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«Immer dran bleiben und mir Zeit nehmen»
Am 20. April 2017 feierte Nobelpreisträger Karl Alexander «Alex» Müller seinen 90. Geburtstag. Der Physiker, der heute in der Tertianum Residenz im Zollikerberg wohnt, erinnert sich an aufregende Zeiten.
Herr Professor Müller: Sie haben Physik studiert. Wie kamen Sie zu dieser Studienrichtung? Hatten Sie Vorbilder?
Da muss ich ein wenig ausholen. Meine Eltern hatten sich bereits in meiner Kindheit getrennt. Ich lebte bei meiner Mutter in Lugano und besuchte dort auch die Schule. Als ich 11 Jahre alt war, starb meine Mutter, und mein Vater entschied, dass ich künftig die Evangelische Mittelschule in Schiers besuchen sollte. Ich war bis dahin ein eher kränkliches Kind gewesen. In Schiers lag ich anfangs noch öfters im Krankenzimmer, KZ genannt. Im Verlauf der Jahre gesundete ich aber – dank Sport. Ich wurde ein leidenschaftlicher Skifahrer und war sogar einmal Anstaltsmeister in Slalom und Abfahrt. Auch das Schwimmen wurde mir wichtig. Ich erlernte es im Caumasee, wo ich mit meiner Churer Grossmutter in Flims die Ferien verbrachte. Weil sich niemand um mich kümmerte, verbrachte ich die Tage am See mit dem Lesen von Karl-May-Büchern und mit Schwimmen und setzte mir immer längere Distanzen zum Ziel.
In der Schule kam ich anfangs nicht so gut mit, hielt aber durch, etwas, was mich auch später prägte. Schliesslich sprach ich ja italienisch und hatte zudem ein halbes Schuljahr nach oben überspringen müssen, weil der Schulbeginn im Tessin und in Graubünden unterschiedlich war.
Als mir meine Churer Grossmutter einmal beiläufig sagte, es könnte sein, dass sich mein Vater wieder verheirate, was er später auch tat, beschloss ich, mich voll auf die Schule zu konzentrieren und mich anzustrengen. Das gelang. Ich konnte auf meiner kombinatorischen, naturwissenschaftlich-mathematischen Begabung aufbauen und gehörte dann zu den sogenannten «3 Bonzen» der Klasse, die in diesen Fächern besonders glänzten. Mein Hobby in diesen Jahren war das Radiobasteln. Auch besuchte ich freiwillig einmal wöchentlich Zusatzunterricht bei meinem Chemielehrer, der uns Quantenphysik beibrachte und moderne Chemie lehrte. Dieser Lehrer war es denn auch, der mich fragte, was ich nach der Matura studieren wolle. Meine Antwort war Elektroingenieur. Er aber meinte, ich solle mit meinem Talent für Mathematik und Physik unbedingt Physik studieren, was ich nach bestandener Maturaprüfung denn auch tat. Von 47 Schülern in der vierten Klasse bestanden übrigens nur gerade 12 die Matura. Es wurde kräftig gesiebt.
An der ETH wollten damals viele meiner Kommilitonen Kernphysik studieren. Das Interesse war damals – nach den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki – international sehr in Mode. Für diese Fachrichtung gab es 45 Studenten. Ich entschied mich aber für Festkörperphysik und schaute, dass ich damit zurechtkam und ein gutes Diplom machte. Mich interessierte die angewandte Physik mehr als die Grundlagenforschung. Mein beruflicher Weg führte mich denn auch ans Battelle Institut in Genf und dann ins Forschungslabor der IBM in Rüschlikon, wo ich kritische Phänomene erforschte und mir international einen Namen machen konnte.
Wie kamen Sie zu Ihrem Forschungsbereich Supraleitung? Gibt es dafür bereits praktische Anwendungen im Alltag?
Den Anstoss dazu gab ein Workshop im sizilianischen Erice, einem Ort mit alten Klöstern, wo sich Physiker aus aller Welt regelmässig zu Konferenzen treffen und austauschen. Damals war die Zeit des Wettrüstens in den USA und in Russland. In Erice besuchte ich drei Workshops und hatte spontan die Idee, in gewissen Oxyden, den Perowskiten, nach Quasiteilchen zu suchen, welche die Supraleitung bewirken können.
Zurück bei IBM fragte ich meinen ehemaligen Doktoranden, den Kristallographen Georg Bednorz, ob er Interesse an der Supraleitungsforschung mit Oxydversuchen hätte. Ich dachte, er brauche zwei Wochen, um sich zu entscheiden. Doch bereits nach zwei Stunden kam er zu mir und erklärte sich einverstanden. Wir vereinbarten Stillschweigen über unser Projekt, für das wir 20% unserer Arbeitszeit aufwendeten. Der erste Anlauf mit Nickeloxyden misslang – nach zweijähriger Arbeit. Erfolgreich hingegen war dann der Versuch mit Kupferoxyd, der uns den Nobelpreis einbrachte.
Supraleitend werden gewisse Materialien, wenn sie stark gekühlt werden. In diesem Zustand haben sie keinen elektrischen Widerstand mehr. Praktisch angewendet werden Supraleiter zum Bespiel beim Transport von Energie über grosse Distanzen, etwa bei Solarstromexport aus den grossen Wüsten dieser Erde. Eine Rolle spielen sie auch bei Handyantennen, wo die Empfangsempfindlichkeit ein wesentliches Kriterium ist.
Nur ein Jahr nach Publikation Ihrer Forschungsresultate erhielten Sie und Georg Bednorz den Nobelpreis für Physik, die kürzeste je abgelaufene Frist für diese höchste wissenschaftliche Auszeichnung. Wie hat der Nobelpreis Ihr Leben verändert?
Es gab natürlich unzählige Einladungen in alle Welt. Im ersten Jahr nach der Entdeckung habe ich einhundert Vorträge gehalten, im zweiten waren es immer noch fünfzig. Meine Frau hat mich auf meinen Reisen meistens begleitet. Wir konnten komfortabel reisen und haben so viele Länder besucht.
Wissenschaftlich machte ich weiter wie bisher. Immer dran bleiben und mir Zeit nehmen, war und ist meine Devise. Von Vorteil war allerdings, dass es nach der Auszeichnung leichter war als vorher, gewisse Projekte zu realisieren. Die Widerstände wurden geringer. Ich erhielt insgesamt auch 20 Ehrendoktoren und bin auswärtiges Mitglied der amerikanischen und der russischen Akademie der Wissenschaften. Für die Russen und Chinesen ist die Supraleitungsforschung prioritär. Diese Länder, insbesondere China, verfügen über die sogenannten Seltenen Erden, die für dieses Projekt benötigt werden.
Sie waren 24 Jahre lang Professor für Physik an der Universität Zürich. Was interessiert Sie heute, mit 90 Jahren, noch an der Wissenschaft? Was würden Sie gerne noch weiter erforschen?
Kosmologie! Wir sehen nur 5% der existierenden Materie. Der Rest ist da – aber wie? Man weiss zum Beispiel, dass die Umlaufbahnen der Planeten von der unsichtbaren Materie beeinflusst werden. Was hat es mit der sogenannten «Schwarzen Materie» auf sich? Machen wir die richtigen Experimente, um diesen Fragen auf die Spur zu kommen?
Sicher ist: Wir befinden uns in einer Zeit des Umbruchs. Der fünfzackige Stern, ein Venussymbol, löst das Kreuz ab. Bedenken Sie nur, wie viele Flaggen fünfzackige Sterne aufweisen – zum Beispiel die Europaflagge, die Flagge der USA und viele andere. Der matriarchalische Aspekt ist stark im Vormarsch. Es ist eine spannende Zeit.
Haben Sie in Ihrem hohen Alter noch einen Wunsch?
Viel Freude machen mir die Aufenthalte in unserer Wohnung in Laax!
Grundsätzlich lebe ich eher in den Tag hinein, mache meine viele Post teilweise nicht mehr auf und weiss oft nicht, was morgen kommt. Meine «Erinnerungen, Einsichten und Tagebuchnotizen» habe ich aufgeschrieben. Das Buch ist zum Geburtstag meiner Frau Inge, am 1. Februar 2017, fertig geworden. Wir sind inzwischen seit 61 Jahren verheiratet, haben einen Sohn und eine Tochter und drei Enkelkinder!
Mit Karl Alexander Müller sprach Marianne Frey-Hauser