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Neuwiesen, Winterthur
Verschiedene Niveaus
Der frühere AXA-Tower steht an einer zentralen städtebaulichen Schnittstelle: der Kreuzung des Gleisfelds beim Bahnhof mit der Zürcherstras-se. 1912 fand eine Entflechtung statt, indem die Strasse unter den Schienen hindurchgeführt wurde. Dazu erstellte man Rampen, die von massiven Stützmauern aus Kalksteinquadern eingefasst wurden. Integriert in dieses grosse Infrastrukturwerk wurden auch die Umleitung des Stadtflüsschens Eulach und auf der Westseite der Gleise die Einmündungen der Strassen, die das Gleisfeld begrenzen: der Rudolfstrasse gegenüber dem Bahnhofgebäude und dem Bahnmeisterweg entlang der Industrieanlagen, die den Südwestteil von Winterthurs Kernzone prägen. Die Unterführung mit ihren «Zyklopischen Mauern» war zur Zeit ihrer Entstehung ein beliebtes Postkartensujet. Offenbar deutete sie an, dass Winterthur definitiv das Flair einer Grossstadt erhalten hatte. Sie besass für jene, die sich von Zürich her näherten, eine Art Portalfunktion. Und sie trennte die Altstadt und Villenquartiere von den Industrieanlagen und den Siedlungen der Arbeiter, deren Umzüge durch diese «Niederung» ins Zentrum fotografisch gut dokumentiert sind.
Beim Bau des Neuwiesen-Komplexes herrschte noch die «alte Ordnung»: Die Fabriken dienten den Industriebetrieben. Und die Unterführung bildete ein ins Stadtgefüge eingepasstes Nadelöhr, das allerdings zur selben Zeit verbreitert wurde. Das Bürogebäude stand bei der stumpfwinkligen Westecke der Kreuzung über der Einmündung der Rudolfstrasse in die Zürcherstrasse auf einer Plattform. Das Erdgeschoss befand sich für die «Querenden» weit oben, auf einer Insel, die durch ein Geländer gesichert war. Der Anschluss an weite Teile der restlichen Stadt war erschwert. Die Anpassungen in den frühen 1980er-Jahren brachten zwar eine Brücke über die Rudolfstrasse und verbesserte Bedingungen für Fussgänger, doch das Gefühl einer unangenehmen Abgrenzung mitten im Stadtzentrum blieb für viele bestehen.
Gleisquerung als Stadtraum
Heute ist Winterthur mehr eine Wohn- denn eine Industriestadt. Die Fabriken und ihre Areale wurden zu einem beträchtlichen Teil umgenutzt, ein Prozess, der sich bis heute fortsetzt. Dies gibt auch der Kreuzung einen neuen Charakter. Sie bildet weniger Übergang als Brennpunkt. Aufgrund der Lage und der guten Erschliessung eignet sie sich als Treffpunkt und Begegnungsort. Solche Gedanken standen hinter dem Projekt Gleisquerung Stadtmitte, welche die Stadt Winterthur 2009 in Angriff nahm und in zwei Etappen bis 2016 abschloss. Das Projekt wurde betreut von einem Gestaltungsteam mit Krebs und Herde Landschaftsarchitekten, Winterthur, sowie Müller & Truniger, Dr. Lüchinger + Meyer, Reflexion AG und Stadt Raum Verkehr, alle aus Zürich. Das Projekt vernetzt die zentralen Punkte Bahnhofplatz, Sulzerareal, Arch-Areal und die Rudolfstrasse mit einem attraktiven Wegnetz für den Fussgänger- und Fahrradverkehr. Die baulichen Massnahmen und Niveauangleichungen ermöglichten die Gestaltung eines grossen, verbindenden Platzes. Eine wichtige Massnahme war die Anhebung der Rudolfstrasse, die nun nicht mehr zur Unterführung hinabführt. Stattdessen gibt es eine breite Rampe zur Passage für Fussgänger und Velos, die weniger tief liegt. Und vor dem einstigen AXA-Hochhaus öffnet sich ein ebener, ausgedehnter Platz, der bis zu den Gleisen reicht, nahtlos zum einstigen Fabrikareal von Sulzer überleitet und das dortige Freizeitangebot erschliesst.
Krebs und Herde statteten die Platzflächen punktuell mit Baumpflanzungen, Sitzelementen und Brunnen aus. Durch das Spiegeln der Gestaltungselemente beidseits des Gleiskorridors und einer durchgehenden Materialität entstand ein erkennbarer Ort, der durch die Verwendung des vorhandenen Kalksteins für Mauern und Möblierung im städtischen Kanon verankert ist und eine zeitlose Wertigkeit ausstrahlt. Davon profitiert auch das Bürogebäude, das sich zwar primär in den Obergeschossen verwandelt hat, doch auch von der neuen, passantenfreundlichen Umgebung profitieren kann. Das Gastronomieangebot im Erdgeschoss hat an Attraktivität gewonnen.
Urbane, zentrale Lage
Die Liegenschaft enthält nun 37 Wohneinheiten mit erstklassiger und gepflegter Ausstattung an urbaner, zentraler Lage. Der übrige Neuwiesen-Gebäudekomplex war dabei nicht weiter zu strapazieren, die komplexe Statik unveränderbar; die neu hinzugekommene Nutzung sollte aber trotzdem erkennbar gemacht werden.
Diese knifflige Aufgabe löste das Architekturbüro Häberli Heinzer Steiger Architekten mit einer präzis ausgeloteten Eingriffstiefe und einer stringenten Adaption des Bestehenden. Ein sanfter Strukturwandel also, der den Rückbau «bis auf die bleichen Knochen runter» – so die Architekten – zur Folge hatte.
Die neuen Grundrisse bauen auf dem bestehenden Fassadenraster auf und kommen innerhalb der Wohnungen praktisch ohne Erschliessungsfläche aus, was die Nutzfläche erheblich erhöht. Die vorhandenen Aluminiumelemente der Fassade waren in gutem Zustand. Gereinigt, hinterlegt mit einer verstärkten Dämmung und am selben Ort wieder montiert, bilden sie auch die neue Haut und prägen somit weiterhin die äussere Gestalt. Zugleich machen insbesondere die Loggien – zusammen mit den farbigen Fenstern, Stoffstoren und den Pflanzentrögen des Attikageschosses – das Volumen als Wohnhaus «am Platz» neu lesbar.
Lukas Bonauer erläutert das Projekt eingehend in
«Architektur + Technik» 11-2018.
Bautafel Umbau
Bauherrschaft
Siska Heuberger Holding AG
Winterthur
Architekt
Häberli Heinzer Steiger Architekten
Winterthur
Bauleitung
PRO. Architektur AG
Wiesendangen
Bauingenieur
Anderes-Näf AG, Ingenieurbüro für Bauwesen
Kreuzlingen
HLKS-Ingenieur
3-Plan Haustechnik AG
Winterthur
Elektroingenieur
Bitech AG, Engineering & Consulting
Effretikon
Bauphysik
Zehnder & Kälin AG, Akustik und Bauphysik
Winterthur