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Kritiker mögen bemerken, dass die nachfolgend vorgestellte Karte von London und Umgebung in etwa so (un-)übersichtlich ist wie die derzeitige politische Situation in Grossbritannien. Doch mit etwas Geduld ist es möglich, einige spannende Details aus der Karte herauszulesen.
Ein «einfaches» Exemplar ist die Karte nun aber definitiv nicht: Farben und Formen konzentrieren den Blick von Beginn weg auf das Zentrum der Davies’s map of the environs of London (1858), auf die Stadt London mit ihren blau markierten Bezirken («boroughs»). Die Themse fliesst quer durchs Kartenbild und die umliegenden Gegenden – also den Teil, auf welchen gemäss Titel eigentlich Wert gelegt werden soll – kommen fast nicht zur Geltung.
Abb. 1: Bildausschnitt der Stadt London
Die anliegenden Bezirke («counties») sind blassrot markiert und gehen gegenüber den kräftigen blauen Stadtbezirken und den grösstenteils nach den Himmelsrichtungen benannten «postal districts» nahezu unter. Drei Kreise ergänzen das bereits etwas überladene Kartenbild, wobei sich deren Bedeutung nicht intuitiv ergibt. Denn die Legende am unteren Kartenrand ist auch nicht unbedingt einfach zu finden.
Abb. 2: Übersicht der Karte
Doch gerade die Legende lenkt die Aufmerksamkeit auf weitere Eigenheiten, besonders im Umland von London. So verfügen die Eisenbahnstrecken sowohl über Streckeneinteilungen in Meilen als auch über rot hervorgehobene Stationen mit Entfernungsangaben zu der jeweiligen Endstation in London. Besondere Parks und Friedhöfe wurden zudem farblich hervorgehoben.
Abb. 3: Ausschnitt mit diversen Details: Zwei Bahnhöfe mit Distanzangaben zu den jeweiligen Endstationen (obere beiden Ecken), Pärke (grün) und Friedhöfe (gelb) im Gebiet Stoke Newington sowie eine projektierte Eisenbahnlinie (schwarz gestrichelt).
Und die Karte hat noch eine weitere Eigenheit, denn sie verfügt über keine Koordinaten, oder genauer: keine Koordinaten, welche sich gleich auf bekannte Koordinatensysteme übertragen lassen. Denn der Nullpunkt wird für diese Karte bei der St. Paul’s Cathedral gewählt – in unmittelbarer Nähe des seit 1829 liegenden Standorts der zentralen Londoner «Post Office» an der St Martin’s-le-Grand. Ausgehend vom Nullpunkt bilden dann Einheiten von einer Meile das eigentliche Koordinatensystem. Die Orientierung der Karte nimmt also direkten Bezug auf das postalische System Londons.
Abb. 4: Der Nullpunkt der Karte mit der St. Paul’s Cathedral und der nahe gelegenen Geleral Post Office (nord-nordöstlich, nahe dem Buchstaben „N“).
Wieso ist das Thema nun auf der Karte so dominant? Denn es scheint, als hätte der Urheber der Karte, Benjamin Rees Davies (1789 – 1872), in dieser Ausgabe vor allem die Bedeutung postal districts hervorheben wollen. Frühere und spätere Ausgaben seiner Umgebungskarte (zwischen 1855 und 1894 erschienen insgesamt 16 Ausgaben) sind von Kartenbild und der Symbolisierung her meistens ausgeglichener gestaltet.
Vermutlich gab eine zeitgenössische Entwicklung den entsprechenden Ausschlag: Die Postdistrikte in London wurden ab 1855 geplant und per 1. Januar 1858 neu eingeführt, um der wachsenden Bevölkerung Londons und der damit einhergehenden Zunahme von Postsendungen gerecht zu werden. Und da Davies seine Karte als aktuelles Übersichtswerk versteht, nahm er das Thema gleich prominent mit in die Karte auf – mit dem Effekt, dass der ungeübte Blick sich allenfalls etwas in der Karte verirrt oder Besonderheiten und Details nicht gleich erkennt. Daher ist etwas Geduld gefragt, um den ganzen Gehalt dieser Umgebungskarte zu erfassen.
Literatur / Verweise
Hyde, Ralph (1975): Printed maps of Victorian London 1851-1900. Folkestone: Dawson.
Zur Geschichte der General Post Office bzw. deren Standort an der St Martin’s-le-Grand: https://www.postalmuseum.org/blog/190-years-of-londons-post-office-quarter/ (25.07.2018)