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Liebe Freunde,
nach einer langen Mailpause ist es an der Zeit, dass ich mich mal wieder melde. Momentan befinde
ich mich in Wuhan - einer größeren Stadt so ziemlich in der Mitte von China. Die Tage zuvor war ich von Dorf zu Dorf getingelt in den beiden Provinzen GuangXi und Guizhou. Die kleinen Dörfer sind ein
idealer Ort, um dem Fußballfieber zu entgehen. Zwar scheinen sich in China sowieso die wenigsten Leute für die WM zu interessieren (wohl zum Teil, weil China vor vier Jahren zum ersten Mal mitspielte und
gleich rausfaulte und zum anderen wohl auch weil China in einer optimalen Zeitzone liegt, um sämtliche Spiele zu verpassen. Selten war ich so froh, dass die Erde doch keine Scheibe ist!), aber auf dem
Land ist man wirklich sicher: dort gibt’s nämlich kaum Fernseher.
Die ländlichen Gebiete von China sind aber auch sonst sehr interessant zu besuchen. Die Leute
sind dort teilweise - wie soll man das freundlich sagen? - nicht immer mit geistigem Überfluss gesegnet. Zum Beispiel in der Busfahrt zwischen zwei Kleinstädten begannen plötzlich ein paar Männer Possen
zu reißen und durch den Bus Witze zu erzählen. Als sich der Bus und seine Insassen halb kaputt gelacht haben, wechselt einer der Männer das Thema und fragt einen anderen, ob er Lust auf ein Glücksspiel
habe. Das Spiel kennt man: Drei Karten, eine davon ist das Ass und die gilt es zwischen den beiden Nieten zu finden. Bei der ersten Runde gewinnt der Gegner rund zehn Franken. Bei der zweiten mischt der
Kartentrickser besser und der ganze Bus setzt auf die falsche Karte. Ein Bauer schräg gegenüber verlor 2000 Yuan – schätzungsweise der Jahreslohn des Mannes. Andere verloren ähnlich viel. Kaum war das
Spiel vorbei stieg der Kartenmischler und derjenige, der in der ersten Runde gewonnen hat zusammen mit zwei anderen Spielern aus - mitten in der Pampa. "Nein", meint der geprellte Bauer, er
sehe nichts Auffälliges daran, dass alle diese Leute zusammen aussteigen.
Ein anderes Beispiel aus Kaili. Dort bin ich in den Fahrstuhl (am Boden lag übrigens jeden Tag
ein anderer Teppich, auf dem der Wochentag geschrieben stand) eingestiegen. Ein Träger steigt ebenfall ein. Er will die 25-Liter Flasche in den dritten Stock bringen, doch der Knopf für die dritte Etage
im Fahrstuhl ist kaputt. Also fährt er mit mir in den neunten. So weit wäre ja noch nichts daran auszusetzen gewesen, doch nun steigt er mit mir aus und geht Richtung Treppe. Offenbar will er in den
dritten Stock runterlaufen. Ich winke ihn zurück in den Fahrstuhl und klicke auf den vierten Stock. Der Mann ist etwas verwirrt und freut sich dann, dass er nun nur noch eine Etage laufen muss. Na ja,
aber lassen wir diese Arrogantitaeten. Denn immerhin sind die Leute sehr nett.
Zum Beispiel eine Familie in den Bergdorf Xijiang, wenige Kilometer von Kaili entfernt. Als ich
dort angekommen bin, schnappt mich und meine Reisebegleitung (diesmal zur Abwechslung ein junges Mädchen aus Israel) eine ältere Frau in lokaler Tracht und führt uns in ihr Haus. Dort hat die Familie ein
Zimmer für Gäste eingerichtet. Damit alles nicht so offen ist, sind die Wände mit Papierbahnen zugemacht. Ebenfalls in einem Zimmer nebenan sind zwei Chinesinnen aus Peking. Am Abend nach dem
Village-Seeing ist der Tisch schon gedeckt: etwa 10 Schüsseln mit leckeren Sachen stehen dort und die Familie wartet bereits mit den chinesischen Gästen auf uns. Wir setzten uns und beginnen zu essen.
Bald kommt das Familienoberhaupt mit einer großen Flaschereiswein und will uns alle zum saufen nötigen. Die Chinesinnen sind nach wenigen Minuten angetrunken, genauso das Paar, welches uns bewirtet: der
Mann fängt nach wenigen Minuten an traditionelle Lieder zu singen. Die Frau will nur singen, wenn ich mich auf besaufe. Geht aber nicht! Denn in solchen Fällen oute ich mich immer gerne als
strenggläubiger Muslim. Normalerweise wird das akzeptiert. Die gute Miaofrau hat aber damit ihre Mühe, hängt sich an mich und führt das Glas an meine Lippen. Nichts da! Nach einer Weile kann ich mich
doch durchsetzen und mich auf einen akzeptablen Deal einlassen: wenn ich ein traditionelles Schweizer Lied singe, würde sie mich mit dem Reiswein in Ruhe lassen und überdies auch ein Lied anstimmen. Also
singe ich den Leuten "Rooti Rösli" und "Döt änä am Bergli" vor. Das gefiel ihnen. Am nächsten Morgen entdeckte ich einen Reisebericht in einer Hongkonger Zeitung über dieses Ehepaar:
"nach einem guten Essen bewirtete uns das Ehepaar mit Reiswein und stimmte traditionelle Lieder an...", heißt es dort. Offenbar tun die das mit allen Gästen.
Seit gestern bin ich in Wuhan. Hier kenne ich jemanden, der den Besitzer eines Hotels kennt. Ein
kleines Telefon genügte, seither wohne ich in Mitten der Yangtse-Metropole in einer Zweizimmer-suite im zwölften Stock. Nach den harten Betten und dem frühen Hahnengeschrei in den südchinesischen Dörfern
ist so ein klimatisiertes Zimmer mit einem richtigen Bett genau das was ich brauche, um nicht doch noch Heimweh zu bekommen.
Tja, dann wünsche ich euch noch ein schönes WM-Fieber und schreibt mir mal wieder...
Liebe Grüsse,
Oliver