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Namentlich wendet sie sich gegen die von der Europäischen Union beabsichtigte Senkung der Dosisgrenzwerte für ionisierende Strahlen. Die Akademie hatte sich schon früher dagegen eingesetzt, denn laut ihren unabhängigen Untersuchungen und Erhebungen gebe es weder ein biologisches noch ein epidemiologisches Argument, das dafür spreche. Die EU möchte bis Mai 2000 den Jahresgrenzwert für die Bevölkerung von 5 mSv auf 1 mSv und für die beruflich ionisierender Strahlung ausgesetzten Personen von 50 mSv auf 20 mSv herabsetzen. Sie stützt sich dabei auf die Empfehlungen der Internationalen Strahlenschutz-Kommission ICRP. Verschiedene Länder, so Deutschland und auch die Schweiz, haben diese Empfehlungen bereits umgesetzt, andere bereiten sich darauf vor. In den USA, die den ICRP-Empfehlungen nie gefolgt sind, herrschen unter Wissenschaftern wie in Frankreich ebenfalls starke Zweifel an der Begründbarkeit dieser Massnahme.
Die Académie de médecine stellt fest, der Strahlenschutz sei eine wesentliche medizinische Aufgabe, die von entsprechend ausgebildeten Ärzten wahrzunehmen sei. Ohne die wichtigen Beiträge der Ingenieure und Physiker herabmindern zu wollen, sei es unumgänglich, dass der Strahlenschutz von Ärzten zu überwachen sei. Diese müssten völlig unabhängig von nichtmedizinischen Gesichtspunkten handeln. Daher gehöre die Oberaufsicht auch ausschliesslich in den Verantwortungsbereich des Gesundheitsministeriums. Die Aufsicht über die Sicherheit der Kernkraftwerke sei eine davon getrennt wahrzunehmende Aufgabe.
Zur Begründung ihres Vorstosses erinnert die Akademie daran, dass die natürliche Radioaktivität sich nicht an die von der ICRP vorgeschlagenen Richtlinien halte. In Frankreich betrage die sich daraus ergebende mittlere Jahresdosis 1,5 mSv, in einigen Gebieten sogar 10-20 mSv, dies ohne jede erkennbaren Nachteile für die Gesundheit. Um ungerechtfertigten Befürchtung über die Risiken der Kernenergie nicht noch Nahrung zu geben, sei eine klare und verständliche Information der Bevölkerung nötig. Jede Änderung der Dosisgrenzwerte trage zur Verunsicherung bei und sei mit grösster Zurückhaltung vorzunehmen.
Quelle
P.B. nach Enerpresse vom 30. Juni und 1. Juli 1999