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Nach seinem Studium am Polytechnikum in Karlsruhe, trat der später für seine Graphische Statik berühmt gewordene Karl Culmann (1821-1881) eine Stelle als Baupraktikant für Eisenbahnbau im Bayrischen Staatsdienst an. Dort leistete er als verantwortlicher Projektleiter von Teilabschnitten herausragende Arbeit beim Aufbau des staatlichen Eisenbahnnetzes. Entsprechend bewilligte das zuständige Ministerium 1849 Culmanns Antrag auf ein Stipendium für eine ausgedehnte technische Bildungsreise, die ihn über Belgien und England nach Amerika führen sollte.
Karl Culmann ergänzte seine Reisenotizen mit Skizzen wie diesen von der Güterstation in Baltimore. (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, 2997:3 Hs, Seite 21)
Verlief die klassische Bildungsreise in erster Linie entlang den europäischen Baudenkmälern der Antike, des Mittelalters und der Renaissance, setzten die Ingenieure des 19. Jahrhunderts andere Schwerpunkte. Auf der Suche nach technischen Neuerungen führten ihre Wege in das in vielen Bereichen führende England und zunehmend auch nach Amerika. Die Resultate hielten sie in technischen Reiseberichten fest, die eine Mischung aus Faktensammlung und Erlebnisbericht darstellen.
Culmann notierte auf seiner Reise durch die Vereinigten Staaten für ihn bedeutsame Informationen zu Eisenbahnen, Schiffen, Bauwerken wie Brücken und Tunnel, Land- bzw. Küstenvermessung und Maschinenfabriken. Daneben dokumentierte er seine Begegnungen mit Ingenieuren, Architekten, Erfindern und sogar mit dem damaligen Präsidenten. Die Route, der Culmann dabei folgte, beruht auf einer sorgfältigen Planung:
„Von grossem Nutzen für mich war die Bekanntschaft des Ingenieurs [Charles] Ellet, des Erbauers der Wheelinger Kettenbrücke; er war so freundlich, mir meinen Reiseplan durch die vereinigten Staaten zu entwerfen und mich auf alle wichtigeren technischen Gegenstände aufmerksam zu machen. Ihm vorzugsweise verdanke ich es, dass ich in so kurzer Zeit und mit so geringen Mitteln die merkwürdigsten Leuten Amerikas sehen konnte und im Voraus schon wusste worauf ich hauptsächlich Augenmerk zu richten hatte.“ (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, 2997: 1 (Hs).
Wissenschaftlichen Nutzen zog Culmann vor allem aus seinen Skizzen und Beschreibungen amerikanischer Holzbauten. Aus diesem Material entwickelte er seine Fachwerkstheorie, die er 1851 veröffentlichte. Nicht zuletzt diese Publikation führte dazu, dass Culmann 1855 als Professor für „Ingenieurswissenschaften, vorzüglich für Strassen-, Eisenbahn-, Brücken- und Wasserbau mit Übungen im Zeichnen und Entwerfen von Projekten“ ans neu gegründete Polytechnikum nach Zürich berufen wurde.
Lektüre: Eine Abschrift von Karl Culmanns Manuskripts seines Reiseberichts wurde publiziert in: Maurer, Betram. Karl Culmann und die graphische Statik. Berlin, 1998, S. 285-370. Quellenmaterial zum Werk Culmanns findet sich in den Archiven und Nachlässen der ETH-Bibliothek.