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Sabinas Brief
Eingeklemmt zwischen Worten und in Besorgnis. Aus dem Podcast «5 Minuten» von Nicolas Lindt.
Beim Besuch einer Tessiner Bekannten gab sie uns ein Buch mit nach Hause, von dem sie glaubte, es würde auch uns gefallen. Sie fand es an einem ungewöhnlichen Ort, nämlich in einer Bücherkiste am Rande ihres Dorfes. Die Gemeindebibliothek betreibt diese Bücherkiste, aus der man nach Belieben Bücher auswählen, lesen und sogar behalten kann. Das schon etwas ältere, aber eigentlich sehr bekannte Buch heißt «Die Wachsflügelfrau». Es stammt von Eveline Hasler und schildert das Leben der Emilie Kempin Spyri. Sie war eine Verwandte der «Heidi»-Dichterin Johanna Spyri, lebte Ende des 19. Jahrhunderts in Zürich und wollte Anwältin werden. Es ist die interessante, aber auch unglückliche Lebensgeschichte einer Frau, die zu früh kam und ohne Aussicht auf Erfolg in eine Männerdomäne eindringen wollte.
Ich möchte aber nicht von diesem Buch erzählen, sondern von einem Brief, der in diesem Buch lag – ein handschriftlicher Brief, ebenfalls geschrieben von einer Frau. Wir fanden ihn zufällig, ganz zuhinterst im Buch war er eingeklemmt zwischen zwei Seiten. Natürlich fragten wir unsere Tessiner Bekannte, hast du den Brief da hineingelegt, aber das hatte sie nicht. Sie hatte ihn entdeckt und gelesen, doch sie vergass uns darauf hinzuweisen, und so ist dieser Brief nun bei uns gelandet.
Ich möchte von ihm erzählen, und zwar deshalb, weil ich hoffe, auf diesem Weg vielleicht seine Verfasserin zu finden. Denn dieser Brief ist nicht weniger als 30 Jahre alt, er wurde geschrieben am 5. April 1992 im Breno – auch ein kleines Dorf im Tessin – und geschrieben hat ihn eine gewisse Sabina. Hat sie ihn gar nie abgeschickt? Oder war es Frieder, der den Brief in das Buch gelegt hat? Denn Sabina hat ihrem Liebsten geschrieben, der Frieder heisst, und sie äussert in ihrem Brief die Gefühle, die sie empfindet.
Sie ist schwanger, was eigentlich etwas sehr Schönes wäre, aber sie macht sich viele besorgte Gedanken. Möglicherweise sass sie beim Verfassen des Briefes gerade in Breno in einem Ferienhaus, während ihr Frieder irgendwo arbeitete, vielleicht in der Schweiz oder in Deutschland. Sie schreibt ihm die folgenden Zeilen und hofft, dass er sie hört und spürt, sie möchte ihre Gedanken, ihre Ängste mit ihm teilen, sie möchte sein Herz erreichen.
«Wie verändert sich mein Leben, wenn unser Kind da sein wird? Werde ich noch genügend individuellen Freiraum haben?», fragt Sabina ihren Liebsten. «Wie wird die Beziehung zwischen uns sich verändern, wird dir das Kind dann wichtiger sein als ich selbst?» Alle diese Fragen beschäftigen sie. Die junge werdende Mutter ist niedergeschlagen und traurig, obwohl sie doch eigentlich glücklich sein könnte, weil sie doch schwanger ist. Aber das mit dem Glücklich sein ist nicht immer so einfach.
Sie macht dann ihrem Frieder den Vorwurf, dass er das alles nicht wichtig nimmt. Er sagte ihr offenbar auch, er wolle kein «großes Tamtam» um die Schwangerschaft und um die Geburt machen. Dieses «Tamtam» hat Sabina nicht schlucken wollen. Sie möchte sich vorbereiten mit Frieder auf all das, was sie beide erwartet, wenn sie Eltern geworden sind. Aber – so schreibt sie – «hier liegt ein Hauptproblem von uns. Ich bin diejenige, die alles immer beleuchten und besprechen will, während du dich dagegen wehrst. Und ich glaube halt, dass uns diese Abwehr nicht weiterhilft.»
Sie wünscht sich, dass auch er sich engagiert für das gemeinsame Kind, und sie schreibt weiter: «Ich hatte mir vorgestellt, dass meine Schwangerschaft dich dazu bringt, deinen Egoismus zurückstecken, dem Kind zuliebe. Ich hoffte, dass du mir ein einfühlsamer, verständnisvoller Ehemann sein würdest.» Aber das scheint nicht der Fall zu sein, und deshalb ist dieser Brief auch ein Appell von Sabina an ihren Frieder, er solle ihre Worte bedenken. Sie glaubt an die Beziehung, aber sie hat doch auch die Befürchtung, dass diese Beziehung scheitern könnte, wenn sie jetzt nicht zusammen am gleichen Strick ziehen.
«Frieder», schreibt sie zuletzt, «bitte kämpfe auch du. Wir schaffen das nur zu zweit. Egal wer anfängt, aber mitmachen müssen wir beide. Wenn wir das nicht schaffen, haben wir beide versagt. Und ich meine damit vor allem, dass wir mehr miteinander reden müssen.»
«Rede mit mir», wünscht sich Sabina, «betrachte das alles als unsere gemeinsame Situation, die wir gemeinsam durchstehen wollen und müssen, damit wir uns freuen können auf unser Kind.» So beendet sie auch ihren Brief: «Wir können das schaffen», schreibt sie, «für uns, unsere Zukunft, unsere Liebe. Deine Sabina.»
30 Jahre alt ist dieser Brief, und wenn wir zurückrechnen, stellen wir fest: Das Kind von Sabina und Frieder, das damals – hoffentlich gesund und munter – zur Welt kam, wäre heute ebenfalls 30 Jahre alt, und es wäre doch schön, wenn wir auf diesem Weg dieses Kind oder auch seine Eltern ausfindig machen könnten. Also: Es geht um Sabina, eine werdende Mutter, die damals in Breno TI im April 1992 diesen Brief an ihren Frieder verfasste.
Vielleicht liest diese Zeilen jemand, der Frieder oder Sabina kennt? Oder vielleicht kennt jemand ein inzwischen erwachsenes Kind, dessen Eltern so heissen? Am liebsten würde ich den Brief natürlich Sabrina zurückgeben wollen. In dieselben Hände, die ihn geschrieben haben.
Wohl nicht ganz zufällig lag dieser Brief in jenem Buch, das von Emilie Kempin, der Verwandten Johanna Spyris handelt. Ein Jahrhundert vorher musste sie als Frau um ihre Anerkennung kämpfen, und so ist es auch Sabina ergangen vor 30 Jahren, auch sie hat offenbar darum kämpfen müssen, dass Frieder sie ernst nimmt und sich in Liebe bekennt zu ihr, zu seinem Kind und zu ihrem gemeinsamen Weg als junge Familie.
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