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Es gibt gravierende Mängel an den heutigen Universitäten. Besonders seit der Bologna-Reform ab 1999 haben sich die Probleme verschärft. Die Studierenden müssen sich bemühen, die für das Bachelor-Examen notwendigen Punkte zu sammeln. Deshalb gestalten sie ihr Studium folgendermassen:
- Eine universitäre Veranstaltung wird hauptsächlich nach den Punkten beurteilt, die sie einbringt. Die Studierenden klären ab, wie hoch der Aufwand sein wird, also wie leicht sie die notwendigen Punkte erwerben können.
- Dem Interesse am Inhalt weisen demgegenüber die Studierenden wenig Gewicht zu.
Die zur Erfüllung der Punkteanforderungen notwendigen Informationen werden von den Studierenden mündlich oder im Internet gesammelt. Universitäten und Studierende stellen dafür Applikationen zur Verfügung.
Dieses Verhalten ist auf der Bachelor-Stufe dominant, erstreckt sich aber abgemildert auch auf die Master-Stufe, die heute als eigentlicher Abschluss eines Studiums gilt. Auf dieser Stufe werden die wissenschaftlichen Methoden betont, Fragestellungen und Inhalt jedoch tendenziell vernachlässigt. Auch in sozialwissenschaftlichen Disziplinen wird heute grosser Wert auf eine quantitative Orientierung gelegt. Dafür sind Daten notwendig, die jedoch notwendigerweise die Vergangenheit abbilden. Die Forschungsergebnisse beziehen sich deshalb häufig auf die Vergangenheit; sie können aus diesem Grund oft wenig zum Verständnis und zur Bewältigung gegenwärtiger und zukünftiger Probleme beitragen. Daten über das Konsumverhalten zwischen den Jahren 2000 und 2019 sind zum Beispiel wenig geeignet, wenn sich danach die Konsumbedingungen infolge der Pandemie (insbesondere vermehrtes Homeoffice oder Isolierung) stark ändern.
Doktorandinnen und junge Wissenschafter, aber auch etablierte Professoren stehen unter einem starken Publikationsdruck. In vielen Fächern wird keine Dissertation mehr geschrieben, sondern es müssen nur noch drei, manchmal auch vier wissenschaftliche Artikel verfasst werden. Diese müssen nicht überall bereits in einer akademischen Zeitschrift publiziert, sollten aber «publikationsfähig» sein. Doktorierende müssen somit Themen und Methoden wählen, von denen sie erwarten, dass sie für wissenschaftlich anerkannte Zeitschriften von Interesse sind. Da für eine Annahme in einer Zeitschrift die Zustimmung von mindestens drei (zuweilen auch fünf) Gutachtenden nötig ist, bedeutet dies, dass auf keinen Fall umstrittene und ungewöhnliche Thesen vertreten werden dürfen. Eine oder einer der Gutachtenden wird mit einer unkonventionellen Idee Probleme haben – und das bedeutet in aller Regel schon das Ende der Publikationschance. Damit wird auch die Forschung immer angepasster und enger. Als Ergebnis besteht die Wissenschaft zunehmend aus isolierten Silos.
Ein weiterer Mangel der heutigen Universität ist die Gewohnheit, Drittmittel als wissenschaftliche Leistung zu bewerten. Dies wird besonders deutlich, weil in Berufungsverfahren häufig bewertet wird, wie viele Drittmittel jemand eingeworben hat. Dabei handelt es sich natürlich nur um einen Input für die wissenschaftliche Forschung. Ob damit zusätzliche und wertvolle Einsichten gewonnen werden, bleibt offen. Zudem müssen häufig bereits in einem Forschungsantrag die Ergebnisse dargelegt werden. Es ist sogar üblich geworden, Forschungsmittel erst dann zu beantragen, wenn das Forschungsprojekt eigentlich schon abgeschlossen ist. Ein Projektantrag für Drittmittel wird vermutlich abgelehnt, wenn er sich auf schwer zu beantwortende Fragen bezieht, etwa wie die privat angebotenen Weltraumreisen den Tourismus auf der Erde beeinflussen.
Die erwähnten Defizite der heutigen Universitäten haben eine oft übersehene Wirkung: Manche an wissenschaftlichen Inhalten besonders interessierte junge Leute vermeiden bereits diese Art der Ausbildung. Das angebotene Studium wird gerade für engagierte und kreative Jugendliche immer weniger attraktiv. Sie wenden sich Möglichkeiten zu, bei denen der Inhalt und die Gegenwartsprobleme im Vordergrund stehen. Umgekehrt bringt ein Universitätsabschluss zunehmend wenig Chancen im Berufsleben. Der frühere Personalchef von Google, Laszlo Bock, hat es deutlich ausgedrückt: «Es gibt keinerlei Verbindung zwischen Studienerfolg und Leistung im Job» und «…nicht nur die Note ist irrelevant, sondern immer häufiger auch das Studium selbst».
Eine zukunftsfähige universitäre Ausbildung
In einer Anderen Akademie sollten drei Aspekte im Vordergrund stehen:
- Die Erkenntnis über unsere Welt muss im Zentrum stehen. Methoden sind nur…