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Der japanische Architekt Hajime Narukawa hat eine Weltkarte entworfen, die auf einer neuen Projektionsmethode beruht. Dafür erhielt er nun den begehrten Good Design Award.
Weltkarten haben ein fundamentales Problem: Sie stimmen nicht. Genauer gesagt: Sie sind nie in jeder Hinsicht wirklichkeitsgetreu. Entweder stimmt die Form der Kontinente, dafür sind die Flächen verzerrt. Oder die Flächen sind korrekt dargestellt – auf Kosten der richtigen Form.
Das liegt daran, dass die Erde annähernd eine Kugel ist, also ein dreidimensionales Gebilde, während eine Karte lediglich zweidimensional ist. Bei der Projektion einer Kugeloberfläche auf eine Ebene entstehen zwangsläufig Verzerrungen.
Die meisten heutigen Weltkarten beruhen auf der Mercator-Projektion. Der bedeutende deutsche Kartograph Gerhard Mercator (1512–1594) zeichnete 1569 eine grosse Weltkarte, die ihn berühmt machte. Die nach ihm benannte Mercator-Projektion zeichnet sich durch hohe Winkeltreue aus, was für die Schifffahrt und die Luftfahrt von hohem Belang ist.
Der Nachteil dabei: Je näher ein Gebiet am Nord- oder Südpol liegt, desto grösser erscheint es. Grönland (2,2 Mio. km2) zum Beispiel sieht so gross aus wie der ganze Kontinent Afrika (30,3 Mio. km2). Da Europa und Nordamerika aus diesem Grund grösser wirken, als sie in Wahrheit sind, hat man der Mercator-Projektion auch schon imperialistische Motive oder zumindest eine westlich geprägte Weltsicht unterstellt.
Auch der japanische Architekt Hajime Narukawa störte sich an den Unzulänglichkeiten der Mercator-Projektion – und hat deshalb bereits 1999 eine neue namens «AuthaGraph» entwickelt. Zehn Jahre später gründete er eine gleichnamige Firma – mit Erfolg; Seine Karte wird mittlerweile in japanischen Schulbüchern verwendet. Im Oktober erhielt Narukawa den «Good Design Grand Award 2016» für seine Karte.
Mit seiner Methode will Narukawa Landmassen und Gewässer so genau und realitätsgetreu wie möglich abbilden. Die Erdoberfläche wird zu diesem Zweck in 96 Dreiecke geteilt, aus denen ein Tetraeder geformt wird, der danach aufgeklappt wird. So bleiben die Proportionen weitgehend erhalten.
Umgekehrt kann aus der Karte wieder ein nahezu runder Globus gefaltet werden. Und – ein besonderer Clou: Die Karte eignet sich zur Parkettierung, das heisst, es können mehrere Exemplare übergangslos in beliebiger Richtung aneinandergereiht werden.
Narukawa hat seine neue Projektion allerdings nicht aus dem luftleeren Raum entwickelt. Schon in den 1940er Jahren arbeitete der amerikanische Architekt und Schriftsteller Buckminster Fuller an einer Karte, welche die Erdoberfläche auf einen Ikosaeder projizierte. Diese Dymaxion-Karte sollte nach dem Willen ihres Erfinders kulturelle Vorurteile überwinden, weil sie den Norden nicht oben und den Süden nicht unten darstellt.
Auch andere Kartographen haben sich bemüht, neue, «gerechtere» Projektionen zu finden. Bekannt ist beispielsweise die Gall-Peters-Projektion, die weitgehend flächentreu ist. Sie vermeidet die verstärkte Hervorhebung der Flächen im Norden zu Ungunsten des Südens – was dazu führte, dass diese Karte als populäres postkolonialistisches Statement eingesetzt wurde. Allerdings ist sie nicht formgetreu und weist massive Verzerrungen auf; in Äquatornähe sind die Flächen stark in die Länge gezogen, während sie in Polnähe in die Breite gezogen sind.
Noch radikaler ist die Karte, die der Australier Stuart McArthur entworfen hat. Er störte sich schon als Schüler an der benachteiligten kartographischen Position seiner Heimat und gab daher 1979 eine «berichtigte» Version heraus.
McArthur war bei weitem nicht der erste, der eine nach Süden ausgerichtete Weltkarte zeichnete. Viele Karten aus dem islamischen Kulturkreis, der im frühen und hohen Mittelalter auch in der Kartographie führend war, sind gesüdet. Das ist auch bei dieser Weltkarte der Fall, die der marokkanische Kartograph Muhammad al-Idrisi im 12. Jahrhundert zeichnete. Erst mit Beginn des 16. Jahrhunderts setzten sich genordete Karten endgültig durch.
Karten, die nicht dem üblichen Bild entsprechen, irritieren uns, weil sie unseren Sehgewohnheiten widersprechen. Dabei ist es pure Konvention, ob eine Karte genordet oder gesüdet ist.
Sicher ist auf jeden Fall, dass keine Projektion absolut wirklichkeitsgetreu sein kann – und dass Karten immer auch unsere Sicht auf die Welt zugleich illustrieren und prägen.