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"Im Jahre 916 servierte Julius de Berry seinem König eine Schale mit Walderdbeeren. Von diesem aussergewöhnlichen kulinarischen Genuss war der König so verzaubert, dass er den Mann gleich zum Ritter schlug und ihm den Namen ‚Fraise‘ und ein Wappen mit sechs Erdbeerblüten gab". So beginnt die Erdbeergeschichte im neuen Kochbuch "Erdbeer-Träume". Gleich darauf folgt jedoch der Hinweis, dass die in Mitteleuropa heimische Walderdbeere keinesfalls die Urform der heutigen Gartenerdbeeren ist, sondern vielmehr eine entfernte Verwandte.
Der botanische Name "Fragaria" taucht gemäss anderen Quellen im Jahr 1330 bei Matthäus Silvatius zum ersten Mal auf. Der Begriff sei vom lateinischen fragare – duften – abgeleitet. Im Mittelalter gab es grosse Flächen, auf denen Walderdbeeren kultiviert wurden. Nur die Fruchtgrösse der aromatischen Winzlinge liess sich durch nichts verbessern, sie wachsen bis heute kaum haselnussgross.
Ein Produkt der Neuen Welt
Das Problem der Grösse wurde durch die Entdeckung der Neuen Welt gelöst. Einerseits fanden Siedler in Nordamerika verschiedene Sorten, die als "Amerikanische Scharlach-Erdbeeren" Eingang in die botanischen Gärten Europas fanden: zum Beispiel am kanadischen Sankt-Lorenz-Strom langkegelförmige Erdbeeren, die aromatisch und zugleich recht gross waren, oder Pflanzen mit fast kugelrunden Früchten in Virginia.
Andererseits entdeckte der französische Fregattenkapitän und Hobbybotaniker Amédée François Frezier 1714 in Chile eine Erdbeersorte, die ganz anders aussah als die bisher bekannten Arten: ledrigstarre, blaugrüne Blätter, behaarte Stengel und sensationell grosse Früchte. Diese Chile-Erdbeere ist die direkte Vorfahrin der heutigen Gartenerdbeere.
Der Weg zum vollen Erdbeergenuss war aber noch mit einigen Steinen gepflastert. Der Beere mit dem Namen "Schöne von Chile" behagte das Klima auf dieser Seite des Atlantiks schlecht. Sie litt unter der Winterkälte und setzte kaum Früchte an. Die schlechten Erträge konnten jedoch bretonische Bauern beheben: Sie fanden nämlich heraus, dass die Chile-Erdbeere zweihäusig ist, also weibliche und männliche Pflanzen hat. Sie setztendie Chile-Erdbeeren deshalb zwischen Scharlach-Erdbeeren und garantierten so die Befruchtung der Blüten. Die Walderdbeere war als Befruchtersorte ungeeignet. Mit dieser Anbaumethode hatten die Franzosen so viel Erfolg, dass sie von 1750 an in der Hochsaison im Hafen von Brest täglich 20 Schiffe mit Erdbeeren beladen konnten.
Diese Anbauform verbesserte nicht nur die Erträge. Die beiden Beerensorten verbanden sich ferner in einer Artkreuzung zur Urform der heutigen Erdbeere: Die Blüten der Chile-Erdbeere wurden mit Pollen der Scharlach-Erdbeere bestäubt. Diese neue Art tauchte um 1750 in Amsterdam auf. Die Holländer nannten sie wegen ihres Geschmackes und der Form "Ananas-Erdbeere". Dieser Name ist der Gartenerdbeere bis heute geblieben: "fragaria ananassa" nennen sie die Botaniker.
Jede Dritte ist Schweizerin
LID. 2,5 Kilogramm Erdbeeren essen Frau und Herr Schweizer im Schnitt jedes Jahr, 17,000 Tonnen insgesamt. Davon stammen jedoch nur rund 30 Prozent aus dem Inland. Denn während die Erdbeeren in der Schweiz im Juni Hochsaison haben, beginnt die Saison in den Läden spätestens im März und die Importe erreichen im April ihren Höhepunkt.
In der Schweiz sind in diesem Jahr 413 Hektaren mit Erdbeerkulturen bepflanzt, 15 Hektaren weniger als im Vorjahr. Damit hält der Rückgang der letzten Jahre an. Bis 1998 dehnte sich die Erdbeerfläche laufend aus bis auf 466 Hektaren. 1971 waren es erst 290 Hektaren. Die Handelsmenge blieb jedoch in den letzten drei Jahren mit rund 5,000 Tonnen trotz des Flächenrückgangs relativ konstant.
Info-Grafik zum Thema: "Bei den Erdbeeren spüren die Konsumenten die Saison immer weniger" im LID-Mediendienst Nr. 2466 vom 25. Mai 2000 und "Die meisten Erdbeeren stammen aus dem Wallis und dem Thurgau" im LID-Mediendienst Nr. 2464 vom 11. Mai 2000.
Die Zarten sind besonders aromatisch
Inzwischen gibt es weit über tausend Sorten mit recht unterschiedlichen Boden- und Klimaansprüchen, verschiedenem Aussehen, Geschmack und Wuchshabitus und jedes Jahr kommen ein paar neue hinzu. Dennoch lassen sich die Ansprüche des Handels nach festen Beeren und die Erwartung der Konsumenten nach starkem Aroma nicht leicht unter einen Hut bringen. Die Erdbeeren sind von Natur aus zarte, empfindliche Früchtchen, die möglichst frisch gegessen werden möchten.
Bei der Auslese der Sorten für den Schweizer Anbau steht jedoch seit einigen Jahren der Erdbeergeschmack wieder an erster Stelle. "Guter Geschmack ist die Chance für die Schweizer Erdbeerpflanzer", meint Reto Neuweiler, Erdbeerspezialist der Forschungsanstalt für Obst-, Wein- und Gartenbau in Wädenswil (FAW). Er stellt auch fest, dass die Ansprüche an die Festigkeit nicht mehr so streng sind. Ausser Acht gelassen werden kann die Festigkeit aber nicht. "Alles, war zum Grossverteiler geht, muss eine gewisse Festigkeit haben, sonst präsentiert es nicht". Denn im Laden kauft das Auge mit: Druckstellen werden nicht toleriert. Die FAW empfiehlt deshalb gewisse Sorten nur für den Direktverkauf und die regionale Vermarktung. Ein Hoffnungsträger ist die neue Sorte "Darselect", die feste Früchte mit angenehmem Geschmack und intensivem Duft trägt. Auf der anderen Seite ist die früherer Hauptsorte "Marmolada", die geschmacklich nicht überzeugte, weiter auf dem Rückzug.
Erdbeerspezialist Neuweiler weist jedoch darauf hin, dass ein starkes Aroma nicht nur eine Sortenfrage ist. Aromakiller sind auch heisses Wetter und Dauerregen. Den intensivsten Geschmack entwickeln die zarten Beeren bei bedecktem Himmel und leichtem Regen zwischendurch.
Weitere Informationen zur Entwicklung bei der Sortenauswahl in "Mit neuen Sorten zu starken Erdbeeraromen" im LID-Mediendienst Nr. 2409 vom 15. April 1999.
Das Kochbuch "Erdbeer-Träume" ist im Verlag FONA, Lenzburg erschienen. Das 80-seitige Buch mit 20 ganzseitigen Bildern ist zum Preis von 18 Franken im Buchhandel erhältlich.