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Der 11. März 2011 begann für die 12’000 Einwohner des Fischerdorfes Minamisanriku wie ein gewöhnlicher Wintertag mit grauem Himmel. Keiner von ihnen ahnte, dass ihre Welt innerhalb weniger Stunden auf den Kopf gestellt werden würde, und zwar auf die verheerendste Weise, die man sich vorstellen kann.
von Neta Bar
Gegen 15 Uhr wurde östlich von Japan ein massives Erdbeben registriert, das eine akute Tsunami-Warnung für die Küstenbewohner auslöste. Die Menschen in Minamisanriku begannen sich auf das vorzubereiten, was kommen könnte. «Dies ist ein tsunamigefährdetes Gebiet und deshalb sind wir darauf gut vorbereitet», sagte Bürgermeister Jin Sato.
Sato rannte zusammen mit seinem Team zu einem Hochhaus und gab Anordnungen weiter, um die Evakuierung der Bewohner zu beschleunigen. Das Problem war, dass die offizielle Warnung von einer sechs Meter hohen Welle sprach, der tatsächliche Tsunami aber fast dreimal so hoch war. «Die Welle schlug über unsere Köpfe hinweg und verwüstete den Ort. Ich wurde auf eine Treppe geschleudert und brach mir zwei Rippen», erinnert er sich.
Die Wellen prallten mit einer unvorstellbaren Wucht auf, zerschmetterten die kleinen Holzhäuser und hinterliessen eine schier endlose Schneise aus Trümmern und Verzweiflung. Nur die Zementgebäude blieben stehen. «Wir haben 831 Mitglieder unserer kleinen Gemeinde verloren, 70 Prozent der Gebäude wurden dem Erdboden gleichgemacht. Der Rest wurde schwer beschädigt.» sagt Sato. «Das Industriegebiet war weggefegt, das Gemeindegebäude fast vom Erdboden verschwunden.»
Es war die schlimmste Katastrophe, die seine Stadt je getroffen hat. Die Situation war desaströs. Strassen waren entweder blockiert oder zerstört, das Stromnetz und das Mobilfunknetz waren ausgefallen und die Wasserversorgung war unterbrochen. Japans Streitkräfte leisteten so viel Hilfe, wie sie konnten, aber die verängstigten Bewohner, die ihre Häuser verloren hatten, standen vor einem Chaos epischen Ausmaßes.
Masafumi Nishizawa, ein ortsansässiger Arzt, war in der ersten Zeit der einzige Mediziner im Evakuierungszentrum der Stadt. «Erst nach einer Woche trafen weitere medizinische Teams ein, insgesamt 20 Spezialisten. Das Problem war, dass alle medizinischen Einrichtungen zerstört waren. Wir hatten keine Ausrüstung, um die Leute zu untersuchen oder zu operieren.»
Die lokale Führung brauchte dringend Hilfe und diese kam vom anderen Ende der Welt: Israel.
Eine Delegation der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) war etwa zwei Wochen nach dem Tsunami vor Ort. Es war die erste ausländische Hilfsdelegation, die eintraf. Die japanische Regierung machte jede ausländische Hilfe davon abhängig, dass die Teams ihre eigene Ausrüstung mitbringen, und Israel war das einzige Land, das diese Anforderung so kurzfristig erfüllen konnte.
Das japanische Parlament hielt eine Sondersitzung ab, um den Mitgliedern der israelischen Delegation eine Sondergenehmigung zu erteilen, die es ihnen erlauben würde, die Einheimischen zu behandeln. Nachdem sie viele Hürden genommen und viele Bedenken ausgeräumt hatten – einschliesslich der Sorge, der Strahlung des Reaktors in Fukushima ausgesetzt zu sein, der eine Kernschmelze verursacht hatte – landete die Delegation schliesslich in Japan.
Sie bestand aus Ärzten, Krankenschwestern, Röntgenspezialisten und der gesamten notwendigen Ausrüstung. Sie begannen sofort mit dem Aufbau eines Feldlazaretts.
«Wir waren darauf angewiesen, dass sie Tests durchführen können, aber wir waren verblüfft, wie gut sie ausfgerüstet waren und wie professionell sie diese bedienten», erinnert sich Nishizawa in einem Gespräch mit Israel Hayom. «Ihr Fachwissen war erstaunlich und sie hatten alles in Rekordtempo aufgebaut und in Betrieb genommen.»
Zu den ersten Patienten, die in das Krankenhaus eingeliefert wurden, gehörten Satos eigene Mitarbeiter, er selbst wurde geröntgt. «Sie waren höflich und gut gelaunt und ich war sehr dankbar, dass ich behandelt wurde», erinnert er sich.
Trotz der Notlage und der Erleichterung darüber, dass man sich endlich um ihre medizinischen Bedürfnisse kümmerte, blieben die Japaner, die nur selten mit ausländischen medizinischen Teams zusammenarbeiten, misstrauisch. Die Israelis waren besorgt, dass sich daraus Feindseligkeiten entwickeln könnten.
«Es gab viele ältere Menschen in der Stadt, die medizinische Hilfe benötigten. Als ich hörte, dass eine ausländische Delegation unterwegs war, war ich ein wenig besorgt, dass diese Menschen Angst davor haben würden, inmitten des Tumults dieser Tragödie von einem Ausländer untersucht zu werden, zumal sie ihr ganzes Leben lang noch nie einem Nicht-Japaner begegnet waren», sagt Nishizawa, der mit den Israelis während ihres gesamten Aufenthalts zusammenarbeitete.
Aber diese Bedenken wurden letztlich ausgeräumt und die Ärzte gingen mit Unterstützung von Dolmetschern freundlich auf die Patienten zu und schafften es, ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie trotz der kulturellen Unterschiede auf ihrer Seite waren.
Die Israelis überzeugten die Einheimischen mit verschiedenen Gesten, wie sehr sie ihnen helfen wollten. «Schwangere Frauen standen unter besonderem Druck, weil ihnen die richtige Ausrüstung fehlte. Sie mussten weite Strecken zurücklegen, nur um sich untersuchen zu lassen oder um zu gebären», sagt Nishizawa. «Aber die israelische Delegation hatte einen Arzt, der in der Entbindung von Babys ausgebildet war, und nachdem er von der Situation erfahren hatte, begann er, Hausbesuche zu machen, begleitet von einer einheimischen Krankenschwester. Dieses Mitgefühl und die Bereitschaft, der Gemeinde eine helfende Hand zu reichen, hat mich wirklich berührt», sagt Nishizawa mit Bewunderung.
Weit entfernt, aber im Herzen nah
Am 10. April, einen Monat nach der Katastrophe, verliess die Delegation Japan, nachdem sie ein voll funktionsfähiges Feldlazarett an die lokalen Behörden übergeben hatte. Heute steht auf dem Gelände der ehemaligen Einrichtung eine Gedenkstätte, die von Israel gestiftet wurde. Die Gedenkstätte erinnert nicht nur an die schrecklichen Ereignisse des Jahres 2011, sondern auch an das Band, das zwischen den beiden Nationen in der Folge geschmiedet wurde.
In dem Jahrzehnt nach der Katastrophe wurden in der Stadt neue Häuser errichtet, Einkaufszentren gebaut und Parks und Stadtviertel wiederhergestellt. Auch die Fischereiindustrie kam wieder in Gang und bietet vielen Einheimischen Arbeit.
Doch die tiefe Wunde, die der Tsunami in die Herzen der Bewohner gerissen hat, ist geblieben. «Unsere grösste Herausforderung ist es, wieder ein Gemeinschaftsgefühl herzustellen», sagt Sato. «In den letzten 10 Jahren hat unsere Gemeinde immer wieder Krisen durchlebt, da viele Einheimische ausgewandert sind. Wir sind bemüht, dass sie zurückkommen und sich wieder sicher fühlen. Das ist eine enorme Herausforderung.»
Trotz der vielen Todesopfer und der Not, die in den Jahren danach entstanden ist, erinnern sich sowohl Sato als auch Nishizawa an die starke Verbundenheit zwischen dem medizinischen Personal und den Anwohnern. «Israel hat uns nach der Katastrophe so sehr geholfen, und wir sind dem Land zu grossem Dank verpflichtet», bekräftigt der Bürgermeister. «Letztes Jahr haben wir einen Dankesbrief an alle Israelis geschrieben, den wir an die israelische Botschaft schickten. Wir sind sehr dankbar und werden diese Hilfe Israels nie vergessen.»
Wenn Nishizawa über seine Erfahrungen mit den israelischen Teams spricht, erwähnt er auch das rasante Tempo, mit dem Israel seine Bürger gegen COVID-19 impft. «Das zeigt mehr als alles andere, wozu die Israelis fähig sind», sagt er.
«Ich denke, dass Israel für viele Japaner ein rätselhaftes Land ist. Doch für uns wird Israel – obwohl es so weit weg und so anders ist – immer als das erste Land in Erinnerung bleiben, das uns zu Hilfe kam und uns das Gefühl gab, dass wir mit dem Rest der Welt verbunden sind. Japan ist ein Inselstaat, und wir neigen bei einer Katastrophe zunächst dazu, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Doch statt sich auf die eigenen Probleme zu konzentrieren, hat Israel uns die Hand gereicht und dafür werden wir ewig dankbar sein.»
Neta Bar ist Auslandsredakteurin bei Israel Hayom. Auf Englisch zuerst erschienen bei Israel Hayom. Übersetzung Audiatur-Online.