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Cher monsieur, cher papa
CH 2008 84'
Regie: François Kohler
Drehbuch: François Kohler
Kamera: Camille Cottagnoud, Ehud Goren, Patrick Mounoud
Ton: Benedikt Frutiger, Gabriel Hafner, Christophe Giovannoni, Jürg Lempen, Emilie Spierer
Schnitt: Maya Schmid
Musik: Louis Crelier
Produktion: P.S. Productions Sàrl
Der Film handelt von Vaterschaft und Identitätsfindung in der Wahrnehmung von fünf jungen Männern zwischen 17 und 21 Jahren, und von verschiedenen familiären, sozialen und kulturellen Gegebenheiten. Alle haben eine merkwürdige Beziehung zu ihrem Vater. Manche kommunizieren ausschliesslich über die Webcam oder unterhalten eine konfliktträchtige Beziehung zu ihm. Andere suchen die Spuren ihres Erzeugers, den sie nie gekannt haben. Und einer von ihnen skandiert einen Rap-Text über fehlende Väter und über Männer, die ihm bei der Selbstfindung helfen. Nach und nach zeigen sich in ihren parallelen Geschichten die Schwierigkeiten, Ressourcen und Träume, und sie werden in Bezug gesetzt zu den realen, imaginären und virtuellen männlichen Figuren im Umfeld dieser jungen Männer.
"CHER MONSIEUR, CHER PAPA von François Kohler folgt auf LE SOUFFLE DU DESERT, in dem mehrere Männer auf einem zweiwöchigenTrek durch dieWüste nach dem Sinn des Lebens suchen. Sie stecken in einer Krise und wollen mittels dieser Prüfung jenseits der Kränkungen des Lebens ihre eigene Identität wiederfinden. CHER MONSIEUR, CHER PAPA geht zu den Anfängen zurück und interessiert sich für den heiklen Moment des Übergangs von der Jugend zum Erwachsenenalter. Wie entsteht männliches Selbstverständnis, bei einer Vaterfigur, die teils da ist, teils fehlt, mit welchen realen – Väter, Freunde, Erzieher – oder virtuellen – Figuren aus Literatur, Videospielen oder Filmen – Vergleichspersonen?
CHER MONSIEUR, CHER PAPA beobachtet ein Jahr lang den Selbstfindungsprozess von fünf jungen Männern. Karim (16), der seinen Vater nie gekannt hat und in einem Heim in Lausanne wohnt, ist Informatikfreak und lebt seine Gewalt in Videospielen aus.Tristan (21) wurde von „Amazonen“, seiner Mutter und Grossmutter, erzogen und lebt mit seiner Freundin zusammen. Adrien (18), tagsüber Warenhausverkäufer, des Nachts Gothic und Kung-Fu-Kämpfer – womit sich sein Vater nur schwer abfinden kann –, wird bei seiner Freundin einziehen. Joël (21), ein einzelgängerischer Rapper, der seinen Vater nach einem heftigen Streit verliess, drückt seinen Zorn in Musik aus. Matthew (16) schliesslich kommuniziert mit seinem Papa auf der anderen Seite des Erdballs mittels Webcam und Internet.
Jedes soziale Umfeld ist anders, jedes Schicksal einzigartig. Karim wird auf Rat seines Erziehers seinen Vater suchen, doch nicht finden. Tristan begegnet seinem Vater und beginnt ein neues Leben. Jede Person wird anders dargestellt. Karims Parcours entwickelt sich eher organisch in Realzeit. Die Szenen mitTristan sind konstruierter und gliedern den Film wie Bilder. Doch Kohler stellt sein Vorgehen auch in Frage, so in der durch rasche Schnitte gekennzeichneten Sequenz, in derTristan seine Freundin am Bahnhof verlässt, um zu seinem Vater zurückzukehren, gefolgt von einer Szene in Direct Cinema, in der Karim einer überforderten Mutter gegenübersteht.
CHER MONSIEUR, CHER PAPA enthält sich jeder Wertung und ist ein gelungener Versuch, mit Hilfe junger Erwachsener, die Probleme mit dem Vaterbild haben, neue Formen des Erlernens von Männlichkeit vorzustellen
Visions du Réel Nyon 2008