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Rudolf Hermann (NZZ 6.1.2020)
Schweden ist bei der Bildungspolitik einen anderen Weg gegangen als Finnland. In den 1990er Jahren wurde die Führung der Schulen von der Bundes- auf die Gemeindeebene verlagert und die freie Schulwahl zu einem leitenden Prinzip erhoben. Gleichzeitig wurde die Möglichkeit zur Gründung privat geführter, sogenannt freier Schulen geschaffen. Diese unterstehen der Aufsicht durch die nationale Bildungsbehörde. Um die Chancengleichheit für alle zu wahren, wurde ein Voucher-System eingeführt: Die staatlichen Subventionen sind nicht an Schulen, sondern an die einzelnen Schüler geknüpft. Diese bringen das Geld quasi mit in ihre Schule, ob öffentlich oder privat. Im Gegenzug dürfen Privatschulen kein Schulgeld erheben, sondern nur in beschränktem Ausmass Fundraising-Aktivitäten betreiben.
Die freien Schulen sind in Schweden von sehr unterschiedlicher Ausrichtung und Qualität. Etablierte Einrichtungen haben eine grosse Anziehungskraft entwickelt und führen lange Wartelisten. Familien müssen ihre Kinder früh anmelden, wenn sie einen Platz ergattern wollen. Für Kinder, deren Eltern sich nicht für die Möglichkeiten der freien Schulwahl interessieren oder die erst in jüngerer Zeit zugewandert sind, ist der Zugang zu den freien Schulen guter Reputation deshalb oft versperrt. Ihnen bleiben die öffentlichen Schulen, die nicht selten in eine finanzielle und qualitative Abwärtsspirale geraten, wenn sie im Einzugsgebiet attraktiver Alternativen liegen.
Die wachsende Segregation widerspricht dem Grundgedanken der Chancengleichheit und bereitet der Politik zunehmend Kopfschmerzen. Allerdings liegen wesentliche Gründe ausserhalb des Schulsystems. So bildeten sich in den grösseren Städten über Jahrzehnte Aussenquartiere mit sehr hohem Immigrantenanteil heraus, was die lokalen Schulen logischerweise mitprägte. Der Anteil von Schülern, die nicht Schwedisch als Muttersprache sprechen, liegt an gewissen Orten weit über der Hälfte.
Es sind solche Schulen, die eigentlich die besten Lehrer benötigen, aber kaum Zugang haben zu diesen, weil sie ein unattraktives Umfeld darstellen. Die Regierung versucht nun, mit mehr Ressourcen gezielt gegenzusteuern. Allgemein aber hat Schweden das Problem, dass viele Lehrer nach der Ausbildung den Schuldienst ernüchtert verlassen und versuchen, in anderen Erwerbszweigen unterzukommen. Wenn Vertrauen in die öffentliche Schule ein Eckstein für den Erfolg des Bildungswesens sein soll, dann hat Schweden hier bedeutenden Aufholbedarf. Ein Hoffnungsschimmer für die schwedischen Bildungspolitiker sind immerhin die jüngsten Pisa-Werte, die nach einer Delle in der ersten Hälfte der Dekade wieder nach oben zeigen.