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Vor drei Jahren setzte sich Benjamin Bellwald (30) aus Blatten im Lötschental gegen zahlreiche Bewerber durch und durfte ein Doktorat in Norwegen absolvieren. Mit der RZ spricht er über seine Erfahrungen als Forscher im hohen Norden.
Benjamin Bellwald, Ihre Kernaufgabe in den vergangenen drei Jahren bestand darin, in Norwegen den Untergrund des Meeres zu erforschen und die Veränderung der Landschaftsformen zu registrieren. Anschliessend haben Sie sich mit den Massenbewegungen des Meeresuntergrunds beschäftigt. Was war für Sie am Spannendsten?
Es gibt mehrere Aspekte, die ich als sehr spannend wahrgenommen und erlebt habe. Unser Team beschäftigt sich derzeit damit herauszufinden, wodurch die Massenbewegungen überhaupt ausgelöst wurden. Dies kann ein Bergsturz, ein Tsunami oder ein Erdbeben gewesen sein, um drei mögliche Auslöser zu nennen. Das finde ich sehr spannend.
Weiter sollen die Arbeiten im Barentssee (ein Randmeer des Arktischen Ozeans nördlich von Norwegen, die Red.) aufregend gewesen sein?
Bei diesen Arbeiten ging es darum herauszufinden, ob dieses Gebiet ein potenzielles Erdöl- oder Erdgasgebiet sein könnte und welchen Einfluss die vergangenen Vergletscherungen auf das Erdöl- und Erdgasvorkommen hatten. Diese Forschungsarbeiten waren nicht geplant, aber sehr interessant.
Und, sind Sie auf Erdöl gestossen?
Ja, wir sind sowohl auf Erdöl wie auch auf Erdgas gestossen. Das Problem liegt jedoch darin, dass das Gebiet ziemlich isoliert ist. Deswegen wird es eine grosse Herausforderung sein, das Erdöl oder Erdgas ans Festland zu transportieren, wo es genutzt werden kann. Interessant dabei ist auch die Tatsache, dass wegen der Rohstoffvorkommen die Grenze genauer festgesetzt wurde.
Ihre Einsätze waren sehr unterschiedlich. Beschreiben Sie einen Ihrer Arbeitstage in Norwegen?
Tatsächlich war meine Arbeit abwechslungsreich. Am Anfang, als ich das Doktorat in Bergen begann, fuhren wir mit dem Schiff während mehreren Wochen in unterschiedliche Fjorde und Ozeane. Dabei bestrahlten wir den Untergrund und sammelten Sedimentkerne vom Untergrund des Meeres. In einem nächsten Schritt ging es darum, diese Kerne im Labor zu analysieren und mittels Software zu erkennen, wie der Meeresgrund aussieht. Dabei wurde ich teilweise von Studenten entlastet, die für mich Material analysierten.
Sie haben in den drei Jahren auch eng mit der Industrie zusammengearbeitet?
Für uns ging es dabei darum, Daten für unsere Forschung zu gewinnen, zum Beispiel von öffentlichen Diensten, welche Strassen und Brücken über Fjorde gebaut haben und bauen werden. Interessant waren auch die Daten, welche für Tunnelbauten unter den Fjorden genutzt wurden.
Und zuletzt wurden Sie sogar zum Journalisten.
Ja, das kann man so sagen. Es ging darum, für Fachmagazine die Auswertungen unserer Arbeiten zu dokumentieren. Die vergangenen drei bis vier Monate habe ich fast ausschliesslich für unterschiedliche Magazine Texte verfasst.
Während den drei Jahren in Norwegen erlebten Sie auch manch ein Abenteuer. So mussten Sie sich auf Eisbären in Spitzbergen gefasst machen…
Insgesamt reiste ich zweimal nach Spitzbergen und sammelte dabei interessante Erfahrungen: Als wir in Longyearbyen, dem Hauptort von Spitzbergen, gelandet waren, durften wir nirgendwohin gehen ohne jemanden, der ein Gewehr mit sich trug. Doch vom sozialen Aspekt erinnerte mich Spitzbergen stark ans Wallis.
Ach ja? Warum?
Die Leute waren sehr gesprächig und es herrschte ein familiäres Klima; so hatte ich während einer Woche in Spitzbergen mehr Kollegen gewonnen als zuvor während eines halben Jahrs in Bergen.
Was haben Sie sonst noch über Spitzbergen erfahren?
Es ist ein Ort, an dem niemand sterben darf und an dem sich ein Mensch durchschnittlich sechs Jahre aufhält. Das heisst, dass niemand in Spitzbergen aufwächst oder mit dem Ort verbunden ist. Kein Kind wird dort geboren, deshalb müssen schwangere Frauen die Insel nach fünf bis sechs Monaten ihrer Schwangerschaft verlassen. Ebenso Rentner ab einem vorgegebenen Alter. Denn das Spital kann diese Aufgaben gar nicht wahrnehmen und der aufbauende Permafrost eignet sich nicht als Friedhof.
Wollen wir doch noch über Eisbären reden. Gab es brenzlige Situationen?
Wir waren immer mit einem lokalen Führer unterwegs, der uns beschützt hat. Einmal musste ich für ein Filmteam ein kurzes Interview in Spitzbergen geben, dabei stand der Guide neben mir mit einem Gewehr. Das war doch eine sehr spezielle Erfahrung.
Kürzlich machte der Schweizer Boulevard darauf aufmerksam, dass vermehrt Eisbären in Spitzbergen abgeschossen werden wegen Touristen, die den Tieren immer näherkommen und sich dann vor Ihnen schützen müssen. Wie haben Sie das erlebt?
Darüber bin ich nicht informiert. Doch es gilt zu sagen, dass dieses Vorgehen auf grosse Kritik an Touristen stösst. Ich weiss, dass vor einem Jahr Touristen bewusst in ein Gebiet zogen, das bekannt war für aktive und neugierige Eisbären. Tatsächlich begegneten sie einem und töteten ihn, weil er sich ihnen näherte. Das Ganze hatte ein Gerichtsverfahren zur Folge. Ich sehe jedoch bei den Touristen und Eisbären ein ganz anderes Problem.
Erzählen Sie.
Die Eisbären leben in Spitzbergen grundsätzlich im Osten und die Menschen im Westen. Doch weil das Eis im Osten mehr und mehr schmilzt, verschieben sich die Bären mehrheitlich nach Westen, um zu jagen. Mittelfristig werden somit Konfliktsituationen unausweichlich sein.
Meist weilten Sie in Bergen, wo es fast 250 Regentage im Jahr gibt. Inwiefern hat das Wetter Ihre Arbeit beeinflusst?
Beeinflusst hat das Wetter meine Arbeit nicht. Selbst habe ich mich an das Wetter gewöhnt und ein bisschen in die Stadt und ihre Frauen verliebt (lacht). Denn: Bergen ist bei Sonnenschein eine der schönsten Städte weltweit. Die Berge liegen so nahe bei der Stadt, dass man an einem Abend problemlos innerhalb von ein bis zwei Stunden auf einen Berg laufen kann und das atemberaubende Panorama geniessen darf.
Sie sollen einmal nach drei Wochen, in denen es ausschliesslich geregnet hat, am ersten Sonnentag zur Freude des Tages mit Kollegen eine Flasche Rotwein geöffnet haben?
(lacht) Ja, das stimmt. Was mich an der Bevölkerung von Bergen beeindruckt, ist, dass sie unabhängig vom Wetter stets Freizeitaktivitäten in der freien Natur macht. Die trotzen dem Wetter quasi jeden Tag und zeigen ihren Kindern gleich, dass man sich vom Wetter nicht beirren lässt.
Wie steht es eigentlich mit Ihrem Norwegisch?
Die Skandinavier und mit ihnen die Norweger sprechen grundsätzlich sehr gut Englisch. Auch an der Uni in Bergen wird meist Englisch gesprochen. Das ist ein Vorteil und gleichzeitig auch ein Nachteil. Wer sich drei Jahre in Bergen aufhält und die Sprache der Einheimischen nicht lernen will, wird sich mit Englisch durchschlagen. Selbst habe ich Norwegisch gelernt und kann mich mit den Leuten unterhalten.
Wie haben Sie die Norweger wahrgenommen?
Sie sind sehr introvertiert. Persönlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass, wenn man bemüht ist, ihre Sprache zu sprechen, sie dann kontaktfreudiger sind. Da ich Unihockey und Fussball in norwegischen Mannschaften spiele, habe ich mich nun längst eingelebt und fühle mich auch wohl hier.
Die wissenschaftlich erzielten Resultate zeigten Sie auf einer internationalen Konferenz in Neuseeland, einer europäischen in Wien und bald auch an einer weiteren internationalen in San Francisco. Das tönt aufregend.
Ich reise stets sehr gerne an diese Konferenzen, denn dadurch entsteht immer die Möglichkeit, sich gegenseitig auszutauschen und grosse Player in der Wissenschaft persönlich zu treffen. Dadurch kann man viel lernen. Weil Geologie eher ein kleines Forschungsfeld ist, habe ich beim Austausch vermehrt ein familiäres Klima wahrgenommen.
Sie erhalten demnächst mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit Ihren Doktortitel. Wie geht es anschliessend mit Ihnen weiter?
Zuerst muss beurteilt werden, ob ich den Doktortitel überhaupt verdiene oder nicht. Dies beurteilen drei erfahrene Wissenschaftler, die derzeit noch gesucht werden. Bis Ende Januar bleibe ich dann in Norwegen, anschliessend muss ich mich entscheiden, ob ich eine akademische Laufbahn anstreben will oder in die Industrie wechseln werde.