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Im Februar 2020 wurde Daniel Kehlmann von einer Computing-Firma nach Silicon Valley eingeladen, um sich literarisch mit einer Künstlichen Intelligenz zu messen.
Pure Neugier habe ihn an diesem Besuch in der Zukunftswerkstatt gereizt. Er habe nicht schlecht gestaunt, als er von den ambitionierten Hoffnungen der IT-Spezialisten gehört habe. «Sie rechneten durchaus mit der Möglichkeit, dass bei diesem Experiment ein gelungener literarischer Text herauskommt. »
Literarisches Ping-Pong
Daniel Kehlmanns Ansprechpartner in der kalifornischen Cloud-Computing-Firma war Bryan McCann. Er hatte den Algorithmus entwickelt und im Vorfeld mit Hunderttausend von Büchern, Zeitungen und Online-Foren gefüttert.
Am ersten Arbeitstag führte McCann seinen Gast zu einem Laptop und bat ihn, einen Text einzutippen und dann die Ctrl.-Taste zu drücken.
Das war für «Ctrl.» – wie der Algorithmus intern genannt wurde – das Signal, selber ein paar Sätze zu formulieren, bis dann der echte Schriftsteller wieder das Szepter übernahm. Dieses literarische Ping-Pong dauerte allerdings nur ein paar Minuten. Dann stürzte der Computer ab, und Kehlmann musste wieder von vorne anfangen.
Buchhinweis
Daniel Kehlmann: «Mein Algorithmus und ich», Klett-Cotta, 2021.
Die Schwäche der KI
Er habe jeden neuen Textanfang bewusst sehr offen formuliert, sagt der Schriftsteller: «Zum Beispiel 'Heute ist ein schöner Tag', oder 'Eines Morgens verliess ich mein Haus'.»
Dabei habe sich allerdings schnell die Schwäche der Künstlichen Intelligenz gezeigt: Ctrl. sei ausschliesslich ein Zweitverwerter. Dank gigantischen Rechnern im Hintergrund könne er aus seinem riesigen Reservoir an Wörtern und Sätzen stets nach jenem Begriff suchen, der am häufigsten auf «Tag» oder auf «Haus» folge. Dann setzt er wieder das nächstwahrscheinlichste Wort, und dann wieder das nächstwahrscheinlichste Wort.
Kein narrativer Plan
Ihm sei so sehr bald klar geworden, erinnert sich Kehlmann, dass ein Algorithmus nach statistischer Wahrscheinlichkeit funktioniert. Er kennt weder eine innere Logik, noch verfolgt er einen narrativen Plan. Das sei bei der literarischen Arbeit aber zwingend nötig: «Deshalb kann die Künstliche Intelligenz vorderhand noch keine Geschichte erzählen.»
Er habe als Literat aus Fleisch und Blut das Potential, Neues zu erfinden, während der Algorithmus ein reiner Zweitverwerter von eingespiesenem Textmaterial sei.
Wo bleibt die Kreativität?
Deshalb ist es auch nicht erstaunlich, dass das Experiment die Erwartungen in Silicon Valley enttäuschte. Kehlmann hatte alles versucht, um Ctrl. aus der Reserve zu locken.
Er reizte ihn mit Gedichtzeilen, Dialogen und Prosa-Fragmenten. Aber ein wirklich überzeugendes Resultat blieb aus. «Ich glaube, die Künstliche Intelligenz wird echte kreative Prozesse, die nicht nur Neu-Arrangements von etwas Altem sind, so bald nicht entstehen lassen können», zieht Kehlmann Bilanz.
Vor diesem Hintergrund können alle Künstlerinnen und Künstler – und nicht nur die Literaturschaffenden – aufatmen. Sie werden wohl noch lange nicht durch Computer und Roboter ersetzt.