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„Mein Fall war von Anfang an entschieden“
Pierre Alain Heubi
2007 wurde Jacques von den SBB aufgrund seiner Krankheit entlassen. Der Entscheid fiel messerscharf und er war umso unmenschlicher, als ihn eben ein neues Medikament wieder hoffen liess.
Jacques (Pseudonym) arbeitete von 1985 bis 2006 für die SBB. Aus Liebe zur Bahn und zu den Lokomotiven hatte er den Bundesbetrieb gewählt. In den 1980er Jahren war sein Fähigkeitsausweis als Elektrotechniker wie ein Schlüssel für die SBB-Werkstätten. Mit seiner Ausbildung orientierte sich Jacques in Richtung Lokomotiven-Unterhalt. „Ich war wie die TCS-Hilfe für die Loks“, erinnert er sich. Der Neuenburger stieg die Sprossenleiter im Cargo-Unterhaltszentrum in Biel empor. Im August 1997 wurde er Werkmeister. Aber zur selben Zeit wurde er krank. Seine Gesundheit nahm rasch ab. 1999 erlitt er einen ersten starken Schub und man diagnostizierte: Jacques war an multipler Sklerose erkrankt. Darauf folgten längere Absenzen vom Arbeitsplatz, während welchen er medizinisch behandelt und betreut wurde. Seit 2000 betrugen seine krankheitsbedingten Arbeitsausfälle jeweils zwei Monate im Jahr und meistens nach einem Schub im Frühling. „Während der Arbeit nahm ich 5 bis 6 Gramm eines Schmerzmedikaments pro Tag, um die Nebenwirkungen der Behandlung auszuhalten“, erinnert er sich. Dies beeinträchtigte indessen seine Leistungen nicht: 2001 übertrug man ihm die Verantwortung der Lok-Abteilung mit 35 Mitarbeitenden.
Neues Pflichtenheft
Im Jahr 2005 empfahlen ihm die Personalchefin und sein direkter Vorgesetzter eine Anpassung seines Pflichtenhefts nach Massgabe seiner gesundheitlichen Schwierigkeiten. Er übernahm andere Verantwortlichkeiten im Bereich Westschweiz und reduzierte sein Pensum bei Cargo Biel. Trotzdem engagierte er sich nach wie vor in der Bieler Werkstätte, wo seine Erfahrung gefragt war. „Sie sind so etwas wie der Patron hier“, sagte ihm eines Tages sein Chef. Allerdings war sich Jacques nicht bewusst, dass mit dem veränderten Aufgabenbereich auch der Countdown seiner 720 lohngarantierten Tage begonnen hatte. Im Jahr 2006 erlitt er einen Schub nach dem andern. Die Behandlung wirkte nicht mehr. Ein neues Medikament in der Testphase verschaffte ihm jedoch vorübergehend eine neue Lebensqualität. Die Schübe blieben aus.
Versuch mit einer neuen Stelle
Zuversichtlich bewarb sich Jacques intern auf eine andere Stelle. „Jemand von der Chefetage hat mich nicht empfangen wollen. Er befürchtete, dass er es mit einem geifernden alten Kranken im Rollstuhl zu tun haben würde. So ist es mir zugetragen worden.“ Am 4. Juni 2007, bei der Rückkehr an die Arbeit nach einer längeren Absenz – nicht zuletzt hervorgerufen durch diverse Absagen auf seine Bewerbungen – wurde er zu seinen Vorgesetzten zitiert. Man übergab ihm das Kündigungsschreiben. Es bedeutete das Ende seiner Arbeit, die er hier während 22 Jahren mit Hingabe geleistet hatte.
Auf der Schiene bleiben
Jacques bleibt davon überzeugt: er hätte damals im Unternehmen andere Aufgaben übernehmen können. Das hätte ihm das Fiasko einer Ausbildung im Rahmen der IV erspart, die ohne Bezug zu seiner beruflichen Laufbahn war. Eine Ausbildung übrigens, die er Ende 2013 aus gesundheitlichen Gründen abbrechen musste. „Es gab Symptome, die für meinen Arzt Vorboten von neuerlichen Schüben waren“, erklärt er. Der mit dieser Ausbildung verbundene Stress setzte ihn immer häufiger Ängsten und Selbstzweifeln aus. Schliesslich führte dies zu Depression und emotionaler Erschö-pfung. Der ehemalige Bähnler erinnert sich nur mit bitterer Empfindung an die Art und Weise, wie ihn sein früherer Arbeitgeber vor die Tür stellte: „Was man mir als Hilfe anbot, waren nur ‚Theorien‘. Mein Fall war von Anfang an entschieden.“ Er lebt nun seit Monaten ohne Lohn und wartet auf den Entscheid der IV.