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Rund 60’000 Flüchtlinge aus Mali in vier Lagern im Nordwesten des Niger erhalten Nahrungsmittelnothilfe. Die Hilfe wird vom UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) und dem Welternährungsprogramm (WFP) bereitgestellt. Möglich ist sie dank der Unterstützung durch Partner, darunter die Schweiz. Ab Herbst 2017 nimmt das Programm die Form einer gezielten Hilfe an. Caroline Nanzer, Mitglied des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe, begleitet diese Änderung. Ihr Bericht.
Es ist der 30. Juli 2017: Um 21 Uhr erhalte ich einen Anruf der stellvertretenden Direktorin des Welternährungsprogramms im Niger. «Caroline, wir haben beunruhigende Nachrichten zur Sicherheitslage in Abala (Stadt im Norden des Niger, 50 Kilometer von der Grenze zu Mali) erhalten. Es wäre besser, wenn du deine Mission um mindestens eine Woche verschieben könntest.» Meine Abreise wird zwar bestätigt, mein Einsatzort hat sich aber eben geändert.
In unserer Branche ist Flexibilität gefragt.
Am nächsten Tag mache ich mich nach einigen Behördengängen zusammen mit einer Kollegin des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge auf den Weg. Wir fahren ins Flüchtlingslager Mangaïzé nördlich von Niamey, der Hauptstadt des Niger, rund 70 Kilometer von der Grenze zu Mali entfernt.
Unsere Aufgabe ist es, dort die Liste der Haushalte zu veröffentlichen, die ab Oktober keine Nothilfe mehr erhalten werden. Gewisse Familien sind jetzt selbstständig genug. Wir müssen einen Beschwerdeausschuss einsetzen und Fragen beantworten.
«Die Familien erwarten Sie.»
Im Auto erinnere ich mich an meine erste Mission im Niger. Im Jahr 2015 hatte ich das Flüchtlingslager Tabareybarey besucht. Dort hatten Tausende Malierinnen und Malier nach dem Ausbruch gewaltsamer bewaffneter Konflikte in ihrer Heimat Zuflucht gefunden. Damals war es meine Aufgabe, die Ernährungslage der Haushalte zu analysieren. Am Tag meiner Abreise hatte sich der Vertreter eines Quartierchefs mit den Worten verabschiedet: «Sie sind uns immer willkommen! Wir fühlen uns weniger verlassen, wenn Sie uns besuchen kommen.»
Zwei Jahre später geht mir bei unserer Ankunft in Mangaïzé die Frage durch den Kopf: «Werde ich heute immer noch willkommen sein, auch wenn ich hier bin, um die Einführung der gezielten Hilfe zu begleiten? Gleich bei der Ankunft habe ich die Antwort. «Sie erwarten euch», ruft mir ein Kollege zu.
Im Lager verteilen das Welternährungsprogramm – die Ernährungshilfsorganisation der UNO – und das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge seit 2014 Einkaufsgutscheine an die Flüchtlinge. Ausserdem leisten sie Nahrungsmittelhilfe für schwangere und stillende Frauen sowie für Kleinkinder.
Das Programm benötigt erhebliche Finanzmittel. Die verfügbaren Ressourcen für das Lager haben sich allerdings drastisch verringert. Die humanitären Bedürfnisse im Niger sind enorm. Die Flüchtlinge aus Mali sind nicht die Einzigen, die Hilfe benötigen. Im Jahr 2017 sind insgesamt schätzungsweise 1,8 Millionen Menschen im Land von Ernährungsunsicherheit betroffen.
Gezielte Hilfe und Familienbegleitung
Um diesen neuen Herausforderungen zu begegnen, unterstützt das UNHCR in Mangaïzé seit 2016 Familien bei der Entwicklung einkommensgenerierender Tätigkeiten. Das Programm soll dazu beitragen, dass die Haushalte finanziell unabhängig werden.
Unser Besuch leitet eine neue Etappe eines langen Prozesses ein, der vor mehr als einem Jahr begonnen hat. Die Flüchtlinge waren an jeder Etappe beteiligt. Begonnen hat es mit der Identifizierung der Haushalte, die Hilfe benötigen, um ihre Grundbedürfnisse decken zu können. Diese Familien werden weiterhin humanitäre Hilfe erhalten.
Bei den anderen Haushalten lässt die zunehmende Selbstständigkeit eine Einstellung der Nothilfe zu. Wie bei jedem Übergang gibt es viele Fragen, es gibt auch Widerstand und die Akzeptanz ist nicht immer einfach. In Zusammenarbeit mit der Regierung ist es unsere Aufgabe, mit den Gemeinschaften zu diskutieren, den Wandel zu begleiten, die Menschen zu beruhigen. Die Flüchtlinge werden weiterhin unter internationalem Schutz stehen und Zugang zu gemeinschaftlichen Dienstleistungen wie Bildung und Gesundheitsversorgung haben.
Während eines Gesprächs ruft uns ein Quartierchef zu: «Sagt es, wenn ihr unserer überdrüssig seid.» Mein Herz schlägt schneller. Ich sehe mich um. Und wenn ich es wäre, oder meine Familie, die hier in diesem Lager sässe? Mit nichts als ein paar Erinnerungen an ein früheres Leben, das man über Jahre aufgebaut hat: ein Haus, Besitztümer, Vieh, eine Familie ... Ohne zu wissen, ob eine sichere Rückkehr in die Heimat jemals möglich sein wird.
Angesichts der Verschlechterung der Lage im Nordosten Malis und des Zustroms Tausender neuer Flüchtlinge weiss ich, dass an eine Rückkehr so bald nicht zu denken ist. Ich kenne das Gefühl der Anteilnahme, das mich überkommt. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mit Flüchtlingen zu tun habe und den Zorn, den sie verspüren, habe ich schon im Nahen Osten gespürt, erlebt und nachempfunden. Ich weiss, dass diese Gefühle der Ungerechtigkeit, der Traurigkeit und bisweilen der Verzweiflung über die Grenzen hinaus universell sind.
Dann muss man die Gespräche mit Menschlichkeit und Geduld wieder aufnehmen, kommunizieren, gemeinsame Lösungen finden. In unserem Empfinden sind wir uns alle ähnlich, und es sind diese Begegnungen, die uns dies erkennen lassen und die, auch wenn sie uns viel abverlangen, die Schönheit meiner Arbeit ausmachen.
Beitrag von Bundesrat Didier Burkhalter zum Welttag der Humanitären Hilfe am 19. August 2017.
«Derzeit sind rund 130 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Schweiz wird auch weiterhin helfen und ihren Beitrag zur Linderung des Leids dieser Menschen und insbesondere der Kinder leisten. Sie setzt sich ein, weil dieses Engagement ihre Wertvorstellungen verkörpert und weil wir damit ein Bild unseres Landes in die Welt hinaustragen, auf das wir in aller Bescheidenheit stolz sein können.»
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