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Warum der Mensch eine Diamant-Seele ist.
Wenn man einen Diamanten in die Hand nimmt, der eben erst aus einer Mine ausgegraben worden ist, dann sieht er wie ein gewöhnlicher brauner Stein aus. Er hat wohl eine geometrische Form, aber er glänzt nicht in den Spektralfarben, wenn er gegen ein Licht gehalten wird.
Der Diamant ist im Grunde nichts anderes als Kohle; denn er besteht aus Kohlenstoff. Was ihn zum Diamanten macht, ist die Anordnung der Kohlenstoffatome im Raum. Die von den Atomen gebildeten Kristalle sind achteckig und haben gleiche Seitenflächen, die so klein sind, dass kein Mikroskop sie zeigen kann. Unter dem Druck und der Hitze, die zu Beginn der Erdbildung herrschten, und unter dem Einfluss von noch anderen Kräften, die wir nicht verstehen, stellten sich die Kohlenstoffatome zu bestimmten Gebilden zusammen, wie Soldaten stellten sie sich entlang den drei Wachstumsachsen auf, von denen zwei horizontal-rechtwinklig zueinander liegen, während die dritte senkrecht durch ihren Schnittpunkt geht. Millionen von Kohlenstoffatomen stellten sich wie auf Befehl eines unsichtbaren Baumeisters so zusammen, und aus der Art ihrer Anordnung entstand der Diamant.
Der Diamantenschleifer kennt diesen Aufbau des Diamanten, er weiß, wie seine Achsen verlaufen und wie seine Facetten gebildet wurden.
Mit diesem Wissen ausgerüstet, geht er daran, aus dem rauen Diamanten, der braun und glanzlos ist, einen schönen, strahlenden und schimmernden Stein zu schaffen.
Was tut er dazu? Er stellt sich zuerst vor, wozu der Stein bestimmt sein soll: ob er einen schönen Finger schmücken soll, ob er in ein Halsband oder eine Königskrone eingesetzt werden soll. Und wenn er sich das Bild gemacht hat, dann klemmt er den Diamanten in einen Schraubstock und hält eine seiner Facetten gegen ein sich drehendes Rädchen. Er braucht außerdem auch eine Substanz zum Schleifen, und die einzige, die dafür in Frage kommt, ist Diamantenstaub. Nur ein Diamant kann einen Diamanten schleifen.
Stundenlang schleift er eine Facette; immer wieder nimmt er den Diamanten aus dem Schraubstock, um nachzuprüfen, wie weit der Vorgang gediehen ist. Nach stundenlangem Schleifen ist er endlich befriedigt von der Schönheit, die diese Facette aufweist. Dann wendet er den Diamanten im Schraubstock und schleift eine neue Facette. Und dies dauert tagelang, bei großen Diamanten monatelang.
Nun versetzen Sie sich einmal in einen Diamanten! Sie werden unbeweglich festgehalten und müssen unter einem Peiniger
leiden; sie leiden, denn es wird ihnen heiß und sie verlieren Stücke Ihres Selbst (ICH). Der Peiniger hält
nicht inne und sie stöhnen in Beklemmung und Qual. Aber nehmen sie an, der
Diamantenschleifer würde zu Beginn des ganzen Vorganges sagen:
Du rauer Diamant, du wirst viel durchmachen müssen, aber am Ende wirst du dieses sein!"
Und er würde dem ungeschliffenen Stein das Bild dessen vorhalten, was er sein wird - ein vollkommener Edelstein, der in den herrlichsten Farbenschattierungen erstrahlt.
Können Sie sich nun vorstellen, dass der Diamant dann in ehrfürchtigem Erschauern sagen würde:
Ist es möglich, dass ich zu einem so herrlichen Gebilde werden soll? Wenn wirklich dies meine Bestimmung ist, dann will ich die Hölle des Schleifens dafür in Kauf nehmen."
Das ist es, was mit uns Menschen geschieht.
Gott ist ein Schöpfer, Plato gebrauchte das Wort Demiurgos, der Baumeister. Gott bearbeitet uns alle und benützt viele unserer Erdenleben, um die in uns verborgene Göttlichkeit, Schönheit, Güte- und Wahrheit ans Licht zu fördern - wie immer wir heute auch noch scheinen mögen.
Würden sich doch die Menschen nur alle einmal der Diamantennatur ihrer Seele bewusst werden - dann würden sie aufhören, sich abzumühen in einer Welt des Wettstreites, die sich so wenig von dem Kampfe wilder Tiere im Dschungel unterscheidet, dass Mephistopheles im Faust mit Recht sagen kann:
Der Mensch ist grausamer als das Tier."
Dann werden die Menschen all ihre Zeit dazu benützen, daran zu arbeiten, die in ihnen liegende Schönheit zum Ausdruck zu bringen. __ ___ ___
Anmerkung: In diesem Sinne ist auch das alte buddhistische Mantra zu verstehen:
... es ist exoterisch das Juwel im Menschen, bildhaft-allegorisch als Lotusblüte oder Diamantenseele ...
... und esoterisch, essentiell selbsttransformierend als inneres göttliches Selbst:
ICH bin dieses Selbst; ich bin in dir, du bist in mir."
Quelle: Der Artikel ist ein Auszug aus einem Vortrag von Curuppumullage Jinarajadasa (1875-1953). Er war ein singhalesischer Autor, Freimaurer, Theosoph, der von 1946 bis 1953 das Amt des 4. Präsidenten der Theosophischen Gesellschaft Adyar bekleidete.