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[Vorbemerkung: Jede Bewegung weist – neben einer Kerntruppe – eine Menge seltsamer Vögel auf, die an ihrer Peripherie herumflattern. So ein Vogel war auch der preussische Pastor Daniel Jenisch (1762-1804), der zur Peripherie der Berliner Spätaufklärung gezählt wird, aber auch mit Hamann befreundet war. Eben solche peripheren Mitläufer sind diverse, meist kurzlebige Zeitschriften – z.B. das „Berlinische Archiv der Zeit und ihres Geschmacks“. Von Jenisch wie dem „Berlinischen Archiv“ nähmen wir wohl heute kaum mehr Notiz, wenn nicht Jenischs Aufsatz „Ueber Prose und Beredsamkeit der Deutschen“ im ersten Jahrgang der Zeitschrift das Unglück gehabt hätte, den beiden Dioskuren der deutschen Klassik, Goethe und Schiller, ins Auge zu stechen und der Anlass zu werden für Goethes „Litterarischer Sanscülottismus“ in der Mai-Nummer der „Horen“. Bis anhin war Jenischs Aufsatz im Internet nicht greifbar. (Der ganze erste Jahrgang des „Berlinischen Archivs“ ist es nicht. Der angebliche Jahrgang 1795 bei Google-Books entpuppt sich beim Herunterladen als 1797.) Deshalb soll Jenischs Aufsatz hier integral publiziert werden.
Zur Textgestaltung: Der Text wird – Tippfehler beim Abschreiben vorbehalten – in seiner originalen Orthographie wiedergegeben (inkl. vom Verfasser gewollte oder vom Setzer verursachte Inkonsistenzen, wie z.B. in der Schreibweise ‚teutsch‘ vs. ‚deutsch‘) . Im Original durch Sperrung hervorgehobene Wörter sind unterstrichen. Der Wechsel von Fraktur zu Antiqua bei fremdsprachigen Namen und Zitaten wurde hingegen nicht berücksichtigt, eben so wenig die Differenzierung von ’s‘ ‚ʒ‘ und ‚ſ‘, die in Fraktur üblich war. Hyperlinks stammen selbstverständlich von uns.]
[März/249]
III.
Ueber Prose und Beredsamkeit der Deutschen
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Vorerinnerung
„Die Herausgeber des Archivs waren lange unschlüssig, ob sie nachstehende lebendige und geistreiche Aeusserung in dasselbe aufnehmen sollten. Dafür sprach das Gesetz, welchem sie sich unterwerfen, einer Ueberzeugung, die nicht die ihrige ist, sobald sie Gehör verdient, das Wort zu gestatten. Dawider die Bedenklichkeit, durch Beförderung des Abdrucks, einen gewissen schneidenden absprechenden Ton gleichsam gut zu heissen. Endlich entschied die Betrachtung, daß kein Name genannt sey, und die Hoffnung, das Publikum werde eben so wenig als die Redactoren, aus den übertriebenen Schilderungen dieses neuen Pococurante, die Caricatur seiner Lieblingsschriftsteller herauszufinden im Stande seyn. Da sich Wahrheit dicht an die Ausbrüche übler Laune schließt, so treffe jene das Ziel, welches diese verfehlt: und die letzte sey nur als Beispiel aufgestellt, wie sehr, auch in unsern Tagen, die Stimme eines Einzelnen, von der allgemeinen Stimme abweichen kann, der Uebereinkunft mit der ihrigen, die Sicherheitsliebe der Herausgeber gern zum Probierstein der Wahrheit annimmt.“
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[250] Ungeachtet des hohen Tons der Bewunderung, mit welchem die teutschen Critiker von dem blühenden Zustande unserer Litteratur zu sprechen pflegen, bemerkt der philosophische Beobachter, nicht ohne patriotisches Bedauren, die entschiedenste Dürftigkeit oder vielmehr Armseligkeit der Deutschen, an vortreflichen classisch⸗prosaischen Werken jeder Gattung. Er fühlt sich in Verlegenheit, so oft er einem Manne, der sich über den Geschmack des Tages erhebt, das heißt, der keinen Sinn hat für Gedichte voll knabenmäßiger Liebeleyen und siegwartischer Jammerscenen, für ewigwiederkehrende Schilderungen von Mondscheinflimmer, Nachtigallgesang, Haindunkel und Sommermondnacht; keinen Sinn für crasse Ritterromane und Ritterschauspiele, für Kotzebuische Zoten und Spießische Gräßlichkeiten; keinen Sinn endlich für die seicht⸗tiefen (wir entlehnen diesen Ausdruck aus dem Munde des großen Luthers) für die seichttiefen speculativen Abhandlungen der neuesten Philosophen in erhabener Techniko⸗metaphysisch⸗scholastischer Sprache, – er fühlt sich in Verlegenheit, so oft er einem solchen Manne ein Verzeichnis derjenigen deutschen Schriften liefern soll, die seinen classischen Geschmack befriedigen. Man habe die kleine Gefälligkeit für den Verfasser dieser Uebersicht, (der, ohne sich zu rühmen, noch einige Litteraturen mehr kennt, als die deutsche,) zu glauben, daß ihm die Namen der geliebtesten Schriftsteller unseres Vaterlandes nicht blos Namen sind, daß er die vortreflichen Werke dieser und einiger andern, zum Theil verkannten Männer, gelesen, oder vielmehr studirt habe. Aber man erlaube ihm auch zu sagen, daß er ein Mann von veredeltem Geschmack, der über die Jahre des Wollustkitzels hinaus ist, die Romane des Einen, bey aller bewundernswür[251]digen Kunst des Stils und poetischen Gewandheit des Vortrags ohne alle moralische Tendenz findet; daß ein Anderer alles glücklicher empfindet, als darstellt, und wenigstens kein classischer Prosaiker ist; daß ein Dritter, von jeher ein eben so genialisch origineller, als unclassischer Autor, selbst in seinem neuesten und mit Recht berühmtesten Werke, die Gränzen des feinen und classischen Stils unaufhörlich überspringt, und in seinem Ausdruck, jezt zu gedehnt jezt zu gedrängt, nun zu trocken und nun zu blühend, jenseits und diesseits hinausschweift, über die
fines, quos ultra citraque nequit consistere rectum;
daß ein Vierter, der Stolz der Deutschen, die Kräfte seines überragenden Genies zu mannigfaltig zertstückelt, und seiner Nation kein großes Ganzes geliefert hat; daß fast alle Gegenstände eines Fünften, ohngeachtet der durchaus fleckenlosen Eleganz seiner Schreibart, doch zu sehr, jenseits des allgemeinen Interesse und der praktischen Brauchbarkeit liegen; daß aller Scharfsinn, Beobachtungsgeist und untadelhafte Correctheit des Ausdrucks, von dem Leser eines Sechsten, das Gefühl einer ermüdenden, immer und immer raisonnirenden Einförmigkeit nicht abwehren können; daß eines Siebenten Speculation durchgängig zu nüchtern, zu ungeputzt erscheitn; daß ein Achter, ohne Zweifel der vortreflichste, geschmackvollste und classischste aller teutschen Schriftsteller, doch leider! für seinen Ruhm zu wenig geschrieben hat.; daß unsers Thucydides Geschichtsbücher zu übermäßig den Dichter und Romanschreiber duften, und daß einige seiner neuesten Abhandlungen, voll des feinsten Beobachungsgeistes, und eines dem deutschen Kopf ungewöhnlichen psychologischen Scharfblicks, wie besonders auch einige seiner Rezensionen, zugleich voll unterträgli[252]cher Unbestimmtheiten und undurchdringlicher Dunkelheiten sind; daß ein Schriftsteller von der originellsten Energie, eben so oft gleich einem Bären fällt, als gleich einem Adler fliegt; daß endlich (und hiermit wollen wir unsere muraltische Litaney über die deutsche Litteratur schließen) die alleinseligmachende Philosophie, nachdem sie unsere Vernunft durch die Speculation, (wie ein lebendiges Thier unter dem Recipienten der Luftpumpe) erstickt, und in einen gaukelnden Dunst verwandelt, alle sinnliche Schönheit des Ausdrucks, als unter der Würde ihrer unbegreiflichen Erhabenheit, verschmäht, und, seit ihrem allverschliegenden Umtrieb in der deutschen Gelehrtenrepublik, fast nur gedient hat, den geringen Sinn der deutschen Philosophen für schöne und classische Darstellung zu vernichten: wofern anders nicht die vierzig allgemeingeachtetsten Schriftsteller, welche sich, nach dem Avertissement des Herrn Professor Jakob in Halle, zu seinen philosophischen Annalen vereinigt haben, wovon mehrere, nach seinen eigenen wörtlichen Ausdrücken, als die größten Weltweisen anerkannt sind, alles wieder in’s Gleis bringen. Der warme Eifer für die deutsche Litteratur hat dem Verfasser diese Seufzer abgepreßt. Aber wie konnt‘ er über deutsche Prose und Beredsamkeit schreiben, ohne daß sich ihm der armselige Zustand unserer Prose überhaupt unwiderstehlich aufdrängte.
Doch der Verfasser macht’s, wie manche gutmüthige, aber äußerst schwache Sünder, die ihren Fehler gestehn, bereuen, – und gleich darauf wieder begehn. Denn ob er gleich so eben gestanden, daß das, was er bis dahin gesagt, nur eine Ausschweifung war, so kann er sich doch nicht enthalten, die Ursachen aufzusuchen: warum eine so talent⸗ und geistreiche Nation, als [253] die deutsche, so wenig gute Prosaisten stellet? Daß eine Nation sehr roh und ungebildet seyn, und doch vortrefliche Dichter, besonders in der erhabenen und pathetischen Gattung, haben kann, beweisen die Nationalgesänge der Hebräer, die Reste der nordischen Bardenpoesie, und unter diesen besonders die Gedichte des Ossian (deren ursprüngliche Schönheiten Macpherson seiner englischen Uebersetzung wenigstens zum Grunde gelegt), beweisen die einzelnen dichterischen Stücke der Wilden in Amerika; und warum nicht auch Homer’s unsterbliche Gesänge,
a quo, ceu fonte perenni
omnia vatum ora rigantur aqua.
Ovid.
Denn was waren die Griechen, als Homer sang? Die Ursache dieser sonderbar scheinenden Thatsache ist klar. Der Dichter braucht eine starke, energische, durchaus sinnliche, bilderreiche Sprache, und diese hat der Naturmensch überall. Seine rohen Empfindungen, seine ungebändigten Leidenschaften, seine durchaus sinnliche Art zu denken und zu handeln, sind das eigentliche Feld des Dichters.
Jede noch ungebildete Sprache, auch selbst des cultivirten Menschen, bietet dem Dichter nicht weniger einen Reichthum an starken energischen und bilderreichen Ausdrücken und Wendungen dar, die wenigstens zur Bezeichnung des Grades von Empfindung und Leidenschaft hinlangen, der seiner Nation eigenthümlich ist. Daher lehrt und auch die allgemeine Geschichte der Litteratur, daß alle cultivirten Nationen Europens eher Dichter als Prosaisten, und eher gute Dichter als gute Prosaisten hatten. Eben so stellet uns auch die deutsche Litteratur einige Lieder der Minnesänger aus dem XI. XII. XIII. Jahrhundert auf, die Anakreons Feinheit und Zärtlichkeit athmen. Aber [254] welche Prose, die in den Chroniken, Predigten und Andachtsbüchern der nämlichen Jahrhunderte herrschte! Woher dies? Der Prosaiker braucht einen natürlichen leichten und immer gleichen Ideengang, feinere Nüanzen der Begriffe, und leisere Andeutung ihres Zusammenhanges, mannigfaltige fein und scharfzeichnende Bindungspartikeln, Gewandtheit der Wortstellung, und Fluß der Perioden. Alles dies aber gewährt nicht rohe Sinnlichkeit und Leidenschaft, und wir suchen es vergebens bei dem wilden Natursohn oder in seiner Sprache. Er entwickelt nicht seine Ideen in Gefühle, sondern er strömt sie aus; er nüanzirt seine Begriffe nicht, sonder wirft sie hin; verknüpft sie nicht, sondern reißt und bröckelt sie zusammen; er kennt nicht seine Bindungs⸗ oder Uebergangspartikeln, und keine
callidam verborum jucturam.
Der Schriftsteller also, der unter einem solchen Volk und in einer solchen Sprache Prose schreiben soll, wird entweder abgebrochen, dunkel, unbestimmt, unzusammenhängend für den geübteren Denker (wenn gleich für sein Volk verständlich), – d.h. eine höchst unvollkommene Prose schreiben: oder er wird die eben erklärten Erfordernisse einer guten Prose erst schaffen müssen, welches aber in der Sprache wohl mit einzelnen Worten und Wendungen, allein nie mit so wesentlichen und in ihre ganze Organisation so tiefverwebten Stücken derselben geschehen kann.
Fr. v. R▬n.
(Die Fortsetzung künftig.)
[April/373]
III.
Ueber Prose und Beredsamkeit der Deutschen
(Fortsetzung)
Aus allem, was wir im vorigen Stücke gesagt, erhellet, daß ein Volk in der Cultur ansehnlich weit vorgedrungen seyn muß, wenn seine Schriftsteller eine gute Prose schreiben sollen.
So sehr ich daher die unsterblichen Geniuswerke eines Sophokles, Euripides, Pindar und anderer Dichter der Griechen bewundere; so hat mir die Nation der Griechen doch immer größer geschienen, so oft ich die Prose eines Xenophon, Plato, Demosthenes las. Diese feinen Nüanzen der Begriffe, diese leisen Uebergänge, diese scharf⸗abschneidende Bestimmtheit des Ausdrucks, diese kleinen, aber höchst bedeutungsvollen Bindungstheilchen der Rede, diesen gegründeten Periodenbau, alles dieses konnten die genannten grossen Geister berichtigen, vervollkommnen, und, nach dem Maße ihres Genius, ausschaffen: aber sie mußten es schon in der Sprache ihres Volkes vorfinden; dasselbe mußte auf der Höhe der Cultur stehen, wo es fähig war, solche Feinheiten zu empfinden; und sie konnten von ihm nur empfunden werden, wenn sie, vielleicht nicht alle in der Sprache der gemeinsten Volksklasse, aber doch in der Sprache des höhergebildeten Theils der Nation, z.B. der Rathmänner, der Demagogen, und der philosophischen Denker, schon da waren.
Alle diese Feinheiten aber, wo sie sich bei einem Volke finden, und wo ein bestimmter Sinn dafür herrscht, setzen, (wenn man mir den Ausdruck gestatten will) eine gewisse Masse harmonisch ausgebildeter Geistesfähig[374]keiten voraus, z.B. der Urtheilskraft nicht nur, sondern auch insbesondere der Einbildungskraft, des Witzes, des Geschmacks.
„Ein jedes Volk, wird man sagen, hat eine gewisse Masse dieser Geistesfähigkeiten!“ Sehr richtig. Aber ich rede hier nicht von diesen Geistesfähigkeiten überhaupt, sondern sich setze es als eine wesentlichste Bedingung hinzu, daß dieselben, eine gegen die andere, harmonisch, d.h. in einer gewissen, gegenseitig zu einander bestimmten Masse und Richtung ausgebildet seyn müssen, so, daß von den genannten Geisteskräften keine die andre gleichsam überwiegt, und in ihrer Ausbildung auffallend gegen sie absticht. Ein und der nemliche Geist muß, nach dieser Forderung, gewißermaaßen Philosoph, Dichter, und Mann von Geschmack zugleich seyn: er muß eben so hell denken, als richtig empfinden, und treffend darstellen können. Diese drey Erfordernisse bilden das wahre Ideal der Prose: und nur dasjenige Volk, bey welchem jene Seelenkräfte im harmonischen Gleichgewicht herrschend sind, das heißt, bey welchem Sprache und Ausdruck, nach dem oben erklärten Ebenmaaß der Urtheilskraft, der Einbildungskraft, des Witzes und Geschmacks zum guten Ton gehören, nur das Volk wird die besten, wird classische Prosaisten haben.
Daß unter den Nationen des Alterthums die Griechen dieses Volk waren, daran hat noch nie ein Kenner gezweifelt. Aber unter den Nationen der neueren Geschichte, welchem Volk reicht der Kenner hier die Palme? Ohne alles Bedenken derjenigen, welche euch, meine lieben deutschen Landesleute, von euren besten Köpfen (obgleich in einer gewissen Epoche eurer Litteratur mit Recht, und zu eurem Besten) angeschwärzt und verläumdet worden! Derjenigen Nation, [375] von deren Corneille, Racine, Voltaire, die jüngsten eurer Dichterlein und Kritikaster nicht anders, als mit Achselzucken und Hohnlächeln zu sprechen pflegen. Derjenigen, die in neueren Tagen aus dem Hohngelächter Europens, Europens Schrecken geworden, der Französischen!
Weder Tiefsinn der Urtheilskraft, noch hoher Schwung der Imagination, noch Energie der Empfindung, zeichneten dieses Volk von jeher, noch selbst in der glänzendsten Epoche seiner Litteratur aus: und das Fach der metaphysischen Speculation, (wofern man viel Werth darauf setzen will,) und dier erhabenen pathetischen Dichtkunst, sind ohne Zweifel der minder schätzbare und vortrefliche Teil seiner Litteratur
Aber ein gewisses geselliges Ebenmaaß und harmonisches Spiel der genannten Seelenkräfte unter einander; eine Urtheilskraft, die nicht tief forscht, aber schnell und scharf blickt; eine Imagination, die ihrer Bilder nicht stark, aber bestimmt und treffend faßt; eine Empfindung, die nicht ohne Energie ist, aber immer durch den Weg des Kopfes zum Herzen kömmt; und zwar alles, unzertrennlich zusammen⸗ und auf einmalwürkend, in jedem Perioden, jeder Sentenz, in jeder Wendung und fast in jedem einzelnen Worte tönend: das, das ist es, was den eigenthümlichen, und unter allen Europäischen Völkern einzigen, Charakter der Französischen Nation bildet; und eben das ist es, was den Mann, nicht von hohem Genie, nicht von brennender Energie, sonder den Mann von Geist und Geschmack bildet, den Mann, in dessen Geistesbildung sich, nicht alle erhabensten Schwünge seiner Seelenkräfte, aber alle Feinheiten derselben vereinigen.
Und ein solcher Mann war der gebildetere Theil der Französischen Nation, bis auf die Epoche der schrecklichen Staatsumwälzung, und wird es auch wahrscheinlich noch [376] nach der Revolution seyn. Daher sind alle ihre Schriftsteller, die Prosaisten sowohl, als die Dichter, mit diesem Charakter gestempelt, und mußten es seyn, weil sie sich unter einer solchen Nation bildeten, und für eine solche Nation schrieben. Die Dichter verloren dadurch unausbleiblich an Energie der Empfindung, an Schwung der Einbildungskraft, an Stärke und hohem Colorit des Ausdrucks: denn, statt dessen, wurden Feinheit der Empfindung, sanfter Umriß der Bilder, gesellige Darstellung und höchstens eine sentenziose Energie, ihre wesentlichen Vorzüge; und diese Vorzüge mußten sie haben, wenn sie Geist und Herz einer so gebildeten Nazion gewinnen wollten.
Die, von den Französischen Critikern als classisch anerkannten Dichterwerke der Nation, sind, aus diesem Gesichtspunkt angesehen, (jedes in seiner Gattung und nach Maaßgabe des individuellen Stils der Verfasser) Meisterstücke: wenn gleich selbst die, die von der Nation bewundertsten Stücke eines Corneille, Crebillon, Voltaire, an das Ideal der Tragödie lange nicht hinanreichen. So sehr nun aber die Dichtkunst, (ich meine besonders die erhabene und pathetische,) durch eine solche Geistesstimmung der Nation offenbar verlieren mußte: so sehr gewinnt von der andern Seite die Prose jeder Gattung. Denn gerade ein solcher Geist der Nation ist es, (wie wir oben schon an den Griechen gesehen,) wodurch eine schöne und classische Prose, als eine natürliche Frucht, erzeugt wird. Was Wunder daher, daß die Franzosen unter allen neueren Völkern des cultivierten Europa die besten Prosaisten gestellt, und daß sie besonders, (obgleich, von dem Französisch gebildeten Theil des ganzen Europa, nicht minder ihre Dichter) am allgemeinsten gelesen werden? So gewiß die Französische Nation das verfei[377]nertste (hier gilts gleich, wenn wir auch sagen müssen: „das überfeinertste“) Volk Europens waren; so unausbleiblich mußten auch ihre prosaischen Schriftstellerwerke vor allen andern europäischen Völkern den ersten Rang behaupten. Hume, der scharfsinnig, und für seine Nation sonst so partheyische Hume selbst, gesteht seinen Britten mehr Tiefe des Forschungsgeistes, mehr hohen Schwung der Einbildungskraft, mehr Energie des Denkens und des Empfindens zu; aber, fährt er weiter fort: „das gefällige Gleichgewicht und harmonische Spiel aller Geisteskräfte untereinander, – das, meine genialischen Engländer, müsset ihr euren Nachbarn an der Seine, als einen eigenthümlichen und charakteristischen Vorzug zuerkennen!“ So redet der brittische Philosoph seine stolzen Landesleute an, sie, die doch so viele und so trefliche Prosaisten in jeder Gattung der Litteratur aufzustellen haben. Und nun wir Deutschen? Laßt uns von den bisher aufgestellten Grundsätzen, und von der philosophischen Bildungsgeschichte der Prose, eine besondere Anwendung auf die Schriftsteller unsrer Nation machen! Laßt uns sehen, ob wir uns berechtiget glauben können, auf die schriftstellerischen Werke der Gallier mit unserm gewöhnlichen Hohnlächeln herabzublicken! Laßt uns sehen, ob unsre Nazion der Mann von Geist und Geschmack ist, der die Gallier bis dahin waren! sehen, ob ein deutscher Hume seine Landesleute, selbst mit allen vortreflichen Werken unsrer großen Autoren in der Hand, auf eine schmeichelhaftere Art anreden kann?
Fr. v. R▬n.
(Die Fortsetzung künftig.)
[Eine Fortsetzung folgte – wohl infolge Goethes geharnischter Reaktion – im eigentlichen Sinne nicht mehr. Wohl aber – im „Berlinischen Archiv“ und von Jenisch – eine Duplik auf Goethes Replik. Schiller weist seinen Freund brieflich darauf hin; sie löst aber keine weiteren Reaktionen der Dioskuren aus und wird deshalb hier weggelassen.]