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Lotta: eine sehr hübsche, kompakte Marmorkätzin, auf vier kräftigen, kurzen Beinchen. Zuverlässig verbürgt ist, dass sie im Herbst 1990 in Italien geboren wurde. Sie hatte, das in südlichen Ländern eher seltene Glück, von einer Frau aufgenommen zu werden, bei der sie 14 Jahre, bis zu deren Tod, bleiben durfte. Von der zahlreichen Verwandtschaft war, wie üblich, niemand an der völlig gesunden, verschmusten, lieben Kätzin interessiert.
Meine italienische Kollegin konnte gerade noch verhindern, dass man Lotta aussetzte. Dies ist eine bevorzugte Methode in Südeuropa, sich von unerwünschten Katzen zu befreien. Wie alle Menschen, die sich um Tiere kümmern, deren sich andere entledigt haben, betreute meine Kollegin sowieso schon viel zu viele ausgesetzte Katzen. Aber was sollte sie machen. Jetzt, wo sie informiert war, dass eine relativ alte Kätzin dringend Hilfe brauchte, musste sie handeln. In Italien ist die Vermittlung einer 14 Jahre alten Katze praktisch unmöglich. Die Bereitschaft, einer Katze von über 10 Jahren in der eigenen Familie die Chance zu geben, noch einige schöne Jahre zu erleben, ist objektiv gesehen, in Nordeuropa auch nicht viel besser. Das Traurige war, dass meine noch relativ junge, italienische Kollegin kurz darauf an Knochenkrebs starb.
Mit vielen anderen Tieren war Lotta wieder heimatlos. Am 15.5.05 kam sie, jetzt 15 Jahre alt, mit einigen anderen Katzen in die Schweiz auf den Katzenhof. Natürlich hatte ich mir im Vorfeld Gedanken und Sorgen gemacht, wie die alte Kätzin den neuerlichen Umzug verkraften würde. Ich hatte vorgesehen, Lotta nicht mit den anderen Neuen im 1. Stock meine Hauses zu separieren. Sondern sie hinter der Küche, im sogenannten Hauswirtschaftsraum, einzuquartieren. Ich wollte sie in meiner unmittelbaren Nähe haben, um zwischendurch immer wieder nach ihr sehen zu können. Lotta machte von Anfang an den Eindruck angekommen zu sein und machte keinerlei Schwierigkeiten. Nachdem sie etwas gegessen hatte, legte sie sich anschliessend völlig selbstverständlich in einen der bereitgestellten Körbe und schlief, anscheinend etwas erschöpft aber zufrieden, bis zum nächsten Morgen.
Kaum wach, bestand sie darauf, den Raum zu verlassen. Sie marschierte im Haus und zwischen den alteingesessenen Katzen völlig souverän und selbstbewusst herum. Das Verblüffendste war, dass keines der Tiere sie anfauchte oder gar angriff bzw. bedrohte. Jetzt lebt sie schon 6 Monate mit uns, so als wäre sie nie woanders gewesen. Nur Cyrus, mein englischer Mastiff (Hund) beunruhigte sie in den ersten Monaten etwas. Aber nur, wenn er direkt an ihr vorbeilief. Dann fauchte sie leicht empört und ungehalten.
Im Gegensatz zu anderen Katzen dieses Alters, schläft sie am Tag relativ wenig. Sie ist sehr aufmerksam, beobachtet alles was um sie herum vor sich geht und nimmt, wenn irgend möglich, daran teil. Nach wenigen Tagen verlangte sie, wie die anderen Katzen, am Tag in den Garten gelassen zu werden. Alte Katzen handeln in der Regel überlegt und vernünftig. Deshalb, und weil es warm und sonnig war, gab ich nach und liess sie, gegen jede Vernunft, nach draussen. An einem neuen Ort müssen Katzen ganz streng und konsequent, wenigstens 4 Wochen nur im Haus gehalten werden! Durch die Hanglage des Hauses, habe ich hinter dem Haus einen schönen, heimeligen Hof, den alle Tiere und ich sehr lieben. Von der Küche aus liess ich sie in diesen Hof. Von dem aus hätte sie allerdings jederzeit in meinen sehr grossen (4000 m2), verwilderten Garten und weiter gehen können. Wegen meines Leichtsinns war ich sehr nervös und vergewisserte mich dauern, ob Lotta noch da war. Wochenlang machte sie überhaupt keine Anstalten den Hof zu verlassen. Sie lag, lang ausgestreckt, mit sich, der Welt und ihrem neuen Zuhause zufrieden, in der Sonne. Durch die offen stehende Tür konnte sie, wenn sie wollte, jederzeit ins Haus kommen und auch wieder gehen, was sie auch tat.
Nach ungefähr 3 Wochen begann sie Ausflüge in den Garten zu unternehmen. Auf diesen Exkursionen begegneten ihr immer wieder Katzen, die sie noch nicht kannte. Es handelte sich um Tiere, die im Untergeschoss meines Hauses leben und zum Teil schon länger auf dem Katzenhof sind. Am Tag dürfen einige davon direkt in den Garten. In der darauf folgenden Zeit musste ich immer wieder in den unteren Garten rennen, um Katzen zu retten. Lotta verprügelte, ausser sich vor Zorn, alle Katzen, die sie nicht kannte. Mit Nachdruck und lautstark gab ich ihr jedesmal zu verstehen, dass man sich so nicht aufführt. Nach einiger Zeit war ihr offensichtlich klar, dass die Katzen auch zu uns gehörten und liess sie in Frieden.
An einem Sonntagmorgen ging ich in den besagten
Hof und traute meinen Augen nicht. Lotta sass quitsch vergnügt auf einer grossen
Linde, die am Ende des Hofes steht. Ich wollte gerade in die Garage gehen um
eine Leiter holen und Lotta herunter helfen. Katzen klettern oft auf Bäume,
vor allem junge Katzen, haben dann aber Angst vor dem Abstieg und warten lieber
auf die Feuerwehr. Nicht so Lotta! Sie kam gekonnt auf Katzenart vom Baum herunter.
Hochklettern oder springen beherrscht sie sowieso gut. Davon konnte ich mich überzeugen, als sie mir von der Arbeitsfläche meiner Küche einen ganzen Limburgerkäse geklaut und aufgegessen hat. Ich hatte gerade angefangen mir mein Frühstück vorzubereiten, als das Telefon klingelte. Als ich zurück in die Küche kam, war für mich immerhin noch das trockene Brot übrig.
Etwa eine Woche später war ich gerade dabei
mir einen Salat aus Kohlrabi, Lattich und Avocado zu machen. Die Avocado war
zum schnetzeln schon zu weich, also zerdrückte ich sie mit einer Gabel. Da klingelte
wieder einmal das Telefon. Als ich nach Beendigung des Anrufs in die Küche zurückkam,
waren nur noch Kohlrabi und Lattich da. Die Kätzin hatte, sage und schreibe,
die ganze Avocado aufgefressen. Grundsätzlich ist Lotta lieb und anpassungsbereit.
Sie kann aber auch stur und bockig sein und schrecklich nerven, wenn es um ihre
persönlichen Bedürfnisse geht. Morgens, sobald ich erscheine, besteht sie auf
ihr Frühstück und zwar sofort. Das Problem ist, dass mit ihr im Hauptwohngeschoss
noch zehn andere Tiere gefüttert werden wollen und das möglichst auch "presto"!
Lasse ich Lotta einmal warten, setzt sie mich mit einem Dauergemaunze massiv unter Druck. Pipi macht sie grundsätzlich nur in einer bestimmten Toilette. Es ist schon vorgekommen, dass sie musste, als ich gerade "ihre" Toilette reinigte. Ohne mit der Wimper zu zucken, machte sie den grössten See einfach an die Stelle, wo ihr Kistli normalerweise steht, auf den Boden.
Total begeistert ist Lotta, wenn Katzeninteressenten uns besuchen. Sie sorgt dafür, dass niemand an ihr vorbeikommt. Sie zieht alle Register, um nicht übersehen zu werden und alle mit ihr schmusen. Was sie dann aber gar nicht schätzt, ist eine Mitkatze die auch beschmust werden will. Sie zögert keinen Moment so einer Konkurrentin sehr nachdrücklich auf den Kopf zu hauen! Man kann davon ausgehen, dass sie wenigstens 1x pro Woche für eine echte Überraschung sorgt.
Lotta's Geschichte habe ich aufgeschrieben, um zu zeigen wie interessant, lustig und liebenswert ältere Katzen sind.
Copyright Isabella R. Kern