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Über China wird im Westen nicht nur positiv berichtet. Immer wieder gibt es Schlagzeilen über Repressionen gegen Journalisten und eingesperrte Menschenrechtsaktivisten. Im vergangenen Jahr lancierte die Regierung unter Xi Jinping gar eine Kampagne gegen «westliche Werte» an Chinas Universitäten.
Und trotzdem gibt es sie: Chinesische Studierende, welche über kritische Themen debattieren. Der britische Intellektuellensport findet nämlich auch im Reich der Mitte Anklang. Auf Englisch diskutieren die Studierenden zum Beispiel über Vor- und Nachteile der journalistischen Berichterstattung über Gerichtsverfahren. Oder darüber, ob Korruption in China nicht besser durch eine Organisation verfolgt werden sollte, die von der Kommunistischen Partei unabhängig ist.
Klare Regeln
Debattiert wird nach klaren Regeln. Zwei Teams treten gegeneinander an. Ein Los entscheidet darüber, welches Team eine vorgegebene Aussage angreifen muss, das andere Team muss sie verteidigen. Dikutieren kann man über Vieles, zum Beispiel über Grundprinzipien westlicher, liberaler Demokratien, den internationalen Gerichtshof, ISIS oder Feminismus. Die Teams haben 15 Minuten Zeit, sich auf das Thema und eine siebenminütigen Rede vorzubereiten.
So lassen sich in China auch heikle Themen relativ ungestört debattieren. Immer wieder hört man die Vermutung, dass man hier deswegen über sensible Themen sprechen kann, weil man auf Englisch debattiert. Das Debattieren gilt an den hiesigen Universitäten als sprachliche, nicht als politische Aktivität.
Die chinesischen Debattiermeisterschaften werden mittlerweile sogar vom Kommunistischen Jugendverband Chinas unterstützt. Im Finale kommen aber meist Themen zum Zug, die auch auf der offiziellen Agenda stehen, wie zum Beispiel Entrepreneurship. Zu dieser Selbstzensur kommt es, weil die Veranstalter die Meisterschaften auch in Zukunft veranstalten und keinen Maulkorb riskieren wollen. Abseits von den Meisterschaften spielt die Zensur aber nur eine geringe Rolle in der Debattier-Community Chinas.
Kritisches Denken
Zu dieser Community gehört Zheng Bo. Nach einem Studium an der prestigeträchtigen Tsinghua Universität hat er das Debattieren zu seinem Beruf gemacht. Nun organisiert er Workshops und Turniere in ganz China. Er sagt: «Das System verlangt vor allem das Auswendiglernen dessen, was die Lehrer sagen. Studierende werden kaum aufgefordert, selber zu denken und Entscheidungen zu fällen.»
Debattieren ist ihm wichtig, weil es den Gegenpol zum rigiden Schulsystem der Volksrepublik mit seinen konfuzianischen Werten bildet. In China sei es üblich, dass die Eltern entscheiden, an welcher Universität ihr Kind studiert. Fangen die Studierenden an zu debattieren, würden sie auch anfangen, die eigenen Entscheidungen zu hinterfragen.
Die Studentin Wang Xiwen hat durch das Debattieren begonnen, die Dinge differenzierter zu sehen. Sie studiert an der Hunan Normal University Englische Übersetzung und hat sich nun dagegen entschieden, in den USA zu studieren. «Viele Chinesen wollen unbedingt im Ausland studieren und zum Beispiel den TOEFL-Test machen, auch wenn es viel Geld kostet», sagt sie, die nun gegen den Strom schwimmt.
Der Sinn des Debattierens leuchtet aber nicht allen Studierenden ein. Tony, der Vizepräsident des Debattier-Clubs der Tsinghua Universität sagt, vielen sei es wichtiger gute Noten zu schreiben oder sich anderweitig zu profilieren. Tony, der mit bürgerlichem Namen Zhou Xingyi heisst, hält sich von diesem Wettbewerb bewusst fern. Dem 21-Jährigen bedeutet sein Hobby viel: «Debattieren hat mein Leben komplett verändert: Um zu Turnieren gehen zu können, musste ich anfangen, neben dem Studium zu arbeiten. Ich bin in viele verschiedene Länder gereist und musste zum ersten Mal einen Pass beantragen.»
Rhetorik ist wichtiger als Argumente
Anders als in Grossbritannien gilt das Debattieren in China – der englischen Sprache zum Trotz – nicht als besonders prestigereich. Wang Xiwen, die Englischstudentin aus Hunan, berichtet, wie Lehrer ihr mit schlechten Noten drohten, als sie Seminare verpasste, weil sie debattierte: «Die Professoren dachten, wir würden nur nach Entschuldigungen suchen, um nicht an die Uni zu müssen. Aber als wir besser wurden und an Turnieren teilnahmen, änderten sie ihre Meinung.» Die Probleme bleiben. Selbst wenn Dozenten eine Veranstaltung unterstützen, kann ein Turnier jederzeit abgesagt werden.
Angesehen ist in China hingegen das öffentliche Reden. Hier stehen nicht die Argumente im Vordergrund, sondern die Rhetorik. «Ich hasse es, Dinge auswendig zu lernen, deswegen ist chinesisches Debattieren nichts für mich», sagt Xiwens Partnerin Xi Yuan.
Aber auch das Debattieren kann man kritisieren: Der britische Stil beruht auf den Parlamentsdebatten in London und hat mit der politischen Realität in China nur wenig zu tun. Genau das stört auch Tony, den Vizepräsidenten des Debattier-Clubs der Tsingua Unviersität.Nach einem Turnier im Oktober postete er auf WeChat, dem beliebtesten chinesischen Messenger: «Ich sehe immer weniger Sinn darin, die Probleme anderer Länder in einer fremden Sprache zu debattieren.» Viele chinesische Debattierer pflichteten ihm bei.
Mittlerweile sieht es Tony aber wieder gelassener. Der Gegensatz zwischen dem britischen Debattieren und der chinesischen Kultur sei nur ein eingebildeter: «Beim Debattieren werden Themen angesprochen, die universell wichtig sind, egal, woher man kommt. Die Linie zwischen dem ‘chinesischen’ und dem ‘westlichen’ Denken ist ohnehin unscharf. Am Schluss geht es um doch um Logik. Und diese gehört keiner Kultur alleine.»