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Sophia Brüllmann, 2. Klasse, gewinnt den Schreibwettbewerb „Klub der jungen Geschichten“ der Luzerner Zeitung mit ihrem Text „Die Münze“. Herzlichen Glückwunsch!
Die Münze
Ich warf der Obdachlosen zwei Franken in den Hut, der vor ihr lag. Was dann geschah, gab mir auf ganz besondere Weise viel mehr zurück.
Es war ein bewölkter Montagmorgen, und ich war entlang der belebten Hauptstrasse auf dem Weg zur Uni. Ich schaute auf meine Armbanduhr und bemerkte, dass ich spät dran war. Um 8:30 begann die Vorlesung. Ich lief schneller und erreichte einen kleinen Kiosk, um mir einen Kaffee zu holen. «Guten Tag, einen Kaffee bitte.» Während ich meinen Geldbeutel hervorkramte, betätigte die etwas ältere Frau hinter dem Tresen die Kaffeemaschine. «Das macht dann vier Franken. Aber nur Barzahlung.» Erschrocken blickte ich in mein Portemonnaie, in dem sich nur ein einzelnes Zweifrankenstück befand. Die fehlenden zwei Franken waren vorhin für die Obdachlose draufgegangen.
Hätte ich das Geld doch bloss behalten.
Hilfesuchend blickte ich mich um. An der Ampel gleich neben mir stand eine junge Frau, etwa in meinem Alter. «Entschuldigen Sie, ich bin gleich wieder zurück», sagte ich zur Verkäuferin. Ich ging auf die junge Frau zu, tippte sie an der Schulter an und fragte sie nach zwei Franken. «Gerne doch. Ich werde völlig nervös, wenn ich meinen morgendlichen Kaffee nicht kriege», meinte sie mit einem Lächeln, holte ihre Geldbörse hervor und reichte mir ein Zweifrankenstück. «Haben Sie vielen Dank», bedankte ich mich und bezahlte mein Getränk.
Als ich ein paar Schritte weitergelaufen war, sprach mich plötzlich jemand von hinten an. Ich drehte mich um und sah die junge Frau von vorhin vor mir stehen. «Ja, bitte?» «Entschuldigen Sie, das klingt jetzt wahrscheinlich etwas eigenartig, aber hätten Sie vielleicht Lust, mit mir in diesem Café dort drüben frühstücken zu gehen?» Sie deutete auf ein schnuckeliges Lokal auf der anderen Strassenseite. «Ich wollte sowieso dorthin, und heutzutage sind alle immer so im Stress, da sollte man sich öfters mal eine Auszeit gönnen. Ausserdem habe ich heute einfach gute Laune. Auch an der Uni?» In diesem Moment war ich völlig baff. Warum wollte diese Wildfremde mit mir frühstücken gehen? In meinem Gehirn ratterte es wie in einem alten Automotor. Andererseits sahen diese Croissants im Schaufenster des Cafés köstlich aus, und die Vorlesung war auch nicht die wichtigste im ganzen Studium, einen Ausfall konnte ich mir locker leisten.
Kurzentschlossen schlug ich ein, wir überquerten die Strasse und betraten das Café.
Die junge Frau, die sich als Rebecca vorstellte, war mir von Anfang an extrem sympathisch. Wir sprachen über alles, was gerade in unserem Leben so los war. Familie, Freunde, die Uni. Es stellte sich sogar heraus, dass wir an derselben Uni studierten.
Komisch, dass wir uns noch nie begegnet waren.
Es kam mir so vor, als wäre sie die Schwester, die ich nie gehabt hatte. Ich spürte, dass uns etwas Besonderes verband, und ich glaube, sie spürte das auch.
Als wir uns schliesslich verabschiedeten, war uns nicht klar, dass auf dieses Treffen noch viele weitere folgen würden. Dass wir zusammen den Abschluss machen und beste Freundinnen werden würden. Und, dass wir unsere wunderbare Freundschaft sogar bis ins hohe Alter halten können und uns in allen Lebenslagen unterstützen würden.
Jetzt sitze ich hier, im alten, zerfledderten Sessel in Rebeccas totenstiller Wohnung. Die Haushaltsauflösung heute ist nach ihrer Beerdigung vor einer Woche in die Wege geleitet worden. Ich bin unglaublich traurig und gleichzeitig so dankbar, dass dieser wunderbare Mensch in meinem Leben war, der es so viel schöner gemacht hat. Nun bin ich in ihrem Wohnzimmer und halte ein Zweifrankenstück in der Hand. Wie damals diese eine kleine Münze, die ich in den Hut der Obdachlosen geworfen hatte, und ohne die ich Rebecca wahrscheinlich nie kennengelernt hätte.
Sophia Brüllmann