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Die EU hat im September 2021 mit 667 zu 4 Stimmen beschlossen, den Ausstieg aus den Tierversuchen einzuleiten. Wird die Schweiz ihrem Beispiel folgen? Wie sind wir im Hinblick auf einen möglichen Ausstieg aufgestellt, beziehungsweise ist ein solcher Ausstieg für die Schweiz machbar? Welche Hindernisse gilt es dabei zu überwinden? Und welche Massnahmen müssen für einen erfolgreichen Ausstieg getroffen werden? Swissveg hat am Forum «Transition to animal-free science» von Animalfree Research teilgenommen, um die Antworten auf diese Fragen zu erfahren.
Eine halbe Million Tiere pro Jahr
Noch immer werden hunderttausende Tiere in der Schweiz für Versuchszwecke genutzt. Im Jahr 2021 wurden 575'000 Tiere in Tierversuchen eingesetzt, drei Prozent mehr als 2020 – nachdem die Zahl in den vorhergehenden fünf Jahren kontinuierlich gesunken war. Doch diese Statistik umfasst nur die Tiere, die auch tatsächlich für Versuchszwecke genutzt werden. Die Anzahl Tiere, die insgesamt für Versuche gezüchtet werden, umfasst 1,3 Millionen Tiere (1'053'788 Tiere wurden in Versuchstierhaltungen geboren und 244'233 Tiere wurden importiert). Mehr als die Hälfte der Tiere wird also nicht für Versuchszwecke eingesetzt, da sie nicht den notwendigen Kriterien entsprechen. Beispielsweise haben sie nicht das richtige Geschlecht oder, wenn es um gentechnisch veränderte Tiere geht, nicht die gewünschten genetischen Eigenschaften. Diese Tiere werden in den allermeisten Fällen euthanasiert.
Tierversuche aus Gewohnheit
Nicht nur die grosse Anzahl Tiere, die unter Schmerzen leiden und ihr Leben lassen müssen, sollte uns nachdenklich stimmen. Auch die Tatsache, dass wir an Tierversuchen festhalten, nur weil wir zurzeit damit arbeiten, sollten wir überdenken. Gerade in Anbetracht wissenschaftlich relevanter Aspekte wie die Reproduzierbarkeit und die Nützlichkeit von Tierversuchen stellt sich die Frage, ob Tierversuche wirklich nötig sind. Betrachten wir als Beispiel die Reproduzierbarkeit: In der Wissenschaft ist es wichtig, dass ein Experiment wiederholt werden kann und dabei zum gleichen Resultat gelangt. Nur so kann gewährleistet werden, dass die daraus gewonnenen Erkenntnisse gültig sind. Doch genau hier liegt das Problem: Wie die Universität Bern im Jahr 2020 berichtete, ist die Reproduzierbarkeit von Tierversuchen tatsächlich «erstaunlich schlecht».
Wie kann die aktuelle Situation verändert werden?
Im gestrigen Forum von Animalfree Research mit dem Titel «Transition to animal-free science» beschäftigten sich Menschen aus unterschiedlichen Fachrichtungen mit obigen und weiteren Fragen. Laut Thomas Hartung von der John Hopkins Universität geht es auf wissenschaftlicher Ebene vor allem darum, dass wir das bereits Bestehende implementieren. Das heisst zum einen, dass wir auf bereits vorhandene alternative Methoden zurückgreifen. Somit sollten wir uns die Frage stellen, wie die Implementierung von Ersatzmethoden gefördert werden kann. Zum anderen bedeutet dies aber auch, dass wir mehr aus den Daten, die wir bis anhin in der Forschung sammeln konnten, holen müssen. So plädiert Hartung beispielsweise dafür, grosse toxikologische Datenbanken zu schaffen und dabei auf Technologien zu setzen, deren Vorhersagen mindestens so gut, wenn nicht besser, als Tierversuche sind. Diese sind zudem generell zu bevorzugen, weil sie einiges weniger kosten und effizienter sind als Tierversuche.
Franziska Grein von Peta UK beschäftigt sich mit der gesetzlichen Ebene. Im Rahmen der europäischen Bürgerinitiative «Save Cruelty Free Cosmetics» kamen 1,4 Millionen Unterschriften zusammen. Die Bevölkerung spricht sich gegen Tierversuche aus, nun gilt es auf gesetzlicher Ebene die Bedingungen für den Ausstieg zu schaffen. Der erste Schritt hierbei ist, eine Strategie zu erarbeiten. Wir brauchen einen Plan, wie ein Ausstieg erfolgreich gestaltet werden kann. Dabei sollten wir laut Grein auf sechs Punkte setzen:
- Überall, wo bereits alternative Methoden verfügbar sind, sollten wir sofort aus den Tierversuchen aussteigen.
- Es sind mehr wissenschaftliche Gutachten nötig. Wir müssen eine Datenbasis schaffen, aufgrund derer wir abschätzen können, wo der Einsatz von Tieren wirklich nützlich ist und wo nicht.
- Es braucht Auswertungen, die transparent sind.
- Wir brauchen einen Zusammenschluss auf globaler Ebene, damit überall dieselben Regeln gelten.
- Das Geld muss transparent verteilt und wo nötig umverteilt werden. Der Geldfluss muss weg von Tierversuchen und hin zu tierfreien Methoden verschoben werden.
- Es muss in Aus- und Weiterbildung investiert werden.
Aus diesem Grund hat Peta den Research Modernisation Deal ausgearbeitet, der als Leitfaden für den Ausstieg dienen soll.
Die Schweizer Politik sieht diesbezüglich jedoch keinen Handlungsbedarf, wie Meret Schneider, Nationalrätin, betont. Wir müssen die Politik deshalb mit ihren eigenen Waffen schlagen: Die Vorteile einer tierfreien Wissenschaft sollen aufgezeigt werden und die Alternativen beworben statt Verbote gefordert werden. Ein Beispiel, wie dies funktionieren könnte, lieferte Saskia Aan von der niederländischen Gesellschaft für den Ersatz von Tierversuchen: Beim Transition Programme for animal-free Innovation (TPI) arbeiten verschiedene Partner aus Wissenschaft, Politik und dem NGO-Bereich eng zusammen. Das Ziel ist es, den Übergang hin zur tierfreien Wissenschaft zu beschleunigen, indem die verschiedenen Parteien sich austauschen und tierfreie Innovationen gefördert werden.
In der Podiumsdiskussion am Ende des Anlasses wurden die wichtigsten Punkte nochmals aufgegriffen: Die Anzahl Tiere, die in Tierversuchen verwendet werden, ist weiterhin hoch und der Nutzen von Tierversuchen wird noch immer überschätzt. Wir brauchen eine Kultur der Selbstreflektion und müssen uns den Nachteilen von Tierversuchen bewusst werden. Ausserdem müssen wir als Gesellschaft eine Grundsatzdiskussion führen. Zurzeit ist vieles erlaubt, doch gibt es moralische Grenzen, um Wissen zu erlangen? Auf politischer Ebene muss ein Rahmen geschaffen werden, der Veränderung ermöglicht, denn es ist wichtig, dass langfristig auch auf politischer Ebene ein Ausstieg aus den Tierversuchen angestrebt wird. Nötig ist eine Absichtserklärung wie die der EU. Schliesslich brauchen wir einen schrittweisen Ausstiegsplan. Welche Forschungsbereiche müssen welche Ziele einhalten? Welche Alternativen bestehen bereits? Wo können sie eingesetzt werden?
Fazit
Es wurde bereits einiges unternommen. Das Bewusstsein der Bevölkerung dafür, dass Tierversuche oftmals nicht die beste Lösung sind, wächst. Auch auf politischer Ebene hat sich – zumindest in der EU – etwas verändert. Daran können wir anknüpfen. Wichtig ist, dass wir auch in der Schweiz den politischen Rahmen dafür schaffen und zugleich einen Ausstiegsplan erarbeiten. Dafür muss ein Überblick geschaffen werden, welche alternativen Möglichkeiten bereits bestehen und wo sie eingesetzt werden können. Dieses Wissen wiederum muss den Forschenden zugänglich gemacht werden.
Weitere Infos
- Politische Tätigkeiten von Swissveg
- Postulat «Wie kann das mit grossem Tierleid behaftete Züchten und Töten hunderttausender Labortiere reduziert werden?» wurde abgelehnt (Herbstsessionen 2022)
- Widersprüche der Schweizer Politik