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Einhundert Lire. Ein Geldstück in der Grösse eines Zweifränklers, aber etwas dünner. Damit konnte man sich zwei Kugeln «Gelato» kaufen – mein erstes italienisches Wort. Ich war vier-, fünfjährig und noch zu klein, um die Auslage hinter der gläsernen Theke überhaupt sehen zu können, aber ich wusste, ich wollte eine braune und eine grüne Kugel, Cioccolato und Pistacchio, und reckte meinen Arm empor, auf dass Signor Mario, der schnauzbärtige Glaceverkäufer, mein Hundert-Lire-Stück behändigen konnte.
Die Bar Cigolini war auf Stelzen überm Strand gebaut, an heissen Tagen fanden wir darunter im Schatten Schutz. Als wir etwas älter waren, steckten wir unsere Münzen in die Jukebox im Innern der Bar. Die geheimnisvolle Anna aus Monza, die mir zum Abschied ihre Adresse überlassen würde, drückte meist B11: «Balla balla ballerino» von Lucio Dalla; ich hörte noch lieber die B-Seite, «Stella di Mare», klaubte also ein neues Hundert-Lire-Stück hervor und drückte B12, immer und immer wieder. Dass die blasshäutige Schönheit, die Dalla in dem Lied besang, keine Frau, sondern ein Jüngling war, wusste ich damals nicht. Ich wusste nur, dass die Squadra Azzurra, deren Leibchen ich trug, die WM gewonnen hatte und Italien das Land meiner Träume war.
Im folgenden Herbst würden wir «Bollicine» von Vasco Rossi drücken, D4, und nur erahnen, dass das «Coca», von dem er sang, kein Getränk war. Wir lasen Pasolini und De Carlo, hörten Fabrizio De André und Loredana Bertè, schauten Filme von Fellini und den Brüdern Taviani, schwärmten für Ornella Muti und trauerten um Enrico Berlinguer, den Sekretär der Partito Comunista, wie um einen nahen Verwandten. Viva l’Italia! Das Land, an dem ich während der ersten 30 Jahre meines Lebens all meine Sehnsüchte festmachte – und das mich dann umso bitterer ernüchterte: Weil es sich während zweier Jahrzehnte von einem irren Gangster regieren liess, Silvio Berlusconi; weil es in seinen TV-Shows ein haarsträubendes Frauenbild pflegt; weil es unter dem Druck der Mafia ganze Landstriche vergammeln lässt; weil …
Vorige Woche waren wir an eine Hochzeit eingeladen. Nach Italien. Ich hatte nicht viel erwartet, man fährt halt hin, aus Höflichkeit. Aber dann! War auf einmal alles wieder da, was das Italien meiner Jugend ausgemacht hatte: «Gazzetta dello Sport» und «Repubblica», unabdingbare Doppellektüre zum Frühstücks-Cappuccino, das Gelato, die Kugel à einen Euro, das Promenieren um Mitternacht, die Stände mit Plastikfussbällen, Spielzeug und Keramiktierchen als Waschlappenaufhänger – welch Souvenir! Das gelbe Seepferdchen, das ich mir vor 45 Jahren erbettelte, hängt noch heute im Badezimmer meines Elternhauses.
Alles da, nur eines fehlte: die Jukebox in der Ecke. Aber ich hätte ohnehin kein Hundert-Lire-Stück dabeigehabt.
Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)
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Autor: Bänz Friedli
Fotograf: Bänz Friedli