Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03252.jsonl.gz/1415

Insel-Schweinslippfisch
Bodianus insularis
© 2013 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion)
Der Insel-Schweinslippfisch (Bodianus insularis) ist eine von gegenwärtig 43 anerkannten Arten in der Gattung der Schweinslippfische (Bodianus), welche in den tropischen, subtropischen und warmen gemässigten Bereichen des Atlantischen, Indischen und Pazifischen Ozeans weit verbreitet vorkommen. Die Gattung gehört innerhalb der Ordnung der Barschartigen (Perciformes) zur über 500 Arten umfassenden Familie der Lippfische (Labridae), und da wiederum zur Unterfamilie der Zahnlippfische (Hypsigenyinae). Diese heissen so, weil sie durch ein kräftiges, zumeist mit vorstehenden Zähnen versehenes Gebiss gekennzeichnet sind.
Mit einer Länge von bis zu 30 Zentimetern zählt der Insel-Schweinslippfisch zu den grösseren Vertretern seiner Gattung. Er hat stets ein weisses Kinn, ist ansonsten aber verschiedenartig gefärbt: Die jugendlichen Individuen sind einheitlich gelb; die Weibchen sind hellrot und haben gelbe Partien im hinteren Bereich des Rückens; die dominanten Männchen sind dunkelrot bis braunrot und haben meistens einen gelben Fleck auf der Brustflosse.
Wie bei zahlreichen anderen Fischarten trägt jeder Insel-Schweinslippfisch bei der Geburt beide geschlechtlichen Anlagen in sich und entwickelt sich im Laufe seines Lebens zunächst zum geschlechtsreifen Weibchen und hernach - unter Umständen - zum geschlechtsreifen Männchen. Man nennt dieses Phänomen «Folgezwittertum».
Die meisten der gut untersuchten Folgezwitter unter den Fischen leben in kleinen Gruppen, die sich aus einem erwachsenen Männchen, ein paar erwachsenen Weibchen und ein paar jugendlichen Weibchen zusammensetzen. Meistens leben diese Gruppen in einem kleinen Territorium, für dessen Verteidigung gegenüber fremden Artgenossen das Männchen zuständig ist.
Ihr Leben beginnen in der Regel alle Individuen als Weibchen. Gleich nach Abschluss ihrer Larvenphase schliessen sie sich einer Gruppe von Artgenossen an, wachsen dort heran, werden schliesslich zu geschlechtsreifen Weibchen und nehmen als solche am Fortpflanzungsgeschehen innerhalb der Gruppe teil.
Unter den Haremsweibchen herrscht eine strenge Rangordnung, welche zur Hauptsache auf der relativen Körpergrösse beruht. Diese klare Hierarchie spielt eine wichtige Rolle, wenn das dominante Männchen stirbt oder verschwindet: Dann nämlich wandelt jeweils das ranghöchste Weibchen sein Geschlecht um und übernimmt die Aufgaben des Männchens in der Gruppe. Sobald auch dieses Männchen eines natürlichen Todes stirbt oder - was weit häufiger der Fall ist - das Opfer eines Fressfeinds wird, nimmt das nächstfolgende Weibchen in der Rangordnung seinen Platz ein. Und damit die Gruppe nicht ausstirbt, wird sie kontinuierlich am unteren Ende der Rangordnung durch Jungfische ergänzt, die sich nach Abschluss ihrer Larvenzeit im Gruppenterritorium ansiedeln.
Wie genau sich die Situation beim Insel-Schweinslippfisch verhält, ist nicht bekannt. Gewiss ist einzig, dass er ein Folgezwitter ist und dass er beim Wechsel einerseits vom jugendlichen Weibchen zum geschlechtsreifen Weibchen und andererseits vom geschlechtsreifen Weibchen zum geschlechtsreifen Männchen seine Färbung ändert.
Der Insel-Schweinslippfisch ist im Atlantik zu Hause. Sein Verbreitungsgebiet ist ausserordentlich klein, denn er kommt einzig im Bereich von Sankt Helena, Ascension und den Sankt-Peter-und-Sankt-Pauls-Felsen, drei viele hundert Kilometer auseinander liegenden vulkanischen Erhebungen des Mittelatlantischen Rückens, vor. Dort bewegt er sich stets küstennah in unmittelbarer Bodennähe in Tiefen von 10 bis 40 Metern umher. Obschon er kein Vegetarier ist, hält er sich häufig an Stellen auf, wo sich zwischen Fels und Geröll kleinere, mit Algen bewachsene Kies- und Sandflächen finden. Wahrscheinlich ernährt er sich dort wie die meisten Lippfische von allerlei kleinen wirbellosen Tieren, insbesondere Krebschen und Schnecken, die sich im Algenbewuchs zahlreich tummeln. Deren Panzer bzw. Schalen vermag er dank seines kräftigen Gebisses gut zu knacken.
Die Lebensraumfläche, die dem Insel-Schweinslippfisch insgesamt zur Verfügung steht, ist im Vergleich zu den meisten anderen Meeresfischen winzig und seine Population entsprechend klein. Dennoch sind seine Überlebenschancen gut, da er im Bereich seiner entlegenen Heimatinseln kaum unter den anderenorts vielfältigen Umweltbeeinträchtigungen seitens des Menschen zu leiden hat. Zwar gerät er manchmal vor Sankt Helena in die Netze der einheimischen Fischer, doch wird er nicht gezielt befischt; der Fangdruck ist insgesamt minimal.
In jüngerer Zeit wurden Bedenken geäussert über die mögliche Beeinträchtigung der Küstengewässer durch den im Jahr 2012 begonnenen Bau eines Flugplatzes im Osten von Sankt Helena. Sie konnten aber zerstreut werden. Alles in allem erscheint der Fortbestand des Insel-Schweinslippfischs derzeit nicht als gefährdet.
ZurHauptseite