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(Artikel aus der "Luzerner Zeitung" vom 20. Januar 2023 von Andreas Faessler)
Die biografische Basis Sebastians – bis ins späte Mittelaltereiner der meistverehrten Heiligen des Abendlandes – gleicht derjenigen vieler frühchristlicher Märtyrer: Als zum Christentum sich Bekennender wurde er vom römischen Regime, in dessenDienste er stand, zum Tode verurteilt. Als Hinrichtungsmethode ordnete Kaiser Diokletian das Erschiessen durch Pfeile an. Sebastian überlebte die Qualen und wurde von der hl. Irene gepflegt. Er genas, trat wieder vor Diokletian, um sein christliches Bekenntnis zu wiederholen. Der Kaiser liess ihn schliesslich mit Keulen zu Tode prügeln. Ikonografisch hat sich das Martyrium Sebastians nicht bezugnehmend auf die finale Tötungsmethode mit Keulen mani festiert, sondern auf den nichtweniger grausamen Akt des Tötungsversuches durch Pfeile. Somit gibt sich der hl. Sebastian, dessen Gedenktag die christli-chen Kirchen am 20. Januar feiern, stets eindeutig als Leidender zu erkennen, dessen Körper von einem oder mehreren Pfeilen durchbohrt ist.
Der ältere Herr wird zum Jüngling
Bemerkenswert an der Entwicklung des mittelalterlichen Sebastianskultes ist der Wandel seiner Darstellung in der bildenden Kunst, welche insbesondere am Übergang zur Renaissance ganz neue Züge annimmt. Bis ins 15. Jahrhundert hinein nämlich wurde der Pestheilige Sebastian als bärtiger Mann fortgeschrittenen Alters rezipiert, meist ein körperbedeckendes Gewand tragend. Innerhalb von nur einem halben Jahrhundert veränderte sich Sebastians Erscheinungsbild radikal hin zu einem gut aussehenden Jüng-ling mit ästhetischen Körperproportionen, welche durch Reduktion der Garderobe auf einen knappen Lendenschurz offen zur Schau gestellt werden.
Mit dieser Verjüngung geht zugleich eine Erotisierung einher, welche den Ausdruck des Dargestellten fast vollständig von den körperlichen Qualen loslöst, die er in diesem Moment in Wahrheit erleidet. Zwar hatte sich bereits zu Beginn des 15. Jahrhunderts eine Tendenz zur allgemeinen Verjüngung Heiliger abgezeichnet, was zum einen durch die einsetzende neue Begeisterung für die Antike zu erklären ist – wobei auch das bei Renaissance-Kunsthandwerkern allgemein gesteigerte Interesse am männlichen Akt eine zusätzliche Rolle gespielt haben dürfte. Zum anderen jedoch stand diese Entwicklung in der Kunst mit Sicherheit auch mit der zunehmenden Verdrängung von Nacktheit aus der Gesellschaft in Zusammenhang, wie der Vorarlberger Theologe und Kunsthistoriker Markus Hofer in einem thematisch verwandten Beitrag im «St. Galler Tagblatt» zitiert wird. Dieser Wandel habe sich aus den Bedürfnissen der Zeit gebildet.
Schmerz mit Lust verbinden
Innerhalb dieses bemerkenswerten Umbruchs ist das Beispiel des Sebastian ein beson-ders ausgeprägtes. Denn bei keiner anderen (männlichen) Heiligenfigur gestaltet sich die ikonografische Entwicklung zur Erotisierung hin in vergleichbarem Masse. Trotzdem – oder gerade deshalb – ist Sebastian als Figur oder gemalt in sehr vielen älteren katholischen Kirchen an prominenter Stelle vorzufinden. Meist in sinnlicher bis lasziver Pose, das Haupt leicht in den Nacken geworfen und den Blick schmachtend gegen den Himmel gerichtet. Sebastian diente Kunstschaffenden vondamals als Motiv, den Schmerz mit Lust zu verbinden. Die italienische Renaissance brachte zahlreiche bedeutende Sebastians-Darstellungen hervor, in denen der Heilige geschmeidig blass, jungenhaft, ja fast androgyn gezeigt wird – zu sehen beispielsweise bei Guido Reni oder Pietro Perugino. Bei Sandro Botticelli oder Liberale da Verona erscheint er eher adonishaft und sportlich-definiert.
Der niederländische Manierist Cornelis van Haarlem hingegen versieht seinen hier in diesem Beitrag gezeigten Sebastian mit einer athletisch-muskulösen Statur. Der Len-denschurz liegt tief und lässt einen Teil des Schambereiches unbedeckt. Nur ein einziger Pfeil steckt in Sebastians Oberkörper als Attribut und Symbol für das Martyrium, denn kein weiteres Geschoss soll die Wirkung des makellosen, ins beste Licht-Schatten-Verhältnis ge-setzten Körpers unterbrechen. Das Gemälde befindet sich in der Fürstlich Liechtenstein’schen Sammlung in Wien
Nicht nur Helfer in der Not
Dass lasziv-erotische Darstellungen wie diejenige des hl. Sebastian in katholischen Kirchenräumen viel Platz erhalten, scheint zunächst also als ein Widerspruch. Aber gerade das körperfeindliche Christentum könne sich einer allgegenwärtigen sexuellen Lust nur schwer entziehen, sagt der oben zitierte Theologe Markus Hofer. Diese Lust bediene sich volksreligiöser Figuren wie der Heiligen, welche in der Spätantike entstehen und schliesslich – wie Sebastian – einer grossen Wandelbarkeit unterliegen. So seien Heilige nicht nur Adressaten menschlicher Nöte, sondern auch Spiegel urmenschlicher Bedürfnisse.