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Brief #1:
Der Tag, an dem ich den Spieler kennenlernte, der mein Leben um hundertachtzig Grad auf den Kopf stellte.
Grüss dich, liebe Leserin, lieber Leser
Ich erinnere mich gut an die erste Begegnung mit dem Spieler. Es war im Anschluss an eine Keynote, die ich gehalten habe über die Bedeutung des Spielens im 21. Jahrhundert. Da kam dieser wundersame Mann zu mir. Sein Haupt war kahl, Gesicht und Schädel übersäht mit unzähligen Runzeln, die miteinander um die Wette zuckten. Er stellte sich als der Spieler vor. Zuerst dachte ich, es sei ein Scherz angesichts des Tagungsthemas. Erst viel später merkte ich, dass er sich wirklich so nennt – und handelt. Mittlerweile bin ich überzeugt, dass niemand sein Leben so konsequent spielt wie er.
Jedenfalls zupfte mich dieser wundersame Mann am Ärmel und fragte mich, ob ich Lust hätte, ihn nach draussen auf eine Bank zu begleiten. Ich sagte zu und folgte ihm, sobald ich mich den Anliegen der Menschen, die wie eine Traube um mich herumstanden, angenommen hatte. Ohne jegliche Hoffnung auf ein bereicherndes Gespräch setzte ich mich schliesslich zu ihm – und erlebte ein Gespräch, das mein Leben für immer veränderte.
"Ich habe eine Nachbarin, Nadia", begann er. "Sie verlässt täglich um sieben Uhr ihre Wohnung. Den ganzen Tag erfüllt sie Erwartungen. Erwartungen ihrer Chefin, Erwartungen ihrer Kunden. Abends um 19.00 Uhr höre ich sie müde ihre Wohnung betreten."
Der Spieler machte eine kurze Pause und fuhr dann fort. "Dies tut sie Tag für Tag. Monat für Monat. Jahr für Jahr. Ebenso geht es Martin, ihrem Mann. Geld verdienen, um die Existenz zu sichern."
Ich nickte, ohne zu kapieren, worauf der Spieler hinaus wollte.
"Das tun nicht nur Nadia und Martin so, sondern die allermeisten Menschen. Sie alle tragen einen Virus in sich. Ein Virus namens Lohnarbeit. Die meisten Menschen erholen sich erst nach der Pensionierung oder gar auf dem Sterbebett von diesem Virus."
"Ja, klar, wir arbeiten nun mal gegen Lohn", warf ich ein.
"Mit einem Nachteil: Es macht uns krank. Viele Menschen fühlen sich ein Leben lang, als würden sie neben sich stehen. Sie haben einen Beruf, in den sie mehr oder weniger zufällig geraten sind. Den sie mehr oder weniger mögen, sie aber in den seltensten Fällen erfüllt."
"Mag sein, aber so ist nun mal das Leben."
"Jawollja, das pflegte wahr zu sein. Deshalb streben wir nach Ersatzbefriedigungen: Dem Feierabendbier, der Party am Wochenende, dem Last-Minute-Urlaub, dem neuesten Gadget oder dem hundertsten Paar Schuhe. Nur: Das alles füllt unsere innere Leere nur kurzfristig. Und es steigert den Bedarf nach Geld. Ein Teufelskreis."
Ich nickte zaghaft. Ja, das kannte ich.
"Mit der zunehmenden Beschleunigung wird alles nur noch schlimmer, wie du ja auch schön beschrieben hast in deiner Rede. Die Leistungserwartungen sind höher, die Geduld der Kunden niedriger. Ach, wie schön wäre es, mehr Ruhe zu haben, nicht?"
Ich besuche deine Nachrichten wie einen Tempel zu dem man hinkehrt, sich anhört was einem aus dem Herzen spricht und gestärkt von dannen geht.
–– Agnes Fischer
"Doch, doch, da haben Sie schon recht. Deshalb gucke ich zum Beispiel sehr selten auf mein Smartphone."
"Das ist ein Anfang. Aber was ist mit unseren Kindern? Sie trimmen wir von Anfang an auf Leistung. Auf eine hektische, oberflächliche Gesellschaft."
"Das stimmt", pflichtete ich ihm bei. "In den letzten Jahrzehnten ist der Leistungsdruck für unsere Kinder stark gestiegen. Sie haben noch mehr Unterrichtsstunden, mehr Hausaufgaben, Förderunterricht, Training, mehr Hektik."
"Jawollja. Und mit jeder Anforderung, die sie erfüllen müssen, entfernen sie sich mehr von sich und ihrer Einzigartigkeit. Bis sie irgendwann nicht mehr wissen, wer sie sind, was sie gerne tun, welche Leidenschaften sie haben. Sie wählen mehr oder weniger zufällig einen Beruf – den Rest der Geschichte kennst du."
Diese Worte stürzten mich in tiefste Nachdenklichkeit. Der Spieler gönnte mir eine Pause.
Leise fügte er nach einer gefühlten Ewigkeit an: "Früher hat das Sinn ergeben, denn die Welt hat damals nach diesen Spielregeln funktioniert. Heute ist es sinnlos, Kinder auf Leistung zu trimmen und selbst ein Leben lang Leistungserwartungen zu erfüllen. Denn heute müssen wir uns nicht mehr an den Spielregeln der industrialisierten Gesellschaft orientieren."
"Nicht?"
"Nein, der aktuelle gesellschaftliche Umbruch bringt neue Spielregeln mit sich. Wir können uns bewusst für sie entscheiden. Diese bieten eine riesige Chance: Ein Leben, das sich rund und bunt anfühlt! Rundbunt."
Mir dämmerte, dass ich eigentlich bislang gar nichts kapiert hatte über das Thema, über das ich so lange geforscht hatte und so gerne sprach. Viel besser hätte ich die Bühne diesem seltsamen Kauz überlassen.
Wir sassen noch lange auf der Bank, bis die Abenddämmerung mich frösteln liess. Was er sagte, bildete das Ende meines alten Lebens und der Start von 'Spiel dein Leben'.
Davon erzählte ich dir gerne im nächsten Brief.