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Naturvorstellungen in "alternativen" Bewegungen und Milieus
Seit dem Aufstieg naturwissenschaftlich arbeitender Ärzt*innen im 19. Jh. gab es immer wieder «alternative» Bewegungen und Milieus, die sich gegen die in der akademischen Medizin entwickelten, neuen Behandlungsmethoden positionierten und stattdessen eine «natürlichere» Medizin und Lebensweise propagierten. Kritik an «künstlich» hergestellten Medikamenten und Impfungen kam um 1900 nicht nur aus den Kreisen der Naturheil- und Lebensreformbewegung, sondern auch neureligiöse Bewegungen wie Theosophie und Anthroposophie hinterfragten deren Nutzen für die Gesundheit der Menschen. In der zweiten Hälfte des 20. Jhs. breiteten sich «alternativmedizinische» Vorstellungen und Praktiken vor allem im Umfeld der neuen sozialen Bewegungen aus. Im Zuge der 1968er-Bewegung bildeten sich dann ab den 1970er Jahren neue, «alternative» Milieus, in denen sich medizinkritische Positionen verfestigten.
Die Natur spielte für alle diese Bewegungen und Milieus eine entscheidende Rolle als praktisches Handlungsfeld und als Bezugsfolie der eigenen Identitätskonstruktion. Dabei gab es aber keine einheitliche Vorstellung von Natur, die alle teilten. Sie konnte als unhinterfragbare Gesetzmässigkeit erscheinen, die alle Vorgänge und Handlungen schicksalhaft vorstrukturiert, oder die materielle Natur wurde als blosse Illusion aufgefasst, hinter der sich die wahre, geistige Natur der Dinge verbirgt. Sie konnte sowohl der Abgrenzung von einer als rücksichtslos und zerstörerisch interpretierten Industriegesellschaft dienen, als auch der Legitimierung sozialdarwinistischer und rassistischer Überlegenheitsfantasien.
Das vorliegende Panel möchte anhand ausgewählter Beispiele herausfinden, wie sich unterschiedliche Naturvorstellungen auf die Deutungsmuster und Handlungsweisen von Menschen in „alternativen“ Bewegungen und Milieus auswirkten. Inwiefern prägten sie nicht nur Gesundheitsbehandlungen, sondern auch andere Alltagspraktiken wie die Ernährung, Sexualität oder Wohnformen? Wir gehen auch der Frage nach, wie diese Naturvorstellungen die politischen Einstellungen, Menschenbilder und Gesellschaftsideale der untersuchten Akteur*innen beeinflussten. Im Austausch zwischen den einzelnen Referierenden suchen wir nach Verbindungslinien zwischen den Akteur*innen und fragen nach Kontinuitäten der untersuchten Naturvorstellungen im Verlauf des 19. und 20. Jhs. Nicht zuletzt versuchen wir herauszufinden, ob diese Naturvorstellungen weiterhin in „alternativen“ Bewegungen und Milieus zirkulieren und wo sie Bestandteil hegemonialer Diskurse geworden sind. Dazu werfen wir beispielsweise einen Blick auf aktuelle Debatten über den Klimawandel oder die Corona-Pandemie.
Vorgesehene Referate:
Stefan Rindlisbacher, Departement für Zeitgeschichte, Philosophische Fakultät, Universität Fribourg
Judith Bodendörfer, Vergleichende Religionsgeschichte und Interreligiöser Dialog, Theologische Fakultät, Universität Fribourg
Vorgesehener Kommentar: Prof. Dr. Eberhard Wolff, Fachbereich Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie, Philosophisch-Historische Fakultät, Universität Basel
Es steht noch ein Platz zur Verfügung, der durch den Call for Papers zu bestimmen ist.