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von Thomas Kaiser
thk. Mitten im Kalten Krieg kam es dann 1964 im 50. Jubiläumsjahr der Luftwaffe und anlässlich der Landesausstellung in Lausanne zur Gründung der Schweizer Kunstflugstaffel Patrouille Suisse. Sie war eine Verbindung von helvetischer Präzision und Verteidigungsbereitschaft und demonstrierte sowohl nach innen als auch nach aussen Entschlossenheit gegenüber jedem potentiellen Angreifer. Die Idee, die aviatischen Fähigkeiten einem breiten Publikum zu zeigen, entstand schon 1959. Zwei Doppelpatrouillen der britischen Hunter sollten für Demonstrationszwecke trainieren. Sie demonstrierten ihr Können an der Landesausstellung, und das war die Geburtsstunde der Patrouille Suisse, die unter strikter Einhaltung der Neutralität bis 1978 nur im eigenen Land zu sehen war. Im Laufe der Zeit wurden aus vier Fliegern sechs und statt des Hunters flog und trainierte man seit 1995 auf dem Tiger, der schneller und wendiger war.
Die Geschichte der Schweizer Luftwaffe ist eine bewegte, und man kann es schon fast als Ironie des Schicksals bezeichnen, dass gerade 100 Jahre nach ihrer Gründung eine Abstimmung ansteht, die letztlich über den Fortbestand dieser wichtigen Säule der Armee entscheiden wird. Mit einer Sondermünze und zwei Gedenkbriefmarken wird der Grundsteinlegung der Luftwaffe vor 100 Jahren und der Formierung der Schweizer Kunstflugstaffel Patrouille Suisse vor 50 Jahren gedacht. Hier ein kurzer historischer Abriss über die Entstehung, Entwicklung und die Bedeutung der Luftwaffe.
Als im Sommer 1914, in der sogenannten Juli-Krise, innert kürzester Zeit die Zeichen auf Krieg standen, musste die Schweiz damit rechnen, in den zunächst europäischen Konflikt mit hineingezogen zu werden. Auf diesen Krieg war unser Land 1914 nur mangelhaft vorbereitet. Damals wie heute waren grosse Teile der Politik der irrigen Auffassung, dass der «Ewige Friede» in Europa ausgebrochen sei, denn schliesslich gab es seit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 keine grössere militärische Auseinandersetzung mehr auf unserem Kontinent. Erst mit den zwei Balkankriegen 1912 und 1913 kehrte der blutige Krieg wieder nach Europa zurück, aber das war damals alles noch sehr weit weg.
Die Schweizer Armee war zu diesem Zeitpunkt nur bedingt auf einen grossen Krieg vorbereitet, der wegen der deutsch-französischen Feindschaft auch ohne weiteres auf Schweizer Boden hätte stattfinden können. Eine schlagkräftige Luftwaffe existierte zu Beginn des Krieges in keiner Weise. Zwar gehörten gerade Schweizer zu den Flugpionieren, es sei hier besonders an Oskar Bider erinnert (vgl. Zeit-Fragen, Nr. 15 vom 21.4.2013), aber den militärischen Nutzen hatte man zu diesem Zeitpunkt noch nicht erkannt. Am 31. Juli 1914 änderte sich mit der Generalmobilmachung Österreich-Ungarns die Lage jedoch sozusagen über Nacht. Hauptmann Theodor Real, der Pilot und Instruktor bei der Kavallerie war, sollte im Auftrag des Bundesrates rasch eine Fliegertruppe auf die Beine stellen. Bereits am 3. August, nach der Kriegserklärung der Deutschen an Frankreich, verordnete der Bundesrat die «erste schweizerische Fliegerabteilung». Hauptmann Real stellte mit 10 Piloten und 8 Flugzeugen die erste Schweizer Fliegertruppe auf. Zu diesem Zeitpunkt war die Mehrheit der Flugzeuge aus privatem Besitz und die Anzahl der zur Verfügung stehenden Maschinen äusserst bescheiden. Zwar spielte die Luftwaffe im Ersten Weltkrieg zunächst noch eine untergeordnete Rolle und setzte sich nicht als kriegsentscheidend durch, dennoch nahm die militärische Bedeutung des Luftkampfes, der Luftaufklärung und die Unterstützung beim Erdkampf immer weiter zu. Die Luftwaffe wurde im Laufe der Zeit neben Heer und Marine zu einer wichtigen Streitkraft.
Die zunächst geheime, aber später immer offenere Aufrüstung Deutschlands in den 30er Jahren führte in der Schweiz neben der Verstärkung und dem Ausbau der Luftwaffe auch zur Etablierung einer einsatzfähigen Luftabwehr. Im Jahre 1936 werden die Flieger- und Fliegerabwehrtruppen (FF Trp) vom Bundesrat zu einer selbständigen Waffengattung erklärt und von einem Divisionär befehligt.
Mit der Bombardierung des spanischen Städtchens Guernica im April 1937 durch deutsche Luftstreitkräfte der Legion Condor wurden die Bedrohung aus der Luft und die verheerende Wirkung der Waffen immer offensichtlicher. Die Luftwaffe entwickelte sich allgemein zu einem festen Bestandteil der Kriegsführung und wurde während des Zweiten Weltkriegs immer weiter ausgebaut. Auch die Schweizer Armee stockte ihren Flugzeugbestand massiv auf: Die Wahrung der Neutralität und die Verteidigung der staatlichen Souveränität sind nur möglich, wenn die Armee auch die Mittel dazu hat, diese durchzusetzen.
Die Verteidigung des Luftraums spielte und spielt auch heute in der Kriegsstrategie eine entscheidende Rolle. Allein im Kriegsmonat Februar 1945 kam es in der Schweiz zu 491 Luftraumverletzungen durch die Alliierten und Achsenmächte. Neben diesen Luftraumverletzungen, die nur mit einer einsatzfähigen Luftverteidigung und Luftwaffe abgewehrt wurden und somit grösserer Schaden verhindert werden konnte, musste das Land immer damit rechnen, auch einen Einmarsch fremder Truppen zu gewärtigen. Die Schweizer Luftwaffe war während des Zweiten Weltkriegs zur Verteidigung der Souveränität und Neutralität in Luftkämpfe sowohl mit der deutschen Luftwaffe als auch mit derjenigen der Alliierten verwickelt und hatte neben Erfolgen auch eigene Abschüsse zu beklagen.
Mit dem Beginn des Kalten Krieges war es für die Schweiz selbstverständlich weiterhin den eignen Luftraum souverän und unabhängig zu verteidigen. Dazu brauchte es eine schlagkräftige und auf dem neusten Stand der Technik ausgerüstete Luftwaffe, die diesen Namen auch verdiente. Auch wenn jeder Flugzeugkauf mit einer heftigen Auseinandersetzung im Land verbunden war, konnte man im Gegensatz zu heute den eigenen Luftraum immer und vollständig schützen. Man war sich von links bis rechts in der Erhaltung der Souveränität und Neutralität einig.
Wenn wir heute, 25 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges, die moderne Kriegsführung der Amerikaner und ihrer Alliierten analysieren, dann müssen wir feststellen, dass die Luftwaffe ein ganz entscheidender Faktor geworden ist. Schon im Vietnam-Krieg hat die US-Luftwaffe dreimal mehr Bomben abgeworfen als im gesamten Zweiten Weltkrieg. Auch die Kriege Israels und der Nato sind in den letzten 20–25 Jahren vornehmlich mit Luftstreitkräften geführt worden. Allein im Libyen-Krieg 2011 hat die Nato über 20 000 Lufteinsätze geflogen. Es ist also völlig blauäugig und bar jeglicher Realität, zu argumentieren, dass es für unser Land keine Luftverteidigung brauche, weil die grossen Kriege vorbei seien. Gerade der Blick zur Ukraine belehrt uns eines besseren, und zwar wie innert kürzester Zeit ein Land durch Einfluss von aussen, im besonderen durch die EU und USA in eine Situation geraten kann, in der Krieg ständig in der Luft liegt. Vor einem Jahr hätte die Mehrheit der Menschen gesagt, dass in Europa kein Krieg möglich sei, sondern das Augenmerk war vor allem auf den Nahen Osten fokussiert. Wer will die nächsten 5 Jahre voraussagen?
Die hundertjährige Geschichte unserer Luftwaffe zeigt, dass die Politik im besten Fall zu gutgläubig und zu wenig realistisch war und unser Land grösste Anstrengungen unternehmen musste, um im Falle eines Angriffs angemessen gerüstet zu sein. Dass aber auch glückliche Zufälle dazugehörten, wodurch die Schweiz in allen europäischen Kriegen und Weltkriegen einigermassen ungeschoren davonkam, darf man nicht vergessen und schon gar nicht als Regelfall ansehen. Immer noch ist Vorbeugen besser als Wehklagen. Daher braucht es für die Schweizer Armee dringend ein neues Militärflugzeug. •
Literatur:
www.admin.ch
Marc Bühlmann, Fritz Sager, Adrian Vetter: Verteidigungspolitik in der direkten Demokratie. Zürich/Chur 2006; ISBN 3-7253-0820-9
Gruppe Giardino; Mut zur Kursänderung. Baden 2013; ISBN 9-783033-019164
Ernst Frei: Erlebter Aktivdienst 1939–1945. Schaffhausen 2000; ISBN 3-907160-54-1
Hansruedi Christen, Jürg Schneider: Fliegerabwehr – Défense contre Avions. Basel 1996; ISBN 3-9521104
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