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Vergnügt sitzt er im Ohrensessel und knabbert die mitgebrachten Luxemburgerli. Neville Marriner, der dieser Tage seinen 90. Geburtstag feiert und zum Geburtstags-Interview in seinem Londoner Wohnzimmer empfängt. Solch eine Vitalität strahlt der britische Dirigent aus, dass ich mir dagegen fast wie eine lahme Ente vorkomme. Und ich bin nicht mal halb so alt.
Bestgelaunt gibt der Jubilar eine Geschichte nach der anderen zum Besten. Wie er im London der Weltkriegsjahre tagsüber an der «Royal Academy of Music» Violine studierte und nachts den Kopf einzog. «Well, it was quite noisy», schmunzelt Marriner, ziemlich lärmig sei es gewesen. Er meint damit die schreckerfüllten Nächte unter deutschem Bombardement, die sich wahrscheinlich nur mit trockenem Humor ertragen liessen. Er erzählt, wie er dann kurz vor Kriegsende leider doch noch zum Militär eingezogen und schwer verwundet wurde. Jedoch nicht an der Front. Er hätte sich bei einer Übung etwas dusselig angestellt und sich aus Versehen in die Luft gejagt.
Das Zimmer, in dem alles begann
Glück im Unglück: Im Lazarett traf Marriner auf Thurston Dart («Er flog aus einem Flugzeug»), Cembalist und Experte für Barockmusik. Die beiden gründeten später mit den «Jacobean Players» ein Pionierensemble für Alte Musik. Und es blieb nicht die einzige denkwürdige Orchestergründung. Denn die eigentliche stand noch bevor. Und die Geschichte begann genau hier, in diesem Wohnzimmer, das dereinst ins Museum wandern könnte. Allein der Einrichtung wegen: lauter schönste Antiquitäten, Möbel, Uhren, Gemälde, ein historischer Flügel in der Ecke.
Der wahre Wert dieser vier Wände ist aber, dass hier 1958 die «Academy of St. Martin in the Fields» geboren wurde, eines der erfolgreichsten Kammerorchester der jüngeren Musikgeschichte. 15 Leute seien sie anfangs gewesen, alles Musiker vom London Symphony Orchestra, in dem Neville Marriner über Jahre als Stimmführer der zweiten Geigen spielte. Ein lustiger Haufen, der sich «Refugees from conductors» nannte, Dirigenten-Flüchtlinge, die bis auf das Klavier alle Möbel herausgeräumt, um nach Proben und Konzerten Musik zu machen – zum Spass und für sich selber. Keiner ahnte damals den späteren Erfolg des Ensembles.
Ein Konzert, viele Konzerte
Das erste Konzert sollte eigentlich das einzige bleiben. Ein Musiker des Wohnzimmerorchesters, der sonst als Kirchenorganist an St. Martin an the Fields arbeitete, überredete seine Mitstreiter zu diesem Gig. Der Vikar der Kirche schlug den Namen vor, der dann zum Markenzeichen wurde. Am 13. November 1961 (ein Freitag) gab die Academy St. Martin in the Fields ihr erstes Konzert in der gleichnamigen Kirche am Londoner Trafalgar Square.
Im Publikum sass zufällig eine Verlegerin, die die ersten Plattenaufnahmen organisierte (Der Lohn: 5 Pfund für jeden; «Wir waren sehr stolz.»). Diese Platte wiederum fiel einem deutschen Konzertagenten in die Hände, der die erste Tournee organisierte und bald war das Orchester, das Hunderte von Platten aufgenommen hat, in aller Munde.
In Marriners Munde verschwindet derweil ein weiteres Luxemburgerli und just als ich ihn nach den Klangqualitäten seines Orchesters frage, fällt ein Zettelchen aus der Pralinenpackung – «the wonderfully light temptation». Wenn das nicht passt.