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Biel ist erstmals seit dem Wiederaufstieg vor dem SC Bern die Nummer 1 im Kanton Bern. Es ist eine Ironie der Hockey-Geschichte, dass die Bieler den Aufstieg in die Spitzengruppe auch dem … SCB verdanken.
Ein einziger Sieg fehlte den Bielern im letzten Frühjahr zum Finale. Aber sie haben diese Halbfinalpartie auf eigenem Eis am 6. April 2019 gegen den SCB 0:1 verloren.
Der SCB ist ins Finale vorgerückt und Meister geworden. Aber die «Bedrohung» aus dem Westen ist geblieben. Vor der Nationalmannschafts-Pause hat Biel 15 Punkte mehr auf dem Konto als der Meister. Zum ersten Mal seit Biels Wiederaufstieg von 2008 ist der SCB nicht mehr die Nummer 1 im Kanton. Das ist ungewöhnlich. Selbst im Frühjahr 2014, als der SCB als erster Meister die Playoffs verpasst hatte, klassierte er sich in der Abstiegsrunde vor Biel.
Der Aufstieg vom letzten Platz (als Playout-Verlierer von 2016) zur Nummer 1 im Hockeykanton ist eine der erstaunlichen Erfolgsgeschichten unseres Hockeys.
Sportchef Martin Steinegger (47) gehört zu den wichtigsten Autoren dieser Story. Was nicht einer gewissen Ironie entbehrt: Der SCB hat ungewollt mit einem grossen Transfer dafür gesorgt, dass er Biel zum Spitzenteam aufbauen konnte.
13 Jahre hatte der Sohn des Bieler Eismeisters für den SCB verteidigt. Vier Jahre davon als Captain. Im Frühjahr 2008 scheitert der SCB als Qualifikationssieger bereits in den Viertelfinals gegen Gottéron. Es rockt in Bern. Konsequenzen werden gefordert.
Trainer John van Boxmeer bleibt. Dafür wird Captain Martin Steinegger aus einem laufenden Vertrag heraus nach Biel transferiert. Dem «Volkszorn» ist genüge getan.
Dieser Transfer hatte damals ähnliche Dimensionen, wie wenn heute Captain Simon Moser als «Sündenbock» nach Langnau heimtransferiert würde.
Martin Steinegger erzählt: «Ich hatte einen weiterlaufenden Vertrag. Nicht der SCB wollte mich loswerden, ich wollte gehen. Weil ich spürte, dass es Zeit für einen Wechsel war.»
Er erleichterte so dem SCB die Suche nach einem Sündenbock. Die beiden Parteien einigten sich auf eine Auflösung des Vertrages. «Dabei diktierte mir der SCB den Passus in die Auflösungsvereinbarung, dass ich nur nach Biel wechseln darf. Das hat mich damals ganz schön geärgert. Ich hatte noch andere Offerten. Aber ich musste es hinnehmen.»
Der SCB hat also Martin Steinegger sozusagen gezwungen, nach Biel zurückzukehren. Ohne diesen Passus bei der Vertragsauflösung wäre er nicht wieder in Biel gelandet, heute wahrscheinlich auch nicht Biels Sportchef und die Hockeygeschichte hätte einen anderen Verlauf genommen. Aber welche Spätfolgen dieser grosse Transfer haben – das konnte damals beim besten Willen niemand wissen. Es ist schon fast ein Treppenwitz unserer Hockeygeschichte.
Als der «verlorene Sohn» nun heimkommt, hat Biel im Frühjahr 2008 gerade den Wiederaufstieg in die NLA geschafft. Martin Steinegger spielt bei der sportlichen Stabilisierung in der höchsten Liga zuerst als Verteidiger eine wichtige Rolle. Sein Vertrag beinhaltet die Klausel, dass er nach dem Rücktritt noch zwei weitere Jahre beim Klub beschäftigt wird. «Der Lohn war festgesetzt, die Position hingegen nicht.»
So kommt es, dass Martin Steinegger im Frühjahr 2012 nach dem Ende seiner Karriere, nach mehr als 1000 Spielen, 1800 Strafminuten, 300 Skorerpunkten und über 100 Länderspielen direkt von der Kabine ins Büro des Sportchefs zügelt.
Heute personifiziert «Stoney» den Wandel Biels vom krisengeschüttelten Hockeyunternehmen der 1990er Jahre (mit 13-jähriger Verbannung in die NLB) zur sportlichen und wirtschaftlichen Hockey-Vorzeigefirma. Ein grosser Präsident hat einmal im kleinen Kreis gefragt: «Bei Biel passt jeder Transfer. Wie macht das der Steinegger?»
Er macht es mit dem sicheren Gespür eines ehemaligen Leitwolfes. Er hat in Bern gelernt, wie grosse Mannschaften funktionieren. Welchen Einfluss die verschiedenen Spielertypen auf das Innenleben eines Teams haben. Wie Spieler im Triumph und in der Niederlage reagieren. Er hat natürliche Autorität, Charisma. Martin Steinegger ist authentisch. Er sagt nicht viel, aber was er sagt, meint er auch so und trifft meist den Kern der Sache.
Er steht inzwischen auf Augenhöhe mit den grossen Sportchefs der Liga, die die Hockeylandschaft ohne den Einsatz von Milliardären verändert haben. Beispielsweise Sven Leuenberger (Meister mit dem SCB und den ZSC Lions), der in Bern noch das Fundament gebaut hat, auf dem der SCB die drei Titel der letzten vier Jahre eingefahren hat. Oder mit Ambris Erneuerer Paolo Duca.
Dass Biel funktioniert, hat viel mit der Rekrutierung des richtigen ausländischen Personals zu tun. Und so gibt es noch eine Ironie der Geschichte. Der SCB hat unbeabsichtigt auch auf diesem Gebiet zum Glück der Bieler beigetragen. Durch den Verzicht auf die Dienste von Thomas Roost.
Thomas Roost ist ein international hochgeachteter Scout («Talentsucher»). Er arbeitet auch für das Europa-Büro der NHL. Weil er im Hauptberuf Personalchef eines international tätigen Konzerns ist, kann er auch Menschenkenntnis. Und er hat früher für… den SCB gearbeitet.
Biels Manager Daniel Villard sagt: «Thomas ist inzwischen schon fast eine Ewigkeit bei uns. Nachdem er nicht mehr für den SCB tätig war, haben wir ihn 2010 mit einem Mandat verpflichtet. Seither arbeitet er in der Schweiz exklusiv für uns.»
Der freundliche Talentsucher ist für Martin Steinegger, was einst Kardinal Richelieu für Louis XIV., Fürst Metternich für das österreichische Kaiserhaus oder Henri Kissinger für Richard Nixon war: der Mann mit den internationalen Kontakten.
Schliesslich und endlich passt es zu dieser ganzen Geschichte, dass auch Biels Trainer Antti Törmänen eine bewegte SCB-Vergangenheit hat: Er führte den SCB 2013 zum Titel und wurde bereits im November 2013 entlassen. Er ist beim SCB vom Zauberlehrling zum Meistertrainer geworden und bringt das «Geheimwissen» nach Biel, wie man Meisterschaften gewinnt.
Nicht nur, aber auch dank einem ehemaligen SCB-Meister-Captain, einem ehemaligen SCB-Meister-Trainer und einem ehemaligen SCB-Meister-Scout ist Biel der erste Klub im Bernbiet, der den SCB im 21. Jahrhundert herauszufordern vermag.
Biel ist inzwischen drauf und dran, von einem Spitzenteam der Qualifikation zu einer Meistermannschaft zu reifen.
Aber noch ist die «Meisterprüfung» nicht bestanden. Noch schwieriger als der Schritt aus dem Tabellenkeller in die Spitzengruppe der Liga ist der Schritt vom guten zum meisterlichen Team.
Und noch eine hochheikle Aufgabe wartet auf Martin Steinegger und Thomas Roost: die Nachfolgeregelung von Jonas Hiller (37). Einen der grössten Torhüter unserer Geschichte und den statistisch besten Torhüter dieser Saison zu ersetzen, ist wohl die heikelste Aufgabe, die es für ein Sportmanagement gibt. Auch SCB-Manager- und Mitbesitzer Marc Lüthi macht ja wegen Leonardo Genoni in Bern gerade diese Erfahrung