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Die fünf Fehler und vier Tugenden eines Arztes
aus dem Huang Di Nei Jing Suwen (“Der gelbe Kaiser”)
Huang Di begann: „Ach, das Wissen ums Leben ist tief wie ein Abgrund und endlos wie die dahinziehenden Wolken. Die alten Weisen praktizierten die Heilkunst, indem sie den natürlichen Gesetzen folgten. Sie liessen sich von ihrer Einsicht und ethischen Prinzipien leiten. Sie verkörpern das Ideal eines Arztes. Wisst Ihr, Lei Gong, welches die fünf Fehler und die vier Tugenden eines Arztes sind?“ Lei Gong erhob sich, verneigte sich und antwortete: „Ich bin jung und unwissend. Bitte belehrt mich.“ Huang Di nickte und sagte: „Der erste Fehler geschieht bei der Diagnose. Übersieht der Arzt einen Faktor, der den Verlauf der Krankheit beeinflussen könnte, z.B. den sozialen und materiellen Status eines Patienten, dann kommt er zu einer fehlerhaften Einschätzung. Ein Patient, der bis vor kurzem eine prestigeträchtige soziale Position innehatte und einem dekadenten Lebenswandel frönte, wird wahrscheinlich auch ohne äussere krankheitsauslösende Einflüsse, allein auf Grund innerer Ursachen wie emotionalem Stress erkranken, sobald er in Ungnade fällt und verarmt.
Beachtet der Arzt solche Faktoren nicht, entgehen ihm wertvolle Hinweise, die für die Korrektheit der Diagnose von entscheidender Bedeutung sind.
Der zweite Fehler geschieht bei der Behandlung. Wenn ein Arzt die psychische Verfassung des Patienten, die grosse Auswirkungen auf die Gesundheit haben kann, ausser acht lässt und den Patienten aufs Geratwohl sediert oder tonisiert, schädigt er den Patienten noch mehr. Es ist wichtig, den Lebensstil und den psychischen Zustand des Patienten zu kennen, denn Emotionen wie Zorn schädigen das Yin, während Übererregung das Yang zerstreut. Ein Arzt, der die Prinzipien des Sedierens und Tonisierens nicht versteht, kann den Zustand des Patienten wesentlich verschlechtern.
Der dritte Fehler geschieht, wenn der Arzt nicht in der Lage ist, korrekte Schlüsse zu ziehen. Aufschluss über den Zustand eines Patienten erhält der Arzt nämlich nicht nur, wenn er die körperlichen Merkmale sorgfältig untersucht und den Patienten nach dessen Symptomen befragt, sondern auch, wenn er Lebensstil, Arbeitssituation, soziale und familiäre Umstände, die psychischen Belastungen sowie die unmittelbare Umgebung der Patienten kennt. Verfügt er über alle diese Informationen, ist es seine Aufgabe, dieses Wissen zu nutzen und das Krankheitsbild in seiner Gesamtheit zu analysieren. Ist der Arzt dazu nicht in der Lage, ist die Wirksamkeit seines Handelns eingeschränkt.
Der vierte Fehler geschieht bei der Beratung. Fehlt es dem Arzt an Mitgefühl und Aufrichtigkeit, nimmt er sich keine Zeit für das Gespräch und bemüht er sich nicht, Geist und Gemüt des Patienten positiv beeinflussen, dann hat sich der Arzt um eine Möglichkeit gebracht, die Krankheit tatsächlich zu heilen. Ein Gutteil der Krankheit beginnt im Geist, und ein guter Arzt müsste eigentlich über die Fähigkeit verfügen, den Patienten so zu beeinflussen, dass dieser seine Wahrnehmung und seine Gefühlte verändert, um den Heilungsvorgang aktiv zu unterstützen.
Der fünfte Fehler geschieht, wenn ein Arzt schlichtweg inkompetent und sorglos bei der Behandlung vorgeht, Verfügt er nicht über genügend Fertigkeiten, dann ist er auch nicht in der Lage, die Krankheit einzudämmen. Verschlimmert sich der Zustand, führt diese Unfähigkeit so weit, dass der Arzt die Krankheit für unheilbar erklärt oder gar den Tod voraussagt, wenn die Krankheit in Wirklichkeit bereits hätte geheilt werden können. Dieses Verhalten ist vollkommen inakzeptabel.
Diese fünf Fehler bilden die Grundlage der medizinischen Fehlleistungen und sind im allgemeinen auf ein mangelhaftes Verständnis der medizinischen Prinzipien und Techniken sowie der soziopsychologischen Faktoren zurückzuführen. Wenn in alten Zeiten die Weisen die Kunst des Heilens praktizierten, dann stand es ausser Zweifel, dass sie die Gesetze der Natur und die Prinzipien der Krankheit verstanden sowie die Diagnose und die Methoden der Akupunktur und Moxabehandlung beherrschten. Sie waren versiert in Kräutermedizin und verfügten über Einsichten in die menschlichen Beziehungen und Veranlagungen. Deswegen waren sie auch imstande, eine wahrhaft ganzheitliche Medizin zu betreiben.
Der Schlüssel zu einer wirksamen Medizin liegt darin, die Ursache der Krankheit festzustellen und das Ungleichgewicht im YuanQi, im ursprünglichen Qi, auszugleichen. Studiert die medizinischen Klassiker aufs gründlichste. Folgt den korrekten Behandlungsprinzipien, und geht mit äusserster Sorgfalt und Achtsamkeit vor. Seid selbst voll der Tugend und des Mitgefühls für Eure Patienten. So werdet Ihr Hervorragendes leisten können und nie eine Fehlbehandlung vornehmen. Dies ist der Weg eines weisen Arztes.“
Aus: Der Gelbe Kaiser, Das Grundlagenwerk der Traditionellen Chinesischen Medizin, Herausgeber Dr. Maoshing Ni, 2. Aufl., O.W. Barth Verlag, 1999 (Hervorhebung hinzugefügt)
Welches nun genau die vier Tugenden des Arztes sind, wird aus dem Text nicht ganz klar. Vermutlich sind sie sinngemäss im letzten Absatz enthalten: Fähigkeit zur richtigen Diagnose, gründliche Kenntnis der Medizin, Sorgfalt und Achtsamkeit, Einfühlungsvermögen.