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1959 war ein gutes Jahr für den Jazz. In jenem Jahr wurden gleich mehrere Alben veröffentlicht, die damals wie heute als Meilensteine oder Meisterwerke bezeichnet werden: Dave Brubecks «Time Out», Miles Davis' «Kind of Blue», Ornette Colemans «The Shape of Jazz to Come» und eben Charles Mingus' «Mingus Ah Um». Da die Original-LP technisch bedingt beschränkt Platz bot, fanden nur neun von zwölf Stücken Platz darauf, und sechs davon wurden sogar noch zum Teil stark gekürzt. «Bird Calls» beispielsweise (das sich nicht auf Charlie Parker, sondern auf wirkliche Vogelrufe bezieht) war im Original über sechs Minuten lang, wurde aber für die LP auf 3:12 zusammengeschnitten.
Glücklicherweise wurden die Originalbänder bei Columbia 1979 restauriert und die Stücke in ihrer vollen Länge präsentiert. Auch die drei bisher unveröffentlichten Stücke (nicht die «Second takes») wurden angehängt.
Nur zwei Tage im Studio
Am 5. und am 12. Mai 1959 waren die acht Musiker in New York an der 30th Street im Studio und nahmen die zwölf Stücke auf. Für viele Musik-Konsumenten aber auch für Studiotechniker ist es heute kaum mehr vorstellbar, dass keine (digitalen) Korrekturen vorgenommen werden konnten. Die Aufnahme erfolgte in Stereo – basta. Fehler und Ausrutscher inklusive. Deshalb nahm man zu jener Zeit bei den meisten Recording Sessions das gleiche Stück mehrmals auf und wählte später die beste Version. Bei dieser Produktion gab es nur von drei Stücken eine zweite Version. Es ist eine Meisterleistung, an zwei Tagen zwölf Stücke «in den Kasten» zu kriegen, inkl. vorgängiger Studio-Optimierung, Mikrofonaufstellungen, Einpegeln usw.
Sämtliche Kompositionen und Arrangements stammen aus der Feder von Charles Mingus, ausser «Girl of My Dreams». Die Besetzung gilt auch heute noch als eher aussergewöhnlich: Drei Saxophone, zwei Posaunen und die Rhythmusgruppe bestehend aus Klavier, Bass und Schlagzeug.
Unglaubliche Energie
Schon im Eingangsstück «Better Git It in Your Soul» wird man in eine fulminante Gospel-Energie getaucht, die dynamischer nicht sein könnte und einen über mehr als sieben Minuten in ihren Bann zieht. Da ist man froh, wenn mit «Goodbye Porky Pie Hat» (dem Abschiedslied zu Ehren des kurz zuvor verstorbenen Lester Young) Hektik und Intensität etwas abnehmen, die Stimmung besinnlicher wird. Doch danach wird’s mit «Boogie Stop Shuffle» wieder rasant. Dieses Auf und Ab der Emotionen, diese Tempiwechsel halten den Hörer während der vollen 72 Minuten in Atem.
Klang
2009 veröffentlichte Sony zum 50. Jubiläum eine Sonder-Edition auf zwei CDs, die auch noch die drei «alt. Takes» sowie das ebenfalls 1959 aufgezeichnete Album «Mingus Dynasty» enthält.
Der vorliegende HighResAudio-Download ist das dritte mir bekannte digitale Remaster der analogen Originalaufnahmen. Vor allem, wenn man sieht, wie die wenigen Mikrofone verteilt waren, und mit welcher für aus heutiger Sicht beinahe steinzeitlichen Technik aufgezeichnet wurde, überrascht die Tonqualität und die Ausgewogenheit der Live-Mischung bei vielen Aufnahmen aus jener Zeit, so auch bei «Mingus Ah Um».
Über die diversen Digitalisierungsversuche und deren unterschiedliche Qualitäten gibt es viel zu lesen (in Büchern und im Internet). Für mich wirkt dieses neuste Remaster etwas luftiger als das mir bestens bekannte Original, an das ich mich über die Jahre gewöhnt habe. Ob der Gesamteindruck besser oder schlechter beurteilt wird, ist ohnehin Geschmacksache. Separat genossen (ohne zu vergleichen) ist die Klangqualität für meine Ohren hervorragend.
Zusammengefasst
Jede der zwölf Kompositionen hat ihren eigenen Charakter, ihr eigenes Thema. Da ich die LP besass (zu einer Zeit, als man Musik noch bewusst konsumierte, sich eine LP während mindestens einem Monat «einverleibte»), sind mir die neun Originalstücke besonders ans Herz gewachsen. Ob «Jelly Roll» oder «Bird Calls», «Goodbye Porky Pie Hat» oder «Boogie Stop Shuffle» – immer wieder entdecke ich Neues, höre nun Nuancen, die mir früher nicht aufgefallen waren … und bin nach wie vor begeistert.
Aus den genannten Gründen, aber auch, weil dieser Meilenstein über die Jahre mit Auszeichnungen überhäuft wurde (Penguin Guide to Jazz, Library of Congress, Allmusic, Rolling Stone, Down Beat usw.), möchte ich dieses Remaster jedem Musikliebhaber ans Herz legen. Denn «Mingus Ah Um» gehört in jede seriöse Musik-/Jazzsammlung.