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Mit der «MS Hanseatic» zu den Teufelsinseln
«Namen sind Schall und Rauch.» Dieses bewahrheitet sich besonders auf den Teufelsinseln.
Dankbare Nonnen nannten die vor Französisch-Guyana liegenden drei Eilande Îles du Salut – Inseln des Heils. Sie waren vor einer in Cayenne wütenden Gelbfieberepidemie hierher geflüchtet und hatten dadurch überlebt. Dies geschah im 17. Jahrhundert, bevor hier die französische Strafkolonie eingerichtet wurde. Für Generationen straffälliger Franzosen waren sie später Inseln des Unheils, denn sie alle wurden vom Mutterland Frankreich hierher deportiert, ohne die geringste Hoffnung auf Rückkehr. Unter der Bezeichnung Teufelsinseln sind sie nach der Dreyfus-Affäre (1894) und der Verfilmung des Romans «Papillon» mit Dustin Hoffman (1973) ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt und zu weltweiter makabrer Berühmtheit gelangt.
Es handelt sich um drei kleine Inselchen, etwa 13 Kilometer vor der Küste gelegen: Île Royale, Île Saint-Joseph und die kleinste, Île du Diable. Die Entfernung zwischen ihnen ist klein, doch die hier verlaufenden starken Strömungen isolieren und schützen sie stärker als jede Distanz.
Alle drei Eilande mit ihren Palmen und der dichten tropischen Vegetation sind überaus lieblich anzusehen. Papillon fasste seine ersten Eindrücke in folgenden Worten zusammen: «Wenn man nicht wüsste, was sich dahinter verbirgt, könnte man sich wünschen, sein ganzes Leben dort zu verbringen…» Unglaublich! Ein touristischer Prospekt wirbt tatsächlich für Urlaub auf der «Trauminsel», der Île Royale.
Verfallene Zellentrakte und Ariane-Raketen
Mehrere Passagiere stehen an Deck und tauschen sich tief berührt über den im Bordkino gesehenen Film aus, während sich unsere «Hanseatic» den Inseln nähert. Alle Inseln sehen mit ihrem dichten Pelz tropischer Vegetation und den schlanken Kokospalmen äusserst lieblich aus. Nichts lässt vom Wasser aus auch nur erahnen, was dort wirklich war und sich noch heute verbirgt. Ein heftiger, kurzer Tropenschauer geht präzise in dieser Zeitspanne nieder und fegt die Decks leer, als die «MS Hanseatic» an der kleinsten der drei Inseln, der Teufelsinsel, vorbeifährt. Spannung und Emotionen nehmen zu, Unbehagen überfällt mich. Ausser mir ist noch niemand hier gewesen. Erinnerungen an meinen ersten Besuch vor zehn Jahren werden wach, erschütternde Bilder von dachlosen, vom Zahn der Zeit zerfressenen Gefängnistrakten steigen in mir hoch. Was werde ich nach dieser langen Zeit vorfinden? Eine touristisch vermarktete Île Royale? Was werde ich auf Saint-Joseph erleben, wo ich noch nicht war? Von blossem Auge erkennbar ist ein steil gen Himmel strebendes weisses Etwas. «Eine startbereite Ariane-Rakete», erklärt mir ein Mitpassagier.
Wie in diesen Breitengraden üblich, reissen die bedrohlich schwarzen Wolken unerwartet auf und die Tropensonne brennt erneut gnadenlos auf unsere Köpfe. Trotz Passatwind ist es schwülheiss. Bug voraus und gut sichtbar liegt das Festland von Französisch-Guyana, seit 1946 Überseedepartement Frankreichs. Dort liegt Kourou mit dem Weltraumbahnhof, dem Centre Spatial Gyanais. Die Herren diskutieren angeregt, während unsere «Hanseatic» eindreht und direkt vor der Hauptinsel den Anker fallen und die Tenderboote zu Wasser lässt. Die Hafenmauer aus aufgeschichteten Natursteinen und die Jetty, wo wir anlanden können, sind von blossem Auge auszumachen. Sie sind noch so, wie sie von den Sträflingen gebaut wurden. Nur die Kokospalmen am Ufer sind jünger! Während unsere Lektoren für Erklärungen und als Begleiter den Passagieren auf Île Royale zur Verfügung stehen, begleitet mich Kapitän Thilo Natke im Zodiac zur mir unbekannten Île Saint-Joseph. Wir kennen einander seit vielen Jahren. Wann immer es möglich ist, fahre ich mit «meiner ‹Hanseatic›» und «meinem Kapitän Thilo».
Auf Saint-Joseph
«défense d’entrer» weist gleich an der Anlegestelle auf militärische Präsenz hin, obwohl es eher nach Sommerfrische aussieht. Der Wachhabende gibt bereitwillig Auskunft. «Permanent tun hier zwei Fremdenlegionäre Dienst. Es ist unsere Aufgabe, Anlandungen zu kontrollieren und die Inselwege begehbar zu halten. Ansonsten überlassen wir alles der wilden Kraft der Natur, auch das, was vom einstigen Zuchthauskomplex übrig geblieben ist. Die anwesenden Frauen und Kinder sind Angehörige von Berufsoffizieren, die übers Wochenende oder für Kurzurlaub hierher kommen.» Jetzt erklären sich die drei Bungalows mit Dächern aus Solarpanelen, die vom Meer aus beim Vorbeifahren zu sehen waren. Urlaub hier? Wir bringen dafür kein Verständnis auf, denn sitzen uns doch Bilder und Geschichte des einstigen Geschehens auf diesen Inseln allzu tief in den Knochen. Mit zwiespältigen Gefühlen gehen wir schweigend los. Niemand ist unterwegs. Längs des gepflegten Uferweges, der um die ganze Insel führt, liegen mächtige Basaltblöcke, zwischen denen Palmen den Weg ans Licht suchen. Abseits davon ist es urig, der Dschungel verdichtet sich. Die schmalen Pfade sind uneben und von dicken Wurzeln durchwachsen. Schlingpflanzen werden zu Fussangeln. Vertrocknete Kokosnüsse und dürre Palmwedel liegen überall. Da prasselt unerwartet erneut ein kurzer Tropenschauer nieder. Der Boden wird glitschig und in der Regenjacke wird es vor Hitze ungemütlich.
Kapitän Natke geht voraus, denn er ist nicht zum ersten Mal hier. Da stehen wir vor einem zerfallenden Zellenblock, der eigentlich gar nicht mehr betreten werden dürfte. Das Wellblechdach zerbröselt, aus den aufbrechenden Mauern wachsen Pflanzen. Allein die schweren verrosteten Eisenstangen, an denen die Sträflinge angekettet waren, sind noch wie einst stabil im Zement verankert. Keine einzige fehlt. Wir sind erschüttert und stapfen stumm weiter. Diese Expedition in die wenig ruhmreiche Inselvergangenheit setzt uns seelisch zu.
Wie in einem beängstigenden Freilichtmuseum
«Réclusion» ist über dem Eingangstor zu einem grossflächigen Areal zu entziffern. Das muss die «Menschenfresserin» sein, schiesst es mir durch den Kopf, der meistgefürchtete Ort der ganzen Strafkolonie, der Sicherheitstrakt mit den Korrektionszellen. Fünf Schritt lange Käfige, darüber anstelle der Decke ein Gitterwerk aus Eisenstangen, damit die Aufseher die Eingekerkerten von oben kontrollieren konnten. Kaum jemand hat diesen Ort je lebend verlassen. Heute zwängen sich Palmenstränge durch die noch vorhandenen Gitter und wachsen dem Licht entgegen. Die Gänge sind mit Schlingpflanzen und Lianen fast unpassierbar zugewachsen. Die stummen Mauerreste schreien auch heute noch das Leid, die Erbarmungslosigkeit und das einsame Sterben so unüberhörbar heraus, dass kein Tourist unberührt bleiben kann. Die Greueltaten holen einen auf Schritt und Tritt ein. Eine Besonderheit gibt es noch auf Saint-Joseph. Folgt man dem Weg, statt sich einen Weg ins Inselinnere zu bahnen, trifft man auf ein von Palmen umschlossenes eingeebnetes Rechteck am Wasser – den Friedhof. Hier liegen die in neun Jahrzehnten verstorbenen Aufseher und Soldaten. Die verschiedenen Chargen sind nur noch an der Grösse der Grabsteine oder Kreuze zu erkennen. Um die toten Bagnosträflinge zu bestatten, war auf der Insel kein Platz: Sie wurden in Mehlsäcke genäht, mit einem Stein beschwert und um 18 Uhr, zur Stunde des Sonnenuntergangs, in die Meerenge zwischen den Inseln geworfen, die ein beliebter Tummelplatz der Haie war! Von hier blickt man direkt auf das Grün der Teufelsinsel, doch zu sehen ist nichts mehr. Keinem Badenden würde es wohl einfallen hinüberzuschwimmen.
Île Royale
Als Hauptinsel war sie damals für jeden hierher gebrachten Häftling die Anlaufstation. Hier wohnten alle Verantwortlichen wie Inselkommandant, Gefängnisdirektor, Arzt, Aufseher, Soldaten, denn es war die Zentrale der Strafkolonie. Nach einer amtlichen Statistik verstarb die Hälfte von ihnen im ersten Jahr. Malaria und Gelbfieber, Tuberkulose, Ruhr und auszehrende Bandwürmer waren die Haupttodesursachen. Die kleine Teufelsinsel war seit jeher den «Politischen» vorbehalten. Dass sie solche Berühmtheit erlangte, ist auf die Affäre Dreyfus zurückzuführen. Der jüdische Hauptmann im Generalstab Dreyfus, des Hochverrats am französischen Staat beschuldigt, wurde im April 1895 als lebenslänglich Verbannter auf die Île du Diable gebracht, was Émile Zola veranlasste, «J’accuse» zu schreiben. Erst 1906 wurde Dreyfus rehabilitiert.
Île Royale hat sich in den zehn Jahren wahrlich verändert. Die vielen Touristen im heutigen «Touristenzentrum» belasten und erstaunen vor allem mich. Die aus harten Basaltblöcken steil zu erklimmende Treppe wurde von den Gefangenen angelegt. Heute sind sie mit Kieselsteinen belegt, überall sind neu zahlreiche Wegweiser und die Häuschen der Angestellten wurden restauriert. Wir erreichen auf halber Höhe die Villa des Inselkommandanten, versteckt hinter Hibiskussträuchern und Bougainvillea. Darin ist heute ein hochinteressanter musealer Ausstellungsraum untergebracht, mit Fotos, Zeitungsausschnitten, Büchern etc. Auf dem flachen Inselplateau sieht man sich dem Leuchtturm und der Kirche aus jener Zeit gegenüber. Letztere ist jetzt zugänglich, die von den Gefangenen erstellten Freskos restauriert. Der riesige Mangobaum, unter dem ich damals sass und von den am Boden liegenden Früchten ass, ist nicht mehr. Doch das Fort von damals existiert noch. Die Post ist herausgeputzt, wo man in Euro Spezialmarken kaufen kann!
Von den sonstigen Baulichkeiten sind zumeist dachlose Fragmente geblieben, verrottete Torflügel, an denen auch vom Zahn der Zeit verrostete Fassadenreste hängen… In diesen Sälen waren einst 200 Häftlinge untergebracht – unvorstellbar. Unterernährte, ausgemergelte Gestalten, denen es an allem fehlte.
Immer mehr neue Besucher kommen. Von Kouru und Cayenne her werden die Tagesausflügler in kleinen Booten gebracht. Wo die Offiziere nächtigten, steht heute ein hübsches Restaurant, das auch Zimmer anbietet. Es gibt eine Boutique, ein weiteres Café im Freien, Letzteres mit Sicht auf die Teufelsinsel. Rund herum von Gärtnern alles bestens gepflegt. Wenig deutet noch auf die brutale Vergangenheit hin. Ich bin erschüttert und nehme den schön gepflegten Inselrundweg unter die Füsse bis zur Jetti, wo der Tender der «Hanseatic» wartet. Seelisch erleichtert steige ich ein, doch Eindrücke und traurige Gedanken bleiben zurück.