Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03401.jsonl.gz/1067

Das musst du wissen
- Kürzlich warnte ein Forscherteam in einem Artikel davor, dass Strände wegen der ansteigenden Meeresspiegel verschwänden.
- Diese Analyse kritisierten andere Wissenschaftler: Strände würden sich bewegen und an veränderte Bedingungen anpassen.
- Daraufhin der Konter: Die scheinbare Entwarnung würde Küstengemeinden ein falsches Sicherheitsgefühl geben.
Sind Strände von Erosion so bedroht, dass sie verschwinden werden? In der wissenschaftlichen Community scheint zu dieser Frage Sand im Getriebe zu stecken. Sechs Monate nach der Veröffentlichung einer Studie in Nature Climate Change, die voraussagte, dass ein grosser Teil der Strände aufgrund des steigenden Meeresspiegels verschwinden könnte, konterte eine Gruppe von Forschern am 27. Oktober die Schlussfolgerungen ihrer Kollegen in einem virulenten und fundierten Artikel.
Warum das wichtig ist. Hunderte Millionen Menschen leben in der Nähe von Stränden, die mehr als ein Drittel der Küstenlinien der Welt ausmachen. Deshalb schlug im März der alarmierende Bericht der Gruppe von Michalis Vousdoukas – von der Gemeinsamen Forschungsstelle (JRC) der Europäischen Kommission – weltweit hohe Wellen.
Was die erste Studie sagt. Aufgrund von Satellitenbildern stellte sie fest, dass 14 Prozent der Strände der Erde in den letzten 30 Jahren verschwunden sind und es bis Ende des Jahrhunderts mehr als 25 Prozent sein könnten. Gründe dafür sind das Ansteigen der Meeresspiegel und die zunehmenden, extremen Ereignisse infolge der globalen Erwärmung.
Die Forscher schätzten aufgrund einer Modellierung, dass je nach Klimaszenario zwischen einem und etwa zwei Drittel der Strände von starker Erosion betroffen sein könnten. Am stärksten betroffen wären die Küstenlinien, die niedrige Höhenlagen und eine hohe Bevölkerungsdichte vereinen. Schwellenländern mit wenigen Schutzmöglichkeiten wären davon besonders betroffen.
Die Kritik an dieser Studie. Die Forschungsgruppe von Andrew Cooper von der Universität Ulster in Grossbritannien ist auf Erosion und Küstensedimente wie Sand und Kies spezialisiert. Sie ist der Ansicht, dass die Gruppe von Michalis Vousdoukas ein ungeprüftes Modell, die Bruun-Regel, verwendet hat.
Diese berücksichtigt nämlich weder den Sedimenttransfer vom Meer zur Küste noch die Winddynamik oder die Rolle der Dünen. Den Kritikern zufolge stützt sich die Vousdoukas-Gruppe auf zweifelhafte Annahmen und falsche Referenzen. Sie weisen darauf hin, dass ein Strand ein dynamisches Objekt ist: er bewegt sich je nach Umweltbedingungen vorwärts oder rückwärts; er verliert oder gewinnt Sand, je nachdem wie viel Sedimentmenge verfügbar ist.
_____________
Abonniere hier unseren Newsletter! ✉️
_____________
Für sie verschwindet ein Strand nicht mit dem Ansteigen der Ozeane, er bewegt sich ins Landesinnere: Nicht der Strand verschwindet, sondern die Küste zieht sich zurück – sofern dahinter Platz ist und der Strand nicht durch Infrastrukturen wie Deiche daran gehindert wird.
Die Meinung mehrerer Forscher zu der Kontroverse. Edward Anthony, Professor an der Universität Aix-Marseille und Unterzeichner des kritischen Artikels, empört sich:
«Wenn man die Dynamik von Stränden nicht kennt, macht man keine deterministischen Modelle! Ein Strand ist ein Sandhaufen, der sich an die Energieverhältnisse und den Meeresspiegel anpasst, weil die Körner frei sind. Seit der letzten Eiszeit, vor 19’000 Jahren, ist der Meeresspiegel um mehr als 110 Meter angestiegen, und die Strände haben diesen Anstieg begleitet. Ausser der Tatsache, dass sich die Strände an den steigenden Meeresspiegel anpassen, gibt es kein morphodynamisches Modell, das in der Lage wäre, ihr Verhalten auch kurzfristig zuverlässig vorherzusagen. Wie kann man also behaupten, die Zukunft aller Strände der Welt voraussagen zu können?»
Pierre Stéphan vom europäischen Universitätsinstitut für das Meer (IUEM) im französischen Brest, der keine der beiden Studien mitverfasst hat, meint:
«Diese Kontroverse ist interessant. Ich stimme mit meinen Kollegen völlig überein, dass das von Vousdoukas et al. verwendete Modell nicht zuverlässig ist. Welcher Wert soll also den Ergebnissen dieser Studie beigemessen werden?»
Schliesslich erklärt ein Forscher, der auf das Management von Küstengebieten spezialisiert ist und anonym bleiben möchte:
«Ich sehe in dieser Studie nichts Schockierendes, auch wenn das verwendete Modell fragwürdig ist. Aber leider gibt es nichts anderes, um die Problematik der Strände in dieser räumlichen Dimension anzugehen. Die Gegenargumente der Cooper-Gruppe sind sehr stichhaltig. Doch wie Michalis Vousdoukas in seiner Antwort betont, ist der Rückzug der Strände aufgrund der Urbanisierung und Entwicklung vielerorts nicht mehr möglich, was vor 100 Jahren noch nicht der Fall war.»
Der wissenschaftliche Stand der Dinge. Wie steht es um die Modelle der Stranddynamik? Genau hier liegt das Problem: Simulationen können die Evolution der Strände nur schwer abbilden. Das gilt auch für kleine Gebiete, die auf zwei Dimensionen vereinfacht, in zahlreichen Feldstudien untersucht wurden. Die Wissenschaftler stehen auch vor einem Problem des Massstabs: Wie kann ein Modell, das einen kleinen Strand beschreibt, für die Dynamik eines grossen Strands angepasst werden? Pierre Stéphan sagt:
«Wir sind noch weit davon entfernt, uns prospektive 3D-Modelle vorzustellen. Jeder Strand hat seine Besonderheiten. Wir müssen daher die Zahl der Felduntersuchungen erhöhen, die Laborexperimente fortsetzen und die digitalen Simulationen verfeinern, bevor wir hoffen können, die Funktionsweise eines Ortes in seiner ganzen Komplexität modellieren zu können.»
Die Antwort auf die Kritiker. In ihrer Antwort, die am 27. Oktober von Nature Climate Change veröffentlicht wurde, sind die Autoren der ersten Studie der Ansicht, dass das Bruun-Modell (oder die Bruun-Regel) trotz seiner Einschränkungen – die sie nicht verschwiegen haben – weit verbreitet ist, da es das einzige Instrument ist, das Vorhersagen im grossen Massstab ermöglicht.
Sie weisen darauf hin, dass ein Teil der Sandküste von Aquitanien, Frankreich, die Erosion seit 1950 überlebt hat, weil Schutzarbeiten durchgeführt wurden. Ähnlich verhält es sich in den Niederlanden, wo solche Arbeiten seit Jahrzehnten zum Schutz der Polder durchgeführt werden.
Sie weisen darauf hin, dass die von Cooper und seinen Kollegen vertretene Idee, dass «Strände überleben können», ein falsches Gefühl der Sicherheit in den Küstengemeinden und Verwaltungen hervorrufen könnte. Denn es gibt bereits Beispiele für verheerende Erosion, wie in diesem Jahr mehrere australische Strände zeigen.
Die Stimme der Vernunft? Für Pierre Stéphan ist die umstrittene Studie dennoch eine Warnung vor den Auswirkungen, wenn der Ozeanpegel bei den Küsten steigt, vor allem, wenn sie künstlich sind: «Wir müssen – wie in Frankreich – über eine echte Strategie nachdenken, um die Installationen entlang der Küste zurückzusetzen.» In Neu-Aquitanien zum Beispiel arbeiten regionale Beamte mit Klimatologen, Hydrologen und Ökonomen sowie mit Weinbauern, Austernzüchtern und Transportunternehmen zusammen, um zu definieren, was dem Meer überlassen – oder sogar zurückgegeben – und was verteidigt werden sollte. Der Forscher ergänzt:
«Auch wenn sie – teilweise zu Recht – angefochten wird, hat die Arbeit der Gruppe von Michalis Vousdoukas zumindest das Verdienst, die Frage der Küstenerosion aufzuwerfen, die eine echte Zeitbombe darstellt. Da beide Seiten auf ihre Weise Recht haben, sollten sie sich darauf einigen, die Wissenschaft gemeinsam voranzubringen? Das ist schliesslich unsere Aufgabe».
Nach wiederholten Anfragen lehnte die Gruppe von Michalis Vousdoukas es ab, Fragen von Heidi.news zu beantworten und bezog sich dabei auf ihren Artikel, der am 27. Oktober in Nature Climate Change veröffentlicht wurde.