Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03342.jsonl.gz/239

Klimafiktion: Die Sprache der Vögel lernen
Der taiwanische Autor Wu Ming-Yi kombiniert in seinem Roman «Der Mann mit den Facettenaugen» Wissenschaft mit magisch anmutenden Elementen.
Was, wenn der grösste Müllstrudel der Welt auf Taiwan prallte? Diese Müllinsel im Pazifik, dreimal so gross wie Frankreich und 80 000 Tonnen schwer?
Diese Frage sei wie ein Impuls für seinen Roman «Der Mann mit den Facettenaugen» gewesen, sagte der taiwanische Autor Wu Ming-Yi im September in seinem Vortrag an der Uni Zürich. Im Buch lässt er den jungen Atile’i über den Pazifik treiben, er wurde als Zweitgeborener von seiner Heimatinsel Wayowayo verbannt – so ist das Gesetz, denn die Ressourcen sind begrenzt. Die strengen Regeln werden vom Kabang festgelegt, einem gottgleichen Wesen, und ein Ältestenrat achtet auf die Einhaltung. Als Atile’is Boot sinkt, rettet er sich auf besagte Müllinsel: «Sie bestand aus lauter sonderbaren, ineinander verwobenen und verkeilten Gegenständen in allen […] Formen und Farben. Ein merkwürdiger Geruch hing in der Luft.» Bald erscheint ihm die Insel wie ein schwimmender Tierfriedhof, die Dämpfe machen ihm zu schaffen, er wird krank.
Eine gemeinsame Sprache erforschen
Der junge Mann – eine der beiden Hauptfiguren im Roman – kämpft also ums Überleben, während die Literaturwissenschaftlerin Alice nicht mehr leben will. Sie hat Mann und Sohn verloren, die von einer Wanderung ins gebirgige Landesinnere Taiwans nicht zurückgekehrt sind. Ihr Haus, das von Jahr zu Jahr näher am Meer liegt, weil der Wasserspiegel steigt, ist nicht länger das Refugium, als das es geplant war. Als die Müllinsel auf die Küste prallt, wird es vollends verschluckt. Alice findet den jungen Mann schwer verletzt und bringt ihn in einer Jagdhütte unter. Fortan verknüpfen sich die beiden Welten. Besonders anrührend sind die Passagen, in denen Atile’i die Welt seiner Retterin zu verstehen sucht und andererseits ihr seine Welt erklärt, wie sie eine gemeinsame Sprache erforschen und Alice gar überlegt: «Vielleicht sollten wir die Sprache der Vögel auf dieselbe Weise lernen wie Französisch oder Russisch. Jeden Tag zwei Stunden Vogelgesangunterricht.»
Die Beseelung der Natur ist ein wichtiges Element in diesem Roman, der gern als Klimafiktion kategorisiert wird. Wu Ming-Yi, einer der erfolgreichsten Schriftsteller:innen der taiwanischen Gegenwartsliteratur, jongliert mit Elementen des magischen Realismus, wenn Bäume laufen, Atile’i mit Zähnen und Tränen zeichnet oder die Protagonist:innen andächtig in einer Baumkathedrale stehen. Der Autor sucht nach Möglichkeiten einer Verständigung zwischen diesen beiden Welten, ohne die eine gegen die andere auszuspielen – auch wenn er die Ursachen für die Umweltzerstörung als Umweltaktivist bekämpft und als Fotograf dokumentiert. Wu Ming-Yi webt vielerlei Fäden zu Geschichten, ein Kennzeichen seines Schreibens wie schon in «The Magician on the Skywalk» (2011) und «Stolen Bicycle» (2018).
Einer dieser Fäden in «Der Mann mit den Facettenaugen» erzählt vom Naturverständnis der indigenen Bunun. In der Kultur der Han-Chinesen, die seit Jahrhunderten auf die Insel kommen und ihre eigenen Wertvorstellungen mitbringen, mache man sich die Erde untertan, erklärt der Autor im Gespräch. Zudem war Taiwan für sie stets nur ein Provisorium – sie verlieren bei einer Naturkatastrophe lediglich eine Einkommensquelle, die Indigenen aber ihre Lebensgrundlage, heisst es an einer Stelle im Roman. Die indigene Bevölkerung Taiwans lebt am Rand der Gesellschaft. Aufgrund der prekären Lage – landwirtschaftlich und gesellschaftlich bedingt – sind besonders die Frauen betroffen, fliehen in die Städte und geraten in ungute Abhängigkeiten, prostituieren sich aus purer Verzweiflung. Im Buch gelingt nur Hafay, einer Wirtshausbesitzerin, der Ausweg aus diesem Teufelskreis.
Zusehen, ohne einzugreifen?
Bei der Lektüre drängt sich immer wieder die Frage auf, ob die archaische Lebensweise tatsächlich «besser» ist. Funktioniert nicht gerade Atile’is Heimatinsel nach darwinistischen Prinzipien? «Mit gebrochenen Beinen kann man kein guter Fischer mehr sein» – was bleibt einem dann noch auf so einer Insel? Taugt solch ein «Stammesleben» als realistischer Gegenentwurf zur modernen Gesellschaft?
«Der Mann mit den Facettenaugen» ist mehrdimensional, verweigert jede Eindeutigkeit und gewinnt gerade daraus eine ungeheuerliche Strahlkraft. Wu Ming-Yi kombiniert Wissenschaft mit magisch anmutenden Elementen, Umweltuntergangsstimmung mit persönlicher Tragödie – von Johannes Fiederling in ein soghaft klingendes Deutsch gebracht.
Der Autor gibt keine Antworten, sondern stellt Fragen, das sei schliesslich die Aufgabe eines Autors, sagt er im Gespräch. Und jede Frage sei nur eine Facette, daher auch der Titel des Romans. Doch die Frage nach der Identität des Mannes mit diesen Facettenaugen ist beunruhigend: «Zusehen, ohne einzugreifen. Allein dazu bin ich da.» Was nach dem Philosophen Zhuangzi und seinem Plädoyer fürs Nichttun klingt. Und schon die nächste Frage aufwirft, die der Autor unbeantwortet lässt: Müssen wir demnach die Klimakrise über uns ergehen lassen? Und uns vielmehr fragen, auf welche Weise wir eigentlich der Natur zustossen?
Wu Ming-Yi: «Der Mann mit den Facettenaugen». Aus dem Chinesischen von Johannes Fiederling. Verlag Matthes & Seitz. Berlin 2022. 317 Seiten. 36 Franken.