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Obwohl sich die Grippesaison in der nördlichen Hemisphäre dem Ende zuneigt, wird der Schlüsselbegriff «Ansteckung» auch im Frühjahr und Sommer 2014 weiter eine wichtige Rolle spielen – und zwar an den Finanzmärkten. Der erste Eindruck des Finanzjahres 2014 war, dass die Neuausrichtung der Schwellenländer wohl nicht spurlos an riskanten Anlagen der Industrieländer vorübergehen wird. US-Aktienkurse sanken in den ersten Wochen des Jahres im Gleichklang mit Schwellenländeranlagen.
Dies steht in starkem Kontrast zur Situation im Jahr 2013, als die Schwellenländer wankten – während Industrieländeraktien sich als Fels in der Brandung erwiesen. Im Zuge der jüngsten Krise in der Ukraine und in Russland beschäftigen wir uns eingehender mit der Gefahr weiterer Ansteckungseffekte, die sich auf die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte auswirken könnten.
«A» wie Ansteckung und Asienkrise
Der Begriff der Ansteckung wurde übrigens während der Asienkrise in den späten 1990er-Jahren geprägt. Wenn wir nur die Kursbewegungen in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre betrachten würden, würden wir wahrscheinlich übersehen, dass die Anleger zu der Zeit, als sich die Krise der Schwellenländer abzeichnete, wohl ähnliche Sorgen hatten, wie wir heute. Vor allem die erste Phase, die Tequila-Krise 1995, kann kaum aus den Indexgrafiken des S&P 500 abgelesen werden. Das liegt daran, dass sie zu jener Zeit die Aktien der Industrieländer nicht beeinträchtigte. Sogar die Asienkrise, die vor 17 Jahren als Ereignis von katastrophalem Ausmass gesehen wurde, löste bei US-Aktien nur eine Korrektur von etwa 10 Prozent aus.
Erst die dritte Phase, die Russlandkrise in Verbindung mit dem LTCM-Debakel, sorgte 1998 für einen Absturz der Aktienkurse um 20 Prozent. Und doch schlossen die Börsen am Jahresende nahe ihrer Allzeithochs. Wird es dieses Mal anders sein? Bestimmt – doch es könnten sich auch einige Ähnlichkeiten zeigen. Wir denken hier an die Stimmung in den Schwellenländern, die sich nur zeitweise auf die reifen Finanzmärkte auswirkt, während sich ein allgemeiner Aufwärtstrend bei Aktien möglicherweise fortsetzen wird. Oder an die Tatsache, dass sichere Anlagen wie Gold vielleicht nicht den gewünschten Schutz gegen die neuesten Risiken an den Finanzmärkten bieten. Im Gegenzug können solide globale Unternehmen in einer solchen Umgebung eventuell trotzdem profitieren.
Chance auf starke Zwischenerholungen
Gleichzeitig müssen wir zugeben, dass die meisten Krisen naturgemäss in mehreren Stadien – oder Wellen – ablaufen. In der Zwischenzeit können sich die betroffenen Anlagen oder Währungen genau entgegengesetzt entwickeln. Nehmen wir den thailändischen Aktienmarkt in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre als Beispiel: Ein durchschnittlicher Anleger verlor dort vom Höchststand 1994 bis zum Tiefststand 1998 rund 86 Prozent seines Vermögens in lokaler Währung. Unterdessen kam es innerhalb dieses Abwärtstrends zu etwa acht Gegenbewegungen von mehr als 10 Prozent – die extremste ereignete sich 1997, als die thailändischen Börsen in wenigen Wochen um mehr als 60 Prozent stiegen. Daher müssen wir in einer Phase der Neuausrichtung der Schwellenländer immer berücksichtigen, dass der langfristige Trend von starken Umkehrbewegungen beeinflusst werden kann.
Unser Fazit für die Ansteckungsrisiken – Stand März 2014 – lautet, dass die abwertenden Schwellenländerwährungen aus rein ökonomischer Sicht eine disinflationäre Wirkung auf die Weltwirtschaft haben, aber kein Hindernis für die anhaltende Erholung darstellen. In regionaler Hinsicht scheint Europa anfälliger zu sein, da die Exporte in die Schwellenländer hier rund 10 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmachen, im Gegensatz zu 3 Prozent in den USA. Daher haben wir unsere Prognose für die Leitzinsen in Europa und für den Euro entsprechend angepasst. Im Hinblick auf Aktien sind wir der Ansicht, dass Unternehmen mit einem höheren Umsatzanteil in den Schwellenländern eine stärkere Volatilität verzeichnen dürften.
Christian Gattiker-Ericsson, CFA, CAIA,
Chefstratege und Leiter Research, Bank Julius Bär