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ETH-Professor Harald Fischer-Tiné forscht zur Geschichte des Kolonialismus. Im Gespräch erklärt er, wie Uni und ETH von Kolonialreichen profitierten.
Herr Fischer-Tiné, Sie forschen zur Geschichte von Kolonialismus und Imperialismus. Wie waren Uni und ETH Zürich an kolonialen Machenschaften beteiligt?
Sie waren stark involviert, wie viele europäische Hochschulen damals. Die Tatsache, dass die Schweiz keine Kolonialmacht war, heisst nicht, dass Schweizer Unis nicht mit verschiedenen Aspekten von Kolonialismus in Berührung gekommen wären.
Wie kam es zu diesen Berührungen?
Zum Beispiel forschten viele Schweizer Ethnolog*innen und Anthropolog*innen in Kolonialterritorien. Auch die damals benutzten Lehr- und Fachbücher waren Teil der paneuropäischen Wissensproduktion, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert stark vom Kolonialismus geprägt war.
Waren Uni und ETH auch direkt in Kolonien tätig?
Ja, es gab die ganzen «Open-air-Sciences» wie Botanik, Zoologie, Ethnologie, Anthropologie, Geologie und Geografie, die viel von kolonialen Konstellationen profitierten. Zahlreiche Akademiker*innen-Karrieren spielten sich in den jeweiligen Kolonien ab. In Papua-Neuguinea konnte man nun mal aufregendere Schmetterlinge finden als im Thurgau. Es war völlig normal, seine Sporen dort zu verdienen.
Also gingen auch Schweizer Wissenschaftler*innen in die Kolonien auf «Forschungsreise»?
Die Forscher*innen nahmen an solchen Kolonialexpeditionen teil, um ihre Experimente und Messungen durchzuführen – nicht selten mit militärischer Begleitung. Man hatte Zugriff auf Bevölkerungen, die sich nicht wehren konnten, und wenn doch, dann stand der britische Tommy mit dem Gewehr im Anschlag dahinter und sorgte dafür, dass man die betreffende Nase vermessen konnte. Die Kolonialreiche waren wie ein Shoppingparadies für Wissensbestände, die man dort leicht generieren konnte.
Anfang des 20. Jahrhunderts wurde an der Uni Zürich über physische Anthropologie, Rassenhygiene und Eugenik geforscht. Wie kam es dazu?
1899 übernahm Rudolf Martin den Lehrstuhl am anthropologischen Institut der Uni. Da die Disziplin noch relativ jung und nicht unumstritten war, musste er um Anerkennung kämpfen. Martins Argument in seiner Antrittsvorlesung war in etwa: «Unsere Forschung ist wichtig für die Kolonialreiche der Welt, wir können den europäischen Kolonisatoren helfen, ihre Territorien besser zu regieren.» Die Kolonialregimes glaubten also, damit ihre eigenen Untertan*innen besser verstehen und gruppieren zu können. Und so floss dieses «wissenschaftlich neutrale Wissen» in das Projekt des Kolonialismus ein.
Wie wurde dieses «Wissen» erworben?
Rudolf Martins Nachfolger, Otto Schlaginhaufen, ging in die deutsche Kolonie Papua-Neuguinea und nahm dort spektakuläre Messungen an 800 Melanesier*innen vor. Von seiner Expedition brachte er auch eine grosse Zahl von Schädeln mit, die in den Laboren und Lehrveranstaltungen an der Uni entsprechend bearbeitet und vermessen wurden. So gelangte das Wissen aus den Kolonien in die Schweiz.
Wurden solche Messungen auch an Menschen in der Schweiz vorgenommen?
Ja, einige Forscher gingen zum Beispiel nach Graubünden, um im Disentis die alpine Bergbevölkerung zu vermessen. Ausserdem holte sich Schlaginhaufen tatsächlich die Erlaubnis vom Militärdepartement ein, um zwischen 1927 und 1932 alle Schweizer Rekruten zu vermessen. In einer Langzeitstudie legte er dann einen quasi-ethnografischen Katalog über die unterschiedlichen rassischen Eigenschaften der Bevölkerung der verschiedenen Kantone an.
Fand solches koloniales Wissen auch in anderen Disziplinen oder Fakultäten Einzug?
Zur Grundausstattung einer deutschsprachigen Universität im 19. und 20. Jahrhundert gehörte auch ein Lehrstuhl für vergleichende indogermanische Sprachwissenschaften. Die Linguist*innen lernten damals indische Sprachen: klassisches Sanskrit ist ja die Grundlage dieser Disziplin. Und das geht zurück auf koloniale Wissensbestände. Englische Verwaltungsbeamt*innen in Kalkutta erlernten die Sprache zunächst nur, um die Territorien besser kontrollieren zu können, und daraus entwickelte sich – über Umwege – die Indogermanistik. Es trifft also sogar die vermeintlich harmlosen Geisteswissenschaften.
Rudolf Martin und Otto Schlaginhaufen waren beide an der Uni Zürich tätig. Was wissen Sie über damalige prominente ETH-Forscher*innen?
Einer der führenden ETH-Glaziologen, Alfred de Quervain, war 1911 auf einer grossen und medial stark gecoverten Grönlandexpedition. Damals wurde die lokale Inuit-Bevölkerung von Dänemark kontrolliert und christianisiert. Bei den Leiter*innen der Schweizer Expedition zapfte die dänische Kolonialverwaltung das generierte meteorologische und glaziologische Wissen ab und sorgte im Gegenzug dafür, dass die Forscher*innen nicht in Gefahr gerieten – eine Win-win-Situation.
«Die Kolonialreiche waren wie ein Shoppingparadies für Wissensbestände.»
Warum holte man ausgerechnet einen Schweizer?
Den neutralen Schweizer Forscher*innen hätte man – anders als etwa Brit*innen oder Russ*innen – nie zugetraut, dass sie den Plan hegten, ein Imperium zu errichten oder Rohstoffe zu rauben. Das öffnete manchen Schweizer Wissenschaftler*innen Tür und Tor für «Empire Hopping», wie ich es nenne. Auch die Schweizer Gletscherforschung ist also angereichert von diesen kolonialen Kooperationen und dem Wissen der Inuit, das dann bei der nächsten Alpenexpedition in der Schweiz zum Einsatz kam.
Was ist unter «Empire Hopping» zu verstehen?
Manche Karrieren wurden so geschmiedet, dass man zum Beispiel erst mal zwei Jahre in die britischen Kolonialreiche ging, dann war man eine Zeit lang in Niederländisch-Ostindien und würzte das Ganze noch mit einem Abstecher in die französischen Überseegebiete im pazifischen Ozean. Die Schweizer Neutralität machte solche Zirkulationen unproblematisch, hier hatte man einen deutlichen Wettbewerbsvorteil.
Schweizer Akademiker*innen waren im Ausland also gefragt. Inwiefern hat Zürich auch Forscher*innen aus anderen Ländern angezogen, die dann in einem kolonialen Kontext tätig wurden?
In Zürich wurden sehr viele Deutsche, aber auch Französ*innen, Belgier*innen und Niederländer*innen ausgebildet. Es spricht also vieles dafür, dass die Zürcher Universitäten auch auf diese indirekte Art einen nicht unwichtigen Beitrag zur Verwaltung und Ausbeutung europäischer Kolonialreiche geleistet haben.
Wie stand es um die Beteiligung der Studierenden bei kolonialistischen Machenschaften?
Das Privileg, an Expeditionen nach Papua-Neuguinea oder Malaysia teilzunehmen war den wenigsten Studierenden vorbehalten. Allerdings kamen im Rahmen von Völkerschauen gelegentlich sogenannte «Exot*innen» nach Zürich. Die Zürcher Anthropolog*innen nutzten die Gelegenheit, um diese Menschen schnell zu vermessen. Da ist es nicht unwahrscheinlich, dass auch Studierende in den Genuss kamen, selber Hand anzulegen.
Das war vermutlich nur die Spitze des Eisberges.
Genau, es gab neben Skeletten und Schädeln natürlich auch weniger Spektakuläres wie Käfer, Schmetterlinge, ausgestopfte Tiere oder Gesteinsproben. Mit dem Grossteil der Sammlungen an der Uni und ETH haben Generationen von Studierenden unreflektiert gearbeitet. Sie waren also völlig unbefleckt von der Vorstellung, dass die Sammlungen mit kolonialer Gewalt und Repression zu tun haben könnten.
Wie wird heute mit diesen Relikten umgegangen?
Ich mag mich täuschen, aber ich wüsste nicht, dass heute irgendwo eine Plakette steht oder man sich davon distanziert oder die Objekte wenigstens kontextualisiert hätte. Man hatte im Rahmen von Kolonialexpeditionen teilweise einfach Gräber aufgerissen und Schädel mitgenommen – natürlich ohne die Verwandten oder Hinterbliebenen zu fragen. An diesen Objekten konnten dann Studierende forschen.
Aber haben Studierende da einfach brav mitgemacht? Wie sah es mit Gegenbewegungen an den Zürcher Hochschulen aus?
Es gibt auch Spuren dieser Geschichte, und auch diese führen ins Zentrum von Uni und ETH. Hier haben prominente Unabhängigkeitskämpfer*innen ihre Netzwerke geknüpft. Sie fanden auch Sympathien und wurden von der Schweizer Bevölkerung unterstützt.
Zum Beispiel?
Sehr wenige wissen, dass hier einige bedeutende Freiheitskämpfer*innen als Studierende eingeschrieben waren. Sie waren allerdings oft mehr mit Bombenbauen und Flugblätterdrucken beschäftigt als mit Vorlesungen. Aber das Studium bot ihnen zumindest Schutz.
Wer waren diese Studierenden?
Da gab es zum Beispiel Champakraman Pillai, der ab 1910 Maschinenbau studierte und eine revolutionäre antikoloniale WG gründete – und zwar mitten im Univiertel an der Bolleystrasse 56. Dort wohnten zwei indische und zwei ägyptische Revolutionäre sowie eine Schweizerin, die als Übersetzerin fungierte. Innerhalb der kolonialen Strukturen gab es also auch antikoloniale Strömungen.
Gab es noch mehr revolutionäre Studierende?
Die Schweiz war kurz vor dem Ersten Weltkrieg ein regelrechtes Sammelbecken, in dem beispielsweise viele russische Studierende in anarchistischen oder sozialistischen Kreisen unterwegs waren. Und dazu gehörten eben auch Studierende, die an verschiedenen Fronten gegen Kolonialismus kämpften.
«Revolutionär*innen fanden hier ideale Bedingungen vor.»
Und da eignete sich die Schweiz als neutrales Land gut?
Ja, auch dort bot die Schweiz einen Standortvorteil. Man wurde in Ruhe gelassen, konnte sich relativ leicht in Gruppen organisieren und durfte publizieren, was man wollte. Das Material wurde dann aus der Schweiz geschmuggelt. Für die internationalen Revolutionär*innen waren Schweizer Freund*innen sehr nützlich, weil sie reisen durften und somit ganz einfach Pamphlete und Flugblätter nach England oder nach Frankreich bringen konnten.
Warum haben Revolutionär*innen hier studiert?
Zum einen war es karrierefördernd in Zürich zu studieren, da Hochschulen auch damals schon einen hervorragenden Ruf hatten. Andererseits fanden hier die Revolutionär*innen insbesondere zwischen 1911 und 1915 ideale Bedingungen vor.
Und die spazierten einfach unbehelligt in Zürich herum?
In der neutralen Schweiz tummelten sich zwar auch die deutschen, französischen und britischen Geheimdienste. Sie schrieben viele detaillierte Reports darüber, was revolutionäre Gruppierungen den ganzen Tag lang getrieben haben. Aber sie durften nicht zugreifen. Man konnte auch relativ unproblematisch Geld transferieren, um die Bewegungen in den Heimatländern zu unterstützen.
Die koloniale Vergangenheit war also nicht nur dunkel.
Überhaupt nicht. Für eine kurze Zeit waren Zürich, aber auch Genf und Lausanne, sehr bedeutend für den Aufbau transnationaler antiimperialistischer Netzwerke und hatten ihre «five years of fame». Zürich könnte sich vielleicht sogar für kurze Zeit als Hauptstadt des Antiimperialismus bezeichnen, weil hier sehr viele Fäden zusammenliefen.
Es würde sich also lohnen, die Vergangenheit endlich richtig aufzuarbeiten?
Ja, genau. Die koloniale Verstrickung soll auch in die verschiedenen Fakultäten getragen werden. In meinen Vorlesungen sind die Leute jedenfalls oft überrascht bis entgeistert zu erfahren, welche Verstrickungen es gab, weil sie das im Verlauf ihres Fachstudiums nie gehört haben.
Also bei allen Disziplinen, nicht nur in der Anthropologie oder in der Ethnologie…
Sehen Sie, ich stelle es mir immer so vor wie auf der Verpackung eines Schokoriegels: In den USA steht da häufig die Warnung «Can contain traces of nuts». Und genau so ist es auch bei den noch so unschuldig daherkommenden Natur- und Geisteswissenschaften: «They can contain traces of empire.» Dieses Wissen ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Es ist oft versteckt oder nur indirekt da eingeflossen. Es braucht eine Aufarbeitung.
Wie soll diese Aufarbeitung aussehen?
Es geht um das Bewusstsein dafür, die Sensibilität für koloniale Verflechtungen und Relikte zu schaffen. Das ist viel subtiler als eine martialische Statue. Von dieser kann man sich ja schnell befreien, und im Zweifelsfall stürzt man sie ins Meer, und dann ist Ruhe. Aber die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit, also eine detaillierte Analyse, wie diese «traces of empire» unsere Wissensbestände und unsere Hochschulen geprägt haben, ist eine viel langwierigere Aufgabe. Es wäre kurz- bis mittelfristig dringlich, darüber zu sprechen und klar zu sagen, was man behalten möchte, wozu man steht und wovon man sich distanzieren will.
Kann diese Entwicklung auch durch studentisches Engagement angestossen werden?
Dafür gibt es sogar ein Beispiel: 2015 ging von Kapstadt eine Bewegung aus. Studierende hatten die Schnauze voll, jeden Tag an Statuen und Gedenktafeln von grossen Imperialhelden vorbeizugehen. Das Ganze mündete dann in einem halbjährigen Streik: Die Unis des ganzen Landes waren gelähmt, die Studierende forderten: «Decolonise education!».
Sollte das auch in Zürich passieren?
Ich könnte mir vorstellen, dass es hier natürlich nicht die gleiche Dringlichkeit gibt. Aber es wäre falsch zu denken, Kolonialismus habe nur mit den Kolonisierten etwas gemacht. Er hatte auch Auswirkungen auf diejenigen, die als Täter*innen beteiligt waren. Es ist an der Zeit, die Herausforderung anzunehmen und auch hier – vielleicht etwas nüchterner und weniger pathetisch – «Decolonise education!» zu fordern.
Was müssten Uni und ETH Zürich genau unternehmen?
Ich glaube es wäre überfällig, ein grosses Forschungsprojekt zu lancieren. Dann könnten sich sowohl die Uni als auch die ETH Zürich wirklich Sporen verdienen. Sie könnten dann als eine der ersten Hochschulen in Kontinentaleuropa sagen: «Wir warten nicht auf politischen Druck und Medienrummel, wir erforschen unsere Geschichte selbst und machen die kolonialen Verstrickungen transparent.» Dafür müssten beide Institutionen Geld in die Hand nehmen und dies tatsächlich seriös erforschen lassen.
Aber würde das die Zürcher Hochschulen nicht diskreditieren?
Nein, im Gegenteil. Es wäre meiner Meinung nach ein riesiger Selling Point für das internationale Renommee. Man sollte nicht auf die Vorwürfe von morgen warten: Für eine Universität des 21. Jahrhunderts wäre es ein Gebot der Transparenz, die viele Studierende aus Asien und einige wenige aus Afrika anzieht, diese Dinge zeitnah anzugehen.
*Anm. d. Redaktion: Im Interview haben wir durchgehend eine mehrgeschlechtliche Schreibweise verwendet. Es ist allerdings davon auszugehen, dass der Grossteil der Kolonialist*innen Männer waren.
Zur Person
Harald Fischer-Tiné ist Historiker und Professor für Geschichte der modernen Welt an der ETH Zürich. Seine Forschung befasst sich mit der Transnationalen- und Globalgeschichte, Wissensgeschichte und der Geschichte von Kolonialismus und Imperialismus.