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Worum geht’s?
Am 7. Januar 2015 stürmten zwei islamistische Terroristen eine Redaktionssitzung von «Charlie Hebdo» und erschossen zwölf Personen, darunter den Herausgeber und Zeichner Stéphane Charbonnier (Charb), die Zeichner Jean Cabut (Cabu), Bernard Verlhac (Tignous), Philippe Honoré und Georges Wolinski. Rénald Luziers (Luz) überlebte nur, weil er sich just an diesem Tag, seinem Geburtstag, verspätet hatte. Von ihm stammt das Titelbild der ersten Ausgabe nach dem Attentat, «Tout est pardonné», heute vermutlich die berühmteste Karikatur in der Geschichte des Mediums. Kurz darauf verliess er die Redaktion, den Anschlag verarbeitete er in der eindringlichen Graphic Novel «Katharsis», einem Buch, das mich sehr berührt hat.
Aber um all das geht es hier eigentlich gar nicht.
Hier geht es um Luz' neuste Graphic Novel «Indélébiles», was auf deutsch so was wie «Die Unauslöschlichen» heisst, was schon fast alles über den Inhalt aussagt. In einer schlaflosen Nacht, zwischen Wachen und Träumen, erinnert sich Luz an seine Kollegen bei Charlie Hebdo. Er durchlebt noch einmal prägende, witzige, nervige Situationen und zeichnet ein liebevolles Bild der Redaktion.
1992 kam Luz als 19-jähriges, langhaariges Landei aus der Provinz nach Paris. Er wurde von Cabu entdeckt und gefördert. 23 Jahre lang zeichnete er für Charlie Hebdo. «Wir waren Charlie», oder eben «Indélébiles», ist eine Hommage an seine ermordeten Kollegen und Freunde.
Luz erzählt von legendären Reportagen, karikiert seine Kolleginnen und Kollegen und schildert den Redaktionsalltag.
Wir bekommen einen liebevollen Einblick in die Arbeit in diesem Satiremagazin. Wir erfahren zum Beispiel
- vom riesigen hufeisenförmigen Tisch in der Redaktion, der jedes Mal wackelte, wenn einer der Zeichnenden mit dem Radiergummi hantierte
- wie sich die ganze Truppe in den legendären Abschlusssitzungen jeweils vor den Zeichnungen versammelte, um das Titelblatt auszuwählen
- wie sich in den Anfangszeiten des Magazins in der total verqualmten Redaktion einmal ein Zeichner beklagte, man solle bitte nicht lüften, er hätte grad eine Grippe gehabt (auch Charlie Hebdo wurde dann irgendwann rauchfrei)
- wie angsteinflössend es sein kann, zum ersten Mal ein Titelblatt für Charlie Hebdo zeichnen zu dürfen
- wie chaotisch und politisch unkorrekt das Satiremagazin funktionierte
- wie gefährlich die Arbeit als Comicreporter sein kann, z.B. im kriegserschütterte Bosnien-Herzegowina
Meine Lieblingsstelle
Zum ersten Mal wird eine Zeichnung von Luz zum Titelblatt gewählt. Luz freut sich riesig und hat gleichzeitig grosse Zweifel. Alle geben ihm gute Ratschläge, und er muss noch so vieles abändern, dass er am Schluss enttäuscht das Gefühl hat, es sei gar nicht mehr seine eigene Zeichnung. An diese Szene erinnert er sich Jahre später, als es einer Kollegin mit ihrer ersten Titelseite genau gleich geht.
Was mir am Buch besonders gefällt
Das Buch hat sehr viel Humor, es ist selbstironisch, voller Respekt für die und Ehrfurcht vor den Koryphäen des Magazins. Gleichzeitig ist es aber auch respektlos, politisch unkorrekt und voller Tabubrüchen.
In Kritiken wurde Luz vorgeworfen, er gehe zu wenig auf das gesellschaftliche und politische Selbstverständnis der Zeitschrift ein, er sei nostalgisch und verharmlose dadurch Charlie Hebdo. Doch meiner Meinung nach geht es ihm in diesem Buch eben gerade nicht um Politik und Satire, sondern darum, seine Kollegen «unauslöschlich» zu machen. Und das ist ihm hiermit gelungen!
Wem ich das Buch empfehlen würde
Allen,
- die sich für Journalismus interessieren
- die mehr über Charlie Hebdo erfahren möchten
- die gerne in gut gezeichnete Bilder und gut geschriebene Texte eintauchen
- die es mögen, wenn es auch mal nicht ganz politisch korrekt zu und her geht
O-Ton aus dem Buch (leider schon wieder ohne Zeichnungen)
Als eine Art Nachwort:
«Da ist die Erinnerung, und da ist das Gedächtnis. Es bleiben Spuren. Du hast die Flecken an den Fingern, immer wieder. Du triffst die Freunde in Gedanken, die unauslöschlich sind. Zum Glück.»