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Knabe mit seinem Bilderbuch, um 1860. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum
Schweizer Bilderbücher vor 1900
Als einige der ältesten Schweizer Bilderbücher gelten Ernst Kreidolfs Jugendstil-Bücher, in denen er Blumen und Insekten zum Leben erweckt. Sein «Blumen-Märchen» ist 1898 erschienen. Zuvor waren illustrierte Bücher für jüngere Kinder aus der Schweiz nur ganz vereinzelt anzutreffen.
Bilderbücher, wie wir sie heute definieren würden, richten sich in der Regel an kleine Kinder, sie verfügen über einen hohen Bildanteil, der für das Verständnis der Geschichte eine wesentliche Rolle spielt, und sie dienen einem Unterhaltungszweck. Bilderbücher werden gemeinsam angeschaut: Das Kind betrachtet die Bilder, der Erwachsene liest den Text vor. Das Verständnis der Kinderliteratur als eine spezifisch für Kinder und ihren Erfahrungshorizont verfasste Literatur entwickelt sich erst im Laufe des 18. Jahrhundert. Der Unterhaltungszweck der Kinderliteratur ist im historischen Zusammenhang nicht selbstverständlich. Bücher, die sich an Kinder richten, dienen über lange Zeit der moralischen, schulischen oder religiösen Erziehung. So sind unter den ältesten Schweizer Kinderbüchern viele Bibelnacherzählungen, Katechismen, Fibeln, Briefsteller und Moralerzählungen zu finden. Das bis heute wohl bekannteste Schweizer Kinderbuch, Johanna Spyris «Heidis Lehr- und Wanderjahre» (1880) hebt sich auch deswegen aus der Masse heraus, weil es dem psychologischen Innenleben des Kindes ein grosses Interesse entgegenbringt. Die Entdeckung der Kinderliteratur als Unterhaltungsmedium für Kinder ist also an der Grenze zum 20. Jahrhundert noch eine relativ neue Entwicklung, zumindest in der Schweiz.
Die Herstellung von Büchern mit einem hohen Bildanteil ist technisch mit grossem Aufwand verbunden und entsprechend teuer. Viele der Bücher, die sich an Kinder und Jugendliche richten, sind zwar durch einzelne Bildtafeln, Holzstiche oder Radierungen geschmückt, doch ist der Bildanteil gemessen am Gesamtvolumen sehr gering. Erst durch neue Innovationen im Lauf des 19. Jahrhunderts in der Drucktechnik ist es möglich, Bilderbücher in grösseren Auflagen, günstiger – und vor allem auch farbig – zu drucken. Nicht nur wegen der hohen Anschaffungskosten sind die ersten Bilderbücher nur in bürgerlichen Haushalten denkbar, sondern auch aufgrund ihres Verwendungszwecks: Zeit, um sich mit einem Kleinkind einem Buch zu widmen, dürfte in vielen Arbeiter- und Bauernfamilien Mangelware gewesen sein.
Unter den wenigen Schweizer Werken vor Ernst Kreidolfs «Blumen-Märchen», die Bilderbüchern am nächsten kommen, finden sich ABC-Bücher. Diese dienen nicht mehr allein einem lesedidaktischen Auftrag, sondern kommen in einer Vielfalt von Ausgestaltungen und Formen daher. Während das «Kleine Bilderbuch für Kinder» (Winterthur, um 1830) zu jedem Gross- und Kleinbuchstaben je ein Bild zeigt – etwa ein Dach und eine Dohle beim D – ist im «Neuen ABC- und Bilderbuch für die Jugend» (Bern, 1836) unter den Bildchen und Buchstaben jeweils auch ein Vers zu lesen. Die Moral wird auch hier nicht vernachlässigt, so heisst es etwa unter dem Buchstaben D: «Die Dohle siehet schwarz, und stiehlt gern Ring und Geld / Ein Kind, das etwas stiehlt, verdirbt ganz in der Welt».
Illustrierte Sammlungen von Reimen, Gedichten, Rätseln und Versen machen eine weitere Kategorie aus, die sich unter den Vorläufern der heutigen Bilderbücher findet. Das Buch «Fünfzig Fabeln und Bilder aus der Jugendwelt» (1840) kombiniert zum Beispiel pro Doppelseite einen jeweils rechts stehenden kurzen gereimten Text aus dem Kinderalltag, oft in Dialogform, mit einer linksseitig abgedruckten Zeichnung von Heinrich Meyer, wobei nur die ersten 30 Gedichte auch bebildert sind. Die Verse, die etwa davon erzählen, wie ungern ein Kind eine Arznei einnimmt oder wie sehr sich ein kleiner Junge darüber freut, endlich Hosen statt ein Röcklein tragen zu dürfen, sind von Wilhelm Corrodi verfasst. Corrodi war Pfarrer im Kanton Zürich und Vater von August Corrodi, der sich später als Zeichenlehrer und Autor von erstaunlich innovativen Kindergeschichten einen Namen machen sollte.
Unter August Corrodis Bekannten in Winterthur finden sich zwei Frauen, die selbst Bilderbücher gestalteten: Sophie Schäppi, die in «Der Tante Sophie Bilderbuch» (1885) liebevolle schweizerdeutsche Verse von Louise Ziegler aus dem Kinderalltag illustrierte, sowie die Volksdichterin Susanne Maria Kübler, die im «Märchen- und Geschichtenbuch der Fee Chrysalinde» (1875) Gedichte grosser Dichter wie Goethe oder Rückert fantasievoll bebilderte. All diese frühen Bilderbücher erreichten keine so grosse Verbreitung, dass man heute von Klassikern sprechen könnte. Doch dies sollte sich schon bald ändern: Lisa Wengers «Joggeli söll go Birli schüttle» erfreut seit inzwischen 110 Jahren Generationen von Schweizer Kindern – denen heute zum Glück der Zugang zu einem wahren Reichtum an Bilderbüchern möglich ist.
Landesmuseum Zürich
15.6. – 14.10.2018
Über Generationen begeistern die Figuren aus Schweizer Bilderbüchern unzählige Leserinnen und Leser. Die Familienausstellung im Landesmuseum Zürich lässt Kinder in die Bilderbuchwelten eintauchen, während Erwachsene ihren einstigen Lieblingen im kulturellen Kontext begegnen.
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