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Mit seinem Blogstöckchen vom 31. Dezember 2013 stellte mir Gino Brenni folgende Frage:
“Hattest du schon mal das Gefühl, vollkommen eins mit dem Universum zu sein? Wo und wann war das?”
Das Gefühl hatte ich tatsächlich schon mal. Und es hinterliess eine mir bisher unbekannte Gelassenheit, die ich als sehr befreiend empfinde. Deshalb möchte ich euch davon erzählen.
Es war während meines Aufenthalts auf Sansibar. Zwischen dem Sommer 2005 und dem Frühling 2006 verbrachte ich da fünf Monate (mit einem Unterbruch wegen der Wahlen, weil es dabei gefährlich hätte werden können). Ich habe in einem neuen Resort gearbeitet, die Angestellten des Front und Back Office geschult und eingearbeitet. Ich hatte am Wochenende meist frei und verbrachte diese Tage mit Freunden, die in anderen Resorts auf der Insel arbeiteten und ebenfalls am Wochenende frei hatten. Einer von uns, Marc, arbeitete nicht in einem Hotel, sondern führte Touristen mit dem Katamaran seines Vaters aus auf „Blue Safaris“ (so heissen Safaris zu Wasser). Wenn er gerade keine Kunden hatte, verbrachten wir unsere Freizeit bei ihm auf der Julia (so hiess sein Katamaran). Ich schlief da meist auf dem zusammengelegten Segel im Segelsack unter dem Sternenhimmel, andere auf dem Trampolin knapp über den Wellen. Wir schwammen, lagen an der Sonne, gingen schnorcheln, erkundeten kleinere Inseln vor der Küste Sansibars, hörten Musik, lasen, philosophierten, zum Essen fuhren wir mit einem kleinen Motorboot an den Strand. Das waren die entspannendsten Tage meines bisherigen Lebens.
Eines Abends nach Sonnenuntergang war es stockfinster. Es war eine Neumondnacht und da es auf Sansibar keine Lichtverschmutzung gibt, ist eine solche Nacht so dunkel, dass man sich die eigene Hand vor die Nase halten kann und sie trotzdem nicht sieht. Da hatte Marc, der schon bei weitem am längsten auf der Insel gelebt hatte, eine Idee. Wir löschten alle Lichter auf der Julia, so dass wir wirklich nichts mehr sahen. Dann sprangen wir. Wir standen da in der totalen Dunkelheit und sprangen gleichzeitig buchstäblich ins Schwarze. Obwohl ich ja wusste, wo ich stand und was um mich herum war, war es ein Gefühl des totalen Kontrollverlustes, so völlig blind ins Meer zu springen. Es fühlte sich an wie ein Sprung ins Nichts. Ich liess in diesem Augenblick alles los und genoss die Empfindungen, das Fallen durch die warme Abendluft, der Geruch des Meeres, den Sternenhimmel, dann das warme Wasser, das mich rasch von den Füssen her verschluckte, die Schwerelosigkeit, ein Gefühl von grenzenloser Freiheit. Und als ich die Augen wieder öffnete, das schönste Naturspektakel: Durch unsere Sprünge ins Wasser leuchtete das Plankton um uns herum. In dieser völligen, pechschwarzen Dunkelheit sahen wir nur Sterne und Plankton leuchten und konnten kaum erkennen, wo das Meer aufhörte und der Himmel anfing. Es war, als schwebten wir in einem sternenschweren, schwarzen Himmel.
Und da, in diesem Moment der Bewunderung, war mir klar, welchen Platz ich in all dem einnehme. Wie gross und wichtig die Gesamtheit alles Lebenden ist und wie verschwindend klein und unbedeutend ich im Vergleich dazu bin. Wie alles zusammenhängt, einander beeinflusst, und dass nichts und niemand unabhängig vom Rest eine Bedeutung hat. Dass die Erhaltung und das Wohlergehen vom Ganzen wichtiger ist als meine. Und, viel wichtiger, dass diese Interessen nie gegensätzlich sind. Sie sind, wenn ich sie zu Ende denke, die selben.
Diese Einsicht war ausserordentlich befreiend. Es ist befreiend, mich nicht mehr so ernst zu nehmen. Nicht mehr zu glauben, dass mein Gelingen, mein Erfolg, mein Glück das Allerwichtigste sind. Sie führte auch nicht dazu, dass ich mich im Leben weniger anstrenge, mich weniger einsetze, weniger versuche, erfolgreich oder glücklich zu sein. Sondern dass ich dies nun mit mehr Leichtigkeit, weniger Druck und ohne Verbissenheit tue. Und dass es weniger schlimm ist, wenn es mal nicht gut läuft.