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Walt Disney versus Goethe, Mickey Maus gegen Hamlet: Als Umberto Eco 1964 mit «Apokalyptiker und Integrierte» eine Essaysammlung zu Mythen und Mechanismen der Populärkultur veröffentlicht, sind Groschenromane, Comics und Fernsehserien weder für die universitäre Forschung noch für die seriösen Feuilletons satisfaktionsfähig. Massenmedien, so die verbreitete Meinung, unterstützen den herrschenden schlechten Geschmack, verderben die Jugend, wecken unkontrollierbare Emotionen – man fürchtet eine Entfesselung der Sinnlichkeit und als Folge die Zerstörung von Moral und Gesetzestreue.
«Die Proteste der bürgerlichen Bildungsschichten, der Kirche und Volkserziehungsanstalten sind als Reaktion auf ihre schwindende Autorität innerhalb der Unterhaltungsindustrie zu lesen», sagt Ingrid Tomkowiak vom Institut für Populäre Kulturen an der Universität Zürich – «aber auch als Ausdruck vehementer Sinn- und Sexualfeindlichkeit.»
Kultureller Schundkampf
Seit Sokrates, der die Schrift als Schwächung der Kraft des Erinnerungsvermögens diffamierte, ist das Verhältnis von Hochkultur und Populärem von einem zähen Machtkampf geprägt. «Ohne diese sogenannten Schundkämpfe ist die Geschichte des Populären weder nachvollziehbar noch verständlich», sagt Tomkowiak. Dabei hält das Ringen um die Vormachtstellung im Kulturbetrieb bis heute an: Umberto Eco etwa ist einer der beliebtesten Schriftsteller der Gegenwart. Das Feuilleton aber nimmt ihm seine Nähe zur populären Literatur übel.
Dieses hin und her gerissen sein zwischen den kulturellen Fronten thematisiert und analysiert der Schriftsteller seit den 1960er Jahren. Er selbst wolle keine Scheu zeigen, edle Werkzeuge an verpönte Werke zu halten, schreibt er in «Apokalyptiker und Integrierte». Ja, er halte es für möglich, die Perspektivenbeschränktheit der Kulturkritik zu überwinden und Spass an den Phänomenen der Massenkultur zu haben, ohne sich intellektuell ergeben zu müssen. Durch die Lektüre von Comics, zitiert Ingrid Tomkowiak den italienischen Gelehrten, habe er zum Beispiel gelernt, was Freiheit und Demokratie bedeuten.
Comics und Schlager zur Mentalitätsbildung
Wie wichtig die Populärkultur für das Bewusstsein und die Mentalitätsbildung des Einzelnen, aber auch für das gemeinsame kulturelle Gedächtnis einer Generation oder Gesellschaft sein kann, ist auch in seinem 2004 erschienenen Roman «Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana» nachzulesen: Der Antiquar Bodoni erwacht aus dem Koma und hat sein biografisches Gedächtnis verloren. Auf der Suche nach seinen persönlichen Erinnerungen fährt er in das Haus seines Grossvaters und findet dort alles wieder, was ihm als Junge heilig war: Bücher und Bilder, Comics, Kinoplakate, Pastadosen, Limonadenwerbung und Zigarettenschachteln. Aber auch Schulbücher, Aufsätze und Propagandaschriften aus der Zeit des italienischen Faschismus.
Was für Bodoni eine Reise der sinnlichen Wiederentdeckung durch sein Leben wird, gerät dem Schriftsteller zur Zeitreise durch das zwanzigste Jahrhundert – die bekanntesten Schlager inklusive. Bei der Buchpräsentation in Mailand machte sich Eco den Spass, das wohl bekannteste Soldatenlied der letzten hundert Jahre auf Lateinisch anzustimmen, zugleich aber damit auch akademische Distanz zu markieren: «Olim Lili Marleen.»
Eco, der auch als Professor für Semiotik an der Universität in Bologna gelehrt hat, kämpft als Schriftsteller wie als Wissenschaftler dafür, den Blick auf die massenkulturellen Phänomene für eine kulturwissenschaftliche Analyse zu öffnen. Ingrid Tomkowiak hat Gleiches im Sinn. Für die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin, deren Forschungsfeld vom Blockbuster bis zum Abenteuerroman, von Ratgeberliteratur bis zu Kinder- und Jugendmedien reicht, ist die Aufarbeitung der historischen Argumente pro und contra Populärkultur wichtig.
«Damit man versteht, warum bei jedem neuen Amoklauf Gewaltvideos und Computerspiele als Auslöser herhalten müssen.» Und damit man versteht, warum viele Erscheinungsformen der Massenmedien noch nicht als integrativer Bestandteil unserer Kultur erscheinen – obwohl die kulturelle Kommunikation ihr Gesicht wandelt und die neuen Medien – als Kulturprodukte der Gesellschaft – sichtbarer Ausdruck dieser Veränderung sind.
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