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Ich wurde am 16. April 1889, um acht Uhr abends, in der East Lane, Walworth, geboren.» Es sind die ersten Worte aus der Autobiografie von Charlie Chaplin. Die East Lane befindet sich in Corsier bei Vevey.
Besucher spazieren mitten in die East Lane des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Sie diente als Kulisse für eine Reihe von Chaplins Stummfilmen, darunter sein erster grosser Erfolg «The Kid». Chaplin liess sich dabei vom Londoner Arbeiterviertel inspirieren, in dem er aufwuchs. Die Strasse ist fast originalgetreu nachgebaut und führt die Besucher hinein in die Rundreise durch Chaplin’s World, das Museum in Corsier oberhalb von Vevey. Es empfing vor einer Woche, an Chaplins 127. Geburtstag, seine ersten Gäste.
Mitten in den Friseursalon
Das Publikum blickt durch ein Fenster und sieht Filmszenen aus «The Kid», entdeckt Farbtupfer im ärmlichen Quartier, trifft auf den strengen Polizisten und den Strassenjungen, den der Tramp in seiner einfachen Bleibe aufnahm.
Was mit «The Kid» beginnt, setzt sich durch den Rundgang fort. Chronologisch werden die Besucher von einem Set zum andern in Chaplins grosse Langspielfilme geführt: die Manege aus «The Circus», das riesige Räderwerk aus «Modern Times», der Friseursalon aus «The Great Dictator».
Die Ausstellung ist so angelegt, dass auch Gäste, die mit Chaplins Filmen weniger vertraut sind, sich schnell zurechtfinden. Ganz zu Beginn führt ein Film in angenehmer Kürze in Chaplins Leben und Werk ein, später flimmern die legendären Filmszenen auf alle erdenklichen Weisen bei den einzelnen Sets über Bildschirme und Leinwände.
Die Werke aus der Frühzeit des Kinos erhalten in Chaplin’s World eine dritte Dimension: Was Chaplin auf Zelluloid gebannt hat, mündet in täuschend echte Strassen, Hallen und Räume.
Die Ausstellungsmacher richten sich bewusst an die Selfie-Generation. Filmlegenden sind als Wachsfiguren ständige Begleiter, mit denen man sich ablichten kann. Es ist möglich, in die Höllenmaschine aus «Modern Times» zu klettern, oder in den Stuhl des jüdischen Friseurs zu sitzen. Entdecken und berühren ist fast überall erlaubt. Einzig die besonders wertvollen Erinnerungsstücke sind hinter Glas: das Original-Filmkostüm des Tramp oder die beiden Oscars, die Chaplin am Ende seiner Karriere erhielt.
Das Eintauchen in Chaplins Filmschaffen findet in einer grossen schmucklosen Blechhalle statt, die so gar nicht in die liebliche Landschaft des Lavaux passen will. Und doch folgt «The Studio» einem Konzept. So sahen nämlich die Studiohallen aus, die Chaplin Anfang des 20. Jahrhunderts in Hollywood vorfand.
Wer Chaplin als Mensch näherkommen will, kann dies im einige Schritte entfernten «Manoir Le Ban». Es handelt sich dabei um die 15-Zimmer-Villa mit Park, in der Chaplin von 1954 bis zu seinem Tod lebte.
Chaplin war um 1950 Opfer der Kommunistenhetze in den USA geworden: Als er auf der «Queen Elizabeth» in seine alte Heimat reisen wollte, teilten ihm die US-Behörden mit, er würde kein Visum für die Rückkehr erhalten.
Sein neues Zuhause fand Chaplin oberhalb des Genfersees. Bei den Umbauarbeiten wurde das «Manoir Le Ban» zwar bis auf die Grundmauern ausgehöhlt, doch erfolgte eine möglichst originalgetreue Rekonstruktion. So können die Besucher heute wieder Chaplins Schreibstube betreten, wo er seine Memoiren schrieb, das Musikzimmer, wo er seine Filme neu vertonte, und das Esszimmer, das gedeckt scheint für Charlie, seine Frau Oona und deren acht Kinder. Im Schlafzimmer steht wieder das Bett, in dem Chaplin am 25. Dezember 1977 für immer seine Augen schloss.
Der Weltbürger
Das Herrenhaus enthüllt Originaldokumente und Filmausschnitte über sein Leben in der Schweiz. Etwa über seinen Streit mit der Gemeinde, als der frisch in der Villa gezogene Pazifist erfuhr, dass der lokale Schützenverein in nächster Nähe samstags zu üben pflegt.
In der Schweiz fühlte er sich wohl, schrieb Chaplin einem Freund. Da könne man ungestraft gegen alles sein. Er könne sowieso überall leben, denn er sei ein «Weltbürger». Doch im Schlafzimmer ist eine Schublade geöffnet, und darin liegt Chaplins Ausländerausweis C der Eidgenossenschaft.
Praktische Hinweise
An der Grenze zu Freiburg
Chaplin’s World ist nach einer 16-jährigen Planungs- und Realisierungsphase für 60 Millionen Franken entstanden. Hinter dem Projekt steht eine Stiftung, der vier Mitglieder der Familie Chaplin angehören. Bei der Eröffnung waren die Söhne Eugene und Michael Chaplin anwesend. Chaplin’s World befindet sich nur wenige Autominuten von der Freiburger Kantonsgrenze entfernt. Ab der Autobahnausfahrt Vevey fährt man bei der dritten Abzweigung in Corsier direkt zum Gelände; 240 Parkplätze befinden sich vor Ort. Benützer des öffentlichen Verkehrs bringt ein Bus ab Vevey zur Haltestelle Chaplin. Das Museum ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet für Erwachsene 23 Franken, für Kinder 17 Franken. Ein Restaurant und ein Shop befinden sich vor Ort. Danach empfiehlt sich ein Besuch des Dorfs Corsier, auf dessen Friedhof Chaplin neben seiner Frau beerdigt ist.uh