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Frage: »Wenn etwas in meiner Partnerschaft oder im Beruf schlecht läuft, beschäftigt mich das tagelang. Wahrscheinlich hat meine Freundin recht: Sie sagt, ich sei überempfindlich. Wie kann ich eine dickere Haut bekommen?»
Antwort von Koni Rohner, Psychotherapeut FSP: Das können Sie nicht! Wenn Sie ein sensibler Mensch sind, werden Sie das auch bleiben. Aber Sie können lernen, besser mit den Nachteilen Ihres Wesens umzugehen – und anfangen, die Vorteile zu nutzen und zu schätzen. Sie sind nicht allein, sondern Sie gehören zu den 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung, die als hochsensibel gelten. Die US-Psychologin Elaine Aron erforscht dieses Phänomen seit vielen Jahren (siehe «Internet»).
Hochsensible Menschen empfinden helles Licht, laute Geräusche, starke Gerüche oder sogar grob gestrickte Kleider auf der Haut als äusserst unangenehm. Wenn sie in kurzer Zeit sehr viel erledigen müssen, geraten sie leicht in eine unfruchtbare Aufregung. Oft meiden sie Filme mit extremen Gewaltszenen. Sie müssen sich manchmal an einen ruhigen Ort zurückziehen, weil ihnen eine Situation zu viel wird. Oft wurden sie als Kind von Eltern oder Lehrern als schüchtern oder als überempfindlich bezeichnet.
Eine Begabung, die für vieles nützlich ist
Einige Hochempfindliche hatten das Glück, von einer verständnisvollen Umwelt akzeptiert und geschätzt zu werden. Die haben dann später kein Problem mit ihrem Wesen. Andere wurden verspottet oder nicht ernst genommen. Jene versuchten dann, weniger empfindlich zu reagieren, haben aber dabei ihr eigenes Wesen verleugnet und den inneren Kompass verloren. Ihnen kann geholfen werden, wenn sie beginnen, ihre speziellen Eigenschaften zu schätzen und sie als eine Gabe, nicht als eine Schwäche zu betrachten (siehe «Buchtipp»).
Wer sehr empfindlich ist, hat nämlich auch sehr viel mehr vom Leben, weil er alles intensiver erfährt. Farben sind kräftiger, Kunst ist ein grösserer Genuss, das Essen schmeckt besser, Liebeserfahrungen sind stärker. Da Hochsensible besser spüren, was die Leute um sie herum bewegt, können sie auch eine besondere soziale Begabung entwickeln und damit in der Familie oder in einer Gruppe nützlich sein.
Laut Elaine Aron gibt es auch im Tierreich hochsensible Individuen, die einem ganzen Rudel nützen können, weil sie etwa Gefahren frühzeitig erkennen. Da Hochsensible von Kindesbeinen an intensivere Eindrücke als andere Menschen erfahren, denken sie mehr über das Leben nach, sind neugierig und lernbegierig und entwickeln deshalb oft ein reiches Innenleben. Ob Hochsensibilität vererbt oder in der frühen Kindheit erworben wird und ob sie mit Unterschieden in der Erregungsleitung im Gehirn zu tun hat, ist noch nicht geklärt.
Klar ist: In der Hochsensibilität steckt das Potenzial für ein intensives, reiches Leben. Erstens muss man aber die Chance, die darin steckt, erkennen – und zweitens muss man vor allem Abgrenzung lernen. Man muss wahrnehmen können, wann es einem zu viel wird, und Strategien entwickeln, wie man sich vor zu vielen und intensiven Reizen schützen kann.
Tipps für Hochsensible
- Anerkennen Sie Hochsensibilität als eine Gabe und bekämpfen Sie sie nicht als Schwäche.
- Nehmen Sie sich immer wieder Zeit, um sich zu sammeln und ihr Zentrum zu finden, um von zu viel Aussenreizen nicht überwältigt zu werden.
- Verbessern Sie die Wahrnehmung Ihres Körpers und Ihrer Gefühle, um zu spüren, was Ihnen guttut, und um zu merken, wann Sie zu anderen Nein sagen müssen.
- Nutzen Sie die Sensibilität, um Natur, Kunst, Schönheit, Liebe und andere zwischenmenschliche Beziehungen intensiver zu erleben.
- Bringen Sie die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, durchaus ein - lassen Sie sich gleichzeitig aber nicht anstecken, sondern grenzen Sie sich ab.
- Sagen Sie es offen, wenn Sie verletzt wurden. Nur so lernen andere, sorgfältiger mit Ihnen umzugehen.
Zusätzliche Informationen
Buchtipp:
Rolf Sellin: «Wenn die Haut zu dünn ist. Hochsensibilität - vom Manko zum Plus»; Verlag Kösel, 2011, 176 Seiten, CHF 24.90
Internet
Weiterführende Informationen finden Sie auf der Homepage Elaine Aron.