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Spitalordnung
Druck: Chartularium Sangallense Bd. III, bearb. v. Otto. P. Clavadetscher, St.Gallen 1983, Nr. 1162.
1228 erliessen der St.Galler Bürger Ulrich Blarer und der Truchsess Ulrich von Singenberg eine Ordnung für das von ihnen gestiftete städtische Spital, das Heiliggeist-Spital.
Wie bei anderen kommunalen Spitälern hing die Entstehung des St.Galler Spitals mit den Problemen der Alters- und Krankenfürsorge der im Hochmittelalter wachsenden Städte zusammen. Solche Aufgaben konnten nicht mehr nur von klösterlichen Spitälern erfüllt werden, sondern bedurften städtischer Einrichtungen.
Das St.Galler Spital ist eine städtische Einrichtung, obschon in Urkunden des 13. Jahrhunderts, die das Heiliggeist-Spital betreffen, wiederholt von Brüdern die Rede ist. Daraus kann nicht geschlossen werden, dass es eine geistliche Gründung und Institution war oder dass das Spital Bestandteil des sich in unmittelbarer Nähe befindenden Benediktinerklosters war. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass auch in St.Gallen – wie beispielsweise in Schaffhausen – eine Laiengemeinschaft in einer klosterähnlichen Lebensgemeinschaft ohne Ordenszugehörigkeit selbständig ein Spital betrieb. Dass die Dotierung des Spitals und somit seine Funktion in der städtischen Fürsorge dem Kloster ein Anliegen war, zeigt ein in mehreren Urkunden belegtes Wohlwollen der Abtei gegenüber dem Spital.
Hinweise zur Transkription
Transkribieren Sie u/v nach dem Lautwert (also z.B. «und» für «vnd» und «ouch» für «ovch»), und passen Sie auch i und j dem heutigem Gebrauch an (z.B. «insigel» statt «jnsigel»). Fügen Sie über der Zeile stehende Vokale hinter dem darunter stehenden Vokal ein. Distinktionszeichen über dem u (z.B. ú) werden in der Transkription weggelassen. Wortteile, die optisch getrennt erscheinen, aber sinngemäss zusammengehören, werden als ein Wort transkribiert (z.B. «obermaister» anstelle von «ober maister»). Nutzen Sie bei Unsicherheiten die Tipps.
Allen den, die disen brief ansehent, lesent oder hoerrent lesen, kunden wir, herr Uolrich von Singenberg, ritter und
druhsaeze des gotzhuses ze sant Gallen, und Uolrich der Blarrer, stifterre und anvaherre des nidern spitals ze sant Gallen,
das wir mit ainwilligen muot und mit wiser luten rat den vorgenemten spital in das reht und in die gewonhait setzen
und gesetzet haben und ouch iemer, die wil er stat, wellint, das er in der gewonhait belibe, das alle unser nahkomen, die
obermaister und phlegerre ald die undermaister des spitals haissent und sind, dehain menschen, man noh vrowen,
enphahen sont bi gesundem libe durch bette noch umb dehain guot, won der dem spital und den siechen mit dienste
nuzze und guot gesin mug, und sont ouch nut gebunden sin ze enphahen durch dehain bette, du an su getriben werde,
dehain siechen, der das almuosen mit gaendem libe an aim stabe ald uf krukken gevorderen ald erbitten mag und der
dehain aigen guot hab an ligendem ald an vaerndem guot, das er geniessen muge.
Diese Pergamenturkunde wurde ihrem Inhalt zufolge im Jahr 1228 vom St.Galler Bürger Ulrich Blarer und vom Truchsess Ulrich von Singenberg ausgestellt. Besiegelt wurde die Urkunde allerdings nicht von den beiden angekündigten Sieglern, sondern von Albrecht V. von Hohenberg und Konrad Blarer. Die aus anderen Quellen bekannten Lebensdaten dieser beiden siegelnden Personen legen den Schluss nahe, dass es sich um eine auf 1228 datierte, aber erst in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts geschriebene und besiegelte Urkunde handelt. Möglicherweise stellt diese Urkunde eine Übersetzung der nicht überlieferten lateinischen Spitalordnung aus der Gründungszeit um 1228 dar.
Erklärungen
druhsaeze: Truchsess, für Küche und Tafel zuständiger Hofbeamter
anvaherre: Ahnherr
nidern spitals: unteres Spital
vorgenemten: vorgenannte
iemer: jemals
obermaister: Obermeister
phlegerre: Pfleger
ald: oder
undermaister: Untermeister
sont: sollent
dehain: kein
bette: Bitte
su: sie
gaendem: gehend
gevorderen: fordern
Wir setzen ouch in dem vorgeschriben
reht, das der spital gebunden sol sin ze enphahen alle ellende siechen, die fur sich selben von siechtagen und von alter
nut me mugent, und sunderbar des gotzhuses lute, und sol ouch gebunden sin ze enphahenne kindbetterrinen, und sol man der
phlegen in dem spital drie wochen und nit me. Und kind, du nieman hant, sol man zuhen ane alle gevaerde, unz das su
nah dem almuosen gegan mugent. Wir, die vorgenemten stifterre, hain ouch irbetten unser genaedigen herren und die
gedigen ze sant Gallen, das su den phlegern des spitals helfen durch got, die vorgenemten ordenung behaeben.
Und ze ainer staeter sicherhait aller der dinge und ordenung, so hie vor geschriben stand, darumb henken wir,
die vorgenemten herr Uolrich von Singenberg und Uolrich der Blarrer, unseru insigel an disen brief. Dirre
brief ward geben des jares, do man zalt zwelf hundert und zwainzig jar, darnah in dem ahteden jar von
der geburte unsers herren Iesu Cristi.
Im Inhalt der Spitalordnung fällt vor allem der karitative Gedanke der Institution auf: Nur Alte, Kranke und Waisen sollten im Heiliggeist-Spital aufgenommen werden, aber niemand, der selber betteln gehen konnte oder eigenes Gut besass. Durch diese beiden Klauseln sollte ausgeschlossen werden, dass Personen Aufnahme fanden, die durch Bettel noch selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen oder durch Verkauf ihres Grundbesitzes zu Geld kommen konnten. Ebenso wurde Kindbetterinnen ein Aufenthalt im Spital von bis zu drei Wochen gewährt.
Erklärungen
zuhen: erziehen
ane alle gevaerde: aufrichtig
unz: bis
insigel: Siegel
brief: Urkunde
ahteden: achten