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Fotografie in Uri
Im Sommer 2021 erscheint der 324-seitige Bildband zur 170-jährigen Fotogeschichte im Kanton Uri von Ruedi Gisler-Pfrunder. Das Buch beginnt mit den ersten Fotografien aus dem Kanton Uri von ausländischen Wanderfotografen,
wie dem unbekannten Paar aus Altdorf (Daguerreotypien, Fotograf unbekannt, um 1850). Bereits kurz nach der Erfindung der Fotografie waren viele sogenannte Wanderfotografen aus der Schweiz, aus Frankreich, England und Italien im Kanton Uri unterwegs. Das waren Porträtfotografen, welche die örtliche Bevölkerung als Kunden zu gewinnen versuchten und mit Inseraten in Zeitungen auf ihre Diensteistungen aufmerksam machten.
Der Ausbau der Verkehrswege, das Aufkommen des Tourismus generell und im Speziellen der Bau des Hotels Bellevue in Andermatt (1872), sowie der Bau der Gotthardfestung (1887), zogen zahlreiche Fotografen in den Kanton Uri.
Der Bäcker und Müller Anton Gamma gilt als erster Urner Fotograf. 1874 eröffnete Robert Z’Berg das erste professionelle Fotoatelier im Kanton Uri. 1893, Nach der Übernahme der «Papier- und Schreibmaterialienhandlung» von Martin Gisler-Imfeld etablierte sich die Familiendynastie von Matt zum grössten Urner Verleger von Ansichtskarten. 1897 fokussierte sich Gottfried Gassler aufgrund Andermatts Bedeutung als Militärstützpunkt auf Militärsujets, aber auch auf Landschafts- und Porträtaufnahmen, die er als Postkarten verkaufte. Von 1912 bis 1939 fotografierte Michael Aschwanden an der weltberühmten Axenstrasse die Passanten. In Andermatt eröffnete 1932 Jean Haemisegger sein Fotogeschäft und der Thurgauer Fotograf und Coiffeur Karl Küchler liess sich 1942 in Erstfeld nieder...
Doppelmord auf der Gruobialp
Wilderer, ein Verbrechen und seine Geschichte, von Michael Blatter
Am 14. Oktober 1899 erschiesst Adolf Scheuber aus Wolfenschiessen den Obwaldner Wildhüter Werner Durrer
und dessen Sohn Joseph Durrer. Der Mord ist eingebettet in eine Vorgeschichte: Kantonale Wildhüter unter eidgenössischer
Aufsicht; eidgenössische Jagdbanngebiete, die sich über mehrere Kantone erstrecken; ein einheitliches eidgenössisches Jagdgesetz, aber kantonal je unterschiedliche Umsetzung; das Jagdwild nur noch spärlich oder bereits ausgerottet, entsprechend hohe Preise auf dem schwarzen Absatzmarkt; man kennt und erkennt sich, an den Schuhabdrücken beispielsweise, aber dieses Wissen reicht nicht für entsprechende Verurteilungen vor Gericht; Jäger, Wildhüter und Wilderer haben Gewehre, die jüngeren Männer moderne und hochpräzise Militärwaffen, und sie schiessen, auch aufeinander.
Dem Mord folgt eine Nachgeschichte: Der Mörder kann fliehen. Die weltweite Fahndung nach dem Flüchtigen und die gerichtliche Aufarbeitung hinterlässt umfangreiche Akten. Die Bedeutung des Wildererns hat sich mit dem Mord schlagartig verändert. Der Mord wird selbst eine Geschichte: Schon kurz nach dem Mord wird in Gesprächen, in Zeitungsdebatten über das Warum, die rechte Deutung und Moral debattiert und gestritten...
Paxmontana
Lesebuch über das 1896 erbaute Jugendstilhotel im Flüeli-Ranft, von Romano Cuonz.
1896 baut der Meisterkoch Franz Hess-Michel (1865–1948) das Kurhaus Nünalphorn. Der Standort in Flüeli-Ranft mit Sicht in die Ranftschlucht, in die Melchtaler Berge und in die Weite des Saarnerartals ist grossartig gewählt. Das Hotel verfügt über grosse Gärten, einen Landwirtschaftsbetrieb mit Kühen, Pferden, Schweinen und Bienen, eine Molkerei, eine Bäckerei und eine Sägerei. Hess legt ein weitverspanntes Netz von Spazierwegen und eigens gefertigte Exkursionskarten in die nähere Umgebung an. Ein hoteleigener Kricket- und Tennisplatz, ein Turnplatz und die Wandelhalle stehen den Gästen für körperliche Ertüchtigung zur Verfügung.
1906 vergrössert Franz Hess das Gebäude um zwei Geschosse: das Hotel präsentiert sich nun als Grandhotel im Jugendstil. Reiche Gäste kamen aus ganz Europa ins «Nünalphorn», bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs 1914…
OXÄ – als UrnerInnen die Welt veränderten, von Dr. Romed Aschwanden und Christof Hirtler
«Gemmer i Oxä», hiess es, wenn man sich treffen wollte. Wer das Lokal betrat watete durch einen Nebel von Rauch. Man verstand kaum ein Wort. Die Musikbox dröhnte – Hardrock, Rock, Psychedelic. «Der ‹Ochsen› war ein Treffpunkt für Stammgäste, Arbeiter und Angestellte, Studenten und Künstler, für Linke und Rechte», erinnert sich Richard Zgraggen. «Damals kam man zusammen für ein ‹Feierabendbier›, erzählte von seinem Tag, diskutierte, stritt um Positionen.»
«Der ‹Ochsen› war verrufen, es zirkulierten allerlei wilde Gerüchte. Der Ochsen war in der ganzen Schweiz bekannt», sagt Bärti Schuler, ehemaliger Besitzer eines Schallplattengeschäfts in Altdorf. Den «Ochsen» gibt es nicht mehr, doch steht er immer noch sinnbildlich für den Kanton Uri während der bewegten Jahre nach 1968. Er war, wie der Plattenladen von Bärti Schuler, ein Treffpunkt der «Jungen Wilden» seit den 1960er-bis Ende der 1980er-Jahre. Eine Bühne, auf der sich
unterschiedlichste Menschen trafen – ein Synonym für Subkultur und Widerstand, Aufbruch und Veränderung.
Die historische Forschung hat sich in der Untersuchung des «bewegten Jahrzehnts» nach 1968 vor allem auf den städtischen Raum konzentriert. Das führte zu einem verzerrten Geschichtsbild, denn nicht nur in den Städten wurde protestiert. Beinahe zehn Jahre bevor die alternative Wochenzeitung WOZ 1981 in den Druck ging, erschien 1973 die erste Nummer der Urner Alternative – im Wallis erschien 1971 die Rote Anneliese, in Graubünden 1972 die VIVA, um nur einige ähnliche Alternativblätter zu nennen. Auch in den Bergkantonen gab es junge, alternative Milieus, die mehr Mitspracherecht forderten, alte Eliten kritisierten und Bildungsreformen verlangten. Die «Linke» in Uri war aktiv und laut. Was die Alternative schrieb, hatte Gewicht, wurde gelesen und von der Gotthardpost und dem UW kommentiert. Man protestierte gegen ein Atomendlager der Nagra im Oberbauenstock («Hiä Niä») oder gegen die «Lastwagenlawine» nach der Eröffnung der Gotthardautobahn 1980…