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Queen Victorias Time-out am Vierwaldstättersee
«Die Aussicht ist wunderschön mit dem See – Pilatus, der Rigi usw. – ich kann meinen Augen kaum trauen, wenn ich mir das ansehe! Es wirkt wie ein Gemälde oder eine Verzierung – ein Traum!» Das überschwängliche Lob für die Landschaft am Vierwaldstättersee stammt von Queen Victoria (1819–1901), die vor 150 Jahren, vom 7. August bis 9. September 1868, die Schweiz besucht. Als sie diesen Tagebucheintrag schreibt, logiert sie in der Privatpension Wallis auf dem Gütsch in Luzern.
Die britische Monarchin ist die mächtigste Frau der Welt, aber sie hadert mit ihrem Leben. Sieben Jahre nach dem Tod ihres geliebten Gatten Albert von Sachsen-Coburg und Gotha ist Queen Victoria immer noch von einer schweren Trauerdepression gezeichnet. Umso mehr belastet sie das politische Geschäft. Die Königin, aus Trauer stets schwarz gekleidet, zieht sich zurück. Sie bekommt den Beinamen «Witwe von Windsor».
Mit der Reise in die Schweiz sucht die Monarchin Erholung und Ablenkung. Und sie möchte neuen Lebensmut fassen. Die Schweiz ist jenes Land, das Prinz Albert, ihr späterer Mann, 1837 bereist hatte. Er hatte begeistert über die Schweiz berichtet und der jungen Königin Souvenirs mitgebracht, unter anderem eine getrocknete, gepresste Alpenrose von der Rigi, die sie, in einem Album aufbewahrt, immer mit sich führte.
Die Sandwiches müssen quadratisch sein
Der Schweiz-Aufenthalt von Queen Victoria ist sehr gut dokumentiert, weil sie ihre Erlebnisse fleissig in ihrem Tagebuch notierte und Briefe schrieb. Daneben malte sie Aquarelle von Berglandschaften und Stimmungsbilder. Queen Victoria kam als Privatperson in die Schweiz, sie hatte keinerlei Lust auf offizielle Empfänge, sie reiste inkognito als «Countess of Kent». Trotzdem hatte die britische Presse Kenntnis davon, sie berichtete aber mit gebührendem Abstand über den Urlaub der «Gräfin von Kent».
Für ihr Time-out in der Schweiz hatte Queen Victoria folgendes Motto ausgegeben: Schlichtheit bei gleichzeitigem Komfort. So liess sie ihre zwei Lieblingsponys und drei Kutschen nach Luzern bringen, ebenso ihr eigenes Bett und weiteren Hausrat. Ausserdem stand ihr auf dem Vierwaldstättersee ständig das Dampfschiff Winkelried zur Verfügung.
Die lokalen Lieferanten der Speisen mussten lernen, solche nach der Sitte des englischen Hofs zuzubereiten, so zum Beispiel Sandwichbrote in quadratischer Form, die mit Butter und Schinken zum Frühstück gegessen werden. Kaum einmal während des Aufenthalts versäumte die Monarchin ihren Afternoon Tea um 17 Uhr.
Bescheidene Monarchin
Queen Victoria war mit einer grösseren Gruppe in der Schweiz unterwegs. Dazu gehörten drei ihrer neun Kinder, der getreue schottische Highland-Diener John Brown, ein Leibarzt, drei weitere Highlander sowie Stallburschen und Gehilfen. Zudem engagierte sie zwei örtliche Dienstmädchen und einen Schweizer Reiseführer. Queen Victoria besuchte Orte, die auch heute als beliebte Touristendestinationen gelten: die Rigi und den Pilatus, das Löwendenkmal in Luzern, den Vierwaldstättersee, die Hohle Gasse in Küssnacht, das Kloster Engelberg, den Gotthardpass und die Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht sowie den Furkapass und den Rhonegletscher.
Auf dem Furkapass nahmen die Königin und ihre Entourage das einzige Gasthaus gleich für drei Tage in Beschlag. Das verärgerte andere Reisende und sorgte für eine Kontroverse, die in den Leserbriefspalten der Berner Zeitung «Der Bund» ausgetragen wurde. Auf die einheimische Bevölkerung machte die Queen fast durchweg einen positiven Eindruck. Die Schweizer waren beeindruckt von der «schlichten Bekleidung» und dem «bescheidenen Betragen» der Monarchin und ihrem Gefolge.
Heilsamer Aufenthalt
Das Bereisen der Schweiz entwickelt sich für Queen Victoria zu einem eigentlichen Genesungsprozess. Die Tagebucheinträge und die Briefe dokumentieren, wie sie angesichts der überwältigenden Natur ihre Seele öffnet und langsam wieder zu sich selbst findet. Die schwermütige Monarchin zeigt sich von ihrer unternehmungslustigen und heiteren Seite. «Das Schweizer Intermezzo hatte der Queen eindeutig gutgetan», schreibt Peter Arengo-Jones, ein ehemaliger Mitarbeiter der britischen Botschaft in Bern, der das Buch «Queen Victoria in der Schweiz» verfasst hat. Hier sei ihre intensive, lange Trauerphase zu Ende gegangen. «In der Schweiz waren ihr der vollkommene Szenenwechsel und die Ruhe zuteilgeworden, nach denen sie so lange gesucht hatte, doch zugleich hatte sie viele Anregungen durch Ausflüge erhalten.»
Während der Regentschaft von Queen Victoria wird das britische Empire gross und mächtig wie nie. Die Königin des Vereinigten Königreichs von Grossbritannien und Irland trägt ab 1876 zusätzlich den Titel Kaiserin von Indien. Das Viktorianische Zeitalter ist nach ihr benannt. Sie stirbt im 82. Lebensjahr am 22. Januar 1901. Victoria regierte 63 Jahre, sieben Monate und zwei Tage lang: Das ist – nach der aktuellen Queen Elizabeth II. – die längste Regierungszeit in der britischen Monarchiegeschichte.
Hinweis: Das Historische Museum Luzern zeigt noch bis am 16. September 2018 die Ausstellung «Queen Victoria in der Schweiz».