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Der Fall der Berliner Mauer ist zum Symbol geworden für den Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus. Aber nach mehr als sechs Jahren Krise kann man sich fragen: Sehen so Sieger aus? Was wir brauchen ist eine neue, dezentrale Marktwirtschaft.
Kurz nach dem Fall der Berliner Mauer schrieb ein damals weitgehend unbekannter amerikanischer Politologe namens Francis Fukuyama ein Buch mit dem Titel «Das Ende der Geschichte». Er errang damit über Nacht den Status eines Rockstars. Fukuyamas an sich komplexes Buch über Hegel und die Dialektik wurde bald auf die Kurzformel reduziert: Der Kommunismus ist tot, künftig wird es bloss noch Varianten des Kapitalismus geben, politisch begleitet von liberalen Demokratien.
Kürzlich hat Fukuyama sein jüngstes Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel «Political Order and Political Decay» und wird es kaum in die Hitparaden der Sachbücher schaffen. Auf eine Kurzformel gebracht, lautet sein Inhalt wie folgt: Die westlichen Demokratien sind erledigt. Sollten sie eine Überlebenschance haben, dann brauchen sie einen kräftigen externen Schock, der sie aus ihrer Misere aufrüttelt.
Der Gesinnungswandel des Francis Fukuyama ist symptomatisch für die Entwicklung der letzten 25 Jahre. Die Kapitalismus-Party ist vorbei, der Kater gross: Die Supermacht USA ist politisch blockiert und befindet sich am Rande der Regierungsunfähigkeit. Wenn es dafür noch einen Beweis gebraucht hätte, dann haben ihn die jüngsten Zwischenwahlen geliefert. In Asien geraten sich China und Japan immer heftiger in die Haare. Europa wird von einer Nationalismus-Welle überschwemmt, welche die EU ernsthaft in Frage stellt.
Das hat Folgen: Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es weltweit noch eine Handvoll von Demokratien. Soweit sind wir noch lange nicht, aber das Duo Kapitalismus/Demokratie gerät wieder in Verruf. Diesmal heissen die Feinde jedoch weder Faschismus noch Kommunismus. Der Kapitalismus ist sich selbst sein grösster Feind geworden.
Die Krisensymptome sind unübersehbar:
Der französische Ökonom Thomas Piketty hat diesen Frühling ebenfalls Rockstar-Status erreicht, indem er in seinem Buch «Das Kapital im 21. Jahrhundert» nachweist, dass die Einkommensunterschiede in den westlichen Länder in etwa das gleiche Ausmass wie vor dem Ersten Weltkrieg angenommen haben. Damals befand sich der Reichtum in den Händen einer dekadenten Aristokratie, heute in den Händen einer aufstrebenden Finanz- und Techno-Oligarchie.
Peter Thiel, IT-Milliardär und führender Vordenker im Silicon Valley, hat kürzlich einen Artikel im «Wall Street Journal» unter dem Titel «Wettbewerb ist für Verlierer» veröffentlicht. Nur Monopole seien künftig in der Lage, so Thiel, genügend Gewinne zu erzielen und so die Innovation voranzutreiben. Das gilt nicht nur für die IT-Industrie, wo Google, Apple Facebook & Co. alles aufkaufen, was sich bewegt. Die Weltwirtschaft wird zunehmend von multinationalen Konzernen dominiert, die ihre Macht gegenüber den einzelnen Nationen immer schamloser ausspielen.
Google-Co-Gründer Larry Page erklärte unlängst in der «Financial Times»: Neun von zehn Erwerbstätigen würden sich bald nach einem neuen Job umschauen müssen, denn die Effizienz der Wirtschaft werde nicht um zehn Prozent, sondern um den Faktor zehn zunehmen. «Wenn Computer mehr und mehr Jobs erledigen können, dann wird das die Art und Weise ändern, wie wir über unsere Arbeit denken», stellt Page fest. «Daran führt kein Weg vorbei.»
Page geht damit noch weiter als der Ökonom Tylor Cowen, der in seinem Bestseller «Average is Over» davon spricht, dass bald vier von fünf Arbeitnehmern überflüssig sein und mit Junkfood und Computerspielen bei Laune gehalten werden.
Sie ist möglicherweise eine existenzielle Bedrohung der Menschheit. Pessimisten sprechen bereits davon, dass ein «sechstes Massensterben» möglich geworden ist und der homo sapiens Opfer dieses Massensterbens werden könnte. Selbst Optimisten gehen davon aus, dass die von Menschen erzeugte Klimaerwärmung ein gigantisches Experiment mit dem Planeten Erde darstellt, dessen Ausgang ungewiss ist.
Neuer Geldadel, Monopolisierung, Techno-Faschismus und Ökokatastrophe – was wir derzeit erleben, ist mehr als eine normale Konjunkturkrise. Wir leben in einer Wendezeit, und es herrscht Endzeitstimmung wie vor dem Ersten Weltkrieg. Auch damals hatte die industrielle Revolution einen neuen Mittelstand ermöglicht und der technische Fortschritt die Gesellschaft umgekrempelt. Doch anstatt die Früchte dieser Entwicklung zu ernten, zog Europa es vor, im Sumpf von Nationalismus und Militarismus zu versinken und seinen Wohlstand und rund ein Dutzend Millionen Soldaten in einem sinnlosen Krieg zu vernichten.
Erneut befinden wir uns am Ende eines Zyklus. Das Duo Kapitalismus/Demokratie ist in eine Sackgasse geraten. Oder glaubt wirklich noch jemand ernsthaft, dass der Neoliberalismus oder sein sanfter Bruder, der Linksliberalismus, in der Lage sein werden, die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bewältigen?
Die schlechte Nachricht lautet: Weder Kommunismus noch ein autoritärer Staatskapitalismus im Sinne von China sind brauchbare Alternativen. Aber es gibt auch eine gute Nachricht: Es gibt Alternativen, nämlich verschiedene Formen einer dezentralen Marktwirtschaft, die sich wieder vermehrt an lokalen und regionale Bedürfnissen orientieren und dabei den technischen Fortschritt nutzen.
Bereits lassen sich Ansätze solchen Wirtschaftsordnung beobachten, in Detroit beispielsweise. Die einst stolze Motown wurde durch die Krise der drei grossen Autohersteller GM, Ford und Chrysler praktisch auf Drittweltniveau zurückgeworfen. Doch in der Industriewüste regt sich neues Leben. Innerhalb der verwüsteten Stadt entsteht allmählich ein Gegenentwurf zum Big Capitalism.
Dieser Gegenentwurf ist kein flüchtiges und naives Experiment gelangweilter Wohlstandskinder. «Was in New York unter dem Begriff ‹Urban Gardening› als Trend für bewusster lebende reiche Innenstädter anfing, gehört in Detroit zur Überlebensstrategie», schreiben Christoph Giesa und Lena Schiller Clausen im Magazin «GDI Impuls». «Mit ihrem Ansatz, Neugründungen mit ‹community organizing› zu verbinden, schaffen die Detroiter es nicht nur, ihre Produkte bei der Kundschaft in der Region zu verankern, sondern heben auch noch nachhaltig die Lebensqualität in der Innenstadt.»
Detroit ist überall. Das zumindest ist die Kernthese der amerikanisch-kanadischen Journalistin Naomi Klein in ihrem jüngsten Buch «This Changes Everthing». Sie geht davon aus, dass der Klimawandel der externe Schock ist, von dem Francis Fukuyama spricht. Wenn wir das sechste Massensterben verhindern und den Planeten Erde für unsere Nachwelt erhalten wollen, bleibt uns gar keine andere Wahl, als zu einer dezentralen Marktwirtschaft mit nachhaltigen Energieformen zurückzufinden.
Neoliberalismus und eine überdehnte Globalisierung haben die Markwirtschaft pervertiert. Nirgends wird dies deutlicher sichtbar als in der industriellen Landwirtschaft. Sie versorgt uns mit Lebensmittel, die uns krank und dick machen, und sie richtet die schlimmsten Ökoschäden überhaupt an.
Gerade im Bereich der Lebensmittel wächst der Widerstand. Der Wunsch nach regionalen Produkten ist beim Mittelstand angekommen und kann nicht mehr länger ignoriert werden. Ebenso braucht man nicht Quantenphysik studiert zu haben, um zu begreifen, dass es unmöglich ist, bald zehn Milliarden Menschen so zu ernähren, wie wir das heute in den entwickelten Ländern tun.
Adam Smith hat die Markwirtschaft in Edinburgh des 18. Jahrhunderts konzipiert, in einer Stadt, die etwa wo gross war wie heute St. Gallen und wo man sich kannte. Thomas Jefferson träumte von selbstständigen Farmer und Kleingewerbe, nicht von monopolartigen Multis und weltumspannenden Supply Chains.
Eine bürgernahe Marktwirtschaft, von der auch die Aufklärer geträumt haben, ist wieder eine Option geworden. «Ich bin überzeugt, dass der Klimawandel eine historische Gelegenheit darstellt», folgert daher Klein. «Wir haben die Möglichkeit, eine Politik zu verfolgen, die unser Leben dramatisch verbessern wird, eine Politik, welche die Lücke zwischen arm und reich schliessen, viele neue und gute Jobs schaffen und unsere Demokratie von Grund auf neu beleben wird.»