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Es gab eine Zeit in Freiburg, da war der grösste Teil der Freiburger Jugend schlicht überhaupt nicht über die Sexualität aufgeklärt. Es gab zwar bereits die Antibabypille. Doch die Ärzte verschrieben sie im Allgemeinen nur Müttern mit bereits mehreren Kindern und gesundheitlichen Problemen. Das einzige gesellschaftlich anerkannte Verhalten bei einer Schwangerschaft war das Heiraten. Diese Zeit ist erst 50 Jahre her, und viele heutige Senioren haben sie selber miterlebt. Jemand, der sich bestens mit diesem Thema auskennt, ist Anne-Françoise Praz, Professorin für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg. Eine aktuelle Studie von ihr trägt den Titel «Mit der Sexualität der Jungen umgehen: Familien- und institutionelle Strategien in der Westschweiz (1960 bis 1977)».
Die Arbeit stützt sich unter anderem auf 51 Interviews, die Master-Studierende von Praz im Herbstsemester 2016 mit Menschen durchgeführt haben, die ihre Adoleszenz in den 1960er-Jahren in Freiburg verbrachten. Die Studierenden hatten dabei «den Eindruck, Menschen zu treffen, die in einer komplett anderen Epoche gelebt haben», verrät Praz im Interview. Ins Auge sticht auch der Vergleich zwischen dem katholischen Freiburg und der reformierten Waadt. So wurde etwa der Aufklärungsunterricht in den Schulen in der Waadt schon 1971 eingeführt, in Freiburg erst 1980. Und auch der Kampf für ein Freiburger Familienplanungszentrum dauerte bis 1986. Dieses sollte nicht nur über jene Verhütungsmethoden informiert, die von der Kirche autorisiert waren, sondern auch über andere Aspekte der Sexualität. Die Abtreibung wurde erst mit der Fristenlösung im Jahr 2002 entkriminalisiert. «Vorher gab es einen regelrechten Abtreibungstourismus von Freiburg in die Kantone Waadt und Genf sowie ins Ausland», so Praz.
Bericht Seite 3
«Die Studierenden hatten den Eindruck, Menschen zu treffen, die in einer komplett anderen Epoche gelebt haben.»
Anne-Françoise Praz
Historikerin