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Bisher hast du dich mit Theorien beschäftigt, die sich mit dem Einfluss der Medien auf unsere Meinungsbildung beschäftigen. Andere Ansätze nehmen die gesellschaftlichen Bedingungen in den Blick und beschäftigen sich mit der Ungleichverteilung der Chancen, von Medien zu profitieren.
Massenmedien spielen eine zentrale Rolle, wenn es um Informationen über Geschehnisse in der Welt, Faktenwissen und Meinungsbildung geht. Besonders mit Blick auf das Internet und den somit niedrigschwelligen Zugriff auf Informationen sollte man meinen, dass alle Menschen die gleichen Voraussetzungen haben, um sich zu informieren, sich zu bilden und an der demokratischen Gesellschaft teilhaben zu können.
Dass die oben aufgeführte Annahme ein Trugschluss ist – auch schon vor der flächendeckenden Verbreitung des Internets –, haben Tichenor et al. bereits in den 1970er Jahren diskutiert. Sie kamen zu dem Schluss, dass Menschen mit einem sozioökonomisch höheren Status und/oder stärkerer Bildungsnähe eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, der Medienberichterstattung möglichst viele Informationen zu entnehmen und diese zu verarbeiten, als es bei Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status und/oder grösserer Bildungsferne der Fall ist.
Diese «Wissensklufthypothese» zeigt also, dass es eben nicht so ist. Sie stellt die Vorstellung von der demokratisierenden Funktion der Medien infrage.
Sie wird aus fünf Annahmen heraus begründet (im Folgenden nach Becker, 2014)
1. Je höher die Bildung, desto grösser ist die Fähigkeit, mit den unterschiedlichen Kommunikationsangeboten umzugehen und diese effektiv zu nutzen.
2. Je höher die Bildung, desto grösser ist das bereits vorhandene Wissen und damit die Möglichkeit, neue Informationsangebote einzuordnen.
3. Je höher die Bildung, desto grösser ist die Einbindung in unterschiedliche soziale Netzwerke, die wiederum eine Quelle für neue Informationen darstellen und innerhalb derer man auch Medieninhalte diskutiert.
4. Höhere Bildung korreliert mit der Fähigkeit, gezielt Informationen zu suchen und zu nutzen sowie mit einem breiten Themenspektrum umzugehen.
5. Je höher die Bildung, desto eher wird ein breites Menü von Medienangeboten genutzt. Insbesondere spezielle Informationen zum Beispiel zu Politik oder wissenschaftlichen Themen werden nach wie vor schriftbasiert angeboten, während im Rundfunk eher die leichten und massenkompatiblen Themen behandelt werden. Dies führt dazu, dass eine ausgebildete Medienkompetenz zu höherem Wissen führt.
Dies führt dazu, dass die Wissenskluft zwischen beiden Personengruppen wächst. Auf der einen Seite sind die bildungsnäheren und/oder sozioökonomisch besser gestellten Menschen, auf der anderen Seite der Kluft sind die Menschen mit grösserer Bildungsferne und/oder mit sozioökonomisch niedrigem Status, die von den Medien nicht so stark profitieren können. Und diese Kluft wächst, statt dass sie sich verkleinert. Das heisst, dass die Schule hier eine wichtige Aufgabe hat: Wenn sie die Schüler:innen in ihrer Entwicklung von Medienkompetenz unterstützt und ihnen die Möglichkeit bietet, herkunftsbedingt fehlende medienbezogen reflexive Erfahrungen zu kompensieren, kann sie entscheidend einer Wissenskluft entgegenwirken und damit für Chancengerechtigkeit von allen Kindern und Jugendlichen sorgen.
Zum Überlegen
Inwiefern ist die Wissensklufthypothese relevant für dich als (zukünftige) Lehrperson?
Welche Schlussfolgerungen kannst du aus den oben genannten Annahmen ziehen mit Blick auf deine Arbeit?
Was bedeutet das konkret für deinen Unterricht, vor allem auch mit Blick auf die Heterogenität deiner Schüler:innen? Denke dabei an die technische Ausstattung, die schnell veraltet, und was dies bedeutet für die Kompetenz und Heterogenität der Lernenden.
Welche Konsequenzen muss die Schule daraus ziehen? Denke an die Art der Kommunikation mit den Lernenden und das Aufgreifen von Vorwissen oder das Bearbeiten von Hausaufgaben.
Was heisst dies in Bezug auf die Begleitung der Kinder durch ihre Eltern?
Ein besonderes Thema, wo Wissenskluft von Bedeutung ist, ist auch der Zugang zu neuer Technologie durch ältere Menschen. Welche Konsequenzen müssen wir als Gesellschaft ziehen, damit ältere Menschen nicht von neuen Möglichkeiten der Information, Kommunikation und politischen Teilhabe ausgeschlossen sind?