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Wer ein Land wirklich kennenlernen will, wird nicht nur der Natur und den Kunstdenkmälern sein Augenmerk zuwenden, sondern sich auch mit den Menschen beschäftigen und ihre Eigenart studieren.
Gerade Italien ist als eines der ältesten Kulturländer Europas bevölkerungsmäßig so differenziert, daß zwischen den einzelnen Landesteilen Gegensätze in Charakter und Lebensgewohnheiten bestehen, wie sie in Deutschland unbekannt sind. Das ist durch die viel ältere, reichere und wechselvollere Geschichte bedingt, durch den nie abreißenden Zustrom fremder Völker, deren Spuren sich in jedem Landesteil anders ausprägten; es ist aber andererseits auch die starke Assimilationskraft des Bodens. Im ganzen gesehen sind etwa Piemontesen, Toskaner und Neapolitaner so gegensätzliche Typen, daß sie sich zunächst gar nicht so sehr als Angehörige ein und desselben Volkes empfinden, schon als Rasse nicht, aber auch infolge des geschichtlich bedingten stark ausgeprägten Regionalismus und "Campanilismus" (Kirchturmsgeist) in Italien, der bewirkt, daß sich auch Bewohner dicht nebeneinander liegender Städte gegenseitig als Menschen niederer Art empfinden. Ein Mailänder wird z. B. alles, was südlich von Rom lebt, gar nicht mehr als "menschenwürdig" gelten lassen, ja schon die Bewohner der Toskana mit einer Schärfe ablehnen, die den Ausländer verblüffen muß, und umgekehrt.
Über den ethnischen Charakter der Bevölkerung Liguriens bestehen, wie überall auf diesem Gebiete, zahlreiche Streitfragen. Die verschiedenen Theorien zur rassischen Herkunft können hier außer Betracht bleiben. Allgemein spricht man heute von einer altmediterranen Urrasse. Wie weit ihr die (nichtindoeuropäischen) Ligurer zuzuzählen sind, ist nicht geklärt. Die eigentümliche Zähigkeit dieses Volkes hat sich auch nach der Latinisierung erhalten, doch haben sie keine Hochkultur ausgebildet.
Der Bevölkerungstypus in Ligurien ist von mittlerer Körperstatur, das Kolorit ist brünett, typisch ist der Rundkopf, der sonst bei den Mittelmeerbewohnern und auch bei den keltischen, germanischen und italischen Einwanderern zugunsten des langköpfigen Typus zurücktritt. Im Umgang mit den Einheimischen, die wie die Italiener überhaupt von rascher Auffassung sind und sich neuen Situationen geschickt und schnell anpassen, wird der Fremde feststellen, daß man ihm freundlich und korrekt entgegenkommt, jedoch ohne die gewisse taktische schmeichlerische Haltung, wie sie etwa für Neapel typisch ist. Dem Fremden wird hier nicht bis zum Beweis des Gegenteils eine besondere Achtung entgegengebracht, sondern er wird mit großer Natürlichkeit so genommen, wie er sich gibt.
Über die ungeklärte vorgeschichtliche Besiedelung des Landes und die Herkunft der Bevölkerung wurde bereits das wenige angedeutet, was die Forschung ergeben hat. Das Etruskerproblem ist bis heute ein solches geblieben, wenn sich auch weitverbreitete frühere Annahmen, wie die schon in der Antike behauptete Einwanderung der Tyrsener oder Tyrrhener (bei den Römern Tusker genannt) aus Kleinasien (Lydien) heute nicht mehr halten lassen. Gesichert ist jedenfalls, daß sowohl die sogenannten Urbewohner, die man jetzt als Rasenna bezeichnet, wie auch die zahlenmäßig wenigen (weil über See wandernden) etruskischen Eroberer keine Indoeuropäer waren, daß bereits im 8. Jh. vor Chr. etruskische Staatenbildungen bestanden, die nach Norden in die Poebene bis in die Gegend von Mantua, im Süden bis über Neapel hinaus ihren Herrschaftsbereich vortrieben. Groß war der Einfluß der Etrusker vor allem auch auf Rom, das im ganzen 6. Jh. bis etwa 490 vor Chr., unter der Herrschaft einer etruskischen Aristokratie stand. Doch blieb die Bevölkerung des offenen Landes weiterhin das frühere Bauernvolk, etruskische Familien im eigentlichen Sinn bewohnten lediglich die Städte - zwölf ihrer Großstädte, zum Teil am Meer gelegen, hatten sich lange Zeit zu einem Staatenbund zusammengeschlossen. Sie waren ein tüchtiges Seefahrervolk, eroberten sich auch die Ostküste Korsikas und entwickelten jene typische Stadtkultur.
Die Römer, an organisatorischer Kraft weit überlegen, unterwarfen sich das Etruskerland im 3. Jh. vor Chr., römische Kolonien entstanden, ebenso ein System strategischer Straßen: die Via Aurelia längs der Küste nach Genua und weiter in die Provincia Narbonensis, also nach Südfrankreich, die Via Cassia über Bolsena, Chiusi, Arezzo nach Florenz und über die Apenninen nach Bologna.
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