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Auf Social-Media-Kanälen und Blogs wurde folgende Geschichte hunderttausende Male geteilt: Wir betraten ein kleines Kaffeehaus und gaben unsere Bestellung auf. Während wir zu unserem Tisch gingen, kamen zwei weitere Personen rein. «Fünf Kaffee bitte, zwei für uns und drei aufgeschoben». Sie bezahlten die Rechnung, nahmen die zwei und gingen. Ich fragte meinen Freund: «Was sind diese ‹aufgeschobenen› Kaffees?» Seine Antwort: «Warte und sieh selbst.» Die nächste Bestellung war für sieben Kaffees von drei Rechtsanwälten - drei für sie selber und vier «aufgeschobene». Plötzlich kam ein Mann in heruntergekommenen Kleidern, der aussah wie ein Bettler, ins Kaffeehaus und fragte höflich: «Haben Sie einen aufgeschobenen Kaffee für mich?» Das Ganze ist total einfach: Personen zahlen im Voraus für ein Kaffee, der für jemanden bestimmt ist, der sich kein Getränk leisten kann. An manchen Orten kann man nicht nur aufgeschobene Kaffees bestellen, sondern auch belegte Brötchen oder ganze Mahlzeiten.
Die «Suspended coffee»-Idee erlebte 2013 einen weltweiten Boom, zum ersten Mal las ich von der Aktion auf der Facebook-Seite des Zürcher «Des Amis»-Café im Kreis 10. Markus Ott, Mitbetreiber des Cafés: «Ich bin im Internet über die Geschichte gestolpert und habe mich sofort in die Aktion verliebt!» Der «Aufgeschobene», dessen Idee ihren Ursprung in Neapel haben soll, verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Laut Suspendedcoffee.de machen in Deutschland mehr als 79 Lokale mit, in Bulgarien sollen bereits über 150 Cafés dabei sein und in England beteiligen sich neben 70 Kaffeehäusern auch grosse Ketten wie «Starbucks», «Costa Coffee» und «Prêt à Manger» an der Aktion.
Als das «Des Amis» Ende Januar die «Suspended Coffee»-Teilnahme veröffentlichte, war das Feedback überwältigend: Der Post wurde satte 628 Mal geliked, 390 (!) Mal geteilt und von 31 Leuten kommentiert. Ich dachte, das Szene-Café würde vor Suspended-Bestellungen nur so überhäuft werden. Das Gespräch mit Markus Ott war dann leider ernüchternd. Seit der Bekanntgabe auf Facebook seien schlappe 2 Donuts und 5 Kaffees aufgeschoben worden. Konsumiert habe noch niemand. Ott: «Ich hätte es auch anders erwartet nach der Resonanz auf Facebook. Vielleicht würde die Aktion im Kreis 5 besser laufen. Bei uns gibt es andere Geschichten, die ganz von alleine zustande kommen. Ab und zu trinkt eine alte Frau ein- oder zwei Kafis, obwohl wir wissen, dass sie nicht immer zahlen kann. Die Aktion mit den aufgeschobenen Kaffees funktioniert bis jetzt jedoch nicht. Wir dachten, das Ganze würde durch Mund-zu-Mund-Propaganda bekannt werden - auf beiden Seiten der Beteiligten. Ein grosses Plakat oder ein Schild aufzustellen, käme mir persönlich heuchlerisch vor.»
Neben dem «Des Amis» bieten die «Post Bar» in Basel und bald auch die «Kulturbeiz» in Wohlen «Aufgeschobene» an. In Basel verzeichnet die grosse Wandtafel bereits 25 vorbezahlte Kaffees, konsumiert wurde aber auch hier noch kein einziger. Die Betreiber befürchten, dass sich die Bedürftigen schlicht nicht trauen würden Gratis-Kaffees zu bestellen, dabei gäbe es ja nicht nur Obdachlose, sondern auch viele andere Leute, die schlicht kein Geld hätten, um sich ein warmes Getränk und die Gemütlichkeit eines Lokals zu gönnen. Sind arme Menschen, von denen es in der Schweiz bekanntlich genug gibt, hierzulande zu beschämt, nach einem «Suspended» zu fragen?
Ich jedenfalls finde die Aktion wirklich toll und würde mir wünschen, dass sie den Weg in die Köpfe und Herzen der Menschen findet - egal ob Bedürftige oder Zahlende. Ich wünsche mir, dass viel mehr Lokalitäten mitmachen und Betreiber sich nicht seltsam vorkommen, ein Schild vor die Tür zu stellen, auf dem in grossen Lettern steht: «Hier kriegst Du einen Kaffee von einem Menschen, dem Du nie begegnen wirst. Geniesse ihn, er kommt von Herzen!»
Wir sind hierzulande oft so darauf bedacht, nicht aufzufallen und uns nicht zu exponieren. Ich kann das verstehen, das liegt in der Natur des Schweizers und bisweilen schätze ich diese Eigenart auch. Aber hier ist Bescheidenheit fehl am Platz. Gegner der Aktion kritisieren, mit einem Kaffee sei noch keinem Obdachlosen wirklich geholfen. Bedürftige seien oft nicht auf Social-Media-Kanälen anzutreffen und würden so nichts von der Aktion erfahren. Man findet immer einen faulen Apfel am Baum, aber etwas Gutes zu tun, wovon man selber und jemand anderes profitiert, ist etwas Tolles und erwärmt nicht nur die Hände. Also: Lasst uns Kaffee bis zum Abwinken trinken und vom «Aufgeschobenen» erzählen, damit auch im Pfuusbus von Pfarrer Sieber bald jeder von der Aktion weiss.
Kaffees, die sich an der Aktion beteiligen möchten, finden hier mehr Infos zur Registrierung und dem Handling.
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