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Ein Heim voller Uhren
Hans Krattiger
Wo üblicherweise in einer Stube an den Wänden Bilder hängen, auf einem Bücherschaft Bücher stehen und auf einer Kommode oder einem Schrank allenfalls Vasen und Schalen postiert sind, nehmen in der Wohnung von Robert Beyeler-Wanner am Keltenweg 37 in Riehen Uhren aller Art diese Plätze ein. Wenigstens zum grössten Teil, was ja auch nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass im Verlauf von vier Jahrzehnten eine Sammlung entstanden ist, die rund 150 Stand- und Wanduhren, Pendulen und Regulatoren, Burgunder- und Cheminéeuhren umfasst. Und kann sich Robert Beyelers Uhrensammlung auch nicht messen mit der Sammlung Nathan-Rupp, die im Frühjahr 1983 als Legat ins Basler Historische Museum kam, oder mit der berühmten Sammlung jenes Baslers, die nach langwierigen Verhandlungen und zweimaligen Anläufen im Grossen Rat ebenfalls dem Historischen Museum einverleibt werden konnte, so verdient doch auch die Sammlung von Robert Beyeler Beachtung, zumal es sich beim Sammler nicht um einen Bankier, sondern um einen Arbeiter handelt, für den der Erwerb eines Objekts oft mit persönlichen Opfern verbunden war.
Grossvaters Gaden als Fundgrube
Wenn ein Bubenauge etwas entdeckt, das sein Herz mit Staunen und Freude erfüllt, dann kann das die Quelle eines Hobbys sein, die erst in späteren Jahren, im Mannesalter, zu sprudeln beginnt. So war es bei dem am 18. Juni 1911 geborenen Robert Beyeler, der als Bürger von WahlernSchwarzenburg und Bauernsohn in Etzelkofen im Amt Fraubrunnen aufwuchs und sein gutes «Bärndütsch» beibehalten hat, obwohl er seit 1954 in Riehen wohnt. Auch sein Grossvater, Jakob Beyeler, war Landwirt, und in dem zum Bauernhaus gehörenden Gaden, dem in städtischen Verhältnissen der Estrich entspricht, entdeckte Robert etwa zehn Schwarzwälderuhren, die ausgedient hatten und in diesem Verliess dem ominösen Zahn der Zeit preisgegeben wurden. Als achtjähriger Knabe machte er sich noch keine Gedanken darüber, wie und warum diese Schwarzwälderuhren auf den Gaden gekommen waren, und noch viel weniger kam er auf die Idee, sie vor dem Verfall zu retten. Später erfuhr er dann, dass im 19. Jahrhundert Hausierer mit Schwarzwälderuhren die abgelegenen Bauerndörfer aufsuchten, ihre sicher nicht kostspieligen Uhren feilboten und an den Mann brachten, da auch ein Bauer sein «Zyt» haben musste. «'s Zyt», wie die Uhr im Bernbiet genannt wurde und zum Teil noch wird, gehörte in die Bauernstube, und wenn sie nicht mehr gehen wollte, wurde sie eben durch eine neue ersetzt. Bei Grossvater Beyeler wanderten sie sukzessive auf den Gaden und verstaubten, zusammen mit anderem «Grümpel», der in Ermangelung einer Sperrgutabfuhr auf dem Gaden landete.
Mit der Entdeckung der ausrangierten Schwarzwälderuhren war zwar der Sammler Robert Beyeler noch nicht geboren, aber fürs erste hat ihn der «Gwunder gstoche», und im Knabenherzen blieb etwas haften, das nicht mehr auszurotten war. Die zweite «Entdeckung» - ein paar Jahre später - war dann die hübsche Biedermeieruhr im Haus der Familie Wanner, die ebenfalls in Etzelkofen wohnte und deren Tochter Mina eine Schulkameradin von Robert war. Diese Biedermeieruhr hat es ihm angetan, und er hat erkannt, dass Uhren nicht nur als Zeitmesser nützlich, sondern auch schön und Schmuckstücke sein können. Die Uhr hat er zwar nicht bekommen, aber die Tochter Mina als Lebensgefährtin und verständnisvolle Frau für die Sammelleidenschaft, die sich in Roberts Gemüt zu regen begann. Die Wannersche Biedermeieruhr hängt heute noch dort, wo sie schon vor Jahrzehnten die Stunden schlug, aber in Robert Beyelers Sammlung befindet sich natürlich gleichwohl eine Biedermeieruhr, eine ähnliche wie diejenige, mit der er damals geliebäugelt hat.
Vom Liebhaber zum Kenner
Weder Grossvaters Schwarzwälderuhren noch die Wannersche Biedermeieruhr haben dazu geführt, dass Robert Beyeler Uhrenmacher wurde. Als gesunder und kräftiger Bauernsohn hatte er im Betrieb seiner Eltern zu helfen, in der Landwirtschaft, und nebenbei auch in der Käserei. Dann aber zog es den Jüngling von zu Hause fort «in die Fremde», das heisst in den benachbarten Kanton Solothurn, wo er in einer Giesserei in Dullikon Arbeit und in Starrkirch Unterkunft fand. Ein paar Jahre später folgte ihm die ehemalige Schulkameradin Mina Wanner nach, und 1936 schlössen sie die Ehe. Nach 18jähriger Tätigkeit in der Giesserei erhielt Robert Beyeler 1947 eine Stelle als Chauffeur bei der Ciba AG in Basel, doch da es in den ersten Nachkriegs jähren nicht leicht war, in Basel eine Wohnung zu bekommen, reiste er sieben Jahre lang alle Tage mit dem Zug von ölten nach Basel. 1954 übersiedelte dann das Ehepaar mit seinen beiden Töchtern nach Riehen, und hier fand Robert Beyeler in der Mitverantwortung für die Gestaltung von Gartenanlagen für Wohngenossenschaften ein zusätzliches Einkommen, das es ihm erlaubte, seinem Hobby zu frönen und eine Uhrensammlung aufzubauen.
Und womit anders hätte er diese Sammlung beginnen können als mit einer Biedermeieruhr?
Das Sprichwort «L'appétit vient en mangeant» gilt auch und erst recht für Sammler. Und nachdem der Bann gebrochen war, fand er bald einmal die Quellen, wo er zu Uhren kommen konnte, wobei er darauf bedacht war, günstig zu guten Uhren zu kommen. Und «gut» bedeutete nicht, dass sie intakt sein und gehen mussten, sondern vielmehr, dass es Originale und originelle Stücke waren. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war es relativ leicht, solche Objekte zu bekommen, vor allem von sogenannten «Auftreibern», die in ganz Frankreich umherzogen und von Flohmärkten, bisweilen auch von Zigeunern, Möbel, Uhren und viele andere Dinge nach Hause, und das heisst: ins Elsass brachten. Und so verging denn keine Woche ohne einen Abstecher ins Elsass, wo Robert Beyeler die Vermittler seiner Sammelobjekte fand und kennenlernte, wo er auch die Bekanntschaft mit andern Sammlern machte, was ab und zu einen Tauschhandel ermöglichte. So sind denn die Uhren in Robert Beyelers Sammlung zur Hauptsache französischer Provenienz, und sogar eine seiner beiden Berner Barockuhren - eine Pendule nach Neuenburger Art von Haas, Bern, 1730 - kam via Frankreich wieder in die Schweiz zurück.
Wer Uhren sammelt, möchte natürlich auch, dass das Uhrwerk funktioniert. Auch Robert Beyeler genügte es nicht, eine alte Uhr günstig zu erwerben und seiner Sammlung einverleiben zu können. Da es aber des öfteren vorkam, dass er nicht mehr funktionierende Uhren «in Kauf nehmen» musste und sie in Kauf nahm, weil sie ihm gefielen und Lücken in seiner Sammlung füllen konnten, fing er an, sich mit der Mechanik eines Uhrwerks zu befassen, beschaffte sich einschlägige Literatur und Werkzeug, um aufgrund selber erworbener Kenntnisse eine Uhr wieder in Gang zu bringen. Und wie er gesteht, hatte er jeweils eine «kindliche Freude», wenn es ihm gelungen war, einem scheinbar hoffnungslosen Fall wieder Leben einzuhauchen und die Genugtuung zu haben, dass Geduld und Mühen nicht umsonst waren.
Ein Querschnitt durch zwei Jahrhunderte
Es sind hauptsächlich Uhren des 18. und 19. Jahrhunderts, die wir in Robert Beyelers Sammlung vorfinden, eine Be schränkung, die sich wohl aus finanziellen Gründen aufdrängte. Aber auch in dieser Beschränkung offenbart sich eine solche Fülle von Varianten der Technik und der Gestaltung, dass die Sammlung ein eindrückliches Bild von der Uhrmacherkunst im 18. und 19. Jahrhundert vermittelt. Es würde zu weit führen und bedürfte zudem eines berufeneren Berichterstatters, um die technischen Verschiedenheiten der einzelnen Uhrwerke zu beschreiben. Doch schon das, was äusserlich an einer Uhr zu sehen ist, bereitet Freude und Entzücken, verbunden mit der Beobachtung, mit welcher Liebe der Sammler seine Objekte hegt und pflegt. Als wir Gelegenheit hatten, Robert Beyelers Sammlung zu besichtigen, stellten wir bald einmal fest, dass es in dieser Wohnung keinen Raum gibt, in dem nicht Uhren hängen und stehen und in der Regel auch gehen würden; selbst im Gang sind sie anzutreffen, und hier unter anderen eine entzückende «petite pendule» aus Sumiswald, geschaffen von einem gewissen Aimé Billon, Mitte 18. Jahrhundert. Da es schon früher Uhren für verschiedene Zwecke und «Geschmäcker» gab, drängt sich unwillkürlich eine Gruppierung auf. Da wären einmal als auffallendste Erscheinung die Standuhren mit ihren zum Teil kunstvoll gestalteten, mit Intarsien verzierten Gehäusen, hinter denen sich Pendel und Gewichte verbergen; unter ihnen als Rarität eine Neuenburger Standuhr mit schwarzem Gehäuse, hergestellt in La Chaux-de-Fonds zwischen 1733 und 1738. Nicht minder augenfällig - und gefällig - sind die Pendulen, wie sie im 18. und 19. Jahrhundert im Neuenburgischen und in Sumiswald im Emmental in schlichterer Aufmachung als ihre französischen Schwestern und doch in eleganter Form hergestellt worden sind und heute noch durch ihre zeitlose Schönheit bestechen - ganz abgesehen davon, dass sie in der Regel mit einem ausgezeichneten Uhrwerk ausgestattet sind. Unter diesen Pendulen befinden sich auch Robert Beyelers Lieblinge: die beiden Berner Barockuhren, von denen die eine die Form einer Neuenburger Pendule hat, während die andere mit einem rechteckigen, reich verzierten Gehäuse auf einem Sockel thront; eine Salon-Uhr, die sich Anno dazumal sicher nicht jede Familie leisten konnte. Viel eher war das der Fall bei den sogenannten Burgunder Uhren, die eigentlich auch zur Kategorie der Standuhren gehören, aber auch ohne das für die Burgunder Uhren typische bauchige Gehäuse aus meistens leicht verderblichem Tannenholz funktionstüchtig sind und die vor allem wegen der Gestaltung des Zifferblatts zu faszinieren vermögen. Wenn dieses Zifferblatt doppelt bombiert ist, dann weiss der Fachmann, dass die Uhr älteren Datums ist, und wenn die Bourbonenlilien in der metallenen Bekrönung des Zifferblattes weggeschliffen und also kaum mehr zu erkennen sind, dann erahnt man, dass selbst an dieser Uhr die französische Revolution nicht spurlos vorübergegangen ist. Anstelle der Lilien kamen dann andere Embleme wie etwa ineinander verschlungene Hände zum Zeichen der fraternité. Schön aneinandergereiht nimmt ein Teil von Robert Beyelers Burgunder Uhren zwei Tablare eines grossen Bücherschafts in Anspruch, und man könnte schon hier die Zeit «vertörle», wollte man jede eingehender betrachten; denn auf den ersten Blick sehen alle gleich aus, und doch ist keine gleich wie die andere. Das gilt auch für die Schwarzwälderuhren mit ihren bunt bemalten Zifferblättern und mit dem in der Regel unkomplizierten Uhrwerk. Wenn der Pendel vor dem Zifferblatt hin- und herschwingt und dabei von «Kuhschwanz» die Rede ist, dann lässt auch das auf eine frühere Herstellungsart schliessen. Ebenfalls Wanduhren sind die Regulatoren, für die Wien als Herstel limgsort bekannt wurde; als Rarität besitzt Robert Beyeler jenen elektrisch betriebenen Regulator, der während vieler Jahre als Mutteruhr im Bahnhof von Lausanne alle anderen Bahnhofuhren intakt hielt. Und schliesslich die CheminéeUh ren aus dem 19. Jahrhundert, an denen die Designer von damals eine üppige Phantasie walten Hessen, um dem Uhrwerk ein in Bronze gegossenes, oft vergoldetes Gehäuse zu verleihen; eine Uhr, bei der es vermutlich mehr auf Repräsentation als auf genaue Zeitangabe ankam.
So präsentiert sich Robert Beyelers Sammlung als breitgefächerte Kollektion, die von der einfachen Schwarzwälder- bis zur eleganten Salonuhr reicht.