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Werner Johannes Guggenheim
»Unser Land ist klein, es hat keine andere Macht als eine geistige, eine sittliche, und keine stärkere Waffe als das Recht.« Wenn ein Schweizer Waffenfabrikant so etwas sagt, dann muss etwas schiefgelaufen sein. Und tatsächlich tun sich Verwandte und Aktionäre zusammen, um Georg Wächter, den Direktor der Flugzeugwerke Wächter und Nast, als geisteskrank zu entmündigen, weil er zum eigenen Nachteil dem kriegführenden Japan keine Bomber mehr verkaufen will. Georg sieht keinen anständigen Ausweg mehr und startet mit den Worten »Der Weg zur Freiheit führt oben hinaus« zu einem Alpenflug. Als der tödliche Absturz gemeldet wird, steigen an der Börse die Kurse der Bomber-Aktien ...
Bomber für Japan heisst dieses hochdramatische, stilistisch seiner Entstehungszeit verpflichtete, von der Problematik her aber leider noch immer aktuelle Bühnenstück. Geschrieben wurde es vom Dramaturgen, Schriftsteller und Ramuz-Übersetzer Werner Johannes Guggenheim, und niemand, der 1938 in Biel die Uraufführung oder eine andere von den vielen Inszenierungen der Saison 38/39 sah, zweifelte daran, dass Deutschland gemeint war, wo auf der Bühne Japan gesagt wurde. Als Guggenheim kurz darauf den Stier bei den Hörnern packte und im Drama Erziehung zum Menschen den Nazi-Terror und die faschistische Rassenlehre offen und unmissverständlich anprangerte, hatte, obwohl vorher bereits fünf seiner Stücke erfolgreich gespielt worden waren, kein Schweizer Theater den Mut zu einer Inszenierung. Erst sechs Jahre später, 1945, wurde das Stück in St. Gallen uraufgeführt. Inzwischen aber hatte Guggenheim sich, wie so viele damals, »Unverfänglichem« zuwenden müssen: einer Farinet-Dramatisierung mit dem Titel Frymann, dem kleinstädtischen Lustspiel Der Römerbrunnen und der C.-F.-Meyer-Adaption Angela Borgia. Als er sich 1946 endlich wieder drängenderen Zeitfragen widmen und unter dem Titel Stunde der Entscheidung das heikle Problem der NS-Verbrechen aus helvetischer Perspektive auf der Bühne diskutieren lassen wollte, riss ihn mit 51 Jahren der Tod mitten aus der Arbeit.
Obwohl ein hervorragender Dramaturg, konnte Guggenheim ein Leben lang an keiner Schweizer Bühne ein existenzsicherndes Amt bekommen und war gezwungen, seine Arbeitskraft in pausenloser Zeilenschinderei als Übersetzer vorschnell zu verbrauchen. Auch sein gutgemeintes Wandertheater »Schweizer Volksbühne« scheiterte 1937 an den fehlenden finanziellen Mitteln, und nur dank der Mithilfe seiner einfallsreichen Frau, der Schriftstellerin Ursula von Wiese, gelang es ihm überhaupt, seine sechsköpfige Familie im damals noch billigen Tessin als freier Schriftsteller über Wasser zu halten. Aber trotz eigener Sorgen und Nöte stand der temperamentvolle, auch äusserlich imposante, unwillkürlich an Lessings Nathan den Weisen erinnernde St. Galler Jude in dunkelster Zeit vielen hilfesuchenden Emigranten selbstlos bei. Für einen von ihnen, Fritz Hochwälder, bedeutete sein Name jedenfalls bis zuletzt »den Inbegriff der Freundschaft«.
(Literaturszene Schweiz)
Guggenheim, Werner Johannes
*St.Gallen 30.9. 1895, Bern 25.5.1946, Schauspieler, Dramatiker und Übersetzer. Der promovierte Germanist bildete sich in Berlin zum Dramaturgen weiter und arbeitete als solcher in Braunschweig und St.Gallen. Seit 1934 lebte er mit seiner Frau Ursula von Wiese als freier Schriftsteller und Übersetzer in Ascona und Bern. Seine wichtigste Übersetzungsleistung galt dem Werk von C.F. Ramuz, das er fast vollständig ins Deutsche übertrug. Als Dramatiker erlebte er seinen spektakulärsten Erfolg 1938 mit dem gegen den Waffenhandel gerichteten Drama »Bomber für Japan«. Sein 1938 geschriebenes Stück »Erziehung zum Menschen« wurde bis 1945 von keiner Schweizer Bühne aufgeführt, weil darin die nat.-soz. Rassenlehre offen angeprangert wurde und man Deutschland damit nicht provozieren wollte. (Schweizer Lexikon CH 91)
Guggenheim, Werner Johannes
* 30. 9. 1895 St. Gallen, 25. 5. 1946 Bern. - Dramatiker u. Übersetzer; Schauspieler.
G. wuchs in St. Gallen auf, studierte Germanistik in Zürich u. Lausanne u. promovierte 1919 zum Dr. phil. Nach einer Theaterausbildung in Berlin war er Dramaturg in Braunschweig, dann in St. Gallen. 1931 heiratete er die Schauspielerin Ursula von Wiese u. lebte von 1934 an als freier Schriftsteller u. Übersetzer (Ramuz, Silone, Mauriac) in Ascona u. Bern. Seinen größten Erfolg hatte G. 1938 mit dem Drama Bomber für Japan (Zürich). Das Stück zeigt das Scheitern eines Idealisten im Kampf gegen das gewinnsüchtige Schweizer Unternehmertum, das sich mit Waffenlieferungen am imperialistischen Terror der Achsenmächte mitschuldig macht. G.s folgendes Drama Erziehung zum Menschen (entstanden 1938) prangerte die NS-Rassenlehre offen an u. konnte, weil man Deutschland nicht provozieren wollte, bis 1945 an keiner Schweizer Bühne gespielt werden.
WEITERE WERKE: Dramen: Das Reich. Potsdam 1924. - Die Frau mit der Maske. 1926. - Das Dorf St. Justen. 1928 (nach Felix Moeschlin). - Die Schelmeninsel. 1929. - Die Schweizergarde. Aarau 1934. - Frymann. Elgg 1938 (nach C. F. Ramuz). - Der Römerbrunnen. 1939. - Die Liebe der Angela Borgia. Elgg 1942 (nach C. F. Meyer).
(Bertelsmann Literaturlexikon)