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Roland Bugnon
Sérénité
«Meine frühen surrealistischen Bilder waren Erzählungen und das Ergebnis von Beobachtungen in der Welt um mich herum. Heute haben meine Bilder nichts mehr mit «Aussen» zu tun. Ich kehre Innenwelten heraus, Empfindungen, Gefühle, Verborgenes, Existenzielles; ich erfinde, ich spiele, ich forme aus dem Augenblick heraus. Die Bilder entstehen in der gleichen Weise, wie der Komponist aus dem inneren Hörbild heraus die Partitur schreibt. Es entstehen Klänge oder eben Bilder, die nicht sein müssen aber sein dürfen, die etwas materialisieren, formen, das im physikalisch Sinne unsichtbar, ungegenständlich ist. Von Paul Klee, dessen Denken und Vielseitigkeit mich seit den Sechzigerjahren fasziniert, stammt das berühmte Diktum: «Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder. Kunst macht sichtbar.»
Natürlich trage ich Beobachtungen und Erinnerungen mit mir, und manchmal brauche ich einen solchen Mosaikstein, um eine Stelle im Bild, das, wie auch das Leben überhaupt, ein Puzzle-Spiel darstellt, zu besetzen. Es ist möglich, dass ich ein Bild im Januar beginne und dieses fünf Jahre später vollende. Doch ich arbeite zwischenzeitlich wieder daran, weil ich etwas Neues sehe, etwas Anderes spüre, das ich ins visualisierte Gedankenspiel einbringen will. Bilder ändern sich ständig. Unter jeder Darstellung stecken bis zehn frühere Versionen.
Die Methode des langsamen Heranreifens eines Bildes hat sich allmählich entwickelt. Früher wusste ich von Anfang an, was ich zeichnen und zeigen wollte. Die Werke damals enthielten kritische Anmerkungen zur Gesellschaft und zu Vorgängen in der Umwelt. Als ich einmal längere Zeit in Andalusien unterwegs war, nahmen die Formen und Farben in meinen Bildern das andalusische Kolorit an; starke Kontrastfarben tauchten auf, und ich platzierte Symbole, die ich für spanisch hielt. Diese Phase ging vorüber, die Zeichnung und die Palette wurden weicher.
Ich mache keine Vorzeichnungen auf weisses Papier, sondern ich beginne gleich auf der Leinwand zu arbeiten. Erst später, wenn ich auf dem fortgeschrittenen Bild etwas ändern will, greife ich zum Skizzenblock. Dann halte ich die Strukturen des Bildes im aktuellen Zustand fest und beginne, spielerisch und experimentierend, nach Alternativen, Ergänzungen oder Kürzungen in der Komposition zu suchen. Diese Suche, das Pröbeln, beschäftigt mich längere Zeit und füllt viele Seiten in den Skizzenbüchern.
Ich brauche den Wechsel, den Kontrast. So wie ich mich einst in die Stadt Luzern verliebte, so ergeht es mir jetzt mit der Insel Ibiza. Diesen Ort will ich nie mehr aufgeben. Doch auch in Birrwil, im grossen Atelier-Loft mit Blick über den Hallwilersee fühle ich mich sehr wohl.
Ich habe mit Überraschung festgestellt, dass Bilder, die in der Schweiz entstehen, oft farbiger sind als Bilder, die ich auf Ibiza male. Die Erinnerungen an das Licht und die Farben auf der Insel kommen hier, wo die Stimmung weniger bunt, eher grau ist, in übertriebener Weise zu ihrem Auftritt. Da scheint ein Prozess der Kompensierung oder Überkompensierung zu spielen. Eine temporäre Gemütsstimmung lässt sich aus meinen Bildern nicht herauslesen. Einersteils, weil ich lange an einem Bild arbeite und sich dabei alles ausgleicht, zum andern aus dem einfachen Grund: Ich habe meist gute Laune. Selbst wenn es mir misslich geht, geht es mir noch gut.
Auf Ibiza musste ich mich in der ersten Zeit völlig neu erfinden, der neue Arbeitsort bedeutete eine grosse Zäsur. Ich musste neue Wurzeln schlagen, sowohl als neuer Einwohner wie auch als Künstler. So begann ich, gleichsam als Archäologe, die Insel, den kleinen Hügel, wo ich wohne, Quadratmeter um Quadratmeter abzusuchen und in Zeichnungen, später in Bildern, das zu inventarisieren, was ich an Natur und Wohlstandsmüll fand: Sträucher, Bäume, Wurzeln, leere Flaschen, Büchsen und Kapseln. Diese Fundstücke arrangierte ich zu Objekten, dekorierte sie mit Federn und bezeichnete sie als Fetische. Ich stellte mir vor, wie vielleicht in zweitausend Jahren die Altertumsforscher vor den Fragen stehen: Was war das? Sind es Relikte einer untergegangenen Zivilisation? Oder Reliquien, die verehrt wurden?
Warum spricht man beim Maler häufig vom reifen Alterswerk? Bei Musikern, Komponisten oder Schriftstellern ist das nicht der Fall. Die Erklärung ist einfach: Man kann es einfach besser, man reagiert subtiler, hat mehr Zeit. Man getraut sich Ballast abzuwerfen, man muss nicht mehr zwanzig Bilder im Jahr malen.
Kunst ist Freude und ist Leben. Malen ist meine Art, mich auszudrücken. Ich brauche die künstlerische Arbeit täglich. Längere Unterbrüche habe ich nicht gerne. Ich möchte, dass meine Bilder die Betrachter neugierig machen. Das Wertvollste ist, wenn das Bild beim Betrachter Fragen auslöst: Was ist das? Was könnte es sein? Warum hat er das gemalt? Ich finde es anregend, wenn ein Bild neue Aussagen oder Interpretationen zulässt.
Ich suche nach Übereinstimmung, Ausgewogenheit. Farben und Formen müssen in einem Konsens stehen. Ich will heute nicht mehr schockieren, ich arbeite so lange an einem Bild, bis alle Dissonanzen in der Darstellung zur positiven Expression umgewandelt sind. Mein Traum vom Glück heisst «Sérénité» – Gelassenheit. Beim Zeichnen und Malen versuche ich, diesen Gedanken nachzuleben.»
Aus einem Gespräch zwischen Roland Bugnon und Karl Bühlmann, Februar 2014