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Bündner Berg- und Paßnamen vor dem XIX. Jahrhundert
Dr. A. Wäber, Bern.
Von Plurima sunt juga illarum Alpium, et varia illarum nomina, diversa quoque itinera. Jos. Simler 1574.
I. Altertum und Mittelalter.
Die ältesten Gebirgsnamen, die wir auf das heutige Graubünden beziehen dürfen, Adula, Rhaetico, Alpes Rhaeticae und Juga Rhœtica, bezeichnen Berggebiete, die sich weit über die jetzigen Bündnergrenzen hinaus erstrecken.
Von diesen Namen haben die Humanisten des XVI. Jahrhunderts Juga Rhaetica am Wormserjoch, Rhaetico zwischen dem Montafon und dem Prätigau lokalisiert. Die Juga Rha'tica sind jetzt aus den Karten, in denen sie sich bis ins XVIII. Jahrhundert gehalten haben, verschwunden, der Name Rhaetico hat sich behauptet, obschon Pomponius Mela unter seinem Rhatico wohl ebensowenig-einen bestimmten Bergzug verstanden hat, wie Tacitus unter den Rhatica juga einen einzelnen Paß des rhätischen Berglandes.
Hauptsächlich, wenn auch nicht ausschließlich, ist dagegen der Name Adula für Bünden in Anspruch zu nehmen. Bei Strabo heißt Adula das Gebirge, aus dem nach der einen Seite der Rhein, nach der andern die Adda abfließen. Ptolemäus setzt den Berg Adula an die Westgrenze Rhätiens. Heute bezeichnen wir als Adulagruppe das Rheinwaldgebirge samt seinen Ausläufern.
Namen für einzelne Gipfel oder Pässe Bündens haben uns die Römer nicht hinterlassen, nicht einmal für die beiden Straßen, die nach der Peutingerschen Tafel und dem Itinerar des Antonin vom Bodensee über Chur zum Comersee führten.
Aus dem Jahrtausend vom Ende der römischen Herrschaft in Rhätien bis zum Zusammenschluß der drei hochrhätischen Bünde sind für unser Gebiet weder Karten noch geographische Schriften erhalten; selbst die Itinerarien der Rompilger berühren die Bündnerpässe nur flüchtig oder gar nicht. Die Lücke wird teilweise durch die historische Literatur ausgefüllt, namentlich durch die Urkunden, die in Bünden weit mehr Pässe und Berge nennen, als im Berner Oberland und im Wallis; einerseits, weil das vielfach zerschnittene rhätische Hochland dem Verkehr mehr Straßen bot als die langgestreckten Bergmauern der Berner und Walliser Alpen, anderseits, weil Graubünden auch territorial mehr zerstückelt war als Bern und Wallis, und die Abgrenzung der Rechte und Pflichten zwischen den einzelnen Herrschaften und Bünden öfter zu Verträgen Anlaß gab, in denen man gerne Paßhöhen und Berge als natürliche Marksteine anführte.
Da es sich in dieser Studie hauptsächlich um das erste Auftauchen der Namen in der geographischen Literatur, in Karten, Landes- und Reisebeschreibungen handelt, so kann hier auf das historische Material nicht näher eingetreten werden. Immerhin werden einige Daten über die wichtigsten Punkte vielleicht nicht unwillkommen sein 1 ).
Der erste Bündner Paß, der sicher benannt wird, ist der Bernhardin. Der longobardische Kleriker Liutprand wirft in seiner um 960 geschriebenen Antopodosis dem Mons Avium vor, er habe, sonst selbst im Sommer unwegsam, im Winter eine „ Pest ", die er hätte vernichten können, unversehrt entschlüpfen lassen ( Mon. Germ., Script. III, pag. 330 ). Die „ Pest ", deren der Bischof von Cremona so liebevoll gedenkt, war Willa, die Gattin seines ehemaligen Gönners, Berengar II. von Ivrea, und der Mons Avium, den sie im Winter 940/941 auf der Flucht vor Hugo von Provence „ zu unerhörter, froststarrender Zeit ", hochschwanger, zu Fuß überschritt, war der Bernhardin. In dem Freiheitsbrief der Rheinwalder 1277 ( Mohr, Cod. I, Nr. 286 ) wird der Paß Vogelberg genannt; 1457 erscheint der Name in italienischer Form: Monte ulzello ( Boll. stor. 1889, pag. 54 ). Den Heiligennamen trägt er nach Bernardino von Siena, der 1450 heilig gesprochen wurde.
Der erste sichere Übergang über den Lukmanier ist der in den Einsiedler Annalen verzeichnete Zug Kaiser Ottos I. 965 von Pavia nach Chur über den Monte Cenere und den Lukmanier ( Mon. Germ., Script. III, pag. 142, Anzeiger für Schweiz. Geschichte 1884, pag. 292/293 ). Im Urbar der habsburgischen Grafschaft Laax 1309 wird das Kreuz auf Luggemein als Grenze angegeben ( Mohr, Cod. II, Nr. Uli. Später führt der Paß auch die Namen St. Barnabas und St. Mariaberg; der letztere kommt von dem 1374 erbauten obersten Hospiz auf der Bündnerseite her, der erstere von dem obersten Hospiz auf der Tessinerseite zu Casaccia, das schon 1136 als Hospiz „ S. Sepulcri in loco magno " und 1331 als Hospiz „ S. S. Sepulcri et Barnabse " erwähnt wird ( Boll. stor. 1906, pag. 4 und 82 ).
Wie der Bernhardin und der Lukmanier ist auch der Septimer ein sehr alter Paß, der vielleicht schon zur Römerzeit benutzt wurde, obwohl seine Überreste einer alten Straße nicht römischen Ursprungs sind, sondern von dem Straßenbau Jakobs v. Castelmur 1387 herrühren. Die erste urkundliche Erwähnung findet sich in einem Dokument von 998, durch das Gregor V. dem Kloster Pfävers den Besitz der „ ecclesia S. Gaudentii ad pedem Septimi montis " bestätigt ( Eichhorn XXIX, pag. 34 ). Das Hospiz St. Peter auf dem Septimer wird 1120 genannt ( Eichhorn, pag. 77 ) und später oft als Markstein erwähnt, so in dem habsburgischen Urbar 1309 „ Sepmen ze St. Peter "; in dem Bundesbrief der Gotteshausleute von Bergün, Oberhalbstein und Avers mit den werdenbergischen Untertanen in Schams, Domleschg und Vaz 1396 ( Jecklin, Nr. 6 ) „ St. Peters Capell uff dem Septmannberg ".
Die Maloja wird um 1295 in dem Einkünfterodel der Kirche Chur als Grenze der zehntpflichtigen Güter im Oberengadin genannt „ inter Pontem altum et Maloygiam " ( Mohr II, Nr. 76 ). Das mehrerwähnte Urbar von 1309 erwähnt außer mehreren Punkten, für die noch keine durchweg befriedigende Deutung gefunden ist, die Greina-Uf Agren ( 1440 Agrenen ), den Oberalppass oder seine Variante Pass da Tiarms Crispait, den Panixerpass-Wepeh ( 1440 Wepk ) und den Kunkels-Gungels.
In einem Rechtsspruch Heinrichs von Böhmen und Tirol 1332 zwischen den Herren von Matsch und Reichenberg erscheint das Wormserjoch - Wurmserjoch ( Mohr III, Nr. 201338 belehnt der Bischof von Chur den Grafen Rudolf v. Werdenberg und seine Gattin Ursula v. Vaz mit dem Schanfigg bis zum Strelapass - Uff Striai ( Mohr II, Nr. 256 ). Die Albula erscheint zuerst in einer Schenkung Kaiser Karls IV. an den Bischof und die Kirche von Chur als Ilbellen ( Mohr III, Nr. 40es kann darunter ebensogut der Fluß wie der Paß verstanden sein; unzweifelhaft ist aber der Paß in dem Kaufbrief gemeint, durch den Ursula v. Werdenberg geb. Vaz ihrem Oheim Ulrich v. Matsch Güter und Leute „ bis an den Berg Aelbellen und bis an den Berg Julien " verkauft ( Thommen I, Nr. 732 ). Wie dies die erste sichere Nennung des Albulapasses ist, so ist es auch die erste des Juliers, dessen „ Marmel-stein " in dem obenerwähnten Bund von 1396 und in dem Bundesbrief von 1407 von Oberhalbstein und Avers mit dem Rheinwald als Markstein genannt wird ( Jecklin, Nr. 12 ). Sehr spät für einen Paß, der schon eine Römerstraße gewesen sein soll, wird der Splügen genannt. Erst in dem Bündnis des Oberen Bundes mit der Stadt Chur und den Vier Dörfern 1440 wird neben dem Krüzlipass und einigen schon erwähnten Punkten Vogel, Agrenen, Crispaltz usw. der „ Berg ze Splügen gen Kleven " als Grenzpaß der Bundespflicht angegeben. In dem Entwurf eines Bundesvertrages zwischen dem Oberen Bunde und dem Engadin 1451 wird er „ der Urß " genannt ( Jecklin, Nr. 24 und 26 ). Zur eigentlichen Handelsstraße wurde freilich der Splügen erst 1471—1473 gemacht durch den Bau der Straße, die im Via mala-Brief von 1473 als „ die richsstras und der weg entzwischend Thusis und Schams, so man nempt Fya mala " bezeichnet wird ( Zeitschrift f. Handelsrecht XXX, pag. 66 u. ff., Stuttgart 1884 ).
Der Heinzenberg — Haintzenborg - wird 1383 in dem Kaufvertrag zwischen Johann v. Werdenberg'und seinem Schwager Ulrich Brun von Rhäzüns genannt ( Wartmann, Nr. 91 ); der Name bezieht sich aber eigentlich nur auf den Ostabhang; erst im XVIII. Jahrhundert wird er auf den ganzen Bergzug zwischen Safien und Domleschg ausgedehnt. Mehrere unzweifelhafte Bergnamen finden wir in der Grenzbereinigung des Klosters Pfävers 1426, die uns u.a. in der Grenzkette gegen Bünden das Tristel- horn - Uff höchsten Gradt Tristeil, den Calanda - Galanden - und den Pizalun -Bizilonenkopf - nennt ( Salis-Seewis, pag. 232/233 ). 1450 erscheint in dem Schirm-und Freiheitsbrief des Tales und Gerichts Safien das Bruschghorn - Brusgerhorn ( Bündner Monatsblatt 1901, pag. 50 ) und 1456 sein Nachbar der Piz Beverin, der in einem Kaufbrief Bitz Buffrin und in einem Schiedsspruche desselben Jahres Spitz Pafryn genannt wird ( Kind, pag. 11/12; Wartmann, Nr. 195 ).
Viele Punkte, die in den Urkunden erwähnt sind, werden hier übergangen, teils weil sie nicht sicher bestimmt, teils weil sie an sich so unwichtig sind, daß die Siegfriedkarte sie nicht mit Eigennamen bezeichnet. Die urkundliche Erwähnung solcher unbedeutender Berge und Pässe beweist aber, daß schon viel mehr Punkte im Mittelalter Eigennamen besaßen, als man aus den Karten und geographischen Schriften späterer Zeiten schließen möchte, Eigennamen, die allerdings meist nur in der nächsten Umgebung bekannt sein mochten und sich nur dann nachweisen lassen, wenn eine Grenzbereinigung, ein Kauf- oder Lehensvertrag u. dgl. die Nennung eines natürlichen Marksteines veranlaßten.
II. Die Zeit der Humanisten.
Die geographische Literatur der Schweiz beginnt im letzten Viertel des XV. Jahrhunderts, als der Humanismus von Italien her die Alpen überschritten hatte.
Die ersten geographischen Beschreibungen der Schweiz berühren Graubünden, das erst 1497 und 1498 mit den Eidgenossen in nähere Verbindung trat, noch wenig. Albrecht von Bonstetten 1479 1 ) beschreibt nur die Acht Orte und erwähnt die „ Markgrafschaft Churwalhen " beiläufig als Anstößer von Glarus. In Conrad Türsts „ Beschreibung gemeiner Eydgnosschaft " 2 ) 1495 oder 1496 ist nur von den Zehn Orten der damaligen Schweiz die Rede und in Graubünden wird einzig Chur erwähnt. In seiner Landtafel, der ältesten Schweizerkarte, verzeichnet Türst dagegen die Alpes Rha'ticae an der Stelle des Silvrettagebiets, die Alpes Lepontii ( sic ) zwischen Airolo und Tavetsch und die Adula beim „ Gotzhart " zwischen Airolo und Urseren; von Bündnerpässen nennt er den Oberalppass - Krispalt, den Kunkels - Gungulund die Lenzerheide.
Die ersten Schweizer Geographen des XVI. Jahrhunderts, der Glarner Heinrich Loriti genannt Glarean und der St. Galler Joachim v. Watt genannt Vadian, vermehren die Kenntnis Graubündens nur wenig. Der erstere nennt in seiner poetischen Beschreibung der Schweiz 1515 einen Mons Diaduella an den Quellen des Rheins und scheint den Etzel zur Adula zu rechnen; der letztere ist es, der zuerst in dem Kommentar zu den geographischen Schriften Pomponius Melas 1518 den Rhätikon auf seinen jetzigen Namen getauft hat. Um dem Rhätikon in Graubünden einen Platz anweisen zu können, suchte er nach einem ähnlich klingenden Namen und glaubte, diesen in „ Prätigau " gefunden zu haben. Prätigau sei aus Rätigau und dies aus Rhätico korrumpiert.
Weit einläßlicher als die beiden Schweizer Humanisten befaßt sich mit Graubünden der italienische Militärgeograph Alberto Vignati 3 ), ein Edelmann aus Lodi, der in dem Streite um Mailand zwischen den Sforza und Ludwig XII. von Frankreich auf französischer Seite stand, deshalb nach der Wiedereinsetzung der Sforza 1512 flüchten mußte und 1513 als Verbannter in Graubünden lebte, nach der Schlacht von Marignano 1515 aber als Generalkommissär der Festungen im Mailändischen in französischem Dienste stand. Seine „ Itinerari militari " hatte er 1496 angefangen und 1519 abgeschlossen. Er muß die Zeit seines Exils in Bünden gut benutzt haben, denn er kennt die Bündner Straßen genau, zählt die daran liegenden Ortschaften auf, gibt an, wie weit sie voneinander entfernt sind und wieviel Pferde man darin unterbringen kann, und weiß, wo feste Plätze, Engpässe, böse Straßenstreeken, hölzerne und steinerne Brücken vorhanden sind. Ganz idyllisch erscheint zwischen all diesen streng militärischen Details die Notiz, in den Oberengadiner Seen würden viele halbpfündige Forellen gefangen, wahrscheinlich eine freundliche gastronomische Erinnerung aus den Tagen seiner Verbannung.
Die Pässe, die er in Bünden und dem anstoßenden Tessiner Gebiete erwähnt, sind: Der Passo della Forcola - Montagna del Forcolo - zwischen der Mesolcina und Chiavenna, der St° Jorio vom Comersee nach Bellinzona samt seiner Abzweigung nach Roveredo über die Bocchetta di Camedo, die er nicht nennt, aber durch die Stationen Brencio, Vincino, Olino bezeichnet; dies ist der Mont Venschin, der in den Karten bis gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts neben dem Jorio erscheint 1 ); der Lukmanier -St " Maria, der Bernhardin, der als Monte Lolcello, an anderer Stelle zum ersten Male unter dem Heiligennamen S. Bernardino erscheint1 ), der Splügen— Montagna di li Orsi, der Septimer - Colma di Sette, der Muretto - Montagna de Malengo, die Maloja -Colma di Malogio, der Berninapass - Montagna de Berlina, der Albulapass - Montagna Dalbera, der Schyn - Passo del Sin ( „ in den Fels gehauen, mit ungeheurem Abgrund, sehr böser Paß " ), das Wormserjoch ( UmbrailMonte de Monbray - und der Ofenberg, nach dem Dorf e Fuldera Montagna de Faldera benannt. Nur angedeutet sind die Wege aus Val Grosina ins Puschlav und von Bormio über Pedenosso und Livigno ins Engadin.
Der Mailänder Soldat kennt also die Bündnerpässe gut, kaum weniger gut als der Schweizer Humanist Aegidius Tschudi ( 1505 —1572 ), der als der Vater der rhätischen Topographie gilt.
Die Alpisch Rhetia 2 ) 1538 ist die erste historisch-geographische Beschreibung Graubündens und die zugehörige Karte die erste, die das ganze Gebiet der Drei Bünde darstellt. Tschudi hatte beide um 1530 verfaßt, nachdem er, wahrscheinlich 1525, „ etliche Alp Gepirg ", in Graubünden u.a. den Lukmanier, den Bernhardin, den Splügen und den Septimer „ durchwandlet, auch die byligenden Landschafften beider Sits merteils erduret hatte " ( Gali, com ., pag. 283 ). Die Gallia cornata, das 1 ' ) Vignati ist in der Schreibweise der Namen nicht konsequent, und er nennt auch dann und wann denselben Punkt an verschiedenen Stellen mit verschiedenen Namen, die er oft grausam mißhandelt.
2 ) Tschudi, Gilg. ( Ägid. ), Die uralt warhafftig Alpisch Rhetia sampt dem Tract der anderen Alpgebirgen; Basel 1538 ( lateinische Ausgabe ebenda 1538 ).
Id. Nova Rhaetiae atque Totius Helvetiae Descriptio: Basel 1560 ( wahrscheinlich mit denselben Holzstöcken gedruckt, wie die zur Alpisch Rhetia gehörende Karte von 1538, die uns nicht erhalten ist ).
Id. Hauptschlüssel zu zerschidencn Alterthümern oder... Beschreibung... Galliae comatae ( 1572 ); herausgegeben von J. J. Gallati; Constanz 1758.
letzte Werk Tschudis, wurde 1572 wenige Tage vor seinem Tode vollendet, aber erst 1758 veröffentlicht; soweit sie Bünden betrifft ( Buch II, Teil 1 ), ist sie nicht viel mehr, als eine durch den Herausgeber etwas modernisierte und ergänzte Wiederholung der Rhetia.
Abgesehen von der Forcola, dem Jorio mit seiner Abzweigung über Vincino, und dem Schyn finden wir die Pässe Vignatis sämtlich auch bei Tschudi, aber oft unter anderen Namen oder in abweichender Schreibweise. Der Lukmanier heißt auch Lucumonis Mons und ist laut der Gallia cornata nach einem „ Tuscaner Lucumo " benannt, einem mythischen Gefährten des ebenso mythischen Häuptlings Rhaetus. Dem Humanisten, der überall an das Altertum anzuknüpfen sucht, gilt der urkund liehe mittelalterliche Name Locus magnus als barbarisch! Der Bernhard in wird auch Vogel, Culmen de Occello, in der Gallia cornata Avicula genannt; der Splügen heißt Urßler, Urschler oder Splüger. Das sind die „ dry brüchig Straßen im Alpgebirg Adula ". Der Septimer - Settmer dagegen ist die „ richtig straß von Chur ins Bergellertal " und die Alblila - Elbelendie gemein straß von Chur ins Engadin zu wandlen ". Der Berninapass heißt Perlinger oder Perninna, in der Gallia cornata sogar Pyrenseus Mons, der Ofenpass - Pes Falarius oder Buffallor, in der Gallia cornata auch Pustabor oder Büffelhorn, das Wormserjoch - Rhatica juga, Wurmserjoch und Mons Braulius. Neu erwähnen die Rhetia und die Karte den Julier, von dem es in der Rhetia heißt, er sei das höchste Alpgebirg in Rhätien und „ nit als weg wandelbar von wegen syner höhe und wilde ". Septimer und Julier bilden die Alpes Juliœ. Für den Berg Rhetico akzeptiert Tschudi die Etymologie Vadians, denn wenn Mela diesen Berg erwähne, so müsse er doch irgendwo sein, und da finde man keinen besser stimmenden Namen als Prätigau. Der Buchstabe P sei vielleicht „ aus Grobheit des Volkes " dazu gekommen und habe aus Rhetico Pretticow gemacht!
Die Karte verzeichnet außer den Namen der Rhetia die Oberalp -Crispait - und den Panix - Wäphen - und in den Namen Malserheid und Vinstermüntz erkennt man die Reschen-Scheideck. denn in der Gallia cornata wird Vinstermüntz, Venustus Mons als Paß genannt, und zwar als die „ gemeinbräuchlichste Straße aus Germania in Italiam ". Den Rhetico setzt die Karte an die Stelle der Silvretta und am Davoser See verzeichnet sie die „ Tavaser Wilde ", aus der spätere Autoren ein Gebirge gemacht haben, die aber keines ist, sondern nur die Landschaft Davos, von der Tschudi in der Rhetia sagt: „ das erst gericht ( scil, des X Gerichten Bundes ) ist Tafaaß, ein schöne wilde ".
In der Gallia cornata endlich werden von den Pässen Vignatis erwähnt der Maloja - Meloius Mons - und der Muretto - Melancus Mons. Neu genannt werden die Strela - der Sträler - als kurzer Weg aus Schanfigg nach Davos und der Berg-Cadlimo an der Quelle des Mittelrheins, wahrscheinlich die Bocca di Cadlimo. Spätere Geographen machen aus dem Cadlimo einen Bergstock, der allerdings gewöhnlich weit entfernt von seinem Platze westlich vom Lukmanier gesucht wird.
Tschudis Karte und die „ Alpisch Rhetia " sind nun bis ins XVII. Jahrhundert die Hauptquelle für die Topographie Bündens und der Schweiz. Die Gallia cornata dagegen blieb den Geographen der Zeit unzugänglich, weil sie bis über die Mitte des XVIII. Jahrhunderts im Archiv der Tschudi auf Gräplang begraben lag.
Die Schweizer- und Bündnerkarten des XVI. Jahrhunderts von Joh. Stumpf 1548, Sebastian Münster 1550, Anton Salamanca 1555, Bertely 1566, Ortelius 1570, 1584 usw., Quade 1596 sind sämtlich Reproduktionen der Tschudischen Karte in verkleinertem Maßstabe, oft mit anderer Orientierung, aber ohne neuen Karteninhalt. Sie können hier um so eher übergangen werden, als die 10. Landtafel Stumpfs hier beigelegt ist.
Auch die topographischen Schriften der Zeit stützen sich hauptsächlich auf Tschudi: Franciscus Nigers Rhaetia 1547, eine überschwengliche Lobpreisung von Graubünden und Veltlin im elegischen Versmaß von geringem topographischem Werte, bringt nichts Neues. Johannes Stumpf hält sich in den Büchern von den Lepontiern und den Rhätiern ( Buch 9 und 10 der Chronik von 1548 ) an die Karte und, stellenweise wörtlich, an den Text Tschudis, erweitert aber manchmal den Begriff der Namen: so dehnt er die Bündner Julischen Alpen bis zum Ofenberg'und dem Berninapaß aus, bezieht Tschudis Bezeichnung Tavaser wilde auf das ganze Berggebiet nördlich vom Albulapaß zwischen Engadin Davos, den Namen Wepchen nicht nur auf den Panixerpaß, sondern auf die Kette zwischen Glarus dem Vorderrheintal. Sebastian Münster behandelt die „ Grisones vulgo Grawbündter " im 3. Buch seiner Cosmographia ( Ausgabe 1550 ) in dem Kapitel „ De Alpibus " ziemlich summarisch nach Tschudi und bringt weder im Text noch in der Karte „ Helvetise Modern » Descriptio ", noch auch in der Schweizerkarte der Basler Ptolomäus-ausgabe von 1552 einen neuen Bündner Berg oder Paß.
Der einzige Gipfel, den wir in der Zeit zwischen der Alpisch Rhetia und der Gallia cornata in der Literatur antreffen, ist der Calanda. der urkundlich schon 1426 genannt, aber von Türst, Tschudi usw. nicht verzeichnet wird. Er erscheint in einem Briefe vom 26. Juni 1559, in welchem der Churer Stadtpfarrer Johannes Fabricius 1 ) dem Zürcher Naturforscher Conrad Gesner mitteilt, er habe einige Tage zuvor mit dem Arzte Belinus und dem Rektor Pontisella den Berg Galanden bestiegen und dabei 19, mit Namen aufgezählte, Pflanzenarten gefunden. Schade, daß wir von der Besteigung selbst nichts erfahren, als daß der Gipfel nicht ohne große Schwierigkeiten erreicht wurde; denn wenn der Calanda auch nicht, wie Fabricius meint, der weitaus höchste Berg im Gebiete der Rhäter ist, so ist er doch der höchste unter den wenigen Schweizerbergen, von deren Besteigung im XVI. Jahrhundert wir sichere Kunde haben.
Einem Amtsbruder des pflanzenkundigen Churer Pfarrers, dem streitbaren Reformator des Unterengadins, Ulrich Campell 2 ) ( zirka 1510 bis zirka 1583 ), verdanken wir die erste ausführliche Beschreibung Bündens seit Tschudis Rhetia. Campell schrieb sie 1571 —1573 als Einleitung zu seiner Historia Raîtica und sandte das Manuskript samt einer von ihm selbst gezeichneten Karte an den Zürcher Gelehrten Josias Simler. Diese Karte ist uns nicht erhalten, und sowohl die Landesbeschreibung wie die 1579 vollendete Geschichte Bündens sind erst dreihundert Jahre nach Campells Tod gedruckt worden. Immerhin blieben sie nicht so unzugänglich, wie Tschudis Gallia cornata, sondern konnten von den Bündner Historikern und Topographen des XVII. und XVIII. Jahrhunderts benutzt werden.
Die Descriptio weist viele Allotria auf: Anekdoten und Histörchen, biographische und genealogische Exkurse über bekannte Bündnerfamilien, polemische Ausfälle von stark konfessioneller Färbung, die man freilich einem Bündner Prädikanten der Reformationszeit nicht sehr verargen darf, und namentlich etymologische Erörterungen, von deren Kühnheit die Ableitung des Namens Adula zeugen mag: Der Name, meint Campell, ist deutschen Ursprungs; die Lepontier, die das Gebirge an den Rheinquellen bewohnten, sprachen Deutsch, wie es die Rheinwalder noch tun. Sie nannten das Gebirge „ Adler ", im Plural „ die Adler ", sei es, weil viele Adler darin horsteten, sei es wegen der Höhe der Gipfel, die sich adlergleich aufschwingen. Die griechischen und römischen Geographen verstanden aber kein Deutsch und machten dem Klange nach aus „ Adler " Adula, aus „ die Adler " Diaduella!
Die einzelnen Teile Graubündens sind sehr ungleichmäßig behandelt. Am besten kennt Campell den Gotteshausbund und in diesem das Unterengadin, wo er geboren und aufgewachsen ist und 30 Jahre zu Stis und Schieins als Pfarrer gewirkt hat, sowie die Gegend von Chur, wo er 1571—1573 Pfarrer zu St. Regula war. Vom Zehngerichtenbund ist ihm hauptsächlich das obere Prätigau bekannt, in dem er in den Vierzigerjahren die Pfarrei St. Jakob zu Klosters versah. Am wenigsten eigene Anschauung verrät die Beschreibung des Oberen Bundes, die denn auch sehr kurz gehalten ist. Wo die eigene Landeskenntnis nicht ausreicht, zieht Campell die geographischen Schriften seiner Zeitgenossen Vadian, Tschudi, Stumpf und die unge-druckte und verlorene Beschreibung Graubündens von seinem Lehrer und Freund Philipp Gallitius zu Rate. Die Deutung seiner geographischen Namen wird oft dadurch erschwert, daß sie ungeschickt latinisiert sind.
Im Oberen Bunde gibt er nur zwei neue Pässe an, den Glaspass von Safien nach Thusis, den er Mons Tuscianus nennt, und den Safierberg, den er nicht nennt, aber als Paß von Safien nach Splügen bezeichnet. Ferner erwähnt er den Heinzenberg auf der Westseite des Domleschg.
Weit reicher ist die Ernte im Gotteshausbund, aber der Mehrertrag fällt hauptsächlich auf das Unterengadin. Bei Chur nennt er die Rote Platte - Rota Piatta. In den Hochgerichten im Gebiete des Hinterrheins und des Albula gibt er dem Schyn die Namen Mura oder die „ Lezin ". Im Bergell erwähnt er keinen Paß oder Berg, deutet aber die Wasserscheide oberhalb der Maloja an, wo nach der Aussage von Gemsjägern auf Steinwurfweite voneinander entfernt der Inn, die Mera und der Settmerbach entspringen.
Im Oberengadin benennt er die Scaletta und die Wege nach Livigno über den Casanapass - Chiaschauna - und die Fuorcla Trupchum - Trupgium. Bei Casana gedenkt er des Einbruchs der Österreicher unter Jakob von Sonnenberg im Schwabenkriege 1499, der den Engadinern in böser Erinnerung stand. Beim Berninapass kennt er die Varianten über Pisciadella, der die jetzige Straße folgt, und über Cavaglia, wo heute die Berninabahn durchführt. Zu seiner Zeit war der letztere Weg der begangenere. Sein Mons Alpiglia, gegenüber Zuz, den er wahrscheinlich nur der Etymologie zuliebe — Alpiglia = Alpes Juliae — anführt, ist kein Gipfel, sondern eine Alp.
In seiner engeren Heimat, dem Unterengadin, weiß Campell noch besser Bescheid. Er nennt zum erstenmal den Flüelapass - Flöga oder Flögia Mons, als Hauptweg der Davoser für den Verkehr mit dem Inntal und dem Vinstgau und deutet als Querweg von der Südseite der Flüela nach dem Dischmatal am Scalettaweg den Grialetschpass an. Als Pässe ins Prätigau erwähnt er den Flesspass. den er durch die Namen der Täler Fless, Valtorta und Vereina bezeichnet, den Vereinapass ( Val TortaVerena Mons - von Val Sagliains nach Val Torta und Vereina, und den Vernelapass ( Fuorcla ZadrellVerenella Mons - von Val Lavinuoz nach Vernela und Vereina. Campell macht darauf aufmerksam, daß man sich in Val Torta, wo die beiden ersten Passwege zusammentreffen, leicht verirren kann; namentlich bei Nebelwetter seien schon oft Leute, die ins Prätigau wollten, morgens von Süs durch eines der beiden Täler Fless oder Sagliains aufgestiegen und abends ganz gegen ihre Absicht und sehr verdutzt durch das andere nach Süs zurückgekommen, und dies Mißgeschick, fügt er nicht ohne Bosheit bei, sei 1572 sogar einigen Männern passiert, die in Staatsgeschäften von Süs nach Chur gehen sollten, und zwar bei hellem Wetter!
Von dem Wege durch Val Sagliains weiß er ferner zu berichten, zur Rechten habe man ein ungeheures Gletschergebirge, dessen höchster Grat Lgymps heiße, weil er an Höhe dem Olymp nahe komme. Dies Gebirge sei ein südlicher Ausläufer des „ Piz Chünard " gegen Lavin hin. Der Lgymps kann nichts anderes sein als der Grat des Piz Glims. und der Piz Chünard, benannt nach seinem mythischen ersten Besteiger Chünard oder Chuonrad, ist der Piz Linard. Das goldene Kreuz aber, das Chünard als Wahrzeichen der Besteigung, statt eines Steinmannes, auf der Spitze zurückgelassen, hat keiner der späteren Linardhesteiger gefunden.
Als Paß vom Unterengadin ins Montafon nennt Campell den Weg durch Val Tuoi und über den Fermuntpass, „ über den Gletscher ", in die Ardezeralp Fermunt. Er sei der Schründe wegen lebensgefährlich, werde aber von den Ardezern mit ihrem Vieh jedes Jahr gemacht, wobei man sich zum Herausziehen der in Spalten eingebrochenen Menschen und Tiere lederner Heuseile bediene. Als Paß ins Paznaun nach Galtür wird der Futschölpass - Mons Föcolius - von Ardez oder Fetan durch Val Tasna angeführt. Da die Galtürer früher zu Ardez eingepfarrt gewesen seien 1 ), hätten sie die Leichen der im Winter Verstorbenen bis zum Frühjahr aufbewahren müssen, um sie dann, sobald der Paß wieder offen war, zum Friedhof der Pfarrkirche führen zu können.
Den Fimberpass ( Cuolmen Fenga ) beschreibt Campell als Weg von Eremusium durch das Tal Greusio über einen nicht sehr hohen Berg in das Tal Fengua und hinaus nach Isola. Eremusium ist Remüs, das Tal Greusio, das Campell nach den Alphütten Griosch bezeichnet, heißt jetzt Val Sinestra oder Lavran, Isola ist Ischgl im Paznaun. Der niedrige Bergpaß aus dem Hintergrunde von Samnaun - Sam-manium ( d.h. Samnium, denn die Samnauner sind nach Campell Nachkommen der Samniter ) nach Fengua ist das Samnaunerjoch ( Fuorcla Zebles ).
Auf der andern Talseite des Unterengadins gibt Campell als Pässe ins Münstertal an den bereits bekannten Pes Falarius, den Scarla Mons und die Malserheid oder Crux Mons. Bei dem erstem deutet er den jetzigen Namen an durch die Herberge „ Alg Fuorn ( Germanice zum Ofen ) " bei der alten Eisenschmelze, nach welcher der Paß jetzt Ofenberg heißt. Er weiß auch, daß vom Paßweg ein Pfad über Giufpian - Jugum Planum - und die Scala ( di Fraele ) nach Bormio abzweigt; einst sei dieser Weg sogar mehr begangen gewesen als der über das Wormserjoch, jetzt aber sei er wegen des gefährlichen Abgrundes der Scala nicht mehr üblich. Giufpian, Wormserjoch und Ofenberg faßt er als „ Juga rhsetica " zusammen. Unter Scarla Mons kann man den Übergang bei Punkt 2251 verstehen, den das Itinerar von 1898 Scarlpass nennt; aber an anderer Stelle bezeichnet Campell deutlich die Cruschetta ( Cuolmen da Plazer ), zwischen Scarl und Avigna, die oft auch Scarl Jöchl genannt wird, als Scarla Mons.
Der dritte Paß, die jetzige Reschen Scheideck, liegt jenseits der Landesgrenze, aber Campell führt den Crux Mons gleichwohl als die dritte unter den fünf Straßen auf, die in Sta Maria im Münstertal zusammentreffen und dem Orte durch ihren Verkehr großen Reichtum und stattliche Gebäude, aber auch Üppigkeit und lockere Sitten gebracht hätten. Die vierte und fünfte dieser Straßen sind die über das Wormserjoch und die Talstraße aus dem Vinstgau, an der Campell den durch die Schlacht vom 22. Mai 1499 berühmten Engpaß der Calven und den „ erstaunlich jähen und hohen Berg Schlingia " erwähnt, über den die Bündner in der Nacht vom 21. auf den 22. das österreichische Bollwerk in der Calven umgingen. Da nach Campells Schilderung dieser Berg so dicht am linken Ufer des Ram aufsteigt, daß Fluß und Straße kaum nebeneinander Platz haben, so kann nicht der Schlinigerberg gemeint sein, sondern der Mons Schlingia oder Schlingensis Campells muß in der Kette des Krippenlandes gesucht werden.
Gipfel nennt Campell auf der rechten Seite des Unterengadins nicht. Seine „ Berge " sind Pässe oder Alpen, immerhin ist es möglich, daß unter dem Mons Alpilgas oder Alpilias, der den Süsern als Wetterprophet galt, nicht nur die Alp, sondern auch der Piz d' Arpiglia zu verstehen ist.
Im Gebiete des Zehngerichtenbundes erwähnt Campell unter den Quellflüssen der Landquart die Bäche, die wie aus Felsen aus den Eismassen der Tälchen Ver-stancala und Saffreta entspringen. Es ist dies das erste Mal, daß der Name Silvretta, wenn auch in veränderter Form, genannt wird. Als Prätigauerpässe werden durch die Namen ihrer Täler oder Ausgangspunkte bezeichnet der Klosterpass als Weg von Galtür und Fermunt über Sardasca nach Klosters, das Schlappinerjoch als Weg von Klosters durch „ Stlopinum " nach St. Gallenkirch und der Plassecken-pass als Weg aus St. Antönien nach Tschagguns im Montafon. In den übrigen Teilen des Bundes werden nur die romanischen Namen der Strela - Striaera oder Strigaera - und der Lenzerheide - Planüras - neu genannt.
Im ganzen nennt Campell, abgesehen von den Übergängen aus dem Veltlin ins Mailändische und ins Venetianische, die das heutige Graubünden nicht berühren, einundzwanzig neue, d.h. von keinem früheren Autor erwähnte Pässe und drei neue Gipfel, den nur unsicher bezeichneten Piz d' Arpiglia nicht mitgerechnet. Die Ausbeute ist also eine sehr reiche, beträchtlich reicher als in der „ Vallesiae Descriptio " Josias Simlers 1574 und ungefähr ebenso ergiebig wie in der Karte und der „ Chorographia ditionis Bernensis " Thomas Schopfs 1576/77. Nur zählt der Berner Stadtarzt viel mehr Gipfel, der Bündner Pfarrherr viel mehr Pässe auf.
Ein Jahr nachdem Campell seine Topographie an Josias Simler ( 1530—1576 ) geschickt hatte, gab dieser zugleich mit der oben erwähnten Beschreibung des Wallis seine Abhandlung über die Alpen heraus. Ohne je selbst im Hochgebirge gewesen zu; sein, stellt Simler1 ) übersichtlich alles zusammen, was er über die Alpen in der Literatur sowohl des Altertums wie seiner eigenen Zeit gefunden. Merkwürdigerweise erwähnt er Campell nicht und scheint von dessen Manuskript, das ihm doch frei zur Verfügung stand, keinen Gebrauch gemacht zu haben, vielleicht weil seine eigene Arbeit schon zu weit vorgeschritten war, vielleicht weil dem Verfasser der knappen sachlichen Beschreibung des Wallis an der rhätischen Topographie Campells die Weitschweifigkeit, die ungleichmäßige Behandlung des Stoffes und die vielen Seitensprünge mißfielen. Selbst hat Simler zur Kenntnis der Bündnerberge in den Kapiteln von den lepontischen und den rhätischen Alpen nichts Neues beigebracht, als die Berichtigung der falschen Annahme Tschudis und anderer, die Rhaetica Juga des Tacitus müßten durchaus am Wormserjoch gesucht werden. Simler wendet gegen diese Hypothese mit Recht ein, wenn man, wie der römische Feldherr Calcina, von dem Tacitus spricht, aus Helvetien nach Noricum ( Steiermark ) marschieren wolle, so brauche man dafür nicht den Umweg zu den Quellen der Adda zu machen, sondern finde in den rhätischen Alpen andere Straßen genug.
Die beiden letzten Humanisten des XVI. Jahrhunderts, die sich mit der Geographie Rhätiens befassen, der Augsburger Martin Welser 1594 und der Freiburger Franz Guilliman 1598, sind fast ausschließlich Historiker. Jener behandelt die alte Rhit'tia seeunda oder Vindelicien, d.h. Schwaben und Südbayern, und berührt die Rhaetia prima, zu der Graubünden gehörte, ganz flüchtig. Guilliman nennt in seiner historisch-antiquarischen Beschreibung der Schweiz im Kapitel von den Rhätiern nur einige wenige Pässe nach Tschudi und Stumpf.
Von allgemeinen Beschreibungen der Schweiz sind nun überhaupt wenig neue Paßnamen mehr zu erwarten. Die Kenntnis der Bündnerpässe ist namentlich durch Campells Descriptio so weit gefördert, daß am Ende des Zeitalters der Humanisten alle großen Pässe Bündens und auch die meisten kleinen, soweit sie für den Verkehr in Betracht kommen, bekannt und benannt sind; nicht immer mit den heute üblichen Namen, aber doch durch die Namen ihrer Täler oder Endpunkte unverkennbar bezeichnet. Gipfel dagegen werden nur wenige genannt, im Gegensatze zum Berner Oberlande, wo am Ende des XVI. Jahrhunderts viel mehr Berge als Pässe bekannt waren.
III. Das XVI. Jahrhundert.
Die ersten Autoren des XVII. Jahrhunderts, die Graubünden beschreiben, sind zwei Poeten oder besser gesagt Verseschmiede: Hans Rudolf Rebmann, Pfarrer zu Thun, dessen „ Poetisch Gastmal und Gespräch zweyer Bergen " 1606 erschien, und Marc L' Escarbot, „ Advocat en Parlement " und Dolmetsch des französischen Gesandten, Pierre de Castille, dem er „ De Soleurre commençant Fan de nostre salut 1614 " sein „ Tableau de la Suisse " widmete, das aber erst 1618 zu Paris herauskam. Von Rebmann, dessen Gespräch bis ins XVIII. Jahrhundert als Repertorium der Bergkunde galt und u.a. noch von .Scheuchzer in seiner Orographie von 1716 öfters zitiert wird, sollte man einige Bereicherung der Bündner Bergnomenklatur erwarten dürfen; aber so gut der Pfarrherr von Thun das Berner Oberland kennt, so wenig ist er in den Bündnerbergen bewandert. Er bringt in den paar Seiten ungefüger Knittelverse, die er für Graubünden übrig hat, nichts anderes, als was schon bei seinem Gewährsmanne Joh. Stumpf zu finden ist.
L' Escarbot hat in den Jahren 1612 und 1613 die Schweiz und Graubünden bereist und besingt sie in eleganteren Versen, aber er ist kein Bergfreund; er zittert ganz vor Entsetzen, wenn er an die hohen Alpen bei den Quellen des Rheins denkt, und begreift nicht, daß man überhaupt in Graubünden leben möge und könne!
„ Mais quel homme pourroit, si ce n' est un Grison. Faire en ces aspres lieux le choix de sa maison ?"
Er nennt denn auch in Bünden nur den „ Mont Adule ", der jetzt Albela heiße, und die „ Fourcoula des Grisons ", d.h. die Oberalp; aber im Anhange zum „ Tableau de la Suisse " bringt er einen Brief des Pfarrers von Tavetsch, Sebastian v. Castelberg, über den Ursprung des Vorderrheins, in dem zum ersten Male der Badus genannt wird, nicht nur als der Berg, von dem der Rhein herkommt, sondern als Bündner Spezial-Ararat, denn nach der Überlieferung sei dieser Berg Badus nach der Sintflut zuerst trocken über dem Wasser sichtbar geworden!
Abgesehen von diesen beiden Lehrgedichten steht die Bergtopographie Bündens in den ersten Dezennien des XVII. Jahrhunderts im Zeichen der Politik und des Krieges, und die Geographen sind Staats- und Kriegsmänner. Durch Bünden und seine Untertanenländer führten die kürzesten Wege von Mailand, das nach dem Erlöschen der Sforza den spanischen Habsburgern gehörte, in die österreichischen Erblande der Habsburger und ins Reich. Soviel den Habsburgern daran liegen mußte, die Bündnerpässe unter ihre Botmäßigkeit zu bringen, so großes Interesse hatte Frankreich als Rivale der Habsburger im Streite um die Vorherrschaft in Europa daran, dies zu verhindern.
Der Kampf um die Bündnerpässe wurde am Anfang des XVII. Jahrhunderts nicht mit den Waffen geführt, sondern mittelst Intrigen, Schikanen, Bestechungen, unter geschickter Benützung der Zwietracht der Bündner und der Abneigung ihrer italienischen Untertanen in Veltlin, Bormio und Chiavenna gegen die bündnerischen Herren. Erst der Veltliner Mord 1620 gab den Anstoß zum offenen Kriege.
In diese gewitterschwüle Zeit fällt Johann Gulers1 ) Raetia 1616, die der Verfasser, eines der Häupter der französisch-venetianischen Partei, dem jungen König Ludwig XIII. widmete, wohl in der Absicht, das mit dem Tode Heinrichs IV. erloschene Interesse für die Bünde wieder anzufachen.
Johann Guler v. Weineck ( 1562—1637 ), ein hochgebildeter und hochangesehener, in Kriegs- und Staatsgeschäften wohlerfahrener Mann, hatte schon 1585 einen lateinischen Auszug aus Campells .Schriften gemacht und benutzte die unfreiwillige Muße von den Staatsgeschäften, die ihm der Sieg der spanischen Partei 1007 verschaffte, dazu, das Werk zu erweitern und in deutscher Sprache auszuarbeiten. Leider liegt es nicht vollständig vor; der 1616 erschienene erste und einzige Band enthält in seinem topographischen Teil ( Bücher XI—XIX ) nur die Beschreibung der Untertanenländer und der ehemals rhätischen Landschaften in Vorarlberg, Sargans und dem Rheintal; der zweite, der das eigentliche Graubünden behandelte, kam nie zur Veröffentlichung, da das Manuskript durch einen Brandausbruch im Schlosse Weineck vernichtet wurde.
ruler v. Weineck, Joh., Raetia das ist ausführliche und warhaffte Beschreibung der dryen lobl. Bündten und andern rätiscben Völcker. Zürich 1616.
Das Ergebnis für die Nomenklatur ist daher gering, zumal sich Guler hauptsächlich auf Campell stützt, die meisten Namen also bereits bekannt sind. In der Landschaft Bormio erwähnt er den Passo di Val Viola - Berg Davostè, über welchen man in Pesclaf ( Poschiavo ) zieht, und den Passo di Forcagno Berg Fustani, welchen man übersteigen muß, wenn man in Luvin ( Livigno ) will.
Im unteren Veltlin kennt er zwischen dem Trahoner- und dem Clävnergebiet den Berg Coderia, „ der... seinen fuß in die Adden von ihrer lincken Seiten herein-setzt ' '. Er verwechselt da die Talseite; die Berge der Val Codera liegen rechts von der Adda. Obwohl Fortunat Sprecher schon 1617 in der Pallas Rhaetica und Gulers Sohn Johann Peter 1625 in seiner Beschreibung des Veltlins etc. den Irrtum berichtigt hatten, schleppt er sich doch in Karten und Schriften bis ins XVIII. Jahrhundert fort1 ). Im Rhätikon bezeichnet Guler nur den Schlappinersattel resp. Joch, der bei Campell noch Stlopinum heißt, mit Namen, bemerkt aber, „ an andern orten mehr können die Montafuner und Prätigauer zusammen kommen ", was sie auch wenige Jahre später im Prätigauerkrieg recht fleißig getan haben.
Der Raetia sind fünf Karten beigegeben, denen vielleicht die verlorene Bündnerkarte Campells, jedenfalls aber auch Tschudis Schweizerkarte zugrunde liegt: eine Generalkarte Bündens und der anstoßenden ehemals rhätischen Landschaften und vier nach den Himmelsgegenden bezeichnete Spezialkarten. Die Gebirgsnamen sind dieselben wie in Tschudis Karte; es kommen aber dazu der Calanda, die Maloja und der Passo della Forcola — Furcula Mons -, ferner eine Forcola westlich von den „ Tripleven " am oberen Ende des Comersees, die wohl auf den Jorio und seine Abzweigung zu beziehen ist, und zwischen Davos und Prätigau die Münchalpen, die als Gebirge erscheinen, obwohl Gulers Gewährsmann, Campell, darunter nur die Klosterseralpen im Mönchalptal versteht.
Der zweite Bündner Kriegs- und Staatsmann der Zeit, der uns geographische und historische Werke über Bünden hinterlassen hat, ist Fortunat Sprecher von Bernegg 2 ) ( 1585—1647 ), wie Guler ein hochangesehener Führer der französisch-vene-tianischen Partei, zugleich Gelehrter, Politiker, Soldat und Diplomat.
Seine Pallas Rhaetica 1617, die er der Gesamtheit der Drei Bünde widmet, enthält in sechs Büchern einen Abriß der Geschichte Bündens und in den vier letzten eine Landesbeschreibung, in der aber mehr Gewicht auf die politische und gerichtliche Einteilung, als auf die Orographie gelegt wird. Immerhin ist Sprecher der erste, der die Silvretta als Gebirge anführt; bei Campell ist Saffreta ein Gletschertal, bei Sprecher dagegen ist Selva Rhaeta die höchste Erhebung des Rhätikons und an ihrem höchsten Horn entspringt die Landquart. Das höchste Horn 1Er rührt wahrscheinlich von Paul Jovius her, der in seiner Beschreihung des Comersees 1524 die Adda sich nach links zu den „ Saxa Coderise'- wenden läßt.
2Sprecher v. Bernegg, Fort., Pallas Rhaeticaa armata et togata. Basel 1617 ( deutsche Übersetzung mit Nachträgen 1672, s. pag. 160 Anm. Rhetische Cronica ).
Id. ac Philippus Cluverius: Alpinae seu federate Rhsetiae subditarumque ei terrarum nova descriptio s. 1., s. a. ( Amsterdam 1618 V ).
Id. Historia motuum et bellorum postremis hisce annis in Rhi¾tia excitatorum et gestorum. Genf 1629 ( eine deutsche Übersetzung, ergänzt durch Sprechers im Manuskript hinterlassene Fortsetzung bis 1645, erschien unter dem Titel: Des liitters Fort. Sprecher v. Bernegg J. U. D.. Geschichte der bündnerischen Kriege und Unruhen; herausgegeben von Conradin v. Mohr. 1. Teil 1618-1628, 2. Teil 1629—1645. Chur 1856 und 1857.
heißt aber heute Silvrettahorn. Er ist auch der erste, der den Murettopass mit dem Namen Mont del Oro bezeichnet, der sich bis gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts gehalten hat. Ferner erwähnt er die Via mala als die enge und gefährliche Pforte des Schams, den Schyn. sowie in seiner engeren Heimat Davos die Züge nach Alvaneu und die Stütze gegen Klosters als die einzigen im Winter gangbaren Ausgänge des Tals.
Als Westgrenze Bündens bezeichnet er die Grafschaft Bellinzona und die Berge der Adula: Lukmanier, Crispait, Vepcha und Mercha. Er versetzt also den Wepehen der früheren Autoren vom Panix weit nach Westen in die Gegend des Krüzlipasses, wo ihn auch Scheuchzer 1712 und Gruner 1760 suchen. Daß er die Märch als Bündnergrenze angibt, beruht auf einem Mißverständnisse. Die Märch ist der Klausen: die Karte Tschudis setzt allerdings den Namen Märch Mons so dicht an die Bündnergrenze, daß der Irrtum erklärlich wird. Die vielen anderen Pässe Sprechers sind schon früher mit denselben oder ähnlichen Namen angeführt worden.
Die Karte von Sprecher und Cluver 1 ), gestochen von Nik Geilkerkius, ist eine für ihre Zeit vorzügliche Arbeit; die Terraindarstellung ist weit besser als in den Karten Tschudis und Gulers; den Inhalt anzugeben ist überflüssig, da eine Reduktion ( etwa auf die Hälfte ) hier beigegeben ist; immerhin ist hervorzuheben, daß sie die erste Karte ist, die den Rhätikon von der Silvretta unterscheidet und die Scaletta, die Strela, das Schlappinerjoch, Giuf Plan - Jufplan - den Casanapaß und den Muretto - Mont del Oro - verzeichnet. Schade, daß uns Sprechers Abhandlung „ De Montibus Rhaetiae ", die Herrliberger im Schweizerischen Ehrentempel 1748 anführt, nicht erhalten ist! Sie hätte uns vermutlich einen Kommentar zur Karte gegeben.
Die „ Historia motuum et bellorum " 1029 nennt in ihrer kurzen historisch-geographischen Einleitung zum ersten Male die Greina - Graina, an anderer Stelle Crena ( urkundlich 1309 Agren ) und weist auf einen Berg zwischen Ems, Scheid und Malix hin, an dem die drei Bünde zusammentreffen: Dreibündenstein. Den Hauptteil des Werkes bildet die Geschichte der Ereignisse in Bünden von 1618—1628. Als Bericht eines mithandelnden Augenzeugen, dessen Wahrheitsliebe auch vom Gegner anerkannt wird, ist die Historia von hohem historischem Wert; das topographische Interesse beruht auf der Einleitung und den Nachrichten über die Feldzüge in Bünden und seinen Untertanenländern vom Veltlinermord 1620 bis zum Vertrag von Monzon 1626. Folgten auch die Heere der Bündner und der Eidgenossen, der Österreicher, Spanier und Franzosen meist den altbekannten Paßwegen, so wurden doch öfters auch Nebenpässe benutzt, die bis dahin nirgends erwähnt worden.
Im Rhätikon, dessen Pässe im Prätigauerkriege 1622 von beiden Seiten oft überschritten wurden, verzeichnet die Historia zum ersten Male das Drusentor ( Sporren-Furka ), das an einer Stelle Mons Furca, an einer andern Mons Sporen genannt wird, und das St. Antönier- oder Gargellenjoch - Mons Gabia - nach dem Gafiertal auf der St. Antönierseite.
. ' ) Der Reproduktion liegt die mutmaßlich älteste Ausgabe ( Amsterdam 1618V zugrunde. In der Geschichte der Vermessungen in der Schweiz erwähnt Rud. Wolf eine Ausgabe von lt>19, die aber nicht identisch ist; eine andere erschien 1630 bei Vischer zu Amsterdam. Die Karte wurde im XVII. und XVIII. Jahrhundert vielfach nachgeahmt und nachgestochen, namentlich in Holland. Sogar in Christoph de Mechels „ Carte généralede la Rhétie ", Basel 1802, läßt sich die Sprechersche Karte noch als Grundlage erkennen.
Als Weg vom Montafon ins Unterengadin werden der Mons Seines, der Mons Sebles und der Mons Zampoirus erwähnt. Der erste ist das Zeinisjoch. der zweite das Samnaunerjoch ( Fuorcla Zebles ), das Campell nur durch die Namen der Täler bezeichnet, der dritte wahrscheinlich der Cuolmen d' Alp, der aus Val Sampuoir nach Schieins führt. Dies sind die drei Pässe, über welche die Kaiserlichen Ende August 1622 in drei Tagen von St. Gallenkirch im Montafon über Galtür, Ischgl und Samnaun nach Schieins marschierten, eine bei dem schwerfälligen Kriegsapparat jener Zeit sehr beträchtliche Marschleistung, die denn auch den Feldzug im Unterengadin zugunsten Österreichs entschied.
Im übrigen Bünden nennt die Historia keine neuen Pässe, gibt aber mehreren neue Namen: der Passo di Val Viola, bei Guler und auch in der Pallas Rhsetica Davostè benannt, heißt Mons Albiola, der Panix Vepha oder Crucicola. Es ist das nicht eine Verwechslung mit dem Krüzli zwischen Sedrun und Amsteg, denn in demselben Zusammenhang werden die Dörfer Ruis und Panix genannt. Ein Kreuz oder Kreuzlein mag auf vielen Pässen die Höhe bezeichnet haben. Die Kreuze auf dem Lukmanier und auf dem Albulapaß werden urkundlich als Marksteine erwähnt, die Reschen Scheideck heißt bei Campell Crux und sein Scarla mons heute Cruschetta. Auch die Oberalp wird öfters als Kreuzli bezeichnet, so bei Scheuchzer u.a.
Die Fortsetzung der Historia motuum 162T—1645 können wir übergehen*, die neuen Paßnamen, die sie enthält, finden sich sämtlich in dem Berichte über Rohans x ) Feldzug 1635, und über diesen geben uns die „ Mémoires " Auskunft, die Rohan selbst 1637 geschrieben hat. Nur der Passo Fieno und die Fuorcla Lavirum, die Sprecher als Übergänge aus dem Engadin nach Livigno andeutet, finden sich bei Rohan nicht.
Herzog Heinrich von Rohan2 ) ( 1579—1638 ), der berühmte Hugenottenführer, war zweimal in Graubünden, 1631 —1634 als General des kleinen Bündnerheeres, dem die Hut der Pässe anvertraut war, und vom April 1635 bis Mai 1637 als Oberbefehlshaber in dem Kriege, der mit der Vertreibung der Spanier und Österreicher aus Bormio und Veltlin und der Herstellung der Bündnerherrschaft in den Untertanenländern, aber auch mit der Verdrängung der Franzosen aus dem Gebiete der Drei Bünde endete. Wir können ihm auf seinen Feldzügen nicht folgen, sondern müssen uns damit begnügen, die Pässe anzugeben, die er zum erstenmal oder unter neuen Namen erwähnt:
Das Stilfserjoch nennt er Montagne de Stelvio. Obwohl der Paß jedenfalls ein alter ist, wurde er doch bis zum Bau der österreichischen Militärstraße 1820—1825 neben dem niedrigeren Übergang über das Wormserjoch vernachlässigt. Erst durch die Heerzüge des Herzogs von Feria 1633 und des Kardinal-Infanten 1634 aus Italien nach dem deutschen Kriegsschauplatze wurde seine militärische Wichtigkeit erwiesen; der Weg mußte aber für diese Züge erst gangbar gemacht werden und in beiden Fällen ließen die Generäle zwar, um das eigentliche Bündnergebiet zu vermeiden, die Heere über das Stilfserjoch marschieren, schlugen aber mit ihren Stäben den bequemeren Weg über das Wormserjoch ein.
Der Passo di Foscagno. bei Guler und Sprecher Fustani, heißt bei Rohan Montagne de Trepali nach dem Dorfe Trepalle, die Forcola di Livigno. die er am 28. Juni 1635 nach dem Siege am Spöl überschritt, Piscatella, nach dem Weiler Pisciadella an der Berninastraße. Sehr gut ist Rohan über die Zugänge zur Valle di Fraële unterrichtet, wo er dank seiner meisterlichen Benutzung der Nebenpässe am 31. Oktober den entscheidenden Sieg über die Kaiserlichen errang. Außer der Scala und dem Talwege aus dem Unterengadin durch Val Fuorn und Val Bruna kennt er den Paß über die Alpe del Gallo - Montagne de Gali-vom Ofenberg her über Buffalora, den Alpisellapass - Alpesel- aus Livigno, den Passo di Campolungo-Val Pettin, der sowohl von Livigno aus über Trepalle wie aus der Valle di Dentro über Isolaccia erreicht wird und durch Val Pettini nach S. Giacomo di Fraële führt, den Weg vom Münstertal her über Dössradond - Chemin de Ste Marie- und den Weg von den Bädern von Bormio, der die enge Schlucht der Adda über die Hänge des Monte Pedenollo umgeht, ein Weg, den schon Guler angedeutet hatte, und den Dr. E. Walder im Jahrbuch XLVI Addaschluchtpaß nennt.
Der Kriegsschauplatz in Bormio und Veltlin ist dargestellt in der Karte der Landschaft Bormio 1 ), die Hans Conrad Schnierl zu Augsburg 1637 gestochen hat. Sie ist schlecht gezeichnet, gibt aber viele Namen, die der Stecher wahrscheinlich von seinem Auftraggeber Carlo Giuseppi Bruni von Bormio erhalten hat. Daß sie die Kriegsereignisse zur Anschauung bringen soll, geht daraus hervor, daß sie nicht nur alte und neue Festungswerke, wie die beiden Türme der Scala, das Fort Fuentes etc. zeigt, sondern auch da und dort in den Tälern und an den Bergen geschlossene Heerhaufen, einzelne Reiter, Schützenlinien u. dgl. Wir finden darin das Stilfserjoch -Camino di Stelvio, das Wormserjoch - Ombraglio, Alpisella und Val Pettin. Zwischen dem Wormserjoch und S. Giacomo di Fraële liegt ein Pedenol Mons. den man gerne für den gleichnamigen Vorberg des Mons Braulio ansprechen möchte, der aber, da die Karte sonst nur Pässe verzeichnet, wahrscheinlich Rohans Weg von den Bädern nach Fraële, Dr. Walders Addaschluchtpaß ist 2 ).
Der Passo di Val Viola ist auf der italienischen Seite als Dosdè ( Davostè ), auf der bündnerischen als Mons Albiola bezeichnet. Nicht sicher zu bestimmen ist der Soppliano Mons zwischen Livigno und Engadin zu beiden Seiten des Spöl. Die oben ( Anm. pag. 162 ) erwähnte „ Carte du Pais des Grisons " 1788 nennt ihn Spoliano, wahrscheinlich um auf den Spöl hinzuweisen. Der Soppliano Mons steht auch in Walsers Karte von 1768, aber rechts vom Spöl, und scheint den Weg aus Livigno zur Ofenstraße zu bezeichnen. Ein anderer Berg der Schnierlschen Karte, der Francesca Mons, oben am Lago di Mezzola auf dem rechten Ufer der Mera, hat sich ebenfalls bis ins XVIII. Jahrhundert in den Karten erhalten; er ist aber, wie auch der Pajedo Mons und andere Höhen dieser Gegend, die Sprecher erwähnt, kein Berg oder Paß in unserem Sinne, sondern ein Ausläufer ( Rocca alla Francesca der Carta d' Italia 1: 50,000 ) des Monte Berlinghera, an dem die Spanier ein Fort errichtet hatten, dessen Einnahme am 4. April 1636 die letzte Waffentat des Veltliner Kriegs war.
Im späteren XVII. Jahrhundert macht die Bergtopographie Graubündens nur sehr geringe Fortschritte. Piantiti in der „ Helvetia antiqua et nova " 1656 und Bucelin in der „ Rhaetia sacra et profana " 1666 bringen nichts, die Rhetische Cronica1 ) 1672 wenig Neues. Doch werden in der letztern erwähnt: der Berg, „ das Kreutzlin genannt ", über den man aus Tavetsch nach Uri und in das Linthtal gelange, der Weg von Flims ins Sernftal „ über den Berg da St. Martinsloch ", der Stägenpaß von Safien nach Thusis und die Wege aus Scarl ins Münstertal über „ Astas und Plazör ". Das Kreutzlin ist der heutige Krüzlipaß, nicht die Oberalp, die auch wohl als Kreuzli bezeichnet, aber in der Cronica als Crispait angeführt wird. Der Berg, „ da St. Martinsloch ", ist der Segnespass, der Stägenpaß der Glaspass, Campells Mons Tuscianus, dessen steiler Westabfall heute noch die Stege heißt. Der Weg über Astas, heute Alp Astras, ist der ScarlpaSS ( 2251 m ), der über Plazör die Cruschetta ( Cuolmen da Plazer ).
Nicht reicher als in den historisch-geographischen Schriften der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ist die Ausbeute in der physischen Geographie 1680 des Zürcher Arztes und Naturforschers Joh. Jak. Wagner ( 1641 —1695)2 ). Von Bündnerbergen erwähnt er außer dem viel genannten „ Berg Conto ", durch dessen Sturz Plurs 1618 vernichtet wurde, nur einen Mons Ruber im Unterengadin, an dem Bergkristall gefunden werde. Es mag damit der Piz Cotschen bei Ardez gemeint sein. Der Munt Cotschen zwischen Val Chiamuera und Lavirum, der freilich ebensogut ein „ roter Berg " ist wie der Piz Cotschen und viele andere Rothörner, ist ausgeschlossen, weil er im Oberengadin liegt. Neue Namen erhalten der Panixerpass - Glarnerberg und der Ofenberg, der statt Faldera oder Valdera Mons Fodera genannt wird, wegen der alten Erzgrube beim Ofen. Der Mons Schais mit der Wimderquelle, die bei heißem trockenem Wetter reichlich fließt und bei kaltem regnerischen versiegt, ist kein Berg, sondern die Val Schais bei St. Maria im Münstertal, aber die Existenz der Wunderquelle wird schon von Sererhard ( s. pag. 169 ) in Abrede gestellt.
Von den Karten dieser Zeit ist wenig zu erwarten; die Bündnerkarten beruhen, wie bemerkt, auf der Sprecherschen und bringen nicht mehr als diese, und die Schweizerkarten zum Teil immer noch auf Tschudis Nova Descriptio, zum Teil auf der Karte Hans Conrad Gygers von 1635, die in der Terraindarstellung einen bedeutenden Fortschritt zeigt, aber arm an Namen ist. Wo die Karten der Jaillot, Sanson d' Abbeville, Cantelli da Vigna, der Visscher, Steiner und Muoß usw. etwas Neues bringen, sind es Verschreibungen: Scalena, Scatena, Catena für Scaletta, Strella oder Stretto für Strela, Mons Juga für das Wormserjoch usw., oder Verschiebungen, auf die kein Gewicht zu legen ist, weil die Kartographen schon von Tschudis Karte an die Namen ziemlich willkürlich einschreiben, wo sie in der Nähe des zu bezeichnenden Punktes gerade Platz finden. Als zum ersten Male in einer Karte angegeben, ist einzig der Krüzlipass Zum Creutz - zu notieren, den ich in der Karte „ Tugenii in Helvetia ", Paris 1684, von Sanson d' Abbeville gefunden habe1 ).
Das XVIII. Jahrhundert.
Im ersten Drittel des XVIII. Jahrhunderts stand Johann Jakob Scheuchzer ( 1672—1733 ) von Zürich an der Spitze der schweizerischen Naturforscher und Geographen. In den vorhergehenden Jahrhunderten waren die Schweizer und Bündner Geographen in erster Linie Historiker, denen die Landesbeschreibung als Grundlage für die Landesgeschichte diente, oder Soldaten und Politiker, die praktische Militär-und politische Geographie trieben. Scheuchzer stellte die Erdkunde in den Dienst der Naturkunde.
„ Scheuchzer zuerst bereiste die Schweiz mit mathematischen und physikalischen Instrumenten; er sammelte mit dem Zwecke, die Naturgeschichte des Landes zu schreiben; beinahe jeder Zweig dieser Naturgeschichte verdankt ihm wichtige Beiträge oder seine erste Begründung. 2 ) Von seinen vielen Werken kommen hier in Betracht die Berichte über seine Alpenreisen in Graubünden, die Schweizerkarte und die groß geplante, aber nie vollendete physische Geographie der Schweiz, die Naturhistorie, zu der sein Vorläufer, Joh. Jak. Wagner, nur den Grundriß vorgezeichnet hatte 3 ).
Von den neun Schweizerreisen Scheuchzers führten ihn drei nach Graubünden. Die Heise von 1703 ging vom Bade Pfävers über den Kunkelspaß nach Reichenau, durch das Hinterrheintal hinauf, über den Splügen nach Chiavenna, durch das Bergell, aus dem ein Abstecher auf den Septimer gemacht wurde, und über die Maloja ins Oberengadin, von St. Moriz über den Julier und durch den Schyn ins Domleschg, endlich über den Segnespaß nach Glarus.
1 ) Ich verdanke den Nachweis dieser und vieler anderer Karten Herrn Dr. W. A. B. Coolidge in Grindelwald.
2 ) Studer, Bernh., Geschichte der Physischen Geographie der Schweiz, pag. 183.
3 ) Scheuchzer, 3. 3., Beschreibung der Natur Geschichten des Schweitzerlandes, 3 Bände. Zürich 1708 ( erschien zuerst 1705 —1707 als Wochenschrift ).
Id. OvQeaipons Helveticus sive Itinera Alpina Tria. London 1708.
Id. Helvetiae Nova Tabula Geographica. Zürich 1712.
Id. Helvetiee Historia Naturalis oder Natur-Historie des Schweitzerlandes, 3 Teile. Zürich 1716, 1717, 1718.
Id. OvQeoiipoénjç Helveticus sive Itinera per Helvetise Alpinas Eegiones facta annis MDCCII—MDCCXI, 4 Teile. Leiden 1723 ( Gesamtausgabe der Reisen. Eine deutsche abgekürzte Umarbeitung, in der die Reisen mit der Naturgeschichte verschmolzen sind, wurde von Joh. Georg Sulzer in zwei Bänden, Zürich 1746, herausgegeben ).
In dem Reisebericht, der zuerst 1708 in den Itinera Alpina Tria erschien, nennt Scheuchzer bei Thusis den Piz Beverin - Spitz Beürin, im Bergell den Piz delle nove, delle dieci und delle undici, drei Zacken, die den Bewohnern von Soglio als natürliche Sonnenuhr dienen und wahrscheinlich an Sasfora und Pizzo dei Vanni zu suchen sind. An der Quelle des Inn erwähnt er einen Lungin Mons, der wohl eher die Forcola di Lunghino, als den gleichnamigen Pizzo bedeutet. Die Abstürze des Schyn findet er höchst langweilig! Für den Segnespass braucht er zum ersten Male den jetzigen Namen, nennt ihn aber auch Flimserberg.
Die Schilderung der Reise von 1705 findet sich zuerst in der „ Beschreibung der Natur Geschichten " von 1708 oder eigentlich 1707, da sie den dritten Jahrgang der „ Wöchentlichen Erzehlung " ausmacht. Die Reise, die sich über die halbe Schweiz erstreckte, berührt von Graubünden nur die nordwestliche Ecke, von Airolo durch Val Piora und über den Passo dell' Uomo, den Scheuchzer für den Cadelin hält, zum Lukmanier und von Disentis über die Oberalp nach Urseren. In Scheuchzers Bericht finden wir zum ersten Male den Tödi - Tödiberg - unter den Gebirgen im Hintergrunde des Linthtals erwähnt und den Sandgrat als Paß nach Disentis, sowie den Kistenpass bei der Alp Limmeren angedeutet. Den Oberalppass nennt er Kreuzli, führt aber zum ersten Male auch die Oberalp und ihren See mit Namen an.
Seine dritte Bündner- und sechste Alpenreise hat Scheuchzer 1707 gemacht, aber erst im Ovgamcpokrjç von 1723 beschrieben. Sie ging von Chur über Reichenau und Thusis nach Splügen, von wo ein Ausflug zur Quelle des Hinterrheins gemacht wurde, über den Bernhardin und den Passo della Forcola nach Chiavenna, auf dem Wege von 1703 ins Engadin und über Albula und Lenzerheide nach Chur zurück. Neue Gipfel oder Pässe werden nicht genannt. Vom Beverin trägt Scheuchzer aber nach, der Junker Rudolf von Rosenroll habe den Berg bald nach Scheuchzers Abreise von Thusis bestiegen; die Besteigung sei des „ Gufers " wegen mühsam, die letzte Stunde sehr schwierig, die Aussicht aber schön und weit ausgedehnt über Berg und Tal bis zur Grenze des Montafon; bei den Anwohnern heiße der Beverin schlechthin „ Cornu, das Horn ". Spätere Autoren haben infolge eines Druckfehlers in Scheuchzers Orographie von 1716 daraus „ Cornudas-Horn " gemacht. Von der Quelle des Hinterrheins meldet er, sie liege hinter der Alp Zapport - San Porta an einem wilden Orte, den man ironisch Paradies nenne. Sonst bringt der Bericht über die Reise von 1707 im Texte nichts Neues; die beigegebenen Karten werden an anderer Stelle besprochen werden.
Scheuchzers Nova Tabula von 1712, die erste Schweizerkarte größeren Maßstabs ( zirka 1: 230,000 ) war fast ein Jahrhundert lang die beste Darstellung der Schweiz, zeigt aber, da ihr ebensowenig eine Vermessung zugrunde lag, wie allen andern Schweizerkarten vom Ende des XV. bis Ende des XVIII. Jahrhunderts, viele Lücken und Mängel, die sich Scheuchzer selbst nicht verhehlt, denn er bemerkt in einer Randnote, er habe die Karte zwar bei seinen Alpenreisen an unzähligen Orten verbessert und vermehrt; sie sei aber noch nicht so vollkommen, daß sie nicht noch sehr vieler Korrekturen bedürfte. Für Graubünden stützt sie sich auf die Karten Tschudis und Sprechers. Die Nomenklatur des Gebirges ist dürftiger, als man es nach Scheuchzers Reisen erwarten sollte. Der Segnespaß, den er selbst überschritten hat, ist nur durch eine Paßlinie ohne Namen bezeichnet. Der Tödi und der Beverin fehlen, dafür ist unweit des Calandarisees ein Stella Mons ( Orographie von 1716 Piz Stail ) eingezeichnet, der dem Steilerhorn in den Splügener Dolomiten entspricht. Der Sonnenuhr von Soglio ist als vierter Stundenzeiger eine Furcula di Mezzodì beigefügt, die an der Bocchetta di Teggiola zu suchen sein mag. Der Badus, der hier zum ersten Male in einer Karte erscheint, heißt Cima del Baduz. Der Crispait ist nördlich von der Oberalp als Bergkette angegeben und erstreckt sich bis zur Paßlinie des ( unbenannten ) Krilzlipasses, neben dem der „ Wepeha " aufsteigt, ungefähr in derselben Lage wie bei Sprecher; östlich von Medels erscheint der Name Ghiacia Cornera, der das Gletschergebiet der Gaglianera-Medelsgruppe zu bezeichnen scheint und von da an in vielen Karten auftritt. Woher der Name kommt, ist nicht zu ermitteln, an Val Cornera ist nicht zu denken, denn diese ist als Alp Cornera am Ostfuße des Badus angegeben. Das ist alles, was von neuen Bündner Bergnamen in der Karte erscheint.
Scheuchzers Schweizerkarte wurde vielfach nachgestochen und nachgeahmt. So beruhen der Hauptsache nach auf derselben die Schweizerkarten von Guillaume de l' Isle 1715, Jaillot 1717, Homann 1732, Tillemon 1746, Tobias Meyer 1751, Robert de Vaugondy 1756, Rouvier 1761, Rizzi-Zannoni 1762, François Grasset 1769, Zuliani 1781 u.a. m ., und auch die Bündnerkarten der Zeit, die sich im wesentlichen auf die Karte Sprechers und Cluvers stützen, haben aus der Scheuchzerschen Karte manche Namen herübergenommen, so die von Oberst Schmid v. Grüneck herausgegebene „ Nouvelle Carte du Pays des Grisons " 1716 und 1724, und die Walserischen Karten von 1741/1742 und 1768 ( s. pag. 168 und 172 ).
Etwas mehr Bergnamen als in der Karte und den Reiseberichten finden wir im ersten Teile der Natur Historie: „ Helvetiae Stoicheiographia, Orographia et Oreographia " 1716, in dem Scheuchzer eine „ Besondere Erzehl- und Beschreibung aller Bergen des Schweitzerlands " bringt, aber freilich nicht nur Gebirge, Gipfel und Pässe aufzählt, sondern auch Hochtäler, Alpenweiden und sogar Rebberge!
Abgesehen von schon erwähnten Punkten und von solchen, die weder Gipfel noch Pässe sind, finden sich in seinem Verzeichnis folgende Punkte:
GuggernüllCucurnil, ein sehr hoher Berg im Rheinwald ", Pizzo della Duana -Piz Doan, Piz Fess-„Scheerenhorn, einer der höchsten Gebirgen in Pündten, auf dessen Gipfel man fast nicht kommen kann ", Pizzo Tambo — ..Schneehorn, ein Theil Adulse, wird gehalten von den höchsten in Rheinwald ". Der Piz Fess heißt jetzt noch in Safien Scheerihorn, der Tambo im Rheinwald Schneehorn. Nicht sicher zu bestimmen ist der Galesen, „ ein überaus hoher Berg in Pündten, von dessen Spitz vor der Sonnenaufgang die Stadt Mayland soll zu sehen sein ". Spätere Topographen verlegen den Galesen in die östliche Kette der Mesolcina.
Andere seiner Bündner „ Berge " sind Alpweiden, Hochtäler u. dgl. Immerhin mag man bei „ Cravasalva, im Engadin gegen dem Bergell " nicht nur an die Nachbarschaft des Weilers Gravasalvas, sondern auch an den Piz Gravasalvas und bei Cuvarcal auf den Grenzen der Safiergebirge an das Cuvarcalhorn denken, und ziemlich sicher ist in Kilchalpen das Kirchalphorn inbegriffen, denn in der „ Beschreibung der Rheinwalder, Splüger und Suffner Gebirgen ", von Johannes Leonhardi V. D. M., die Scheuchzer neben anderen Beschreibungen einzelner Berggebiete als Anhang beifügt, ist von einem Gletscher auf Kilchalpen die Rede. Leonhardi erwähnt auch die „ Cadrioler Alp und besser außen das hohe Gebirg, das Horn genannt ", ferner Tabo, so mit Campdolcin konfiniert, danach Heidig Zwischen diesen beyden Gebirgen geht der Weg in Campdolcin auf Cleven " endlich südlich von Sufers „ das Gebirg und die Alp Saretta ". Die Cadrioler Alp ist die Gadriol Alp, das Horn das Einshorn. der Tabo die Alp und wohl auch der Pizzo Tambo. Den Heidig könnte man also für das Surettahorn ansprechen, da es aber heißt: „ Auf dem Gebirg Heidig sind 2 Seen anzutreffen, in welchen auch Fisch zu finden sind, aber nicht viel und nicht feist ", so ist wohl eher der nördliche Ausläufer des Surettahorns gemeint, an dessen Westseite am Fuße des Seehorns die Bergseen liegen, und das eigentliche Surettahorn ist in dem Gebirg Saretta zu suchen.
Endlich müssen von den dem Ovoeoi(po(Ti]ç von 1723 beigegebenen hydrographischen Karten die des Hinterrheins und der Albula erwähnt werden, weil sie allerdings zum Teil unbestimmbare Bergnamen enthalten, die weder im Text der Reisen, noch in der Karte von 1712, noch auch in der Orographie von 1716 zu finden sind. Die erstere verzeichnet auf der rechten Seite des Rheinwalds im Hintergrunde ein Moschelhorn, das wir trotz seiner verschobenen Lage für das Rheinwaldhorn nehmen dürfen, das von späteren Autoren Moschel- oder Muschelhorn genannt wird, und weiter außen das Mittaghorn südlich vom Hinterrhein. Auf der linken Seite folgen sich talabwärts die „ Berge " Zur Porta, Monte Zell, Hörnlin, Kilchalpen, Faller - Telli- und Müllhorn. Zur Porta, Kilchalpen und Tellihorn sind, obwohl sie wie die andern als schroffe Felsstöcke gezeichnet sind, die Alpen Zapport, Kirchalp und Thäli; das Fallenhorn ist am Valserberg zu suchen, entweder östlich beim Valserhorn oder westlich von der Paßhöhe, wo Röders und Tscharners „ Graubünden " ( Gemälde der Schweiz XV ) noch 1838 ein Fallerhorn ( Punkt 2619 ?) angibt. Für die Bestimmung von Monte Zell, Hörnlin, Müllhorn bietet die Literatur keine Anhaltspunkte. Sie werden hier nur deshalb angeführt, weil sie sich auch in späteren Schriften und Karten finden. Dasselbe gilt von dem Mons Selamont, den die Albulakarte südlich vom Weißenstein verzeichnet und der noch 1802 im Blatt 12 des Meyerschen Atlas erscheint, wahrscheinlich ohne daß J. H. Weiß genau gewußt hatte, was darunter zu verstehen sei. Bei der Namensarmut des Bündner Hochgebirges gaben die Kartographen auch unbestimmbare Bergnamen nicht gern preis, zumal wenn sie von einer Autorität wie Scheuchzer stammten.
Die Sulzersche Ausgabe von 1746 bringt im Texte nichts Neues, es ist ihr aber als Ersatz für die Flußkarten der Itinera die erste Bündnerkarte G. Walsers 1 ) 1741 oder 1742 beigegeben. Diese hält sich, wie oben bemerkt, an diejenige Sprechers und Cluvers von 1618 und weist, wenn auch keine Verbesserung der Terrainzeichnung, doch einige Vermehrung des Karteninhalts auf. Sie ist die erste Karte, die den Futschölpass und das Zeinisjoch verzeichnet, sowie den Fermuntpass -„der Gletscher " und das Fimberjoch - Verr Mons, nach Val La Verr oder Verr der Rhetischen Cronica von 1672, heute Val Lavran oder Sinestra. Der Piz Monditi heißt Mundi Mons, das Schlappinerjoch nach dem Tal auf der Montavonerseite Val-zivens Mons, aber daneben steht Slepina Mons als Bezeichnung eines Bergstockes gegen St. Antönien hin und südlich davon ein Ganda Mons, der bis ans Ende des Jahrhunderts in Karten und Schriften spukt, aber weder ein Berg noch ein Paß ist. Der Name muß durch Mißverständnis aufgenommen worden sein. Bei Campell heißt das Gelände am Westende von Klosters, oberhalb der Talstraße gegen den nördlichen Berg gelegen, Ganda = saxetum, Geröll- oder Schuttland, unterhalb der Straße gegen die Landquart Boschia - Virgulta oder Arboretum, Buschland ( Bosca Bl. Serneus Siegfr. ). In Sprechers Pallas liegt Ganda am Eingange des Schlappiner-tals und in der Karte des Obersten Schmid v. Grüneck 1716 steht Uf der ganda als Dorf an der Stelle von Klosters-Dörfli. Den Namen Gavia Mons, der zum St. Antönierjoch gehört, verlegt Walser an den Plasseckenpass. Zwischen Arosa und Schmitten verzeichnet er einen Perendella Mons, der sich nicht bestimmen läßt, weil er in den heutigen Karten nicht zu finden ist und in den ältern nicht immer an derselben Stelle steht; die letzte, in der ich ihn gefunden habe, das Blatt Wallen -stadt 1834 der Wörlschen Karte der Schweiz, versetzt ihn nördlich von Arosa zum Weißhorn. Bei Ilanz gibt Walser die Alp Mundaun an, in welcher der Piz Mundaun einbegriffen werden darf.
Das Medels ist so weit nach Süden verlängert, der Rheinwald so weit nach Norden zurückgebogen, daß die Quellen des Mittel- und des Hinterrheins nahe beieinander liegen und nur durch zwei Berge getrennt sind, das Moschelhorn und den Cadelin Mons, der statt westlich, südlich von St. Maria ( Lukmanier ) auf der rechten Talseite gezeichnet ist. Für die überzähligen Namen des Bernhardin hat Walser passende Verwendung gefunden: der Monte d' Uccello, der Vogelberg und der Adula Mons stehen als Bergstöcke nebeneinander auf der rechten Seite des Rheinwalds, wo auch das Guggernüll- und das Einshorn — Horn, aber verwechselt, eingetragen sind.
Beim Berninapass, der wie auch bei Scheuchzer ganz verzeichnet ist, steht unter dem Namen Bernina Mons „ ubi glacies perpetua ". Man darf wohl annehmen, Walser habe durch diesen Zusatz zwar nicht den Piz Bernina, aber das Berninamassiv bezeichnen wollen, das auch bei späteren Autoren ( Gruner, Tscharner, Salis etc. ) schlechthin Bernina heißt.
Um dieselbe Zeit, in der die Karte des Appenzeller Pfarrers Gabriel Walser erschien, verfaßte sein Bündner Amtsbruder Nikolaus Sererhard1 ) ( 1689 bis zirka 1756 ), Pfarrer zu Sewis, seine „ Delineation " Graubündens. Sie ist ein seltsames Gemisch von brauchbaren topographischen Angaben mit erbaulichen und naturphilosophischen Betrachtungen, gruseligen Gespenster-, Hexen- und Kriminalgeschichten, Schatzgräber-und Jägeranekdoten, zeigt aber eine ziemlich eingehende Landeskenntnis, die sich jedoch, wie bei Campell, sehr ungleichmäßig über die Drei Bünde verteilt. Am besten kennt er den Zehngerichtenbund, insbesondere den Rhätikon, in dem er als rüstiger Bergwanderer die Scesaplana - Schaschaplana, den Tschingel und den Vilan bestiegen hat. Den Weg zur Scesaplana, die wie die beiden andern Berge hier zum ersten Male genannt sind, nahm er durch das Schafloch und über den „ entsetzlich großen Gletscher " zur Spitze, wo er „ Mirabilia " sah und den „ Prospekt etwas Admirables " fand. Der Abstieg ging über die Todte Alp zum Lünersee, von dem er über das Caveljoch zurückkehrte. Im Rhätikon nennt er ferner zum ersten Male die Kleine Furka, die er nach der Alp Panuel auf der Gampertonaseite als Pännel bezeichnet, den Rellstalsattel ob dem Lünersee - Gipsberg- und das Schweizerthor „ ist ein wunderlicher Paß, da man zwischen zwey perpendikularen gegeneinander aufgerichteten Dr. A. Wäber.
sehr hohen Felsen durchgeht ". Das Bettlerjoch, der Paß Auf den Platten, die Grosse Furka sind nicht benannt, aber unverkennbar angedeutet, ebenso die „ 2 Bergjöchlin von Partnaun ", d.h. die Grüne Furka und der Grubenpass. In Valzeina deutet er das Haupt und den Stamserpass aus Valzeina nach Sayis an, in seiner früheren Gemeinde Malix erwähnt er den Dreibündenstein als Grat der Malixeralp, „ allwo die drey Marksteine stehen, bey welchen die drey Bünde zusammenstoßen, allwo ich oft gewesen ".
Endlich erwähnt er in der Beschreibung des Zehngerichtenbundes das alte Silberbergwerk „ im rothen Horn " ob dem Urdensee und das Fürklin, über das man nach Parpan gelangt. Das letztere ist das Urden Fürkli. das rote Horn das Aroser Rothhorn.
Aus den beiden anderen Bünden weiß Sererhard wenig Neues zu melden. In Avers bezeichnet er den Stallerberg und den Passo della Duana, durch die Namen ihrer Endpunkte Stalla ( Bivio ) und Soglio. Das „ Bergfürklin " zuoberst im Avers, über das man ins Rheinwaldtal gelangen soll, existiert dagegen nicht. Vielleicht ist die Forcellina gemeint, die aber nicht ins Rheinwald, sondern zum Septimer führt. Im Oberen Band deutet Sererhard zum ersten Male den Valserberg als Paß von Hinterrhein nach Vals und den Passo di Sorreda ( Scaradra ) an, als Weg aus Lugnez über „ Zaffreila " nach „ Val Brennio ".
Die beiden nächsten Schriftsteller, von denen man Auskunft über Bünden und Veltlin erwarten sollte, sind der Berner Professor Joh. Georg Altmann, der 1751 die Helvetischen Eisberge zu beschreiben versucht, und der Veltliner Abate F. X. Quadrio, der im ersten Bande seiner „ Dissertazioni " über das Veltlin 1755 eine geographische Beschreibung des Tales gibt. Beide bringen für unsern Zweck nichts von Belang, doch erkennen wir in dem Monte Foscanna Quadrios den Passo di Foscagno leichter, als in dem Fustani Mons der älteren Autoren.
Eine reiche aber stark mit Unkraut vermischte Ernte bringen uns dagegen Gruners1 ) Eisgebirge 1760.
Der Berner Fürsprech Gottlieb Sigmund Gruner ( 1717 —1778 ) hat Graubünden wahrscheinlich nie bereist, wie er denn überhaupt die Eisgebirge, die er beschreibt, sehr wenig aus eigener Anschauung kannte; dank seinem fleißigen Studium der Literatur und den vielen Nachrichten, die er sich durch Korrespondenz verschaffte, hat er aber ein sehr großes, wenn auch zum Teil unzuverlässiges Material über die Schweizeralpen zusammengebracht.
Es ist nicht immer leicht, sich in seiner Topographie zurechtzufinden; er nennt oft den selben Punkt mehrmals unter verschiedenen Namen, versetzt Berge von einer Talseite auf die andere und macht Täler und niedrige Pässe zu Eisgebirgen; auch die beigegebene Karte trägt wenig zur Erklärung bei. Sie beruht im wesentlichen auf Scheuchzers Karte von 1712; das Kartenbild ist aber stark verzerrt; der größte Teil Graubündens erscheint als Ebene, in weitem Abstand von Reihen und Haufen spitzhöckeriger Bergstöcke umrahmt, von denen die, welche Hochtäler, Alpweiden, Pässe, hochgelegene Ortschaften und Erzfundorte bedeuten, nicht weniger schroff und wildzackig gezeichnet sind als die wirklichen Gipfel.
Im ganzen führt Grner im Texte und in der Karte in Graubünden und dessen Grenzgebieten über hundert Berge an, von denen aber nach Ausscheidung der schon früher erwähnten und der nicht bestimmbaren Punkte, sowie der „ Berge ", die keine Berge sind, nicht viel mehr als ein Dutzend übrig bleiben.
In dem Gebiete zwischen dem Gotthard und dem Lukmanier erwähnt Grner die Plauncaulta unter dem Namen Roßbodenstock, der heute noch üblich ist, und den Six Madun, verlegt aber beide auf die Westseite der Unteralp und weiß nicht, daß der Six Madun mit dem Badus identisch ist, den er in der Kette des Lukmaniers anführt. Als Endpunkt des Gebirges zwischen Medels und Tavetsch gegen Disentis verzeichnet er einen Piz Genduras, neben welchem sich vor 80 Jahren ein Gletscher gebildet habe, der sich am Fuße des Berges Caverdiras de Cavrein fünf Stunden weit erstrecke. Er verwechselt hier wieder die Talseite; der Piz Giendusas und die Seitentäler Cavardiras und Cavrein der Val Rusein liegen auf der linken Seite des Vorderrheintals.
Auf dieser linken Talseite nennt er zum ersten Male den Chischlé. den Culmatsch und den Cuolm de Vi - Quolm de Vig, die aber nicht, wie er meint, „ mit vielem und beständigem Eise und Schnee versehen " sind, ferner den Kistenpass - Kistenberg, den Hausstock, den Ofen ( bei den Tschingelspitzen ), den Vorab, den er auf die Ostseite des Segnespasses verlegt, die Grosse Scheibe. Auch Biferten - Beyfurten wird erwähnt; es ist aber das Bifertenälpli, nicht der Bifertenstock gemeint, der vielleicht im Selbsanft inbegriffen ist.
Im Rhätikon erscheinen zum ersten Male neben einigen nicht bestimmbaren Punkten auf der Montafonerseite die Zimbaspitze - Zimperspitz - und der Falknis.
Von diesen Grenzgebirgen abgesehen, sind die Nachrichten Gruners über die Bündnerberge ganz unsicher. Es werden viele Namen genannt, aber wenige lassen sich mit Sicherheit lokalisieren: Bei Tschappina erwähnt Gruner die Mittagfluh, „ die den Anwohnern zu einer natürlichen Sonnenuhr dienet " und in Safien die große Alp „ bey dem Bären " mit ihrem „ ungeheuren " Gletscher. Der erstere ist wahrscheinlich das 12 Horn ( Blatt Andeer Siegfr. ) östlich vom Beverin, der letztere ist an dem Paß „ beim Bären ", vielleicht am Bärenhorn zu suchen, das freilich keinen ungeheuren Gletscher trägt. Grüner sieht eben überall Eisgebirge, macht er doch sogar den Kunkels zu einem Eisberge, der seinen Schnee nie verliere.
Im Rheinwald fügt Gruner den in Scheuchzers Hinterrheinkarte angegebenen Bergen einen Bedus bei, an dessen Nordseite „ zu hinderst in dem Paradies " der Hinterrhein entspringen soll. Man möchte ihn für das Rheinwaldhorn halten, wenn dieses nicht in der beigegebenen Tafel „ Der Rheinwald-Gletscher im Paradies " Moschelhorn genannt wäre. Neben demselben erscheint in der Tafel an der Stelle der Paradiesköpfe der Cadelin, der nach dem Texte zugleich das Rheinwaldtal gegen Aufgang schließt und den Grenzstock desselben gegen Uri ausmacht! Der einzige sichere Punkt in dieser Gegend ist der Pizzo di Valloga. neben dem Tambohorn, der als Berg Falliga bezeichnet ist.
Im Bergoli erscheinen die Berge, d.h. Hochtäler, Muretto, Albigna, Bondasca. Der Name Muretto erscheint hier zum ersten Male, bezieht sich aber nicht auf den Paß, der wie bei Sprecher Mont del Oro genannt wird. Den Piz di Doan versetzt Gruner von der rechten auf die linke Talseite; der Berg Terzero, den Gruner ebenfalls auf der linken Seite angibt, existiert dagegen weder links noch rechts.
Gruner hat durch Mißverständnis das Wort Terzero, das in manchen Nachahmungen der Karte von Sprecher und Cluver im Veltlin dicht an der Grenze des Bergells steht, für einen Bergnamen gehalten, während es zu dem Namen Terzero di Sot ( unteres Drittel des Veltlin ) gehört.
Auf der rechten Talseite des Oberengadins faßt Gruner die Berge vom Mont dell' Oro bis zum Berninapaß zusammen als einen großen „ Satz von Gebirgen, die in ihrem ganzen Umfange Bernina genannt werden ". In diesen Bergen nennt er den Gurnell, den Jed und den Curnicill. Auf der linken Seite des Tals erwähnt er die Berge Öden und Hetschiel. Keiner dieser Berge läßt sich mit Sicherheit bestimmen, was freilich nicht hindert, daß sie in Karten und Schriften bis ans Ende des XVIII. Jahrhunderts Aufnahme gefunden haben. Denn so gering wir heute die Zuverlässigkeit G. S. Gruners einschätzen, so groß war seine Autorität in Sachen der Gebirgstopographie bei seinen Zeitgenossen.
Die meisten Engadiner Namen hat Gruner jedenfalls von Gabriel Walser erhalten, der ihm auch die Tafel „ Der Gletscher auf Bernina " gezeichnet hat und überhaupt sein Hauptgewährsmann für Graubünden gewesen zu sein scheint. Wir finden Gruners Bergnamen fast alle in Walsers zweiter Bündnerkarte 1768 und in seiner „ Schweitzer Geographie " von 1770 wieder, und der Text der Geographie stimmt stellenweise so genau mit demjenigen der „ Eisgebirge " überein, daß man glauben sollte, Walser habe Gruner ausgeschrieben. In Wirklichkeit hat aber Gruner sein Material, wie er es in der Vorerinnerung zu den Eisgebirgen anerkennt, großenteils von Walser, der Graubünden aus eigener Anschauung kannte.
Gabriel Walser 1 ) ( 1695—1776 ) aus Appenzell A.Rh., Pfarrer zu Bernegg im st. gallischen Rheintal, war der bekannteste Schweizer Kartograph seiner Zeit. Seine Kantonskarten erschienen meist bei Seutter in Augsburg, später bei Homanns Erben in Nürnberg. Eine mathematische Grundlage hat er für seine Karten nicht geschaffen; er ließ sich aber keine Mühe verdrießen, neues Kartenmaterial zu sammeln. In der Einleitung zur Geographie schreibt er: „ Ich habe die meisten Oerter des Schweitzerlandes und sonderheitlich des Bündner Lands creutzweise durchreiset; ich habe die höchsten Berge und Alpen manchmal mit Leib- und Lebensgefahr bestiegen, um die Lage der Oerter und der Seen und den Lauf der Flüsse recht auszuspüren ", und an anderer Stelle behauptet er, er habe auch die meisten Pässe bestiegen, so daß es ihm ein leichtes sei, eine gründliche Beschreibung davon zu machen.
Mit seiner zweiten Bündnerkarte ( Nr. 17 des Homannschen Atlas der Schweiz ) scheint er wohl zufrieden gewesen zu sein, denn er meint, es gebe zwar viele Karten dieses Landes, „ die beste davon ist diejenige, die ich neu verbessert herausgegeben habe ".
Wir sind von ihrer Vortrefflichkeit weniger überzeugt als der Autor. Die Terrainzeichnung ist sogar schlechter als in seiner ersten Bündnerkarte; dagegen ist dank seinen Erkundigungen und eigenen Beobachtungen die Zahl der Positionen, aber damit auch die der Fehler bedeutend gestiegen, insbesondere nimmt es Walser 1 ) Walser, Gabr., Rhaetia foederata cum Confinas et Subditix suis... denuo correcta. Nürnberg 1768.
Id. Kurtzgefaßte Schweitzer Geographie samt den Merkwürdigkeiten von den Alpen und hohen Bergen. Zur Erläuterung der Homannschen Charten herausgegeben. Zürich 1770 ( eine andere Ausgabe in Folio mit Schweizer Atlas von 20 Karten. Zürich 1770 ).
mit der Lage der Ortschaften und der Berge sehr wenig genau und versetzt, wie Gruner, oft einen Punkt von einer Talseite auf die andere.
Die Karte von 1768 verzeichnet alle in der ersten Ausgabe angeführten Berge und Pässe und dazu die meisten, die wir bei Scheuchzer und Gruner gefunden haben. Viele seiner Berge sind aber wieder nur Alp weiden, so der Mons Soliva, der von der rechten Seite des Tavetsch auf die linke versetzt ist, Zavragia, Despin ( Alp Taspin bei Zillis ), Dair ( Alp Dairo bei Soglio ). Unzweifelhaft neue Gipfel sind dagegen der Piz Muraun - Muraun Mons, der von der rechten Talseite des Medels auf die linke zur Alp Cornera gerückt ist, und der Piz Tumbif - Tumpif Mons. Südlich vom „ Saur-brunn " ( St. Moriz ) ist der Curnicill Gruners eingezeichnet, mit der Legende: „ Auf diesem Berge siehet man mitten im Sommer bey 4 Stunden weit weder Laub noch Gras, nichts als Schnee und Eis. " Dieser Curnicill muß der Berg sein, den " Walser von St. Moriz aus bestiegen hat, denn in dem Bericht über diese Bergfahrt in der Einleitung zur Schweizer Geographie findet sich eine fast gleichlautende Stelle. Laut diesem Bericht liegt auch der bestiegene Gipfel einerseits nahe bei St. Moriz, anderseits nahe am Berninapaßweg; beides paßt am besten auf den Piz Rosatsch.
Merkwürdigerweise nennt die Karte, welche den Jed, den Sellament und Hetschiel und andere zweifelhafte Gipfel Gruners verzeichnet, den Falknis nicht, den Walser doch wahrscheinlich selbst bestiegen hat, denn er führt ihn in der Geographie als den einzigen Berg an, der eine recht schöne Aussicht habe: „ Von dort aus kann man nicht nur einen großen Theil des Schweitzerlandes, sondern auch des Schwabenlandes überblicken. Auf anderen Bergen des Oberen Bund und auf Bernina sieht man immer 10—20 noch höhere Berge und eine so wilde und scheußliche Gegend, daß man glauben mochte, man seye auf einmal in Neu Zembla und in die Spitzberge versetzt worden
Gruners Eisgebirge und Walsers Geographie sind die letzten allgemeinen Beschreibungen der Schweiz und der Schweizer Alpen, die den Bündner Bergen besondere Berücksichtigung zuteil werden lassen. Die Beschreibungen der Schweiz von Joh. Conr. Fäsi ( 1765—1768 ) und Joh. Conr. Füssli ( 1770—1772 ) sind vielmehr Staats- als Erdbeschreibungen und halten sich in ihren Angaben über das Hochgebirge an Scheuchzer und Gruner; H. B. de Salissures „ Voyages dans les Alpes " ( 1779—1796 ) berühren Graubunden nicht. In Zurlaubens Tableaux de la Suisse ( 1780—1788 ) überwiegt das historische und malerische Interesse bei weitem das topographische, das sich im wesentlichen auf die naturhistorische Einleitung1 ) Bessons beschränkt. An M. T. Bourrits „ Description des Alpes Pennines et Rhétiennes " ( 1781 ) ist fast nichts rhätisch als der Titel. Dagegen erschließt sich in den letzten Dezennien des XVIII. Jahrhunderts eine ziemlich ergiebige Quelle der Bündner Bergnomenklatur in den Reisebeschreibungen.
Zwar stellte sich in Graubünden der große Touristenverkehr später ein als im Berner Oberland und am Genfersee, aber einerseits ließen es sich die Bündner selbst angelegen sein, ihre heimische Bergwelt zu erforschen, anderseits kamen auch öfters Ausländer in das Gebiet der Drei Bünde, sei es zu naturwissenschaftlichen Studien, sei es, um Land und Leute Graubündens kennen zu lernen, das am Ende des XVIII. Jahrhunderts im Auslande weniger gut bekannt war, als in den ersten Dezennien des XVII. zur Zeit des Kampfes um die Bündnerpässe. Noch 1785 spricht G. E. v. Haller in seiner Notiz über den „ Sammler ( Bibliothek I, Nr. 1080 ) von Graubünden als von einem bisher unbekannt gewesenen Lande ", und M. François Robert, Géographe du Roy, schreibt in seinem „ Voyage dans les XIII Gantons, etc. " 1789: „ Au reste il est des parties du pays des Grisons qui à cause de leur rudesse ne sont pas connues, où l'on n' a pas pénétré et qu' il faut classer avec ces contrées du centre de l' Afrique ou du Nord Ouest de l' Amérique dont on ne parle que par conjectures... En général les peuples y sont à demi sauvages. "
Halbwilde nennt der Rechtsgelehrte Charles Antoine Pilati1 ), der sich 1774 in Chur aufhielt, der Bttndner zwar nicht, aber er fällt doch ein recht scharfes Urteil über die Bündner Demokratie, die er kurzweg als Anarchie taxiert. Der Topographie scheint er keine Aufmerksamkeit geschenkt zu haben; er war aus dem Veltlin im Schneesturm über das Wormserjoch nach St. Maria und von da über Ofen. Albula und Lenzerheide nach Chur gereist, aber der einzige neue Name, den er nennt, ist Weißenstein, für Albula.
Auch der Bericht über eine Schweizerreise im Jahre 1777 in Bessons Einleitung zu Zurlaubens Tableaux bringt für Bünden nichts Neues, als die Beschreibung eines Ausflugs von Glarus über den Panix zu den Quellen des Vorderrheins, in welcher der Piz Cavradi - Rocher de Cavradi - genannt wird.
Zwei Jahre später bereist der bekannte englische Historiker und Reiseschriftsteller Archidiakon William Coxe2 ) Graubünden und Veltlin in die Kreuz und Quere, da er aber meist altbekannten Straßen folgte, so finden wir bei ihm von neuen Namen nur Muret für den Murettopass. den er am 15. August von Malenco zur Maloja überschritt, und Swarthorn für das Flüela Schwarzhorn, das ihm bei einem Ausflug von Davos ins Dischmatal auffiel.
In demselben Jahr, 1779, beginnt der Sammler3 ) für Bündten zu erscheinen. Ist die Zeitschrift auch von der ökonomischen Gesellschaft Graubündens hauptsächlich für volkswirtschaftliche Zwecke gegründet worden, so enthält sie doch mehrere Reiseberichte, die nicht nur von Alp- und Landwirtschaft u. dgl. handeln, sondern auch über die Topographie Bündens Auskunft geben. Im Jahrgang 1781 beschreibt Pfarrer J. B. Catani von St. Antönien die Reise nach Fermunt, die er mit seinem Amtsbruder von Luzein, Lucius Pol, im Juli 1780 gemacht hatte. Die Reise ging von Plassecken - Blasecken, wo der Weg durch Tilisuna ins Montafon genannt wird, über den Viereckerpass - Furka bei den vier Türmen - ins Gargellental, über das Maschunerjochl - Furka Maschun - ins Garneratal, über das Hochmadererjoch - Furka Catschetta - nach dem Tälchen Gonschetta benannt, in die Fermuntalp, auf demselben Weg nach Garnera zurück und über das Garneirajoch und das Madriserjoch - Caffier Blatten ( Gavier Platten ) nach St. Antönien. Von Gipfeln erwähnt Catani zum ersten Male die Sulzfluh, die Scheienfluh -Weißflühe ( in den österreichischen Karten Weißplatten ) und das Madrishorn. Einzig das Garneirajoch ist nicht benannt, sondern nur angedeutet.
In demselben Jahrgang gibt Carl Ulysses V. Salis Nachricht von dem Gletscher auf Bernina, d.h. von dem gesamten Berninamassiv, und unterscheidet darin zum ersten Male zwischen dem Muletto als Paß und dem Mont dell' Oro als Gipfel. Im Jahrgang 1783 berichtigt sein Vater, Ulysses v. Salis-Marschlins ( 1728—1800 ), in der Beschreibung seiner Reise von Bormio nach Scanfs, den Namen Fustani der älteren Karten für den Passo di Foscagno und erwähnt den Passo Dheira - Berg Eira, zwischen Trepalle und Livigno. Der letzte Jahrgang 1784 enthält einen Bericht der Pfarrer Catani und Pol über ihre Berg- und Höhlenfahrten im St. Antöniertal; es ist dies nicht nur die erste Beschreibung der seither oft durchforschten Höhlen, sondern auch der erste Bericht über die Besteigung der Sulzfluh. die am 12. Juli 1782 von den bergfreudigen Pfarrern ausgeführt wurde. In der Beschreibung der Aussicht von der Sulzfluh wird die Scesaplana auch Todte Alp genannt und das Drusenthor zum ersten Male unter seinem jetzigen Namen erwähnt.
Kein bergfreudiger Alpenreisender war dagegen der Laibacher Professor Balthasar Hacquet1 ), der 1783, um die Grenze zwischen Kalk- und kristallinischen Gesteinen zu bestimmen, Graubünden bereiste. Er ist zwar ein rüstiger Bergwanderer, hat den Beverin und den „ Kalkberg am Albula " bestiegen und viele Pässe überschritten, aber die Alpen machen ihm wenig Eindruck: wer viel in hohen Gebirgen gereist sei, dem kommen die Wasserfälle sowie alle Eisberge gleichgültig vor. Er ist auch ein schlechter Topograph, dem Gruners Eisgebirge maßgebend sind. Da er aber u.a. auch wenig bekannte Gegenden aufsuchte, wo ihn Gruner im Stich ließ, so ist sein Reisebericht nicht ohne topographischen Wert. Auf dem Weg von Bormio nach Livigno verzeichnet er das Gebirge Plador, den hohen Berg Colomban Dosdè und das Eisgebirge Balasha. Das erstere ist die Cima di Plator mit der Scala di Fraele, der zweite die Cima di S. Colombario und das Eisgebirge Balasha ist am Colle Vallaccia zu suchen. Den weißen Kalkberg am Albulapaß nennt er in der beigegebenen Tafel Piz Bianca und stellt ihm einen Piz Nera gegenüber, wahrscheinlich Piz Uertsch und Crasta mora. Bei St. Moriz erwähnt er den Piz Rosatsch unter seinem jetzigen Namen.
Auch Gottlieb Konrad Christian Storr 2 ), Professor in Tübingen, bereiste Bünden als Naturforscher; im Gegensatz zu Hacquet ist er aber ein warmer Freund der Bergnatur und hat an den Gletschern des Rheinwalds und den Schluchten der Viamala und der Rofna nicht weniger Freude als an den „ schwebenden Gärten " von Gandria am Luganersee und an dem Fall des Buffalorabaches bei Soazza in der Mesolcina. Seine erste Bündnerreise über Oberalp und Kunkels bietet nichts Neues. Auf der zweiten, 1785, ging er nach einem Ausflug von Marschlins ins Prätigau, wo er mit Pfarrer Pol eine Spitze im Grat des Madrishorns bestieg, über den Bernhardin zu den italienischen Seen und über den Septimer und die Lenzerheide nach Chur zurück. Bei Chur erwähnt er zum ersten Male den Pizokel - Bizokel, im Schams das Surettahorn - den dreizackigen Suretta - im Hintergrund des Tales, auf der linken Talseite den Piz Vizan. ferner einen Piz Nezza, der sich nicht bestimmen läßt, wenn man nicht annimmt, Storr habe den Piz Neza östlich vom Schams auf die Westseite versetzt, einen Piz Ostel, den er mit der Stella Scheuchzers, also mit dem Steilerhorn, identifiziert, die Alp Annarossa mit ihrem Gipfel, Pizzas d' Annarosa, und den Beverin. Auf der rechten Talseite sind genannt das Muttnerhorn und die Gipfel der Alp Taspin -Despin - mit der Piatta granfia, unter der er aber nicht den jetzt so benannten Vorberg der Curvèrgruppe versteht, sondern den Piz Curvèr selbst, denn Storr bedauert, daß bei seinem Besuch der alten Silbergruben auf Taspin die Zeit nicht hingereicht habe, den höchsten weiter südostwärts gelegenen Gipfel der Alp, die Piatta granda, zu besteigen.
Im Rheinwald bezeichnet er zum ersten Male das Marscholhorn als Moschelhorn, scheint aber an anderer Stelle unter diesem Namen das Rheinwaldhorn zu verstehen. Das Güferhornerscheint als Canalhorn. In der Mesolcina bei dem Wasserfall Buffalora nennt er den Pizzo PointaiPambio, die höchste Bergspitze, die auf diesem Weg zu sehen ist. Man soll von da die Stadt Mailand erblicken können ". Man wird durch diese Stelle an Scheuchzers Galesen erinnert, den Walser in der Karte von 1768 in die Mesolcina östlich von Soazza versetzt. Auf dem Rückweg nach Chur verzeichnet Storr keine neuen Gipfel, sondern hält sich an Gruners Topographie.
Ein Jahr später, im August 1786, machte Joh. Bapt. v. Tscharnerl ) einen Ausflug nach dem Roseggletscher, den er poetisch beschrieben hat, allerdings in so holperigen Versen, daß der Herausgeber am Schlusse etwas boshaft fragt, „ ob der Leser wohl auch gemerkt hat, daß dies ganze Stück in Hexametern geschrieben ist
Tscharners Weg führte von Pontresina zur Alp Misaum, wo die Nacht zugebracht wurde, am andern Tag über den Roseggletscher zu einem Punkt des linken Ufers, der in der Gegend der jetzigen Clubhütte Mortèl zu suchen sein mag. Aus der Schilderung der Aussicht sind hervorzuheben: „ Schimmernd glänzt mir der Musteer. Mir scheint sein Haupt eine steile Spiegelfläche zu seyn, glatt wie der Spiegel des Nachttischs.Linker Hand grade vor mir ist der glatte Sattel, Jägerpfad nach Malenk.Ugwaliux! Siehe wie hebt sich stolz und pyramidalisch sein Gipfel hoch zu dem Himmel hinauf... Oben krönt ihn ein Hut, spitzig, von blendender Weiße.Außen begrenzet der Tschierv links dort das herrliche Eisfeld. Ihm entlocket das Gems und Schaaf die kräftigste Weide. Aber auch ihn bekrönt Eis. "
Es ist leicht, in diesen Namen die Fuorcla Sella, den Piz Aguagliouls, mit dem wahrscheinlich der Piz Roseg zusammengefaßt ist, und den Piz Tschierva zu erkennen. Aber was ist der Musteer? Vielleicht weist seine Spiegelfläche „ glatt wie der Spiegel des Nachttischs " auf den Piz Glüschaint hin, der seinen glänzenden Firnspiegel dem Rosegtal zuwendet.
In demselben Jahr, wie Tscharners Schilderung des Roseg, erschien Pfarrer Lucien Pols2 ) ökonomische Beschreibung des Prätigaus, die den früher genannten Prätigauer Bergen den Hochwang auf der linken Talseite beifügt.
Während die Pfarrer Catani und Pol die Berge des Prätigaus erforschten, sammelte Pater Placidus a Spescha ( 1752 —1833 ), Konventuale der Abtei Disentis, naturhistorisches und topographisches Material für die Heimatkunde des Bündner Oberlandes. Der Göttinger Professor Christoph Meiners, der ihn am 7. August 1788 zu Disentis traf, wenige Tage, nachdem Spescha von der Besteigung des Stockgron zurückgekehrt war, nennt ( Briefe über die Schweiz III, pag. 261 ) den Pater Placidus einen der geübtesten Bergsteiger und Bergkundigen in ganz Graubünden, der alle umliegenden Täler durchforscht und die höchsten und gefährlichsten Eisberge und Gletscher erstiegen habe, um eine richtige Karte der Gegend entwerfen zu können.
Pater Placidus begann seine Bergwanderungen im Grauen Bund 1782 und setzte sie fort bis ins Jahr 1824, in dem er, zweiundsiebzigjährig, noch einen Versuch auf den Piz Rusein unternahm. Seine Aufzeichnungen über die Bergreisen von 1782—1798 sind bei der Einäscherung des Klosters durch die Franzosen, 5. Mai 1799, vernichtet worden, Pater Placidus hat sie aber nach der Rückkehr aus seinem Exil zu Innsbruck 1800 rekonstruiert, und sie sollen demnächst mit seinen andern Schriften veröffentlicht werden1 ). Bis das geschehen ist, müssen wir uns mit dem begnügen, was uns in Speschas Korrespondenz ( 1790 bis 1792 ) mit dem Berner Pfarrer und Naturforscher Jak. Samuel Wyttenbach erhalten ist2 ). Die Briefe betreffen den Tausch von Pflanzen, Mineralien, Büchern u. dg] ., aber auch topographische Fragen. So stellt Pater Placidus, der an einer Schrift über die höchsten Alpgebirge arbeitete, Fragen über die Hochgipfel des Wallis ( 18. Oktober 1791 ) und beantwortet ( 28. Januar und 15. Oktober 1792 ) solche Wyttenbachs über die Topopraphie des Bündner Oberlandes.
Nach Pater Placidus weiß man im Tavetsch nichts von einem Berg oder Gipfel des Namens Crispait. „ Es scheint, die Geographen haben ihn nur für die lange Weile dahin verlegt. " Der Name beziehe sich nur auf den Paß zwischen Urseren und Tavetsch, und zwar vorzugsweise auf den Pass da Tiarms - Sum Tiarms oder Bergli; der südliche Übergang ( der heutige Oberalppaß ) heiße bei den Urserern Krizli oder Bündnerberg, bei den Bündnern Quolm d' Urschära; nördlich vom Bergli stehe der dreizackige Piz de Tiarms, auch Stgainade Tiarms genannt, südlich vom Oberalpsee das Gebirge Nurschallas; diesem folgen der Roßstock und der Badus, den die Urßler Sechstmaduner heißen. Das Gebirg Nurschallas oder wenigstens sein höchster Gipfel ist der Piz Nurschallas, der Roßstock ist wie der Roßbodenstock Gruners die Plauncaulta, der Six Madun wird hier zum ersten Male mit dem Badus identifiziert. Auch die irrigen Darstellungen der Täler Maigels, Cornera und Nalps werden berichtigt. In der Scheuchzerschen und der Walserschen Karte steht „ Mugels " nördlich vom Badus, Cornera östlich von ihm und Nalps fehlt. Spescha zählt sie in der richtigen Zahl und Reihenfolge auf: Maigels werde westlich von den „ Hinterteilen " des Badus und vom Piz Portgera- Porschära - umschlossen, östlich vom Ravetschgrat-Stgaina de la Ravetscha. Zwischen Cornera und Nalps liege die Kette des Piz del Maler - Stgaina d' il Malir; der Scopi bestehe aus schwarzem Tonschiefer.
1 ) Einige Schriften des merkwürdigen Mönches sind in den Jahrbüchern S.A.C.V, pag. 494, X, pag. 33, XVI, pag. 483 u. ff., erschienen.
2 ) Ich verdanke den Nachweis der Briefe Speschas an Wyttenbach dem Redaktor dieses Jahrbuches, der sie in der von Rudolf Wolf gesammelten naturwissenschaftlichen Korrespondenz Wyttenbachs auf der Berner Stadtbibliothek gefunden hat. Vgl. Dübi, Dr. H.: Jakob Samuel Wyttenbach und seine Freunde. Neujahrsblatt der Literarischen Gesellschaft Bern a. d. J. 1911. Bern 1910.
3 ) Stgaina bezeichnet nach Spescha „ eine Felswand, die so gestaltet ist, als wenn lange perpendikular aneinander gestellte Scheiter den Felsen ausmachten ".
Der Brief vom 12. Weinmonat 1792 scheint der letzte gewesen zu sein. Einen Einfluß auf die Karten und die Reiseliteratur des ausgehenden XVIII. Jahrhunderts hatte die Korrespondenz nicht. Wyttenbach selbst nimmt im „ Itinéraire du St-Gothard " 1795 bei der Besprechung der Oberalp keine Rücksicht auf die Mitteilungen Speschas, und in der beigelegten Karte, 1791 aufgenommen, aber zuerst 1793 separat erschienen, ist in der Nähe der Oberalp kein Gipfel verzeichnet als der Calmot -Mont Culmet 1 ).
Die letzten Schriften des XVIII. Jahrhunderts, die speziell Graubünden behandeln, sind die Reisebriefe des Magisters J. F. Heigelin. 1793, die Übersicht der Bündner Gebirge von Ulysses V. Salis-Marschlins, 1796, und die Beschreibungen Bündens und seiner Untertanenländer von H. L. Lehmann, 1797 und 1798 2 ).
Heigelins Briefe sind hübsch geschrieben, aber unbedeutend; in der Bergnomenklatur hält er sich hauptsächlich an Storr. Neu ist nur die Notiz, der Liro entspringe westlich vom Splügenwirtshaus am Cardine, womit wohl der Monte Carden gemeint ist.
Da Ulysses V. Saiis-Marschlins. den wir schon als Mitarbeiter am Sammler kennen gelernt haben, die Orographie Bündens nur „ im Großen gezeichnet " und ihr Gruners Eisgebirge und Walsers zweite Karte zugrunde gelegt hat, so bringt er wenig neue Namen. Das Rheinwaldhorn nennt er Schwarzes Muschelhorn; am Bernhardin verzeichnet er westlich das Moschelhorn, das nun unzweifelhaft das Marscholhorn ist, und östlich das pyramidenförmige Schwarzhorn, wahrscheinlich Pizzo Uccello. Der eisbekrönte Dreispitz zwischen Brigels und Waltensburg, der sich an den Tödi lehnt, entspricht den Brigelserhörnern. denn in Walsers Karte steht der „ Tumpif " zwischen Brigels und Waltensburg neben dem Tödi, freilich auf der falschen Seite.
Interessant ist die Notiz bei Livigno: „ nicht nur wäre es leicht, längst demselben ( sc. dem Spöl ) eine fahrbare Landstraße aus Deutschland nach Italien zu erbauen, die nirgends eine beträchtliche Höhe zu ersteigen hätte, sondern einem Kaiser von Kina oder auch nur einem Riquet8 ), wäre es nicht unmöglich, auf dieser Stelle einen schiffbaren Canal durchzuführen und also den Inn mit der Adda zu vereinigen. " Ulysses v. Salis hat also, mutatis mutandis, die Idee seines Landsmanns Caminada um mehr als hundert Jahre antizipiert.
Lehmanns Republik Graubttnden war die erste historisch topographische Spezial-beschreibung des Landes, die seit der rhätischen Chronik von 1672 im Druck erschienen war, und genoß deshalb einst ein gewisses Ansehen, das aber mehr auf der Quantität des gesammelten Stoffs, als auf dessen Qualität und Verarbeitung 1 ) ( Wyttenbach, J. S. ) Itinéraire du St-Gothard. Basle 1795. Carte Pétrographique du St-Gothard par MM. Exchaquet, Struve et J. P. van Berchem. Basle 1793. ( Beide bei Christoph de Mechel erschienen und oft unter seinem Namen angeführt. ) 2 ) Heigelin, J. F.: Briefe über Graubünden. Stuttgart 1793.
v. Salis, Ulysses: Versuch einer Beschreibung der Gebirge der Republik Graubünden, im Großen gezeichnet. Joh. Casp. Fäsis Bibliothek der schweizerischen Staatskunde, 2. Jahrg. Zürich 1796 ( erschien auch mit dem Zusatz: „ Pässe, Wege und Pfade in Bündten und Veltlin " in der „ Alpina ". 2. Jahrg. Winterthur 1807 ).
Lehmann, H. L.: Die Republik Graubünden. Historisch topographisch dargestellt. 2 Teile. Magdeburg 1797 und Brandenburg 1799.
Id.: Die Landschaft Veltlin. Magdeburg 1797.
Id.: Die Grafschaften Chiavenna und Bormio. Leipzig 1798.
beruht. Dem historischen Teil warfen die Zeitgenossen Parteilichkeit und Gehässigkeit vor; die Topographie ist im wesentlichen eine reichhaltige, aber kritiklose Kompilation aus den Schriften Sprechers, Sererhards, Gruners, Walsers und anderer. Obwohl der Verfasser, ein sächsischer Pädagog von Detershagen bei Magdeburg, schon um 1775 als Hauslehrer ins Land gekommen und sich zwanzig Jahre lang darin aufgehalten hatte, verrät seine Topographie wenig eigene Beobachtung; was er Neues bringt, ist entweder unbedeutend oder ungenau.
Im Domleschg, das er am besten kannte und auch im Schweitzerischen Museum 1788 und 1789, im Patriotischen Magazin 1790 besonders beschrieben hat, nennt er neu nur den Faulenberg nördlich vom Stätzerhorn, das nur durch die Alp Stätz angedeutet ist. Dem Gipfel des Muttnerbergs gibt er den Namen La Furca, der sich vielleicht eher auf den von Sererhard angeführten Weg von Sils nach Schams über die Muttnerberge bezieht, als auf das Muttnerhorn. Der Fußsteig, der nur den Gemsjägern bekannt von Masino durch eine entsetzliche Eisgegend nach Bondo führt, muß der Passo di Bondo sein. Im Rheinwald will er das Tambohorn bestiegen haben, wenigstens ist er am 7. August 1791 bei Tagesanbruch von einer Bergamaskahütte im Paradieszu der Besteigung aufgebrochen, wir erfahren aber darüber nichts weiter, als daß das Tambohorn drei ungeheure Gletscher hat, dessen größter zuhinterst im Paradies an der Nordseite des stolzen Bedus liegt. Wenn Lehmann an jenem Tage irgend etwas bestiegen hat, so ist es also jedenfalls nicht das Tambohorn gewesen. Im zweiten Teil, der sich hauptsächlich mit dem Zehngerichtenbund beschäftigt, macht er aus den Kalkköpfen ( Weiße Flühe etc. ), die Heigelin im Rhätikon erwähnt, Kahlköpfe. In den Beschreibungen des Veltlins und der Landschaften Bormio und Chiavenna findet sich nichts Neues.
Das letzte Werk, das für unsern Zweck in Betracht fällt, ist wie das erste eine Schweizerkarte. Konrad Türsts Landtafel von 1496, in der wir zuerst Bündner Paßnamen verzeichnet finden, ist die erste Schweizerkarte überhaupt, der Meyersche Atlas der Schweiz1 ) 1796—1802 die erste, die auf Vermessung beruht und somit einen Wendepunkt in der Entwicklungsgeschichte der Schweizerkarten bezeichnet. Diese ohnehin primitive mathematische Grundlage erstreckt sich aber nicht über ganz Graubünden. In dem Dreiecknetz, das Professor Dr. J. H. Graf für die Weiß-Meyerschen Karten herausgefunden hat, erscheinen nur der Sixmadun, der Beverin und Selvretta als Triangulationspunkte2 ). Für einen großen Teil Bündens war der Kartograph auf das alte Kartenmaterial angewiesen, das er teilweise aus der schönen, aber in den Grenzgebieten unzuverlässigen „ Carte générale de la Guerre en Italie " von Bâcler d' Albe, Paris ( 1799—1800 ), vervollständigt haben mag. Die vier Graubünden betreffenden Blätter VII ( 1796 ), VIII ( 1798 ), XI ( 1800 ) und XII ( 1802 ) sind von sehr ungleichem Wert. In den drei ersten ist die Terrainzeichnung besser, die Distanzen richtiger als in jeder früheren Schweizer- und Bttndnerkarte. Das Blatt XII dagegen ist, wenigstens der südöstliche Teil rechts an der Linie Chiavenna-Lavin, mit allen Fehlern aus den Karten Scheuchzers 1712 und Walsers 1768 herübergenommen worden. Die Nomenklatur läßt in allen vier Blättern viel zu wünschen übrig; sie ist dürftig, manche Namen sind versetzt, viele verstümmelt; insbesondere finden sich weit weniger Berg- und Paßnamen, als man es in einer Karte erwarten sollte, deren Maßstab ( ca. 1: 120,000 ) nicht viel kleiner ist als derjenige der Dufourkarte. Trotz aller Mängel war aber der „ Atlas Suisse " für seine Zeit ein vorzügliches Werk, und namentlich die Gebirgsblätter genossen dank ihrer bestechenden plastischen Terraindarstellung, bei der die blaue Gletscherfarbe nicht gespart wurde, ein sehr hohes Ansehen.
Das Blatt VII enthält nur das Grenzgebirge gegen Glarus und bietet nichts als die merkwürdige Verwechslung des Panixerpasses, der als Segnes bezeichnet ist, mit dem Segnes, der durch Martinsloch angedeutet wird.
Im Blatt VIII, das den nordöstlichen Teil Bttndens umfaßt, fehlt auffallenderweise die Scesaplana. Neu sind dagegen der Flimserstein - Flimser Mons, die Ringelspitze - Ringel Mons, das Caveljoch - Gafell Mons, der Grubenpass - im Graben, der Rotbühlspitz - Rothubelspitund der Gross Litzner - Ligner Spitz.
Das Blatt XI enthält das Gebiet des Vorder-, Mittel- und Hinterrheins. Auf der linken Talseite des Vorderrheins verzeichnet es zum ersten Male den Oberalpstock; aus Badus und Sixmadun macht die Karte wieder zwei Gipfel, von denen der erstere an der Stelle der Plauncaulta steht. Zwischen Val Nalps, die mit Val Cornera - Gurneren - verwechselt ist, und Medels ist der Piz Vitgira - Witgiren Mons --verzeichnet, östlich vom Lukmanier der Scopi — Serpie Mons, zwischen Medels und Somvix der Piz Muraun - Uraun Mons, diesmal an der richtigen Stelle; südlich von Rinkenberg erscheint als Gletscherberg ein Gafria Mons, der seinen Namen von der Alp Zavragia entlehnt haben mag.
Im Gebiete von Vrin und Vals erscheinen der Piz Regina — Spitz Regen, das Brochenhörnli - Brochhorn, das Curaletschhorn - Gurletschhorn, der Dachberg - Dach Mons, der aus dem Vais an die Greina versetzt ist, und als Pässe der Valserberg -Kallenberg - und der Passo di Sorreda, früher auch Scaradra genannt, der durch eine Paßlinie und den Namen Aradra bezeichnet ist.
Im Rheinwald erscheinen auf der rechten Talseite ein Ramithorn, das der Lage, aber nicht der Höhenquote nach dem Zapporthorn entspricht, das Marscholhorn -Marsol, das Mittaghorn und das Einshorn - Cadriolhorn; Rheinwald- und Güferhorn werden durch ihre Quoten unterschieden, aber unter dem Namen Vogelberg zusammengefaßt. Östlich vom Vogelberg stehen auf der linken Talseite ein Apporthorn, ein Fornillahorn und ein Spitzhorn. Das erstere mag der Alp Zapport oder vielleicht dem Salahorn entsprechen, das Weilenmann 1859 Zapportgrat nennt, Formila ist wahrscheinlich ein verschriebenes und nach Süden in die Hauptkette verschobenes Fanellahorn, und das Spitzhorn1 ) entspricht der Lage nach dem Kirchalphorn. Die andern Berge und Pässe sind schon früher erwähnt worden oder nicht einmal vermutungsweise bestimmbar, wie Nubsus Mons bei Lumbrein im Lugnez, Wederta ( Vedretta ?) an der Greina und Glacier im Hintergrund der Val Cristallina ( Medels ). Wahrscheinlich bedeuten die beiden letzten Namen einfach Gletscher und sind durch Versehen des Stechers zu Eigennamen gestempelt worden.
Das Blatt XII, 1802, liegt außerhalb unserer Zeitgrenze und bringt nichts Neues als einige Namensverschiebungen und Versehreibug'en. Die Terrainzeichnunsr ist effektvoller, aber nicht richtiger als in Walsers Karte 1768, die Nomenklatur noch dürftiger. Im Berninamassiv erscheint kein Name als Bernina Mons, wahrscheinlich als Gesamtname für den ganzen Gebirgsstock. Man darf aber diese Armseligkeit der Nomenklatur nicht dem Kartographen zur Last legen: es gab eben damals gerade für die höchsten Gipfel der Bernina noch keine Namen. Schreibt doch G. W. Röder noch 1838 ( Gemälde der Schweiz: XV. Der Kanton Graubünden, pag. 145 ): „ In dieser östlichen Gruppe ( d.h. im Gebiet des Roseg- und des Morteratschgletschers ) lieben sich viele der erhabensten Alpenhörner aus der grausenhaften Eiswelt, die diese Gruppe auszeichnet; aber der bündnerische Anwohner hat für diese ragenden'Wolken-stühle keine Eigennamen. "
So unglaublich es uns heute vorkommt, daß Berggestalten wie Piz Bernina, Piz Roseg u.a. im Engadin noch vor zwei Menschenaltern nicht benannt waren, so wurden doch diese „ Wolkenstühle " und viele andere Gipfel des Oberengadins erst 1850 getauft, nicht gerade von einem unmittelbaren Anwohner, aber doch von einem Bündner, unserem verehrten Clubnestor, Oberforstinspektor Dr. Joh. Coaz 1 ), der als junger Ingenieur mit der topographischen Aufnahme des Berninamassivs betraut, nach vielen Bergbesteigungen in den Ausläufern der Gruppe, am 13. September 1850, als der Erste die höchste Spitze des ganzen Gebirgs bezwungen und Piz Bernina getauft hat.
Wir sind am Ziele! Es war ein langer, steiniger Weg von Conrad Türsts Landtafel bis zu Joh. Rudolf Meyers Atlas der Schweiz! Wer Ausdauer und Geduld genug besaß, um ihn'mit mir bis ans Ende zu verfolgen, der mag jetzt wohl aufatmen wie einer, der nach mühseligem Aufstieg über einen steilen rutschigen Gufer-hang endlich einen Felskopf erreicht hat, der ihm Rast und Aussicht gewährt. Blicken wir zurück, so überschauen wir ein vielfach zerschnittenes Bergland, dessen Täler und Joche auf zahlreiche Pässe hinweisen; die Gipfel stecken in Nebel und Wolken, da und dort sticht aber eine Spitze, zuerst kaum erkennbar, aus dem Nebel hervor und, wie dieser sich zu lichten beginnt, werden die Gipfel immer zahlreicher und deutlicher sichtbar und reihen sich zu Ketten und Bergstöcken aneinander. Aber gerade auf den höchsten Gletscherbergen hockt das Gewölk am hartnäckigsten und weicht nicht, solange wir verweilen können.
Daß in Graubünden, dem schweizerischen Paßlande par excellence, die Pässe früher und zahlreicher in Karten und geographischen Schriften verzeichnet werden als die Gipfel, versteht sich von selbst. Am Ende des XVI. Jahrhunderts sind in Bünden und an seinen Grenzen schon 40 Pässe sicher bekannt, aber nur 4 Gipfel, während in den Berneralpen um dieselbe Zeit nur 11 Pässe, aber 27 Gipfel benannt sind. Das XVII. Jahrhundert bringt dank der strategischen Wichtigkeit der Bündnerpässe im Dreißigjährigen Krieg die Zahl der Pässe von 40 auf 56, die der Gipfel nur von 4 auf 7. Erst im XVIII. Jahrhundert, als durch Scheuchzers Alpenreisen das Interesse an die Bergnatur wieder geweckt worden war, nimmt die Zahl der sicher bestimmten Gipfel rasch zu, so daß sie die der Pässe erreicht. Um 1800 sind rund 80 Pässe und ebensoviele Gipfel nachgewiesen.
Nimmt man den Stand der Bergnomenklatur als Maßstab für den Stand der geographischen Alpenkunde, so ergibt sich, daß das Tavetsch, die Grenzkette gegen Glarus, der Rhätikon und das Unterengadin am besten bekannt waren. In den andern Teilen Bündens sind zwar fast alle Pässe von einiger Bedeutung benannt, aber nur wenige vereinzelte Gipfel. Einzig an der Hauptstraße Chur-Chiavenna finden wir sie in größerer Zahl beisammen. In den höchsten Gletschergebirgen Silvretta, Rheinwald, Bernina ist die Nomenklatur dürftig und unsicher, und ist es geblieben bis um die Mitte des vorigen Jahrhunderts.
In den vierziger Jahren begann dann die Triangulation und Vermessung Graubündens durch das eidgenössische Topographische Bureau und 1854—1859 erschienen die Blätter XIV, XV, XIX und XX der Dufourkarte, durch die zum ersten Male die Bündner Bergnomenklatur in den Hauptpunkten festgestellt und zugleich, dem größern Maßstab gemäß, wesentlich vermehrt wurde, zum Teil durch alte landesübliche Namen, die bis dahin den Kartographen unbekannt geblieben waren, zum Teil durch neue Bezeichnungen nach den Namen der anstoßenden Täler und Alpen oder nach besonderen Merkmalen der Lage, der Form, der Farbe usw. Man kann den Bündner Topographen das Zeugnis nicht versagen, daß sie es trefflich verstanden haben, die neuen Namen charakteristisch und dem Volke mundgerecht zu wählen. Schade, daß ihr Beispiel nicht überall in den Karten und der Literatur der Alpen Nachahmung gefunden hat.