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|Jeremias Gotthelf ist ein Pseudonym [Künstlername], der bekannte Schriftsteller aus
dem Berner Emmental hiess eigentlich Albert Bitzius |
* Murten 4.10.1797, + Lützelflüh (Emmental) 22.10.1854
Pfarrer; aus alter Berner Patrizierfamilie
Jeremias Gotthelf verstand seine Literatur als Fortsetzung der Seelsorge mit anderen Mitteln. Er gilt als einer der bekanntesten Schweizer Schriftsteller und war noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts sehr populär (Verfilmungen und Hörspiele). Seine Erzählungen und Romane spielen fast ausschliesslich in der Bauernwelt und sind sprachlich stark mundartlich geprägt. Jeremias Gotthelf formulierte harte Zeitkritik aus wertkonservativer religiöser Sicht.
|Romane von Jeremias Gotthelf|
|Erzählungen von Jeremias Gotthelf|

|Filme und Hörspiele|
|Franz Schneider drehte nach den Romanen von Jeremias Gotthelf 1954 Ueli der Knecht und 1955 Ueli der Pächter mit Liselotte Pulver und Johannes Schmidhauser. Die beiden Filme gelten als Höhepunkte des alten Schweizer Mundart-Films. Schweizer Radio DRS brachte die Ueli-Geschichte von Jeremias Gotthelf als Hörspiel-Reihe in Schweizer Dialekt. Auch Die schwarze Spinne wurde verfilmt.|
|4.10.1797||Albert Bitzius wird in Murten als Sohn des von Pfarrer Sigmund Bitzius und der Elisabeth, geb. Kohler geboren. Wenige Monate nach seiner Geburt erschüttert die Helvetische Revolution die Schweiz, die jahrhundertelange Herrschaft der Patrizierfamilien in den grossen Städten über die Landbevölkerung findet ein gewaltsames Ende, französische Truppen werden von den westschweizerischen Revolutionären gegen die uneinsichtigen Patrizier in Bern zu Hilfe gerufen und besetzen die Schweiz. Der kleine Albert Bitzius wächst in einer Zeit auf, die mehr von Chaos als von Beschaulichkeit geprägt ist. Kein Wunder, dass im schriftstellerischen Werk von Jeremias Gotthelf die Sehnsucht nach einer geordneten heilen Welt das zentrale Motiv ist.|
|1805||Versetzung des Vaters Sigmund Bitzius nach Utzensdorf, dieser unterrichtet die Söhne mangels guter Schulen selbst. (Die Reform der Volksschule, vom helvetischen Revolutionär Pestalozzi angestossen, hatten noch nicht jedes Dorf erreicht, denn zuerst musste man ja Lehrer ausbilden ...)|
|1812||Albert Bitzius besucht das Gymnasium in Bern|
|23.12.1813||Der Einmarsch österreichischer Truppen beendet das revolutionäre Experiment in der Schweiz. In Bern kehren die Patrizier an die Macht zurück.|
|1814-1820||Theologie-Studium in Bern|
|1821||Studienaufenthalt an der renommierten deutschen Universität Göttingen, anschliessend kurze Reise durch Norddeutschland: seine einzige Auslanderfahrung. Der Theologiestudent Albert Bitzius nimmt in den deutschen Dörfern vor allem Negatives wahr: er beschreibt sie als dreckig und die Bewohner würden wenig eigene Initiative zeigen - ganz im Gegensatz zum heimischen Bernbiet, das er aus der Ferne nur im bestem Licht sieht.|
|1822||Albert Bitzius wirkt als Vikar [Hilfspfarrer] in Utzenstorf.|
|1824||Nach dem Tod des Vaters Sigmund Bitzius wird Albert Bitzius als Vikar nach Herzogenbuchsee versetzt.|
|1826||Albert Bitzius besucht die Jahresversammlung der Helvetischen Gesellschaft in Langenthal. Die Helvetische Gesellschaft vereinigte seit 1761 Persönlichkeiten, die sich für Fortschritte in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Volksbildung einsetzten. Albert Bitzius hat schon während seiner Ausbildung die Schriften des berühmten Schweizer Erziehers und Pioniers der Volksschulbildung Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) gelesen und ist nun von dessen Rede "Über Vaterland und Erziehung" beeindruckt.|
|1829||Albert Bitzius wird als Vikar an die Heiliggeistkirche in Bern versetzt.|
|1830||Es gärt in Europa. Der nach dem Sturz Napoleons von den Königshäusern und Patriziern unterdrückte Ruf nach Freiheit meldet sich wieder - in der Schweizer Regeneration werden wesentliche, 1813-1815 abgeschaffte Volksrechte (besonders der Landbevölkerung) wieder eingeführt und Vordenker fordern einen modernen Bundesstaat. Der junge Albert Bitzius kann sich durchaus für die Rechte der Landbevölkerung begeistern - und das gilt auch später noch, wenn der Dichter Jeremias Gotthelf die Überheblichkeit der städtischen Bildungsbürger mit markigen Worten geisselt.|
|1.1.1831||Albert Bitzius reitet nach Lützelflüh im Emmental und wird dort Vikar. Diese Gemeinde liegt schon fast symbolisch zwischen Rüederswil, dem Heimatort von Niklaus Leuenberger (Führer der Emmentaler Bauern im Bauernkrieg von 1653) und Sumiswald, dem Ort, wo sie ihre Bauernlandsgemeinde abhielten.|
|9.3.1832||Albert Bitzius wird zum Pfarrer von Lützelflüh im Emmental gewählt|
|1833||Nun ist die wirtschaftliche Grundlage für eine Familie vorhanden: Heirat mit Henriette Zeender (1805 - 1872). Der Ehe entspringen drei Kinder: Henriette (1834 - 1890), Albert (1835 - 1882) und Cécile (1837-1914)|
|1834-1836||Pfarrer Bitzius engagiert sich wie sein Vorbild Johann Heinrich Pestalozzi stark für die Volksschule. An Fortbildungskursen für Lehrer gibt er Unterricht in "vaterländischer Geschichte".|
|1835||Eröffnung der Armenerziehungsanstalt Trachselwald. Pfarrer Bitzius ist massgeblich an deren Aufbau beteiligt und setzt sich bis zu seinem Tod für sie ein. Seine Sicht des Armutsproblems legt er in der Schrift "Die Armennot" (1840) dar.|
|1835-1845||Pfarrer Bitzius wird zum Schulkommissär [Schulinspektor] für die
Gemeinden Lützelflüh, Rüegsau, Hasle und Oberburg im Emmental gewählt und übt damit die
Aufsicht über 18 Primarschulen [Grundschulen] aus.
In der Schweiz verlagert sich die grundsätzlichen Schwerpunkte der
politischen Auseinandersetzung: Nachdem die Landbevölkerung in den
meisten Kantonen mit der Regeneration bedeutend mehr politische Rechte
bekommen hat und das alte Regime der "Gnädigen Herren"
endgültig abgeschafft ist, setzt nun der
Kulturkampf
zwischen den kirchlich Konservativen und den Radikalen ein,
die nicht nur gleiche politische Rechte für die ganze Bevölkerung
[politische Freiheit], sondern radikale [grundlegende] gesellschaftliche
Veränderungen anstreben [persönliche Freiheit von der Bevormundung
durch die kirchlichen Moralvorstellungen].|
Pfarrer Albert Bitzius, der sich bis dahin als Liberaler für die Freiheit der Landbevölkerung gegenüber den Städten eingesetzt hat, leistet nun als Konservativer Widerstand gegen den radikalen Angriff auf den kirchlichen Einfluss - sowohl in seinen öffentlichen Ämtern wie bald auch als Schriftsteller Jeremias Gotthelf. Im Januar 1845 muss er das Amt als Schulinspektor wegen politischer Streitigkeiten mit der Regierung abgeben.
|1836||Der Tod seiner Mutter und seines Bruders Fritz stürzt den Landpfarrer in das, was man heute als "Midlife-Crisis" bezeichnet - er nimmt die Krise als Chance und greift zur Feder. Sein erster Roman Bauernspiegel oder Lebensgeschichte des Jeremias Gotthelf (1837) enthält bereits die Kernpunkte seines Programms: Rechte Bauernart, Sittlichkeit, Arbeit als Grundlage eines gesunden Wohlstands, Gottesfurcht, aber auch schonungslose Kritik an Bosheit, Eigennutz, Geiz und Habsucht, Konsum- und Trunksucht, Verschwendung und Ausbeutung. Der Dichter übernimmt den Namen seines Helden Jeremias Gotthelf aus diesem Roman als Pseudonym [Künstlernamen].|
|1840-1845||Mit Jeremias Gotthelf als alleinigem Herausgeber erscheint der Neue Berner Kalender mit Anekdoten und Erzählungen für breite Bevölkerungskreise.|
|1843||Beginn der Zusammenarbeit mit dem Berliner Verleger Julius Springer|
|1848||Sieg der Radikalen über die Konservativen im Sonderbundskrieg (1847) und die Schaffung des modernen Bundesstaates (1848). Jeremias Gotthelf ist kein Freund der radikalen Freiheits-Ideen der Achtundvierziger, grimmig faucht er: "O du Lehre von der persönlichen Freiheit, wie ähnlich siehst du dem Grundsatz, dass der Stärkere Meister sei!" Man könnte versucht sein zu sagen: Wie aktuell ist doch Jeremias Gotthelf 150 Jahre nach seinem Tod, angesichts von Neoliberalismus, hemmungsloser Abzockerei in den Chefetagen, Finanzskandalen usw. - aber Achtung: Der Sozialstaat, den der Neoliberalismus heute bedroht, ist seinerseits keineswegs ein Kind der frommen konservativen Weltordnung nach Jeremias Gotthelf, als vielmehr ein Enkel der Modernisierung von 1848!|
|1853||Kuraufenthalt im Gurnigelbad|
|22.10.1854||Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf stirbt im Alter von 57 Jahren und wird in Lützelflüh begraben.|
oder
Jeremias Gotthelf war ein kantiger Mensch und hielt mit Kritik an Misständen nicht zurück. Er fasste es als seine Pflicht auf, den Menschen einen Spiegel vorzuhalten und sie zur Selbsterkenntnis zu führen:
«Denn selbst sehen und erkennen können die meisten Menschen nicht, sie sind blind geboren, den Star muss man ihnen stechen. Mancher, im Unrat geboren, merkt ihn nicht, bis man ihm die Nase darauf stösst und ihm sagt: 'Das stinkt'.»
«Ein Spiegel ist's, doch nicht ein gemeiner, in dem ein jeder ein schönes Gesicht zu sehen glaubt. Mein Spiegel zeigt euch die Schatten- und nicht die Sonnenseite Eures Lebens.»
Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf wurde stark geprägt von der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung seiner Zeit. Von der Helvetischen Revolution erlebte er als kleines Kind vor allem die chaotischen Aspekte, u.a. eine Gruppe plündernder Soldaten, die nachts auch in sein Elternhaus eindrangen.
Die liberale Regeneration von 1830 begrüsste Jeremias Gotthelf wärmstens, weil er darin vor allem das Engagement für Freiheit und Gleichheit sah, das er aus religiös-moralischer Sicht als Gleichheit aller Geschöpfe vor Gott durchaus unterstützte. Dazu kam, dass ihm während seiner Reise nach Norddeutschland der Unterschied zwischen dem selbstbewussten Auftreten der heimischen Bauern und der lethargischen Haltung der unfreien Bauern deutlich wurde. Jeremias Gotthelf betrachtete deshalb Freiheit als das vorzüglichste Mittel zu mehr Selbstverantwortung jedes Einzelnen und damit zur moralisch-sittlichen Stärkung des ganzen Volkes.
Der kantige Charakter und das leicht aufbrausende Temperament des Albert Bitzius werden nicht nur von seinen Zeitgenossen eher zu seinen Schwächen gezählt, sondern auch von ihm selbst. Mit seinen zahlreichen kritischen Äusserungen über Lehrer und Professoren schuf er sich als Pfarrer und Schulinspektor viele Feinde nicht nur unter der Lehrerschaft, sondern auch unter seinen Amtskollegen. So berechtigt seine harte Kritik in einigen Fällen gewesen sein mochte, so ungerecht war sie wohl insgesamt in ihrer oft gehässigen, allzu sehr verallgemeinernden Art, mit der Albert Bitzius einen ganzen Berufsstand auf Grund von Vorurteilen schlecht machte.
Als die liberale Bewegung sich zunehmend radikalisierte und den Einfluss der vorwiegend konservativen Kirchenleute immer schärfer bekämpfte (Kulturkampf), wandte sich Jeremias Gotthelf entschieden gegen den neuen säkularen [weltlichen, religionsfeindlichen] Zeitgeist. Ebenso verdächtig waren ihm die Industrialisierung und das Aufkommen der Eisenbahnen - obwohl er einer der ersten Dichter war, der sich überhaupt damit auseinander setzte.
Jeremias Gotthelf konnte und wollte weder die Problematik der konservativen kirchlichen Ideologie mit der selben Schärfe wahrnehmen, mit der er über die Radikalen herzog, noch mochte er den Verheissungen der sich eben erst entwickelden demokratischen Industriegesellschaft trauen. Dabei ist ihm zugute zu halten, dass die Ernte der Entwicklungen des 19. Jahrhunderts erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so richtig eingefahren werden konnte (Wohlstandsgesellschaft) - und auch das nicht ohne manche der weniger erfreulichen Nebenwirkungen, die Jeremias Gotthelf durchaus schon vorausgesehen hat.
Trotzdem wäre es wohl ein hoffnungslos zum Scheitern verurteiltes Unterfangen, wenn wir heute im 21. Jahrhundert versuchen würden, eine bäuerliche Idylle des vorletzten Jahrhunderts wieder zu erwecken. Ganz abgesehen davon, dass es kein Zurück ins vorletzte Jahrhundert geben kann, war das einfache Leben auf dem Lande damals wohl kaum so schön und idyllisch, wie Jeremias Gotthelf es uns vor Augen stellt.
|Letztes Update: 21.07.2005|
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