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| Ephräm d. Syrer († 373) - Rede über die Auferweckung des Lazarus (Joh. 11, 43.)

9.
Als aber der Tod den Toten schon drei Tage lang in seiner Gewalt gehabt und am vierten das Gewürm an seinem Leichnam zu nagen begonnen hatte, kam der Lebenspender mit seinen Jüngern in die Ortschaft des Toten und fragte dessen versammelte Begraber: „Wo habt ihr ihn hingelegt?“ 1 Wenn er darnach fragte, so geschah es nur um der Vermessenen willen; denn es ist sonnenklar, daß er es nicht nötig gehabt hätte, darnach zu fragen. Er wollte nur die Tatsache seines Begräbnisses sicher stellen dadurch, daß er fragte: „Wo habt ihr ihn hingelegt?“ Er fragte nicht, wo sein Grab sei, sondern wohin sie ihn gelegt hätten. Er kannte ihre Hartnäckigkeit, mit der sie seine Wundertaten leugneten, daher legte er sie fest durch die Frage, wohin sie den Begrabenen gelegt hätten. Er fragte nicht, wo Lazarus liege oder wo er begraben sei, sondern: „Wo habt ihr ihn hingelegt? Zeiget es selbst, ihr Ungläubige!“ Auch vom Vater gibt es eine ähnliche Frage 2, die viel besprochen wird; aber ich übergehe sie mit ehrfürchtigem Schweigen, um nicht in verkehrtes Grübeln zu geraten. Die Wahrheit besteht für sich selbst. Wortkünsteleien führen nicht zum Glauben; die Einfalt schaut mit offenen Augen die Wahrheit, wie sie ist, und ohne Gerede und Wortstreit steht sie auf der Seite der unbestreitbaren und unerforschlichen Wahrheit. Was war wohl größer, zu wissen, wo sein Grab war, oder den Verwesenden aufzuerwecken? Daß er das Verborgene wußte, bewies er dadurch, daß er seinen Aposteln, noch ehe er dorthin kam, offenbarte: „Unser Freund Lazarus schläft.“ Die ungläubigen Bestatter aber fragte er: „Wo habt ihr ihn hingelegt?“, um von ihnen ein Unterpfand seiner Bestattung zu erhalten, und erst dann rief er ihn ins Leben zurück. Weise legte er sie fest durch ihre Aussage, daß sie selbst den Begrabenen bestattet hätten, so daß sie dann, als er ihn anrief und auferweckte, die Wirklichkeit seiner Auferweckung bezeugen mußten. Er fragte: „Wo habt ihr ihn hingelegt?“ Sie antworteten: „Komm und sieh!“ Durch diese Frage wurden sie festgelegt, so daß ihnen jede Ausrede abgeschnitten war.
1: Ebd. 11,34.
2: Gen. 3,9 und 4,9; nl. die Fragen an Adam und an Kain.