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VON ROMAN KLEMENZ
Das Wachstum von bösartigen Tumoren ist abhängig von einer guten Gefässversorgung. Durch selektive Zerstörung der einsprossenden Tumorgefässe könnte es gelingen, das Tumorwachstum zu hemmen und die Tumoren zu zerstören.
Viele Körperzellen haben eine kürzere Lebensdauer als der ganze Organismus und müssen im Laufe des Lebens ersetzt werden. Deshalb finden selbst in einem ausgewachsenen Organismus ständig Zellteilungen statt. Eine normale Zelle kann sich aber nur teilen, wenn sie von ihrer Umgebung dazu instruiert wird. In seltenen Fällen können allerdings einzelne Zellen genetisch so verändert werden, dass sie sich ohne diese Anregung von aussen, also sozusagen ohne Erlaubnis, teilen. Dies sind die Ursprungszellen eines Tumores. Ihre Eigenschaft, sich unkontrolliert zu teilen, reicht aber nicht aus, um zu einem grossen Tumor auszuwachsen. Stattdessen entstehen kleine Geschwulste, welche keine Symptome verursachen und meistüber viele Jahre unerkannt bleiben. Dies rührt daher, dass die heftige Zellteilung am Rande des Tumors durch das Absterben der Tumorzellen in dessen Innerem kompensiert wird. Diese kleinen Tumore werden nämlich nicht durchblutet. Dadurch gelangt zu wenig Nährstoff und Sauerstoff ins Tumorinnere, und es entsteht eine unwirtliche Umgebung, welche das Absterben der Zellen bewirkt. Früher oder später können aber einzelne Tumorzellen die Fähigkeit erlangen, Blutgefässe in der Umgebung des Tumors dazu anzuregen, auszusprossen und in die Tumormasse einzuwachsen. Jetzt werden auch die inneren Tumorregionen mit Nährstoff versorgt, was das Überleben der dortigen Zellen garantiert. In der Folge wächst der Tumor stark und tritt klinisch in Erscheinung. Da die Gefässe im Tumor viel durchlässiger sind als diejenigen im Normalgewebe, ist zudem die Wahrscheinlichkeit stark erhöht, dass Tumorzellen in die Blutbahn gelangen und an entfernte Orte getragen werden, wo sie zu Metastasen auswachsen können. Da der Vorgang der Gefässbildung im Tumor eine absolute Voraussetzung für die Entstehung lebensbedrohender Primärtumore und Metastasen ist, wird intensiv nach Möglichkeiten gesucht, entweder diesen Prozess zu stoppen oder das Gefässsystem im Tumor gezielt zu zerstören. Alle Gefässe werden von einer dünnen Schicht Endothelzellen ausgekleidet. Die Endothelzellen in Tumor-penetrierenden Gefässen enthalten an ihrer Oberfläche verschiedene Eiweissmoleküle, welche man auf Endothelzellen normaler Gefässe in einem erwachsenen Organismus nicht findet. Diesen Befund versuchen wir für therapeutische Ziele auszunutzen. Cytotoxische T-Lymphozyten sind Zellen des Immunsystems, welche jene Körperzellen erkennen und abtöten, die körperfremde Eiweisse enthalten. Auf diese Weise werden zum Beispiel virusinfizierte Zellen eliminiert und so die Vermehrung der Viren verhindert. Wir versuchen, zytotoxische T-Lymphozyten gentechnisch so zu manipulieren, dass sie die Eiweissmoleküle erkennen, welche nur auf den Endothelzellen in Tumor-penetrierenden Gefässen auftreten. In der Folge sollten sie diese Zellen zerstören, was zu verminderter Durchblutung des Tumors und zu einem massiven Absterben von Tumorzellen führen sollte. Verwandte Strategien zur gezielten Zerstörung der Tumorgefässe wurden kürzlich erfolgreich an Tieren erprobt und bewirkten spektakuläre Rückbildungen von Tumoren.
Dr. Roman Klemenz ist Assistenzprofessor für experimentelle Onkologie und Leiter des Labors für Molekulare Medizin/somatische Gentherapie an den Departementen Pathologie und Innere Medizin des Universitätsspitals Zürich.
unipressedienst Pressestelle der Universität Zürich
Felix Mäder (<email-pii>)
http://www.unizh.ch/upd/magazin/1-96/tumor.html
Last update: 1-APR-96