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NACHRUF: Zum Hinschied von Franz Cahannes
P.S. 14.01.2022
Franz Cahannes war ein politischer Mensch durch und durch. Sein leidenschaftliches Engagement galt bis zuletzt der Gewerkschaftsbewegung und der damit verbundenen Institutionen. Er war ein unermüdlicher Kämpfer für bessere Lebensbedingungen der arbeitenden Menschen in diesem Land. Das Leitmotiv seines Wirkens war die soziale Frage.
Franz ist im romanischsprachigen Danis in der Gemeinde Breil-Brigels aufgewachsen und besuchte die Klosterschule in Disentis. Nach der Matura zog es ihn nach Zürich und er studierte Geschichte sowie deutsche Literatur. Er fand rasch Anschluss an die im Gefolge der 1968er-Bewegung politisch aktiven Studentlnnen und teilte die Aufbruchstimmung. Er wird aktiv im Marxistischen Studentenverband (MSV) und Mitherausgeber dessen Publikationen. Sein Engagement führte Franz immer wieder in den Brennpunkt politischer Auseinandersetzungen. So war er im Semester 1977/78 gewähltes Mitglied des Kleinen Studentenrates, just in jenem Zeitpunkt, als der Erziehungsdirektor Alfred Gilgen die nach links gerutschte Studentenschaft der Uni Zürich (SUZ) auf Betreiben bürgerlicher Studenten zerschlug. Die Aktivitäten von Franz richteten sich darauf, die Dienstleistungen der SUZ zu sichern und in selbstverwaltete Stiftungen umzuwandeln. So wurde auch die Grundlage für die WOZ gelegt. Danach galt es, den Verband Studierender (VSU) aufzubauen. In der studentenpolitischen Arbeit lernte Franz Gabi Einsele kennen, seine spätere Frau.
Als 1980 Zürich brannte, war Franz mitten drin. Er engagierte sich dafür, eine Gegenöffentlichkeit gegen das Klima der Repression, Diffamierung und Ausgrenzung zu schaffen. Gleichzeitig stellte er sich zusammen mit seinen MitstreiterInnen die Frage nach dem Verhältnis zwischen linken Parteien und der Jugendbewegung. Konstatiert wurden eine «Krise der Parteien» und ein grosser Diskussionsbedarf über die Organisationsstrukturen. Und so wurde als Diskussionsplattform die Theoriezeitschrift «Widerspruch» aus der Taufe gehoben. Franz gehörte als Gründungsmitglied dem Redaktionskollektiv an. Die offene Diskussionskultur der neuen Zeitschrift wurde nicht überall goutiert: Franz handelte sich den Ausschluss aus der PdA Zürich ein.
Nachdem Franz sein Lizenziat über den Landesgeneralstreik in Graubünden abgeschlossen hatte, startete er seine gewerkschaftliche Laufbahn. Er übernahm die Leitung der Zürcher Sektion der Gewerkschaft Bau und Holz (GBH). Franz verfolgte als junger linker Gewerkschafter konsequent das Ziel einer bewegten, basisdemokratischen Gewerkschaftsbewegung, die auch kämpfen kann. Und so wurde er Kampagnenleiter gegen die geplante Feier zum 50-jährigen Jubiläum des Friedensabkommens. Angesichts der sich neu formierenden Arbeitskämpfe in der Schweiz forderte er einen differenzierten Umgang mit dem absoluten Arbeitsfrieden. Es gelang ihm der Coup, als der «Tages-Anzeiger» sich weigerte, ein Inserat des Komitees abzudrucken, ein so grosses Medienecho zu bewirken, dass am Ende selbst der «Tagi» darüber schreiben musste. Die so gesparten Insertionskosten konnte er dem südafrikanischen Gewerkschaftsbund Cosatu für den Kampf gegen die Apartheit spenden. Im Fusionsprozess der GBH und der GTCP zur Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI) wurde Franz in die Geschäftsleitung gewählt, von 2000 bis 2004 war er Vizepräsident. Er betreute die Gebäudehüllenbranche (Dachdecker) sowie die «hölzigen» Berufe hingebungsvoll. Einer seiner grössten Erfolge war die Einführung des Vorruhestandsmodells in der Gebäudehüllenbranche, das er massgeblich mitentwickelt hatte. Anlässlich der Fusion der GBI mit dem SMUV zur Unia machte Franz jüngeren Kräften in der Geschäftsleitung Platz und übernahm die Co-Leitung des Sektors Gewerbe.
Näher kennengelernt habe ich Franz während seiner Zeit als Präsident des Gewerkschaftsbundes des Kantons Zürich (GBKZ). Eine Zeit, an die wir uns beide gerne zurückerinnerten. Das Anliegen von Franz war es, den GBKZ aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken: Bald erreichten wir wieder die Referendums- und Initiativfähigkeit und führten zahlreiche Kampagnen. Gleichzeitig sass Franz im Kantonsrat, während zehn Jahren vertrat er die SP 3/9. Im Rat war er als dossierfester, gewiefter und manchmal auch scharfzüngiger Redner von allen Fraktionen respektiert. Franz war in zahlreichen Gremien als gut vorbereitetes und kompetentes Mitglied geschätzt. Schritt für Schritt hat er in den letzten Jahren seine Mandate abgegeben und zugleich für eine geordnete Nachfolge gesorgt. Im Herbst gab er das Präsidium der geliebten Baugenossenschaft Bahoge ab. Bis zum Schluss war er Präsident des Volkshauses, der Genossenschaft Hobel sowie der «Anschläger».
Franz ist am Silvester kurz vor dem Jahreswechsel im Triemlispital friedlich eingeschlafen. Seine Frau und sein Sohn waren bis kurz vor Mitternacht bei ihm. Franz wurde siebzig Jahre alt. Er hinterlässt eine grosse Lücke. Seine strategische Weitsicht, sein politisch-analytisches Denken, sein gradliniger loyaler – der Sache verpflichteter – Charakter und sein enormes Fachwissen kombiniert mit einem phänomenalen Gedächtnis war beeindruckend. Vermissen werden wir auch seine feine menschliche Art und seinen Sinn für Humor. Franz war eine grosse Persönlichkeit.
In Gedanken sind wir bei seiner Familie.
Kaspar Bütikofer