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| Gregor v. Nazianz († 390) - Reden

IV. Rede
109.
Um anderes beiseite zu lassen, will ich auf das übergehen, was hauptsächlich deine Verblendung und Gottverlassenheit bekundet. Wo hat dein Mysterienkult seinen Anfang genommen? Nicht etwa bei den Thraziern, wie schon der Namen lehren sollte1? Ist der Opferbrauch nicht bei den Chaldäern oder den Bewohnern von Cypern zu Hause, die Astrologie bei den Babyloniern, die Geometrie bei den Ägyptern, die Magie bei den Persern? Weißt du nicht, daß die Traumdeuterei [S. 145] den Bewohnern von Telmissos2 eigen war und die Deutung des Vogelfluges nur von den Phrygiern kam, die sich zuerst mit Flug und Bewegung der Vögel abgegeben hatten? Um nicht weiter darüber zu sprechen, woher hast du jedes einzelne Können? Hat nicht jedes seinen speziellen Ursprung? Da all dies Können vereint wurde, entstand das eine Geheimnis des Aberglaubens. Sollen wir nun zugeben, daß alles den Urhebern und Erfindern zurückgestellt wird und uns nichts bleibt als unser Leid und (Julians) religiöse Reform? Denn Julian revolutionierte als erster gegen seinen christlichen Herrn gleich den Sklaven, die sich einst gegen die Skythen aufgelehnt haben sollen. Es wäre viel wert gewesen, wenn deine schlimme Macht sich auf Grund deiner Ideen und Gesetze aufgelöst hätte, damit wir uns frei gefühlt hätten und es uns vergönnt gewesen wäre, das römische Reich wieder im alten Glück und frei von allen inneren Unruhen zu sehen, welche viel gefährlicher und furchtbarer als äußere Kriege sind, wie es ja auch gefährlicher ist, das eigene Fleisch zu verzehren als fremdes Fleisch.
1: Gregor setzt θρησκεία [thrēskeia] (Kult) mit Θρᾷκες [Thrakes] in Verbindung.
2: Stadt in Pisidien.