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Baden Nord
Projektwettbewerb, 2009, 4. Preis
Areal und Stadtraum
Fünfzehn Jahre nachdem das von Diener und Diener entworfene städtebauliche Konzept im Entwicklungsrichtplan der Stadt Baden festgesetzt wurde, hat sich das ehemalige Werkareal der ABB stark verändert: aus der einst abgeschlossenen «Industriestadt» entwickelte sich einer der urbansten und dichtesten Räume Badens. Nebst einer Vielzahl von ABB-Tochterfirmen und -ablegern siedelten sich auch verschiedene KMU hier an. Aus dem industriell-gewerblich geprägten Quartier ist ein Dienstleistungsviertel entstanden.Stadträumlich bestehen die Qualitäten des ehemaligen Werkareals weiterhin: sie äussern sich im pragmatischen, orthogonalen Raster der Gesamtanlage, in scheinbar zufälligen Leerräumen, die heute als vielfältige Aussenräume funktionieren und im durchgehenden Asphaltboden ohne Absätze und Trottoirs, worauf die grossen Baukörper ohne Sockelausbildungen stehen. Die Brown-Boveri-Strasse und der Kreuzweg sind die einzigen durchgehenden Erschliessungsachsen für Autofahrer, Velofahrer und Fussgänger im Areal. Sie sind im Stadtplan – vergleichbar einem römischen Stadtgrundriss – als sich kreuzende Achsen erkennbar.
Baukörper und Höhenentwicklung
Die vorgeschlagenen Hochhäuser fügen sich selbstbewusst ins bestehende orthogonale Raster des ehemaligen Werkareals ein. Ihre Stellung und Eingangssituation bindet die Häuser direkt an das beschriebene Achsenkreuz von Brown-Boveri-Strasse und Kreuzweg an, hebt damit ihre Bedeutung für Baden Nord hervor und ergibt eine einfache Adressbildung bei allfälliger Fremdvermietung.
Die beiden Körper sind in Volumen und Geometrie affin. Die einfachen Grundrissgeometrien der je leicht verzogenen Rechtecke steigern die plastische Präsenz der Körper, reagieren auf geringe Verdrehungen im Stadtgrundriss (Hochhaus Ost) oder sorgen für aussenräumliche Dekompressionen (Hochhaus Nord) – in vergleichbarer Weise wie dies der PowerTower über leichte Brechungen der Volumetrie erreicht. Während die gerichtete Grundrissfigur des Hochhauses Ost seine städtebauliche Stellung am Ende des Kreuzweges und die Parallelität zum Gleisstrang thematisiert, verhält sich das Hochhaus Nord zentrisch und erzeugt so eine stadträumliche Verdichtung in der dreiseitig von Bauten besetzten Situation. Diesen Absichten folgt auch die Höhenentwicklung der beiden Häuser: das Hochhaus Ost (rund 65m) erhebt sich deutlich über die umliegenden Bauten, akzentuiert den östlichen Abschluss des Areals und verweist übergeordnet auf die Talrichtung. Das gedrungenere Hochhaus Nord (rund 50m) hingegen verdichtet die bestehende Situation mit dem Konnex-Bau (35m) und dem Powertower (27m). Die Gebäudehöhen erzeugen einen vertretbaren Schattenwurf auf areal-externen Gebieten. In der Fernwirkung ergänzen die beiden Häuser spannungsvoll, gleichzeitig aber unaufgeregt die Stadtsilhouette. Die Höhenstaffelung erzeugt – etwa von der Burg oder dem Schartenfels aus gesehen – eine perspektivische Tiefenwirkung in Talrichtung.
Architektonischer Ausdruck und Materialisierung
Die beiden Hochhäuser entsprechen sich in Konstruktion und Materialisierung. Gesucht wurde ein für «Filialbauten» angemessener architektonischer Ausdruck: eine effiziente «Dienstleistungsmaschine» in elegant-mondänem Kleid. Vorgeschlagen wird eine kostengünstige, einschalig-gläserne Curtain-Wall-Fassade mit einer Fenstergliederung im geforderten Raster von 1.35 m. Der Repetition und Kleinteiligkeit des Bürorasters und der Geschossigkeit wirkt eine zweite Ordnung entgegen: die Fassadenhaut ist in ein Relief aus «Platten» gegliedert, die jeweils elementweise um 20cm nach aussen vorspringen. Damit wird ein übergeordneter Massstab eingeführt, der dem Bürohaus eine einprägsame, spezifische und widerständige Physiognomie verleit, die auch in der Fernsicht ihre Wirkung entfaltet.
Im Weiteren finden das innovative Nachhaltigkeitskonzept respektive die Gebäudetechnik ihren Ausdruck in der Fassade. Die beim dezentralen Lüftungs-system an den Geschossstirnen eingesetzten «Airboxen» (vgl. Energie- und Gebäudetechnikkonzept) zeichnen sich als ornamentales «Pailettenmotiv an der Fassade ab und der aufgrund flächig versetzter Photovoltaikelemente schräg geschnittene «Dachhut» erzeugt eine stille Expressivität. Der gläsern-kristalline Charakter der Gebäude bezieht sich auf die neueren Bauten der Umgebung (Hotz, Diener & Diener) und die Transformation des Areals zum Dienstleistungsquartier.
Innenraum und Nutzung
Die beiden Hochhäuser werden je über ein schmales, lang gestrecktes Foyer erschlossen, das sich im Bereich des Kerns in die Grundrisstiefe erweitert und über zwei Geschosse reicht. Neben dem Kern gliedert primär die Entfluchtung der Unter- und Obergeschosse das Erdgeschoss. An das Foyer angegliedert finden sich neben der Empfangsloge einzelne, repräsentative Sitzungs- oder Konferenzräume, die intern wie auch extern verwendet werden können (Kundenkontakte). Jeweils rückseitig befinden sich die Anlieferungen, die mit den Anlieferungen angren-zender Gebäude zusammengefasst werden.
Der Weg zu den Obergeschossen führt über straff organisierte Erschliessungskerne, wo beispielsweise Entfluchtungsschleusen auch als Vorräume für Toilettenanlagen fungieren; das Haustechnikkonzept minimiert zudem die Schachtquerschnitte. Die einzelnen Bürogeschosse weisen demnach eine gute Flächeneffizienz auf (NF zu GF durchschnittlich 76%).
Die leicht asymmetrische Setzung der Erschliessungskerne im Grundriss erlaubt verschiedene Raumzonierungen und Clusterbildungen in übersichtlichen und angenehmen Grössen, auch bei einer maximalen Belegung von 98 Arbeitsplätzen pro Geschoss. Die Vorsprünge der Fassadengliederung unterstützen solche Zonierungen (gewissermassen Andockstellen) – sie werden so auch innen-räumlich wirksam. Die asymmetrische Kernposition erlaubt zudem an den Kern anschliessende Aussparungen in den Geschossdecken. Sie bieten die Möglichkeit, innenliegende, mehrgeschossige Hallen zu schaffen. Solche Kommunikations-räume verfügen über eine interne Treppe und fördern erwiesenermassen den Informationsfluss und damit die Produktivität des Unternehmens. Infrastruktur-räume wie Teeküchen können daran angegliedert werden (Schacht). Da wo solche Räume nicht benötigt werden, werden die Deckenaussparungen in Leichtbauweise geschlossen.
Die in den Grundrissplänen gezeigten Innenausbauten und Möblierungen zeigen die Möglichkeiten und die Flexibilität der Bürogeschosse. Im Sinne eines möglichst breiten Spektrums wird dabei auch aufgezeigt, wie in den obersten Geschossen möblierte 2 1/2 – bis 3-Zimmer-Business-Apartments mit entsprechenden Serviceleistungen angeboten werden könnten. Solche Alternativen zum Hotelaufenthalt haben sich als erfolgreiche Angebote erwiesen.
Untergeschosse und Parkierung
Im Hochhaus Nord sind drei, im Hochaus Ost zwei Untergeschosse vorgesehen. Die Untergeschosse des Hochhauses Ost dienen ausschliesslich der Lagerung von Mobiliar und der Aufnahme von Gebäudetechnik. Es besteht keine unterirdische Verbindung zum dreigeschossigen Parkierung unter dem Brown Boveri Platz (600 PP), da dieses nicht ausschliesslich dem Hochhaus reserviert bleiben soll. Zudem macht eine Ein-/Ausfahrt an der vorgesehenen Stelle vor dem Hochhaus keinen Sinn. Die drei Untergeschosse des Hochhauses Nord dienen nebst der Technik der Parkierung. Anstelle einer maximalen Parkplatzzahl (201 PP) schlägt das Projekt ein kompaktes und damit wirtschaftliches Parking vor.
Brown Boveri Platz
Freiraumverwebungen
Mit der Verschiebung der angestammten Produktionsstätten und der einhergehenden Verlagerung zum Dienstleistungsstandort entwickelte sich die lange abgeschlossene Welt von Baden Nord zu einem offenen und lebendigen Quartier der Stadt. Der Einzug von neuen Firmen, von Wohn- und Konsum-nutzungen hat das Gesicht des ABB-Areals vollständig verändert. Das Aufbrechen der Arealgrenzen ist entlang der Hauptstrassen Brugger- und Haselstrasse ersichtlich. Der Strassenraum mäandriert in die angrenzenden Freiräume wie alter Friedhof am Martinsberg, Trafoplatz oder Schmiedeplatz und verwebt die Stadt mit dem ABB-Areal zu einem neuen Ganzen. Der Brown Boveri Platz führt diese Entwicklung weiter, öffnet sich zur Haselstrasse und sucht bewusst die Nähe zu Zentrum und Bahnhof.
Grundfläche und Setzungen
Baden Nord kann als grosse, bespielbare Asphaltfläche gelesen werden. Asphalt ist als Material äusserst robust und dennoch flexibel genug, um notwendige Ver-änderungen schnell umsetzen zu können. Die Asphaltfläche von Baden Nord wird von Volumen besetzt, welche schnell entstehen, sich verändern oder auch wieder vergehen können. Das vorgeschlagene Baumfeld reiht sich in den Kanon der Gebäude- und Baumvolumen ein und bildet einen selbstbewussten räumlichen Akzent innerhalb der Asphaltfläche. Die Asphaltfläche des ABB-Areals wird auch auf der Detailebene konsequent bis an den Strassenraum weiterentwickelt, so wird die Treppe zur Haselstrasse mit Stahlwangen und Auftritten aus Asphalt ausgeführt.
Topographie und Maschine
Die vorgefundene Topographie macht den Brown Boveri Platz einzigartig. Auch wenn die anstehenden Gefälle nicht übermässig stark erscheinen, so ergeben sich durch die Dimension des Platzes zwischen höchstem und tiefstem Punkt doch Höhenunterschiede bis zu 1.75 Metern. Der Platz wirkt demnach als schiefe Ebene. Die schiefe Ebene gehört in der Lehre der Physik wie der Flaschenzug oder die Schraube zu den einfachen Maschinen und erweist somit dem ehemaligen Produktionsstandort ABB seine Referenz. Der Umgang mit Topographie und Gefälle wird durch die Einführung einer virtuellen, horizontalen Ebene bei den Pflanz-trögen thematisiert. Direkt über der Tiefgarage gelegen benötigen die Bäume genügend Erdvolumen, um gedeihen zu können. Auf dem Platz werden deshalb in einem einfachen Raster 35 Betontröge angeordnet, welche als Grundkonstante dieselbe OK-Kote von 385.30 und das gleiche Volumen von 7,2 m3 Inhalt aufweisen. Die geneigte Asphaltebene hat zur Folge, dass der am höchsten gelegene Pflanzentrog bei einer Seitenlänge von 4.00 Metern eine sichtbare Höhe von 0.45 m aufweist, der am tiefsten gelegene Trog jedoch 1.65 Meter hoch ist und sich die Seitenlänge auf 2.09 Meter reduziert. Das Volumen von 7.2 m3 bleibt erhalten. Die Betonelemente werden als vorfabrizierte, scharfkantige und oberflächlich gespitzte Elemente ausgeführt.
Quelle
Innerhalb des Baumfeldes ist eine Quelle bodenbündig eingelassen, aus welcher unregelmässig Wasser tritt. Bedingt durch die Gefälle der schiefen Ebene sucht sich das Wasser einen Weg zwischen den Pflanzelementen hindurch bis zum tiefsten Punkt des Platzes. Hier wird es gefasst und «entschwindet» unter die Asphaltfläche. Wind, Blätter oder auch Kinderschuhe lassen das Wasser immer neue Richtungen finden auf seinem Weg über den Platz.
Zeichenhaftikeit
Das Baumfeld besteht aus mehrstämmigen Judasbäumen (Cercis siliquastrum) und bildet das verwunschene Gegenstück zur präzisen Behandlung der Horizonte und Ebenen. Im Frühjahr erscheinen vor dem Laubaustrieb tausende von rosa Blüten direkt aus dem Holz der Bäume und lassen Bilder von Japans Kirschblüten vor dem geistigen Auge erscheinen. Im Sommer treiben die herzförmigen Blätter, um sich im Herbst goldgelb zu färben. Im Winter erinnern die langen Schoten an südliche Gefilde und wecken die Sehnsucht auf den kommenden Frühling.
Tragwerkskonzept
Einfaches und bewährtes Tragwerk
Beide Hochhäuser Nord und Ost werden als Skelettbauten in Massivbauweise erstellt. Sie umfassen je 3 Untergeschosse sowie 14 bzw. 18 Erd- und Obergeschosse bei einer Grundfläche von jeweils rund 1000 m2. Die Gebäude werden mit einer vorgehängten Fassade aussen gedämmt, sodass das gesamte Tragwerk monolithisch und ohne aufwendige Anschlüsse von aussen liegenden Tragelementen erstellt werden kann. Das gewählte Tragwerkskonzept ist äusserst einfach, klar und bewährt. Es ermöglicht eine sichere und wirtschaftliche Umsetzung.
Durchlaufende Tragelemente
Die vertikale Lastabtragung erfolgt über den Lift- und Treppenhauskern, über Stützen in der Fassadenebene sowie einzelnen Stützenscheiben im Gebäudeinnern. Sämtliche vertikalen Tragelemente laufen systematisch über alle Geschosse bis zur Bodenplatte durch. Die infolge der Fassadenversprünge erforderlichen, geschossweise geringen Versätze der Stützen können von den Geschossdecken aufgenommen werden. Vorgesehen sind Schleuderbetonstützen mit einem Durchmesser von 40 cm in der Fassadenebene und Wandscheiben in Ortbeton von 25cm x 1.0m im Gebäudeinnern.
Schlaff armierte Geschossdecken
Die vertikalen Tragelemente sind so angeordnet, dass regelmässige Deckenfelder von rund 8.0m Spannweite entstehen. Die Geschossdecken tragen als schlaff bewehrte Flachdecken in Ortbeton mit einer konstanten Stärke von 32cm. Die Verteilleitungen der dezentralen Frischluftversorgung, welche in einem regelmässigen Raster zentrisch in die Decke eingelegt werden, bewirken eine Gewichtsreduktion von rund 7% ohne Einbusse an Tragfähigkeit und Steifigkeit. Dank des in der Fassadenebene kleiner gewählten Stützenabstands können die Decken ohne Randüber- bzw. -unterzug ausgeführt werden.
Aussteifender Kern und Fundation
Die Treppenhaus- und Liftkerne aus Ortbeton dienen neben der vertikalen Lastabtragung auch zur Stabilisierung der Hochhäuser gegen Wind und Erdbeben. Sie laufen über alle Geschosse durch, haben nach unten zunehmende Stärken (0.25 bis 0.40m) und sind in den 2 bzw. 3 Untergeschossen eingespannt. Die Untergeschosse werden mit ihren umlaufenden Stahlbetonwänden als steife Kisten ausgebildet. Die Fundationskote beider Hochhäuser liegt im tragfähigen Limmatschotter. Angesichts der hohen Fundationslasten ist voraussichtlich dennoch eine Pfahlfundation erforderlich.
Rechenzentrum
Das Hochhaus Ost überlappt in seiner nordwestlichen Gebäudeecke das bestehende, unterirdische Rechenzentrum. Vorgesehen ist in diesem Bereich die Abfangung von drei Fassadenstützen durch vorgespannte, 2 geschossige Stahlbeton-Wandscheiben im Erd- und 1. Obergeschoss, sodass das Hochhaus über dem Rechenzentrum auskragend ausgebildet werden kann. Diese Irregularität im Tragwerk wird zudem für die räumliche Ausformulierung der Eingangshalle verwendet. Für die weitere Bearbeitung ist dennoch zu prüfen, ob eine Durchdringung des Rechenzentrums bzw. ein bereichsweiser Rückbau möglich sind.
Energie- und Gebäudetechnikkonzept
Nachhaltigkeit – ein systemischer Ansatz
Nachhaltigkeit umfasst bekanntlich nicht nur ökologische, sondern auch soziale und ökonomische Aspekte. Ein nachhaltiges Gebäudekonzept misst sich deshalb nicht nur an seinen Energiekennwerten, sondern muss ebenso zu einer komfortablen Arbeitsumwelt beitragen und ökonomisch zweckmässig sein. Kurz: die zahlreichen Faktoren eines solchen Systems müssen zu einander abgewogen und in ein Gleichgewicht gebracht werden.
Bezogen auf die Hochhäuser Baden Nord wird dazu ein systemischer Ansatz gewählt, der den Betrachtungsperimeter über das einzelne Gebäude hinaus erweitert. Hierfür steht beispiels-weise die Absicht, den Strombedarf mit CO2-neutralem Labelstrom zu decken, der nicht notwendigerweise im Gebäude oder Areal produziert werden muss. Damit ist aber auch das Zusammenwirken von Ökonomie und Ökologie gemeint: so sollen beispielsweise die verhältnismässig tiefen Investitionskosten der einschaligen Fassadenkonstruktion, die Finanzierung einer Photovoltaikanlage auf den Dächern der beiden Hochhäuser erleichtern.
Wärmeversorgung – autark und exergetisch minimal
Der Heizenergiebedarf der beiden Minergie-Hochhäuser soll weitgehend autark gedeckt werden, so dass die fossil (evtl. langfristig mit Holz) erzeugte Nahwärme aus der Energiezentrale wenn überhaupt lediglich zur Spitzendeckung und als Redundanz genutzt wird. Neben der passiven Nutzung der anfallenden Solarwärme während der Heizperiode wird insbesondere die anfallende Abwärme (Arbeitshilfen, Beleuchtung etc.) aus der Abluft und aus dem Abwasser (z. B. FEKA-System) aktiv genutzt. Diese relativ hochwertigen Energiequellen (>20°C Quelltemperatur) gepaart mit einer Niedertemperaturheizung (<32°C) erlauben einen sehr effizienten Wärmepumpeneinsatz (COP > 7).
Die Nasszellen werden grundsätzlich nur mit Kaltwasser versorgt. Lediglich optional (Mieterausbau) wird die Möglichkeit eines Kleinboilers pro Nasszelle vorgesehen. Damit werden nicht nur kostenintensive Installationen (Warmwasser- und Zirkulationsleitungen) eingespart, sondern auch die laufenden Energieverluste durch Zirkulationssysteme vermieden.
Kälteversorgung – natürlich und einfach
Der Kühlenergiebedarf, welcher in modernen Bürogebäuden im Minergie-Standard auch energetisch eher als der Wärmebedarf massgebend ist, soll weitgehend mit freier Kühlung generiert werden. Zur Spitzendeckung bei sehr hohen Aussentemperaturen oder langen Hitzeperioden können die für den Heizbetrieb vorgesehenen Wärmepumpen als Kältemaschinen betrieben werden.
Mittels Hybridkühltürmen (Taupunktemperatur <21°C) auf dem Dach soll das natürliche Kühlpotenzial der Aussenluft adiabat bestmöglich genutzt werden. Die grossflächigen Decken ermöglichen auch im Kühlfall eine effiziente Hochtemperatur-Kühlung (>18°C) und gleichzeitig einen hohen Komfort mit angenehmen Raumlufttemperaturen (Zielwert <26°C). Stromversorgung – CO2-frei und effizient Der Strombedarf soll mittels CO2-frei erzeugter Elektrizität aus dem öffentlichen Netz (Labelstrom) und über Photovoltaikelemente auf dem Dach teilweise autark gedeckt werden. Die aktive Nutzung der solaren Energie ist in der weiteren Planung im Bezug auf deren Wirtschaftlichkeit zu prüfen. Sie ist für die Funktionalität der Hochhäuser zwar nicht zwingend aber allenfalls als sichtbares Element der Nachhaltigkeit auch bei nicht gegebener Wirtschaftlichkeit interessant. Der massgebende interne Strombedarf soll mit der Berücksichtigung möglichst effizienter Bürogeräte sowie einer hohen Tageslichtnutzung und entsprechend gesteuertem Kunstlicht (Stehleuchten in den Büros, Deckenleuchten in Sitzungsbereichen) minimiert werden. Es soll ein IT-Konzept mit bewusst zentralisierten Rechnereinheiten, d.h. nicht in den Arbeitsflächen anfallende Wärmelasten der CPU's, Transformatoren etc. und einer Virtualisierung der notwendigen Serverleistungen umgesetzt werden, die stark helfen den Gesamtstrombedarf minimal zu halten. Gleichzeitig wird damit der Kühlenergiebedarf entsprechend reduziert und der Raumkomfort nicht nur thermisch sondern auch akustisch (keine PC-Ventilatoren) stark verbessert. Luftversorgung – schlank und bedarfsgerecht Der Frischluftbedarf soll auf dem hygienisch erforderlichen Mass (25-36 m3/h und Person) gehalten und mit modularen CO2-Sensoren in der Abluft bedarfsgerecht variiert werden (stetig oder stufengesteuerte Ventilatoren). Die Zuluft wird zur Vermeidung flächenintensiver Zentralen und Steigzonen mit dezentralen Luftaufbereitungsgeräten im Fassadenbereich situiert (z. B. Airboxen mit je 100 m3/h). Die Abluft wird mittels modularen Stichrohren ab dem möglichen Einzelbüroperimeter auf die Abluftkanäle in der abgehängten Decke der Innenzonen und von da über einen zentralen im Vertikalschacht angeordneten Ventilator über Dach geführt. Das Erdgeschoss (Foyer, Haupteingang) sowie die Untergeschosse (Parking, Lager, Technik etc.) werden mittels zentraler Lufterneuerungsanlagen versorgt. Deren Aussenluft- und Fortluftgitter sind in der Fassade des Erdgeschosses situiert. Die Fortluft des Parking wird mittels vertikalen Stelen über die Treppenhäuser in die notwendige Höhe geführt. Dies vermeidet flächenintensive Vertikalschächte in den beiden Hochhäusern. Luftversorgung – schädliche Immissionen Die externen Belastungen des Schienenverkehrs (Bremsstaub PM10) sowie der Abgase der Energiezentrale gilt es im speziellen zu beachten. Die Staubelastung durch den Schienenverkehr führt gemäss den Angaben der SBB zu einer Zusatzbelastung von 7-10% an stark befahrenen Eisenbahnstrecken bezogen auf den schweizerischen Mittelwert. Die zusätzlichen Staubbelastungen im Gebäudeinnern an Bahntrassen ist sehr klein, weil die Partikel gross sind und durch grobe Filter gut zurückgehalten werden. Die Auswechslung der Filter muss einmal im Jahr erfolgen. Die Abgase der Energiezentrale stellen keine Probleme für die dezentrale Luftansaugung dar, da die lokale Strömungssituation dafür sorgt, dass die dem Heizwerk zugewendete Fassade nicht durch Abgase der Feuerung beaufschlagt wird. Wärme-/Kälteabgabe und Akustik – integriert Die Wärme- und Kälteabgabe erfolgt über thermisch aktivierte Decken mit raumnahen und deshalb exergetisch optimierten Temperaturen von ca. 18/21°C im Kühlfall und ca. 30/25°C im Heizfall. Die modularen, dem möglichen Büroraster entsprechenden und auf ca. 50% der Deckenflächen situierten externen Heiz- und Kühldeckensegel dienen nicht nur dem thermischen Haushalt, sondern sind insbesondere auch für die angenehme Raumakustik (geringe Nachhallzeiten) zuständig. Nebst den thermisch und akustisch integrierten Funktionen lassen sich zusätzlich auch Kunstlichtelemente (z. B. LED-Deckenleuchten in Sitzungszimmern) integrieren und erlauben eine sehr hohe Nutzungsflexibilität. Brandschutz – maximale Nutzungsflexibilität Die Treppenhäuser werden mit den erforderlichen Überdrucklüftungen (separate Steigzonen) ab dem Dach erschlossen, um die Rauchfreiheit der Fluchtwege im Brandfall jederzeit zu gewähren. Für ein gutes Sicherheitsempfinden der Mitarbeiten sind alle Geschosse ganzflächig mit Sprinklersystemen ausgerüstet. Die Sprinklerung bringt zudem Vereinfachungen im Fassadenbereich (Brandüberschlag) und erlaubt vertikale offene Verbindungen über zwei und mehr Geschosse (Kommunikationsräume). Das Sprinklersystem wird als innovatives Hochdruckzerstäubersystem ausgelegt, was vergleichsweise kleine Rohrquerschnitte erlaubt.
Mitarbeiter Wettbewerb
Anne Käestle, Dan Schürch, Ron Edelaar, Elli Mosayebi, Christian Inderbitzin, Andrea Irène Grolimund, Daniel Widman
Zusammenarbeit
Duplex Architekten GmbH, Zürich
Bauherrschaft
ABB Immobilien AG, Baden
Landschaftsarchitekt: Balliana Schubert Landschaftsarchitekten AG, Zürich
Ingenieur: Bänziger Partner AG, Buchs
Haustechnik: Amstein + Walthert AG, Zürich mit Prof. Dr. Hansjürg Leibundgut
Fassadenplaner: Emmer Pfenniger Partner AG, Basel
Publikation
tec21, 45-46/2009
Hochparterre Wettbewerbe, 5/2009