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Wer die Wahl hat …
Heinz Egger
Ist es „Déformation professionnelle“, dass ich auf der ersten Busreise durch Vancouver gleich drei Buchantiquariate und schliesslich Kidsbooks sehe? Jedenfalls freut es mich immer, einen Buchort zu entdecken.
Kidsbooks besuche ich an einem Morgen. Die farbigen, leicht verspielten Buchstaben des Namens der Buchhandlung leuchten zwischen den Bäumen auf den Broadway hinaus. Die Buchhandlung ist in einem langezogenen Raum mit Schaufenstern in der ganzen Länge eingerichtet. Es ist hell zwischen den schulterhohen Gestellen. Decke, Säulen und die meisten Gestelle sind weiss. Das gibt dem Raum Grösse.
Die Buchhandlung ist gut gegliedert. Es ist leicht, die Bücher für ein bestimmtes Alter zu finden. Vom Eingang nach rechts sind die Bücher für die kleineren Kinder. Nach links steht man vor den hölzernen Regalen mit den Jugendbüchern und ein kleiner Durchgang führt weiter links zu den Büchern für die Kinder bis 12 Jahre. Dort sind die Gestelle blau und haben die Form eines Hauses mit transparentem Dachstock.
Da ich Fotos machen möchte, melde ich mich beim Personal. Ich spreche eine junge Frau an, die mit einer Beige Bücher zu den Gestellen der Jugendbücher geht und sie dort einordnet. Sie heisst Jocelyn. Sie hat bereits in der kleineren Filiale von Kidsbooks in North Vancouver gearbeitet und dort beschlossen, bei den Büchern zu bleiben. Gern möchte sie zurück an die Universität, um einen Master zu erreichen. Ihr Ziel ist, Bibliothekarin zu werden. Ich frage sie, wie sie die Wichtigkeit von Büchern einschätze. Sie findet, Bücher spielten immer eine geringere Rolle. Vielleicht weniger für die Kinder als für die Erwachsenen. Sie selbst aber hänge am Papier. Es gebe nichts Schöneres, als ein Buch in den Händen zu halten. Sie habe während ihres Studiums zumeist in der Bibliothek der Universität gearbeitet. Sie liebe die Bibliothek der University of British Columbia.
Ich fragte sie nach den Kunden. Natürlich kommen viele Eltern und Kinder in den Laden. Aber die Bibliotheken, seien es öffentliche oder solche von Schulen, stellen ein wichtiges Kundensegment dar. Bibliothekare überliessen es oft ihnen in der Buchhandlung, die Auswahl der Bücher zusammenzustellen. Und ja, es gebe Stosszeiten. Dezember und Januar laufe sehr viel und im vergangenen Juni sei es auch sehr „busy“ gewesen. Viele hätten noch ihre nicht aufgebrauchten Budgets ausschöpfen wollen. Wie ich später feststelle, enthält auch die Website Vorschläge für Bibliotheken und Schulen.
Auf meinem Rundgang fällt mir auf, wie farbig die Gestelle leuchten: Die Buchrücken scheinen mehr kräftige Farben aufzuweisen als bei uns. Und es gibt zahlreiche Spiele, Spielzeuge, Handpuppen und Spieltiere, die Kinderaugen bestimmt magisch anziehen.
Die Anzahl Bastelbücher ist nicht gross. Was zum Basteln angeboten wird, ist meist eine ganze Packung, die auch das Bastelmaterial enthält: Papierflieger mit vorgedruckten Sujets, Origami-Arbeiten mit mitgelieferten Blättern, Roboterwesen oder Fabelwesen, die aus Einzelteilen mit kleinen Werkzeugen zusammengeschraubt werden müssen. Was das wohl für die Entwicklung der Fantasie und des handwerklichen Geschicks der Kinder bedeuten mag?
Die Buchhandlung konzentriert sich auf Bücher für ein- bis zwölfjährige Kinder. Doch auch für junge Erwachsene gibt es an einer Wand einige Gestelle mit Literatur.
Als ich in den Bereich der Schulkinder komme, sitzt eine Mutter mit ihrer Tochter an einem runden Tisch. Sie haben einen ganzen Stapel Bücher vor sich. Nun geht es darum, das am meisten begehrte herauszufinden. Die Mutter macht das geschickt. Die Tochter soll jedem Buch eine Punktzahl von eins bis fünf geben. Hin und wieder tut sich die Tochter schon in der ersten Runde schwer. Alle Bücher kommen entsprechend ihrer Punktzahl auf einen Stapel. Für den Stapel mit fünf Punkten wird das Prozedere wiederholt. So kommen sie recht rasch zum Ziel. Strahlend trägt die Tochter ihre erste Wahl zur Kasse.
Ein grosses Gestell trägt auf den Tablaren die Aufschrift Parent und einem weiteren Wort. Beispielsweise lese ich „Bully”, „Emotions”. Auch diese Bücher richten sich an Kinder. Sie versuchen die Welt der Eltern zu erklären.
Seit ich in Westkanada unterwegs bin, begleiten mich die Tiere der Indigenen: der Donnervogel, der Adler, der Rabe, der Lachs, der Fischotter, der Bär, der Bison. Natürlich schauen mich diese Tiere in der Buchhandlung im Bereich für das Vorschulalter als Handpuppen an. Sie sind im Stile der Indigenen verziert, die Augen sind zwar seitlich angebracht, haben aber die Form wie von vorne gesehen. Allerdings ist der Rabe rosarot… Die Tiere haben alle eine psychologische Bedeutung. Deshalb suche ich nach einem Buch, in dem die Beschreibungen stehen. – Und ich werde fündig. Das broschierte Buch „Les six cèdres“ von Margot Landahl enthält eine Geschichte, die ein Seeadler erzählt. Der Adler besucht sechs Zedern und trifft dort auf die Tiere deren Charakter er beschreibt. Illustriert wurde das Werk von Celestine Aleck, die dem Stamm der Snuneymuxw angehört.
Als ich zur Kasse komme, schaut der junge Kassierer mein Buch über die sechs Zedern an und lächelt. Das Buch sei ein grosser Hit. Kaum sei es 2018 herausgekommen, haben die Lehrer stürmisch danach verlangt. Die Buchhandlung habe es aber zuerst vom Verlag Strong Nations Publishing Inc. nicht beschaffen können. Ein Manager habe sich dann sehr eingesetzt. Darauf kauften sie etwa 100 Exemplare. Was noch im Gestell liege, sei der Rest. – Es waren vielleicht noch fünf Exemplare.
Als ich mich später bei einem Kaffee dem Inhalt des Buches näher widme, fällt mir erst auf, dass es auf Französisch in meinen Händen liegt. Gut, gibt es das auf Französisch, so kann es auch im Osten von Kanada gelesen werden. Die Originalsprache ist aber Englisch. Es macht mir nichts aus. Ich bin trotzdem stolz auf den Fund und meine Wahl.
Kidsbooks
2557 West Broadway
Vancouver BC V6K 2E9
T: 001 604 738 5335
www.kidsbooks.ca
Gross, aber schwer
Heinz Egger
Durch die Robson Street spazierend, treffe ich auf die Central Library von Vancouver. Ich sehe ein Rund aus rotem Stein und vielen Fenstern und, daraus wie aus einer Spirale herausragend, einen schlanken Gebäudeteil. Eine lange Treppe führt in die Öffnung der Spirale hinein. Als ich die Treppe erklimme, habe ich den Eindruck, ich werde richtig hineingesaugt.
Oben an der Treppe steht man auf dem Library Square. Im schlanken Aussenteil gibt es kleine Läden, auch Imbissbuden. Der überdeckte Platz ist grossartig mit dem Licht, den Spiegelungen und den Schatten.
Das Haus hat gewaltige Ausmasse. Es belegt einen ganzen Block. Die Robson, Hamilton, West Gorgia und Homer Street umrahmen den Block. Neun Stockwerke hoch ist der ovale Bau. Die Bibliothek selber ist ein kubischer Bau, der in einem schlanken, ovalen Ring steht.
Die Bibliotheksgeschichte in Vancouver beginnt 1869 mit einer kleinen Bibliothek, die der Manager eines Sägereiunternehmens für seine Angestellten einrichtet. Aus dieser Keimzelle entsteht 1887 der „Vancouver Reading Room” und damit eine erste öffentliche Bibliothek. 1995 wird der Rundbau bezogen und eröffnet. Die Architektur stammt von Moshe Safdie, Richard Archambault and Barry Downs. Die obersten beiden Etagen sind dazumal noch für öffentliche Ämter bestimmt. Als der Vertrag mit der Stadtregierung nach 20 Jahren ausläuft, werden diese beiden Etagen umgebaut und für die Bibliotheksnutzerinnen und -nutzer zugänglich gemacht. Anstatt die neue Fläche von etwa 4 000 Quadratmetern mit Regalen und Büchern zu bestücken, entschied man sich, Raum für die Gemeinschaft zu schaffen. So enthalten diese Stockwerke Sitzungszimmer, einen glasverkleideten Lesesaal, ein Theater mit 80 Sitzplätzen eine „Snack Lounge” mit Verpflegungsautomaten und Räume für Ausstellungen. Endlich können auch der bereits 1995 geplante öffentliche Dachgarten und Terrassen gebaut werden. Die gewonnenen Aussenräume belegen weitere 1 560 Quadratmeter. Insgesamt bietet das Gebäude mehr als 34 000 Quadratmeter Flächen.
Spannend sind die Zahlen zur Bibliotheksnutzung. Der Jahresbericht 2018 über alle 21 Zweigstellen der öffentlichen Bibliothek in Vancouver weist 269 626 aktive Nutzerinnen und Nutzer aus – ein Plus von 2% gegenüber 2017. 85% der Eingeschriebenen leben in Vancouver. Kinder unter 10 Jahren machen 13% der aktiven Nutzerinnen und Nutzer aus. Sie haben aber am meisten Medien ausgeliehen: Es sind 70 pro Kopf. Die 30 bis 39 Jährigen sind mit 17% die grösste Nutzergruppe, sie leihen aber bloss 26 Medien pro Kopf aus. Die Nutzung physischer Medien ging leicht zurück, jene für digitale Medien stieg um 13,7% an und erreichte 2 460 246 Medien. Das ist aber immer noch bloss etwa ein Drittel der physischen Medien!
In der Central Library verkehrten laut Statistik im Monat durchschnittlich 5 500 Personen. Das liegt nicht nur an den Medien, sondern auch an den zahlreichen Angeboten zur Weiterbildung. Die Weiterbildung richtet sich an Bibliotheksnutzerinnen und -nutzer jeden Alters. Die Kurse reichen von den digitalen Grundlagen, wie Suchen im Internet, Gebrauch eines mobilen Computers, Website-Erstellen, oder Einführung in Social Media, bis zum Lernen von Englisch als Zweitsprache.
Auf jedem Stockwerk sind die Anlässe des Tages angegeben. Am Sonntag meines Besuchs sind es fünf: zwei für Kinder, eine Kunstausstellung, eine Lesung von Poesie verstorbener Dichterinnen und Dichter sowie eine Einführung ins Digitalisieren.
Im „Inspiration Lab” stehen reservierte Räume und Infrastruktur zur Verfügung, um eigene digitale Projekte zu verwirklichen. Eine selbst gespielte Musikaufnahme mit professionellen Mitteln umsetzen, die analogen Filme aus der Super-8-Kamera digitalisieren, Bilder scannen und bearbeiten oder an der Herausgabe eines eigenen E-Books arbeiten ist alles möglich. Allerdings ist dafür eine Reservation nötig, die auch gut online eingegeben werden kann. Gleiches gilt für die zahlreichen Arbeitscomputer.
Wie international die Bevölkerung in Vancouver ist, liest sich leicht daran ab, dass für nicht weniger als 16 verschiedene Sprachen Bücher für jedes Alter in der Hauptbibliothek aufliegen.
Aussen, im schmalen Rundbau um die Bibliothek gibt es auf jeder Etage viele Arbeitsplätze. Sie sind auch am Sonntag fast alle belegt. Eingeschriebene Mitglieder haben freien Internetzugang. Laut Statistik wurden im vergangenen Jahr im Bibliotheksnetz 997 831 Wifi-Sessions gezählt.
Wichtig ist der Bibliothek, die indigene Bevölkerung zu integrieren und den Weissen Wissen über die indigene Kultur zu vermitteln. Dazu gibt es eine indigene Geschichtenerzählerin oder einen -erzähler in Residence. Zahlreiche Bücher über und von den indigenen Völkern laden ein, in die Welt der Indigenen einzutauchen. Auf der Website sind zahlreiche Ressourcen zum Thema verfügbar und zu jedem Thema werden auch Bücher vorgeschlagen. Alles basiert auf den Handlungsempfehlungen der „Truth and Reconciliation Commission of Canada”. Seit 2017 gibt es an der 730 East Hastings Street eine erste Bibliothek mit indigenem Namen: nə́c̓aʔmat ct Strathcona Branch.
Ich durchstreife das Haus von der neunten Etage her nach unten. Da gibt es so viel zu bestaunen und zu entdecken. Beispielsweise stehen am Eingang zu den Bereichen grau-weisse, recht schmale Gestelle mit einem blauen Hinweisschild „Staff Picks”.
Alle Gestelle sind braun, sei es aus beschichteten Platten oder aus Metall, wie beispielsweise in den Compactus-Anlagen, die sich teilweise auf den Etagen befinden. Der Boden ist grau, die Betonträger der Decken sind ebenfalls grau. Nur zwischen den Trägern sind die Decken weiss verputzt, aber die Leuchten senden ihr starkes Licht zwischen die Gestelle, so dass darüber alles gräulich wirkt. Dadurch bekommt das grosszügige Haus eine gewisse Schwere, die, je länger ich zwischen den Gestellen umhergehe, auf mir zu lasten beginnt. Als ich wieder durchs Portal auf den Library Square hinaustrete, fühle ich wieder Weite. Trotzdem, würde ich in Vancouver wohnen, wäre ich sicher öfters in dieser Bibliothek!
Vancouver Public Library
350 W Georgia St
Vancouver BC V6B 6B1
T: 001 604 331 3603
www.vpl.ca