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Stirbt Englisch aus?
Entwicklung einer Weltsprache
Die weltumspannende Sprache der Gegenwart heißt Englisch. In vielen Berufen und im Studium ist sie unverzichtbar, die Popkultur ist fest in ihrer Hand. Ein Ende der Dominanz ist nicht in Sicht – doch das dachte man vor 600 Jahren über das Lateinische.
Im Zuge der Globalisierung und der zunehmenden Technisierung hat sich
Englisch überall durchgesetzt. Es gibt kaum einen Winkel auf der Erde, in
dem man niemanden findet, der diese Sprache spricht.
Manche Linguisten meinen, dass Englisch niemals als führende Sprache
abgelöst werden wird. Andere führen hingegen ein historisches Beispiel
an: Latein.
„Wenn man es aus der Sicht des Europas des 15. Jahrhunderts betrachtet,
scheint die Zukunft des Lateinischen sehr hell“, sagt Nicholas Ostler der
International Herald Tribune. Er beschreibt in seinem Buch „Empire of the
Word“ die Geschichte der lateinischen Sprache.
„Wenn man es aus der Sicht der Welt des 20. Jahrhundert betrachtet,
scheint die Zukunft des Englischen ziemlich hell,“ fährt Ostler fort.
Will sagen: Englisch könnte aussterben – wie einst das römische Vorbild.
Ohne Präzedenzfall
Andere Wissenschaftler widersprechen. David Crystel, Autor des Buches
„English as a Global Language“, glaubt, dass die Vergangenheit nicht
länger als Vergleich taugt. Der Grund: die Welt hat sich zu sehr
verändert.
„Es ist das erste Mal, dass es eine Sprache gibt, die wirklich in jedem
Land der Welt gesprochen wird, sagte er der International Herald Tribune.
„Es gibt keine Präzedenzfälle, die uns helfen könnten, zu sehen, was
passieren wird.“
Es wird vermutet, dass ein Fünftel der Weltbevölkerung mehr oder weniger
gut auf Englisch kommunizieren kann. In fast allen Bereichen wird es
inzwischen verwendet – egal ob es um die internationalen Geldmärkte, den
Luftverkehr oder gar den islamischen Dschihad geht.
Dort kommt es zur Anwendung, weil nur ein Bruchteil der Muslime Arabisch
spricht. Arabisch ist zwar auch eine Weltsprache, wenn aber ein
saudischer Islamist mit einem pakistanischen Extremisten spricht, dessen
Muttersprache Urdu ist, greifen die beiden meist auf Englisch zurück.
Gerade dass selbst die erbittertsten Feinde Amerika nicht ohne dessen
Sprache auskommen, zeigt wie wichtig Englisch ist.
Etwa 600.000 Einträge enthält das „Oxford Dictionary“ – andere Forscher
meinen, dass 15.000 Wörter ausreichen würden
In der Diplomatie hat Englisch das Französische als Lingua Franca beinahe
vollständig verdrängt. Und die vorherrschende Stellung des Englischen
wird durch das Internet weiter konsolidiert.
Do you speak „Spanglish“? Or „Singlish“?
Es gibt zwar mehr Menschen, die als Muttersprache Chinesisch, Spanisch
oder Hindi sprechen, aber viele von ihnen nutzen Englisch, um
Sprachbarrieren zu überwinden. Sie werden so zu Bürgern einer immer
stärker verflochtenen Welt. In manchen europäischen Firmen wird nur
Englisch gesprochen, obwohl sie beispielsweise in Deutschland beheimatet
sind oder in Schweden.
Aber während Englisch sich immer weiter verbreitet, wird es immer stärker
fragmentiert. Es entstehen mehrere „Englische“. Nördlich und südliche der
Grenze zwischen den USA und Mexiko wird „Spanglish“ gesprochen, ein Mix
aus Spanisch und Englisch, in Singapur „Singlish“.
Eine Spanglish-Übersetzung von „Don Quixote“ liegt bereits vor, genau wie
Shakespeare-Werke in das englisch-stämmige Kauderwelsch übertragen
wurden, das in Papua-Neuguinea gesprochen wird.
Auf den Philippinen wird „Taglish“ benutzt – sogar in
Nachrichtensendungen. Diese Sprache mischt Englisch mit Tagalog und
einigen Spritzern Spanisch.
Es sein ein nie gesehenes Phänomen, so Crystal, dass Englisch von drei
Mal so vielen Nicht-Muttersprachlern gesprochen wird als von
Muttersprachlern. Alleine in Asien sprechen mit etwa 350 Millionen etwa
genauso viele Menschen Englisch wie in den USA, dem Vereinigten
Königreich und in Kanada zusammen.
So wurde vor zwei Jahren mit dem Chinesen Jun Liu erstmals ein
Nichtmuttersprachler zum Vorsitzenden der „Teachers of English to
Speakers of Other Languages“ (Tesol) gewählt.
Let“s make the language easier
So entstehen bereits Forderungen, die Sprache zu vereinfachen. Jean-Paul
Nerrière, Franzose und ehemaliger Vizepräsident von IBM USA, fordete in
der International Herald Tribune, die Zahl der Wörter zu verringern.
Er selbst hat eine eigene Variante des „Globish“ entworfen, die mit
lediglich 15.000 einfachen Wörtern auskommt. Zum Vergleich: Das
Wörterbuch „Oxford English Dictionary“ beinhaltet über 600.000 Einträge.
„Wir sind die Mehrheit,“ sagt Nerrière und meint damit die Menschen, die
Englisch nicht als Muttersprache sprechen. „Unsere Art zu sprechen sollte
die offizielle Art sein, Englisch zu sprechen.“
Vielleicht ist aber eine Lingua Franca in Zukunft gar nicht mehr nötig.
Übersetzungsmaschinen könnten diese Aufgabe übernehmen. Das meint
zumindest Wissenschaftler Ostler. Der technische Fortschritt, der dem
Englischen half, seine weltbeherrschende Stellung zu erlangen, könnte
auch den Fall herbeiführen.
Marius Meyer, Süddeutsche Zeitung vom 10.April 2007
http://www.sueddeutsche.de/,tt6m3/jobkarriere/artikel/377/109268/