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Tschako / Käppi
Objekt des Monats Juni 2015
Tschako / Käppi, NM 13487.3
Das Käppi aus der Sammlung des Nidwaldner Museums gehörte einem Unterwaldner Infanterie-Soldaten. Das Waffenabzeichen auf der Vorderseite des Hutes zeigt zwei gekreuzte Gewehre, die als Zeichen der Füsiliere und Schützen den Soldaten der Infanterie zuordnen. Die Kokarde, in den Kantonsfarben rot-weiss gehalten, markiert als runde Scheibe auf der Stirnseite des Hutes die Zugehörigkeit zur Truppe Unterwalden. Der farbige Pompon oben auf dem Käppi, hier ebenfalls rot-weiss, dient der Einheitserkennung und gibt die Angehörigkeit zur jeweiligen Kompanie an. Das Käppi, auch Tschako[i] genannt, gehörte seit der eidgenössischen Ordonnanz von 1898 zur klassischen Ausrüstung eines Uniformierten. Die Vereinheitlichungen der Schweizer Uniformen wurden mit der Bundesverfassung von 1848 eingeleitet und 1874 weiter vorangetrieben, als die Armee nicht mehr in den Zuständigkeitsbereich der Kantone fiel, sondern zur Bundesangelegenheit wurde.
Die Uniformen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts standen immer im Spannungsfeld zwischen Repräsentation und Funktionalität. Die neuen Kampftechniken erforderten praktische Kleidung, da die gesellschaftliche Stellung und Anerkennung der Militärs nach wie vor hoch war, mussten die Uniformen aber auch ausserdienstlich, z.B. zu festlichen Anlässen getragen werden können. Viele Armeen besassen deshalb sowohl Kriegs- wie Friedensuniformen. Diese sehr kostspielige Variante konnte sich die Schweizer Milizarmee nicht leisten, weshalb sie lange Uniformen entwickelte, die beiden Anforderungen genügen mussten. Die komplette Uniform der eidgenössischen Ordonnanz von 1898 bestand grob aus drei Teilen. Das Käppi wurde ergänzt durch eine grau-blau melierte Hose, deren seitliche Hosennaht im Falle der Infanterie rot war. Dazu wurden einheitlich dunkelblaue Waffenröcke, alles Zweireiher (mit je 5 Knöpfen) und einem Stehkragen getragen. Die Besatzfarben am Kragen variierten je nach Waffengattung – bei den Infanteristen waren sie ebenfalls rot. Die blauen Uniformen waren zwar festlich, im Feld jedoch wenig tauglich, weil sie kaum der Tarnung dienten.
Funktionalität und Repräsentation sind zwei Kategorien, die auf die kulturgeschichtlich zentrale Stellung von Uniformen und der Kleidung im Allgemeinen hinweisen. Ganz direkt widerspiegeln sie verschiedene kulturelle Phänomene. Abgesehen von zeitaktuellen Schönheitsidealen und ästhetischen Vorstellungen ist die Kleidung in ihrer Gestaltung, ihrem Schnitt und ihrer Materialität Zeugin von gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Zuständen. Daneben werden beispielsweise ideelle Vorstellungen ablesbar, geschlechterspezifische Unterschiede, Generationenkonflikte, Abhängigkeiten von klimatischen Bedingungen oder innergesellschaftliche Hierarchien, die sich in Repräsentations- und Abgrenzungsmechanismen äussern. Über die Kleidung verorten wir uns in unserem soziokulturellen Umfeld, wir üben durch die Kleidung Verhaltensmuster ein, grenzen uns ab und fühlen uns zugehörig, wir entwickeln Körper- und Gestensprachen – kurzum bilden wir über die Praxis des Bekleidens einen bedeutenden Teil unserer Identität. Seit der Aufklärung bedeutet Identität – zumindest für die Oberschicht – auch immer Individualität. Diese hat sich mit der Aufhebung der ständischen Kleiderordnungen im 19. Jahrhundert als zentrale gesellschaftliche Kategorie etabliert und begünstigt, dass sich die Mode als wirtschaftliches und kulturelles System überhaupt entwickeln konnte. Wenn Uniformität als Gegensatz zur Individualität in der Bekleidungskultur gedacht wird, dann deshalb, weil sie einer seriellen Gleichförmigkeit unterliegt – in ihrer Gestaltung und Herstellung. Wer eine Uniform trägt, ordnet sich ganz eindeutig einem Kollektiv zu, sein Handeln wird formal vorgeschrieben und ist von aussen absehbar. Diese Normierungen und Standardisierungen widersprechen gemeinhin einer individuellen Lebensweise. Hinzu kommt, dass das Auftreten von Uniformierten in der Masse eine enorme Wirkungskraft evoziert (im Rückblick auf die kriegerischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts oftmals auch negativ behaftet), die durch die Inszenierung und das Spektakel provoziert werden. Es ergibt sich daraus eine Rhetorik des Uniformen, die sich aus ihrer historischen Entwicklung und den damit verknüpften Zuschreibungen speist: Symbole für männliche (Körper-)Stärke und Überlegenheit, männliche Geschichtsschreibung, Macht und Inszenierung, Technik und Krieg.
Der markante Kontrast zwischen Mode und Uniformität erweist sich bei genauerer Betrachtung als oberflächlich. Vielmehr findet zwischen Mode und Uniformität ein oszillierendes Hin und Her statt, worin sich die beiden Welten nicht nur gegenseitig bedingen, sondern auch befruchten. Beiden Märkten liegen neben oben genannten kulturellen auch strukturelle Gemeinsamkeiten zugrunde. So etwa die industrielle Anfertigung, die damit verbundenen Standardisierungen (wie Kleidergrössen), die serielle Herstellung und die massenhafte Produktion. So ist die historische Wichtigkeit des Militärs und der Uniform als Wegbereiter der Moderne und der Mode der Moderne zu sehen. Die serielle und massenhafte Herstellung von Kleidung entspringt der Herstellung von Uniformen. T-Shirts wie sie heute im Alltag getragen werden, haben ihren Ursprung in der militärischen Ausrüstung: Das dehnbare aus Trikot-Stoff gefertigte Leiblein gehörte als Unterhemd zur Ausstattung eines jeden Soldaten.
Das Käppi als Teil der Uniform ist bisher zwar noch nicht wieder in die Mode gekommen. Trotzdem ergeben sich bei genauerer Betrachtung der Anzeigen auf Werbeplakaten oder in Zeitschriften vielerlei Verbindungen zwischen (militärischen, Arbeiter-, Berufs-) Uniformen und der Mode. Vielleicht reicht auch ein Blick rundum – im Zug, beim Kaffee in der Kantine, am Feierabend in der Bar – um festzustellen, dass auch im eigenen Alltag die Bekleidungsgewohnheiten gar nicht so individuell sind, wie angenommen. Wie es nämlich ein Papier gibt mit den Genehmigungen zum Tragen der Uniform für Militärs, werden Konsumenten tagtäglich konfrontiert mit neuen Form-, Farb- und Materialtrends in der Modewelt, die schwer zu ignorieren sind. Geschmack, Individualität und Nonkonformismus stehen zwar ideell der Uniformität und Gleichheit gegenüber, sind sich aber tatsächlich näher, als man denken würde.
Autorin: Magdalena Bucher, 2015
Quellen:
•Eidgenössisches Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS
Schweizer Armee: www.armee.ch
•Historisches Lexikon der Schweiz: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D8586.php
•Link, Jürgen: Textil genormte oder textil differenziell gestylte Körper? Uniformität zwischen Normativität und Normalität. In: Mentges, Gabriele, Birgit Richard (Hg.): Schönheit der Uniformität. Körper, Kleidung, Medien. Frankfurt a.M./New York 2005. S. 43-56.
•Mentges, Gabriele, Birgit Richard: Schönheit der Uniformität. Zur kulturellen Dynamik von Uniformierungsprozessen. In: Mentges, Gabriele, Birgit Richard (Hg.): Schönheit der Uniformität. Körper, Kleidung, Medien. Frankfurt a.M./New York 2005. S. 7-13.
•Mentges, Gabriele: Die Angst vor der Uniformität. In: Mentges, Gabriele, Birgit Richard (Hg.): Schönheit der Uniformität. Körper, Kleidung, Medien. Frankfurt a.M./New York 2005. S. 17-42.
[i] Der Begriff Tschako stammt aus dem Tschechischen (Czákó) und bedeutet so viel wie Husarenhut. In der Schweiz gehörte er zur klassischen Ausrüstung. In den Schweizer Reglementen war die Bezeichnung Käppi geläufiger. Die Gestaltung der Uniformen der Schweizer Armee orientierte sich oft an derjenigen der umliegenden Nationen, in diesem Fall an Österreich.