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In den Sommerferien hatte ich das Glück, von der Schule aus ein vierwöchiges Fremdsprachenpraktikum in der Bretagne zu absolvieren. In 2018 verbrachte ich 2 Wochen Ferien in dieser Gegend mit meiner Familie und ich hatte damals die Gelegenheit, auf einem Dorffest eine bretonische Musikgruppe («Bagad de Vannes») zu hören: ich hatte mich sofort in diese traditionelle Musik verliebt, die mich gar nicht mehr los liess. Als ich dann ins Gymnasium kam, hiess es, wir sollen ein vierwöchiges Sprachpraktikum im französisch- oder englischsprachigen Raum absolvieren. Bei mir kam der Wunsch auf, mein Praktikum beim Bagad de Vannes zu absolvieren. Ich nahm also meinen ganzen Mut zusammen und fragte via Kontaktformular der Bagad-Homepage, ob es möglich sei, vier Wochen bei den Musikern zu verbringen. Ehrlich gesagt, ich hatte eigentlich keine grosse Hoffnung, dass man mir überhaupt antworten würde. Umso erstaunter war ich, als ich zwei Wochen nach meinem Schreiben ein positives Mail von Youenn Le Ret, Vizepräsident des Bagads und Zuständiger für die Ausbildung, bekam. Daraufhin haben wir fast jeden Tag per Mail geschrieben und ich kam in Kontakt mit dem „caisse-claire“-Lehrer, Ronan Menier. Die caisse-claire ist eine schottische Snaredrum (die Snaresaiten liegen unterhalb des Schlag- und Resonanzfells und hat deshalb einen sehr hellen Klang). Die traditionellen Musikinstrumente der bretonischen Musik sind die „caisse-claire“, die „Bombarde“ (eine Art kurze Oboe) und der Dudelsack. Während des Lockdowns habe ich also per Skype mit dem caisse-claire Unterricht begonnen. Ronan Menier hat mir sogar ein Practice-Pad per Post geschickt, das einer caisse-claire vom Aufprall der Schläge sehr ähnlich ist. Die caisse-claire ist etwa halb so gross wie eine Basler-Trommel, ist dafür aber doppelt so schwer.
Lange war es wegen der Corona-Situation nicht klar, ob ich überhaupt nach Frankreich fahren können würde. Als die Grenzen wieder öffneten, ging plötzlich alles sehr schnell: Über Paris fuhr ich in die Bretagne, mit meiner Basler Trommel im Gepäck, was im engen TGV nicht wirklich praktisch war. Ich wurde in Vannes wahnsinnig herzlich und mit offenen Armen empfangen und wohnte jede Woche in einer anderen Familie des Bagads, was sehr spannend und lehrreich (auch kulinarisch) war. Mein Alltag war ziemlich strukturiert, mit vielem Üben, Stundenvorbereitungen und Proben. Da der Bagad de Vannes sehr viel Wert auf Nachwuchsförderung legt, sind aktuell ca. 80 SchülerInnen eingetragen. Für die ganz Kleinen gibt es das «éveil musical», anschliessend erlernt man ein Paar Jahre ein Instrument und wird dann Teil einer der drei bestehenden Formationen, je nach Können. Auch gibt es ein «Bagad loisirs» für Leute, die einfach Spass am Spielen haben aber nicht bereit sind, soviel Zeit zu investieren: Viele der Mitglieder des Bagads sind professionnelle Musiker, geprobt wird jeweils quasi das ganze Wochenende. Die Gruppe spielt in der 1. Kategorie der Bagadoù und hat 2015 bei «La France a un incroyable talent» gewonnen!. Ich durfte bei allen Niveaus mit unterrichten und spielen, also bei SchülerInnen zwischen 5 und 70 Jahren. Unterstützt wurde ich von Steven Menard, der den Unterricht bei den Jüngeren übernimmt.
Die Technik der Basler Trommel ist den Bagad-Leuten völlig fremd und ich durfte mein Instrument vorstellen. Trotz Corona gab der Bagad mehrere Konzerte in der Stadt unter freiem Himmel, wo ich bei den caisses-claires spielen konnte und sogar ein Trommel-Solo bekam. Das Ganze wurde über Facebook live übertragen, was schon sehr aufregend war.
Ursprünglich war geplant, dass ich am «Festival interceltique de Lorient» mitspielen würde, das leider abgesagt wurde. Nun bereite ich mich für die Wettspiele von Pontivy vor: Die Aufnahme ins Final erfolgt über Tonaufnahmen, so dass ich mich von der Schweiz auch bewerben kann. Begleitet werde ich von Pierre Thébault am Dudelsack und ich bin schon sehr gespannt, wie es weiter gehen wird. In diesen vier Wochen sind tiefe Freundschaften entstanden und ich habe regelrecht Heimweh nach der Bretagne. Die Musiker dort sind grossherzig und passioniert, ich vermisse diese neue Familie sehr. Ohne die SJM und ihre super Ausbildung hätte ich nie die Gelegenheit bekommen, in einer solchen Formation mitspielen zu können. Ich sage also allen „Danke“!
Philippe Leuzinger