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Das Matthäus Prinzip - wer hat dem wird gegeben<< zum 3. Teil Fehlerkultur >> zum 5. Teil Lernen als sozialer Akt
Angaben zur Autorin
Warum ist der Andere so viel gescheiter als ich? Warum fällt ihr das Lernen so leicht? Was kann ich tun, um intelligenter zu werden?
Nicht, dass ich die Antwort auf diese Fragen wüsste, trotzdem stellen sie sich wie von selbst, wenn man sich in einer Kollegenrunde umschaut und Vergleiche anstellt.
Die Professoren der Lernforschung ergründen, worauf der Unterschied zurückgeht, der ausmacht, dass manche spielend leicht lernen und andere mit viel Schweiss allenfalls an den Durchschnitt heranreichen.
Da die Sache ihrer Natur nach komplex ist, lässt sich, wie auf so viele Fragen, keine einfache Antwort finden. Verschiedene Faktoren wirken zusammen, genetische, soziologische, individuelle. Ohne eine konkrete Ursache zu benennen, fasst das sogenannte Matthäus-Prinzip[1] die Vielzahl dieser Unterschiede wie folgt zusammen:
„Wer hat, dem wird gegeben.“
Die Formel benennt, dass Unterricht vorhandene Leistungsunterschiede ("wer hat") verstärken kann und sie erklärt wie Lernvorgänge funktionieren.
Genau diese Fragen "wie funktioniert eigentlich lernen bzw. was passiert, wenn wir lernen?" sollen nun mit Hilfe des Matthäus-Prinzips erläutert werden.
Wer hat, dem wird gegeben, bedeutet in erster Linie: Je mehr man über ein bestimmtes Gebiet weiss, desto leichter kann man sich zugehörige Dinge merken.
Nehmen wir als Beispiel den Satz: „Trigonometrische Funktionen beschreiben in den Naturwissenschaften periodische Vorgänge.“
Wenn Sie weder wissen, was Trigonometrie ist, noch was periodische Vorgänge sind, wird es ihnen schwerfallen, diese Information nach 7 Sekunden noch wiederzugeben. Wenn Sie hingegen wissen, dass Sinus und Cosinus trigonometrische Funktionen sind und periodische Vorgänge sich wiederholen, sollte es Ihnen relativ leicht fallen, sich den Satz zu merken.
Das vorhandene Vorwissen entscheidet also über unsere Fähigkeit, neue Informationen aufzunehmen, sie einzuordnen und zu behalten.
Dieser Vorgang ist vielleicht trivial, aber tatsächlich gibt er in kurzer Form die Funktionsweise von Lernen wieder: Lernen findet nie im luftleeren Raum statt, sondern baut immer darauf auf, was wir schon wissen. Wer sich in einer Sache auskennt, wird ein inneres Ordnungssystem entwickeln, in das er neue Informationen einpassen und so besser verankern kann. Wenn zwischen dem, was wir schon wissen, und demjenigen, was wir neu erfahren, eine Verknüpfung hergestellt wird, dann lernen wir.
So haben Sie vielleicht jetzt etwas über das Lernen gelernt: Ein Begriff (lernen), von dem Sie bereits eine ziemlich genaue Vorstellung hatten, wurde verdeutlicht, indem Sie mit ihm die neue Information verknüpft haben, dass das Vorwissen eine zentrale Rolle im Lernvorgang spielt – wer hat, dem wird gegeben.
Autorin dieser Serie über die Fehlerkultur ist Miriam Vögele.