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In der Natur gibt es unzählige wundersame Kreationen, die durch Anpassungen an Umweltbedingungen entstehen. Der sogenannte Saisondimorphismus ist ein solches Beispiel. Unter anderem tritt er beim Schneehasen auf, der im Winter ein weisses Kleid trägt und im Sommer braun in Erscheinung tritt. Die Färbung des Fells wird dabei von den sich jahreszeitlich unterscheidenden Umweltbedingungen gesteuert.
Jeder Generation ihr Gewand
Kurzlebige Arten wie Schmetterlinge zeugen mehrere Generationen pro Jahr. Da kommt es schon mal vor, dass je nach Jahreszeit zwei total verschiedene Formen entstehen. Beim Landkärtchen (Araschnia levana), einem Edelfalter, ist der Saisondimorphismsus besonders stark ausgeprägt. Die Flügel-Unterseite ist mit stark geaderten Zeichnungen besetzt, die an eine Landkarte erinnern: So hat der Schmetterling mit einer Flügelspannweite von drei bis vier Zentimetern auch seinen Namen erhalten.
Während die Unterseite bei beiden Varianten des Falters identisch ist, kann die Flügeloberseite komplett unterschiedlich eingefärbt sein. Die Landkärtchen der Frühjahrsgeneration besitzen ein orangefarbenes Flügelkleid mit schwarzen Zeichnungen. In den Sommermonaten kleiden sie sich vorwiegend schwarz, mit weissen Bändern verziert. Sogar Carl von Linné, ein berühmter schwedischer Naturforscher, wurde so hinters Licht geführt und beschrieb im Jahr 1758 die zwei Versionen des Landkärtchens fälschlicherweise als eigenständige Arten.
Längere Tage unterstützen Entwicklung der Raupen
Während anno 1829 mittels Zuchtversuchen nachgewiesen werden konnte, dass es sich tatsächlich um ein und dieselbe Art handelt, verstehen wir erst seit gut 70 Jahren, wie es zu der ganz und gar unterschiedlichen Farbausprägung kommen kann. Im Puppenstadium bestimmt die Ausschüttung von Hormonen aus der Gruppe der Ecdysteroide die spätere Farbe und Zeichnung der Flügeloberseiten. Die Unterschiede werden von der Tageslänge während der Verpuppung vorgegeben.
Die dunkle Sommergeneration des Landkärtchens schlüpft meist im Juli, nach einer etwa zweiwöchigen Puppenruhe. Diese Raupen konnten unter günstigen Langtagbedingungen von mindestens 15 Stunden Licht am Tag heranwachsen. Ihre Falter sind oft bis im späten August unterwegs. Die Entwicklung der darauffolgenden Generation verläuft um einiges langsamer. Die Verpuppung erfolgt zwischen Mitte und Ende September. Da die Temperaturen zu diesem Zeitpunkt meist kühler sind und die Tageslänge zu kurz für eine erfolgreiche Metamorphose, überwintert der Schmetterling in seiner Puppe und schlüpft anschliessend bei wärmeren Temperaturen als orangene Frühjahrsgeneration. Die Sommergeneration zählt auch wesentlich mehr Schmetterlinge als die Frühjahrsgeneration, da jeweils nur ein Teil der Puppen den Winter übersteht.
Potenziell ist auch möglich, dass eine dritte Generation innerhalb eines Jahres entsteht; allerdings nur bei klimatisch günstigen Bedingungen, wenn sehr früh geschlüpfte Weibchen der Sommergeneration ihre Eier legen und genügend Tageslicht und Wärme für das Überleben des Falters sorgt. Dies resultiert dann in seltenen Mischformen des Landkärtchens, die noch andere Farbvariationen hervorbringen.
Obwohl geklärt ist, wie die verschiedenen Färbungen entstehen, ist noch nicht bekannt, zu welchem evolutionären Zweck diese auftreten. Denkbar wäre, dass sie der Tarnung in den jeweiligen Jahreszeiten dienen. Um diesem Rätsel auf die Spur zu kommen, besteht also noch Forschungsbedarf – selbst bei einem relativ weit verbreiteten Insekt wie diesem.
Lebensraum des Landkärtchens
Die Landkärtchen-Weibchen legen ihre acht bis zehn grünen Eier in Schnürchen an die Unterseite von Blättern der Grossen Brennnessel. Die anschliessend geschlüpften Raupen tragen als einzige an Brennnesseln vorkommende Schmetterlingsart zwei Dornen am Kopf und sind damit nicht zu verwechseln. Allerdings ist nicht jede Brennnessel gut genug – für die Eiablage bevorzugt werden Pflanzen, die an halbschattigen und feuchten Stellen wachsen, wie beispielsweise in der Nähe von Bächen und Flüssen. Eine weitere Voraussetzung ist, dass in der Nähe Pflanzen wachsen, die den Schmetterlingen Futter bieten können. Während sich die orangefarbene Frühjahrsgeneration an Pflanzen wie dem Hahnenfuss, der Sumpfdotterblume und Schlehen-oder Weissdornbüschen erfreut, ernährt sich die Sommergeneration vom Nektar des Wiesenkerbel, der Wilden Möhre oder der Goldrute.
Es scheint, dass der Klimawandel und die damit verbundene wärmere und trockenere Umgebung das Landkärtchen belastet. Es wird vermutet, dass der Falter deshalb in Zukunft vermehrt in höhere Lagen und in Richtung Skandinavien ausweichen wird. Trotz lokal festgestellter Populationsrückgänge ist er bei uns zurzeit noch ungefährdet und ausserdem weit verbreitet; er ist in Mitteleuropa, Eurasien und selbst in Japan anzutreffen. Im Allgemeinen ist das Landkärtchen besonders in strukturreicher Landschaft mit blühenden Wiesen, Hecken, Gebüschen und Wald- und Gewässerrändern aufzufinden. Der Schmetterling ist damit ein bedeutender Indikator für ökologisch intakte Lebensräume.
Quellen und weitere Informationen:
Senckenberg: Insekt des Jahres 2023
NABU: Das Landkärtchen im Portrait
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