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Joëlle Bertossa, Produzentin Close Up Films
01. Januar 2020
Die Frage mag seltsam klingen, doch es scheint, als ob die Sektion Film des BAK sie bereits beantwortet hätte, bevor sie überhaupt diskutiert wurde. Seit Januar 2019 muss man, um eine Unterstützung für die Realisation einer so genannten minoritären Koproduktion (mit ausländischer Regie) zu erhalten, die Excel-Datei «Evaluation Guide für minoritäre Koproduktionen» ausfüllen und eine möglichst hohe Punktzahl von insgesamt 100 Punkten erreichen. Die Filme mit den meisten Punkten erhalten eine selektive Förderung des BAK.
Das scheint einfach, allzu einfach! Der Haken liegt bei den Kriterien: Bezug zur Schweiz, Reziprozität, Realisierbarkeit, Auswertungspotenzial und als Letztes (sic) Qualität des Projekts. Die ersten beiden Kriterien sind besonders fragwürdig.
Weshalb soll ein Film ohne Bezug zur Schweiz – «Es gibt einen klaren thematischen Bezug zur Schweiz (z. B. Romanvorlage, historischer Bezug, Sujet)» ist fünf Punkte wert – weniger gut oder erfolgreich sein als ein anderer? Stellen Sie sich vor, das französische CNC würde dasselbe Kriterium anwenden für die Gewährung einer Restfinanzierung für einen Film eines Schweizer Regisseurs! Das Gegenteil ist der Fall; das CNC hat in der Tradition eines weltoffenen Filmschaffens die Anlaufstelle Cinémas du monde eingerichtet, die nicht-französischsprachige Filme mit Bezug zu fremden Gegenden und Thematiken unterstützt. Laut neuesten Meldungen ist das BAK weder die SVP, noch vertritt es das Tourismusbüro.
Illusorische Reziprozität
Im Namen der Reziprozität erhalten sodann jene Firmen fünf Punkte, die mehr majoritäre als minoritäre Filme koproduziert haben. Die Absicht ist lobenswert, die Folge katastrophal. Die Firma Close Up films, die ich 2012 gründete und heute mit meiner Teilhaberin Flavia Zanon leite, hat innerhalb von acht Jahren mehrere Langfilme minoritär koproduziert, darunter «I Am Not Your Negro» von Raoul Peck (Oscar-nominiert und Gewinner des César für den besten Dokumentarfilm 2018), «Les hirondelles de Kaboul» von Zabou Breitman (Un certain regard, Cannes 2019), zwei Filme von Philippe Garrel (Quinzaine des réalisateurs Cannes 2015 und Berlinale 2019) sowie kürzlich «Yalda, la nuit du pardon» von Massoud Bakshi, der den Grand Jury Prize des Festivals Sundance erhielt. Diese unbestrittenen Erfolge bei den Kritikern und beim Publikum sowie die internationale Karriere dieser Filme sollten ein Beweis sein für Qualität und kohärente Entscheidungen. Doch nein: Unser majoritär-minoritär-Verhältnis ist negativ.
Dies, obwohl wir viele majoritäre Schweizer Langfilme mit dem Ausland koproduziert haben, wie zum Beispiel «Il mio corpo» von Michele Pennetta mit RAI cinéma und Italien, zwei Dokumentarfilme von Karim Sayad mit Frankreich, das neue Projekt von Germinal Roaux, «Cosmos», das vom CNC unterstützt wird, sowie den Solothurner Filmpreis 2019, «A la recherche de l’homme à la caméra» von Boutheyna Bouslama.
Hinter diesem Kriterium der Reziprozität mag der Gedanke stehen, dass die Schweizer Filme mehr Unterstützung aus dem Ausland erhalten sollen, doch ich glaube nicht, dass die verschiedenen Experten der europäischen Fonds diesem Druck nachgeben, und ich bin überzeugt, dass die Schweizer Produzentinnen und Produzenten bereits ihr Möglichstes tun, um ausländische Gelder für ihre majoritären Filme zu finden!
Zehn Punkte von vornherein verloren
Mit diesem neuen selektiven System fehlen uns also von vornherein 10 der 100 Punkte. Wenn heute der Durchschnitt, den die unterstützten Filme erreichen, bei Spielfilmen 82 Punkte beträgt, bei Dokumentarfilmen 86 Punkte, so hat man mit diesen systembedingt fehlenden 10 Punkten keine Chance. Es bedeutet, dass wir kein minoritäres Koproduktionsprojekt mehr einreichen können. Diese Regel ist eine Ächtung des Erfolgs mancher erfahrener Produzenten.
Minoritäre Filme sind ein Gewinn für die Schweiz und die ganze Branche. Dank unserer Koproduktionen konnten viele junge Filmtechniker an der Seite grosser, international bekannter Kameraleute arbeiten, andere kamen mit Virginie Efira in Kontakt oder erhielten ihre erste Rolle in einem Film von Philippe Garrel, und Schweizer Animationsfilmer hatten die Gelegenheit, an einem in Cannes ausgewählten Langfilm zu arbeiten.
Nebst den oben erwähnten problematischen Auswahlkriterien sollte das ganze System in Frage gestellt werden. In meinen Gesprächen mit Produzenten aus dem Ausland ist es schwierig, diese Struktur verständlich zu erklären, und es stösst auf harte Kritik. Dass der künstlerische Aspekt der minoritären Projekte bereits von renommierten Kommissionen beurteilt wurde, ist kein Grund, ihn auf 10 Punkte für die künstlerische Qualität des Drehbuchs zu reduzieren.
Für uns Produzenten sind die künstlerische Qualität eines Films und seine mögliche Akzeptanz beim Publikum immer noch die Hauptkriterien für unsere Entscheidungen. In dieser für den ganzen audiovisuellen Sektor derart schwierigen Zeit sollten wir uns vor allem daran festhalten, dass unsere Arbeit Sinn macht, einen Wert hat, der über die Vermarktung hinausreicht, und die Seelen beflügelt. Excel mag ja ein guter Verbündeter der Produzentinnen und Produzenten sein, doch es darf nicht dazu kommen, dass ein Informatiksystem unsere Entscheidungen und Empfindungen ersetzt.
Filme produzieren ist eine Form von Kunst und soll es auch bleiben – komme, was wolle!
▶ Originaltext: Französisch