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Wären die beiden ehrliche Abenteurer gewesen, hätten sich die Amerikaner Robert Peary und Frederick Cook ihr Gezanke sparen können: Denn keiner von beiden hatte 1909 den Nordpol wirklich erreicht, schon gar nicht als Erster, soviel gilt heute als erwiesen. Dummerweise wurde der Streit so laut ausgetragen, dass in Vergessenheit geriet, wer denn nun wirklich der erste Mensch am Nordpol war. Zumindest der erste, der dem Pol bestätigt so nahe war, dass er ihn fast berühren konnte, war Iwan Dmitrijewitsch Papanin. Er führte1937, fast dreissig Jahre nach Peary und Cook, die Expedition Nordpol-1 an und driftete dabei mit knapp 60 Kilometer südlich so nahe am Nordpol vorbei. Und das praktisch ohne körperliche Anstrengung.
Ivan Papanin wurde 1894 in Sewastopol geboren als Kind armer Eltern, der Vater war Matrose, die Mutter Näherin, drei seiner neun Geschwister überlebten die Kindheit nicht. Als Rotgardist leitete der gelernte Dreher zwei Jahre lang eine Panzer-Reparaturwerkstatt, schmuggelte anschliessend Waffen für die Partisanen und wurde schliesslich 1922 Kommissar der Hauptverwaltung Seetechnik und Seewirtschaft. Als Leiter der Zentralverwaltung für Post- und Fernmeldewesen kam er zum ersten Mal mit der Arktis in Berührung, 1932 wurde er zum Leiter der Polarstation in der Tichajabucht auf Franz-Joseph-Land ernannt. Dort kartografierte der stramme Kommunist die Inseln neu und entdeckte unter anderem magnetische Anomalien. Zwei Jahre später überwinterte er am Kap Tscheljuskin auf der Taymir-Halbinsel, erforschte das Wetter und heiratete seine Forscherkollegin Anna Viktorowna Fjodorow.
Papanins Aufstieg zum Helden der Sowjetunion begann, als das Politbüro 1936 beschloss, zum Anlass des 20-Jahr-Jubiläums der Oktoberrevolution eine Eisdrift-Station am Nordpol einzurichten – mit ihm als Expeditionsleiter.
Das Abenteuer beginnt am 21. Mai 1937: Eine Antonov-6 setzt die Teilnehmer auf 89º 26’ Nord 78º 40’ West aufs Eis, nur rund 80 Kilometer vom Nordpol entfernt. Weitere Flieger bringen zehn Tonnen Material, Zelte, Essen, Geräte, und als 17 Tage später die letzte Maschine startet, bleiben auf dem Eis zurück: Papanin, der Geophysiker und Meteorologe Jewgeni Konstantinowitsch Fjodorow, der Ozeanologe Pjotr Petrowitsch Schirschow und der Funker Ernst Theodorowitsch Krenkel. Und Papanins Hund Freulich. Die Eisplatte, auf der sie sich befinden, ist 3200 Meter lang und 1600 Meterbreit.
Ganze 274 Tage liessen sich die Forscher auf der Eisscholle treiben, bis sie am 19. Februar 1938 rund 2500 Kilometer entfernt an der Ostküste Grönlands vom Eisbrecher «Jermak» geborgen wurden. Da war die Eisscholle nur noch 30 Meter breit und weniger als 70 Meter lang und Papanin um 30 Kilogramm abgemagert.
Was die Männer auf dem driftenden Eis erforschten, war erstaunlich: Sie loteten die Meerestiefe aus und entdeckten einen Bergkamm auf dem Meeresgrund, dem sie auch gleich Bodenproben entnahmen. Sie massen das Wasser und entdeckten eine gegenläufige Strömung 100 Meter unter dem Wasserspiegel. Sie präzisierten die magnetische Deklination, mit deren Hilfe Magnetkompasse funktionieren. Sie stellten mit Erstaunen fest, dass es auf dem Eis gelegentlich wärmer war als in Moskau. Sie widerlegten Fridtjof Nansens Theorie, dass das nördliche Eismeer frei von tierischem Leben sei. Und sie waren die ersten Menschen, die so nahe am Nordpol standen.
Dafür wurde Papanin mit den höchsten Ehren ausgezeichnet, die die Sowjetunion zu vergeben hatte. Er wurde zum berühmtesten Prominenten seiner Zeit.
Einziger Wermutstropfen: Als im Februar ein Luftschiff auf der Kola-Halbinsel startete, um die Männer zu bergen, stürzte dieses ab, 13 Besatzungsmitglieder starben.
Papanin hingegen wurde zum Leiter der sowjetischen Forschungsflotte ernannt mit dem Auftrag, diese auszubauen, und lebte 20 Jahre an der Wolga als Leiter einer biologischen Station. Er starb 1986 im Alter von 91 Jahren in Moskau. Da war er schon fast in Vergessenheit geraten. Ein Eisbrecher, ein Kap auf der Taimyrhalbinsel, ein Bergzug in der Antarktis und ein Unterwasserberg im Pazifischen Ozean tragen heute seinen Namen. Die deutsche Übersetzung seiner Memoiren über die Drifteis-Expedition Nordpol-1,«Leben auf der Eisscholle», ist nur noch antiquarisch erhältlich.
Autorin: Greta Paulsdottir