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| Tertullian († um 220) - Über die Auferstehung des Fleisches. (De resurrectione carnis)

61. Cap. Wie es mit der Erhaltung des zur Ernährung und Fortpflanzung dienenden Apparates stehen wird.
Aber Du hast ja, o Mensch, den Mund bekommen zum Essen und Trinken. — Warum nicht lieber zum Sprechen, um dich von den übrigen lebenden Wesen zu unterscheiden? Warum denn nicht lieber, um Gott zu preisen, damit du auch unter den Menschen einen Vorrang habest? Adam hat erst den Tieren ihre Namen verkündet, bevor er vom Baume pflückte, er hat auch eher prophezeit als gegessen. Doch wir haben ja die Zähne bekommen, um das Fleisch zu kauen. — Warum nicht lieber dazu, um das Öffnen des Mundes und das Gähnen etwas zu verschönern? Warum nicht, um die Bewegungen der Zunge zu regeln, um die einzelnen Laute beim Sprechen durch das Anstossen daran zu markieren? Höre und siehe dir schliesslich die Zahnlosen an, und frage dann nach der Würde des Mundes und dem Mechanismus der Zähne.1
Beim Manne und beim Weibe befinden sich Öffnungen an den unteren Teilen natürlich nur, damit die Wollüste durch dieselben ihren Ausweg nehmen. — Warum werden sie nicht mit mehr Recht in Ehren gehalten werden wegen der Ausscheidungen?2 Sodann hat das weibliche Geschlecht inwendig im Körper auch einen Ort, wo die Samen zusammenfliessen oder wo das überflüssige Blut sich ausscheidet, welches das stärkere Geschlecht abzusondern nicht imstande ist. — Auch diese Dinge muss ich leider erwähnen, weil jene Leute, um die Auferstehungslehre lächerlich zu [S. 505] machen, absichtlich mit den Verrichtungen beliebiger Glieder possenhafterweise angestiegen kommen, wie sie wollen und mit welchen sie wollen, und nicht dabei bedenken, dass in jener Zeit vorerst die Ursachen für deren Notwendigkeit hinwegfallen werden, für das Essen der Hunger, für das Trinken der Durst, für den Beischlaf das Gebären und für das Arbeiten die Gewinnung des Lebensunterhalts. Denn wenn der Tod weggefallen ist, so bildet weder die Nahrung das Mittel zur Erhaltung des Lebens, noch wird der untere geschlechtliche Organismus3 die Glieder belästigen.
Aber auch jetzt kann es vorkommen, dass die Eingeweide und die Geschlechtsteile ausser Wirksamkeit sind. Vierzig Tage lang hielten Moses und Elias das Fasten aus und wurden von Gott allein ernährt. Denn der Grundsatz: „Nicht vom Brote allein lebt der Mensch, sondern vom Worte Gottes“,4 wurde schon damals inauguriert. Siehe da den Schattenriss der künftigen Tugendkraft! Auch wir versagen unserem Munde die Speise, so gut wir können, und halten uns von geschlechtlicher Vereinigung fern. Wie zahlreich sind nicht die freiwillig Verschnittenen! Wie viele sind nicht der an Christus vermählten Jungfrauen! Wie viele der Unfruchtbaren von beiden Naturen, die mit unfruchtbaren Geschlechtsteilen versehen sind! Wenn die Verrichtungen und Wirkungen der Glieder sogar schon hier in einer zeitweiligen Unthätigkeit ohne Wirksamkeit sein können, gleichsam nach einem vorübergehenden, zeitweiligen Ratschluss, und der Mensch dabei nicht weniger Mensch bleibt, so werden wir ganz ebenso ohne Verkümmerung des Menschenwesens, weil nach einem ewigen Ratschluss, in jener Zeit noch viel weniger Dinge begehren, welche wir schon nicht einmal mehr hienieden zu begehren gewohnt waren.
1: Ich lese an dieser kritisch unsichern Stelle: Denique et edentulos audi et vide, ut honorem oris ... Öhler schiebt vor audi ein esse ein, was gleich edere sein soll.
2: Öhler setzt defluxura, besser scheint mir: de fluxura.
3: Supparatura wird erklärt [apokatastasis] ἀποκατάστασις = Wiederherstellung. Das gäbe aber an dieser Stelle einen ganz schiefen Sinn. Nach meiner Ansicht ist supparatura gleich paratura, quae subtus est.
4: Matth. 4, 4.