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Fotografien spielen immer wieder eine Rolle in Romanen. Der Frankfurter Autor Wilhelm Genazino hat mehrfach zu Fotografien aus Alben, die er auf Flohmärkten erstanden oder in einem Müllcontainer gefunden hat, Geschichten erfunden. Schriftsteller W. G. Sebald hat in seinen Romanen Bilder verwendet, die er selber mit der kamera aufgenommen hat. In den Romanen des Schweizer Schriftstellers Flavio Steimann kommen Fotografien und Fotografien vor. Und die österreichische Autorin Monika Helfer hat zu Fotos in ihrem Roman Vati Handlungen erinnert und niedergeschrieben.
Noch intensiver als die Genannten nutzt Annie Ernaux, französische Autorin und Trägerin des Nobelpreises für Literatur 2022, die Fotografie in ihren Erzählungen. Fotos, sagte Annie Ernaux in einem Interview, wirkten in ihrem Schreiben als Auslöser. Fotos von Männern und Frauen, nicht von Landschaften, würden sie zum Schreiben. bringen „Das Foto ist nichts anderes als angehaltene Zeit» lautet ein Satz von ihr. Die an einzelnen Lebensstationen der Autorin aufgenommenen, aber in ihren Büchern nicht abgebildeten Fotos, sie nennt sie „Standbilder der Erinnerung“, werden beschrieben und dann punktuell textlich und biografisch kontextualisiert. Immer wieder fügt sie bei der Beschreibung der Fotografien demonstrativ ihre Erinnerungen an. Anhand von Fotografien, Erinnerungen und Aufzeichnungen vergegenwärtigt Annie Ernaux die Jahre ihrer Biografie, die vergangen sind. Und sie schreibt dabei ihr Leben in eine völlig neuartige Erzählform ein, in eine kollektive Autobiographie indem Ereignisse in Frankreich oder Ereignisse, die seinerzeit in den Medien verhandelt wurden, beschrieben werden. Fotos gliedern manche Texte von Ernaux in Zeitabschnitte, die chronologisch aufeinander folgen. Jeweils wird zu Beginn einer solchen Einheit eine häufig auf der Rückseite datierte Fotografie relativ ausführlich beschrieben und bildet dann den Auftakt für die Darstellung der durch das Foto ausgelösten Erinnerungen.
Hier eine Bildbeschreibung aus Ernaux’ Buch «Die Jahre»: «Das Schwarz-Weiß-Foto eines Mädchens in dunklem Badeanzug auf einem Kieselstrand. Im Hintergrund eine Steilküste. Sie sitzt auf einem flachen Stein, die kräftigen Beine ausgestreckt, die Arme auf den Felsen gestützt, die Augen geschlossen, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Sie lächelt. Ein dicker brauner Zopf fällt ihr über die Schulter, der andere verschwindet hinter ihrem Rücken. Offensichtlich imitiert sie die Pose der Filmstars aus Cinémonde oder aus der Werbung für Ambre-Solaire-Sonnenmilch und will so ihrem demütigend unreifen Kleinmädchenkörper entfliehen. Auf ihren Schenkeln und Oberarmen zeichnet sich der helle Abdruck eines Kleides ab, ein Hinweis darauf, dass ein Ausflug ans Meer für dieses Kind eine Seltenheit ist. Der Strand ist menschenleer. Auf der Rückseite: August 1949, Sotteville-sur-Mer». Wir, die wir ihren Roman lesen, sehen die Fotografie nicht, wir imaginieren sie anhand der Schilderung der Autorin.
In ihrem Buch „Der Platz“ ist der Tod ihres Vaters 1967 Auslöser des Textes. Zwei Monate waren erst vergangen seit ihrer praktischen Prüfung für den höheren Schuldienst, der den endgültigen Abschied vom kleinbürgerlich-ärmlichen Provinzmilieu in der Normandie bedeutete, aus dem Ernaux stammt. Der Vater begleitete diesen mit einer Mischung aus Stolz und einer Portion Verletztheit, Gram und Missgunst. Auch hier spielen Fotografien Erzählauslöser: «Um die fünfzig, in den besten Jahren, den Kopf sehr gerade, mit besorgtem Blick, als fürchte er, das Foto könnte misslingen, er trägt einen Anzug, dunkle Hose, helle Jacke, ein Hemd mit Krawatte. An einem Sonntag aufgenommen unter der Woche trug er Blaumann. Überhaupt machte man Fotos ausschliesslich am Sonntag. Da hatte man mehr Zeit und war besser gekleidet. Ich bin neben ihm zu sehen, in einem Rüschelkleid, die Hände am Lenker meines ersten Fahrrads, einen Fuss auf dem Boden. Er hat eine hand am Gürtel , die andere hängt herunter. Im Hintergrund die offene Tür zur Kneipe, Blumen auf der Fensterbank, darüber die Plakette mit der Schanklizenz. Man lässt sich mit den Dingen fotografieren, auf deren Besitz man stolz ist, dem Geschäft, dem Fahrrad, später dem Renault 4 CV, eine Hand auf das Dach gestützt, eine Geste, durch die seit Jackett hochgerutscht war. Auf keinem der Fotos lächelt er.
Das beschriebene Bild fehlt im Buch. Und man weiss nicht, ob es jemals dieses Bild gegeben hat. Gerade weil dieses Bild ebenso wie alle die anderen im Buch so schön sprachlich geschilderten Bilder schlicht fehlen. Kann sein, dass das Bild beim Schreiben des Textes entstanden ist, ohne jemals in einem Objektiv gefangen und später auf Fotopapier gedruckt worden zu sein.
Ob Ernaux alle die Bilder jemals vor sich hatte, die sie beschreibt? Ein Satz in ihrem Buch «Die Jahre» verunsichert: «Das Haus mit der weinüberwucherten Laube in Venedig, auf dem Zattere-Kai Nummer 90A, das in den Sechzigerjahren ein Hotel gewesen ist», lautet die Beschreibung eines Bildes. Einen Freund, er ist Fotograf, hatte ich darum gebeten, während eines Besuchs der Biennale die in Ernaux’ Buch geschilderte Adresse aufzusuchen. Noch bevor er nach Venedig reiste, schrieb er mir: «Du gibst mir ein kleines Rätsel auf: Ich gehe davon aus, dass es sich beim Zattere-Kai um das Fondamento delle Zattere handelt, wo auch die Vaporetti anlegen und es etliche Hotels gibt. Wenn ich mich richtig erinnere, gibt es aber in Venedig keine Strassennummern im gängigen Sinn, sondern jeweils eine vierstellige Hausnummer. Ein Blick in Google Maps hat mit Zattere und 90 in Venedig keine Kombination ergeben, vielleicht übersehe ich aber etwas. Sollte ich die 90a entdecken, werde ich auf jeden Fall ein Foto für dich machen». Trotz diesen Bedenken hat er sich die Mühe genommen und hat sich auf die Suche nach dem beschriebenen Haus gemacht. Vergeblich wie er aus Venedig schrieb: «Nicht gefunden habe ich Annie Ernaux’ Hausnummer – diese dürfte Teil der Fiktion sein. «Fondamento delle Zattere 90 A habe ich leider nicht gefunden, dafür bin ich dort aber auf das Haus 4110 gestossen». Eine Tafel am Eingang besagt, dass Franz Kafka im September 1913 hier gewohnt und seine Liebesbriefe an Felice Bauer, seine Verlobte, geschrieben hat“.
Ob nun gefunden oder erfunden, es spielt keine Rolle. Annie Ernaux kann Bilder, existierende oder erdachte, wunderbar detailreich beschreiben. Hier aus ihrem Buch «Der Platz» ein anderes Bild: «Ein Foto, aufgenommen im Hof vor dem Fluss. Ein weisses Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, eine Hose, höchstwahrscheinlich aus Flanell, hängende Schultern, leicht angewinkelte Arme. Ein unzufriedener Gesichtsausdruck, vielleicht weil die Kamera ihn überrascht hat, bevor er eine Pose einnehmen konnte. Er ist vierzig Jahre alt. Auf dem Bild sieht man nichts vom vergangenen Unglück oder von seinen Hoffnungen. Nur die eindeutigen Zeichen des Alters, der Bauchansatz, das an den Schläfen schütter werdende schwarze Haar, und die diskreteren Zeichen der Klassenzugehörigkeit, die angewinkelten Ellbogen, das Plumpsklo und die Waschküche, die ein kleinbürgerliches Auge nicht als Hintergrund für das Foto gewählt hätte».
Fotografie und Film gehören zu Ernaux. In Cannes hat sie in diesem Jahr zusammen mit ihrem Sohn David den Film «Les annèes super 8» vorgestellt, in dem sie die Super-8-Aufnahmen der Familie von 1971 bis 1981 aus dem Off kommentiert: eine Mischung aus Home-Movie, Filmtagebuch und Dokumentation. In ihrem über die Bilder gelegten Textz versucht sie, den männlichen Kamerablick ihres damaligen Ehemannes durch eine weibliche Sicht zu ersetzen.
«L’usage de la photo» lautet der Titel eines Buchs von Annie Ernaux und Marc Marie, das noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Eine Geschichte um Fotografie eröffnet das Buch: Eine Art Spiel vor und nach dem Beischlaf. Die Autorin und ein Mann, es ist eindeutig ihr damaliger Partner Marc Marie, der nur mit dem Buchstaben M. vorgestellt wird, fotografieren die Kleider, die sie vor dem Sex hastig ausgezogen und auf dem Boden liegen gelassen haben. Es kann aber auch die Unordnung in der Küche oder in einem anderen Raum sein, die sie am Morgen beim Aufwachen vorfinden. Die Filme mit diesen Aufnahmen bringt sie oder er zum Fotoladen zum Entwickeln und Vergrössern. Derjenige, der die vergrösserten Bilder im Laden abholt, darf den Umschlag mit den Fotos keinesfalls öffnen. Man bringt die Bilder nach Hause und darf sie erstmals nur gemeinsam anschauen. So lautet eine Abmachung des gemeinsamen Spiels. Nachdem beide vierzig solcher Fotos von hingeworfenen Kleidungsstücken gemacht und angeschaut haben, kmmen sie überein, Texte zu vierzehn Bildern zu schreiben. Diese Texte veröffentlichten die beiden im Jahr 2005. Die Bilder im Buch? Das erste Bild: Ein Gang und auf dem Boden liegen in einer ungeordneten Reihe Kleider, Unterwäsche, Schuhe. Aufgenommen am 6. März 2003. Es sieht nach heftigen Szenen aus auf dem Weg in ein Zimmer der Wohnung. Ein anderes Bild ist datiert: Zimmer 223 im Hotel Amigo in Brüssel, aufgenommen am 10. März. Kleider liegen herum, das Bild ist wohl am Morgen aufgenommen worden, ein Durcheinander von Kleidern. Auf einem anderen Bild ist ein Schuh zu sehen, ein Parkettboden sowie ein Wäschestück. Ist’s ein Spitzenbüstenhalter? Zu jeder Fotografie fällt Annie Ernaux eine Handlung, eine Erinerung ein. Man fühlt sich erinnert an die französische Künstlerin Sophie Calle, die Bilder und Texte in überraschender Art und Weise verbinden konnte.
Büher von Annie Ernaux sind in deutscher Sprache bei Suhrkamp erschienen. „L’usage de la photo“ ist bei folio erschienen.
Eingeworfen am 15.11.2022