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Gottsuche im Boudoir
von Florian Bissig
Publiziert am 03/07/2017
Halbwelt und Himmel, Verruchtheit und Unschuld, Erfahrung und Naivität: Vielfältig sind die Gegensätze, die sich in Emmy Hennings’ Brandmal von 1920 offenbaren. Der Roman ist als fiktives Tagebuch von der 23-jährigen Dagny erzählt, einer Vagabundin, Hausiererin, Varieté-Schauspielerin und Prostituierten. Sie vertraut dem Papier an, wie sie von Stadt zu Stadt tingelt und auf schnellstem Weg in die übelbeleumdetsten Milieus abrutscht. Und zugleich reflektiert sie ihr Leben, philosophiert über ihre Identität, betet und ringt mit ihren Sünden. Das Brandmal ist ein Bekenntnis-Buch, das deutlich etwa an Augustinus’ Confessiones anknüpft. Während Dagny ihren Körper verkauft, versucht sie, wenigstens ihre Seele zu erhalten.
Das «Tagebuch» ist fiktional, speist sich aber durchaus aus Hennings’ eigener Erfahrung. Von 1908 bis 1910 führte sie ein entsprechendes Leben: Sie wirkte in den beschriebenen Städten wie Köln und Münster, sie arbeitete in den genannten Berufen, und sie erkrankte schliesslich an Typhus. Der biographische Kontext ist nur einer von vielen Aspekten, welche in der wissenschaftlichen Neuausgabe des Romans von Christa Baumberger und Nicola Behrmann in einem umfangreichen Anhang in lesenswerter Weise anschaulich gemacht wird. Wie bereits im ersten Hennings-Band mit dem Roman Gefängnis und seinen Variationen, werden der Roman sowie die verwandte Erzählung Das ewige Lied mit Stellenkommentaren, dem Nachdruck von zeitgenössischen Kritiken und einem umfangreichen Nachwort literaturwissenschaftlich erschlossen.
So wird auch klar, dass Hennings ihre persönlichen Erfahrungen zwar ausgiebig verwendete, doch zugleich auch selektiv vorging. Die aus Flensburg stammende Schriftstellerin, die in Zürich den Dadaismus mitbegründete und in Bern Hugo Ball heiratete, war nicht derart sozial isoliert wie ihre Figur Dagny. Ihre Verbindungen zu künstlerischen Kreisen kommen im Brandmal nicht vor. Aus diesem Grund erscheinen das schriftstellerische Talent, die literarischen Bezüge und die Tiefe der Reflexion einer Animier-Dame und Prostituierten umso verwunderlicher.
Bei aller intellektueller Durchdringung bleibt die Erzählerin dicht am Leben und Empfinden. Mit einer grenzenlos scheinenden Ehrlichkeit beschreibt sie ihr Inneres, und widerspricht damit der naheliegenden Erwartung einer abgestumpften oder verdrängenden Haltung. Radikal ehrlich aus dem Erleben zu schreiben und verletzlich zu bleiben, das ist das erklärte Ziel dieser persönlich-literarischen Effusion.
In ihrer Selbstbefragung ist Dagny angetrieben vom Wunsch nach Klarheit und Einfachheit. Auf der Suche nach dem Selbst und seinem Platz im Universum schreibt sie: «Ich bin vielfältig. Ich müsste ganz einfach sein. Ich möchte mich ganz und gar vereinfachen. Lieber Gott, warum lebe ich denn in der weltlichsten Welt und strebe doch nach dem höchsten der Himmel?» Die Klarheit, und mehr noch die Distanz, fehlen der Erzählerin aber komplett. Dagny ist oft überwältigt von ihren Gefühlen und Eindrücken – was Hennings durch eine unmittelbar-expressive und gesprächsartige Erzählweise wiedergibt.
Auch ihre Umwelt beobachtet und beschreibt Dagny mit unverstelltem Blick. Sie bewahrt stets das Staunen und lässt es nie beim oberflächlichen Verstehen bewenden – was bei ihren Gesprächspartnern zuweilen Unverständnis auslöst. Köstlich ist etwa die Szene, in der Dagny beim Anatomischen Institut vorstellig wird, um ihre Leiche, gegen Vorauszahlung, der Wissenschaft zu verschreiben. Sei verkauft bereits ihren lebendigen Körper – warum also nicht auch noch den toten. Allerdings stellt sie sich derart grundaufrichtig und zugleich unbeholfen an, dass der Portier sie für verrückt hält, und nur noch sagen kann: «Gar nichts weiss ich, als dass Sie eine absonderliche Sprache führen.»
Indessen ist Das Brandmal nicht sozialkritisch, jedenfalls nicht in direkter Weise, und Dagny stellt sich nicht als Opfer dar. Im Gegenteil, die Protagonistin beschreibt sich minutiös als bewusst und selbstbestimmt handelnd. So erlebt der Leser mit, wie die junge Frau sich – in einer sonderbaren Mischung von Freiwilligkeit und Willenlosigkeit – ins zwielichtige Métier hinunterziehen lässt. Das ist vielleicht das Verstörendste an dem Buch: Wie widerstandslos Dagny durch ihr Martyrium wandelt, während sie sich zugleich selbstkritisch dafür geisselt.
Insgesamt verblüfft der Roman noch heute mit seiner eigenartigen Verbindung von unaufdringlicher Intertextualität (Hennings arbeitet mit einer Fülle von biblischen und literarischen Motiven), schonungsloser Selbstoffenbarung und -kritik und dem beiläufig-plaudernden Konversations-Ton. Allerdings wird die Lektüre mit der Zeit etwas ermüdend, da dem fiktionalen Tagebuch konsequenterweise eine handfeste Dramaturgie fehlt – vielleicht abgesehen davon, dass die Erzählung immer stärker introspektiv wird und den Charakter eines Gebets annimmt.
Das Brandmal verfasste Hennings ab Frühling 1919 in Bern, nachdem sie von einer lebensgefährlichen Lungenentzündung genesen war. Das Buch machte sie schlagartig zu einer bekannten und gefeierten Schriftstellerin. Allerdings ebbte das Interesse an ihr fast ebenso schnell wieder ab. Auch die Folge-Erzählung Das ewige Lied von 1923, der fiebrige Monolog einer Sterbenden, der in vielfältiger Weise an den Roman anknüpft, wurde kaum beachtet. Wie Nicola Behrmann im Nachwort andeutet, war in den 1920er Jahren nicht nur die Zeit für empfindsame, subjektiv eingefärbte Erzählkunst vorbei, sondern auch die Zeit der Varietés, die dem neuen Medium Kino weichen mussten. Gerade das lebendige Panorama einer unwiederbringlichen Vergnügungswelt, die sich noch gänzlich um leibhaftige Performanz drehte, ist es aber heute, was Hennings’ erfahrungsgesättigte Texte wieder aufregend macht.