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Anna Tumarkin kam im Alter von 17 Jahren in die Schweiz. Sie studierte an der Universität Bern Germanistik, Geschichte und Philosophie und schloss ihr Studium 1895 mit Bestnote ab. Nach einem Studienaufenthalt in Berlin habilitierte sie 1898 als erste Frau in Bern und war die erste Professorin Europas, welche die vollen Rechte besass, Doktoranden und Habilitanden zu prüfen und im Senat Einsitz zu nehmen.
Geboren wurde Anna Tumarkin als Anna-Ester Pawlowna Tumarkina am 16. Februar 1875 in Dubrowno, einer Stadt in Weissrussland, die damals Teil des Russischen Kaiserreichs war. Ihre Kindheit verbrachte die Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Chisinau, der heutigen Hauptstadt von Moldawien. Im Alter von 17 Jahren verliess sie ihre Heimat für ein Studium in der Schweiz. An der Universität Bern studierte sie Germanistik, Geschichte und Philosophie. Ihre Arbeiten zeichneten sich durch eine gute Methode und ein sicheres Urteil aus. Dafür wurde sie mehrfach gelobt und im August 1894 für ihre Arbeit mit dem Titel «Beziehungen Herder zu Kant» mit einem einen ersten Seminarpreis ausgezeichnet. Diese preisgekrönte Schrift bildete die Basis ihrer Doktorarbeit. Das Promotionsexamen schloss sie 1985 nach nur dreijährigem Studium mit der Bestnote summa cum laude ab.
Nach einem dreijährigen Aufenthalt in Berlin, wo sie sich der Ästhetik und der Philosophie gewidmete und bei den Soziologen Georg Simmel und Wilhelm Dilthey sowie dem Literaturwissenschaftler Erich Schmidt studiert hatte, kehrte sie 1898 nach Bern zurück und habilitierte, nachdem der Erziehungsdirektor von der Universität vorab angefragt worden war, ob er gegen «die Habilitation eines
weiblichen Dozenten kein prinzipielles Bedenken habe». Ein progressiver Teil der Fakultät unterstützte sie vehement. Allerdings musste die Universität auch den konservativen Gegnern Zugeständnisse machen die forderten, sie dürfe nur eine Lehrerlaubnis für die «Damenfächer» Ästhetik und Psychologie erhalten. Anna Tumarin war damit die erste Frau in Bern und nach Emilie Kempin-Spyri aus Zürich und Ida Welt aus Genf die dritte Frau in der Schweiz, die habilitiert wurde.
Ihre Antrittsvorlesung hielt die junge Spezialistin für die Geschichte der neueren Philosophie als 23-jährige im Oktober 1898. Das Interesse des Publikums war so gross, dass ihr Vortrag in die grosse Aula der Universität verlegt werden musste.
Anna Tumarkins Tätigkeit und ihre weiteren Karriereschritte erregten im In- und Ausland Aufsehen. Sie war weltweit eine der Dozentinnen, wurde 1905 als besoldete Privatdozentin in den Senat der Universität Bern berufen und im Juni 1906 zur Titularprofessorin ernannt. Ihre Rolle als Vorreiterin wird angesichts der Tatsache deutlich, dass erst einen Monat zuvor Marie Curie nach dem Tod ihres Mannes zwar die Leitung des physikalischen Laboratoriums übertragen, ihr aber zugleich eine ordentliche Professur an der Pariser Sorbonne nicht zugestanden wurde.
Nachdem ihre Lehrbefugnis auf das ganze Gebiet der Philosophie ausgedehnt worden war, wurde sie im Februar 1909 in Bern ausserordentliche Professorin in der philosophischen Fakultät. Sie war damit die erste Berner Professorin und die erste Professorin weltweit, die an einer Universität gleich viele Rechte hatte wie Männer.
Der letzte Karriereschritt, das Ordinariat, blieb ihr aber versagt, weil die Berufungskommission zum Schluss kam, dass «die Besetzung einer so exponierten Stellung mit einer Dame, die nicht durch aussergewöhnliche Leistungen eine Autorität sich erworben hat, vor welcher Kritik und Opposition verstummen, gewisse Bedenken sich erheben» würden.
Als Folge der Revolution in ihrer Heimat staatenlos geworden, erhielt Anna Tumarkin 1921 das Schweizer Bürgerrecht. In den folgenden Jahren setzte sich aktiv für das Frauenstimmrecht in der Schweiz ein. Neben ihrer Lehrtätigkeit hielt sie Vorträge und publizierte eine Vielzahl von Abhandlungen. In der Fachwelt fanden ihre Veröffentlichungen grosse Beachtung und so verlieh ihr die Universität Bern 1937 den renommierten Theodor-Kocher-Preis.
Im Zweiten Weltkrieg teilte die Familie von Anna Tumarin das Schicksal von Millionen ziviler Opfer nationalsozialistischer Gräueltaten.
Am 7. August 1951 – ein Jahr vor ihrer lebenslangen Partnerin Ida Hoff, der ersten Berner Schulärztin – starb Anna Tumarkin in Gümligen und wurde auf dem Bremgartenfriedhof begraben. Im Jahr 2000 wurde zu ihren Ehren in Bern der Tumarkinweg benannt, ein Fussweg, der vom Bahnhof an ihrem ehemaligen Vortragszimmer im Hauptgebäude der Universität Bern vorbeiführt.
Felix Werner
Quellen
Franziska Rogger: Anna Tumarkin - die Erste
Wikipedia

Anna Tumarkin
Tumarkinweg an der Universität Bern
(Foto: Tnemtsoni)