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3.3 Die Sechszeiler und die Widmung von Vincent Seve
Die letzte Gruppe der zusätzlichen Nostradamus-Verse besteht aus 58 Sechszeilern. Sie tauchen 1605 das erste Mal auf, d.h. fast vier Jahrzehnte nach dem Tod des Sehers. Vincent Seve, ein Enkel des Nostradamus (LEONI, S. 50), hat sie König Heinrich IV. als Geschenk überreicht. In seiner beigefügten Widmung an den Monarchen schreibt Seve, daß er die Sechszeiler einige Jahre zuvor von einem Neffen des Sehers, einem gewissen Henry Nostradamus, erhalten habe. Wie LEONI festgestellt hat, ist ein solcher Neffe zwar nicht nachweisbar, seine Existenz aber dennoch gut möglich, da einer der beiden Brüder des Michel Nostradamus durchaus einen Sohn namens Henry gehabt haben könnte. Leider wissen wir aber nichts darüber, wie diese Verse, sollten sie tatsächlich von Michel Nostradamus stammen, von ihm in die Hände eines seiner Neffen gelangt sind. Bei einer solchen Überlieferungslage liegt natürlich der Verdacht nahe, daß wir es hier mit einer Fälschung zu tun haben. Zu dieser Annahme scheint auch zu passen, daß es sich eben um nostradamusuntypische Sechszeiler statt um Vierzeiler handelt. Und daß die Sprache von der der Zenturien nicht unerheblich abweicht. Sie ist nämlich in der Regel, wie schon Seve in seiner Widmung festgestellt hat, bedeutend einfacher und besser verständlich als die der Vierzeiler. Doch gerade diese Eigenschaften der Sechszeiler lassen meiner Ansicht nach Zweifel an der zu simplen Fälschungsthese aufkommen. Nostradamus war bekannt und berühmt für seine prophetischen Vierzeiler. Wenn nun also jemand (aus welchen Gründen auch immer) falsche Nostradamus-Verse hätte herstellen wollen, hätte er Vierzeiler verfaßt und seine Zeit nicht mit Sechszeilern vergeudet, die sich schon auf den ersten Blick so deutlich vom übrigen Werk des Sehers unterscheiden. Zur Fälschungsthese paßt auch der Inhalt der Sechszeiler nicht recht. Er verfolgt nämlich keinerlei erkennbares Ziel, wie z.B. den Angriff auf eine bestimmte Sache oder Persönlichkeit, sondern erinnert tatsächlich vielmehr an den der Zenturien. Was die Sprache angeht, so hätte ein mehr oder minder begabter Fälscher sich sicherlich um einen Stil bemüht, der dem der Zenturien etwas ähnlicher gewesen wäre. Ich meine zusammenfassend also, daß wir hier wohl kaum eine Fälschung vor uns haben. Doch weisen die Sechszeiler einen Bezug zu den Zenturien auf? Die Antwort ist ein klares Ja. Die inhaltlichen Verbindungen sind zwar nicht erdrückend zahlreich aber dennoch eindeutig vorhanden.
Ich vertrete die Ansicht, daß wir hier echte Nostradamus-Verse vor uns haben, die zu den Zenturien gehören. Doch wann und warum sollte unser Seher solche Sechszeiler verfaßt haben? Wohl kaum um die unvollständige siebte Zenturie zu ergänzen, denn dann hätten wir wahrscheinlich wieder Vierzeiler vor uns. Zudem hätte dann Nostradamus kaum zu einer leichter verständlichen Sprache gewechselt sondern wäre beim Stil der Zenturien geblieben. Und genau dieser stilistische Unterschied könnte uns den entscheidenden Hinweis auf die Entstehungsgeschichte der Sechszeiler liefern. Ich vermute nämlich, daß wir hier die Überreste einer ersten Fassung der Zenturien vor uns haben. Demnach hätte Nostradamus ganz zu Beginn Sechs- statt Vierzeiler geplant gehabt. Es ist aber leider nicht zu eruieren, wieviele solcher Verse er schon hergestellt hatte, jedenfalls sind nur diese 58 erhalten. Die Gründe weswegen er von diesem vermuteten Urkonzept Abstand hätte nehmen sollen dürften wohl v.a. darin gelegen haben, daß die Verse viel zu leicht zu verstehen sind. Außerdem tauchen in den Sechszeilern dermaßen viele Jahreszahlen auf, daß bei einer solchen Gesamtausgabe die chronologische Ordnung viel einfacher wiederherzustellen gewesen wäre. Sollte Nostradamus wie von mir vermutet verfahren sein, dann hat er aber anscheinend auch eine gewisse Straffung des Inhaltes vorgenommen. Es tauchen nämlich in den Sechszeilern Symbole und Decknamen auf, die es in den Zenturien nicht gibt, etwa der "Elefant" oder das "Krokodil".
Zum Schluß noch einige Worte zur Widmung von Seve. Der Umstand, daß Seve (nach eigener Aussage) diese Verse nicht bei Nostradamus’ Sohn Cäsar oder seinem Schüler Chavigny, dafür "nur" bei einem sonst unbekannten Neffen gefunden hat, ist möglicherweise ein Hinweis darauf, daß unser Seher diesen Strophen keine besondere Bedeutung beigemessen hat. Nichtsdestotrotz können sie uns heute bei Arbeiten mit den Zenturien vielleicht nützliche Hinweise liefern, gerade wegen den zahlreichen Jahresangaben. Seve schreibt, daß er in diesen Sechszeilern Prophezeiungen über Heinrich IV., seine Nachfolger und das Frankreich seiner Zeit gefunden habe. Doch diese Interpretationen sind falsch. In Tat und Wahrheit spielt das 17. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung in diesen Versen keine Rolle. Seve dürfte durch die vorhandenen Jahreszahlen in die Irre geführt worden sein. Diese bewegen sich nämlich im Sechshunderter- und Sechzehnhunderterbereich. Seve hat in diesen Zahlen nun anscheinend das 17. Jh. n.Chr. erblickt, was sich aber inzwischen schon lange als Irrtum herausgestellt hat. Ich habe diese Angaben hingegen auf die nostradamische Zeitrechnung aus den Zenturien bezogen, die am 1. März 1555 einsetzt und sehe deshalb in diesen Versen Zukünftiges beschrieben.
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