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Die «Paradise Papers» beschäftigen auch die Briten. So spielen bei den Enthüllungen einmal mehr Steueroasen eine wichtige Rolle, die unter britischer Kontrolle sind – etwa die kleine Kanalinsel Isle of Man. Zudem soll selbst der britische Thronfolger Prinz Charles Geld offshore angelegt haben soll – auf den Bermudas.
SRF News: Wie fallen die Reaktionen auf diese Enthüllungen in Grossbritannien aus?
Henriette Engbersen: Wirklich überrascht ist hier niemand. Es ist auch nicht neu, dass die ehemaligen Kolonien Steueroasen sind. Für Schlagzeilen sorgte allerdings die Tatsache, dass auch die Queen und Prinz Charles Millionen in Offshore-Steueroasen investiert haben. Das ist zwar nicht illegal, aber an die beiden werden natürlich höhere moralische Anforderungen gestellt als an normale Briten. Deshalb ist die Empörung jetzt gross, es wird gefordert, das müsse aufhören. Die oppositionelle Labour-Partei verlangt, dass sich jeder entschuldigen solle, der Geld ausser Landes schaffe.
Auch die Briten stehen den Steueroasen also durchaus kritisch gegenüber?
Ja. Sogar die Regierung übt regelmässig Kritik an den Steueroasen. 2013 versprach der damalige Tory-Premier David Cameron, das Problem lösen zu wollen. Doch seither wurde praktisch nichts getan. Nun hat auch seine Nachfolgerin Theresa May bekräftigt, man sei daran, das Problem zu lösen. Es stellt sich die Frage, ob das Ganze eher ein Lippenbekenntnis ist, oder ob wirklich mit aller Dringlichkeit an dem Problem gearbeitet wird. Derzeit sieht es eher nach ersterem aus.
Über die Gouverneure könnte London auf die Kanalinseln durchaus Druck ausüben.
Gebiete wie die Isle of Man oder die britischen Jungferninseln gehören zwar nicht zu Grossbritannien. Weil sie zur britischen Krone gehören, könnte die Regierung diese Steueroasen jederzeit trockenlegen. Wie gross ist der Druck auf die Regierung, das zu tun?
Ganz so einfach ist es nicht, die Gesetze in diesen Gebieten zu ändern. Isle of Man hat eine eigene Regierung und ein eigenes Parlament – so wie auch die früheren Kolonien in Übersee. Neben dem lokal gewählten Regierungschef hat jedes dieser Gebiet aber auch einen von der britischen Regierung ernannten Gouverneur. Über ihn, der quasi die Queen repräsentiert, könnte zwar Druck ausgeübt werden. Allerdings sind die Meinungen darüber geteilt, ob das tatsächlich getan werden soll. Immerhin werden angesichts der neusten Enthüllungen die Stimmen hier in Grossbritannien immer lauter, die fordern, das Land müsse sich endlich für strengere Steuerkontrollen einsetzen.
Gibt es in Grossbritannien überhaupt noch Kreise, die sich für die Beibehaltung der Steueroasen ins Zeug legen?
Offiziell gibt es kaum jemanden. Es ist allerdings ein offenes Geheimnis, dass die Londoner Finanzwirtschaft und die dortigen Finanzverwalter vom Geschäft mit den Steueroasen profitieren – und sie haben gute Drähte in Parlaments- und Regierungskreise. Es gibt auch Finanzexperten, welche den Offshore-Gebieten eine legitime Rolle zugestehen: So könnten diese mit ihrer neutralen Gesetzgebung für geschäftliche Abkommen von Rechtsgebilden dienen, die anderswo nicht zustande kommen könnten.
Jede neue Enthüllung lässt hoffen, dass endlich etwas gegen die Steuerflucht gemacht wird.
Die Diskussion rund um die Steueroasen wird seit Jahren geführt, schon früher kam es zu Datenlecks, etwa durch die «Panama Papers». Konsequenzen wurden aber kaum gezogen. Wird die Diskussion auch diesmal versanden?
Die immer wieder neuen Enthüllungen führen dazu, dass das ganze Steuervermeidungsgebaren Schritt für Schritt ein Gesicht erhält und die Öffentlichkeit immer besser versteht, wie die einschlägigen Praktiken funktionieren. Jede neue Enthüllung lässt hoffen, dass endlich etwas gegen die Steuerflucht gemacht wird. Bekanntlich höhlt steter Tropfen ja den Stein.
Das Gespräch führte Roger Aebli.