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Spital, das untere und das obere Spital
Es gibt keine Urkunde, die die Geschichte eines Winterthurer Spitals um 1200 exakt wiedergibt. Man geht aber davon aus, dass es bereits vor der Gründung des Siechenhauses 1287 bestanden haben soll. Die erste urkundliche Erwähnung erfolgte am 10. November 1306 mit einem Landgeschäft am Lindberg. Das Obere Spital befand sich bis zur Reformation an der Marktgasse 27, das untere Spital am Rindermarkt (seit 1835 Neumarkt). Das ursprüngliche Spital war vermutlich dasjenige am Neumarkt.
Für den folgenden Text liegt als Quelle das Büchlein „Der Neumarkt – Schauplatz der Winterthurer Sozialgeschichte“ zu Grunde. Dieses hat Frauke Sassnick Spohn 2002 im Auftrag der Stadt Winterthur, Departement Soziales verfasst.
DAS OBERE SPITAL: VOM EDELSITZ ZUM ALTEN STADTHAUS
Das obere Spital (A), mit einem Durchgang zum Spitalhof versehen, ist gegenüber der Marktgasse etwas zurückversetzt und liegt teilweise hinter dem Haus «zum Reh», das die Ecke Marktgasse/Neumarkt bildet. Das untere Spital am Neumarkt (B), rechts neben dem «Reh», besitzt ebenfalls einen Durchgang. Das Waisenhaus(C) ragt in den Neumarkt hinein. Im Spitalhof (D) befand sich eine Bäckerei. Ihr polygonales Südende (E) lässt einen Sakralbau des ehemaligen Frauenklosters «Sammlung» vermuten, nämlich die mit einem Chor versehene Klosterkapelle. Im Spitalhof sind verschiedene Gärten angelegt, darunter ein kleinerer für das obere und ein grösserer für das untere Spital.
Spital zum Heiligen Geist
Das Spital zum Heiligen Geist befand sich 1917 an der Marktgasse 27 (heute Warenhaus DEPOT). Mit der Übernahme des Klosters zur «Sammlung» wechselte das Spital seinen Standort an die Marktgasse 53. Als das Obere Spital in das ehemaligen Klostergebäude einzog, war es eine durchorganisierte, reiche Institution mit professioneller Verwaltung und bedeutendem Grundbesitz, Liegenschaften und Mühlen. Die Erträge aus dem Eigenbetrieb und den Lehen stellten neben den Zinseinkünften, unter anderem auch aus kurzfristigen Darlehen, die Einnahmequellen dar. Daneben erhielt das Obere Spital immer wieder Schenkungen.
Oberes Spital
Das Haus an der Marktgasse 53 (heute „Altes Stadthaus“) war ursprünglich Teil eines adligen Edelsitzes. Das Anwesen umfasste noch einen Hof und Garten sowie das ganze Gebiet des späteren Oberen und Unteren Spitals — dem heutigen Neumarkt. Um 1300 gehörte der Besitz dem Freiherren Eberhard von Eppenstein, Vogt der Kyburg. Seine Frau stiftete 1336 diesen Besitz dem Dominikanerinnenkloster zur «Sammlung». Die Stiftungsurkunde bestimmte, dass die Klosterfrauen nach dem Tod der Stifterin die Liegenschaft übernehmen dürften. Sollte das Kloster seinen Betrieb einstellen, würde das Anwesen nach Jahresfrist dem Spital zufallen. 1523 war es so weit: Das Kloster wurde im Zuge der Reformation aufgelöst und gemäss den Bestimmungen der Stiftungsurkunde 1528 vom Spital übernommen.
Das Obere Spital war das Pfrundhaus für die Wohlhabenden. Nur wer die Einkaufssumme und das Pfrundgeld bezahlen konnte, wurde aufgenommen. Diese Bestimmung wurde strikt befolgt im Gegensatz zur Armenanstalt im Unteren Spital. Dort wurden Mittellose unentgeltlich versorgt. Eine Ausnahme wurde allerdings gemacht: verdiente höhere städtische Beamte wurden im Oberen Spital unentgeltlich aufgenommen.
Die Krankenanstalt im Oberen Spital
Bis ins 19. Jahrhundert wurden Kranke im Unteren Spital in der Armenanstalt behandelt. Wohlhabende liessen sich zu Hause medizinisch versorgen. Seit der Jahrhundertwende hatte sich eine Versorgungslücke für kranke, auswärtige Handwerker in Winterthur bemerkbar gemacht. 1829 verlangten die Handwerksmeister in einer Petition an den Stadtrat die Einrichtung einer Krankenanstalt für Gesellen. Die Hülfsgesellschaft führte bereits eine solche Institution für kranke Mägde, was aus Sicht des Handwerks nicht notwendig war. Denn die Mägde wohnten schliesslich, so ihre Argumentation, bei ihren Arbeitgebern und erhielten im Krankheitsfall dort die nötige Pflege. Zudem kämen die Mägde aus den Dörfern in der Nähe und könnten bei längeren Krankheiten nach Hause zurückkehren. Hingegen waren die Gesellen in Winterthur oft weit weg von der Heimat und ohne soziale Netze in der Stadt.
1837 wurde dann die Krankenanstalt mit 24 Betten im Oberen Spital eröffnet. Für die neue Nutzung des Oberen Spitals waren verschiedene Umbauten notwendig. Im selben Jahr gründeten die Gewerbetreibenden als Erste einen Krankenverein für Zugezogene. Damit war für auswärtige Mitglieder im Krankheitsfall gesorgt. Für die Winterthurer Bürgerinnen und Bürger war die Behandlung im Stadtspital kostenlos. Ebenfalls 1837 wurde die Waisenanstalt endlich vom alten Spital abgetrennt und im ehemaligen Zürcher Amtshaus am Untertor untergebracht und 1875 an die Tösstalstrasse verlegt.
Vom Stadtspital (Unteres Spital) zum Kantonsspital
Die Krankenanstalt litt noch lange nach der Eröffnung unter dem Makel einer Armenanstalt. Die Adresse des Unteren Spitals war eindeutig: wer dort wohnte, kam aus der Armut und lebte „Im Elend.“ So hiess früher der untere Teil der Steinberggasse. Die Armut konzentrierte sich im Unteren Spital mitten im Zentrum der Stadt. Der Spitalarzt machte sich stark für das gute Image seines Arbeitgebers: «Noch vor wenigen Jahren hielten es viele unter ihrer Würde, in der Kranken-Anstalt sich verpflegen zu lassen. Je länger je mehr sehen sie ein, wie wohlthätig diese Anstalt gerade für den hülfsbedürftigen Teil unserer Bürgerschaft ist, wo in kranken Tagen nicht nur ärztliche Pflege, sondern auch gesunde, reinliche, geräumige Krankenzimmer, reinliche Betten und Kleidungsstücke nebst passender Diät und beständiger Wartung gefunden wird und dazu Alles unentgeltlich.» „RES SACRA MISER Die Sorge für die Armen ist eine heilige Pflicht“ heisst die Inschrift am Haus des Alterszentrum. Die Umsetzung dieser Weisheit zeigt im Rückblick eine bewegende Geschichte. Sie stellt eine Gratwanderung zwischen Helfen und Bestrafen dar. Das Untere Spital beherbergte auch eine Armenanstalt und ein Gefängnis. 1592 wurde das Untere Spital erstmals auch in seiner Funktion als Gefängnis erwähnt. Erst 1965 wurde das Bezirksgefängnis im Anbau des Altersheims verlegt und abgerissen.
Industrialisierung und Bevölkerungswachstum machten bald eine Erweiterung des Stadtspitals nötig. Die Krankenanstalt zum Teil ausgelastet und die Patienten und Patientinnen mussten oft nach Hause entlassen werden, bevor sie gesund waren. Personalengpässe wurden kostengünstig gelöst: die Insassen der Armenanstalt im Unteren Spital nebenan mussten für die Krankenanstalt arbeiten. Sie wurden «zu allerlei Dienstleistungen für den Einwohnerspital verwendet». Die Zahl der Krankheitstage war von 2800 im Jahr 1843 auf über 8000 im Jahr 1871 gestiegen. Mit Gemeindebeschluss wurde Ende 1871 die Erweiterung der Krankenanstalt «in einer der Stellung Winterthurs würdigen Art» bewilligt." 1876 konnte das Einwohnerspital im Äusseren Lind eröffnet werden. Zehn Jahre später übernahm der Kanton Zürich das Spital. 1958 wurde der Neubau des Kantonsspitals in Betrieb genommen. Das Obere Spital an der Marktgasse wurde zum Verwaltungsgebäude — dem heutigen «Alten Stadthaus» und beherbergte nacheinander die Stadtkanzlei, das Polizeiamt, das Fürsorgeamt und heute die Ombudsstelle.