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Josef Bordat: Die Geoglyphen in der Wüste. Theorien zur Entstehung und Bedeutung der Scharrbilder von Nazca. Mit Bildbeiträgen von Roxana Valdivia Bernedo.
Fest steht: Sie sind beeindruckend. Fest steht weiterhin: Sie gehören seit 1994 zum Weltkulturerbe. Fest steht schließlich: Der Weg zu ihnen ist beschwerlich, geht es doch über die Carretera Panamericana (Panamerican Highway) durch die sengende Hitze der Wüste (der Tag, an dem wir Richtung Nazca fahren, erscheint mir besonders heiß, nach den recht kühlen Tagen in Lima). Das steht fest. Alles andere scheint offen zu sein, geheimnisvoll, mythenumwittert.
Die Rede ist von den riesigen Geoglyphen in der regenlosen pampa, der steinigen Wüste bei Nazca. Der Name dieser Wüste (pampa) kommt von den Aymara-Indianern und kann mit "weite Ebene" übersetzt werden. Die Wüste wird im Norden durch den Río Ingenio, im Süden und Westen durch den Río Nazca und im Osten und Nordosten durch die Vorgebirge der Anden begrenzt. Die Geoglyphen von Nazca umranken in der Tat viele Mythen; sie gehören zu den letzten Geheimnissen der Erde. Es gibt - wie wir sehen werden - Theorien, doch das Rätsel um die genauen Hintergründe ihres Entstehens ist nach wie vor offen. Ich möchte mich diesem Rätsel nähern und mich dabei an die mehr oder minder gesicherten Fakten halten und die daraus entwickelten Theorien skizzieren.
Zunächst einige Angaben, die relativ unumstritten sind, obwohl auch hier die Zahlen enorm schwanken, je nach dem, welche Quelle man zu Rate zieht. Ich habe die plausibelsten, weil am häufigsten genannten, Daten zusammengestellt.
Beschaffenheit
Valdivia Bernedo, Roxana: Geoglyphen zu Nazca. Breite Bänder
spuren quer zur Fahrbahn. 2005 (Abbildung 1).
Die auf einer Fläche von etwa 300 qkm eingebrachten Scharrbilder - gerade Linien, exakte geometrischen Figuren, rätselhafte Zeichen (wie der "Funkturm") und figürliche Darstellungen von Tieren ("Kolibri", "Wal", "Affe", "Spinne", etc.), Pflanzen ("Baum") und anthropomorphen Gestalten ("Astronaut") - haben gigantische Ausmaße von bis zu 10.000m Länge (Linien) bzw. 10.000 qm Fläche (Bilder), so dass man sie nur aus der Luft in ihrer ganzen Größe und Schönheit erfassen kann. Dies hatte auf die Entdeckungs- und Forschungsgeschichte Einfluss, wie ich später noch ausführen werde.
Valdivia Bernedo, Roxana:
Geoglyphen zu Nazca. Keilförmige
Fläche mit seitlichem Zugang. 2005
(Abbildung 2)
Die Linien sind 20-60 cm breit und 5-40 cm tief. Dadurch, dass es so gut wie nie regnet, gibt es keine Erosion und die Steine bleiben an einer Stelle liegen, wenn sie nicht vom Menschen versetzt werden. So blieben auch die Linien erhalten, die zum einen durch den räumlichen, insbesondere aber durch den farblichen Kontrast zu der sie umgebenden Fläche sichtbar werden: Die Linien sind heller als die oben liegenden rötlich-braunen Steine, die ihre Farbe vom so genannten "Wüstenlack", einer Schicht aus Eisen- und Manganoxiden, erhalten. Nach Entfernung dieser Schicht durch "Scharren" scheinen die unteren Gesteinslagen hell durch und lassen die Figuren sichtbar werden, schüttet man dann noch an den seitlichen Begrenzungslinien dunkle Steine auf, wird der Kontrast noch verstärkt, wie auf Foto 1 und 2 zu sehen ist.
Wie auf dem Foto 3 zu erkennen, handelt es sich bei den Figuren um durchgehende Linien, die sich nicht kreuzen und die zumeist einen "Ein"- und "Ausgang" besitzen, d. h., wenn man an den Linien entlang fährt, gibt es bei einigen der 26 Bilder die Möglichkeit - wie in einem Labyrinth - einzutreten, einen bestimmten Kurs abzulaufen und am Ende wieder auszutreten.
Valdivia Bernedo, Roxana:
Geoglyphen zu Nazca.
"Spinne". 2005 (Abbildung 3)
Zusammen mit den anthropometrischen Größen hinsichtlich der Breite der Linien bzw. Rillen ergibt sich die Schlussfolgerung, dass diese Figuren in "Prozessionen" begangen wurden, um mit diesem Ritual einen indianischen Götterkult zur Fruchtbarkeit zu praktizieren, wie unten noch erläutert wird. Besonders beeindruckend ist in diesem Zusammenhang der "Affe", der an eine komplexe geometrische Figurenkomposition angeschlossen ist, die insgesamt nur aus einer durchgängigen Linie besteht, ebenfalls mit Eintritts- und Austrittsmöglichkeit. Er wird später noch eine besondere Rolle spielen.
Valdivia Bernedo, Roxana:
Geoglyphen zu Nazca. "Affe". 2005
(Abbildung 4)
Ferner fällt auf, dass häufig die Zahl charakteristischer Bildelemente, die symmetrisch angelegt sind bzw. bei denen es zwei nächstgrößere Einheiten gibt, ungleich ist, so etwa bei den Fingern an den "Händen" (4 und 5), den "Füßen" an der "Spinne" (0 und 1), den Krallen des "Kondors" (3 und 4), den Fingern an den Händen des "Affen" (4 und 5), Foto 4.
Diese Asymmetrie der Elementezahl ist interessanter Weise auch bei jenem Geoglyphen zu bemerken, der in der Bahia de Paracas an der Küste entdeckt wurde, dem Candelabro ("Armleuchter"), der links 2, rechts 3 "Doppel-Leuchten" aufweist. Dieser Candelabro ist nur vom Meer aus zu sehen. Wir hatten ihn auf unserer Tour im Paracas Nationalpark fotographiert. Es wird angenommen, er sei unabhängig von den Nazca-Scharrbildern entstanden, als Warnzeichen für sich der Küste nähernde Seefahrer, um diesen gleich zu signalisieren, wem das Land gehört, als "hoheitliches Symbol" gewissermaßen (Foto 5).
Valdivia Bernedo, Roxana: Geoglyphen zu Paracas.
"Candelabro." 2005 (Abbildung 5)
Doch vielleicht gibt es ja einen Zusammenhang mit den Geoglyphen der 200 km entfernten Nazca-Wüste, vielleicht hat eine Kultur von der anderen gelernt, nämlich die jüngere Nazca- von der älteren Paracas-Kultur. Vielleicht haben sich Mythen und Riten überliefert und die Scharr-Methoden tradiert. Vielleicht fanden die Paracas, die im Laufe der Jahrhunderte immer weiter ins Landesinnere hinein sich ansiedelten, in der Pampa bei Nazca jene optimalen Bedingungen für die Anlage von Scharrbildern, die sie in der Küstenregion vermissten, so dass sie sich dort auf ein einziges Bild beschränkten.
Doch einiges spricht auch gegen diese Theorie, denn stilistisch ist der Candelabro nicht mit den Nazca-Bildern vergleichbar, die feiner, genauer und komplexer sind. Ferner ist er in einen Hang hineingearbeitet worden, was in der Nazca-Wüste nur für den "Astronauten" gilt (der in der Tat auch andere Besonderheit hat, die ihn von anderen Nazca-Bilder unterscheiden: einfache Struktur, anthropomorphe Gestalt).
Entstehung
Aber wer hat sie angelegt, die Bilder in der Pampa, wer hat sich diese Mühe gemacht? Und wann entstanden die Linien?
Im fruchtbaren Tal des Rio Grande stießen die Wissenschaftler auf Hinterlassenschaften der Menschen, die vielleicht die Bilder in der Wüste geschaffen haben. Sie dokumentierten die Grundrisse einer uralten Siedlung. Besonders aus Form und Bemalung der Keramik schließen die Wissenschaftler, dass hier Menschen der so genannten Paracas-Kultur (800 v. Chr. bis etwa zur Zeitenwende) und der Nasca-Kultur (200 bis 600 n. Chr.) gelebt haben.
Beide Kulturen kommen als Erbauer der Geoglyphen in Frage. Haben die Paracas-Menschen, die hier begraben liegen, mit dem Bau begonnen? Und haben die Nasca-Menschen die Baukunst von ihnen übernommen und verfeinert, was es dann wieder möglich macht, den Candelabro in einen Zusammenhang mit den Nazca-Linien zu stellen: Als Ergebnis einer frühen, unausgereiften Scharrmethodik? Oder haben die Nazca unabhängig von den Paracas viel später, vielleicht Mitte des 1. Jahrtausends die Linien und Figuren gezeichnet?
Einer Hypothese nach lebten die Zeichner wahrscheinlich in der Stadt Cahuachi, welche Archäologen in den letzten Jahren in der Pampa entdeckt haben. Sie wurde vor etwa 2000 Jahren erbaut und etwa 500 Jahre später aus bislang ungeklärten Gründen zerstört. Hängt ihre Zerstörung mit der Schaffung der Scharrbilder zusammen? Wenn die Forscher das Alter der in Cahuachi entdeckten Artefakte bestimmt haben werden, könnte sich die Frage der Entstehungsumstände klären. Physiker und Geologen der Uni Heidelberg nehmen dazu die Lehmziegel der Häuser, die man fand, unter die Lupe. Das eingeschlossene Stroh enthält organisches Material und damit radioaktiven Kohlenstoff - so genanntes C14, das der Altersbestimmung dient (Die Stärke seiner Strahlung zeigt an, wie alt die Proben sind.).
Aufgrund bisheriger Ergebnisse liegt eine zeitliche Schätzung hinsichtlich des Entstehungszeitraums der Linien zwischen der Zeitenwende und dem Jahr 500 nahe. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel äußert sich in einem Bericht vom 1. März 2005 etwas vorsichtiger und spricht von "50 vor Christus und dem Jahr 600" als Entstehungszeitraum. In dem Bericht ist übrigens von weiteren neu entdeckten Scharrbildern in der Nähe der peruanischen Stadt Palpa die Rede, die ein Gebiet von rund 145 Quadratkilometern bedecken und zwischen 600 und 100 v. Chr. entstanden sein sollen; sie wären damit älter als die Linien in der Nazca-Wüste.
Entdeckung
Valdivia Bernedo, Roxana: Geoglyphen zu Nazca. Die Panamericana, ein Aussichtsturm und zwei Geoglyphen (links der "Baum" und rechts die "Hände"). 2005 (Abbildung 6)
Bleibt aber die entscheidende Frage: Wozu das Ganze? Warum haben sich Menschen diesen Strapazen unterzogen, unter glühender Sonne abertausende Steine abzukratzen?
Bevor es mit der Forschung zu dieser Frage losgehen konnte, vergingen Jahrhunderte, weil die Bilder nicht entdeckt wurden, da sie nur aus der Luft erkennbar sind. Als etwa in den 1920er Jahren dieser Abschnitt der Panamericana gebaut wurde, waren die Bodenzeichnungen noch nicht entdeckt, was den unschönen Nebeneffekt hatte, dass die Straße genau durch ein Bild, das der "Eidechse", hindurchgeht und auch sonst einige Linien durch Reifenspuren zerstört wurden, wie der "Hund" (Foto 7).
Valdivia Bernedo, Roxana:
Geoglyphen zu Nazca. Reifenspuren
durchtrennen die Beine des
"Hundes". 2005 (Abbildung 7)
Die Möglichkeit zur Entdeckung bestand erst mit dem Aufkommen des Flugverkehrs Ende der 1920er Jahren. Piloten von kleinen Verkehrsflugzeugen machten Luftaufnahmen von den Bildern, die auch Paul Kosok, einem amerikanischen Archäologen und Spezialisten für antike Bewässerungssysteme, in die Hände fielen. Kosok ahnte, welche Bedeutung die Entdeckung hatte und machte sich auf nach Peru. Doch er sollte noch mehr "Forscher-Glück" haben. So besuchte er die Nazca-Wüste am 21. Juni 1941 und entdeckte zufällig, dass eine Linie genau zu dem Punkt am Horizont zeigt, an dem die Sonne zur Wintersonnenwende (auf der Südhalbkugel beginnt am 21.6. der Winter) untergeht. Diese erstaunliche Entdeckung machte er zusammen mit einer jungen deutschen Mathematikerin, Physikerin und Pädagogin namens Maria Reiche, die ihn als Assistentin begleitete. Sie entdeckte später, dass es auch eine Linie gibt, die am 21.12. (Sommeranfang) die Sonnenbahn am Horizont schneidet. Es war an der Zeit, eine Theorie in einer ganz bestimmten Richtung zu bilden.
Theorien
1. Astronomischer Kalender
Maria Reiche, die Kosoks Arbeit fortführte und 40 Jahre unter den ärmlichsten Bedingungen in der Wüste lebte und forschte, machte die These populär, es handele sich bei den Geoglyphen um einen astronomischen Kalender, mit der die Nasca den (meist klaren) Himmel in die steinige Wüste kopierten. Sie sprach bei den Linien vom "größten Astronomiebuch der Welt", nach ihr entwickelte man die Vorstellung, die Tierbilder seien den zwölf Sternzeichen analog zuzuordnen (demnach wäre ich als Widder ein "Hund").
Eine wichtige Rolle in ihrem Konzept spielt der "Affe", der neben dem "Wal" die meisten Rätsel aufgab. Handelt es sich bei den anderen Darstellungen um bekannte Tiere und Pflanzen aus der Region, die bei den indianischen Völkern eine besondere kulturelle Bedeutung hatten, passten die beiden so gar nicht ins Bild. Ferner stellte sich die Frage, warum dem "Affen" ein so auffälliger spiralförmiger Schwanz gegeben wurde (s. Foto 4).
Maria Reiche hat die Abbildung intensiv studiert und vermessen. Ihr fiel schließlich auf, dass Teile des "Affen" die Form des Sternbildes "Ursa Maior" ("Großer Bär" oder "Großer Wagen") nachbildet. Auf den gebogenen Körperformen, den Linien darunter und auch auf der Spirale lassen sich zahlreiche andere Sterne lokalisieren. Mit verblüffender Präzision hatten die Nazca die Konstellation nachgebildet und sich dabei eines "passenden" Tieres angenommen, dessen gebogene Haltung die perfekte Form bildet, die Lage der wichtigsten Sterne genau und dennoch ästhetisch einwandfrei zu beschreiben. Auch bei anderen Geoglyphen konnte Maria Reiche Zusammenhänge mit Sternbildern nachweisen.
Um mehr von ihr und ihrer Theorie zu erfahren, besuchten wir ein Planetarium in Nazca sowie ihr ehemaliges Wohnhaus, das sich 30 km weiter nördlich befindet und heute eine Ausstellung enthält. Das kleine, aber informative und liebevoll gestaltete Maria-Reiche-Museum zeigt neben zahlreichen Exponaten, Fotos und Karten auch eine Rekonstruktion ihres Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmers, das vielleicht 20 qm groß sein mag.
Wer sich ihrer Theorie nähern möchte, kommt nicht umhin, sich auch mit der Person und der außergewöhnlichen Biographie der deutschstämmigen Forscherin, die im hohen Alter noch die peruanische Staatsbürgerschaft annahm, zu beschäftigen. Nur dann kann man die Passion, die völlige Hingabe einer fast schon besessenen Forscherin nachempfinden. Maria Reiche hat dafür gesorgt, dass die Bilder den Schutz erhalten, den sie verdienen. Erst durch ihre Initiative ergriff die peruanische Regierung Maßnahmen, um die Zerstörung der Bilder durch Fuß- und Reifenspuren zu verhindern.
Doch nicht nur dies: Sie hat der lokalen Bevölkerung den Respekt vor ihrer Vergangenheit gelehrt und sie stolz gemacht, auf sich als Kulturvolk und auf sie als ihre "Entdeckerin". Heute - sieben Jahre nach ihrem Tod - steht Nazca ganz im Zeichen der großen Tochter der Stadt. Sie haben ihre Maria "Reitsch" ins Herz geschlossen, nachdem sie zu Beginn ihrer eigenwilligen Arbeit von den Einheimischen stets "la loca", die Verrückte, genannt wurde.
Durch dieses Engagement gewinnt auch ihre Theorie an Glaubwürdigkeit, denn die intensive Arbeit am Forschungsgegenstand Wüste hat Ergebnisse ermöglicht, die oberflächlichen Methoden entgangen wären.
Im Hof des Museums liegen sie und ihre jüngere Schwester, eine Ärztin, begraben. Diese war Anfang der 1990er Jahre nach Peru gekommen, um ihre greise Schwester zu pflegen, verstarb aber vor ihr (1995). Maria Reiche überlebte sie um drei Jahre wurde 95 Jahre alt, trotz - oder wegen - der Strapazen.
2. Außerirdische und Zeitreisen
Wenn von Astronomie und alten Kulturen in einem Zusammenhang die Rede ist, darf einer nicht fehlen: Erich von Däniken. Die astronomische Deutung Reiches rief denn auch sogleich den Schweizer Autor auf den Plan, der für alle Rätsel der Kulturgeschichte ein und dieselbe Lösung hat: Außerirdische sind's gewesen. 1968 - in diesem Jahr erschien auch Reiches "Geheimnis der Wüste" - veröffentlichte von Däniken in seinem Buch "Erinnerungen an die Zukunft" die Theorie, die Nazca-Linien könnten außerirdischen Besuchern als Landebahnen gedient haben. Nach von Däniken soll das Nazca-Volk dies missverstanden und stattdessen ge laubt haben, die Linien seien von Göttern errichtet worden, woraufhin die Nazca die Linien erhalten und ausgebaut haben sollen, um die Götter zur Erde zurückzulocken.
In bester von-Däniken-Manier deutet der Autor einer website eine Linienzeichnung als Ergebnis einer Zeitreise der Pioneer-Sonde in die Vergangenheit: "Durch geschicktes Drehen der Inschrift der Pioneer-Sonde kann man zeigen, daß es sich [bei einem bestimmten Linien-Ensembel, J.B.] um eine Kopie dieser Plakette handelt. Der einzige logische Schluss, der gezogen werden kann, ist: Die Sonde muss durch die Zeit rückwärts gereist sein, dann auf der Erde abgestürzt und der damaligen Nazca-Bevölkerung wie Götter aus dem Himmel erschienen sein. Diese erschufen dann diese gewaltigen Steinlinien um dem Göttern zu huldigen."
Während diese abenteuerlichen Theorien eher unter den eigenen Fans als in der wissenschaftlichen Community Anerkennung finden, galt Reiches Kalender-Theorie lange als unumstritten. Doch ist es wirklich so, dass die Scharrbilder den "Beginn der exakten Wissenschaften in der Menschheitsgeschichte" (Reiche) darstellen? Die Menschen in Nazca glauben es nur zu gerne. Doch Reiches Kollegen stellen ihre Ergebnisse mehr und mehr in Frage.
3. Wasser, Bewässerung, Fruchtbarkeitsriten
Neuere Untersuchungen ergaben einen Zusammenhang der Nazca-Linien mit der Herkunft von Wasser sowie damit zusammenhängenden Ritualen.
An einigen Stellen entdeckte man feinste Bodenteilchen aus der Zeit vor dem Bau der Geoglyphen - so genannten Löss. Er wird nur dort abgelagert, wo Pflanzen den feinen Staub aus der Luft festhalten können. Hier hat es mit Sicherheit einmal Pflanzen gegeben. Hier muss es also regelmäßig geregnet haben. Erst als die Pflanzen verschwanden, wurde der Löss vom Wind wieder abgetragen. Zurück blieb die Steinwüste. Die Menschen, die es hier einmal gab, waren offenbar einem Klimawandel ausgesetzt - sie erlebten das Vordringen der Wüste und der Trockenheit. Die Forscher finden noch einen weiteren Beweis für diese These: Schneckenschalen aus dem Sediment belegen, dass es hier vor mehr als 3.000 Jahren noch geregnet haben muss. Vielleicht haben sich hier in jener feuchteren Zeit die Menschen angesiedelt, bevor sie durch die zunehmende Austrocknung in die Flusstäler gedrängt wurden. Die Menschen waren also auf die Flüsse angewiesen, die Wasser aus den Anden hierher in die Wüste brachten. Und diese Quelle durfte auf keinen Fall versiegen. Dazu legte man - so die Schlussforderung - eine Art Lageplan für Wasserquellen an. Und tatsächlich: die pfeilartigen Flächenzeichnungen verweisen auf unterirdische Wasservorkommen.
Valdivia Bernedo, Roxana:
Geoglyphen zu Nazca. Der
Pfeil weist auf die Existenz
von unterirdischen Quellen hin.
2005 (Abbildung 8)
Wahrscheinlich, so einige Verfechter dieser Theorie weiter, sind die bildhaften Zeichen, also die Figuren, Botschaften an die Götter, symbolische Bitten um Wasser - so ließe sich auch der "Wal" inmitten der Wüste erklären. Die riesigen Dimensionen sprechen ebenfalls für eine Orientierung an "ganz oben", obwohl andere Wissenschaftler, die wenig von der Symbolthese halten, der Meinung sind, die Linien wurden für die Menschen angelegt, die sich für die Bewässerung ihrer Felder ganz profan orientieren können sollten, denn die Geoglyphen, so die Vertreter dieser Schule, seien nicht nur aus der Luft zu erkennen, sondern auch sehr gut von den naheliegenden Hügeln der Vor-Anden, auf die man dann gestiegen sei, um in Phasen von Regenmangel und Wasserknappheit einen Überblick über die Lage unterirdischer Reservoirs zu bekommen.
Ergänzend dazu meinen einige Forscher, dass die Bilder nicht oder nicht nur symbolische Bitten um Wasser waren, sondern auch rituell eingesetzt wurden, um die Götter im Sinne der Fruchtbarkeit milde zu stimmen. Dieser Theorieansatz geht davon aus, dass die Bilder angelegt wurden, um begangen zu werden. Eventuell waren es religiöse "Trampelpfade", auf denen gegangen, gerannt und / oder getanzt wurde. Schon 1927 hatte Toribio Mejia Xesspe - der erste, der sich wissenschaftlich mit den Bildern beschäftigte - sie als "große Artefakte der Inkazeremonien" interpretiert.
Wie bereits angedeutet: Bei einigen Figuren gibt es einen Ein- und einen Ausgang. Die Breite kann durchaus als anthropometrisches Maß angesehen werden, kann doch eine einzelne Person auf einem Pfad von einem halben Meter Breite einigermaßen bequem laufen und tanzen. Während von den Tier- und Pflanzenfiguren angenommen wird, dass sie in der oben beschriebenen Weise als rituelle Pfade bei Wasser-Zeremonien dienten, nimmt man an, dass viele der geraden Linien ebenfalls rituell gedeutet werden müssen, als Verbindungen zwischen heiligen Orten und Plätzen, z. T. auch als Verbindungen zwischen den einzelnen Figuren.
Neben den Wüstenlinien gab es zahlreiche Keramikfunde, darunter viele kultische Gegenstände, die uns nicht nur die Alltagskultur und das religiöse Leben der Nazca näher bringen, sondern auch die Ritualthese stärken, die zumindest als Ergänzung zur "Wasser-Theorie" plausibel zu sein scheint. Fruchtbarkeitsrituale auf einem Lageplan, der zur Lokalisierung von Wasser führt, das klingt ohnehin sehr einleuchtend. Hinzu kommt der Umstand, dass auch in anderen Orten Südamerikas (bspw. in Bolivien in einem kleinen Dorf in der Nähe von La Paz) Linien existieren, die auch heute noch von der indigenen Bevölkerung für Fruchtbarkeitszeremonien genutzt werden. Insbesondere das Tanzen auf den Linien ist dabei ein wichtiges kultisches Element.
4. Multikausalität
Valdivia Bernedo, Roxana: Geoglyphen zu Nazca. "Kolibri".
2005 (Abbildung 9)
Da man, wenn einem keine klare Antwort gelingt, gerne wenig festgelegt urteilt, gehen viele Forscher heute davon aus, dass es sich bei den Nazca-Linien um Geoglyphen handelt, deren Bedeutung in einer Mischung aus agrikulturellen, astronomischen und religiösen Aspekten liegt. Da kann man kaum etwas gegen vorbringen.
Vielleicht sind die Linien, die geometrischen Formen und die Bilder ja auch in unterschiedlichen Zeiten, von unterschiedlichen Menschen aus unterschiedlichen Gründen angelegt worden, so dass es gar nicht möglich ist, ihren Sinn und Zweck in einer einzigen Theorie zu erfassen. Die Ansätze deuten dies schon an: Reiche bezieht sich auf Linien und einige Bilder, von Dänicken auf Linien und geometrische Formen, die Bewässerungstheoretiker insbesondere auf die Pfeile und die Ritualtheoretiker auf die Bilder und die Linien, die sie verbinden.
Doch: Was wissen wir schon genau. Fest steht nur: Sie sind beeindruckend!
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Der Autor
Josef Bordat (1972) lebt und arbeitet in Berlin. Nach einem Studium in Wirtschaftsingenieurwesen an der TU Berlin (Diplom), einem Lehr- und Forschungsaufenthalt an der Universidad Nacional de San Agustín in Arequipa in Perú und einem Magisterstudium in Philosophie an der TU Berlin promovierte er über "Gerechtigkeit und Wohlwollen. Das Völkerrechtskonzept des Bartolomé de Las Casas." - Neben Übersetzungs-, Vortrags- und Publikationstätigkeiten ist er Mitherausgeber des "International Journal of the Humanities" und Mitarbeiter am Schwerpunktthema "Transformation der Kultur. Kulturelle Veränderungen im 21. Jahrhundert" des Marburger Forums.
recenseo
Texte zu Kunst und Philosophie
ISSN 1437-3777