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Der «Filz» - die Verflechtung der Schweizer Eliten in Politik, Wirtschaft und Verwaltung - hat die Jahrtausendwende nicht überlebt. Zu diesem Schluss kommen Lausanner Forscher in einer Studie. Dahinter stecke die Finanzialisierung der globalisierten Wirtschaft.
Der sperrige Begriff bezieht sich auf die gesellschaftlichen Auswirkungen, die mit der zunehmenden Bedeutung der Kredit- und Kapitalmärkte einhergehen. Sie führten zum Untergang der eng verflochtenen - lange ausschliesslich männlichen - Elite, die über weite Teile des 20. Jahrhunderts die Geschicke des Landes gesteuert hat.
Männlich, wohlhabend, Akademiker
Die Wissenschaftler haben prominente Führungspersonen aus den Jahren 1910, 1937, 1957, 1980, 2000 und 2010 verglichen, die in einer Datenbank mit über 20'000 Einträgen erfasst sind. Um zur Elite zu gehören, musste man früher männlich sein, ein wohlhabendes Elternhaus, ein Jura-Studium und die Schweizer Nationalität haben.
Die Eliten tauschten sich in typisch männlichen Netzwerken wie Studentenverbindungen, der Armee, Wirtschaftsverbänden oder Verwaltungsräten aus. Bis in die 1980er Jahre sei Frauen der Zugang zu Elitepositionen rigoros verstellt geblieben, betonen die Autoren der Studie um Felix Bühlmann von der Universität Lausanne.
So sei ein einheitlicher Denk- und Führungsstil entstanden, wichtige Entscheide konnten konsensbasiert zwischen Verbänden, Parteien und der Verwaltung gefällt werden.
Doch seit einigen Jahren sei dieses System in die Kritik gekommen, betonen die Wissenschaftler. Begriffe wie «Filz» oder «Classe politique» würden nicht mehr nur von kritischen Medien oder Intellektuellen verwendet, sondern von Teilen der Elite selbst.
Lockerung ging von Wirtschaft aus
«Ende der 1980er Jahre gab es erste Risse im Gefüge», schreiben sie. Die Lockerung zwischen wirtschaftlichen, politischen und administrativen Eliten ging von der Wirtschaft aus: Befeuert durch neue Management-Prinzipien, den Fokus auf das Aktionärsvermögen und die Möglichkeiten eines liberalisierten Finanzmarkts, begannen die Unternehmen, ihre Funktionsweise radikal zu verändern.
Die Industrieunternehmen finanzierten sich fortan verstärkt über die Finanzmärkte. Die grossen Banken betätigten sich zunehmend im Investment Banking und reduzierten ihre traditionellen Aktivitäten als Kreditgeber der Industrie. Als Folge nahm der Austausch von Verwaltungsräten zwischen Unternehmen seit den 1990er Jahren stark ab.
Heutige Top-Manager hätten keine Zeit, um sich in der Politik zu engagieren, sie seien auch oft keine Schweizer, schreiben die Autoren. Das Militär habe seine Funktion als Führungsschule der Schweizer Eliten verloren. Die wirtschaftlichen Eliten hätten sich von den Eliten in Politik und Verwaltung abgespalten.
«Der 'Filz' hat stark abgenommen», sagte Bühlmann der Nachrichtenagentur sda. Den wirtschaftlichen Einfluss übten heute die Lobbyisten aus. «Wir sind in einer Phase des Übergangs», sagte er. Typischerweise würden in solchen Übergangsphasen Kämpfe zwischen Platzhaltern und Herausforderern entbrennen.
Und wer strebt nun in Wirtschaft und Politik an die Macht? Im politischen Feld habe das Parlament an Relevanz gewonnen und die Debatten seien heftiger geworden. Zudem hätten sich Exponenten der «heimatseligen, allem ausländischen und akademischen abholden SVP» auf Kosten der FDP durchgesetzt, der «emblematischen Partei des alten Filzes».
In der Wirtschaft hingegen seien in den 2000er Jahren globalisierte Manager an die Spitze gelangt, deren Bezug zur Schweiz eher oberflächlich sei. Fazit: die politischen und ökonomischen Gewinner könnten einander nicht unähnlicher sein.
Eine künftige Koalition dieser Gewinner schliessen die Autoren indes nicht aus: Innerhalb der SVP reife eine für Internationalität - etwa mit China oder den USA - offene Fraktion heran, während es denkbar sei, dass Spitzenmanager künftig wieder einen engeren Bezug zur schweizerischen Politik- und Verwaltungslandschaft suchen würden.
Beide siegreichen Fraktionen wollen die Eliteforscher deshalb künftig genau im Blick behalten. Die Studie wurde von der Universität Lausanne, dem Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften (FORS) und dem nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES gemeinsam verfasst. (sda)