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Ernährung und Konsum von Suchtmitteln - die Gewohnheiten von Querschnittgelähmten im Vergleich zur Gesamtbevölkerung
Autorinnen der Zusammenfassung: Teresa Brinkel und Christine Fekete (Schweizer Paraplegiker-Forschung)

Im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung konsumieren Querschnittgelähmte weniger Alkohol, aber mehr Cannabis. Kaum Unterschiede gibt es in Bezug auf die Ernährung und das Rauchen. Alter und Geschlecht haben den grössten Einfluss auf das Gesundheitsverhalten.
Was war das Ziel dieser Studie?
Gesunde Ernährung, ein moderates Mass an Alkohol und Nichtrauchen sind Schlüsselelemente für Gesundheit und ein langes Leben. Zahlreiche Ratgeber über die „richtige" gesunde Ernährung zirkulieren täglich in den Medien. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht wieder eine neue Ernährung vermarktet wird, die Gesundheit, Wohlbefinden und eine bessere Leistungsfähigkeit verspricht. Steinzeit-Diät, Trennkost, vegetarische Ernährung, Low-Carb, Schlank-im-Schlaf und Eiweissdiät sind nur wenige Beispiele im Dschungel an Diäten und Ernährungsweisen, an denen sich die Geister scheiden.
Wissenschaftlich spannend ist aber nicht nur die Frage nach der optimalen Ernährungsweise, sondern auch nach den gesellschaftlichen Zusammenhängen. Die Form der Ernährung und der Umgang mit Alkohol und Rauchen hängen stark mit soziodemographischen Merkmalen, Veranlagung und dem Lebensumfeld zusammen. Alter und Geschlecht, soziale Beziehungen und Unterstützung, aber auch die finanzielle Situation beeinflussen den Umgang mit der eigenen Gesundheit. Die Ernährung und der Umgang mit Suchtmitteln sind also keine isolierten Eigenschaften, sondern stehen häufig im Zusammenhang mit dem allgemeinen Lebensstil einer Person.
Mit diesen Zusammenhängen beschäftigte sich eine Studie, die mit Daten der SwiSCI-Umfrage durchgeführt wurde. Hauptziel dieser Studie war es, das Gesundheitsverhalten von Querschnittgelähmten zu untersuchen, insbesondere die tägliche Flüssigkeitszufuhr, den Verzehr von Obst, Gemüse und Fleisch sowie den Konsum von Suchtmitteln. Das zweite Ziel bestand darin, das festgestellte Gesundheitserhalten der Querschnittgelähmten mit dem der Schweizer Gesamtbevölkerung zu vergleichen. Drittens wollten die Autoren der Studie die Frage beantworten, inwiefern Alter, Geschlecht, Bildung und Einkommen das Gesundheitsverhalten von Menschen mit einer Rückenmarksverletzung beeinflussen.
Wie sind die Forscher vorgegangen?
Im Rahmen der SwiSCI-Umfrage wurden 511 Querschnittgelähmte aus der Schweiz zu ihrem Gesundheitsverhalten befragt. Die Wissenschaftler werteten diese Daten zunächst aus. So konnten sie beispielsweise feststellen, wie viele Portionen Obst und Gemüse die Probanden durchschnittlich konsumierten und wie viele von ihnen im letzten Monat Cannabis zu sich genommen hatten. Danach verglichen die Forscher diese Daten mit denen der Schweizerischen Gesundheitsbefragung von 2012, bei der rund 22.600 Personen über ihr Gesundheitsverhalten Auskunft gaben. In einem dritten Schritt konnten die Forscher mittels statistischer Analyseverfahren berechnen, wo es auffällige Zusammenhänge zwischen Gesundheitsverhalten und soziodemographischen Merkmalen gab: Verhalten sich ältere Menschen anders als jüngere? Leben Menschen mit hohem Einkommen gesünder als Menschen mit niedrigerem Einkommen?
Was haben die Forscher entdeckt?
Ernährung von Menschen mit Querschnittlähmung
Rund 12% der Querschnittgelähmten gaben an, täglich weniger als einen Liter zu trinken, bei rund 38% waren es über zwei Liter. Etwa ein Drittel der befragten Personen berichteten, täglich höchstens zwei Portionen Obst und Gemüse zu essen, nur jede fünfte Person erreichte die empfohlenen fünf Portionen pro Tag. Beim Fleischkonsum zeigte sich, dass 2% der Befragten gar kein Fleisch assen und etwa 56% mindestens vier Mal pro Woche Fleisch konsumierten (siehe Tabelle 1).
Vergleich mit der Schweizer Gesamtbevölkerung
Im Vergleich zur Schweizerischen Gesundheitsbefragung von 2012 zeigten sich geringfügige Unterschiede: Querschnittgelähmte nahmen mehr Flüssigkeit zu sich und konsumierten etwas seltener Fleisch als die Gesamtbevölkerung. Bezogen auf diese Indikatoren ernährten sich Menschen mit Querschnittlähmung also etwas gesünder. In der Tat ist bei Querschnittgelähmten die täglich empfohlene Flüssigkeitsmenge mit 2-3 Litern etwas höher als bei Fussgängern, um Verstopfung und Harnwegsinfektionen vorzubeugen.
Beim Rauchverhalten liessen sich keinerlei Unterschiede feststellen, die Raucherraten fielen nahezu identisch aus. Sehr markant waren die Unterschiede beim Alkohol- und Cannabiskonsum: Hier zeigte sich ein deutlich höherer Alkoholkonsum in der Gesamtbevölkerung, während unter Querschnittgelähmten erheblich häufiger Cannabis konsumiert wurde (siehe Tabelle 2).
Einflussfaktoren auf das Gesundheitsverhalten
Aus jahrzehntelanger Forschung ist bekannt, dass Alter, Geschlecht, Bildung und Einkommen das Gesundheitsverhalten beeinflussen [Referenzen 1-3]. Erstaunlicherweise konnten die Wissenschaftler jedoch keine Zusammenhänge zwischen Bildung, Einkommen und dem Gesundheitsverhalten der Querschnittgelähmten finden. Wie erwartet konnten sie aber alters- und geschlechtsspezifische Verhaltensunterschiede feststellen: So wurde deutlich, dass Männer sich insgesamt ungünstiger ernähren und mehr Alkohol konsumieren als Frauen. Ältere Menschen rauchen seltener und konsumieren weniger Cannabis, trinken aber mehr Alkohol als jüngere.
Auffallend war, dass gewisse Verhaltensweisen häufig gemeinsam auftreten. Personen mit einer höheren Ernährungsqualität gaben an, im Durchschnitt weniger Alkohol zu trinken als Personen mit geringerer Ernährungsqualität. Ausserdem zeigten sich starke Zusammenhänge zwischen Rauchen, Alkohol- und Cannabiskonsum: Raucher tranken generell mehr Alkohol und gaben an, häufiger Cannabis zu konsumieren als Nichtraucher.
Was bedeuten die Ergebnisse?
Gemäss der Studie unterscheiden sich Ernährung und Rauchverhalten von Menschen mit Rückenmarksverletzung und der Schweizer Gesamtbevölkerung kaum, während Rückenmarksverletzte im Vergleich weniger Alkohol und mehr Cannabis konsumieren.
Die Studie zeigte ausserdem auf, dass das Gesundheitsverhalten bei Querschnittgelähmten aus der Schweiz geschlechts- und altersabhängig ist. Daher wird empfohlen, Programme zur Gesundheitsförderung von Querschnittgelähmten geschlechts- und altersspezifisch zu gestalten: Um beispielsweise die Risiken von Mangel- oder Fehlernährung zu reduzieren, müssten Gesundheitsprogramme hauptsächlich an Männer adressiert werden. Kampagnen zum Verzicht auf Tabak und Cannabis sind gezielt für jüngere Menschen zu entwickeln, die Folgen von Alkoholmissbrauch hingegen sollten in Präventionsprogrammen für ältere Menschen thematisiert werden.
Wer hat die Studie durchgeführt und finanziert?
Die Studie wurde von der Schweizer Paraplegiker-Forschung in Nottwil (Schweiz) durchgeführt und finanziert.
Referenzen:
- Statistik Schweiz (2012): Gesundheitsstatistik 2012. Neuchâtel: Bundesamt für Statistik.
- Huisman M, Kunst AE, Mackenbach JP. Inequalities in the prevalence of smoking in the European Union: comparing education and income. Prev Med. 2005;40(6):756-64.
- Lantz PM, House JS, Lepkowski JM, Williams DR, Mero RP, Chen J. Socioeconomic factors, health behaviors, and mortality: results from a nationally representative prospective study of US adults. JAMA. 1998;279(21):1703-8.