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Die Gewinnverteilung
Der Gewinn ist nichts anderes als der Überschuss der Erträge über die Aufwendungen, also das Ergebnis der Produktion. Dieses gehört aber nicht mehr zum Bereich der Produktion, sondern es zeigt an, wie viel verbraucht werden kann. Den Gewinn verteilen heißt, ihn in Verbrauch überführen. Die im Folgenden dargestellten Methoden sind an vielen Orten erprobt, unter anderem in der als Beispiel genannten Schule. Weil das Thema vom Leser viel Unvoreingenommenheit verlangt, muss es ausführlich beschrieben werden.
Erster Schritt: Abgrenzung des privaten Verbrauchs
Der Reinertrag oder Gewinn enthält nicht nur die privaten Einkommen der Mitarbeitenden. Daher sind folgende Gewinnteile gegen einander abzugrenzen:
a) Private Einkommen
b) Beiträge an Institutionen des Geisteslebens (Schulen, Hochschulen, Forschung, Kunst)
c) Soziale Fürsorge (Auch heute gibt es im Wohlfahrtsstaat Menschen, die durch die staatlichen Sozialwerke eine zu geringe Unterstützung bekommen, z.B. alleinstehende Mütter. Für die Zukunft sind hier alle Fürsorgeleistungen überhaupt gemeint.)
d) Rückstellungen für die Verbesserung des Betriebes
e) Rückzahlung von Schulden
Die generellen Regeln für die Aufteilung des Gewinns sind Sache der gesamten Mitarbeiterschaft, die das Unternehmensergebnis gemeinsam erwirtschaftet hat. In dieser Frage sind auch alle Mitarbeiter urteilsfähig. Der Beschluss kann sogar, wenn die Versammlung gut vorbereitet ist, so gefasst werden, dass die weit überwiegende Mehrheit dafür ist und alle anderen sich bereit erklären, den Beschluss mit zu tragen. Dann gibt es nur zustimmende Stimmen und Stimmenthaltungen. Diejenigen, die sich der Stimme enthalten, drücken damit aus, dass sie zwar etwas anderes vorgezogen hätten, aber auch mit diesem Beschluss leben können. Diese Beschlussform kann man, im Gegensatz zur Einstimmigkeit, als Einmütigkeit bezeichnen. Sie kommt im Leben oft vor, auch dort, wo man äußerlich gesehen Mehrheitsbeschlüsse fasst. Im Gegensatz zur Kampfabstimmung verzichtet die Einmütigkeit auf die Unterwerfung einer Minderheit und erfordert einen sorgfältigen Stil im menschlichen Umgang, der Vertrauen gedeihen lässt. In einem Klima von Streit und Missgunst ist Einmütigkeit nicht möglich. Wo sie aber gelingt, ist dieses Verfahren eine sehr gute Übung dafür, dass jeder nicht nur an sich denkt.
Zweiter Schritt: allgemeine Regeln für die Aufteilung des Privatverbrauchs
Bei jeder sozialen Maßnahme ist zu unterscheiden zwischen dem Aufstellen von Regeln und der Anwendung dieser Regeln im Einzelfall. Bei der Gewinnverteilung, die menschlich heikel ist, sind Regeln besonders hilfreich. Wenn es sich um Regeln handelt, die für alle in gleicher Weise gelten, ist jeder beteiligte Mensch mitsprachefähig, so dass auch hier die Entscheidungsmethode der Einmütigkeit angewendet werden kann.
Jede Gemeinschaft bestimmt ihre Regeln selbst. Im Folgenden werden Beispiele gegeben, damit man sich etwas Konkretes vorstellen kann. Dann ist es leichter, auch andere Lösungen anzusteuern. Es heißt daher im Folgenden immer wieder: Man kann es so machen, oder auch ganz anders!
Der Bedarf jedes Mitarbeiters und seiner Familie muss gedeckt werden. Es ist dabei nicht an ein Existenzminimum oder Grundeinkommen gedacht, sondern ein gerechtes Einkommen für alle muss so hoch sein, dass jeder Mensch selber Schule, Forschung, Soziales nach seiner individuellen Einsicht mit freien Beiträgen finanzieren kann. Gegenwärtig wird der Einzelne bevormundet, indem der Staat Steuern erhebt und diese auf Grund von Gesetzen und Parlamentsbeschlüssen durch Verwaltungsbeamte an die Institutionen der Bildung, Forschung und Kunst verteilen lässt.
Die Einkommen müssen nicht gleich sein, sondern gerecht. Unterschiede müssen einsehbare Gründe haben, z.B. die Berufserfahrung oder die Verantwortung. Wenn leitende Mitarbeiter Fehler machen, ist der Schaden für das ganze Unternehmen groß, ihnen ist das Unternehmenskapital anvertraut, und sie tragen, wenn sie ihren Posten verlieren, ein persönliches Risiko. Sie sollen nicht nur angestellte Manager sein, sondern Unternehmer. Ähnlich wie bei Personen, die im freien Geistesleben tätig sind, kommt es auch bei ihnen darauf an, ob sie für ihre geistige Leistung Verständnis und Anerkennung finden. Ohne die intelligente Unternehmensleitung wäre viel Arbeit, die im Betrieb geleistet wird, unnütz und verschwendet. Zwar setzt man grundsätzlich seine Fähigkeiten frei ein. Trotzdem können unterschiedliche Fähigkeiten und persönliches Risiko bei der Gewinnverteilung berücksichtigt werden. Tüchtige Leute müssen willkommen sein. Die Regeln lassen einen Spielraum für individuelle Entscheidungen offen. Es handelt sich aber immer um die Verteilung des Gesamtertrags, nicht um eine Bezahlung der Leistung des Einzelnen.
Es kann ein Maximaleinkommen festgelegt werden, das z.B. um einen bestimmten Betrag über dem Grundbedarf pro Person liegt. Wenn ein weiterer Überschuss zu verteilen ist, kann dies proportional zum bereits verteilten Einkommen oder zum Grundbedarf geschehen. Bei so genannter Teilzeitarbeit wird die Arbeitszeit des einzelnen Mitarbeiters proportional berücksichtigt. Wenn z.B. jemand auf Grund freier Vereinbarung nur 50 Prozent der normalen Arbeitszeit mitarbeitet, hat er auch nur Anspruch auf 50 Prozent seines Bedarfs und des Bedarfs seiner Angehörigen.
Durch solche vertraglich vereinbarten generellen Regeln entsteht für den einzelnen Mitarbeiter und seine ganze Familie ein Rechtsanspruch. Schon beim Aufstellen der Regeln geht es darum, anzuerkennen, dass es Unterschiede gibt und dass nicht alle gleich viel „verdienen“.
Mit diesen Regeln können die Mitarbeiter z.B. sagen: Wir wollen, dass die Leiter und die erfahrenen Mitarbeiter mehr bekommen, und zwar nach den von uns einmütig beschlossenen Regeln.
Dritter Schritt: Anwendung dieser Regeln im einzelnen Fall
Die individuelle Situation kann meistens nicht von allen gemeinsam beurteilt werden. Deshalb ist dafür ein anderes Verfahren nötig. Es ist denkbar, dass eine Gruppe von Vertrauensleuten gebildet wird. Die Gruppe muss aus Leuten zusammengesetzt sein, die etwas von ihrer Tätigkeit verstehen und die dadurch auch das Vertrauen der Mitarbeiterschaft haben. Es können langjährige Mitarbeiter sein, auch solche, die Einblick in die Unternehmensleitung haben. Diese Vertrauensleute verhandeln mit jedem einzelnen Mitarbeiter über das individuelle Einkommen. Dabei machen sie sich ein Bild von der einzelnen Situation, wenden aber in jedem Fall die gleichen Regeln an. Diese Gleichbehandlung ist ein wichtiges Element für das Vertrauen, das diese Gruppe genießt. Regeln müssen ja immer interpretiert werden, ähnlich wie Gesetze, die von den Richtern interpretiert und angewendet werden. Die Tätigkeit der Vertrauensleute ist mit dieser Tätigkeit von Richtern vergleichbar. Es können dabei externe Kontrollen und Rekursmöglichkeiten vorgesehen werden.
Der angestrebte Mindestgewinn muss jedes Jahr im Budget formuliert werden, so dass die Mitarbeiter wissen, mit welchem Einkommen sie rechnen können, und dass im Laufe des Jahres private Entnahmen möglich sind, die so regelmäßig ausbezahlt werden wie vorher die Löhne.
Nicht die Umverteilung der heutigen Einkommen ist die Hauptsache, wenn sie auch in vielen Fällen eine Rolle spielen kann. Die Hauptsache ist das neue Verfahren, durch das wir lernen können, nicht nur unsere eigenen Interessen, sondern auch die der anderen Menschen zu erkennen und zu vertreten. Nur dies führt auf die Dauer aus der sozialen Misere heraus.
Die hier ausgeführte Trennung von Arbeitsleistung und Einkommen hat zur Folge, dass alle Menschen ein großes Stück Selbständigkeit erlangen, die ihnen heute durch die Lohnabhängigkeit verwehrt ist. Dies ist dadurch zu erreichen, dass alle Mitarbeiter genau so vom Gewinn leben, wie es bei selbständig erwerbenden Einzelunternehmern heute üblich ist.
Vom Gewinn leben heißt selbständig werden im Erwerb.
In der Arbeitsleistung dagegen ist Unselbständigkeit etwas Normales und Richtiges. Der eine ist selbständiger und leitet die Arbeit, der andere ist weniger selbständig und führt die Arbeit aus. Bei der Einkommensverteilung ist für die Aufstellung von Regeln die gleiche Mitbestimmung aller richtig. In der Unternehmensführung dagegen kann keine gleiche Mitbestimmung sein, sondern nur eine Mitbestimmung entsprechend den Fähigkeiten und der Sachkenntnis des Einzelnen.