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Wieso wissen „Experten“, wie viel wir uns zu bewegen haben?
Kenneth Cooper ist eine der legendären Figuren der Jogging Bewegung. Er war in den 60er Jahren Major der US Air Force und integrierte als erster ein Lauftraining in die Ausbildung der jungen Piloten. 1970 gründete er die präventivmedizinische Cooper Clinic in Dallas, Texas.
Kernstück jeder Untersuchung war ein Fitnesstest. 1989 publizierte er mit Steven Blair und Coautoren die «Aerobic Center Longitudinal Study». Das Resultat der unterdessen über 10‘000 Fitnesstests schmiss Einiges an Common Sense über den Haufen: Wichtiger als das Körpergewicht war die Fitness. Fitte Übergewichtige hatten kein grösseres Erkrankungs- oder Sterberisiko als normalgewichtige Couch Potatoes.
In den 80er Jahren gab ein Expertengremium des American College of Sports Medicine seine ersten Empfehlungen heraus, wie viel gesunde Amerikaner sich zu bewegen hätten, um chronischen Krankheiten und vorzeitigem Tod die Stirn zu bieten. Mit in der Kommission: wieder Steven Blair.
Wenig Echo
Offenbar fühlte sich der Durchschnittsbürger aber nicht angesprochen von den Sportmedizinern.
Was lag näher, als eine weniger sportlastige Gesellschaft zu gründen?
2007 hoben das American College of Sports Medicine und die American Medical Association die „Exercise is Medicine“- Initiative aus der Taufe. Bewegung sollte nun ärztlich verordnet werden, „Exercise“ roch etwas weniger nach Schweiss als Sport. Mit im Beirat: erneut Steven Blair.
Die anfangs erwähnte «Aerobic Center Longitudinal Study» lief weiter. In verschiedenen Fachjournalen wurden immer neue Resultate publiziert. Die Zahl der Untersuchungen und Fitnesstests dürfte unterdessen bei über 40‘000 angelangt sein.
Steven Blair
Er war die intellektuelle Stimme der Fitnessbewegung, die boomte wie noch nie. Der quirlige, eher kleine und deutlich übergewichtige (aber angeblich fitte) Professor wurde weltweit ein gefragter Redner. Fitness war sein Ding.
Die grosse Abwesende in seinen Publikationen und Vorträgen war allerdings die Ernährung. Wenn einmal erwähnt, dann im besten Fall als Hirngespinst von ein paar Uneinsichtigen:
«There is virtually no compelling evidence, that sugary drinks and junk food are the cause of obesity» …trägt er in einem Youtube Film vor (https://www.youtube.com/watch?v=9xBV_Enlh1A).
In einem andern sieht er «Physical Inactivity as the Biggest Health Threat in the 21st Century» (https://www.youtube.com/watch?v=bTKRrpqIHJU).
Es belustigt ihn offensichtlich, dass Forscher auf die Idee kommen konnten, Ernährung spiele bei chronischen Krankheiten auch eine Rolle.
Der umtriebige Professor hatte offenbar Appetit auf mehr: 2007 ist er Mitbegründer des «Institute of Lifestyle Medicine» an der Harvard University, eine «non-profit professional education, research, and advocacy organization group». Advocacy meint primär das Eintreten für mehr Bewegung. 2015 publiziert Steven Blair im British Journal of Sports Medicine: “Energy balance: a crucial issue for exercise and sports medicine”. Der Artikel ist der Startschuss zur Gründung des “Global Energy Balance Networks“. Energy Balance bedeutet klipp und klar: mehr Kalorien raus als rein ist die Lösung unserer Gesundheitsprobleme! The Biggest Health Threat ist also wieder Bewegungsmangel!
Mit andern Worten: selber schuld!
Gegensteuer
Das Global Energy Balance Network hatte nur ein kurzes Leben. Einem bekannten Adipositas (Übergewichts)-Forscher kam die ständige Medienpräsenz von Steven Blair und vor allem seine aufdringliche Einseitigkeit mit der Zeit sonderbar vor. Denn unter Adipositas – Forschern gibt es kaum einen Zweifel, dass Bewegung zwar eine, aber eine eher untergeordnete Rolle spielt in der Entwicklung von Übergewicht und Folgekrankheiten.
So recherchierte er nach den Sponsoren des Global Energy Balance Network und würde fündig:
Coca Cola. Coca Cola? Wieso Coca Cola?
Jetzt erinnern wir uns, dass wir einem so gigantischen Ablenkungsmanöver schon einmal begegnet sind: in den 50er Jahren wiesen britische Forscher, John Yudkin an vorderster Front, nach, dass für die epidemische Zunahme von Herzinfarkten nach dem 2. Weltkrieg Zucker die wahrscheinlichste Ursache war. Das passte gar nicht ins Konzept des damaligen Shooting Stars der Ernährungsmedizin, des Amerikaners Ancel Keys. In einer grossangelegten Studie hatte er „nachgewiesen“, dass Fett der Übeltäter war. Nachgewiesen durch Datenmanipulation. Die Nahrungsmittelindustrie war auf diesen Zug bereits aufgesprungen und die Lowfat – Welle begann Amerika zu überrollen. Die Zuckerhypothese störte gewaltig. Ancel Keys und seine Mitstreiter wurden durch die Zuckerindustrie üppig mit Forschungsgeldern ausgestattet. Zucker musste um jeden Preis aus dem Fokus verschwinden.
Reihenweise erschienen nun Studien über einen Zusammenhang zwischen Nahrungsfett und Herzinfarkt. Die Rechnung ging auf: John Yudkin, der Zuckerfeind, verlor nicht nur alle Forschungsgelder, seine Universität strich ihm auch das Budget für sein Labor. Seine Forschungslaufbahn war beendet. Das Drehbuch ist also bekannt. Geld fliesst dorthin, wo erwünschte Resultate generiert werden, um wenig erwünschte aus dem Radar zu nehmen.
Follow the money
„Coca-Cola Funds Scientists Who Shift Blame for Obesity Away From Bad Diets” titelte die New York Times, als klar wurde, dass alle oben erwähnten Initiativen für mehr Bewegung auf der Payroll von Coca Cola und verwandten Industrien standen. In wenigen Jahren ein zweistelliger Millionenbetrag für Forschung, die nur einen Zweck hatte: Massenproduktion von «wissenschaftlichen Publikationen» als Ablenkungsmanöver.
Die Evolution hat uns weder Stühle noch Sodagetränke auf den Weg gegeben. Der Mensch ist ein Bewegungstier, unser grösstes Organ ist die Muskulatur. Da wir unterdessen weder jagen noch die Beute nach Hause tragen, sind wir in der Pflicht, unsere Muskeln auf andere Art zu pflegen.
Aber ebenso in der Pflicht, unsere Ernährung wieder gesund zu gestalten.