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Text: Sabine Hoffmann, IAP Institut für Angewandte Psychologie
Bilder: Olivier Brandenberg
Sanha Nhor hatte einen Traum: In seiner Heimat Kambodscha wollte er jungen Menschen helfen, durch Bildung ein besseres Leben zu erlangen. Kambodscha ist noch immer geprägt von einer langen und belastenden Kriegsvergangenheit. Bis vor einigen Jahren gehörte es zu den ärmsten Ländern der Welt. Mit der neuen Verfassung im Jahr 1993 konnte das Land in Südostasien erhebliche Fortschritte im Kampf gegen Armut und Unterentwicklung erzielen. Inzwischen ist es eines der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Und dennoch fehlt es an grundlegender Infrastruktur und vor allem an guten Bildungsmöglichkeiten. Das kommt besonders vor dem Hintergrund der Demografie zum Tragen, denn Kambodschas Bevölkerung ist jung: Fast die Hälfte der Einwohner ist jünger als 20 Jahre. Um die Zukunft nach den politischen Wirren und dem Verlust ganzer Generationen neu zu gestalten, braucht das Land eine richtungsweisende Bildungsstruktur. Der Besuch der Volksschule ist zwar kostenfrei, die Unterrichtsqualität variiert jedoch stark. Viele Lehrkräfte bieten zusätzliche Nachhilfekurse an, allerdings häufig auch aus dem Grund, ihr eigenes Gehalt aufzubessern. Für Kinder aus ärmeren Familien bedeutet das eine klare Benachteiligung.
Dieser herausfordernden Situation versuchen soziale Organisationen wie Bookbridge zu begegnen. Bookbridge betreibt ein Programm, das engagierte Unternehmerinnen und Unternehmer in ländlichen Teilen des „Globalen Südens“ unterstützt, Startups zu gründen. Das Ziel dabei ist, dass sich lokal aktive Menschen, sogenannte Community-Heros, um die Entwicklung und Ausbildung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in ihrer Community kümmern und Bookbridge dabei die nötige organisatorische und personelle Unterstützung bietet. Sanha beschloss, aktiv für seinen Traum zu kämpfen und bewarb sich für dieses Programm. Mit seiner Aufnahme als Jungunternehmer war es ihm nun möglich, seinen Traum in Angriff zu nehmen.
Zwei Teams – eine gemeinsame Vision
Einfach war es nicht, denn Sanhas ambitiöse Aufgabe bestand unter anderem darin, eine geeignete Infrastruktur zu finden, den Business Plan zu erarbeiten, eine Investoren-Firma zu überzeugen, mit den lokalen Behörden zu verhandeln, Marketingmassnahmen einzuleiten und vieles mehr. All das konnte er nur mit einem starken Team schaffen. Der CAS International Leader & Entrepreneur (CAS ILE), eine Kooperation zwischen dem IAP und Bookbridge, bot Sanha diese Chance. Eine heterogene Gruppe von Führungspersonen, Beratenden und Veränderungsbegleitern mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, Biografien und Motivationen in der Schweiz sowie ein Team in Kambodscha arbeiteten eng an der gemeinsamen Vision: „We empower people to fulfil their dream of a bright future!“ Keine leeren Wort, sondern eine Vision, die alle miteinander verband und Sanha immer wieder an seinen Traum glauben liess.
Kampf um finanzielle Mittel
Sanhas Ziel war der Aufbau eines Lernzentrums in der Kleinstadt Steung Sen für Kinder, Frauen, Jugendliche und Erwachsene. Ein Kindergarten, sowie Englisch- und IT-Kurse für Jugendliche und Erwachsene standen in einem ersten Umsetzungsschritt im Vordergrund. Kurse für Frauen zur stärkeren Positionierung in der Gesellschaft sowie in anderen Gebieten wie Buchhaltung, Marketing, Verkauf sollten folgen. Auf diese Weise sollte die Bevölkerung befähigt werden, ihre Zukunft zu gestalten. Eine Vision wie diese lässt sich nur mit entsprechenden finanziellen Mitteln verwirklichen. Bookbridge vermittelte den Kontakt zu einer Investorin, die durch einen Pitch gewonnen werden musste.
Die Teams arbeiteten hart, um einen soliden Business Plan auf die Beine zu stellen. Für den Community-Hero Sanha war das eine sehr emotionale Zeit, auch weil bei ihm familiäre Veränderungen und der Tod eines geliebten Familienmitglieds hinzu kamen. Durch diese schwere Zeit trugen ihn seine beiden Teams. Sie unterstützten ihn als wären sie selbst Unternehmerinnen und Unternehmer – ganz im Sinne des Entrepreneurship. Die Mühen und die vielen Schweissperlen – und nicht nur wegen des warmen und schwülen Wetters – haben sich gelohnt: Am entscheidenden Tag des Investor-Pitchs überzeugte Sanha durch seine professionelle Performance und den Einbezug von Wünschen und Träumen der kambodschanischen Kinder. Die Investorin war überzeugt und genehmigte sogar ein höheres Darlehen als vorgesehen. Die Tränen des Glücks flossen auch beim Schweizer Team. Nun konnte die konkrete Umsetzung, die „hands-on“-Erfahrung, starten.
Willkommen in der VUCA-Welt
Einige Tage vor Eröffnung des Lernzentrums reiste das Schweizer Team nach Steung Sen. Alle waren mit positiver Energie geladen. Doch kurz vor Abflug erreichte das Team die Nachricht, dass die geplante Mietimmobilie für das Lernzentrum nicht mehr zur Verfügung stand und auf ein weitaus grösseres und entsprechend teureres Objekt ausgewichen werden musste. Was tun? Wie reagieren? Das Team musste schnell handeln. Ein klassischer Mehrheitsentscheid stimmte der neuen Immobilie zu, was nicht bei allen Teammitgliedern für Freudensprünge sorgte. Kaum angekommen in Steung Sen folgte eine weitere Hiobsbotschaft: Der Eröffnungstag sollte um einen Tag vorverschoben werden. Flexibilität war erforderlich und ein agiles Vorgehen sicherte einen guten Überblick über die notwendigen Arbeiten und Ressourcen.
Es blieben nur wenige Tage, an denen viele Arbeiten erledigt werden mussten. Nun hiess es: Ärmel hochkrempeln und einen Spielplatz bauen, die Bibliothek einräumen, Müll sammeln am regionalen „Cleaning-Day“, Werbung fürs Lernzentrum betreiben und Flyer verteilen. Gemeinsam machten sie das schier Unmögliche möglich.
Happy Opening
Im Frühling 2019 wurde das Lernzentrum in einer offiziellen Feier von den Behördenvertretern der Region eröffnet. Der Eröffnungstag brachte viele strahlende Kinderaugen. In einem feierlichen Akt wurde die soziale Einrichtung traditionell durch Mönche gesegnet – für Sanha und sein Team sowie für die ebenfalls erschöpften, aber überglücklichen Kursteilnehmenden ein unvergesslicher Moment und eine „once in a life time“-Erfahrung. Sie hatten nicht nur die Grundlagen von Führung, agiler Zusammenarbeit und internationaler Projektverantwortung gelernt, sondern zudem ein soziales Werk erschaffen, dass sich selbst weitertragen und Kambodschas Zukunft ein Stück besser machen kann. Durch das Erreichte rückte das Team näher zusammen. Die kulturellen Rituale und die Teamdynamik schafften eine tiefe Verbindung untereinander. Nach diesem Highlight der Eröffnung fiel das Loslassen und der Abschied aus Kambodscha schwer. Durch die Erfüllung von Sanhas Traum haben die CAS-Teilnehmenden viel auch für sich persönlich und ihr berufliches Umfeld gewonnen: Zusammenhalt, Verantwortung, Vertrauen in ihre eigenen Stärken und die der anderen sowie Hoffnung, die alle Grenzen überwindet.
Der CAS International Leader & Entrepreneur
Mehrwert für Teilnehmende und Unternehmen
Das praktisch orientierte Weiterbildungsprogramm des CAS International Leader & Entrepreneur bietet vielfältige Lernerfahrungen im Bereich Social Entrepreneurship, agile Führung und Inter-Cultural Leadership. Bei der Umsetzung der lokalen Projekte nutzen die Teilnehmenden Methoden der agilen Projektführung und vertieften Kompetenzen in betriebswirtschaftlichen Inhalten, interkulturelle Führung, Management, Finance und Unternehmertum in der konkreten Anwendung. Die Teilnehmenden sammeln ausserhalb der eigenen Komfortzone Erfahrungen, um flexibel auf Veränderungen reagieren und mit Unsicherheiten und Druck hilfreich umgehen zu können. Davon profitieren auch die Unternehmen, in denen diese Kompetenzen gelebt werden.
Die nächste Lernreise startet im Oktober 2020 und geht erneut nach Südostasien: Seien Sie mit dabei! Informationen unter www.zhaw.ch/iap/cas-ile oder über die Studienleiterin Stefanie Neumann, <email-pii>
Über die Autorin:
Sabine Hoffmann absolvierte anlässlich ihres Psychologie-Studiums ein 6-monatiges Praktikum am IAP Institut für Angewandte Psychologie im Zentrum für Leadership, Coaching & Change Management. Sie begleitete dabei unter anderem das CAS ILE an den drei Abschlusstagen und durfte die Teilnehmenden persönlich kennenlernen und Gespräche zu den jeweiligen Erfahrungen während dieser praktischen Weiterbildung führen. Vor dem Studium arbeitete Sabine Hoffmann u.a. im Sportmarketing und in einer Kommunikationsagentur, welche sie zuletzt operativ leitete. Mit diesen wertvollen Praxiserfahrungen und nach einem MAS in Coaching entschied sie sich für das Psychologie-Studium an der ZHAW.