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So wenig wie möglich dem Zufall überlassen, so lautet die Vision. Top-Clubs arbeiten längst mit Analytikunternehmen zusammen, um zum geplanten Erfolg zu kommen. Auch der FC Basel ist auf den Zug aufgesprungen.
«Geht's raus und spielt's Fussball!» Ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit Franz Beckenbauer an der WM 1990 den deutschen Nationalspielern diesen Ratschlag mit aufs Spielfeld gab. Seither hat sich eine Menge getan. Die Trainerstäbe haben immer mehr technische Hilfsmittel zur Verfügung.
Jede Spielsequenz kann mittlerweile aufgenommen und untersucht werden. Somit lassen sich Passgenauigkeit, Zweikampfwerte und Laufleistungen der Fussballer besser analysieren denn je. Die Menge an Daten, die gesammelt werden können, ist gigantisch. Die meisten Top-Vereine nutzen Software von Analytikunternehmen und haben grosse Abteilungen, die für das Auswerten der Daten zuständig sind. Auch optimale Transfers können mithilfe von riesigen Datenbanken eruiert werden.
Einst waren Datenanalysen eher in Sportarten wie Baseball oder Basketball verbreitet. Ein prominentes Beispiel, dass man mit guter Datenanalyse und geschickten Statistikern auch im Sport Erfolg haben kann, lieferten im Jahr 2002 die Oakland Athletics. Das Baseball-Team gewann 20 Spiele in Serie mit einem Kader, das deutlich kostengünstiger als das der Konkurrenz war.
Der damalige General Manager Billy Beane stellte ein Team aus Spielern zusammen, die auf dem Markt eher als mittelmässig galten, jedoch mithilfe genauer Untersuchungen überdurchschnittlich waren. Darauf schaffte Oakland zwischen 2000 und 2003 jedes Mal die Qualifikation für die Playoffs. Dieser Pionier-Leistung wurde 2011 der Spielfilm «Die Kunst zu gewinnen – Moneyball» gewidmet.
Auch Arsène Wenger arbeitete schon früh mit diesen Mitteln. Der heutige Arsenal-Trainer liess sich zu seiner Trainer-Zeit bei Monaco (1987–1994) von einem Freund ein Computerprogramm entwickeln, um eine bessere Übersicht der Leistungen seiner Spieler zu bekommen. Auch nach seinem Wechsel zu Arsenal setzte Wenger auf die Datenanalyse. Der Erfolg gab ihm recht: In der Saison 2003/04 gewann er mit den Gunners die Meisterschaft, ohne eine einzige Niederlage einstecken zu müssen.
Zu den Revolutionären, die den Erfolg durch Analytik suchten, gehörte auch der ehemalige Bolton-Wanderers-Trainer Sam Allardyce. Als er 1999 beim englischen Verein angeheuert wurde, stellte er kurzerhand ein paar Statistiker ein. Nicht zuletzt, weil das Geld für neue Spieler nicht ausreichte.
Allardyce arbeitete gemeinsam mit dem Analytiker-Team einen Plan aus, um das stetig vom Abstieg bedrohte Team aus dem Teufelskreis herauszuholen. Und tatsächlich, zwischen 2003 und 2007 schafften es die Wanderers, trotz einem schwächerem Kader als die Konkurrenz, immer auf einem der besten acht Ränge der Premiere League abzuschliessen.
Heute gibt es viele verschiedene Firmen, die sich auf das Auswerten von Sportdaten konzentrieren. Zwei der grössten Unternehmen, die sich ausschliesslich auf den Fussball konzentrieren, sind «Prozone» und «Opta Sports» aus Grossbritannien.
«Prozone» hat eine Software auf den Markt gebracht, die mithilfe von acht Kameras eine zweidimensionale Animation des Fussballspiels erstellt. Somit wird praktisch jede Spielerbewegung und jedes Ballereignis aufgezeichnet. Mittlerweile nutzen 19 von 20 Premier League-Vereinen die Dienste von «Prozone». Nebenbei reissen sich die Topclubs um die besten Analytiker.
Spitzenreiter in Sachen Datenanalyse ist derzeit Manchester City, das mit «Opta Sports» zusammenarbeitet. Unter Gavin Fleid, der ursprünglich zum Team von Allardyce gehörte, arbeiten bei City rund zehn Statistiker.
Nicht nur auf der Insel wird mit «Prozone» gearbeitet, auch der FC Basel nutzt die Spielanalyse des Anbieters. Für das Studieren von internationalen Gegnern oder wenn es um neue Verpflichtungen geht, verwendet der Serienmeister den Dienst von «Wyscout», der grössten Fussballerdatenbank der Welt.
Für schnelle Analysen in der Halbzeit arbeiten die Basler mit der Schweizer Software «Dartfish». Das Produkt ermöglicht es, eigene Videoanlaysen zu erstellen. Seit der Ära von Trainer Paulo Sousa wird in Basel auch vom System der Firma «GPSports» Gebrauch gemacht. Mithilfe eines Brustgurtes und einem Sender im Nacken der Spieler werden sämtliche Bewegungen und Herz-Kreislauf-Frequenzen in Echtzeit übermittelt. 50'000 Euro soll das System gemäss der Tageswoche gekostet haben.
Zudem gibt es auf dem Basler Nachwuchs-Campus ein festinstalliertes GPS-System der Firma «Immotio», das mithilfe von Kameras ebenfalls Daten über die Spieler übermitteln kann.
Mittlerweile erhält auch die Swiss Football League gewisse Datensammlungen von «Prozone», die sie den Clubs zur Verfügung stellt. Dabei handelt es sich um Informationen über Laufwege, Ballbesitz oder Zweikämpfe, bei denen die Mannschaften erkennen, wie sie im Vergleich zu den anderen Teams abschneiden. Dies ist mittlerweile gang und gäbe in den europäischen Fussball-Ligen. So ist in der Bundesliga zum Beispiel die Firma «IMPIRE AG» zuständig. Somit können auch Vereine mit kleinerem Budget, von der neuen Technik profitieren.
Zu den bekanntesten Gegnern der Datenanalyse gehört Felix Magath. Erst kürzlich erwähnte der Trainer gegenüber Sport1: «Mittlerweile werden unzählige Daten von Spielern erhoben. Aus meiner Erfahrung ist das nicht zielführend. Ich bezweifle, dass das Verhalten der englischen Fussballer und auch der Bundesligaspieler durch Datenerhebung besser wird.»
Auch der Ex-Augsburg-Manager Andreas Rettig betonte einst: «In einem Spiel gibt es sechs Ein- und Auswechslungen oder 25 Ecken. In dem anderen Spiel ist mehr Spielfluss drin. Es gibt verschiedenste Beispiele dafür, warum am Ende das zur Verfügung stellen von Daten manchmal auch in die falsche Richtung zeigt.»
Fakt ist, dass die zunehmende Verwissenschaftlichung des Fussballs kaum aufzuhalten sein wird. Mit der Virtual-Reality-Brille von Oculus Rift steht bereits der nächste Schritt vor der Tür. Ingenieure der Firma «Triple IT» haben eine App für die Brille entwickelt, mit der es möglich ist, das Spiel durch die eigene Sicht oder durch die Perspektive eines Mitspielers in 3D Revue passieren zu lassen. Somit sollen individuelle Fehler noch besser analysiert werden können. Louis van Gaal setzte bereits bei der WM-Vorbereitung 2014 mit Holland auf die Technologie. Auch die Vereine Ajax Amsterdam und PSV Eindhoven arbeiten bereits mit der Software.
Das derzeit vielleicht spannendste Projekt bezüglich Datenanalyse im europäischen Fussball ist der FC Midtjylland. Zum ersten Mal wurde das Team dänischer Meister – mithilfe von Computern und Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Der Erfolg ist dem Multimillionär Matthew Benham zu verdanken, der den Club vor der Saison rettete.
Benham verdiente sein Geld mittels Sportwetten, indem er mit statistischen Analysen Lücken in den Buchmacher-Offerten fand. Gemeinsam mit dem Midtjylland-Präsidenten Rasmus Ankersen ging Benham der Grundidee nach, den Klub mittels statistischer Analyse zu führen und gewann mit der Taktik in der vergangenen Saison die Meisterschaft. Man darf gespannt sein, welche Erfolge der Club in Zukunft noch einfahren wird.