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Das Magazin N°29/30 – 22. Juli 2017
14. So sieht es sein Trainer
Es ist nicht schwer, an die Telefonnummer von Coach Mills zu gelangen, viele haben sie. Und die, die sie teilen, wissen, dass das kein Risiko ist: «Er geht eh nie ran.»
Glen Mills, der legendäre Trainer von Usain Bolt, ist, wie man sich einen legendären Trainer vorstellt: wortkarg, Furcht einflössend und liebenswert. Als er vom Highschool- zum Nationaltrainer befördert wurde, sagte eine Freundin zu ihm: «Wie schön, dann verdienst du mehr Geld.» Darauf er: «Mehr Geld, das ich weggeben kann.» Mills hat etliche Sportler finanziell unterstützt, während er wenig behielt; bis heute kommt er ohne Auto aus – in einer Stadt, in der Autos eigentlich zur Grundausstattung gehören.
Von Mills Gutmütigkeit ist wenig zu spüren, als wir ihn in der Lobby eines Hotels ansprechen und er uns mit der grimmigen Miene eines Gorillas mustert.
«Ein paar Fragen, Coach?»
Schweigen.
«Coach, glauben Sie, Usain Bolt hätte noch schneller laufen können?»
«Ja.»
«Warum tat er es nicht?»
Schweigen.
«Coach?»
Glen Mills seufzt, schaut traurig durch uns hindurch, vielleicht auf seine geliebte Tartanbahn im Nationalstadion, und nuschelt im ebenso unwiderstehlichen wie unverständlichen Kingston-Dialekt: «Ach, wegen vieler Dinge. Die Verletzungen, der Rücken, ich weiss es nicht.» Dann erhebt er sich, sagt: «War nett mit euch.» Sein Handschlag sagt: Lasst mich in Ruhe.
Usain Bolt in Zahlen:
New York, 31. Mai 2008: 9,72 Sekunden.
Peking, 16. August 2008: 9,69 Sekunden.
Berlin, 16. August 2009: 9,58 Sekunden.
Drei Rennen, drei Weltrekorde – das wars. Alles innerhalb etwas mehr als eines Jahres. Was folgte, war nichts weiter als eine jahrelange Ehrenrunde, gleichermassen Show und Machtdemonstration: Siege und Medaillen en masse, aber keine Bestzeiten mehr.
Neben der Frage, ob er gedopt ist, wird man immer fragen: Hätte er mehr aus sich machen können? Beide Fragen werden wohl nie beantwortet werden.
15. Was von ihm bleiben wird
Aber es gibt eine dritte, viel wichtigere Frage: Was macht Bolt mit den Menschen? Die Bolt-Kenner, mit denen wir uns ausserhalb Jamaikas unterhielten, in Nyon, Dallas, Strassburg, Zürich und Köln, sprachen alle mit staunender Faszination und grossem Respekt von ihm. Aber berührte er sie auch? Als Mensch? In Steinhausen bei Zug trafen wir sogar auf jemanden, der uns entgegnete: «Abgesehen davon, dass er schnell läuft, weiss ich nicht, was an Bolt so toll sein soll.» Der Mann, der das sagte, heisst Patrick Magyar und ist keiner, der unüberlegt daherredet. Ehe sich Magyar vor ein paar Jahren, des Kommerzes und vor allem des Dopings überdrüssig, aus dem Spitzensport verabschiedete, war er einer der einflussreichsten Player in der Szene: Generaldirektor der Alinghi-Segler, CEO der Fifa Marketing AG, langjähriger Chef von Weltklasse Zürich – und in dieser Eigenschaft ein Nahestehender von Bolt. Er vergleicht den Sprinter mit dem Basketballer Michael Jordan und dem Velofahrer Eddy Merckx: Wie Bolt gelten sie in ihrem Sport als Legenden, aber es gab andere, die beliebter waren. «Magic Johnson mit seinem HIV-Geständnis und Raymond Poulidor mit seinen epischen Niederlagen gingen den Leuten näher.»
Als Bolt 2008 in Zürich den «Lightning Bolt» performte, glaubte Magyar, dass hier eine Figur geboren war, die über die seltene Fähigkeit verfügt, Menschen zu inspirieren. Aber: «Ich täuschte mich. Fast ein Jahrzehnt später ist Bolt noch immer der Kindskopf von damals, der Playstation spielt und Party macht.» Es ist ein hartes Urteil. Woher nimmt er sich das Recht, von einem Sportler mehr zu verlangen als sportliche Leistung? Magyar nickt und schweigt, und gerade als man meinen könnte, ihn bekehrt zu haben, legt er nach: «Bolt sagt selbst, er sei eine Legende. Er hat den Anspruch, in die Geschichte einzugehen. Ich finde, dass das eine besondere Haltung bedingt, mit der die sportliche Leistung erbracht wird. Ein Charisma, das über das des Witzbolds hinausgeht. Eine Menschlichkeit, die einen berührt. Das ist der Unterschied, ob du ein Held bist oder bloss ein grossartiger Sportler.»
Was Magyar meint: Bolt mag ein «freak of nature» sein, ein Athlet, gesegnet mit einem Körper, den es noch nie gegeben hat. Aber er ist kein Haile Gebrselassie, der Langstreckenläufer, der mit seinem Preisgeld ganze äthiopische Dörfer am Leben hält und in dessen Präsenz man sich demütig und einzigartig zugleich fühlt. Und schon gar nicht ist Bolt, der nachtaktive, apolitische Selfie-Gott, was Muhammad Ali war: das Idol der afroamerikanischen Emanzipationsbewegung.
16. Unterwegs mit Shaggy
Wer in dieser Stimmung und mit diesen Gedanken nach Jamaika fliegt, wird sich schnell bestätigt fühlen: Die verklärte Berichterstattung wirkt, als sei Bolt auch für die Jamaikaner mehr nette Projektionsfläche als echte Inspiration. Wie falsch dieses Urteil ist, erfahren wir an einem Ort, der für die Jamaikaner beinahe so heilig ist wie das Nationalstadion – nur nicht annähernd so zugänglich: das Aufnahmestudio des Musikers Shaggy. Es ist der Abend vor Bolts letztem Rennen in der Heimat, und der Grund, warum wir hier sind, erschliesst sich auch uns nicht ganz, aber so viel verstehen wir: Es ist ein jamaikanischer. Jemand kannte jemanden, der jemanden kannte, dessen Schwägerin mit Shaggy verheiratet ist. «Wollt ihr Shaggy kennen lernen?», fragte man uns. Und wir, die wir gerade erfahren hatten, dass Shaggy natürlich mit Bolt befreundet ist, sagten: «Nichts wie hin!»
Was man über Shaggy wissen muss: Er heisst eigentlich Orville Richard Burrell, ist der bekannteste lebende Jamaikaner neben Bolt, ist Popmillionär («Boombastic», «Oh Carolina», «It Wasn’t Me»), fährt dicke Autos (und die ziemlich schnell, wie wir auf der Fahrt in sein Studio feststellen) und bewohnt mit seiner zweiten Frau ein beneidenswertes Anwesen in Uptown Kingston. Aber er kennt auch die andere Seite: wuchs im Ghetto auf, zog als Teenager in die USA, meldete sich bei der Armee, war während des Zweiten Golfkriegs in Kuwait stationiert. Er dealte und machte Musik bloss, «weil der, der auf der Bühne steht, am Ende der Nacht die schärfste Braut» abschleppt. Seine Sätze leitet er mit «motherfucker» oder «shit» ein – es ist der Habitus eines ehemaligen Schwerenöters, der ein paar Stunden zuvor noch mit seiner Tochter beim Pferdereiten war.
An dem Abend, an dem wir ihn treffen, singt er neue Lieder ein. Uns fallen fast die Augen zu, der Jetlag, die Hitze, das Bier. In den Aufnahmepausen blödelt Shaggy mit seinen Kumpeln, hält uns hin, und als wir schon meinen, dass er uns vergessen hat, sagt er: «Ihr wollt also wissen, was es mit Jamaikas Bolt-Obsession auf sich hat?» Wir nicken und erwarten irgendein Geschwätz. Aber wir liegen falsch. Wie es sich in Jamaika als Superstar Bolt lebt, kann keiner besser erklären als Superstar Shaggy.
«Das Wichtigste, das ihr verstehen müsst: Wir Jamaikaner sind keine Fans. Wir verfolgen dich nicht, wenn wir dich auf der Strasse sehen, wir belästigen dich nicht, wir kreischen nicht. Ihr habt Roger Federer, das ist euer Star, oder?»
«Ja.»
«Ihr achtet ihn, aber ihr identifiziert euch nicht mit ihm.»
«Ja.»
«Mit Usain Bolt in Jamaika ist es umgekehrt. Wir bewundern ihn nicht, sondern wir erkennen uns selbst in ihm.»
Er macht eine Pause.
«Jeder von uns glaubt, er sei ein Star, und Usain Bolt ist der Beweis dafür, dass das stimmt.»
Bolt, lernen wir, ist durchaus eine Inspiration – aber nicht als der, der er neben den sportlichen Leistungen ist, sondern als der, der er durch die sportlichen Leistungen ist. «Bolt ist der, der es geschafft hat», sagt Shaggy. «Er kam von ganz unten und steht für die Hoffnung von uns allen, es ebenfalls zu schaffen. Das macht uns so stolz auf ihn.»
Jeder in Jamaika ist ein bisschen Bolt. Er ist der Übermensch, aber keinem in Jamaika gibt er das Gefühl, unerreichbar zu sein. Zwar lebt er, der Dschungelbub, heute in einer Villa im teuren Norbrook-Quartier, aber sein bester Freund ist noch immer der verrückte Jugendkumpel Nugent «NJ» Walker, der selbst nachts im Club Sonnenbrille trägt. Zwar gibt Bolt in einem Werbeclip des Champagnerproduzenten Mumm den mondänen Gastgeber auf einer Dachterrasse in New York (als «CEO» von Mumm, «Chief Entertainment Officer»), aber im wahren Leben besucht er noch immer am liebsten die Parkplatzpartys in Kingston – oder veranstaltet in seinem Garten gleich selber welche. Nicht immer zur Freude einer gewissen Nachbarin. Jodi «Jinx» Stewart-Henriques, die Frau des Rapmillionärs Sean Paul, beklagte sich auf Facebook über Bolt, diesen «Nachbarn der Hölle», der von nachmittags um drei bis morgens um vier Party mache, und schrieb, dass er bitte dorthin zurückkehren solle, «wo er herkommt». «Classism» sagt man auf Englisch zu solch klassenspezifischer Diskriminierung – in Jamaika der grösste Vorwurf überhaupt. Aus der Bevölkerung brandete Stewart-Henriques eine Woge der Empörung entgegen, was sie eigentlich hätte ahnen können. «Ein schlechtes Wort über Bolt», sagt Shaggy, «ist ein schlechtes Wort über Jamaika.»
Epilog
Es ist 21 Uhr, und Bolt macht sich warm für sein allerletztes Rennen in Jamaika. Wie er dasteht und sich eindehnt, wie es ihm Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt beigebracht hat, das kann einen schon elektrisieren. Er ist gross, aber zart. Fast ein wenig hager. Es ist das grosse Thema in Kingston: Bolt soll abgenommen haben. Schuld daran sei das erste dunkle Kapitel in seinem Leben. Im April hat er einen guten Freund, Germaine Mason, verloren. Mason, ein talentierter Hochspringer, kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Bolt war der Erste am Unfallort und ist seither nicht mehr derselbe, wie sein Vater sorgenvoll erzählte. Auch andere aus seinem Umfeld bestätigen diesen Eindruck: Erst hatte Bolt seit den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro nicht trainiert, weil er immerzu feiern musste, und jetzt hat er nicht trainiert, weil ihm der Gedanke an Germaine Mason die Kehle zuschnürte. Was sind zehn Sekunden gegen ein ganzes Leben?
Coach Mills hat vorausahnend schon den 100-Meter-Lauf aufgeteilt, die beiden besten Läufer des Abends, Yohan Blake und Akani Simbine, treten in einem Parallellauf an, während Bolt gegen Läufer startet, die er zur Not auch rückwärtsrennend schlagen würde.
Plötzlich geht alles ganz schnell. Der Startschuss ertönt, die Läufer sind auf der Bahn, und das Stadion flippt aus. Man sieht nichts mehr ausser der digitalen Zeitanzeige, und die bleibt bei unglaublichen 9,65 Sekunden stehen. Über den frenetischen Jubel hinweg korrigiert der Stadionsprecher, es handle sich um einen Fehler, tatsächlich sei Bolt 10,03 gelaufen. Im Parallellauf wäre er Dritter geworden. Es ist trotzdem keine schlechte Zeit. Es ist die gleiche, die er in seinem allerersten Rennen lief, zehn Jahre zuvor. Der Kreis schliesst sich.
Nach dem Rennen setzt sich Bolt ein schwarzes Cap mit dem Schriftzug «A-Team» auf. Rechts von uns sitzt seine Clique von zwanzig Jungs mit hübschen Frauen und herzigen Kindern, alle mit dem gleichen Cap. Es ist ein letzter Tribut an den toten Freund. Bolt kommt zu seinen Freunden auf die Tribüne, macht Selfies, umarmt seine Eltern, segnet Kinder, küsst Grossmütter. Dann drängen die Massen zu ihm, und er verweigert keine Hand, verschmäht keine hingehaltene Wange.
Irgendwann steht er vor uns, den einzigen Weissen im Stadion, und umarmt auch uns. Die monatelangen E-Mail-Anfragen, das stalkerhafte An-ihn-Rangeschmeisse bei gleichzeitiger Dopingskepsis, kurz: Jegliche journalistische Distanz ist verschwunden. Die alberne Zeit, die er heute gelaufen ist? Geschenkt. Die Menschen hier sind glücklich, weil er ihnen so viele schöne Momente bereitet hat wie sonst nur Bob Marley. Und er, er ist glücklich, dass sie glücklich sind.
Als sich das Stadion langsam leert, steht Usain Bolt noch immer auf dem Rasen, umringt von immer weniger Fotografen. Die meisten Zuschauer haben das Stadion verlassen. Am Schluss ist er ganz allein und reisst noch einmal die Arme in die Luft. Es ist, wie Shaggy sagte: Jeder von uns glaubt, ein Star zu sein. Auch Usain Bolt.