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Nelson Mandela, die distinguierte Ikone der Anti-Apartheid-Bewegung, die für ihren Widerstand gegen die Rassentrennung mit 27 Jahren Gefängnis bezahlte, im grünen Käppi und Shirt der südafrikanischen Rugby-Nationalmannschaft. Selten gab der Sport ein symbolträchtigeres Bild ab, selten hatte der Sport einen derart grossen Effekt auf eine Gesellschaft wie 1995 in Südafrika.
Erst fünf Jahre zuvor war Mandela aus dem Gefängnis entlassen worden, 1994 war er im Alter von 76 Jahren in den ersten freien Wahlen zum Präsidenten gewählt worden. Die Rugby-WM sollte zum Schaufenster der neuen Regenbogen-Nation werden. Bloss: Die «Springboks» waren für die meisten Schwarzen der Inbegriff des weissen, rassistischen Südafrika. Die Schwarzen schauten und spielten Fussball, die Weissen den Sport, der an den britischen Elite-Hochschulen entstanden war.
Filmreifes Happy-End
Ein einziger dunkelhäutiger Spieler stand in der WM-Mannschaft von 1995, doch Mandela sah die Chance auf ein einigendes Spektakel und holte den südafrikanischen Captain Francois Pienaar mit ins Boot. Die Spieler enttäuschten ihn nicht. Im Halbfinal rangen sie Frankreich 19:15 nieder, im Final erzielte Joel Stransky in der Verlängerung mit einem Drop-Kick die Punkte zum Sieg gegen das hoch favorisierte Neuseeland um den Superstar Jonah Lomu. Mandela - und ein klein wenig die Rugby-Helden - sorgten dafür, dass die Emotionen in Südafrika positiv kanalisiert wurden und nicht in einen Bürgerkrieg mündeten. Hollywood verewigte die historische Geschichte im Film «Invictus» von Clint Eastwood.
In Neuseeland geht die Geschichte ein klein wenig anders. Eine ganze Reihe ihrer Spieler wurde vor dem Final krank, bis heute sind viele überzeugt, dass die Lebensmittelvergiftung im südafrikanischen Hotel absichtlich verursacht wurde und man deshalb im Final nicht das gewohnte Leistungsniveau erreichte.
Erst eine Titelverteidigung
Nun treffen die «All Blacks» und die «Springboks» am Samstagabend im Stade de France ein zweites Mal in einem WM-Final aufeinander. «Bei uns geht es immer um mehr als nur Rugby», weiss Siya Kolisi, der 2018 zum ersten dunkelhäutigen Captain Südafrikas ernannt wurde und sein Team vor vier Jahren in Japan zum dritten WM-Titel führte. Neuseeland musste nach dem Trauma von 1995 sechzehn Jahre auf seinen zweiten Gewinn des berühmten Webb-Ellis-Pokals warten, doppelte dann aber vier Jahre später nach. Es ist die einzige erfolgreiche Titelverteidigung der WM-Geschichte. Nun geht es für die beiden erfolgreichsten Rugby-Nationen der Geschichte darum, mit dem vierten Titel alleiniger Rekordhalter zu werden.
Die Buchmacher sehen Neuseeland als leichten Favoriten - und das ist einigermassen erstaunlich. Noch vor wenigen Monaten herrschte im Kiwi-Land Panik, von der «schwächsten neuseeländischen Rugby-Nationalmannschaft aller Zeiten» sprachen die Medien. Im letzten Jahr gab es eine Serie von fünf Niederlagen in sechs Spielen - unerhört und nie da gewesen. Südafrika spielte dabei eine wichtige Rolle. Zwei Wochen vor dem Start der Titelkämpfe wurde man von den «Springboks» mit 7:35 gedemütigt, das WM-Eröffnungsspiel gegen Frankreich wurde ebenfalls deutlich (13:27) verloren.
Wie Phoenix aus der Asche
Als es darauf ankam, in den K.o.-Spielen, waren die «All Blacks» aber wieder voll da. Ein dramatischer Sieg im hochklassigen Viertelfinal gegen die damalige Nummer 1 Irland (im Rugby wird die Weltrangliste auch während der WM laufend aktualisiert) und ein begeisterndes 44:6 im Halbfinal gegen Argentinien machten allen deutlich, dass Neuseeland wieder da ist.
So scheint der Final weit offen, denn Südafrika zeigte gegen den Gastgeber Frankreich (29:28) und den letztmaligen Finalisten England (16:15) seine grösste Qualität: Mit seinem physischen Stil erdrückt es seine Gegner regelrecht, bis diese nicht mehr können. Eines steht fest: «Etwas Grösseres als diesen Final gibt es nicht», betont Siya Kolisi. Weltweit werden bis zu 50 Millionen TV-Zuschauer erwartet. Und der Gewinner wird zumindest die nächsten vier Jahre mit Fug und Recht behaupten können, die Besten der Geschichte zu sein.