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eos. Ein verborgener Künstler der Fotografie, der zeitlebens in derselben Wohnung im Zürcher Kreis 4 lebte, als Möbel- und Teppichverkäufer, später als Lagerist arbeitete, sich alles Können autodidaktisch in der Freizeit beibrachte: Das war Karlheinz Weinberger. Er starb vor zehn Jahren, am 10. Dezember 2006. Sein fotografisches Schaffen wurde erst in seinen sechs letzten Lebensjahren entdeckt und gewürdigt.
Lange zuvor war er im KREIS unter dem Namen Jim bekannt. 1952 brachte die Zeitschrift ein erstes Bild von ihm. Dann erschienen seine Aufnahmen regelmässig. Im Redaktor des französischen Teils fand er einen Mentor und Mäzen, der ihn bis kurz vor seinem Tod (1999) finanziell unterstützte. Weinberger bevorzugte raue Arbeitertypen und Randständige, auch junge Bauern und, besonders auf seinen Reisen in Sizilien und Tunesien, ganz jugendliche Burschen. Er fing sie völlig ungestellt ein und brachte den herben Charme des einen wie das scheue Wesen oder die wilde Kraft des anderen so ins Bild, dass es den Betrachter unmittelbar berührte. Er war ein Meister. Kein Wunder, dass er zu einer Art Hoffotograf des KREIS wurde, der auch an den grossen Ball-Veranstaltungen Portraits von jungen Anwesenden machte. Jeder fühlte sich geehrt, wenn ihn Jim vor die Kamera holte. Jim war ein Begriff, allerdings nur innerhalb des KREIS und dessen Nachfolge-Zeitschriften.
Von Karlheinz Weinberger aber wussten wir damals nichts: Seine Bilder von "Halbstarken", die ihm ab etwa 1958 gelangen, dokumentieren die Lebensweisen von Aussenseitern der Gesellschaft. Erst die Ausstellungen dieser anderen Werke machten ihn schlagartig berühmt, rasch auch über die Schweiz hinaus. Seine "Entdeckung" begann im Jahr 2000 mit einer Ausstellung des Zürcher Museums für Gestaltung. Es folgten weitere Präsentationen in New York (2001), London (2002) und gleichzeitig nochmals in Zürich, in der Galerie Schedler, wo jetzt auch homoerotische Fotos aus dem Umfeld des KREIS öffentlich zu sehen und zu kaufen waren. Spätere Ausstellungen gab es in Los Angeles (2003), Toronto (2004), nochmals in New York (2008), nach dem Tod des Künstlers in Berlin (2011) und Basel (2012), wobei die Basler Ausstellung eine Übernahme von New York war, wo das Swiss Institute Contemporary Art das Gesamtwerk 2011 erstmals in einem Überblick unter dem Namen "Intimate Stranger" gezeigt hatte.
Zurück zum Herbst des Jahres 1957: Wir, die Theatergruppe des KREIS, probten an einem Stück für das 25-Jahre-Jubiläum der Organisation. Es sollte etwas Leichtes, Lustiges werden. Karlheinz Weinberger / Jim gab die Titelrolle: Er verkörperte den "Elefanten im Porzellanladen".
Beim Proben lernten wir Jim als witzigen Kumpel kennen und schätzen. Er war neu in der Truppe und spielte später nie mehr mit. Unvergesslich sind uns diese Proben, denn wir erfanden von Mal zu Mal neue Wendungen und Bonmots, noch wirksamere Abläufe, und der Regisseur (Karl Meier / Rolf) hatte Mühe, alles zu notieren und zu fixieren, damit wir endlich zu einer gültigen Fassung kamen. Bei der Aufführung war das Publikum dermassen begeistert und lachte so überbordend, dass wir, angesteckt, uns kaum konzentrieren konnten und nur mit Glück den eingeübten Schluss zustande brachten.
Später wollten wir Jim, wann immer er auftauchte, als Schauspiel-Kumpan begrüssen und um ihn sein, damit er etwas mehr von sich erzähle. Aber er blieb zurückhaltend. Meine Typen, sagte er zur Erklärung, finde ich nur selten im KREIS; ich suche kernige Heteros. Wir waren's nicht. So blieb es bei Freundlichkeiten. Und mit dem Ende des KREIS (1967) verloren wir den Kontakt.
Erst an der Abdankung für Eugen Laubacher / Charles Welti trafen wir uns wieder. Das war am 28. Mai 1999. Eugen Laubacher war ein Spitzenmanager der Wirtschaft und international vernetzter Finanzfachmann. Als Charles Welti war er Redaktor des französischen Teils der Zeitschrift. Sein Doppelleben führte dazu, dass wir (Röbi Rapp und Ernst Ostertag) zusammen mit dem Altersfreund des Verstorbenen und mit Jim, der sich nun als Karlheinz Weinberger vorstellte, die vier einzigen Menschen waren, die für Charles Welti an der Feier teilnahmen. Alle die vielen anderen waren wegen Eugen Laubacher gekommen, der für uns ein Fremder war und in dessen Namen sie zum Leidmahl geladen wurden. Uns kannte niemand. Also verzogen wir uns in ein anderes Restaurant, und dort gab es so manches zu erzählen. Karlheinz zeigte sich viel offener als früher, ja er lud uns zu einem Treffen in einer Beiz nahe seiner Wohnung ein. Dort zeigte er Fotos von "Halbstarken", Burschen und Mädchen, die er beim Knabenschiessen am Albisgüetli aufgenommen hatte. Das war uns neu. Offenbar wollte er die Bemerkungen und Kommentare hören. Auf einmal lud er uns in seine Wohnung ein, wo noch viel mehr zu sehen sei. Er war gesprächig und liebenswürdig wie damals bei den Proben. Was er uns in der Wohnung bot, waren Aktbilder von ähnlichen Typen. Auch das war eine für uns neue Seite seines Schaffens.
Ein Jahr später trafen wir ihn bei der ersten Weinberger-Ausstellung im Museum für Gestaltung, der früheren Zürcher Kunstgewerbeschule. Es war zu einer Nachmittagsstunde etliche Tage nach der Eröffnung. Nur wenige Besucher waren da. Karlheinz begleitete uns auf einem Rundgang und erzählte Details zu fast jedem der abgebildeten Menschen und wie es schliesslich dahin kam, dass er sie auf diese sehr nahe, persönliche Weise festhalten konnte. Plötzlich fragte er: "Wie fühlt es sich an, auf einmal berühmt zu sein? Ihr seid es ja jetzt auch. Es ist so fremd und so schön! Und irgendwie ist alle Schwere, das Unsichere, wie weggeblasen und aufgelöst. Jetzt im Alter ist das doch einfach wunderbar!"
Mehr zu Karlheinz Weinberger hier.
Mehr zum Stück "Elefant im Porzellanladen" hier.