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«Das pädagogische Jugendproblem ist insofern vor allem ein Problem der Mittelschicht, als es hier überhaupt einen Spielraum für ‘Jugend’ gibt. Erst eine gehobene sozio-ökonomische Stellung erlaubt so etwas wie eine Jugend-Existenz.»[1] Dieses Argument erklärt eine merkwürdige Regression in meiner Biografie auf soziologische Weise: Im Frühjahr 1974 war ich praktizierender Primarlehrer im Baselbiet, ab Frühjahr 1981 dann im Schlepptau auch von Schülern und Schülerinnen Mitläufer der sogenannten «Jugendbewegung» in Bern.
Von meiner Herkunft her war meine Jugend an einem kleinen Ort: Mit zwanzig musste ich erwachsen sein und mich als Berufsmann und Erwachsener zu bewähren beginnen (als Lehrer und als Rekrut, später Soldat). Dies gelang nur mit innerer Not und brachte mich an meine psychischen Grenzen – lediglich die Kündigung der Primarlehrerstelle in Läufelfingen 1975 und das anschliessende, von der Sache her perspektivlose Musikstudium in Basel verhinderten damals Zusammenbruch und soziale Auffälligkeit.
Jahre später, 1981, ermöglichte mir das Geld, das ich als Lehrer gespart hatte, meine «Jugend» doch noch auszuleben – in einem Alter, in dem andere meines Jahrgangs als Familienväter beruflich, militärisch und politisch die Karriereleitern zu erklimmen begannen. Die Frage, die offenbleibt: Warum habe ich es offenbar verpasst, während meiner Zeit im damaligen Staatlichen Lehrer- und Lehrerinnenseminar in Langenthal zwischen 1970 und 1974 Jugendlicher zu sein? Beschäftigte mich der soziale Aufstieg zum Primarlehrer derart, dass für mich das Erwachsenenleben psychisch bereits mit sechzehn begann? (Ich erinnere mich an gesteigerte Versagensängste und Überforderungsgefühle während des ersten Seminarjahrs: die wiederkehrende, bedrohliche Empfindung, jetzt dann gleich das Gleichgewicht zu verlieren und unkontrolliert hintüber zu fallen.)
[1] Heinrich Kupffer: Emanzipation erfordert radikales Umdenken, in: Ulrich Klemm [Hrsg.]: Antipädagogik. Frankfurt am Main (dipa-Verlag) 1992, S. 87.
(18.04.1997)
Abgesehen davon, dass ich diese am Schluss erwähnten Ängste als Phasen von depressiver Verstimmung seither mehrmals erlebt habe: Die Frage, warum ich es zwischen sechzehn und zwanzig verpasst habe, Jugendlicher zu sein, könnte im Anschluss an das einleitende Kupffer-Zitat einfach beantwortet werden: In der soziologischen Schicht, aus der ich herauswuchs – im halb gewerblich, halb proletarisch gefärbten Kleinbürgertum des ländlichen Oberaargaus – gab es den «Spielraum für ‘Jugend’» in dem Sinn, in dem ich ihn später für mich in Anspruch genommen habe, nicht. Ich lebte an Jugend, was möglich war, in der Peergroup des Seminarjahrgangs sehr wohl (unsere Liedermachereien im Stil der Berner Troubadours, unser ausgeprägtes Interesse für Musik und Literatur, die ersten Erfahrungen mit Alkohol und Frauen etc).
Richtig ist andererseits, dass mich der «Aufstieg zum Primarlehrer» beschäftigt hat: Mehrere der Seminarkollegen kamen aus Lehrerfamilien, in denen ich wenn nicht regelmässig, so doch ab und zu verkehrt habe. Meine ganze Kindheit in Roggwil war mitgeprägt vom Lehrerhaus meiner Gotte. Sie unterrichtete mich mehrere Jahre lang im Blockflötenspiel und schickte mich später zu Frau P., einer Industriellengattin im Dorf, die ab 1970 auch am Seminar meine Flötenlehrerin blieb.
Es stimmt, dass mich die «feinen Unterschiede» anzogen, die mit dem kulturellen Kapital dieser Milieus verbunden waren. Aber: Auch wenn es diese ganze «Aufstiegsfaszination» nicht gegeben hätte (die ja zweifellos in einem präzisen Verhältnis von Konkurrenz und Abgrenzung stand zur Aufstiegsfaszination meines älteren Bruders im Bereich des ökonomischen Kapitals), hätte ich zwischen sechzehn und zwanzig nicht mehr «Jugend» zu leben vermocht: Wäre ich nicht in das Seminar gegangen, hätte ich im Dorf vermutlich eine Berufslehre gemacht, wäre im Fussballclub des Dorfs geblieben, in dem ich damals mitspielte, und wäre im «Ochsen», im «Bären» oder in der «Linde» schnell zu dem geworden, was in einem Dorf damals als «erwachsen» gegolten hat.
Erst das Engagement in der Jugendbewegung bedeutete ab 1981 einen ersten Bruch mit den Normen meiner Herkunft. Zwar kündigte ich bereits auf Herbst 1975 die Primarlehrerstelle und befreite mich mit dem anschliessenden Musikstudium (bis 1979) ein Stück weit von Zwängen meiner Herkunft, die zu diesem Zeitpunkt schon vor allem verinnerlichte gewesen sind. Ich erinnere mich aber daran, dass ich mich, vermutlich im Sommer 1980, einen Moment lang für die Nachfolge von Frau P. als Blockflötenlehrer am Seminar Langenthal interessierte, und demnach in diesem Moment den Wiedereinstieg in die Welt meiner Herkunft in Betracht gezogen habe. Wäre dort die Tür aufgegangen, wäre ich zwar sozial aufgestiegen, hätte mich aber meinem angestammten Milieu geografisch wieder stark angenähert.
So aber blieb ich unentschieden am Rand meiner Herkunft hängen: Zuerst mit dem Engagement als Sprachbetreuer von Indochina-Flüchtlingen – von vornherein zwar ein befristeter Job, aber ich bewarb mich doch ausgerechnet für jenes «Flüchtlingszentrum» des Hilfswerks der evangelischen Kirchen Schweiz (HEKS) als Arbeitsort, das in Roggwil eröffnet wurde (es gab auch andere). Danach nahm ich als Hörer der Journalistik an der Universität Fribourg ein Schmalspur-Studium in Angriff in der uneingestandenen Hoffnung, als Spätberufener einen Fuss in die akademische Welt hineinzukriegen und so die Vorgabe meines Milieus – sozialer Aufstieg – doch noch zu realisieren. Nach einem Semester war ich dann allerdings überzeugt, dieses Studium bringe mir zu wenig.
Erst jetzt, 1981, wagte ich den ökonomisch ungesicherten Sprung in ein wirklich anderes Milieu: in jenes der Subkultur von urbanen Mittelstandsjugendlichen, die den Aufstand gegen die fertig gebaute Welt ihrer Eltern probten. (Nicht die kleinste Belastung der damals erst kurzen Beziehung zu meiner Lebenspartnerin H. war, dass ich sie nötigte, diesen Sprung wenn nicht nachzuvollziehen, so doch gutzuheissen.) Dass ich diesen Aufstand mit 27 noch nötig hatte, kann man wohl korrekt mit dem Begriff der Regression fassen.
Genau genommen war es aber bereits die zweite Regression: Während der ersten liess ich mich aus der vorgegebenen Perspektive meiner Herkunft – dem Primarlehrer – fallen, während der zweiten aus meiner selbstgewählten Perspektive des Herumhängens am Rand der akademischen Welt (Musikakademie Basel, Universität Fribourg). Der nun eingeschlagene, zweite selbstgewählte Weg führte mich übrigens bald in eine weitere der erwähnten depressiven Phasen. Ich wurde 1982 Redaktor der im Jahr zuvor gegründeten Wochenzeitung WoZ – und als solcher 1984 zunehmend konfrontiert mit Selbstüberforderungen, auch weil ich meinte, in dieser neuen Welt das Arbeitsethos meiner Herkunft leben zu müssen. Das war in jener basisdemokratischen Selbstverwaltungsszene, die mehrheitlich von urbanen Uni-AbgängerInnen (mit und ohne Abschluss) gebildet wurde, nichts weniger als selbstzerstörerisch. Dort durfte ja jeder – quasi autonom – über seinen Leistungsgrenzen arbeiten, wenn er das denn wollte (ich allerdings wollte nicht, sondern musste). Ich raste über meine physischen und psychischen Grenzen hinaus und prallte gegen die Wand, zu der mir die neu gewonnene Freiheit geworden war, die ich mir durch die Rückeroberung meiner «verlorenen Jugend» erkämpft hatte.
(03.10.2005; 15.03.2018)
Liebe Eltern, stellt euch vor, das «Langenthaler Tagblatt», das wir früher zuhause abonniert hatten, bittet mich um einen persönlichen Beitrag, weil ich ein gebürtiger Oberaargauer sei. Tatsächlich, Ende der fünfziger Jahren war der Oberaargau meine Welt. In den Sechzigern wurde er zu meiner Heimat und in den Siebzigern zur Gegend meiner Herkunft. Seit 2008 ist er geschrumpft auf euer gemeinsames Grab. Man ist schnell kein Oberaargauer mehr.
Ende März 1974, da war ich noch einer, als ich mein eben erworbenes Lehrerpatent auf den Stubentisch legte. Euch hat’s gefreut: ein Lehrer in der Familie, momou. Auch, als ich danach ins obere Baselbiet ging, um meine erste Stelle anzutreten, war ich noch Oberaargauer.
Aber dann kündigte ich diese Stelle, weil ich am Beruf verzweifelt war, bevor ich ihn beherrschte. Ich kam in die Stadt Basel, lebte in einer Wohngemeinschaft, mit Leuten, die mit einer mehrwöchigen Besetzung den Bau des Atomkraftwerks Kaiseraugust verhindert hatten. Jetzt wollten sie nach Gösgen, um die Inbetriebnahme des dortigen AKW’s zu verhindern.
Als Student habe ich mich damals vor allem mit alter Musik beschäftigt. Aber abends, am Küchentisch der WG, hörte ich zu. Ich merkte bald: Entweder muss ich mir jetzt die Ohren verstopfen oder ich bin nicht mehr lange Oberaargauer. Dort, wo ich herkam, galt ja vor allem, was die Obrigkeit sagte, zum Beispiel, «Kernkraft» sei nötig und gut für alle. Hier am Küchentisch redete man gerade so, als gäbe es wichtigeres als Obrigkeiten, und mir fielen trotzdem keine Gegenargumente ein.
Was sollte ich dagegen sagen, dass ein schwerer AKW-Unfall in Gösgen voraussichtlich ganze Regionen des Mittellands auf lange Zeit unbewohnbar machen würde? Und hat Plutonium nicht tatsächlich eine Halbwertszeit von 24’000 Jahren, und bleibt seine sichere Endlagerung nicht mindestens so lange ein unlösbares Problem?
Ich bin im Sommer 1977 mit den WG-Leuten nach Gösgen gefahren. Ich habe gelernt, was Tränengas ist, und statt gregorianische Choräle habe ich im Kanon gesungen: «Wehrt euch, leistet Widerstand / gegen das Atomkraftwerk im Land. / Haltet fest zusammen! Haltet fest zusammen!» Einen Tag und eine Nacht lang. Danach war ich kein Oberaargauer mehr.
Erinnert ihr euch noch? Als ich kurz darauf nach Hause kam, habe ich euch vom Tränengas und vom Plutonium erzählt und davon, dass die Obrigkeit auch in Graben drüben, ganz in der Nähe, ein AKW bauen lassen wolle.
Ihr habt mir sorgenvoll zugehört, ohne viel zu sagen. Damals ist etwas zwischen uns gekommen, weil ich wie einer redete, der kein Oberaargauer mehr war. So wurden wir uns fremder. Erst recht, als ich dann statt alter Musik linken Journalismus zu machen begann. Was war bloss aus dem Lehrer geworden, auf den man doch stolz gewesen wäre.
in Basel habe ich damals viel gelesen. Kafka, zum Beispiel. Der letzte Satz seiner Erzählung «Ein Landarzt» hat mich lange beschäftigt. Er lautet: «Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen.» Ich habe damals gewusst, dass auch ich einer Glocke gefolgt war und dass es nie wieder gutzumachen sein würde. Aber war’s ein Fehlläuten? Wird denn die Halbwertszeit von Plutonium kürzer, bloss weil die Obrigkeit von unlösbaren Problemen lieber nicht redet?
Entschuldigt, mit solchen Fragen will ich euch jetzt nicht noch belästigen. Ich habe euch das hier auch bloss deswegen geschrieben, weil ich dem «Langenthaler Tagblatt» ja irgendwie erklären muss, warum ich kein Oberaargauer mehr bin.[1]
(14.04.2011)
[1] Ab April 2011 schrieb ich ein Jahr lang Kolumnen für das Langenthaler Tagblatt. Dieser Text war der erste Versuch dazu, den ich – vermutlich weil sie mir vor dem Oberaargauer Publikum zu privat war – verworfen habe. (07.08.2017)