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S. sind Vorschriften, die in Orten der Eidgenossenschaft den sittl. Bereich und das tägl. Leben zu regeln versuchten (Gesetze). Sie entsprechen der "Polizey"-Gesetzgebung in anderen Teilen Europas und dienten u.a. der Sexual- und Sozialdisziplinierung (Unzucht). Die Bezeichnungen sind uneinheitlich: Ordnung und Satzung, Mandat und Vermahnung, Ehemandat, Grosses Bussmandat, Polizeimandat, Sitten- und Aufwandmandat, Sabbatsmandat, Stadtmandat, Landmandat.
S. wurden vom 14. bis 18. Jh. erlassen und blieben stark an die Kirchenherrschaft der einzelnen Orte gebunden. Die Tagsatzung übte nur marginalen Einfluss auf die S. aus, z.B. im (erfolglosen) Kampf gegen das Rauchen. Im Zuge von Reformation und Konfessionalisierung (Konfessionalismus) weiteten sich die S. von isolierten Einzelmassnahmen zu ganzen Politikkomplexen aus. S. galten nicht nur für einzelne Statusgruppen oder Herrschaftsbereiche, sondern für ein gesamtes Territorium und waren ein Mittel zur Durchsetzung von Herrschaft und ein erster Gesetzgebungsbereich mit breiterem Anspruch. Sie gründeten in der Sorge des väterl. Regiments, die Bewohner in christl. Sinn zu erziehen, zur Arbeit anzuhalten und jegl. Luxus, der zu Armut führen könnte, zu unterbinden. Zu polit., wirtschaftl. und sozialen Motiven kamen religiöse: Die christl. Obrigkeit trug mit den S.n dem zeitgenössischen endzeitl. Denken Rechnung. Eine straffere Verwaltung, der Buchdruck und die Reformation förderten die Verbreitung der S. Für die 757 effektiv erlassenen Zürcher Mandate wurde folgende Verteilung nachgewiesen: 14. Jh. 3; 15. Jh. 23; 16. Jh. 201; 17. Jh. 272; 18. Jh. 97.
Bis um 1530 wurden S. handschriftlich abgefasst und in Gebotsbüchern überliefert. Dann erschienen zuerst Einblattdrucke, später Broschüren mit bis zu 90 Seiten Umfang. Letztere trugen ein verziertes Titelblatt und waren klar strukturiert: Einleitung mit Anlass und Zweckbestimmung, Vorschriften mit Bussandrohung, Ermahnungen an die Vollzugs- und Kontrollorgane. Zwischen 1530 und 1798 änderten die Inhalte, da aktuelle Begebenheiten einflossen und der Wandel im gesellschaftl.-kulturellen, christl.-moral. und polit. Bereich zu neuen Schwerpunkten führte. Im 16. Jh. standen religiöse Aspekte im Vordergrund, im 17. Jh. die Aufwandgesetze, im 18. Jh. die Hoffartartikel.
Anlass von S.n war oft ein bestimmtes Ereignis: Nach Vorfällen wie Erdbeben oder Anregungen und Klagen der Geistlichkeit - etwa zu den Umtrieben an der Fasnacht - beschloss der Rat, ein entsprechendes Sittenmandat zu erlassen oder ein bestehendes zu aktualisieren. Mit der Redaktion war ein Ratsausschuss, in Zürich ab 1650 die Reformationskammer, beauftragt. Die nach der Bestätigung durch den Rat gedruckten Mandate wurden den Land- und Obervögten zugestellt, die sie zur Bekanntmachung an die Ortspfarrer weiterleiteten. Wie die Stadtpfarrer hatten diese die S. vor oder nach dem Gottesdienst von der Kanzel zu verlesen. Durch das enge Zusammenwirken von Staat und Kirche bei der Abfassung und Durchsetzung kam den S.n eine Mittelstellung zwischen Staats- und Kirchenrecht zu.
Autorin/Autor: Peter Ziegler
Verbote des Gotteslästerns, Fluchens, Schwörens, des Meineids, von Schmähreden und Schmähschriften, Erlasse gegen den Aberglauben, die Pflicht zu Messe- oder Predigtbesuch und strenge Vorschriften wie das Arbeitsverbot zur Heiligung des Sonntags sollten ein moralisch einwandfreies, im christl. Glauben verankertes Leben ermöglichen. Als Grundlagen dazu galten Arbeit und Fleiss; Müssiggang und liederl. Lebenswandel mussten demnach verboten werden. Aufwendige Taufen, Hochzeiten, Leichenmähler, Ehrenmahlzeiten (Ess- und Trinksitten), lange Wirtshausbesuche, Alkoholkonsum, Badenfahrten, teure Kleidung und sonstiger Luxus konnten zu Armengenössigkeit und damit zu staatl. Belastung führen und waren deshalb eingeschränkt oder untersagt. Ausgelassener und zu häufiger Tanz sowie manche Glücksspiele galten als unmoralisch. Das Treiben an Kirchweihen und Märkten, das Fahrende und Dirnen anzog, wurde beschnitten. Sittlichkeitsempfinden und soziale Überlegungen prägten die Kleidermandate und Hoffartsgesetze. Sie schützten das einheim. Gewerbe vor fremder Konkurrenz, zementierten die Geschlechter- und Standesunterschiede und sollten dafür sorgen, dass das Konsumverhalten einer standesspezif. Lebensführung angemessen blieb. Im 18. Jh. richteten sich die immer detaillierteren Verbote selbst gegen Mobiliar und Inneneinrichtungen, Accessoires wie Schmuck, Uhren oder Tabatièren. Die dem Traditionalismus verpflichteten S. sollten neue Modeströmungen fernhalten: im 18. Jh. z.B. das Schlittenfahren oder die Genussmittel Kaffee, Tee und Schokolade.
Staat und Kirche überwachten die Einhaltung der S. In mehreren Städten gab es Reformationskammern (z.B. ab 1627 in Zürich, ab 1646 in Genf, ab 1676 in Bern), die für die Bevölkerung der Stadt und des näheren Umlandes zuständig waren und Übertretungen ahndeten. Auf der Zürcher Landschaft übernahmen Land- und Obervögte, in den Dörfern Untervogt, Pfarrer und Stillständer (Kirchenpfleger) diese Aufgabe. Behördenmitglieder und Wirte waren verpflichtet, Verstösse anzuzeigen. In Bern gab es das lokale Chorgericht (Sittengerichte), in Genf das Consistoire, und in Graubünden waren sowohl das lokale Niedergericht als auch das kirchl. Konsistorium zuständig. Abgesehen von Luzern fehlen Studien über die Bedeutung der S. in der kath. Innerschweiz.
Bis zum Ende des 18. Jh. häuften sich die obrigkeitl. Klagen, die S. würden schlecht eingehalten. Ausschweifende Feste und übermässigen Luxus konnte sich nur die Oberschicht leisten. Viele Ratsmitglieder verstiessen selbst gegen die Vorschriften und missachteten v.a. die Hoffartsartikel; wer erwischt wurde, bezahlte die Busse. In der Anwendung und Auslegung der S. gab es immer wieder Unsicherheiten. Dies führte dazu, dass die Artikel laufend ergänzt und präziser gefasst werden mussten. Vielfach drückte sich die Bevölkerung um Anweisungen, indem sie zwar den Wortlaut befolgte, aber trotzdem gegen Sinn und Zweck der Vorschrift handelte. Die S. bestimmten nur das äussere Verhalten der Menschen, die innere Einstellung beeinflussten sie kaum. Denunziation säte Misstrauen unter der Bevölkerung; Modeströmungen liessen sich zwar verzögern, aber nicht aufhalten. Versch. Verbote überlebten sich zudem selbst. Im 18. Jh. stellten Republikaner und Patrioten im moralphilosoph. und polit. Diskurs das Anliegen der S. und die Zulässigkeit von Aufwandgesetzen bereits zur Diskussion. Mit dem Ende des Ancien Régime wurden die S. 1798 ausser Kraft gesetzt. Manche Bestimmungen fanden indessen in anderer Form wieder Aufnahme in die Gesetzgebung des 19. Jahrhunderts.
Autorin/Autor: Peter Ziegler
Autorin/Autor: Peter Ziegler