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Mit «Happy End» legt der österreichische Meisterregisseur Michael Haneke ein messerscharfes, gnadenlos abgründiges Familiendrama vor. Dafür gibt es nur ein Wort: atemberaubend.
Einer der Schlüsselmomente dieses grandiosen Films ereignet sich bereits in den Anfangsminuten. Eine starre Einstellung zeigt das Treiben auf einer Baustelle: Diverse Arbeiter gehen ihren Aufgaben nach; ein Bagger bewegt Bauschutt von A nach B. Nach einer Weile, in der manche vielleicht schon über Sinn und Zweck der Szene nachzudenken begonnen haben, werden Risse in einer Betonwand im Hintergrund sichtbar. Innert Sekunden ist die Konstruktion in sich zusammengestürzt, eine kleine Schlammlawine ist über den hinteren Teil der Baustelle hereingebrochen, und mehrere Dixi-Klos sind gut zehn Meter in die Tiefe gestürzt.
«Happy End» spielt im Norden Frankreichs, teils in Lille, teils in Calais – der Hafenstadt, die im Zuge der Flüchtlingskrise wegen ihrer als «Dschungel» bekannten Migranten-Zeltstadt regelmässig für Schlagzeilen sorgt. Mit diesen Fakten im Hinterkopf liesse sich die Baustelle leicht als Metapher für ein Europa im Umbruch lesen, über das sich eine ‹Lawine› von Einwanderern ergiesst. Doch das, was folgt, widerlegt eine derart xenophobe Lesart mit Nachdruck.
Michael Haneke erzählt hier von einigen Monaten im Leben der wohlhabenden Grossfamilie Laurent, die in Calais das stattliche Anwesen des verwitweten, lebensüberdrüssigen Patriarchen Georges (grossartig: Jean-Louis Trintignant) bewohnt. Bauunternehmerin Anne (einmal mehr herausragend: Isabelle Huppert) steht kurz davor, ein Fusionsgeschäft mit der Firma ihres romantischen Partners Lawrence (Toby Jones) abzuschliessen, muss aber befürchten, dass der Deal aufgrund des oben erwähnten Unfalls implodieren könnte – auch weil der Baustellen-Verantwortliche, ihr desillusionierter Sohn Pierre (Franz Rogowski), sich während der polizeilichen Untersuchung höchst ungeschickt anstellt. Mittlerweile nimmt Annes Bruder, der Arzt Thomas (Mathieu Kassovitz), seine Tochter aus erster Ehe, die 13-jährige Eve (Fantine Harduin), bei sich auf, nachdem deren Mutter nach einer Überdosis Tabletten im Koma liegt.
Wenn der Schlammlawine metaphorische Bedeutung zukommt, dann hat das nur indirekt mit der Flüchtlingskrise zu tun: Wie die mit Blut überquellende Toilette in Francis Ford Coppolas Thriller «The Conversation» (1974) symbolisiert sie das gewaltsame Hervorbrechen des Verdrängten, der menschlichen Grausamkeit, die sich hinter der rissigen Wand der gutbürgerlichen Wohlanständigkeit verbirgt. Wenn Migranten hierbei eine Rolle spielen, dann allenfalls diejenige der Instanz, welche die Bigotterie der europäischen Bourgeoisie schonungslos offen legen. Das ist Haneke in Reinform, von «Funny Games» (1997) bis hin zu «Das weisse Band» (2009).
Sagten viele Kritiker Hanekes «Amour» (2012) noch eine ungeahnte Zärtlichkeit nach, zerstört «Happy End» jegliche Illusion, dass beim Österreicher die Altersmilde eingesetzt haben könnte. In Calais hat die Fäulnis eingesetzt – und zwar nicht wegen der kriegsversehrten Bewohner des «Dschungels»: Jean-Louis Trintignant spielt eine Figur mit demselben Namen und derselben Vorgeschichte wie in «Amour», doch von der Titel gebenden Liebe ist nichts übrig geblieben: Georges zeichnet sich durch Standesdünkel, Zynismus und einen nicht erfüllbar scheinenden Todeswunsch aus. Seine Kinder sind intrigant, überheblich, emotional kalt.
Ein anderer Regisseur hätte in der jungen Eve einen Hoffnungsschimmer gefunden. Doch schon in der allerersten Szene des Films wird klar, dass sie das folgerichtige Produkt ihrer gesellschaftlich privilegierten Sippe ist: Eine Reihe von Handyvideos zeigt, wie sie die Überdosis ihrer Mutter orchestriert. «Happy End» ist ebenso subtile wie schwere Kost – und eine weitere Bestätigung, dass Haneke der unangefochtene Meister im Sezieren der menschlichen Abgründe ist.
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Kinostart Deutschschweiz: 12.10.2017
Filmfakten: «Happy End» / Regie: Michael Haneke / Mit: Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant, Mathieu Kassovitz, Fantine Harduin, Franz Rogowski, Toby Jones, Laura Verlinden / Frankreich, Deutschland, Österreich / 107 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Filmcoopi