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«Ich würde diese Melodie nicht lernen, sie interessiert mich nicht», sagt der irische Dudelsackspieler Joe McHugh, als ich ihm die irische Melodie der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) vorspiele.
Er weiss noch nicht, dass diese Melodie nicht ein Mensch, sondern eine Maschine komponiert hat. «Sie sagt mir nichts und spricht mich nicht an.» Joe McHugh spürt, dass da etwas im Busch ist.
Irische Musik im Testlabor
Im Busch ist der «The Deep Artificial Composer». Entwickelt hat ihn Wulfram Gerstner. Er forscht an der EPFL Lausanne zu Computer und Life Science.
Für dieses Projekt hat er einen schon bestehenden Algorithmus, ein künstliches neuronales Netz, mit 1000 irischen Volksmelodien gefüttert.
Die Frage, die ihn dabei umtrieb: «Wenn man dem Algorithmus diese 1000 Beispiele gezeigt hat, kann dann das Netz ein Musikstück herstellen, das im gleichen Stil, aber nicht mit einem der 1000 Stücke identisch ist?» Der «Deep Artificial Composer» soll sich mit diesen Informationen also selbst beibringen, irische Musik zu komponieren.
Durch Musik das Gehirn besser verstehen
Und er könne es, sagt Wulfram Gerstner. Er hat seinem «Deep Artificial Composer» neben den 1000 Melodien lediglich beigebracht, dass ein Zusammenhang zwischen Tonhöhe und Tonlänge besteht.
Der irische Musiker Joe McHugh erkennt in dem Stück die traditionellen Klänge aus seiner Heimat: «Das sind Intervalle, die mir bekannt vorkommen, es ist wie eine Mischung von Melodien, die ich kenne.»
Wulfram Gerstner hat also einen bestehenden Algorithmus so modelliert, dass er selber lernen kann. Dabei geht es dem Wissenschaftler nicht darum, wie das neuronale Netz Musik produziert, sondern wie das neuronale Netz lernt. Denn der Forscher will durch dieses Projekt das menschliche Gehirn besser verstehen.
Einsatz in der Gehirnforschung und der Musikbranche
«Wir versuchen, einen Übergang zu schaffen zwischen dem, wie das menschliche Gehirn Musik verarbeitet und wie es ein Algorithmus macht. Das heisst, wir wollen ein neuronales Netz schaffen, das näher an das menschliche Gehirn herankommt. Dadurch können wir vielleicht auch verstehen wie das Gehirn Musik verarbeitet.»
Nicht nur für die Gehirnforschung, auch für die Musikbranche könnte der «Deep Artificial Composer» irgendwann nützlich werden. Beispielsweise als Kompositionsprogramm für Videospiel- oder Filmmusik.
«Ein Programm, das Musik in der richtigen Länge für eine bestimmte Szene komponiert. Und wenn dann beim Schneiden festgestellt wird, dass die Szene kürzer sein muss, dann findet der Algorithmus eine kürzere Version derselben Musikidee.» Das sei aber noch Zukunftsmusik, sagt der EPFL-Forscher.
Unüberhörbar unmenschlich
Und was sagt der Musiker Joe McHugh, als er erfährt, dass hier ein digitaler Komponist gelernt hat, irische Musik zu komponieren? Er ist wenig überrascht – und wenig überzeugt. Die ersten acht Takte der Melodie seien recht vernünftig, dann werde es verwirrend und der Bezug zum Anfang fehle.
Zudem: «Der Schwung, die Synkopierung, die Verzierungen, die wichtig sind in der irischen Musik sind nicht vorhanden». Vielleicht eben gerade das, was diese Melodie menschlich machen würde.