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Philosophische Betrachtungen von Themen, die mich beschäftigen.
Es sollen Denkanstösse sein, die weitergedacht werden dürfen und sollen.
Mündigkeit (12.11.2017)
Diskutiere ich ab und an mit Freunden, Arbeitskolleginnen und Kollegen über den Begriff 'Mündigkeit", so stelle ich fest, dass keine klare Vorstellung vom Begriff herrscht.
Sehr oft wird er in Konnotation mit Freiheit, im Sinne von "tun und lassen was man will" gebraucht.
Ein mündiger Mensch kann genau das eben nicht. Er kann nicht, wie im oben gemeinten Sinne, frei sein. Das Subjekt wird durch die Mündigkeit an das soziale Umfeld, letztlich an den Staat gebunden und soll durch seine Mündigkeit auch die Geschicke des Staates mitgestalten.
Der Begriff Mündigkeit geht auf den althochdeutschen Begriff "munt" zurück. Er hat nicht mit dem Wort Mund zu tun, sondern der "munt" bezieht sich auf die Volljährigkeit im germanischen Recht. Diese Volljährigkeit - Mundbarkeit - bedeutete damals, dass sie mit der biographischen Entwicklung des Menschen verbunden, und somit an die Handlungs- und Ehefähigkeit geknüpft war.
Neben dem germanischen Recht spielte das römische Recht eine wichtige Bedeutung für die Setzung des Begriffs Mündigkeit.
Es unterschied zwischen Unmündigen (impuberes) und Geschlechtsreifen (puberes). Die Geschlechtsreife, bei Knaben ab dem 14. Lebensjahr, brachte ihnen die volle Geschäftsfähikgeit.
Beide Rechtssetzungen machten Volljährigkeit und Mündigkeit in einem juristischen Sinne an Äusserlichkeiten wie Alter oder Geschlechtsreife fest.
Während der Aufklärung wandelt sich diese Sichtweise.
Im Dezember 1784 erscheint Immanuel Kants Text zur Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?
Gleich zu Beginn seiner Ausführung beantwortet Kant präzis die Frage nach Aufklärung und deren Verhältnis zur Mündigkeit. Er betont, dass Vernunft die Bedingung von Freiheit ist und Freiheit die Bedingung der Vernunft. Beide sind dem Menschen naturbedingte, ursprüngliche Fakten. Vernunft und Freiheit sind somit auch Bedingung für Aufklärung und Grundlage der Mündigkeit. Die Menschen sollten sich von ihrer Unmündigkeit befreien. "Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"
Der Begriff Mündigkeit wird nun selbst-reflexiv gebraucht. Das Subjekt soll sich aufgrund seines eigenständigen selbst-reflexiven Gebrauches der Vernunft kraft der Natur als mündig erkennen. Diese Mündigkeit befähigt das Subjekt letztlich dazu, sich in der Öffentlichkeit politischen Themen zu widmen und aktiv daran zu beteiligen. Es soll den politischen Alltag mitgestalten.
Adorno zeichnet fast zweihundert Jahre später ein anderes Bild von den Begriffen Mündigkeit, Aufklärung, Vernunft und Freiheit.
Seine Sichtweise wurde von den Geschehnissen des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust geprägt.
Die Aufklärung erweist sich nun nicht mehr als Projekt des Fortschritts, als Ideal des Weges aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Sie verfällt nun in eine Regression. Aufklärung engt den Menschen ein. Vernunft kann nun auch gegen die Aufklärung eingesetzt werden, Vernunft "verhält sich zu den Dingen, wie der Diktator zu den Menschen. Er kennt sie, insofern er sie manipulieren kann" (Adorno).
Es entsteht eine Dilaktik, welche sich in der Abwendung der Aufklärung in ihrer Bestimmung zeigt. Die Aufklärung als Fortschritt zerfällt. Die Vernunft wird herrisch und somit wird der Mensch nicht mehr in ein Emanzipationsprojekt integriert, sondern er wird in der Aufklärung gezähmt.
Aus dieser Perspektive heraus fordert Adorno in seinem 1972 erschienen Buch "Erziehung zur Mündigkeit" eine zeitgemässe Erziehung. Die zentrale Ausgangslage einer zeitgemässen Erziehung ist ihr Verhältnis zur Aufarbeitung der Vergangenheit. Selbstkritische Vernunft und Aufklärung finden in einem historischen Kontext statt. Das mündige Subjekt ist zur Selbstkritik, zu selbstkritischen Denken und zu einer selbstkritischen Vernunft fähig.
Diese Fähigkeiten führen dazu, dass sich das Subjekt letztlich auch in einen Widerstand gegen den Staat begeben sollte, so dass eine Wiederholung von Auschwitz nicht mehr stattfinden kann.
Beide Denker haben jedoch eines gemeinsam. Bei beiden wird das Subjekt in die Verantwortung genommen am politischen Leben mitzugestalten. Für beide Philosophen steht und fällt das soziale und politische Zusammenleben der Menschen in der mündigen Partizipation aller.
Der Massstab (01.09.2017)
Masseinheiten sind dazu gedacht, etwas zu messen. Seien es Längen, die Zeit oder Volumina.
Betrachten wir die Längenmasseinheit "Meter", so können wir auf eine interessante Geschichte zurückblicken.
In der Schule lernten wir, dass die Längenmasse des Mittelalters (Elle und Fuss) ungenau waren und durch eine genaue Grösse ersetzt werden mussten. Es entstand der Urmeter, welcher 1795 in Paris eingeführt wurde. 1983 nahmen die Korrekturen an der Längenmasseinheit "Meter" ihr vorläufiges Ende und seit dieser Zeit wird ein Meter als jene Strecke, die das Licht im Vakuum während der Dauer von 1/299'792'458 Sekunden durchläuft, definiert.
Heute käme es niemandem mehr in den Sinn, an dieser Längenmasseinheit zu zweifeln. Ein Meter Stoff ist in der Schweiz gleich lang, wie in Spanien oder in Deutschland. Wir messen bei unserem täglichen Gebrauch, die Länge eines Gegenstandes - wen wundert's - mit einem geeichten Massstab, dem Meter.
Wie sieht dies aber mit unserem eigenen Massstab aus.
Ist unser Massstab bei unseren Handlungen und der Bewertung von anderen Gedanken und Meinungen genau so akribisch, wie die Längenmasseinheit "Meter"?
Mir ist aufgefallen, dass in Diskussionen sehr oft die eigene Handlung und Haltung - der eigene Massstab - über die Meinung des Gegenübers gestellt wird.
In vielen Diskussionen habe ich wahrgenommen, dass, wenn der Versuch gemacht wird, seine Meinung mit einer Studie, oder einer wissenschaftlichen Abhandlung zu begründen, das Gegenüber sagt: "Ach, Studien kann man fälschen!", oder ,"es gibt keine wissenschaftlichen Belege für die Theorie von X oder Y".
Interessant ist auch zu sehen, dass, wenn eine Partei ihr Handeln aus einer philosophischen Werthaltung heraus begründet, die Gegenpartei oft nicht auf die Werthaltung des Gegenübers eingeht und einen Konsens sucht, sondern die eigene Haltung und Handlung als Massstab nimmt und sich zur gültigen Masseinheit ermächtigt: "Meine privaten Überzeugungen und mein Gewissen sind der Massstab für mein Handeln und Denken".
Bei dieser Sichtweise entsteht eine Frage, die genauer betrachtet werden sollte:
Bin ich der "Urmeter" an dem ich meine - und die Handlungen anderer - bewerten, messen und ggf. verallgemeinern kann?
Eine mögliche Antwort:
Nein, aber es gibt Ethikkonzepte, die gutes Handeln beschreiben und nach denen man sich richten kann.
Aber auch hier gibt es bis jetzt noch kein Konzept, welches als "der Urmeter für gutes Handeln" definiert worden ist.
Was alle Konzepte jedoch miteinander gemein haben, ist der Umstand, dass ohne ein Gegenüber, moralisches Handeln gar nicht möglich wäre.
Dies wiederum bedeutet, dass ich in mein moralisches Handeln mein Gegenüber mit einbeziehen muss. Nur unter dessen Einbezug lassen sich Probleme ethisch adäquat diskutieren und (eventuell) lösen. Beziehe ich mein Gegenüber nicht in meine Handlungen ein und mache mich zum Massstab meines Tuns, so kommt Norbert Wokarts Definition des Bösen treffend zum tragen:
" Böse ist, wer sein Gewissen zum Massstab macht und seine privaten Überzeugungen für allgemeingültig erklärt."