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Tafel 27 Rothornbahn
Als für Skitouristen Schluss war, mit dem Hochkrakseln
1906 schwärmte der britische Tourismuspionier Sir Henry Lunn für die Lenzerheide mit den Worten: „Lange Perioden von Sonnenlicht und vorzügliche Abhänge“. Es waren wohl Worte, die die Geschichte des Skifahrens einläuteten. Zuerst auf der sanfteren Westseite Scalottas und Stätzerhorn, dann mit der technischen Entwicklung auch die schrofferen Hänge am Rothorn. Verwegene Tourenskifahrer wagten sich allerdings schon 1904 übers Urden Fürkli nach Arosa, was auch immer wieder Opfer forderte, wie 1934 das von Charlotte Caracciola, die Ehefrau des Automobilpiloten Rudolf Caracciola. Die Hochs und Tiefs der Saisons ließen die vielen gegründeten Skilift-Kleinfirmen immer mehr zusammenschließen, was heute unter dem Dach der Lenzerheide Bergbahnen AG mündete. 2013 wurde die Urdenbahn als Brückenschlag zur Skiregion Arosa gegründet.
„Lange Perioden von Sonnenlicht und vorzügliche Abhänge“ – mit diesen Worten beschrieb der englische Tourismuspionier Sir Henry Lunn 1906 die Vorzüge der Lenzerheide als Wintersportort. Mit den vorzüglichen Abhängen waren die sanften Hügel der Westseite, also die Seite am Scalottas, gemeint und nicht etwa die steilere und schroffere Ostseite am Rothorn. In Zeiten, als man noch ohne Skilifte die Berghänge besteigen musste und sich die vergleichsweise primitive Skiausrüstung für steile Abfahrten weniger eignete, waren günstige topographische Verhältnisse, wie sie die Westseite bot, ein entscheidender Standortvorteil für den Wintertourismus. Deshalb überrascht es nicht, dass von 1905 – 1962 das Skifahren fast ausschliesslich auf der Westseite stattfand und dort die erste Funibahn (1936) und die ersten Skilifte (1943 Tgantieni-Scalottas) erbaut wurden.
Mutige Tourenskifahrer liessen es sich allerdings nie nehmen, ihrer Leidenschaft auch auf der unerschlossenen Ostseite zu frönen. Bereits 1904 wurde für die Teilnehmer des zweiten Skikurses auf der Lenzerheide als Kurshöhepunkt eine Skitour von Lenzerheide übers Urden Fürkli nach Arosa durchgeführt. Verschiedentlich kam es auf der Ostseite auch zu Unglücksfällen. Prominente Lawinenopfer waren 1918 Ingenieur Amman von Thun oder 1934 Charlotte Caracciola, die Ehefrau des bekannten Automobilrennfahrers Rudolf Caracciola.
Der topografische Standortvorteil der Lenzerheide gegenüber anderen Bündner Skiorten begann allerdings zu schwinden, als in den Fünfzigerjahren ein Bündner Skiort nach dem anderen neue Skigebiete mit Luftseilbahnen erschloss: 1950 Klosters, 1955 St. Moritz und Davos, 1956 Scuol, 1957 Arosa, 1963 St. Moritz. Auch auf der Lenzerheide bildeten sich zwei Interessengruppen. Eine machte sich für den Ausbau der Westseite stark, die andere für die Erschliessung der Ostseite mit einer Luftseilbahn aufs Parpaner Rothorn. Diese Gruppe, der sich verschiedene Hoteliers und Gewerbetreibende unter der Führung von Ferdinand Blaesi angeschlossen hatten, gründete 1961 die Luftseilbahn Parpaner Rothorn AG Lenzerheide-Valbella mit einem Aktienkapitel von 2 Mio. Franken und 88 Aktionären. Am 29. März 1962 erteilte das Eidgenössische Post- und Eisenbahndepartement die Bewilligung für den Bau einer Luftseilbahn von Canols auf das 2865 Meter hohe Parpaner Rothorn. Am 23.
Dezember, nach einer Bauzeit von 16 Monaten, konnte die von der Habegger Maschinenfabrik Thun erstellte Luftseilbahn in Betrieb genommen werden. Wie der Bund am 14. Januar berichtete, wurden 50 km neue Skipisten für gute Skifahrer geschaffen, die in den nächsten Jahren noch erweitert werden sollten.
Nach der ersten erfolgreichen Wintersaison zogen aber schon bald dunkle Wolken am Horizont auf. In der Wintersaison 1964/65 brachen die Frequenzen infolge Schneemangels stark ein. Die Finanzen, die wegen der Überschreitung der Baukosten um das Doppelte bereits in Schieflage geraten waren, liefen nun komplett aus dem Ruder. Trotz einer eiligen Aufstockung des Aktienkapitals auf drei Millionen Franken drohte 1965 der Konkurs. Um diesen abzuwenden, wurde der Basler Rechtsanwalt und führende Steuerrechtler Dr. Leo Fromer mit der Sanierung des Unternehmens beauftragt. Er brachte als Geschäftsführer der 1952 gegründeten „Schutzorganisation für Aktiengesellschaften mit beschränkter Aktionärszahl“ die nötigen Kenntnisse und Erfahrungen mit, das schlingernde Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen. Hierzu bedurfte es allerdings einschneidender Massnahmen. Die für die 98 Aktionäre wohl schmerzhafteste war die Abschreibung des Aktienkapitals von 3 Millionen Franken auf 60‘000 Franken, ein Fünfzigstel des ursprünglichen Stammkapitals. Dieser und weitere Anträge sorgten an der Aktionärsversammlung vom 28. Mai 1965 in der ungeheizten Turnhalle des Schulhauses Lenzerheide für „hitzige Gemütswallungen“ und verursachten einen „Wirbelsturm über der Lenzerheide“, wie Die Tat am 2. Juni 1965 berichtete. Doch der laut NZZ „böse chirurgische Eingriff“ rettete das Unternehmen vor dem Konkurs. Dem ebenfalls erneuerten Verwaltungsrat, an dessen Spitze nun Dr. Leo Fromer stand, gelang es in den folgenden Jahren, die Luftseilbahn Parpaner Rothorn AG wieder in die Gewinnzone zurückzuführen. 1969 erfolgte die Fusion mit der Schnell-Lifte und Sesselbahn Tgantieni Piz Scalottas AG. Für seinen jahrzehntelangen erfolgreichen Einsatz wurde Dr. Leo Fromer später zum Ehrenpräsidenten der Rothornbahn und Scalottas AG ernannt. Er starb am 23. Januar 1998.
Die Westseite mit den im Jahr 1943 erbauten Skiliften Tgantieni und Scalottas wurde in mehreren Etappen weiter erschlossen. 1946 wurde die Funibahn von Tgantieni zum heutigen Skilift Valbella verlegt und später durch einen Bügellift ersetzt. Ein weiterer wichtiger Meilenstein war die Erschliessung des Stätzerhorngebiets im Jahr 1960. Nun fehlte nur noch das Gebiet rund um die Alp Lavoz, das sich als Verbindung zwischen dem Scalottas und dem Stätzerhorn geradezu aufdrängte. Die Erschliessung dieses Gebiets erfolgte unter der Federführung der politischen Gemeinde Vaz/Obervaz. 1971 gab das Stimmvolk grünes Licht für die Gründung der Sportbahnen Danis AG, an der sich die Gemeinde mit 51 Prozent finanziell beteiligte. Im Winter 1972/73 konnten die Skilifte Pedra Grossa, Gertrud und Cumascheals in Betrieb genommen werden.
Eine gemeinsame Tarifpolitik, der steigende Innovationsdruck und die zunehmende Wettbewerbsintensität mit in- und ausländischen Wintersportorten führten um die Jahrtausendwende zu einem Zusammenschluss der verschiedenen Bergbahn- und Skigesellschaften der Region. 2001 erfolgte die Fusion der Sportbahnen Danis AG mit der Ski- und Sessellifte Stätzerhorn AG. Bereits 2005 kam es dann zum Zusammenschluss mit der Rothorn und Scalottas AG zu den heutigen Lenzerheide Bergbahnen AG.
Die Bündelung der Kräfte eröffnete weitere unternehmerische Optionen. Als visionär sollte sich die Verbindung mit dem Skigebiet Arosa herausstellen. Mit dem Bau der spektakulären Urdenbahn im Jahr 2013 etablierte sich die Skisportregion Arosa Lenzerheide als bedeutende nationale und internationale Skisportregion.