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Am Wochenende waren die Scuola Corale della Cattedrale di Lugano und ihr Leiter Maestro Robert Michaels in Einsiedeln zu Gast. Es war ein mehrfach bemerkenswerter Auftritt.
Die zwanzig Jugendlichen im Alter zwischen acht und dreiundzwanzig Jahren der berühmten Chorschule gestalteten am Samstagabend ein Konzert und am Sonntagvormittag einen Gottesdienst in der Klosterkirche. Der Besuch stand ganz im Zeichen des grossen spanischen Komponisten Tomas Luis de Victoria, der vor vierhundert Jahren, am 27. August 1611, in Madrid gestorben ist.
Eine berührende Trauermette
Der Auftritt am Samstag in der leider nur schwach besetzten Klosterkirche war kein Konzert, sondern eher eine berührende Trauermette mit starkem Einbezug der Symbolik des Kerzenlichtes. Wie der Konvent bei der Beerdigung eines Mitbruders zog der Chor in Prozession von der Gnadenkapelle her in die nur wenig beleuchtete Kirche ein, angeführt von einem Kerzenträger. Unter der Weihnachtskuppel brannten auf drei dreieckigen Lichtrechen an drei verschiedenen Standorten insgesamt achtzehn Kerzen, entsprechend den achtzehn Antwortgesängen (Responsorien) der drei Trauermetten vom Hohen Donnerstag, Karfreitag und Karsamstag. Genauer gesagt entsprechend den Antwortgesängen der zweiten und dritten Nokturn der einzelnen Tage. Robert Michaels hatte die drei Blöcke mit vier Motetten umrahmt, wovon zwei inhaltlich schlecht zur Passionsthematik passten. Nach jedem gesungenen Responsorium löschte der Maestro – wie unser Bruder Konrad – eine Kerze aus, so dass am Ende nur noch jene brannte, welche in Prozession hereingetragen wurde – ein starkes Symbol für Christus, seinen Tod und seine Auferstehung. War eine Einheit von sechs Responsorien gesungen, zog der Chor in Prozession zum nächsten Standort. Die letzte Motette wurde vorn beim neuen Hochaltar gesungen. Wirklich eher ein musikalischer Kreuzweg oder eine Art Mysterienspiel als ein herkömmliches Kirchenkonzert.
Verinnerlichte Musik
Im Zentrum stand trotzdem die verinnerlichte Musik Victorias, der neben Palestrina und Orlando di Lasso zu den herausragenden Komponisten der Spätrenaissance zählt. Eine Trauermette besteht bis heute aus drei Nokturnen und jede Nokturn aus drei Psalmen, drei Lesungen und drei Antwortgesängen. Der jesuitisch geschulte Priesterkomponist Victoria vertonte die Lesungen der ersten Nokturn (Lamentationen) und die Responsorien der zweiten und dritten Nokturn. Der Chor aus Lugano sang an diesem Abend neben den vier Motetten die achtzehn Responsorien, ein für Sänger und Zuhörer anstrengendes Unterfangen. Auch wenn man die Texte kaum verstand und die Übersetzung im dunklen Kirchenschiff unmöglich nachlesen konnte, wurde man als Zuhörer von dieser Musik und ihrer phantastischen Ausführung durch den Jugendchor hineingenommen in eine spanische Passionsmystik, wie sie auch in den Texten der Teresa von Avila (auch Victoria stammte aus Avila!) oder in den Bildern von El Greco zum Ausdruck kommt.
Zeugen des Geschehcns
Der Zuhörer wurde gleichsam zum Zeugen des Geschehens. Durchaus möglich, dass man damit überfordert war oder gar überfordert sein musste. Ein Responsorium ist eine Antwort auf eine vorgetragene Lesung. Achtzehn Responsorien nacheinander, auch wenn sie durch zwei Motetten aufgelockert werden, sind des Guten zu viel. Damit soll der Gehalt dieser phantastischen Musik und die Bravourleistung der Luganeser Chorschule mit keinem Wort geschmälert werden. Ein bewundernswerter Kraftakt, ja eine Zumutung für jeden Chor. Ein Kraftakt war es auch für das Publikum, aber einer, der sich mehr als gelohnt hat. Was Robert Michaels mit seinem Jugendchor immer wieder zustande bringt, ist grossartig und einzigartig in der Schweiz. Chapeau! Am Sonntag sang der Chor, diesmal in der voll besetzten Kirche, eine Messe und zwei Motetten von Victoria, bevor man Richtung Süden verreiste. Danke und auf Wiederhören!
Einsiedler Anzeiger
Autor
Einsiedler Anzeiger
Kategorie
- Musik
Publiziert am
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