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1912 durchquerte Alfred de Quervain Grönland und löste einen Polarboom aus. Mit historischen Fotografien und Originalexponaten beleuchtet das Landesmuseum in der Ausstellung «Grönland 1912» die Expedition im ewigen Eis und schlägt einen Bogen zur heutigen Klima- und Gletscherforschung.
Grönland ist für die Klimaforschung von zentraler Bedeutung. Da die Eislandschaft messbar auf Klimaschwankungen reagiert, ist sie ein Schlüsselindikator für künftige Entwicklungen. Durch die Klimaerwärmung schmilzt der grönländische Eisschild, der zweitgrösste Süsswasserspeicher der Erde, immer schneller. Das Schmelzwasser wird nicht wieder zu Eis, sondern fliesst in den Ozean ab, was den Meeresspiegel steigen und die Süsswasserreserven schwinden lässt. Die auf der Grönlandexpedition 1912 gesammelten meteorologischen und glaziologischen Daten dienen der Forschung bis heute.
Johann Heinrich Wüest (1741-1721), Der Rhonegletscher, um 1775, Kunsthaus Zürich. Foto: Wiki Commons. Der Gletscher ist heute massiv kleiner.
Die Alpen und ihre Gletscher hatten im 18. Jahrhundert durch Klettertouren englischer Touristen ihren Schrecken verloren. Sie wurden von Künstlern wie Caspar Wolf oder Johann Heinrich Wüest gemalt und von Naturforschern beobachtet und sorgfältig vermessen. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts dehnten sich die Gletscher aus und man befürchtete eine neue Eiszeit, was die Gletscherforschung zu einem wichtigen Forschungsgebiet machte.
Der Berner Meteorologe und Geophysiker Alfred de Quervain (1879-1927) war Mitglied der Schweizerischen Gletscherkommission und Initiator der Hochalpinen Forschungsstation Jungfraujoch. Er entwickelte ein Instrument zur Messung der Fliessgeschwindigkeit von Gletschern. 1909 war er auf einer ersten Grönlandexpedition. 1912 plante er mit einem wissenschaftlichen Team eine zweite mit einer bedeutend längeren Strecke als sie Fridtjof Nansen 1888 in Südgrönland zurückgelegt hatte.
Der Bund hatte kein Interesse diese Polarexpedition zu finanzieren. Durch Zeitungsinserate fand de Quervain nicht nur fähige Expeditionsteilnehmer, sondern auch Verleger, die sich für die Geschichte interessierten, denn die Arktis faszinierte die Leserschaft. Die Neue Zürcher Zeitung war bereit, einen Drittel der Kosten zu übernehmen und sicherte sich damit das Recht, exklusiv über die Expedition zu berichten. Sportfirmen und Lebensmittelhersteller sponserten und machten damit Reklame. Die Berichte machten de Quervains Abenteuer bekannt und lösten in der Schweiz einen regelrechten «Polarboom» aus.
Das Expeditionsschiff «Fox» unter Schweizer Flagge an der grönländischen Küste, 1912.
Grönland gehörte seit dem 18. Jahrhundert zu Dänemark, und so musste die Expedition mit der dänischen Kolonialverwaltung abgesprochen werden. Alpinistische Erfahrung und glaziologisches Wissen waren die idealen Voraussetzungen für die dänischen Partner aus dem Flachland. Auch sie waren interessiert, die unbekannten Gegenden in Grönland zu erforschen und unterstützten die Expedition, organisierten Versorgungsstellen, stellten Häuser, Schiffe und ihre Forschungsstation an den Küsten Grönlands zur Verfügung. Sie akzeptierten sogar, dass de Quervain grönländisches Gebiet mit Schweizer Namen bezeichnete.
Zur Vorbereitung übten die Expeditionsteilnehmer auf dem Lauerzersee Kajakfahren, lernten dänisch und etwas grönländisch; das Forschungsmaterial musste zusammengestellt und transportiert werden. Die Überfahrt von Kopenhagen über den stürmischen nordatlantischen Ozean dauerte zwei Wochen. An der eisfreien Küste empfing die einheimische Bevölkerung, die Inuit, das Expeditionsteam.
Alfred de Quervain in Grönland, 1912.
Die Inuit als Jäger und Fischer trieben mit den Dänen Handel mit Robben- und Waltran für Lampenöl und Schmiermittel und waren weitgehend missioniert. Eine zusätzliche Einnahmequelle waren Dienstleistungen für das Expeditionswesen, Verkauf von Gerätschaften und Schnitzereien. Auch de Quervain erwarb Gegenstände, die er an Völkerkundemuseen in der Schweiz weitergab. Er war fasziniert von der ursprünglichen Lebensweise der Inuit, erkannte aber auch den zunehmenden Einfluss der westlichen Moderne.
Von den Inuit lernten de Quervain und sein Team das Lenken von Hundeschlitten, das Kajakfahren, die Wahl geeigneter Nahrung und Kleidung. Seehundstiefel trugen sie wie die Einheimischen und lernten dabei das überlebenswichtigste, diese auch zu flicken: Eine dänische Expedition hatte Jahre zuvor wegen Rissen im Schuhwerk ein tragisches Ende genommen. Die Schlitten wurden hauptsächlich mit Proviant für Mensch und Hund beladen, auch ein Kochgerät, um aus Eis und Schnee Wasser herzustellen, fehlte nicht. Die Ausstellung zeigt diese Objekte in Vitrinen und auf Fotografien.
Die Expeditionsmitglieder während der Überquerung (von links): Der Arzt Hans Hössli, der Architekt Roderich Fick, der Ingenieur Karl Gaule und der Expeditionsleiter Alfred de Quervain.
Am 21. Juni verliess das Expeditionsteam mit Hundeschlitten und Skiern die Westküste und durchquerte während sechs Wochen ganz auf sich gestellt Grönland, 650 Kilometer. Am 13. Juli überschritten sie auf 2500 Metern den höchsten Punkt und hissten die Schweizer Flagge, fünf Tage später erblickten sie das östliche Küstengebirge. Mit grosser Mühe fanden sie das rettende Depot, das ihnen die Dänen vorbereitet hatten. Ihre Schlittenhunde konnten sie gegen Kajaks austauschen und erreichten so am 1. August eine kleine Siedlung an der Ostküste.
Der Schrecken der Arktis wird während der Expedition gekonnt in Szene gesetzt.
Die Expedition war in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe unternahm die Durchquerung der Insel und kehrte von der Ostküste aus im Herbst 1912 in die Schweiz zurück. Die zweite Gruppe blieb an der Westküste, überwinterte dort und führte zahlreiche wissenschaftliche Messungen und Gletscherstudien durch. Dies war auch die zentrale Aufgabe der Expedition. Alle Teilnehmer waren ausgezeichnete Wissenschaftler, die jeden Tag systematisch Daten sammelten und aufzeichneten. Heute erlauben die Daten, die Klimaentwicklung über einen langen Zeitraum nachzuvollziehen.
De Quervains Buch über seine erste Expedition von 1909. Foto: rv
De Quervain beschrieb die Arktis als geheimnisvoll, schön und zugleich schrecklich, eine exotische und erhabene Welt, die den Besuchern das Äusserste abverlangte. Dadurch wurde das Polargebiet Schauplatz mutiger Helden. Die NZZ berichtete am 24. November 1912 ausführlich darüber, ebenso die erste Ausgabe des Schweizerischen Jugendschriftenwerks. Die Bücher Durch Grönlands Eiswüsten (1911) und Quer durchs Grönlandeis (1914; Nachdruck 2012) verkauften sich ausgezeichnet. De Quervain war nicht nur ein abenteuerlicher Forscher, er konnte seine Story auch geschickt vermarkten.
Beitragsbild: Ausstellungsansicht, Foto: rv
Fotos: ETH Bibliothek, Bildarchiv
Bis 19. April 2020
Grönland 1912, Landesmuseum Zürich