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Wie die Nazis Architektur für ihre Propaganda nutzten
Neuer «Lebensraum» war das zentrale ideologische Ziel der Nationalsozialisten. Mit der Eroberung neuer Gebiete sollten Raumplanung, Städtebau und Architektur als Ausdruck der neuen Siedlungspolitik eine zentrale Rolle spielen. Davon erzählt ein Buch.
Quelle: zvg
Die Ansicht Prags sollte sich komplett verändern. Unter anderem wurde für die Neustadt der Bau von Hochhäusern diskutiert.
Die Architektur und Stadtplanung in der Zeit des Nationalsozialismus orientierte sich stark am Baustil der Antike. Propaganda-, Staats- und Parteibauten wurden bevorzugt im Stil des Neoklassizismus errichtet. Zudem prägten Siedlungsbauten im Heimatschutzstil, Wohn- und Verwaltungsbauten im Stil der moderaten Moderne oder Kasernen, Heeres- und Industrieverwaltungsbauten im pathetischen Funktionalismus das Baugeschehen im faschistischen Deutschland.
Hitler mass die Grösse einer Epoche an den Zeugnissen ihrer Kultur. Je beeindruckender sie sich präsentierten, desto bedeutender die Zeitepoche. Die Architektur nahm dabei eine besondere Rolle ein. Die repräsentativen Bauten der Machthaber und ihrer Planer und Architekten waren vor allem in den Städten zu finden.
Doch nicht nur hier sollten die umfangreichen Baumassnahmen und Umgestaltungen ein Abbild der herrschenden Ideologie und bleibendes Zeugnis geben. Die neu okkupierten oder annektierten Territorien im Osten sollten der Ansiedlung «Volksdeutscher» dienen. Oft war die Vertreibung der angestammten Bevölkerung vorgesehen. Gleichzeitig sollten die Zeugnisse dieser Kulturen ausgelöscht werden. Architektur, Raumplanung und Städtebau spielten hierfür eine Schlüsselrolle.
Quelle: zvg
Ausstellung 1941 in Berlin zur Planung und dem Aufbau im Osten. Besichtigung durch Rudolf Hess.
Das Buch «Die Ökonomisierung des Raums» gibt einen Einblick in die von den Nationalsozialisten an ausgewählten Hauptorten geplanten Projekte im Zeitraum zwischen 1938 bis 1945. Der Autor und Architekturhistoriker Richard Němec bezieht in seine Analyse neben den baugeschichtlichen Zusammenhängen auch die ökonomische Dimension und die personalen Netzwerke mit ein. Denn Entwurf und Bau lagen nicht allein in den Händen reichsdeutscher Planer, immer wieder waren auch lokale Fachkräfte beteiligt.
Bisher gab es wenige öffentliche Informationen über die grossangelegte Planung der Umgestaltung des sogenannten neuen Lebensraums und den schon zeitig bestehenden konkreten Vorstellungen der territorialen und wirtschaftlichen Gestaltung. Methodisch äusserst progressive Architekten entwickelten für den «neuen Osten» ganze städtebauliche Programme und spezifische Architekturprojekte.
Quelle: zvg
Propagandistische Aufnahme für die Ausstellung über die Ostgebiete zum Thema «Der ländliche Aufbau im neuen Osten».
Prototyp Reichenberg
Die Generalsiedlungsplanung wurde in territoriale Einheiten getrennt: den Reichsgau Sudetenland, das Protektorat Böhmen und Mähren, den Slowakischen Staat und Polen. Reichenberg (Liberec), die grösste und wichtigste Stadt Nordböhmens, war als Gauhauptstadt und Prototyp der Neugestaltungsstadt auserkoren worden.
Um sich im Vergleich mit den anderen deutschen Städten als «würdig» zu erweisen, sollte eine grundlegende Umgestaltung erfolgen. Dafür wurde nach städtebaulichen Vorbildern der Reichsarchitektur gesucht, unter anderem Augsburg und Bayreuth, zu denen auch organisatorische oder verwaltungstechnische Parallelen gezogen werden konnten.
Kompetenzstreitigkeiten, mangelnde fachliche Übereinstimmung und nicht zuletzt die topografischen Verhältnisse machten die Planungen zunichte. Reichenberg erhielt weder den angekündigten Bebauungsplan noch das von Hitler geforderte Regierungsviertel oder die Kongresshalle und das Theater. 1943 wurde das Bauprogramm komplett eingestellt.
Quelle: zvg
Plan der Gauhauptstadt Reichenberg: Amtliche Karte 1943 mit einem Ausschnitt der inneren Stadt.
Die Regierungspräsidentenstadt
Gesundheitsbauten spielten in den früheren Bauplanungen der Nationalsozialisten eine untergeordnete Rolle. Denn Kranke und Hilfsbedürftige kannte das NS-Regime zu diesem Zeitpunkt nicht. Die Kur- und Bäderarchitektur wurde daher zunächst vernachlässigt. Erst 1940 erfolgte ein Umdenken. Kurbäder sollen allerdings nicht der Heilung von Erkrankungen, sondern der «Gesundung des Volkes» dienen.
Karlsbad im Reichsgau Sudetenland, einer der ältesten Kurorte Europas, hatten die Nationalsozialisten zur Regierungspräsidentenstadt bestimmt. Die städtebauliche Umgestaltung Karlsbads wurde penibel organisiert und zunächst als rein verwaltungstechnischer, routiniert behördlicher Vorgang abgewickelt.
Deshalb wurde 1939 ein Wettbewerb für einen Kurmittelpunkt ausgeschrieben, an dem sich 115 Architekturbüros beteiligten. Beginnend mit der Ankunft am neuen Bahnhof sollte dem Kurgast ein imposantes Bäderquartier mit hochaufdampfenden Sprudelquellen, umrahmt von einem eingegliederten Säulenhof und anderen städtebaulich dominanten Gebäuden, geboten werden. Zudem waren die Verbreiterung der innerstädtischen Strassen sowie die Errichtung eines neuen Verwaltungszentrums geplant.
Die historisch gewachsene Stadt in Westböhmen sollte mit der baulichen Neugestaltung weit über das Reich hinaus Bekanntheit erlangen und als Weltbadgestaltet werden. Für Karlsbad wurde eine komplette Neuordnung zur funktionalen und modernistischen Stadt angestrebt. Die Stadt sollte als Kurort und wirtschaftlicher und kultureller Mittelpunkt der Region sowie als Wohn- und Geschäftsstadt neu konzipiert werden.
Niederschriften von 1941 belegen, dass eine konsequente räumliche und funktionale Segregation gewünscht wurde, bei der ausnahmslos alle Ämter, Gewerbebetriebe und Wohnungen aus dem Kurgebiet verlegt werden sollen. Für die neue Stadt waren Vergnügungs- und Sportstätten mit Stadion, Übungsplätzen und einem Golfhaus geplant. Zum Vorhaben gehörte ausserdem, das gesamte Infrastrukturnetz zu modernisieren, inklusive eine Höhenbahn auf dem Dreikreuzberg zu errichten.
Diese geplanten Vorhaben sollten unmittelbar nach Kriegsende realisiert werden. Die Umgestaltung fand deshalb nie statt. Der Wettbewerb geriet in Vergessenheit, die Nachkriegsrezeption war gering und zudem umstritten. Einige Veränderungen wurden in Karlsbad aber dennoch realisiert. Neue Wohnsiedlungen wurden angelegt und die Wandelhalle der alten Sprudelkolonnade aus der Zeit der Österreichisch-Ungarischen Monarchie abgerissen und ersetzt. Neu- und Umgestaltungsmassnahmen waren auch für Marienbad, Franzensbad und Teplitz geplant, um gemeinsam als künftige Weltbäder des Grossdeutschen Reichs fit gemacht zu werden.
Quelle: zvg
Die Neugestaltung des Kurortes Karlsbad: Zeichnung aus dem Projekt Nummer 94 von Luis Sichert. Den 1. Preis des 1940 durchgeführten Wettbewerbs erhielten der Aachener Architekt Hans Mehrtens und sein Mitarbeiter Wilhelm Hofmann.
Radikales städtebauliches Konzept
Die Germanisierung war auch für grosse Städte wie Prag vorgesehen. Das Aussehen der Hauptstadt des Protektorats Böhmen und Mähren sollte mittels eines radikalen städtebaulichen Konzepts verändert werden. Dafür wurde eine Gesamtplanung erstellt. Prag inklusive Agglomerationen hatten 1940 bereits über eine Million Einwohner, die zu Besatzungszeiten über 1,5 Millionen Menschen heranwuchsen.
Eine umfassende Raum- und Landesplanung startete, die in Ausbauetappen gegliedert wurde. Priorität hatten unter anderen städtebauliche Massnahmen wie die Trinkwasserversorgung und Abwasserbeseitigung oder das Infrastruktursystem mit Eisenbahn, U-Bahn, Autobahn und dem gesamten Strassennetz. Einen Grossteil der Arbeit nahm zudem die Planung der räumlichen Gestaltung der Hauptstadt samt Grünflächen in Anspruch. Damit sollte die Stadt reguliert und die Bevölkerung in ihrer Freizeit kontrolliert werden.
Neue Planungsgebiete wurden ausgewiesen, dabei Teile der Altstadt zum Abriss freigegeben. Das hätte die völlige Zerstörung der bestehenden gewachsenen Struktur bedeutet. Dafür sollte ein neues Panorama mit prägenden Bauwerken entstehen. Ähnlich wie in der Reichshauptstadt Berlin war eine grosse Transversale mit den prägenden städtebaulichen Komponenten vorgesehen. Modernes Wohnen wurde angestrebt, deshalb sollten in diesem Bereich neue Siedlungen entstehen.
1943 wurden in diesem Rahmen weitere Studien zu Siedlungen in Radlice, Laurenziberg oder Albertov in der Neustadt sowie erstmals über das Thema Hochhäuser ausgearbeitet. Letzteres Vorhaben wurde ebenfalls nicht umgesetzt.
«Die Ökonomisierung des Raums» ist keine leichte Lektüre. Doch ausführliche Beschreibungen und eine grosse Anzahl an Bild- und Kartenmaterial machen die detaillierten Ausführungen nachvollziehbar und überschaubar. Das Buch wurde 2020 mit dem DAM Book Award des Deutschen Architekturmuseums ausgezeichnet.
Quelle: zvg
Pläne für die Gestaltung der Universität von Pressburg (Bratislava), der Hauptstadt der Slowakei.
Buchtipp
Die Ökonomisierung des Raums, Planen und Bauen in Mittel- und Osteuropa unter den Nationalsozialisten 1938 bis 1945
Richard Němec; DOM publishers; 245 × 300 Millimeter; 498 Seiten mit 480 Abbildungen; Hardcover mit Umschlag; ISBN 978-3-86922-168-7; 116,60 Franken.