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Dürre in Somaliland: Wohin, wenn die Tiere sterben?
Die Klimaerhitzung trifft das Horn von Afrika mit voller Wucht: Bereits fünf Regenzeiten sind zuletzt ausgeblieben. In Somaliland geben viele ihre nomadische Lebensweise auf – andere versuchen zu retten, was noch möglich ist.
Die Katastrophe begann 2016, Somaliland erlebte damals eine zwei Jahre anhaltende, schwere Dürre. «Es war traurig, jeden Tag das Sterben der Tiere zu sehen», sagt Abdirisak Mohamed Hussien. «Sie sind doch unsere Lebensgrundlage.» Dem 48-Jährigen, der eine staubige schwarze Jacke und feste Arbeitsschuhe trägt und ein Tuch um die Beine geschlungen hat, verendeten damals 207 Ziegen. Weil der Regen ausblieb, wuchs an den Bäumen und den Sträuchern, an denen die Ziegen knabbern, kein Grün nach. Der Vater von sechs Kindern konnte die Tiere nicht retten.
Hussien möchte das nie wieder erleben. Er stützt sich auf einen Spaten, ein kräftiger Wind weht ihm ins Gesicht. Schon seit Wochen schüttet er etwas ausserhalb von Balisheikh gemeinsam mit anderen Männern aus seinem Dorf kleine Wälle aus braunroter Erde auf. Diese sind etwa 30 Meter lang und werden in einem Abstand von 25 bis 30 Metern errichtet. Vor jedem dieser Miniwälle heben die Männer kleine Gräben aus: Das System ist der Versuch, Niederschlag besser zu speichern. Wenn es denn überhaupt noch welchen gibt.
Der Regen ist so selten geworden, dass sich Dorfvorsteher Husein Abdi Hasan genau an den letzten erinnern kann: Dieser kam im September, während dreier Tage. «Für die Vegetation wäre ein voller Monat nötig gewesen», sagt er knapp.
Rätselhafter Regen
Balisheikh liegt etwa zwei Autostunden von Burao entfernt, der zweitgrössten Stadt Somalilands. Flächenmässig ist das Land mehr als dreimal so gross wie die Schweiz und hat etwa 3,5 Millionen Einwohner:innen. Dass es 1991 die Unabhängigkeit von Somalia erklärt hat, findet auf der Welt praktisch keine Anerkennung. Für internationale Institutionen bleibt Somaliland ein Landesteil des bürgerkriegsgeplagten und finanzschwachen Somalia, und als solcher hat es weitgehend ohne diplomatische Anbindung mit der Herausforderung zu kämpfen, die derzeit weite Teile des Horns von Afrika trifft.
Seit vielen Monaten warnen Hilfsorganisationen und die Uno vor einer der schlimmsten Dürren der vergangenen Jahrzehnte. In Äthiopien, Kenia und Somalia sind 36 Millionen Menschen betroffen. Fünf Regenzeiten sind in den letzten Jahren ausgeblieben. Mehr als drei Millionen tote Nutztiere allein in Somalia – inklusive Somaliland – sind gemäss Uno-Angaben die Folge. Es ist nicht so, dass gar kein Regen mehr fällt, aber er wird immer unberechenbarer. Wie auch in Balisheikh zu sehen ist, lassen sich Ort, Zeit und Menge des Niederschlags kaum mehr antizipieren. Kommt es zu Starkregen, fliesst das Wasser auf dem trockenen Untergrund sofort ab. Ist der Schauer zu leicht, verdunstet das Wasser, bevor es in den Boden eindringen kann.
Das Wort «Klimawandel» aber nutzen hier längst nicht alle. In Somaliland, wo der Islam Staatsreligion ist, liegt die Verantwortung stattdessen für viele bei Allah: Er nimmt den Regen, und er wird ihn auch irgendwann wieder zurückbringen, so die Hoffnung. Beschreiben aber können die Betroffenen die Folgen der Klimaerhitzung ganz genau. Dürren gab es hier schon immer, doch wenn sie zu rasch aufeinander folgen, kann sich die Vegetation dazwischen nicht mehr erholen. Weil die Menschen trotzdem Holzkohle brauchen und dafür Bäume fällen, schwindet deren Bestand, mit problematischen Folgen: Bereits hat das invasive Gewächs Prosopis in Somaliland mehr als eine halbe Million Hektaren einstmals wertvoller Weideflächen überzogen.
Es ist ein Teufelskreis, den Abdirisak Mohamed Hussien täglich vor Augen hat. Genau drei seiner 210 Ziegen haben die Dürre von 2016 und 2017 überlebt. Mittlerweile zählt seine kleine Herde wieder vierzehn Tiere, aber sie bleibt zu klein, um davon zu leben. In Somaliland ist die Viehhaltung von zentraler Bedeutung: Sie trägt rund sechzig Prozent zum Bruttoinlandprodukt bei. Bis heute leben viele Somaliländer:innen als Pastoralist:innen, zusammen mit ihren Herden legen sie auf der Suche nach Weideflächen unglaublich weite Strecken zu Fuss zurück. Zunehmend haben aber auch sie einen festen Wohnort.
Weil Hussien nicht mehr von der Tierhaltung leben kann, hat er in Balisheikh einen Kiosk eröffnet. Dort verkauft er jetzt Tee und Reis. Seine Kund:innen kommen vor allem aus den umliegenden Dörfern und machen auf dem Weg von oder nach Burao einen Zwischenhalt. Er verdiene damit etwas mehr als elf Franken pro Woche, «aber auch davon kann ich keine Familie ernähren», sagt Hussien. Auf staatliche Unterstützung kann er nicht zählen, Somalilands Staatshaushalt liegt bei gerade einmal rund 350 Millionen US-Dollar. Immerhin verteilen manchmal Hilfsorganisationen Nahrungsmittel.
Das Kamel, ein Exportgut
Niemand führt eine Statistik darüber, wie viele Familien aufgrund der veränderten klimatischen Bedingungen bereits ihre traditionelle Lebensweise auf dem Land aufgeben mussten. Für viele ist klar: Sie werden ihre Viehherden nie wieder aufbauen können, und die mageren Tiere, die ihnen geblieben sind, erzielen längst nicht mehr die Verkaufspreise von früher. Die Auswirkungen sind überall spürbar. Metzger:innen haben weniger Arbeit und Einkommen. Und in Burao klagen die Händler:innen über ausbleibende Kundschaft.
Neben Ziegen werden in Somaliland traditionell Kamele gehalten. Die beigefarbenen Tiere mit ihren dunklen Augen und langen Wimpern sind allgegenwärtig, überall knabbern sie an Bäumen und Sträuchern. Ihre Milch war einst wertvolles Tauschgut unter Familien und gehört bis heute in den süsslich-bitteren Tee, der bei jeder Gelegenheit aufgetischt wird. Die Kamele sind zudem Fleischlieferanten – und wichtiges Exportgut. Somaliland liegt am Golf von Aden, gleich gegenüber der Arabischen Halbinsel. Dort befindet sich auch der wichtigste Absatzmarkt Saudi-Arabien; vor allem im Sommer wurden früher viele Kamele dorthin verkauft, wenn die Pilger:innen den Hadsch nach Mekka machten. Die Coronajahre brachten aber einen Einbruch mit sich: Begaben sich 2019 noch knapp 2,5 Millionen Pilger:innen auf die Reise, waren dort im Jahr darauf nur noch 10 000 zugelassen.
Somalilands wichtigster Umschlagplatz für Import- und Exportgüter ist die Hafenstadt Berbera. Schon vor Jahrhunderten hat sie sich als Handelsstandort in der Region etabliert, und seit 2016 soll Berberas Funktion noch aufgewertet werden: Ein Unternehmen aus Dubai hat damals mit Somalilands Regierung einen Vertrag zur Modernisierung des Hafens unterzeichnet. Die Investitionssumme soll 442 Millionen US-Dollar betragen und einen dringend benötigten Ausbau von Industrie und Infrastruktur ermöglichen. So wird in Berbera gerade der Strassenverkehr kräftig ausgebaut: Die Autobahn in die 140 Kilometer entfernte somaliländische Hauptstadt Hargeisa ist bereits fertig, jetzt folgt der Bau einer 22,5 Kilometer langen Umgehungsstrasse.
Überlebenswichtige Geldsendungen
Der Ausbau der Infrastruktur ist Teil des Versuchs, Somalilands Eigenständigkeit zu zementieren. Im Zuge des somalischen Bürgerkriegs liess der damalige Diktator Siad Barre den nördlichen Landesteil Ende der achtziger Jahre bombardieren, worauf die Unabhängigkeitserklärung folgte. Noch immer verfügt Somaliland über eine weltweit verstreute Diaspora, deren Geldsendungen für das Land überlebenswichtig sind.
Bis heute ist Taiwan das einzige Land, das Somalilands Unabhängigkeit anerkennt. Auf Landkarten taucht es deshalb ebenso wenig auf wie in den allermeisten Statistiken. Zwar sind viele Hilfsorganisationen vor Ort, die mit den Behörden zusammenarbeiten und sie etwa mit Nahrungsmittellieferungen unterstützen. Und es gibt das Programm «Cash for Work», im Rahmen dessen Bürger:innen dafür bezahlt werden, Arbeiten für die Allgemeinheit zu verrichten. Dazu gehören auch Massnahmen, um die Menschen gegen die Folgen der Klimaerhitzung widerstandsfähiger zu machen.
Kredite von der Weltbank oder dem Internationalen Währungsfonds gibt es für Somaliland aber nicht. Umso wichtiger ist der Regierung die Zusammenarbeit mit Privatunternehmen, denen es egal ist, ob das Land Mitglied der Uno oder der Afrikanischen Union ist und ob Präsident Muse Bihi Abdi zu Treffen mit anderen Staatschef:innen eingeladen wird. Sie suchen ganz einfach nach lukrativen Wirtschaftsstandorten. Umso grösser sind die Hoffnungen, die derzeit in den Hafenausbau in Berbera gesetzt werden.
Für einstige Viehhalter:innen sind die Chancen auf eine baldige Verbesserung ihrer Situation aber gering. Viel wahrscheinlicher ist es, dass sie sich in einem Camp für Binnenflüchtlinge wiederfinden: Gemäss UNHCR-Angaben leben 571 000 Menschen innerhalb Somalilands als Vertriebene – aufgrund von Klimaerhitzung sowie dem Verlust von Viehherden und Perspektiven.
Im künftigen Elendsviertel
Zu ihnen gehört Yurub Jama Warsame. Die Mutter von vier Kindern lebt seit sechs Jahren im Camp Adan Saleeban am Stadtrand von Burao, längst ist es ihr permanentes Zuhause geworden. «Im Dorf gab es kein Wasser und keine Nahrung mehr», sagt die 35-Jährige. Auch sie verlor ihre Ziegen und verkaufte die letzten fünf, die von der Dürre verschont geblieben waren. Als ihr Mann in der Stadt auch noch krank wurde und kein Geld mehr ins Dorf schicken konnte, entschied sie sich für ein Leben im Camp, wo die Zelte dicht an dicht stehen.
Ausschlaggebend für ihren Entscheid war auch, dass ihre Mutter Hilfe benötigte. «Sie wurde aggressiv, kapselte sich ab und sass immer nur zu Hause», erzählt Warsame. Auch Nachbar:innen bemerkten ihre Veränderung. Fünf Monate lang sah die Tochter zu, bis sie die Mutter schliesslich zum Arzt brachte, der ihr eine psychische Erkrankung bescheinigte. An eine Behandlung im Dorf war nicht zu denken – in einem Land, in dem gemäss Schätzungen gerade einmal etwa 200 Ärzt:innen arbeiten. Auslöser der Erkrankung – mutmasslich eine Depression – war die Dürre: «Meine Mutter machte sich Sorgen und hatte Angst vor der Zukunft», sagt Warsame.
Ein verbreitetes Phänomen, wie die Psychologin Hamda Abdinasir Mohamed von der Hilfsorganisation Handicap International bestätigt. «Die Menschen in Somaliland hingen stets mehr von ihren Tieren ab als von allem anderen, insbesondere im ländlichen Raum», erklärt Mohamed, «und wegen der Dürren haben sie nichts mehr, woran sie noch hängen könnten.» Von Nomad:innen, die einst selbst entschieden, wohin sie ziehen und wie sie ihr Leben gestalten wollten, sind die Menschen zu Bittsteller:innen geworden. Es zeichnet sich ab, dass die Camps der Binnenvertriebenen in Somalilands Städten zunehmend zu Elendsvierteln werden. Yurub Jama Warsame will trotzdem bleiben. «Die Hilfsorganisationen bringen immerhin Geld ins Land», sagt sie.
Im Dorf Balisheikh haben Abdirisak Mohamed Hussien und die anderen Männer ihre Arbeit für heute beendet. Hussien hofft, dass sich das Aufschütten der kleinen Erdwälle bald auszahlt: «Wir wollen gutes Futter für die Tiere produzieren», so das Ziel. Tiere sind derzeit aber nicht zu sehen: Gras, Bäume und Büsche werden gerade geschont, erst zu einem späteren Zeitpunkt dürfen Ziegen, Rinder und Kamele hier grasen. Die Massnahme sei Teil des Widerstands gegen die Klimaerhitzung, sagt Hussien. «Wir wollen nicht hinnehmen, was passiert.»