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Vor ungefähr zwanzig Jahren wurden die ersten Gentests für Hunde entwickelt und die Forschung im Bereich der Molekulargenetik läuft auf Hochtouren. Mit einem Gentest kann beispielsweise kontrolliert werden, ob der Rüde, der in der Ahnentafel aufgeführt ist, tatsächlich der biologische Vater ist, oder bestimmt werden, welche Gene die Fell- oder Nasenfarbe beeinflussen können. Das Beste jedoch ist die Möglichkeit, die Hunde auf die Mutationen einiger Krankheiten testen zu lassen. Anhand des Testergebnisses können die Verpaarungen sorgfältig geplant werden, sodass keine kranken Welpen mehr geboren werden. Richtig eingesetzt sind Gentests ein Segen für die Rassezucht, wie das Beispiel von Mayumi zeigt.
Weniger erblindete Rassehunde
Mayumi kam 2004 zur Welt und sie hatte das grosse Glück, aus einem der ersten Würfe aus PRA-getesteten Eltern zu stammen. Die Progressive Retina-Atrophie (PRA), eine Erkrankung der Netzhaut, die zur Erblindung führt, ist eine sehr gefürchtete Krankheit und kommt bei vielen Hunderassen vor. Bei den Australian Cattle Dogs (ACD) gab es vor dem Gentest überdurchschnittlich viele blinde Hunde. Der Grund war die Linienzucht: Während des Zweiten Weltkriegs kam die Rassehundezucht praktisch zum Erliegen und daraus ergab sich der gefürchtete genetische Flaschenhals. Little Logic war ein 1939 geborener australischer Champion-Rüde, den man heutzutage in fast jeder Linie findet. Er war mit hoher Wahrscheinlichkeit PRA-Träger und hat als einer der ersten popular sires (ein zu oft eingesetzter Deckrüde) über lange Zeit unbemerkt ein krankes Gen verbreitet.
Rezessiv – dank Gentests fällt kein Hund aus der Zucht
Die PRA führt oft erst in späteren Jahren, nachdem die Tiere bereits im Zuchteinsatz waren, zum Erblinden. Heute wissen wir, dass die PRA eine rezessiv vererbte Krankheit ist, das heisst es braucht zwei mutierte Gene (eines vom Vater und eines von der Mutter), damit ein Hund erkrankt. Früher war es fast unmöglich, die Anlageträger (Hunde, die nur ein krankes Gen in sich tragen) zu erkennen – es sei denn, es gab betroffenen Nachwuchs. So war damals die Zucht jahrzehntelang ein Glücksspiel. Heute müssen dank des PRA-Gentests keine Hunde aus der Zucht genommen werden. Die Anlageträger (ein krankes Gen) oder die betroffenen Hunde (zwei kranke Gene) müssen zwingend mit einem gesunden Hund verpaart werden. So wird aktiv vermieden, dass kranke Welpen zur Welt kommen. Es ist wichtig Hunde, die Träger von kranken Genen sind, nicht grundsätzlich aus der Zucht auszuschliessen, denn dies würde den Genpool einer Rasse weiter verkleinern.
Der Tiefschlag − eine neue Krankheit
Mayumi entwickelte sich zu einer sehr gefälligen, freundlichen Hündin und sie wurde mit besten Gesundheitstests angekört. Alles lief wunderbar, Mayumis Welpen bereiteten ihren neuen Besitzern viel Freude bis zu dem Tag, als die traurige Nachricht kam, dass eine gerade mal drei Jahre alte Tochter wegen Rückenproblemen eingeschläfert werden musste. Kurz davor hatte auch Mayumi Rückenprobleme gehabt und Professor Frank Steffen, Leiter der Abteilung Neurologie am Tierspital Zürich, stellte fest, dass es sich hier nicht um Spondylose handelte, eine knöcherne Überbrückung der Wirbel, die meist durch Überbelastung entsteht, sondern um DISH (diffuse idiopathische skeletale Hyperostose). Bei DISH verkalkt das untere Längsband der Wirbelsäule, was bei vielen Rassen vorkommt, aber auch in anderen Säugetieren und beim Menschen (Morbus Forestier). Steffen schlug vor, die verwandten Hunde röntgen zu lassen.
Kurze Zeit später tauchte ein neuer Fall von DISH in Österreich auf. Auch hier reagierten sowohl die Züchterin wie die Deckrüdenbesitzerin transparent und liessen die ganzen Hundefamilien röntgen. Die Ergebnisse auf beiden Seiten waren schockierend; es gab sehr viele betroffene Hunde, davon einige ohne klinische Anzeichen. Ein schwerer Tiefschlag für diese Züchter, ein neues Problem in der Rasse und offensichtlich mit einem stark erblichen Hintergrund.
DISH weckt das Interesse der Forscher
Die Überblickbarkeit der Schweiz hat entscheidende Vorteile, man kennt sich hier. Nach Anfrage bei Professor Tosso Leeb, dem Leiter der Abteilung Genetik am Tierspital Bern, ob er an Röntgenbildern und Blut der DISH-Familien für die Entwicklung eines Gentests interessiert sei, stimmte er nach kurzer Rücksprache mit seinem Kollegen Frank Steffen zu (beide Herren sind im Stiftungsrat der Albert-Heim-Stiftung). Professor Steffen sicherte seine Unterstützung in Form der Analyse der Röntgenbilder zu. Nicht zuletzt dank Facebook kamen in nur vier Monaten das Blut und die Röntgenbilder von 120 Hunden zusammen, inklusive dem verlangten Anteil von 25 betroffenen Hunden.
Ein Gentest wird entwickelt
Das gesammelte Blut wird im Tierspital Bern gelagert, damit es allenfalls auch für spätere Forschungszwecke genutzt werden kann. Ein Teil dieser Blutproben wurde speziell präpariert (SNP-Chip) und für eine genomweite Assoziationsstudie (GWAS) nach Nebraska/USA geschickt. Dort steht ein spezieller Computer, der in der Lage ist, die Erbsubstanz der Proben aufzuzeichnen. Nun sind die Genetiker in Bern mit der Auswertung dieser riesigen Datenmenge beschäftigt − vergleichbar mit der bekannten Nadel im Heuhaufen − und sie versuchen eine bestimmte Ausprägung eines Gens zu finden, das bei allen betroffenen Hunden gemeinsam auftritt, nicht aber bei der gesunden Kontrollgruppe. Wenn nur ein einzelnes Gen (monogen) für eine Krankheit verantwortlich ist, dann ist dieser Prozess bedeutend einfacher als wenn verschiedene Gene (polygen) dafür infrage kommen. Wenn die Genetiker in Bern das DISH verursachende Gen gefunden haben, wird die Studie mit dem Resultat veröffentlicht. Die auf Gentests spezialisierten Grosslabors werden die Gelegenheit ergreifen und je nachdem sogar ein Patent auf den Test anmelden. Sobald der Test auf dem Markt ist, kann jeder Besitzer eines Cattle Dog seinen Hund testen lassen. (…)
Den vollständigen Beitrag können Sie in der Ausgabe 2/18 lesen.