Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03460.jsonl.gz/136

Prof. Dr. Michel Fernex 1929 – 2021
Auf einer Kommode in Michel Fernex’ altem Herrschaftshaus im Elsässischen Biederthal liegt die reiche Vergangenheit fein säuberlich ausgebreitet: Bilder seiner verstorbenen Frau Solange, einer französischen Friedens- und Umweltaktivistin, Briefe aus Afrika an seine vier Kinder, Publikationen aus einem langen Forscherleben. An der Wand über dem Kamin hängt ein Poster in knalligen Farben: L’écologie c’est la vie.
Faszination Umwelt
Die Umwelt schlug Michel Fernex früh in ihren Bann: «Ich kannte die Namen der Vögel, bevor ich die Namen meiner Eltern kannte», sagt er. Sein Biologielehrer am Gymnasium in Genf förderte seine Begabung. Zusammen planten sie für die Zeit nach Schulabschluss eine wissenschaftliche Expedition nach Libyen. Während der Lehrer antike Schriften entziffern wollte, sollte Fernex Schnecken untersuchen, die sich im Schatten grosser Steine vermehrten. Doch der Traum von einer gemeinsamen Reise platzte, als sich sein Biologielehrer auf die Stelle eines Professors an der Universität Genf bewarb.
Tropenmedizin und Afrika
Fernex schrieb sich für ein Medizinstudium ein und besuchte den Allgemeinen Tropenkurs am Tropeninstitut in Basel. 1955 reiste er zum ersten Mal nach Afrika. Sein Bruder führte ein Spital in Sibiti, einer kleinen Stadt in der damaligen französischen Kolonie Kongo. Die Menschen litten an Malaria, an Tuberkulose und Typhus. Und dann wurde eines Tages dieses junge Mädchen eingeliefert. Ihre Lippen zitterten und ebenso ihre Hände. Fernex untersuchte ihren Hals auf Knoten und diagnostizierte eine Schlafkrankheit. «Es war der erste Fall von Schlafkrankheit, den ich behandelt habe» erinnert sich Fernex. «Und wohl die schwierigste Prüfung meiner ganzen Karriere».
Neue Medikamente gegen Malaria
Zurück in der Schweiz erklomm Fernex rasch die Karriereleiter. Er wurde zuerst Leiter der Medizinischen Abteilung des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts (Swiss TPH), später leitete er die Abteilung Infektiologie der Hoffmann-La Roche. In dieser Funktion entwickelten er und sein Team neue Medikamente gegen die Malaria. Zum Beispiel Fansidar, eine Kombination aus den beiden Wirkstoffen Sulfadoxin und Pyrimethamin. «Erfolge gegen Infektionskrankheiten wie Malaria lassen sich nur durch eine Kombination verschiedener Wirkstoffe erzielen», sagt Fernex. Wirkstoff-Kombinationen machen es dem Malaria-Parasiten schwerer, Resistenzen gegen ein Medikament herauszubilden. Auch an der Entwicklung von Mefloquine waren die Wissenschaftler um Michel Fernex in Basel massgeblich beteiligt. 1985 brachte Roche das Produkt unter dem Namen «Lariam» und in Kombination mit Fansidar als «Fansimef» auf den Markt. Doch kurz nach der Markteinführung häuften sich die Berichte von zum Teil gravierenden Nebenwirkungen wie Angstzustände und Paranoia. «Wenn Sie 1000 Personen mit Fansimef behandeln, dann passiert nichts, aber bei 100'000 treten unerwünschte Nebenwirkungen auf», sagt Fernex. Eine Katastrophe für ein Chemieunternehmen, für welches die Entwicklung von Malaria-Medikamente ohnehin kein einträgliches Geschäft bedeutete. 1997 hat sich der Chemiekonzern deshalb von der Forschung und Entwicklung neuer Medikamente gegen Armutskrankheiten verabschiedet.
Kampf gegen Nuklearwaffen
Zu diesem Zeitpunkt war Michel Fernex bereits nicht mehr für die Roche tätig. Mit seiner Frau widmete er sich nun vermehrt der Rettung historischer Häuser im Sundgau, der Natur und vor allem dem Kampf gegen Nuklearwaffen. «Der zweite Weltkrieg hat das Leben meiner Frau Solange dramatisch verändert», sagt Fernex. Ihr Vater ist an der Front gefallen. «Der Kampf für den Frieden steckte ihr in den Genen». Sie engagierten sich bei den «ÄrztInnen für soziale Verantwortung und zur Verhütung eines Atomkrieges» (IPPNW) und kämpften gegen die sowjetischen und amerikanischen Atomwaffenversuche in Kasachstan und in Nevada. Nach der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl gründeten sie in ihrem Haus den Verein «Enfants de Tchernobyl Belarus», der sich den jüngsten Opfern der Katastrophe annimmt. Nach dem Tod von Solange Fernex 2006 ist es ruhiger geworden im Bauernhaus im Biederthal. «Ich bin dankbar für die reiche Zeit, die wir zusammen verbringen durften», sagt Fernex. Am 02. Oktober 2021 ist Michel Fernex seiner Frau Solange auf die letzte Reise gefolgt.