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Red. Die Autorin Helga Tödt ist Fachärztin für öffentliches Gesundheitswesen und spezialisiert auf Sozial- und Umweltmedizin. Folgender Artikel ist ein leicht angepasster Artikel ihres kommenden Buches «Pest, Corona, Cholera – Wie Ärzte Seuchengeschichte schreiben».
Noch in den 2000er Jahren gingen Forscher davon aus, dass die Auslöser der Russischen Grippe am Ende des 19. Jahrhunderts die beiden Influenza-Viren A/ H2N2 und A/H3N8 – ein Pferdeinfluenzavirus – gewesen seien. Doch unterdessen gibt es ernsthafte Zweifel, ob es wirklich ein Influenzavirus war, das die Pandemie von 1889 angerichtet hatte. Neuerdings gehen einige Forscher davon aus, dass es sich bei jenem Virus, das sich während fast fünf Jahren in mehreren Wellen verbreitete und etwa eine Million Tote forderte, eher um ein Corona-Virus gehandelt hat als um ein Influenza-Virus.
Bereits vor 17 Jahren fand ein belgisches Forscherteam Anhaltspunkte dafür, dass ein Corona-Virus die Russische Grippe von 1889 ausgelöst haben könnte. Dänische Forscher griffen diese Hypothese nach Ausbruch der Covid-19-Pandemie auf. An der Universität Roskilde entdeckte die Epidemiologin Lone Simonsen im Frühjahr 2020 bei der Auswertung historischer Krankheitsdaten, dass zwischen der Pandemie von 2020 und der Russischen Grippe von 1889 klinisch drei erstaunliche Übereinstimmungen bestanden:
- Es starben vorwiegend alte Menschen.
- Es traten Fieber und Atemnot auf, aber nicht die grippetypischen Symptome.
- Es gab damals auffällige Erschöpfungszustände und psychische Störungen, ähnlich denen, welche heute als Post-Covid- oder Long-Covid-Syndrom beschrieben werden.7
Nach Übertragung von Tier auf Mensch sind Viren besonders gefährlich
Seit dem SARS-Ausbruch von 2002 weiss man, dass Coronaviren, die erstmals von Tieren auf den Menschen übergehen, besonders gefährlich sind, weil der Mensch keine Immunität gegen diese neuen Erreger besitzt. Die dänischen Forscher gingen von der Annahme aus, dass der Erreger von 1889 von einer Kuhseuche stammt, die den Sprung auf den Menschen schaffte. Denn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts grassierte im Süden Russlands die Lungenseuche des Rindes, derentwegen viel Vieh geschlachtet werden musste. Und es ist bekannt, dass gerade Schlachtvorgänge die besten Bedingungen für das Übergehen von Tierviren auf den Menschen darstellen.
Lone Simonsen nimmt an, dass die Russische Grippe von dem Humanen Coronavirus HCoV-OC43 ausgelöst wurde. Anhand von Gensequenzen von OC43 aus alten Blutproben von Tieren und Menschen aus verschiedenen Jahren konnte Simonsen zusammen mit Bioinformatikern unter Einsatz modernster Computertechnik eine Rückmutation dieses Erregers simulieren. Das führte zu dem Ergebnis, dass dieses Coronavirus sehr wahrscheinlich kurz vor dem Jahr 1890 von Kühen auf den Menschen übergesprungen ist.8
Die damalige Russische Grippe dürfte also die erste Corona-Pandemie der Neuzeit gewesen sein. Der endgültige Beweis dafür steht allerdings noch aus. Anders als bei der Spanischen Grippe fand man hier noch keine gefrorenen Leichen im Permafrostboden, aus denen sich der Erreger noch hätte rekonstruieren lassen.
Heute ist das Coronavirus OC43 nur noch ein harmloses Schnupfenvirus, das dem Menschen nach 130 Jahren nicht mehr viel anhaben kann. Es ist derzeit für 10 bis 30 Prozent der winterlichen Erkältungskrankheiten verantwortlich. Es ist anzunehmen, dass gleiches höchstwahrscheinlich mit Covid-19 geschehen wird, wenn auch vielleicht nach einer kürzeren Periode.
Die verkannte Pandemie von 1889/90
Aus Zentralasien kam eine Infektionswelle 1889 zunächst nach Russland, dann griff sie auf Europa über. Viele Menschen erkrankten nur leicht. Meist hatten sie drei Tage lang Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Doch bei einem gewissen Teil der Kranken kam es zu Lungenentzündungen mit schwerer Atemnot, die zum Tode führten. Anders als bei der üblichen Influenza befiel die Krankheit vor allem ältere Menschen. Unter dem Namen Russische Grippe ─ nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Grippewelle von 1977/78 ─ umrundete sie von 1889 bis 1895 den Globus, forderte insgesamt rund eine Million Todesopfer und wurde als die zweitschlimmste Grippewelle der Neuzeit eingestuft.
Nach zeitgenössischen Berichten soll die Russische Grippe im Frühjahr 1889 zuerst in Usbekistan, Kirgisistan und Kasachstan aufgetreten sein. Entlang der gerade fertiggestellten Transkaspischen und der Transsibirischen Eisenbahn gelangte die Seuche durch Russland bis nach St. Petersburg, wo es im Herbst 1889 zu einem explosionsartigen Anstieg der Krankheitszahlen kam; Schulen und Fabriken wurden geschlossen.2
Danach erreichte der Erreger entlang der Eisenbahnlinien Berlin, Wien, Paris und London. Anfangs sprach man von einer „Modekrankheit“. Wieder einmal waren die Ärzte ratlos, während die Zahl der Erkrankten weiter in die Höhe schnellte. Der Berliner Arzt Jacob Ruhemann schrieb über die Influenza in dem Winter 1889/90:
„Fast Dreiviertel der über den Krankenbetten angebrachten Schilder trug den Namen Influenza, und die Hospitaldirektoren bemühten sich eifrig um Vermehrung der Krankenbetten. Eine grosse, nicht zu bestimmende Zahl Ärzte musste sich niederlegen, während der Rest derselben sozusagen nicht aus den Stiefeln kam und übermenschlich arbeiten musste.“3
Wo die Russische Grippe auftauchte, da steckten sich grosse Teile der Bevölkerung an. Es erkrankten nicht nur Eisenbahner, Postboten und Arbeiter, sondern auch Angehörige der höheren Gesellschaftskreise. Zeitungen berichteten von prominenten Patienten: dem russischen Zaren, dem jungen deutschen Kaiser Wilhelm II. und dem britischen Premierminister Lord Salisbury sowie dem englischen Prinzen Albert Victor, Duke of Clarence and Avondale, dem britischen Thronfolger. Er starb im Alter von 28 Jahren 1892 an einer „Grippepneumonie“. Die meisten Todesopfer waren jedoch Menschen in höherem Lebensalter.
In Berlin und Zürich meldeten die Gesundheitsbehörden 1890, dass in der Stadt zwischen 30 bis zu über 50 Prozent der Bevölkerung „von der Influenza befallen“ seien, während die dänischen Behörden gar von 75 Prozent ausgingen. Einige Ärzte vermuteten, dass enge Wohnverhältnisse die Ansteckungen begünstigten. Doch klare Infektionsketten waren nicht zu erkennen.4
Die Ärzte verordneten in Ermanglung spezifischer Medikamente Substanzen wie Quecksilberchlorid, Strychnin, Schwefel, Jodoform, Tanninsäure, Resorcin oder Chinoidin. Die englisch-walisische Nationalregierung empfahl erkrankten Bürgern in einem Merkblatt „im Bett zu bleiben, sich warm zu halten, Brandy zu trinken [und] Chinin und Opium einzunehmen“5.
Eine Million Tote während mehrerer Wellen
Mit Schiffen gelangte die Krankheit nach Übersee, wo man sie anfangs ebenfalls für eine ungefährliche Erkältung hielt. Urplötzlich tauchte sie in verschiedenen amerikanischen Städten auf, im Dezember 1989 in Boston und New York, im Januar 1890 In Montreal. Wieder zwei Monate später erreichte sie zeitgleich Indien, China, Ostafrika, Australien, Neuseeland und Indonesien. Nach einer kurzen Flaute brach im Herbst 1890 eine zweite Welle los, härter und tödlicher als die erste. Bis 1895 folgten drei weitere Wellen. Insgesamt wurde die Zahl der Opfer auf eine Million Menschen geschätzt.
Der deutsche Neurologe Julius Althaus beschrieb „Langzeitfolgen im Nervensystem, die üblicherweise nicht von Influenza ausgelöst werden“ und entweder nach der Erkrankung weiterbestanden oder nach anfänglicher Beschwerdefreiheit neu auftraten.6 Sie entsprachen Antriebsstörungen im Sinne eines Fatigue-Syndroms. Damals bezeichnete man sie als Postinfluenza-Depression, Lethargie, grippale Katalepsie, hysterisches Koma oder Neurasthenie.
Corona-Viren sind keine Neuheit. Wehe, wenn sie losgelassen…
Coronaviren sind eine Gruppe von Viren mit etlichen Untergruppen, die sich üblicherweise unbeachtet in der Bevölkerung als Erkältungserreger herumtreiben. Sie wurden 1966 von der britischen Virologin June Almeida mittels Elektronenmikroskopie entdeckt. Entsprechend ihrer Form, die an eine Sonnenkorona erinnert, wurden sie Coronaviren genannt. Da sie genetisch sehr variabel sind, können sie durch Überwinden der Artengrenze verschiedene Wirte infizieren. Dann können sie zu herumschwirrenden Zeitbomben werden.
Durch einen solchen Artübertritt auf den Menschen kam beispielsweise der Erreger der SARS-Pandemie (Severe acute respiratory syndrome) von 2002/03 in die Welt. Die WHO berichtete von 8‘089 Infizierten in 29 Ländern und 774 Toten, also einer Sterberate zwischen 9 und 12 Prozent – je nach Land.
2012 tauchte neu das MERS-Virus (Middle East respiratory syndrome coronavirus) auf, das Lungenentzündungen, Magen-Darm-Beschwerden und Nierenversagen hervorrief. Aus 27 Ländern, vorwiegend aber aus Saudi-Arabien, wurde über fast 2‘500 Erkrankungsfälle und 858 Todesfälle berichtet. Diese extrem hohe Sterberate von 35 Prozent kam zustande, weil symptomlose Infizierte – anders als bei der aktuellen Coronapandemie − nicht mitgezählt wurden. Alle Betroffenen hatten vorher auf der Arabischen Halbinsel gelebt oder sie bereist. Inzwischen ist bekannt, dass Dromedare die Hauptrolle bei der Übertragung auf den Menschen spielten, sei es durch Kamelmilch, Fleischkonsum oder Kontakt.1
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LITERATUR
1 Rebecca Onion: We’ve Had a Lot of Pandemics Lately. Have We Learned Anything From Them? Jan 30, 2020.
2 M. A. Lunz: Einiges über die Influenza-Epidemie in Moskau 1889. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift 16, Nr. 18 (1890), S. 378–380.
3 Jacob Ruhemann: Die Influenza in dem Winter 1889/90. Berlin 1891, S. 53.
4 Niels Anner: Vor 130 Jahren hat schon einmal ein Coronavirus die Welt gelähmt. In: NZZ am Sonntag. Neue Zürcher Zeitung, 28. August 2020, abgerufen 10.5.2021.
5 F. B. Smith: The Russian Influenza in the United Kingdom, 1889–1894. In: Social History of Medicine 8, Nr. 1 (April 1995), S. 55-73.
6 Eva Stanzl: Covid könnte sich zu Schnupfen entwickeln. 15.1.2021.
7 Harald Brüssow, Lutz Brüssow: Clinical evidence that the pandemic from 1889 to 1891 commonly called the Russian flu might have been an earlier coronavirus pandemic. In: Microbial Biotechnology. n/a, 2021. 98 Ebd.
8 Ebd.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.