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Adérito Caldeira ist freier Journalist der mosambikanischen Zeitung @verdade (Wahrheit). @verdade ist eine Print- und Onlinezeitung, die seit August 2008 wöchentlich erscheint. Nach eigenen Schätzungen erreicht die Print-Ausgabe wöchentlich etwa 400 000 Leserinnen und Leser.
Catherine Hollinger: Wie schätzen sie die momentane Situation in Moçambique ein?
Adérito Caldeira: Sie ist höchst heikel und fragil. Die kriegerischen Auseinandersetzungen sind momentan noch örtlich sehr begrenzt. Es gibt keine landesweiten Kampfhandlungen. Vielleicht wird die Situation deshalb von aussen nur als Konflikt wahrgenommen und beschrieben. Aber in den betroffenen Regionen muss von Krieg gesprochen werden. Die Menschen sterben oder müssen fliehen und verlieren ihre Lebensgrundlage.
Was sind die politischen Interessen der beiden Parteien Frelimo und Renamo in Moçambique?
Ihr oberstes Interesse ist der Machtanspruch. Sie wollen Regierungspartei bleiben oder werden. Wenn sie dann an der Macht sind, wird diese Position mit allen Mitteln verteidigt.
Alle Parteien sind sich einig, dass sie Frieden wollen. Trotzdem herrscht Krieg. Warum kommt es nicht zum Frieden?
Ich denke ein wichtiger Aspekt ist, dass nicht nur die politische sondern vor allem auch die wirtschaftliche Macht massgeblich mit dem Frieden zu tun hat. Nach dem Friedensvertrag 1992 gab es zwar formell eine gewisse Integration der Renamo in das Militär und die Polizei. Ökonomisch wurde sie jedoch nie integriert.
Worin zeigt sich das?
Das sieht man am wirtschaftlichen Gefälle in Moçambique zwischen dem Norden und Süden. Die Hauptstadt Maputo ist zu einem schnell wachsenden Wirtschaftsmotor in den Händen der Frelimo geworden. Dies war vor allem durch die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen im Norden und im Zentrum möglich – wo die Renamo stark ist. Die Frelimo bereichert sich somit an den natürlichen Ressourcen des Landes und die Bevölkerung des Norden und des Zentrums hat nichts davon. Es geht also auch um die Erhaltung von wirtschaftlichen Interessen und die Privilegien. Und das machen sie ohne Kompromisse.
Wie steht es um die Ziele der Parteien. Haben sie ein politisches Programm?
Nein, nicht wirklich. Die Frelimo ist vor allem vor den Wahlen aktiv. Ansonsten gibt es kaum Aktivitäten, kein Programm. Auch in den Wahlprogrammen unterscheiden sie sich kaum. Es geht am Ende nur um Macht und Geld. Und zurzeit hat die Frelimo alles unter Kontrolle: Partei, Staat und die Unternehmen. Die Renamo ist noch viel extremer nur vor den Wahlen aktiv. Sie könnte es schaffen, die Zustimmung in der Bevölkerung in Stimmen umzusetzen. Aber dafür bräuchte es ein gewisses Demokratieverständnis und das gibt es kaum. Die Renamo ist ungeduldig und verfolgt keine langfristige Strategie.
Eine Rolle in dieser Situation könnte auch der Zivilgesellschaft zugeschrieben werden. Ist diese zu hören?
Grundsätzlich gibt es in Moçambique eine Zivilgesellschaft, die durchaus auch mit kritischen Stimmen zu hören ist. Um die Anliegen der Zivilgesellschaft mehr zu verbreiten bräuchte sie aber finanzielle Mittel. Und die hat sie nicht.
Welche Rolle können also lokale, mosambikanische NGOs spielen?
Die Rolle ist gross und wichtig. Die NGOs können sich aktiv für die Bevölkerung einsetzten, ihnen eine Stimme geben. Sie können so zu sagen die Repräsentation des Volkes einnehmen und Veränderungen einfordern. Jedoch stellt sich da auch immer die Frage nach der Agenda der NGOs und danach von wo sie finanziert werden. Das Volk selber müsste sich ebenfalls einbringen. Das passiert aber nicht.
Warum bringt sich das Volk nicht selber ein?
Das Hauptproblem ist die Bildung. Es geht nicht nur um das schulische Wissen, da hat sich schon einiges getan in den letzten Jahren. Es geht darum, dass die Kinder nicht lernen zu reflektieren und zu hinterfragen. Sie können ihre eigene Meinung weder formulieren, begründen noch diskutieren. Sie kennen ihre Rechte nicht und können diese dementsprechend auch nicht einfordern. Es geht aber auch um das gesellschaftliche Gedächtnis. In Moçambique ist man nicht sehr selbstbewusst. Die meisten denken sich: Ach, warum einmischen? Es bringt ja höchstens nur Ärger.
Wie können internationale NGOs unterstützend wirken? Was sollte ihre Rolle sein?
Das Wichtigste ist sicherlich für die Mosambikaner zu arbeiten und nicht eine eigene Agenda zu verfolgen. Herausfinden was wirklich gebraucht wird und das mit lokalen Leuten, lokalem Know-How umzusetzen. Wichtig ist es, dass man sich über die politischen Herausforderungen der lokalen Organisationen bewusst ist. Man sollte unbedingt versuchen, die lokalen Strukturen zu stärken und mit lokal wichtigen Personen zusammenzuarbeiten. Denn die so genannten informellen Strukturen sind fest verankert und mancherorts stärker als die formellen Strukturen. Es gibt das moderne versus das traditionelle Recht. Es ist wichtig, dass das Traditionelle in die Arbeit miteinbezogen wird.
Eine Hauptzielgruppe in der Arbeit von terre des hommes schweiz sind Jugendliche. Wie sehen sie den Einfluss der momentanen Situation auf diese Altersgruppe im Speziellen?
Ich denke vor allem, dass die Möglichkeiten für Jugendliche, die in Moçambique allgemein schon begrenzt sind, sich noch mehr verringern. Durch den Konflikt nehmen die Jobmöglichkeiten ab, denn die Konflikte führen zu Schliessungen von Firmen. Damit wird sich wohl auch die Migration in die Nachbarländer wie Südafrika, Malawi oder Zimbabwe verstärken. Also auch hier ist es für die NGOs wichtig die Bedürfnisse der Jugendlichen zu kennen und darauf einzugehen.
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"Das Volk müsste sich einbringen. Das passiert aber nicht."
Im Rahmen der Konferenz "Zwischen Krieg und Frieden. Parteien, Zivilgesellschaft und Demokratisierung in Mosambik" des KoordinationsKreis Mosambik e.V. in Berlin habe ich den freien Journalisten Adérito Caldeira aus Maputo zu der aktuellen politischen Situation befragt.
Catherine Hollinger, Programmkoordinatorin Moçambique
Adérito Caldeira ist freier Journalist der mosambikanischen Zeitung @verdade (Wahrheit). @verdade ist eine Print- und Onlinezeitung, die seit August 2008 wöchentlich erscheint. Nach eigenen Schätzungen erreicht die Print-Ausgabe wöchentlich etwa 400 000 Leserinnen und Leser.