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Ein Verein im bernischen Hinterkappelen will die Zucht von Seidenraupen in der Schweiz wieder einführen und hat damit schon begonnen. Was ist das für ein Projekt, wie kann so etwas gehen? Ein kurzer Gang durch ein paar Jahrhunderte voller Mythen, Hoffnungen, langer Arbeitstage, seltener Triumphe und stiller Niederlagen.
Ueli Ramseier ist kein Spinner. Er macht einen sehr vernünftigen Eindruck, wenn er von seinem Projekt erzählt. «Wir rechnen viel», sagt Ramseier, «und die Kalkulationen stimmen!» Er sagt es auf Berndeutsch: «Si göh fei chli guet uf!» Doch das Projekt ist verrückt, und zwar nicht bloss auf den ersten Blick. Ueli Ramseier will die Seidenraupenzucht wieder einführen in der Schweiz, den Seidenbau, den es hier aus guten Gründen seit vielen Jahrzehnten nicht mehr gibt.
Ramseier lebt in Hinterkappelen, einem Dorf in der Agglo von Bern. Er ist fünfzig Jahre alt und hat drei Berufe gelernt: Lehrer, Textilingenieur und Bauer. In Ramseiers Einfamilienhaus ist für die Raupen ein eigenes Zimmer reserviert. Oberhalb des Dorfs, hinter einem Wald, hat er ein Grundstück gepachtet und 600 Maulbeerbäume gepflanzt, direkt neben dem Schützenstand. Bis zu 40 000 Tiere brächte er heute schon unter. Wenn es einmal mehr sind, kann er die Doppelgarage freiräumen.
In der Schweiz wurden Seidenraupen zuletzt wahrscheinlich Ende der vierziger Jahre kommerziell gezüchtet. Mitte Oktober 1947 berichtet das «Journal de Genève» von einem Schneider namens E.-M. Fiandrino, Bürger von Cannes und seit 1920 in Genf ansässig, der am Dorfausgang von Plan-les-Ouates eine halbe Million Raupen auf 150 Quadratmetern aufziehe. Sie frässen täglich mehr als fünfzig Kilo Maulbeerblätter in vier Fütterungen, schreibt die Zeitung, wobei die jüngeren Raupen von Hand gezupfte einzelne Blätter, die älteren ganze Äste erhielten. Seine Raupen gehörten einer besonders robusten Sorte an, behauptet der Züchter Fiandrino, sie vertrügen auch kühle Temperaturen, bis sechs Grad Celsius, während andere Seidenraupen mindestens achtzehn Grad Wärme bräuchten.
Was aus Fiandrinos Unternehmen wurde, ist leider unbekannt. Überhaupt scheint die Geschichte der Seidenraupen in der Schweiz häufig aus mutigen Ankündigungen, pionierhaften Aufbrüchen zu bestehen, während die Niederlagen aufgrund der Quellen eher erahnt als dokumentiert werden können.
Ueli Ramseier arbeitet hauptberuflich in der Entwicklungszusammenarbeit beim Bund. Er betreut dort die Länder Kirgistan und Mazedonien. Zuvor war er bei der Organisation Label Step und in der Schweizer Geschäftsleitung von Max Havelaar aktiv, die sich um fairen Handel kümmern. Was die Raupen betrifft, möchte er lieber nicht zu viel versprechen. Wenn die Zucht nicht rentiere, sagt er, werde man sie nach einer gewissen Zeit abbrechen. So sei das vereinbart mit den Bauern, und zum Rentieren gehöre ein Stundenlohn von zwanzig Franken.
Etwa dreissig aktive SeidenzüchterInnen haben sich mit Ramseier im Verein Swiss Silk organisiert, dazu neunzig GönnerInnen und SympathisantInnen. Die projektierten zwanzig Franken Stundenlohn lägen um 5.80 Franken höher als der heutige Durchschnittslohn in der Schweizer Landwirtschaft, sagt Ramseier, aber natürlich erreiche man diese Marke bisher nicht: «Wir sind einfach zu schlecht.» Für den Seidenbau müsse man nämlich drei Handwerke lernen: Den Futterbau mit Bäumen statt wie bisher mit Gras. Die Tierzucht mit Raupen statt mit Schweinen oder Kühen. Und schliesslich die Rohseidenproduktion, das Abhaspeln des Fadens vom Raupenkokon.
Dieses dritte Handwerk wurde früher nicht von den SeidenzüchterInnen ausgeübt. Doch es gibt niemanden mehr in der Schweiz, der abhaspeln könnte, und Ramseier musste nach Indien fliegen, um es selbst zu lernen: «Wir sind gut im Futterbau und in der Tierzucht, aber die Rohseidenproduktion üben wir noch.»
Die Kaiserin und der Nachtfalter
Die Seidenraupe gehört zu den seltenen Insekten, die sich – wie etwa die Honigbiene und mehrere Läusearten – seit Jahrtausenden als Nutztiere halten lassen. Anders als die Biene oder die Färberläuse hat sich der Maulbeerspinner seiner Situation genetisch so angepasst, dass er ohne menschliches Zutun gar nicht mehr leben könnte. Schön ist die Geschichte einer chinesischen Kaisersgattin im dritten Jahrtausend vor Christus, der beim Tee unterm Maulbeerbaum zufällig der Kokon eines Nachtfalters in die Tasse fällt. Sie fischt ihn heraus und entdeckt, dass er aus einem einzigen verleimten Faden besteht, der sich nach dem heissen Bad sogar abwickeln lässt. Die Kaiserin Xi Ling Shi wird zur Schutzpatronin der chinesischen Seidenzucht, zur legendären Begründerin einer bedeutenden Exportindustrie und auch einer zukunftsweisenden Technik: Bis heute werden die Kokons der Seidenraupe – oft von schlecht bezahlten Frauen – im heissen Wasserbad abgehaspelt.
Nach Europa kommt der Seidenbau zu Beginn des Mittelalters. Die Römer kannten das Geheimnis anscheinend noch nicht oder machten sich falsche Vorstellungen. In Vergils grossem Gesang «Über den Landbau» ist die Rede von Seidenleuten im Fernen Osten, die das Material «von den Blättern kämmen». Mitte des 6. Jahrhunderts sollen dann christliche Mönche zuerst Maulbeersamen aus China nach Byzanz geschmuggelt haben, und als die Bäume gewachsen waren, folgten die Eier des Seidenspinners auf gleiche Weise. Die Mönche taten das unter Lebensgefahr, denn jede Ausfuhr von Samen und Eiern war in China streng verboten.
Tausend Jahre danach taucht die Raupe – der Seidenwurm, wie man sie nannte – nördlich der Alpen und damit in der Deutschschweiz auf. Es sind Flüchtlinge, die sie importieren und hier weiterzüchten: Am 13. März 1566 beschliesst der Rat der Stadt Zürich, dem Sammetweber Evangelista Zanino in der Selnau eine Wiese zur Verfügung zu stellen, «wo er die Mulbeereböüm, so er uss Italia bracht, daselbs oder an ein ander kommlich ort setzen möge»: Man wolle dann zusehen, wie diese hier wüchsen. Zanino gehört mit den Muraltos oder den Orellos zu einer Gruppe von Tessiner ProtestantInnen, die aus Locarno vertrieben und von Zürich aufgenommen wurden. Sie assimilieren sich gut, begründen die örtliche Seidenindustrie, aus der später ein international führendes Geschäft wird, rücken schnell ins städtische Patriziat auf. Allerdings scheint Zanino (wie seine Nachfolger später) in der florierenden Zürcher Filatura, einer Seidenspinnerei an der Limmat, weitaus mehr welsche Importware verarbeitet zu haben als eigene Erzeugnisse aus der Selnau.
Rohseide wurde damals in Spanien, dem heutigen Italien, in Südfrankreich und im Tessin produziert. Sie kam über die Meere und über Karawanenwege aus Asien. Seidenraupen, so glaubten Skeptiker, bräuchten ein wärmeres Klima als jenes der deutschen Schweiz, obwohl der Weisse Maulbeerbaum, Morus alba, den die Raupen als Nahrung bevorzugen, nach Aussage der meisten Quellen überall dort wächst, wo auch der Wein und die Baumnüsse reifen.
Evangelista Zaninos Seidenwurmzucht endete 1586 im Konkurs, nachdem er sich mit Grundstückspekulationen in Wiedikon übernommen hatte. Die Maulbeerbäume wurden ausgegraben und nicht wieder eingesetzt; der Emigrant floh vor den Gläubigern aus der Stadt.
Der Körper als Brutkasten
Der Zyklus des Maulbeerspinners, Bombyx mori, dauerte früher etwas länger als heute: 28 Tage geht es in Ueli Ramseiers temperiertem, gut belüftetem und befeuchtetem Raupenzimmer vom Schlüpfen der Tiere bis zur Ernte der fertigen Kokons. In der Literatur aus dem 19. Jahrhundert werden 30 oder 33, manchmal bis zu 40 Tage angegeben, aber auch die Kokons waren damals kleiner.
Für die Bauern und Bäuerinnen sei die klare zeitliche Begrenzung sehr praktisch, sagt Ramseier, obwohl die Lebenszeit der Raupe ausgerechnet mit der intensivsten Phase der übrigen Landwirtschaft zusammenfalle: Bis heute kann man Seidenbau trotz moderner Technik nur in der warmen Jahreszeit betreiben, weil der Maulbeerbaum hierzulande erst im Mai genügend grosse Blätter trägt. Im vergangenen Frühjahr 2012 zum Beispiel war der März recht trocken, der April etwas kalt, Mitte Mai gab es einen Frost, und Ramseier musste den Beginn der Zucht um zwei Wochen verschieben.
Seine ersten Bäume hat er in Frankreich geholt, Stecklinge aus einer alten, unnütz gewordenen Plantage, denn in der Ardèche, im Rhonetal, in den Cevennen ist der Seidenbau erst spät erloschen, und vor zwanzig Jahren wurde auch dort versucht, dieses Handwerk noch einmal einzuführen. Das Stück Grasland beim Schützenstand von Hinterkappelen, auf dem Ramseiers Bäume jetzt wachsen, konnte er pachten, weil es von Kugeln etwas bleiverseucht ist und für die normale Landwirtschaft nicht mehr genutzt werden darf.
Er macht dort Versuche mit allen möglichen Maulbeerarten, füttert sie seinen Raupen, schaut zu, wie diese reagieren. Auf alten Bildern von der französischen Seidenzucht sind die Maulbeerbäume sehr tief geschnitten. Aus niedrigen, dicken Stämmen spriessen Zweige mit riesigen Blättern, die sich auf bequemer Höhe wegschneiden lassen. Die Maulbeere setzt, wenn man sie lässt, brombeerähnliche Früchte an, die essbar sind. Besser als die weisse ist die schwarze Maulbeere: Nur fressen die Raupen deren Blätter nicht so gern.
Die Eier der Raupen – auf Französisch spricht man von «grains», von Körnern, im Deutschen war früher von Samen die Rede – bezieht der Verein Swiss Silk aus einer Anstalt in Padua. Sie werden per Post geschickt, und zwar in Boxen, das ist die Masseinheit: Eine Box enthält 20 000 Eier. In Bulgarien gäbe es noch eine zweite Zuchtanstalt, die Eier verkauft, und in Frankreich bewahrt ein letzter Liebhaber bis heute die einheimischen Landrassen vor dem Verschwinden. Ausgebrütet wurden die Raupen früher anscheinend am menschlichen Körper, man trug sie in Stofftaschen unter den Kleidern und legte sie nachts an eine warme Stelle im Bett. Es sind aber auch einfache Brutkästen nachgewiesen, die mit einer Öllampe beheizt werden konnten. Fünf Tage dauert die Brut bei 25 bis 27 Grad, die Eier haben die Grösse von Mohnsamen, die herauskriechenden Raupen sind unendlich klein und fangen sofort an zu fressen.
Goethes Kindheitsdrama
An der Wende zum 17. Jahrhundert bekam die europäische Seidenzucht erhebliche obrigkeitliche Impulse: Mit Henri IV. regierte in Frankreich ein reformerischer König, und der Landwirtschaftspionier Olivier de Serres aus der Ardèche veröffentlichte 1599 die erste neuzeitliche Abhandlung zum Seidenbau. De Serres wurde nach Paris gerufen und beauftragt, das Land mit Maulbeeren vollzupflanzen, selbst in den Gärten der Tuilerien richtete er eine Plantage von 20 000 Bäumen ein, für die Raupen stellte der König die Orangerie zur Verfügung.
Schwieriger erwies sich die Einführung der Seidenherstellung in Deutschland: Unter dem preussischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm und den ersten preussischen Königen zwang man zwar im 17. und 18. Jahrhundert brandenburgische Bauern zum Anbau von Maulbeerbäumen, bepflanzte Friedhöfe und Festungsanlagen damit und importierte die Eier aus Italien, doch ein nachhaltiger Erfolg ist zum Leidwesen der Herrscher ausgeblieben. Während im Süden Frankreichs die «goldene Zeit» der Seidenraupe anbrach, während die Seide in Italien sogar zum wichtigsten Exportartikel wurde (sie war das noch Ende des Ersten Weltkriegs), blieb es in fast allen Ländern Nordeuropas bei mehr oder weniger gescheiterten Versuchen.
Ein Zeitzeuge aus Deutschland, geboren 1749 in Frankfurt, berichtet von einem Experiment seiner Kinderzeit, das er als ausgesprochen unangenehm erinnert. Der Vater, schreibt Johann Wolfgang von Goethe in «Dichtung und Wahrheit», habe damals Raupeneier aus Hanau kommen lassen, weil er «einen grossen Begriff» von der Seidenzucht hatte: Man liess sie ausschlüpfen «und wartete der kaum sichtbaren Geschöpfe mit grosser Sorgfalt. In einem Mansardenzimmer waren Tische und Gestelle mit Brettern aufgeschlagen, um ihnen mehr Raum und Unterhalt zu bieten: denn sie wuchsen schnell und waren nach der letzten Häutung so heisshungrig, dass man kaum Blätter genug herbeischaffen konnte, sie zu nähren.» Bei günstiger Witterung hätten die Kinder diese Arbeit als «lustige Unterhaltung» angesehen, schreibt der Dichter, wenn es jedoch kalt geworden sei und die Maulbeerbäume darunter litten, «so machte es grosse Noth». Am unangenehmsten wurde die Fütterung der Raupen, wenn in der letzten Zuchtphase Regen fiel. Denn «diese Geschöpfe können die Feuchtigkeit gar nicht vertragen; und so mussten die benetzten Blätter sorgfältig abgewischt und getrocknet werden, welches denn doch nicht immer so genau geschehen konnte, und aus dieser oder vielleicht auch noch einer andern Ursache kamen mancherlei Krankheiten unter die Herde, wodurch die armen Kreaturen zu Tausenden hingerafft wurden».
Die entstehende Fäulnis habe «pestartig» gestunken, schreibt Goethe, und weil «man die Toten und Kranken wegschaffen und von den Gesunden absondern musste», sei es «in der Tat ein äusserst beschwerliches und widerliches Geschäft» gewesen, «das uns Kindern manche böse Stunde verursachte».
Der stete Kampf um Anerkennung
Vier Häutungen macht die Raupe durch, wobei sie jeweils für einige Zeit erstarrt, den Kopf in die Höhe gestreckt, und scheinbar schläft, bevor sie aus der Haut fährt und dabei Aussehen und Farbe verändert. In fünf Lebensaltern legt das Tier um das 10 000-Fache seines ursprünglichen Gewichts zu und wächst von drei Millimetern Länge auf sieben bis neun Zentimeter. Im letzten Stadium, so heisst es, verursachen ein paar 10 000 Raupen mit ihren Fresswerkzeugen einen erheblichen Lärm, der als Knistern oder Prasseln, als «regnerisches Geräusch» in die Umgebung dringt.
Seidenraupen leben auf Holzgestellen, Ueli Ramseier verwendet dafür alte Obsthurden, so wie er bei allen züchterischen Geräten möglichst auf billiges Material zurückgreift und sogar den Brutkasten selber gebastelt hat. Wer Schweine halten wolle, sagt er, müsse schnell eine halbe Million in die Finger nehmen, für den Seidenbau reichten ein paar hundert Franken. So könne jeder Bauer, der Interesse habe, diese Zucht ausprobieren, ohne viel zu riskieren, und allmählich hineinwachsen in eine Nischenproduktion. Viele der Mitglieder, die bei Swiss Silk aktiv werden, halten Schweine und möchten aus diesem zunehmend schwierigen Geschäft aussteigen. Den Seidenbau prüfen sie als Möglichkeit. Dabei seien sich die Bauern und Bäuerinnen einig, sagt Ramseier: Es gehe nicht um Subventionen, man wolle von den Konsumentinnen und Konsumenten bezahlt werden, nicht vom Staat. Allerdings müsse das zuständige Bundesamt den Seidenbau zuerst als landwirtschaftlichen Produktionszweig anerkennen, damit die BäuerInnen ernsthaft einsteigen könnten, es dürfe ihn nicht weiter als «produzierenden Gartenbau» einstufen wie bisher.
Als Seidenpionier mit Reformideen hat Ramseier auch in der Schweiz einige Vorgänger. Etwa Benedikt von Tscharner und Benjamin Gaulis, die im 18. Jahrhundert versuchten, die Wirtschaftsverhältnisse in der Waadt mit Seidenbau zu sanieren, unterstützt von der Oekonomischen Gesellschaft des Kantons Bern. Oder Bezirksarzt Johann Jakob Welti im aargauischen Zurzach, einen Mann, dem alle kühnen Projekte misslangen, obwohl er vielleicht recht hatte: Zuerst experimentierte er mit dem in der Nordschweiz kaum praktizierten Tabakanbau. Dann pflanzte er 6000 Maulbeerbäume und legte der Aargauer Regierung 1839 den Plan vor, in Zurzach «eine schweizerische Musteranstalt zur Einführung der Seidenraupenzucht zu errichten». Die alte Messestadt, so meinte er, brauche dringend ein neues Gewerbe, denn als Handelszentrum war sie in der Krise. Doch weder Regierung noch Private wollten in Weltis Institut investieren. Das nächste grosse Projekt Doktor Weltis beweist sein visionäres Talent: Nach dem Scheitern des Seidenbaus versuchte er, aus Zurzach einen Kurort zu machen; er richtete im eigenen Haus ein Bad ein, dem jedoch die Gäste mangelten, weil es mit kaltem Wasser betrieben wurde. Die Heisswasserquelle von Zurzach ist erst siebzig Jahre später entdeckt und 1955 in Betrieb genommen worden.
In Sachen Seidenbau war Welti allerdings Teil einer Bewegung; 1837 zählte man in der Schweiz 561 000 Maulbeerbäume, von denen nur einige hundert als «sehr alt» galten und der Rest gerade erst angepflanzt worden war: In Appenzell Ausserrhoden zum Beispiel kamen allein in jenem Jahr 24 000 Stück hinzu. Ein Züst in Wolfhalden besass 14 468, ein Merz aus Herisau hatte seine Plantage von 20 000 Bäumen im sankt-gallischen Gossau angelegt. Verarbeitet wurde die Appenzeller Seide, über die sonst so gut wie gar nichts bekannt ist, entweder von den Familien der Seidenzüchter selbst oder aber industriell, etwa in den Spinnereien der Zürcher Seidenindustrie und im Kanton Baselland, wo die Schappeverwertung eine bedeutende Rolle spielte: Schappe heissen jene Seidenreste, die sich nicht direkt als Faden abhaspeln lassen und mit einer aufwendigen Technik versponnen werden müssen.
Vielleicht kam die einheimische Seide später noch einmal ins Appenzellische zurück und wurde dort zu Seidenbeuteltüchern gewoben, den damals weltweit von der Müllereitechnik begehrten Gazetüchern, die nirgendwo so gut gelangen wie in den feuchten, krank machenden Webkellern der Voralpenregion.
Das Ende mit Schrecken
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in sämtlichen Schweizer Kantonen das neue Handwerk zumindest ausprobiert. Schnell ging es damit auch wieder zu Ende: In den 1850er Jahren grassierten rätselhafte Raupenseuchen und vernichteten die Bestände ganzer Landstriche. Die französische Produktion fiel von 26 000 Tonnen 1853 auf 7000 Tonnen 1856. Die Seuchen pflanzten sich über die Eier fort. Um gesunde Raupen zu erhalten, musste der Nachwuchs aus Japan bezogen werden, einem fast unbekannten Land, das von den Grossmächten eben erst zur wirtschaftlichen Öffnung gezwungen worden war – eine umständliche Sache, denn bei falscher Behandlung und heissem Klima drohten die Eier unterwegs zu verderben, etwa auf der Fahrt durch den 1869 eröffneten Suezkanal oder auf der gleichzeitig fertiggestellten Union-Pacific-Eisenbahn von Kalifornien nach New York. Andererseits liess sich über die neuen Verkehrswege statt den Eiern auch die ostasiatische Seide günstiger als bisher in westliche Metropolen transportieren.
Um von den kranken Maulbeerspinnern wegzukommen, machten die Seidenbauer jetzt Versuche mit anderen Raupensorten; bekannt waren frei lebende asiatische Seidenspinner, die auf Rhizinusblättern lebten, auf Eichenblättern oder auf jenen des Ailanthus. Etwa der Tussah-Spinner, ein Nachtpfauenauge, von dem die Tussah-Seide stammt. Einbürgerungsversuche in Europa blieben jedoch episodisch. In der Meinung, dass die Nahrung an den Seuchen schuld sei, versuchten einige Züchter ausserdem, ihre Maulbeerspinner an anderes Essen zu gewöhnen: Schwarzwurzelblätter, gewisse Salatsorten, der Osagedorn wurden ausprobiert, jedoch ohne den gewünschten Erfolg.
Der Bundesrat schickte Delegierte nach Japan, um die dortige Seidenproduktion zu erkunden, die von der Krankheit unbehelligt erschien. Diplomaten kauften «japanesische Eier», die Regierung liess sie an Schweizer Züchter verteilen. Eine in Japan ergatterte Broschüre über die Aufzucht der Raupen erschien 1864 übersetzt im amtlichen «Bundesblatt». Schliesslich gelang es Louis Pasteur, dem französischen Biologen, der im Auftrag der Regierung Napoleons III. die Seidenraupenpest untersuchte, verschiedene Infektionskrankheiten zu identifizieren und Massnahmen durchzusetzen, mit denen sie bekämpft werden konnten.
In der Schweiz war es wohl zu spät dafür. Der Seidenbau, wenn er je eine ökonomische Rolle gespielt hatte, kam nicht mehr auf die Füsse. Andere Tätigkeiten rentierten besser. 1911, als auch die Schweizer Weinberge durch Krankheiten und Parasiten verheert worden waren, forderte die «Neue Zürcher Zeitung» in einer dreiteiligen Serie nochmals Förderungsmassnahmen für die Seidenzucht. Wie schon Welti 1839 und mit demselben Misserfolg schlug die NZZ vor, eine eidgenössische Forschungsanstalt einzurichten. Es mag in den Folgejahren weitere Initiativen gegeben haben, doch seit den 1880er Jahren war Kunstseide auf Zellulosebasis bekannt, und in den dreissiger Jahren kamen seidenähnliche Billigkunststoffe wie Nylon und Perlon auf den Markt.
Von früh bis spät fressen
Ueli Ramseier und seine KollegInnen von Swiss Silk haben eine schräge Idee. Dabei rechnen sie genau, und alle Phasen des Seidenbaus sind in detailreichen Excel-Tabellen bestens erfasst. Sie kaufen gemeinsam ein und tauschen ihr Wissen aus.
Für die Weiterverarbeitung des gewonnenen Seidenfadens hat Swiss Silk industrielle Partner gewonnen, aber noch stellt man nur Versuche an. Auch die unlängst aus Schweizer Seide gewobenen Krawatten, die ersten seit mindestens hundert Jahren, waren ein Experiment.
Die Schweizer Seide, sagt Ueli Ramseier, sei in der Herstellung rund fünfmal so teuer wie importierte Seide, nicht zuletzt, weil die ProduzentInnen anständig bezahlt würden. Der Preis ist aus Ramseiers Sicht kein Problem: Weitaus mehr als der Rohstoff fielen ohnehin die Verarbeitungskosten ins Gewicht. Die Seidenindustrie stellt heute hauptsächlich Luxusartikel her. Bei einem eleganten Foulard, das für 400 Euro verkauft werde, spiele der Rohseidenpreis keine Rolle mehr. Und ob eine Krawatte, die neunzig Franken koste, mit Schweizer Seide zwanzig Franken teurer werde, sei eigentlich nicht entscheidend.
«Wir rechnen viel», sagt Ueli Ramseier zum Schluss noch einmal. Aber ob die Rechnung in der Wirklichkeit aufgehe, müsse man sehen. Er sagt es fröhlich und unbesorgt, mit offensichtlicher Neugier. In zwei Jahren will Swiss Silk auf dem Markt sein.
Der Maulbeerspinner ist ein weisser Nachtfalter, der nur als Versprechen lebt. In Raupenform sitzt er auf Blättern und frisst von früh bis spät. Man braucht ihn nicht einmal einzusperren, er läuft nicht davon, sondern bleibt beim Fressen. Nach vier Wochen und vier Häutungen steigt er in ein vom Züchter bereitgestelltes Kartonregal, um sich zu verpuppen. Die Kokons sind ebenmässig schön, gelblich oft, in Ramseiers Zucht blendend weiss. Nun ist das Leben der Tiere beendet, denn sie werden vom Züchter eingesammelt und in einem Dörrofen getötet, damit der Seidenfaden vom Kokon abgehaspelt werden kann. Jene Falter, die ausnahmsweise schlüpfen dürfen, paaren sich einmal, legen ihre Eier auf vorbereitetes Papier und sterben, ohne noch jemals etwas zu fressen oder aufzufliegen.