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Bevor Tim nachdenken konnte, hatte er die Dose eingesteckt. Er befühlte die Beule in seiner Hosentasche, strich über die glatte Fläche. Die Erwachsenen redeten weiter. Niemand schien den Schnupftabak zu vermissen. Die Bedienung brachte eine neue Runde Bier ins Stübli. Gläser klirrten, Bierschaumbläschen zerplatzten auf Schnauzbärten. Die Stimmung war ausgelassen. Fäuste knallten auf die Tischplatte, höhnisches Gelächter drang aus der Ecke.
Tim nahm den letzten Schluck von seiner Limo. Dann stellte er das Glas zurück auf den Bierdeckel und hielt nach seinem Vater Ausschau. Der sass beim Bauern Fritz und fuchtelte mit den Händen vor dessen Gesicht herum.
Ohne ein Wort zu sagen stand Tim auf und verliess mit gesenktem Kopf das Stübli. Draussen blinzelte er. Die Junisonne brannte ihm Löcher in die Kopfhaut. Die Augen fast geschlossen überquerte er die Strasse und schlenderte die Dorfstrasse hinab.
Mit der rechten Hand befühlte er sein heutiges Beutestück. Auf der Oberseite befand sich eine Gravur. "Wildsaurennen 1986" stand dort. Keine Ahnung, was das bedeuten sollte. Ein Wildschwein-Wettkampf? Ein Kartenspiel? Oder etwas ganz anderes? Egal. Nun gehörte die Dose ihm.
Zu Hause angekommen, lief Tim rasch die Treppe zu seinem Zimmer hinauf. Sein Bruder war an diesem Sonntagmorgen noch im Bett. Seine Mutter wohl in der Küche. Und sein Vater beim Frühschoppen, so wie immer. Er holte den Schnupftabak heraus, öffnete ihn, schüttelte ein paar Krümel heraus, schnupperte daran und saugte sie rasch in eines seiner Nasenlöcher. So wie er es bei den Erwachsenen immer beobachtet hatte. Es kribbelte, brannte ein wenig. Dann begannen seine Augen zu tränen. Er wischte Tränen und Rotz mit dem Handrücken ab.
Als er wieder sehen konnte, verstaute er die Dose in einer Kiste mit all den anderen Dingen, die ihm besonders am Herzen lagen. Die goldene Kette, die Anna beim Sport verloren hatte. Das silbern eingerahmte Foto, das die Familie des Kinderarztes zeigte und immer auf dessen Schreibtisch gestanden hatte. Die Uhr seiner Lehrerin. Der Ehering seiner Mutter. Eine fremdländische Münze aus dem Portemonnaie seines Bruders.
Tim legte die silberne Dose dazu, verschloss seine Schatztruhe und stellte sie zuhinterst in seinen Kleiderschrank, unter die Kiste mit den Sportsachen.
Als diebische Elster hatte ihn Alf, sein bester Kumpel, letztens bezeichnet, als er ihm seine Kiste gezeigt hatte. Davor hatte er doppelt schwören müssen, niemandem etwas davon zu verraten. Alf hatte gelacht und Tim einen Vogel gezeigt. Als ob er ihn bei der Lehrerin verpetzen oder mit Tims Bruder reden würde.
Doch seither schaut Alf ihn in der Schule manchmal komisch von der Seite an, so als wäre er nicht sicher, was er von Tim halten soll. Tim tut dann so, als ob er es nicht bemerken würde. Und betrachtet aus den Augenwinkeln den Anhänger, der an Alfs Etui baumelt. Er glitzert herrlich, wenn das Licht darauf fällt.