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Wenn Girma Hailemariam vom Tag erzählt, an dem er nach Rossens gefahren ist und zum ersten Mal das Haus der Familie Ayer gesehen hat–ein Einfamilienhaus am Dorfrand, mit einem grossen, gepflegten Garten–leuchten seine Augen. «Als Herr Ayer dann die Tür öffnete, und ich ihn sah, fiel mir sein strahlender Gesichtsausdruck auf.» Er habe sofort verstanden, dass dieser Mann ein sehr freundlicher, grosszügiger Mensch sein müsse.
Eine Woche später sitzt der 27-jährige Hailemariam zusammen mit seiner Frau, der sieben Jahre älteren Hana Semere, bei Ayers am Küchentisch. Die beiden sagen: «Wir sind wirklich glücklich hier»–und wer weiss, was sie in den letzten Jahren alles erlebt haben, glaubt ihnen das sofort. Hailemariam und Semere sind Asylsuchende: Er kommt aus Äthiopien, sie aus Eritrea. Die beiden bewohnen seit einer Woche ein Studio im Untergeschoss des Einfamilienhauses in Rossens. Die Aktion «Wagen wir Gastfreundschaft», die sich für die Unterbringung von Flüchtlingen in Privathaushalten einsetzt, hat den Kontakt zwischen der Gastfamilie und den Flüchtlingen hergestellt.
Robert Ayer, Bankbeamter im Ruhestand, erzählt von seiner Empörung über die fremdenfeindlichen Voten gegen das Bundeszentrum in Giffers: «Es sind doch nicht alle Flüchtlinge Terroristen.» Er habe deshalb sofort zum Telefonhörer gegriffen und bei «Wagen wir Gastfreundschaft» angerufen. «Uns ist es wichtig, mit anderen zu teilen», sagt seine Frau Marie-Thérèse. Auch Papst Franziskus habe gesagt, man dürfe nicht nur reden, man müsse auch handeln–der christliche Glaube spielt für Ayers eine wichtige Rolle.
Wenige Tage später besuchte ein Mitarbeiter von ORS, der Firma, die im Kanton Freiburg mit der Unterbringung von Asylsuchenden mandatiert ist, die Familie Ayer, um sich nach ihren Vorstellungen zu erkundigen. «Wir hätten gerne eine Familie mit Kindern aufgenommen», sagt Robert Ayer–denn Platz wäre genug vorhanden. Nun ist es ein junges Ehepaar, das in ihr Studio eingezogen ist. Ein Schlafraum mit Fernseher, eine Kochnische und ein kleines Bad stehen den beiden Gästen dort zur Verfügung.
Bewegte Lebensgeschichte
Hailemariam und Semere haben sich in Ägypten kennengelernt und dort geheiratet. Hailemariam war vor fünf Jahren aus Äthiopien geflüchtet. «Mein Bruder und mein Vater engagieren sich in der politischen Opposition»–bei der Bürgerbewegung Ginbot 7. Diese Gruppierung setzt sich für Demokratie und Gerechtigkeit ein und wird vom äthiopischen Staat als terroristische Organisation betrachtet. «Ich selber interessiere mich zwar nicht für Politik.» Dennoch sei er zwei Wochen lang inhaftiert worden. Seine Mutter habe einen Polizisten bestochen, der ihn aus dem Gefängnis holte und zum Flughafen brachte. Von dort aus sei er nach Ägypten gereist. Seine eritreische Frau floh indes nach Ägypten, um den Wehrdienst nicht leisten zu müssen.
Nach der Heirat in Ägypten sind die Eheleute auf dem Seeweg nach Sizilien gelangt. «Freunde meiner Mutter bezahlten den Schlepper», erzählt Hailemariam. Danach ging die Reise weiter über Mailand nach Chiasso, wo die beiden Flüchtlinge Asyl beantragten. Im Zuge des Asylverfahrens wurden sie dem Kanton Freiburg zugeteilt und gelangten so in die Flüchtlingsunterkunft in Estavayer-le-Lac. Dort blieben sie aber nur kurze Zeit: Bald schon zogen sie nach Rossens.
Schwierige Integration
Hailemariam und Semere kennen im Dorf noch niemanden. Die Langeweile ist deshalb ein Problem. «Wir versuchen, sie zu integrieren», versichert Gastgeber Ayer. «Wir haben schon mit Nachbarn gesprochen und gefragt, ob sie unsere Gäste auch einmal einladen würden.» Jeden Tag komme Hailemariam und frage, ob er helfen könne–beim Staubsaugen zum Beispiel. Mit der Verständigung hapert es noch; als die Zeitung zu Besuch kommt, hilft ein Übersetzer. Die Gastgeber bringen den Gästen aber immer wieder Wörter auf Französisch bei. Als Erstes habe sie «Merci beaucoup» gelernt, erzählt Semere stolz.
Dem Flüchtlingspaar gefällt es bei der Familie Ayer–und auch, wenn sie sich einmal eine eigene Wohnung leisten könnten, würden sie den Kontakt aufrechterhalten. «In der Flüchtlingsunterkunft waren wir viele Leute auf engem Raum.» Das Zimmer bei Ayers ist zwar klein–dort seien sie aber für sich, sagt der Äthiopier, und seine eritreische Frau nickt zustimmend. «Das ist für uns wie Freiheit.»
Zahlen und Fakten
Die Aktion ist auf gutem Kurs
Das Ziel der vor sechs Wochen lancierten Aktion «Wagen wir Gastfreundschaft»: Privathaushalte im Kanton Freiburg sollen ihre Türen für Flüchtlinge öffnen. Wie Claude Gumy, Direktor von ORS Freiburg, auf Anfrage mitteilt, haben sich bisher 90 Private mit einer Unterkunftsmöglichkeit gemeldet. ORS hat bereits 35 Familien zu einem Sondierungsgespräch getroffen. Bei 29 Familien wird in nächster Zeit ein Begegnungsbesuch mit den Flüchtlingen stattfinden. Zwei Platzierungen hat ORS bislang vorgenommen.