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Frage 843 ProGenesis
Da Ihr beide keine Thurgauer Zeitung habt (wenigstens
habe ich es so in Erinnerung),
ende ich Euch den Leserbrief, den ich heute an die TZ wegen des angehängten Artikels vom 8.1.2003 über Kreationisten gesandt habe.
Liebe Grüsse
B
-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: B.
Gesendet: Samstag, 11. Januar 2003 15:08
An: <email-pii>
Betreff: Leserbrief - Mit der Bibel gegen Darwin, TZ vom 8.1.03
Leserbrief zu den Artikeln in der TZ vom Mittwoch, 8.1.2003:
- Mit der Bibel gegen Darwin
- Papst anerkennt Evolutionstheorie
Wirklich ein Meisterstück an Polemik, wie es besser nicht sein könnte. Bis heute haben es viele Gegner der Kreationisten nicht geschafft, ihre Kritik am Kreationismus auf einer sachlichen Ebene anzubringen. Statt sich die Mühe zu nehmen, die Argumente des Gegners zu verstehen und diese wenn nötig auf einer sachlichen Ebene zu widerlegen, wird versucht, den Gegner durch pauschale (ohne konkrete Fakten zu nennen) Aussagen, wie "fundamentalistisch", "pseudo-wissenschaftlich", "verblendet", "verbissen" und "dogmatisch" mundtot zu machen. Dies bilden doch gerade die typischen Methoden vieler Sekten, um sich ihrer Gegner zu entledigen, die von Sektenspezialisten mit Recht angeprangert werden. Mit denselben Methoden wurde übrigens vor beinahe 2000 Jahren - ebenfalls von Experten - Jesus Christus, der Sohn Gottes beseitigt, weil er das Glaubensgebäude, resp. Weltbild vieler Menschen ins Erschüttern brachte. Sicher gibt es unter den Kreationisten auch "schwarze Schafe", doch ein Grossteil der allgemein zugänglichen Literatur von Kreationisten versucht auf faire und sachliche Weise die beiden Weltanschauungen (Schöpfung/Evolution) einander gegenüberzustellen. Interessierte Leser seien z.B. aufhttps://www.wort-und-wissen.de/ verwiesen. Dass der Papst, resp. die römisch-katholische Kirche die Evolutionslehre anerkennt, muss nicht weiter verwundern. Hat sich dieselbe Kirche vor ca. 400 Jahren in einer anderen naturwissenschaftlichen Frage schon einmal gründlich geirrt. Es scheint mir zudem höchst unverantwortlich, wenn in der heutigen Zeit solche bibelgläubigen Menschen, mehr oder weniger unkommentiert mit dem Etikett "fundamentalistisch" versehen werden, da der Durchschnittsleser solch einen Ausdruck wahrscheinlich mit Bildern aus den Medien verbindet, wo Menschen sich in die Luft sprengen und dabei viele "unschuldige Opfer" mit in den Tod reissen. Man braucht kein Prophet zu sein, um zu erkennen, was solch plakative Ausdrücke beim Leser bewirken oder vielleicht sogar bewirken sollen.
Mit freundlichen Grüssen
OH
Frauenfeld
Lieber Bruno
ganz herzlichen Dank für diese gute Intervention.
Zur Thurgauerzeitung kommt mir momentan aber noch etwas schönes in den Sinn....>>:
von Johannes funktioniert besser mit eingeschaltetem Lautsprecher!)
Liebe Grüsse
Hans Peter
Thurgauer Zeitung, Mittwoch, 8. Januar 2003 (Tagesthema, Seite 2)
Mit der Bibel gegen Darwin
Die Kreationisten glauben fest daran, dass Gott die Welt in sieben Tagen erschaffen hat. Von der Evolutionstheorie wollen sie nichts wissen. In der Deutschschweiz sind sie im Verein ProGenesis organisiert.
Barbara Knopf
Zürich - Das Weltbild von Gian Luca Carigiet, katholisch aufgewachsen in Domat/Ems bei Chur, brach zusammen, als er 13 Jahre alt war. Es war in der Biologiestunde. Der Lehrer erklärte der Klasse, dass die Welt nicht Schlag auf Schlag geschaffen worden sei, und dass der Mensch vom Affen abstamme. Heute, als 45-jähriger Unternehmensberater, ist sich Carigiet sicher: Nur die Bibel gibt Antwort auf die entscheidenden Fragen über Entstehung und Sinn des Lebens. Und nur ein Schöpfer wie Gott kann einem Wesen wie dem Menschen Leben verleihen. Im Oktober 2001 gründete Carigiet in Zürich den Verein ProGenesis «zur Ehrenrettung des Buches Genesis». Sein Ziel ist es unter anderem, der breiten Öffentlichkeit darzulegen, dass die Evolutionslehre von Charles Robert Darwin eine unbewiesene Theorie ist.
Gewiss, auch die Schöpfungsgeschichte wie sie im biblischen Buch Genesis niedergeschrieben ist, sei nicht bewiesen, räumt Carigiet ein. Aber sie sei nun mal «logischer», da sie «Intelligenz aus Intelligenz und Leben aus Leben» ableite und den Schöpfer als einziges Axiom annehme. Heute hat ProGenesis in der Deutschschweiz rund 250 Mitglieder. Diese Zahl liegt unter Carigiets Erwartungen: Er hatte damit gerechnet, bis Dezember 2002 rund 600 Gleichgesinnte zu vereinigen. Eine Ausweitung in die französische Schweiz ist zurzeit kein Thema. Den Jahresaufwand von gegen 30 000 Franken berappt der Vereinsgründer zu einem grossen Teil aus seiner eigenen Tasche. An Spenden kamen 2002 grade mal ein paar Tausend Franken herein. Die Infrastruktur bietet die Carigiet Consulting in Zürich. Im Verein hat sich eine bunte Mischung von Persönlichkeiten zusammengefunden: Da ist der Anwalt neben dem pensionierten Ingenieur und dem Arzt im Ruhestand, da gibt es einen Pfarrer ebenso wie den Ex-Profiboxer Enrico Scacchia. Auch der Berner EVP-Nationalrat Walter Donzé soll dabei sein.
Vorträge an Schulen
Carigiet verwahrt sich dagegen, Fundamentalist zu sein. Er verlange bloss, dass die Schöpfungsgeschichte als wissenschaftliches Modell neben der Evolutionslehre anerkannt und gelehrt werde. Es sei gelogen, wenn man letztere als Tatsache darstelle - sie sei nichts weiter als eine von verschiedenen Hypothesen. Die Schulen sind denn auch eines der Hauptziele der Kreationisten. Sie pflegen sich für Vorträge einladen zu lassen. Zudem ist der Versand eines 200-seitigen Buches an Gymnasien vorgesehen. Von Druckversuchen seitens des Vereins berichten zwei junge Lehrer aus dem Kanton St. Gallen: Sie sollten auf die Behandlung der Evolutionslehre verzichten. (sda.)
Für die Experten ist klar: Die im Verein ProGenesis zusammengeschlossenen Kreationisten sind Fundamentalisten. Entstanden ist die Kreationisten-Bewegung in den 1970er-Jahren in den USA aus dem konservativ-protestantischen Fundamentalismus, erklärt Georg Schmid von der Informationsstelle für Kirchen, Religionen und Sekten in Greifensee. Auch wenn heute einzelne Katholiken dazugehörten, so bleibe sie doch im Kern evangelisch. Der Grossteil der Mitglieder werde in Freikirchen rekrutiert. Die Kreationisten glauben demnach an die Unfehlbarkeit und die historische Richtigkeit der Bibel. Mit pseudo-wissenschaftlichen Methoden «belegen» sie, dass sich die Entstehung der Welt vor nur wenigen Tausend Jahren exakt so zugetragen hat, wie dies in der alttestamentarischen Schöpfungsgeschichte geschildert ist.
Als «Kampfblatt» der
Kreationisten in der Deutschschweiz gilt die Zeitschrift «Factum» unter
Chefredaktor Rolf Höneisen, der auch Präsident der Primarschulgemeinde
Kradolf-Schönenberg ist. Das Blatt wird im St. Galler Verlag Schwengeler
herausgegeben. Der Deutschschweizer Sektenspezialist Hugo Stamm kritisiert die
Verblendung und Verbissenheit dieser fundamentalen - oder zumindest dogmatischen
- Christen. Sie können nicht annehmen, dass die Bibel nicht wörtlich ausgelegt
werden soll. Sonst würde ihr ganzes Glaubensgebäude einstürzen.
Aber auch wenn der Verein ProGenesis in seiner Radikalität Ähnlichkeit hat mit Sekten: Im engen Sinne ist er keine. Dazu ist die Anhängerschaft zu bunt gemischt, umfasst das gemeinsame Credo nicht sämtliche Aspekte ihres Lebens. Immerhin: Im US-Bundesstaat Kansas haben es die Kreationisten geschafft, die Evolutionslehre von 1999 bis 2001 aus dem Unterrichtsprogramm zu verbannen, so Stamm. Wenn ProGenesis da zurückhaltender sei, dann nur, weil dem Verein bewusst sei, dass er auf harten Widerstand stossen würde. (sda.)
Papst anerkennt Evolutionstheorie
Rom - Für Papst Johannes Paul II. ist die auf Darwin zurückgehende Evolutionstheorie mit dem christlichen Glauben vereinbar. Neue Erkenntnisse hätten zu der Feststellung geführt, dass die Evolutionstheorie mehr als eine Hypothese sei, betonte der Papst im Jahre 1996. Allerdings wandte sich Johannes Paul II. damals in seiner Botschaft an die Mitglieder der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften gegen eine «materialistische Lesart» der Theorie über die Entstehung der Menschheit. Ansätze, die den Geist oder die Seele als Produkte der Materie betrachten, seien «mit der Wahrheit unvereinbar».
Einige Kommentatoren wiesen darauf hin, dass schon Papst Pius XII. in seiner Enzyklika «Humani Generis» 1950 die Evolutionstheorie als «ernsthafte Hypothese» bezeichnet hatte. Die von Darwin 1859 veröffentlichte Arbeit «Von der Entstehung der Arten» war lange als Widerspruch zur biblischen Schöpfungsgeschichte begriffen worden. (sda.)
«Diskussion auf Theorie-Ebene»
Kreationisten sind nicht gefährlich. Diese Meinung vertritt Rolf Höneisen, Kreationist und Präsident der Primarschulgemeinde Kradolf-Schönenberg.
Kradolf - Er sei nicht Mitglied von ProGenesis, betonte Rolf Höneisen auf Anfrage der Thurgauer Zeitung. Er sei zwar Kreationist und teile die Überzeugung des Vereins, er habe aber beispielsweise noch nie an einer Sitzung von ProGenesis teilgenommen. Laut Höneisen ist es ein grosses Anliegen der Kreationisten, dass eine «Diskussion auf Theorieebene» stattfindet, sprich, dass über Ideen und Vorstellungen debattiert wird, wie das Leben entstanden ist. Auch in der Zeitschrift «Factum», deren Chefredaktor Höneisen ist, werde eine «evolutionskritische» Debatte geführt. Denn bisher sei es der Wissenschaft noch nicht gelungen, zu belegen, wie etwa die erste Zelle entstanden ist. Höneisen wehrt sich gegen Stimmen, die behaupten, Kreationisten seien gefährlich: «Wir glauben einfach, dass das Leben von einer höheren Macht geschaffen wurde.»
Klare Trennung
Dass er als Kreationist auch Präsident einer Primarschulgemeinde ist, stellt für Höneisen kein Problem dar. Höneisen, der diese Funktion in Kradolf-Schönenberg seit vier Jahren inne hat, betont, dass die Primarschule Kradolf-Schönenberg eine «ganz normale Schule» sei. Eine klare Trennung der beiden Tätigkeitsfelder sei für ihn eine Selbstverständlichkeit. Druckversuche auf die Lehrerschaft, wie sie im Kanton St. Gallen vorgekommen sein sollen, sind für Höneisen schlichtweg unvorstellbar. In seiner Schulgemeinde jedenfalls seien die Lehrer unabhängig, und der Lehrplan werde schliesslich vom Erziehungsdepartement vorgegeben.
Trotzdem weist Höneisen darauf hin, dass gerade bei Kindern (Glaubens-) Konflikte entstehen können. So würde ihnen zuerst beispielsweise in der Sonntagsschule beigebracht, dass Gott die Welt erschaffen habe, und später müssten sie dann anhand der Evolutionslehre erfahren, dass dies gar nicht stimme. Auch deshalb plädiert Höneisen für eine faire Debatte über die Entstehung von Leben und wendet sich gegen den «Absolutismus der Evolutionsvertreter».
In manchen US-Bundesstaaten streiten sich die Bildungspolitiker seit Jahrzehnten, ob die Evolutionstheorie von Charles Robert Darwin oder die biblische Schöpfungsgeschichte unterrichtet werden soll.
Jenny Upchurch und Adrian Croft
Wichita - Für viele Amerikaner, besonders im so genannten Bibelgürtel der USA, ist er noch immer ein Buhmann. Charles Darwin, britischer Biologe und Begründer der Selektionstheorie, soll im Schulunterricht möglichst ignoriert werden, wenn es nach dem Willen der religiösen Rechten ginge. In den religiösen Hochburgen der USA bedrängen Eltern die Lehrer ihrer Kinder, Darwins Theorie über die «Entstehung der Arten» zu schmähen und nur die biblische Schöpfungsgeschichte zu preisen.
Der US-Verband zur Förderung der Wissenschaft befasste sich unlängst mit der häufigen Stigmatisierung von Evolution und Wissenschaft in den USA und beklagte den «Meinungsterror» mancher Eltern. Eugenie Scott, die im kalifornischen Berkeley das Nationale Zentrum für wissenschaftliche Erziehung leitet, berichtete von genervten Lehrern, denen Eltern vorhielten, «zu viel Evolution zu lehren».
Biologie- versus Religionsunterricht
Die Anrufe bedrängter Lehrer kämen meist aus Kalifornien, dem Mittelwesten und dem Nordwesten der USA, «den Gegenden, wo es starke Bollwerke der religiösen Rechten gibt», sagt Eugenie Scott. «Das ist ein Phänomen der Vororte und Kleinstädte.» Die christlichen Fundamentalisten legen den biblischen Schöpfungsbericht, wonach Gott die Welt und den Menschen in einer Woche schuf, wörtlich aus. Darwins Lehre besagt im Kern, dass alle Lebewesen sich im Laufe der Erdgeschichte entwickelt haben, und eine Auslese durch den «Kampf ums Dasein» stattfindet. In welchem Umfang die Erdentstehung im Biologie- und Religionsunterricht behandelt werden, darüber scheiden sich in «Gottes eigenem Land» seit Darwin die Geister.
1999 verbannte der Bundesstaat Kansas Darwins Abstammungslehre und die Urknalltheorie zum Ursprung des Universums aus dem offiziellen Lehrplan. Mit der Entscheidung der Bildungskommission blieb es den mehr als 300 Schulbezirken in Kansas selbst überlassen, welche Version der Entstehung der Welt sie den Kindern nahe bringen. Allerdings nahm der Druck auf die Lehrer zu, die Abstammung des Menschen vom Affen zu unterschlagen oder zumindest in Frage zu stellen. Die christlichen Fundamentalisten rechtfertigten ihre Entscheidung mit dem Argument, sie hätten Darwins Lehre ja nicht verboten, sondern den Schulen die Möglichkeit gegeben, alle Entstehungslehren zu unterrichten. 2001 wurde die umstrittene Entscheidung der Bildungskommission wieder rückgängig gemacht.
Auch in elf anderen Bundesstaaten gab und gibt es ähnliche Bemühungen, die Abstammungslehre zu verbannen. In Tennessee prüften und verwarfen die Gesetzgeber einen Entwurf, wonach öffentliche Schulen Lehrer feuern könnten, wenn sie die Evolution als Tatsache und nicht als Theorie unterrichteten. Umfragen des Gallup-Institutes zufolge glauben die meisten US-Bürger nicht strikt an die Evolutionstheorie. Rund 40 Prozent meinen, die Evolution habe zwar stattgefunden, allerdings unter Gottes Anleitung. Dagegen glauben 44 Prozent ausschliesslich an die Schöpfungsgeschichte, nach der Gott in sechs Tagen die ganze Erde samt allen Lebewesen erschaffen habe. (sda.)