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Wie kam es, dass du Sadhu kennengelernt hast? Wer hat dir davon erzählt, dass diese Person existiert?
Die einfache Art zu leben interessiert mich sehr. Nachdem ich den Film ,Nomad’s Land-˜ realisiert hatte, wollte ich in dieser Weise ,nichts zu haben-˜ noch weiter gehen. Daher plante ich, einen Film über einen Sadhu zu machen. 2010 fand in Indien die Kumbha Mela statt. Es ist das grösste religiöse Fest in der Welt. Dort habe ich nach einem Sadhu gesucht, den ich begleiten könnte. Ich war jedoch noch nicht überzeugt. Nach ein paar Monaten habe ich mich schliesslich dazu entschieden, zu den heiligsten Örtern, am Anfang des Ganges, zu gehen. Auf dem Weg zum Gletscher, auf 3200 Metern, habe ich ihn dann getroffen. Er lebte dort seit acht Jahren in einer Höhle. Ich blieb in einer Höhle in seiner Nähe, und fragte, ob ich dort leben dürfe. So fingen wir langsam an, miteinander zu sprechen.
Obwohl Sadhu Suraj Baba den spirituellen Weg gewählt hat, macht er doch den Eindruck, immer noch sehr viele Zweifel zu haben. Er hinterfragt viel und ist auch manchmal traurig. Was fehlt ihm in seinem Leben?
Was ich über sein Leben weiss, ist, dass er während der Zeit in der Höhle zufrieden war und das Leben als Asket akzeptierte. Nach den Jahren realisierte er dann, dass ihm einige Dinge dennoch fehlten, zum Beispiel Freundschaft. Da fing er an, an seinem Leben zu zweifeln.
Die anderen Sadhus, die man im Film sieht, scheinen das aber nicht zu haben. Für sie ist das weltliche Leben abgeschlossen.
Es gibt verschiedene Arten von Sadhus. Nach meiner Erfahrung besitzen diejenigen, die wirklich alleine leben, nahezu alle solche Zweifel. Diejenigen, wie wir im Film sehen, leben eher in der Stadt oder in einem Ashram. Ihr Leben ist strukturierter und sie können sich gegenseitig ermutigen, auf dem richtigen Weg zu sein. Suraj ist anders. Er will nicht einfach daran glauben, dass dies der richtige Weg sein soll, sondern er will sicher sein. Das ist das Andersartige an ihm. Einerseits ist er sehr stark, da er sich solche Fragen stellt, aber andererseits ist es auch seine Schwäche. Ein gutes Beispiel ist Siddharta Gautama. Er war selber auch ein Sadhu. Er befand sich ebenso auf diesem Pfad und begann zu fasten. Er wurde furchtbar mager und entschloss dann, dass dies zu extrem sei. Er wollte einen Mittelweg finden und gründete daher seine eigene Religion, den Buddhismus.
Was war für dich das Faszinierende am Kumbha Mela Fest?
Ich wusste, dass es riesig war. 70 Millionen Menschen zunächst, und ich wusste, dass sich dort auch die Sadhus treffen. Für mich war es faszinierend, zu wissen, dass diese Menschen weit ab von der Gesellschaft leben, und sich dann dort treffen. Ich fragte mich, was sie wohl zu ihren Freunden sagen, über was sie diskutieren. Ich war sehr an den Sadhus interessiert. Und dann kommen dort plötzlich eine Million Sadhus zusammen.
Bist du auch ein Suchender?
Ja, nicht religiös, aber spirituell sicher. Ich mochte Suraj. Bevor ich ihn getroffen habe, war ich auch bereits so wie er. Ich respektiere Menschen, die einen Glauben haben und ich bin auch sehr interessiert an Spiritualität. Aber ich war immer sehr skeptisch gegenüber Menschen, die sich in Gruppen zusammenschlossen, und dieselben Dinge gemacht, aus demselben Buch gelesen und die dieselben Lieder gesungen haben. Religion ist für mich etwas Persönlicheres. In diesem Sinne bin ich ein Suchender. Ich suche eher nach Antworten, wie man auf dieser Welt leben kann. Für mich ist das Leben eher etwas, was man vom ersten bis zum letzten Moment geniessen sollte. Und ich denke, man ist nicht heiliger, nur weil man von den Menschen entfernt lebt. Ich persönlich habe lange alleine gelebt. Ich glaube, es ist schwieriger mit Menschen zu leben, als ohne sie. Es ist aber auch das Schönste.
Wo siehst du dich selber? Bist du eher ein Filmemacher oder ein Ethnograph?
Ich habe mehrere ethnographische Filme gemacht. Es ist ein Teil meines Interesses, aber was ich wirklich liebe, ist das Kino. Der Unterschied zwischen Fiktion und Dokumentation ist für mich, dass die Charaktere in der Fiktion bezahlt werden und Anweisungen folgen. Wenn ich einen Dokumentarfilm mache, möchte ich eine Geschichte, die nicht geschrieben ist, sondern die das Leben selber macht. Und ich warte, solange, bis das Leben mir die Geschichte gibt.
Hast du deine Meinung über Sadhus im Verlaufe des Films geändert?
Ja, es hat meine Sichtweise auf Menschen, die alleine leben, völlig umgestellt. Bei meiner ersten Reise vor 15 Jahren war ich von der Figur des Sadhus fasziniert. Auf meinen Reisen habe ich sehr viele kennengelernt und gemerkt, dass diese auch nicht immer heilig sind. Es gibt Menschen, die ihre orangen Kleider anziehen und von dir Geld wollen. Dies hat mit dem Kastensystem in Indien zu tun. Obwohl es offiziell eigentlich nicht mehr existiert. Aber die Menschen leben weiter danach. Wenn du aus der untersten Kaste stammst, oder sogar ausserhalb der Kaste stehst, bist du nichts. Du kannst nicht von einer Kaste zur anderen wechseln, ausser du wirst ein Sadhu. Das ist die höchste Kaste, die Brahmin. Diese haben das Wissen. Wenn du also zuunterst in der Gesellschaft bist, und orangene Kleider anziehst, selbst wenn du nicht als Sadhu initiiert bist, kannst du dich wie einer benehmen. Dadurch hast du ein leichteres Leben. Es ist einfacher, ein Heiliger zu sein, als ein Bettler. Auch wenn es dieselbe Arbeit ist. Diejenigen, die wirklich auf der Suche sind, siehst du fast nicht. Sie ziehen sich im Himalaya oder in Ashrams zurück. Darum dauerte es für mich so lange, jemanden zu finden.
Was ist für dich die Essenz des Lebens?
Ich würde mich Suraj anschliessen und sagen, ein guter Mensch zu sein. Die Hindus haben die Idee des Karma. Wenn ich etwas Gutes tue, dann erhalte ich im nächsten Leben etwas Besseres zurück. Für mich ist es so, dass wenn ich etwas Gutes für dich tue, fühle ich mich direkt gut. Es passiert direkt in mir, eine Art inneres Gesetz. Das Gute ist in jedem Menschen drin.