Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03417.jsonl.gz/3299

Multinationale Unternehmen sollen sich in Genf finanziell am Bau von Wohnungen für ihre Mitarbeiter beteiligen, fordert Rémy Pagani. Der künftige Stadtpräsident will so die "katastrophale" Wohnungssituation in der Stadt verbessern.
In den letzten zehn Jahren sind die Immobilienpreise in und um Genf richtiggehend explodiert. Grund dafür sind auch internationale Unternehmen, die sich in grosser Zahl in der Region niedergelassen haben. Der Wohnungsbau hat mit der dynamischen Entwicklung nicht Schritt halten können.
"Multis können sich in Genf niederlassen und von Steuereinsparungen profitieren. Aber sie müssen sich in der Gemeinde nicht für den Bau von Wohnungen engagieren, damit ihre Mitarbeiter ein Dach über dem Kopf haben. Das ist unlogisch", sagte Rémy Pagani, Baudirektor der Genfer Stadtregierung, jüngst vor den Medien.
Der Politiker vom Linksbündnis Ensemble à Gauche, der im Juni turnusgemäss das Stadtpräsidium übernehmen wird, bezeichnete die Lage auf dem Genfer Wohnungsmarkt als katastrophal. "Unsere Mitbürger und ihre Kinder finden keine Wohnungen mehr", so Pagani, der befürchtet, die Wohnungsnot könne den internationalen Status und die Attraktivität der Stadt beschädigen.
7:10 statt 1:1
Die Forderung illustrierte Pagani an den Beispielen des Konsumgüter-Riesen Procter & Gamble und des Ölhandels-Unternehmens Trafigura. Procter & Gamble, das seinen Hauptsitz für Europa, Afrika und den Mittleren Osten seit 1999 in Genf hat, möchte in den Quartieren Praille-Acacias-Vernets Büros für 300 Mitarbeiter errichten. Trafigura beabsichtigt, neben dem Bahnhof Eaux-Vives Arbeitsräume für 450 Mitarbeiter zu schaffen.
Die beiden Projekte sollten nur realisiert werden können, wenn die Bauherren die Formel "Ein neuer Arbeitsplatz = eine neue Wohnung" strikt einhalten würden. Diese Formel wurde von der Stadtregierung abgesegnet und 2009 im Stadtentwicklungsplan verankert. Im letzten Jahr stand das Verhältnis bei 7:10. Umgekehrt gesagt, entstanden für zehn neu geschaffene Jobs sieben neue Wohnungen.
Bei Procter & Gamble heisst es, von der Stadt nie eine formelle Anfrage für die Mithilfe beim Bau neuer Wohnungen erhalten zu haben. "Wir sind offen für die Belange der städtischen und kantonalen Behörden. Aber es ist nicht Absicht des Unternehmens, in Gebäude zu investieren, da wir benötigte Räume meist mieten", sagte Sprecherin Irène Kämpfen gegenüber der Zeitung Le Temps. Und das Unternehmen plane gegenwärtig nicht, neue Jobs zu schaffen.
Bodenknappheit das Problem
Pagani hat mit seinem Vorstoss teils harsche Kritik ausgelöst. Der Vorschlag sei "lächerlich", denn die Bewilligung von Bauvorhaben und Stadtplanungen sei Sache des Kantons, nicht der Stadtbehörden, sagte Christophe Aumeunier, der Generalsekretär des Genfer Hauseigentümer-Verbandes.
Zudem sei nicht der Mangel an Investoren der Grund für die Probleme Genfs im Bausektor, sondern die Knappheit an verfügbarem Boden. "Die Lösung des Problems ist Sache der Politiker, nicht der internationalen Unternehmen, denen Herr Pagani zu sagen scheint 'Schaut euch woanders um'", so Aumeunier.
Auch Jacques Jeannerat, der Direktor der Genfer Handelskammer, sieht die Ursache für das Wohnungs-Malaise eher in langwierigen bürokratischen Verfahren und den Einsprache-Möglichkeiten denn auf Seiten der Finanzierung. "Am Tag, an dem die Verfahren flexibler werden, wird Procter & Gamble bereit für Investitionen via Gelder aus der Pensionskasse sein", zeigte sich Jeannerat überzeugt.
Im ganzen Kanton Genf wurden 2011 lediglich 1018 Wohnungen gebaut. Das ist nicht einmal die Hälfte der 2500 Einheiten, die benötigt worden wären, um den Bedarf zu decken. "Das ist die Hälfte dessen, was vor 20 Jahren gebaut worden war, und gar nur ein Fünftel davon, was in den 1960er-Jahren während jeweils zwölf Monaten an neuen Wohnungen errichtet worden war", sagt Marco Salvi gegenüber swissinfo.ch.
"Wieso ist heute nicht möglich, was damals möglich war?", fragt der Immobilienexperte beim Schweizer Think-Tank Avenir Suisse. Es gebe genügend Boden, sagt er und verweist auf den "riesigen Grüngürtel" rund um Genf. "Wir können verdichteter bauen. Das ist nicht schwer, aber dafür sind politischer Wille und neue Lösungen gefragt."
Multis seien in der jüngsten Diskussion zu Sündenböcken gestempelt worden, findet Salvi und tut den Vorschlag Paganis als "seltsam" ab. "Geht es um die Einzonung von Bauland, sind langwierige Diskussionen notwendig", stimmt Hervé Froidevaux zu, Direktor bei Wüest & Partner, einem Beratungsunternehmen für Immobilien. Dies gelte besonders dann, wenn Boden aus der Landwirtschaftszone zu Bauland umgezont werden solle.
"Zürich machts vor"
Sowohl Salvi wie auch Froidevaux sind pessimistisch, was schnelle Lösungen für die Probleme auf dem Genfer Wohnungsmarkt betrifft. Die aktuellen Projekte für die Errichtung von 3300 neuen Wohnungen würden sich erst in 5 bis 15 positiv auswirken, glaubt Froidevaux.
Marco Salvi: "Ich denke, dass es enorm viel Zeit und vermutlich eine oder zwei Rezessionen braucht, bevor Politiker ernsthaft vorwärts machen werden."
Für sie ist Zürich ein positives Beispiel, was Gespräche und Pragmatismus bewirken könnten. "Dort sind die Banken aus dem Zentrum in die Aussenquartiere gezogen, und das hat sehr viel ausgelöst. Dasselbe könnte auch in Genf geschehen", sagt Hervé Froidevaux. Grössere solche Bewegungen macht er aber momentan keine aus.
Zürich habe ähnliche Probleme durchgemacht, pflichtet Salvi bei. "Aber dank einer Kultur des Dialogs und des Konsens haben sie dort eine Lösung gefunden. In Genf scheint diese Kultur zu fehlen." Eine Frage der Mentalität, vermutet Marco Salvi.
Multis in Genf
2008 waren in Genf 21'213 Firmen registriert, die knapp 225'000 Beschäftigte zählten.
Darunter waren 931 multinationale Unternehmen mit über 76'000 Mitarbeitern.
2001 waren es 19'385 Firmen gewesen (260'005 Beschäftigte), davon 569 Multis (56'812 Angestellte).
Unter den 130 in Genf ansässigen internationalen Unternehmen sind Caterpillar, DuPont, Procter & Gamble, Richemont, Rolex, Serono oder SGS.
Die Zahlen für Zürich und Umgebung sind nicht bekannt, aber die Promotionsagentur Greater Zurich Area war 2011 92 Firmen bei der Ansiedelung behilflich. Dies entspricht den Grössenordnungen in den Jahren davor.
2011 wanderten 79'000 Menschen in die Schweiz zu. 2001 waren es 58'000 gewesen.
Ein wichtiger Faktor für die Zuwanderung ist das Wachstum der Wirtschaft.
Dieses wird für das laufende Jahr von den verschiedenen Instituten zwischen 0,7 und 0,8% angesiedelt.
Regional wird das Wachstum aber grösser ausfallen.
Für die Zentralschweiz werden 1,5% prognostiziert, für die Genfersee-Region 1%.Infobox Ende
(Übertragen aus dem Englischen: Renat Kuenzi), swissinfo.ch