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Ehemaliger Praktikant bei iconomix, Oktober 2016 – März 2017
Ohne Geld würde die Wirtschaft nicht funktionieren. Doch woher kommt es eigentlich? Dieser Artikel bietet Einsichten in die Entstehungsgeschichte des Geldes.
Die herkömmliche Sichtweise
Woher kommt das Geld? Wie ist es entstanden? Die meisten Ökonomen würden etwa wie folgt antworten: In grauer Vorzeit tauschten die Menschen Güter direkt gegen andere Güter. Der Bauer baute Kartoffeln an, während der Weber Tücher herstellte. Beide benötigen nicht alle Waren selber, deshalb tauschten sie ihren Warenüberschuss gegen andere Waren ein.
Das Problem dabei: Wollte ein Bauer ein Tuch erwerben, so konnte er nicht einfach irgendeinen Weber aufsuchen, sondern musste genau auf einen Weber treffen, der seine Kartoffeln haben wollte. Die Bedürfnisse mussten also doppelt übereinstimmen (Ökonomen sprechen vom sogenannten «double coincidence of wants»).
Um diese Ineffizienz des Tauschhandels zu überwinden, wurde schliesslich eine spezielle Ware zum allgemeinen Tauschmittel erhoben – das Geld war geboren. Nun wurde nicht mehr Ware gegen Ware, sondern Ware gegen Geld getauscht. Weil Geld nun universell akzeptiert wurde, konnten alle miteinander handeln, unabhängig davon, ob die Bedürfnisse gegenseitig übereinstimmten oder nicht.
Alle möglichen Waren wurden im Laufe der Geschichte als Geld verwendet, so z. B. Muscheln, Felle, Tiere oder Salz. Damit eine Ware als Geld benutzt werden kann, sollte sie gut transportierbar, selten, teilbar und lange haltbar sein. Über die Jahrhunderte erkoren Marktprozesse Edelmetallmünzen zum «optimalen» Geld. In neuester Zeit kamen schliesslich Banknoten, die zunächst noch durch Gold gedeckt waren, hinzu.
Diese traditionelle Geschichte des Geldes wird auch in Ökonomie-Lehrbüchern so erzählt und klingt eigentlich ganz plausibel. – Doch sie steht im Widerspruch zu historischen Tatsachen.
Die alternative Sichtweise
Ethnographischen Untersuchungen legen nahe, dass der direkte, nicht durch Geld vermittelte, Naturaltausch eine Erfindung der Ökonomen ist und in keiner Gesellschaft jemals stattgefunden hat. «Tauschhändel in der Form ‹20 Hühner für eine Kuh›, wie sie von Ökonomen vorhergesagt wurden, fanden in keiner Gesellschaft statt», bestätigt der Anthropologe David Graeber in einem Blog-Artikel.
Der hauptsächliche Grund für die Entstehung des Geldes kann demnach nicht die Tauscherleichterung sein. Wie entstand Geld dann?
Die Lösung des Rätsels ist in der Natur des Geldes zu finden: Geld ist nicht primär Tauschmittel, sondern eine soziale Technologie, die zur Dokumentation von Schuldverhältnissen in einer Gesellschaft dient: Kauft ein Bauer einem Weber ein Tuch ab und benötigt dieser Weber vorläufig keine Waren des Bauern, so wird der Bauer zum Schuldner des Webers. Dieser Vorgang wird in einer Art Buchhaltung festgehalten.
Die Geldobjekte – egal ob es sich dabei um alltägliche Waren oder um Papierscheine handelt – sind bloss Zeichen, die den Stand der Buchhaltung repräsentieren. Lebten die Menschen in kleineren Gruppen zusammen, so diente das Geld dazu, die Menschen an die Schulden zu erinnern, die sie gegenüber anderen Mitgliedern dieser Gesellschaft hatten. Eine exakte, schriftlich dokumentierte Buchhaltung im heutigen Sinn war nicht nötig.
Ein historisches Beispiel dazu: Auf den Yap-Inseln, einer kleinen Inselgruppe im Pazifik in der Nähe von Neuguinea, lebt ein urtümliches Volk, das bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts kaum mit anderen Zivilisationen in Berührung kam. Der Anthropologe William Henry Furness bereiste diese Insel 1903. Er erwartete in dieser Gesellschaft eine primitive Tauschwirtschaft, da nur wenige Menschen zusammenlebten und die Warenproduktion überschaubar war.
Er fand jedoch etwas ganz anderes vor: Die Bewohner von Yap verwendeten zum Teil tonnenschwere Steine als Geld (siehe Bild). Was noch erstaunlicher war: Die Steine wurden bei den meisten Geschäften gar nicht verschoben. Sie dienten lediglich als Symbole, welche die Bewohner an die Besitzverhältnisse ihres Stammes erinnerten. Die Steine standen bloss stellvertretend für ein Guthaben-Schulden-System.
Dieses Beispiel mag manchen Ökonomen als historischer Spezialfall erscheinen, doch es bietet eine schöne Illustration der alternativen Entstehungsgeschichte des Geldes, die die Anfänge des Geldes in der Buchhaltung und nicht in der Tauscherleichterung sieht.
Die Bedeutung des heutigen Geldes kann ebenfalls anhand dieses Konzepts interpretiert werden: Elektronisches Buchgeld – reine Zahlen ohne physische Existenz, gespeichert auf Computern – verweist auf Guthaben-Schulden-Verhältnisse in den Büchern der Banken. In diesem Fall wird der wesentliche Punkt deutlich: Das physische Geldobjekt hat sich in Luft aufgelöst, doch das Geld als soziale Technologie existiert weiter.
Zwei Bücher zum Thema:
David Graeber (2011): Schulden. Die ersten 5000 Jahre, Klett-Cotta, Stuttgart
Felix Martin (2014): Geld, die wahre Geschichte, DVA, München
Lesen Sie auch:
Zum Thema:
- Aargauer Zeitung. Kohle, Heu und Knete: Geld ist zwar manchmal gut, aber nie ein Gut (26.04.2014)
- FAZ online. Und vergib uns unsere Schulden (13.11.2011)
- Blog «Naked Capitalism». David Graeber: On the Invention of Money (13.09.2011)
- Felix Martin. What is Money?...and Why Does it Matter? (10.02.2014 – Dauer 1:19:00)
- New Economics Foundation. Where does money come from? (28.09.2011 – Dauer 7:28)
Für das iconomix-Team,
Jan Egger