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Es gibt eigentlich nicht «das» moralische Argument. Wenn man vom moralischen Argument spricht, dann meint man in der Regel eine Reihe ähnlicher Argumente. Man bedient sich dabei einer oder mehrerer moralischer Fakten (z.B. moralische Pflichten oder Werte) mithilfe derer man letzten Endes folgert, dass Gott existiert.
William Lane Craig legt folgendes Argument vor:
(1) Wenn Gott nicht existiert, dann existieren objektive moralische Werte und Pflichten nicht.
(2) Objektive moralische Werte und Pflichten existieren.
(3) Deshalb existiert Gott.
Dabei handelt es sich um ein deduktives Argument. In einem ersten Schritt argumentiert man, dass ohne Gott keine objektiven Werte und Pflichten existieren könnten. In einem zweiten Schritt wird argumentiert, dass objektive Werte und Pflichten effektiv existieren. Bei einem deduktiven Argument folgt die Konklusion (Aussage 3) zwingend, wenn beide Prämissen (Aussagen 1 und 2) wahr sind.
Bevor wir genauer darauf eingehen, sind einige Erklärungen notwendig. Mit «objektiv» ist gemeint, dass diese unabhängig von der Meinung von Leuten gelten, auch dann, wenn zum Beispiel eine Mehrheit der Bevölkerung anderer Meinung ist. «Werte» haben damit zu tun, ob etwas gut oder schlecht ist. Wenn man eine Aussage macht wie «X ist gut», bezieht man sich auf den Wert von X. «Pflichten», anderseits, bezeichnen was getan werden sollte. Wenn die Mutter sagt «du sollst zu anderen höflich sein», dann ist von einer Pflicht die Rede.
Kehren wir noch einmal zurück zu Aussage 1. Kann man davon ausgehen, dass objektive moralische Werte und Pflichten existieren würden, wenn Gott nicht existiert? Aus naturalistischer Sicht ist es schwierig zu sehen, weshalb dies der Fall sein sollte. Im Folgenden untersuchen wir zwei Moraltheorien, die versuchen ohne Gott auszukommen.
Einer der Ansätze besteht darin objektive Werte und Pflichten mithilfe der Naturwissenschaften zu begründen.Naturwissenschaften beschreiben die Gesetzmässigkeiten der Natur. Sie selbst sind aber deskriptiv und moralisch neutral. Naturwissenschaften beschreiben «was ist», nicht aber «was sein sollte». Werfen wir zur Illustration einen Blick in die Tierwelt. Wenn ein Löwe ein Zebra erlegt, dann sprechen wir normalerweise nicht von einem Mord, sondern lediglich davon, dass der Löwe das Zebra getötet hat. Kriminalkommissare ermitteln gegen einen Löwen nicht, falls sich ein derartig tragisches Ereignis zugetragen hat. Forensische Untersuchungen mögen zwar zeigen, wann und ob das Zebra gestorben ist. Sie können sogar Hinweise dafür geben, wer das Zebra getötet hat. Dennoch kommen Richter normalerweise nicht auf die Idee, den Löwen zu bestrafen, falls genügend Beweise für die Tat des Löwen vorliegen. Aus diesen und anderen Gründen ist es also schwierig, objektive Werte und Pflichten ohne Gott zu begründen.
Bei einem anderen Ansatz versucht man die Ethik auf soziale Konventionen abzustützen. In diesem Fall ist aber nicht davon auszugehen, dass solche gesellschaftlichen Normen «objektiv» sind. Schliesslich beruhen die Normen ja auf der Entscheidung einzelner oder mehrerer Individuen. Das heisst sie sind subjektiv, also abhängig von der Meinung von Personen. Somit haben wir keine Theorie entdeckt, die objektive Werte und Pflichten begründen kann, die nicht in irgendeiner Art und Weise in einem Zusammenhang zu Gott stehen. Dementsprechend liegen bisher keine guten Gründe vor, die erste Aussage abzulehnen.
Existieren aber objektive moralische Werte und Pflichten (Aussage 2) wirklich? Viele Menschen würden sagen, dass dem so ist. Wer würde beispielsweise die sexuelle Misshandlung von Kindern innerhalb der katholischen Kirche oder die Ausrottung von Millionen von Juden während der Zeit des Dritten Reichs nicht verurteilen? Die meisten Menschen würden solche Handlungen als objektiv falsch einstufen, unabhängig von der Meinung derjenigen, die solche Gräueltaten verübt haben. Zudem ist es nicht selten der Fall, dass Menschen, die in Bezug auf objektive Werte und Pflichten skeptisch sind, auf ihre moralischen Rechte beharren, sobald jemand ihnen etwas Unmoralisches antut. Durch dieses Verhalten zeigen sie allerdings, dass sie eigentlich auch glauben im Besitz solcher Rechte zu sein. Somit scheint es objektive moralische Werte und Pflichten tatsächlich zu geben. In diesem Fall wird die zweite Aussage angenommen.
Schlussfolgerung
Wir haben gesehen, dass es gute Gründe gibt, die Aussagen 1 und 2 zu akzeptieren. Ein gutes Argument liegt dann vor, wenn beide dieser Aussagen mit grösserer Wahrscheinlichkeit wahr sind. In diesem Fall folgt: Gott existiert.