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Schiller scheint Wiedergutmachung leisten zu wollen für die magere Zahl an Beiträgen und Beiträgern (nämlich gerade mal deren drei) der vorher gehenden Horen-Nummer. Weit über ein Dutzend Beiträge und fast eben so viele Beiträger finden wir diesmal.
Nicht nur das: Der erste Beitrag des Zehnten Stücks, Laokoon von Aloys Hirt, ist sogar eine kleine Sensation. Hirt wagt es nämlich, die Standardinterpretation der berühmten Skulptur, die den Kampf des Priesters und seiner beiden Söhne mit der Riesenschlange zeigt, zu kritisieren – ja für falsch zu erklären, und sich damit mit niemand geringeren anzulegen als mit Lessing und Winckelmann. Beide hatten bedeutende Teile ihrer jeweiligen Ästhetik auf dieser Gruppe aufgebaut, vor allem auf den Gesichtszügen des Vaters. Beide gaben dabei (auf unterschiedliche Weise) einer idealisierenden Tendenz nach, die dem Vater das Schreien oder jeden stärkeren Ausdruck physischen Schmerzes verbot. Hirt erklärt Lessings und Winckelmanns Interpretation für falsch. De facto vertritt er eine naturalistische Auffassung der bildenden Kunst. Lessing, der in der Gruppe die Basis für seine Epoche machende Unterscheidung von bildender Kunst und Literatur fand, wird darauf hingewiesen, dass gerade Vergil, auf dessen Aeneis die Szene zurück zu führen ist, die Darstellung des Todeskampfes der drei schon viel früher abbricht, als die Darstellung der Bildhauer Hagesandros, Polydoros und Athanadoros aus Rhodos. Obwohl diese Provokation Hirts an prominenter Stelle erfolgt, verpufft sie philosophiehistorisch gesehen völlig. Lessing und Winckelmann werden weiter rezipiert; dieser Aufsatz Hirts aber hat seinen Weg nicht einmal die knapp 60 Jahre später veröffentlichte Ästhetik Vischers gefunden – obwohl dieser ansonsten die Horen fleissig gelesen und ausgeschrieben hat. Zu naturalistisch war wohl Hirts Theorie.
Der Anfang des Zehnten Stücks wäre dann schon mal interessant und provokativ gewesen. Doch leider kann Schiller das Niveau nicht halten. Schon der nächste Beitrag, Das Fest der Hertha (Amalie von Imhoff), ein – was ist das: eine Ballade? – ein versifiziertes Etwas, zeichnet sich durch völlige Belanglosigkeit aus. Die Schatten auf einem Maskenball derselben Autorin ist von derselben Qualität. Sophie Mereau darf zwei weitere Briefe Amandas aus ihrem Roman Briefe von Amanda und Eduard beisteuern. Die beiden Briefe bringen die Handlung des Romans nicht weiter und stellen reine Lückenfüller dar. Offenbar wurde schon zu Schillers Zeiten Zeilenhonorar geschunden. Gadso Coopmans, ein zeitgenössischer Holländer, wurde aus dem Latein übersetzt. In seinem Varis beschreibt der Niederländer in Versform eine – Heilmethode für die Pest. Versifizierte Medizin … der Übersetzer oder die Übersetzerin ist bis heute nicht ermittelt worden. Die Danaiden beweisen, dass Gries tatsächlich nicht in der Lage ist, selber zu dichten.
In dieser Nummer finden wir ausserdem zwei Beiträge, in denen ganz offen und ungeniert Werbung gemacht wird für andere Zeitschriften des Cotta-Verlags. Da sind die Stanzen an Amalie bei Uebersendung des Damenkalenders von Lafontaine etc. auf 1798 von K. L. M. Müller. (Hier ist der Herausgeber des Damenkalenders, der rührige August Lafontaine, interessanter als der Versifikant. Lafontaines Quinctius Heymeran von Flaming ist noch heute lesenswert – Arno Schmidt hat diesen spätaufklärerischen, satirischen Roman in der Reihe seiner Funk-Essays besprochen.) Das andere Gedicht ist Des Lieblingsörtchens Wiedersehen von Sophie Mereau, das als Untertitel (Man siehe Schillers Musenalmanach auf 1796) trägt. Das Gedicht leidet nicht nur darunter, dass das Wort ‚Örtchen‘ heute ganz bestimmte, stille Assoziationen aufweist. Es leidet auch an unnötigem Pathos – so, wenn es gleich anhebt mit: Was wallst du, Luft, so liebend mir entgegen? – Flatulenzen?
Ein gewisser M. (oder eine gewisse M.) hat zwei Gedichte beigesteuert: Cosmopoliten und Das Neue. Inhaltlich wie formal banale Kurzware. Dass man den Autor / die Autorin bis heute nicht ermitteln konnte, weist wohl auf einen Amateur / eine Amatrice aus Schillers Umfeld hin, aus dem sich der Herausgeber ja unterdessen freigiebig bediente.
Nicht in diesen Kreis gehörte Elisa von der Recke, die mit Die Todtenköpfe ein Gedicht beisteuern durfte, das ihre Zugehörigkeit zum Pietismus und zur Empfindsamkeit nur bestätigt. Muss man nicht gelesen haben; merkwürdig genug, dass Schiller derartiges in seinen Horen akzeptierte. Der Mangel an Beiträgen führte offenbar dazu, dass Schiller sich genötigt sah, auch wieder eigene Beiträge einzubringen. Seine beiden Gedichte Hofnung und Die Begegnung kennt man heute allerdings nicht mehr – was genug über ihre Qualität aussagt.
Last but not least ist auch Hölderlin noch einmal vertreten. Auch dessen Die Eichbäume gehört heute nicht zum Hölderlin-Kanon. Im Rahmen dieser Horen-Nummer sticht das kurze Gedicht allerdings förmlich heraus – zu Recht, sind es doch diese Hexameter, in denen Hölderlin zu seinem eigenen Ton gefunden hat. Sie verdienen es, hier in voller Länge zitiert zu werden:
Die Eichbäume
Aus den Gärten komm’ ich zu euch, ihr Söhne des Berges!
Aus den Gärten, da lebt die Natur geduldig und häuslich,
Pflegend und wieder gepflegt mit dem fleißigen Menschen zusammen.
Aber ihr, Ihr Herrlichen! steht, wie ein Volk von Titanen
In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel,
Der euch nährt’ und erzog und der Erde, die euch geboren.
Keiner von euch ist noch in die Schule der Menschen gegangen,
Und ihr drängt euch fröhlich und frei, aus der kräftigen Wurzel,
Unter einander herauf und ergreift, wie der Adler die Beute,
Mit gewaltigem Arme den Raum, und gegen die Wolken
Ist euch heiter und groß die sonnige Krone gerichtet.
Eine Welt ist jeder von euch, wie die Sterne des Himmels
Lebt ihr, jeder ein Gott, in freiem Bunde zusammen.
Könnt’ ich die Knechtschaft nur erdulden, ich neidete nimmer
Diesen Wald und schmiegte mich gern ans gesellige Leben.
Fesselte nur nicht mehr ans gesellige Leben das Herz mich,
Das von Liebe nicht läßt, wie gern würd’ ich unter euch wohnen!