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Wie sich Filmgeschichte nur mit dem Medium selbst schreiben läßt, so auch die Autobiographie des Filmers. Jean-Luc Godards Selbstporträt JLG/JLG mit den Histoire(s) du cinéma zu vergleichen, liegt nahe, weil es während der Arbeit am filmhistorischen Projekt entstand. Godard hatte Lust, zwischendurch einen Film auf 35 mm zu drehen, Nicolas Seydoux, der Direktor von Gaumont, gab ihm Carte blanche.
Wie stellt Godard sich selbst dar? Welche Operation verbirgt sich hinter dem Schrägstrich des Titels?
Zunächst fallen Kontinuitäten ins Auge. In JLG/JLG setzt Godard sein Bestreben fort, sich über die Effekte des Kinos ins Bild zu setzen, indem er immer wieder ähnliche Bilder und Töne zueinander in Beziehung bringt. Ein verschneiter Waldweg im Winter, begleitet von einem kurzen Fragment aus einem Streichquartett von Beethoven: Woher rührt die Emotion, die eine solche Montage auslöst? Sie hat mit der Dauer der Einstellung zu tun, sie hat aber auch etwas von Barthes’ punctum. Sie rührt, obwohl es sich um einen Film handelt, ein „reproduzierbares Kunstwerk“, an einen resistenten Kern, der sich nicht in sprachliche Mitteilung übersetzen läßt. Sie korreliert mit einem „Ereignis“, das mit den Mitteln der Montage bewerkstelligt wird.
Diese ereignishaften Momente wiederholen sich im Verlauf des Films, der ansonsten an drei Werkstätten von Godards gegenwärtigem Schaffen führt: in seine Wohnung in Rolle, ans Ufer und in die Landschaft des Genfersees, in den Schneideraum.
JLG/JLG, eine Selbstdarstellung, womöglich eine vollständige? Martin Schaub hat Godard einmal mit den Frühromantikern verglichen, ihm Ironie in deren Sinn attestiert. Die Welt wäre ihm so vor allem Anlaß der (Selbst-) Betrachtung, steter „Anfang eines unendlichen Romans“ im Sinne Novalis’: Alles ist interessant, er selbst am meisten. In diesem Sinn läßt sich der Schrägstrich im Titel als Signal romantischer Ironie verstehen: JLG/JLG als momentane Selbstbespiegelung, als reflektierende Fortschreibung von Godards vorangehenden Filmen, als neues Kapitel seines „unendlichen Romans“.
Als Fortschreibung auch, die insbesondere zur Reflexion über seine Arbeitsweise und die Möglichkeit einer politischen Wirkung des Films gerät. Im letzten Abschnitt engagiert Godard eine - wie gesagt wird - blinde junge Frau als Schnittassistentin und diktiert ihr, Einstellung für Einstellung, die Montage von Hélas pour moi. Die Justitia der Schneideräume als Allegorie der Problematik, die in Godards berühmtem Bonmot „II n’y a pas d’image juste, il y a juste une image“ zur Sprache kommt. Wo Kant einst die Theologie zur Magd der Philosophie umdefinierte, da tritt hier die Gerechtigkeit als Magd der Montage auf. Statt umgekehrt.