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Text
Titel:
Gesellenschiessen in Herisau
Thema: Leute
Datum: 23.08.1646
Standort: Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, App b 2096
Urheber/-in:
Beschreibung:
Das vorliegende „Extract Eines freyen Gsellen-Schiessens“ stammt aus dem Jahr 1647 und dokumentiert das grosse Freischiessen, das in Herisau am 23. August 1646 von der Herisauer Schützengesellschaft organisiert wurde. Im Extract finden sich die Namen der teilnehmenden Schützen jeweils aufgeführt nach Gemeinden. Die Teilnehmer stammten nicht nur aus Appenzell Ausserrhoden, sondern auch aus anderen Orten. Weiter finden sich im Extract Listen mit den Gaben, welche die besten Schützen erhielten.
In manchen Gemeinden bestanden bereits im 17. Jahrhundert Schützengesellschaften, welche aber erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, vor allem während der Regeneration, an Bedeutung gewannen, als die regelmässig stattfindenden Schützenfeste zu Foren der liberalen Erneuerungsbewegung wurden und man infolgedessen zahlreiche Schützenvereine gründete.
Geschichte:
Die geographische Trennung der Konfessionen bewahrte die Alte Eidgenossenschaft während des Dreissigjährigen Krieges vor einer Verflechtung in die Konflikte der umliegenden Nachbarn. Diese eidgenössische „Neutralitätspolitik“ musste bewahrt werden, um einen allfälligen Bürgerkrieg innerhalb der Eidgenossenschaft zu verhindern, falls eine der Religionsparteien ihren Glaubensbrüdern in den umliegenden Ländern hätte zu Hilfe eilen wollen.
Ausserrhoden war durch den Bundesbrief von 1513 zu einer zurückhaltenden, neutralen Politik verpflichtet worden und gehörte damit zu den Ständen, welche eine Vermittlerrolle einnehmen sollten, wenn es zu Streitereien zwischen Kantonen kam. Der Zwang zur Neutralität Ausserrhodens und im weiteren Sinne auch der Ostschweiz rührte aber auch von der geographischen Durchmischung der Konfessionen. Denn sowohl für die beiden Appenzell wie auch für St. Gallen war es schwierig, Partei für eine der Konfessionen zu ergreifen, ohne selbst das Risiko eines Angriffs von irgendeiner Grenze her in Kauf zu nehmen. Ausserrhoden sollte Innerrhoden und den Abt von St. Gallen in Schach halten, Innerrhoden wiederum wurde aufgefordert, gute Beziehungen zum Abt zu pflegen um die Möglichkeit von offensiven Aktionen der Ausserrhödler einzugrenzen.
Die erzwungene Zurückhaltung in der Politik der Appenzeller führte dazu, dass die militärische Bereitschaft nicht mehr ganz so ausgeprägt war. Es ging weniger darum, die eigene Kraft zu demonstrieren, als vielmehr seine Nachbarn gut zu beobachten und unnötige Mobilmachungen zu verhindern. Ein System von Hochwachten konnte im Notfall die Truppen schnell alarmieren.
Um die jungen Männer aber trotzdem in militärischen wie sportlichen Belangen zu fördern, unterstützte die politische Obrigkeit das aussermilitärische Schiesswesen, das in ihren Augen nützlicher erschien, als alternative Freizeitbeschäftigungen wie „täntzerische und andere weibischen Übungen“ (Schläpfer, S. 130) oder Trinken. Diese Unterstützung durch die politische Obrigkeit wird auch in der Quelle selbst genannt. Damit widersetzten sich die Politiker den Geistlichen, welche sich heftig gegen das Zielschiessen an Sonntagen wehrten.
Mit der Beschreibung der politischen Situation um Ausserrhoden herum sollte nicht der Eindruck erweckt werden, dass innerhalb des Kantons Einigkeit und Ruhe herrschte – im Gegenteil. Die aufgelockerte Siedlungsweise im Appenzellerland hatte zur Folge, dass oftmals grosse Distanzen bis zur nächsten Kirche zurückgelegt werden mussten. Immer häufiger wurde deshalb der Ruf nach nähergelegenen Kirchen laut, welche meist auch die Gründung neuer Gemeinden zur Folge hatten, so dass kirchliche und politische Gemeinde übereinstimmten. Beispielsweise verursachten die konfessionellen Gegensätze zwischen dem Appenzeller Vorderland und dem Rheintal ein spannungsvolles Verhältnis, so dass es allmählich zu Ablösungen der Vorderländer von den rheintalischen Kirchören kam.
Wirft man nun nochmals einen Blick in das Extract des Gesellenschiessens, stellt man fest, dass beispielsweise auch Schützen aus dem Rheintal daran teilgenommen hatten. Dies legt die Vermutung nahe, dass mit einem derartigen Schützenfest den jungen Männern nicht nur eine – zumindest aus Sicht der Politiker – sinnvolle Freizeitbeschäftigung gegeben war, sondern auch Beziehungen zwischen den Orten gepflegt werden konnten und - wie auch heutige Schützenfeste - verbindend wirkten.
Autorin: Katharina Merian, Speicher
Chronologie:
1597 "Landteilung" aus konfessionellen und wirtschaftlichen Gründen
1618-1648 Dreissigjähriger Krieg
Literatur:
Schläpfer, Walter: Appenzeller Geschichte, Bd. II. Appenzell Ausserrhoden von 1597 bis zur Gegenwart. Herisau 1976, S. 102-142.
Schützenwesen. In: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 24.5.2011. http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D8701.php (9.8.2011).
Wagner, Adalbert: Die Anfänge des Schützenwesens in Appenzell vor 400 Jahren und seine erste Entwicklung. Appenzell 1936.
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