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Kompositionsauftrag an Lucia Ronchetti
Schwetzinger SWR Festspiele (DE)
Mit der italienischen Komponistin Lucia Ronchetti und der ukrainisch-deutschen Schriftstellerin Katja Petrowskaja nehmen sich zwei international renommierte Autorinnen Fjodor Dostojewskis 1846 erschienene Erzählung Der Doppelgänger als literarische Vorlage und erschaffen daraus ein zeitgenössisches Musiktheater, das sich von einem heutigen Standpunkt aus mit Themen wie Identität, Wahnsinn und den dunklen Seiten der menschlichen Psyche auseinandersetzt. Die Ernst von Siemens Musikstiftung ermöglicht den Kompositionsauftrag an Lucia Ronchetti. Das Doppelgänger-Motiv soll hier einem Zeitabgleich auf unser modernes, von Überindividualisierung und Identitätsvermehrung geprägtes Miteinander unterzogen werden.
Dostojewskis Erzählung handelt von einem jungen Mann, der von seinem eigenen Doppelgänger in den Wahnsinn getrieben wird. Golyadkin will nie etwas falsch machen – trotzdem (oder gerade deshalb?) kommt er beruflich nicht voran. Auch bei Frauen hat er keinen Erfolg – seine Liebe zu Klara, die er vor einer vermeintlichen Zwangsheirat retten will, bleibt ohne Erwiderung und spielt sich hauptsächlich in seiner Fantasie ab. Sein Leben ändert sich abrupt, als er auf seinen Doppelgänger trifft. Wer ist diese Person, die ihm äußerlich aufs Haar gleicht und plötzlich auch in seiner Wohnung auf ihn wartet? Golyadkins anfängliche Versuche, sich mit dem Mann zu verbrüdern, bleiben erfolglos. Der Doppelgänger drängt sich gar als eine bessere Version seiner selbst in sein Leben. Es beginnt ein grotesker Konkurrenzkampf. Vom Verfolgungswahn getrieben, verliert Golyadkin mehr und mehr den Sinn für Realität – bis sich auch der Betrachter fragt: Welche Figur ist das Original, und welche bloß der Nachahmer?
In Ronchettis gesangszentrierter kompositorischer Konzeption äußert sich Golyadkin in obsessiven Wiederholungen, in einer fragmentierten und abstrakten Sprache als Ausdruck seiner Zerrissenheit, seiner Panik und seines Unverständnisses über die eigene Situation. Zerstückelte Gespräche mit sich selbst zeichnen Versuche, sich zu beruhigen und die Verzerrung seiner Realität zu analysieren. Die Stimme Golyadkins wird zu einer Polyphonie verschiedener Stimmen, die Stimmen der anderen schwingen in seinem unkontrollierten Geist mit. Mit skulpturaler Präzision werden komplexe Sprech- und Gesangspassagen über klanglich vielfarbige Nuancen und spannungsreiche rhythmische Muster in einer beschwörenden wie minimalistischen Tonsprache transkribiert und reproduziert.
Im Auftrag der Schwetzinger Festspiele und in Kooperation mit dem Theater Luzern erarbeiten die beiden Autorinnen ein abendfüllendes Musiktheaterwerk, das den Weg eines Individuums nachzeichnet, das an seiner Wahrnehmung vom eigenen Ich und der Welt um sich herum seelisch zugrunde geht und von der Gesellschaft ausgestoßen wird. Es wird die Gefahr des Selbstverlustes und die sich daraus ergebenden Konsequenzen verhandelt, denen wir uns in unserer höchst ausindividualisierten Welt vielleicht sogar stärker als frühere Generationen stellen müssen. Unsere moderne Gesellschaft ist immer weniger von verbindenden Werten und Normgerüsten getragen, die jedem Menschen auch als Realitätsabgleich dienten. Es gibt also immer mehr subjektive Wahrheiten. Wohin kann das führen?
Weitere Informationen:
schwetzinger-swr-festspiele.de
Termine
26. und 28. April 2024
Rokokotheater, Schwetzingen