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Im Vorwort Einleitung und Problemstellung gibt Cassirer das ursprüngliche Ziel seines hier vorliegenden Hauptwerks an: Er will den Unterschied bzw. die Gleichberechtigung der Natur- und der Geisteswissenschaften definieren – eine Diskussion, die damals in der Philosophie des Neukantianismus gerade en vogue war. (‘Ursprünglich’ deshalb, weil Cassirer dann unterm Schreiben dieses Ziel etwas aus den Augen verliert. Kein Wunder, bedenkt man, dass der erste Teil 1923, der zweite 1925 und der dritte und letzte schliesslich 1929 erschienen sind, und Cassirer in dieser Zeit nicht damit aufhörte, weitere Literatur zu lesen und weiter über sein Thema nachzudenken.) Aus einer ursprünglich wissenschaftstheoretischen Untersuchung wurde sehr rasch, schon im ersten Teil, eine im weitesten Sinn erkenntnistheoretische.
Cassirer wurzelt, wie schon aus Obigem klar wird, im Neukantianismus – er promovierte bei Cohen und Natorp. Er geht aber, wie der Untertitel des ersten Teils zeigt, über den Neukantianismus hinaus, indem er ein Thema behandeln sollte, das dann die Philosophie des 20. Jahrhundert weitgehend prägen sollte: die Sprache.
Sein Vorgehen in der Philosophie der symbolischen Formen ist in etwa immer das gleiche: Auf einen philosophiegeschichtlichen Exkurs folgt die wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas. Zuerst untersucht er also Das Sprachproblem [im] philosophischen Idealismus (er meint damit Platon, Descartes und Leibniz), dann im Empirismus (Hobbes, Locke, Berkeley), in der französischen Aufklärung (Condillac, Maupertuis, Diderot), verschiedene Ansätze zur Problematik des Ursprungs der Sprache (Vico, Hamann, Herder, die Romantik), um schliesslich über August Schleicher zur modernen Sprachwissenschaft zu gelangen, wo dann wiederum Wundt und seine Völkerpsychologie den Hintergrund bilden.
Als erster und wichtigster Hintergrund seiner Sprachtheorie dient Cassirer aber ganz eindeutig jene philosophische Strömung, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts Phänomene wie den Deutschen Idealismus und die Weimarer Klassik in Gang setzen sollten. Herder und dessen Mentor Hamann haben wir schon erwähnt, es fehlt noch der Name jenes Autors, auf den Cassirer am häufigsten zurückgreift: Wilhelm von Humboldt. Mit Humboldt teilt er ein ebenso grosses Interesse an sprachwissenschaftlichen Problemen wie an einer dahinter stehenden theoretisch-philosophischen Grundlagen-Forschung. Somit erfolgt, neben dem Rückgriff auf Humboldt, auch immer einer auf die aktuellen Erkenntnisse der Sprachwissenschaft, insbesondere des ‘ethnologischen’ Zweigs, der sich mit den Sprachen ‘primitiver Völker’ beschäftigt. Cassirer wird erst im dritten Teil anfangen, den Begriff primitiv in Anführungs- und Schlusszeichen zu setzen; im ersten nimmt er ihn offenbar noch beim Wort, indem er – darin den aktuellen Strömungen der Sprachwissenschaft folgend – tatsächlich davon auszugehen scheint, dass in der Entwicklung der menschlichen Sprache so etwas wie eine zunehmende ‘Verbesserung’ stattfinde. (Das ist das Problem einer jeden Philosophie, die aktuelle Erkenntnisse irgendeiner Wissenschaft zu verarbeiten sucht. So wünschenswert es ist, dass sich die Philosophie nicht in einem selbstgebastelten Elfenbeinturm verkriecht, so seltsam können einem unter Umständen dann Werke erscheinen, wenn man sie mit einem Abstand von ein paar Jahrzehnten liest.)
Wichtig jedoch ist, dass Cassirer aus seinen sprachwissenschaftlichen Referaten den Schluss zieht, dass ‘der Mensch’ seine Umwelt über die Sprache definiert. (Die weiteren Teile der Philosophie der symbolischen Formen werden zeigen, dass es nicht nur die Sprache ist – hierin unterscheidet sich Cassirer von den meisten Sprachphilosophen des 20. Jahrhunderts.) ‘Definiert’ oder ‘erfasst’ oder ‘begreift’ – es ist nicht ganz einfach zu sagen, was sich Cassirer genau vorstellte. Er würde wohl, anders als z.B. Wittgenstein, der ex cathedra postulierte
Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus, 5.6
mit dem Korrelar
Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern ist eine Grenze der Welt.Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus, 5.632
weder der Sprache noch der Welt a priori Grenzen setzen, und schon gar nicht das Subjekt aus dieser heraus nehmen. Dafür war ihm die Interaktion zwischen ‘Aussen’ und ‘Innen’ viel zu wichtig, eine Interaktion, die im ersten Teil manchmal so weit geht, dass man sich fragt, ob er der klassisch-idealistischen Subjekt-Objekt-Spaltung noch zustimmen würde.
Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen. Erster Teil: Die Sprache. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 101999.