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Ich liebe das Fahren und besonders die Freiheit, die mir die Arbeit als selbstständige Taxifahrerin bietet. Mir schreibt niemand vor, wann ich zu beginnen habe und wann meine Schicht fertig ist; wenn es gut läuft, arbeite ich auch einmal neun, zehn oder elf Stunden am Stück. Nur die vorgeschriebenen Ruhezeiten muss ich einhalten. Ich bin der Taxizentrale 444 angeschlossen, was mir ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Am liebsten bin ich nachts unterwegs, denn ich bin ein Nachtmensch. Schon bevor ich mit dem Taxifahren begonnen habe, arbeitete ich meist in der Nacht. Ich bin eigentlich Musikerin, habe in Polen die Musikakademie abgeschlossen und in Orchestern Querflöte gespielt. Später war ich Mitglied einer vierköpfigen Band, mit der wir in viele verschiedene Städte auf der Welt gereist sind, wir hatten Auftritte in Norwegen, aber auch in Abu Dhabi und Dubai. In den Jahren danach war ich als Alleinunterhalterin für Apéro- und Tanzmusik unterwegs. Ich sang in Pianobars und spielte Keyboard, Klavier, Saxofon und Querflöte. In der Schweiz trat ich in Orten wie Davos, Zermatt oder Leukerbad auf, bis ich mich verliebte, heiratete und eine Zeitlang im Geschäft meines damaligen Mannes mithalf. Nach der Scheidung war ich zu alt, um wieder ganz in meinen ursprünglichen Beruf einzusteigen; ich schrieb unzählige Bewerbungen an Orchester, bekam aber nichts als Absagen. Da dachte ich: Ich kann gut Auto fahren, und Sozialgeld will ich keines beziehen. Also verdiene ich mir mein Leben mit Taxifahren. Ich habe mir dann mein erstes Auto gekauft, einen Occasions-Kombi mit genug Platz für meine Instrumente und mein Equipment, denn die Musik habe ich bis heute nicht aufgegeben.
Am Taxifahren mag ich dasselbe wie am Musikmachen: Man lernt sehr schnell Leute kennen. Meine Gabe ist, mich in die Menschen einzufühlen, auch wenn sie nicht viel sagen. Das hilft mir in meinem Beruf. Ich spüre rasch, ob jemand Ruhe wünscht, mit mir sprechen oder nur Musik hören möchte. Man ist sich im Taxi nahe, und ich erlebe manchmal, dass Männer zu später Stunde zudringlich werden. Ich mache ihnen dann klar, dass sie bei mir an der falschen Adresse sind und dass ich Örtlichkeiten kenne, wo sie finden, was sie suchen. Nur einmal habe ich eine gefährliche Situation erlebt: Es war bereits nach Mitternacht, und in der Innenstadt von Zürich stiegen zwei junge Männer ein. Sie wollten an den Stadtrand gefahren werden und sprachen die ganze Zeit sehr freundlich mit mir. Einer von ihnen sass auf dem Beifahrersitz, der andere hinter mir. Als wir am Ziel angekommen waren, baten sie mich, noch etwas weiter zu fahren, entlang einer einsamen Strasse. Plötzlich verlangten sie nach Geld. Derjenige, der hinter mir sass, zückte ein Klappmesser und hielt es mir an den Hals; ich sah die Spitze der Klinge. Trotzdem blieb ich vollkommen ruhig und versuchte, mit ihnen zu sprechen. Ich erklärte, ich könnte ihre Mutter sein und erzählte von meiner Tochter aus einer früheren Beziehung. Dann gab ich vor, auf dem Handy ein Foto meiner Tochter zu suchen. Dabei gelang es mir, den Alarmknopf unter dem Sitz zu drücken. Zum Glück trieb der Lärm die beiden in die Flucht. Ich erstattete Anzeige, und ein paar Tage später wurde ich von der Polizei vorgeladen, um mehrere hundert Fotos von möglichen Tätern zu sichten. Obschon es im Taxi dunkel gewesen war, erkannte ich die Gesichtszüge des einen wieder.
Angst habe ich trotz diesem Erlebnis nie, ich glaube an das Gute im Menschen. Das Fahren in der Nacht hat den Vorteil, dass es viel weniger Verkehr hat als tagsüber. Um 6 Uhr morgens erwacht das Leben; dann geht es zu wie in einem Ameisenhaufen, und es sind auf einen Schlag auch viel mehr Taxis unterwegs als vorher. Die Nachfrage lässt sich aber kaum voraussagen, Wartezeiten gibt es für uns immer wieder. Ich vertreibe mir die Zeit mit Kreuzworträtseln oder Sudoku. Oder ich mache auf dem Parkplatz Gymnastik und halte mich mit Springseilen bei Laune.
Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 5/18
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Durch nächtliche Strasse