Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03564.jsonl.gz/1518

Titel
Desinfektion
[* 2] (franz.), das
Verfahren, durch welches man der
Gesundheit schädliche
Stoffe, besonders die als
Überträger von
Krankheiten, als Ansteckungsstoffe, erkannten mikroskopischen Organismen, die
Bakterien, zu zerstören sucht.
Bisweilen rechnet man zur
Desinfektion auch die Maßregeln, welche vorbeugend gegen die Entstehung oder Ausbreitung
der Ansteckungsstoffe ergriffen werden, und häufig verwechselt man
Desinfektion mit
Desodorisation, indem man die Schädlichkeiten
von den durch übeln
Geruch sich bemerkbar machenden
Stoffen ableitet und den gewünschten Erfolg erreicht
zu haben glaubt, sobald dieser
Geruch verschwunden ist. Es unterliegt keinem
Zweifel, daß übelriechende
Gase,
[* 3] welche aus faulenden
Substanzen,
Exkrementen etc. sich entwickeln und der
Luft der Wohnräume sich beimischen, nachteilig sind, und insofern sind
alle Maßregeln wertvoll, welche eine gründliche Beseitigung dieser
Gase erreichen. Der Wert des
Eisenvitriols,
der Manganlaugen etc. besteht darin, daß sie gewisse Fäulnisprodukte, wie
Schwefelwasserstoff- und Ammoniakgas, binden und
die
¶
mehr
Verbreitung solcher Gase aus Abtrittsgruben, Klosetten etc. verhindern. Dagegen ist es selbstverständlich vollkommen zwecklos, den Geruch der übelriechenden Gase durch stark riechende Räuchermittel zu maskieren. Die schädlichen Gase bleiben in dem Raum, und sie entgehen nur durch die Räucherung der Wahrnehmung, weil die entwickelten Wohlgerüche stärker als jene auf unser Geruchsorgan wirken. Die einfachste Ventilation würde in diesem Fall sehr viel wirksamer sein, da durch sie die schädlichen Gase beseitigt werden.
Freilich würde auch gute Ventilation auf die Dauer wenig ausrichten, wenn nicht die Quelle
[* 5] jener Gase verstopft wird. Und dies
gilt für alle
Desinfektionsmaßregeln, denen man nicht den Kampf gegen Schädlichkeiten aufbürden soll,
die auf andre Weise leicht und sicher beseitigt werden können. Es wäre thöricht, Zimmer desinfizieren zu wollen, in welche
aus unreinen, feuchten Kellern, aus Kanälen, Abtritten etc. beständig schädliche Gase eindringen, auf deren feuchten Wänden
Tapeten verrotten, unter deren Dielen unreiner Schutt lagert, der gelegentlich durch einsickerndes Scheuerwasser
angefeuchtet wird.
Hier sind diese Übelstände zu beseitigen, und dann wird meist eine besondere
Desinfektion gar nicht mehr erforderlich
sein. Reinlichkeit, Trockenheit, reichliche Ventilation sind von der Gesundheitspflege als so wichtige Faktoren für das Wohlbefinden
in den Wohnräumen anerkannt worden, daß auf sie in erster Linie zu achten ist. Nachdem dies aber geschehen,
bleibt noch für die
Desinfektion ein weites Gebiet, auf welchem große Anstrengungen gemacht werden müssen, wenn
der Erfolg gesichert werden soll.
Die neuern Untersuchungen haben gelehrt, daß die chemischen Produkte der Fäulnis, welche sich zum Teil durch übeln Geruch
sehr bemerkbar machen, viel weniger zu fürchten sind als die Mikroorganismen, welche jene Fäulnisprozesse
begleiten und vielleicht als deren fermentartig wirkende Urheber zu betrachten sind. Ein Mittel, welches nur die übeln Gerüche
beseitigt, ohne jene Organismen zu töten, leistet also sehr wenig, und es war ein außerordentlicher Fortschritt, als man
den scharfen Unterschied zwischen Desodorisation und
Desinfektion machen lernte und vom
Desinfektionsmittel verlangte,
daß es jene Organismen töten müsse.
Nun sind, wie es scheint, sehr viele bei Fäulnisprozessen auftretende Bakterien der menschlichen Gesundheit nicht nachteilig,
und manche der gefährlichsten organisierten Krankheitsübertrager mögen in ihrer Entwickelung durch Fäulnisprozesse keineswegs
begünstigt werden; dennoch muß man bis jetzt annehmen, daß faulende Stoffe im allgemeinen als Nährboden
für Bakterien deren Vermehrung und Verbreitung befördern, und so werden sich alle
Desinfektionsmaßregeln auf Unterdrückung
von Fäulnisprozessen richten müssen.
Die neuere Zeit hat aber auch direkte Beobachtungen über die Widerstandsfähigkeit der hier in Betracht kommenden Organismen
gegen äußere Angriffe gebracht und damit angefangen, den Boden zu schaffen, von welchem aus allein der
Wert bestimmter
Desinfektionsmaßregeln beurteilt werden kann. Freilich richteten sich diese Beobachtungen nur auf bestimmte
Organismen, und es scheint, als ob durchaus nicht alle gleich lebenskräftig sind, ja es ist bekannt, daß manche, welche
Dauersporen erzeugen, dadurch die Fähigkeit besitzen, sehr energischen Angriffen zu widerstehen, und selbst
nach langer Zeit aus dem Zustand der Ruhe wieder zu regster Lebensentfaltung übergehen können. Im allgemeinen sind die Bakterien
sehr viel widerstandsfähiger, als man glauben möchte, und es hat sich mit Sicherheit herausgestellt,
daß z. B.
Räucherungen mit Chlor in belegten Krankenzimmern, also in einem Grade, daß Menschen dabei noch ohne Beschwerde
atmen können, daß Besprengungen mit Karbolsäure, welche die Luft mit intensivem Karbolgeruch füllen, kaum eine andre Bedeutung
haben als Räucherkerzen und vielleicht insofern mehr schaden, als nützen, als sie eine Sicherheit vortäuschen, die durchaus
nicht vorhanden ist.
Im deutschen Reichsgesundheitsamt hat man die einzelnen
Desinfektionsmittel auf ihre Wirksamkeit geprüft,
indem man dieselben in berechneter Menge in geschlossenen Gefäßen auf künstlich gezüchtete Bakterien von Milzbrand, Rotlauf,
Septichämie etc. sowie auf deren Dauersporen einwirken ließ und nach verschieden langer Einwirkung diese Bakterien auf ihre
Lebensfähigkeit prüfte. Nach den Ergebnissen bezeichnet man als zuverlässige
Desinfektionsmittel solche, welche
alle Mikroorganismen und ihre Keime töten, während die unzuverlässigen dies nur in bedingtem Grad erreichen. Es ist auch
zu beachten, daß manche
Desinfektionsmittel nur die Lebensthätigkeit der Bakterien herabsetzen, die sich gewissermaßen
wieder erholen, nachdem die Einwirkung des
Desinfektionsmittels aufgehört hat. Man darf ferner nicht vergessen, daß die
Bakterien und ihre Keime sich durch die Luft verbreiten, so daß ein desinfizierter Gegenstand, sobald er
mit der Luft wieder in freie Berührung gekommen ist, in kürzester Zeit von neuem infiziert werden kann, wenn nicht durch
die
Desinfektion eine solche Veränderung mit demselben vor sich gegangen ist, daß er für die Bakterien und ihre
Entwickelung keinen Boden mehr bietet.
Der Desinfektion unterliegen bewohnte Räume und die in denselben befindlichen Gegenstände, Möbel, [* 6] Betten, Kleidungsstücke und Wäsche, allerlei Abfallstoffe und Exkremente, dann auch Leichen und Kadaver sowie lebende Menschen und Tiere. Die Verschiedenartigkeit dieser Fälle fordert auch ein sehr verschiedenartiges Verfahren und eine Auswahl unter den Desinfektionsmitteln, welche zum Teil sehr beachtenswerte Nebenwirkungen ausüben und dadurch in manchen Fällen unanwendbar sind.
Das Chlor steht in altbewährtem Ruf als Desinficiens durch sein starkes Oxydationsvermögen; man entwickelt dasselbe am besten durch Übergießen von Chlorkalk [* 7] mit Salzsäure und wendet es zur Desinfektion von Wohnungen, Krankenzimmern etc. an. Das Chlor besitzt zwar keine absolut sichere desinfizierende Wirkung, besonders da sich seine Wirkung wesentlich auf die Oberfläche erstreckt; indessen wird es, in hinreichender Menge entwickelt, zur völligen Desinfektion leerer Räume sicher genügen. Zu diesem Zweck räumt man das zu desinfizierende Zimmer gänzlich aus, schafft vornehmlich auch alle Kleidungsstoffe und Möbel heraus, beseitigt vorteilhaft die Tapeten, da alle diese Stoffe durch das Chlor angegriffen werden, wäscht Fußboden, Wände, Fenster und Öfen, [* 8] soweit dies thunlich, mit Sublimatlösungen (s. unten), dichtet alle Fugen und Ritzen an Fenstern etc. und stellt nun den Chlorkalk in möglichst großen irdenen Schalen, um bei der Chlorentwickelung ein Überfließen zu verhindern, im Zimmer auf und zwar so, daß ein Teil in der Nähe der Decke, [* 9] einer in mittlerer Höhe und einer am Fußboden placiert wird, wodurch ein möglichst gleichmäßiges Durchdringen der Luftschichten mit Chlor bewirkt wird. Um Luft durch Chlor zu desinfizieren, muß dieselbe 1-1½ Volumprozent des Gases enthalten, und man bedarf deshalb zur Entwickelung der nötigen Menge Chlor für 1 cbm Rauminhalt 0,25 kg Chlorkalk und 0,35 kg Salzsäure. Die ¶
mehr
desinfizierende Wirkung des Chlors wird bedeutend erhöht durch starke Feuchtigkeit des betreffenden Raums, die man durch Besprengen des Zimmers und Zerstäuben von Wasser vor der Desinfektion erreicht. Man thut nun von dem Chlorkalk nicht mehr als ½ kg in je eine Schale, umwickelt diese Masse mit Filtrierpapier und stülpt darauf möglichst gleichzeitig in jede Schale eine Flasche [* 11] mit Salzsäure, worauf man sich so schnell wie möglich aus dem fest zu schließenden Raum entfernt.
Den Akt des Übergießens muß man vorher mit den Gehilfen ausproben, damit keine Verletzung durch zu stürmische Chlorentwickelung stattfinde. Nach 24 Stunden öffnet man den Raum, der als gänzlich desinfiziert angesehen werden kann, wenn das Chlor möglichst vollkommen aus dem Chlorkalk entwickelt ist. Der schwache Chlorgeruch, auch in der Umgebung des Raums, verschwindet bald. Chlorwasser und Chlorkalklösungen benutzt man zu Waschungen lebender Personen, und wenn die Kleider am Leibe desinfiziert werden sollen, so muß die betreffende Person in eine kleine Bude treten, in welcher Chlor entwickelt wird.
Durch eine Öffnung in der Wand steckt sie den Kopf ins Freie, um das Chlor nicht einzuatmen. In seiner Wirkung und Anwendungsweise steht das Brom dem Chlor sehr nahe. Man benutzt es in der Form des Bromum solidificatum, in welcher das Brom von poröser Kieselgur aufgesogen ist und an der Luft allmählich verdampft. Es gehören nach den neuesten Ermittelungen zu einer annähernd vollkommenen Desinfektion eines Kubikmeters Raum 40 g Brom, doch erstreckt sich auch bei diesem Mittel die Desinfektion wesentlich auf die Oberfläche der Gegenstände.
Auch in wässerigen Lösungen wirkt das Brom als gutes Desinficiens bei Waschungen etc. Viel angewendet und bequem darzustellen ist die schweflige Säure, indem man sogen. Stangenschwefel auf eisernen Pfannen verbrennt, wobei man auf das Kubikmeter 20 g Schwefel rechnet. Auch hierbei unterstützt man die Wirkung wesentlich, indem man zuvor das Zimmer mit Wasserdämpfen sättigt. Die Anwendungsweise ist jedoch nicht ganz ungefährlich wegen der Feuersgefahr, und auch die desinfizierende Wirkung steht hinter der der beiden vorgenannten Stoffe zurück.
Während diese Mittel wesentlich zur Desinfektion von geschlossenen Räumen angewendet werden, ist die Karbolsäure ein bewährtes Mittel bei Waschungen, Verbänden und sonstigem Krankengebrauch. Dieselbe verhütet in ausgezeichneter Weise die Entwickelung aller bösartigen Spaltpilze und eignet sich gerade deshalb sehr gut zu antiseptischen Verbänden, einem Gebiet der Desinfektionslehre, welches, gegen Ende der 60er Jahre von Lister begründet, seitdem die gewaltigsten Fortschritte in der ganzen operativen Medizin bedingt hat.
Weniger sicher ist nach Kochs Untersuchungen die Wirkung der Karbolsäure auf die Dauersporen der Bakterien, doch hindert sie dieselben immerhin an weiterer Entwickelung. Man wendet die Karbolsäure in 2-5proz. wässeriger Lösung an, doch muß man gerade bei der Wundbehandlung mit starken Lösungen vorsichtig sein, da durch Resorption von viel Karbol leicht Vergiftungserscheinungen eintreten können, die sich zunächst im Auftreten von dunkel bis schwarz gefärbtem Urin, sogen. Karbolurin, äußern.
Zur Desinfektion der Schwämme [* 12] und Instrumente bei Operationen wird die Karbolsäure allgemein angewendet. Sehr wichtig ist, daß Karbolsäure, in Öl gelöst (Karbolöl), gar keine desinfizierende Wirkung hat. In feinster Verstäubung wird die Karbolsäure als Spray bei Operationen zur fortgesetzten Desinfektion des Operationsfeldes benutzt und in Dampfform zur Desinfektion ganzer Räume. Hierbei ist jedoch die Wirkung derselben sehr unsicher, da es nach Koch äußerst schwer ist, den nötigen Karbolgehalt auf ein Kubikmeter Raum zu konzentrieren, und es erhellt daraus, wie schon oben bemerkt, daß ein Zimmer nicht als desinfiziert anzusehen ist, sobald sich Karbolgeruch bemerkbar macht.
Die Salicylsäure wird als sehr bewährtes fäulniswidriges Mittel in der Stärke [* 13] von 3 auf 1000 g Wasser ebenso wie die Karbolsäure angewendet. Das Thymol wird in der Stärke von 1:1000 benutzt, und beide Mittel eignen sich besonders zu fortgesetztem Gebrauch bei Wundbehandlung, da sie, auch bei längerer Anwendung, keine Vergiftungserscheinungen bewirken. Von sehr guter Wirkung bei der Desinfektion von Wunden ist ferner das erst seit kurzem hierzu benutzte Jodoform, welches bei offenen Wunden und Geschwüren den Heilungsprozeß in ausgezeichneter Weise unterstützt.
Bei sehr reichlichem Gebrauch des Jodoforms hat man heftige Erregungen des Nervensystems, Tobsuchtsanfälle und psychische Störungen beobachtet, außerdem ist der intensive Geruch sehr störend. Übermangansaures Kali wird vielfach zweckmäßig zu Waschungen angewandt. Hatten die bisher aufgeführten Mittel eine gute, aber keine absolut sicher desinfizierende Wirkung, so besitzen wir in dem seit kurzer Zeit allgemein eingeführten Quecksilbersublimat ein Mittel, welches schon in einer Verdünnung von 1:1,000,000 das Wachstum der Spaltpilze erheblich beschränkt und in einer Lösung von 1:1000 in wenigen Minuten auch die widerstandsfähigsten Keime der Mikroorganismen tötet.
Hiermit haben wir ein absolut sicheres Mittel, welches zur Desinfektion von Wunden, Verbänden, zum Waschen der Hände und aller möglichen Gegenstände verwendet wird. Es ist geruchlos und in der starken Verdünnung wenig giftig (in konzentrierterer Form gehört das Salz [* 14] bekanntlich zu den heftigsten Giften und muß daher mit der größten Vorsicht behandelt werden!). Andre chemische Mittel, wie Chlorzink, Naphthalin etc., sind als wertlos erkannt und verlassen. Von desodorisierenden Mitteln werden namentlich Eisenvitriol, welcher Schwefelwasserstoff und Ammoniak bindet, verdünnte Schwefelsäure, [* 15] welche ebenfalls Ammoniak bindet, ferner Kalkmilch und Kalilauge, die den widrigen Geruch der Diarrhöekote beseitigen, angewandt.
Kohle, Torfgruß und Erde wirken stark absorbierend und verhindern z. B. bei Pissoirs ebenfalls die Gasentwickelung; auch benutzt man Kohle heute sehr allgemein zur Filtration des Trinkwassers, welches durch die poröse Kohle hindurchsickert und in derselben von gelösten organischen Stoffen (aber nicht vollständig von Bakterien) befreit wird, wobei noch die Bequemlichkeit ist, daß nach längerm Gebrauch die Kohle nur bei Luftabschluß geglüht zu werden braucht, um wieder vollkommen gut zu funktionieren. Gebrannter Kalk wirkt durch seine Fähigkeit, Wasser, Kohlensäure und Schwefelwasserstoff zu binden; doch ist dabei die Entwickelung von Ammoniak störend.
Neben den chemisch wirkenden Desinfektionsmitteln gibt es noch ein souveränes, nämlich die Hitze. Während man aber früher allgemein glaubte, daß eine Temperatur von 100° ausreichend sei zur Tötung aller Bakterien, haben neueste Versuche von Koch und Wolfhügel gezeigt, daß die Keime der Bakterien in trockner, heißer Luft Temperaturen bis zu 140° längere Zeit hindurch ohne Schaden ertragen, und daß außerdem heiße Luft äußerst langsam in das Innere der Desinfektionsobjekte, z. B. Wäschebündel etc., eindringt. Besser gestalten sich schon die ¶