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von Kathrin Zellweger, 09.05.2017
Von Kathrin Zellweger
Zwei Zufallsbegegnungen: Das erste Mal, es war im Jahr 2007, spielte der Maturand Raphael Jost auf dem Kiesplatz im Botanischen Garten in Frauenfeld am E-Piano Background-Musik. Noch etwas unsicher in seiner Rolle als Solist spielte er Variationen zu Gershwins "Summertime". Der hat was drauf, dachte man. Jahre später an der EXPO 2015 in Mailand langte er merklich entspannter und selbstsicherer in die Tasten, strahlte hierhin und dorthin, um sich seine sieben Bandkollegen, improvisierte fremde Songs und gab ihnen mit seiner Stimme eine eigenständige Interpretation. Er genoss das Gewusel und die Aufmerksamkeit.
Schnelldurchlauf dieser acht Jahre: Bis ein halbes Jahr vor der Matura war er überzeugt, dass er entweder Betriebswirtschaft studieren oder in den Journalismus einsteigen werde. In seiner Freizeit spielte er auf dem Klavier die Songs von Elton John und Michael Jackson nach, etwas Rock, etwas Pop. Dann entdeckte er den um neun Jahre älteren Singer-Songwriter und Multiinstrumentalisten Jamie Cullum. "Wow! Diesen Mix aus Jazz und Rock-Pop will ich auch beherrschen!", dachte er. Autodidaktisch brachte er sich jazzige Interpretationen bei und wagte nach sechs Monaten kühn die Prüfung an die Jazz-Abteilung der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) – zur Standortbestimmung. Er fiel durch, aber er fiel dem dortigen Lehrer und Examinator, dem Pianisten Andy Harder, auf, der ihm riet: Gib nicht auf, du hast Potential. Ein Jahr später gehörte Raphael Jost dann zu den Studierenden der ZHdK, Hauptfach Jazz-Piano, Nebenfach Jazz-Gesang. Er gründete sein erstes Quintett, das für das Bachelor-Projekt zu einem Oktett "Raphael Jost and lots of horns" erweitert wurde. Er trat in Montreux auf, bekam zwei Stipendien und gewann noch während des Studiums den Europäischen Nachwuchs-Jazzpreis. Mit seinem Debut-Album "Don't blame me" erhielt er 2015 den Swiss Jazz Award.
Webseiten sind Visitenkarten. Dass sich ein aufstrebender Jazzpianist – wie auch auf dem Cover seiner ersten CD – mit einem kurz und klein geschlagenen Klaviaturboden auf den Armen darstellt, ist eher ungewöhnlich. Raphael Jost schmunzelt. Seine Rechnung ging auf: Der Blickfang hat verfangen. Auch der CD-Titel "Dont' blame me" ist so ein Spiel. "Natürlich verantworte ich die Kompositionen und Arrangements, sie stammen ja von mir. Meine Kollegen in unserer achtköpfigen Band 'Raphael Jost and lots of horns' müssen sich auf mich verlassen können, sonst akzeptieren sie mich bei den Proben nicht als ihren Boss. Auf der Bühne dann müssen wir als musikalische Einheit wahrgenommen werden, ohne wie ein uniformes Kollektiv zu wirken."
Hörprobe: So klingt Raphael Jost
Josts Improvisationen am Klavier klingen eingängig, seine Stimme hat ein einprägsames Timbre. Am liebsten ist es ihm, wenn er Jazz-Piano und Jazz-Gesang verbinden kann. Der 29-Jährige ist nicht im Mindesten beleidigt, wenn man seine Musik dem Mainstream-Jazz zuordnet. "Modern Jazz ist nicht mein Ding. Ich gebe zu, dass ich mich von eingängigen Songs mit Bläsern inspirieren lasse. Das heisst nicht, dass ich Gewesenes und Gehabtes einfach nachspiele. Mich fasziniert die Schnittmenge zwischen Pop und Jazz, die ich für mich auslote, neu interpretiere und so erweitere."
Ab und an trifft er seine ehemaligen Klassenkameraden aus der Kantizeit. Dann ist er erstaunt, wie sehr er sich mit seiner Studienwahl verändert hat. "Heute stehe ich politisch eher links. Manchmal halte ich noch etwas dagegen; denn ich komme aus bürgerlichem Haus. Ich bin mir nicht sicher, ob einen die Künstlerszene politisch unweigerlich nach links rutschen lässt. Oder ist es anders rum: Man passt sich an?"
Gleich nach dem Masterabschluss 2013 begann Jost in einem kleinen Teilpensum in Zürich zu unterrichten, und seit letztem Jahr ist er auch an der Kanti Frauenfeld tätig. Mehr als 50 Prozent will er nicht angestellt sein, um genügend Freiraum zu haben, sich beispielsweise der nächsten CD-Einspielung und seiner musikalischen Zukunft zu widmen. Mit dem Geld des Förderbeitrages rückt ein wichtiges Ziel in Griffnähe. "Ich sehe den Förderbeitrag als Mischform aus Bestätigung für Vergangenes, Vorwärtsgeschoben-werden in die Zukunft und finanziellem Zustupf für Neues, das ich sonst noch nicht anpacken könnte." In der überschaubaren Schweizer Jazzszene kennt er sich mittlerweile aus, wie man auch ihn kennt. So weit so gut. "Der Satz vom Propheten im eigenen Land stimmt halt schon auch."
Um sich auch im Ausland bekannt zu machen, reicht es nicht, nach Berlin oder London zu fliegen, an Jam-Sessions Visitenkarten und CDs zu verteilen und den Leuten zu erklären, wie toll man selbst ist. "Ohne eine Managerin mit den richtigen Kontakten zu den angesagten Orten und den wichtigen Leuten schaffe ich das nie. Mein Traum ist es, einen Teil der Welt mit und durch meine Musik kennenzulernen und mich von ihr inspirieren zu lassen." Denkt er gar daran, in die New Yorker Jazzszene aufgenommen zu werden? "Ich passe als Mensch und als Musiker besser in die europäische Szene. Ein Songtitel heisst nicht umsonst 'Wheat Field' " Weizenfelder, wie er sie sieht, wenn er von seinem Wohnort Diessenhofen zum Unterrichten oder zu Auftritten fährt. Vielleicht heisst ein weiterer Titel eines Tages "Country Pumpkin". "Ja, ich bin ein Landei."
Der Mensch: Raphael Jost, 1988, ist Sänger, Pianist, Songwriter, Arrangeur und Bandleader. 2015 wurde der in Diessenhofen wohnende Musiker für sein Debut-Album Don't blame me mit dem Swiss Jazz Award ausgezeichnet. An der ZHdK schloss er 2013 sein Masterstudium in den Bereichen Jazz Piano und Jazz Gesang ab. Er ist Gründer der Formation Raphael Jost & lots of horns, mit der er ans Montreux Festival Jazz Festival eingeladen wurde. Mehr gibt es auf seiner Internetseite: http://www.raphaeljost.ch
Die Preisverleihung: Die Förderbeiträge für Kulturschaffende werden am Dienstag, 23. Mai, 19 Uhr, im Kunstraum Kreuzlingen verliehen. Die Veranstaltung ist öffentlich. Sie bietet Gelegenheit für anregende Begegnungen und Gespräche mit Kulturschaffenden, Kulturinteressierten, Kulturvermittlern und Kulturförderern.
Mehr zur Auszeichnung: Alles zum Preis und den diesjährigen Preisträgern im Überblick gibt es hier: http://www.thurgaukultur.ch/magazin/3161/
Teil 1 der Porträtreihe über die diesjährigen Preisträger "Zeit, Geld und Anerkennung: Die Autorin Tabea Steiner über sich und ihre Arbeit" können Sie hier nachlesen: http://www.thurgaukultur.ch/magazin/3186/
Sehen und hören: Videos mit Auftritten von Raphael Jost
Raphael Jost covert Daft Punks "get lucky"
Raphael Jost mit "Lots of horns" bei einem Auftritt in Zürich
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