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Die Weltbankgruppe besteht aus fünf UNO-Sonderorganisationen. Sie hat 189 Mitgliedstaaten, gegründet wurde sie 1944 im Rahmen des Bretton-Woods-Abkommens. Die Schweiz ist seit 1992 Mitglied.
Die Aufgaben der Weltbank
Die zwei wichtigsten Gesellschaften der Weltbankgruppe sind die Internationale Bank für Wiederaufbau (IBRD) und die International Development Association (IDA). Es handelt sich nicht um Banken im eigentlichen Sinn, sondern um Geberorganisationen zugunsten von Schwellen- und Entwicklungsländern.
Die Weltbankgruppe beschäftigt 23’000 Mitarbeitende und hat weltweit über 130 Büros.
Bei ihrer Gründung nach dem Ende des 2. Weltkriegs stand zunächst der Wiederaufbau Europas im Zentrum. Seit den 1960er Jahren ist die Hauptaufgabe der Weltbank, die Armut in der Welt zu bekämpfen. Sie offeriert den ärmsten Ländern dieser Welt ein breites Angebot an Leistungen, die Unterstützung geht weit über finanzielle Hilfen hinaus. Beratung im Agro-, Wasser-, Energie-, Gesundheits-, Ausbildungs- und Kommunikationsbereich und neu der Klimaschutz gehören dazu.
Hatte der viel gelobte James Wolfensohn (1995 bis 2005) eine leichtere Aufgabe als der heutige Präsident David Malpass?
James Wolfensohn, neunter Weltbankpräsident
James Wolfensohn, der am 26. November 2020 im Alter von 86 Jahren verstorben ist, wuchs in Sydney in einem Elternhaus auf, das mit dem Bankwesen und der Musikwelt vertraut war. Sein Vorname James stammt von James de Rothschild, bei dem sein Vater vor der Emigration nach Australien in London gearbeitet hatte. Eine lebenslange Passion wurde für ihn das Cellospiel, das ihm die britische Cellistin Jacqueline du Pré beibrachte. Als talentierter Fechter nahm er 1956 für Australien an den Olympischen Sommerspielen in Melbourne teil.
Ein Globalist der ersten Stunde
Sein Verhandlungstalent und seine Leichtigkeit Kontakte zu schaffen waren seiner Karriere im Bankwesen förderlich. 1970 wurde er 36-jährig Präsident einer Tochterbank von Schroders in New York. Ein Aufstieg an die Spitze von Schroders gelang nicht ganz. Dazu meinte er vieldeutig: „How can a Jewish boy from Down Under compete with a thoroughbred racehorse?“ Er entschied sich zum Wechsel zu Salomon Brothers in New York und dann für eine selbständige Tätigkeit in der Vermögensverwaltung.
1995: die Weltbank braucht Wolfensohn
Wolfensohn trug über Jahre den Wunsch in sich, Präsident der Weltbank zu werden. Er lobbyierte beim US-Präsidenten Clinton, der sich sofort für ihn als neunten Präsidenten der Weltbank entschied.
Nach der Amtszeit von McNamara (1968 bis 1981) befand sich die Weltbank in einem Dornröschenschlaf. Wolfensohn kam 1995 wie gerufen und war der Richtige, die Weltbank zu reformieren.
Während seiner vielen Reisen in Entwicklungsländer hatte er die schlimme Armut und die Korruption in diesen Ländern kennen gelernt. Zusammen mit dem Chef des IWF, Michel Camdessus, lancierte er bereits 1996 die Initiative, Schulden armer Länder möglichst tief zu halten. Seither bemühen sich Regierungen und multilaterale Organisationen im Verbund mit der internationalen Finanzwelt, die finanzielle Belastung für die ärmsten Länder in Grenzen zu halten und Korruption zu bekämpfen.
Wolfensohn veranlasste – gegen den Widerstand der Zentrale in Washington D. C. –, Büros der Weltbank direkt in die betroffenen Länder zu dezentralisieren. So wollte er umweltschädliche Projekte besser in den Griff bekommen.
Wolfensohn begann seine Amtszeit im tiefen Kalten Krieg. Dass er 2004 den russischen Orden für Freundschaft von Vladimir Putin erhielt, war neben vielen anderen weltweiten Anerkennungen ein Zeichen für sein grosses Netzwerk und seine geschickte Verhandlungspolitik.
Wolfensohn war zu seiner Zeit für die ärmsten Länder der Welt der beste Präsident der Weltbank, den man sich vorstellen konnte.
Das Team Malpass/Reinhart
Zurzeit ist der US-Amerikaner David Malpass Weltbank-Präsident. Trump portierte ihn im April 2019. Während seiner Bewerbungskampagne betonte Malpass seine Unabhängigkeit Trump gegenüber. Der Posten des Weltbankpräsidenten ging routinemässig wiederum an einen US-Bürger.
Malpass diente vorher als Under Secretary of the Treasury für internationale Fragen und vertrat die USA bei zahlreichen internationalen Anlässen einschliesslich G7 und G20.
Er wird von der Chefökonomin Carmen Reinhart assistiert, die ihr Amt im April 2020 übernahm und einen Funken mehr Ausstrahlung hat als ihr Chef. Carmen Reinhart ist dank ihrem New York Times-Bestseller „Dieses Mal ist alles anders, Acht Jahrhunderte Finanzkrisen“ weltbekannt. Sie hat das Buch zusammen mit dem Ökonomen Kenneth S. Rogoff geschrieben.
Die Aufgabe, vor der das Team Malpass/Reinhart steht, ist gewaltig. Die weltweite Armut nimmt 2020 erstmals seit 30 Jahren zu – wegen Corona.
Gemäss Malpass und Reinhart muss die stark gewachsene Schuldenlast der Entwicklungsländer dringend reduziert werden, sonst stehen wir vor „einem verlorenen Jahrzehnt für die ärmsten Menschen dieser Welt“.
Präsident Malpass steht vor einer Schuldenwand
Die Weltbank ist nicht untätig. Im März 2020 hat sie finanzschwachen Ländern wegen Corona eine Soforthilfe in Höhe von zwölf Milliarden Dollar zugesagt. Ziel sei es, „schnell“ und „effektiv“ zu helfen, so David Malpass.
Die Soforthilfe war ein Tropfen auf den heissen Stein. Im Sommer 2020 musste die Weltbank notfallmässig den Rekordbetrag von 160 Milliarden US-Dollars über 15 Monate zusagen. Diese Gelder fliessen an die finanzschwächsten Entwicklungs- und Schwellenländer. Vielen dieser Länder hat Corona aus gesundheitlicher Sicht infolge der jüngeren Bevölkerungsstruktur nicht mehr, sondern weniger zugesetzt als den Industrieländern. Sie leiden aber wirtschaftlich mehr als früher, weil das Geld selbst für das Nötigste fehlt.
Bereits im Mai 2020 segneten die G20-Staaten das umfassende Programm von Weltbank und IWF mit dem Namen DSSI (Debt Service Suspension Initiative) ab, das Entwicklungs- und Schwellenländer bei Zins- und Rückzahlungen entlasten soll. Das Programm erlaubte 73 der ärmsten Länder, Rückzahlungen von Zinsen und Kapital aufzuschieben. Ein Appell erging an Staaten und private Gläubiger, bei dieser Hilfsaktion mitzumachen. Leider schlossen sich die privaten Gläubiger dem Aufruf nicht an.
Die meisten Entwicklungsländer sind wegen zu hoher Zinsen, die von ihnen verlangt werden, vom privatwirtschaftlichen Bondmarkt ausgeschlossen. Kein Land in Subsahara-Afrika hat seit Beginn der Coronakrise internationale Bonds emittieren können.
Aufgaben und Ärger hat die Weltbank mehr als genug.
China kapitalistischer als der Westen?
China finanziert viele Entwicklungsländer vor allem in Afrika und Südamerika mit Direktinvestitionen und gesicherten Krediten. Ungesicherte Kredite erteilt China nicht, es leiht Geld nur gegen Sicherheiten in Form von Ländereien, Strassen, maritimen Anlagen, Flughäfen oder anderem „Greifbarem“. Die durch Pfand abgesicherten Kredite verschaffen China bei Finanzkrisen einen wesentlichen Vorteil: Das Land kann sich ruhig zurücklehnen.
Es ist schon verwunderlich, dass die westlichen kapitalistischen Staaten über viele menschenrechtsfreundliche Organisationen Milliarden in die Entwicklungshilfe stecken, das nicht-kapitalistische China sich mit abgesicherten Krediten dagegen viel kapitalistischer und damit ökonomischer, man kann auch je nach Weltanschauung sagen, intelligenter verhält.
China verweigert Transparenz in seinen Kreditbeziehungen. Es verwendet vertragliche Klauseln, welche ihm ermöglichen, sogar gegenüber der Weltbank Kreditdaten zu verheimlichen. Carmen Reinhart meint dazu: „Wie sollen der IWF, die Weltbank oder Regierungen die Schuldentragfähigkeit dieser Länder sinnvoll überprüfen, wenn sie gar nicht wissen, wie hoch die Verschuldung ist.“
Schafft es Malpass?
Es wäre verwegen zu behaupten, die Lage für die Weltbank sei angesichts der steigenden internationalen Spannungen heute einfacher als 1995.
Die Corona-Krise und die damit verbundene Schuldenkrise stellen Malpass auf eine echte Probe. Ungesicherte Kredite an Entwicklungsländer zu gewähren, wird nicht mehr ohne weiteres möglich sein.
Malpass hat Vorbehalte gegen übertriebene Entwicklungshilfe. Er ist skeptischer eingestellt, als es seinerzeit Wolfensohn war. Malpass hat bei seiner Bewerbung warnend gesagt, nicht alle internationalen Organisationen seien unterstützungswürdig. Die Kritik zielt indes weniger auf das Prinzip einer global vernetzten Wirtschaft als auf die wachsende Anzahl von immer neuen globalen Institutionen. Bürokratisch aufgeblähte halbstaatliche und staatliche Strukturen verschlingen viel Geld.
Und die weltweiten Schulden steigen und steigen. Ende März 2020 beliefen sich gemäss dem Institute of International Finance die weltweiten Schulden auf 258’000 Milliarden Dollar.
Die weltweiten Schulden sind also dreimal höher als die jährliche weltweite Wirtschaftsleistung (BIP).
Die Verschuldung betrifft alle, auch die Industriestaaten. Diese werden künftig immer weniger bereit sein, den Entwicklungsländern A-fonds-perdu-Beträge ohne Sicherheiten zur Verfügung zu stellen. Leidtragende werden die ärmsten Länder sein. Carmen Reinhart appelliert an Industriestaaten und private Geldgeber, die Kredite an Entwicklungsländer möglichst rasch abzuschreiben. Sie weiss aufgrund ihrer Analysen, wie schnell überschuldete Staaten bankrottgehen. Ausländische Gläubiger erleiden in diesem Fall grosse Verluste, die in ihren Herkunftsländern Finanzkrisen auslösen können. Reinharts Vorschlag, die Kredite aus den Bilanzen zu entfernen stösst – verständlicherweise – auf grossen Widerstand privater und staatlicher Gläubiger.
Die Weltbank ist heute in einer verzwickten Lage. Wegen der Schuldenlage wird es für Malpass schwierig sein, die Armut in den ärmsten Ländern erfolgreich zu bekämpfen. Der Globalist Wolfensohn profitierte von einer positiven Grundstimmung für die Entwicklungshilfe. Ob eine solche Grundstimmung heute noch besteht, wird sich weisen. Die zu erwartende Schuldenkrise hüben und drüben spricht eher dagegen.