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Wie Sie verschlüsselte Codes in Arbeitszeugnissen erkennen
Veröffentlicht am 15.04.2021
Laut einer Vorschrift in der Gewerbeordnung muss ein Arbeitszeugnis «wahr» und «wohlwollend» ausfallen. Diskreditierende und negative Aussagen sowie unwahre Behauptungen sind demnach verboten. Allerdings haben sich mit der Zeit viele versteckte Formulierungen herauskristallisiert, die vordergründig positiv klingen, bei Personalern aber mit der gegenteiligen Bedeutung ankommen. Wenn Sie das als Empfänger eines Arbeitszeugnisses nicht erkennen und decodieren können, werden Sie im Falle einer Bewerbung bei einem neuen Arbeitgeber höchstwahrscheinlich keinen Erfolg erzielen.
Lassen Sie sich deshalb bei der ersten Lektüre Ihres Arbeitszeugnisses nicht von schönen Worten blenden, die im Grunde ein schlechtes Urteil bedeuten. Ein kleiner Trick kann Ihnen helfen, die Codes in einem Zeugnis zu entschlüsseln. Suchen Sie die Phrasen heraus, die doppeldeutig aufgefasst werden können und betrachten Sie dann die negative Interpretation davon. Ein Satz wie «Er brachte sich entsprechend seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten ein» heisst nämlich nichts anderes als «Er war leider vollständig unfähig».
Die drei wesentlichen Teile eines Arbeitszeugnisses
Wenn Sie nach Beendigung Ihres Arbeitsverhältnisses ein qualifiziertes Arbeitszeugnis und nicht nur einen simplen Arbeitsnachweis von Ihrem Arbeitgeber verlangen, enthält dieses drei wichtige Teile: die Leistungsbeurteilung, die Verhaltensbewertung und eine Schlussformel. Achten Sie besonders auf die verschiedenen Formulierungen. Hier drei Beispiele:
- Leistungsbeurteilung: «Sie hat die Erwartungen des Unternehmens im Wesentlichen erfüllt.» Dahinter steckt: «Ihre Arbeitsleistung war in der Regel mangelhaft.»
- Verhaltensbeurteilung: «Er war ein kontaktfreudiger und stets umgänglicher Mitarbeiter.» Soll heissen: «Niemand konnte ihn so richtig leiden.»
- Schlussformel: «Sie verlässt das Unternehmen auf eigenen Wunsch hin.» Das bedeutet: «Sie hinterlässt bei uns keine Lücke.»
Versteckte Schulnoten im Arbeitszeugnis
Die Codes von Arbeitszeugnissen können auch versteckte Schulnoten enthalten. Sie erkennen Sie an Umschreibungen wie «stets zur vollsten» (Note 1) oder «stets zur vollen» (Note 2) Zufriedenheit, «zur Zufriedenheit» (Note 4). Formulierungen wie «im Grossen und Ganzen» oder «hat sich bemüht» sollten bei Ihnen einen Alarm auslösen, denn damit verteilen Personalchefs die Noten 5 und 6.
Die Abschlussformel nicht auf die leichte Schulter nehmen
Am Ende eines Arbeitszeugnisses stehen nochmal zwei, drei oder vier Sätze, die auf den ersten Blick nur wie eine Abrundung des Textes wirken. Mittlerweile kommt dieser so genannten Abschlussformel aber mehr und mehr Bedeutung zu. Aus dem kurzen Absatz lesen erfahrene Personaler oft mehr heraus als aus dem gesamten vorherigen Zeugnistext.
Dafür sind zwei Gründe ursächlich. Erstens verschafft die Schlussformel dem Lesenden einen letzten Gesamteindruck über die beurteilte Person. Sie kann also einen positives Ergebnis noch einmal verstärken. Sie kann aber auch genau das Gegenteil bewirken, zahlreiche Zweifel aufkommen lassen und die zuvor getroffenen Aussagen ziemlich ironisch aussehen lassen.
Zweitens ist das Verfassen einer Schlussformel laut gängiger Rechtsprechung von Seiten des Arbeitgebers freiwillig. Er muss also nicht für die Mitarbeit danken und/oder alles Gute für die Zukunft wünschen. Im Gegensatz zu einer Leistungs- und Verhaltensbeurteilung können Arbeitnehmer die Abschlussformel auch nicht einfordern. Wird sie weggelassen, ist dies in der Regel als negatives Signal zu werten.
Aktuelle Trends bei Negativformulierungen
In jüngerer Zeit haben sich einige neue Codes in Arbeitszeugnissen etabliert, mit denen negative Eigenschaften ausgedrückt werden. Dazu zählen:
- die Hervorhebung von unwichtigen Dingen
- Verdrehungen bei der Aufzählung von hierarchischen Strukturen
- Weglassen von wesentlichen Beurteilungen
- Übertreibungen
- Weglassen von Standards
- passive Formulierungen
Diese lassen sich sehr oft nicht auf den ersten Blick erkennen. Prüfen Sie deshalb Ihr Zeugnis intensiv darauf und fordern Sie bei Bedarf eine Korrektur, denn schliesslich müssen Sie sich bei eventuell zahlreichen Unternehmen damit bewerben.
Was im Arbeitszeugnis absolut verboten und was geboten ist
Es gibt einige Punkte, die in keinem Arbeitszeugnis auftauchen dürfen, trotzdem aber immer wieder zu lesen sind:
- ein eventueller Kündigungsgrund
- das Gehalt
- Betriebsratszugehörigkeit (ausser auf Ihren Wunsch hin)
- Gewerkschaftstätigkeit
- Nebentätigkeiten (ausser bei Verstössen )
- Konfession
- Parteizugehörigkeit
- Schwangerschaften
- Elternzeiten
- Krankheiten
- Straftaten abseits der Arbeit
- Drogenprobleme
Aber auch wegen versteckter Botschaften und «geheimer» Formulierungen kommt es jedes Jahr zu zahlreichen Prozessen vor den Arbeitsgerichten. Gegen viele Aussagen können Sie sich erfolgreich zur Wehr setzen.
Umgekehrt müssen sich manche Fakten in einem Arbeitszeugnis wiederfinden, zum Beispiel Untreue gegen das Unternehmen oder ein Diebstahl von Betriebseigentum. Denn wenn das nächste Unternehmen auf Grund fehlender Angaben einen notorischen Dieb und Betrüger einstellt und dadurch später Schaden erleidet, kann der neue Arbeitgeber beim vorherigen auf Schadenersatz klagen.
Wie Sie sich gegen ein schlechtes Arbeitszeugnis wehren können
Wenn Sie der Ansicht sind, dass Ihr Zeugnis unterdurchschnittlich ausfällt oder Mängel aufweist, können Sie es zurückweisen und eine Neuausstellung verlangen. Dies gilt auch für missverständliche oder widersprüchliche Formulierungen und sogar für Rechtschreibfehler. Für eine Anfechtung können Sie drei Wege beschreiten:
1. Suchen Sie die direkte Aussprache mit Ihrem Arbeitgeber. Gerade bei kleinen und mittelständischen Unternehmen fehlt häufig das Wissen darum, wie ein Arbeitszeugnis aussehen darf und wie nicht. Meist lassen sich Probleme auf diese Art am schnellsten lösen.
2. Wenn Ihr Arbeitgeber Sie lange warten lässt oder sich uneinsichtig zeigt, sollten Sie einen schriftlichen Widerspruch gegen das Zeugnis einlegen. Weisen Sie auf die Textpassagen hin, die Sie bemängeln und machen Sie Alternativvorschläge.
3. Helfen diese beiden Schritte nicht weiter, können Sie gegen ein unberechtigtes Zeugnis Klage einreichen. Beachten Sie aber die geltenden Fristen und Voraussetzungen für den Gerichtsweg. Wenn möglich, sollten Sie einen erfahrenen Anwalt für Arbeitsrecht einschalten.