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Überall auf der Welt konsumieren Menschen fast täglich Tomaten. Die aus Südamerika stammende Frucht wird auf Millionen Hektaren Land in nahezu allen Breitengraden angebaut. Roh oder gekocht kommt sie in Tausenden von Rezepten vor, aber auch in unzähligen verarbeiteten Produkten. Worum geht es bei einem verantwortlichen Konsum des «Goldenen Apfels»?
Alessandra Roversi, Nachhaltiger Konsum und Kommunikation, Geschäftsstelle Westschweiz
Ein globalisiertes Konzentrat
«Die Welt ist unser Feld» (The world is our field) war der einprägsame Slogan, den John Heinz, Gründer der berühmten Ketchup-Marke, ab 1886 benutzte, um den phänomenalen Aufschwung seines Unternehmens zu erklären. Die berühmte rote «Heinz»-Flasche (von der sich weltweit 650 Millionen Stück pro Jahr verkaufen) ringt mit der «Coca-Cola»-Flasche um den Titel eines Symbols des Kapitalismus. Diese Globalisierung der Industrietomate deckt eine umfassende Untersuchung des Journalisten Jean-Baptiste Malet auf. Er hat den Weg der Fässer mit Tomatenkonzentrat zwischen China, Italien, Kalifornien und Ghana verfolgt (zu entdecken in Buchform oder im Dokumentarfilm «Das Tomaten-Imperium»).
Die Industrietomaten-Branche ist lukrativ und äusserst undurchsichtig. Angesichts des Einsatzes verbotener Pestizide, der Produktefälschungen, der auf den Feldern ausgebeuteten Wanderarbeiterinnen und -arbeiter und der bedenklichen Zusatzstoffe (Stärke oder Soja) sind die Umweltauswirkungen und die sozialen Folgen die reinsten Appetitverderber.
Zahlreiche Suppen, Saucen, Pizzas, Gewürze, Getränke, Konserven, welche Tomaten (in Form von Konzentrat, Pulver usw.) enthalten, zeigen die Herkunft der Zutaten nicht transparent auf. Ohne eine klare Herkunftsbezeichnung lässt sich vermuten, dass die Zutaten aus intensiver landwirtschaftlicher Produktion stammen, was die Nachhaltigkeitsbilanz des Erzeugnisses stark belastet (zum Beispiel dieser Pesto Rosso, diese Tomatensauce aus Konzentrat und diese Pizza Mozzarella mit Tomaten).
Beheizte Treibhäuser und Treibhausgase
Eine nachhaltigere Alternative besteht darin, sich seine eigene Pizza mit frischen Tomaten zu backen. Doch welche Tomaten soll man wählen? Das hiesige Angebot in den Verkaufsregalen – ob Bio, neue oder alte Sorten, einheimische oder ausländische Tomaten – ist enorm. Tomaten aus Südeuropa (z.B. aus Spanien) werden mehrheitlich in geheizten Gewächshäusern angebaut. Dieser negative Effekt auf die Klimabilanz liesse sich optimieren, indem beispielsweise die Beheizung dank besserer Isolation früher in der Jahreszeit abgestellt wird oder indem vermehrt alternative Energiequellen (Holzwerkstoffe, Fernwärme usw.) genutzt werden.
Die Richtlinien von Bio Suisse umfassen die Beheizung von Gewächshäusern auf strengere Weise. Erlaubt für Kulturen wie Tomaten ist eine Beheizung auf höchstens 10 °C, lediglich in Gewächshäusern, die über eine wärmegedämmte Gebäudehülle verfügen, und nur zwischen Anfang Dezember und Ende Februar. Um Frostschäden zu vermeiden, können nicht richtig gedämmte Gewächshäuser bis auf 5 °C temperiert werden.
Die «verbotene Frucht» ist nicht saisonal
Zu warm in den Gewächshäusern, zu kalt in den Kühlwagen: Die schmackhaftesten Tomaten werden lokal angebaut und haben im Sommer Saison. Die Gemüseproduzenten und -produzentinnen bieten heute von April bis November eine grosse Auswahl von Tomaten an, während der Saisonkalender von Biovision eher die Zeit von Mai bis Oktober empfiehlt, also in der Hochsaison für Tomaten mit dem sonnigen Geschmack.
Angeboten werden die besten reifen Tomaten in dieser Zeit im lokalen Direktverkauf bei den regionalen Produzenten, die verschiedene Sorten und nachhaltige Anbaumethoden wie Bio fördern. Es ist auch der ideale Zeitpunkt, um Tomaten auf dem eigenen Balkon anzupflanzen und Sorten zu entdecken, die in Supermärkten unbekannt sind. Sie tragen bunte Namen wie «Präsident Garfield», «Lukullus», «Black Russian» oder auch «Carmen» für die Zwetschgentomate (Starter-Kits für Stadt-Tomaten mit ProSpecieRara).
Lokal essen und global handeln
Die Herausforderungen der Tomatenproduktion beschränken sich nicht auf unsere Felder oder Balkone. Globaler Anbau geht auch einher mit identischen Schädlingen, die sich überall ausbreiten. Seit mehr als einem Jahrzehnt wird die Tomate angegriffen von einem Insekt mit beträchtlichem Schadenspotenzial, wie schon der lateinische Name der Tomatenminiermotte sagt: Tuta absoluta.
Dieser winzige Schmetterling stellt heute die grösste pflanzengesundheitliche Bedrohung für die Tomatenkulturen dar, in Afrika genauso wie in Europa (in der Schweiz seit 2009) und in Asien. Die Erforschung einer nachhaltigen, ökologischen und integrierten Schädlingsbekämpfung ist von globaler Relevanz. In Kenia und Uganda sind Biovision und ihre Partner aktiv in der biologischen Bekämpfung dieses Schädlings, um die Ernährungssicherheit von Hunderten von Bauernfamilien zu gewährleisten. Für diese ländlichen Haushalte bedeutet die Tomate eine Quelle für Mineralstoffe und Vitamine, aber auch für ihr Einkommen durch den Verkauf auf dem Markt.
Sowohl in der Schweiz wie in Kenia und Uganda ergeben sich beim nachhaltigen Tomatenanbau und -konsum dieselben Herausforderungen: Es braucht ein System, das die Kleinproduzenten und die Einhaltung strenger Sozialstandards fördert sowie vielfältige agroökologische und ressourcenschonende Kulturen sicherstellt.