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Sturmschwalbe - Hydrobates pelagicus
Wellenläufer - Oceanodroma leucorhoa
© 2005 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Bei den allermeisten Tiersippen (und auch Pflanzengruppen) ist der Artenreichtum in den tropischen Regionen erheblich grösser als in den gemässigten und polaren. Dies gilt sowohl für die an Land wie für die im Wasser lebenden Organismen. Man denke an die enorme Formen- und Farbenvielfalt der Lebewesen in den tropischen Regenwäldern und den tropischen Korallenriffen.
Eine bemerkenswerte Ausnahme von dieser Regel bilden die Meeresvögel im Allgemeinen und die Röhrennasen (Ordnung Procellariiformes) im Speziellen. Von deren rund 120 Mitgliedern - welche in die vier Familien Albatrosse (Diomedeidae), Sturmvögel (Procellariidae), Sturmschwalben (Hydrobatidae) und Tauchsturmvögel (Pelecanoididae) gegliedert werden - brüten lediglich 8 Arten ausschliesslich in den Tropen. Alle übrigen schreiten entweder ausschliesslich oder aber hauptsächlich in gemässigten und polaren Breiten zur Brut. Die meisten Röhrennasen sind im Übrigen auf der südlichen Erdhalbkugel heimisch. Nur 24 Arten brüten in den gemässigten und/oder polaren Zonen der nördlichen Hemisphäre, und bloss 17 Arten tun dies ausschliesslich dort.
Mit seinen reichen Fischbeständen und seinen ausgedehnten Küstenstrichen bildet der Nordatlantik ein wichtiges Jagd- und Brutgebiet für die auf der nördlichen Erdhalbkugel heimischen Röhrennasen. Die meisten von ihnen brüten - wegen des Fehlens von Raubsäugern - vorzugsweise auf Inseln. So auch auf den als autonome Aussenbesitzung zu Dänemark gehörenden Färöern, welche die vorliegenden Briefmarken verausgabt haben. Die Färöer setzen sich aus 18 Inseln mit einer Landfläche von insgesamt 1400 Quadratkilometern zusammen und liegen ungefähr gleich weit von Island, Schottland und Norwegen entfernt im Europäischen Nordmeer. Nicht weniger als 49 Meeresvogelarten brüten im Bereich der färingischen Küsten regelmässig. Zu ihnen gehören zwei Arten von Sturmschwalben, die «eigentliche» Sturmschwalbe (Hydrobates pelagicus)
und der «eigentliche» Wellenläufer (Ocenaodroma leucorhoa)
, von denen hier berichtet werden soll.
Die Sturmschwalbe
Die Familie der Sturmschwalben besteht aus zwanzig Arten klein gewachsener Meeresvögel. Tatsächlich sind sie mit einer Länge von 13 bis 25 Zentimetern und einem Gewicht zwischen 20 und 50 Gramm bloss schwalben- bis starengross und damit die kleinsten aller Meeresvögel. Die «eigentliche» Sturmschwalbe ist ein mittelgrosses Mitglied der Familie: Sie weist eine Länge um 15 Zentimeter, ein Gewicht von 20 bis 30 Gramm und eine Flügelspannweite von 36 bis 39 Zentimetern auf. Von einem weissen Bürzelfleck und einem hellen Feld im Unterflügel abgesehen ist ihr Gefieder dunkelbraun bis schwarz.
Das Brutareal der Sturmschwalbe erstreckt sich auf den nordöstlichen Atlantik und das westliche Mittelmeer. Im Nordostatlantik brütet sie im Süden Islands, auf den vor Norwegens Küste gelegenen Lofoten, auf den Färöern, im Norden und Westen der Britischen Inseln, im Nordwesten Frankreichs, im Norden Spaniens und auf den Kanarischen Inseln. Im Mittelmeer brütet sie auf den Balearen, auf Korsika, Sardinien, Sizilien und Malta sowie auf verschiedenen Inseln Griechenlands. Ihren weitaus wichtigsten «Heimathafen» bilden die Färöer: Dort schreiten jedes Jahr zwischen 150 000 und 400 000 Paare zur Brut, was ungefähr neunzig Prozent des gesamten Artbestands entspricht.
Wie alle ihre Verwandten ist die Sturmschwalbe eine ausgeprägte Meeresbewohnerin. Unter normalen Bedingungen verbringt sie praktisch ihr gesamtes Leben auf hoher See. An Land geht sie nur wenige Wochen im Jahr während der Brutsaison, und auch dann praktisch nur nachts. Auf ihren weiten Streifzügen fliegt sie stets sehr tief: Nur selten bewegt sie sich höher als etwa dreissig Zentimeter über der Meeresoberfläche umher. Ihr Flug besteht aus schwankendem, fledermausartigem Flattern mit fast ausgebreiteten Flügeln, von jeweils nur kurzem Gleiten unterbrochen, und macht auf den menschlichen Beobachter einen ziemlich schwachen Eindruck. Der Schein jedoch trügt, denn die Sturmschwalbe ist - wie ihr Name andeutet - in Gegenden mit besonders rauem Wetter und stürmischer See zu Hause und an diese Bedingungen ebenso perfekt angepasst wie ihre grösseren Vettern, die als «Meisterflieger» bekannten Albatrosse.
Als Nahrung dient der Sturmschwalbe ein breites Spektrum kleiner, oberflächennah lebender Meerestiere, insbesondere Krebstiere, Fische wie der Sprott (Sprattus sprattus)
, Quallen und Tintenfische. Auf die Nahrungssuche geht sie im Allgemeinen tagsüber. Ihre Beute pickt sie mit ihrem spitzen Schnabel fast ausnahmslos im Flug von der Oberfläche weg. Sie vermag dabei ausgezeichnet zu «rütteln», das heisst mit schnellen Flügelschlägen auf der Stelle zu fliegen. Zum Ruhen setzt sie sich hingegen auf die Wasseroberfläche und lässt sich eine Zeitlang treiben. Dies kann sie erstaunlicherweise bei noch so hohem Wellengang problemlos tun.
Man begegnet den Sturmschwalben normalerweise einzeln oder in kleinen Trupps. Manchmal folgen sie Trawlern und anderen Schiffen, um etwaige Fischabfälle oder Kombüsenreste aufzupicken.
Dem Nistplatz treu
Im Mittelmeer gibt es kleinere Sturmschwalbenbestände, die sich das ganze Jahr über im Bereich ihres Brutgebiets aufhalten. Die allermeisten Bestände ziehen jedoch im Herbst in den Süden und verbringen den Winter im Südatlantik vor den Küsten Namibias und Südafrikas, wo der Benguelastrom für reiche Nahrungsgründe sorgt. Jeweils im März oder April ziehen sie von dort aus wieder nach Norden, lassen sich auf der Reise aber viel Zeit und erscheinen grossenteils erst im Spätfrühling oder Frühsommer an ihren Brutplätzen. Der Zeitpunkt der Eiablage hängt vom Breitengrad ab. Im Mittelmeer werden die Eier normalerweise zwischen Mitte Mai und Mitte Juni abgelegt, an den Küsten der Färöer hingegen zwischen Ende Juni und Ende Juli.
Untersuchungen haben gezeigt, dass die allermeisten erwachsenen Sturmschwalben Jahr für Jahr mit demselben Geschlechtspartner zusammen für Nachwuchs sorgen. Allerdings gibt es kaum Hinweise darauf, dass die Partner ausserhalb der Brutsaison gemeinsam umherziehen. Man nimmt darum an, dass die kleinen Meeresvögel nicht wirklich monogam sind, sondern dass es ihre Treue zum Nistplatz ist, welche alljährlich dieselben Partner zusammenführt. Es kehrt nämlich jedes erwachsene Individuum stets zu dem Nistplatz zurück, an welchem es im Vorjahr erfolgreich zur Brut schritt.
Im Allgemeinen brüten die Sturmschwalben in Kolonien, welche ein paar wenige bis ein paar hundert Paare umfassen. Ihre Nester legen sie in Felsspalten, unter Felsblöcken, auch in zerfallenen Steinhäusern und nicht selten in den verlassenen Erdbauen anderer Tiere - darunter Papageitauchern (Fratercula arctica)
, Schwarzschnabel-Sturmtauchern (Puffinus puffinus)
und Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus)
- an.
Das Nest selbst besteht aus einer mit den Füssen aus dem Erdboden gescharrten, im Durchmesser etwa sieben Zentimeter grossen Mulde. Nestmaterial wird gewöhnlich keines eingetragen, doch finden sich mitunter - gewissermassen symbolisch - einzelne Grashalme oder Seegrasstückchen als Auskleidung. Ein einzelnes, reinweisses Ei bildet das Gelege. Beide Altvögel lösen sich beim Bebrüten desselben ab. Die Schichten dauern ungefähr drei Tage; die gesamte Brutdauer beträgt ungefähr vierzig Tage. Die An- und Abflüge der Altvögel am Nistplatz erfolgen während der gesamten Brutsaison ausschliesslich nachts.
Der Jungvogel wird während der ersten sechs oder sieben Lebenstage von seinen Eltern ununterbrochen gewärmt, beschützt und gefüttert. Hernach wird er tagsüber allein gelassen. Während weiteren rund fünfzig Tagen wird er allnächtlich von seinen Eltern mit Futter versorgt. Danach werden die Besuche durch die Eltern rasch seltener. Im Alter von sechzig bis siebzig Tagen ist er flugfähig, verlässt dann - wohl vom Hunger getrieben - unvermittelt sein Nest und begibt sich ohne Begleitung durch seine Eltern auf das Meer, kann also sogleich für sich selbst sorgen.
Zwei bis drei Jahre lang bleiben die Jungvögel auf dem Meer. Dann erst suchen sie wieder Land auf, und zwar begeben sie sich während der Brutsaison zu ihrem Geburtsort zurück, was von einem enormen Heimfindevermögen zeugt. Nur wenige von ihnen gehen gleich einen Paarbund ein und schreiten zur Brut. Die meisten tun dies erst im Alter von vier oder fünf Jahren. Das Höchstalter liegt bei über zwanzig Jahren.
Der Wellenläufer
Der «eigentliche» Wellenläufer, einer von weltweit elf Wellenläuferarten in der Gattung Oceanodroma
, ist von denjenigen Vertretern der Sturmschwalbenfamilie, welche an Europas Küsten brüten, mit knappem Vorsprung der grösste. Mit einer Länge von 19 bis 22 Zentimetern, einem Gewicht von ungefähr 45 Gramm und einer Flügelspannweite von 45 bis 48 Zentimetern ist allerdings auch er ein verhältnismässig kleiner Meeresvogel. Wie die «eigentliche» Sturmschwalbe ist er ein dunkler, braunschwarzer Vogel mit weissem Bürzel. Von ihr unterscheidet er sich aber - abgesehen von der Grösse - durch seinen Gabelschwanz, ein hellgraues Längsband in der Bürzelmitte, brauneren Oberflügeln und vor allem durch seinen eigenartig hüpfenden Zickzackflug.
Die Verbreitung des Wellenläufers ist sehr weit und umfasst den ganzen Nordatlantik sowie den Nordpazifik. Die Gesamtpopulation wird auf mehr als zehn Millionen Individuen geschätzt. Im westlichen Europa finden sich Brutkolonien auf Island, auf den Lofoten, auf den Färöern, auf Irland und an den Küsten Schottlands. Island beherbergt den grössten Brutbestand, nämlich 80 000 bis 120 000 Paare, gefolgt von Schottland mit 35 000 bis 60 000 Paaren. Mit rund 1000 Paaren ist der Brutbestand auf den Färöern verhältnismässig gering.
Wie seine Verwandten verbringt der Wellenläufer die meiste Zeit seines Lebens auf hoher See. Im Unterschied zu den übrigen Mitgliedern der Sturmschwalbenfamilie kann man ihn aber auch regelmässig in Küstennähe beobachten. Seine Kost ist derjenigen der «eigentlichen» Sturmschwalbe sehr ähnlich und besteht aus an der Meeresoberfläche vorkommenden Krebstieren, kleinen Fischen, Tintenfischen und Quallen, und wie diese pickt er seine Beutetiere im Flug, oftmals an Ort rüttelnd, von der Meeresoberfläche auf. Dem Nahrungserwerb widmet er sich vor allem tagsüber, doch scheint er gelegentlich auch nachts unterwegs zu sein.
Grabende Männchen
Die europäischen Brutbestände des Wellenläufers überwintern - wie diejenigen der «eigentlichen» Sturmschwalbe - südlich des Äquators vor den Küsten Namibias und Südafrikas. Und wie die Sturmschwalben brüten auch die Wellenläufer in Kolonien. Allerdings befinden sich ihre Kolonien niemals an Steilhängen, sondern stets auf Plateaus. Ausserdem nisten sie grossenteils in Erdhöhlen, welche von den Männchen selbst gegraben werden.
Das Männchen gräbt die Nisthöhle hauptsächlich mit Hilfe seiner Füsse, setzt aber zwischendurch auch seinen Schnabel ein, um die Erde zu lockern. Der Durchmesser der Eingangsröhre bemisst sich auf sechs bis sieben Zentimeter und ihre Länge meistens auf etwa fünfzig Zentimeter. Am Ende der Röhre befindet sich eine Nistkammer, welche einen Durchmesser von etwa 16 Zentimetern aufweist. Dort hinein legt das Weibchen ein einzelnes Ei.
Wie bei der «eigentlichen» Sturmschwalbe scheinen auch beim Wellenläufer die gleichen Paare Jahr für Jahr dieselbe Nisthöhle zu verwenden. Und auch das Bebrüten des Eis und das Betreuen des Nestlings scheinen sich sehr ähnlich abzuspielen. Die Brutdauer beträgt im Durchschnitt 41 Tage, die Partner lösen sich beim Bebrüten etwa alle drei Tage ab, und der Jungvogel wird während seiner ersten etwa fünf Lebenstage ununterbrochen gehudert. Flugfähig sind die jungen Wellenläufer mit 63 bis 70 Tagen. Sie ziehen dann unvermittelt auf eigene Faust los, und sie schreiten normalerweise im Alter von etwa fünf Jahren erstmals zur Brut. In der freien Wildbahn erreichen die Wellenläufer ein Alter von mindestens 24 Jahren.
Ratten stören
Weder der «eigentliche» Wellenläufer noch die «eigentliche» Sturmschwalbe werden gegenwärtig als in ihrem Fortbestand gefährdet eingestuft. Während andere Meeresvögel, darunter verschiedene Albatrosse, aufgrund der weltweiten Plünderung der Meere durch den Menschen und der teils für Vögel verhängnisvollen Fangtechniken wie der Langleinenfischerei dramatische Bestandseinbussen erleiden, scheinen sie beide durch den Fischfang bislang kaum beeinträchtigt worden zu sein. Eine unmittelbare Gefährdung geht hingegen von den Raubsäugern aus, welche im Gefolge des Menschen auf ihre Brutinseln gelangt sind.
Auf den Färöern beispielsweise gab es früher keine einheimischen Landsäugetiere. Der Mensch hat dann verschiedene Arten eingeschleppt, darunter Wildkaninchen, Hausmäuse und Hausratten sowie Hauskatzen und Haushunde. Die Kaninchen können Probleme verursachen, wenn sie in den Brutgebieten das Gras überweiden, so dass der Boden erodiert und die Bruthöhlen der Vögel einstürzen oder gar nicht mehr angelegt werden können. Das grösste Problem aber bilden die Ratten. Diese gefrässigen und angriffslustigen Allesesser haben als Nestplünderer massgeblich zum Rückgang der Brutbestände verschiedener Meeresvögel auf den Färöern beigetragen. Noch gibt es aber hier wie anderenorts genügend rattenfreie Inseln oder zumindest rattenfreie Küstenstriche, wo die Sturmschwalbe, der Wellenläufer und all die anderen Meeresvögel weiterhin ungestört ihren Nachwuchs grossziehen können. Wir müssen Acht geben, dass dies auch zukünftig so bleibt.
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