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Die Angehörigen dieses interessanten Volkes der Sateré-Mawé sind die Begründer der “Guaraná“-Kultur – sie domestizierten jene wild wachsende Liane und erfanden einen Prozess zur Nutzung dieser Pflanze – es ist ihnen zu verdanken, dass das Energie spendende Produkt “Guaraná“ heute in der ganzen Welt bekannt ist und geschätzt wird.
In der Region, in der sie leben, werden sie “Mawés“ genannt. Im Lauf ihrer Geschichte erhielten sie verschiedene Namen von Chronisten, Abenteurern, Missionaren und Naturalisten: “Mavoz, Malrié, Mangnés, Mangnês, Jaquezes, Magnazes, Mahués, Magnés, Mauris, Mawés, Maragná, Mahué, Magneses, Orapium“.
Sie selbst nennen sich “Sateré-Mawé“. Der erste Teil des Namens, “Sateré“, bedeutet “Feuerraupe“, eine Referenz an den bedeutendsten Clan derer, aus denen ihre Gesellschaft besteht, der traditionell die Nachfolger der politischen Führer bestimmt. Der zweite Teil des Namens, “Mawé“, bedeutet “Intelligenter und neugieriger Papagei“ und ist keine Clan-Bezeichnung.
Sateré-Mawé

Andere Namen: Sateré-Maué

Sprachfamilie: Mawé
Population: 10.761 (2010)
Region: Bundesstaat Amazonas
|INHALTSVERZEICHNIS

Sprache
Lebensraum
Bevölkerung
Gesellschaftliche Organisation und Wirtschaft
Politische Organisation
Lebenshaltung
Materielle Kultur und Kosmologie
Territorium und Geschichte des Erstkontakts mit den Weissen
Die Kinder des Guaraná
Zubereitung und Konsum des Guaraná
Arbeitsteilung nach Geschlecht und Alter”
Ihre Umgangssprache gehört zum linguistischen Stamm des Tupi. Nach dem Ethnographen Curt Nimuendajú (1948) weicht sie vom Guarani-Tupinambá ab. Ihre Pronomen stimmen perfekt überein mit der Sprache der “Curuaya-Munduruku“, und die Grammatik stammt aus dem Tupi. Das Vokabular “Mawé“ enthält allerdings auch Elemente, die im Tupi nicht vorkommen, die aber auch keiner anderen linguistischen Familie zugesprochen werden können. Seit dem 18. Jahrhundert hat ihr Repertoire zahlreiche Worte aus der “Língua Geral“ übernommen.
Die Männer sind heutzutage zweisprachig, sie sprechen ihre Muttersprache und Portugiesisch, aber die Mehrheit der Frauen, trotz des Kontakts mit den Weissen seit drei Jahrhunderten, sprechen nur “Sateré-Mawé“.
Sie leben in einem Gebiet des Mittleren Amazonas, in zwei Indio-Territorien – eins im Bundesstaat Amazonas und das andere im Grenzgebiet zwischen den Bundesstaaten Amazonas und Pará.
Nach einer Schätzung der FUNAI von 1987 existierten 4.710 Personen des Volkes der Sateré-Mawé. Seit 1981 ist ihre Gruppe stark gewachsen – jüngere Daten der Funasa (nationale Gesundheitsorganisation) und der NGO “Ameríndia Cooperação“ geben eine Bevölkerung von 3.872 Personen im Gebiet von Andirá an – mit 42 Dörfern – und 3.087 Bewohner im Gebiet von Marau – mit 32 Dörfern. 1999 betrug ihre Gesamtbevölkerung demnach 6.950 Personen.
Es ist wichtig zu bedenken, dass sich ab den 70er Jahren die zahlenmässig bedeutende Abwanderung nach Manaus verstärkt hat. 1981 zählte der Anthropologe Jorge Osvaldo Romano 88 Sateré-Mawé, die an der Peripherie dieser Grossstadt lebten. Gegen Ende der 90er Jahre war diese Zahl angewachsen – sie hatte zirka 500 Sateré-Mawé erreicht, die auf verschiedene Wohneinheiten der Westzone von Manaus verteilt waren. Diese urbane indigene Bevölkerung fristet ihr Dasein in den meisten Fällen durch den Verkauf von Kunsthandwerk.
Die Sateré-Mawé leben in kleinen Kommunen, die als “Sítios“ bezeichnet werden. Dort hat jede Familie ihre “Residenz“, in deren Mittelpunkt ein Feuer brennt, das sowohl zu Zubereitung der Nahrung als auch zum Wärmen und zur Versammlung ihrer Bewohner dient. Eine Gemeinschafts-Küche befindet sich auf halbem Weg zwischen der Behausung und dem Fluss, dort rösten die Männer die “Guaraná“ und die Frauen bereiten die Fladen aus Maniokmehl zu. Im Hafen, wie ein bestimmter Abschnitt des Flusses genannt wird, badet die Familie, waschen sie ihre Wäsche, entgiften sie die ins Wasser gelegten Maniokwurzeln, waschen die “Guaraná“ und verankern sie ihre Kanus.
Die “Sítios“ vereinen in sich alle Pflanzungen, die den Elementar-Familien gehören: Die Guaraná-Pflanzungen, die Felder für Maniok, Kürbis, Süsskartoffel, Cará und andere Tuberkeln, sowie die Obstbäume.
Die Sateré-Mawé sind organisiert unter der Autorität eines Chefs der Grossfamilie, der dort mit den Familien seiner Söhne und seinen Enkeln residiert. Dieser Chef der Familie organisiert die Produktion des Sítios und orientiert seine Söhne und Schwiegersöhne bezüglich ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten. Er ist es, der Verwandte und Bekannte anderer Sítios veranlasst, sein Arbeitskontingent zu verstärken, wenn es nötig ist.
Bei solchen Gelegenheiten gibt er Befehl zu jagen, zu fischen und Maniok zu rösten, um die Helfer dieser Kollektivarbeiten zu verköstigen. Anlässlich dieser gemeinsamen Arbeiten begleitet er persönlich die Feldbearbeitung: die Säuberung der Felder für Maniok und Guaraná und vor allem die Guaraná-Produktion.
Weitere Aufgaben des Chefs der Grossfamilie ist die Organisation zur Errichtung neuer Häuser, die Säuberung des Dorfes, Organisation der verschiedenen Ernten und der Beistand bei der Kommerzialisierung der Feldproduktion und des Kunsthandwerks seiner Familien und Angehörigen.
Die Sítios sind also ein privater Besitz, in dem das Land und die Ressourcen der Natur den Elementar- oder Kernfamilien gehören, die sich der Autorität eines Chefs der Familie unterordnen, der traditionell als “Herr des Sítios“ bekannt ist. Ein Sítio kann sich durch das Anwachsen der Kernfamilien in ein Dorf verwandeln – oder wenn ihr Familienchef sich zu einem “Tuxauá“ entwickelt. Das geschieht, wenn er an Prestige gewinnt – durch seine Grosszügigkeit, seine Geschicklichkeit bei kommerziellen Transaktionen, durch seine Verbindungen zu den “Tuxauás“ der näheren Umgebung.
Jedes Dorf besitzt einen “Tuxauá”, einen Chef des Ortes – eine Person, dem die Autorität zusteht, interne Streitigkeiten zu schlichten, Versammlungen einzuberufen, Feste und Rituale festzulegen, die Feldarbeiten und kommerziellen Transaktionen zu organisieren, den Befehl zum Hausbau zu geben etc. Ihm fällt auch die Aufgabe zu, Besucher unterzubringen und sich ihnen gegenüber besonders grosszügig zu geben und sie unter anderem auch mit Guaraná zu bewirten – in Pulverform gemischt mit Wasser – ein alltägliches, rituelles und religiöses Getränk, das sie in grossen Mengen verkonsumieren.
Zu den Aufgaben des “Tuxauá“ gehört es auch, wie bei jedem Oberhaupt einer Familie, deren Interessen zu vertreten, und das tut er auf sehr strenge Art und Weise, besonders wenn es darum geht, Streitigkeiten zu schlichten und die Feldarbeit zu organisieren oder kommerzielle Dinge zu regeln. Er nimmt sich auch der Interessen der anderen Grossfamilien an, die in seinem Dorf residieren, aber in diesem Fall zeigt er sich etwas flexibler.
In diesem Sinne kann man sagen, dass die Grossfamilie des “Tuxauá“ die Kernkonstitution des Dorfes darstellt. Mit ihr können sich weitere Kernfamilien verbinden, die von seinen Schwiegersöhnen gegründet werden, oder es können sich weitere Grossfamilien einfinden, deren Oberhäupter sich dem politischen Einfluss des lokalen “Tuxauá“ unterordnen.
Die politische Autorität reicht über die Grenzen des Dorfes hinaus – sie erstreckt sich seiner Aktivität als Dorfoberhaupt entsprechend weit, und hängt von seinen Beziehungen zu anderen Tuxauás Sateré-Mawé ab – und vor allem auch seiner Beziehung zu dem obersten “Tuxauá“ der Sateré-Mawé.
Man kann feststellen, dass gegenwärtig der Grad politischen Ansehens eines “Tuxauá“ von unzähligen Kriterien abhängt, unter denen folgende besonderes Gewicht haben: Der Clan, zu dem er gehört – seine verwandtschaftlichen Beziehungen zu anderen Tuxauás und sein Prestige unter ihnen – sein Wissen bezüglich der Geschichte und der Mythologie seines Volkes – seine Kapazität als Redner – sein Grad von Grosszügigkeit – seine Tradition als Ackerbauer und Hersteller von Guaraná – seine Geschicklichkeit im Kommerz – die Art und Weise wie er die internen Probleme seiner Kommune bewältigt und sein Ansehen bei der ihn umgebenden Gesellschaft – seine Beziehungen zur FUNAI, zu Farmern und den lokalen Politikern. Man kann sagen, dass der oberste “Tuxauá“ des Sateré-Mawé Volkes in allen diesen Kriterien am besten abschneidet.
Ausser den Familienoberhäuptern, den “Tuxauás” der Dörfer und dem obersten “Tuxauá“ des Volkes, hat die Sateré-Mawé Politik noch Platz in ihrer Organisation für die Figur des “Capitão“ – einst eingesetzt vom SPI und von der FUNAI beibehalten. Ihm kommt die Aufgabe als Vermittler der Beziehungen zwischen seines Stammesgenossen und den Weissen zu, genauer gesagt ist er die Brücke zwischen den traditionellen Häuptlingen dieser Gesellschaft mit den Autoritäten der nationalen Gesellschaft. Der “Capitão“ verhandelt in erster Linie mit den exogenen Autoritäten: dem Chef des Postens, dem Delegierten, dem Superintendent und dem Präsidenten der FUNAI, mit Präfekten, Patern und Pastoren. Oft agieren jene Agenten des Staates und der religiösen Kongregationen in dem Bereich, für den der “Capitão“ zuständig ist, und sie versuchen, ihn nach ihren Interessen zu manipulieren. Diese Realität, zusammen mit der Tatsache, dass er kein traditioneller “Tuxauá“ ist, macht aus ihm eine zwiespältige Figur innerhalb der politischen Sphäre der Sateré-Mawé.
Sie basiert auf der Landwirtschaft, in der die Guaraná-Pflanzungen und ihre Maniokfelder eine Sonderstellung einnehmen. Maniokmehl ist das Grundnahrungsmittel, und es wird auch in grossem Stil in den benachbarten Städten Maués, Barreirinha und Parintins verkauft. Für den Eigenbedarf pflanzen sie auch Kürbis, Süsskartoffel, rote und weisse Cará, und eine grosse Anzahl Früchte – Orangen in besonders grossen Mengen.
Ausser ihrem Geschick im Ackerbau, sind sie gute Jäger und Sammler. Honig, Paranüsse, verschiedene Sorten von Palmfrüchten, Ameisen und Raupen ergänzen ihren Speiseplan. Sie sammeln “Breu“ (Kolophonium – ein klebriges Baumharz), Lianen und verschiedene Arten von Palmstroh – für den Eigenbedarf und zum Verkauf in der Stadt. Jagend und fischend beteiligen sich die Männer am Nahrungserwerb – die Frauen verarbeiten das Maniokmehl zu Fladenbrot (Beiju) und “Tacacá“ (eine Art Suppe aus Gemüse und Maniokstärke).
Die Sateré-Mawé zeichnen sich durch eine reiche materielle Kultur aus, in der ihr geflochtenes Kunsthandwerk am ausdrucksvollsten ist. Es wird von den Männern aus Stängeln und Blättern der “Caranã“ (Palmenart), “Arumã“ (Schilfrohr) und anderen produziert, aus denen sie Siebe, Körbe, Tipitis, Fächer, Taschen, Hüte, Wände, Hüttendächer und andere Dinge fertigen.
Eine grosse Verehrung wird dem “Porantim“ in der Kosmologie der Sateré-Mawé entgegengebracht. Das ist ein Stück Holz von ungefähr 1,50 Metern Höhe, mit eingravierten geometrischen Zeichnungen, die mit weisser Farbe ausgefüllt sind. Seine Form ähnelt einer Kriegskeule oder einem beschnitzten Paddel. Dem “Porantim“ wird eine ganze Palette von Eigenschaften zuerkannt: Er ist der gesellschaftliche Regulator der Sateré-Mawé, und sie berufen sich oft auf ihn als ihre Verfassung oder ihre Bibel. Er besitzt für sie magische Kräfte, ist eine Art Kristallkugel, die Ereignisse voraussieht und selbständig Unstimmigkeiten und interne Konflikte verhindert oder beilegt. Auf ihm ist auf der einen Seite der Entstehungsmythos der Guaraná eingraviert, auf der andern der Mythos des Krieges. Für die Gesellschaft, die ihn geschaffen hat, stellt er die höchste Institution dar, die in sich die politischen, religiösen und mystischen Sphären vereinigt.
Nach Erzählungen der ältesten Sateré-Mawé bewohnten ihre Vorfahren vor undenklicher Zeit das weite Territorium zwischen den Flüssen Madeira und Tapajós, im Norden begrenzt von den Inseln Tupinambaranas, am Amazonasstrom, und im Süden von den Quellen des Tapajós. Sie beziehen sich auf ihre Urheimat als “Noçoquém“, dem Ort, an dem die Helden ihrer Mythologie wohnten. Sie geben an, dass er sich auf dem linken Ufer des Tapajós befinde, in einem Gebiet mit dichtem, steinigem Wald – “dort sprechen die Steine“. Nunes Pereira, der in den 50er Jahren bei diesem Volk lebte, erzählt: “Die Seen und Flüsse, welche das Territorium speisen, wo einst die “Maués“ lebten, sind äusserst fischreich, und genau so reich sind die Wälder und Savannen an jagdbaren Tieren aller Arten, eine herrliche Landschaft, die einst für die Aktivitäten dieses Volkes ein Paradies darstellte“.
Die Sateré-Mawé kamen zum ersten Mal in Kontakt mit Weissen zur Zeit der Aktionen der Jesuskompanie – als die Jesuiten die Mission “Tupinambaranas“ im Jahr 1669 gründeten. Pater João Felipe Bettendorf berichtet: “Im Jahr 1698 nahmen die “Andirá“ den Pater João Valladão als Missionar bei sich auf. Die “Maraguá“ genau zu lokalisieren ist unmöglich, aber sie lebten an einem See zwischen den Flüssen Andirá und Abacaxi, wahrscheinlich am unteren Rio Maués-Açu, der sich verbreitert und eine Art See bildet. Sie besassen drei Dörfer, alle in unmittelbarer Nähe zueinander“ (1910:36). Im Jahr 1692, nachdem sie einige weisse Männer getötet hatten, erklärte die Regierung ihnen den Krieg, dem die Indios teilweise entkamen, weil sie gewarnt wurden und sich verteilten – während einige jedoch Widerstand leisteten.
Ab dem Kontakt mit den Weissen – und auch schon vorher, wegen der Kriege mit den “Munduruku“ und den “Parintintin“ – wurde das ursprüngliche Territorium der Sateré-Mawé empfindlich reduziert. Im Jahr 1835 explodierte die “Cabanagem-Revolution in Amazonien, der bedeutendste Eingeborenen-Aufstand in Brasilien. Die “Munduruku“ und “Mawé“ (der Flüsse Tapajós und Madeira) und die “Mura“ (vom Rio Madeira), sowie indigene Gruppen vom Rio Negro, schlossen sich den Aufständischen an, die sich erst 1839 ergaben. Epidemien und gnadenlose Verfolgung der indigenen Alliierten verwüsteten riesige Gebiete Amazoniens, vertrieben diese Gruppen aus ihren traditionellen Territorien und reduzierten sie.
Berichte von Reisenden bestätigen, dass ab dem 18. Jahrhundert tatsächlich ein territorialer Verlust stattgefunden hat – sie beziehen sich auf die Region, welche von den Flüssen Marmelos, Sucunduri, Abacaxis, Parauari, Amana und Mariacuã bewässert wird und als traditionelles Territorium der Sateré-Mawé gilt. Diese Berichte bestätigen auch, dass die Städte Maués (Bundesstaat Amazonas), Parintins (Bundesstaat Amazonas) und Itaituba (Bundesstaat Pará) auf ehemaligen Dörfern der Sateré-Mawé gegründet wurden – was mit der von diesem Volk mündlich überlieferten Geschichte übereinstimmt.
Die Besetzung Amazoniens durch die “Zivilisierten“ – mit diesem Terminus bezeichnen die Sateré-Mawé alle diejenigen, die keine Indios sind, wie sie selbst (Weisse, Mestizen, Fremde) – hat ihr traditionelles Territorium beträchtlich verringert. Zuerst waren es die Strafexpeditionen und die Jesuiten- und Karmeliter-Missionen – danach begann die Epoche einer haltlosen Ausbeutung Amazoniens nach Naturprodukten und –drogen – es folgte der Gummi-Boom mit der Latex-Ausbeutung – und schliesslich die wirtschaftliche Expansion der Städte Maués, Barreirinha, Parintins und Itaituba ins Innere der Munizipien, mit der Errichtung von Fazendas, der Ausholzung von Edelholzbäumen, der Eröffnung von Goldgruben und der Abhängigkeit der Indios von den fahrenden Händlern.
1978, als der Demarkationsprozess des Indio-Territoriums erstmalig vom Staat in Angriff genommen wurde, befanden sich die Dörfer, Felder, Begräbnisstätten, Jagd-, Fisch- und Sammelterritorien zwischen und im Umfeld der Flüsse Marau, Miriti, Urupadi, Manjuru und Andirá. Die Sateré-Mawé betrachteten dieses Gebiet als das ihre, obwohl sie wussten, dass es nur eine kleine Parzelle dessen darstellte, was einst ihr traditionelles Territorium gewesen war. Aus ihrer Sicht war es ihnen gelungen, einen privilegierten Teil ihres Territoriums zu behalten.
Traditionell sind sie Waldindianer, aus dem Zentrum, wie sie selbst sagen. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts gaben sie stets Gebieten inmitten des Regenwaldes, und nahe der Quellen eines Flusses, den Vorzug zum Errichten ihrer Dörfer. In solchen Gebieten gibt es viele jagdbare Tiere, findet man viele “Kinder der Guaraná“ (so bezeichnen sie die nativen Ableger der Guaraná-Pflanze), existieren viele Palmenarten, wie die “Açaí, Tucumã, Pupunha“ und “Bacaba“, deren Früchte saisonbedingt ihre Ernährung ergänzen, die Flüsse sind noch schmale Bäche mir Wasserfällen und kühlem Wasser. Das ist das ideale Ökosystem der Sateré-Mawé, und man kann noch heute beobachten, dass die Dörfer, in denen sie noch ihr traditionelles Leben pflegen, “wie zu Zeiten der Alten“ (Raumverteilung, Architektur, Felder, Rituale etc.) sich in solchen Gebieten befinden.
Die Charakteristika dieser ökologischen Nischen waren von essenzieller Bedeutung für die Reproduktion des traditionellen Lebens der Sateré-Mawé bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Nach Erzählungen der älteren Indios waren die antiken Dörfer “Araticum Velho” und “Terra Preta” – beide an den Quellen des Rio Andirá gelegen – Verteiler für die 42 Dörfer, die man heute am Ufer desselben Flusses findet. Genauso war das antike Dorf “Marau Velho“, gelegen an den Quellen des Rio Marau, Verteiler für die 31 Dörfer, die man heute an diesem Fluss finden kann, sowie jener Dörfer an den Flüssen Miriti, Manjuru und Urupadi. Diese letzteren drei Dörfer verschwanden in den 20er Jahren, aber man kann noch immer Überreste von ihnen im Wald erkennen und Überbleibsel ihrer einstigen Felder am Ufer der Flüsse.
Die Ausbreitung ihrer Dörfer am Ufer der Flüsse Marau und Andirá ist etwa seit achtzig Jahren im Gange, und sie erklärt sich aus den Eingriffen in das traditionelle Leben der Sateré-Mawé von Seiten der Missionen, des ehemaligen SPI und der gegenwärtigen FUNAI, sowie auch durch den Druck der fahrenden Händler und wegen der Epidemien. Alle diese Faktoren führten dazu, dass die Sateré-Mawé es vorziehen, in der Nähe der Städte Maués, Barreirinha und Parintins zu leben.
Als die Entdecker der Guaraná-Kultur verwandelten die Sateré-Mawé diese im Regenwald wachsende Kletterpflanze (Paullinea cupana), aus der Familie der Sapindaceae, in kultivierte Büsche, die sie regelmässig anpflanzen, pflegen und abernten. Die Pflanze stammt aus dem Hochland des hydrographischen Maués-Açu-Beckens, welches einen Teil des traditionellen Territoriums der Sateré-Mawé darstellt. Sie betrachten sich selbst als Erfinder der Kultur jener Pflanze, eine berechtigte Selbstbetrachtung in ideologischer Hinsicht und nach ihrem Herkunftsmythos, der sie als “Kinder des Guaraná“ beschreibt. Heute ist Guaraná das Spitzenprodukt ihrer Wirtschaft und unter ihren kommerziell verwertbaren Produkten das, welches den höchsten Marktpreis erzielt.
Die erste Beschreibung des Guaraná und seiner Bedeutung für die Sateré-Mawé stammt aus dem Jahr 1669, dem Jahr, das mit dem Erstkontakt dieser Indios mit den Weissen zusammenfällt. Der Pater João Felipe Bettendorf schreibt 1669: “Die Indios vom Rio Andirá haben in ihren Wäldern ein Früchtchen, welches sie “Guaraná“ nennen – sie trocknen es und zerstampfen es später, formen daraus Kugeln, die sie so über alle Massen schätzen, wie die Weissen das Gold. Mit einem Stein schaben sie von den Kugeln etwas Pulver ab, mischen es in einer Kalebasse mit Wasser und trinken es – das verleiht ihnen grosse Kräfte, sodass sie unterwegs auf der Jagd keinen Hunger und keine Müdigkeit spüren. Guaraná verstärkt den Harnfluss, verdrängt das Fieber, Kopfschmerzen und Krämpfe“.
1819 brachte der Naturalist Carl von Martius aus der Region von Maués ein Guaraná-Muster mit, das er Paullinea Sorbilis nannte. Er hatte beobachtet, dass bereits zu jener Zeit ein intensiver Kommerz mit Guaraná bestand, das in weit entfernte Gegenden wie Mato Grosso und Bolivien transportiert wurde. Ferreira Pena schreibt 1868: “Jedes Jahr kommen Händler aus Bolivien und Mato Grosso den Rio Madeira herunter, die sich nach Serpa und Vila Bela Imperatriz begeben, wo sie ihre Exportwaren abladen und die Importgüter aufnehmen. Dann fahren sie noch in Maués vorbei, wo sie eintausend “Arrobas“ (eine Arroba = 15 kg) Guaraná aufladen, um anschliessend mit ihren Booten zurückzufahren und die Waren in ihrer Heimat zu verkaufen“.
Der Handel mit Guaraná war schon immer äusserst intensiv im Gebiet von Maués, nicht nur der mit den Indios, sondern auch jener mit den Zivilisierten. Die Nachfrage nach diesem Produkt gründet auf seinen besonderen Eigenschaften als Energiespender, Verdauungs-Regulans, Mittel gegen Gonorrhoe, Herztonikum und Aphrodisiakum. Vor allem wird es als Energiespender gesucht, denn es enthält einen besonders hohen Anteil an Coffein (zwischen 4-8%) – höher als Tee (2%) und Kaffee (1%).
Es gibt einen Unterschied zwischen dem Guaraná exzellenter Qualität, hergestellt von den Indios Sateré-Mawé – man nennt es “Guaraná das terras“, “Guaraná das terras altas“ und “Guaraná do Marau“ – und dem Guaraná aus der Produktion der Zivilisierten in der Region Maués, genannt “Guaraná de Luzéia“ (antiker Name dieser Stadt), von minderer Qualität, denn es wird ohne die Kenntnisse und Eigenheiten der traditionellen indigenen Praktiken produziert. Das “Guaraná das terras“ war stets das am höchsten geschätzte Produkt, jedoch verkaufen die Sateré Mawé pro Jahr höchstens zwei Tonnen ihres Guaraná und nur nach einer exzellenten Ernte. Das “Guaraná de Luzéia“ dagegen wird in grossem Stil produziert – nur ein Exportunternehmen dieses Produkts in Maués bestätigt bereits einen Verkauf von 40 Tonnen pro Jahr.
Guaraná-Pulver, von einem keulenförmigen Stab abgeschabt und mit Wasser vermischt, wird bei alltäglichen, rituellen und religiösen Anlässen in grossen Mengen von Jung und Alt verkonsumiert. Seine Zubereitung folgt einer Reihe von Praktiken, deren Gesamtheit in einem Ritual zusammengefasst wird.
Ein solches Guaraná-Ritual wurde von Anthony Henman beschrieben: “Grundsätzlich sind diese Praktiken immer dieselben, ob sie nun für den engeren Familienkreis bestimmt sind oder für eine Zusammenkunft aller erwachsenen Männer während eines Festes oder einem politischen Treffen. Es ist Aufgabe der Frau des Gastgebers, das Guaraná-Pulver von dem keulenförmigen Stab abzuschaben – das macht sie mit der getrockneten Zunge eines Pirarucu-Fisches oder einem quadratischen Basaltstein. Zuerst bereitet sie mit dem abgeschabten Pulver des Guaraná-Stabs eine Art klebrige Paste, die an der Reibe haftet und zwischendurch, mittels eintauchen der Finger ins Wasser, aufgelöst wird. Wenn genug von dieser Paste im Wasser aufgelöst ist, wird noch der Stab eingetaucht und von den Resten der Paste befreit und aufbewahrt. Dann übergibt die Frau ihrem Mann die Kürbisschale mit dem fertigen Getränk – der trinkt einen Schluck und reicht sie dann weiter an die Anwesenden – normalerweise werden die Ältesten gegehrt, indem sie die Schale zuerst erhalten. Das Gefäss geht nun von Hand zu Hand – ohne Beachtung einer bestimmten Hierarchie – begleitet von einer grossen Zigarre aus getrockneten Tabakblättern, die in die in Baumrinde eingerollt ist. Der Name “Tauarí“ bezeichnet sowohl die besagte Zigarre als auch die Rinde des Baumes (Couratari tauary).
Nicht immer werden Guaraná-Schale und Zigarre in einem Kreis von Anwesenden weiter gegeben, es geschieht öfter, dass sie in einer geraden Linie von Teilnehmern weiter bewegen, bis sie wieder beim Gastgeber ankommen – und wenn besonders viele Personen anwesend sind, formieren die sich in zwei oder mehr Reihen, denn eine Schale reicht in der Regel nur für acht bis zehn Personen. Der Eine oder Andere, der vielleicht keine Lust hat, Guaraná zu trinken, wird die Schale jedoch nicht zurückweisen, wenn sie ihm gereicht wird, sondern er trinkt einen winzigen Schluck, um den Gastgeber nicht zu beleidigen. Ein weiteres wichtiges Detail ist folgendes: Niemand trinkt die Schale aus, selbst wenn nur noch ein Rest drin ist, wird er es so einrichten, dass ein Minimum wieder zum Gastgeber zurückkommt. Nur dieser hat das Recht, die Sitzung formell zu beenden – was er entweder persönlich tut, oder er gibt das Restchen weiter an ein Mitglied seiner Familie und spricht dazu “wai’pó“ (schau, der Rest).
Während die Trinkschale von Hand zu Hand wandert, schabt die Frau des Gastgebers bereits die nächste Ladung der Schale vor, die sie sofort wieder füllt, wenn sie in ihre Hände zurückgekehrt ist“ (1938:26-27).
Das gleiche Guaraná-Getränk nehmen die Sateré-Mawé auch während ihrer Fastenzeiten zu sich. Die Frauen trinken es während der Menstruation, der Schwangerschaft, nach der Geburt und wenn sie in Trauer sind – die Männer nehmen es zu sich zum Fest der Tocandira, im Trauerfall und wenn sie ihre Frauen beim Fasten nach einer Geburt begleiten.
Man hat beobachtet, dass während der “Fabrikation des Guaraná“, (ein Terminus, der von den Sateré-Mawé selbst benutzt wird), sich das gesellschaftliche Leben voll entfaltet. Der Produktionsablauf verstärkt das Zugehörigkeitsgefühl der Mitglieder dieser Gesellschaft und enthüllt auch im Alltag eine ganze Palette von Phänomenen, die in anderen Epochen des Jahres verborgen sind. Eine Periode, die sich jedes Jahr aufs Neue mit der Erntezeit des Guaraná wiederholt und den Sateré-Mawé erlaubt, mit ihrer mythologischen Genesis zu kommunizieren und sich ethnisch zu erholen.
Das Ritual der Tocandira fällt zusammen mit der Guaraná-Produktion und dauert etwa zwanzig Tage. Die Indios bezeichnen dieses Ritual als “die Hand in den Handschuh stecken“ – auch als “Fest der Tocandira“ unter den regionalen Bewohnern bekannt. Hierbei handelt es sich um einen Teil des Initiations-Ritus – die Jungen werden zu Männern geweiht – ein Ritual von grosser Bedeutung für die Sateré-Mawé – mit Gesängen, die von Arbeit, Liebe und Krieg erzählen.
Die Bezeichnung “Tocandira“ (Paraponera clavata) wird im Volksmund auf diverse Spezies von Ameisen der Unterfamilie Ponerineus angewandt – exklusive Fleischfresser, die sich durch ihre ungewöhnliche Grösse und starke Greifzangen auszeichnen, mit denen sie ein Gift injizieren, dass ihre Opfer lähmt und beim Menschen heftige Fieberanfälle auslösen kann.
Als Mutprobe müssen die Knaben bei diesem Ritual ihre Hand in einen gewebten Fausthandschuh stecken – er ist mit schwarzem Jenipapo bemalt und mit Ara- oder Falkenfedern geschmückt – in dem dann einige Dutzend “Tocandiras“ über die nackte Hand herfallen – Schmerzensschreie sind nicht erlaubt.
Die Herstellung des Guaraná ist ein vorwiegend maskuliner Arbeitsprozess. Man hat beobachtet, dass es eine Beziehung gibt zwischen der Arbeitstrennung nach Geschlechtern und der Trennung nach jeweiligen Altersgruppen. Die Sateré-Mawé Gesellschaft schreibt für die einfacheren Arbeitsphasen – solche, die keine besondere Erfahrung voraussetzen – Hände verschiedener Altersgruppen vor. Bei den komplizierteren Aufgaben werden jedoch stets erwachsene Personen oder Ältere eingesetzt, um sich um die Produktion zu kümmern.
Geschlechtsspezifische Vorschriften, kombiniert mit denen entsprechender Altersgruppen, ergeben, dass die Ernte der Guaraná-Rispen, das Schälen der rohen Früchte, das Waschen, die Röstung, das Schälen der gerösteten Früchte und das Zerstampfen im Mörser, Aktivitäten sind, die fast exklusiv vom männlichen Geschlecht ausgeführt werden und alle Altersgruppen, vom kleinen Jungen bis zum erwachsenen Mann betreffen. Eine Beteiligung des weiblichen Geschlechts wird lediglich beim Schälen der rohen und der gerösteten Früchte zugelassen – Arbeiten, die zu den vergleichsweise einfachen Verrichtungen innerhalb des gesamten Produktionsprozesses gehören.
Eine Beteiligung der Mädchen bei den erwähnten Aktivitäten ist nur vor ihrer ersten Menstruation erlaubt, danach erlangen sie den Status erwachsener Frauen und verwandeln sich in potenzielle Ehefrauen und Mütter.
Die drei letzten Phasen der Guaraná-Herstellung sind für die Qualität des Produkts, dem “Pão de Guaraná“ (wörtlich: Guaraná-Brot) besonders entscheidend. Aus diesem Grund werden die Modellierung der “Brote“, ihre Waschung und Räucherung exklusiv von erwachsenen oder alten Personen vorgenommen.
Die Waschung der “Brote“ unterscheidet sich von den anderen Aktivitäten der Herstellung, weil sie die einzige Arbeit ist, bei der die Frauen mit Hand anlegen dürfen. Die Sateré-Mawé Gesellschaft schreibt vor, dass nur erwachsene (Mütter) und alte Frauen (Grossmütter) die vorgeformten, noch frischen, weichen, kastanienbraunen “Brote“, nach einer Pause zur Vortrocknung auf Bananenblättern, zum ausgiebigen Waschen übernehmen dürfen.
Diese Waschung der Guaraná-Brote gehört zweifellos zu einer der sensibelsten Arbeitsgänge der Produktion, was allein jedoch nicht genügt, um die Beteiligung der Frauen in diesem fast ausschliesslich maskulinen Universum zu erklären. Der Bruch eines Tabus durch die Frauen (die bereits Ehemann, Kinder und Enkel haben) bei der fast exklusiv maskulinen Guaraná-Produktion kann nur auf mythologischer Basis verstanden werden.
Die Frauen der Sateré-Mawé werden als Synthese im mythologischen Korpus Sateré-Mawé repräsentiert von den weiblichen Figuren “Uniaí, Onhiámuáçabê“ und “Unhanmangarú“, die zum einen Schwestern von “Anumaré“ (Gott) und zum andern Schwestern von “Ocumaató“ und “Icuaman“ (Zwillingsbrüder) sind. Diese mythologischen Frauen besitzen eine Reihe von Eigenschaften und Vorrechten, welche sich im gesellschaftlichen Leben der Sateré-Mawé spiegeln – allerdings in umgekehrter Art und Weise.
In diesem Sinne vermag man die Beteiligung der Frauen an der Guaraná-Produktion zu verstehen, genauer am Waschen der “Guaraná-Brote“ – sie besetzen die Position von “Onhiámuáçabê“ in der Geschichte des Guaraná – einer Schamanin, Ehefrau und Mutter. Mittels schamanistischer Praktiken, deren zentrale Aktivität einer Waschung der Leiche ihres Sohnes, mit ihrem Speichel und dem Saft magischer Pflanzen, galt, lässt sie die erste Guaraná-Pflanze wachsen – begründet damit den Ackerbau und erweckt ihren Sohn wieder zum Leben – den ersten Sateré-Mawé, den Gründer ihrer Gesellschaft.
Es ist interessant festzustellen, dass in der Sateré-Mawé Gesellschaft die Position des Schamanen nur von Männern besetzt werden kann – im Gegensatz zu einigen Mythen, in denen diese Rolle für Frauen reserviert ist. Ebenso hat die Gesellschaft die Guaraná-Produktion in die Hände der Männer gelegt, während sie in ihrer Mythologie ein Privileg der Frauen darstellt. Vielleicht sind es diese Umkehrungen der antiken Regeln, welche auch den Bruch des Tabus in der Arbeitsteilung der Geschlechter bei der Guaraná-Produktion erlauben – den Frauen die Fortsetzung ihrer mythologischen Funktionen im gesellschaftlichen Leben gestatten.
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther