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Fokus
|10.2013|
|Als ich vor drei Wochen durch ein Mail von der Freilegung des Wandbildes erfuhr, war ich sehr überrascht. Ich wusste immer schon von dem Bild, hatte es aber nur als Kind gesehen. Verborgen hinter anderen Bildern und im Durcheinander des Zürcher Ateliers hatte ich es kaum wahrgenommen.|

Varlin - Schwingende Gräber statt salatgrüne Idylle
von: Patrizia Guggenheim

links: Varlin · Friedhof in Almuñécar, 1959, Wandbild, 260x550 cm, im ehemaligen Atelier am Neumarkt 11a, Zürich ©ProLitteris. Foto: Peter Schälchli
rechts: Friedhof von Almuñécar, 1958. Foto: Franca Giovanoli

Varlin konnte dieses Atelier 1958 mieten und er behielt es bis 1972. Wenige Monate nachdem er es bezogen hatte, reiste er für ein halbes Jahr nach Spanien. Dort verbrachte er fast die ganze Zeit in dem kleinen Ort Almuñécar in Südspanien am Meer. Er war fasziniert und beeindruckt von der extremen Einfachheit der Leute, der Armut und der Kargheit der Landschaft. Zahlreiche Bilder entstanden: Porträts, aber auch Ansichten von Gebäuden, der Schule und dem Spital. Vor allem aber mehrere Gemälde des Friedhofs.

Varlin hatte früher schon Friedhöfe gemalt, und er tat es auch später noch. Er sah sie als Orte, an denen sich ein Teil des Lebens abspielt, Orte, an denen starke Gefühle aufkommen, was ihn für seine Malerei interessierte. Aber dieser Friedhof ist speziell. Er liegt im Inneren der Burg San Miguel, die über dem Städtchen Almuñécar thront. Er nimmt den Grossteil der Burgruine ein. Der Friedhof ist ein unebenes Gelände ohne Bewuchs, umgeben von der Burgmauer, einer Kapelle und einigen Gebäuden mit Grabnischen. Die wenigen, unregelmässig auf dem Gelände verteilten Gräber sind weiss, die Grabkreuze schwarz. Der Eindruck ist chaotisch, ungeordnet, provisorisch. Auf Varlins Bildern wirkt der Friedhof viel grösser, als er in Wirklichkeit ist. Er malte auch einzelne Gräber und offene Särge, als einige Leichen exhumiert wurden. In Spanien entstand eine erste Version des monumentalen Friedhofbildes auf Leinwand. Zurück in Zürich, in seinem leeren, bisher kaum gebrauchten Atelier, malte er die zweite Fassung des Bildes auf die fensterlose Wand. Das Bild nimmt die ganze Wandfläche von knapp drei auf sechs Meter ein. Es mag eine Reaktion auf die wohlgeordnete, stille Umgebung mit dem idyllischen Hinterhof-Garten gewesen sein, den er beschrieb als «hell-dunkel, von salatgrünen Bäumen umschattet». Es gab mehr Leben auf dem makabren spanischen Friedhof als hier. So sind auf Fotos, die meine Mutter aufgenommen hatte, spielende Kinder auf dem Friedhof zu erkennen, was mir damals in diesem abgeschlossenen Zürcher Hinterhof nicht erlaubt war.
Die Neigung der Intellektuellen
Die 14 Jahre im Atelier am Neumarkt erwiesen sich als wichtiger Abschnitt im Leben Varlins. Es war eine produktive Zeit. Es entstanden viele Bilder, vor allem Porträts. Er malte jetzt nur noch im Atelier, nicht mehr auf der Strasse wie früher. Es war die Zeit, in der sich ein erster, auch finanzieller Erfolg einstellte.
Varlin heiratete mit 63 zum ersten Mal und baute sich in Bondo – dem Heimatort seiner Frau und meiner Mutter, Franca Giovanoli – einen zweiten Wohnsitz auf. Im zentral gelegenen Atelier verkehrte die damalige Literaturszene und es entstanden die bekannten Porträts von Fritz Dürrenmatt, Max Frisch, Hugo Loetscher, Jürg Federspiel, dem Verleger Peter Schifferli oder der Wirtin der Kronenhalle, Hulda Zumsteg, und der Architekten Robert und Peter Haussmann. In seiner Autobiografie schrieb Varlin dazu: «Ich entdecke mit der Zeit die masochistische Neigung der Intellektuellen, sich von mir malen zu lassen. Die Schadenfreude führt zu immer weiteren Empfehlungen […].»
Neben den Erwähnten traf er hier auch Paul Nizon und Manuel Gasser. Vom nahegelegenen Schauspielhaus kamen die Künstler. Mit Ernst Schröder entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Aber er malte nicht nur Prominente, sondern wie früher seine Bekannten und Freunde. Hier entstanden auch die beiden monumentalen Gemälde ‹Heilsarmee› und ‹Fresserei› für die Landesausstellung 1964, die sich jetzt im Kunsthaus und im Landesmuseum befinden. Das Atelier war ein Werkraum, voller Farbreste, Tischen mit Malutensilien, Sitzgelegenheiten für die Modelle, alles vollgestellt mit Bildern in verschiedenen Stadien der Vollendung. Es roch intensiv nach Leinöl und Terpentin, nach Staub und dem Öl des Ölofens. In einem Text beschrieb Varlin seine Rückkehr ins Zürcher Atelier nach einem längeren Aufenthalt in New York 1969, einer Stadt, die ihn sehr beeindruckt hatte.
Krematorium-Stimmung
«Rückkehr aus New York: Zurückgekehrt, genügte ein Blick in mein Atelier: ich war überhaupt nie ausgezogen, war immer in New York gewesen.
Ich drehe den Schlüssel zur Eingangstüre, der erste, der mich zu Hause empfängt, ist mein Kehrichtkübel, ich hatte ihn vergessen hinauszustellen, muffige New Yorker Gerüche umgeben mich. […]
Ich steige die dreizehn Stufen hinauf, bringe meine billige, schwächste Glühlampe zur Entfaltung. Krematorium-Stimmung empfängt mich. An den bleichen Alabasterwänden sind Inschriften sichtbar. Ich pflege, Papier nie zur Hand, meine Wände zu besudeln, notiere zu erfüllende Telefonanrufe, Adressen von Modellen, ein Rendez- vous mit einem Zahnarzt steht da; ich weiss nicht, dass er in meiner Abwesenheit gestorben ist. An die Wände sind Nuditäten geklebt. Aus Kübeln geschleuderte Farbe rinnt überall herunter. Genau so sah ich es in New York, an durch Menschenhand verschmierten Plakatwänden, Häusermauern, Klosetten. Viele Wochen habe ich meine Bilder nicht gesehen. Jetzt stehen sie wieder vor mir, meine gemalten Freunde, Irre, Verrückte, Herauf- und Heruntergekommene. Sie könnten aus New York sein.»
Im Sommer 2013 wurde im ehemaligen Atelier von Varlin am Neumarkt 11a in Zürich das monumentale Friedhofs-Wandbild freigelegt, nachdem es Jahrzehnte hinter einer Wandverkleidung verborgen war. Die losen Stellen wurden gesichert und es konnte während eines einzigen Tages öffentlich besichtigt werden. Anschliessend wurde das Bild wieder mit einer Verschalung abgedeckt, aber so, dass es in ferner Zukunft ohne grossen Aufwand wieder freigelegt werden kann.
Patrizia Guggenheim, Tochter und Nachlassverwalterin von Varlin, der eigentlich Willy Guggenheim (1900–1977) hiess, kennt das Atelier aus Kindertagen. Jetzt lebt sie in Zürich und Bondo. <email-pii>
|Das ehemalige Atelier von Varlin mit dem freigelegten Gemälde am Neumarkt 11a in Zürich war nur an einem Tag im September 2013 öffentlich zugänglich. Anschliessend wurde das Gemälde wieder abgedeckt. Das Atelier gehört der Stadt Zürich und ist bis auf weiteres an eine Künstlerin vermietet.|

Links
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|Ausgabe||10 2013|
|Autor/in||Patrizia Guggenheim|
|Künstler/in||Varlin|
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