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Eran Schaerf sprach 2008 in Cambridge, Massachusetts, vor Studierenden der Architektur über sein künstlerisches Schaffen. Sein Vortrag setzte mit der Bemerkung ein, er sei in Tel Aviv-Jaffa geboren worden, in seinem deutschen Pass allerdings finde man lediglich den Eintrag Tel Aviv. Der deutsche Beamte habe ihm auf Anfrage erklärt, dass die Ortsregister vereinfacht worden seien und sein Geburtsort nun Tel Aviv sei.
Jaffa, die ältere, arabisch sprechende Stadt in Palästina, wurde aus seinem Pass gestrichen. Schaerf hätte diese Veränderung des Namens als einen rein amtlichen Vorgang betrachten können, von dem die Ordnung der Dinge unberührt bleibt, doch so ist es seiner Ansicht nach nicht: Schaerf stammt aus einer Region, in der, wie er sagt, mindestens zwei Geschichten, Sprachen und Kulturen aufeinandertreffen und den Raum für sich beanspruchen. Dieser Plural hat ihn geprägt und interessiert ihn als Künstler und Bürger bis heute. Er hat diesen Plural inzwischen an vielen Orten aufgespürt.
Eran Schaerf studierte Architektur, zunächst in Israel und danach 1985–1987 an der Hochschule der Künste in Berlin, wo er seither lebt und arbeitet. Sein künstlerisches Schaffen untersucht Bedeutungen und unterschiedliche Erscheinungsformen von Wort und Bild in Kunst und Alltag. Die Aneignung und Montage sprachlicher und visueller Ausdrucksformen, die ihm als Leser und Betrachter begegnen, ergeben gewöhnliche oder überraschende Nachbarschaften, Verbindungen und auch Unvereinbarkeiten, wodurch die Lektüren seiner Arbeiten zu einem offenen Prozess werden. Ihn beschäftigt das Verhältnis von Wort und Bild unter den Bedingungen ihrer technischen Reproduzierbarkeit: Druckverfahren, Fotografie, Film und Rundfunk sind seine bevorzugten Medien. Häufig arbeitet er mit Drucksachen, die er in unlimitierten Auflagen herstellen lässt und gewöhnlich für verschiedene Projekte in unterschiedlichen Zusammenhängen einsetzt. Die wiederholte Verwendung ermöglicht ihm, das Bildern und Erzählungen innewohnende Potenzial zu entfalten. Auf einem Plakat aus der frühen Arbeit Madame Chose a l’air tout chose (1992) findet sich ein Satz von Ludwig Wittgenstein, den man gleichsam als Motto über Schaerfs gesamtes Werk stellen könnte: »Jemand sagte mir, er habe sich als Kind darüber gewundert, dass der Schneider ›ein Kleid nähen könne‹ – er dachte, dies heisse, es werde durch blosses Nähen ein Kleid erzeugt, indem man Faden an Faden näht.«1
In Amden richtete Eran Schaerf eine Installation aus Zeitungsartikeln und dem Tagebuch von Rotkäppchen ein. Die Arbeit war anschliessend in einer veränderten und ergänzten Fassung im Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz zu sehen. Die Berichte handeln in Wort und Bild von verschiedenen Personen und Figuren, von realen und fiktiven Ereignissen, von Grenzen und Grenzerfahrungen, von Ein- und Auswanderern sowie, spezifisch für den lokalen Kulturraum, von einer nie stattgefundenen Begegnung in Amden: »Ich habe Rotkäppchen verschleppt«, heisst es in einem für Wanderberichte der Region Walensee genutzten, fiktiven Blog in der Ausstellung. Weil Rotkäppchen und die Schlepperin in Amden keine Aufnahme fanden und ihre Flucht fortsetzen mussten, sei ein Treffen mit Heidi verhindert worden. Die Schlepperin und Rotkäppchen bedanken sich bei jenem Bauern, der ihnen in seiner Hütte kurz Unterschlupf gewährte. Das Bekennerschreiben löste eine Flut von Kommentaren aus und führte zu Untersuchungen über die Herkunft und die Identität von Rotkäppchen sowie der Frage, wer sich in diesem Fall unbewilligter Einwanderung schuldig gemacht habe. Die Recherche förderte überraschende Fotografien von bekannten Politikern zutage, die Eran Schaerf in simulierten Zeitungsausrissen mit Rotkäppchen in Verbindung bringt.
– Roman Kurzmeyer
- Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, Frankfurt am Main 1967, p. 104.