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Die mittelalterliche Burg, das sogenannte "Lange Schloss" hat im Jahre 1938 einem unschönen Neubau weichen müssen, der sich an das hohe heute dreigeschossige Schloss mit Walmdach und rundem, spitzbehemlten Schneckenturm anfügt, das Albrecht von Erlach um das Jahr 1700 bauen liess. Ein tich aus der Zeit des späteren Schlossherrn Abraham von Erlach zeigt das idylisch gelegene Schloss, damals nur mit zwei Stockwerken und einem steilen, tief herabgezogenen Dach mit drei Lukarnen; hinter dem rundem Treppenturm erhebt sich ein kleinerer Eckturm. Nach der sorgfältigen Renovation brannte 1970 der Dachstock aus und wurde daraufhin in einen stilvollen Saal umgestaltet.
Die Edlen von Riggisberg mit Stammsitzt daselbst, später Bürger zu Freiburg, sind in verschiedenen Urkunden genannt. Als erster erwähnt ist Constantin de Rucasperc (1140), später sein Urenkel Jacob von Riggisberg, der am 15. Mai 1256 das Franziskanerkloster zu Freiburg gründete und Anna, eine Tochter des Ritters Heinrich Rych aus Solothurn, zur Frau hatte. Er und sein Bruder Berchtold stifteten 1252 ein "selgerete" (Vergabung zum Seelenheil) für ihren Vater Cuno von Riggisberg und ihre Stiefmutter Petronella. Mennina von Riggisberg brachte um 1337 ihrem Gatten Peter von Diesbach die Herrschaft Riggisberg zu, und mit ihr verliert sich das Geschlecht in den vergilbten Chronicken.
Wahrscheinlich ging Riggisberg von seinen Söhnen Rudolf und Hans von Diesbach durch Kauf an Jonatha von Billingen und deren Gatten Jordan von Burgistein, den Ritter auf der Feste Burgistein, der die Herrschaft seinen drei Söhnen und seiner Tochter Agnes verherbte. Bei der Erbteilung der Burgisteinischen Güter 1345/46 kam Riggisberg durch das Los gemeinsam an Petermann von Burgistein und seine Schwester Agnes, die sich 1354 mit Peterman von Wichtrach vermählte. Sie trat ihm am 24 November 1354 ihre Rechte ab, nämlich Güter, Twing und Bann, Haus und Hofstätten mit Leuten, und 1362/63 wurde er durch Kauf der Mitherrschaft von Petermanns Söhnen Konrad und Petermann von Burgistein Allein herr zu Riggisberg.
Den Zehnten hatten die Freiherren von Weissenburg dem Ritter Niklaus von Blankenburg verliehen, von dem er an seine Gattin Elisabeth von Schweinsberg überging,die Wittwe des Konrad von Burgistein. Sie schenkte ihn um 1378 ihrer Tochter Küngold als Ehesteuer bei ihrer Vermählung mit Petermann von Ringgenberg, dem die mit Unterwalden verbündeten Brienzer 1380/81 seine Burg Ringgenberg plünderten.
Laut einer Urkunde datiert vom 28. September 1358 stand Petermann von Wichtrach die volle richterliche Gewalt über seine Untertanen zu. Der Landgraf Rudolf von Neuenburg-Nidau gewährte ihm das Hoheitsrecht, im Dorf und in der Dorfmarch «über das Blut» zu richten, während sonst die Herrschaftsherren nur die niedere Gerichtsgewalt besassen, nämlich Twing und Bann (Zivilgerichtsbarkeit, Verbote), die als Hoheitsrechte abgetreten werden durften. Das Recht der hohen Gerichtsbarkeit hatten meistens die Landvögte als Vertreter der bernischen Obrigkeit inne, nur die Twingherren zu Riggisberg, Belp, Oberdiessbach, Worb, Schlosswil und Münsingen besassen dieses «rächt über blut und bann», ein Privileg, das nur den drei erstgenannten Herrschaften bis zum Umsturz von 1798 gewährt blieb. Am Landtag wurden die Urteile öffentlich vollstreckt. Mörder und Brandstifter wurden oft «geschleifet und uff das ratt geleit vor ihnen das houbt genommen», Diebe endeten am Galgen, Ketzer und Hexen auf dem Scheiterhaufen. Oft ging dem Vollzug des Urteils die Folter, das sogenannte «gichten» oder die Anwendung der Daumenschrauben voraus, Meineidigen wurde die Schwurhand abgehackt, Ketzern «ein loch durch die zungen brönnen lassen» oder «ein nagel durch die zungen geschlachen und usgerissen».
Petermanns Tochter und Erbin von Riggisberg, Elisabeth von Wichtrach, vermählte sich mit Walter von Erlach, und nun blieb die Herrschaft für 413 Jahre im Besitze dieses um die bernische Geschichte höchstverdienten Geschlechts mit dem Wahlspruch «Nasci, laborare, mori» . So waren unter anderem die beiden Berner Schultheissen Rudolf von Erlach und Johannes von Erlach für einige Zeit Freiherren zu Riggisberg. Der reiche Hans Rudolf von Erlach hatte bis 1624 mit Daniel Moratel und Vinzenz Stürler das ertragreiche Salzmonopol in den Händen und hinterlegte 1623 die vom Vater geerbte Herrschaft Riggisberg als Pfand für ein gemeinsames Darlehen.
Ein zeitlich kurzfristiger Unterbruch trat 1686 ein, als dem damaligen Twingherrn Hans Rudolf von Erlach wegen Unregelmässigkeiten die Schlossherrschaft mit Gericht entzogen wurde und durch Kauf an Gabriel von Wattenwyl gelangte. Am 17. November 1686 übertrugen ihm Schultheiss und Rat Riggisberg als Mannlehen, das er jedoch schon nach vier Monaten an Albrecht von Erlach verkaufte, den Herrn zu Spiez und Erbauer des neuen Schlosses Riggisberg. Da dessen erste Gemahlin Katharina von Ligerz ihm einzig eine schwach begabte Tochter schenkte, hinterliess Albrecht im Jahre 1723 Riggisberg und Spiez testamentarisch den noch im Knabenalter stehenden Brüdern Albrecht und Abraham von Erlach aus einer anderen Linie, in deren Namen die Herrschaften mit voller Gerichtsbarkeit am 12. April 1725 ihrem Vater als Träger verliehen wurden. 1735 ging Riggisberg bei der Teilung an Abraham von Erlach , vormals Generalleutnant in französischen Diensten. Der Baron und seine autoritäre Gemahlin Marquise Masson de Bessé, die ihm 900 000 französische Livres in die Ehe gebracht hatte, führten im ländlichen Riggisberg ein gar prunkvolles Hofleben und hielten sich dort zum grossen Erstaunen der Dorfleute, Knechte und Mägde einen schwarzen Lakaien in Livrée.
Nach seinem Tode kam die Herrschaft Riggisberg an seinen verschwenderischen und rücksichtslosen Sohn Abraham Friedrich von Erlach , dessen Ehe mit der Erbin von Kiesen, Sophie Julie von Effinger, von ihrem Vater aus politischen Gründen erzwungen worden war. Noch lebt dieser unbeliebte Schlossherr im Volksmund als «Rappentaler» weiter, der gelegentlich, ruhelos wegen seines liederlichen Lebenswandels, um Mitternacht als Geist auf einem kohlschwarzen Rappen vom Schloss ins Dorf hinabgaloppiert.
Seiner gewaltigen Schulden wegen musste er 1793 Riggisberg seinem Bruder Karl Albrecht Ferdinand von Erlach und zwei Jahre später auch den Erlacherhof in Bern verkaufen. Der neue Twingherr, Offizier der Schweizergarde in Paris, war der letzte seines Geschlechtes auf Schloss Riggisberg. Seine Vermögensverhältnisse scheinen nicht glänzend gewesen zu sein: 1795 verkaufte er das grosse Gut Muri westlich von Riggisberg im Halte von 33 Jucharten um 9000 Bernpfunde, hatte eine Schuld von 8000 Bernkronen und veräusserte 1798 noch weiteres Land bei Riggisberg. Ein Jahr vor seinem tödlichen Sturz von einer Leiter auf seiner Herrschaft Spiez tauschte er 1800 das Schloss Riggisberg mit seinen Gütern, nunmehr ohne Hoheitsrechte, an Karl Friedrich Steiger ab.
Der neue Schlossherr, Alt-Landvogt zu Interlaken, war als treuer Anhänger des Schultheissen Niklaus Friedrich von Steiger gegen jegliches Nachgeben gegenüber Frankreichs anmassenden Forderungen und repräsentierte zeit seines Lebens das «ancien régime». Sein ältester Sohn, erst fünfzehnjährig, kämpfte 1798 als Soldat der Scharfschützen im Felde gegen die Invasionsarmee, während seine Mutter mit ihren sechs unmündigen Kindern Zuflucht auf Steigers früherem Amtssitz Interlaken fand. Mit wehender Trikolore wurde der morsch gewordene Staat überrannt, Brandschatzungen und Plünderungen liessen die vielgepriesenen Menschenrechte, Freiheit und Gleichheit, in Vergessenheit geraten. Am 21. März kehrte die Alt-Landvögtin in ihr Berner Stadthaus zurück, wo unterdessen fünfzehn französische Soldaten einquartiert worden waren, und schenkte keine drei Monate später ihrer Tochter Cécile Josephine, der späteren Schlossherrin zu Kiesen, das Leben. Um die vormals regierenden Patriziergeschlechter zu strafen und sich Geldmittel für Napoleons bevorstehende Expedition nach Ägypten zu beschaffen, wurden gleich nach dem Einfall der französischen Eroberer alle Staatsgelder konfisziert und Schuldtitel behändigt. Zudem hatte die besetzte Republik nicht nur für den Unterhalt sowie für Nahrung und Kleidung der fremden Truppen aufzukommen (für 1798 wurde auf deren Konto ein Verbrauch von über 350 000 Mass oder etwa 580 000 Liter Wein gebucht), sondern auch ohne Verzug eine Geldsumme von 200 000 Pfund in bar abzuliefern. General Brune, der nach dem Einfall zum Oberbefehlshaber der französischen Armee in Italien ernannt wurde, verliess Bern Ende März, seine Taschen prall gefüllt mit geraubtem Gold, und General Schauenburg, der die französischen Truppen vom Jura her angeführt hatte, übernahm seine Nachfolge. Sogleich wurden Kriegs kontributionen dekretiert: Bis zum 6. April sollten die Mitglieder der Aristokratie 3 Prozent, diejenigen der ehemals Regierenden 6 Prozent ihres Vermögens als vorläufige Kriegssteuer abliefern, erst nachher würden die nach Frankreich gebrachten Geiseln freigelassen. Karl Albrecht von Frisching , das neue Staatsoberhaupt zu Gnaden Frankreichs, erklärte sich als nicht tributpflichtig, da er doch stets in dessen Sinne gehandelt habe. Zur Durchführung dieses Erlasses wurde von der provisorischen Regierung eine Kommission gebildet, bestehend aus vier Mitgliedern, worunter auch Karl Friedrich Steiger. Dank den geschickten Verhandlungen des Gottlieb Abraham von Jenner wurde die geforderte Kontribution von sechs auf vier Millionen Franken reduziert. Es gelang von Jenner auch, einen Teil der geraubten Schuldbriefe im Werte von etwa zwei Millionen Franken in Paris wieder zu behändigen.
Anschliessend half Karl Friedrich Steiger im damals preussischen Neuenburg an den Vorbereitungen zum Sturz der neuen Helvetischen Regierung und wurde nach deren Fall 1802 Mitglied der wieder eingesetzten Standeskommission zur Überwachung der Staatssicherheit. Am 30. Juli 1802 verliessen die letzten französischen Truppen die Schweiz, und am 19. Februar 1803 trat die neue Mediations-Verfassung in Kraft, die erst nach dem Sieg der Alliierten über Kaiser Napoleon umgebildet wurde. Noch immer aber war die Eidgenossenschaft ein Vasallenstaat Frankreichs und erhielt ihre Unabhängigkeit erst 1815 im Wiener Kongress wieder.
1826 resignierte Karl Friedrich Steiger als bernischer Senator. Seitdem er den von seinem reichen Onkel zum Geschenk erhaltenen Herrensitz Märchligen verkauft hatte, verbrachte er die Sommermonate mit seiner Familie auf Schloss Riggisberg, wo er sich der landwirtschaftlichen Verwaltung der grossen Schlossäcker annahm. Des weiteren versuchte er sich, allerdings mit weniger Glück, mit dem Handel von Bordeaux-Weinen und Tabak. Er hatte stets die Hoffnung gehegt, dass sein ältester Sohn, der stattliche Dragoneroffizier Sigmund Karl Ludwig von Steiger, die Schlossbesitzung Riggisberg übernehmen würde, verkaufte sie jedoch im Jahre 1830 seinem jüngsten Sohn Franz Georg von Steiger. Er starb 1832 bei seiner Tochter auf Schloss Kiesen.
Als Anhänger der alten Ordnung trat der neue Schlossherr 1831 von seinen Ämtern als Oberförster und Scharfschützenmajor zurück und widmete sich der Landwirtschaft auf den Riggisberg-Gütern. Als am 31. August 1832 im Erlacherhof Waffen und Munition gefunden wurden, die der altgesinnte «Rat der Siebner» zum Kampfe gegen die Regierung dort versteckt hatte, wurde Franz Georg von Steiger zu Unrecht verdächtigt, als Mitverschwörer die Hand im Spiele gehabt zu haben. Nach einer Untersuchungshaft in Thun wurde er mit fünfzig Franken Entschädigung wieder auf freien Fuss gesetzt.
Im Jahre 1869 veräusserten seine acht Kinder Schloss und Domäne Riggisberg ihrem Cousin Armand Heinrich Robert Pigott auf Schloss Kiesen, und 1880 ging der ganze Besitz durch Kauf an die Mittelländische Armen-Verpflegungsanstalt, die heute den Namen «Mittelländisches Pflegeheim Riggisberg» trägt. Die wechselvolle Geschichte von Herrschaft und Schloss Riggisberg hat damit ihr Ende gefunden. Vor dem Sitz feudaler Freiherren, teils einsichtiger Staatsmänner, dann aber auch herrischer und überheblicher Generäle, bedeutet es heute eine Oase für vom Schicksal Benachteiligte.
Am 13. Juli 1943, wenige Minuten nach Mitternacht, wurde die friedlich-ländliche Stille Riggisbergs jäh gestört. Starker Föhn hatte tagsüber geherrscht, gefolgt von stürmischem Gewitterregen. Auf ihrem Wege ins feindliche Italien überflogen Staffeln von insgesamt etwa 100 Bombenflugzeugen der Alliierten die Schweiz, wovon eines im Sturzflug heulend und knatternd auf das Dorf hinunterstiess und sich seiner unheilvollen Last entledigte. Ober zweihundert Brandbomben prasselten auf die Umgegend nieder und richteten beträchtlichen Schaden an. Das Schloss blieb verschont, und zu seinen Füssen kauert weiter das habliehe Dorf mit seiner Bauernschaft. Am anderen Ende des Hügelrükkens liegt unauffällig das Gebäude der Abegg-Stiftung mit seinen vielen, kostbaren Kulturschätzen, würdig einer Metropole der grossen Welt.
Bibliographie