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Kirchliche Reformen, monastische Bewegungen und viele neue Klostergründungen veränderten im 11. und 12. Jahrhundert die Landschaft der Schweiz. Im Streben nach möglichst grosser wirtschaftlicher Unabhängigkeit vereinigten die Klöster alle wichtigen Handwerksbetriebe innerhalb ihrer Umfassungsmauern und waren führend beteiligt an Aufschwung, Innovation und Verbreitung der Technik.
Ein bis vor kurzem unbeachtetes Element sind Dachziegel, die mittlerweile rund 900 Jahre die Münsterkirche schützen. Mehrere Hundert dieser Flachziegel liegen noch heute über dem nördlichen Seitenschiff der Münsterkirche. Sie bedecken dort eine ca. 150 m2 grosse Fläche. Gleiche Ziegel sind im Boden auch bei anderen öffentlichen Bauten in der Stadt zum Vorschein gekommen. Interessant ist, dass sie etwa 150 Jahre älter sind, als die Hohlziegel, die bisher in unserer Gegend als älteste mittelalterliche Ziegel gedeutet wurden und als typische Dacheindeckung von den Bauwerken südlich der Alpen bekannt sind.
Bisher sind sieben verschiedene Ziegeltypen zur Eindeckung von Dachflächen, First-, Trauf- und Ortabschlüssen dokumentiert – ein Baukastensystem, zur Lösung aller An- und Abschlussprobleme der Dachhaut. Rautenförmige Verwitterungsspuren auf den Wetterseiten belegen die Doppeldeckung, genauso wie dies noch das heutige Bild zeigt. Als Rohstoff wurde hochwertiger Ton aus der näheren Umgebung benutzt. Textilabdrücke stammen von einem Tuch, das unter dem Streichrahmen lag und so das Ankleben des feuchten Tons auf der Unterlage verhinderte. Nach dem Wenden des gefüllten Rahmens wurde das Tuch vom Ziegel abgenommen, worauf dieser mehr oder weniger sorgfältig geglättet wurde. Im Gegensatz zu diesen Abdrücken, die Relikte des Herstellungsprozesses sind, wurden Engoben und Glasuren absichtlich zu Dekorzwecken aufgetragen. Das Spektrum reicht bei den Engoben von leuchtend orange bis rot, bei den Glasuren von transparent olivgrün bis gelbbraun.
Die überraschend frühe Anwendung der Glasur und der in dieser Art bisher auf Flachziegeln unbekannten Engobe – beides ist auf Geschirrkeramik erst im 13. Jahrhundert gebräuchlich – wirft die Frage nach der Entwicklung und Ausbreitung dieser Techniken in unserer Gegend neu auf. Im schweizerischen Raum findet sich bisher nichts Vergleichbares. In Südwestdeutschland sind mittlerweile identische Ziegel von verschiedenen Bauwerken der Hirsauer Mönche bekannt: In Hirsau von der Aureliuskirche und dem Dach des 1123/24 datierten Eulenturms, des Kirchturms der 1091 geweihten St. Peter- und Pauls-Kirche, deren architektonisch erster, vergleichbarer Nachfolgebau das Schaffhauser Münster ist. In Neckartailfingen, wo Dachhaut und 1111/12 datierter Dachstuhl der Martinskirche weitgehend erhalten sind und auch die Engobe beobachtet worden ist. Schliesslich aus den Klosterkirchen von Alpirsbach und Zwiefalten, der 1131/32 datierten Stiftskirche von Sindelfingen und der romanischen Kirche von Weilheim/Teck. Die erwähnten Fundorte finden sich in einem Umkreis von etwa 100 km.
Wie kamen das Zieglerhandwerk und die Kenntnis über Engobe und Glasur nach Schaffhausen? Liegt der Ursprung in Frankreich und kam die Technologie über Hirsau oder ein anderes Kloster nach Schaffhausen? Verliefen die Wege umgekehrt oder gibt es noch weitere, bisher verborgene Zusammenhänge? Jedenfalls war das nördlich der Alpen von den Römern verbreitete Ziegeldach auch durch das Frühmittelalter nie ganz verloren gegangen, wie Schriftquellen und selten auch Fundstücke verdeutlichen. Ums Jahr 1000 hatte Bernward, der Bischof von Hildesheim, Hohlziegel herstellen und mit seinem Namen stempeln lassen, wie Ziegelfunde bestätigen und dies auch seine Vita berichtet: Dass Bernward «Ziegel zum Dachdecken verwendete, ohne dass es ihm jemand gezeigt hätte». Auch in Schaffhausen beruht das unvermittelte und deutliche Auftreten des gesamten, hoch entwickelten Herstellungsprozesses auf klösterlichem Wissen noch unbekannter Herkunft und kann nicht aus der lokalen Töpfertradition hergeleitet werden.
Objekt:
Dachziegel
Datierung:
Mittelalter (12. Jh. n.Chr.)
Fundort:
Schaffhausen-Allerheiligen
Weitere Informationen:
Kurt Bänteli/Rudolf Gamper/Peter Lehmann, Das Kloster Allerheiligen in Schaffhausen. Zum 950. Jahr seiner Gründung am 22. November 1049. Schaffhauser Archäologie 4, 1999.
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