Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03494.jsonl.gz/173

Das Web findet längst nicht mehr auf Desktop-Rechnern statt, sondern in der Hosentasche. Mobile Devices sind Bestandteil der Popkultur. Der Browser wird zur systemübergreifenden Umgebung und konkurriert ernsthaft mit dem klassischen Betriebssystem. Die Stärke des Web ist seine Standardisierung. So konnte es seinen Siegeszug auf den Desktop-Rechner antreten. Mit HTML(5) wiederholt sich diese Revolution für mobile Endgeräte.
Das Web findet längst nicht mehr auf Desktop-Rechnern statt, sondern in der Hosentasche. Mobile Devices sind Bestandteil der Popkultur. Der Browser wird zur systemübergreifenden Umgebung und konkurriert ernsthaft mit dem klassischen Betriebssystem. Die Stärke des Web ist seine Standardisierung. So konnte es seinen Siegeszug auf den Desktop-Rechner antreten. Mit HTML(5) wiederholt sich diese Revolution für mobile Endgeräte.
Vieles hat sich geändert, seit Tim Berners Lee im CERN an den ersten Hypertextdokumenten herumtüftelte. Das Internet ist da und öffentlich. Dass sich das W3C bis ins Jahr 2022 Zeit nehmen will, um den finalen HTML(5)-Standard zu veröffentlichen, hat viele befremdet.
HTML(5) ist aber bereits erstaunlich standardisiert. Die Initiative und der Druck kommen heute von den Millionen Internetnutzern, die ein besseres und einfacher bedienbares Internet wollen. Und er kommt von Vertretern der Industrie, die ihre Interessen verfolgen. Die grossen Browserschmieden stellen immer neue Versionen mit noch besserer HTML(5)-Unterstützung zur Verfügung. Einen wichtigen Anteil an der Verbreitung von HTML(5) hat auch der boomende mobile Markt.
Vom W3C hat sich 2004 eine Gruppe abgespaltet. Seither treibt die «Web Hypertext Application Technology Working Group» oder kurz WHATWG die Findung und Entwicklung von Standards aktiv voran. Im Gegensatz zum W3C, das von Tim Berners-Lee geführt wird, stehen verschiedene Unternehmen hinter der WHATWG, darunter die Mozilla Foundation, Apple und die Opera Software ASA. Am 19. Januar 2011 teilte die WHATWG mit, dass sie sich von der Versionierung von HTML gelöst habe: «HTML5 ist HTML». Und weiter: «Der Standard HTML ist ein lebendiges Dokument, dass die Technik so beschreibt, wie sie sich entwickelt.» Das ist ein Paradigmenwechsel und erfrischend. Die WHATWG hat aber nicht den Anspruch, das W3C zu ersetzen. Sie arbeiten eng mit dem W3C zusammen.
«HTML(5)» muss breiter verstanden werden – gemeint sind drei Standards: Die Auszeichnungssprache HTML, JavaScript, als zentraler und mächtiger Bestandteil von modernen Webapplikationen, und CSS(3).
Viele Änderungen gibt es bei der Optik. Gestaltungselemente, die zu Zeiten des «Web 2.0» entstanden sind, sind nun standardisiert. So können abgerundete Ecken, Schattenwürfe, Spiegelungen und echte Transparenz direkt mit CSS realisiert werden. Mit Canvas und SVG können Vektor- und Pixelgrafiken direkt im Browser erstellt und manipuliert werden. Auch Video und Audio werden vom neuen Standard unterstützt.
JavaScript kommt mit einigen Neuerungen. Mit Web Workers werden rechenintensive Aufgaben im Hintergrund ausgeführt, ohne dass die Reaktivität der Applikation darunter leidet. Mit der Einführung des TCP-basierten Web-Socket-Protokolls werden bidirektionale Verbindungen aus Webanwendungen möglich. Daten können ohne den Ballast des HTTP-Protokolls übermittelt werden. Die doch eher mühsamen Ajax-Konstrukte fallen weg. Über Geolocation und Device Orientation können Informationen über die Umgebung der Applikation ermittelt werden und erlauben so eine abgestimmte Interaktion mit dem Nutzer.
Viele der oben genannten Features gab es auch schon vor dem neuen Standard. Die Umsetzung ist aber standardisiert und einfacher zu handhaben. Es werden für Standardanwendungen keine Plugins mehr benötigt.
Doch wie sieht es mit der Unterstützung aus? Das Open-Source-Projekt «WebKit» ist ein wichtiger Treiber des neuen Standards. «WebKit» ist ein Framework, auf dem verschiedene Browser aufbauen. Die bekanntesten sind Google-Chrome und Safari von Apple. «WebKit» wird auch in allen grossen Mobilplattformen eingesetzt. Mozilla und Opera bieten ebenfalls eine sehr hohe Unterstützung. Schon fast traditionell hingegen ist der Rückstand des Internet Explorers. Dies lässt sich auch durch die starke Einbindung im Enterprise-Umfeld erklären. Mit dem IE 9 wird Microsoft aber auch in Sachen HTML(5) einiges an Kompatibilität zulegen.
HTML(5) ist ein wichtiger Bestandteil des Konzepts «Native Interoperable Web Applications » – kurz: NIWEA. Mit den neuen Funktionen kann mit wenig Aufwand ein natives «Look-and-Feel» auf verschiedenen Endgeräten erzeugt werden. Auch die Nutzung nativer Funktionen der Endgeräte, wie Bewegungssensoren, Kameras oder GPS, ist mit dem Einsatz von Webtechnologien möglich. Über zusätzliche JavaScript-Bibliotheken werden die nativen Funktionen auf den Endgeräten angesprochen. Mit HTML(5) können mobile Applikationen entwickelt werden, die von ihren nativen Pendants nicht mehr zu unterscheiden sind.
Das bringt zwei grosse Vorteile: Mehrere mobile Plattformen können mit einer «Codebase » angesprochen und Abhängigkeiten von den jeweiligen App-Stores umgangen werden. Nicht zuletzt müssen sich Webentwickler nur am Rande mit proprietären Technologien auseinandersetzen.
HTML(5) ist ein lebendiger Standard. Neue Einflüsse werden sehr schnell verarbeitet und umgesetzt. Kreative und konservative Kräfte wirken an der weiteren Ausgestaltung des Standards mit. 1991 gab es genau einen Webserver. Heute gibt es Millionen Webserver und noch mehr Nutzer. Die Innovation kommt heute von der Basis, von denen, die ihre Zeit im Netz verbringen, sich täglich damit auseinandersetzen. Die WHATWG hat einen intelligenten Schritt getan und losgelassen. Es gibt keine Versionen mehr, keinen Release, nur noch einen lebendigen Standard. HTML verhält sich fast schon wie eine natürliche Sprache, die sich ständig verändert und weiterentwickelt. Auch bei einer natürlichen Sprache entwickeln sich Regeln weiter – verschwinden Standards, an deren Stelle neue Standards treten.
Veröffentlicht in: ICT-Jahrbuch 2011 © Netzmedien AG 2011