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Bemerkungen zu einer Abhandlung von Herrn Hillhouse
Ich kannte das Werk von Herrn Hillhouse durch die Auszüge, welche die deutschen Zeitungen veröffentlicht haben. Ich habe nicht die Gewohnheit, auf Kritiken meiner Werke zu antworten; ich schätze die öffentliche und freie Diskussion so sehr, daß ich mich nicht beklage, selbst über die bittersten Kritiken. Ich mißachte sie keineswegs, prüfe sie sorgfältig und ziehe Gewinn aus dem, was sie an Nützlichem und Lehrreichem enthalten. In einem Leben, das ganz und gar den Studien gewidmet ist und dem Einfluß, den Wissenschaft und Fortschritt öffentlicher Bildung endlich auf die Verbesserung der sozialen Institutionen haben werden, wäre das Ziel verfehlt, würde man sich damit befassen, Meinungen zu verteidigen; allein den Fakten muß die Autorität erhalten bleiben, welche ihnen zukommt.
Im Geiste dieser Überlegungen schreibe ich Ihnen, mein werter Freund, zu der Abhandlung von Herrn Hillhouse über die Indianer des englischen Guyana, aus der Sie in Ihren Annales (Februar 1835) interessante Auszüge gebracht haben. Der Autor spricht mit recht anmaßender Selbstgewißheit über die Struktur der amerikanischen Sprachen, offenbar ohne all das zu kennen, was seit zwanzig Jahren über diesen neuen Zweig der philosophischen Gelehrsamkeit geschrieben wurde. Sie haben bereits geantwortet auf die befremdlichen Vorwürfe, die Herr Hillhouse den spanischen Missionaren macht, sie hätten die Sprachen der Ureinwohner ihrer Hoheitsgebiete nicht gelernt, wie die englischen Missionare, die sich rühmen, siebenundzwanzig verschiedene Idiome der Neger zu kennen.
Die Grammatiken und Wortsammlungen aus der aztekischen und mixtekischen Sprache von den Padres Molina und Antonio des los Reyes stammen aus dem sechzehnten Jahrhundert. Ich habe vor zwanzig Jahren (Relation historique, Band I, S. 507) einen Abriß von dreißig amerikanischen Sprachen gegeben, die in Grammatiken für die spanischen Missionsmönche gefaßt wurden; und diese kostbare Sammlung, die in der Bibliothek meines Bruders bewahrt wird, wurde seither erheblich erweitert.
Herr Hillhouse behauptet, „meine Bemerkungen über die Sitten und die Sprache der Kariben seien offensichtlich nicht das Ergebnis persönlicher Forschungen“. Hätte er sich die Mühe gemacht, das fünfundzwanzigste Kapitel meiner Relation historique (Band III, Seiten 1 bis 35) zu überfliegen, hätte er gesehen, daß ich auf dem Rückweg vom Orinoco an die Küsten Neu-Barcelonas die Missionen von Píritu durchquert habe, in welchen damals fünfunddreißig- bis vierzigtausend Kariben reiner Rasse lebten. Ich habe mich in der Ansiedlung Nuestra Señora del Socorro del Cari aufgehalten, 1761 gegründeten karibischen Missionen, und ich habe die astronomische Position von Villa del Pao etwas nördlich der Missionen mit 8° 37‘ 57‘‘ Breite bestimmt. (Siehe mein Recueil d’observations astronomiques, Band I, Seite 255.) Es wäre schwierig, die Zirkummeridianhöhen des Zentaurus zu bestimmen, ohne an Ort und Stelle gewesen zu sein.
Mir ist nicht bekannt, worauf sich die Behauptungen gründen können, „die peruanische und die mexikanische Sprache hätten keinerlei Analogie mit den Sprachen der anderen amerikanischen Nationen, während die Idiome Guyanas sich den Sprachen Ostasiens annähern“.
Ich wüßte vor allem gern, in welchem Teil meiner Werke Herr Hillhouse entdeckt haben kann, daß ich die tamanakische Sprache (Relation historique, Band I, Seiten 475–490, 495–497) für eine Mischung der Sprache der Araouaays von Guyana und der Sprache der Inkas halte. Eine solche Mischung konnte Herrn Hillhouse freilich nicht ungewöhlich erscheinen, da er das Tamanakische an den Grenzen des alten Reichs der Peruaner in Gebrauch sieht! In seinen geographischen und ethnographischen Träumereien gibt es wohl einige Reminiszenzen an das mythische Dorado, das von den Grenzen des alten peruanischen Reiches immer weiter nach Osten verlegt wurde, bis zum Isthmus zwischen dem Rio Branco und dem Rupunuwini, einem der Zuflüsse des Essequebo (Relation historique, Band II, Seiten 692–707). Ich kann mich im übrigen nicht beklagen über die Ansichten, die man mir zuschreibt zum Ursprung der Sprachen des neuen Kontinents. Als ich in der Nähe des Wasserfalls von Atures dabei war, Sternenhöhen zu messen, ließ mich ein Porignavi-Indianer durch einen Dolmetscher wissen, daß in seiner Sprache der Mond zenquerot heiße und der Gürtel des Orion Fuebot. Direkt in der Mitte des Wasserfalls zeigten mir die Indianer gegenüber dem Mondfelsen (keri) einen weißen Fleck, vielleicht durch das Zusammentreffen mehrerer Quarzgänge gebildet, den sie mit dem Namen camosi, Sonne, bezeichnen. Ein Wissenschaftler, mein Landsmann, hat in diesen Lauten, welche Ähnlichkeit haben mit camosch, mot, ardod (sol, lutum, robur [Sonne, Lehm, Kraft]) ein historisches Monument (des Aramäischen) gesehen und 1806 in Leipzig ein Buch veröffentlicht mit dem Titel Forschungen über die phönizischen Wörter, welche Herr von Humboldt an den Ufern des Orinoco entdeckt hat. Ich habe von meiner Entdeckung nur durch den Titel des Werkes erfahren, dessen Autor mir unbekannt ist. So kommt es, daß die Reisenden, für deren Sache ich mit einigem Recht eintrete, in den Zitaten aus ihren eigenen Schriften die Fakten nicht wiedererkennen…
(Berlin, 16. März 1835)
Auszug aus einem Brief von Herrn von Humboldt an Herrn Eyriès