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WER KENNT DAS GEHEIMNIS DER LEEREN SEITEN?
Jeder kennt die leeren Seiten am Anfang oder Ende eines Buchs und hat sich schon einmal gefragt, was es damit auf sich hat. Die sogenannten Vakatseiten weisen in der Regel keine bedruckte Paginierung auf, werden aber mitgezählt. Sie befinden sich sowohl am Anfang und Ende gedruckter literarischer Werke als auch mittendrin. Tatsächlich sind die leeren Seiten ein aus der Drucktechnik resultierendes Phänomen. Da die verfassten Werke beidseitig auf Bögen gedruckt wurden, ergab sich je nach Anzahl der Seiten auf einem Bogen eine bestimmte Signatur. Zum Beispiel (4, 8, 12, 16, 24, 32, 64). Hernach wurde der Bogen gefalzt, gebunden und geschnitten. Da die meisten Buchveröffentlichungen deutlich mehr als 64 Seiten aufweisen, finden sich zumeist mehrere Bögen und bei ungeraden Seitenzahlen daher mehrere willkürlich erscheinende leere Seiten. (Dass auch in E-Books oder anderen digitalen Dokumenten absichtlich freigelassene Seiten vorkommen, findet eine Erklärung darin, dass die Dokumente zumeist in doppelseitig bedrucktem Format auf herkömmliche Art und Weise produziert werden. Der Abschnitt läuft daher nicht automatisch auf der Rückseite weiter.)
1961, vor etwas mehr als 60 Jahren also, beginnt der Schweizer Schriftsteller Paul Nizon, seine Journale zu führen. Täglich notiert er dort, was ihm wichtig ist, und hält so die Wahrnehmung auf sich und die Welt wach. Was als Alltagsprotokoll, Autobiographie und Werkstattbericht begann, hat sich längst zu etwas Eigenständigem ausgewachsen, zur anderen Seite von Paul Nizons Werk. In seinem Journal aus der unmittelbaren Gegenwart der Jahre 2000 bis 2010 erzählt er von grundstürzender Einsamkeit, von Verlusten, von einem Schreibvorhaben, das wie ein »Nagel« in seinem Kopf feststeckt, aber auch von euphorisierenden Aufschwüngen und überraschenden Erkenntnissen, die den Blick auf ihn für immer verändern. Auch wenn ihn sein Werk als genialen Erzähler ausweist, sind Schreibproblem offenbar auch für einen Suhrkamp-Autoren etwas völlig Normales. So notiert er am 18. Juli 2008 in Paris unter der Überschrift «Die leeren Seiten»:
«Die leere Seite, die erste Seite, wie aber, wenn sie leer wäre – gemeint ist „wie wenn das Buch meines Lebens sich aufschlüge“ aus der ‚Forelle’ – hier liegt die Last, liegt der Packer verborgen: hier der Grund des inneren Unglücks, der die Selbstverfesselung und damit die Verhinderung des epischen Erzählens verursacht; die leere Seite, Sog der inständigen Introspektion, auf die Doris Krockauer anspielt; und aus diesem Erbübel habe ich meine eigenste Weltsicht entwickelt, das Glückssuchen des seligen Inneseins, was auch Selbstbefreiung meint; habe ich meine eigenste Thematik erfunden, das Tauchen nach dem goldenen Ring durch die Strudel der Finsternisse; die Vorproviantierung fürs Weiterleben, die das Weiterschreiben als Wirklichwerdung mitmeint; eine Thematik der Ichsucht, die, wie Martin Simons meint, den heutigen Jungen auf den Leib geschrieben sei (ich sei eine Generation zu früh erschienen), nun, was ich damit sagen will, ist der Schmerz des Missverstandenseins, etwa im Falle Odiles oder anderer, wenn man mir die Unfähigkeit, aus meinem Gegebenheitskerker ins grosse Fiktionieren und „Verdienen“ (Geldverdienen) auszubrechen, als einen Mangel oder ein Versagen oder Verbohrtsein vorwirft und dabei die tiefe Not übersieht und die Anstrengung, aus der Not und Knebelung meine eigenste Dichtung und Musik zu gewinnen, diesen meinen funkelnden Aufstand, der mein Stärkstes ist, durch Nichtverstehen einfach wegwischt; es ist dann wie Verrat in meinen Augen, wie Hinrichtung; erkenne mich, schreit Stolp in der ‚Forelle’; die erste unaufgeschlagene Seite des Buchs meines Lebens ist die, die mich knebelt – und auf meinen eigensten Weg schickt, geschickt hat. Odile hat auch so eine erste leer gebliebene, nicht zu beziffernde Seite, an der sie nagt und leidet. Es sei diese Entsprechung, die uns zueinander gezogen haben mag, nebst der körperlichen Anziehung». Entnommen dem Journal «Urkundenfälschung», dem Journal über die Jahre 2000 bis 2010. In diesen 2012 erschienenen Aufzeichnungen finden sich berückend-schöne Alltagsbeobachtungen und Erzählungen, hellsichtige Porträts von Schriftstellern und Zeitgenossen, erschreckende Traumsequenzen und euphorisierende Stadtminiaturen. Wir verfolgen mit, wie der Roman «Das Fell der Forelle» Gestalt annimmt, und lesen über seine Scheidung, die wie eine Naturkatastrophe erlebt wird. Wir erfahren in dieser »grandios-rigorosen Tagebücherei« in eigener Sache unendlich viel über das Handwerk des Schreibens in einer Sprachintensität und Unmittelbarkeit, wie sie nur wenigen Autoren vorbehalten war. «Schreiben ist die Hölle, geschrieben haben der Himmel», lautet zum Beispiel ein Bonmot der Publizistin Sibylle Krause. «Schreiben kann man nicht können», meint demgegenüber Peter Handke. Und Peter Bichsel kommt zum Ergebnis: «Ich schreibe, weil ich es nicht kann. Schreiben hat mit Können nichts zu tun, es ist ein andauerndes Umgehen mit dem Nicht-Können.» Offenkundig ist Schreiben auch für Schriftsteller nichts Selbstverständliches. Sollte man es nicht können, wird man es wohl auch nie lernen. Trotzdem ist es möglich, mit dem, was Bichsel «Nicht-Können» nennt, umgehen zu lernen. Nicht auszuschliessen, dass Dir hierbei meine Schreibrezepte helfen, die sich in meiner akademischen Schreibpraxis bewährt haben.
Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich
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Die leeren Seiten