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Wie in früheren Jahren ist Dieter Imboden mit seiner Frau an Bord ihrer „Solveig“ auf französischen Kanälen und Flüssen unterwegs und führt für uns ein Tagebuch. Hier der vierte Bericht.
Neben dem kleinen Häuschen an der Schleuse Joigny-sur-Meuse, in dem die Steuerung für den automatischen Betrieb untergebracht ist, steht eine Holzstange, an dem, wie Wimpel an einem Fahnenmast, zwei kleine Schilder befestigt sind. Auf dem oberen – es ragt bis zum Dach des Steuerhäuschens, etwa drei Meter über den Rand des Schleusenbeckens – steht „Wasserstand 1995“, auf dem etwa ein Meter tieferen Schild „Wasserstand 1993“.
Während wir beobachten, wie sich die oberen Schleusentore schliessen und kurz danach unser Schiff in der Kammer zu sinken beginnt, versuchen wir uns vorzustellen, wie es damals hier ausgesehen haben mag: Gelbbraune Wassermassen, welche das in die Ardennen eingeschnittene enge Tal mit seinen Wäldern und Wiesen überfluten und die Erdgeschosse der tief liegenden Häuser der Dörfer im Wasser verschwinden lassen. Auch die Schleuse, in der sich gerade unser Schiff befindet, muss von der Meuse vollkommen bedeckt gewesen sein, ebenso das Nadelwehr, das bei normalem Wasserstand neben der Schleuse das Hauptbett des Flusses staut.
Wie uns ein alter Schleusenwärter später erzählt, musste er zusammen mit seinen Kollegen bei Hochwasserwarnung auf den wackeligen Stegen die einzelnen Holzbalken (die „Nadeln“) Stück um Stück entfernen, um den kommenden Wassermassen die Bahn frei zu geben. Den Niveauunterschied an der Staustufe gab es dann nicht mehr, ja man hätte, wäre man tollkühn genug gewesen, mit dem Schiff mitten im Strom über das überflutete Wehr fahren können, wie man es tatsächlich an der weit zahmeren Saône nördlich von Lyon im Fall von Hochwasser ganz regulär tut. Die Schäden an Gebäuden, Verkehrswegen und Fluren waren damals in Frankreich sehr gross.
Hollands Kampf gegen Fluten
Und wie hat es damals, in den Jahren 1993 und 1995, weiter stromabwärts ausgesehen, in Holland zum Beispiel, wohin das Wasser aus einem grossen Teil von Westeuropa fliesst? Gleichzeitig führten nämlich als Folge starker Regenfälle und gleichzeitiger Schneeschmelze auch die andern beiden grossen Flüsse Hochwasser, der Rhein und die Schelde, welche sich alle in Südholland, im sogenannten Delta, in die Nordsee ergiessen. Tatsächlich kämpfte auch Holland gegen diese immensen Fluten aus dem Osten. Es kam auch hier zu ausgedehnten Überschwemmungen und grossen Schäden.
Doch wenn die Holländer an drohende Überflutungen denken, dann sehen sie die Gefahr nicht primär im Osten bei den grossen Flüssen. Hollands grösster Widersacher war und ist ein anderer: die Nordsee. Im Laufe der Jahrhunderte verschwanden immer wieder ganze Dörfer und Landstriche, die man mit Deichbauten dem Meer abgerungen hatte, in den Fluten, und immer wieder nahmen die Menschen den Kampf mit den Naturgewalten mit dem Mut der Verzweifelten von neuem auf. In neuerer Zeit schrieb vor allem ein Ereignis Geschichte, im direkten und übertragenen Wortsinn. Lassen wir uns von Margriet de Moors Roman „Die Sturmflut“ – er ist nicht ganz zufällig Teil unserer Bordbibliothek – in jene Zeit zurückversetzen, welche Holland verändert hat, physisch, politisch und technisch, mehr noch als der kurz vorher zu Ende gegangene Zweite Weltkrieg,
Um Mitternacht stellt das Radio den Betrieb ein
Der 31. Januar 1953 war ein Samstag. Die Meteorologen hatten aufgrund einer besonderen Druckverteilung über dem Atlantik für Schottland, England, Norddeutschland und Holland orkanartige Winde von Nordwesten vorausgesagt. Zudem standen an diesem Tag Sonne und Mond in jener Konstellation, welche zur Springflut führt.
Die Menschen in Holland waren allerdings solche Situationen gewöhnt und über das Heulen des Windes nicht sonderlich aufgeregt. Noch war man zudem die heute üblichen dramatischen Wetterinszenierungen an Radio und Fernsehen nicht gewohnt. Fernsehen gab es in Holland noch keines, und die Radiostationen stellten um Mitternacht ihren Betrieb ein, Stürme hin oder her.
An jenem Samstag entscheiden die beiden Töchter einer Amsterdamer Arztfamilie spontan eine Art Rollentausch. Lily, die ältere, freut sich auf eine Gelegenheit, ohne ihren Mann und ihre zweijährige Tochter mit dem Citroën ihres Vaters wieder einmal übers Land zu fahren, um anstelle ihrer jüngeren Schwester Armanda mit deren Patentochter und ihrer Familie über das Wochenende auf der im Delta liegenden Insel Schouwen-Duiveland einen Geburtstag zu feiern. Armanda ihrerseits begleitet Lilys Ehemann an eine Party bei Freunden in Amsterdam. Alle Beteiligten freuen sich über ihre Pläne; eine Sturmwarnung, wie sie in jedem holländischen Winter mehrmals ausgesprochen wird, kann diese Freude nicht trüben.
Keine Ahnung, was noch kommt
Wir verfolgen die Autofahrt der munteren Lily am Nachmittag jenes Samstags, wie sie bei Maassluis mit einer Fähre die Maas überquert (noch gab es viele der Brücken nicht, welche heute Hollands Provinzen verbinden) und später mit einer andern Fähre über den Hollands Diep zur Insel Schouwen-Duiveland übersetzt. Der orkanartige Wind drückt unterdessen aus der Nordsee das Wasser in die Meeresarme des Deltas, ins Grevelingenmeer und in die Oosterschelde, und lässt zusammen mit dem Ansteigen der Gezeiten den Wasserspiegel bis an den obersten Rand der Deiche der Delta-Inseln, Goedereede-Flaaken, Schouwen-Duiveland und anderer, ansteigen.
Lilys Fähre kämpft unterdessen mit den meterhohen Wellen und schafft es gerade noch bis zur Insel. Es sollte für viele Tage die letzte Überfahrt einer Fähre sein, aber die Menschen, mit ihnen Lily, finden zwar die Überfahrt ziemlich stürmisch und müssen vereinzelt sogar gegen Seekrankheit kämpfen, aber man ist in erster Linie froh darüber, es noch geschafft zu haben, und hat keine Ahnung, was in dieser Nacht noch auf sie wartet.
Flucht auf den Dachstock
Lily fährt mit ihrem Auto von der Landestelle zum kleinen Familienhotel in Zierkezee, wo das angekündigte Familienfest stattfindet. Als sich die Gäste gegen Mitternacht auf den Heimweg machen und Lily sich in ihrem Gästezimmer zur Ruhe legt, ist der Sturm noch immer kein wirkliches Thema. Nur zwei Bauern, der eine der Deichvogt eines der grossen Polder, in dem auch ihre beiden Höfe liegen, beginnen sich ernsthaft Sorge zu machen, als ein Nachbar von einer verrosteten Schleuse berichtet, welche er dringendst zu schliessen habe. Der Deichvogt leiht ihm sein Auto, doch als dieser nach einer Stunde nicht zurück ist, beginnt der Deichvogt langsam zu realisieren, dass es hier tatsächlich um weit mehr gehen könnte als um einen normalen Wintersturm. Weil er sein Auto ausgeliehen hat, klopft er kurz gegen 2 Uhr – es ist unterdessen Sonntag, der 1. Februar 1953 – an Lilys Zimmertür. Lily, die bereits geschlafen hat, entschliesst sich kurzerhand, dem Deichvogt nicht nur ihr Auto zu leihen, sondern gleich selber mitzufahren.
Zusammen fahren sie an einen Hafen im Norden der Insel, wo die Wellen bereits über den notdürftig mit Holzbalken versperrten Zugang zur Landungsstelle schlagen. Jetzt wird sich der Deichvogt des ganzen Ausmasses der hereinbrechenden Katastrophe bewusst. In Panik fahren sie zu den verstreuten Höfen, um die Bewohner zu warnen. Als sie schliesslich vor dem eigenen Haus des Deichvogtes anlangen, um dessen Mutter zu holen, hören sie, wie eine entfesselte Herde von Büffeln, das Meer heranrollen. Die schlecht unterhaltenen Deiche im Süden der Insel hatten dem Wasserdruck nicht standgehalten und waren geborsten. Mit letzter Not können sie sich in den Dachstock des Hauses retten. In kürzester Zeit reicht das wie ein wilder Fluss daherströmende Wasser bis knapp unter den Dachboden. In den unteren Wohnräumen hören die Menschen, wie die Möbel vom Wasser herumgewirbelt werden und ganze Löcher in die Hauswand reissen.
Gerettet wird niemand
Seit der Tsunamikatastrophe von 2004 wissen wir, wie eine solche Wasserwalze aussieht und was sie anrichtet. Damals auf den Inseln im Delta fand das Drama im Dunkeln und sozusagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. In den Städten des Festlandes hatte man bis zum Montag keine Ahnung über die Situation auf den Inseln, denn alle Kommunikationskanäle waren unterbrochen. Viele Menschen, so auch die Gruppe in Margriet de Moors Geschichte, überlebten die erste Flutwelle. Nach jener Nacht, in der keine Ebbe stattfand, fegte die zweite Sturmflut, noch heftiger und höher als die erste, im Laufe des Sonntags die letzten Rettungsinseln weg, Hausdächer, überflutete Deiche, schwimmende Hausteile. Irgendwann reisst die Flut die Resten des Hauses aus der Verankerung. Einige ertrinken sofort, andere überleben noch für Stunden auf Trümmerteilen, aber gerettet wird niemand.
Natürlich, die Geschichte von Lily und ihrer Schwester, die zuhause von Lily sozusagen Mann und Kind erbt, ist erfunden, aber nicht unreal. In jenen 24 Stunden starben 1835 Menschen in den Fluten; allein in Zeeland, zu dem die überfluteten Inseln gehören, waren es 873. Viele wurden nie gefunden; sie wurden von den abfliessenden Fluten in die Nordsee gespült und erlitten als mit der Scholle verbundene Bauern das gleiche Schicksal wie Seeleute.
Epilog
„Nie wieder“ mögen sich viele Holländer damals gesagt. Die Sturmflut von 1953 gab den Anstoss für den ehrgeizigsten Plan, den Ingenieure je gehabt hatten, den Delta-Plan. Die Mündungen von Grevelingermeer und Oosterschelde sollten mit einem gigantischen Wehr für immer gegen die drohende Nordsee geschützt werden. Das gesamte technische Wissen der Wasserbauer wurde für die Entwicklung dieses Projekts mobilisiert. An der TU Delft entstand eines der renommiertesten Wasserbauinstitute, das über Experimentiereinrichtungen verfügte, in denen in verkleinertem Massstab einzelne Teile des Werkes geprüft und optimiert werden konnten. Seit vielen Jahren steht dieses Werk nun in Betrieb; die Schutzanlagen haben sich bis jetzt bestens bewährt.
Auch in Frankreich haben die beiden Hochwasser an der Meuse bei den Behörden den Entschluss reifen lassen, die Nadelwehre durch mechanisch regulierbare Wehre zu ersetzen, wie sie heute bereits im belgischen Teil der Meuse vorhanden sind. Allerdings musste es eine Weile gedauert haben, bis die Planung abgeschlossen und das nötige Geld vorhanden war. Erst jetzt sind die Arbeiten im Gang; während der letzten Tage fuhren wir auf unserer Reise Richtung Holland an mehreren Grossbaustellen im Fluss vorbei.
Für den technischen Nostalgiker mag das Verschwinden genialer Einrichtungen aus früheren Zeiten eine schlechte Nachricht sein. Ihm kann ich immerhin einen kleinen Ersatz bieten: In der Schweiz ist die anstrengende und gefährliche Arbeit an einem Nadelwehr noch immer zu beobachten, in Luzern nämlich, wo der Abfluss der Reuss und der Wasserstand des Vierwaldstättersees ohne hydraulische Hilfe reguliert werden.