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«Die Schweiz im Herbst» heisst das neuste Buch des PR-Beraters Klaus J. Stöhlker. Die «alte» Schweiz sei in den letzten Jahrzehnten «systematisch zerstört» worden. Es sei «ein neuer Superstaat im Entstehen, wo Konzerne und Pauschalbesteuerte wie im Paradies leben, während das Schweizer Volk von einer wachsenden Steuer- und Abgabelast erdrückt wird», heisst es auf dem Buchumschlag.
«Land der globalen Konzerne»
Seit dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion herrsche «für das grosse Kapital eine dauerhafte Föhnlage», welche die Schweiz «erheblich und für alle Zeiten verändert». Das Bauernland mit starken Industriefirmen und Finanzdienstleistern sei zum «Land der globalen Konzerne» mutiert.
Schweizer Besitzer von Unternehmen hätten ihre Aktien verkauft und «beim Verkauf an ausländische Aktionäre Bestpreise erzielt, sei es an Pensionsfonds, Hedge Funds oder noch grössere und reichere Familien». Zu den Käufern gehörten die schwedischen Wallenbergs oder Milliardäre aus Hongkong und den arabischen Emiraten. Die Eliten der Schweiz seien übergelaufen zu den neuen Eliten aus dem Ausland und seien mit hohen Entschädigungen, Positionen in Verwaltungsräten und Renten dafür belohnt worden.
Als Folge davon habe die Schweiz «die Kontrolle über viele ihrer wichtigen Firmen verloren». Stöhlker zitiert alt Bundesrat Kaspar Villiger: «Die hundert grössten Schweizer Firmen sind unter ausländischer Kontrolle.» Dies gelte auch für viele kleinere Firmen: «Wo Schweiz drauf stand, war immer weniger Schweiz drin.»
Stöhlker hat selber mitgemischelt. Der aufstrebende Nokia-Konzern habe ihn als «Head Consultant Continental Europe» engagiert. Die jungen Finnen, meist nicht älter als 28 bis 36 Jahre, «rasten wie die Wikinger über Europa hinweg, kauften TV-Fabriken in Deutschland und Spezialmaschinen in der Schweiz ein». In Epalinges bei Lausanne «übernahmen wir eine hoch angesehende Waadtländer Firma, die von einem Erben in vierter Generation geführt wurde».
«Immer wieder» habe Stöhlker beobachtet, dass es die Führungsschwäche der Firmeneliten war, die zum Zusammenbruch und Ausverkauf wichtiger Schweizer Firmen führte. Grosse Teile des überalterten Top-Managements seien noch von der Armee geprägt gewesen: «Es war eine starre Elite geworden, ganz wie im Alten Bern oder in Venedig. Beide wurden von Napoleon I. gestürzt, dem grossen Erneuerer des Landes im frühen 19. Jahrhundert.»
Als frühere Akteure nennt Stöhlker Ulrich Bremi, «eine der erfolgreichsten und gleichzeitig tragischsten Figuren der Schweizer Wirtschaft und Politik» sowie Lukas Mühlemann, der bei McKinsey Karriere gemacht, jedoch eine «wenig ausgeprägte soziale Kompetenz» gehabt habe. Der «grösste und bitterste» Zusammenbruch eines Unternehmens, das von der alten Elite geführt wurde, ist für Stöhlker der Fall der Swissair. Er sei auf die damals herrschende «nationale Hybris» zurückzuführen.
Konzerne beherrschen ganze Regionen
Grosse Unternehmen mit Sitz in der Schweiz hätten sich vor allem mit Zukäufen anderer Unternehmen vergrössert. Heute würden Konzerne «ganze Regionen stützen», wie das Beispiel Nestlé in der Stadt Vevey und in der Waadt beweise. Ebikon bei Luzern lebe vom Aufzugshersteller Schindler. Die beiden Halbkantone Basel-Stadt und Basel-Land «leben mehr denn je von den beiden grossen Pharmakonzernen Novartis und HoffRoche». Der kalifornische Novartis-CEO Joseph Jimenez führe den Konzern «mit strenger Hand, aber einer Lässigkeit, die Schweizern abgeht».
Der Traum von der alten Schweiz, einem weitgehend autonomem Igelstaat, klein aber fein, neutral und unabhängig, geistere in vielen Köpfen noch herum. Doch die Schweiz werde sich «von alleine auflösen». Die Wirtschaft, das heisst die Besitzer sehr grosser Finanzvermögen sowie Konzerne hätten den Zwang erkannt, sich im Weltmarkt zu behaupten. «Die grossen Konzerne, ihre Anwälte und Treuhänder, ihre PR- und Finanzberater, wollen eine Schweiz, die in Europa, der EU und der Welt perfekt integriert ist.» Der Industrielle Thomas Schmidheiny habe es «unwiderstehlich» formuliert: «Warum soll ich für einen Schweizer Ingenieur 140’000 Franken zahlen, wenn ein englischer nur 80’000 und ein indischer nur 40’000 Franken kostet?»
«Genährt und organisiert von zwei Prozent der Bevölkerung»
Für Klaus J. Stöhlker gibt es eine A-Schweiz der global erfolgreichen Unternehmer, Spitzenmanager, Treuhand- und Anwaltsfirmen, Strategie- und Public-Relations-Berater. Deren Kader und Mitarbeiter sind international und global. Wer in der A-Schweiz viel Geld verdient, und das seien fünf Prozent der Bevölkerung, fliege am Wochenende mit Partner oder Partnerin nach London oder New York City.
Dann gibt es eine B-Schweiz der national und oft provinziell Denkenden und Handelnden, die meist auch weniger verdienen. Diese 95 Prozent der Bevölkerung gingen am Wochenende an den Ufern des Bodensees oder im Berner Oberland mit ihrer Frau spazieren.
Die beiden Kulturen seien mit der Zeit auseinandergedriftet. Die Abspaltung der A- von der B-Schweiz habe Stöhlker besonders intensiv erlebt, weil er den Kontakt zu kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) nie aufgegeben habe, beispielsweise zum Zigarrenunternehmen Villiger.
Der Konflikt zwischen der A- und der B-Schweiz sei erstmals an die Oberfläche gekommen, als der schwedische ABB-Topmanager Percy Barnevik eine Abfindung von 140 Millionen Franken erhalten sollte. Es folgte die Zeit der Boni-Konflikte, bei denen Stöhlker die Boni-Kassierer vertrat. Bei Barnevik wie auch bei Novartis-CEO Daniel Vasella sei es nur deshalb zu so viel Empörung gekommen, weil diese beiden «noch nicht begriffen hatten, dass professionelle Kommunikation so wichtig ist wie professionelle Rechtsberatung». Stöhlker glaubt, er hätte das gute Image der beiden bewahren können.
Privilegien für die A-Schweiz
Die wenigen Vertreter der A-Schweiz, das sind Konzerne, Holdinggesellschaften, Firmen «von speziellem Status» sowie privilegierte Ausländer, seien von der Finanzierung der Schweizer Infrastruktur weitgehend entlastet. Sie würden nur wenig oder gar keine Steuern zahlen: «Es schafft böses Blut, wenn die Waadtländer Regierung den grössten brasilianischen Bergbaukonzern Vale während Jahren steuerlich über alles Mass begünstigt.» Dem Ägypter Samih Sawiris habe die Eidgenossenschaft Grund und Boden in Andermatt geschenkt. Wegen dieser Vorzugsbehandlung würde er mit seinen Hotelbauten kein Risiko eingehen.
Wegen ihrer geringen Sozialleistungen würden A-Schweizer aus aller Welt oft an den am meisten bevorzugten Lagen der Schweiz wohnen: «Die drei grossen griechischen Reeder beherrschten Gstaad im Kanton Bern, die Scheichs aus Katar besitzen bereits ein halbes Dutzend der schönsten Schweizer Hotels und bauen für mehr als eine halbe Milliarde Franken den Innerschweizer Bürgenstock aus. Russische Hotels treffe man in Luzern, Genf und im Berner Oberland. Der Kanton Tessin wäre ohne den Zuzug von vierhundert reichen russischen Familien wohl Bankrott gegangen. An der Küste des Genfer Sees leben in den grossen Villen merh reiche Ausländer als wohlhabende Schweizer.»
Getrieben werde diese Ansiedlungsmaschine von «grosszügigen kantonalen und Berner Verwaltungen, die Banken, Anwälten und Treuhandfirmen gerne zu Diensten sind».
Die B-Schweiz dagegen habe «alle jene Mittel aufzubringen, welche der Finanzierung einer höchst soliden Schweizer Infrastruktur dienen». Die B-Schweiz setze sich zusammen aus vierzig Prozent der Einheimischen, die keinerlei Ersparnisse haben, aus gut fünfzig Prozent der Bevölkerung, die sich nur mit Subventionen für Wohnen, Krankenkassenprämien und anderen Sozialleistungen einen Aufenthalt im eigenen Land noch leisten können, und den Angehörigen eines Mittelstands, der aufgrund von Erbschaften noch etwas Zeit bleibe. Den Anteil der Bevölkerung, der aus eigener Kraft ein gutes Leben in der Schweiz geniessen kann, schätzt Stöhlker auf nur noch 20-25 Prozent.
«Auch altes Bildungssystem löst sich auf»
Dieser Entwicklung würden die Bildungsinstitutionen folgen: «Wer heute seinen Kindern und Enkeln eine gute Ausbildung vermitteln will, muss sie in Privatschulen senden.» Wer Kinder wohlhabender Schweizer Familien suche, finde sie in London oder an einer amerikanischen Universität und an US-Business Schools. In der Schweiz würden seit Jahren wieder die Privatschulen blühen. Im Engadin, der Westschweiz oder in Gockhausen bei Zürich, wo das «Lycée Français» aus allen Nähten platze. Die nach den USA orientierten «International Schools» dienten jenen Managerfamilien, die oft nur kurze Zeit in der Schweiz bleiben.
Diese «Third Country Nationals», die Nomaden der globalisierten Geschäftswelt, wollten ihre Kinder im «english-US-global-style» erziehen lassen. Einheimische hätten nur beschränkten Zutritt.
Die Universitäten seien schon längst globalisiert. An der ETH lehrten weitaus mehr ausländische Professoren und wissenschaftliche Mitarbeitende als Schweizer. Die Professoren, die heute in Bern und Zürich Schweizer Geschichte lehren, seine Deutsche. Die Schweizer Geschichte sinke ab zur Regional- und Volksgeschichte. Doch ein Land, das seine Wurzeln verliere, sei zum Untergang verurteilt, meint Stöhlker.
Der langsame Entzug von Wissen und kritischer Intelligenz werde ausgeglichen durch den Import neuer Menschen, die leichter zu führen seien. Die Schweizer Wirtschaft, vertreten durch Economiesuisse und Arbeitgeberverband, habe errechnet, «dass 40’000 importierte Facharbeiter uns acht Milliarden Franken Ausbildungskosten sparen». Das seien ein Drittel aller Ausbildungskosten der Schweiz.
Der Graben verbreitert sich
In den kommenden paar Jahren werde sich die Kluft zwischen der A- und der B-Schweiz kaum verändern, im Gegenteil, meint Stöhlker. Er verweist auf die Abschreibungsmöglichkeiten der steuerlich bevorzugten Banken, die schon seit Jahren keine Steuern mehr zahlen und dies auch künftig kaum tun müssten. Weiter erinnert Stöhlker an «die Milliarden-Franken schweren Steuergeschenke von alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz an Firmen mit hohen inneren Reserven, die sie steuerfrei an die Aktionäre ausschütten dürfen». Im Rahmen einer Steuerharmonisierung mit der EU seien weitere solche Geschenke zu erwarten.
Als Folge davon schlitterten immer mehr Kantone und Gemeinden in tiefrote Zahlen: «Die Pflicht, sie auszugleichen, wir den Mitgliedern der B-Schweiz auferlegt».
Die Bevölkerung der B-Schweiz reagiere kaum, denn sie werde «grosszügig mit Unterhaltung versorgt, darf sich bestimmten, frei zugänglichen Drogen bedienen, muss täglich acht bis zehn Stunden arbeiten und erhält immer weniger Bildung». Der Grossteil der Bevölkerung «weiss nicht, was mit ihr geschieht». Sie lebe zwischen TV-Krimi, Jass und Fussball. Die B-Schweizer trösteten sich damit, dass es den Österreichern, Italienern, Franzosen, Deutschen und vielen andern Völkern noch viel schlechter gehe: «Ihr Stolz beruht auf der Tatsache, dass ihr Land noch nicht bankrott ist wie die EU, weniger Arbeitslose hat als alle andern, und dass der Staat etwas weniger verschuldet ist als viele.»
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Zum Buch von Klaus J. Stöhlker: «Die Schweiz im Herbst», 2015, 24 CHF.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine