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Weihnachtsglosse
Gehört Ihr auch zu jenen Leuten, die gerne in Weihnachtskatalogen blättern, weil dort immer Fotos sind von Leuten, die Weihnachten genauso feiern wie Ihr und ich?
Das heisst in einem 24-Zimmer-Lebkuchenhaus, wo es überall funkelt und glitzert. In der Stube steht eine 25 Meter hohe Nordmann-Tanne mit 600 handgezogenen Kerzen, 13 glückliche Enkelkinder in Rüschen-Röckchen spielen auf ihren Rosenholz-Blockflöten fehlerfrei eine kleine Bachsonate, die ganze Familie schnabuliert an einem 16 Meter langen Stubentisch ein bescheidenes Mahl aus Hummerschwänzen, gratinierten Pelikanschwimmhäuten und mundgepflückten Papaia-Wurzel-Blüten - das ganze flambiert mit einem Calavados von 1832, von dem eine Flasche so teuer ist wie ein 2-Familien-Haus. Der Papa schenkt der Mama einen 2 Kilogramm schweren Diamanten und die Mama schenkt dem Papa eine Golftasche und handgeschlachtete Zwergalligatoren und die Kinder gucken in die Welt, wie wenn sie im Internat 364 Tage auf den grossen Auftritt geübt hätten.
So schön ist Weihnachten - jedenfalls in den Köpfen jener, die den Erfolg von Weihnachten in Umsatzzahlen aufsummieren. Wo eine Weihnacht nicht weiss, sondern kalt und trocken sein muss, weil die Leute bei diesem Wetter möglichst viel einkaufen, wie kürzlich ein Warenhaus-Manager in der Tagesschau hat verlauten lassen. Man könnte meinen die heilige Familie, die vor 2000 Jahren nach Betlehem unterwegs war, weil Herodes entschieden hatte sein Volk zu wägen bzw. zu zählen, sei nicht mausarm, sondern mit einem Luxusschlitten unterwegs gewesen. Und es seien nicht drei, sondern 300 heilige Könige gewesen, die aus dem Morgenland Pelzmäntel, Stabmixer, Epiliergeräte, gebrannte Wasser und andere Sachen brachten, die man bei der Geburt eines Kindes sinnvollerweise schenkt.
Die Realität jener Leute, die nicht im Prospekt leben, sieht meistens etwas anders aus. Die meisten wären am 24. zwei Stunden nach Ladenschluss froh, wenn schon bald wieder 3. Januar wäre, wo man wieder arbeiten gehen könnte und wieder etwas unter normalen Menschen wäre. Schon bei der grossen Sektion des obligaten Weihnachts-Rollschinken macht nämlich die Grossmutter so einen dicken Kopf, wie wenn sie die letzten 365 Tage in einem Essiggurken-Glas verbracht hätte und spätestens beim Dessert, wenn das Meerschweinchen das Stromkabel der Weihnachtsbeleuchtung durchgebissen hat, ist die Atmosphäre schon ziemlich elektrisch und definitiv Feuer im Dach ist, wenn sich der Papa beim Kaffee mit einem Änisbrötchen, das so hart wie ein Stück Marmor ist, seine 20'000 Franken teure Prozellan-Krone aus dem Unterkiefer beisst.
Eine heilige Zeit mit den üblichen Funken, Feuern, psycho-pyrotechnischen Überraschungen und Zimmerbränden, wie sie auf dem dünnen Eis dieser heiligen Zeit, wo alle Nerven blank liegen, eben so entstehen und in destillierter Form dann ein paar Tage später unter "Vermischte Meldungen" in der Zeitung nachzulesen sind. Eine Zeit, wo landauf-landab mit Glühbirnen aufgerüstet wird, in einer Art wie wenn man das Universum illuminieren müsste oder irgendwelchen Ausserirdischen morsen müsste, dass wir es im Dezember auf Erden wahnsinnig schön, stressfrei und fröhlich hätten. Jedenfalls die auf den Bildern in den Weihnachtskatalogen. Kataloge, die irgendwelche Werbe-"Fritzen" im Juli geschrieben und entschieden haben, dass die Leute im Dezember glauben sollen, dass man so Weihnachten feiere und sonst nicht normal sei.
Und darum raten wir Euch dringend, unbedingt nach Eurem ureigenem Prospekt zu feiern. Ein Fest wo die Erwartungen nicht so hoch sind wie die 25 Meter hohe Nordmann-Tanne bei Familie Muster. Und dafür die Absturzgefahr auch nicht so gross ist. Die Chance kleiner ist, dass anstatt des Christkinds die Feuerwehr vorbeikommt und halt eine essiggurken-saure Grossmutter ebenso zum Vollprogramm gehört wie ein schwachsinniges Meerschweinchen, das im falschen Moment Kabel durchbeisst und auch all die netten Geschenke, wo man froh wäre, es gäbe die Kehrichtsack-Gebühr auch grad dazu.
Weihnachtsglosse "Espresso" 21.12.2002 - Patrick Wülser