehörlosen in der Schweiz unterscheidet sich Urs Pfister darin, dass er lautsprachlich kommuniziert. Das heisst: Er spricht normal Schweizerdeutsch, anstatt Gebärdensprache zu nutzen. «In meiner Schulzeit war mir die Gebärdensprache verboten. Leider war das damals so üblich; die Akzeptanz für sie entwickelte sich erst später. So kam es, dass ich von klein auf zu reden gelernt habe – ohne verstehen zu können.» Das lief so ab: Bei jedem neuen Buchstaben, den er einübte, spürte er zunächst am Kehlkopf der Sprachlehrerin und dann bei sich nach, wie dieser sich anfühlt. Als zusätzliche Hilfe nutzte er einen Spiegel. Er spürte und sah sich also sprechen, anstatt sich zu hören; bei Gesprächspartnern war er auf Lippenlesen angewiesen.
Bis zu 80% Hörleistung
Hörgeräte halfen ab dem Kindergartenalter seine Hörleistung etwas zu verbessern, aber ohne Sprache verstehen zu können. Vor zwei Jahren entschied er sich dann für ein Cochlea-Implantat, eine aus zwei Teilen bestehenden Hörprothese. Unter Narkose wurde ihm in den Schädelknochen hinter dem rechten Ohr in die Cochlea (Teil des Innenohrs) ein Implantat eingefügt. Dazu trägt er einen externen Soundprozessor, den er bei Wunsch nach Ruhe auch abziehen kann. Dieser fängt Geräusche ein, sendet sie als digitale Signale an das Implantat, was diese in elektrische Impulse umwandelt. Wiederum diese stimulieren die Hörnerven, die dann Signale ans Gehirn weiterleiten. Ein sehr komplexes Verfahren also. Bis zu 80% Hörleistung sind nun möglich – das Cochlea-Implantat ist für Pfister ein kompletter Gamechanger. Über Nacht kamen die Resultate aber nicht. «Am Anfang hörte sich alles wie Einheitsbrei an. Ich musste wie ein Kind erst nach und nach lernen, zu hören», sagt er.
Herausforderung Corona
Auch Corona hat es Pfister noch einmal schwerer gemacht. Es kamen Gesichtsmasken und die vielen Telefonkonferenzen; jeweils ist Lippenlesen nicht möglich. «Für Gehörlose und Hörbeeinträchtigte ist das derzeit eine Katastrophe», sagt er. Er kann mit dem Hörimplantat zwar nun grundsätzlich telefonieren, Calls mit mehreren oder ihm unbekannten Personen sind für ihn aber sehr anstrengend. Insbesondere wenn sich Menschen untereinander ins Wort fallen. Auch fehlen ihm bei Calls all die nonverbalen Signale, auf die er sonst stark achte.
Sein neues Leben mit dem Implantat gefällt ihm aber grundsätzlich sehr gut. Wenn er sich aufs Programmieren konzentrieren möchte, schaltet er sein Hörgerät auf stumm und nimmt den externen Soundprozessor einfach ab.
Auch beim Eishockey könnte er die Hörhilfen theoretisch tragen, was ihm aber meistens zu umständlich ist. «Hin und wieder überhöre ich dann leider den Schiedsrichter», sagt Pfister. Er schmunzelt dabei.