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schweizerische Schulwesen verfolgt; die pädagogische Litteratur ist jedoch dort so rege und zugleich in Deutschland [* 2] so zugänglich, daß zu besondern deutschen Schriften darüber kein Bedürfnis vorliegt. Als Hauptquellen für die Kenntnis des schweizerischen Schulwesens der Gegenwart können noch genannt werden: Grob und Hunziker, »Statistik über das Unterrichtswesen in der Schweiz« [* 3] (Zürich [* 4] 1883,7 Bde.);
Büchelers Artikel »Schweiz« in der Schmid-Schraderschen Encyklopädie (Bd. 8 der 2. Aufl.);
Hunzikers Artikel »Suisse« in Buissons »Dictionnaire« (Par. 1887).
Ähnlich liegt die Sache mit Österreich, [* 5] dessen rege pädagogische Presse hüben wie drüben gelesen wird. Als ergiebige rein österreichische Quelle [* 6] ist da etwa noch das »Pädagogische Jahrbuch« (Wien, [* 7] seit 1878) zu nennen, das in seinen bisherigen zwölf Jahresheften, geleitet von M. Zens, eine Fülle von Nachrichten geschichtlicher wie statistischer Art über Schulwesen, Lehrerleben und pädagogisches Streben des Kaiserreichs bringt. Eine besondere, aber sehr dankenswerte Aufgabe stellte sich J. P. ^[Johannes Paul] Müller in dem Buche »Die deutschen Schulen im Ausland, ihre Geschichte und Statistik« (Bresl. 1885),
nachdem mit einer Monographie gleicher Art Schuricht in seiner »Geschichte der deutschen Schulbestrebungen in Amerika« [* 8] (Leipz. 1884) vorausgegangen war.
Praktische Pädagogik.
Wenn die bisher besprochenen Zweige der Pädagogik im abgelaufenen Jahrzehnt fröhliches Gedeihen gezeigt, reiche Blätter und Blüten getrieben haben, so gilt das von der praktischen Pädagogik nach allen Richtungen in erhöhtem Maße. Die Masse der Flugschriften, der Lehrbücher, der Verbesserungsvorschläge ist geradezu eine erdrückende. Man kann sich der Frage kaum erwehren, ob diese Unruhe und dieser Drang nach Öffentlichkeit in der That als ein Zeichen gesunder Kraft [* 9] oder nicht vielmehr als Ausfluß [* 10] und Anzeichen eines fieberhaften Zustandes anzusehen sei.
Zweifellos ist in mehr als einer Hinsicht größere Ruhe und Besonnenheit in der litterarischen Produktion dringend zu wünschen. Allein das trifft im ganzen mehr die eben bezeichneten Felder des ganzen Gebietes, auf die hier der Natur der Sache nach nicht näher eingegangen werden kann: vor allen andern die Litteratur der Fachlehrbücher. Ja auch in Bezug darauf kann nicht geleugnet werden, daß neben zahlreichen unselbständigen und innerlich unberechtigten Erscheinungen, denen nur Gewinnsucht der Verfasser und Verleger zu Grunde liegt, auch vieles Tüchtige und Ernsthafte ans Licht [* 11] tritt, und daß namentlich auch neben dem fachwissenschaftlichen allmählich immer mehr die eigentlich pädagogischen, didaktischen und methodischen Gesichtspunkte zur Geltung kommen.
Das in den letzten Jahren immer höher angeschwollene Streitschrifttum wird hoffentlich von selbst in sein natürliches Bett [* 12] zurücktreten, wenn die augenblicklich für Volksschulen wie höhere Lehranstalten angebahnten gesetzlichen und verwalterischen Neuerungen erst zum vollen Abschluß und zum wirklichen Leben gelangt sein werden. Als unleugbarer Gewinn aus der regen und oft wirren litterarischen Bewegung in der praktischen Pädagogik kann man aber jedenfalls schon ein Zwiefaches bezeichnen: die erhebliche Bereicherung und Verbesserung der Lehrmittel, namentlich der Anschauungsmittel, und die Begründung einer in ihren Grundzügen allgemein anerkannten Schulgesundheitslehre.
Die Lehrmittel können hier, als außerhalb des eigentlichen litterarischen Gebietes stehend, nur erwähnt werden; ihrer Verbesserung dienen namentlich die immer zahlreicher entstehenden Schulmuseen und Lehrmittelausstellungen. Dagegen gehört die Schulhygiene und ihre Litteratur recht eigentlich hierher. Zwar ist diese Wissenschaft als solche nicht erst ein Kind des letzten Jahrzehnts. Indes darf man doch sagen, daß das Vorgehen des preußischen Kultusministers v. Goßler und namentlich die Berliner [* 13] Hygieneausstellung von 1883 ihr in Deutschland erst wahrhaft zum Bürgerrecht und vollen Leben verholfen haben. In diesem Jahre erschienen zwei Schriften, die auf diesem Gebiet billig vor allen andern zu nennen sind, die 2. Auflage von A. Baginskys »Handbuch der Schulhygiene« (Stuttg.) und H. Cohn, »Die Hygiene des Auges in den Schulen« (Wien), in denen die bisherigen Verhandlungen zusammengefaßt wurden.
Auch die Frage der Überbürdung der Schuljugend war nicht mehr ganz neu. Den kräftigsten Anstoß aber erhielt sie durch den übertreibenden Angriff Pädagogische Hasses in dem Vortrag »Die Überbürdung unsrer Jugend auf den höhern Lehranstalten im Zusammenhang mit der Entstehung von Geistesstörungen« (Braunschw. 1880). Inzwischen hat durch manches Für und Wider die junge Wissenschaft sich zu einer Ruhe und Reife entwickelt, bei der Arzt und Schulmann sehr wohl nebeneinander bestehen und miteinander auskommen können. Zu jenen Anstoß gebenden Werken ist eine ganze Gruppe verwandter Schriften getreten, wie: Löwenthal, »Grundzüge einer Hygiene des Unterrichts« (Wiesb. 1887);
Engelhorn, »Schulgesundheitspflege« (Stuttg. 1888);
Eulenberg u. Bach, »Schulgesundheitslehre« (Berl. 1889);
Rembold, »Schulgesundheitspflege« (Tüb. 1889);
Toselowsky, »Schulhygiene, zusammengestellt aus den Verhandlungen des Berliner medizinisch-pädagogischen Vereins« (das. 1890).
Eine eigne »Zeitschrift für Schulgesundheitspflege« von H. Kotelmann erscheint seit 1888 in Hamburg. [* 14] Wesentlich geklärt und gefördert ist diese wichtige Angelegenheit dadurch, daß mittels Erlasses vom der preußische Minister v. Goßler eine der wichtigsten Seiten der Gesundheitspflege in Schulen, die Bewegung im Freien und die Spiele (s. Jugendspiele), in Erinnerung brachte. Auch aus dieser Anregung erwuchs bald eine lebhafte litterarische Bewegung. Es genüge, auf das Buch von G. Eitner, »Die Jugendspiele« (4. Aufl., Leipz. 1890), zu verweisen, das aus der reichen Litteratur das Nötige beibringt. Welche verständige und besonnene Pflege die Schulhygiene auf medizinischer Seite heutzutage nach Überwindung mancher anfänglicher Einseitigkeiten findet, beweisen unter andern die hier einschlagenden Aufsätze in dem von O. Dammer herausgegebenen trefflichen »Handwörterbuch der öffentlichen und privaten Gesundheitspflege« (Stuttg. 1891).
Ist dieses Feld allen Arten von Schulen gemein, so scheiden sich übrigens die verschiedenen Stufen und Zweige des Unterrichtswesens schroffer, als es im wahren Interesse des Volkslebens und in der Natur der Sache begründet liegt, so daß die noch übrige praktische pädagogische Litteratur 1880-90 im engern Sinne für das höhere und für das Volksschulwesen gesondert zu betrachten ist.
Höheres Schulwesen.
Im vorigen Jahrzehnt stand unter Nachwirkung des nationalen Aufschwunges von 1870 und 1871 und unter dem unmittelbaren Einfluß der preußischen allgemeinen Bestimmungen für das Volksschulwesen vom dieses an Regsamkeit dem höhern Schulwesen voran. Dies Verhältnis hat sich, wenn nicht umgekehrt, so doch wesentlich verschoben. Durch die um 1880 in Blüte [* 15] stehende Überbürdungsfrage ¶
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und -Klage, die sich bald mehr und mehr zur Beschwerde über die durchschnittlich mangelhafte pädagogische Vorbildung des höhern Lehrerstandes zuspitzte, ward dieser Lehrerstand mächtig erregt, teils zur Abwehr ungerechter und übertriebener Angriffe, teils zur Selbstprüfung und zum Streben nach Abstellung der wirklich vorhandenen Mängel, auf die von einsichtigen Männern innerhalb des Kreises der Beteiligten längst aufmerksam gemacht worden war. Zugleich aber erhielt durch diese Angriffe der in das höhere Schulwesen selbst tief eingedrungene Gegensatz der humanistischen und der realistischen Richtung neuen Zündstoff, den die anderweite Festsetzung der Lehrpläne für beiderlei Anstalten trotz der darin den Realschulen erster Ordnung, nun Realgymnasien genannt, gemachten Konzessionen nicht zu neutralisieren vermochte.
Wie das Streben nach zweckmäßigerer praktischer Vorbildung des höhern Lehrerstandes zum vorläufigen Abschluß gekommen, ist im Artikel Seminare (pädagogische), und wie der hauptsächlich durch jenen innern Zwiespalt erweckte und genährte Ruf nach Reform der höhern Schulen bisher gewirkt hat, ist im Artikel Höhere Lehranstalten dieses Bandes näher dargelegt. Dort ist auch aus der überreichen Speziallitteratur das Nötigste angeführt. Hier kann nur in Frage kommen, welche Früchte die Erregung und Bewegung für die praktische Litteratur des höhern Schulwesens getragen hat. Unter der erhöhten Nachfrage nach pädagogischer Belehrung und Orientierung hat die »Erziehungs- und Unterrichtslehre für Gymnasien und Realschulen« von W. Schrader (zuerst 1868) bereits die 5. Auflage (Berl. 1889) erlebt.
Das Werk ist im einzelnen dabei fortgeschritten und gereift. Enger hat der Verfasser sich an Lotze in den philosophischen Voraussetzungen angeschlossen. Die aufmerksame Verfolgung der höhern Schulen in ihrem Fortgang seit 1882 hat den greisen Schulmann nur in der Überzeugung bestärkt, daß an dem Wesen unsrer Gymnasien nichts zu ändern, ihre Gestalt aber noch enger ihrem idealen Zwecke anzupassen sei. Auch Schraders Schrift über die »Verfassung der höhern Schulen« hat inzwischen mehrere neue Auflagen erfahren.
Vielleicht hat doch der Verfechter der humanistischen Tradition zu sehr übersehen, daß in den Klagen und Wünschen der Reformer mit dem wüsten Geschrei fanatischer Gegner der altbewährten Gymnasialbildung sich auch solche Stimmen mischen, welche gerade, um dieses Gut neben den berechtigten Ansprüchen einer neuen Zeit zu erhalten, zum Maßhalten und zur Selbstbeschränkung mahnen. Immerhin kann man sich nur freuen, daß auch seine bewährte und geachtete Stimme bei der Berliner Beratung im Dezember 1890 zu vollem Gehör [* 17] gekommen ist.
Von der Überzeugung durchdrungen, daß weniger in den Grundlagen und Grundzügen als in der Ausgestaltung und Ausführung an den höhern Schulen Preußens [* 18] und Deutschlands [* 19] doch manches der Verbesserung bedürftig wäre, traten seit Beginn des letzten Jahrzehnts zwei Männer zugleich praktisch und litterarisch in die Bresche, die seitdem wesentlichen Einfluß auf den Gang [* 20] der Dinge gewonnen haben: O. Frick in Halle [* 21] und H. Schiller in Gießen. [* 22] Litterarisch griff Frick, Direktor der Franckeschen Stiftungen, zuerst mit seiner schon oben erwähnten Schrift über das Franckesche »Seminarium praeceptorum« in die Bewegung der Zeit ein, das er trotz entgegenstehender Bedenken der Behörden, auf sein geschichtliches Recht gestützt, inzwischen wieder erweckt hatte.
Sodann schuf er sich in der Zeitschrift »Lehrproben und Lehrgang«, begründet mit G. Richter, fortgesetzt mit L. Meier (Halle, seit 1885), ein Organ, in dem er in den verschiedensten Formen seinen Grundgedanken: Vertiefung und Klärung der Pädagogik und Methodik für die höhern Schulen zum Ausdruck und zur Geltung brachte. Er knüpfte dabei namentlich im Anfang mehrfach an die Pädagogik der Volksschulen und Volksschullehrerseminare sowie an die Formen der Herbart-Zillerschen Methodik an, ohne seine ursprüngliche, humanistische Grundrichtung zu verleugnen. Auch die 1886 auftauchende Einheitsschulbewegung war ihm willkommen, weil sie eine Vereinfachung des höhern Schulwesens und wohl in seinem Sinne die Aufsaugung der Zwittergestalt des Realgymnasiums verhieß. »Über die Möglichkeit der Einheitsschule« (Hannov. 1887) handelte die von ihm verfaßte erste der Vereinsschriften.
Sonst beschränkte Frick sich, abgesehen von der Herausgabe von Schulausgaben und Anleitungen für die schulmäßige Behandlung deutscher Klassiker, auf einzelne Aufsätze in seiner Zeitschrift. Diese benutzte auch H. Schiller, Professor der Pädagogik und Gymnasialdirektor zu Gießen, wiederholt zu Mitteilungen über seine Seminarthätigkeit und damit zusammenhängende Fragen. Er trat aber gleichzeitig mit mehreren selbständigen Werken auf den Plan, die seinem weithin anregenden Wirken erst den rechten festen Nachdruck geben sollten. Seinem schon oben besprochenen »Lehrbuch der Geschichte der Pädagogik« war das »Handbuch der praktischen Pädagogik für höhere Lehranstalten« (2. Aufl., Leipz. 1890) vorausgegangen.
Beiden folgte die Schrift »Pädagogische Seminarien für das höhere Lehramt; Geschichte und Erfahrung« (Leipz. 1890). Es hat den Anschein, als solle Schillers Votum über die Verfassung und Gliederung des höhern Schulwesens in den Hauptsachen für die weitere Entwickelung maßgebend sein. Klarer und praktischer Sinn spricht aus allem, was er schreibt und vorträgt, so daß die gesunde Fortentwickelung sich kaum weit von der darin angedeuteten Bahn entfernen kann.
In der ersten Auflage der »Praktischen Pädagogik« sagt er, daß in ihr nirgend bloße Theorie vorgetragen werde, vielmehr alles aus der Praxis erwachsen und besonders entstanden sei aus den Bedürfnissen langjähriger theoretischer und praktischer Einführung junger Lehrer in das Lehramt. Wirklich ist ihm gelungen, ein hervorragend praktisches Buch zu liefern, dem jedoch darum nicht die feste und klare, aber kurze und bündige psychologische, in der 2. Auflage auch ethische Begründung (namentlich nach Wundt gearbeitet) fehlte. Verwandt in der Grundrichtung mit Schiller, aber schärfer in der Tonart gegenüber den Kritikern des Gymnasiums und den einseitigen Lobrednern der Realschulbildung ist der bekannte Historiker O. Jäger, dessen Schrift »Aus der Praxis; ein pädagogisches Testament« (2. Aufl., Wiesb. 1885) mit nachträglichen Aufsätzen in Fachzeitschriften wesentliches Gewicht in die Wagschale des humanistischen Gymnasiums gelegt hat.
Einen völlig andern, geradezu entgegengesetzten Standpunkt nimmt Kl. Nohl ein in seiner »Pädagogik für höhere Lehranstalten« (Berl. u. Gera [* 23] 1886-90,4 Bde.). Er ist erklärter Schulreformer und mischt überall in die Fragen der Praxis die Grundfrage der Organisation. Er ist Gegner des Gymnasiums in seiner heutigen Gestalt; die lateinische Sprache scheint ihm für kleinere Knaben nur geeignet, sie denkträge zu machen. Die seltsamsten unter allen höhern Lehranstalten sind ihm die Realgymnasien, die, ursprünglich für Nichtstudierende geschaffen, gegenwärtig keinen höhern Ehrgeiz kennen, als Vorschulen für die Universität in möglichst ¶