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Der Duft des Geldes
Wer im protestantischen Zürich viel Geld hat, versteckt es lieber. Ein Privatier, der unerwartet ein Vermögen geerbt hat und anonym bleibt, geniesst den Luxus, Zeit zu haben. Eine religiös motivierte Frau aus bester altzürcherischer Familie verzichtet auf Privatbesitz und Erbe. Ein "Self made"-Unternehmer im Printmedienbereich vergrössert unaufhaltsam seinen international tätigen Betrieb; er liebt es, in Saus und Braus zu leben. Ein Fürsorgeempfänger blickt im Zwiespalt auf seine "reichen Tage" zurück. Er prozessiert seit Jahren gegen eine Bank, um wieder zu seinem Vermögen zu kommen.
Inhalt
Der Duft des Geldes weht durch die Börse, über die Monitore der Devisenberater, durch die Bahnhofstrasse und über den See zu den Jachten und Villen. Wer im protestantischen Zürich Geld hat, versteckt es lieber vor den anderen; Reiche wecken Faszination und Neid zugleich. Und: reich sind immer die andern; kaum jemand in Zürich steht dazu, dass er zu der materiell sehr privilegierten Schicht gehört.
Zu den vier Sätzen der 6. Symphonie von Peter Tchaikovsky wird über das Verhältnis von vier reichen ZürcherInnen zu ihrem Geld erzählt:
Unerwartet zu einem grossen Erbe gekommen, will der eine anonym bleiben; er lebt in seinem bis anhin gewohnten Lebensstandard weiter; als Privatier ist sein wirklicher Luxus, Zeit zu haben.
Eine Frau, die aus einer altreichen Textilunternehmer-Familie stammt, verzichtet bewusst auf ihr Erbe und einen grossen Teil ihres Lehrerlohns. Sie lebt in einer Gütergemeinschaft urchristlichen Werten nach und sucht mit ihrem religiösen Weg, jenseits von materiellen Dingen, nach einem tieferen Sinn des Daseins.
Ein Unternehmer, der von einer kleinen Jugendzeitschrift aus sein heute international tätiges Unternehmen im Printmedienbereich aufbaute, liebt es, in Saus und Braus zu leben. Sein Unternehmen zu vergrössern, seine Gewinne zu steigern und sein Vermögen stetig zu vermehren, ist für ihn eine spannende Herausforderung.
Ein Fürsorgeempfänger blickt im Zwiespalt auf seine "reichen Tage" zurück. Er kämpft seit Jahren mit einer Bank vor verschiedensten Gerichten um verschwundenes Treugut, fragt sich aber auch, welchen Zwängen er damals als Financier und Unternehmer ausgesetzt war.
Es scheint eine Psychologie des Geldes auf, die im Spannungsfeld zwischen der Faszination der grenzenlosen Vermehrung und dem "sozialen Gewissen", der Schuldgefühle, steht.
Gedanken des Autors
Seit dem Beginn der 90er-Jahre hat das allgemeine Streben nach Geld (man möchte fast sagen die Geldgier) stark zugenommen. Die Gewinnmaximierung als oberstes gesellschaftliches Prinzip und die (scheinbare) Beteiligung des ganzen Volkes an diesem Share-holder-value-Rennen haben mich oft geradezu erschreckt. Was soll dieses vermehrte Streben nach Materiellem in einem Land, das in seiner Mehrheit eher ein Zuviel als ein Zuwenig hat? Selbst die mittlere und obere Mittelschicht kann sich in der Schweiz fast alles leisten. Aus verschiedensten Untersuchungen ist bekannt, dass für die bereits sehr wohlhabenden Schichten kein direkter Zusammenhang zwischen mehr Geld und einem grösseren Mass an Glück besteht. Und trotzdem - wie bei einer Sucht - strebt die reiche Schicht nach noch mehr...
Ist ein Dokumentarfilm über die Welt der Begüterten ein Tabu-Bruch? Müsste man nicht, wie es sich gehört, einen Film über die Schwierigkeiten der Arbeitslosen drehen, die wenig Geld fürs Überleben haben? In meinen ursprünglichen Plänen für diesen Film über Geld sah ich vor, den Gegensatz zwischen arm und reich darzustellen. Aber ich kam im Verlauf der Recherche zur Überzeugung, dass damit ein Film schnell Bekanntes erzählt, der leicht ins Moralisieren abgleiten würde. Zudem ist das Thema Geld so komplex und weitläufig, dass es nach einer klaren Eingrenzung verlangt. Ich habe mich deshalb entschlossen, nur reiche ZürcherInnen darstellen, um mich vertieft mit einem Thema, einer Schicht auseinander zu setzen. Die Mehrheit der Zuschauer wird nicht reich sein und damit aus sich selbst heraus den Gegensatz zu den Vermögenden im Film herstellen.
Mich reizte also ein sorgfältiger Blick auf einige Lebensbiografien, um besser zu verstehen, wie Geld reiche Menschen beeinflusst und prägt. Reiche besitzen viel eher als ärmere Personen die Möglichkeit, frei ihren Umgang mit Geld zu bestimmen, da sie sich nicht um die primäre materielle Existenz zu sorgen brauchen. Es ist mir immer wieder aufgefallen, wie sich Reiche deshalb eine Art Lebenskonstruktion wegen ihrem Reichtum aufbauen. - Je länger ich mich mit dem Thema Geld auseinander setzte, desto mehr wurde mir bewusst, dass es gerade heute wichtig ist, unsere Haltung zu Geld grundsätzlich zu überprüfen. Ziel des Films ist für mich deshalb, dass der Zuschauer selbst über sein Verhältnis zu Geld nachdenkt. Ich will ihm dabei nicht meine eigenen Wertungen und Moral vordemonstrieren, sondern „nur“ beobachtend aufzeigen und verdeutlichen.
Ich suchte die Gegensätze innerhalb der begüterten Schicht selbst: der anonyme Mann im Film lebt ein normales Leben wie Hunderttausende in diesem Land. Diese zurückgezogene Bescheidenheit, dieses sich nichts anmerken lassen und trotzdem im stillen Kämmerlein vom grossen Business profitieren... Er selber sagte mir einmal, er fühle sich im Mittelstand und im Mittelmass verankert. Dazu im scharfen Gegensatz ein Jürg Marquard, der sich durch nichts bremsen lässt, der wie ein Bacchus lebt und eigentlich gar nicht so typisch schweizerisch ist. Die Ethik der Susanne Stehli hingegen versucht aus dem Dilemma der Reichen und der grossen Armut in der Welt eine Lösung zu finden, die in ihrer Konsequenz etwas Überzeugendes hat. Sie spricht nicht nur wie viele von der Ungerechtigkeit, sondern sie handelt konkret, bescheiden und aufopfernd. Mit ihrem Leitsatz, dass sich im Geben der Mensch im Kern verwirklicht, stellt sie sich im scharfen Gegensatz zur herrschenden Maxime der Gesellschaft. Dann: die absurde Situation eines Fürsorgeempfängers, der zwar noch über Geld verfügen würde, aber keinen Zugriff darauf hat. In ihm zeigt sich deutlich eine hässliche Seite des Geldes: die der Verstricktheit, der Männerkämpfe, der Gerichtsprozesse, der Macht. Seit Jahren versucht dieser Mann, der Geldabhängigkeit zu entrinnen, in die er innerlich und äusserlich verstrickt war und ist. In ihm wird deutlich, wie tiefgreifend Geld ein menschliches Leben bestimmen kann.
Und zu allem die Klammern des Films:
Der Devisenberater Hans Walk, der mit seinem Charme in seiner Computerwelt fast vergessen macht, dass hier real Geld in grossen Mengen verschoben wird; die anonyme alte Frau, die für mich wie ein Zürcher Über-Ich spricht, das direkt aus einer untergehenden Ethik gespiesen wird, und der man irgendwie gar nicht widersprechen kann; schliesslich die Symphonie „Pathétique“, gespielt in den Räumen der Zürcher Tonhalle, wo sich Abend für abends die Ober- und Mittelschicht trifft, also ihre Musik, die in ihrer ganzen Schönheit einen Kommentar meinerseits abgibt, der das Sinnliche des Geldes, den Duft, akzentuiert. Verdeckt und kaum spürbar steckt im Geld Pathos. Die Tchaikowsky-Symphonie bot mir die Möglichkeit, diesem Pathos nachzuspüren. Die vier Sätze entsprechen meinen vier Protagonisten: „Adagio/Allegro non troppo“ für den anonymen Mann, „Allegro con grazia“ für die Frauen der Fokolar-Bewegung, „Allegro molto vivace“ für den ungestümen Jürg Marquard, und „Adagio lamentoso“ für Thomas Westermeier.
Abgerundet wird der Film durch Impressionen aus dieser Stadt. Sie tragen dazu bei, das Klima dieses besonderen „Biotops“ - eben das Zürich der Wohlhabenden - einzufangen.
Mitarbeiter
Edwin Horak
Leitung Michael Boder
Produktionsangaben
Westdeutscher Rundfunk WDR: Werner Dütsch
Teleclub AG