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Anlässlich der „Zeremonie der Erinnerung“ für Leo Gisin hielt Gérard Benone, ehemaliger Präsident des SJV, eine Ansprache über Leo
«Er war und wird immer mein Sensei bleiben.» – Eine Widmung von Otto Fend.
Pionier und Wettkämpfer
Leo Gisin war ein Judopionier, dem der SJV in den Anfangsjahren viel zu verdanken hatte. Seine Wettkampfkarriere war zu der damaligen Zeit beeindruckend. Neben vielen Schweizermeister-Titeln nahm Leo auch an vier Europameisterschaften und 1961 auch an einer Weltmeisterschaft in Paris teil. Sein grösster Erfolg war sicher der dritte Platz 1962 an der EM in Essen.
Auslandstraining und Nationaltrainer
Leo hatte früh gemerkt, dass es unerlässlich ist nicht nur in der Schweiz zu trainieren, wenn man weiterkommen will. Er besuchte immer wieder mehrere Trainingslager in ganz Europa und trainierte damals bei namhaften Judogrössen wie, H. Rhi, I. Abe, R. Delforge, N. Kudo, M. Brousse, Han No San oder Anton Gesink. Mit vielen pflegte er auch noch nach seiner aktiven Karriere freundschaftliche Kontakte, dabei kam ihm seine Mehrsprachigkeit sehr entgegen.
Im Jahr 1965 wurde Leo Nationalcoach und nahm mit der Judo-Nationalmannschaft an mehreren Europameisterschaften und Weltmeisterschaften teil. Höhepunkt war aber bestimmt die Teilnahme 1972 an den Olympischen Spielen in München.
Im Einsatz für den Verband
Nach dem Rücktritt als Nationalcoach übernahm Leo im SJV noch für mehrere Jahre das Amt im Vorstand als TK-Chef. Nebenbei war er auch Dan-Experte und nahm viele Dan-Prüfungen ab.
So auch die von mir zum 1. Dan 1973. Ich lernte Leo im Jahr 1969 kennen bei einem Trainingslehrgang in Mürren. Über mehrere Jahre leitete Leo für den SJV im Jahr zwei Trainingslehrgänge in Mürren, einen im Winter und den anderen im Sommer. Viele dieser gut besuchten Lehrgänge hatte ich in meinen ersten Judojahren bei Leo besucht und konnte von seinem Wissen, seiner Judo-Erfahrung und auch davon, wie er unterrichtet hatte, profitieren. Daraus entwickelte sich eine Freundschaft, die bis heute gehalten hatte.
Wirken im Raum Basel
Neben seinem Engagement beim SJV leitete Leo im Raum Basel zur Blütezeit des Judo – in den 60er und 70er Jahren – drei Schulen mit mehreren Hundert Schülern. Neben Judo wurde an diesen Schulen auch Ju-Jitsu, Karate und Aikido unterrichtet. Alle diese Schüler brauchten die richtige Bekleidung und andere Budoartikel zum Ausüben ihrer Disziplin. Die ersten Judoanzüge hatte Leo zur damaligen Zeit in Manchester einkauft. Später dann aber in Fernost und zwar über mehrere Jahre in Korea. Bekannt bei vielen älteren Judoka ist sicher noch die Marke „Bear Brand“. Das war dann gleichzeitig auch der Start für sein Budogeschäft „Leo Gisin“ mit einem kleinen Laden am Spalenring in Basel.
Leo Gisin AG
Im Jahr 1985 suchte Leo einen Teilhaber und Geschäftsführer für seine Schule und sein Budogeschäft und so kam ich von St. Gallen nach Basel. Wir gründeten miteinander die Leo Gisin AG. Genau drei Monate hatte er mich eingearbeitet und danach zog er sich in den Jura zurück, wo er sein Haus liebevoll zu fast 99 % alleine umbaute. Kurze Zeit darauf heiratet er im Garten seines Jurahauses seine heutig Frau Heléne. Für unser gemeinsames Geschäft war er aber immer zur Stelle, wenn ich ihn gebraucht hatte.
Jeden Donnerstag kam er nach Basel und bei einem gemeinsamen Mittagessen sprachen wir über dies und jenes. Diese Besuche machte er bis zu meinem Weggang von Basel wieder zurück in die Ostschweiz. Das Geschäft, Leo Gisin AG, hatte ich ihm dann nach ca. 10 Jahren abgekauft und später auch den Namen geändert, aber immer in seinem Sinne weitergeführt. Gemeinsam pflegten wir aber bis zu seinem Tod das Antiquitätengeschäft mit Samurai-Equipment. Leo war ein Sammler, hatte viel gelesen und sich weiterentwickelt. Leo war ein Liebhaber von Flohmärkten im In- und Ausland. Mit seinen und meinen Kontakten waren wir auch gemeinsam in Japan. Selbstverständlich hatten wir den Kodokan besucht, aber noch mehr interessierte ihn damals der grösste Flohmarkt in Tokio – der Boroichi Market. Er fand auf jedem Markt etwas und war es noch so klein, er hatte einfach das Auge dazu.
Der Handwerker
Zu erwähnen gilt es das handwerkliche Geschick von Leo. Ohne das hätte er sein Haus im Jura sicher nicht alleine umbauen können. Er hatte eine top eingerichtet Werkstatt, in der er viele Stunden verbrachte. Für mich hatte er immer wieder mit Holz verschiedene Gegenstände angefertigt, unter anderem Gestelle für unseren Laden, Tische, japanische Lampen usw. Noch heute stehen in meinem Shop und auch in meinem Zuhause viele Gestände, die Leo in seiner Werkstatt gefertigt hatte. Ich konnte ihm jeden Auftrag mit Holz weiterleiten und er hat diesen immer mit Freude angenommen. Im letzten Dezember hatte er mir noch den letzten Auftrag ausgeführt: Viele kleine Bilderrahmen aus Holz, die heute in meinen Japanshop hängen.
Ruhe in Frieden
Am Montag, 27. Januar, starb Leo zu Hause in seinem geliebten Haus. Ich habe mit ihm einen Freund verloren, der mich über 40 Jahre begleitet hatte, mit dem ich viel Gemeinsames erleben durfte und der mich in vielen Sachen geprägt hat. Er war und wird immer mein Sensei bleiben. Der gegenseitige Respekt war der Schlüssel für unsere Freundschaft. Ruhe in Frieden, Leo!
– Otto Fend