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Michel Foucault
von Cedric Weidmann
Das Paar ist zunächst eines, das sich in die Ordnungen der Umwelt und ihrer gesellschaftlichen Verhältnisse fügt. Es setzt Zeichen: Herzen in Baumstämme; gemeinsame Lieder auf der Strasse; Fotografien; Zeichnungen; Bekundungen öffentlicher («<3», Facebook, Twitter), halböffentlicher und privater Art. Vom morgenlichen Verabschiedungskuss, der «quälsamer pünktlich ist, als selbst die Soldaten am frühen Nachmittag durch die Stadt marschieren», berichtet der Nachbar Thibault Chérome; «Panja» war ein gebräuchlicher Doppelname für die beiden. In dieser bis in die Zärtlichkeiten koordinierten und disziplinierten Glückseligkeit, die strukturell auf das sich verfestigende Bürgertum des späten 18. Jahrhundert zurückweist, befinden sich die beiden Geliebten. Es ist der Zustand einer idealisierten und zugleich effizient eingerichteten Turteltaubenhegemonie. Die Liebschaft des 21. Jahrhunderts tritt deutlich daraus hervor: die Frau ist nicht mehr nur Geliebte, Liebende, Lächelnde, sondern wird einer gesellschaftlichen Ökonomie wegen diesen Stellungen allmählich entrissen und von den vormaligen Positionen getrennt; der Mann, einst «der von jedem festen Glauben an die Zukunft ins Büro und der umso stärkeren Liebe nach Hause getriebene» Verlobte, wird zum Wrack, zum Schweigsamen, zum Tatlosen. Diese Wandlung vollzieht sich relativ plötzlich, aber wenig koordiniert. Es sind Ereignisse, die sich sowohl gegenseitig zu bedingen, als auch zu entstammen scheinen: Die Veränderung ist nicht linear, sondern ein Netz von sich gegenseitig verschiebenden biologischen, soziologischen, ökonomischen Ideen. In der Liebschaft des 21. Jahrhunderts lassen sich aus der Vielzahl ihrer oszillierenden Veränderungen einige der weitreichendsten Folgen herauslösen.
1. Die Liebschaft ist nun neben der öffentlichen, der halböffentlichen und der privaten Betrachtung auch dem Kosmischen ausgesetzt. Die bis ins späte 20. Jahrhundert hineinführende Vorstellung des eigenen Bereichs verengt sich noch, der gepflegte Vorgarten wird zum Landeplatz, das Dachfenster zum Guckloch, durch das ständige Überwachung möglich wird, die Fernsehantenne, früher ein Empfänger von harmlosen Nachrichten, wird auf einmal zu einem möglichen Sender, der selbst das Intimste dem aussetzt, was aus dem Himmel hinunterblickt. Die Liebschaft hat sich also in den Manövern und Disziplinen nicht mehr nur vor dem irdischen, sondern auch dem kosmischen Publikum zu inszenieren.
2. Die Frau, in territorialer und emotionaler Beziehung, wird zur Entführten. Trotz der Überwindung des veralteten Rollenbildes einer stets in Küche und Heim stehenden Gattin, dominierte doch bis weit über das Millenium hinaus die Idee, dass sie zumindest in gewisser Weise dem Haus angehörig sein und sich ohne Meldung nicht zu weit und lang davon entfernen sollte. «Ein Mensch, der, ersteinmal aus der Matte vor seinem Haus enthoben, alles unter sich schrumpfen gesehen hat und in den Himmel aufgeht, kehrt so schnell nicht dahin zurück, wo er herkommt.» In jenem Jahr sind von 42 Raumschiffentführungen 1%, im nächsten 4% (56), im übernächsten 0.5% (52) zur Erde zurückgekehrt, meistens in einem Zustand, der die Betreffenden nicht ohne weiteres in die Regeln und Gesetzmässigkeiten der früheren Gesellschaftsordnungen eingliedern liess.
3. Das Umcodieren der Beziehung wird in der Folge einen immer grösseren Raum in Planung und Psychologie derer einnehmen, die zurückgeblieben sind. «Das Geheule ist kaum auszuhalten, meine Frau schaudert beim blossen Zuhören, und es sind schon zwei Monate und mehr», «jeden Morgen steht er auf und mäht den Rasen, früher als die Tiere aufwachen. Wenn die Sonne aufgeht, lässt er den Rasenmäher stehen, tritt ihn mit dem linken Fuss, dass er verstummt, wischt sich mit dem Ärmel seines Shirts von rechts nach links die Stirn und atmet zwischen vier und fünf Mal ein und aus, bevor er ins Haus geht und mit der Aktentasche heraustretend zur Arbeit fährt». Der Verlassene richtet sich nach dem Verlust aus, nicht indem er ihn verarbeitet, wie das die Psychoanalyse des vorigen Jahrhunderts verlangt hätte, auch nicht, indem er ihn verdrängt, ihn ignoriert oder über ihn hinwegkommt, sondern indem er sich den Verlust durch eine ökonomische, die bisherige Sichtbarmachung übertreffende Reglementierung abbezahlt. Die Zeichenhaftigkeit seines letzten und abschliessenden Auftritts musste also sowohl jener ihrer früheren Liebschaft, als auch dem Kosmischen und dem Zustand der Entführten Rechnung tragen, indem er eine Botschaft formulierte und sie dem ausgewählten Publikum zusandte: «Als ich ihn gefunden habe, war er von einem Streifen Blut umkränzt… aus dem ersten Stock gesprungen …, ich sah nur seinen Rücken und die Arme, die, wie eine Ziffernuhr, Fünf vor Zwölf zeigen mussten, wenn man von oben heruntersah.»