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ea. Saʿdī Širāzi war ein persisch-muslimischer Dichter und Mystiker des 13. Jahrhunderts, dessen zwei bekannte Werke Golestān (Rosengarten) und Būstān (Duftgarten) in der islamischen Tradition auf breite Resonanz gestossen sind und bis heute sowohl im islamisch geprägten Raum als auch in Europa rezipiert werden. Auf Grundquellen des Islam und seine Reiseerlebnisse durch diverse islamisch geprägte Länder bezugnehmend, kristallisiert Saʿdī Grundtugenden heraus, die er in prosaischer oder lyrischer Form in seinen zwei berühmten Werken darstellt. Das Werk Būstān, aus welchem die nachfolgende Geschichte wiedergegeben wird, ist in dessen Originalsprache durchgehend in lyrischer Form geschrieben und gibt in jeder Geschichte eine Handlungsmaxime an die Leserinnen und Leser weiter.
Die Geschichte mit dem Propheten Abraham und dem Feueranbeter, die in Saʿdī‘s Būstān Erwähnung findet, wird in der islamischen Tradition oft zitiert. Neben mehreren anderen kurzen Geschichten wird diese Geschichte unter dem Kapitel Güte/Wohltat aufgeführt. Sie spricht diverse Dimensionen an, aus denen wir als in einer multireligiös und säkular geprägten Gesellschaft lebenden Muslime essentielle Lehren für das gesellschaftliche Zusammenleben ziehen können.
Abraham, das Sinnbild des Monotheismus, gilt laut koranischen Ausführungen als der Freund Gottes (Ḫalîl Allah), da er durch seine besondere Art der Hingabe ein besonderes Verhältnis zu seinem Schöpfer einging. Der Prophet Abraham war grosszügiger Natur und lud tagtäglich Menschen zu sich ein, um sie speisen zu lassen. Denn – einen Gast speisen zu lassen, bedeutet gleichzeitig auch Gott „eingeladen“ zu haben. Wie in der Geschichte angedeutet, lud Abraham – unvoreingenommen und ohne Näheres über den Gast gewusst zu haben – den andersgläubigen Gast ein und bot ihm die höchste Ehrerbietung und Bewirtung an. Bevor sie zu speisen begannen, gedachte er Gott und war erstaunt darüber, dass der Gast dies nicht tat. Ihn darauf ansprechend, erfuhr Abraham, dass dieser Gast ein Feueranbeter war und das Gedenken Gottes aus diesem Grund ablehnte. Darüber empört, vertrieb Abraham den Gast aus seinem Haus. Daraufhin wandte sich Gott zu ihm und erinnerte ihn daran, dass er ihn, trotz seiner Andersgläubigkeit jahrelang genährt und beschert hat.
Diese kurze Geschichte spricht uns als Muslime in zweierlei Hinsicht an. Gott spricht zu Abraham und weist ihn darauf hin, dass er einen Fehler beging, weil er den Feueranbeter hinausgetrieben hat. Denn Gott ernährte ihn sehr lange Jahre hindurch, ohne zu erwarten, dass er die Religion Abrahams annimmt. An dieser Stelle vermittelt Gott, dass Seine Namen und Sein Wirken universaler Natur sind. Allah ist in diesem Kontext der Bescherende, der den Unterhalt eines jeden Geschöpfes gewährleistet (Ar-Razzâq). Er beschert all diejenigen Menschen, die an Ihn glauben, an etwas Anderes glauben oder auch nicht glauben. Insofern durchdringt uns Sein Wille und Sein Wirken, ob wir an Ihn glauben oder nicht; ob wir es wollen oder nicht wollen. Er weiss am besten, wie Er uns zu bescheren hat. So hat Allah auch den Feueranbeter über Jahre hinweg beschert, auch wenn er nicht an Ihn glaubte.
Diese Geschichte zeigt zudem auf, dass Gott einzigartig ist. Denn nur Er ist imstande, Andersartigkeit in all ihren Facetten zu akzeptieren und wertzuschätzen. Wir Menschen, als Geschöpfe Gottes sind nur begrenzt in der Lage diese Andersartigkeit akzeptieren und wertschätzen zu können. Daraus resultierend kommen wir zur Erkenntnis, dass das monotheistische Prinzip stets einen Pluralitätsgedanken in sich birgt. Die Einzigartigkeit Gottes kristallisiert sich in bester Weise durch die Zulassung und Förderung von Pluralität heraus. Im Umkehrschluss lässt sich die Pluralität in der Einzigartigkeit erkennen.
Für uns Muslime stellt sich somit auch die Aufgabe, dieses Prinzip zu verinnerlichen, um an einem gelingenden Miteinander in einer multireligiösen und zugleich säkular geprägten Gesellschaft zu arbeiten. Erst wenn wir dieses Prinzip verinnerlicht haben, können wir zugleich Handlungsmaximen in unserem gesellschaftlichen Zusammenleben formulieren und praktizieren. Das beste Beispiel für eine Handlungsmaxime stellt die Güte dar, die wir anderen Mitmenschen gegenüber, ungeachtet ihres Glaubens, erweisen.