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Zu Fuss, per Schlitten oder mit dem Schiff: Man hatte schon auf viele Arten versucht, zum Nordpol zu gelangen. Das 19. Jahrhundert ging langsam zu Ende, und immer noch hatte keine Nordpolexpedition je Erfolg gehabt. Warum also nicht einen Versuch mit dem Luftballon wagen? Das jedenfalls dachte sich der Schwede Salomon August Andrée, geboren 1854, Chefingenieur des schwedischen Patentamtes und passionierter Luftballonflieger.
Andrée hatte ein eigenes System entwickelt, das einen Luftballon steuerbar machte: Er liess lange, schwere Leinen vom Korb runterhängen, die am Boden nachschleifen und den Ballon auf niedriger Höhe abbremsen: Ist das Gefährt erst mal langsamer als der Wind, kann es mit Segeln gesteuert werden.
So wollte Andrée von der Dänen-Insel in Spitzbergen aus den Nordpol überfliegen und irgendwo auf der anderen Seite der Arktis in Russland oder Kanada wieder landen. Schien einleuchtend. Nur funktionierte das dummerweise überhaupt nicht.
Nach einem im Vorjahr wegen falschem Wind abgesagten Versuch startete der wagemutige Schwede am 11. Juli 1897 mit seinem spezialgefertigten Luftballon «Örnen», schwedisch für Adler. Der Ballon hatte einen Durchmesser von 20,5 Metern, bestand aus dreilagiger chinesischer Seide, die überzogen war mit einem Geflecht aus italienischem Hanf, das seinerseits zum Schutz vor Wasser mit Vaseline getränkt war. Mit an Bord beziehungsweise im Korb: der 27-jährige Ingenieur Knut Frænkel und der Chemiestudent Nils Strindberg sowie einige Brieftauben. Plus Abwurfbojen für Nachrichten, 767 Kilogramm Esswaren und Getränke, Schlitten und Kajaks für eine eventuelle Rückreise zu Fuss.
Doch schon wenige Minuten nach dem Start zogen die im Meer treibenden Schlepptaue den Korb ins Wasser, verdrehten sich und fielen aus den Halterungen – Seile futsch. Die Mannschaft hatte aber bereits 210 Kilo Ballast-Sand abgeworfen, um wieder an Höhe zu gewinnen, und nun war der Ballon so leicht, dass er auf über 700 Meter anstieg. Das war nie geplant. Der Ballon schwebte nicht mehr steuerbar von dannen – und ward nie mehr gesehen…
Jetzt stieg auch das Interesse der internationalen Medien. Einige Zeitungen mutmassten, die Pioniere seien von wilden Eingeborenen gefressen worden. Andere vermuteten eine Attacke von Ausserirdischen. Ballonspezialisten wussten, dass gravierende Mängel an Andrées Konstruktion zur Katastrophe führten. Ganze 33 Jahre später, am 5. August 1930, entdeckten Besatzungsmitglieder des Robbenjägers «Bratvaag» bei Kitvøya auf Svalbard die Leichen von Andrée, Frænkel und Strindberg. Neben den Gerippen fand man auch Tagebücher, meteorologische Berichte und 200 Fotografien, die so gut konserviert waren, dass man sie in Schweden entwickeln konnte. Nun wusste die Welt endlich, was geschehen war, und das sogar sehr präzise.
Der Ballon war 10 Stunden und 29 Minuten in der Luft und wurde vom Wind anschliessend 41 Stunden über das Eis getrieben, während der Korb auf dem Boden schleifte. Bei 82 Grad 56 Minuten nördlicher Breite war die Reise fertig – nach nur etwa einem Drittel der geplanten Distanz zum Nordpol. Eine Woche lang berieten die drei, auf welchem Weg sie nach Hause marschieren wollten, und brachen schliesslich auf in die ungefähre Richtung von Seven Island.
An Essen mangelte ihnen zwar nicht, denn es gab Eisbären und Robben in Fülle. Aber die Schlitten waren viel zu schwer und unpraktisch, die Kleidung aus Wolle statt Pelzen war dürftig, und das Marschieren auf dem unebenen Eis war kräftezehrend. Die vier Brieftauben, die Andrée losgeschickt hatte, kamen nie zu Hause an. Die Männer kamen so langsam vorwärts, dass sie entschieden zu überwintern. Anfang Oktober 1897, rund drei Monate nach Abflug, schrieb Andrée die letzten Einträge in sein Tagebuch.
Woran Andrée, Frænkel und Strindberg genau gestorben sind, lässt sich nicht mehr eindeutig feststellen. Denn die Leichen wurden nach Stockholm gebracht, ohne Untersuchung kremiert und als Nationalhelden in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt. Am wahrscheinlichsten ist die Annahme, dass sie schlicht und einfach vor lauter Erschöpfung kollabiert sind.
Immerhin beschäftigen sich bis heute immer wieder Buchautoren mit dieser Frage. 1982 wurde das grandios gescheiterte Unterfangen unter dem Namen «Der Flug des Adlers» verfilmt. In Andrées Heimatort Gränna steht ein nach ihm benanntes Museum, und im Norden Spitzbergens heisst ein Gebiet ihm zu Ehren Andrée-Land.
Autorin: Greta Paulsdottir