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«Man ist allein und ratlos»
Der nun in dem Buch «Herzzeit» veröffentlichte Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan wirft ein neues Licht auf das Verhältnis der wohl bedeutendsten beiden deutschsprachigen Dichter nach 1945. Die Korrespondenz ist ein bewegendes Zeugnis; ein Ringen nicht nur um die richtigen Worte, sondern auch um Verständnis und Freundschaft zweier Menschen, deren persönlicher Hintergrund unterschiedlicher kaum sein könnte.
Erschienen im jüdischen Wochenmagazin tachles am 23. Oktober 2008.
Viel wusste die Forschung bislang nicht über das Verhältnis von Ingeborg Bachmann und Paul Celan, dem Poeten, der den Zweiten Weltkrieg zwar überlebte, dessen Eltern aber im deutschen Vernichtungslager Michailowka in der Ukraine umkamen. Der 1920 geborene Celan traf die sechs Jahre jüngere österreichische Dichterin Ingeborg Bachmann, deren Vater Mitglied der NSDAP war, zum ersten Mal im Mai 1948. Eine Begegnung, die nicht folgenlos blieb und zwischen Liebesbeziehung, Freundschaft und künstlerischer Zusammenarbeit bestand.
Fremdheit und Nähe
Erst wenige Tage vor ihrem ersten Zusammentreffen kam Celan als Flüchtling nach Wien. Der Lyriker aus der Bukowina hatte überlebt, aber er war geprägt von den Ereignissen, die er, seine Familie und seine Mitmenschen während des Holocaust erleiden mussten. Dennoch schien er offen zu sein für die Liebe, und Ingeborg Bachmann genoss seine Zuneigung. So schrieb sie nach dem Treffen mit Celan an ihre Eltern: «Der surrealistische Lyriker Paul Celan» habe sich «herrlicherweise» in sie verliebt. Zu ihrem 22. Geburtstag, einen Monat nach ihrem ersten Treffen, widmete Celan ihr das Gedicht «In Ägypten» – ein Liebesgedicht, in dem Gebote der Liebe und des Schreibens nach der Schoah festgehalten sind. Dieses Gedicht, in dem Celan der verstorbenen jüdischen Frauen gedenkt («Ruth! Noemi! Mirjam!»), eröffnete den Briefwechsel – und es machte deutlich, dass dichterisches Schreiben bei Celan vor allem ein Gedenken an die Toten war. Bachmann schrieb aus anderen Motiven, und sie war sich der Fremdheit ihres Geliebten bewusst, wenn sie schrieb: «Für mich bist Du Wüste und Meer und alles, was Geheimnis ist. Ich weiss noch immer nichts von Dir und hab darum oft Angst um Dich, ich kann mir nicht vorstellen, dass Du irgendetwas tun sollst, was wir anderen hier tun.» Diese immer wieder beschriebene Fremdheit stellte für die beiden Dichter eine grosse Herausforderung dar, zumal sie im Widerspruch zu der gegenseitig empfundenen tiefen Nähe stand. So schrieb Celan teilweise am Ende seiner Briefe einfach nur «Du weisst, Ingeborg. Du weisst ja», oder neun Jahre nach ihrer ersten Begegnung: «Du bist der Lebensgrund, auch deshalb, weil Du die Rechtfertigung meines Sprechens bist und bleibst.»
Schreiben nach der Schoah
Die Familie Ingeborg Bachmanns hat lange vor der Veröffentlichung der Briefe gezögert, dies vor allem aufgrund der Intimität, die beide Dichter in ihrer Korrespondenz preisgeben. Anders als in anderen Briefwechseln beider geht es hier um mehr als um Liebesbriefe oder um künstlerischen Austausch – es geht vor allem um die Möglichkeit der deutschen Poesie nach dem Holocaust, um die deutsche Sprache und ein Sich-Annähern zweier Menschen als Nachkommen der Opfer- und der Tätergeneration. Worte wie «Schweigen» und «Schuld», «Schwere» und «Dunkel» prägen das Zwiegespräch der beiden Menschen, die offensichtlich um die richtigen Worte ringen, sie vielfach nicht finden und ihre Briefe nicht absenden – obgleich ihre eigentliche Berufung doch das Schreiben ist.
«Für mich bist Du Wüste und Meer und alles, was Geheimnis ist.»
Schwer überbrückbar scheint der Konflikt zwischen dem jüdischen Überlebenden und der Tochter des Nationalsozialisten; Missverständnisse und Unsicherheiten beiderseits prägten ihr Verhältnis zueinander. So schrieb Celan an Bachmann: «Vielleicht ist es so, dass wir einander gerade da ausweichen, wo wir einander so gerne begegnen möchten, vielleicht liegt die Schuld an uns beiden. Nur sage ich mir manchmal, dass mein Schweigen vielleicht verständlicher ist als das Deine, weil das Dunkel, das mir auferlegt ist, älter ist.» Ein 1950 versuchtes Zusammenleben in Paris funktionierte nicht, das Paar ging auseinander, ehe es 1957 erneut eine kurze Liebesbeziehung miteinander begann. Das Briefeschreiben aber riss nicht ab. Als Paul Celan 1951 Gisèle Lestrange heiratete und Ingeborg Bachmann bat, nicht mehr seinetwegen nach Paris zu kommen, gestand sie ihm: «Ich habe alles auf eine Karte gesetzt und ich habe verloren. Was mit mir weiter geschieht, hat wenig Interesse für mich. Ich kann, seit ich aus Paris zurück bin, nicht mehr leben, wie ich früher gelebt habe.» Weiterhin und schier unermüdlich setzte sich Bachmann aber in beruflicher Hinsicht für ihren Freund ein und überredete ihn, im Jahr 1952 zu einer Tagung der Gruppe 47 in Niendorf bei Hamburg zu reisen – eine Tagung, die für Bachmann zum grossen Erfolg und für Celan zu einem schrecklichen Erlebnis wurde. Der jüdische Lyriker las die «Todesfuge» und das Gedicht «Ein Lied aus der Wüste» – und fiel bei den anwesenden Autoren durch, eine Kränkung, die Celan in seinem Innersten traf. Er sah antisemitische Beweggründe in der Kritik an ihm – und tatsächlich soll im Anschluss an die Tagung eine dementsprechende Karikatur Celans die Runde gemacht haben.
Missverständnisse und Annäherungen
Celan und Bachmann blieben über die Jahre und bis zu Celans Tod – freundschaftlich, beruflich und während einer kurzen Zeit 1957/58 auch als erneute Geliebte – eng miteinander verbunden. Ihre Korrespondenz zeigt auf, dass beide Dichter ihre Arbeit stets gegenseitig verfolgten und umeinander wussten, auch wenn die persönlichen Lebenswege phasenweise auseinander gingen. Bachmann machte sich für die Lyrik Celans stark und stand bedingungslos hinter ihm, auch als 1959 eine von ihm als antisemitisch empfundene Rezension seines Gedichtbandes «Sprachgitter» von Günter Blöcker in ihm alte Ängste aufwarf. Celan fühlte sich persönlich angegriffen, er wendete sich in seiner Verzweiflung an Bachmann: «… dass die Todesfuge auch dies für mich ist: eine Grabschrift und ein Grab. Wer über die Todesfuge das schreibt, was dieser Blöcker darüber geschrieben hat, der schändet die Gräber. Auch meine Mutter hat nur dieses Grab.» Dass Max Frisch in die Diskussion mit einbezogen wurde, belastete das Verhältnis von Bachmann und Celan – dieser fühlte sich von Frisch verkannt, die beiden Männer fanden aufgrund von Missverständnissen und offenbar völlig unterschiedlichen Charakterzügen nicht zueinander.
«Ich muss Dich jetzt bitten, mir nicht zu schreiben, mich nicht anzurufen, mir keine Bücher zu schicken.»
Neben den über 200 veröffentlichten Briefen von Bachmann und Celan schliesst das Buch «Herzzeit» auch die Korrespondenz von Paul Celan und Max Frisch sowie den Briefwechsel von Ingeborg Bachmann mit Gisèle Celan-Lestrange mit ein. Paul Celan wendete sich aufgrund eines Briefes von Frisch (den zu verfassen Frisch nicht leicht fiel, die unabgeschickten Entwürfe sind ebenfalls nachlesbar) mit einer Bitte an Ingeborg Bachmann: «So schwer es mir auch fällt, Ingeborg – und es fällt mir schwer –, ich muss Dich jetzt bitten, mir nicht zu schreiben, mich nicht anzurufen, mir keine Bücher zu schicken» – um Tage später doch wieder per Expressbrief in Kontakt mit ihr zu treten. Sie antwortete prompt: «Das darf nicht sein, dass Du und ich einander noch einmal verfehlen – es würde mich vernichten.» Der Kontakt hielt an, aller Probleme zum Trotz, beide blieben im Austausch auch über ihre künstlerische Arbeit – aber ihr Verhältnis wurde immer wieder von Missverständnissen belastet.
Plagiatsvorwürfe und Zerwürfnisse
Als 1960 die sogenannte Goll-Affäre ihren Anfang nahm, begann eine Auseinandersetzung, die Paul Celan psychisch nicht überstehen sollte. Claire Goll, die Witwe des Autors Iwan Goll, dessen Werke Celan übersetzt hatte, behauptete nach Golls Tod, Celan hätte Verse ihres Mannes für seinen Band «Mohn und Gedächtnis» entwendet. Celan war entsetzt und sah sich als Opfer einer Kampagne, innerhalb welcher er niemandem mehr vertrauen konnte. Er plante eine «Entgegnung», die wenige Monate später unter anderem mit den Unterschriften von Ingeborg Bachmann und Marie Luise Kaschnitz in «Die Neue Rundschau» erschien – nicht aber ohne einen vorausgegangenen Konflikt mit Bachmann, die den Text abändern wollte, weil er ihr zu unsachlich erschien.
«Und ich frage mich eben, wer bin ich für Dich, wer nach soviel Jahren?»
Ende 1960 weilte Celan in Zürich, er traf Ingeborg Bachmann mehrmals; in ihren Gesprächen ging es wohl vor allem um die Plagiatsvorwürfe, die Celan bis an sein Lebensende beschäftigen sollten. Es waren die letzten persönlichen Begegnungen zwischen Bachmann und Celan, dem es psychisch zunehmend schlechter erging, er wurde zeitweise in psychiatrische Kliniken eingewiesen. Der Briefwechsel hielt an, nahm aber ab, zumal Ingeborg Bachmann selbst, trotz ihres literarischen Erfolgs, mit starken Problemen zu kämpfen hatte. Im Jahr 1961 verfasste sie mehrere Briefe an Celan, in denen es um ihr Verhältnis zueinander und das Verhältnis Celans zur Welt ging. Sie gestand ihm erneut ihre Gefühle: «… weil mein Gefühl für Dich immer zu stark bleibt und mich wehrlos macht» und sehnte sich nach Antworten: «Und ich frage mich eben, wer bin ich für Dich, wer nach soviel Jahren?» Gleichzeitig aber forderte sie Celan auch heraus, als sie schrieb: «Das ist Dein Unglück, das ich für stärker halte als das Unglück, das Dir widerfährt. Du willst das Opfer sein, aber es liegt an Dir, es nicht zu sein …» Ein neues Zwiegespräch der beiden fand nicht statt, da Bachmann die Briefe nie abschickte. Im März 1967 trennte sich Bachmann vom Piper-Verlag, da der Autor mit Nazivergangenheit Hans Baumann als Übersetzer Celan vorgezogen wurde – in ihrer Solidarität wechselte die Autorin zum Suhrkamp-Verlag. Kurz darauf erhielt Bachmann den letzten überlieferten Brief von Paul Celan.
Über den Tod hinaus
Drei Jahre später, im April 1970, stürzte sich Celan in die Seine und beendete somit sein Leben. Ingeborg Bachmann folgte ihm drei Jahre später in den Tod, sie starb in Rom mit nur 47 Jahren nach einem Brandunfall, dessen Ursache bis heute nicht geklärt ist. Nach Celans Tod fügte sie das Märchenkapitel «Die Geheimnisse der Prinzessin von Kagran» in die bereits vorliegende Reinschrift ihres ersten Romans «Malina» ein, in dem geschrieben steht: «Mein Leben ist zu Ende, denn er ist auf dem Transport im Fluss ertrunken», eine Anspielung nicht nur auf den Freitod Celans, sondern mit dem Wort «Transport» auch auf sein ihn lebenslang prägendes Schicksal, das ihm durch die Schoah widerfahren war. Durch diese Passage wie auch durch den über den Tod Celans hinaus anhaltenden Briefwechsel mit Gisèle Lestrange führte Ingeborg Bachmann die Korrespondenz mit Paul Celan fort. Ihre vielschichtige Beziehung und tief gehende Freundschaft schienen den Tod zu überdauern, und so sagt das «Traum-Ich» von dem «Fremden mit dem schwarzen Mantel» in «Malina»: «Er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben.»