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Caritas Melle, Belgien
«Petrus Jozef Triest» gehört zur Anlage des Psychiatriezentrums der Caritas-Stiftung im belgischen Melle. Zusammen mit vielen weiteren Gebäuden wurde das Haus 1908 nach dem damals für Krankenhäuser vorherrschenden Konzepts des «Pavillon-Systems mit Landschaftsgarten» gestaltet. Die ausgewogene Gesamtkomposition der repräsentativen Fassaden mit aufwendig gestalteten Klinkerwerken und der geschwungenen Geometrie der Gartenanlage stellt auch heute noch einen wichtigen Erholungsraum für die Patienten dar. Im Rückblick auf seine Entstehungszeit wird jedoch deutlich, dass das Konzept durchaus auch dazu diente, die tatsächliche Funktion hinter der repräsentativen Architektur zu verschleiern. Nichts sollte von aussen darauf schliessen, dass es sich um eine psychiatrische Einrichtung handelt! Doch dass eine Psychiatrie genauso viel Aufmerksamkeit in der Gestaltung erhielt wie ein klassisches Krankenhaus, weist umgekehrt auch darauf hin, dass sowohl die Akzeptanz psychischer Erkrankungen als auch die Psychiatrie als Wissenschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Stück weit in der Gesellschaft angekommen waren. Dieses Verdienst kommt besonders ihrer Vorgängereinrichtung, dem St.-Jozef-Heim zu, das 1808 von dem Kanoniker Petrus Jozef Triest in Gent gegründet worden war und zum Ziel hatte, die Behandlung psychisch Kranker zu verbessern. Von einer medizinischen Betreuung konnte nämlich bis dato kaum die Rede sein. Vielmehr lebten die Erkrankten in Waisenhäusern und wurden wie Strafgefangene unter prekären Bedingungen gehalten.
Dieser medizinische Pflegeansatz geht auf den damals leitenden Chefarzt Joseph Guislain (1797 – 1860) zurück, der in Belgien heute als Begründer der modernen Psychiatrie gilt. Mit ihm ist das St.-Jozef-Heim zur Modell-Institution für viele weitere Einrichtungen geworden, auch über die Landesgrenzen hinaus. Hier pflegte man die Kranken erstmals auf humane Weise, ja nahm sie überhaupt als Kranke wahr. Man befreite sie von ihrem bisherigen Strafgefangenen-Dasein. Als 1903 durch die Industrialisierung auch in Gent die Bevölkerung zu explodieren drohte und damit auch die Krankenfälle zunahmen, plante man das Heim zu vergrössern und ausserhalb der Stadt Gent anzusiedeln. Daraufhin kaufte das St.-Jozef-Heim ein Jahr später in Melle, südlich von Gent, ein Stück Land. Nachdem die neue Anlage 1908 eröffnet worden war, wurde das alte St.-Jozef-Heim in der Stadt geschlossen. In Erinnerung daran erhielt eines der neuen Pavillongebäude den Namen St. Jozef. Dank der Verteilung auf unterschiedliche Gebäude konnte jede Abteilung in sich abgeschlossen und je nach Grad der Erkrankung entsprechend agieren. Während das eine als «Überwachungsabteilung» diente, konnten beispielsweise auch «ruhige» oder «unruhige» Krankheitsbilder in getrennten Häusern betreut werden, ohne dass sie sich gegenseitig störten.
«Healing Environment»
Heute, weitere hundert Jahre später, erfüllen einige dieser Pavillongebäude ihren funktionalen Zweck nicht mehr. Die mittlerweile etwas verblassten repräsentativen Fassaden sind jedoch untrennbarer Teil der baulichen Komposition der Anlage. Der Bedarf an neuen tauglichen Räumlichkeiten ist indessen ungebremst. Dringend nötig wurde in der Zwischenzeit eine Kriseneinheit und eine neue Kinderpsychiatrie. Dafür sollten die alten Pavillons «Ghislaine», «Wasserij», «Lente und «Sint Jozef», die bereits einige Jahre leer gestanden hatten, neuen flachen Pavillongebäuden weichen – oder dem, was man heute unter einer modernen Pavillon-Architektur versteht. Im Bereich des Gesundheitswesens manifestieren sich die Herausforderungen einer sich stetig wandelnden Gesellschaft auf besondere Weise, nicht nur in medizinischer Hinsicht. Sie zeichnen sich deutlich in Form eines angestrebten Imagewandels der gesamten medizinischen Branche aus, der gerade auch für Architekten neue Herausforderungen bedeutet.
Seit einigen Jahren gibt es deshalb unterschiedliche Tendenzen, vom Krankenhaus zu einem Gesundheitsbau zu gelangen. Mit Konzepten wie «Healing Environments» rücken neue Aufgaben für Architekten in den Mittelpunkt, die interdisziplinäre und prozessorientierte Planungen sinnvoll erscheinen lassen, um die zu verändernden Anforderungen aus erster Hand des Benutzers zu erfahren. Ein Krankenhaus, das eine positive Wirkung sowohl auf seine Patienten als auch auf die Angehörigen besitzt, kann für alle am Ende nur Vorteile bringen. Das gilt für das Innenleben einer Klinik, deren Abläufe häufig sehr komplex sind, weshalb sie zunächst nur nach medizinischen, technischen und wirtschaftlichen Optimierungen ausgerichtet werden. Es gilt aber auch für das, was darum herum geschieht. Im Falle der Erweiterungsbestrebungen der Caritas-Stiftung in Melle hat man dafür das Architekturbüro aDVVT – architecten de vylder vinck taillieu – in Gent in Kooperation mit BAVO, die den Masterplan und die Projektkoordination übernahmen, ins Boot geholt.
Mitsprache und Selbstbestimmung
Um die neuen Anforderungen besser erfassen zu können, entschieden sich die Planer früh, den direkten Kontakt zu den Nutzern zu suchen. Das Besondere dabei aber war, dass sie nicht nur Ärzte und Krankenschwestern für die Bauaufgabe an einen Tisch holten, sondern auch die Patientinnen und Patienten. aDVVT und BAVO stellten die provokative Frage in den Raum, was wäre, wenn es auch den Patienten erlaubt wäre, den Raum, der sie tagtäglich umgibt, mitgestalten zu können und ihnen damit eine ganz ungewohnte Art der Selbstbestimmung geboten würde: nämlich Produzent einer erholungsorientierten Umgebung zu werden. Und tatsächlich, der intensive Austausch und die gemeinsame Erarbeitung einer räumlichen Umsetzung halfen den Architekten, die Abläufe und Strukturen, aber eben auch die Wünsche beziehungsweise Missstände im Gebäudebestand zu hinterfragen und die laufende Planung des Masterplans und des vorgegebenen Raumprogramms noch einmal kritisch zu hinterfragen. Nach einigen Konsultationen – man hatte dafür die verlassenen Räumlichkeiten des St.-Jozef-Pavillons genutzt – kristallisierte sich unter den Patienten ein Wunsch heraus, der die ganze Planung auf den Kopf stellte: Der Wunsch nach einem eigenen Rückzugsort, nach einem Raum, in dem man sich, fernab vom Klinikalltag, ungestört treffen oder allein verweilen könnte!
Kurz zuvor hatte ein Patient die enormen Kosten für die geplanten Fassaden der neuen Gebäude hinterfragt. Warum wurde dieses Geld nicht in das Innere der Klinik gesteckt? Besteht der Klinikalltag für Patienten letztlich nur aus abwaschbaren Möbeln und Fernsehen? Welche Dinge sind denn wirklich wichtig, damit sie dem Kranken zugutekommen? Aber es gab auch Zweifel. Wäre es nicht etwas vermessen, die komplexe Wirklichkeit der psychiatrischen Versorgung zu erschüttern und einen vollkommen neuen Ansatz zu wagen?
St. Jozef als Katalysator
In der Natur – man denke nur an einen Spaziergang durch den Park – findet wohl jeder leicht und schnell Erholung. Die Caritas-Stiftung mit ihrer historischen Parkanlage besass zum Flanieren eigentlich schon perfekte Bedingungen. Jedoch immer mit der Einschränkung, sich nirgendwo ungestört niederlassen zu können und immer wieder unter Beobachtung zu stehen. In den leer stehenden Räumen des St.-Jozef-Pavillons war man während der Konsultationen hingegen immer geschützt. Statt den St.-Jozef-Pavillon wie im Masterplan vorgesehen abzureissen, wurden seine Räumlichkeiten und ihre historische, funktionslos gewordene Hülle zur Projektionsfläche des Wunsches der Patienten – das war der perfekte Rückzugsort! Glücklicherweise hatte sich der Abriss durch die aufwendigen Altlastsanierungen um einige Monate verzögert.
Ein Rückzugsort, der genügend Erholung bieten will, sollte sich unter freiem Himmel befinden. Ein Platz würde es schaffen, diese Anforderung und den gewünschten Treffpunkt miteinander zu verbinden – er bleibt jedoch einsehbar. «St. Jozef» als klassisches Haus zu erhalten wäre für das Vorhaben jedoch überdimensioniert gewesen.
Petrus-Jozef-Triest-Platz
Deshalb schlugen aDVVT und BAVO vor, das Haus stärker mit dem landschaftlichen Kontext zu verknüpfen und teilweise abzubrechen, um es als offene Struktur – eine gemachte Ruine – mit dem Landschaftspark zu vermählen. Aber auch dieser Prozess der Umdeutung vom Haus zum Platz wurde auf der Grundlage eines Modells mit den Nutzern gemeinsam vollzogen. Am wichtigsten war für die Patienten, im Gebäude keinerlei Sichthindernisse zu haben.
Deshalb verbindet nur ein Netz aus Wegen die verschiedenen Rückzugsorte miteinander, die als Gewächshäuser in Bezug zum Gartenthema interpretiert werden. Gerade die Vorschläge der Patienten bildeten eine starke Argumentationsgrundlage für die Beibehaltung von bestimmten Ideen, die aus pragmatischen Gründen ab und zu gefährdet schienen, doch fallengelassen zu werden. Die Räumlichkeiten sind so flexibel wie möglich gestaltet, sodass sie auch für zukünftige Anforderungen offen bleiben. «Petrus Jozef Triest» ist heute ein Platz – aber ein Platz, der fast alle Attribute eines Hauses besitzt. Es ist ein bisschen so, als ob der unausgesprochenen Gedankenwelt der Patienten zur Realität verholfen worden wäre.
Und es bleibt zu hoffen, dass sich der Ruf der Caritas Melle als psychiatrische Modell-Institution erneuern kann und über die Landesgrenzen hinaus ausstrahlt.