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forlaufend
Schlüssel dient ein beliebiges
Wort, welches
Buchstabe für
Buchstabe unter die
Buchstaben des chiffrierten
Telegramms gesetzt
wird, wobei man, wenn es zu Ende ist, immer wieder von neuem anfängt. Dieser
Schlüssel heißt das Wahlwort. Die wahre Bedeutung
der Chifferbuchstaben findet man nun, indem man den daruntergehenden
Buchstaben des Wahlwortes in der
Wahllinie und den Chifferbuchstaben in derselben Horizont
allinie, welcher jener angehört, aufsucht. Indem man dann die Vertikallinie
des gefundenen Chifferbuchstaben bis zur Sprachlinie verfolgt, findet
man in derselben den
Buchstaben der Klarschrift.
Auf einer ähnlichen
Methode beruht die Chifferschrift
Napoleons I. (nach
Porta); zur Abfassung derselben bedient man sich ebenf
alls
eines Wahlwortes. Die Chiffriertabelle enthält auf je zwei
Buchstaben der Wahllinie immer nur ein geheimes
Alphabet, dessen
eine Hälfte durch die
Buchstaben der andern Hälfte in versetzter
Ordnung ausgedrückt wird. Statt eines Wahlwortes kann auch
eine Wahlzahl benutzt werden, wie das in der Chifferschrift des
Grafen Gronfeld der
Fall ist. Man verfährt nach Gronfelds
System in der
Weise, daß man die Wahlzahl fortlaufend unter die
Buchstaben des zu chiffrierenden
Telegramms setzt, so daß unter
jedem
Buchstaben eine
Ziffer steht, und nun in die
Geheimschrift an
Stelle der richtigen
Buchstaben diejenigen
als
Chiffern bringt,
welche um so viel
Stellen später in der gewöhnlichen Reihenfolge des
Alphabets erscheinen,
als die darunterstehende
Ziffer anzeigt.
Durch eine große Anzahl benutzbarer
Alphabete (3200) zeichnen sich Krohns
Buchstaben-Systeme aus (s. am
Schluß). Um zu ermöglichen,
daß auch ohne besondere Verabredung bei jedem
Telegramm das
Alphabet gewechselt werden kann, hat Krohn seinen
Systemen auch
einen
Haupt- und Zahlenschlüssel beigegeben, mittels dessen in dem
Telegramm selber an ein für
allemal
bestimmter
Stelle, z. B. in der zweiten
Gruppe, die Nummer des benutzten
Alphabets in Chifferbuchstaben angegeben wird.
In der Vok
alchiffer wird jeder
Buchstabe der Klarschrift ausgedrückt durch zwei
Vokale. Als
Schlüssel dient ein kleines
Quadrat
von 25
Feldern, welches in der Sprachlinie wie in der Wahllinie mit den einfachen
Vokalen beschrieben ist,
während die
Felder nach Belieben mit den 25
Buchstaben des
Alphabets ausgefüllt werden. In der Chifferschrift sind nun statt der richtigen
Buchstaben die beiden Endvokale aus der betreffenden
Horizontal- und Vertikalreihe einzutragen, also bei Anwendung des folgenden
Schlüssels statt a ie, statt b ea u. s. f. Das
Wort Feind würde mithin lauten auueaeuuoo.
|a||e||i||o||u|
|a||l||i||r||s||f|
|e||b||t||c||h||u|
|i||k||a||m||w||z|
|o||o||p||g||d||x|
|u||g||e||v||y||n|
Die bis jetzt angeführten Chiffersysteme gehören sämtlich zur Klasse der Buchstabenchiffern, deren wesentliches Merkmal darin besteht, daß sie für jeden Buchstaben der Klarschrift eine Übersetzung durch einen oder mehrere andre Buchstaben erforderlich machen. Verwandt mit ihnen sind die Zahlenchiffern, welche zum Ausdrücken der Buchstaben sich der Zahlzeichen bedienen, und von denen Mirabeaus Zahlenchiffer eine der bekanntern ist. Nach Mirabeau wird das Alphabet in fünf oder sechs Abteilungen Angeordnet, die fortlaufend numeriert sind, und innerhalb deren jeder Buchstabe wieder seine besondere Ordnungsnummer besitzt. Will man mit diesem Schlüssel chiffrieren, so bezeichnet man jeden Buchstaben durch zwei Zahlen, von denen die erste die Ziffer der Abteilung, die zweite die Nummer des Buchstaben in dieser Abteilung angibt, und welche man entweder als Zähler und Nenner eines gewöhnlichen Bruches oder in Form eines Dezimalbruches niederschreiben kann.
Um das Chiffrieren und Dechiffrieren zu erleichtern, bedient man sich zuweilen mechanischer Vorrichtungen, welche in großer Zahl und zum Teil in sehr sinnreicher Weise konstruiert worden sind. Der einfachste Chiffrierapparat, welcher die Multiplikationschiffer zur Grundlage hat, besteht in einer dosenartigen Vorrichtung aus zwei um ihre gemeinsame Achse drehbaren Hälften, deren jede auf ihrer Peripherie ein vollständiges Alphabet trägt. Um mit diesem Apparat zu chiffrieren, teilt man zunächst die in geheime Schrift umzusetzende Mitteilung nach der Buchstabenzahl des Wahlwortes in Gruppen ein.
Hierauf stellt man das a des obern Alphabets auf den ersten Buchstaben des Wahlwortes im untern Alphabet ein und überträgt in dieser Stellung alle ersten Buchstaben der Gruppen aus dem obern Alphabet in das untere, rückt dann das a des Sprachalphabets auf den zweiten Buchstaben des Wahlwortes und verfährt in gleicher Weise mit den zweiten Buchstaben sämtlicher Gruppen u. s. f. Beim Dechiffrieren wird entsprechend verfahren; nur muß selbstverständlich die Übertragung aus dem untern Alphabet in das obere stattfinden. Verwickeltere Vorrichtungen, die während des Chiffrierens die Alphabete verstehen und so eine große Sicherheit gegen unbefugte Entzifferung gewähren, sind von Klüber, Wheatstone, Sommerfeldt u. a. angegeben worden.
Eine besondere Gruppe bilden die Versetzengschiffern, welche die Buchstaben des zu übermittelnden Telegramms beibehalten, aber nach einer verabredeten Ordnung in andrer Reihenfolge erscheinen lassen. Man schreibt nach dieser Methode das zu chiffrierende Telegramm in die Felder eines karierten Rechtecks ein, indem man die Buchstaben entweder von rechts nach links in die Horizontalreihen, oder von oben nach unten in die Vertikalreihen, oder abwechselnd von oben nach unten und von unten nach oben, oder endlich in diagonaler Richtung einträgt, worauf das Telegramm in der gewöhnlichen Reihenfolge von links nach rechts abgeschrieben wird.
Von besonderm Interesse ist die zu dieser Gruppe gehörende Chiffer der Nihilisten. Die Nihilisten bedienen sich (nach Fleißner) zur Bezeichnung der einzelnen Felder des karierten Rechtecks eines Wahlwortes, indem sie die einzelnen Buchstaben des letztern nach ihrer Reihenfolge im Alphabet numerieren und die so gewonnenen Ordnungszahlen sowohl in die Sprachlinie als in die Wahllinie eintragen. Die Zahlen der Wahllinie sind dann maßgebend für die Reihenfolge der Zeilen, diejenigen der Sprachlinie für die Aufeinanderfolge der Buchstaben. Wäre beispielsweise »Moskau« [* 2] das Wahlwort, so würde das Telegramm: »Komme morgen in Petersburg [* 3] an. Hartmann« nach obiger Chiffer zu setzen sein.
|3||4||5||2||1||6|
|3||e||t||c||p||n||r|
|4||u||r||g||b||s||a|
|5||a||r||t||h||n||m|
|2||g||c||n||r||o||i|
|1||m||m||c||o||k||m|
|6||n||a||u||n||a||s|
In fünfstellige Gruppen abgeteilt, würde demnach der Text lauten: etepn rurgb saart humge nroim meokm nauna. Auf mechanische Weise lassen ¶
forlaufend
sich die Versetzungen in großer Mannigfaltigkeit mit Fleißners durchlöcherten Patronen bewirken, mittels deren man die Buchstaben oder Ziffern unter Benutzung der Öffnungen auf ein untergelegtes Blatt [* 5] schreibt. Sobald alle Löcher ausgefüllt sind, wird die Patrone um 90° gedreht und dadurch auf freie Felder gebracht, die nun wieder beschrieben werden, u. s. f. Die Öffnungen der Patronen sind so angeordnet, daß bei viermaliger Drehung der Scheibe ein Loch nie auf eine bereits beschriebene Stelle trifft. Schließlich erscheint die Schrift in regelmäßiger [* 4] Figur, aber unlesbar und nur zu entziffern vom Besitzer einer gleichen Patrone.
Eine der vollkommensten Chiffriermethoden, die jedoch zu ihrer Anwendung viel Zeit und Mühe erfordert, ist die sogen. Wort- oder Buchchiffer, bei welcher ein eigens zu diesem Zweck eingerichtetes Wörterbuch als Grundlage benutzt wird. Jedes Wort, Schrift- oder Zahlzeichen u. dgl. ist in demselben entweder durch eine Zahlen- oder eine Buchstabengruppe bezeichnet; außerdem sind bestimmte Festsetzungen über Flexionsänderungen, Abwandlungen der Zeitwörter u. dgl. getroffen.
Die Bezeichnung der Wörter durch Buchstabengruppen hat vor der Numerierung den Vorzug einer geringern Stellenzahl in den Chiffern; während nämlich aus den 10 Zahlzeichen nur 1000 dreizifferige Zahlengruppen gebildet werden können, beläuft sich die Anzahl der dreistelligen Buchstabengruppen bei 25 Buchstaben schon auf 25. 25. 25 = 15,625. Zur Sicherung der telegraphischen Übermittelung derartiger Buchstabengruppen, welche zu dem angegebenen Zweck bereits 1849 von Meißner in Braunschweig [* 6] und neuerdings von Walter in Winterthur vorgeschlagen worden sind, kann man denselben zweckmäßig eine von dem zuletzt genannten Verfasser empfohlene Kontrollchiffer anhängen, deren Zahlenwert nach ihrer Stellung im Alphabet die Summe der Zahlenwerte für die vorausgegangenen Buchstaben darstellt.
Es erübrigt noch, einige Andeutungen über die Entzifferung (Dechiffrierung) der Geheimschriften zu geben. Ist man im Besitz des Schlüssels, so verursacht dieselbe nur geringe Mühe; die eigentliche Dechiffrierkunst dagegen, welche sich mit der Entzifferung von Geheimschriften mit unbekanntem Schlüssel beschäftigt, erfordert einen großen Aufwand an Scharfsinn und Geduld. Sie stützt sich auf die Eigentümlichkeiten der Sprache, [* 7] wie sie sich in der Häufigkeit der einzelnen Buchstaben und der Art ihrer Zusammensetzung zu Silben und Wörtern darstellen.
In der deutschen Sprache kommt z. B. der Buchstabe e am häufigsten vor; man kann also mit ziemlicher Sicherheit darauf schließen, daß diejenige Chiffer, welche sich in einem Telegramm mit einfachem Schlüssel am öftesten wiederholt, den Buchstaben e darstellt. Dann kommen n, i, s, t, h, a, r, d, u. Auf q folgt stets u, aus c entweder h oder k; für sich allein findet man c nur in Fremdwörtern. Einen guten Anhalt [* 8] gewähren ferner die zweibuchstabigen und dreibuchstabigen Wörter, deren Anzahl eine beschränkte ist; dieselben lassen sich, wenn die Worttrennung beibehalten ist, nach einem Verzeichnis meist ohne große Mühe erraten. In Chiffertelegrammen mit zusammengesetztem Schlüssel verwischen sich aber diese Erkennungszeichen, wodurch die Schwierigkeit der Entzifferung unter Umständen sich bis zur Unmöglichkeit steigert.
Bis vor wenigen Jahrzehnten nur eine Hilfswissenschaft der Diplomatie, hat die Chiffrierung in neuerer Zeit eine ausgedehnte Anwendung im telegraphischen Verkehr auch der Kaufleute gewonnen. Neben den eigentlichen Chiffertelegrammen spielen im Handelsverkehr die Telegramme in verabredeter Sprache eine wichtige Rolle. Letztere werden aus Wörtern zusammengesetzt, welche zwar jedes für sich eine sprachliche Bedeutung haben, in ihrer Zusammenstellung aber dem Uneingeweihten keinen verständlichen Sinn ergeben.
Nach dem internationalen Telegraphenvertrag dürfen derartige Telegramme im europäischen Verkehr nur aus Wörtern bestehen, welche einer und derselben Sprache angehören; im außereuropäischen Verkehr sind dagegen Wörter aus der deutschen, englischen, spanischen, französischen, italienischen, niederländischen, portugiesischen und lateinischen Sprache gleichzeitig zulässig. Als Telegramme in chiffrierter Sprache werden angesehen:
1) diejenigen Telegramme, deren Text aus Ziffern- oder Buchstabengruppen besteht;
2) solche Telegramme, welche entweder Reihen oder Gruppen von Ziffern oder Buchstaben, deren Bedeutung der Telegraphenanstalt nicht bekannt ist, oder Wörter, Namen und Zusammenstellungen von Buchstaben enthalten, die in offener oder verabredeter Sprache nicht zulässig sind. Der Text der Chiffertelegramme kann entweder ganz oder zum Teil in geheimer Schrift abgefaßt sein. Der chiffrierte Text muß entweder ausschließlich aus Buchstaben des Alphabets oder ausschließlich aus arabischen Ziffern bestehen und von dem Text in offener Sprache durch Klammern [* 9] getrennt sein.
Bei der Taxierung von Chiffertelegrammen werden im europäischen Verkehr die in Ziffern geschriebenen Zahlen für so viel Wörter gezählt, als sie je fünf Ziffern enthalten, nebst einem Wort für den etwanigen Überschuß. Diese Regel findet auch Anwendung auf die Zählung der Buchstaben in Buchstabengruppen chiffrierter Telegramme. Im außereuropäischen Verkehr findet man die Zahl der Wörter, indem man die Anzahl der Ziffern oder Buchstaben jeder Gruppe durch 3 teilt und für den etwanigen Rest ein Wort mehr rechnet. Die in nicht zugelassener Sprache geschriebenen Wörter werden allgemein als Buchstabengruppen behandelt.
Vgl. Klüber, Kryptographik (Tübing. 1809);
Krohn, Buchstaben- und Zahlensysteme für die Chiffrierung von Telegrammen, Briefen und Postkarten (Berl. 1873);
Meißner, Die Korrespondenz in Chiffern (Braunschw. 1849);
Walter, Chiffrier- und Telegraphiersystem (Winterthur 1877);
Fleißner, Handbuch der Kryptographie (Wien [* 10] 1881).