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Film
«Fish Tank» ist ein Meisterwerk über die Liebessehnsucht eines Teenies.Von Wolfram Knorr
Eine Schmonzette über zwei, die sich wollen, aber nicht sollen oder sollen, aber nicht wollen oder was auch immer, wie im hysterischen Super-Hype «New Moon», ist dieses britische Kleinod «Fish Tank» natürlich nicht. Dafür ist es ein wahrhaftiges Drama über eine Fünfzehnjährige, die sich von der sozialen Trostlosigkeit nicht kleinkriegen lassen will. Ruhelos tigert sie durch ihren tristen Vorort mit den sterilen Schuhschachtel-Wohnwaben, um sich ein bisschen Leben von der Strasse zu borgen. Im Zuhause mit der liebesgierigen Mutter und der jüngeren Schwester herrscht nur Sauerstoffmangel. Wie ein Strassenköter schnürt sie durchs Vorstadtquartier von Essex, um sich aus ihrem engen Käfig zu beissen. Heimlich übt sie Tanzschritte in einem leerstehenden Haus für ein Casting und findet im smarten Connor, dem neuen Liebhaber ihrer Mutter, einen väterlichen Freund. Was sich hoffnungsvoll zu entwickeln scheint, wird zur Sackgasse.
«Fish Tank» ist ein fulminantes Opus, ganz in der Tradition der kitchen sink-Filme (Spülstein-Realismus), die in den Nachkriegsjahren die Kümmerlichkeit in den Industriezonen mit sozialkritischer Optik anprangerten. Andrea Arnold, Autorin und Regisseurin von «Fish Tank», greift weniger ideologisch zu dem alten Brit-Konzept als vielmehr emotional. Sie schildert, mit semidokumentarischem Blick, eine Tragödie der Verzweiflung.
Immer häufiger greifen Brit-Filme wieder auf den kitchen sink-Stil zurück, der in den fünfziger und frühen sechziger Jahren das engagierte Kino Englands prägte. Bedauerlich, dass kaum einer dieser Filme noch ins Kino findet. Arnolds «Fish Tank» ist eine Ausnahme. Vielleicht, weil sie 2003 für ihren Kurzfilm «Wasp» einen Oscar erhielt, 2006 für ihren Spielfilmerstling «Red Road» in Cannes den Jurypreis («Red Road» läuft am 7. 12. auf SF 2 in «Delikatessen»), den sie für «Fish Tank» 2009 abermals einheimsen konnte. Aussergewöhnlich ist die Besetzung mit Katie Jarvis in der Rolle der Fünfzehnjährigen. Auf einem Bahnhof aufgelesen, füllt sie mit ihrer Kratzbürstigkeit und ihrem biestigen Charme, Auswurf einer verkorksten Seele, den Film. Michael Fassbender als Connor ist der lächelnde, subtile Gegenpart, die Verheissung auf eine bessere Zukunft.
Schade, dass ein so hochgradig wahrhaftiger Blick auf die Wirklichkeit, der gleichzeitig höchst unterhaltsam ist, kaum Chancen hat gegen einen Schmachtfetzen wie «New Moon». Dabei geht’s in «Fish Tank» letztlich um nichts anderes: um ein bisschen Liebe. Aber im Spülstein ist, realitätsnah, der Beau leider rar. Auch wenn’s vergebliche Liebesmüh ist: Ignoriert «Fish Tank» nicht!