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Ich schliesse mich ebenfalls der Auffassung an, dass eine Form der Portfoliobewertung ein sinnvolles Mittel darstellt, literaturgeschichtliches Lernen zu prüfen, problematisch ist dabei allerdings, dass solche Projektarbeiten eine sehr seriöse Vorbereitungszeit und ebenso seriöse Auswertungsphase benötigen, um der Leistungsbemessung und Beurteilung nicht den Anschein von Beliebigkeit zu geben und um Transparenz gegenüber den SuS zu schaffen.
Ein ähnliches Problem stellt sich ebenfalls bei längeren essayistischen Prüfungsformen oder Analysetexten. Hier müssen insbesondere die Erwartungen geklärt sein und möglicherweise auch die Prüfungsform geübt, damit die SuS nicht schon am Verfassen des Textes scheitern und eine sinnvolle Bewertung der literaturgeschichtlichen Fähigkeiten stattfinden kann.
Auch wenn mir diese beiden Instrumente auch eher entsprechen, habe ich hier versucht, eine „klassische“ Prüfungsaufgabe zu formulieren, die gerade auch bei der Punktevergabe möglichst „trennscharf“ ist und damit (gerade bei jungen Berufseinsteigerinnen und -einsteigern) weniger Anlass zu Diskussionen über die Vergabe von einzelnen Punkten geben soll. Durch die engere Steuerung in den Aufgaben eignet sich diese Form eher für die jüngeren Jahrgänge des Gymnasiums.
Aufgaben zu „Wenn Zahlen und Figuren“ – von Novalis (1800)
Die Prüfungsaufgaben messen einerseits die Differenziertheit des Orientierungswissens bezüglich Romantik und die Fähigkeit, dieses Orientierungswissen für die Textanalyse nutzbar zu machen(Aufgabe b)
Aufgabe a) überprüft die Fähigkeit, einen literarischen Text in einem „close reading“ genau zu analysieren und verschiedene Aspekte des Textes in eine (widerspruchsfreie) Gesamterklärung einzubeziehen.
Aufgabe c) entspricht einer Transferaufgabe, und prüft die Fähigkeit, literaturgeschichtliches Wissen für die Bewertung des Gedichts innerhalb eines grösseren Rahmens.
Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit werden gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.
(Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg, Novalis, 1800) ->Autor und Jahr nicht für Prüfung angeben.
Aufgaben
- a) Im Gedicht wird ein Gegensatz zum Ausdruck gebracht.
Worin könnte dieser Gegensatz bestehen? Erklären Sie, indem Sie möglichst viele Textstellen in ihre Argumentation einbeziehen. (5 Punkte)
1 Punkt für jeden aufgeführten Gegensatz (4 Gegensätze) mit zielführender Schlussbegründung (1 P). (Z.1&2/Z. 3&4/Z. 7&8/ 9&10). Nur halbe Punkte bei wortwörtlicher Übernahme, voller Punkt bei Umschreibung, resp. Erkennen des übertragenen Sinns.
- b) Welcher literarischen Epoche würden Sie dieses Gedicht aufgrund formaler und inhaltlicher Kriterien zuordnen? Begründen Sie Ihre Einordnung, indem Sie eine kurze formale Analyse betreiben (Reimschema, Versfuss) und an zwei inhaltlichen Motiven begründen. (4)
2 Punkte für eine korrekte formale Bestimmung und je 1 Punkt für zwei passende Motive mit einer Verknüpfung zur Romantik (Orientierungswissen).
- c) Die letzten zwei Zeilen des Gedichts sprechen ein „verkehrtes Wesen“ an, das vertrieben wird. An wem oder was wird mit diesem Gedicht Kritik geübt? Begründen Sie ihre Aussage an einem Textbeispiel. (3 Punkte)
Gedicht übt Kritik an einer „rationalen“, „aufgeklärten“, „wissenschaftlichen“ Weltsicht. -> Das Gedicht richtet sich gegen die Ideale der Aufklärung.
-> 1 Punkt für korrekte Umschreibung der Kritik, 1 Zusatzpunkt für Identifizierung mit „Aufklärung“. 1 Punkt für eine textbezogene Begründung.