Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03662.jsonl.gz/3703

«Von kompositorischem Wagemut erfüllt»
Vítězslava Kaprálová (1915 – 1940) galt nicht nur in der Tschechoslowakei als eine der grössten Begabungen der zeitgenössischen Musik. Ein Symposium zum 100. Geburtstag und 75. Todestag in Basel erinnert an die Komponistin und Dirigentin.
Die Komponistin wuchs in einem musikalischen Elternhaus auf: die Mutter war Sängerin, der Vater Komponist, der bei Janáček studiert hatte. Früh begann sie unter Anleitung ihres Vaters zu komponieren. Mit 15 Jahren schrieb sie sich am Konservatorium in Brünn ein, wo sie Komposition (bei Vilém Petrželka) und Dirigieren (Zdeněk Chalabala ) studierte. 1935 schloss sie ihr Brünner Studium mit der von ihr dirigierten, sehr erfolgreichen Aufführung ihres Klavierkonzerts ab. In Prag setzte sie ihre Studien bei dem Komponisten Vítězslav Novák und dem Dirigenten Václav Talich fort.
Kaprálová, die als unternehmungslustig und enthusiastisch beschrieben wird, komponierte 1936/37 als Abschluss ihres Studiums die Sinfonietta militare für grosses Orchester, ein konzentriertes, kraftvolles und fein ausgearbeitetes Werk in einem Satz, das trotz der grossen Orchesterbesetzung keineswegs schwerfällig wirkt. Die erfolgreiche Uraufführung der Sinfonietta fand anlässlich eines Galakonzerts des Nationalen Frauenrats in Anwesenheit des Staatspräsidenten Edvard Beneš, dem sie gewidmet ist, in Prag statt. Die Tschechische Philharmonie, die zum ersten Mal unter einer Dirigentin spielte, war von Kaprálovás Energie und ihrer Professionalität beeindruckt. 1938 dirigierte die Komponistin ihr Werk am Eröffnungskonzert des Festivals der Internationalen Gesellschaft für Zeitgenössische Musik in London. Dieses Mal spielte das BBC Symphony Orchestra und wiederum kam das Werk beim Publikum und der Presse hervorragend an.
Unterdessen war Kaprálová nach Paris gezogen, wo sich seit der deutschen Annexion der Tschechoslowakei 1939 viele Exil-Tschechen aufhielten. Auf Rat des befreundeten Bohuslav Martinůs wollte sie hier ihr dirigentisches Handwerk bei Charles Munch vervollkommnen wollte. Kaprálová schrieb in Paris Orchester- und Kammermusikwerke, Klavierstücke und Lieder. Die politische und militärische Situation hatte sich in der Zwischenzeit verschlechtert. Am 23. April 1940 heiratete Kaprálová Jiří Mucha, Sohn des Malers Alfons Mucha, der sich zur tschechischen Freiwilligenarmee in Südfrankreich gemeldet hatte. Anfang Mai traten bei Kaprálová Krankheitssymptome auf. Nach einem Spitalaufenthalt in Paris reiste sie infolge der drohenden deutschen Invasion nach Montpellier, wo sie trotz Notoperation am Tag der französischen Kapitulation starb.
Unter anderem dank der Kapralova Society in Toronto (www.kapralova.org), 1998 von Karla Hartl gegründet, sind heute fast alle Werke der Komponistin im Druck erschienen bzw. in kritischen Ausgaben neu herausgegeben worden. An einer internationalen wissenschaftlichen Tagung, die am 27./28. November in Basel stattfinden wird, sprechen ExpertInnen aus Europa und den USA über Kaprálovás Biographie, ihre musikalischen Wurzeln und die Rezeption ihres Werks. Der tschechische Film Last Concertino über Kaprálová wird eben so zu sehen sein wie eine Fernsehaufnahme der Kantate Podivné lásky des Brünner Komponisten Pavel Blatný (*1931), die 1990 auf Briefe von Kaprálová, Martinů und Mucha komponiert wurde und vielfach aufgeführt wurde. Ein öffentlicher Vortrag von Karla Hartl ist der Biographie Kaprálovás gewidmet. Am Schluss der Tagung steht ein Konzert der Pianistin Alice Rajnohová und der Sängerin Olga Machoňová Pavlů mit Klavierwerken und Liedern von Vítězslava Kaprálová, Václav Kaprál und Bohuslav Martinů.
Internationale wissenschaftliche Tagung zu Vítězslava Kaprálová
27. & 28.11. 2015 in der Allgemeinen Lesegesellschaft Basel, Münsterplatz 8, 4001 Basel
27. 11., 18.30 Uhr: Vortrag von Karla Hartl (Toronto) – «Vítĕzslava Kaprálová and her Time»
28. 11., 17.00 Uhr: Filmvorführung Last Concertino (tschechisch mit englischen Untertiteln)
28. 11., 19.00 Uhr: Konzert mit Alice Rajnohová und Olga Machoňová Pavlů (Klavierwerke und Lieder von Vítězslava Kaprálová, Václav Kaprál und Bohuslav Martinů)
Donnerstag, 3. 12., 19.30 Uhr: Lyceum Club, Promenade du Pin 3, 1204 Genève
Konzert des Amadeus Piano Quartet: Vítězslava Kaprálová und ihre Epoche (Werke von Vítĕzslav Novák, Vítězslava Kaprálová und Mel Bonis)
Robert Zimansky (Violine), Verena Schweizer (Viola), Stephan Rieckhoff (Violoncello) und Saya Hashino (Klavier)