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«Gehst du nach der Geburt wieder arbeiten?»
«Gehst du nach der Geburt wieder arbeiten?» Nie hätte ich gedacht, dass man mir während meiner Schwangerschaft im Jahre 2015 so oft diese Frage stellen würde. Man wollte auch wissen, wie ich die Kinderbetreuung organisieren werde. Als wäre das allein meine Aufgabe. Mein Mann war bei solchen Diskussionen nie ein Thema. Bei ihm sollte alles so weitergehen wie bis anhin. Dass wir das Kind zusammen geplant und gezeugt hatten, schien für andere nicht von Bedeutung. Mit der Zeit konterte ich nur noch mit: «Würdest du das meinen Mann auch fragen?» Damit eckte ich oft an und erntete Kopfschütteln für meine Haltung.
Während der Primarschulzeit Anfang der 90er-Jahre gab es zwei Exoten in meiner Klasse: Raphael und mich. Raphael hatte geschiedene Eltern (heute leider eher die Regel als die Ausnahme). Und ich hatte keine Mami, sondern einen Papi zu Hause. Kamen Freundinnen über Mittag zum Essen, hatte nicht die Mutter, sondern mein Vater gekocht und den Tisch gedeckt.
Mein Papa, der Hausmann
Bis zu meinem sechsten Lebensjahr teilten sich meine Eltern die Kinderbetreuung. Meine Mutter arbeitete vormittags, mein Vater nachmittags. Klar, nicht bei allen Berufen ist eine solche Aufteilung möglich. Aber meine Eltern hatten sich dafür entschieden und zugunsten des Familienlebens auf mehr Einkommen verzichtet. Danach ging meine Mutter 100 Prozent arbeiten, mein Vater arbeitete freiberuflich von zu Hause aus und war tagsüber für den ganzen Haushalt und uns drei Kinder verantwortlich. Er kochte, putzte, bügelte und machte den Einkauf. Er verreiste auch oft allein mit uns während der Schulferien, ohne meine Mutter.
Ich mag mich gut erinnern, als mein damals vierjähriger Bruder mit meinem Vater für über einen Monat durch Süd- und Nordamerika reiste. Die Kolleginnen meiner Mutter fragten sie, ob sie nicht Angst habe, den Kleinen so ganz allein dem Vater zu überlassen.
Solche Sätze machen mich rasend
Seither sind 27 Jahre vergangen, und das traditionelle Familienmodell haftet noch immer in den Köpfen. Sätze wie «Er hilft seiner Frau», «Heute Abend ist er Babysitter, und ich kann ausgehen» oder «Er macht das mit dem Baby so gut und wechselt sogar Windeln» machen mich rasend.
Die Ankunft meines Kindes war für mich das grösste Geschenk auf Erden. Deswegen alles über den Haufen zu werfen, was ich mir zuvor jahrelang aufgebaut hatte, während mein Partner sein Leben unverändert weiterführt, kam für mich aber nie infrage. Die Prioritäten verschieben sich mit der Ankunft eines kleinen Wesens. Diese Änderungen betreffen aber nicht nur mich, sondern auch meinen Partner, den werdenden Vater. Unser Modell muss deshalb Familie und Beruf von uns beiden berücksichtigen.
Das bedeutet: Eine möglichst faire Aufteilung in Sachen Kinderbetreuung, Hausarbeit und Beruf.
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