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Wuppertal-Mani-Harlem
Zum Tod des Jazzbassisten Peter Kowald (1944-2002)
Von Patrik Landolt
Die Nachricht verbreitete sich per E-Mail: Peter Kowalds Freunde aus Wuppertal, Amerika, Japan, Italien und Frankreich teilten der Jazzcommunity die schlechte Neuigkeit mit: Peter Kowald starb am Samstag, dem 21. September, um 2 Uhr nachts. Der Bassist erlag in der Wohnung von Patricia und William Parker einem Herzinfarkt. Ein dramatischer Tod, unangekündigt, im Alter von 58 Jahren viel zu früh und für alle eine traurige –berraschung. Patricia Parker, Organisatorin des «Vision Festival» in New York und Frau des Bassisten William Parker, hielt die Details von Kowalds Tod fest: »Nachdem Peter Kowald in Williamsburg, Brooklyn, ein Konzert mit Masahiko Kono, Tatsuya Nakatani and Kazuhisa Uchihashi gespielt hatte, bat er, in mein Haus kommen zu dürfen. Er fühlte sich unwohl, und wir wollten ihn gerade ins Spital bringen, als er einen Herzschlag erlitt und starb. Die Notärzte versuchten ihn in einer 45-minütigen intensiven Nothilfe zu retten.»
Wenige Wochen vor seinem Tod traf ich den Bassisten in Zürich zum Nachtessen. Wir besprachen Details für seine in Zürich aufgenommene CD mit dem Posaunisten Conrad Bauer und dem Schlagzeuger Günter Sommer. Der Routinier Kowald, der schon unzählige Aufnahmen veröffentlicht hatte, zeigte immense Freude über die aufgenommene Musik, so, als arbeitete er an seiner ersten Platte. Mit seiner tiefen Stimme vermittelte er eine wohltuende Ruhe und Gelassenheit. Kowald sass am Tisch mit einer griechisch-schweizerischen Freundin, sprach fliessend in griechischer Sprache, in der er sich gerne unterhielt. Er erzählte von seinem Haus in der Mani. Mani, der karge, lichtreiche und wundersame südliche Zipfel des Peloponnes, war einer der vielen Heimatorte von Kowald, der in den sechziger Jahren griechische Sprache studiert hatte. Seine Liebe zu Griechenland äusserte sich auch künstlerisch, indem er regelmässig mit griechischen MusikerInnen, etwa dem Klarinettisten Floros Floridis, zusammenarbeitete.
Rastlos, immer unterwegs
An diesem Abend kommen wir aber immer wieder auf New York zu sprechen. Peter Kowald hatte das Glück, in einem Community-Haus in Harlem eine Wohnung mieten und später für wenig Geld erwerben zu können. Schon in den frühen achtziger Jahren wohnte er längere Zeit in Manhattan und prägte den Aufbruch der Jazzszene in Downtown mit. Wie kaum ein anderer europäischer Musiker fand der Bassist mit seiner charmanten und liebenswürdigen Art Zugang zu unterschiedlichen, weitgehend voneinander isolierten Szenen New Yorks.
Als Mitgründer der europäischen Freemusic wurde Kowald zum eigentlichen Brückenbauer zwischen der europäischen Szene und dem Jazz der African Americans. CD-Aufnahmen mit dem Bassisten William Parker, dem Kornettisten Butch Morris oder dem Trompeter Wadada Leo Smith zeugen vom gegenseitigen Respekt. Mit klarem Blick sezierte Kowald aber auch die Probleme der amerikanischen Musikwelt und zeigte sich empört über die Ungerechtigkeit im Musikbusiness und die mangelnde Anerkennung der schwarzen MusikerInnen. »Der Bassist Sirone hatte während meines New-York-Aufenthaltes meines Wissens nur einen Auftritt. Sirone spielt nicht, ein fantastischer Bassist wie er hat keine Arbeit. An seinem Beispiel zeigt sich besonders krass, dass Amerika die einzige ureigene kulturelle Tat, die es in diesem Jahrhundert vollbracht hat, den Jazz, immer noch nicht als solche akzeptiert und die Musiker, die diese kulturelle Tat immer wieder vollbringen, immer noch nicht respektiert. Das ist eine der wichtigsten Erfahrungen, die ich aus New York mitgebracht habe. Die andere ist, dass man trotzdem all diese Aktivitäten sieht und hört: Man versucht, sich nicht unterkriegen zu lassen.»
Kowald liess sich nicht unterkriegen. Sein Musikerleben war ein Kampf, um gehört zu werden, spielen zu können, zu überleben. Er ist mit seinem Bass unzählige Male um die Welt gereist und hat gearbeitet wie ein Berserker. Zum Beispiel 1988, Olympische Spiele in Seoul: Peter Kowald sitzt vierzehn Stunden im Flieger, um dann in einem Stadion vor 120 000 Leuten zu spielen. Dann wieder vierzehn Stunden Fliegerei zurück nach Wuppertal. Oder für eine Stunde Musik nach New York. Nach dem Konzert ein Glas im Stehen - und ab geht es, zurück nach Deutschland. Zwischen März und Mai 2000 spielte er fünfzig Solokonzerte und reiste dafür im Wohnwagen quer durch die grossen Städte und die trostlose Provinz Amerikas: von Miami, Florida, über New York, Washington, Chicago, Providence, Hartford, Middeltown, Pittsburgh, Columbus, Bethany nach Nashville, Knoxville, Chattanooga, Atlanta, New Orleans, San Francisco etc. Kowald war der rastlose Jazzmusiker, immer unterwegs, um zu spielen, auf der Suche nach dem Publikum.
Suche nach dem Ganzheitlichen
Zu seinem fünfzigsten Geburtstag, 1994, schenkte sich Kowald eine Pause. Er verweilte 365 Tage am Ort. Nun kam die Welt zu Peter Kowald. Die internationalen Gäste, MusikerInnen, TänzerInnen und MalerInnen reisten nach Wuppertal und arbeiteten mit Kowald. Der Bassist wurde Gastgeber und musste, wie Werner Lüdi über dieses Experiment festhielt, »Radieschen schneiden, Bier holen, Geschirr spülen» (WoZ Music 98, 26. November 1998). Auch dies war ein neuer Ausbruch. »Lebendig wars, auch anstrengend und aufregend. Und oft schön mit Freunden und Nachbarn», fasste Kowald seine Erinnerung zusammen. Die Konzertaktivitäten, Gespräche und Aktionen sind in einem Buch dokumentiert, das sowohl ein Porträtbuch über Peter Kowald als auch ein Diskussionsband zur aktuellen Musik geworden ist: »Almanach der 365 Tage am Ort» (Verlag der Buchhandlung Walter König, Köln).
Peter Kowald dachte in grossen Zeitdimensionen und hatte einen langen Atem. In den sechziger Jahren gründete er zusammen mit seinem Kollegen, dem Saxofonisten Peter Brötzmann, und dem Verleger Jost Gebers die Musikerkooperative Free Music Production. Die FMP war mit dem gleichnamigen Plattenlabel und mehreren Festivals in Berlin während vieler Jahre das Kraftzentrum des europäischen Jazzaufbruchs. Zusammen mit den Pionieren der freien Musik, mit Peter Brötzmann, Alexander von Schlippenbach, Evan Parker und Irène Schweizer, war Kowald massgeblich beteiligt an der Entwicklung der europäischen freien Musik, am »europäischen Echo» auf den amerikanischen Freejazz. Auf der Suche nach eigener künstlerischer Identität und musikalischer Sprache schuf er eine freie Musik, die verankert war in der Tradition des schwarzen Jazz und gleichzeitig Elemente aus anderen Musikkulturen absorbierte. Zusammen mit dem Pianisten Alexander von Schlippenbach hielt er das Globe Unity Orchestra, eine Bigband, die für die freie Improvisationsmusik in Europa als Katalysator wirkte, am Leben.
Für ein Plattenprojekt, welches aus heutiger Sicht Peter Kowalds Musik vorzüglich präsentiert, nahm sich Kowald sechs Jahre Zeit. Zwischen 1986 und 1992 ging Kowald mit dutzenden von MusikerInnen ins Studio. Das Resultat, drei Langspielplatten und eine CD, zeigen Kowald im Zwiegespräch mit gegen fünfzig MusikerInnen aus Europa, den USA und Japan (erschienen bei FMP). Die Aufnahmen sind ein wichtiges Dokument einer sich international öffnenden europäischen Improvisationsmusik.
Grenzen sprengen, Brücken schlagen: Dies waren die Grundzüge von Kowalds künstlerischer Arbeit. Kowald war auch einer der wenigen westdeutschen MusikerInnen, die in jahrelanger Freundschaft mit ostdeutschen Musikern tourten, hauptsächlich mit dem Schlagzeuger Günter Sommer und dem Posaunisten Conrad Bauer. Er arbeitete auch spartenübergreifend mit TänzerInnen, unter anderem längere Zeit mit Pina Bausch, und spielte fürs Theater. Er hatte eine Vorliebe für archaische Musikformen, suchte PartnerInnen aus Volksmusiken und entfernten Musikkulturen. »Ich möchte das Komplexe und das Einfache verbinden», hat er einmal in einem Gespräch gesagt. Die Suche nach dem Ganzheitlichen - ohne esoterischen Anstrich - stand in den letzten Jahren im Mittelpunkt von Kowalds Arbeit. Eine Ahnung vom Reichtum seiner musikalischen Erfahrungen gab Peter Kowald bei seinem Solokonzert vor einem Jahr am Festival zum zwanzigjährigen Bestehen von Fabrikjazz in der Roten Fabrik in Zürich. Unvergesslich bleibt das Bild, wie er konzentriert über den Bass geneigt zu den tiefen Tönen des Instrumentes archaische Kehlkopflaute singt. »Ab und zu wird er in unserer Erinnerung auftauchen, in unserem Herzen ist er sowieso», schreibt sein langjähriger Weggefährte, der Saxofonist Peter Brötzmann, in der Einladung für «A Night of Joy and Music - dedicated to Peter Kowald», in der sich am 11. Januar 2003 die FreundInnen von Peter Kowald in Frankfurt versammeln werden.