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Susanna Burghartz
(ed.)

Inszenierte Welten.

2004 Schwabe Verlag
Basel

199 Seiten mit 80 Abbildungen. Gebunden.
Fr. 78.– / EUR 54.50
ISBN 3-7965-2091-X
|Heutzutage wissen wir: Die
Medien stellen gerne ihren Anspruch heraus, am Puls der Aktualität zu
recherchieren und propagieren die Authentizität der Bilder, die sie uns
vorführen. Aber Bilder sind weder wahr, noch unwahr - sie bilden die
Welt nicht ab, sondern inszenieren sie. Wir bekommen die Welt so
vorgeführt, wie sie die Medienschaffenden sehen (von gezielten Lügen mal
abgesehen). Und die Medienschaffenden nehmen sie durch die Filter ihrer
Kultur, Ideologie oder des herrschenden Mainstreams wahr. Dass die
mediale Inszenierung der Welt eine lange Geschichte hat (und wohl nie
anders möglich ist) illustriert auch das vorliegende, sorgfältig
gestaltete, mit vielen aussagekräftigen Kupferstichen versehene und von
Susanna Burghartz editierte Buch über ein Verlagswerk aus dem 17. Jh.

Die einzelnen Kapitel sind teils in deutscher, teils in englischer Sprache geschrieben.
«Seit der Umsegelung Afrikas, der Entdeckung und Eroberung Amerikas und der Expansion der Europäer nach Asien erschienen immer mehr Texte und Bilder zu bislang unbekannten Regionen und Völkern. Dieser wachsende Strom von Informationen über die "Neuen Welten" rührte in der Mitte des 16. Jahrhunderts zu ersten Versuchen, das "verstreute" Wissen in grösseren Wissens- und Imaginationskomplexen zu organisieren. In diesem Zusammenhang entstanden Sammlungen, die dem interessierten Publikum verschiedenste Einzelberichte aus dem Kontext der europäischen Expansion zugänglich machten.»
Über drei Generationen hinweg haben Theodor de Bry, seine Söhne, Johann Theodor und Johann Israel, und deren Schwiegersohn, Matthäus Merian, in Frankfurt zwei der bedeutendsten Reisesammlungen der Frühen Neuzeit herausgegeben: Die West–Indischen Reisen berichteten von der Entdeckung und Eroberung Amerikas, während die Ost–Indischen Reisen den Aufstieg Hollands zur Handelsmacht in Asien um 1600 mitverfolgten. Beide Serien erschienen deutsch und lateinisch, waren für ein europäisches Publikum bestimmt und reich mit Kupferstichen illustriert. Mit ihrem global angelegten Verlagsprojekt entfalteten die de Bry eine Bilderwelt, die von den Wundern und Schrecken der neu entdeckten Welten ebenso geprägt wurde wie von den stereotypen Vorstellungen und bildnerischen Traditionen der Europäer in Bezug auf das Andere und Fremde.

|Mit seinen neuen, auf Archivstudien beruhenden Erkenntnissen zur Bedeutung der Antwerpener Periode ist es Michiel van Groesen («De Bry and Antwerp, 1577-1585. A formative period» / engl.) gelungen, ein «missing link» in der politisch-intellektuellen wie der künstlerischen Biographie von Theodor de Bry zu finden und die Bedeutung dieser Phase für den späteren professionellen Erfolg de Brys in Frankfurt herauszuarbeiten: In Antwerpen entwickelte sich de Bry vom Goldschmied zum Kupferstecher; er integrierte sich rasch in das protestantisch dominierte, künstlerisch und verlegerisch aktive Milieu der Hafenstadt, das die Repräsentation der europäischen Expansion durch seine kartographischen Produkte, seine Bildfindungen in der Druckproduktion und entsprechende technische Innovationen gerade auch im Bereich der Kupferstichillustrationen entscheidend geprägt hat. Für Antwerpen war in diesen Jahren die Verbindung von technischem Know-how, künstlerischem Profil und der schnellen Reaktion der Produzenten auf politische Veränderungen und ökonomische Entwicklungen auf dem Markt der Repräsentationen charakteristisch. Diese Erfahrungen konnten die Verleger de Bry offensichtlich erfolgreich für den Aufbau ihres Verlags nutzen. Mindestens ebenso wichtig wurden für sie aber auch die persönlichen Beziehungen, die sie in Antwerpen knüpfen konnten und die sich infolge der Emigration der Protestanten zu einem dichten Netzwerk zwischen London, Amsterdam und Frankfurt weiterentwickelten; ein Netzwerk, das für die Akquisition von Texten wie für die Zirkulation von Bildern entscheidend werden sollte.||

|Die de Bryschen Reisekollektionen nahmen von Anfang an innerhalb der europäischen Repräsentationsgeographie eine deutlich nord-westeuropäisch, protestantisch geprägte Position im Diskurs zur «Neuen Welt» ein. Dennoch waren sie im Unterschied zu den anderen Reisesammlungen der Zeit, denen ein bestimmter wissenschaftlicher Plan oder eine nationale, kolonialpolitische Absicht zugrunde lag, offen angelegt. Ein solches Unternehmen, das über einen Zeitraum von insgesamt vierzig Jahren in Serie erschien, musste seine inhaltliche und formale Zusammengehörigkeit für potentielle Leser und Käufer immer wieder herstellen und schon auf den ersten Blick von aussen zu erkennen geben. Dies gelang der Werkstatt de Bry, wie Maike Christadler in ihrem Beitrag («Die Sammlung zur Schau gestellt: die Titelblätter der America-Serie») zeigen kann, über die Gestaltung und den gezielten werbestrategischen Einsatz der Titelblätter in vorzüglicher Weise. Die Titelblätter der America-Serie stehen in mehrfacher Hinsicht paradigmatisch für deren Qualitäten: Ihre künstlerische Qualität hebt sie innerhalb der zeitgenossischen, europäischen Buch- und Druckproduktion hervor. Ihre programmatische Anlage gibt dem Betrachter Hinweise auf den Inhalt der einzelnen Bände und macht zugleich durch die gezielte Inszenierung einzelner mehr oder weniger exotischer Themen neugierig. Darüber hinaus veranschaulichen die verschiedenen Titelblätter die Vielfalt der von der Serie verwendeten Repräsentationsmedien: über die «ethnographische» Darstellung der fremden «Wilden», die Nutzung kartographischen Materials bis hin zu den Erobererporträts. Schliesslich reflektieren die Titelblätter auch Veränderungen in der Art der Repräsentation. An die Stelle einer heilsgeschichtlich-narrativen Darstellung der Kolonisierung tritt eine artifizielle Künstlichkeit, deren Verweisstruktur einen stärker selbstreferentiellen Charakter annimmt.||

|Eine aufmerksame Lektüre der «orientalischen Reisen», die in der Literatur auch als «Petits Voyages» bekannt sind, macht deutlich, dass die Söhne de Bry auch ein eigenständiges Afrika-Bild produziert haben, wie Ernst van den Boogaart in seinem Beitrag («De Brys' Africa» / engl.) zeigt. Mit ihren zahlreichen Illustrationen, die hier zum ersten Mal als geschlossenes Ensemble reproduziert werden, schufen sie ein imaginäres Afrika, das den Kontinent südlich der Sahara umfasste, soweit er damals in Europa überhaupt bekannt war. Zwar wurden auch in Afrika Amazonen und Kannibalen für die Brüder de Bry zu Zeichen mythischer Wildheit. Dennoch zeichneten sie insgesamt ein erstaunlich differenziertes Bild, in dessen Zentrum Kulturkontakte zwischen Portugiesen und Kongolesen einerseits, Niederländern und Völkern in Gabun und an der Goldküste andererseits standen. An die Stelle des gängigen, negativen Afrika-Stereotyps setzten sie eine Darstellung, welche die zivilisatorischen Unterschiede zwischen den vorgestellten Völkern betonte. Afrika war in dieser Konzeption kein isolierter Ort mit mörderischem Klima auf der untersten Stufe jeglicher Zivilisation, sondern vielmehr Teil einer Welt, in der einzelne afrikanische Gesellschaften bestimmte indigene Völker - etwa in Brasilien - an sozialer Differenzierung und damit im Grad der Zivilisation deutlich übertrafen. Im Zentrum des de Bryschen Afrika-Bildes stand nach der hier vorgeschlagenen Lektüre kein rassistisches Konzept europäischer Superiorität, sondern die pessimistische Annahme der calvinistischen Verleger de Bry von der prinzipiellen Verworfenheit der Welt, die Afrika in dieser Konzeption mit dem Rest der Welt teilte und verband.||

|Fast gleichzeitig mit den de Bry brachte der aus Flandern emigrierte Mathematiker und Sprachlehrer Levinus Hulsius eine Reihe mit Reiseberichten heraus, die ab 1598 unter dem Titel «Schifffahrten» zunächst in Nürnberg und dann in Frankfurt erschienen. Die beiden Unternehmungen scheinen in einem kooperativen Verhältnis zueinander gestanden zu haben; jedenfalls waren sie beide - vor allem nach 1600 - deutlich auf holländische Vorlagen und die niederländische Expansion orientiert und veröffentlichten immer wieder, oft sogar im selben Jahr, Berichte über die gleichen Expeditionen und Eroberungsunternehmungen. Format und Ausstattung der Schifffahrten zeigen, dass Hulsius und seine Erben mit ihrer kleinformatigeren, weniger aufwändig gestalteten Reihe ein anderes, preisgünstigeres Marktsegment versorgten. Mit dem Vergleich der beiden Editionsunternehmungen arbeitet Jutta Steffen-Schrade im letzten Beitrag («Ethnographische Illustrationen zwischen Propaganda und Unterhaltung») dieses Bandes vor allem die unterschiedlichen Illustrationskonzepte der beiden Frankfurter Verlage heraus. Dabei wird deutlich, dass Hulsius seine Illustrationen ohne grössere künstlerische Ambitionen vor allem zur Visualisierung des Textes nutzte, dem die Leser so «von Ort zu Ort» folgen konnten. Dagegen waren die Kupferstiche der de Bry durch eine wesentlich ambitioniertere, ästhetisch-künstlerische Gestaltung geprägt, deren Qualität die Bildaussagen der einzelnen Blätter oft vielschichtiger werden Hess und sie mit grösserer symbolischer Bedeutung auflud.||

|Gerade dieser letzte Beitrag
zeigt ein Beispiel der frühen Vorläufer des heute von den Medien,
weniger aus ideologischen als wirtschaftlichen Gründen des Absatzes und
der Einschaltquoten so beliebten Infotainments.

Wer sich für diese
Thematik interessiert, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.
Christopher Lee
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