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11.07.2023
Die Erfassung von (sichtbaren und versteckten) Qualitätskosten und die Nutzung dieser Daten zur Optimierung von Produkten und Prozessen sind ein wichtiger Beitrag zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit von Schweizer Unternehmen - vor allem gegen die aufstrebende ausländische Konkurrenz.
Als Qualitätskosten werden alle Kosten bezeichnet, die entstehen, um die Qualitätsanforderungen an ein Produkt oder eine Dienstleistung im Unternehmen zu erfüllen. Im Allgemeinen kann zwischen Präventivkosten zur Sicherung der Qualität (z.B. Mitarbeiter, geplante Prüfkosten, Audits etc.) und Korrekturkosten zur Behebung von Mängeln (z.B. Nacharbeit, Neuproduktion, ungeplante Prüfkosten, Korrekturen etc.) unterschieden werden. In vielen Fällen ist der Aufwand der Kostenerfassung hoch, da qualitätsbezogene Kosten nicht immer offensichtlich und sichtbar sind. Abhängig von Branche, Unternehmensgrösse und Managementsystem können Qualitätskosten bis zu 25% des jährlichen Umsatzes eines Unternehmens betragen. Aufgrund der komplexen Wechselwirkung zwischen Qualität und Kosten liegt ein dauernder Zielkonflikt vor. Soll bessere Qualität erzeugt werden, muss mit höheren Kosten gerechnet werden. Umgekehrt birgt eine zu geringe Investition in die Sicherung der Qualität die Gefahr von Qualitätsverlusten.
Obwohl Qualitätskosten als kritischer Erfolgsfaktor für die Erreichung der Wettbewerbsfähigkeit angesehen werden, wenden viele Unternehmen diesen Ansatz und die entsprechenden Kalkulationsmethoden nicht an. Armand V. Feigenbaum legte bereits 1956 mit dem PAF-Modell (Preventive-, Appraisal- & Failure Costs) den Grundstein zur Erfassung der Qualitätskosten. Basierend auf Feigenbaums Ansatz entwickelten sich in den weiteren Jahren unterschiedliche Modelle. Verschiedene Studien zeigen die wichtigsten Indikatoren eines Qualitätskostensystems auf und belegen gleichzeitig die Notwendigkeit dieses Instruments zur Qualitätssicherung. Am häufigsten werden, basierend auf Feigenbaums Qualitätskostenmodell, Präventions- und Versagenskosten erfasst.
Die Aufteilung der Qualitätskosten nach dem PAF-Modell (Abbildung 1) findet international Anwendung. Die unterschiedlichen Interpretationen der Kosten in Bezug auf Qualität führen allerdings dazu, dass verschiedene Qualitätskostenmodelle zur Gliederung, Quantifizierung und anschliessender Analyse der Kosten angewendet werden. Das Ziel aller Modelle ist die Erfassung und Zuordnung der qualitätsbezogenen Kosten.
Gemäss dieser traditionellen Dreiteilung der
Qualitätskosten basiert das kostenoptimale Qualitätsniveau auf der Annahme
einer bestimmten Fehlerquote. Dies hat zur Folge, dass alle weiteren
Anstrengungen zur Qualitätsverbesserung die Gesamtkosten in Bezug auf die Qualität
massiv ansteigen lassen.
Trotz der nach wie vor breiten Akzeptanz des traditionellen Modells werden in der Literatur auch dessen Schwachstellen beschrieben. So berücksichtigt dieses Qualitätskostenmodell einen möglichen Wettbewerbsvorteil durch hohe Qualität am Markt nicht und suggeriert einen direkten Zusammenhang von Qualität und Kosten im konträren Sinne. Weiter ist eine eindeutige Zuordnung der qualitätsbezogenen Kosten nicht immer möglich und die Ursachen können nicht aufgezeigt werden. Das traditionelle Qualitätskostenmodell stösst bei den Ansprüchen an heutige Unternehmen und der ganzheitlichen Betrachtungsweise der qualitätsbezogenen Kosten aufgrund fehlender Abgrenzungen und Fokussierung auf technische Gesichtspunkte an seine Grenzen.
Das moderne Qualitätskostenmodell hingegen ist zweigeteilt und zielt auf die Umsetzung einer „Null-Fehler-Strategie“ ab. Diese wertschöpfungsorientierte Gliederung zeigt die Aufteilung der Kosten in Konformitäts- und Nichtkonformitätskosten. Fehlerfreie und zuverlässige Prozesse sind hierfür die Voraussetzung, gute Qualität wird durch konsequente Anwendung und Umsetzung von Massnahmen zur Fehlervermeidung erreicht. Die Unterteilung in die beiden Kostenarten, mit welcher dem kundenorientierten Ansatz der „Übereinstimmung mit den Anforderungen“ Rechnung getragen werden soll, ist in Abbildung 2 dargestellt.
Die Konformitätskosten beinhalten alle aufgewendeten Kosten zur Erfüllung der Kundenanforderung. Dies sind bekannte und planbare Kosten zur Herstellung des gewünschten Produktes in der richtigen Qualität, inklusive Prüftätigkeiten, Audits und qualitätsbezogene Schulungen. Diese Kosten sind nicht vermeidbar und dienen der Sicherstellung der gewünschten Produkt-Eigenschaften. Aus unternehmerischer Sicht werden diese Aktivitäten als wertschöpfende Massnahmen betrachtet, da der Kunde die Anforderungen mit dem Bezahlen eines höheren Preises honoriert. Die Konformitätskosten werden in der Regel jährlich definiert und sind fester Bestandteil der Budgetplanung.
Als Nichtkonformitätskosten werden alle ungeplanten Kosten erfasst. Diese Kosten sind vermeidbar und sollten mit geeigneten Massnahmen reduziert werden. Diese Fehlerkosten und ungeplanten Kosten können in Form von
anfallen.
In den letzten Jahren werden in der Literatur vermehrt die versteckten Kosten im Zusammenhang mit qualitätsbezogenen Kosten diskutiert (Abbildung 3). Sogenannte „Hidden Quality Costs“ treten in zwei Formen auf: Zum einen sind es diejenigen Kosten, die durch ineffiziente Prozesse und Systeme bedingt sind, und zum anderen Aktivitäten, die eindeutig qualitätsbezogenen Charakter haben, aber nicht als solche geführt werden. Beim Eintreten einer Qualitätsabweichung wird eine komplexe Reihe von kostspieligen Ereignissen ausgelöst, die versteckten Kosten verursachen können. Da die Auswirkungen von versteckten Kosten (meist) nicht nachvollzogen werden können, werden diese bewusst oder unbewusst vernachlässigt. Versteckte Kosteneingaben beinhalten zum Beispiel:
Da klare Definitionen und Vorgehensweisen zu versteckten Qualitätskosten fehlen, besteht hier ein grosser Nachholbedarf, diese einheitlich zu spezifizieren und Methoden und Elemente zu deren Aufdeckung zu entwickeln.
Die Erfassung von (sichtbaren und versteckten) Qualitätskosten und die Nutzung dieser Daten zur Optimierung von Produkten und Prozessen sind ein wichtiger Beitrag zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit von Schweizer Unternehmen - vor allem gegen die aufstrebende ausländische Konkurrenz. Egal, ob traditionelles oder modernes Qualitätskostenmodell: An erster Stelle steht die Identifizierung von Verschwendung als Basis zur Kostenreduktion, mit direktem Einfluss auf die Wertschöpfung eines Unternehmens. Dank der Einführung einer einfachen Systematik zum Qualitätskosten-Controlling kann ohne grossen Aufwand ein wichtiger Schritt zur Kostenreduktion gemacht werden.
Autor: Dr. René Minder(Dozent)
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