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Polit. Gem. BE, Hauptort des Amtsbez. Wangen, Verwaltungskreis Oberaargau, sowie ehem. Benediktinerpriorat und ehem. Landvogtei. Die Gem. am rechten Aarelauf umfasst das Städtchen W., den Weiler Hohfuren und Aussenhöfe. 1257 Wangen. 1764 387 Einw.; 1850 968; 1900 1'440; 1950 1'652; 1960 1'936; 2000 1'889.
Neolith. Silices kamen am Unterberg, spätbronzezeitl. Brandgräber am Galgenrain, Einzelfunde aus der Latènezeit in Hohfuren, Holzleitungen und Eichenpfähle in der Beunden, Mauern mit eisernen Fussangeln und beinerne Brettsteine im Raum Ölhübeli-Walke sowie röm. Münzen im Pfarrhaus und bei Bifang zum Vorschein. Im Galgenhubel lag eventuell eine röm. Villa.
Im MA war das Gebiet rheinfeld.-zähring. Hausgut, das an die Gf. von Kyburg überging. Diese gründeten nach 1218 das Städtchen auf dem Boden der Propstei gegenüber dem frohburg. Wiedlisbach. Die rechteckige Stadtanlage bezog die wohl ältere Burg - ein Brückenkopf am Aareufer - mit ein und bestand aus einer Hauptstrasse und zwei parallelen Nebengassen. 1267 wird ein Schultheiss genannt; später unterstanden die 1332 erstmals erw. burgenses jedoch kyburg. Vögten. Das Vogteiamt bekleideten bis 1383 die Ministerialen von Deitingen, Leheninhaber des sog. Stocks, eines Annexbaus der Burg, und danach andere regionale Herren. Im 14. Jh. wurde W. Opfer der Schuldenwirtschaft der Gf. von Kyburg: 1313 traten diese Burg und Stadt W. an Habsburg ab und nahmen sie als österr. Lehen zurück, 1356 verpfändeten sie das Amt Wangen den Gf. von Neuenburg-Nidau, erhielten es aber 1375 aus der Erbschaft des letzten Nidauers zurück. Als Folge des Burgdorferkriegs und des Verlusts von Burgdorf wurde W. 1384 zur Residenz und Münzstätte der Kyburger, das Amt Wangen aber fiel 1385 pfandweise an die Herren von Grünenberg. Nach Auseinandersetzungen in der kyburg. Familie kam W. 1406 zusammen mit der Landgrafschaft Burgund an Bern und erhielt als bern. Landstädtchen 1501 ein Stadtrecht mit Selbstwahl des Burgermeisters und der städt. Amtleute. 1499 zählte W. nur 24 Feuerstätten, verfügte jedoch über eine städt. Infrastruktur mit Rat-, Schul- und Kaufhaus an der Hauptgasse.
W. spielte als Anlegestelle für Aareschiffe mit Lagerräumen für Wein, Korn und Salz in staatl. Korn- und Salzhäusern und dem Ländtehaus als obligator. Lager für Transitware sowie als Umschlagplatz für Holzflösse eine bedeutende Rolle, bis der Bau der Eisenbahn der Güterschifffahrt ein Ende setzte. Gewerbe wie Färbereien und eine Haarsiederei-Pferdehaarspinnerei, aus der die Bettwarenfabrik Roviva hervorging, siedelten sich in der Vorstadt an. Bis ins 18. Jh. lebten die Stadtbewohner von W. aber v.a. vom Ackerbau. Die 1367 erstmals erw. Brücke, einer der Aareübergänge im Nord-Süd-Verkehr durch die Klus bei Balsthal, war ein Staatsbauwerk. Bis ins 19. Jh. zehrte W. von seiner Position als Sitz der Landvogtei bzw. der Amtsverwaltung, so etwa mit der Gründung der Ersparniskasse des Amtsbezirks 1824. Nach dem Versiegen einstiger Verdienstquellen in der Aareschifffahrt und nach der Aufhebung der staatl. Salzfaktorei 1859 bildeten die alten Lagerhäuser die Basis für die Anlage des Waffenplatzes (ab 1877 Korpssammelplatz der 4. Division, bis 1897 Waffenplatz für Genietruppen, ab 1923 für Infanterie-Mitrailleure und ab 1957 für Train-Rekrutenschulen). Zeughaus und Kaserne kamen im Salzhaus unter; neue Zeughausbauten erstellte die Burgergemeinde 1906-07, die Einwohnergemeinde 1914-15 und die Eidgenossenschaft 1937. Die Umgestaltung zum Luftschutzwaffenplatz 1973 erforderte den Bau neuer Anlagen zwischen Aare und Aarekanal.
Die durch die Bahnlinie Olten-Solothurn (1876) und Autobuskurse nach Herzogenbuchsee und Wiedlisbach (1916) verbesserte Verkehrssituation führte zu wirtschaftl. Aufschwung. Neue Unternehmen siedelten sich an, darunter ein Konfektionsbetrieb, der weitherum Heimarbeit vergab, ferner eine Gamaschen-, Holzwaren- und Bürstenfabrik. Arbeitsplätze bot auch das 1895-1905 erbaute Elektrizitätswerk am Aarekanal, das 1970 durch das Kraftwerk Neu-Bannwil ersetzt wurde. Die 1967 eröffnete Autobahn belebte dagegen wegen einer verfehlten Bodenpolitik der Gem. die lokale Wirtschaft kaum. Neben Bundesbetrieben (Waffenplatz) spielt das Regierungsstatthalteramt Oberaargau als Arbeitgeber weiterhin eine wichtige Rolle. Aus privater Initiative gingen 1830 die Näh- und Lismerschule zur Bekämpfung der Armut, 1832 die Privaterziehungsanstalt Rauscher für höhere Bildung und 1878 die Sekundarschule der ref. Kirchgemeinde W. hervor. 1978 kam mit den Gem. Walliswil bei Niederbipp, Walliswil bei Wangen sowie Wangenried eine Schulkoordination zustande (Schulstandort W.).
Die von der Abtei Trub abhängige Benediktinerpropstei bestand schon vor der Stadtgründung. Der 1296 erstmals erw. Konvent lag östlich ausserhalb der späteren Stadt. Die um 1200 erbaute Priorats- und Pfarrkirche mit Marien- und Kreuzpatrozinium entsprach mit ihrem kreuzförmigen Chor und Rechtecksaal in der Anlage jener der Mutterabtei Trub, war aber grösser. Nach einer Brandkatastrophe 1375 oder 1383/84 wurde die Kirche verkleinert und das Priorat, das nur mehr aus dem Verwaltungshof für den Truber Besitz bestand, in die Stadt transferiert und im Eckturm an der Stadtmauer eingerichtet; der Bau, der einst auch Freistätte war, dient heute als Pfarrhaus. Kastvögte waren wie in Trub die Kyburger, ab 1406 Bern. Der Vorsteher (Propst), ein Truber Konventuale, verwaltete den Besitz und versah die Seelsorge in der Kirchgemeinde, die bis heute W., Wangenried und Walliswil bei Wangen umfasst. Die Propstei besass auch die Niedergerichte in der Kirchgemeinde W. (ohne Stadt und Burgernziel) und zur Hälfte auch in Deitingen (bis 1501); sie verfügte über Grundeigentum (Stadthäuser, Gewerbebetriebe, Landwirtschaft, Hochwälder) in W. und den Nachbarorten sowie Streubesitz bis ins Emmental. Für Gotteshausgut war das Kellergericht des Propstes zuständig. Die 1500 von Bern erlassene Propsteiordnung regelte Nieder- und Kellergericht, grundherrl. Ämter sowie die Wald- und Feldnutzung. Der Verlust des klösterl. Charakters liess Donationen selten werden; Besitz und Einkommen verminderten sich und erzwangen den teilweisen Verkauf von Rechten und Gütern. Mit der Säkularisation der Propstei 1528 fiel aller Besitz an Bern. Die Kirche wurde 1528 und erneut 1825 baulich völlig umgestaltet. Die kath. Pfarrkirche St. Christopherus datiert von 1962.
Nach dem Übergang an Bern 1406 wurde W. Zentrum der Landvogtei Wangen, in der Bern seine neuen Oberaargauer Herrschaftsrechte konzentrierte. Als Nachfolgerin der alten Landgrafschaft Burgund - innerhalb dieser hatte W. zum Landgericht Murgeten gehört - wurde für die Landvogtei die Bezeichnung Grafschaft üblich. Dem Landvogt, Berns erstem Repräsentanten im Oberaargau, wurde ferner das kyburg. Hofgericht Herzogenbuchsee, dem W. bis dahin in Blutgerichtsfällen unterstanden hatte, und in Landgerichtsfällen auch die spätere Landvogtei Aarwangen unterstellt. Sitz des Vogts war die Stadtburg der Kyburger, die in Etappen zum Landvogteischloss ausgebaut wurde. Der grosse Verwaltungskreis umfasste 13 Gerichtsbezirke mit 48 Gemeinwesen auf dem rechten Aareufer. Von diesen waren die Niedergerichte Grasswil, Niederönz, Lotzwil, Thörigen und Inkwil Twingherrschaften der Stadt Burgdorf, um die es zwischen Burgdorf und dem Landvogt in W. im 17. und 18. Jh. zu ständigem Kompetenzstreit kam; Koppigen und Ersigen gehörten nur militärisch und in Kriminalfällen dazu. Die Richtstätte mit Galgen befand sich in W. am Galgenrain. Nach der Auflösung der Landvogteiverwaltung 1798 wurde W. zunächst Sitz des helvet. Distrikts Wangen, 1803 dann des gleichnamigen Oberamts und 1831 schliesslich des Amtsbezirks. Der kant. Verwaltungs- und Gerichtsbezirk umfasste neu auch die jenseits der Aare gelegenen Gem. der ehem. Landvogtei Bipp, während Langenthal, Lotzwil, Rohrbach und Ursenbach zum Amt Aarwangen, Koppigen und Ersigen zum Amt Burgdorf sowie Walterswil zum Amt Trachselwald kamen. Das Schloss ist seit 2010 Sitz des Regierungsstatthalteramts Oberaargau.
Literatur
– K.H. Flatt, Errichtung der bern. Landeshoheit über den Oberaargau, 1969
– HS III/1, 1631-1639
– P. Eggenberger et al., W., 1991
– S. Steger, Bauinventar der Gem. W., 2002
– A.-M. Dubler, «Berns Herrschaft über den Oberaargau», in AHVB 90, 2013, 132-157
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler