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Derart waren besonders die aus dem Kreis
[* 4] der sogen. Pietisten auf Anregung A. H. Franckes (s. d.) hervorgehenden Lehranstalten.
In diesem Kreis fand man sich auch zuerst bewogen, neben den ältern Gymnasien ganz neue Anstalten für
die Zwecke der Realbildung zu errichten. Die erste derartige Anstalt, welche auch den Namen Realschule trug, war, soweit bekannt ist,
die von ChristophSemler in Halle
[* 5] 1706 gegründete. Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Semler und Francke ist nicht nachgewiesen,
wohl aber jenes Abhängigkeit von dem Jenenser Mathematiker und pädagogischen Neuerer ErhardWeigel.
Mehr Erfolg als dieser Versuch hatte die 1747 von Joh. Jul. Hecker in Berlin
[* 6] gestiftete Realschule, und gleichzeitig taucht der Gedanke
der Einrichtung besonderer Nebenklassen an den gelehrten Schulen »für die, so unlateinisch und ungriechisch bleiben wollen«,
mehrfach auf. Günstiger den Realschulen als
den Gymnasien und Lateinschulen des alten Stils war die philanthropisch-pädagogische
Strömung, die im letzten Drittel des Jahrhunderts im Anschluß an Rousseaus »Emil«, in Deutschland
[* 7] namentlich durch Basedow,
Oberwasser erhielt.
Nur in einzelnen großen Städten waren neben den Gymnasien voll ausgestattete Realschulen zu ermöglichen.
Die meisten Gymnasien erhielten sogen. Bürgerklassen oder Realabteilungen, in welchen gegen
Wegfall des Unterrichts im Griechischen und Beschränkung des Lateinischen Naturkunde, Mathematik, neuere Sprachen eine ausgedehntere
Pflege fanden. Der erste namhafte Versuch, in die bunte Mannigfaltigkeit einheitliche Gliederung zu bringen, war die »Vorläufige
Instruktion über die an den höhern Bürger- und Realschulen anzuordnenden Entlassungsprüfungen vom 8. März 1832«,
welche vom Geheimrat Kortüm ausgearbeitet war und vom preußischen Unterrichtsministerium erlassen wurde.
Die Vorschriften dieser Instruktive verallgemeinern im wesentlichen nur das, was unter der umsichtigen Leitung des Direktors
A. G. Spilleke an der Berliner
[* 9] königlichen Realschule seit 1822 praktisch geworden war. Nur wurde gegen
Spillekes ursprünglichen Plan das Latein obligatorisch für die berechtigten Anstalten. Neuen Aufschwung erhielt das Realschulwesen
durch die besonders vom Bürgerstand ausgehenden freiheitliche Bewegungen der 40er Jahre und durch den gleichzeitig wachsenden
Einfluß der Naturforschung auf das gewerbliche Leben.
Die Realschulen erster Ordnung standen in Bezug auf Zahl der Klassen, Dauer des Besuchs (in den drei untern Klassen je ein Jahr,
in den drei obern je zwei), wissenschaftliche Vorbildung der Lehrkräfte etc. ganz den Gymnasien
gleich. Von den alten Sprachen war die lateinische als pflichtmäßiges Unterrichtsfach beibehalten. Die
Realschulen zweiter Ordnung hatten keinen so bestimmt vorgezeichneten Lehrplan, sondern konnten sich hierin wie in der Zahl
und Auswahl der Lehrkräfte freier den örtlichen Verhältnissen anschließen. Sie durften, wenn sie auf die entsprechenden
Berechtigungen verzichteten, das Latein ausschließen oder in die Wahl der Schüler stellen und die Besuchsdauer
sämtlicher Klassen auf
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forlaufend
je ein Jahr einschränken. HöhereBürgerschulen endlich hießen diejenigen Realschulen, welche nach obenhin nicht abgeschlossen
waren, sondern der ersten Klasse ermangelten. Insofern sie bis zur zweiten Klasse einschließlich entwickelt und nach dem Lehrplan
der Realschulen erster Ordnung angelegt waren, konnten sie das Recht der Abgangsprüfungen erhalten. Innerhalb dieses Rahmens
haben sich die Realschulen von 1859 bis 1882 zahlreich und mannigfaltig entwickelt.
Die kleinern deutschen Länder folgten mit geringen Modifikationen Preußen nach, zumal seit 1866 wegen der Rücksicht auf
den einjährig-freiwilligen Militärdienst. Indessen wachte die schon 1848 und 1849 vielfach erhobene Forderung wieder auf,
den Realschulen in Bezug auf den Universitätsbesuch gleiche Rechte mit den Gymnasien einzuräumen, während
anderseits völliger Verzicht auf den lateinischen Unterricht von allen Realschulen verlangt wurde. Der Minister v. Mühler forderte
daher über die Zulässigkeit einer erweiterten Kompetenz der Realschulen an den UniversitätenGutachten von sämtlichen
Fakultäten der Landesuniversitäten ein, welche überwiegend ablehnend ausfielen.
Obwohl die Versammlung im allgemeinen sich zu den Forderungen der Realschulmänner günstig stellte, blieb zunächst alles
beim alten. Dagegen hat seitdem die Kreise
[* 14] der Reallehrer eine lebhafte Bewegung ergriffen, die, teilweise anknüpfend an die
patriotische Erhebung seit 1870, der Realschule, als der eigentlich »deutschen Schule«, völlige Gleichberechtigung
mit dem Gymnasium, ja hier und da allgemeine Verbreitung an Stelle desselben zu erstreiten suchte. Versammlungen zu Eisenach,
[* 15] Gera,
[* 16] Braunschweig
[* 17] u. a. O. haben in dieser Richtung mehr oder minder weit greifende Beschlüsse gefaßt und Forderungen aufgestellt.
Eine festere Gestalt erhielt diese Bewegung in dem am begründeten Verein der deutschen Realschulmänner,
der seitdem seine Forderung nach unbedingter Gleichberechtigung der voll organisierten Realschulen mit den Gymnasien rührig
vertreten und durch gründliche statistische Nachweise manches unbegründete Vorurteil gegen die Realschulbildung, das ungeprüft
der eine dem andern nachspricht, siegreich bekämpft hat. Verwickelter noch wurde die Realschulfrage,
als 1879 das technische Schulwesen an das Kultusministerium überging und gleichzeitig die frühern Gewerbeschulen nach dem
Muster einer vom Direktor Gallenkamp in Berlin geleiteten lateinlosen Realschule erster Ordnung zu Anstalten dieser Art umgewandelt wurden.
Im Kultusministerium war man nicht abgeneigt, diese neue Form der Realschule im Sinn Spillekes als deren reinste
Ausgestaltung anzuerkennen und gegenüber den bisherigen Realschulen erster Ordnung, deren Leistungen im Lateinischen durchschnittlich
gering waren, zu begünstigen, was freilich an dem Vorurteil, das in allen andern Ministerien, bei der Post etc., gegen diese
lateinlosen Schulen herrschte, völlig gescheitert ist.
fehlt, Realschulen heißen. Der Name der höhern Bürgerschulen ist, im Anschluß an ein Vorbild lateinloser höherer Bürgerschule
in Kassel,
[* 18] auf diejenigen lateinlosen Realanstalten übergegangen, deren Lehrplan sechs Jahrgänge umfaßt,
und die bis auf geringfügige Abweichungen einer unvollständigen Oberrealschule gleicht, welcher die obersten drei Jahrgänge
(Prima, Obersekunda) fehlen. Während die höhere Bürgerschule mit der Erlangung des Rechts auf den einjährig-freiwilligen
Heerdienst abschließt, führen Realschulen und Realprogymnasien um ein Jahr, Realgymnasien und Oberrealschulen um drei Jahre
darüber hinaus.
Als gelöst kann durch den gegenwärtigen Zustand die Realschulfrage noch nicht angesehen werden. Solange die Hauptform der
Realschule dem Gymnasium so nahe steht wie jetzt, werden die Vertreter der Realschule stets versucht sein,
wenn nicht völlige Gleichberechtigung mit jenem, doch
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forlaufend
eine wesentlich erweiterte Berechtigung hinsichtlich des Universitätsstudiums zu fordern. Es ist nicht zu bezweifeln, daß
namentlich für den ärztlichen Beruf die Vorbildung auf dem Realgymnasium der auf dem Gymnasium gleichwertig ist. Leider sind
aber schon jetzt die sogen. gelehrten Berufsfächer, für welche die Universitäten vorbereiten, und unter ihnen auch der
ärztliche Stand überfüllt, so daß eher an eine Verengerung als an eine Erweiterung des Zuganges zu den akademischen Studien
gedacht werden muß.