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Jim Sailer
08. März 2023
Mein Name ist Jim Sailer, ich kannte Madeleine aus meiner Tätigkeit als Sekretär des Schweizerischen Filmtechnikerverbandes.
Madeleine wäre sicherlich nie auf die Idee gekommen, sich um eine Präsidentschaft in einem Verband zu bewerben, ihre Vorlieben galten dem Filmschaffen. Sie war im Vorstand der Gewerkschaft aus der Einsicht, dass gute Filme und gute Arbeitsbedingungen zusammenhängen. Aber das ritualisierte Vereinsleben, die vielen oft sinnlosen Sitzungen, das war nicht ihr Lieblingsbiotop.
Georg Janett war seit der Gründung des Schweizerischen Filmtechnikerverbandes im Jahr 1974 Präsident. Er wollte sein Amt endlich einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin übergeben. Niemand wollte in seine Fussstapfen treten, wir suchten und suchten, fanden niemanden und jedes Jahr hängte Georges seufzend noch ein Jahr dran, unter der ultimativen Bedingung, das sei wirklich das letzte Mal, dass er das noch einmal mache.
Madeleine: stürmten wir Jahr um Jahr:
Nur Du kannst das machen, weit und breit ist keine Person in Sicht, die auch nur ein bisschen geeignet wäre. Du bist Brückenbauerin, Du bist mehrsprachig, wo nötig kannst Du sehr bestimmt auftreten, Du kannst im Namen der guten Sache sehr hartnäckig sein. Du bist aus der Westschweiz, Du bist blitzgescheit.
Bref, Madeleine, Du musst. 1979 übernahm sie das Amt. Sie beklagte sich nicht, aber ich denke, im Himmel hörte man ihr verhaltenes Murren.
Die Sitzungen damals, Flöhe hüten ein Kinderspiel dagegen. Es gab die pragmatischen Filmtechniker/innen, die wollten einigermassen geregelte Arbeitszeiten, vernünftige Löhne, kurzum, sie wollten nicht schon wieder für einen ganz tollen aber halt völlig unterfinanzierten Film Opfer bringen, Gratisarbeit leisten. Es gab sogar ganz Abgebrühte, die von sich sagten, sie würden die fertigen Filme nie anschauen, wozu auch.
Der von der hehren Filmkunst besessene Flügel war von soviel praktischem Denken angewidert. Arbeitspausen wie im Arbeitsgesetz? Geht’s noch. Altersvorsorge? Geht’s noch. Den Banken noch mehr Geld geben, mit dem sie dann noch mehr Ausbeutung betreiben?
Es brauchte seitens der neuen Präsidentin viel Fingerspitzengefühl, Einfühlungsvermögen, Empathie und Geduld mit den Pragmatikern und den Kunstbesessenen.
Aber sie meisterte bravourös das Kunststück, den Laden zusammen zu halten und damit die Handlungsfähigkeit des Verbandes zu erhalten.
Madeleine war auch super in praktischen Alltags-Fragen:
Wieder totale Ebbe im Verbandskässeli. Der Sekretär wieder nix Lohn, er wäre aber doch so gerne in die Ferien gefahren. Madeleine telefonierte kurz entschlossen mit einem Kameramann, der unvorsichtigerweise Madeleine von seiner Erbschaft erzählt hatte. Er gab dem Verband ein rettendes Darlehen.
Im Jahr 1982 gab Madeleine die Präsidentschaft weiter an Jean Luc Wey. 1987 verliess ich nach zehn Jahren den Verband, aber wir haben uns nicht aus den Augen verloren, wir unternahmen mit ein paar versprengten Film-Leuten Schiffsfahrten, Ausflüge.
Mit Madeleine konnte man dank ihrem Wissen und ihrer unersättlichen Neugierde über alles diskutieren. Und über die zahllosen unauflösbaren Widersprüche des irdischen Daseins herzlich lachen.
Wenn Sie zu sich nachhause in Zürich oder später in Bern eingeladen hat, war sie die perfekte Gastgeberin. Weine, Essen, Räume, alles ganz ganz wunderbar. Irgendwann einmal verschlug es uns in die Räuberhöhli. Kurt Früh liebte dieses Lokal über alles, er hat dort unter anderem «Hinter den 7 Gleisen» gedreht.
Der ehemalige Barmann der Höhli war gerade in seiner Beiz wieder eingetroffen, nach 4 Jahren in der Strafanstalt Regensdorf, wegen ein paar Büchsen Ravioli, wie er sagte. Anlässlich seiner Entlassung wurden ihm Reste seines Gefangenenlöhnlis ausbezahlt, tausendundvierunddreissig Franken. Die legte der Barkeeper auf die Theke: Alle sind eingeladen, bis die Kohle weggesoffen ist.
Es war eine wunderbare Willkommensfeier: der verlorene Gauner kommt endlich nach Hause. Madeleine schluckte das Hürlimann-Freibier runter, als wäre das ihr Lieblingsgetränk. Sie genoss quietschvergnügt die fröhliche Sauferei der bösen Diebe. Verurteilen war nie ihr Ding.
Es heisst, der Mensch sei nie so schlecht wie sein Ruf, aber nie so gut wie sein Nachruf. Madeleine hatte sicherlich nie einen schlechten Ruf und sie ist viel viel besser wie ihr Nachruf.
Madeleine, Du, hast es gut gemacht.
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