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Skiwanderung in der Türkei
Michel Blanchet, Epalinges ( VD )
Im Gebirgsmassiv des Ala Daglari Die Türkei, Bindeglied zwischen Europa und Asien, besitzt ein noch fast unberührtes Berggebiet.
Das Land ist beinahe anderthalbmal so gross wie Frankreich. Es gibt zwei grosse Gebirgszüge, die im Landesinnern durch die ana-tolische Hochebene getrennt sind: das Ponti-sche Gebirge im Norden, am Schwarzen Meer, und im Süden der Taurus. Im Osten vereinigen sich die beiden Ketten, dort erreichen die Gipfel mehr als 4000 Meter; einige isolierte Erhebungen sind vulkanischen Ursprungs wie der 5185 Meter hohe Ararat.
Die Tauruskette, das Gebirgsland der südlichen Türkei, bildet eine Fortsetzung der Dinarischen Alpen von Griechenland her über Kreta und Rhodos. Der rund 600 Kilometer lange, im wesentlichen aus Kalkstein bestehende Taurus ist kaum erforscht, was sicherlich auf den nahezu völligen Mangel an topographischen Karten zurückzuführen ist.
Er gliedert sich in drei Hauptmassive; die Höhe ihrer Gipfel nimmt von Westen nach Osten zu:
Bey Daglari ( Region Antalya ), am Meer, ein Gipfel erreicht 3086 Meter; Bolkar Daglari ( Region Mersin ) mit einem 3585 Meter hohen Gipfel; Ala Daglari ( nördlich von Adana ), ein Gipfel erreicht 3910 Meter.
Die Stadt Kayseri am Fuss des Erciyas Dagi - sie liegt am Ort des antiken Caesarea Cap-padociae, der damaligen Hauptstadt Kappadokiens - ist heute ein Handelsplatz, zugleich wichtiges Zentrum und Umschlagplatz zen-tralanatolischer Teppiche. Die einstige Karawanserei ist jetzt Sitz von Händlern, die mit einer weiten Gebärde ihre kunstvollen und farbigen Schätze ausbreiten. Der Markt, der sich über mehrere Quartiere der Stadt erstreckt, quillt über von vielfarbigen Spezereien, Gemüsen, getrockneten oder ölhaltigen Früchten. Zu den Düften und Farben gesellen sich die mächtigen Stimmen der Männer und die leisen Schritte der Frauen.
Unterwegs zum Ala Daglari Eine zweistündige Busfahrt bringt uns von Kayseri durch teils wüstenähnliche Ebenen und entlang eines Salzsees nach Nigde. In der Ferne schliesst die Silhouette des Ala Daglari den Horizont, überall sonst nur weite Flächen und hügeliges Land. Ein Zug Störche durchschneidet mit kräftigen Flügelschlägen die Luft.
Skiabfahrt vom Emier Dag Unsere Winterausrüstung erregt die Neugier und das Interesse der anderen Reisenden. Von Löchern in der Strasse, gross wie Hüh-nernester, geschüttelt, von einer Schulter zur andern geworfen, ist der Kontakt mit den Reisegefährten schnell hergestellt.
In Nigde haben wir Anschluss nach Adana, verlassen aber den Bus bereits in Çukurbag, von wo wir Çamardi, den Hauptort des Ala Daglari, erreichen. Unter den erstaunten Blicken der Männer, dann auch der Kinder, die sich uns schüchtern nähern und uns lange betrachten, ziehen wir in das am Hang des Taurus erbaute Dorf ein. Trotz des Ramadan erhalten wir in der einzigen Wirtschaft des Ortes einen cal ( Tee ). Die Neugier der Einwohner legt sich bald, nachdem wir - auf dem Tisch der Wirtschaft - mit den Ski an den Füssen eine ( Vorstellung ) gegeben haben.
Gastfreundschaft - die Türkei ist dafür mehr als berühmt - gewähren uns Idris und Ai'cha. Während eines Tages erleben wir in ihrer Gegenwart etwas von den tausendjährigen Lebensformen der anatolischen Bauern.
Dann folgt der Aufbruch zum Abenteuer in einer uns unbekannten Region. Die Saumtiere unserer Freunde erleichtern ganz erheblich den Anmarsch nach Sarimemetlerin, das unser Basislager werden soll. Wir erreichen es in einem halben Tag. Allmählich lassen wir die riesige Weite der Ebene hinter uns, die Blicke richten sich auf die weisse Kette des Ala Daglari. Am Ende eines Engpasses errichten wir nahe bei Jurten von Nomaden ein Biwak.
Am nächsten Morgen streben wir, die Ski auf dem Rücken, mit angezündeter Stirnlampe, von Block zu Block stolpernd, dem Emier Dag ( 3723 m ), unserm ersten Gipfel, zu. Auf das Sternbild des Orion folgt am weiten Himmel die Sonne und taucht zu unseren Füs- sen Anatolien in ihre Strahlen. Sehr schnell erweicht die steigende Temperatur den vorher betonharten Schnee. Die Atmosphäre in diesen weiten Räumen erfüllt uns mit Staunen und Demut.
Von den ersten Schwüngen an ist die Abfahrt ein reines Vergnügen, bis wir 1600 Meter weiter unten unsere Ski abschnallen, um zu Fuss zu unserm bescheidenen Biwak zurückzukehren.
Wir hatten eine vollständige Traversierung des Massivs geplant, doch während des Aufstiegs zum Alaca überrascht uns schlechtes Wetter. Wir müssen deshalb umkehren, noch ehe wir das Plateau des Ala Daglari erreicht haben. Dank einer Wetterberuhigung entdecken wir jedoch den Aksim Pinari, einen gigantischen Monolith, der mit Ski nicht begehbar ist. Schlechte Wetterbedingungen und Lawinen treiben uns zurück in gastlichere Gegenden.
Der Rückweg bringt uns noch zum Erciyas Dagi, der, obwohl ein Vulkan, in uns eine eisige Erinnerung zurücklässt.
Das unserer Skitour in der Türkei war mit einem Streifchen Ungewöhnlichem, einer Messerspitze Abenteuer und einer Prise Liebe gewürzt und mit einem Glas geeistem Raki angefeuchtet.
Praktische Hinweise Reiseroute Angesichts der Abgelegenheit des Gebietes und der bescheidenen Flugpreise der türkischen Inlandlinien ist eine Flugreise die beste Lösung. Flug: Istanbul-Kayseri.
Vom Flughafen von Kayseri begibt man sich zum , dem Busbahnhof, wo man den Bus nach Nigde nimmt, dort in den Richtung Adana umsteigt und bis Çukurbag nahe Çamardi fährt. Dort beginnt die Tour.
Hütten, Verpflegung, Material In den türkischen Gebirgen Ala Daglari und Bolkar Daglari gibt es keine Hütten. Man muss also, obgleich Dörfer und Weiler in diesem Landstrich verhältnismässig zahlreich sind, Biwakmaterial und Lebensmittel mitbringen. Es ist einleuchtend, dass die Nomaden nicht systematisch für den Lebensmittelnachschub sorgen können. Ihre Gastfreundschaft beschränkt sich häufig auf einen Tee und Obdach für die Nacht.
Sonnenaufgang am Erciyas Dagi Anfang des Frühjahrs ziehen Hirten und Bauern mit ihren Kühen und Schafen, aber auch mit ihren Maultieren auf die Alpweiden. In der Regel kann man gegen eine bescheidene Summe ihre Dienste in Anspruch nehmen.
An Material sind Pickel, Seile und Steigeisen unbedingt notwendig, denn die türkischen Berge bieten gewisse technische Schwierigkeiten. Ausserdem ist es günstig, sich mit einem Kocher und Gaspatronen auszurüsten; in der Türkei gibt es Butangas nur in 5-Liter-Fla-schen, die schwer und sehr sperrig sind.
Es sei noch bemerkt, dass wir unsere Tour Ende April/Anfang Mai 1988 durchgeführt haben.
Aus dem französischsprachigen Teil. Übersetzt von Roswitha Beyer, Bern.