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Warum Chaplin elegante Musik für den «Tramp» erfand
Charlie Chaplin hat als Landstreicher mit Melone, Schnauz, Gehstock und viel Ironie Generationen begeistert. Doch auch seine Kompositionen sind ein wichtiger Teil seiner Filmkunst.
Charlie Chaplin und Claude Debussy trafen sich 1909 in Paris, als Chaplin mit Fred Karnos Music Hall Company auf Tournee war. Der junge Yehudi Menuhin begleitete später die Dreharbeiten von «City Lights». Und Arnold Schönberg besuchte das Filmset von «Modern Times». In den USA empfing Chaplin zuhause Rachmaninow und Rubinstein. In Vevey zählten Isaac Stern, Rudolf Serkin, Pablo Casals und Clara Haskil zu seinem Kreis.
«Kein schlechter Geiger»
Tournee- und Theaterleben, der Sound der Music Halls – in diese Welt war Charles Spencer Chaplin junior 1889 hineingeboren worden. Beide Eltern waren Sänger und Songschreiber in London. Doch die Kindheit war auch geprägt von Armut und Aufenthalten in Internaten für Waisen und mittellose Kinder. Sein Halbbruder Sydney unterstützte Chaplin, war Vorbild und brachte ihn zur Karno-Truppe, die ihm auch die Welt zur Musik öffnete. Und so kaufte sich Chaplin mit 16 Jahren eine Geige und ein Cello, die ihn auf der Tournee begleiteten, und nahm Unterricht, bei wem er nur konnte. Chaplin selbst stapelte tief: «Gut posieren» könne er mit dem Cello, «aber das ist auch schon alles». Über den Geiger Chaplin sagte sein Wegbegleiter Stan Laurel, dass er «stundenlang» geübt habe: «Ich würde ihn nicht als guten Geiger bezeichnen, aber er war ganz sicher kein schlechter.» Ausserdem spielte er Saxophon und Klavier.
Das Klavier half auch beim Komponieren. Notenlesen und Notieren konnte Chaplin nicht, aber mithilfe «der ersten drei Finger seiner rechten Hand am Klavier» und wichtiger Partner wie seiner Arrangeure wurden seine musikalischen Ideen Wirklichkeit. Spätestens ab 1916, als er mit der Charlie Chaplin Music Publishing Company einen Verlag gründete, scheint es ihm ernster mit der Musik geworden zu sein. Zwar stellte er als Verleger nach wenigen Wochen und nur drei verkauften Druckexemplaren seinen Betrieb ein. Doch ab den 1920er-Jahren unterstützte er die Zusammenstellung der Musiken zu seinen Filmen «The Kid», «A Woman of Paris», «The Gold Rush» und «The Circus». Bis zum Schluss prägte Chaplin seine Filmkunst durch seine Musik und komponierte knapp 900 Minuten Filmmusik.
Kerzenschein und Rampenlicht
Die Erinnerungen an den Komponisten Chaplin haben sich vor allem in den Memoiren seiner Wegbegleiter erhalten. «Zu Hause schaltete er nach dem Abendessen oft das Licht aus, und die Familie hörte bei Kerzenschein klassische Musik. Er wusste sehr viel über Musik», erinnert sich David Raksin, Arrangeur von «Modern Times». Während ihrer Arbeit entstand auch die Melodie für «Smile»: «Ein bisschen Puccini würde hier gut passen», meinte Chaplin zu Raksin. «Es war keineswegs Puccini, aber man kann deutlich erkennen, was er meinte. Es hatte diese Art von melodischer, kompromissloser Ausdruckskraft», so Raksin. Ab 1954 machten Nat King Cole, Elvis Costello, Judy Garland, Barbra Streisand, Diana Ross, Michael Bolton und Michael Bublé «Smile» zum Charterfolg.
Chaplin liebte die Werke von Brahms, Wagner und Tschaikowsky – und liess sie Teil seiner eigenen Musik werden. In seiner filmischen Autobiografie «Limelight » («Rampenlicht») darf denn auch ein Ballettsolo nach Tschaikowsky nicht fehlen. Er verweist aber auch auf die Anfänge, wenn Chaplin als geigender Strassenmusiker auftritt, als singender Entertainer oder Pantomime und Clown. Das Tänzerische im Rhythmus seiner Musiken und Filmszenen ist vielleicht das, was Chaplins Kunst ausmacht – bei weitem nicht nur in der berühmten Szene aus «The Great Dictator», in der er als Friseur einen Kunden exakt im Takt von Brahms Ungarischem Tanz Nr. 5 rasiert.
Klamauk und Kontrapunkt
Auch wenn die unorthodoxe Entstehung seiner Filmmusiken für seine Mitarbeiter wie Eric James «die mühsamste und schwierigste Methode» war: Das Ergebnis ist erstaunlich. Es gelang Chaplin, musikalische Charaktere herauszubilden, die grosse emotionale Spannungsfelder abdecken: satirisch-komisch, anrührend-leidenschaftlich, melancholisch-tragisch – vielleicht einzigartig konsequent in der Filmgeschichte. Genau das war es, was Chaplin vorschwebte: «Ich versuchte, elegante und romantische Musik zu komponieren, um meine Komödien im Kontrast zum Charakter des Landstreichers zu umrahmen. Denn elegante Musik gab meinen Komödien eine emotionale Dimension. Musikalische Arrangeure haben das selten verstanden. Sie wollten, dass die Musik lustig ist. Aber ich erklärte ihnen, dass die Musik ein Kontrapunkt ist, von grosser Anmut und Charme, um Gefühle auszudrücken.» Das ist dem grossen Filmemacher und Komponisten Charlie Chaplin gelungen wie kaum einem anderen.