Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03558.jsonl.gz/372

Der Bundesstaat Mato Grosso beherbergt eine der grössten indigenen Bevölkerungen des Landes. Die Terena sind das indigene Volk, dessen Präsenz sich im Bundesstaat am deutlichsten abzeichnet, weil sie sehr zahlreich sind und einen intensiven Kontakt mit der regionalen Zivilbevölkerung pflegen – einerseits durch ihre Verkäuferinnen auf den Strassen der Hauptstadt Campo Grande, und andererseits durch die Legionen von Zuckerrohr-Schnittern, die sich periodisch zur Verfügung stellen, um den Fazendas und Zuckerfabriken beim Schneiden des Zuckerrohrs und seiner Verarbeitung zu Zucker und Alkohol zur Hand zu gehen. Diese intensive Beteiligung am Alltagsleben in Mato Grosso do Sul hat den Terena den Ruf als “Índios urbanos aculturados“ (kultivierte Stadtindianer) eingebracht. Eine solche Bezeichnung ist insofern irreführend, als sie vom Widerstand dieses Volkes ablenkt, das seit Jahrhunderten dafür kämpft, seine Kultur am Leben zu erhalten und es versteht, ungünstige Situationen ins Positive zu verkehren, wie zum Beispiel abrupte landschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Veränderungen, innerhalb der Möglichkeiten, welche ihnen die Kolonialmacht, und später der brasilianische Staat, gestattete.
Terena

Andere Namen: unbekannt

Sprachfamilie: Aruak
Population: 24.776 (2010)
Region: In den Bundesstaat Mato Grosso, Mato Grosso do Sul und São Paulo
|INHALTSVERZEICHNIS

Lebensraum und Bevölkerung
Sprache
Geschichte
Neue Partner: die purutuyé
Der Paraguay-Krieg und der Verlust der Territorien
Die Nachkriegsfolgen: Zeiten der Knechtschaft
Die Terena und der SPI
Vom SPI zur FUNAI
Dörfer und Territorium
Gesellschaftliche Organisation
Häuser
Kosmologie und Schamanismus
Produktive Aktivitäten – der Ackerbau
Viehzucht
Zeitarbeit
Jagd, Fischfang und Sammelaktivitäten
Quellenangaben
Mit einer Gesamtbevölkerung, die im Jahr 2001 auf 16.000 Personen geschätzt wurde, leben die Terena, aus der linguistischen Familie Aruak, gegenwärtig in einem fragmentierten Territorium, das auf kleine “Inseln“ verteilt ist, umgeben von Fazendas und innerhalb von sieben Distrikten des Bundesstaates Mato Grosso do Sul: Miranda, Aquidauana, Anastácio, Dois Irmãos do Buriti, Sidrolândia, Nioaque und Rochedo. Ausserdem gibt es Terena-Familien, die in Porto Murtinho (im IT Kadiweu) leben, in Dourados (IT Guarani) und im Bundesstaat São Paulo (IT Araribá). Terena-Familien wurden vom Indianerschutz SPI in die beiden letzteren ITs gebracht, um für die lokalen Indios als Beispiel zu dienen (um sie die Praktiken der Feldbestellung zu lehren, sowie die Fügsamkeit gegenüber dem Kontrollsystem des inzwischen erloschenen SPI-Organs).
Die indigenen Reservate der Terena wurden einst, in den 1920er und 1930er Jahren, im Bundesstaat Mato Grosso vom SPI beschlagnahmt. Zwei davon (Cachoeirinha und Taunay-Ipegue) wurden bereits zu Beginn des 20.Jahrhunderts von der Staatsregierung zur Verfügung gestellt.
Daten der Funasa von 2001 geben an, dass von der gesamten Terena-Bevölkerung 13.629 Personen in den oben bezeichneten Indio-Reservaten leben – das sind zirka 2.400 Familien.
Die Aruak-Sprache wird von den meisten Personen dieses Volkes gesprochen, die sich heute als Mitglieder der Terena bezeichnen. Jedoch ihr Gebrauch und die Frequenz, ist je nach Dorf unterschiedlich. Zum Beispiel in Buriti und Nioaque wird sie nur noch von wenigen Personen benutzt. In anderen, wie Cachoeirinha, gibt es Fälle von Jugendlichen, die kaum Portugiesisch beherrschen. Insgesamt kann man die Terena als ein rein zweisprachiges Volk bezeichnen – darunter versteht man eine gesellschaftliche Realität, in der die Unterscheidung zwischen einer Muttersprache (in diesem Fall der indigenen) und einer Kontaktsprache (in diesem Fall die Portugiesische) keine soziologische Bedeutung haben. Die Muttersprache hat für die Terena keine sozialisierende Bedeutung im Sinne einer Integration des Individuums in seine eigene Welt, die anders ist als die Welt der Weissen. Ihr Gebrauch ist in diesem Fall lediglich von affektivem Charakter. Mit anderen Worten, die Terena-Sprache wird in dieser indigenen Gesellschaft nicht als diakritisches Signal benutzt, um den eigenen Unterschied zu den Weissen zu demonstrieren. In Wahrheit sind die Terena stolz darauf, dass sie die Kontaktsituation mit der nationalen Gesellschaft beherrschen – inklusive mittels des Sprachgebrauchs der “purutuya“ (Weissen) – und es ist diese Fähigkeit, die es ihnen ermöglicht, als ein Volk mit autonomer Politik und Administration zu existieren (Ladeira 2001).
Als letzte Nachfahren der Nation “Guaná“ in Brasilien, sprechen die Terena eine Sprache der linguistischen Familie Aruak und besitzen kulturelle Chaco-Charakteristika (der Völker, die aus der paraguayischen Chaco-Region stammen). Die Beherrschung der Aruak-Sprache unter den verschiedenen indigenen Völkern des Chaco – alle Jäger und Sammler – verdanken diese Gruppen dem Umstand, dass sie schon seit historischer Zeit in erster Linie Ackerbauern waren, und auf dieser wirtschaftlichen Basis haben sie sich in zahlenmässig grössere, verbreitetere und kriegerischere lokale Gruppen (Dörfern) organisiert.
Die Studien der Chaco-Völker bestätigen, dass die “Chané“ oder “Guaná“ über eine wesentlich höher entwickelte gesellschaftliche Basis verfügten als ihre Nachbarn, die Mbayá. Sie waren in hierarchische Klassen unterteilt: in “Edle“ oder “Kapitäne“ (Naati = die, welche befehlen) und die “Plebs“ oder Soldaten (Wahêrê-xané = die, welche gehorchen). Die Beziehungen zwischen Guaná und Mbayá gründeten auf ehelichen Verbindungen: die Guaná-Chefs traten Frauen ihrer Kaste ab, um sie mit den Führern der Mbayá zu verheiraten. Die Beziehungen zwischen den beiden Gruppen festigten sich auf diese Weise im Verlauf der Zeit zu einer komplexen gesellschaftlichen Struktur: Auf der einen Seite ein autonomes gesellschaftliches Segment in der Position eines Frauen- und Nahrungsmittellieferanten – auf der andern eine Kaste von Kriegern, die Frauen bekamen, und verantwortlich waren für die Sicherheit der lokalen Ackerbauern, die sie mit Werkzeugen aus Metall und mit Pferden belieferten.
In den 1760er Jahren führte der wachsende Druck der Spanier auf die Territorien der Mbayá, die sich an den okzidentalen Grenzen Paraguays befanden, sowie interne Prestige-Streitigkeiten, zur Abwanderung von unzähligen Untergruppen der Mbayá und der Guaná zur orientalen Seite des Rio Paraguay. Diese Abwanderung ging wahrscheinlich bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts weiter. Die Untergruppen der Guaná – Terena, Echoaladi, Layana und Kinikinau – die sich im Ostteil des Chaco etablierten, hielten auch im neuen Territorium fest an ihren traditionellen Verbindungen zueinander – die Guaná gingen, darüber hinaus, eine neue Allianz mit den Mbayá-Guaykuru ein.
Die heutigen Terena erinnern sich noch an jene Abwanderung und die Überquerung des Rio Paraguay: “Ich trage diese Geschichte immer mit mir – es ist die Geschichte meines Vaters. Hier in Cachoeirinha gab es keine Menschen. Mein Vater stammt von hier. Sein Urgrossvater kam aus “Eêxiwa“ (darunter versteht man das Gebiet zwischen dem rechten Ufer des Rio Paraguai und der so genannten “morraria“ von Albuquerque – heute die Stadt Corumbá – am linken Ufer desselben Flusses), so erzählte mein Vater. Sie waren von Indios angegriffen worden, die anders waren als die in Eêxiwa. Also flohen sie, überquerten den Rio Paraguai bis Porto Esperança, hinter der “morraria“… hielten sich eine Weile in der Nähe von Corumbá auf, und dann errichteten sie ihr Dorf hier in Miranda. Zu jener Zeit gab es keine “purutuyé“ (Weisse, Portugiesen), nur Indios Terena, Laiana, Kiniquinao, Echaladi, Caduveo… (so erzählt Felix, ein alter Bewohner des Dorfes Cachoeirinha).
Ein anderer beschreibt die Art und Weise, wie sie den Rio Paraguai überquerten: “Meine Grossmutter und mein Grossvater kamen aus Eêxiwa. Sie benutzten ein grosses Schilfrohr, um den Fluss zu überqueren. Sie flochten Lianen (hymomó) für ein Kanu zusammen, um den “huveonókaxionó“ (Fluss der Paraguayer) zu überqueren (erzählt João Martins, ein Greis und Bewohner des Reservats Cachoeirinha).
Der Widerstand der Mbayá-Guaykuru gegen das Vordringen der Paulistas, die sich auf die Region von Cuiabá konzentrierten, hielt die Guaná fern von Beziehungen zu Europäern. Diese Situation blieb so bis ins letzte Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts, als 1791 der Friedensvertrag zwischen Portugal und den Mbayá-Guaykuru unterzeichnet wurde.
Dieser Vertrag erlaubte den Portugiesen die Niederlassung am rechten Ufer des Rio Paraguai, gleichzeitig führte er zu einer Zermürbung der Allianz zwischen Guaná und Mbayá. Eine der Stützen dieser Allianz, wie bereits berichtet, war die Lieferung von Metallwerkzeugen der Mbayá an die Guaná – letztere bekamen die Werkzeuge nun direkt durch den Handel mit den Portugiesen.
Nachdem nun die konstante Bedrohung durch Attacken der “berittenen Indios“ (Mbayá-Guaykuru) beigelegt war, begannen sich kleine portugiesisch-paulistanische Siedlungen rund um die vorgeschobenen Forts zu entwickeln, die bereits während der zwei Jahrzehnte vor der Unterzeichnung des Vertrages gebaut worden waren, um die Spanier an einer Erweiterung ihrer Grenzen zu hindern: das Fort Coimbra (1775), das Fort Principe da Barra (1776) und das Fort Presídio de Miranda (1778).
Die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den “purutuyé“ (Portugiesen) und den Guaná wurden noch gefestigt durch Abgesandte der Krone: Im Jahr 1797 erhielt einer der Guaná-Häuptlinge einen Brief mit Diplom, vom Generalgouverneur von Mato Grosso, für seine Treue und Anhängerschaft gegenüber der portugiesischen Krone. Das Dokument empfiehlt den offiziellen portugiesischen Agenten, dass sie den “Capitão“ und “alle die Seinen“ behandeln und respektieren sollen, wie es ihre Freundschaft als Untertanen der Portugiesischen Krone verdient, dass ihnen sämtliche Freiheiten, Privilegien und Gebührenerlasse zu gewähren sind, die allen anderen Untertanen derselben zustehen. (Das Original-Dokument befindet sich im Archiv des Bundesstaates Mato Grosso).
Die Beziehungen zu Portugiesen und Brasilianern, nach 1791, waren bei den diversen Untergruppen der Guaná unterschiedlichen Charakters. Hercules Florence beschrieb, um 1820, eine indigene Gruppe, die er als “Guaná“ bezeichnete – wahrscheinlich die Echoaladi, deren Dorf sich “etwas oberhalb von Miranda“ befand – wie folgt:
“Von allen Stämmen, die am Rio Paraguai leben, ist dieser mit den Brasilianern am meisten in Kontakt. Es sind Ackerbauern, sie bauen Mais an, Maniok, Zuckerrohr, Baumwolle, Tabak und andere Pflanzen des Landes. Sie besitzen einige Produktionsstätten, wo sie Zuckerrohr mahlen, und sie stellen grosse Stücke Baumwollstoff her, mit denen sie sich kleiden, ausserdem Hängematten und Gürtel. Sie begeben sich in eigenen Kanus – oder denen der Brasilianer – bis nach Cuiabá, um dort ihre Kleidung, Gürtel, Sättel und Tabak zu verkaufen“.
Der Ausbruch des Konflikts zwischen Paraguay und der Dreifachen Allianz gegen Ende des Jahres 1864 sollte das Leben der gesamten Guaná-Nation dramatisch verändern und eine neue Zeit begründen. Eine der Bühnen des Konflikts befand sich genau im Territorium dieses Volkes, das als Alliierte der Brasilianer unter Angriffen und Repressalien der Invasorentruppen zu leiden hatte. Die Folge war, dass alle damals existierenden Dörfer im Gebiet der Flüsse Miranda und Aquidauana sich auflösten, und ihre Bewohner sich in undurchdringliche Waldgebiete der Region verkrochen (wie der Ort, den sie “Pulôwô’uti“ nennen, dorthin flüchteten die Bewohner von Cachoeirinha) oder in die Serras de Maracajú (wo Taunay im Jahr 1866 sich aufhielt – in der Nähe des Baches Piranhinha, dorthin flüchteten die Kiniquinau).
In seinem Bericht über den “Zustand der Indigenen“ (1866) informierte der “Diretor de Índios“: “Nichts vermag ich eurer Exzellenz zu berichten über den Zustand der Dörfer… infolge der Besetzung dieses Teils der Provinz durch die Paraguayer seit Januar des vergangenen Jahres…“ Und im Jahr 1870 schrieb derselbe Direktor an den Präsidenten der Provinz, dass der Direktor der Dörfer von Miranda, Pater Mariano, von den feindlichen Truppen gefangen und eingekerkert worden sei. Das Dorf am Rio Ipegue wurde von den Invasoren 1866 zerstört.
Trotz intensiver Beteiligung der Guaná in den Reihen der kaiserlichen Truppen, und zur Verteidigung ihrer Territorien – deren Episoden von Alfredo Taunay beschrieben wurden (in seinen Werken “Entre os Nossos Índios“ und “A Retirada da Laguna“) – anerkannte die Regierung des Imperiums ihre Anstrengungen nicht, indem sie den Guaná keine Handbreit Boden überschrieb – während sie stattdessen den Kadiweu (1880) zirka 500.000 Hektar in der Region Nabileque/Bodoquena zur Verfügung stellte.
Nach Ende des Konflikts mit Paraguay, wurde das antike Territorium der Guaná-Dörfer bereits von neuen “Besitzern“ beansprucht, entlassene Offiziere des brasilianischen Militärs die meisten, und Geschäftsleute, die mit dem Krieg Gewinne gemacht hatten und in der Region bleiben wollten. In den Erinnerungen von Taunay (1931-35) wird deutlich, wie sich dieser Prozess der “Festsetzung der Entlassenen“, der Enteignungsprozess der indigenen Territorien und die Integration der Indios als Arbeiter auf den überall entstehenden Fazendas, vollzogen hat:
“Die diversen Flüchtlings-Camps in der Serra de Maracaju baute man aus als komfortablere Behausungen, und nach und nach normalisierte sich die Lebensweise in jenen Hybriden-Kolonien von zivilisierten Brasilianern und Indios, vor allem Kiniquinaus, zu denen sich Guanás, Terenas und Laianos gesellt hatten“.
In der Tat, der Paraguay-Krieg bescherte den Guaná eine radikale Veränderung ihres Modus vivendi mit der lokalen brasilianischen Zivilbevölkerung. Waren ihre Beziehung zuvor von gegenseitiger Abhängigkeit bestimmt, die auf einem gegenseitigen Tauschhandel zwischen den Indios und den regulären Truppen basierte, welche die herrschende Bevölkerung in den Forts von Miranda und Albuquerque bildeten, so fand sich die indigene Bevölkerung nach dem Krieg einer heterogenen und opportunistischen Gruppe von Menschen gegenüber, welche auf die offizielle Unterstützung der Regierung zur Kolonisierung der aufrührerischen Region zählen konnten. In dieser neuen Zeit wurde die antike Beziehung von Respekt und Solidarität zerstört.
Die Neuankömmlinge, Entlassene einer Truppe, welche an einem unbarmherzigen Krieg, fast ohne Kommando teilgenommen hatten (Taunay 1935), bestanden aus ehrgeizigen Personen und Abenteurern, bereit, für die Besetzung einer im politischen und gesellschaftlichen Sinn verwüsteten Region zu kämpfen – so steht es in dem oben zitierten Dokument. Diese neuen Kolonisten – die Mehrheit kam aus Regionen Brasiliens, in denen die Beziehung zu den Indios auf der Übermacht und der Verachtung gegenüber dem “Bugre“ (Wilder) basierte – wussten nichts von der Rolle, welche die Guaná bei der Verteidigung und Erhaltung dieser Region gespielt hatten. Und die Indios waren überrascht vom räuberischen Charakter jener neuen “Purutuyé“, und sie beschwerten sich bei den Regierenden in Cuiabá, von denen sie als Alliierte bisher immer mit gebührendem Respekt behandelt worden waren, um ihre Rechte auf ihr Territorium einzufordern.
Was diese Situation betrifft, so hat sich der “Generaldirektor für Indigene Angelegenheiten“, im November 1871, wie folgt geäussert: “Den Indio des Stammes Terena betreffend, mit Namen José Caetano, von dem die Rede ist im Schreiben eurer Exzellenz vom 7. dieses Monats, dessen Erhalt zu bestätigen ich die Ehre habe, was ich weiss und bestätigen kann ist, dass besagter Indio, mit einigen anderen seines Stammes, 17 an der Zahl, und Pedro Tavares, Häuptling des Dorfes Ipegue, im Distrikt Miranda, mir berichteten, dass wegen der paraguayischen Invasion nicht nur sie, sondern auch alle anderen Stämme und Bewohner des Distrikts, ihre Heime verlassen mussten, um sich in die Berge und Wälder zurückzuziehen, wo sie sechs Jahre lang verblieben.
Und als die Bewohner kürzlich zurückkehrten, um ihr Domizil wieder zu besetzen, fanden diese Terenas ihr Dorf am Rio Ipegue besetzt von Simplicio Tavares und seinen Gefolgsleuten. Es steht ihnen zu, ihr Dorf wieder zu bevölkern und die Felder ihrer Ahnen zu bearbeiten – deshalb ersuchen sie um Massnahmen eurer Exzellenz, um nicht von ihrem Besitztümern verdrängt zu werden, von denen sie sich nicht trennen können. Ein anderer Indio desselben Stammes, mit Namen Victorino, er gehört zum Dorf Nachedache, eine Légua von Ipegue entfernt, hat mit der gleichen Reklamation bei mir vorgesprochen“.
Gleich darauf, im selben Dokument, bemerkte jener Funktionär – angesichts der Abwesenheit eines Missionars zur Leitung der Dörfer von Miranda und der dortigen Einquartierung einer Militärtruppe – “es ist vielleicht angebracht, dass eure Exzellenz dem Militär-Kommandanten jeden möglichen Schutz der Indios empfehlen, und dass er sie auf ihren Ländereien hält, in Anbetracht dessen, dass noch Jahre nötig sein werden, bis Miranda wieder das ist, was es einmal war und die Autonomie eines Dorfes zurück erhält“.
1871 wurde der Oberleutnant José Vicente Vieira Couto zum Direktor der Dörfer ernannt, und in dieser Position, so der Bericht der Generaldirektors vom 2. März 1872, “gelang es ihm, eine grosse Anzahl Indios in ihren antiken Dörfern zu konzentrieren . . .“ Jedoch, der Druck von aussen auf die Territorien dieser Dörfer war gross.
Jene Zeit nach dem Krieg wird von den Terena als Zeit der Knechtschaft bezeichnet. Weit verteilt infolge des Konflikts, begannen die verschiedenen Untergruppen der Guaná damit, ihre antiken Dörfer wieder herzurichten, nachdem sie jetzt die neuen Landbesetzer um “Erlaubnis“ gebeten hatten. Es war eine Zeit, in der sich die Viehzucht in der Region ausbreitete, und die Feldbearbeitung langsam zurückging – mit Unterstützung der Autoritäten des Imperiums, in der Absicht, die brasilianische Besetzung der neuen Gebiete zu festigen. Alle diese Unternehmungen waren nur wegen der “Befreiung“ jener Territorien erst möglich, und durch den intensiven Einsatz der indigenen Arbeitskraft, die ihnen jetzt zur Verfügung stand. Die Erzählungen der ältesten Terena von jener Zeit bestätigen das:
“Unsere Leute hatten Angst damals, denn sie erinnerten sich noch an den “Patron“, der sie auspeitschen liess auf der Fazenda. Wer sich zum Morgen-Tee verspätete, wurde ausgepeitscht mein Grossvater hat mir das erzählt. Zur Strafe mussten die Leute Dornengestrüpp mit blossen Händen ausreissen. Wenn das Essen fertig war, wurde die Arbeit eines jeden gemessen, und wenn etwas fehlte, wieder Peitschenhiebe…“ (João Martins Menootó, Greis in Cachoeirinha).
Die Einführung der Republik – und die den vereinten Bundesstaaten überlassenen dezentralisierten, politisch-administrativen Konzessionen, also die Macht in Händen der Regionalpolitiker – verschlimmerte die Situation der Terena noch mehr. In diesem Fall sind die Aussagen des Generals Rondon aufklärend:
“Die Indios werden systematisch von den Fazendeiros ausgebeutet. Es ist kaum möglich, einen Terena anzutreffen, der bei seinem “Patron“ nicht bis über den Kopf hinaus verschuldet ist. Keiner dieser Schuldner kann seinen Herrn verlassen, ohne dass der neue Patron die Verantwortung für ihn übernimmt. Und wenn einer den Mut hätte zu fliehen, läuft er Gefahr, beschimpft, verprügelt und nicht selten mit dem Tod bestraft zu werden – bei allem hat die Polizei ebenfalls ihre Finger im Spiel als Komparsen der Fazendeiros“ (1949).
In den 1910er und 1920er Jahren prägten zwei signifikante Faktoren die Geschichte der Terena: Die Gründung des “Serviço de Proteção ao Índio“ (SPI) und der Bau der Eisenbahntrasse “Estrada de Ferro Noroeste do Brasil“ (NOB) – letztere war direkt verantwortlich für den Zuwachs der nicht-indigenen Bevölkerung in der Südregion von Mato Grosso während zweier Jahrzehnte.
Der SPI installierte seine Posten in den 1920er Jahren in der Absicht, den Terena die von Rondon verkündeten Ziele einer “brüderlichen Protektion“ zu übermitteln – was, zumindest in den ersten Jahren, auch tatsächlich versucht wurde. Jedoch bald wurde diese Protektion, welche ihre Rechte betreffen sollte, langsam in einen ideologischen Zwang verwandelt, der im Verlust dessen gipfelte, was noch übrig war von der politischen Autonomie der Terena.
Der ”Leiter des SPI-Postens“ ging innerhalb kurzer Zeit dazu über, sich in praktisch alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens der Terena einzumischen: von der Bewertung interner Konflikte zwischen den Familien, der Bearbeitung und Aufbewahrung von Zivilregistern (Geburten, Heirat und Sterbefällen), bis zur Ausführung von Arbeitsverträgen und der Aufstellung einer “indigenen Miliz“ zur Erhaltung der Ordnung. In jedem Detail und jedem Moment demonstrierte er deutlich, dass die Existenz der Terena von seinem Wohlwollen abhängig war. Wie man am späteren Fall Buriti, eines anderen Posten-Chefs sehen wird, war dieser direkt verantwortlich für eine Genehmigung, durch die ein benachbarter Fazenda-Besitzer sich ein Stück Land aus dem Indio-Territorium unter den Nagel reissen konnte – und er half diesem auch noch, die Indios aus ihrem Dorf auf diesem Stück Land zu vertreiben.
Als lokaler, subalterner Agent eines Systems kolonialer Gewalt, hat dieser Funktionär über die Zukunft des Terena-Volkes entschieden. Und diese Zukunft, von nun an “Kraft des Gesetzes“ bestimmt von einem “purutuyé“, bestand darin, alle Terena-Reservate als Reservate von Arbeitskräften für die umliegenden landwirtschaftlichen Unternehmen zu erklären – und er selbst als Geschäftsführer dieses Vorrates. In der mündlich überlieferten Geschichte der Terena gibt es nur wenige Funktionäre des SPI (oder der nachfolgenden FUNAI), an die man sich erinnert, weil sie den Indios ein gerechtes Vorbild waren.
Als Ort einer kolonialen Machtstruktur missbrauchte sie der “Posten“, um die internen Arbeitskräfte zu immobilisieren und sie stattdessen zum externen Gebrauch zur Verfügung zu halten. Und in der Tat, bereits in den 1950er Jahren wurden von Cardosos de Oliveira in Cachoeirinha Daten gesammelt, die überraschten: Von den 127 Haushaltsgruppen, aus denen das Dorf bestand, lediglich 19 (17%) existierten allein von ihrer internen Arbeit auf dem Feld und vom Kunsthandwerk, während 46% exklusiv von ihrer externen Arbeit existierten, und andere 37% kombinierten die Arbeit auf ihren Feldern mit der externen Arbeit zwischendurch. Die Bevölkerung zu jener Zeit bestand aus zirka 900 Personen (Cardoso de Oliveira 1968).
Diese Zahlen veränderten sich in den folgenden Jahren kaum. Mit der Implantierung von Zucker- und Alkoholfabriken in der Region, gegen Ende 1970, sind die endgültigen Zahlen mit Sicherheit noch gewachsen – so wie die indigene Bevölkerung in den Terena-Reservaten, die in der Mitte der 1980er Jahre 10.000 Personen übertraf.
Das Phänomen der Urbanisierung der Terena in den regionalen Zentren, (vor allem in Campo Grande und, in geringerem Umfang, auch in Aquidauana und Dourados), die seit dem Ende der 1950er Jahre angestiegen war, stand in kausaler Verbindung mit der Übervölkerung in den Reservaten und den dortigen geringen Zukunftsperspektiven (Cardoso de Oliveira 1968). Im Jahr 1960 registrierte dieser Autor 418 Terena Indios, die in Campo Grande wohnten – heute hat ihre Zahl die 2.000 überschritten, von denen der grösste Teil noch Beziehungen zu ihren Herkunftsdörfern unterhält.
Die Mehrheit dieser Abwanderer kam aus dem Reservat Taunay/Ipegue und überlebte in der Stadt als Dienstleister (Angestellte im Haushalt, Gelegenheitsarbeiter, Besitzer eines kleinen Marktstandes, Staatsbeamte oder Funktionäre der antiken NOB, etc.). Die von diesen ersten Abwanderern angegebenen Gründe, ihre Reservate zu verlassen, waren interne Konflikte (vor allem religiöser Art, als die protestantischen Missionare ihre Arbeit in den beiden zitierten Reservaten aufnahmen). Im Vergleich mit den anderen Reservaten, gibt es nur wenige “urbanisierte Terena“, die aus Cachoeirinha, zum Beispiel, abgewandert sind, und die unterhalten permanente Beziehungen zu ihren ursprünglichen Familien im Reservat.
Aus den Analysen von Cardoso de Oliveira (1968 und 1976) können wir entnehmen, dass die widrigen Umstände während der vier Jahrzehnte nach dem Paraguay-Krieg, denen die Terena durch die herrschende regionale Gesellschaft ausgesetzt waren, von ihnen soziologisch gesehen, positiv genutzt wurden. Und so wurde ihre bedürftige Situation im Reservat, zur gleichen Zeit, in der sie die politische Autonomie in ihren Dörfern verloren – durch die politische Abhängigkeit von dem weissen Postenchef des SPI – von den Terena in eine notwendige territoriale Basis verwandelt, zur Aktualisierung und Erhaltung ihres Stammes-Ethos.
Ihre Integration in die wirtschaftliche Struktur ihrer Umwelt kompensierte gewissermassen den Verlust der wirtschaftlichen Selbstverwaltung, und schliesslich war die wachsende Urbanisierung ihrer Bevölkerung die Antwort auf die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Einschränkungen, welchen sie in ihren Reservaten ausgeliefert waren. So sind die neuen gesellschaftlichen Richtlinien zu verstehen, die sich die “modernen“ Terena verordnet haben, als Strategie eines Volkes auf der Suche nach neuen Nischen für ihr Überleben, Nischen, in denen der Ablehnungsdruck indigener Identität weniger spürbar ist.
Die indigenen Reservate der Terena, ab 1920 staatlich gesichert, dienten als lebenswichtige Stützpunkte für eine Neugruppierung der durch den Krieg verstreuten Familien, die immer noch in jenem geknechteten Arbeitsverhältnis in den Baracken der Fazendas ihr Leben fristeten. Die Reservate bedeuteten für die Terena nicht nur einen notwendigen Ort zur Wiederentdeckung ihres Stammes-Ethos, sondern auch einen Ort mit einer gewissen Freiheit. Für die Bewohner der Reservate bekam die externe Arbeit einen fakultativen Charakter – sie nahmen sich die Freiheit, die Art der Arbeit auszusuchen und auch den “Patron“, bei dem sie arbeiten wollten. Diese Zeit der relativen Freiheit scheint jedoch nur von kurzer Dauer gewesen zu sein, sie endete, als der SPI seine Administrationspolitik in den Reservaten änderte.
Der SPI befand es für notwendig, die Grenzen der Reservate deutlicher festzulegen, denn die Terena respektierten sie nicht mehr, sondern benutzten und besetzten die benachbarten Areale in ihrem Interesse, indem sie jagten, fischten und Heilpflanzen oder Honig auf ihnen sammelten, wann immer es ihnen beliebte. Daraus folgte, dass die Terena ab 1960 verfolgt und unterdrückt wurden – sowohl von den Fazendeiros als auch vom SPI während seiner Expeditionen. Aber selbst durch diese Massnahmen liessen sich die Indios nicht von ihren Vorhaben abbringen, die sie von nun an heimlich organisierten.
Wenig änderte sich an dieser Machtstruktur mit dem Ersatz des SPI durch die FUNAI: Der Chef des Postens dieses neuen Staatsorgans übernahm von seinem SPI-Vorgänger dieselben Vorrechte zur Machtausübung. Die zunehmende Suche nach Arbeitskräften für die Zuckerfabriken nahm der neue Postenchef (der sich mit “Capitão“ anreden liess und eine Genehmigung von Campo Grande besass) zum Anlass, für jeden angeworbenen Indio von den Fabrikvertretern eine Kommission zu kassieren. Das auf diese Weise eingenommene Geld sollte zur “Unterhaltung“ einiger Aktivitäten des Postens benutzt werden. Diese Einnahmen waren in den 1980er Jahren der hauptsächliche Grund für die Bewerbung anderer SPI-Funktionäre um diesen Posten, denn sie stellten eine bedeutende Quelle an Extraeinnahmen für den Postenleiter dar – dessen Abrechnung stets ein Geheimnis blieb.
Die Administration der “Changa“ (so nennt man regional die Zeitarbeit auf den Fazendas und in den Zucker- und Alkoholfabriken), bekam immer grössere Bedeutung – eine Rolle, die von einem Kern der Macht im Reservat wahrgenommen wurde (inzwischen vom Chef des Postens und einigen privilegierten Personen des Rates). Zur Stütze der Machtposition ist dieser Kern gegenwärtig verantwortlich für die exklusive Auswahl der “Cabeçantes“ (führenden Köpfe) – Figuren des Dorfes, notwendigerweise alphabetisiert, die als Aufpasser der angeworbenen Arbeitergruppen fungieren, die vom Verwalter der Fabrik angefordert worden sind. Diese Aufpasser erhalten einen höheren Lohn und sind allein für ihre Gruppe verantwortlich (jeweils bestehend aus 20 bis 30 Arbeitern), sie verteilen (und notieren) die entsprechenden alltäglich auszuführenden Arbeiten beim Schneiden des Zuckerrohrs. Die Auswahl dieser Individuen richtet sich in der Regel nach verwandtschaftlichen Beziehungen und – vor allem – nach der erwiesenen Treue als Wähler – ein guter “Cabeçante“ bringt seinem “Padrinho“ politische Dividende ein.
Abgesehen von der “Changa” gibt es nur geringe Optionen. Das beschriebene Machtsystem selbst würde solche Alternativen stets untergraben. Zum Beispiel existierte in Cachoeirinha, zwischen 1930 und 1950, eine individuelle Ausbeutung der Angico-Baumrinde für die regionalen Gerbereien und das Sammeln von Brennholz für die lokalen Keramik-Brennereien in der Nachbarschaft von Cachoeirinha. Jedoch wurde diese Aktivität in den 1970er Jahren eingestellt, weil die Gerbereien schliessen mussten, denn die lokalen Autoritäten waren besorgt über die Ausbeutung der Wälder im Reservat. Es gab auch eine Anregung eines Postenchefs zur Pflanzung von Kaffee – anfänglich mit guten Ergebnissen – aber ohne adäquate technische Kenntnisse wurden die Pflanzen von Schädlingen befallen, bis sie acht bis zehn Jahre später vollkommen zerstört waren.
Nach diesen gescheiterten Versuchen, die mit der Implantierung permanenter, kommerzialisierbarer Kulturen endete, gab es eine weitere Initiative, mit der man beabsichtigte, die interne Arbeit in den Dörfern anzukurbeln – gegen Ende der 1970er Jahre und Anfang der 1980er. Begünstigt durch einen verschwenderischen Kostenvoranschlag der Militärregierung, liess die damalige FUNAI den wenigen lokalen Ackerbauern in Cachoeirinha eine Finanzhilfe zukommen, die für “Projekte der kommunalen Entwicklung“ gedacht war. In Wirklichkeit diente das Geld für solche Projekte (für die jährlich bestimmte Summen angewiesen wurden, mit dem Vermerk “Unterhaltung des Indigenen Postens“) als eine Art Anfangskapital für die Einführung der “Grünen Revolution“ im Universum der Teresa-Reservate.
(Die Wirkung dieses “Modernisierungsprozesses“ der Feldbestellung auf das natürliche Ambiente werden wir später noch analysieren). Jedoch wurden mit diesem Versuch der Modernisierung neue Gebiete für die Agrarwirtschaft in den Terena-Reservaten erschlossen, auf denen man Kulturen anlegte, welche nicht nur für die persönliche Lebenshaltung bestimmt waren, sondern deutlich eine Erzeugung von kommerzialisierbaren Überschüssen anstrebten.
Solange die Zuschüsse der Regierung durch die FUNAI andauerten, wurden tatsächlich einige lokale Produzenten dadurch begünstigt, und sie brachten jenen, die allein von der Feldarbeit lebten, ein bisschen Hoffnung. Es wurden kleine Traktoren angeschafft, Maschinen zur Verarbeitung, ausserdem Dieselöl für die Maschinen, Dünger und ausgesuchte Samen für die Vorbereitung des Bodens bereitgestellt – manchmal verlangte der Chef des Postens eine Rückgabe der Samen und des Dieselöls, manchmal nicht – das hing jeweils von einer “speziellen Vereinbarung“ mit dem “Capitão“ ab. Es wurden sogar Agrartechniker und Agronomen unter Vertrag genommen, um der kommerziellen Landwirtschaft der Terena entsprechenden professionellen Rückhalt zu geben. Und der Chef des Postens leitete von nun an, ausser der “Changa“, auch ein hochentwickeltes Agrarunternehmen – allerdings nur von kurzer Dauer.
Das Modell der Dorfanlagen von Guaná oder Chané veränderte sich im Lauf der Jahre durch die territoriale Begrenzung, welche diesen Gruppen nach dem Paraguay-Krieg auferlegt worden war. Vor dem Krieg, als das zur Verfügung stehende Land noch gross genug war, unterschied sich die Verteilung der Guaná-Dörfer nicht wesentlich von jenem, sagen wir “klassischen“ Modell, das von Sanches Labrador (El Paraguai Catolico) beschrieben wird. Dieses Modell kombinierte – so beschreiben es auch die ersten Chronisten im 17. Jahrhundert von den Guaná im Chaco meridional – eine gut entwickelte Landwirtschaft mit der Jagd, dem Fischfang und, in Brasilien, der Zucht von Rindern der Rassen “Vacum“ und “Cavalar“ – deren Behandlung sie durch ihr Zusammenleben mit den Mbayá-Guaikuru erlernt hatten.
Diese Art der Beschäftigung – mit der Lage des Dorfes an einer privilegierten Stelle des Territoriums – verlangt nach einem entsprechend weiten Areal, in dem die Felder (cawané), welche einer miteinander verwandten Gruppe gehörten, (geführt von einem “Capitão“ oder Chef der Grossfamilie), sich innerhalb von zusammenhängenden Galeriewäldern erstreckten.
Historische Dörfer der Guaná bestanden durchschnittlich aus 30 bis 40 Häusern (ovocuti) und, so berichtet Sanches Labrador, jedes Haus mass “16 bis 20 jardas in der Länge und 8 in der Breite, darin wohnten ein Chef mit seinen Geschwistern und ihren Verwandten – jedes Haus hatte fünf Türen“. Wenn wir annehmen, dass Häuser dieser Grössenordnung (mindestens also 15 x 7 Meter) zwischen 20 bis 30 Personen beherbergten (fünf Haushaltsgruppen, mit ihren fünf “Türen“), dann können wir die Einwohner der Dörfer im Territorium auf zirka 600 bis 1.200 Personen schätzen – Zahlen, die sich in Brasilien bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts gehalten haben.
Die einzelnen Haushaltsgruppen eines jeden Hauses, (bestehend aus dem Ehemann, seiner Frau, den Kindern und Schwiegersöhnen – eventuell auch aus Gefangenen anderer indigener Gruppen, die so genannten “Cauti“), besassen zusammenhängende Feldareale. Aber nicht einer der Chronisten des Chaco oder Brasiliens erwähnt die Dimensionen der Terena-Felder vor dem Paraguay-Krieg. Jedoch die heutigen Terena bestätigen, dass die Felder ihrer Grossväter im Durchschnitt sechs “Tarefas“ gross waren (eine “Tarefa“ ist dasselbe wie 30 quadratische “Braças“ = 3.600 Quadratmeter) pro Haushaltsgruppe (also zirka 2,16 Hektar). Diese Zahl passt zu den damals bei den Guaná gebräuchlichen Werkzeugen für ihre Feldbearbeitung – eine viel besser entwickelte Ausrüstung als jene, die den Guarani zur Verfügung stand, ihren meridionalen Nachbarn, die ebenfalls von der Landwirtschaft lebten.
Die Wahl des Ortes für die Errichtung eines Guaná-Dorfes hing von den vorhandenen Waldgebieten ab, die geeignete Böden für die Anlage der Felder bieten mussten, gute Jagdgebiete präsentieren konnten und Seen oder grössere Flüsse für den Fischfang. Und für die “brasilianische Gruppe“ musste an einem geeigneten Ort ausserdem eine entsprechende Fläche für die Zucht von Rindern und Pferden zur Verfügung stehen.
Unter Voraussetzung dieser Kriterien – und durch die das brasilianische Pantanal begrenzenden Bergketten – eignete sich als einziges Gebiet das hydrografische Becken “Miranda-Aquidauana-Taquari“ für die Guaná-Siedlungen. Ausserdem erforderten gesellschaftliche Barrieren und Grenzen eine Festsetzung des grössten Teils der Guaná-Gruppen in dieser Region. Zum Süden (am Oberlauf des Rio Miranda und der Serra de Maracajú) und gegen Osten (den so genannten “Campos de Vacaria“, hinter Aquidauana) waren die Grenzen für die Expansion der Guaná fixiert: zur einen Seite durch die Indios “Coroados“ (Ofayé-Xavante) und zur andern durch die Kaiowá-Guarani (am Zusammenfluss von Brilhante-Dourados-Apa). Gegen Norden bildete das Pantanal die Barriere und die Indios Guató, die historischen Todfeinde der Guaná – das bestätigen verschiedene Chronisten (zum Beispiel Castelnau 1949) und klassische Wissenschaftler (wie Metraux ‚1946).
In allen Terena-Territorien von heute ist der “Sektor“ (so nennen die Indios selbst dieses Synonym für “Dorf“) das gesellschaftliche Zentrum, ausgestattet mit einer eigenen Politik, das heisst: es gibt einen “Cacique“ (Chef, Häuptling) und einen “Conselho tribal“ (Stammes-Rat), dem die politischen Beziehungen eines jeden Sektors obliegen. Ausgenommen in Cachoeirinha, wo die Figur eines “Häuptlings für alles“ noch üblich ist.
Fest verbunden mit dem zentralen Dorf (dem des FUNAI-Postens), liegt die politische Kontrolle des Reservats noch in den Händen der Führung dieses Dorfes – in den übrigen Sektoren administriert der “Cacique geral“ die Wahlen und entscheidet über den Prozess der Eisetzung des “Cacique local“. Dieses politische Arrangement ist noch immer die Ursache für viele Diskussionen und Spannungen zwischen den Sektoren und dem “Cacique geral“ (weil hinter ihm der FUNAI-Posten die Fäden zieht). Daraus folgt, dass im Gegensatz zur Mehrheit der anderen Reservate, die Sektoren in Cachoeirinha lediglich eine relative politisch-administrative Autonomie besitzen.
Jeder Sektor (oder jedes Dorf) erledigt, innerhalb gewisser Regeln, juristisch-politische Angelegenheiten zwischen seinen Mitgliedern selbst. Für den Fall, dass diese das Gesamt der Reservatssektoren betreffen, werden sie in grossen Versammlungen behandelt, unter Anwesenheit aller Führer der Sektoren. In Cachoeirinha finden diese Versammlungen auf einem Gelände in Nachbarschaft des FUNAI-Postens statt.
Ein Dorf (oder ein Sektor) besteht aus einer Gruppe von Residenzen innerhalb seiner Grenzen, welche nach bestimmten “Markierungen” (geografischen Besonderheiten, Strassen, Wasserläufen, etc.) festgelegt werden, um anschliessend zur Erhaltung ihrer “Autonomie“ mit der Führung des Reservats diskutiert zu werden. Die allgemeinen Interessen, auf denen seine Einheit beruht, sind einzig und allein politischer Art: Hier geht es nicht um Grundstücke für Felder (im weiteren Text werden wir erfahren, dass diese Frage mit der Verwandtschaft zutun hat) – sondern, was man von einem Bewohner eines Dorfes erwartet, ist die Respektierung bestimmter Verhaltensregeln. Es existiert eine gewisse Portion Freiheit zur Errichtung der Behausung in jedem Sektor (Dorf).
Diese Art von Freiheit wird bestimmt von der eigentlichen Situation des Reservats selbst: denn durch seine relativ kleine Gesamtfläche reicht es nicht aus für eine Produktion, welche das Einkommen und die Existenz aller auf ihr lebenden Bewohner sichern könnte. Das Reservat Cachoeirinha ist für die Mehrheit seiner Bewohner in erster Linie ihr Wohnort und Referenz zur Aktualisierung der Terena-Identität (Cardoso de Oliveira 1968).
Man lebt nicht vom Reservat, sondern im Reservat: Von den 484 Kernfamilien (Vater, Mutter, Kleinkinder) in Cachoeirinha, zum Beispiel, die 1999 gezählt wurden, bestritten 87 ihre Existenz allein durch ihre interne Arbeit auf den Feldern (zirka 18%) – weitere 268 kombinierten die Feldarbeit mit gelegentlicher Arbeit ausserhalb (55%) – der Rest von 129 Personen (zirka 27%) arbeiteten nur ausserhalb. Deshalb Cardoso de Oliveiras Feststellung bereits in den 1950er Jahren: Das indigene Reservat im Terena-Gebiet besitzt eine definierte Bedeutung im regionalen Gewissen: Es repräsentiert ein natürliches Reservat für Arbeitskraft.
Die Terena Reservate kann man also nicht mit den üblichen Indio-Territorien (ITs) vergleichen – einem Terminus, den man zum Beispiel einsetzt, wenn wir uns auf die Lebensräume von indigenen Gruppen in Amazonien beziehen – ganz im Gegenteil, in diesem Fall war die Reservatssituation massgebend für den Integrationsprozess der Terena in die regionale Wirtschaft.
In einem Sektor (oder Dorf) steht die agnatische Verwandtschaft (ienõchapá – meine Verwandten) im Mittelpunkt. Sie bilden die gesellschaftliche und politische Einheit grösster Dichte in der zeitgenössischen Terena-Gesellschaft – sowohl innerhalb des Reservats, als auch in der Stadt. Diese Verwandtschaft besteht aus Haushaltsgruppen, die durch “agnatische Beziehungen“ (eine Linie maskuliner Verwandter), den von ihnen stammenden Familien (Ehefrauen, Söhnen und Enkeln) und deren eventuellen Angehörigen (adoptierte Söhne, Cousins und Onkel) miteinander verbunden sind. In ihrem Zentrum die Figur eines Chefs – der Vater oder (wenn dieser bereits gestorben ist) der älteste Bruder – der die Gruppe lenkt und ihre Arbeit organisiert.
Ihre Felder gehen ineinander über, man kooperiert wirtschaftlich miteinander und teilt die Nahrungsmittel unter den jeweiligen Häusern auf. So bilden sie eine Produktionseinheit die über den einzelnen Haushaltsgruppen steht, aus denen sie sich zusammensetzt. Die gemeinsame Unterstützung, inklusive in der Politik, ist die Regel – was aber nicht heisst, dass es auch Probleme und Spaltungen gibt. Was jedoch die Einheit, das Wachstum und das politische Gewicht der agnatischen Verwandtschaft festigt, ist die Führungskapazität und der Gemeinschaftssinn ihres Chefs – seine Kapazität zur Erweiterung der Gruppe und der Aufrechterhaltung ihres solidarischen Zusammenhalts.
Ein Haus beherbergt die so genannte Haushaltsgruppe, innerhalb ihrer minimalen Grösse bestehend aus zwei Generationen (Vater und Söhne) – in ihrer maximalen Grösse bestehend aus vier Generationen (Grossvater, Vater, Söhne und Enkel). Aus technischer Sicht kann eine Haushaltsgruppe auch aus einer Kernfamilie bestehen (einem Ehepaar mit seinen unverheirateten Söhnen) oder aus einer Grossfamilie (Eltern, Söhne und Schwiegertöchter oder Töchter und Schwiegersöhne) – oder auch aus zwei Brüdern und ihren Ehefrauen, oder zwei Schwestern und ihren Ehemännern, (was jedoch im Terena-Universum äusserst selten ist). Im Reservat Cachoeirinha, zum Beispiel, beherbergen 13% der Häuser Elementer-Familien, die restlichen 87% der Häuser werden von Grossfamilien unterschiedlicher Zusammensetzung bewohnt.
Als allgemein übliche Regel für die Wohnung nach einer Eheschliessung gilt bei den Terena die “Patrilokalität“ (das heisst: die junge Ehefrau zieht um ins Haus ihres Schwiegervaters) – mindestens während der ersten Jahre, bis zu ihrer Konsolidierung durch die Geburt des ersten Kindes, nach der das junge Paar eine neue “Residenz“ gründet. Dieses neue Haus kann innerhalb der Nachbarschaft des Schwiegervaters oder seiner Brüder errichtet werden, das hängt vom mehr oder weniger engen Zusammenhalt der jeweiligen Verwandtschaft ab.
Andererseits ist die Zahl der festgestellten Fälle von “Uxorilokalität“ (der junge Ehemann zieht ins Haus seines Schwiegervaters) ebenfalls hoch. In diesem Fall beeilt sich der junge Ehemann, die Errichtung seines neuen Hauses voranzutreiben – in der Regel zusammen mit seiner verwandten Nachbarschaft, aus der er stammt – denn in einer patrilinearen Gesellschaft hat er nicht die moralische oder soziale Verpflichtung, dem Schwiegervater über Jahre zu dienen – jedoch fühlt sich der junge Ehemann unwohl, dort über längere Zeit zu bleiben (Cardoso de Oliveira 1968).
Das scheinbare gesellschaftliche und politische Gleichgewicht in den Reservaten wird vor allem durch die solidarischen Regeln der verbrüderten Gruppen aufrecht erhalten, und die sind leider heutzutage durch eine Teilung in Katholiken und Evangeliken gestört (darüber hinaus noch durch zahlreiche andere Missionen, die inzwischen in den Terena-Reservaten agieren). Diese ideologischen Teilungen, in jüngster Vergangenheit, haben selbst den politischen Machtkern in den Terena-Reservaten gespalten (Taunay-Ipegue und Cardoso de Oliveira 1968 über Cachoeirinha).
Die Verteilung des Wohnraumes in den Reservaten und den jeweiligen Sektoren (Dörfern), zusammen mit der Lage der Felder, der Viehweiden und der übrig gebliebenen natürlichen Pflanzendecke, demonstrieren anschaulich, dass der Platz für neue Haushaltsgruppen innerhalb der Reservate seit Jahren an einer kritischen Grenze angekommen ist. Dazu kann man feststellen, dass die prekäre Situation der Terena-Reservate im Lauf der Zeit zunehmend durch die rücksichtslose Ausbreitung externer Interessen verschärft worden ist.
Und daraus resultiert die lebensnotwendige Arbeitssuche der Indios ausserhalb ihres Reservats – und das perverse Gegenstück: das relativ hohe Arbeitsangebot und die daraus resultierende entwürdigende Entlohnung. Deshalb sind die regionalen Eliten, die jene billigen Arbeitskräfte ausbeuten, an einer Veränderung dieses Status quo nicht interessiert – selten in dieser Region, sind Fazendas, die keine Arbeiter der Terena zur Einrichtung ihres Unternehmens gebraucht haben (oder noch brauchen). Für jeden objektiven Beobachter ist der Zusammenhang ersichtlich zwischen der Situation der Reservate (fehlende würdige Lebensbedingungen durch Überbesetzung und Zuwanderung), der Schwierigkeiten, bessere Lebensbedingungen im urbanen Metier zu finden und der Dringlichkeit ungewöhnlicher Entschädigungsaktionen in der modernen Geschichte der Terena: durch die illegale Besetzung von Land, das zum Reservat gehört – kürzlich geschehen im Reservat Buriti.
Die Veränderungen in der historischen Lebensweise der Terena, im Verlauf der Jahre und in ihrer traditionellen Produktionsweise, wurden grundlegend durch ihre Einweisung in die Reservate bestimmt. Es ist klar, dass man keine idyllische und irreale Rückkehr zu den soziokulturellen Strukturen vor dem Paraguay-Krieg erwarten konnte, aber es ist durchaus nicht abwegig zu erwarten, dass jene Gebiete, die von den Terena in Mato Grosso do Sul zurück erobert wurden, nun auch von ihnen besetzt werden dürfen – mit ihren Gebräuchen, Sitten und Traditionen. Um die Ansichten einiger Anthropologen zu zitieren: Soziokulturelle Strukturen sind dynamisch, und sie ändern sich notwendigerweise angesichts der Widrigkeiten der Geschichte – und “Tradition“ bedeutet in diesem Fall keine “Aufbewahrung von Reliquien“ und noch viel weniger “kulturelle Rettung“, denn die Terena werden in jedweder Situation bleiben, was sie sind: Menschen vom indigenen Volk der Terena.
Damit möchten wir sagen, dass im Falle einer Erweiterung der Reservate, es sehr wahrscheinlich ist, das sich die Landschaft dieser Gebiete wieder positiv verändern würde – wie zum Beispiel eine Wiederaufforstung der jetzigen Viehweiden, die Restrukturierung der noch bestehenden sekundären Wälder, die Anlage neuer Agrarflächen, welche den Druck auf die übrig gebliebenen Pflanzen in den gegenwärtig besetzten Gebieten verringern würden und eine Restaurierung der Fauna – in der speziellen Art und Weise einer erhaltenden Nutzung – eben indigen!
Trotz ihrer langen Kontaktzeit bedienen sich die Terena – vor allem jene Bewohner der traditionsbewussteren Dörfer, wie Cachoeirinha und Bananal – des Wissens und der Macht ihrer “Porangueiros“, wie sie sagen, oder der Heiler (Schamanen, in ihrer Sprache: koixomuneti). Sie suchen diese besonderen Zeitgenossen auf zur Heilung von Krankheiten, interpretiert als “Leiden des Geistes“, welche den Körper des Individuums befallen haben (es gibt keine Trennung von Körper und Geist in der Konzeption der Terena-Schamanen). Sie besitzen die Macht, eine Hexerei von Dritten zu entdecken, wenn der Kranke von ihr befallen sein sollte. Solche Beschuldigungen sind eine konstante Quelle von Klatschgeschichten, die sogar zu internen politischen Krisen in den Dörfern von Cachoeirinha, zum Beispiel, geführt haben. Der “Koixomuneti“ handelt mittels eines ihn begleitenden Geistes (koipihapati), der eigentlich die verdeckten Zusammenhänge “entdeckt“ – und er leitet seine Heilmethoden.
In Cachoeirinha, im Monat Mai, wenn die Plejaden (Sternschnuppen) wieder am Horizont erscheinen, wird ein Fest (oheokoti) gefeiert, bei dem die verschiedenen “Koixomuneti “ – geschmückt und bemalt, mit ihren Arbeitsinstrumenten (der Rassel – itaaká und einem Kopfputz aus Nandu-Federn – kipahê) die Nacht singend und tanzend verbringen, um damit ihre “Geister-Führer“ zu erfreuen und sie zu bitten, ihrem Volk gute Ernten zu bescheren und das Dorf vor Hexerei zu bewahren.
Der Mythos von der Herkunft des Terena-Volkes – eine lange Erzählung vom Doppelhelden der Zivilisation “Yurikoyuvakái“ (er war ein Zwilling, dessen anderer Teil gegen ihn agiert), der sie aus der Erde hervorgeholt und sie den Umgang mit dem Feuer und den Werkzeugen zur Feldarbeit gelehrt hat – wird immer noch von einer Generation zur andern weitergegeben, zumindest in Cachoeirinha. Es sind diese beiden Gesichter des Schöpfungshelden, auf die man die gegensätzlichen Verhaltensweisen der “Xumonó“ (Wilden) und der “Sukirikionó“ (Zahmen) zurückführt, die in zahlreichen Aspekten des gesellschaftlichen und zeremoniellen Lebens der Terena präsent sind.
Der Ackerbau der Terena heute, unterscheidet sich von der traditionellen Art und Weise, wie sie vor dem Paraguay-Krieg praktiziert wurde. Damals besassen sie ein Territorium, welches gross genug war, um einen so genannten Wanderfeldbau (alle ein bis zwei Jahre – je nachdem, wie lange die Bodenfruchtbarkeit ausreicht – findet ein Standortwechsel statt) zu entwickeln.
Gegenwärtig, eingegrenzt in ihren Reservaten, besitzen die Terena permanente Felder und bedienen sich Traktoren für ihre Bearbeitung – zur Vorbereitung der Erde und einer eventuellen Öffnung neuer Flächen für permanente Pflanzungen. Die gegenwärtigen Bearbeitungspraktiken sind nachträgliche Anpassungen an diese “forcierte Modernisierung“. Trotzdem ist der Ackerbau, unter allen produktiven Aktivitäten im Reservat, immer noch die bedeutendste.
Das Jahr der Feldbestellung beginnt in allen Reservaten im Monat August und endet zwischen März und April mit der Einsaat der “Trockenzeit-Bohnen“. Die Agrarproduktion ihrer Felder ist für den eigenen Konsum bestimmt, bei Überschüssen auch mal zum Verkauf, was aber immer seltener geschieht, wegen der niedrigen Preise für Agrarprodukte. Im Reservat Buriti werden als wichtigste Produkte zum Eigenverbrauch Reis, Bohnen, Maniok und Mais angepflanzt – ausserdem ein paar Kürbissorten, Wassermelonen und andere Früchte.
Die Felder gehören – so die interne Regel – der jeweiligen Haushaltsgruppe (die eventuell aus mehr als einer Kernfamilie besteht). Durch die Nachfolgedynamik innerhalb der paternalen Linie, tendieren die von einer verwandtschaftlichen Gruppe bearbeiteten Felder dazu, im Besitz zweier Brüder zu verbleiben, damit wird die Patrilinearität des Verwandtschaftssystems der Terena betont. Durch diese Komposition befinden sich die Felder derselben Gruppe von Brüdern auf aneinander gereihten Flächen. Diese Gruppe – unter der Autorität des Ältesten – entscheidet darüber, wann gepflanzt wird und welches Produkt man bevorzugt, und dann arbeiten alle im Kollektiv zur entsprechenden Umsetzung.
Diese Beschreibung entspricht der Arbeit der älteren Gruppen des Reservats, Nachkommen der Dorfgründer und der ersten Einwanderer. Neuere Einwanderer – ohne Basis oder Unterstützung einer Verwandtschaft – bekommen von der Führung der Kommune neue Flächen zur Bearbeitung zugeteilt.
Neue Flächen für die Landwirtschaft, nachdem sie gerodet sind, werden in der Regel für Pflanzungen von Mais, Reis (dieser kann nur an wenigen Stellen mit schwarzer Erde kultiviert werden) und Bohnen genutzt. Die Kultivierung dieser Getreidearten benötigt einen fruchtbareren Boden als andere Nutzpflanzen. Zusammen mit den Mais- und Bohnenfeldern (auf höher gelegenem Terrain) kann man eine Vielfalt weiterer Feldfrüchte entdecken, wie Kürbisse, Melonen, Süsskartoffeln, Gurken, und andere. Diese sekundären Pflanzungen haben die Funktion, freie Bodenflächen zwischen den einzelnen Stauden der primären Pflanzung auszufüllen – und sie reduzieren so den Schädlingsbefall des Feldes. Wenn die Produktivität der primären Pflanzung anfängt abzunehmen, werden diese Areale im folgenden Jahr für die Kultivierung von Tuberkeln (Maniok, Süsskartoffeln, und andere), weniger anspruchsvolle Feldfrüchte hinsichtlich der Bodenqualität, genutzt – während einer gewissen Zeit, bis ein Teil des Bodens seine natürliche Fruchtbarkeit wiedergewonnen hat.
Die Terena-Familien, die von der Arbeit auf ihren Feldern existieren, sind jedoch nicht in der Lage, davon ihre Haushaltsgruppen während des ganzen Jahres zu ernähren. Damit die Felder einen erfolgreichen Ertrag abwerfen, müssen sich ihre Führungspersönlichkeiten bei den Regierungsvertretern (Präfekturen, Staatsregierung und FUNAI – in dieser Reihenfolge) um die nötigen Voraussetzungen kümmern, wie Dieseltreibstoff und Samen, zum Beispiel, sowie dafür sorgen, dass die Traktoren in perfektem Zustand für die Feldarbeit sind.
Diese Situation jedoch, versetzt die Feldarbeiter der Reservate in eine totale Abhängigkeit von den externen Zuschüssen (Diesel und Samen) – eine Abhängigkeit, die von den munizipalen Autoritäten, die nach den indigenen Wählerstimmen gieren, entsprechend missbraucht wird. In dieser Situation haben die indigenen Feldarbeiter lediglich die Kontrolle über das, was sie pflanzen wollen, aber nicht über wie viel und wann. Daher die Unterschiede, die man Jahr für Jahr zwischen den effektiv bepflanzten Agrarflächen der Reservate feststellen kann.
Ein anderer Punkt, der erwähnt werden sollte, ist die Feststellung, dass die ungleiche Verteilung der Feldflächen, zusammen mit dem unterschiedlichen Arbeitseifer der verschiedenen Verwandtschaftsführer, sich in der Existenz der “erfolgreicheren“ Haushaltsgruppen widerspiegelt, während andere am Existenzminimum entlang balancieren – ihre Haushaltseinrichtungen und ihre Bekleidung sind die äusserlichen Merkmale dieser Unterschiede.
Im Gegensatz zur Berufung der Terena zum Ackerbau, hat dieses Volk niemals die Zucht von Rindern aufgegeben, eine Aktivität, die sie während ihres langen Zusammenlebens mit den Mbayá-Guaikuru gelernt haben, um sie später als ihr Erbe weiter zu betreiben. Diese Erfahrung mit den Herden war für sie von grossem Wert in den Jahren nach dem Paraguay-Krieg, denn so fanden viele Terena als bevorzugte Viehtreiber auf den Fazendas der Region Arbeit und Brot.
In historischer Zeit war der Besitz von Rindern auf die “Naati“ begrenzt – jene Chefs lokaler Terena-Gruppen, denen die Gunst gewährt wurde – von den Führern der Mbayá Rinder und Pferde im Tausch gegen ihre Frauen zu erhalten. Heute ist der Besitz von Rindern auf die wenigen “erfolgreichen“ Terena begrenzt, jene, die genügend Geld erwirtschaften konnten, um ein paar Rinder zu kaufen – sei es durch lange Jahre, die sie mit Akkordarbeit verbracht haben, oder mittels irgend eines anderen Jobs in der Welt der “Purutuyé“. Aber die Rinderzucht ist noch immer Zeichen eines besonderen Status innerhalb des Reservats.
Andererseits hat sich die Rinderzucht – in Anbetracht der Reservatsgrenzen – zu einer Quelle interner Konflikte entwickelt. Konflikte, die es bereits in früheren Zeiten gegeben hat, angesichts der damals von General Rondon vorgeschlagenen Begrenzungen der Reservate Cachoeirinha und Taunay-Ipegue, zwischen den Flächen für Felder und denen für Weidezwecke. Die Weideflächen im Innern der Reservate waren stets die Ursache für politische Probleme, denn sie beanspruchten vom kommunalen Gebiet eine grössere Parzelle, als jene für die Felder vorgesehenen. Und heute werden sie auch noch von privaten Interessen beansprucht, denn jene Herden der Allgemeinheit, welche einst vom SPI eingeführt worden waren, sind schon seit vielen Jahren dem Hunger der Bewohner zum Opfer gefallen.
Ein paar Familien haben eine kleine Schweinzucht. Und praktisch alle unterhalten einen kleinen Hühnerstall – was zusammen mit dem Fleisch der einen oder anderen Jagdbeute, und eventuell gefangenen Fischen, die bedeutendsten eigenen, tierischen Proteinquellen in den Reservaten darstellt.
Nur in Cachoeirinha und Taunay-Ipegue kann man beobachten, dass das Kunsthandwerk ebenfalls eine signifikante Rolle innerhalb der wirtschaftlichen Aktivitäten spielt – es ist, zusammen mit der Keramik, eine Einnahmequelle der Frauen.
Eine der ältesten Formen externer Arbeit auf Zeit unter den Terena ist die “Empreitada“ (Akkordarbeit) auf benachbarten Fazendas. In der Region des antiken Terena-Territoriums wird man kaum eine Fazenda finden, bei deren Einrichtung die Arbeitskraft der Terena keine tragende Rolle gespielt hat (vorwiegend bei der Rodung des nativen Waldes und der Öffnung der Weideflächen).
Heute bezeichnet man die hauptsächliche (und fast exklusive) indigene Arbeit auf den Fazendas als “temporário autônomo“ (zeitlich autonom). In der Regel fordert man die indigene “freiwillige“ Arbeitskraft an für die Errichtung von Zäunen, das Zuschneiden von Pfählen, Gras schneiden auf Weideflächen oder als Helfer beim Kalben und bei der Bohnenernte Für solche Arbeiten werden vorzugsweise ältere Indios eingesetzt (in der Altersgruppe zwischen 35 – 50) – und ihre Einstellung hängt zum grössten Teil von ihren freundschaftlichen Beziehungen ab, die sie zu den Verwaltern dieser Fazendas pflegen, oder pflegten. Im allgemeinen haben jene reifen Männer, die für solche Arbeiten infrage kommen, bereits ihre “bevorzugte“ Fazenda (oder ihren “Patrão“, wie sie ihn nennen).
Die Administration der “Changa“ (so nennt man regional die Zeitarbeit auf den Fazendas und in den Zucker- und Alkoholfabriken), ist inzwischen von grösster Bedeutung – eine Rolle, die von einem Kern der Macht im Reservat wahrgenommen wird (vom Chef des FUNAI-Postens, dem “Capitão“ des Reservats und einigen privilegierten Personen des Ältestenrates). Zur Stütze der Machtposition ist dieser Kern verantwortlich für die exklusive Auswahl der “Cabeçantes“ (führenden Köpfe) – Figuren des Dorfes, notwendigerweise alphabetisiert, die als Aufpasser der angeworbenen Arbeitergruppen fungieren, die vom Verwalter der Fabrik angefordert worden sind. Die Aufpasser erhalten einen höheren Lohn und sind allein für ihre Gruppe verantwortlich (jeweils bestehend aus 40 bis 60 Arbeitern), sie verteilen (und notieren) die entsprechenden, alltäglich auszuführenden Arbeiten beim Schneiden des Zuckerrohrs. Die Auswahl dieser Individuen richtet sich in der Regel nach ihren verwandtschaftlichen Beziehungen und – vor allem – nach der erwiesenen Treue als Wähler. Ein guter “Cabeçante“ bringt seinem “Padrinho“ politische Dividende ein.
Was die Arbeit im urbanen Metier betrifft, so ist die wachsende Urbanisierung der familiären Terena-Gruppen, ab Ende 1950, bedingt durch die Übervölkerung der Reservate und der fehlenden Perspektiven innerhalb derselben. Cardoso de Oliveira, der dieses Phänomen exklusiv analysierte (1968), registrierte bereits 1960 mehr als 400 Terena in der Stadt Campo Grande. Zu jener Zeit waren die “freien“ Berufe (Maurer, Hilfsarbeiter, Bürohilfe, etc.) oder eine Festanstellung bei der inzwischen erloschenen NOB (Estrada de Ferro Nordoeste do Brasil – staatliche Eisenbahn) die bevorzugten Jobs der urbanen Terena.
Heutzutage findet man die aus ihren Reservaten ausgezogenen “Stadt-Terena“ integriert in die unterschiedlichsten Jobs – die meist genannten sind “Empregada doméstica“ (Haushalts-Angestellte), “Segurança“ (Wachmann – in einer Bank oder einem Supermarkt, zum Beispiel) und “Vendedor“ (Verkäufer). Die Terena in “urbaner Situation“ konzentrieren sich vornehmlich in Campo Grande (der Hauptstadt von Mato Grosso do Sul). Trotzdem unterhalten die meisten dieser indigenen Stadtbewohner noch feste Beziehungen zu den Reservaten.
Diese Aktivitäten haben immer noch eine fundamentale Bedeutung für die Selbsterhaltung vieler Haushaltsgruppen, besonders für die “Ärmeren“ unter ihnen, die nur wenig Möglichkeiten haben, sich mit tierischem Protein in den Metzgereien der “Purutuyé“ zu versorgen. Aber diese Aktivitäten finden heimlich statt (die möglichen Gebiete zur Jagd und zum Fischen befinden sich heute auf benachbartem Fazenda-Terrain), und die Indios dürfen sich bei solchen Tätigkeiten nicht erwischen lassen (bei einer Jagd wird die Waffe stets versteckt transportiert und ein geschossenes Tier in einem Sack versteckt, zusammen mit gesammeltem Pflanzenmaterial).
Solche Aktivitäten wurden bis in die Mitte der 1970er Jahre häufiger betrieben, als die Wälder der Region noch wildreicher waren. In den Cerrados und Pantanais (Feuchtebenen), in Nachbarschaft der Reservate, gibt es allerdings noch viele Wildschweine, Tapire, Hirsche und Rehwild. Und da die Besitzer der Fazendas sich nicht dauernd auf ihrem Besitz aufhielten, und die Verwalter derselben oft Terena-Indios aus der Verwandtschaft oder dem Freundeskreis waren, konnte man ungestraft einen Jagdausflug riskieren. Mit der Rodung von kontinuierlichen Flächen als Viehweiden, in der Umgebung der Reservate – verstärkt ab 1970 – reduzierte man die Waldflächen und verstärkte man die Kontrolle durch die Fazenda-Besitzer.
Die Jagd in den Fazenda-Gebieten wurde schon seit der Zeit des SPI unterdrückt, inklusive mit besonderen Strafen für bei der Jagd erwischte Indios geahndet. Weil sie trotz alledem heimlich weiterbetrieben wurde, stellte sie ein grosses Risiko dar. Wenn ein Indio von einem Angestellten der Fazenda bei der Jagd erwischt wurde, konfiszierte dieser sein Gewehr und die Munition, nahm im ausserdem die Jagdbeute ab und benachrichtigte den Agenten der FUNAI, von dem der “Wilderer“ einen Verweis bekam – allerdings gelang es bis heute nicht, diesem Problem beizukommen. Gegenwärtig nehmen sich die indigenen Wilderer jene Gebiete vor, in denen die Kontrolle der Fazenda-Angestellten nachlässiger gehandhabt wird. Allerdings braucht man für eine erfolgreiche Jagd auch Hunde, und die sind ein weiteres Risiko.
Der Fischfang ist eine weitere Aktivität, die bei den Terena hoch im Kurs steht, obwohl sie dabei fast die gleichen Risiken eingehen, wie bei der heimlichen Jagd. Während der Trockenzeit sind in den Reservaten Cachoeirinha, Taunay-Ipegue und Buriti eine überraschend grosse Anzahl Indios mit dieser Aktivität zugange.
Das Sammeln von Honig und Früchten des Waldes, in jüngster Vergangenheit noch von besonderer Bedeutung, hat inzwischen an Intensität eingebüsst – es scheint sogar, dass es nur noch als eine Art Kinderspiel stattfindet. Weitere erwähnenswerte Sammelaktionen von Naturprodukten sind Brennholz (für die Küche und auch zum Brennen der Keramik) und die Heilpflanzen.
Maria Elisa Ladeira, Anthropologin des “Centro de Trabalho Indigenista” (CTI) schrieb ihre Doktorarbeit über diese Gruppe, mit dem Titel “ Análise sociolingüística em um grupo Terena” (Sozio-linguistische Analyse in einer Terena-Gruppe) innerhalb des Programms für Soziale Anthropologie der Uni von São Paulo, im Jahr 2001.
Gilberto Azanha, ebenfalls Anthropologe des CTI, und Koordinator des GT 1155/FUNAI, seine Berichte führten zu einer Definition von neuen Territorien für die ITs Buriti, Cachoeirinha und Taunay/Ipegue – inzwischen bereits anerkannt und veröffentlicht von der FUNAI.
Die Terena wurden ausserdem vom Anthropologen Roberto Cardoso de Oliveira studiert, dessen Werk als Referenz für das Studieum dieses Volkes gilt. Seine bedeutendsten Bücher über diese Gruppe sind: “Urbanização e Tribalismo: a integração dos índios Terena numa sociedade de classes” (Urbanisierung und Stammestum: die Integration der Terena-Indios in eine Klassengesellschaft) (Zahar Editores, 1968) und “Do Índio ao Bugre: o processo de assimilação dos Terena” (Vom Indio zum Wilden: der Assimilationsprozess der Terena (2. Ausgabe, Francisco Alves 1976).
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther