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«Ich bin überglücklich, dass ich meine Mutter nun jeden Tag sehen kann»
Roushin Mustafa floh mit ihrem Mann und ihren Kindern aus Syrien. Dann wird ihre Mutter in Syrien bettlägerig. Was nun? Ein Familiennachzug kommt aufgrund der restriktiven Gesetzeslage in der Schweiz nicht in Frage. Roushin Mustafa wendet sich verzweifelt an den Beratungsdienst Humanitäre Visa des Schweizerischen Roten Kreuzes.
Roushin Mustafa floh 2013 mit ihrem Ehemann und ihren zwei Kindern aus Syrien. Zurücklassen musste sie neben Freunden und Geschwistern auch ihre Eltern. Als Roushin Mustafa nach einer sehr gefährlichen Flucht über den Nordirak in die Schweiz kam, konnte sie hier nicht richtig Fuss fassen. Ein wichtiger Teil von ihr war immer noch in Syrien – ihre Eltern.
Sorge um ihre Eltern
Ein Jahr nachdem Roushin Mustafa mit ihrem Ehemann und den Kindern flieht, wird ihre Mutter bettlägerig. Frau Mustafa leidet an diversen Krankheiten, unter anderem an einer schweren chronischen Blutarmut und an Parkinson. Ihr Ehemann benötigt rund eine Stunde, um sie zu waschen. Im Februar 2019 entdecken syrische Ärzte zudem Nierensteine, welche die Harnröhre von Roushin Mustafas Mutter verstopfen. Die Nierensteine sollten dringend mit einem Lasergerät zertrümmert werden. Das Spital in Aleppo verfügt jedoch nicht über das notwendige Material.
«Ich habe meine Eltern in Syrien. Meine 68-jährige Mutter ist seit fünf Jahren schwer krank, sie liegt im Sterben, sie hat keine Hilfe – nur von Gott. Ich habe sie sechs Jahre nicht gesehen.»
Roushin Mustafa
Im Februar 2019 schreibt Roushin Mustafa dem Schweizerischen Roten Kreuz: «Ich habe meine Eltern in Syrien. Meine 68-jährige Mutter ist seit fünf Jahren schwer krank, sie liegt im Sterben, sie hat keine Hilfe – nur von Gott. Ich habe sie sechs Jahre nicht gesehen.»
Gesundheitlich angeschlagen in einem Kriegsgebiet
Roushin Mustafas Eltern werden immer schwächer. Der eigentlich gesunde Vater ist aufgrund der hohen Verantwortung und langjährigen Intensivpflege seiner Ehefrau psychisch schwer angeschlagen. Die erkrankte Mutter leidet permanent an starken Schmerzen. Seit Wochen ernährt sie sich grösstenteils nur noch von ein wenig Suppe täglich, weil das Schlucken sehr schmerzhaft ist und sie häufig erbrechen muss.
Die Zeit drängt
Als sich Roushin Mustafa an das Rote Kreuz wendet, hat sie nur noch wenig Hoffnung für ihre Mutter. Sie fürchtet, dass ihr Vater in Syrien bald ganz auf sich alleine gestellt ist. Der Beratungsdienst Humanitäre Visa reagiert schnell und reicht diverse Ausweisdokumente, Spitaluntersuchungen, Fotos und eine ausführliche Krankengeschichte, inklusive Beurteilung durch eine Ärztin des Schweizerischen Roten Kreuzes beim Staatssekretariat für Migration (SEM) ein.
Die sogenannte Vorabklärung wird positiv beantwortet und dem Ehepaar Mustafa geraten, auf einer Schweizer Vertretung humanitäre Visa zu beantragen. Die Reise nach Beirut müssen sie alleine schaffen. Von dort aus fliegen sie in die Schweiz.
«Mit den Eltern in der sicheren Schweiz wieder vereint zu sein, hat mir Zuversicht, Mut und Kraft gegeben, meine berufliche Integration anzupacken.»
Roushin Mustafa
Gesundheitszustand verbessert sich erheblich
Die Mutter wird noch direkt vom Flughafen ins Spital eingeliefert, wo sie untersucht und stabilisiert wird. In den ersten Monaten muss sie sich einer Nierensteinoperation und verschiedenen anderen Behandlungen unterziehen. Ihr Gesundheitszustand verbessert sich in nur wenigen Monaten erheblich. Nach einem halben Jahr kann sie sich mit dem Rollator selbständig in der Wohnung bewegen und selbstständig essen.
Unerwarteter Tod
Der 75-jährige psychisch schwer angeschlagene Vater blühte in der Schweiz richtiggehend auf. Er besuchte einen Deutschkurs, war hoch motiviert die Sprache zu erlernen, fand leichten Kontakt zur Bevölkerung und war im Dorf sehr beliebt. Völlig unerwartet verstarb er im September, einen Tag nachdem er erfahren musste, dass sein Heimatdorf von arabischen syrischen Kämpfern eingenommen wurde. Schwer zu schaffen machte ihm vor allem, dass seine Wohnung und Olivenhaine besetzt wurden.
Die Tochter wollte seinen Leichnam in sein Heimatdorf transportieren lassen, damit er dort begraben werden konnte. Dies war wegen des Krieges nicht möglich. So wurde er in der Schweiz beerdigt, wo rund 50 Menschen an der Abschiedsfeier teilnahmen. Ein sehr schönes, berührendes und unvergessliches Erlebnis für die syrische Familie.
«Mein Vater durfte noch ein paar glückliche Monate erleben bevor er starb. Wir denken, dass er in Frieden sterben konnte, weil er seine schwer kranke Ehefrau zur gemeinsamen Tochter in die sichere Schweiz bringen konnte.»
Roushin Mustafa
Neue Kraft für Roushin Mustafa
Als Roushin Mustafa das Rote Kreuz im Februar 2019 um Hilfe bat, war sie angeschlagen und verzweifelt. Im Mai 2020 erzählte sie der mittlerweile vertrauten Mitarbeiterin stolz und glücklich, dass sie ihre Ausbildung zur Pflegehelferin SRK im April 2020 abschliessen konnte. Zudem hat sie bei ihrer Praktikumsstelle eine Anstellung als Pflegehelferin erhalten.
«Mit den Eltern in der sicheren Schweiz wieder vereint zu sein, hat mir Zuversicht, Mut und Kraft gegeben, meine berufliche Integration anzupacken. Ich bin dem SRK sehr dankbar. Auch für die Ausbildung zur Pflegehelferin, in der ich sehr viel gelernt und viel Menschlichkeit erlebt habe.»