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Rückzug, mittendrin
Entre nous, Ariela Sarbacher!
Ariela, wo hast Du Dein neues Buch geschrieben?
«Der Sommer im Garten meiner Mutter» ist in meinem Arbeitsraum in Zollikon und zu Hause in unserer Küche entstanden.
In der letzten Arbeitsphase, als der Roman immer konkretere Gestalt annahm, war unser Küchentisch von Blättern übersäht. Ich stand frühmorgens auf, möglichst zwei Stunden, bevor die anderen zum Frühstück erschienen. Waren sie da, schoben mein Mann und meine Töchter die Papierstapel mit ihren Tellern beiseite. Während sie frühstückten, schrieb ich weiter. Mittendrin ist ein guter Rückzugsort, habe ich festgestellt. Es zeigt, dass man da wäre, wenn man gebraucht würde, dennoch kann jeder sehen, dass man nicht gestört werden will. Noch bevor ich angefangen hatte zu schreiben, träumte ich einmal von Virginia Woolf. Sie schrieb bei sich zu Hause zwischen Tellern und Pfannen und wurde immer kleiner, während die Papierberge um sie herum in die Höhe schossen.
Nach dem Tod meiner Mutter musste ich mein Studio in Zürich verlassen, in dem ich bis dahin Tai Chi, Pilates und mein Präsenztraining unterrichtet hatte. Ein fensterloser Raum, in dem man sich gut auf seine Bewegung konzentrieren konnte. Kein Ort zum Schreiben. Dann bekam ich das Studio in Zollikon angeboten. Es hat vier Fenster und grenzt an das Grundstück, wo ich aufgewachsen bin. In diesem Raum entstand die Idee zu meinem Roman.
Worum geht es, Deiner Meinung nach, in Deinem Buch?
Um die verschiedenen Facetten einer sehr komplexen Mutter-Tochter-Beziehung, erzählt aus der Perspektive der Tochter.
Die Tochter führt ein Zwiegespräch mit sich, vor dem nahenden Abschied und nach dem Tod der Mutter. Der innere Aufruhr vor dem Entscheid der Mutter, selbstbestimmt aus dem Leben zu gehen.
Es handelt vom hin und her Gehen zwischen zwei Kulturen, zwischen Italien und der Schweiz, zwischen der Geschichte der Mutter und der eigenen. Es geht um das Aufspüren des Unterschiedes zwischen zwei sich sehr nahestehenden Menschen, um das Aufdecken von falscher Nähe und um einen gesunden Abstand in oftmals unklaren Familienverhältnissen. Letztlich um Identitätsfindung.
Welche Themen, Geschichten, Diskurse interessieren Dich zurzeit grundsätzlich?
Beziehungen. Beeinflussungen. Wer ist der andere Mensch jenseits unserer Beziehung zu ihm? Wer wird er oder sie in Beziehung zu mir und umgekehrt? Wirkung und Wechselwirkung. Ziehen und Stossen. Was Menschen einander antun können. Veränderungen. Sprachvermögen, Sprachlosigkeit. Wie kann ich jemandem nahekommen und dennoch bei mir bleiben. Das Älterwerden.
Sind diese Themen für Dich neu oder eher ein Leitmotiv Deiner Arbeit?
Nicht neu. Aber erst jetzt finde ich zu einer Autonomie, die es mir ermöglicht, sie in Sprache zu transformieren.
Doch, die Gedanken über das Älterwerden sind neu. Wenn es denn Gedanken sind … es schleicht sich in meine Gedanken ein und brütet Unsicherheit und Zufriedenheit aus. Im Wechsel.
Mit welchen Gefühlen schaust Du auf die Niederschrift zurück?
Erstaunt. Es war, als seien für einige Jahre sämtliche Bauten und Strassen meiner Heimatstadt ausgetauscht worden. In dieser Neuanordnung musste ich mich, trotz der Hilfe von anderen, alleine zurechtfinden. Mich gehen lassen. Und wenn ich in alte Fahrwasser geriet, mich immer wieder von Neuem vom sicheren Rand abstossen, um frei schwimmen zu lernen. Das war zeitweise anstrengend, aber immer aufregend. Das Schreiben ermöglichte mir eine neue Sicht auf die vergangene Ordnung.
Hast Du bestimmte thematische Erwartungen an die Rezeption des Buches?
Habe ich nicht. Ich bin gespannt.
Wie würdest Du es einordnen in die Reihe Deiner Bücher?
Ich dachte immer, mein erstes Buch würde ein Lyrikband werden. Jetzt ist es ein Roman geworden.
Ariela Sarbacher, «Der Sommer im Garten meiner Mutter», Roman, bilgerverlag, Zürich, geb., 160 Seiten. Erscheint am 7. März 2020.