Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03276.jsonl.gz/880

Ikonen von Damals
In unserer Serie stellen wir Ikonen und Persönlichkeiten aus vergangenen Dekaden vor, berichten über gefallene Helden und hoffnungsvolle Skandalsternchen aber auch über mutige Vorkämpfer. Sarah Pallin – leidenschaftliche Schwukenhasserin – war und ist irgendwie nichts davon.
Fast hätte sie die Weltgeschichte geprägt. «Wikipedia» fasst ihren Werdegang so zusammen: «Sarah Louise Palin (…) ist eine US-amerikanische Politikerin. Sie ist Mitglied der Republikanischen Partei. Palin war von Dezember 2006 bis Juli 2009 Gouverneurin des US-Bundesstaates Alaska und damit die erste Frau in diesem Amt. Bei der Präsidentschaftswahl 2008 war sie vom republikanischen Kandidaten John McCain als Kandidatin für die Vizepräsidentschaft an seiner Seite berufen worden».
Tja und damit hätte eigentlich dann eine tolle Karriere beginnen sollen. Ihre Ansichten ultrarechts, ihre Meinung zu den Schwulen völlig unterirdisch. Doch schon im Wahlkampf entpuppte sich Palin als Luftnummer. Nach der Niederlage konnte sie ihre Infamie anfangs noch gut vermarkten, mit den Bestseller-Memoiren «Going Rogue» und, für eine Million Dollar pro Jahr, als giftsprühender Talking Head beim konservativen TV-Sender Fox News. Selbstverständlich nutzte sie auch weiterhin jede Gelegenheit, sich gegen die Schwulenehe (und das «Schwulsein» an sich) einzusetzten. Nur hörte ihr kaum mehr einer zu.
Palin sucht immer würderelose Wege, sich im Gespräch zu halten
Der «Spiegel» schreibt treffend: «Wie ein Königslachs an Land, der nach Luft schnappt, sucht Palin immer würdelosere Wege, sich im Gespräch zu halten». Sie moderierte beispielsweise die kurzlebigen Dokusoaps "Sarah Palin's Alaska" und "Amazing America". Sie feuerte Tochter Bristol in der Tanzshow "Dancing With The Stars" an. Sie gründete ihren eigenen Internetkanal, auf dem sie Kochrezepte und Schiessanleitungen teilt und immer wieder für Obamas Impeachment, also ein Amtsenthebungsverfahren, wirbt.
Im letzten Herbst dann der Palin-Eklat: Der «Spiegel» weiss: «Es begann als doppelte Geburtstagsparty. Mit einem Strassenfest feierten die Zwillinge Matt und Marc McKenna ihren Vierzigsten, Dutzende beteiligten sich an der feuchtfröhlichen Runde in Anchorage, der grössten Stadt Alaskas. Viele Gäste waren Veteranen des legendär-harten Iron-Dog-Schneemobilrennens, das Marc schon viermal gewonnen hatte».
Das wollten sich auch die Palins nicht entgehen lassen. In einer Grossraumlimousine fuhren sie vor: Sarah und Gatte Todd - seinerseits vierfacher Iron-Dog-Champion - nebst Sohn Track, Tochter Bristol und Enkel Tripp. Die frühere Kandidatin für das zweithöchste US-Amt trug patriotische Turnschuhe, mit aufgesticktem Sternenbanner.
«Wisst ihr nicht, wer ich bin?»
Kurz darauf war der Teufel los: Eine blutige Schlägerei brach aus, zwischen den Palins und einer anderen Gruppe. Auslöser war Zeugen zufolge eine Konfrontation zwischen Track Palin und einem Ex-Freund seiner Schwester Willow. Selbst die Ex-Gouverneurin habe sich handgreiflich beteiligt: "Wisst ihr nicht, wer ich bin?"
Sarah Palin ist sich für nichts mehr zu schade, Hauptsache Schlagzeilen. Sechs Jahre nach ihrem desaströsen Wahlkampf an der Seite des Republikaners John McCain ist sie zwar aus dem Bewusstsein vieler Amerikaner - und dem ihrer Partei - verschwunden. Politisch irrelevant, sucht sie trotzdem weiter das Rampenlicht - auf immer schrillere Weise, mit Dokusoaps, Facebook-Pöbeleien und, nun ja, der Open-Air-Rauferei Anfang September.
Ein tiefer Sturz. In diesem Fall sicher nichts schlechtes. Gut, ist Alaska so weit weg. Ist es doch, oder?