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Seit jeher haben die Alpen die Menschen angezogen und abgestossen, fasziniert und erschreckt. Schon früh wollten sie die Alpen überwinden und suchten Wege über das höchste Gebirge Europas. Doch wie wurden die Alpen erschlossen? Und warum nahmen Menschen überhaupt die Strapazen einer Überquerung auf sich?
Die Alpen waren keineswegs eine unüberwindbare Barriere für die seit vorgeschichtlichen Zeiten existierenden Beziehungen zwischen Nord und Süd.
Handel und Verkehr zwischen Nord und Süd
Mit Gipfeln bis über 4'000 m Höhe sind die rund 1'200 km langen und 150-250 km breiten Alpen das höchste Gebirge Europas. Dennoch waren sie für die Menschen schon seit Jahrtausenden kein unüberwindbares Hindernis zwischen Nord und Süd. Die Überquerung hoher Pässe bereitete kaum Schwierigkeiten. Lediglich enge und tiefe Schluchten oder der Wintereinbruch erschwerten den Weg durch das Gebirge.
Bereits in der Mittelsteinzeit vor 12'000 Jahren überquerten Jäger- und Sammlergruppen auf ihren Streifzügen die Alpen. Seit der Jungsteinzeit vor 7'500 Jahren kam es zu engeren Kontakten zwischen den Menschen, die nördlich und südlich der Alpen lebten. Sie führten nicht nur zu einem Austausch von Waren, sondern gaben auch entscheidende Anregungen im technischen und kulturellen Bereich.
Mit dem Beginn der Bronzezeit vor 4'000 Jahren entstand ein europaweites Handelsnetz. Die Rohstoffe Kupfer und Zinn sowie Bernstein und Salz spielten als Fernhandelsware eine grosse Rolle. Die Transportwege reichten vom Mittelmeerraum nach Norden bis zu den Britischen Inseln und an die Ostsee. In der Eisenzeit seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. wurden enge Kontakte zwischen Kelten und Etruskern geknüpft.
Im Jahre 15 v. Chr. besetzten die Römer den gesamten westlichen Alpenbogen und das nördliche Alpenvorland.
Sie bauten viele Wege - so auch die Alpenübergänge - zu festen Strassen aus und verbanden die Provinzen ihres Reiches. Im Gebiet des heutigen Kantons St.Gallen waren die Strassen durch das Rheintal, die Walenseeregion und durch die Linthebene ins römische Strassennetz eingebettet und verbanden es mit dem übrigen Europa.
Zwar führte der Zusammenbruch des Römischen Reiches zu Beginn des 5. Jahrhunderts n. Chr. zum Niedergang eines staatlich organisierten Verkehrswesens, aber die Strasseninfrastruktur blieb weitgehend erhalten. Noch im Mittelalter und in der frühen Neuzeit zogen Kaiser und Kaufleute, Päpste und Pilger auf römischen Strassen über die Alpen.
Mensch und Tier auf Wegen und Strassen
In Sargans zweigte eine Nebenstrasse über Walensee und Zürichsee ins Schweizer Mittelland ab.
Über die übrigen Schweizer Alpenpässe führten in römischer Zeit keine ausgebauten Fahrstrassen. Wichtige Nord-Süd-Verbindungen wie Gotthard, Lukmanier, Splügen und San Bernardino waren vermutlich nur Fuss- und Saumwege.
Ursprünglich trugen die Menschen selbst Waren über die Alpenpässe. Seit der Jungsteinzeit vor 7'500 Jahren wurden schwere Lasten auf dem Rücken von Schafen, Ziegen und Rindern - und seit der Bronzezeit auch von Pferden - transportiert. In römischer Zeit kamen Maultiere, Pferde und sogar Kamele als Saumtiere zum Einsatz.
Dank der genialen Erfindung des Rades vor 5'000 Jahren konnten schwere Lasten von nun an auf Wagen befördert werden. Diese wurden anfänglich aber nur im Flachland als Transportmittel verwendet. Erst seit der römischen Zeit - dank gut ausgebauter Strassen - diente der Wagen als Transportfahrzeug für Waren und als Reisegefährt für Menschen, um auch Alpenpässe zu überqueren. Während man beim Gütertransport den Ochsen als Zugtier bevorzugte, spannte man vor Reisewagen Pferde oder Maultiere.
Neben den Landstrassen spielten Flüsse und Seen als Handels- und Verkehrswege eine wichtige Rolle. Der Transport auf dem Wasser war billiger und schneller. Noch bis ins Mittelalter wurden schwere Lasten und Personen mit Einbäumen und - seit der Eisenzeit - auch mit Plankenschiffen befördert.
Ein Strom von Waren und Ideen über die Alpen
Schon in der Jungsteinzeit vor 7'500 Jahren setzte ein reger Warenaustausch und Handel über die Alpen von Norden nach Süden und umgekehrt ein. Mit dem Beginn der Bronzezeit vor 4'000 Jahren entstand ein europaweites Handelsnetz. In römischer Zeit war der Fernhandel auf den Reichsstrassen gut organisiert und wurde von mächtigen privaten Handels- und Transportunternehmen betrieben. Über Zollabgaben, Transportsteuern und eine Umsatzsteuer auf Waren war der römische Staat an den Gewinnen der blühenden Wirtschaft beteiligt.
Nach dem Untergang des Römischen Reiches im 5. Jahrhundert liefen der Handel und die Kontakte zwischen Nord und Süd auch im Frühmittelalter über die noch weitgehend erhaltene römische Strasseninfrastruktur. Das Alpenrheintal als Zugang zu den Alpenpässen und Churrätien als Passland waren für den transalpinen Handel weiterhin von grosser Bedeutung. Die Bewohner Churrätiens pflegten enge Kontakte zu ihren Nachbarn: den Alamannen, Bayern und dem fränkischen Königshof im Norden sowie den Langobarden im Süden.
Die Rohstoffe Feuerstein, Kupfer, Zinn, Salz und Bernstein sowie Gold, Eisen und Blei spielten als Fernhandelsware eine Rolle. Daneben wurde Handel mit Fertigprodukten wie Waffen oder Werkzeugen und mit Luxusartikeln wie exotischen Schmuckstücken betrieben. Zudem handelten die Alpenbewohner mit ihren lokalen Erzeugnissen wie Lebensmitteln und Textilien.
Mit den Händlern und Handwerkern gelangten nicht nur Waren, sondern auch bestimmte Fertigkeiten und Kenntnisse vom Süden in den Alpenraum und nach Norden. So dienten beispielsweise kostbare Gefässe oder Schmuckstücke aus dem Süden den Kunsthandwerkern nördlich der Alpen als Vorbilder. Sie ahmten die südlichen Anregungen nach oder setzten sie auf eigenständige Art um.
Händler, Handwerker und Dienstleister in Dörfern
Nicht nur Händler und Handwerker nahmen den beschwerlichen Weg über die Alpen auf sich. Saisonarbeiter aus Oberitalien arbeiteten während der Wintermonate in den Salzbergwerken bei Hallstatt und Hallein (Oberösterreich). Frauen reisten ins oder übers Gebirge, um in der Fremde zu heiraten. Immer wieder überquerten auch Kriegstruppen die Alpen.
Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. stiessen die Kelten scharenweise von Norden nach Italien vor. Umgekehrt waren die Alpenpässe im letzten Jahrhundert v. Chr. wichtige Durchgangsrouten für die römischen Legionen nach Norden.
Handel und Verkehr sowie der Abbau von Bodenschätzen waren Gründe dafür, dass der Alpenraum seit der Bronzezeit bis in die entlegensten Täler hinein besiedelt wurde. An Wegkreuzungen, Seeufern, Flussübergängen, am Fuss der Pässe sowie auf Anhöhen entstanden Dörfer, die zu Handels- und Handwerkerzentren wurden. Deren Bewohner kontrollierten den Transithandel. Sie übernahmen Dienste als Wegführer, Träger oder Säumer und stellten Transportmittel zur Verfügung. Wegmacher sorgten für Unterhalt und Sicherheit der Verkehrswege. Entlang der Durchgangsrouten boten «Hoteliers» Unterkunft und Verpflegung für die Reisenden an. Zusammen mit den Weggeldern wurde das Dienstleistungsgewerbe für die Menschen im Alpenraum eine wichtige Einnahmequelle.
Reisen im Schutze der Götter
Das Reisen zu Fuss, mit Saumtieren und Wagen über die Alpen war trotz Wegen und Strassen beschwerlich und stets mit Gefahren verbunden. Man musste schwierige Wegabschnitte wie Schluchten überwinden oder mit einem plötzlichen Wetterumbruch im Gebirge rechnen. Unwetter, Sturzbäche, Bergrutsche und Lawinen (siehe: Naturgefahren) waren lebensbedrohlich für die Reisenden. Um Überfällen von Räuberbanden zu entgehen, nahm man sogar weite Umwege in Kauf.
Aus Angst vor diesen Gefahren stellte sich ein Reisender gerne unter den Schutz der Götter und suchte heilige Plätze oder Tempel auf. Vor Antritt einer Reise opferte oder versprach er einer Gottheit etwas, damit sie ihn unterwegs beschütze. Nach glücklicher Rückkehr bedankte sich mancher Reisende mit einem Opfer oder durch das Einlösen eines Versprechens.
Auch unterwegs versicherte man sich der göttlichen Gunst. Besonders auf Passhöhen standen Tempel und Altäre. Dort dankte der Reisende einer Gottheit für die gut verlaufende Reise. Im Gebiet der heutigen Schweiz stand das bedeutendste Passheiligtum römischer Zeit auf dem Grossen St.Bernhard und war Jupiter geweiht. Zum Heiligtum auf dem Julierpass gehörte eine kleine Tempelanlage mit Jupiterstandbild.
Über das Historisches und Völkerkundemuseum
Historisches und Völkerkundemuseum, Museumstrasse 50, 9000 St.Gallen, Tel. 071 242 06 42
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Internet: www.hmsg.ch
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