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Wie der FCZ einst den ZSC rettete
Der FC Zürich und die ZSC Lions haben in ihrer Geschichte mehr Berührungspunkte, als man gemeinhin denkt. Einmal führte ein Präsident gar beide Vereine gleichzeitig. Auf den Rängen war man traditionell gegen GC vereint. Aber diese Zeiten sind längst vorbei. Eine Zeitblende.
Am 26. März 1919 wird im Café du Theâtre der Hockey-Club Zürich gegründet, im dritten Anlauf. Die ersten beiden Gründungsversuche scheitern zuvor an der «Interesselosigkeit des Zürcher Publikums». Für die Versammlung sind 31 Personen angemeldet, wovon 22 erschienen, darunter zwei Frauen. Das erste Spiel trägt der H.C. Zürich am 13.7.1919 gegen die «Akademische Hockey-Abteilung der Universität Freiburg» (D) aus (Resultat 9:0 für Freiburg). Der Trainingsplatz auf der Allmend Brunau ist aber derart unbefriedigend, dass mit Erfolg der Anschluss an den FC Zürich gesucht wird, der mit dem Utogrund über ein eigenes Stadion verfügt – «im Fussball-Club Zürich fand unser Club einen Beschützer des Hockey-Sports» heisst es dazu im ersten Jahresbericht. Zur endgültigen Fusion kommt es am 8.10.1919, ab dann nennt man sich «Hockey-Sektion des FC Zürich».
Im selben Herbst folgt die Gründung des Schweizerischen Landhockey-Verbands mit den Teams Zürich, Basel, Bern und Servette Genf. Die Verbandsgründung wird im FCZ-Jahresbericht explizit als «Verdienst unseres Mitglieds Herr Wiget» gewürdigt. Gustav Wiget ist ab 1919 Materialwart und Vertreter der Hockey-Sektion beim Stammverein FCZ. Für die Saison 1920/21 übernimmt Wiget das Präsidium der Hockey-Sektion. Bereits im November 1920 wird im Verein eine Eishockey-Mannschaft zusammengestellt. Interessierte sollten «erstklassige Schlittschuhläufer» sein. Wiederum ist Wiget die treibende Kraft hinter der Initiative. Am 25.12.1920 ist es soweit: Ein erstes Eishockey-Team des FCZ reist nach St. Moritz, wo man am nächsten Tag das Spiel glatt mit 0:21 gegen die Gastgeber verliert.
Ein FCZ'ler als ZSC-Goalie
Gustav Albert Wiget, geboren am 24.12.1892 in Henau (SG) ist von Beruf Dekorateur. Er spielt nicht nur bei der Gründung der FCZ-Hockeyaner und beim Verband eine Hauptrolle, sondern ist ein Jahrzehnt später, 1930 auch Torhüter der Gründungsmannschaft der Eishockey-Sektion des Zürcher Schlittschuhclubs (ZSC). Von 1926 bis 1928 ist er zudem Mitglied des Landhockey-Vereins Red Sox Zürich. Wiget hütet den ZSC-Kasten bei den ersten Spielen auf der neu eröffneten Kunsteisbahn Dolder im Dezember 1930. Beim 14:1 im Stadtderby gegen GC ist er kaum gefordert, beim 1:0 gegen den H.C. Mailand wird der ZSC-Keeper im Tages Anzeiger wegen seiner «bemerkenswerten Form» speziell herausgehoben.
Eine der grossen Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Vereinen FCZ und dem ZSC ist, dass beide Vereine seit ihrer Gründung als Gegenpol zum Grasshoppers-Club fungierten. Bei GC wurde 1923 die Landhockey-Sektion gegründet – vorerst nur als Frauenteam – daraus erwuchs ab 1930 die GC-Eishockey-Abteilung. Auf seiner Webseite schreibt GC heute: «Der GC huldigte in frühen Zeiten einer strikten Aufnahmepolitik. Diese wirkte sich in der Praxis oft so aus, dass Studenten sich den Grasshopper anschlossen, gute Spieler aber beim ZSC landeten. Wechsel innerhalb dieser beiden Rivalen wirbelten jeweils, nicht nur in der Öffentlichkeit, viel Staub auf.» Wie der FCZ, war also der ZSC seit jeher ein Verein für alle Bevölkerungsschichten.
Karl Müller: ZSC- und FCZ-Präsident
Die engen Verbindungen zwischen Schlittschuh- und Fussballclub Zürich lassen sich durch weitere gewichtige personelle Überschneidungen belegen. So tritt just 1930 – im Jahr der ZSC-Gründung – der 17-jährige Karl Müller in den FC Zürich ein. Hier wird er bis 1935 als Aktivmitglied geführt, dürfte es aber nicht bis in die erste Mannschaft geschafft haben. In den dreissiger Jahren wird Müller auch ZSC-Mitglied. Dort wird er am 15.12.1943 zum Klubpräsidenten in einem «stark verjüngten Vorstand» gewählt. Dieses Amt behält er fünf Jahre bis 1948. Der ZSC gewinnt holt in dieser Phase seine bis heute einzigen Spengler-Cup-Titel (1945, 1946) und ernennt Müller zum Ehrenmitglied. Privat betreibt Müller ein Bürofachgeschäft, zuerst an der Allenmoosstrasse 60, später an der Zweierstrasse 35. Ursprünglich aus Thalwil, lässt er sich 1946 in Zürich einbürgern.
Nur ein Jahr nachdem seine Präsidentschaft beim ZSC endet, übernimmt Karl Müller für zwei Jahre das Amt als FCZ-Präsident: Von Juli 1949 bis Juli 1951 führt er den Stadtclub durch zwei mittelmässige NLA-Saisons. Er spielt anschliessend in den FCZ-Senioren (mit 38 Jahren!) und wird an der GV vom 17.2.1956 zum FCZ-Ehrenmitglied ernannt.
Naegeli rettet den ZSC
Ein Jahr darauf, am 4.4.1957, übernimmt der damals 45-jährige Edwin «Edi» Naegeli den FC Zürich. Als erster Präsident überhaupt schafft er es, mit dem FCZ auf die Erfolgsspur einzubiegen. Zwischen 1963 und 1976 holt Zürich sechs Schweizer Meistertitel und fünf Cupsiege. In den 60 Jahren vor der Ära Naegeli waren es gerade mal zwei mickrige Meistertitel gewesen (1902, 1924).
In den Naegeli-Jahren geht es mit dem ZSC bergab. Zwar kann man 1950 mit dem Hallenstadion die erste Indoor-Hockeyhalle Europas beziehen, sich 1951 definitiv vom Stammverein (dem heutigen Eislauf-Club) lossagen und einen eigenen Verein gründen. Nach dem dritten Meistertitel der Vereinsgeschichte 1961 aber folgt ein leiser Zerfall. Sportliche Mittelmässigkeit und finanzielle Sorgen führen schliesslich dazu, dass die erste Mannschaft 1969 von der Hallenstadion AG übernommen wird. 1971 folgt der erstmalige Abstieg in die Nationalliga B, 1974 ein zweiter. Der ZSC wird, was er lange Jahre bleibt, ein «Liftklub» zwischen NLA und NLB. Die Hallenstadion AG schliesslich stösst den ZSC im März 1976 wieder ab und damit den Verein in ein Vakuum. Als Gründe werden ein «Defizit an der Millionengrenze» und das «Desinteresse des Zürcher Publikums» angeführt. Gegen Lugano erscheinen beispielsweise noch 719 zahlende ZuschauerInnen, gegen Zug zwar 5734 – doch werden 4100 Tickets direkt nach Zug verkauft!
In diesem für den ZSC kritischen Moment tritt Edi Naegeli auf den Plan. An der 44. Generalversammlung des Vereins wird er am 29.4.1976 zum Präsidenten gewählt und führt fortan zwei grosse Sportvereine gleichzeitig. Bei Amtsantritt findet er einen desolaten Klub in einer «tristen Situation fast ohne Ausweg» vor, der gerade mal noch neun Spieler unter Vertrag hat. In seiner Antrittsrede erklärt er sein Engagement so: «Der ZSC ist verwandt mit uns, denn wir sind der zweite Club in Zürich. Es ist selbstverständlich, dass geholfen werden muss.» Beim FCZ hätten einige nicht so Freude an seiner Entscheidung, gleichzeitig sei es aber FCZ-Finanzchef Walter Bolli, der die Idee ins Rollen gebracht habe. Bollis Söhne spielen Fussball und Hockey und Bolli ist auch in der ZSC-Supportervereinigung. Eine Fusion FCZ/ZSC schliesst Naegeli von vornherein aus. Der FCZ spricht eine einmalige Finanzspritze von 100'000 Franken zu und Naegeli baut sogleich eine «ZSC Betriebs AG» auf, analog der 1971 gegründeten FCZ-AG. Überhaupt nutzt der Präsident Synergien, wo es nur geht, sei dies beim Matchprogramm, das bald in exakt gleichem Layout erscheint, sei es im sportlichen Bereich. So wird das Sommertraining des ZSC 1976 «ganz auf Kondition ausgerichtet und vom FCZ-Trainer Timo Konietzka geleitet».
Sportlich läuft es allerdings überhaupt nicht nach Plan. Naegeli verpricht bei Amtsantritt den sofortigen Aufstieg, verpasst ihn mit dem «Z» aber sowohl 1977, als auch 1978. Dieser sollte erst 1981, nach sieben Jahren NLB, Tatsache werden. Zu diesem Zeitpunkt ist Naegeli bereits tot (+6.12.1979). ZSC-Präsi bleibt er bis im Mai 1978. In seiner kurzen Zeit gelingt es immerhin, die Finanzen zu und auch die Beziehungen zur Hallenstadion AG stabilisieren. Naegeli verzichtet bei seinem Rücktritt auf die ZSC-Ehrenmitgliedschaft, weil Erfolg auf dem Eis ausgeblieben ist. Er bezeichnet sich selber in dieser Sache als «schlechten Propheten». Neuer ZSC-Präsident wir 1978 der Bankier Andreas von Albertini.
Erst Fanfreundschaft, dann der Bruch
Auf den Rängen besteht seit den 1970er-Jahren eine besondere Bindung zwischen den Fans des ZSC und jenen des FCZ. Beiderorts entstehen zu der Zeit erste Fanclubs, beim ZSC der «Fanclub Schwamendingen» und «Züri 11», beim FCZ unter anderem «Blau-Weiss» (gegr. 1977). Bei den Fanlagern des ZSC und des FCZ gibt es damals zwar Überschneidungen, doch kaum jemanden, der konsequent an alle Spiele beider Klubs geht. Das sei schon früher terminlich nicht möglich gewesen, erzählen Fans von damals. Die Basis des ZSC liegt auch klarer im Norden der Stadt zwischen Affoltern und Seebach bis Schwamendingen. Dennoch unterstütz man sich gegenseitig, auf und neben dem Feld.
1997 fusioniert der Zürcher Schlittschuh Club mit der Eishockey Sektion von GC und mutiert zu den ZSC Lions. Viele Fans verweigern dem neuen Konstrukt vorerst die Liebe und die Zuschauerzahlen sinken in den ersten Saisons merklich. An diesem Punkt bedient sich der neue Zürcher Hockeyclub ein letztes Mal beim FCZ: Als Logo für die «Lions» wählt man jenes mit dem oben aus dem Rund heraus fauchenden Löwen. Dieses erinnert doch sehr stark an das Emblem, das sich der FCZ 1995 mit dem Slogan «Löwengebrüll im Letzigrund» gab. Zwei Jahre später, im Sommer 1997, begräbt man dieses FCZ-Logo übrigens wieder, kurz vor der Gründung der «ZSC Lions».