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Illustration in Anlehnung an die französische Originalausgabe von 1901-1906

Man setzte sich, und der Oberkellner reichte Forestier die Weinkarte. "Geben Sie den Herren", befahl Madame de Marelle, "was sie verlangen. Wir wollen eisgekühlten Champagner, den besten, den Sie haben, einen etwas süssen, weiter nichts." Und als der Kellner draussen war, erklärte sie mit etwas erkünsteltem Lachen: "Heute will ich mir einen kleinen Rausch antrinken. Wir wollen ein rechtes Fest feiern!"
Forestier schien nicht zugehört zu haben. "Darf ich das Fenster schliessen?" fragte er. "Seit einigen Tagen habe ich wieder solch einen Druck auf der Brust."
Nein, sie hatte nichts dagegen.
Er stand auf und schloss auch den anderen Fensterflügel. Dann nahm er beruhigt wieder Platz. Seine Frau sagte nichts und schien nachdenklich. Lächelnd starrte sie die Gläser an, mit diesem ungewissen Lächeln, das so viel versprach und gar nichts hielt.
Ostender Austern wurden serviert, kleine, fette, die winzigen Ohren glichen. Zwischen Gaumen und Zunge schmolzen sie wie gesalzene Bonbons.
Nach der Suppe gab es Forellen, deren Fleisch rosig war wie das jünger Mädchen. Jetzt begann man zu plaudern.
Zuerst unterhielt man sich über eine Skandalgeschichte, die ganz Paris beschäftigte. (...)
Dann sprach man von der Liebe. (...)
Man musste auf den ersten Hauptgang warten. Zuweilen nahm man einen Schluck Champagner oder knabberte die Krusten von den Brötchen. Der Gedanke an die Liebe begann sie zu animieren wie der Wein, der ihr Blut erhitzte.
Jetzt wurden zarte, leichte Hammelkoteletts serviert, die auf einer Unterlage von Spargelspitzen lagen.
"Feine Sache", meinte Forestier. Sie assen bedächtig, liessen das zarte Fleisch und das köstlich weiche Gemüse wie Schlagsahne auf der Zunge zergehen.
"Wenn ich eine Frau liebe", versicherte Duroy, "so sehe ich nur sie, sonst nichts."
Er sprach mit dem Brustton der Überzeugung.
"Nichts geht über den ersten Händedruck", murmelte Madame Forestier, "über die Frage nach der Liebe und die erste Antwort."
Madame de Marelle hatte eben ihren Champagnerkelch geleert und sagte vergnügt: "Na, ich bin da nicht so platonisch!"
Alle lachten und bekamen glänzende Augen. Forestier streckte sich ganz auf dem Kanapee aus und sagte ernst: "Ihre Offenheit ehrt Sie und beweist, dass Sie eine praktische Frau sind. (...)
Die Unterhaltung glitt jetzt von den erhabenen Höhen in den Blumengarten der leichtverkleideten Zötchen herab. Zweideutigkeiten wurden vorgebracht, Schleier gelüftet, wie man Röcke aufhebt, man verschwieg nicht, um zu verbergen, sondern um die Gedanken auf einen bestimmten Gegenstand zu lenken. Der Braten war bereits serviert. Es gab Rebhühner und Wachteln, junge Erbsen und eine Terrine mit Gänseleberpastete. Der Endiviensalat füllte eine Platte von der Grösse eines Waschbeckens aus. Sie hatten von allem gegessen, ohne darauf zu achten, waren ganz in ihr Thema versunken.
Die beiden Frauen redeten allerlei anstössige Sachen. Madame de Marelle mit provozierender Frechheit, Madame Forestier mit reizender Zurückhaltung, die das, was sie sagte, nicht etwa minderte, sondem nur noch unterstrich. Forestier lag auf dem Kanapee, lachte, trank, ass und warf ab und zu grobe Worte dazwischen. Er ging so scharf ins Zeug, dass die Frauen an der Form ein wenig Anstoss nahmen und anstandshalber ein bisschen verlegen taten. Wenn er etwas allzu Gepfeffertes hervorgebracht hatte, rief er: "Euch geht's gut, Kinder, wenn das so weitergeht, werden wir alle noch Dummheiten machen!"
Nach dem Dessert kam der Kaffee, und die Liköre setzten die bereits erregten Sinne in schwere Verwirrung. Madame de Marelle hielt, was sie versprochen hatte, sie war ziemlich berauscht. Übrigens leugnete sie es nicht ab, sondern tat, als ob sie ihre leichte Trunkenheit noch zu Ehren ihrer Gäste ein wenig übertreibe. Madame Forestier war schweigsam geworden, vielleicht aus Vorsicht, und auch Duroy, der sich zu kompromittieren fürchtete, hielt sich zurück. Man zündete Zigaretten an.
Plötzlich begann Forestier zu husten. Es war ein schlimmer Anfall, sein Gesicht wurde puterrot, und der Schweiss brach aus seiner Stirn.
"Ich kann nichts mehr vertragen", schimpfte er, als ihm wieder besser zumute war. "Idiotisch das!"
Seine ganze gute Laune war wie weggeblasen. Jetzt konnte er nur noch an seine Krankheit denken.
"Gehen wir nach Hause", sagte er. (...)
(Duroy zu Madamme de Marelle:)
"Darf ich Sie nach Hause bringen?"
"Gewiss, ich wäre ausserstande, meine Wohnung zu finden."
Er drückte den Forestiers die Hand und schob Madame de Marelle in einen Fiaker, der gerade vorbeikam.
Er fühlte sie an seiner Seite, mit ihm eingeschlossen in den schwarzen Kasten, den zuweilen das grelle Licht der Laternen hell erleuchtete. Durch seinen Ärmel hindurch spürte er die Wärme ihrer Schulter, aber er wusste nichts zu sagen, absolut nichts, so sehr lähmte die Begierde, sie zu umarmen, seine Gedanken.
Was wird sie tun, wenn ich es versuche, überlegte er. Die Erinnerung an die Zweideutigkeiten, die während des Diners vorgebracht worden waren, ermutigte ihn, aber die Furcht vor dem Skandal hielt ihn wieder zurück.
Auch sie sagte nichts. Er hatte geglaubt, dass sie schlafe, wenn er nicht, sooft ein Lichtstrahl in den Wagen fiel, ihre Augen leuchten gesehen hätte.
Woran dachte sie nur? Er fühlte, dass er nicht sprechen durfte, dass ein einziges Wort, mit dem er die Stille durchbrach, alle seine Chancen zerstören musste. Aber der Mut fehlte ihm.
Plötzlich fühlte er, dass sie ihren Fuss verschob. Ihre nervöse, ungeduldige Bewegung konnte eine Ermunterung sein. Ein Schauer lief über seine Haut, er wandte sich um, warf sich über sie, suchte mit seinen Lippen ihren Mund, mit seinen Händen ihr nacktes Fleisch.
Sie stiess einen leichten Schrei aus, wollte sich wehren, gab aber sofort nach, als ob sie keine Kraft hätte.
Der Wagen hielt vor ihrem Haus, und so blieb ihm kaum Zeit, mit einigen heissen Worten zu danken und von seiner Liebe zu sprechen. Sie stand nicht auf, war noch ganz betäubt. Er fürchtete, der Kutscher könne Verdacht schöpfen, und darum stieg er als erster aus und reichte ihr die Händ.
Endlich kam sie aus der Droschke gekrochen. Er schellte, und als das Tor geöffnet wurde, fragte er zitternd: "Wann darf ich Sie wiedersehen?"
"Frühstücken Sie morgen bei mir", antwortete sie leise. Dann verschwand sie im Dunkel des Flurs, und das Tor fiel ins Schloss.
Er gab dem Kutscher ein Fünffrancstück und machte sich triumphierend auf den Weg.
(...)

||Guy de Maupassant

Bell Ami
in: Manesse Verlag, Zürich, S. 87, oder Romane und Novellen , 2. Band, Phaidon Verlag, Essen, S. 483 ff.