Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03250.jsonl.gz/516

Ein Gletscherinventar für Peru
Jürg Alean, Eglisau, und Aleides Ames, Huaraz, Peru Abb.1 Sonnenuntergang über dem Jirishanca, dem , in der Cordillera Huayhuash ( Aufnahme 1978 aus Nordwesten ) ( Wunderland Peru> nannte der Schweizer Geologe und Forschungsreisende Arnold Heim seinen Bericht über Expeditionen ins Land der Inkas in den Jahren 1946 und 1947. Ein wahres Wunderland ist Peru in der Tat für jeden Bergsteiger und Gletscherforscher. In den zwanzig höchsten Gebirgsketten der peruanischen Anden, den sogenannten ( Kordilleren ), gibt es über dreitausend Gletscher. Dutzende von Sechstausendern und unzählbare Fünftausender, geschmückt von Rillen-firn und Eis, bilden unter der tropischen Sonne nicht nur ein grossartiges Naturschauspiel, sondern die Gletscher bringen der einheimischen Bevölkerung manchen Nutzen, aber auch grosse Gefahren, besonders dort, wo sich der Siedlungs- und Wirt- schaftsraum bis unmittelbar unter die andinen Gletscherzungen erstreckt.
Fast 16 Millionen km2 der Erdoberfläche liegen unter ewigem Schnee und Eis, also eineinhalbmal soviel Land wie ganz Europa oder rund ein Zehntel der gesamten Landoberfläche unseres Planeten. Allerdings umfassen der antarktische Eisschild mit 85,7% und das grönländische Inlandeis mit 10,9% zusammen 96,6% der totalen Gletscherfläche der Erde.Von den verbleibenden 3,4% entfällt ein erheblicher Teil auf Eiskappen in höheren Breiten ( Alaska, kanadische Arktisinseln, Island, Spitzbergen usw. ). Weniger als eineinhalb Prozent liegen in mittleren und niedrigen geographischen Breiten. Wegen ihrer Nähe zu menschlichen Siedlungsräumen sind aber gerade diese Eismassen von eminenter Bedeutung.
Ganz besonders trifft dies auf die Gletscher der Tropen und Subtropen zu. Während die kleinen Gletscher an den Vulkanen Mexikos, die Gipfelvergletscherung des Kilimandscharo, Ruwenzori und Mt. Kenia in Afrika und die paar Gletscherchen im Carstenszgebirge Irian Jayas eher von touristischem und wissenschaftlichem Interesse sind ( z.B. als Anzeiger für Klimaveränderungen oder als Speicher paläoklimatischer Information ), bringen es die Gletscher der tropischen und subtropischen Anden auf gegen 5000 km2 Gesamtfläche, also mehr als die der Alpen ( vgl.Tabelle 1 ).
Tabelle 1 Gletscher zwischen den beiden Wendekreisen, also zwischen 23,5° nördlicher und 23,5° südlicher Breite Vergletscherte Anzahl Fläche Glet- scher Anden nördlich 22.5°S Venezuela 2,6 km2 7 Kolumbien: Sierra Nevada de Santa Martha 19,1 km2 106 Kolumbien:
andere Regionen 91,9 km2 158 Peru 2041,9 km2 3044 Bolivien:
Cordillera Occidental 10,0 km2?
Bolivien:
Cordillera Oriental 510,1 km2 1687 Chile nördlich 22.5°S?
?
Mexico 11,4 km2 17 Afrika 10,9 km2 59 Indonesien ( Irian Jaya ) 6,9 km2 7 Zum Vergleich:
gesamte Alpen 2908,8 km2 5154 Wasser in der Wüste Nördlich der trotz Sechstausendern gletscherarmen Atacamawüste entfällt der Löwenanteil der Gletscherfläche auf Peru. Das Land gliedert sich in drei völlig verschiedenartige Teile: einen schmalen, wüstenhaften, aber dennoch dicht besiedelten Küstenstreifen am Pazifik, die ebenfalls ziemlich bevöl-kerungsreiche ( Sierra ), also das Andenhochland, und den bevölkerungsarmen Anteil am Amazonasbecken mit tropischen Regenwäldern. Vom heiss-feuchten Amazonastiefland - und nicht etwa vom Pazifik - stammt die Feuchtigkeit, die mit Passatwinden an die Kordilleren getragen wird und als Schneefall die Gletscher ernährt.
Ein Teil des glazialen Schmelzwassers fliesst westwärts durch die Wüste zum Pazifik, und zwar auch in regenarmen Jahren. Es ist für die Bevölkerung Limas, Trujillios, Are-quipas und der anderen Städte und Dörfer der Küstenregion als Trinkwasser und für die Bewässerung von Oasenkulturen von grösster Bedeutung.
Nicht nur das Schmelzwasser, auch das Eis der Gletscher wird seit alters her genutzt: Noch heute steigen Campesinos aus dem Abb. 2 Vor der Kulisse der Ocshapallca ( 5881 m ) in der Cordillera Blanca bereitet ein Maultiertreiber einen Eisblock für den Transport ins Santatal vor.
Santatal am Fuss der Cordillera Blanca in langem Tagesmarsch zu den gelegenen Gletscherzungen auf, um Eis zu holen. Die quaderförmig zurechtgehauenen Eisblöcke werden zum Schutz vor der tropischen Sonne sorgsam in Stroh verpackt ( vgl. Abb. 2 und 3 ). Auf dem Rücken der Maulesel werden sie ins Tal gebracht, wo das Eis zu Granulat zerrieben und mit Sirup versüsst auf dem Markt als Erfrischung feilgeboten wird.
Gletscherkatastrophen Leider schicken aber die Gletscher Perus nicht nur lebenspendendes Wasser in die Wüste, sondern sie sind auch Schuld an furchtbaren Naturkatastrophen. Am folgenschwersten war bisher die gewaltige Glet-scher- und Schlammlawine, die am Nordgip- Abb. 3 Der Eisblock wird zum Schutz gegen die tropisch intensive Sonnenstrahlung mit Strohmatten eingepackt. Das Eis zeigt gut die charakteri- stische ( Foliation ), eine von links oben nach rechts unten verlaufende Struktur, die während der Verformungspro-zesse beim Fliessen entsteht.
fei des Nevado Huascaran am 31. Mai 1970 während eines schweren Erdbebens abbrach und in der am Bergfuss gelegenen Stadt Yungay 18000 Menschenleben forderte. Sowohl am Huascaran als auch am benachbarten Huandoy hatten sich schon früher verheerende Eislawinen gelöst ( in einem späteren Beitrag sollen neuere Ergebnisse einer Studie historischer Gletscherkatastrophen in Peru zusammengefasst werden ).
Doch damit nicht genug: Als Folge des allgemeinen Gletscherschwundes bildeten sich im Verlauf der letzten Jahrzehnte vor den Zungen zahlreicher Andengletscher Moränenseen ( vgl. den anschliessenden zweiten Bericht im vorliegenden Quartalsheft ), von denen bereits eine ganze Reihe katastrophal ausgebrochen sind, während andere noch drohend hinter ihren instabilen Dämmen liegen. Gletscherhochwasser forderten ebenfalls bereits Tausende von Todesopfern und verwüsteten Siedlungen und wertvolles Kulturland.
Nutzen und Gefahren der Gletscher halten sich in Peru wohl etwa die Waage - auf jeden Fall ist es sehr wichtig, über die bestehenden Eisreserven und allfällige Gefahrenherde möglichst genau Bescheid zu wissen. Unter anderem diesem Zweck soll das inzwi- 125 schen vollendete peruanische Gletscherinventar dienen. Es ist zudem ein Baustein einer global koordinierten Bemühung um ein Welt-Gletscherinventar.
Ausbildung in Zürich Die Idee, sämtliche Gletscher der Erde zu registrieren, geht auf die Internationale Hydrologische Dekade zurück, die von der UNESCO von 1965 bis 1974 durchgeführt wurde, und in der eine Abschätzung sämtlicher Wasservorkommen und deren rationellere Nutzung in allen Ländern angestrebt wurde. Somit war auch das Gletschereis zu erfassen. Dazu wurde 1970 eine Arbeitsgruppe gegründet, die Richtlinien zur Datenerfassung auszuarbeiten hatte.
Unter der Leitung des inzwischen leider verstorbenen Prof. Dr. Fritz Müller entstand an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich ein Sekretariat, das den Aufbau des internationalen Gletscherinventares leitete. Während einerseits sofort ein Gletscherinventar für die Schweizer Alpen in Angriff genommen wurde, waren andererseits in möglichst vielen Ländern nationale Korrespondenten zu suchen, die möglichst selbständig die nationalen Inventare erstellen sollten.
Anlässlich einer Rekognoszierung in den Andenstaaten Südamerikas stellte Prof. Müller den Kontakt zur Glaziologieabteilung der ( Electroperu ) ( staatliche Elektrizitätsbe-hörde ) in Huaraz her. Der damalige Leiter, Herr Benjamin Morales, beauftragte anschliessend einen der Autoren ( Arnes ) mit der praktischen Arbeit. Da das notwendige Know-how in Peru jedoch fehlte, wurde Alcides Arnes nach Zürich eingeladen, wo er sich im Winter 1977/78 Kenntnisse der notwendigen Kartierungs- und Datenerfassungstech-niken erwarb.
Im Anschluss an seine Rückkehr nach Peru enstand zunächst das Inventar für die nördlichste, höchste und bei weitem gletscher-reichste Kordillere, die Cordillera Blanca ( vgl.Tabelle 3 ). Von unschätzbarem Wert war dabei die Tatsache, dass Aleides Arnes grosse Teile dieser Gebirgskette sozusagen wie seine Hosentasche kennt. Als Vermessungsingenieur hatte er an einigen Gletschern jährlich die Zungenvariationen be- Abb. 4 Der nördlichste Teil der Cordillera Blanca ( Aufnahme aus rund 10000 Metern Höhe, Linienflug Lima - Quito ) zeigt die für die peruanischen Anden charakteristische Vergletscherung mit zahlreichen steilen und relativ kurzen Gebirgsgletschern. In der Bildmitte erkennt man den wegen seiner Pyrami- denform berühmten Nevado Alpamayo und links oben die Pucahirca-Gruppe. Dazwischen liegen eine Reihe von gefährlichen Moränenseen; gerade oberhalb der durch die Flugzeug-scheibe verursachten Lichtreflexe sieht man die Seen des Safunaglet-schers ( vgl. unseren zweiten Bericht im vorliegenden Quartalsheft ).
Abb. 6 An der Nordseite des Nevado Huascaran ( Südgipfel 6768 m, links, Nordgipfel 6655 m, rechts ) fliesst der Glaciar Kinzl ab. Typisch für verhältnismässig tief hinunterreichende Gletscherzungen ist die massive Schuttbedeckung. Sie ist in diesem Fall wegen des häufigen Steinschlags aus den gewalti- Abb. 5 Breite, flache Firnbecken wie im Bildvordergrund sind gegenüber steilen Kargletschern wie denen rechts hinten an der Aguja-Nevada-Gruppe ( zu Deutsch Eisnadel !) in der Minderzahl. Am kleinen Eisfeld im Bildmittel- gen, aperen Wände des Huascaran besonders mächtig. Da der Schutt-nachschub des Gletschers schneller ist als die fluviale Erosion der Stirn- und Seitenmoränen, kommt die Gletscherzunge immer höher über dem Talgrund zu liegen.
grund erkennt man die für tropische Gletscher charakteristischen, senkrecht abschmelzenden Eisränder ( Aufnahme 1978 vom Aufstieg zum Nevado Pisco ).
stimmt und als Bergsteiger manchen Andengipfel bestiegen. Vom Wohnhaus der Arnes-Familie aus kann man buchstäblich Dutzende von Gletschern an der Westflanke des Huascaran, des Nevado de Copa und vieler ( kleinerer ) Berge sehen.
Wie entsteht ein Gletscherinventar?
Das exakte Prozedere wird in einer Art , das von Prof. Müller in Zusammenarbeit mit seinen Mitarbeitern erstellt wurde, festgehalten. Gemäss diesem müssen alle mehrjährigen Schnee- oder Eismassen von mehr als einer halben Hektare ( oder 0,005 km2 ) Fläche erfasst, klassifiziert und ausgemessen werden. In der Praxis ist das bei einer dermassen grossen Zahl von Gletschern wie in Peru oder in den Alpen nur mit Hilfe von photogrammetrischen Luftbildaufnahmen zu bewerkstelligen. Glücklicherweise stehen solche für Peru zur Verfügung ( 1955: -Flüge, 1962 und 1963: USAF-Flüge, 1970: NASA-Flüge ). Bei den 1970 durchgeführten NASA-Flügen kamen infra-rotempfindliche Filme zum Einsatz. Sie wurden durchgeführt, um die Folgen des Kata-strophenbebens vom 31. Mai zu dokumentieren. Das Gletscherinventar war also sozusagen ein ungeplantes ( Abfallprodukt ) jener kostspieligen Mission.
Die Luftbilder wurden unter einem Stereoskop nach Gletschern abgesucht und klar als solche erkennbare Gletscherflächen auf einfarbige topographische Karten des Massstabes 1:25000 ( herausgegeben von der
Natürlich haben nur die wenigsten Gletscher Namen. Sie werden deshalb nach einem Codesystem nummeriert, das nach den Flüssen und Nebenflüssen organisiert ist, in die sie jeweils entwässern. Jeder Gletscher, Tabelle 2 Vergleich der Vergletscherung Perus und der Schweiz. Die Daten für Peru entsprechen je nach Region dem Zustand 1955, 1962/63 und 1970, diejenigen der Schweiz 1972/73.
Peru Schweiz Landesfläche in km2 1 285 000 41 284 Anzahl Gletscher 3 044 1 828 Gesamtfläche der Gletscher in km2 2 042 1 342 Mittlere Gletscherfläche in km2 0,67 0,73 Anteil der Vergletsche- rung an der Landes- fläche in % 0,16 3,25 Gesamtvolumen der Gletscher in km3 56,15 67,42 Gletscher mit grösster Janka- Gr.Aletsch- Fläche ( Fläche in km2 ) pampa ( 16,5 ) Copap gletscher ( 86,8 ) Gr. Aletsch- Längster Gletscher ( Länge in km ) ( 7.0 ) gletscher ( 24,7 ) Tabelle 3 Die vergletscherten Kordilleren Perus. Für die südlichen Kordilleren ( Volcanica und Barroso ) fehlen auswertbare photogrammetrische Luftbildserien.
Kordillere Anzahl Gesamt- Gesamt- Gletscher fläche volumen in km2 in km3 1 Blanca 722 723 22,60 2 Huallanca 56 21 0,43 3 Huayhuash 117 85 2,99 4 Raura 92 55 1,33 5 La Viuda 129 29 0,43 6 Central 236 117 2,54 7 Huagoruncho 80 23 0,40 8 Huaytapallana 152 59 1,15 9 Chonta 95 18 0,26 10 Ampato 93 147 5,12 11 Vilcabamba 98 38 0,72 12 Urubamba 90 41 0,78 13 Huanzo 115 37 0,60 14 Chila 87 34 0,58 15 La Raya 48 11 0,16 16 Vilcanota 469 418 12,00 17 Carabaya 256 104 1,96 18 Apolabamba 109 81 2,11 19 Volcanica20 BarrosoTotal 3044 2042 56,15 und sei er noch so klein, sein eigenes Datenblatt, auf dem unter anderem festgehalten wird:
- ein allfällig vorhandener Name und natürlich seine Identifikationsnummer,die genauen geographischen Koordinaten,seine Gesamtfläche, der schuttfreie Anteil der Fläche und, wo möglich, die Fläche des Ablationsgebietes ( ),jeweils die mittlere und die maximale Breite und Länge,die Orientierung des Akkumulations- und Ablationsgebietes ( also die Himmelsrichtung des grössten Gefälles),die grösste, mittlere und kleinste Höhe ( Meter über Meer),eine Klassifikation nach morphologischen Merkmalen, z.B. Eiskappe, Talgletscher, Gebirgsgletscher ( Kargletscher),die mittlere Eisdicke ( bestimmt aufgrund einer auf Erfahrungswerten beruhenden Schätzformel),verschiedene Angaben zur Genauigkeit der Daten sowie zum Luftbild- und Kartenmaterial.
Karte 1 Die vergletscherten Gebiete der Anden ( blau ) können in diesem Massstab nicht im richtigen Grössenverhältnis dargestellt werden.
BRASILIEN Pazifischer Ozean 300 km Acht Jahre Arbeit Aus dem handschriftlich ausgefüllten Blatt jedes Gletschers werden die Daten nach einem Schlüssel codiert und tabellarisch so zusammengefasst, dass die Angaben jedes Gletschers genau eine 80 Zeichen lange Ta-bellenzeile füllen. Da seinerzeit in Peru noch keine Computer zur Verfügung standen, mussten alle Tabellen mit einer einfachen Schreibmaschine auf Papier und Durch-schläge getippt werden.
Die gesamte statistische Auswertung, wie sie im vorliegenden peruanischen Gletscherinventar publiziert ist, erfolgte mit einem Ta-schenrechner sozusagen . Nach der Bearbeitung der Cordillera Blance wurden die anderen Gebirgsketten, zunächst die nördlichen, später die südlichen, bearbeitet. Insgesamt sind deren 20 vergletschert ( vgl. Tabelle 3 und Karte 1 ). Die Luftbilder der Abb. 7 Südöstlich an die Cordillera Blanca und Cordillera Huallanca schliesst die kompakte, aber hohe Cordillera Huayhuash an. Der Nevado Yerupaja ( Bildmitte ) ist mit 6634 m nach dem Huascaran der höchste Berg Perus. Die zahlreichen Moränenseen, hier an der Ostflanke, dokumentieren den neuzeitlichen Glet- Cordillera Vulcanica und Cordillera Barroso entstanden leider zu früh nach einem Neuschneefall, so dass sich die Gletscher zuwenig vom unvergletscherten Gelände abheben. Eine Inventarisierung in diesen zwei Gebieten war somit leider unmöglich. Alle Zahlenangaben dieses Berichtes vernachlässigen diese beiden Kordilleren.
Die gesamte Aufgabe beanspruchte während acht Jahren etwa 65 Prozent der Arbeitszeit von Aleides Arnes und wurde 1988 vollendet. Seine anderen Aufgaben umfassten dreimal jährliche Längen- und Massenbi-lanzmessungen auf Gletschern der Cordillera Blanca sowie gelegentlich andere vermessungstechnische Arbeiten.
Durch einen glücklichen Umstand fand sich im
nologia> ( also dem peruanischen Gegenstück des Schweizerischen Nationalfonds ) eine Person mit ausreichendem Einfluss, die an einer Publikation des Gletscherinventars in Buchform interessiert war. In Zeiten grösster wirtschaftlicher Probleme hatten die Behörden damals andere Sorgen und Prioritäten als die Gletscher der Anden.
Tatsächlich kam eine finanzielle Unterstützung zustande, die einen Druck ermöglichen sollte. Da jedoch zwischen der Freigabe der Gelder und dem eigentlichen Drucktermin die Hyperinflation monatlich 20 bis 30% des Geldwertes vernichtete, war die Veröffentlichung dann nur noch knapp möglich, u.a. indem auf zahlreiche Illustrationen verzichtet und eine bessere Papierqualität zugunsten einer billigeren geopfert wurde. Obwohl zu guter Letzt 1000 Kopien in spanischer Sprache sowie 300 in Englisch hergestellt wurden, konnten nur wenige ins Ausland ver- Abb. 8 Gezählt von Norden nach Süden ist die Cordillera Raura die vierte vergletscherte in den peruanischen Anden. Zwischen ihren Gipfeln erkennt schickt werden - die Versandkosten waren mittlerweile derart massiv angestiegen, dass allein die Frankatur die Herstellungskosten weit überstiegen hätte...
Dennoch, die Ergebnisse liegen jetzt vor und haben Eingang ins Welt-Gletscherinven-tar gefunden. Was haben wir nun Neues über die Gletscherwelt der peruanische Anden herausgefunden?
Gletscherparadies Cordillera Blanca Zunächst wissen wir - bis auf die unbedeutenden Lücken im äussersten Südosten Perus - mit einiger Genauigkeit Bescheid über ( den hintersten und letzten ) Gletscher des riesigen Landes ( die einzelnen Gletscherflächen dürften Fehler in den Grössen- man das verzweigte Verkehrsnetz und die Gebäude einer Mine ( Aufnahme 1979, Inlandflug Lima-Iquitos ).
131 ordnungen von 10 bis 15% aufweisen ). Insgesamt sind es 3044 Gletscher und Gletscherchen, die zusammen eine Fläche von 2042km2 einnehmen und ein Volumen von 56km3 Eis, Firn und Schnee enthalten ( vgl.Tabelle 3 ). Das sind 1216 Gletscherein-heiten mehr als in den Schweizer Alpen, und auch die Gesamtfläche ist um etwa 50% grösser ( Tabelle 2 ). Da die peruanischen Gletscher mit einer mittleren Oberfläche von 0,67 km2 etwas kleiner sind als die schweizerischen ( 0,73 km2 ), enthalten sie gesamthaft etwa ein Fünftel weniger Eis.
Nun sind die Schweizer Gletscher aber über ein - ganz grob gesagt - 70 mal 250 km grosses Gebiet verstreut, die peruanischen 132aber über ein ungleich grösseres: Das Nordende der Cordillera Blanca liegt mehr als 1300 km vom Südteil der Cordillera Barroso entfernt, und die südlichen Kordilleren sind auf eine Breite von rund 250 km ( quer zur An-den-Hauptrichtung, vgl. Karte 1 ) aufgefä-chert. Eis ist somit ein wertvoller, aber überaus rarer Rohstoff in Peru.
Infolge des tropischen Klimas sind nur Gebirgsketten mit Gipfelhöhen von deutlich über 5000 m ü.M. vergletschert. Gekrönt von Dutzenden von Sechstausendern trägt die Cordillera Blanca ( Weisse Kordillere ) fast ein Viertel der peruanischen Gletscher, darunter auch den flächengrössten ( Jankapampa ) mit 16,5km2. Das Relief ist dermassen steil und von gewaltigen Canyons zertalt, dass nirgends genügend weite Hochflächen vorhanden sind, um grosse Talgletscher von der Art des Grossen Aletschgletschers zu ernähren.
Bemerkenswertes bringt die statistische Aufbereitung der Daten zutage ( vgl. Karten 2,3 und 4 ): Die mittlere Höhe der Gletscher-ein wichtiges Indiz für die langjährigen Klima-Durchschnittswerte - liegt auf der Ostseite der Cordillera Blanca im Mittel bei etwa 4800 m ü.M., auf der Westseite hingegen mit 5100 oder gar 5200 m deutlich höher. Dabei beträgt die horizontale Distanz der beiden Kordillerenseiten nur etwa 20 Kilometer. Ganz deutlich spiegeln sich hier die Niederschlagsverhältnisse wider: die Amazo-nas- ( also Ost-)Seite erhält mehr Schnee als die von der pazifischen Inversion beeinflusste und trockenere Westseite.
Jeder Bergsteiger, der hier bereits Gipfel bezwungen hat, dürfte den Effekt kennen: Auch in der trockenen Jahreszeit ( Juli, August ) kann eine Besteigung zum Wettlauf mit den Quellwolken werden. Erreicht man den Gipfel vor dem Nebel, türmen sich im Osten meist schon hohe Cumuluswolken auf, während die Westseite noch weitgehend wolkenfreien Himmel geniesst.
Markant unterschiedliche Firnlinienhöhen beobachten wir im übrigen auch in den Alpen ( die Gletscherdurchschnittshöhe ist eine grobe Näherung für die Firnlinienhöhe ): In den niederschlagsreichen nordöstlichen Schweizer Alpen ( Kt. Uri, Glarus und St. Gallen ) liegt sie unter 2600 m ü.M., während sie in den trockenen südlichen Wallisertälern auf mehr als 3200 m, im Mischabelgebiet sogar auf über 3400 m ansteigt.
30 10 Karte 2 Hier sind alle Gletscher der Cordillera Blanca gemäss ihrer Grösse eingetragen. Insgesamt sind es 722 Einheiten, die zusammen eine Fläche von 723,4 km2 einnehmen. Westlich des Rio Santa verläuft die bis über 5000 m hohe Cordillera Negra, die jedoch unvergletschert ist.
ITI1
Karte 3 In dieser Darstellung wurden innerhalb einzelner Planquadrate die mittleren Gletscherhöhen eingetragen. Die dunkelsten Schraffuren zeigen die geringsten, die hellsten die grössten Durchschnittshöhen an.
Man erkennt das Ansteigen der Durchschnittshöhe von Osten nach Westen als Folge der in dieser Richtung abnehmenden Niederschlagsmengen.
Karte 4 Diese Darstellung veranschaulicht mit der Grösse der einzelnen Kreissegmente die Orientierung der Gletscher in den jeweiligen Teilgebieten. Obwohl die Schneegrenze auf der Westseite der Cordillera Blanca etwas höher liegt als auf der Ostseite, sind doch markant mehr als die Hälfte der Gletscherflächen nach Westen orientiert. Dies kommt daher, dass die Ostflanken der Berge im allgemeinen noch steiler sind als ihre Westflanken.
30'Legende über 5400 m 5250 bis 5400 m 5100 bis 5250 m 4800 bis 4950 m / unter 4800 m 10 Abb. 9 Typisch für die mittleren Kordilleren Perus sind eher kleine und verstreute Gletscher wie hier in der Cordillera Chonta. Ein nur geringfügiger Anstieg der Firngrenze könnte zum Verschwinden eines erheblichen Teils der hier gelegenen Gletscher führen ( Aufnahme 1978, Inlandflug Arequipa-Lima ).
Abb. 11 In der Cordillera Vilcabamba ragt der massige Nevado Salcantay fast 6400 m hoch auf. Sehr schön erkennt man die Bewölkung über dem Amazonastiefland hinter der Kordillere ( Blick von SW nach NE, Teleaufnahme 1979 auf Inlandflug Cuzco-Lima ).
Abb. 12 Einen besonderen Charakter hat die Vergletscherung der Cordillera Ampato: Sie liegt fast ausschliesslich gewaltigen Stratovulkankom-plexen auf, wie hier am Nevado Ampato ( 5795 m, vorne links ). Der Vulkan rechts im Hintergrund ist in den letzten Jahren wieder ausgebrochen. Subglaziale Vulkaneruptionen können zu gefährlichen Schlammströmen führen ( vgl. QH 111/89 ).
Abb. 10 Eine einsame, kleine Gletschergruppe westlich des Rio Apurimac und der Cordillera Vilcabamba ( im Hintergrund ) im Süden Perus. Auffällig ist die weit unterhalb der heutigen Gletscherzungen gelegene, nacheiszeitliche Stirnmoräne samt Moränensee nahe dem unteren Bildrand, etwas rechts der Mitte.
Obwohl die Niederschläge die Ostseite der Cordillera Blanca klimatisch , ist dennoch der grössere Teil ihrer Gletscher nach Westen oder Südwesten orientiert. Wie kommt das? Da die Berge gegen Osten noch steiler als gegen Westen abfallen, bieten sie auf ihren Westflanken bessere Bedingungen für die Bildung ausgedehnter Firngebiete in relativ geräumigen Hochkaren.
Südlich der Cordillera Blanca folgen die Kordilleren Huallanca, Huayhuash und Raura sowie deutlich nach Osten abgesetzt die kleine Cordillera Huagoruncho. Wegen ihrer Nähe zum Amazonasbecken sind an ihrer Ostseite die Niederschläge reichlich genug, um mittlere Gletscherhöhen von 4600 m zu ermöglichen. Besonders die Cordillera Huayhuash wartet mit einigen besonders grossen Gletschern, herrlichen Endmoränen-seen und spektakulären Gipfeln auf. Der Nevado Yerupaja ist mit 6634 m ü.M. gar der zweithöchste Berg Perus. Für den Bergwanderer oder Bergsteiger ist diese Kordillere allerdings nur nach einem zweitägigen Anmarsch, am besten von der Ortschaft Chiquian aus, zu erreichen.
Im Süden von Peru Die mittleren Kordilleren Perus ( La Viuda, Central, Chonta und Huaytapallana ) bleiben unter 6000 m Höhe, tragen aber dennoch einige schöne Gletscher, die zum Teil zur ausgeglichenen Wasserführung des Rio Rimac beitragen und damit zur Wasserversorgung der Sechsmillionenstadt Lima.
Sechstausender und auch wieder grössere Eisflächen finden wir dann im Südosten, unter anderem die grösste zusammenhängende Eisfläche ( 55km2 ), die Quelccaya-Eis-kappe in der Cordillera Vilcanota. Da diese von einem zentralen Hochplateau aus auf mehrere Seiten abfliesst, wird sie im Inventar auf mehrere Einzelgletscher aufgeteilt. Auf der zwischen 3 und 5 km breiten Eismasse fanden in den letzten Jahren mehrere Tiefbohrungen statt. Aus den geförderten Bohrkernen können wertvolle Hinweise über vergangene Klimaveränderungen entnommen werden.
Ganz im Süden, sowohl westlich als auch östlich der Stadt Arequipa, liegen Kordille- ren, deren Vergletscherung hauptsächlich einigen gewaltigen Vulkankomplexen aufliegen. Trotz intensiver Gebirgsbildung ist Nord- und Mittelperu ohne rezenten Vulkanismus. Dafür erreichen in der Cordillera Ampato die Vulkane Höhen von bis zu 6425 m ( Nevado Coropuna ). Einzelne, wie der Nevado Solima, sind schon seit so langer Zeit inaktiv, dass sie von der Glazialerosion schon stark zertalt sind. Andere zeigen noch sehr frische, wenig erodierte Kegelformen. Seit einiger Zeit werden erneut Eruptionen des nordöstlichen und ebenfalls vergletscherten Nebenvulkans des Nevado Ampato beobachtet.
Zum Schluss sei uns noch ein Blick in die Zukunft gestattet. Die Gletscher der zentralen Anden sind im Rückzug begriffen. Am stärksten betroffen sind die tiefgelegenen Zungen der längeren Talgletscher. Daneben verschwinden aber auch viele kleine Gebirgsgletscher, die bisher gerade etwa auf der Firnlinie ein prekäres Dasein gefristet haben. Zukünftige photogrammetrische Beflie-gungen könnten erneut ausgewertet werden, und der regional vielleicht durchaus unterschiedliche Gletscherschwund liesse sich dann sehr gut erheben. Es ergäben sich wertvolle Zusatzinformationen über allfällige Klimaveränderungen in einer Hochlandre-gion, in der die Wetterstationen naturgemäss nicht eben dicht gesät sind. Das vorliegende Inventar ist somit eine Bestandesaufnahme der Vergletscherung, wie sie sich vor 1970 präsentierte und beinhaltet wertvolle Vergleichswerte für zukünftige Studien eines Hochgebirges, das uns gerade wegen seiner landschaftlich reizvollen Gletscherwelt dermassen stark ans Herz gewachsen ist.
Literatur Alean, J. ( 1989 ): ( Vergletscherte Vulkane ), DIE ALPEN, QH Hl/89 Arnes, A., et al. ( 1988 ): Glacier Inventory of Peru Haeberli, W., et al. ( 1989 ): World Glacier Inventory-Status 1988, International Association of Hydrological Sciences, IAHS Press, Wallingsford, England Heim, Arnold ( ca.1950 ): Wunderland Peru - Erlebnisse eines Naturreisenden, Verlag Hans Huber Bern Müller, F., Caflish, T., und Müller, G. ( 1976 ): Firn und Eis in den Schweizer Alpen -Gletscherinventar, Geographisches Institut der ETHZ, Pubi. Nr. 57 Abb. 13 Bäume auf einer nacheiszeitlichen Stirnmoräne des Gletschers in der Quebrada Llaca bil- den eine Silhouette vor dem prächtigen Nevado Ranrapalca ( 6162 m ) in der Cordillera Blanca.