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Über das Sammeln von Autographen
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts kam es in Europa zu einer neuen Sammeltätigkeit. Galten noch vor rund dreihundert Jahren Wunderkammern mit allen Arten von Objekten, Kuriositäten und Büchern als Spiegel der Welt, rückten um 1800 sogenannte Autographen in den Fokus der Sammelleidenschaft, also handgeschriebene Dokumente berühmter Persönlichkeiten. Die Faszination für solchehandschriftlichen Einzelstücke hält bis heute an, wie zahlreiche Autographensammlungen und -auktionen bezeugen.
Denn immer ist eine geistige Beziehung nötig, um den tiefverborgenen Wert dieser Kostbarkeiten zu erkennen. Nur von der Seele her, nicht mittels der gröberen äußeren Sinne, kann die Schönheit und der geistige Wert der Autographen verstanden werden.Stefan Zweig (aus: Sinn und Schönheit der Autographen, 1935)
Der Terminus "Autograph" ist aus den griechischen Wörtern αὐτός (selbst) und γράφειν (schreiben) abgeleitet. Ein Autograph ist also ein Schriftstück, das vom Autor mit eigener Hand geschrieben worden ist. Dabei spielt die Gattung des Schriftstückes keine Rolle, es kann sich dabei um Noten, eine Unterschrift, einen Brief, eine Urkunde etc. handeln, wichtig ist ausschliesslich die Eigenhändigkeit. Bereits im 17. Jahrhundert untersuchte man mittelalterliche Urkunden und Briefe unter diesem Aspekt, wobei man zwischen "Abschriften" und "Urschriften" differenzierte.
Die Eigenhändigkeit der Autographen ermöglicht ausserdem Einblicke in die Überlieferungsgeschichte und kann bei der Zuschreibung wichtiger Texte seit der Antike helfen. Somit sind Autographen nicht nur für die Beschäftigung mit ihren Verfassern, sondern auch mit deren Werken von Bedeutung.
Obwohl sich das gezielte Sammeln von Autographen erst um 1800 als eigenständiges Gebiet etablierte, galten Handschriften bedeutender Persönlichkeiten schon in der Antike als besondere Rarität und sammelwürdig. Dabei nahmen Briefe eine besondere Stellung ein. Dies einerseits, weil Briefe und Briefsammlungen als publizierte Textform eine lange Tradition hatten - man denke etwa an die römischen Autoren Cicero und Horaz. Andrerseits liessen dann die Humanisten, allen voran Petrarca, diese Praxis wiederaufleben. So kann es nicht erstaunen, dass handgeschriebene Briefe gerade unter den Humanisten zirkulierten und gerne gesammelt wurden. Spätestens gegen Ende des 18. Jahrhunderts löste das Bestreben nach einem immer differenzierteren Sammlungsaufbau und einer Spezialisierung der Sammelobjekte die universale Wunderkammer mehr und mehr ab. Autographen rückten im Zuge dieser Entwicklung in den Fokus der Sammlerleidenschaft und interessierten nicht mehr vor allem als Vorlage für berühmte Briefeditionen, sondern um ihrer selbst willen. So wurden sie zu einem eigenen Sammelgebiet.
Geradezu als "Manie" wurde 1844 in der "Zeitung für die Elegante Welt" das Sammeln von Autographen bezeichnet. Jeder, so der Autor des Artikels, der dem Weltgeschehen zusehe, kaufe Autographen. Was war geschehen? Im Zuge der Französischen Revolution wurden die im ganzen Land verteilten adligen, klösterlichen und zum Teil staatlichen Archive und Bibliotheken geplündert und aufgelöst. Die dadurch auf dem Markt gebrachten Autographen lösten einen Boom aus, wodurch in Frankreich der Handel mit den unikalen Handschriften professionalisiert wurde.
Wie kam man zu den begehrten Schriftstücken? Während in Frankreich die Autographenauktionen blühten, war in Deutschland und der Schweiz das Sammeln von Autographen allerdings noch nicht zum eigenständigen Markt mutiert. Vielmehr war der Kauf von Autographen im deutschen Sprachraum noch in der Mitte des 19. Jh. verpönt. Üblich war, dass Sammler "Bettelbriefe" an die Persönlichkeiten verschickten, von denen sie ein handgeschriebenes Stück begehrten. Im 20. Jahrhundert kam es dann auch in Deutschland und der Schweiz zu einer Kommerzialisierung des Autographenhandels.
Durch diese Kommerzialisierung bekam auch der Geschäftszweig des Fälschens von Autographen Auftrieb; ein zuvor zwar nicht unbekanntes, jedoch eher unbedeutendes Phänomen. Als Fälschung wurden nicht nur erfundene, also vom Fälscher angefertigte Texte angeboten, sondern auch verschollene Handschriften, die man nur von Drucken her kannte. Die Gemeinschaft der gewieften Sammler erarbeitete sich aber im Laufe der Zeit genügend Knowhow, so dass Fälschungen meist schnell als solche entlarvt wurden.