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Ein Lehrer sagte ihm, dass er scheitern werde. Ein paar Mitschüler machten sich lustig über ihn. Ein Chef lachte ihn aus. Ein Beamter sah keinen Grund, Stipendien zu bewilligen. Artan Hajrullahu standen viele im Weg, einige halfen aber auch. Eine Familie in der Nachbarschaft war Anlaufstelle, Notrufzentrale, Auskunftsbüro. Ein Vorgesetzter stachelte ihn an. Eine Lehrerin sagte, dass er jeden Sonntag einen Aufsatz für sie schreiben solle. Ein Beamter sah später doch einen Grund, Stipendien zu zahlen. Der heute 35jährige sagt: «Da hatte ich vielleicht einfach Glück.»
1995, ein Heimvideo zeigt ihn in der Realschule, der Film ist verwackelt, Artans Stimme ebenfalls. Er ist fünfzehn, lebt erst seit ein paar Wochen in der Schweiz, lernt seit ein paar Wochen Deutsch. Die ersten Tage einer ungewöhnlichen Schulkarriere, die noch nicht zu Ende ist. Der Junge, der in der Schulbank sitzt und einen Text auf deutsch vorliest, gilt als einer der Schwächsten der Klasse.
Er ist ein Gradmesser für die Vorurteile gegenüber Schülern aus dem Ausland, die wegen der Sprache oft für dumm gehalten werden. Für Isabella Keller, die in Winterthur ein Projekt zur Begabtenförderung namens Exploratio leitet, ist Artan auch ein Forschungsobjekt. Als sie untersuchte, warum begabte Kinder von Einwanderern selten erkannt werden, war der Junge aus Kosovo ihr Musterbeispiel. Aber er ist auch eine Ausnahme.
1985, eine Zeichnung zeigt das Haus seiner Familie in der Heimat, das Bild ist so überladen, als habe Artan ein Foto durchgepaust. Er ist fünf, geht erst seit kurzem zur Schule, ist zwei Jahre jünger als seine Mitschüler. Die ersten Tage einer gewöhnlichen Schulkarriere, die wegen des Krieges immer wieder unterbrochen wird. Der Junge, der seine Welt von oben zeichnet, gilt als einer der Besten seiner Klasse. Wäre jemand wie Isabella Keller in seine Schule gekommen oder hätte es in Kosovo Begabtenförderung gegeben, dann wäre er vielleicht erkannt worden. Auf dem Blatt Papier zeichnet er auch den Renault seines Vaters, der Regisseur und Regimekritiker war und seine Familie zehn Jahre später in den Wagen setzt und flieht, erst nach Bar in Montenegro, dann nach Bari in Italien, über die grüne Grenze nach Brissago, über das Kreuzlinger Auffanglager nach Bauma, Zürcher Oberland.
Als Isabella Keller in jungen Jahren das Lehrerseminar besuchte, gab es keine Kurse über den Umgang mit Kindern aus anderen Ländern. Sie bildete sich weiter und hörte, wie Lehrer Schüler wahrnehmen, wenn Deutsch nicht deren Muttersprache ist. Wer stammelt oder kaum spricht, gilt schnell als zurückgeblieben. Begabte neigen dazu, so lange zu schweigen, bis die Sprachkenntnisse ihren Ansprüchen genügen. Wenn Keller als Lehrerin eine Klasse übernahm, verglich sie ihre Noten mit denen des Vorgängers, oft staunte sie über die Unterschiede. Ein Junge, den sie für schlau hielt, hatte früher tiefe Noten. Sie sprach mit dem Vorgänger. Schon möglich, dass der Junge klug sei, sagte der, doch wegen seiner mangelhaften Deutschkenntnisse habe er sowieso keine Chance. Der Leiter von Kellers Schule sagte, es gebe keine begabten Kinder, die Deutschkurse nötig hätten. An einem Kongress des Österreichischen Zentrums für Begabtenförderung und -forschung hörte Keller, wie die Rednerin der Eröffnungsfeier von den «Fremdsprachigen und sozial Benachteiligten auf der einen und den Hochbegabten auf der anderen Seite» sprach. Im Lehrerzimmer war ab und zu die Rede von den «schwachen Ausländern».
Heute geht man davon aus, dass eins von fünfzig Kindern begabt oder gar hochbegabt ist, egal wo auf der Welt. Doch ist es unmöglich, allgemeingültig zu sagen, wie Intelligenz oder Kreativität bestimmt werden sollen; die Begriffe und Modelle hängen von der Gesellschaft ab. Deshalb eignen sich Intelligenztests nur bedingt, um begabte Kinder aus anderen Ländern zu erkennen. Viele Spielweisen der Intelligenz schlagen sich in der Sprache nieder. Wer sich nicht ausdrücken kann, wer die Codes einer Gesellschaft nicht kennt, kann fast nur scheitern. Bis 2009 holte Isabella Keller die Universität nach, schrieb eine Masterarbeit über begabte Kinder von Einwanderern. Bei der Recherche wunderte sie sich darüber, dass sie in der Bibliothek so wenig Literatur dazu fand – seltsam für ein Einwanderungsland.
Schon zu Beginn der 1970er Jahre fasste die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren die Grundsätze zusammen, die bei der Schulung von Kindern aus dem Ausland gelten sollten, man sprach von «Gastarbeiterkindern». 1972 empfahl die Konferenz, «jede Diskriminierung von Gastarbeiterkindern in der Schule zu vermeiden und diesen womöglich dieselben Aufstiegschancen zu eröffnen wie den Schweizer Kindern». Aus diesen Zielen, da reicht ein Blick auf die Ergebnisse der Pisa-Studien, ist wenig geworden. Keller und ihre Kolleginnen von Exploratio versuchen das zu ändern, reisen von Schule zu Schule, klären Lehrer und Lehrerinnen auf, leiten Werkstätten für Begabte, deren Vorfahren nicht schon immer hier waren. Es sind aber nicht nur sie, die in der Schule oft unsichtbar bleiben. Auch Kinder, deren Eltern arm, krank oder drogensüchtig sind, werden seltener gefördert. Das Klischee, dass eher Buben als Mädchen begabt sind, erfuhr Keller im eigenen Leben. Als ihre hochbegabte Tochter die Schule vor Langeweile zu hassen begann, später Kopfschmerzen und Bauchweh bekam, ein Arzt schliesslich Herzrhythmusstörungen bei ihr feststellte, suchte Keller das Gespräch mit dem Schulleiter. Der sagte, dass er auch schon Begabte unterrichtet habe, aber immer nur Buben.
Artan Hajrullahu half sich selbst. Am Anfang sprach er wie Mergim Muzzafer, Mike Müllers Bilderbuchalbaner. Als er gerade in die Realschule gekommen war, musste er sich der Klasse vorstellen. Er tat es ohne Scheu, auch wenn er sich wie ein Satzbastler vorkam. Sie lachten ihn aus, ihn kümmerte es nicht. «Es war mein Vorteil, dass mir nichts peinlich war, dass ich immer über mich selber lachen konnte.» Wenn er ein Wort nicht wusste, fragte er die Kinder auf der Strasse. Wenn er bei den Aufgaben einen Satz nicht verstand, rief er die Familie eines Freundes an, den er beim Basketball kennengelernt hatte. Als die Realschule zu Ende ging, machte er eine Schnupperlehre als Hochbauzeichner. Der Chef sagte ihm, dass er zwar zeichnen könne, für eine Stelle wegen seines Abschlusses aber nicht in Frage komme. An einer Privatschule holte Artan die Sek nach, obwohl sie ihm beim Aufnahmegespräch abgeraten hatten. Es hiess, solch ein Versuch sei aussichtslos. Auch sein Klassenlehrer hielt es für keine gute Idee. Artans Deutsch sei zu schlecht, und Französisch müsse er auch noch nachholen, alles sei sehr schwierig.
Artan legte einen Lernplan an, markierte sogar die Pausen. Machte sich schlau über Lerntechniken, verwandelte sich in ein Versuchskaninchen. Kaufte sich einen der Minidisc-Player, die Ende der neunziger Jahre gerade auf den Markt gekommen waren, las das Biologiebuch vor, nahm es auf, hörte es beim Spazieren. Spielte mit Schnelllesetechniken, schrieb französische Verben auf Karten und bat seinen Vater, ihn abzufragen. Vielleicht sind die Wörter deshalb haften geblieben, weil der Vater sie las, wie sie auf den Karten standen und Artan sie doppelt hörte, mal falsch, mal richtig. Nebenher arbeitete er als Tellerwäscher in einem Restaurant; einmal fragte ihn sein Chef nach seinen Plänen für die Zukunft. Artan sagte, dass er von der Uni träume. Der Mann lachte ihn aus. Artan kündigte.
Weil er keine Stipendien für die Privatschule Akad bekam, um die Matur nachzuholen, schob er Nachtschicht bei der Post, seine Freunde sah er selten. Zufällig traf er seinen alten Lehrer, der alles für sehr schwierig gehalten und Artan nach dem Abschluss der Sek gesagt hatte, da habe er Glück gehabt. Zum Abschied sagte der noch, die Akad sei ebenfalls sehr schwierig. Nach einem Jahr bestand Artan die Zwischenprüfungen mit einem Schnitt von 5,25 und bat erneut um Stipendien, der Beamte freute sich über die Noten und sagte: «Sie meinen es ernst.» Vielleicht das erste Mal, dass jemand ihn siezte. Deutsch blieb Hajrullahus Schwäche, seine Lehrerin schlug ihm einen Deal vor. Wenn er jedes Wochenende einen Aufsatz schreibe, würde sie ihn lesen. Das tat er ein Jahr lang fast jeden Sonntag. Anders als Isabella Keller glaubt er nicht, dass sein Erfolg besonders viel mit Begabung zu tun habe. «Das war nichts als Fleiss.»
Angebote wie Exploratio versuchen zu verhindern, dass besonders Begabte durch die Maschen fallen. Auch «Chagall» vom Gymnasium Unterstrass in Zürich ist ein solches Projekt, das talentierten Jugendlichen aus anderen Ländern helfen soll; es richtet sich an Schüler, die sich für die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium, an eine Fachhochschule oder an eine Berufsmittelschule interessieren. Im Kanton Zürich gibt es ein Projekt mit dem Namen Quims, das 2006 mit dem Beschluss zum neuen Volksschulgesetz fest verankert worden ist. Das Ziel ist, Kindern unabhängig von Herkunft und Geschlecht eine Chance auf Bildung zu geben und so auch die Familien besser einzugliedern.
Das Internet dürfte ebenfalls noch eine Rolle spielen: In den USA bieten Universitäten seit Jahren Kurse online an, die frei zugänglich sind. In einem dieser Kurse der Stanford University übertrafen vierhundert Leute von irgendwo auf der Welt den besten Studenten der Hochschule, ohne je Stanford betreten zu haben, darunter ein Inder in einem Slum von Mumbai und eine Südafrikanerin in einer Township von Johannesburg. Auch wer keine Universität abgeschlossen hat oder bei online verfügbaren Kursen herausgestochen ist, könnte entdeckt werden. Die Firma Gild aus San Francisco durchstöbert mit 56 000 Variablen das Internet nach Programmierern, die zwar keinen besonderen Abschluss haben, aber trotzdem interessante Arbeit machen.
Artan Hajrullahu lebt mittlerweile seit 20 Jahren in der Schweiz. Aber bei manchen Wörtern, sagt er, frage er sich noch immer, ob er sie richtig ausspreche. Er drehte Auftragsfilme für die Schulen, die er besuchte, für die Akad, für die Uni Zürich, wo er eine Dissertation in Publizistik schreibt. Daneben arbeitet er auch als Auftragsfilmer für den Teleclub. Er sagt, dass er den Leuten dankbar sei, die ihm Steine in den Weg legten, dankbar für den Ansporn. Seine Geschichte ist zu seinem Kapital geworden. Bei der Maturaprüfung etwa war Bewegung das Aufsatzthema, und Hajrullahu erzählte von seiner Flucht und seiner Ankunft. Als er mit seinem Velo zum ersten Mal durch sein Quartier in Bauma fuhr, blieb er auf einmal vor dem Hallenbad stehen, es war Nacht, das Bad hell, es kam ihm vor wie das Schaufenster eines riesigen Süssigkeitenladens. Er war fünfzehn. Er dachte sich, dass sein Leben auch so hell sein sollte. «Der Plan ist aufgegangen», sagt er. Nur ins Hallenbad zum Schwimmen geht er selten. Er mag lieber Wellness.