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Wissen ist Macht. Mit diesem Satz bin ich aufgewachsen. Mein Vater wollte mich wohl fürs Lernen motivieren, sicher nicht für das Ausspionieren anderer. Später ist eine persönliche Erkenntnis zu meinem Basis-Wissen hinzugekommen: dass ich nicht nur will, dass man mir vertraut, sondern auch, dass ich vertrauen kann, irgend jemandem, auf irgendetwas. So, als ob ich mit meinem Vertrauen doch irgendwo müsste.
Heute, also nachdem ich erlebt habe, dass ein Präsident nicht inhaliert, geschweige denn Sex mit einer Praktikantin hatte, nachdem offiziell ist, dass die Schweiz nicht neutral ist, weil durch ihr Hintertürchen nur hundert, aber eben nicht alle Länder gleichermassen entschlüsselt wurden, nachdem offenkundig ist, dass ein anderer Präsident nicht einmal weiss, was er sagt, nachdem er es gesagt hat, in einer Zeit, in der keiner mehr zu sagen scheint, was er wirklich meint, …
Sein Kiefer blieb starr, doch der Rest seines Gesichts wollte durch die Hintertür davonrennen oder alles sagen…
«Sie sind ja schon eine Weile beim NDB. Haben Sie in dieser Sache schon mal gehört, dass die CIA [bei der Crypto AG] ausgestiegen sei?»
NDB-Vize Jürg Bühler: «Wenn sie keinen Grund hatten, auszusteigen, dann werden sie das auch nicht getan haben.»
Das sagt jemand, der wenige Minuten zuvor noch davon gesprochen hat, dass es keine Beweise gab, dass CIA und BND Eigentümer der Schweizer Crypto AG gewesen seien…
… in dieser Zeit will ich nicht nur wissen, sondern – viel dringender – vertrauen.
Ich kann den Wunsch nach Hintertürchen gut nachvollziehen. Nicht nur, weil sie einem Zugang zu Orten gewähren, die sonst verschlossen blieben oder weil sie jemandem einen eleganten Abgang verschaffen können. Allein die Tatsache, dass sie einen Ortswechsel ermöglichen, fasziniert mich.
Wahrscheinlich habe ich deshalb als Kind vor allem Bücher gelesen, in denen eine Erzählstimme über der Handlung und seinen Protagonisten thront. Bei Sätzen, die mit «Zur gleichen Zeit…», gesteigert durch «… am anderen Ende der Stadt…» schien es, als ob ich mitsamt dem Buch abheben würde. Der Brecher war die bedeutungsschwangere Formel «Was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, …». Nicht nur, dass ich nach den nun folgenden Sätzen mehr wusste als die Hauptfigur! Ich wusste auch, dass sie es erfahren würde! Und – das allerschönste – dass mich der Erzähler ins Vertrauen zog. In diesem Moment fühlte ich Wissen und Vertrauen zugleich.
Und ich wünschte mir immer wieder – einem Erzähler gleich – die Fähigkeit, von einem Ort zum anderen wechseln zu können. Denn in meinem eigenen kleinen Leben konnte ich immer nur dem folgen, was gerade unmittelbar um mich herum geschah. Und das schien mir nicht nur wegen der ewigen Streitereien und der Missgunst in meinem Elternhaus sondern weit darüber hinaus erstrebenswert. Einfach die Perspektive, den Schauplatz wechseln, fast so, wie der Steppenwolf von Hesse im «magischen Theater», dem einzigen Kapitel in diesem Buch, an das ich mich noch erinnere.
Das mit dem Wissen war mir schnell ziemlich klar. Und irgendwann habe ich dann begriffen, warum mir auch Vertrauen wichtig ist. Wenn man einander vertraut, zieht man sich ins Vertrauen. Und augenblicklich weiss man mehr, erkennt weitere Zusammenhänge oder was man dafür hält. Man kann auf dieser Spur weitersuchen und eines Tages vielleicht etwas finden, das einem sagt, warum es sich zu leben lohnt.
Und ich bliebe noch eine Weile, statt mich durch eine Hintertür zu verabschieden.