Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03122.jsonl.gz/2107

Der Beginn des Kalten Krieges stellte die politischen Entscheidungsträger der Vereinigten Staaten vor eine Herausforderung: Bis zum Zweiten Weltkrieg war Osteuropa ein randständiges Forschungsgebiet im amerikanischen Wissenschaftsbetrieb gewesen. Um diesem Mangel an Expertise zu begegnen, wurden neue Institute und Forschungszentren für Osteuropastudien gegründet und finanziell großzügig ausgestattet. Da es nur wenige einheimische Experten gab, stellten emigrierte Wissenschaftler aus Mittel- und Osteuropa eine wertvolle Ressource dar. Den zahlreichen polnischen Historikern, Soziologinnen, Politikwissenschaftlern und Slavistinnen, die ihre Heimat infolge des Zweiten Weltkriegs und der kommunistischen Machtübernahme verlassen hatten, bot die amerikanische Nachfrage nach Wissen über Osteuropa die Chance, akademische Stellen zu erhalten und sich in die amerikanische Gesellschaft zu integrieren. Gleichzeitig unterhielten polnische Exilwissenschaftler jedoch enge Netzwerke untereinander: Bereits während des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegsjahre hatten sie eigene Institutionen und Zeitschriften gegründet, welche die Wissenschaftstradition der Zweiten Polnischen Republik fortführen und einen Kommunikationsraum für die weit verstreuten Emigranten herstellen sollten. Dieser Umstand, zwei sozialen Kontexten gleichzeitig anzugehören – dem amerikanischen Hochschulwesen und der polnischen Exilgemeinschaft –, schuf eine fruchtbare Grundlage für die Entwicklung hybrider Identitäten und für die Zirkulation von Wissen.
Das Projekt erforscht die epistemischen Auswirkungen der Exilsituation aus einer zweifachen Perspektive. Einerseits wurden die emigrierten Wissenschaftler mit neuen Denkstilen und Methodologien konfrontiert, was ihre Art der Wissensproduktion über Osteuropa veränderte. In dieser Hinsicht stellen sich etwa die Fragen, wie die Emigranten auf Paradigmenwechsel in der amerikanischen Forschung reagierten; wie sie das Verhältnis Osteuropas zum Identitätskonzept der „westlichen Zivilisation“, das im amerikanischen Diskurs einem ständigen Wandel unterlag, konzeptualisierten; wie sie sich amerikanische Diskurse der „Moderne“ und „Modernisierung“, die sich im Untersuchungszeitraum ebenfalls wandelten, aneigneten und sich zur verbreiteten Vorstellung osteuropäischer „Rückständigkeit“ im Verhältnis zum „Westen“ verhielten; oder wie amerikanische Debatten über Ethnizität und Multikulturalismus den Emigranten neue Perspektiven auf die Geschichte und Gegenwart interethnischer Beziehungen in Osteuropa eröffneten.
Andererseits versuchten polnische Exilwissenschaftler bewusst, Einfluss auf die amerikanische Osteuropaforschung zu nehmen. Das Projekt fragt daher danach, inwieweit Elemente der polnischen Wissenschaftstradition Eingang in den amerikanischen Diskurs über Osteuropa fanden. Missverständnisse und gescheiterte Versuche der Wissenszirkulation finden dabei ebenso Beachtung wie Erfolge, da jene Aufschluss über zugrunde liegende wissenschaftstheoretische Differenzen und über Machtasymmetrien geben können, mit denen sich „östliche“ Autoren auseinandersetzen müssen, wenn sie ihre Ideen einem „westlichen“ Publikum vermitteln möchten. Dennoch plädiert das Projekt dafür, die Handlungsspielräume der Emigranten nicht zu unterschätzen, und zeigt auf, welchen Einfluss gerade eine jüngere, bereits in den USA akademisch sozialisierte Generation des polnischen Exils entfalten konnte. Auf diese Weise trägt es zum besseren Verständnis der Rolle bei, die intellektuelle Grenzgänger im Ost-West-Konflikt spielten, und fragt nach dem epistemologischen Zusammenhang zwischen Identitätsbildungsprozessen und Wissensproduktion.