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Im Rahmen der Realisierung eines Neubauprojektes im Jahr 1856, wurden bei Ausgrabungen im Dorfkern von Uitikon Teile eines römischen Gutshofes entdeckt.
Als sich abzeichnete, dass das Areal Zürcherstrasse 74/76 überbaut wird, waren wir überzeugt, dass hier Strukturen zum Vorschein kommen würden. Um eine Idee von der Ausdehnung der archäologischen Reste zu erhalten und damit auch die Dauer der Grabung veranschlagen zu können – der Bau sollte ja nicht verzögert werden –, wurden im Mai und Juni 2003 mehrere Sondierschnitte angelegt. Es handelt sich dabei in diesem Fall um von Hand abgeteufte Schnitte («Löcher») von 2 x 1 m. Diese dienen sozusagen als Fenster ins Erdreich. In diesen kleinen Fenstern konnten zwar keine römischen Strukturen aufgedeckt werden, doch liessen die Ziegelstücke, Heizröhrenfragmente sowie die Teile von hydraulischem Mörtel (sog. Terrazzomörtel) in diesem Bereich eine Badeanlage vermuten.
Vom Oktober bis Dezember 2003 wurde dann ein rund 20 m langes und an seiner breitesten Stelle 14 m breites römisches Gebäude aufgedeckt. Auch wenn wir aus den Beschreibungen des 19. Jh. wussen, dass die Mauern kaum überdeckt waren, so waren wir trotzdem erstaunt, wie wenig die römischen Reste unter dem Boden lagen.
Der untersuchte römische Bau liegt im Nordwesten des Grundstückes, weitgehend unter dem Gebäude, welches als Stall, Scheune und Wagenremise genutzt wurde. Einige römische Mauern wurden durch das moderne Gebäude durch- oder angeschnitten. Eine Trennmauer des Stalls fusste dabei direkt auf dem unteren Boden der römischen Fussbodenheizung.
Der östliche und südöstliche Bereich des Areals wurde archäologisch nicht genauer untersucht. Abgesehen davon, dass dort durch Jauchegruben und mehrere tief fundamentierte Mauern der Boden grossräumig umgelagert war, gab es keine Indizien, dass hier archäologische Reste zu erwarten waren.
Nachdem im Oktober der Stall abgebrochen worden war, wurden mit dem Bagger die neuzeitlichen Deckenschichten abgetragen. Als die Mauerkronen des römischen Baus sichtbar wurden, war die Arbeit der Maschine erledigt und es begann die Handarbeit.
Trotz der geringen Überdeckug ist das römische Gebäude insgesamt ziemlich gut erhalten, insbesondere die Badeanlage. Wie heutige Mauern bestehen auch die römischen aus Fundament und aufgehenden Partien, welche aus dem Boden ragen. Das aufgehende Mauerwerk, von welchem mehrere Lagen erhalten sind, besteht aus gemörtelten Bruchsteinen. Dabei wurde ein gräulicher Mörtel mit unterschiedlich grossen Beimischungen (Sand und Kies) verwendet.
In einem Fall konnte sogar der originale Fugenstrich beobachtet werden. Es handelt sich dabei um eine Technik, bei welcher die Fugen zwischen den Steinen nicht nur mit Mörtel ausgefüllt wurden, sondern auch noch mit der Mauerkelle nachgezeichnet wurden. Es ist nicht ganz klar, weshalb der Maurer dies tat. Man vermutet, dass dadurch der Mörtel zwischen den Steinen verdichtet wurde, so dass das Wasser weniger gut ins Mauerwerk eindringen konnte. Möglich wäre auch, dass die Bruchsteinmauer damit einen regelmässigeren Eindruck erwecken sollte. Vielleicht gehört es auch ganz einfach zum Arbeitsablauf des Maurers, dass er am Schluss noch rasch die Fugen nachzeichnete bevor er ans nächste Mauerstück ging.
Böden sind leider kaum erhalten, diese wurden vermutlich durch die neuzeitlichen Eingriffe zerstört. Im Gebäudeinneren konnte trotzdem stellenweise ein einfacher Kiesboden beobachtet werden. Aussen war stellenweise ebenfalls ein Kiesniveau vorhanden.
Die Mörtelböden im Badetrakt sind nicht als begehbare Zimmerböden anzusprechen. Es handelt sich zum einen um den Boden der versenkten Kaltwasserbadewanne, zum andern um den unteren Boden der Fussbodenheizung.
Die Resultate
Beim freigelegten Gebäude handelt es sich zweifellos um die Reste einer zu einem römischen Gutshof gehörigen Villa. In der Schweiz sind mehrere hundert solcher Gutshöfe bekannt. Die Gutshöfe sind auf Überschussproduktion von landwirtschaftlichen Gütern angelegt. Diese Waren werden in die Zentren geliefert und versorgen die dort lebende Bevölkerung.
Die ersten Gutshöfe entstanden im 2. Viertel des 1. Jh. n.Chr., wenige Jahre nachdem die Römer im Gebiet der Schweiz Fuss gefasst hatten. Im Laufe der Zeit werden die meisten Gebäude ausgebaut und oft prunkvoll ausgestattet. Der Gutshof von Uitikon wurde vermutlich erst im 2. Jh. angelegt und ist offenbar im mittleren 3. Jh. bereits wieder verlassen worden. Dies ergibt jedoch noch immer eine Benutzungsdauer von 150 Jahren.
Ein römischer Gutshof setzt sich aus mehreren Gebäuden zusammen. An erster Stelle zu nennen ist das sogenannte Herrenhaus, die eigentliche Villa, wo der Gutshofbesitzer und seine Familie wohnten. Da sie den Reichtum des Besitzers repräsentieren soll, wird sie meist prächtig ausgestattet. Im Herrenhaus selbst oder in unmittelbarer Nähe davon ist oft ein kleines Bad angebracht, welches dem Gutshofbesitzer und seiner Familie vorbehalten ist.
Neben dem Herrenhaus mitsamt dem Bade umfasst der Gutshof eine Reihe von landwirtschaftlich und handwerklich genutzen Gebäuden. Hinzu kommen Ställe, Pferche und dergleichen. Hier wohnen auch die Arbeiter, die den Gutshof bewirtschaften.
Das Herrenhaus (Villa)
Das Herrenhaus in Uitikon ist nicht in einem Zug errichtet worden, es ist mehrphasig. Dies zeigen die Mauerfugen – zugehörige Schichten mit datierendem Material waren leider keine mehr vorhanden.
Am Anfang steht ein Gebäude, dessen Mauern U-förmig unter der Urdorferstrasse verschwinden. Die Breite dieses ersten Gebäudes beträgt rund 17 m. Eine Inneneinteilung konnte keine festgestellt werden. Wir wissen aus der Skizze des 19. Jh., dass das Gebäude in jedem Fall auf der anderen Seite der Urdorferstrasse weiterging – vermutlich ist dort sorgar der grössere Teil der Villa zu suchen.
An diesen Kernbau wird zu einem unbestimmten Zeitpunkt im Süden ein erster Anbau angefügt. Damit entsteht im Süden ein rund 20 m langer und etwa 7m breiter Gebäudeteil.
In der dritten Phase wird wiederum im Süden, genauer im Bereich der Südecke, ein mehrräumiges Bad angefügt. In der letzten Phase (Phase 4) wird der in Phase 3 nicht oder nur mit vergänglichem Material gedeckte Heizraum im Nordwesten des Warmbades mit Mauern umgeben und mit einem Dach versehen. Trotz aller verwandschaftlichen Beziehungen zwischen den einzelnen Villen – in der Grundlage sind sich alle ähnlich - finden sich doch keine zwei, die absolut deckungsgleich sind.
Man kann verschiedene Typen von Herrenhäusern unterscheiden. Die einfachsten Villen bestehen nur aus einer grossen Halle mit einem vorgelagerten Laubengang (Portikus). Die Villa von Uitikon ist etwas komplizierter und gehört vermutlich zum Typus der so genannten Rechteckvillen mit Halle, Hauptportikus und vorkragenden Eckrisaliten. Bei dieser Bauform, die axialsymmetrisch aufgebaut ist, befinden sich an den vorderen Ecken die beiden vorspringenden, turmartigen Erhöhungen des Gebäudes, die so genannten Risalite. Diese werden durch einen Laubengang (Portikus, Loggia) miteianander verbunden. Dahinter liegt eine grosse Halle mit seitlich angeordneten Wohnräumen. Ein Beispiel dafür ist die Villa von Wahlen BE. Spiegelt man die erhaltenen Reste in Uitikon und legt die Grundrisse des Herrenhauses von Uitikon und desjenigen Wahlens übereinander, so lässt sich eine grosse Übereinstimmung feststellen.
In Uitikon ist der Eckraum D unmittelbar nördlich des Bades mit einiger Sicherheit als Risalit anzusprechen. Der nördlich davon liegende, rund 3 m breit, schlauchartige Korridor E, welcher unter der Urdorferstrasse verschwindet, wäre demnach der zugehörige Portikus. Westlich des vermeintlichen Risaliten würde dann der Wohnraum B liegen – eine Inneneinteilung konnte nicht festgestellt werden. Einzig ein unmittelbar westlich des Risaliten liegender, nur ewas mehr als 1,5 m breiter Raum C wurde abgetrennt. Er wird duch eine Quermauer in zwei Hälften unterteilt. Die Mauern dieses schmalen, langen Raumes sind kaum fundamentiert. Vermutlich befand sich hier das Treppenhaus, welches auf der erwähnten Quermauer auflag und in das anzunehmende obere Stockwerk im Risaliten führte.
Die vorgeschlagene Rekonstruktion hat zur Folge, dass die Villa nach Südosten orientiert war und nicht talwärts, wie es sonst der Fall ist. Üblicherweise liegt das Herrenhaus an der höchsten Stelle des Gutshofareals mit Blick auf die tiefer liegenden Ökonomiebauten. Die Ausrichtung quer zum Hang ist allerdings kein Einzelfall.
Die vorgeschlagene Ausrichtung nach Südosten wird insofern gestützt, als dass in der 3. Bauphase das Bad im Süden angefügt wurde. Damit hätte man sich den Blick talwärts vollkommen verbaut, zumal der Boden in der Badeanlage deutlich höher liegt als in den nördlichen davon liegenden Räumen B und D.
Die Badeanlage
Wenden wir uns dem Badetrakt etwas genauer zu, welchem eine besondere Bedeutung zukommt. Die Erhaltung lässt gerade noch eine Interpretation der einzelnen Räume zu; reichte die Zerstörung der Substanz nur 10 cm tiefer, wäre eine Deutung der Räume ungleich schwieriger.
Ein römisches Bad setzt sich im Allgemeinen aus einem Umkleideraum und mehr oder weniger stark geheizten Räumen zusammen. Die geheizten Räume werden mittels Fussbodenheizung erwärmt: Die von einem Feuer ausserhalb des Raumes erzeugte Wärme wurde durch Hohlräume unter dem Zimmerboden hindurchgeleitet und anschliessend durch Röhren der Wand entlang nach oben geführt, wo der Rauch über Kamine abzog, ohne den Badegast zu stören. Der eigentliche Boden wurde von Tonplattentürmchen oder von Steinpfeilern getragen; darauf lagen grosse Platten, welche oben durch einen Mörtelboden abgeschlossen und abgedichtet wurden, so dass kein Rauch in den Baderaum eindringen konnte.
Solche Bäder finden sich nicht nur in den Städten, sondern auch in vielen Villen auf dem Land. Während die grossen Thermen in den Zentren öffentlich zugänglich waren, sind die Bäder in den Gutshöfen privat und werden nur vom Gutshofbesitzer, seiner Familie und seinen Gästen benutzt. Der einfache Arbeiter auf dem Gutshof wusch sich wohl sommers wie winters am Brunnen oder im Bach.
Die Römer hielten sich an einen mehr oder weniger genau festgelegten Badeablauf. Von einem Warmbad geht der Badende ins Lauwarmbad, anschliessend ins Schwitzbad, falls ein solches vorhanden war. Das Kaltwasserbad bildet den Abschluss. Ein spezieller Umkleideraum fehlt in den Landvillen häufig, dies wohl, weil man sich bequem im Hause umziehen konnte. Bei öffentlichen Bädern hingegen ist man auf einen Umkleideraum angewiesen - heute sind es meist Einzelkabinen.
Auch beim Bad von Uitikon ist die Badeabfolge – Kaltwasserwanne anzunehmen. Dabei ist einzig Raum G hypokaustiert, d.h. mit einer Fussbodenheizung versehen. Die nötige Wärme wurde nordwestlich davon, in Raum F, erzeugt. Hier lag der Heizraum.
Eine Trennmauer, welche den Caldariumteil (= im Westen) vom Tepidariumteil (= im Osten) trennt, konnte nicht mehr beobachtet werden. Eine solche musste jedoch (bereits im Zwischenboden) ursprünglich vorhanden sein, da sonst die Wärme unkontrolliert zirkuliert wäre, was eine Trennung im Warmbad und Lauwarmbad unmöglich gemacht hätte. In der (zerstörten) Trennmauer sind ein oder mehere Durchlässe für die warme Luft zu erwarten.
Der Boden von Raum G ist äusserst massiv und ruht auf einem Bett aus Bollensteinen und Ziegelstücken. Darauf liegt der dicke, graue, Mörtelgussboden. Im Bereich der Einfeuerung ist der Mörtelboden geschwärzt und infolge der Hitze ausgeglüht, d.h., die Oberfläche ist hier bröcklig, angegriffen und verwittert.
Die grosse Wärme im Bereich des Heizraumes (Raum F) führte wahrscheinlich dazu, dass die Pfeiler, welche den Zimmerboden trugen, im Westen aus Tonplatten bestanden. Diese waren vermutlich wärmeresistenter als die Sandsteinpfeiler, welche im Osten des hypokaustierten Raumes verwendet wurden.
In der Südwand von Raum G liegt, etwas nach Westen verschoben, eine U-förmige Ausbuchtung mit der lichten Weite von rund 1,2 m (Raum H). Da die Pfeiler in diese Ausbuchtung hineinreichen, ist anzunehmen, dass auch diese heizbar war. Die Lage und die tiefe Fundamentierung deutet darauf hin, dass hier eine Wasserwanne stand, welche heizbar war, und zwar mindestens teilweise über die Fussbodenheizung.
Raum I, welcher östlich des hypokaustierten Raumes G liegt, ist aufgrund der Badeabfolge als Kaltbad anzusprechen. Der Zimmerboden ist auch hier nicht erhalten. Raum K ist schliesslich als zugehörige Kaltwasserwanne anzusprechen. Es ist anzunehmen, dass die beiden Räume durch eine Mauer getrennt waren und das Kaltwasserbecken durch eine Tür erreichbar war, und zwar im Bereich der Nordost-Ecke des Beckens. Dafür spricht der Rest einer Stufenkonstruktion, die vermutlich aus zwei Stufen bestand. Diese ermöglichte ein bequemes Hinabsteigen in die im Boden versenkte Wanne.
Das Kaltwasserbecken K ist mit Innenmassen von rund 1,4 x 2 m deutlich grösser als das Warmwasserbecken H. Dies erstaunt nicht weiter. Bedenkt man, dass die Menge des Warmwassers aus Energiegründen möglichst klein gehalten wurde (rund ein Kubikmeter), so spielte diese Überlegung beim Kaltwasser keine Rolle (rund zwei Kubikmeter).
Der Boden des Kaltwasserbeckens ist wie jener des Hypokaustraumes sehr massiv. Er besteht aus Mörtel mit Ziegelbeimischung (Terrazzomörtel), was ihm ein organges Aussehen verleiht. Die gesamte Oberfläche ist mit einer Kalkschicht überzogen. Entlang den Kanten zu den Mauern sind Viertelrundstäbe angebracht, die ein Durchsickern des Wassers in die Mauern verhindern sollten. Auch sie bestehen aus organgem Terrazzomörtel. Innen wurde die Wanne mit Terrazzomörtel verkleidet – auch hier sind (die erhaltenen untersten) Wandpartien mit einer dicken Kalkschicht überzogen. Zwischen dieser Wandverkleidung und den Steinen stossen der Mörtelboden und auch der Viertelrundstab an. Dieses Vorgehen zeigt eindringlich, wie mit allen Mitteln versucht wurde, ein Durchsickern des Wassers in die Mauern zu verhindern - ein Bestreben, das auch heute noch grundlegend ist.
Wie die Wanne oben abgeschlossen war, können wir nur vermuten. Ein Profil, welches im Schutt gefunden wurde, kann möglicherweise als oberer Abschluss der Wanne angesehen werden. Dieses Bruchstück deutet darauf hin, dass die Wanne sich nach oben erweiterte.
Die Warm- und die Kaltwasserwanne sind deutlich tiefer fundamentiert als der Rest des Gebäudes – dies sicher, um den Wasserdruck aufzufangen.
Die Badeanlage in Uitikon steht nicht isoliert da. Aus dem früheren 1. Jh. sind kaum Villen mit Badeanlagen bekannt – eine Ausnahme ist da etwa das erste Bad in Neftenbach –, was sich gegen Ende des Jahrhunderts ändert. Badeanlagen scheinen in dieser Zeit in den Gutshöfen zum Allgemeingut geworden zu sein. Sie sind mehr oder weniger aufwändig gestaltet und entweder dem Herrenhaus angeschlossen oder etwas davon entfernt, so dass der Badegast von der Villa ins Freie musste, um ins Bad zu gelangen. Den besten Vergleich bietet das öffentliche Bad in Zürich, vermutlich die älteste Badeanstalt der Stadt. Ein Teil dieser Thermen konnte konserviert werden und ist im Bereich des Weinplatzes in der Thermengasse zu besichtigen. Die Reste des Kaltwasserbades von Uitikon werden in einem besonderen Glaspavillon im Dorfkern von Uitikon präsentiert.