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Eine Aktie, eine Stimme. Das ist die einfachste Aktien-Struktur für eine Firma, die aus Sicht einer modernen Corporate Governance angebracht wäre. Dann hat jeder Aktionär genau so viel Mitspracherecht wie er auch Firmenanteile besitzt. Doch eben: Wäre. In der Realität ist das nicht immer der Fall. Zwar zeigt der Trend in der Schweiz bei Aktionärsrechten seit Jahren in Richtung Einheitsaktie. Doch noch immer gibt es Firmen, die zwei Aktienklassen führen. Das Motiv dahinter: Mit wenig Kapital sichern sich in den Statuten traditionell Familienaktionäre ab. Es soll als Schutz gegen feindliche Übernahmen dienen.
Dazu gehören etwa die Swatch Group, die an der Schweizer Börse Inhaber- sowie Namenaktien kotiert hat. Theoretisch müsste die Inhaberaktie fünfmal mehr kosten als die Namenaktie, da erstere einen fünfmal höheren Nominalwert besitzt. Tatsächlich ist die Inhaberaktie überproportional teurer als bloss der Faktor fünf. Der Bewertungsaufschlag liegt derzeit bei 9,2 Prozent - sie kostet also 39 Franken "zu viel". Unterschiede sind auch in der Kursentwicklung erkennbar:
Kursentwicklung in den letzten 52 Wochen der Inhaberaktie (rot) und Namenaktie (grün) von Swatch, Quelle: cash.ch
In den letzten 52 Wochen hat die Inhaberaktie 30,6 Prozent zugelegt, die Namenaktie aber nur 21,2 Prozent. Wie ist diese Diskrepanz zu erklären? "Der Bewertungsaufschlag der Inhaberaktie zur Namenaktie von Swatch Group ist mit der besseren Handelbarkeit zu begründen", sagt Patrik Schwendimann, Analyst der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Die Inhaberaktie ist im SMI enthalten, weshalb internationale Investoren vorwiegend diesen Titel kaufen.
Die höhere Bewertung hat zur Folge, dass die Dividendenrendite der Inhaberaktie (1,6 Prozent) etwas unter derjenigen der Namenaktie (1,8 Prozent) liegt (siehe auch Tabelle unten). Schwendimann kommt daher trotz der etwas schlechteren Kursentwicklung in den letzten Monaten zum Schluss: "Für Privatinvestoren macht es Sinn, Namenaktien zu kaufen."
Die Namenaktie hat noch weitere Vorteile: Das geringere Handelsvolumen hat sie in der Vergangenheit jeweils krisensicherer gemacht. Bei etwas Gegenwind wird die Namenaktie nicht gleich abgestossen. Ausserdem können Anleger auf die Einführung einer Einheitsaktie spekulieren, was die Bewertungen der beiden Aktien-Typen auf einen Schlag angleichen würde - das käme der günstigeren Namenaktie zugute. Allerdings deutet heute nichts auf eine Einführung einer Einheitsaktie bei Swatch hin.
Auf den Lindt-Schoggikoffer verzichten
Der Kursunterschied zwischen zwei Aktientypen desselben Unternehmens wird im Fachjargon "Ecart" genannt. Besonders ausgeprägt ist dieser bei Lindt & Sprüngli: Aufgrund des zehnmal höheren Nennwerts der Namenaktie sollte diese eigentlich auch zehnmal mehr als der Partizipationsschein (PS) kosten. Beim aktuellen Preis des PS von 6445 Franken wären das 64'450 Franken. Tatsächlich notiert die Namenaktie bei viel höheren 76'300 Franken, was einem Bewertungsaufschlag von beinahe 18 Prozent entspricht.
Obwohl bei Lindt & Sprüngli der Partizipationsschein liquider ist, zahlt man für die Namenaktie mehr. Das bei Swatch angebrachte Argument des Preisaufschlags aufgrund der besseren Handelbarkeit sticht hier also nicht. Aber es gibt andere Erklärungen: "Bei Lindt & Sprüngli besitzt der Partizipationsschein kein Stimmrecht, ausserdem wird die Namenaktie unter anderem aufgrund des jährlichen Schokoladekoffers als Liebhabertitel gehalten", so Schwendimann. Eine Prämie für die Namenaktie sei daher normal.
Pro Lindt-PS kommt man im Vergleich zur Namenaktie 1155 Franken günstiger, wenn man die Bewertungsdifferenz von 18 Prozent auf eine Aktie herunterbricht. Der jährlich an der Generalversammlung verteilte Schokoladenkoffer für die Besitzer von Namenaktien hat aber bloss einen Wert von 200 Franken, erklärt also nur einen kleinen Teil dieser Differenz. Auch für das erhaltene Stimmrecht lohnt sich der Aufpreis für Privatinvestoren kaum, zumal "die Stimme des kleinen Mannes" im Vergleich zu den Grossinvestoren ohnehin kaum Gewicht hat. Kurzum: Die Partizipationsscheine sind für Privatanleger interessanter.
Auch Roche und Schindler führen zwei verschiedene Arten von Aktien an der Schweizer Börse. Hier sind die Kursdifferenzen jedoch weitaus geringer. Bei Roche bietet derzeit der stimmrechtlose Genussschein die bessere Dividendenrendite, bei Schindler hingegen ist die Namenaktie leicht im Vorteil.
Schweizer Firmen mit unterschiedlichen Aktienklassen im Vergleich
|Titel, Kürzel in Klammern||Kurs (in CHF)||Kursentwicklung letzte 12 Monate||Dividendenrendite||Bewertungsaufschlag|
(zum anderen Aktientyp)
|Lindt N (LISN)*||76'300||+15,6%||1,2%||+17,9%|
|Lindt PS (LISP)||6'445||+17,6%||1,4%||-|
|Roche I (RO)*||226||-8,4%||3,9%||+1,5%|
|Roche GS (ROG)||223||-9,1%||4,0%||-|
|Swatch I (UHR)*||458||+30,6%||1,6%||+9,2%|
|Swatch N (UHRN)*||84||+21,2%||1,8%||-|
|Schindler PS (SCHP)||213||+38,9%||2,1%||+3,0%|
|Schindler N (SCHN)*||207||+34,6%||2,2%||-|
Erklärungen: *=Titel mit Stimmrecht, PS=Partizipationsschein, N=Namenaktie, I=Inhaberaktie, GS=Genusschein
Quellen: cash.ch, SIX