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Wir sassen auf dem Waldboden. Der Mount-Rainier strahlte im gleissenden Licht der Morgensonne. ‘Hupps’ hatte ich auf dem Pacific Crest Trail kennen gelernt. Wir hatten soeben erfahren, dass der Trail vor der Grenze geschlossen wurde. Die Feuer, das nahe der Grenze in Kanada ausgebrochen war, hatte sich rasend schnell über die Grenze ausgebreitet.
So wie ich, war auch ‘Hupps’ seit Anfang Mai unterwegs.
Nun wussten wir also, dass wir die kanadische Grenze nicht erreichen konnten. Der Trail war gesperrt. Es wurde einfach zu gefährlich weiter zu wandern. Unsere Motivation sank.
Wir kamen ins Gespräch. Nach wie vor war mein Englisch noch nicht so optimal. Doch ich verstand sie. Ich verstand vielleicht nicht die Wörter, doch deren Sinn. Denn was sie erzählte, kam tief aus ihrem Herzen.
Den ‘Trailname’ Hupps hatte sie erhalten, weil sie grosse Ohrringe trug, die bei jedem Schritt wippten. Ich hatte keine Ahnung, wie alt sie war. Sie erzählte mir, dass sie über 30 Jahre in Australien gelebt hätte und nun nach Oregon zurückkehren würde. Sie sei pensioniert und nun suche sie sich ein Haus inmitten in den Wäldern dieses wunderbaren Staates. Von allein erzählte sie weiter. Sie hätte sich entschieden Menschen zu begleiten, die nicht mehr lange zu leben hätten. Ich war tief beeindruckt, wurde neugierig, wollte mehr wissen.
Nun war ‘Hupps’ nicht mehr zu bremsen. Mit leuchtenden Augen erzählte sie von ihrer Grossmutter, die krank wurde und nicht mehr lange zu leben hätte. Doch ‘Hupps’ war in Australien. Ihre Verwandten hatten entschieden, die alte Dame in einem Hospiz geben, wo sie sterben könne. ‘Hupps’ schnürte es das Herz zusammen. Während dem sie mir ihre Geschichte erzählte, begann sie zu weinen.
In diesem Moment hätte sie sich entschlossen in die USA zurück zu kehren um sich um ihre Grossmutter zu kümmern. Sie habe sie die letzten Tage begleiten dürfen. Zusammen mit der alten Frau wohnt sie in deren Wohnung, pflegte und betreute sie.
‘You know Chef, diese letzten drei Wochen, in denen ich meiner Grossmutter nah war, haben mir mehr gegeben als mein ganzes Leben zuvor. Das bedeutet nicht, dass ich keine wunderschönen Momente in meinem Leben hatte. Ich liebe meine Kinder über alles, hatte wundervolle Erlebnisse mit ihnen und mit der ganzen Familie. Doch in diesen letzten drei Wochen mit meiner ‚Grandma‘ hatte ich das Gefühl, ich würde das Leben neu erkennen. Kannst du das verstehen?‘
Ich konnte nur still nicken. Wir sassen noch Stunden auf dieser Wiese und erzählten uns aus unserem Leben. Ich war mit meinem ganzem Herzen in dieser Situation, genoss diese Begegnung und sog den Moment in mir auf.
Irgendwann wanderten wir weiter. Auf dem Trail wanderten die wenigsten ‚Thru Hiker‘ miteinander. Jeder hatte sein eigenes Tempo. Wir wollten uns abends auf einer Anhöhe wieder treffen. Als ich den letzten Aufstieg überwunden hatte, sah ich ‘Hupps’. Sie hatte ihr Zelt bereits aufgestellt und sass bequem im Schneidersitz davor.
Auf ihren Knien lag ein altes Buch. Sie sah auf und lächelte mir zu: ,Schau, was ich in ‚White Pass‘ gefunden habe.’ Sie zeigte mir das abgegriffene Buch. Eine uralte Ausgabe von ‘Siddartha’ in englischer Sprache. Der Umschlag war zerrissen, die Seiten umgeknickt und ausgebleicht. Sie erklärte mir, dass Hesse doch ein Schweizer Autor sei. Ich wusste es, denn dieses Buch hatte auch ich gelesen. Wir plauderten über Bücher, die wir beide schon gelesen hatten. Wie ‘Der Alchimist’ von Coelho oder eben ‚Siddartha‘ von Hesse. Beide wurden wir von Büchern begleitet.
Ich erinnerte mich an unser Gespräch vom Vormittag und erzählte ihr von meinem Freund, dem Schriftsteller Willi Näf, der einen wunderbaren Artikel über das Sterben seiner Mutter geschrieben hatte: ‚Sterben wie Mutter‘
Noch heute staune ich, was für wunderbare Menschen ich auf dem Trail kennen gelernt habe.