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»Um Frieden zu erschaffen können wir zu unserem Körper sprechen, zu den Elementen der Erde und zur Welt um uns herum.«
Gregg Braden
Nepalesische Heilungsrituale und schamanische Tradition
Das Alter des schamanischen Wissens reicht mindestens 70.000 Jahre zurück. Viele Anthropologen und Historiker gehen allerdings von weitaus größeren Zeiträumen aus. Nepal, das Land der 101 Sprachen, kann zweifelsohne als das weltweite Herz- oder Mutterland des Schamanentums genannt werden. Noch heute praktizieren dort an die 700.000 Schamanen (“Jhankris”), die etwa 50-70% der medizinischen Grundversorgung gewährleisten, ohne dabei irgendeine Berücksichtigung vom staatlichen Gesundheitssystem zu erfahren. In den Bergen des Himalajas von Nepal, Butan und Nordindien, wo sich der Zugang zur westlichen Schulmedizin als schwierig erweist, werden auch heute noch traditionelle schamanische Heilmethoden gelehrt. Leider machen sich die Folgen der Globalisierung immer stärker bemerkbar und die Errungenschaften der westlichen Zivilisation, wie auch der Tourismus dringen bis in die abgelegensten Dörfer. Die jungen Menschen kehren der Tradition den Rücken zu und orientieren sich in den westlich geprägten Städten. Somit finden wir auch hier das weltweite Phänomen vor, welche Dr. Jeremy Narby als “Criss-Cross-Movement” bezeichnet hat: schamanische Kulturen bewegen sich in Richtung der westlichen Zivilisationsgüterkultur und der Westen orientiert sich wieder zunehmend mehr an den Werten, Weisheiten, Mythen, Riten und Heilmethoden der Traditionellen. Grundsätzlich überschreitet jedoch auch ein jeder Schamane während seines langjährigen Ausbildungsweges die Grenzen seiner Kultur.
Kosmologie der Himalajaschamanen
Die schamanische Welt besteht aus drei Ebenen: Die Oberwelt mit Sonne, Mond, Sternen, Planeten, Gottheiten und Geistwesen, die für die schamanische Heilarbeit von Bedeutung sind; die Mittelwelt der Menschen, wo auch verschiedene Arten von sowohl hilfreichen als auch schädigenden Geistern leben; die Unterwelt mit ihren kraftvollen Gottheiten und Geistwesen. Der Schamane sollte alle Namen und Kräfte dieser Wesenheiten kennen, um sie in seiner Heilarbeit nutzen zu können. Die Mythen und Legenden, welche die schamanische Praxis umgeben, vermitteln den westlichen SchülerInnen wichtige Lehren, um den Zugang zur schamanischen Kraft zu finden.
Diagnosetechnik
Der Schamane nutzt sowohl den Trancezustand, als auch andere Diagnosemethoden, um die Ursachen für die Krankheit des Patienten zu ergründen, um verlorene Gegenstände ausfindig zu machen und die Quelle von neidischen Gedanken zu entschleiern. Mohan Rai betont in diesem Zusammenhang gerne, dass es bei der schamanischen Diagnose vor allem darum geht, eine Basis für die nachfolgende Aktivierung der Selbstheilungskräfte des erkrankten Menschen zu legen und nicht, dass jener sich mit einer negativen Diagnose belastet.
Techniken der Heilung
Der Schamane arbeitet mit einer Kombination aus Opfergaben, Ritualgeräten, Mantren und Gesten. Während eines Heilrituals (“Chinta”) geht der Schamane/die Schamanin mit Hilfe von Trommeln und Tanzen in einen Trancezustand, um direkt mit den Göttern und Geistern zu kommunizieren.
Durchtrennen der Schicksalsfäden
Manchmal erleidet Mann oder Frau eine Periode des großen Unglücks, wie Arbeitslosigkeit, Verlust von Besitz oder geliebten Menschen, Depression und Krankheit etc. Die schamanische Zeremonie „khadco kattne“ befreit den Patienten von jenen Kräften, die für diese Schicksalsschläge verantwortlich sind.
Schutz- und Heilungsmantren
Das Hauptwerkzeug der SchamanInnen sind die über Generationen weitervermittelten, geheimnisvoll bewahrten Mantren. Kein Schamane würde seine Mantren an irgendjemanden weitergeben, sondern nur an seine SchülerInnen. Ernsthafte SchülerInnen des Instituts erhalten meist einfache Mantren, die traditionellerweise an Lehrlinge der SchamanInnen weitervermittelt werden
Reinigungsrituale
Im nepalesischen Schamanismus existieren viele Reinigungsriten. Eine der eindrucksvollsten und wirkungsvollsten ist sicherlich das “Heisse-Wasser-Ritual” (“Soda Pani”), bei welchem Wasser auf 100°C erhitzt wird. Das kochende Wasser wird vom Schamanen mit einem Mantra besungen. Auf diesem Wege wird ihm die verbrennende Wirkung genommen. Anschließend wird der Patient mit dem brühend heißen Wasser und einem Ast eines Himalaya-Kirschbaumes (“Painyu”) “gepeitscht”. Bei korrekter Durchführung und absolutem Vertrauen entstehen dabei keinerlei Verbrennungen oder Verletzungen.
Pilgerwanderungen und Visionssuchen
Kontemplative oder meditative Innenschau sind uns auch aus den mystischen Strömungen des Christentums, sowie aus allen anderen großen Weltreligionen, in mehr oder minder abgewandelter Form, bekannt. Neben dem stillen “Retreat” in eine Mönchsklause, Höhle oder auf einen Berg, erlebt vor allem das neuzeitliche Pilgerwesen eine enorme Renaissance. Das rituelle “sich der Natur Hingeben”, sei es im Sitzen, Stehen oder Gehen, ist eine klassisch-schamanische Tradition, wie sie in Nepal noch häufig zum Tragen kommt. Bei den Pilgerwanderungen folgt man der uralten Mythologie und begibt sich dabei an heilige Orte (Berggipfel, Wasserfälle, Höhlen etc.) die bestimmte (energetisch besondere) Qualitäten besitzen. Ein Hauptpilgerziel der Nepal-Schamanen ist der Kalinchok. Der Legende nach produziert die dort oben, in knapp 4.000m Höhe entspringende Kālī-Gipfelquelle, zur Monsunzeit, während des August-Vollmondes, die Schamanenkraft (“Shakti”), welche sich die schamanischen Pilger dann für ihre Heilarbeit einverleiben dürfen. Auf diese Weise verstärken sie vor allem ihr heilerisches Potenzial, aber sie reinigen sich auch von bestehenden Anhaftungen und Belastungen.