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Der Erfinder des rostenden Geldes
Am Ende werden wir nicht um Silvio Gesell herumkommen. Das sagte mir ein Banker, Spekulant und Buchautor vor kurzem. Und er hat Recht: Von dem heute vor 150 Jahren geborenen deutsch-argentinischen Geschäftsmann und Sozialreformer können wir noch heute viel lernen. Und das sollten wir auch tun.
Wer die Ökonomen an ihren langfristigen Resultaten misst, kommt zu einem mindestens zwiespältigen Urteil: Wir haben zwar einen enormen Reichtum erreicht. Aber er ist höchst ungleich verteilt und die Welt steht ökologisch, sozial und finanziell vor einer epochalen Krise. Ob sich das Experiment gelohnt hat, werden wir in Bälde erfahren. Schon heute wissen wir aber, dass Silvio Gesell, der grossartige Autodidakt, die wichtigsten Fragen des Geldes, an denen die Experten bis heute scheitern, beantwortet hat. Der Mann hatte eben keine Scheuklappen, einen scharfen Verstand und einen freien Geist, den ihm kein Vorgesetzter austreiben konnte.
Gesell wurde vor 150 Jahren, am 17. März 1862 im deutschen St. Vith, nahe der luxemburgischen Grenze geboren. Er machte eine kaufmännische Lehre im Geschäft seiner Brüder und wanderte im Alter von 25 Jahren nach Argentinien aus, wo er eine Handelsfirma für zahnärztliche Artikel eröffnete. Die dortige Wirtschaftskrise und die sozialen Unruhen regten ihn zum Nachdenken an. Wie kommt es, dass Geld ausgerechnet dann fehlt, wenn es am nötigsten wäre und im Überfluss vorhanden ist, wo es am wenigsten gebraucht wird.
29 Jahre alt ging er als Autodidakt mit seiner Idee der «rostenden Banknoten» an die Öffentlichkeit und publizierte im Selbstverlag «Die Reformation im Münzwesen als Brücke zum sozialen Staat». Es folgten weitere Publikationen, z.T. auch auf spanisch, die in die argentinische Bankenreform von 1898 einflossen und zur Blüte des Landes beitrugen. Wir vergessen heute gerne, dass Argentinien einmal das sechstreichste Land der Erde war.
Gesells wichtigste Erkenntnis ist die Einsicht, dass Geld gegenüber allen vergänglichen Dingen dieser Welt einen unverdienten Vorteil hat. Während alles altert, rostet, schimmelt und schrumpft, behält das Geld (ausser in inflationären Zeiten) seinen Wert, weshalb es gehortet wird. Gehortetes Geld fehlt in der Wirtschaft, es wird weniger konsumiert und produziert, Arbeitslosigkeit breitet sich aus. Gesell erlebte dies hautnah in Argentinien und entwickelte daraus die Idee eines Geldes, dessen Wert sukzessive leicht abnimmt, fünf Prozent pro Jahr. Wie für nicht gebrauchte Güterwagen eine Abstellgebühr bezahlt werden muss, sollte auch für Geld, das dem Wirtschaftskreislauf entzogen wird, eine Abgabe entrichtet werden und zwar in Form eines abnehmenden Wertes. Die Folge eines solchen Negativzinses ist eine schnellere Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, und das ist volkswirtschaftlich entscheidend. Wenig Geld, das schnell umläuft, erzeugt mehr Wert als viel Geld, das bei seinen Besitzern bleibt.
Später ergänzte Gesell sein «Freigeld» mit dem «Freiland» und veröffentlichte 1916 sein Hauptwerk «Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld». Als unvermehrbare Geschenke der Natur, sollten Boden und Bodenschätze der Spekulation entzogen und verstaatlicht, aber gegen eine Nutzungsgebühr an Private verpachtet werden.
Gesell erreichte die Herzen der Menschen, aber weder die Wissenschaft noch die Politik. Nur einmal hätte er seine Ideen beinahe in grösserem Stil umsetzen können, als Volksbeauftragter für das Finanzwesen der Bayerischen Räterepublik vom Frühjahr 1919. Aber seine Amtszeit betrug nur sieben Tage, dann wurde die Regierung gestürzt und Gesell inhaftiert. Als er im März 1930 starb, widmete ihm der Dichter Erich Mühsam, ein Freund aus revolutionären Tagen «den einzigen würdigen Nachruf», wie der freiwirtschaftliche Publizist Werner Onken schreibt. «Ein sozialer Wegbereiter von grösstem geistigem Wuchs» sei Gesell gewesen.
Ihre ganz grosse Zeit erlebte die Freiwirtschaft während ein paar Monaten in Wörgl im Tirol. Das Dorf mit seinen 4200 Einwohnern litt unter grosser Arbeitslosigkeit. Da startete der Bürgermeister ein Konjunkturprogramm und bezahlte es mit «Arbeitswertscheinen», die durch Schilling gedeckt waren, aber im Wert abnahmen. Das Schwundgeld löste einen Boom und internationales Echo aus. Als rund 200 weitere Gemeinden das Modell übernehmen wollten, verbot es die österreichische Nationalbank nach einem knappen Jahr. Das Wunder von Wörgl wird noch heute oft zitiert.
Zu Ehren kam Silvio Gesell im Standardwerk des grossen Ökonomen John Maynard Keynes «Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes», der ihm reichlich Platz einräumte und schrieb: «Ich glaube, dass die Zukunft mehr vom Geiste Gesells als von jenem von Marx lernen wird.» Für diese Zukunft wäre es jetzt endlich Zeit.
Zum 150. Geburtstag hat der Verlag für Sozialökonomie unter dem Titel «Reichtum und Armut gehљren nicht in einen geordneten Staat» eine Werkauswahl von Silvio Gesell herausgebracht (230 S., 19.90 Euro). Aus demselben Verlag sind auch die gesammelten Werke in 18 Bänden und auf CD-ROM lieferbar.
Eine Renaissance erlebt auch Gesells Schweizer Schüler Fritz Schwarz (1887 – 1958). Soeben ist Band 2 von «Segen und Fluch des Geldes in der Geschichte der Völker» neu erschienen (Synergia, 2012. 252 S. Geb. Euro 24.90. Erstausgabe 1925). Wer meint, die Politik gehorche dem Geld erst seit der Finanzkrise, wird von diesem Buch eines Besseren belehrt. Ein dritter Band wäre überfällig. Philipp Hildebrand ist als Ex-Präsident der Nationalbank zwar für viele keine Referenz mehr. Immerhin sagte er: «In der Tat sollten sich viele Ideen und Ansichten von Fritz Schwarz als visionär erweisen.»Mehr dazu: www.synergia-verlag.de
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