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Es geschah am helllichten Tag
Als Félix Vallotton 1897-98 seine Holzschnitt-Serie «Intimités» schuf, hielt er auf jedem der zehn Blätter ein Liebespaar fest. Alle sind äusserst elegant gekleidet und befinden sich in gediegenen Wohnungen. Es ging dem Schweizer Künstler (1865-1925) aber keineswegs darum, traute Zweisamkeit zu zelebrieren oder eine harmonisch-glückliche Verbindung in verschiedenen Konstellationen durchzuspielen. Vielmehr zielte er kritisch auf die Doppelmoral der damaligen Pariser Gesellschaft ab.
Radikale Erneuerung
Vallotton lebte ab 1882 selbst in der französischen Metropole und wurde dort rasch für seine Holzschnitte geschätzt – eine Technik, die er virtuos beherrschte und radikal erneuerte. Er betonte nicht mehr wie früher die Linie, mit der das Motiv herausgearbeitet wird, sondern konzentrierte sich vorzugsweise auf die Flächen: Mit seinem Schneidemesser hob er ganze Partien aus dem Holz heraus, gewisse Bereiche wiederum bearbeitete er gar nicht. Auf diese Weise gelang es ihm Bildräume zu kreieren, in denen einerseits das Flächige betont wird – ähnlich wie im japanischen Holzschnitt, den Vallotton so schätzte. Andererseits konnte er manche Dinge in der Schwebe lassen und nur andeuten. Das Blatt «L’Argent» (1898) zeigt dies beispielhaft. Der Anzug des Mannes geht direkt und ohne Trennlinie in den beschatteten Wohnraum über und bestimmt zugleich die Silhouette der Frau. Vom Raum selbst sind nur das Fenster mit Brüstung, Vorhang und einem Mauerteil zu sehen, alles andere bleibt im Dunkeln verborgen. Wie kühn ist diese Komposition, die zu zwei Dritteln aus pechschwarzer Fläche besteht! Und wie treffend vermittelt das Schwarz eine ganz spezifische geheimnisvolle Stimmung! Die ganze Szenerie ist fast wie auf einer Theaterbühne inszeniert.
Kehrseite der bürgerlichen Fassade
«L’ Argent» – der Titel des Blattes gibt der Darstellung eine zwielichtige Note. Hat sich die Frau etwa für ihre Dienste bezahlen lassen? Solcherlei unmoralischen oder kritischen Anspielungen sind auf allen Blättern zu finden: Frauen mit ihren Liebhabern oder umgekehrt Männer mit ihren Geliebten, Paare auf ungemachten Betten und Eheleute, die verstockt nebeneinandersitzen. Alles bleibt subtil angedeutet und doch wird gerade über die kurzen Titel klar, dass es sich in den Blättern um Beziehungen in Schieflage oder Ehebrüche handelt. Beim eng umschlungenen, sich küssenden Liebespaar auf «Cinq Heures» (1898) könnte es sich, für sich genommen, um ein leidenschaftliches Ehepaar handeln. Doch der Titel «Fünf Uhr» entlarvt auch diese Personen als Betrügende. 17 Uhr war damals die Stunde heimlicher Liebe, bei der man die herrschende Moral ablegte und Ehebruch beging. Dieser Betrug am helllichten Tag war in der Pariser Gesellschaft wohlbekannt. Der Titel von Vallottons Holzschnitt lenkte die Betrachterinnen und Betrachter des Holzschnitts deshalb sofort in die richtige Richtung, und man verstand sehr wohl, dass er damit die Doppelmoral der gutbürgerlichen Gesellschaft kritisierte.
Abbildungen der ganzen Serie aus dem Besitz der Graphischen Sammlung ETH Zürich sind im Sammlungskatalog Online zu finden.