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Das Dümmste, was bei einer Film-Vorführung mit Live-Orchester geschehen kann, ist ein Filmriss. Doch genau das passierte bei der Projektion von Charles Chaplins «The Kid» zur Eröffnung des 30. Internationalen Filmfestivals Freiburg (Fiff) am Freitagabend im Equilibre. Trotz Digitaltechnik blieb das Bild plötzlich stehen und verschwand dann ganz. Dirigent Valentin Reymond winkte ab, das Freiburger Kammerorchester verstummte. Einige Momente der Ungewissheit, was mit dem ausgesetzten Waisenkind im Film und dem Kammerorchester passieren würde. Schliesslich flimmerten die Schwarz-Weiss-Bilder Chaplins wieder auf, doch Reymond gelang es nicht, das Orchester passend zum Film einzusetzen.
Er brach ab und verlangte den Neustart des Films. Das Publikum applaudierte, denn nur so wird man einem Meisterwerk gerecht. Und ein Meisterwerk ist «The Kid» in jeder Hinsicht. Es war der erste Langfilm Chaplins, der erste Film, welcher Komödie und Sozialdrama verknüpfte, und der erste Film, der an der Seite des Tramps einen Kinderstar hervorbrachte.
Sinn für Melodie
Geraldine Chaplin, die Tochter des Meisterregisseurs, hatte sich per Videobotschaft an das Fiff-Publikum gewandt und erklärt, warum sie diesen Film im Rahmen ihrer Carte blanche für das Festival ausgesucht hatte. Es sei ein Film, den sie gewiss mehr als hundert Mal angeschaut habe und in dem sie biografische Elemente ihres Vaters sehe.
Ein Meisterwerk ist «The Kid» aber auch musikalisch. «Sehr emotional und sehr ökonomisch», bezeichnete Reymond die Filmmusik, als er den Taktstock weggelegt hatte und den FN Auskunft gab. «Chaplin brauchte sehr wenig für die Musik, wie für den Film selber auch. Er hatte einen Sinn für Melodie, und man merkt der Musik an, dass er ein Mann des Theaters war.»
Chaplin komponierte die Musik zu «The Kid» 1971, ein halbes Jahrhundert nach der Veröffentlichung des Films. Er tat dies für die meisten seiner Langfilme erst im hohen Alter, als er in der Schweiz lebte. Für «Limelight» erhielt Chaplin 1973 gar einen Oscar für die beste Filmmusik. Dabei konnte er gar nicht Noten lesen. Er lag beim Komponieren auf einem Sofa, summte Töne, und wenn diese passten, musste ein Pianist sie spielen und die Noten aufschreiben.
Der Orchesterdirigent Valentin Reymond hält Chaplin für einen grossen Komponisten. Er hat sich auf die Vertonung von Chaplin-Filmen spezialisiert und neben «The Kid» noch die Langfilme «Modern Times», «Gold Rush», «City Light» und «The Circus» im Repertoire. Bei den von Reymond mitgegründeten Jardins Musicaux ziert Chaplin das Programm in einem Zug mit Schubert und Tschaikowski.
Wie aber tönten die Chaplin-Filme vor den 70er-Jahren? «Pianisten improvisierten zu den laufenden Bildern», so Reymond. Auch Chaplins Orchestermusik lasse Raum für Improvisation, meint er. «Jede Vorführung ist anders. Mit den Filmbildern spielen wir die Musik von Szene zu Szene. Das sind wie Regieanweisungen. Dazwischen lässt uns Chaplin Spielraum.»
Der Dirigent kennt jedes Bild der Chaplin-Filme, sagt er. «Ich dirigiere für den Film und muss ihn dazu sehen.» Mit dem Freiburger Kammerorchester habe er den Auftritt für das Fiff drei Mal geprobt, zwei Mal mit laufendem Film. Er sei nicht der Einzige, der dabei auf die Leinwand blickt: «Die Musiker schauen manchmal auch ein bisschen.» Richtig gut sei die Vorführung erst, wenn das Publikum vergisst, dass zwischen ihm und der Leinwand ein Orchester ist. «Dann ist es fast so, wie wenn Chaplin selber da ist», so Reymond.
Ungewohnt mag für das Kammerorchester sein, wenn das Publikum während der Darbietung lacht. Etwa, wenn auf der Leinwand eine Rauferei im Gang ist, und Chaplins Noten die slapstickartigen Elemente untermalen. Schlaginstrumente geben einem Faustschlag mehr Wucht, und Geigen markieren die unsicheren Schritte eines Getroffenen. Doch genau diese Lacher aus dem Publikum gefallen Reymond. Nach seinem Geschmack könnte bei klassischer Musik noch viel mehr gelacht werden. Oder zumindest, wie es im Vorspann von «The Kid» heisst: «Mit einem Lächeln und – vielleicht–einer Träne.»
«Man merkt der Musik an,dass Chaplin ein Mann des Theaters war.»
Valentin Reymond
Dirigent