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Das Bietschhorn über den Westgrat
C. Anders in Berlin ( Section Biel ).
Das Bietschhorn über den Westgrat Von Bei den verhältnißmäßig seltenen Besteigungen des Bietschhorn — 1885 fanden deren nur drei statt — pflegt der von der Spitze nordnordwestlich zum kleinen Nesthorn herabziehende Grat bis zum Gipfelpunkt 3953 m verfolgt zu werden, während der von letzterem westsüdwestlich gegen das Bietschjoch abzweigende sogenannte „ Westgrat " nur vereinzelt als Zugang benutzt wird. Der Erste, welcher über ihn zur Spitze gelangte, war Herr von Fellenberg am 19. August 1867, der dann auf L. Stephen » Nordgrate, dem jetzt üblichen Wege, zum Nestgletscher abstieg.1 ) In umgekehrter Richtung wiederholten diese Tour Miss Brevoort und Mr. W. A. B. Coolidge ( der jetzige Präsident des A. C. ) am 20. September 1871; sie führten damit den ersten und bis jetzt einzigen Abstieg über den Westgrat aus. Erst 13 Jahre später, am 24. September 1884, wurde Fellenberg's Anstiegs- S. Jahrbuch des S.A.C., Bd. VI, pag. 153 ff.
route wieder eröffnet, und zwar von Schweizer Clubisten, den Herren Guglielminetti und J. Seiler. Als Dritter folgte am 12. August 1885 Mr. H. Wodley aus Manchester mit den Führern Franz Burgener und R. Anthamatten. Die nachstehend geschilderte Besteigung des Bietschhorns von Westen ist demnach die vierte.
Ursprünglich war es meine Absicht gewesen, in die Fußstapfen der Herren Schulz, Purtscheller und Zsigmondy zu tretenund dem Bietschhorn von Süden beizukommen, und als ich am 16. September 1885 von der Spitze des Weisshorns den gewaltigen Absturz des Berges in 's Bietschthal mit dem Fernrohr studirte, machte ich meinen Führern Joh. Kederbacher aus der Ramsau und A. Gentinetta von Glis allen Ernstes einen dahingehenden Vorschlag. Beide wollten jedoch nichts davon wissen, da der massenhaft gefallene Neuschnee, der uns schon so viel zu schaffen gemacht, in jenen Wänden gefährlich werden würde; zudem wären die Tage für einen solchen, sicherlich 12 Stunden erfordernden Aufstieg zu kurz, und die Nacht würde uns auf der Nordseite überraschen. So entschied ich mich denn für den Westgrat, welchen mir Gentinetta als den schönsten und sichersten Weg zur Spitze rühmte. Ich begab mich daher mit Kederbacher, Gentinetta und Peter Ruppen, der sich uns in Visp als Freiwilliger angeschlossen hatte, am 21. September nach dem Lötschenthale, der Operationsbasis für die Bietschhornstürmer. An einem frischen, prächtigen Herbstmorgen trafen wir nach einer vierstündigen, genußreichen Wanderung von Gampel aus im Hotel Nesthorn ein. Herr Lehner war sichtlich erschrocken, als er unvermuthet vier hungrige und proviantbedürftige Leute in sein einsames Haus einrücken sah. Denn bei der vorgeschrittenen Jahreszeit hatte er seine dienstbaren Geister bereits entlassen, seine Frau war abwesend, und so ruhte die ganze Last auf seinen Schultern. Es blieb uns daher reichlich Zeit, das Bietschhorn, dessen stolzen, pyramidalen Bau wir so oft von den Höhen des Wallis aus bewundert, auch von dieser Seite aufmerksam zu betrachten. Ganz einfach ist das nicht, denn man muß den Kopf gehörig in den Nacken legen, um das Auge in einen Sehwinkel von über 30 ° hineinzuzwingen, in welchem sich der Berg über der Lonza erhebt. Sichtbar ist nur seine Nordspitze, in welcher zwei Grate von Nord und West sich rechtwinklig treffen. Der nördliche Grat scheint, weil in der Verkürzung gesehen, ungewöhnlich steil; der Westgrat, der sein Profil zeigt, sieht weniger jäh aus, obwohl der durchschnittliche Neigungswinkel seines Felsenkammes den der nördlichen Eisschneide um 6° überschreitet. Auch ist er viel zerrissener als der Nord- grat, in unzählige. Zacken und Thürme, ein ganzes Gensdarmeriecorps zerspalten; und ich kann dem Urtheil Hrn. v. Fellenberg's nicht zustimmen, der den Westgrat für weniger zerrissen, „ ganzer " als den Nordgrat erklärt.1 ) Von meinen Führern kannte ihn nur Gentinetta, der ein Jahr zuvor die HH. Seiler und Guglielminetti im Sturm und Nebel über ihn hinaufgeleitet; mein deutscher Landsmann Kederbacher war gleich mir zum ersten Male im Lötschenthale.
Spät, erst um 4 Uhr Nachmittags, wurden wir flott, überschritten die Lonza und begannen auf steilem, anfänglich gutem Pfade, der aber auf der Excursionskarte nicht eingezeichnet, durch den Nestwald zur Schutzhütte empor zu klimmen. Es war ein langsames, mühsames Steigen in der Nachmittags-hitze-, und die Sonne war bereits hinter dem Balmhorn verschwunden, als wir das solide, aus Holz gezimmerte Häuschen auf Hohwitzen 2573 m erreichten. Nur am Bietschhorn, dessen nordwestliche Eishänge uns zugekehrt sind, leuchtete es noch purpurn, während das Thal und der jenseits es begrenzende Firnwall des Petersgrates schon in Dunkel gehüllt waren. Als aber der Schlummer auch den Herrscher von Lötschen umfing, übergoß der fast volle Mond die ostwärts blickenden, schneegebänderten Flühe de » Balmhorns mit seinem silbernen Lichte.
Am folgenden Morgen verließen wir die Hütte nach einem langen, vortrefflichen Schlafe erst um 5.10, bei beginnender Dämmerung. Als der Tag anbrach, kalt und wolkenlos, hatten wir die Geröll- und Schneefelder passirt und kletterten bereits in den rothbraunen Felsen des Schafberges. An einem der scharfkantigen Blöcke verletzte sich Gentinetta einen Finger der rechten Hand; eine sofort um die Schnittwunde gelegte Mullbinde stillte jedoch die Anfangs sehr starke Blutung. Trotz des durch diesen kleinen Unfall bedingten Aufenthalts erreichten wir schon um 6.40 die Höhe des Bietschjochs 3240 m. Wie mit einem Zauberschlage öffnete sich die Aussicht gegen Süden auf die unvergleichliche Kette vom Fletschhorn bis zum Weißhorn, die strahlend in der Morgensonne, der für sie günstigsten Beleuchtung, über dem Bietseh-thale schwebte. Aber ihre herrlichen Gipfel sind heute nicht, wie sonst vor Wochen, unser Ziel, sondern das Bietschhorn, das dort im Osten, scheinbar ganz nah, noch 700 m über unserm Standpunkt aufstrebt. Das noch festgefrorene, ca. 600 m lange Firnfeld, welches uns noch von ihm trennte, wurde rasch durchschritten, und um 7 Uhr erreichten wir den Punkt 3241 der Excursionskarte, den Fuß des hier wenig höheren Westgrates. Bald standen wir auf seiner anfangs breiten Kante und begrüßten den bis dahin unsichtbaren Grand Combin und den Montblanc. Von nun aber trat der Genuß der Aussicht in die zweite Linie, denn die Gratwanderung nahm die ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Zwar war sie vorläufig so ungefährlich, daß wir uns nicht einmal an das Seil banden; aber die wie in einer Moräne lose über einander geschichteten, grauen Granittafeln verlangten eine behutsame Behandlung, sollte man nicht zwischen ihnen wie in einer Fußangel hängen bleiben. Eine Zeit lang sprangen wir so auf der Gratkante von Block zu Block, allmälig zwang uns jedoch die zunehmende Zerklüftung des Grates, ihn zu verlassen und dicht unter ihm an seinem südlich dem Bietschthal zugewandten Hange zu traversiren. Nach Um- kletterung vieler vorspringender Ecken überschritten wir um 8 Uhr die Stelle, wo das erste riesige Couloir der südlichen Bietschhorn wand mündet1 ), in dem die Steinlawinen donnerähnlich krachten. Im Gefühle der Sicherheit vor diesen ärgsten Feinden des Bergsteigers rasteten wir, wenig unter dem Grat bei 3510 m An.,, und verweilten angesichts des immer kolossaler sich gestaltenden Hauptgipfels 15 Minuten. Der Tag blieb-klar, wie er begonnen, und immer wieder hingen unsere Blicke bewundernd an den edlen Berggestalten der Penninischen Grenzkette. Sie blieben uns während der ganzen Besteigung treu, und es ist dies ein Hauptvorzug der Anstiegsroute über den Westgrat,, während dem von Norden kommenden Wanderer die Aussicht nach Süden sich erst vom Gipfel aus erschließt, d.h. für eine stets sehr kurze Zeit. Sodann ging es weiter, bald über den schartigen Grat, bald an seiner Flanke; das Bietschthal, in das wir unbekümmert zur Hechten hinabschauten, sank tiefer und tiefer. Schwierigkeiten hatten wir bis dahin noch nicht vorgefunden, denn die Felsen waren über Erwarten günstig, weder beschneit noch übereist. Doch mahnte ihre Zerspaltung in unzählige Tafeln, ihnen nicht allzusehr zu trauen; oft wackelte ein Vorsprung, an dem wir uns emporzogen, in bedenklicher Weise-oder blieb uns gar in den Händen. Bei 3700 m An., machten wir um 9.15 eine zweite Käst. Von nun wurde das Terrain schwieriger und wir banden uns.
an 's Seil, voran Kederbacher, der schon bis dahin geführt, dann Gentinetta, ich und Kuppen. Die Platten des Hanges häuften sich, doch wurde eine nach der andern durch sorgfältige Spannung des Seiles überwunden. Nachdem wir uns noch einmal horizontal um eine Kante geschoben, faßten wir um 10.30 am Fuße eines rostfarbenen Gratzackens Posto, nicht auf dem Grate selbst, sondern etwa 20 m unter ihm, auf der Südseite bei 3790 m An. Wir befanden uns also jetzt unter Fellenberg's „ rothem Thurm " ), d.h. an der für den glücklichen Ausgang unseres Unternehmens entscheidenden Stelle, die sich auf der Excursionskarte über der Zahl 5 der Höhenquote 3953 befinden muß. Gerade vor uns erblickten wir den nördlichen Vorgipfel, zu dem in dem Winkel zwischen dem großen Westgrat und einem Sporn des in 's Bietschthal abstürzenden Südgrates ein grabenähnliches Felscouloir emporleitet. Durch diese Veinschlaggefährdete Gasse hat sich Hr. v. Fellenberg einen Durchpaß erzwungen, da ihm die Strecke des Westgrates oberhalb des rothen Thurms unpassirbar schien. Nach seiner packenden Schilderung in dem mehrfach citirten Jahrbuch war diese Umgehung höchst mißlich; denn als er mit seinen Leuten nach einer schwierigen Kletterei auf „ Matterhornterrain " die Tiefe des Couloirs erreicht hatte, lösten sich Steine vom Westgrate los und flogen über ihre Köpfe hinweg. Auch Coolidge ist bei seinem Abstiege von Chr. Almer durch das gleiche Couloir hinabgeführt worden, und ebenso sind die beiden späteren Partien dort hinaufgegangen. Die Frage, ob wir demselben Weg folgen sollten oder nicht, wurde bald gelöst; während wir nämlich -die verrätherische Schlucht mißtrauisch betrachteten, prasselte ein Steinhagel durch sie herab, die eindring-lichste Mahnung, jeden Versuch, das Couloir zu -queren, von vorneherein aufzugeben. Blieb nur noch die vielgezackte Gratlinie zwischen dem „ rothen Thurm " und dem nördlichen Vorgipfel. Von ihr trennte uns eine etwa 20 m hohe, von schmalen, schräg aufwärts ziehenden Runsen durchsetzte, ziemlich senkrechte Felswand von rothbrauner Farbe. Sie zu erklimmen, machten wir uns ungesäumt an 's Werk. Während Gentinetta, ich und Kuppen in guter Stellung den Fels zur Linken umklammerten, kletterte Kederbacher kühn und sicher hinauf; als etwa 15 m Seil zwischen ihm und mir abgelaufen — Gentinetta hatte sich losgebunden und ließ das Seil abspielen — rief er uns zu, nachzukommen. Bald standen wir bei ihm und kurz darauf, um 10.50, vereint auf dem Westgrat 3810 m An. Etwa 100 m über uns, in ostnordöstlicher Richtung, erhob sich der nördliche Vorgipfel, d.h. das Ende unseres Grates, und zu ihm führte ein schmales, zerfressenes Felsensträßchen, das wir nun vorsichtig betraten, Das Aufrechtgehen wurde auf Kederbacher's Kommando vorläufig verpönt: rittlings und bäuchlings passirten wir 5 — 6 kleine Zacken, bis wir vor einem größeren, mitten aus dem Grate hervorwachsenden Gensdarmen anlangten. Dieser ließ sich nach rechts hin umgehen, dann kam noch eine Platte, die ein Herumschwingen nach rechts erforderlich machte, und um 11.20 standen wir auf dem langersehnten nördlichen Vorgipfel, ca. 3920 m An. Vom Fuß des „ rothen Thurmes " bis hierher hatten wir 50 Minuten gebraucht und damit eine neue, leichtere und ganz gefahrlose Passage entdeckt. Denn Hrn. v. Fellenberg kostete der gleiche Abschnitt der Besteigung 11/s Stunden. Waren wir bis jetzt stets östlich vorgerückt, so hieß es nun rechtsum machen und über den südlich streichenden, ca. 200 m langen Gipfelgrat der eigentlichen Spitze des Bietschhorns 3953 m zustreben. In einer halben Stunde war auch dieser letzte, viel geschilderte Gang gethan: um 11.50 stießen wir unsere Pickel in eine mächtige Schneehaube, auf welcher mein Aneroid, das seit dem Verlassen des Nordgipfels um 30 m gestiegen, uns anzeigt, daß wir den höchsten Punkt des Bietschhorns erreicht haben nach 5 Stunden fast ununterbrochenen Steigens vom Bietschjoch. Wir waren Alle ganz frisch und in heiterster Stimmung ich schreibe dies dem ausgezeichneten Schlafe zu, dessen wir uns auf der Bietschhorncabane zu erfreuen gehabt. So konnten wir mit hellen Augen die wolkenlose Aussicht betrachten, die nur dann einen wahr- haften, nachhaltigen Genuß gewährt, wenn die Seele von keinem körperlichen Mißbehagen gestört wird. Gegen Nordosten grüßten uns die Berner Alpen, deren Hauptspitzen leider durch secundäre Ketten verkümmert sind. Jungfrau und Mönch vermögen noch gerade über dem Mittaghorn und der Ebnefluh her-vorzusehen, nur das Aletschhorn, auf dem wir vor vier Wochen geweilt, steht greifbar nah vor uns, 9 eingerahmt von den uns mehr genäherten Lötschthaler Firnhäuptern, dem Breithorn und Nesthorn. Sein wunderbar harmonischer Bau läßt uns vergessen, daß es den Herrscher Finsteraarhorn neidisch verdeckt. So ist die Aussicht vom Bietschhorn auf die Berner Alpen etwas beschränkt, keinesfalls reicht sie an die des Aletschhorns heran, das vermöge seiner centralen Lage den instructivsten Einblick in das Gletscherlabyrinth seiner Umgebung gestattet. Gegen Süden steht dagegen das Bietschhorn freier, als sein Rivale. Nur durch das Rhonethal von uns geschieden, breitet sich der herrliche Grenzwall gegen Italien vom Monte Leone bis zum Montblanc zu einer leuchtenden Perlenschnur aus, in welcher wir jedoch zwei alte Bekannte Monte Rosa und Matterhorn, vermissen. Mischabel und Weißhorn entziehen sie unsern Blicken; zwischen diesen riesigen Vorposten treten aus der südlich zurückliegenden Centralkette der Lyskamm, die Zwillinge und besonders schön das Breithorn hervor: sie schließen das Zermatterthal, von dem wir einen großen Theil überblicken. Das Matterhorn ist zuverläßig nicht sichtbar, wie Hr. v. Fellenberg meint; denn fünf Tage zuvor hatten wir von ihm aus das Bietschhorn vergeblich gesucht. Dagegen zeigt sich deutlich die dunkle, dreikantige Pyramide der Dent blanche, die wie ein finsterer Loki neben dem reinen Baidur Weißhorn steht.
Nachdem wir so eine Stunde geschwelgt, hieß es Scheiden, wie immer zu früh. Um 12.50 schritten wir den zerscharteten Klippenpfad zum Nordgipfel hinab und erreichten die Vereinigung des West- und Nordgrates um 1.7. Einen Augenblick schwankten wir, ob wir nicht über ersteren wieder absteigen sollten, wie Kederbacher und Gentinetta mir anriethen; ich bestand jedoch meinerseits auf dem Nordgrat, da ich beide Gipfelwege kennen lernen wollte. So betraten wir denn den scharfen Eisfirst, auf dem der eisenbewehrte Schuh nicht den geringsten Eindruck hinterließ, so daß die Axt in ihr Recht treten mußte. Schweigend hieb Gentinetta, der voranging, mächtige Stufen in die Schneide selbst, eine harte und beim Abstieg gefährliche Arbeit. Wir rückten äußerst langsam von der Stelle, und Kederbacher, der in der Nachhut sich am meisten gedulden mußte, ehe wieder eine Anzahl guter Tritte hergestellt war, hieß uns das zeitraubende Stufenschlagen aufgeben, die Eisschneide rittlings nehmen und so ein Stück weit hinuntergleiten. Diese Episode ist mir in der unangenehmsten Erinnerung; einmal fand ich es ziemlich schwierig, in der richtigen Balance zu bleiben, und dann hatte ich Empfindungen, ähnlich wie auf einem hochtrabenden, mit spitzem Rücken begnadeten Pferde. Dem Verlieren des Gleichgewichts beugt man am besten vor, wenn man den Pickel fest zwischen die Beine auf den Grat pflanzt und gleichsam als Bremse benutzt; gegen die zweite Fährlichkeit weiß ich kein Mittel — es müßte denn das sein, sich nicht in solche Lagen zu begeben. Endlich brach die Gewächte so steil ab, daß wir die Reitkunststücke auf diesem Riesenfirst, dessen Stimmen zu beiden Seiten, im Osten und Westen, 2000 Fuß tief in den Firnmulden des Baltschieder- und Nestgletschers ruhen, nothgedrungen aufgeben mußten, und die dem letzteren zugekehrte Wand zur Linken zu Hülfe nahmen. Von oben fest am Seil gehalten, schlug Gentinetta in verticaler Richtung etwa zwanzig Stufen in die ca. 50° geneigte Flanke des Eisdaches, das Gesicht dem furchtbaren Abgrund zugewandt. Wir, die nur zu folgen hatten, nahmen die Eistreppe rücklings, vorsichtig unter den Füßen den nächsten Tritt erspähend, die Linke in die Stufe über uns stützend, während wir mit der Rechten das Beil vergebens in das harte Eis einzutreiben suchten. Vierzig Fuß mochten wir so dem spröden Firn abgerungen haben, als wir um 2.15 in den aus der Wand hervorbrechenden ( auf der Karte eingezeichneten ) Felsen Fuß faßten. Der erste, etwa 6 m hohe Absatz war senkrecht; das Gesicht gigen den Fels, den Pickel in horizontale Runsen zwängend, überwanden wir ihn glücklich, wobei Kederbacher, der als Letzter, also nicht von oben am Seil gehalten, folgte, bewunderungswürdige Gewandtheit und Kaltblütigkeit entwickelte. Wir verließen nun die verticale Linie und wandten uns nach rechts, zuerst in den bröckligen Felsen einige Zeit traversirend, dann von Neuem in die Firnwand übergehend. Auch in ihr mußten wir die horizontale, d.h. die Traversirrichtung beibehalten, was bei der Sprödigkeit des Eises, wie wir sie vorfanden, und der über 50 ° betragenden Neigung des Hanges immer sehr mißlich sein wird. Wo es nur irgend geht, sollte man in blankem Eise vertical, sei es auf- oder abwärts, vorrücken, da dann das Spannen des Seiles ein etwaiges Ausgleiten noch unschädlich mac ' Beim Traversiren ist diese Vorsichtsmaßregel fast nutzlos; denn verliert hierbei Jemand den Halt, so wird er stets um die Länge d' es noch so gewissenhaft gespannten Seiles zur Seite hinabstürzen und in den meisten Fällen seine Vor- und Hintermänner mit sich reißen, da auch diese in den Stufen nur dürftigen Halt haben und das Beil im blanken Eise als Rettungsanker versagt. Wir waren uns der Gefährlichkeit dieses Manövers wohl bewußt und beobachteten die äußerste Vorsicht. Gentinetta hieb die Stufen so breit als möglich, gegen die Wand, die wir zur Rechten hatten, etwas geneigt, die für den linken Fuß bestimmte ein wenig tiefer. Das dauerte wohl eine Stunde lang, bis wir den sicheren Schneegrat wieder erreichten und bald darauf um 3.30 den Punkt 3712, wo derselbe westlich zum kleinen Nesthorn umbiegt, betraten. Zwei Stunden 40 Minuten hatten diese 241™ im Abstieg gekostet auf einem Grate, der die Länge von 650 m nicht überschreiten wird. Wir gönnten uns denn auch nach diesem aufregendsten und für Gentinetta, der zwei Stunden lang Stufen schlug, anstrengendsten Theile der ganzen Tour 25 Minuten Rast. Das Aletschhorn, das, sobald wir den Grat verließen, verschwinden mußte, blinkte in der nachmittäglichen Südwestbeleuchtung hoch und hehr über dem Doppelgipfel des Lötschthaler Breithorns; ihm galt mein Abschiedsgruß, als wir nun links in die ca. 400 m hohe Felswand ein- und zum Nestgletscher abstiegen. Um 4.55 übersprangen wir die Randkluft, twa in gleicher Höhe mit dem kleinen Nesthorn, und eilten dann über den ebenen Firnplan zum Bietsch- Joch, wo wir 5. 32 eintrafen. Die Sonne ging prachtvoll unter und wir durften die herrliche Farbengluth bewundern, die sie an den Walliser Hochgipfeln ent-zündete. erst als der letzte rosige Funke am .Dom verglomm, wandten wir uns abwärts zur Hütte, bei der wir um 6.55 wohlbehalten anlangten.
Wenn ich mir ein Urtheil über die auf den beiden Graten zu überwindenden Schwierigkeiten des Terrains erlauben darf, so muß ich bekennen, daß uns der Nordgrat mehr Arbeit gemacht hat als der Westgrat. Wenn, wie es im Spätsommer wohl regelmäßig der Fall ist, am Nordgrat das blanke Eis zu Tage tritt und langwierige Stufenarbeit nöthig macht, so dürfte der Westgrat entschieden den Vorzug verdienen, namentlich wenn man das steingefährliche Couloir am Rothen Thurm vermeidet. Der Zeitaufwand ist kein größerer als der für den Nordgrat erforderliche; denn wie aus folgender Distanzentabelle ersichtlich, betrug unsere eigentliche Marschzeit für den Westgrat 4 St. 15 M., für den Nordgrat 4 St. 17 M., also sogar im Abstieg etwas mehr.
v, Fellenberg. Seiler.Anders.
Marsch.Pause.Summa.
St. M. St. M. St. 11.St. M. St. M.
Bietschjoch-Kother Th. 4.30 3. 2.55.403.35 Auf dem Rothen Thurm. 20. 20 Bis Nordgipfel... 1. 30. 30. 15. 45 His Hauptspitze... 1. 30 3. 10 —. 30. 30 Aufenthalt.... 1.Sturm1.1. Bis Ende des Nordgrats 2. 2. 2. 402. 40 Nestgletscher... 1. 20 1.. 251.25 Bietschjoch..
In Summa 2.
40 —.
40 —.
37 —.
3V 13.
10 10.
10 8.
22 2.
20 10.
52 Aufstieg7.30 6.10 4. 15 —. 55 " ö.'lO Abstieg4. 40 4.4. 17 —. 25 4. 42