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Wenn Verena El Amil durchs hippe Badaro-Quartier in Beirut schlendert, würde man im ersten Moment nicht vermuten, dass sie eine Kandidatin für die Parlamentswahlen ist. Die 26-jährige Anwältin passt mit ihrer lockeren Art so gar nicht ins Bild der libanesischen Politiker.
Doch wo sie hinkommt, wird die Jungpolitikerin erkannt. Kein Wunder: Sie war Teil der Anti-Regierungs-Proteste von 2019 im Libanon. Nun ist sie die jüngste Kandidatin bei den diesjährigen Parlamentswahlen. Für El Amil ist klar: «Ich will die Revolution ins Parlament tragen.»
Politiker decken sich gegenseitig
Der Libanon durchlebt derzeit eine der schwersten Wirtschaftskrisen der jüngeren Menschheitsgeschichte. Die libanesische Währung hat über 90 Prozent ihres Wertes verloren. Drei Viertel der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze. Dauernd gibt es Stromausfälle, und der Treibstoff ist für viele unerschwinglich geworden.
Die Politiker sehen das Land als einen Kuchen und teilen die Stücke unter sich auf.
Für Verena El Amil ist klar, wer für die Misere verantwortlich ist: Die alte Elite, die die Macht im Land nach dem Bürgerkrieg entlang konfessioneller Linien unter sich aufgeteilt hat. «Die Politiker sehen das Land als einen Kuchen und teilen die Stücke unter sich auf», sagt sie. «Sie decken sich gegenseitig – und ihre Korruption.»
Religion als Machtfaktor im Libanon
Die politischen Ämter werden im Libanon entlang konfessioneller Linien vergeben. Im Land gibt es 18 anerkannte Religionsgemeinschaften.
Das libanesische Parlament wird alle vier Jahre gewählt und hat 128 Sitze. Die eine Hälfte der Sitze ist für Christen reserviert, die andere Hälfte für Muslime. Diese Aufteilung geht auf das Abkommen von Taif zurück. Mit diesem wurde 1989 der 15-jährige Bürgerkrieg beendet. Die Aufteilung der Sitze zwischen Christen und Muslimen beruht ursprünglich auf einer Volkszählung von 1932. Seither wurde im Libanon keine Volkszählung mehr durchgeführt. Die Zahl der Muslime hat seither aber stark zugenommen.
Auch andere wichtige Ämter im Libanon sind für Religionsgruppen reserviert. Der Präsident muss immer ein maronitischer Christ sein, der Ministerpräsident ein sunnitischer Muslim und der Parlamentssprecher ein schiitischer Muslim.
Die religiös motivierte Machtteilung im Libanon sorgte in der Vergangenheit immer wieder für Kritik und Proteste – etwa ab Oktober 2019, als Hunderttausende auf die Strasse gingen.
El Amil will bleiben
Um für Reformen des politischen Systems im Libanon zu kämpfen, ist Verena El Amil 2019 zusammen mit Hunderttausenden auf die Strasse gegangen. In der Zwischenzeit ist es um die Protestbewegung von damals ruhig geworden. Doch im Land ist viel passiert: der Zusammenbruch der Landeswährung, die Explosion am Hafen von Beirut und die Abwanderung von vielen gut ausgebildeten Jungen.
Dieser sogenannte Brain-Drain beschleunigt den Niedergang des Libanons noch zusätzlich. Doch Verena El Amil will bleiben und für ihr Heimatland kämpfen. Die 26-jährige Juristin kennt die Abwanderung aus eigener Erfahrung: «Von den 90 Kommilitonen, mit denen ich Jura studiert habe, sind nur noch wenige im Libanon. Dieses Problem anzugehen, hat für mich Priorität.»
Nur geringe Wahlchancen
Ihr Wahlkampfbüro haben Verena und ihre Mitstreiter vor einem Beiruter Strassencafé eingerichtet. Von dort aus planen sie die Kampagne. Viel Geld haben sie nicht: El Amil hat all ihre Ersparnisse – gut 1000 Franken – beigesteuert. Via Crowdfunding ist nochmals gleich viel Geld zusammengekommen.
Im Libanon sind wir uns gewohnt, dass unsere Parlamentarier alte, weisse Männer sind.
Bei den diesjährigen Parlamentswahlen im Libanon treten so viele junge und unabhängige Kandidierende an wie noch nie. Dennoch sind deren Chancen, in grosser Zahl gewählt zu werden, eher gering. Das Wahlsystem des Landes begünstigt die etablierten Parteien und die bestehende Machtverteilung.
Trotz geringer Wahlchancen verbreitet Verenas Wahlkampfmanager Tarik Ghosn Optimismus: «Hier im Libanon sind wir uns gewohnt, dass unsere Parlamentarier alte, weisse Männer sind. Eine so junge Kandidatin wie Verena zu haben, ist bereits ein grosser Meilenstein.»
Auch El Amil selbst sagt: «Wenn wir selbstbewusst genug sind und an den Wandel glauben, dann kann unsere Generation viel erreichen.» Nicht alle Beobachter teilen Verena El Amils Optimismus. Viele rechnen damit, dass die Wahlen nicht zu einem grundlegenden Wandel in dem von Armut und Korruption zerfressenen Land führen werden.