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Clemens Bimek stammt aus der DDR und ist eigentlich gerlernter Schreiner. Kurz nach der Wende sah er im Fernsehen eine Dokumentation zum Thema Vasektomie. Dieses Verfahren war in der DDR anscheinend kein Thema, denn es war ihm völlig neu. Und er fragte sich, warum man den Samenleiter durchschneidet – denn der Eingriff kann so nur schwer rückgängig gemacht werden.
Bimek fand, da müsse etwas Neues her, und fing an, an einer Alternative zu arbeiten. Er entwickelte ein Ventil mit Kippschalter, das in den Samenleiter implantiert wird und den Fluss der Spermien reguliert. So soll der Mann jeweils selber entscheiden können, ob er gerade zeugungsfähig ist oder nicht. Durch jahrelange Forschung und Recherche eignete sich der Schreiner als Autodidakt das entsprechende Wissen an und produzierte für seine Firma Bimek SLV die ersten Prototypen.
Jetzt soll das Ventil auf dem Markt zugelassen werden. Wie es genau funktioniert, wie teuer es sein wird und für wen es geeignet ist, erklärt Dirk Baranek, Pressesprecher der Bimek SLV.
annabelle.ch: Dirk Baranek, wie funktioniert diese Ventil genau?
DIRK BARANEK: Um das zu erklären, muss man etwas ausholen. Denn vielen fehlt das entsprechende Wissen über die männlichen Zeugungsorgane: In den Hoden wird das genetische Vormaterial gebildet, das Spermaplasma, im Nebenhoden die Spermien. Vom Nebenhoden aus läuft der Samenleiter hinauf zur Samenleiterblase, die sitzt neben der Prostata. Dort vermischen sich die Spermien dann mit dem Spermaplasma. Wie bei einer Vasektomie wird bei der Implantation des Ventils die Verbindung zwischen Nebenhoden und Samenblase getrennt. Zwischen den beiden Enden des durchtrennten Samenleiters wird dann das Ventil eingesetzt.
Durch das Ventil wird also verhindert, dass das Spermaplasma mit Spermien angereichert wird?
Genau, es ist das gleiche Prinzip wie bei einer Vasektomie. Der Nachteil der Vasektomie ist allerdings: Die Operation ist nur schwer reversibel.
Und wie wird das Ventil eingebaut?
Das Ventil sitzt zwischen den beiden Enden der durchtrennten Samenleiter. In jedes Ende des Samenleiters wird eine kleine Tülle eingeführt, in die das Ventil geklemmt wird. Die Operation ist ambulant, dauert etwa eine halbe Stunde und wird mit örtlicher Betäubung durchgeführt. Der Mann kann also nach der Operation gleich wieder nachhause.
Die Nebenhoden produzieren aber weiterhin Sperma. Kann das zu Komplikationen führen?
Nein. Es stimmt zwar, dass weiterhin Spermien produziert werden. Die werden aber durch das Ventil in den Hodensack abgeleitet und dort durch Fresszellen abgebaut. Es ist wichtig, dass der Spermafluss weiterhin stattfindet. Sonst kann es zu einem Stau und zur Schädigung der Nebenhoden kommen.
Ist der Mann sofort nach der Implantation steril?
Nein, in der Samenblase sind direkt nach der Implantation noch Reste von Ejakulat mit Spermien vorhanden, die zuerst abgebaut werden müssen. Das dauert ungefähr drei bis sechs Monate, oder etwa dreissig Ejakulationen. Nach dieser Zeit sollte man zur Sicherheit beim Urologen testen lassen, ob das Ejakulat wirklich keine Spermien mehr enthält.
Und wenn der Mann nach der Implantation trotzdem ein Kind zeugen will?
Auch das ist möglich. Man muss am Ventil einen Sicherungsstift drücken. Das funktioniert von aussen, durch die Haut des Hodensacks. Am besten legt sich der Mann dazu in die Badewanne, entspannt sich und ertastet das Ventil. Dann legt er mit dem Sicherungsstift den Schalter um. So können die Spermien wieder in das Spermaplasma gelangen, und zwei bis drei Tage später ist der Mann wieder fruchtbar.
Woran erkennt man, ob das Ventil geschlossen oder geöffnet ist?
Das Ventil wird im geschlossenen Zustand implantiert und liegt senkrecht im Körper. Der Mechanismus ist sehr klar: Liegt der Schalter Richtung Körper, also nach oben, ist das Ventil geschlossen. Liegt er Richtung Unterkörper, ist es geöffnet. Wir denken aber nicht, dass die Leute ständig daran herumdrücken werden. Dass ein Mann wieder fruchtbar werden möchte, ist ja erst der Fall, wenn er ein Kind zeugen will.
Das Ventil ist also eine langfristige Verhütungsmethode?
Genau. Es eignet sich nicht für spontane Entscheidungen: Heute Abend mach ich mal auf, morgen wieder zu. Sondern für die langfristige Familienplanung. Ausserdem ist unser Anspruch auch, das Körperbewusstsein der Männer zu stärken: Wie funktioniert das da unten überhaupt alles? Fragen Sie einmal die Männer in Ihrem Umfeld, ich denke, die meisten können Ihnen nicht erklären, wo die Samenblase genau liegt und wie der Anreicherungsprozess der Samenflüssigkeit abläuft.
Momentan befinden Sie sich noch im medizinischen Zulassungsverfahren.
Wir haben im Oktober 25 bis 50 Probanden für diese Testphase gesucht. Denn Clemens Bimek lehnt Tierversuche gänzlich ab, das macht ja auch Sinn: Das Produkt ist für Menschen gemacht, also soll es auch an Menschen getestet werden. Wir haben anfangs daran gezweifelt, dass wir überhaupt einen einzigen Mann auf der Welt finden, der sich das Ventil implantieren lassen will, bevor es auf dem Markt zugelassen wird. Diese Angst war unbegründet: Gemeldet haben sich 840 Männer aus der ganzen Welt.
Wann starten Sie die klinische Studie mit den Probanden?
Aktuell liegt die Entscheidung noch bei einer Ethikkommission in einer Klinik in Südwestdeutschland. Sobald die Unterlagen des Projekts geprüft und abgesegnet werden, können wir loslegen. Wir rechnen damit, dass das schon diesen Sommer der Fall sein wird. Wenn alles nach unserem Zeitplan läuft, kommt das Ventil 2018 oder 2019 auf den Markt.
Für wen ist das Ventil geeignet?
Jeder Mann kann es tragen. Sicherlich ist es für diejenigen Männer interessant, die mit dem Gedanken an eine Vasektomie spielen, die sich aber daran stören, dass die Operation nur schwer rückgängig gemacht werden kann. Und wenn das Ventil auf dem Markt zugelassen wird, können sich Männer und Frauen das Thema Familienplanung endlich gleichberechtigt aufteilen. Das hören wir auch von unsere Probanden: Sie wollen nicht, dass ihre Frauen jahrelang Hormone nehmen müssen.
Wie teuer wird das Ventil sein, wenn es auf den Markt kommt?
Momentan rechnen wir noch mit etwa 5000 Euro für beide Ventile und die Operation. Die Ventile können aber ein Leben lang getragen werden. Und je länger das Produkt auf dem Markt ist, desto stärker werden wir den Preis für die Ventile senken können.
Ihr Hauptinvestor ist die Schweizer Firma PES Innovation in Herisau.
Richtig. Wir verkaufen momentan aber 20 Prozent der Anteile von Bimek SLV. Dazu haben wir ein Konzept entwickelt, das es auch Privaten möglich macht, zu investieren. Wer das Projekt also unterstützen will, kann ab 5000 Euro investieren.
Ich kann mir vorstellen, dass es Männer gibt, die Angst vor dem Einsetzen haben. Oder davor, dass es danach Komplikationen gibt. Wie können Sie diese Angst relativieren?
Wir rechnen damit, dass sich das durch die Testphase legen wird. Die Männer, die als Probanden an der Studie teilnehmen, werden hoffentlich ihren Freunden von den positiven Erfahrungen erzählen. Clemens Bimek selber ist jedenfalls begeistert: Er spüre die Ventile weder beim Velofahren noch beim Sex oder in sonstigen Alltagssituationen.
Mehr Informationen finden Sie auf bimek.com.