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Ukrainische Eisenbahn
Herzstück im langen Krieg
Der Kriegsfotograf Alan Chin berichtete zu Beginn des Krieges über die lebenswichtige Rolle der ukrainischen Eisenbahnen. Eineinhalb Jahre später stellen sich diese wie die ganze Ukraine auf einen langen Krieg ein.
Im Sommer sind in Kiew die Nächte kurz. Darum waren im Hauptbahnhof die Lichter noch nicht eingeschaltet, als in der Dämmerung aus dem Spitalzug, der aus dem Osten eingetroffen war, die Tragbahren mit Verwundeten der Reihe nach herausgetragen wurden. Ein Verwundeter, ein bärtiger Mann mit einem blutgetränkten Verband und einer Metallschiene am Arm, blickte stoisch in den Himmel, als seine Bahre auf dem Bahnsteig abgestellt wurde. Ein anderer sass aufrecht und umklammerte seine Dokumente mit der übrig gebliebenen Hand, während der Stummel seines frisch amputierten rechten Arms unter einem sauberen blauen T-Shirt versteckt blieb. Es wurde wenig gesprochen; stille Zeugen der zerstörerischen Kraft der Kriegsmunition.
Eisenbahnen haben in der ukrainischen Kultur und Wertvorstellung Kultstatus. Über Generationen waren und bleiben die Ukrzaliznytsia, die ukrainischen Eisenbahnen, sowohl für Reisende als auch Güter das wichtigste Verkehrsmittel. Während den ersten Wochen und Monaten des Krieges evakuierten die Ukrzaliznytsia über 4 Millionen Menschen von den Frontlinien, während die schiere Existenz des Landes auf dem Spiel stand. Ihr leitendes Personal war stets auf den Führerständen der Züge unterwegs, einerseits um russischen Angriffen zu entgehen und andererseits, um dem Personal in den entlegenen Landesregionen Rückhalt zu geben. Eineinhalb Jahre später sind sie zurück in ihren Büros in Kiew und müssen ganz neue Herausforderungen des langen Krieges bewältigen: den Betrieb aufrechterhalten und gleichzeitig versuchen, ein Gefühl der Normalität zu vermitteln und die Zukunft zu gestalten.
Souvenirs und Eisen-Diplomatie
Mit den derzeit über 220 000 Angestellten sind die Ukrzaliznytsia die grösste Arbeitgeberin des Landes. Tausende von Mitarbeitenden meldeten sich als Freiwillige für den Militärdienst oder wurden mobilisiert. Gleichzeitig wurden Züge, Bahnhöfe und Eisenbahndepots angegriffen. Über 400 Bahnmitarbeitende wurden getötet, andere kehrten mit lebensverändernden Verletzungen ins Zivilleben zurück. Genaue Statistiken gibt es nicht. Schätzungen gehen jedoch davon aus, dass sich die Gesamtzahl der zivilen und militärischen Verletzten im Land zwischen Zehn- und Hunderttausenden bewegt.
In Kiews Hauptbahnhof wurde in der Nähe eines Cafés ein neuer Geschenkladen eröffnet, der Designer-Souvenirs anbietet: von Marken-T-Shirts und Kapuzenpullis bis zum «Siegeszucker». Es mag erstaunlich, ja frivol scheinen, dass sich solche Initiativen mehren, während russische Drohnen und Bombenangriffe weitergehen. Doch die Ukrzaliznytsia stehen im Zentrum der Anstrengungen, die westlichen Mächte zu überzeugen, dass die Ukraine weitere Unterstützung und künftig die EU- und Nato-Mitgliedschaft verdient. Nicht nur US-Präsident Biden, sondern die Führer beinahe aller EU- und Nato-Länder und zahlreiche VIP reisten mit der Eisenbahn nach Kiew. Das ist die «Eisen-Diplomatie».
Im Bewusstsein des verkörperten Images ist das, was nach Luxus aussieht, emblematisch für Fähigkeit der Ukrzaliznytsia, sowohl die Standards für Komfort, Sicherheit und Effizienz aufrecht zu erhalten und zu verbessern als auch ihre Marke als vertrauenswürdiger Partner mit internationalen Standards zu festigen. Oleksandr Pertsovskyi, CEO Personenverkehr der Ukrzaliznytsia, legt grossen Wert auf die nachdrückliche Erklärung: «Wir sind praxisbezogen. Wir sind dabei, mit Uber ein gemeinsames Angebot zu erstellen, ihr erstes Eisenbahn-integrierendes Produkt. Die Ukraine ist offen für die Wirtschaft!»
Widerstandskraft und Hoffnung
Der Krieg verursacht hohe Kosten. Beinahe 20 Prozent des Systems ist ausser Betrieb, entweder von den russischen Invasoren besetzt oder vorübergehend beschädigt. Eisenbahngebäude und Depots werden regelmässig bombardiert oder beschossen, mit immer höheren menschlichen Verlusten. 15 grössere Brücken wurden zerstört und ihr Neubau wird je zwischen 30 und 40 Millionen USD kosten.
Bei Kevrz (Kiews Reparaturwerkstätte für elektrische Wagen) wird trotz Personalmangel in Doppelschichten gearbeitet. Der Werkstattboden war bei unserem Besuch überall voller Rauch und Flammen der Schweissbrenner, während die Mitarbeitenden über zerlegte Reisewagen kletterten. Werkstattleiter Oleh Holovaschenko nahm die Hoffnung seiner Vorgesetzten auf: «Mein Traum ist es, dass diese Werkstatt ein Innovationszentrum wird, das die Züge der Zukunft ausrüstet. Nach dem Krieg sollte die Ukraine viele Investitionen erhalten und viele neue Projekte machen können.»
Alan Chin *
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* Alan Chin ist ein amerikanischer zeitgenössischer Künstler, Professor, Erzieher, Schriftsteller und Verleger. Er drückt sich sowohl durch Keramik, Film, Malerei, Fotografie und Skulptur als auch durch Performance aus. Seine Instagram-Adresse: alanschin.