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10'000 Menschen lebten in Okuma, vor gut acht Jahren. Dann, am 11. März 2011, bebte die Erde und ein gewaltiger Tsunami überflutete die Küste der japanischen Provinz Tohoku. Die Flutwelle legte die Stromversorgung und die Notstromaggregate im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi lahm, das zum Teil auf dem Gemeindegebiet von Okuma liegt. Die Havarie führte zum weltweit zweitgrössten Störfall in einem AKW nach Tschernobyl. In drei Reaktorblöcken kam es zur Kernschmelze.
Okuma wurde evakuiert. Und nicht nur Okuma wurde zur Geisterstadt: In einem Umkreis von 20 Kilometern um die Kraftwerksruine mussten etwa 160'000 Menschen ihr Heim verlassen. Lange wagten sich nur noch mit Geigerzählern bewaffnete Katastrophen-Touristen in die Sperrzone.
Mittlerweile hat die radioaktive Strahlung aber in grossen Bereichen der Sperrzone so weit abgenommen, dass die japanischen Behörden den Bewohnern ab 10. April 2019 die Rückkehr erlauben. Auch nach Okuma, das unmittelbar westlich der Atomruine liegt. Rund 38 Prozent des Stadtgebiets sind als sicher für die permanente Rückkehr eingestuft worden. Der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe besuchte Okuma am 14. April und wohnte der Eröffnung des Stadthauses bei. Der Bürgermeister der Stadt, Toshitsuna Watanabe, sagte, das Gebäude sei ein Symbol für die Wiederbelebung und den Wiederaufbau von Okuma.
Der grössere Teil der Stadt, darunter das Zentrum, ist jedoch nach wie vor nicht dauerhaft bewohnbar. Das gilt auch für Futaba, die andere Gemeinde, auf deren Gebiet sich das Kraftwerk befindet sowie für andere Kleinstädte in der Nähe des AKWs. Derzeit können deshalb mehr als 40'000 Personen auf absehbare Zeit nicht in ihre vorherige Wohnung zurück.
Wenn sie dies denn überhaupt noch wollen: Trotz der Aufhebung des Evakuierungsbefehls werden voraussichtlich nur wenige der ehemaligen Bewohner nach Okuma zurückkehren. Ende März seien lediglich 367 Personen für die Rückkehr in die zwei freigegebenen Bezirke registriert gewesen, berichtet Japantimes.co.jp – das seien nur gerade 3,5 Prozent der ursprünglich 10'431 Personen umfassenden Bevölkerung. Auch eine Umfrage im Jahr 2018 ergab, dass lediglich 12,5 Prozent der Einwohner die Rückkehr ins Auge fassen.
Grund für den mangelnden Rückkehrwillen dürfte zum einen sein, dass sich viele der ehemaligen Bewohner an einem neuen Ort eingerichtet haben und nicht erneut umziehen wollen. Zum andern fürchten viele – besonders in Familien mit kleinen Kindern – gesundheitliche Folgen der Strahlung. Nach wie vor dauern die Entsorgungsarbeiten im verseuchten Atommeiler an; voraussichtlich werden dreissig bis vierzig Jahre dafür benötigt. Überdies hat das Vertrauen in die Atomwirtschaft im Nachgang der Katastrophe stark gelitten, denn die Betreiberfirma Tepco hat nicht offen kommuniziert, sondern Missstände systematisch verharmlost.
Ausserdem lagern in Okuma immer noch Millionen von Kubikmetern verseuchter Erde, die bei der Dekontaminierung der Kraftwerksumgebung abgetragen wurde. Die japanische Regierung hat zwar versprochen, dass diese Zwischenlager in der Provinz Fukushima bis 2045 aufgehoben werden sollen, doch bisher weiss noch niemand, wohin die in schwarze Müllsäcke abgefüllte Erde schliesslich kommen soll.
(dhr)