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Der Flugpionier Bertrand Piccard kennt die Isolation gut und war immer wieder mit scheinbar unlösbaren Situationen konfrontiert. Was er daraus gelernt hat, hilft ihm auch in der derzeitigen Situation mit dem Coronavirus.
Bertrand Piccard
Psychiater und Abenteurer
Der Westschweizer Psychiater Bertrand Piccard, Enkel des Erfinders Auguste Piccard und Sohn des Tiefseeforschers Jacques Piccard, umrundete 1999 zusammen mit Brian Jones als erster Mensch die Welt in einem Ballon. 2015–2016 gelang Bertrand Piccard zusammen mit André Borschberg die Umrundung der Erde in einem Solarflugzeug. Seine Erfahrungen beschreibt er in verschiedenen Büchern, darunter «Die richtige Flughöhe» und «Mit der Sonne um die Welt».
SRF: Bertrand Piccard, Sie als Abenteurer kennen einerseits das Isoliertsein auf engstem Raum während Tagen oder Wochen, andererseits auch Situationen, in denen alles aus dem Ruder zu laufen droht. Was haben Sie aus diesen Situationen gelernt?
Bertrand Piccard: Bei meinen Projekten gab es immer wieder Momente der Frustration und Enttäuschung. Besonders wichtig ist, von Anfang an die Möglichkeit des Scheiterns zu akzeptieren.
Gerade die Angst zu scheitern und dann ausgelacht zu werden, hält viele Menschen davon ab, etwas in Angriff zu nehmen. Glücklicherweise bin ich früh in meinem Leben mehrmals gescheitert.
Welches war ihr grösster Misserfolg?
Beim ersten Flug mit dem Heissluftballon «Breitling Orbiter» verloren wir so viel Kerosin, dass wir notwassern musste. Das war eine völlig verrückte Situation.
Kurz vor dem Abflug erklärte ich in einer Pressekonferenz, dass mir als kleiner Schweizer das gelingen würde, was Milliardäre wie Richard Branson und Steve Fosset nicht geschafft hatten: in drei Wochen um die Welt zu fliegen. Am nächsten Tag, nach nur sechs Stunden Flug, trieb ich im Mittelmeer.
Zurück an Land musste ich in einer weiteren Pressekonferenz das schlimmste Scheitern meines Lebens erklären. Ich bin buchstäblich baden gegangen mit meinen hochfahrenden Plänen. Nach einem solchen Erlebnis ist man geimpft.
Was sonst hat Ihnen das Fliegen in einem Heissluftballon fürs Leben gelehrt?
Als Deltasegler war ich es gewohnt, gegen den Wind zu fliegen, um beispielsweise einen Landeplatz zu erreichen. Bei einem Heissluftballon ist das nicht möglich.
Man kann aber die Flughöhe ändern, wenn man in eine andere Richtung fliegen will. So ist es auch im Leben, gerade auch in der derzeitigen Situation mit dem Coronavirus.
Was meinen Sie mit «die Flughöhe ändern»?
Wenn man in einem Ballon steigt oder sinkt, kommt man in eine andere meteorologische Schicht, wo andere Winde wehen. Genauso ist es im Leben. Wer nur auf eine Art denkt, wird nur in eine Richtung getrieben.
Man kann die Flughöhe ändern, wenn man in eine andere Richtung fliegen will. So ist es auch im Leben.
Wenn wir den Ballast unserer Gewissheiten, unserer Lebensanschauungen und Gewohnheiten abwerfen, können wir die Denkweise wählen, die uns in die gewünschte Richtung trägt.
Wie sähe das in der jetzigen Corona-Krise aus?
Angesichts der Pandemie sind wir eingeschränkt, sie zwingt die Wirtschaft in die Knie, ohne dass wir etwas daran ändern können. Aber auch hier können wir über eine andere Flughöhe eine andere Richtung einschlagen und schauen, was wir nach der Krise besser machen können.
Ein Schlüsselsatz in ihrem Buch lautet: «Eine Krise, die man annimmt, ist ein Abenteuer. Ein Abenteuer, das man ablehnt, bleibt eine Krise». Gilt das auch für eine so fundamentale Krise wie die jetzige?
Unbedingt! Die heutige Coronakrise ist ein Abenteuer in dem Sinne, dass sie uns aus unserer gewohnten Welt herausbefördert und uns vor eine aussergewöhnliche Situation stellt. Wir haben die Wahl, das alles schrecklich zu finden. Dann leiden wir und die Situation wird erst recht zu einer schlimmen Krise.
Oder wir sagen uns: Die Welt war vorher instabil, zerbrechlich, ungerecht, verschmutzt und gefährlich. Was für eine Welt wollen wir heute bauen? Damit wird aus dieser Krise etwas Ausserordentliches: ein schöpferisches Abenteuer.
Wie stellen Sie sich das vor?
Man könnte die wirtschaftliche Hilfe für die Unternehmen unter Auflagen vergeben und sicherstellen, dass der Wiederaufbau der Wirtschaft nachhaltiger wird. Eine Welt, in der alles läuft, ist schwierig zu verändern.
Heute funktioniert nichts mehr. Das gibt uns die ausserordentliche Chance, eine Welt aufzubauen, die besser sein wird, als die Welt vorher.
Die Flughöhe zu ändern bedeutet also, die Krise zu nutzen, um gestärkt aus ihr herauszutreten, und nicht auf tieferer Stufe oder auf der gleichen Flughöhe wie vorher.
Das Gespräch in der Sendung «Sternstunde Philosophie» führte Barbara Bleisch.