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Die Naxi, eine Gesellschaft aus Nordwest-Yunnan, blicken auf eine über tausendjährige Geschichte am Schnittpunkt von chinesischen, tibetischen und himalajisch-schamanischen Einflüssen zurück. Ihre Priester verfügen über Handbücher in Piktogrammschrift für jedes religiöse Ritual, auch für Altaraufbauten und ihre konstituierenden Bauelemente.
VON MICHAEL OPPITZ
Rituale zu erforschen, sie zu beschreiben, zu analysieren und die in ihnen jeweils angelegten Muster religiösen Denkens und Handelns aufzudecken, gehört zu den grundlegenden Herausforderungen an die Religionsethnologie, ja an die ethnographische Tätigkeitüberhaupt. Die Beschäftigung mit Ritualen wurde folglich für viele Ethnologen zum Prüfstein ihrer beruflichen Eignung und zum Aushängeschild ihres Metiers. Da das Feld unermesslich ist, sind die Ansatzpunkte, sich ihm zu nähern, zahlreich.
Altartyp zum Ritual für einen verstorbenen dt-mb-Priester. (Klick auf Bild, um es zu vergrössern )
Im Nachfolgenden soll ein Ansatz erprobt werden, bei dem es darum geht, aus einzelnen Ritualen kleinste semantische Einheiten zu isolieren und im Anschluss daran deren Spiel in anderen Ritualen zu verfolgen. Solche kleinste semantische Einheiten werden hier als kompositorische Bausteine aufgefasst, deren spezifische Auswahl und Abfolge einem jeden Ritual seine charakteristische Gestalt verleihen. Anders ausgedrückt: die zu isolierenden semantischen Elemente werden wie Wörter eines begrenzten Vokabulars behandelt, deren unterschiedliche Zusammenführung unterschiedliche Sätze oder Aussagen erzeugt. Demzufolge ist ein bestimmtes Ritual als eine spezifische Aussage zu kennzeichnen, wie sie nur aus einer bestimmten Komposition einer Anzahl semantischer Elemente zustande kommt.
Semantische Einheiten
Rituelle Aussagen können auf mehreren Ebenen gleichzeitig oder separat getroffen werden: auf einem materiellen Niveau mit gewissen Objekten, die zu gegebener Zeit an einem abgegrenzten Ort benötigt werden; auf einem sprachlichen Niveau mit vorformuliertenÄusserungen wie Gebeten, magischen Formeln oder rezitierten Mythen; einem in erweitertem Sinne akustischen Niveau mit musikalischen und anderen klanglichen Mitteln; und auf einer kinetischen Ebene mit besonderen Handlungen, Bewegungen und Gesten.
Rituale sind der Versuch dazu befähigter und berufener Akteure, die besagten Mittel in angemessener Weise einzusetzen und mit ihnen jeneübernatürlichen Wesen zum Nutzen der Klientenschaft zu beeinflussen, in deren Händen man die Geschicke der Menschen vermutet.
Die semantischen Einheiten der verschiedenen Ebenen können von unterschiedlicher Grössenordnung sein. Die der materiellen Ebene sind Einzelgegenstände, die entweder eigens für den rituellen Zusammenhang hergestellt werden oder solche, die bereits in anderen Zusammenhängen eine Funktion besitzen, im rituellen Rahmen jedoch mit einer zusätzlichen Aufgabe bedacht werden. Die semantischen Einheiten der sprachlichen Ebene können isolierte Wörter, Phrasen und Redewendungen oder ganze Textsequenzen unterschiedlicher Gattungen sein, deren Vokabular aus der Alltagssprache entlehnt sein mag oder nur im rituellen Rahmen vorkommt. Die semantischen Einheiten der kinetischen Ebene können ebenfalls bereits in anderen Zusammenhängen vorgeformt worden sein und aus kleinsten Bewegungselementen, aus Gesten, Gebärden und Tanzfiguren, wie aus ganzen Blöcken von Handlungssequenzen bestehen. Auf der sprachlichen wie auf der kinetischen Ebene schwanken also die konstitutiven Elemente in ihrer Grössenordnung beträchtlich. Dies gilt nicht für die Grundbausteine des Rituals auf der materiellen Ebene, und die Darlegungen, welche folgen, sollen dies illustrieren.
Die Religion der Naxi
Ich wähle als Beispiel die Religion der Naxi aus Nordwest-Yunnan, einer Gesellschaft am Schnittpunkt chinesischer, tibetischer und himalajisch-schamanischer Einflüsse. Diese Religion bietet sich als Demonstrationsstoff aus mehreren Gründen an. Ihre Priester, die dt-mb, haben ein hohes Niveau an Reflexion über ihre religiösen Praktiken ausgebildet, was sich zum Beispiel daran zeigt, dass sie für jedes Ritual eigene Handbücher verfasst haben, die akribisch genau festhalten, welcher Dinge es zur Durchführung der Zeremonien bedarf; welche Handlungen auf welche anderen folgen; und welches die genauen Arrangements sind, die als ambulante Altäre die Begegnung mit den Göttern, Geistern und Dämonen gewährleisten.
Altartyp für ein Ritual zur
Befriedung vorzeitig aus dem
Leben geschiedener Personen.
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All diese Angaben sind in einer piktographischen Schrift festgehalten, die sich durch visuelle Verständlichkeit auszeichnet, auch wenn sieörtlich sehr begrenzt sein mag. Neben ihrer bildhaften Anschaulichkeit liefert die Piktogrammschrift darüber hinaus ein Zeichensystem zweiten Grades mit, welches die Behandlung ansonsten nur schwer umschreibbarer Ritualgegenstände den Zeichen ersten Grades erheblich erleichtert. Dies erlaubt einen Nachvollzug der Feststellungen nach dem Augenschein. Schliesslich ist die Religion der Naxi noch bis Anfang Mai Gegenstand einer Ausstellung im Völkerkundemuseum der Universität Zürich. Dort wird das Verhältnis von Altaraufbauten zu den sie konstituierenden Bauelementen ausdrücklich mitthematisiert.
Paraphernalien
Die kleinsten semantischen Einheiten und zugleich konstitutiven Bauelemente von Ritualen auf der materiellen Ebene lassen sich in der Religion der Naxi in drei Gruppen zusammenfassen: Dinge, welche die dt-mb-Priester im Verlauf der Zeremonien am Leibe tragen, solche, die sie handhaben, und solche, mit denen sie ihre Altäre bauen. Zu den erstgenannten zählen die Erkennungsstücke der Berufskluft, darunter ein besonderer Seidenumhang, ein mit Federn des Amherstfasans und mit einem Eisenaufsatz bestückter Filzhut, eine mit Götterfiguren bemalte Fünferkrone, eine Halskette zylindrisch zugeschnittener Muscheln, eine Pluderhose aus Hanfstoff, ein mit lamaistischen und schamanischen Insignien besetzter Gürtel und schwarze Tanzstiefel zum Niedertrampeln von Dämonen.
Zu dem Ausrüstungszubehör, welches der Priester im Verlaufe der Riten handhabt, sind diverse Klanginstrumente zu rechnen, darunter eine Messingzimbel mit Adlerklaue und Geweihspitze, eine zweiseitig bespannte Rahmentrommel, eine Klöppeltrommel, eine Konchamuscheltrompete und ein Yakhorn; symbolische Waffen wie ein hölzerner Donnerkeil, ein mit Federn geschnitzter Speer, ein Tanzschwert aus Stahl, Köcher, Pfeil und Bogen und ein Dreizack shivaitischer Prägung; ein kunstvoll geschnitzter Geleitstab (der als Wegführer für die Seelen Verstorbener in Totenritualen verwendet wird) sowie diverse, in Piktogrammschrift verfasste Bücher.
Ritualgegenstände
All diese Paraphernalien kennzeichnen den dt-mb-Priester der Naxi und seine vielfältigen religiösen Aktivitäten. An dieser Stelle soll das Augenmerk jedoch auf die dritte Gruppe materieller Bauelemente von Ritualen gelenkt werden: die für Altaraufbauten benötigten Gegenstände und ihre Anordnung. Da die Zahl der Ritualgegenstände, die für Altaraufbauten Verwendung finden, verhältnismässig gross ist, mögen nur einige von ihnen stellvertretend herausgegriffen und in ihren semantischen Positionen vorgestellt werden: als isolierte lexikalische Individualzeichen; als mobile Bauelemente, die in unterschiedlichen zeremonialen Zusammenhängen wiederkehren können und dort eine standortbedingte Rolleübernehmen, oder als solche, die nur in ganz bestimmten Zeremonien auftauchen und aufgrund dieser Exklusivität bereits den Ritualtypus verraten, den sie durch ihre ausschliessliche Präsenz mitbestimmen.
Um dies sinnfällig vorzuführen, werden die Altäre dreier Rituale herangezogen, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie scharf voneinander abgegrenzten Kategorien angehören: dem Seelengeleit eines verstorbenen dt-mb-Priesters, dem Zeremonial der für Heilungssancen wichtigen Natur- und Schlangengeister, und der Verehrung der Winddämonen.
Das Piktogramm für Altar
Den Beleg dafür, dass es sich bei rituellen Aufbauten stets um Arrangements heterogener Einzelgegenstände handelt, erbringt bereits das gebräuchliche Piktogramm für «Altar». In diesem Bildzeichen vereinen sich vier Einzelsymbole zu einem Zeichenkompositum. Das erste davon gibt eine weisse oder schwarze «Filzdecke» wieder, wie sie die horizontale Altarplatte bedeckt und vorne von dieser herunterfällt. Im Zeichen ist selbst der Faltenwurf der Decke festgehalten. Im Zentrum über der «Filzdecke» ragt ein Dreieck empor, das die Bedeutung «Pflugschar» trägt.
Tatsächlich ziert nahezu jeden Altartyp eine auf einer Filzdecke vertikal aufgerichtete Pflugschar aus Eisen. Es handelt sich dabei um eine im Ackerbau real verwendbare Pflugschar, die im religiösen Zusammenhang jedoch von einer symbolischen Bedeutung überzogen wird: Sie steht für den «kosmischen Weltberg» Ngy-n-sh-l ngy (Mt. Kailas«). Die Spitze der Pflugschar (oder des Weltberges) ist im Bildkompositum für «Altar» mit einem phonetischen Zeichen überschrieben, das pr ausgesprochen wird und für «weiss» steht. Hiermit ist ein weisser Wollbausch gemeint, wie er bei Altaraufbauten an die Spitze der Pflugschar gehängt wird als Symbol für «weisse Wolken», die den Gipfel des Weltberges umhüllen. Mehrere kleine Kreise schliesslich zu beiden Seiten der Pflugschar repräsentieren «Getreidekörner» , wie sie im Ritual als Opfergaben auf den Altar gestellt werden.
Das zusammengesetzte Piktogramm für «Altar» weist mit seinen vier Bildelementen also bereits ganz realistisch auf einen Grundzug der Altargestaltung hin: ihre Komposition aus mobilen, vorgefertigten Einzelteilen. Dieses Vorgehen, mit dem ein präziser Montageplan einhergeht, bestätigt sich im Gesamtarrangement ritueller Aufbauten als methodisches Prinzip.
Drei Altartypen
Bevor nun eine exemplarische Auswahl von vorgefertigten Einzelteilen, aus denen sich Ritualaufbauten zusammensetzen, dem Leser vor Augen geführt wird, mögen die drei Altartypen, in denen sie figurieren, mit einigen Worten umrissen werden.
"Der erste dieser Altartypen gehört zum Ritual für einen verstorbenen dt-mb-Priester. Dieses Ritual, Sh-l nv«, vollzieht die symbolische Befreiung der Seele des Dahingeschiedenen aus den Fängen der Unterweltsgeister. Es führt in dramatischer Weise das Geleit des Toten durch die drei kosmischen Bereiche der Unterwelt, der irdischen Welt und der Welt der Götter und Ahnen vor, entlang einer gemalten Wegstrecke, die alle Etappen dieser transzendentalen Reise und die Hindernisse, die dort jeweils zuüberwinden sind, genauestens verzeichnet.
Jeder Etappe entspricht eine mögliche Episode im Leben des verstorbenen Priesters; jedes Hindernis auf der Wegstrecke wird als ein Vergehen oder eine Unterlassung in seiner Biographie gedeutet: das Geleit gerät zu einer in der Raumdimension erfahrbaren Läuterung. Als Führer dieses Geleits tritt die Gemeinschaft der Berufskollegen auf, welche das Ritual durchführen; ihre Helfer sind bestimmte Geleittiere: ein Pferd, das die Lasten des Verstorbenen trägt, ein Yak, auf dem seine Seele reitet, und ein geflügeltes Schaf, das auf dem letzten Teil der Reise den Weg durch die himmlischen Gefilde weist.
Der zweite Altartyp wird für ein Ritual aufgebaut, in dem es um die Befriedung vorzeitig aus dem Leben geschiedener Personen geht. Dies können Personen sein, die durch einen Unfall aus dem vollen Leben gerissen wurden oder solche, die freiwillig ihrem Leben ein Ende gesetzt haben.
In jedem dieser Fälle unzeitgemässen Todes werden die Betroffenen zu rastlos umherirrenden Geistern, zu Winddämonen, die nach nichts anderem trachten, als auch den Hinterbliebenen ein ähnliches Ende zu bereiten. Gefährliche Totengeister dieser Art gilt es im besagten Ritual zur Verehrung der Winddämonen, Hr l-llü kö, mit zärtlichen Zuwendungen zu besänftigen und mit Geschenken aus der Welt der Lebenden unschädlich zu machen.
Der dritte Altartyp ist für das Ritual zur Verehrung der Natur- und Schlangengeister, Ss gv`, vorgesehen. Bei diesem Ritual steht die Absicht im Mittelpunkt, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur in eine harmonische Balance zu bringen. In mythischer Vorzeit wurde nach Ansicht der Naxi dem Menschen ein fester Platz auf der Erde zugewiesen das von ihm kultivierte Land. Die freie Natur hingegen wurde den Schlangengeistern zugedacht. Da der Mensch im Überlebenskampf jedoch bisweilen seine Grenzenüberschreitet, vergeht er sich an den Herren der Natur. Diese Grenzüberschreitung muss geahndet und gesühnt werden in einem Ritus, in dessen Verlauf der Mensch die Naturgeister um Vergebung bittet und imökologischen Sinne Mässigung verspricht.
Konstituierende Bauelemente
In allen drei genannten Altartypen, die jeweils zu spezifischen Ritualen gehören, tauchen einzelne der sie konstituierenden Bauelemente wieder auf; manche von ihnen nur in zweien und manche nur in einem einzigen Altartyp.
Die oben genannte Pflugschar, welche auf einer Filzdecke steht, die ihrerseits mit Opfergaben bestückt wird, ist ein solches konstituierendes Bauelement, das in allen drei Altartypen wiederkehrt. Andere Ritualobjekte, die als konstituierende Bauelemente überall wiederkehren, sind Rollbilder , Weihrauchständer, Vasen für Purifikationswasser, Butterlampen, Wimpel und keilförmig zulaufende Holzlatten, die auf der Zeremonialfläche wie Pflöcke in die Erde gesteckt werden.
Einige von ihnen säumen gewohnheitsmässig den Pflugscharaltar; so etwa die Rollbilder, die an zahlreichen Sakralstätten die hintere Schirmwand des rituellen Geschehens bilden. Diese in tibetischer Manier gemalten Ikonen geben im allgemeinen die Hauptgottheiten des entsprechenden Rituals wieder. Butterlampen , die den verstorbenen Seelen den Weg in den achtzehnten Himmel leuchten, Vasen , die das heilende Wasser des langen Lebens aufbewahren, und Weihrauchständer , in denen einladende Rauchopfer vom Baume der Wunscherfüllung abgebrannt werden, stehenüblicherweise in nächster Umgebung des Pflugscharaltars.
Die erwähnten keilförmigen Holzlatten oder k-by, welche mythischen Aussagen zufolge den ambivalenten Geistern die üblen Gedanken vertreiben, gehören zu den charakteristischsten Ritualobjekten der Naxi. Viele von ihnen sind farbig bemalt oder mit schwarzen Zeichnungen geritzt und geben Götter, Ahnen, Hilfsgeister oder Dämonen wieder, wie sie am Ort ihrer Plazierung erwartet werden. Oft werden die Holzlatten auch kreisförmig, halbkreisförmig oder in doppelter Phalanx angeordnet und schirmen so einen Raum nach aussen hin ab, der von denjenigen Wesen beansprucht wird, nach denen die Latten ihre Bemalung tragen. Holzlatten vom keilförmigen k-by-Typ können in allen erdenklichen Ritualen in allen erdenklichen Altarbereichen aufgestellt werden.
Aus den piktographischen Grundrissen der drei beigefügten Altarkonstruktionen geht hervor, dass manche der konstitutiven Einzelteile nur in zweien der drei Fälle vorkommen. Dazu gehören Geisterzäune, Speere und Fadenkreuze. Diese Bauelemente finden sich in den Aufbauten für das Ritual zugunsten verstorbener dt-mb-Priester und in denen für die Winddämonen, nicht aber in den Aufbauten zur Verehrung der Schlangengeister.
Geisterzäune und Standarten
Die Speere sind, wenn vorhanden, Beiwerk im oberen (und hinteren) Teil der Altaraufbauten: Paraphernalie des verstorbenen Priesters im einen Fall und Waffe der siegreichen Hilfsgeister (nebst Pfeil und Bogen) im anderen Fall. Die nadelspitzen Geisterzäune , welche, wenn vorhanden, den Bereich der Götter von jenem der Dämonen scharf abgrenzen, werden im dritten Altartyp, wo sie fehlen, durch eine andere Grenzmarkierung abgelöst: durch ein um das Dorf der Schlangengeister kreisförmig gespanntes Hanftuch, die «Hanf-Mauer», welche die Geister zugleich schützt und einsperrt. Diese Grenzmarkierung fehlt in denjenigen Aufbauten, die mit Geisterzäunen versehen sind.
In den Mythen werden die Geisterzäune als Raubtiere angesprochen: mit ihren roten Mündern (den rot angemalten Enden) verschlingen sie die dreihundertundsechzig Arten von Dämonen, und mit ihren Hauern (den stachelförmingen Spitzen) spiessen sie diese auf. Den Fadenkreuzen fallen, wo vorhanden, unterschiedliche Funktionen zu. Im obern (hinteren) Teil des Altares für einen verstorbenen Priester symbolisiert das Fadenkreuz dessen unsichtbar gewordenes Antlitz und seine auf Wanderung gegangene Seele. Im unteren (vorderen) Teil des gleichen Altares wie auch im unteren Teil des Altares zu Ehren der Winddämonen sind die Fadenkreuze in einen dtv`-Baum, eine Kiefer oder Pinie, eingebunden. Hier dienen sie in doppelter Funktion als Rastplatz für flugbegabte Gottheiten und als Geisterfalle.
Auch Wimpel und Standarten sind in diesem Baum, der feindliche Mächte abweist, als schmückendes Beiwerk beigegeben. Fähnchenähnlicher Art bewachen im Ritual der Schlangengeister das Tor der Himmelsgottheit amäusseren Ende des Altarareals.
Tore und Schlösser
Treten einzelne Bauelemente nur im Zusammenhang eines einzigen der drei Altartypen in Erscheinung, so mag dies als ein Verdachtsmoment dafür stehen, dass sie auch nur einem Ritual angehören, und dieses seiner Identitätüberführen.
Altartyp für das Ritual zur
Verehrung der Natur- und
Schlangengeister.
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In jedem der drei Altartypen finden sich mehrere solcher Indizstücke. Beim Schlangenaltar sind es zwei Teigfiguren bestimmter Prägung ein Frosch und eine Schlange sowie Tore und Schlösser. Die beiden Teigfiguren, welche auch aus Lehm geformt sein können, sind Ausprägungen der Ss-Identität, jener Familie von Wesen, die hier als Natur- und Schlangengeister angesprochen wurden. Es liegt auf der Hand, dass sie in Ritualen, die ihnen geweiht sind, auch tatsächlich abgebildet werden und in Ritualen, die sich mit ihnen nicht befassen, eben nicht.
Die Tore und Schlösser sind eine Besonderheit dieses Ritualtyps, da es dabei im wesentlichen darum geht, das Territorium dieser chronischen Wesen genau abzustecken, es als das ihre zu bestätigen und sie daraufhin auf ihr Stammgebiet festzulegen. Die Schlösser, die im Ritual reale Steckschlösser chinesischer Machart aus Messing sind und tatsächlich abgeschlossen werden, symbolisieren auf handfeste Weise, dass man die Schlangengeister durch die Tore hindurch in das ihnen zugedachte Areal zwar einlädt, ihnen aber zugleich einen möglichen Rückzug daraus verweigert.
Totengeleit
Die auf das Totengeleit eines verstorbenen Priesters reduzierten Bauelemente lassen sich ebenfalls unschwer als exklusiv diesem Ritual zugehörig erkennen: eine sitzende Sh-l-Figur , der Prototyp des dt-mb-Priesters; ein Pferdemodell aus Bambusstreben und Papiermach, das Geleitpferd des Verstorbenen repräsentierend; ein ausgerolltes, etwa 40 cm breites und über 10 m langes Rollbild, H zh p oder «Weg, den die Götter bestimmen», auf dem in zahlreichen szenischen Bildern die Wegstrecke des Verstorbenen durch die drei kosmischen Bereiche detailgetreu in allen Etappen aufgezeichnet ist; ein eiserner Dreizack , Symbol priesterlicher Stärke, und ein mit reichhaltigen Verzierungen versehener Holzstab , ein nur im Totenritual vom dt-mb gehaltener Geleitstab.
Dazu gesellt sich eine in Modellform angelegte Topographie der Unterwelt: ein dreigeteilter Kreis mit dem schwarzen See der Hölle darin, dem schimmernden See der Wassergeister und dem roten See der Dsä`-Dämonen, aus denen in der Mitte ein dreieckiger Berg herausragt, auf dem der Dornennadelbaum des Seeungeheuers der Hölle wächst. Eine neben die Höllenwelt plazierte, gespleisste Bambuspeitsche deutet die Befähigung der das Totengeleit durchführenden Priester an, alle Dämonen des schwarzen Höllensees in die Flucht zu schlagen.
Im Ritual zur Befriedung der Winddämonen sind die ausschliesslich für diesen Altartyp verwendeten Bauelemente teils unverkennbar, teils indirekt als charakteristisch abzuleiten. Da das Ritual der Winddämonen sich im besonderen mit Selbstmördern befasst, ist es nicht verwunderlich, dass auch eine Reihe mythologischer Selbstmordprotagonisten und mit ihnen verbundene Gegenstände als Bestandteile dieses Altararrangements figurieren: so die Puppe des ersten Mädchens, das sich erhängte und zur Mutter aller Winddämonen avancierte; so ein in einer Romanze besungenes Liebespaar, das den gemeinsamen Freitod wählte, ebenfalls in Puppenformat; so eine Anzahl von Gebrauchsgegenständen, wie Kamm, Spiegel, Armreif, Halskette, Taschentuch, Ohrring, Flöte, Maultrommel, Tabaksbeutel und Pfeife, die als Gaben an das Suizidpaar dieses von seinem zerstörerischen Pfad abbringen sollen; so die Abbilder der zwölf Tiere des Tierkreises, allesamt als Erhängte vorgeführt, doch mit den Sakramenten auf natürliche Weise Verstorbener versehen; und so auch ein zwischen einer Kiefer und einer Pappel aufgespanntes Seil, das eine Hängebrücke symbolisiert, die das Unglückspaarüberqueren soll, auf dass es den Weg zu den befriedeten Ahnen finde.
Eine aus Stroh oder Weidenruten nachgebildete Hirschfigur wird im Verlauf der Zeremonie mit Satteltaschen behängt, welche Nahrungsmittel enthalten und, beladen mit dem Unrat derer, die sich vergangen haben, ins Freie getragen. Eine Kiefer schliesslich, in deren Astgabel ein Nest mit Eiern der geflügelten Zä`-Dämonen gelegt ist, wird gegen Ende des Rituals umgeworfen und verbrannt zum Zeichen der Vernichtung dieser Verursacher menschlichen Unglücks. Alle diese Ritualobjekte kommen vorzugsweise in Zeremonien zur Anwendung, die mit der Gefahr vorzeitigen oder widernatürlichen Todes verknüpft sind, kurz: mit den Winddämonen.
Ritualplätze
Doch nicht allein das Vorhandensein oder die Abwesenheit einzelner Bauelemente bestimmen den Typus eines Ritualplatzes, auch ihre genaue Positionierung darauf hat Signifikanz.
Ein jeder Ritualplatz ist in mindestens zwei und je nach Kriterien der Gliederung in drei Bereiche aufteilbar: einen oberen, beziehungsweise hinteren Bereich der Götterverehrung, den eigentlichen Altar und einen unteren, beziehungsweise vorderen Bereich, der das Territorium jener Geister und Dämonen absteckt, die im jeweils vorliegenden Fall die besonderen metaphysischen Adressaten sind. Beide dieser Bereiche sind voneinander durch scharf gezogene Grenzmarkierungen getrennt: durch Zäune, Mauern oder Wälle.
Als dritten Bereich mag man jenen Raum ansehen, der ausserhalb des abgesteckten Ritualplatzes liegt: die profane Welt der Menschen. Zwischen diesen Bereichen gibt es nicht nur Grenzen, sondern auch Übergangsmöglichkeiten. Als solche Mittel der Passage, um Grenzen und Schwellen zuüberwinden, gelten Tore, Brücken oder ausgelegte Pfade allesamt, wie die Grenzen auch, im Aktionsfeld des Rituals mit greifbaren Symbolen verdeutlicht.
Nun lassen sich die weiter oben gemachten Feststellungenüber die verschiedenen Bauelemente mit den hier getroffenen Aussagenüber die Raumaufteilung der Ritualanlagen in Beziehung setzen: diejenigen Bauelemente, die in allen drei Altartypen vorkommen, befinden sich vornehmlich im oberen und hinteren Bereich, dem der Götterverehrung.
Diejenigen Bauelemente, die nur bei einem einzigen Altartyp anzutreffen sind, befinden sich weitgehend im unteren und vorderen Bereich, dem Territorium der Geister und Dämonen (partielle Ausnahme: der dt-mb-Altar). Und diejenigen Bauelemente, die bei zweien von drei Altartypen wiederkehren, gehören in den Schwellenbereich des Übergangs vom ersten in den zweiten oder vom zweiten in den dritten (ausserhalb der eigentlichen Ritualanlage gelegenen Bereich der Menschen).
Verehrung, Befreiung und Harmonie
Die materiellen kompositorischen Bausteine von Ritualanlagen sind Objekte, die beweglich sind. Sie können ausserhalb des rituellen Zusammenhangs bereits existieren, und sie können eigens für ihn geschaffen sein. Innerhalb dieses Zusammenhangs können sie ausschliesslich für ein einziges Ritual oder erweitert für mehrere Rituale verwendet werden.
In dem einen Fall offenbaren sie als Einzelstücke bereits den spezifischen rituellen Anlass, in dem zweiten nicht. Als kleinste semantische Einheiten nehmen sie aber in jedem Falle eine klare Position ein im Gesamtgefüge einer Ritualanlage. Die genaue Plazierung eines jeden Bauelementes (einer jeden semantischen Einheit) in der Gesamtanlage eines Ritualplatzes trägt zur Charakterisierung des Anlasses bei, zur Formulierung einer eindeutigen Aussage. Das Ritual ist diese Aussage.
Die Anlage des Ritualplatzes ist die Karte des Rituals. Auf dieser Karte sind mittels der genau positionierten semantischen Bauelemente alle Bereiche abgesteckt, innerhalb derer es sich abspielt. Diese Bereiche umfassen die drei Welten der Götter, der Geister (und Dämonen) und der Menschen. In diesen und zwischen diesen Welten entfaltet sich das Ritual, dessen Ziel es ist, jedem der Bereiche das Seine zu geben: den Göttern die Verehrung, den Geistern und Dämonen die Befriedung oder, wenn nötig, die Vertreibung oder gar die Vernichtung und den Menschen die Resultate eines dadurch erwirkten kosmischen Gleichgewichts.
Dr. Michael Oppitz ist ordentlicher Professor für Ethnologie an der Universität Zürich und Direktor des Völkerkundemuseums der Universität Zürich.
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Nicolas Jene (<email-pii>)
Last update: 13.05.98