Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03371.jsonl.gz/2804

Bevor er Musiker wurde, war Tom Waits Angestellter in einem Pizza-Restaurant in San Diego, dann Türsteher in einem Nachtlokal mit Live-Musik. Die Legende will es, dass er als Türsteher meist mehr Publikum hatte als die Musikanten auf der Bühne.
Kein Wunder wechselte er selbst ins musikalische Fach und beschrieb mit grosser Eloquenz und einem unerschöpflichen Strassenvokabular das Leben in der Bar. Er sang über Prostituierte, Säufer und normale Amerikaner. Wie sie in der Nacht verkommen – zwischen romantischen Träumen eines besseren Lebens und den Niederungen des Nachtlebens.
Knarrendes Heulen
Waits war der Troubadour des Tresens. Er schrieb lange, jazzige Balladen, mit Streichern gesättigt, begleitete sich am Klavier und sang seine bildreichen Texte. Gesang im klassischen Sinn war das nicht.
Waits’ Stimme ist ein ureigenes Instrument, ein knarrendes Heulen, ein jaulendes Falsett, ein röhrendes Nebelhorn, das den mitunter recht sentimentalen Songs einen echten Anstrich gab. Er sang nicht nur über Betrunkene, er klang manchmal auch wie einer.
Waits will kein Klischee sein
Doch schon die Rockkritik der 70er-Jahre fragte sich, ob dieser Tom Waits wirklich originell war, oder eben nicht nur ein gerissener Schauspieler. Ihm selbst waren schon Zweifel gekommen wegen seiner eingeschlagenen Route. «Man gerät in Gefahr, zu seinem eigenen Klischee zu werden», gab er Ende der 70er-Jahre zu Protokoll.
Regisseure wie Robert Altman oder Francis Ford Coppola setzten ihn als Schauspieler ein, der im Wesentlichen eine Figur spielte, die Tom Waits sehr ähnlich war. Der musikalische Wandel vollzog sich langsam, vom kettenrauchenden, schwer trinkenden Sänger am Piano zum kettenrauchenden, saufenden Blueser an der Gitarre. Doch das genügte nicht.
Spätestens mit dem durchschlagenden Erfolg seiner damaligen Freundin Rickie Lee Jones, die dieselbe Welt beschrieb, wusste er, dass eine Zäsur nötig war. Und die kam radikaler als man es erwarten durfte.
Ein wilder Alchemist
1983 wurde Waits zum neuen Wilden, der sich um Konventionen scherte. Zu einer Zeit, als MTV auf Sendung ging, die CD auf den Markt kam, die Technologie riesige Sprünge machte und die Musik immer cleaner daherkam - suchte Waits sein neues Werkzeug auf Grossvaters Estrich: Harmonium, Akkordeon, Blechbläser, kubanische Gitarren, Töpfe und Pfannen als Perkussion.
Tom Waits klang immer mehr wie ein leicht verrückter Verwandter von Kurt Weill, der aber doch stets die Kontrolle behielt. Nun schien er bei sich selbst angekommen, ein wilder Alchemist in der Welt der Klänge, die ebenso unorthodox war wie sein Gesang.
Der wilde Experimentierer erweiterte damit seine musikalische Palette um einiges. Seit der grundlegenden Trilogie der 80er-Jahre, die mit «Swordfishtrombones» begann, ist er sich treu geblieben.
Er bediente sich bei Jazz, Blues, ohne je wirklich in eine stilistische Schublade zu passen. Tom Waits ist in der Rockwelt eine eigene Kategorie – wandelbar und doch stets sehr nahe bei sich selbst.
Tom Waits für Anfänger
Diese fünf Songs geben einen Überblick über das vielfältige Schaffen von Tom Waits:
- «Tom Traubert’s Blues», Link öffnet in einem neuen Fenster (1976)
Waits ist ein bekennender Fan von Frank Sinatra. Hätte der samtene Crooner dieses Stück schreiben können? Irgendwie schon – und doch hätte er wohl kaum die rohe Kraft von Waits’ eigener Version erreicht.
- «Christmas Card from a Hooker in Minneapolis», Link öffnet in einem neuen Fenster (1978)
Waits schreibt einen Song aus der Sicht einer Prostituierten. Eine Ballade, in der detailreich ihr Leben beschrieben wird.
«Underground», Link öffnet in einem neuen Fenster (1982)
Wir ziehen von der überirdischen Bar in die Unterwelt, mit dabei eine Reihe von exzentrischen Musikern.
- «Downtown Train», Link öffnet in einem neuen Fenster (1985)
Eines jener konventionelleren Rock-Stücke, mit denen andere Interpreten einen Hit hatten. In diesem Fall Rod Stewart, der etliche von Tom Waits’ Songs interpretierte.
«Come on up to the House», Link öffnet in einem neuen Fenster (1999)
Ein Stück im Tempo eines Begräbnismarsches, mit einer konventioneller besetzten Band und einem fast schon spirituell anmutenden Text.