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Sehen und Fühlen bei Iwan von Tschudi
Von H. K. Fierz
( Kreuzungen ) Iwan von Tschudis « Der Tourist in der Schweiz, und Grenzgebieten », seit 1855 in mehr als 30 Auflagen erschienen 1, ist jedem, der die Schweizer Heimat liebt, als der zuverlässige Begleiter durch alle Teile unseres Landes bekannt. Der Jura, das Mittelland, und vor allem in grösster Ausführlichkeit die Alpen, sind mit Sorgfalt dargestellt. Daneben findet sich überall viel Wissenswertes. Man findet bei allen wichtigen Gipfeln die Namen der Erstbesteiger, man erfährt, dass der französische Politiker Gambetta aus Intragna stammt, oder dass am 18. Juli 1741 neun Engländer sich schwer bewaffnet zum erstenmal nach Chamonix wagten, wo sie voller Erstaunen eine durchaus 1 Die ersten zwei Auflagen stammten übrigens von Iwans Bruder, Friedrich von Tschudi, dem sprachgewaltigen Verfasser des « Tierleben der Alpen ». ( Bächler: « Leben und Werk » von Fr. v. Tschudi. ) Die Alpen - 1949 - Les Alpes12 friedliche und harmlose Bevölkerung entdeckten. Man lernt, dass sich der Spiegel des Genfer Sees manchmal innerhalb 33 Minuten um 1 % Meter heben oder senken kann, was man « Seyches » nennt und was auf die Luftdruckverhältnisse zurückzuführen ist.
Der aufmerksame Leser des kleinen Werkes bemerkt jedoch, dass — abgesehen von allem Tatsächlichen — Tschudis « Tourist » über einen stimmungsvollen Zauber verfügt, der die Schilderung in einer eigenartigen Weise lebensvoll erscheinen lässt. Bei näherem Zusehen erkennt man, dass der Autor die stilistischen Möglichkeiten der deutschen Sprache in einer ebenso gedrängten wie überlegenen Art einsetzt. Es seien im Folgenden einige lose herausgegriffene Beispiele gegeben:
Seen:
Der Bodensee bildet einen grossartigen, bläulich-grünen Wasserspiegel. Vierwaldstätter See: An grossartiger Naturschönheit von keinem europäischen See erreicht und in seiner mannigfaltigen Gliederung, ist es der originellste und an Abwechslung reichste Schweizer See; sonderbar in verschrobener Schiefkreuzform gestaltet und nach allen Seiten ins Land eingebuchtet, herrlich dekoriert mit erhabenen Gebirgen, idyllischen Dörfern und Weilern, oder kahlen Felsenflanken und lieblichem Hügelgelände, überall voll klassischer Erinnerungen. Genfer See: In schönem, tiefblauem Halbbogen dehnt sich der unvergleichliche Lac Léman, der Lacus Lemanus der Römer.
Dörfer und Landschaft:
Die wunderbar prächtige Umgebung von Zermatt wird an Grossartigkeit und Erhabenheit von keinem Berggebiete Europas übertroffen. Männedorf, mit besuchter Gebetsheilanstalt. Dorf und Schloss Gutenstein ( bei Singen ): Gegenüber stand die alte Burg Burgfelden: Geisterspuk überall. Val Sesia ist in seinem oberen Teile von wilder Grossartigkeit, eingerahmt von jähen Gletschern und rauhen Bergspitzen, voll lieblicher Weiden und dunkler Wälder. Der untere Teil dagegen versetzt uns bereits in die milde Pracht der südlichen Vegetation. Sisikon: Wie eine verlorene Perle inmitten rauher Berge und Felsen.
Menschen:
Basler: Rühmlichste Kundgebung von Gemeinsinn und Heimatliebe überall. Emmental: Der einheimische, schwere, burgundische Volksschlag zeichnet sich durch kraftvolle, schöne Körperform aus. Der Mailänder ist sehr aufgeweckt; charakterfest und praktisch in seinem ganzen Wesen, begeistert er sich doch leicht für das Ideale, widmet allen Gebieten des Wissens sowie den schönen Künsten sorgfältige Pflege und übt die Wohltätigkeit in grossartigem Maßstabe aus.
Berge:
Die Jungfrau, die herrliche Königin des Berner Oberlandes, entfaltet sich mit ihrem ewig schönen Pyramidenbau, klaren Firndiadem, ihren Gletschern und von Lawinenzügen durchfurchten riesigen Felsengliedern in unbeschreiblicher Majestät. Mönch, Eiger, Wetterhörner, gleich Pfeilern, die den Himmel tragen. Monte Rosa: Dieser majestätische Gebirgsstock, von Macugnaga in überwältigender Grandezza sich zeigend. Matterhorn: Im erweiterten Talgrund, kurz vor Zermatt, liegt zur Egg, wo die riesige, entsetzlich wild aufstarrende und sich zurückbäumende Titanengestalt des Matterhorns, welche in den Alpen keinen und in der Welt wenige Nebenbuhler hat, in ihrer finsteren Majestät sichtbar wird. Pilatus: Dieser äusserst malerische Bergstock, der ein Abbild des Hochgebirges ist und eine entzückende Aussicht gewährt.
Soweit die Beispiele.
Man beachte nun wohl, dass die angeführten, gedrängten Charakteri-sierungen nicht durchwegs den Text des Werkes beherrschen. Im Gegenteil, der Text besteht weitgehend aus rein praktisch-beschreibenden Angaben über Routen, Lage und Grosse der Dörfer, Namen und Zahl der Gasthäuser usf. Unsere Beispiele sind dem Text derart eingefügt, dass sie am ehesten den « Lichtern » verglichen werden können, mit denen ein Maler sein Werk erst recht zur eigentlichen Plastik und damit zum Leuchten bringt. Betrachten wir einmal einige dieser « Lichter » Tschudis im einzelnen:
In wenigen, Farbe und Form wiedergebenden Worten wird der Lac Léman charakterisiert. Wie zufällig steht hier der französische Name, und so wird gesagt, dass der Genfer See für jeden, der ihn kennt, das Erlebnis unseres zu tiefst welsch-schweizerischen Sees bedeutet. Ganz anders der Vierwaldstätter See. Tschudi widmet ihm, entsprechend der zentralen historischen und touristischen Bedeutung, die ihm zukommt, eine verhältnismässig sehr ausgedehnte Charakteristik. Hervorragend werden Stimmung und Form des Sees wiedergegeben, wird die Landschaft charakterisiert und wird zuletzt in vier Worten die in Geschichte und Literatur klassische Bedeutung des Sees — gleichsam als Schlusspunkt — hervorgehoben. Die ganz kurze Kennzeichnung dessen, was uns berührt, beherrscht Tschudi oft in überraschender Weise. Man beachte das witzige, geklammerte Ausrufszeichen bei der mit sicherem Blick als für das Zürcher Oberland typisch erkannten Gebetsheilanstalt in Männedorf ( s. Gottfried Kellers Ursula I ), oder die zwei Worte, mit denen die süddeutschen Schlossgeister in Gutenstein beschworen werden. Dort, wo Tschudi die Menschen zeichnet, fühlt man, wie er Herkommen und Überlieferung festzuhalten versucht. Besondere Sorgfalt lässt er jedoch der Schilderung der berühmten Gebirgsriesen angedeihen. Das, was er über die Jungfrau sagt, drückt unübertrefflich nicht nur das aus, was man sieht, sondern auch das, was jeder, der die Berge liebt, fühlen muss, wenn er diesen Berner Hauptberg erblickt. Sehr fein ist auch das Wort « Grandezza », das Tschudi dem Monte Rosa gönnt, denn die italienische Seite ist es, wo dieser Berg seine grösste Schönheit zeigt. Endlich die Darstellung des Matterhorns: In einem einzigen Satz spricht Tschudi das aus, was Tausende fühlten, als sie zum erstenmal diesen Berg sahen, was dem Matterhorn seine einzigartige, auch alpi-nistisch-historisch wichtige Stellung verleiht. So muss Whymper gefühlt haben, wenn er des schliesslich bezwungenen Feindes, der ihm N ier der Kameraden wegraffte, gedachte.
Ist Tschudi ein Dichter, ein Poet? Eine dichterische Ader kann ihm, wenn man seine stilistischen Höhepunkte beachtet, sicher nicht abgesprochen werden. Dennoch wird niemand daran denken, seinen « Tourist » unter die Dichter-werke einzureihen. Dieses Werk ist vielmehr — im rechten Sinne betrachtet — eine wissenschaftliche Leistung. Als wissenschaftliche Schöpfung ist es aus einem von Tschudi mit Umsicht geleiteten « Team-Work » hervorgegangen, an dem sich die hervorragendsten Schweizer Alpenklubisten durch stets bereitwillige und eifrige Mitwirkung beteiligten ( Vorwort zur 29. Auflage ). Das Ergebnis der Arbeit war ein ausführlicher Kommentar — wenn wir diesen Ausdruck gebrauchen dürfen — zu den beiden kartographischen Meisterwerken des 19. Jahrhunderts, der Dufour- und der Siegfriedkarte. Diese Karten müssen als notwendig bei jedem, der den « Tourist » benützt, vorausgesetzt werden ( s. oben zit. Vorw. ). Zusammen mit den Karten ergibt sich eine ganz erstaunlich vollständige Darstellung der Schweiz.
So wie aber das Hauptanliegen des Kartographen, neben der allgemeinen Formgebung, das Erreichen einer befriedigenden Plastik ist, so bedarf auch der « Kommentar » zur Karte einer plastischen Darstellung. Und eben diese Plastik erreicht Tschudi mit den « Lichtern », die er seinem Schweizerbild aufsetzt. Es ist nun nicht uninteressant, zu untersuchen, worin denn des Autors Technik im Grunde besteht. Man darf wohl sagen, dass er immer wieder, an ihm günstig scheinenden Stellen, neben dem, was man objektiv sieht, auch das Gefühl mitreden lässt. Er lässt damit auch das sehende Subjekt zu Worte kommen. Und zwar geht er den Gefühlen, die im Beschauer lebendig werden, mit eben derselben Sorgfalt nach wie der äusseren Wirklichkeit. Er findet ihre Quellen, seien sie nun historische, literarische, oder gar tiefer liegende ( warum nennen wir denn unsere hervorragendsten Gipfel « Könige » ?), und bringt dann das Fühlen in stilistisch hervorragender Weise, konzentriert und treffsicher, zum Ausdruck. Wer Wissenschaft betreiben und ihre Ergebnisse darstellen will, der kann bei Tschudi lernen. Gar viel, was heute geschrieben wird, wirkt flach, unplastisch. Oft bleibt man im Intellektuellen oder rein Beschreibenden stecken, oft verliert man sich aber auch ins Unklar-Gefühls-mässige. Durch solche Fehler geht aber jegliche Wirkung auf die Mitwelt verloren. Wichtig ist, dass gleichsam auf zwei Ebenen projiziert wird. Selbstverständlich muss nicht jeder sehen und fühlen wie Tschudi. Einem Philosophen z.B. wird sich das Problem anders stellen, und eine der Ebenen wird sicher das Denken sein müssen. Aber auf zwei « Ebenen » ( in zwei Funktionen, würde man psychologisch sagen ) muss immer erlebt werden. Und wo es not tut, da muss man fähig sein, den Blick von aussen nach innen oder auch von innen nach aussen zu wenden. Auch das hat Tschudi gekonnt. Er ist kein Dichter. Er ist mehr, er ist ein Meister, ein Meister in der Darstellung der WirkÜchkeit.