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Michel Camilo ist ein Ausnahmetalent. 1954 in Santo Domingo (Dominikanische Republik) in eine musikalische Familie geboren, lernte er als Kind Akkordeon spielen, wechselte mit neun Jahren aufs Klavier und begann gleichzeitig seine musikalische Ausbildung. 16-jährig spielte er mit dem nationalen Symphonieorchester der Dominikanischen Republik.
Nachdem er die Aufnahme von Art Tatums «Tea for Two» gehört hatte, begann er sich für Jazz zu interessieren.
1979 zog er, 25-jährig, nach New York. Sein Song «Why not?» wurde, interpretiert von Manhattan Transfer, zum Hit – und bald zum Standard. Seine Komposition «Caribe» wurde ins Repertoire der Dizzy Gillespie Band aufgenommen.
Viele Erfahrungen reicher dank Tito Puente und vier Jahren in der Band von Paquito D’Rivera begann sein persönlicher, steiler Aufstieg: 1985 bestritt er sein erstes Konzert in der Carnegie Hall, das japanische King Label produzierte und veröffentlichte sein erstes Album als Leader.
1988 nahm ihn Sony unter Vertrag. Sein erstes Album für Sony «Michel Camilo» behauptete sich in den USA 10 Wochen lang an der Spitze der Jazz-Alben. Es folgten weitere erfolgreiche Alben sowie ein Grammy und ein Emmy. Seine Zusammenarbeit mit dem Flamenco-Gitarristen Tomatito «Spain» gewann den ersten Latin Grammy Award als bestes Latin-Jazz-Album.
Camilo war schon öfter in der Schweiz zu geniessen. 2018 spielte er, im erfolgreichen Duo mit Tomatito, am Jazz Festival Lugano (ein atemberaubendes Konzert, das RSI aufgezeichnet hatte und vor kurzem ausstrahlte). In den 80er-Jahren, als das Schweizer Fernsehen den internationalen Jazz noch mit fantastischen Eigenproduktionen (z. B. der Serie «Jazz in Concert» mit Peter Jacques) unter die Zuschauer brachte, erlebte ich den bei uns noch kaum bekannten Michel Camilo in einer Traumformation im TV-Studio in Zürich.
«Essence»
Zu seinem 65. Geburtstag und für sein 25. Album als Leader arrangierte er für seine 18-köpfige All Star Band elf seiner Kompositionen neu. Von sämtlichen Stücken, die in über 40 Jahren entstanden, gibt es ältere Aufnahmen, zum Teil als Solo-Performance, teilweise mit kleineren Besetzungen, doch nie in dieser Form.
Auch wenn Camilos virtuoses Klavierspiel im Zentrum steht, so sind es eben so sehr die rhythmisch perfekte Perkussion und die aussergewöhnliche Big Band sowie die weiteren Solisten, die dieses unglaublich komplex arrangierte, musikalische Feuerwerk explodieren lassen. Alles wirkt exakt und eben doch «laid back» (entspannt). Wenn zum Beispiel für das Posaunensolo in «Mongo’s Blues» kurzfristig Latin zu Swing wird, geschieht dies fliessend, organisch. Und was danach mit Schlagzeug und Perkussion abgeht, ist schlichtweg superb – auch aufnahmetechnisch perfekt. Und wenn in «Just Like You» Einflüsse von Klassik, Film- und Striplokalmusik ein jammerndes Altsaxofon untermalen, so bleibt das ganze komplex, stil- und stimmungsvoll … elegant.
Kaum ausgeblendet beginnt in «Yes» unisono eine Aufholjagd, in der die gesamte Big Band zusammen mit dem Bass BeBop-artige Phrasen zitieren, die (als kurze Verschnaufpause) in ein Trompetensolo münden.
In «On Fire» brennt alles lichterloh: Band, Rhythmusgruppe und natürlich Michel Camilos Klavier. Wenn man die Lautstärke etwas anheben darf, ist der Eindruck noch enormer.
Und so geht es über eine Stunde lang, eine Stunde des Staunens und Geniessens. Und mit jedem erneuten Abspielen entdeckt man Neues, begeistern Soli, Einwürfe oder rhythmische Extravaganzen der Congas und Bongos.
«Essence» ist uneingeschränkt empfehlenswert, sowohl aus musikalischer als auch klanglicher (aufnahmetechnischer) Sicht.