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Das Kloster Einsiedeln beherbergt eine der grössten privaten Musikbibliotheken der Schweiz. In ihr sind an die 50 000 Titel vereint, worunter sich auch die älteste erhaltene Musiknotation abendländischer Musik überhaupt befindet, der Codex 121 aus dem späten 10. Jahrhundert. Diese Musik- und Handschriftentradition begründet die Wahl des Klosters als Begegnungsort von zeitgenössischer und gregorianischer Musik unter der Leitung des Franzosen Michel Godard. Dieser lässt eine Reihe zeitgenössischer MusikerInnen mit dem gregorianischen Gesang des italienischen Chores Calixtinus in einen Dialog treten. Eigentlich, so lässt uns der Film in seiner Exposition wissen, entspricht dies nicht einer Verfremdung des liturgischen Chorgesangs, sondern greift im Gegenteil eine bestehende Tradition auf – wurde dies doch bereits in der Renaissance so gehandhabt. Das hängt damit zusammen, dass der gregorianische Gesang nur eine arbiträre, also nicht konventionalisierte Notation des Gesangs kennt, die lediglich die Betonung und Akzentuierung vorschreibt, nicht aber Tonhöhe und Begleitung. Diese Art Musik festzuhalten, ist seit jeher auf die Interpretationskunst von MusikerInnen angewiesen – so war das Einfliessenlassen von weltlicher-zeitgenössischer und kirchlicher Musik nicht nur üblich, sondern unabdingbar.
Nebst Michel Godard (Tuba) und dem Chor Calixtinus agieren und interagieren innerhalb der klösterlichen Mauern die MusikerInnen Gabrielle Mirabassi (Klarinette), Helen Breschant (Harfe), Pierre Favre (Perkussion) und die Sängerinnen Christina Zavalloni und Linda Bsiri. Sie werden zunächst einzeln oder in kleinen Gruppen abwechselnd ins Bild gerückt, bis sie schliesslich alle aufeinandertreffen. Das Kloster, seine mittelalterlich anmutende Atmosphäre und der gregorianische Gesang treten in Widerstreit mit der modernen musikalischen Improvisation unter Godards Führung. Die wie gewohnt ruhige, stilvoll-ästhetische und ausgewogene Kameraführung Pio Corradis unterstützt das schlichte Konzept des Films. Die Dunkelheit und Ernsthaftigkeit innerhalb der Mauern wird nur selten durch eine Aussenaufnahme, wie etwa die eines Stück Himmels, unterbrochen, wirkt aber dennoch nie erdrückend, sondern schafft für das intensive Zusammenspiel der MusikerInnen einen adäquaten Rahmen.
Stefan Schwietert hat mit seinen Werken El acordeón del diablo (2000) oder Das Alphorn (2003) bereits Achtungserfolge im Bereich Musikfilm errungen. Auch der dieses Jahr erschienene Accordion Tribe knüpft an die musikalische Erfolgsstory an. Das mag daran liegen, dass Schwietert wie kein anderer versteht, Musik «sichtbar» zu machen. Eigentlich gebührte seinen Filmen, besonders aber der Schwarzen Madonna, eine eigene Genrebezeichnung, die in Anlehnung an das bereits existierende Dance on Screen am besten mit Music on Screen zu bezeichnen wäre. Denn es ist die unaufdringlich schlicht visualisierte Musik, die in seinen Filmen die Hauptrolle spielt. Der Film entwickelt einen Sog und lässt uns intensiv erleben, was auf der Leinwand an musikalischen Prozessen passiert, ohne dass es je langweilig werden würde.