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Die Schweiz hat seit 1980 mehrere rezessive Phasen durchlebt: Zu Beginn der Achtzigerjahre geriet sie in den Sog einer globalen Rezession. Anfang der Neunziger platzte die Immobilienblase, und die Wirtschaft erfuhr einen «Double Dip», also zwei Rezessionen folgten kurz aufeinander. Nach der Jahrtausendwende folgten mit der «Dotcom-Rezession» und der Finanzkrise von 2008/2009 zwei weitere Rezessionen. Derzeit erleben wir schliesslich mit der Corona-Krise den grössten Rückgang des Bruttoinlandprodukts (BIP) der vergangenen vier Jahrzehnte.
An Auf- und Abschwüngen mangelt es also in der eidgenössischen Wirtschaftsgeschichte nicht. Trotzdem ist ein klarer Wachstumstrend erkennbar, um den das BIP über die letzten 40 Jahre schwankte (siehe Abbildung). Die Unterscheidung zwischen Konjunkturschwankungen und dem zugrunde liegenden langfristigen Trend ist wichtig – aber relativ schwierig.
BIP und Produktionspotenzial der Schweiz (1980–2020)
Quelle: Seco / Die Volkswirtschaft
Was ist Potenzialwachstum?
Die langfristig orientierte Wirtschaftspolitik richtet sich typischerweise nur wenig am tatsächlich gemessenen BIP, sondern vielmehr am Konzept des Produktionspotenzials und dessen Wachstum aus.
Das Potenzial ist eine hypothetische Grösse, welche nicht direkt beobachtbar ist. Um sie zu berechnen, wird versucht, die BIP-Entwicklung ohne kurzfristige Konjunkturschwankungen zu erfassen. Damit soll eine langfristig orientierte Grösse gemessen werden, welche beschreibt, wie sich eine Volkswirtschaft bei einer «normalen» oder «durchschnittlichen» Auslastung der Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit entwickelt. Der nachhaltig erzielbare Wohlstand und damit auch das Lohnniveau hängen direkt von dieser Grösse ab. Viele Ökonomen stellen sich eine Zeitreihe vor, welche relativ glatt ist und keine hohen Schwankungen aufweist.
Das Produktionspotenzial wird nicht nur durch das vorhandene Kapital und die geleistete Arbeit definiert, sondern ist massgeblich vom technologischen Fortschritt und damit der Art und Weise abhängig, wie gut Kapital und Arbeit miteinander kombiniert werden. Mit anderen Worten: Je produktiver Kapital und Arbeit eingesetzt werden, desto grösser ist das Produktionspotenzial. In der Wachstumstheorie erklärt insbesondere das Konzept der «Produktivität» den Unterschied im Wohlstand zwischen verschiedenen Ländern. Entsprechend ist Produktivitätswachstum ein wichtiges Ziel der Wirtschaftspolitik.
Hohe Produktivität
Um die Produktivität und damit den Wohlstand zu erhöhen, fördert die Wirtschaftspolitik die Forschung und Entwicklung, erleichtert Innovationen und ermöglicht es, neue Märkte zu erschliessen oder Monopole zu durchbrechen, um durch mehr Wettbewerb die Unternehmen zu neuen Höchstleistungen anzuregen. Mit all diesen Politiken soll dafür gesorgt werden, dass Arbeit und Kapital effizienter («produktiver») genutzt werden, um das Produktionspotenzial zu erhöhen.
Die Schweiz brilliert in dieser Hinsicht insbesondere durch einen im internationalen Vergleich überdurchschnittlichen Einsatz von Arbeit und Kapital.[1] Erfreulicherweise ist auch das Niveau der Produktivität weiterhin hoch, jedoch fiel deren Wachstum in den letzten Jahrzehnten im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich aus. Dies bedeutet, dass andere Länder ihre Produktionsfaktoren zunehmend effizienter einsetzen und bezüglich Wohlstand zur Schweiz aufschliessen.
Nicht nur für die Beobachtung der Wohlstandsentwicklung, sondern für viele Politikbereiche ist der Verlauf des Produktionspotenzials wichtig. So kann beispielsweise die Sozialpolitik besser abschätzen, ob die Finanzierung der Sozialwerke mit der prognostizierten demografischen Entwicklung und dem erwarteten Produktionspotenzial nachhaltig ist. Die Energie- und Verkehrspolitik kann auf dieser Grundlage Mobilitäts- und Energieverbrauchsszenarien entwickeln und die langfristige Planung der Infrastrukturen zielgerichtet angehen. Und auch die Finanzpolitik kann sich dank der erwarteten Entwicklung des Produktionspotenzials eine Vorstellung über die künftigen Ausgaben und Steuereinnahmen machen – und genügend früh auf ein Auseinanderdriften dieser Grössen reagieren.
Wo stehen wir?
Während das Potenzial-BIP beschreibt, welches Produktionsniveau theoretisch erreichbar ist, wenn die vorhandenen Ressourcen «normal» ausgelastet werden, zeigt die Wachstumslücke, wo wir tatsächlich stehen. Liegt das BIP-Wachstum deutlich unter dem Potenzial, ist die Wachstumslücke negativ. In dieser Situation sind die vorhandenen Kapazitäten unterausgelastet. Die Unternehmen bauen eher Stellen ab, es gibt kaum Bedarf für Investitionen, und der Inflationsdruck gibt nach.
Umgekehrt deutet eine positive Wachstumslücke darauf hin, dass sich die Wirtschaft im Boomzustand befindet. Nun kommt es zu Kapazitätsengpässen; die Unternehmen müssen investieren, um die Nachfrage zu befriedigen. Arbeitskräfte sind gesucht, und die Arbeitslosigkeit sinkt. Insgesamt entsteht ein Lohn- und Preisdruck.
Diesen Überlegungen entsprechend wird die Produktionslücke verwendet, um die Position eines Landes im Konjunkturzyklus zu bestimmen. Daraus können Hinweise auf den Verlauf der Investitionen oder der Inflation abgeleitet werden. Auch hinsichtlich der Budgetierung greifen viele Regierungen auf dieses Konzept zurück. In der Schweiz ist beispielsweise die Schuldenbremse so ausgestaltet, dass sie automatisch stabilisierend wirkt: Der Staat kann in guten Zeiten – bei einer positiven Wachstumslücke – Überschüsse anhäufen und Schulden reduzieren. In schlechten Zeiten – bei einer negativen Wachstumslücke – können hingegen Defizite gemacht werden.
Schätzen statt beobachten
Ein Problem der beschriebenen Konzepte liegt darin, dass sie nicht beobachtbar sind. Im Gegensatz zum BIP lassen sich das Potenzialwachstum und die Wachstumslücke also nicht direkt messen. Deshalb müssen sie mit mathematischen Methoden geschätzt werden. So wird das Potenzialwachstum beispielsweise basierend auf Konjunkturprognosen und Schätzungen über die künftige Entwicklung der Inputfaktoren berechnet. Hinsichtlich der langfristigen Entwicklung tragen Szenarien dieser Unsicherheit Rechnung.
Trotz dieser Schwächen bleiben die Konzepte für die Wirtschaftspolitik zentral. Die konzeptionelle Unterscheidung zwischen der tatsächlichen Wirtschaftsentwicklung und dem hypothetischen Wachstumspotenzial bringt sowohl der kurzfristigen Analyse der Konjunktur als auch der allgemeinen Ausrichtung der Wirtschaftspolitik einen substanziellen Mehrwert.