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Frauen waren schon immer in Heilberufen tätig ob als Nonne, Gelehrte, Hebamme oder Krankenschwester. Dabei standen sie lange im Schatten ihrer männlichen Kollegen. Doch es gab mehr von ihnen, als auf den ersten Blick zu erwarten gewesen wäre.
Gundula Madeleine Tegtmeyer, Illustration: Sonja Berger
Frauen spielten in der Heilkunde schon immer eine bedeutende Rolle, finden in den Standardwerken der Medizingeschichte allerdings wenig Beachtung. Im Springer-Lehrbuch «Geschichte der Medizin» von Eckart (Eckart 2007) – es dient als klassische Einstiegslektüre für Medizinstudent*innen – finden sich in einem Register mit über 800 Namen, nur die zweifache Nobelpreisträgerin Marie Curie (1867–1934) und Hildegard von Bingen (1098–1179), sowie diverse antike Göttinnen und zwei Ärztinnen aus dem Altertum. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war Bildung nur privilegierten Schichten und dem Klerus vorbehalten. Dies erklärt warum in diesem Zeitraum vor allem Ordensfrauen und später adelige Frauen ihre Rezepturen für die Nachwelt niederschreiben konnten.
Frauen von Salerno
Vergleichsweise gut erforscht sind die «Frauen von Salerno», eine Gruppe italienischer Medizinerinnen, die an der Schule von Salerno, einer Hafenstadt südöstlich von Neapel, studierten und vom 11. bis zum 15. zuJahrhundert medizinische Schriften verfassten. Trota, gänglich ist. die bekannteste Vertreterin dieser Schule und Heilkundige, lebte Anfang des 12. Jahrhunderts. Ein dreiteiliges Werk über Gynäkologie, die «Trotula» wird ihr zugeschrieben. Das Kompendium enthält unter anderem eine umfangreiche Sammlung an Rezepten und sanften alternativen Behandlungsempfehlungen bei Menstruationsbeschwerden und galt bis in das 16. Jahrhundert als Standardwerk der Gynäkologie. Gemäss neuestem Forschungsstand über Frauen in der Medizin- und Naturheilkundegeschichte, war Trota Mitglied der Fakultät und somit auch Dozentin.
Ab dem 16. Jahrhundert eröffneten sich für Frauen neue Möglichkeiten, zumindest für die Adeligen. Medizin, Forschung und Lehre waren fortan nicht mehr auf Klöster und Universitäten beschränkt. Nun wurde auch an den europäischen Höfen geforscht und experimentiert, von Männern und Frauen. Zu den bekanntesten weiblichen Gelehrten jener Zeit gehört Anna von Dänemark, Kurfürstin von Sachsen (1532–1585).
Pionierrolle der Schweiz
Ab 1850 liessen viele Länder Frauen zum Medizinstudium zu, wie etwa die Vereinigten Staaten, Russland, Frankreich. Schweizer Universitäten verlangten keine Hochschulreife mehr. Die Russin Nadeschda Suslowa (1843–1918) promovierte als erste Frau 1867 in der Schweiz an der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich (UZH). Den damaligen gesellschaftlichen Umständen geschuldet, hatte Suslowas zunächst ein vollständiges Medizinstudium als Gasthörerin absolvieren müssen, nahm ihre Chance wahr, meldete sich mit einer Dissertation zum Examen an und wurde rückwirkend immatrikuliert. 1873 studierten bereits 114 Russinnen an der UZH. Deutschland verweigerte bis 1901 Frauen die Zulassung zum Medizinstudium. Studierunfähig seien sie, lautete kategorisch das Vorurteil, da körperlich wie geistig nicht im imstande, den Arztberuf auszuüben. Studentinnen, die ins Ausland ausgewichen waren, um das Verbot zu umgehen, durften sich nicht Ärztin nennen, denn dieser Titel war an ein deutsches Examen geknüpft. Medizinerinnen mit Schweizer Ausbildung wurden zunächst rechtlich Kurpfuscherinnen gleichgestellt und bewegten sich somit in einer Grauzone.
Waren Frauen vor ihrer Zulassung zum Studium an der UZH zwangsläufig Laienheilerinnen, existierten ab dem späten 19. Jahrhundert ausgebildete Ärztinnen und Laienheilerinnen parallel, ab dem 20. Jahrhundert dann studierte Ärztinnen, Heilpraktikerinnen und Laienheilerinnen nebeneinander.
Laienheilerinnen hinterliessen kaum Spuren
Viele Laienheilerinnen waren Analphabetinnen. Ihre Rezepturen wurden mündlich tradiert. Frauen, die Primärliteratur hinterliessen, fanden oftmals ebenfalls keinen Eingang in die medizinische Geschichtsschreibung, da die Mehrheit der Medizinhistoriker Schulmediziner sind und der Laienheilkunde distanziert gegenüberstehen. Die Skepsis war nicht ganz unbegründet, denn viele Laienheilerinnen äusserten sich medizinkritisch und rieten selbst bei schweren Erkrankungen zu naturheilkundlicher Behandlung als ausschliessliche Therapie.
Skepsis und ordentlich Gegenwind erfuhr auch die Österreicherin Maria Treben (1907–1991), Erfinderin des «Schwedenbitter» und Autorin des populärmedizinischen Kräuterbuchs «Gesundheit aus der Apotheke Gottes». Ihre Kritiker*innen äussern erhebliche Zweifel an ihrer Kompetenz. So soll Treben Fachbegriffe, wie beispielsweise den Zucker Inulin mit dem Hormon Insulin verwechselt haben, was dazu führte, dass sie fälschlicherweise Löwenzahn gegen Diabetes mellitus empfahl, Weiter sei ihr Ratschlag Ohnmächtigen einen Löffel ihres Schwedenkräuters einzuflössen lebensbedrohlich.
Emma Kunz mit hoher Reputation
Emma Kunz (1892–1963) hingegen geniesst als Naturheilärztin eine hohe Reputation. Die Schweizerin zählt zu den bedeutendsten «heilenden Frauen» des vergangenen Millenniums. 1942 entdeckte sie in einer Felsgrotte in den Römersteinbrüchen in Würenlos das Heilgestein AION A. Im 1986 posthum gegründete Emma-Kunz-Zentrum erfüllt sich der innigste Wunsch der Naturheilkundigen, ein Ort, an dem sich kulturelles, geistiges und heilendes Schaffen vereinen und wo zudem ihr künstlerisches Bilderwerk der Nachwelt zugänglich ist.
Im Tessin wirkte Ida Hofmann (1846–1924), eine bedeutende Figur der Lebensreform und Mitbegründerin der ersten vegetarischen Kolonie, aus der sich später ein Naturheilsanatorium entwickelte. Hofmann war eine grosse Befürworterin der individuellen Freiheit. Der Monte Verità wurde zu einem Anziehungspunkt für Menschen aus derPhilosophie, Theosophie, Wissenschaft und Politik. Die Choreograph*innen Rudolf Laban, Mary Wigman und Isodora Duncan begründeten in Monte Verità den modernen Ausdruckstanz.
Klara Muche und Anna Fischer-Dückelmann
Klara (Clara) Muche (1850–1926) ist eine der wenigen Frauen, die im Inneneinband des populären Ratgebers «Das neue Heilverfahren. Lehrbuch der naturgemässen Heilweise und Gesundheitspflege» von Friedrich Eduard Bilz, der hier die «Pioniere der Naturheilkunde» abbildet, aufgeführt werden. Klara Muche machte sich vor allem als Referentin in der Naturheilbewegung einen Namen und ist weniger als Autorin bekannt. Muches «Hygienisches Kochbuch» gibt Anleitungen zu einer einfachen, sparsamen und gesunden Lebensweise. Ein Novum und für viele provozierend ist ihr «Appell zur Aufklärung» an die Frauen, sich auch mit ihren körperlichen Gegebenheiten zu befassen und sich darüber zu schulen. Muche argumentiert Anfeindungen gegenüber mit ihrer Überzeugung von der Verantwortung der Frau für ihre Familie, «für sie (die Frau als Gattin, Mutter, «Hüterin des Hauses») ist gute Leibespflege und stete Gesundheit der Ausgangspunkt aller Pflichterfüllung», liest man bei Muche, und weiter «einmal hängt von ihrer Körperlichkeit die physische Kraft ihrer Kinder ab, dann aber wird sie auch das Kraft-, Licht- und Wärmezentrum des ganzen Hauses», denn, so Muche «wo die Mutter fröhlich und guter Dinge ist, da herrscht Scherzen und Lachen bei alt und jung». (Muche 1907).
Klara Muche und Anna Fischer-Dückelmann (1856– 1917) waren die beiden herausragenden weiblichen Vertreterinnen der Naturheilbewegung ihrer Zeit. Für die aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammende Klara Muche lag ein Medizinstudium ausserhalb jeder Möglichkeit, worunter sie vermutlich gelitten hat.
Fischer-Dückelmann hatte eine weitaus bessere berufliche Perspektive, sie entstammte einer renommierten Ärztedynastie. Im Jahr ihrer Promotion 1896 als Gynäkologin in Zürich, erschien ihr Buch «Die Frau als Hausärztin» und galt noch in den 1960er-Jahren als populärmedizinisches Standardwerk. Als Förderin des Zentralverbandes für Parität der Heilmethoden war sie öffentlichen Anfeindungen der Ärzteschaft ausgesetzt. Im Gegensatz zu vielen anderen Naturheilerinnen strebte Fischer-Dückelmann als Akademikerin eine umfassende Heilkunde an: wissenschaftlich-fundierte und gleichzeitig realitätsnah-verständliche Theorie verknüpft mit einer davon abgeleiteten individualisierten, ganzheitlichen Diagnostik und Therapie vor dem Hintergrund einer gesunden, naturgemässen Lebensweise.
Frauenspezifische Heil- und Gesundheitsthemen
Klara Muche hat der Nachwelt kein einprägsames umfassendes Werk hinterlassen. Ihre Arbeiten waren vielmehr Sammlungen kleinerer naturheilkundlicher Schriften, basierend auf einer nahezu unüberschaubaren Anzahl an populären Vorträgen. Muche stand in Opposition zur Schulmedizin und wurde daher von dieser als «Kurpfuscherin» verfolgt, wobei keine inhaltliche Auseinandersetzung seitens der Schulmedizin mit ihren Werken stattfand. Fischer-Dückelmann und Muche hatten in den Mittelpunkt ihrer Arbeit frauenspezifische Krankheits- und Gesundheitsthemen gestellt und wollten auch die Geschlechterrollen neu definieren: Betonung der Unterschiede bei gleichzeitiger Herausstellung der Gleichwertigkeit in allen Lebensbereichen.
Die Schweizer Heilpraktikerin Ursula Kress (1920–2011) behandelte ihre Patienten*innen energetisch. Katharina Vanselow-Leisen (1914–1995) war Tochter des bekannten Rutengängers Matthias Leisen (1879–1940). Vater und Tochter entwickelten ein System, Elementspuren – unter anderem in Heilpflanzen – zu muten sowie ein Konzept, im Körper «verschlackte» Elemente durch Heiltees und Bäder zu lösen. Ihre Erkenntnisse und Ratschläge hat sie in «Die Leisenkur. Therapie schlackenbedingter Krankheiten» zusammengetragen.
Erfinderin des «Klosterfrau Melissengeists»
Die Lebensgeschichte der Schwester Maria Clementine Martin (1775–1843) ist bemerkenswert. Die Nonne ist die findige Begründerin des pflanzlichen Arzneimittels «Klosterfrau Melissengeist». Mit 17 Jahren trat die in Brüssel geborene Offizierstochter in das Annuntiatinnenkloster in Coesfeld ein, welches 1803 im Zuge der Französischen Revolution aufgehoben wurde. Ihre Suche nach einer neuen sinnvollen Aufgabe soll sie auch auf die Schlachtfelder von Waterloo geführt haben, wo sie kriegsversehrte Soldaten gepflegt haben soll. Nach eigenen Angaben folgten Jahre in einem Brüsseler Karmel sowie in einem Haus des Domkapitels von Münster. Hier ermittelten die Behörden wegen Pfuscherei und Quacksalberei gegen sie. Zu ihrer Verteidigung führte die Ordensfrau an, sie habe im Kloster ein Heilverfahren gegen Fisteln und Krebsschäden erlernt. In Köln gelang ihr dann ein Coup: Sie erweiterte ihre Produktpalette, nutzte geschickt ihr Image als «Klosterfrau» und liess ihren Markennamen schützen.
«Gage-Effekt»: Frauen werden an Rand gedrängt
Errungenschaften von Frauen in Wissenschaft und Forschung werden oft an den Rand gedrängt, heruntergespielt und manches Mal im Laufe der Zeit gar männlichen Kollegen zugeschrieben. Zu diesem nüchternen Fazit kam die US-amerikanische Frauenrechtlerin und Autorin Matilda Joslyn Gage in ihrem Essay «Die Frau als Erfinderin». Die Wissenschaftshistorikerin Margaret W. Rossiter prägte 1993 den Begriff «Gage Effekt». Das wohl prominenteste Beispiel ist die britische Biochemikerin Rosalind Franklin, deren Forschung und Analysen massgeblich zur Aufklärung der Doppelhelixstruktur der DNA beitrugen und somit die Grundlage für die DNA-Entschlüsselung durch Watson und Crick legten. 1962 wurden ihre männlichen Kollegen mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, Rosalind Franklin erhielt keine Würdigung.