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Etrit Hasler sucht Ersatz für überholte Nationalhymnen
Es ist leicht zu argumentieren, dass Nationalhymnen grundsätzlich aus Sportanlässen verschwinden sollten. Zunächst natürlich, weil moderne Menschen Nationalstaaten und ihre Symbole grundsätzlich als überholtes Relikt aus dem 19. Jahrhundert ablehnen. Zweitens, weil gerade in der globalen Welt des Sports Nationalitäten nur ein weiteres Mannschaftstrikot sind, das jederzeit gewechselt werden kann. Und drittens, weil Hymnen ein enormes Potenzial an Fettnäpfchen bieten, in das dauernd ein Sportveranstalter tritt.
Letzte Woche zum Beispiel spielten die deutschen Veranstalter an der Eishockeyweltmeisterschaft nach dem Sieg der slowakischen über die italienische Mannschaft die slowenische Hymne ab – immerhin sangen die slowakischen Fans laut genug, um die falsche Hymne akustisch auszublenden. Peinlich ist das natürlich trotzdem, und die US-Website Deadspin fragte witzelnd, ob nach dem Sieg der Slowaken über Lettland eher die litauische oder die serbische Hymne ertönen werde.
Zugegeben: Europa ist verwirrend geworden. Was an Staaten in den letzten zwanzig Jahren auf der Landkarte aufgetaucht ist, kann hartgesottene GlobetrotterInnen überfordern. Wer weiss schon, wo Kasachstan liegt, wie die Hauptstadt von Turkmenistan heisst oder was die Nationalhymne des Kosovo ist? Die Antwort auf Letzteres wäre übrigens «Europa» von Mendi Mengjiqi, aber das wissen auch die meisten KosovarInnen nicht.
Das Phänomen verwechselter Hymnen ist allerdings nicht nur auf Europa beschränkt. Bei der Copa América Centenario spielten die US-Veranstalter statt der Hymne Uruguays jene Chiles ab. Die russische Nationalhymne wurde schon am selben Tag zweimal falsch abgespielt: Am 7. September 2015 wurde die «Patrioticheskaya Pesnya» (russische Hymne zwischen 1990 und 2000) sowohl bei den griechisch-römischen Ringermeisterschaften in Las Vegas als auch bei den Meisterschaften der Rhythmischen Sportgymnastik in Stuttgart abgespielt. Und wie häufig wurde schon aus Versehen die verpönte erste Strophe des Deutschlandliedes («über alles») abgespult – Letzteres geschah sogar schon beim Schweizer Fernsehen bei den Untertiteln für Gehörlose, ausgerechnet bei der Partie Deutschland gegen Österreich.
Man merke (frau weiss das schon lange): Nationalhymnen bringen nur Ärger. Ihre Texte sind allesamt doof, ihre Melodien antiquiert und untanzbar, und das ganze Theater, das wieder losgeht, wenn SportlerInnen nicht mitsingen, habe ich noch gar nicht erwähnt. Dabei ginge es so viel einfacher: Warum lässt man SportlerInnen, die einen Wettkampf gewinnen, nicht einfach einen Karaokesong nach Wahl singen?
Wer würde nicht in Tränen ausbrechen, wenn Roger Federer beim nächsten Turniersieg «Boys Don’t Cry» von The Cure ins Mikrofon schmettern würde? Wer könnte sich das Fingerschnippen verklemmen, wenn Giulia Steingruber ihre nächste Medaille mit Johnny Cashs «I Walk the Line» feiern würde? Wer würde nicht mitsingen, wenn bei Dario Colognas nächstem Sieg statt des stumpfen Schweizerpsalms The Proclaimers ertönen würden: «I would walk 500 miles and I would walk 500 more!» Oder beim unvermeidlichen «Wonderwall» von Oasis, wenn die Schweizer Fussballnationalmannschaft das nächste Mal aus einem Turnier ausscheidet, ohne ein Tor kassiert zu haben?
Apropos Fussball: Wenn Granit Xhaka eines Tages tatsächlich Captain der Schweizer Fussballnationalmannschaft wird, müsste ihn die Mannschaft mit «Welcome to the Jungle» (Guns N’ Roses) begrüssen. Und wenn Mathias Seger dereinst seine Eishockeyrüstung an den Nagel hängt, erwarte ich von der Nati «Bridge over Troubled Water» (Simon & Garfunkel). Und zwar vierstimmig!
Finden Sie das doof? Mag sein. Aber egal, wie schlecht diese Songs gesungen würden – es wäre immer noch weniger peinlich als das ewige Abspulen überholter Hymnen. Selbst wenn sie mal nicht verwechselt werden.
Etrit Hasler ist nicht wahnsinnig musikalisch, hat aber ein feines Gehör – und zieht selbst den schlechtesten Karaokeabend einer einzelnen Nationalhymne vor.