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Arme Bauersleute hatten eine recht gute Kuh und von ihrer Milch machten sie viel Butter und Käse. Dies war eine gute Sache. Aber ein wenig Brot wollten sie auch und sie hatten kein Geld es zu kaufen. Man machte also einen guten Vorrat von Käse, dann schickte man den ältesten Sohn in die Welt, um die Kuh zu verkaufen. Nach drei Reisetagen fand dieser auf der Strasse einen Mönch, der ihn fragte: „Wohin gehst du mit diesem Esel?"
„Das ist kein Esel, es ist eine Kuh", antwortete er.
„Wie, das ist kein Esel? Sicher ist es einer. Bist du blind?"
„Ich sage Euch, es ist eine Kuh!"
„Wir wollen wetten, dass der erste, den du auf der Strasse finden wirst, dir sagt, dass es ein Esel ist."
„Lass uns nur wetten und wenn er es bejaht, so schenke ich dir die Kuh", sagte er, so sicher war er seiner Sache.
Der Bergbewohner ging voraus mit seiner Kuh und hinter ihm kam der Mönch. Bald begegnete ihnen ein anderer Mönch. Diesen fragte der Bauer, ob er einen Esel oder eine Kuh führe. Dieser Bruder, welcher gesehen hatte, wie sein Kollege mit den Augen zwinkerte, verstand schnell die Antwort, die er geben sollte und erwiderte: „Das, was du führst, ist der schönste Esel von der Welt."
Unser Bauer erstarrte zu Stein und wollte die Kuh nicht abtreten. Er musste aber doch schliesslich sein Versprechen halten und er ging nach Hause mit leeren Händen. Den Seinen sagte er, er habe das Tier in einem Stall gelassen und dass er am anderen Tag dorthin gehen werde, um sie in dieser Gegend zu verkaufen.
Am nächsten Tag nahm der Jüngling das Kleid seiner Schwester und mit diesem verkleidete er sich als Frau. Er stellte sich zu Beginn der Nacht an der Klostertüre ein und erbat Gastfreundschaft. Der Prior erwiderte, er habe kein Zimmer zur Verfügung, aber wenn sie wolle, könne sie sich's in seiner Zelle bequem machen. Und so machte es der verkleidete Mann. Ehe sich der Prior nach oben zurückzog, sagte er zu seinen Brüdern, sie möchten nicht darauf achten, wenn es in der Nacht Lärm gebe, weil die Frau vielleicht in der Morgenfrühe weiterreisen wolle. Er selber werde ihr dann die Haustüre öffnen.
Kaum hatte der Mönch die Türe zur Zelle geschlossen, als sich auch schon der als Frau verkleidete Bursche erhob, unter seinem Kleid einen dicken Stock hervorzog und den Mönch, der ihn um die Kuh betrogen hatte, zu schlagen anfing. Dieser rief um Hilfe, aber die Mönche rührten sich nicht, wie er ihnen geboten hatte.
Als der Prior sah, dass niemand ihm zu Hilfe kam, bat er den Bauer, ihn nicht mehr zu schlagen. Aber dieser antwortete, er höre nur auf, wenn er ihm den Schlüssel zum Stall gebe und ihm ausserdem anzeige, wo der Klosterschatz verborgen sei. Der arme Bruder, dessen Knochen halb zerbrochen waren, gab den Schlüssel und verriet den Platz, wo der Schatz verborgen war. Der Bauer lief hinunter, nahm Kuh und Geld und kehrte damit nach Haus zurück zum grossen Trost seiner Familie, die nun Soldi hatte, ohne die Kuh verkaufen zu müssen.
Quelle: L. Clerici, Helene Christaller (Übers.), Märchen vom Lago Maggiore.
Nach mündlicher Überlieferung gesammelt von Luigi Clerici, Basel o. J.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch; typografisch leicht angepasst.