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Zwei Hausregeln gibts beim Filmemacher-Paar Samir, 64, und Stina Werenfels, 55, sowie bei Tochter Selma, 15. Erstens: Nach dem Znacht werden keine beruflichen Themen diskutiert und keine Hausaufgaben gemacht. Zweitens: Nie hungrig streiten! «Ein Tipp meines Schwagers», sagt Samir. «Jede Krise ist eigentlich eine Hungerkrise. Nach dem Essen sieht alles anders aus.»
Dabei sind in der Küche die Rollen genauso strikt verteilt wie im Berufsleben. In der gemeinsamen Filmproduktionsfirma Dschoint Ventschr erfüllen beide ihre jeweiligen Aufgaben in der Produktion oder Regie. In der Küche übernimmt oft Samir das Zepter, denn Stina findet Kochen «eher mühsam».
Das liegt daran, dass ihr als studierte Pharmazeutin das genaue Abmessen der Zutaten «einfach im Blut liegt». Samir handhabt das nicht ganz so streng. Grosszügig würzt er das Essen. Es gibt Queema. Das irakische Gericht aus Gehacktem, Kichererbsen, Tomaten, Zwiebeln und Gewürzen kommt auch in Samirs neuem Kinofilm «Baghdad in My Shadow» vor.
Schöne, aber schmerzhafte Erinnerungen
Schauplatz des Streifens ist ein irakisches Café in London, in dem eine untergetauchte Frau, ein schwuler IT-Spezialist und ein gescheiterter Schriftsteller aufeinandertreffen. Die anfängliche Idylle wird vom radikalisierten Neffen des Schriftstellers gestört. Der Filmtitel «Baghdad in meinem Schatten» ist dabei Programm. «Das arabische Wort ‹Khayali› bedeutet Erinnerung, wurde früher im irakischen Dialekt aber auch für Schatten gebraucht», so Samir. Seine Erinnerungen an Baghdad sind so schön wie schmerzhaft.
Hineingeboren in einen friedlichen, demokratischen Irak, der sich gerade vom Königreich in eine Republik wandelte, erlebte er schöne Jahre in einer weltoffenen Familie. «Ich vermisse das Baghdad meiner Kindheit», sagt Samir Jamal Aldin, wie der Sohn einer Schweizerin und eines Iraki mit vollem Namen heisst.
Der Nachname bedeutet übersetzt «Schönheit der Religion», weshalb sich der nichtreligiöse Samir nur beim Vornamen nennt. Die demokratischen Prozesse im Irak hielten nicht lange, es folgten Putsche, die Ära Saddam Hussein und unruhige Zeiten, die bis heute anhalten.
Flucht im Alter von sechs Jahren
Samirs Familie flüchtete in die Schweiz, als er sechs Jahre alt war. «Wir kamen mit dem Orientexpress, ich dachte, wir fahren in die Ferien.» Samirs Eltern hatten sich in London kennengelernt, die Mutter musste nach der Heirat ihren Schweizer Pass abgeben. So kam sie als Ausländerin zurück nach Hause. «Ich musste als Bub jeweils mit ihr auf die Fremdenpolizei», erinnert sich Samir, der erst als Erwachsener einen Schweizer Pass erhielt.
Heute empfindet er sowohl Baghdad wie auch Zürich als sein Zuhause. «Heimat ist ein Ort, den man sich erschafft», meint er, während er vorsichtig gebackene Auberginen aus dem Ofen nimmt. Dass es heute so ein opulentes Mahl gibt, ist eine Ausnahme. Selma weilt nämlich gerade im Schüleraustausch in Tunesien, «und nur für uns zwei veranstalten wir selten ein grosses Geköch», meint Stina – die das heutige Menü mit zahlreichen WhatsApps an die Tochter dokumentiert.
Auch sie kennt die Auseinandersetzung mit dem Begriff Heimat. Aufgewachsen in den USA, Spanien und Griechenland, liess sie sich mit ihrer Familie schliesslich im Zürcher Unterland nieder. «Meine Eltern kommen aus Basel, und lustigerweise empfinde ich diese Stadt am ehesten als mein Daheim, obwohl ich nie dort gelebt habe», sagt sie. «Das liegt vermutlich an der Sprache.»
«Ich bin ein ordentlicher Mensch»
Und natürlich ist zu Hause auch die Wohnung mitten in Zürich mit den riesigen Bücherregalen und der grosszügigen Küche – die noch vor dem Essen bereits wieder so aussieht wie vor dem Kochen. «Ich bin ein ordentlicher Mensch», sagt Samir knapp und schaut kurz vom Computer auf. Für eine Reise nach New York muss er noch einen neuen Pass organisieren. «Mit den irakischen Stempeln drin wird die Einreise mit dem jetzigen wohl schwierig», meint er.
Für sein neues Werk war er immer wieder mal in Baghdad, hat Schauspielerinnen und Schauspieler gecastet und dort gedreht. «Es ist immer noch eine schöne Stadt, aber im extremen Wandel. Momentan gehen Hunderttausende junger Leute auf die Strasse, was mich emotional sehr beschäftigt», so Samir. Er klappt den Computer zu, setzt sich zu seiner Frau an den Tisch und kostet vom Queema. Ein Gericht voller Erinnerungen. Denn Baghdad wird immer in Samirs Schatten sein.