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Charles Darwins Fahrt von 1831 auf der HMS Beale gilt als eine der wichtigsten wissenschaftlichen Reisen der Geschichte. Fünf Jahre unterwegs traf er die Ureinwohner Feuerlands, grub in Patagonien Fossilien aus und entdeckte auf den Galapagosinseln seltsame Tierarten. Am Ende hatte er 1529 Spezies in Spiritus eingelegt und die Grundlagen für seine Evolutionstheorie geschaffen. Nun schicken ihn The Low Anthem aus Providence, Rhode Island, mit ihrem Zweitling „Oh My God, Charlie Darwin“ erbarmungslos wieder aufs Meer hinaus, denn die Erde ist unter Wasser, kein Land mehr in Sicht. Das allgegenwärtige Nass ist scheisskalt und der Mensch stirbt aus: Eine neue Evolution kann beginnen. "Oh my God, the water’s cold and shapeless", säuselt’s, lieblich zirpt dazu eine Akustikgitarre, eine Mundharmonika quäkt. "Oh my God, it’s all around / O my God, life is cold and formless." In England bereits als "Gottesgeschenk" gepriesen, gehört die Scheibe auch hier garantiert bald zu den herausragenden Alben des Jahres 2009.
Wenn Leadsänger Ben Knox Miller in der hinreissenden Ballade "To Ohio" mit raspelnder Stimme zu Oboe, Mundharmonika und Gitarre einer vergangnen Liebe hinterhersingt "now every new love is just a shadow", erinnert das an den Protestsong-Klassiker "Ohio" von Crosby, Stills, Nash & Young. Und geich danach folgen mit "The Horizon Is A Beltway" und dem Tom Waits-Cover "Home I’ll Never Be" zwei Superkracher, bei denen Miller röhrt, als steckten Eisenspäne in seinem Hals. "Die leisen Songs lassen die lauten noch lauter klingen, und umgekehrt", so Miller. Der Folkmusiker, Dichter und Maler traf den Jazzbassisten und Bluesfan Jeff 2002 bei einem Baseballspiel. 2007 stiess die klassische Komponistin Jocie Adams dazu. Americana vom Feinsten im Geist von Neil Young, Bob Dylan, Leonard Cohen, den Allman Brothers, Fleet Foxes und The Band. Der hiesige Agent will schon 500 Euro mehr Gage. Wir machen das, sei's drum: Oh, mein Gott, wird das schön!
***** im Musik-Express THE LOW ANTHEM "Oh My God, Charlie Darwin"
Ein grandioses Album zwischen Americana, Folk und Bluesrock. Das passende Möbel zu dieser Musik ist auf jeden Fall ein Ohrensessel. Mit nachhaltiger Langsamkeit haben einen die ersten Songs von OH MY GOD, CHARLIE DARWIN, dem neuen Album von The Low Anthem, in die Sitzgelegenheit gepresst, es regiert die grosse Zärtlichkeit, mit der Ben Knox Miller "Charlie Darwin" und "To Ohio" singt - und dann kommt alles anders. Weil zwei krachige Eckkneipenschunkler folgen, die auch bei trainierten Tresenstehern ein leichtes Summen in den Kniegelenken auslösen. Spätestens da wünscht man sich wieder den Ohrensessel herbei: einfach mal fallen lassen, sich rechts und links festhalten und anlehnen ist das Gebot der Stunde. Oder wie es Miller formuliert: "Die leisen Songs lassen die lauten noch lauter klingen, und umgekehrt." The Low Anthem vertiefen gekonnt viele alte und schöne Kerben; sie finden ihren Platz zwischen Neil Young, Tom Waits, The Band und den Neo-Folkern von den Fleet Foxes. Und weil The Low Anthem im Koordinationsdreieck zwischen zartem Folkrock, sehnsüchtelndem Americana und stampfendem Bluesrock ihre ganz eigenen Punkte markieren und weil Ben Knox Miller mal so unschuldig singt wie ein notorischer Gänseblümchenpflücker und dann wieder klingt, als würde er jeden Tag mit Eisenspänen gurgeln, kann man entzückt feststellen: Jawohl, Evolution geht auch im Ohrensessel. Schade, dass Charles Darwin, der der Welt so viel Gutes beschert hat, das nicht mehr hören kann.