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Alpenraum
Der Bergfrühling ist ein farbenfrohes Schauspiel, welches man mit eigenen Augen gesehen haben muss. Auf die langen, schneereichen Wintermonate folgt eine phantastische Explosion der farbenprächtigsten Blumen. Alles spielt sich sehr schnell, vor dem neuerlichen Kälteeinbruch, ab. In wenigen Tagen werden die weissen Rasen des Krokus und des Pyrenäen-Hahnenfusses von den gelben des Berg-Hahnenfusses, dann vom Schweizerischen Löwenzahn abgelöst. Die Jahreszeiten liegen eng beieinander, auf den verblühten Sonnenhängen ist es schon Herbst, aber Frühling an den Schattenhängen, wo die letzten Blütenkelche sich erst im September öffnen werden.
Bevor wir die Alpenflora näher betrachten, setzen wir einige Höhenstufen fest (Abb. 80). Als Alpenraum gilt für uns alles, was sich über der oberen Waldgrenze befindet. Die alpine Stufe im engeren Sinn beginnt auf der Höhe der letzten Bäume, bei 2000 m im Unterwallis, bei 2200-2300 m im Mittelwallis. Frei von jeder Konkurrenz durch Bäume, bilden die niederen Pflanzen zusammenhängende und dichte Assoziationen, welche in keiner anderen Gebirgskette Europas so weite Flächen einnehmen. Eingestreut sind Felsbrocken, Geröllhalden, Schneetälchen und Feuchtgebiete, die der Vegetation eine einmalige Vielfalt verleihen.
Mit zunehmender Höhe löst sich der Rasen auf und bildet an günstigen Standorten bald nur noch einzelne grüne Flecken. Wir sind am Fusse der nivalen Stufe, um 2700-2900 m. Dann verschwinden die Blutenpflanzen ihrerseits, wenn sie nicht an besonders geschützten Orten überleben. Im obersten Gürtel der nivalen Stufe bleiben nur mehr Flechten, Moose und Algen. Von 3000-3400 m an, der unteren Stufe des ewigen Schnees, vermögen einige dieser Arten noch an Felsen zu überleben. So erreichen sechs Flechtenarten die Dufour-Spitze auf 4630 m. Die rötliche Färbung, die man auf Altschnee oder Gletschern beobachtet, wird von einer mikroskopisch kleinen Alge erzeugt (Haematococcus viridis), die Temperaturen bis zu -30°C, nicht aber über +4°C aushält !
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