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In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnten viele Kinder von Saisonarbeitern nur dank des Muts und der Leidenschaft einiger weniger Menschen eine Ausbildung in der Schweiz erhalten. Diese hatten unter Missachtung des Gesetzes spezielle Schulen gegründet.Dieser Inhalt wurde am 11. Juli 2022 - 09:30 publiziert
- Español Esas escuelas que permitieron salir del armario
- Italiano Quelle scuole che permettevano di uscire dall'armadio (Original)
- Português Educar crianças estrangeiras já foi contra a lei
- Français Ces écoles qui permettaient de sortir du placard
- Pусский «Нелегальные дети» и подпольные школы на выставке в музее Ла-Шо-де-Фона
Es ist ein wenig glanzvolles Kapitel der Schweizer Zeitgeschichte, das derzeit im Historischen Museum in La Chaux-de-FondsExterner Link im Kanton Neuenburg zu sehen ist: Unter dem Titel "Enfants du placard; à l'école de la clandestinité" ("Schrankkinder; im Verborgenen zur Schule") will die Ausstellung "jenen eine Stimme geben, denen die Sprache weitgehend verwehrt wurde", sagt Museumsdirektor Francesco Garufo.
Es geht dabei um all die Jungen und Mädchen, die sich heimlich in der Schweiz aufhalten mussten (oft im Schrank versteckt), weil ihre Eltern nur eine Genehmigung zur Saisonarbeit hatten, das so genannte Saisonnierstatut.
Der berüchtigte Ausweis A, der 2002 mit dem Inkrafttreten der Personenfreizügigkeit zwischen der Eidgenossenschaft und der Europäischen Union (EU) abgeschafft wurde, ermöglichte keine Familienzusammenführung.
Viele Eltern, die in der Schweiz als Saisonniers arbeiteten, waren daher gezwungen, ihre Kinder im Heimatland zu lassen, wo sie von anderen Familienmitgliedern wie etwa den Grosseltern betreut wurden.
Oft war die Trennung jedoch zu schmerzhaft, so dass die Saisonarbeiterinnen und -arbeiter, die vor allem aus Italien, Spanien und Portugal stammten, ihre Kinder mitnahmen. Aber damit brachen sie das Gesetz.
Nur keinen Lärm machen!
Genaue Zahlen gibt es nicht, eben weil es sich um ein illegales Phänomen handelt. In den frühen 1970er-Jahren hielten sich schätzungsweise bis zu 15'000 Buben und Mädchen illegal in der Schweiz auf.
Es handelt sich dabei nur um eine Schätzung, die jedoch eine Vorstellung davon vermittelt, wie viele Kinder in dieser Zeit, die bis 2002 dauerte, in der Schweiz ein Schattendasein fristen mussten.
Im Schatten im wahrsten Sinn des Wortes, oder besser gesagt: im Schrank. "Sei vorsichtig", "Sprich mit niemandem", "Mach keinen Lärm"... An einer Wand der Ausstellung stehen Sätze, die wir wahrscheinlich alle als Kinder gehört haben. Für diese Buben und Mädchen aber hatten sie eine ganz besondere Bedeutung. Denn wenn sie erwischt wurden, konnte das sogar die Ausschaffung bedeuten.
"Wir hatten Lärm gemacht, und jemand hatte uns angezeigt", erinnert sich Rafael, eines der sechs "Schrankkinder", die sich bereit erklärt haben, für die Ausstellung Zeugnis abzulegen. Der mit der Kontrolle beauftragte Polizist zeigte jedoch grosse Menschlichkeit und fragte beim Betreten der Wohnung rhetorisch die Eltern von Rafael, der sich in der Zwischenzeit mit seinen Geschwistern in einem Zimmer versteckt hatte: "Wir sind uns einig, dass es hier keine Kinder gibt..."
>> In dieser Reportage erzählten Schrankkinder 2020 dem Schweizer Fernsehen SRF von ihren Erfahrungen (zum Teil in Dialekt):
Nur wenige Zeugenaussagen
"Es ist nicht einfach, Menschen zu finden, die bereit sind, darüber Auskunft zu geben", sagt Sarah Kiani. Sie führt an der Universität Neuenburg unter der Leitung von Professorin Kristina Schulz ein Forschungsprojekt über "Schrankkinder"Externer Link durch. Dessen erste Ergebnisse sind in diese Ausstellung eingeflossen. "Viele sagten ab. Ihr Schamgefühl hält auch Jahre später noch an", so Kiani.
Aus den gesammelten Berichten gehen jedoch nicht nur traurige oder schwierige Lebensgeschichten hervor. "Es gab verschiedene Möglichkeiten, mit dieser Situation des Versteckens umzugehen, und es waren nicht immer nur düstere Geschichten", sagt Kiani. "Diese Ausstellung zielt auch darauf ab, die Vielfalt der Erfahrungen zu zeigen", sagt Garufo.
Die Bedeutung der Schule
Wenn es jedoch einen gemeinsamen Nenner gibt, der aus all diesen Erfahrungen heraussticht, dann ist es die Bedeutung der Schulen, die es diesen Minderjährigen ermöglichten, buchstäblich aus dem Schrank herauszusteigen. Es ist kein Zufall, dass die Ausstellung genau diesem Thema viel Raum gibt.
Heute sind das Recht auf Familienzusammenführung oder das Recht auf Zugang zu Bildung in der UNO-Konvention über die Rechte des Kindes in klaren Worten verankert.
Dieser Vertrag ist jedoch relativ neu (1989) und wurde von der Schweiz 1997 ratifiziert. Dabei äusserte sie unter anderem Vorbehalte in Bezug auf die Familienzusammenführung.
Das bedeutet: Jahrzehntelang blieb das staatliche Schulwesen für Kinder, die ohne legalen Status in der Schweiz lebten, eine Illusion.
Kisten als Pulte
Doch nicht alle blieben untätig. 1971 eröffneten Migrantenvereine in Renens, Kanton Waadt, die erste "Sonderklasse" für illegale Kinder. Im folgenden Jahr gründeten zwei Freunde in Neuenburg eine geheime Schule, die zwei Jahre lang aktiv war. "Kisten aus der Zigarettenfabrik Brunette wurden als Pulte verwendet", heisst es auf einem Plakat in der Ausstellung.
Einige Jahre später, Anfang der 1980er-Jahre, gründete die Lehrerin Denyse Reymond in La Chaux-de-Fonds, ebenfalls im Kanton Neuenburg, eine weitere Schule. Diese wurde später zur École MosaïqueExterner Link. Sie besteht noch heute.
Nun stellt das Geschichtsmuseum von La Chaux-de-Fonds in einem Flügel der Ausstellung ein Klassenzimmer der École Mosaïque nach, mit den Heften der Schülerinnen und Schüler, die sie besuchten, ihren Zeichnungen, usw.
Die von Reymond angebotenen Klassen standen allen Kindern offen, die sich in einer illegalen Situation befanden, und waren kostenlos für diese Familien, die meist wenig Geld hatten. Die zur Deckung der Ausgaben erforderlichen Mittel wurden durch Spenden aufgebracht.
"Diese Kinder wussten nicht, wohin sie gehen sollten, und (…) als ich mit meiner Tochter diese Schule gründete, gingen wir los, um die Kinder dort zu finden, wo sie sich versteckt hatten", sagte Reymond in einem Interview mit dem Schweizer Radio und Fernsehen RTS.
Verborgen... aber nicht zu sehr
"Neben ihrer Hauptaufgabe, der Erziehung der Kinder, haben diese Schulen noch eine weitere wichtige Funktion erfüllt", sagt Kiani. "Sie waren für diese Buben und Mädchen und ihre Familien das Tor zu allem, was ein Kind braucht: medizinische Versorgung, zahnärztliche Betreuung, kulturelle und sportliche Aktivitäten."
Obwohl die Existenz dieser Schulen mehr oder weniger bekannt war, drückten die städtischen und kantonalen Behörden ein Auge zu – zumindest in Neuenburg und Genf. Gemäss einem Brief eines Lehrers aus La Chaux-de-Fonds aus dem Jahr 1983, der in diesen Bereichen tätig war, hätten sich die kantonalen Behörden sogar an der Finanzierung beteiligt.
Diese Grauzone dauerte bis 1990, als genau diese beiden Kantone in der Schweiz Pionierarbeit leisteten, indem sie entschieden, dass das Recht auf Schulbildung Vorrang vor den Regeln für die Einwanderung in die Schweiz haben soll. Damit öffneten die öffentlichen Schulen offiziell ihre Türen für Buben und Mädchen, die noch nicht legalisiert waren.
Bildung für alle
In den folgenden Jahren folgten andere Kantone diesem Schritt. Nicht zuletzt, weil die UNO-Kinderrechtskonvention – von der Schweiz 1997 ratifiziert – ausdrücklich das Recht auf kostenlose Grundschulbildung für alle vorsieht. Heute kann jedes Kind eine staatliche Schule besuchen.
Die Aufhebung des Saisonnier-Status im Jahr 2002 bedeutete jedoch nicht das Ende der Klandestinität. Gemäss einer Schätzung des Staatssekretariats für Migration lebten 2015 zwischen 50'000 und 99'000 Personen ohne legalen Aufenthaltsstatus in der Schweiz. Unter ihnen auch viele Kinder.
Zwar ist der Zugang zur Bildung nun gewährleistet. Doch die Ungewissheit, die auf diesen Menschen und ihren Familien lastet, bleibt bestehen. Erst vor vier Jahren forderte eine von der politischen Rechten eingebrachte (und später zurückgezogene) parlamentarische Motion unter anderem den Austausch von Informationen zwischen staatlichen Stellen über Personen ohne gültigen Aufenthaltsstatus, zum Beispiel im Bildungsbereich. Eine Massnahme, die papierlose Eltern möglicherweise dazu führen könnte, dass sie ihre Kinder nicht mehr zur Schule schicken würden.
"Die Thematik hat sich seit den 1970er- und 1980er-Jahren stark verändert, bleibt aber aktuell", sagt Museumsdirektor Garufo. "Sie wirft die Frage der Integration und der Familienzusammenführung auf. Die Geschichte der Schrankkinder lässt uns darüber nachdenken, wie wichtig Integration und Bildung für junge Migrantinnen und Migranten heutzutage sind."
(Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub)
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