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Edition der Koželuch-Sonaten abgeschlossen
Alle 50 Sonaten von Leopold Koželuch liegen erst seit Kurzem in einer mustergültigen Edition von Christopher Hogwood vor. Sie sind pianistisch wie musikalisch überaus lohnend.
In unserem Dossier erläutert Bernhard Billeter an zwei Beispielen Eigenart, Stil und Bedeutung der koželuchschen Sonaten.
Der tschechische Komponist Leopold Koželuch, geboren 1747, entstammte einer Musikerfamilie. Seine Ausbildung vervollständigte er ab 1768 in Prag und begab sich 1778 nach Wien. Dort betätigte er sich als kaum auftretender Klavierpädagoge mit Schülerinnen und Schülern auch in höchsten Adelskreisen des Kaiserreichs sowie als fruchtbarer Komponist. Er war auch Inhaber einer Musikalienhandlung und eines Musikverlages mit europaweiten Verbindungen zu andern Verlagen. Diesen bot Koželuch erfolgreich seine Werke an. Sie umfassen nicht nur Klaviermusik, sondern auch Kammermusik, Orchestermusik, ja alle Sparten bis zu Opern, Balletten und Pantomimen. Allerdings sind die meisten Bühnenwerke leider verloren gegangen. Von 1781 an galt er als schärfster Konkurrent von Mozart. Ihm gelang es, ab 1792 im Auftrag des Kaiserhauses alljährlich eine Oper oder ein Ballett zu schreiben, was Mozart lebenslang versagt geblieben war. Von 1802 bis zu seinem Tod 1818 kränkelte er, seine Produktivität liess stark nach. Den jungen Schubert, um nur diesen zu nennen, beeinflusste er stark, besonders was unvermutete harmonische Wendungen in entfernte Tonarten betrifft. Nach seinem Tod geriet er total in Vergessenheit.
Bis vor Kurzem waren nur sieben Klaviersonaten in Neuausgaben zugänglich. Und nun liegen sie alle in einer mustergültigen Ausgabe vor, betreut von keinem Geringeren als dem englischen Cembalisten und weltbekannten Dirigenten Christopher Hogwood; er verstarb 2014, es war neben der Herausgabe von Werken Händels, Purcells und Geminianis vielleicht seine letzte Arbeit. Die ersten zwei Bände wurden hier bereits 2011 besprochen (SMZ 9_2011, S. 32 f.). Gut Ding will Weile haben.
Da in frühen Werken der Schwierigkeitsgrad noch bedeutend geringer ist, konnten sie 2011 für den Klavierunterricht ab Stufe Sonatinen, teilweise sogar für das Blattspiel empfohlen werden. Die späteren sind anspruchsvoller. Gleich geblieben ist jedoch ein geschickter, handgerechter Klavierstil: Alle klingen viel virtuoser, als sie zu spielen sind. Gleich geblieben ist auch der musikalische Stil, den man gewiss mit «Munterkeit und Grazie» umschreiben kann, der aber darüber hinaus emotionale Tiefe bietet, nicht nur in Moll-Sätzen, sowie – im Rahmen klassischer Sonatengestaltung – erfindungsreiche Überraschungen harmonischer und formaler Art. Deshalb ist zu wünschen, dass die vier Bände bei den Klavierpädagogen zum eisernen Bestand ihrer Notenbibliothek gehören werden. Dass Fingersätze fehlen, ist als pädagogischer Vorteil zu werten.
Leopold Koželuch: Sämtliche Sonaten für Clavier,
Urtext hg. von Christopher Hogwood;
Bd. III: Sonaten 25–37, BA 9513, € 44,95;
Bd. IV: Sonaten 38–50, BA 9514, € 41.95;
Sammelband Sonaten 1–50, BA 9515, € 140.00;
Bärenreiter, Prag 2012 / 2015