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Piet Mondrian, Eukalyptus
Bäume sind ein wichtiges Motiv in Piet Mondrians Werk: Zum einen sind sie fester Bestandteil seiner frühen Landschaftsgemälde, zum anderen kommt ihnen als isoliertes Motiv und in der Konzentration etwa auf die Details einzelner Zweige, gerade auch in seiner Schaffensphase ab 1911 besondere Bedeutung zu. Ab jenem Jahr sind Mondrians Gemälde verstärkt von kubistischen Einflüssen geprägt. Auslöser für die stilistische Neuorientierung waren ein ersten Parisaufenthalt des Künstlers und die erste Ausstellung des Modernen Kunstkrings im Stedelijk Museum in Amsterdam, bei der Mondrian Werke von Pablo Picasso und George Braque gesehen hat.
In Eukalyptus (1912) zeigt sich eindrucksvoll, wie Mondrian in Komposition und Farbgebung mit kubistischen Stilmerkmalen experimentierte. Er zersplitterte die geschlossene Form des Motivs und löste die Konturen auf. Letztlich gelangte er zu einer geometrischen Abstraktion des Eukalyptus, in der die fundamentalen Strukturmerkmale als dichtes Geflecht schwarzer Linien kenntlich werden. Die herkömmliche Perspektive und eine klare Trennung zwischen Vorder- und Hintergrund sind ebenfalls aufgehoben. Stattdessen erzeugen die vielfach abgestuften Grautöne und die wechselnde Intensität des Farbauftrags den Eindruck alternierender Dichte und Durchlässigkeit der einzelnen Gemäldepartien. Betonte waagrechte, gut sichtbare Pinselstriche wechseln mit pastosem Farbauftrag, was dem Gemälde zusätzliche Struktur, aber auch einen gewissen Rhythmus verleiht. Teilweise überlappen sich Farbflächen und schwarze Linien: Die Farbe ist nicht mehr an die Kontur gebunden, sondern wird als unabhängiges malerisches Gestaltungsmittel eingesetzt.
Aufnahmen des Werkes in verschiedenen bildgebendend Verfahren geben unterschiedliche Informationen: sichtbares Licht, Streiflicht, Durchlicht, UV-Fluoreszence, IR-Auflicht, IR-Durchlicht, Röntgen
Mondrian sucht die Komposition
Auf den ersten Blick erscheint Eukalyptus als ein überschaubar aufgebautes Gemälde mit schwarzen Linien und grauer Farbe in verschiedenen Tönen. Untersuchungen während des Projektes zeigten, dass der Malprozess in mehreren Schritten vollzogen wurde. Anders gesagt, suchte Mondrian die Komposition förmlich auf der Leinwand. Zunächst entstand eine Skizze, über die dann eine zweite Malschicht folgte. Beide Schaffensphasen vereinte er dann zur endgültigen Komposition.
Kompositionsentwurf direkt auf der Leinwand
Mondrian wurde in Amsterdam als Künstler traditionell ausgebildet; dazu gehörte auch die Anfertigung von Kohleskizzen auf Papier vor der Ausführung eines Gemäldes. Diese Art Vorzeichnungen führte Mondrian auch direkt auf seinen Leinwänden aus. Es gibt kaum ein Gemälde, welches der Künstler nicht mit einer Kohleskizze auf der Leinwand begann, um die Komposition anzulegen und auszuarbeiten. Das gilt sogar für seine späteren abstrakten Werke. Meist waren diese Vorzeichnungen in Kohle, welche sich leicht wegwischen lässt. Daher ist der Prozess des Entwurfs oft nicht mehr ganz nachvollziehbar. Bei Eukalyptus hat Mondrian die zeichnerische Vorstudie der Komposition statt mit Kohle hier mit Pinsel und stark verdünnter schwarzer Ölfarbe ausgeführt, deren Auftrag an Tusche oder Wasserfarbe erinnert. Diesen ersten Kompositionsentwurf könnte man somit als Ölskizze bezeichnen.
Ölskizze
Der Auftrag der Ölskizze ist partiell noch sichtbar und wirkt rasch und hastig, als ob der Künstler seine Idee mit großer Schnelligkeit auf die Leinwand bringen wollte. An einigen Stellen wurde der Entwurf teilweise noch im feuchten Zustand weggewischt oder später, nachdem die Farbe getrocknet war, weggekratzt und dann weiter bearbeitet. Diese Korrekturen deuten darauf hin, dass Mondrian die Ölskizze mehrmals überarbeitete und so die Komposition entwickelte und konkretisierte. Der Kompositionsentwurf ist leider nicht vollständig auszumachen, selbst mit den vielfachen Untersuchungsmethoden, die heute zur Verfügung stehen. Gleichwohl wäre es von großem Interesse, wenn man rekonstruieren könnte, wie Mondrian in dieser bedeutenden Schaffensphase, in welchem sich der Übergang vom figurativen zum abstrakten und kubistischen Stil vollzieht, die Komposition ausarbeitete.
Einen ungefähren Eindruck, wie die ursprüngliche Skizze in Öl in Ausführung und Wirkung ausgesehen haben könnte, vermittelt eine andere, ebenfalls auf Leinwand ausgeführte Ölskizze, die denselben Titel Eukalyptus trägt und auch aus dem Jahr 1912 stammt. Dieses Werk, welches als unfertig gilt, wurde nicht weiter übermalt und gibt somit einen guten Einblick in den Prozess der Skizzierung.
Details
Teilweise weggewischte und abgekratzte Ölskizze
Ölskizze in mehreren Schritten ausgearbeitet
Unterschiedliche schwarze Farben der Ölskizze und Malschicht
Ölskizze mit Malschicht vereint
Im zweiten Schritt verwendete Mondrian verschiedene gemischte graue Ölfarben, die im Auftrag dicker und pastoser sind als die darunterliegende Ölskizze.
Mit der grauen Farbe malte er fast alle freien Flächen zwischen den schwarzen Linien aus. Dabei wurden auch viele der schwarzen Linien ganz übermalt, mehrere blieben jedoch unbedeckt. Mondrian benutzte die Ölskizze somit die nicht nur als grobe Referenz, sondern integrierte sie in die endgültige Komposition.
Abschliessend trug Mondrian noch einige letzte schwarze Pinselstriche auf, um die fertige Komposition zu akzentuieren. Diese sind kaum von denen der Ölskizze zu unterscheiden. Bei näherer Betrachtung und unter mikroskopischer Vergrösserung ist jedoch erkennbar, dass die schwarze Farbe der Skizze im Vergleich zur später aufgetragenen schwarzen Farbschicht matter und wärmer im Ton ist. Auch mithilfe des Röntgenbilds sind diese zwei Schritte des Malprozesses deutlich zu unterscheiden: Im Gegensatz zur schwarzen Farbe der oberen Malschicht erscheint die Farbe der darunter liegenden Skizze nicht auf dem Röntgenbild. Somit handelt es sich um verschiedene Pigmentmischungen, welche die Röntgenstrahlen anders absorbieren. Diese unterschiedliche Materialwahl deutet darauf hin, dass Mondrian hier zwei voneinander getrennte Arbeitsschritte vornahm, die Skizze also im klassischen künstlerischen Sinn ein eigener Arbeitsschritt war. Allerdings hat Mondrian in Eukalyptus die Stufe der vorbereitenden Skizze ins malerische Medium übertragen und sie dann mit der endgültigen Komposition verschmolzen.
Details
Detail unten rechts in normalen Licht
Detail unten rechts im Röntgenbild. Die schwarzen Striche der Ölskizze sind nicht sichtbar, da diese Pigmente die Röntgenstrahlen durchlassen
Detail unten rechts: Rekonstruktionsversuch der schwarzen Striche der Ölskizze (nicht im Röntgenbild sichtbar) und der schwarzen Striche der Malschicht (im Röntgenbild sichtbar)
Röntgen-Aufnahme des Gemäldes: die schwarzen Striche der Ölskizze sind nicht sichtbar im Gegensatz zu der schwarzen Farbe der Malschicht. Der Grund ist die unterschiedliche Pigmentzusammensetzung der Farben dieser zwei Malschritte
Mondrian und der Rahmen
Für Mondrian war Rahmung ein wichtiger Bestandteil seiner Gemälde und spielte eine relevante Rolle in seiner Kunsttheorie. Es entstanden dabei die heute unverkennbaren Leisten- und Plattenrahmen seiner berühmtesten Werke. Besonders in der späteren Schaffensphase wurden die Rahmenelemente so zum integralen Bestandteil seiner Gemälde, dass sie zum Teil physisch gar nicht mehr voneinander zu trennen waren. Jedoch besitzen viele seiner Werke heute nicht mehr die originale Rahmung. So sind umfangreiche Recherchen notwendig, um eine Rekonstruktion zu versuchen. Eukalyptus veranschaulicht den Prozess zu einer Rahmenfindung.
Ein neues Format der Rahmung
Mondrians figurative und kubistische Frühwerke waren noch auf traditionelle Weise in Falzrahmen mit verschiedenen einfachen Profilen montiert, meist dunkel- oder bronzefarben. Ein Falzrahmen verdeckt immer längs der Kanten einen kleinen Teil der Bildfläche, da das Gemälde in einem Falz liegt (a, b), und kann somit wie ein umgrenzendes Fenster wirken.
Ab 1914, als Mondrians Werke immer abstrakter wurden, begann er mit der Suche nach einer neuen Art der Rahmung, welche die optische Umgrenzung verringerte. So nagelte er etwa dünne Holzleisten seitlich an die Kanten, die bündig mit der Bildfläche (c) waren. Mondrian wollte, wie es scheint, die ganze Bildfläche sichtbar machen und vermeiden, seine Werken einzugrenzen oder ein Gefühl von Tiefe zu erzielen. Er scheint der erste Künstler zu sein, der seine Werke auf diese Weise rahmte und sagte in einem Interview selbst dazu:
“So far as I know, I was the first to bring the painting forward from the frame, rather than set it within the frame. I had noted that a picture without a frame works better than a framed one and that the framing causes sensations of three dimensions. It gives an illusion of depth …” (zitiert nach James Johnson Sweeney “Eleven European in America”, in: The Bulletin of Modern Art, 13, 4/5, 1946, S. 35–36)
Im Jahr 1920 bestand er sogar darauf, seine Werke ganz ohne Rahmen zu zeigen. Später musste er dann zum Schutz und zur Handhabung der sensiblen Werke wieder mit seitlichen Leistenrahmen arbeiten, aber jetzt von der Bildfläche nach hinten versetzt (d), womit es von vorne gar keinen rahmenbedingten Abschluss der Bildfläche mehr gab.
Oft rahmte Mondrian seine Gemälde erst für eine Ausstellung, wobei ihm dann wichtig war, dass sie einheitlich als eine Gruppe wirkten. Es gibt daher einige originale Rahmungen, die zusammen mit den Gemälden als Werkgruppe einer Ausstellung oder einem Besitzer zuzuordnen sind. Im Jahr 1928 entwickelte sich Mondrians Rahmung weiter mit sogenannten Unterrahmen welche an der Rückseite der Gemälde, optisch wie eine Platte, befestigt wurden, mitunter im Verbund mit seitlichen Leistenrahmen (e). Ab 1937 setzte er ausschliesslich diesen Typ der Rahmung ein.
Die verschiedenen Rahmungsformate welche Mondrian einsetzte und die möglichen Spuren (rot markiert) die diese an den Gemälden hinterlassen können:
a Falzrahmen, halbrundes Profil
b Falzrahmen, polydiagonales Profil
c seitlich angenagelter Leistenrahmen, bündig mit Malschicht
d seitlich angenagelter Leistenrahmen, nach hinten versetzt
e Unterrahmen (hintern befestigt) und seitlich angenagelter Leistenrahmen, nach hinten versetzt
Recherchen zu verlorenen Rahmen
Leider wurden über die Jahre viele der Rahmungen entfernt, verändert, erneuert oder bemalt, sodass in einigen Fällen die Intention des Künstlers hinsichtlich der Rahmung nicht mehr klar erkennbar ist. Im Zuge des Piet Mondrian Conservation Projects wurde anhand folgender Informationen versucht, verlorene originale Rahmen zu rekonstruieren:
- Recherche historischer Abbildungen der Werke
- Untersuchung physischer Hinweise an den Werken selber
- Vergleich mit originalen Rahmen an Mondrian Werken aus derselben Zeit
- Hinweise zu Rahmungen in Briefen von Piet Mondrian
Geschichte der Rahmung von Eukalyptus
Eukalyptus besitzt keine originale Rahmung mehr. Die ersten historischen Aufnahmen zeigen das Werk erst 1953 (anlässlich der Ausstellung in Sidney Janis Gallery, New York). Hier hat das Gemälde einen nach hinten versetzten, weissen Leistenrahmen und einen weissen Unterrahmen. In einem Foto von 1976 ist das Werk mit einem breiteren, weissen Leistenrahmen im Hause Ernst Beyelers zu sehen. Zur Eröffnung der Fondation Beyeler 1997 wurde die Rahmung dann nochmals verändert zu einem verglasten, schützenden Kastenrahmen.
Piet Mondrian rahmte seine Werke zur Entstehungszeit von Eukalyptus in Falzrahmen. Anhand von alten Abbildungen und den wenigen noch vorhandenen Originalrahmen ist zu sehen, dass die Profile dieser Rahmen flach, rund oder polygonal abgewinkelt waren. Fotos von historischen Rahmen wurden digital mit einer Abbildung von Eukalyptus zusammengesetzt. Im Vergleich wirkt Eukalyptus in jeder dieser Rahmen etwas anders, und es wird deutlich, wie wichtig eine sorgfältige und fundierte Erwägung ist, wenn man Rahmenrekonstruktionen anstrebt.
Hinweise am Gemälde selber konnten leider keine eindeutigen Rückschlüssen zur originalen Rahmung geben. Die Montierung verschiedener Rahmen hinterlassen differenzierbare Spuren am Werk. Nagellöcher in den Spannkanten können vermutlich einer Leistenrahmung zugeschrieben werden. Wie es bei einer seitlichen Aufnagelung von Leisten üblich ist, sind Löcher oben, mittig und unten entlang den Kanten erkennbar (c, d). Symmetrisch platzierte Löcher in der Rückseite des Keilrahmens könnten auf mindestens vier verschiedene Rahmungen deuten, welche von hinten am Werk befestigt wurden (a, b, e).
Welchen Rahmen für Eukalyptus?
Eine klare Antwort auf die Frage, welche Rahmung der Künstler ausgewählt hat, liegt nicht vor. Vielleicht hatte das Werk nach seiner Ausführung im Jahr 1912 auch überhaupt keinen Rahmen? Das Werk war vor 1942 nie ausgestellt und befand sich immer im Atelier des Künstlers. Hätte Mondrian das Werk nach Fertigstellung auch ohne Ausstellung gerahmt?
Hätte Mondrian 1942 einen Falzrahmen gewählt? Für das Jahr 1912 wäre diese Rahmung für ihn üblich gewesen. Oder hätte er sich für einen Rahmen entschieden, der stilistisch jenen Rahmen entsprochen hätte, die er in den 1940iger-Jahren verwendet hat? Im Laufe des Projekts wird das Gemälde Eukalyptus mit verschiedenen Rahmenrekonstruktionen versehen und im Projektteam besprochen werden. Die Auswahl eines Rahmens wird auch in Zusammenhang stehen mit der Frage, wie die anderen sechs Gemälde der Sammlung Beyeler gerahmt sein werden und wie man diese Rahmungen mit Schutzfunktionen wie Verglasungen vereinen kann.
Rahmung
Jetziger Rahmen
Rahmung heute: seitlicher Leistenrahmen und verglaster Kasten
Rekonstruktion mit historischen Rahmen
Digitale Rekonstruktionen: Eukalyptus mit verschieden originalen Mondrian Rahmen von 1912. Welchen Rahmen hatte das Werk?
Rekonstruktion mit historischen Rahmen
Digitale Rekonstruktionen: Eukalyptus mit verschieden originalen Mondrian Rahmen von 1912. Welchen Rahmen hatte das Werk?
Rekonstruktion mit historischen Rahmen
Digitale Rekonstruktionen: Eukalyptus mit verschieden originalen Mondrian Rahmen von 1912. Welchen Rahmen hatte das Werk?
Oben: Seitliche Abbildung der Oberkante; die grau-markierten eckigen Löcher stammen von einer älteren Aufspannung. Die verschiedenen rot-markierten Löcher deuten auf zwei verschiedene Montierungen von Leistenrahmen hin
Unten: Von den verschiedenen symmetrisch platzierten Löchergruppen in der Rückseite her zu deuten, könnte das Werk in vier verschiedene Rahmungen montiert gewesen sein, welche mit Nägel oder Schrauben in der Rückseite befestigt waren. Die blau-markierten Löcher stammen von älteren Hängesystemen.
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