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Gut zehn Jahre lang war unsere Nationalmannschaft unterteilt. In rote und grüne Spieler. Als Ralph Krueger 1997 Nationaltrainer wurde, baute er erst einmal ein defensives Fundament. Die roten Spieler übernahmen eine defensive Rolle. Die grünen Spieler eine offensive.
Die Schweizer galten bei der WM bald einmal als taktisch bestes, defensiv stabilstes Team. Gegnerische Coaches murrten über «Football on Ice».
Nationaltrainer Patrick Fischer hat diese Zeit als Stürmer miterlebt. Er gehörte zu den wenigen, die eine grüne, eine offensive Rolle übernehmen durften. Er erinnert sich: «Aber auch wir mussten trotzdem unsere defensiven Pflichten wahrnehmen.»
Eine Mannschaft mit grünen, offensiven Spielern war jahrelang nicht denkbar. Erst ab der WM 2010, der ersten seit 1998 ohne Ralph Krueger, begann das offensive Tauwetter. Denn nun eroberten nach und nach auch unsere Stürmer die NHL.
In Helsinki sehen wir ein grünes, ein offensives WM-Team. Fischer sieht zwar eher eine rot-grün gefärbte Mannschaft. Jeder ist fähig, auf internationalem Niveau eine offensive Rolle zu übernehmen. «Aber jeder trägt auch defensive Verantwortung.» Es ist das moderne, «totale» Hockey. Jeder muss alles können: Offensive und Defensive.
Eine Lehre aus dem knappen Scheitern in den Viertelfinals von 2019 gegen Kanada und 2021 gegen Deutschland mit Ausgleichstreffern in letzter Minute: den Druck aufrechterhalten. Weil Resultat-Halten im Eishockey sehr oft zu Passivität und Gegentreffern führt.
Im Idealfall rollte also eine grüne Welle von der ersten bis zur letzten Minute über unsere Gegner hinweg. So wie nun im ersten Spiel gegen Italien. 17:3 Torschüsse im ersten Drittel. Der erste Treffer durch Denis Malgin (sein erstes WM-Tor überhaupt) ist das Produkt eines perfekten, schnell ausgelösten Angriffs und eines Kunstschusses. Dafür wird der ZSC-Stürmer am Ende die Auszeichnung zum besten Spieler der Partie erhalten.
Die restlichen Treffer sind hingegen der grünen Welle geschuldet: dem unaufhörlichen Ansturm, dem permanenten Druck der Schweizer. Der Puck findet auf unspektakuläre Weise den Weg ins Netz. Werktags-Tore. Beim zweiten und dritten Treffer wird auf dem Video nachgesehen, ob die Sache regulär gelaufen ist.
Die grüne Welle hat nur zwischendurch etwas nachgelassen: 12:5 Torschüsse im zweiten, aber wieder 18:6 im letzten Drittel. Dieses vorübergehende Nachlassen ist begreiflich, sollte aber eigentlich nicht sein. Der permanente Druck ist das Erfolgsrezept. Dass es am Ende nur 5:2 steht, ist auch dem starken Andreas Bernard geschuldet. Der Goalie wird als bester Mann der Italiener ausgezeichnet.
Ein bisschen rote Farbe braucht es in der grünen Welle schon noch. Die beiden Gegentreffer mögen nur Schönheitsfehler sein. Aber wenn es um Medaillen geht, dürfen sich die Schweizer weder ein Nachlassen zwischendurch, noch Schönheitsfehler leisten. Zwei Gegentreffer in einem Spiel gegen einen Operetten-Gegner wie Italien sind zwei zu viel.
Es ist zwar arrogant, ja boshaft, die Italiener als Operetten-Gegner zu bezeichnen. Aber für ein Team, das sich Medaillen und WM-Titel zum Ziel setzt, darf ein Widersacher mit der Schuhgrösse der Italiener nicht mehr als ein Operetten-Gegner sein. Vor 27 Jahren hat die Schweiz bei einer WM zum bisher letzten Mal gegen Italien verloren (2:3). Am Ende stiegen die Schweizer bei der WM 1995 in Schweden ab. Grundsätzlich gilt: Wer gegen Italien verliert, ist ein Abstiegs- und nicht ein Medaillenkandidat.
Der erste, wahre Test für die grüne Welle folgt am Sonntag gegen Dänemark (19.20 Uhr). Die Dänen haben Kasachstan im ersten Spiel 9:1 überrollt. Ein Hinweis darauf, dass es das rote, das defensive Element in unserem Spiel auch braucht.
Aber Dänemarks Nationalcoach Heinz Ehlers ist in erster Linie ein Hexenmeister der Defensive. Beim olympischen Turnier in Peking hat Dänemark die Schweiz 5:3 besiegt.
Der grösste offensive Tenor hat noch nicht gesungen. Timo Meier hat zwar die meisten Schüsse aufs gegnerische Tor abgegeben (8). Aber noch nicht getroffen. Die Schweizer brauchten seine Tore gegen Italien nicht. Aber vielleicht sein erstes bei dieser WM gegen Dänemark.
Larry Huras ist seit 1991 im Trainer-Geschäft. In der Schweiz hat er mit den ZSC Lions (2001), mit dem HC Lugano (2003) und dem SC Bern (2010) den Titel geholt. Nach seiner letzten Station Fribourg-Gottéron ging er im Frühjahr 2017 in Pension. Doch nun ist der 66-Jährige zurück an der Bande, als Assistent von Italiens Nationaltrainer Greg Ireland.
Zum ersten Mal ist Huras nur der zweite Mann, zum ersten Mal ist er bei einer WM engagiert. Assistent zu sein, sei gar nicht so einfach: «Ich musste lernen, mal nichts zu sagen, zurückzustehen und die Entscheidungen anderen zu überlassen.» Lernen im Alter von 66 Jahren. Er kümmert sich bei den Italienern um das Coaching der Verteidiger und um das Boxplay.
Sein Mandat läuft am Ende dieser WM wieder aus. Eine Rückkehr ins Trainer-Geschäft könne er sich durchaus vorstellen. Mit 66 Jahren ist das Trainerleben ja noch lange nicht vorbei. Udo Jürgens hat sogar gesungen, das Leben fange erst mit 66 Jahren an.
Wer nächste Saison einen Nothelfer sucht, kann ja bei Larry Huras anrufen.
Nationaltrainer Patrick Fischer (46) erklärt die Lage nach dem Gruppensieg und vor dem WM-Viertelfinal gegen die USA mit Beispielen aus dem richtigen Leben: «Wir haben die Sekundarschulprüfung bestanden. Jetzt geht es weiter.» Und sagt auf Nachfrage: Ja, er habe damals die Prüfung bestanden. Als er noch ein Schulbub war, kam man nur mit bestandener Aufnahmeprüfung in die Sekundarschule.