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|Aus: St. Galler Tagblatt Online, 24. Juli 2012 01:34:21

Huggenberger ohne Scheuklappen
«Als 1890 Huggenbergers erste Verse im Druck erschienen, lebte Gottfried Keller noch, als er 60 Jahre später zum letzten Mal seine Gedichte für einen Sammelband zusammentrug, hatten Frisch und Dürrenmatt sich bereits einen Namen gemacht», steht einleitend im eindrucksvoll recherchierten Band «Huggenberger – Karriere eines Schriftstellers» von Rea Brändle, Schülerin von Peter v. Matt, und dem Basler Historiker Mario König, Veteran der Bergier-Kommission zur Aufarbeitung der Geschichte der Schweiz im 2. Weltkrieg. Zumal unter literatursoziologischen Gesichtspunkten vermochte Rea Brändle mit Huggenberger viel anzufangen. Anschaulich wird nachgewiesen, wie professionell und geschäftsbewusst der Thurgauer bei der Organisation von Lesungen und bei der Propagierung seines literarischen Schaffens vorgegangen ist. Auch über das Beziehungsfeld, von C. A. Loosli, Hermann Hesse, Stefan Zweig bis zu fragwürdigen deutschen Antisemiten erfahren wir Neues.
Der Untertitel «Karriere eines Schriftstellers» bleibt schräg, und zu unterstellen, Huggenberger habe sich aus Geldgier um fast jeden Preis bemüht, seine deutsche Leserschaft nicht zu verlieren, verkennt den rabiaten Antimodernisten, der kulturpolitisch genau wusste, was er tat. Die über ein halbes Jahrhundert (unvollständig) nachgewiesenen Tantièmen Huggenbergers erreichen nicht die Summe von 350 000 Franken, welche der Kanton Thurgau für die Erstellung der Huggenberger-Biographie ausgesetzt hat, zu schweigen von den Einnahmen Kellers, Dürrenmatts und Frischs. Letzterer hat sich zur Zeit Huggenbergers wie dieser abfällig über deutsche Emigranten geäussert, was jedoch die SBB nicht hinderte, nach ihm oder z. B. nach dem im Vergleich zu Huggenberger umstritteneren Le Corbusier Neigezüge zu benennen. Auch die begeisterten Reisen von Annemarie Schwarzenbach nach Stalins Russland und Salazars Portugal führten bei den SBB zu keinen Schildbürgeraktionen.
Zeuge Helmut Schmidt
Aus der Sicht des Huggenberger-Kenners wäre ein Separatkapitel über den Sponsor des Konstanzer Steinbach-Preises von 1942, Alfred Toepfer (1894–1993), dem deutschen Pendant zu Alfred Nobel, dringend erforderlich gewesen, zumal der Mario König nahestehende Georg Kreis dazu bereits vorgearbeitet hat. Der Steinbach-Preis war nämlich, bei allen Vorbehalten, kein «Nazi-Preis», wie in dieser Zeitung kürzlich behauptet, sondern steht für die Verlegenheiten bürgerlicher Kulturförderung im Dritten Reich. Aus Toepfers Schatulle haben nicht nur Othmar Schoeck (1937) und Huggenberger, sondern viel später Hugo Loetscher, Erika Burkart, Walter Nigg und Thomas Hürlimann sowie französische und israelisch-jüdische Kulturschaffende Preise entgegengenommen. Im Oktober 1993 hielt der angesehenste Deutsche unserer Zeit, Altbundeskanzler Helmut Schmidt, die Grabrede auf den Supersponsor, von dem Huggenberger 51 Jahre zuvor im Konzilsaal von Konstanz 10 000 Reichsmark empfangen hatte: die neben dem Hebel-Preis bedeutendste Auszeichnung seines Lebens, notabene mit dem Segen des thurgauischen Regierungsrates. Dass das Geld aus einem Liechtensteiner Konto stammte, hat Mario König herausgefunden.
Letztes Wort noch nicht gesprochen
Huggenberger bleibt der kulturhistorisch interessanteste Thurgauer. In einer Epoche, da «Mostindien» die grössten Umbrüche seiner Geschichte durchmachte, steht er für trotzige Beharrung und grenzüberschreitendes «Alemannentum». Seine dichterisches Profil war, wie Heinrich Federer nachgewiesen hat, um 1912 schon weitgehend abgeschlossen. Insofern scheint es, trotz unbestrittener Entgleisungen, obsolet, dem Gerlikoner Kleinbauern «Blut-und-Boden-Mentalität» zu unterstellen. Paracelsus sprach vor 500 Jahren von «sal turgovium», der Thurgauer Heimaterde.
Mein Konzept, Huggenberger aus der Geschichte der Landwirtschaft und auch volkskundlich darzustellen, fand trotz der vier Literaturpreise für meine Grossbiographien keine Gnade. Es war aber taktisch, strategisch und von den erbrachten Resultaten her richtig, die erste wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Huggenberger links orientierten Forschern anzuvertrauen. Der wahre Satz «Huggenberger war kein Nazi» wird diesen nämlich eher abgenommen. Das letzte Wort zum Thema ist aber noch keineswegs gesprochen, und die Huggenberger-Gesellschaft kann Verjüngung gebrauchen.
Dr. Pirmin Meier
Alfred-Huggenberger-Gedenkstätte oberhalb Gachnang (Fotografie: S. te Heesen).