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| Laktanz († nach 317) - Vom Zorne Gottes (De ira dei)

13. Alles in der Welt dient zum Nutzen des Menschen.
Wenn man die gesamte Einrichtung der Welt betrachtet, so wird man in der Tat einsehen, wie wahr der Ausspruch der Stoiker ist, daß die Welt um unsertwillen geschaffen ist. Denn alle Elemente, aus denen die Welt besteht, und all ihre Erzeugnisse sind auf den Nutzen des Menschen angelegt. Dem Menschen dient [S. 99] das Feuer zu Wärme und Licht, zur Bereitung der Speisen und zur Bearbeitung des Eisens; ihm dienen die Quellen für Trank und Bad, die Flüsse zur Bewässerung der Felder und zur Abgrenzung der Gegenden; ihm dient die Erde zur Gewinnung mannigfaltiger Früchte, die Ebenen für Saatfeld, die Hügel für Anlage von Weinpflanzungen, die Berge zur Beschaffung von Bau- und Brennholz; ihm dient das Meer nicht bloß zum Austausch der Waren und zur Herbeischaffung von Gütern aus fernliegenden Gegenden, sondern auch zur Gewinnung einer Fülle von Fischen jeder Art. Und wenn dem Menschen die Elemente dienen, die ihm zunächst liegen, so dient ihm unzweifelhaft auch der Himmel; denn die Verrichtungen der Dinge am Himmel sind auf die Fruchtbarkeit der Erde, die uns nährt, berechnet. Die Sonne legt in ruheloser Wanderung auf ungleichmäßigen Bahnen ihre jährlichen Umläufe zurück und bringt entweder beim Aufgang den Tag zur Arbeit hervor, oder führt beim Untergang die Nacht zur Ruhe herauf; und indem sie bald weiter nach Süden zurücktritt, bald näher an den Norden herankommt, so bewirkt sie den Wechsel von Winter und Sommer, damit einerseits durch Feuchtigkeit und Reif des Winters die Erde sich zu reichem Ertrag befruchte, andererseits durch die Wärme des Sommers die Halmfrüchte in der Reife sich härten, die Saftfrüchte, von der Sonne durchwärmt und durchglüht, sich erweichen. Auch der Mond, der Lenker der Nachtzeit, beherrscht durch den Wechsel des ab- und zunehmenden Lichtes die monatlichen Zeiträume und bestrahlt die von starrender Finsternis verdunkelten Nächte mit dem Schimmer seiner Helligkeit, damit sommerliche Reisen, Kriegszüge und Feldarbeiten ohne Anstrengung und Beschwerlichkeit vor sich gehen können. Denn:
„Besser werden bei Nacht die leichten Stoppeln,
und nächtlich
Trockene Wiesen gemäht“1.
Auch die übrigen Gestirne geben bei ihrem Aufgang oder Untergang durch bestimmte Stellungen die günstige [S. 100] Ausnützung der Zeiten an die Hand. Aber auch den Fahrzeugen gewähren sie Führung, daß sie nicht in irrem Lauf durchs unermeßliche Meer schweifen, indem der Steuermann, der sie richtig beobachtet, glücklich zum Hafen des beabsichtigten Gestades gelangt. Der Hauch der Winde zieht die Wolken an, daß die Saaten von Regen beträufelt werden, die Weinstöcke von Reben, die Bäume von Obst überschwellen. Und diese Güter werden im Verlauf des Jahres abwechselnd geboten, damit es nie an dem gebreche, was das menschliche Leben aufrecht hält.
„Aber“, wendet man ein, „auch die übrigen Geschöpfe nährt die nämliche Erde, und an ihrem Ertrag weiden sich auch die vernunftlosen Tiere. Hat sich denn Gott auch der stummen Tiere wegen bemüht?“ Durchaus nicht; denn sie sind ohne die Gabe der Vernunft. Aber wir sehen wohl ein, daß Gott in derselben Weise auch die Tiere zum Gebrauch des Menschen geschaffen hat, teils zur Speise, teils zur Kleidung, teils zur Dienstleistung bei der Arbeit, so daß es offensichtlich ist, daß die göttliche Vorsehung das Leben des Menschen mit einem Überfluß an Gütern und Vorräten habe ausrüsten und ausstatten wollen; und aus diesem Grunde hat Gott die Luft mit Vögeln, das Meer mit Fischen, und die Erde mit Tieren angefüllt.
Indes die Akademiker pflegen in ihren Auseinandersetzungen gegen die Stoiker zu fragen, warum auch vieles, was uns widerwärtig, feindselig und verderblich ist, auf Meer und Land sich findet, wenn Gott alles um der Menschen willen geschaffen hat? Diesen Einwurf haben die Stoiker aus Unkenntnis der Wahrheit ganz ungeschickt zurückgewiesen. Denn sie sagen: Es gibt vieles in den Gewächsen und in der Zahl der Tiere, von dem der Nutzen zurzeit noch verborgen ist; aber im Fortgang der Zeiten werde er sich finden, wie bereits auch vieles, was in früheren Jahrhunderten unbekannt war, Notwendigkeit und Bedürfnis gefunden habe.
Was für ein Nutzen kann denn in aller Welt in Mäusen, in Motten und in Schlangen gefunden werden, die alle dem Menschen beschwerlich und verderblich sind? Liegt etwa irgendein Heilmittel in ihnen [S. 101] verborgen? Wenn dem so ist, so möge es endlich einmal gefunden werden, natürlich wieder gegen Übel, während die Akademiker gerade darüber klagen, daß es überhaupt Übel gibt. Von der Natter sagt man, daß sie, wenn verbrannt und in Asche aufgelöst, den Biß des nämlichen Tieres heile. Würde es da nicht weit besser gar keine Natter geben, als daß man von ihr ein Heilmittel gegen die Natter suche? Kürzer und wahrer hätten die Stoiker in folgender Weise antworten können: Als Gott den Menschen schuf, gleichsam als Abbild Gottes und als Krone des göttlichen Schöpfungswerkes, da hauchte er ihm allein die Weisheit ein, damit er alles seiner Herrschaft und Botmäßigkeit unterwerfe und alle Annehmlichkeiten der Welt genieße. Doch stellte Gott dem Menschen Güter und Übel vor Augen, weil er ihm die Vernunft verlieh, deren ganze Aufgabe in der Unterscheidung der Güter und der Übel gelegen ist. Denn niemand kann das Bessere wählen, niemand wissen, was gut ist, wenn er nicht zugleich das Übel zurückzuweisen und zu vermeiden weiß. Gutes und Übles sind wechselseitig aneinander geknüpft; nimmt man das eine von ihnen weg, so muß man auch das andere wegnehmen. Erst wenn Güter und Übel zugleich vor Augen liegen, dann vollbringt die Weisheit ihr Werk; das Gute erstrebt sie in Ansehung des Nutzens, das Üble verwirft sie mit Rücksicht auf die Wohlfahrt. Gleichwie also dem Menschen Güter in Unzahl zum Genusse geboten waren, so fehlte es auch nicht an Übeln, vor denen er sich in acht nehmen sollte. Denn würde es gar kein Übel geben, gar keine Gefahr und überhaupt nichts, was dem Menschen nachteilig sein könnte, so wäre der Weisheit aller Anlaß zur Betätigung entzogen, und sie wäre dem Menschen nicht notwendig.
Wenn lediglich Güter sich zeigen, wohin das Auge blickt, was bedarf es da der Überlegung, der Einsicht, der Wissenschaft und Vernunft, wenn alles, wohin man die Hand ausstreckt, der Natur angemessen und zuträglich ist? Wenn man Kindern, die noch den Gebrauch der Vernunft nicht haben, das prächtigste Mahl vorsetzen wollte, so wird sicherlich jedes nach dem greifen, zu dem es Neigung oder Hunger oder auch das [S. 102] Ungefähr zieht; und was sie immer zum Munde führen, wird ihnen lebenspendend und heilsam sein. Was wird es ihnen also schaden, wenn sie immer, so wie sie sind, bleiben, d. h. wenn sie immer Kinder und im Zustand der Unwissenheit sind? Mischt man aber Bitteres oder Nachteiliges oder gar Giftiges bei, so werden sie sicherlich aus Unkenntnis des Guten und des Üblen getäuscht werden, wenn ihnen nicht die Weisheit zu Hilfe kommt, die ihnen die Verwerfung der Übel und die Auswahl der Güter ermöglicht. Du siehst also, daß wir mehr wegen der Übel der Weisheit bedürftig sind; gäbe es keine Übel auf Erden, so würden wir kein vernünftiges Wesen sein2. Wenn nun diese Begründung richtig ist, die den Stoikern ganz entging, so fällt auch jener unumstößliche Beweis Epikurs in nichts zusammen, wenn er sagt:
Gott will entweder die Übel aufheben und kann nicht;
oder Gott kann und will nicht;
oder Gott will nicht und kann nicht;
oder Gott will und kann.
Wenn Gott will und nicht kann, so ist er ohnmächtig; und das widerstreitet dem Begriffe Gottes. Wenn Gott kann und nicht will, so ist er mißgünstig, und das ist gleichfalls mit Gott unvereinbar. Wenn Gott nicht will und nicht kann, so ist er mißgünstig und ohnmächtig zugleich, und darum auch nicht Gott, Wenn Gott will und kann, was sich allein für die Gottheit geziemt, woher sind dann die Übel, und warum nimmt er sie nicht hinweg? Ich weiß, daß die meisten Philosophen, die für das Walten der Vorsehung eintreten, durch diese Beweisführung in Verlegenheit kommen und beinahe wider Willen zum Geständnis gedrängt werden, daß Gott sich um nichts kümmere: worauf es Epikur zunächst abgesehen hat. Aber wir, denen der Grund der Übel am Tage liegt, lösen dieses Schreckbild von [S. 103] Beweis ohne Schwierigkeit auf. Gott kann alles, was er will, und Schwäche oder Mißgunst ist nicht in ihm. Er kann also die Übel hinwegnehmen, aber er will nicht; und doch ist er darum nicht mißgünstig. Er nimmt sie aus dem Grunde nicht hinweg, weil er, wie bemerkt, dem Menschen zugleich die Weisheit (Vernünftigkeit) verliehen hat, und weil mehr Gutes und Annehmliches in der Weisheit liegt, als Beschwerlichkeit in den Übeln. Denn die Weisheit bewirkt, daß wir auch Gott erkennen und vermöge dieser Erkenntnis die Unsterblichkeit erlangen, und darin besteht das höchste Gut. Wenn wir also nicht vorher das Übel erkennen, so vermögen wir auch das Gut nicht zu erkennen. Aber das hat weder Epikur noch irgendein anderer sich klar gemacht, daß mit der Aufhebung der Übel zugleich die Weisheit hinweggenommen würde, und daß keine Spur von Tugend mehr im Menschen bliebe; denn das Wesen der Tugend3 liegt im Ertragen und Überwinden der Bitterkeit der Übel. So müßten wir also wegen des geringfügigen Vorteils der Aufhebung der Übel des größten und wahren und uns ausschließlich zukommenden Gutes entbehren. Es steht demnach fest, daß alles der Bestimmung des Menschen dient, sowohl die Übel als auch die Güter.
1: Virg. Georg. I 289.
2: d. h. unsere Vernunft würde sich nicht in der Weise, wie gegenwärtig, im Leben betätigen können. An sich stand die Vernunft auf einer höheren Stufe, als sie noch nicht „das Gute und das Böse wußte“.
3: Das ist wohl ein wichtiger Teil der Tugend, aber nicht die ganze Tugend.