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Eine Art Monster in Menschengestalt soll dieser Richard III. gewesen sein. Ein Unhold sondergleichen. Für keine Schandtat sei er sich zu schade gewesen.
«Entstellt, verwahrlost», nannte William Shakespeare in seinem gleichnamigen Drama aus dem späten 16. Jahrhundert den englischen König. Der Dichter legte Richard III. eine wenig schmeichelhafte Selbstbeschreibung in den Mund:
Seine Neffen habe Richard III. kurzerhand meucheln lassen, um sich den Weg zu Englands Thron zu bahnen. Tatsache ist: Am 22. August 1485 ist Richard III. in der Schlacht von Bosworth während der sogenannten Rosenkriege gefallen. Dem König wurde so die zweifelhafte Ehre zuteil, der letzte König Englands zu sein, der sein Leben auf dem Schlachtfeld liess.
Der Sieger von Bosworth, Heinrich Tudor und Begründer der gleichnamigen Dynastie, hatte der Natur der Sache gemäss wenig Interesse daran, seinem toten Rivalen einen guten Leumund zu attestieren. Ausser einem denkbar schlechten Ruf hatte Richard III. der Nachwelt also wenig hinterlassen, scheinbar nicht einmal sterbliche Überreste. Nach ausgiebiger Schändung seien seine Gebeine einst in den Fluss Soar geworfen worden, so besagte es die Legende.
Eine Legende, an der eine Frau namens Philippa Langley im modernen Grossbritannien Zweifel hegte. Richard III. wurde geradezu zu ihrer Obsession, sie machte die Suche nach ihm zu einer Jahre währenden Mission. «The Lost King» ein Film über Langleys Odyssee läuft derzeit in den Kinos hierzulande. Die Hauptrolle der Philippa Langley spielt die zweifach Oscar-nominierte Sally Hawkins.
Ein Erfolg, der vor allem möglich wurde, weil die Amateurhistorikerin 2012 tatsächlich fündig geworden war. Und damit berühmt.
In der Stadt Leicester in den englischen East Midlands fand Langleys Team die Überreste des toten Königs – ausgerechnet unter einem Parkplatz. Einst hatte dort eine Kirche gestanden, in der die Gebeine Richards III. bestattet worden waren, ohne Prunk, ohne Zier, wie es eigentlich eines Monarchen würdig gewesen wäre. Die Nachricht von der Sensation ging um die Welt, zumal ein späterer DNA-Abgleich mit Nachkommen des Königs jeden Zweifel beseitigte.
Wie aber kam Philippa Langley, eine berufstätige Mutter von zwei Kindern, dazu, sich als Amateurin in der männlich dominierten Welt der Historiker und Archäologen auf die Suche nach einem vor Jahrhunderten erschlagenen König zu machen? Letzten Endes war wohl Trotz ein Teil ihres Antriebs. «Ist das dein Ernst?», war die Frage, die Langley entgegenschallte, wenn sie von ihrer Suche nach Richard III. erzählte. Gefolgt von der allgemeinen Überzeugung: «Du wirst ihn niemals finden.» Das berichtet sie im Begleitmaterial zum Film.
Trotz war es aber nicht allein, sondern auch Langleys Sinn für Gerechtigkeit. 1998 war sie das erste Mal auf Richard III. aufmerksam geworden, als sie eine Biografie über den Toten las. Je mehr sie sich mit der Person beschäftigte, desto überzeugter war sie, dass dem König Unrecht widerfahren war.
Shakespeare schildert den Körper Richards III. als deformiert, «entstellt», «verwahrlost», «lahm» und «hinkend», auch einen Buckel habe er gehabt. So werden in seiner Darstellung physische Gebrechen mit einem Hang zu Bösartigkeit und Grausamkeit gleichgesetzt. Das wollte Philippa Langley so nicht stehen lassen. «Ich bin heute hier, um euch eine Geschichte über eine zu Unrecht schlecht behandelte Person zu erzählen», sagt Sally Hawkins, die Philippa Langley verkörpert, in einer Szene von «The Lost King» vor einer Schulklasse.
Denn Langley, die am Chronischen Erschöpfungssyndrom leidet, hat in ihrem Leben selbst die Erfahrung gemacht, deshalb ungerecht behandelt zu werden. So schliesst sich gewissermassen der Kreis zwischen Langley und Richard III. Was wiederum für die Filmemacher rund um Regisseur Stephen Frears eine willkommene Verbindung gewesen ist.
«Irgendwie verschmolzen in unseren Köpfen der König, der verleumdet wurde und eine körperliche Missbildung hatte, und Philippa, die immer wieder an ihre Grenzen stiess», äusserte sich Jeff Pope, der zusammen mit Steve Coogan das Drehbuch schrieb. Coogan ist in «The Lost King» übrigens auch vor der Kamera zu sehen, er spielt in der Handlung Langleys Ehemann, mit dem sie in Trennung lebt.
Star des Films ist aber Sally Hawkins, die Philippa Langley in ihrer Stärke, ihrer Überzeugung und Beharrlichkeit famos verkörpert. Aber auch in Langleys Zweifeln, der Hinnahme von Fehlschlägen und Zurückweisungen, ja, auch Demütigungen. Allerdings ist «The Lost King» keine Dokumentation, sondern ein Filmdrama. Und weil Langleys Suche nach Richard III. viele Jahre lang gedauert hat, ist die Handlung zeitlich gestrafft.
Auf diese Weise vollbringt Sally Hawkins als Philippa Langley binnen kurzer Zeit das, wofür die echte Langley einen nicht unbeträchtlichen Teil ihres Lebens verwendet hat: Verstreute Information zusammenzutragen, sie zu verbinden und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Die sie dann zu einem Parkplatz in Leicester führten – und zu Richard III.
Und so bekommt der grandios anzusehende Film am Ende sein Happy End. Richard III. erhält eine Bestattung, sein Ruf wird zumindest zum Teil wiederhergestellt, während Philippa Langley der ganzen Welt beweisen konnte, dass sie im Recht war. Weniger für sich selbst, wie sie sagt. Sondern als «Inspiration für andere Menschen», «damit sie an ihrem Traum festhalten» können.
Die Träume Richards III. endeten 1485 in der Schlacht von Bosworth. Die Worte «Ein Pferd! Ein Pferd! Mein Königreich für ein Pferd», hatte William Shakespeare ihm in seinem Drama in den Mund gelegt. Doch dieses Königreich gehörte fortan den Tudors, die die Geschichte als Sieger in ihrem Sinne umschrieben.
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