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Die der inneren Stadtmauer gegenüberliegende Seite des St. Alban-Grabens galt von jeher für die bessere. Mit ihrem ausgedehnten Hinterland, das von Reben und Obstbäumen bestanden war, nahmen sich die Häuser fast aus wie kleine Landschlösser. Jedes erfreute sich umfangreicher Stallungen und Scheunen - daher die grossen Tore zur Strasse hinaus - und in der morgendlichen Frühe war wie in einem richtigen Dorf das Anschlagen der Pferdehufe, das Grunzen der Schweine und ein ganzer Chor krähender Hähne zu hören. Mit dem modernen Verkehr, der Anlage der Dufourstrasse und der Niederlegung sämtlicher Häuser an dieser Seite des Grabens war es ab der 1920er-Jahren mit der geschlossenen Wirkung des St. Alban-Grabens fast gänzlich aus, und ein bedeutendes Stück des ehrwürdigen Basels war verschwunden.
Der "grosse Colmar" ist eines jener Häuser und hier eines kurzen Nachrufs wohl wert. Bis ins Jahr 1357, also ein Jahr nach dem Erdbeben, reicht die Geschichte des Hauses am St. Albangraben 8/10 zurück. Es war damals das Eigentum einer verwitweten Dame, Klara von Colmar, und wurde von dieser noch im gleichen Jahr weiterverkauft. Mit dieser urkundlichen Meldung beginnt die Geschichte dieses Hauses. Diese Klara von Colmar aber war Baslerin, deshalb weist die Bezeichnung "von Colmar" schwerlich auf ihre persönliche Herkunft hin, sondern ist wohl eher als Familienname aufzufassen, der sich möglicherweise vom weit älteren Namen des Hauses herschrieb.
Berühmte Bewohner
In der Reihe der ersten Besitzer der Liegenschaft finden wir zumindest einen bekannten: Johannes Froben, der weitherum bekannte Buchdrucker. Zwar hatte seine Druckerei ihren Sitz im Haus zum Sessel am Totengässlein, doch ist damit nicht auszuschliessen, dass er auch zeitweise am St. Alban-Graben wohnte, zumal der Colmar von 1519-1527 seiner Gattin gehörte. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts finden wir im "grossen Colmar" einen reichen Genuesen, Nikolaus von Camuglio; er war einer von vielen Religionsflüchtlingen jener Zeit und kaufte bald auch den benachbarten Württembergerhof. Nach mehrjährigem Besitz gab er beide Liegenschaften weiter an einen vornehmen adligen Herrn aus dem Frankenland, den Herrn Gedeon von Ostheim. In der Hand dieser beiden Herren waren also die zwei Häuser kurz vereint. Thomas Girfalk (gest. 1575) war der nächste Eigentümer des "Colmar" und nahm sich gegenüber dem adligen Herrn von Ostheim aus wie ein struppiger Rabe. Seine schwarze Amtstracht als Obersthelfer trug ihm den Beinamen "Kaminfeger" ein, und seine unbescheidene und sich stets vordrängende Art verbaute ihm sein Bestreben, als Pfarrer dem Volk zu gefallen und Antistes zu werden.
Als nächste Besitzerin der Liegenschaft ist die ruhmwürdige Handelsfamilie Forcart unbedingt zu erwähnen. Sie kam während des Dreissigjährigen Kriegs aus dem Rheinland nach Basel und erhielt 1637 das Bürgerrecht. Es handelte sich um eine Familie, die stets still ihre Pflicht tat, von ihrem Wohlstand immer einen guten Gebrauch zum Wohl der Mitbürger machte und sich durch Bildung und Geschmack von vielen Standesgenossen unterschied. Der Enkel des ersten eingewanderten Forcart liess sich übrigens vor dem Bläsitor das Horbugschlösslein bauen. Dietrich Forcart, weltgewandter und geschäftskundiger Oberstzunftmeister, zog 1718 aus dem Haus "zum Lämmlein" an der Sporengasse in den "Colmar", da sich die wohlhabenden Bürger in der "oberen Stadt" anzusiedeln begannen. Der "Colmar" diente fortan für mehr als hundert Jahre als Familiensitz und erfuhr eine Verwandlung des urchig Baslerischen ins Modische; auch musste das Haus zu dieser Zeit manch interessanten Gast gesehen haben. So beispielsweise Isaak Iselin, der modern gesinnte Stifter der Gemeinnützigen Gesellschaft, und Peter Burckhardt, späterer Bürgermeister und schweizerischer Landammann; sie beide heirateten in die Familie Forcart ein. Ein Enkel des Dietrich Forcart blieb nicht lange im "Colmar", sondern heiratete die siebzehnjährige Esther Weiss vom benachbarten Württembergerhof. Fortan wohnte er dort, und sein grosses Bandfabrikationsgeschäft betrieb er ebenfalls dort. Der "Colmar" verblieb jedoch noch für ein paar weitere Generationen im Besitz der Familie Forcart, ehe Mitte des 19. Jahrhunderts der Sohn des letzten Forcartschen Hausherrn den prunkvollen Schildhof an der Ecke Steinenberg-Freie Strasse baute. Die restlichen Familienmitglieder siedelten sich im Württembergerhof an oder ganz in der Nähe im Haus St. Alban-Graben 20, das später der Dufourstrasse weichen musste.
Malerisches Äusseres
Zu den baulichen Kunstwerken Basels hat der "grosse Colmar" wohl nie gezählt. Wie viele andere Gebäude des alten Basel sah er aus, als wäre er aus einem Guss entstanden, und doch setzte er sich aus einem komplizierten Genist von etwa drei Häusern zusammen, was auf der Hofseite wohl zu erkennen war. Die Strassenfront mag etwa ums Jahr 1680 ihre einheitliche Gestalt erhalten haben. Der vom früheren Bau noch erhaltene Erker verlieh ihr einen gewissen persönlichen Reiz. Auch die Hofseite mit ihren eingeschachtelten stillen Höflein war reizvoll, und selbst kurz vor der Niederlegung der Häuserzeile war jenes Hinterland eine Kleinwelt für sich, in der man sich um Jahrhunderte zurückversetzt glaubte. "Bloss allerhand Getier trug Leben in die dort brütende Einsamkeit hinein: Sperlinge, Meisen und Tauben, dazu hin und wieder eine Ratte mit ihrem nervösen huschenden Gang, vor allem aber das Katzenvolk, das über das Dächermeer seine eigene, zu ganz bestimmten Tageszeiten benützte Strasse besass." (Burckhardt-Werthemann 1946: 22). Denn die benachbarten Gebäulichkeiten, die zwischen dem "grossen Colmar" und dem Württembergerhof lagen, dienten der Domprobstei lange als "Zehntenscheuer", und in einer Scheuer gab es ja stets etwas zu erjagen.
Der "grosse Colmar" war ein Haus von ehrwürdigem Alter, was sich auch in der erheblichen Niedrigkeit seiner Innenräume zeigte. Das machte das Haus heimelig und höchst behaglich. Die Stuben waren vermutlich vertäfert und vielleicht bunt bemalt, wie man es noch hie und da in alten, unberührt gebliebenen Basler Herrenhäusern und namentlich in den "Säli" der Landgüter antrifft. Mächtige grün-schwarze Kachelöfen haben wohl zur Erhöhung der Gemütlichkeit eins das Ihre beigetragen. Die heimelige Liegenschaft wurde 1924 abgebrochen, um einem Bau der Kantonalbank Platz zu machen, der heute noch steht. Damit war der erste Schritt getan, dem St. Alban-Graben sein altes Gepräge zu nehmen; die Häuser mit den geraden Nummern (darunter der Ernauer- sowie der Württembergerhof) sollten innerhalb einiger Jahre allesamt verschwunden sein.
Quelle:
- Burckhardt-Werthemann 1946: 17-28