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Am Schreibtisch mit Büro- und Radiergummis
Ein grosser Teil der Schweizer Angestellten arbeitet heute weder in der Landwirtschaft noch in der industriellen Produktion oder im Handwerk, sondern im Dienstleistungssektor – und von diesen wiederum sehr viele in Büros. Ja, wir sind ein Volk von Bürogummis. Wer allerdings glaubt, die Arbeitskräfte am Schreibtisch hiessen so, weil sie vor dem Einzug der Personal Computer in die Büros ständig mit Gummis Fehler in Texten ausradierten, irrt.
Dass sich mit Kautschuk Bleistift entfernen lässt, soll Ende des 18. Jahrhunderts entdeckt worden sein. Aber im Schweizerdeutschen schlug sich diese Art von Gummi erst spät nieder; Band II des Schweizerischen Idiotikons verzeichnet Gummi 1887 nur in den Bedeutungen «Klebstoff, gummi arabicum» und «gummi elasticum», und das allen Schulkindern bekannte Verb gümmele «ausradieren» fehlt noch ganz (auch gümmele im Sinn von «Rennvelo fahren» schaffte es nicht ins Wörterbuch). Vermutlich kannte man das Wort Radiergummi Ende des 19. Jahrhunderts zwar schon, hielt es aber für rein fachsprachlich; den ersten Auftritt hat Radiergummi im Wörterbuch jedenfalls erst 1905 in einer Sachbezeichnung für Ribeli: «beim Reiben beschriebenen Papiers mit einem Radiergummi entstandenes Teilchen». Das Wort Gummi stammt übrigens über lateinisch cummi und griechisch kómmi aus dem Ägyptischen, wo es ein Harz bezeichnete.
Der Bürogummi aber ist etwas ganz anderes, nämlich der französische commis de bureau, schlicht ein «Büroangestellter» oder «Bürogehilfe». Commis leitet sich ab von commettre und dieses vom lateinischen committere «anvertrauen, beauftragen». Ein aus der heutigen Berufswelt weitgehend verschwundener Bruder des Bürogummis war der einfache Gummi, der «Handelsreisende», laut Eintrag im Wörterbuch «eine vom Volke nicht gerade hoch taxierte moderne Charakterfigur», wohl wegen ihrer typischerweise anbiedernden Art: Die Zürcher Redensart de Gummi mache bedeutete jedenfalls «vorwitzig dienstfertig sein».
Im Schweizerdeutschen sicher auch kein sehr altes Wort, ist dieser Gummi im Gegensatz zum Radiergummi in Band II des Schweizerischen Idiotikons immerhin mit Belegen aus dem 19. Jahrhundert verzeichnet. Dass das unaspirierte romanische C im Wortanlaut im Schweizerdeutschen zum G wurde, ist für die meisten Dialekte normal, wie Wörter wie Gaggo und Gaffi (neben Kafi) zeigen. Auch die Hebung des französischen o vor Nasallaut zu u kennt viele Parallelen, etwa Unggle für Onkel und Gumfi für Konfitüre. Und so fallen die Namen für das Material und für den Bürolisten lautlich zusammen, was, so das Idiotikon, «dem Begriffe [des Commis] eine mehr oder weniger gefühlte komische Färbung» gibt.
Obwohl ursprünglich also eine französische Berufsbezeichnung für einen Beauftragten, liegt es nahe, sich den Bürogummi als jemanden vorzustellen, der mit dem Radiergummi hantiert, weil Büroangestellte naturgemäss häufig schreiben und das früher eben meist von Hand geschah – auch wenn heutige Bürogummis weder eine schöne Handschrift brauchen noch notwendigerweise kleine Angestellte sind.