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Corona und die Ungleichheit
Die Auswirkungen der Corona-Pandemie treffen nicht alle gleichermassen. Personen mit tiefem Einkommen sind stärker ausgesetzt – auch in Hinblick auf die Gesundheit. Und dabei geht es nicht um Ansteckungsgefahr.
Die Corona-Pandemie fühlt sich nicht für alle gleich an. Im grosszügigen Appartement lässt sich Quarantäne mit mehr Komfort ertragen als im Single-Studio. Eine Familie in einer Villa kann Homeoffice und Homeschooling besser vereinen als eine alleinerziehende Mutter in einer 2,5-Zimmer-Wohnung. Das hat nachhaltigen Einfluss auf die beruflichen Chancen der Eltern und die schulischen Leistungen der Kinder.
Eine Studie der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich und der Universität Lausanne zeigt, dass die Pandemie bestehende Ungleichheiten generell verschärft: Wohlhabende Haushalte konnten ihre Ausgaben während der Pandemie stärker senken als schlechtsituierte Haushalte. Sie waren halb so oft von Arbeitslosigkeit betroffen. Und sie konnten ihre Ersparnisse eher ausbauen, während das Gesparte ärmerer Haushalte deutlich abnahm.
Ähnliche Infektionszahlen, höhere psychische Belastung
Die neue pandemiebedingte Ungleichheit betrifft auch die Gesundheit; es ist allerdings nicht so einfach, wie vermutet werden könnte: Isabel Martínez von der Konjunkturforschungsstelle der ETH weist darauf hin, dass bei der Anzahl an COVID-19-Infektionen in der Schweiz keine deutlichen Unterschiede zwischen arm und reich festzustellen sind. Zwar minimiert Homeoffice die Infektionsgefahr, die Arbeit an der Supermarktkasse hingegen erhöht sie. Ein Teil der Menschen mit tiefem Haushaltseinkommen lebt aber von staatlichen Unterstützungsleistungen und Renten und ist tendenziell eher isoliert – das senkt wiederum die Ansteckungsgefahr.
Es zeigt sich aber, dass die psychische Gesundheit von Personen mit tiefem Einkommen stärker leidet: Die subjektive Gemütsverfassung hat sich seit Ausbruch der Pandemie zunehmend verschlechtert. Auch den allgemeinen Gesundheitszustand schätzen Angehörige ärmerer Haushalte als schlechter ein, so Martínez. Die Langzeitfolgen der Pandemie auf die Gesundheit ärmerer Bevölkerungsschichten lassen sich gar erst in einigen Jahren abschätzen.
Armut ist ein Gesundheitsrisiko
Eines ist indes schon klar: Nach wie vor ist Armut ein Gesundheitsrisiko. Und umgekehrt Krankheit ein Armutsrisiko, so der emeritierte Soziologe Ueli Mäder. Er konstatiert: «Mit sinkenden Einkommen steigen gesundheitliche Beeinträchtigungen. Und Corona verstärkt tendenziell bestehende Risiken.» Die Pandemie betrifft zwar alle, aber eben unterschiedlich.
Die Gesellschaft kann diesen Umstand bekämpfen. Mäder zeigt sich beeindruckt «von der hohen Bereitschaft breiter Bevölkerungskreise, sich erheblich einzuschränken, um sich und vor allem auch besonders Gefährdete zu schützen.» Die Politik hat zwar die Massnahmen verordnet, aber die gute Umsetzung sei nicht selbstverständlich. Zu den Massnahmen des Bundes und der Kantone gehört auch die finanzielle Unterstützung. Damit nicht ganze Erwerbszweige wie Gastronomen oder Kulturschaffende in die Armut abrutschen, ist Erwerbsersatz weiterhin zu zahlen. So lässt sich längerfristig auch deren Gesundheit erhalten.
Die Pandemie zeigt also, so Mäder, «wie wertvoll staatliche Reserven, ein funktionierender Service public und eine gute soziale Infrastruktur sind», um die Gesundheit einer breiten Bevölkerung zu garantieren.
Ungleichheit schadet allen
Von einer egalitären Gesellschaft profitieren alle. Dies zeigen etwa die Studien des britischen Gesundheitswissenschaftlers Richard G. Wilkinson: Soziale Ungleichheiten erhöhen die gesundheitlichen Probleme aller Schichten und die Gesundheitskosten. Ungleichere Gesellschaften wie in den USA oder in Grossbritannien weisen – unabhängig vom Bruttoinlandprodukt – schlechtere Werte auf in der Lebenserwartung, bei Kindersterblichkeit, Übergewicht und mentaler Gesundheit im Vergleich zu egalitäreren Ländern wie Japan, Finnland oder Norwegen. Die Schweiz liegt irgendwo in der Mitte.
Will die Politik die Gesundheit der Schweizer Bevölkerung fördern, muss sie das Armutsrisiko senken. Kurzfristig mittels einer konsequenten Weiterführung der finanziellen Unterstützung in der Pandemie, langfristig durch Präventions- und Unterstützungsprogramme.