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Meine Frau hat angefangen, Rezensionen deutscher Fantasyromane für Jörgs Rezensionenblog zu schreiben. Die meisten werden wohl Übersetzungen aus dem Englischen sein. Hier geht es um den ersten Band der Gezeitenstern Serie von Jennifer Fallon.
Obwohl es sich um einen dicken Wälzer handelt, hat dies mich nicht daran gehindert, Abend für Abend in die Welt von Amyrantha abzutauchen. Die Geschichte lässt sich schnell lesen: grosse Schrift, einfach und übersichtlich geschrieben, keine komplizierten und allzu verstrickten Zusammenhänge.
Im Buchumschlag sind vorne und hinten je eine Karte zu finden von Amyrantha Ost und West. Diese Karten geben zwar Aufschluss darüber, welche Ländereien auf dieser Welt überhaupt vorkommen und wo sie ungefähr liegen. Die Karten sind aber leider sehr unübersichtlich, die einzelnen Ortschaften nahezu unleserlich – so gut wie nicht zu gebrauchen. Auch wäre es vor allem zu Beginn der Geschichte noch praktisch gewesen, wenn es im Buch ein Personenverzeichnis gegeben hätte, oder eine Art Verzeichnis der Götter. Aber da die Geschichte nicht allzu kompliziert geschrieben ist, kommt man am Ende auch ohne entsprechende Verzeichnisse zurecht (wäre einfach ein schöner Zusatz gewesen).
Während Hunderten von Jahren herrschten mythische Götterfürsten über Amyrantha – doch ihre magischen Kräfte sind an den Gezeitenstern gebunden, was dazu führte, dass sie seit Eintreten der kosmischen Ebbe nach und nach von der Bildfläche verschwunden sind. In der Zeit, in der die Geschichte beginnt, sind die Fürsten schon längst in Vergessenheit geraten und existieren nur noch in den Mythen und Legenden der Sklavenvölker oder tauchen als symbolische Figuren auf Tarot-Karten auf.
Als die Hinrichtung von einem zum Tode Verurteilten nicht klappen will, überschlagen sich Gerüchte und Spekulationen: der Verurteilte behauptet, Cayal, ein unsterblicher Prinz zu sein, man könne ihn nicht umbringen. Handelt es sich um einen Spinner? um einen Spion aus dem Nachbarland?
Arkady Desean, Herzogin und Historikerin, wird beauftragt, den Verurteilten in seinem Verliess aufzusuchen und als Hochstapler zu entlarven sowie herauszufinden, was hier gespielt wird. Bei ihren regelmässigen Besuchen hört sie sich die unglaublichen Geschichten aus dem angeblich unsterblichen Leben des Gefangenen an – Cayal und seine Geschichten ziehen sie gegen ihren Willen mehr und mehr in ihren Bann. Der Gefangene fasziniert und ängstigt sie gleichzeitig – was, wenn irgendwas an seiner Geschichte wahr sein sollte? Wider ihrer Erwartungen verstrickt er sich in seinen Erzählungen nicht in Ungereimtheiten und hat für jedes noch so wirre Rätsel aus den Legenden eine plausible Erklärung… reagieren die Crasii ihm gegenüber nicht irgendwie eigenartig oder bildet sich Arkady dies nur ein? sollte ihrer Welt tatsächlich die Auferstehung der grausamen Götterfürsten aus den Legenden bevorstehen? und würde das genau bedeuten?
Zu Beginn zieht sich die Geschichte ein bisschen in die Länge. Es wird viel Zeit dafür aufgewendet, Arkadys Leben als Herzogin zu beschreiben und in welcher Beziehung sie mit den einzelnen wichtigen Figuren steht. Da ist zum einen ihr Mann, Herzog Stellan, der Arkady – die ursprünglich aus der Unterschicht stammt – durch die Heirat erst den Zutritt zur höheren Gesellschaftsschicht ermöglicht hat. Obwohl so etwas sehr unglaublich erscheint, erfährt man doch später, dass der Herzog triftige Beweggründe für einen solchen Schritt hatte: seine Frau hilft ihm im Gegenzug nämlich, ein dunkles Geheimnis zu hüten. Aber Arkady schafft es nicht nur, den Herzog für sich zu gewinnen – auch der erste Spion des Königs scheint sein Interesse an ihr zu haben. Selbst der mysteriöse Jaxin scheint insgeheim ein Auge auf sie geworfen zu haben, auf jeden Fall fasziniert sie ihn. Aber hiermit nicht genug: sogar der König ist ein grosser Verehrer der Herzogin und bewundert sie über alle Massen. Als dann am Schluss auch noch der vermeintliche Gezeitenfürst Cayal von der Herzogin in den Bann gezogen wird, war das dann fast ein wenig zu viel des Guten. Irgendwie ist so viel Anziehungskraft der Hauptdarstellerin auf nahezu alle wichtigen männlichen Figuren im Buch dann doch ein wenig unglaubwürdig – schliesslich ist sie ja keine Göttin oder Zauberin! (oder doch?).
Trotzdem kann das Buch mit einigen interessanten und unerwarteten Überraschungen aufwarten. Welche Rolle spielen Shalimar und seine Helfer? Wird die Bruderschaft der Rebellen fähig sein, etwas gegen die Machenschaften der übermächtigen Götter zu unternehmen und ihre Pläne zu durchkreuzen? Welche Pläne haben die einzelnen Götterfürsten überhaupt und welche Intrigen hecken sie gegeneinander aus? Interessant sind auch die Sklavenvölker der Crasii und der Feliden, die aus Mischwesen bestehen und im Zusammenhang mit den Gezeitenfürsten eine wichtige Rolle zu spielen scheinen. Eigentlich sind am Schluss des Buches die wichtigsten Bausteine gelegt, um mit einer spannenden Geschichte zu beginnen. Zu wünschen ist, dass im weiteren Verlauf der Geschichte gewisse Figuren (Shalimar, Rebellen der Bruderschaft etc.) noch weiter ausgebaut werden und ein eigenes Gesicht und Persönlichkeiten entwickeln.
Obwohl es wenig glaubhaft wäre, dass zu guter Letzt selbst Cayal Arkadys Charme erliegt (Mit 8’000 Jahren Lebenserfahrung und bekannt als Verführer sollte es nicht so einfach sein, ihn um den Finger zu wickeln; vor allem weil auch mehrfach betont wird, dass er schon jegliche erdenkbare Situation in seinem Leben erlebt hat und ihn nichts mehr überraschen könne), ist man sich am Schluss des Buches doch nicht mehr so ganz sicher, was nun genau Cayals Absichten und Pläne bezüglich Arkady sind. Vielleicht spielt er ja nur ein Katz und Maus Spiel? oder versucht sie zu manipulieren und für seine Pläne einzusetzen?
Auf alle Fälle könnten die Weichen für eine spannende Geschichte nun eigentlich gestellt sein. Nur schade, dass ein ganzer dicker Buch-Band nötig war, um diese Ausganglage zu erreichen. Obwohl eher skeptisch, bin ich doch ein wenig neugierig, wie es im zweiten Buch weitergehen wird, wer wen manipulieren wird und welche geheimen Verstrickungen, Doppelleben und Intrigen sich im Verlaufe der weiteren Geschichte vielleicht noch offenbaren werden…
Bewertung: 5 von 10 Punkten
– Claudia