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Kohei Saito: Marx dachte ökologisch
Der Wissenschaftler Kohei Saito landete mit einem ökokommunistischen Manifest in Japan einen Bestseller.
Auch wenn «Das Kapital im Anthropozän» in Japan bereits Ende 2020 erschien, wirkt Kohei Saito beim Onlineinterview immer noch überrascht, wenn er auf den Erfolg seines Buches angesprochen wird. Eine halbe Million Exemplare sind von seinem Manifest für eine kommunistische Postwachstumsgesellschaft in dem ostasiatischen Land mittlerweile verkauft, mehrere Übersetzungen in Arbeit. «Dass mein Buch so gut ankam, hatte zweifelsohne mit der Coronapandemie zu tun, die die Ungleichheit und die ökologische Krise sichtbar werden liess», sagt Saito, mittlerweile Associate Professor an der Universität Tokio. «Die Leute waren schockiert, wie schlecht das System funktioniert. Trotzdem hat der Erfolg uns alle überrascht. Japan ist ein konservatives Land und die Klimabewegung bei uns eher klein.»
Gemäss Karl Marx führt stete Produktionssteigerung zu einem «Riss im Stoffwechsel».
In der überschaubaren Community von Marxolog:innen ist der Name Saito vielen schon länger ein Begriff. 2016 veröffentlichte der heute 35-Jährige seine auf Deutsch verfasste Dissertation «Natur gegen Kapital», die in Grossbritannien den renommierten «Deutscher Memorial Prize» gewann. Auf den ersten Blick ein echtes Orchideenthema: Saito durchforstete für seine Arbeit bislang unveröffentlichte Notizhefte von Karl Marx, in denen sich der deutsche Philosoph mit landwirtschaftlichen Problemen des 19. Jahrhunderts beschäftigte. Anhand dieser Exzerpte rekonstruierte Saito nicht nur, wie sich Marx in seinen letzten Lebensjahrzehnten ökologischen Problemen zuwandte, sondern wies auch nach, dass Marx einen weitaus komplexeren Materialismusbegriff hatte als der Mainstreammarxismus des 20. Jahrhunderts.
Natur und Gesellschaft
In der ökosozialistischen Debatte sind Marx’ Überlegungen zur Verschränkung von Natur- und Gesellschaftsverhältnissen schon länger Thema. Ausgangspunkt hierfür waren die Analysen des Chemikers Justus Liebig, der sich im 19. Jahrhundert mit den fallenden Erträgen der Landwirtschaft beschäftigte und diese in Zusammenhang mit dem Verstädterungsprozess setzte. Da Anbau und Konsum von Lebensmitteln räumlich voneinander getrennt würden, so Liebig, werde der Stoffwechselkreislauf unterbrochen. Menschliche Exkremente kehrten nicht länger als Dünger in den Boden zurück, sondern landeten in der städtischen Kanalisation und damit letztlich im Meer. Liebig diskutierte zwar, wie man dem Problem durch die Zufuhr von anderswo abgebautem Dünger beikommen konnte (der Kunstdünger wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts erfunden), war aber zunehmend skeptischer, was eine erfolgreiche Intensivierung der Landwirtschaft anging.
Für Marx stand dieses Phänomen emblematisch für die industriell-kapitalistische Produktionsweise, die nicht nur den Arbeiter, sondern auch die Natur erschöpft. Stete Produktionssteigerung führe, so Marx, zu einem «Riss im Stoffwechsel». Ökologie ist also nichts Externes, das von aussen auf die Gesellschaft einwirkt, sondern Bestandteil ihrer politischen Ökonomie.
Das Interessante an Saitos Untersuchung war, dass sie den Erkenntnisprozess von Marx im Detail nachzeichnete. «Ökosozialistische Autoren, denen ich sehr verbunden bin, haben schon lange betont, dass es bei Marx eine ökologische Perspektive gibt. Meine wichtigste These war, dass er sich im Lauf der Zeit zunehmend von produktivistischen Fortschrittsvorstellungen abgewandt und sich damit auch sein Blick auf die Zukunft verändert hat.» Marx sei offener für die Idee geworden, dass eine postkapitalistische Gesellschaft aus dörflichen Gemeinschaften heraus entwickelt werden kann.
«In Deutschland hat man Saitos Arbeit erst richtig zur Kenntnis genommen, als sie in Grossbritannien den Deutscher-Preis gewonnen hatte», sagt Politikwissenschaftler Ingo Stützle, der in Berlin lange Jahre die «Kapital»-Lesekreise der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit anleitete und inzwischen die Marx-Engels-Werkausgabe des Karl-Dietz-Verlags betreut. «Dass Marx sich für Ökologie interessierte, ist nicht neu. Aber Kohei Saito hat ihm gewissermassen beim Nachdenken über die Schulter geschaut. Man versteht jetzt viel besser, was Marx unter Materialismus verstand.»
Unablässiges Wachstum
Saitos wachstumskritischer Bestseller «Das Kapital im Anthropozän» nimmt die Verschränkung von Natur- und Klassenverhältnissen zum Ausgangspunkt. Um einen «Riss im Stoffwechsel» zwischen menschlicher Gesellschaft und Natur zu verhindern, so Saito, brauche es eine Postwachstumsgesellschaft. Dieser Ausstieg aus der Wachstumsspirale sei jedoch nur unter nichtkapitalistischen Voraussetzungen möglich. «Kapitalismus bedeutet unablässiges Wachstum», sagt der japanische Philosoph im Interview. «Deshalb bewerte ich Konzepte wie den Green New Deal oder die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen überaus kritisch.»
Ganz so antireformistisch, wie es den Anschein hat, ist Saitos Buch, dessen englische Übersetzung für 2023 angekündigt ist, denn aber doch nicht. «Ich plädiere nicht für staatssozialistische Lösungen, sondern für Bewegungen von unten nach oben. Oder genauer gesagt: für eine Mittelposition zwischen staatlicher Politik und reinen Grassrootsbewegungen.» Zentrale Kapitel in Saitos Buch beschäftigen sich dementsprechend mit der Verkürzung von Arbeitszeiten, der Demokratisierung der Wirtschaft, der Festlegung von Höchst- und Mindesteinkommen und der Umstellung auf eine Gebrauchswertökonomie – alles Ansätze, die unter dem Stichwort der sozialökologischen Transformation auch in Europa debattiert werden.
Dass es bei Saito diese Anknüpfungspunkte gibt, ist kein Zufall. Der Philosoph hat sich während seines mehrjährigen Deutschlandaufenthalts nicht nur mit der eher staatskritischen Marx-Interpretation beschäftigt, wie sie vom sogenannten kritischen Marxismus seit den sechziger Jahren propagiert wird, sondern ist auch Übersetzer des wachstumskritischen Buches «Imperiale Lebensweise» von Ulrich Brand und Markus Wissen.
Übersetzung in Arbeit
Ganz ähnlich wie die beiden deutschen Politikwissenschaftler plädiert auch Kohei Saito für einen Bruch mit dem Produktivitäts-, Industrie- und Technikfetisch der alten Linken und wirbt für eine Bewegung, die kollektives Eigentum, demokratische Gemeinschaft und ökologische Nachhaltigkeit neu zusammenführt. Ein Kapitel seines Buchs heisst denn auch programmatisch: «Die Erde als Gemeingut verwalten, Kommunismus zum Wiederaufbau des Gemeinwesens.»
Bis man seine Argumentation auf Deutsch nachlesen kann, wird es allerdings noch eine Weile dauern. Eine deutsche Ausgabe von «Kapital im Anthropozän» ist laut Saitos Agentur zwar in Vorbereitung, doch ein Publikationstermin steht noch nicht fest. Bei Cambridge University Press soll Anfang 2023 eine andere Arbeit des japanischen Philosophen erscheinen, die den irritierend ähnlichen Titel «Marx in the Anthropocene. Towards the Idea of Degrowth Communism» trägt. Für ein theoretisch interessiertes Publikum legt Saito darin noch einmal ausführlich dar, warum man Marx braucht, wenn man den ökologischen Kollaps verhindern will, und inwiefern grosse Teile der Linken den marxschen Materialismus bis heute nicht begriffen haben.
Kohei Saito: «Natur gegen Kapital. Marx’ Ökologie in seiner unvollendeten Kritik des Kapitalismus». Campus Verlag. Frankfurt 2016. 328 Seiten. 53 Franken.
Kohei Saito: «Marx in the Anthropocene. Towards the Idea of Degrowth Communism». Cambridge University Press. Cambridge 2023. 300 Seiten. 136 Franken.