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Ist das wirklich ein Roman? Was Paul Nizon, der 1929 in Bern geborene und seit mindestens dreissig Jahren in Paris lebende Dichter und Flaneur, mit «Das Fell der Forelle» vorlegt, wird man wohl eher als längere Erzählung bezeichnen wollen – eine lyrisch-poetische, eine elegische, eine romantisch-sehnsüchtige, eine komische und absurde, eine den Leser sogleich packende, ihn vielleicht sogar bald hin- und mitreissende Ich-Erzählung. Ihr Protagonist heisst Frank Stolp und stammt, so behauptet er jedenfalls, aus einer Luftakrobatenfamilie. Bezeichnenderweise, möchte man sagen, denn quasi spurlos «in der Luft verschwinden» ist eine seiner liebsten Phantasien. Stolp hat die kleine Wohnung einer unlängst verstorbenen Tante geerbt und seine Koffer und Taschen dort abgestellt. Ein neuer Anfang? «Die Wohnung in ihrer beredten Intimität und mein Gepäck wie die versammelte Ratlosigkeit inmitten der pathetischen Anordnung der Möbel und Dinge, die alle von der verstorbenen Tante sprachen.» Wohl eher kein neuer Anfang! Was dann? Die Situation ist ein wenig absurd, und als Stolp aus der Wohnung hinausflüchtet auf die Strassen von Montmartre, entdeckt er sogleich einen Werkzeugladen, der ihm ein «Orkus» zu sein scheint, und daneben ein Kürschnergeschäft, in dessen Auslage er einen kolorierten Stich mit einer in nichts als Pelz gehüllten lasziven Dame entdeckt, der «Das Fell der Forelle» betitelt ist und den vor Sehnsucht berstenden Mann den ganzen Text hindurch magisch anzieht. Wir befinden uns «in den Ausläufern der Stadt», einem Stadtviertel der Immigranten und der kleinen Leute, mit tristen Cafés, uninspirierten Restaurants, schäbigen Handwerksgeschäften und merkwürdig riechenden Wäschereien. Dort geht alles seinen Gang – doch auf einer Strasse, in der alles seinen Gang geht, hat Stolp «nichts verloren, nichts zu suchen, nichts zu erwarten, nichts zu hoffen». Er setzt einen Schritt vor den anderen und bringt irgendwie die Zeit herum.
So weit die Exposition, acht oder neun Seiten lang – und so weit ist dem Rezensenten Martin Lüdke in der «Zeit» Recht zu geben, der hier noch einmal das Grundgefühl von Paul Nizons Generation versprachlicht sieht, das «Geworfensein» in eine als absurd erlebte Existenz, deren Coolness und Melancholie immer auch das Lächerliche streifen und komisch wirken können. Schon auf den ersten Seiten dieses Buches tut sich nicht allzuviel, und auch die dann doch noch folgenden kleineren Aktionen des Protagonisten signalisieren letztlich nichts anderes als Stillstand. Eher scheint es bei Nizon auf die evozierten Stimmungen anzukommen, ähnlich wie in der ebenfalls 2005 erschienenen Prosasammlung «Pariser Libertinagen» von Undine Gruenter, die sich allerdings durch ihre surrealistisch grundierte Verspieltheit und taghelle Mystik von jeglichem «Geworfensein» abhebt. Auch Stolp, dem «Vertrautheit» immer fremd bleibt – «Wo immer ich mich befand, blieb die Grimasse der Abweisung bestehen und in mir der Zustand der Verstörung» –, verliert sich nicht ganz im Rat- und Sinnlosen, woran seine Begegnungen mit der nicht unerotischen Carmen aus der Fussballbar und seine gelegentlichen Treffen mit der nicht minder attraktiven Ghislaine, einer Freundin der Tante, erheblichen Anteil haben. «Wer lange aus dem geschlechtlichen Stromkreislauf ausgeschlossen bleibt, fällt aus der Welt … Ich dachte es auf dem Rückweg.» Ausserdem gibt es da noch die Konfrontation mit den Hinterlassenschaften des Tantenlebens – «Die Fotos gaben keinen Aufschluss über ihr Privatleben, vielleicht hatte sie keines gehabt» – und die vehementen Erinnerungen an Stolps frühere Frau, die womöglich die Ursache dafür war, dass er den Menschen und den Dingen gegenüber eigentümlich gefühllos geworden und hoffnungslos aus der Zeit gefallen ist. «Sie hat mir das Herz entrissen.»
Ein wenig erinnert dieser Stolp sowohl an Nizon-Helden aus früheren Büchern, wie «Stolz» (1975) oder «Das Jahr der Liebe» (1981), als auch an die Person ihres Urhebers, so weit diese hinter all den zeitlebens gepflegten Selbststilisierungen Paul Nizons Konturen zu gewinnen vermag. Doch grösser als je zuvor ist, vor allem in der zweiten Hälfte der Erzählung, Nizons Distanz zu seinem Protagonisten, seine oft komisch, bisweilen auch boshaft-sarkastisch anmutende Ironie ihm gegenüber – was, da die reine Empathie sicherlich nicht die ganze Erzählung hindurch tragen würde, wohl wesentlich zum Genuss des Lesers beiträgt. Stolp jedenfalls wartet auf die Forelle «wie andere auf den Messias» und hat – wie wir alle – grösste Schwierigkeiten damit, Hinterlassenschaften jeglicher Art aufzulösen. Lieber möchte er immer wieder aufs neue verschwinden. Denn das In-die-Welt-geworfen-Sein mit anschliessendem freien Fall ist letztlich die einem Luftakrobaten angemessene Existenzform. «Ich wollte natürlich nicht aufgefangen werden. Aufgefangen wäre wie eingefangen.» Und die Liebe? «Nicht auszuhalten», sagt Stolp. Und wir glauben ihm (nicht).
Paul Nizon, «Das Fell der Forelle». Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005.
Klaus Hübner, geboren 1953, promovierte in Germanistik und lebt als Publizist und Redaktor der Zeitschrift «Fachdienst Germanistik» in München.