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Mein spezieller Freund, der ein Scheich war
- Freitag, 6. März 2015, 11:30 Uhr
«Wie kann einer, der mir zahlreiche Lügen aufgetischt hat, plötzlich ein Freund sein?» Diese Frage musste sich Reporter Marc Gieriet stellen, als die Hauptfigur aus einem seiner Filme ihm plötzlich eine seltsame Nachricht schickte. Er entschloss sich zu einem Besuch beim ehemaligen Scheich.
Unter normalen Umständen hätte mich das folgende SMS erschüttert: «Herr Eckel ist heute Nacht ums Leben gekommen, er hat Sie als Freund angesehen.»
Es erreichte mich am 5. November 2009, zwei Wochen, nachdem mein Film «Der Hochstapler – Wie Volker Eckel die ganze Schweiz narrte» ausgestrahlt worden war.
Aber die Umstände waren alles andere als normal. Volker Eckel war der Mann, der GC kaufen wollte, der sich als Scheich ausgab, der behauptete, Saddam Husseins Sohn zu sein. Also gab es gute Gründe, den Wahrheitsgehalt der Mitteilung zumindest anzuzweifeln. Prompt kam drei Tage später die Entwarnung: «Ein Bekannter hatte den Unfall mit meinem Auto.»
Eckel lebte wie erwartet, wurde Monate später verhaftet und anschliessend vom Landgericht Rottweil zu einer Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt. In fünf Fällen hatte es das Gericht für erwiesen angesehen, dass der Deutsche gewerbsmässig betrogen hatte. Auch das überraschte mich nicht wirklich.
Alle schauten grosszügig hinweg
Volker Eckel war möglicherweise eine der faszinierendsten Figuren, denen ich in meinem Reporterleben begegnet war. Genie und Wahnsinn wohnten bei ihm Tür an Tür. Im Gespräch mit ihm erlebte ich seine verblüffenden Geistesblitze, denen er haarsträubende Aussagen folgen liess.
Was mich aber am meisten irritierte, war die Tatsache, dass diesem Mann, der keinen einfachen Satz in fehlerfreiem Deutsch formulieren konnte, selbst intelligente, angesehene und bis anhin unbescholtene Leute auf den Leim gekrochen waren. Ob Regierungsräte, Fussball-Manager, Gemeindebehörden oder Anwälte – wenn Volker Eckel von seinem Milliardenvermögen zu erzählen begann, lauschten sie seinem eigenartigen Dialekt und glaubten ihm alles. Allfällige Zweifel wichen der Sehnsucht, selber Teil dieses Märchens von Tausend und einer Nacht zu werden. Das Klimpern der eigenen Kasse hörte sich zu verlockend an. Alle schauten sie grosszügig über die Soll-Bruchstellen in der Biografie des übergewichtigen Hilfsarbeiters hinweg.
Ein unerwartetes Mail
Als alles aufflog, standen sie mit leeren Händen da. Immerhin um eine Erfahrung reicher waren sie. Was aus Volker Eckel wurde, interessierte vorerst niemand mehr.
Doch dann kam im Frühling 2014 ein Mail, das ich nicht erwartet hätte. Im Betreff stand «volker eckel» und der Text im Mail war schlicht: «Hallo Herr Gieriet. Ich hoffe, es geht Ihnen gut. Würde mich über eine Rückantwort freuen. Mit freundlichen Grüssen Volker Eckel.»
Einsicht und Eingeständnisse
Der schwäbelnde Scheich hatte sein Strafe abgesessen und nahm, kaum war er draussen, ausgerechnet mit mir Kontakt auf. Und weil man alte Freunde hin und wieder besuchen sollte, stieg ich eines Tages ins Auto und fuhr in den Schwarzwald.
In einem Café traf ich ihn, seine Frau und das jüngste von zwei gemeinsamen Kindern. Eckel hatte in der Zwischenzeit mit seiner ehemaligen Assistentin eine Familie gegründet, die Geburt seiner Tochter hatte er verpasst, da er in Haft war. Und als er sich zu entschuldigen begann und gestand, viele Leute enttäuscht zu haben, fand ich es nur anständig, dass ich ihm die Chance geben wollte, seine heutige Sicht der Dinge vor der Kamera darzulegen.
Zum Autor
Marc Gieriet (*1967) arbeitet seit 2001 beim Schweizer Fernsehen. Er ist Autor diverser Reportagen und DOK-Serien.