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Ich stieß in einem Buch über extremes Fasten und andere Formen der Selbstaushungerung[1] auf Niklaus von Flüe. Meine Zweifel waren bald zerstreut. Es handelte sich tatsächlich um den Einsiedler Bruder Klaus, der mir aus der Kindheit bekannt war. Ich staunte nicht wenig, ihn in einer Kulturgeschichte der Ess-Störungen zu finden, aus der ich erfuhr, dass er zu den besonders herausragenden Fastenheiligen des Spätmittelalters zählte. Er soll ungefähr neunzehn Jahre lang, mit Ausnahme der heiligen Hostie, auf jede Nahrung verzichtet haben. Nur wenigen, überwiegend frommen Frauen, soll es gelungen sein, über derart viele Jahre hinweg abstinent zu bleiben. Und noch wenigere sollen die neunzehn Jahre von Bruder Klaus überboten haben.[2]
Ich selbst litt in meiner Jugend an Magersucht. Eher zufällig, weil meine Mutter krank und deshalb nicht in der Lage war, Mahlzeiten zu bereiten, verringerte sich meine Nahrungszufuhr, als ich vierzehn war, von einem Tag auf den andern drastisch. Der Hunger, den ich dabei zu spüren bekam, war von einer Euphorie begleitet, die mir so sehr gefiel, dass ich meine Nahrung auf wenig gekochten und dünn geschnittenen Schinken im Tag reduzierte und mein neu entdecktes Lebensgefühl genoss wie sonst nichts auf der Welt.
Nach einem wechselvollen Auf und Ab, in dem es mir mehr oder weniger gut gelang, mich mit der optimalen Menge Euphorie zu speisen, trieb ich den Kampf mit dem Hungergefühl Jahre später auf die Spitze. Ich trug einen Sieg davon. Es ließ sich ganz unterdrücken. Nur, diesen endgültigen Sieg über die körperlichen Bedürfnisse zu genießen, blieb mir versagt. Plötzlich ging es um Leben und Tod. Panikartiger Schrecken überfiel mich. Ich, ich selbst, ich ganz allein hatte es jetzt in der Hand, mich verhungern zu lassen. Wollte ich das? Wollte ich sterben? Wollte ich leben? Was wollte ich eigentlich auf dieser Welt?
Die Lektüre und das Nachdenken über das Fasten hatte mein Interesse für Bruder Klaus geweckt, der mir zwar bekannt war, von dem ich aber überhaupt nichts wusste. In den Büchern „Große Heilige“ von Walter Nigg[3] und „Die Sehnsucht nach dem ‚einig Wesen‘“ von Roland Gröbli[4] las ich, dass sich der Bauer, Politiker und Richter Niklaus von Flüe in einer schweren Sinn- und Lebenskrise von allen öffentlichen Ämtern zurückzog, dann im Alter von fünfzig Jahren, im Herbst 1467, nach schwierigen Auseinandersetzungen nicht nur mit sich selbst, Frau und Kinder sowie sein Heimwesen verließ, aber den Plan, Pilger zu werden, schon in Liestal wieder aufgab und, zurück in Obwalden, fortan unweit seiner Familie als Einsiedler und ganz ohne Speise und Trank im Ranfter Tobel lebte, zuerst einen Winter lang in einer Hütte aus Ästen und Laub[5], danach in seiner Klause, die ihm die Talschaft im Jahre 1468 "im Widerspruche zu den Blutsverwandten"[6] baute.
Zu den großen Fastern soll Niklaus von Flüe schon als junger Bursche gehört haben. Wie Roland Gröbli und andere berichten, fastete er alle Freitage, bald jede Woche an vier Tagen, montags, mittwochs, freitags und samstags, und immer die ganze Fastenzeit hindurch.[7] Ob er sich dabei an den Familientisch setzte oder sich seinem Hang sich abzusondern[8] hingab und anstelle der Mahlzeiten in Stille und Einsamkeit betete, wäre nicht uninteressant zu wissen. Auf jeden Fall entwickelte sich seine völlige Nahrungslosigkeit bereits aus einer Fastenpraxis heraus, welche das Normalmaß überstieg. Trotzdem muss für ihn der Übergang in die völlige Nahrungslosigkeit, vielleicht genauso wie sein Abschied von Frau und Kindern und Hof, ein Schritt ins nahezu Unfassbare gewesen sein.
Da Niklaus von Flüe weder lesen noch schreiben konnte, können wir auch für diese Frage keine Aussagen von ihm selbst beiziehen. Er hatte den Ort, wo er als Einsiedler leben wollte, das Ranfter Tobel, selbst gewählt[9]. Beim Übergang in die gänzliche Abstinenz von Speise und Trank soll er den Rat des Kernser Pfarrers Oswald Ysner, also göttlichen Beistand, gesucht haben.
Ysner schrieb, seltsamerweise erst 1488, ein Jahr nach dem Tod von Bruder Klaus, ins Kirchenbuch von Sachseln, Bruder Klaus habe, nachdem er wieder in Obwalden gewesen war, nach elf Tagen ganz ohne Nahrung nach ihm geschickt und ihn gefragt: "ob er essen oder sich weiter versuchen solle", aber hinzugefügt: "er habe stets begehrt, dass er ohne essen leben und so desto besser (weg) von der Welt sein könne"[10].
Der Pfarrer sah den völlig Abgemagerten mehr von überirdischen als von irdischen Kräften am Leben erhalten und bestärkte ihn, seinen Weg hin zu Gott fortzusetzen, "sofern er es denn ohne Hungertod ertragen könne"[11]. So wurde die Abstinenz für Bruder Klaus, wie er sich nannte, nachdem er sein weltliches Leben abgelegt hatte, nebst dem Einsiedeln im Ranft zu einem Teil seiner neuen Existenz.
Bei mir hatte der Sieg über das Hungergefühl und die Aussicht, ohne jede Nahrung leben zu können, Abgründe geöffnet, deren Tiefe ich nicht ermessen konnte. Einmal sah ich mich kläglich verelenden, dann tauchte wieder die Vorstellung auf, ich würde im Spital an Schläuchen und Flaschen hängen, die mich künstlich ernährten. In meiner Not suchte ich die Hausärztin auf, die bei meiner Schilderung vor Schreck erstarrte. Diese Form von Mitgefühl beeindruckte mich stark. Still für mich fällte ich später den Entscheid, mich in Zukunft mit Schreiben am Leben zu erhalten, was mich immer weiter und mehr ins Leben zurück- und hineinzog.
Bruder Klaus blieb unvorstellbare neunzehn Jahre lang bei seiner gänzlichen Abstinenz von Speise und Trank. Das Wunder sprach sich rasch herum, wurde "zur großen Sensation seiner Zeit"[12] und bildete die Grundlage für sein Ansehen und seinen Ruhm weit über die Landesgrenzen hinaus. Wie bei Fastenheiligen des Spätmittelalters üblich, wurde von der weltlichen und kirchlichen Obrigkeit geprüft, ob ihm heimlich Nahrung zugetragen wurde. Keine der Kontrollen konnte dem Klausner irgendeinen Betrug nachweisen. Er selbst , "der als heilig gilt, weil er nichts isst"[13], pflegte wenig bis nichts über sein Wunderfasten zu sprechen. Fragen beantwortete er mit: "Gott weiß."[14]
Bruder Klaus wollte sich frei von irdischen Bedürfnissen ganz Gott hingeben. Dafür überwand er nicht nur seine Ichheit, wie es jede Mystik und heute verschiedene Meditationstechniken anstreben, sondern alles, was ihn an das irdische und körperliche Leben band. Im Buch „Meister Eckhart – der Gottsucher. Aus der Ewigkeit ins Jetzt“[15] schreibt Thomas Binotto über die Gott- und Weltauffassung von Meister Eckhart: "Wer die Einheit mit Gott sucht, der muss die Welt integrieren, nicht abtrennen."
Anders der Weg des Einsiedlermystikers von Flüe. Um sich Gott immer stärker zu nähern, musste er seine körperlichen, sozialen und alle weltlichen Bedürfnisse überwinden, d.h. abtöten. Als lebendigen Heiligen, ausgemergelt, ungepflegt, weltabgewandt, besuchten und bewunderten ihn Tausende und Abertausende. Mit den Jahren, und vor allem während und nach den Burgunder Kriegen, die von 1474 bis 1478 dauerten, wurde er auch in politischen Dingen um Rat gefragt, er, der, bevor er Einsiedler wurde, fünfzig Jahre lang vergeblich seinen Weg hinein ins Leben gesucht hatte.
War Bruder Klaus von Flüe magersüchtig?
Sein Körper war es vielleicht, vielleicht schon in der Jugend. Das strenge Fasten und noch mehr sein Mut zur gänzlichen Nahrungslosigkeit, nachdem er Frau und Kinder und Hof verlassen hatte und im Ranfter Tobel lebte, war aber ein religiöser Weg, auf dem es spätestens, nachdem er als Fastenheiliger alle Kontrollen bestanden und von den Massen verehrt wurde, kein Weg zurück mehr gab, wollte er nicht seine Glaubwürdigkeit verlieren. Sein körperlicher Zerfall galt nicht als Krankheit, es war ein Zeichen seiner Gottzugewandtheit, sogar Göttlichkeit. Gott allein, nicht weltliche und irdische Kräfte, hielten ihn am Leben. Er fand nicht zuletzt, vielleicht sogar gerade wegen seiner völligen Abstinenz von Speise und Trank Eingang in das Buch „Große Heilige“, wo er sich einen Platz z.B. neben Franz von Assisi und Jeanne d'Arc sicherte. © pt (2017)
Anmerkungen:
[1] Vandereycken, Walter, van Deth, Ron, Meermann, Rolf, 1990, Hungerkünstler, Fastenwunder, Magersucht. Eine Kulturgeschichte der Ess-Störungen, Zülpach: Biermann Verlag, S. 32 und 38f.
[2] z.B. sollen die heilige Domenica dal Paradiso (gest. 1553) zwanzig Jahre und die heilige Lidwina aus Holland (gest. 1433) achtundzwanzig Jahre lang gefastet haben. Vgl. a.a.o., S. 32.
[3] Nigg, Walter, (1947)1986, Große Heilige, Zürich: Diogenes, S. 155ff. mit weiterführender Literatur.
[4] Gröbli, Roland, 1990, Die Sehnsucht nach dem "einig Wesen". Leben und Lehre des Bruder Klaus von Flüe, Zürich: NZN-Buchverlag, S. 127ff. und 168ff., ebenfalls mit weiterführender Literatur. (= auch Dissertation von R. Gröbli über Bruder Klaus von Flüe.)
[5] a.a.o., S. 193.
[6] Nigg, Heilige, S. 163.
[7] z.B. Gröbli, Sehnsucht, S. 214.
[8] Nigg, Heilige, S. 152f.
[9] siehe z.B. Gröbli, Sehnsucht, S. 193.
[10] a.a.o., S. 215.
[11] ebd.
[12] Nigg, Heilige, S. 166.
[13] a.a.o., S. 168.
[14] ebd.
[15] Haas, Alois M., Binotto, Thomas, 2013, Meister Eckhart – der Gottsucher. Aus der Ewigkeit ins Jetzt, Freiburg im Breisgau: Kreuz, S. 156.