Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03618.jsonl.gz/2626

Beim Amtsantritt von Balthasar Castelberg im Jahre 1906 wurde die Kolonistenzahl von 60 auf 75 angesetzt. Zu Beginn der neuen Verwaltung wollte sich eine Anzahl bisheriger Angestellter und Kolonisten nicht in die neue Ordnung fügen und musste daher mit Zustimmung der Betriebskommission entlassen werden.
1906: Anschaffung einer Mühle (Joël’sche Mühle). So wurde Getreide selbst geschrotet und Mais zu Mehl gemahlen. Auch ein neu angeschaffter Selbsthalterpflug bewährte sich.
1907: Erstmals seit Eröffnung der Arbeiterkolonie wurde ein kleiner Vorschlag der Einnahmen erwirtschaftet. Die günstige finanzielle Lage gestattete eine weitere Erhöhung der Kolonistenzahl von 70 auf 85. Auch ein 22 Aren grosser Acker konnte gekauft und ein neuer Schweinestall gebaut werden (Assekuranzwert 18'000 Franken). Ein Teil der Finanzierung erfolgte aus den seit Jahren aufgesammelten Erträgen der Käserei. Das Bauholz stammte aus dem eigenen Forst und die Schlosserarbeiten erfolgten in Eigenregie. Auch konnten zwei Pferde angeschafft werden. Somit wuchs der Pferdebestand auf 8 Tiere an.
Die Kolonie erhielt durch Fassung und Zuleitung einer von der Kantonsregierung abgetretenen Quelle eine Wasserversorgung.
«Der Verwalter lebt in der Kolonie völlig abstinent, ausserhalb derselben streng temperant. Eine schwere Aufgabe ist es, für die auch erzieherische Aufgabe immer geeignete Kolonieangestellte zu finden.» (Zitat aus Jahresbericht 1908)
1908: Der Pferdestall wurde renoviert und in Debrunnen eine Jauchegrube erstellt.
Gemäss Beschluss der Betriebskommission soll künftig ausschliesslich Braunvieh (nicht auch Fleckvieh) gehalten werden. 15 Rinder aus der Kolonie waren auf einer Alp in Safien GR.
Der Bund sicherte den schweizerischen Arbeiterkolonien ab 1909 eine regelmässige Unterstützung zu, massgebend waren die Verpflegungstage.
1909: Die Generalversammlung beschliesst die Maximalzahl der Kolonisten von 85 auf 100 zu erhöhen. Das Mobiliar wurde durch die Anschaffung einer Waschzentrifuge und einer Brückenwage und die landwirtschaftlichen Geräte durch die eines neuen Heuwenders in nützlicher Weise vermehrt. Es wurden 30 Aren Wald dazugekauft und der Rindviehbestand auf 78 Stück erhöht.
«Die Kolonie ist seinerzeit mit Sorgen, aber auch in Hoffnung auf den Segen Gottes und die teilnehmende Hilfe unseres Volkes eröffnet worden. An Sorgen hat es nicht gefehlt bis zum heutigen Tage. Doch haben gerade die letzten Jahre die Sorgen erleichtert und die Freude gesegneten Gedeihens gemehrt.» (Zitat aus Jahresbericht 1910)
1910: Die Fassaden sämtlicher Schlossgebäulichkeiten wurden neu verputzt.
Der Dörrofen brannte vollständig ab. Ein weiteres Umsichgreifen des Feuers wurde durch rasches Einschreiten der Insassen der Kolonie und der Ortsfeuerwehr verhindert.
Das Gemüseland lieferte sehr befriedigende Erträge, die zum Teil an die Konservenfabrik Frauenfeld abgesetzt wurden.
«Wiederstrebende Element, die sich in keine Ordnung fügen können, gibt es indes unter einer so grossen Zahl durch die mannigfaltigsten Schicksale gegangener, meist von der Landstrasse kommender Leute natürlich immer» (Zitat aus Jahresbericht 1910)
1911: Das Erdbeben vom 16.11.1911 zerstörte sieben Kamine. Dank Ausbau des Schweinestalles konnte der Schweinebestand von 178 auf 254 Stück erhöht werden.
Eine neue Backofenanlage wurde angeschafft und 20 ½ Jucharten Land im Schwendli dazugekauft.
1912: Auf dem grossen Hofplatze wurde ein neuer, grosser Brunnen erstellt, da der alte zu klein geworden war zum Tränken des immer zahlreicher werdenden Viehstandes. Die ehrwürdigen Pappeln mussten bei diesem Anlasse weichen, dafür sind Linden gepflanzt worden, unter deren Schatten sich die späteren Generationen ergötzen werden.
Es konnten weitere 14 Jucharten Wald für 9'500 Franken dazugekauft werden.
«Einen schönen Nebenverdienst bieten uns unsere Kies- und Sandgruben, in welchen unsere Mannschaft oft und viel beschäftigt werden kann, wen gerade keine andere, weitere Beschäftigung vorhanden ist. Seit Mitte Oktober arbeiten täglich 45-55 Mann an einer grossen Entwässerung bei Lanzenneunforn.» (Zitat aus Jahresbericht 1912)
Sorgen bereitete die Käserei. Im Frühling herrschte ein regelrechter Milchkrieg, der einen geringeren Absatz der Käsereiprodukte zur Folge hatte (der Butter- sowie Zentrifugen-Magerkäse-Preis sank stark). Deshalb wurde auf die Fabrikation von fettem Emmentalerkäse übergegangen.
1913: Käsereivergrösserung für die Emmentalerproduktion, inkl. Anbau für das Aufstellen der Abendmilch. Anschaffung einer Dampfanlage, um die Milch in den beiden Kessi zu sieden (ohne Feuerung unter denselben). Die Käserei entsprach jetzt allen neuen Anforderungen, die Umbauten kosteten um die 10'000 Franken.
Im Laufe des Sommers wurde auch die langersehnte Installation des elektrischen Lichtes ausgeführt. Bis anhin musste ein Kolonist die Reinigung und Besorgung der vielen Petroleumlampen auf dem Schlossgelände übernehmen, was einen ganzen Tag in Anspruch nahm, ganz abgesehen von der Feuersgefahr.
Zum 1. Mal seit Bestehen erlebte die Kolonie den gänzlichen Ausfall der Obsternte. Deshalb gab es keine Einnahmen, sondern es musste zugekauft werden.
Mit 200 Stecklingen starte man den Versuch Himbeeren anzupflanzen. Die Früchte sind begehrt und können an die Konservenfabrik Frauenfeld verkauft werden.
Betrifft Arbeitsbelastung Verwalterpaar: «Zu den täglichen, ohnedies schon sehr mannigfaltigen Pflichten kommen noch die vielen Audienzen, die fortwährend erteilt werden müssen, und die vielen Korrespondenzen, deren im Betriebsjahr nicht weniger als 2749 zu erledigen waren.» (Zitat aus Jahresbericht 1913)
1914: Ausbruch des 1. Weltkrieges. 6 Mitarbeitende mussten in den ersten Augusttagen dem Rufe des Vaterlandes folgen. Der Käser und der Gärtner wurden auf ein Dispens-Gesuch hin entlassen. Von den Kolonisten dagegen wurde kein einziger einberufen. Der 17-jährige Verwaltersohn besorgte zusammen mit dem Pferdeknecht die Aufseherstellen. Empfindlich war der Mangel an Pferden, da vier der besten Pferde für 8 Monate auch in den Militärdienst abgegeben werden mussten.
Seit der Gründung einer grossen Exportgesellschaft ist für besseren und sicheren Käse-Absatz gesorgt und die Preise für die Produkte konnten erheblich erhöht werden.
«Einen grossen Einschnitt in unsere Haushaltung bedeutet die Rationierung der notwendigsten Lebensmittel. Es ging schwer, unseren
Insassen begreiflich zu machen, dass es nicht anders möglich sei, und man sich ins Unvermeidliche fügen müsse. Wir hatten ihnen vorher besonders reichlich Brot gegeben. Jeder Kolonist konnte sich
solches auf dem Tische nach Belieben nehmen. Nun beträgt die Ration ca. 400 Gramm.» (Zitat aus Jahresbericht 1917)
1915: In Debrunnen wird eine grosse neue Scheune gebaut.
Beginn einer Schafzucht mit 23 Schafen.
Die 9 Pferde können die Arbeit nicht mehr bewältigen, deshalb wurden 2 Paar Zugochsen angekauft, für welche auch eine fremde Stallung gemietet werden musste.
Auf den Haferäckern trat die Fritfliege so verheerend auf, dass der Ertrag und folglich auch der Haferpreis grossen Schaden erlitten.
Seit drei Jahren konnten die Kolonisten im Winter (im Sommer hat es genug Arbeit im eigenen Betrieb) für den Strassenbau in der Umgebung eingesetzt werden.
Bisher war die Käserei das Sorgenkind der Kolonie, im Jahr 1915 erhielt sie für den Emmentalerkäse eine Auszeichnung.
«Um unsern Kolonisten, hauptsächlich an den Sonntagen etwas Unterhaltung zu bieten, haben wir die Gelegenheit benützt, durch Vermittlung des Herrn Pfarrer Wick in Herdern, ein schönes, grosses Orchestrion zu kaufen, das im Aufenthaltssaal aufgestellt wurde. Es funktioniert gut und findet immer eine sehr dankbare Zuhörerschaft. Wir konnten es für 500 Franken erwerben.» (Zitat aus Jahresbericht 1916)
1916: Weiterer Landkauf in Debrunnen.
Die Scheune Debrunnen wurde fertiggestellt und bot für 40 Stück Vieh Platz.
Erwerb der Alp Hütten oberhalb Gonten AI, Antritt 1. Januar 1917.
Die Emmentaler-Produktion wurde eingestellt. Danach wurde die Milch zentrifugiert, zu Butter verarbeitet (grosser Bedarf) oder als Magerkäse mit 15 % Fettgehalt verkäst.
1917: Erwerb einer Liegenschaft in Nähe der Kolonie als Wohnung für den Buchhalter
«Von der Menge der zur Verwendung kommenden Kartoffeln macht man sich einen Begriff, wenn man vernimmt, dass der Gebrauch für einen einzigen Tag, wenn auch zu Mittag solche verabreicht wurden, reichlich zwei Zentner betrug.» (Zitat aus Jahresbericht 1917)
1918: Erwerb der Alphütte Kollershütten in Gonten.
Erwerb der noch letzten im Privatbesitz stehende Liegenschaft in Debrunnen, inkl. Land und Wald. Nun war die Kolonie einzige Besitzerin der zahlreichen Ländereinen von Debrunnen.
Grippe-Epidemie suchte erst die Verwalterfamilie und einige Angestellte und im November dann auch noch die Heiminsassen heim (1 Todesfall).
1919: Aus Mangel an Petroleum waren man gezwungen, in Debrunnen das elektrische Licht einzuführen. Es kam wiederholt vor, dass man sich beim Wachen von Kälberkühen mit einer Kerze behelfen musste. Der Anschluss erfolgt vom Schloss aus. Bei dieser Gelegenheit richtete man auch noch die telephonische Verbindung zwischen Herdern und Debrunnen ein, die vorzügliche Dienste leistete.
1920: Die Arbeiterkolonie bestand nun 25 Jahren und hatte sich durch Landzukauf sowie dem Erwerb von drei Bauernhöfen um mehr als das Dreifache vergrössert. Auch der Viehbestand verdreifachte sich beinahe. Die Betriebskommission stimmte deshalb zu, dass der ältere Sohn von Verwalter Castelberg als Oberaufseher eingestellt wurde. Das Angestelltenpersonal bestand nun aus 1 Oberaufseher, 1 Buchhalter, 2 Aufsehern, 2 Melkern, 1 Waschmeister, 1 Käser, 1 Hüttenknecht, 1 Köchin und 1 Dienstmädchen.
«Der Wald lieferte das nötige Brennholz und mit Hilfe des Torfes, den wir im eigenen Torflager gestochen haben, war es möglich, keine Kohlen kaufen zu müssen.» (Zitat aus Jahresbericht 1921)
1921: In der Nacht vom 4./5. November brach ein grosser Brand in der Schlossscheune aus. Dank der Besonnenheit des Herrn Verwalters und der bereitwilligen Hilfe der Angestellten und Kolonisten gelang es, alle Lebewesen zu retten. Auch der Brand konnte dank dem raschen Eingreifen der Feuerwehren von Herdern, Hüttwilen, Weinigen und Frauenfeld eingedämmt werden, so dass die anderen Schlossgebäude verschont blieben. Das obdachlos gewordene Vieh konnte im Schwändli und in Debrunnen in Ställen und Schöpfen untergebracht werden. Die Pferde fanden Unterkunft im Dorfe. Brandursache war mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Kurzschluss. Der Wiederaufbau konnte nicht mit den Versicherungsgelder gedeckt werden, deshalb musste ein Baukredit aufgenommen werden, der nachher in eine 5 ¼ prozentige Hypothek umgewandelt wurde.
.
1922: Thomas Castelberg, der Sohn des Verwalters, wird Adjunkt. Der 2. Sohn des Verwalters Johann Martin wird Aufseher.
«Herr Verwalter Castelberg sagt, das Schimpfen ist heue Mode. Man schimpft über den Bund, über die Regierungen, über die Herren Pfarrer, kurz über Alles, da darf wohl beim Verwalter der Kolonie keine Ausnahme gemacht werden.» (Zitat aus Jahresbericht 1922)
1924: Wiederaufnahme der Produktion von Emmentalerkäse.
«Es fehlt eben heute noch an Bewahrungsanstalten zu zwangsmässig bleibender Beherbergung.» (Zitat aus Jahresbericht 1924)
1927: Verwalter Castelberg erleidet einen komplizierten Unterschenkelbruch und muss 9 Wochen im Spital bleiben. Anschliessend ist seine Gangfähigkeit stark gehemmt. Während seiner Abwesenheit vertritt ihn sein Sohn Martin umsichtig.
«Zum Schluss drängt sich uns noch ein Dankeswort in die Feder...» (Zitat aus Jahresbericht 1928)
«Am meisten Mühe und Arbeit verursachen die jüngeren Elemente. Hauptsächlich aus den Städten Zürich und Basel erscheinen oft ganz widerspenstige Burschen, die für freundliches und ernstes Zureden und jeden guten Rat nur Spott übrig haben. Diesen ist die Hausordnung der Kolonie zu eng, und sie verlassen diese gewöhnlich nach kurzem Aufenthalt.» (Zitat aus Jahresbericht 1929)
1930: Anschaffung einer Rundfunkanlage, die im Aufenthaltssaal der Insassen aufgestellt wurde.
1931: Am 26.01.1931 starb Frau Verwalter Castelberg. An ihrer Stelle leitete die Frau des Verwalter-Sohnes das Hauswesen.
Bei den am 15. November begonnenen Entwässerungsarbeiten in Unterhörstetten konnten Kolonisten mitarbeiten. Da der Ort 9 km von der Anstalt entfernt ist, war die Verbringung der Arbeiter von und zum Arbeitsplatz umständlich und zeitraubend. Die Anschaffung eines Ford-Wagens, dessen Kosten die Auslagen für ein Mietauto reichlich deckten, half diesem Übelstand ab. Der Ankauf dieses Wagens ermöglichte es der Verwaltung, auch in Zukunft Akkordarbeiten in grösserer Entfernung von der Kolonie zu übernehmen.
1932: Ammenhausen und Wilen errichteten eigene Käsereien und entzogen der Kolonie einen Teil der Milch für die Schlosskäserei. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde der Viehbestand von 82 auf 100 Stück erhöht.
Die Kolonie verliert die Subvention des Bundes.
Anschaffung eines Lastautos für 4'300 Franken.
Die Schlossküche erhielt eine Warmwasseranlage.
Ferner wurden 30 Matratzen und 30 Strohsäcke ersetzt.
Zum ersten Mal blieben 33 Rinder zur Überwinterung auf der Alp Hütten, weil für sie genügend Heu vorhanden war. Die Alp entlastete die Kolonie von den Rindern, sodass das dadurch gewonnene Futter für Milchkühe verwendet werden konnte.
1933: Am 10. Juli 1933 starb Verwalter Balthasar Castelberg nach längerem Leiden. 28 Jahre war er in dieser Funktion tätig. Ebenfalls in diesem Jahr starben der langjährige Buchhalter Oskar Mullis und nach längerem Leiden die im Haushalt mitwirkende Ehefrau von Johann Martin Castelberg.