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Salz oder Natriumchlorid (chem. Formel NaCl) ist ein lebensnotwendiger Mineralstoff für den Menschen (mind. 4-6 g, maximal 15-20 g pro Tag) ebenso wie für das Vieh (bis zu 90 g pro Tag für eine Kuh). S. hat u.a. die Eigenschaften, verderbl. Waren wie Fleisch, Fisch, Milchprodukte und Häute durch Feuchtigkeitsentzug zu konservieren sowie den Gefrierpunkt von Wasser zu senken (Konservierung). S. war nicht nur in der häusl. Vorratshaltung (Sauerkraut) oder Viehzucht unerlässlich, es kam auch im Handwerk und Gewerbe zum Einsatz, so in der Gerberei, der Töpferei, der Sorbetproduktion (vor der Erfindung der Kältemaschinen) sowie in der Arzneimittelherstellung. Ab dem 19. Jh. wurden seine chem. Elemente Chlor und Natrium vermehrt industriell genutzt.
In den Meeren ist S. mit durchschnittlich 35 g pro Liter reichlich vorhanden, kann aber nur unter geeigneten klimat. und topograf. Bedingungen (Sonneneinstrahlung, Lagunen) durch Verdunstung gewonnen werden. Es kommt auch im Untergrund vor, wo es sich nach dem Austrocknen der Urmeere ablagerte. Das S. aus diesen Steinsalzlagerstätten wird meist durch Einpumpen von Süsswasser und durch Abpumpen sowie Sieden der Sole gewonnen.
Dem universellen Bedarf stand lange die unausgeglichene Verteilung der Produktionsstätten gegenüber. Das machte aus dem S. ein Produkt von hist. Bedeutung; Handel und Vertrieb, die Salzstrassen (viae salariae), auf denen diese erfolgten, polit. Spekulationen, zu denen es Anlass gab, hatten ebenso wie sein Symbolgehalt gesellschaftl. Auswirkungen. Im 2. Drittel des 19. Jh. erfuhr die Geschichte des S.es eine Zäsur. Einerseits ermöglichten die industriellen Techniken die Ausbeutung von bis dahin unerschliessbaren oder unbekannten Lagerstätten und machten die Schweiz wie fast alle Länder zu Selbstversorgern. Andererseits vervielfachten sich die industriellen Nutzungen des S.es, während andere Verfahren das S. als Konservierungsmittel ersetzten.
Autorin/Autor: Jean-François Bergier / AHB
Schon im Neolithikum entstand ein Handel mit S., v.a. von Hallstatt (Salzkammergut) aus. Doch wann und in welchem Ausmass dieser das Gebiet der heutigen Schweiz betraf, ist nicht bekannt; gleiches gilt für die röm. Epoche. Im FrühMA wurde die Salzversorgung oft durch die Klöster sichergestellt, die Nutzungsrechte oder Anteile an Salinen erhielten; anscheinend war letzteres 523 für die Abtei Saint-Maurice im burgund. Salins der Fall.
Die Bedeutung des S.es stieg im 12. und 13. Jh. an, als in den alpinen Regionen die Viehzucht und die Verwertung ihrer Produkte, v.a. des Zigers, einen raschen Aufschwung erlebten. Zu dieser Zeit waren noch keinerlei unterird. Salzvorkommen im Gebiet der heutigen Schweiz bekannt. Ihre Märkte wurden bis zu Beginn des 19. Jh. von konkurrierenden Produzenten aus den umliegenden Ländern beliefert. Das S. aus dem Tirol (Hall) und aus Bayern (Reichenhall) fand seine Abnehmer in der Ostschweiz, der Zentralschweiz und in Graubünden; die Freigrafschaft Burgund (Salins, dessen Saline 1779 nach Arc-et-Senans verlegt wurde) versorgte Bern. Mittelmeersalz aus Peccais (Aigues-Mortes, Camargue) wurde rhoneaufwärts nach Genf und in die Westschweiz verfrachtet. S., das Venedig in seiner Lagune, in Istrien und Apulien, in Sizilien, auf den Balearen (Ibiza) sowie in Ra's al-Makhbaz (Tripolis, Nordafrika) gewann, gelangte ins Tessin, ins Wallis, in die Zentralschweiz und nach Graubünden; zwei venezian. Verträge von 1299 belegen Lieferungen von nordafrikan. S. in diese Talschaften. Genua war ein gelegentl. Lieferant, ebenfalls die Salinen in Lothringen. Herkunfts- und Bestimmungsorte waren jedoch nicht fest fixiert: Käufer und Verkäufer richteten sich nach den Marktbedingungen, der unterschiedl. Qualität der angebotenen Ware und der polit. Lage. Der Salzverbrauch war hoch: Das Wallis importierte beispielsweise im 16. Jh. 500-700 t pro Jahr.
Ab dem 15. Jh., aber v.a. während des Ancien Régime stand das S. im Zentrum der Aussenpolitik der Stände, die sich die nötigen Mengen und die besten Qualitäten zu sichern suchten. Eine Rolle spielte es ab 1474 in den Verhandlungen über Solddienstkapitulationen mit dem franz. König. Im 18. Jh. verkaufte der Hzg. von Bayern das gesamte dort produzierte S. an die Eidgenossen und versorgte stattdessen seine Untertanen mit dem weniger reinen, importierten S. aus dem Salzkammergut (Salzburg). Die Schweizer wussten aus der Konkurrenz ihrer Lieferanten ihren Nutzen zu ziehen.
1554 weckte die Entdeckung einer salzhaltigen Quelle in Panex im Gouvernement Aigle grosse Hoffnungen in Bern, das seit mehr als einem Jahrhundert von den Salzeinfuhren unabhängig werden wollte. Die Ernüchterung folgte, als sich die Salzquelle als wenig ergiebig herausstellte. Für das zum Sieden der Sole nötige Brennmaterial wurden die Wälder in der Umgebung abgeholzt. Die anfänglich mässige Salzfördermenge verbesserte sich in der 1. Hälfte des 18. Jh.; sie betrug 1731-40 im Jahresdurchschnitt 1582,8 t, sank dann aber 1771-80 wieder auf 473,4 t. Nie deckte sie mehr als den Bedarf des Waadtlands und eines Teils des Berner Oberlands.
Im MA war der Salzhandel im Prinzip frei, doch konnte er nur von Kaufleuten aus führenden Familien mit dem nötigen Kapital und den internat. Beziehungen betrieben werden. Zwar war S. das teuerste Verbrauchsgut des tägl. Bedarfs, der Gewinn aber blieb wegen der hohen Kosten für den Transport und die Zölle gering. Der Transport erfolgte in der Regel in Säcken, die leichter waren als Fässer. Ab dem 16. Jh. wurde die Handelsfreiheit beschnitten. Ein noch engerer Kreis reicher Kaufleute zog einerseits den Salzhandel an sich; der Zürcher Hans Heinrich Lochmann und der Schaffhauser Benedikt Stokar, die den Import des S. von Peccais nach Genf und in die Schweiz beherrschten sowie zeitweilig auch die Salinen des Hzg. von Savoyen in der Tarentaise leiteten, der Genfer Hippolyte Rigaud, die Walliser Michael Mageran und Kaspar Stockalper, die das S. aus Venedig und Frankreich in Richtung Wallis kontrollierten, die Patrizierfamilie der Besenval in Solothurn oder auch François Fatio in Genf konnten aus diesem beträchtliches Kapital schlagen.
Andererseits monopolisierte der Staat - gestützt auf das Salzregal - den Wiederverkauf aus den Salzhäusern an die Verbraucher. Nach dem Vorbild Frankreichs und anderer Staaten richteten die Obrigkeiten zu Beginn des 17. Jh. das Salzregal ein, gelegentlich in Kombination mit einer Verbrauchssteuer, der sog. Gabelle (wahrscheinlich aus einem arab. Wort für Steuer abgeleitet). Nicht erhoben wurde eine Salzsteuer z.B. in Bern und Luzern. In Genf war sie niedriger als im benachbarten Savoyen. Stillschweigend duldete die Obrigkeit die zahlreichen franz. oder savoy. Schmuggler, die S. in der Schweiz erwarben. Bewohner der Freigrafschaft Burgund passierten die Grenze, um das in ihrem Land produzierte S. im Waadtland oder in der Grafschaft Neuenburg günstiger zu kaufen. Das staatl. Monopol gilt als eine der Ursachen des Bauernkriegs in den Voralpentälern 1653, in dem v.a. die bern. Untertanen vergeblich die Rückkehr zum freien Handel forderten.
Die Helvet. Republik zentralisierte das Salzregal, nach 1803 fiel es wieder teilweise und nach 1815 ganz an die Kantone. Die Kontrolle über den Salzverkauf übten die Kantone formell bis 1975 aus.
Autorin/Autor: Jean-François Bergier / AHB
Nach einigen erfolglosen Bohrungen entlang des Rheins stiess der dt. Ingenieur Carl Christian Friedrich Glenck 1836 in Schweizerhalle in einer Tiefe von 135 m auf eine 6 m mächtige Steinsalzschicht. Die 1837 begonnene Salzförderung in der Saline verwendete Kohle als Brennmaterial zur Salzgewinnung und erreichte in Kürze eine Produktion von 10'000 t pro Jahr. Konkurrenz erwuchs Schweizerhalle durch die aarg. Salinen Kaiseraugst (eröffnet 1843) und Rheinfelden (1844) sowie Riburg (1848). Die vier Unternehmen produzierten das gesamte von der Schweiz benötigte S. Die aarg. Salinen schlossen sich 1874 zusammen und verbanden sich 1909 mit der Baselbieter Schweizerhalle zu den Vereinigten Schweiz. Rheinsalinen. Alle Kantone beteiligten sich an der Aktiengesellschaft, mit Ausnahme der Waadt, die Mehrheitsaktionärin der Salinen von Bex ist und dort ihren Bedarf von ca. 35'000 t pro Jahr deckt. Die Saline Kaiseraugst stellte die Produktion nach dem Zusammenschluss von 1909 ein, jene von Rheinfelden 1942. Riburg und Schweizerhalle führten den Betrieb weiter. Ein interkant. Konkordat trat 1975 die kant. Monopole einschliesslich der Erhebung der Regalgebühren zugunsten der Kantone an die Rheinsalinen ab; seit 1990 sind Liechtenstein und seit 2004 die dt. Südsalz GmbH weitere Aktionäre. Die Gesellschaft erzielt seit den 1990er Jahren einen Umsatz von 60-70 Mio. Fr. 1999 produzierte sie S. in einer Rekordmenge von 505'000 t pro Jahr (1953 110'000 t; 1965 230'000; 1978 391'000, entspricht konstant ca. 0,2% der Weltproduktion); zu Beginn des 21. Jh. betrug die Salzfördermenge 400'000-500'000 t pro Jahr. Die Produktion passte sich der Nachfrage an. Sie erlebte aber auch Engpässe, so im 2. Weltkrieg aus Kohlemangel oder 1999, 2003 und 2010 wegen der winterl. Strassenverhältnisse.
In der Mitte des 19. Jh. und mit der von der Schweiz endlich erlangten Selbstversorgung änderte sich die Verwendung des S.es rasch. Neue Konservierungstechniken für verderbl. Waren verdrängten es aus diesem zuvor wichtigsten Anwendungsbereich. Durch die Zusetzung von Jod und Fluor konnten Kropfbildung und Kretinismus ausgemerzt und Karies reduziert werden. Zu Beginn des 21. Jh. blieb die Verwendung von Speisesalz für die Ernährung konstant bei ca. 10% der Jahresproduktion, doch die Behörden versuchen den auf ca. 8-10 g pro Person und Tag gestiegenen Verbrauch aus medizin. Gründen zu senken. Chlor und Natrium, die chem. Bestandteile von S., haben in den verschiedensten Industriezweigen wie z.B. in der Herstellung von Kunststoffen, Waschmitteln, pharmazeut. oder kosmet. Produkten einen immer grösseren Platz eingenommen, und der grösste Teil der Jahresproduktion findet dafür Verwendung. Seit einigen Jahrzehnten ist indes der Salzverbrauch im Strassenwinterdienst gestiegen. Dieser nutzt die Fähigkeit des S.es, den Gefrierpunkt des Wassers zu senken; in den 1970er Jahren wurden ca. 12%, zu Beginn des 21. Jh. je nach Jahr 20-45% der Jahresproduktion als Streusalz genutzt.
Autorin/Autor: Jean-François Bergier / AHB
Infolge der dem S. zugeschriebenen Kräfte und wegen seiner Bedeutung im tägl. Leben besass das "weisse Gold" in der kollektiven Vorstellungswelt überall einen bedeutenden Symbolgehalt. Es war als Symbol der Reinheit, aber auch der Stärke Bestandteil mancher liturg. und mag. Bräuche, vertrieb den Teufel, schenkte Neugeborenen und trägen Liebhabern Kraft und spielte in Legenden sowie Redensarten eine Rolle. Das auf allen Tischen vorhandene Salzgefäss inspirierte die Künstler; es umzustossen war ein schlechtes Omen. Das S. (lat. sal, mittelhochdeutsch hal, griech. háls) prägte auch Ortsnamen wie Salins, Salzburg, Hall, Hallstatt oder Halle und ebenso den Wortschatz, so Salat, Salsiz, Salär oder halogen.
Das S. ist trotz der immer noch auf ihm lastenden, oft verdeckten Steuer ein alltägl. und billiges Produkt geworden. Mit dem Fleur de sel oder dem Himalayasalz, die beide zu Beginn des 21. Jh. auf den Schweizer Tischen in Mode gekommen sind und sehr teuer verkauft werden, hat es etwas von seinem Glanz zurückgewonnen.
Autorin/Autor: Jean-François Bergier / AHB
Autorin/Autor: Jean-François Bergier / AHB