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Ein Bürolist ärgerte die ganz Grossen
Der Obersiggenthaler Ernst Meier hat sich Ende der 50er- und Anfang der 60er-Jahre einen Namen als spektakulärer Offensivschwinger gemacht. Dabei war sein Einstieg in den Schwingsport Zufall. «Eigentlich wollte ich ja Fussballer werden, doch mein Vater sagte mir, ich solle in den Turnverein gehen.» Beim Turnverein Obersiggenthal war damals auch Alfred Hagner Mitglied, der zu dieser Zeit auch das Amt des Aargauer Technischen Leiters inne hatte. «In den Sportanlagen in Obersiggenthal hatte es einen Schwingkeller, also zeigte er ein paar Schwingergriffe. Als in Obersiggenthal ein Jungschwingertag stattfand, nahm ich spontan teil.» Auf Anhieb schaffte es Meier als 17-jähriger Nobody auf den zweiten Schlussrang.
Nur zwei Jahre später stand er unmittelbar vor seinem ersten Kranzgewinn am Aargauer Kantonalschwingfest. Ein nicht mit der Maximalnote bewerteter Plattwurf wurde ihm zum Verhängnis. So fehlte das ominöse Vierteli ein erstes Mal. Es sollte ihm während seiner Laufbahn noch mehrmals begegnen. Den fälligen ersten Kranzgewinn holte er schon zwei Wochen späzer nach, als er bereits nach fünf Gängen als Neukranzer feststand. Es war dies der erste von insgesamt 45 Kränzen im Schwingen.
Fünf Eidgenössische Einsätze
Nachdem er 1953 als Zuschauer das Eidgenössische Schwingfest in Winterthur bestaunte, stand er bereits 1956 in Thun ein erstes Mal auf der Schwingerliste. Die aus Thun gesammelten Erfahrungen münzte er 1958 in Freiburg beinahe in seinen ersten Kranzgewinn um. «Wieder fehlte mir das Vierteli», ärgert er sich. Beim dritten Anlauf 1961 in Zug klappte es endlich mit dem Eidgenössischen Kranzgewinn. Dieses Kunststück wiederholte er 1966 in Frauenfeld und beendete nach diesem Erfolg seine Laufbahn.
Zwischen Zug und Frauenfeld startete er auch 1964 in Aarau. «Damals war eine ähnliche Begeisterung zu spüren wie heute, umso mehr mit Max Widmer ein Aargauer Schwingerkönig aktiv dabei war.» Nur einen Monat vor dem Eidgenössischen in Aarau landete Meier am Expo-Schwinget anlässlich der Landesausstellung in Lausanne auf dem 7. Rang. In Aarau gehörte er zu den Mitfavoriten, ehe ihn eine Verletzung jäh stoppte. «Meine grösste Enttäuschung war aber der Unfall am Aargauer Kantonalen 1963 in Obersiggenthal. Als Lokalmatador musste ich nach siegreichem Auftakt aufgeben», bedauert der zweifache Eidgenosse heute noch.
Sieg am Berchtold-Schwinget
Der Gammen-, Kurz- und Übersprung-Spezialist erlebte aber auch goldene Zeiten. «1965 gewann ich nach mehreren Anläufen mein erstes Kranzfest», erzählt Ernst Meier mit Stolz. In Bremgarten bezwang er im Schlussgang Jakob Hälg. «An vielen weiteren Kranzfesten landete ich auf dem zweiten oder dritten Rang, und jedes Mal siegte Max Widmer. Immerhin reüssierte ich aber an einigen Rangfesten.» Besonders in Erinnerung bleibt ihm der Sieg am Berchtold-Schwinget 1962. Dass Meier trotzdem «nur» auf 45 Kranzgewinne kommt liegt daran, dass er während seiner Aktivzeit nie mehr als fünf Kranzfeste pro Jahr bestreiten konnte. In seiner reichhaltigen Sammlung sind alle Teilverbandskränze, alle Nordwestschweizer. Kantonalkränze und Bergkränze vom Rigi und Stoos zu finden. «Einzig der Kranz auf dem Brünig blieb mir verwehrt.»
Besonders stolz ist Ernst Meier, dass er während siner Aktivzeit mit allen Schwingerkönigen mindestens einmal zusammengreifen konnte. «Dem einen oder anderen konnte ich gar ein Bein stellen.» Erstaunlicher werden die Erfolge von Meier, wenn man die Berufung des Aargauers kennt. «Ich arbeitete während meiner Aktivzeit als kaufmännischer Angestellter und wurde von meinen Kollegen spasseshalber als Bürolist bezeichnet.» Trotz des Nachteils fehlender körperlicher Arbeit trainierte er nicht im Kraftkeller. «Mein Rezept war einfach: an den Werktagen am morgen eine Stunde joggen, einmal por Woche Schwingtraining und einmal Kondition im Turnverein.» Dabei legte er immer grossen Wert auf Abwechslung. «Als Hallenhandball-Torhüter übte ich meine Reaktion.»
Kontakt ein wenig verloren
Nach dem Ende seiner Laufbahn übernahm er 1967 in Obersiggenthal das Restaurant Neuhaus, dass er bis 2001 erfolgreich führte und seiner Tochter übergab. «Ich war zwar noch ein Jahr Kampfrichter, musste diese Tätigkeit allerdings aufgeben, als ich das Restaurant übernahm. Durch meine Arbeitszeiten verlor ich auch ein wenig den Kontakt zum Schwingsport. Nur noch selten konnte ich Schwingfeste besuchen. Seit meiner Pensionierung habe ich aber wieder mehr Zeit und bin auch regelmässig auf den Schwingplätzen anzutreffen.»
„Der bestbezahlte Amateursport“, wie er das Schwingen bezeichnet, ist ihm aber immer am Herzen gelegen. «Ich habe mich immer wieder als Gabenspender ausgezeichnet», sagt der ehemalige Turnerschwinger. Die heutigen grossen Gabentempel stören ihn denn auch nicht. «Mir ging es sowieso nur immer um den Kranz. Das war mein Ziel, nicht der Preis im Gabentempel.»