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Bei Halbzeit der Töff-WM nach dem GP von Deutschland auf dem Sachsenring ist bereits klar: Tom Lüthi (28) und Dominique Aegerter (24) haben erneut keine Chance auf den WM-Titel. Die Frage ist nun: Revolution oder Evolution?
Alles ist auch 2015 vorhanden, um die zweitwichtigste Töff-WM zu dominieren. Das Geld, das Talent, die Infrastruktur und das Material. Aber Tom Lüthi und Dominique Aegerter schaffen es einfach nicht, um den WM-Titel fahren. Bereits nach 9 von 18 Rennen, nach dem GP von Deutschland auf dem Sachsenring, ist klar: Die Saison 2015 ist gelaufen, wenn der Titel das Ziel ist – und dieses Ziel muss es bei diesem Mitteleinsatz sein.
Dominique Aegerter steht in der WM nur auf dem 11. Gesamtrang und Tom Lüthi muss auf dem 5. WM-Platz mit 80 Punkten Rückstand auf WM-Leader Johann Zarco den Titel vorzeitig abschreiben. Er kann zwar noch Vize-Weltmeister werden – aber das reisst niemanden vom Stuhl. Bei Saison-Halbzeit können wir bereits sagen: 2015 ist schon wieder ein Lehrjahr ohne Meisterprüfung.
Dabei fällt bei Tom Lüthi ein immer wiederkehrendes Muster auf. Oft ist er aufgrund guter Testresultate Titelkandidat und nach einem Viertel der Saison scheint der grosse Triumph möglich – so wie diese Saison nach dem Sieg in Le Mans. Aber dann folgt stets vor Saisonmitte ein Rückschlag, den Lüthi auch mit guten Resultaten in der letzten Phase der Saison nicht mehr aufholen kann.
So kommt es, dass Tom Lüthi und Dominique Aegerter (sie sind seit der ersten Moto2-WM 2010 dabei), Jahr für Jahr aufgrund der immer grösseren Erfahrung die Saison als Titelkandidaten beginnen (93 Moto2-GP für Lüthi, 95 für Aegerter) und am Ende doch mit fast leeren Händen dastehen. Von unten kommen ständig neue Piloten, die den beiden Schweizern die Auspuffrohre zeigen und dann in die Königsklasse MotoGP aufsteigen (wie Stefan Bradl, Marc Marquez und Scott Redding) oder sich schneller weiterentwickeln (wie Johann Zarco oder Tito Rabat).
Es gibt zwei Wege, um die Situation zu verbessern. Revolution oder Evolution. Zur Begriffserklärung: Die Revolution ist ein rascher grundlegender und nachhaltiger Wechsel. Die Evolution ist eine allmähliche Verbesserung.
Die Revolution wäre ein radikaler Wechsel im Umfeld. Also die Entlassung der beiden Cheftechniker Gilles Bigot und Alfred Willecke und der Mechaniker. Denn es gibt ganz offensichtlich ein Defizit im technischen Bereich. Es gelingt einfach nicht, auf höchstem Niveau regelmässig die perfekte Abstimmung zu finden. Das ist sehr schwierig. Aber andere schaffen es. Manchmal funktioniert es (Tom Lüthi siegte in Le Mans, Dominique Aegerter fuhr in Mugello aufs Podest), aber zu oft funktioniert es nicht – wie auf dem Sachsenring (6. Lüthi, 10. Aegerter).
Aber ein so radikaler Einschnitt ist hoch riskant. Erstens müsste besseres technisches Personal gefunden werden (was fast unmöglich ist) und zweitens ginge enorm viel Wissen verloren. Eine Revolution würde dazu führen, dass die ganze Saison 2016 als ein weiteres Lehrjahr schon jetzt abgeschrieben werden müsste. Der Titelkampf würde, wenn denn alles gut geht, erst 2017 beginnen.
Die andere Lösung ist die Evolution. Also mit dem gleichen Personal weitermachen, die zweite Saisonhälfte 2015 bereits als Vorbereitung für 2016 nützen, um dann nächste Saison endlich das enorme Potenzial auszuschöpfen und 2016 um den Titel fahren zu können. Teamchef Fred Corminboeuf und seine Geldgeber werden den Weg der Evolution wählen.
Wenn diese Evolution zum Ziel führen soll, darf es keinen Selbstbetrug geben. Gewiss ist es sportlich äusserst wertvoll, wenn Tom Lüthi und Dominique Aegerter in der Moto2-WM regelmässig vorne mitfahren. Die Ausreden, warum es halt doch nicht zum Sieg gereicht hat, sind wohlfeil und sollen hier nicht wieder ausgebreitet werden. Wir haben diese Ausreden seit 2010 Jahr für Jahr schon viel zu oft gehört. Die beiden Schweizer Weltklassepiloten bleiben auf hohem Niveau stehen, während jedes Jahr immer wieder andere ganz zuoberst auf dem Podest stehen.
Vielleicht würde eine sofortige Revolution im Denken nicht schaden: Das Wissen, dass es so oder so, auch ohne WM-Titel und Siege, auf sehr hohem Komfortniveau nächste Saison weitergeht, wirkt nämlich nicht leistungsfördernd. Es fehlt im Schweizer «Dreamteam» die unbedingte Entschlossenheit zum Erfolg, die kompromisslose, unablässige Forderung nach Spitzenleistung, die Kultur der Sieger, die gerade im Motorradrennsport in einer so ausgeglichenen Klasse wie der Moto2-WM eine extreme ist. Erst wenn alle – vom Koch über die Techniker und Manager bis zu den beiden Piloten – nur an den Sieg denken und nur mit dem Sieg zufrieden sind, dann wird es 2016 wirklich besser.