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Dem Paradies entrissen
Wer war die Frau an der Seite des berühmten Malers Max Liebermann und wie kämpfte sie im Zweiten Weltkrieg ums Überleben? Sophia Mott nimmt uns in ihrem Roman "Dem Paradies so fern" mit in Martha Liebermanns Leben.
"Der Schlaf, wenn er kommt, ist voller Träume, die so wirklich erscheinen, als müssten se das Leben sein. Das aber ist ein Albtraum." (S. 7)
Schon mit dem ersten Satz von "Dem Paradies so fern. Martha Liebermann" sind wir mitten drin, mitten in der Hölle, könnte man fast sagen. Es ist Herbst 1941, der Zweite Weltkrieg tobt und Martha Liebermann, die über 80-jährige Witwe des Malers Max Liebermann bangt in ihrer Berliner Wohnung um ihr Leben. Als Jüdin bleibt ihr nur noch die Hoffnung, dass die erhoffte Ausreisebewilligung vor dem Befehl zur Evakuation nach Theresienstadt oder in ein anderes Lager eintrifft.
Der Kampf um die Ausreise
Sophia Mott erzählt sehr kraftvoll und auf Basis eingehender Recherchen, wie Martha Liebermann um ihr Leben kämpft, unterstützt von Freunden wie Baron von Uexküll oder Graf Bernstorff, die versuchen, in der Schweiz oder Schweden so viel Geld aufzutreiben, wie die deutsche Regierung für die Ausreisebewilligung von Martha Liebermann verlangt. Ein Wettlauf gegen die Zeit im doppelten und dreifachen Sinne, denn die betagte Martha kämpft nicht nur gegen die bürokratischen Windmühlen der Nazis, sondern leidet auch unter gesundheitlichen Problemen und schliesslich droht bei jedem Bombenalarm ganz reale Gefahr von oben.
Das Leben der Liebermanns
Wir befinden uns aber nicht nur im Zweiten Weltkrieg, sondern blicken in zahlreichen Rückblenden mit Martha zurück in die Zeit, in der sie Max kennenlernte, in die Zeit ihrer Heirat, der Geburt von Tochter Käthe, dem Bau des Hauses am Wannsee, des Ersten Weltkriegs und in die Zwischenkriegszeit bis hin zum Tod von Max Liebermann im Jahre 1935, also noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. So schildert die Autorin eindrücklich, wie die jüdische Gemeinschaft (oder zumindest der optimistische Teil davon) auch immer wieder Hoffnung schöpfte, anerkannter Teil der deutschen Bevölkerung zu werden, des Landes, in dem sie geboren worden waren, in dem sie ihr Leben verbracht, für das sie sich engagiert, ja vielleicht sogar in einem Krieg gekämpft hatten. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Hoffnung auf Anerkennung abgelöst vom Unglauben, dass es tatsächlich so schlimm sein könne, wie die Gerüchte befürchten liessen.
Gibt es noch einen Ausweg?
Sehr eindrücklich auch, wie der jüdische Anwalt der Familie während dem Krieg mit den völlig absurden Verordnungen der Nationalsozialisten, die eigentlich nur auf die Entrechtung, ja die Entmenschlichung der Jüdinnen und Juden abzielten, versuchte, sich im Dschungel der Paragraphen zurecht zu finden und seine Klienten nach bestem Wissen und Gewissen zu beraten. Als guter Rat eigentlich schon nicht mehr teuer, sondern unbezahlbar war.
Das Ende der Geschichte sei an dieser Stelle für diejenigen, die sich wie ich mit den Liebermanns nicht näher auskennen, nicht verraten. Aber das folgende Zitat macht deutlich, dass es am Ende nicht nur um den Kampf gegen die Nazis, sondern auch um einen inneren Kampf ging:
"Das hat sie nie gelernt. Loslassen, verkaufen, auflösen, liquidieren, das war immer Aufgabe der Männer in der Familie gewesen, die Frauen waren fürs Bewahren zuständig. Nun ist es, als hielte sie krampfhaft den Zipfel eines Kleides, das längst ist." (S. 297)
Fazit
Sophia Mott hat mich mit ihrem Roman "Dem Paradies so fern" über Martha Liebermann sehr beeindruckt. Sie verknüpft gekonnt die bekannten historischen Fakten mit dem unbekannten - aber äusserst nachvollziehbar und einfühlsam geschilderten - Seelenleben von Martha und den Leerstellen, die trotz ausführlicher Recherche bestehen bleiben. Dabei überlässt uns die Autorin nicht einfach der Verzweiflung ob der scheinbar ausweglosen Situation. Sie versteht es, immer wieder auch den Humor und die Hoffnung, den Lebens- und Überlebenswillen und vor allem die Würde der Protagonistinnen und Protagonisten durchscheinen zu lassen. Nicht nur ein eindrückliches Zeitdokument, sondern auch ein starkes Plädoyer gegen das Vergessen.
PS: Herzlichen Dank an Ebersbach & Simon und Kirchner Kommunikation für das Rezensionsexemplar.
Die Fakten
Sophia Mott
Ebersbach & Simon
336 Seiten
Erschienen am 20. Februar 2019
ISBN: 978-3-86915-172-4
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