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«Wenlock Arms», Hoxton, London
Es gibt sie noch, die guten alten Pubs, in denen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Eines von ihnen ist das «Wenlock Arms». Das Wirtshaus im Stadtteil Hoxton, nicht weit vom Londoner Finanzdistrikt City, liegt an einer Seitenstrasse bei zwei Hafenbecken des Regent’s Canal, der früher handwerkliche und leichtindustrielle Betriebe im Londoner Norden mit der Themse verband. Das dreistöckige Eckhaus aus dem frühen 19.Jahrhundert wird durch stolze Schilder und eine zinnoberrote Fassade geschmückt, die mit Säulenreliefs durchsetzt ist. «Schaut her, bei mir gibt es zu trinken!» scheint das Haus zu rufen.
Zwei Türen führen über kunstvolle Bodenmosaiken, welche die Gäste willkommen heissen, in einen Raum, der nicht grösser ist als sieben mal sieben Meter. Eine hufeisenförmige Bar, wie eine Insel in der Mitte, beherrscht die Szene. Auf Beinhöhe sind geschnitzte Verzierungen angebracht, darüber tragen gedrechselte Säulen ein Messingregal für die Gläser. Das Parkett kann nicht verbergen, dass es seit zweihundert Jahren getreten und geschrubbt wird. In einem gusseisernen Ofen flackert ein Feuer, darüber hängt ein Spiegel mit der Aufschrift «Wenlock Famous Ales and Stouts». Die ehemalige Brauerei gab dem Pub den Namen. Jede halbe Stunde legt der Wirt Buchenscheite nach.
Wir haben uns mit Christine Cryne im «Wenlock Arms», kurz «Wenlock», verabredet. Die schlanke Frau setzt sich seit über vierzig Jahren für gutes Bier ein. Im Berufsleben führt sie eine wohltätige Organisation zur Förderung autistischer Kinder. Ausserdem ist sie professionelle Biertesterin. Sie bildet die Biernasen von Liebhabern und Angestellten im Gastronomiesektor aus und sitzt als Preisrichterin in Juries zur Auszeichnung guter Biere. Ihr Kennerblick streift über die Handpumpen an der Bar – mit zehn traditionellen Bieren, sogenannten Ales, erreicht das «Wenlock» eine von kleinen Pubs selten erreichte Zahl –, und sie bestellt ein halbes Pint IPA einer Mikrobrauerei aus Peterborough. Sie schnuppert am ockergelben Bräu und lässt es über die Zunge gehen. Wie beim Wein werde Fassbier nach Geruch, Geschmack und Abgang geprüft, sagt Cryne. Die Sorte IPA – India Pale Ale – war im 19.Jahrhundert die Bezeichnung einer Brauerei für ihr Fassbier, das nach Indien ausgeführt wurde.
Cryne ist im «Wenlock» bekannt. Sie sass mehrere Jahre im Vorstand der Campaign for Real Ale, kurz Camra, die das Wirtshaus vier Mal mit dem Preis für das «Pub des Jahres» in Nordlondon ausgezeichnet hat. Die vor 49 Jahren gegründete Interessengruppe setzte sich ursprünglich für den Erhalt und die Pflege von traditionellem Fassbier ein, das als Folge der Automatisierung und unternehmerischen Konzentration im Brauereigewerbe bedroht war. Ale, von Trinkern an der Theke oft auch «bitter» genannt, wird mit einem Rest an Hefe abgefüllt und im Fass ausgegoren, was das Getränk verderblicher macht als mit Kohlensäure angereicherte Lagerbiere. Ist ein Fass Ale angezapft, muss der Inhalt innert drei bis fünf Tagen ausgetrunken werden. Es entwickelt keinen Druck, deshalb braucht es Handpumpen. Den Grossbrauereien, die seit den 1960er Jahren Pubs aufgekauft und regionale Oligopole angestrebt hatten, waren die traditionellen Biere lästig. Christopher Hutt, einer der Camra-Gründer, kritisierte 1973 in der Streitschrift «The Death of the English Pub» die Brauereien wegen ihrer Machtpolitik gegenüber unabhängigen Wirten und dem Einheitsprodukt, das sie vermarkteten. «Real ale» wurde zum geflügelten Wort. Mit fast 200000 Mitgliedern ist Camra heute eine der erfolgreichsten Konsumentengruppen auf der Insel und kann ein ungeahntes Revival der Ales als Erfolg verbuchen. Allein in London gibt es unterdessen 120 handwerkliche Kleinbrauereien, in ganz Grossbritannien sind es ihrer 2000, Tendenz steigend.
Den Kampf ums gute Bier haben Cryne und ihre Gesinnungsgenossen also gewonnen, aber ihr Einsatz zugunsten kleiner und unabhängiger Pubs verläuft weniger glücklich. Pro Monat gehen auf der Insel über 70 Lokale zu. Innert zehn Jahren fiel die Zahl an Pubs landesweit von 54000 auf 40000, vor hundert Jahren hatten die Behörden noch 100000 Betriebe lizenziert. Betroffen sind vor allem «backstreet pubs», Quartierbeizen abseits der belebten Strassen wie das «Wenlock». Wer durch Londoner Wohnquartiere spaziert, erkennt ehemalige Pubs an den Eckeingängen und grossen Fenstern, oft auch an einer Inschrift im Türrahmen. Viele wurden zu Läden, Werkstätten oder Parterrewohnungen umfunktioniert oder stehen leer. Laut einer Studie des Institute of Economic Affairs, einem Think-Tank, sind in erster Linie wirtschaftliche Faktoren wie Steuern, steigende Liegenschaftswerte und geringere verfügbare Einkommen nach der Finanzkrise von 2008 für den Niedergang verantwortlich. Dazu kommen Regulierungen wie das Rauchverbot von 2007. Auch der gesellschaftliche Wandel spielt eine Rolle: Die industrielle Schwerarbeit nimmt ab, und für Berufe wie Maschinisten und Strassenarbeiter gelten während der Arbeitspausen Trinkverbote. Autofahrer dürfen nicht einmal mehr ein ganzes Pint Bier trinken, bevor sie sich ans Steuer setzen. Generell nahm der jährliche Pro-Kopf-Konsum an reinem Alkohol seit 1980 von knapp 12 auf 8 Liter ab. Ausserdem veränderten sich die Trinkgewohnheiten. In den 1990er Jahren überholte der Konsum von Lagerbier denjenigen von Ale zum ersten Mal; heute wird doppelt so viel davon getrunken wie vom «bitter».
Die Bierkennerin Cryne mag das «Wenlock» nicht nur wegen der Atmosphäre, sondern auch, weil hier eine Schlacht im Krieg gegen Immobilienhaie und Grossbrauereien gewonnen wurde. Vor zehn Jahren sollte die Kneipe einem Wohnblock weichen, aber die Investoren hatten nicht mit den Stammkunden gerechnet. Die Nachbarschaft des Pubs wird gemischt genutzt – ehemalige Lagerhäuser und Industriebetriebe am Kanal wurden zu Lofts oder Designer-Studios umfunktioniert. Kreative Typen und mittelständige Quartierbewohner gingen für ihr «local» auf die Barrikaden. Der Londoner Zweig von Camra mobilisierte. Schliesslich beugte sich der Stadtrat von Hackney und stellte die Wirtschaft unter Schutz.
Nach fünf an einem Freitagabend füllt sich das Pub. Stammgäste stehen mit einem Bier an der Theke oder sitzen auf einer der lederbezogenen Bänke an der Wand. Ein Paar spielt schweigend Gin Rummy, ein Kartenspiel. Drei Gäste, Luke, Cornelius und Ash, stehen in angeregtem Gespräch an der Bar. Sie wohnen um die Ecke und kommen zwischen zwei und vier Mal pro Woche ins «Wenlock». «Wir müssen uns nicht verabreden», sagt Cornelius, der beruflich als Skipper auf Segeljachten anheuert. Ash, ein Heizungstechniker, nennt das Pub «home from home», das zweite Wohnzimmer. Der Kleinunternehmer Luke erzählt, schon seine Eltern seien hier eingekehrt. Damals sei es noch rauh zu- und hergegangen, heute sei die Stimmung gesitteter, nicht zuletzt, weil gut die Hälfte der Gäste Frauen seien. Dass der Wirt ausser Toast-Sandwiches kein Essen auftischt, passt den drei Freunden. «Der Gastro-Nonsense in vielen Pubs geht mir auf die Nerven», sagt Luke. Im Jargon heissen Pubs, die vom Getränkeausschank leben, «boozers». Das «Wenlock» spielt im Quartierleben eine soziale Rolle, es ist etwa Dreh- und Angelpunkt eines Freizeitclubs von Hobby-Fussballern und einer Pfeilwurf-Mannschaft. Er habe kein «Konzept», sagt Marcus Grant, der Wirt, und zeigt mit einer abwertenden Geste, was er von Pub-Moden hält. Sie dienten bloss dazu, gewisse Gruppen auszugrenzen. «Ich will jeden und jede in meinem Pub, auch Müllmänner und Alkoholiker.» Sein Ehrgeiz sei es, ein normales Pub zu führen. «Das bedeutet: ein gutes Produkt anbieten und freundlich sein.»
Das «Wenlock» löst den traditionellen Anspruch ein, dass sich Engländer gelegentlich über die sozialen Klassen hinweg wahrnehmen und miteinander auf Tuchfühlung gehen. Diese Sitte, die das beidseits der sozialen Schranken zelebrierte Klassenbewusstsein mildert, spiegelt sich im Ausdruck «Commonwealth», was im 19.Jahrhundert so viel hiess wie Gemeinwohl. Der proklamierten Gemeinschaft der Viktorianer haftete freilich Scheinheiligkeit und Patriarchalismus an. Die herrschende Schicht hatte sich ohnehin aus den Pubs verabschiedet und sich in Gentlemen’s Clubs zurückgezogen. Die Pubs zogen derweil Trennwände auf, selbst in einer Eckkneipe wie dem «Wenlock» führte ein Eingang in den «saloon» für die Mittelklasse und ein zweiter in die «public bar» für Arbeiter. Im Saloon lagen Teppiche, in der Bar streute der Wirt am Morgen Sägemehl aus und wischte es am Abend zusammen. Die Theke hielt die Räume gewissermassen zusammen. Stattlichere Pubs in den Geschäftsvierteln verfügten über «snob screens», kunstvoll gravierte Glasscheiben, die Gästen Schutz vor neugierigen Blicken boten. Im 20.Jahrhundert verschwanden vielerorts die Trennwände, so auch im «Wenlock Arms». Mit der Schliessung von Quartierpubs sterben auch Orte aus, wo sich in den Gesellschaften der englischen Grossstädte wohlhabende und vermögenslose Bürger ohne Scheu begegnen.
«Hales Bar», Harrogate
«Sie sehen aus wie die Herren, die ich hier treffen soll.» Der Mann mit dem melierten Haar und einer für die Jahreszeit zu leichten Jacke tritt zur Bar und streckt die Hand zum Gruss aus: «Paul Jennings.» Jennings ist emeritierter Professor für Sozialgeschichte und hat mehrere Bücher über Pubs und den Genuss von Alkohol seit der Tudor-Epoche geschrieben, zuletzt «A History of Drink and the English, 1500–2000».
Treffpunkt ist die «Hales Bar» in Harrogate, Yorkshire. Die älteste Wirtschaft in der alten Bäderstadt des Nordens entstand im 18.Jahrhundert nahe der schwefligen Quellen, für die Kurgäste in die Stadt reisten. Über einen zum Biergarten umfunktionierten Innenhof sind die ehemaligen Stallungen zu erkennen, in denen Reisende ihre Pferde unterbrachten. Zu dem Zeitpunkt hiessen die Gastwirtschaften «inns», Herbergen. Bierschenken waren «alehouses», und wenn Wein verkauft wurde, sprach man von «taverns». Die frühen Wirtshäuser vereinten öffentliche und private Funktionen, eine Vorgeschichte, die in den heutigen Pubs nachhallt. Laut Jennings braute der Wirt, öfter eine Wirtin, das Ale zunächst in der Küche der eigenen vier Wände. «Inns» stellten Reisenden eine Mahlzeit und ein Bett zur Verfügung sowie Stall und Heu für die Pferde. Da nur Wohlhabende reisten, waren Gasthäuser oft luxuriös eingerichtet. Daniel Defoe, der Autor von «Robinson Crusoe» und ein Chronist seiner Zeit, beschreibt auf seiner «Tour Through the Whole Island of Great Britain» (1724) viele Unterkünfte. In Doncaster, nicht weit von Harrogate, notierte er «grossartige Inns», eines davon, das «George», gleiche einem Palast. Tavernen benötigten im Unterschied zu den «alehouses» keine richterliche Bewilligung, weshalb sie im 17. und 18.Jahrhundert auch als Bordelle dienten. Theater, Tanz und Musik waren weitere Domänen der Vorläufer der heutigen Pubs.
In den Wirtschaften fanden verschiedene Transaktionen statt, da es dafür noch keine speziellen Räume gab und sich die englische Gesellschaft weitgehend unabhängig von der Obrigkeit organisierte. In den «alehouses» wurden etwa Steuern deklariert und eingezogen, Geschworenengerichte abgehalten, Auktionen und Märkte veranstaltet. Auch als Poststationen, in denen Pakete deponiert und abgeholt werden konnten, dienten sie. Suchte jemand Tagelöhner, bestellte er sie ins Wirtshaus. Während der Napoleonischen Kriege holte die Royal Navy Knaben und junge Männer aus den Kneipen und presste sie zum Dienst. Pfandleiher eröffneten ihre Geschäfte in Pubs. Und immer gab es zu trinken. Vor der Einführung des allgemeinen und geheimen Wahlrechts am Ende des 19.Jahrhunderts fanden Unterhauswahlen im Pub statt. Das war praktisch, da die Wähler mit Bier und Gin bestochen werden konnten; gewählt wurde durch Handerheben. Ein Gesetz begrenzte ab 1880 den Betrag, den ein Kandidat persönlich für seine Wahl ausgeben durfte. Es gilt noch heute, obwohl Pubs und Wahlen längst nichts mehr miteinander zu tun haben.
Auch in der «Hales Bar» haben ein paar alte Bräuche Spuren hinterlassen. Die Wirtin Amanda Wilkinson führt in einen Hinterraum, in dem die Räte von Harrogate an einem Tisch ihre Stadtratssitzungen vorbereiteten. Früher? «Nein, noch immer!» ruft sie.
Während der Regierung Königin Victorias (1837 bis 1901) verloren die Gasthöfe ihre gesellschaftlichen Aufgaben mit Ausnahme von Geselligkeit und Spielen. Die Eisenbahn machte die «inns» überflüssig oder ersetzte sie durch prächtige Hotelbauten der Eisenbahngesellschaften. «Taverns» und «alehouses» verschmolzen zu «public houses», also Pubs. Einzelräume und Tische verschwanden. Gäste standen nun vorzugshalber an der Theke. Diese hatte zuvor als Lagerraum gedient, nun führte der Wirt von dort das Zepter. An der Bar konnte schneller nachgeschenkt und konsumiert werden. Die Umsätze stiegen.
Jennings sagt, die «Hales Bar» sei sein Lieblingslokal, weil es sich um ein klassisches viktorianisches Pub handle. Das alte Gebäude war 1827 niedergerissen und durch ein vierstöckiges, mit Quadern aus Kalkstein gebautes Haus ersetzt worden. Geprägte, ockergelb lackierte Tapeten an der Decke, grosse Spiegel und schmuckvolle Beschläge hinter der Bar seien typische Kennzeichen. Die pilzförmigen gläsernen Deckenlampen werden noch immer mit Gas betrieben, an zwei Gaskerzen aus Messing an der Theke zündeten früher Raucher ihre Zigarren an, jetzt sind sie eine Attraktion.
Jennings wurde zufällig zum Spezialisten für die Geschichte von Wirtshäusern. In den 1990er Jahren hatte er an der Erwachsenenuniversität von Bradford Vorlesungen allgemeiner Art angeboten, ein Kollege hatte die Idee, dass er die Geschichte der lokalen Pubs aufarbeiten könne. Er ahnte damals nicht, dass die Beschäftigung mit Pubs ein Lebenswerk werden sollte.
Anders Amanda Wilkinson. Die alleinstehende Mutter einer erwachsenen Tochter wollte schon immer ein eigenes Pub besitzen. Zoe, der Pub-Hund, ein Corgipoo, schaut ihr von einem Barhocker bei der Arbeit zu. Siebzig Prozent der Kunden seien Stammgäste, sagt sie, «ich kenne sie mit dem Vornamen». Auch ein Gespenst soll in der «Hales Bar» sein Unwesen treiben, wie es sich für ein viktorianisches Pub gehört. Manchmal seien am Morgen Gläser gerückt worden, oder sie seien nachts aus unerklärlichen Gründen aus der Halterung gefallen. Wilkinson liess professionelle Ghostbusters holen, die im Schankraum übernachteten. Gehört oder gesehen haben sie nichts. «Man kann nichts beweisen», sagt die Wirtin, ohne das Gesicht zu verziehen.
«Lord Moon of the Mall», London
Tim Martins Pubs sind grossflächig angelegt und meistens gut gefüllt. Trotzdem ist es ein Leichtes, den Boss der Kneipenkette J.D.Wetherspoon in der Menge auszumachen. Der 64jährige Unternehmer ist 1 Meter 98 gross, hat einen breiten Brustkasten und eine wilde Mähne. Er trägt ein blaues Polohemd und schwarze Doc-Martens-Schuhe – das Gegenteil von schick ist sein Markenzeichen. Auch viele Kunden kennen ihn, selbst wenn er sich in einem einzelnen seiner landesweit knapp 900 Pubs zwangsläufig selten sehen lässt. Als einer der wenigen britischen Firmenchefs, die den Brexit befürworteten, war Martin in den letzten Jahren häufig am Fernsehen zu sehen. «Vielen Dank, dass Sie uns gutes Bier zu günstigen Preisen bescheren», sagt ein Gast, der sich ein Herz gefasst hat und im «Lord Moon of the Mall», einem Wetherspoon-Pub im Zentrum Londons, auf Martin zugeht. «Thank you, thank you, gern geschehen», antwortet er. Der Händedruck ist fest, die Stimme überraschend hell. Etwas später drängt sich ein junger Mann an unseren Ecktisch. «Ich bin politisch total anderer Meinung als Sie», verkündet er, «aber es ist grossartig, dass Sie schöne alte Gebäude zu neuem Leben erwecken.» Martin bedankt sich erneut, macht einen Scherz und lacht schallend.
Der Gründer, Verwaltungsratspräsident und operative Chef von Wetherspoon hat das Pub neu erfunden. Das fängt bei den Lokalitäten an: Martin kaufte nicht etwa lizenzierte Kneipen auf, sondern eröffnete seine Gasthäuser in umgebauten Bankfilialen, stillgelegten Kirchen, ehemaligen Postämtern, Kinos und viktorianischen Pavillons. Viele der Gebäude sind denkmalgeschützt. Ein anderes Merkmal ist, dass in einem «Spoon», wie die Wetherspoons genannt werden, keine Hintergrundmusik zu hören ist. Martin mag keine Berieselung, deshalb gibt es sie in seinen Pubs nicht, ob das den Kunden passt oder nicht. Es ist wie beim Brexit. Martin liess Untersetzer mit Aufrufen zum EU-Austritt drucken und legte in seinen Pubs eine polemische Hauszeitung auf. Kein anderer Unternehmer im Gastronomiesektor würde riskieren, die Hälfte seiner Kundschaft zu brüskieren. Martin, der die EU für undemokratisch hält, aber liberale Ideen vertritt, sagt, er habe die Debatte nicht den Politikern und Medien überlassen wollen. Es gab einzelne Proteste, aber eine Boykottbewegung blieb in den Anfängen stecken.
Martin nennt einen Aufsatz von George Orwell als seine Leitlinie. Der Schriftsteller hatte 1946 sein Wunschpub beschrieben: Es müsse darin Bier vom Fass ausgeschenkt und täglich ein günstiges Mahl serviert werden, das Pub solle über ein offenes Feuer, eine freundliche Wirtin und einen Garten verfügen, und kein plärrendes Radio dürfe ihn dabei stören, in Ruhe die Zeitung zu lesen. Orwell taufte sein ideales Pub «The Moon Under Water» – ein Name, auf den mehrere Wetherspoon-Pubs anspielen. «Es geht um Atmosphäre», sagt Martin. Ein Pub sei ein Schmelztiegel. «Menschen kommen zusammen, weil sie sich einer grösseren Gemeinschaft zugehörig fühlen.» Das englische Pub sei das Gegenteil einer Dinner Party, an der man von einer Clique umgeben sei.
Manche Briten würden bestreiten, dass Wetherspoon dem eigenen Anspruch genüge. Gemütlichkeit kommt in den grossen Hallen mit hundertfacher Kundschaft selten auf. Ein Wetherspoon-Pub ist immer auch ein Restaurant – durchschnittlich serviert es 3800 Mahlzeiten pro Woche, darunter 800 Frühstücke, womit die Küchenmannschaft mehr als einen Drittel zum Umsatz beiträgt. Ist das noch ein Pub? Die Frage sei berechtigt, sagt Martin, bejaht sie aber. Im Unterschied zu anderen Restaurantketten treten «Spoons» nicht mit einheitlichem Design auf. Innenarchitekten und Künstler erhalten freie Hand, ein neues Lokal einzurichten. Wandtafeln erklären die Geschichte eines Gebäudes. Im «Lord Moon of the Mall», einer ehemaligen Bankfiliale, blicken zwei Bronzestatuen, die früher die Schalterhalle schmückten, auf die Kunden.
Ausländern fällt bei einem ersten Pub-Besuch auf der Insel oft auf, dass das Bier an der Theke bestellt werden muss – wer dafür zu schüchtern ist, bleibt auf dem Trockenen sitzen. Oft beginnt ein Gespräch mit einem Unbekannten auf diese Weise oder weil Stammgäste an der Bar hängenbleiben. Die «V.D. area», wie der leere Raum um die Theke im firmeneigenen Jargon heisst, die Abkürzung für «vertical drinking area», werde grosszügig bemessen, sagt Martin. Im «Lord Moon of the Mall» unterhalten sich etwa 15 Trinker an der Bar, Pint-Glas in der Hand. Unter ihnen sind fünf ehemalige Studienfreunde, die sich einmal monatlich in der Innenstadt treffen. «Immer in einem Wetherspoon», sagt einer, «da wird man nicht abgerissen.»
Nüchtern betrachtet, nutzt Wetherspoon wirtschaftliche Skaleneffekte. Das Unternehmen erzielt mit etwas über 2 Prozent aller 40000 britischen Pubs 12 Prozent des landesweiten Kneipenumsatzes. «Spoons» sind effizient organisiert und bieten gute Qualität. Martin, ein Liebhaber traditioneller Biere, lässt in seinen Pubs mindestens ein halbes Dutzend Ales servieren, die Hälfte davon wählen die lokalen Manager aus der Vielzahl örtlicher Kleinbrauereien aus. Durchschnittlich kostet ein Pint 23 Prozent weniger als bei der Konkurrenz. Ein Grund, weshalb sich junge Briten gerne in einem Wetherspoon verabreden – egal, was sie von Tim Martins politischer Einstellung halten. Ein studentisches Besäufnis beginnt oft in einem «Spoon», bevor man in einen Club oder zu einer Party weiterzieht. Als in den 1980er Jahren die ersten Wetherspoons die Nation eroberten, gab es noch Pubs, die je eine Sorte Rot- und Weisswein von der Sparflasche aus dem Supermarkt ausschenkten. Martin führte Qualitätsweine ein, eine Vielfalt davon, oder auch italienischen Markenkaffee und Espressomaschinen. Martin arbeitete sich von unten hoch. Er hatte 1979, damals 24jä̈hrig, eine Karriere als Anwalt hingeschmissen. Er sei zwar gut mit Worten, sagt er, aber das systematische Denken von Juristen sei ihm fremd. Laut eigener Einschätzung hatte er als Anwalt keine Chance. Als seine Stammkneipe in Nordlondon geschlossen werden sollte, weil der Pächter die Miete nicht aufbrachte, übernahm er sie «für ein paar Tausender». Einmal kam es zu einer Rauferei, Martin warf die Querulanten raus, einer schleuderte einen Ziegelstein durchs Fenster. Der Zwischenfall erinnerte Martin an einen unglücklichen Lehrer, einen Mister Wetherspoon, bei dem er in die Schule gegangen war und der die Klasse nicht hatte zügeln können. Das gab dem Pub, später der Kette den Namen.
Martin wollte hoch hinaus. Nach zwei Jahren kaufte er ein zweites Pub, dann das nächste. Er verhandelte mit der Bank. «Sie haben drei Pubs, was ist Ihr Ziel?» fragte der Bankberater. «Tausend Pubs», sagte Martin. Der Banker sei nervös geworden. 37 Jahre später erzielt die Firma einen Jahresumsatz von 1,7 Milliarden Pfund und beschäftigt 38000 Mitarbeiter. Martins Anteil von 32 Prozent der Aktien ist 420 Millionen Pfund wert.
Martin sagt, er habe den «Lord Moon of the Mall» als Treffpunkt gewählt, weil das für ihn am bequemsten gewesen sei. Er lebt mit seiner Frau in der südwestlichen Grafschaft Devon. Einmal pro Woche reist er mit dem Zug in eine Region und klappert während zweier Tage, ohne dass er sich vorher hätte ankündigen lassen, zu Fuss oder im Taxi seine Pubs in der Gegend ab. Er schreibt Beobachtungen und Äusserungen von Kunden und Angestellten in ein gebundenes Notizbuch, das er immer auf sich trägt. Mindestens zehn Pubs besuche er pro Woche. Während der vielen Kneipenstunden trinkt er Tee und nur abends zwei Pints Ale.
Mittwochs leitet er am Hauptsitz in London die wöchentliche Direktionssitzung, dann lernt er Französisch, seit vielen Jahren schon. Wie geht es mit dem Privatunterricht? «Ça va très mal», sagt er.
Markus M.Haefliger ist NZZ-Korrespondent in London.