Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03604.jsonl.gz/2215

Nur wer nach Katastrophen rasch reagiert, kann Menschenleben retten. Dies gilt auch für die Humanitäre Hilfe der Schweiz, die bei Naturkatastrophen oft innert weniger Stunden ein Soforteinsatzteam in das betroffene Land schickt. So auch nach dem verheerenden Erdbeben in Nepal, das am 25. April 2015 mit einer Stärke von 7,8 über 8‘800 Todesopfer und mehr als 22‘400 Verletzte forderte. In weniger als 24 Stunden nach dem Beben war das Schweizer Einsatzteam bereits auf dem Weg nach Nepal. Bis zum 6. Juni 2015 wurden dort insgesamt 70 Spezialisten des Korps für Humanitäre Hilfe (SKH) in den Fachgebieten Koordination, Bau, Logistik und Medizin über 992 Einsatztage beschäftigt.
Erdbeben Nepal – lebensrettende Millionen
Drei Tage nach dem ersten Beben versprach die damalige UNO-Koordinatorin für Humanitäre Hilfe Valery Amos Nepal eine Spende von US$ 15 Mio. für lebensrettende Massnahmen. Es dauerte nur wenige Tage und diese Nothilfegelder wurden an mehrere in der Krisenregion tätige UNO-Organisationen überwiesen. In dieser ersten Phase wurde der Schutz von Frauen und Kinder, die Wasserversorgung, Nahrungsmittellieferungen, Flugbrücken in schwer zugängliches Gelände, die Bereitstellung von Unterkünften sowie die medizinische Versorgung der betroffenen Menschen priorisiert. Die raschen Massnahmen, die hier eingeleitet wurden, entsprechen den Prozessen des Krisenmanagements und sind somit Teil des integralen Risikomanagement.
Aber woher nahm man so schnell diese millionenhohe Finanzspritze für lebensrettende Massnahmen? Wie waren so kurze Entscheidungswege in einem riesigen Verwaltungsapparat wie den Vereinten Nationen möglich? Dafür verantwortlich ist der „Central Emergency Response Fund“ (CERF), ein internationaler Nothilfefonds, der 1991 von der UNO-Generalversammlung eingerichtet und 2005 auf eine jährliche Zielgrösse von US$ 450 Mio. ausgebaut wurde. Der reformierte CERF von 2005 feiert am 17. Dezember sein 10-jähriges Bestehen. Am Fondskapital des CERF sind Staaten wie Grossbritannien, Schweden, Norwegen und die Niederlande massgeblich beteiligt. Diese zahlen freiwillig in den Fonds ein. Weitere Spenden stammen von Verbänden, Stiftungen, Unternehmen und Privatpersonen. Die Humanitäre Hilfe der Schweiz zahlt ebenfalls jährlich in den Fonds ein. Weil der CERF darauf ausgelegt ist, bei plötzlich eintretenden Naturkatastrophen (Erdbeben, Überschwemmungen, Erdrutschen, Flutwellen etc.) oder „vergessenen“ humanitären Krisen rasch und effizient Gelder freizusetzen, ohne vorgängig Rücksprache mit den Geberstaaten nehmen zu müssen, funktioniert dieses Instrument. Der Fonds ist somit ein Abbild gelebter internationaler Solidarität. Hier stehen die unmittelbaren Bedürfnisse der Notleidenden im Zentrum, und Staaten im Schlaglicht der medialen Aufmerksamkeit müssen und können der Antwort auf die Frage „Wer-hat-wieviel-wofür-und-wie-rasch“ nicht nacheifern. Der ranghöchste UNO-Funktionär, Generalsekretär Ban Ki-moon, entscheidet in letzter Instanz über die Verwendung der Gelder. Verwaltet wird der Fonds vom neu ernannten UNO-Koordinator für Humanitäre Hilfe Stephen O’Brien und einem Sekretariat, das ihn dabei unterstützt. Nicht zu vergessen das unabhängige, 18-köpfige Beratungsgremium, das sich zweimal im Jahr trifft und das CERF-Management berät. Ich habe das Privileg, seit August 2014 Mitglied dieses Gremiums zu sein und es seit Oktober 2015 zu leiten.
Der CERF hat sich in den letzten Jahren sehr gut bewährt, und wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn umgehend erfinden. Im weitesten Sinne kann er gar mit dem Euro-Rettungsschirm verglichen werden. Hier werden zur Sicherung des Euro zwar bilaterale Kredite und nicht, wie beim CERF, Gelder eines Unterstützungsfonds rückzahlungslos ausgegeben, jedoch zielen beide Fonds darauf ab, bei Notwendigkeit schnell und effizient reagieren zu können. Sie sind sozusagen beides Überbrückungsmechanismen bis andere Hilfsmassnahmen greifen oder die Eigenständigkeit wieder erlangt ist. Angesichts der Tragweite der aktuellen, humanitären Krisen wäre es für die internationale Staatengemeinschaft unverantwortlich, ohne so ein fürsorgliches Auffangnetz für Hilfsbedürftige wie dem CERF auszukommen.
Risikomanagement
Den CERF mit einem Versicherungsmechanismus gleichzusetzen, ist verfehlt. Zum einen weil das Risiko des Einzelnen, verursacht durch Konflikte, Katastrophen, Armut, Klimawandel, schwer fassbar, messbar und planbar ist. Zum andern, weil die Staatengemeinschaft als Kollektiv, der Linderung der menschlichen Not verpflichtet, unzureichende finanzielle Mittel für humanitäre Krisen aufwendet. Nur knapp die Hälfte der humanitären Bedürfnisse, die weltweit mit US$ 19.5 Mrd. ausgewiesen werden, sind gedeckt.
Bevor das Risiko des Einzelnen durch ein Kollektiv versichert werden kann, muss es erkannt, bewertet und analysiert werden. Die Schweizerische Humanitäre Hilfe und die Entwicklungszusammenarbeit (unter dem Dach der Direktion für Entwicklungszusammenarbeit DEZA vereint), stehen in der gemeinsamen Verantwortung, die richtigen Instrumente und Methoden im Umgang mit den Risiken zu finden oder anzupassen. Dieser Vorgang entspricht dem internationalen Standard des integralen Risikomanagementprozesses mit seinen Teilschritten der Kontextbewertung, nämlich Risikoidentifikation, Risikoanalyse, Risikobewertung und Risikobewältigungsstrategie. Mit der neuen Botschaft zur internationalen Zusammenarbeit 2017-2020 sind wir einen wesentlichen Schritt in Richtung Risikomanagement gegangen.
Wenn nun aber alle Stricke reissen und die getroffenen Massnahmen der Risikoplanung, -minderung und -bewältigung versagen, dann spannt der CERF sein Auffangnetz als zusätzliches Instrument der internationalen Risikobewältigung. Er kommt genau dann zum Einsatz, wenn niemand mit einer Katastrophe rechnet oder humanitäre Krisen schlichtweg vergessen und dadurch massiv unterfinanziert sind. Wie aber wird die Verwendung dieser Gelder kontrolliert bzw. Missbrauch oder Korruption vorgebeugt? Dafür gibt es in der humanitären Welt analog der Wirtschaft Compliance-Managementsysteme, die für die Einhaltung von Gesetzen und Richtlinien sorgen und somit Regelverstösse so gut es geht vermeiden.
Einmalige Spende der Schweiz für CERF@10
Der CERF ist ein Vorzeigeinstrument der Vereinten Nationen. Davon zeugt nicht nur die zehnjährige Existenz des Fonds, dessen Aufstockung auf eine jährliche Zielgrösse von US$ 450 Mio. im Jahr 2005 und die aktuelle Forderung einiger Exponenten, den Fonds zu verdoppeln. Es überzeugt auch die Gründungsidee des CERF, humanitäre Solidarität im zwischenstaatlichen Verbund zu leben.
Der CERF richtet sich nach den Prinzipien der Solidarität, Humanität und Unparteilichkeit. Er funktioniert schnell, effizient, diskret und richtet sich nach den Bedürfnissen der Menschen in Not. Weshalb sich also in der Kunst schwerfälliger Verfahren und langwieriger Prozesse üben, wenn die Zeit drängt, Leben zu retten und Leid zu lindern und die Vereinten Nationen und ihre Partner am Ort des Geschehens bereit stehen, um sofort Hilfe zu leisten? Zu gross ist die menschliche Not geworden, zu wichtig ist ein weltweiter Fürsorgefonds, dessen kollektiver Ertrag die schnelle, lebensrettende Hilfe am Menschen ist.
Vor diesem Hintergrund wird die offizielle Schweiz am 10-jährigen Jubiläumsanlass CERF@10 am 17. Dezember 2015 in New York teilnehmen, um zusätzliche CHF 3 Mio. zu spenden. Aber wo wird der CERF im Jahr 2025 stehen? Lasst uns bemüht sein, dass der CERF zu seinem 20. Geburtstag nicht verdoppelt sondern halbiert werden muss. Denn das würde bedeuten, dass gewisse Risiken aufgrund von Konflikten, Katastrophen, Armut und Klimawandel gemindert wären und die Welt besser aussehen würde als heute.
Manuel Bessler
Delegierter des Bundesrats für Humanitäre Hilfe und Leiter des SKH