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43’252’003’274’489’856’000 (in Worten: dreiundvierzig Trillionen zweihundertzweiundfünfzig Billiarden drei Billionen zweihundertvierundsiebzig Milliarden vierhundertneunundachtzig Millionen achthundertsechsundfünfzigtausend): Die ominöse Zahl bezeichnet die möglichen Stellungen, in denen sich der berühmte Rubik’s Cube befinden kann. Sie kommt selbstverständlich auch im Buch «Cubed» vor, in dem Ernö Rubik erstmals seine Beziehung zu dem von ihm 1974 erfundenen und mittlerweile weltweit über 350 Millionen mal verkauften Zauberwürfel beschreibt. Dass sie erst auf Seite 173 von insgesamt 214 auftaucht, wirkt eher erstaunlich. Vor allem für solche, die meinen, der Schöpfer eines Dings, das seit fast einem halben Jahrhundert als «ultimatives Symbol für Intelligenz und Problemlösung» gilt, müsse ein Zahlenmensch sein.
Herz, Kopf und Hand
Gerade dies ist Rubik aber nicht. Der heute 76-jährige Architekt, Professor für Kunsthandwerk und Gestaltung, der Zeit seines Lebens in Budapest lebt, interessiert sich kaum für Zahlen, weder für die Rekordzeiten, die so genannte «Speed Cuber» erzielen, noch für das Geld, das er mit seiner Erfindung verdient. «Meine Haltung zum Geld bestand stets darin, es zu ignorieren», schreibt er. Rubik hat auch nie versucht, mit rechnerischen Methoden, zum Beispiel mit der Schaffung von Algorithmen, die Geheimnisse des nach ihm benannten Objekts zu lüften. Ganz abgesehen davon, dass ihm die rechnerischen Kapazitäten, die nötig sind, um die erwähnten 43 Trillionen Möglichkeiten in den Griff zu bekommen, nicht zur Verfügung standen.
Es sind andere Wege, die Rubik geht – mit Gelassenheit, fast kindlichem Staunen, einer vom Vater geerbten Beharrlichkeit, mit einer schier grenzenlosen Neugier sowie einer ebenso grossen Liebe zur gestellten Aufgabe. Dass er begann, acht kleine Würfel so zusammenzusetzen, dass sie miteinander verbunden blieben, gleichzeitig aber einzeln bewegt werden konnten, fand Rubik zunächst mal «interessant». Was nichts anderes bedeutete, als dass seine Neugier geweckt war und er herausfinden wollte, ob sich diese Idee auch realisieren liesse. Nicht rechnerisch, sondern intuitiv. Rubik: «Intuition ist eine Kraft, die einen nicht drängt, sondern zieht, hin zu etwas auf einmalige Weise Wichtigem.» Bei den Versuchen, Ordnung in das von ihm geschaffene Chaos zu bringen, sei er in eine Art von Trance geraten, als er mit seinen «Händen arbeitete, Dinge tatsächlich formte, Materialien bearbeitete, taktile Formen schuf und erlebte, dass man auch inmitten von lauter Schwierigkeiten Schönheit entdecken kann». Kreative Schöpfungsprozesse sind bei Rubik denn auch immer ein Zusammenspiel von Kopf, Herz und Hand. Erinnerungen an das von Heinrich Pestalozzi vor über 200 Jahren formulierte Erziehung- und Bildungsideal drängen sich da auf.
Wie der Schöpfer von Pinocchio
Rubik sieht sich trotz der Tatsache, dass er ein millionenfach faszinierendes Kultobjekt geschaffen hat, nicht als Star. Im Mittelpunkt steht der Cube, von dem Rubik wie als Vater von seinem Jungen spricht. Dazu passt, dass er sich an einer Stelle mit dem alten Holzschnitzer Gepetto vergleicht, der mitansehen musste, wie seine Schöpfung plötzlich ein Eigenleben zu führen begann: «Ähnlich wie Pinocchio wurde auch mein Cube selbständig. Er hat sich nicht nur als unabhängig erwiesen, sondern in vielerlei Hinsicht auch als das Gegenteil von mir. Der Cube liebt es, im Rampenlicht zu stehen; ich nicht. Er will mit allen in Interaktion treten, mir fällt das mitunter ein wenig schwer. Er ist ziemlich ehrgeizig; ich weniger. Es mag seltsam klingen, wenn ich ein unbeseeltes Objekt auf diese Weise beschreibe, aber ich glaube, dass jeder Cuber, ganz gleich wie lange er schon mit dem Zauberwürfel spielt, eine ganz eigene Beziehung zu ihm entwickelt.»
Die einzigartige Beziehung Mensch-Würfel: Ohne sie wäre der Erfolg des Cube nicht zu erklären. Ernö Rubik nimmt diesen zentralen Aspekt in seinem Buch denn auch immer wieder auf. Die dahinter steckende Emotionalität ist schon zu spüren, wo er den Moment beschreibt, in dem er das Puzzle nach einem Monat zum ersten Mal gelöst hat: «Und dann, in einem wunderbaren und denkwürdigen Moment, fügte sich alles. … Ich betrachtete den Würfel und sah, dass alle Farben dort waren, wo sie sein sollten. Was war das für ein mitreissendes Gefühl! Eine Mischung von Erfolgsgefühl und ungeheurer Erleichterung. Und ein echtes Gefühl der Neugier: Wie würde es sein, das noch einmal zu machen?» Rubik war sich in diesem Moment auch bewusst, dass er ein Objekt voller Rätsel und mit hohem Aufforderungscharakter geschaffen hatte: «Man denkt nicht an technische Aspekte, wenn man am Cube herumdreht. Man will einfach spielen. Man will ihn einfach beherrschen.»
Zustand der Meditation
Das Lösen des Würfels versetzt die Menschen in eine Art Ausnahmezustand: «Die Gesichter wirken ganz ruhig, aber auch intensiv beschäftigt. Konzentriert, nach innen gekehrt, ohne Kontakt mit der Umgebung und der Aussenwelt. Die Menschen sehen aus, als befänden sie sich in einem Zustand der Meditation, nur dass sie sich nicht in ihrem Innersten verlieren, sondern beschäftigt und aktiv sind. Sie existieren in einem der seltenen Momente, in denen Ordnung und Chaos friedlich nebeneinander bestehen.» Weil Rubik dies bei Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrem Alter und ihrem sozialen Status auf der ganzen Welt beobachtet, wird für ihn in der Beschäftigung mit dem Cube die Universalität des Menschseins sichtbar.
Bescheiden wie er ist, stellt sich Ernö Rubik einmal die Frage: «Wie konnte ausgerechnet dieser unaufdringliche, unscheinbare ältere Herr aus Ungarn dieses wundersame Objekt erfinden?» Das Buch gibt die Antwort: Weil er irgendeinmal wissen wollte, ob es möglich sei, acht kleine Würfel so zusammenzusetzen, dass sie miteinander verbunden blieben, gleichzeitig aber einzeln bewegt werden konnten. Nun wissen wir es.
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Ernö Rubik: Cubed. Der Zauberwürfel und die grossen Rätsel der Welt. Aus dem Englischen von Andreas Wirthenson. Verlag C.H. Beck, München. ISBN 978 3 406 75572 9. Fr. 31.90
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Synes Ernst ist Spielekritiker und war lange Mitglied der «Jury Spiel des Jahres». Er hat Ernö Rubik 1980 persönlich kennen gelernt, als dieser für seinen Cube mit dem Sonderpreis für das beste Solitärspiel ausgezeichnet wurde.