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Erbe der Tempelritter – das Christuskloster in Tomar
Etwa 100 Kilometer nördlich der portugiesischen Hauptstadt Lissabon liegt die pittoreske Stadt Tomar. Ihr Wahrzeichen ist die Burg der Tempelritter, die sich imposant auf einer bewaldeten Anhöhe über der Stadt erhebt. In ihren sicheren Mauern beschützt sie das Christuskloster, einen der schönsten Bauten der sogenannten Manuelinik in Portugal. Das Kloster gehört seit 1983 zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Die Geschichte der Burg führt direkt in die Zeit der Reconquista. Damit wird der über Jahrhunderte andauernde Prozess der christlichen Rückeroberung der iberischen Halbinsel von den weit nach Norden vorgedrungenen Mauren bezeichnet. 1147 nahm der erste portugiesische König Dom Afonso Henriques den Ort in Besitz und übergab ihn wenige Jahre später dem Templerorden, der die Reconquista aktiv unterstützte. Die Tempelritter errichteten an der strategisch günstigen Stelle eine Wehr-Klosteranlage. Dies entsprach der Konzeption des Ordens, in dem sich geistliche Berufung und militärische Aufgaben vereinten.
Erst Tempelritter, dann Christusritter
Mit dem Templerorden verbinden sich bis heute viele Legenden. Der im Mittelalter in Europa und dem Nahen Osten weitverbreitete Orden war zu seiner Zeit wegen seiner Macht und seines Reichtums berühmt. Dies weckte Begehrlichkeiten. Durch Intrigen und einen gezielten Coup des französischen Königs wurden die Templer 1312 vom Papst verboten, das Ordensvermögen enteignet.
Nur in Portugal bestanden die Tempelritter als Christusritter fort. Daher erfreute sich auch die Klosteranlage in Tomar eines weiteren Aufschwungs. Sie wurde in den folgenden Jahrhunderten sogar noch ausgebaut, auch als das militärische Ziel der Tempel- bzw. Christusritter mit dem Abschluss der Reconquista eigentlich erreicht war.
Die Grabeskirche als Modell
Den Kern der Klosteranlage bildet ein ursprünglich als Rundkirche errichteter Bau. Er stellt den ältesten Teil des Klosters dar und stammt aus der Entstehungszeit der Burg im 12. Jahrhundert. Die Rotunde ist unverkennbar noch von der Romanik geprägt. Im Inneren bildet der Rundbau ein Achteck, eine ebenfalls bei vielen Sakralbauten der Zeit gern genutzte Form. Die Konstruktion ist kein Zufall, sondern eine bewusste Anlehnung an die Grabeskirche in Jerusalem – den Ursprungsort des Templerordens. Der Schutz der Pilger auf dem Weg zu den heiligen Stätten in Jerusalem war eines der ersten Ziele der geistlichen Rittergemeinschaft.
Im Stil der Manuelinik
Die Rotunde wurde später um ein gotisches Kirchenschiff erweitert. Dieser Bau ist im typisch portugiesischen Stil der Manuelinik gestaltet. Diese bezeichnet eine nur in Portugal oder früheren portugiesischen Besitzungen verbreitete Variante der Spätgotik. Benannt wurde dieser Architekturstil nach dem portugiesischen König Manuel I., der das Land im frühen 16. Jahrhundert regierte. Es war das Zeitalter der Entdeckungen, als aus den neuen Kolonien grosse Reichtümer ins Land flossen. Der Wohlstand drückte sich in den Bauten der Zeit aus. Die Manuelinik ist durch ein für die Gotik ungewöhnlich üppiges Dekor gekennzeichnet. Dabei spielen häufig maritime Motive wie Schiffstauwerk und Korallen oder Pflanzen als Schmuckelemente eine wichtige Rolle – so auch in Tomar.
Acht Kreuzgänge
Rund um die eigentliche Kirche wurden im Laufe der Zeit eine Reihe von Klostergebäuden errichtet, die unterschiedlichen Zwecken dienten – als Wohnzellen oder Schlafräume für die Mönche, Wirtschafts- oder Versammlungsräume zum Beispiel. Sie gruppieren sich um insgesamt acht Kreuzgänge, die ebenfalls zu den bedeutenden architektonischen Werken der Burg zählen. Da die Klostergebäude in unterschiedlichen Epochen entstanden sind, spiegelt sich in den Kreuzgängen der Architekturstil der jeweiligen Zeit wider. So finden sich neben der Manuelinik auch Gestaltungen im Stil des Barock und des Manierismus.
Tomar und Heinrich der Seefahrer
Es lohnt sich, neben der Burg und der Klosteranlage einen Blick auf das historische Zentrum Tomars zu werfen. Besucher überrascht zunächst das regelmässige Schachbrettmuster der spätmittelalterlichen Altstadt. Die Anlage geht auf Heinrich den Seefahrer zurück. Dieser war Grossmeister des Christusordens. Auf seine Initiative fanden viele der grossen Entdeckungsfahrten Portugals im 15. Jahrhundert statt.
Ein Baudenkmal der Stadt ist unübersehbar mit der Burg und dem Kloster verbunden – das Aquädukt. Der sechs Kilometer lange und bis zu 30 Meter hohe Bau versorgte die Christusritter einst mit Wasser. Den Mittelpunkt der Altstadt bildet die am zentralen Platz gelegene Kirche Sao Joao Baptista, ein Bau des 15. und 16. Jahrhunderts, der sich im Vergleich zur Klosterkirche bescheiden ausnimmt. Im Bereich der Innenstadt gibt es noch eine Anzahl sehenswerter Kirchen und Kapellen.
Ein Wahrzeichen: die Synagoge
Ein weiteres Wahrzeichen Tomars ist die Synagoge. Heinrich der Seefahrer siedelte in der Stadt aus Spanien vertriebene Juden an. Die Synagoge von Tomar gehört zu den am besten erhaltenen aus dieser Zeit in Portugal. Heute beherbergt sie ein Museum zur jüdischen Geschichte in Portugal. Wem danach nach Ausruhen und Erholung zumute ist, kann dies an den Ufern des Rio Nabao tun, der Tomar durchfliesst. Besonders reizvoll ist der Parque do Mouchao, eine grüne Gartenanlage, die sich auf einer Insel im Fluss befindet.
Oberstes Bild: Das Christuskloster und die Burg der Tempelritter im portugiesischen Tomar sind Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. (©ines saraiva, Wikimedia, CC)