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Das Endziel des Yoga
1 Überwindung der Trennung zwischen Innenwelt und Aussenwelt
Der physische Kosmos besteht gemäss Yoga-Lehre aus den fünf Elementen Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther und ist im Komplex von Sabda, Artha und Jnana (Name, Form und Gedanke) eingebunden. In der Objektwahrnehmung findet eine Einmischung von Raum und Zeit statt. Da dies nur schwer vorstellbare Dinge sind, werden in den ersten Stufen von Samyama (Übung) Raum und Zeit von der Betrachtung ausgenommen und nur der Name-Form-Komplex berücksichtigt. Die äusseren Hüllen der Objekte werden schrittweise entfernt. wobei jede einzelne Hülle ein Unterscheidungsmerkmal des Objektes darstellt. Das Samyama - bezogen auf eine bestimmte Hülle - ist gleichzeitig eine Vereinigung mit dieser Hülle, was ein Auflösen dieser Hülle zur Folge hat. Was zum Schluss übrig bleibt, ist die reale Substanz der Dinge.
Das unterscheidende "Aussen" und "Innen", das zwischen dem Seher und dem Gesehenen normalerweise wahrgenommen wird, löst sich bei fortschreitendem Samadhi schrittweise auf. Die Substanz des Einen tritt in die Substanz des Anderen ein. Im Innern erhebt sich ein Bewusstsein über die ähnliche Substanzstruktur des Einen und die des Anderen. Es ist nicht so, dass eine Vereinigung durch die Meditation hervorgebracht wird, es wird lediglich entdeckt, was schon immer vorhanden war. Dieses Identifizieren des meditierenden Bewusstseins mit der unendlichen Struktur des Universums ist die unterste Stufe des Samadhi. Sie wird als Savitarka Samapatti bezeichnet.
2 Vorstoss zur Essenz der Dinge
Wenn wir darin voranschreiten, die Verbindung zu den Objekten mit den empirischen Namen und Formen immer weiter zu lösen und uns gleichzeitig in direkter Berührung zum lebenden Objekt mit seiner wesentlichen Substanz vereinigen, befinden wir uns vielleicht in dieser wahren Stoffumwandlung, von der man immer wieder hört - einer höhere Stufe, die Nirvitarka Samapatti genannt wird - wo sich die Frage nach der Beziehung zu Namen und Formen nicht mehr stellt. Das individuelle Bewusstsein schwindet, es ist unfähig länger zu bestehen, und es fühlt, als würde es in ein Nichts oder gar in ein Alles dahinschmelzen. Dies ist das höchste religiöse Bewusstsein, das man sich vorstellen kann, die Spitze des spirituellen Zieles und der höchste Punkt im Yoga. Doch selbst dies ist nicht genug, sagt Patanjali.
Patanjali macht uns verrückt, wenn er sagt, dass selbst Nirvitarka Samapatti nicht genug ist. Denn die Stufen der Prakriti sind bei unserem Einstimmen auf deren gröberen Formen nicht erschöpft. Die so genannten Tanmatras - Gandha, Rasa, Sparsa, Rupa und Sabda - die ähnlich wie eine elektrische Energie oder Schwingung hinter der Beschaffenheit der Dinge stehen, sind höher als die gröberen physischen Grundelemente einzustufen. Man kann nur soviel sagen, dass es eine energetische Schwingung hinter den Formen und Substanzen der Dinge gibt, die man nicht sehen kann. Sie ist die subtile Ursache hinter den festen Formen und wird Tanmatras genannt.
Diese Tanmatras sind die Ursache einer jeden Substanz, jenes DAS als solches, jenes "TAT", wie man im Sanskrit sagt. Dieses DAS ist nicht dasselbe, wie das WAS, welches die Philosophen manchmal benutzen. Das DAS ist für das Auge unsichtbar und für den Geist nicht wahrnehmbar. Wohingegen das WAS eine beschriebene Form und ein analytisches Merkmal einer bestimmten Form ist. Oder genauer betrachtet, ist das DAS die Substanz und das WAS die empirische Form. Darum ist jenes DAS (Tanmatra) von dem WAS eines Objektes zu unterscheiden und begegnet uns auch in einer anderen Stufe des Samapatti, die als Savichara Samapatti bekannt ist, wenn diese mit Raum und Zeit verbunden ist.
Das Letzte, was uns verlässt, ist die Vorstellung von Raum und Zeit. Mit all unserem Bemühen, wird es uns nicht gelingen, Raum und Zeit aufzulösen, denn sonst würden wir uns selbst auflösen. Unsere Existenz ist nichts anderes als eine Raumzeit - Existenz. Eine Art innere Analyse findet statt - natürlich auf sehr hohem Niveau - immer noch als unmittelbare Beziehung der Tanmatras zu Raum und Zeit. Wir können unsere Grenzen oder unseren unterscheidenden Charakter von Raum und Zeit so lange nicht überschreiten, wie wir als ein wahrnehmendes, erkennendes und meditierendes Bewusstsein ausserhalb unseres Meditationsobjektes bleiben oder dieses Objekt in unserem Geist wahrnehmen.
3 Überwindung von Raum und Zeit
Der Seher wird zum Gesehenen, Bewusstsein wird zur Materie, der Meditierende wird zu dem, worauf er meditiert. Er wird das „Andere“, und hat nicht nur bloss eine Vorstellung oder eine Idee vom „Anderen“. „Zu wissen bedeutet zu sein", ist der Punkt, den wir durch direkte Erkenntnis und Verwirklichung erreichen. Wir stehen der Struktur des Raumzeit-Prozesses - der sogar die subtilen Schwingungsprinzipien, die Tanmatras, beeinflusst - direkt gegenüber. Wenn wir Raum und Zeit überwinden und mit den Tanmatras EINS werden, werden wir zu einem allgegenwärtigen ETWAS: Dann haben wir Nirvichara Samapatti erreicht. Wir werden praktisch allgegenwärtig, wir durchdringen den Kosmos, wir sind nicht mehr länger das ICH oder DU: Dies hat sich für immer aufgelöst. Es hat sich nicht nur für immer aufgelöst, sondern es kehrt auch nie mehr zurück. Eine grosse Flut der Freude überschwemmt das innere allgegenwärtige Bewusstsein. Eine undenkbare, unverständliche, nicht nachweisbare, undefinierbare und unfassbare Glückseligkeit explodiert in einem, als würde man sich allem Wahrnehmbaren, Greifbaren, allen Besitzes auf einen Schlag erfreuen. Eine Freude, die sich weder der reichste Mann der Welt noch der grösste Eroberer des Universums erträumen könnte, strömt in den Meditierenden ein, nicht weil dieser das Universum besitzt, sondern weil er EINS mit IHM geworden ist. Das Universum erhebt sich über seine eigenen inhaltlichen Verhältnisse, die zuvor als etwas Äusseres von ihm selbst erschienen, und sieht sich dann selbst als Ganzes, als einen Haufen von ETWAS, das wie Körner in einem einzigen Getreidesilo versammelt ist. Eine Selbstverwirklichung des Universums, nicht eine individuelle Selbstverwirklichung des Einzelnen, findet statt, in der der Kosmos sich selbst als das erkennt, was er ist. Diese Freude, diese Glückseligkeit ist eine Erfahrung, die von Patanjali als Sananda Samapatti bezeichnet wird. Kein Wort kann diese einzigartige Erfahrung der Freude beschreiben. Es bleibt nur ein Universales Selbstbewusstsein als „Ich bin, was ich bin“, oder einfach ausgedrückt ICH BIN oder ICH. Jedes Wort ist am Ende überflüssig oder sinnlos. Die grösste Literatur und die brillantesten Wörter aller Sprachen vermögen diese Universale Erfahrung des ICHS nicht zu beschreiben. Es gibt nichts, was darüber steht. Was könnte es mehr als Gotteserfahrung geben? Dies ist das kosmische ICH, das sich Selbst ausdrückt, das Sasmita Samapatti, wo nichts mehr nachkommt, ein ICH, das diesen DU-, ER- und WAS - Aspekt entblösst und von der Raumzeit befreit ist, was auch die Befreiung von der Wahrnehmung von Objekten und Wissen einschliesst. Dieses ICH, zu dem man in dieser Stufe wird, kann als das DU oder das WAS bezeichnet werden und als ein vollkommenes Subjekt angesehen werden. Es ist nichts, was man sich vorstellen kann. Dies ist Sasmita Samapatti, das höchste Ziel.
4 Ein vollkommener Tod für eine vollkommene Ewigkeit
Und, wie ein tyrannischer Gläubiger, der nicht locker lässt, bis er den letzten Blutstropfen aus unserem Körper herausgepresst hat, lässt uns Patanjali immer noch nicht los. Wie ein Blutegel sitzt er uns im Nacken und teilt uns mit, dass es immer noch etwas gibt. Patanjali ist mehr als ein unersättlicher Geldeintreiber. Nachdem er unser ganzes Blut ausgesaugt hat, genügt ihm dies immer noch nicht. So macht er sich an den ultimativen Kern unserer Existenz zu schaffen und bringt auch diesen gänzlich zum verschwinden. Wir werden - von den Fusssohlen bis zu den Haarspitzen - vollkommen abgeschafft! Keinem sollen wir in Erinnerung bleiben. Selbst unser Gedächtnis soll es nicht mehr geben. Solch ein Tyrann, solch ein Despot - das ist kaum vorstellbar! Doch so ist Yoga. Das despotische, tyrannische Verhalten des Yoga lässt selbst die Erinnerung an unsere Existenz nicht zu, nachdem es sie vollständig abgeschafft hat: Der Wassertropfen wird zum unendlichen Ozean in dem Augenblick, in dem es seine individuelle Existenz aufgibt. Diese ultimative Selbstauflösung ist das Ziel einer Selbstsammlung und Erfahrung, ein Sterben, um zu leben, eine vollkommene Aufgabe für eine vollkommene Erfüllung, ein vollkommener Tod für eine vollkommene Ewigkeit, was als Nirbija Samapatti - das letzte Samadhi - bezeichnet wird. Wir wissen nicht, was es ist, und je weniger darüber gesprochen wird, desto besser.
Frei übersetzt aus dem Buch von Swami Krishnananda "Yoga als eine Universelle Wissenschaft".