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Nicht jeder Mensch geht mit externen Stressfaktoren wie z.B. Zeitdruck, Aufgabenvielfalt oder Konflikte im sozialen Umfeld auf die gleiche Weise um. Einige Menschen werden durch ein und denselben externen Stressor stärker gestresst und psychisch beansprucht als andere. Warum ist das so? Eine Erklärung für die grossen Unterschiede bietet das Transaktionale Stressmodell von Lazarus1) 2), das vielen Stresspräventions- und -behandlungsansätzen implizit oder explizit zugrunde liegt.
Das transaktionale Stressmodell von Lazarus geht davon aus, dass die Reaktion auf externe Stressfaktoren massgeblich von den Gedanken, Beurteilungen und Bewertungen einer Person in der jeweiligen Situation bestimmt werden. Stress entsteht, wenn ein Ungleichgewicht besteht zwischen den Anforderungen, die an eine Person gestellt werden, und den persönlichen Möglichkeiten und Ressourcen, die zur Verfügung stehen, um die Anforderungen zu bewältigen.
Die folgende Abbildung zeigt das transaktionale Stressreaktionsmodell nach Lazarus in vereinfachter Darstellung:
Das Modell erklärt den individuell unterschiedlichen psychischen Beanspruchungsgrad ein und derselben (Stress-)Situation folgendermassen: Menschen bewerten Umweltreize, Situationen und externe Ereignisse automatisch subjektiv in Bezug auf ihre Relevanz und persönliche Bedeutung. Lazarus bezeichnet diese subjektive Einschätzung als "primäre Bewertung", wobei "primär" nichts mit der zeitlichen Abfolge oder der Wichtigkeit des Bewertungsschrittes zu tun hat. Die Bezeichnung "primär" und "sekundär" dienen lediglich der Unterscheidung zwischen zwei inhaltlich verschiedenen Bewertungsschritten, die zumeist simultan erfolgen.
Menschen betrachten also externe Ereignisse und Situationen als entweder positiv, irrelevant oder als potenziell bedrohlich (für das persönliche Wohlbefinden, die eigenen Ziele, die eigene Person) und damit stressrelevant. Wird die Situation als stressend erlebt, kann diese Bewertung in drei Abstufungen erfolgen, nämlich als herausfordernd, bedrohend oder als schädigend.
Ein einfaches Beispiel hierzu: ein auf der Strasse vorbeifahrendes Auto wird von den meisten Menschen i.d.R. kaum beachtet werden und dürfte in der Relevanzbewertung vermutlich in den meisten Fällen als irrelevant eingestuft werden. Spielen jedoch kleine Kinder mit einem Ball in unmittelbarer Nähe zur Fahrbahn, erhält die Situation "vorbeifahrendes Auto" plötzlich eine vollkommen andere (nämlich potenziell gefährliche) Bedeutung, vor allem aus Sicht eines Elternteils.
Ein anderes Beispiel: ein und dieselbe Prüfung kann für den einen Prüfling, der sich gut vorbereitet hat und im Prüfungsthema einigermassen sicher fühlt, als eine Herausforderung angesehen werden, während sie für den nächsten Prüfling, der zwar ebenfalls stundenlang gepaukt hat, aber sich im Thema sehr unsicher fühlt, eine Bedrohung darstellt.
Im Rahmen der sekundären Bewertung schätzt der Mensch seine Bewältigungsmöglichkeiten für die Situation ein, und zwar auf der Basis seiner Wahrnehmung über die ihm zur Verfügung stehenden "Ressourcen". Was als Ressource in Frage kommt (z.B. die eigene Kompetenz in einem Bereich, bestimmte Fähigkeiten zur Bewältigung einer Aufgabe, ein hohes Mass an Selbstvertrauen, der Glaube an Gott, materielle Ressourcen wie z.B. Geld oder soziale Ressourcen wie Macht über oder Unterstützung durch andere) kann sehr unterschiedlich ausfallen und hängt von der jeweiligen Situation und ihrer Wahrnehmung durch den jeweiligen Menschen ab.
Je ungünstiger diese subjektive Ressourcenbewertung ausfällt, je weniger die wahrgenommenen Ressourcen für eine erfolgreiche Situationsbewältigung ausreichen oder je mehr Unsicherheit darüber besteht, umso stärker ist die Stressreaktion, die hierdurch ausgelöst wird. Die Stressreaktion äussert sich sowohl im subjektiven Empfinden (z.B. Angst, Anspannung, Ärger etc.), in körperlichen Veränderungen (im Hormonsystem und im muskulären System), als auch im Handeln der Person (z.B. Aggression gegen andere, Rückzug, Konsum suchtförderlicher Substanzen).
Zur Bewältigung von Stresssituationen greift der Mensch auf subjektive Bewältigungsstrategien zurück, sog. "Coping"-Strategien (vom englischen Verb to cope = etw. bewältigen, zurechtkommen, mit etw. fertigwerden). Sowohl die Ressourceneinschätzung als auch die Wahl der Bewältigungsstrategien hängt von unterschiedlichen Faktoren ab, u.a. von persönlichen "Soll-Werten", von den kognitiven Strukturen der Person, von ihren bislang gemachten Erfahrungen mit bestimmten Situationen bzw. dem Erfolg bestimmter Coping-Strategien, sowie von der wahrgenommenen Unterstützung durch andere.
Die jeweils gewählten Bewältigungsstrategien können funktional sein, d.h. zu einer nachhaltigen Lösung eines Problems beitragen. Sie können aber auch "dysfunktional" sein, d.h. erfolglos in Bezug auf eine Problemlösung, oder vom eigentlichen Problem lediglich ablenkend. Je nach Rückmeldung über den Erfolg einer verwendeten Lösungsstrategie oder durch das Hinzukommen von weiteren Ressourcen kann eine Neubewertung der Situation erfolgen, z.B. ein Wechsel von der Wahrnehmung einer Situation als "Bedrohung" hin zu einer "Herausforderung".
10.11.2012 - cmz
Fussnoten:
1) Lazarus, R.S. & Launier, R. (1981): Stressbezogene Transaktion zwischen Person und Umwelt. In: J.R. Nitsch (Hrsg.): Stress - Theorien, Untersuchungen, Massnahmen. Bern: Huber, S. 213-259.
2) Lazarus, R.S. (1999): Stress and Emotion: A new synthesis. New York: Springer