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Gott spricht:
«Regen und Schnee fällt vom Himmel und kehrt nicht dahin zurück, ohne die Erde zu befeuchten.
So lässt er die Pflanzen keimen und wachsen. Er versorgt den Sämann mit Samen und die Menschen mit Brot.
So ist es auch mit dem Wort, das von mir ausgeht: Es kehrt nicht wirkungslos zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will.»
Jes 55,10f.
Von Gott geliebte Gemeinschaft
In meiner Kindheit wohnte mein Grossonkel zusammen mit seiner Frau im gleichen Block wie meine Familie. Ich nannte ihn liebevoll „Göttiernst“ und empfand ihn eher als Grossvater, denn als Grossonkel. Gerne besuchte ich ihn, und auch seine leiblichen Enkelkinder verbrachten gerne Zeit mit ihm.
„Göttiernst“ liebte es, mit Kindern seine Zeit zu verbringen. Er besass zweifellos ein aussergewöhnliches Talent, uns Kinder dabei zu unterstützen, die Welt zu entdecken und zu verstehen. Immer wieder zeigte er uns etwas und stellte dann Fragen wie: „Was siehst du? Was könnte das sein? Was könnte das bedeuten?“
Zu meinem vierten oder fünften Geburtstag schenkte er mir ein Bilderbuch, das die Geschichte eines Regentropfens erzählte. Die Bilder im Buch waren vorhanden, aber die eigentliche Geschichte entdeckten wir gemeinsam. Im Austausch von Fragen und Antworten zwischen „Göttiernst“ und mir entstand die Erzählung erst.
Die Erinnerung an diese Geschichte bleibt lebendig in mir: Ein Regentropfen wurde in einer Wolke geboren, fiel auf die Erde und wurde von einer Löwenzahnwurzel aufgenommen. Von dort wurde er durch die gezackten Blätter der Pflanze geleitet. Eine hungrige Kuh frass den Löwenzahn samt dem Tropfen. So wurde er Teil der Kuh, wanderte durch ihre Organe, bis die Kuh den Tropfen wieder freiliess.
Gereinigt durch Sand und Gestein floss der Tropfen in einen Bach, wurde zum Fluss und mündete schliesslich in den Ozean. Dort reichte ihm ein Sonnenstrahl die Hand und zog ihn in den Himmel hinauf. Die Reise konnte von Neuem beginnen.
Ob das Büchlein damals die Reise des Wassertropfens so ausführlich beschrieben hat oder ob meine Erinnerung die Geschichte ausschmückt, weiss ich nicht genau. Dennoch ist mir das Bild tief in die Seele eingeprägt: Der Regentropfen wird immer wieder Teil von etwas Neuem. Er verharrt nicht, sondern setzt seine Reise fort. Es geht immer weiter für ihn.
Fast könnte man meinen, dass auch die heutige Lesung diese Geschichte kennt. Jesaja, oder besser gesagt dieser unbekannte Prophet (oder vielleicht sogar eine Prophetin?), die im Namen Jesajas spricht, erzählt von Regen und Schnee. Seine Worte greifen das Bild auf.
Regen und Schnee sind nicht ohne Zweck. Sie fallen auf die Erde, benetzen sie und lassen die Pflanzen wachsen. Die Pflanzen wiederum reifen und bringen Korn hervor. Der Mensch erntet, und das Korn wird zu Brot, das nährt und zur Saat wird, die die Grundlage für das nächste Jahr bildet – säen, ernten, mahlen, backen und Brot essen.
Regen und Schnee: Wasser, das vom Himmel fällt und das Obere mit dem Unteren verbindet. Himmel und Erde verschmelzen dank des Niederschlags. Der Regen, der gewissermassen zum Himmel gehört, verweilt dort nicht, sondern fällt auf die Erde und benetzt sie. So verbindet er zwei Welten, die sonst getrennt bleiben.
Der Niederschlag in Form von Regen und Schnee fällt auf die Erde und hat eine Wirkung. Er verbindet nicht nur zwei Sphären, sondern er bewirkt durch die Verbindung Leben. Die Saat keimt und die Pflanzen wachsen dank des Regens und versorgen damit die Menschen.
Doch der Mensch bleibt nicht untätig in diesem Bild. Er sät und erntet. Er mahlt das Korn und backt Brot, das die Menschen ernährt. Sowohl der Mensch als auch der Regen sind in diesem Bild notwendig.
Bis zu diesem Punkt ist der biblische Vers gewissermassen eine naturwissenschaftliche Beschreibung des Wasserkreislaufs. Das Bild von Regen und Schnee, die Pflanzen wachsen lassen, ist auch heute noch wissenschaftlich betrachtet gültig. Natürlich vereinfacht es die Prozesse stark, und gewiss müsste man noch das eine oder andere ergänzen. Aber grundsätzlich kann man nichts gegen das Bild einwenden.
Jesaja möchte jedoch nicht nur das Bild zeigen. Er möchte es mit Bedeutung füllen. Der Vers ist gewissermassen wie ein Bilderbuch. Doch jetzt tritt Gott auf den Plan. Denn wie Regen und Schnee ist Gottes Wort!
Das Bild des Regens, der die Pflanzen wachsen lässt, wird zum Sinnbild für das Wort Gottes.
Ähnlich wie der Regen kommt es von oben und hat eine Wirkung.
Allerdings lässt Jesaja auch vieles offen. Was ist mit der Erde gemeint, die benetzt wird? Was sind im Bild die Pflanzen, die durch das Regenwort wachsen? Welches Korn ernährt den Menschen geistlich?
Mit diesen Fragen lässt uns Jesaja allein. Er gibt keine Antwort darauf. Die Bibel gibt keine Antwort. Nun müssen wir selbst nachdenken!
Ich habe darüber nachgedacht und möchte euch meine Antworten auf diese Fragen mitteilen. Jedoch nicht als abschliessende Antworten, sondern als vorsichtige Annäherung. Als Antworten, die immer noch auf der Suche sind. Ja, die dich einlädt, selbst zu suchen.
So wie mein Grossonkel damals fragte: „Was siehst du? Was könnte das sein? Was könnte das bedeuten?“ schickt uns der zweite Teil des Verses auf eine Entdeckungsreise.
Hier also meine Geschichte zum Bild:
Das Wort Gottes, das wie Regen zu uns kommt und uns wachsen lässt, ist Jesus Christus. Er gehört zu Gott, ja er ist selbst Gott, ähnlich wie der Regentropfen ein Teil des Himmels ist. Doch er bleibt nicht im Reich Gottes, sondern kommt in die Welt der Menschen. Die Erde nimmt ihn auf, er wird Mensch.
Er findet Freunde und Menschen, die auf ihn vertrauen. Ihr Glaube blüht auf, ihr Vertrauen wächst. Sie bringen Früchte des Glaubens hervor. Dieses Korn ist die Gemeinschaft.
Als Christinnen und Christen leben wir in Gemeinschaft und sind zugleich Brot für diese Erde. Einen Teil unserer Gemeinschaft geben wir weiter. Wir wirken nach aussen, ähnlich wie das Korn, das zur neuen Saat wird.
Einen Teil leben wir jedoch auch für uns selbst. Die Gemeinschaft miteinander und die Gemeinschaft mit Gott nähren unsere Seele, ähnlich wie das Brot dem Leib Kraft gibt.
In der Gemeinschaft dürfen wir Gott erleben und uns von seinem Geist benetzen lassen, ähnlich wie der Regen die Pflanzen benetzt.
So kehrt der Geist, den Gott über uns ausgiesst, nicht ohne Wirkung zu ihm zurück. Er nährt unsere Hoffnung, stärkt unser Vertrauen und lässt unseren Glauben wachsen. In unserer Gemeinschaft wird erneut sichtbar, was damals gegolten hat: Gott lässt sein Wort wie Regen auf die Erde fallen. Es wird zur Gemeinschaft der Jüngerinnen und Jünger von Jesus Christus. Es macht auch uns zu einem Teil dieser Gemeinschaft. Es wirkt auch heute.
Amen