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«Selbst in seinem Heimatland zählt der vor zwei Jahren verstorbene Hans Boesch nicht gerade zu den Schriftstellern, die einem spontan einfallen, wenn von bedeutender Schweizer Literatur des 20. Jahrhunderts die Rede ist. Ein Fehler. Anderswo kennt man den 1926 im Kanton St. Gallen geborenen Autor der grossen Romanfolge «Der Sog» (1988), «Der Bann» (1996) und «Der Kreis» (1998) noch weit weniger, und die späte Zuerkennung des hoch dotierten Joseph-Breitbach-Preises (1998) hat daran bisher kaum etwas geändert. Bei seiner Verleihung lernten sich Boesch und die diesjährige Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer kennen, und bald danach begann die Dichterin, wie sie in ihrem trefflichen Nachwort zu seinem neuen Buch verrät, Boeschs aus genauer Welt- und Menschenbeobachtung und hoher Sprachsensibilität entstehende filigrane Erzählkunst kollegial zu bewundern. In Kronauers Nachwort – dem man nebenher entnehmen kann, dass die sechzehn jetzt veröffentlichten Texte vor Boeschs letztem Roman «Schweben» (2003) entstanden sind – ist von einer «Symbiose des versierten Ingenieursblicks von Boesch auf Gegenstände, auf Funktion und Pragmatik von Gegebenheiten und deren Historie mit inbrünstiger, allen Sinnenreizen offener Naturanschauung» die Rede. Das mag ein wenig umständlich formuliert sein, doch es charakterisiert ziemlich exakt alle hier versammelten Geschichten.
Die einleitende Erzählung «Israel» scheint am wenigsten mit der Schweiz zu tun zu haben. Da ist ein Mann aus dem Badeurlaub zurückgekehrt, den er jedes Jahr in Israel verbringt, und er erzählt seinem Schwiegersohn, dass er dort nicht etwa badet, sondern täglich einem Bauern bei der Arbeit zusieht. «Es ist nichts da, an das man sich halten kann; aber den Weg findet man. Und hin und wieder ein paar Worte reden muss jeder. … Ich bin nicht allein. Der alte Jude redet. Guten Morgen sagt er. Auf Wiedersehen sagt er. Wir verstehen uns. Wir reden miteinander.» Um den Wunsch, verstanden zu werden, sich in seiner menschlichen Existenz aufgehoben zu wissen, um Kommunikation und deren häufiges Misslingen geht es in Boeschs Texten eigentlich immer. «Der Hund» ist eine recht bösartige Geschichte über zwei auf ganz unterschiedliche Weise herzlose und kommunikationsgestörte Männer und einen armen Hund. Mensch und Tier, fundamentales Missverstehen, ja Verständnislosigkeit auch in «Die Schwester»: ein einsam lebender Bergbauer, der sowohl seine Kühe als auch die Feldhasen und überhaupt alle Natur auf anrührende Art liebt, erscheint dem vorbeikommenden Wanderer als ein mit seiner Umwelt harmonisch übereinstimmender Mann – bis abrupt und schroff herauskommt, dass ihn Hass und Verbitterung antreiben und nicht etwa Güte oder gar Liebe. Hans Boeschs Blick auf die Menschen ist auch ein psychologisch geschulter, was nicht etwa heisst, dass seine Geschichten Lösungen anzubieten hätten. Die grosse Liebe zwischen Mann und Frau – in «Das Messer» meisterhaft geschildert – verhindert keineswegs schreckliche Albträume, und es bleibt offen, ob die Kinderlosigkeit dieser Ehe deren Ursache ist. Um den nicht realisierten Wunsch nach dem Kind, um die schmerzliche Dialektik zwischen ersehnter Geborgenheit und dem unaufhaltsamen Fortschreiten des Lebens geht es in der beziehungsreich und souverän mit der Bildersprache des Katholizismus arbeitenden Erzählung «Das Lamm» – vielleicht die schönste, poetisch dichteste Geschichte von allen. Diese fünfeinhalb Seiten konzentrierter Prosa macht Boesch so schnell keiner nach. Psychologie mit philosophischem Tiefgang führt «Der Berg» vor: zwei Wanderer, einer Flaschen, der andere Uhren tragend, steigen in der Nacht auf, eine Schlucht zwischen sich. Oder nicht? «Wir haben nicht miteinander geredet. Wir haben einander nicht gegrüsst. Ein jeder stieg für sich, und doch war das Steigen leichter geworden. … Vielleicht ist da gar keine Schlucht, sagte er. Vielleicht. Hauptsache, Sie sind da.» Der Schluss der im «Mai siebzig» spielenden Erzählung «Ei-ei-ei Maria», in der ein zeittypischer Vater-Tochter-Konflikt geschildert wird, lautet: «Er wird mit Henrietta reden müssen, dachte er. Er wusste noch nicht wie, noch nicht was. Doch er wird.»
Vom Reden zur rechten Zeit und in der richtigen Dosis spricht Boesch mehrfach, vom Reden als manchmal auch wirkungslosem Mittel gegen Gewalt und Zerstörung. Von der Einsamkeit des Menschen und seinen Versuchen der Selbstbehauptung, selbst auf dem Totenbett wie in «Das Mus». Von seltsamen Paarbildungen. Und vom rechten Zeitmass der Dinge, vom ruhigen, sicheren und unerbittlichen Takt der Pauke, den die titelgebende Erzählung anspricht, «Samurai», eine etwas merkwürdige Liebesgeschichte zwischen einem pubertierenden Paukisten und einer rätselhaften Flötistin. Etwas merkwürdig? Man wird nicht alle sechzehn Texte gleichermassen schätzen, mit manchen vielleicht sogar wenig anzufangen wissen. Es bleiben Perlen genug übrig, hinterlassen von einem grossen Sprachkünstler, der einem bisweilen als ein grundgütiger, wissender und weiser Freund erscheinen mag.
Hans Boesch, «Samurai. Erzählungen». Mit einem Nachwort von Brigitte Kronauer. München und Wien: Nagel & Kimche, 2005
Klaus Hübner, geboren 1953, promovierte in Germanistik und lebt als Publizist und Redaktor der Zeitschrift «Fachdienst Germanistik» in München.