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Im Juni 1859 stand Henry Dunant den Sterbenden auf dem Schlachtfeld von Solferino bei: Er fragte sie nach ihren letzten Wünschen, notierte die Adresse ihrer Angehörigen und nahm für sie Andenken und Abschiedsworte entgegen. Von seiner Geste der Menschlichkeit liess sich das Rote Kreuz leiten, als es später Stellen einrichtete, die auf die Suche nach Vermissten spezialisiert sind.
Ein junger Corporal von zwanzig Jahren mit sanftem, ausdrucksvollem Gesicht, Namens Claudius Mazuet, hat eine Kugel in die linke Flanke erhalten; sein Zustand lässt keine Hoffnung mehr, und er selbst sieht dies ein; auch bedankt er sich bei mir, nachdem ich ihn beim Trinken unterstützt habe, und mit thränenden Augen fügt er hinzu: «O, mein Herr, wenn Sie an meinen Vater schreiben möchten, dass er meine Mutter tröste!» Ich schrieb die Adresse seiner Eltern auf und wenige Augenblicke darauf hatte er aufgehört zu leben. Auszug aus: Eine Erinnerung an Solferino, deutsche Ausgabe von 1864, S. 54.
Seelisches Leid lindern
Der Deutsch-Französische Krieg von 1870-71 war ein Markstein in der Geschichte des kurz zuvor gegründeten Roten Kreuzes. Bis dahin hatte es sich ausschliesslich der Pflege verwundeter Soldaten gewidmet. Nun nahm es eine völlig neue Tätigkeit auf: In der Grenzstadt Basel, auf neutralem Boden, eröffnete es ein Auskunfts- und Korrespondenzbüro. Verwundete Wehrmänner und Kriegsgefangene konnten von nun an ihren Angehörigen Nachrichten zukommen lassen. Über seine Basler Agentur übernahm das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) auch die Suche nach vermissten Armeeangehörigen. Der Bund schloss sich diesen Anstrengungen an: Er richtete ein «eidgenössisches Auskunftsbüro für die französischen Internierten der Bourbaki-Armee» ein. Das ab 1871 betriebene Auskunftsbüro behandelte rund 4000 Anfragen und leitete über 820 000 Briefe weiter.
1914-1918: eine Herausforderung auf globaler Ebene
Im Ersten Weltkrieg (1914-1918) engagierte sich das IKRK erneut in diesem Bereich. Seine internationale Zentralstelle wurde in Genf eingerichtet. Sie hatte den Auftrag, die Informationen zu den Kriegsgefangenen aus allen Ländern zentral zu erfassen, um die Zehntausenden von Anfragen beantworten zu können, die jeden Tag von den Familien eingingen. In der Zentralstelle arbeiteten insgesamt rund 3000 Freiwillige, die zum Teil dem Roten Kreuz Genf angehörten. Sie erstellten 4,8 Millionen Einzelkarteikarten und leiteten 20 Millionen Nachrichten weiter.
1939-1945: die ganze Schweiz sucht nach Vermissten
Im Zweiten Weltkrieg (1939-1945) leistete die Zentralstelle für Kriegsgefangene des IKRK entsprechend dem Ausmass des Konflikts gigantische Arbeit. Als die Zentralstelle an ihre Grenzen gelangte, eröffnete sie in rund 30 Schweizer Städten Zweigstellen, sogenannte Hilfssektionen. So beteiligten sich Freiwillige aus dem ganzen Land an dieser humanitären Initiative. Sie halfen bei der Zusammenführung von Familien, die Krieg und Gefangenschaft auseinandergerissen hatten. Mehrere Sektionen des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) wirkten bei diesem nationalen Grossaufgebot mit, dank dem 25 Millionen Einzelkarteikarten erstellt und 120 Millionen Nachrichten zwischen Kriegsgefangenen und ihren Angehörigen übermittelt werden konnten.
Die Geburtsstunde des Suchdienstes SRK
Seit den 1920er-Jahren waren beim Zentralsekretariat des SRK sporadisch einzelne Suchanträge eingegangen, doch im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg wurde in Bern ein massiver Zustrom von Anträgen verzeichnet. Daraus entstand in der unmittelbaren Nachkriegszeit der Suchdienst SRK. Im Jahresbericht von 1947 wird seine Tätigkeit erstmals erwähnt. Im Verlauf der Zeit erwies es sich für das SRK als hilfreich, über eine eigene Stelle zu verfügen, um den Kontakt zwischen Familien wiederherzustellen. Zunächst war der Suchdienst SRK in den Dienst Individuelle Hilfe integriert. Ab 1958 ist er im Organigramm des Schweizerischen Roten Kreuzes als eigenständige Dienstleistung aufgeführt.
Unterstützung für entwurzelte Menschen
Der Suchdienst SRK bildete sich in einer Zeit als Dienstleistung heraus, als die internationale Gemeinschaft mit einem drängenden Flüchtlingsproblem konfrontiert war: Auf die Millionen von Kriegsvertriebenen folgten Menschen, die vor dem Kommunismus auf der Flucht waren. Später suchten Menschen aus der dritten Welt Zuflucht vor den Krisen und anhaltenden Bürgerkriegen in ihrer Heimat. Seither war die Asylpolitik der Schweiz von der Aufnahme von Flüchtlingen geprägt, die in verschiedenen Wellen eintrafen: 1956 aus Ungarn, zu Beginn der 1960er-Jahre aus Tibet, 1968 aus der Tschechoslowakei, Anfang der 1970er-Jahre aus Uganda und Chile, im darauffolgenden Jahrzehnt aus Polen und Indochina und schliesslich ab den 1990er-Jahren aus dem Balkan. Die Aktivitäten des Suchdienstes SRK hingen nun zu einem grossen Teil mit diesen Herausforderungen im Migrationsbereich zusammen: Zur Suche nach Vermissten kam schon bald die Frage des Familiennachzugs hinzu.
Klärung des Schicksals von Vermissten dank Ante-Mortem-Daten
Der Balkankrieg führte im Verlauf der 1990er-Jahre zur Auflösung von Jugoslawien. Auch lange nach Beendigung der Kampfhandlungen wirkte er sich weiterhin auf das Leben der betroffenen Bevölkerungsgruppen aus. Denn Zehntausende von Familien suchten noch immer nach ihren Nächsten, die während des Konflikts verschwunden waren. Zugleich wurde eine immer grössere Zahl von Massengräbern entdeckt. Im Zusammenhang mit der Identifizierung der aufgefundenen sterblichen Überreste bat das IKRK die nationalen Rotkreuzgesellschaften um Unterstützung. Ab 2003 begann das SRK, bei in die Schweiz geflüchteten Familien von Vermissten persönliche und medizinische Angaben zu erheben. Diese sogenannten «Ante-Mortem-Daten» sollten dazu beitragen, die exhumierten Leichen zu identifizieren. Als der Suchdienst SRK diese neue Aufgabe übernahm, bot er den betroffenen Familien auch eine individuelle Begleitung an. Gestützt auf diese Erfahrung lancierte er 2018 ein Projekt zur Erhebung von Ante-Mortem-Daten bei in der Schweiz lebenden Migrantenfamilien, die auf den Fluchtrouten oder im Mittelmeer Angehörige verloren hatten.
Moderne Technologien und ein weltumspannendes Netzwerk
Mit dem Aufkommen des Internets und der Entwicklung der Mobiltelefonie veränderte sich die humanitäre Arbeit, vor allem im Bereich der Suche nach Vermissten. 2008 führte das IKRK eine Strategie ein, um die Programme zur Familienzusammenführung durch den Einbezug technologischer Hilfsmittel leistungsfähiger zu gestalten. Im Rahmen dieses Prozesses wurde 2012 innerhalb der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung eine Internetsite für die Zusammenführung von Familien entwickelt: https://familylinks.icrc.org. Aufgrund der Migrationskrise in Europa wurde zudem ein neues Online-Suchinstrument eingeführt: «Trace the Face» hilft Familien, die sich auf der Flucht aus den Augen verloren haben, durch die Verbreitung ihrer Fotos im Internet wieder zusammenzufinden. Der Suchdienst SRK beteiligt sich aktiv an dieser Entwicklung und arbeitet heute in einem engmaschigen Netzwerk, das die ganze Welt umspannt. Die eingesetzten Technologien bieten neue Chancen, stellen jedoch in Bezug auf den Datenschutz auch eine grosse Herausforderung dar. Neben der vermehrten Nutzung digitaler Hilfsmittel kann der Suchdienst seit 2011 auf die Unterstützung von rund 20 Freiwilligen zählen, die sich im Such- und Begleitprozess engagieren. Im Verlauf der Zeit hat sich der Suchdienst von einer rein administrativ tätigen Abteilung zu einem Angebot entwickelt, das stärker auf Mitmenschlichkeit ausgerichtet ist. 2018 hat er erstmals einen Gedenktag für Menschen organisiert, die auf der Suche nach vermissten Angehörigen sind.