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III. Kapitel: Von dem Glas, das auf das Kreuzzeichen hin zersprang
Gregorius. Nachdem also die Versuchung gewichen, brachte der Mann Gottes, wie ein von Dornen gereinigtes Land, um so reichlichere Früchte der S. 56 Tugend, und sein Name wurde berühmt durch das Lob seines hervorragend heiligen Wandels. Nicht weit entfernt lag ein Kloster,1 dessen Abt gestorben war, und der ganze Konvent kam zu dem ehrwürdigen Benedikt und bat ihn inständig, er möge sein Vorsteher werden. Lange weigerte und sträubte er sich und sagte ihnen voraus, daß seine Lebensweise mit der ihrigen nicht harmonieren werde. Schließlich aber gab er auf ihr Bitten nach und sagte zu. Als er dann im Kloster über die Beobachtung der Regel wachte und keiner mehr wie früher durch unerlaubte Handlungen vom Weg des klösterlichen Lebens nach rechts oder links abweichen durfte, gerieten die Brüder in wahnsinnige Wut und klagten sich selbst an, daß sie ihn gebeten hatten, ihr Vorsteher zu werden; denn ihr verkehrter Sinn stieß sich an dem Muster seiner Geradheit. Da sie also sahen, daß ihnen unter ihm Unerlaubtes nicht mehr erlaubt war und es ihnen wehe tat, den gewohnten Weg zu verlassen, und es sie hart ankam, daß sie gezwungen würden, in ihrem alten Geist Neues zu betrachten, wie denn das Leben der Guten den bösen Sitten allezeit unbequem ist, unterstanden sich einige, über seinen Tod zu verhandeln, und taten ihm der Verabredung gemäß Gift in den Wein. Als nun das Glas, in welchem sich der Gifttrank befand, nach Klostersitte dem Abte, während er bei Tisch war, zur Segnung gebracht wurde, erhob Benedikt die Hand und machte das heilige Kreuzzeichen darüber, und das Glas, das doch weiter weggehalten wurde, zersprang auf dieses Zeichen hin; es zersplitterte so, wie wenn er auf den Todesbecher einen Stein geworfen und nicht das Kreuz darüber gemacht hätte. Sofort erkannte der Mann Gottes, daß der Becher einen Todestrank enthalten hatte, weil er das Zeichen des Lebens nicht ertragen konnte, erhob sich auf der Stelle, ließ die Brüder zusammenkommen und sprach zu ihnen mit sanfter Miene und ruhigen Herzens: „O Brüder, S. 57 Gott der Allmächtige habe Erbarmen mit euch, warum habt ihr so etwas an mir tun wollen? Habe ich es euch nicht zuvor gesagt, daß meine und eure Sitten durchaus nicht zusammenpassen? Gehet und suchet euch einen Abt nach euren Sitten, denn mich könnt ihr von nun an nicht mehr haben.” Hierauf kehrte er an die Stätte seiner lieben Einsamkeit zurück und wohnte allein in sich unter den Augen des himmlischen Zuschauers.
Petrus. Es ist mir nicht ganz klar, was das heißt: „Er wohnte in sich”.
Gregorius. Hätte der heilige Mann die Brüder, die einmütig gegen ihn waren und sich sehr von seinem Wandel unterschieden, längere Zeit durch Zwang in seiner Zucht behalten wollen, so wäre er vielleicht in Ausübung der Strenge zu weit gegangen, hätte seine Ruhe verloren und sein geistiges Auge von dem Lichte der Beschauung abgewendet. Wenn er sich so Tag für Tag mit diesen Unverbesserlichen hätte abmühen müssen und dadurch auf sich selbst geringere Sorgfalt hätte verwenden können, so hätte er vielleicht sich selbst verloren und die andern nicht gefunden. Denn so oft wir durch eine heftige Gedankenerregung aus uns herausgeführt werden, sind wir zwar noch wir selbst, sind aber nicht mehr in uns selbst; denn wir verlieren den Blick in uns selbst und schweifen anderswo umher. Können wir sagen, daß derjenige in sich gewesen ist, der da in ein fernes Land ging, sein Erbteil verschwendete, sich an einen Bürger daselbst verdingte und die Schweine hütete? Der zusehen mußte, wie die Schweine Treber fraßen, während er selbst Hunger litt, der jedoch später wieder an das Gute, das er verloren hatte, dachte, indem von ihm geschrieben steht: „Da ging er in sich und sagte: Wie viele Taglöhner im Hause meines Vaters haben Überfluß an Brot!”2 Wenn er also in sich gewesen wäre, wie hätte er dann in sich gehen können? Darum also wollte ich sagen: der ehrwürdige Mann wohnte in sich S. 58 selbst, weil er immer auf die Wachsamkeit über sich selbst bedacht war, sich immer vor den Augen des Schöpfers sah, immer sich erforschte und das Geistesauge nicht außerhalb seiner umherschweifen ließ.
Petrus. Was bedeutet dann das, was von dem Apostel Petrus geschrieben steht, da er von dem Engel aus dem Gefängnis geführt wurde? Als er nämlich zu sich kam, sagte er: „Nun weiß ich wahrhaftig, daß der Herr seinen Engel gesandt und mich entrissen hat der Hand des Herodes und aller Erwartung des Volkes der Juden!3
Gregorius. Auf zweifache Weise, Petrus, werden wir aus uns hinausgeführt; entweder sinken wir durch niedrige Gedanken unter uns herab oder wir werden durch die Gnade der Beschauung über uns hinaus erhoben. So sank jener, welcher die Schweine hütete, durch ausschweifende und unreine Gedanken unter sich herab; dieser aber, den der Engel befreite und dessen Geist er in Entzückung versetzte, war zwar außer sich, wurde aber über sich selbst erhoben. Beide kehrten in sich zurück, jener, indem er von seinen sündhaften Werken wieder dem Herzen sich zuwandte, dieser, indem er von der Höhe der Beschauung wieder zu der früheren einfachen Denkweise herabstieg. Der ehrwürdige Benedikt wohnte also in der Einöde in sich, insoferne er sich in seinen Gedankenkreis einschloß. So oft ihn die Glut der Betrachtung in die Höhe entrückte, ließ er ohne Zweifel sich selbst unter sich zurück.
Petrus. Was du sagst, hat meinen Beifall; aber ich bitte, sage mir, ob er denn die Brüder verlassen durfte, deren Leitung er einmal übernommen hatte.
Gregorius. Meines Erachtens, Petrus, muß man eine Genossenschaft böser Menschen zwar da mit Gleichmut ertragen, wo noch einige Gute vorhanden sind, denen man nützen kann. Wenn aber alle Frucht von selten Guter fehlt, ist alle Mühe um die Bösen schließlich S. 59 unnütz, besonders wenn in der Nähe Verhältnisse bestehen, die eine bessere Frucht für Gott versprechen. Wen hätte also der heilige Mann durch sein Ausharren beschützen können, wenn alle einmütig ihn verfolgten? Und es geschieht oft im Leben der Guten - wir dürfen das nicht mit Stillschweigen übergehen -, daß sie mit Erfolg an einen andern Ort zur Arbeit sich begeben, wenn sie ihre Arbeit ganz erfolglos sehen. Das sehen wir denn auch bei dem großen Verkündiger des Evangeliums, der aufgelöst zu werden wünschte und bei Christus zu sein,4 dem Christus Leben war und Sterben Gewinn, der nicht bloß selbst nach Leiden und Kämpfen verlangte, sondern auch in andern das Verlangen darnach erweckte: er wurde in Damaskus verfolgt und suchte, um zu entkommen, eine passende Stelle in der Mauer, ein Seil und einen Korb und gab den Auftrag, ihn heimlich hinabzulassen.5 Können wir nun etwa sagen, Paulus habe sich vor dem Tode gefürchtet, da er doch selbst bezeugt, er verlange aus Liebe zu Christus zu sterben? Nein. sondern da er dort für sich nur wenig Frucht und schwere Arbeit sah, erhielt er sich am Leben, um anderwärts mit Erfolg zu arbeiten. Denn der tapfere Streiter Gottes wollte nicht hinter Schloß und Riegel bleiben, sondern suchte das Schlachtfeld auf. Geradeso verhielt es sich mit dem ehrwürdigen Benedikt, wie du bald hören wirst, wenn es dich interessiert. Derjenigen, die er da in ihrer Unverbesserlichkeit verließ, waren es nicht so viele als jener, die er anderwärts vom Tode der Seele erweckte.
Petrus. Die Richtigkeit der Sache beweist deine Begründung und das Beispiel aus der Schrift. Aber ich bitte, fahre jetzt fort, vom Leben des heiligen Vaters weiter zu erzählen.
Gregorius. Während nun der heilige Mann lange Zeit hindurch in jener Einöde immer mehr durch Tugenden und Wunder hervortrat, scharte er viele zum S. 60 Dienste des allmächtigen Gottes um sich, so daß er in jener Gegend unter dem Beistand des allmächtigen Herrn Jesus Christus zwölf Klöster errichtete. Über jedes Kloster setzte er einen Abt und gab ihm zwölf Mönche; einige wenige behielt er bei sich, weil er meinte, sie bedürften noch besserer Unterweisung unter seiner Leitung. Auch geschah es schon damals, daß vornehme und fromme Römer zu ihm kamen und ihm ihre Söhne übergaben, damit er sie für den allmächtigen Gott erziehen möge. Damals wurden ihm unter anderen zwei hoffnungsvolle Söhne gebracht: Maurus von Equitius und Placidus von dem Patrizier Tertullus. Von ihnen wurde Maurus noch in jungen Jahren, da er sich schon durch gute Sitten hervortat, eine Stütze des Meisters; Placidus hingegen war noch ganz kindlich.