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André Dumas (wieder) entdecken
Er war einer der prominentesten Protestanten Frankreichs: Nicht zuletzt als Theologieprofessor/Ethiker in Paris hat André Dumas (1918–1996) sein Jahrhundert geprägt, von den Kämpfen des Widerstands bis hin zu den Debatten über Abtreibung oder Sterbehilfe. Stéphane Lavignotte, Pfarrer der Volksmission in der Pariser Vorstadt Montreuil und Autor einer Dissertation über André Dumas, macht in einem kürzlich erschienenen Buch die hochaktuellen Implikationen von André Dumas’ Denken und Engagement deutlich.
JEB
André Dumas hat an der Seite grosser Persönlichkeiten des französischen Protestantismus ein faszinierendes und passioniertes Leben geführt. Gerade erst volljährig engagiert er sich im grauenhaften Lager Gurs, um wenigstens ein paar Juden vor der Deportation nach Deutschland und in die Vernichtungslager zu retten. Am Kriegsende steht er in engem Kontakt zu zahlreichen Vertretern des Widerstands und späteren Ministern. Zeitlebens engagiert er sich politisch und trägt entscheidend zur Liberalisierung der Abtreibung bei (Simone Veils Gesetz, 1975). In den Sechzigerjahren sucht er den Dialog zu den Vertretern einer Humanisierung des Marxismus (darunter Roger Garaudy, der unseligerweise nach seiner Konversion zum Katholizismus und schliesslich zum Islam 2003 wegen Verleugnung des Holocaust verurteilt wurde) und begrüsst die Anfänge der Umweltbewegung. 1966 gehört er zum Vorstand der ökumenischen Weltkonferenz für Kirche und Gesellschaft, 1979 zum Vorbereitungsausschuss der Konferenz über Glaube, Wissenschaft und die Zukunft am MIT in Boston. Seine Gedanken über Liebe und Partnerschaft könnten die Queer-Debatte bereichern, legt Lavignotte nahe, der in vielen derzeit laufenden Ethikdiskussionen präsent ist.
Theologische Wurzeln
Das Hin und Her zwischen Deutschland und Frankreich bedingt Verschiebungen und Verlagerungen z.B. in der Wirkung von Karl Barth in Frankreich. Der rote Pfarrer von Safenwil (siehe dazu Georges Casalis, ein Kollege von Dumas an der Theologischen Fakultät Paris) oder Barths «Menschlichkeit Gottes» prägen André Dumas gerade in der Begegnung mit dem Existenzialismus oder in der Auseinandersetzung mit dem Marxismus der Sechzigerjahre, das Ganze noch auf dem Hintergrund der Theologie Bonhoeffers, dem Dumas als erster in Frankreich ein (wichtiges!) Buch gewidmet hat.
Mitten im Leben stehen
Dumas macht sich wie Nietzsche, aber auch in Bonhoeffer verwurzelt, für ein Ja zum Leben in seiner Unmittelbarkeit stark. Gott befindet sich nicht am Rande des Lebens, sondern mitten drin, er ist nicht jenseits, sondern innerhalb der Welt. Dumas ist immer auf die konkrete Situation bedacht und ist dank der Vermittlung unterschiedlichster Medien, von «Le Monde» bis «Paris Match», um den Dialog mit Fachleuten aller Art, Betroffenen sowie der Öffentlichkeit bemüht. Sein Engagement für die Liberalisierung der Abtreibung – er spricht weniger davon, die Gesetzgebung zu liberalisieren, als vielmehr von ihrer Humanisierung – entspringt der Auseinandersetzung mit zahlreichen betroffenen Frauen (und Ärzten).
Die Not erkennen
Moralisierende Vereinfachungen, die die Komplexität der Probleme unterschlagen, sind nicht Dumas’ Sache. Ethik ist vom Unten der Wirklichkeit, weniger vom Oben der Prinzipien her zu denken. Moral ist Mut zur Stellungnahme mitten in der Vielschichtigkeit der Realität. Im Zusammenhang mit der ökologischen Krise zieht Dumas später in Erwägung, inwiefern die Tiere uns dazu bringen werden, unsere Auffassung vom Menschsein zu revidieren. Laut einem zeitgenössischen Journalisten war Dumas vom Leiden der Tiere zutiefst betroffen. Man dürfe sich nicht an das Leiden gewöhnen und die Tiere als seelenloses Getriebe betrachten, sagte Dumas.
Ökologie
Wenn es gilt, sich allem zu verweigern, was den Menschen entmenschlicht, tun auch der Verzicht auf das ständige Anhäufen von Besitz, der Bruch mit individualistischen Ansätzen und die Wiederentdeckung der Verantwortung für das grosse Ganze not. André Dumas appelliert an eine neue, «pro-weltliche» Mässigung, die Rücksicht auf den begrenzten Raum, die begrenzte Zeit und das Zusammenleben nimmt, damit das Leben für alle ein Segen ist. Moral ergibt sich nicht aus Ordnungsprinzipien, sondern aus konkreten Entscheidungen, bei denen es oft nicht um die Wahl zwischen Gut und Böse, sondern zwischen dem Bösen und dem weniger Bösen geht. In Notlagen kann man immer den Kopf abwenden und das Herz verschliessen, um sich hinter Prinzipien zu verschanzen. Aber gibt es dann so etwas wie eine gute Nachricht des Evangeliums überhaupt noch?
in Dankbarkeit
André Dumas war vor allem ein Philosoph und ein unglaublicher Sprachkünstler, der stets überaus treffend zu formulieren verstand. Er war grosszügig, optimistisch, an allem interessiert, bescheiden und einfühlsam. Als Wachposten mit Verantwortung mitten in dieser konfusen Welt ist die Kirche da, um die Realität eben dieser Welt mitzutragen. Beschäftigt sie sich nicht mit sich selbst, trägt sie die irdischen Widersprüche mit und kämpft für Gottes Gebote. Vielleicht müssen wir lernen, ohne das Absolute zu leben, indem wir unseren Blick vom allzu Fernen abwenden und ihn auf den Nächsten richten, damit wir lernen, geschwisterlich zu leben.
Diese Botschaft hat uns André Dumas mit auf den Weg gegeben. Ein herzlicher Dank an Stéphane Lavignotte, dass er uns daran erinnert hat.
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1) Stéphane Lavignotte, André Dumas, habiter la vie, Genf, Labor et Fides 2020, 368 S.
2) Zwei Bücher, die er zusammen mit seiner Gattin Francine Dumas-Buss geschrieben hat: L’amour et la mort au cinéma, Labor et Fides 1983, und Marie de Nazareth, Labor et Fides 1989
3) Stéphane Lavignotte, Au-delà du lesbien et du mâle : la subversion des identités dans la théologie queer d’Elisabeth Stuart, Paris, Van Dieren, 2008. Lavignotte war bis 2001 Mitglied der grünen Partei und engagierte sich danach in der Bewegung «Ensemble!». Seine Ehefrau Véronique Dubarry war als Grüne die rechte Hand des ehemaligen Pariser Bürgermeisters Bertrand Delanoë.
4) André Dumas: Une théologie de la réalité: Dietrich Bonhoeffer, Genf, Labor et Fides, 1968.
5) Lavignottes Buch heisst im Untertitel „Habiter la vie“.
6) Einer von Dumas’ zentralen Artikeln erschien unter dem Titel «Ökologische Krise und Schöpfungslehre», und dies bereits 1974.
7) Marc Ullman, 1980.