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Etwas abseits der Oberen Bahnhofstrasse setzt das Plätschern eines Brunnens einen beschaulichen Akzent im Stadtleben; am Friedtalweg steckt ein fast vergessenes Stück Wiler Geschichte. Sie begann mit einem Zwist: Der Kreisammann von Mosnang errichtete im Jahr 1830 am Rand seines Dorfes ein Schützenhaus. Er hoffte auf steigende Einnahmen aus dem Durchgangsverkehr. Doch seine Mitbürger lehnten den Plan für eine neue Strasse vom Toggenburg ins Tösstal ab. Damit ging die Rechnung ging für Johann Baptist Müller nicht auf. Müller lebte von 1788 bis 1851. Zeitgenossen beschreiben ihn als sehr temperamentvoll und energiegeladen.
Kurzerhand liess es das Schützenhaus abbrechen und vor den damaligen Stadttoren Wils neu errichten. Am 17.April 1836 wurde es als Hotel «Schöntal» feierlich eröffnet. Es galt fortan an als bedeutendstes und komfortabelste Haus am Platz, das auch eine Station zum Wechseln der Kutschenpferde war. Rund 200 Tiere sollen zweitweise im Stall gestanden haben. An seiner Stelle steht heute der Centralhof.
Erste Spinnmaschinen
Müller stieg später auch in den Handel und die Fabrikation von Textilen ein. Der aus Savoyen stammende Tuchhändler Joseph Marin Morel hatte im Jahr 1795 am Friedtalweg ein Wohn- und Geschäftshaus errichtet. Ab 1819 produzierten dort Spinnmaschinen Garne. Damals wurde die Liegenschaft Wiesental genannt, heute ist sie im Volksmund als Röntgeninstitut bekannt. Die grosse Familie von Kreisammann Müller lebte nach ihrem Umzug nach Wil in diesem Haus. Anfänglich als Mieter später als Eigentümer. Mit dem Hotel Schöntal war es durch eine Holzgalerie verbunden.
Grosser Arbeitgeber
Während die Textilindustrie in der Ostschweiz ursprünglich auf Heimarbeit setzte, wurde die Produktion in den Fabriken zunehmend wichtiger. Hinter dem heutigen Centralhof entstand nach und nach ein ganzer Industriekomplex. Es war eine der grössten Buntwebereien im Land. Müller liess dazu unter anderem ein weiteres Haus von Mosnang nach Wil versetzen.
Morel hatte die Grundlagen für die Textilproduktion geschaffen, Müller baute sie aus. Die Müllschersche Fabrik beschäftigte in ihren Spitzenzeiten 200 bis 300 Mitarbeiter. Sie exportierte ihre Produkte nach Indien, Japan und Afrika. Damals lebten lediglich 1500 bis 2000 Menschen in Wil.
Grosse Kinderschar
Alt-Kreisammann Müler war sich bewusst, dass eine gute Ausbildung wesentlich zum Erfolg im Leben beiträgt. Er und seine Frau hatten zusammen 14 Kinder, wovon eines früh verstarb. Bei seinen Söhnen setzte er daher auf eine umfassende Berufsbildung. Dem Geist der Zeit entsprechend, hielt er eine weiterführende Bildung für seine Töchter nicht für erforderlich.
Beim Aufbau seiner Fabrik wirkte Johann Baptist Müller vor allem als Investor, einige seiner Söhne brachten ihre Fachkompetenz in die Firma ein.
Vier seiner Söhne haben eine bemerkenswerte Laufbahnen eingeschlagen: Johann Baptist Müller - er trug den gleichen Namen wie sein Vater - sammelte nach einer kaufmännischen Lehre in Wattwil in Genf und in Lyon Berufserfahrungen. 1848 gründete er zusammen mit seinem Vater das Textilfabrikations- und Handelsunternehmen J. Müller & Söhne. Der Junior setzte als Pionier auf mechanische Webstühle.
Erfahrungen in Grossbritannien gesammelt
Sein jüngerer Bruder Johann Fridolin Müller absolvierte im elterlichen Familienbetrieb eine Ausbildung. Er ergänzte sie mit dem Besuch einer Handelsschule in Genf. In England und in Schottland studierte er die Technologie der Webmaschinen. Schliesslich wurde er Teilhaber der Wiler Firma seines Bruders und seines Vaters und reorganisierte sie.
Ein weiterer Bruder, Johann Joseph Müller, war befristet in der Firma aktiv. Er hatte in München, Heidelberg, Genf und Lausanne Jurisprudenz studiert. Anfänglich war er in Wil, später in St. Gallen als Anwalt tätig. Er hatte verschiedene politische Ämter inne, unter anderem sass er im Nationalrat.
Begabter Architekt
Auch beide Brüder Johann Baptist sowie Johann Fridolin Müller engagierten sich in der lokalen und in der kantonalen beziehungsweise nationalen Politik. Johann Fridolin war zudem ein Förderer der Toggenburger Bank wie auch der Toggenburg-Bahn. Ein weiterer Bruder, Johann Georg Müller, setzte seine Kenntnisse und Fähigkeiten als Architekt unter anderem zur Neugestaltung der St. Laurenzenkirche in St. Gallen ein.
Filz als neues Geschäftsfeld
In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts gerieten die Textil-Produkte aus Wil gegen die Konkurrenz England und aus Japan zunehmend ins Hintertreffen. Zudem kam es zu erheblichen Wechselkursverlusten. Nachdem die erfolgreichen Jahre vorbei waren, musste ein neues Geschäftsfeld gefunden werden. Man setzte künftig auf die Herstellung von hochwertigen Filzen. So entstand aus der ehemaligen Buntweberei eine Filzfabrik. Treibende Kraft war dabei Fridolin Müller, ein Nachkomme der Buntweberei-Gründer. Die Firma besteht bis heute. Am ursprünglichen Standort der Filzfabrik steht heute eine Wohnüberbauung.