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Mit dem Komödienklassiker «Der Revisor» entlarvte Nikolai Gogol (1809–1852) die korrupte Gesellschaft Russlands. Das Theater Basel hat nun den jungen Basler Autor Lukas Linder damit beauftragt, die Geschichte auf die Schweiz der Gegenwart umzuschreiben.
Entstanden ist ein neues Stück. Es heisst «Der Revisor oder: das Sündenbuch» und ist ein irrwitziges Porträt einer Dorfgemeinschaft, die sich aus Angst, ihr selbstgerechter Wohlstand könnte angetastet werden, gegen alles Fremde abschottet.
Herr Linder, wie kamen Sie zu diesem Projekt am Theater Basel?
Ich kenne Intendant Andreas Beck noch von seiner Zeit am Schauspielhaus Wien. Ich hatte im Rahmen einer Schreibwerkstatt ein Stück geschrieben, das dort uraufgeführt wurde. Als Beck dann in Basel anfing, hat er mich angefragt, ob ich für das Theater Basel etwas schreiben würde. Etwas mit einer Basler Thematik wünschte er sich. Ich kam aber vom rein Basel-Spezifischen weg zur Abschreckungs-Initiative der SVP.
Sie meinen: die Masseneinwanderungs-Initiative.
Und die Ausschaffungs- und Durchsetzungs-Initiative. In einem Interview sagte der damalige Parteipräsident einmal, er fände die Idee einer Abschreckungskampagne gut – die Menschen im Ausland müssten erfahren, dass das Leben in der Schweiz nicht so toll ist, wie sie meinen. Für mich hatte diese Aussage eine sehr theatrale Komponente, mit der man viel Wahres über die Schweizer Mentalität transportieren kann.
Diese Idee brachte Sie dann zu Gogols «Revisor»? Wie das?
Das Theater Basel hat das Überschreiben klassischer Theatertexte, die Übertragung in die Aktualität, zum Prinzip der Basler Dramaturgie erklärt. Zuerst dachte ich an Dürrenmatt, kam aber zum Schluss, dass Gogols Stück besser passen würde. Gogol ist überdies einer meiner Lieblingsautoren. Seine Figuren, die Sprache, der Humor – das passt sehr zu diesem Projekt.
Wieviel Gogol steckt denn noch in Ihrem «Revisor» oder «Sündenbuch», wie die Bearbeitung heisst?
Rein textlich nichts mehr. Gogols Humor steckt noch drin und die Zeichnung seiner Figuren, die unter einem unterschiedlich starken Realitätsverlust leiden. Zumindest habe ich versucht, diese Punkte zu übernehmen.
«Auch in mir steckt etwas von den Dörflern. Das entwickle ich so lange weiter und spitze es zu, bis es ins Schreckliche kippt.»
Hat denn das Prinzip der Abschreckung nach Toni Brunners Vorstellung mit Realitätsverlust zu tun?
Solche Figuren wissen vielleicht, was sie tun, haben aber wenig Ahnung, was für Konsequenzen das haben kann. Und sie sperren sich gegen Realitäten, mit denen sie nichts zu tun haben wollen: Flüchtlinge, die Migration allgemein, sind Realitäten, die ausgeblendet werden.
Wenn ich Ihre Überschreibung von Gogols «Revisor» lese, erinnert mich das sehr an den Dürrenmatt-Kosmos. Wie er schreiben Sie politische Komödien. Sie sind doch ein neuer Dürrenmatt!
Vielleicht passiert das automatisch, wenn man sich mit Schweizer Themen auseinandersetzt. Es ist natürlich eine ganz andere Zeit und ich bin anders sozialisiert worden als Dürrenmatt. Aber gewisse bizarre Situationen in der Schweiz, ein gewisser Humor ist vielleicht einfach vorhanden. Wahrscheinlich trifft man diesen auch bei Robert Walser an.
Diese Unbeholfenheit im Ausdruck, die man in Ihrem Stück wiederfindet, ist das etwas typisch Schweizerisches?
Das ist wohl so. Walter Benjamin hat mal über Robert Walser geschrieben, dass seine Figuren alle unter einer gewissen Sprach-Scham leiden, die bei diesem Autor durch eine Sprachkomik überwunden wird.
Wie sind Sie auf die Figuren in Ihrem Stück gestossen? Haben Sie die selbstverliebten, bauernschlau-verdummten Repräsentanten des Dorfes selber erlebt? Sie sind ja in einem ländlichen Gebiet aufgewachsen, bevor Sie nach Basel kamen.
Es sind gewisse markante Sätze und Redewendungen, die man irgendwo aufschnappt und die sich einprägen. Daraus entstehen diese Figuren. Letztlich steckt auch in mir etwas von ihnen, etwas, was ich so lange weiterentwickle und zuspitze, bis es ins Schreckliche kippt.
«Die Komik schafft eine Balance, etwas kritisch betrachten zu können, ohne belehrend zu sein.»
Sie sind ein junger Autor, der Lustspiele nach einem klassischen Muster schreibt, während gleichaltrige Kollegen postdramatische oder sonstwie experimentelle Projekte erschaffen. Wie kamen Sie dazu?
Ich habe mir das nie wirklich überlegt. Ich schreibe sehr handlungsorientiert, weil es mir einfacher erscheint, eine Handlung voranzutreiben, wenn ich mir Menschen ausdenke, die miteinander sprechen. Ich will Geschichten erzählen.
Aber warum schreiben Sie keine Tragödien?
Die reine Tragik wäre für mich zu belehrend. Die Komik schafft eine Balance, etwas kritisch betrachten zu können, ohne belehrend zu sein.
Ihre Stücke leben durch einen ausgeprägten, manchmal ins Absurde hängenden Wortwitz. Wo nehmen Sie das her?
Aus der Situation heraus. Ich versetze die Figuren in Schwingung, lasse ihnen alle Freiheiten, das zu sagen, was aus ihnen heraussprudelt – ohne ihnen ein Publikum gegenüberzustellen, das ihnen zuhört. Sie können dann Sachen aussprechen, die ich selber nie sagen würde. Quasi in einer Überwindung der Sprach-Scham.
Steckt die Komik in Ihnen? Sind Sie ein lustiger Mensch?
Ich stehe am Morgen nicht schallend lachend auf – das wäre ja unerträglich. Aber Komik brauche ich, braucht es als Ausgleich, um aus den Gedankengängen, die einen umkreisen, wieder hinaustreten zu können und zu einer gewissen Leichtigkeit zurückzukommen.
Sie zitieren als Einleitung zu Ihrem Stück Gogol mit den Worten: «Im Revisor beschloss ich, alles Schlechte, das ich nur kannte, zusammenzutragen und mit einem Schlag dem Gelächter preizugeben.» Ging es Ihnen auch so?
Ja. Mein Anspruch ist der: Man kann lachen – aber man kann das Schlechte nicht weglachen. Mir geht es nicht um Schenkelklopfhumor.
«Auch ein Lukas Bärfuss wird heute weniger nachgespielt als noch vor zehn Jahren.»
Wie viele Stücke haben Sie bereits geschrieben?
Etwa zehn, die alle einmal inszeniert und danach nie mehr nachgespielt wurden. Das ist ein verbreitetes Problem der Gegenwartsdramatik am Theater. Es gibt natürlich auch Ausnahmen, aber wenige.
Lukas Bärfuss zum Beispiel?
Auch er wird heute weniger nachgespielt als noch vor zehn Jahren.
Als Dramatiker schreiben Sie ja auch nicht für eine breite Leserschaft, sondern für den Live-Event auf der Bühne. Wie eng sind Sie an der Inszenierung in Basel beteiligt?
Das Ganze lief über eine längere Zeit, das erste inhaltliche Treffen fand vor zwei Jahren statt. Meine Textarbeit wurde von der Dramaturgin begleitet. Ich habe ihr Texte geschickt, sie hat sie kommentiert, und ich konnte weiterschreiben. Das war Gold wert. Dann war ich bei den Leseproben dabei, später aber nicht mehr. Jetzt schaue ich mir die Durchlaufproben an.
Wie geht es Ihnen dabei? Fällt es Ihnen leicht, Ihren Text an die Regisseurin und das Ensemble abzugeben?
Der Text hat seinen Lauf genommen. Ich war kürzlich an einer Besprechung und habe gemerkt, dass die Beteiligten eine eigene Sprache entwickelt haben. Auf einmal ist von technischen Details und Bühnenbild-Finessen die Rede, die ich mir beim Schreiben niemals überlegt habe. Das Stück ist wieder ein Stück fremder geworden.
«Ich stelle mir Situationen in einer Realität vor und nicht auf der Bühne in einem Bühnenbild und so.»
Stört Sie das nicht?
Ich empfinde es auch als wohltuend, dass es etwas anderes geworden ist. Es ist jetzt auch das Kind derjenigen, die es auf die Bühne bringen.
Haben Sie denn keine klaren Vorstellungen, wie die Figuren aussehen, wo sie sich bewegen und wie sie sprechen, wenn Sie ein Stück schreiben?
Doch. Aber ich stelle mir Situationen in einer Realität vor und nicht auf der Bühne in einem Bühnenbild und so.
Haben Sie schon Inszenierungen erlebt, bei denen Sie das Gefühl hatten, dass das Resultat nicht stimmt?
Auf extreme Art nicht. Aber ich habe schon einmal das Gefühl gehabt, dass eine Inszenierung den Ton nicht getroffen hat. Im aktuellen Fall wäre es zum Beispiel schlimm, wenn es nicht mehr lustig wäre. Aber da mache ich mir keine Sorgen.
Können Sie eigentlich vom Stückeschreiben leben?
Ich hatte längere Zeit einen Nebenjob als Korrektor bei einer Zeitung. Jetzt geht es knapp, ich lebe nicht auf grossem Fuss, habe aber einen guten Theaterverlag.
Sie bleiben bei der Dramatik?
Ich habe einen Roman geschrieben, aber ich will beim Theater bleiben. Einen Roman zu schreiben, ist ein langwieriger Prozess. Da sitzen die Figuren auf Seite 50 noch immer auf dem Bänkchen und schauen zum Rhein hin. Bei einem Theatertext gelangt man schneller auf den Punkt.