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Der «Sozialbericht 2012: Fokus Generationen» beleuchtet die Generationenbeziehungen in der Schweiz. Es werden viele interessante Themen angesprochen, unter anderem die Solidarität zwischen den Generationen. Existiert sie eigentlich und wenn ja, in welcher Form?
Solidarität zwischen den Generationen beruht hauptsächlich auf gegenseitiger Hilfe und Unterstützung. Dabei lassen sich mehrere Komponenten unterscheiden: affektive, konsensuelle, funktionelle Solidarität usw. Im vorliegenden Artikel wird eine Unterscheidung zwischen zwei Bereichen vorgenommen, in denen Solidarität sich abspielen kann: innerhalb der Familie – Solidarität zwischen den verschiedenen Generationen einer Familie – und ausserhalb der Familie – Solidarität zwischen den verschiedenen Generationen innerhalb der Gesellschaft.
Solidarität in der Familie
Der Sozialbericht 2012 zeigt auf, dass die Solidarität zwischen den Generationen im Rahmen der Familie relativ stark und gut entwickelt ist. Innerhalb einer Familie mit drei Generationen – Grosseltern, Eltern und Kinder – oder vier Generationen – eine Situation, die man heute vermehrt beobachten kann – wird Solidarität nach oben und nach unten gelebt. Die beiden Arten der Solidarität drücken sich allerdings unterschiedlich aus. Die Solidarität von unten nach oben, z.B. diejenige der Eltern gegenüber den Grosseltern, besteht im Allgemeinen aus Hilfe und Dienstleistungen im Alltag (Handreichungen, Hilfe in administrativen Belangen, beim Einkaufen, im Haushalt sowie Taxidienste), aus Pflegeleistungen und aus Unterstützung (bei Krankheit, Altersgebrechen und psychischen Problemen) in Form von Zuwendung, Zuhören, Aufmerksamkeit. Bei der gegenseitigen Hilfe innerhalb des Familienverbands sind die Frauen generell aktiver als die Männer, sowohl in Bezug auf die Häufigkeit ihrer Einsätze als auch auf die Vielfalt der übernommenen Aufgaben und erbrachten Dienstleistungen.
Die Solidarität von oben nach unten – d.h. diejenige der Grosseltern gegenüber ihren Kindern und Grosskindern bzw. diejenige der Eltern gegenüber ihren Kindern – lässt zwei grundsätzlich verschiedene Ausdrucksformen erkennen: die praktische und emotionale Solidarität einerseits und die finanzielle Solidarität andererseits. Bei der ersten steht das Hüten der Enkelkinder durch die Grosseltern im Vordergrund. Diesbezügliche Schätzungen ergeben, dass im Jahr 2009 etwa 40 % der Haushalte mit Kindern eine familienbegleitende Kinderbetreuung in Anspruch genommen haben und dass mehr als die Hälfte von ihnen sich dabei auf Hilfe von Angehörigen, insbesondere der Grosseltern verlassen haben (Quelle BFS). Die finanzielle Solidarität drückt sich meistens durch Schenkungen, Darlehen und Erbschaften aus. Professor Marc Szydlik bemerkt in seinem Beitrag zum Sozialbericht 2012, dass die finanzielle Solidarität und Unterstützung der älteren gegenüber der nachfolgenden Generation nicht nur zu Lebzeiten wichtig ist (Schenkungen und Darlehen) – sondern auch darüber hinaus (Erbschaft). Doch bringen nicht alle Familien gleich viel Solidarität auf. Einerseits ist der Zusammenhalt innerhalb der Familie nicht überall gleich ausgebildet, andererseits können wohlhabende Familien den Nachkommen gegenüber grosszügiger sein, sowohl in rein finanziellen Belangen als auch auf Ebene der Lebensbedingungen (Wohnsituation) und der Entwicklungsmöglichkeiten (Ausbildung). Die finanzielle Solidarität innerhalb der Familie kann somit zu sozialer Ungleichheit führen bzw. das Gefälle innerhalb der Gesellschaft verstärken.
Solidarität ausserhalb der Familie
Ausserhalb der Familie versteht man unter einer Generation generell eine Gruppe von Menschen ungefähr gleicher Altersstufe, die sich von den älteren oder jüngeren Gruppen oder Kohorten signifikant unterscheidet. So spricht man auch gerne von sozialen, historischen oder politischen Generationen, z.B. von den Baby-Boomern, der Nachkriegsgeneration, der Sandwich-Generation oder der „Generation Y“. Die Solidarität ausserhalb der Familie drückt sich in erster Linie in Form von Sozialleistungen aus. In der Schweiz hat sich diese Form der Solidarität nach 1948 mit der Einführung der AHV entwickelt, auf die dann weitere Sozialversicherungen folgten, wie die Invaliditätsversicherung, die Arbeitslosenversicherung und die Berufliche Vorsorge (BVG) sowie, einiges später, die Mutterschaftsversicherung. Unterscheidet man die Schweizer Sozialausgaben nach ihrer Funktion, so stellt man für das Jahr 2010 fest, dass mehr als 70 % mit Alter und Krankheit im Zusammenhang standen. Der Faktor «Familien und Kinder» folgt mit 5 % der gesamten Sozialleistungen erst an vierter Stelle, hinter der Invalidität. Eine wichtige Erklärung für diese Zahlen ist der demografische Alterungsprozess, der seinerseits zwei Gründe hat: Einerseits geht die zunehmende Lebenserwartung mit einer steigenden Anzahl betagter Menschen einher, und andererseits nehmen die Geburtenzahlen ab, weshalb die jüngere Generation die ältere nicht mehr zu kompensieren vermag. Eine Bevölkerung mit einem hohen Anteil an alten Menschen muss sich neuen Bedürfnissen stellen – Pflegebedürfnissen insbesondere – und sie erfordert mehr Solidarität seitens der aktiven Generationen, damit der Sozialstandard aufrechterhalten werden kann.
Aber die ausserfamiliäre Solidarität existiert nicht nur in Form von Sozialleistungen. Sie wird auch über Unterstützung und gegenseitige Hilfe zwischen den unterschiedlichen Generationen gelebt. Als Beispiel kann die informelle Freiwilligenarbeit herbeigezogen werden. Diese findet sich meistens eher bei Personen mittleren bis höheren Alters, oftmals auch in Form des «kleinen Gefallens» unter Freunden und Nachbarn sowie als praktische Handreichungen z.B. im Haushalt, beim Kinderhüten, bei Gartenarbeiten, Reparaturen usw.
Diese Art von Freiwilligenarbeit stützt sich grossenteils auf ein Netz gegenseitiger Hilfe im persönlichen Umfeld ab. Zudem ist sie generell bei Frauen häufiger und auch stärker ausgeprägt als bei Männern, denn Frauen – Mütter und ältere Frauen, die allein leben – sind mehr auf Hilfe seitens der Nachbarn und Freunde angewiesen. Männer übernehmen meist praktische Handreichungen; Kinderhüten ist eine Hilfeleistung, die unter (jungen) Frauen am meisten verbreitet ist.
Inner- und ausserfamiläre Solidarität können einander ergänzen; sie bilden wichtige Elemente für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Allerdings ist die Zugehörigkeit zu einer Generation nicht das zentrale Element bei der persönlichen Identität. Zwar wird sich eine Person in bestimmten Situationen klar mit den Jungen, den Senioren, den Eltern oder den Kindern identifizieren. Aber ebenso häufig fühlt sie sich vorrangig als Mann, als Frau, als Vater, Mutter, Angestellte(r), Chef(in), Schweizer(in) oder Ausländer(in). So sind Geschlecht, Ausbildung, Einkommensverhältnisse und Nationalität oft wichtiger als das Alter und die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation.
Blogbeitrag abgestützt auf:
Bühlmann, Felix, Céline Schmid Botkine, Peter Farago, François Höpflinger, Dominique Joye, René Levy, Pasqualina Perrig-Chiello und Christian Suter (2012), Sozialbericht 2012: Fokus Generationen. Zürich: Seismo, 332 Seiten.
Weitere bibliographische Angaben:
Lüscher, Kurt et al. (2010), Generationen, Generationenbeziehungen, Generationenpolitik: ein dreisprachiges Kompendium. Bern: Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften.
BFS, Website, Familienergänzende Kinderbetreuung 2009.
BFS (2012), Gesamtrechnung der Sozialen Sicherheit (GRSS): Resultate 1990 bis 2010. Methodische Anpassungen. Neuenburg: BFS.
Graphik: Sozialbericht 2012, Indikator «Informelle Freiwilligenarbeit»
Ein Blogbeitrag von Céline Schmid Botkine, FORS