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Bakterien und Fettsäuren: Ein besonderes Paar
Bakterien verbinden wir in der Regel mit Infektionen und Krankheiten. In Wirklichkeit sind sie aber auch für eine gesunde, normale Verdauung wichtig. Denken Sie einfach an Ihre letzte Behandlung mit einem Antibiotikum, nach der Ihnen möglicherweise geraten wurde Joghurt zu essen oder Probiotika einzunehmen, um den Bestand der «guten» Bakterien im Verdauungstrakt wieder aufzubauen, da dieser durch das Antibiotikum abgetötet wurde.
Fettsäuren sind ein ganz normaler Bestandteil unserer Nahrung. Sie werden im Körper für viele Prozesse auf der Ebene der Zellen benötigt, wie beispielsweise den Aufbau von Zellmembranen oder die Energieumwandlung. Fettsäuren können auf der Molekülebene unterschiedlich aufgebaut sein: Manche von ihnen haben lange «Schwänze», andere kurze. Man nennt sie entsprechend langkettige oder kurzkettige Fettsäuren. Kurzkettige Fettsäuren werden von Bakterien produziert, die im Körper Ballaststoffe aus unserer Nahrung abbauen. In der westlichen Ernährung sind häufig zu wenige Ballaststoffe enthalten, weshalb sich auch weniger kurzkettige, dafür aber reichlich langkettige Fettsäuren im Körper finden.
Wissenschaftler, die eine der MS ähnlichen Erkrankung bei Mäusen untersuchen, haben entdeckt, dass Mäuse, die ein Futter mit einem hohen Anteil langkettiger Fettsäuren erhielten, stärkere MS-ähnliche Symptome hatten als Mäuse, deren Futter viele kurzkettige Fettsäuren enthielt.1 Sie beobachteten ausserdem, dass die Darmbakterien für diesen Unterschied erforderlich waren.
Entzündungsfördernde und regulatorische T-Zellen bei MS
Bei den Mäusen, die das Futter mit dem hohen Anteil langkettiger Fettsäuren erhalten hatten, fanden die Wissenschaftler viele Immunzellen eines bestimmten Typs, sogenannte pro-inflammatorische T-Zellen. Im Gegensatz dazu fand sich dagegen bei den Tieren, die Futter mit einem hohen Anteil kurzkettiger Fettsäuren erhalten hatten, eine Zunahme der Zahl der regulatorischen T-Zellen. Wie der Name schon andeutet, regulieren diese Zellen die Funktionen des Immunsystems und hemmen unter anderem auch die Bildung der pro-inflammatorischen T-Zellen. Die MS ist gekennzeichnet durch eine starke Autoimmunreaktion dieser pro-inflammatorischen Zellen gegen die schützende Myelinschicht der Nervenzellen. In der Regulierung dieser T-Zellen könnte das Bindeglied zwischen Verdauung und MS zu finden sein. Eine Zunahme regulatorischer T-Zellen aufgrund der Produktion kurzkettiger Fettsäuren durch Bakterien könnte die Schädigung des Myelins eindämmen.
Bisher ist nicht genau bekannt, wie die Funktionen des Darms und des Nervensystems miteinander verknüpft sind. Weitere Forschung auf diesem Gebiet ist daher wichtig, lässt sich dadurch doch möglicherweise eine Verbindung zwischen der Art der Ernährung, der Bakterienfunktion und dem Verlauf einer MS-Erkrankung erkennen. Dann liessen sich möglicherweise spezielle Ernährungsformen oder Diäten entwickeln, um die Entzündungsreaktion bei Menschen mit MS zu verringern.
Dr. Lutz Achtnichts
Literatur