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Finnegans Wake: zu Deutsch etwa so viel wie Die Finnegans erwachen. Doch schon im Titel lässt sich Joyce’ Schreibtechnik nachvollziehen. Der Titel geht nach allgemeiner Übereinkunft zurück auf ein irisches Sauflied The Ballad of Tim Finnegan Or Finnegan’s Wake – diesmal mit dem Apostroph, der im Englischen einen Genitiv ausweist, weil die Ballade nur eine Person betrifft: Tim Finnegan, der stirbt und von seinen Freunden betrauert wird. Aus Versehen wird etwas Whiskey über die Leiche geschüttet, und Tim Finnegan erwacht wieder zum Leben. Doch seine Freunde sagen ihm, er solle in seinen Sarg zurückkehren, die Stellen in seinem Leben (sein Job, wohl auch seine Frau) seien bereits anderweitig vergeben. Wir sehen also, dass das Wortspiel zwischen ‘Erwachen’ und ‘Totenwache’, die als Bedeutungen beide im englischen Wort ‘Wake’ enthalten sind, nicht erst von Joyce ausgenutzt wurde. Wir finden auch im Sauflied schon das Thema der Auferstehung im Fleisch, das ebenfalls in Finnegans Wake von Joyce erscheint. Doch das ist nicht der einzige Ansatzpunkt zur Interpretation des Titels. Es gibt im Englischen nämlich noch einen Kinderreim
There was an old man named Michael Finnegan
He grew his whiskers on his chin again
He grew out and then grew in again
Poor old Michael Finnegan, begin again…
wo wir ein anderes Thema Joyce’ finden: Die unendliche Wiederholbarkeit seiner Geschichte oder Teile derselben. Finnegans Wake beginnt ja bekanntlich mitten in einem Satz, dessen Beginn dann den Schluss des Romans bildet, so, dass der Leser nahtlos am Anfang wieder einhaken kann. Die Auferstehung ist also im Grunde genommen eine endlose, kreisförmig in sich zurückkehrende Bewegung. Wenn wir jetzt noch hinzu nehmen, dass Joyce in seinem Text verschiedene Sprachen mixt, und in Finnegans Wake sehr wohl ein deutscher Genitiv zu einem englischen Namen gebildet sein kann, wird klar, mit welcher Konzentriertheit Joyce Bedeutungsebene auf Bedeutungsebene, Bedeutungsmöglichkeit auf Bedeutungsmöglichkeit häuft. Alleine in rudimentären Bemerkungen über die Deutungsmöglichkeiten eines Titels mit 2 Wörtern habe ich nun rund deren 300 verloren.
Joyce’ Roman stellt ein riesiges Sprachspiel dar – nicht im Wittgenstein’schen Sinne allerdings. Joyce mischt Sprachen und deren Grammatik – so, dass ein englischer Satz zum Beispiel auch mal dem deutschen Satzbau gehorcht. Joyce ändert Orthographien – so, dass ein Wort plötzlich an ein anderes erinnert. Das gemahnt in vielem an Lewis Carrolls Nonsense-Gebilde, vor allem in seinen Alice-Büchern; doch Joyce hat versichert, Carroll erst später, und dann noch einen ganz andern Text von ihm, gelesen zu haben. Dennoch bleibt die Tatsache, dass bei beiden der Kinderlied-Held Humpty Dumpty auftaucht – bei Joyce auch gern unter verschiedenen Verfremdungen seines Namens. Die kindliche Lust am Spielen mit der Sprache, daran, dass man sich von Reim und Rythmus mitreissen lassen kann, sind jedenfalls beiden eigen.
Joyce’ Text gemahnt in vielem an einen Traum, was wohl auch der Tatsache geschuldet ist, dass der Ire die Technik des Stream of Consciousness ins Extreme steigert, so dass wir wirklich dem Gedankenfluss eins halb wachenden, halb träumenden Menschen beizuwohnen wähnen – womit der Gedanke des Wake, des Erwachens, eben auch von dieser Seite bestätigt wird. Daneben ist Joyce nicht nur in verschiedenen Sprachen bewandert, sondern auch in der Literatur. Der Vater der Familie Finnegan, deren Spuren wir in Finnegans Wake folgen (dazu siehe aber noch weiter unten), wird auch schon mal mit dem mythischen Stammvater Adam verglichen und mit diesem Namen gerufen. Doch auch seine Gegenwart lässt Joyce nicht ausser Acht. Er lässt in einem Dialog die Namen Sackville-Lawry and Morland-West einfliessen, was auf Beziehungen zur Bloomsbury Group hindeutet, der Vita Sackville-West bekanntlich angehörte. Und so gehen die Andeutungen und Hinweise weiter – fast bis ins Unendliche.
Ist Finnegans Wake überhaupt ein Roman? Weist der Text eine Handlung auf? Die Frage wird unter Literaturkritikern unterschiedlich beantwortet. Manche sagen: ja. Andere sagen: nein. Ich sage: keine Ahnung. Wohl gab es Momente, in denen ich glaubte, der Geschichte einer Familie Finnegan zu folgen: Vater, Mutter, zwei Söhne, eventuell noch mehr Kinder. Diese Konstellation taucht tatsächlich in mehreren Variationen, und auch unter anderen Namen als ‘Finnegan’, immer wieder auf. Dass die Mutter auch der Fluss Liffey ist, der durch Dublin fliesst, sich ins Meer ergiesst und dort wieder in die Atmosphäre als Wasserdampf aufgenommen und zurück an Land, an seinen Ursprungsort, transportiert wird, trägt viel zum mystischen Charakter des Romans bei.
Es gibt wohl zwei Arten, Finnegans Wake zu lesen. Da ist die in einer Fotografie auf Twitter von Susan Sontag dokumentierte: Akribisch zu praktisch jedem Wort und in verschiedenen Farben Notizen in den Text zu kritzeln, offenbar Hinweise setzend, Querverweise, poetologische Strukturen analysierend. Und da ist die diesmal von mir angewandte: lesend den halbwachen Träumereien der Finnegans folgend, selber schon fast träumend – so, wie man auch von einem guten Stück Musik davon getragen wird.
Für einmal allerdings fehlt mir der Mut, ein Fazit abzugeben. Finnegans Wake … ich habe selber lange gezögert, den Text zu lesen, und ich weiss nicht, ob ich ihn ein zweites Mal lesen möchte. Dieses eine Mal allerdings habe ich nicht bereut.