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Die Temperaturen in der Arktis steigen viermal so schnell wie in anderen Teilen der Welt. Dies bedeutet, dass das Meereis, das für die Region und ihre Bewohner lebenswichtig ist, immer schneller schwindet. Letzte Woche veröffentlichte Forschungsergebnisse zeigen, dass der erste eisfreie“ Sommer im Arktischen Ozean um 2030 stattfinden wird – 20 Jahre früher als bisher angenommen. Doch was genau ist eine „eisfreie Arktis“?
Die neuesten Nachrichten über die Arktis in der vergangenen Woche waren ziemlich eindeutig und verhiessen wenig Gutes: „Eisfreie Sommer in der Arktis könnten früher als erwartet eintreten“ oder „Der Arktische Ozean könnte ab 2030 eisfrei sein“. Schwieriger war es, eine gute Erklärung dafür zu finden, was „eisfrei“ genau bedeutet. Bedeutet das überhaupt kein Eis mehr? Keine feste Oberfläche, auf der sich Robben und Eisbären ausruhen, paaren und jagen können? Keine geschlossenen weißen Flächen mehr, die von riesigen Eisbrechern durchbrochen werden müssen, um wichtige Transportwege offen zu halten? Obwohl diese Visionen eines Tages wahr werden dürften, ist die Aussage, der Arktische Ozean sei „eisfrei“, zumindest jetzt am Anfang nicht mit der Aussage, „es gibt kein Eis mehr“, gleichzusetzen.
Per Definition gilt der Arktische Ozean als „eisfrei“ ist, wenn die Gesamtfläche des Eises weniger als 1 Million Quadratkilometer beträgt. Gleichzeitig zeigen Eiskarten, die aufgrund immer genauerer Satellitenbilder erstellt werden, wie viel der Wasseroberfläche mit Eis bedeckt ist. Diese Informationen werden in der Regel auf farblich kodierten Karten dargestellt, die eine Unterscheidung zwischen den verschiedenen Bedeckungsgraden erleichtern. Blau, der Bereich mit der geringsten Fläche, steht zwar für offenes Wasser. Doch selbst hier kann das Meereis bis zu 10 % der Oberfläche bedecken.
Da die minimale Meereisausdehnung im September im langjährigen Durchschnitt bei etwa 5 Millionen Quadratkilometern liegt, bedeutet eisfrei, dass mindestens 80 % der normalerweise im September mit Eis bedeckten Gebiete als offenes Wasser eingestuft werden, und dass das vorhandene Eis nur in Form von losen Schollen und Brocken vorhanden ist.
Solche offenen Gebiete können vor allem für die Schifffahrt tückisch sein, denn große Eisbrocken, die so genannten „Growler“, lauern immer noch direkt an oder knapp unter der Oberfläche und können Schiffe beschädigen, wenn ihre Hüllen nicht verstärkt sind.
Die derzeitige Definition einer eisfreien Arktis berücksichtigt Meereis, das aufgrund klimatischer und geografischer Gegebenheiten nicht gleich schmilzt, beispielweise das Eis nördlich von Grönland und entlang der Nordwestpassage. Selbst im Falle eines eisfreien Sommers hört sich eine Million Quadratkilometer immer noch nach einem ziemlich großen Gebiet an, welches sich noch vergrössert, wenn sich im Winter neues Eis bildet. Dieses Eis wird jedoch ebenfalls immer weniger werden, denn die offenen, dunklen Oberflächen des Arktischen Ozeans speichern die Sonnenenergie, während sie gleichzeitig Wärme aus tieferen Wasserschichten aus dem Süden erhalten.
Stürme und andere extreme Wetterereignisse, die in einem wärmeren Klima voraussichtlich häufiger auftreten werden, beschleunigen diesen Prozess, indem sie einen verstärkten vertikalen Transport der wärmeren Wassermassen von der Oberfläche in die Tiefe bewirken, wodurch noch mehr Wärme zugeführt wird. Dadurch schmilzt wiederum mehr Eis, was zu weiteren Verzögerungen bei der Eisbildung im Herbst führt.
Wenn es daher so weitergeht, wird eine eisfreie Arktis am Ende doch für alle klar ersichtlich sein und dem Begriff entsprechen.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal