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200. Geburtstag von Alfred Escher: Mister Schweiz
Am 20. Februar ist der 200. Geburtstag von Alfred Escher. Der Zürcher Eisenbahnpionier, Politiker und Wirtschaftsführer war so mächtig, wie kein anderer Schweizer. Mit Bauwerken wie der ETH, dem Hauptbahnhof und dem Hauptsitz der Credit Suisse hat er Zürich massgeblich mitgestaltet.
Seit Jahren sind die Schweizer Europameister im Bahnfahren. 72 Mal bestieg der Durchschnittsschweizer 2016 einen Zug und legte dabei 2463 Kilometer zurück. Das war nicht immer so: In den 1840er-Jahren entstanden in den USA – heute wahrlich keine Bahnfahrernation – Tausende von Kilometern an Eisenbahnlinien. Bereits eine Dekade früher begannen England, Deutschland und Frankreich mit dem Bau von Eisenbahnlinien. Der erste Bahnhof auf Schweizer Boden wurde hingegen erst im Dezember 1845 eröffnet: In Basel wurde der französische Bahnhof errichtet und verband die Stadt am Rheinknie fortan mit dem Nachbarland. Die erste Schweizer Eisenbahnstrecke, die «Spanisch-Brötli-Bahn» von Zürich nach Baden, wurde 1847 eröffnet, blieb aber zunächst eine isolierte Linie – weiter ging es nur mit Schiff oder Kutsche.
Im November 1849 eröffnete Nationalratspräsident Alfred Escher die Sitzung der grossen Kammer mit mahnenden Worten: «Von allen Seiten nähern sich die Schienenwege immer mehr der Schweiz. (...) Es tauchen Pläne auf, gemäss denen die Bahnen um die Schweiz herumgeführt werden sollen. Der Schweiz droht damit die Gefahr, gänzlich umgangen zu werden und in Folge dessen in der Zukunft das traurige Bild einer europäischen Einsiedelei darbieten zu müssen.» Und genau dieser Alfred Escher, der am 20. Februar seinen 200. Geburtstag feiern würde, legte als Schweizer Eisenbahnpionier in den Jahren nach seinem flammenden Appell im Nationalrat den Grundstein dafür, dass sich die Schweiz zu einem ausgesprochenen Bahnland entwickelte und kein weisser Fleck im europäischen Eisenbahnstreckennetz geblieben ist.
Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Vogt, Jules / CC BY-SA 4.0
1889, sieben Jahre nach Alfred Eschers Tod, wurde er von Richard Kissling in Bronze gegossen. Das Denkmal vor dem Zürcher Hauptbahnhof erinnert bis heute an Eschers Rolle als Eisenbahnpionier.
Welcher Escher?
Die Studentin, die täglich mit dem Zug im Zürcher Hauptbahnhof einfährt, ihre Vorlesungen im ETH-Hauptgebäude besucht und ihr GA und ihre Semestergebühren über das Konto bei der Credit Suisse bezahlt, denkt kaum je an Alfred Escher, obschon das Erbe des einflussreichsten Zürcher Politikers und Wirtschaftsführers des 19. Jahrhunderts in ihrem Alltag äusserst präsent ist. Gedankenlos laufen Tag für Tag zehntausende Menschen an Eschers Denkmal vor dem Zürcher Hauptbahnhof vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
Das ist nicht weiter erstaunlich, denn erstens sind wir Schweizer generell zurückhaltend mit der Verklärung real existierender historischer Figuren. Und zweitens ist Escher im Geschichtsunterricht der Schulen meist höchstens eine Randnotiz wert, obschon er Infrastruktur und Wohlstand der Schweiz im Allgemeinen und Zürichs im Speziellen massgeblich geprägt hat. «Ich habe Schweizer Geschichte studiert, aber an der Uni nie etwas über Escher gehört», sagt Joseph Jung, Escher-Biograf und der wahrscheinlich profundeste Alfred-Escher-Kenner unserer Zeit.
Das zeitweilige Vergessen von Escher hat laut Jung vor allem zwei Gründe: Erstens werde er öfter verwechselt. So gibt es mehrere historisch relevante Zürcher Persönlichkeiten, die aus dem weitverzweigten Bürgergeschlecht Escher vom Glas stammten und vom 15. bis ins 19. Jahrhundert einflussreiche Positionen einnahmen: Hans Caspar Escher etwa war Architekt und Gründer der Maschinenfabrik Escher Wyss AG. Hans Conrad Escher hingegen war Seidenfabrikant und Bauingenieur, dessen Hauptwerk die Regulierung des Flusses Linth (Linthkorrektion) ist. «Viele Schweizer wissen zwar, dass ‹der Escher› irgendwie eine wichtige historische Persönlichkeit war, aber nicht, ob er nun die ETH, die Gotthardbahn, den Linthkanal oder das Escher-Wyss-Areal gebaut hat», so Jung.
Quelle: Jürg-Peter Hug, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons
Die Villa im Belvoirpark erbte Alfred Escher von seinem Vater. Sie war im 19. Jahrhundert nicht nur Eschers Wohnsitz, sondern auch die heimliche Machtzentrale der Schweiz. Heute sind ein Restaurant und die Hotelfachschule darin untergebracht.
Reichtum durch Sklaverei?
Und zweitens taugten in den letzten Jahrzehnten andere Figuren besser zum Helden der Nation. «Nach dem Zweiten Weltkrieg war eine solch dominante, starke und schon zu Lebzeiten umstrittene Figur wie Alfred Escher als integrative Symbolfigur nicht geeignet. General Guisan oder Wilhelm Tell dagegen waren im ganzen Land breit akzeptiert.»
Obwohl Alfred Escher aus einer einflussreichen Zürcher Familie stammte, war sein Erfolg keine Selbstverständlichkeit. Grossvater Hans Caspar Escher-Keller (1755–1831) riss als Handelsbankier 1788 nach waghalsigen Spekulationsgeschäften mit seinem Konkurs beinahe ganz Zürich in den finanziellen Abgrund. Vater Heinrich Escher (1776–1853) gelangte danach durch Landspekulationen und Handelsgeschäfte in Nordamerika zu neuem Reichtum. Ein Teil dieses Vermögens könnte unter umstrittenen Bedingungen erwirtschaftet worden sein, monieren Kritiker. Heinrich Escher hatte in Kuba ab 1815 seinen beiden Brüder Friedrich und Ferdinand den Erwerb der Kaffeeplantage «Buen Retiro» finanziert. Bis zu 80 schwarze Sklaven sollen zeitweise auf der dank dem immer stärkeren europäischen Durst nach Kaffee florierenden Plantage gearbeitet haben. Nach dem Tod von Bruder Fritz war Heinrich Escher auch kurzzeitig Besitzer der Plantage.
Da Alfred Escher nach dem Tod seines Vaters eine Million Franken, nach heutigem Wert etwa zwölf Millionen, geerbt hatte, stellen sich Historiker, Journalisten und Politiker seit Eschers Lebzeiten regelmässig die Frage, woher das Geld stammt, das Zürich gross gemacht hat. «Wenn man damals in Amerika als weisser Farmer tätig war, hatte man fast zwangsläufig Schwarze, die für einen arbeiteten, auf Zuckerrohr- und Baumwollplantagen, aber auch im Hausdienst. Das war Ende des 18. und im frühen 19. Jahrhundert üblich und gar nicht anders vorstellbar – in den USA, in der Karibik wie auch auf Kuba», sagt Joseph Jung dazu. Es sei zwar gut, dass dieses Thema historisch aufgearbeitet werde, so Jung. Allerdings dürfe man dabei nicht nach heutigen Massstäben urteilen. «Es ist jenseitig, wenn man meint, Zürichs Grösse basiere auf diesem kubanischen Geld. Zürichs Reichtum hat ganz andere Fundamente», sagt Jung.
Ein Urteil kann man sich über Alfred Eschers Arbeitsbelastung bilden. Und die war selbst für heutige Topmanager wohl unerreicht. Alleine im Jahr1858 nahm er an rund 240Verwaltungsrats- und Direktionssitzungen von Nordostbahn, der Kreditanstalt sowie des Schweizerischen Schulrats teil. Zusätzlich sass Escher zu jener Zeit im Zürcher Kantonsrat, im Nationalrat und in einer Vielzahl von parlamentarischen Kommissionen, von denen er die meisten präsidierte. Wahrlich ein unmenschliches Pensum, das seiner Gesundheit zusetzte. Aus dem Zürcher Regierungsrat etwa war er schon 1855 aus gesundheitlichen Gründen ausgetreten. Escher litt an Diabetes und wurde meist schwer krank, wenn er sich länger fernab seiner Stadt Zürich aufhielt.
«Die emotionale Bindung an Zürich, an seine Familie und an das Belvoir waren nicht zuletzt der Grund, warum Escher nicht in die Landesregierung eintreten wollte», sagt Jung. «In Bern war Escher nicht zu Hause.» Das ist wohl auch ein gewichtiger Grund, warum ihn das Bundesratsamt nie interessierte. «Seine Frau Augusta ist 1864 nach nur sieben Ehejahren verstorben. Danach hat er sich noch mehr in die Arbeit gestürzt. Ferien oder Freitage gab es für ihn nicht», sagt Biograf Jung. Escher habe aber nicht gearbeitet, um sich persönlich zu bereichern, sondern habe sich immer für das Wohl der Schweiz und Zürichs eingesetzt. «Er hat seine Gesundheit für die Sache geopfert», so Jung.
Quelle: 100 Jahre Schweizer Eisenbahn
Der Hauptbahnhof Zürich hat sich zu Eschers Lebzeiten stark gewandelt: der erste HB bei der Eröffnung der «Spanisch-Brötli-Bahn» 1847...
Quelle: Zentralbibliothek Zürich
... und eine Ansicht des Bahnhofplatzes um 1900, schon mit dem Escher-Denkmal.
Fortschritt durch Zentralismus?
Diesen unermüdlichen Einsatz für die Sache sieht man in seiner Rolle als Eisenbahnpionier versinnbildlicht. Escher war als Zürcher Protestant in den Zeiten der Religionswirren und des Sonderbundskriegs ein ausgesprochener Zentralist. Die Errichtung des Ständerats lehnte er ab, er sah durch die Stärkung des Föderalismus und der katholisch-konservativ geprägten Landkantonen eine Gefahr für den Fortschritt des Landes. Doch der ursprünglich radikale Escher mutierte zum Wirtschaftsliberalen. Der Schlüssel war die Eisenbahnfrage. Für Escher kam nur die föderalistische Lösung und der Bau und Betrieb durch Private in Frage.
«Escher stellte sich dabei auch weitere grundsätzliche Fragen: Was ist Aufgabe des Staates, was überlässt man besser den Privaten, was soll bundesstaatlich, was kantonal gelöst werden», sagt Jung. Wolle man innert nützlicher Frist eine brauchbare Eisenbahninfrastruktur, könne dies nicht der Staat übernehmen, so Escher. Denn der junge und noch schwache Bund hatte nach dem Sonderbundskrieg schlicht kein Geld dazu. Private, so war Escher überzeugt, würden die Aufgabe schneller lösen können. Hinzu kommt: Eine Bundeslösung wäre für Zürich und die Ostschweiz suboptimal gewesen, hätte man mit den knappen Mittel doch eher erst die Westschweiz und die wichtigen Orte der alten Eidgenossenschaft wie Luzern oder Solothurn mit der neuen Bundesstadt Bern verbunden.
Dass Zürich und die Ostschweiz nicht benachteiligt wurden, dafür sorgte Alfred Escher gleich selbst: Nachdem 1852 das erste Schweizer Eisenbahngesetz in seinem Sinn verabschiedet worden war, gründete er im Jahr darauf die Zürich-Bodenseebahn und fusionierte sie mit der «Spanisch-Brötli-Bahn» zur Schweizerischen Nordostbahn (NOB). Schnell wurde das Netz ausgebaut und die NOB zur grössten Schweizer Bahngesellschaft.
Bankenplatz Zürich begründet
Doch die für die Investitionen notwendigen Gelder fand Escher in der Schweiz nicht und er musste sich im Ausland finanzieren, was zu Abhängigkeiten führte. Also gründete Escher zur Finanzierung der Infrastruktur der Nordostbahn 1856 die Kreditanstalt, die heutige Credit Suisse. Rasch finanzierte die Kreditanstalt auch weitere private und staatliche Unternehmen. So entwickelte sie sich zu einem wichtigen Geldgeber der Schweizer Wirtschaft und begründete damit den Finanzplatz Zürich. Escher war Mitte der 1850er-Jahre Direktionspräsident der NOB und Verwaltungsratspräsident der Kreditanstalt und finanzierte sich somit quasi selber. 1857 half die Kreditanstalt, «den schweizerischen Familienvätern auf hinlänglich soliden Grundlagen Gelegenheit zu geben, durch Aufopferung eines kleinen Teils des Erwerbes die Ihrigen gegen mancherlei Wechselfälle des Lebens bis zu einem gewissen Grade sicherzustellen», indem die Rentenanstalt (heute Swiss Life) als erste Lebensversicherung der Schweiz gegründet wurde. Alfred Escher nahm im Aufsichtsrat Einsitz.
Die zwei Jahrzehnte nach der Verabschiedung der Bundesverfassung 1848 waren eine einmalige Epoche in der Schweizer Geschichte. Nach dem Zusammenbruch der alten Eidgenossenschaft, der Zeit der napoleonischen Helvetischen Republik sowie den konfessionellen und ideologischen Spannungen, die 1847 im Sonderbundskrieg kulminierten, war wieder verhältnismässige Ruhe im Land eingekehrt. Und niemand nutzte die Möglichkeiten, welche diese Neuordnung bot, besser als Alfred Escher. Mit Vehemenz und Hartnäckigkeit setzte er sich für eine eidgenössische Universität mit Standort Zürich ein.
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Der Schweiz droht die Gefahr, gänzlich umgangen zu werden und in Folge dessen in der Zukunft das traurige Bild einer europäischen Einsiedelei darbieten zu müssen.
Alfred Escher, 1849 als Nationalratspräsiden
Alfred Escher, 1849 als Nationalratspräsiden
«Kronleuchter» kommt nach Zürich
Föderalistische Gegner dieser Idee kritisierten, dass eine nationale Hochschule wie ein Kronleuchter in einem grossen Raum nur die Mitte beleuchten und die Ecken im Dunkeln lassen würde. Doch Escher setzte sich durch, und nachdem Bern zur Bundesstadt erkoren wurde, drängte sich der Standort Zürich für die Schweizer Universität auf. Zürich erhielt den Zuschlag, doch von dem ambitiösen Uni-Projekt konnte letztlich nur das Polytechnikum, die heutige ETH, gebaut werden. Dass die besten Ingenieure und Architekten der Schweiz quasi vor seiner Haustüre ausgebildet wurden, dagegen hatte Escher mit Blick auf seine Eisenbahnprojekte sicher nichts einzuwenden.
Die Vergabe des Architekturprojekts der neuen Hochschule verlief aus heutiger Sicht eher ungewöhnlich: Es wurde ein Wettbewerb durchgeführt, bei welchem im Frühling 1858 19 Entwürfe eingereicht wurden. Das Preisgericht und auch der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA) lehnten sämtliche Eingaben als ungenügend ab. Man entschied, den deutschen Architekten Gottfried Semper mit dem Bauvorhaben zu beauftragen. Dieser war bereits als Dozent am neuen Polytechnikum tätig und zudem auch Mitglied des Preisgerichts. Die Bauphase dauerte beinahe zehn Jahre, und das neue Hochschulgebäude, welches sich das Polytechnikum zunächst mit der Universität Zürich teilen musste, kostete am Ende 2,3 statt den ursprünglich beantragten 1,7 Millionen Franken. Der grosszügige und repräsentative Bau war ganz im Sinne Alfred Eschers, dem die eingereichten Projekte alle zu provinziell erschienen. Ihm schwebte ein grosszügiges, prachtvolles Zürich vor, städtebaulich an Paris orientiert. Das heutige Aussehen mit der markanten Kuppel erhielt das ETH-Hauptgebäude jedoch erst durch die Umbauten von Gustav Gull 1915 bis 1924.
Auch anderen Zürcher Bauwerken aus dieser Zeit sieht man Eschers Hang zum grosszügigen Bauen an. Der Architekt Jakob Friedrich Wanner entwarf unter der Ägide Eschers zwischen 1861 und 1877 erst den Zürcher Hauptbahnhof mit dem Hauptsitz der Nordostbahn und anschliessend das Hauptgebäude der Kreditanstalt am Paradeplatz. Für Joseph Jung symbolisieren diese drei Bauwerke drei Tempel, die Escher in der Stadt errichten liess: das Polytechnikum, das als Tempel der Wissenschaften über der alten Stadt thront, die Kreditanstalt, die den Paradeplatz zum Zentrum des Finanzwesens macht, und der Hauptbahnhof mit der Bahnhofstrasse, der für die ökonomische und gesellschaftspolitische Entwicklung der Schweiz massgebend war. So ist es nur folgerichtig, dass namhafte Zürcher Kreise Alfred Escher 1889 ein Denkmal gebaut und es auf den Bahnhofplatz vor den Hauptbahnhof gestellt haben. Seither blickt er die Bahnhofstrasse, deren Errichtung Escher nach Vorbild der Pariser Boulevards angestossen hatte, in Richtung Paradeplatz und Gotthard.
Quelle: Baugeschichtliches Archiv Zürich
Das ETH Hauptgebäude wurde 1858 bis 1864 durch Gottfried Semper gebaut. Alfred Escher war massgeblich daran beteiligt, dass das Polytechnikum in Zürich entstand. Aufnahme um 1880, vor dem Beginn der Umbauten durch Gustav Gull 1915 bis 1924, bei denen die heute prägende Kuppel entstand.
Als Sündenbock geopfert
Alfred Eschers wohl grösstes und für viele auch wichtigstes Projekt beendete dann seine berufliche und politische Karriere. Im Dezember 1871 übernahm Escher das Direktionspräsidium der fortan privat geführten Gotthardbahn-Gesellschaft. Als das Jahrhundertbauwerk 1882 eröffnet wurde, war dies zwar zu einem grossen Teil auch Eschers Verdienst. Zur Durchstichsfeier wurde er aber nicht einmal mehr eingeladen, und – was ihn besonders traf – sein Name wurde nicht ein einziges Mal erwähnt. 1878 musste er das Direktionspräsidium der Gotthardbahn-Gesellschaft niederlegen. Die politischen Verhältnisse hatten sich zuungunsten Eschers verändert, die Arbeitsbedingungen am Gotthard waren schlecht, die Kosten liefen aus dem Ruder. Der Aktienkurs der Gotthardbahn sank, und im Volk stieg das Misstrauen gegen die «spekulativen» Eisenbahngesellschaften.
Da keiner in seiner exponierten Stellung besser als Sündenbock für die Kostenüberschreitungen am Gotthard taugte als Alfred Escher, wurde er, so Joseph Jung, schliesslich vom Freisinn und seinem politischen Gegenspieler, Bundesrat Emil Welti, geopfert. Ironie der Geschichte: Kurz nach Eschers Tod 1882 heiratete seine Tochter Lydia den Sohn von Bundesrat Welti, und dieser zog in Eschers Villa im Belvoirpark ein. Die Liaison wurde von Escher zu Lebzeiten erfolglos zu unterbinden versucht und endete mit dem Selbstmord von Lydia Welti-Escher und ihrem Geliebten, dem Künstler Karl Stauffer, tragisch.
Als Alfred Escher im 63. Lebensjahr am 6. Dezember 1882 starb, war er aufgebraucht und ausgebrannt. Die offizielle Schweiz und die Stadt Zürich standen zu seinem Begräbnis für einen Moment still. Das eidgenössische Parlament setzte seine Session aus, Vertreter nahezu aller Kantone nahmen an der Trauerfeier teil. Die Wirtschaftselite des Landes, aber auch einfache Verwaltungsangestellte und sogar Knechte und Mägde erwiesen Alfred Escher die letzte Ehre.
Doch was bleibt von Alfred Escher heute,200 Jahre nach seiner Geburt? Zweifellos war er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die dominierende wirtschaftspolitische Persönlichkeit der Schweiz. Den jungen Bundesstaat hat er entscheidend geprägt und als Eisenbahnpionier, Finanzplatzgründer und Hochschulpolitiker hat er zukunftsweisende Impulse gegeben.
Biograf Joseph Jung kommt zum Schluss: «Alfred Escher schuf die Voraussetzungen dafür, dass die Schweiz – noch 1848 ein berüchtigter Hort revolutionärer Umtriebe und ein Zufluchtsort bewaffneter Insurgenten und revolutionärer Zellen – allmählich international respektiert und geachtet wurde.» Ob der Bildungs- und Forschungsstandort, die starke Versicherungsbranche, der Finanzplatz oder die Eisenbahnnation Schweiz: Für alle sie legte der «republikanische Diktator», der «Zar von Zürich», «König Alfred I.», das Fundament.
Bis heute hat die Schweiz ein gespaltenes Verhältnis zu Alfred Escher. Für die Linke war er lange Jahre als Grosskapitalist geächtet. Und für die Bürgerlichen war es ein Problem, dass Escher kein Freisinniger, sondern ein Wirtschaftsliberaler war. Die FDP strukturierte sich im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts – und in diese Partei passte Escher nicht mehr. Seine Machtfülle ist vielen Kommentatoren bis heute suspekt. Doch in den letzten Jahren fällt sein Name wieder häufiger, wenn Politiker oder Wirtschaftsführer nach dem einflussreichsten Schweizer aller Zeiten gefragt werden. Von Christoph Blocher über Martin Bäumle bis zu Bastien Girod berufen sich Zürcher Politiker sämtlicher Couleur auf Escher. Ein Zeichen dafür, dass man Alfred Eschers Rolle in der Schweizer Geschichte nach 200Jahren allmählich neutral und objektiv wahrzunehmen beginnt.
Quelle: Aus «Zürich in 500 Bildern. Ein Stadtbuch»
Alfred Escher war auch Begründer des Bankenplatzes Zürich. Der Hauptsitz der Kreditanstalt, heute Credit Suisse, am Paradeplatz im Jahr 1895.
Schweiz war Entwicklungsland
Wie wäre es der Schweiz und Zürich ohne Alfred Escher ergangen? «Die Schweiz war 1848 ein Entwicklungsland», sagt Joseph Jung. «Escher hat massgeblich dazu beigetragen, dass sich die Infrastruktur sehr rasch entwickelt hat. In kurzer Zeit waren wir auf dem Niveau der Nachbarländer. Wäre das damals nicht passiert, wäre der Rückstand immer schwieriger aufzuholen gewesen. Wahrscheinlich wäre die Schweiz noch im frühen 20. Jahrhundert ein landwirtschaftlich geprägtes Land gewesen.» Auch Zürich wäre laut Jung eine ganz andere Stadt: «Den Wirtschafts- und Forschungsstandort Zürich gäbe es ohne Escher so nicht. Er hat die grosse Bauperiode Zürichs angestossen. Danach gab es bis zur Europaallee keine grossen städtebaulichen Würfe mehr.»
Zu seinem 200. Geburtstag hat es Alfred Escher verdient, dass er im Geschichtsunterricht an den Schweizer Schulen einen Ehrenplatzerhält. Denn um die Schweiz von heute zuverstehen, muss man Alfred Escher kennen. Ob als visionärer Wirtschafts- und Infrastrukturpionier, oder als Grosskapitalist und machtbesessener Workaholic – niemand hat die heutige Schweiz geprägt wie Alfred Escher im 19. Jahrhundert.
Buchtipp: Alfred Escher – Aufstieg, Macht, Tragik
Quelle: zvg
Buchtipp: Alfred Escher – Aufstieg, Macht, Tragik
Anhand von Briefen, Reden und zeitgenössischen Publikationen entwirft der Historiker Joseph Jung das Bild eines weitsichtigen Wirtschaftsführers und Politikers, dessen Leben – allen epochalen Erfolgen zum Trotz – tragisch endete. Unter dem Titel «Alfred Escher: Der Aufbruch zur modernen Schweiz» hat Joseph Jung zudem auf über 1100 Seiten eine noch umfangreichere Escher-Biografie verfasst.
Joseph Jung, Alfred Escher (1819 - 1882): Aufstieg, Macht, Tragik.
Verlag NZZ Libro, 516 Seiten, ISBN: 978-3-03810-274-8, 58 Franken