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Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
Der britische Premier David Cameron engagiert sich leidenschaftlich und vernehmlich für das Konzept oder die Vision einer Grossen Gesellschaft in England – „The Big Society“ genannt. Die meisten Leute verstehen diesen Begriff nicht oder interpretieren ihn auf ihre Weise. Mit dieser Vision will er wesentliche staatliche Verantwortungsbereiche kostensparend aufs Publikum abschieben und plädiert für eine „Do-it-yourself“-Option.
Weil die öffentliche Fürsorge, worunter das Gesundheitswesen (National Health Service), nach und nach abgetakelt wird, verliert viel Pflegepersonal seinen Arbeitsplatz. Das spart Kosten, während die Krise tiefer und tiefer beisst. Um dieses Manko wettzumachen, sollen Volontäre in die Bresche springen, um Bettpfannen zu leeren und bettlägerige Patienten zu waschen. Kürzliche Reportagen, wie alte und gebrechliche Leute in Spitälern und Pflegeheimen vernachlässigt werden, erschüttern mich. Hilflos liegen sie in schmutziger Bettwäsche. Wer stillt ihren Durst? Wer hilft ihnen beim Essen? Und am wichtigsten, wer plaudert mit ihnen und umsorgt sie? Ich bin dankbar, dass meine Mutter im Basler Pflegeheim vorbildlich betreut wurde.
Im dichten Netz der gemeinnützigen Wohlfahrtsorganisationen in England sind Volontäre nicht nur willkommen, sondern erforderlich. Sie arbeiten freiwillig, opfern ihre Zeit und arbeiten gratis. Selbst ihre Kosten wie der Transport zum und vom Arbeitsort zurück werden selten vergütet. Während sich die Zahl der Arbeitslosen erhöht (gegenwärtiger Stand: 2.5 Millionen), werden sie aufgefordert, freiwillig Dienste zu leisten, um ihre Arbeitslosenunterstützung zu sichern. Sie unterhalten öffentliche Parkanlagen, sammeln Abfälle entlang der verschmutzen Bahndämme und leisten viele andere Handlangerdienste. Dabei lernen sie nichts, das ihnen zu einer Stelle verhelfen könnte. Selbst die staatlich betriebenen „Job Centres“ (Stellenvermittlungen), nebst Bibliotheken, sind auf der Abschussliste.
Nun gibt es viele rüstige Rentner und Rentnerinnen, die ihre Kenntnisse und arbeitsbezogene Erfahrung freiwillig und kostenlos dem Gemeinwohl widmen, genau dort, wo sich der Staat hinter dem Deckmäntelchen versteckt und sich vor der Verantwortung drückt, wiederum der Kosten wegen. Das ist gut, doch wirft die Frage auf, ob das im Sinne der nebulösen „Big Society“ ist?
In England helfen so genannte „lollipop ladies“ Kindern durchs Verkehrsgewühl über die Strassen zur Schule. Ich versuchte den treffenden deutschen Ausdruck für ihre Dienste zu finden und entdeckte im „Google translate“ den Ausdruck „Lutscher Dame“. Das ist wohl nicht gemeint, oder? Diese trefflichen Damen, im gelben Überwurf und mit der Stopptafel am Stecken gerüstet, verdienen einen Almosen, der vielleicht 6 Schleckstängel wert ist. Und das ist kein Schleck, wie sie bei allem Wetter Kinder sicher über die Strasse helfen. Und ausgerechnet diese Helferinnen sollen ebenfalls abgebaut werden und aus dem Strassenbild verschwinden …
An allen Strassenecken wird die Kostenschere für notwendige Dienstleistungen, die wenig kosten, angesetzt, während im krassen Gegensatz der Staat Milliarden Steuergelder für Prestigeprojekte verpulvert, wie z. B. für die Olympiade. Längst vor der Londoner Olympiade nächstes Jahr rangeln jetzt schon die Fussballklubs um den Nachlass des Stadiums. Diese Klubkapitäne hocken auf Goldsäcken! Auch im Vorspiel dieses weltbewegenden Spektakels werden Volontäre gesucht. Ihre Aufgabe wird es sein, u. a. Zuschauer an den rechten Ort der Anlässe zu weisen.
Ist damit Camerons Vorstellung der „Big Society“ als eine Worthülse entblösst? Vielleicht hat es der Premier mit der „Big Society“ ganz anders gemeint. Das bezweifle ich. Die Grossmogule haben ihren Honigaufstrich durch allerlei Finten gesichert. Die Durchschnittsfamilie hingegen muss knausern, weil ihr Verdienst gekürzt wird und erst noch unter Inflationsdruck gerät.
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