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2 Dorfspiegel Dietlikon Kurier Nr. 36 5.9.2019 Dietlikons Dorfstrasse um 1939 mit der reformierten Kirche, deren Turm sich damals deutlich anders präsentierte als heute. Im Dezember 1939 bestimmte der Gemeinderat für den Evakuationsfall einen Ortschef samt Stellvertreter. Dietlikon zählte zu jener Zeit knapp 900 Einwohner. Grosse Bedeutung kam der Landwirtschaft zu, gab es im Dorf doch 43 bäuerliche Betriebe, in denen 108 Personen vollzeitlich beschäftigt waren. Auf fünf Höfen standen bereits Traktoren im Einsatz. Neben den Landwirtschaftsbetrieben gab es 42 gewerbliche Betriebe, in denen 133 Personen ein Auskommen fanden. Ein Bäcker, ein Metzger, ein Lebensmittelladen, der Konsumverein und die Sennhütte sorgten für die Versorgung der Bevölkerung mit den Gütern des täglichen Bedarfs. Handwerkliche Dienstleistungen boten ein Schmid, ein Wagner und Schreiner, ein Maler, eine mechanische Werkstätte, deren Maschinen noch mit Wasserkraft angetrieben wurden, mehrere Gärtnereien, die vor allem Gemüse anbauten, ein Baugeschäft und – was nicht alltäglich war – ein Damen- und Herrencoiffeurgeschäft an. Nicht gefehlt haben drei Wirtshäuser. Eine Metallwaren- und Pfannenfabrik sowie eine kurz vor Kriegsbeginn gegründete Stahlmöbelfabrik waren die ersten Industriebetriebe im Dorf. Dazu kamen mehrere Unternehmen, die an verschiedenen Orten in der Gemeinde in grossem Ausmass Kies abbauten. Bedeutendster Arbeitgeber zu jener Zeit war jedoch die Schuhfabrik Walder, deren Produktionsstätte sich allerdings nicht in Dietlikon, sondern in Brüttisellen befand. Das als Provisorium geplante Dorfschulhaus bot zwei Mehrklassen- Abteilungen mit je gut 40 Kindern Platz. In einer wurden die Erst- bis Drittklässler unterrichtet, in der anderen die Viert- bis Sechstklässler. Sekundarschüler und Schüler der siebten und achten Klasse besuchten den Unterricht in Brüttisellen. Einen Kindergarten gab es damals in Dietlikon noch nicht. Vorsorge und Fürsorge Während des ganzen Jahres 1939 waren auf den Traktandenlisten der Gemeinderatssitzungen regelmässig Geschäfte im Zusammenhang mit dem Krieg oder der Landesversorgung zu finden. Gemeindeschreiber Martin Keller hat die Protokolle für den «Kurier» gesichtet. Am 5. April ist festgehalten, dass am Samstag, 15. April die militärische Pferdeeinschätzung stattfindet. Zwei Monate später hat der Gemeinderat das Verzeichnis über unbemittelte Einwohner, welche ausser Stande waren, die vorgeschriebenen Lebensmittelvorräte anzulegen, genehmigt. Die Liste soll um die 100 Namen umfasst haben. Eher mit geistiger Landesverteidigung zu tun hatte ein Beschluss am 9. August, mit dem der Gemeinderat den vom Präsidenten bewilligten Betrag von 50 Franken fürs 1. Augustfeuerwerk sanktionierte. Zwei Tage vor Kriegsausbruch wurde vom Kreisschreiben betreffend die kriegsvorsorgliche Gemeindekochsalzreserve Kenntnis genommen und festgestellt, dass die vorgeschriebenen 800 Kilogramm eingelagert waren. Mitte September bestellt der Gemeinderat eine örtliche Kriegsfürsorgekommission und ord- Luftaufnahme aus dem Jahr 1944. Da während des Krieges kaum gebaut worden ist, dürfte Dietlikon zu Beginn des 2. Weltkrieges nicht gross anders ausgesehen haben. Der Fahrzeugpark der Mot J K Kp 6 auf dem handelte es sich um requirierte Privatautos.
Kurier Nr. 36 5.9.2019 Dorfspiegel Dietlikon 3 Weibel Ernst Fürst verkündet an der Säntisstrasse die Teilmobilmachung. nete die erforderlichen Erhebungen für die Zuteilung von Lebensmittelkarten an. Am 27. September nahm er davon Kenntnis, dass die Kirchenpflege dem Militär das leerstehende Pfarrhaus für die Einrichtung einer Soldatenstube und eines Krankenzimmers zur Verfügung stellt. Er beschloss gleichzeitig die Übernahme der Kosten für die Beleuchtung und das Wasser. Von Ende September bis Ende November 1939 fehlte der Gemeindepräsident an den Sitzungen, da er Aktivdienst leistete. Im Dezember 1939 bestimmte der Gemeinderat für den Evakuationsfall einen Ortschef samt Stellvertreter. An derselben Sitzung wurde auf Antrag der Kriegsfürsorgekommission eine Gemeindezulage an die Wehrmännerunterstützung behandelt. Beschlossen wurde diese aber erst an einer späteren gemeinsamen Sitzung mit der RPK. Auch wurde die Kantonnementsentschädigung neu auf 7 Rappen pro Mann und Tag festgelegt. Für die Durchführung einer Soldatenweihnacht bewilligte der Gemeinderat für das Nachtessen mit Wein einen Kredit von 400 Franken. Das Militär hält Einzug im Dorf Am 28. August 1939 wurde der Grenzschutz mobilisiert. Zwei Tage später wählte der Bundesrat Henri Guisan zum General und am 2. September erfolgte die Mobilmachung. Wenige Tage später traf als erste Einheit, die Motorisierte Infanterie-Kanonen-Kompanie 6 – in Dietlikon ein. Ihre Fahrzeuge, grösstenteils requirierte private Personenwagen, wurden bei Bauern untergestellt, um aus der Luft nicht erkannt zu werden. Die Mannschaft war in einer Scheune an der Bahnhofstrasse untergebracht. Zu Ausbildungszwecken fanden im Hard- und im Aegertwald Fahrübungen statt, es wurden Tanksperren und Stellungen gebaut und den Wehrmännern wurde Kartenlesen beigebracht. Am 16. Dezember 1939 heiratete einer der Soldaten unter grosser Anteilnahme der Bevölkerung. Ende April 1940 wurde die Einheit abgelöst. Mit einer Gedenktafel haben sich die Angehörigen der Mot J K Kp 6 bei der Dietliker Bevölkerung für die gute Aufnahme bedankt. Ein Zeitzeuge erinnert sich Albert Rathgeb war bei Kriegsbeginn 16 Jahre alt. Die Bevölkerung hat nach seinen Worten die Entwicklung in Deutschland mit einigem Unbehagen verfolgt. Ganz unerwartet sei der Überfall auf Polen dann nicht gekommen. Er erinnert sich, wie der Weibel am 28. August mit der Trommel unterwegs gewesen ist, um die Teilmobilmachung bekannt zu geben. Zwei Erinnerungsstücke bewahrt Albert Rathgeb noch auf: eine Vorrichtung, die wegen der angeordneten Verdunkelung dazu diente, das Licht zu dämpfen, und eine Armbinde mit dem Schweizer Kreuz. Diese hat ihn als Angehörigen der Ortswehr ausgewiesen. Die bewaffnete Ortswehr wurde einige Monate nach Kriegsausbruch gebildet. Ihr gehörten ausgemusterte Wehrmänner und Jugendliche zwischen 16 und 20 Jahren an. Sie sollten im Ernstfall das Dorf verteidigen sowie Saboteure und Luftlandetruppen bekämpfen. Rathgebs Einsätze bestanden zur Hauptsache aus Meldefahrten mit dem Velo. In einer Schachtel stapeln sich ausserdem nicht aufgebrauchte Lebensmittelkarten aus der Zeit der Rationierung. Da er die Lehre auswärts absolvierte, erhielt er Mahlzeitencoupons. Zum Ausgleich wurden seiner Mutter weniger Lebensmittelkarten zugeteilt. Der nunmehr 96-jährige Albert Rathgeb erinnert sich noch gut an die Landi 39: «Es war eine sehr eindrückliche Ausstellung, an der schweizerisches Brauchtum und schweizerische Eigenarten in allen Formen gezeigt wurden. Die Landi hat das Schweizervolk angesichts der Bedrohung von aussen zusammengeschweisst. Sie hat der Bevölkerung bewusst gemacht, wie wichtig geistige Landesverteidigung ist.» Turnplatz beim Schulhaus. Bei den Fahrzeugen Soldatenhochzeit am 16. Dezember 1939. Das Brautpaar auf dem Weg zur Kirche. Wer sich mit dem Thema Dietlikon im 2. Weltkrieg und der Geschichte Dietlikons generell vertieft beschäftigen möchte, dem sei die 2010 von der Gemeinde herausgegebene Chronik «Dietlikon – Geschichte einer Agglomerationsgemeinde» empfohlen. Sie ist im Gemeindehaus, Schalter Einwohnerdienste, zum Preis von Fr. 35.00 erhältlich.