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"UNTERNEHMEN ALGERIEN. HENRY DUNANT UND SEINE KOLONIALE KARRIERE"
14.11.2021 Doppelausstellung Dunant Museum, Dunant Plaza, Haus Krone, Kichplatz 9, Heiden (AR), bis am 20. März 2021
Bild: Henry Dunant in späteren Jahren (genaue Datierung unbekannt) - Foto: Library of Congress Prints & Photographs Division Washington, DC 20540; Call number: LC-USW33-042485, Time Life Pictures - Public domain - Datei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jean_Henri_Dunant.jpg
Die Schweiz hatte selber keine Kolonien, profitierte jedoch früh von Beziehungen mit grossen Kolonialmächten. Am Sonntag eröffnete das Henry-Dunant-Museum zeitgleich zwei Ausstellungen, in deren Fokus Algerien während der Kolonialherrschaft Frankreichs steht. In der langen Besatzungszeit zwischen 1830 und 1962 verfolgten auch Schweizer Handelsgesellschaften und Privatpersonen wirtschaftliche Interessen – unter ihnen der junge Henry Dunant, welcher später als Initiator des Roten Kreuzes in die Geschichte eingehen wird. Die beiden Ausstellungen im Dunant Plaza beschäftigen sich aus kulturhistorischer und künstlerischer Perspektive mit kolonialen Verstrickungen zweier Schweizer in Nordafrika.
"Unternehmen Algerien. Henry Dunant und seine koloniale Karriere"
Henry Dunant gilt vor allem als Humanist. Wenig bekannt ist die Tatsache, dass der Genfer als junger Mann ein lebhaftes Interesse für die Kolonisierung Algeriens hegte und in den 1850er- und 1860er-Jahren als Kolonisator aktiv war. Als 25-Jähriger reist er im Auftrag der "Genfer Handelsgesellschaft der Schweizer Kolonien von Sétif" nach Nordafrika. Die "Compagnie" hatte im Jahr 1853 von der französischen Regierung ein Grundstück nahe der Kleinstadt Sétif erworben. Dieses sollte für mehrere hundert Schweizer Siedler nutzbar und bewohnbar gemacht werden.
In der Ausstellung ist ein Plan zu sehen, welcher den Prototyp der Steinhäuser zeigt, wie sie für die "Villages Suisse près de Sétif" geplant waren. Dunants Reise von 1853 markiert den Beginn seiner Tätigkeit als kolonialer Verwalter und gescheiterter Geschäftsmann, die ihn prägen und ein Leben lang belasten wird.
Kolonisator, Unternehmer, Ethnograf
Die kompakte Ausstellung in der Glasveranda des Dunant Plaza porträtiert Henry Dunant entlang dreier Stationen: als Kolonisator, als kolonialer Unternehmer und als Ethnograf.
Wie lässt sich das koloniale Wirken Dunants mit seinem philanthropischen Weltbild nachvollziehen? Die von der Museumsleitung und der Kulturwissenschaftlerin Ina Boesch konzipierte Schau ordnet seine "algerische Zeit" im Kontext des "Orient-Fiebers", dem Europa seit 1800 verfallen war – und das bis heute nachwirkt.
"et l’histoire commence ici / und die geschichte beginnt hier"
Hundert Jahre nach Henry Dunant reist ein Genfer Vermessungsingenieur nach Algerien. Es ist der Grossvater der Künstlerin Camille Kaiser. Ausgangspunkt ihrer Ausstellung im Dunant Plaza sind Fragmente aus ihrem Familienarchiv.
Um andere Perspektiven auf Vergangenes zu ermöglichen, gilt es Geschichten neu zu lesen und wiederzuerzählen. Wo aber fängt man an? Die Genfer Künstlerin sucht und findet die Geschichten in einer Kiste voller Erinnerungen: Fotos, Karten und Briefe aus den 1950er-Jahren dokumentieren die Arbeit des Grossvaters als Topograph in französischen Kolonien in Nordafrika.
Die Geschichte beginnt mit einem Brief
Im Zentrum von Kaisers Ausstellung für das Dunant Plaza steht eine Videoarbeit. Den Anfang für die collageartige filmische Erzählung findet die Künstlerin in einem Brief aus dem Jahr 1959: "je décide: cette lettre ici que je tiens maintenant dans ma main est la première lettre. je décide: l’histoire commence ici" (Ich entscheide: dieser Brief hier, den ich jetzt in der Hand halte, ist der erste Brief. Ich entscheide: die Geschichte beginnt hier.)
In diesem Brief, den der Grossvater an seine zukünftige Frau adressiert, schreibt er von seinen Erinnerungen an die erste gemeinsame Begegnung in Marseille. Die Grossmutter war mit ihrer Schwester von Oran (Algerien) nach Paris unterwegs. Der Grossvater machte während einer Geschäftsreise Halt in der Hafenstadt. In ihrer filmischen Erzählung verflechtet Camille Kaiser Fakten aus Karten, Fotos und Briefen mit Schilderungen von Familienmitgliedern. Trotzdem bleibt vieles fragmentarisch und muss imaginiert werden. Kleinste Objekte wie Briefmarken liefern Hinweise auf den historischen und politischen Kontext jener Zeit, auf koloniale Gewalt und Aneignung und die Verstrickungen der Schweiz im französischen Kolonialprojekt. Sind es schliesslich die Lücken, die am meisten erzählen?
cp
Kontakt:
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Bild: Carte postale (recherche), © Camille Kaiser, 2021