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Die Verschleierung der Stimme war ein Merkmal interessanter Popmusik der letzten Zeit, auch bei der aus Estland stammenden Musikerin Maria Minerva. Nun hat sie beschlossen, wieder ihre Singstimme zu betonen.
«Cabaret Cixous» ist der Titel des vor drei Jahren erschienenen Debütalbums von Maria Minerva. «Cixous» steht für die poststrukturalistisch-feministische Autorin Hélène Cixous, deren Bücher in den siebziger und achtziger Jahren weit über ihre französische Heimat hinaus rezipiert wurden. «Cabaret» ist ein Hinweis auf Cabaret Voltaire: Die Electro-Industrial-Band aus der damaligen britischen Stahlstadt Sheffield hatte sich 1973 nach der Brutstätte des Dadaismus benannt, dem Zürcher Cabaret Voltaire – interessante Links für das Debüt einer 23-Jährigen.
Drei Jahre später bestätigt Maria Minerva im Gespräch, dass bis heute kaum eine Woche vergehe, in der sie nicht Cabaret Voltaire hört. Und dass sie sich als Feministin in der Tradition von Hélène Cixous sieht, durchaus lebenspraktisch: «Ich habe gerade Probleme mit meinem Fahrlehrer, einem dieser amerikanischen Machos. Er macht mich irre, wenn er versucht, mich beim Fahren zu dominieren. Ich praktiziere einen optimistischen Feminismus, gehe also zunächst einmal davon aus, dass die Leute auf meiner Seite stehen, um dann häufig feststellen zu müssen, dass sie das nicht tun.»
Maria Minerva beruft sich auf Quellen, die ein Jahrzehnt vor ihrer Geburt auf dem Höhepunkt ihrer Strahlkraft waren – in einem Westen, der von ihrer Heimat durch den Eisernen Vorhang getrennt war. Maria Minerva wurde 1988 als Maria Juur in Estland geboren. Nach Stationen in Lissabon und London bereitet sie gerade ihren Umzug von Brooklyn nach Los Angeles vor.
Globalisierte Existenz
«Die Musik von Cabaret Voltaire war ihrer Zeit weit voraus», antwortet Maria Minerva auf die Frage, ob es nicht komisch sei, im Jahr 2014 Musik zu hören, die lange vor der eigenen Geburt entstanden ist. Komisch kann das nur jemand finden, dessen Leben nicht von den Parametern Atemporalität, Nomadentum und Mehrsprachigkeit geprägt ist. Diese Prägungen teilt Maria Minerva mit so unterschiedlichen Künstlerinnen wie Björk und Fatima Al Qadiri oder Inga Copeland, die, aus dem Aussen der Pop-Weltordnung kommend – Island, Senegal/Kuwait, Russland/Estland –, in dieser buchstäblich neue Positionen eingenommen haben, ihren Standortnachteil also in einen Vorteil konvertieren konnten (vgl. dazu den Musiktipp zu Fatima Al Qadiri).
Klar, verhuscht, multipel
Wobei Estland für Maria Minerva ein besonderes Aussen darstellt: «Statistisch ist es das am weitesten entwickelte Land des ehemaligen Ostblocks. Für mich ist Estland auch nicht so sehr Osten; unsere Sprache hat nichts mit dem Slawischen gemeinsam, sondern mehr mit dem Finnischen. Wir haben uns immer mehr an den USA orientiert oder an Deutschland.»
Der grösste Unterschied zum ersten Album sei ihr Umgang mit der eigenen Stimme, sagt Minerva. Von Song zu Song setzt sie ihre Stimme anders ein, mal klar und weit vorn im Mix, mal verhuscht, versteckt hinter einem Vorhang, dann wieder ist sie die multiple Maria. Was ist ihr Konzept der Stimme? Signatur der Seele oder ein weiteres Instrument?
«Beides. Wenn ich einen Track mache, habe ich eine Vision, wie sie klingen sollte. Diesmal wollte ich meine Singstimme in den Vordergrund stellen; von den ‹hazy vocals› habe ich schon genug gemacht.» «Hazy» bedeutet neblig, diesig, dunstig, verschleiert. Diese Adjektive charakterisieren die Beschaffenheit und Gestaltung von Stimmen im allergrössten Teil der interessanteren Popmusik der letzten Jahre, 2006 willkürlich angefangen mit dem ersten Album von Burial. Die Vernebelung der Stimmen war das Resultat einer verbreiteten Skepsis gegenüber identitären Subjektkonstruktionen, die vor allem die Rockmusik über Jahrzehnte dominierten, exemplarisch verkörpert von der immer lächerlicher wirkenden Figur des «Frontmanns», der vom Grunde seines Herzens und aus den Tiefen seiner Hose herausschreit, was mit ihm los ist: «I’m a man, and I can’t help but love you so», oder die sentimentale Variante: «I’m a man of constant sorrow».
Keine Theatralik mehr
Gross ist die Versuchung, Maria Minervas Schritt hin zur Singstimme kurzzuschliessen mit den biografischen Veränderungen, die sie gerade erlebt: von der dauerreisenden Tourmusikerin ohne festen Freund und Wohnsitz zur sesshaften New Yorkerin. «Ich bin hier zu einer Person geworden, zu einem sozialen Wesen. Ich hatte vier chaotische Jahre, und jetzt will ich mich niederlassen. Ich habe einen Boyfriend, was früher nicht ging, weil ich immer unterwegs war. Ich weiss, was ich will, anstatt immer die Aufmerksamkeit anderer zu suchen, wie es theatralische Frauen tun.»
Der Albumtitel «Histrionic» steht für «theatralisch» oder «pathetisch»; für Minerva «markiert er eine Generation von – nicht nur – Frauen, die so behütet waren, die keine Katastrophen erlebt haben. Sie suchen Aufmerksamkeit und Bestätigung von anderen, und viele können nicht allein sein.»
Sie habe erst später festgestellt, dass Dean Blunt sein Album «The Narcissist» genannt hat. «Narzissmus bezieht sich mehr auf Männer. Komisch, dass wir beide fast gleichzeitig Platten rausbringen, die von zu viel Ichbezogenheit handeln.» Wie Blunts «Narcissist» hat Minervas «Histrionic» eine so reizvolle wie rätselhafte Flüchtigkeit, Vagheit, Ungreifbarkeit. Woher kommt diese Musik? Da sind wir wieder bei den Parametern von Minervas globalisierter Existenz: Atemporalität, Nomadentum, Mehrsprachigkeit.
Aktuell hört Minerva gerade Schoolboy Q. Minerva, 1988 in Tallinn geboren, hört 2014 in Brooklyn den Rapper Schoolboy Q, 1986 in Wiesbaden als Sohn eines GIs geboren. Davor hörte sie Paula Abduls «Greatest Hits». Wenn man Abdul Ende der Achtziger erlebt hat, dann wüsste man zu gern, was Maria Minerva heute darin hört, ob sie der temporären Ersatz-Madonna mit ihrem trashigen Stretchmini-look Qualitäten abgewinnt, die wir – Ungnade der frühen Geburt – gar nicht hören können? Atemporalität, sprich die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen im Zeitalter der offenen Archive – um Minervas Musik zu erfassen, muss man diesen postanalogen, postlinearen «state of mind» kapieren.