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Die Aktienmärkte haben nach den starken Gewinnen der letzten 2 Tage heute moderat schwächer eröffnet. Die weltweit beschlossenen Massnahmen haben offenbar wesentlich zu einer gewissen Beruhigung an den Finanzmärkten gestartet. Heute beginnt in der Schweiz auch die Kreditauszahlung im Rahmen des «Nationalen Förderprogramm KMU». Ich bin sehr stolz darauf, dass auch unser Konzern an diesem ausserordentlich schnell und effizient umgesetzten Programm teilnimmt. Es ist ein wichtiges und ermutigendes Beispiel dafür, dass wir uns der aktuellen Krise durch nachdenken und handeln wirksam entgegenstemmen können.
Ich möchte die heutige relative Ruhe an den Finanzmärkten nutzen, um einen Standpunkt zur Frage zu entwickeln, mit welcher Grundhaltung der Weg aus dem aktuellen ökonomischen Stillstand («lock-down») beschritten werden könnte. Nach der weltweiten Ankündigung massiver Hilfspakete und der damit verbundenen notwendigen Neuverschuldung mehren sich in den letzten Tagen die Stimmen aus Presse und Politik, die sich fragen und oft bezweifeln, wie lange man die ökonomischen Kosten des «Lock-down» tragen kann, ohne eine spätere rasche Erholung der Wirtschaft aufs Spiel setzen zu müssen.
Es wird dabei mancherorts ein Dilemma in den Raum gestellt, zwischen dem Schutz des Lebens, besonders jenes von exponierten Teilen der Bevölkerung und den ökonomischen Kosten der Stilllegung weiter Teile der Wirtschaft. Dabei wird oft das Konzept der Herdenimmunität aus der mathematischen Biologie verwendet. In den häufig verwendeten, einfachen Versionen dieses Modells, wird die Bevölkerung wie eine Schafherde modelliert. Es wird angenommen, dass die Individuen im Lichte der erkannten Bedrohung durch die Seuche unfähig sind ihr Verhalten zu ändern. Was für eine Schafherde gelten mag, aber für Menschen offensichtlich nicht zutrifft. Diese Familie von Modellen enthalten einen zentralen Parameter, die sogenannte Basisreproduktionszahl, genannt R0 (R-Null). Dieser Parameter R0 hat bei der Corona Epidemie einen geschätzten Wert von ungefähr 3.
Anmerkung:
In meiner Zeit als forschender Mathematiker hatte ich die Gelegenheit Professor Odo Diekmann kennenzulernen, der eine heute weitverbreitete Methode zur Schätzung dieses Parameters im Jahr 1990 im Journal of Mathematical Biology publiziert hat. Die genannte Publikation liegt bei (ausschliesslich für mathematisch Interessierte zumutbar).
Ich habe 1996 in der gleichen Zeitschrift ebenfalls einen Artikel publiziert. Ich darf also zumindest behaupten, mich mit dem Thema der Modellierung solcher Systeme fachlich einigermassen auszukennen.
Unter den oben beschriebenen und für Menschen wenig zutreffenden Annahmen, kann die Ausbreitung der Seuche erst gestoppt werden, wenn ein genügend grosser Anteil der Schafherde geimpft ist oder durch eine überlebte Ansteckung immun geworden ist. Im Standardmodell ist dieser Anteil 1-1/R0, d.h. beim Corona Virus 100 % - 1/3 = 66.6 %. Diese, die Epidemie stoppende, kritische Durchseuchungsrate der Bevölkerung wurde sogar von Angela Merkel an einer Pressekonferenz, ohne weitere Qualifizierung, genannt.
Man muss nun wirklich kein Mathematik Genie sein, um auszurechnen, dass selbst bei einer tief angenommenen Mortalität von 0.5 %, ohne Impfstoff und ohne neue Medikamente
und ohne drastische und langanhaltende Verhaltensänderung in etwa 12 Monaten ein Anteil von 0.5 % von 2/3 der Bevölkerung dem Corona Virus zum Opfer fallen würde.
Dies vor allem in den bekannten Risikogruppen. Das sind für die Schweiz 28 500 Menschen. Für die USA 1.1 Millionen Menschen. Dies ergibt sich aus dieser modellbasierten aber wenig realistischen Überlegung, denn der Mensch kann sein Verhalten ja ändern. Manche Regierungen verwenden offen oder manchmal auch verdeckt das Konzept der Herdenimmunität, um eine vorgehaltene, aber eigentlich auf Menschen nicht anwendbare wissenschaftliche Erkenntnis, als Ausrede zur Rechtfertigung der Vermeidung stringenterer Schutzmassnahmen.
Andere Stimmen verwenden das Konzept der Herdenimmunität in der Argumentation auch folgendermassen: Da wir die wirtschaftlichen Kosten eines «lock-down» nicht länger als 6 bis 9 Monate finanzieren können und weil kein Impfstoff über diesen Zeitraum zu erwarten ist, muss dieses menschliche Opfer erbracht werden, um grösseres Übel für die Mehrheit der Überlebenden zu vermeiden. Natürlich ist dies reiner Wahnsinn und ausserdem sehr zynisch, denn der Mensch zeichnet sich im Gegensatz zum Schaf, dadurch aus, dass er sich intelligent und flexibel an neue Situationen anpassen kann.
Die Frage die sich stellt, ist welche intelligenten Alternativen zu einem radikalen «lock down» umgesetzt werden können, die zu einer ausreichenden Veränderung in der sozialen Interaktion führen. Dabei könnte die Technologie einen Beitrag zu einer Rückverfolgung von Infektionsketten beitragen. Aber auch der stärkere Schutz von Risikogruppen könnte helfen. Über viele weitere Aspekte muss und wird jetzt nachgedacht.
Ich denke, dass wir auch in der Schweiz bald intensiv darüber nachdenken werden, wie wir in einer nächsten Phase der Krise mit einem differenzierteren Umgang mit dem Corona Virus eintreten können. Dabei bin ich überzeugt, dass sich ein Dilemma zwischen einem ökonomischen Opfer und einem menschlichen Opfer nicht stellt, wenn wir alle Möglichkeiten intelligent nutzen. In einer informierten und offenen Gesellschaft ist kein Platz für ein falsches «Herdenmodell», welches nur entschuldigt, dass man nicht entschlossen und kreativ genug mit dem Problem umgehen kann oder will. Ich habe durchaus Vertrauen, dass das Schweizer BAG diesen Fragen gewachsen ist. Ich bin aber besorgt, dass in den USA und anderen Ländern derzeit ein solches artifizielles Dilemma mit potenziell katastrophalen Folgen gerade heraufbeschworen wird. Tragisch ist die Situation in Ländern die gar nicht die Ressourcen haben, angemessen reagieren zu können.
Am heutigen Mittwoch eröffnen die weltweiten Aktienmärkte negativ. Die europäischen Aktienmärkte liegen aktuell etwa 2 % im Minus.
Der Schweizer SMI Index ist aktuell ebenfalls ca. 1 % im Minus. Auch für die US-Aktienmärkte wird heute, eine moderat negative Eröffnung erwartet.
US-Aktien verlieren seit Jahresanfang je nach Index (Dow Jones / Standard % Poors 500) aktuell etwa 24 % bis 26 %, europäische Aktien etwa 27 %, Schweizer Aktien etwa 16 % und
chinesische Aktien (CSI 300 Index) etwa 9% (alle Zahlen per 26.3.020 ca. 12:30, Verluste in CHF bewertet).Wir wiederholen an dieser Stelle erneut, dass Angst ist in diesem Umfeld kein guter Ratgeber ist. Wir raten an Aktienpositionen festzuhalten. Möchten Sie regelmässig über die aktuelle Börsenlage informiert werden? Dann abonnieren Sie jetzt unseren Investment Letter.