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Einer meiner Leser monierte kürzlich, dass ich dazu neigte, «summarisch über die USA herzuziehen». Ich nehme ihm das nicht übel. Auch andere sagen dies, während mir wiederum meine Gegner – und das sind vornehmlich Linke – eine blauäugige Amerika-freundlichkeit unterstellen. Ich bin diesem Leser gleichwohl dankbar, denn seine Rüge zwingt mich, meinem Artikel über das Phänomen Trump einige Sätze über mich selbst voranzustellen: Nichts liegt mir ferner, als mich an der dumpfen Amerikakritik der Achtundsechziger und ihrer Nachfolger zu beteiligen. Nein, ich trauere vielmehr um ein geliebtes Land, in dem ich den grösseren Teil meiner 60 Berufsjahre als Journalist zugebracht habe. Ich verdanke Amerika sehr viel, angefangen mit seiner Grosszügigkeit gegenüber dem besiegten Deutschland gleich nach dem Zweiten Weltkrieg; die Amerikaner hielten uns am Leben und schenkten uns unsere heute noch funktionierende Form der Demokratie. Das werde ich ihnen bestimmt nicht vergessen.
Ich danke jener fast ausgestorbenen Generation amerikanischer Kollegen, die mich als jungen Redakteur bei der Nachrichtenagentur Associated Press lehrten, was sauberer Journalismus ist: ein vorurteilsfreies Handwerk, das Fakten und Meinung säuberlich trennte und für die Wichtigkeit eines Textes keine geografischen Grenzen kannte. Sie waren heitere Kosmopoliten und keine engstirnigen Chauvinisten wie ihre Nachfolger, die heute ständig über andere Länder herziehen, namentlich über Europa. Dass die früheren Kriterien nicht mehr gelten, ist einer der wichtigsten Gründe dieses Requiems für die Vereinigten Staaten, in denen ich viele Jahre als Korrespondent gearbeitet habe, dessen Söhne ich im Dschungel und den Reisfeldern Vietnams sterben sah und an dessen Universitäten ich in der Mitte meiner Karriere zum Magister und dann zum Doktor der Theologie promoviert wurde.
Ich wohnte in New York und bangte mit Amerika, als seine Metropolen im Oktober 1962 während der Kubakrise in akuter Gefahr waren, atomar ausgelöscht zu werden. Ich war dabei, als die Amerikaner – vor allem auch die Weis-sen – mit Martin Luther King die vollen Bürgerrechte für Schwarze erstritten. Ich klagte mit ihnen, als Präsident John F. Kennedy am 22. November 1963 ermordet wurde, und eilte sofort nach Dallas, um diese Tragödie für die Zeitungen des Axel-Springer-Verlages zu schildern.
Aber im selben Jahr 1963 erlebte ich eben auch den Beginn der Metamorphose dieser sympathischen, jugendlichen Weltmacht zu der kranken Nation, die jetzt auf gespenstische Weise die warnenden Worte ihres zweiten Präsidenten John Adams (1736–1826) zu bestätigen droht: «Eine Demokratie währt nie lange. Schnell beginnt sie zu siechen. Sie erschöpft sich und bringt sich um. Es hat noch nie eine Demokratie gegeben, die keinen Selbstmord beging.» Wie sich dieser Wandel vollzog, werde ich weiter unten skizzieren. Dass Amerikas Demokratie siecht, ist jedoch unübersehbar. Davon zeugt unter anderem, dass selbst bibeltreue Christen dem pöbelnd an niedrigste Instinkte appellierenden Milliardär Donald Trump nachlaufen wie die Kinder von Hameln dem legendären Rattenfänger, der mit leeren Sprüchen den Bürgern der Stadt versprach, sie von Nagetieren zu befreien.
(Artikelauszug aus factum 03/2016)