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Stark vereinfacht ausgedrückt ist Jazz in den meisten Fällen ein mehr oder weniger organisiertes Zusammenspiel mehrerer Musiker, wobei einige das rhythmisch-harmonische Fundament für die Melodiegruppe respektive für die diversen Solisten bilden.
Immer noch simplifiziert: Ein Pianist kann problemlos alleine Auftreten, da er mit der linken Hand das oben erwähnte Fundament bilden und mit der rechten solieren kann. In einem Duo ohne Klavier ist meistens einer von beiden Musikern benachteiligt (ausser, der Solist ist ein begnadeter Vibraphonist): Der Bassist oder der Gitarrist, der für das Fundament verantwortlich ist, muss sich in den Soli alleine durchschlagen, da ihn der Melodiesolist/Bläser kaum zu unterstützen in der Lage ist.
Diese Situation wurde mir erneut bewusst, als ich die Instrumentenkombinationen der beiden Duo-Alben sah: Tenorsaxophon und Bass auf dem einen, Posaune und Gitarre auf dem anderen.
Teil 1 - Tenorsaxophon und Bass
Wie eingangs erwähnt: Das Album «Remember Love» ist keine eigentliche Premiere. Die beiden Altmeister Houston Person (*1934) und Ron Carter (*1937) machten ihre erste Duo-Aufnahme 1989, also vor 29 Jahren. Das Album hiess «Something in Common».
Ihr fünftes Duo-Album wurde unter dem Titel «Chemistry» vermarktet und mit dem «Album of the Year»-Award ausgezeichnet. Ich fand «Chemistry» zwar gut, doch wegen der extremen Hall-Beimischung fehlte dem Tenorsax von Houston Person die Intimität.
«Remember Love»
Für ihre sechste Kollaboration haben Person und Carter Lieder aus dem American Songbook ausgewählt, die vor allem von der Liebe mit all ihren Sonnen- und Schattenseiten erzählen. Irgendwie muss für den vollen Genuss dieser Musik die Atmosphäre, die Umgebung, die Jahreszeit und das Licht stimmen. Wenn man also an einem lauen Sommerabend bei leicht flackerndem Kerzenlicht mit seiner/seinem Liebsten ein Glas Wein geniesst, passt dieses Album perfekt.
Diesmal wurde auf übermässigen Hall verzichtet. Tenorsaxophon und Bass klingen intim und echt, zum Greifen nah. Man kann einfach die entspannte und entspannende Stimmung geniessen oder auch genauer hinhören, wie sich zwei Musiker mit viel Lebenserfahrung (beide sind ja über 80) gegenseitig ergänzen, aufeinander eingehen, zuhören, Ideen weiterspinnen, um dann (meist) gemeinsam zu einem Schlusston zu finden.
Während Houston Person sich mit seinem warmen Tenorsax in den Themen und seinen herrlich fliessenden, aussagekräftigen, jedoch nie aggressiven Soli klar den gegebenen Harmonien des Songs folgt, wagt Ron Carter sowohl in der Begleitung als auch (und vor allem) in seinen Soli wesentlich mehr, spinnt neue Fäden, erweitert die Akkordbasis und flicht gar Reminiszenzen von Kompositionen von Gillespie bis Bizet ein. Er ist es eigentlich, der dem Album die Spannung und die Überraschungen beschert. Auch führt er uns vor Augen respektive Ohren, was ein Meister mit einem Bass alles anstellen kann.
Neben den acht Stücken, die die zwei erfahrenen Routiniers zusammen interpretieren, hat jeder noch ein Solostück: Ron Carters Version von «You are my Sunshine» ist zwar aussergewöhnlich und deshalb interessant, jedoch eher eine Vorzeige-Etüde für Bass-Studenten und fällt meiner Ansicht nach etwas aus dem Gesamtkonzept. Das letzte Stück «Without a Song», das von Houston Person solo interpretiert wird, rundet den positiven Gesamteindruck dieses Albums erfolgreich ab.
Fazit
Houston Person und Ron Carter beweisen erneut, dass ein Jazz-Duo zu faszinieren vermag, wenn Meister am Werk sind. Obgleich kein Neuland betreten wird: Die bereits hundert- wenn nicht tausendfach interpretierten Stücke aus dem American Songbook wirken hier neu und unverbraucht, nicht zuletzt wegen der überragenden Bass-Eskapaden von Ron Carter, der die vergleichsweise konventionelle Spielart seines Partners ideal ergänzt.
Und bei diesem sechsten Album stimmt auch die Aufnahmequalität: Beide Instrumente wurden ideal eingefangen und die Balance perfekt abgestimmt. Und nein: Ich gebe keinen Altersbonus, auch wenn beide (wie schon erwähnt) die 80er-Grenze überschritten haben. Erstaunlich und erfreulich zugleich!
PS: Das zweite, eingangs erwähnte Album mit Posaune und Gitarre, «Altas Horas» von Shawn & the Wolf, wird in der nächsten Rezension besprochen.