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30.10.2012, 11:30 Uhr
Die kommen da selbst raus30.10.2012, 11:30 Uhr
Verordnete Wohltätigkeit? Lim Miller hat andere Vorstellungen, wie man Armut bekämpfen kann: Seine Idee, lokale Netzwerke und finanzielle Hilfe einzusetzen, geht auf. Von Mary O'Hara¶
Auf den ersten Blick wirkt Maurice Lim Millers Rezept für den Kampf gegen die Armut irritierend einfach, ja geradezu utopisch. Man gebe armen Menschen einen finanziellen Anreiz zur Zusammenarbeit und sie knüpfen starke lokale Netzwerke, die ihnen dabei helfen, der Armut zu entkommen. Miller drückt sich einfach aus, der professionelle Jargon geht ihm angenehmerweise ab. Er sagt, sein Konzept beruhe einfach auf gesundem Menschenverstand: «Man muss es den Familien selbst überlassen, wie sie mit dem Problem umgehen.»
Lim Miller, Vorsitzender und treibende Kraft hinter der Family Independence Initiative (FII), einer im kalifornischen Oakland ansässigen gemeinnützigen Armutsbekämpfungsorganisation, war früher in der Jugendarbeit tätig. Nun ist er dabei, die Regeln zur Bekämpfung von Langzeitarmut umzuschreiben.
Dafür erfuhr er sowohl von den Medien, als auch von der Politik beträchtliche Beachtung, die sich nochmals steigerte, als er in diesem Monat eines der begehrten und angesehenen «Genius»-Stipendien der MacArthur-Stiftung erhielt. Und angesichts aktueller Statistiken, die zeigen, dass eins von fünf amerikanischen Kindern in Armut lebt, wird das Interesse an seinen Ideen wohl eher noch zunehmen. Kurz gesagt, erklärt Lim Miller, wende FII sich gegen die herkömmlichen Annahmen «bedarfsbasierter» Interventionsprogramme zur Armutsbekämpfung und das Klischee, Familien mit geringem Einkommen kämen ohne Hilfe von aussen nicht zurecht.
Jeder erhält einen Computer und 500 Dollar
Deshalb arbeitet seine Organisation mit einkommensschwachen Familien zusammen, die sich bereits untereinander kennen müssen, und regt sie an, zusammen etwas zu tun, um ihre Lebensumstände zu verbessern. Unabhängig davon, ob diese bereits staatliche Leistungen erhalten, erhält jede Familie einen Computer und eine bescheidene regelmässige Zahlung von nicht mehr als fünfhundert Dollar im Quartal. Dafür müssen sie dokumentieren und darüber berichten, was sie durch die Kooperation mit anderen Familien erreicht haben.
Diese kleinen Schritte, erläutert Lim Miller, könnten etwa sein, dass sie sich Führungsqualitäten aneignen oder durch Zusammenlegung ihrer Mittel eine Kinderbetreuung organisieren, damit die Eltern arbeiten gehen können. Wichtig sei bloss, dass keine professionellen Sozialarbeiter die zu erreichenden Ziele oder die Wege dorthin vorgäben.
Die Idee dahinter, das betont Lim Miller ganz ausdrücklich, sei, einkommensschwache Familien aus der Abhängigkeit von Wohlfahrtsprogrammen zu befreien, denn die seien immer «entmächtigend, egal, wie gut sie gemeint sind.» Dabei geht der Ansatz davon aus, dass Familien «das Geld sehr viel effizienter ausgeben», wenn sie selbst darüber verfügen können. Zugrunde liegt das Leitprinzip, dass von Armut betroffene Menschen weder die «Opfer» sind, als die sie von linker Seite oft dargestellt werden, noch «faul» sind und Hilfe nicht verdienen, wie es ihnen von rechts häufig unterstellt wird. «Wie alle anderen auch wollen diese Familien einfach nur eine gewisse Kontrolle über ihr Leben und die Möglichkeit, zu wählen.»
Das Projekt, das vor über zehn Jahren mit einer kleinen Kohorte von Familien als gewagtes Experiment begann, ist seitdem stetig gewachsen. Inzwischen nehmen über 350 Familien in Boston, San Francisco und Oakland daran teil, eine Ausweitung – und ein zentrales soziales Netzwerk – sollen folgen. «Bei der Projektgruppe in Oakland sind die Einkommen in den ersten zwei Jahren um 27 Prozent gestiegen, die Spareinlagen um dreihundert Prozent. Neun der 23 teilnehmenden Familien hatten ein Haus gekauft», berichtet Miller. Die neuesten Daten zeigen, dass auch in San Francisco und Boston die Einkommen der Teilnehmerhaushalte gestiegen sind.
Ein Welleneffekt
Lim Miller spricht auch von einem «Welleneffekt»: «Wenn die Leute sehen können, dass jemand etwas erreicht hat … ändern sich ihre Erwartungen.» Lim Miller hält das für entscheidend: «Wenn du in einer Gemeinde lebst, in der niemand voran kommt, was macht das mit dir? Ich arbeite seit über 20 Jahren mit Familien mit geringem Einkommen. Das sind Familien, die versuchen, aus der Armut herauszukommen, die wirklich herauskommen wollen, aber feststecken.»
Die teilnehmenden Familien befinden sich nicht akut in der Krise, sondern versuchen, einen Fuss auf die Leiter des sozialen Aufstiegs zu bekommen. Miller spricht davon, wie seine Herkunft ihn dazu antrieb, im Kampf gegen den Kreislauf der extremen Armut neue Wege zu finden. «Dieser Ansatz ist sehr persönlich. Meine Mutter war alleinerziehend und fest entschlossen, mich für immer aus der Armut herauszubekommen.» FII ist aber auch aus beruflicher Frustration heraus erwachsen. «Ich kam auf FII, nachdem ich gemeinnützige Arbeit gemacht hatte. Als ich zum ersten Mal die Kinder der Leute sah, mit denen ich zusammenarbeitete, dachte ich, dass das nicht funktionieren würde: 'Egal was wir machen, es funktioniert nicht. Ich begann mich zu fragen, warum.»
Zur selben Zeit wie Miller herauszufinden versuchte, warum Strategien der Armutsbekämpfung immer wieder scheitern, fragte ihn 1999 der damalige Bürgermeister von Oakland und heutige Gouverneur von Kalifornien, Jerry Brown, nach Alternativen, wie man das Geld, das bereits zur Bekämpfung von Armut bewilligt wurde, besser einsetzen könnte. Warum hielt sich das Problem so hartnäckig, wollte Brown von Lim Miller wissen, obwohl so viele Programme zur Armutsbekämpfung aufgelegt und so viele Sozialarbeiter eingestellt werden, um den Armen zu helfen.
Gib den Armen das Geld direkt
Werde die Armut nur verwaltet und Geld mit ihr verdient, ohne dass ein wirkliches Interesse daran bestehe, sie wirklich zu bekämpfen? Als Lim Miller dann mit der Idee zu Brown kam, armen Familien das Geld direkt zu geben, um zu sehen, was sie damit machten, fasste der Bürgermeister überraschend grosses Vertrauen und FII war geboren.
Lim Millers Arbeit wurde von den höchsten Stellen anerkannt, sein Beitrag wird von Thinktanks aufgegriffen, zu denen sogar die rechtsgerichtete Heritage Foundation gehört.
In 2010 wurde er in Präsident Obamas White House Council for Community Solutions berufen, einem beratenden Gremium, das neue Ansätze untersuchen soll, wie Leute zur gemeinsamen Lösung von Problemen in ihrem Viertel motiviert werden können. 1999, als FII noch gar nicht angelaufen war, wurde Miller von Präsident Bill Clinton in dessen Rede zur Lage der Nation für seine Arbeit mit Jugendlichen, zur Verbesserung des Verhältnisses zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen und in der Armutsbekämpfung geehrt. Darüber hinaus erhielt er eine ganze Reihe weiterer Preise und Ehrungen.
Trotz der vielen Ehrungen ist Lim Miller durch und durch Pragmatiker. Die Anerkennung bedeutet ihm nichts weiter als eine Möglichkeit, die Arbeit von FII weiter zu unterstützen. Durch die Kürzung der Sozialbudgets in den USA ist wenig Geld vorhanden – auch wenn zweifelhaft ist, ob der Staat wesentlich entgegenkommender wäre, wenn es keine Kürzungen gegeben hätte. Miller hat die Erfahrung gemacht, dass man in den Behörden unorthodoxe Projekte nicht liebt, die ganz bewusst darauf verzichten, feste Ziele vorzuschreiben. Teilweise kam Geld von privaten Stiftungen, aber viele bleiben aus ähnlichen Gründen wie die Regierung zurückhaltend.
Universelles Programm
Lim Miller kann sich aber vorstellen, dass diese Haltung sich das Zusammenkommen verschiedener Faktoren ändern könnte. Zu ihnen gehört nicht zuletzt, dass FII erfolgreich ist und aufgrund der schwerste Rezession seit den 1930ern viele Familien in die Armut abgerutscht sind. Wichtig sei auch das wachsende Bewusstsein des immer grösser werdenden Wohlstandsgefälles und der starke Rückgang sozialer Mobilität.
Denkt er also, sein Ansatz könne auch in anderen Ländern übernommen werden? Eine der wichtigsten Dinge, die er gelernt habe, als das Projekt über Oakland hinaus ausgeweitet wurde, sei gewesen, dass das Programm trotz der möglicherweise existierenden kulturellen, ethnischen und lokalen Unterschiede universell anwendbar sei, weil die Familien sich ihre eigenen Ziele setzen. «Wer sich in Grossbritannien in Zukunft mit Armut auseinandersetzt, muss sich den gesellschaftlichen Kontext ansehen. Die Leute über eine gewisse Armutsgrenze zu heben, reicht nicht. Sie müssen einen Anteil daran haben. Es muss etwas geben, das langfristig greifbar ist. Das gibt den Menschen Hoffnung.»
(© Guardian News & Media Ltd 2012; Übersetzung: Zilla Hofman/Holger Hutt, freitag.de)