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Elsie de Wolfe, die erste professionelle Interior-Designerin
In einer Zeit, in der die Zeitschriften voll mit Starlooks sind, lohnt es sich, wieder mal die echten Stilikonen anzuschauen. Sie haben uns zu viel mehr inspiriert, als nur zum Kauf einer neuen «It-Handtasche». Mit ihrem Stil, ihrer Lebensart und ihrem Geschmack haben sie sich unsterblich gemacht und waren Vorbereiter für vieles, das heute ganz selbstverständlich ist.
Elsie de Wolfe (1865 – 1950) war die erste Frau, die Interiordesign zum Beruf machte. Zuerst aber war sie Schauspielerin. Erst mit 40 Jahren machte sie ihr Hobby zum Beruf und wurde die erste professionelle amerikanische Interiordesignerin des 20. Jahrhunderts. Ihr Markenzeichen war die Vertreibung der dunklen, düsteren, viktorianischen Einrichtungen, ihr Motto: «Ich glaube an viel Optimismus und weisse Farbe.» Über 30 Jahre lebte sie mit einer Frau zusammen, heiratete mit 61 einen Aristokraten und wurde zu Lady Mendl. Mit Stil und Körperbewusstsein hat sie mangelnde Schönheit wettgemacht und bis ins hohe Alter jeden Tag den Kopfstand geübt. Sie gehörte zur internationalen High Society, galt als eine der bestgekleidetsten Frauen der Welt und zählte Berühmtheiten wie die Windsors oder den amerikanischen Verleger Condé Nast zu ihren Kunden.
Elsie de Wolfe wuchs im viktorianisch geprägten Amerika auf. Einige Zeit in ihrer Kindheit verbrachte sie in Schottland und wurde gar der Königin Victoria am Hof vorgestellt. Schon von klein auf hatte sie einen ausgeprägten Sinn für Schönheit. Die düsteren, dunklen, üppigen viktorianischen Häuser und Wohnungen fand sie erdrückend und ihre Familiensituation war alles andere als sicher. Sie hatte vier Geschwister. Ihr Vater, ein Arzt, war spielsüchtig und verlor viel Geld, was mit häufigen Umzügen und Haushaltverkleinerung einherging. Dies weckte in Elsie deWolfe das Bedürfnis nach einer sicheren finanziellen Situation. Sie wollte ihr eigenes Geld verdienen und da die Karrieremöglichkeiten für junge Frauen Ende des 19. Jahrhunderts nicht vielfältig waren, wurde sie Schauspielerin.
Elsie de Wolfe spielte am Broadway und wurde bald bekannt. Vor allem mit ihrer eleganten und stilsicheren Kleidung. Sie selbst fand, dass sie nicht schön genug ist und machte das mit einem starken Körperbewusstsein und einer eleganten, modischen Erscheinung wett. Tägliche Gymnastikübungen, Diät und ausgeprägtes Modebewusstsein waren für sie selbstverständlich, und das in einer Zeit in der zehngängige, üppige Mittagessen zum Alltag der Upper Class gehörten und der Körper der Frau ein Tabuthema war.
Elsie de Wolfe lebte 30 Jahre lang mit der Literaturagentin Bessie Marbury zusammen, in einer Beziehung, die man damals eine «Boston Marriage» nannte. Bessie Marbury war eine mächtige Frau in Theater- und Literaturkreisen, vertrat unter anderem Schriftsteller wie Oscar Wilde oder Bernhard Shaw und vermittelte ihnen Theateraufträge in Amerika. Die beiden Frauen lebten in einem Haus am New Yorker Irving Place, welches Elsie bald neu dekorierte. Sie entfernte alle dunklen, viktorianischen Dinge ihrer Freundin, ersetzte diese mit französischen Möbeln aus dem 18. Jahrhundert und strich alles in hellen, sanften Farben. Die Frauen führten ein reges gesellschaftliches Leben. Viele der Gäste bewunderten die ungewöhnlich elegante Wohnung. Elsie entschloss sich mit 40 Jahren zu einem Karrierewechsel und wurde die erste amerikanische Interiordesignerin.
Berühmte und mächtige Frauen wie Florence Harriman, Ava Astor, Elsies Lebensgefährtin Bessie Marbury und Anne Morgan, die Tochter von J. P. Morgan, gründeten einen Frauenclub, den Colony Club. Ganz klar, dass Elsie de Wolfe ihn einrichtete und damit Furore machte. Es war das Jahr 1905 und alle Einrichtugen waren immer noch dunkel, hölzern, überfüllt und üppig. Der Colony Club bestach mit einem ruhigen, hellen, eleganten Stil, mit viel Symmetrie und Leichtigkeit.
Elsie de Wolfe verdiente bald viel Geld mit ihrem Einrichtungsgeschäft. Viele Möbel beschaffte sie direkt in Frankreich. Sie reiste gerne und oft nach Paris und kaufte bald, zusammen mit Bessie Marbury und Anne Morgan, eine Villa in Versailles, die Villa Trianon. Diese richtete Elsie ganz im französischen Stil ein: leicht, kokett, mit hellen Farben und vielen Spiegeln. Ein besonderes Markenzeichen ihres Stiles wurden Kissen und ganze Polsterbezüge in Leopardenmuster.
Hier wird der Stil von Elsie de Wolfe deutlich erkennbar. Das «Sonnenzimmer» in der Villa Trianon wurde mit Spiegeln bestückt und klar und symmetrisch eingerichtet. Die Sofas wurden mit Leopardenmuster bezogen. Mit weissen Blumen, hier sind es Hortensien, hat Elsie für Frische und Leichtigkeit gesorgt. Sie hat kleine Beistelltischchen neben die Sitzmöbel platziert und die Mitte des Raumes leer gelassen, fast wie in einem Ballsaal. Das war zu dieser Zeit, Anfang des 20. Jahrhunderts, ungewohnt. Man wohnte immer noch in überfüllten Räumen, mit schweren Stoffen, Zimmerpalmen, viel dunklem Holz und wenig Licht.
Elsie de Wolfe hat ihr Leben ganz der Schönheit gewidmet. Sie wusste auch genau, wie sie damit Geld verdienen und selbst einen luxuriösen Lebensstil pflegen konnte. So hat sie zum Beispiel die Hotelzimmer, die sie bewohnte, gleich neu eingerichtet, hat neue Möbel hingestellt, alles umgestrichen und dekoriert. Dafür wohnte sie dann zu günstigen Konditionen darin und konnte vieles den Hoteliers verrechnen. Diese profilierten sich mit den schicken Zimmern, denn allein die Tatsache, dass Elsie de Wolfe darin gewohnt hatte und die Zimmer dekoriert hatte, zog die reichen Gäste an. Elsie hatte diesen Trick bereits als Schauspielerin mit ihren Kleidern angewendet. Roben, die sie auf der Bühne trug, wurden zu begehrenswerten Stücken und sie vermittelte so den Modedesignern viele neue Kundinnen. Ganz klar, dass sie für ihre schönen Kleider nicht viel oder gar nichts bezahlen musste. Als Interiordesignerin brachte Sie eine reiche Klientel in Antiquitätengeschäfte und erhielt dann von beiden Parteien Provisionen.
Lange bevor Jane Fonda Aerobic-Videos drehte und Personal Trainer zu chicen Accessoires wurden, hat Elsie de Wolfe täglich den Kopfstand geübt und intensiv Gymnastik gemacht. Sie war bis ins hohe Alter topfit. An schicken High-Society-Kostümparties hat sie sich auch schon mal als Varieté-Tänzerin verkleidet und im Ballsaal das Rad geschlagen, und das mit fast 70!
Elsie de Wolfe war aber auch in anderen Dingen eine Pionierin und für vieles verantwortlich, das heute ganz selbstverständlich ist. Beispielsweise war es ihre Idee, Lichtschalter neben der Zimmertüre zu platzieren. Auch liess sie den Sessel patentieren, den man ausziehen kann um die Füsse hochzulagern, heute als TV-Sessel beliebt! Sie hat als erste Radiatoren abgedeckt und hat Kissen mit Sprüchen besticken lassen wie: «Today is the tomorrow you worried about yesterday» oder «Never complain, never explain».
Mit über 60 hat sich Elsie de Wolfe von Bessie Marbury getrennt und heiratete den englischen Aristokraten und Presseattaché der britischen Botschaft, Charles Mendl. Sie konzentrierte sich nun, als Lady Mendl mehr auf ein Jet-Set-Leben und weniger auf ihr Business, welches dann auch bald bankrott ging. Aber die Heirat passte. Elsie brachte das Geld und Charles den gesellschaftlichen Status. Zusammen waren sie beliebte Gastgeber und Gäste an allen wichtigen Parties. Und wenn das Geld knapp wurde, hat Elsie wieder eingerichtet und sich Kleider und Möbel sponsern lassen. Sie hatte viele Freunde in der internationalen High Society. Hier sitzt sie zwischen Cecil Beaton und Oliver Messel und geniesst ihr Leben in vollen Zügen.
Ein berühmter Kunde von Elsie de Wolfe war der Verleger Condé Nast, dessen New Yorker Appartment Elsie eingerichtet hat, siehe Bild links. Auch die Windsors (Bild rechts) waren befreundet mit Elsie. Wallis hat sich bezüglich Kleidung und Stil viele nützliche Tipps von der Trendsetterin geben lassen. Elsie half dem Paar auch, sich in Frankreich stilvoll einzurichten.
Eine Einrichtung von Elsie de Wolfte mit den typischen sanften Farben, den Spiegeln, der Symmetrie und der Eleganz, die ihren Interiorstil ausmachten.
Elsie de Wolfe musste im zweiten Weltkrieg von Versailles nach Amerika flüchten. Sie hat mit ihrem Ehemann eine Villa in Los Angeles gekauft, diese neu eingerichtet, mit ihrer damaligen Lieblingsfarbkombination Dunkelgrün und Weiss und «After All» getauft. Das Paar war in Hollywood beliebt. Elsie wurde mit ihrem Stil ein Star. Sie gab Cocktailparties und Dinners und alles was Rang und Namen hatte kam vorbei. Erst 1946, Elsie war nun über 80 Jahre alt, reiste sie zurück nach Europa. Die Villa Trianon hatte im Krieg gelitten und vieles wurde zerstört. Obschon es mit ihrer Gesundheit nicht mehr zum Besten stand – sie sass zum Teil im Rollstuhl, um Energie zu sparen – hat Elsie die Villa restauriert und ihr den früheren Glamour zurückgegeben. 1950 verstarb Elsie de Wolfe. Sie wollte keine Beerdigung und keine Blumen, hat dafür aber schon mal vorsorglich bei Cartier für ihren Mann das Briefpapier für die Beantwortung der Trauerschreiben ausgesucht.
Elsie de Wolfe hat vieles hinterlassen. Kennen Sie zum Beispiel die Damen mit den blau-lila gefärbten Haaren? Elsie de Wolfe hat das erfunden und modisch gemacht. Sie hat ihr Leben ganz dem Stil verschrieben und ihren eigenen auch gut vermarktet. Dieses Marketing, welches stark mit ihrer Person verbunden war, war wegbereitend für spätere amerikanische Lifestyle-Persönlichkeiten wie Martha Stewart oder Ralph Lauren.
Wer noch mehr von oder über Elsie de Wolfe erfahren möchte, liest am besten Elsie de Wolfes Buch «The House in Good Taste»oder ihre Biographie. Die Autobiographie «After All» ist leider vergriffen. In «The House in Good Taste» finden Sie Elsies Alltagstipps, welche sie als Kolumnen für die Publikation «Ladies Home Journal» geschrieben hat. Da stehen Tipps wie: «Bei einer Einladung müssen die Teller heiss, heiss, heiss sein, die Gläser kalt, kalt, kalt und die Tischdekoration tief, tief, tief!»