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Extreme Neuschneemengen, in hohen Lagen teils Rekordschneehöhen, Sturm in den Bergen und Regen bis auf rund 2000 m führten zu einer ausserordentlichen Lawinensituation mit sehr grosser Lawinengefahr. Es gingen viele grosse, gebietsweise auch sehr grosse spontane Lawinen nieder. Dies führte vielerorts zu Sachschäden. Die Bewohner der Alpentäler und die Gäste selbst blieben aber, was bisher bekannt ist, verschont. Der Lawinenschutz hat sich bewährt.
Freitag, 19.01. und Samstag 20.01.: im Westen und Osten gebietsweise grosse Lawinengefahr, dann kurze Niederschlagspause
Am Freitag war es bewölkt und die Niederschläge, die seit Montagabend, 15.01. anhielten, liessen etwas nach. Am Samstagmorgen endeten sie im Wallis und im Norden und die Sonne kam kurzzeitig heraus, bevor am Nachmittag von Westen her wieder Schneewolken aufzogen. Im Süden war es meist sonnig, am Samstag zunehmend bewölkt. Der Wind blies im Westen und Norden oft stark bis stürmisch aus West bis Nordwest. Die Schneefallgrenze schwankte zwischen 1000 und 1500 m (Abbildung 1). Im Süden lag sie bei 600 m.
Von Montagabend bis Samstagmorgen fielen oberhalb von 1600 m folgende Schneemengen:
Aufgrund des zeitweise schauerartigen Charakters der Niederschläge waren die Neuschneemengen lokal teils stark unterschiedlich. Der Neu- und Triebschnee lag an windgeschützten Hängen und im Bereich der Waldgrenze teilweise auf einer aufbauend umgewandelten Altschneeoberfläche und war dort leicht auslösbar. Vor allem im Unterwallis wurden mittlere und teils auch grosse Lawinen ausgelöst oder gingen spontan nieder.
Sonntag, 21.01. bis Dienstag, 23.01.: erneut Starkschneefälle, verbreitet grosse bis sehr grosse Lawinengefahr, viele grosse und vereinzelt sehr grosse Lawinenabgänge
In der Nacht auf Sonntag setzten erneut intensive Niederschläge ein. Gebietsweise fiel im Wallis und im Norden gegen 1 m Schnee innerhalb von 24 Stunden. Die Schneefallgrenze stieg am Montag markant an, im Westen und im Norden bis auf rund 2000 m (Abbildung 1). In der Nacht auf Dienstag endeten die Niederschläge und tagsüber war es oberhalb des Hochnebels (Nebelobergrenze bei 2000 m) recht sonnig. Der Wind blies in dieser Phase zeitweise stark bis stürmisch aus westlichen bis nördlichen Richtungen. Im Süden blies in der Nacht auf Dienstag starker Nordwind bis in die Täler.
Am Ende dieser einwöchigen Niederschlagsperiode kamen oberhalb von rund 2000 m im Wallis, am nördlichen Alpenkamm und gebietsweise in Graubünden 2 bis 3 m Schnee zusammen, im nördlichen Unterwallis und in den Glarner Alpen teils noch mehr. Sonst fielen verbreitet 1 bis 2 m Schnee, gegen Süden weniger (Abbildung 2). Im Jura wurde der halbe Meter Schnee, der bis Samstag gefallen war, mit dem Regen weitgehend wieder geschmolzen.
Mit dem Sturm aus anhaltend gleicher Windrichtung wuchsen die bereits mächtigen Triebschneeablagerungen in den Windschattenhängen weiter an. In der Folge lösten sich viele grosse spontane, trockene Lawinen, vereinzelt auch sehr grosse. Im südlichen Wallis und im Unterengadin wurde teils die ganze Altschneedecke mitgerissen. Mit der Erwärmung und dem Regen am Montag gingen unterhalb von rund 2200 m zunehmend auch feuchte Lawinen nieder, auch hier waren grosse Lawinen dabei, die in den bekannten Lawinenzügen bis in die Täler vorstiessen (Abbildung 3, vgl. auch Videoclip und Bildstrecke zu Beginn des Berichtes).
Mittwoch, 24.01. und Donnerstag, 25.01: Sonnig und mild, Abnahme der Lawinengefahr, Gefahr von Gleitschneelawinen und frischen Triebschneeansammlungen in der Höhe
Am Mittwoch war es meist, am Donnerstag teils sonnig. Mit Südwind war es vor allem im Norden sehr mild, mit einer Nullgradgrenze bei 2500 bis 3000 m. Im Süden lag sie bei 2000 bis 2400 m. Der Wind drehte auf Südwest und wehte schwach bis mässig, am Donnerstag an den Alpenkämmen mässig bis stark. Die Schneedecke stabilisierte sich rasch und Lawinenabgänge, welche die gesamten Neu - und Triebschneeschichten dieser Woche umfassten, wurden kaum noch gemeldet. Die Lawinengefahr nahm rasch ab. Mit dem Südwind entstanden vor allem im Hochgebirge lokal, eher kleine Triebschneeansammlungen. Die Gefahr von Gleitschneelawinen blieb bestehen (Abbildung 4, vgl. auch Bildstrecke am Anfang des Berichts) und es gingen mittelgrosse Gleitschneelawinen nieder.
In mittleren Lagen taute der Schnee von den Bäumen und die Waldschneedecke wurde durchfeuchtet. Ein Waldspaziergang in mittleren Lagen war am 24.01. eine sehr feuchte Angelegenheit (Video in Abb. 5).
Rund ein Drittel aller langjährigen Beobachterstationen unterhalb von 2000 m hatte an einem 23.01. noch nie so viel Schnee gemessen wie dieses Jahr. Die bisher je gemessenen Rekordschneehöhen wurden aber bisher (Stand 25.01.) an keiner dieser Stationen überboten. Nur an den zwei hochgelegenen Walliser Beobachterstationen Kühboden (2210 m) und Les Ruinettes (2200 m) zeigen die rund 30-jährigen Schneehöhen-Messreihen mit 274 cm, respektive 312 cm ganz knapp neue Rekordwerte. Auch an der Beobachterstation Davos (1540 m) lag mit 175 cm so viel Schnee wie noch nie zuvor an einem 23.01. gemessen wurde und damit knapp mehr als im Winter 1951. Ende Februar 1999 lag in Davos mit 215 cm aber 40 cm mehr Schnee als am 23.01.2018.
An den hochgelegenen automatischen Messstationen mit mindestens 20-jähriger Messreihen zeigt nur eine Stationen absolute Rekord-Schneehöhen: die Station Oberer Stelligletscher (STN2, 2914 m) mit 350 cm. Die grossen Schneehöhen sind für Wildtiere lebensbedrohlich. Ihre Schutzräume sollten von Schneesportlern unbedingt respektiert werden. Weitere Infos und Karten zu Wildruhezonen und Wildschutzgebeiten unter https://www.respektiere-deine-grenzen.ch/karte-schneesport/.
Die Person, die bereits am Donnerstag, 18.01. im Variantengebiet bei Ovronnaz (VS) von einer Lawine verschüttet wurde, verstarb später im Spital. Am Freitagabend, 19.01. kam es zu einem tödlichen Lawinenunfall in der Nähe vom Rüwlispass (St. Stephan, BE). Zwei Personen kehrten von einer Abendskitour nicht zurück. Sie wurden am Sonntag, 21.01. geortet und konnten nur noch tot geborgen werden. Zudem wurden im Variantengelände mehrere Lawinen durch Personen ausgelöst, die glimpflicher ausgingen:
- Freitag, 19.01.: Wallis und Graubünden, 4 Personen erfasst, eine Person verletzt
- Samstag, 20.01.: Gebiet Saanenloch (BE), 1 Person ganz verschüttet, unverletzt
- Dienstag, 23.01.: Titlisgebiet (NW, BE, OW), mehrere Personen erfasst, selbst befreit
Die Gefahrenstufe 5 (sehr gross) herrscht nur sehr selten. Grossflächig wurde sie das letzte Mal im Februar 1999 herausgegeben. Im Folgenden werden diese zwei Ereignisse verglichen.
Neuschnee
Die 7-Tages-Neuschneesummen (Summe des täglich gemessenen Neuschnees) vom 17. bis zum 23.01.2018 sind aussergewöhnlich. Sie betrugen in den schneereichen Regionen zwei bis drei Meter (Abbildung 2). An gewissen Stationen im Wallis und in Graubünden kommen diese Mengen nur alle 15 bis 30 Jahre vor. Die 25-Tages-Neuschneesummen vom 30.12.2017 bis zum 23.01.2018 kommen an einigen Stationen sogar nur alle 75 Jahre vor, sie betrugen 2.5 bis 5 m.
Im Winter 1999 war die letzte der drei Niederschlagsperioden die intensivste. Damals betrug die 9-Tages-Neuschneesumme in den niederschlagsreichsten Regionen am Alpennordhang zwischen 2.5 und 3.5 m. Diese Summen entsprechen dort einem 75- bis 100-jährigen Ereignis. Die maximalen Neuschneesummen der letzten Niederschlagsperiode im Februar 1999 waren damit definitiv grösser als derjenigen, die in dieser Berichtswoche am 23.01.2018 endete. Die 30-Tages-Neuschneesumme über alle drei Niederschlagsperioden im Winter 1999 betrug in den niederschlagsreichsten Regionen 5.5 bis 7.5 m, auch dies am Alpennordhang. Das entspricht einer Wiederkehrperiode von 60 bis 100 Jahren. In der Annahme, dass bis zum Sonntag, 28.01. nicht nochmals ein bis zwei Meter Schnee fallen, wäre auch in diesem Fall 1999 das neuschneereichere Ereignis.
Schneedecke und Schneehöhe
Im Vergleich zum Winter 1999 waren im aktuellen Winter 2018 die Pausen zwischen den Starkschneefallperioden länger, so dass sich die Schneedecke dazwischen gut stabilisieren konnte. In tieferen Lagen, d.h. unterhalb von rund 1300 m, lag zudem 2018 viel weniger Schnee als es in 1999 der Fall war. In hohen Lagen wurden, mit wenigen Ausnahmen, die Schneehöhenmaxima vom Februar 1999 nicht erreicht. Nur im südlichen Wallis lag am 23.01. etwa ähnlich viel Schnee wie im Februar 1999. Für den Januar 2018 zeichnen sich in den Berglagen durchschnittliche Temperaturen ab (Quelle: MeteoSchweiz). In tiefen Lagen wird es einer der wärmsten seit Messbeginn 1864, in Sion (VS) wird voraussichtlich ein neuer Januarrekord bei der Temperatur erreicht. Vergleichsweise war der Februar 1999 viel kälter und die Temperaturen waren klar unterdurchschnittlich.
Lawinengefahr
Im Februar 1999 wurde die Stufe 5 (sehr gross) über eine längere Zeitspanne herausgegeben und zwar über 5 Tage, vom 21. bis zum 25. Februar 1999. Dieses Jahr waren es nur 1.5 Tage (vom Sonntagabend, 21. bis Dienstagmorgen, 23.01.2018).
Lawinenschäden
Wie viele Schäden insgesamt in dieser Berichtswoche durch Lawinen entstanden sind, ist noch nicht abschliessend bekannt. Es scheint aber, dass während der intensivsten Phase der spontanen Lawinenaktivität vom 20. bis 23.01. keine Personen zu Schaden kamen (Stand 25.01.). Vielerorts entstanden Sachschäden. Bis zum Redaktionsschluss (25.01.) wurden 23 Lawinen mit Sachschäden registriert. Diese entstanden vor allem an Wald und Flur, an Verkehrswegen und Liftanlagen, an Gebäuden (Chalets, Alpgebäude und Ställe) sowie an Strommasten. Zusätzlich wurden bei 6 Lawinenniedergängen Suchaktionen durchgeführt, da unklar war, ob Personen verschüttet waren. Diese verliefen alle negativ, d.h. es war niemand betroffen. Wirtschaftliche Schäden entstanden vor allem durch die Sperrung vieler Verkehrsachsen über mehrere Tage.
Eine Beurteilung aller Schadenlawinen wird erst im Sommer 2018 möglich sein, da Schäden an Wald, Flur oder hochgelegenen Gebäuden teils erst nach der Ausaperung festgestellt werden können.
Ende Februar 1999 war die Lawinensituation deutlich prekärer als im Januar 2018. Damals war die Schneedecke noch instabiler und auch die tiefen Lagen waren tief verschneit. 1999 gingen teils auch extrem grosse Lawinen nieder, die in den Talschaften aussergewöhnlich weit vorstiessen. Dabei waren in der Schweiz 17 Todesopfer in Gebäuden und auf Strassen zu beklagen. Die drei verheerendsten Lawinenniedergänge der damaligen Periode forderten in Frankreich (Chamonix) 12, in der Schweiz (Evolène) 12 und in Österreich (Galtür) 31 Todesopfer. In der Schweiz wurden rund 1200 Schadenlawinen registriert und die damit verbundenen direkten und indirekten Sachschäden beliefen sich auf über 600 Millionen Franken (Quelle: Eidg. Institut für Schnee- und Lawinenforschung [Hrsg.] 2000: Der Lawinenwinter 1999. Ereignisanalyse. Davos. ISBN 3-905620-80-4).
Eine vorläufige Bilanz der aktuellen Lawinenperiode zeigt, dass trotz der sehr grossen Neuschneemengen und der zahlreichen Lawinenabgänge vergleichsweise wenige Lawinenschäden verzeichnet wurden. Dazu haben auch die baulichen Schutzmassnahmen beigetragen. In etlichen Lawinenzügen haben Stützverbauungen das Anbrechen von Lawinen erfolgreich verhindert oder ihre Grösse reduziert. Viele Verbauungen sind zurzeit etwa zweidrittel mit Schnee gefüllt und vereinzelte Werkreihen insbesondere in Leehängen sind eingeschneit. Im weiteren Verlauf des Winters müssen insbesondere bei erneuten intensiven Niederschlagsperioden die Schneehöhen der Verbauungen im Auge behalten werden. Zahlreiche Lawinengalerien, die Verkehrsachsen schützen, wurden von Lawinen überflossen. Vereinzelt wurden auch Lawinendämme getroffen.
Zurzeit liegen relativ grosse Schneelasten auf den Gebäuden in den Alpen (vgl. Bildstrecken). Zusätzlich zu den grossen Neuschneemengen hat es bis in grosse Höhen geregnet. In Davos variiert die Schneedichte zwischen 250 und 320 kg/m3. Die Berechnung der Schneelast für die Bemessung des Daches eines Gebäudes ist in der Norm SIA261 des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins geregelt. In Davos beträgt die aktuelle Schneelast rund 70% der Bemessungsschneelast. Ob die Schneelast im weiteren Verlauf des Winters 2017/18 die Bemessungsschneelast der Norm SIA261 erreicht und dadurch Notmassnahmen wie ein Abtragen von Schnee durch ausgebildetes Personal angezeigt sind, hängt vom weiteren Witterungsverlauf ab.
Am 26./27. Januar jährt sich die Lawinenkatastrophe von 1968 mit 13 Todesopfern in Davos zum 50. Mal. Mehr dazu im nächsten Wochenbericht am 1. Februar.
Gefahrenentwicklung
Lawinenbulletins dieser Zeitperiode im Überblick.