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Der Kanton Luzern lässt sich seine Kultur jedes Jahr rund 40 Millionen Franken kosten. Der Kantonsrat hat nun aber – schweren Herzens – die Beiträge an die grossen Kulturinstitutionen um 1,2 Millionen Franken gekürzt. – Welche Art der Kulturförderung ist grundsätzlich angemessen? Ein Gespräch mit dem deutschen Kulturwissenschafter Armin Klein.
SRF: Armin Klein, Sie sind Kulturwissenschaftler. Sie haben für verschiedene Schweizer Kulturinstitutionen gearbeitet und kritisieren seit Jahren die vorherrschende Subventionspolitik. Könnte sich Luzern leisten, das älteste Symphonieorchester des Landes zu streichen?
Armin Klein: Das Argument «ältestes Orchester» ist natürlich ein sehr schönes. Aber das sagt im Prinzip gar nichts. Nehmen Sie irgendeine Einrichtung, die die älteste ist: Das älteste Museum oder das älteste Theater, wo kein Mensch hingeht. Da würde jeder sagen: «Das Argument ist doch ein bisschen schwach.»
Es wäre viel interessanter zu schauen, wie kommt es an? Wie stehen die Menschen hinter ihrem Orchester? Das sind die Fragen, die für das Kulturmanagement relevanter sind als die Frage: «Wie alt ist das Theater, das Orchester oder das Museum?»
Es wäre viel interessanter, zu schauen, wie kommt es an? Wie stehen die Menschen hinter ihrem Orchester?
Sie kritisieren vor allem, dass mit öffentlichen Geldern ein hochkultureller Sektor gefördert wird, der sich nicht um die Bedürfnisse der Mehrheit der Bevölkerung kümmert. Im konkreten Fall würde das bedeuten, die meisten Luzerner interessieren sich nicht für dieses Symphonieorchester?
Ich glaube, da ist die Situation in der Schweiz ganz ähnlich wie in Deutschland. In den 70er- und 80er-Jahren haben wir viel neu eingerichtet: Theater, Museen. Die Frage ist, wie werden diese Einrichtungen angenommen? In Deutschland liegt das, was die Theater selber erwirtschaften, bei etwa 18 Prozent. Das heisst, 82 Prozent werden getragen von der öffentlichen Hand.
Wenn man das in absoluten Zahlen nimmt, ich nehme die jetzt einmal für Deutschland, in der Schweiz sind sie nicht viel anders, dann wird jede Theaterkarte mit 120 Euro subventioniert. Das, was der Zuschauer tatsächlich zahlt, wird getoppt mit diesen 120 Euro. Wenn Sie dann schauen, was anderen Kulturbereichen zugutekommt, nehmen wir Festivals, die Soziokultur, nehmen wir die Jugendkultur, da wird um jeden Franken gerungen. Das ist weder gerecht noch effizient.
Was ist die Aufgabe der öffentlichen Hand bei der Kulturförderung?
Die öffentliche Hand sollte zunächst einmal ganz klare Ziele setzen. Warum will ich etwas? Will ich etwas wegen der Inhalte? Will ich etwas, was durchaus legitim ist, um einen überörtlichen Event zu setzen? Um die Wirtschaft zu fördern wie durch das Lucerne Festival beispielsweise?
Das ist europaweit bekannt und zieht die Menschen an, in die Stadt zu kommen. Das ist ein nicht zu unterschätzender wirtschaftlicher Faktor. Das ist alles legitim. Und das Allerwichtigste ist, zu überprüfen, inwieweit diese Ziele überhaupt erreicht werden.
Früher hat der Staat entschieden, was qualitativ hochwertige Kunst ist. Heute haben wir Kommissionen, die Kunst nach vordefinierten Förderkriterien beurteilen. Das heisst aber auch, dass der Künstler am erfolgreichsten ist, der sich am besten auf diese Förderkriterien einstellt.
Das ist eine grosse Kritik, ja. Wobei man sagen muss – wie etwa in Deutschland: Diejenigen, die die «Antragslyrik» am besten beherrschen, die die entsprechenden Worte sagen, «kulturelle Bildung» oder «Integration von Flüchtlingen», die bekommen die Zuwendung. Und darüber muss man offen streiten. Sind das vernünftige Kriterien oder gibt es vielleicht ganz andere?
Ich glaube, das Publikum ist gar nicht so dumm.
Ich denke, es ist nicht das schlechteste, wenn die Publikumsnachfrage ein Kriterium ist. Es wird immer behauptet, dann gebe es nur noch leichte Kost, dann werden nur noch Musicals gemacht. Ich glaube, das Publikum ist gar nicht so dumm. Das Publikum kann entscheiden, was Qualität ist und was nicht. Wenn etwas keine Qualität ist, geht man nicht hin.
Umgekehrt werden Sie für solche Aussagen kritisiert, Sie seien ein Populist, der einem Publikum nach dem Mund redet, das Kultur sowieso verachte. Was ist Ihre Antwort darauf?
Wenn man keine Argumente hat, dann kommt man mit solchen Schlagworten. Nein. Ich glaube, die Theater, Orchester oder Museen sind kein Selbstzweck, sondern sind mit einem ganz bestimmten Ziel gemacht worden. Man muss überprüfen, ob sie angenommen werden. Das hat mit Populismus überhaupt nichts zu tun.
Ein Theater, das nicht besucht wird, ein Orchester, das nicht gehört wird, ein Gemälde, das nicht betrachtet wird, das existiert ja im Grunde nicht. Der Zuschauer ist ganz wesentlich bei einem Kunstwerk.
Neulich sagte jemand: ‹Wir müssen auch Dinge fördern, die kein Mensch sehen will›. Ich habe nur gesagt: ‹Warum?›
Neulich sagte jemand: «Wir müssen auch Dinge fördern, die kein Mensch sehen will». Ich habe nur gesagt: «Warum? Warum muss der Staat Dinge fördern, die kein Mensch sehen oder hören will?» Ich glaube, das ist der Populismus der Kulturpolitiker, die keine Argumente haben, sondern sich scheuen, in Auseinandersetzungen mit Kulturinstitutionen zu gehen. Warum scheuen sie sich? Weil sie Angst haben, sie werden als Kulturbanause kritisiert.
Wenn Sie sagen, die Künstler und Kulturvermittler sollten marktgerechter und nachfrageorientierter produzieren, woran sollen sie sich denn orientieren? An den Hypes, die das Feuilleton hochjubelt?
Wenn wir den Kulturbetrieb einmal realistisch anschauen, dann haben wir drei grosse Gruppen von Besuchern: Fünf bis sieben Prozent – das sind die Dauerbesucher. Die von denen wir hier die ganze Zeit reden. Dem gegenüber stehen 50 Prozent, die sich überhaupt nicht für Kunst und Kultur interessieren. Und dann hängen 40 bis 45 Prozent dazwischen, die man durchaus begeistern und ansprechen kann.
Man muss sich fragen, warum kommen die Menschen nicht?
Wenn aber Theater mit 82 Prozent dauergefördert werden, dann sage ich jetzt etwas ganz Böses: Dann ist das einzige, was stört, der Besucher. Wir merken die Besucherrückgänge im Schauspiel hier in Deutschland, die sind eklatant. Man muss sich fragen, warum kommen die Menschen nicht? Ist das gerechtfertigt, einen Betrieb so weiterlaufen zu lassen? Oder muss man sich fragen: «Was müssen wir anders machen?» Noch einmal: Die Zuschauer sind nicht dumm. Die wissen ganz genau, wo sie hingehen.
Das Gespräch führte: Samuel Wyss
Zur Person
Armin Klein ist Professor für Kulturwissenschaft und Management an der PH Ludwigsburg.
Er ist langjähriger Gastdozent der Universitäten Basel, Bern und der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften sowie des International Centre for Culture and Management in Salzburg.
Buchhinweis
Klein, Armin; Haselbach, Dieter; Knüsel, Pius; Opitz, Stephan:«Der Kulturinfarkt, Von allem zu viel und überall das Gleiche», München 2012