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Die Komposition Olinka Variations von Ross Birrell wird täglich um 12 Uhr auf dem Pianola abgespielt. Donnerstags findet ein zweites Abspiel um 19 Uhr statt.
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The Hand of Paolo Virno (2011) ist der Titel einer der Skulpturen in der Ausstellung Winter Line der beiden schottischen Künstler Ross Birrell und David Harding. Es ist ein Abguss aus Kunstharz der rechten Hand des italienischen Philosophen Paolo Virno, den Ross Birrell während einer Performance abgenommen hat. In The Grammar of the Multitude (2004) beschäftigt sich Virno mit dem Begriff der Immateriellen Arbeit. Die Hand als Metapher scheint in diesem Zusammenhang zunächst nicht naheliegend, sondern beinahe entgegengesetzt dazu: Man denkt an physische Tätigkeiten, die mit den Händen ausgeführt werden. Sieht man sie jedoch als die Hand des Philosophen, Poeten oder Komponisten, der schreibt und damit Immaterielles festhält, als die Hand des Musikers, der damit sein Instrument spielt und die Erfahrung der nicht physisch greifbaren Musik ermöglicht, oder als die Hand des Künstlers, der ausgehend von einer Idee ein materielles Werk erzeugt, wird dieses Objekt eine Entsprechung dieser immateriellen Form der Arbeit.
Der Handabguss bildet die Realität der Person ab und steht gleichzeitig für die Idee, die dieses Objekt vermittelt. Dieses Verhältnis zwischen Idee und Objekt trifft auf alle Werke der Ausstellung zu, seien es die Skulpturen der Bären, die Fotografien, die Filme, die Textarbeiten und die in die Ausstellung einbezogenen Oberlichter. Denn sie greifen alle historische oder zeitgenössische Gegebenheiten, Fakten oder Personen auf. Ausgehend davon entwickeln Ross Birrell und David Harding Erzählungen, für die die unterschiedlichen Medien als visuelle Gefässe, als symbolische Bilder dienen. Die Erzählungen zeigen Zusammenhänge zwischen Gesellschaft und Geschichte, zwischen Denken und Sprache, zwischen Kunst, Musik und Literatur auf.
Die Zusammenarbeit von Ross Birrell und David Harding begann 2005 mit dem Film Port Bou: 18 Fragments for Walter Benjamin, dessen Premiere 2006 in der Kunsthalle Basel stattfand. Die Ausstellung Winter Line vereint Werke, die die individuellen Interessen und frühere Arbeiten beider Künstler aufgreifen, variieren und im Dialog miteinander sowie mit den Bedingungen der Ausstellungssituation in Basel weiterführen. Ross Birrell zeigt seinen Film Sonata (2013) in einer Ausstellungsarchitektur, die sich auf das Bild der „Falte“ bezieht, das Gilles Deleuze in seiner Abhandlung über das Verhältnis des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz zum barocken Denken verwendet. Die „Falte“ kann hier als Denkform und Arbeitsweise verstanden werden:
„Die Falte windet sich, wächst aus sich selbst und, indem Falte auf Falte entstehen, bildet sich eine bewegliche Komplexität, die nicht statisch, sondern in stetiger Abänderung ist. Die Falte biegt sich, ver-wickelt sich (lateinisch: com-plicare), aber sie kann sich auch ent-falten (lateinisch: ex-plicare), sie kann von einem Zustand des Wachstums zu einem Zustand der Verminderung übergehen, wobei sie aber ihre Mannigfaltigkeit und ihre eigene Möglichkeit, die Pluralität zu schaffen, erhält. Durch diese Eigenschaften scheint das Bild der Falte am besten das Geflecht und die Vielgestaltigkeit der barocken Ausdruckskraft darzustellen. Aber dieses Bild erfüllt auch (…) eine zentrale Funktion in unserer Erklärung der Welt und in der Entwicklung des gegenwärtigen Denkens.“(1)
In Winter Line verknüpft die „Falte“ die unterschiedlichen Narrative, verdichtet deren Motive und entwickelt sie gleichzeitig als einzelne Erzählstränge weiter. Die Künstler entwerfen eine Art Genealogie ihrer Themen und beziehen die komplexe Geschichte der einzelnen Motive als notwendigen Kontext in ihre Werke mit ein. Deshalb orchestrieren sie die Werke in Winter Line nicht als statisches Gebilde: Der Betrachter bewegt sich vor und zurück und folgt den Erzählungen an unterschiedliche Orte und zu verschiedenen historischen Momenten.
David Harding gründete 1985 das einflussreiche Department of Environmental Art an der Kunsthochschule in Glasgow. Seine Beschäftigung mit Kunst im öffentlichen Raum führte ihn dazu, von einem auf das Medium orientierten Werkbegriff abzurücken und den Kontext des Werkes als gleichwertigen, wenn nicht sogar wichtigeren Teil des Kunstwerkes anzusehen. Je nach Kontext werden die Medien zu Möglichkeiten und Strategien.(2)
Im Ausstellungstitel Winter Line klingt der vielschichtige Kontext an, in den die Künstler ihre Werke einbetten. Bekannt ist der Titel (im englischen Sprachraum) als Bezeichnung eines Frontverlaufs im Zweiten Weltkrieg in Italien. Diese Linie schliesst auch eine Reihe von deutschen Befestigungsanlagen südlich von Rom ein, darunter der strategisch wichtige Verteidigungspunkt Monte Cassino. In der Schlacht um Monte Cassino (1944) wurden die beteiligten polnischen Einheiten von einem Syrischen Braunbären begleitet, der als ihr Maskottchen „Wojtek“ bekannt wurde. Nach Kriegsende wurde der Bär in den Zoo von Edinburgh gebracht, wo ihn David Harding Ende der 40er Jahre zum ersten Mal sah. 1973 realisierte er eine erste Skulptur von Wojtek, die später als Schenkung an das Polish Institute in London ging. Diesem Bär setzen die Künstler in der Ausstellung ein Denkmal, jedoch nicht in Form einer klassischen Memorialskulptur auf Sockel mit Inschrift, sondern als zwei lebensgrosse Bärenfiguren, Ursus Arctos Syriacus 1 und 2 (2014), die direkt auf dem Boden stehen.
Winter Line steht nicht nur für die Kriegsfront, sondern allgemein für die Stelle eines Aufeinandertreffens, die sich durch Auseinandersetzung immer wieder bewegt, verschiebt, neu verhandelt werden muss. In der Ausstellung zeigen die Filme Duet (2013) und Guantanamera (2010), die sich auf den Konflikt zwischen Israel und Palästina respektive zwischen den USA und Kuba beziehen, anhand von Musik ideologische Antagonismen auf. Der Film Sonat (2013) und die Wandarbeit To Music (2014) folgen dem Motiv des Zusammentreffens auf metaphorischer Ebene in der Literatur und stellen dabei die Frage nach den Möglichkeiten von Übersetzung und damit einem Verständnis auf sprachlicher Ebene.
Assoziativ steht der Ausstellungstitel auch Franz Schuberts Winterreise (1827) nahe, eine politisch lesbare Komposition, die mit der Reise zudem ein Motiv beinhaltet, das in der Ausstellung wiederholt auftaucht und für die Künstler häufig Teil des Arbeitsprozesses ist. Das Motiv wird als Thema der Emigration
in den Photographien Winter in Marseille, 46, rue de Forbin (2014) und Voices in the Villa Lynwood, Nice (2014) aufgegriffen: Nach der Invasion der deutschen Armee in Frankreich verhalf der schottische Reverend Dr. Donald Currie Caskie zahllosen Soldaten und politischen Verfolgten zur Flucht aus Frankreich nach Spanien, auf der selben Route, auf der der Philosoph und Literaturkritiker Walter Benjamin 1940 nach Port Bou gelangte. Emigration und politische Verfolgung ist auch die biographische Parallele im Leben der Komponisten, auf die sich die Künstler in den farbig gestalteten Oberlichtern beziehen. Die Oberlichter geben der gesamten Ausstellung einen Rahmen. Wie die Filme sind sie ein Hinweis auf die politischen und soziologischen Hintergründe der Komposition, Aufführung und Rezeption von Musik. Sie bilden eine musikalische Notation, die visuell in Farben umgesetzt ist.
In der Musik ist nicht die Notation das Werk, sondern in erster Linie nur die Aufzeichnung, die eine klingende Realisierung ermöglicht. (3) Birrell und Harding verbinden unterschiedliche Erzählungen, aufgezeichnet in Geschichtsbüchern, Kunstwerken, Gedichten, Architektur und anderen Artefakten in einer Art viel-stimmigen Notation, die Zusammenhänge herstellt und in den unterschiedlichen Werken zur „Aufführung“ gebracht wird.
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(1) Renato Christin, Le pli. Leibniz et le baroquevon Gilles Deleuze, in: Studia Leibnitiana, Bd. 23, H.1 (1991), pp. 120-123.
(2) Weiterführende Lektüre
(3) Heidy Zimmermann,Notationen Neuer Musik zwischen Funktionalität und Ästhetik, in: Hubertus von Amelunxen et al.,Notation. Kalkül und Form in den Künsten, Berlin: Akade