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Die alte Frau musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um meinen Kopf berühren zu können. Sie redete ohne Pause auf mich ein und tätschelte mir den Kopf. Ich verstand nicht, was sie von mir wollte und ich fühlte mich total fehl am Platz. Ich war zum ersten Mal in einer russischen Banja, einer Art Sauna. Neben mir drängten sich fünfzehn dicke, dünne, alte und junge Frauen nackt mit einem Tuch in der Hand und einer Mütze auf dem Kopf vor einer Holztür und warteten darauf, dass sie in den Schwitzraum eingelassen werden. Was die alte Frau mir sagen wollte, fiel mir erst später auf, als ich überstürzt unter dem Gelächter der Frauen die Banja verliess. Meine Haare wurden so heiss, dass ich dachte, sie fingen gleich zu brennen an. Mittlerweile habe ich eine Filzmütze und bin zur begeisterten Banjagängerin geworden. Was früher so etwas wie ein öffentliches Bad mit Schwitzraum war, ist längst zu einer sozialen Institution geworden. Die meisten Russen haben mittlerweile ein Badezimmer. In die Banja gehen sie trotzdem noch immer. Sie ist ein Ort, wo man sich trifft, tratscht und Geist und Körper pflegt – Frauen und Männer getrennt. Eine typische Banja besteht aus drei Räumen. Im Ruheraum stehen breite Bänke, auf denen man entspannen, lesen und schwatzen kann. Aus der Küche kann man sich gekochte Crevetten, Bier oder Tee kommen lassen. Der zweite Raum, der Nassraum, ist von oben bis unten blau gekachelt. Verschiedene Duschen und Kaltwasserbecken machen den Raum zu einem Planschparadies. Von hier geht die Holztür zum Schwitzraum ab. Ich setze mich dort immer auf den untersten Absatz, die Russinnen sitzen oben. Die Einheizerin wirft Wasser in hohem Bogen mit einer Kelle auf heisse Steine. Es zischt und wird noch heisser. Nach jedem Mal fragt sie «mehr?» und die Frauen antworten erst laut, dann immer leiser mit «mehr!». Bis sie endlich «es reicht», rufen, bin ich längst weich gekocht. Auf den Steinbänken im Nassraum stehen grosse Plastikeimer in allen Farben, überall sind Wasserhähne. Die Banja ist eine Wohlfühl-Oase, wo jede macht, was ihr passt. Auf einer Bank schneidet sich eine Frau die Zehennägel. Nebendran rasiert sich ein junges Mädchen die Schamhaare. Ihre Nachbarin raspelt sich eine fette Hornhautschicht von den Füssen. Fröhliches Geschnatter füllt den Raum, man rubbelt sich gegenseitig den Rücken trocken. Ein paar Bänke weiter verabreicht eine Frau einer anderen ein Peeling – ein selbst gemachtes. Geht es um natürliche Schönheitsmittel, können die Russinnen auf einen riesigen Fundus zurückgreifen. Salz und Rahm, zum Beispiel, oder Honig mit feinem Sand vom letzten Urlaub. Mein bevorzugtes Peeling habe ich einer alten Banjabesucherin abgeschaut: Ganz normaler Kaffeesatz. Etwas Duschgel mit Kaffeesatz mischen und sich von oben bis unten damit einschmieren. Das gibt natürlich eine gigantische Sauerei, sieht total bescheuert aus, aber Schönheit muss auch in Russland leiden.