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Rodolphe Kasser, der das 1700 Jahre alte Judas-Evangelium übersetzt hat, sagt im Gespräch mit swissinfo, dass die Ablehnung des Manuskripts durch die Kirche von "intellektueller Faulheit" zeuge.
Der Text, der Judas als einen von Jesus' Lieblingsjüngern und nicht als die geschmähte Figur des Neuen Testaments darstellt, wird von der katholischen Kirche nicht anerkannt.
Der Genfer Professor und Übersetzer Rodolphe Kasser sagt, dass der gnostische Text den Makel von Judas' Name entferne, der über Jahrhunderte den Antisemitismus angeheizt habe. Und er vermutet, dass es noch weitere Evangelien zu entdecken gebe.
swissinfo: Das Manuskript, das Sie und Ihr Team übersetzt haben, war in einem furchtbaren Zustand. Wie schwierig war die Aufgabe?
Rodolphe Kasser: Zuerst mussten wir das Manuskript restaurieren. Denn das hatte zuvor noch niemand getan. Bei anderen Papyrus-Rollen, mit denen ich gearbeitet habe, konnte man einzelne Fragmente mit einer Pinzette bewegen. Doch dieses zerbrach, sobald man es nur berührte.
Um die Schwierigkeit unserer Aufgabe zu verstehen, muss man sich vorstellen, einen Katalog in 2000 Teile zu zerreissen, einen Drittel davon wegzuwerfen und den Rest wieder zusammenzusetzen.
swissinfo: Sie haben das Judas-Evangelium zu drei Vierteln wieder zusammengesetzt. Könnten die fehlenden Teile eine wichtige Botschaft enthalten, die die Bedeutung des Textes verändern würde?
Rodolphe Kasser: Vielleicht, aber ich glaube es nicht. Es fehlen uns allerdings fünf oder sechs Zeilen, die wichtige Informationen enthalten könnten.
swissinfo: Der Text wirft ein ganz neues Licht auf Judas. Er zeigt ihn als Lieblingsjünger von Jesus und nicht einfach als denjenigen, der Jesus betrog. Wie wichtig ist das?
Rodolphe Kasser: Das Judas-Bild ist sicher neu, aber daraus ergeben sich keine wesentlichen theologischen Änderungen. Am Glauben ändert dies nichts, denn der christliche Glaube konzentriert sich auf Jesus Christus, und Judas ist ein Jünger. Aber das Skandalöse um den Namen Judas wird so aufgehoben.
swissinfo: Papst Benedikt XVI bleibt bei seiner Meinung, dass Judas ein Verräter war...
Rodolphe Kasser: Es ist nicht besonders gescheit, zu sagen, dass dieser neue Text die alte These bestätigt, wonach Judas Jesus aus Macht- und Geldgier betrogen habe. Denn das stimmt überhaupt nicht.
Judas entpuppt sich vielmehr als einer, der mehr wissen wollte. Das ist das Thema der Gnostik: Es geht um Wissen, das Erlösung bringt, und um falschen Glauben, der die Menschen am Fortschritt behindert. Das steht in keinem Widerspruch zur Bibel.
swissinfo: Zeugt die Reaktion der Kirche von Angst?
Rodolphe Kasser: Sie zeugt eher von intellektueller Faulheit. Man will nichts an dem ändern, was man immer schon geglaubt hat. Diese Reaktion habe ich auch bei Bekannten in Yverdon, wo ich wohne, gefunden. Jemand sagte mir, er sei gegen diese neue Entdeckung, weil er die Idee nicht möge, dass Judas ein Lieblingsjünger von Jesus sei.
swissinfo: Sollte die Kirche das Neue Testament eines Tages nachprüfen?
Rodolphe Kasser: Die Kirche studiert das Neue Testament schon jetzt dauernd. Aber sie sollte es jedes Mal, wenn ein neuer Text erscheint, neu lesen. Man kann nicht einfach sagen, das nütze nichts, weil man schon alles wisse.
swissinfo: Was erhoffen Sie sich von der Reaktion der Öffentlichkeit auf das Judas-Evangelium?
Rodolphe Kasser: Ich erhoffe mir gar nichts. Ich habe das Manuskript einfach übersetzt und es der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das einzige, was ich hoffe, ist dass auch in Zukunft solche Dokumente jemanden finden werden, der die undankbare Aufgabe auf sich nimmt und sie restauriert, fotografiert und herausgibt.
Denn es ist bedauerlich, wenn archäologische Funde, die potentielle Informationsquellen sind, zerfallen, bevor sie untersucht werden können. Das ist wie ein Zeuge, dem niemand zuhören will. Selbst auf den Verdacht hin, dass dieser Zeuge ein Lügner sein könnte, muss man ihm die Chance geben zu sprechen. Judas hat diese Chance jetzt erhalten.
swissinfo-Interview: Adam Beaumont, Genf
(Übertragung aus dem Englischen: Susanne Schanda)
In Kürze
Das Judas-Evangelium wurde von einem Team um Rodolphe Kasser, einem der führenden koptischen Gelehrten, vom Koptischen ins Englische übersetzt.
Die Forschungsarbeiten begannen 2001 in der Schweiz, nachdem die Maecenas Stiftung für antike Kunst in Basel das Dokument von einer Antiquitätenhändlerin erworben hatte.
Wissenschaftliche Tests, wie die Radiocarbon-Verfallsanalyse, die Untersuchung der Tinte und die Spektralanalyse zeigten, dass das Dokument aus dem Jahr 300 stammt.
Das Dokument wurde als "der geheime Offenbarungsbericht über ein Gespräch zwischen Jesus und Judas" bezeichnet. Darin wird Jesus zitiert, wie er zu Judas sagt: "Du wirst (alle anderen Jünger) überragen, weil du meine menschliche Gestalt opfern wirst."
Fakten
Die in Leder gebundene Abschrift des Evangeliums wurde in koptischer Schrift auf beiden Seiten von 13 Papyrus-Bögen niedergeschrieben.
Die letzten 1700 Jahre lag es verborgen in einer Höhle der ägyptischen Wüste.
Das Dokument wurde wahrscheinlich im Jahr 300 vom griechischen Original übersetzt.
Es wurde 1970 in der Nähe von Minia in Ägypten entdeckt, blieb dann aber 16 Jahre lang in einem Safe in den USA liegen.