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In der aktuellen Ausgabe von College & Undergradute Libraries erschien ein Interview mit Peggy Rudd (Texas State Library and Archives Commission) zu einer geplanten Digital Public Library of America (dass heisst den USA).1 Das Thema mäandert seit den letzten zwei Jahren durch das US-amerikanische Bibliothekswesen.
Open, Commons
Offiziell aufgegleist wurde das Projekt im Dezember 2010 mit dem ersten Treffen einer Steuerungsgruppe, die ein Mission Statement veröffentlichte. In diesem definiert sie die Digital Public Library of America als
[…] an open, distributed network of comprehensive online resources that would draw on the nation’s living heritage from libraries, universities, archives, and museums in order to educate, inform and empower everyone in the current and future generations.2
Dem Voraus gingen Debatten über ein solches Projekt, die spätestens mit einem Beitrag von Robert Darnton im New York Review of Books Blog im Oktober 2010 der breiteren Öffentlichkeit bekannt wurden.3 Wenn das an die Europeana erinnert, ist das kein Zufall. Es stellen sich in den USA nämlich die gleichen Fragen, die sich auch beim Start des europäischen (mit Beteiligung der Schweiz) Projektes stellten. Zum Beispiel die Frage, ob eine solche Bibliothek die Medien direkt anbieten sollte (das erinnert an das in Dänemark vorhandene System in Öffentlichen Bibliotheken, die landesweit einen Katalog an E-Books und anderen elektronischen Medien zur Ausleihe anbieten), nur Metadaten, die auf die Medien verweisen (was bekanntlich der Ansatz der Europeana ist) oder beides. Deshalb taucht die Europeana zum Beispiel im Interview mit Peggy Rudd auch mehrfach auf.
Es scheint, als wenn die Bibliotheken in den USA einen ähnlichen Diskussionsprozess durchführen, wie er – leider mit wenig Beteiligung und vielleicht auch zu wenig Beteiligungsmöglichkeiten – vor einigen Jahren bei der Europeana durchgeführt wurden. Dabei wird in den USA mehr darüber nachgedacht, was „public“ und „public access“ bedeutet. Zudem steht für die Beteiligten offenbar schon fest, dass Bibliotheken, Museen, Archive und andere Informationseinrichtungen gemeinsam zum Medien- und/oder Metadatenbestand der Digital Public Library beitragen müssen. Öfter, als bei der Europeana, hört man in diesen Debatten auch das Wort „Commons“. Musste vor einigen Jahren noch klar dargestellt werden, dass die Europeana freien Zugang zu ihren Datenbeständen gewährt und Offene Schnittstellen anbieten soll, scheint das heute Allgemeingut. Zumindest die Daten und Medien, die das sind, sollten auch allen zur Verfügung stehen.
Bedenken
Interessant ist an dem Interview mit Peggy Rudd, dass hier Bedenken aus Öffentlichen Bibliotheken angesprochen werden. Zumindest wird von einigen die Befürchtung geäussert, dass eine Digital Public Library dazu führen könnte, dass ihnen der Medienetat gekürzt würde. Einmal, um den Etat in die digitale Bibliothek selber zu stecken, ein anderer Mal, weil die Geldgebenden (und das sind in den USA die Bürgerinnen und Bürger der Kommunen, welche über die Steuern, die für Öffentliche Bibliotheken verwendet werden, abstimmen können) der Meinung sein könnten, dass nicht mehr so viel gekauft werden muss, wenn es Online da ist. Während erster Vorstellung schnell widersprochen werden kann (bezahlt wird die Digital Public Library wohl nicht auf kommunaler Ebene), ist es mit der zweiten nicht so einfach. Im Interview vermutet Rudd, dass es eine Aufgabe werden könnte, mehr als bislang zu erklären, warum der Etat der lokalen Bibliothek gleich hoch bleiben sollte. Sicherlich: Die meisten Medien, die erst einmal über die Digital Public Library zur Verfügung gestellt werden können, werden wohl ehedem gemeinfrei sein. Aber dabei muss es ja nicht bleiben. Zumindest sollten die Bedenken nicht einfach ignoriert werden.
Remember the Google Book Angst?
Anzumerken ist, dass die Europeana einst von der EU (der sich die Schweiz anschloss) mit dem Impetus begründet wurde, eine europäische Alternative zu Google Books (und eigentlich auch das jetzt verblichene Live Search Books, aber darüber sprach kaum jemand) zu schaffen. Die Europeana hat zum Glück die Chance genutzt, dass Geld zu nehmen, aber dann nicht einfach das Gleiche zu machen wie Google, sondern erst einmal zu fragen, was überhaupt sinnvoll ist. Daraus entstanden ist das Modell einer Metadatenbibliothek, die mit diesen Metadaten arbeiten, während die Medien selber von den Partnerinstitutionen bereitgestellt (und teilweise heisst das dann doch wie bei Google Books: gescannt) werden. Wenn nun in den USA, also dem Land von Google Books, laut über die Digitale Public Library nachgedacht wird, zeigt das, dass Google Books vielleicht gar nicht die Bedrohung ist, als die das Projekt vor einigen Jahren hingestellt wurde. Zumindest scheint es Dinge nicht abzudecken, die jetzt von der Digital Public Library abgedeckt werden sollten.
Eine globale Digitale Bibliothek?
Irritierend ist an dem Projekt aus einer schweizerischen und / oder europäischen Perspektive, dass es sich bislang offenbar um ein rein US-amerikanisches Projekt zu handeln scheint. Sicherlich: Die USA ist gross, föderal, intern sehr unterschiedlich und schwierig unter einen Hut zu bringen. (So berichtet Rudd zum Beispiel von Gegenden in Texas, wo die Öffentlichen Bibliotheken keinen ordentlichen Internetzugang anbieten können, weil die Internetinfrastruktur in diesen Gegenden nicht vorhanden ist – im Jahr 2012. Das vergisst man in New York oder L.A. bestimmt sehr schnell, aber es ist ein zu lösendes Problem, wenn man allen Menschen in den USA über das Internet Medien anbieten will.) Vielleicht geht es nicht grösser. Aber man würde doch erwarten, dass zumindest Kanada und Mexiko, wenn nicht gar einige Staaten mehr in die Überlegungen mit einbezogen werden. Ausser weniger Kooperationsarbeit gewinnt man nicht wirklich etwas, wenn man sich mit einem solchen Projekt nur auf die USA bezieht. Es wird Gründe dafür geben und vielleicht regelt sich das ja mit der Zeit.
Man kommt aber nicht umhin, nach der Europeana und der Digital Public Library of America weiter zu denken. Wenn beide Institutionen dereinst Metadaten über offene Schnittstellen (und das gewiss beide im angereicherten RDA und anderen SKOS-ifizierten Formaten) anbieten, stellt sich die Frage, warum nicht auch andere Regionen das tun sollten. Perspektivisch könnten immer mehr, vielleicht alle Medienbestände, die irgendwo auf der Welt von einer Informationseinrichtung angeboten werden, in einem (oder gar mehreren) Portalen gemeinsam angeboten werden (beziheungsweise die Metadaten inklusive des direkten Zugangs, aber das ist ja auch eine der Ideen hinter RDA). Bei der Europeana ist beispielsweise explizit angedacht, dass die angebotenen Daten von anderen benutzt werden können – ob nun für spezialisierte Portale oder Metaportale (oder anderes), das ist egal.
Keine globale Digitale Bibliothek?
Drei Argumente stehen selbstverständlich sofort dagegen: Politik, Infrastruktur, Sprachen.
Sicherlich: Wenn Diktatur XYZ darauf beharrt, sich im Internet vom Rest der Welt abzuschirmen, kann auch eine Bibliothek erst einmal nichts dagegen tun. Das wäre eine gesellschaftliche Aufgabe. Allerdings: Auch wenn es nicht so scheint, ist der Grossteil der Staaten auf der Welt gerade keine Diktatur – und tendenziell werden es immer weniger. (Zudem gab es immer auch Diktaturen, die sich nicht von der Welt abschirmten. Tunesien, Ägypten, Libyen haben weit vor den Revolutionen darauf gedrängt, am Internet und am internationalen Bibliothekswesen teilzuhaben. Sonst wären die Revolutionen bekanntlich anders verlaufen. Das stellt dann eher eine moralische Frage: Sollte man mit Bibliotheken aus solchen Staaten zusammenarbeiten? Sollte man Metadaten aus diesen Bibliotheken nutzen?)
Das zweite Problem ist schwieriger: Was, wenn keine Infrastruktur da ist? Ohne Internet kein Zugriff auf eine digitale Bibliothek. Sicherlich wird auch hier die Situation immer besser. Insbesondere seitdem einige Staaten direkt auf Satellitentechnik statt zu verlegende Kabel setzen, um Infrastruktur für Telefon und Internet aufzubauen. Aber man sollte dies diskutieren. Immerhin: Wenn es dereinst eine Europeana und eine US-amerikanische (oder auch eine kanadisch/mexikanisch/US-amerikanische) Digital Public Library geben wird, wäre das schon wieder ein Strukturvorteil der „ersten Welt“ (mal wieder ohne Australien – vielleicht.). Schliesslich wird in diesen Digitalen Bibliotheken vor allem eingestellt, was auch in den beteiligten Ländern in den Informationseinrichtungen vorhanden ist. Und das prägt die Erfahrungshorizonte. (Denken wir nur daran, dass in der Europeana von der Kolonialpolitik und -literatur der europäischen Staaten gewiss mehr aus dem Blickwinkel dieser Staaten zu finden sein wird, als aus dem Fokus der ehemals kolonisierten Staaten.)
Das Sprachenproblem ist zudem nicht trivial. Die Europeana unterstützt zur Zeit 10 Sprachen und hat damit noch lange nicht das Sprachspektrum Europas abgedeckt.4 Sicherlich wird daran gearbeitet, alle Sprachen abzubilden, aber ob jemals allen Sprachen Zugängen ermöglicht werden können, ist unklar. Vielleicht wird man nie in Rätoromanisch und Sorbisch auf die Bestände zugreifen können. Dies ist nicht darauf zurückzuführen, dass die bei der Europeana Tätigen dies nicht wollten – sondern es sind tatsächlich schwierige technische Fragen zu klären. Auch die Digital Public Library in den USA wird damit auseinandersetzen müssen. Englisch und Spanisch werden noch leicht mappbar sein, aber kann man die Materialien zur US-amerkanischen Geschichte abbilden, ohne die Sprachen der American Natives zu beachten? Ohne die anderen Sprachen der einst Eingewanderten? Skaliert man dies auf die gesamte Welt, multiplizieren sich nur die Probleme. Bislang sprechen wir bei der Europeana beispielsweise nur von Sprachen, deren Schriftsystem ein lateinisches ist. Denkt man global, gilt dies selbstverständlich nicht mehr.
Trotzdem wird die Idee nicht aufzuhalten sein. Es ist einfach zu verführerisch, darüber nachzudenken, ob nicht der „Umweg“ über die Metadaten, den die Europeana geht und den die US-amerikanische Digitale Bibliothek wohl auch gehen wird, dazu führen könnte, das Versprechen von der Weltbibliothek, dass uns einst mit dem Internet (und danach nochmal, wenn auch eher negativ gemeint, mit Google Books) gemacht wurde, einlösen kann.
Update (12.03.2012): Zur Deutschen Digitalen Bibliothek, die im Sommer 2012 online gehen soll, aber… schauen wir mal, wie weit bis dahin die notwendigen Dinge getan sind, erschien in der aktuellen BuB (64 (2012) 03) ein Schwerpunkt. Der addiert noch einige Probleme zum Thema hinzu.
1Dillon, Cy (2012) / Planning the Digital Public Library of America. In: College & Undergraduate Libraries, 19 (2012) 1, 101-107. http://dx.doi.org/10.1080/10691316.2012.652556, leider hinter einem Bezahlsystem.
2http://dp.la/wiki/Sign_On (Zugriff: 11.03.2012).
3Darnton, Robert (2010) / A Library Without Walls. In: NYR Blog, 04.10.2010. http://www.nybooks.com/blogs/nyrblog/2010/oct/04/library-without-walls/ (Zugriff: 11.03.2012).
4http://www.europeanaconnect.eu/results-and-resources.php?page=2 (Zugriff: 11.03.2012).