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Das Hotel Maderanertal erinnert noch immer an die glanzvolle, gute alte Zeit
Wer in den Bergen übernachtet, tut dies normalerweise in einer SAC Hütte oder einem urchigen Gasthaus. Bergsteiger zog es aber schon hoch hinauf, als es noch keine solchen Unterkünfte gab. 1898 schwärmte der bekannte Alpinist Ludwig Purtscheller vom Maderanertal, seinen hochalpinen Szenarien, den malerischen Wasserfällen, von dem Mineralienreichtum, den Gletschern und kräuter- und blumenreichen Alpen.
Bereits Ende des 13. Jahrhunderts wurde das Maderanertal, damals noch als Kärstelental, in einer Schenkungsurkunde erwähnt. Erst im 18. Jahrhundert erfolgte die Umbenennung aufgrund der umfangreichen Bergbauaktivitäten der Familie Madran.
Im Mittelalter lebten die Bewohner des Tales von Alp- und Holzwirtschaft. Die Bevölkerung lebte sehr isoliert und war, vor allem in kirchlichen Belangen, vom Ort Silenen abhängig. Jedoch wurden auch Kapellen und Kirchen errichtet, wie beispielsweise die St.-Josefs-Kapelle zu Frentschenberg aus dem Jahre 1668 und die Kapelle Maria zum Guten Rat in Bristen, die aus dem Jahre 1782 stammt. Die Einwohner waren grösstenteils Selbstversorger. Sie lebten von der Landwirtschaft, Jagd und Fischerei, zudem wurde schon im 14. Jahrhundert in der Region Eisenerz abgebaut. Viele Bewohner Bristens gehen dem Strahlnen nach, der Suche nach Mineralien und Bergkristallen. Dabei werden seit Jahrhunderten immer wieder beachtenswerte Funde gemacht.
1850 öffnete sich das Maderanertal dem Tourismus. Dies ist vor allem dem Gastwirt Kaplan Furrer zu verdanken. Es sprach sich weit herum, dass er nicht nur sehr gastfreundlich ist, sondern vor allem über grosse Naturkenntnisse verfügt. Der auswärtige Alpinist Georg Hoffmann trug dazu bei, dass das Maderanertal von immer mehr Bergsteigern entdeckt wurde. Schriften und ein 1852 gezeichnetes Panorama machte er einem grösseren Publikum bekannt. Bekannte Bergführer brachten zuerst Zürcher und Basler, später Deutsche und Engländer auf die umliegenden Gipfel. Die fehlende Unterkunft im Tal machte den Aufstieg lang und beschwerlich. Nicht nur, dass die gesamte Verpflegung geschleppt werden musste, kamen mehrere zusätzliche Wegstunden für den Aufstieg ab Amsteg hinzu.
Es waren in erster Linie Basler Alpinisten, die dem Amsteger Wirt Albin Intergand so lange in den Ohren lagen, im Maderanertal ein Gasthaus zu eröffnen, bis dieser einwilligte. Kurz nach der Gründung des Schweizer Alpenclubs (SAC) wurde im Sommer 1865 das Haus eröffnet. 19 schlichte Zimmer standen für 32 Gäste zur Verfügung. Zwar war das Hotel von Anfang an unabhängig vom SAC, wurde aber, da die Alpinisten den Bau mitfinanzierten, Hotel „Zum Schweizerischen Alpenclub“ genannt. Der Ansturm war gross und das Haus schon bald zu klein. Zudem waren den Engländern die Zimmer zu schlicht, weshalb 1869 ein Neubau hinzukam, der mehr Luxus und Komfort bot. Das erste Gebäude brannte aus nie geklärter Ursache 1880 ab, wurde jedoch innert Jahresfrist neu erstellt.
Die Bautätigkeit in der Balmenegg ging in den Folgejahren weiter: Eine ungenutzte alte Kapelle wurde zur Bäckerei, Wäscherei und Glätterei. 1888 entstand eine neue, hübsche Kirche auf einem kleinen Hügel. Es folgten eine Kegelbahn, Lagerhäuser und ein Eiskeller und etwas abseits ein Schweinestall. Selbst ein Postbüro fehlte nicht. Dieses gab von 1870 bis 1887 eigene Briefmarken heraus, mit welcher die Postbeförderung von dem abgelegenen Berghotel zur nächsten Poststelle finanziert wurde. Längst war das Hotel im Maderanertal nicht mehr eine Unterkunft für Alpinisten, sondern suchten gut betuchte internationale Gäste Erholung in der Abgeschiedenheit eines der schönsten Seitentäler der Schweizer Alpen.
Grosse Spiegel und teure Tapeten schmückten die Wände der Zimmer, des Speise- und Tanzsaales. Coiffeure und Bergführer boten ihre Dienste, eine gepflegte Parkanlage lud zum Entspannen ein, und es gab sogar einen kleinen See mit Ruderboot. Im hoteleigenen Weinkeller lagerten erlesene Tropfen. Die Alp Gnof versorgte das Hotel täglich mit frischen Milchprodukten. Die Urlauber bekamen in der Abgeschiedenheit der Berge jeglichen Luxus geboten. Nach dem 1. Weltkrieg kümmerten sich 27 Angestellte und 8 Bergführer um die Touristen. Entsprechend teuer war ein Aufenthalt. In der Gästeliste standen keine Bergsteiger mehr, da waren Staatsmänner, Philosophen, Musiker und Wissenschaftler verzeichnet. Vom 31. Juli bis 9. August 1870 genoss Friedrich Nietzsche mit „Fräulein Schwester“ die gesunde Bergluft und die Ruhe im Maderanertal. Die beiden zählen zu den prominentesten Gästen. Ihr 10-tägiger Urlaub kostete 198,20 Franken.
Ich wollte wissen, was geblieben ist, aus der guten alten Zeit und besuchte das Hotel Maderanertal: Da ist einerseits viel Erinnerung, anderseits die Bausubstanz, die sichtbar in die Jahre gekommen ist. Jedoch umgibt diesen Ort eine ganz besondere Aura, man spürt die vornehmen Jahre noch immer. Hier passt der etwas abgegriffene Spruch „Das Haus atmet Geschichte“ hervorragend. Der Verein „Pro Hotel Maderanertal“ nahm sich der sanften Sanierung des Kulturdenkmals an. Seit 6. Juni 1992 trägt es den Namen „Hotel Maderanertal“ und wurde mit einem neuen Nutzungskonzept wiedereröffnet. So waren unter anderem regelmässige Seminare geplant. Diese lief jedoch nicht so gut, wie erhofft. 1996 erwarb die Bristener Familie Anna Fedier-Tresch das unter Heimatschutz stehende Hotelensemble und führt es seitdem erfolgreich weiter. Heute sind es vor allem Wanderer, welche die bezaubernde Natur und die Stille im Maderanertal geniessen.
„Der Weg zu allem Grossen geht durch die Stille“ – Friedrich Nitsche
Oberstes Bild: Seit 1992 ist das Hotel Maderanertal wieder im Betrieb. (© Peter Tresch, Bristen)