Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03565.jsonl.gz/2850

Die nordirische Familie Dunlop dominiert wie keine andere die Motorrad-Strassenrennszene von Grossbritannien. Doch sie bezahlt einen hohen Preis. So auch wieder vergangenes Wochenende.
«Heute gewinnt ein Dunlop», lautet nun schon seit Jahren der Running-Gag unter den Zuschauern der Motorrad-Strassenrennen in Grossbritannien. Und oftmals bewahrheitet er sich. Joey, Robert, Michael oder William – irgend ein Dunlop aus Ballymoney, einem 10'000-Seelendorf an der A26 in Nordirland, stand in den letzten Jahrzehnten oft zuoberst auf dem Treppchen.
Alleine bei der Tourist Trophy (TT) auf der Isle of Man, dem gefährlichsten Motorradrennen der Welt (257 Tote in 107 Jahren), hiess der Sieger 49 Mal Dunlop. Beim zweitwichtigsten Wettbewerb, dem Ulster Grand Prix, sieht die Statistik ähnlich aus.
Der bis jetzt erfolgreichste Dunlop ist der Älteste: Joey. Ab 1977 bis 2000 gewann er bei fast jeder Austragung der TT mindestens ein Rennen. Auf der Insel wird er wie ein Nationalheld gefeiert, kein Pub, kein Kiosk, keine Postfilliale kommt ohne Bild des Mannes mit dem gelben Helm aus. Joey gehört zur Isle of Man wie die Katzen ohne Schwanz.
Joey selber stand nicht gerne im Rampenlicht. Das überliess er seinem Bruder Robert, den er bei Presseanfragen gerne vorschob. Joey schraubte lieber am Motorrad. Auch während der Rennen legte er oftmals selber Hand an.
Teure Hotelübernachtungen lehnte er immer wieder ab. Er schlief lieber in seinem Transporter, den er auch dazu benutzte, Hilfsgüter nach Rumänien und Albanien zu transportieren. Für seine karitativen Einsätze wurde er mit dem Order of the British Empire ausgezeichnet.
Bezeichnend für sein Leben ist auch sein Tod. Das gefährlichste Motorradrennen der Welt überlebte er Jahr für Jahr. Ein unbedeutendes Rennen im Jahre 2000 in Estland, das 40 Jahre lang kein Todesopfer gefordert hatte und abseits der grossen Bühne stattfand, wurde ihm zum Verhängnis.
Das 750er- und das 600er-Rennen hatte er bereits gewonnen und auch beim 125er-Wettbewerb lag er in Führung, als es zu regnen begann. Abseits von Kameras und Publikum rutschte er aus, prallte gegen einen Baum und war sofort tot.
«Ich wollte nie ein Superstar sein, sondern nur mich selbst. Ich hoffe, die Menschen werden sich so an mich erinnern», sagte Joey einst. Worte, die so nicht mehr zur heutigen Instagram-Zeit passen.
Joeys jüngerer Bruder Robert war ein anderer Charakter. Erst spät entschied er sich für eine Karriere als Rennfahrer und er war auch nicht mit demselben Talent gesegnet. Es reichte aber, um immer wieder Rennen zu gewinnen – unter anderem fünfmal die TT.
Während Joey ein Perfektionist war, der sich keine Fehler zugestand und nur selten verunfallte, war Robert der wagemutige Draufgänger, der «George Best der Motorradfahrer».
1994 stürzte Robert im Training auf der Isle of Man. Sein Hinterrad hatte die ungeheuren Kräfte nicht ausgehalten. Schwer verletzt, überlebte er nur knapp. Aufgrund der diversen Knochenbrüche musste sein rechtes Bein mit einer Operation künstlich verkürzt werden. Die Ärzte prophezeiten, dass er nie wieder ein Motorradrennen bestreiten werde. 700'000 Pfund erhielt Robert als Entschädigung.
Nach dem Unfall trat der dreifache Vater kürzer, restaurierte das Haus für seine Frau und die drei Kinder und startete nur noch in 125er-Rennen. Immerhin gewann er 1998 die Tourist Trophy.
Dann folgte der Tod seines Bruders und Mutter May bat ihn, dem Rennsport endgültig den Rücken zu kehren: «Er hat mich derart ausgelacht, dass ich es kaum aushielt. Es waren gute Jungs. Man konnte, man durfte ihnen die Motorradrennen nicht verbieten. Sie lebten nur dafür.»
2004 schien Mays Wunsch trotzdem in Erfüllung zu gehen. Robert versuchte den Helm an den Nagel zu hängen. Nach einer geglückten Operation an seinem verkürzten Bein sass er 2005 bereits wieder im Sattel.
Mittlerweile hatte er Konkurrenz aus den eigenen Reihen erhalten. Zwei seiner Söhne, William und Michael, zeigten auf dem Motorrad ebenfalls viel Talent. Vor allem der jüngere Michael fiel dabei auf: 2007 war er der schnellste Dunlop bei der TT gewesen.
Am 15. Mai 2008, beim Training für das North West 200, stürzte Robert schwer. Zur Ursache existieren heute verschiedene Überlieferungen: Ein Kolbenklemmer soll Robert abgeworfen haben, sagen die einen. Die anderen glauben an einen Manipulationsfehler von Robert, der aufgrund seiner Verletzung die Vorderradbremse von der rechten Lenkerseite nach links gelegt hatte. Er soll bei 250 km/h statt der Kupplung die Bremse gezogen haben.
Einer der ersten an der Unfallstelle war sein Sohn Michael: «Ich kam näher und sah ein Motorrad – oder was davon übrig war. Die Teile lagen auf der Strasse, daneben ein Mensch. Ich dachte: ‹verdammt, da ist etwas Schreckliches passiert.› Als ich dann näher kam, realisierte ich, dass der, der da am Boden lag, mein Vater war. Sofort kriegte ich einen Adrenalinschub. Ich warf mein Motorrad gegen einen Heuballen und rannte zu ihm. Ich merkte, wie er Mühe hatte, zu atmen. Wenigstens war er noch am Leben. Kurz darauf erreichten uns die beiden Ärzte Dr. John Hinds (der später ebenfalls bei einem Motorradunglück verstarb) und sein Kollege Dr. Fred MacSorley. Ich machte ihnen Platz. Und so schaute ich am 15. Mai 2008 zu, wie mein Vater starb. Ich wusste es zu dem Zeitpunkt nur noch nicht. Er wollte für immer Motorradrennen fahren, aber er hat auch gewusst, dass sein Tag kommen würde», schreibt Michael Dunlop in seiner Autobiographie «Road Racer».
Der als unzerstörbar geltende Robert Dunlop erlag wenig später im Spital seinen Verletzungen. Das North West 200 wurde trotzdem durchgeführt. Michael Dunlop gewann zwei Tage nach dem Tod seines Vaters sein erstes prestigeträchtiges Rennen: «Ich musste es tun, ich musste für meinen Vater gewinnen», sagte er danach.
Am letzten Wochenende verstarb wieder ein Dunlop. Roberts ältester Sohn William Dunlop, 32, erlag seinen Verletzungen nach einem Sturz beim Training zum Skerries 100 in der Nähe von Dublin. «Jeder kennt das Risiko. Man darf den Leuten die Möglichkeit nicht wegnehmen, dieses Risiko einzugehen», kommentierte er einst die Debatte, ob die Strassenrennen aufgrund der vielen Todesopfer nicht verboten werden sollten.
William hatte 2018 auf die TT, die in diesem Jahr zwei Todesopfer forderte (Dan Kneen und Adam Lion), verzichtet, weil er mehr Zeit mit seiner schwangeren Frau verbringen wollte. Eigentlich wäre er gerne Fussballprofi geworden, doch dafür reichte das Talent nicht. Deshalb tat er, was man in der Dunlop-Familie halt tut: Er stieg aufs Motorrad. William hinterlässt zwei Kinder.
Und wieder muss Grossmutter May an eine Beerdigung. Sie hat mittlerweile zwei Söhne (Joey und Robert), einen Enkel (William) und einen Schwiegersohn (Mervyn Robinson) durch Motorradrennen verloren. Immerhin: Joeys Söhne Samuel und Gary haben die Motorradhelme nach mehr oder weniger erfolglosen Karrieren an den Nagel gehängt.
Bleibt nur noch Michael. Dieser fährt noch immer Motorradrennen. Nach Streitigkeiten mit Honda spielte auch er 2013 mit Rücktrittsgedanken. Als seine Mutter nach dem Tod ihres Mannes in finanzielle Engpässe geriet und sie kurzfristig ihr Haus der Bank überlassen mussten, kehrte er zurück zum Rennsport. Und das sehr erfolgreich. Mit 18 Siegen auf der Insel, drei in diesem Jahr, liegt er in der ewigen Bestenliste der TT bereits weit vor seinem Vater auf Platz drei. Noch fehlen ihm acht Siege, um mit seinem Onkel Joey gleich zu ziehen.
Über die vielen Todesopfer in seiner Familie sagt er: «Die Tragödien haben uns nie angestachelt, uns aber auch nicht daran gehindert. Wenn's passiert, dann passiert es halt. Es gibt eine Menge Leute, die hatten schwerere Schicksale als wir. Es ist ein gutes Leben.»