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Momo ist ein Sternenkind, gestorben vor der Geburt. Was das mit Weihnachten zu tun hat und weshalb ein Stern Schlappohren hat, erzähle ich hier als eine etwas andere Weihnachtsgeschichte.
Momo stirbt vor der Geburt
Vor längerer Zeit begleitete ich privat eine Familie in Deutschland: Mutter, Vater, die siebenjährige Tochter Elisa und den vierjährigen Sohn Tim. Die Mutter hatte in der 23. Schwangerschaftswoche eine Totgeburt. Das dritte Kind der Familie hatte eine Chromosomenanomalie und somit Fehlentwicklungen lebensnotwendiger Organe. Fachleute hatten dies diagnostiziert, und die Eltern vorbereitet, dass das Kind die 25. Schwangerschaftswoche wohl nicht überleben würde. Die Mutter hätte das Kind aus medizinethischer Sicht abtreiben lassen können, doch das brachte sie nicht übers Herz.
Momo, so nannte die Mutter das kleine Mädchen nach der Geburt. Als die Mutter einen Tag vorher spürte, dass sich etwas bei ihrem ungeborenen Kind zu verändern schien, nähte sie zuhause am Küchentisch ein kleines Deckchen, in das ihr Kindlein gewickelt werden sollte. Dem Vater war ganz mulmig zumute, er musste weinen und regierte psychosomatisch mit einer Magenverstimmung.
Das Sternenkind im Sternenbettchen
… Als ich die Familie später zuhause besuchte, erzählte mir die Mutter, dass sie von einer Spitalseelsorgerin sehr einfühlsam betreut wurde, dass sie sich von Momo, so wie es für sie stimmte, verabschieden konnte. Das Kindlein, ins selber genähte Deckchen gewickelt, lag in einem Sternenbettchen – diese sehen wie kleine Puppenbettchen aus, aus Stoff genäht oder aus Weidenästchen geflochten. Später würde Momo mit anderen „Sternenkindern“ der Mutter Erde übergeben werden.
(Als Sternenkinder werden Kinder bezeichnet, die vor während oder nach der Geburt versterben, hier die Erklärung auf Wikipedia)
Elisa und Tim wünschten, dass ich mit ihnen für Momo einen Stern bastle. Wir sassen am Küchentisch und nach Vorgaben der Kinder half ich beim Basteln mit. Der kleine Tim wollte, dass ich auch ein Kreuz bastle. Das sollte zur Geburtskerze von Momo gelegt werden. Jedes Kind der Familie hat zur Geburt eine Kerze bekommen. Tim schnitt aus buntem Papier zwei gleichlange Streifen aus, die ich mit Klammern zusammenbostitchen sollte. Da ich Rücksicht nehmen wollte, damit das Kreuz nicht zu traurig aussah, bostitchte ich die Streifen in der Mitte zu einem Kreuz zusammen. Der Vierjährige reklamierte sofort und sagte:
„Weisst du nicht wie ein richtiges Kreuz geht?“
Ich musste die Klammer wieder lösen und er zeigte mir genau, wo ich die Papierstreifen übereinanderlegen und zusammenheften musste.
Der Stern mit Schlappohren
Elisa war unterdessen dabei, auch für Mama, Papa und für ihren Bruder einen Stern zu zeichnen und auszuschneiden, damit die ganze Familie bei Momos Stern ist. In ihrer schönsten Schrift schrieb sie auf jeden Stern den jeweiligen Namen. Dann meinte sie:
„Sandy braucht auch einen Stern!“ Sandy ist der Familienhund.
Weil Elisa noch mit den anderen Sternen beschäftigt war, war es meine Aufgabe, einen Stern für Sandy auszuschneiden. Die Kinder meinten:
„Aber der Stern muss Schlappohren haben!“ Sandy ist eine Beagle-Hündin.
Also rundete ich bei diesem Stern zwei Zacken ab. Doch für die Kinder war es wichtig, die Schlappohren auch noch aufzuzeichnen.
Rituale erzählen vom Leben
Was mich an diesem Erlebnis speziell berührt? … Vater und Mutter sind seit einigen Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten, Elisa und Tim liessen sie nicht taufen. Und doch bedeutet der christliche Glaube ihnen viel. Sie haben auch eine Kinderbibel. Die Kerzen für den Adventskranz giesst der Vater aus Bienenwachs selber, er ist Hobby-Imker. Und Weihnachten steht eine Krippe in der Wohnstube. Während der Weihnachtstage besucht die Familie auf einem Spaziergang immer die grosse Krippe in der katholischen Kirche und zündet für die Opas, die nicht mehr leben, eine Kerze an, nun auch für Momo.
(Namen sind geändert.)
Die Theologin Nadja Eigenmann ist Notfallseelsorgerin und im See-Spital Horgen als Seelsorgerin unterwegs. Sie war auch schon Sprecherin des „Wort zum Sonntag“ auf SRF.
Jeweils im November laden die Spitalseelsorgenden Eltern, Geschwister und alle, die um ein Sternenkind, ein Neugeborenes, ein kleines oder grösseres Kind trauern herzlich ein, mit ihnen an ihr Kind zu denken. Die Feier eines Rituals gibt Mut und Kraft zurück in den Alltag zu gehen.