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Kabelnetz Neuenegg Ausgangslage 1965
In den 60iger-Jahren begann der Boom des Fernsehens. Die Schweiz verfügte, wie auch das Ausland, erst über wenige Fernsehsender, die vorerst die grossen Flächen, nicht aber die Täler versorgen konnten.
Für das Gebiet Bern-Mittelland war der Hauptsender der „Bantiger“, weshalb das Ost-West-gerichtete Sense-Tal mit der am Sonnenhang gelegenen Gemeinde Neuenegg nicht versorgt wurde. Die Erhebung Landstuhl und der Forst schirmen gegen den im Norden gelegenen Sender „Bantiger“ ab. Der ortsansässige Radio- und TV-Händler wurde schon mehrmals vergeblich bei der PTT vorstellig um den Bau eines Umsetzers zu erwirken.
Das Dorf Neuenegg ist ein Strassendorf am Sonnenhang im Tal der Sense, südwestlich von Bern und hat eine Ost-West-Ausdehnung von ca. 3,5km.
Die Empfangsstation Landstuhl (TV-Kopfstation)
Wohl begann man verschiedenen Orts, vornehmlich in der Schweiz, infolge der Mehrsprachigkeit, in Mehrfamilienhäusern Gemeinschafts-Antennenanlagen zu installieren.
Für sogenannte Gross-Gemeinschaftsanlagen (GGA) zur Versorgung von Agglomerationen, später kurz Kabelnetze genannt, stand man erst am Anfang. Das Überqueren von öffentlichem Gebiet war anfänglich aus Gründen des Monopols der PTT verboten.
Ziel solcher Verteil-Anlagen war, einen „Antennenwald“ zu vermeiden so wie dies bereits in manchen Städten zu sehen war und noch heute im Ausland allgegenwärtig ist. Ausserdem kann mit der Wahl eines guten Empfangs-Standortes ein besserer Empfang oder ein Empfang weiterer Programme gewährgeleistet werden.
Als Viktor Colombo 1965 in Neuenegg Wohnsitz nahm und die PTT vom Quartier in dem er wohnte ein neues Telefonkabel Richtung Norden bis zu den bereits höher gelegenen Wohnhäusern „Natershus“ verlegte, wagte er privat den Einsatz von einigen Tausend Franken um im Kabelgraben zusätzlich ein Koaxialkabel, ein Steuerkabel und ein Stromkabel zur nördlich gelegene Anhöhe „Landstuhl“ mit weitgehend rundum freier Sicht einzulegen. So versprach er sich einen guten Fernseh- und Radio-Empfang. Die Erschliessung bedingte aber Kabellängen von 700m Gesamtlänge. Das erforderliche 75-Ohm Koaxialkabel lieferte die Firma Dätwyler AG. in Altdorf, zu einem Sonderpreis.
Der Empfang auf dem Landstuhl konnte nicht zeitgerecht getestet werden, weil der Entscheid für die Mitverlegung eines Kabels innerhalb von wenigen Tagen gefällt werden musste. In Anbetracht des für die damalige Zeit respektablen finanziellen privaten Aufwandes somit ein echtes Wagnis.
Für den restlich noch nötigen Kabelgraben von 300m half die ortsansässige Baufirma die sein Eigenheim baute. Das Kabel musste aus Kostengründen ungeschützt in den Boden verlegt werden.
Für die Antennen-Anlage musste auf dem Landstuhl vorerst noch ein Stück Land gekauft werden. Die Verhandlungen mit dem Landbesitzer waren mühsam. Für die Erteilung der Baubewilligung waren die Gemeinde Neuenegg und das Forstamt hingegen sehr speditiv.
Glücklicherweise ersetzten die PTT in „Les Ordons“ einen kleinen Gittermast der kostenlos abtransportiert werden konnte. Nachdem alle Mastelemente am Boden eigenhändig wieder zusammengeschraubt waren, musste noch eine Plattform und die Befestigungen für einen Rund-Mast anmontiert werden. Hierfür half zuvorkommend ein Schlossermeister von Neuenegg. Inzwischen erstellte das Baugeschäft kostengünstig das Mastfundament.
Nun konnte der Gittermast mit einem Pneu-Kran auf das Fundament gestellt werden. Das Wetter war nicht wohlgesinnt und deshalb wurde unumgänglich für das Fahrzeug laufend wechselweise Holzbalken von hinten wieder vor die Räder zu legen um ein Einsinken des Krans im Ackerland zu verhindern.
Empfangsantennen und Verstärker
Die Montage der Empfangs-Antennen der Firma Jaeger in Bern und der Antennen-Vorverstärker auf dem Mast musste Viktor Colombo selbst ausführen.
Die Röhren-Verstärker für den UKW-Radiobereich, die Schweizer TV-Programme deutsch, französisch und italienisch wie auch das deutsche Fernsehprogramm das vom Feldberg und das Programm von Frankreich lieferten die Firmen Jaeger Bern und Siemens. Zudem hatte die Firma Siemens für Hausanlagen auch einen Röhren-Breitbandverstärker (Kettenverstärker) im Verkaufssortiment, der später für die Weiterleitung der TV- und Radio-Signale im Kabelnetz eingesetzt werden konnte.
Die Kanalverstärker (Primärverstärker) wurden in einen Kasten neben dem Mast eingebaut, wofür die Bernischen Kraftwerke damals noch eine Kabel-Stromzuführung über Holzmasten von rund 250m Freileitung erstellen musste. Der erste Verteilverstärker (Sekundärverstärker) in der Kabelzuführung wurde in der Garage eines dazwischen gelegenen Bauernhauses Natershus montiert.
Information der Gemeinde und der Nachbarschaft
Mit einer kleinen Ausstellung in der Garage von Viktor Colombo konnten die Radio- und TV-Programme den Nachbarn vorgezeigt werden. Vorgesehen war die weitere Erschliessung durch ein Kabelnetz vorerst nur für die Nachbarn, doch bereits meldeten sich das Architekturbüro Gasser und Müller mit einem Antrag zur Erschliessung von bestehenden und geplanten Mehrfamilienhäuser in der näheren Umgebung wie auch einiger weiter entfernte Dorfbewohner. Unverhofft erfreuliche Aussichten.
Nachdem die ersten Liegenschaften der näheren Umgebung über einen guten Fernseh-Empfang verfügen konnten, wurden auch verschiedene Dorfbewohner darauf aufmerksam. Der damalige Gemeindepräsident Herr A. Herren setzte sich dafür ein, dass die Gewerbekasse Laupen Viktor Colombo einem Kredit gewährt hat, um das Kabelnetz mit einer Primärleitung bis ins Dorf erweitern zu können.
Schaden durch Unwetter
Was völlig überraschend und nicht vorhersehbar war, geschah anlässlich eines Sturmes. Eine neben dem Mast stehende Tanne wurde nicht entwurzelt, sondern auf einer Höhe von etwa 3m abgedreht. Sie fiel direkt auf die Antennenanlage und dadurch brach das Mast-Rohr und die Antennen wurden herunter gefegt. Zum Glück konnte über einige Tage mit einer Ersatzantenne wenigstens die Versorgung mit dem Schweizer-TV-Programm gesichert werden und die Versicherung milderte den Schaden in finanzieller Hinsicht.
Das Forstamt bewilligte die grossen Tannen in der Umgebung der Antennen zu fällen und befürwortete eine künftige Bewachsung des Abhangs mit Stauden und Gebüsch. Dies zum Schutz der Kleintiere und Vögel. Eine Waldnutzung kam infolge der stark gestiegenen Arbeitskosten für Waldarbeiter ohnehin nicht mehr in Frage. Ein weiteres Problem war die Zufahrt über den 300m Feldweg bei Regenwetter. Wollte man auf der glitschigen Unterlage des Weges nicht einfach stecken bleiben, war das Einbringen von Schotter unumgänglich.
Weitere Überraschungen blieben nicht aus. So rutschte der Hang zwei Mal und zerriss die Kabelleitungen. Die Gebäude-Versicherung kündete in der Folge die Versicherung. Zur Sicherung von Mast und Gebäude wurde eine Micro-Pfählung eingebracht.
Das Kabelverteilnetz Neuenegg
Die Gross-Gemeinschafts-Antennenanlage (GGA) Neuenegg war eine der ersten derartigen Kabelverteilanlagen, sogar Europaweit wegen der Mehrsprachigkeit in der Schweiz, weshalb vorerst auch seitens der Lieferfirma Erfahrungen gesammelt werden mussten.
Die Betriebserfahrungen zeigten auch, dass die Kanalpegel zu stark schwankten. Leider hatten die Röhrenverstärker den unakzeptablen Nachteil, dass die Verstärkung temperaturabhängig nicht konstant blieb und zudem schon nach kurzer Zeit nach der Inbetriebnahme absank. Die Siemens-München und Vertretung Bern, hatten keinen leichten Stand, hofften jedoch auf die Neuentwicklung von transistorisierten Verstärkern.
Es blieb dennoch keine andere Wahl als 1968 ein kleines witterungsbeständiges Betriebsgebäude zu erstellen. Mit grosser Enttäuschung mussten alle Beteiligten zur Kenntnis nehmen, dass die neuen transistorisierten Verstärker sogar laufend defekt gingen. Messungen zeigten, dass die Verstärker nach dem Anschluss der Verteilkabel zu schwingen begannen und sich somit selbst zerstörten. Bis es aber zu diesen Erkenntnissen kam, und die Fehler behoben waren, wurde der Pioniergeist von Viktor Colombo stark gefordert. Es bestand jedoch mit der Lieferfirma trotzdem stets ein gutes Einvernehmen und noch heute verbinden gute Beziehungen die damals Beteiligten.
Kurz darauf wurde auch ein neues Kabel in einem neuen Trasse verlegt, weil die Kabeldämpfung des 700m langen Kabels zu gross war. Neu verlegt wurde ein 75Ohm Fused-Disc Kabel, ein G51-Kabel (10x2x0,6) und ein PNE-220V-Kabel.
Der Kabelgraben zur Verlegung des Kabelschutzrohres über die 700m vom Antennenstandort Landstuhl bis zum Wohnhaus von Viktor Colombo an der Natershus-Strasse 10 wurde mit einer Kettenbagger ausgehoben. Leider zerschnitt er auch einige im Feld verlegten alte Drainageröhren aus Ton sowie eine Quellleitung die in keinem Plan eingetragen waren. Die Wiederherstellungen waren mit erheblichem Mehraufwand verbunden.
Da eine weitere Erschliessung in der Agglomeration Neuenegg auch die Sicherstellung des Betriebes erfordert, wurde bereits 1966 mit dem Radiogeschäft Ernst Muster in Flamatt ein Unterhalt für den Störungsfall vereinbart
Step-by-step wurde in den folgenden Jahren das ganze Dorf erschlossen wobei oft auch die Liegenschaftsbesitzer mitgeholfen haben ein Kabelschutzrohr von der Primär-Verteilleitung bis zu ihrer Liegenschaft einzulegen. Die Anschlussgebühren erfolgten oft in Verrechnung mit den erbrachten Eigenleistungen für den Anschluss. So konnte der Weiterausbau der Anlage finanziert und die nötigen liquiden Finanzmittel in Grenzen gehalten werden.
Erwähnenswert ist, dass das Verteilnetz das bewohnte Gemeindegebiet Neuenegg bis gegen Thörishaus, eingeschlossen erstmalig ein Campingplatz, sowie bis zu den Liegenschaften Richtung Bramberg und Landstuhl und auch bis zur „Bärenklaue“ gegen Laupen erschloss. Viele Anschlüsse waren nicht kostendeckend und für Einwohner, die wohl kostengünstig ausserhalb des Dorfes gebaut haben, wäre ein Anschluss nur mit erheblichen Mehrkosten möglich gewesen.
Auf der Ost-Westachse des Dorfes Neuenegg wurden über die Ausdehnung von 3,5 km bis ins Jahr 1990 sukzessive rund 1000 Teilnehmer angeschlossen.
Das Ziel einer Radio- und TV-Versorgung war somit erreicht und Neuenegg ging als erstes Gross-Kabelverteilnetz in die Kommunikations-Geschichte ein.
Start in ein neues Kommunikationszeitalter
Bereits in den 70er Jahren war man sich in Fachkreisen bewusst, dass die mancherorts noch als Utopie verschrienen Ideen einer globalen Vernetzung mit drahtloser Sprach- und Daten-Kommunikation, über ein offenes weltweites Kabelnetz und umfassende Satellitendienste zum alltäglichen Gebrauch werden würden. So waren auch schon weitere Dienste über das Kabelverteilnetz zu erwarten.
Neuenegg Sensetal Sonnenhang
Pneukran im Ackerfeld
Mastkorb und Antennen
Kopfstation Landstuhl Röhrentechnik Siemens
Ketten-Grabmaschine
Garten Ketten-Grabmaschine
Trax-Kabelgraben
Auslegen der Kabel für Einzug
Kabeleinzug
Neue TV-Kopfstation
Micropfählung Fa. Brönnimann Burgistein zur Sicherung Mast & Gebäude
Bohrlöcher 5m tief je 3 90mm vertikal und 3 in 45-Grad
Bohrloch für Pfählung 30mm und Flüssigbeton
Primär- Sekundärverstärker
Sekundär-Verstärker SICASET
Verstärkerkasten
Primär- Sekundärverstärer
Planauszug Kabelnetz Neuenegg
Demo in Garage von 4 TV-Programmen
Ziel erreicht: Kein Antennenwald!
Zu weiteren Aktivitäten hier klicken
Aktivitäten (zum Anklicken)
- Viktor Colombo: ein Leben für die Kommunikation
- Werdegang und Beruf
- Projekt Kommunikations-Modellgemeinden
- Küstenfunkstelle Bern-Radio: Produkt-Management und Modernisierung 1995
- Zweites Fernsehprogramm für Berggebiete, Projektleitung
- Gross-Gemeinschafts-Antennenanlage GGA
- Empfangsanlage Geretsried (TV-Kopfstation)
- CM-Elektronik AG
- Funkerschule 1960-1985
- HB9MF: Hobby Kurzwellen-Funkverbindungen
- Sendeamateur mit Rufzeichen HB9MF
- Experimental Amateur Telecommunications Club