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Fernand Léger: Dezente Restaurierung
Das Werk Le passage à niveau von Fernand Léger wurde innerhalb des von der Fondation BNP Paribas Suisse unterstützten Restaurierungsprojekts umfassend wissenschaftlich untersucht und dann restauriert. Es hat sich gezeigt, dass das Gemälde erfreulicherweise nicht grundsätzlich fragil ist, sondern dass die Materialwahl des Künstlers und Einwirkungen im Laufe der Zeit zum heutigen Zustand geführt haben.
Kunsthistorischer Kontext
Bereits in einer kleinen Gruppe früher Landschaftsbilder, zu der Le passage à niveau gehört, begegnet uns Fernand Léger als wichtige künstlerische Position im Schaffen seiner Epoche. Mit den Impressionisten teilt er das Interesse an Natur, die nach und nach von der Zivilisation und Technik vereinnahmt wird. Aber die atmosphärische Bildsprache seiner Vorgänger hatte Léger zu diesem Zeitpunkt bereits abgelegt. Näher standen ihm die Futuristen, die den pulsierenden Rhythmus des modernen Lebens malerisch in schnelle, bewegte Stakkatos von Linien übersetzten. Unter dem Eindruck von Cézanne und der kubistischen Werke von Picasso und Braque entwickelte Léger seine abstrakte Bildsprache. Im Umfeld der Pariser Avantgarde fällt er mit einem höchst eigenständigen Bildvokabular auf, das sich auch für die Kunstgeschichte als wegweisend erweisen sollte.
FERNAND LÉGER: BIOGRAFIE
Der französische Maler beschäftigt sich früh mit künstlerischen Studien u.a. an der Académie Julian in Paris. Anfang des neuen Jahrhunderts entstehen die ersten vom Impressionismus beeinflussten Gemälde. Von Cézanne beeindruckt, löst er sich vom Impressionismus und findet 1909 zu einem eigenen Stil. Er schliesst sich den Kubisten Picasso und Braque an, die sich alsbald zur Gruppe «Section d’Or» formieren.
Nach seinem Kriegsdienst von 1914 bis 1917 Beginn der «mechanischen» Periode. 1925 entsteht sein erstes Wandgemälde für ein Gebäude von Le Corbusier. Zusammen mit Amédée Ozenfant unterrichtet er 1929 an der Académie moderne. Er wird Mitglied der Künstlervereinigung «Cercle et carré». Anfang der 1930er-Jahre reist er nach Österreich, in die USA, nach Schweden und Norwegen, in die Schweiz und nach Griechenland. Nach der Besetzung Frankreichs emigriert er 1940 in die USA, wo er bis 1945 lebt. Dort übt er neben seiner bildkünstlerischen und filmischen Arbeit auch eine Lehrtätigkeit aus. 1945 kehrt er nach Paris zurück und wird Mitglied der Kommunistischen Partei. Ende der 1940er-Jahre beginnt er mit keramischen Arbeiten.
Ausgangslage
Der Zustand des vor über hundert Jahren entstandenen Gemäldes Le passage à niveau war seit Eröffnung der Fondation Beyeler 1997 wegen seiner stark krakelierten Malschicht und brüchig erscheinenden Oberfläche als fragil eingestuft. Um allfällige Schäden zu vermeiden, wurde das Gemälde daher nie ausgeliehen. Innerhalb des von der Fondation BNP Paribas Suisse unterstützten Restaurierungsprojekts wurde das Werk umfassend untersucht und restauriert. Dabei konnten wichtige Informationen zu Material, Technik und Geschichte gewonnen werden.
Hohe Wasserempfindlichkeit
Eine erfreuliche Erkenntnis ist, dass das Gemälde nicht grundsätzlich fragil ist, sondern dass die Materialwahl des Künstlers und Einwirkungen im Laufe der Zeit zum heutigen Zustand geführt haben. Fernand Léger benutzte zum Beispiel eine ungewöhnlich wasserempfindliche Grundierung, um die Leinwand zu präparieren. Ein sehr früher Kontakt mit Nässe hat das Werk daher stark beeinträchtigt (Abbildung 1). Ebenfalls haben vergangene, eingreifende Restaurierungen das heutige Erscheinungsbild hervorgerufen. Mithilfe von recherchierten historischen Abbildungen konnten Veränderungen am Werk nachvollzogen werden, wie etwa Abriebe und nicht-originale Übermalungen.
Historische Aufnahme
Abbildung 1: Diese historische Aufnahme war entscheidend für das Projekt: Der an der Unterkante zu sehende Wasserschaden (Pfeile) erklärte, warum und wo eingreifende Restaurierungen in der Vergangenheit ausgeführt wurden.
Restaurierungsmassnahmen
Anhand der gesammelten Erkenntnisse wurden geeignete Restaurierungsmassnahmen konzipiert, die allesamt diskret und mehrheitlich nur in Details erkennbar sind. Primär wurden schlecht integrierte Retuschen einer vergangenen Restaurierung entfernt (Abbildung 2). Ausserdem wurden stecknadelgrosse, gesamthaft über die Oberfläche verteilte Abriebe farblich angepasst. Dazu wurden reversible Retuschen ausschliesslich auf die bereits vorhandenen Schadensstellen punktuell gesetzt. Diese Massnahmen hatten zum Ziel, die eher uneinheitliche und aufgebrochene Erscheinung der Malschicht zu schliessen (Abbildung 3) und sie wieder derjenigen des Entstehungsjahrs 1912 anzunähern – ohne dabei die Geschichte und das Alter des Werkes zu verbergen.
Untersuchungen vergleichbarer Frühwerke von Léger waren dabei besonders hilfreich, da sie eine Annäherung an die ursprüngliche Wirkungsweise von Le passage à niveau ermöglichten. Auch wurde das Werk präventiv mit einer schützenden Neurahmung und mit einem an der Rückseite befestigten Vibrationsschutz versehen. Die ausgeführten restauratorischen Massnahmen sind alle dezent und mehrheitlich nur in Details erkennbar. Das Werk wurde durch die Restaurierung nicht nur stabilisiert, sondern die Bildkomposition ist für den Betrachter auch lesbarer und dadurch zugänglicher geworden.
Retuschenabnahme
Abbildung 2: Retuschen von vergangenen Restaurierungen verdeckten an vielen Stellen die originale Malschicht. Zum Glück waren diese leicht löslich und konnten durch saugfähiges Papier mit Lösemitteln reduziert werden.
Vorher/Nachher
Abbildung 3: Vor der Restaurierung (oben) stören Fehlstellen, Abriebe und alte Retuschen den Gesamteindruck der grünen Farbpartie. Nach der Restaurierung (unten) wirkt die Stelle wieder geschlossen und angepasst.
Weitere Projekte
«THE KING PLAYING WITH THE QUEEN» - max ERNST
The King Playing with the Queen (1944) ist eine äusserst fragile und einmalige Skulptur aus Gips. Andere Sammlungen, wie z.B. das MOMA in New York, haben Versionen des Werkes aus Bronze. Die Skulptur stellte schon immer ein Rätsel für die Restauratoren dar: Warum liess der Künstler grosse Stellen der blauen Figur – wie Schultern und Ellenbogen – weiss? Durch umfassende Untersuchungen, darunter auch Röntgenaufnahmen, stellte sich heraus, dass die Skulptur in der Vergangenheit unsachgemäss zerlegt wurde, um Abgüsse und dann wiederum Bronzefassungen herzustellen. Die Röntgenuntersuchung zeigte auch, dass dem Künstler schon bei der Herstellung bewusst war, wie fragil und schwach Gips ist: Deshalb verstärkte er das Innere der Skulptur mit verschiedenen Arten von Armierungen.
Übersicht - Restaurierung
Der Zahn der Zeit verschont auch Kunstwerke nicht: Farben können sich verändern, Materialien sind der Zersetzung ausgeliefert. Stabile Klimabedingungen und spezielle Beleuchtung bei Ausstellung und Lagerung tragen einen grossen Teil dazu bei, dass Kunstwerke gut erhalten bleiben. In vielen Fällen ist aber zusätzlich das Können und Wissen der Restauratoren gefragt. In der Fondation Beyeler arbeitet seit 2001 ein engagiertes Team im Bereich Restaurierung daran, wichtige Kunstwerke der Sammlung langfristig zu bewahren, damit sie auch für künftige Generationen zugänglich bleiben.
«ACANTHES» - Henri MATISSE
Das erste grosse Forschungsprojekt in der Geschichte des Museums war die wissenschaftliche Erforschung und Restaurierung von Henri Matisse’ 3,5 Meter grossen Scherenschnitt Acanthes (1953), einem Hauptwerk aus der Serie der grossformatigen Papiers découpés. Das interdisziplinäre Projekt umfasste die Gemälde- und die Papierrestaurierung wie auch die kunstwissenschaftliche Erschliessung. Um dem hohen Anspruch des Kunstwerkes gerecht zu werden, wurden für dieses komplexe Unterfangen auch internationale Experten beigezogen. Das dreijährige Abenteuer zahlte sich aus – nicht zuletzt für die Museumsbesucher: Die Restaurierungsarbeiten konnten in einem eigens für das Publikum einsehbaren Atelier über die gesamte Zeit mitverfolgt werden.