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»Lauter nette Menschen«
Leseprobe
Tarek, der Asylant, und die Familie Dreher - Heiner, Inge, Nick und Josch - treffen sich in der Küche.
Jetzt ist Tarek vier Wochen hier, und es hat noch keine Explosion gegeben, Tarek sitzt in seinem Zimmer und ist nicht störender als eine neue Topfpflanze, die von Inge gewässert wird. Nur an Ostern, an Ostern war’s krass. Inge wollte etwas Albanisches auftischen, Tarek wünschte sich Tsoureki, so was Ähnliches wie Osterzopf. Inge mischte mit Tarek den Teig, Heiner rief: »Was riecht hier so? Sind wir hier in der Kirche oder wo?« Plötzlich standen alle in der Küche. Was so roch, war ein Gewürz namens Mastix. »Nach Harz«, sagte Josch, »Nach Terpentin«, sagte Nick, »Nach Weihrauch«, sagte Heiner. Dann sah er das Preisschild an der Mastixpackung und rief aus: »Ich fass es nicht. Allein dafür könnten wir fünf Gigaosterzöpfe kaufen!« »Ich bitte dich«, sagte Inge, »wir wollen es eben richtig machen, eigentlich gehörte auch noch Mahlep rein, aber das konnte ich nicht auftreiben. Jetzt zehn Minuten rühren.« Sie streckte Tarek den Mixstab entgegen, aber der sprang nicht an. »Kaputt«, sagte Tarek. »Du flicken«, sagte Inge zu Heiner. »Ich nicht Zeit«, sagte Heiner, warf die Mastixpackung an die Decke und ging. Inge rührte von Hand, und dann sollten laut Rezept die Hände mit geschmolzener Butter eingerieben werden, um so den Teig aus der Schüssel zu heben. »Mach du das«, sagte Inge zu Nick, worauf sich Nick die Hände einbutterte und mit ausgestreckten Armen den kreischenden Josch um den Tisch herumjagte, durchs ganze Haus bis ins Wohnzimmer, dort fielen sie aufs Sofa und machten das Leder voll mit Butter. Inge schrie, Tarek verzog sich. Ob das ein Zopf sein solle, fragte Nick, als er sah, was Inge geformt hatte. »Sieht aus wie ein Klumpfuß im Gruselkabinett.« »Man muss ihn ruhen lassen«, sagte Inge. »Wo ist eigentlich Heiner?« »Man muss ihn ruhen lassen«, sagte Josch. »Ihr seid gemein«, sagte Inge. »Alle.« Sie klang traurig.
Am Tag darauf, beim Osterfrühstück, lag auf dem Klumpfuß ein rotes Osterei. »Das ist albanische Tradition«, sagte Inge feierlich, »nicht wahr, Tarek?« Tarek nickte. »Das Ei bedeutet: neu anfangen, lebendig sein und fruchtbar.« »Furchtbar?«, fragte Tarek, worauf Heiner grinste, Nick und Josch herausplatzten und Inge das Ei in der Hand zerdrückte.
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- Luzerner Zeitung, Arno Renggli, 23. 04. 2021
Wie von ihr gewohnt, schreibt Angelika Waldis mit einer Mischung von durchaus auch bissigem Humor und Warmherzigkeit. Ihre Figuren, so viele Charakterschwächen sie haben mögen, geniessen ganz offensichtlich auch ihre Sympathie. Von daher bleibt auch lange offen, ob sich die Familie immer mehr in die Katastrophe hineinreitet. Oder ob die zweifellos vorhandenen Ressourcen – immerhin redet man noch miteinander, interessiert sich noch füreinander, wenn auch oft im Zoff-Modus – die Familie nicht doch zu retten vermögen. Wer Angelika Waldis frühere Bücher kennt, wird nicht ganz überrascht sein, für welchen Weg sie sich entscheidet. Wobei das Schicksal in einer gewissen Grauzone bleiben wird.
Einmal mehr kann man die Sprache von Angelika Waldis nicht genug loben. Da sitzt jeder Satz, jede Metapher, jeder Witz, jede Wortschöpfung. Und immer wieder gibt es eine Metaebene, wenn zum Beispiel Familienmitglieder darüber diskutieren, ob nun «Flüchtling» das korrekte Wort sei oder was denn Alternativen wären. Was zu teils sehr schrägen Einfällen führt.
Dieser Roman hat das Zeug, erneut zu einem Lieblingsbuch zu werden. Wenn nicht wieder der Buchhändler, dann doch vieler Leserinnen und Leser.
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- Kulturtipp, Babina Cathomen, 26. 06. 2021
Mit gewohntem Witz und originellen Wortschöpfungen erzählt die 81-jährige Schweizer Autorin Angelika Waldis vom alltäglichen Familientrubel. Weil Mutter Inge sich sozial zeigen will und dem Flüchtling Tarek einen Wohnplatz anbietet, gerät der Frieden aus dem Lot. Der Gatte zieht sich schmollend ins Gartenhaus zurück, und die Söhne rebellieren auf ihre eigene Weise. Ein unterhaltsamer Roman mit einigen gesellschaftskritischen Spitzen.
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- Mirjam Kurth, Buchhandlung Bücher Lüthi, Solothurn CH, 23. 06. 2021
Dieser Einblick in eine Durchschnittsfamilie kommt gemächlich daher und fasziniert gerade durch die vermeintliche Vorhersehbarkeit, welche immer wieder durchbrochen wird. Angelika Waldis schafft es, jedem Familienmitglied seine eigene Sprache zu geben und glänzt mit unerwarteten Wortkombinationen und ihren Haikus.
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- Susann Fleischer, Literaturmarkt DE, 12. 07. 2021
»Lauter nette Menschen« rührt den Leser gleichzeitig zu Tränen und bringt ihn zum lauten Lachen. Von solch einer Lektüre kann man nicht anders, als restlos begeistert zu sein… Mit ihren Romanen zaubert die Schweizer Autorin dem Leser ein extrabreites Lächeln auf die Lippen. Der vorliegende erzählt über die kleinen und großen Schwächen, Fehler, Geheimnisse einer ganz normalen Familie; kurzum: etwas, was wir alle kennen …
Keine Schriftstellerin vereint Komik und Ernst so wunderbar wie Angelika Waldis. Ihre Bücher sind der beste Zeitvertreib überhaupt. »Lauter nette Menschen« wirkt wie ein Antidepressivum. Man hat noch Stunden, gar Tage nach der Lektüre richtig gute Laune, feuchte Augen sowie Schmetterlinge im Bauch. Von diesem Vergnügen wird einem ganz schwindelig …
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- Marlene Breunig, Das Buchkabinett, Obernburg DE, 19. 03. 2021
Wieder ein grandioser Roman von Angelika Waldis. Mit lakonisch-humorvollem Blick darf der Leser hinter die Fassade einer Vorzeigefamilie luren.