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Der 38. Abt der Salemer Klostergeschichte wird am 9. Januar 1713 in Füssen geboren. Er ist das achte von elf Kindern des Kaufmanns und zeitweiligen Bürgermeisters Franz Benedikt Schwab. Franz Meinrad, so sein Taufname, studiert in Salzburg und tritt mit 18 Jahren in die Zisterzienserabtei Salem ein. Er nimmt den Klosternamen Anselm an. Nach dem Theologiestudium in Salem erhält mit 24 Jahren die Priesterweihe. Abt ist zu dieser Zeit Constantin Miller (1725–1745). Anselm Schwab wird Novizenmeister und führt mit grossem diplomatischen Geschick für Abt Constantin und auch für dessen Nachfolger Abt Stephan II. Enroth die Verhandlungen über die Verlegung der Birnauer Wallfahrt aus dem Überlinger Bannbereich auf das Klostergebiet oberhalb von Maurach. Abt Stephan II. wählt den Bauplatz und hat auch schon den Vertrag mit Baumeister Peter Thumb geschlossen, als er 1746 nach nur einem Jahr Regierung und erst 45-jährig unerwartet stirbt. Am 6. Juni 1746 wählt das Salemer Kapitel den 33-jährigen Anselm Schwab zum Nachfolger. Der neue Abt Anselm II. will die Stellung der Abtei politisch festigen und spielt seine bestehenden Verbindungen zum Wiener Hof aus. 1748 ernennt ihn Maria Theresia zum «Kaiserlichen und Königlichen Wirklichen Geheimen Rat». Sein Führungsanspruch und sein energischer Wille zum Durchsetzen von Reformen führen schon bald zu Widerstand und Feindschaft. Vorerst sind es die Frauenkonvente, die sich den Reformen nicht unterwerfen. Dann betreibt 1761 der Konstanzer Fürstbischof Kardinal Franz Conrad von Rodt aus reinem Eigeninteresse und mit Unterstützung von einzelnen Konventmitgliedern die Absetzung des ihnen zu mächtigen Salemer Abtes. Sie misslingt. Die interne Opposition kann Abt Anselm II. anschliessend bändigen. Als erster Salemer Abt gelingt es ihm dann 1768, zum Direktor des Schwäbischen Reichsprälaten-Kollegiums gewählt zu werden. Sein Repräsentationsanspruch, heute oft missverstanden, ist für die Rechtswahrung notwendig und entspricht der Zeit. Für jedes Auftreten und für jede Handlung ist eine entsprechende Form geboten, von der nicht abgewichen werden darf. Die sechsspännige Kutsche ist dem fürstlichen Rang des Salemer Abtes angemessen, auch wenn er selbst lieber reiten würde. Sogar der volkstümliche St. Galler Fürstabt Beda reist sechsspännig. Die Zahl der Pferde ist von protokollarischer Bedeutung, und sie ist bei den vielen Reisen des Abtes augenfällig. Der feindlich gesinnte und weniger begüterte Konstanzer Fürstbischof lässt dem Salemer Abt einmal auf Konstanzer Gebiet zwei Pferde ausspannen, vordergründig wegen der Rechtswahrung. Diese Symbolik der Zeremonien und der Auftritte wird selbst vom Volk verstanden. Es säumt auch den Weg von Maurach nach Salem, als der am 23. Mai 1778 verstorbene Abt Anselm II. noch einmal sechsspännig und in feierlichem Kondukt in sein Kloster überführt wird.
Vom Augsburger Maler Gottfried Bernhard Göz, dem Freskanten der Birnau, ist Anselm II. mehrfach porträtiert worden. Auf dem Gemälde von 1749 ist er im Alter von 36 Jahren dargestellt. Stolz zeigt er hier auf sein erstes Werk, die Wallfahrtskirche Birnau. 1756 lässt sich Anselm II. auf einem Thesenblatt zur Einweihung des Vierungsturmes als barocker Fürst und Förderer der Künste mit Maurerkelle, Zollstock und Zirkel, den Insignien des Baumeisters, abbilden. Selbstbewusst, mit energischen Gesichtszügen, durchaus nicht unsympathisch, entspricht er auf beiden Porträts der heutigen Vorstellung eines erfolgreichen und hart verhandelnden Managers und passt so gar nicht in das Prälatengewand.
Der Reichsprälat Anselm II. ist tatsächlich ein Machertyp, er ist einer der grossen Bauäbte, welche mit grosser Energie und gegen alle Widerstände ihre Werke durchsetzen und sich dabei bei Aussenstehenden Respekt und Bewunderung, bei geistlichen Konkurrenten und den Traditionalisten in der Klostergemeinschaft aber vor allem Feinde schaffen. Sofort nach seiner Wahl beginnt er mit dem Bau der Wallfahrtskirche Birnau. Er erklärt den Akkordvertrag des Baumeisters Peter Thumb mit dem Amtsvorgänger Stephan II. Enroth als ungültig und schliesst einen neuen, für das Kloster vorteilhafteren Vertrag. Dabei zeigt er im Umgang mit dem erfahrenen und bereits engagierten Baumeister grosse Skrupellosigkeit. Am 11. Juni 1747 legt er den Grundstein der Kirche. Die Birnau wird zu einem der grossen Gesamtkunstwerke des Barock. Die Einweihung im September 1750 nutzt Abt Anselm II. zu einer grossartigen und wirkungsvoll gestalteten Propaganda im Dienst der Kirche. 20 000 Personen nehmen daran teil.
Im gleichen Jahr beruft er den Deutschordens-Baumeister Johann Caspar Bagnato für einen Chorumbau des gotischen Münsters nach Salem. Anschliessend, von 1753–1756, errichtet ihm Bagnato den grossen Vierungsturm, ein vielbewundertes Kunstwerk mit 16 Glocken. Abt Anselm II. baut diesen Turm als weithin sichtbares und repräsentatives Zeichen einer mächtigen Abtei. Die von ihm vorgängig favorisierten freistehenden Turmbauvorhaben stossen im Kapitel wegen den Ordens-Bauregeln, die allerdings bei anderen Abteien längst nicht mehr befolgt werden, auf Ablehnung. In der Regel nimmt er allerdings bei seinen Massnahmen wenig Rücksicht auf die internen Befindlichkeiten und verschärft infolge des Widerstandes die Klosterdisziplin drastisch. Anklagen wegen Verschwendung der Klosterfinanzen und Nepotismus führen auf Betreiben des Konstanzer Fürstbischofs Kardinal von Rodt 1761 beinahe zur Absetzung. Der Kaiserhof und der Papst verwenden sich aber für ihn und nach einer Visitation des päpstlichen Sonderbotschafters ist er 1762 voll rehabitiliert und geht gestärkt aus der Auseinandersetzung mit dem Fürstbischof hervor. Er muss dem Konvent aber Zugeständnisse in Bezug auf die Klosterdisziplin machen und wird wegen seines «Finanzgebarens»[1] ermahnt. Dem guten Finanzverwalter der reichen Abtei kümmert dieser absurde Vorwurf nicht, denn ab 1765 plant er bereits eine Neueinrichtung des Münsters von Salem im Sinne des aufgeklärten französischen «Goût grecque» oder, wie bei uns der neue Stil genannt wird, im Zopfstil. Nicht erst bei seinen verschiedenen Frankreichreisen nach Cîteaux,[2] Paris und Dijon, sondern schon Jahre vorher muss sich beim gebildeten Reichsprälaten die Abkehr vom Rokoko vollzogen haben. Schon 1765 wird er in Salem mit der Niederlegung des barocken, erst 10-jährigen Hochaltars und der Aufstellung eines neuen Chorgestühls eine klassizistische erste Umbauphase im Münster beginnen. Die ab 1774 stattfindende radikale Eliminierung der barocken Kirchenausstattung muss ihr Schöpfer, Joseph Anton Feuchtmayer, nicht mehr erleben. Er stirbt 1770. Abt Anselm II. hat den genialen Bildhauer und Stuckateur sehr geschätzt und ihn seit 1748 als seinen persönlichen Ratgeber bei allen Bauentscheidungen mit einbezogen. Die Werkstatt Feuchtmayers hat allerdings den Übergang zum Klassizismus 1765 mit dem Chorumbau schon vollzogen. Die Vollendung des klassizistischen Münsterumbaus erlebt dann auch der Abt nicht mehr. Sein Nachfolger, der bisherige Prior Robert Schlecht, führt die Arbeiten im Sinne Anselms II. weiter und kann sie 1783 abschliessen.
In Abt Anselm II. Schwab begegnet uns hier eine Persönlichkeit, die den grossen Paradigmawechsel der süddeutschen Kunstgeschichte um 1770, nämlich die Abkehr vom heiteren, leichten und illusionistischen Rokoko, mit der damit verbundene Hinwendung zum kühlen, weissen und intellektuellen Zopfstil, anhand seiner beiden grossen Bauvorhaben, der Rokokokirche von Birnau und des klassizistischen Münsterumbaus von Salem, demonstrativ vorführt. Hier siegt der aufgeklärte Geist eines gebildeten Prälaten über die von ihm 30 Jahre vorher selbst geförderte und im Süden Deutschlands tief verankerte, jahrhundertealte Volksreligiosität. Vielleicht verstehen wir so auch den bayrischen Kurfürsten besser, der 1770 das Anbringen «lächerlicher Zierarten» (er meint damit den Rokokostuck) verbietet und damit den begnadeten Stuckateuren seiner Region die Lebensgrundlage nimmt.
Das Lob der aufgeklärten Zeitgenossen auf Anselm II. und seine klassizistische Neuinterpretation eines gotischen Bauwerks ist einhellig enthusiastisch und wirkt heute angesichts der ungleich grösseren Leistung beim kaum 30 Jahre älteren barocken Gesamtkunstwerk Birnau deplaziert.[3] Erst hundert Jahre später wird diese frühere Leistung wieder anerkannt.
Pius Bieri 2009
Knapp, Ulrich: Joseph Anton Feuchtmayer, Konstanz 1996.
Klingen, Stephan: Von Birnau nach Salem, Dissertation Bonn 1999.
Dillmann, Erika: Anselm II. – Glanz und Ende einer Epoche, Tettnang 1988.
[1] In Wirklichkeit hat sich seit dem Amtsantritt 1746 bis zum Amtsenthebungsprozess 1761 das Klostervermögen um 400 000 Gulden erhöht.
[2] 1765, an das Generalkapitel des Zisterzienserordens, und anschliessend als Kommissär des Generalkapitels nach Paris.
[3] «Heil dem verstorbenen Reichsprälaten Anselm: welcher zur innern Kirchenverzierung vielleicht der erste in ganz Deutschland den Ton angab» Textpassage von Joseph Sebastian von Rittershausen, in Deutschlands 18. Jahrhundert, 1783, Seite 712. Voller Text siehe Klingen: Von Birnau nach Salem.
|Abt OCist Anselm II. Schwab (1713–1778) in Salem|
|Biografische Daten||Zurück zum Bauwerk|
|Geburtsdatum||Geburtsort||Land 18. Jahrhundert|
|9. Januar 1713||Füssen (Bayern D)||Fürstbistum Augsburg|
|Titel und Stellung||Regierungszeit|
|Abt OCist der Reichsabtei Salem||1746–1778|
|Sterbedatum||Sterbeort||Land 18. Jahrhundert|
|23. Mai 1778||Maurach (Baden Württemberg D)||Reichsabtei Salem|
|Kurzbiografie|

Reichsabt Anselm II. Schwab von Salem ist machtbewusster Prälat, der den Paradigmawechsel vom Barock zum Klassizismus in seiner eigenen Person verkörpert. Er regiert im Interesse der grossen Abtei oft hart und rücksichtslos und ist einem modernen Manager ähnlicher als einem aufgeklärten Prälaten. Dass er mit seinem Führungsanspruch und aufklärerischen Reformwillen die ebenso selbstbewussten Äbtissinnen der Frauenstifte brüskiert und der Konstanzer Fürstbischof gar den Konvent gegen ihn aufbringen will, scheint ihm nicht zu schaden. Er repräsentiert die glanzvollste Epoche in der Geschichte Salems.
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