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Es gibt wahrscheinlich keine andere Metropole in China, die mehr Spitznamen hat als Chongqing im Südwesten des Landes: Bergstadt, Stadt des Nebels, Stadt der Brücken oder Feuertopf, um nur einige zu nennen. Wahrscheinlich gibt es auch keinen anderen Ort in China, an dem die Infrastruktur, die Architektur und die Topografie so stark miteinander verflochten sind.
Chongqing liegt in einer Zone mit subtropischem Monsunklima, die sich durch warme Winter und heisse Sommer auszeichnet. Der allgegenwärtige Nebel ist nicht in erster Linie Smog, sondern auf die geografische Umgebung zurückzuführen: Die Stadt liegt am südöstlichen Rand des Sichuan-Beckens, wo hohe Berge für geringe Windgeschwindigkeiten sorgen. Die breiten Flüsse Yangtse und Jialing befördern reichlich Wasser, während die hohen Bodentemperaturen tagsüber das Volumen an Feuchtigkeit erhöhen, welche in der Luft gespeichert werden kann. Gleichzeitig fliesst kalte Luft aus den Bergen am Rande des Beckens die Hänge hinunter, was zu einer Abkühlung der Luft in Bodennähe führt. Dort ist sie schnell gesättigt, und der Überschuss kondensiert zu Nebel. Ist er einmal da, lösen sich die Nebelschwaden in Chongqing auch nicht mehr so schnell auf: Während der Nebelsaison, die von September bis April reicht, ist man Tag und Nacht von ihm umgeben. Im Durchschnitt sind circa 100 Nebeltage pro Jahr zu verzeichnen, im Extremfall sind es über 200. Die Schönheit dieser Bergstadt liegt deshalb im sie umgebenden Dunst und im Gefühl des Nebulösen – wie in der traditionellen chinesischen Landschaftsmalerei.
Vergessene Räume in der Grossstadt
Die in Nebel gehüllte Grossstadt wirkt zwar optisch ruhig und märchenhaft, ist im Alltag allerdings sehr vielfältig und dynamisch. Aufgrund des Nebels sind sowohl steile Strassen als auch die Wasserwege schwer befahrbar. Damit die Stadt trotzdem funktionieren kann, spielen Brücken und Überführungen eine wichtige Rolle. Bis heute gibt es bereits über 13 000 Brücken verschiedener Bauarten. Während sie die Verkehrssituation der Stadt verbessern, erschaffen sie unter sich eine weitere künstliche Landschaft, «vergessene Räume» ohne genaue Definition. Die Erde, die Vegetation und die gigantischen Betonstrukturen verwachsen miteinander und machen den Raum zu einem unerwartet zugänglichen Gebiet, was den Entdeckergeist der Menschen anregt. Chongqings Bewohner spazieren gerne unter den Brücken und sagen scherzhaft: «New York hat eine ‹High Line› und wir haben eine ‹Low Line›.»
«Europäische Städte wirken auf
mich manchmal so geschützt
wie Objekte in einem Museum»
Shanghai wiederum hat weder eine «High Line» noch eine «Low Line», sondern eine immer weiter emporragende Skyline. Höhe und Dichte symbolisieren die aus dem Sumpf gestampfte Stadt. Mittlerweile ist sie mit über 26 Millionen Einwohnern die global drittbevölkerungsreichste Stadt, während der 632 Meter hohe Shanghai Tower das zweithöchste Gebäude der Welt ist. Beides, Höhe und Dichte, scheinen die Menschen darin zu bestätigen, die Natur erobern zu können. Die Wolkenkratzer haben sehr spezifische Anforderungen an die Konstruktion und die Statik, denn die äusserst schlanken, mit Glas verkleideten Türme haben enormen Windkräften standzuhalten, müssen brand- und erdbebensicher sein und stehen zudem auf dem sandigen Schwemmland des Huangpu-Flusses, das sich unter der Last der Gebäude jährlich mehrere Zentimeter absenkt.
Staatliche Regulation des Bauens
Die chinesische Architekturszene wird weitestgehend durch die fortschreitende Urbanisierung des Landes und das damit verbundene ungebremste Wachstum der Megacitys bestimmt. Grosse Planungs- und Architekturbüros sorgen im Auftrag von Behörden und Investoren im ganzen Land für die rasche Bereitstellung von Wohn- und Arbeitsraum für die in die Städte strömenden Menschenmassen. Sie brechen die bestehenden Stadtgefüge gnadenlos auf und erstellen in kürzester Zeit neue urbane Strukturen. Dieses Planungssystem hat in den letzten Jahrzehnten bedeutende architektonische «Landmarks» hervorgebracht. Nun stellt die chinesische Regierung diese Entwicklung endlich in Frage, indem sie die Konflikte zwischen Wolkenkratzern und der Umwelt – alle Bedeutungen des Wortes meinend – erkannt hat: «Superhochhäuser können das traditionelle Stadtbild beeinträchtigen und die ganze Stadt in einen ‹Stahl-Beton-Wald› verwandeln; sie können die Nutzung von Wohnungen einschränken, den Energieverbrauch erhöhen, zu Verkehrsstaus führen, Lichtverschmutzung und den Wärmeinseleffekt hervorrufen und eine ungünstige Windumgebung und sogar Bodensenkungen verursachen; Superhochhäuser stellen hohe Anforderungen an Material und Einrichtungen sowie komplexe seismische Technologien, wodurch sich die Projektkosten sowie die Betriebs- und Wartungskosten erhöhen; im Falle eines Brandes oder Unfalls kann der superhohe Teil nicht von aussen gelöscht werden, und die Rettung wird sehr schwierig…» In der Folge trat 2021 der Beschluss zur «Begrenzung der Höhe hoher Gebäude» in Kraft.
Hybrides Wachsen
Die Geschwindigkeit des Wachstums in Shanghai ist spürbar und sichtbar. Shanghai ist jedoch keine «Instant-Stadt» wie Shenzhen und wurde nicht auf einem Durchgang geplant und gebaut. Die Stadt durchlief vielmehr diverse Wachstumsphasen in mehreren Dynastien und Generationen. All dies hat sichtbare Spuren im Stadtgefüge hinterlassen und Diskussionen über den Stand der Denkmalpflege im heutigen China ausgelöst. Das Ergebnis ist eine unglaublich komplexe, heterogene Stadt, die sich jeder einfachen Charakterisierung entzieht. Shanghai ist eine vielschichtige, hybride Metropole, die als lebendiges Museum der Stadtplanung dient – ein Labor für experimentellen Urbanismus.
«Die einzige Konstante im Leben ist die Veränderung»: Der griechische Philosoph Heraklit und der chinesische General Sun Tzu/Sunzi, Autor von «Die Kunst des Krieges», kommen in diesem Diktum, welches auch nach 2500 Jahren nichts an Gültigkeit eingebüsst hat, zusammen. Die Metropolen Shanghai und Chongqing sind chinesische Zeitzeuginnen dieser Aussage. Dort kommt das sich dynamisch entwickelnde, sich ständig verändernde Architekturgefüge der Grossstädte mit dem pulsierenden Alltagsleben in Berührung. Das Gebaute und das noch unbebaute Land, die extrem dichten Wohnblöcke und die Leerstellen dazwischen, die generischen, urbanen Strukturen und die spezifischen Elemente der Stadtgeschichte, das Modernisieren und das Ökologisieren – dies alles verhält sich wie Teile zweier gegenüberliegender Spiegel, die ihre Positionen zwar als Antagonisten einnehmen, aber doch gemeinsam existieren und sich gegenseitig reflektieren.
Fotos: Ferit Kuyas