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Zwei Agrarinitiativen wollen eine umweltfreundlichere Landwirtschaft in der Schweiz erreichen. Die Trinkwasserinitiative sieht dafür eine Steuerung über Direktzahlungen an die Bauern vor, die Pestizidinitiative verlangt ein Verbot von synthetischen Pestiziden.
Beide Initiativen polarisieren, weil sie das Schweizer Agrarwesen radikal umbauen würden. Aber worüber sprechen wir eigentlich, wenn wir von unserer Landwirtschaft reden?
Die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe in der Schweiz geht seit Jahrzehnten zurück. 2020 gab es noch 49’363 Betriebe – 675 Höfe weniger als im Jahr zuvor. Gleichzeitig werden die Betriebe grösser. Ein Hof bewirtschaftet im Durchschnitt 21 Hektaren.
2019 war die landwirtschaftliche Nutzfläche insgesamt 1 Million Hektaren gross, 70 Prozent davon sind Grünflächen, etwa Wiesen und Weiden.
In den vergangenen 45 Jahren hat sich auch der Bestand der Nutztiere verändert. Die Anzahl der Hühner hat sich praktisch verdoppelt: Die Nachfrage nach Poulet und Eiern ist stark gestiegen. Gleichzeitig ging der Bestand von Schweinen, Rindern und Kühen zurück. 2020 erreichte der Kuhbestand mit 680’000 Tieren den tiefsten Wert seit 1996.
Im Jahr 2020 gab es in der Schweiz insgesamt ca. 15 Millionen Nutztiere. Hühner machen mit 78,1 Prozent den grössten Anteil aus. Die Geflügelhaltung erlebte zwischen 2006 und 2019 einen regelrechten Boom: Die Zahl der Mastpoulets nahm noch stärker zu als die der Legehennen.
Ein zentrales Anliegen der Trinkwasserinitiative ist die Futtermittelproduktion. Nur noch jene Landwirtschaftsbetriebe sollen Subventionen erhalten, die ihre Tiere mit eigenem Futter ernähren können.
Rindvieh, Schafe und Ziegen leben vorwiegend von Raufutter. Es stammt von Wiesen und Weiden und wird fast ausschliesslich in der Schweiz produziert.
Schweine und Hühner essen Kraftfutter wie Weizen oder Soja, das einen höheren Proteinanteil hat; mehr als zwei Drittel davon stammen aus dem Ausland.
Seit 1990 hat sich der Import von Futtermittel fast verfünffacht und betrug 2018 nach Proteingehalt berechnet 293’000 Tonnen. Das im Inland hergestellte Futter ging von 1’045’000 Tonnen 1990 auf 873’000 Tonnen (ebenfalls nach Proteingehalt berechnet) 2018 zurück – eine Abnahme von 16 Prozent.
Auch Milchkühe erhalten teilweise Kraftfutter. Aber vom importierten Futter abhängig ist vor allem die intensive Schweine- und Hühnerproduktion, die seit Jahren boomt. Ohne Importfutter würde die Menge an Schweizer Pouletfleisch und Eiern drastisch sinken, jene von Schweinefleisch wäre stark betroffen.
Importiertes Futter erlaubt es, die Zahl der landwirtschaftlich genutzten Tiere in der Schweiz stark zu steigern. Das wiederum verursacht mehr Gülle und trägt zur Belastung des Grundwassers bei.
Die Trinkwasserinitiative und die Pestizidinitiative sehen ein Verbot von Pestiziden vor. Die Pestizidinitiative geht weiter. Sie will einerseits synthetische Pestizide in der Landwirtschaft verbieten und andererseits importierte Lebensmittel, die unter Einsatz von synthetischen Pestiziden produziert wurden.
Als Pestizide bezeichnet man Substanzen, die eingesetzt werden, um als schädlich betrachtete Lebewesen zu töten oder deren Keimung, Wachstum oder Vermehrung zu hemmen.
Pestizide kann man im Wesentlichen in folgende Kategorien einteilen:
Die Menge der verwendeten Pestizide ist in den zehn Jahren seit 2008 nur sehr leicht zurückgegangen. Ein Teil der Insektizide und Fungizide wurde aber durch biokonforme Varianten ersetzt. Es gibt keine Herbizide, die für die Bioproduktion zugelassen sind.
Fungizide werden mit 271 Tonnen pro Jahr am meisten in Reben gespritzt – im Weinbau werden alle anwendbaren Präventivmassnahmen ergriffen, um die Verbreitung von Krankheiten und Schädlingen zu verhindern.
Die Schweizer Karte zeigt, in welchen Regionen welche Produktionsart dominiert.
Der Bund unterstützt die Landwirtschaft jährlich mit durchschnittlich 3,5 Milliarden Franken. Direktzahlungen machen mit 2,8 Milliarden Franken den grössten Teil der Steuergelder aus. Betriebe, die Direktzahlungen erhalten, müssen eine Reihe von Anforderungen erfüllen – darunter der ökologische Leistungsnachweis, der einen Mindeststandard für umweltgerechte Landwirtschaft vorschreibt. Für verschiedene andere Massnahmen werden jährlich 700 Millionen Franken gezahlt, die nicht unbedingt direkt an Bauern gehen, darunter die «Verkäsung» von Milch, die Förderung von neuen Absatzmärkten oder die Vermarktung von Schweizer Fleisch.
2019 setzten sich die Direktzahlungen wie folgt zusammen:
Auf einzelne Produkte heruntergebrochen, setzen sich die Direktzahlungen wie folgt zusammen:
Ernährungssicherheit ist in der Schweizer Verfassung seit 2017 verankert (Artikel 104a). Die Schweizer Landwirtschaft soll die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln versorgen. Der Selbstversorgungsgrad wird definiert als Verhältnis der Inlandproduktion zum inländischen Gesamtverbrauch.
2019 wurde der Schweizer Nahrungsmittelverbrauch zu 57 Prozent mit Produkten aus inländischer Erzeugung gedeckt – dieser Wert, nach Energiegehalt der Produkte berechnet, ist seit 20 Jahren relativ konstant. Der Netto-Selbstversorgungsgrad liegt etwas tiefer, weil das importierte Futter einberechnet werden muss.
Die Schweiz produziert mehr Milch und Milchprodukte, als sie verbraucht (116 Prozent). Der Bedarf an Früchten wird von der Schweizer Landwirtschaft nur zu einem Viertel gedeckt, der Bedarf an Eiern und Gemüse zur Hälfte.
Der biologische Landbau nimmt zu. 7561 Höfe produzierten im vergangenen Jahr biologisch: Das entspricht 15,3 Prozent aller Betriebe und 17 Prozent der gesamten Landwirtschaftsfläche. Allerdings sind das Steigerungen auf sehr niedrigem Niveau: Die konventionelle Landwirtschaft macht immer noch mehr als 80 Prozent der Produktion aus, ihre überragende Vorherrschaft bleibt ungebrochen.
In jüngster Zeit ist der Bioanteil bei Geflügel besonders stark gewachsen: von 5 Prozent 2005 auf 10 Prozent heute. Auch die Ackerfläche wird zunehmend biologisch bewirtschaftet: 1990 lag der Anteil bei 1 Prozent, im Jahr 2020 waren es knapp 10 Prozent.
Der Ursprung des Labels Bio liegt in den Umweltskandalen Ende der 1980er-Jahre. Damals wurde fast täglich über Hormonfleisch oder erhöhte Nitratwerte im Kopfsalat berichtet, über Lebensmittel voller Chemie. In den 90er-Jahren wurde Bio massentauglich. 2020 wurden in der Schweiz 3,8 Milliarden Franken mit Bioprodukten umgesetzt.
Mit der Einführung von Direktzahlungen 1992 begann eine neue Ära der Schweizer Agrarpolitik. In einem Zeitstrahl zeigen wir einige der Meilensteine in der Entwicklung dieser Politik bis heute – kommentiert von Urs Niggli, einem der besten Kenner der Materie in der Schweiz.
Urs Niggli (67) gilt in der Schweizer Biobewegung als Visionär und Vorkämpfer. Er war dreissig Jahre lang Chef des Fibl, des Forschungsinstituts für biologischen Landbau. Niggli ist einer der international bekanntesten Agrarwissenschaftler. Er ist Gründer und Leiter des Instituts agroecology.science.
Unter internationalem Druck werden Preisgarantien für einzelne Produkte ersetzt durch Direktzahlungen an Bauern, die verknüpft sind mit der Förderung nachhaltiger Landwirtschaft.
«Die Idee einer ökologisch-sozialen Erneuerung der Wirtschaft lag in der Luft. Die paar Hundert Biobauern sollten anfangs nicht von den Direktzahlungen profitieren. ‹Sie erhalten in der Direktvermarktung ja höhere Preise›, meinte das Bundesamt für Landwirtschaft. Letztendlich erhielten Biobauern aber höhere Direktzahlungen als integriert wirtschaftende Bauern.»
Der neue Artikel schreibt nachhaltige Landwirtschaft in der Verfassung fest - aber erst die Verknüpfung mit der Ökologie verhilft ihm zum Abstimmungserfolg.
«Damit war die Schweizer Politik der EU-Agrarpolitik weit voraus. Erst heute verankert die EU die nachhaltige Landwirtschaft und Ernährung in der Agrarpolitik. Die darin enthaltenen Ziele, wie eine Halbierung von Pestiziden und Dünger und ein Anteil von 25 Prozent Bio, stellen die Schweiz wiederum in den Schatten.»
Ein Bauer muss die Vorgaben des ÖLN erfüllen, um Direktzahlungen zu erhalten.
«Der ÖLN war eine weltweite Pionierleistung. Man sieht, dass ein kleines und reiches Land wie die Schweiz viel flexibler und mutiger sein kann. Die EU diskutiert heute ein ähnliches Konzept.»
Der Staat zahlt keine Subventionen mehr für die Ausfuhr landwirtschaftlicher Produkte.
«Ein längst fälliger Schritt. Er hat die Handelsbeziehungen mit den Entwicklungsländern ein klein wenig gerechter gemacht.»
Die Zahlungen an Bauern orientieren sich noch stärker an den Zielen von Verfassungsartikel 104. Gefördert werden etwa emissionsarme Spritzgeräte oder der Anbau von Sonnenblumen und Raps ohne Fungizide und Insektizide.
«Das waren zaghafte Schritte in die richtige Richtung. Die Schweizer Landwirtschaft hat nur eine Chance, nämlich höchste Qualität, schonender Umgang mit den natürlichen Ressourcen und der artgerechte Umgang mit Tieren.»
Auf Initiative des Bauernverbandes wird mit Artikel 104a die sichere Versorgung der Schweiz mit Lebensmitteln in die Bundesverfassung aufgenommen.
Der Bundesrat legt einen Rahmen fest um das Risiko beim Einsatz von Pestiziden zu reduzieren und nach nachhaltigen Methoden zu forschen.
«Artikel 104a hat mehr der Profilierung des Bauernverbands als einer echten Veränderung der Landwirtschaft genutzt.
Ich habe einen nationalen Aktionsplan Pflanzenschutz als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der deutschen Regierung erlebt. Die Aktionspläne in allen europäischen Ländern waren sehr zögerlich, keine mutigen Schritte. So auch in der Schweiz.»
Die Verfahren zur Zulassung von Pflanzenschutzmitteln werden überprüft. Damit reagiert die Regierung auf den Druck aus der Bevölkerung, den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren – wie die Trinkwasserinitiative und Pestizidinitiative zeigen, die 2018 zustande kommen.
«Als Laie würde ich mich auch fragen; ‹Warum lassen wir die Pestizide nicht einfach im Giftschrank?› Man vergisst aber leicht, dass Pflanzenschutzmittel für den Ertrag, die jahreszeitliche Stabilität der Ernte und die schöne Qualität der Produkte entscheidend sind. 30 bis 50 Prozent der Ernte weltweit hängt von einem guten Pflanzenschutz ab. Deswegen ist ein Ausstieg eine grosse Sache.»
Nach heftiger öffentlicher Diskussion um das umstrittene Fungizid, das möglicherweise krebserregend ist, wird Chlorothalonil verboten.
Der Bund fördert den reduzierten Einsatz von Giften bei der Bekämpfung von Unkraut im Ackerbau.
«Man hat offenbar falsch eingeschätzt, wie lange Chlorothalonil-Fungizide in der Umwelt erhalten bleiben. Das zeigt, wie schwierig das Umweltverhalten oft einzuschätzen ist.
Wir könnten auf Herbizide, also Unkrautvernichtungsmittel, vollständig verzichten. Biobauern haben gezeigt, dass es sehr gut ohne geht.»
Nach monatelangen, heftigen Diskussionen lehnt das Parlament auf Druck des Bauernverbandes die neue Agrarpolitik 22+ des Bundesrats ab.
Stattdessen verabschieden beide Kammern die Initiative «Risiko beim Einsatz von Pestiziden reduzieren» als indirekten Gegenvorschlag zu den beiden Agrarinitiativen.
Schweizerinnen und Schweizer stimmen über die beiden Agrarinitiativen ab.
«Um weniger Pflanzenschutzmittel zu gebrauchen, müssen wir: auf komplexe Anbausysteme setzen, die das Aufschaukeln von Schaderregern abbremsen; naturnahen Pflanzenschutz entwickeln, der auf eine ganz andere Palette von Wirkstoffen setzt, die der Natur abgeguckt sind; die Pflanzenzüchtung beschleunigen, sodass sich die Pflanzen gegen Schaderreger selber wehren können.
Die Landwirtschaft wird noch viele Jahre brauchen, bis der chemische Pflanzenschutz überflüssig ist. Die zahlreichen Erkenntnisse aus der Umweltanalytik belegen, dass dies notwendig ist. Mit den beiden Initiativen schüttet man das Kind aber mit dem Bad aus.»