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Traumtheorie (Teil 1)
Der Traum ist ein nächtlicher Integrations- und Partizipationsversuch der vereinsamten Seele, im Traum mit ihren nichtgelebten Existenzformen eins und gleich, verwandt und versöhnt zu werden. Der Traum ist somit eine autogene Partizipation.
Im Traum versucht die Seele, alle ihre mitgebrachten Schicksalsmöglichkeiten, alle ihre persönlichen, familiären und kollektiven Existenzmöglichkeiten, die sie in sich trägt, zu einer Ganzheit zu vereinigen, in der sie einst – noch vor dem Erwachen des Ichs – gelebt hat.
Der Traum bedeutet somit einerseits eine Regression auf die urtümliche Ganzheitsstufe der Seele, auf der sie vor dem Erwachen des Ichs stand; gleichzeitig bedeutet der Traum aber eine Progression nach der idealen Zukunftsstufe, die ewiglich vor ihr steht.
Der Traum ist somit ein retro- und prospektives Gebilde.
Ich-psychologisch ist der Traum eine nächtliche, theatralisch inszenierte Begegnung des wachen Vordergängers, des wachen Vorder-Ichs, mit seinem verborgenen Hintergänger, mit dem Hinter-Ich.
Ein jeder Traum kann als ein in Szenenbildern dargestelltes komplementäres Trieb- und Ich-Schicksal aufgefasst und gedeutet werden.
Ein Traum stellt somit das aktuelle Ich- und Triebschicksal in zwei komplementären Existenzformen dar.
Der wache Vordergänger, im besonderen das wache Vorder-Ich, ist des Öfteren diejenige Figur im Traum, welche als ein fremder Zuschauer Beobachter, Mitreisender oder Begleiter des Hintergängers figuriert. Das Vorder-Ich ist auch gelegentlich die staunende, die sich ängstigende den Hintergänger kritisierende Figur, welche zumeist passiv – als Zuschauer – die Traumgeschehnisse miterlebt.
Der Hintergänger, im besonderen das Hinter-Ich, ist der auf der Traumbühne agierende Akteur des Traums, mit dem jenseits der Grenzen der Wirklichkeit zumeist etwas besonderes geschieht, dem das Vorder-Ich, also das wache Ich, zumeist kritisch staunend, oft sich ängstigend gegenübersteht.
Das “finale Moment” in einem jeden menschlichen Schicksal und somit auch in einem jeden Traum erachtet die Schicksalspsychologie in der Integration aller Seinsmöglichkeiten, aller Ich-Existenzen. Ziel des Träumens ist: das Einssein und Gleichsein, das Verwandtsein mit sich selber, also die autogene Partizipation. Ein jeder Mensch strebt unbewusst danach, seine mitgebrachten vier Elementarfunktionen auf jedem Gebiete des triebhaften und ichhaften Seins zu integrieren, d.h. auf jedem Gebiete mit dem Hintergänger zu legieren, zu verschränken.
Im wachen Dasein ist diese Integration, also die autogene Partizipation aller Ich-Existenzen, unmöglich. Der Traum hingegen versucht, aus allen persönlichen, familiären und kollektiven Seinsmöglichkeiten ein Ganzes zu bilden.
Die Partizipations- und Integrationstheorie des Traumes setzt somit zwei Integrationsmöglichkeiten voraus: 1. die Integrationsmöglichkeit von Vorder- und Hintergänger im Traum; 2. die Integrationsmöglichkeit von persönlichen, familiären und kollektiven Seinsmöglichkeiten im Schlaf.
Quelle: Leopold Szondi, Ich-Analyse. S. 506f.