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Fünf seiner zehn Geschwister waren bereits verhungert, als Bonny B 1979 mit seinen Eltern aus Kambodscha floh. Drei Monate lang war die Familie im Dschungel unterwegs. Er sass die meiste Zeit auf dem Rücken seines älteren Bruders. Hinter ihnen waren die Schergen der Roten Khmer her, von oben schlugen die Bomben der Befreiungstruppen ein, die daran waren, dem kommunistischen Regime von Pol Pot ein Ende zu setzen. «Ich hatte einen riesigen Hungerbauch und wäre fast gestorben», erzählt Bonny B. Doch schliesslich gelang der Familie die Flucht nach Thailand. Dort halfen drei Schweizer Ordensschwestern den Flüchtlingen, nach Freiburg zu kommen. Aus Dankbarkeit konvertierte die Familie hier dann vom Buddhismus zum Katholizismus. Bonny B, der eigentlich mit Vornamen Su Pheaktra heisst, wurde auf den christlichen Namen Bonnyface getauft. Um seinen Kindern die besten Chancen auf ein Leben in der Schweiz zu bieten, machte der Vater – ein Lehrer – diese kurzum um zwei Jahre jünger. Und so kam Su Pheaktra mit sieben, respektive fünf Jahren im Schönberg in den Kindergarten.
Die Liebe zur Musik
«Als Kind war ich oft allein», erzählt Bonny B heute. «Ich war traumatisiert. Gleichzeitig hatte ich einen grossen Lebenswillen.» Eines Tages entdeckte Bonny B in einem Plattenladen beim Lindenplatz in Freiburg die Musik der US-amerikanischen Bluesmusiker John Lee Hooker und Muddy Waters. Von da an war es um ihn geschehen. «Der Blues mit seinem Gesang und seinem Rhythmus entstand mit den afrikanischen Sklaven in den USA. Die Einfachheit und die Tiefe der Musik, welche echte Gefühle ausdrücken, haben mich sofort berührt.» Denn auch die Kambodschaner seien wie Sklaven behandelt worden. Unter der Herrschaft von Pol Pot kamen zwischen 1975 und 1979 schätzungsweise 1,7 bis 2,2 Millionen Menschen um – sie wurden hingerichtet, durch Zwangsarbeit in den Tod getrieben, starben an Hunger und wegen mangelhafter medizinischer Versorgung.
Die Liebe zur Schweiz
Und so begann Bonny B – «Bonny» von Bonnyface und «B» von Blues – Mundharmonika zu spielen. Er gründete seine erste Band und lebte vorübergehend in Chicago, wo er mit etlichen Bluesgrössen spielte. Dennoch ist er der Schweiz und Freiburg treu geblieben. «Für mich war die Schweiz als Flüchtling das Paradies. Das Land hat uns geholfen, ich bin dafür dankbar. Es gab nie einen Grund, wegzuziehen.» Sehnsucht nach Kambodscha verspürt Bonny B nicht. Die herrschende Korruption habe ihn stets abgestossen. Dennoch gründete er dort 2007 mithilfe von Benefizkonzerten eine Schule. «Das habe ich für meinen 2001 verstorbenen Vater gemacht, dem Bildung immer wichtig war.»
Der Workaholic
Bonny B ist heute in der Freiburger Musikszene und darüber hinaus eine feste Grösse. Sein Blues Club gehört zu den wenigen Etablissements europaweit, die sich nur dem Blues verschreiben.
Das Lokal an der St.-Niklaus-von-Flüe-Strasse in Freiburg ist denn auch eine Welt für sich. An den Wänden hängen Schwarz-Weiss-Fotografien, die vom Leben der Schwarzen in Amerika erzählen, und Cigar-Box-Gitarren, die sein Bruder Guillaume baut. Überall stehen Vintage-Objekte aus der Blütezeit des Blues im vergangenen Jahrhundert. In einer Ecke hängt ein Bademantel von Muddy Waters. «Den hat mir sein Gitarrist Bob Margolin geschenkt, mit dem ich gespielt und eine CD aufgenommen habe», erzählt Bonny B stolz. Der Morgenmantel wiederum war ein Geschenk von Eric Clapton an die Bandmitglieder von Muddy Waters, die mit ihm 1979 auf Tournee waren. In seinen Blues-Club lädt Bonny B Musiker aus aller Welt ein. Die Konzerte im Club finden in einem intimen Rahmen statt. «Ich möchte ein Publikum, das meiner Musik, die ich so liebe, Respekt zollt. Darum verlange ich auch Eintritt wie für eine Theateraufführung.» Jährlich gibt der Bluesman auf verschiedenen Bühnen über 100 Konzerte und inzwischen hat er sein 14. Studioalbum aufgenommen. Seit 2003 unterricht er in seinem Club zudem Kinder und Erwachsene in Gesang, Mundharmonika, Gitarre, Klavier und Schlagzeug. «An den Wochentagen unterrichte ich zehn Stunden pro Tag», sagt Bonny B. Seine Unterrichtsmethode ist unorthodox. Die Schülerinnen und Schüler lernen keine Noten. Stattdessen nummeriert Bonny B die Töne einer Oktave von eins bis acht. «Das ist einfacher, sonst müssen die Schülerinnen und Schüler ständig überlegen. Ich möchte jedoch, dass sie nach Gehör und mit dem Herzen zu spielen.»
Im musikalischen Exil
Das Schlichte ist Bonny B. ganz grundsätzlich ein Anliegen. Das findet auch Ausdruck auf seinen einsaitigen Cigar-Box-Gitarren. Auf ihnen steht der Satz: «One string is enough» – eine Saite reicht. «Ich bin gegen Virtuosität ohne Gefühle», erklärt der Musiker. Gerade der Blues lasse viel Raum für unterschiedlichste Emotionen. Ein und dasselbe Stück klinge immer anders – je nach Gemütslage. «Der Blues ist sozusagen der emotionale Urknall.» Aus ihm hätten sich Rock, Soul und R’n’B entwickelt. Insofern sei auch der stilechte Blues nie unmodern, weil er immer im Hier und Jetzt interpretiert werde.
Bonny B ist der gelebte Blues. Zwar sei diese Art der Musik bestimmt auch eine Form der Therapie, des emotionalen Exils, um die schlimmen Erlebnisse in seiner frühen Kindheit zu überwinden. Anders als die US-amerikanischen Sklaven muss er damit sein äusseres Exil aber nicht erträglicher machen. Denn in der Schweiz ist er glücklich.
Blues-Club,
St.-Niklaus-von-Flüe-Strasse 22, Freiburg. 12. Ausgabe des Blues Festivals, 9. und 10. Oktober, ab 19.30 Uhr. U.a. mit Bluesman Boney Fields aus Chicago.
Serie
Eine Stafette mit Porträts
In einer losen Serie stellen die FN verschiedenste Menschen aus ihrem Einzugsgebiet vor. Die Serie funktioniert wie eine Stafette: Es ist der Porträtierte, der das nachfolgende Porträt bestimmt.