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Die Seidenstoffweberei Gessner AG feierte 1991 ihr 150 jähriges Bestehen. Der folgende Rückblick orientiert über die wichtigsten Etappen in der Geschichte des traditionsreichen jubilierenden Wädenswiler Unternehmens.
1840 schlossen sich die Seidenfabrikanten Heinrich Theiler-Wirz im «Freihof» Wädenswil und Johannes Steiner von Winterthur zur Firma Theiler & Steiner zusammen und betrieben im alten Dorfschulhaus, dem «Rosenhof» unterhalb der reformierten Kirche Wädenswil, ein Seidenfabrikationsgeschäft. Bereits ein Jahr später trug man den 46jährigen Obristleutnant Theiler zu Grabe, und Steiner musste sich nach einem neuen Associé umsehen. Er fand ihn in August Gessner (1815–1896) von Zürich, mit dem er sich auf den 1. August 1841 zur Firma Steiner, Gessner & Co. vereinigte.
Die beiden jungen Inhaber konnten auf eine kräftige finanzielle Unterstützung ihrer wohlhabenden Väter zählen. Zudem hatten sie eine sorgfältige Ausbildung genossen und besassen viele Kenntnisse, die ihnen zum Teil seit den Kindheitstagen durch die Familientradition in Fleisch und Blut übergegangen waren. Zwischen 1842 und 1849 bauten Johannes Steiner und August Gessner ihr Geschäft mit grosser Tatkraft aus und zogen Nutzen von dem wiederum neu angestiegenen Ansehen der Zürcher Seide in aller Welt und den Verfeinerungen der Färbe- und Drucktechnik. So exportierte man schon im Jahre 1842 Seidenstoffe aus Wädenswil nach Holland, den Vereinigten Staaten, nach Italien, Frankreich, Deutschland, Belgien und Dänemark.
Um 1846 beschäftigte die Firma in ihren eigenen Lokalitäten im «Rosenhof» rund zwanzig Arbeitnehmer. Nur die dem Weben vorangehenden Arbeitsprozesse – das Winden der Seidenstrangen vom Haspel auf die Windspulen und das Zetteln wurden im Sinne von Fabrikarbeit im Gewerbehaus ausgeführt. Das Weben besorgten Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter in den Dörfern an beiden Seeufern und auf den bergwärts gelegenen Bauernhöfen bis hinüber nach Aegeri und Menzingen.
Nachdem August Gessner das Wädenswiler Seidengeschäft am 15. August 1849 auf eigene Rechnung übernommen hatte, baute er den Export weiter aus. Nun gingen auch grössere Lieferungen in den Vorderen Orient und in den Fernen Osten. Zudem konnten in Brasilien, Nordamerika und England neue Kunden gewonnen werden. Dass Gessner gute Seidenwaren lieferte, bewies 1850 die Industrie-Ausstellung in London, wo der Fabrikant für seine Erzeugnisse mit einer Ehrenmeldung ausgezeichnet wurde. 1855 beschäftigte August Gessner in seiner Seidenwinderei am Fusse des Kirchhügels bereits 90 Personen, und die Zahl der Heimweber und Heimweberinnen war auf rund 740 angestiegen.
August Gessner-Theiler, 1815–1896.
Emil Gessner-Heusser, 1848-1917.
Der «Rosenhof» wurde für den Betrieb bald zu knapp und musste ausgebaut werden. 1860 verlegte Gessner einen Teil des Unternehmens in ein abbruchreifes Nachbarhaus und erwarb dann im Jahre 1870 die ehemalige «Seidenfarb» Marthaler, die heutige Liegenschaft Schönenbergstrasse 3.
Vorausschauend sicherte sich August Gessner in der Gemeinde grössere Landkomplexe. In den 1860er Jahren erstand er in der Eidmatt vier Wohnhäuser mit Umgelände, das sein Sohn Emil um die Jahrhundertwende zur Liegenschaft «Rosenmatt» ausweitete. Zwischen 1860 und 1871 übernahm August Gessner für den Bau des Familiensitzes «Bürgli» verschiedene Wies- und Rebparzellen nördlich der Galgengasse, der heutigen Bürglistrasse. Und im Neuwiesenquartier, südöstlich des Krähbaches, kaute er 1877 einen grösseren Bauplatz für eine mechanische Seidenweberei.
Auf Ende Juli 1881 zog sich August Gessner aus der Leitung des Unternehmens zurück und überliess die Führung des Seidenhauses, das seit diesem Zeitpunkt Gessner & Co. hiess, seinem Sohn Emil (1848–1917). Dieser war 1873 in die Firma eingetreten und hatte sich 1880 mit Meta Regina Heusser, der Nichte der Schriftstellerin Johanna Spyri-Heusser, verheiratet. 1881 wurde er Gesellschafter der Firma Gessner & Co. und zeichnete von 1886 an als deren unbeschränkt haftender Inhaber.
Ältester Fabriktrakt der Seidenweberei Gessner, 1882 bezogen. Im Hintergrund der Sommersitz «Bürgli», rechts das Haus «Sagenrain».
Fabrikareal der Seidenweberei Gessner & Co. AG im Jahre 1965.
Emil Gessner wollte nicht mehr ausschliesslich auf Heimweber und Heimweberinnen angewiesen sein; darum ging er zur leistungsfähigeren mechanischen Seidenweberei über: Im Neudorf wurde 1881/82 ein 34 Meter langes, 12,6 Meter breites und 16 Meter hohes Fabrikgebäude mit Kesselhaus und Hochkamin erstellt. Bereits fünf Jahre nachdem im neuen Webereigebäude die ersten mechanischen Webstühle zu arbeiten begonnen hatten, liess Emil Gessner die zweistöckige Fabrik bergseits um rund zwanzig Meter verlängern. 1889 entstand der Westtrakt entlang der heutigen Stegstrasse, und seewärts der alten Fabrik fügte man gleichzeitig einen zweigeschossigen Shedbau an, auf den man 1895 zwei weitere Stockwerke aufmauerte. 1898/99 entstand dorfwärts des ältesten Traktes ein zweigeschossiges Gebäude (heutige «Alti Fabrik»), in dessen oberem Geschoss 144 durch separate Elektromotoren angetriebene Webstühle standen. Mit der Fertigstellung von zwei Erweiterungsbauten des Webereigebäudes in den Jahren 1904/05 erreichte das Stammhaus in Wädenswil im wesentlichen seine heutige Ausdehnung.
Dafür plante man jetzt bei Gessner & Co. um so mehr über die Dorfgrenzen hinaus: 1895 entstand ein Zweiggeschäft auf dem Richterswiler «Horn» und 1906 die juristisch selbständige Gesellschaft Gessner & Co. GmbH. im deutschen Waldshut. Mit der Umwandlung der Kommanditgesellschaft in eine Aktiengesellschaft auf den 1. Juli 1909 begann in der Geschichte des Seidenhauses Gessner ein neuer Abschnitt. Hatte man 1896 in den Gessnerschen Betrieben Wädenswil, Richterswil und Waldshut 584 Webstühle gezählt, so waren es 1914 schon ihrer 1300. Die gewachsene Produktion machte eine Zentralisierung der Spedition, Disposition und Fakturierung in der Stadt Zürich unumgänglich.
Nach dem Tode von Emil GessnerHeusser im Jahre 1917 ging die Verantwortung für die Firma Gessner an Direktor Emil Isler-Wyssling (1871–1946) über. Es war die für die Industrie schwere Zeit des Ersten Weltkrieges. Wegen Rohstoffmangel mussten die Maschinen an Samstagen stillstehen, und 1918 riss die Grippe-Epidemie grosse Lücken in den Arbeiterbestand und zwang zu Betriebseinstellungen.
Emil Isler-Wyssling, 1871-1946.
Max Isler-Vetter, 1906-1984.
Die Nachkriegsjahre brachten der Seidenweberei Gessner zuerst einen grossen Aufschwung. Dann aber machten die Konkurrenzverhältnisse die Gründung von Auslandbetrieben nötig: 1923 in Rovereto/ltalien, 1924 in Lyon/Frankreich und 1925 in Dunfermline/England. Bis 1929 stieg die Zahl der Arbeiterinnen und Arbeiter in den Gessnerschen Fabriken auf das Maximum von 2200 an; fast die Hälfte aller Stühle waren für die Herstellung gemusterter Seide eingesetzt.
Die 1929 hereingebrochene Weltwirtschaftskrise traf auch die Firma Gessner hart. Im Januar 1930 schmolz die Produktion um 25 Prozent, im März sogar um 50 Prozent, und die Preise brachen zusammen. Drei Viertel des Aktienkapitals waren verloren. Die Aktionäre hatten ein sehr grosses Opfer zu bringen: Jede Aktie wurde von 1000 Franken auf einen Franken abgeschrieben. Dadurch sank das Grundkapital der Seidenweberei Gessner AG von vier Millionen Franken auf 4000 Franken.
Als Emil Isler nach abgeschlossener Sanierung des Unternehmens 1938 als Direktor zurücktrat und die Leitung der traditionsreichen Seidenstoffweberei Gessner seinem Sohn Max Isler-Vetter (1906–1984) übergab, ging es mit den Betrieben glücklicherweise wieder aufwärts. Da brach 1939 der Zweite Weltkrieg aus. Die Produktion des Betriebs Waldshut wurde nun weitgehend durch die Massnahmen des Dritten Reichs gesteuert; die unrentabel gewordene Fabrik im italienischen Rovereto musste abgestossen werden. Das Mutterhaus in Wädenswil jedoch konnte fast immer voll arbeiten. So durfte man es 1944 wagen, zuerst für die Schaft-, dann für die Jacquard-Abteilung neue Webstühle anzuschaffen.
Während verschiedene Unternehmungen der Textilbranche in der Nachkriegszeit ganz oder teilweise liquidiert wurden, konnte sich die Seidenweberei Gessner behaupten. Sie schloss 1952 den Auslandbetrieb Lyon und 1967 die Fabriken in Dunfermline und Waldshut und konzentrierte sich fortan ganz auf das Stammhaus Wädenswil. Dieses wurde laufend modernisiert und mit den Mitte der 1960er Jahre aufgekommenen schützenlosen Webmaschinen ausgestattet. Dieser Schritt war ähnlich bedeutungsvoll wie 80 Jahre zuvor, als der mechanische Webstuhl den Handwebstuhl ablöste. Damals verdreifachte sich die Leistung, jetzt wurde sie verdoppelt. 1968 rüstete die Firma Gessner ausschliesslich auf Jacquard-Technologie um.
Fabrikareal der Seidenweberei Gessner AG, im Jubiläumsjahr 1991, Blick gegen Westen.
Websaal im Webereigebäude von 1978.
1976 erfolgte der Generationenwechsel in der Unternehmensleitung: Als Nachfolger seines Vaters übernahm Thomas Isler die Funktion des Delegierten des Verwaltungsrates. Ein Jahr später entschied sich der Verwaltungsrat für den Bau einer neuen Fabrik und damit für eine Investition von insgesamt 15 Millionen Franken. Mit der Einweihung des Hochbaus im Jahre 1978 hatte der Shedbau aus der Zeit vor der Jahrhundertwende als Webereigebäude ausgedient. Er wurde erfreulicherweise nicht abgebrochen, sondern zum Einkaufszentrum «Di alt Fabrik» mit 15 Detailhandelsgeschäften, Gartencenter und Restaurant umgestaltet.
1982 erweiterte die Seidenweberei Gessner ihr traditionelles Tätigkeitsfeld durch enge Zusammenarbeit in Produkt-Entwicklung und Verkauf mit der Seidendruckerei Mitlödi AG, deren Aktienkapital 1989 erworben werden konnte. In den achtziger Jahren schenkte man so dann der Erneuerung des Maschinenparks in Wädenswil volle Aufmerksamkeit. Bis Ende 1984 ersetzten 30 Dornier-Webmaschinen die letzten Schützenwebstühle. Zwei Jahre später lösten 10 weitere Dorniermaschinen die 13 doppelbreiten + GF + Maschinen aus den Jahren 1972/73 ab. Dann lieferte Sulzer Rüti 38 Webmaschinen, die 1989 erstmals mit elektronischen Jacquardmaschinen ausgerüstet wurden.
Das 1979 eröffnete Einkaufszentrum «di alt Fabrik» im ehemaligen Webereigebäude.
Im Jubiläumsjahr standen der Unternehmung total 94 modernste Webmaschinen zur Verfügung. Das Ziel, mit weniger Maschinen höhere und bessere Leistungen zu erzielen, ist erreicht. Eines der ältesten Wädenswiler Unternehmen darf zuversichtlich in die Zukunft blicken.
Im Jubiläumsjahr 1991 verfügt die 1841 gegründete Seidenstoffweberei Gessner AG über ein Aktienkapital von 1,2 Millionen Franken und beschäftigt 220 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, für die rund hundert betriebseigene Wohnungen zur Verfügung stehen. Im Drei-Schicht-Betrieb werden auf 94 Jacquard-Webmaschinen jährlich rund zwei Millionen Meter Stoff produziert. Dies benötigt eine Garnmenge von 500 000 kg, vor allem Seide und feine Baumwolle. Das Fabrikationsprogramm umfasst zur Hauptsache Damenkleiderstoffe, Einrichtungs- und Krawattenstoffe. Jährlich kommen gegen 3000 neue Dessins auf den Markt.
Peter Ziegler