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Als Elon Musk im September die #DearMoon-Mission ankündigte, ein Flug eines „Big Falcon Spaceships“ um den Mond herum, mit einer Gruppe Künstlern an Bord, in etwa 5 Jahren, gab er sich zuversichtlich: mit der dort vorgestellen Variante seines interplanetaren Raumschiffs sei nun endlich der Endpunkt der Design-Entwicklung erreicht. Nun könne mit dem Bau begonnen werden. Er zeigte damals sogar eine fertige Sektion des Raumschiffs, bestehend aus Kohlenfaser-Verbundsstoff. Die Ereignisse der letzten Wochen haben uns aber gezeigt, dass er sich damals getäuscht hat. Gleichzeitig zeigen diese Ereignisse uns aber auch, dass es SpaceX sehr ernst meint mit der Entwicklung der „Big Falcon Rocket“. Doch nochmals in Ruhe von Anfang an.
Das Big Falcon Spaceship (BFS) war die Oberstufe der Big Falcon Rocket (BFR), deren Erststufe bzw. „Booster“ manchmal auch Big Falcon Booster (BFB) genannt wurde. Musk spricht mittlerweile vom „Starship“ (statt vom BFS) und beim Booster von der „Super Heavy“. Schon lange hatte er erwähnt, dass das Starship zuerst entwickelt werden soll, weil es komplexer ist – es wäre ja auch die erste wiederverwendbare Raketen-Oberstufe überhaupt (ausser man betrachtet das komplett anders gebaute Space Shuttle als Oberstufe). Im Verlauf des letzten Jahres hat sich dabei ein Ort namens „Boca Chica“, im äussersten Süden des US-Bundesstaats Texas, als Testgelände für den Starship-Prototypen herauskristallisiert.
Auf dem Areal nahe der Grenze zu Mexiko war bereits seit ca. 2014 ein privater Weltraumbahnhof für SpaceX geplant. Allerdings gab es in den letzten Jahren nur wenige Fortschritte. SpaceX hat eine Anzahl leerstehender Grundstücke gekauft, ein Solarzellenfeld und eine Tankfarm errichtet, zwei Kommunikations-Schüsseln in Betrieb genommen. Ein grosser Hügel wurde nahe Küste aufgeschüttet, um Wasser aus dem sumpfigen Untergrund zu pressen, vermutlich um da dereinst eine Startrampe zu bauen. Doch es wurden bisher keine Hallen für den Zusammenbau von Raketen, oder gar Startrampen gebaut. Schliesslich meinte Musk, man werde in Boca Chica als nächstes den Prototypen des Starships testen.
In den letzten zwei Wochen berichteten Raumfahrt-interessierte Anwohner (aus Boca Chica Village, einem kleinen Weiler direkt neben dem geplanten Weltraumbahnhof) von neuen Bau-Aktivitäten: so wurde zuerst ein gigantisches „Zelt“ errichtet (das einige die Konstruktion in Nevada erinnerte, in der Elon Musk’s andere Firma Tesla im Frühjahr eine Produktionslinie für das Elektroauto Model 3 aufgestellt hatte). Neben dem Zelt wurde kurz darauf ein rundes Beton-Fundament mit neun Metern Durchmesser gegossen, auf dem eine zylindrische Stahlkonstruktion errichtet wurde. In Einschlägigen Raumfahrtforen spekulierte man bald über den Zweck der Konstruktion, und selbsternannte Experten entschieden, dass es sich um einen Wasserturm handeln musste.
Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. An dem „Wasserturm“ wurden in 120 Grad Abstand drei Stützen montiert. Unter dem Zelt tauchte zudem eine konische, glatt polierte Sektion auf, die wie die Spitze einer Rakete aussah. Nun dämmerte es einigen Beobachtern, dass es hier unter den Augen der Öffentlichkeit der erste Starship-Prototyp zusammengebaut werden könnte (andere glaubten allerdings immer noch an eine Art Statue, einen Kontrollturm in Starship-Form oder gar eine Art äusserst aufwändiger April-Scherz). Schliesslich schaltete sich Elon Musk persönlich in die Spekulationen der Raumfahrtfans auf Twitter ein – mit einem Feuerwerk an Kommentaren, aus denen sich nun ein ganz neues Bild vom Starship ergibt.
Zunächst einmal wurde die Starship-Hülle aus Kohlenfaser-Verbundsstoff offenbar komplett fallen gelassen – stattdessen setzt man nun auf rostfreien Stahl. Ganz konkret auf eine Legierung, die als SX500 bezeichnet wird und von SpaceX selbst entwickelt wurde. Diese soll eine enorme Festigkeit auch bei hohen Temperaturen aufweisen. Das Starship wird zudem beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre auf eine aktive Kühlung (mit flüssigem Methan) setzen, so dass es komplett ohne Hitzeschutzschild auskommt (!). Es wird auch keine Farbe aufgetragen, die Aussenhülle wird also metallisch glänzend sein. Die Kombination der vorteilhaften Materialeigenschaften von SX500 mit dem nun möglichen Verzicht auf einen Hitzeschutzschild machen rostfreien Strahl zu einer besseren Wahl als Kohlenfaser-Verbundsstoff, so Musk.
Dann bestätigte er, dass es sich bei der Konstruktion in Boca Chica tatsächlich um einen einfachen Starship-Prototypen namens „Hopper“ handelt, mit dem nächstes Jahr erste Testflüge durchgeführt werden sollen. Einem kürzlich veröffentlichten Antragsdokument für die Testflüge kann man entnehmen, dass bei diesen Tests der Hopper auf nicht mehr als 5 km Höhe aufsteigen soll. Der Hopper ist mit ca. 35 m deutlich kürzer als das Starship (ca. 55 m). Schon bald soll das Beton-Fundament des „Wasserturms“ entfernt und stattdessen drei Raptor-Treibwerke installiert werden. Die Raptor-Triebwerke selbst wurden ebenfalls „radikal neu entworfen“, so Musk, und sollen nächsten Monat zum ersten Mal in der neuen Konfiguration getestet werden.
Die ersten Testflüge des Hoppers sollen bis März oder April 2019 abgeschlossen sein – danach wird Musk die geänderten Pläne für das Starship und die Super Heavy im Detail vorstellen. In der Raketenfabrik in San Pedro wird zudem gerade das erste „richtige“ Starship entwickelt, das zuerst – nachdem der Hopper seine Testreihe abgeschlossen hat – höhere Testflüge durchführen und später auch in die Erdumlaufbahn aufsteigen soll. Und schliesslich stellte er das Bild online, das oben zu sehen ist, mit dem Titel: „Stainless steel starship“ (ein Starship aus rostfreiem Stahl)… In einem späteren Kommentar auf Twitter schätzte Musk die Wahrscheinlichkeit, dass bis 2020 ein Starship in die Erdumlaufbahn aufsteigt, auf 60% und steigend…
Diese überraschend schnelle und geradezu hemdsärmlige Entwicklung des Prototypen, ja der Bau einer funktionalen Rakete unter freiem Himmel (wer fühlt sich da nicht an die Raumschiffwerft in Iowa im Film „Star Trek“ (2009) erinnert?) bzw. einem Zelt, die raschen und radikalen Veränderungen im Design, die nahezu beiläufige Kommunikation wichtiger Informationen zum wohl wichtigsten Zukunftsprojekt dieser Milliardenschweren Firma über soziale Medien – all das ist „klassischer“ SpaceX-Stil und zeigt, dass die Firma ihre wichtigste Qualität, ihre Agilität und Innovationskraft, in den letzten Jahren definitiv nicht verloren hat.
Der Hopper ist auch ein starkes Signal an den Markt, dass SpaceX es mit der Big Falcon Rocket (bzw. Starship / Super Heavy) wirklich ernst meint und sich nicht scheut, hier zu investieren, auch wenn noch keine einzige Mission verkauft wurde. Spätestens wenn er im Frühjahr abhebt und intakt wieder landet, müsste allen Beobachtern der Raumfahrtszene klar werden, dass es kein zurück gibt. Rückschläge sind wie immer zu erwarten und gehören dazu, aber die Richtung ist klar: in spätestens zehn Jahren (vermutlich aber viel früher), würde ich schätzen, wird SpaceX über eine komplett wiederverwendbare Schwerlastrakete (>100 Tonnen Nutzlast) verfügen. Damit kann man dann Menschen zum Mars fliegen – oder aber nahezu den gesamten Markt der Raketenstarts abräumen.
Update 27.12.18: Dieser Artikel wurde leicht überarbeitet, um die Lesbarkeit zu erhöhen.