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Die Europa-Saison beginnt mit dem GP von Spanien in Jerez. Für Tom Lüthi geht es bereits um «alles oder nichts».
Seit Einführung der Moto2-WM zählt Tom Lüthi Jahr für Jahr zu den Titelanwärtern. Er hat das Team, die Finanzen, die Maschine, das Talent und die Erfahrung, um Weltmeister zu werden. Er fährt am Sonntag sein 106. Moto2-Rennen und ist damit der routinierteste Pilot dieser Klasse. Und neben Dominique Aegerter, Xavier Siméon und Simone Corsi der einzige wichtige Fahrer, der seit der ersten Moto2-WM 2010 immer noch dabei ist.
Aus dem Schwingsport gibt es einen treffenden Ausdruck für die Situation von Tom Lüthi und Dominique Aegerter: die Ersten nach den Kränzen. Will heissen: die Besten, denen es doch nicht ganz zum Festsieg und Kranzgewinn reicht. Weder Tom Lüthi (29) noch Dominique Aegerter (29) spielten bisher im Titelkampf eine Rolle. Die besten Klassierungen bisher: 4. Schlussrang für Tom Lüthi (2010, 2012, 2014), 5. Schlussrang für Dominique Aegerter (2013, 2014).
Tom Lüthi hat die Saison so gut begonnen wie noch nie. Sieg beim ersten Rennen in Katar. Aber die zwei nächsten Rennen haben bereits eine leise Enttäuschung gebracht: Je Platz 7 beim GP von Argentinien und beim GP der USA – und beide Male von Dominique Aegerter (zweimal 5.) besiegt.
Vor dem ersten Rennen in Europa am Sonntag in Jerez sieht das Gesamtklassement so aus:
Alle fünf WM-Spitzenreiter fahren die gleiche Maschine (Kalex), verwenden die gleichen Reifen (Dunlop) und die gleichen Motoren (Honda). Alle haben damit die gleichen technischen Voraussetzungen.
Tom Lüthis einzige Chance gegen die weniger erfahrenen, aber aggressiveren und jüngeren Siegfahrer Alex Rins (20/21 Moto2-Rennen), Sam Lowes (25/39) und Johann Zarco (25/73) ist Konstanz auf hohem Niveau. Konstanz auf höherem Niveau als Platz 7. Deshalb ist der GP von Jerez bereits ein Rennen, bei dem es um «alles oder nichts» geht. «Es sind jetzt vier Punkte Rückstand» sagt Tom Lüthi. «Das ist wenig, wir sind gut im Rennen. Aber es stimmt, wir brauchen in Jerez ein Spitzenresultat, sonst wird der Abstand zu gross.» Sonst ist der Traum vom Titel schon nach vier von 18 Rennen ausgeträumt.
Er ärgert sich im Rückblick. In Argentinien sei nicht viel mehr drin gelegen. «Aber in Austin hatte ich bis kurz vor Schluss gute Chancen auf einen Podestplatz. Es bleibt mir nur der Ärger über die schwachen letzten Runden.» Er habe das Rennen analysiert. «Es waren einfach verschiedene Faktoren, die da zusammengekommen sind.»
Die grosse Kunst, die letztlich einen Weltmeister macht: dafür sorgen, dass möglichst oft möglichst viele Faktoren stimmen. Das ist Tom Lüthi in der Moto2-WM bisher nicht gelungen.
Tom Lüthi kann hin und wieder ein Rennen für sich entscheiden – er hat bis heute sechs seiner 105 Moto2-Rennen gewonnen. Aber das reicht nicht, um Weltmeister zu werden. Wenn Tom Lüthi im Gesamtklassement mehr als zehn Punkte zurückfällt, dann gewinnt er nicht genug Rennen, um den Rückstand wieder aufzuholen. Aber er darf nicht zu viel riskieren: ein «Nuller», also ein Rennen ohne WM-Punkte, wäre auch das vorzeitige Ende aller Titelhoffnungen.
Oder könnte es am Ende gar Dominique Aegerter schaffen? Nein. Er kann konstant unter die ersten fünf oder sechs fahren – aber auch das reicht nicht für den Titel. Am Ende triumphieren die Fahrer, die dazu in der Lage sind, drei, vier oder gar fünf Rennen zu gewinnen und einen «Nuller» wettzumachen. Dominique Aegerter hat erst ein einziges seiner 102 Moto2-Rennen gewonnen. Er ist kein «Siegfahrer» und damit auch kein Titelkandidat.
Aber die beiden Schweizer sind dazu in der Lage, in jedem Rennen für Spektakel zu sorgen und in jedem Rennen ums Podest zu fahren. Das reicht, um das Publikumsinteresse wachzuhalten. Dieses Interesse ist für die Zukunft entscheidend. Der Sauerstoff des Geschäftes ist die TV- und Medienpräsenz. Erst die ermöglicht es beiden Fahrern, die Werbung zu verkaufen. Tom Lüthi und Dominque Aegerter bekommen von ihrem Team die Maschinen und die gesamte Infrastruktur zu Verfügung gestellt, ein Teil der Spesen wird bezahlt und beide bekommen ein Grundgehalt, das nicht sechsstellig ist. Das Geld verdienen sie mit dem Verkauf der Werbeflächen auf dem Kombi und dem Helm. Je mehr Medienpräsenz, desto besser. Diese Werbeverträge sind stark resultatabhängig (Prämien) und bringen je nach Saisonverlauf zwischen 500'000 und 700'000 Franken ein.
Mehr als 200'000 Zuschauer schauten bei allen drei bisherigen Live-Übertragungen unser Staatsfernsehen (SRF). Inzwischen erreichen die «Asphaltcowboys» gleich gute Einschaltquoten wie die Formel 1. Das ist wichtig. Die TV-Verträge laufen für die Motorrad-GP und für die Formel 1 Ende Saison aus. Das Fernsehen hat politischen Spardruck und es braucht gute Quoten und Argumente, damit der Vertrag mit GP-Promoter Dorna verlängert und weiterhin jedes Moto2-Rennen live übertragen wird.
Nach dem ersten Tag zum GP von Spanien in Jerez sind die Voraussetzungen durchaus vielversprechend. Tom Lüthi steht nach zwei freien Trainings auf Position 3, Dominique Aegerter auf Position 8.