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Sind wir noch normal?
Was ist eigentlich normal? Ich weiss es nicht. Weil mit normal ist es wie mit gesund: Erst, wenn man es plötzlich nicht mehr ist, begreift man, was Gesundheit heisst.
Ich weiss zum Beispiel, was früher normal war. Jeder war normal. Es war normal, dass es einen Dicken gab, der war bei uns aber sehr fröhlich; dann war es normal, dass es einen gab, der fettige Haare hatte und den niemand richtig mochte. Auch die Erwachsenen schienen mir allesamt normal. Nur als unsere Klasse sich einmal so aufführte, dass die eigentlich von allen geschätzte Lehrerin zu weinen begann, dann war das nicht mehr normal. Aber sonst, die Lehrerinnen, die Pöstler, die Bäuerinnen beim Milchholen: alle normal.
Ausser diejenigen, die eindeutig nicht normal waren. Die wurden vom «Gelben Wägeli» abgeholt, wie man im Solothurnischen sagte – und heimlich schauderte es uns dabei. Bei mir zu Hause sprachen meine Ärzte-Eltern über solche Fälle und benutzten dafür medizinische Begriffe. Und irgendwie begriff ich, dass auch die Leute, die vom gelben Wägeli abgeholt wurden, eigentlich normal waren. Man musste nur die richtigen Begriffe kennen, die ein Scharnier bildeten zwischen der Welt der normalen und denen, die gerade nicht so normal waren.
Essstörungen und psychotische Schübe in der Schule?
Und dann hatten wir zu Hause auch jemanden, der nicht normal war. Ich bin in Rickenbach aufgewachsen, in einer grossen Villa, wir bewohnten den oberen Stock, unten die Hausbesitzer. Als wir dort einzogen, war ich fünf Jahre alt und die Nachbarin war eine liebe, herzliche Frau, die uns immer Schokolade gab und sich freute, uns zu sehen. Aber mit der Zeit veränderte sie sich. Das ging ganz langsam, unmerklich, über Jahre. Es begann damit, dass sie nicht mehr lachte. Sie sank in sich zusammen. Ihr Lächeln war nur noch gequält, und irgendwann sah man sie gar nicht mehr, weil sie nur noch im Bett lag. Meine Eltern erklärten uns, dass sie krank sei, unter Depressionen leide. Depressionen? Davon hatten wir noch nie gehört! Die Eltern versuchten uns zu erklären, wie es so weit kommen konnte. Aber es war für uns unverständlich, wie jemand derart traurig sein konnte, dass er fast ein anderer Mensch wurde.
Wenn ich mich heute so umsehe, hat sich einiges verändert. Ich bin dreissig Jahre älter und habe zwei Kinder. Und es scheint mir heute doch viel normaler geworden, nicht ganz normal zu sein. Ich habe eine siebzehnjährige Tochter, sie geht ins Gymnasium. In ihrer Schule kam es zu sehr vielen Ausfällen. Einige Mädchen litten unter Essstörungen, es gab Fälle von Depressionen, Bipolarität, Transgender, und eine Mitschülerin hatte sogar einen psychotischen Schub. In der Pubertät wird ja das ganze Hirn umgebaut – und da ist es vielleicht auch normal, dass man nicht mehr ganz normal ist, das war schon zu meiner Zeit so. Aber trotzdem musste ich staunen, in welcher Häufung das in der Schulstufe meiner Tochter auftrat.
Im Internet steht …
Meiner Tochter machte das Sorgen. Und sie tat das, was man unter keinen Umständen tun sollte, wenn man unter unspezifischen Beschwerden leidet: Sie ging ins Internet. Und wie Sie ja vielleicht wissen, ist es im Internet so, dass man unter Blähungen leiden kann und nach 10 Minuten Recherche überzeugt ist, den nächsten Frühling nicht mehr zu erleben.
Meine Tochter fragte mich also: Kann es sein, dass ich auch eine Psychose habe? Ich sagte: Nein, du hast sicher keine Psychose. Aber das beruhigte sie nicht. Wie kannst du das wissen?, fragte sie. «Im Internet steht …» Als sie das sagte, musste ich ein bisschen lachen.
Kannst du ganz sicher sagen, dass ich nie eine Psychose haben werde? Und ich musste zugeben, dass ich es natürlich nicht wissen kann.
Kaum mehr Normale
Für meine Tochter ist es also fast schon normal, in ihrem Umfeld psychisch Kranke zu haben. Und sie fragt sich, ob sie eigentlich noch normal ist, wenn sie einfach normal ist.
Was ist heute normal? Auch in meinem Arbeitsumfeld haben die Leute nicht mehr einfach nur Grippe oder Unfälle. Sie haben Burn-outs, ADHS, Depressionen, Panikattacken. Und jeder redet darüber und fachsimpelt mit den entsprechenden Begriffen – einfach weil es eben normaler geworden ist. Und das ist gut, die Begriffe helfen zu verstehen, dass es viele Möglichkeiten gibt, nicht normal zu sein. Alle möglichen Stars bekennen sich mittlerweile ja auch zu ihren psychischen Problemen, und zahllose Betroffene tun es ihnen nach. Gern passiert das in den sozialen Medien, komplett mit Bildern all der Medikamente, die ihnen verschrieben werden. Da fragt man sich wieder: Ist das eigentlich normal?
Vielleicht könnte man sich auch fragen: Ist das gut, wenn es normal ist, nicht normal zu sein?
Soziale Medien und Medikamentenflut
Sicher ist, man bekommt viel Zuspruch, wenn man sein Leiden in den sozialen Medien öffentlich macht. Die Leute loben die Betroffenen für ihren Mut, andere teilen ihre eigenen Erfahrungen. SM ist manchmal wie eine grosse Selbsthilfegruppe. Man tauscht sich öffentlich aus und gibt Tipps, teilt Erfahrungen. Betroffene sagen, das tue ihnen gut, und wenn es hilft, kann es ja nicht grundschlecht sein.
Aber es ist vielleicht auch nicht für alle das Richtige. Als mein Vater plötzlich und unerwartet aus dem Leben schied, waren wir natürlich alle sehr traurig. Meine Mutter erzählte mir neulich, wie sie plötzlich mit Angeboten für Medikamente gegen «Depressionen» überhäuft wurde. Sie habe abgelehnt, erzählte sie: «Es ist doch normal, wenn man nach einem Todesfall traurig ist. Das ist ein normaler Trauerprozess und keine Depression.»
Entscheidend ist letztlich, dass man sein Leiden mit den richtigen Begriffen und Diagnosen zu fassen kriegt und in sein Leben integrieren kann. Dass es Sinn macht. Selbst wenn man akzeptieren muss, dass man eben nicht normal ist. Und dass das ganz normal ist.