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Wenn der Bau eines Stauwerks schliesslich beschlossene Sache ist, kümmern sich normalerweise mehrere Akteure um die Planungen und den Umgang mit den sozialen Konsequenzen des Baus – kantonale Behörden, lokale Mitarbeiter, Vertreter der Stromwerke, Konzessionäre. Die Überflutung eines Tals, die mit dem Bau eines Stauwerks einhergeht, hat immer auch den Verlust von nutzbarem Land zur Folge. Für die betroffenen Personen bedeutet das, dass sie materielle Verluste hinnehmen müssen, doch es bedeutet auch den Verlust ihrer Heimat.
Der Wert, der den enteigneten Grundstücken und Gebäuden zugesprochen wird, ist häufig Quelle langwieriger Diskussionen. Die BewohnerInnen von Vogorno starten mehrmals Widerspruchsverfahren, weil sie mit dem Wert, der ihren Grundstücken und Häusern beim Verkauf an die Verzasca AG (1960 gegründet von der Gemeinde Lugano und dem Kanton Tessin) zugesprochen wird, unzufrieden sind. Ausserdem protestiert man dagegen, dass die Gemeinde den Strom zum selben Preis beziehen soll wie nicht betroffene Gemeinden. Der entscheidende Punkt, der dazu führt, dass die Bevölkerung das Projekt akzeptiert, ist der Bau einer neuen Strasse durch die Verzasca AG, die die Region aus der Isolation befreit und diese insbesondere für Touristen leichter zugänglich macht.
Am Sihlsee wird kaum eines der inzwischen verschwundenen Häuser mit mehr als 10’000 Franken bewertet. Die Entschädigungen und der Kauf der Grundstücke kosten die Etzelwerk AG dennoch mehrere Millionen Franken.
Sind nur wenige Personen von einem Projekt betroffen, finden diese meist von selbst ein neues Zuhause mit Land oder die Betreiber der Kraftwerke kaufen ihnen neue Bauernhöfe. Die 15 Familien, die Marmorera verlassen müssen, bekommen eine substantielle «Entschädigung zum Erwerb einer neuen Existenz» (Mark 2005, S. 32). Die meisten entscheiden sich dafür, weit weg, in andere Kantone zu ziehen. Bei grösseren Umsiedlungen müssen entsprechende Lösungen gefunden werden. In diesem Fall greift die Schweizerische Vereinigung für Innenkolonisation und industrielle Landwirtschaft (SVIL) ein. Dieser gemeinnützige Verein wurde 1918 von Hans Bernhard gegründet, der die Entwicklung der Landwirtschaft und die Lebensbedingungen auf Bauernhöfen verbessern sowie neue Wohnhäuser in den Ursprungsgebieten der BewohnerInnen bauen will. Die Beteiligung der SVIL als Beobachterin wird zu einer stillschweigenden Regel bei Stauseeprojekten, bei denen ein grosser Teil der Bevölkerung zwangsumgesiedelt werden soll. Die Vereinigung empfiehlt den Realersatz für die Bevölkerung, was bedeutet, dass Höfe und Wohnhäuser auf bestellbarem Land und wenn möglich im selben Tal zur Verfügung gestellt werden sollen.
Während des Wägitalerseeprojekts in den 1920er Jahren wird die SVIL beauftragt, eine Expertenstudie durchzuführen. Sie formuliert eine Reihe von Empfehlungen an den Bauherrn, mit dem Ziel, die Bevölkerung in ein neues Wohngebiet in eine nahe gelegene Region umzusiedeln. 16 neue Bauernhöfe sind am Hang des Tals geplant. Da die betroffenen BewohnerInnen des Innerthals aber nicht kooperieren wollen, dem Plan misstrauen und kaum Gemeinschaftssinn entwickeln, wird das Wohnprojekt nicht umgesetzt. Die BewohnerInnen werden mit 8 Rappen pro m2 Land entschädigt. In der Hoffnung auf einen Neubeginn oder aus Resignation wandert ein Grossteil der Personen aus.
Im Fall des Sihlsees sind 356 landwirtschaftliche Betriebe in den Gemeinden Einsiedeln, Egg, Euthal, Gross und Willerzell betroffen (107 Betriebe müssen komplett aufgegeben werden, 249 zum Teil) (Baeschlin 1936). 500 Personen leben auf dem Gebiet des zukünftigen Sees, und müssen umgesiedelt werden. Die SVIL arbeitet mit den Bauherren des Werks und den Behörden von Einsiedeln zusammen, um einen Umsiedlungsplan für die Bevölkerung zu entwickeln. Man zieht der finanziellen Entschädigung den Realersatz in Form von neuen Bauernhöfen vor, weshalb 92 landwirtschaftliche Gebiete auf 7 Zonen geplant werden. Die Bauern, die sehen, wie ihnen ihr Land weggenommen wird, können sich entscheiden, ob sie eine Geldsumme oder einen neuen Hof wollen. Die lokalen Behörden sind enthusiastisch, die BewohnerInnen viel weniger. Mehrere von ihnen verzichten auf die Übernahme der neuen Höfe, und wandern aus. 1929 wird ein Vertrag zwischen der SVIL und dem Bezirk Einsiedeln abgeschlossen, um die ersten 30 neuen Höfe zu bauen (die Konzessionäre sagen Schadensersatz in Höhe von 20’000 Franken pro Hof zu und der Bund, der Kanton Schwyz und der Bezirk Einsiedeln subventionieren das Projekt). Die Unternehmung der SVIL wird nur zum Teil fertiggestellt. Bis 1937 werden nur die ersten 30 Höfe für 175 Personen gebaut. Die Vereinigung zeigt sich dennoch zufrieden:
«L’œuvre de colonisation de l’Etzel, la plus importante de ce genre qu’ait vue notre pays, a donné à une partie de la population de nos montagnes la possibilité de ne pas abandonner la région qu’elle habitait, lors même que la création d’un lac artificiel en avait considérablement réduit la superficie utilisable» (Baeschlin 1936, S. 175).
Sihlsee. Umsiedlungs- und Ersatzplan für die Bevölkerung rund um den See. Projekt von Hans Bernhard (Gründer der Schweizerische Vereinigung für Innenkolonisation und industrielle Landwirtschaft), 1936 (Saurer 2002, S. 80).
Eine Einstellung, die man als «alpine Kolonisierung» bezeichnen kann, entwickelt sich in der Zeit der «Landi», der Nationalausstellung von 1939. Die «interne Kolonisierung» nimmt einen wichtigen Platz im Zentrum der Veranstaltung ein, und feiert die nationale Einheit, die harmonische Vereinigung von Tradition und Fortschritt, Technik und Natur. Die SVIL stellt ihr einziges, nach 1937 am Sihlsee durchgeführtes Projekt (den 31. Hof) als exemplarisches Modell vor. Der Bauplan für neue Bauernhöfe für die umgesiedelte Bevölkerung ruft fundamentale Diskussionen über Architektur und Lebensweisen hervor. Die Architekten sehen die neuen Gebäude als Chance auf moderne und gesunde Lebensweise für die Bauern an (im Sihltal sind die meisten der Häuser ausgesprochen karg und haben weder Wasser noch Strom).
Sihlsee. Ehemaliger und neuer Zustand des Anwesens Heller im Rickenthal. Dieses Model neuer Gebäude wurde bei der Schweizerischen Nationalausstellung 1939 in Zürich präsentiert. Siedlerbuch © Bezirksarchiv Einsiedeln (Saurer 2002, S. 136).
Filmauszug aus Der Traum vom grossen blauen Wasser. Fragmente und Fundstücke einer Hochtal-Geschichte von Karl Saurer (1993)
Aussagen der BewohnerInnen der Sihlseeregion über ihren Umzug und das Einleben in den neuen Höfen.
Film zum Verkauf auf cinematograph.ch/
Hat man sich schliesslich auf die Gegebenheiten eingestellt, folgen der Abbruch, das Saubermachen und Aufräumen. Die Wälder werden abgeholzt, die Häuser auseinandergenommen. Der Abbruch der Wohnhäuser, Kirchen, Ställe und Scheunen – manchmal auch durch Bombardierungen wie im Fall des Sihlsees oder des Wägitalersees (als militärische Übung) – führen zu einschneidenden Erlebnissen der Hoffnungslosigkeit. Das Dorf Marmorera wird zum Beispiel komplett dem Erdboden gleichgemacht, die Kirche eingeschlossen. Diese Auslöschungen werden häufig durch einen psychologischen, symbolischen und materiellen Vorteil gerechtfertigt. Ausserdem macht die Zerstörung alter Dörfer eine Rückkehr im letzten Moment oder ein „Wiedererscheinen“ bei niedrigem Wasserstand unmöglich.
1948, kurz vor der Auffüllung des Greyerzersees, wird das letzte Heu gemacht. Die Landwirte mähen den ganzen Tag Gras, während der See sich füllt... (siehe nebenstehender Film «Histoire d’un lac. À la recherche d’un passé englouti» von Karine Sudan, 1997).
Wägitalersee, Sprengung der Dorfkirche von Alt-Innterthal, 9. August 1924. Fotografie: O. Salathé, Seewen-Schwyz (www.digy.ch).
Fotoreportage «Den Bomben zum Opfer. Bildbericht vom Untergang der letzten Bauernhäuser am Sihlsee»
Zürcher Illustrierte, XIII. Jahrgang, Nr. 21, 21.05.1937. Photographies : H. Guggenbühl/Prisma (Saurer 2002, pp. 73-75)
Filmausschnitt: Der Traum vom grossen blauen Wasser. Fragmente und Fundstücke einer Hochtal-Geschichte von Karl Saurer (1993)
Bilder der «Bombardierungsversuche» durch die Armee in der Region des Sihltals 1937.
Film zum Verkauf auf cinematograph.ch/
An manchen Orten, zum Beispiel in Vogorno, Marmorera oder im Innerthal am Wägitalersee, werden neue Dörfer direkt am Rand des Sees gebaut. Der Friedhof von Marmorera wird in das neue Dorf Bardella (heute wieder Marmorera) versetzt. Dort baut die Stadt Zürich später eine Kapelle. Zwei Architekten des Heimatschutzes entwerfen die Pläne für das neue Dorf. In Neu-Innerthal werden eine Kirche, ein Pfarrhaus und eine Schule gebaut. Der Bauherr des Staudamms schenkt der Gemeinde dafür einen Betrag von 205’000 Franken.
Wägitalersee. Das neue Dorf am Rand des Sees, Neu-Innerthal. Quelle: www.waegitalersee.info