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Neulich wollte die Windows Studio-Effekte ausprobieren: Das sind Modifikationen, die das Betriebssystem am Live-Kamerabild vornimmt. Windows 11 kann den Hintergrund unscharf rechnen, die Pupillen so anpassen, damit es aussieht, als würden wir direkt in die Kamera blicken (Augenkontakt) und automatisch auf die Person vor der Kamera zoomen und ihr folgen, während sie sich bewegt (Automatische Umrandung). Die Funktion Sprachfokus sollte die Sprecher-Stimme besser von den Umgebungsgeräuschen trennen.
Die Funktion müsste in den Einstellungen bei Bluetooth und Geräte unter Kameras zu finden sein, doch bei meinem Computer ist dort nichts zu wollen: Keine der Optionen tauchen dort auf.
Das hat mich auf eine Idee gebracht: Statt selbst lange im Netz zu recherchieren, woran das liegen könnte, frage ich Bing Chat. Das ist naheliegend: Denn wenn Bings digitaler Assistent nicht über Microsofts Betriebssystem Bescheid weiss, dann wäre das hochnotpeinlich.
Also, frage ich Bing Chat, wie ich zu diesen Studio-Effekten komme. Er teilt mir mit, ich müsse «Windows 11 Build 22621.1344 oder höher ausführen». Und er erklärt, es brauche eine Neural Processing Unit (NPU).
Das ginge auch kürzer
Ich stelle die naheliegende Frage: «Hat mein Computer eine NPU?» Bing:
Eine Neural Processing Unit (NPU) ist eine spezielle Hardware, die bestimmte maschinelle Lernaufgaben beschleunigt, wie z.B. Computer-Vision-Algorithmen. Eine NPU ist für IoT AI konzipiert und umfasst Module für Multiplikation und Addition, Aktivierungsfunktionen, 2D-Datenoperationen, Dekompression usw. Um zu überprüfen, ob Ihr Computer eine NPU hat, können Sie die Systeminformationen oder den Geräte-Manager öffnen und nach einem NPU-Gerät suchen. Wenn Sie keins finden, bedeutet das wahrscheinlich, dass Ihr Computer keine NPU hat.
Die kürzere Antwort wäre natürlich gewesen: «Nein».
An dieser Stelle ist ein erstes Fazit fällig, das durchzogen ausfällt. Als positiv ist zu vermerken, dass Bing mir ohne grossen Aufwand die richtige Information gegeben hat: Das war einfacher, als wenn ich mich selbst hätte durch Supportdokumente hätte wühlen müssen. Es gibt aber einen dicken Tolggen im Reinheft: Bing hat nicht einfach selbst nachgesehen, ob auf meinem Computer eine NPU vorhanden ist. Stattdessen musste ich das selbst tun.
Das Rad wird mal wieder neu erfunden
Das ist schwach, angesichts der Erwartungen, die Panos Panay geweckt hat. Das ist der Windows-Chef bei Microsoft, der neulich ein riesiges Fass aufgemacht hat. Er hat von einem «wichtigen Windows-Update» gesprochen, bei dem «das neue, KI-gestützte Bing in die Taskleiste» integriert werde:
Das grosse Update für Windows 11, das ich heute mit Freude vorstelle, wird diesem neuen Zeitalter der KI gerecht. Wir erfinden die Art und Weise neu, wie Menschen Aufgaben an ihren PCs erledigen.
Ich habe meine Frage zu den Studio-Effekten und der NPU natürlich via Windows-Taskleiste bzw. über das Suchfeld des Betriebssystems gestellt – in der Erwartung, dass Bing in der Lage ist, selbst Nachforschungen auf meinem Computer anzustellen. Doch was ist passiert? Es ist automatisch der Edge-Browser aufgegangen, wo ich meine Frage noch einmal eintippen durfte.
An dieser Stelle wird klar, dass Panos Panay unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was die «Integration» einer Funktion in Windows bedeutet: Ich stelle mir darunter eine enge Vernetzung vor, die es dieser neuen Funktion erlaubt, mit dem Betriebssystem gezielt zu interagieren. Für Panos Panay seinerseits ist eine «Integration» gegeben, wenn das Icon von «Bing Chat» im Suchfenster zu sehen ist.
Was für eine dreiste Übertreibung!
Wir kommen zum Schluss, dass hier wahnsinnig viel Schaumschlägerei mit im Spiel ist: Das ein «wichtiges Update» zu nennen, ist dreist – zumal Windows auch vorher schon Bing-Resultate in diesem Suchfeld angezeigt hat. Und eine der Errungenschaften der Vergangenheit eine digitale Assistentin namens Cortana war.
Microsoft hat eine Chance verpasst: Eine echte Integration von Bing Chat ins Betriebssystem würde tatsächlich eine neue Ära des Computings einläuten: Auf die Frage, warum der Computer heute so langsam ist, könnte Bing nachsehen, welcher Task den Prozessor in Beschlag nimmt und eine konkrete Empfehlung aussprechen: «Der Computer aktualisiert gerade den Suchindex. In etwa zehn Minuten wird diese Aufgabe beendet sein und dann steht wieder die volle Rechenkapazität zur Verfügung.»
Oder noch besser – wir könnten einer wirklich integrierten KI auch gleich Aufträge erteilen: «Welches sind Dateien über einen GB, die ich seit mehr als drei Jahren nicht mehr benutzt habe? Bitte verschiebe sie mir auf die externe Festplatte!»
Davon ist nicht die Rede. Zumindest bis jetzt – vielleicht kommt Panos Panay ja selbst noch auf den Trichter.
Jedenfalls ist die Frage nicht abschliessend beantwortet, wie gut Bing als Kummerbox-Onkel ist. Dieser Frage werde ich mich künftig hier im Blog immer mal wieder widmen … Den Auftakt macht den Beitrag Schau mal auf den Kalender, Bing!.