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Die Nachfrage nach Energie kann auf zwei Arten gedeckt werden: zum einen durch die Erhöhung der Produktionskapazitäten oder Importe; zum anderen durch die Senkung des Verbrauchs und die Implementierung effizienterer Technologien. Der klassische Ansatz besteht darin, das Angebot durch die Implementierung von Produktionskapazitäten zu erhöhen. Umgekehrt ist es möglich, durch eine teilweise Senkung der Nachfrage dem Ressourcenverbrauch entgegenzuwirken.
Seit der Ölkrise der 1970er-Jahre wurden weltweit Standards für ein Verbot besonders energiefressender Geräte eingeführt, um drohende Engpässe abzuwenden und die Auswirkungen auf die Umwelt zu verringern. Ausserdem wurden Subventions- und Steuermassnahmen eingeführt, um die Konkurrenz durch die niedrigen Kosten umweltbelastender Energieträger wie Öl, Gas oder Atomkraft abzufedern, deren «externe Effekte» (Klimaerwärmung, Deckung von Unfallrisiken usw.) nicht in die Verkaufspreise einbezogen werden.
Um Engpässen in den Verteilnetzen entgegenzuwirken und Blackouts zu vermeiden, wurden in Nordamerika im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts Programme zur Steuerung der Energienachfrage (Demand Side Management) entwickelt, die vor allem von den grossen kalifornischen Energieversorgungsunternehmen getragen wurden. Dabei kommen in der Regel drei Arten von Instrumenten zum Einsatz:
- Vergütung von Energieeinsparungen (pull): finanzielle Anreize zur Beschleunigung der Implementierung von hocheffizienten Technologien, sparsamen Verhaltensweisen oder Optimierungsprozessen.
- Markttransformationen: Branchenvereinbarungen mit Lieferanten und Importeuren von Geräten, die dem Verbraucher vorgelagert (upstream) sind; die Verkäufer von Geräten oder Technologien beeinflussen den Kunden bei seinen Kaufentscheidungen.
- Direkte Implementierung (push) effizienter Technologien bei freiwilligen Kunden: Ein Installateur mit Lieferwagen bietet den Restaurants im Quartier an, ihre Beleuchtung innerhalb weniger Stunden zu einem vom Programmträger gesponserten Preis auszutauschen.
Solche Modelle, die ermöglichen, die wirtschaftlichen Interessen der Energieversorger auf die Energieeffizienz auszurichten, wurden in den letzten 40 Jahren in rund 50 Staaten und Gemeinden weltweit eingeführt. Sie erlauben, die gelieferten Energiemengen zu reduzieren, ohne die Margen zu schmälern, indem ein Teil der Erträge von den verkauften Mengen abgekoppelt wird.
In der Schweiz haben mehrere Energieversorger (Lausanne, Biel, Nyon, Yverdon-les-Bains, OIKEN usw.) solche Ansätze entwickelt. Sie konnten dabei von den Erfahrungen der Industriellen Betriebe Genf (SIG) profitieren, die sie beraten haben.
Energieeffizienz: die Erfahrungen mit dem Programm éco21
Die SIG haben 2007 das Programm éco21 ins Leben gerufen, um Unternehmen und Haushalte dazu zu bewegen, ihren Stromverbrauch und zu senken, ohne dabei auf Komfort und Wettbewerbsfähigkeit zu verzichten. Mehr als 15 Energieeffizienz-Aktionspläne wurden für den gesamten Kanton Genf umgesetzt.
Der Erfolg lässt sich sehen: Pro Jahr werden über 250 GWh gespart, das entspricht dem Stromverbrauch von 84’000 Genfer Haushalten! Die Effizienzsteigerungen, die zwischen 0,5% und 1% pro Jahr betragen, machen sich sowohl für die Verbraucher als auch für die Allgemeinheit bezahlt. Das éco21-Team (ca. 30 Fachleute) wird von den SIG mit einem Jahresbudget von rund 15 Mio. CHF ausgestattet. Die Betriebskosten des Programms für die SIG belaufen sich somit auf ca. 4 Rp. pro eingesparter kWh.
Der Einbezug von Fachleuten aus der Branche (Heizungsinstallateure, Elektriker usw.) und das Engagement verschiedener Interessengruppen (Detailhandel, Kanton, Gemeinden, Fachhochschulen, Universität usw.) haben sich als entscheidender Hebel erwiesen, um zu einem «besseren und geringeren Stromverbrauch» zu motivieren. Als Förderinstrument ermöglicht das Programm éco21, die Stromrechnungen von Unternehmen und Haushalten jedes Jahr um mehr als 40 Mio. CHF zu entlasten und gleichzeitig Arbeitsplätze und Geschäftsmöglichkeiten zu schaffen, die der lokalen Wirtschaft nützen. Dank éco21 hebt sich Genf vom Rest des Landes ab: Während der Pro-Kopf-Stromverbrauch seit 2009 in der Schweiz insgesamt um 0,94% pro Jahr gesunken ist, ist er in Genf um ganze 1,44% pro Jahr gesunken.
Würde man diesen Ansatz schweizweit umsetzen, indem man den EVU oder VNB Energiesparziele setzt, wären über einen Zeithorizont von 10 bis 15 Jahren strukturelle Stromeinsparungen von 4 bis 6 TWh möglich: ein willkommener Gewinn, um CO2-freie Mobilitäts- oder Wärmetechnologien zu fördern. Nicht nur in Genf ist die nicht verbrauchte kWh nach wie vor die günstigste − sowohl ökologisch als auch ökonomisch.
Das Anstreben einer maximalen Energieeffizienz ist mittlerweile allgemein anerkannt, doch es wird immer noch zu oft vergessen, sich mit den Ursachen auseinanderzusetzen.
Es scheint klar, dass wir alles tun müssen, um ineffiziente Technologien aus dem Markt zu entfernen. Aber wäre es nicht sinnvoll, die Bedürfnisse zu hinterfragen, die uns dazu bringen, immer mehr Technologien einzusetzen? Die Suffizienz beim Energieverbrauch, der nicht-technologische Aspekt des Energiesparens, erweist sich zunehmend als vielversprechende Ergänzung, ja als notwendige Voraussetzung für den Übergang zu einem kohlenstofffreien und sicheren Energiesystem, im Sommer wie im Winter.
Am Anfang war die Suffizienz
Der französische Begriff für Suffizienz, sobriété, hat einen griechischen Ursprung. Er ist Ausdruck einer Haltung der Mässigung, die Hybris, also Masslosigkeit, verhindern soll. Das griechische Wort sôphrosunè entwickelte sich im Lateinischen zu sobrietas. Im Englischen spricht man heute von sufficiency und im Deutschen auch von Suffizienz, was intuitiv einen Zustand von «genug», «ausreichend», des richtigen Masses widerspiegelt.
Diese Vorstellung von Suffizienz als Voraussetzung für ein glückliches Leben, in dem körperliche, geistige und emotionale Erfüllung charakteristisch ist für einen freien und tugendhaften Bürger, entwickelt sich ab dem 17. Jahrhundert weiter: Nach der industriellen Revolution verbreitet sich das Konzept der Suffizienz nach und nach als Reaktion auf den Wirtschaftsliberalismus, der hauptsächlich auf das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts und die Anhäufung von materiellen Gütern ausgerichtet ist.
Suffizienz, verstanden als bewusster Verzicht auf überflüssigen Konsum, als Ablehnung des opulenten Lebensstils einer Elite, erscheint – seit den 1960er-Jahren und den Veröffentlichungen des Club of Rome – immer mehr als Antwort auf die ökologischen und energiepolitischen Herausforderungen. Autoren wie der verstorbene Pierre Rhabi haben dazu beigetragen, dass die glückliche Suffizienz zu einem kreativen, aktiven und sinnstiftenden Begriff geworden ist.
In Frankreich wurde auf Initiative des Vereins négaWatt wichtige konzeptionelle Arbeit geleistet, insbesondere von der ADEME (Agence de la transition écologique), die die kollektive Dimension der Suffizienzstrategien betont: «Suffizienz bedeutet, unsere Bedürfnisse zu hinterfragen und bei ihrer Erfüllung die Auswirkungen auf die Umwelt zu begrenzen. Sie muss uns dazu bringen, unsere Produktions- und Konsumgewohnheiten und ganz allgemein unsere Lebensweise auf individueller und kollektiver Ebene zu verändern.» (ADEME 2021)
In Zeiten vielfältiger Krisen (Klima, Geopolitik, Gesundheit usw.) ist es erfreulich, dass es innovative Suffizienzlösungen gibt, die sehr wirkungsvoll sein könnten.
Auch wenn das Thema in der Schweiz noch ein wenig tabu ist, haben Pioniere wie die Stadt Zürich im Zuge des Konzepts der «2000-Watt-Gesellschaft» das Potenzial dieses Begriffs erkannt. Der Kanton Genf ist einer der ersten öffentlichen Akteure, der Suffizienzmassnahmen in Planungsinstrumente wie den Energierichtplan integriert hat, der Suffizienz als ersten strategischen Schwerpunkt betrachtet. Der Kanton Waadt hat das Thema kürzlich ebenfalls aufgegriffen und stellt derzeit Fachleute ein, die seine zukünftige Suffizienzpolitik begleiten sollen.
Ein öffentlicher Ansatz zur Suffizienz beim Energieverbrauch zielt darauf ab, die Massnahmen zur Senkung des Energieverbrauchs zu bündeln, indem die gesamte Energienutzung in allen Sektoren erfasst wird. Es handelt sich also um eine sektorübergreifende Politik mit vielfältigen Aktionshebeln und gezielten Massnahmen entsprechend den verschiedenen Anwendungsgebieten (Wohnen, Dienstleistungen, Industrie, Verkehr, Landwirtschaft usw.).
Diese kollektiven Ansätze zur Suffizienz setzen bei den zwei traditionellen Hebeln Angebot und Nachfrage an: Es geht darum, einerseits das Angebot an Waren und Dienstleistungen zu regulieren, die nicht mit den planetaren Grenzen vereinbar sind, und anderseits Anreiz- und Förderprogramme zu schaffen, die zur Deckung der Energienachfrage beitragen:
- Die Anreize können finanzieller (Prämien, Preisnachlässe, anreizorientierte Tarife usw.) oder symbolischer Natur sein (öffentliche Anerkennung, Preisverleihung, Gütesiegel); denkbar sind beispielsweise eine Kilometerpauschale für Fahrräder, Partnerschaftsvereinbarungen mit lokalen Unternehmen oder die Einführung eines Grundeinkommens, das an die lokale Währung gekoppelt ist, um Rebound-Effekte zu begrenzen.
- Es werden auch restriktivere Massnahmen erlassen: Festlegung von Quoten oder gesetzlichen Vorgaben (Verbrauchsobergrenzen pro Quadratmeter Gebäudefläche, Geschwindigkeitsbegrenzungen, Beschränkung von Flugreisen usw.).
- Auch Anreize, die ein unbewusstes Handeln erleichtern («Nudging» oder Standardauswahl), sind wirksam und schmerzlos: «Wenn Sie nicht-erneuerbare Energie verbrauchen wollen, klicken Sie hier»; «Reisen Sie wie die meisten Schweizerinnen und Schweizer nicht mit dem Flugzeug in die Ferien» usw.
In jedem Fall ist eine angemessene Überwachung der Auswirkungen dieser Massnahmen erforderlich, auch um sicherzustellen, dass die gewährten öffentlichen Mittel effizient für den beabsichtigten Zweck eingesetzt werden.
Suffizienzmassnahmen können nur dann nachhaltig sein, wenn sie von der Bevölkerung akzeptiert und als Mittel zur Verbesserung ihrer Lebensqualität angesehen werden. Philosophen wie Thierry Paquot weisen auf die Unvereinbarkeit von Suffizienz − in diesem Fall von Sparsamkeit − mit Methoden hin, die Massnahmen in diese Richtung vorschreiben: «Suffizienz darf keinesfalls ein Diktat sein, das uns von irgendeiner moralischen Macht im Namen des Glücks für alle aufgezwungen wird! Sie ist keine Strafe! Sie ist auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens das Ergebnis einer gemeinsam diskutierten und akzeptierten Entscheidung.»
Dieser Paradigmenwechsel ist jedoch noch lange nicht vollzogen, da jede Infragestellung eines bestimmten aus dem 19. und 20. Jahrhundert übernommenen Wohlstandsideals auf heftigen Widerstand stösst. Das vielversprechende Konzept der Suffizienz, das von griechischen Denkern beschrieben wurde und genau diese Infragestellung in sich trägt, wird heute noch allzu oft negativ wahrgenommen.
Doch ist in einer Zeit, in der die Lieferketten für Rohstoffe und Energie zunehmend angespannt sind, nicht eine frei gewählte Suffizienz einer aufgezwungenen Suffizienz vorzuziehen? Hoffentlich wird uns das klar, bevor unsere Behörden gezwungen sind, die in den OSTRAL- und KIO-Plänen vorgesehenen Kontingentierungs- und Netzabschaltungsmassnahmen auszulösen, um den drohenden Mangellagen zu begegnen.
Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE, www.strom.ch
Bild: unsplash.com