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Persönlichkeiten aus der Geschichte des Alpinismus: Franz Lochmatter (1878-1933)
Unter den Schweizer Bergführern von internationalem Ruf prägte der 1878 geborene Franz Lochmatter seine Zeit am stärksten. Seine Erfolge verliehen ihm in seinen besten Jahren gar eine Vorherrschaft, die in der doch schon langen Alpingeschichte ihresgleichen sucht. Diese natürliche Überlegenheit frei jeglichen Konkurrenzden-kens liess Franz Lochmatter seine Tätigkeit in Einklang mit der alpinen Welt und auch mit seinem engsten Gefährten, dem Bergführer Josef Knubel, ausüben.
Günstiges familiäres Umfeld Der Vater von Franz, Josef-Marie Lochmatter, war der Mann, der unter der Leitung von Edward Whymper die Rettungsmannschaft am 16. Juli 1865, dem Tag nach der Katastrophe am Matterhorn, organisierte. Der tragische Ausgang von Whympers Expedition versetzte dem Unternehmungsgeist der damaligen Führer einen schweren Schlag. Doch dies dauerte im Tal nicht lange an, Josef-Marie Lochmatter und Peter Knubel nahmen ihren Mut und ihre Kühnheit zusammen und führten am 25.. " " .Juli 1868 mit J. M. Elliott die zweite Besteigung des Matterhorns über die von Whymper begangene Route durch. Dieser Erfolg flösste den Anwärtern neuen Mut ein, und noch im gleichen Jahr gelang es insgesamt neun Seilschaften, den prestigeträchtigen Gipfel zu besteigen. Darunter wurden drei vom Vater von Franz geführt. Er war es auch, der neun Jahre nach der Katastrophe Edward Whymper bei der Wiederholung seiner Matterhornbesteigung führte. Josef-Marie Lochmatter kam am 11. August 1882 mit seinem ältesten Sohn Alexander und seinem Kunden M. Gabett ums Leben. Neben Franz, der damals erst vier Jahre alt war, hinterliess er weitere vier Söhne: Josef, Rudolf, Raphael und Gabriel; sie wurden alle Bergführer.
Gegenüber seiner Mutter empfand der feinfühlige Franz tiefe, ja sogar sehr tiefe Gefühle. Zwar verliess das Franz Lochmatter ( 1878-1933 ). Von Nizza bis Cortina hat Franz Lochmatter so gut wie alles über alle Routen erklettert, bestiegen und überschritten. Er war deshalb während langer Jahre jener Führer, der über die aussergewöhn-lichste Tourenliste aller Zeiten verfügte.
flüchtige Bild des zu früh verlorenen Vaters seine Seele nie. Eine besonders anrührende, beinahe geheimnisvoll anmutende Anekdote berichtet uns über das Verhältnis von Franz zu seiner Mutter. Charles Gos, ein enger Freund der Familie, schrieb die Episode in den Worten von Franz nieder: « Die Geschichte ereignete sich vor nicht allzu langer Zeit - im Jahre 1930 - im Himalaya. Wir befanden uns auf einem unbekannten Gletscher, als plötzlich ein Sturm ausbrach. Natürlich hatten wir keine Karte dabei. Wohin sollten wir uns im Nebel und Schnee denn wenden? Eine Katastrophe drohte - plötzlich dachte ich in diesem Moment, ich weiss nicht warum, an mein Dorf St. Niklaus und an meine Mutter - und dann sah ich das Bild meiner Mutter vor mir. Sie stand vor mir, lächelte, und ihr gestreckter Arm wies mir einen Weg durch den Nebel. Ich folgte der angegebenen Richtung. Meine Gäste und eine endlose Kolonne von Trägern folgten mir. Während ich so weiterschritt, verblasste die Erscheinung meiner Mutter zusehends... Am gleichen Abend verliessen wir den Gletscher: Wir waren gerettet. » Franz fügte keinen Kommentar bei, sondern sagte nur würdevoll: « Nun habe ich meine Mutter zum letztenmal gesehen.»1 Die Mutter von Franz war tatsächlich schon lange vorher gestorben. Diese liebevolle Erinnerung unterstreicht die Feinfühligkeit des besten Kletterers seiner Epoche.
Ein besonderes Tal Im Wallis jener Zeit genoss das Mattertal dank seiner prestigeträchtigen Gipfeln einen Ruhm, der es gegenüber den anderen, nur wenig besuchten Tälern privilegierte. Das Dorf St. Niklaus etwa war ein Ort, wo aussergewöhnliche Bergführer aufwuchsen. Die Lochmatter, die Knubel, Pollinger, Brantschen und Imboden wirkten im ganzen Alpengebiet und sogar noch darüber hinaus - allein Franz reiste ja dreimal in den Himalaya.
Josef-Marie Lochmatter war um die Erziehung seiner Söhne sehr besorgt. So kam es, dass die jungen Lochmatter- nachdem sie ihre Hosenboden zuerst auf den Bänken der kleinen Dorfschule von St. Niklaus abgewetzt hatten - einer nach dem anderen das Tal verliessen, um die höheren Primarklassen in Lyon, Grenoble oder Besançon zu besuchen.
1 Charles Gos: Alpinisme anecdotique, Verlag Victor Attinger, Neuenburg 1934 Alpine Geschichte, Kultur, Erzählungen c 01 Q.
Etwas bescheidener mutet die Laufbahn von Franz an: Er besuchte die Schule in Martigny. Dank der touristischen Attraktivität des Tals und der Initiative einiger Familien waren die Einheimischen des Mattertals also darauf vorbereitet, die Aristokraten des Alpinismus zu empfangen, die vor allem aus reichen Engländern und Holländern bestanden.
Ein Bergführer mit einem sehr aussagekräftigen Führerbüchlein Der zurückhaltende Franz Lochmatter legte eine erstaunliche Weltoffenheit an den Tag. Er besass einen aristokratischen Anstrich: nicht etwa in Form eines äusserlich zur Schau getragenen Adels, sondern jene Würde, die die wahre Grösse ausmacht. Er war kultiviert, von ausgesuchter Bescheidenheit und fühlte sich in jeder Gesellschaft wohl.
Charles Gos erzählt vom Führerbüchlein von Franz wie folgt: « Es ist das wunderbarste geistige Porträt, das von Franz Lochmatter überhaupt gemacht werden kann. Das darin enthaltene Lob der Reisenden, die das Privileg hatten, mit ihm in die Berge zu gehen, kommt einer ehrenvollen militärischen Auszeichnung gleich; hier geht es jedoch um den Alpinismus in seiner menschlichen und heroischen Ausprägung.»2 Wahrlich, eine in ihrer Art einzigartige Tourenliste zeugt von der rastlosen Tätigkeit von Franz Lochmatter. Wie jeder Alpinist seiner Klasse äusserte er sich zu diesem Thema eher zurückhaltend. Diese auf einem inneren Frieden gründende Haltung hatte er im Lauf seiner zahlreichen Abenteuer erworben, und sie liess ihn fast ganz verstummen, wenn das Gespräch auf ihn und seine Erfolge kam. So mass er seinem Führerbüchlein wenig Bedeutung zu und führte viele beachtliche Touren gar nicht darin auf. Umwerfend war der Gesichtsausdruck von Franz, den er auf die Bitte, das Büchlein jemandem zu zeigen, aufsetzte: Er zog es langsam, ja mühselig hervor, so, wie wenn er eine letzte Hoffnung hegte, dass man nicht mehr daran denken und von etwas anderem reden würde. Er konnte es kaum verstehen, dass man diese Notizen oder sogar bloss die Aufzählung der Gipfel mit leidenschaftlichem Interesse lesen wollte.
Franz Lochmatter beurteilte die Eigenschaften, die man ihm zusprach, oft als übertrieben. Er bemühte sich dann darum, die kleinen Sätze zu korrigieren, und umging die Wahrheit durch grosse Untertreibungen. Er versuchte so, seine Verdienste oder die Schwierigkeit einer bestimmten Tour zu mindern.
Das Täschhorn Die Südwand des Täschhorns wurde am 11.. " " .August 1906 erstmals durch die Seilschaft E. Ryan mit den Führern Franz und Josef Lochmatter, gefolgt von G.W. Young mit dem jungen Führer Josef Knubel durchstiegen. Diese Erstbegehung wurde erst 29 Jahre später wiederholt! Es handelt sich dabei zweifelsohne um eine der grössten Leistungen in der Alpingeschichte. Noch heute wird die Täschhorn-Südwand selten begangen - der Fels ist allerdings tatsächlich miserabel, und sie gehört zu den Unternehmungen, die Franz Lochmatter auf dem Nadelhorn 2 Charles Gos, op. cit.
3 G.W. Young: On high hills. Memories of the Alps, London 1927 Franz Lochmatter war seiner Zeit - etwa mit der Erstbegehung der Täschhorn-Südwand - weit voraus. Diese Tour, die als schwieriger und gefährlicher als die Matterhorn-Nordwand gilt, wurde nur selten wiederholt.
grösstes Engagement verlangen. Die Tour ist vielleicht schwieriger als die klassische Route durch die Matter-horn-Nordwand. Jeder Kenner wird bestätigen, dass Franz Lochmatter damit Anfang des Jahrhunderts ein unglaublicher Erfolg gelang. Doch lassen wir W. Young über einige Momente dieser aussergewöhnlichen Expedition berichten: « An meiner Seite gab Franz, der gleichzeitig ein fröhliches französisches Liedchen durch seine Zähne pfiff, das einzige Zeichen von Nervosität zu erkennen, das ich jemals bei ihm erkannt habe. Mit einem Augenzwinkern und immer noch trällernd war er auf den Platten unter mir und machte sich daran, die Eisschilder wie eine Raupe kriechend zu überwinden. In solch einem Fall glich der Gang von Franz -und gewissermassen auch sein Aussehen - demjenigen einer Spinne oder eines Krustentiers. Sein gelockter Kopf verschwand völlig. Sein Körper und seine eckigen Schultern teilten und streckten sich in vier stählerne Tentakel wie die Strahlen einer kleinen Nabe oder einer Intelligenzzen-trale, die die Botschaften an ihre winzigen Hände und Füsse, die zu unglaublich anmutenden Winkeln und Distanzen verzerrt sind, weiter-leitet.»3 Mit der Erstbegehung der Täsch-horn-Südwand erwies sich Franz Lochmatter als einer der begabtesten Kletterer des ganzen Alpenbogens. Doch schon lange vor dem Jahr 1906 kannten viele Führer oder Alpinisten die eindrückliche Tourenliste, deren Autor dieser friedliche und grosszügige Mann war. Denn von Nizza bis Cortina hat Franz so gut wie alles über alle Routen bestiegen, erklettert und überquert. Seine schönsten Erstbegehungen im Fels führte er in Chamonix durch: die Traversierung der Drus, der Ostgrat der Aiguille du Plan ( in elf Stunden vom Hotel auf Montenvers ), Grépon, Mer de Glace, Nordwestgrat an der Aiguille de Blaitière, Pointe Young an den Grandes Jorasses und viele andere mehr! Insgesamt kam er auf über zwanzig Erstbegehungen im Gebiet von Chamonix. In diesem Dorf war er übrigens hochgeschätzt, und die einheimischen Führer sprachen mit Hochachtung über ihn.
Ein von ihm allein errichtetes Steinhaus in St. Niklaus ist das lebendige Zeugnis dieses Mannes, der sich allem neuem mit ganzem Einsatz widmete. Es ist eine genaue Reproduktion des Schlosses von Sir George Young in England, dessen Dimensionen Franz sorgfältig mit vorschriftsgemäss in Klassen eingeteilten Schnüren mass und auf einen kleineren Massstab umrechnete. Das « Formosa » getaufte Haus, das zuerst auf zwei Stockwerken errichtet wurde, war auf jener Seite, die der jedes Jahr drohenden Lawine exponiert war, abgerundet. Dieses technische Detail diente als Lawinenbrecher und sollte den Widerstand des Gebäudes gegen den Druck der Schneemassen erhöhen. 1923 begann Franz mit dem Bau eines dritten Stockwerkes, um seine grosse Familie - acht Mädchen und einen Sohn - unterbringen zu können. Er begleitete seine Kunden, die oft auch Freunde waren, weiterhin auf die berühmtesten Gipfel der Alpen. Unter anderem führte er eine Matterhorn-Besteigung über den Zmuttgrat in einer überraschenden Zeit durch: Er brach mitten in der Nacht in Zermatt auf und war rechtzeitig zum Mittagessen zurück! Der fast unbemerkt gebliebene Exploit wird noch lange die Gewandtheit und Leistungsfähigkeit dieses Bergführers bezeugen. Mit von der Partie war sein Bruder Josef, und sein Gast war der Hauptmann V.J. E. Ryan - die drei verkörperten eine der schnellsten Seilschaften unseres Jahrhunderts!
Die letzte Etappe Asien stellte die letzte grosse Etappe im Leben von Franz Lochmatter dar. 1912 stieg er mit C. F. Meade am Kämet bis auf eine Höhe von über 7300 m auf. Dabei handelte es sich höchstwahrscheinlich um einen Weltrekord. Dann - in den Jahren 1922, 1925, 1929 und 1930 - war Franz Führerchef der holländischen Expeditionen in den Karakorum, in den Hindukusch und ins chinesische Turkestan. Franz, der vom Ehepaar Visser-Hooft angestellt wurde, musste riesige Verantwortung tragen. Die Expeditionen führten nämlich in vollkommen unbekannte Gebiete und konnten auf keinerlei nützliche Informationen zurückgreifen! Mehr als 6700 Kilometer, davon 2000 in gebirgigem Franz Lochmatter auf der Terrasse der Domhütte Alpine Geschichte, Kultur, Erzählungen a.
Gelände, wurden allein bei der Reise von 1925 erkundet. Franz hatte über 100 Träger aus verschiedenen Gegenden und Sprachgruppen unter sich. Visser bemerkte später dazu, dass die Durchführung der Expeditionen ohne das Können von Franz Lochmatter nicht gesichert gewesen wäre.
Tragisches Ende durch einen banalen Unfall Am 17. August 1933 stürzte Franz Lochmatter am Weisshorn ab. Er glitt an einer Stelle aus, die Tausende Führerlose leichten Fusses überwänden. Bei seinem Sturz riss er seinen Kunden Hermann Hotz mit, den Verlobten von Fräulein Martin, die ihrerseits eine Freundin und Kundin von Franz war. Nach vierhundert Metern Fall kamen die Körper der zwei Männer auf dem Bisgletscher im Schatten des Weisshorns zum Stillstand. Der legendäre Führer beschloss sein Leben im Herzen des Mattertals, an einer der weissesten und ruhigsten Stellen des Tales.
Die alpine Welt war durch die Nachricht von seinem tragischen Tod erschüttert. Ich möchte in diesem Zusammenhang die Worte des Chronisten der Zeitschrift Alpinisme ( Organ des Groupe Haute Montagne, Chamonix ) aus dem Jahre 1933 zitieren: « So hat einer der grössten Führer aller Zeiten, dem in der Geschichte der Alpen ein einzigartiger Platz gebührt, auf tragische Art sein Leben verloren. Franz Lochmatter war ein Kletterer aussergewöhnlicher Klasse; was diese Disziplin betrifft, kennen wir keinen, der ihm überlegen war. Trotz der Fortschritte der heutigen Technik hat kaum jemand das Schwierigkeitsniveau, das er mit seinen Erfolgen in den Jahren 1905 und 1906 vorgab, seither überschritten: Er führte in reinem Fels mit gewöhnlichen Nagelschuhen, ohne Kletterfinken oder Haken Touren durch, die man nach der modernen Bewertung zumindest als aussergewöhnlich schwierig beurteilen würde. Niemand war damals fähig, es ihm gleich zu tun. Erst vor dem Krieg - in den Jahren 1911 bis 1914, also mit einer gewissen Verspätung - näherten sich Josef Knubel und Angelo Dibona seinem Niveau in den Westalpen. Lochmatters Klasse erreichten sie allerdings nie ganz.»4 Dominique Roulin, 1255 Veyrier ( üU