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Die geschwungenen Linien des Aluminium-Aufbaus eines Touring-Coupés oder -Cabriolets wirkten immer wie aus dem Windkanal. Beim Betrachten des Mille-Miglia-Coupés von BMW aus dem Jahr 1940, des gleichzeitig entstandenen Alfa-Romeo-Coupés oder des ersten Ferraris dieser Zeit (der eigentlich Auto Avio Costruzione 815 hieß – der Commendatore nutzte seinen Namen erst nach dem Krieg als Automarke) mag man kaum glauben, dass solche Karosseriekonturen „von Hand“ gefertigt wurden.
Trotzdem verfügte die Carrozzeria Touring Milano nicht über einen Windkanal. Stattdessen hatte sie Spezialisten, die ihr Handwerk verstanden. Die Werke der Meister Betti, Formenti und Seregni trugen eine einzigartige Handschrift.
Leichtgewichtige und windschnittige Autos
Die Gründung der Carrozzeria Touring geht auf das Jahr 1926 zurück. Zwei autoverrückte Rechtsanwälte gründeten in Mailand ein Unternehmen, um sich auf den Bau besonders leichter Autokarosserien zu spezialisieren. Bereits im Jahr 1927 wurden bei Touring die besten Chassis der Zwanzigerjahre eingekleidet: Alfa Romeo, Lancia, Ansaldo, Isotta-Fraschini, Fiat OM Itala Bianchi sowie auch ausländische Fahrzeuge wie Talbot Bugatti Salmson und Buick.“
Die berühmten Weymann-Patente hatten eine große Anziehungskraft auf Feiice Bianchi Anderloni und Gaetano Ponzoni. Diese innovative Bauweise mit Kunstlederbespannungen auf Holzunterzügen war der erste Schritt zu den später von Carrozzeria Touring entwickelten Gitterrohr-Käfigen mit Aluhaut, für die sie sich sogar den Begriff „Superleggera“ als Wortmarke schützen ließen.
1935 musste das Unternehmen vorübergehend seine Tätigkeit im Automobilsektor einstellen. Während des Abessinienkriegs produzierte ‚Touring‘ zwei Jahre lang Einzelteile für die Flugzeugindustrie. Diese Erfahrungen halfen ihnen dabei, die Superleggera-Technik weiterzuentwickeln und zu perfektionieren.
Der erste Wagen, der mit einer Superleggera-Karosserie ausgestattet wurde, war ein Alfa Romeo Berlinetta 6C 2300 B „Mille Miglia“. Mit diesem Fahrzeug gewann man dann auch im Jahr 1937 bei dem berühmten 1000-Meilen-Rennen in seiner Kategorie.
Vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs baute Touring während etwa drei Jahren solche neuartigen Karosserien für Alfa Romeo, Fiat (Modell 1500) und Lancia (Aprilia).
Als Konstrukteure konnten Anderloni und Ponzoni einen talentierten Künstler namens Vittorio Ascari gewinnen. Viele seiner Design-Ideen fanden ihren Ausdruck in eleganten Alfa-Romeo-Coupés und Roadstern.
Selbstverständlich erhielt das Unternehmen auch Aufträge von der Industrie. Es waren nicht nur Privatkunden, die sich einen besonders leichten Wettbewerbswagen für sportliche Zwecke anfertigen lassen wollten. Im Jahr 1940 gab es beispielsweise einen Werksauftrag von BMW für die Mille-Miglia-Fahrzeuge. Später arbeiteten sie unter der Leitung von Carlo Feiice Anderlonis für verschiedene andere Marken wie Bristol, Pegaso, Lancia und sogar Hudson aus Amerika.
Die Art und Weise der Karosseriekonstruktion wurde auch bei Aston Martin-Modellen wie dem DB4 bis zum DB6 angewendet.
Eleganz und Effizienz
Besonders gelungen waren die Barchetta-Ferraris vom Typ 166 und 212.
Aber auch die Varianten von Pegaso überzeugten durch Eleganz und Leichtigkeit. Von italienischem Glanz profitierten jedoch auch Fahrzeuge, mit denen man nicht sofort südliche Linienführung in Verbindung gebracht hätte – wie zum Beispiel den Sunbeam als Venezia.
Bis in die Moderne
Touring schuf bis in die Moderne wunderschöne Coupés auf Basis des Maserati 3500 und des Lancia Flaminia. Äußerlich sahen sich beide Fahrzeuge recht ähnlich; im Profil oder von hinten betrachtet konnte man sie kaum unterscheiden. Sie wurden sowohl als Coupé als auch als Cabriolet angeboten.
Ein besonderes Highlight war der einmalige Aston Martin Spider DB2/4 aus dem Jahr 1957, der – ebenso wie weitere spätere Modelle dieser Marke – dank einer Touring-Karosserie eine ganz spezielle Note erhielt.
Sogar Ferruccio Lamborghini wandte sich an die Künstler von Touring, als es darum ging, seine ersten Sportwagen zu karossieren. Die Modelle 350 GT und 400 GT trugen das Superleggera-Zeichen auf der Motorhaube, aber bereits der Miura wurde dann von Bertone entworfen.
Vorläufiges Ende nach 40 Jahren
In den 1960er Jahren verlegte die Firma Touring ihren Standort von der Via de Breme in den Norden von Mailand und bezog ein neues Werk mit einer Fläche von 20.000 Quadratmetern. Dort arbeiteten etwa 500 bis 600 Mitarbeiter an Autos und produzierten täglich bis zu 60 Fahrzeuge. Allerdings hatte sich das Unternehmen wohl übernommen, denn es häuften sich hohe Schulden an und das Ende war nah. Im Jahr 1966 musste die Firma ihre Tore schließen. In Zeiten selbsttragender Karosserien hatten nur wenige Spezialbetriebe eine Überlebenschance – Carrozzeria Touring gehörte nicht dazu.
Auf dem Turiner Salon im Jahr 1966 sorgten neue Modelle noch für Aufsehen und einen Funken Hoffnung. Neben dem Lamborghini GT Flying Star wurden auch ein Fiat Cabriolet sowie der Aston Martin DBS präsentiert. Die Berichterstatter der Automobil Revue freuten sich darüber, dass „die Marke Superleggera-Bauweise ihre Krise überwunden hat“.
Leider konnte das Mailänder Unternehmen den Salon jedoch nicht überdauern und schloss zum Jahresende nach genau vierzigjähriger Geschäftstätigkeit seine Pforten. Doch dies sollte nicht das endgültige Aus bedeuten, denn im Jahre 2006 wurde ein Nachfolgeunternehmen gegründet, welches sich auf Restaurierungen und Konzeptfahrzeuge spezialisierte.