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Der Winter 2023/24 ist ein «Gleitschneelawinen-Winter». Die Grundlagen dafür wurden zum Winteranfang gelegt: es fiel verbreitet viel bis sehr viel Schnee auf den noch warmen Boden. Die mächtige Schneedecke ohne nennenswerte Schwachschichten kam schon seit Winterbeginn ins Gleiten.
In den letzten drei Monaten (19.12.2023 bis 19.3.2024) wurden dem SLF über 1400 Gleitschneelawinen gemeldet. Im Vergleich dazu: im ganzen Winter 2022/23 (1.12.2022 bis 1.6.2023) wurden dem SLF 293 Gleitschneelawinen gemeldet. Allerdings gab es auch schon Winter mit noch mehr und vor allem auch noch grösseren Gleitschneelawinen, siehe Winter 2011/12 (Links zu weiterführenden Informationen am Schluss dieses AvaBlogs).
Die Gleitschneelawinen im Winter 2023/24 gingen zu 85 % in den Expositionen Ost über Süd bis West ab, hauptsächlich in Höhenlagen zwischen 1500 und 2500 m. 53 % wurden als mittlere Lawinen, 19 % als kleine Lawinen, 27 % als grosse und 1 % als sehr grosse Lawinen gemeldet. Bei 12 Gleitschneelawinen wurden Schäden registriert.
Doch warum genau jetzt dieser Blog? In den vergangenen 5 Tagen, seit dem 14. März trat eine markante Häufung von Gleitschneelawinen auf (vgl. Abbildung 1).
Die Prognose von Gleitschneelawinen ist schwierig. Der Auslöseprozess, welcher sich hauptsächlich an der Gleitfläche am Boden abspielt, ist ein komplett anderer Prozess als bei trockenen Lawinen und auch als bei nassen Lawinen, die innerhalb der Schneedecke abgleiten. Der Auslöseprozess wird noch zu wenig verstanden, um für eine Prognose verwendet werden zu können. Trotzdem gibt es einige Regeln oder Verhaltensweisen der Gleitschneelawinen, die einigermassen verstanden werden und im Bulletin auch beschrieben werden:
- Wenn es im Frühwinter viel Schnee auf warmen Boden gibt, dann gibt es oft über den ganzen Winter viele Gleitschneelawinen.
- Gleitschneelawinen reagieren eher langsam, d.h. oft auch verzögert oder manchmal kaum auf Witterungsänderungen (z.B. Temperaturanstieg).
- Gleitschneelawinen mit einer kalten, trockenen Schneedecke können zu jeder Tages- oder Nachtzeit abgleiten.
- Gleitschneelawinen mit einer 0° C‐isothermen Schneedecke, typischerweise im Frühling treten oft in der zweiten Tageshälfte auf, aber nicht ausschliesslich.
Des Weiteren ist es schwierig, die Gefahr der Gleitschneelawinen mit einer Gefahrenstufe zu beschreiben. Gleitschneelawinen gehen ausschliesslich spontan ab und erreichen schnell Lawinengrösse 2 oder 3. Oft sind es aber nur wenige Gefahrenstellen und diese sind durch offene Gleitschneerisse (Fischmäuler) gut erkennbar. Es müssten also aufgrund der spontanen Auslösung und der Lawinengrösse hohe Gefahrenstufen (Stufe 3 oder gar 4) verwendet werden, aufgrund der Verbreitung der Gefahrenstellen und der Erkennbarkeit aber eher tiefere Stufen (Stufe 1 oder 2). Die Lawinenwarnung ist also hier ein bisschen in einem Dilemma.
Für den Wintersportler ist der Umgang mit dem Gleitschneelawinenproblem relativ einfach: Das Gleitschneeproblem lässt sich oft an Gleitschneerissen erkennen, die oft Vorboten von Gleitschneelawinen sind. Daher ist gerade in Gleitschneelawinen-Wintern wie diesem das Meiden von Zonen, Hängen mit offenen Gleitschneerissen die sinnvollste Risiko-Reduktions-Massnahme. Vergesst also bitte die alte Lehrmeinung, dass es unter offenen Gleitschneerissen sicher sei.
Schwieriger ist es für Sicherungsdienste von Skigebieten oder Strassen. Was tun, wenn sich oberhalb der Strasse oder Piste ein Gleitschneeriss öffnet? Der Riss kann manchmal über Wochen oder gar Monate bleiben, ohne dass eine Lawine abgeht, ein Sperren der Piste oder Strasse ist dann mit starken Einschränkungen verbunden. Künstliche Auslösung funktioniert bei Gleitschneelawinen auch nicht, da keine Schwachschicht vorhanden ist. Es gibt die Möglichkeit, den Stauchwall mit künstlicher Auslösung mechanisch zu zerstören, was jedoch oft mit hohen Risiken verbunden. Deshalb werden immer mehr Zonen, die regelmässig zu Problemen führen mit Schutzmassnahmen (z.B. Dreibeine, verankerte Baumstämme) geschützt. Vielversprechende Versuche gibt es auch mit Folien und Geotextilien (vgl. Projekt Fachhochschule Graubünden).
Um den Umgang mit Gleitschneelawinen und deren Vorhersage zu erleichtern, ist ein besseres Verständnis des Auslöseprozesses nötig. Es wird vermutet, dass beim Abgang von Gleitschneelawinen flüssiges Wasser zwischen dem Boden und Schnee eine wichtige Rolle spielt. In einem Hang, in dem häufig Gleitschneelawinen auftreten, werden deshalb der Boden und Schnee kontinuierlich mit Feuchtigkeitssensoren beobachtet. Mit Hilfe dieser Daten lässt sich die Herkunft, Verbreitung und Menge des Wassers vor dem Abgang einer Gleitschneelawine untersuchen. Dazu laufen derzeit zwei Doktorarbeiten in einem SLF-Projekt.
Gefahrenentwicklung
Lawinenbulletins dieser Zeitperiode im Überblick.