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Jede Indienreise kann nur begrenzte Einblicke geben in dieses Land der unterschiedlichsten Kulturen.
Als sich in Mitteleuropa die Reformation langsam auszubreiten begann, fasste Fürst Babur im Ferghanatal (heute Usbekistan) den Entschluss, sich einen neuen Herrschaftsraum zu suchen. Er wanderte über Afghanistan nach Indien, wo er um 1520 sein Reich gründete, ungefähr dort, wo heute Delhi, Agra und Rajastan liegen. Babur gilt als Nachkomme von Dschingis Khan, dem Mongolenherrscher, daher stammt der Name Mogul-Kaiser, denn als Kaiser ("Shah") liess sich Babur ausrufen. Kulturell waren die Moguln mit Persien verbunden, das fällt allen Besuchern auf, die auch die Paläste und Moscheen in Isfahan oder Schiras kennen.
Fatehpur Sikri, von Akbar erbaut, kurzzeitig Hauptstadt des Reiches
Die Hinterlassenschaft der Mogulherrscher
Nach Babur herrschten bedeutendere und unwichtigere Fürsten. Shah Jahan wurde durch den Taj Mahal berühmt, das weltbekannte Mausoleum, das er für seine Lieblingsfrau bauen liess, die bei der Geburt ihres 14. Kindes gestorben war. Shah Jahan hatte geplant, auf der anderen Seite des Flusses für sich selbst einen Grabbau errichten zu lassen – jedoch verschlang schon der Bau des Taj Mahal so viel Geld, dass ihn sein Sohn kurzerhand im nahen Roten Fort von Agra gefangen setzte. Von dort konnte Shah Jahan nur noch machtlos den Fortgang der Bauarbeiten beobachten.
Die unbestreitbare Schönheit und Harmonie des Bauwerkes zieht auch heute noch Millionen Bewunderer aus Indien und aller Welt an. Es ist schier unmöglich, das Bauwerk ohne seine Besucher anzuschauen und, um die sogenannte Grabkammer anzuschauen, muss man lange Schlange stehen und sich dann mit vielen ungeduldigen Neugierigen an den beiden (leeren) Sarkophagen vorbeidrängeln.
Der wichtigste Mogulkaiser aber war Akbar, der von 1556 bis 1605 regierte. Zu dieser Zeit besass das Reich nicht nur seine grösste Ausdehnung, es umfasste grosse Teile des heutigen Nord- und Mittelindien, sondern Akbar verlieh ihm durch sein politisches und militärisches Geschick grossen Einfluss. Als erster Mogulherrscher heiratete er eine einheimische Hindu-Prinzessin aus der Nähe von Jaipur (Rajastan), wo heute noch ein grosses Fort mit Schloss zu besichtigen ist.
Akbar war ein sehr gebildeter Mann – und äusserst modern: Neben vielem anderen schuf er ein effizientes Verwaltungssystem, liess viele architektonisch interessante, selbst entworfene Bauten errichten und erstaunlich für diese Epoche: Er deklarierte Religionsfreiheit in seinem Reich - damit erlaubte er auch den Portugiesen in Goa, sich dort als katholische Missionare und Händler niederzulassen. Kein Wunder, dass Akbar neben Ashoka (3. Jahrhundert vor Christus) zu den wenigen herausragenden Herrschern Indiens gezählt wird.
Auch die Wissenschaften wurde unter den Mogulherrschern gefördert. In Jaipur kann man Jantar Mantar (links) besuchen, im 18. Jahrhundert errichtet, ein Observatorium, das den erstaunlichsten astronomischen Berechnungen sowie Wettervorhersagen und daneben astrologischen Bestimmungen von wichtigen Daten u.a. gedient hatte. Jai Singh II. hatte fünf solche Anlagen bauen lassen, vier davon sind noch erhalten. - In kleinerem Umfang hatte schon Timur Lenk in Samarkand ein solches Observatorium errichten lassen. – Die kulturelle Verbindung zwischen den mittelasiatischen Reichen zeigt sich in vielen Bereichen.
Goa – zum Ausruhen
Goa, kleinster Bundesstaat Indiens, blieb bis 1961 Teil des portugiesischen Kolonialreiches. Auch heute noch sieht man überall portugiesische Namen – es sind Inder, die als Christen solche Namen erhalten hatten. Das Christentum ist allenthalben noch präsent, man sieht viele kleine und grössere Kirchen, manche mit angegliederten Schulen. Auch die einstöckigen Häuser – zum Teil leicht verfallen, zum Teil schön renoviert – zeugen von den früheren portugiesischen Baumeistern.
Goa ist nicht nur ein beliebtes Ferienziel, besonders für die Mittelschicht aus Bombay / Mumbai, sondern forciert ebenso seine Entwicklung als Wissenschafts- und IT-Zentrum. Die neue Universität wird weiter ausgebaut, ein grosses Spitalzentrum und andere Forschungszentren sind geplant. Von den Hippies aus den 1960er Jahren ist nicht mehr viel zu sehen, aber die langen breiten Stränden laden zu Badeferien ein.
Wer davon genug hat, kann eine Fahrt ins Landesinnere machen und eine Gewürzfarm besichtigen, wo Kakao- und Kaffeebäume wachsen, Papaya- und Zimtbäume, Nelken, Ananas und kleine Bananen; junge Männer klettern auf Palmen und schwingen sich zur nächsten, um Betelnüsse zu ernten – ein lehrreicher Ausflug. Einer der köstlichsten Genüsse ist der frischgepresste Saft der Guave, einer schwer zu beschreibenden tropischen Frucht mit einem einzigartigen süss-säuerlichen Geschmack.
Ein Wermutstropfen für Mitteleuropäer
Zu den für europäische Touristen am schwierigsten zu ertragenden Besonderheiten Indiens gehört der Verkehr: Er ist für unsere Begriffe chaotisch und undurchschaubar. Sogar auf den scheinbar ländlichen Strassen Goas ist es für Fussgänger ein gefährliches Abenteuer, die Strasse zu überqueren. Es sind nicht nur die vorwiegend gut gepflegten, modernen Autos, die scheinbar wild voranpreschen, es sind auch die Horden von Motorrollern, die sich halsbrecherisch überall hindurchdrängeln. – Oft genug sitzen nicht nur zwei, sondern drei oder sogar vier Personen drauf. Touristen schliessen da am besten die Augen . . . Am allerschlimmsten ist der Verkehr wohl in Delhi. Die Fahrt zum Flughafen können wir Westler nur als nervtötende Geduldsprobe bezeichnen.
Der Verkehr braust auch in Jaipur vor dem 'Palast der Winde', dem Frauenhaus des Maharaja-Palastes. Bemerkenswert ist die Konstruktion: Die erkerähnlichen kleinen Fenster dienen der Kühlung im heissen Sommer. In allen mittelasiatischen Ländern haben die Bauherren einfallsreiche Wege zur Kühlung ihrer Wohnräume entwickelt.
Notwendiges Nachwort:
Wer diesen Bericht über die Besichtigungen und den Strassenverkehr liest, mag den Eindruck erhalten, Inder oder Inderinnen seien unfreundlich.
Das Gegenteil ist der Fall! Unsere Gruppe von sieben Mitteleuropäern fiel innerhalb der Menge der Einheimischen oft auf, auf dem Gelände des Taj Mahal beispielsweise. Aber gerade da kamen die Menschen auf uns zu, waren gesprächsbereit, freuten sich - und im Zeitalter der Selfies - wollten Fotos mit uns zusammen.
Alle Fotos: Maja Petzold