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Ist der neue Nationaltrainer Glen Hanlon (58) nun ein Clown, ein Chamäleon oder ein Genie? Das ist die entscheidende Frage vor seiner ersten WM in Prag.
Kein anderer Nationaltrainer hat bei uns je ein so schweres Erbe angetreten wie Glen Hanlon. Wie wäre es wohl, nach Justin Timberlake und Robbie Williams auf die Bühne zu treten und das Publikum zu begeistern?
Wie, bei einer Lady der nächste Lover nach George Clooney und Hugh Grant zu sein? Na ja, der Erwartungsdruck wäre wahrscheinlich recht hoch. Es wäre schwierig. Ein Scheitern könnten wir nicht ganz ausschliessen.
So ungefähr ist die Situation unseres neuen Nationaltrainers vor und während der WM in Prag. Der Kanadier kann tun und lassen, was er will – aus dem Schatten seiner übergrossen Vorgänger kann er nicht treten. Er kann sie sportlich nicht übertreffen. Ralph Krueger und Sean Simpson sind die Titanen unserer neueren Nati-Geschichte.
Ralph Krueger hat die Schweiz in zwölf Jahren aus der Bedeutungslosigkeit in die Weltklasse zurückgeführt. Er ist eine der charismatischsten Führungspersönlichkeiten im europäischen Sport. Inzwischen vollbringt er in Southampton als Präsident und General Manager selbst in der wichtigsten Fussball-Liga der Welt Wunder und zwischendurch war er auch NHL-Cheftrainer.
Sean Simpson ist der grantige Bandengeneral, der uns 2013 bis in den WM-Final geführt hat. Um Glen Hanlons Aufgabe noch ein bisschen schwieriger zu machen: Sowohl Ralph Krueger als auch Sean Simpson haben ihren Wohnsitz immer noch in der Schweiz. Beide sind nach wie vor präsent, Sean Simpson als grosser, starker Mann der Kloten Flyers und Statthalter der kanadischen Öl-Milliardäre mehr denn je.
Würde Glen Hanlon auf Ralph Krueger machen, so würde er zum Clown. Niemand kann Krueger kopieren. Höchstens ein Kabarettist kann ihn imitieren.
Wollte Glen Hanlon auf Sean Simpson machen, so würde er auch zum Clown. Er kann sich das grantige Auftreten des mehrfachen Meistertrainers, Champions-League-Triumphators, Siegers über die Chicago Blackhawks und WM-Finalisten gar nicht leisten. Er hat ja noch nichts gewonnen. Es würde ihn keiner ernst nehmen. Er ist zu freundlich.
Wenn der tüchtige ehemalige Nationalmannschafts-Direktor Ueli Schwarz beim Amtsantritt im letzten Herbst sagte, der neue Nationaltrainer beginne auf einem weissen Blatt ganz neu, so stimmt das nicht ganz. Glen Hanlon beginnt auf einem Blatt, auf dem in fetten Lettern «Ralph Krueger war schon da» und «WM-Final 2013» steht.
Glen Hanlon hat einen interessanten und durchaus vielversprechenden Weg gewählt, um vielleicht doch heil aus dem Schatten seiner übergrossen Vorgänger zu kommen. Oder dort wenigstens in Frieden leben zu können.
Der ehemalige NHL-Goalie, der einst den ersten NHL-Treffer von Wayne Gretzky kassierte, passt sich an wie das Chamäleon der Farbe seiner Umgebung. Er hütet sich, ein zu starkes eigenes Persönlichkeitsprofil zu entwickeln und mit einer eigenwilligen Führungsphilosophie auf Kollisionskurs zu segeln. Er ist der gute Mann an der Bande, der niemanden gegen sich aufbringt und mit seinen Vorgesetzten, den Spielern und den Chronistinnen und Chronisten in bestem Einvernehmen lebt.
Hanlon hat selbst die Absetzung von Nationalmannschafts-Direktor Ueli Schwarz, seinem wichtigsten Vertrauensmann der ersten Monate, dem Mann, der ihn geholt hatte, ohne mit der Wimper zu zucken hingenommen. Nun lebt er in bestem Einvernehmen mit Raëto Raffainer, dem schlauen, freundlichen und netten Nachfolger von Ueli Schwarz.
Harmonie und Wohlfühlen statt Kontroversen und Konflikte. Keine Widerrede. Alles hinnehmen, was die Vorgesetzten wollen. Keine taktischen Risiken. Keine Experimente. Genau das tun, was alle erwarten. Mit der Berufung von 65 verschiedenen Spielern in die Nationalmannschaft hat er diese Saison schon so viele Spieler glücklich gemacht wie noch keiner seiner Amtsvorgänger. Alle sind sich einig: Er ist ein netter Kerl und verdient unsere Unterstützung und unser Wohlwollen.
Es ist, wie es ist: Mit einem Nationaltrainer wie Glen Hanlon wären wir nie aus der Bedeutungslosigkeit in die Weltklasse zurückgekehrt. Das war nur mit Ralph Krueger möglich. Mit einem Nationaltrainer wie Glen Hanlon wären wir 2013 nicht in den WM-Final gekommen. Das war nur mit Sean Simpson möglich.
Das tönt nun alles gar negativ. Muss es aber nicht sein. Wir müssen uns nämlich verschiedene Fragen stellen:
Dank der Vorarbeit von Ralph Krueger und Sean Simpson können wir auf alle diese Fragen antworten: Ja, wenn wir auch ein bisschen Glück haben.
Um Mittelmass zu sein – also bei der WM nicht in Abstiegsgefahr zu geraten und ab und zu ins Viertelfinale zu kommen – reicht es heute mit Glen Hanlon auf jeden Fall.
Aber über dieses Mittelmass hinaus und in den Medaillen-Himmel kommen wir nur mit grandiosen Leistungen in grossen Partien. Ist Glen Hanlon ein Nationaltrainer für grandiose Leistungen in grossen Partien wie seine beiden Vorgänger?
Bis jetzt war er das noch nie. Nicht in der NHL, nicht in Weissrussland, nicht in der Slowakei. Aber wir sollten nicht den Fehler machen, Glen Hanlon wegen seines freundlichen Wesens und Wirkens und seiner Neigung zur Selbstironie zu unterschätzen. Vielleicht sind wir nun gut genug, um auch mit Glen Hanlon grandiose Leistungen in grossen Partien zu erbringen.
Und wir sollten uns davor hüten, bei einem Misserfolg in Prag – wenn wir etwa die Viertelfinals verpassen sollten – gegen ihn zu polemisieren. Sein Vertrag läuft auch für die nächste Saison. Er wird von den Verbandsgenerälen und ihren Stabschefs durch alle Böden hindurch gestützt. Denn alle sind sich einig: Er ist ein netter Kerl und verdient unsere Unterstützung und unser Wohlwollen.
Um auf die eingangs gestellte Frage zurückzukommen und unsere lange Analyse auf einen kurzen Sinn zu bringen: Ist der Überlebenskünstler Glen Hanlon nun Clown, Chamäleon oder Genie? Ich neige mehr und mehr zur Ansicht, dass er ein Genie ist. Er hat auch mich überzeugt. Er ist ein netter Kerl und verdient unsere Unterstützung und unser Wohlwollen.