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Liebe & Liebe: Charles Maurras (1868-1952)
Wie eine literarische Fehde sich ins Kriminelle auswachsen kann, zeigt Charles Maurras' Prosabuch «Les amants de Venise», das im Jahre 1902 erschien. Um George Sand und Alfred de Musset geht es da, genauer: um den Venedig-Aufenthalt der beiden im Winter 1835, als de Musset krank ist und die Sand sich so wenig um ihn kümmert, dass er 1836 in der «Confession d'un Enfant du Siècle» bitter über sie klagt Aber nicht die Lovestory interessiert Maurras, sondern die romantische Liebe als solche. Ein Phänomen, das für ihn etwas Krankhaft-Verlogenes besitzt bzw. in der Exaltiertheit der Gefühle die soziale Ordnung stört: künstlerisches Outsidertum, ja Rebellion mittels Liebe. Mit der unverhohlen politischen und keineswegs ästhetischen Attacke gegen das romantische Weltgefühl bejaht Maurras indirekt Max Nordaus Pamphlet «Die Entartung», und seit der Dreyfus-Affäre von 1898 ist ihm auch der Antisemitismus nicht fremd. Und ist das Autonom-Poetische einmal als asozial diskreditiert, liegt auch der politischen Tat im Sinne jener «Action française» nichts mehr im Weg, deren Exponent Maurras später wird. Bis zur Kollaboration mit Vichy, ja bis zu dem Urteil, das ihn 1945 zu lebenslanger Haft verdammmt. Ob er sich Folgen wie diese bereits vorstellen konnte, als er 1902 beschloss, Literatur künftig nicht mehr ästhetisch, sondern politisch-moralisch zu deuten?
(«Les amants de Venise» ist bei Flammarion als Paperbook greifbar)