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| Gregor v. Nyssa (†394) - Abhandlung über die Ausstattung des Menschen (De opificio hominis)

11. Unerkannt ist die Natur des Geistes.
Was ist nun seiner eigenen Natur nach der Geist, der in Empfindungs-Kräften sich vertheilt und durch eine jede in entsprechender Weise die Kenntniß der Dinge aufnimmt? Denn daß er etwas Anderes ist als die Sinnesempfindungen, darüber wird, glaube ich, kein Verständiger im Zweifel sein. Wäre er nämlich identisch mit der Sinneswahrnehmung, so wäre er jedenfalls mit einer der Sinnesthätigkeiten verwandt, weil er einfach ist, in dem Einfachen aber keine Mannigfaltigkeit bemerkt wird. Nun aber, da Alle zugeben, etwas anderes sei der Tastsinn und etwas Anderes der Geruch, und da ebenso auch die übrigen sich selbständig und unvermischt gegen einander verhalten, so muß man, da er gleichmäßig einem Jeden in entsprechender Weise innewohnt, ihn durchaus für eine andere Natur als die sinnliche halten, damit man dem Geistigen nicht eine Mannigfaltigkeit beimenge. „Wer hat den Geist des Herrn erkannt?“ sagt der Apostel.1 Ich aber sage ausserdem: Wer hat seinen eigenen Geist begriffen? Mögen Diejenigen, welche die Natur Gottes für innerhalb ihres Begreifens gelegen erachten,2 sagen, ob sie sich selbst begriffen, ob sie die Natur ihres eigenen Geistes erkannt haben. Ist er vieltheilig und zusammengesetzt? Und [S. 235] wie kann das Intellektuelle zusammengesetzt sein, oder welches ist die Weise der Mischung des Verschiedenartigen? Ist er aber einfach und unzusammengesetzt, wie verbreitet er sich dann in die Vieltheiligkeit der Sinneswahrnehmung? Wie ist in der Einheit das Mannigfaltige, wie in der Mannigfaltigkeit das Eine? Aber ich erfahre die Lösung der Schwierigkeiten, wenn ich auf die Stimme Gottes selbst zurückgehe. Denn „Laßt uns den Menschen machen,“ sagt er, „nach unserem Bilde und Gleichnisse.“ Solange nämlich dem Bilde keines der Merkmale des Urbildes fehlt, ist es wahrhaftig ein Ebenbild; sofern es aber von der Ähnlichkeit mit dem Vorbilde abweicht, insofern ist es nicht Bild. Mithin da eines der Merkmale der göttlichen Natur die Unbegreiflichkeit des Wesens ist, so muß durchaus auch hierin das Abbild dem Urbilde gleichen. Denn wenn die Natur des Abbildes begriffen würde, das Urbild aber überbegrifflich wäre, so würde die Entgegengesetztheit der Merkmale die Verfehltheit des Bildes beweisen. Da jedoch der Erkenntniß sich entzieht die Natur unseres Geistes, welcher nach dem Bilde des Schöpfers ist, so hat er eine genaue Ähnlichkeit mit dem Allerhabenen, indem er durch seine eigene Unerkennbarkeit die unbegreifliche Natur (Gottes) charakterisirt.
1: Röm. 11, 34.
2: Wie die Eunomianer.