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Ein Papablog von Maurice Thiriet.
Nächstes Jahr werde ich mit meinen beiden Söhnen ans Oktoberfest gehen.
Als ich mit meinen Jungs am diesjährigen Oktoberfest vorbeikam, da wollte ich es zuerst ignorieren. Es war etwa vier Uhr an einem Freitagnachmittag im Coop Center Eleven in Oerlikon und an den mit weiss-blau karierten Tischtüchern dekorierten Festbankgarnituren sassen vereinzelt oder in Zweiergrüppchen eine Handvoll IV- und sonstige Rentner. Zwei Seniorinnen, beide mit diesem rätselhaften Violett-Stich in den Haaren, mussten sich gegenseitig beim Heben der Masskrüge helfen, sonst wären sie gar nicht zum Trinken gekommen und ein dicker Mann mit oben Glatze und hinten langen weissen Haaren prostete mit seinem Bierkrug besoffen aber stolz den Passanten zu.
In der Kapelle, die zur Hauptsache aus einem alten Sinalco-Sonnenschirm bestand, spielten ein Alleinunterhalter südostasiatischer Herkunft und ein Gitarrenspieler aus den bolivianischen Anden «Sweet Caroline» von Neil Diamond in der Version von Elvis Presley. Beide trugen Lederhosen, Karohemden und Trachtenwesten. Am anderen Ende des Oktoberfestes stand ein Inder hinter einem Gasgrill. Er erinnerte stark an Alfred Biolek und briet in Selbstgespräche vertieft «Hendl», die er garniert mit Gurkensalat und weissem Plastikbesteck den Rentnern servierte.
Es sah einfach alles nicht ganz richtig aus.
Wir waren schon fast vorbei, als mich eine ausladend gebaute Frau in einem zwei Nummern zu kleinen Dirndl am Arm fasste und fragte, ob wir nicht beim Bierkrug-Curling mitmachen wollten. Dazu hätten wir einen Bierkrug über ein langes geöltes Holzbrett zielgenau in ein kleines Holz-Häuslein schupfen sollen. Obwohl meine Söhne unverhohlen Interesse zeigten, lehnte ich ab, denn es gab eine Schlange vor dem Bierkrug-Curling und man musste zur Teilnahme seine Daten samt Name und Adresse zuhanden eines nicht mehr eigenständigen Schweizer Brauerei-Konzerns auf einen Talon schreiben. Ich glaubte ausserdem, dass die Vespa, die als Hauptgewinn winkte, gar nicht existierte.
Wenig später in der Gemüse-Abteilung realisierte ich, dass der kleine Sohn, in unserem Einkaufsauto stehend, strahlend zu «Sweet Caroline» von Neil Diamond in der Version von Elvis Presley tanzte. Der grössere Sohn liess den Arm zum Fenster des Einkaufsautos raushängen und winkte gelegentlich dem besoffenen Proster zurück.
Als ich den Kleinen so tanzen und den Grossen so winken sah, wurde mir schlagartig bewusst, was für ein stierer Langweiler ich letzthin geworden bin. Noch vor fünf Jahren hätte ich an einem Freitagnachmittag um vier Uhr keine Sekunde gezögert, mich am Oktoberfest des Oerlikoner Coop Center Eleven zu «Sweet Caroline» mit den Altersresidenz-Schönheiten von Zürich-Nord vollaufen zu lassen und gegen IV-Rentner im Bierkrug-Curling um eine nichtexistente Vespa anzutreten.
Dieses Jahr hatten wir wirklich noch viel zu erledigen. Aber nächstes Jahr machen wir das.
Maurice Thiriet ist seit 2008 Inlandredaktor beim «Tages-Anzeiger». 2011 wurde er mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.