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Zum 100. Geburtstag von Albert Hofmann, dem Zufallsentdecker des LSD, spricht der Experte ausnahmsweise über seine eigenen Drogenerfahrungen. Er meint, das soll man ausschliesslich nüchtern tun.
«Was, glauben Sie, hat LSD Ihnen gegeben - und Ihnen angetan?» Ich nehme die Frage auf, die dem Psychologen Timothy Leary im September 1966 von der Zeitschrift «Playboy» gestellt wurde. Und ich entgegne mit Leary: «Das ist nicht leicht zu beantworten.»
Es gibt viele Gründe, warum mir die Antwort schwer fällt.
Die Frage ist verfänglich, und sie ist indiskret. Sie ist verfänglich, weil sie so tut, als könne jeder jederzeit, ohne Sanktionen befürchten zu müssen, über seine Erfahrungen mit Drogen berichten. Sie ist indiskret, weil sie die Intimsphäre berührt. Als Autor, der sich über mehr als drei Jahrzehnte hinweg mit dem Sexuellen und mit Drogen beschäftigt hat, habe ich gelernt, meine Intimsphäre zu schützen und mich gegen übergriffige Fragen zu wehren.
Hinzu kommen die Zweifel, ob LSD-Erfahrungen überhaupt vermittelbar sind. Wenn überhaupt, dann nur - so viel steht fest -, wenn alle Beteiligten erfahren sind: «Are you experienced?» - Jimi Hendrix hatte Ende der sechziger Jahre das Passwort ausgegeben, welches darüber entschied, ob man Zugang zu den Auserwählten hatte oder ob man zu den «vegetables» gehörte, wie Bernward Vesper in seinem Roman «Die Reise» alle Ahnungslosen und Unerfahrenen nannte. Niemand in der Jugendbewegung jener Jahre wollte so genannt werden, niemand wollte zum Gemüse gehören oder zu den Plastic People, wie man Vegetables an der Westküste der USA nannte. Der soziale Druck, einen «Trip zu werfen», war gross. Überall waren LSD-Prediger unterwegs. Es hatte etwas Sektenhaftes. Im Sog dieser Sektenprediger wurden Leute zu einem Trip verleitet, die besser zu Hause geblieben wären.
Erfahrungsberichte von Leuten, die man nicht kennt und deren Mickymaus-Trips einen nicht interessieren, sind so nervtötend wie die Präsentation von Urlaubsfotos oder Reisevideos von Leuten, die man nicht kennt und die einen nicht interessieren. «Sage mir, welche Farben du siehst, und ich sage dir, wer du bist», solche und ähnliche Sprüche illustrieren, wie gross das Abgrenzungsbedürfnis gegenüber Mitreisenden auf dem Trittbrett war. Ausdrücklich distanzierte sich Timothy Leary von «Undergroundtypen und Rauschgiftsüchtigen». Der Gebrauch von LSD, betonte er, sei «ein Phänomen der oberen Mittelklasse, der Akademiker, der White-collar-Leute». Eine ziemlich elitäre Angelegenheit also. Ich fand schnell heraus, dass mich nur Triperzählungen von Leuten interessierten, deren Geschichten mir auch dann etwas sagten, wenn sie nicht auf Trip waren. Gerne erinnere ich mich an atemberaubend schräge Reiseberichte im Stile des phantastischen Realismus, die heute, hätte man sie damals mitgeschnitten, als Hörbücher veröffentlicht würden. Auch Bernward Vesper ist es mit seinem Roman gelungen, LSD-Erfahrungen so sprachmächtig wiederzugeben, dass ich, und wie ich weiss auch andere, in ihnen eigene Erfahrungen wiedererkenne.
Was LSD mir angetan hat, lässt sich mit einem Wort sagen. Nichts. Ich habe Glück gehabt. Ich war, was man nie so genau wissen kann, psychisch stabil und gesund. Ich fühlte mich stark. Ich war alt genug, das Risiko zu wagen, und ich wurde für meine Risikobereitschaft nicht bestraft. Jedes Mal hatte ich den Reisebeginn auf den richtigen Zeitpunkt gelegt. Set und Setting - Timothy Learys Reisetipps erwiesen sich als hilfreich. Und ich hatte die richtigen Reisebegleiter - Menschen, denen ich vertrauen konnte, die den Speed drosselten, wenn ich in Gefahr war, aus der Kurve getragen zu werden. Ich war angeseilt an Tripführer, die mich vorsichtig lenkten, die mich fernhielten von Leuten, denen man auf Trip besser nicht begegnete, die mich runterholten, wenn die Bilder zu mächtig, der Sound zu heftig, die Gerüche zu deftig und die Gedanken und Assoziationen zu schnell wurden und ich dabei war, die Orientierung zu verlieren.
Und was hat LSD mir gegeben? Darauf weiss ich keine klare und eindeutige Antwort. Denn ich kann meine Erfahrungen mit LSD nicht trennen von den Erfahrungen mit anderen Drogen - mit Cannabis und mit psychoaktiven Pilzen. Aus all diesen Erfahrungen habe ich gelernt. Sie haben meine Anschauung der Welt verändert. Aber ich bin unfähig, diesen Lernprozess bestimmten Substanzen zuzuordnen. Von einer Ausnahme abgesehen: Mit einem LSD-Trip, den ich, eingetaucht in die Klangwelt von Jimi Hendrix, an einem heissen Sommertag Ende der sechziger Jahre in meiner Frankfurter Wohnung nahm, verbinde ich das intensivste und überwältigendste Glücksempfinden meines Lebens.
Mit Drogen, von Alkohol und Nikotin einmal abgesehen, bin ich erstmals Mitte der sechziger Jahre konfrontiert worden. Ich war 26 Jahre alt, lebte in Frankfurt am Main, hatte eine Lehre als Mineralölkaufmann hinter mir und das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt. Ich war Aktivist der Studentenbewegung, studierte Soziologie und besuchte die Vorlesungen und Seminare von Theodor Wiesengrund Adorno. Das allein war schon ein Trip der besonderen Art. Ich hatte feste Überzeugungen, und ich war weit offen für neue Erfahrungen, wie die meisten, die damals den Ton angaben.
Diese Generation, die man im Rückblick mit der Regimentsnummer 68er bedacht hat, war unbeirrbar von der Notwendigkeit überzeugt, die gesellschaftlichen Verhältnisse radikal zu verändern. Und sie war bereit, diese Veränderungen einzuleiten. Veränderung lautete die Tagesparole («Change was the code of the road», Bob Dylan). Doch hatten nicht alle, wenn sie von Veränderung sprachen, nur «das System» - auch «Schweinesystem» genannt - im Auge, andere dachten dabei eher an sich selbst. Wiederum andere, zu denen ich gehörte, waren an beidem interessiert.
Eine drogengestützte Reise nach innen und die Begegnung mit einer anderen Realität als der, die wir vorfanden und an der wir uns politisch abarbeiteten, fand ich verlockend. Die Beschäftigung mit Freud, Reich und Marcuse, um einige Einflussagenten zu nennen, hatte den Weg dahin geebnet. Die Chance, für die Dauer einer virtuellen Reise aus allen Zusammenhängen herauszufallen, Distanz herzustellen zu einer Welt, die sich der Zweck-Mittel-Rationalität unterworfen hat, sich zu befreien von ansozialisierten Zwängen, einen Wechsel der Perspektive zuzulassen und in die von einer veränderten Wahrnehmung geschaffene neue Realität einzutauchen, all diese LSD und anderen psychedelischen Drogen zugeschriebenen Eigenschaften klangen höchst verführerisch. Selbsterfahrung war das Stichwort. Auf Selbstverwirklichung war ich nie aus, denn ich hatte bereits verstanden, dass es «kein richtiges Leben in einem falschen» gibt (Adorno) und folglich auch keine Selbstverwirklichung in einer Welt der totalen Entfremdung.
Meine Erfahrungen mit halluzinogenen Drogen haben meine politischen Überzeugungen nicht für eine Sekunde ins Wanken gebracht. Sie haben meinen Blick geschärft und meine Wahrnehmung sensibilisiert, sie haben mir sinnlich erfahrbar gemacht, was mir analytisches Denken schon lange vorher bewusst gemacht hatte: Es gibt mehr als nur eine Realität und folglich auch mehr als nur eine Wahrheit. Den chemisch erzeugten Fehlschaltungen im Hirn und den wilden Assoziationen, die sie auslösten, verdanke ich aussergewöhnliche Kommunikationserfahrungen, tiefe Erkenntnisse und starke Gefühle. Sie zu verarbeiten dauerte Tage, Wochen, oft Monate. Ich habe mir die Zeit genommen. Auch wenn ich dem propagandistischen Gerede von einer Bewusstseinserweiterung unter dem Einfluss von LSD immer mit Skepsis begegnet bin, kann ich nicht umhin, die neuen Einsichten, die ich über das Verhältnis von Mensch und Natur gewonnen habe, als eine Bewusstseinserweiterung zu bezeichnen.
Von allem psychedelischen Brimborium habe ich mich stets ferngehalten. Weder fand ich es attraktiv als Drop-out zu enden, noch sah ich eine Perspektive in der von Timothy Leary propagierten «Politik der Ekstase». Auch einer psychedelischen Bewegung habe ich mich nie zugehörig gefühlt. Deren kultische Verehrung der Droge als einer Art spirituelle Oblate fand ich immer nur lächerlich. Der Hinweis, dass Menschen im Verlaufe ihrer Entwicklungsgeschichte bestimmte Pflanzen wegen ihrer Heilwirkung oder wegen ihrer psychedelischen Eigenschaften in den Rang eines sakralen Gutes erhoben hätten, beeindruckt mich nicht. Denn diese Pflanzen wurden und werden als ein Geschenk der Natur verehrt. LSD ist Menschenwerk, Produkt eines Chemikers im Dienste der Pharmaindustrie, dem auch noch der Zufall zur Hilfe kam. Dafür sollen sie gelobt werden - der Chemiker wie der Zufall.
Wer sich auf diese Droge einlässt, begibt sich auf eine Gratwanderung und sollte die Absturzgefahr nicht unterschätzen. Was im Prinzip für alle Drogen gilt, gilt in besonderem Masse für LSD. Jemanden zu einem Trip zu verführen oder zu überreden, ist unverantwortlich.
Es ist ratsam, Learys Slogan «Just say know» zu befolgen. Die Reise nach seinen Regeln vorzubereiten, lohnt sich, auch wenn ich manches, was Leary gesagt und geschrieben hat, für konfus, geschwätzig und reaktionär halte. Je mehr er die ihm angetragene Gururolle annahm und verinnerlichte, desto geringer wurde sein Gefühl für Verantwortung. Zwar hatte er in dem bereits zitierten «Playboy»-Interview sein Einstiegsalter genannt - er war ein Mann «mittleren Alters», als er seine erste LSD-Erfahrung machte -, in seinen späteren öffentlichen Äusserungen fand das eigene Einstiegsalter von 39 Jahren jedoch kaum noch Erwähnung. Das ist mehr als nur eine Nachlässigkeit. Es ist ein Versagen. LSD ist eine Droge nur für Erwachsene. Das kann gar nicht oft genug gesagt werden. Denn die Droge zielt unmittelbar auf den Erfahrungsschatz eines Menschen. Sie spielt mit diesen Erfahrungen, verstärkt sie, verzerrt sie und setzt sie neu zusammen, mal in Farbe, mal in schwarzweiss. Glücklich, wer dabei auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen kann. Sonst bleiben nur Erschöpfung und Leere, wie nach jedem kräftezehrenden Konsumtrip.