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Wäre das Hirn des Lesers aus Taft, die Autorin würde wohl nicht davor zurückschrecken, mit Stecknadeln versuchsweise ein Plissee hinein zu entwerfen. Obwohl ihr durchaus bewusst zu sein scheint, wie schwierig es ist, Gedanken auf einen Punkt zurückzubiegen. Und das Herz des Lesers? Braucht sie nicht. Ausserdem wäre es, mit zwei Fingerschlägen auf dem Deckel einer Schachtel, zwischen den Geschirrtüchern im Küchenschrank zu finden.
Wer hier weiterblättert, weil die Tonart dieser Rezension nicht seiner Vorstellung entspricht, wird vielleicht auch Christina Viraghs Roman «Pilatus» bald weglegen. Die Wanderung durch ihr Sprachlabyrinth ist kein leichter Spaziergang. Manche Erwartungshaltung des Lesers wird an den abrupten Wegbiegungen dieses Labyrinths enttäuscht.
Ausgangspunkt ist ein Bergausflug Lias mit ihrer älteren Tochter Jolan an einem ungewöhnlich warmen Herbstmorgen. Das letzte, was die kurzsichtige Jolan von der Mutter sieht, ist ihre helle Jacke, die zwischen den Bäumen verschwindet. Lia kehrt von diesem Ausflug nicht zurück, und die Tochter behauptet, nicht zu wissen, was wirklich geschehen ist. Schreibend versucht die jüngere Tochter K. das unerträgliche Vakuum, das durch das spurlose Verschwinden der Mutter entstanden ist, zu überwinden. Ihr Versuch, die Ereignisse jenes Herbsttages zu rekonstruieren, löst einen unerbittlichen Kampf aus zwischen den ungleichen Schwestern, der seinerseits zum beschwerlichen Ausflug ins Gebirge von Erinnerung und Verdrängung wird – eine Parforcetour auf unstabilem Grund.
Die Autorin und Übersetzerin Christina Viragh, 1953 in Ungarn geboren, emigrierte 1960 in die Schweiz, lebte einige Zeit in Luzern und seit 1994 in Rom. «Pilatus» ist ihr vierter Roman und inhaltlich eine Weiterentwicklung des 1997 erschienenen Textes «Mutters Buch». Der Übersetzerin ist es zu verdanken, dass Werke von Péter Nádas, Sándor Márai, Imre Kertész und vielen anderen im deutschen Sprachraum bekannt geworden sind. Die Arbeit des Übersetzens verlangt Disziplinierung der eigenen Sprache, Einfühlungsvermögen in die Struktur des fremden Textgewebes. Umso freier scheint die Autorin ihre Sprache fluktuieren zu lassen. Eindrücklich und irritierend zugleich ist das vielschichtige, aus wechselnden Per-spektiven beleuchtete Wortgebirge ihres «Pilatus».
Die Ich-Erzählerin K. ist Schneiderin, entwirft viel mit Stecknadeln, schneidet mit kalter, scharf geschliffener Schere die unterschiedlichsten Stoffe zu. Einmal spielt Jolan, die Schwester, mit einem grünblau changierenden Seidentaft, rafft ihn zusammen und wirft ihn auf den Boden, «wo er als zerklüftete, furchige Masse stehenblieb». Der Berg wirkt prägend sogar auf das Spiel mit dem Stoff. Dass eine Schneiderin steifes Seidengewebe plissieren will und sich über die immer wieder wegspickenden Stecknadeln wundert, zeugt von befremdender Unkenntnis des Materials einerseits, von ungestümem Gestaltungswillen der Autorin anderseits. Das Missverstehen des Materials und seine unsachgemässe Behandlung hängen zusammen, spiegeln geradezu modellhaft die verhängnisvolle Verstrickung von Missverstehen und Misshandeln eines Menschen. Ob die Autorin ihre Erzählinstanz an dieser Stelle bewusst kompromittiert, bleibt offen, aber das erfolglose Plissieren des Tafts wirkt anregend auf das Hirn des Lesers.
Trotz feingearbeiteter Details ist der Roman als Ganzes schwer fassbar, und am Ende des anspruchsvollen Ganges durch Viraghs raffiniert gebautes Sprachlabyrinth steht der Eindruck, seine Mitte sei in einem Moment der Unaufmerksamkeit verschwunden oder gar nicht vorhanden.
Christina Viragh, «Pilatus». Roman. Ammann 2003.
Die Germanistin Elena Ederle, geboren 1960, lebt und schreibt in Thalwil.