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| Athanasius (295-373) - Gegen die Heiden (Contra Gentes)

36.
Wer sollte bei der Wahrnehmung, daß von Natur entgegengesetzte Elemente verbunden sind und in voller Harmonie sich zusammenfinden, wie z. B. angesichts der Tatsache einer Vermischung von Feuer und Kälte, von Trockenem und Feuchtem, die sich nicht gegenseitig bekämpfen, sondern wie aus einem Element einen Körper bilden, wer sollte da nicht auf den Gedanken kommen, daß der, welcher sie zusammengefügt hat, außerhalb der Elemente sich befinde? Wer sollte bei der Beobachtung, daß der Winter dem Frühling, der Frühling dem Sommer, der Sommer dem Herbst weicht, und daß diese Jahreszeiten trotz ihrer entgegengesetzten Natur — denn der eine macht kalt, der andere erhitzt, der eine ernährt, der andere zehrt auf — gleichwohl alle in gleicher Weise die Wohlfahrt der Menschen bezwecken, nicht zur Einsicht kommen, daß einer über ihnen steht, der alle zu ihrem gleichen Rechte kommen läßt und alles lenkt, wenn schon er diesen nicht sieht? Wer könnte die Wolken in der Luft dahintreiben und an die Wolken das Schwergewicht des Wassers gebunden sehen, ohne dadurch auf den Gedanken an den zu kommen, der diese Verbindungen geschaffen und diese Vorgänge geregelt hat. Oder wer müßte angesichts der Tatsache, daß gar die von Natur so schwere Erde auf dem Wasser ruht1 und unbeweglich bleibt auf dem von [S. 584] Natur beweglichen Elemente, sich nicht sagen, daß es einen Gott gibt, der sie so zubereitet und geschaffen hat? Wer hätte ein offenes Auge für den periodischen Fruchtertrag des Landes, für die Regengüsse vom Himmel, für die Bewässerung durch die Ströme, für die Wassersprudel der Quellen, für die Zeugungen von ungleichen Tiergattungen, also für Vorgänge, die nicht in einem fort, sondern in ganz bestimmten Perioden sich vollziehen, ja, wer könnte überhaupt an eben diese und ähnliche Ordnung denken, die unter ungleichen und gegensätzlichen Dingen herrscht, ohne sich bewußt zu werden, daß es eine Kraft gibt, die — selbst in erhabener Ruhe — dies alles ordnet und lenkt, wie es ihr gefällt. Denn für sich allein könnten diese Vorgänge nicht entstehen noch je in Erscheinung treten, weil sie von Natur im Gegensatz zueinander stehen. Das Wasser ist ja spezifisch schwerer und fließt abwärts; die Wolken aber sind leicht und schweben rasch empor. Gleichwohl sehen wir aber, wie das schwerere Wasser in den Wolken schwebt. Anderseits ist die Erde sehr schwer, das Wasser leichter als sie; und doch wird das Schwerere vom Leichteren getragen, und die Erde sinkt nicht ein, sondern steht unbeweglich. Und was männlich ist, ist nicht dasselbe wie das Weibliche, und doch verbinden sie sich zu einer Einheit und durch beide kommt eine Geburt eines ähnlichen Wesens zustande. Kurz gesagt: Das kalte Element ist dem warmen entgegengesetzt, das nasse kämpft mit dem trockenen; gleichwohl gehen sie zusammen und stoßen sich gegenseitig nicht ab, sondern erzielen durch Eintracht einen Körper und die Entstehung aller Dinge.
1: Vgl. c. 27.