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Inside | Ein Laker verlässt die Lakers
10.05.2021, 08:00
Daniel Vukovic ist am Lake Ontario aufgewachsen, hat im US-Bundesstaat der 11'000 Seen studiert, am Genfersee Karriere gemacht und am Zürichsee Erfolge gefeiert. Nun geht er aus familiären Gründen zurück an den Genfersee.
Die Tür geht auf, zwei kläffende Hündchen huschen ins Treppenhaus. Sie schnuppern am Besucher und wollen dann von ihm gestreichelt werden. Ein grosser Mann mit Maske steht in der Tür und sagt: «Hi, how are you?» (Anmerkung der Redaktion: Der Besucher ist gegen Corona geimpft). Ein Mädchen und ein Bub schauen hinter den stämmigen Beinen des Mannes hervor.
Sie verlieren ihre Scheu so schnell wie die Hündchen. Der Bub, er heisst Benjamin, spricht etwas Schweizerdeutsch und zeigt dem Besucher sein Zimmer. Stolz präsentiert er seine Werke, die er aus Lego gebaut hat. Seine Schwester Margaux erklärt auf Englisch, was die Hunde am liebsten fressen.
In einer Ecke des Wohnzimmers sitzt der einjährige Hendrik und drückt immer wieder ein laut quietschendes Gummitierchen zusammen. «No, Hendrik, not now!», sagt der Vater und nimmt ihm das Tierchen weg. «You have to be quiet now.»
Hendrik lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und beobachtet den fremden Mann, der mit seinem Vater spricht. Kaum ist das Gespräch in Gang, kommt Benjamin und sagt dem Vater, er solle jetzt mit ihm Lego spielen. Der Vater bittet um Geduld, da er jetzt mit dem Besucher sprechen wolle.
Viel mehr als ein Böser und ein Blocker
Angesichts dieser Familienidylle fragt sich der Besucher, ob er an der falschen Türe geklingelt hat. Schliesslich gilt Daniel Vukovic als harter und böser Spieler. Seit er im Playoff-Final 2010 den Berner Caryl Neuenschwander mit einem filmreifen Uppercut k. o. geschlagen und sich danach neben seinem am Boden liegenden Opfer demonstrativ die Handflächen abgewischt hat, ist er eine Legende. Wikipedia schreibt, seine Stärken seien «insbesondere das harte Körperspiel».
Auch andere Nachschlagewerke und Datenbanken heben die Physis des Verteidigers hervor. Wen wundert's: Vukovic bringt einen Zentner auf die Waage und ist 1.90 Meter gross. Diese Masse kommt ihm auch in einer anderen Disziplin zugute: Neulich feierte ihn der «Blick» als «eifrigsten» Schussblocker der Liga ab.
Auf diese Weise wird man Vukovic überhaupt nicht gerecht. Mit 16 Strafminuten befindet er sich im untersten Drittel der Teamstatistik. Dafür ist er in der wichtigsten Kennzahlen ganz oben: Seine Plus-Minus-Bilanz beträgt +14, der «zweitsicherste» Laker hat bloss eine +7. Wer Vukovic genau zuschaut, entdeckt weitere Qualitäten: Er spielt sehr clever, ökonomisch und pragmatisch. Er findet fast immer die beste und einfachste Lösung.
Oft löst er gefährliche Situationen mit einer einzigen Puck-Berührung. Er lässt die Gegner ins Leere laufen, indem er sie auf dem falschen Fuss erwischt, einen Pass via Bande spielt oder eine Körpertäuschung macht. Das alles sieht so mühelos und einfach aus, dass es die meisten Zuschauer gar nicht wahrnehmen. Wenn Pep Guardiola ein Eishockey-Team trainieren würde, wäre Vukovic sein Lieblingsspieler.
Intelligenz und Pragmatismus
«Wenn niemand über mich spricht, weiss ich, dass ich gut gespielt habe», sagt Vukovic. «Ich habe mir schon als Junior Gedanken darüber gemacht, wie ich erfolgreich sein kann. Ich sprach mit den Coaches, beobachtete andere Spieler und überlegte mir, welche Nische ich finden kann. Ich war nie grossartig in der Offensive. Also nahm ich mir vor, meine Intelligenz zu brauchen und dem Team möglichst effizient zu helfen.»
Stört es ihn, wenn er reduziert wird auf den harten und bösen Spieler, der sich in die Schüsse wirft? «Es ist für mich kein Problem. Die Fans in Genf liebten mich, weil ich als junger Spieler dumme Sachen machte. Aber ich benutze schon lange lieber mein Hirn als meine Fäuste. Meine Coaches und Mitspieler wissen das zu schätzen.»
Toronto, Michigan, Genf und Siebnen
Vukovic ist ein richtiger Laker: Er wuchs unweit des Lake Ontario bei Toronto auf. Er studierte im US-Bundesstaat Michigan, wo es 11'000 Seen gibt. Als er den Bachelor in Finanzen hatte, wechselte er an den Genfersee, wo er elf Jahre spielte, fünf Jahre davon als Assistenz-Captain. Anschliessend kam der Seebube zu den Lakers an den Zürichsee. «Wir haben zwar kein Boot und leben hier in Siebnen nicht direkt am See», sagt Vukovic. «Aber ich liebe das Wasser, die Nähe zum See vermittelt uns ein Gefühl der Heimat.»
Auf dem Instagram-Kanal der Familie ist viel Wasser zu sehen: Mal hält Benjamin auf dem Zugersee einen Felchen in den Händen, mal küssen sich die Eltern an den Ufern des Walensees, mal grinst Benjamin am Strand von Betlis in die Kamera.
In den vergangenen zwei Jahren stiess die Familie Vukovic an ihre Grenzen. Drei Kleinkinder erfordern Aufmerksamkeit und Organisationstalent – besonders, wenn die Mutter Teilzeit arbeitet und der Vater zwei bis dreimal pro Woche in Meisterschaftsspielen Topleistungen bringen muss.
Erschwerend kamen die Corona-Einschränkungen hinzu: Heimschule, die Kitas fuhren ihre Angebote herunter, die Kontakte zu anderen Kindern und befreundeten Familien mussten eingeschränkt werden. Der Vater musste sehr achtsam sein, damit er seine Mannschaftskollegen nicht ansteckte.
Familie braucht stärkeres Netzwerk
Die Vukovics sind an ihrem neuen Wohnort recht schnell bekannt geworden. «Wenn du drei Kinder und zwei Hunde hast und regelmässig die Strasse runter- und raufgehst, fällst du auf», sagt Vukovic. «Wir gingen an die Fasnacht und an den Siebner Markt. Den Kontakt zu unseren Nachbarn fanden wir schnell.»
Trotzdem: Eine Familie mit berufstätigen Eltern und kleinen Kindern braucht ein stärkeres Netzwerk – zum Beispiel Grosseltern und andere Familienangehörige, die regelmässig die Kinder betreuen. Oder langjährige Freunde und Nachbarn. Ein solches in relativ kurzer Zeit in Siebnen aufzubauen, war kaum möglich.
Deshalb haben sich die Vukovics entschieden, zurück nach Genf zu ziehen, wo die Familie verwurzelt ist und die Betreuung der Kinder besser verteilt werden kann. Als Sportler fällt Vukovic der Abschied sehr schwer – besonders nach dem Saisonfinale mit den sensationellen Playoff-Siegen gegen Biel und Lugano. Ob er weiter Eishockey spielen, sich mehr als Familienmann und/oder Finanzexperte betätigen wird, steht noch nicht fest. Sicher ist: Das Engagement bei den Lakers war eine tolle Erfahrung.
Martin Mühlegg