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Hochzeitsfest auf Schloss Wädenswil
Eine Nobelheirat vor 450 Jahren
Quelle: «Zürichsee-Zeitung», 31. Juli 2006 von Peter Ziegler
Bernhard von Cham
Erster Landvogt auf Schloss Wädenswil
war Bernhard von Cham (1508–1571). Das Vermögen der Eltern, des Kornhändlers Jakob von Cham und der Anna Vogel, hatte ihm eine beeindruckende Karriere durch Zürichs Ämter und das Wachstum des Besitzes ermöglicht. Bald zählte der Junker zu den reichsten Eidgenossen seiner Zeit. 1528 verheiratete er sich mit der Junkerstochter Agnes Zoller, die fünf Kinder gebar: Elsbetha, Jakob, Hans Bernhard, Kleophea und Salomea. Im Alter von 25 Jahren übernahm Bernhard von Cham das angesehene Zürcher Säckelmeisteramt. Dann hatte er nacheinander verschiedene Obervogteien und zwei Landvogteien inne: 1533 bis 1539 die Reichsvogtei Zürich, 1542 bis 1548 die Landvogtei Kyburg, 1548 bis 1550 die Obervogtei Küsnacht, 1550 bis 1557 die Landvogtei Wädenswil und 1558 die Obervogtei Wollishofen. 45 Mal präsidierte Bernhard von Cham die eidgenössische Tagsatzung, und von 1560 bis zum Tod im Jahre 1571 amtete er als Zürcher Bürgermeister. Zur Feier seiner Wahl an die Spitze des Zürcher Staates lud er 1100 Gäste ein.
Ein ähnliches Fest hatte er schon 1556 finanziert: die Hochzeit des ältesten Sohnes Jakob mit Verena Wirz von Uerikon, der Tochter des Jakob Wirz, des Einsiedler Ammanns zu Erlenbach. Im Hof des neu erbauten Schlosses Wädenswil fand ein vier Tage dauerndes Fest statt. Der Spielmann Heini Wirri berichtet darüber in einem langen Gedicht.
Der Spielmann Heini Wirri
Dass wir von dieser Hochzeit überhaupt Kenntnis haben, ist dem Zürcher Chorherrn Johann Jakob Wick (1522–1588) zu verdanken. Während fast zwanzig Jahren seines Lebens notierte, sammelte und kopierte dieser in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts aufregende Neuigkeiten und Nachrichten aus der nahen und fernen Welt. Sein Werk, die «Wickiana», enthält auch ein Gedicht des Spielmanns Heini Wirri, das von einer Hochzeit berichtet, die 1556 mit grossem Prunk auf dem Schloss Wädenswil gefeiert wurde.
Heini Wirri stammte aus Aarau und war von Beruf Schneider und Weber. 1544 wurde er Bürger von Solothurn. Als Spielmann zog er weit in der Welt herum. Wo in den Rheinlanden, in Schwaben oder Österreich eine vornehme Hochzeit gefeiert, ein grosses Schiessen abgehalten, ein Reichstag, eine Fürstenzusammenkunft oder sonst eine grosse Lustbarkeit veranstaltet wurde, da war er zu finden: als Schauspieler, Spassmacher und Reimeschmied. Im März 1563 tauchte er in Schaffhausen auf, 1556 in Wädenswil und in Zürich, wo er damals wohnte, 1558 in Köln und später in Wien.
Ein schöner Spruch
Heini Wirri war Augenzeuge der prächtigen Hochzeit in Wädenswil. Tief beeindruckt vom Gesehenen und Erlebten verfasste er ein über 350 Zeilen langes Lobgedicht, das er später als fahrender Sänger in Wirtschaften und Trinkstuben vortrug. Es trägt den ausführlichen Titel: «Ein schöner Spruch von der verrümptenn Hochzyt zu Wädischwyl einstheils zwüschet Junker Jacob von Chaam, Junker Bernhart von Chaam, dieser Zyt erster Vogt zu Wädischwyl, eehlichem Sun, andertheils zwüschet Jungfrauw Verena Wirtzin, Jacob Wirzenn, dieser Zyt Amman zuo Erlibach eelicher Tochter. Und diese Hochzyt ward gehalten Anno 1556 den 2. Augusti.»
Auf die Eingangsverse mit Gruss an die Zuhörer erzählt Wirri mit grosser Langatmigkeit, welche die Spannung wecken soll, wie er von Zürich nach Wädenswil wandert und in einen dichten Wald gerät. Schliesslich stösst er auf eine Reiterschar, die ihm berichtet, in Wädenswil stehe ein grossartiges Fest bevor.
Titelblatt des Gedichts von Heini Wirri, 1556.
Kirchenbesuch und Fest
Mit dem Besuch der Predigt von Pfarrer Ezechiel Ramp in der Kirche Wädenswil
nahm der Anlass seinen Anfang. Das Gedränge war gross. Heini Wirri dichtete:
«Morndess wie es ward Tag,
Und das Hochzeit that anfahn,
Ich dacht, du sollt uffstahn,
Und z Kilchen gahn wie ander Leuth;
Saumbt mich ein klein, gieng nit bey Zeit;
Da mocht ich nit in d Kilchen kommen,
Dann da was gar ein grosse Summen,
Von Mann desgleichen auch von Weiben,
Der Halbtheil musst da aussen bleiben.»
Nach der Predigt zog das Brautpaar, von viel Volk umringt, zum neuen Landvogteischloss hinauf, in dessen geräumigem Hof zwei prächtige Zelte aufgeschlagen worden waren. Hier wurde nun vier Tage lang gefestet und gezecht. An 131 Tischen zu je zehn Gedecken liess der Landvogt nebst den zum Feste geladenen Gästen auch bewirten:
«Des gmeinen Volks ein grosse Schaar,
Bey tusend Personen ich mein,
Huren und Buben gross und klein,
Spiellüth, Bättler und anders Gsind,
Wie sie hat zämen dreit der Wind.»
Und was für leckere Speisen wurden aufgetragen:
«Da war der allerbeste Wyn,
Der in dem ganzen Land mag syn;
Den schenkt man ein, ohn alles Truren,
Dem Adel, dessgleichen auch den Puren...
Es sey an Brodt, Fleisch und Wyn,
Ist alles da beim Sauffen gsyn.»
Auch der Spielmann Heini Wirri muss wacker mitgefestet und getrunken haben. In seinem Lobgedicht bekennt er nämlich:
«Der Wein war so mächtig gut;
Er gab mir Freuwd, dazu auch Muth.» Und weiter hinten:
«Der Wein ist mir ins Haupt geschlagen,
Dann ich bin zlang bim Tisch gesessen;
Darumb so han ich viel vergessen.»
Mitbekommen hat indessen der Spielmann Wirri die weiteren Lustbarkeiten. Ein Preisschiessen um eine Ehrengabe wurde ausgerufen, Possenreisser und Spielleute sorgten für Unterhaltung, und Tanz folgte auf Tanz:
«Damit die Freud auch werde ganz,
Da fieng man an ein Ehren-Tanz;
Da war gar mänges schöne Weib
Wol geziert an Gstalt und Leib,
Vom Adel und sonst Ehren-Frauwen,
Einer möchte han ein Lust zu schauen.»
Weitere Gratulanten
Plötzlich dröhnten vom See her dumpfe Schüsse. 22 bekränzte Schiffe schwenkten dem Ufer zu, deren Mannschaft mit Spiessen und Gewehren bewaffnet war und schoss, «dass die Muren stoben». Mit kriegerischem Gepränge kamen an die tausend Mann angefahren, um das junge Paar zu beglückwünschen: aus der Stadt Zürich, aus Hirslanden, Riesbach und aus den Seegemeinden Zollikon, Küsnacht, Erlenbach. Meilen, Uetikon, Rapperswil, Thalwil und Kilchberg. Ein Schiff − jenes mit den Gästen aus Ober- und Unterstrass − hatte sich verspätet und kam laut Heinrich Wirri erst am Montag an.
Die Schiffe der Seegemeinden auf der Fahrt zur Hochzeit nach Wädenswil (Zentralbibliothek Zürich).
Bis zum Mittwochnachmittag, 5. August 1556, blieb die fröhliche Hochzeitsgesellschaft in bester Stimmung beisammen. Dann wurden Narren und Spielleute entlassen, vom Bräutigam Junker Jakob von Cham reich beschenkt, und die Gäste zerstreuten sich in alle Himmelsrichtungen.
Das üppige Fest hatte dem neu nach Wädenswil gewählten Landvogt Bernhard von Cham die willkommene Gelegenheit geboten, das Landvolk durch Spenden, Essen und Trinken für sich zu gewinnen und in den Ruf eines wohlgesinnten und freigebigen Herrn zu gelangen. Darauf deutet der Schluss von Wirris Gedicht hin. Hier versichert der Spielmann seine Zuhörer, ja nicht zu glauben, er sei für sein so kräftig verkündetes Lob vom Landvogt bestochen worden. Ob ihm die Zuhörenden dies glaubten?