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Heute noch assoziieren viele Menschen bei den Worten «Cannabis» oder «Marihuana» als Erstes einen langhaarigen Hippie mit einem Joint im Mund. Oder sie sehen Studenten bei ausgelassener Stimmung auf einem Festival vor sich, die bekifft in die Welt hinausschauen oder hineintanzen.
Weniger Menschen denken spontan an Medizin oder an eine besonders gewinnbringende Nutzpflanze oder an ein uraltes Heilmittel. Das hat seinen Grund.
Denn in der Vergangenheit haben gewisse Leute erfolgreich dazu geschaut, dass Hanf international als ein sehr gefährliches Kraut betrachtet wird. Ein Teufelszeug.
Aber erst mal: Was ist Cannabis?
Die verpönte Cannabis sativa, auf Deutsch Hanf, ist eine der ältesten Kultur- und Heilpflanzen. Ihre Verwendung ist seit rund 10000 Jahren bekannt. Heute wird sie in vielen Gebieten der Welt angebaut, ursprünglich stammt sie aus Indien.
«Dort wird sie auch als heiliges Kraut betrachtet», weiss Roger Liggenstorfer, der sich als Autor und Gründer des Nachtschatten-Verlags seit über 35 Jahren mit Cannabis beschäftigt. «Um dem wichtigsten Gott des Hinduismus – Shiva – zu huldigen, rauchen in Indien die heiligen Männer Hanf, heute noch.»
Man stelle sich vor, fügt er schmunzelnd an, dass man in Europa einen Joint auf Jesus rauchen würde.
Ein Schweizer war es schliesslich, der vor rund 80 Jahren der Kultur- und Heilpflanze den Krieg ansagte und sie kriminalisierte: Harry Anslinger. Sein Vater, ein Coiffeur in Bern, war im 19. Jahrhundert nach Amerika ausgewandert.
Anslinger machte steil Karriere und wurde Chef des damaligen Federal Bureau of Narcotics in den USA, einer Behörde, die Drogen bekämpfte. Als 1933 die Alkoholprohibition in den USA aufgehoben wurde, fürchtete Anslinger um seine Aufgabe. Aber ein neuer Feind war schnell gefunden: das Rauschmittel Hanf.
«Was da alles zusammengedichtet worden ist, um den Hanf zu verteufeln», so Liggenstorfer. «Etwa, dass die bösen, bösen Mexikaner mit Marihuana über die Grenze gekommen seien, um damit die weissen Frauen zu verführen.» Alleine die Wahl, das Wort Marihuana aus dem Spanischen zu entlehnen, statt den Hanf weiterhin auf Englisch hemp zu nennen, sei bewusst gewesen. «Marihuana klingt viel verruchter.»
Ein weiterer Faktor kam hinzu…
…wieso Cannabis unbedingt verboten werden sollte: Die Hanfpflanze war die grosse Konkurrenz der Zellulose. Denn sie eignet sich ebenfalls gut für die Herstellung von Papier.
Mehr noch: Hanfpapier vergilbt nicht. «Die Zellulose-Mafia», wie sie Liggenstorfer nennt, hatte kein Interesse, dass die sehr schnell wachsende, zellulosereiche Hanfpflanze auf dem Markt blieb. «Das war ein Wirtschaftskrimi sondergleichen.» Ein Detail: Anslinger war über ein paar Ecken mit dem Chemie-Konzern DuPont verbandelt, der das Verfahren zur Papierherstellung, aber aus Holz, hatte pantentieren lassen.
Anslingers Hetzkampagne gegen die «Killerdroge», gegen das «Mörderkraut mit den Wurzeln in der Hölle», das gewalttätige Energien erzeugte, trug Früchte: Der Cannabisanbau wurde in Amerika 1937 verboten. Darauf setzten die USA andere Länder unter Druck, Marihuana ebenfalls zu verbieten. So auch die Schweiz.
Ab 1951 durfte hierzulande Cannabis weder angebaut noch verkauft werden. 1975 wurde auch der Konsum unter Strafe gestellt.
Wussten Sie, dass man vor 1951 in den Schweizer Apotheken Cannabispräparate kaufen konnte? In Zeitungen wurden Inserate für die Hanfprodukte geschaltet, etwa für Hanftinkturen gegen Warzen an den Füssen. Und jenes Sonntagspfeifchen in Gotthelfs Welt, was denken Sie, was war das? Ja, Hanf. «Er wuchs in den Gärten der Bauern im Emmental», sagt Liggenstorfer.
Tabak ist immer eine sehr teure Ware gewesen. «Und so war Hanf der sogenannte Arme-Leute-Tabak.» Die Pflanze half im Garten aber auch gegen Schädlinge, beispielsweise gegen Milben. Kurzum: Cannabis gehörte zum Schweizer Alltag.
Dies alles verschwand nach Anslingers Rundumschlag. Er gipfelte 1961 im UN-Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel, in dem Hanf, gleichgestellt mit Opium und Heroin, als illegale Substanz aufgelistet wurde. Das war der internationale Durchbruch des Hanfverbots und der Hanfverfolgung. Als Heil- und Nutzpflanze wurde er nicht mehr weiter erforscht.
Universalpflanze
Papier, Seile, Netze, Bier, Lebensmittel, Kleider, Medikamente, Reinigungsmittel, Kosmetika, Farben, Klebstoffe. Die Liste könnte unendlich lang sein, würde man alles aufzählen, was man mit der Hanfpflanze anstellen kann.
Sogar Baumaterial fürs Eigenheim wird heute hergestellt. Mit einem Augenzwinkern bewirbt ein Unternehmen die Bauelemente mit dem Slogan «Designed to build, not to smoke».
«Ja, Hanf ist eine Universalpflanze», sagt Mathias Broeckers, den man gerne den Hanfpapst nennt. «Sie wächst in jedem Klima und kann alles liefern, was eine Region braucht.»
Broeckers hat in den 1990er-Jahren mit seinem Buch «Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf» eine Art Bibel geschrieben – und damit in der Schweiz altes Wissen über Cannabis zum erneuten Aufleben erweckt und die neue Hanfbewegung ausgelöst.
Auch in der Medizin ist Cannabis im Vormarsch
In Form von Ölen, Tinkturen oder Blüten hilft Hanf unter anderem bei Migräne, chronischen Schmerzen, Schlafstörungen, Epilepsie, Entzündungen, Ängsten, Schizophrenie.
Cannabis-Präparate werden immer häufiger Patienten verabreicht, die an Krebs, Aids, Alzheimer, Parkinson oder Multipler Sklerose leiden. Broeckers schaut ein wenig kritisch auf den medizinischen Fortschritt der letzten Jahre. «Der Grossteil aller Patienten könnte mit privatem Anbau die nötige Hanfmedizin selbst gewinnen. Dazu braucht es nur einen Blumentopf, Wasser und Sonne.» Deswegen ist er für die Legalisierung von Hanf.
Damit spricht Broeckers die nach wie vor komplexe gesetzliche Situation von Hanf an. Besitz, Handel, Konsum und Anbau von Cannabis sind in der Schweiz immer noch verboten und strafbar. Der Anbau, etwa für medizinische Zwecke, ist nur mit Ausnahmebewilligungen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) möglich. Die Abgabe eines Cannabispräparats an einen Patienten ebenso.
Allerdings, seit 2016 gibt es neu Hanfsorten, die nicht mehr unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Anders gesagt: Hanf enthält viele Wirkstoffe, unter anderem das kaum psychoaktive Cannabidiol (CBD) oder das für die berauschende Wirkung verantwortliche Tetrahydrocannabinol (THC). Wenn eine Hanfsorte weniger als ein Prozent THC enthält, gilt sie seither nicht mehr als verbotenes Betäubungsmittel.
CBD-haltige Müsli, Tees oder Nudeln können nun legal konsumiert werden. «Oder Frau und Herr Müller ihr CBD-Zigarettchen rauchen», sagt Liggenstorfer.
International wird die Frage des rechtlichen Status von Cannabis ebenso vermehrt diskutiert, um Hanf in der Vielfalt seiner Verwendungsmöglichkeiten wieder nutzen zu können. Die Hanfindustrie wächst zurzeit weltweit.
Kanada und verschiedene US-amerikanische Bundesstaaten haben in jüngster Zeit Cannabis zu Genusszwecken legalisiert. Ebenso Uruguay. In diesem südamerikanischen Land wird Hanf unterdessen sogar in Apotheken abgegeben, wenn man sich als Konsument hat registrieren lassen.
Seither sind viele Uruguayer aus einer Illegalität herausgeholt worden. Erste Bilanz: sehr positiv, sagen Experten.
Was bringt die Zukunft?
Broeckers: «Die Prohibition von Hanf in den 30er-Jahren war eine der erfolgreichsten Propagandakampagnen der Geschichte. Die Desinformation und der schlechte Ruf, der der Pflanze angedichtet wurde, sitzen bis heute tief im kollektiven Bewusstsein.»
Dennoch ist er zuversichtlich, die Akzeptanz der Pflanze nimmt zu. Auch Liggenstorfer ist von ihrem Potenzial überzeugt: «Ohne zu übertreiben, Hanf könnte einige ökologische Probleme lösen.
Man kann aus Hanf biologisch abbaubares Plastik produzieren.» Da stimmt Broeckers mit ein: «Wenn auf irgendein Kraut auf dieser Erde der Begriff Wunderpflanze zutrifft, dann auf Cannabis.» Eine nachhaltige, klimaneutrale Wirtschaftsweise sei ohne Hanf nicht machbar. «Deshalb stehe ich nach wie vor zu meiner Behauptung: Hanf kann die Welt retten.»