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Sie schlug das Buch zu und seufzte. Müde packte sie den Rest ihrer Chemie Unterlagen zusammen und stand auf. Als Charlene die hölzerne Flügeltüre der Bibliothek aufstiess, stöhnte sie, weil es ziemlich heftig regnete. Das hätte sie nicht wundern sollen, im Edinburgher Herbst. Schnell zog sie die Kapuze ihrer Jacke über und lief los. Noch eine viertel Stunde, bis ihre Schicht begann.
Etwas feucht erreichte Charlene das Café, in dem sie ab und zu aushalf. Beim Eintreten beschlugen ihre Brillengläser, weshalb sie ihre Hüfte an der Theke siess, als sie sich an Benjamins Rollstuhl vorbei schob. Im Büro stellte sie ihre Tasche ab und streckte sich erst mal. Nachdem sie ihre Jacke aufgehängt hatte, legte sie die Schürze an und nahm ihre Haare so zusammen, dass man ihren Sidecut nicht sah. Ein prüfender Blick in den Spiegel, dann ging sie raus.
„Ben, was kann ich übernehmen?“
„Ich mach noch diese Bestellung fertig, übernimm doch bitte die nächste. Und nochmals danke, dass du einspringen konntest.“ Er lächelte sie dankbar an.
„Keine Ursache“, gab sie zurück, als sie zur Kasse ging. „Aber später musst du mir erzählen, wieso ich hier bin.“
„Charly, da gibt es nichts. Elle ist nur krank geworden, das ist alles. Es steckt nicht immer eine Geschichte hinter allem.“
Charlene grummelte enttäuscht, da es keinen Klatsch gab. Ihren Spitznamen mochte sie auch nicht besonders. Charly schien ihr der Namen einer kleinen, blonden 16-jährigen, die keine Ahnung vom Leben hatte. Sie drehte sich um und lächelte das junge Mädchen an, das wartete. Ihre Bestellung musste sie aus der Kühltheke holen. Danach schob sie das Tablett mit dem Fantasy-Buch und den Torten zur Seite und ging zur Kaffeemaschine, wobei sie fast mit Benjamin zusammen stiess. Während sie einen Cappuccino und einen Milchkaffee brühte, nahm er schon die nächsten Kundenwünsche an. Sie erinnerte sich an das erste mal, als sie hier gewesen war, als vierzenjährige Harry-Potterfanatikerin, mit ihrer Mutter. Seitdem war sie über viele Jahre immer wieder vorbei gekommen, um zu lesen, zu lernen oder sich mit Freundinnen zu treffen. Als sie mit der Uni begonnen hatte, hatte sie Benjamin lieb gefragt, ob sie vielleicht eine Aushilfe bräuchten. Nicht, dass sie es nötig gehabt hätte, aber sie nahm an, dass ihr eine Abwechslung zum Studienalltag ganz gut täte. Im Nachhinein war es eine ihrer besten Entscheidungen gewesen, denn so hatte sie etwas Geld um ihre Freundin Aileen zu unterstützen, ohne ihre Eltern fragen zu müssen. Ausserdem konnte sie sich so die vielen Konzertkarten leisten.
Vier Stunden später zog sie ihre Jacke an und umarmte Benjamin. Inzwischen war ihr warm geworden und ihre Haare wieder trocken, dementsprechend besser ihre Laune beim Gedanken wieder raus zu müssen.
„Komm gut nach Hause. Mittwoch und Donnerstag nächste Woche steht noch, oder? Und sag mir dann auch bitte, wann du nächsten Monat kannst.“
„Ja, klar. Mach ich.“
In der Tür drehte sie sich nochmals um, um ihm zum Abschied zuzuwinken. An der Kasse, um die letzten Kunden dieses Abends zu bedienen, sah er es jedoch nicht.
Zuhause angekommen stolperte sie durch die dunkle Diele, stellte ihre Tasche auf den Küchentisch, die Jacke daneben und ging dann ins Zimmer, um sich bäuchlings auf das Bett fallen zu lassen. Sie war so müde, dass sie ihre Schuhe vergass und nicht einmal bemerkte, dass Aileen nicht da war.
~
Vom eigenen Schmatzen wachte sie auf und strich sich weggetreten den Sabber von den Mundwinkeln. Als sie auf den Wecker schauen wollte, sah sie nur verschwommenes grünes Licht. Mühsam kroch sie über die Matratze um die Zahlen von nahmen zu entziffern. 13:14. Mist, sie hatte verschlafen. Schnell waren die Kleider vom Vortag ausgezogen und die Dusche lief. Unter dem warmen Wasser wäre sie beinahe wieder eingeschlafen. Mit frisch gewaschenen Haaren, in T-Shirt und Unterhose ging Charlene in die Küche, wo Aileen am Tisch sass. Charlene stellte sich hinter ihre Freundin und küsste ihr lockiges Haar.
„Und, was tust du?“
„Recherche für meine Hausarbeit.“
„Und, kommst du voran?“
Aileen murmelte etwas unverständliches, weshalb Charlene sich wieder aufrichtete und zur Kaffeemaschine ging. Dabei fragte sie sich weshalb Aileen nach Männerparfum roch und es fiel ihr ein, dass sie gestern Abend alleine im Bett gelegen hatte. Während sie aus dem Fenster starrte, biss sie sich auf die Lippe. Ihre Freundin war wieder bei ihrem Liebsten gewesen. Sie wusste, dass sie nicht neidisch sein sollte, immerhin waren Aileen und sie schon ein Jahr zusammen und die Liebhaber kamen und gingen. Aber den aktuellen mochte sie nicht besonders. Während die Bohnen gemahlt wurden, musterte sie die Kalkflecken auf der Scheibe. Man hätte die Fenster wieder putzen müssen, doch darauf hatte sie wirklich keine Lust. Mit dem frischen Kaffee und der Milchtüte setzte sich Charlene Aileen gegenüber. Beim Umrühren, um den Zucker zu lösen, beobachtete sie Aileen weiter. Sie mochte ihre gebräunte Haut und ihre wunderschönen braunen Locken. Gerne wäre sie auch so fleissig gewesen wie ihre Freundin, aber irgendwie gelang ihr das nicht. Sie hatte das Gefühl sie würde das Leben verpassen, wenn sie so viel lernte. Und wann bitte sollte sie ausschlafen? Sie leerte ihre Tasse und zog sich dann fertig an. Im Eiltempo packte sie ihre Tasche neu um dann mit einem lauten „Tschüss“ aus der Wohnung zu verschwinden. An der Ecke holte sie sich den zweiten Kaffee und ein belegtes Brötchen. Gewappnet für die nächsten Stunden, bestieg sie den Bus zur Uni. Das Gebäude für die Chemiker lag etwas ausserhalb des Stadtzentrums. Trotzdem hatte die neue Bibliothek auch Sonntags offen, wo sie sich jetzt mit ihrer Praktikumsgruppe traf. Eigentlich hatte sie keine Lust auf die Gruppe, aber sie hatte inzwischen bemerkt wie viel einfacher es war die Laborberichte zu schreiben, und vor allem die Experimente zu verstehen, wenn man sich vorbereitete. In der Gruppe ging das wesentlich besser.
Der Wind blies ihr beim Aussteigen so ins Gesicht, dass sie den Jackenkragen hochstellte. Jeder Versuch die Haare aus dem Mund zu kriegen war überflüssig. Etwas ungelenk stolperte sie über das aufgebrochene Trottoir. Dabei versuchte sie die letzten Schlücke ihres inzwischen kalten Kaffees zu trinken. Als sie die Tür des Bibliothekgebäudes erreicht hatte, schmiss sie den leeren Becher in den Müll. Es blieb ihr nur noch ihr Sandwich. Und der Gedanke an den nächsten Kaffee.
Im Vorbeigehen grüsste Charlene die Receptionistin und ging dann, zwei Stufen nehmend in den zweiten Stock. Es war leise, doch aus der Ecke mit den grossen Tischen konnte sie schon Tuscheleien hören. Besonders die Stimme einer Kommilitonin war klar hörbar – und nervig. Sie atmete nochmals tief ein und ging dann mit einem Lächeln auf ihre Gruppe zu. Einer der Mitstudenten zog ihr den äussersten Stuhl zurück und sie setzte sich. Sie bedankte sich und schon nahm die Kommilitonin mit der nervigen Stimme den Faden auf und sagte an, welche Übungen sie bearbeiten würden. Die anderen hatten schon alles ausgepackt, weshalb Charlene beim Raussuchen ihres Periodensystems nicht mitbekam, welche sie bearbeiten sollte. Deshalb stiess sie ihren Nachbarn an, welcher ihr die Zahlen der Übungen auf ihr Blatt schrieb. Sie lächelte ihm nickend zu. Es verging eine viertel Stunde in der alle schwiegen und nur das Tippen auf den Taschenrechnern und das Kratzen von Schreibzeug auf dem Papier. Ihre Aufgabe befasste sich mit Salzen und Thermodynamik. Nicht gerade ihr Lieblingsthema, aber zumindest sinnvoll und einigermassen einfach. Für den nächsten Labornachmittag war das Thema Kristallisationen und sie erarbeiteten gerade den Theorieteil oder eben, wie sie, die Berechnungen für die Experimente. Als sie an einem Punkt nicht weiter kam, klopfte Charlene mit ihrem Kugelschreiber auf ihren Block.
„Könntest du bitte damit aufhören?“, schnauzte die Nervige.
„Tut mir leid, habs gar nicht gemerkt.“
„M-hm… Bist du denn auch schon fertig?“
„Gleich, nur noch eine Rechnung.“
„Na, dann mach schon.“
Charlene ignorierte den schnippischen Tonfall und beendete die Rechnung. Sie war sich nicht sicher, ob sie stimmte. Sie zuckte die Schultern. Egal, sie würde es später nochmals nachrechnen.
„Okay, dann sammeln wir“, verkündete die Nervige.
Reihum präsentierte jeder seine Lösungen und die anderen notierten sich, was sie konnten. Fleissig schrieb Charlene mit, und war sich dabei unsicher, ob sie ihre eigene Schrift danach noch lesen können würde. Übung um Übung hakten sie ab, diskutierten Verständnisfragen und rechneten komische Resultate nach. Als letzte musste sie nicht mehr viel tun, ausser auf ein paar Schwierigkeiten im Experiment hinweisen und anzumerken, dass es wichtig war die Hydrierung des Salzes zu bedenken, weil sonst die besten Rechnungskünste nichts nützten. Miss Nervig zog arrogant die Augenbraue hoch, denn eigentlich war das ein beliebter Anfängerfehler, was sie im zweiten Studienjahr ja nicht mehr waren. Zu gerne hätte Charlene sie darauf hingewiesen, dass es nicht selten vor kam, das selbst Professoren Stöchiometrische Gleichungen falsch aufstellten, doch sie liess es bleiben. Statt dessen grinste sie.
„Wer mag jetzt noch einen Kaffee trinken gehen?“
„Charlene, dein wievielter ist das?“ Sie schmunzelte und räusperte sich.
„Erst mein dritter…“
„Ausgehend davon, dass du heute ausnahmsweise zu spät warst: seit wann bist du wach?“
Jetzt musste sie lachte und klopfte ihrem Kommilitonen auf die Schulter.
„Ist ja schon gut Sherlock, ja ich fröhne meine Sucht. Bist du dabei?“
„Ja klar!“
Zu viert gingen sie in die Cafeteria, zwei der anderen mussten noch in ihr Wohnheim um sich für die Woche einzurichten. Nach und nach verschwanden die anderen, bis Charlene alleine da sass. Inzwischen hatte sie ihr Sandwich gegessen und überlegte sich, ob sie sich noch etwas kaufen sollte. Ein Blick in die Geldbörse zeigte aber, dass sie vergessen hatte Geld abzuheben. Also holte sie sich noch einen Kaffee und setzte sich nochmals für eine Stunde hin. Punkt für Punkt ging sie das Experiment des nächsten Tages durch und notierte sich Mengen und Zeitangaben. Zusätzlich machte sie sich Notizen für den Laborbericht. Als die Putzfrau zum zweiten Mal an ihrem Tisch vorbei ging und sie beäugte, weil sie wegen ihr nicht aufräumen konnte, machte sie sich bereit zum Gehen.