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BRASILIEN – KULTURELLER SCHMELZTIEGEL
UREINWOHNER
Fangen wir mal mit seinen Menschen an – und da stehen an erster Stelle seine typischen Ureinwohner: Wie viele Eingeborene lebten eigentlich in diesem Land bevor die Portugiesen es vereinnahmten? Die Schätzungen belaufen sich auf drei bis fünf Millionen – von denen heute nur noch zwischen 200.000 und 300.000 übrig geblieben sind. Exakte Zahlen über die eingeborene Bevölkerung zur Zeit der europäischen Kolonisation gibt es nicht, aber es ist eine Tatsache, dass sie eine verheerende Zerstörung ihrer Kultur bewirkte. Die heute noch überlebenden Stammes-Formationen – insgesamt zirka 220 – haben jede ihren eigenen Dialekt, aber die meisten von ihnen gehören einer der vier bedeutendsten Sprachfamilien an: dem Tupi-Guarani, Ge, Carib oder Arawak. Einige wenige Stämme existieren immer noch ohne jeglichen Kontakt mit der Zivilisation, andere führen ein Nomadenleben, wieder andere sind halb-nomadische Jäger und Sammler, während die meisten heute in festen Niederlassungen und mehr oder weniger engem Kontakt mit der nicht-indianischen Gesellschaft leben.
Es herrscht auch unter den zuständigen Behörden keine Übereinstimmung darüber, wie viele Stämme oder Indianervölker eigentlich noch existent sind, aber das CEDI-Institut (Centro Ecumenico da Documentacao e Informacao) in São Paulo gibt an, dass von den um die 200 dokumentierten Gruppierungen 40% aus weniger als 200 Mitgliedern bestehen – 60% haben weniger als 1.000 Mitglieder. Auch die in den letzten Jahrzehnten erstmals kontaktierten Stammesverbände mussten in vielen Fällen katastrophale Dezimierungen ihrer Populationen durch von zivilisierten Kontaktpersonen eingeschleppte Viren hinnehmen – gegen die so genannten Zivilisationskrankheiten (Pocken, Masern, Grippe etc.) bildet der Organismus dieser bis dato isolierten Eingeborenen keine Abwehrstoffe und sie sterben als Opfer einer Epidemie.
Der Kampf des Yanomami-Volkes um die Demarkation ihres angestammten Territoriums, zum Beispiel, und vieler anderer Gruppen, ist vielfach dokumentiert worden – aber das im brasilianischen „Indianer-Statut“ (Gesetz 6.001/1973) verbriefte Ziel der „Demarkation allen Indianerlandes bis 1978“ ist immer noch nicht erreicht. Und ein neues Gesetz vom Januar 1996 hat diesen Prozess weiter verlangsamt. Die FUNAI (Nationale Stiftung für Indianer-Assistenz), eine Unterabteilung des Innenministeriums, hat die Interessen der Indianer zwar zu vertreten, entbehrt aber oft entsprechender Mittel und wissenschaftlicher Kapazität.
Die Mehrheit der brasilianischen Indianer lebt in der Amazonas-Region. Sie werden durch Abholzung, durch Siedler und Farmer, kleine und gross angelegte Schürfprojekte nach Bodenschätzen und Konstruktionen von Wasserkraftwerken in ihrem Lebensraum bedrängt. Neben den Yanomami sind davon besonders die Stämme Xavante, Tucano, Kreen-Akarore, Kaiapó und Arara betroffen.
Anfangs wuchs die portugiesische Kolonie nur langsam. Zwischen 1580 und 1640 betrug ihre Bevölkerungsziffer nur zirka 50.000 – im Gegensatz zu mehr als einer Million Indianer in ihrer unmittelbaren Umgebung. Um 1700 war die „nicht-indianische Bevölkerung“ bereits auf 750.000 angewachsen. Und am Anfang des 19. Jahrhunderts stellte Alexander von Humboldt eine Statistik auf, die 920.000 Weisse, 1.960.000 Afrikaner und 1.120.000 Indianer, zusammen mit aus Portugiesen und Indianern gemischten Individuen (Mesticos), ausweist: nach drei Jahrhunderten der Besetzung also nur ein Gesamt von vier Millionen Menschen – darunter mehr als doppelt so viele Schwarze wie Weisse.
Das trockene Hinterland, der so genannte „Sertão“, hat bis heute in weiten Teilen seinen menschenfeindlichen Charakter gegen alle Versuche einer systematischen Kultivierung behauptet. Die in ihm ausharrenden Siedler sind Mestizen – die meisten fristen ihre Existenz mittels einer primitiven aber effektiven Landbearbeitung, indem sie sich ein Stück Erde aus dem Buschwerk brennen, es roden und für die Feldbestellung vorbereiten – um es dann nach ein paar Jahren wieder sich selbst zu überlassen und sich ein neues Feld vorzunehmen.
Obwohl es in Brasilien keine direkte Diskriminierung gegen schwarze Menschen gibt, hat doch die wirtschaftliche und erzieherische Verschiedenheit – eher aus Nachlässigkeit der Regierung, denn aus Absicht – dazu geführt, dass heutzutage erfolgreiche Afro-Brasilianer fast ausschliesslich in der Welt des Sports, der Unterhaltung oder der Kunst anzutreffen sind.
Die brasilianische Kultur ist reich an afrikanischen Einflüssen. Und diejenigen, welche sich für die Entwicklung der afro-brasilianischen Musik, des Tanzes, der Religion, der Kunst und der Küche interessieren, werden den Landesteil nördlich von São Paulo faszinierend finden – besonders aber die Städte der Bundesstaaten Bahia und Maranhão, in denen der afrikanische Einfluss am deutlichsten ist. Und rassenbewusste Demonstrationen und entsprechend ausdrucksstarke Bewegungen findet man besonders in Bahia.
Eine effektive moderne Einwanderung begann nicht vor 1850. Von den 4,6 Millionen europäischen Einwanderern zwischen 1884 und 1954 waren 32% Italiener, 30% Portugiesen, 14% Spanier, 4% Deutsche und der Rest gehörte verschiedenen anderen Nationalitäten an. Seit 1954 liegt die durchschnittliche Einwanderungszahl pro Jahr bei zirka 50.000.
Die Mehrheit der deutschen Immigranten liess sich in Santa Catarina, Rio Grande do Sul und Paraná nieder. Die Deutschen – und mit ihnen die Italiener, Polen und andere Slaven, die ihnen folgten – hatten in den meisten Fällen kein Interesse an einem Leben als Lohnempfänger, sondern fingen an, ihre eigene kleine Farm zu kultivieren und aufzubauen. Und in diesen Staaten entstand eine Landbevölkerung, die ihren eigenen Grund und Boden intensiv bearbeitete.
Es gibt heute auch etwas mehr als eine Million japanisch-stämmiger Brasilianer – von ihnen wird ein Fünftel des Kaffeeanbaus geliefert, 30% der Baumwolle, die gesamte Teeproduktion, und sie sind besonders aktiv in der Produktion von Gemüse und Früchten aller Art.
Heute stellen die Weissen und „Fast-Weissen“ 53% der Gesamtbevölkerung, die vielfach gemischten Rassen zirka 34% und die Afro-Brasilianer 11% – der Rest sind entweder Indianer oder Asiaten. Es gibt grosse regionale Unterschiede in der Verteilung der Rasen – die Weissen beherrschen vorwiegend den Süden, welcher die grösste Einwanderung von Europäern erfuhr, und ihr prozentualer Anteil nimmt ab, je weiter man nach Norden vorstösst.