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Sehen und gesehen werden ist ein wichtiger sozialer Bestandteil des Sports. Beim Tennis war dies früher besonders ausgeprägt.
Stellen Sie sich vor, Martina Hingis und Roger Federer träfen sich für ein Tennismatch, um neben ein paar Ballwechseln ein wenig zu schäkern und zu flirten. Absurd? Für heutige Begriffe ja, aber wenn die beiden Schweizer Tennisasse vor etwa 150 Jahren gelebt hätten, wäre das ganz normal gewesen: In den Anfängen des modernen Tennis ab 1870 galt das Spiel nicht als kompetitiver Sport, sondern als Unterhaltungsspiel der gehobenen Schichten, in dem die Bälle bloss locker hin und her gespielt wurden. Es gehörte in diesen Milieus zum guten Ton, dass ein junges Mädchen oder ein junger Mann Tennis spielen konnte.
Wichtig dabei war seit jeher eine gewisse Abgrenzung zum «einfachen Volk».
Tennis in Prangins, Ende des 19. Jahrhunderts.
Diese Art von Tennis wurde in England unter dem Namen Lawn Tennis, also Rasentennis, entwickelt und speiste sich aus vormodernen Vorbildern wie dem Jeu de Paume, das vorwiegend vom französischen und englischen Adel in Klöstern und Ballhäusern gespielt wurde. Wichtig dabei war seit jeher eine gewisse Abgrenzung zum «einfachen Volk»: Räumlich durch die mehrheitlich von Adeligen errichteten Ballhäuser und später beim Bürgertum mittels eines exklusiven club, äusserlich durch das Tragen standesgemässer trendiger Mode. Die gentlemen trugen lange Hosen, langärmlige Hemden und Schildmützen, die ladies spielten in stoffreichen Gewändern mit Korsett, die den damaligen moralischen Vorstellungen entsprechend ja keine Haut zeigen sollten. Mit solch einer Garderobe konnte man definitiv nicht kompetitiv orientiert sein.
Jeu de Paume im Paris des 17. Jahrhunderts.
Es wurde nicht nur das Tennisspiel, sondern auch das dazugehörige Standesbewusstsein aus England importiert und kopiert.
In die Schweiz kam das Tennis – wie viele andere Sportarten – über englische Touristen um 1880. Zwar gab es in Basel ein frühneuzeitliches Ballhaus, die belegte erste Erwähnung von Tennisspielern hierzulande datiert dann erst aus dem Jahre 1883, in Montreux sollen vornehme Herren aus England Tennis gespielt haben. Von der Genfersee-Region aus verbreitete sich das Spiel danach in der ganzen Schweiz, wobei sich auch schon früh die einheimische noble Gesellschaft dem neuen Spiel zuwandte.
1883 wurde von Schweizern und Engländern in Lausanne der Club anglais de Lawn Tennis gegründet, wenig später folgten Clubgründungen in Basel, Bern, Montreux, Zürich, Bad Ragaz, Engelberg und Luzern – also alles Orte, die via Tourismus oder Geschäftsbeziehungen mit Grossbritannien vernetzt waren und eine gewisse Exklusivität repräsentierten. Es wurde also nicht nur das Tennisspiel an sich, sondern auch das dazugehörige Standesbewusstsein aus England importiert und kopiert.
Das Image eines «modernen Verlobungsinstitutes».
Beliebt war Tennis in den gehobenen Kreisen gemäss einer Jubiläumsschrift des Schweizerischen Tennisverbands von 1936 zudem, weil «es beiden Geschlechtern die Möglichkeit einer gemeinsamen Ausübung bot, darüber hinaus einen grösseren Einsatz physischer Kräfte erforderte und namentlich auch dem eben erwachten Bewegungstriebe der Jugend in weit höherem Mass gerecht wurde, als dies das etwas steife Spiel mit der Holzkugel [gemeint ist Krocket] zu tun vermochte». Sportliche Anstrengung war also durchaus schon Teil des Programms, in der breiten Bevölkerung haftete dem Tennis aber auch knapp 30 Jahre nach seinem Auftauchen das Image eines «gesunden Körpers unwürdigen weichlichen Betrieb des Spiels» und eines «modernen Verlobungsinstitutes» an: Das Spiel sei ein «Sport des Flirts [...], dem jeglicher männliche Charakter abzusprechen war. [...] Wenn man sich im Tennisdress auf der Strasse blicken liess, wurden man angeglotzt oder zum mindesten belächelt mit Hintergedanken, dass man sich zu irgendeinem Flirt oder Stelldichein begebe. [...] ‹Wenn es Maitli kei Ma find’t, fangt sie a, Balle umenand spicke›.»
Zürcher Tennisspielerin aus dem Jahr 1917.
Anlass für Spott boten auch die Mode, die Ausrüstung und die spezifischen Bewegungen des Tennis: So sollen in Luzern Einheimische die Tennisplätze als Affenkäfige, wo sich gegenseitig Bälle zugespielt werden, bezeichnet haben und von den 1890er-Jahren ist eine Erinnerung eines Sportlers über den ersten Tennisplatz der Stadt Bern verbrieft: «Die Damen mit ihren wogenden Pleureusenkatrakten, den geschnürten Korsetts und den faltenreichen, langen Röcken, ihre Kavaliere mit gezwirbeltem Schnurrbart, Spazierstock und Nelke im Knopfloch mögen die ersten fünf Mitglieder wohl kritisch betrachtet haben, wie sie auf dem mit Sand ausgeebneten Grasplatze mit unanständigen Gliederverrenkungen und einem komischen Instrument, einem Zwischending von Fliegenfänger und Damenfächer, einem weissen Ball nachjagten.»
Kein rohes Kraftspiel mit Körperkontakt, sondern ein «Sport der Grazie in der Bewegung».
Karikatur des Nebelspalters aus dem Jahre 1925, die sich über die speziellen Bewegungen der Tennisspieler*innen lustig macht.
Obwohl das Spiel mehrheitlich als lächerlich oder weichlich angesehen wurde, war Tennis um die Jahrhundertwende gerade deswegen für die Frauen eine der wenigen Gelegenheiten Sport zu treiben, weil es den damaligen Vorstellungen des weiblichen Körperideals entsprach: Zeitgenössische Quellen berichten, dass Tennis kein rohes Kraftspiel mit Körperkontakt, sondern ein «Sport der Grazie in der Bewegung», ein Spiel der «Gewandtheit und Behändigkeit» sei und die «natürliche Anmut und Geschmeidigkeit der Körperbewegungen bestens zur Geltung kommen» lasse. Es durfte also möglichst keine körperliche Anstrengung geschehen, spielte eine Frau gegen einen Mann, wurde deshalb erwartet, dass der Mann die Bälle so spielte, dass die vornehmen Damen diese jederzeit zurückschlagen konnte. Alles andere wäre «nicht schicklich» gewesen. Dementsprechend waren die Schläger für heutige Verhältnisse sehr weich bespannt, wodurch die Returns überhaupt nicht schnell und kräftig zurückkamen.
Karikatur zum Flirtsport Tennis im Nebelspalter, 1888.
Geblieben ist aber teilweise das Image des exklusiven «weissen Sports».
Spätestens nach dem Ersten Weltkrieg löste sich das Tennis vom Image des Unterhaltungsspiels und begann sich zum Kraft- und Ausdauersport zu entwickeln, wie wir ihn heute kennen und erreichte damit auch weniger wohlhabende Schichten. Kommerzialisierung und Professionalisierung gingen dabei Hand in Hand. Geblieben ist aber teilweise - je nach Ort und Tradition - das Image des exklusiven «weissen Sports», so verzichtet das Turnier in Wimbledon, Heimat des Lawn Tennis, bis heute auf Bandenwerbung und schreibt weisse Kleidung für die SpielerInnen vor. Ob sich die Tennis-Professionals abseits der Kameras noch für einen «traditionellen» Tennisflirt treffen, weiss aber bestenfalls nur die englische Regenbogenpresse.
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