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Dem im Jahr 2002 verstorbenen Aktivisten für indigene Belange – Orlando Villas Boas – kommt eine bedeutende Rolle bei der Erforschung des brasilianischen Hinterlandes zu, und die Gründung des “Parque Nacional do Xingu“ war seine Idee, deren Realisierung er sein Leben verschrieb.
Vor einhundert Jahren, am 12. Januar 1914, wurde Orlando Villas Boas im Städtchen Santa Cruz do Rio Pardo (im Bundesstaat São Paulo) geboren. Dieser junge, an das Stadtleben gewöhnte Paulistaner, gab neunundzwanzig Jahre später seinem Leben eine krasse Wendung: Zusammen mit seinen beiden Brüdern Claudio (1918-1998) und Leonardo (1918-1961) beteiligte er sich an der historischen “Expedition Roncador-Xingu“, ausgerüstet von der “Fundação Brasil Central“, mit dem Ziel, den brasilianischen Westen (Brasil Central) mit Amazonien im Norden, zu erkunden und zu verbinden. Was Orlando damals noch nicht wusste war, dass sein weiteres Leben von da an untrennbar mit dem Schicksal der Eingeborenen Brasiliens verbunden sein sollte – bis zu seinem Tod am 12. Dezember 2002. Durch seine besondere Persönlichkeit fühlte er sich bereits während der Expedition zu diesen einfachen Menschen und ihrer bescheidenen Lebensweise hingezogen – später ist es seinem besonderen Engagement zu verdanken, dass der “Parque Indígena do Xingu“ geschaffen wurde, wo heute auf 27.000 Quadratkilometern mehr als 5.500 Indios leben.
Während der Expedition Roncador-Xingu wurden von den Teilnehmern rund 1.500 Kilometer Wege mit Buschmessern ausgeschlagen, an deren Peripherie später 40 Siedlungen entstanden, 1.000 Kilometer wurden auf Flüssen zurückgelegt, an deren Ufern später verschiedene strategisch verteilte Militärbasen zur nationalen Sicherheit eingerichtet wurden. Und immer wieder trafen die Expeditionsteilnehmer unterwegs auf Indiovölker, die auf den von ihnen durchquerten Landstrichen lebten – durch sie nahm die Geschichte der Gebrüder Villas Boas einen neuen Verlauf.
Im Jahr 1952 präsentierten Orlando Villas Boas, der Anthropologe Darcy Ribeiro, die Direktorin des Nationalmuseums Heloísa Alberto Torres und der Brigadegeneral Raymundo Vasconcellos Aboim, ein Projekt zur Schaffung eines “Indigenen Schutzgebietes“ im Nordosten des Bundesstaates Mato Grosso. Schliesslich wurde dieser Vorschlag 1961, während der Regierung des damaligen Präsidenten Jânio Quadros, angenommen – der “Indigene Park am Rio Xingu“ wurde gesetzlich verankert und ist bis heute die einzige Einrichtung dieser Art in Brasilien.
Orlando Villas Boas wurde als erster Administrator des Parks eingesetzt, wo er zusammen mit seinem Bruder Claudio sorgfältig die Begegnungen mit vierzehn Indiovölkern in einer Landkarte verzeichnete und darüber wachte, dass vordringende Besiedelungsfronten der zivilisierten nationalen Bevölkerung seinen indigenen Schützlingen nicht zu nahe kamen. Er war sich der Fragilität der indigenen Kommunen gegenüber den Zivilisationskrankheiten bewusst und verhinderte, dass die damalige Militärpolitik sich innerhalb “seines Parks“ Posten einrichtete –um Menschen, die lediglich mit Pfeil und Bogen bewaffnet waren, mit ihren modernen Waffen vor den Invasoren eines Brasiliens zu schützen, das Schritt um Schritt darauf aus war, seinen Grund und Boden systematisch zu besetzen und auszubeuten.
Orlandos Ehefrau, die Krankenschwester Marina Villas Boas, erzählt gerne aus jenen Tagen. Sie traf ihren späteren Ehemann erstmals in einer Arztpraxis, und da er eine Krankenschwester für eine Expedition brauchte, die er leitete, lud er sie ein, mitzumachen. Sie nahm an und arbeitete später zirka fünfzehn Jahre lang für die indigene Mission. “Während dieser Zeit wurde ich fünfzehn mal von der Malaria befallen und Orlando mindestens zweihundert mal“, so sagt sie.
Marina kam 1963 im Xingu-Park an, und sah sich sogleich mit einer Grippe-Epidemie konfrontiert, sowie einigen Fällen von Malaria. “Die Indios haben einen reinen Organismus, und sie stecken sich sehr leicht an den Krankheiten der Weissen an – aber wir konnten sie schnell vertreiben“.
Die Freizeit am Xingu war begrenzt auf Kartenspiel und Spaziergänge am Ufer des Flusses, so erzählt Marina. “Am Abend spielten wir “Baralho“ (Kartenspiel) oder unterhielten uns“, erzählt sie. “Und so habe ich mich in ihn verliebt – jedoch Orlando hat zwei Jahre gebraucht, bis er es gemerkt hat“.
1978 verliess Orlando Villas Boas den Xingu-Park endgültig. 1984 setzte er sich zur Ruhe, um fortan in seinem Haus, in São Paulos Stadtteil “Alto da Lapa“, zu leben, wo er in einem grossen Schuppen, hinter dem Haus, eine Art Miniatur der “Wiederentdeckung Brasiliens“ hütete, ergänzt von einer Vielfalt an indigenen Objekten – an den Wänden und auf Regalen – jedes Stück mit einer eigenen Geschichte.
Orlando und seine Brüder waren strikte Gegner der Kolonisierungsinvasion, die seit vier Jahrzehnten Brasiliens Hinterland überrollte. Sie suchten nach Mitteln und Wegen, das von ihnen entdeckte Universum ganz unterschiedlicher Kultur und Ethik intakt zu erhalten. Jedesmal, wenn sie neuen indigenen Stämmen am Ufer des Rio Xingu und seinen Nebenflüssen begegneten, sahen sie sich einem Volk mit eigener Kultur und Identität gegenüber, und das faszinierte sie und brachte sie dazu, aus ihrer Arbeit eine Lebensaufgabe zu machen.
Die Gebrüder Villas Boas trugen viel dazu bei, Menschenleben zu erhalten, und antike Kulturen, Werte die, wenn sie einmal verloren sind, nie mehr zurückgeholt werden können. Sie haben das Überleben von ganzen Völkern im Xingu-Park möglich gemacht, indem sie ihnen diesen Lebensraum erkämpften – unter der humanistischen Orientierung der Marschalls Candido Mariano da Silva Rondon, mit Unterstützung des Anthropologen Darcy Ribeiro und der sanitären Hilfe von Noel Nutel.
Orlando und sein Bruder Claudio Villas Boas wurden, als Anerkennung ihrer Arbeit am Xingu, 1978 für den Friedensnobelpreis nominiert. Ohne einen Volksschulabschluss gelang es Orlando, durch sein Leben unter den Indios und mit seinem Bruder Claudio als Co-Autor, 12 Bücher und unzählige Artikel in Zeitungen und internationalen Zeitschriften zu veröffentlichen, wie zum Beispiel das “Geographic Magazine“.
Sowohl zusammen als auch individuell erfuhren die Brüder Villas Boas akademische Ehren, man machte sie zu Ehrenbürgern und überhäufte sie mit Ehrentiteln – verdienter Dank für ihren Kampf um eine Politik zum Schutz der indigenen Kultur.
Orlando trennte sich von der FUNAI (Fundação Nacional do Índio) im Jahr 2000 und wurde Assessor des Rektorats der “Universidade Federal de São Paulo/Escola Paulista de Medicina (Unifesp)” – mit der er bereits seit 1965 eine Verbindung unterhielt, aus der dann das “Gesundheitsprogramm der Unifesp” für “seine Indios“ am Rio Xingu entstanden war.
Einige seiner Vorträge drückten besonders seine Sorge um die Erhaltung der traditionellen indigenen Kulturen aus: “Der Indio überlebt nur innerhalb seiner eigenen Kultur. Es gibt für den Indio keinen Platz innerhalb der brasilianischen Gesellschaft von heute“, gab er unter anderem zu bedenken.
Oder: “Die bedeutendste Eigenschaft einer Unterentwicklung ist nicht das Fehlen von Reichtum oder zivilisatorischer Errungenschaften. Nein. Die charakteristischste Eigenschaft einer Unterentwicklung zeigt sich in der Missachtung der Mitmenschen und der Menschenrechte“.
2002, als Orlando Villas Boas in São Paulo verstarb, hinterliess er seiner Familie ein reiches, im Verlauf von historischen Jahrzehnten entstandenes Erbe. Um dieses Material der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hat sein jüngster Sohn, Noel Villas Boas, 2011 das “Instituto Orlando Villas Boas“ gegründet. “Wir haben eine technische Direktion aus Spezialisten gebildet und werden zu Beginn eine Inventaraufnahme durchführen. Die Sammlung besteht aus handgeschriebenen Manuskripten, Fotos auf Papier, Negativen und Dias, sowie zirka 1.500 Exponaten aus der materiellen Kultur der indigenen Völker – wie Behältern aus Keramik, Körperschmuck, Jagdwaffen und anderem“, erklärte Noel, der in Rechtswissenschaften und Philosophie ausgebildet ist.
Noel betonte, dass es von grosser Bedeutung ist, die Erinnerung an diese historische Periode Brasiliens lebendig zu erhalten. “Mein Vorschlag ist es, einen Teil der jüngeren Geschichte hinsichtlich der Erforschung des brasilianischen Hinterlandes durch die “Expedition Roncador-Xingu“ neu zu beleuchten, denn sie ist kaum bekannt – besonders, was ihre Begegnungen mit den Ureinwohnern, den Indios, betrifft“. Der gesamte Prozess der indigenen Politik kann, nach seiner Meinung, dazu dienen, die gegenwärtige Politik zu stärken. “Heutzutage verteidigen die Indios selbst ihre Belange. Wenn sie ihre historische Vergangenheit verstehen lernen, kann dies richtungsweisend für ihre Verhandlungen mit der Landesregierung werden“.
Noels Erwartungen richten sich auf die Möglichkeit der Eröffnung eines Museums, in dem nicht nur Materialien aus der indigenen Kultur der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, sondern auch als ein Ort, an dem man zusammenkommt, um aus den indigenen Kulturen zu lernen und kontinuierlich neues Wissen zu produzieren.
Für diejenigen, die über das Lebenswerk von Orlando und seinen Brüdern mehr erfahren wollen, gibt es ein paar interessante bibliografische Werke, wie zum Beispiel “A Marcha para o Oeste“ (Der Marsch nach Westen) – “A Epopeia da Expedição Roncador-Xingu“ (Das Epos der Expedition Roncador-Xingu) und “Almanaque do Sertão“ (Almanach des Sertão), geschrieben von ihm selbst und seinem Bruder Claudio – “A arte dos pajés“ (Die Kunst der Schamanen), von Orlando, “Orlando Villas Boas – expedições, reflexões e registros“ (Expeditionen, Gedanken und Eintragungen) organisiert von Orlando Villas Boas Filho, und seine Autobiographie “Orlando Villas Boas: Histórias e causos“ (Orlando Villas Boas: Geschichten und Legenden).
Im Kino kann man einen Teil der abenteuerlichen Geschichte der Gebrüder Villas Boas im Film “Xingu“ miterleben – Direktion Cao Hamburger und Produktion Fernando Meirelles (2012). Im Lauf von Jahrzehnten wurden auch verschiedene Dokumentarfilme produziert, darunter “Expedição Irmãos Villas Boas“ (1953) und andere später, wie “Coração do Brasil“ (Herz Brasiliens), von Daniel Santiago, ein Film, in dem Sérgio Vahia de Abreu, der Indio-Häuptling Raoni, und der englische Dokumentarist Adrian Cowell (verstorben 2011), im Jahr 2008 eine Expedition von der Gebrüder Villas Boas aus dem Jahr 1958 nachstellen. Und während dieser Reise haben sie am Ufer des Rio Xingu das geographische Zentrum Brasiliens markiert.