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- Veröffentlicht: 16. August 2012
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Das Gebiet von Muttenz war bereits in der Römerzeit dicht besiedelt. Mindestens drei römische Gutshöfe sind bisher bekannt. Die grösste und bekannteste Anlage befand sich in der Flur Feldreben, wo der Basler Altertumswissenschaftler Karl Stehlin in den Jahren 1910–1913 erste Mauerzüge freilegte. Ein weiterer römischer Gutshof befand sich im Bereich der Kirche St. Arbogast, unter dem heutigen Ortskern. Von dieser Anlage, aus der das frühmittelalterliche Dorf Muttenz entstand, ist bisher erst wenig bekannt. Schliesslich befindet sich im Bereich des Brühlwegs eine dritte römische Anlage. Sie wurde sogar noch früher entdeckt als die Villa Feldreben, nämlich bereits 1892 durch den Historienmaler Karl Jauslin.
Die Villa im Brühl ist vermutlich im früheren 1. Jahrhundert nach Christus erbaut worden sein. Die gefundenen Münzen reichen bis ins 4. Jahrhundert und belegen, dass offenbar der Gutshof wie auch die Villa Feldreben die unsichere Zeiten der 260-/70er-Jahre überlebten.
Im Juli 2010 wurde am Brühlweg beim Bau eines Einfamlienhauses die Villa Brühl nochmals archäologisch untersucht.
Aus dem Jahresbericht 2010 der Archäologie Baselland, S. 30 ff:
"Zwei aktuelle Bauprojekte im Bereich der Villa Brühl lösten im Berichtsjahr weitere Notgrabungen aus. Im Juni wurde am Brühlweg 71 für den Bau eines Einfamilienhauses eine rund 200 m2 grosse Fläche geöffnet. Die Überraschung war gross, als unmittelbar unter dem Humus Teile der bereits früher untersuchten Fundamente zum Vorschein kamen: Sie waren aufgrund der alten Einmessung zehn Meter weiter östlich erwartet worden!
Überblick über die Grabung. Rechts die bereits seit langem bekannten, aber erst jetzt genau lokalisierbaren Fundamentreste des grösseren, mehrräumigen Baus, links die neu entdeckten Mauern eines Nebengebäudes.
Bild aus Jahresbericht 2010 der Archäologie Baselland
Schnitt durch ein Fundament des Nebengebäudes. Es besteht aus in die Grube geschütteten Kieseln.
Bild aus Jahresbericht 2010 der Archäologie Baselland
Die sofort eingeleitete Grabung förderte nebst den östlichsten Abschnitten des bereits bekannten Gebäudes Fundamentreste eines Nebengebäudes zu Tage. Zugehörige intakte Kulturschichten waren indes kaum mehr erhalten. Das Fundmaterial besteht vor allem aus römischen Ziegelfragmenten, gefolgt von Keramikscherben und Tierknochen. Aber auch einige bemerkenwerte Metallobjekte kamen zum Vorschein, etwa eine frühe Fibel vom Typ «Langton-Down» oder der mondförmige Griff einer Öllampe aus Buntmetall.
Die Gewandschliesse vom Typ «Langton-Down» ist typisch für die erste Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. (links). Mondförmiger Griff einer bronzenen Öllampe, Durchmesser maximal 5 Zentimeter (rechts).
Bilder aus Jahresbericht 2010 der Archäologie Baselland
Wichtig für die künftige Auswertung könnte eine constantinische Münze (AE4, Imitation, geprägt für Rom, ca. 330–340 n. Chr.) werden: Sie lag im Bereich der Fundamentsteine des Nebengebäudes. Wenn sie tatsächlich bei dessen Errichtung in den Boden gelangte, wäre dies ein Beweis, dass dieses Gebäude erst in spätrömischer Zeit, um die Mitte des 4. Jahrhunderts, errichtet worden war. Allerdings fehlen weitere Funde, die eine Benutzung der Anlage im 4. Jahrhundert belegen würden.
Übersichtsplan der Grabung
aus Jahresbericht 2010 der Archäologie Baselland
Eine zweite, grössere Grabung folgte direkt im Anschluss in der Nachbarsparzelle am Brühlweg 73. Im Juli und August wurden dort, vorgängig zu einem Bauprojekt, rund 860 m2 untersucht. Die Befunde sind in diesem Bereich indes schwieriger zu interpretieren als in der vorangegangenen Ausgrabung.
Überreste der Pflästerung (links). Die Ziegelschuttschicht ist im Profil gut erkennbar (rechts).
Bilder aus Jahresbericht 2010 der Archäologie Baselland
Mit Ausnahme zweier in einem Leitungsgraben angeschnittener Fundamente des bereits bekannten Gebäudes kamen keine Mauern mehr zum Vorschein. Lediglich eine Anhäufung von Kalkbruchsteinen und Geröllen könnte als spärlicher Überrest einer Mauer gedeutet werden."
Mehr zum Thema in Die römischen Villen
Auswertung der Grabung 2010
aus dem Jahresbericht 2017, Archäoligie Baelland, S. 136-141
Bericht: Johann Savary
Bereits der bekannte Basler Altertumsforscher Wilhelm Vischer-Bilfinger (1808–1874) erwähnte römische Ruinen in Muttenz, ohne dass man sie heute noch näher lokalisieren kann. Erst 1892 führte Theophil Burckhardt-Biedermann eine erste Grabung in der Flur Brühl durch. Vor der Historisch-Antiquarischen Gesellschaft zu Basel berichtete er von seinen Resultaten, allerdings nur in groben Zügen. Laut dem vom Künstler Karl Jauslin gefertigten Plan wurde der westliche Teil eines Steinbaus (Gebäude 1) gefunden.
Ein Praktikant bei der Freilegung der Fundamente von Gebäude 2.
Die ersten gut dokumentierten Forschungen wurden von Karl Stehlin mit Hilfe von Jacob Eglin 1910/1911 und 1926 durchgeführt. Die beiden Herren legten Gebäude 1 vollständig frei und entdeckten eine Umfassungsmauer sowie eine Pflästerung. Ein Teil des Befundes wurde um 1930 durch den Bau eines Hauses zerstört.
Zwei Bauprojekte veranlassten im Sommer 2010 neue Untersuchungen der Archäologie Baselland. Die Ausgrabung erstreckte sich auf zwei Flächen von insgesamt 1060 Quadratmetern und förderte über 3000 Funde zu Tage. Der Schreibende wertete diese Grabung 2015 im Rahmen einer Masterarbeit, die von der Archäologie Baselland und der Vindonissa-Professur der Universität Basel betreut wurde, aus.
Die ältesten fassbaren Siedlungsspuren im Gelände Muttenz-Brühl sind bereits 3500 Jahre alt. Es wurde eine sogenannte Gargrube gefunden mit Ausmassen von 3,6 × 5 Meter und einer Tiefe von 17 Zentimetern. Solche Feuergruben wurden mit
hitzeresistenten Steinen gefüllt. Nach dem Brand legte man Esswaren dazu, deckte das Ganze ab und wartete, bis die Gerichte gekocht waren. Ähnliche Befunde kennen wir aus anderen Regionen der Welt, unter anderem aus Polynesien. Daher werden derartige Anlagen häufig auch als fours polynésiens bezeichnet. Die Analyse der Gefässkeramik des Muttenzer Beispiels deutet auf eine Datierung in die Bronzezeit. Ob es eine Verbindung zur gleichzeitigen Höhensiedlung auf dem Wartenberg gibt, ist noch zu klären.
Erst ab römischer Zeit ist wieder menschliche Präsenz zu belegen. Belegt ist ein in südwestliche Richtung verlaufender Graben mit einem Gefälle von 1,4%, der sich auf einer Länge von 16 Metern im Boden abzeichnete. Dieser wurde zur Entwässerung oder Eingrenzung einer Parzelle benutzt. Im nördlichen Grabungsbereich sind dank dem Schutz durch einen jüngeren Steinbau Schichten eines Holzgebäudes erhalten. Das mächtige Schuttpaket, das dessen Zerstörungshorizont darstellt, enthielt Material von der Zeit um Christi Geburt bis um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. Wenn man bedenkt, dass die frühesten Villen der heutigen Schweiz erst gegen 20 n. Chr. errichtet worden sind, scheinen die römischen Anfänge hier in Muttenz besonders früh anzusetzen zu sein. Dies lässt sich vielleicht mit der Nähe zur Kolonie Augusta Raurica erklären.
Profilschnitt durch den ältesten angetroffenen Befund, eine bronzezeitliche Gargrube (‹four polynésien›).
Weiter östlich stand ein zweites Holzgebäude, das ins zweite und dritte Viertel des 1. Jahrhunderts n. Chr. datiert und dessen Abbruch als Planie für den Bau eines späteren Steingebäudes benutzt wurde. Unsicher ist die Zuweisung von Befunden im südlichen Grabungsbereich. Ein drittes Bauwerk in Holz und zusammengehörende Pfosten sowie eine Grube könnten zeitgleich mit dem nördlichen Holzbau entstanden sein.
Zwei verzierte und aufwendig profilierte Terrakotta-Fragmente geben Rätsel auf. Ober- und Unterseite, M 2: 3.
Seine beste Zeit hatte der Gutshof in der zweiten Hälfte des 1. und im 2. Jahrhundert n. Chr. In diese Phase datiert das aus Stein errichtete Hauptgebäude (Gebäude 1). Der Hof wird teilweise mit einem Steinbelag gepflastert. Zusammen mit dem Hauptbau entsteht eine Umfassungsmauer, an die Gebäude 2 angelehnt wird. Die Steinbauten bestehen bis um 250 n. Chr. Was nachher passiert, bleibt unklar, denn jüngere Böden sind nicht erhalten. Die Ausgräber erfassten lediglich eine mächtige Schuttschicht im südlichen Grabungsgelände, die Fundmaterial des 2. Jahrhunderts enthielt. Keramik des 3. Jahrhunderts hingegen ist kaum nachgewiesen, was darauf hinweist, dass die früheren Gebäude zerstört und keine neue Bautätigkeiten unternommen wurden. Pfostengruben im Bereich der Mauer von Gebäude 2 und eine Kalkbrenngrube in Gebäude 1 lassen aber vermuten, dass weiterhin geringe Siedlungsaktivitäten stattfanden und man im ausgehenden 3. und 4. Jahrhundert n. Chr. das Areal vielleicht noch in reduzierter Form bewohnte (sogenannte squatter occupation). Zuletzt fand eine endgültige Plünderung der Baumaterialien statt, die sich gegen die Mitte des 4. Jahrhunderts datieren lässt. Ein guter Beleg dafür ist eine Münze Konstantins des Grossen, die einer der Plünderer zwischen den Steinen des Fundamentes von Gebäude 2 verlor.
Die Entwicklung des Fundplatzes anhand der erfassten Belegungsphasen von der Bronzezeit bis in die Spätantike.
Der Gutshof von Muttenz-Brühl lag im Rheintal in direkter Nähe zur Kolonie Augusta Raurica und dürfte über Verkehrswege sehr gut erschlossen gewesen sein. Dies erklärt wohl seine für das Gebiet der heutigen Schweiz sehr frühe Entstehung
noch in augusteischer Zeit. Allerdings erfuhr der Platz keine grosse Entwicklung, wurde relativ spät versteinert und mit dem Zerfall dieser Steinbauten im 2. Jahrhundert n. Chr. früh verlassen. Dies könnte zum Schluss führen, dass der Ort nur von sekundärer Bedeutung und einer wichtigeren Siedlung unterstellt war, etwa der grossen, nahegelegenen Villa rustica von Pratteln, Kästeli oder Muttenz, ‹Feldreben›. Da wir vom Muttenzer Gutshof erst wenig kennen und über seine Ausdehnung
kaum etwas wissen, erschwert dies allerdings ausführlichere und aussagekräftigere Schlüsse zur Grundkonzeption der Anlage und zu ihrer Einbettung in der Landschaft. Möglicherweise hat der Fundplatz auch eine Verbindung zu den neu entdeckten Brandgräbern an der Fasanenstrasse.
Die Terrakottafragmente sind möglicherweise Reste eines Hausaltars (Rekonstruktion Sabine Bugmann).
Abschliessend sei noch auf zwei ganz besondere Terrakotta-Fragmente hingewiesen, die nur dank dem aufwendigen Reinigen sämtlicher Baukeramikfragmente noch während der Grabung überhaupt entdeckt werden konnten. Die Stücke
bestehen aus gewöhnlichem Augster Baukeramikton. Was sie speziell macht, ist die reiche Verzierung mit drei Leisten, Kreisaugen und Strichen und beim einen Stück ein Würfel mit gekreuztem Kreisaugendekor auf zwei Seiten. Zahlreiche Deutungen sind möglich: Vielleicht sind die Objekte Reste eines Zierbrunnens, Lichthäuschens oder Votivaltärchens. Am überzeugendsten erscheint jedoch die Interpretation als Modell eines Tempels, als so genannte Aedicula. Das Tempelchen hätte als Lararium, als Hausheiligtum gedient, an dem die Gutshofbewohner ihren Ahnen Gaben darbringen konnten. Vergleiche sind noch rar, aber die Masterarbeit löste bereits eine Diskussion aus: Markus Schaub publizierte 2017 im Jahresbericht aus Augst und Kaiseraugst ein Exemplar aus Augusta Raurica und fügte zu den Interpretationsmöglichkeiten die Deutung als Untersatz eines Gefässes oder als Feuerrost hinzu. Eine endgültige Klärung kann nur der Fund weiterer Vergleichsstücke bringen.
Möglicher Vergleich: Tempelchen aus Kalkstein aus einem Hausheiligtum in Augusta Raurica, Insula 24 (Susanne Schenker, Augusta Raurica).