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Manchmal wirkt es angeberisch oder sogar vulgär, einen Ort zu präsentieren, indem man die Berühmtheiten aufzählt, die dort zu Gast waren. Doch es würde der Sache nicht gerecht, wenn ausgerechnet in einem Artikel über das La Mamounia das «name-dropping» fehlen würde, denn die Geschichte dieses weitläufigen Marrakescher Grandhotels ist mit all jenen verwoben, die dort zu Gast waren. Und sei es nur deswegen, weil Winston Churchill sich 1935 in einem Brief an seine Frau über diesen «fantas- tischen Ort» freut, eines der besten Hotels, in denen er sich je aufgehalten habe. Es gefällt dem Staatsmann so gut, dass er beschliesst, beinahe jeden Winter ein, zwei Monate hier zu verbringen, und am Ende werden die Bar des Palasthotels und eine Suite nach ihm benannt. Und auch deswegen, weil auf den Sofas in den orientalisch gehaltenen Salons die gesamte Politprominenz Frankreichs bereits einmal Platz genommen hat, von General de Gaulle, der ein Bett in seiner Grösse verlangte, bis hin zu François Mitterrand und Nicolas Sarkozy.
Pauk Valéry und Mick Jagger
Das 1923 unter damaligem französischem Protektorat von den Architekten Henri Prost und Antoine Marchisio im Auftrag der marokkanischen Eisenbahngesellschaft erbaute Haus – sein Name erinnert an die Gärten, die Sultan Sidi Mohamed ben Abdellah seinem Sohn Mamoun zweihun- dert Jahre zuvor geschenkt hatte – setzt die Orientfantasien europäischer Reisender in die Realität um. Doch zu den traditionellen hispano-maurischen Formen, den Zellij-Kacheln und den Berberteppichen kommt der Komfort der Art-déco-Einrichtung. Paul Valéry, Colette, die angeblich streunende Katzen aufnahm, Marguerite Yourcenar: französische Autoren und Autorinnen wählen das Hotel als Residenz und wiegen sich in ihren aus dem 19. Jahrhundert überlieferten orientalischen Traumwelten.
Ende der Vierziger vergrössert sich das La Mamounia und wird umfassend renoviert, worauf die Crème de la Crème des französischen und amerikanischen Kinos Einzug hält. Alfred Hitchcock dreht hier einige Szenen für «Der Mann, der zu viel wusste», während Orson Welles, Charlie Chaplin und später Jean-Paul Belmondo es zu ihrem Stammhotel in Marrakesch erwählen. Immer auf der Höhe der Zeit, heisst das Hotel auch die Rolling Stones und Paul McCartney willkommen.
Der zivilisierte Traum
Doch was genau ist im Mamounia zu finden? Wie erklärt sich, dass sich dort die Wege von Künstlern, Politikern und Designern kreuzen – von Yves Saint Laurent, Kenzo, Gianni Versace und vielen anderen? Bestimmt, weil dieses Hotel, ähnlich wie die anderen zum Mythos gewordenen Etablissements der Welt, seine Unabhängigkeit bewahren konnte und so der Vereinheitlichung entging, die bei grossen Hotelketten ja oft gewollt ist. Bestimmt auch, weil die typisch marokkanische Ästhetik und Handwerkskunst dank der behutsamen, detailgetreuen Renovierung durch die Architekten und Innenausstatter – von Jacques Majorelle 1923 bis Jacques Garcia 2009 – die Zeiten und Moden überdauert haben. Und der Service, dank eines Systems unterirdischer Gänge besonders diskret, gibt den Gästen das Gefühl, sich in einem privaten Riad zu befinden. Eine private Atmosphäre, trotz der 135 Zimmer, 71 Suiten und 3 Riads mit je 3 Zimmern, die heute zum Grandhotel gehören.
In diesem «zivilisierten Traum», wie Jacques Brel es nannte, reihen sich Salons mit gedämpftem Licht aneinander wie intime Enklaven und bieten nach einem Spaziergang über den Marktplatz Djemaa el Fna wohltuende Kühlung. Gespeist wird französisch, italienisch oder natürlich marokkanisch, Seite an Seite mit den Eliten der Welt, darunter der marokkanische König Mohammed VI.
Anzugspunkt für Ästheten
Mit seinem 2500 m2 grossen Spa, einem Coiffeursalon und seiner Pierre-Hermé-Boutique hat das Haus, das heutzutage ein breiteres Publikum anspricht, nichts von seiner Privatclub-Atmosphäre eingebüsst. Als vorrangiger Gastgeber des Filmfestivals von Marrakesch ist das Grandhotel ein kulturelles Epizentrum in einer überschäumenden Stadt, eine Brücke zwischen Afrika und der westlichen Welt. Als ehemalige Stifterin eines eigenen Literaturpreises zeichnete das La Mamounia Leïla Slimani 2015 für ihren ersten Roman «Dans le jardin de l’ogre» aus. Ein Jahr später sollte sie den Prix Goncourt erhalten. Im vergangenen März wurde in den Salons des Grandhotels die diesjährige Ausgabe der 1–54 Contemporary African Art Fair abgehalten, einer der jungen afrikanischen Kunstszene gewidmeten Messe, die bereits in London und New York stattgefunden hat. Die Organisatorin? Touria El Glaoui, Enkelin des legendären marokkanischen Malers Hassan El Glaoui. Dessen Karriere begann durch seine Bekanntschaft mit einem gewissen ... Winston Churchill.