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Olympiasiege an Sommerspielen haben in Österreich Seltenheit. Seit 2004 in Athen wartete unser Nachbarland auf den Gewinn einer Goldmedaille - bis am Sonntag Anna Kiesenhofer wie aus dem Nichts auftauchte und in einem olympischen Strassenrennen der Frauen für die grösste Sensation sorgte, seitdem 1984 in Los Angeles zum ersten Mal olympische Medaillen vergeben wurden.
Die 30-Jährige, die an der ETH Lausanne als Mathematikerin arbeitet und auch in der Schweiz lebt, initiierte unmittelbar nach dem Start eine fünfköpfige Spitzengruppe, die sich später auf drei Fahrerinnen reduzierte. 41 km vor dem Ziel entledigte sie sich ihrer letzten beiden Fluchtgefährtinnen, der Polin Anna Plichta und Omer Shapira aus Isreal, und beendete das 137 km lange und mit 2700 Höhenmetern gespickte Rennen völlig ausgepumpt und als Solistin als Erste.
Van Vleuten entschädigt sich mit Silber
Die hoch gehandelten Niederländerinnen, die sowohl bei den Sommerspielen 2012 und 2016 als auch bei den jüngsten vier Weltmeisterschaften jeweils die Siegerin gestellt haben, verzockten sich und mussten mit der Silbermedaille Vorlieb nehmen. Als Zweite fuhr mit 1:15 Minuten Rückstand auf Kiesenhofer Annemiek van Vleuten durchs Ziel am Fuji International Speedway. Die dreifache Weltmeister war 2016 in Rio auf Goldkurs schwer gestürzt. Bronze ging wie vor fünf Jahren an die Italienerin Elisa Longo Borghini.
Van Vleuten, die auch dieses Mal wieder einen Sturz zu beklagen hatte, glaubte allerdings, dass sie das Rennen gewinnen würde, als sie auf dem Fuji International Speedway die letzten Meter absolvierte. Sie und ihre Teamkolleginnen hatten nicht mitbekommen, dass Kiesenhofer noch vor ihnen lag. Im Gegensatz zur World Tour sind die Fahrerinnen und Fahrer in olympischen Rennen nicht per Funk mit ihren sportlichen Leitern verbunden.
Kiesenhofers Olympiasieg überrascht auch deshalb, weil sie ihre 2017 begonnene Profikarriere noch im gleichen Jahr wieder beendet hatte. Seit 2019 nahm sie als Amateurin vereinzelt wieder an Wettkämpfen teil und konnte dabei vorab im Zeitfahren (mit drei nationalen Meistertiteln in den letzten drei Jahren) überzeugen. Diese Qualitäten kamen ihr am Sonntag im Finish zu Gute.
Reussers Missgeschick bei der Verpflegung
Ein solcher Rennverlauf würde durchaus auch den Fähigkeiten von Marlen Reusser entsprechen. Die Bernerin, wie Kiesenhofer in Tokio zum ersten Mal bei Olympischen Spielen und dazu als Einzelkämpferin am Start, hatte jedoch schon im Vorfeld klar gemacht, dass sie im bergigen Strassenrennen nicht aktiv die Flucht nach vorne suchen wird, zumal sie nicht zu den Kletterspezialistinnen gehört und am Mittwoch das für sie wichtigere Zeitfahren im Programm steht. Dort wird die 29-jährige Ärztin aus Hindelbank, die erst 2017 ihre erste Lizenz gelöst hat, als WM-Silber und EM-Bronzemedaillengewinnerin vom letzten Jahr zu den Mitfavoritinnen zählen.
Obwohl ihr Highlight in Japan noch bevor steht, hielt Reusser im bei grosser Hitze durchgeführten Strassenrennen lange mit den Besten mit. Erst aufgrund eines Missgeschicks bei der Verpflegung verlor sie im letzten Rennfünftel den Anschluss zum Feld. Darüber ärgerte sie sich sehr: «Ich habe meinen Verpflegungsbeutel nicht erwischt, dadurch ist eine Lücke entstanden, die ich in der darauffolgenden Abfahrt nicht mehr zufahren konnte. So habe ich das Rennen verloren.»
Das Ziel erreichte Reusser als 46. gut neuneinhalb Minuten hinter der Siegerin. Ihre Erkenntnis im Hinblick auf das Zeitfahren: «Ich muss die Bremsen etwas lockern in der Abfahrt», sagte sie und lachte sie laut.