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Ich bin nicht der erste, der zu diesem Buch schreibt und den Fokus gewählt hat, die Spur der Freude in C. S. Lewis‘ autobiografischer Schilderung zu verfolgen. Es geht im Buch „Überrascht von Freude“, wie er selbst bemerkt, nicht um eine lückenlose Schilderung seines Lebens, sondern um seinen Weg vom Atheisten zum Christen (9). Natürlich freute es mich zu lesen, dass Lewis in seinen frühen Jahren zu Hause unterrichtet wurde oder später als Vorbereitung auf die Universität ein One-to-one-Tutoring geniessen durfte. Ebenso litt ich, wenn Lewis seine Erfahrungen mit einem tyrannischen Lehrer an der Privatschule (33-55) teilte oder von pädophilen Spielen hinter den College-Kulissen berichtet (108ff). Ich nahm mir die Schilderungen über seinen Vater zu Herzen (siehe „Väter, achtet auf eure Worte!“ und „Väter, hört ihr euren Kindern wirklich zu?“). Staunend genoss ich die Schilderung der Bekehrung (255ff). „Ich sage ‚Ich entschied mich‘, doch es schien eigentlich gar nicht möglich zu sein, das Gegenteil zu tun.“ (269)
Ich habe die Stellen zusammengesucht, in der Lewis von der „Spur der Freude“ berichtet, die sein Leben von klein auf durchzogen hatte. Es geht um Signale in der natürlichen Realität, die über diese Realität hinausweisen (wie dies Os Guinness in seinem Buch „Time for Truth“, Baker: Grand Rapids, 2001, S. 102, schreibt). Es handelt sich also um mehr als blosse Imagination, nämlich um das, was der französische Universalgelehrte Blaise Pascal als Sehnsucht des Menschen nach dem verlorenen Paradies beschrieben hat.
Die drei ersten Erlebnisse
Eine Empfindung der ‚gewaltigen Seligkeit‘, gleich wieder entglitten
Es ist schwer, Worte zu finden, die stark genug wären, um die Empfindung zu beschreiben, die über mich kam; nahe kommt der Sache vielleicht Milton mit seiner ‚gewaltigen Seligkeit‘ des Paradieses. Natürlich war es ein Gefühl der Sehnsucht; aber Sehnsucht wonach? Gewiss nicht nach einer Keksdose voller Moos, nicht einmal (obwohl das dabei mitspielte) nach meiner eigenen Vergangenheit. ‚Ach, ich ersehne zu viel‘ – und bevor ich wusste, was ich ersehnte, war die Sehnsucht selbst verschwunden, der Blick durch den Schleier vorbei, und die Welt wurde wieder alltäglich, leise bewegt vielleicht nur durch ein Sehnen nach der eben entglittenen Sehnsucht. Es hatte nur einen Augenblick gedauert; doch in einem gewissen Sinn war alles andere, was mir je widerfahren war, im Vergleich dazu belanglos.
Eine Überraschung aus einer anderen Dimension
Zum zweiten Mal lüftete sich der Schleier durch Squirrel Nutkin, und nur durch dieses Buch… Und man griff immer wieder nach dem Buch, nicht um die Sehnsucht zu befriedigen…, sondern um sie von neuem zu erwecken. Auch in diesem Erlebnis schwang dieselbe Überraschung und dieselbe unvorhersehbare Bedeutsamkeit mit. Es war etwas ganz anderes als das gewöhnliche Leben und selbst die gewöhnliche Freude; wie man heute sagen würde, etwas ‚aus einer anderen Dimension‘.
Der Blick durch den Schleier
Der dritte Blick durch den Schleier kam durch die Dichtung. …sofort wurde ich in die riesigen Weiten des nördlichen Himmels entrückt und ersehnte mit quälender Intensität etwas, das ich niemals hätte beschreiben können (ausser als etwas, das kalt, weiträumig, streng, blass und fern war); und dann fand ich mich, wie in den anderen Fällen, im selben Augenblick schon wieder dieser Sehnsucht beraubt und wünschte mir, sie wieder zu spüren. (26-27)
Eine Definition der Freude: Von Glück und Vergnügen scharf unterschieden
Es ist ein unerfülltes Begehren, das an sich schon begehrenswerter ist als jede andere Erfüllung. Ich nenne sie Freude, und das ist hier ein spezieller Begriff, der sowohl von ‚Glück‘ als auch von ‚Vergnügen‘ scharf unterschieden werden muss. Freude (in meinem Sinne) hat in der Tat ein und nur ein Merkmal mit diesen beiden gemeinsam, nämlich die Tatsache, dass jeder, der sie erlebt hat, sie wieder erleben möchte. … Ich bezweifle, dass irgend jemand, der die Freude je geschmeckt hat, sie gegen alle Vergnügungen der Welt eintauschen würde, wenn er über beides verfügen könnte. Freilich können wir über die Freude niemals verfügen, über das Vergnügen dagegen oft. (28)
Für Jahre entschwunden
Für viele Jahre war die Freude (so, wie ich sie definiert habe) nicht nur abwesend, sondern gar vergessen. (47)
Über dem Lesen eines Buches gelangte Lewis als Jugendlicher unversehens in die Vergangenheit zurück, und zwar so heftig,
dass es mir fast das Herz brach, die Erinnerung an die Freude selbst, das Wissen, das ich einmal besessen hatte, das mir nun schon seit Jahren fehlte, dass ich nun endlich aus meinem Wüstenexil in mein eigenes Land zurückkehrte. Die Ferne der Götterdämmerung (aus dem Buch) und die Ferne meiner eigenen vergangenen Freude, beide unerreichbar, flossen zusammen zu einem einzigen, unerträglichen Gefühl der Sehnsucht und des Verlustes. Und schon wurde es eins mit dem Verlust des ganzen Erlebnisses, das, als ich mich nun wie ein Mann, der aus der Bewusstlosigkeit aufwacht, in jedem staubigen Klassenzimmer umschaute, schon wieder verschwunden, mir entglitten war, kaum dass ich sagen konnte ‚Es ist‘. (91-92)
Bücher als Medium der echten Freude
Bücher vermittelten Lewis den Blick durch den Schleier.
Alle Freude erinnert an etwas. Sie ist niemals ein Besitz, sondern immer ein Verlangen nach etwas, das länger zurückliegt oder weiter entfernt ist oder erst noch geschehen muss. (96)
Aus Büchern
empfing ich immer und immer wieder den Stich der Freude. Noch bemerkte ich nicht, dass er ganz allmählich seltener wurde. (97)
Es bildeten sich zwei Lebenswelten heraus, das imaginative und das äussere. Mit dem imaginativen meint Lewis „ausschliesslich mein Leben im Zusammenhang mit der Freude“ (98).
Die beiden Leben scheinen sich gegenseitig überhaupt nicht zu beeinflussen. Herrscht im einen eine hungrige Wüstenei und ein Darben nach der Freude, kann das andere voller fröhlicher Geschäftigkeit und Erfolg sein; ist umgekehrt das äussere Leben unglücklich, kann das andere vor Ekstase übersprudeln. (97)
Die Freundschaft mit Arthur
Sein Freund Arthur lag krank im Bett. Lewis besuchte ihn und erlebte Momente der Gemeinschaft durch das Erleben der Freude.
Im nächsten Augenblick war das Buch in unseren Händen und wir steckten die Köpfe zusammen, zeigten, zitierten, redeten – schrien beinahe – und entdeckten in einem Schwall von Fragen, dass wir nicht nur dasselbe liebten, sondern auch dieselben Teile darin und auf dieselbe Weise; dass wir beide den Stich der Freude kannten… (159)
Der Zeitpunkt des grössten Wissens und der geringsten Freude
Lewis befand sich an einem Punkt, an dem sämtliche Herrlichkeit entschwunden war. Plötzlich tauchte die Erinnerung wieder auf.
Achten Sie darauf, wie blind ich war. Gerade in diesem Moment stieg in mir die Erinnerung an einen Ort und eine Zeit auf, wo ich die verlorene Freude in seltener Fülle geschmeckt hat. (202)
Diese Erinnerung entfachte eine Sehnsucht
(die gleichzeitig eine Erfüllung war), … die aus dem Geist überfloss und den ganzen Körper einzuschliessen schien. (202)
Er glaubte, dass die imaginative Erfahrung kein Zufall war.
Ich glaube, dass alle Dinge auf ihre Weise himmlische Wahrheit widerspiegeln, nicht zuletzt auch die Imagination. (203)
Lewis hatte sich in seiner Jugend
von Gott abgewandt, um statt dessen nach gewissen Bewusstseinszuständen zu streben, die ich durch schiere Willenskraft hervorzubringen suchte. (204)
Lewis bekennt aufrichtig den Irrtum „Religion in einen selbstliebkosenden Luxus und Liebe in Autoerotismus“ zu verwandeln (205). „(D)er zweite Irrtum besteht in dem Versuch, diesen Bewusstseinszustand hervorzubringen, nachdem man ihn fälschlicherweise zu seinem Ziel gemacht hat.“ Er kam zum Schluss, dass „es eine Stimmung oder ein Zustand in meinem Inneren sei, der sich in jedem Kontext zeigen könne. ‚Es wiederzuhaben‘ wurde mein ständiges Streben…“ (205).
Was fand er am Ende dieses Pfades vor?
(A)m Ende fand man Vergnügen; was unmittelbar zu der Entdeckung führte, dass Vergnügen … nicht das war, was man gesucht hatte. (206)
Daraus folgte die wichtige Schlussfolgerung:
Die Freude ist kein Ersatz für Sex; freilich ist Sex sehr oft ein Ersatz für die Freude. Ich frage mich manchmal, ob nicht alle Vergnügungen ein Ersatz für die Freude sind. (207)
Wiederum durch Bücher nahm er wahr,
dass die Luft dieser neuen Region zwar alle meine erotischen und magischen Verfälschungen der Freude wie abgeschmackten Plunder erscheinen liess… Bisher hatte jedes Aufleuchten der Freude die alltägliche Welt vorübergehend zu einer Wüste gemacht. (219)
Schachmatt
Im zweitletzten Kapitel schildert Lewis eine der letzten Phasen im Durchbruch zum christlichen Glauben, nämlich die Wende zum Theismus. Die Beschäftigung mit der Freude war keine Nabelschau, denn:
Der sicherste Weg, sich ein Vergnügen zu verderben, war, anzufangen, seine eigene Befriedigung zu untersuchen. (262)
Die Auflösung des Rätsels beschreibt Lewis so:
Ich würde mich nie wieder um diese Bilder oder Empfindungen kümmern müssen. Ich wusste jetzt, dass sie nur die geistige Spur waren, die der Durchzug der Freude hinterlassen hatte – nicht die Welle, sondern der Abdruck der Welle im Sand. (263)
Lewis realisierte: Nicht das Erlebnis, sondern das Objekt der Freude ist das Wesentliche.
Die Freude selbst, einfach als Ereignis in meinem eigenen Geist betrachtet, erwies sich als vollkommen wertlos. Der ganze Wert lag allein in dem, was die Freude begehrte. Und dieses Objekt war ganz eindeutig nicht irgendein Zustand meines eigenen Geistes oder Körpers. (264)
Der Wunsch nach Selbstbestimmung hatte Lewis geleitet.
Vor allen anderen Dingen hatte ich immer gewollt, dass man sich nicht in meine Angelegenheiten ‚einmischte‘. Ich hatte (welch ein wahnsinniger Wunsch) ‚meine Seele mein eigenen nennen‘ wollen. Ich war weit ängstlicher darauf bedacht gewesen, Leiden von mir fernzuhalten als Glück zu finden. Immer hatte ich es auf beschränkte Haftung abgesehen. Das Übernatürliche selbst war für mich zuerst ein verbotener Traum und dann, wie bei der Reaktion eines Trinkers, ekelerregend gewesen. (273)