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Lange Zeit ging auch ich davon aus, dass viele Krankheiten einen psychischen oder psychosomatischen Ursprung haben.
Wenn also Konflikte, belastende Gedanken und Gefühle die Krankheiten auslösen, dann könnte man diese ja auch mit dem richtigen Mindset überwinden. Das war auch meine Einstellung. Heute bin ich überzeugt, das stimmt nicht. Denn hinter chronischen Krankheiten stecken meiner Meinung nach viel öfter körperliche Ursachen als psychosomatische. Aber beginnen wir von vorne.
Was bedeutet psychosomatisch überhaupt?
Zuerst möchte ich den Begriff psychosomatisch kurz genauer unter die Lupe nehmen.
Der Begriff Psychosomatik setzt sich aus den altgriechischen Wörtern "Psyché" (Seele) und "Soma" (Körper) zusammen. Die Psychosomatik ist ein Teilgebiet der Medizin. Der Einfluss von psychischen und sozialen Faktoren auf den Körper steht dabei im Zentrum.
Wenn die Ursachen einer Krankheit sich nicht oder nicht vollständig körperlich erklären lassen, spricht man klassischerweise von einer psychosomatischen Erkrankung. Das heisst, die Erkrankung wurde ursächlich ausgelöst durch seelische Belastungen (zum Beispiel belastende Emotionen, Konflikte, Lebenskrisen, traumatische Erlebnisse) und zeigt sich nun in körperlichen Beschwerden. Im Vergleich zu psychischen Erkrankungen, welche sich dann nicht in körperlichen, sondern vorwiegend in psychischen Beschwerden zeigen.
Meine eigene Geschichte
Ich bin seit über 21 Jahren chronisch krank. Ich habe ein CFS/ME, also ein chronisches Müdigkeitssyndrom. Gerade bei so einer Krankheit, die noch viel zu wenig anerkannt und beachtet wird, obwohl sie bereits seit 1969 von der WHO als neurologische Erkrankung eingestuft wird, kommt schnell der Gedanke auf: Das ist psychosomatisch. So war das auch in meinem Fall.
Leukämie oder doch psychosomatisch?
Zu Beginn wurden meine Symptome (extreme Erschöpfung und Schwäche, unstabiler Kreislauf im Sitzen und Stehen, das Gefühl einer schweren Grippe, starker Nachtschweiss und viele mehr) auch von Seite der Schulmedizin extrem ernst genommen. Weil ich tagelang nicht mehr aufstehen konnte, brachten mich meine Eltern in die Notfallaufnahme des Universitätsspitals in Bern. Damals war ich 19 Jahre alt.
Ich wurde nicht mehr nach Hause gelassen und über eine Woche stationär im Universitätsspital in Bern untersucht. Die beiden Verdachtsdiagnosen waren Leukämie oder MS. Beides nicht prickelnd. Als die Knochenmarkpunktion und weitere Untersuchungen dann doch nicht den gesuchten Beweis lieferten, wurde ich innerhalb von wenigen Stunden von der vermuteten Leukämie- oder MS-Patientin zur psychosomatisch Kranken.
Kurz zusammengefasst wurde ich nach über einer Woche mit ungefähr folgenden Worten aus dem Krankenhaus entlassen: "Sie haben nichts, gehen sie doch mal zu einem Psychiater".
Wohl gesagt, mein körperlicher Zustand bei meiner Entlassung war gleich wie bei meiner notfallmässigen Einlieferung eine gute Woche zuvor. Einzig hatte sich nun noch eine psychisch sehr anstrengende Woche dazu gereiht (na ja, solche Verdachtsdiagnosen steckt man dann eben doch nicht in ein paar Stunden weg).
Endlich eine Diagnose
Meine Ärzteodyssee begann. Relativ schnell erhielt ich dann die Diagnose CFS/ME. Zum Glück, dachte ich, denn endlich habe ich eine Diagnose. Endlich ist klar, was ich habe. Und endlich wird man mich ernst nehmen. Oh, wie habe ich mich getäuscht. Denn die Diagnose hat mir, ehrlich gesagt, überhaupt gar nichts gebracht.
CFS/ME ist bis heute so unerforscht und unbekannt (und vor über 20 Jahren war das noch schlimmer), dass die meisten Ärzte und medizinisches Fachpersonal wenig bis gar keine Ahnung von dieser Krankheit haben. Der Irrglaube, dass es diese Erkrankung gar nicht gibt oder es rein psychosomatisch sei, schwirrt immer noch in vielen Köpfen. (Es gibt zum Glück auch ganz tolle Ausnahmen.)
Ich habe alles mögliche gehört, von "Welchen Gewinn bringt Ihnen denn diese Krankheit", "Sie wollen vielleicht gar nicht gesund werden", "Sie sehen ja gar nicht krank aus", bis zu "Sie haben einfach das falsche Mindset", um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Und ja, man beginnt wirklich an sich selber zu zweifeln. Bilde ich mir das alles nur ein? Habe ich tatsächlich einen Krankheitsgewinn? Strenge ich mich vielleicht wirklich zu wenig an, um wieder gesund zu werden?
Ich schaute mein Leben an, von hinten nach vorne, von vorne nach hinten, machte tonnenweise Therapien, auch im psychosomatischen Bereich. Traumatherapie, Gesprächstherapie und sogar Hypnose habe ich probiert. Und klar, man findet in jeder Kindheit Dinge, die nicht gut liefen, Ereignisse, die einem mitgenommen haben. Alles ging ich durch. Schritt für Schritt. Das Ergebnis: Keine Besserung.
Befreiung von Schuldgefühlen
Nach jahrelangem Suchen und Kämpfen, Selbstzweifeln und Selbstverurteilung im Sinne von "was mache ich bloss falsch, dass ich nicht gesund werde?", wurde mir klar, dass diese Krankheit keine psychosomatische Ursache hat, sondern eine körperliche. Genau so, wie es bei ganz vielen chronischen Krankheiten der Fall ist, die immer noch fälschlicherweise in die Psychosomatikschublade abgeschoben werden.
Eine grosse Hilfe dabei waren mir die Bücher von Anthony William. Ich fühlte mich das erste mal zu Hundert Prozent ernst genommen, verstanden und erkannte mich in den beschriebenen Symptomen wieder. Ich sah und lernte endlich die ganzen Zusammenhänge, welche Ursachen hinter dieser Krankheit und anderen chronischen Krankheiten liegen.
Mir wurde schlagartig bewusst, ich kann nichts dafür, ich habe Null Schuld daran, dass ich krank bin. Es sind nicht meine Emotionen, belastende Gedanken oder vergangene Ereignisse, dich mich krank gemacht haben. Und weisst du was, es war eine riesengrosse Erleichterung, diese Gewissheit zu haben. Mir fiel eine jahrelange Last von den Schultern.
Ja, die Krankheit CFS/ME blieb bis heute, und die bringt bereits genug an Herausforderungen mit sich. Und die meisten Ärzte nehmen sie nach wie vor viel zu wenig ernst. Aber ich konnte mich zumindest befreien von jeglichen Schuldgefühlen. Irgendwie diese Krankheit verursacht zu haben oder nicht gesund werden zu wollen, was für ein Blödsinn.
Wir finden nichts, es ist psychosomatisch
Das war meine persönliche Geschichte. Und leider ist sie überhaupt kein Einzelfall. Ich höre solche Berichte immer wieder, sei es von anderen CFS/ME-Betroffenen oder von Kunden, die an anderen chronischen Krankheiten leiden.
Diese Menschen fühlen sich nicht ernst genommen. Ihre körperlichen Symptome und Erkrankungen werden psychologisiert und als psychosomatisch eingestuft, um nicht zu sagen abgestempelt.
Die Betroffenen fühlen sich dann schuldig, ihre Krankheit irgendwie kreiert zu haben. Sie arbeiten dann jahrelang an Traumas oder Suchen nach verborgenen Traumas und trotzdem werden sie nicht gesund. Das ist anstrengend und zermürbend.
Wieso werden so viele Krankheiten als psychosomatisch eingeschätzt, was steckt da dahinter? Aus meiner Sicht ist das recht simpel, die Schulmedizin hat noch nicht herausgefunden, welche Ursachen hinter diesen Erkrankungen stecken. Es gibt keine Ursache und somit auch keine adäquate Therapie. Denn findet man nichts auf dem Röntgenbild, in der Blutanalyse oder bei anderen medizinischen Untersuchungen, dann ist der Fall meist klar: es ist psychosomatisch. Im Sinne von, wenn man nichts findet, dann ist auch nichts da.
Die Psyche beeinflusst uns
Mir ist durchaus bewusst, dass die Psyche eine grosse Rolle spielt, bei uns allen. Sie spielt immer mit, selbstverständlich. Auch Stress, natürlich ist der schädlich. Und ja, emotionale Arbeit ist oftmals entscheidend für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden.
Aber die Psyche ist eben meistens nicht die Ursache der Erkrankung. Emotionale Ereignisse oder Stress kann eine Krankheit triggern, aber sie sind oftmals nicht die Wurzel des Problems (es gibt Ausnahmen). Sondern das sind laut Anthony William und vielen ähnlich denkenden Medizinern andere Dinge wie Viren, Bakterien, Schwermetalle, Umweltgifte wie Pestizide und Fungizide, Röntgenstrahlen und andere Krankheitsverursacher.
Eine psychologische Unterstützung, Betreuung oder sogar Medikation kann selbstverständlich indiziert und hilfreich sein, manchmal sogar lebensrettend. Das würde ich auch niemals bestreiten.
Zudem kann eine psychologische Begleitung gerade auch im Umgang mit einer chronischen Krankheit eine beachtenswerte Unterstützung bieten. Denn ja, wie man eine chronische Krankheit managed, da hat man ganz viel selber in der Hand.
Dabei sollte aber meines Erachtens bewusst sein, dass nicht die Ursache angegangen wird. Denn sonst gibt man die ganze Last und Schuld einer Krankheit an die Betroffenen ab, "Körperlich fehlt Ihnen rein gar nichts. Es ist psychosomatisch, jetzt müssen Sie halt ihr Leben umkrempeln". Der Fokus wird damit meiner Meinung nach falsch gesetzt und wichtige Ursachen im Hintergrund werden ausser Acht gelassen.
Negative Gedanken und Emotionen machen dich nicht krank. Pathogene wie Viren machen uns krank. Gedanken und Emotionen können Adrenalin triggern, was wiederum Pathogene füttern kann, sofern diese vorhanden sind. Wenn aber keine Pathogene vorhanden sind, können Gedanken dich nicht krank machen.
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Ein Blick auf psychische Krankheiten
Es wird dich jetzt vielleicht überraschen, dass ich selbst bei den psychischen Krankheiten oftmals eine körperliche Ursache oder zumindest Komponente dahinter sehe. Es gibt natürliche einige Ausnahmen. Traumatischer Stress, seelische Verletzungen und Konflikte und die Herausforderungen des Alltags können manchmal ganz alleine solche Beschwerdenbilder verursachen.
Aber nehmen wir mal das Beispiel einer chronischen Angststörung, die immer noch ausschliesslich psychisch oder psychosomatisch angesehen und somit auch so behandelt wird. Seit ich mich intensiv mit den Lehren von Anthony William auseinandergesetzt habe, ist dies meiner Meinung nach nicht die ganze Wahrheit. Denn auch bei psychischen Krankheiten liegen oftmals andere Ursachen oder zumindest Komponenten dahinter wie zum Beispiel Schwermetalle und/oder Viren.
Ja, das ist wissenschaftlich noch nicht bewiesen, das ist mir bewusst. Und man kann das glauben oder nicht. Aber ziehe es doch einfach mal kurz in Betracht, was wäre, wenn es wahr ist?
Müsste man nicht auch hier die Behandlungsweisen ändern und die allfälligen Ursachen unbedingt auch angehen?
Was darf sich ändern?
Ich wünsche mir, dass sich diese vorgefertigten Meinungen über chronische Erkrankte verändern. Chronisch kranke Menschen sollten ernst genommen werden. Sie brauchen ein Gegenüber, das ihnen zuhört und keine voreiligen Schlüsse zieht. Ihnen etwa sogar die Schuld an ihren Beschwerden zu geben, das darf meiner Meinung nach nicht mehr passieren. Diese Menschen brauchen Unterstützung, auch wenn es in der Schulmedizin für ihre Erkrankung vielleicht noch keine kurativen Therapien gibt.
Es sollte mehr Aufklärung stattfinden über noch unbekannte und schlecht anerkannte Krankheiten wie zum Beispiel CFS/ME. Medizinisches Personal sollte besser und umfangreicher geschult werden. Und natürlich ist es nötig, dass weiterhin intensiv geforscht wird, um herauszufinden und Wissenschaftlich zu bestätigen, was wirklich hinter diesen Erkrankungen steckt. Inzwischen darf man meines Erachtens Betroffene nicht wegen fehlendem Wissen und Forschung in die Psychosomatikschublade stecken.
Das sind meine Wünsche, so dass hoffentlich in Zukunft alle chronisch kranken Menschen so behandelt werden, wie sie das verdienen: Mit Respekt, Akzeptanz und mit Mitgefühl.