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Towards Cybersociety and "Vireal" Social Relations

Bibliographische Zitation:
Copyright oder Copy left?
Prekäre immaterielle Eigentumsverhältnisse im Cyberspace
Hans
Geser
1. Das Immaterialgüterrecht im Spannungsfeld sozio-kultureller und politisch-rechtlicher Konstitutionsfaktoren
Noch dem 18. Jahrhundert war die Vorstellung fremd, dass es neben dem „greifbaren" Eigentum an Land, Gebäuden, Tieren oder Juwelen ein juristisch analog ausgestaltetes „immaterielles" Eigentum geben könnte, das sich auf exklusive Nutzungs- (bzw. Verwertungs-) rechte an Bildern, Texten, Melodien oder technischen Erfindungen bezieht (Thibadeau 1995). In der Zwischenzeit haben sich „postindustrielle" Wirtschaftssysteme ausgebildet, in denen ein bedeutsamer, ständig anwachsender Prozentanteil der Wertschöpfung auf derartigen Erzeugnissen (z. B. Filmen, TV-Reportagen, Software-Paketen u. a. ) beruht, die zwar einerseits dem Dienstleistungsbereich zuzurechnen sind, andererseits aber aufgrund ihrer Stabilität und ökonomischen Fungibilität als „Produkte" (z. B. im Sinne des Kausalhaftpflichtrechts) angesehen werden.
Zwei Gründe sind massgebend, warum das immaterielle Eigentum (sowohl als Konzept wie als gesellschaftliche Realität) sehr viel stärker als das materielle Eigentum mit vielerlei sozio-ökonomischen, technologischen und kulturellen Faktoren kovariiert.
Der erste Grund liegt darin, dass es sich um ein artifizielles Eigentum handelt, bei dem Exklusivität der Nutzungsrechte nicht auf objektive physische Knappheit gegründet ist, sondern auf künstlich erzeugte Einschränkungen (z. B. Lizenzbestimmungen, Patente oder Kopierverbote). Dementsprechend kann immaterielles Eigentum nur in relativ fortgeschrittenen und konsolidierten Gesellschaftsordnungen existieren, in denen für die Durchsetzung solcher Regulierungen (und die Sanktionierung von Verstössen) hinreichende technische sowie rechtlich-organisatorische Voraussetzungen bestehen
Ein zweiter Grund ergibt sich daraus, dass immateriale Eigentumsrechte durchwegs nicht als absolute Rechte verliehen werden, die im liberalistischen Sinne die Freiheit und Selbstverwirklichung des einzelnen Bürgers garantieren, sondern als relative Rechte, die einer speziellen (z. B. utilitären) Rechtfertigung bedürfen und an anderen Rechtsgütern (z. B. am Interesse der Allgemeinheit an einem ungehinderten Zugang zu kulturellen Produktionen) ihre Grenze finden. So gibt z. B. die amerikanische Verfassung dem Kongress die Kompetenz, Urheberrechtsgesetze zu erlassen, sofern diese dem Zweck dienen, den Fortschritt der Kultur und der (und damit letztlich den Nutzen der allgemeinen Öffentlichkeit) zu fördern:
Das dauernde Abwägen zwischen Produzenten- und Nutzerinteressen hat zu äusserst komplizierten und historisch wandelbaren Gesetzgebungswerken und Rechtssprechungstraditionen geführt, insbesondere zur sogenannten „Fair-Use-Doktrin", die den Käufern geschützter Produkte relativ weitgehende „sekundäre Verwertungsrechte" zugesteht (z. B. Kopierrechte für den eigenen nichtkommerziellen Gebrauch).
Beide Einschränkungen implizieren, dass das Urheberrecht in einer zunehmend globalisierten Informationsgesellschaft auch unabhängig von neuen technologischen Entwicklungen an kaum überwindliche Entwicklungsgrenzen stösst. So ist nicht einzusehen, wie in einer multinationalen Welt ohne supranationale Administrations- und Gerichtsorgane die Durchsetzung der oben erwähnten artifiziellen Beschränkungsregeln gelingen kann, oder wie es in einer multikulturellen Welt möglich wird, im Kräftefeld widerstreitender Werte und Zielsetzungen, denen das Immaterialgüterrecht unterliegt, zu umfassenden und dauerhaften Konsenslösungen zu gelangen. Beispielsweisen sind Konzepte des Urheberrechtes sowohl im modernen Indien wie in China kulturell nur sehr ungenügend verankert (Bettig 1989; McMillan 1998).
Im folgenden soll aber von aber von jenen noch ungleich dramatischeren Entwicklungen die Rede sein, die von der Technologien digitaler Speicherung, Reproduktion und Diffusion ausgehen und vor allem durch die explosionsartige Ausbreitung der globalen Computernetze bereits heute sehr deutliche – und in Zukunft mit Sicherheit noch deutlicher hervortretende – Konturen angenommen haben. Zum Verständnis dieser Entwicklungen gilt es zu bedenken, dass der Einsatz des Urheberrechts und anderer gesetzlicher Steuerungen zur Erzeugung und Stabilisierung von immateriellem Eigentum grundsätzlich nur für Schöpfungen geeignet ist, deren Reproduzierbarkeit mittelmässige technische Schwierigkeiten bietet. Denn unnötig sind solche Eingriffe bei Produktionen, die – wie z. B. Theaterinszenierungen oder Live-Happenings – gar nicht oder nur unter prohibitivem Aufwand kopierbar wären; und aussichtslos sind sie umgekehrt bei Kreationen, die – wie z. B. Witze, gepfiffene Melodien oder „gute Ideen" aller Art – von jedermann ohne besondere Qualifikationen und ohne technisch-ökonomischen Aufwand weiter verbreitbar sind.
Das heutige Copyright ist das Korrelat eines solchen mittleren Zustandes, bei dem relativ aufwendige technisch-organisatorische Vorkehrungen nötig sind, um beispielsweise ein Buch oder eine Musikaufnahme massenhaft zu kopieren, oder um einen Fernsehfilm in Millionen Haushalte einzustrahlen. Vom Rechtsvollzug aus gesehen hat dies den Vorteil, dass nur relativ wenige Akteure (z. B., kommerzielle Privatunternehmen) als Gesetzesbrecher in Frage kommen, die mit relativ geringem Ermittlungsaufwand identifizierbar sind und im Interesse ihrer intakten öffentlichen Reputation ohnehin Wert darauf legen, nicht als delinquent zu erscheinen.
Momentan stellt man fest, dass nämlich diese rechtlichen Steuerungen durch Copyright-Gesetze aus zwei entgegengesetzten Gründen in eine Krise kommen:
2. Die Digitaltechnologie als Basis dezentraler, unkontrollierbarer Kopier- und Distributionsverfahren.
Obwohl den privaten Nutzern in der Form von Fotokopierapparaten oder Audio- und Videorekordern seit längerem stark erleichterte Kopiermöglichkeiten zugewachsen sind, sind den Inhabern immaterieller Eigentumsrechte bisher daraus kaum ernsthafte Nachteile erwachsen. Der Hauptgrund dafür liegt darin, diese genannten Analoggeräte nur zur Herstellung einzelner Kopien geeignet sind, die überdies meist eine niedrigere Qualität als das Original aufweisen (so dass z. B. wiederholt kopierte Audio- oder Videokassetten kaum mehr brauchbar sind). Deshalb war es gefahrlos möglich, die Kopierschutzgesetze gemäss der „First Sale"-Doktrin auf die ursprünglichen Produktions- und Distributionsfirmen zu begrenzen und den Konsumenten beim Umgang mit ihren Erwerbungen (zumindest im nichtkommerziellen Bereich) hohe Freiheiten zuzugestehen.
Dies alles ändert nun mit den Computernetzen, die jedem Nutzer die Möglichkeit an die Hand geben, zu geringsten Kosten beliebig zahlreiche Kopien herzustellen und an beliebig viele andere Nutzer zu versenden. Während sich die Weitergabe bei den traditionellen Kopiermedien aus physisch-technischen (bzw. ökonomischen) Gründen immer im kleinen Rahmen gehalten hat, kann z. B. die Forwarding-Funktion bei der Email bewirken , dass sich ein Dokument - praktisch kostenfrei - innert kürzester Zeit millionenfach in identischer Weise multipliziert.
So hat die Musikbranche verständlicherweise mit grosser Nervosität auf die Verbreitung des MP3-Kompressionsstandards reagiert, der es erlaubt, digitale Musikaufnahmen weltweit verlustfrei über das WWW (oder beliebige abgeschirmte Maillist-Netze) zu diffundieren. Aus diesem jüngsten Fall wird deutlich, dass den kommerziellen Inhaber immateriellen Eigentums heute von Millionen weltweit verstreuter (und oft nicht einmal namentlich identifizierbarer) „Piraten" Gefahr erwächst, die meist keine kommerziellen Motive verfolgen.Wenn Urheberrechte im Sinne der engführenden angelsächsischen Bezeichnung als "Copyrights" verstanden werden, ist es evident, dass sie schon aufgrund der immanenten technischen Eigenheiten des Netzes kaum mehr geschützt werden können. Denn das Internet ist aufgrund seiner konstitutiven Konstruktionselemente darauf angelegt, andauernd digitale Kopien der in ihm publizierten Dokumente zu generieren. So werden bei jedem einzelnen Nutzer abgerufene Pages als Cache-Kopien auf der Computerfestplatte abgelegt, damit sie technisch besser zugreifbar bleiben; und viele Provider unterhalten sogenannte "Proxy-Servers", die dafür sorgen, dass einmal abgerufene Seiten zukünftigen Nutzern bequem zur Verfügung stehen. Ebenso ist es aus technischen Sicherheitsgründen erforderlich, zur Verhinderung irreversibler Datenverluste laufend Backup-Copies zu erstellen usw. Erschwerend tritt hinzu, dass die meisten dieser Hintergrundkopien durch unsichtbare Software-Routinen automatisch erzeugt werden, ohne dass der entsprechende Nutzer dies überhaupt weiss.
Wer den Begriff "Copyright" im fundamentalistischen Sinne als Kontrolle des Autors über die Verbreitung seiner Produkte versteht, muss in all diesen neuen Erscheinungen illegale Verstösse sehen, die nur durch drastische, die Funktionsfähigkeit der Computernetze schwer beeinträchtigende Massnahmen behebbar wären. (Levin 1998).
Korrelativ zur wachsenden technischen Leichtigkeit, ja Zwangsläufigkeit des Kopierens hat sich bei den Internet-Nutzern auch ein neues, liberales Rechtsgefühl entwickelt, das der Durchsetzung strikter Kopierschutznormen nicht günstig ist. Dieses Rechtsgefühl stammt teilweise sicher aus den Zeiten, wo unter den (im akademischen Bereich beheimateten) Netzpionieren noch ein ausgeprägt antikommerzieller Geist vorherrschend war. So fühlt sich niemand als Gesetzesbrecher, der beispielsweise ein Webdokument auf seiner eigenen Festplatte abspeichert, um es für den Fall, dass der Autor es aus dem Netz entfernt, dennoch verfügbar zu haben; und generell herrscht die Auffassung vor, das jemand, der Bilder, Texte oder Topdokumente auf dem WWW publiziert, gegen zusätzliche Abspeicherungen und Weiterverbreitungen wohl nichts einzuwenden habe. Und kaum jemandem sind überhaupt die restriktiven Bestimmungen bekannt, nach denen selbst News-Group-Meldungen nicht öffentliches Allgemeingut darstellen, sondern nur mit Einwilligung ihres ursprünglichen Autors weiterverbreitet werden dürfen (Stefanac 1996).
Erschwerend tritt kommt, dass traditionelle Konzepte wie „Autorschaft" oder „Werk", auf denen das konventionelle Urheberrecht aufgebaut ist, aufgrund der Möglichkeiten digitalisierter Manipulationen zunehmend ihre Eindeutigkeit verlieren. Wer beispielsweise ein im Netz aufgefundenes Gedicht unter Beziehung von Bild und Ton in eine originelle Multimedia-Umgebung eingebettet, mag sich mit einem gewissen Recht als „Schöpfer" des entstandenen Gesamtkunstwerks fühlen. Und wer ein im Netz gefundenes Bild oder Musikstück mit editorischen Programmen phantasievoll verändert, wird sich ohne schlechtes Gewissen selbst zum „Urheber" des resultierenden Endproduktes deklarieren. Noch aussichtsloser wird die Attributionsproblematik, wenn z. B. Bilder durch Morphing-Programme eine völlig neue Gestalt erhalten, oder wenn durch Sampling entlehnter Audiofiles ein Musikstück mit durchaus eigenständigen „emergenten" Eigenschaften entsteht.
Immer mehr sehen sich Autoren heute auch durch private, durchaus dilettantische Verwertungs- und Modifikationsweisen ihrer Werke bedroht, die früher aufgrund ihrer begrenzten Rezipientenschaft als irrelevant vernachlässigt werden konnten. So hat ein Schüler wohl vielleicht eine schlechte Note - aber niemals eine Strafklage - eingefangen, wenn er sich erdreistet hat, dem Lehrer anstelle eines selbstverfertigten Aufsatzes ein literarisches Plagiat abzugeben. Heute, wo viele Schulklassen die gelungendsten Aufsätze auf dem Netz publizieren, ist dieses Verhalten weit weniger harmlos, weil das Plagiat weltöffentlich geworden ist und damit mit den Werken des Ursprungsautors konkurriert (vgl. Stuebe 1996). Ebenso müssen Amateur-Musikbands, Feierabendpoeten und Hobby-Graphiker usw. viel mehr als früher aufpassen, ob ihre Aufnahmen allenfalls rechtlich geschützten Werken allzu sehr „nachempfunden" sind, wenn sie das Netz als Verbreitungsmedium benutzen.
Zusammenfassend liesse sich sagen, dass ein Autor heute mit dem Akt der Veröffentlichung in fundamentalerer Weise als früher die Kontrolle über sein Werk verliert. Anstatt bloss die Kontrolle darüber aus der Hand zu geben, wer sein Werk rezipiert (und allenfalls an persönliche Bekannte weitergibt), droht er heute zusätzlich jeglichen Einfluss darauf zu verlieren, wer es kopiert, massenhaft weiterverbreitet, nach eigenem Gutdünken modifiziert, in seine Teile zergliedert oder mit Elementen anderer Werke rekombiniert. Dementsprechend stösst eine rechtliche Sicherung des Kopierschutzes im Internet keineswegs nur an die Grenze, dass keine transnationalen Vollzugsinstanzen für Rechtsbrüche verfügbar sind, sondern sehr viel stärker noch auf das Problem, dass derartige Regelungen gegenüber einem unüberblickbaren, täglich anwachsenden Millionenpublikums aus unbedarften privaten Anwendern (mit kaum ausgeprägtem Unrechtsbewusstsein) durchgesetzt werden müssten, und dass die Vollzugsinstanzen dabei andauernd mit Fällen „hybrider" Autorschaft konfrontiert wären, die gesetzlich nicht klar geregelt sind und sich einer konsensualen juristischen Festlegung entziehen,
Diese technisch bedingten Schwächungen des Copyrights vollziehen sich ausgerechnet in einer Zeit, wo Urheberrechte von immer höherer ökonomischer Bedeutung sind, weil ein erheblicher und ständig anwachsender Teil der Wertschöpfung auf solchen immateriellen Produkten beruht. In besonderem Masse gilt dies für die USA, die einerseits in der Unterhaltungsindustrie, andererseits in der Softwarebranche eine konkurrenzlose Weltführerschaft besitzen. Damit erklären sich manche fast hysterisch anmutende Versuche staatlicher Gesetzgebung, im Angesicht immer widrigerer Situationsbedingungen immer repressivere Urheberrechtsbestimmungen durchzusetzen, die mit den schwindenden technisch- Vollzugsmöglichkeiten in ein geradezu tragisches Missverhältnis treten. So lässt das von der „Working Group on Intellectual Property Rights" im Auftrag der amerikanischen Regierung im September 1995 publizierte „White Paper" eine fast verzweiflungsvolle Abwehrhaltung gegen digitale Kopiertechnologien schlechthin erkennen, indem es sogar jene rein technisch erzeugten Temporärkopien, die während des Netzsurfens im Cache-Ordner des entsprechenden Browsers erzeugt werden, zu Urheberrechtsverstössen deklariert. Darüber hinaus möchte es in einem Rundumschlag die über Jahrzehnte bewährte „Fair-Use Doktrin" beseitigen, die nicht nur den Privatnutzern gewisse Freiheiten eingeräumt hat, sondern auch die rechtliche Basis für das öffentliche Bibliothekswesen bildet (Elkin-Koren 1995; Samuelson 1996)
Damit illustriert das "White Paper" unüberbietbar deutlich das unlösbar scheinende Dilemma, in dem sich Kopierschutzgesetzgebung heute befindet: Entweder wird die „First-Sale"-Doktrin beibehalten – mit der Konsequenz, dass praktisch jeder reale Kopierschutz entfällt, weil beliebige private Erstkäufer in der Lage sind, beliebig viele identische Kopien herzustellen und überall hin zu verbreiten. Oder die „First-Sale"-Doktrin wird aufgehoben – mit der Wirkung, dass eine sehr viel restriktivere Gesetzgebung (mit kaum absehbaren Konsequenzen einer totalitär anmutenden Vollzugsorganisation (vgl. Barlow 1993) entstehen würde, die dem Inhaber des Urheberrechts volle und dauerhafte Kontrolle über alle Nutzungen seiner Werke zugesteht.
3. Die Digitaltechnologie als Basis neuer (von Rechtsinstanzen unabhängiger) Methoden des Kopierschutzes und der Nutzungskontrolle
In dieser aussichtslos scheinenden Lage lohnt sich die Frage, ob es nicht substitutiv zum Recht andere Möglichkeiten zur Sicherung von Urheberrechten gibt, deren Realisierung nicht von der Etablierung globaler Kontrollorgane abhängig ist, die jede private Festplatte ausspionieren. Tatsächlich macht es den Anschein, dass dieselbe Digitaltechnologie, die für die Entstehung der neuen Probleme verantwortlich ist, auch gewisse Möglichkeiten ihrer Lösung anbieten kann. All diese Instrumente – die momentan erst in statu nascendi beobachtbar sind – haben die Eigenart, dass der Urheberschutz durch rein technische Vorkehrungen im direkten Marktverhältnis zwischen Autor und Rezipient verwirklicht werden kann, während der Staat als intervenierender Dritter (bzw. als Treuhänder irgendeines schwer definierbaren „Gemeinwohls") an Bedeutung verliert.
1. „Digital Envelopes"
Sie bieten dem Autor hat die Möglichkeit, sein
Produkt in verschlüsselter Form in eine Softwareumgebung einzubetten, so
dass es nur unter bestimmten, von ihm selbst gewählten Bedingungen für den
Rezipienten zugänglich ist. Z. B. wird ein Schrifttext dem Käufer
verschlüsselt zugeschickt – zusammen mit einem Dekoder-Programm, das nur
mit einem speziellen Codewort aktiviert werden kann, und das es
verunmöglicht, das entschlüsselte Dokument auszudrucken oder an Dritte
weiterzugeben. Das Codewort verfällt alle sechs Monate, und nur der Käufer
bekommt das jeweils neue Passwort zugeschickt: so dass unbefugte Dritte, die
eine Kopie besitzen, den Text sowieso nicht mehr lesen können. Eine noch weitergehende Kontrollmöglichkeit
besteht darin, die Öffnung des Dokuments an Online-Signale zu binden, mit
denen sich der Nutzer während des Nutzungsvorgangs beim Autor
authentifiziert. Ebenso wäre denkbar, die Nutzungsrechte auf ganz
bestimmte Personenkategorien wie z. B. „eingeschriebene
Clubmitglieder" einzugrenzen, die über einen bestimmten privaten
Entschlüsselungscode verfügen, oder in Audiofiles einen „Rauschgenerator"
einzubauen, der dafür sorgt, dass –ähnlich wie bei analogem Überspielen
von Kassetten – jede Kopie etwas schlechter ist als das Original.
2. "Trusted Systems"
Ein Nachteil der „Digital envelopes" besteht darin, dass die darin enthaltenen Sperren relativ leicht durch bestimmte Zusatzprogramme (sog. „cracks") ausgeschaltet werden können, die erfahrungsgemäss bald nach der Publikation des geschützten Produkts – meist kostenlos - auf dem Internet angeboten werden. So werden sie bald wirkungslos, wenn nicht wieder staatliche Vollzugsorgane eingreifen, um die Diffusion diesen illegalen „antiprotection software" zu unterbinden.
„Trusted systems" haben demgegenüber die Eigenheit, dass die Sperren in jedem einzelnen Computer eingebaut sind: so dass sie nur ausgeschaltet werden können, wenn in unzähligen Einzelgeräten bestimmte (technisch relativ anspruchsvolle) Manipulationen vorgenommen werden. Das Grundprinzip darin, dass ein mit speziellen Dekodierungssperren (auf Hardware- oder Softwareebene) präpariertes Computergerät benutzt werden muss, um bestimmte Dokumente (bzw. Bilder, Videos oder Audiofiles) unverschlüsselt zu editieren. Diese Sperren können beispielsweise so definiert sein, dass die Entschlüsselung nur während gewisser Zeiträume, nach Eingabe bestimmter Authentifikationscodes oder nach Einholen spezieller Genehmigungen gelingt. Ebenso kann sichergestellt werden, dass der Computer sich „weigert", Kopien des geschützten Dokuments abzuspeichern oder auf dem Netz an andere Adressaten zu versenden.
Eine naheliegende Anwendungsmöglichkeit von „Trusted Systems" besteht darin, dass Werke zwar via Netzversand „ausgeliehen" werden können, während dieser Zeit aber nur vom Borgenden, , nicht vom Ausleihenden, geöffnet werden können – so dass ähnlich wie bei Büchern oder Lithographien zu jedem Zeitpunkt nur eine beschränkte quantitativ exakt festgelegte Zahl benutzbarer Kopien existiert.
Die Gemeinsamkeit all dieser Vorkehrungen besteht darin, dass mit technologischen Mitteln jene Restriktionen der Reproduktion und Distribution zumindest teilweise artifiziell wiederhergestellt werden sollen, die sich in vordigitaler Zeit von selbst aus den Unvollkommenheiten der verfügbaren technischen Hilfsmittel ergeben haben. Zusätzlich aber bieten sie im Vergleich zum traditionellen Copyright sehr viel reichere Möglichkeiten, die Verhältnisse zwischen Autoren und Rezipienten nach spezifischen Bedürfnissen auszugestalten und die bisherigen pauschalen , bedingungslos gewährten „Besitzrechte" durch ein vielfältig abgestuftes Spektrum konditionalisierter „Nutzungsrechte" zu ersetzen.
Theoretisch wäre zum Beispiel denkbar, dass ein Autor immer den vollen Überblick über die Rezipienten seines Werkes behält, weil deren Entschlüsselung daran gebunden ist, dass man sich bei ihm registriert. Ebenso könnte ein auf regen Feedback ausgehender Autor nur die ersten Teile eines Dokumentes zugänglich machen und die Öffnung der folgenden Teile davon abhängig machen, dass der Leser sich bequemt, ihm eine Beurteilung des Gelesenen zukommen zu lassen und/oder auf bestimmte Fragen Antwort zu geben. Ebenso entstehen bisher völlig unbekannte Möglichkeiten, die Preise für die Vergabe von Nutzungsrechten optimal auf die jeweils aktuellen Angebots- und Nachfragebedingungen der Märkte abzustimmen. Beispielsweise können für aktuelle Nachrichten zeitlich abgestufte Preise festgelegt werden, die bereits nach Stunden (bzw. im Falle von Börsennachrichten bereits nach Minuten) auf niedrigere Niveaus absinken; oder weltweite Märkte können geographisch in dem Sinne segmentiert werden, dass die Bevölkerungen ärmerer Länder kostengünstigere Zugänge erhalten. In dem Masse, wie derartige Schutztechnologien ständig vielfältiger und in ihrer Anwendung billiger und anspruchsloser werden, erhebt sich die Frage, ob überhaupt – bzw. in welchen Bereichen kultureller Produktion - überhaupt eine reale Chance besteht, dass sie in Zukunft auf breiter Basis angewendet werden. Evident ist, dass die Antwort auf diese Frage kaum vom Verhalten politischer Akteure oder vom rechtlichen Wandel abhängen wird, sehr wohl aber davon, welche sozio-ökonomischen Beziehungen sich in der digitalen Onlinewelt zwischen Autoren, Verlagen und Rezipienten (bzw. anderen relevanten Akteuren des Publikationswesens ) ergeben. Bereits eine oberflächliche Analyse dieser Entwicklungen führt zum Befund, dass technische Kopierschutzmechanismen wahrscheinlich selbst im kommerziellen Teilbereich des Internet nur begrenzt zum Einsatz gelangen dürften , im (grösseren) nichtkommerziellen Sektor hingegen vollends chancenlos sind, da sie den Interessen der Autoren und Rezipienten gleichermassen widersprechen.
4. Die neue Machtbalance in der Netzöffentlichkeit, oder: wer ist am digitalen Kopierschutz überhaupt (noch) interessiert?
Mit dem Konzept der „Disintermediation" wird das allgemeine Phänomen ausgesprochen, dass durch das Internet der Bedarf nach intermediären Akteuren (wie z. B. Brokern, Reisebüros, Immobilienmaklern u.a.) abnimmt, weil Käufer und Verkäufer besser in der Lage sind, sich die nötige Information selbst zu beschaffen und direkt miteinander in Beziehung zu treten versenden; Für das Publikationswesen bedeutet dies z. B. dass Autoren zumindest in technisch-organisatorischer Hinsicht keine Verlagsorganisationen, Druckereien oder Transportunternehmungen mehr benötigen , um irgendwelche Inhalte in die Sphäre der Öffentlichkeit zu befördern und zeitgerecht an zahlreiche Rezipienten zu verteilen; und dass Rezipienten auch ohne die editorischen Vermittlungsleistungen von Journalisten und Redaktionen zu einschlägigen Informationen gelangen, indem sie direkt die „Newswires" grosser Presseagenturen konsultieren.
Für die Autoren wirkt sich dieser Wandel in dreierlei Weise aus:
Erstens erhalten sie gegenüber den Verlagen zweifellos eine stärkere strukturelle Position: und sei es nur darum, dass sie jetzt immer auch eine alternative, verlagsunabhängige Publikationsmöglichkeit besitzen. Zum Beispiel. können junge Musikgruppen auch ohne Plattenvertrag mit einem der grossen Konzerne heute dennoch ein grösseres weltweites Publikum erreichen , indem sie Songs im MP3-Format übers Internet verbreiten. Die oben erwähnten Kopierschutztechnologien können ihre Autonomie zusätzlich untermauern, weil sie ihnen die Möglichkeit an die Hand geben, ihre Autorenrechte mit eigenen Mitteln einzufordern, anstatt sich von gerichtlichen Schritten eines Verlagshauses abhängig zu machen. Angesichts der – ständig wachsenden - attraktiven Chance, die Verwertung ihrer in Eigenregie zu betreiben und aus den immensen Möglichkeiten des globalen „electronic publishing" Nutzen zu ziehen, dürften immer mehr Autoren immer häufiger zögern, ihre Rechte nach geltendem Usus pauschal (und bis 70 Jahre nach ihrem eigenen Tod) einer Verlagsanstalt zu überlassen, die möglicherweise gar nicht daran denkt, diese neuen Publikationskanäle auch tatsächlich zu nutzen.
Zweitens aber
werden die Autoren in ökonomischer Hinsicht geschwächt, weil sie in
intensivere Konkurrenz zueinander treten und (aufgrund der universell
gewordenen Kopier- und Distributionsmöglichkeiten) generell grössere Mühe
haben, ihr Copyright zu verteidigen.
Drittens
sehen
sich Autoren generell erstmals vor die Entscheidung gestellt, ob sie die
Schutzbestimmungen des Copyrights überhaupt in Anspruch nehmen wollen, oder
ob es nicht in ihrem Interesse liegt, völlig darauf zu verzichten.
Kommerzielle Anbieter befinden sich in dieser neuen
Welt in einer doppelt gefährdeten Lage,
Diese Problematik ist in den letzten Jahren vor allem auch in der Softwarebranche immer deutlicher zutage getreten, in der kommerzielle Produzenten immer mehr durch die Anbieter von kostenloser „Freeware" herausgefordert werden. Besonders drastisch gilt dies momentan im Bereich der Betriebssysteme, wo es ausschliesslich dem in der Public Domain verbreiteten LINUX (und nicht etwa einem kommerziellen Konkurrenzprodukt) gelungen ist, zu einer valablen Alternative für MS-Windows zu werden. Aber auch World Wide Web werden kommerzielle Informationsverkäufer häufig durch Anbieter ohne Gewinnabsichten (z. B. „Community content sites") in den Hintergrund gedrängt:
Je stärker nun die kommerziellen Anbieter den Zugang zu ihren Produkten durch (rechtliche und/oder technische) Kopierschutzmechanismen restringieren, desto schwächer wird ihre Position gegenüber den unkommerziellen Anbietern, deren niederschwellig zugängliche Erzeugnisse dadurch in einem immer vorteilhaftereren Licht erscheinen. Hinzu kommt, dass auch kommerziell motivierte Autoren zumindest einen Teil ihrer Werke kostenlos (z. B. als „Demo-Versionen") auf dem Netz verbreiten müssen, um im Netz überhaupt jenen Grad an Sichtbarkeit und Reputation zu erreichen, der für einen nachfolgenden kommerziellen Produkteabsatz die Voraussetzung bildet.
Dies führt aber dazu, dass auf den Netz andauernd vielerlei Produkte kostenfrei erhältlich sind: so dass zu "befürchten" ist, dass sich zahlreiche (sparsamere) Nutzer völlig mit diesem kostenfreien Angebot begnügen.
Jedenfalls bietet das differenzierte neue technische Kopierschutzinstrumentarium einem jeden Autor günstige Möglichkeiten, seinen (ökonomischen) Attraktivitätswert selber empirisch auszutesten (und laufend an die variable Marktsituation im WWW zu adaptieren).
Während das heutige Kopierschutzrecht einseitig vom Interesse der Verlage geprägt ist, durch möglichst langfristige exklusive Verwertungsrechte ihre Einkünfte zu maximieren, dürften in Zukunft normative Regelungen entstehen, die in höherem Masse (auch) die Interessen der Autoren und Rezipienten widerspiegeln. Dabei dürfte sich zeigen, dass das Verhalten der Autoren durch relativ vielfältige und komplexe Motivationslagen bestimmt wird, bei denen sich kommerzielle und nichtökonomische Zielsetzungen miteinander verbinden. Dementsprechend mag der Begriff "Urheberrecht" in seinem ursprünglichen Wortsinne zukünftig wirklich wieder die Rechte desjenigen bezeichnen , der ein Werk kreiert hat, nicht die Rechte einer an seine Stelle tretenden (kommerziellen) Instanz. Ja noch mehr als das: es werden zusätzliche ideelle Rechtsansprüche in den Vordergrund treten, die in der einseitigen kommerziellen Engführung des Begriffs (als „Copyright") keinen Platz gefunden haben. Zum Beispiel habe ich als Autor eines Online-Dokument das legitime Bedürfnis, dass ich das Dokument wieder aus dem Netz entfernen kann, wenn ich zum Schluss komme, dass seine Aussagen dem veränderten Stand der Forschung nicht mehr standhalten können; und wenn ich eine verbesserte Version publizierte, möchte ich sicher sein, dass nicht irgendwo noch die alte, überholte Fassung zirkuliert. Zu diesem Zweck wünsche ich mir beispielsweise Technologien, die mir über die Identität der Rezipienten Übersicht gewähren und mir beispielsweise ermöglichen, sie alle wenigstens per Email zu benachrichtigen, wenn die von ihnen benutzte Textfassung verändert wurde oder nicht mehr existiert.
5.
Vom Verlagshaus zum „Information Broker":
Die konventionellen, gewinnorientierten Anbieter kultureller Produktionen sehen sich durch das Internet vor die doppelte Herausforderung gestellt,
Es erscheint evident, dass eine derart turbulente Umwelt vor allem die Überlebenschancen jener traditionellen Verlagsorganisationen in Frage stellt, die nach wie vor glauben, ihr langfristiges Auskommen ausschliesslich auf die Verwertungsrechte an bereits erzeugten Werken die abstützen zu können. Aber selbst die mit der laufenden Herstellung neuer Erzeugnisse befassten Autoren und Organisationen sind angesichts der ubiquitären Kopier- und Distributionsmöglichkeiten nicht sicher, inwiefern es noch möglich sein wird, mit der Vermarktung solcher Produkte Geld zu verdienen.
Tatsächlich scheint sich aufgrund des Internet nun
auch in der Kulturindustrie ein Wandel von der Bestandes- zur
leistungsökonomische (bzw. von der Produktions- zur
Dienstleistungswirtschaft) zu vollziehen, wie er in anderen ökonomischen
Sektoren bereits stattgefunden hat.In traditionellen, vorindustriellen Gesellschaften
war der Reichtum bekanntlich primär auf stabile Bestandesressourcen
gegründet, die auch ohne aktive Bewirtschaftung - und erst recht ohne
dauernde Innovation oder Effizienzsteigerung - ihren Wert behielten: Gold, Ländereien, Schlösser etc. garantierten den
Inhabern einen sicheren hohen Status, ohne dass zum Zwecke der Wertsicherung
hohe Anstrengungen notwendig waren. Mit der Rationalisierung der Landwirtschaft und
insbesondere mit dem Industrialisierungsprozess war eine zunehmende
Verschiebung von "substantiellem Reichtum" zu „funktionalem
Reichtum" verbunden: Die fruchtbarsten Ländereien, die bedeutendsten
Bodenschätze und die teuersten Maschinenanlagen haben den Wert Null, wenn
sie nicht für die Produktion von Gütern eingesetzt werden, die auf den
Märkten nachgefragt sind und dank ihrer Konkurrenzfähigkeit einen
ausreichenden Verkaufspreis erzielen. Die aktive, offensive Gewinnung und Sicherung
dieser Kompetitivität in immer offeneren und volatileren Absatzmärkten -
und nicht mehr die defensive Bewachung der Bestände gegen Diebstahl oder
unerlaubte Nutzung - wird dann zum vorrangigen Problem.
Wenn ich den "Hamlet" im Netz gratis herunterladen kann, so kann ich immer noch jemanden dafür zahlen, damit er ein weltweites Online-Diskussionsforum über die Bedeutung dieser Tragödie in der Gegenwart organisiert. Oder: wenn alle Gedichte dieser Welt kostenfrei verfügbar sind, honoriere ich gern denjenigen, der mir aus dem Netz jene paar Zeilen fischt, die meiner launigen Rede am Hochzeitsbankett zu einem Glanzlicht verhelfen. Je reichhaltiger, unübersichtlicher und wandelbarer einerseits die Informationsquellen und je vielfältiger und variabler andererseits die Informationsbedürfnisse, desto umfangreicher sind die Entfaltungsnischen für solch neuartige Intermediäragenten, deren Funktion nicht mehr wie früher in der Produktion und Verbreitung von Inhalten besteht, sondern darin, für eine optimale Zuordnung dieser Inhalte zu wechselnden individuellen Bedürfnissen zu sorgen:
Demgegenüber werden Produktbestände selber wahrscheinlich immer mehr zu (quasi) freien Gütern, die gratis verteilt werden mit dem Zweck, die Sichtbarkeit und Reputation eines Anbieters zu fördern und für die für die damit verknüpften Dienstleistungen zu werben.
Selbst in einer Welt ohne jedes „Copyright" wird immer noch jener Reporter hoch bezahlt werden, der als einziger über eine relevante neueste Meldung verfügt. Denn er kann gut damit leben, dass die Meldung nach dem Akt der Weitergabe (für den er sich teuer honorieren lässt) jeglichen Kopierschutz verliert. Genau dasselbe gilt für einen auf medizinische Information spezialisierten Experten, der mir innerhalb von drei Stunden jene chirurgische Klinik ausfindig machen kann, wo ich die besten Chancen habe, meine lebensgefährliche Magenkrebsoperation zu überstehen; oder für das Journalistenteam, das nicht nur täglich eine Online-Zeitung liefert, sondern gemäss meinem Auftrag ganz bestimmte öffentliche Angelegenheiten gründlich recherchiert.
So gehört die Zukunft wohl eher den agilen – vielleicht als selbständige Free Lancers oder in kleinen, hochspezialisierten Teams tätigen „Information Brokers" als den traditionellen Grossverlagen, die in dem Masse, wie sie auf ihren erworbenen Exklusivrechten sitzen, immer mehr zu innovationshemmenden Publikationsverhinderungsanstalten werden.
Literatur
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Last update: 01. Feb 15
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