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Die Schweiz schlägt Philip Jaffé als Kandidaten für das UNO-Komitee für die Rechte des Kindes vor. Der Genfer Psychologe wäre erst der zweite Schweizer, der als unabhängiger Experte in diesem Kontrollorgan der "UNO-Konvention über die Rechte des Kindes" Einsitz nehmen könnte.
swissinfo.ch: Wie läuft Ihr Wahlkampf?
Philip Jaffé: Gut. Es ist eine sehr interessante und einnehmende Erfahrung.
swissinfo.ch: Vermutlich werden Sie in nächster Zeit viele Hände schütteln müssen.
P.J.: Der grösste Teil der Kampagne findet in New York statt, mit einigen Anlässen in Genf und dem Abschluss in Bern. Es geht darum, die Mehrheit der Vertragsstaaten des "Übereinkommens über die Rechte des Kindes" davon zu überzeugen, meine Kandidatur bei der Abstimmung am 29. Juni zu unterstützen.
swissinfo.ch: Spielt der Faktor "Schweiz" im Bereich der Kinderrechte eine Rolle?
P.J.: Die Schweiz und Genf sind die Wiege der Kinderrechte. Der erste Vertrag über die Rechte des Kindes wurde in Genf ratifiziert. Das war 1924 unter der Ägide des Völkerbunds.
Auch auf historischer und wissenschaftlicher Ebene haben Genf und die Schweiz ein besonderes Erbe. Ob der Pädagoge Pestalozzi, der Psychologe Jean Piaget oder der Philosoph Jean-Jacques Rousseau, sie alle sind immer noch aktuelle Referenzen bezüglich Fragen zur Kindheit.
Als Psychologe vertrete ich durch meine Bewerbung auch die Erkenntnisse dieser berühmten Persönlichkeiten über die Entwicklung des Kindes, insbesondere jene von Piaget auf dem Gebiet der Kinderpsychologie. Rousseau war der erste Autor, der die Persönlichkeit eines Kindes anders darstellte als jene eines Erwachsenen.
Philip Jaffé, Direktor des interdisziplinären Komitees für Kinderrechte in Sion, im Kanton Wallis, ist Psychotherapeut und spezialisiert auf forensische Psychologie.
Er lehrte dann an der Universität Genf und leitete später die Abteilung für Kinderrechte am Universitätsinstitut Kurt Bösch in Sion. Diese Erfahrung will er im UNO-Ausschuss für die Rechte des Kindes nutzen.
Der UNO-Ausschuss für die Rechte des Kindes ist für die Überwachung der Umsetzung des Übereinkommens über die Rechte des Kindes und dessen beiden Fakultativprotokolle zuständig. Er setzt sich aus 18 unabhängigen Experten zusammen.Infobox Ende
swissinfo.ch: Trägt die Schweiz diesem Erbe in Bezug auf die Achtung der Kinderrechte Rechnung?
P.J.: Die Schweiz liegt im Weltdurchschnitt. Sie kämpft mit Problemen, mit denen alle Länder konfrontiert sind. Aber es gibt auch Mängel, die mit gesellschaftlichen Entscheidungen verbunden sind. Nehmen wir zum Beispiel die Armut. Als Schweizer Bürger bin ich sehr aufgebracht, dass Kinder – rund 250'000 – hier unter Armut leiden. Das ist absoluter Unsinn.
Auch in der Schweiz – 18% der Bevölkerung – werden Kinder in alarmierender Zahl missbraucht. Jährlich werden jedes fünfte Mädchen und jeder zehnte Junge sexuell missbraucht. Zehntausende Kinder werden körperlich misshandelt, einige kommen um.
Die Schweiz ist auch eines der letzten Länder in Europa, welche die körperliche Züchtigung tolerieren. Der Föderalismus hindert die Schweiz daran, diesen Mangel zu bewältigen. Die Kantone sind allmächtig. Es gibt keine spezielle nationale Institution, die sich dem Schutz der Kinder und deren Rechten widmet.
Dies führt zu Ungleichheiten zwischen den Kantonen. Viele Länder haben auf nationaler Ebene einen Ombudsmann ernannt. Das könnte eine Idee für die Schweiz sein.
(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler)