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Der arktischen Meeresregionen von Svalbard, Grönland und Ostkanada bieten im Sommer zahlreichen Seevogelarten einen reich gedeckten Tisch und Brutmöglichkeiten. Im Winter aber ziehen die meisten der Vögel in den Nordatlantik und bleiben oft auf dem offenen Meer. Dort sind sie Wind und Wellen ausgesetzt und oft werden nach grossen Stürmen zahlreiche tote Vögel an Stränden angespült. Ein internationales Forschungsteam unter französischer Leitung untersuchte, ob die Stürme, die durch den Klimawandel häufiger und heftiger werden, die Ursache für das Massensterben sein könnte und kommen zu einem anderen Schluss.
Papageitaucher, Dickschnabel- und Trottellummen, Krabbentaucher und Dreizehenmöwen scheinen nach den Modellberechnungen in der veröffentlichten Studie mit Manon Clairbaux, Postdoktorandin am französischen CEFE und jetzt an der Universität von Cork (IRL) als Hauptautorin, nicht direkt durch die Winterstürme zu sterben. Die Autoren vermuten, dass die Vögel eher zu wenig Nahrung finden nach den Stürmen, weil die Wasserschichten durcheinandergewirbelt wurden und so die Krebstiere und kleinen Fische entweder in tiefere Wasserschichten treiben oder die Schwärme auseinandergerissen werden. Dadurch würden die Seevögel nicht genügend Energie gewinnen, um die Kälte und Folgestürme zu überstehen.
Die vom Forschungsteam untersuchten Seevogelarten verbringen ihre Sommer in den arktischen Küstenregionen und ziehen im Herbst in den Nordatlantik, wo kein Meereis ihre Nahrungsgründe blockiert. Doch ihre Gebiete sind häufig im Zentrum von starken Winterstürmen, wie das internationale Forschungsteam zeigen konnte. Sie kartierten die Überwinterungsorte von rund 1’500 Vögeln der oben genannten fünf Arten und verglichen sie mit Daten über Winterstürme in vier verschiedenen Stärkeklassen. Dabei zeigte sich, dass beispielsweise Dickschnabellummen im Winter bis zu vier Mal Stürme der Kategorie 4 (von 4) pro Monat erleben. Dabei werden die Tiere massivem Wellengang, starken Winden und Niederschlägen und sehr tiefen Wasser- und Lufttemperaturen ausgesetzt. Da alle Alkenvögel eher schwer gebaut sind, um energiesparend tauchen zu können und dies auf Kosten des Fliegens geht, ging man bisher davon aus, dass die Tiere, wenn auf dem offenen Meer, die Stürme aussitzen und dabei zuviel Energie verwenden und darum sterben. Doch Clairbaux und ihre Kollegen berechneten, dass die Tiere im Normalfall den Umweltbedingungen von der Energieseite her standhalten können. Voraussetzung dafür ist aber genügend Nahrung.
Nach Angaben der Forscherinnen und Forscher liegt die Antwort für die zahlreichen toten Vögel eher bei der Nahrung. Durch die Stürme werden die Wasserschichten stark aufgewirbelt und die Zahl der Krebstiere und Fische stark reduziert. Nach den Berechnungen des Teams können die Vögel je nach Art zwischen zwei und acht Tagen im Herbst und zwei und sechs Tagen im Winter ohne Nahrung auskommen, je nach Temperatur. Wenn also nach schweren Stürmen die Nahrung ausbleibt, wird es für die Vögel kritisch. Doch die Forscherinnen und Forscher erklären in ihrer Arbeit, die in der Fachzeitschrift Current Biology veröffentlicht worden ist, dass ihre Ergebnisse mit Vorsicht zu betrachten sind. Denn ihre Modellierung bezüglich des Energieaufwandes der untersuchten Vögel und die möglichen Energieverluste durch die Umweltbedingungen in den Stürmen seien eher konservativ. Denn zum einen sei es kaum möglich lebensechte Daten über den Energieaufwand und das Verhalten der Vögel während Stürmen zu erhalten; zum anderen wurden in den Modellen nur die Temperaturen von Luft und Wasser, Windgeschwindigkeiten und die Annahme von reduzierter Aktivität durch Wärmeverlust und erhöhtem Energieaufwand eingerechnet, da die Datenlage für weitere Faktoren nicht ausreichend gewesen sei.
Die Seevogelarten, die in dieser Studie untersucht wurden, stehen schon länger unter Druck. Neben Fischerei, Verschmutzung der Ozeane und der Brutgebiete und ein reduziertes Nahrungsangebot aufgrund veränderter Klimabedingungen haben einige Populationen wie beispielsweise Papageitaucher auf Island stark zurückgehen lassen. Da durch den Klimawandel mit mehr meteorologischen Extremereignissen zu rechnen ist (wie wir selbst erlebt haben), könnte die Zahl und die Intensität von Stürmen in den Überwinterungsgebieten zunehmen. Zwar scheinen die widrigen Bedingungen, die dort jetzt schon herrschen, den Vogelarten nicht viel auszumachen und es scheint eine Art Balance zwischen Pro und Contra zu herrschen. Doch das Gleichgewicht könnte schnell zuungunsten der Vögel kippen und sie über den Rand schieben, von dem es kein Zurückkommen geben wird.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal