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Explosion in chinesischer Lonza-Zulieferfabrik führt zu 78 Todesopfern
Am 21. März 2019 ereignete sich in einer Chemie-Fabrik in der chinesischen Stadt Yancheng eine schwere Explosion, bei der 78 Menschen ihr Leben verloren. Dass in der Fabrik, die ein wichtiger Zulieferer des Basler Chemiekonzerns Lonza war, gravierende Sicherheitsmängel herrschten, war seit Jahren bekannt. Trotzdem wurde der Unfall nicht verhindert.
2019 teilte Lonza in einer Medienmitteilung knapp mit, dass eine Explosion in China zu einer Unterbrechung in der Lieferkette führte. Nun zeigen Recherchen, wie schlimm die beiläufig erwähnte Explosion beim Lonza-Zulieferer Jiangsu Tianjiayi Chemical (JTC) tatsächlich war: 78 Menschen verloren bei dieser Katastrophe ihr Leben, über 600 wurden verletzt. Die Explosion löste einen Grossbrand aus, der etliche Stunden nicht unter Kontrolle gebracht werden konnte und war so heftig, dass sie ein Erdbeben auslöste. Durch die Detonation sind weitere Gebäude im Chemie-Industriepark Xiangshui, in dem die Fabrik stand, eingestürzt. Auch sechs Kilometer entfernt kam es noch zu schweren Schäden an Gebäuden.
Die Jiangsu Tianjiayi Chemical produzierte in der Fabrik verschiedene Chemikalien und Pestizide, darunter gemäss dem britischen Guardian auch einige hochentzündliche Stoffe. Lonza nahm gemäss Mitteilung Rohstoffe im Bereich der «specialty ingredients» (z.B. antimikrobielle Mittel für Farben) vom chinesischen Zulieferer ab.
Dass es zu diesem Unfall kam, ist aus heutiger Sicht kaum überraschend. Nach einer Inspektion bei JTC im Februar 2018 – also rund ein Jahr vor der fatalen Explosion – veröffentlichten die Behörden eine Liste mit dreizehn teils gravierenden Sicherheitslücken und Umweltvergehen. Darunter unter anderem das Fehlen eines Sicherheitsventils bei den Benzoltanks, in denen sich die wahrscheinlich für die Explosion verantwortliche Chemikalie befand. Die Behörden entdeckten dabei auch eine versteckte Pipeline, die Industrieabwässer illegal in nahe Gewässer leitete. Bereits in den Jahren 2013 bis 2017 musste JTC aufgrund mangelhafter Abfallentsorgung und gravierender Luftverschmutzung mehrere Bussen bezahlen.
Die Untersuchungsgruppe des chinesischen Staatsrats, die den Fall nach der Explosion untersuchte, stellte damit übereinstimmend fest, dass der Unfall durch eine längere illegale Lagerung gefährlicher chemischer Abfälle verursacht wurde. Ein Arbeiter erzählte kurz nach dem Unglück, dass ein mit Erdgas beladener Tankwagen in Brand geriet und sich das Feuer danach durch eine Reihe kleinerer Explosionen auf einen nahen Benzol-Tank ausbreitete, welcher schliesslich die riesige Explosion verursachte.
Grosse Umweltschäden
Der Fabrikunfall verursachte auch eine grossflächige Verschmutzung von Luft und Gewässern: Gemäss chinesischen Medien sollen in den Tagen nach der Explosion im Umkreis von drei Kilometern Stickstoffdioxid-Werte gemessen worden sein, die den nationalen Grenzwert in Industriezonen um das Doppelte überschritten. Stickstoffdioxid wirkt in hohen Konzentrationen toxisch und kann zu schweren Atemwegsinfektionen führen. In den drei Flüssen des Industrieparks wurden zudem erhöhte Schadstoffwerte gemessen, insbesondere Dichlorethan und Dichlormethan. Beide Stoffe gelten als stark gesundheitsschädigend.
Auch in der Schweiz musste Lonza in den letzten Jahren aufgrund diverser Umweltsünden regelmässig Kritik einstecken. 2020 deckten die Tamedia Zeitungen auf, dass eine Lonza-Fabrik in Visp im Kanton Wallis Jahr für Jahr 1800 Tonnen Lachgas ausstiess. Das Gas ist für das Klima dreihundert Mal schädlicher als CO2. Eine einzige Fabrik war damit für mehr als ein Prozent der gesamten Klimagasemissionen der Schweiz verantwortlich. Erst im Frühling 2017 wurde Lonza auf die Lachgasemissionen aufmerksam. Bis der Konzern die Behörden informierte, verging aber nochmals ein Jahr. Der Katalysator, der gemäss Lonza die Lachgasemissionen um 98 Prozent senken sollte, wurde dann sogar erst im Oktober 2021 installiert. Problematisch sind auch die Altlasten im Kanton Wallis, beispielsweise die Deponie Gamsenried bei Visp, in der Lonza zwischen 1918 und 1978 giftige Abfälle wie Quecksilber, Anilin, Benzidin sowie Benzol deponierte. Ende 2018 wurde im Grundwasser unter der Deponie der Stoff Benzidin entdeckt, der für Menschen krebserregend ist. Obwohl Lonza die Missstände bei internen Kontrollen bereits 2008 bemerkte, informierte der Konzern die Behörden nicht. Dies, weil «die Relevanz von Benzidin damals nicht erkannt worden» sei, wie der Konzern erklärte. Nun soll die Deponie saniert werden.
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Ein Konzernverantwortungsgesetz trägt dazu bei, dass solche Katastrophen verhindert werden
Dass ein Chemiekonzern wie Lonza heute für in der Schweiz entstandene Schäden geradestehen muss, ist eine Selbstverständlichkeit.Doch wenn Lonza trotz dokumentierten Sicherheits- und Umweltmängeln bei einem Zulieferer wie JTC einkauft, muss der Konzern auch heute keine Rechenschaft über getroffene Massnahmen ablegen oder irgendwelche Konsequenzen befürchten. Dabei wird in Kauf genommen, dass Menschen zu Schaden kommen und die Umwelt verschmutzt wird. Ein Konzernverantwortungsgesetz sorgt dafür, dass sich das ändert: Neu hätte Lonza nämlich die Risiken in seiner Lieferkette mit Blick auf Mensch und Umwelt verbindlich analysieren müssen. So hätte der Konzern zum Schluss kommen müssen, dass er hier handeln und bei seinem Zulieferer konsequent die Behebung der gravierenden Sicherheitsmängel in der chinesischen Fabrik einfordern und kontrollieren muss.
Mit dem zur Zeit geplanten EU-Konzernverantwortungsgesetz könnten EU-Konzerne in vergleichbaren Fällen künftig für die Missachtung ihrer Sorgfaltsprüfungspflichten gebüsst werden. Falls das Unterlassen des Konzerns gar einen kausalen Einfluss auf eine Katastrophe bei einem Zulieferer hat, haftet dieser zudem.
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