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Industrialisierung
Die Sozialversicherungen sind entstanden als Antwort auf die Industrialisierung bzw. der Situation der Arbeiterschaft in den Fabriken. Die Schweizerische Eidgenossenschaft erliess mit dem eidgenössischen Fabrikgesetz 1877 für die damalige Zeit vorbildliche Regelungen.
Situation der Arbeiter
Die Fabrikarbeiter waren schlecht entlöhnt – was auch damit zusammenhing, dass die Maschinen in den Fabriken schnell veralteten und es deshalb hohe Investitionen brauchte. Wegen der ungenügenden Saläre konnten die Arbeiter keine finanziellen Reserven bilden für Arbeitsausfälle infolge Krankheit oder Unfällen, geschweige denn für Alter oder Invalidität. Verloren Arbeiter zudem ihre Stelle – was oft vorkam, denn die Konjunktur erlitt oft starke Schwankungen – so gab es zwar ab 1881 eine Lohnfortzahlungspflicht, die aber nicht existenzsichernd war. Die Arbeitslosen fielen also der öffentlichen Fürsorge zur Last. Ergänzend existierte kirchliche, private oder gemeinnützige Hilfe. Ein längerer Erwerbsausfall aufgrund von Krankheit oder Alter war aber meist gleichbedeutend mit Armut und Not.
Staatliche und nichtstaatliche Unterstützung
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden in der Schweiz immer mehr der «gegenseitigen Hilfsgesellschaften», welche Beiträge erhoben und im Falle von Krankheit, teilweise auch bei anderen Schicksalsschlägen, ein Taggeld ausbezahlten, welches in der Regel äusserst bescheiden war. Um 1880 gab es über 1000 solcher Hilfsgesellschaften, denen rund 200'000 Personen angeschlossen waren. Konnte jemand seine Erwerbstätigkeit nicht ausüben und war keiner Gesellschaft angeschlossen, war er auf die Hilfe von Familie oder Armenbehörde angewiesen.
Die Idee einer staatlich geregelten Altersvorsorge kam aus Deutschland: Im Deutschen Reich initiierte Bismarck in den 1880er Jahren die Einführung von Sozialgesetzen (Kranken-, Unfall-, Invaliditäts- und Altersversicherung), was auch in der Schweiz zu einer verstärkten Debatte zum Thema führte. Verschiedene Kantone kannten bereits freiwillige oder obligatorische Altersversicherungen, auch Gewerkschaften führten Kassen, meist als Versicherung gegen Arbeitslosigkeit, teilweise mit weiter gehenden Leistungen.
Erste Sozialversicherungen in der Schweiz
Als erste Sozialversicherung der Schweiz gilt das Bundesgesetz über die Militärversicherung von 1901. Es gründet auf das Gesetz über die «Pensionen und Entschädigungen der im Militärdienst Verunglückten» aus der Mitte des 19. Jahrhunderts zurück.
Zwar stimmte das Parlament bereits 1890 einem Verfassungsartikel zur Sozialversicherung zu, doch das darauf gründende Kranken und Unfallversicherungsgesetz scheiterte 1900 in der Referendumsabstimmung – obwohl alle massgeblichen politischen Kräfte dafür waren. In abgeschwächter Form folgten Krankheits- und Unfallversicherungen in den 1910er Jahren.
Im Ersten Weltkrieg gerieten viele Militärdienstpflichtige und ihre Familien in echte Not, weil die Lohnfortzahlung für Arbeitnehmer gesetzlich nur für geringe Zeit gesichert war und die Unterstützung durch die Heimatgemeinden unzureichend war. Dies führte vor allem gegen Ende des Krieges zu sozialen Spannungen. Trotzdem dauerte es bis 1939, bis eine bessere gesetzliche Regelung in Kraft trat. Mit der Lohnersatzordnung, welche je zur Hälfte durch den Bund sowie durch die Arbeitnehmer und Arbeitgeber (mit je 2% Abgabe) finanziert wurde, sollten die Aktivdienst Leistenden unterstützt werden. Die Lösung war sehr populär und führte nach Ende des Zweiten Weltkrieges zu Forderungen nach einer AHV auf derselben Grundlage.
Zu dieser Zeit existierte eine Altersversicherung in den meisten europäischen Nachbarstaaten der Schweiz, während in der Eidgenossenschaft zwar eine Verfassungsgrundlage seit 1890 bestand, aber die Einführung immer wieder scheiterte.
Anfänge der Pensionskassen
Begünstigt einerseits durch das Fehlen einer Altersversicherung, andererseits aufgrund steuerlicher Vorteile, konnte die berufliche Vorsorge seit Ende des Ersten Weltkriegs einen starken Aufschwung verzeichnen. So stieg im öffentlichen Dienst die Anzahl der Versicherten von 38% 1920 bis auf fast 60% 1941, in der Privatwirtschaft stiegen die Zahlen von 7% auf beinahe 16%.
Die Pensionskassen profitierten von der Niederlage des ersten AHV-Projekts. Vor dem Ersten Weltkrieg waren Pensionskassen noch praktisch unbekannt. In der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg verbreiteten sie sich dagegen rasant, im Zweiten Weltkrieg kann man sogar von einer Boomphase sprechen. Der Grund für diese Expansion lag vor allem in grosszügigen Steuervergünstigungen, die 1916 vom Bundesrat eingeführt und in den dreissiger und vierziger Jahren erneuert wurden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verbreiteten sich die Pensionskassen weiter rasant: Gab es 1942 noch knapp über 2100, stieg die Zahl 1954 auf über 5200 und 1966 gar auf mehr als 13'300. Insbesondere die grossen Unternehmen bauten ab den 1960er Jahren Versicherungen auf, welche für ihre Arbeitnehmer und deren Familien Leistungen im Alter vorsahen, die der Staat nicht ausrichtete. In den 1950er und 1960er Jahre entstanden nach der Einführung der AHV 1948 weitere Sozialversicherungen: Bundesgesetz über die Arbeitslosenversicherung (1951), Bundesgesetz über die Erwerbsersatzordnung (1952), Bundesgestz über die Invalidenversicherung (1960).
Der Verfassungsartikel zu beruflichen Vorsorge war zwar bereits 1972 angenommen worden, die Ausarbeitung des entsprechenden Gesetzes dauerte aber. Vor dem Hintergrund der Krisenjahre wurde auf eine Harmonisierung der bestehenden Vorsorgeeinrichtungen verzichtet, eine staatliche Kasse zur Schliessung potenzieller Lücken wurde erwogen, kam aber nicht zustande. Die Zahl der Versicherten stieg aber stark an – noch bevor 1982 das Bundesgesetz über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge verabschiedet wurde, welches sich auf einen minimalen Schutz beschränkte, und das 1985 schliesslich in Kraft trat.