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«Vor dem Orchester fühle ich mich am meisten wie ich selbst.»
Sie ist eine der Jüngsten: Stephanie Childress hat mit 21 Jahren den zweiten Preis beim Dirigierwettbewerb La Maestra 2020 gewonnen und ist seit 2021 Assistant Conductor des St. Louis Symphony Orchestra.
Sara Seidl — Ihre Faszination für das Dirigieren entdeckt Stephanie Childress (GB/F) als Violinistin im Jugendorchester beim Beobachten des Dirigenten. Mit Unterstützung der Eltern (beide Nicht-Musiker) verlässt sie die Schule frühzeitig und beginnt mit 16 Jahren an der Universität Cambridge das Musikwissenschaftsstudium. Daneben spielt sie an den BBC Proms, gewinnt Auszeichnungen als Violinistin und Dirigentin, assistiert Sir Simon Rattle und gründet ihr eigenes Ensemble.
Stephanie Childress, werden wir Sie bald als Dirigentin erleben, die von der Violine aus leitet? Sind Sie die nächste Barbara Hannigan?
(Lacht) Nein, das bin ich nicht. Die Violine war ein grosser Teil meines Lebens und ich habe als Violinistin in Orchestern wahrscheinlich mehr über das Dirigieren gelernt als von meinen Dirigierprofessoren. Aber dieses Kapitel ist für mich jetzt abgeschlossen. Vor dem Orchester fühle ich mich am meisten wie ich selbst.
Welche Werke sprechen Sie besonders an?
Ganz unterschiedliche. Beethovens Sinfonien gehören für mich zu den vollkommensten Werken der klassischen Musik. Ich führe aber auch gerne zeitgenössische Werke auf. Und besonders mag ich Opern, weil ich als Dirigentin das Ganze sehe, die gesamte Partitur, den geschichtlichen Kontext, die musikalische Analyse und auch die zugrunde liegenden Überlegungen. Ich liebe zum Beispiel Eugen Onegin von Tschaikowski. Dieses Werk hat mich so fasziniert, dass ich Russisch gelernt habe, um den Text von Puschkin in der Originalsprache zu lesen.
Was fasziniert Sie daran?
Jedes Mal, wenn ich die Oper höre, zerreisst es mein Herz. Nicht nur wegen der wunderschönen Melodien, sondern auch wegen des philosophischen Gehalts. An der Oberfläche scheint die Wahl zwischen Liebe und Pflicht so einfach. Für mich geht es aber im Werk viel mehr um die mikroskopisch kleinen alltäglichen Interaktionen, die Tschaikowski grandios musikalisch porträtiert.
Während Ihrer Zeit in Cambridge haben Sie Beethovens Neunte dirigiert. Wie ist es dazu gekommen, Sie haben ja Musikwissenschaft studiert?
Ja, mein Studium war tatsächlich stark analytisch-wissenschaftlich ausgerichtet. Allerdings hatte ich Cambridge als Studienort gewählt, weil man neben dem Studium mit Organisationstalent und Engagement Musikerinnen und Musiker finden und Konzerte auf die Beine stellen kann.
Das grösste dieser Projekte war eben die neunte Sinfonie Beethovens und ich habe alles selber gemacht. Es war grossartig und stressig zugleich. Damals stellte ich mir vor, ich hätte es als Dirigentin dann geschafft, wenn jemand anderes die Musiker buchen, die Noten auf den Notenständern platzieren, die Stühle aufstellen und den Tee für die Pause machen würde. Nach der Erfahrung mit Beethovens Neunter beschloss ich, dass es so nicht mehr weitergehen könne und ich mich entweder ganz auf das Dirigieren konzentriere oder es lasse.
Der professionelle Sprung ist geglückt. Spätestens mit dem zweiten Preis bei der ersten Durchführung des Wettbewerbs La Maestra in Paris im Herbst 2020 sind Sie einem breiteren Publikum bekannt geworden.
Es war wunderbar. Die Pandemie hatte dazu geführt, dass der Wettbewerb um einige Monate verschoben wurde und ich durfte nach langer Zeit wieder einmal ein Orchester dirigieren. Die Musikerinnen und Musiker waren voller Leben und Energie.
Eine grosse Hilfe ist es auch, dass ich nach dem Wettbewerb Unterstützung durch Mentorinnen und Mentoren und diverse Gelegenheiten zum Dirigieren erhalten habe.
Am Anfang von La Maestra stand die Situation, dass in Frankreich lediglich ca. 4% aller Konzerte von Frauen dirigiert werden. In der Schweiz liegt der Anteil nur unwesentlich höher (vgl. Vorstudie «Geschlechterverhältnisse im Schweizer Kulturbetrieb», Universität Basel, 2021). Wie stehen Sie zu dieser Art der Frauenförderung?
Claire Gibault, selber Dirigentin und eine der Gründerinnen von La Maestra, arbeitet daraufhin, dass es irgendwann nicht mehr nötig sein wird, einen Dirigier-Wettbewerb nur für Frauen anzubieten. Dies unterstütze ich sehr. Aber klar ist: Soweit sind wir noch nicht. Das Dirigieren braucht enorm viel Erfahrung. Die Idee des musikalischen Genies, das mit grossartigen musikalischen Fähigkeiten geboren wird, ist für viele von uns ein Stolperstein. Tatsächlich braucht es Bildungsmöglichkeiten, Mentoren und Förderung. Traditionell hat man sich dabei vor allem auf männliche Dirigenten fokussiert.
Den Frauen hat man das Dirigieren nicht zugetraut …
Ja. Aus meiner Sicht ist dies nach wie vor ein tief verwurzeltes Problem. Wie oft habe ich geschätzte Dirigierprofessoren sagen hören, dass Frauen kein Orchester leiten könnten. Sie seien nicht durchsetzungsfähig genug, das liege nicht in ihrer Natur. Solche Aussagen sind absurd. Natürlich reicht es nicht, Frauen aufs Podium zu stellen. Nein, es hängt davon ab, wie wir Mädchen und Jungen erwachsen werden lassen und dass wir ihnen die gleichen Möglichkeiten bieten. Nötig sind zudem starke Vorbilder. Ich hatte das Glück, dass meine Mutter und andere Frauen in meinem Umfeld mir halfen, falsche Vorstellungen zu hinterfragen, und mich auf meinem Weg unterstützten.
Wie sieht Ihr künftiger Weg aus? Wohin zieht es Sie?
Wegen der Pandemie wurden viele Aufführungen unter anderem im Opernbereich abgesagt. Ich freue mich auf Le nozze di Figaro im nächsten Jahr und träume davon, irgendwann einmal in Bayreuth zu dirigieren. Manche Leute sagen, ich sei ja noch so jung und unerfahren. Ja, das bin ich und darum will ich ganz viel lernen, viele Musikerinnen und Sänger kennenlernen und Erfahrungen sammeln. Darauf freue ich mich und hoffe, dass ich mich am Anfang eines langen Weges befinde.
Mehr zu Stephanie Childress:
Auf arte.tv gibt es einen Einblick in La Maestra 2020. Im März 2022 folgt die zweite Durchführung von La Maestra.