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Stefan Bachmann (* 1993) gilt als Wunderkind der US-amerikanischen Fantasy-Szene. Der US-Schweizer Doppelbürger lebte bis zu seinem 10. Altersjahr in den USA, seither in der Schweiz. Er besuchte hier keine Schule, sondern wurde zu Hause von seiner Mutter geschult. Allerdings studiert er seit geraumer Zeit am Konservatorium Zürich, u.a. Komposition. Mit 16 begann er vorliegenden Roman zu schreiben; bei der Publikation, zuerst in den USA, war er 18. So viel erfährt man in etwa auf der Homepage des Diogenes-Verlags, der The Peculiar unter dem Titel Die Seltsamen 2014 veröffentlicht hat. Ebenfalls über den Verlag und seine Klappenwerbung bin ich auf eine Besprechung des Romans gestossen, von Susan Carpenter in der Los Angeles Times. Sie meint darin u.a.:
„The Peculiar“ is the title of Bachmann’s steampunk fairy tale set in an alternate Victorian-era London — a book that, at times, recalls Dostoevsky’s „Crime and Punishment,“ Charles Dickens‘ „A Tale of Two Cities“ and more recent classics, such as J.K. Rowling’s „Harry Potter“ and Lemony Snicket’s „A Series of Unfortunate Events.“ It’s a story populated with unusual characters and mechanical contraptions that service a gruesome plot involving a serial kid-snatcher, a dunderheaded parliamentarian, an evil fairy and a pair of impoverished kids who live in the fairy slums and abide by a single rule. [Not Just For Kids: ‚The Peculiar‘ by Stefan Bachmann is a fantastical tale, LA Times vom 23. September 2012]
Wir hatten schon anlässlich des Klappentexts von Alice Munros Tanz der seligen Geister gesehen, wie wenig US-Amerikaner von der europäischen, bzw. der sog. klassischen Literatur verstehen. Franzen allerdings war der Wahrheit bei seinem Vergleich von Tschechow mit Munro bedeutend näher (nur, dass er Munro weit über Tschechow stellt, ist unbegreiflich), während Fr. Carpenter nur beweist, dass sie nichts verstanden hat. D.h., über ihren Vergleich von The Peculiar mit Harry Potter oder Lemony Snicket möchte ich gar nichts sagen, ich kenne beide nicht, und sie mag da gar recht haben. Aber wie sie auf die Idee kommt, ein 18-Jähriger verfüge über die Abgründe, die Dostojewskij aufweist (die der Russe allerdings mit allerhand religiösem Geschwätz zuzuschütten versucht – was, dies sei Bachmann zugestanden, beim Jungen wenigstens nicht der Fall ist), oder über die pessimistisch-zynische Schlitzohrigkeit des alten Dickens, kann ich nicht nachvollziehen. Bachmann verfügt nicht einmal über die Sentimentalität des jüngeren Dickens, von dessen Humor ganz zu schweigen. (Auch wenn man Bachmanns Humor gelobt findet: Er hat wirklich keinen – jedenfalls nicht in seinem Buch.) Mag sein, dass die Tatsache des pseudo-viktorianischen Settings, mit vielen Dampfmaschinen und viel Staub in den Städten, für Fr. Carpenter schon genügt hat. Dann ist allerdings wohl jeder Steam Punk ein zweiter Dickens…
So viel zu meinem geliebten Kritiker-Bashing.
Den Inhalt des Buchs findet man ja schon in Carpenters Artikel zusammengefasst. Ein Mischlings-Junge (halb Mensch, halb Fee) sieht den Nachbarsjungen verschwinden und macht sich auf die Suche, zuerst nach ihm, dann nach der eigenen Schwester, weil auch die verschwunden ist. Zusammen mit einem Politiker, einem Menschen, findet er heraus, dass Hochelfen versuchen, das vor langer Zeit geschlossene Tor zur elfischen Heimat wieder zu öffnen, um die Invasion der Erde zu vervollständigen. Zum Öffnen des Tors benötigen sie eine bestimmte Art von Kind. Schon diese Inhaltsangabe mag genügen, um darauf hinzuweisen, dass Carpenter eine ganz sicher benutzte Quelle von Bachmann entweder nicht kennt, oder unterschlägt: Philip Pullmans Northern Lights. Das Kind, das sich gegen die Pläne des eigenen Vaters (bei Pullman, bei Bachmann wissen wir nichts vom Vater des Helden – bei beiden aber sind die Gegner hoch gestellte und geachtete Persönlichkeiten) stemmt, der ein Kind benötigt, um ein Tor zu öffnen … die Parallelen sind unübersehbar. Allerdings fehlen bei Bachmann jedwede literarischen, theologischen oder philosophischen Bezüge.
Im Übrigen ist Bachmanns Buch brav, ohne überragend zu sein. Er studiert Komposition am Konservatorium, habe ich gesagt, und das merkt man auch: Der Band ist gut durchkomponiert, alles an seinem richtigen Ort. (Wie viel davon allerdings dem Lektorat und nicht dem Autor geschuldet ist, bleibe dahin gestellt.) Aber Bachmann fehlt das Extra, das den wirklich guten Autor ausmacht; er birgt keine Überraschung für den Leser. Die Story läuft ab, wie die mechanischen Vögel, die Bachmann beschreibt. Die Beschreibung von Figuren wie von Landschaften gelingt Bachmann – gerade so. Gesellschaftskritische Momente, die auch schon entdeckt worden sind, kann ich keine finden. Natürlich lebt der kleine Halb-Feerich versteckt in einer Art Slum. Natürlich ist er ausgegrenzt. Aber viel zu sehr schaut dahinter die eigene Lebenssituation des Jungen hervor, der mit 10 Jahren in die Schweiz kommt, und dort als Fremder lebt – eine Fremdheit, die von der Mutter offenbar unterstützt wird, die ihn zu Hause behält und nicht zur Schule gehen lässt. (Und wenn ich dann noch lese, dass Bachmann das Buch seinen ersten Leserinnen widmet – der Mutter und der Schwester – hat sich für mich die Frage so weit erledigt.)
Anlässlich von Pullmans Northern Lights habe ich festgehalten, dass nicht jedes Buch mit einem kindlichen Helden gleich ein Kinderbuch sein muss. Bei Bachmanns Die Seltsamen wage ich allerdings die Einschränkung, dass es bei den meisten solchen Büchern doch wohl so sein wird. All-Age-Fantasy, als die Die Seltsamen angepriesen wird, erkenne ich nicht darin. Sicherlich, man kann das Buch als Erwachsener lesen – so kindlich geschrieben ist es nicht. Aber jenen Kick, den einem der späte Dickens zu geben vermag, sucht man hier vergebens.
Es gibt noch einen zweiten Band, der in derselben Welt mit denselben Figuren spielt. (Der erste endet in einem Cliff-Hanger.) Ich werde den bei Gelegenheit hier ebenfalls vorstellen.