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Godard gehörte zu den bedeutendsten und eigenwilligsten Regisseuren Frankreichs. An fast 150 Filmen war er beteiligt. Während seine Gangstergeschichte «À bout de souffle» (1960) und «Le Mépris» (1963) über einen Drehbuchautor mit Brigitte Bardot und Michel Piccoli noch Handlungen im klassischen Sinn besassen, brach er ab Mitte der 1960er-Jahre in Filmen wie «Week End» und «La chinoise» immer häufiger die Erzählstrukturen auf. Seine Geschichten wurden fragmentarischer, Bilder und Szenen verloren ihren inhaltlichen und zeitlichen Bezug zueinander.
Der Regisseur wurde für seine Kunst mehrfach ausgezeichnet; für die Öffentlichkeit blieb er gerne ein Rätsel. Er schwamm bewusst gegen den Strom, weigerte sich, das kommerzielle Kino zu bedienen. Drei Viertel seiner Arbeiten waren denn auch finanzielle Misserfolge, was ihn jedoch nicht davon abhielt, bis kurz vor seinem Tod weiterzumachen.
Seine Phase der totalen Abkehr von gängigen Gestaltungsformen läutete er 1969 mit «Le gai savoir» ein. In dem gestalterischen und gedanklichen Kinoexperiment trafen sich Emile Rousseau, ein Nachfahre des französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau, und die Tochter eines ermordeten kongolesischen Freiheitskämpfers. Sie diskutierten über die Unterdrückung der Gesellschaft und den Sinn von Bildern und Worten. Der Film wurde in der Zeit kurz vor den Studentenunruhen in Frankreich im Mai 1968 gedreht. Nach 1967 sprach Godard auch nicht mehr von Filmen, sondern von Bildern und Tönen.
Seltene Auftritte in der Öffentlichkeit
Nur selten zeigte sich der Filmemacher in der Öffentlichkeit, und wenn, dann oft überraschend wie in Cannes, wo er 2018 seine Pressekonferenz zu «Le livre d’image» via FaceTime abhielt.
In dem filmischen Essay, einem Kaleidoskop von Bildern und Filmausschnitten, sprach Godard Themen wie Krieg und Kriegsverbrechen an und zeigte unter anderem Morde der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Während in den vorherigen Collagen «Film socialisme» (2010) und «Adieu au langage» (2014) noch Protagonisten vorkamen, verzichtete der Altmeister in «Le livre d’image» ganz auf handelnde Personen. In seinem Spätwerk setzte Godard radikaler denn je sein Streben nach formaler und stilistischer Freiheit fort.
Der Pariser Intellektuelle verlangte von seinen Zuschauern, dass sie mitdenken, sich konzentrieren, weder nach logischen noch nach zeitlichen Bezügen suchen. Godard wollte die Wahrnehmung des Films infragestellen und eine Analyse der eigenen, subjektiven Wahrnehmungsweise in den Mittelpunkt rücken.
Godards Werke sind Manifeste eines intellektuellen Kinos, in denen es die Geschichte und die Reflexion über die Geschichte gibt, die Erzählung und die Infragestellung der Erzählung. Und dazu gehört die Frage nach Bild und Sprache und ihrer Beziehung zueinander. Godard lehnte die Idee ab, dass Sprache und Wörter Kopien der Realität sind.
Zigarren und Tennis
Jean-Luc Godard wurde am 3. Dezember 1930 in Paris als Sohn französischer Eltern schweizerischer Herkunft geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Nyon. Nach seinem Ethnologiestudium in Paris wollte er erst Schriftsteller und Maler werden – dann zog es ihn in Richtung Film.
Zigarren und Tennis gehörten zu seiner Leidenschaft. Und er liebte die Provokation. Seine Freude an der Rolle des Unruhestifters war unübersehbar. Manchmal war er zynisch, manchmal ein höflicher Menschenfeind.
Zu seinen Musen zählten Anna Karina und Anne Waziemski, die er nacheinander heiratete bevor er mit der Lausanner Filmemacherin Anne-Marie Miéville zusammenkam. Mit ihr lebte er seit 1977 im waadtländischen Rolle.