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Eine Verabredung mit James Bishop in Blévy, 1975, führte zu meiner ersten Begegnung. Kurz zuvor war er von Paris nach Blévy umgezogen. Er wohnte nunmehr im ehemaligen Pfarrhaus des kleinen Dorfes. Der Ort ist nicht leicht erreichbar. So verfügt er über keinen eigenen Bahnanschluss.
Zum ersten Gespräch führte mich der neue Hausherr durch den grossen von einer Mauer umfangenen Garten. Das Anwesen verfügte über kein Studio, in welchem die begonnenen oder gar fertigen Werke hätten betrachtet werden können. Der für ein Atelier vorgesehene Geräteschuppen wurde auch später nicht für diesen Zweck zurechtgemacht.
In einem kleinen Raum mit schönem Licht im oberen Stockwerk des Hauses befand sich ein bescheidener Arbeitstisch. Dieser blieb fortan der hauptsächliche Arbeitsplatz von James Bishop.
Er öffnete eine Zeichenmappe, die eine Anzahl der grossformatigen, zumeist weissen Malereien auf Papier enthielt. Atemberaubende Werke mit einem Bezug zu den grossen weissen Bildern. Meine uneingeschränkte Begeisterung teilte sich mit, ohne viele Worte. Es blieb jedoch kaum noch Zeit bis zur mühsamen Rückreise nach Paris. Wie schade, dass Annemarie mich nicht hatte begleiten können.
Doch schon 1976 fand die erste Ausstellung in unserer Galerie statt. Rückblickend bleibt die schnelle Zusage von James eine grosse Ausnahme. (Ebenso wie der Umstand, dass für diese Ausstellung drei neue Bilder entstanden sind.)
Seine Anreise nach Zürich erfolgte mit der Bahn. Unter dem Arm trug er drei gerollte Leinwände. Die Oelfarbe der Gemälde war kaum aufgetrocknet. In der Galerie spannte er sie auf die vorbereiteten Chassis. Die denkwürdige Schau der drei weissen Bilder wurde zum beachtlichen Erfolg. So begann unsere fünfundvierig Jahre dauernde, nicht unkomplizierte Freundschaft.
Es brauchte einige Zeit bis wir verstanden, dass die Tatsache, immer wieder Entscheidungen treffen zu müssen, für unseren Freund eine belastende Lebensaufgabe darstellte. Es ist gut möglich, dass auch sein Umzug in das abgeschiedene Dorf auf vielerlei Umstände zurückzuführen ist. Immerhin war die flache, weitläufige Landschaft der Anlass, welcher zu einer zwar nicht ungefährlichen, aber doch recht gesunden Passion führte, dem täglichen stundenlangen Radfahren.
In den letzten Lebensjahren waren Haus und Garten ein eigentliches Refugium für James. Die infolge von Altersbeschwerden eingeschränkte Mobilität liess auch eine kurze Reise nach Paris nicht mehr zu. Trotzdem entstand bei unseren regelmässigen Telefongesprächen der Eindruck, dass sich bei ihm im hohen Alter eine entspannte Gelassenheit einstellte. Immer wieder betonte er, wie sehr das Haus und der schöne Garten tagtäglich ein Grund für Freude und Glücksgefühle geworden war. Entscheidungen liessen sich in diesem Lebensabschnitt immer wieder aufschieben, bis sie von niemandem mehr eingefordert und erwartet wurden.
Das kleine Studio an der Lispenard Street in New York hat er nie aufgegeben. Wir erinnern uns gut an einige unserer Besuche in früheren Jahren. Immer mehr wurde jedoch diese Verbindung mit Amerika zu einer unerwünschten Wunschvorstellung und seine Aufenthalte in New York wurden immer seltener.
In Paris haben wir uns oft gesehen und gemeinsam Museen und Ausstellungen besucht. Später wurde die Fahrt nach Blévy häufiger.
Erstaunlich war die umfassende Bildung von James, die er sich über viele Jahrzehnte angeeignet hatte. Kunst, Literatur, Musik, aber auch Philosophie und Geschichte, seine Kenntnisse waren weit ausgreifend und beinahe detailversessen, wobei er über ein ungewöhnliches Gedächtnis verfügte. Das französische und das internationale politische Tagesgeschehen interessierten ihn intensiv und engagiert. Die Lektüre von mehreren Tageszeitungen lag ihm am Herzen.
Es war um 1978 oder 1979, als wir James dazu überreden konnten, mit uns einige Tage in Graubünden, im Münstertal zu verbringen. Die anfängliche Skepsis verwandelte sich sogleich in eine leidenschaftliche Liebe zur Bergwelt der Schweiz. Es wurde zur schönen Übereinkunft, dass wir nunmehr alljährlich im Spätsommer gemeinsame Ferien in den Schweizer Alpen verbrachten. Unser Freund studierte während des ganzen Jahres entsprechende Wanderkarten, aber auch die Fahrpläne von Postautos und Bahnverbindungen. Selbstverständlich war schon bald er derjenige, der bestimmte, welche Wege und Ziele programmiert werden mussten. Nach einigen wenigen Fehlschlägen konnten wir uns auf seine zunächst theoretischen Vorschläge und Einschätzungen felsenfest verlassen.
Gianfranco Verna
Am 17. Februar 2021 ist das Leben von James Bishop zu Ende gegangen. Ohne jeden Zweifel war dieses Leben ein Künstlerleben, obschon es James immer schwergefallen ist, seine Künstlerschaft durch das Schaffen zahlreicher Werke unter Beweis zu stellen. Es war die unüberwindbare Schwierigkeit, einen Anfang oder ein Ende zu bestimmen, die immer wieder eine Blockade verursachte. Möglicherweise war es auch seine streng geordnete normative Vorstellung von künstlerischer Bedeutung und Wichtigkeit, die es so schwer machte, für das eigene Tun den richtigen Ort zu finden.
Um mit Bruno Latour zu argumentieren schien ihm das Erzeugungssystem besser zur künstlerischen Tätigkeit zu passen, als das Produktionssystem. Mehr und mehr wurde das Erzeugen von Werken dann aber dem Prozess des Entstehens übereignet. Dieser nahm in der Folge weit mehr Zeit in Anspruch. Eigentlich sollten die Werke sich dazu äussern, wann sie gültig oder vollendet waren.
Die Arbeiten von James Bishop sind unmissverständlich mit seiner Person verbunden. Die Kunst und ebenso das eigene Verhalten fanden einen einheitlichen Kern in seiner Persönlichkeit. Dieser Umstand bestimmte seine Lebensweise. Es ist aber unzutreffend, James als einen eigensinnigen Einzelgänger zu sehen. Sein Lebenswerk besitzt sowohl einen synchronen wie einen diachronen Pol.
Der gewaltige Eindruck der Bilder jener bedeutenden Generation amerikanischer Maler der Nachkriegszeit, Pollock, de Kooning, Gorky und Kline, sowie Rothko, Newman, Reinhardt, Still und Motherwell war für ihn, wie für viele junge Künstler ein wichtiger Ausgangspunkt für das eigene Kunstwollen.
Die neue Unmittelbarkeit, mit der sich Erregung und Emotionen auf den Oberflächen der Grossformate der älteren Zeitgenossen manifestierten eröffnete Möglichkeiten und Anknüpfungspunkte für eine junge Generation. Die Faszination und Verführungskraft waren überwältigend, aber um Eigenes zu schaffen war ebenso sehr Distanz erforderlich und in vielen Belangen musste gegen die übermächtigen Vorbilder und deren Einfluss angemalt werden.
Für Bishop blieb sein Wissen um die Geschichte und die reiche Tradition der europäischen Malerei von Anfang an eine gewichtige Referenz. 1957 erfolgte seine erste Reise nach und durch Europa und ab 1958 lebte er für lange Zeit ohne Unterbruch in Paris. Paul Cezanne, Pierre Bonnard, Edouard Vuillard, Henri Matisse, Bram van Velde boten nunmehr stimulierende Anregungen und setzten einen weiteren Massstab für die eigene künstlerische Tätigkeit.
1962 waren die kunsthistorischen Interessen und Vorlieben Anlass zu einer mehrmonatigen Reise nach Italien. Die Geschichte von Licht und Farbe, Piero della Francesca, Giovanni Bellini, Lorenzo Lotto und die Venezianer des 16. Jahrhunderts waren so aus eigener Anschauung zu erleben.
Bishop interessierten Material und Malprozess in gleichem Masse. Sie ermöglichten ihm die Einsicht, dass Malerei mit Berührung und mit Oberflächen zu tun hat. Die Tätigkeit des Malers ist die sowohl spontane, wie reflektierte Geste, die die eigene Intention und die Wahrnehmung des Geschaffenen umfasst und das ästhetische Objekt ist die Verwirklichung und die sichtbare oder verborgene Anwesenheit des komplexen Malprozesses.
Es ist das eminente Verdienst des Malers James Bishop, dass er insbesondere bei den zwischen 1967 und 1986 entstandenen Leinwänden, zumeist 185 x 185 cm bis zu 195 x 195 cm gross, die Bildoberfläche als sinnlich erfahrbare Entität zum eigentlichen Bildgeschehen werden lässt. Die Farbhaut, gebildet durch die aufgetrocknete Ölfarbe, besitzt eine Präsenz die, soll die Körperanalogie weiter geführt werden, dem Gemälde die Erscheinung eines Bildkörpers verleiht.
Die Dichte und Qualität dieser aus mehreren Schichten und verschiedenen Tönen aufgebauten Farbhaut wird dann in besonderem Masse sichtbar und spürbar, wenn die weiss grundierte Leinwand teilweise unbemalt bleibt. Es entsteht ein Farbsaum voll verhaltener Vibration.
Die interne Organisation und Gliederung des Bildes mittels Balken und damit unterteilten Flächen ist in die Farbhaut gleichsam integriert. Sie definiert das jeweilige Werk, gewichtet das Oben und das Unten, die linke und die rechte Bildseite werden sowohl bezeichnet, wie ineinandergefügt. Doch handelt es sich dabei nicht um Andeutungen von gegenständlichen Bedeutungsträgern. Jede narrative Erzählung im Sinne des Figur/Grund Schemas ist ausgeschlossen. Dass damit die unvermittelte Begegnung des Bildbetrachters mit dem Bildkörper Teil des Rezeptionsvorgangs wird, spielt eine entscheidende Rolle für die ästhetische Erfahrung. Deshalb muss bei der Präsentation der Werke darauf geachtet werden, dass diese nur etwa dreissig bis vierzig Zentimeter ab Fussboden gehängt werden. Durch den Bezug zum Fussboden ergibt sich so eine Verbindung zum Betrachter, der sich den Bildern nähert.
Ohne, dass sich dieser folgenschwere Einschnitt einer explizit gefällten Entscheidung verdankt, entstanden nach 1986 keine geglückten grossformatigen Leinwände mehr. Die Malereien auf Papier von James Bishop, zumeist nicht grösser als 25 x 25 cm waren nunmehr die adäquate Form, um das künstlerische Schaffen gültig und vielfältig fortzuführen. (Das Buch ‚James Bishop – Malerei auf Papier Paintings on Paper’ 2018 Sieveking Verlag München, vermittelt einen guten Überblick.)
Bis zum Lebensende des Künstlers entstand ein Werkkomplex von unvergleichlicher Feinheit und Subtilität. Die kleinen Papierstücke, die James zumeist in Format und Beschaffenheit vorfand, stellten jeweils verschiedene Oberflächen und Stofflichkeiten zur Verfügung, also Farbtöne und Qualitäten des Materials, die sich zum Einstieg und zur Inspiration eigneten. Der Formbestand zeigt eine Verwandtschaft mit frühen und früheren Werken. Die formale Struktur der Malereien wird nun vielfältig und hoch differenziert.
Die feinen Abschattungen sind mehrheitlich in sandfarbenen Grautönen gehalten. Es gibt aber auch andersfarbige Malereien, blaue, gelbe, braune. Zeichnerische Eingriffe mit Kreide, Farbstift oder Bleistift haben eine sensible und stabilisierende Präsenz.
An einer Gliederung in kleine Werkgruppen, mit denen sich die einzelnen Blätter gegenseitig ergänzen, ja erklären war James immer sehr gelegen. Dies sollte dann berücksichtigt werden, wenn vier oder fünf der Malereien erstmals Blévy verlassen durften, um ausgestellt zu werden, was leider allzu selten geschah.
James Bishop hat seine Gedanken zu seiner Arbeit nie schriftlich niedergelegt. Das ausführliche Gespräch mit Dieter Schwarz, das im Katalog zur ersten Retrospektive 1993/1994 (herausgegeben von Dieter Schwarz und Alfred Pacquement) abgedruckt wurde, ist ein authentisches und verlässliches Zeugnis, auf das zu Recht oft zurückgegriffen wird.
Gianfranco Verna