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Tagebucheintrag von Emma Graf, Schülerin der Taubstummenanstalt St.Gallen (heutige Sprachheilschule St.Gallen), geboren 1900:
Am Sonntag besuchten Frl. Groth u. Frl. Humbel Luise Dommer. Sie brachten die Nachricht, dass Luise am folgenden Tag aus dem Spital entlassen werde. Am Sonntag hatte Luise den Geburtstag, am Montag durfte sie austreten. Das war ein zufälliges Zusammentreffen. Luise war 16 Wochen im Spital. Als Herr Bühr in Küsnacht war, spazierte er einmal auf der Strasse. Hinter Herrn Bühr kam ein Automobil. Er musste ausweichen. Gewöhnlich schaut er nicht in die Automobile hinein, wer darin hockt. Als das Auto kam, schaute Herr Bühr hinein. Es war General Wille. Das war auch ein Zufall, dass er den General sah.
Am Samstag wurde ein Mädchen von Hätzingen vorgestellt. Es heisst Elsa Brunner. Wir durften allerlei von dem Mädchen fragen. Herr Bühr sagte, er stehe zur Verfügung. Die Reise dauerte nur 3 Stunden. Herr Brunner hatte überall sofortigen Anschluss. Wird Elsa im Frühling aufgenommen? Es ist im Dezember schon 8 Jahre alt. Im Frühling werden nur 5 Betten frei. Also können nur 5 Mädchen eintreten. Herr Bühr sagte, Elsa könne vielleicht nicht eintreten. Er müsse zuerst die St.Galler, dann die Appenzeller u. Thurgauer berücksichtigen. Wenn dann noch Platz frei sei, könne man auch auf die Bündner u. Glarner Rücksicht nehmen.
Am Montag wurde Luise Donner aus dem Spital entlassen. Frieda Näf hat sie abgeholt. Luise kam mit dicken Backen. Sie hat 16 Wochen nichts getan u. ist immer herumgesessen u. hat sich gelangweilt. Sie hat noch ein Heftpflaster auf der Operationswunde. Sie muss noch einigemal Soolbäder [sic] nehmen zur Kräftigung.
Am Abend kam Frl. Alther, Lehrerin aus der Stadt zu Frau Bühr. Als sie in das Wohnzimmer kamen, war Frl. Alther als Bernerin verkleidet. Die Mädchen haben Mund u. Augen aufgerissen. Warum hat Frl. Alther die Tracht von Frau Bühr entlehnt? Nächsten Samstag haben die Lehrerinnen der Stadt eine Abendunterhaltung. Da wird Frl. Alther als Bernerin auftreten u. etwas aufsagen.
Wir bemerkten am Dienstag, dass Seppli in der Schule ein trauriges Gesicht machte. Sie hatte Heimweh. Herr Bühr sagte, sie habe eine Leichenbittermiene aufgesetzt. Wenn jemand auf dem Lande gestorben ist, geht ein Mann oder eine Frau in alle Häuser u. ladet die Leute zur Leiche ein. Der Leichenbitter macht ein trauriges Gesicht. Das ist eine Leichenbittermiene.
War das gestern ein Sturm! Auf dem Turnplatz ist ein Vogelbeerbaum von ihm umgeworfen worden. Der Gärtner muss ihn wieder aufrichten u. ihm einen starken Pfahl geben. Vielleicht aber ist der Baum an der Wurzel abgebrochen. Dann kann man ihn nicht mehr brauchen. Man muss einen anderen setzen. Früher war auch einmal ein Vogelbeerbaum von einem Sturm umgerissen worden. Er war verloren. Auch in der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch tobte der Sturm.
Frau Bühr hatte am Mittwoch den Geburtstag. Die Lehrerinnen schenkten ihr einen Blumenstock. Wir Mädchen der Oberklasse hätten Frau Bühr gerne Blumen geschenkt. Wir hätten Frau Bühr eine Freude gemacht, weil sie viel Arbeit u. Mühe mit uns gehabt hat. Wir haben Hr. Bühr durch Lina Tobler fragen lassen, ob wir Frau Bühr unseren Plan ausführen dürfen. Herr Bühr meinte aber, lieber sollen wir ihr eine selbstverfertigte Handarbeit geben, etwa beim Austritt.
Herr Bühr kaufte für die Schulzimmer des Knabenhauses ein Bilderwerk für den Anschauungsunterricht. Es sind 14 schöne Bilder, auf Leinwand aufgezogen, mit Stäben u. Ösen versehen. Ein Bild kostete 3,90 fr. das ganze Werk kostete 54,60 fs. Die Bilder stellen dar: eine Mühle im Winter, die gleiche Mühle im Frühling, Gartenbau, einen Bauernhof, Wild im Winter, der Wald, eine Heuernte, eine Getreideernte, Ackerbau, einen Wimmet, Weihnachtsmarkt, am heiligen Abend im Winter, die Grossstadt.
Herr Bühr hat 2 Gasrechnungen bezahlt. Das Mädchenhaus samt dem Küchenhaus brauchte vom 1. Jan. bis 16. Febr. 355 Kubikmeter, das Knabenhaus 238 Kubikmeter. Der Kubikmeter kostet für die Anstalt 15. Rp. Herr Bühr bezahlte für das Mädchenhaus 53,25 fs., für das Knabenhaus 35,70 fs. Alles zusammen machte 88,95 fs.
Herr Bühr kaufte am Mittwoch für Frau Bühr eine Papeterie mit 25 Trauerbriefbogen u. Kuverten. Er kaufte auch ein ovales Rähmli für ein Bildnis von ihm. Es ist eine Bleistiftzeichnung von einer Kunstmalerin. Herr Bühr unterrichtete vor etwa 10 Jahren einen schwerhörigen Herrn im Ablesen der Sprache vom Mund. Seine Braut war bei den Übungen anwesend. Sie war eine Kunstmalerin. Einmal während Herr Bühr dem Herrn vorsprach, zeichnete sie Herrn Bühr ab. In einer Viertelstunde hatte sie es gemacht. Wir sahen, dass das Bild naturgetreu ist. Die Malerin schenkte es Frau Bühr zum Andenken.
Frau Bühr führte das ganze Mädchenhaus auf den Leim. Sie sagte, Frau Verzal habe den Geburtstag. Wir sollen ihr gratulieren. Herr Bühr, die Lehrerinnen u. alle Mädchen haben ihr gratuliert. Aber es war nicht so. Frau Verzahl hat im Dezember den Geburtstag gehabt. Um 4 Uhr verzehrten wir Russen [wohl ein Gebäck], zusammen 101 Stück.
Diese Woche hat Anton Vogler ein Ellbogengelenk ausgerenkt. Er ist gefallen. Herr Giger hat es wieder eingerenkt. Er ist ein Viertelsdoktor. Er versteht einwenig von der Krankenhilfe. Er ist Sanitäter. Am Mittwoch brachte Herr Thurnheer Anton zu Hrn. Dr. Wenner. Bei der Untersuchung zeigte es sich, dass Anton den Arm gebrochen hat. Hr. Dr. Wenner richtete den Bruch wieder u. legte einen Verband an. So ist Herr Giger ein richtiger Viertelsdoktor.
Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 206 (Text) und A 451/7.4.01-1 und A 451/7.4.01-2 (Bilder des Mädchen- und Knaben-Turnunterrichts)