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Und wer bestimmt überhaupt, was hässlich und was schön ist? Gilbert Casasus, ein Experte für Zeitgeschichte und Europapolitik, formuliert eine Frage, deren Beantwortung viel Fingerspitzengefühl erfordert.
Schönheit liege im Auge des Betrachters, sagt der Volksmund. Das ist ebenso einleuchtend wie banal. Doch wenn wir solche Sprüche hören, beschleicht uns meistens das Gefühl, dass hier etwas schön geredet werden soll. Denn, so lautet der Verdacht, geht es hier nicht vor allem darum, angesichts einer skandalösen Ungleichheit wenigstens rhetorisch für ausgleichende Gerechtigkeit zu sorgen? Machen wir denn nicht ständig, ob im Alltag, in den Medien oder im Privatleben, die Erfahrung, dass Schönheit durchaus so etwas wie «symbolisches Kapital» bedeutet, von dem manche Menschen mehr besitzen, während andere benachteiligt sind? In seinem umstrittenen Roman «La possibilité d’une île» versteigt sich der nicht gerade für sein blendendes Äusseres bekannte französische Erfolgsautor Michel Houellebecq gar zu der These, die für die Sexualität gültigen Normen, nämlich: Schönheit, Kraft und Jugend seien letztlich Werte des Faschismus.
Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen ist beides – je nach Kontext und Interpretation – richtig: Es gibt keine universelle, transhistorische, transkulturelle Norm von Schönheit. Man könnte sogar behaupten, dass die Kategorie des «Schönen» eine relativ späte Erfindung der säkularisierten Ideengeschichte ist. Vor Gott waren alle Menschen gleich, wer fromm war, musste nicht auch noch schön sein. Solange Menschen sich nicht als einzigartige Individuen von anderen unterscheiden mussten, spielte die äussere Erscheinung nur eine untergeordnete Rolle. Zugleich aber zeigen empirische Untersuchungen, dass es durchaus so etwas wie Standard-Vorstellungen dessen gibt, was der globale Mainstream als «schön» oder als «hässlich» empfindet. Der mediale Hype um gewisse Mode-Beauties, aber auch der Erfolg von Modelagenturen, die sich auf «ugly models» spezialisiert haben, zeugt von einem anhaltenden Interesse an einer konsensualen Unterscheidung von «hässlich» und «schön».
Im Bemühen, Schönheit zu beschreiben und zu definieren, wurden seit der Antike zahlreiche philosophische, später auch kunsttheoretische oder anthropologische Schönheitslehren entwickelt. Kleinster gemeinsamer Nenner der klassischen Auffassungen von Schönheit ist das Bewusstsein einer irgend definierten Form. Das Schöne entspricht einem bestimmten, objektiven, bisweilen gar mathematisch festgelegten Mass, es folgt eindeutigen Regeln der Proportionalität und der Harmonie. Diese klassische Option spielt bis heute eine zentrale Rolle im kollektiven (Un-)Bewusstsein und könnte (darüber herrscht wissenschaftlich jedoch kein Konsens…) sogar auf biologischen bzw. kognitiven Voraussetzungen beruhen. Ein ebenmässiges Gesicht, eine gerade Haltung, ein gesunder Körper deuten nicht zuletzt auf gewisse genetische Veranlagungen hin, die bei der Auswahl des Sexualpartners eine Rolle spielen mögen. Das alles sei unbestritten. Nur geht es beim modernen Verständnis menschlicher Schönheit schon lange nicht mehr ausschliesslich um Paarungsbereitschaft, sondern um komplexe symbolische und semiotische Prozesse des kulturellen Lebens.
Doch die Kunst wusste seit Anbeginn, dass die dichotome Hierarchie von «schön und hässlich» und die daraus resultierende Verwerfung des Hässlichen nur die halbe Wahrheit sind. Form und Struktur, Regeln und Gesetze sind nur eine Seite der Ästhetik, ihre Kehrseite wird – schon in der Antike – von dem besetzt, was sich dem ästhetischen Formwillen entzieht, was sich in seiner «dunklen» und «hässlichen», ja «kranken» Unförmigkeit, seiner grotesken, disharmonischen und bizarren, dekadenten, perversen, skandalösen Andersartigkeit eine Freiheit erlaubt, die als eigenständige, positiv besetzte und damit radikal neu bewertete Ästhetik vor allem in der Spätromantik und im Symbolismus eine Rolle spielt. E.T.A. Hoffmann und Victor Hugo entdecken das Fantastische und Groteske, das Psychotische und Verstörende als Produktivkräfte der Literatur. «Le beau est toujours bizarre», schreibt Baudelaire in seinen «Curiosités esthétiques». Krankheit, Tod und Verwesung werden zu einem ästhetischen Ereignis. Auch Malerei und Musik der avantgardistischen Moderne setzen alles daran, den Kanon des klassischen Schönheitsideals auf den Kopf zu stellen: Das Hässliche wird interessant, nicht zuletzt als Agent der Rebellion gegen die soziale Ordnung. Als mächtige ideengeschichtliche Strömung durchzieht diese Tradition bis heute den Untergrund der Kunst, die Subkultur der Freaks und Punker, Beatniks, Cyborgs, hybriden Monster und rebellischen Krüppel. Sie alle vertreten die Freiheit des Ungeformten, hintergehen «normale» Wahrnehmungsmuster, appellieren dabei aber auch an Toleranz und Empathie. Als Vorreiter einer modernen Gesellschaft der Selbstverwirklichung darf das nonkonformistische Individuum auch hässlich sein, neurotisch, ungepflegt und triebhaft. Kunst und Philosophie machen aus hässlichen Menschen Ideenträger, Allegorien einer neuen, ideologisch und ästhetisch offenen Welt.
Die tröstende Erkenntnis, dass ein disharmonischer Körper durchaus eine «schöne Seele» beherbergen kann, d.h. einen Menschen mit Ausstrahlung und Charakter, vermittelte im 19. Jahrhundert vor allem die Literatur des Realismus. Mit ihrem moralischen Humanismus widerspricht sie hier nicht zuletzt den Irrlehren der Physiognomie und des aufkommenden Rassismus. Houellebecq provoziert und übertreibt masslos, doch die Welt des schönen Scheins verdient es ganz gewiss, gelegentlich durchschaut zu werden.
Frage Gilbert Casasus, Professor für Europastudien und Direktor des Zentrums für Europastudien.
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Expertin Sabine Haupt ist Titularprofessorin und LFR/MER am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Neben ihren wissenschaftlichen Arbeiten publiziert sie auch für Presse, Rundfunk und Fernsehen. Im Mai 2018 ist ihr Roman: «Der blaue Faden. Pariser Dunkelziffern» erschienen.
www.sabinehaupt.ch