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Sirenengesänge der Revolutionärinnen auf der Basler Opernbühne
Das Theater Basel eröffnete seine Spielzeit 2019/2020 am Samstag mit Luigi Nonos Anti-Oper «Al gran sole carico d'amore». Das Publikum spendete der bild-, vor allem aber klangewaltigen Schweizerischen Erstaufführung viel Applaus.
Bei Luigi Nono ist alles anders, als man sich das vom Opern-Kanon gewohnt ist. Bereits der Titel seines 1975 in Mailand uraufgeführten Werks «Al gran sole carico d'amore» («Unter der grossen Sonne von Liebe beladen») führt in die Irre. Diese aus einem Gedicht von Arthur Rimbaud entlehnte Zeile klingt zwar nach Opern-Herz-Schmerz, meint aber den Kampfgeist von revolutionären Frauen gegen die Unterdrückungsmaschinerien der Geschichte.
Auch gibt es in diesem Stück Musiktheater keine durchgehende Handlung mit Figuren, die sich psychologisch entfalten und weiterentwickeln. Es ist vielmehr eine Collage von Revolutionsszenen, die der venezianische Grossmeister der Neuen Musik und bekennende Kommunist Nono (1924-1990) zusammengestellt hat. Er spricht entsprechend nicht von einer Oper, sondern von einer «szenischen Aktion».
Der Bilder- und Klangbogen bewegt sich in zum Teil herzhaften Sprüngen durch die Geschichte gescheiterter Aufstände der Linken und Unterdückten: von der Pariser Commune von 1871 über die russische Revolution, den Aufstand der Fiat-Arbeiter in Turin von 1943 bis hin zur Revolution in Kuba in den 1950ern und -60ern, der Niederschlagung des Allende-Regimes in Chile und zum Vietnamkrieg in den 1970ern.
Nono tut das mit Textfragmenten von wirklichen Klassenkämpfern, wie Marx, Lenin, Che Guevara, aber auch mit literarischen Zitaten von Bertolt Brecht, Maxim Gorki oder Cesare Pavese und mit Versatzstücken aus Arbeiterliedern. Und auch wenn man hier nur Namen von Männern liest, auf der Bühne haben die aufständischen Frauenfiguren, wie Louise Michel aus der Commune, Tania Bunke aus Kuba und Bolivien oder der fiktiven Mutter aus Gorkis/Brechts gleichnamigen Roman das Sagen beziehungsweise Singen.
Eine grosse Herausforderung
Regisseur Sebastian Baumgarten versucht schon gar nicht, diese Szenencollage mit einem Handlungsbogen zu verschmelzen - obwohl sich die Figur der Mutter, die ihren Mann und ihren Sohn im Aufstand verliert, dafür anbieten könnte. Er beschwört die Protagonisten und vor allem eben Protagonistinnen zu einer Art Séance der Revolutionsgeschichte auf und konkretisiert diese mit Hintergrundprojektionen und textlichen Erklärungen zu einer entsprechenden Unterrichtsstunde.
Das kommt im ersten Teil zuweilen etwas arg statisch daher, im zweiten Teil entwickelt die Inszenierung aber einen spannungsvollen Sog, der vielleicht auch dadurch entsteht, dass man sich mit der Zeit an die ungewohnten Klangbilder gewöhnt.
Das Werk ist für das Publikum und das Theater, das es auf den Spielplan setzt, eine grosse Herausforderung. Für das Publikum, weil es auf Hör- und Sehgewohnheiten verzichten muss - ein Zurücklehnen und reines Geniessen liegt nicht drin. Und für das Theater, weil es mit einem Riesenorchester, zwei Chören, 13 Solistinnen und Solisten in dutzenden Rollen und Rollengruppierungen sowie Tonband eine enorme Maschinerie auffahren muss.
Kein Wunder, dass dieses Werk bislang nur sehr selten auf den Theaterspielplänen gelandet ist. Die letzte Inszenierung an den Salzburger Festspielen fand vor zehn Jahren statt. In der Schweiz war «Al gran sole carico d'amore» bislang noch nie zu sehen und zu hören.
Es ist aber eine Herausforderung, die sich für beide Seiten letztlich gelohnt hat. Das Premierenpublikum bedachte die mit zwei Stunden eigentlich unopernhaft kurze Aufführung unter der musikalischen Leitung von Jonathan Stockhammer mit viel Applaus.
Dazu verholfen hat sicherlich, dass Nonos Musik nicht so sperrig ist, wie man es von einem Hauptmeister der Neuen Musik vielleicht erwartet oder befürchtet. Nono zersetzt oder zerstört die Singstimmen nicht, sondern setzt in den Solopartien deutlich auch auf Belcanto-Schönheit, die mit den zum Teil wuchtigen Protestattacken der Chöre und martialischen Orchestersalven korrespondiert.
Den Sängerinnen verlangen die hochtonigen Partien einiges ab. Das Ensemble meistert diese aber vorzüglich. So kommt es, dass dieser Sirenengesänge der Aufständischen trotz Disharmonien letztlich sogar auch etwas opernhaft Einlullendes hat.