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Wer geht, ist immer auch im Begriff, etwas zurück zu lassen. Manches davon verschwindet, verändert sich unwiederbringlich oder scheint rückblickend nie da gewesen zu sein. Anderes konzentriert sich, wird zum Kern einer Persönlichkeit. Spurensuche im Wandel einer kosovarisch-schweizerischen Arbeitsbiografie.
TEXT: SILVIA POSAVEC / ILLUSTRATION: TOMAS FRYSCAK
WOHER MAN KOMMT
Er war stolz, ehrgeizig und hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn – Eigenschaften, die einen in den Knast bringen. Bajram Mukatas Vater Shaban erkannte die Situation und riet ihm: «Bajram’e, du musst gehen. Du redest und kritisierst zu viel». Nach Josip Broz Titos Tod am 4. Mai 1980 um 15:05 lag schlagartig Misstrauen in der Luft zwischen den Völkern Jugoslawiens. Wie brüchig sie war, die vom Staatsapparat propagierte «Brüderlichkeit und Einheit». Über 40 Jahre von dieser einen Vaterfigur verkörpert, wurde sie nun, in einer mehrtägigen Prozession des Sarges in einem Zug durch die Teilstaaten, zu Grabe getragen. Ljubljana – Zagreb – Vinkovci – Belgrad. Langsam, bis Ende des Jahrhunderts sollten sie alle aus dem vereinenden Vielvölkerstaaten-Traum erwachen – die Nationalismen des westlichen Balkans. Bajram Mukata nahm Abschied von beiden Vätern, dem leiblichen und dem ideologischen, er liess auch Frau und Kinder zurück. Priština – Belgrad – Zagreb – Innsbruck – Zürich – Winterthur. Im Juni 1980 heuerte der 25-jährige Kosovo-Albaner im kapitalistischen Westen an.
Seit den 50er-Jahren stellte die Firma Sulzer Fremdarbeiter ein. Für die Produktion der Turbinen und Pumpen brauchte man Arbeitskräfte, diese kamen aus Südeuropa, zuerst aus Italien, ab den 70ern auch vermehrt aus der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien. Die Auswanderung von Arbeitern hatte System, sie war wie ein heilsamer Aderlass gegen die zunehmende Arbeitslosigkeit im proletarischen Planstaat. Im Mai 1980 leitete das jugoslawische Bundesarbeitsamt die Anfrage des schweizerischen Industriekonzerns aus Winterthur an die regionale Stelle in Priština weiter; gesucht wurden drei Metalldreher und drei Gießer. Bajram Mukata reiste, eingeladen zur Eignungsprüfung, nach Winterthur. Kann der Arbeiter technische Zeichnungen lesen? Ist er gesund? Und welche Sprachen spricht er? Er setzte sich durch und arbeitete ab Juni 1980 als Metalldreher für Sulzer in Winterthur.
Wie viele der Gastarbeiter unter den damals 34‘000 Mitarbeitenden des Grosskonzerns hatte er Vorbehalte gegenüber seinen Gast-Arbeitgebern. «Kapitalismus, da beutet ein Mensch den andern Menschen aus, das haben wir so in der Schule gelernt.» Man wurde lediglich in die Ferne geschickt, um vom System zu profitieren – Geld nach Hause zu schicken. Doch Herrn Mukata gefiel seine Arbeit, er konnte sich bald ein eigenes Auto und eine eigene Wohnung leisten. Mehr noch, er beobachtete gravierende Unterschiede: Wenn in Jugoslawien auf 100 Arbeiter 200 Verwaltungsangestellte kamen, so war das Verhältnis in der Schweiz etwa 100 zu 7. Wenn in seiner Heimatstadt Priština Beziehungen für die Vergabe einer Anstellung entscheidend waren, so war es bei Sulzer in Winterthur die Qualifikation, die ihm einen Job und einen ersten bescheidenen Wohlstand bescherte.
WO MAN LEBT
Heute lebt der 64-Jährige in Winterthur Töss. Er ist gross gewachsen, der leicht wankende Gang fällt auf. Mit seinem rechten Bein könnte etwas nicht stimmen. Die rechte Hand scheint, nur im Geiste, jeden vollzogenen Schritt in einer sanften Abwärtsbewegung zu begleiten. Als läge in jeder seiner Bewegungen noch die Erinnerung an einen Schmerz. Vielleicht, weil dieser Körper schon zu lange auf diese Weise funktioniert. Wer Herr Mukata auf der Strasse begegnet, merkt schnell, dass er an diesem Ort schon lange funktioniert. In dem türkischen Café und Allzweckladen im Unterbau des brutalistischen Wohnblocks Zentrum Töss plaudert er mit der Bedienung, bevor er seinen Espresso bestellt, ein zwei Worte in Türkisch. Dann viel Serbokroatisch – die einstige Landessprache. Bekannten wirft er hie und da im Vorbeigehen ein «Grüezi» zu. Am Telefon, immer griffbereit auf dem Tisch neben der Espresso Tasse und der Packung importierter Zigaretten, redet er meist albanisch.
Nach einem Jahr als Metalldreher wurde Bajram Mukata in die Gießerei des Großunternehmens versetzt. Als Dreher an der Karusselldrehmaschine hatte er Präzisionsarbeit geleistet. Um die aus der Giesserei kommenden Werkstücke Millimeter für Millimeter in Form zu bringen, war Wissen über die Beschaffenheit des Materials, die Steuerung der Maschinen und den Einsatz der Drehmeißel erforderlich. In der Giesserei wurde dieses Wissen nutzlos. Diesen Rückschritt zu machen, war Mukata, der In seiner Heimat mal Schlosser, mal Bauarbeiter, mal Heizungsinstallateur gewesen war, nicht bereit. «Nein zu sagen zu Sulzer war nicht leicht!», das sagt er mehr als einmal. Es schwingt ein Rest Ehrfurcht mit. Welcher Gastarbeiter traut sich, die Arbeit zu verweigern?
Mukata wusste von anderen Gastarbeitern, dass seine Kündigung den Verlust seiner Arbeitsbewilligung in der Schweiz nach sich gezogen hätte. Sein Arbeitsvertrag beruhte auf dem Prinzip der vom Amt für Wirtschaft und Arbeit jährlich festgelegten Kontingente für ausländische Erwerbstätige. Großunternehmen wie Sulzer stand es zu, eine festgelegte Anzahl an Arbeitskräften aus dem Ausland zu rekrutieren. Bei einer Kündigung seitens des Arbeitgebers wäre eben diese kontingentierte Stelle für einen gewissen Zeitraum nicht wieder besetzbar, demnach aus Sicht von Sulzer, verschenkt geblieben.
«KAPITALISMUS, DA BEUTET EIN MENSCH DEN ANDEREN MENSCHEN AUS, DAS HABEN WIR SO IN DER SCHULE GELERNT.»
Herr Mukata war ehrgeizig, er wollte etwas leisten, er hatte seine Heimat nicht umsonst verlassen. Mukata hatte einen Wochenendjob in einer Schreinerei, immer am Samstag verdiente er sich etwas dazu. So ergab sich die Lösung: Als der Schreinermeister von seiner Situation erfuhr, bot er ihm kurzerhand einen Job an. So konnte Mukata Sulzer den Rücken kehren, ohne seine Arbeitsbewilligung zu verlieren. Es war diese erste Erfahrung, die es in lehrte, als Gastarbeiter sein Gastrecht einzufordern. Dennoch, ein Gast ist per Definition jemand, der auch vorhat, wieder zu gehen. Wie lange bleiben also? Welche Perspektiven hatten er und seine Familie?
WIE MAN ANKOMMT
Frau Mukata folgte ihrem Mann schon nach drei Monaten in die Schweiz. Die vierfachen Eltern lebten die ersten sieben Jahre ohne ihre Kinder in Winterthur. Wie bei vielen Gastarbeiterfamilien war es nicht unüblich, den Nachwuchs bei den Großeltern in der Heimat aufwachsen zu lassen. Vater Shaban kümmerte sich um das Mädchen und die drei Jungen – der jüngste war gerade erst wenige Monate alt. Die Eltern führten ein Leben 1.700 km und über 32 Fahrtstunden entfernt. Ihr Alltag bestand aus Arbeit und kannte kein Familienleben, dieses beschränkte sich auf die Ferien, wenn sie nach Priština zurückkehrten. Rechtlich wäre es schon nach zwei Jahren möglich gewesen, einen Familiennachzug zu beantragen. Was hielt die Mukatas so lange davon ab, ihre Kinder zu sich zu holen?
Bajram Mukata sitzt auf der Eckcouch in seinem Wohnzimmer neben seiner Frau und wiederholt die Rechnung, die er über Jahre immer wieder in seinem Kopf durchging. Sie haben vier Kinder, die jeden Tag mit dem Bus zur Schule fahren müssen. Pro Fahrt schätzte er etwa 3 Franken, mit der Rückfahrt waren es gleich 6 Franken, mal vier. Dann haben sie noch nicht gegessen und überhaupt, wer betreut die Sprösslinge an den Nachmittagen, wenn sie beide arbeiten? Es schien unbewältigbar. Frau Mukata hat sich bis zu diesem Zeitpunkt zurückgehalten, doch nun lebt die Erinnerung an die sieben zweisamen Jahre in der Schweiz wieder auf: «Bah! Das war ein Theater mit den Kindern. Er wollte nicht, dass wir sie zu uns holen!» Monat für Monat verzögerte sich eine Entscheidung, Jahr um Jahr vertrösteten sie ihr Glück. Herr Mukata bleibt ruhig und findet eine weitere Erklärung für sein Zögern: «Das war dieses balkanische Gefühl. Ich bin als Diener gegangen – um anderen zu dienen. Ich wollte nicht, dass auch meine Kinder dienen müssen. Nein, ich wollte zurückkehren».
Zwischen 1985 und 1986 muss die Verwirklichung seines Wunsches greifbar nahe gewesen sein. Mukata hatte sich breite Kenntnisse in der Wartung von Industriemaschinen angeeignet. Eine Dienstleistung, die es im Kosovo so nicht gab. Mukata hatte angefangen, vor Ort ein Netzwerk aufzubauen. In der Schweiz kaufte er gebrauchte und generalüberholte Maschinen an. Stück für Stück wollte er sich in Priština eine Werkstatt aufbauen. Bei jeder Reise in das damalige Jugoslawien fand man im Kofferraum, neben Geschenken für die Kinder, auch allerlei Werkzeug und Gerätschaften. Es wären Leute wie Mukata gewesen, die mit solchen Projekten dem strukturschwachen Süden Jugoslawiens auf die Beine hätten helfen können. Doch die Intransparenz der Behörden machte ihm zu schaffen; die Methoden der Steuererhebung waren ihm suspekt. Ihn beschlich ein ungutes Gefühl. Im Herbst 1986 starb Shaban Mukata. Seine Worte hallten nach: «Ohne Tito werden sich hier alle früher oder später gegenseitig umbringen.» Die politische Lage war angespannt. Es kam vermehrt zu Auseinandersetzungen zwischen der serbischen Minderheit und den Behörden der autonomen Region Kosovo. Bajram Mukata fragte sich, was ihm von den Dingen, die er im Frühjahr 1980 zurückgelassen hatte, geblieben war. Was, wenn er zurückkehren und alles verlieren würde?
WIE MAN SICH UND ANDEREN GEHÖR VERSCHAFFT
Im gleichen Frühjahr 1987, als im Kosovo die Karriere des Slobodan Milošević begann, stellte Bajram Mukata in Winterthur den Antrag auf Familienzusammenführung. Dazu mussten seine Frau und er unbefristete Arbeitsverträge sowie ein ausreichend hohes Gehalt vorweisen. Sie mussten tadellose Empfehlungsschreiben ihrer Arbeitgeber vorlegen und in eine grössere Wohnung umziehen. Auch ihr Eheschein und die Geburtsurkunden der Kinder mussten eingereicht werden. Doch gab es niemanden, der amtlichen Dokumente ins Deutsche übersetzen konnte. Pragmatisch wie er ist, setzte sich Mukata an die Schreibmaschine, übersetzte nach bestem Wissen und Gewissen, was er las. Schließlich übergab er alle Unterlagen den Behörden mit dem Vermerk, er wäre bereit, die Dokumente professionell übersetzen zu lassen, wenn sie ihm denn sagen könnten, wo das ginge. Die Übersetzungen wurden angenommen, der Familiennachzug bewilligt. Mehr noch, Bajram Mukata wurde als erster Übersetzer für Albanisch-Deutsch in die Kartei der Winterthurer Behörde aufgenommen. Mukatas Familienleben bekam nun endlich einen Alltag. Die vier Kinder kamen rechtzeitig zu Schulbeginn in Winterthur an.
1989 war Mukata kurz davor, eine neue Stelle anzutreten, als er mit seiner schwangeren Frau in einen Verkehrsunfall verwickelt wurde. Der Fahrer eines entgegenkommenden Fahrzeugs übersah eine Verkehrsteilnehmerin. Beim Versuch, ihr auszuweichen, steuerte er frontal in den Kombi der Mukatas. Frau Mukata blieb unversehrt, ebenso das Kind. Herr Mukata konnte nur schwer verletzt aus dem Auto geborgen werden. Der Verlust der Arbeitsfähigkeit wurde zu einer Bewährungsprobe. Es folgen Operationen, Therapien und das Angebot auf Frühverrentung – er war 35 Jahre alt. Mukata lehnte ab und pochte auf eine Weiterbildung. Die Ausbildung zum Programmierer an der CNC-Maschine dauerte ein Jahr. Doch der Weg zum neuen Arbeitgeber nach Solothurn erwies sich, in Anbetracht seiner Konstitution, als nur schwer tragbar.
Ihm wurde bewusst, dass er eine Alternative finden musste. Durch seine gelegentliche Tätigkeit als Übersetzer knüpfte er Kontakte zur Gewerkschaft Bau und Holz (GBH). Vor allem das Baugewerbe beschäftigte über Jahre Fremdarbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien, unter ihnen viele Saisonniers. Herr Mukata schlug der GBH einen Deal vor: mithilfe der Unfall- und Invalidenversicherung (Suva und IV) absolvierte er ein zweijähriges Umschulungspraktikum zum Gewerkschaftsfunktionär und Sozialberater. Am 1. Oktober 1991 trat er die neue Stelle an.
«DAS, WAS ICH GETAN HABE, OB ES NUN VIEL ODER WENIG WAR – ES WAR FÜR MICH NORMAL. FÜR MICH WAREN ES NORMALE REAKTIONEN UND EINE NORMALE ARBEIT. NICHTS BESONDERES.»
Mukata arbeitete sich schnell in die Materie ein: Arbeitsrecht, Arbeitslosengesetz, Ausländerrecht. In der Bauindustrie gelten für Arbeiter Gesamtarbeitsverträge (GAV), die im GAV festgelegten Konditionen werden regelmässig zwischen den entsprechenden Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften verhandelt. Als Berater suchte Herr Mukata Kontakt zu Arbeitern, die oftmals unter dem gesetzlich festgelegten Mindestlohn beschäftigt waren. In vielen Fällen wussten weder die Arbeiter noch die Arbeitgeber, dass gegen geltendes Recht verstoßen wurde. «Es waren manchmal nur zwei Franken, doch auf fünf Jahre gerechnet sammelte sich da schnell eine hohe Summe an.» Die Angst vor Konsequenzen, einer Verschlechterung des Arbeitsklimas oder gar vor Kündigung hielt sie davon ab, ihre Ansprüche vor Gericht geltend zu machen. Mukata vermittelte zwischen beiden Parteien. Er verlangte vom Arbeitgeber die Anpassung des Monatslohns an die gesetzlichen Vorgaben und verhandelte individuell die Ausbezahlung eines Teilbetrags des unzureichend ausgezahlten Lohnes. Im Gegenzug blieb der Firma der Mitarbeiter erhalten und das Verhältnis zum Arbeitgeber gewahrt. «Achtzig Prozent der Arbeitgeber gingen auf unsere Forderungen ein.»
Anfang der 90er begann Mukata, sich auch öffentlich zu Wort zu melden. Als in Winterthur nach der Schliessung der Sulzer Giesserei 1993 eine Debatte über die Höhe von Monatsgeldern für Arbeitslose losbrach, verfasste er einen Leserbrief, der im Landboten abgedruckt wurde. Ohne jemals selbst auf Arbeitslosenunterstützung angewiesen gewesen zu sein, nahm er für mehr Arbeitslosengeld Stellung. «Jetzt sollen wir uns von einem Ausländer belehren lassen?» erklärt sich Herr Mukata die Reaktionen, die er in seinem Briefkasten fand. Ein Drohbrief, adressiert an Bajram Mukata, Dreher, er liest daraus vor: «Du Buschmann. Ich Tarzan. Du Nigger. Ich weiss. Du Buschmann: Du mache dini Schnorre besser zue und fahre ab. Und wir haben einen Arbeitslosen und Ausländer weniger und wir sind froh und sparen viel Geld.» Während Frau Mukata sich wundert, wie ihr Mann so etwas aufbewahren kann, faltet er den Brief wieder zusammen und steckt ihn behutsam in den Briefumschlag mit dem Poststempel vom 15.10.1993 zurück.
Bajram Mukata gab auch seine Anstellung in der Gewerkschaft auf. Die Entscheidung hing nicht unmittelbar mit den Drohbriefen zusammen, es waren mehrere Faktoren. Skeptisch sah er, wie damals bei Sulzer, der geplanten Umstrukturierung seiner Stelle entgegen. Vielleicht war es aber einfach an der Zeit, sich den Traum der Selbstständigkeit zu erfüllen. Er eröffnete seine Kanzlei, wie er sie nennt, seither arbeitet er als Berater für Ausländerfragen. Durch seine Gewerkschaftstätigkeit hatte er sich ein Netzwerk und eine Reputation erarbeitet. Die Leute kamen zu ihm, wenn sie Rat brauchten, mit Fragen und Problemen aus sämtlichen Lebenslagen. Zusätzlich wurde er in die Schulpflege berufen, war im Schulpsychologischen Dienst tätig und arbeitete als Übersetzer für das Bezirksgericht Winterthur.
Als Dolmetscher übersetzte er in vielen schwierigen Fällen und lernte, das Gehörte und Gesehene nicht mit nach Hause zu tragen: Namen, Gesichter, Schicksale. Er verstand sich als «Lautsprecher» und doch bestand seine Arbeit aus mehr als nur Übersetzungen von der einen in die andere Sprache. «Die Äusserungsweise eines Albaners ist anders als die eines Schweizers. Es gibt Dinge, die bedeutender sind für einen Albaner, Kroaten, Serben oder Türken.»
WIE MAN ZUR RUHE KOMMT
Zwei Jahrzehnte lang arbeitete Bajram Mukata, wie es ihm seine körperliche Verhasstheit erlaubte, als Vermittler, Übersetzer und Sozialarbeiter. Er fand seinen Wirkungskreis in der erweiterten Diaspora in Winterthur. Retrospektiv scheint es fast so, als sei es ihm in der Schweiz gelungen, etwas von den Idealen, die er in seiner Jugend in Jugoslawien vermittelt bekommen hatte, umzusetzen: Hier wie dort – in der «Arbeiterselbstverwaltung», die nur in Titos Jugoslawien praktiziert wurde –, ging es im Kern um das unmittelbare Mitbestimmungsrecht des Arbeiters in seinem Betrieb. Jenseits ideologischer Motive setzte er sich für seine Klienten ein, pragmatisch und selbstbewusst: «Das, was ich getan habe, ob es nun viel oder wenig war – es war für mich normal. Für mich waren es normale Reaktionen und eine normale Arbeit. Nichts Besonderes.» Das etwa 10 Quadratmeter grosse Arbeitszimmer, in dem er sitzt, ist bescheiden eingerichtet und aufgeräumt. Nur wer einen Blick in die drei schlichten selbstgebauten Wandschränke erhascht, entdeckt die vielen Bundesordner – stumme Zeugen seines Wirkens.
Das Leben von Herr und Frau Mukata ist ruhiger geworden, sie verbringen viel Zeit mit einander. Die Grossfamilie umfasst mittlerweile seine fünf Kinder mit Ehepartnern und insgesamt neun Enkel. Vier seiner Kinder sind ausgezogen und doch ganz in der Nähe in Winterthur geblieben, ein Sohn wohnt mit seiner Familie im Obergeschoss des Hauses. In regelmässigen Abständen schließt das Ehepaar jedoch die Türe ihres Familienhauses hinter sich und geht auf Reisen. Zürich – Priština. Die Flugzeit beträgt zwei Stunden und fünf Minuten. Das Kosovo und die albanische Küste sind zur Urlaubsdestinationen geworden. Die Mukatas sind auch dort zu Gast und fühlen sich trotzdem heimisch. In den 38 Jahren hat sich das Gastsein für sie bewährt. Es hat den entschiedenen Vorteil, dass man nicht gehen muss, sondern, dass man die Wahl hat, gehen kann, um am anderen Ort wieder in ein Zuhause zurückzukehren.
Diese Reportage ist im Rahmen einer Kooperation mit der ZHdK (Master Kulturpublizistik) entstanden und wurde auch in der Begleitpublikation (Zeitung) zur Ausstellung Zeit. Zeugen. Arbeit. veröffentlicht.