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Die Lederexpertin, die es sich anders überlegte
Sie hält ein Büschel hoch. Es sind dünne, lange Fetzen aus beigem Material. In der anderen Hand hält sie einen Turnschuh und fragt das Publikum: «Wie entsteht aus einer Pflanzenfaser ein Schuh?» So beginnt Carmen Hijosa die meisten ihrer Vorträge, während denen sie keine Notizen benötigt und Dinge sagt wie: «Design ist ein Werkzeug, das Menschen, Wirtschaft und Umwelt miteinander verknüpft.»
Man hört ihr gerne zu, wenn sie spricht. Sie hat eine warme Stimme und ein vertrautes Gesicht. In ihren Augen meint man ein Feuer zu sehen, das der Leidenschaft entspringen muss, die in dieser Frau lebt. Als sie ein kleines Mädchen war, nannte ihr Vater sie einen sturen Bock. Sie schmunzelt, als sie das sagt und gibt ihm recht. Das war in den 1950er-Jahren im Nordwesten Spaniens, in einem Dorf in Asturien, das Salas heisst. Dort führt ihre Familie seit 1885 eine Uhrmacherei. Carmen Hijosa ist das älteste von vier Kindern und zieht mit 19 von Salas weg. Nach Irland, wo sie mit 21 eine Firma gründet, die Lederwaren produziert. Bald hat sie 30 Angestellte, beliefert Kunden in London und Tokio. Sie avanciert zur Expertin und bereist als Beraterin die Welt. Doch dann geschieht etwas, das sie alles in Frage stellen lässt. Sie bricht mit ihrer erfolgreichen Karriere. Und beginnt nochmals von vorne. Sie ist damals Anfang vierzig.
Das Mandat, das ihr Leben verändert
Es ist 1995. Hijosa ist in Meycauayan unterwegs, einem Zentrum der asiatischen Lederproduktion, weil das Handels- und Industrieministerium der Philippinen sie mit einem Mandat beauftragt hat: Sie, die die Hälfte ihres Lebens mit Lederwaren gehandelt und Luxusmärkte bespielt hat, soll die Lederindustrie für den Export fit machen. Doch Hijosa beschliesst, nie wieder mit Leder zu arbeiten.
Sie beobachtet die prekären Arbeitsbedingungen und tiefen Lebenserwartungen, die daraus resultieren. Sie sieht dürre Gestalten mit eingefallenen Augen, die Tierhäute schaben. Sie riecht den Gestank der Gerbereien und lernt über das Chrom(VI)-oxid, das im Fluss landet, der gleich heisst wie die Stadt, und aus dem eine Viertelmillion Menschen ihr Wasser beziehen. Es ist Gift: krebserregend, brandfördernd, stark ätzend. Erst 2014 werden damit behandelte Lederwaren verboten, weil die EU die Substanz als «besorgniserregend» einstuft. «Ich habe mich gefragt, wie ich so lange so unfassbar naiv sein konnte», erinnert sie sich, «da schuftete eine Armee von Kranken.» Sie legt das Mandat nieder und erzählt der Direktorin des philippinischen Designzentrums von einer Idee, die überzeugt: Sie will den Grünabfall des lokalen Ananasanbaus in ein veganes Textil umwandeln. Und so beginnt etwas, das Hijosa heute in TED-Talks und an Nachhaltigkeitskonferenzen «meine persönliche Transformation» nennt. Eine Reise, dank der sie künftig «das grosse Ganze im Auge behalten» und so einen Unterschied machen wird.
Ein Textil, das ein korruptes System flickt
Die Ananas ist nach der Banane die zweitbeliebteste Tropenfrucht der Welt. Jährlich werden weltweit 25 Millionen Tonnen geerntet, was eine Menge Grünabfall produziert. Für die Blätter des Ananasbaums gibt es nach der Ernte keine Verwendung – auch auf den Philippinen nicht, wo etwa zehn Prozent des Bedarfs wächst. Inspiriert durch das Denken in Kreisläufen, das dem «Cradle-to-Cradle»-Prinzip («von Ursprung zu Ursprung») zugrunde liegt, macht sich Hijosa an die Arbeit. Sie ist überzeugt, dass aus Ernterückständen ein natürliches, veganes Material entstehen kann, das die Standards erfüllt, die an tierisches Leder gestellt werden. Ein Textil, das reissfest und flexibel ist, gut bedruckt, gefärbt und geschnitten werden kann. Ein Textil, das philippinischen, und irgendwann allen Farmern, die weltweit Ananas anbauen, eine weitere Einnahmequelle generiert und dem konsumfreudigen Westen die Augen öffnet. Nach der Erdölindustrie ist es die Modebranche, die die Umwelt am meisten verschmutzt und ein ausbeuterisches System aufrechterhält, das in höchstem Masse ungesund und ungerecht ist.
Hijosa experimentiert, was Jahre dauern wird. Bei philippinischen Webern lernt sie etwa, wie der Barong Tagalog, ein traditionelles Hemd aus Piña, Ananasfasern, gewoben wird. Mühselige Handarbeit, aber ein Ansatz immerhin! Um die Jahrtausendwende, sie ist nun fast fünfzig Jahre alt, studiert sie Textildesign an der Akademie für Kunst und Design in Dublin. Ihr Piña-Projekt wird gefördert, weil es nachhaltig und nicht bloss modisch ist. 2002 schliesst sie ab, doch das neue Nischendasein reicht ihr nicht. Zu fairen Preisen kauft sie zwar bei Webern aufwendig hergestellte Piña-Stoffe ein, aus denen sie Kleider und Accessoires fertigt, doch handelt es sich wieder um Luxusprodukte. Sie aber, dieser sture Bock, will einen vollwertigen Lederersatz erfinden, der in Massen produziert wird, der den Gestank aus Meycauayan vertreibt wie einen bösen Geist und der den Fluss reinwäscht von allem, dem Gift, den tiefen Lebenserwartungen, dem Verbrechen an Mensch und Tier.
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«Ideologische Träumerei!» mit Gütesiegel
So tut sie es wieder, bricht mit einer erfolgreichen Firma und beginnt ein weiteres Mal von vorne. Ihr Umfeld schimpft «Ideologische Träumerei!». Es ist 2009. Hijosa ist Ende fünfzig und schafft es ins Innovationsprogramm des renommierten Royal College of Art in London. Als Doktorandin forscht sie fünf Jahre lang. Der Durchbruch gelingt, als sie den Pflanzenfasern Pektin entzieht, einen Steifmacher. Dann verfilzt sie die Fasern, anstatt sie zu verweben. Es funktioniert! Vor ihr liegt eine durchgängig feste, flexible Masse, die sie Piñatex tauft. Die Internationale Organisation für Normung bestätigt, dass das neue Material die Standards erfüllt, die an tierisches Leder gestellt werden. Die Weltneuheit erhält Gütesiegel von PETA, GOTS, REACH, Cradle to Cradle und mehr.
Im Dezember 2014, zwanzig Jahre nachdem sie mit der Lederindustrie brach, erhält sie den Doktortitel und ihre Dissertation eine Sonderausstellung. «Es war der wundervollste Tag meines Lebens», sagt sie. Man hört ihr gerne zu, wenn sie spricht. Von ihrem Wandel, ihrer Reise und der Textilindustrie, die eine bessere sein könnte. Die 13 Millionen Tonnen Grünabfall, die jährlich durch die Ananasernte anfallen, könnten die Lederproduktion reduzieren, gewiss. Doch es ist eine gewaltige Maschine, mit der man es aufnimmt und die durch eine sture Nachfrage gespeist wird: Monatlich werden 1,5 Milliarden Quadratmeter Leder produziert. Hijosa schafft im selben Zeitraum gerade mal 3000 Quadratmeter Piñatex, für dessen Herstellung weder zusätzliches Wasser, Land noch Pestizide benötigt werden.
Schweizer Labels, die auf Ananasfasern setzen
Ein Quadratmeter Piñatex besteht aus dem Abfall von 16 Ananaspflanzen oder den Pflanzenfasern von 480 Ananasblättern. Biomasse, die übrig bleibt, wird als Dünger eingesetzt. Dann wird die Piña verfilzt und als Masse nach Barcelona verschifft, wo sie mit zertifizierten Lacken und Mitteln beschichtet und gefärbt wird. Der Lack sorgt für die Robustheit, doch es ist wegen ihm, dass Piñatex noch nicht kompostierbar ist – die Zwischenlösung: Produkte, die ausgedient haben, können zerkleinert und als Geotextilien eingesetzt werden. Zwölf Farben, darunter Paprika, Gold, Indigo und Kohle, der Verkaufsschlager, sind im Katalog aufgelistet. Piñatex kostet pro Laufmeter zwischen 50 und 55 Franken. Hugo Boss und Trussardi verwenden die Alternative bereits, die Schweizer Labels Allure Sauvage und Schenk ebenso.
Carmen Hijosa ist heute 67 Jahre alt und denkt nicht ans Ausruhen. Einem Journalisten der Süddeutschen Zeitung sagte sie im November: «Ich bin jetzt bereit für eines der grössten Probleme unseres Planeten: Plastik.» Als sie das sagte, flackerte in ihren Augen bestimmt das Feuer, das in ihr lebt und sie, diesen sturen Bock, vor vielen Jahren von Salas, dem kleinen Dorf in Asturien im Nordwesten Spaniens, in die Welt schickte, um diese ein kleines Stück besser zu machen.
Den Blick öffnen: Textilinnovation als Kreislaufwirtschaft
Ressourcenverschwendung und soziale Ungerechtigkeit bestimmen zurecht die Diskussion um die Textil- und Modeindustrie, auffällig oft aber wird das Thema graue Energie ausgelassen. Dabei handelt es sich um die Energiemenge, die für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung eines Produktes benötigt wird – eine Grauzone, die wenig Transparenz zulässt. Um dies zu ändern, denken Textildesigner und Wissenschaftler zunehmend in Kreisläufen, um Wertschöpfungsketten effizienter zu gestalten und um aus bereits produzierten Materialien Textilinnovationen zu schaffen, wie diese drei Beispiele zeigen:
Cellulose aus Orangenschale
Italien steht für Schneiderei und Tradition – und ist ein Ort, wo Feines wächst und gut und gerne gespeist wird. Um diese Gepflogenheiten zu vereinen und sie nachhaltig zu gestalten, produziert eine sizilianische Firma ein dünnes, leichtes Textil, das zu hundert Prozent aus dem Rückstand der Saftpresse stammt. Die italienische Saftindustrie generiert jährlich rund 700’000 Tonnen Grünabfall. 2019 fand die Cellulose von Orange Fiber als Oberteil Eingang in die Conscious-Exclusive-Kollektion von H&M.
Lederersatz aus Traubentrester
Das in Mailand ansässige Unternehmen Vegea wandelt das, was die Weinwirtschaft als Grünabfall hinterlässt, nämlich Haut, Stiel und Kerne von Trauben, in ein Textil um, das die Standards erfüllt, die an Leder gestellt werden. Eine aus V-Textile gefertigte Robe des italienischen Designers Tiziano Guardini war 2018 Teil der Ausstellung «Fashioned from Nature» im Victoria and Albert Museum in London. Auch stammt die Innenausstattung des neuen Bentley EXP 100 GT aus veganem Leder von Vegea.
Funktionskleidung aus Kaffeesatz
Weil Kaffee Gerüche neutralisiert, fing das taiwanesische Paar Jason und Amy Chen 2005 an, mit einer Idee zu spielen: Was, wenn wir Kaffeesatz von lokalen Cafés sammeln und daraus Textilien produzieren, aus denen Hochleistungsartikel entstehen können? Heute ist Singtex mit seinen Stoffen, die rasch trocknen, vor UV-Strahlen schützen und geruchsabweisend sind, eine erfolgreiche Firma, die u. a. Asics, North Face und Timberland beliefert.