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Wir sind in Detroit im Jahr 1995, Amerikas ehemalige Autometropole ist eine Ansammlung aus Ruinen, das Auto, das eine Mutter ihrem Sohn zum Geburtstag schenkt, ist es ebenfalls, überhaupt ist immer alles kaputt, Jobs, Behausungen, Beziehungen. Nur eines trägt die Jugend ohne Gott und ohne Perspektive durch ihr trübes Leben: Hip-Hop.
Das weisse und schwarze Detroit werden durch eine Strasse getrennt, sie heisst 8 Mile, das soziale Elend ist auf beiden Seiten gleich gross, der Trailer-Park, in dem Jimmy B-Rabbit Smith (Eminem) mit Mutter (Kim Basinger), Schwester (Chloe Greenfield) und dem arbeitslosen Lover der Mutter (Michael Shannon in einer seiner ersten Rollen) haust, ist nun wirklich kein Funpark.
Jimmy arbeitet in seinem Stahlwerk und verbringt jede freie Sekunde des Tages mit Schreiben: Auf seine Hand, irgendwelche Zettel, Quittungen, egal wo, er notiert die Flüche seiner Mutter, seine eigene Unwürdigkeit, den Sound der Stadt. Nachts battelt er sich auf immer grösseren Bühnen gegen immer stärkere schwarze Gegner, es ist der Kampf eines blassen blonden Rappers in einem genuin schwarzen Genre – und wie Eminem gelingt es auch Jimmy, sich seinen Respekt zu erkämpfen. Nicht zuletzt, indem er sich selbst immer noch mehr erniedrigt als seine Gegner.
«8 Mile» ist überraschend gut gealtert, Ästhetik, Musik und die Präsenz des amerikanischen Albtraums von Armut und gesellschaftlicher Verwahrlosung sind heute genauso aktuell wie damals. Dass Eminem und der Drehbuchautor Scott Silver (er schrieb auch «Joker») darauf verzichtet haben, Eminems Start im Musikbusiness zum amerikanischen Traum aufzubauschen, muss man ihnen hoch anrechnen.
Dass «8 Mile» biografische Züge von Eminems Leben enthält, ist ein offenes Geheimnis, manche bezeichnen den Film sogar als Biopic. Doch der Rapper sagte in einem Interview, dass B-Rabbit und er nicht die gleiche Person sind. Er sass aber mit dem Drehbuchautor zusammen und erzählte Details von seinem Leben, die dann in den Film geschrieben wurden.
So schiessen Jimmy und seine Freunde in «8 Mile» etwa mit einer Paintball-Pistole auf ein Polizeiauto. Im realen Leben wurde Eminem dafür verhaftet, obwohl ein Freund den Abzug drückte. Das Verfahren wurde eingestellt, nachdem das mutmassliche Opfer nicht zur Gerichtsverhandlung erschienen war. Eine weitere Ähnlichkeit ist, wie Eminem aufgewachsen ist: In Detroit in ärmlichen Verhältnissen und mit einer Mutter, die drogenabhängig ist. In einem Wohnwagen wohnte Eminem allerdings nicht und Jimmys Beziehung zu seiner Schwester Lily basiert wahrscheinlich eher auf der Beziehung zu seiner Tochter als zu seinem jüngeren Halbbruder Nathan.
«Seine Hände sind schwitzig, die Knie schwach, die Arme schwer, auf seinem Pulli ist schon Kotze, Mutters Spaghetti», heisst es in «Lose Yourself», dem Abspannsong, für den Eminem einen Oscar gekriegt hat. Nun kann man sich fragen, ob man aus etwas Gekotztem tatsächlich einen Restaurantnamen machen soll, aber Eminem hat es getan.
Im September 2021 eröffnete er in seiner Heimat- und Nochimmerherzensstadt Detroit Mom's Spaghetti, einen winzigen Laden in einer Seitengasse, wo es genau drei Gerichte gibt: Tomatenspaghetti, Tomatenspaghetti mit Meat Balls, Tomatenspaghetti mit Toast. Natürlich auch als Take Away. Während der Pandemie wurden das Gesundheitspersonal von acht Spitälern in Detroit und die Besucher einer Impfstation mit Eminems Spaghetti beschenkt. Er selbst spielte am Eröffnungstag natürlich den Verkäufer.
Jimmy verliebt sich in Alex, doch die nutzt ihre Reize bloss zum Vergnügen und als Karrierehilfe, denn Alex, das neue Mädchen aus der Stahlfabrik, möchte Model werden. Brittany Murphy spielt das wunderbar, frisch und verloren in einem, streetsmart und zerbrechlich.
Sie selbst, die nie eine grosse Schauspielerin war, aber eine äusserst talentierte, die in «Clueless» begonnen und neben Angelina Jolie und Winona Ryder in «Girl, Interrupted» gespielt hatte, wurde nur 32 Jahre alt. Ihr Tod passt zu einem vernachlässigten Kid aus Detroit, einem, das kein Geld für eine Krankenversicherung und auch sonst keine grosse Ahnung von einem gesunden Leben hat: 2009 versucht sie, eine Lungenentzündung selbst zu medikamentieren, macht alles schlimmer und stirbt.
Natürlich hiess es «dream big», als es darum ging, die Anfänge des grössten Rapstars der Jahrtausendwende zu verfilmen. Eminems Team wollte Quentin Tarantino. Doch der drehte gerade «Kill Bill» und wäre mit seiner Stilistik auch der Falsche für den angestrebten Detroiter Naturalismus gewesen.
Als nächsten fragte man Danny Boyle, der den Film gern gedreht hätte und ein gutes Konzept präsentierte, doch Eminem konnte einfach nicht mit ihm connecten. Schliesslich wurde Curtis Hanson engagiert, der einen Oscar für das Drehbuch zu «L.A. Confidential» gewonnen hatte und zu dem Eminem sofort ein grosses Zutrauen fasste.
In einem Interview im «Rolling Stone» erzählte Hanson über die Arbeit mit Eminem: «Ich wusste, dass er Erfahrung mit Auftritten und mit der Rolle des Slim Shady hatte. Doch was ich suchte, war das Gegenteil davon. Wenn man eine Rolle annimmt, ist das künstlich. Man versteckt sich dahinter. Was ich in dieser Geschichte brauchte, war der Anschein eines völligen Mangels an Künstlichkeit.» Die beiden haben genau das geschafft.
Leider brachte Hanson auch seinen «L.A. Confidential»-Star Kim Basinger mit, und die ist nun als Jimmys Trailer-Park-Mom etwa so überzeugend wie ein Silberlöffel, der versucht, sich als Plastikbesteck zu tarnen.
Lily ist Jimmys kleine Schwester, ein heissgeliebtes, aber auch komplett verschupftes Ding, das immer dabei zuschauen muss, wie die Erwachsenen sich anschreien oder verprügeln oder ins Koma saufen. Ein wirklich bedauernswerter Wurm. Die beim Dreh siebenjährige Chloe Greenfield macht das fantastisch, gerade so, als wäre ihr diese Art von Milieu total vertraut. Was es leider tatsächlich sein dürfte.
Denn Chloe rettet mit ihrer ersten Rolle sich und ihre alleinerziehende, arbeitslose Mutter davor, vom Vermieter auf die Strasse gesetzt zu werden. Dabei wollte sie gar nie Schauspielerin werden, das Casting war bloss ein verzweifelter Versuch, irgendeinen bezahlten Job zu kriegen. Nach dem Casting schenkte Universal ihrer Mutter ein neues Nokia, um die beiden im Falle einer Zusage überhaupt erreichen zu können – und es tat zuverlässig seinen Dienst.
Heute erzählt Chloe Greenfield, wie lustig und angenehm die Arbeit in ihrer Heimatstadt gewesen sei. Später spielte sie in weiteren Filmen mit Zahlen im Titel – «21 Carbs» und «Project 313» – und in 24 Folgen «Emergency Room», dann war ihre Schauspielkarriere auch schon wieder zu Ende. Heute interessiert sie sich für Kräuterkunde, persönliches und finanzielles Wachstum.
In einem Interview erzählte Rapper 50 Cent, dass ein Remake von «8 Mile» in Form einer Serie in Arbeit ist. Es habe nur wenig Überzeugungsarbeit gebraucht, um Eminem von der Idee zu überzeugen. Die Serie wird keine Kopie des Filmes, sondern eine zeitgemässere Version sein.
Eine Fortsetzung namens «Southpaw» wurde 2010 angekündigt, Eminem hätte die Hauptrolle spielen sollen, doch er schlug das Angebot aus. An seiner Stelle übernahm Jake Gyllenhaal und «Southpaw» wurde zu einem alleinstehenden Film, statt einer Fortsetzung.
«8 MILE» läuft auf Netflix.
«Liebe im Bauch: Unser grosses Glück ist unterwegs» schreibt Laura Müller zu dem Foto, das sie und Michael Wendler zeigt, wie sie weisse gehäkelte Babyschuhe hochhalten und in die Kamera strahlen. Gepostet hat Müller diese Neuigkeit am frühen Montagmorgen deutscher Zeit auf Instagram.