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Die FAO, die Ernährungsorganisation der UNO, hat den diesjährigen Welternährungstag unter das Thema "Frauen ernähren die Welt" gestellt. Dieses Motto ist gewählt worden, um den bedeutenden Beitrag der Frauen zur Ernährungssicherheit für die Familie und das jeweilige Land hervorzuheben.
Nach Angaben der FAO produzieren Frauen weltweit mehr als die Hälfte aller angebauten Nahrungsmittel. In Afrika erzeugen sie bis zu 80 Prozent aller Grundnahrungsmittel, und in Asien stellen sie 50 bis 90 Prozent der Arbeitskräfte im Reisanbau. In ländlichen Gebieten sind Frauen fast ausschliesslich für die Ernährung ihrer Kinder verantwortlich. Frauen sind zudem die Haupterzeuger und -verarbeiter von Nahrung für ihre Familien. Frauen geben laut FAO auch einen bedeutenden Teil ihres Haushalteinkommens - anteilmässig einen weit grösseren Teil als Männer - für den Kauf zusätzlicher Nahrungsmittel für die Familie aus.
"Feminisierung" der Landwirtschaft
In vielen Teilen der Welt zeichnet sich ausserdem zunehmend ein Trend hin zu einer "Feminisierung der Landwirtschaft" ab. Eine Hauptursache für diesen Trend liegt darin, dass viele Männer vom Land auf der Suche nach bezahlter Arbeit in kleinere und grössere Städte abwandern, entweder im eigenen Land oder im Ausland. Wenn die Männer ihr dörfliches Zuhause verlassen, spielen die Frauen in der landwirtschaftlichen Produktion zunehmend eine führende Rolle.
Die Entwicklung ist von Kontinent zu Kontinent unterschiedlich; ein Kontinent aber, in dem die Feminisierung besonders ausgeprägt verläuft, ist Afrika, wo der Anteil der männlichen Bevölkerung auf dem Land stark abnimmt. In Malawi zum Beispiel ging er zwischen 1970 und 1990 um 21,8 Prozent zurück, wohingegen sich der Anteil der Frauen nur um 5,4 Prozent dezimierte. In Gebieten mit starker Abwanderung der Männer wird eine zunehmende Zahl von Haushalten von Frauen geführt. In einigen Regionen Afrikas stehen Frauen heute 60 Prozent der Haushalte und damit auch deren landwirtschaftlicher Produktion vor.
Der Welternährungstag am 16. Oktober
ug. Am 16. Oktober wird sich Bundespräsident Flavio Cotti über Radio und Fernsehen an die Bürgerinnen und Bürger der Schweiz wenden. Die Ausstrahlungszeiten werden über die Spezialrubriken in der Presse bekanntgegeben.
Die Erklärung von Bern (EvB) will diesen speziellen Tag nutzen, um die Leistungen der Frauen für die Ernährung sichtbar zu machen. Zusammen mit dem Schweizerischen Landfrauenverband (UPS), der Organisation Schweizer Bergheimat, dem Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz (HEKS), Swissaid sowie Schülerinnen und Schülern aus dem Thurgau wird sie am Freitag, 16. Oktober, von 9.00 bis 19.00 Uhr auf dem Waisenhausplatz in Bern eine Standaktion gestalten. Die Veranstalter werden zeigen, was Bäuerinnen in Haus und Garten leisten sowie Produkte von Schweizer Bäuerinnen und Bio-Süssmais aus dem Thurgau verkaufen.
Frauen in Feld und Stall
In vielen Drittweltländern sind Frauen wichtig bei der Erzeugung der Hauptgetreidearten Reis, Weizen und Mais, die bis zu 90 Prozent der Nahrungsmittelaufnahme der armen Landbevölkerung ausmachen. Obwohl sich die landwirtschaftlichen Tätigkeiten von Ort zu Ort unterscheiden, sind es überwiegend die Männer, welche die Felder bestellen und die Zugtiere führen, wogegen die Frauen hauptsächlich sähen, Unkraut jäten, Pflanzenschutz- und Düngemittel ausbringen, ernten und dreschen. Frauen bearbeiten im allgemeinen auch kleinere Parzellen und Hausgärten, in denen sie Gemüse und Hülsenfrüchte anbauen. Diese Erzeugnisse liefern lebenswichtige Nährstoffe und sind oftmals die einzigen Nahrungsmittel während der mageren Zeiten zwischen den Ernten oder in Jahren, in denen die Haupternte ausbleibt.
In den meisten Entwicklungsländern züchten Frauen Geflügel und Kleintiere wie Schafe, Ziegen, Kaninchen und Meerschweinchen. Kleintierhaltung ist oft eine der wenigen Einkommensquellen, die vollständig unter ihrer Kontrolle stehen. Weil Frauen den Grossteil ihres Einkommens für die Nahrungsmittelversorgung ihrer Familie ausgeben, erstaunt es laut FAO nicht, dass sich die zunehmende Geflügel- und Kleintierhaltung als bedeutsamer erwiesen hat als ausgedehnte Viehherden, um die Ernährung von Bevölkerungsschichten mit niedrigem Einkommen zu verbessern.
Hüterinnen der biologischen Vielfalt
Auf dem Lande sind Frauen oft Hüterinnen des Wissens über Pflanzensorten und deren Verwendung als Nahrung, in der Medizin, im Handwerk oder für kulturelle Zwecke. Bäuerinnen sind besonders darauf bedacht, eine Vielfalt von Feldfrüchten und wilden Sorten zu erhalten, denn oft sind sie es, die diese genetischen Ressourcen nutzen, um neue Sorten entsprechend den veränderten Bedürfnissen und Vorlieben zu entwickeln. Geschmack, Konsistenz, Anforderungen bei der Verarbeitung, Eigenschaften bei der Lagerung, Resistenz gegen Schädlinge und Krankheiten und Anpassungsfähigkeit an Boden und Klima sind Eigenschaften, auf die es ihnen ankommt, sei es in Kulturpflanzen oder in einheimischen Bäumen, Sträuchern oder Kräutern. Wissen, das über Jahrhunderte durch praktische Erfahrung mit heimischen Sorten gewonnen worden ist, wird über Generationen von der Mutter zur Tochter weitergegeben.
Zusammen serviert ist nahrhafter als getrennt
Kenntnisse sind auch eine Voraussetzung für die richtige Ernährung. In vielen Entwicklungsländern bereiten Frauen nach bewährten Rezepten Mahlzeiten vor, die den jeweiligen Nährwert der einzelnen Zutaten steigern. Zusammen serviert sind Mais und Bohnen viel nahrhafter als wenn sie getrennt gegessen werden. Frauen in vielen teilen Ostafrikas bereiten ein traditionelles Gericht zu, das Mais, Bohnen, Kartoffeln und grüne Blätter enthält. Blätter von Kräutern, Bäumen und Sträuchern können eine nahrhafte Ergänzung zu Feldfrüchten bieten. Menschen auf dem Lande im Kongo essen Blätter von ungefähr 50 verschiedenen Bäumen. Meistens haben die Frauen das Wissen über die einheimischen Arten von Blattgemüsen: Wie sie zu erkennen und zuzubereiten sind, wie man ihre Samen erhält und wie man sie anbaut.
Wenn Frauen kein Einkommen haben, leidet die ganze Familie
In den Entwicklungsländern verwenden Frauen häufig fast ihr gesamtes Bareinkommen, um die Bedürfnisse der Haushaltsmitglieder zu decken (während Männer mindestens 25 Prozent für andere Zwecke als den häuslichen Bereich verwenden).
Wenn Frauen kein Einkommen haben, leidet also die ganze Familie. In vielen ländlichen Gebieten wird der Zugang der Frauen zu Land durch ein sie benachteiligendes Landpachtsystem eingeschränkt. Zusätzlich haben sie oft geringen oder gar keinen Zugang zu Kredit und dadurch nicht zu dem Kapital, das sie brauchen, um die Produktionskapazitäten auszudehnen. Es ist laut FAO daher nicht verwunderlich, dass ihre Haushalte am härtesten von Fehlernährung und Ernährungsunsicherheit betroffen sind. Die Möglichkeiten, andere Einkommensquellen zu finden, sind für Frauen ebenfalls beschränkt. Viele Kulturkreise lassen es nicht zu, dass Frauen ausserhalb des Hauses tätig werden, und selbst wo dies nicht der Fall ist, sind Landfrauen mit ihren Aufgaben zum Erhalt des Existenzminimums so überlastet, dass ihre Möglichkeiten, sich ausserhalb der Landwirtschaft Einkommensquellen zu schaffen, erheblich eingeschränkt sind.
In der internationalen Entwicklungszusammenarbeit sind diese Zusammenhänge lange unerkannt geblieben. Nun soll eine neue Entwicklungspolitik mithelfen, die Rolle der Frauen zu stärken und ihre Anliegen besonders zu berücksichtigen. Die schweizerische Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) setzt sich heute zum Ziel, Frauen und Männer gleichermassen in den Entwicklungsprozess einzubeziehen (siehe Kasten).
Männer ernähren die Schweiz
In der Schweiz sind die landwirtschaftlichen Strukturen von denen vieler Entwicklungsländer stark verschieden. Während im afrikanischen Binnenland Burkina Faso 80 Prozent der Bevölkerung den Boden als Bauern und Bäuerinnen bestellen, beträgt die landwirtschaftliche Bevölkerung in der Schweiz gerade noch 4 Prozent. In der Schweiz produzieren ausserdem die Männer die meisten Nahrungsmittel. Bäuerinnen sind für das Häusliche, den Garten und die Vorratshaltung zuständig. Trotzdem sieht die Erklärung von Bern (EvB) etliche Parallelen zwischen Schweizer Bäuerinnen und Landfrauen in armen Ländern: Auch in der Schweiz arbeiten die meisten Frauen im landwirtschaftlichen Betrieb mit. Die traditionellen weiblichen Arbeitsgebiete sind hier wie anderswo häufig Kleinvieh, Gemüse und Früchte. Mehrfachbelastungen kennen Bäuerinnen hüben wie drüben. Bäuerinnen sind auch in der Schweiz häufig Unternehmerinnen. Sie setzen ihre Produkte auf Lokalmärkten ab oder verkaufen sie direkt ab Hof.
Auch leisten Bäuerinnen einen grossen Beitrag zur Selbstversorgung der bäuerlichen Familie. Annemarie Will, Präsidentin des Schweizerischen Landfrauenverbandes (UPS) und selber Bäuerin, hat für die EvB ausgerechnet, was sie innert 25 Jahren produziert hat: 13,650 Kilo (kg) Brot, 1300 kg Butter, 3250 kg Konfitüre; sie hat 2200 kg Früchte sterilisiert oder heiss eingefüllt, 8750 kg Früchte und Gemüse eingefroren, 39,000 Eier verarbeitet, 45,600 Liter Milch verwertet, 20‘000 kg Kartoffeln geschält, 14,000 Salatköpfe gerüstet, 18,200 Liter Suppe gekocht, 2600 kg Birchermüesli zubereitet. Daneben hat sie 40 Tonnen Wäsche gewaschen, gefaltet, gebügelt und ausgebessert.
Die Volkskundlerin Brigitte Stucki, Autorin des Buches "Frauen in der Landwirtschaft heute", drückt die Bedeutung der Bäuerinnen sogar so aus: "Ohne Bäuerinnen gibt es keine Nahrungsmittelproduktion, denn sie bereiten den Bauern die Infrastruktur so zu, dass diese ihrer Arbeit nachgehen können. Sie tun dies auch wenn sie nicht im Betrieb mitarbeiten, indem sie kochen, waschen, putzen, die Agenda verwalten und den Kontakt zu Kunden und Beratern pflegen."
Die Genderpolitik der DEZA
LID. Die schweizerische Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), die neben dem Bundesamt für
Aussenwirtschaft (BAWI) für die schweizerische Entwicklungszusammenarbeit zuständig ist, hat sich zum Ziel gesetzt, Frauen und Männer gleichermassen in den Entwicklungsprozess einzubeziehen. Grundlage dieser Bemühungen bildet das Konzept einer gleichberechtigten Entwicklung für Männer und Frauen ("gender-balanced-development"). "Gender" verweist auf die gesellschaftlichen Geschlechterrollen und -beziehungen, die - anders als das biologische Geschlecht - durch die wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Gegebenheiten bestimmt sind. In den meisten Gesellschaften haben Frauen im allgemeinen weniger Zugang zu Ressourcen, und ihre Entscheidungs- und Entwicklungsmöglichkeiten sind eingeschränkt. Um diesen Bedingungen entgegenzuwirken, sichert die DEZA für Frauen und Männer in lokalen Gemeinschaften Ausbildungsmöglichkeiten, fördert die Beteiligung beider Geschlechter auf allen Verantwortungs- und Entscheidungsebenen und anerkennt die wirtschaftliche und soziale Bedeutung unbezahlter Tätigkeiten (wie Haushaltsarbeit).