Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03587.jsonl.gz/120

Die neuere Periode, welche mit 1858 (Bengasi in Tripolis) beginnt, zeigt die auffallende Erscheinung, daß, während die Krankheit
aus dem Terrain, welches sie nachweisbar nahe an zwei Jahrtausende behauptet hatte, bis jetzt vollständig
verschwunden ist, dieselbe in Gegenden, welche bis dahin nur in großen, Jahrzehnte umfassenden Zwischenräumen, und zwar
stets infolge von Einschleppung der Seuche, von ihr heimgesucht worden waren, jetzt neue Heimatsherde gefunden hat.
des GouvernementsAstrachan von der Pest heimgesucht. Eine eigentlich epidemische Verbreitung erlangte die Krankheit aber nur
in dem Kosakendorf Wetljanka, wo sie 20 Proz. der Einwohner fortraffte und 82 Proz.
der Erkrankten dem Tod anheimfielen. Man muß annehmen, daß die Pest hierher aus Persien über Astrachan oder durch Truppen aus
Armenien eingeschleppt worden ist. Eine weitere Verbreitung wurde durch rigorose, oft grausame Sperrmaßregeln verhindert.
Der Ansteckungsstoff der Pest ist noch völlig unbekannt, er wird nicht nur durch Berührung, sondern auch durch die
Luftübertragen, und dies ist gewiß die häufigste Art der Ansteckung. Auch die von den Kranken benutzten Betten,
Wäsche etc. können den Ansteckungsstoff aufnehmen und denselben an bisher pestfreie Orte bringen. Dagegen ist es nicht sicher
erwiesen, daß auch durch bloße Handelswaren (Baumwolle
[* 25] u. dgl.) die Pest aus dem
Orient nach Europa eingeschleppt worden sei.
In den allermeisten Fällen scheint die Pest innerhalb 7 Tagen nach der Aufnahme des Ansteckungsstoffs in den
Körper auszubrechen, in vielen Fällen aber dauert dieses sogen. Inkubationsstadium nur 2-5 Tage und in sehr vereinzelten Fällen
auch wohl bis zu 15 Tagen. Dieser Umstand ist natürlich für die Feststellung der Quarantänezeit von der größten Wichtigkeit.
Die in Armut und Elend lebenden Volksklassen werden von der Pest am häufigsten ergriffen. Merkwürdigerweise
scheinen manche Beschäftigungsweisen ganz verschont zu werden, besonders solche, welche viel mit Wasser zu thun haben, noch
mehr aber die Ölträger, Öl- und Fetthändler.
Sie verursachen meist lebhafte stechende Schmerzen, wachsen bis zur Größe eines Taubeneies und darüber und gehen dann gewöhnlich
in Eiterung, Verjauchung und Brand über. Der Pestkarbunkel entsteht aus einzelnen flohstichähnlichen roten Flecken, die oft
unter stechenden Schmerzen hier und da auf der Haut, besonders der Beine, erscheinen, später zu größern
bläulichroten Flecken anwachsen, verhärten, ein Bläschen an der Spitze zeigen und endlich in einen Brandschorf mit lebhaft
entzündetem Hof
[* 29] übergehen, unter welchem Haut und Muskeln
[* 30] brandig zerstört werden.
Nach dem Auftreten dieser örtlichen Pestmale steigert sich gewöhnlich das Fieber zu heftigen typhusähnlichen Symptomen,
es tritt ein hochgradiger Verfall der Kräfte ein, und es erfolgt dann entweder der Tod unter schlagflußähnlichen
oder mit andauernder Bewußtlosigkeit einhergehenden Hirnzufällen, oder auch durch Blutungen, Entkräftung und Blutzersetzung,
oder es tritt unter Eiterung der Beulen und Abstoßung der Brandschorfe allmähliche Genesung ein.
Das sicherste Vorbauungsmittel wäre wohl die Einführung von ausreichenden sanitätspolizeilichen Maßregeln in den Ländern,
wo sich die Pest selbständig entwickelt, namentlich also in Ägypten. Der einzelne von der Pest. Bedrohte isoliere sich möglichst
von dem Verkehr, besonders von dem mit unreinlichen Volksklassen, vermeide den Umgang mit Pestkranken und
halte sich fern von deren Wohnräumen, Betten und Kleidungsstücken. Das Einreiben des Körpers mit Baumöl verdient als Schutzmittel
versucht zu werden.
Die Behandlung der Pestkranken muß in der Hauptsache eine diätetische sein. Man sorge für reine, frische Luft, wende das
frische und reine Wasser innerlich und äußerlich an, gebe Limonaden und andre kühlende Mittel. TrittGenesung
ein, so muß man bereiten für Darreichung einer nährenden und leichtverdaulichen Kost sorgen.