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Zumindest ein «Drittel» einer Goldmedaille für Graubünden
Der Schweizer Medaillentraum beim Skicross platzte jäh. Nach dem verletzungsbedingten Out von Mike Schmid schieden Alex Fiva im Achtel- und Armin Niederer im Halbfinal aus. Olympiasieger wurde der Franzose Jean Frédéric Chapuis.
Von Kristian Kapp
Rosa Chutor. – Ralph Pfäffli hatte einen Traum, und diesen Traum hatte der Schweizer Nationalcoach der Skicrosser vor dem gestrigen Rennen offen erzählt: Seine drei Jungs auf dem Podest. Mike Schmid, Alex Fiva und Armin Niederer. Und selbst der geschlagene vierte Finalteilnehmer nahm im Traum Gestalt an: Der Franzose Jean Frédéric Chapuis. «Weil er zumindest ein halber Schweizer ist», wie es Pfäffli begründete. Der Traum erwies sich in den Grundzügen nicht als wirr. Es gab einen Dreifachsieg, und Chapuis stand im Final. Bloss sorgte der 25-Jährige aus Savoie mit seinen Landsleuten Arnaud Bovolenta und Jonathan Midol für den totalen französischen Triumph. Auch wenn sie im Weltcup nie derart dominieren: Bereits an der letzten WM waren drei Franzosen im Final gestanden.
«Die Schweiz ist wie ein Zuhause»
Jean Frédéric Chapuis ein halber Schweizer? «Ich fühle mich wirklich 50:50», bestätigt der Olympiasieger (und Weltmeister) und erzählt von seinen regelmässigen Besuchen im Sommer in Hüttikon bei Zürich, wo seine Grossmutter, sein Cousin und seine Schwester wohnen. «Die Schweiz ist wie ein Zuhause für mich», sagt Chapuis. Seine Mutter ist Zürcherin, darum nennt er auch den Schweizerpass sein eigen. Und Chapuis hat auch eine Bündner Vergangenheit. 2009 verbrachte er, damals noch als alpiner Skirennfahrer, ein Jahr in Davos als Teil eines Regionalkaders.
Für Graubünden hatte er sich aus zwei Gründen entschieden: Weil die Mutter früher in Arosa gearbeitet hatte und weil die Tante in Pontresina wohnt. «Meine Mamma sagte immer: ‘Die Leute sind super in Graubünden’.» Wenn der Weltcup-Tross der Skicrosser im ersten Rennen nach Olympia ausgerechnet in Arosa Halt macht, wird es zum speziellen Anlass für Chapuis: «Auch wenn ich jetzt zwölf Jahre nie mehr in Arosa war. Doch meine Mutter freut sich sogar noch viel mehr über dieses Rennen.»
Leichte Diskushernie bei Fiva?
Und die «echten» Bündner und Schweizer? Mike Schmids Schicksal war schon am Mittwoch bekannt. Der Berner musste seine Mission Titelverteidigung frühzeitig abblasen, erneut plagten den Pechvogel Knieprobleme. Und der nächste Schock folgte ebenfalls noch am Mittwoch, auch wenn die Öffentlichkeit erst am gestrigen Renntag davon erfuhr. Alex Fiva hatte das Abschlusstraining mit starken Rückenproblemen beendet. Die Qualifikation, die nur für die Einteilung der K.o-Phase diente, brach er gestern nach wenigen Metern ab. «Das war so geplant, der Rücken sollte nicht unnötig belastet werden», erklärte Pfäffli.
Es wurde dennoch nicht Fivas Tag. «Die halbe Nacht hatten die Ärzte und Physiotherapeuten an mir gearbeitet», erzählte der 28-jährige Parpaner. Und auch nach dem kurzen Qualifikationsrun eilte er ins Hotel zu den Pflegern. Die Schmerzen blieben indes: «Ich hatte beim Start Mühe, überhaupt im Gate stehen zu können.» Doch dann gelang eben dieser Start im Achtelfinal blendend, Fiva lag in seinem Heat in Führung – bis ihm ein Konkurrent von hinten mit dem Fuss die Beine wegzogen. Was im Eishockey als perfider «Slew Foot» mindestens eine 2-Minuten-Strafe nach sich zieht, hatte für Fiva fatale Folgen: Sturz und Olympia-Aus. Pfäffli startete keine Polemik: «Das ist Skicross.» Auch Fiva nicht: «Wenn es nicht okay gewesen wäre, hätten die Judges eingegriffen. Ich weiss nicht mal, wer es war.» Es war Brady Leman. Ironie des Schicksals: Als einziger Nicht-Franzose stürzte der Kanadier im Final und wurde Vierter. Wie sehr Fivas Rücken lädiert ist, war gestern noch unklar. «Die erste Diagnose», so Fiva, «ist eine leichte Diskushernie.»
Niederer: «Enttäuscht»
Und so blieb Armin Niederer das letzte Eisen im Schweizer Feuer. Er fuhr einen souveränen Achtelfinal und war im Viertelfinal Teil des mit Abstand spektakulärsten Heats des ganzen Tages. Der 26-jährige Klosterser kam nur weiter, weil alle seine drei Konkurrenten unmittelbar vor der Ziellinie zu Boden gingen und er sich geschickt durch die Sturzmasse manövrierte. «Da hatte ich Glück», gestand Niederer. Damit war es im Halbfinal vorbei, als er den Start total verpatzte und sich mit einer aussichtslosen Verfolgungsjagd konfrontiert sah. Am Ende hatte Niederer mit Platz 7 ein Diplom in der Hand. Zu wenig für ihn, entsprechend sprach Niederer Klartext: «Ich bin enttäuscht. Ich wollte eine Medaille, die ist weg. Ich habe mein Ziel verpasst, und das fühlt sich Scheisse an.» Die Lust auf Olympia hat Niederer aber nicht verloren: «Ich werde weiter Gas geben. Ich will da nochmals hin.»