Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03612.jsonl.gz/1406

Selbstloses Handeln im Tierreich
Die Fähigkeit, bestimmte Dinge zu tun, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten, wurde bisher ausschliesslich Menschen zugeschrieben. Verschiedene Beobachtungen mit Zootieren haben bis jetzt nämlich gezeigt, dass diese nur äusserst begrenzt mit anderen Gruppenmitgliedern teilen oder kooperieren. Hieraus wurde geschlussfolgert, dass es einen bedeutenden Unterschied zwischen den altruistischen Fähigkeiten zwischen Menschen und Schimpansen gäbe.
Dabei ist es nicht weiter erstaunlich, dass im Zoo lebende Schimpansen ihre Nahrung nicht miteinander teilen, denn die Tiere, die dort leben, sind meistens satt. Unter natürlichen Bedingungen gibt es zahlreiche Situationen, in denen das Überleben von Tieren durch die Hilfsbereitschaft einzelner Gruppenmitglieder begünstigt wird:
Schimpansen adoptieren Kinder und trauern um Artgenossen
Bei frei lebenden Schimpansen konnte schon sehr oft beobachtet werden, wie sie einander helfen, indem sie ihre Nahrung teilen, Koalitionen mit anderen Gruppenmitgliedern nutzen, gemeinsam jagen und die Grenzen ihres gemeinsamen Lebensraumes verteidigen.
Wissenschaftler haben kürzlich beobachtet, dass Schimpansen im Taï-Nationalpark an der Elfenbeinküste fremde Kinder adoptiert haben. In gleich 18 Fällen kümmerten sich dort erwachsene Tiere über mehrere Jahre intensiv um verwaiste Junge, ohne daraus einen Vorteil erkennen zu können.
Wie eine Gruppe Affen um ihre Artgenossin trauerte, konnte in einem Zoo in Schottland beobachtet werden. Zwanzig Jahre lang lebten die vier Schimpansen bereits zusammen, als die Äffin Pansy im Sterben lag. In dieser Situation versammelten sich die drei übrigen Schimpansen dann um sie. Kurz nach ihrem Tod hörten sie damit auf, sie zu streicheln und schauten in den Mund der Toten, hoben ihre Schultern, wie um sie wachzurütteln. Danach baute Pansys Tochter ein Nest neben ihrer Mutter, um die Nacht bei ihr zu verbringen. Eine Art Totenwache? Es scheint ganz so, dass das Tier verstanden hätte, dass seine Gefährtin nun für immer weg war.
Ähnliches beobachtete der Verhaltensbiologe Frans de Waal im Taï National Park. Dort versorgten Schimpansen ihren durch einen Leoparden verwundeten Gefährten. «Sie entfernten Blut, wedelten die Fliegen weg, nahmen während der Reise Rücksicht auf den Verletzten», schreibt de Waal in seinem Buch «Das Prinzip Empathie», und: «Es ist ein Irrtum, dass die Natur ein egoistischer Kampf ums Leben ist. Die meisten Säugetiere überleben nicht, indem sie einander im Kampf ausstechen, sondern durch Kooperation, Fürsorge und Teilen.»
Bonobos teilen Essen
Auch eine andere Affenart – die Bonobos – zeigt selbstloses Handeln. In einem Versuch gaben die Forscher den hungrigen Tieren etwas zu essen und liessen sie dann entscheiden: Entweder konnten die Tiere es sofort essen oder sie konnten einen Schlüssel nehmen, der ein benachbartes Zimmer öffnete. 80 Prozent der Versuchstiere zogen es freiwillig vor, die Türen zu öffnen, hinter denen ein anderes Tier war. Sie hätten das hochwillkommene Essen ganz leicht alleine verspeisen können, aber sie teilten es mit dem anderen Tier – ohne Anzeichen von Aggression oder Frustration. Auch die Geschwindigkeit und die Häufigkeit, mit der die Tiere ihr Essen teilten, blieben ziemlich konstant über die Versuchsreihen. Dieses stabile Muster beeindruckte die Forscher deshalb so stark, weil normalerweise Bonobos sehr sorgsam mit Essen umgehen und Essensverluste versuchen zu vermeiden.
Vögel retten Artgenossen
George Romanes, ein Naturbeobachter aus dem 19. Jahrhundert, berichtet von zwei Seeschwalben, die einem Partner beistanden, der durch die Schrotkugel eines Jägers verletzt worden war. Die beiden hielten die Flügelspitzen ihres Partners im Schnabel und flogen mit ihm zu einer nahen Insel. Ähnliche Berichte von helfenden Blaumeisen, Raben oder Heckenbraunellen wurden schon beobachtet.
Ameisen sind selbstlos bis zum Tod
Die hochkomplexe Sozialstruktur der Ameisen ist weitgehend bekannt. Wissenschaftler konnten nun auch aufzeigen, dass ihr sozialer Zusammenhalt sogar bis in den Tod geht. Einzelne todkranke Ameisen vermeiden nämlich den Kontakt mit den anderen Nestbewohnern, indem sie sich freiwillig isolieren und das Nest verlassen, um allein und abseits ihrer Artgenossen zu sterben. Den Forschern gelang dabei auch der Nachweis, dass das Verlassen des Nestes nicht auf ein besonderes Vorgehen der gesunden Artgenossen oder auf die Symptome der Krankheit zurückzuführen ist. Das aktive Verlassen des Nestes und der Tod in Isolation stellen eine neuartige selbstlose Eigenschaft von einzelnen Ameisen-Arbeiterinnen dar, um den Bestand des gesamten Nestes nicht zu gefährden.
Schlussfolgerung
Christophe Boesch vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie hat das selbstlose Verhalten der Schimpansen im Taï-Nationalpark selbst beobachtet. Er beschreibt wohl am treffendsten, welchen Schluss wir aus dem aufgezeigten Verhalten der Tiere ziehen sollen: «Nur genaue Beobachtungen frei lebender Schimpansen können uns verraten, wie intelligent diese Tiere wirklich sind. Dann und nur dann werden wir die Frage beantworten können, was den Mensch zum Menschen macht.»
Bernadette Raschle