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Hilfe für vergessene, alte Menschen
Das Los der alten, verlassenen Menschen in der Ukraine ist hart. Es gibt nur wenige Alters- oder Fürsorgeheime, die sich um alte Menschen kümmern. Deshalb gibt es in allen kleinen Dörfern ältere, gebrechliche Menschen, die kaum in der Lage sind, sich selbst zu versorgen. Man nennt diese Dörfer mittlerweile „lebendige Museen“, weil die Zeit hier seit 100 Jahren stehengeblieben ist. Tausende von alten Menschen erhalten in der Ukraine durch die Osteuropahilfe «Triumph des Herzens» regelmässige Hilfe in Form von Care-Paketen, die hauptsächlich Lebensmittel und Kleider beinhalten.
Wegen den bevorstehenden Wahlen im Oktober wurden die Pensionen in der Ukraine um fast die Hälfte gekürzt und betragen jetzt durchschnittlich noch 60 Franken, eingeschlossen die lächerliche Erhöhung von Fr. 1.20 im August, falls sie überhaupt ausgerichtet wird. Dafür wurde eine neue Steuer eingeführt: Wer seine Kuh auf dem brachliegenden Land des Staates weidet, bezahlt neu eine monatliche Steuer von 12 Franken.
Für viele Omas bedeutet das, dass sie ihre Kuh nicht mehr halten können. Die Lebensmittel im einzigen Dorfladen sind teuer, weil alles ins Dorf gefahren werden muss. Frisches Brot gibt es nur einmal pro Woche, eine Gasflasche zum Kochen kostet 30 Franken, die Hälfte der Pension! Deshalb kochen viele mit Holz, weil es billiger ist. Aber die meisten Kamine wurden seit Jahren nicht mehr gereinigt, weshalb dauernd Brandgefahr besteht. Medikamente sind für viele unerschwinglich. Wasser gibt es nur am Ziehbrunnen, für viele bis zu einem Kilometer entfernt (eine Oma braucht fünf Kübel pro Tag). Kanalisation und Kehrrichtabfuhr gibt es nicht. Die einzigen Transportmittel, um aufs Feld zu gehen, sind Pferde und Wagen, die man bezahlen muss oder die vier Fahrräder der Osteuropahilfe «Triumph des Herzens». Fünf Strassenlaternen an der Hauptstrasse haben Licht, die Nebenstrassen sind seit Jahren ohne Licht. Im Winter schliessen sich die Omas um 17 Uhr ein, aus Angst vor Dieben und Wölfen.
Einsatz in den Dörfern
Zehn Jahre lang betreute Br. Bruno mit den Kinder unseres Kinderzentrums in Kiew fünfzig Grossmütter und Grossväter in drei völlig verlassenen Dörfern, ca. 130 km von der Hauptstadt entfernt. Gemeinsam mit den Jugendlichen wurden die Gärten bestellt, Bäume geschnitten, Holz für den Winter vorbereitet, die Wohnungen saubergemacht, tapeziert, Wasser bereitgestellt und an Ostern viele Häuser weiss gestrichen. Die Wäsche nahm Br. Bruno nach Kiew mit und brachte sie zehn Tage später sauber zurück, denn die Omas waschen ihre Wäsche noch am Bach. Svetlana und Gala, zwei Sozialhelferinnen aus dem Dorf mit 48 Franken Lohn pro Monat, stehen Br. Bruno zur Seite.
Trotz der unsäglichen Armut sind diese alten Menschen nicht resigniert und dankbar über die Gesellschaft der jugendlichen Helfer. Es interessiert sie wie man in der Stadt lebt. Auf die Frage, was sie brauchen, hören wir oft: „Wir brauchen ihre Gegenwart, dass wir nicht vergessen sind“. Die Jugendlichen unseres Kinderzentrums betrachten sie als ihre Kinder; denn die eigenen sind weit weg in der Stadt, falls sie noch welche haben. Viele sind 1932/33 verhungert; zwei Millionen Kinder und fünf Millionen Erwachsene hat die künstlich erzeugte Hungersnot in der „Kornkammer Europas“ unter Stalin damals gefordert. „Täglich sind in unserem Dorf 70–80 Menschen verhungert, man hat sie in einen Graben geworfen und zugedeckt“, erinnert sich die 98jährige Oma Tatjana, die alle fünf Söhne im 2. Weltkrieg verloren hat.
Aber es gibt auch aufheiternde Augenblicke. Als einer unserer Jugendlichen, Andrej, in den Garten einer Oma geht, um zu arbeiten, schreit diese, weil sie einen Dieb vermutet: „Geh weg von hier, du hast hier nichts zu suchen“. „Aber, ich bin Andrej“. - „Ich kenne keinen Andrej“. - „Ich bin‘s doch, Andrej, der ihnen jeden Monat die Lebensmittel bringt“. Voll Erstaunen erwidert sie: „Ah, wie gross du geworden bist, mein Söhnchen!“ Oma Olga, 89 Jahre alt, hat seit 60 Jahren für eine Badewanne, ein WC und ein Bidet gespart, obwohl sie kein fliessendes Wasser im Haus hat. Sie schmeisst einige Kübel Wasser in die Wanne und erzählt stolz: „Jetzt weiss ich, was ein Bad ist, wenn man wie eine Königin in der Badewanne sitzen kann“.
„Wir leben nicht, wir existieren nur und versuchen zu überleben“
Das Alter der meisten Omas ist zwischen 75 und 110 Jahren. Die Gespräche mit ihnen sind oft herzzerreissend. Kein Auge kann da trocken bleiben. Die meisten können nicht lesen und schreiben. In der Schule hat man ihnen einzig beigebracht wie man unterschreibt. Viele von ihnen haben ihr Leben in der Kolchose und auf dem Feld verbracht. Sie durften das Dorf nicht verlassen, nicht studieren. Einen Pass haben sie erst 1995 bekommen. Als Br. Bruno das erste Mal mit einem Lebensmittelpaket zu Oma Nina kommt, fragte diese erschrocken: „Bist Du ein Engel?“ – „Nein, ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut und ich heisse Bruno“. Bis heute haben einige Omas ernsthafte Zweifel, ob dieser Br. Bruno nicht doch ein Engel sei. Viele Omas haben einen Fernseher aus den 60er Jahren, der aber längst nicht mehr funktioniert und Radios aus den 30er Jahren, mit denen sie täglich Nachrichten hören. Br. Bruno fragt Oma Lydia: „Haben Sie einen Fernseher?“ - „Ja, natürlich“. - „Aber er funktioniert nicht“. - „Aber er ist da“, entgegnet die Oma. „Schauen Sie jeden Tag fern?“ - „Ja, ich schaue ihn jeden Tag an“.
Br. Bruno hat ein echtes Charisma für seine Omas und Opas. Wenn er von ihnen erzählt, füllen sich seine blauen Augen immer mit Tränen. Das Schicksal dieser Menschen geht unter die Haut. Oft sagen sie: „Wir leben nicht, wir existieren nur und versuchen zu überleben“. „Br. Bruno bring mir einen Zipfel Wurst auf Weihnachten, nichts anderes“, bittet eine andere. Ein Opa sagt verbittert: „Als wir jung waren, brauchte man uns. Jetzt müssen wir unsere Nahrung auf dem Abfallhaufen suchen!“
Aber es gibt auch heitere Momente. Bruno spricht mit Vanja, einem der Jungs, über das Mobiltelefon. „Kann ich auch mit ihm sprechen?“ fragt die Oma und ergreift das Telefon: „Wo muss ich hineinsprechen, wie hört man?“ Am Anfang jedes Besuches geht es den Babuschkas schlecht. Wenn Br. Bruno sich verabschiedet, bekennen sie: „Oh, ich fühle mich jetzt sehr viel besser“.
Die neue Sozialstation
Es genügt sehr wenig. Zuhören und mit den Leidenden Schmerz und Freude zu teilen. „In ihren Augen ist so viel Leid“. Deshalb hat sich Br. Bruno entschlossen, permanent in den Dörfern zu bleiben und den Omas und Opas den Lebensabend zu erleichtern. 2013 haben wir ein leer stehendes Bauernhaus gekauft und im Verlauf von zwei Jahren zur Sozialstation „St. Josef“ umgebaut. So ist ein Begegnungszentrum für die älteren Menschen der Region entstanden, wo sie jederzeit Hilfe bekommen können. In der Zukunft möchten wir in unserem Dorf auch eine kleine Kirche bauen, falls es die finanziellen Mittel erlauben; denn jetzt müssen die Omas 14 km zur nächsten Kirche gehen und brauchen dafür den ganzen Sonntag.
Videodokumentation
In Mala Racha, einem kleinen Dorf in der Region Zhytomir, haben wir aus einem alten Bauernhaus eine Sozialstation für die Menschen der umliegenden Dörfer errichtet, damit sie dort jederzeit Hilfe erhalten können. Der ehemalige Leiter unseres Kinderzentrums in Kiew, Br. Bruno, der zusammen mit den Kindern des Zentrums viele Jahre lang einmal wöchentlich in die Dörfer gefahren ist, um den Menschen Hilfsgüter zu bringen und den Haushalt zu ordnen, leitet die Sozialstation. Das Video zeigt das beeindruckende soziale Engagement, in welchem sich Kinder und Jugendliche für die Fürsorge von alten Menschen auf dem Land einsetzen.
Fotogalerie
In Mala Racha, in der Region Zhytomir, haben wir ein Sozialzentrum aufgebaut, von wo aus wir in den umliegenden Dörfern vor allem ältere, alleinstehende Menschen betreuen. Ein altes Bauernhaus wurde entsprechend umgebaut und hergerichtet, damit wir von dieser Station aus die Menschen der Region optimal betreuen können. Unser langjährige Leiter des Kinderzentrums in Kiew, Br. Bruno, hat im September 2013 die Leitung der Sozialstation übernommen, damit er die Menschen, die er jahrelang von Kiew aus betreut hat, direkt vor Ort betreuen kann.