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Ziefen
Das langstreckte, aus zwei Siedlungskernen gewachsene Strassendorf Ziefen liegt in einer weiten offenen Mulde geschützt am Südfuss der steilen Rebhalde entlang der Hinteren Frenke im mittleren Reigoldswiler- oder «Feuflibertal». Ziefen ist 1226 erstmals urkundlich erwähnt anlässlich einer dem Kloster Schöntal gemachten Schenkung. Ziefen ist ein typisches Strassen- und Bachdorf. Der Grossteil der Häuser stammt aus dem 18. Jahrhundert, ein kleiner Teil aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Auffällig ist, dass im Dorf noch viel Altes erhalten ist, was den strengen Heimatschutzgesetzen zu verdanken ist. Die Bevölkerungszahl nahm in der Zeitspanne von 1850 bis 1870 zurzeit der Heimposamenterei auffällig zu, von 910 auf 1016 Einwohner. Der Tiefstand trat während der Arbeitslosigkeit (1920) und des Zweiten Weltkrieges (1941) ein. Ein Wahrzeichen von Ziefen ist die rund tausendjährige Kirche St. Blasius. Sie ist hoch über dem Dorf auf dem Südhang gelegen. Es geht die Sage, dass die Kirche eigentlich im Dorf erbaut werden sollen, doch hätten Engel das Baumaterial nächtlicherweise an ihren jetzigen Standort betragen. Zu dieser Sage hat Jonas Breitenstein das Gedicht ‹der Kirchbau› verfasst. Ein im Kanton einzigartiger Brauch ist das ‹Nünichlingle›. Auf der Anhöhe südlich des Dorfes besammeln sich in der Christnacht etwas vor 21 Uhr junge Burschen – heute auch verheiratete Männer -, die in lange dunkle Mäntel gekleidet sind, auf dem Kopf bis zu 4m hohe, geschwärzte Kartonzylinder und um den Hals eine Kuhglocke tragen. Der Nünichlinglerzug, angeführt von einem grossgewachsenen Samichlaus, bewegt sich ab 21 Uhr während rund drei Viertelstunden durch das Altdorf. Nach dem Umzug kann man im Dorf keinen einzigen Glockenton mehr vernehmen – der Spuk ist für ein Jahr vorbei.
Quelle: Heimatkunde von Ziefen, Liestal 1973
Einen guten Eindruck des Dorfes vermittelt die Heimatkunde Ziefen von 1862. Der damalige Ziefner Oberstufenlehrer Daniel Briggen, also Kollege des Unterstufenlehrers Heinrich Breitenstein, verfasste diese für die ‹Schweizerische Schullehrerausstellung 1863› in Bern. Seine Beschreibung betrifft also Jonas Breitensteins literarische Zeit.
Nachfolgend einige Ausschnitte aus dieser Schrift, welche nur als Manuskript (im Staatsarchiv Liestal) existiert:
«Dem Wanderer, der das Reigoldswilertal hinauf geht, schaut eine viertel Stunde oberhalb Bubendorf schon von weitem das in einem anmutigen Tale gelegene Dorf Zyfen entgegen, dessen hochgelegene Kirche ihm zuerst in die Augen fällt. Breite fruchtbare Wiesen ziehen sich durch das Tal bis zum Dorf hin, während im Hintergrunde desselben hohe Berge das freundliche Tal abschliessen. Das Tal erstreckt sich so ziemlich im gleichen Niveau bis nach Reigoldswil. Rechts vom Dorf Zyfen ist das Tal mit schönen Obstbäumen dicht besetzt, und das Land wird als sehr abträgliches Pflanzland benutzt, während sich links dem Dorfe nach eine kleine felsige Anhöhe hinzieht. Zu beiden Seiten des Dorfes in einiger Entfernung erheben sich, dasselbe sozusagen einschliessend, die Arboldswilerhöhe und der Blondberg, der mit seinem breiten Rücken zugleich eine wohltätige Schutzwehr gegen die kalten Nordwinde bietet und ganz besonders auch dem Rebberg die grössten Dienste leistet, weil sonst wohl kaum hier noch Wein gepflanzt werden könnte.»
Aktuell:
Franz Stohle: Die alten Häuser noch...
«Ziefner Häuser-Geschichten»
Verlag Mis Buech, Schaub Medien AG Liestal, 2020, ISBN-Nr. 978-3-9525224-1-7
Webseite über das Feuflibertal:
«Das Dorf Zyfen, eine halbe Stunde ob Bubendorf an der hintern Frenke gelegen, ist ziemlich regelmässig gebaut und hat eine Länge von ca. 2000 Fuss und zerfällt in Ober- und Unterdorf der Thometen und dem Katzenthal…»
«Das Dorf hat 109 Gebäude mit ca. 160 Familien. Nebenhöfe 15 mit 18 Familien.»
«In Bezug auf die Reinlichkeit um das Dorf mag dann doch gegenwärtig wenigstens die Aussage von Jeremias Gotthelf, man könne in allen Baselbieter Dörfern mit Kähnen auf den Mistgüllen von einem Hause zum andern schiffen, für Zyfen seine Anwendung nicht mehr finden.»
«Was die Kleidung der Bewohner betrifft, so ist sie ihrem Stande angemessen, jedoch von der alten und ganz einfachen in Stoff und Form völlig verschieden. Die ‹Reifenröcke› sind noch nicht ganz heimisch, aber doch nicht unbekannt und sind gegenwärtig noch in kleineren Massstäben vertreten.»
«Die Masse nährt sich durchschnittlich gut. Doch gibt’s Familien, die unglaublich notdürftig ihr Leben fristen müssen. Den grössten Sinn zur Sparsamkeit haben meistens diejenigen welche schon viel besitzen.»
«Die meisten Familien beschäftigen sich mit der Bandweberei (posamenten). In hiesigem Dorf sind ungefähr ohne Nebenhöfe 200 Posamentstühle…»
«Zyfen besitzt auch zwei gute Schmitten, eine oder zwei Wagnereien, mehrere Schreinereien, zwei Schuhmachereien, zwei Schneidereien, eine Spenglerei, eine bedeutende Mühle, eine Säge mit Hanfreibe, vier Bäckereien, einen Zuckerbäck, drei bis vier Krämerläden, vier Wirtshäuser nebst einem Gasthaus…»
«Gewiss ist das Landarbeiten für die Posamenter von nicht geringer Tragweite in menschlicher und natürlicher Beziehung. Infolge des besseren Landbaues hat sich dann noch selbstverständlich der Viehstand erhoben. Man zählt gegenwärtig über 200 Stück Rindvieh mit zwei Wucherstieren und gegen 50 Ziegen. Bevor die Eisenbahnen fuhren, wurde auch bedeutend mit Fuhren von Basel nach Genf oder Zürich verdient. In jener Zeit fanden sich hier ca. 90 Pferde, während sie sich bis dato mehr als auf ein Drittel vermindert haben…»
«Wie alles übrige Land wird auch der 16–20 Jucharten (1 Jucharte=36 Aren) haltende Rebberg mit doppeltem Fleiss bebaut. In mittleren Jahrgängen wird der Ertrag immerhin 180–200 Saum berechnet und im ganzen wohl auf 400 Saum (1 Saum=150 Liter). Im Jahre 1861 wurde hier Zyfner Wein zu Fr. 120.– pro Saum verkauft und in diesem Jahr zu Fr. 90.–, aber alter.»
Eine Beschreibung des Dorfes aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lieferte der damalige junge Pfarrer Johannes Linder (1790–1853). Dieser kommentierte eine Rötelzeichnung von J. J. Uebelin, welche er am 7. November 1815 seiner Braut Anna Katharina Merian nach Basel sandte. Die im Gedicht erwähnten Zahlen verweisen auf die Zeichnung.
Sieh doch, liebe Braut! Was eben mir ein guter Freund gemacht!
Wem soll ich die Zeichnung geben? Dir, dir ist sie zugedacht!
Denke Dich in jenes Zimmer, wo ich einsam oft verweil’:
hier siehst in dem Abendschimmer Du von Zyfen einen Teil.
Merk vor allem auf der Höhe jenes alte Kirchlein dort,
wohin oft ich armer gehe: zu verkündgen Gottes Wort!
In des Küsters Wohnung merke jenes Stübchen (1) wo ich dann
mich mit kühlem Wasser stärke und zum Amt mich kleide an.
Steil siehst Du den Weg sich heben, feste Tritte braucht man hier.
Schönes Bild vom Pilgerleben, ohne Jesum straucheln wir!
Siehe rechts ein Wäldchen liegen (2) auf dem Weg nach Arboldswyl. ―
Dahin gehn wir mit Vergnügen, dort gibt’s der Erweckten viel’.
In der Gasse an dem Berge (Sonst die Dummeten genannt),
wo ich so viel Bäume merke ― sind Dir auch schon Leut bekannt.
Dort wohnt Buserhans (3) ― des frommen Schäferjoggis Töchtern drey (4)
etwas weiter unten (5) kommen wir bei Jonas Ann vorbey.
In dem niedern Haus dort hinten (6) wohnet freundlich Lisebeth,
vornen dran (7) ist der zu finden, der so oft nach Sissach geht.
Jenes Häuschen dient zur Wasche (8) und das andere (9) ist die Wacht.
Dort ― hilft Feuer, Fleiss und Asche hier ― ist Schutz bey Tag und Nacht.
Jener grosse Botenwagen (10) fährt gerad nach Reigoldswyl.
Lass Dir auch vom Haus (11) was sagen, wo er redlich haltet still.
Das ists Haus von meinem Wirthe, wo man mir so manche Tracht (=Gericht, Speise)―
und all vierzehn Tag die Jürte (=Rechnung, Zeche) bis auf diesen Tag gemacht.
Ich muss doch die Leute preisen! Kalte Kost fand ich zwar nie,
karg und hart liess man mich speisen, doch ― der Wille fehlte nie!
Unterm Firste, nicht viel weiter (12) wohnt der brave Doktor Matt,
vornen (13) ist ein Mann gar heiter, der am Bann Geschäfte hat.
Näher noch ― im oberen Fache (14) ― geht man zu dem Hirten hin. ―
Auch wohnt unter diesem Dache (15) Käthri, eine Krämerin.
Endlich, auf der linken Reihe (16) siehst Du wohl die Beckerin
An dem Fenster ? ― Manche Waye gab sie mir auf Nachbar-Sinn.
Dass hier Leut (17) am Stecken gehen, zeugt von Segen in dem Ort.
Wirst auch einen Knaben sehen (18), froh trabt er zur Schule fort.
Wohin mag der Steg wohl gehen (19) drauf das Männchen schreitet hier? ―
Er führt ― man kanns deutlich sehen ― zu des Pfarrers Gartenthür (20).
Hier sind also Deine Beete ― jetzt sind zwar die meisten leer ―
doch aufs Jahr ― o Schatz ― ich wette! haben wir der Blumen mehr.
Magst auf raten, wer doch Jener ― mit dem Buch im Arme sey?
(Durs, den kenn ich), und der Kenner weiss: der Pfarrer steht dabei!
Die Welt von Jonas Breitensteins Jugendzeit kommt an manchen Stellen des Gedichts zum Ausdruck: Jonas Ann (Anna Furler-Matt) war eine Grosstante und deren Bruder, der Arzt Jonas Matt, sein Grossvater. Das Waschhäuschen, oder ‹Buuch-Hüüsli›, kommt im ‹Vreneli› zu Ehren und der Botenwagen spielt bei der ‹Baselfahrt› eine Hauptrolle. Beim beschriebenen Wirt handelte es sich um Johannes Tschopp-Meyer, dem Grossvater von Jonas‘ Frau Theresia und die Krämerin Käthri war später dann zeitweise Jonas‘ Pflegemutter, als die Familie Breitenstein zu gross für das kleine Schulhäuschen wurde.