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In meinen Kursen mache ich manchmal eine Übung, bei der wir Begriffe mit den fünf Sinnen beschreiben. Ich möchte also wissen, wie zum Beispiel eine Familienfeier oder eine Schifffahrt bei Sturm riecht, schmeckt, aussieht, sich anhört und sich anfühlt. Einer dieser Begriffe ist «ein Absagebrief», der etwa schmeckt wie saure Milch oder sich anfühlt wie eine Todesanzeige.
Wir kennen das alle. Wir bewerben uns für eine Wohnung oder einen Job, den wir unbedingt haben wollen, oder wir machen bei Wettbewerben mit. Wir warten und bangen, und eines Tages kommt dann diese Mitteilung, die in etwa so lautet: «Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen … » Meist lesen wir gar nicht weiter. Unsere Hoffnungen sind dahin, alle Arbeit war umsonst, wir sind am Boden zerstört oder stinksauer. Und wir haben überhaupt keine Lust, vernünftig zu sein, uns zusammenzunehmen oder gar die Ansicht zu vertreten, dass es schon irgendwie richtig sei so. Es tut einfach nur weh. Wir sind zurückgewiesen worden. Abgelehnt. Jemand anders hat erhalten, was wir uns sehnlichst gewünscht haben. Und das nehmen wir persönlich. Beginnen, uns mit anderen zu vergleichen, an uns zu zweifeln. Manchmal geben wir sogar auf. Nach nur einer Absage.
Und nun stellen wir uns vor: Es gibt Menschen, die haben Unmengen von Absagen erhalten und trotzdem nicht aufgegeben. Ich rede hier, wohlgemerkt, nicht von der Suche nach Jobs oder Wohnungen, sondern von einer Gattung, die jene Menschen selber geschaffen haben. Ich rede von Büchern und ihren Schöpfern, den Schriftstellern. Und ich rede nicht von schlechten Büchern, sondern von Bestsellern. Harry Potter zum Beispiel, der nach zwölf Absagen nur dank der Tochter eines Lektors bei Bloomsbury akzeptiert wurde, weil sie den Rest des Buches lesen wollte. Joanne K. Rowling wurde aber geraten, sich zusätzlich einen Brotjob zu suchen. Den Rest kennen wir. Agatha Christie wurde fünf Jahre lang abgelehnt, bevor sie schliesslich einen Verlag fand. Ihre Bücher haben sich über zwei Billionen Mal verkauft. Nur William Shakespeare hat mehr verkauft. Louis L’Amour erhielt 200 (!) Absagen, bevor Bantam ihm eine Chance gab. Er ist heute ihr am besten verkaufter Autor mit 330 Millionen Exemplaren. Die berühmte Anthologie «Hühnersuppe für die Seele» sackte 140 Absagen ein, weil sich Anthologien angeblich nicht verkaufen. Sie verkaufte sich 125 Millionen Mal.
Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Manchmal gab es als Supplement zu den Absagen vernichtende Kommentare von den sogenannten Kennern des Marktes. «Ich empfehle, dass dieses Manuskript für die nächsten tausend Jahre unter einem Stein begraben wird», hiess es zu Nabokovs «Lolita», die sich danach 50 Millionen Mal verkaufte. Niemand würde ein Buch über eine Möwe lesen wollen, musste sich Richard Bach anhören. «Die Möwe Jonathan» hat sich 44 Millionen Mal verkauft. Jacqueline Susanns Schreibstil wurde als undiszipliniert und amateurhaft bezeichnet. Ihr «Tal der Puppen» verkaufte sich 30 Millionen Mal. Louisa May Alcott wurde geraten, bei ihrem Beruf als Lehrerin zu bleiben. Ihr Buch «Betty und ihre Schwestern» ist nach über 140 Jahren noch immer auf dem Markt. Was man von den Verlagen, die sie abgelehnt haben, nicht behaupten kann. Von Richard Adams «Unten am Fluss» hiess es, ältere Kinder würden es nicht mögen, weil die Sprache zu schwierig sei. Es wurde das am schnellsten verkaufte Buch überhaupt. Und von Stephen Kings «Carrie» hiess es, man sei nicht interessiert an Science Fiction, die sich mit negativen Utopien befasse, sie liesse sich nicht verkaufen. Sie verkaufte sich aber bereits im ersten Jahr eine Million Mal.
Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, wenn sie diese Beispiele lesen, die übrigens nur eine kleine Auswahl sind. Auch J.D. Salinger, Dr. Seuss, C.S. Lewis, Margaret Mitchell und Paulo Coelho mussten beweisen, dass sie sich von Absagen nicht entmutigen lassen. Genauso wie George Orwell, Jack Kerouac und Mario Puzo. Sie gaben nicht auf, glaubten an sich selber, überarbeiteten ihre Manuskripte, schrieben neue. Neben der uneingeschränkten Bewunderung, die diese Menschen von mir bekommen, frage ich mich kleinlaut, bei welcher Zahl ich selber aufgegeben hätte. Ich weiss es nicht, und ich hoffe, ich werde mich an sie erinnern, wenn dereinst mein eigenes Manuskript in die harte Welt der Verlagssuche entlassen wird. Aber eines ist mir klargeworden: Auch die vermeintlichen Kenner und Fachleute können sich gehörig täuschen. Oder wie ein kluger Mann einmal sagte: «Ein Nein ist keine Niederlage. Es ist nur eine Antwort.»
Und zum Schluss noch dies: Jack London hat über sechshundert Absagen erhalten, bevor er auch nur eine einzige Geschichte verkaufte. Eine Sammlung davon ist im «House of Happy Walls», heute ein Museum in der Nähe von San Francisco, zu begutachten. Ich glaube, das setze ich auf meine Bucket List.
PS: Ich habe mal von einer Schriftstellervereinigung gehört, zu der man erst zugelassen wird, wenn man eine gewisse Anzahl Absagen vorweisen kann …