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Die Geschichte vom Turmbau zu Babel erzählt von einem strafenden Gott. Weil die Menschen einen Turm bis in den Himmel hinauf bauen wollen, verwirrt er ihre Sprache so, dass keiner mehr den anderen versteht. Im «Babylon Park» kommt kein Gott mehr vorbei. Dort sitzt auf einer Bank eine Stadtbernerin und sinniert über «my dialect / qui est jaloux u chli toube / wäg mire lifelong liaison / avec l’allemand».
Diese Frau ist die Theaterwissenschaftlerin Arianne von Graffenried, und wenn sie als Autorin spricht, redet es ihr berndeutsch, hochdeutsch, englisch und französisch quersprachein. Und dass sie den «coiffeur albanais» mit «e bëj me ngut» auffordert, vorwärts zu machen (Google übersetzt mir die Wendung mit «sich beeilen»), versteht sich von selbst.
Unter dem Namen «Babylon Park» erscheinen dieser Tage jene Texte in Buchform, die von Graffenried in den letzten Jahren als Elsa Fitzgerald im Duo Fitzgerald & Rimini oder als Mitglied des Spoken-word-Netzwerks «Bern ist überall» auf Bühnen vorgetragen hat. Klar wird: Diese Spoken-word-Performance-Sprache funktioniert auch als Spoken-script-Sprache zwischen Buchdeckeln.
Der Blick der Unbehausten
Das Buch ist in fünf Zyklen gegliedert: «Porträts und Hommagen», «Berge und Küsten», «Grand Tour», «Agglo» und «Never-ending Stories». «Grand Tour» versammelt die Texte der gleichnamigen CD von «Fitzgerald & Rimini» (2015). Weil dem Buch ein Download-Code beiliegt, ist es möglich, sich diesen Teil des Buchs mitlesend von der Autorin rezitieren zu lassen. (Weitere im Buch dokumentierte Texte können hier angehört werden).
Der Standort, von wo aus in den Texten auf die Welt geblickt wird, geben die «Porträts und Hommagen» vor. Sie erinnern an Patti Smith, Robert Walser und Adolf Wölfli, an die beiden Dadistinnen Emmy Hennings und Elsa von Freytag-Loringhoven, an den Futuristen Welimir Chlebnikow und an die abgestürzte Fixerin Agnes. Das sind lauter Leute, die Rilke gemeint haben mag mit dem Vers: «Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.»
Eine Kunst ist es, sich schreibend solchen existentiell radikalen Perspektiven anzunähern, ohne zu jammern oder zu moralisieren. Das kann Ariane von Graffenried. Mit dem Pathos einer Unbehausten ist sie unterwegs zwischen dem Wiissestei und Istanbul, Gündlischwand und Brüssel, Rimini und der Bütschelegg und baut allem Gefährdeten und Verwehten kunstvolle Unterstände aus lauter Sprache – was «Sprachbeder en masse» ergibt, «des bains de langues / parce que j’adore ça / obwou i se gar nid au versta di Sprache».
Ironie in allen Lebenslagen
Die Machart dieser Texte mit einem einzigen Begriff zu umschreiben, wäre schwierig. Das wiederkehrendste Stilmittel ist die Ironie, die ihren Dienst vor melancholischem Hintergrund so gut wie vor absurdem tut und über die Inhalte hinaus zuweilen auch die Machart erfasst. Gern lässt die Autorin zwischendurch den Versrhythmus holpern («Dr Rimini häbt ds Stüür. / Wi lahmi Unghüür / schnaage üs Laschtwäge / […] entgäge»). Oder sie setzt korrespondierende Reime statt ans Versende mitten in eine umgebende Zeile oder wählt unsaubere Reimwörter («Itz steisch am Strand. / Im Sand ligt e Roche / tot uf em Trochne»). Auch so wird die Musikalität der Formulierung erhöht, die Autorin signalisiert aber stets auch: Ich könnte schon, aber ich will nicht.
Übrigens nimmt von Graffenried ab und zu auch sich selber aufs Korn. Etwa wenn sie Adolf Wölfli in der Irrenanstalt Waldau gegenüber seinen halluzinierten Figuren entnervt ausrufen lässt: «Bitte nid no meh Adligi! I ha scho mit mir säuber gnue.» Und für jene, die sich fragen, ob die Ironie manchmal nicht allzu sehr dem Versteckspiel diene, antwortet sie mit einer Gegenfrage gleich selbst, «ob Ironii am Änd cha zwanghaft si» – und klar, dass sich diese in Prosa dargestellte Wendung reimt.
Bisschen zu viel Kontingenz-Impertinenz
Dass von Graffenried, auch wenn sie mit ihren Texten als Performerin vor Publikum steht, als Poeta docta schreibt, als gelehrte Dichterin, die zum Verständnis ihrer Texte eigentlich die Kenntnis einer mittleren Bibliothek voraussetzt, ist ab und zu ärgerlich. Wenn sie schreibt: «Ich chume / a mini Gränze / i dene Kontingänze», dann frage ich mich, wer bildungsprivilegiert genug ist, spontan schmunzeln zu können über ein solches Wortspiel. Ich zum Beispiel musste mich zuerst um die Aspekte des Begriffs «Kontingenz» bemühen, um erahnen zu können, wieviel Ironie in der Formulierung mitschwingt.
Trotzdem habe ich das Buch mit Interesse weiter- und fertiggelesen. Die Texte erwecken überzeugend den Anschein, ihre Autorin würde auch dann in diesem Ton weitersprechen, wenn ihr niemand zuhören würde – einfach weil er ihr Ton ist. Hinter allem «Versteckspiel im Moor fremder Geschichten» scheint hier jemand überzeugt zu sein, dass nach der Erinnerung «nur mehr Fäulnis und Dichtung» bleibt. Was anderes wäre Literatur als der Anspruch, gegen diese Fäulnis mit geformter Sprache Zeugnis ablegen zu wollen?
In diesem Sinn dokumentiert «Babylon Park» Literatur, die über das Gebrauchsliterarische des Bühnenauftritts hinausgeht. Der Band ist ein spannender Beitrag dazu, die Spoken-word-Szene anschlussfähig zu machen an die Weltsicht jener, die nicht anschlussfähig sein wollen (oder können) an den gesunden Menschenverstand.