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Mein lieber Freund!
Es hat mich von Herzen gefreut, wieder einmal einen Brief von Dir zu empfangen, da Du in demselben gar nichts von den werthen Deinigen, namentlich auch nichts von der armen Leonie1, an deren schwerem Unfalle wir den größten Antheil genommen, schreibst, so hoffe ich annehmen zu dürfen, Ihr befindet Euch jetzt alle wohl.
Was nun die Angelegenheit anbetrifft, über welche Du meine Ansicht zu vernehmen wünschest, so werde ich mich bei Beurtheilung derselben nicht sowol auf den Standpunct der N.O.Bahngesellschaft, als vielmehr auf denjenigen eines Mitgliedes der Bundesbehörde zu stellen haben. Ich erwähne daher nur im Vorbeigehen, daß ich vom Standpuncte der N.O.Bahngesellschaft aus sehr im Zweifel bin, ob das Zustandekommen irgendeiner Alpenbahn im Interesse derselben liege. Wenn eine solche auch der N.O.Bahn etwelche Alimentation zuführen dürfte, so kann sie auch an & für sich & durch Concurrenzlinien der N.O.Bahn, deren Zustandekommen eine Alpen bahn begünstigen dürfte, hinwieder mancherlei Verkehr von der N.O.Bahn ablenken. – Stelle ich mich nun aber auf den Standpunct eines Mitgliedes der Bundesbehörde, so kann man wohl nicht in Abrede stellen, daß die Erbauung einer die Schweiz mit Italien verbindenden Alpenbahn der Schweiz | volkswirthschaftliche Vortheile brächte, nicht deshalb, weil etwa Transitverkehr auf die Bahn gezogen würde – dieser hat nur für die Eisenbahnen, nicht aber für das Land an sich Bedeutung –, sondern weil der Austausch der Produkte, Fabrikate u. s. w. zwischen der Schweiz & Italien erleichtert würde. In dieser letztern Beziehung darf übrigens nicht unerwähnt bleiben, daß der Bau des Mont Cenis & Brenner , sowie die Eisenbahn Genf– Marseille2, verbunden mit der wohlfeilen Meerstraße von Marseille nach den Italienischen Häfen, bei der Concurrenz, welche zwischen diesen 3 Straßen entstehen wird, zur Erleichterung des Verkehres zwischen der Schweiz und Italien mit Beziehung auf Geld & Zeit sehr wesentlich beitragen werden. Dessenungeachtet halte ich die Ansicht fest, daß die Entstehung einer die Schweiz mit Italien unmittelbar verbindenden Alpenbahn unserm Lande volkswirthschaftliche Vortheile bringen wird. Die politischen & militärischen Vortheile dürften wesentlich darin zu suchen sein, daß Tessin besser mit der Schweiz verbunden würde & leichter vertheidigt werden könnte, sowie daß die Schweiz eine Verbindung mit dem Meere über das Gebiet eines Staates zweiten Ranges erhielte. Es entsteht nun die Frage, welche Opfer diese Vortheile werth wären. Und hier scheint mir die größte Behutsamkeit Noth zu thun. Das Unternehmen der Alpenbahn an & für sich wird auf jeden Fall ein finanziell ungünstiges werden. Ungeheure Baukosten & ein durch die 3 oben erwähnten Straßen, welche als sehr mächtige & darum höchst gefährliche Concurrenzlinien anzusehen sind, ungemein bestrittener Verkehr! Ich nenne jene | 3 Straßen mächtig & darum gefährlich, weil sie zum größten Theile im Besitze von Eisenbahngesellschaften3 sind, welchen ungeheure Geldmittel zur Verfügung haben, welchen ein enorme Renten abwerfenden Verkehr gesichert ist & welche daher in Betreff des nicht gesicherten, sondern bestrittenen Verkehres große Taxermäßigungen eintreten lassen können & zwar um so mehr, weil es sich dann meistens um sehr lange Linien handelt, auf welchen Taxreductionen um so eher bewilligt werden können. Nur dürfte freilich etwa zu sagen sein, wenn auch eine die Schweiz mit Italien unmittelbar verbindende Alpenbahn kein günstiges finanzielles Geschäft wäre, so sei sie ein Opfer einer Reihe von Millionen für die Eidgenossenschaft wohl werth. Ich könnte auch das noch zugeben, wenn es sich um 15–20 Millionen handeln würde, welche die Eidgenossenschaft geradezu als Subvention (somit à fonds perdus) für die Alpenbahn hergäbe. Aber hier stellt sich mir nun die Besorgniß entgegen, daß es sich bei dem Stellvertreter des Post- & Baudepartementes4 nicht so fest um die Alpenbahn, als um die Realisirung gewisser anderer, viel weiter reichender Projecte handelt, die man nicht auf directem Wege anzustreben wagt & denen man dadurch, daß man ihnen ein zugleich verhüllendes & gewinnendes Mäntelchen umhängt, indirect zur Verwirklichung zu verhelfen bemüht ist. Ich befürchte, es handle sich darum, mit der Handhabe der Alpenbahn auf eine Begünstigung gewisser Lieblingslinien & zuletzt auf eine Übernahme sämmtlicher Eisenbahnen durch den Bund hinzuwirken. Wenn die Alpen | bahn wenigstens auf dem Papiere da ist, so wird es dann heißen: Jetzt haben wir eine Bahn von Flüelen bis Arona (denn augenscheinlich ist es auf den Gotthard abgesehen!) Rückwärts Flüelen ist aber der Bund in den Händen der Eisenbahngesellschaften, die dießmal dann nicht als «schwach» & «zerrissen», sondern als allmächtig werden dargestellt werden. Also von Eisenbahngesellschaften unabhängige Linien! Es wird dann der Bau einer Linie Flüelen–Brunnen & die Übernahme der Linien der Ostwestbahn Brunnen–Zug, Zug–Luzern–Entlebuch–Emmenthal–Bern–Biel & Zug– Rappersweil als eine Nothwendigkeit dargestellt werden. Im Westen trifft man bei dieser Combination die Franco-Suisse, im Osten die Vereinigten Schweizerbahnen. Beide werden gerne mit sich reden lassen. Auf diese Weise hat denn der Bund Eisenbahnen von der südlichen bis zu der nordwestlichen & der nordöstlichen Grenze der Schweiz. Diesen Eisenbahnen stehen die noch nicht mit denselben vereinigten Privateisenbahnen gegenüber. Die erstern, denen die Bundesgesetzgebung zur Seite steht, werden durch dieselbe gegenüber den letztern in Vortheil gebracht werden wollen, bis die noch übrig gebliebenen Privateisenbahnen – sich auch ergeben! – Ich brauche dir nicht nachzuweisen, daß diese Perspective droht & wie gefährlich sie für die Schweiz in politischer & in finanzieller Beziehung ist. In letzterer Beziehung hebe ich nur besonders hervor, daß die Zölle die einzige Finanzquelle des Bundes5 sind & welche Folgen eine Erhöhung der Zölle für die Industrie der Ostschweiz & hauptsächlich des Cantons Zürich haben müßte. – Meine | Schlußansicht geht also dahin, «daß, wenn ich auch nicht stark davor zurückschrecken würde, daß der Bund 15–20 Millionen Frken für eine Alpenbahn geradezu hergebe, ich hinwieder befürchte, es wolle in der Alpenbahn nur das Mittel zu einem Zwecke von viel größerer & geradezu ruinöser finanzieller Tragweite gefunden werden.»
Es erübrigt mir nur noch, an zwei Thatsachen zu erinnern. Die erste ist, daß seiner Zeit schon vom Bunde & mittlerweile von Eisenbahngesellschaften Alpenbahn-Studien, zum Theile in bedeutendem Umfange, angestellt worden sind. Reichen diese Studien nicht hin? Müssen denn durchaus neue angeordnet werden? Je mehr in dieser Richtung geschieht & ausgegeben wird, desto mehr wird die Zukunft präjudizirt. Ferner hat mir am letzten Donnerstag die Abordnung der Ver. Schweizerbahnen, mit der ich Unterhandlungen hatte ( Wirth-Sand & Michel ) mitgetheilt, der Lucmanier habe wieder große Chancen & er biete in finanzieller Beziehung kaum mehr Schwierigkeiten dar. Das wäre dann eine Alpenbahn, die ohne das Eingreifen des Bundes zu Stande käme.
Schließlich ersuche ich Dich noch, einer Eingabe der Direction der N.O.Bahn betreffend Herabsetzung des Transitzolles vom Werthe6 Deine Aufmerksamkeit zuwenden zu wollen. Sie ist an's Zolldepartement gerichtet, wird aber von dem letztern wohl dem Bundesrathe vorgelegt werden. Ich habe Dich wirklich bloß zu bitten, die Eingabe – zu lesen. Ist dieß geschehen, so ist mir Deine Ansicht in Sachen nicht zweifelhaft. Wenn die Sache im Bundesrathe zur Behandlung kommt, so bitte ich nur, keine Halbheiten aufkommen zu lassen, die den Anschein | einer Berücksichtigung haben, aber zu gar keinem practischen Resultate führen. Wünschest Du in Sachen noch mündliche Rücksprache mit mir zu nehmen, so werde ich für einige Stunden nach Bern zu kommen suchen.
Und nun Gott befohlen! Mit herzlichen Grüßen
Dein
Dr A Escher
Belvoir
11. Dez. 1859.