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Toblacher Komponierhäuschen 2013
Normalerweise wird das «Toblacher Komponierhäuschen» in drei Kategorien vergeben: Neueinspielungen, Wiederveröffentlichungen und Sonderpreise. Die Jury unter dem Präsidenten Attila Csampai verzichtete allerdings darauf, dieses Jahr eine Neueinspielung auszuzeichnen. So gehen die Preise aus Toblach, wo Mahler in den Sommermonaten 1908-1910 an seinen letzten Sinfonien arbeitete, dieses Jahr an die folgenden beiden Einspielungen:
Kategorie A (Wiederveröffentlichungen)
Gustav Mahler: Symphonie Nr. 4 G-dur Galina Wischnewskaja, Sopran; Moskauer Philharmoniker Leitung: David Oistrach
Aufnahme: Moskau 1967 (Erstveröffentlichung auf CD) Melodiya 1002062/ Vertrieb: New Arts International (TT: 55’23)
Als der weltberühmte Geiger David Oistrach im Jahr 1962 zum erstenmal ans Dirigentenpult trat, hatte er sich einen Kindsheitstraum erfüllt:“ Ich hielt Dirigenten immer für Zauberer, die überirdische Klänge erzeugen.“ In den nachfolgenden Jahren dirigierte der stets bescheiden auftretende Weltstar fast alle führenden Orchester Europas und der USA, und erarbeitete sich ein breites Repertoire von Händel bis Schostakowitsch. Im Jahr 1967 produzierte er mit den MoskauerPhilharmonikern eine Studioaufnahme von Mahlers vierter Symphonie und gewann dafür Russlands Operndiva Galina Wischnewskaja. Dieses einzige Mahler-Dokument Oistrachs erschien zunächst in der Sowjetunion, später auch in Frankreich und Italien auf Vinyl, bevor es für Jahrzehnte im Archiv verschwand. Jetzt hat Melodiya diese exzellente, glasklare und auf erstaunlich hohem Niveau gespielte Stereoaufnahme auf CD gepresst, und man staunt über die Frische, die polyphone Transparenz und die entwaffnende Deutlichkeit seiner Lesart, die mit stringenten Tempi die innere Heiterkeit und die Vielfalt der Charaktere unbefangen herausarbeitet, und dabei Unklarheiten oder Ungefähres meidet. Das ist alles robust, souverän und erzmusikalisch durchgeformt und scheut auch nicht die gelegentlichen Gefährdungen von Mahlers „himmelblauer“ Vision. So gestaltet auch die Solistin die seltsam gebrochene Idylle des enigmatischen Schlusssatzes mit irdisch-handfesten, fast rustikalem Charme, und unterbindet jeden Zweifel, dass es im Himmel anders zugeht als auf einem normalen Bauernhof.
Sonderpreis:
Gustav Mahler: Symphonien Nr.1-10; Das Lied von der Erde; Totenfeier Royal Concertgebouw Orchestra, Dirigenten: Mariss Jansons, Daniel Harding, Iván Fischer, Daniele Gatti, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Bernard Haitink, Fabio Luisi, Eliahu Inbal. Diverse Solisten und Chöre.
Live-Video-Aufnahmen im Concertgebouw, Amsterdam 2009-2011 RCO Live/ RCO 12102 (11 Bluray-Discs) oder RCO 12101 (11 DVD)Vertrieb: New Arts International (TT: 15h 15’)
In den beiden Mahler-Gedenkjahren 2010 und 2011 ehrten einige renommierte Orchester den Jubilar mit kompletten Zyklen seines sinfonischen Oeuvres. Das holländische Concertgebouworkest, Europas traditionsreichstes Mahler-Orchester, verteilte Mahlers mächtiges Orchesterwerk auf zwei Spielzeiten – von 2009 bis 2011 – und lud dazu führende Mahler-Dirigenten ins akustisch exzellente Amsterdamer „Konzertgebäude“, um dort im friedlichen Wettstreit einen nachhaltigen Eindruck zu vermitteln vom Niveau des aktuellen Mahler-Standards: Diese elf Konzerte sind jetzt auf dem Eigenlabel des RCO in HD-Video-Qualität und im 5.0-Surround-Sound im Bluray-Format (und auch auf DVD) veröffentlicht worden. Neben dem Hausherrn des RCO, Mariss Jansons, der die Zweite, Dritte und die hypertrophe Achte mit beschwörender Intensität dirigiert, kann man im unmittelbaren Vergleich die unterschiedlichen Ansätze von acht weiteren Mahler-Experten studieren, so etwa den jugendlichen Schwung Daniel Hardings in der ersten Symphonie, die choreographische Präzision Iván Fischers in der Vierten, die kühle Distanz von Pierre Boulez in der Siebten oder die weise Souveränität Bernard Haitinks in der Neunten – und alle umgeben von phantastischen, stets hochmotivierten Musikern. Die Bildführung ist partitur-erhellend und eher „demokratisch“: Sie betreibt keinen Dirigentenkult, sondern versucht auch dem Mahler-Einsteiger einen Weg zu weisen durch die Komplexität von Mahlers Riesenpartituren. Das Klangbild ist auch im Zweikanalmodus sehr klar und schön durchgezeichnet und rundet das Ganze aber zu einem Dokument besonderer Güte.
Bild: Max Verdoes