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Wie arbeiten wir in Zukunft?
Die GAV-Strategiegruppe Swisscom diskutierte an einem Seminar über die Zukunft der Arbeitswelt, die von der vierten industriellen Revolution — auch «Industrie 4.0» genannt — geprägt sein wird.
Dank der Nutzung von Wasser und vor allem Wasserdampf als Antriebsenergie konnten vor rund 200 Jahren in grossem Stil mechanische Produktionsanlagen eingeführt werden. Die Preise von Massengütern sanken und die Entwicklung in den westlichen Ländern nahm Fahrt auf. Die industrielle Revolution liess die Städte wachsen und den Kapitalismus aufblühen. Dies führte zur Bildung von Gewerkschaften, um die damaligen schrecklichen Arbeitsbedingungen zu verbessern. Und um den geschaffenen Mehrwert fairer zu verteilen.
Hochkonjunktur, Ferien, Sozialversicherung
Das Fliessband und die Elektrizität brachten rund 100 Jahre später die zweite industrielle Revolution. Die Gewerkschaften hatten vielerorts den 8-Stunden-Tag erkämpft, der bestens zum Dreischicht-Betrieb in den Fabriken passte. Es folgte der lange, aber erfolgreiche Kampf für Sozialversicherungen, Ferien, Gesundheitsschutz und demokratische Gesellschaftsformen.
Die Hochkonjunktur der Fünfziger- und Sechzigerjahre steht symbolisch dafür, dass von der zweiten industriellen Revolution praktisch alle profitieren konnten. Der dritte Techniksprung brachte Automatisierung und den Einsatz von Elektronik und Informationstechnik. So entstand seit den 1970er-Jahren eine Arbeitswelt, in der sich vielfältige Möglichkeiten zur beruflichen Entwicklung und Entfaltung bieten.
Kollektives Bewusstsein zerfällt
Die gewerkschaftliche Herausforderung der dritten industriellen Revolution besteht darin, das Bewusstsein für kollektives Zusammenstehen der Beschäftigten hochzuhalten.
Kaum haben wir uns an die dritte industrielle Revolution gewöhnt, befinden wir uns bereits mitten in der vierten, hin zur sogenannten «Industrie 4.0». Digitalisierung der Arbeit und der Gesellschaft, Internet der Dinge und der Dienste, intelligente und vernetzte Produktion, Big Data und künstliche Intelligenz sind Schlüsselwörter.
Technisch möglich vs. wünsch- und gestaltbar
Wir erleben «Industrie 4.0» bereits: mit vielfältigen Segnungen der Smartphones, mit den ersten sich selbst steuernden Fahrzeugen, mit 3-D-Druckern und mit «Google Glass». Ein Grund zur Beängstigung? Die Zukunft findet so oder so statt. Wer versucht, sie vorwegzunehmen, muss sich nicht davor fürchten, sondern kann und darf sie aktiv mitgestalten.
Abnehmende Beschäftigung
Am Seminar der GAV-Strategiegruppe Swisscom hat Rolf Kurath (Organisationsentwickler, ehem. Leiter HR/ER bei Swisscom und später Leiter Training und Transformation der Post) den Teilnehmenden Einblicke gewährt. «Industrie 4.0» biete viele Chancen, berge aber auch Risiken.
Aus gesellschafts- und gewerkschaftspolitischer Sicht bestehe das grösste Risiko darin, dass sich zwar die Produktivität weiter erhöht, aber die Beschäftigung nach der Umrüstungsphase von Wirtschaft und Infrastrukturen abnehme. Laut Kurath fehlt es zurzeit nicht nur an Fachkräften und IT-Know-how, damit Unternehmen den hohen Ansprüchen von «Industrie 4.0» gerecht werden können.
Coaching statt Führung?
Vielmehr mangelt es am passenden Führungsverständnis und am vorbildlichen Führungsverhalten. Vorgesetzte der Zukunft sollen Vorbilder sein, so Kurath, «Coaching statt Führung». Dezentralisiertes Selbstmanagement auf Team-Ebene sei die Zukunft. «In Zukunft braucht es (...) mehr Selbstverantwortung, mehr Vertrauen und einen höheren Fokus auf intrinsische Motivation, also Selbstmotivation», führte Kurath aus.
Im Zentrum stehe der Sinn der Arbeit, gemeinsam entwickelte Regeln für die Zusammenarbeit – und bei fast allen Tätigkeiten massgeschneiderte Prozesse. Künftige Organisationsformen stellen auch für Gewerkschaften eine Herausforderung dar. Eine der Gefahren ist die ungeregelte ständige Erreichbarkeit. Womit sich der Kreis schliesst zum aktuellen Problemfeld «Entgrenzung der Arbeit».
* Pol. Fachsekretär Telecom/IT