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Es ist die grösste Überraschung der bisherigen Stanley-Cup-Playoffs. Die Tampa Bay Lightning, das mit Abstand beste Team der Regular Season, liegen gegen die Columbus Blue Jackets mit 0:3 zurück. Wir haben analysiert, warum sich Ligatopskorer Nikita Kucherov und Co. so schwer tun.
Heute nacht könnte sich Historisches ereignen. Die Columbus Blue Jackets haben die Chance, erstmals in ihrer 19-jährigen Franchise-Geschichte eine Playoff-Serie zu gewinnen. Und die Tampa Bay Lightning drohen zum ersten Gewinner der President's Trophy (bestes Team der Regular Season) zu werden, der sich in der ersten Runde mit einem Sweep aus den Playoffs verabschiedet.
Damit hat vor den Playoffs wohl auch der optimistischste Blue-Jackets-Fan nicht gerechnet. Schliesslich haben die Lightning die Regular Season dominiert und mit 62 Siegen aus 82 Spielen einen über 20 Jahre alten NHL-Rekord egalisiert. Auf der anderen Seite hat Columbus nur mit Ach und Krach in den letzten Tagen der Regular Season die Playoff-Qualifikation geschafft.
Wie ist es also möglich, dass der Aussenseiter den Topfavoriten auf den Stanley Cup derart vorführt? Wir haben nach Gründen gesucht.
Viel davon hat mit dem Spielsystem zu tun. Tampa geht Columbus schlicht und einfach in die Falle – genauer gesagt in die sogenannte «Neutral Zone Trap». Dabei handelt es sich um eine Methode, die neutrale Mittelzone zuzustellen, so dass spielerisch stärkere Teams keine Chance haben, ihr Angriffsspiel richtig aufzubauen. Und das gelingt den Blue Jackets mit verschiedenen Varianten der Falle.
Ein Stürmer setzt den scheibenführenden Tampa-Spieler unter Druck. Der Center und die beiden Verteidiger bilden vor oder auf der eigenen blauen Linie einen Abwehrriegel, der verhindert, dass Tampas Flügel im Lauf angespielt werden können.
So bleiben dem scheibenführenden Tampa-Spieler nur die gestrichelt eingezeichneten Pass-Optionen und später dann der «Dump» – die Scheibe also tief in die offensive Zone spielen und hinterher laufen.
Die Stürmer von Columbus ziehen sich schnell vor die eigene blaue Linie zurück und bilden einen Dreierriegel. Der scheibenführende Tampa-Stürmer kommt alleine nicht durch, weil Center und Flügel von Columbus Druck auf ihn machen.
Der Seitenwechsel ist ebenfalls nicht möglich, weil der dritte Columbus-Stürmer die möglichen Passlinien abdeckt. Es bleibt auch hier nur der «Dump» in die offensive Zone, wobei die zurückgestaffelten Columbus-Verteidiger dann zuerst an der Scheibe sind.
Im ersten Drittel der Auftaktpartie (4:3) gelang dies dem Team von Coach John Tortorella noch nicht. Doch der 0:3-Rückstand war ein Weckruf und seither spielen die Blue Jackets die Falle konsequent. Das ist weder spektakulär noch attraktiv, aber äusserst effizient. Die schnellen Stürmer der Lightning wie Nikita Kucherov, Steven Stamkos oder Brayden Point können so ihr Spiel in der offensiven Zone gar nie wie gewünscht aufziehen und bleiben weitgehend wirkungslos.
Dennoch bleibt Columbus taktisch flexibel und wird nicht zu passiv. Wenn sich die Chance bietet, schickt es zwei Spieler ins Forechecking und setzt den Gegner schon in dessen eigenen Zone unter Druck. So provozieren die Blue Jackets dort auch immer wieder Scheibenverluste. Tampas Coach John Cooper fand bislang kein Gegenmittel.
Das Duell zwischen den Columbus Blue Jackets und den Tampa Bay Lightning ist auch das Duell zweier starker russischer Torhüter. Nach 20 Minuten im ersten Spiel der Serie sah es so aus, also ob Columbus-Keeper Sergei Bobrovski wie so oft schlechte Playoffs einziehen würde. Bei zwei von drei Gegentoren sah der 30-Jährige nicht besonders gut aus.
Der Keeper wurde von seinen Vorderleuten aber oft auch im Stich gelassen. Zu häufig wurden die Tampa-Stürmer im Slot vor Bobrovski allein gelassen, sodass sie ihm die Sicht verdecken oder unbedrängt abschliessen konnten.
Doch nach dem 0:3 nach einem Drittel ging ein Ruck durch die Mannschaft und auch durch den Torhüter. Die Verteidiger räumen im Slot seither konsequent auf. Und kommt Tampa für einmal doch gefährlich zum Abschluss, ist Bobrovski meist mit spektakulären Paraden zur Stelle.
Auf der anderen Seite wirkt Andrei Vasilevsky plötzlich verunsichert. In der Regular Season noch bestechend sicher, lässt der 24-Jährige plötzlich krumme Dinger rein.
Seine Fangquote bei 5-gegen-5 in den drei bisherigen Playoff-Partien liegt bei ungenügenden 89,6 Prozent. Er hat ausserhalb der Special Teams 2,78 Tore pro Spiel zugelassen. Und auch der Blick auf die «Goals Saved Above Average» macht den Tampa-Fans wenig Mut. In den bisherigen drei Spielen haben die Lightning mit «Vasi» fast zwei Tore mehr kassiert, als sie das mit einem Durchschnittstorhüter hätten.
Aufgrund der «Neutral Zone Trap» können die Lightning bei 5-gegen-5 ihr Spiel nicht wie gewünscht aufziehen. Umso wichtiger wären die Powerplays. Doch die kriegen sie nicht mehr, weil Columbus extrem diszipliniert spielt.
Im ersten Spiel hatte Tampa noch mehrere Überzahlgelegenheiten, konnte aber keine davon nutzen. In Spiel 2 durften die Floridianer noch zwei Mal in Überzahl agieren, in der Nacht auf Montag kein einziges Mal. Damit nimmt man dem Team, das in der Regular Season das beste Powerplay hatte, natürlich eine wichtige Waffe weg.
Nikita Kucherov war mit 41 Toren und unglaublichen 87 Assists mit Abstand der beste Skorer der Regular Season. In den Playoffs steht der 128-Punkte-Russe noch ohne einen einzigen Skorerpunkt da – genau so wie Steven Stamkos, Brayden Point oder Victor Hedman. Columbus nimmt die Stars der Lightning aus dem Spiel und frustriert sie so merklich.
Nikita Kucherov checkte im zweiten Spiel den am Boden knienden Markus Nutivaara in die Bande und kassierte dafür eine Spielsperre. Victor Hedman wurde derart mit Checks und leichten Schlägen eingedeckt, dass er fürs dritte Spiel angeschlagen ebenfalls pausieren musste.
Und in der Nacht auf Montag verlor auch noch Steven Stamkos die Nerven. Bei einem Handgemenge schlug der Tampa-Captain Nick Foligno die Faust ins Gesicht. Weil das Spiel zu diesem Zeitpunkt schon entschieden und 30 Sekunden später vorbei war, hatte die Strafe dafür aber keinen Einfluss mehr.
Neun Spiele und insgesamt zehn Saisons in der NHL musste Matt Duchene auf sein erstes Playoff-Tor warten – nun hat es endlich geklappt. Überhaupt ist der 28-Jährige bislang einer der auffälligsten Spieler der Serie und mit zwei Toren und drei Assists auch der Playoff-Topskorer der Blue Jackets.
Duchene stiess erst kurz vor der Trade-Deadline im Februar von den Ottawa Senators zur Mannschaft aus dem US-Bundesstaat Ohio. Es hat eine Weile gedauert, bis er sein Potenzial voll ausschöpfen konnte. Doch seit er nun mit den Flügeln Ryan Dzingel (der vorher ebenfalls bei Ottawa war) und Cam Atkinson zusammenspielt, blüht er auf.
Das kann man von Steven Stamkos nicht behaupten. Der Captain der Lightning kämpft gegen seinen Ruf, dass er abtaucht, sobald es wirklich wichtig wird. Das dritte Spiel der Serie war eines der wichtigsten seiner Karriere. Ein Sieg hätte womöglich den Anfang der Wende eingeleitet und die eventuelle Blamage hätte aufgehalten werden können. Der 29-jährige Stamkos hätte in Abwesenheit von Kucherov zum grossen Helden avancieren können. Hätte …
Es blieb beim Konjunktiv. Stamkos war das ganze Spiel über unsichtbar. Er hatte keine einzige Torchance und nur einen Schussversuch, der geblockt wurde.
Die Columbus Blue Jackets haben Topfavorit Tampa im Griff. Weil sie nicht spektakulär, aber mit der «Neutral Zone Trap» taktisch clever und extrem diszipliniert agieren. Zudem ist Sergei Bobrovski momentan der bessere Torhüter als Andrei Vasilevsky.
Gerade die Siege in den letzten beiden Partien waren derart diskussionslos (5:1 und 3:1), dass man davon ausgehen muss, dass die Blue Jackets sich auch in Spiel 4 durchsetzen werden. Es sei denn, John Cooper findet irgendein Rezept, um seine Tampa Bay Lightning gerade noch rechtzeitig wieder in die Spur zu bringen.