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Beim letzten Besuch vor zwei Jahren hat mich Herr Keiichi Usui von der Lokalzeitung Tokai Shinpo Ofunato und Kamaishi mit dem Auto geführt. Diese Distanz hätte ich alleine nicht meistern können. Diesmal wollte ich die Stadt Ofunato mit dem Fahrrad oder zu Fuss sehen, so bekommt man näheren Eindruck.
Am Morgen begleitete ich meine Freundin aus Osaka mit dem Taxi zum Bahnhof Akasaki. Sie musste wegen der Arbeit einen Tag früher abreisen. Der kleine Bahnhof von Sanriku-Tetsudo stand auf einer Erhöhung, weil in der Gegend sich einige Anhäufungen von Geräten und Muschelschalen aus der japanischen Steinzeit befinden. Vor drei Jahren wurde dieser Stadtteil auch vom Tsunami stark verwüstet. http://www.shincho-live.jp/ebook/railmap/line-c/pht03.html#7
Am Morgen war es immer noch relativ frisch, die mit sanftem Grün bedeckte Fläche, auf der früher vermutlich Häuser standen, war überall nass, aber zum Glück regnete es nicht mehr. Ich befand mich auf der anderen Seite der Bucht von Ofunato. Der Taxifahrer sagte mir ca. eine Stunde zu Fuss bis zum Hotel. Einen beruhigenden Gesang der japanischen Nachtigall im Rücken, ging ich auf der Hauptstrasse in Richtung Stadt zurück.
Vor zwei Jahren war ich nicht in der Gegend. Aber unterwegs bemerkte ich selber, dass der Ort, der gegenüber vom Stadtzentrum liegt, auch vom Tsunami stark betroffen war.
Die Zementfabrik, in der laut unserem Taxifahrer seit der Katastrophe auf Hochtouren gearbeitet wird, weil für den Wiederaufbau viel Zement nötig ist, vorbei, machte ich einen riesigen Umweg, ich übersah die nächste Brücke zum Stadtzentrum. Aber dank dieses Fehlers ging ich schliesslich durch einen Stadtteil, ein Geschäftsviertel aus Container-Büros. Die Strasse liegt rund 200 m entfernt vom Fluss Sakari. Für mich bedeuten diese Container-Büros ein gutes Zeichen für den Wiederaufbau. Immerhin haben diese Firmen ihre Arbeit wieder aufgenommen.
Zwei Stunden später war ich wieder im Hotel. Nach einer Pause im Bett machte ich mich nochmals auf den Weg. Diesmal schaute ich im Stadtzentrum herum, besuchte die Boutique „Sumire (Veilchen)“ wie vor zwei Jahren. Herr Takaya Suzuki erinnerte sich an mich. Er strahlte, als er mich erkannte, und sagte: „Sie! Aus der Schweiz!“
Es war Frühnachmittag, als ich in der provisorischen Einkaufsstrasse ankam. Fast kein Besucher. Herr Suzuki erzählte: „In der letzten Zeit wurde es ruhiger. In einer Nachbarstadt wurde ein neuer Supermarkt gebaut. Viele Leute kaufen dort ein.“ Ab und zu kommen Touristen mit dem Car. „Sie bleiben vielleicht eine halbe Stunde hier, aber mein Laden ist nicht interessant für Touristen.“ Er mache sich Gedanken, wie lange er noch das Geschäft führen kann. Früher haben sich Läden in einem Wohngebiet befunden und die Einwohner pflegten dort einzukaufen. Das Zusammenleben mit Konsumenten hat gut funktioniert. Aber heute, nach der Tsunami-Katastrophe, haben viele Bewohner in einem anderen Ort ein neues Haus gebaut. „Sie kommen nicht mehr zurück“, so Herr Suzuki. „Aber wir müssen es durchhalten, sonst gibt es keine Zukunft mehr.“
Dieses seit Dezember 2011 bestehende Provisorium zieht im Frühjahr 2016 um, weil das Grundstück bis zu 3.5 m erhöht werden muss. Herr Suzuki wünscht sich, dass der neu entstehende Stadtteil attraktiv für die Bewohner gestaltet wird. Der Stadtbau wurde einer Immobilienfirma anvertraut. „Sie sind Profi, aber ich bin etwas besorgt, wie viel von unserem Wünsch erfüllt wird.“
Auch die Erhöhung sorgt unter Bewohner für Sorgen. Herr Suzuki äusserte sich skeptisch wie Herr Usui. „Beim grossen Erdbeben könnte etwa Verflüssigung auftreten.“
Herr Usui, der nachmittags frei genommen hatte, holte mich mit dem Auto ab, nachdem ich wieder ins Hotel zurückgekommen war und mir eine kurze Pause gegönnt hatte. Er zeigte mir den neu gebauten Fischmarkt, dann fuhren wir zu einer Primarschule auf dem Hügel. Beim Tor und zwischen Gebäuden spielten Kinder Tennis, Baseball oder joggten. Ich fragte mich, warum hier und nicht im Schulhof? Herr Usui fuhr schweigend weiter ins Schulgelände und plötzlich sah ich unter den Füssen unzählige flache Dächer. Zuerst konnte ich nicht verstehen, was sie sein könnten. Herr Usui sagte immer noch nichts. Bald begriff ich, dass das niedriger als Schulgebäude errichtete Schulhof bis in die Ecke vom provisorisch gestellten Häuschen besetzt war. „Die Kinder haben keinen Platz, Sport zu treiben. Eine Mangel an Bewegung ist erkennbar“, erzählte Herr Usui.
In Allgemeinen hatte ich trotzdem einen positiven Eindruck in Tohoku, der Gesichtsausdruck der Bewohner war fröhlicher als vor zwei Jahren. Es war auch erfreulich zu hören, als Herr Usui sagte: „Ich bin schon allein deswegen stolz, weil unglaublich viele Schutt und Trümmer doch alles verschwunden sind.“