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Ein Durchgang in der Westwand der grossen Pfeilerhalle führt zur kleinen Pfeilerhalle, einem von vier quadratischen Pfeilern gestützten 7,5 x 9.5 m grossen Raum. Er entspricht dem Erscheinungssaal der freistehenden Tempel und wird als Hypostyl bezeichnet. Während sich das Bildprogramm an den Wänden der grossen Pfeilerhalle vor allem auf profane Ereignisse aus dem Leben Ramses’ II. bezieht, so sind in der kleinen Pfeilerhalle ausschliesslich Szenen mit kultischen Bezügen dargestellt – Ramses beim Vollzug von Opferhandlungen vor den Göttern Amun-Re und Re-Harachte sowie vor Gastgottheiten (Min-Amun, Anukis, Satis, Month u.a.) und vor sich selbst als den Göttern gleich. Auf der Nordwand beanspruchte er von Anfang an für die Darstellung seines eigenen Kultes den Platz, der eigentlich Re-Harachte zustand, und bereits bestehende Reliefs liess er wie schon in der grossen Pfeilerhalle ändern, indem er sein Bild dem Bild der der Göttern hinzufügen liess.
Sowohl auf der Nord- wie auch auf der Südwand der Halle befindet sich jeweils ein Relief mit dem Bild einer Barkenprozession: Priester tragen die heilige Barke auf ihren Schultern, vor welcher Ramses in Begleitung seiner Gemahlin Nefertari Opferhandlungen vollzieht. Anhand der Embleme an Bug und Heck ist zu erkennen, welcher Gottheit Ramses ein Opfer darbringt, und aus der Beischrift zur Opferhandlung geht hervor, welcher Art diese Opfer sind.
Die auf der Südwand dargestellte Barke mit Widderkopf und Sonnenscheibe weist Amun-re als Kultempfänger aus, die Beischrift vor dem die Opferhandlung vollziehenden König lautet: „Das Geben von Weihrauch seinem Vater Amun-Re, dem Herrn der Throne der beiden Länder“ – Ramses bringt Amun-Re ein Räucheropfer dar.
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Nach Ausweis der Embleme der Barke auf der Nordwand – ein Falkenkopf mit Sonnenscheibe – scheint hier Re-Harachte der Kultempfänger zu sein. Aber in der Beischrift heisst es: „Worte werden gesprochen von Ramses, geliebt von Amun, inmitten des Hauses des Ramses“, und bei der Opferhandlung steht: „Das Geben von Weihrauch und einer Wasserspende“. Hier beansprucht Ramses nun die heilige Barke des Re-Harachte als „Haus des Ramses“ für sich, das Opfer, das er darbringt, vollzieht er vor einem eigenen Kultbild. Ramses und Nefertari tragen auf dem Bild keine Sandalen – ein aufschlussreicher ikonografischer Hinweis darauf, dass Ramses und auch seine Gemahlin hier dem Kreis der Götter angehören: Götter werden immer barfuss dargestellt.
Auch in der kleinen Pfeilerhalle liess Ramses nachträglich das Bildprogramm einzelner Reliefs korrigieren. Auf der Südseite der Wand beim Durchgang von der grossen Pfeilerhalle zur kleinen Halle befindet sich ein Bild, auf dem ursprünglich nur Amun-Re und Mut dargestellt waren. Ramses liess hier sein Bild zwischen dasjenige der beiden Gottheiten einfügen: die zunächst sitzend dargestellte Figur der Mut wurde nach rechts verschoben, Mut musste „aufstehen“, um Platz für die Figur des Ramses zu machen, dessen Gestalt nun sitzend zwischen Amun-Re und Mut eingefügt wurde. Deutlich sind die Spuren der Korrektur erkennbar, auch reichte der Platz für die nachträglich eingefügte Inschrift nicht mehr aus: der Text beginnt zwar über der Figur des Ramses, musste aber unter der Beischrift zur Göttin Mut beendet werden. Eine Parallelszene befindet sich auf der Nordseite dieser Wand: dort ist Rames II. zusammen mit Min-Amun und Isis dargestellt.
Zeichnungen nach: L. Habachi – Features of the deification of Ramses II
Von der kleinen Pfeilerhalle führen drei Durchgänge in der Westwand in einen dem Sanktuar vorgelagerten Querraum, der dem Opfertischsaal entspricht und als Vestibül bezeichnet wird. Das Bildprogramm zeigt den König beim Vollzug von Opferhandlungen, wobei als Gottheiten Atum, Amun-Re, Ptah, Thot u.a. verehrt werden. Von hier aus gelangt man direkt ins Sanktuar, das ehemals durch zwei Flügeltüren verschlossen war. Kultbildraum und Barkenraum bilden eine Einheit, für einen Naos war kein Platz vorgesehen. In der Mitte des Raumes befindet sich ein aus dem Fels geschlagener Altar, der Platz für die heilige Barke, und an der Rückwand des Sanktuars sitzen auf einer Steinbank von links nach rechts die ebenfalls aus dem Gestein gehauenen Figuren des Ptah, Amun-Re, Ramses II. und Re-Harachte. Nach Aussagen der Wandreliefs im vorderen Tempelbereich war der Tempel den beiden Göttern Amun-Re und Re-Harachte geweiht, nach den Barkendarstellungen wurde auch Ramses II. als Hauptkultempfänger verehrt und als vierte Gottheit Ptah von Memphis. Ptah spielte im gesamten Kultgeschehen eine eher untergeordnete Rolle, aber seine Bedeutung wurde von Ramses im so genannten „Dekret des Ptah“ betont. Im seinem 35. Regierungsjahr liess Ramses II. in der grossen Pfeilerhalle zwischen dem zweiten und dritten Pfeiler der Pfeilerreihe auf der Südseite eine Inschrift anbringen, in welcher die Wohltaten, die Ptah Ramses angedeihen liess, aufgeführt sind.
Der Standort des Tempels war nicht willkürlich gewählt, wofür das Phänomen des so genannten „Sonnenwunders“ spricht. Die Tempelachse war so ausgerichtet worden, dass die Strahlen der aufgehenden Sonne zur Zeit der Äquinoktien – der 20. Februar und der 20. Oktober – durch alle Räume des Tempels hindurch bis in das Sanktuar dringen konnten und nacheinander Amun-Re, Ramses II. und Re-Harachte beleuchteten, nur Ptah, der mit den Totengöttern Sokar und Osiris assoziiert wurde, und deren Reich die Unterwelt ist, blieb im Dunkeln. Amalia Edwards beobachtete dieses Phänomen als Erste und vermerkte in ihren Tagebuchaufzeichnungen, dass dieser Vorgang unmöglich rein zufällig stattfinden konnte. Eine weitere Besonderheit war, dass die Sonne an diesen beiden Tagen des Jahres exakt in einem der Tempelfassade gegenüber liegenden Geländeeinschnitt aufging. Die Ausrichtung der Tempelachse musste demnach aufgrund genauer geologischer und astronomischer Beobachtungen festgelegt worden sein. Im ägyptischen Kalender sind der 20. Februar und der 20. Oktober wesentliche Daten. Sie sind identisch mit dem ersten Tag der prt-Jahreszeit (Aussaat) und dem ersten Tag der šmw-Jahreszeit (Ernte) – zwei für das Leben und Gedeihen Ägyptens im Ablauf des Jahres äusserst wichtige Ereignisse.