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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

22. Buch
27. Plato und Porphyrius würden die Wahrheit getroffen haben, wenn jeder von ihnen in den sich widersprechenden Teilen ihrer Lehre dem anderen nachgegeben hätte.
Jeder von den beiden, Plato wie Porphyrius, hat da eine Meinung vertreten, die aus ihnen vielleicht Christen gemacht haben würde, wären sie in der Lage gewesen, sich darüber zu verständigen1 . Plato sagt, ohne Leiber könnten die Seelen nicht auf ewig Bestand haben; darum müssen nach ihm die Seelen der Weisen, wenn auch nach noch so langer Zeit, immer wieder zu Leibern zurückkehren, Porphyrius dagegen sagt, eine völlig gereinigte Seele werde, wenn sie zum Vater zurückgekehrt sei, nie mehr zu den irdischen Weltübeln zurückkehren. Hätte also Plato das, was er richtig erkannte, nämlich daß auch die völlig gereinigten Seelen der Gerechten und Weisen wieder zu menschlichen Leibern gelangen, an Porphyrius abgegeben, und umgekehrt Porphyrius an Plato das, was er richtig erkannte, nämlich, daß die heiligen Seelen nie mehr zu den Nöten eines vergänglichen Leibes zurückkehren werden, so daß also nicht jeder von beiden sich zu je einer der zwei Ansichten bekannte, sondern beide das eine wie das andere behaupteten: ich glaube, sie würden sich dann der Folgerung nicht verschlossen haben, daß die Seelen wieder zu Leibern gelangen und zugleich solche Leiber annehmen, in denen sie selig und unsterblich leben können. Denn nach Plato werden auch heilige Seelen zu menschlichen Leibern zurückkehren, nach Porphyrius werden zu den Übeln der irdischen Welt heilige Seelen nicht zurückkehren. Es dürfte also nur mit Plato Porphyrius sprechen: „Sie werden in Leiber zurückkehren“, und Plato mit Porphyrius: „Sie werden nicht zu Übeln zurückkehren“, so würden beide übereinkommen in der Lehre, daß solche Seelen wieder zu Leibern gelangen, in denen sie keine Übel zu erdulden hätten. Diese Leiber nun würden keine anderen als die sein, die Gott verheißt, das eigene unvergängliche Fleisch, worin die seligen Seelen auf ewig leben sollen. Denn das würden uns die beiden, wenn sie nur einmal zugestünden, daß die Seelen der Heiligen in unsterbliche Leiber zurückkehren werden, gern einräumen, wie ich glaube, daß sie zu ihren eigenen Leibern zurückkehren, in denen sie die Übel der Erdenzeit erduldet, in denen sie, um von diesen Übeln frei zu werden, Gott fromm und getreu verehrt haben.
1: Vgl. zum folgenden oben X 30.