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Eisbären sind bekannterweise sehr geschickte und intelligente Raubtiere. Was viele Menschen nicht wissen, ist, dass der König der Arktis tatsächlich häufig zu den Meeressäugetieren gezählt wird. Denn Eisbären sind ausdauernde Schwimmer und verbringen ihre meiste Zeit eigentlich auf dem Packeis und im Arktischen Ozean. Bisher dachte man, dass die Tiere im Wasser nicht jagen, sondern nur schwimmen. Doch ein polnisches Forschungsteam konnte auf Svalbard eine aufsehenerregende Beobachtung machen: Ein Eisbär jagte Rentiere ins Wasser und tötete die Tiere dort.
Das weibliche Tier, das nach Angaben der Forscher einen gesunden, wohlgenährten Eindruck gemacht hatte, wurde beobachtet, wie es einen Rentierbullen ins Wasser jagte und ihm dorthin folgte. Was danach geschah, versetzte die Beobachter in Erstaunen: Die Eisbärin tötete den Rentierbullen mit Bissen und indem sie ihre Beute unter Wasser drückte und so wohl ertränkte. «Ich war schockiert», erklärte Izabela Kulaszewicz gegenüber dem Wissenschaftsmagazin Science. «Ich dachte, Rentiere seien gute Schwimmer und der Bär hätte grössere Schwierigkeiten, das Rentier zu fangen.» Die Beobachtungen und die dazugehörenden Aufnahmen veröffentlichten die Forscher in der Fachzeitschrift Polar Biology in diesem Monat.
Nachdem die Eisbärin sichergestellt hatte, dass das Rentier tot ist, indem sie es weitere 15 Minuten unter Wasser gedrückt hatte, brachte sie ihre Beute zurück an Land und vertilgte rund die Hälfte des Tieres bereits im ersten Durchgang. Danach legte sie sich schlafen und kam erst Stunden später zurück, um sich nochmals am Kadaver gütlich zu tun. Das Forschungsteam schätzt, dass rund 80 Prozent des Rentieres von der Bärin verschlungen wurde. Der Rest wurde von Polarfüchsen und Möwen gefressen, schreiben die Autoren weiter.
Alleine diese Beobachtungen wären bereits spektakulär. Doch die polnischen Forscherinnen und Forscher fanden am darauffolgenden Tag dieselbe Bärin in der Nähe der Station bei einem neuen Kadaver eines Rentieres. Das Team vermutet, dass sie den Tötungsakt nur knapp verpasst hatten und die Bärin ihren restlichen Hunger mit einem neuen Rentier stillen wollte. Die Beobachtungen zeigten, dass die Bärin dieses Mal nicht mehr so viel ihrer Beute verschlang und kaum mehr als 40 Prozent des Rentieres nutzte. Danach verschwand die Bärin in den Weiten des Hornsunds von Svalbard.
Die Tatsache, dass Rentiere auf dem Speiseplan von Eisbären stehen, wurde schon länger vermutet, wie eine Durchsicht der entsprechenden Literatur zeigt. Schon öfter hatten Forscher dokumentiert, dass Eisbären entweder Rentieren hinterherjagen oder dass sie sogar Jungtiere erwischten. Doch dass Eisbären ihre Beute im Wasser erlegen und dabei auch vor ausgewachsenen Rentierbullen nicht halt machen, wurde bisher noch nie live beobachtet. An Land hätten Eisbären gegenüber den schnelleren und agileren Rentieren keine grosse Chance, da sind sich Experten einig. Eisbären können zwar auf kurzen Strecken sehr schnell sprinten, überhitzen aber dank ihrer Isolation durch Speckschicht und Fell sehr schnell. Auch im Wasser sind Eisbären zwar ausgezeichnete Schwimmer. Doch erfolgreich ein Tier wie beispielsweise eine Robbe oder eben ein Rentier mit seinen rund 100 Kilogramm im Wasser zu schlagen, schien bisher unwahrscheinlich. Eine auf Svalbard erstellte Studie hatte gezeigt, dass im Sommer der Anteil von Rentier an der Nahrung durchaus mehr als ein Viertel darstellt, aber ob es sich dabei um selbst erlegte Tiere oder das Fressen von verstorbenen Rentieren handelt, war nicht klar.
Experten sind zwar überrascht über die Erkenntnisse der polnischen Kolleginnen und Kollegen. Doch andererseits sind Eisbären bekannt dafür, bei der Nahrung sehr flexibel zu sein. Besonders im Sommer, wenn sich das Meereis weit in den Norden zurückzieht, müssen Eisbären, die an Land geblieben sind, sich alternative Quellen suchen. Dann werden Nester geplündert, Kadaver von toten Tieren gefressen und sogar Algen verzehrt. Offensichtlich sind aber auch die agilen Rentiere eine mögliche Nahrungsquelle. Wie gross der Energiegewinn für die Bären dabei ist, müsste noch bestimmt werden. Und eines ist sicher: Trotz ihrer grossen Bandbreite an Nahrungsquellen wird es für Eisbären immer schwieriger, Nahrung zu finden und ihren Energiebedarf zu decken. Denn sie brauchen vor allem Fett, dass ihnen nur Robben oder Wale in ausreichender Menge liefern können. Diese brauchen Eis als Lebensraum… und das wird in der Arktis immer knapper.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal
Link zur Studie: Stempniewicz, L., Kulaszewicz, I. & Aars, J. Yes, they can: polar bears Ursus maritimus successfully hunt Svalbard reindeer Rangifer tarandus platyrhynchus. Polar Biol 44, 2199–2206 (2021). https://doi.org/10.1007/s00300-021-02954-w