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In der Mehrzahl seiner Jugendwerke (ca. 1335-1342) eignet Boccaccio den Text einer geliebten Frau als Gabe zu. Diese Übertragung eines typischen Elements der Lyrik in verschiedene narrative Texte hat bedeutsame meta-poetische Implikationen. Boccaccio entwirft so eine fiktive Autobiographie, die seine Rolle als Autor in Szene setzt und wichtige Aufschlüsse über seine Konzeption des literarischen Schaffens und der literarischen Kommunikation vermittelt. Der Vortrag soll das Motiv des Textes als Liebesgabe als Teil einer auktorialen Legitimierungsstrategie analysieren und seine Bedeutung für Boccaccios Projekt einer Erneuerung des Gattungssystems der Literatur in der Volkssprache erhellen. Ein Ausblick auf das den Leserinnen gewidmete "Decameron" Boccaccios (1350) und eine vergleichende Analyse der Inszenierung der Lyrik als Liebesgabe im "Livre du voir dit" von Guillaume Machaut (1362) schliessen den Vortrag ab.
Das narrative Gedicht "A Lover's Complaint" (eines/einer Liebenden Klage), das Shakespeares Sonett-Zyklus abschliesst und diesem im wörtlichen Sinn als Echo nachhallt, gibt Motive und Figurenbeziehungen der vorangestellten Sonette verzerrt wieder. Es zeigt auch, wie Sonette und andere Liebesgaben wiederverschenkt werden, um in anderem Umfeld erneut zum Einsatz zu kommen und dort neue Opfer zu pervertieren. Das wirft Fragen auf zur Art des Sprechens, die das Sonett betreibt und die es umtreibt, wie auch zur Zulässigkeit eines auktorialen Anspruchs auf das Sonett, denn dieses entpuppt sich als promiskuitiver Text, dem niemand Herr werden kann, vielleicht auch Shakespeare nicht. In Love's Labour's Lost, einem Stück, das zentral vom Austausch von Liebesgaben und Sonetten handelt, wird der petrarkistische Diskurs in der Gegenüberstellung mit dem Theater programmatisch neu inszeniert und zugleich pervertiert, indem das Verfassen von Sonetten - "to turn sonnet" - durch die balzenden Männer der Umkehrung der Geschlechterrollen und am Ende dem physischen Frondienst als von den Frauen geforderte echte Liebesgabe gegenübergestellt wird.
In Wolframs von Eschenbach Willehalm verschränken sich bei der Darstellung des Reichs- und Glaubenskrieges, welcher durch die Verbindung des christlichen Markgrafen Willehalm mit der heidnischen Königin Arabel ausgelöst wird, kulturkonstitutive Semantiken des Mittelalters, jene von Gewalt und Krieg, Ritterlichkeit und Heldentum, Heiligkeit und Martyrium, Liebe zu Gott und den Menschen in einer für die zeitgenössische Literatur singulären Weise. Der Vortrag fokussiert eine bestimmte Ebene, auf der sich solche Verschränkungen beobachten lassen, indem er untersucht, wie diese Semantiken in der Schilderung des Kriegsschmucks von Christen und Heiden aufeinander bezogen werden. Zimiere, Satteldecken und Fahnen der Krieger werden dabei oft als Liebesgaben höfischer Damen ausgewiesen. Nachgegangen werden soll der spezifischen Funktionalisierung dieser Liebesgaben für die Poetik des Heidenkrieges im Willehalm.
Eine strukturelle Eigentümlichkeit des Apollonius von Tyrland Heinrichs von Neustadt liegt in der Relation zwischen 'Vorgeschichte' und 'Hauptgeschichte'. Der Text setzt mit der dramatischen Erzählung vom Inzest des Königs Antiochus mit seiner Tochter ein, die Apollonius im Folgenden vergeblich für sich zu gewinnen sucht. Nach der späteren Nachricht vom Tod des Paares wird dieses jedoch nicht mehr erwähnt, obwohl die Geschichte des Apollonius von der Geschichte des Inzestpaares ihren Ausgang nimmt und obwohl der Handlungsraum Antiochia keineswegs marginal ist, sondern vielmehr zum letzten Zielraum der Rahmenhandlung wird.
Ein syntagmatischer Zusammenhang zwischen der Inzest-Erzählung und dem weiteren Weg des Protagonisten wurde in der Regel nicht hergestellt. Um dem auf die Spur zu kommen, ist es lohnend, den Inzest, zumal in seiner Verknüpfung mit einer gescheiterten gefährlichen Brautwerbung, mit der Gabenthematik in Verbindung zu bringen: der Inzest als Negation der Gabe (im Anschluss an George Bataille).
Es ist dann naheliegend, die Inzesthandlung im Apollonius von dem von der Inzestbeziehung Ausgeschlossenen her zu beleuchten (Apollonius), dem nicht gegeben wird. Die Verweigerung der Tochter des Antiochus stellt für Apollonius den fundamentalen Entzug einer Gabe dar, auf den bezogen das Folgende (die Lucina-Episode) als Verschiebung aufgefasst werden könnte und der darüber hinaus weitreichende Implikationen für die Dynamik des Erzählens zu haben scheint.
Den Ausgangspunkt des Vortrags soll eine kurze Skizze zu einschlägigen lyrischen Szenographien des Schenkens (z.B. schon im Falkenlied des Kürenberger oder in Walthers Kranzlied) bilden. Die Logik oder "Para-Logik" von Gabe/Tausch erweist sich in ihnen schon am unkalkulierbaren Gelingen des Verfahrens (was Absicht war, wird im Falkenlied Wunsch) oder an der Divergenz zwischen Materialität und Immaterialität bzw. Objektstatus der Gabe und Subjektstatus der erwarteten Gegengabe (Liebe/Körper statt Gegenstand im Kranzlied). Letztlich handelt es sich dabei um Konkretisierungen des paradoxe amoureux, das sich gabentheoretisch durchaus gewinnbringend reflektieren lässt. Die unbedingte Bindung des Liebenden kann als Reaktion auf eine "unmögliche Gabe" im Sinne des Derridaschen Phantasmas begriffen werden, nämlich auf das ungegebene Geschenk, das die Geliebte in ihrer erotischen Phänomenalität dem Begehren des Liebenden gegenüber darstellt. Dieser Gabe wiederum antwortet ein Dienst, um den nie gebeten wurde und der seinerseits auf einen Lohn hoffen muss, der als Versprechen in der Ungewissheit eines absoluten Futurums verbleibt.
Die erotische Konstellation ist nun in der Lyrik unmittelbar verknüpft mit der poetischen Praxis des Singens und diese Verknüpfung wird im lyrischen Text fortwährend explizit und thematisch. Der innerpoetischen Gabe der Liebe entspricht auf einer metapoetischen Ebene somit die Gabe der Dichtung, wobei die Inkommensurabilität beider Gaben mit entsprechenden Phantasmen und Rhetoriken der Hingabe und der Verausgabung, der Verunsicherung und des letalen Schocks verknüpft ist. Auf dem Spiel steht ja auch nichts weniger als das lyrische Subjekt selbst, das sich in seiner Doppelfunktion als liebender Singender (und umgekehrt) an der Doppelgabe von Liebe und Gesang erfährt. In beiden Fällen handelt es sich um performative Erfahrungsbereiche, deren Problematik in ihrer kommunikativen und reziproken Gebundenheit besteht. Wie das Lieben entzieht sich auch das Singen der Beherrschung des - in diesem Fall: - auktorialen Subjekts. Es konstituiert sich einerseits im Gedicht, im Lied. Das einmal gegebene Geschenk der Poesie distanziert sich freilich von seinem Schöpfer- oder Schenkersubjekt. Hat der Autor sein Lied "gegeben", ist er nicht länger Souverän des Textes, der sich gerade in seiner kommunikativen Verfügbarkeit der auktorialen Verfügung und auch der Gebundenheit an den Autor-Körper entzieht: Was einzigartig schien, transzendiert den je einen Körper und die je eine Stimme.
Diese komplexe Erfahrung, die aufgrund der kommunikativen Funktion des Minnesangs eine eminent kollektive und kulturelle Erfahrung darstellt, wird nicht zuletzt in den einschlägigen "Absage-" und "Vermächtnisliedern" reflektiert. Als konkrete Beispiele sollen Bernarts de Ventadorn Lerchenkanzone, Walthers Nachruf auf Reinmar und sein Alterston diskutiert werden. Mit ihren Vorstellungen von der Verausgabung des Sängers, der Aufgabe des Singens und des Gesangs als Hinterlassenschaft, in der die Autorstimme bewahrt bleibt und von der sie sich zugleich distanziert, liefern sie gewichtige Beiträge zu einer lyrischen Poetologie der Gabe, die wiederum nach ihrer historisch-kulturellen Signifikanz zu befragen wäre.
Gegenstand des Vortrags ist keine erzählte, sondern eine reale Liebesgabe. Es sind vier Folioblätter aus Papier, mehrfach durchbrochen, geschmückt mit textgefüllten Medallions, Zeichnungen, Ornamenten, und jeweils einem längeren strophischen und einem paargereimten Text (Hamburg, UB, Cod. germ. 21). Die Blätter richten sich als Liebesgabe eines "Arino" an eine "Anna", Anlass der Ausfertigung ist der Annatag 1614.
Der Vortrag fragt folglich nicht nach der Funktion von Liebesgaben innerhalb literarischer Texte, sondern nach der Funktion literarischer Rede (im speziellen Fall: gereimte, stark auf konventionelle Bildlichkeiten des Schönheits- und (christlichen) Tugendpreises zurückgreifende Texte) im Kontext einer Gabe.
Durch seine komplexe und ungewöhnliche Gestaltung hält der 'Liebesgruß zum Annatag' ständig die verschiedenen medialen Ebenen präsent, durch die die Liebesgabe wirkt. Zugleich weist er besonders auf den Aufwand hin, der in der Anfertigung der Gabe betrieben wurde. Gewendet auf den poetischen Text heißt das: Die besondere Materialität seiner Anordnung und Präsentation betonen den Wert des Textes als Zeitspeicher, als Konservierung der für die Verfertigung aufgewendeten Zeit. Die hier zu beobachtende poetologische Dimension von "Texten als Gabe" kann von diesem Beispiel ausgehend sowohl auf die vorgängige literarische Liebesbrieftradition, als auch auf spätere Liebesbriefe übertragen werden.
In den sog. Erzählliedern Johannes Hadlaubs finden sich prominente Liebesgaben (Nadelbüchse, Brief), die bekanntlich ihre Wirkung auf künftige Autoren nicht verfehlt haben. Die Forschung hat deshalb früh auf die literarische Tradition, in der diese Liebesgaben stehen, und insbesondere auf die Nähe zu epischen Texten (Flore und Blanscheflur, Tristan) hingewiesen. Dies hatte jedoch zur Folge, dass die in den Liedern nur angedeutete Narrativierung in der Rezeption verstärkt worden ist. Der Ausgangspunkt des Vortrags bildet deshalb die Frage nach der unterschiedlichen poetischen Funktion der Liebesgaben in der Lyrik Hadlaubs und den motivverwandten Erzählungen. Während die Liebesgaben in den Erzählungen Knotenpunkte in einem Geflecht von Wiederholungen und Vorausdeutungen darstellen und zugleich den Objekten mittels descriptiones erzählerische Präsenz verliehen wird, geht es in der von Hadlaub entwickelten lyrischen Form um ein Aufblitzen lassen von ephemeren Situationen. Die Objekte lösen Reflexionen aus, die - aus der Perspektive des Ichs - den Versuch darstellen, dem flüchtigen Moment der Übergabe Dauer zu verleihen. Hierbei irritiert auf den ersten Blick, dass die Liebesgaben bei Hadlaub als stark ritualisiert gezeigt werden und ein Erzähl- oder Sprechgestus dominiert, der die Nähe zur Ironie nicht scheut. Doch gerade diese scheinbar gegenläufigen Tendenzen können als Reflexion verschiedener Momente der Konstitution von Liebesgaben verstanden werden: Dargestellt wird, wie Ritualisierung, Einschreibung in Traditionen, nachträgliche Bedeutungszuschreibung und Erinnerung den Akt der Übergabe kontinuierlich transformieren.
In systematischer Hinsicht verweist dies auf das Spannungsfeld zwischen der Flüchtigkeit von Übergabe-Akt, aber auch von Begehren, und der Dauer, die sich in den Objekten zu materialisieren scheint. Im Vortrag soll analysiert werden, wie dieses Spannungsfeld nicht nur die Handlungswelt, sondern auch die poetische Organisation der Texte prägt.
Die Figur der Medea in Konrads von Würzburg 'Trojanerkrieg' verweist auf vielfache Weise intertextuell auf Gottfrieds Isolde, so bereits durch die metaphorisch vielschichtige Beschreibung ihrer Schönheit. Doch auch auf der Handlungsebene lassen sich beide Figuren zueinander in Beziehung setzen - insbesondere im Kontext der mit ihnen verbundenen Liebesgaben. So vermittelt Medea ihrem Geliebten Jason mit dem Goldenen Vlies ein vielfarbiges strahlendes Fell, das insbesondere durch seine hell klingenden Glöckchen ausgezeichnet ist, während Isolde mit Petitcriu ein gleichfalls vielfarbiges Hündchen erhält, dessen magische Kraft, Freude zu stiften, in der Wirkung seines Schellenhalsbandes gründet. Beider Umgang mit dieser Liebesgabe - so unterschiedlich er sich gestaltet, ist doch Medea Geberin, Isolde aber empfängt das Geschenk - steht nicht allein im Zeichen eines komplexen Spiels von Gabe und Gegengabe, damit der Symmetrie der Liebenden, sondern explizit - in je unterschiedlicher Ausgestaltung - unter dem Wunsch des erniuwens. Damit aber rückt ein poetologischer Begriff ins Blickfeld, der in den Prologen zum Tristan wie zum Trojanerkrieg jeweils unterschiedlich, doch gleichermaßen zentral als ein Leitwort des jeweiligen poetologischen Konzepts entwickelt ist. Die Liebesgabe erweist sich also auch hier als poetologisches Reflexionsmedium im literarischen Diskurs.
Im differenzierenden Vergleich der beiden Liebesgaben mit ihrem Zusammenspiel von Glanz und Klang möchte ich versuchen, diese Konzepte im poetologischen Feld der niuwen mre insbesondere im Kontext der Reflexion über die synästhetische Qualität von Dichtkunst genauer zu beschreiben.
Im Korpus der Lais, die einer französischen Autorin namens Marie zugeschrieben werden, hat die nur 160 Verse kurze aventure mit dem Titel 'Laüstic' (Nachtigall) zunächst keine besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Erst seit den 1970er Jahren entdeckt die mediävistische Forschung in dem, was zuvor gemeinhin als Geschichte einer unglücklichen Ehebruchsliebe gelesen worden ist, eine raffiniert verdichtete poetologische Reflexivität. Seit einer eingängigen Analyse des Lai in Zumthors Essai de poétique médiévale (1972) ist der Text deshalb immer wieder zum Gegenstand paradigmatischer Interpretationen geworden (u.a. R. Howard Bloch, Walter Haug, Gerhard Neumann). Laüstic wird als eine Art narrativierte Zeichen- und Medientheorie en miniature präsentiert, an der zentrale Charakteristika des mittelalterlichen Literatur- und Liebesverständnisses anschaulich zu machen sind. So spielen beispielsweise auch die Herausgeber eines aktuellen Berliner Tagungsbandes über die "Liebe als Selbstreflexivität von Kunst" mit dem Titel Der Tod der Nachtigall auf den Lai Laüstic an (Baisch / Trînca 2009).
Dieser Lai, der auf intrikate Weise den Aspekt einer 'totalen Gabe' aus der Reziprozität der Liebeskommunikation heraus entwickelt und sich zugleich selbst als mehrfach "verpacktes Zeichen" seinem Leser gibt (G. Neumann), soll nun nicht in erster Linie noch einmal neu interpretiert werden. Vielmehr möchte ich vor allem die unterschiedlichen Thesen seiner modernen Deutungen nachzeichnen und einige fundierende Prämissen freilegen. Dabei könnte nicht zuletzt auch deutlich werden, wie aufgrund bestimmter konzeptueller Vorannahmen über Liebe und Literatur die Spannungen der Gabenstruktur in diesem Text 'systematisch' unterschätzt werden.
Die Liebesgaben im 'Meleranz', Gürtel, Mantelspange, Hut und Ringe, sind in verschiedene Kommunikationsordnungen eingebunden. Zunächst sind sie Teil des Systems höfischer Botenkommunikation und erneuern als Erinnerungszeichen die Präsenz der Begegnung der Liebenden von Angesicht zu Angesicht. Zugleich sind sie schriftkulturell kodiert. Nicht nur durch die Edelsteinaufschrift, die eine der Gaben, der Gürtel, selbst trägt, sondern vor allem dadurch, dass die Gaben durch die mit ihnen gesandten Briefe ausgelegt und als zeichenhafte Repräsentanten einer Liebeskonzeption ausgewiesen werden, die die Briefe entfalten. Für die Dramaturgie der Erzählung ist indes entscheidend, dass die Gaben der Tydomie, der Liebesdame des Meleranz, Teil eines Objektbereiches sind, der durch Bildprogramme die antiken Stoffe von Paris und Helena und von Eneas aufruft. Diese sind aus der Schilderung Artuswelt sonst ausgeklammert und reichen nur über die wilde Anderwelt, in der Tydomie herrscht, in sie hinein. Der Vortrag untersucht die narratologischen und handlungslogischen Implikationen der Verschränkung der Deutungshorizonte, die in den Liebesgaben angelegt ist.