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Die Hitze ist ein fetter Kater
Ich bin ein Schattengewächs. Stellt man mich in die pralle Sonne, dann gehe ich ein wie eine Primel. Ich vertrage die Hitze schlecht, mein Blutdruck wandert in den Keller, und ich habe das Gefühl, dass ein grosser, fetter Kater auf meiner Brust sitzt und mir das Atmen erschwert. Diese Hitzephobie ist familiär bedingt. Schon meine Mutter und meine Grossmutter, beide blond und hellhäutig wie ich, litten unter den hohen Temperaturen. Das einzige Bedürfnis, das ich im Hochsommer habe, ist Schlafen. Mein Traum wäre eine konstante Temperatur zwischen 22 und 25 Grad, so würde ich mich richtig wohlfühlen.
Anhaltende Hitze belastet auch meine Psyche. Ab 30 Grad werde ich ungeniessbar, träge und unkonzentriert. Damit bin ich nicht allein: Eine Studie der deutschen ADAC-Unfallforschung hat ergeben, dass sich jeder siebte schwere Unfall an Tagen mit Temperaturen von mehr als 25 Grad ereignet. Untersucht wurden 12’000 Unfälle in den letzten zehn Jahren.
Es muss ja nicht gleich ein Crash sein, es reicht, dass mit dem Quecksilber der Aggressionspegel steigt, egal ob in der Beziehung, auf der Strasse oder im Büro. In einem Artikel in der «Zeit» habe ich gelesen, dass Hitze tatsächlich feindseliger und impulsiver macht. Diese «heat hypothesis» erforscht seit Jahren auch der Psychologe Craig Anderson von der Iowa State University. Er stellte fest, dass es ab 32 Grad in südlicheren Bundesstaaten mehr häusliche Gewalt, Beleidigungen und Körperverletzungen als in nördlicheren Gebieten gab. Und das Wissenschaftsmagazin «Science» schreibt, dass es, je wärmer es wird, mehr Konflikte zwischen einzelnen Menschen, Gruppen oder sogar Nationen gibt.
Beste Voraussetzung also für mein Geburtstagsfest, das ich am 2. Juli feierte. Aussentemperatur 35 Grad, durch die Schwüle gefühlte 45 Grad. Am liebsten hätte ich den Tag im abgedunkelten Zimmer verbracht, aber eine Party war geplant, das heisst, die Einkäufe machte ich im Schweisse meines Angesichts. Selbstverständlich half mir niemand, als einer meiner vollbepackten Papiersäcke riss und sich die Waren über den Tessinerplatz verteilten. Im Gegenteil, ein junges Bürschchen rief mir noch ein «Würd gern hälfe, aber s’isch z’heiss!» zu und zischte auf seinem Rollbrett an mir vorbei.
Nachdem ich es endlich nach Hause geschafft und die Einkäufe zahlreiche Stockwerke hinaufgeschleppt hatte, wollte ich mich mit einem Schwumm im See belohnen. Leider war ich nach dem Schwimmen so erschöpft, dass ich auf dem Badetüechli einnickte. Eine Viertelstunde reichte für einen Sonnenbrand. Dieser heizte mich auch so richtig auf, als ich in der Sauna, sorry: der Küche, den Apéro vorbereitete. Fluchend schmierte ich Canapés und nippte hin und wieder an einem Gespritzten.
Das war ein Fehler. Da ich wegen der Hitze nichts gegessen hatte, hatte ich bereits um 17 Uhr einen Schwips. Das kann ja ganz angenehm sein, wenn man an einem Sandstrand döst – ist in Anbetracht von 30 erwarteten Gästen aber nicht der ideale Zustand. Die drei Tassen Kaffee und den Liter Mineral, den ich zwecks Ausnüchterung trank, verwandelten mich in eine Wasserfontäne. Die ersten Gratulanten begrüsste ich platschnass. Selbstverständlich hatte sich unterdessen auch mein Make-up verabschiedet, aber das war nur ein Detail.
Der Abend wurde ein Erfolg. Trotz des Hitzekollapses, den eine Freundin ereilte, des rauchenden Autos, das vor der Haustüre den Geist aufgegeben hatte, und einer gereizten Konversation eines Paars, die ich tunlichst überhörte. Nur kein Streit bei 40 Grad! Was dann passieren kann: siehe oben. Was mich enttäuschte: Statt einiger Wünsche und Komplimente – schliesslich freut man sich an diesen Tagen an Sätzen wie «Du siehst keinen Tag älter aus als 40» – hörte ich nur Gejammer: «Mir ist so heiss!»
Die mitgebrachten Blumen liessen schon um 21 Uhr den Kopf hängen. Sie machten mit ihrem desolaten Aussehen den schwitzenden Canapés Konkurrenz. Richtig entspannt wurde es erst, als der Vollmond am Himmel stand und die Temperaturen unter 30 Grad sanken. Endlich konnte ich wieder einigermassen durchatmen, und aus dem Kater wurde ein Kätzchen.
Die Nacht verbrachten mein Liebster und ich, ganz unromantisch, getrennt. Man weiss ja, dass zu hohe Temperaturen das Liebesleben killen. Ich lag also auf dem Sofa mit einem kühlenden Tuch auf der Stirn, meine schnarchenden Hunde zu meinen Füssen. Er beanspruchte das Bett mit dem Ventilator, der so üble Geräusche machte, dass ich das Zimmer fluchtartig verlassen hatte.
In diesem Moment schwor ich mir, dass dies der letzte Geburtstag war, den ich im Hochsommer feiern werde. Sie können mir also das nächste Mal am 2. Dezember 2016 gratulieren.