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Weitere Luftaufnahmen von Thoune
Das Schloss Thun beansprucht unter den Burgen der Schweiz einen erstrangigen Platz. Es bewacht wie Chillon, Rapperswil oder Bellinzona eines unserer bedeutsamen Alpentore und damit eine wichtige Verkehrsroute. Es nimmt zudem eine bemerkenswerte Brückenstellung am unteren ende eines Sees ein. Die Burg prägt hier, im Gegensatz zu Zürich, Genf oder Luzern, das Siedlungsbild wesentlich mit. Überdies kommt der mächtigen Dynastenbaute grosse historische Bedeutung zu, und sie ist auch architektonisch von bezwingender Eigenart. Ohne Zweifel haben die geographischen und geschichtlichen Voraussetzungen im Zusammenspiel die gewaltige Anlage erstehen lassen.
Als Erbauer der Burg gelten die Herzöge von Zähringen, im Besonderen der letzte dieses Geschlechts, Berchtold V. Mit Gewissheit gab es aber schon vor dessen Herrschaft hier eine befestigte Siedlung. Der keltische Ortsname deutet darauf hin. Das zu « Thun » gewordene « Dunum » hängt sprachgeschichtlich mit dem deutschen Wort « Zaun » und dem englischen « town » zusammen. Als Nachsilbe steckt das Wort in der Bezeichnung mancher gallischen oder gallorömischen, palisadenbewehrten oder auch stärker befestigten Siedlung (z.B. Minnodunum = Moudon). Aus Thun und seiner Umgebung sind denn auch zahlreiche Funde aus der Antike bekannt, die auf eine verhältnismässig dichte Besiedlung schliessen lassen.
Herrliberger 18e
Über die hochmittelalterliche Befestigung des Burghügels hat die Forschung höchst bemerkenswerte Resultate ergeben. Man wusste zwar, dass im 12. Jahrhundert vor den Zähringern die Freiherren von Thun im Aaretal herrschten. In minuziöser Analyse ist die Lage ihres Sitzes erkundet und der Beweit dafür erbracht worden, dass dieser sich etwa in der Mitte des Thuner Schlossbergs befand, nicht aber an der Stelle der späteren Zähringerburg an der Nordwestecke. Aussenwerke dieser frühen Feste nahmen freilich den Platz der zähringischen Anlage ein und erstreckten sich auch gegen Südosten in den Raum der späteren Stadtkirche. Besonders faszinierend ist die Feststellung, dass sich eine erste, von den Herren von Thun auf dem Burghügel gegründete städtische Siedlung in ihrer Grundrissstruktur mit ziemlich locker verteilten Gebäuden praktisch bis heute erhalten hat und sichtbar geblieben ist. Diese Struktur entspricht jener eines ersten Typs hochmittelalterlicher Städtegründungen. Solche werden, vor allem im 11. und 12. Jahrhundert, im Vorfeld von Feudal- oder Bischofssitzen und Abteien angelegt. Der Typ weicht stark von jenem der zweiten Phase (13. und 14. Jahrhundert) ab, bei welchem Gassenmärkte und geschlossene Zeilen von Bürgerhäusern den Ausschlag geben. In Thun liegen beide Typen heute noch nebeneinander vor: der erste auf dem Hügel, der zweite an dessen Fuss, mit einem zähringischen Abschnitt vom Rathaus aareaufwärts und einem jüngeren kyburgischen Teil flussabwärts. Die mittelalterliche Wehrmauer steht nördlich und östlich von schloss und Stadtkirche zum Teil noch jetzt aufrecht. Einzelne Teile gehen unmittelbar auf die vorzähringische Anlage zurück. Diese umfasste auch zwei befestigte Brückenköpfe mit Handwerkersiedlungen beidseits der Aare beim späteren Friedhof.
Vermutlich zwang der Sieg Berchtolds V über den oberländischen Adel um 1090/91 die Edlen von Thun, deren Stammschloss, wie man annehmen darf, zerstört wurde, zum Verzicht auf ihre Herrschaft. Die Zähringer übernahm diese in ihr Eigen und schritten zum bau der neuen Thuner Burg. Diese kam nun an die Nordostseite des Hügels zu stehen.
In einer Bauzeit von mehreren Jahrzehnten, wahrscheinlich in zwei zeitlich getrennten Abschnitten in der zähringischen und der kyburgischen Epoche nach 1218 -, entstand das imposante Turmwerk. Es trägt die Merkmale eines normannisch-nordfranzösischen Donjons und darf mit einem solchen durchaus verglichen werden, da die Zähringer diesen Burgentyp bevorzugt zu haben scheinen. Der riesige Mauerkubus reckt sich auf einer Grundfläche von über 13 auf 20 Metern empor. In 14 Metern Höhe befindet sich der Rittersaal. Über dessen Decke hinaus darf das Bauwerk mit den vielen runden Eckrisaliten als zähringischen Ursprungs (kurz vor 1200) betrachtet werden. Zur Kyburgerzeit wurde es um ein weiteres, durch eine Reihe von Rundbogenfenstern gekennzeichnetes Stockwerk erhöht und möglicherweise bereits damals mit dem mächtigen, sich bis zu 42 Meter über den Boden erhebenden Walmdach abgeschlossen. Errichtet wurden auch die vier achteckig auslaufenden Seitentürme. Das aus dem Jahr 1250 stammende erste Thuner Stadtsiegel zeigt den ganzen Turm mit den genannten Aufbauten.
Der Zugang erfolgte zunächst über Leitern. Unter den Kyburgern und später gelangte man über eine Treppe direkt in den Rittersaal. Das Turminnere diente zu Beginn sicherlich auch dem Wohnen, wurde aber mehr und mehr repräsentativen Zwecken zugeführt. Der weite, den vollen Umfang eines Stockwerks einnehmende Rittersaal zeugt dafür. Andere Etagen dienten zeitweise auch als Lager für Waren. Bald wurde für bessere Wohnmöglichkeiten gesorgt, was aus einer Urkunde hervorgeht, die von einem Aufenthalt Rudolfs von Habsburg 1266 in einem Haus innerhalb des Zwingers der Wehrmauer berichtet. Ein Palas muss also bereits damals südlich des Donjons bestanden haben. Er fügte sich dort in den Bereich der sich um das Schloss ziehenden Ringmauer ein und wurde im 15. Jahrhundert unter bernischer Hoheit zum Sitz des Schultheissen.
Mit dem Unfalltod Hartmanns V von Kyburg 1263 starb das Geschlecht in männlicher Linie aus. Damit begann für Thun eine bewegte Epoche. Zwar verlieh die Witwe des letzten Grafen der Stadt mit der « Handfeste » gewisse Freiheitsrechte, welche die Bürger auch später unter Bern zu wahren vermochten, doch meldete Habsburg seine Erbansprüche an. Ein Vetter Rudolfs, Eberhard I von Habsburg-Laufenburg, übernahm 1273 die nun « Neu-Kyburg » genannte Herrschaft. Verlustreiche Kriege und Familienstreit, 1322 gar ein Brudermord, führten zum Niedergang. Im Lauf des 14. Jahrhunderts hatte die Stadt Bern verhältnismässig leichtes spiel, ihren Einfluss zu mehren. Zweimal fiel ihr Thun zu, käuflich oder durch Verpfändung, zu, ging dann aber wieder an Neu-Kyburg zurück. 1384 wurde es endgültig bernisch.
Seit der Schlossturm im 15. Jahrhundert neue Ziegeldächer erhielt, hat er sein Aussehen gewahrt. In seiner Umgebung ist verschiedenes verändert: Bauten, wie das der Wehrmauer aufgesetzte Henkertürmchen, sind neu erstellt oder aber entstellt und abgebrochen worden. Manche von ihnen dienen heute der Verwaltung. Den Donjon hat man als sehenswertes historisches Museum eingerichtet.
Bibliographie