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Die falsche Denkweise der Medien
Zwischenziele, Ziele, Ansprüche, Kommunikation
Am 27. Dezember 2010 vermeldete die Berner Zeitung, dass Martin Stettler wieder ein Tiger wird. «Dass er mit seinem neuen Klub tiefere Ziele wird anstreben müssen, stört Stettler nicht», schrieb die Zeitung gegen Ende des Artikels. Wie kommt ein Journalist dazu, einen derartigen Blech zu schreiben?
Die SCL Tigers backen andere, viel kleinere Brötchen als beispielsweise der SCB, die ZSC Lions oder der HC Davos. Logischerweise muss auch die Anspruchshaltung eine andere sein als in Bern, Zürich oder im Engadin. Wer jedoch die Ansprüche derart krass verfehlt wie beispielsweise der HC Lugano mit seinen schier unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten, dem müsste als Folge davon die Eishalle um die Ohren fliegen, und das gesamte Management und sämtliche Spieler und Coaches müssten mit Schimpf und Schande aus dem Kanton gejagt werden. Ganz anders im Emmental: Wären die SCL Tigers in der aktuellen Saison auf dem 11. Tabellenplatz anzutreffen, so müsste trotzdem von übertroffenen Erwartungen gesprochen werden. Würden die Langnauer danach den Ligaerhalt sichern, ginge berechtigterweise ein Aufatmen durch die ärmste Gegend der Schweiz, und die tapferen Kämpfer für das Emmental würden zurecht gelobt und gepriesen. Sind die Ziele deshalb kleiner als diejenigen in Bern oder Lugano?
Nein! Ziel eines jeden Teams muss es sein, möglichst jedes Spiel zu gewinnen. Jedes einzelne Spiel ist Teil der Meisterschaft beinhaltet als Ziel (Zwischenziel), danach drei Punkte mehr auf dem Konto zu haben als zuvor. Es gibt weitere Zwischenziele: Zum Beispiel den möglichst frühzeitigen Ligaerhalt. Dieser kann im Playout-Final oder -Halbfinal, oder aber auch erst in der Ligaqualifikation sichergestellt werden. Aber wirklich früh wird der Ligaerhalt gesichert, wenn ein Team die Playoffs erreicht. In den ersten 50 Spielen, der sogenannten Quali, geht es darum, sich für den Saisonhöhepunkt, die Playoffs oder die Playouts in eine möglichst optimale Ausgangslage zu manövrieren. Aus Sicht der SCL Tigers heisst dies: Ziel Playoffs, - egal auf welchem Rang. Was auch immer kommuniziert wird: Vor der Saison und während der Qualifikation (bis es rechnerisch unmöglich wird) kann es keine andere Zielsetzung geben als die Playoffs! Auch in Langnau! Auch in Ambri! Höchstens für die Lakers gilt dies nicht. Aber auch die Qualifikation für die Playoffs ist lediglich ein Zwischenziel. Beginnen die Playoffs, so ist jede dafür qualifizierte Mannschaft genau 12 Siege vom Meistertitel entfernt. Das nächste Zwischenziel ist demzufolge der Halbfinal. Denn es kann unter gar keinen Umständen das Ziel eines Teams sein, im Viertelfinal auszuscheiden. Wer dies konsequent zu Ende denkt kommt zum einzig möglichen Endziel: Dem Titel!
Wie also kommt die Berner Zeitung dazu, zu behaupten, in Langnau seien die Zielsetzungen kleiner? Antwort: Dieser Aussage liegt eine Verwechslung zugrunde, welcher viele Sport-Journalisten unterliegen. «Ziele» werden mit «Ansprüchen» verwechselt. Die SCL Tigers haben das kleinste Budget der Liga. Es ist zu vermuten, dass die Emmentaler nie ein Budget haben werden, welches es rechtfertigt, den Titelgewinn als «Anspruch» zu haben. Die Erwartungshaltung und die Ansprüche sind in Langnau deutlich kleiner als in Bern. Sie müssen deutlich kleiner sein! Dies gilt jedoch nicht für die Zielsetzungen! Diese sind in Langnau nicht anders als in Bern oder Zürich.
Häufig wird Sport mit Wirtschaft verglichen. Und in der Tat, in den Bereichen Geld, Umsatz, Gewinn oder Verlust, Einnahmen und Ausgaben ist eine Sportunternehmung durchaus mit einer Firma im Sektor Wirtschaft zu vergleichen, ja, beinahe gleichzusetzen. Aber wenn sich ein Wirtschaftsunternehmen zum Ziel setzt, den Umsatz um 5 Prozent zu steigern, heisst dies nicht zwangsläufig, dass die Konkurrenz zurück buchstabieren muss. Migros, Coop und Denner haben bereits oft gemeinsam ihre Umsätze gesteigert. Mit geschickter Werbung und guten Produkten können die Bedürfnisse der Konsumenten für den gesamten Markt gesteigert werden. Damit kann auch die Konkurrenz zulegen.
Aber im Eishockey werden pro Meisterschaft genau 900 Punkte vergeben. Dies heisst: im Durchschnitt wird jedes Team genau 75 Punkte erspielen. Erspielt sich eine Mannschaft mehr, so geht dies zulasten anderer. Gewinnt ein Team die maximale Punktzahl (= 150 Punkte), so kann dies in der gleichen Saison keinem andern Team gelingen. Der Punkte-Markt (= total 900 Punkte) kann ohne Reglementsänderung nur verändert werden, wenn sich ein Team aus der laufenden Spielzeit zurück zieht. Und es kann jeweils nur einen Meister geben. Alle andern werden ihre Ziele nicht erreichen, sofern sie denn welche hatten. Zielsetzungen gehören zum Spitzensport. Spitzensport ist kein Sport, in welchem man nur dabei sein will. Im Spitzensport geht es darum, nach dem Höchsten zu streben, und zu gewinnen. Jeder will möglichst weit vorne dabei, wenn möglich gar an der Spitze sein. Sich von vornherein mit dem zweiten Platz zufrieden zu geben bedeutet, sich mit der Rolle des besten Verlierers zufrieden zu geben.
Es schleckt keine Geiss weg, dass sportliche Leistungen ganzer Mannschaften über eine ganze Meisterschaft gesehen in der Regel etwas zu tun haben mit den Budgets, welche diese Teams zur Verfügung haben. Das heisst: Reiche Organisationen werden deutlich öfters in den vordersten Positionen anzutreffen sein als ärmere. Aber diese Regel kennt zumindest temporäre Ausnahmen. Die SCL Tigers beweisen dies gerade. Trotzdem und egal, was die Langnauer in dieser Saison erreichen: Die Ansprüche dürfen auch in Zukunft nicht allzu hoch angesetzt werden. Auch nicht von den Fans! Die Ziele jedoch müssen hoch sein!
In Langnau kann der Anspruch nur lauten: Ligaerhalt. Wenn der Ligaerhalt gesichert ist, sind die grundsätzlichen Ansprüche erfüllt. Die Zielsetzungen müssen jedoch lauten wie überall. Die «Bonzen» sprechen offen vom Ziel «Titelgewinn». Dies können sich die ZSC Lions, der HC Davos und der SC Bern erlauben. Andere, kleinere Organisationen sprechen davon, möglichst jedes Spiel zu gewinnen, Schritt für Schritt zu nehmen. Mit dieser Art der Kommunikation halten halten Klubs mit beschränkten Mitteln den Ball (oder den Puck) flach, setzen sich möglichst wenig unter Druck, und sagen – konsequent zu Ende gedacht – trotzdem genau das Gleiche wie die Geldsäcke aus Bern. Sogar die Enttäuschung bei einem vorzeitigen Ausscheiden in den Playoffs ist in Langnau genau so gross wie in Bern.
Aber etwas ist trotzdem völlig anders.
Sollten die SCL Tigers nach toller Gegenwehr in den Viertelfinals ausscheiden, so ist trotzdem jeder Emmentaler stolz auf dieses Team und darauf, was es unter den gegebenen Voraussetzungen Sensationelles erreicht hat. In Bern jedoch würden wegen der völlig anderen Erwartungshaltung die Köpfe rollen.
Liebe Berner Zeitung: Die Zielsetzungen sind im Emmental nicht kleiner als in Bern. Aber Martin Stettler ist in Langnau bereits ein Held, wenn er mit den Tigers in die Playoffs kommt. In Bern ist er es nicht einmal dann, wenn er den Titel gewinnt.