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Märchen vom Glück
In dieser Kurzgeschichte von Erich Kästner gibt es eine äussere Rahmengeschichte (1. Erzähler und ein alter Mann mit schneeweissem Haar) und eine innere Geschichte (2. Erzähler [= alte Mann vor 30 Jahren] und der Weihnachtsmann).
Rahmengeschichte:
Ein Erzähler trifft in einer Kneipe einen alten Mann mit schneeweissem Haar, der beklagt, dass die Menschen eine falsche Auffassung vom Glück hätten: das Glück sei nicht etwas, das man zuhause aufbewahren könne und von dem man sich nimmt, wenn man es gerade brauche.
Der Erzähler meint, dass der alte Mann wohl aber wisse, was wirkliches Glück sei. Darauf erzählt der alte Mann eine Geschichte, eine Art Parabel, die an die Stelle seiner Antwort tritt.
Innere Geschichte:
Als junger Mann sitzt der zweite Erzähler auf einer grünen Parkbank (grün als Zeichen der Jugend und als Gegenteil zum schneeweissen Haar des späteren alten Mannes; deutet daraufhin, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Jugend und dem Alter des Mannes); der junge Mann ist ganz der Realität verhaftet, unzufrieden, unglücklich. Da setzt sich eine Gestalt der „Märchenwelt" an seine Seite und bietet ihm 3 Wünsche an, die der realistische Jüngling jedoch als Unsinn ablehnt; in seiner Unzufriedenheit wünscht er den Weihnachtsmann in die Hölle, was sofort geschieht.
Dieses Ereignis aus der Fiktion, aus der Märchenwelt, wirft den jungen Mann aus seiner Bahn. Er ist vollkommen verblüfft, und aus schlechtem Gewissen und Verantwortungsbewusstsein[das unerwartete Ereignis ruft in ihm seine guten Eigenschaften wach; er wird freundlich = Umkehr] benutzt er seinen zweiten Wunsch, um den Weihnachtsmann zurückzuholen. Es bleibt ihm daraufhin nur noch ein Wunsch offen, den er sich aber nie hat erfüllen lassen.
Fortsetzung der Rahmengeschichte
Auch die Frage des ersten Erzählers, ob der alte Mann seitdem glücklich sei, beantwortet der alte Mann nicht direkt. Er meint hingegen, Wünsche seien nur gut, solange man sie noch vor sich habe.
Interpretationen:
Pascal:
Der Erzähler will zeigen, dass man nur dann wirklich für das Leben motiviert ist, wenn man offene Wünsche hat. Wir wären unglücklich, könnten wir uns immer alles erfüllen. Wichtiger ist es, immer etwas vor sich zu haben; der alte Mann erfüllt sich seinen letzten Wunsch nicht, damit ihm etwas bleibt, das ihm Lust und Begierde bereitet.
Laure:
Als der junge Mann versteht, dass es nicht nur die Realität gibt, sondern auch die Märchenwelt, erlebt er eine Umkehr. Für ihn sind seitdem die materiellen Dinge nicht mehr so wichtig, er muss sich seinen letzten Wunsch nicht mehr unbedingt erfüllen. Der Leser soll sich in der Rolle der beiden jungen Männer wiedererkennen, und Recht auf Phantasie und Traum beanspruchen, um glücklich zu werden.
Florence:
Der junge Mann wird in seinem gewöhnlichen Leben von dem Weihnachtsmann gestört und verunsichert. Er hat Angst, in Kontakt mit einer Welt zu treten, die nicht seine ist; dadurch dass er aber den Weihnachtsmann verzaubert hat und ihn wieder herzaubern muss, ist er gezwungen, in Kontakt zu treten mit der unbekannten Welt. Er hat durch dieses Ereignis gelernt, sein Herz für die anderen „Lebenstüren" zu öffnen, nicht mehr vor Angst stehen zu bleiben, und das Glück zu nehmen, wie es kommt.
Claudia:
Für mich ist das Glück etwas ganz anderes, als Wünsche frei zu haben. Glück stellt sich ein, wenn man es geduldig erwartet, und nicht wie heute oft, dem Glück in seinen vielen „Konsumformen" hinterherläuft. Dabei kann man sehr glücklich sein, wenn man eine Familie, Freunde, eine Wohnung und eine Ausbildungsmöglichkeit hat. Wir sollten alles tun, um unsere Wünsche selbst verwirklichen zu können.
Nathalie:
Durch die Begegnung mit der Märchenwelt wird der junge Mann zum Nachdenken angeregt, zum Beispiel über seine unfreundliche Art, mit anderen, die ihm helfen wollen, umzugehen. Der Hörer wird dazu inspiriert, erst einmal über den eigenen Lebensstil nachzudenken, bevor er sich blindlings in unüberlegte Handlungen stürzt; der junge Mann hat dadurch zwei grosse Chancen (Wünsche) verloren.
Stephanie:
Der Leser dieser Geschichte versteht, dass man Phantasie haben muss, um glücklich zu sein. Wenn man zu sehr an der Realität klebt und alles macht, um kein gesellschaftlicher Aussenseiter zu werden, geht man an seinem Glück vorbei. Ohne die Realität zu vergessen, sollte man einfach Freude am Leben haben, und Phantasie erlaubt, über die harte Realität hinauszukommen. Vielleicht versteht der Leser auch, dass Glück für jeden Einzelnen etwas anderes bedeutet, und dass wir dieses „Märchen" deswegen auf verschiedene Weisen auslegen können.
Barbara Fleith (Meine ganz persönliche Interpretation):
Der erste Erzähler scheint mir ein junger Mann zu sein, der wie der junge zweite Erzähler auf der Suche nach dem Glück ist; deswegen wird er vom alten Mann in der Kneipe auf das Glück hin angesprochen, so wie der 2. Erzähler auf der Parkbank vom Weihnachtsmann angesprochen wird. Der Weihnachtsmann und der alte Mann wollen den beiden jungen Männern zeigen, dass sie auf dem falschen Weg sind. Das Glück ist nicht zu provozieren, dabei wird man eher unglücklich. Das Glück ist wohl auch nicht das immer wieder neue Erfüllen von Wünschen, was mehr oder weniger möglich ist, und schliesslich zur Unzufriedenheit führt.
Glück ist nicht definierbar; es scheint etwas zu sein, das einem geschenkt wird. Man muss nur offen bleiben für dieses Geschenk, d.h. wissen, dass man dieses Geschenk durchaus bekommen kann. Diese optimistische Zukunftsaussicht ändert den Blick auf die Realität: sie schafft Distanz zur Realität, und Distanz erlaubt den Blick für die wichtigen Dinge im Leben.
Diese Distanz zur Realität wird durch die ewigdauernde Märchenwelt symbolisiert. Die Märchenfiguren können über die kleinen Probleme der Realitätsmenschen nur den Kopf schütteln. Das wahre Glück beginnt da, wo Realität mit weiser (weisshaariger) Distanz betrachtet wird.