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Was passiert, wenn Eltern ihre Kinder bevorzugen? Dürfen die Bevorzugten sich für etwas Besseres halten als ihre Geschwister? Und was ist eine gute Reaktion der weniger geliebten? Eine biblische Erzählung zeigt, wie all das gewaltig schiefgeht und lässt durchscheinen, was man aus ihr lernen kann.
Liebe für alle?
Zu Beginn der biblischen Josefserzählung (Genesis 37-50) wird ein Familienportrait entworfen: Josef hütet mit seinen Brüdern Schafe und Ziegen. Nach getaner Arbeit trägt er die Lästereien seiner Brüder an ihren Vater weiter. Direkt darauf erfahren die Leserinnen und Leser, dass der Vater Josef mehr liebt als seine anderen Kinder. Diese Liebe hat einen Grund: Sein Vater Jakob ist bereits sehr alt und hat möglicherweise nicht mehr mit einem weiteren Kind gerechnet. Nicht genug, dass der Vater den Zweitjüngsten mehr liebt als die anderen elf Söhne und die Tochter Dina. Er zeigt es auch noch. Seine Gunst wird durch ein Kleidungsstück sichtbar, einen bunten Rock, den er für Josef anfertigen lässt. In der Zeit, in der die Handlung spielt, war dies ein sehr teurer Spass. Eine so offene Bevorzugung macht seine Geschwister im wahrsten Sinne sprachlos:
«Sie hassten ihn und konnten mit ihm kein friedliches Wort mehr reden» (Gen 37, 4).
Traumbilder und Gewaltphantasien
Stattdessen redet Josef. Er erzählt ihnen seine Träume. Ihr Inhalt hat eine ziemlich eindeutige Bildsprache. Die Zeichen, die für seine Brüder und im zweiten Traum auch für seine Eltern stehen, unterwerfen sich gegenüber dem Zeichen Josefs. Nach der ersten Traumerzählung heisst es in Vers 8, dass seine Brüder ihn noch mehr hassten. Der Text zeichnet diesen eigentlich stillen, nicht offen ausgetragenen Konflikt in mehreren Stufen. Nach der zweiten Traumerzählung wird auch Jakob ungehalten. Der Familienvater massregelt Josef für diesen Traum, in dem sich vor ihm Sonne, Mond und elf Sterne niederwarfen. Es gehört zur Ironie dieser Erzählung, dass Jakobs wählerische Liebe zu Josef den Hass seiner Brüder nach sich zieht. Ebenso ist es dann Jakob, der den geliebten Josef zu seinen Brüdern schickt, um nach ihnen und dem Kleinvieh, das sie hüten, zu sehen. Fernab vom Vater in der Steppe beschliessen die Brüder, ihrem Hass Taten folgen zu lassen. Ihr aufgestauter Neid (von dem nicht expressis verbis die Rede ist, den man aber erschliessen kann) und Hass münden in einem Mordplan:
«Sie sahen ihn von Weitem. Bevor er jedoch nahe an sie herangekommen war, fassten sie den Plan, ihn umzubringen. » (Gen 37, 18).
Sich identifizieren, aber mit wem?
Bereits dieser Anfang der dramatischen Josefserzählung weist eine hohe «psychologische Dichte» (Uehlinger, 230) auf. Sie zeigt sich etwa darin, dass Lesende das Geschehen immer wieder auch mit den Augen der Brüder Josefs sehen können. Sie werden weder entschuldigt, noch als Monster dargestellt. Vielmehr wird im Handlungsaufbau die Tragik der aufeinanderfolgenden Ereignisse nachvollziehbar gemacht: Jakobs verantwortungsloser Umgang mit seinen Gefühlen, Josefs Verhalten, seine Träume und schliesslich sein Umgang damit. Diese Verwicklungen verdichten sich zu Ohnmacht (Gen 37,4: «Sie konnten mit ihm kein friedliches Wort mehr reden. ») und Angst (Gen 37,8: «Willst Du etwa König über uns werden oder über uns herrschen? ») der Brüder und münden schliesslich in Gewalt. Es ist diese schlichte, klar aufgebaute und perspektivische Erzählweise, die Lesenden ermöglicht, in die Welt des Textes einzusteigen (vgl. Eder, 19f.). Dazu tragen ebenfalls die Reden einiger der Figuren bei (vgl. Uehlinger, 230). Wichtig ist schliesslich die Thematik Familie / Familienkonflikt. Sie ist vielen Schülerinnen und Schülern lebensweltlich zugänglich.
Gen 37 bietet gleich mehrere solche Identifikationspotenziale. Neben den Brüdern, als weniger geliebte, «nachgeordnete Gesamtheit» ist da die Hauptfigur selbst. Seine Traumerzählungen erfahren Leserinnen und Leser direkt nach dem Geschenk des «bunten Rocks». Auch Jakobs Auftrag an Josef, bei den weidenden Brüdern nach dem Rechten zu sehen, kann so gelesen werden, dass Josef in eine besondere Rolle gehoben wird.
Doch das erste Augenpaar, mit dem Leser die Textwelt gezeigt bekommt, gehört Jakob. Diese Identifikationsmöglichkeit eignet sich gewiss weniger für den schulischen Unterricht, als für Bibelarbeit mit Eltern. Auch sie bietet einen konkreten Einstieg in die Textwelt.
Lernmöglichkeiten
Es lohnt sich, am Beginn der Josefserzählung stehen zu bleiben und dort in die Textwelt einzutauchen. In der neuen Einheitsübersetzung ist sie sprachlich barrierefrei und genau genug, um ihren Stil nachzuvollziehen. Zugänglich wird sie durch die vielen Perspektiven und durch mögliche, wenn auch sehr persönliche Korrelationen aus den Lebenswelten der Schülerinnen und Schüler. Freilich können die Konfliktlinien der Familie Jakobs auch auf Klassen- und Gruppenkontexte übertragen und der Lernprozess auf diese bezogen werden. Denn die Dynamik zwischen Josef und seinen Brüdern veranschaulicht, wie Konflikte durch fehlende Kommunikation überhandnehmen und wie Gewalt entstehen kann.
Literatur
- Eder, Sigrid: In die Textwelt einsteigen. Identifikationspotenziale im Rutbuch, in: Österreichisches Religionspädagogisches Forum 20 (2012) 19-23.
- Uehlinger, Christoph: Genesis 37-50: Der «Josef-Roman», in: Römer, Th. u.a. (Hg.): Einleitung in das Alte Testament, Zürich 2013, 217-232.