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ADHS (Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätssyndrom) galt lange als Störung des Kindesalters, die sich mit dem Erlangen des Erwachsenenalters „auswachsen“ würde. Dies entspricht jedoch nicht der Realität. Häufig besteht die Symptomatik im Erwachsenenalter fort.
ADHS wird in den Diagnosesystemen für psychische Störungen, d. h. ICD-10 oder DSM 5, eingeordnet. Die ICD-10 verlangt das Vorhandensein von drei Kernkriterien: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. DSM 5 ermöglicht eine dimensionale Erfassung, sodass die vorhandenen Kriterien nicht vollständig vorhanden sein müssen, sondern verschiedene Unterformen diagnostiziert werden können.
In der Realität erscheint es fraglich, ob ADHS tatsächlich "nur" eine psychische Störung ist. Sie ist eine multifaktoriell bedingte Erkrankung und hat sehr viele neurobiologische und neuropsychologische Aspekte.
ADHS ist ein Oberbegriff für ein sehr vielgestaltiges Störungsbild. Es hat individuell verschiedene Facetten und tritt meist in Form von Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität in unterschiedlicher Gewichtung in Erscheinung. In der Kindheit werden meist geistige Abwesenheit und Träumerei in der Schule, Schwierigkeiten beim Stillsitzen und Wutausbrüche bzw. aggressives Verhalten berichtet. Im Erwachsenenalter ist die Symptomatik wesentlich vielgestaltiger. Die Kernsymptomatik von Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität verändert sich in ihren Erscheinungsformen und es kommen meist noch andere Symptome hinzu wie Desorganisation, Vergesslichkeit, Stimmungsschwankungen ect.
Die Störung kann für die Betroffenen erhebliche Schwierigkeiten mit sich bringen. Das Erreichen von Ausbildungszielen und beruflichen Zielen kann erschwert sein, sodass Betroffene hinter ihren eigentlichen Möglichkeiten zurückbleiben. Häufig gibt es auch Konflikte am Arbeitsplatz im Zusammenhang mit der unzureichenden Einhaltung von Vorgaben und Abmachungen, erhöhtem Zeitaufwand bei der Erledigung der Aufgaben, Fehleranfälligkeit. Oft wird auch eine anhaltend erhöhte Anstrengung zur Erfüllung gegebener beruflicher, aber auch privater Anforderungen geschildert, was im Verlauf zu zunehmender Erschöpfung führen kann. Auf der sozialen Ebene werden häufig Konflikte aufgrund sprunghaften, unzuverlässigen und impulsiven Verhaltens beschrieben. ADHS-Betroffene haben ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung weiterer psychischer Störungen wie Depression oder Suchtmittelgebrauch. Ihre Biographien sind nicht selten geprägt von Abbrüchen und Neubeginnen in Ausbildung, Beruf und Beziehungen.
ADHS ist eine klinische Diagnose und die Abklärung der ADHS im Erwachsenenalter ist komplex und aufwändig. Die typischen Symptome können auch im Zusammenhang mit anderen organischen, kognitiven und/oder psychischen Störungen auftreten und wären somit einer anderen Diagnose zuzuordnen. Oft gibt es ein gleichzeitiges Vorhandensein verschiedener Krankheitsfaktoren, sodass vor allem die genaue zeitliche Entwicklung der verschiedenen Störungen wichtig ist, um die Frage zu klären, was Ei und was Henne ist.
Leider gibt es nicht DEN Test oder DEN Fragebogen, der die Störung ausreichend genau erfasst. Einzelbefunde reichen zur Diagnosestellung nicht aus. Vielmehr müssen Informationen auf den unterschiedlichsten Ebenen erhoben und zu einer diagnostischen Einschätzung in ihrer Gesamtheit berücksichtigt werden.
Da die ADHS eine Störung mit Beginn in der Kindheit ist, ist die genaue autobiographische Anamnese der wichtigste Bestandteil der Abklärung, idealerweise in Form einer Selbst- und Fremdanamnese. Hilfreich ist der Einbezug von Schulzeugnissen und Lehrerbeurteilungen sowie eventuell vorhandener Vorbefunde. Dazu werden störungsspezifische Messmittel (Fragebögen, strukturierte Interviews) eingesetzt. Eine neuropsychologische Testung ist in vielen Fällen zusätzlich indiziert. Dies gilt insbesondere dann, wenn die geschilderten kognitiven Störungen von den bei ADHS üblichen Beschwerden abweichen oder darüber hinausgehen.
Im Laufe der Abklärung wird das diagnostische Procedere den Erfordernissen angepasst. Das gilt insbesondere dann, wenn sich Hinweise auf schwerwiegendere kognitive Einschränkungen, psychische Störungen oder eine organische Problematik ergeben.
Eine umfassende Abklärung bei adulter ADHS dauert je nach testpsychologischen Erfordernissen zwischen 3 und 6 Stunden.