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Heidi, das arme Waisenkind, das sich im urbanen Deutschland nach der heimischen Bcrg- welt verzehrt, ist im Lauf der letzten 120 Jahre zu einer Art Schweizer Nationalheldin geworden - im Verbund mit dem wehrhaften Wilhelm Teil arbeitsteilig auf das «zivilere» Heimweh spezialisiert. Von Johanna Spyris Romanvorlage aus dem Jahr 1880 ist in Markus Imbodens Heidi nur gerade das Gerüst der Handlung übriggeblieben: der unfreiwillige Auslandsaufenthalt in einer deutschen Grossstadt, die Sehnsucht nach den Bündner Bergen, nach Peter und dem Grossvater auf der Alp, die anfänglich schwierige Beziehung zu Klara und schliesslich die glückliche Rückkehr in die Heimat. Im Rahmen dieser Vorgaben haben Jasmine Hoch und Martin Hennig die Geschichte inhaltlich auf den Stand der Zeit gebracht: Den Part der traditionellen Frankfurter Gastfamilie Sesemann übernimmt Heidis Tante Dete, eine allein erziehende, erfolgreiche Berliner Geschäftsfrau, die wenig Zeit für ihre heranwachsende Tochter Klara und deren Probleme hat. Diese sind denn auch, im Gegensatz zu Spyris Roman, eher emotionaler als körperlicher Natur. Bei Heidis Freund Peter erinnert nur der Nachname Geisser noch an die ursprüngliche Beschäftigung der Figur. In der aktualisierten Filmversion ist Peter der Sohn eines Schweizer Ingenieurs, der mit seiner Familie aus einer amerikanischen Grossstadt zurück in die alte Heimat gezogen und zunächst ganz unglücklich ist über die beengten helvetischen Verhältnisse. Mit Heidi freundet er sich trotzdem an und hält, während sie im fernen Berlin ist, mit ihr zeitgemäss über E-Mail Kontakt.
Die schwungvolle Modernisierung des Stoffs hat einigen Unterhaltungswert, wenn auch vielleicht eher für die jungen Zuschauerinnen als für deren männliche Alterskollegen, da die Rollen von Heidi und Klara mehr zu bieten haben und mit Cornelia Gröschel und Nadine Fano auch etwas besser besetzt sind. Bedeutsamer an Imbodens Neufassung ist allerdings die Leichtigkeit, mit der hier die helvetische Bergwelt Teil der Europäischen Gemeinschaft wird: Heidis Tante Dete, gespielt von der Französin Marianne Denicourt, betreibt unter dem Namen Caduff ein schickes Modeatelier an einer der ersten Adressen in der neuen Berliner Mitte. Der anrührende Alpöhi (Paolo Villaggio), um dessen Zuneigung Heidi anfangs härter kämpfen muss als auch schon, stammt im wirklichen Leben aus Italien und Heidi selbst aus Dresden. Die gemeinsame Sprache ist Hochdeutsch. Mag sein, dass diese Europäisierung des alten Nationalmythos den Gepflogenheiten internationaler Koproduktionen entspricht und die Absatzchancen auf dem ausländischen Markt steigert. Selbst dann würde dieses Heidi allerdings mehr über die moderne Schweiz verraten als die herkömmlichen überhöhten Berglandschaften.