Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03427.jsonl.gz/2857

Die Auswertung von Tunnelereignissen hat gezeigt: Tunnelnutzer folgen nicht unbedingt den ausgewiesenen Fluchtwegen. Sie versuchen alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um aus einem Tunnel herauszukommen: Wenden, Zusteigen in andere Fahrzeuge, Fluchtversuche zu Fuss durch die Tunnelröhre zum Portal. Alles das entspricht einem natürlichen Fluchtverhalten von Menschen, auch das Verharren im Fahrzeug. Denn Menschen nehmen verschiedene Risiken wahr, die sie für ihre Entscheidung gegeneinander abwägen. In Teil 2 unserer dreiteiligen Serie betrachten wir, was dies für das Fluchtverhalten bedeutet (Hinweis: in Teil 1 ging es um die frühe Phase eines Brandereignisses im Tunnel, und in Teil 3 betrachten wir das Verhalten von Gruppen).
Ihr Fahrzeug zu verlassen ist für Autofahrer eine schwierige Entscheidung
Viele Nutzer können sich nur schwer entscheiden, was sie bei einem Brandereignis im Tunnel mit ihrem Fahrzeug tun sollen. Dies bestätigten Zeugen von Tunnelereignissen. Sie gaben an, dass sie sehr grosse Mühe hatten, die Entscheidung zu treffen, den Wagen zu verlassen und zu einem Notausgang zu flüchten. Verschiedene Fragen können die Flucht verzögern, etwa: «Kann ich das Auto abschliessen? Oder muss ich den Schlüssel im unverschlossenen Fahrzeug lassen? Kann ich noch schnell meiner Wertsachen mitnehmen?»
Flucht im Auto kann als sicherere Alternative bewertet werden
Manche Autofahrer entscheiden sich in dieser Situation, dass es für sie besser ist, mit dem eigenen Wagen aus dem Tunnel herauszufahren, als zu Fuss über einen Notausgang zu flüchten. Einige gehen beim Wenden davon aus, dass keine weiteren Fahrzeuge mehr in den Tunnel fahren – und haben nicht im Blick, dass ihnen Einsatzfahrzeuge entgegenkommen könnten.
Menschen halten sich im Tunnel auf
Selbst wenn Tunnelnutzer ihr Fahrzeug verlassen, bedeutet dies nicht, dass sie sich umgehend zum nächstgelegenen, sicher zu erreichenden Notausgang begeben. Immer wieder wird beobachtet, dass Menschen im Tunnel bleiben, sich umschauen, fotografieren oder sich mit anderen unterhalten. Manche wollen den Tunnel zu Fuss in der Tunnelröhre verlassen und unterschätzen dabei, wie weit sie bereits in den Tunnel eingefahren sind. Andere nutzen den nächsten ihnen bekannten Ausgang – also denjenigen, den sie wahrgenommen haben.
Tunnelnutzer kehren aus sicherem Bereich in den Tunnel zurück
Bei Ereignissen wurde auch mehrfach beobachtet, dass Menschen sich aus sicheren Schutzräumen heraus wieder in den Tunnel begeben. Dafür werden verschiedene Gründe angeführt. Zum einen muss mit einer Unsicherheit gerechnet werden, was die Menschen in diesem Bereich tun sollen. Der Wunsch nach Information kann dazu führen, das Geschehen im Tunnel weiter beobachten zu wollen. Als weitere mögliche Gründe für das Verlassen eines Schutzraums werden in der Forschung angeführt, dass Menschen etwas aus ihrem Fahrzeug holen oder anderen Menschen helfen wollen.
Notausgänge werden im Normalfall als verbotene Zone wahrgenommen
Viele Menschen gehen davon aus, dass Fluchtwege nur im Notfall benutzt werden dürfen und im Normalfall deren Nutzung verboten ist. Dies kann dazu führen, dass sie Notausgänge nur in einer ganz eindeutigen Notsituation nutzen. Hinzu kommt eine Unsicherheit darüber, was die Nutzer hinter der Tür erwartet. Umgekehrt wurde beobachtet, dass Menschen, die bereits positive Erfahrungen mit Fluchtwegen gemacht haben, diese eher nutzen.
Hinter jeder Tür ein sicherer Bereich?
Experimente und Auswertungen von Tunnelbrandereignissen führen zu der Vermutung, dass Menschen bei einem Brand im Tunnel hinter jeder Tür einen sicheren Bereich vermuten können. Auch Notfallkabinen können fälschlich als sicher bewertet werden.
Tunnelnutzer flüchten auch durch den Rauch
Manche Autofahrer fahren an einem brennenden oder rauchenden Fahrzeug vorbei. Menschen nehmen eine Gefährdung individuell wahr und handeln auf der Basis ihrer Interpretation der Situation. So flüchten Menschen auch zu Fuss durch Rauch, etwa wenn sie Angst haben eingeschlossen zu sein oder wenn sie die Gefahr durch Rauch und Hitze geringer einschätzen, als diesen Fluchtweg nicht zu nutzen.
Im Rauch flüchten Menschen entlang der Tunnelwand
Sowohl Experimente als auch die Auswertung von Tunnelbränden führen zu der These, dass sich Flüchtende im Rauch an der Tunnelwand entlangtasten. Befinden sich Notausgänge jedoch nur in der gegenüberliegenden Tunnelwand, so ist dies für die Flüchtenden oft nicht erkennbar. Es kommt hinzu, dass Menschen das Überqueren der Fahrbahn psychisch als zu anstrengend erleben, wenn sie die visuelle Orientierung verloren haben.
Feuerwehren müssen alle Bereiche absuchen
Die Konsequenz aus diesem sehr vielfältigen Verhalten von Tunnelnutzern im Brandfall ist, dass Suchtrupps alle Bereiche im Tunnel absuchen und dabei alle Türen im Tunnel öffnen müssen. Dies gilt auch für Notfallkabinen oder Technikräume. Gleichzeitig ist immer mit fahrenden Fahrzeugen zu rechnen, da sich Autofahrer zu jedem Zeitpunkt zu einer Flucht in ihrem Auto entschliessen können.