Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03401.jsonl.gz/1465

Seit Jahrzehnten gehören Andrea Camilleris Kriminalromane zum Inventar der italienischen Gegenwartsliteratur. Obwohl der Sizilianer sich nie als Krimiautor verstand.
Ein Gestrüpp von Verstellung, Lüge und Andeutungen: Andrea Camilleris Romane zeigen Sizilien von der düsteren Seite.
Pünktlich zum ersten Todestag von Andrea Camilleri (1925–2019) ist im Juli dessen langerwarteter letzter Kriminalroman erschienen. Ab 2005 lag der finale Fall des berühmten Polizeikommissars Salvo Montalbano in den Schubladen des Herausgebers Sellerio. Seit damals sind zwar noch achtzehn weitere Montalbano-Romane erschienen, doch wurden darin die brennenden Fragen des lesenden Publikums nicht gelöst. Wird der alternde Montalbano endlich sein einzelgängerisches Dasein aufgeben und seine Freundin Livia heiraten? Mündet seine zunehmende Amtsmüdigkeit in eine reguläre Pension, oder findet der Kommissar sein Ende in einem berufskonformen Schusswechsel?
Die Antworten haben wir nun in Händen. «Riccardino», Montalbanos letzter Fall, setzt den Schlussstrich unter das Leben des Kommissars. Dass dieser nicht wie Sherlock Holmes wiederauferstehen kann, dafür hat Camilleri in doppelter Weise Sorge getragen. Einerseits natürlich durch die Verfügung, dass «Riccardino» erst nach seinem eigenen Lebensende erscheinen durfte, andererseits durch das Romanende, das auf eine unerwartete Weise den Tod des Autors mit dem seines literarischen Geschöpfs verknüpft.
Falls Wetten über Montalbanos Lebensende abgeschlossen worden sind, dürfen wir davon ausgehen, dass niemand gewonnen hat. Mit «Riccardino» ist Camilleri nämlich von seinem üblichen Erzählschema radikal abgewichen, indem er sich in der Geschichte selbst eine prominente Rolle zugewiesen hat. Zu Beginn wird ein «Autor» erwähnt, ein – wie Camilleri selbst – in Rom wohnhafter Schriftsteller, der regelmässig Kontakt zu dem Kommissar aufnimmt und die von diesem rapportierten Erlebnisse zu Romanen verarbeitet, die ihrerseits als Vorlagen für erfolgreiche Fernsehfilme dienen.
Der Autor hat das Sagen
Montalbano fühlt sich in «Riccardino» denn auch von seinem landesweit bekannten Fernseh-Double bedrängt. Im Verlauf des Romans wird die Figur des «Autors» jedoch stets dominanter. Erst verwandelt sie sich vom Chronisten in einen Regisseur, der dem Kommissar Handlungsanweisungen gibt, als wäre er ein Schauspieler. In einer letzten Wendung entpuppt er sich als Montalbanos eigentlicher Schöpfer, der seine widerstrebende Kreatur zwingen will, seinem Drehbuch zu folgen und sämtliche Verselbständigungsimpulse zu unterdrücken.
Da sowohl der «Autor» wie der Kommissar ziemlich dickköpfig sind, kulminiert ihre Ungeduld im Ende ihrer Zusammenarbeit. Und so kommt es, dass die Lösung von Montalbanos letztem Fall zugleich zu seiner Selbstauflösung führt. Das Ende Montalbanos als Entwirrung seiner dreifachen Rolle als literarische Fiktion, Schauspieler und Regisseur seines Lebens und Handelns ist eine offensichtliche Hommage an Luigi Pirandello, mit dem Camilleri nicht nur verwandtschaftlich verbunden war, sondern dessen Theaterstücke er auch inszeniert hat.
Ein literarisches Testament ist das Buch auch in anderer Hinsicht. Camilleri hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er sich nicht als Krimiautor sieht. Seit seinen frühsten Romanen gilt seine Vorliebe historischen Themen aus dem Sizilien seiner Kindheit und Jugend: Seine Vaterstadt Porto Empedocle trägt da den Phantasienamen «Vigàta», Agrigento wurde zu «Montelusa». Für seine Geschichten entwickelte er eine Kunstform sizilianischer Dialekte, die er stets weiter ausbaute mit neu erfundenen oder umgeformten Wörtern.
Der Blick des Soziologen
So hat ganz Italien von ihm gelernt, dass «tambasiare casa casa» ein durch Müdigkeit, Hitze und Faulheit erzeugtes, zielloses Herumlümmeln zu Hause bezeichnet: Man versorgt vielleicht einen Löffel, rückt ein schiefes Bild zurecht oder blättert im Adressbüchlein. Wie er das Lokalkolorit seiner Sprache in den letzten Jahren radikalisiert hat, beweist die Doppelausgabe von «Riccardino», in der die sprachlich revidierte Endversion von 2016 neben der sonst identischen Version von 2005 abgedruckt wird.
Ab nächstem Jahr wird Camilleri die Bestsellerliste der Sommerromane nicht mehr mit einem neuen Titel anführen. Welches Erbe hat er hinterlassen? Nun, erstens wird auf Jahre hinaus der sympathische Herr mit der tiefen Raucherstimme, der den Italienern ironisch, wortgewandt und eindringlich ins Gewissen redete, in der kollektiven Erinnerung verbleiben. Dem fernsehenden Publikum wird er ein Begriff bleiben als Schöpfer des Kommissars Montalbano, dessen Fälle seit 1999 vom Staatsfernsehen RAI verfilmt werden.
Doch Camilleri wird auch einen Platz in der Literaturgeschichte erhalten. Seine Kriminalromane liefern zwar weder plausible noch besonders ausgeklügelte Handlungen; einige von ihnen darf man guten Gewissens als schlecht konstruierte Gebilde bezeichnen. Ihr literarischer Charme besteht in der stimmungsvollen Verknüpfung von dialektalem Dialog und soziologischer Analyse.
Im Gestrüpp der Lügen
Das Beste von Camilleri aber sind nicht seine Krimis. Die Quintessenz seiner Kunst finden wir in komisch überhöhten, historischen Rekonstruktionen wie «La concessione del telefono» (dt. «Der unschickliche Antrag»), «La scomparsa di Patò» (dt. «Der zweite Kuss des Judas») oder «La mossa del cavallo» (dt. «Die Mühlen des Herrn»), die zwar übersetzt worden sind, doch eigentlich unübersetzbar sind. Denn das Gewirr an Gesagtem und Geschriebenem, an offiziellen Anfragen, Steckbriefen, Polizeirapporten und Zeitungsnachrichten enthält eine sizilianische Soziologie der Andeutung, der Simulation und des Versteckens, die sich jeder Übersetzung entzieht.
In allen Genres, die Camilleri gepflegt hat, finden sich die Hauptfiguren vor die gleiche Herausforderung gestellt: Sie müssen Strukturen und Ereignisse aus einem Gestrüpp von Verstellung, Lüge und Andeutung rekonstruieren. Heute, wo das Unterscheiden von echten und falschen Nachrichten zur Hauptaufgabe der Pädagogen ausgerufen wird, darf man Camilleris Œuvre deshalb auch zu Übungszwecken empfehlen. Sein satirisch-scharfer Blick hilft, die Figur des «Tragediatore» zu entlarven – des sich schauspielerisch inszenierenden und verstellenden Mitmenschen, wie er uns in allen Medien entgegentritt.
Andrea Camilleri: Riccardino. Sellerio Editore, Palermo 2020. 292 S. € 15.–.
Andrea Camilleri: Riccardino. Seguito dalla prima stesura del 2005. Sellerio Editore, Palermo. 590 S. € 20.–.