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Interview Lliana Doudot
Michel Gondry, Sie hatten seit MICROBE UND GASOIL im Jahr 2015 keinen Spielfilm mehr gedreht, was war für Sie der Impuls, ein neues Projekt zu beginnen?
Ich möchte betonen, dass ich in dieser Zeit sehr viel gemacht habe! Denn Sie rechnen mit acht Jahren Pause, aber ein Film wird immerhin zwei Jahre vor seiner Veröffentlichung begonnen. Also sagen wir sechs Jahre. Dann kommen noch zwei Jahre Covid, die man abziehen kann, das sind vier Jahre. Sie können jetzt alle Regisseure fragen, ob sie vier Jahre zwischen zwei Filmen für übertrieben halten, und sie werden Ihnen sagen, dass sie das nicht tun. In diesen Jahren habe ich eine zwei Staffeln lange Serie mit Jim Carrey gedreht, die KIDDING heisst. Ich habe viele Zeichentrickfilme für meine Tochter gemacht. Ich habe ein paar Musikvideos und ein paar Werbespots gemacht. Dennoch, alles in allem habe ich mich nicht gerade mit Ruhm bekleckert!
Und warum jetzt doch ein Spielfilm?
MICROBE UND GASOIL war bereits ein persönlicher Film, da er von Erinnerungen an eine Freundschaft berichtete. Wie fühlten Sie sich, als Sie beschlossen, in LE LIVRE DES SOLUTIONS Ihre intimen Erfahrungen mit den wahnhaften Anfällen, die Sie erlitten hatten, zu teilen?
Das liegt an den Kommentaren meines Sohnes, der während der Krise, die ich während der Dreharbeiten zu L’ÉCUME DES JOURS durchmachte, sehr präsent war und gesehen hat, wie ich mich verhielt und welche Dinge ich tat. Er erzählt seinen Freunden oft davon, weil da sehr, sehr lustige Sachen passiert sind. Er sagte zu mir: “Wir hätten einen Dokumentarfilm über diese Zeit machen sollen”, denn es war wirklich total verrückt. Und ich sagte mir: “Na gut, dann schreibe ich eben auf kleinen Karten auf, was passiert ist.” Ich reihte sie auf dem Boden auf und dachte: “Vielleicht wird daraus ein Film. Ich werde es versuchen.” Ich habe überhaupt nicht daran geglaubt. Und dann war es schliesslich dieser Film, der sich – mehr als die anderen Projekte – herauskristallisierte.
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Ich habe mich dem Thema von aussen genähert, d. h. ich bin Teil des Ergebnisses meiner Erfahrungen, meiner Gedanken und meiner Versuche. Ich wollte sehen, wie inkohärent meine Gedanken waren oder nicht. Ich sortierte aus, es gab einige, die sehr positiv gewesen waren, und dann wieder andere, die völlig lächerlich waren, wie zum Beispiel eine Dokumentation über eine Ameise zu machen. Das habe ich wirklich gemacht! Ich wollte das alles zusammenbringen, und von da an habe ich ein bisschen gegrübelt, um zu sehen, was in meinem Kopf vorging, als ich diese Ideen hatte. So entstand der Film.
*Marc, ein junger, exzentrischer Regisseur, ist Ihr romantisiertes Gegenstück im Film. Wenn man seine verrückten Erlebnisse verfolgt, fragt man sich allerdings, wie autobiografisch das wirklich ist. Wie viel Wahrhaftigkeit steckt in Ihrem Film?
Vieles von dem, was man im Film sieht, sind Erfahrungen, die ich wirklich während meiner Krisenzeit gemacht habe. Den anderen Teil habe ich mir ausgedacht. Es gleicht sich also aus, ist aber trotzdem ziemlich ehrlich. Und vor allem ist auch Marcs Verhalten ehrlich. Ich habe nicht versucht, ihn sympathischer zu machen.
*Ist es eine pädagogische und didaktische Funktion, in diesem Film Ihr Denksystem zu teilen, während Sie mit dieser Geisteskrankheit zu kämpfen hatten?
Ja, ich denke, man erzieht, man beschreibt, und vielleicht erkennen sich einige Leute in diesem Film wieder oder erkennen Freunde wieder. Anstatt zu versuchen, es zu erklären, indem ich sage: «Gehen Sie zum Arzt, der Arzt wird Ihnen sagen, dass Sie das oder das haben», wollte ich es einfach auf eine möglichst neutrale Art und Weise zeigen. Es wird also tatsächlich ein wenig zu einer Dokumentation dieses Zustands. Was passiert ist, was ich in dieser Zeit produziert, hergestellt oder erschaffen habe. Damit habe ich die Krankheit, wenn man sie so nennen will, stärker beschrieben, als wenn ich direkt darüber sprechen würde.
Ihr Film ist ein Werk, das auch die grenzenlose Unterstützung durch Ihr Umfeld zeigt und eine Art Ode an die uneingeschränkte Kreativität. Es war Ihnen wichtig, trotz der Schwierigkeiten die positiven Seiten dieser Situation hervorzuheben?.
Ich wollte die Menschen, die mich begleitet haben, würdigen, denn sie haben viel durchgemacht. Als ich anfing, das Drehbuch zu schreiben und mit Pierre Niney zusammenzuarbeiten, waren wir uns einig, dass wir nicht versuchen sollten, die Figur romantisch darzustellen oder zu versuchen, sie zu verstehen. Ich habe also einen einfacheren Weg gefunden, um ihn trotzdem zu mögen, nämlich durch den einfühlsamen, ja sogar liebevollen Blick, den die Frauen, die mit ihm arbeiten und ihm helfen, auf ihn haben. Obwohl er unerträglich ist, wollen sie ihm helfen und ihn trotzdem lieben, weil sie ihn aus der Zeit vor dieser Krise kennen. Sie sind auch Technikerinnen, die diese Leidenschaft für die Zusammenarbeit mit ihm entwickelt haben und ihn aufgrund seiner Kreativität liebgewonnen hatten.
Es ging auch darum, die “strahlenden Siege” der Krise zu feiern, wie Marc im Film sagt?
Ja, das war ein Teil meiner Absicht, als ich anfing, den Film zu schreiben. Ich wollte sowohl die Katastrophen als auch die Erfolge auflisten. Die Leute um mich herum sahen, dass meine Gedanken in meinem Kopf in seltsame Richtungen gingen: Wenn ich auf sie gehört hätte, hätte ich alles als Misserfolg angesehen. Und ich wollte trotzdem die Erfolge sehen, die ich erreicht hatte. Damals hatten wir zum Beispiel Paul McCartney als Bassisten für die Originalmusik von L’ÉCUME DES JOURS gewonnen, was unglaublich war. Es war meine Enthemmung, die durch meinen Zustand ausgelöst wurde, die mich dazu brachte, Dinge zu wagen. Ich traute mich auch, ein Orchester mit 50 Musikern anzuheuern und sie zu dirigieren, indem ich improvisierte. Ich traute mich, meiner Tante zu sagen, sie solle zum Arzt gehen, und sie zu bedrohen, damit sie sich in Behandlung begab. Es war also wichtig für mein seelisches Gleichgewicht, mir zu sagen, dass es trotz meiner Störungen trotzdem sehr intensive Erfolge gegeben hatte, dass es kein Jahr der schwarzen Löcher und Katastrophen war. Ich hatte ein enormes Gefühl der Isolation, weil die Leute aufgehört hatten, mich zu verstehen, weil ich auch ein bisschen Unsinn gemacht hatte, das stimmt. Aber ich wollte weitergehen und an meine Ideen glauben.
*Bezüglich der Besetzung: Haben Sie direkt an Pierre Niney gedacht, der Sie verkörpern soll? Und Françoise Lebrun, die Ihre Tante spielt?
Ursprünglich wollte ich diesen Film in den USA drehen. Ich hatte Angst, dass die Leute zu sehr die Meta-Seite im Vergleich zu L’ÉCUME DES JOURS sehen würden, wenn ich ihn in Frankreich drehe. Amerika habe ich aber dann doch wieder verworfen. Ich dachte dann ziemlich schnell an Pierre Niney: Er hatte mich 2012 als Paten für eine Zeremonie ausgewählt, und ich hatte die Entwicklung seiner sehr guten Karriere gesehen. Ich konnte ihn mir gut in dieser Rolle vorstellen.
Und die Rolle ihrer Tante?
Bei Françoise Lebrun war interessant, dass sie sich meinen Dokumentarfilm, den ich über meine Tante vorrangig gemacht haber, nicht ansehen wollte. Sie hatte völlig Recht, denn ich finde, dass die beste Arbeitsweise darin besteht, das Drehbuch zu nehmen und es zum Schauspieler zu ziehen, und dann den Schauspieler zu nehmen und ihn zum Drehbuch zu ziehen. Dann trifft man sich in der Mitte. Denn wenn der Schauspieler bis zum Drehbuch geht, macht er letztlich nur Nachahmung und verliert an Substanz.
Wie ist ihr Hauptdarsteller an den Stoff herangegangen?
Was mir an Pierre Niney gefiel, war, dass er bis zum Äussersten ging und keine Angst vor Lächerlichkeit hatte. Ich fand es wichtig, dass er bereit war, das Spiel mitzuspielen. Ausserdem sah er mich am Set als Regisseur, er beobachtete mich aus den Augenwinkeln und manchmal sah ich kleine Dinge in seinem Spiel auftauchen, die ich ihm nicht gesagt hatte und die er von mir bemerkt hatte. Wenn ich Schauspieler anleite, gebe ich bei den ersten Einstellungen keine Richtung vor, um mich überraschen zu lassen. Pierre hat mich positiv überrascht.