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Im September 2015 begeht die offizielle Schweiz den 500. Jahrestag der Schlacht von Marignano. Deren nationalistisch militärischen Symbolik soll eine humanistisch-zivile Alternative entgegengestellt werden. Dafür eignet sich der 100. Jahrestag der internationalen Antikriegs-Konferenz von Zimmerwald, die im September 1915 stattfand.
Marignano wird dargestellt als Ende eidgenössischer Grossmachtpolitik und Beginn der Neutralität. Allerdings dürfte die kurz darauf folgende Glaubensspaltung entscheidender zur Kühlung des aussenpolitischen Übermuts bei getragen haben als die verheerende Niederlage vom 14. September 1515. Und die Verknüpfung von Neutralität und Marignano wurde erst 176 Jahre später erfunden.
Eine der wichtigsten Folgen von Marignano war, dass «den französischen Werbern der Zugang zu Europas bedeutendstem Menschenmarkt geöffnet wurde». Dies schrieb der Historiker Jean Jacquart in seiner Biographie über den siegreichen König Franz I.. Fortan führte die Eidgenossenschaft - abgesehen von der bernischen Besetzung der Waadt - keine eigenen Kriege mehr ennet der eigenen Grenzen. Aber sie fütterte jene mit Söldnern. Gemäss dem Zürcher Pfarrer und Statistiker Heinrich Waser, der ein entschiedener Gegner der Reisläuferei gewesen ist und 1780 als Aufklärer hingerichtet wurde, haben bis zu seiner Zeit 1,1 Millionen Schweizer Söldner Frankreichs Monarchie ge dient. Nur ein Drittel von ihnen ist unversehrt zurückgekehrt. Mit dem Pensionenwesen ist ei ne kleine Minderheit von Kriegsunternehmern sehr reich geworden.
Damit wären wir beim Ersten Weltkrieg. Dieser wurde aus der Eidgenossenschaft mit Waffen gefüttert. 1917 hat der Bundesrat festgehalten, dass «ein grosser Teil der schweizerischen Maschinenindustrie zur eigentlichen Kriegsindustrie» geworden sei. Gegen das Massenmorden, das auch hiesige Profiteure sehr reich machte, organisierte der Sozialistenführer Robert Grimm Zusammenkünfte der europäischen Kriegs gegner in Zimmerwald und ein Jahr später in Kiental. Friedenskonferenzen wie die vom 6. bis 9. September 1915 entsprechen dem universalistischen Gehalt, den die Neutralität auch haben kann.
Gemäss der selbst von Linken unterzeichneten Interpellation eines Tessiner CVP-Nationalrats soll «die Erinnerung an Marignano zum wachen militärischen Sinn im Land beitragen». In diesem Sinne wird die Schlacht mit einem Wettschiessen im Tessin, einer militärhistorischen Ausstellung im Landesmuseum und an deren Militaria «gebührend» gefeiert werden. Antworten wir auf Militarismus mit Pazifismus, auf Nationalismus mit Universalismus, auf Marignano mit Zimmerwald! Dieser Text erschien im Rahmen der Online-Aktion «Hurra, verloren! 499 Jahre Marignano» (http://www.marignano.ch).
Zimmerwald und Kiental
Die Schweiz wurde kurz nach Kriegsbeginn zu einem Zentrum von Pazifismus und Antimilitarismus. Der führende Kopf war Robert Grimm, Chefredaktor der Berner Tagwacht und Nationalrat. Er organisierte vom 5. bis 9. September 1915 in Zimmerwald, in der Nähe von Bern, eine Antikriegs-Konferenz, der Sozialisten und Sozialistinnen aus zwölf Ländern beiwohnten. Zu ihnen gehörten die späteren Köpfe der Oktoberrevolution W.I. Lenin, Leo Trotzki und Karl Radek. Trotzki und Grimm verfassten das Zimmerwalder Manifest, das die Unterstützung des Krieges durch die sozialistischen Parteien verurteilte und zum Kampf gegen den Krieg und den Burgfrieden mit den Bürgerlichen aufrief. Lenin fügte dem Mani fest ein radikaleres Zusatzprotokoll bei, das sich für die Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg aussprach. Vom 24. bis 30. April 1916 fand in Kiental, im Berner Oberland, eine zweite Konferenz statt. Obwohl sie wieder von Grimm organisiert worden war, hatte Lenin mehr Einfluss. So wurde die Sozialdemokratie viel schärfer verurteilt. Während Grimms Ziel die Erneuerung der Zweiten Internationale war, setzte Lenin auf die Gründung der Dritten. Diese fand dann am 4. März 1919 in Moskau statt. Viele deren Köpfe hatten sich in Zimmerwald und Kiental aufgehalten.