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Im Gründungsjahr des Schweizer Archivs wütet in Europa La Grande Guerre, der Erste Weltkrieg. Zwei Artikel aus jener Zeit erlauben Einblicke in Wege und Sackgassen des eigenen Fachs.
Die Schweiz nimmt ab 1916 über 12 000 Kriegsgefangene in Internierungslagern auf; sie kommen aus Frankreich, Deutschland, Belgien und England. Viele unter ihnen sind gesundheitlich belastet. Dass die Soldaten ungewohnte Symptome entwickeln, dass «Kriegsneurosen» an die Seite der bekannten psychiatrischen Krankheitsbilder, der «Friedensneurosen», treten, fordert die theoretisch ausgerichteten Psychiater ebenso heraus wie die klinisch eingestellten Therapeuten.
André Repond hat 1916 die Leitung der psychiatrischen Klinik Malevoz in Manthey von seinem Vater übernommen. Er hat sich in der Schweiz psychiatrisch und psychoanalytisch ausgebildet. Später wird er sich energisch für Reformen der Klinikstruktur einsetzen, sein soziales Engagement wird ihn später zur Psychohygiene und zu frühen Präventionskonzepten führen, am Ende seiner Laufbahn wird er Aufgaben der UNESCO übernehmen.
Von all dem ist 1918 noch wenig zu spüren. In Einzelfallanalysen der hysterisch erkrankten Kriegsgefangenen ist es Repond ein Anliegen zu zeigen, dass kein einziger Fall von Hysterie traumatisch bedingt ist [1] (Abb. 1). Stattdessen sieht er utilitaristische und finalistische Kräfte am Werk, welche die Symptome stimulieren. Der Wunsch, eine Invalidenrente zu erhalten, spielt ebenso eine Rolle wie derjenige, der Monotonie des Lagerlebens zu entgehen, ausserdem haben die Krankenabteilungen eine vergleichsweise grosse Anziehungskraft. Die Symptome dienen dazu, Vorteile zu erreichen oder belastenden Arbeitsaufgaben ausweichen zu können. Allerdings will Repond sie nicht auf Simulation zurückführen, sondern auf unbewusste Kräfte, die dazu führen, dass lang anhaltende negative Affekte sich in die hysterischen Formen umgestalten. Die Therapie ist denkbar weit von psychoanalytischen Ansätzen entfernt und baut auf Aversion: Die hysterischen Gefangenen werden auf die Wachstation verlegt, müssen das Bett hüten und die Räume mit schwer psychisch kranken Menschen teilen – sie finden das so unangenehm, dass sie schnell ihre hysterischen Symptome fallen lassen.
Warum nur, so fragt sich der Leser knapp 100 Jahre später, ist es dem Autor so wichtig zu betonen, dass traumatische Kriegserfahrungen in keiner Weise ursächlich Einfluss nehmen? Aus dem Zeitenabstand heraus gelesen erstaunt es, und zwar gerade bei einem sozial und psychodynamisch denkenden Kliniker, dass die auf der Hand liegenden politischen Extrembelastungen strikt von der psychiatrischen Diagnostik und Therapie ferngehalten werden müssen.
Auf der Suche nach einer Antwort auf die Motive der Ausblendung gesellschaftlicher Verhältnisse bietet sich die Lektüre des zwei Jahre später im Schweizer Archiv veröffentlichten Textes von Alexander von Muralt an [2] (Abb. 2).
Dem Text ist anzumerken, dass der Autor differenziert fachlich zu argumentieren weiss. Im gleichen Jahr 1920 schreibt er eine Monographie mit dem Titel «Der Pseudo-Prophet. Eine psychoanalytische Studie» [3]. An der Sonderausgabe der Zeitschrift «Die psychotherapeutische Praxis» zum 80. Geburtstag Sigmund Freuds im Jahre 1936 wird er mit Gedanken über «Die Bedeutung der Weltanschauung in der Psychotherapie» beteiligt sein.
Im vorliegenden Text befasst sich von Muralt mit dem Buch «Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen» [4], das den Budapester Kongress der psychoanalytischen Vereinigung wiedergibt. 1918 hatte sich dieser den soldatischen Leiden gewidmet. Er folgt erst einmal den Argumentationen von Sigmund Freud, Ernest Jones, Karl Abraham und Sandor Ferenczi. Noch hat Freud seine grosse theoretische Antwort auf die ungelöste Frage, wie Libidotheorie und Traumatisierung zusammenzudenken sind, also «Jenseits des Lustprinzips» [5], nicht publiziert. Insofern geht es in Budapest vorerst um die Rechtfertigung der Triebtheorie und des Postulats der Frühgenese psychischer Erkrankungen. Die Soldaten, die Kriegsneurosen entwickeln, müssen daher schon vor dem Krieg belastet gewesen sein, wenn sie in Gefangenschaft zum Beispiel «la psychose des fils de fer» (eine Stacheldrahtkrankheit) entwickeln (S. 327). Dementsprechend betont von Muralt die «Anomalien des Sexuallebens», denen sich die Kriegsneurose «aufpfropft» (S. 329). Abraham sieht die Libidofixierung auf der autoerotisch-narzisstischen Stufe als wesentlich an. Von Muralt fasst zusammen: «L’homme normal, l’homme saint qui a appris à se donner entièrement aux autres, est capable de se sacrifier. … Et croyant sa patrie et sa famille menacées par l’ennemi, il [sc. der nicht narzisstische, gesunde Mann] est capable de sacrifier son propre bien-être et de se donner librement à la lutte.»1 (S. 332). Der Narziss hingegen denkt nur an sich!
In der Tat zeigt der Artikel von Muralts: Es sind zwei Motive am Werk, die zur Ausblendung der gesellschaftlichen Verhältnisse führen. Einerseits muss die Theorie der neu entstehenden Wissenschaft Psychoanalyse gegen Infragestellungen in Schutz genommen, der Ursprung der Neurose in der infantilen Sexualität der Neurose also auch für Kriegsneurosen bestätigt werden. Zum anderen aber – und gravierender – schleicht sich unbemerkt eine Ideologie in die Argumentationen ein: Gesund ist, wer sein Vaterland liebt und ohne Angst für es stirbt.
Wohltuend, erleichternd und eindrucksvoll ist es, dass von Muralt am Ende seinen eigenen Standpunkt in aller Behutsamkeit den grossen Psychoanalytikern entgegenhält, und die eigene Theorie ist erstaunlich eigenständig und kritisch. Der Krieg selbst wird von ihm ernst genommen und zum Gegenstand der Analyse gemacht, nicht nur das Individuum: «Car nous ne devons pas oublier que la guerre a été une grande régression de l’humanité entière et que c’est un fait des plus anormaux que l’homme du 20me siècle ait été obligé de vivre pendant quatre années une vie de primitif ne pensant qu’au meurtre et à la déstruction.»2 (S. 334). Wie ist es dann für denjenigen unter den Soldaten, «der sich viel mehr europäisch als französisch oder deutsch fühlt» (ibid.)? Der ist nicht narzisstisch oder psychosexuell krank, er hat einen ganz anderen Konflikt, nämlich den zwischen einem «habituellen Patriotismus» und einem «rein humanen Empfinden» (S. 337), und dieser kann ihn in die Neurose treiben. Von Muralt will nicht in Abrede stellen, dass die frühe Vorbelastung bedeutsam für die Kriegsneurose sein kann, er will nicht rechthaberisch sein. Aber er erlaubt sich, den Krieg als äusserst belastendes Ereignis in seinen auch seelisch zerstörerischen Auswirkungen ernstzunehmen und den Stachel des Widerstands in den Soldaten, die erkranken, zu erkennen.
Freud selbst hat während der Kriegszeit und in den Jahren nach 1918 sein psychoanalytisches Konzept aufgrund der Kriegsereignisse revidiert und neu ausgerichtet. Einige Jahre später hat er im Rahmen seines Gutachtens im Wagner-Jauregg-Prozess 1923 von den Ärzten in der «Rolle von Maschinengewehren hinter der Front» (zit. n. [6], S. 53; vgl. [7], S. 118 ff) gesprochen und damit den latenten gesellschaftlichen Auftrag benannt, dem die Ärzte sich auszuliefern immer wieder in Gefahr sein können. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hat es erneut vieler Anstrengungen bedurft, um die Extremtraumatisierungen durch Krieg oder KZ-Haft als Ursachen psychotischer Dekompensationen anerkennen zu lassen.
Der Rückgriff auf die beiden Arbeiten der Gründerzeit des Schweizer Archivs ermöglicht es, die Geschichte des eigenen Fachs besser kennenzulernen. Der Blick im Zeitenabstand erlaubt aber auch, rückblickend Wege und Sackgassen des eigenen Fachs zu erkennen – damit hilft er vielleicht, gegenwärtige Einschränkungen und Voreingenommenheiten (selbst-)kritisch zu überprüfen.
1 Der normale und gesunde Mann, der es gelernt hat, sich ganz anderen hinzugeben, ist dazu in der Lage, sich zu opfern. Und wenn er glaubt, dass Vaterland und Familie durch den Feind bedroht sind, dann ist er in der Lage, sein eigenes Wohlbefinden zu opfern und sich aus freien Stücken dem Kampf zu überlassen.
2 Denn wir dürfen nicht vergessen, dass der Krieg eine grosse Regression der gesamten Menschheit gewesen ist, und dass es ein höchst anomales Geschehen ist, dass der Mensch des 20. Jahrhunderts gezwungen werden konnte, vier Jahre lang ein Primitiv-Leben zu führen, nur in Gedanken an Mord und Destruktion.
1 Repond A. L’hystérie chez les prisonniers de guerre internés en Suisse. Schweiz Arch Neurol Psychiatr. 1918; (1): 128–46.
2 von Muralt A. Les névroses de guerre et la psychoanalyse. Schweiz Arch Neurol Psychiatr. 1920; (2): 323–38.
3 von Muralt A. Ein Pseudoprophet: eine psychoanalytische Studie. München: Reinhardt; 1920.
4 Freud S et al. Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Leipzig, Wien: Internationaler Psychoanalytischer Verlag; 1919
(abrufbar unter ) [Zit. am 4. April 2017].
5 Freud S. Jenseits des Lustprinzips. In: Bonaparte M, (Hg.). Gesammelte Werke; Bd. 13. 1940. p. 1–69.
6 Eissler KR. Freud und Wagner-Jauregg vor der Kommission zur Erhebung militärischer Pflichtverletzungen. Wien: Locker; 1979.
7 Küchenhoff J, Warsitz R P. Labyrinthe des Ohres. Giessen: Psychosozial Verlag; 2017.
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Joachim Küchenhoff
Psychiatrie Baselland
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