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Wäre Einstein am 7. November 1919 in London aufgewacht, wäre er schon beim Frühstück berühmt gewesen. Denn an dem Tag berichteten die Londoner Zeitungen von den Messergebnissen eines Experiments der berühmten Royal Society. Sie hatten Einsteins Ideen seiner 1915 aufgestellten Allgemeinen Relativitätstheorie getestet und dafür eigens eine Expedition nach Afrika unternommen. Mithilfe einer von dort beobachtbaren Sonnenfinsternis wollten sie erkunden, was mit Licht passiert, wenn es sich an der Sonne vorbei bewegt. Würde es – wie von Einstein vorhergesagt – von seinem geradlinigen Weg abgelenkt? (siehe Video)
Eigentlich glaubten die Physiker weltweit, sie hätten seit den Zeiten von Isaac Newton längst verstanden, wie sich das Licht durch den Raum und an Gegenständen vorbei bewegt. Aber in den Jahren des Ersten Weltkriegs hatte Einstein die merkwürdige Vorstellung entwickelt, dass der Raum sein Aussehen ändert, wenn in ihm eine Masse oder Materie auftaucht. Einstein zufolge sollte die Geometrie eines Raumes keine gegebene Grösse sein, sondern durch Massen beeinflusst – konkret: gekrümmt – werden.
Um diese abenteuerlich wirkenden Gedanken zu prüfen, fassten die britischen Physiker die grösste Masse ins Auge, die für Menschen von der Erde aus erreichbar war: die Sonne. Als sich die Mitglieder der Royal Society am 6. November trafen, sorgte eine ausgeklügelte Regie dafür, dass das mit Spannung erwartete Ergebnis der Expedition feierlich vor der Büste von Newton verkündet wurde.
Ein neuer Gott neben Newton
Der symbolträchtig gewählte Ort spricht dafür, dass niemand damit rechnete, dass die äusserst merkwürdige Verbindung, die Einstein sich zwischen einer Masse und der Geometrie des Raumes ausgedacht hatte, wirklich besteht. Doch dann kam alles ganz anders: Die Expedition bestätigte die Vorhersagen seiner Theorie bis in kleinste Detail hinein, und zur allgemeinen Überraschung nicht nur der physikalischen, sondern der ganzen Welt musste die «London Times» in ihrer Ausgabe des 7. November 1919 am nächsten Morgen melden: «Revolution in der Wissenschaft – Neue Theorie des Universums – Newtons Gedanken umgestürzt».
Wie gesagt: Wäre Einstein an diesem Tag in der britischen Hauptstadt aufgewacht, wäre er jetzt schon berühmt gewesen. Aber der künftige «Mann des Jahrhunderts» lag damals in seinem Bett in Berlin, in der Stadt, in der er an einem Institut der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft arbeitete. Und in der deutschen Hauptstadt war die Nachricht noch nicht in den Redaktionen der Zeitungen oder den Köpfen der Redakteure angekommen.
Weltruhm für Einstein
Tatsächlich änderte sich am 7. November 1919 selbst nicht sehr viel in Einsteins Leben – vorerst blieb er so unbekannt wie bisher. Aber im Laufe des Monats nahmen die internationalen Zeitungen immer mehr Notiz von seinen kosmologisch relevanten Einsichten, und als das Jahr 1919 zu Ende ging, gab es kaum jemanden in den europäischen und amerikanischen Metropolen, der noch nicht von ihm und seinen Theorien gehört oder gelesen hatte und sich nun verzweifelt eine Raumkrümmung und ihre physikalischen Konsequenzen vorzustellen versuchte.
Verstanden haben sicher die wenigsten, was Einstein über Licht und Raum erfasst hatte, und dieser Tatbestand bringt uns zu dem Problem, wie der bescheidene Mann aus Ulm seine immense Popularität gewinnen und zu einer Pop-Ikone werden konnte, der man alles Mögliche zutraute, sogar ein Verhältnis mit Marilyn Monroe.
Uralte philosophische Fragen
Einsteins Popularität kann nicht nur damit zusammenhängen, dass (nahezu) niemand versteht, was er als Wissenschaftler zu sagen hat. Es muss auch damit zu tun haben, dass sich (fast) alle für das interessieren, was er erkundet hat.
Und dies kommt wahrscheinlich dadurch zustande, dass sich seine wissenschaftlichen Bemühungen nicht auf eher enge disziplinäre Fragen wie etwa der nach der elektrischen Leitfähigkeit von Metallen oder der Bewegung von Elektronen in einem Atom richten. Einstein erkundet vielmehr das Universum und erlaubt mit seiner Allgemeinen Relativitätstheorie von 1915 ernsthaft die grossen Fragen zu stellen.
Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Und wie wird alles enden? Das sind uralte und ewige philosophische Fragen der Menschheit. Und Einstein hat einige eigentümliche Besonderheiten über das Weltall herausgefunden, und zwar ohne Maschinen und Messungen, allein durch sein Nachdenken, was irgendwie sympathisch wirkte.
Gott spielt eine Rolle
Der Hinweis, dass bis heute (nahezu) niemand versteht, was Einstein sagt, müsste genauer lauten, dass (fast) niemand versteht, was er über Raumkrümmung, Gleichzeitigkeit und Lichtquanten sagt. Denn wenn sich Einstein seinem zweiten Lieblingsthema zuwendete und über Gott oder Götter sprach, dann versteht man bis heute sehr wohl, was er sagt (oder meint es auf jeden Fall).
Einstein antwortete nicht nur gern auf Fragen nach Gott, er machte auch sonst all den Blödsinn mit, den die Öffentlichkeit von ihm verlangtee, und da sein Äusseres auffällig war – er trug lange Haare und keine Socken – und uns seine Augen noch immer so gütig anschauen und sein Gesicht so freundlich lächelt, stellt er das nahezu ideale Objekt für die Medien dar, die seine Popularität garantieren oder zumindest befördern.
Eine Welt ohne Angst
Mir scheint, dass Einsteins dezidierte Sicht der kosmischen Welt zum Schluss schlicht das Herz der Menschen erreicht. In seinem Buch «Über die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie» stellte Einstein «die Möglichkeit einer endlichen und doch nicht begrenzten Welt» dar, in der wir Menschen leben. Es macht geometrisch sicher Mühe, sich einen solchen Kosmos vorzustellen, doch Einstein bietet uns mit diesem Gedanken eine höchst humane Welt. Was ist damit gemeint?
Der französische Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal hat einmal davon gesprochen, dass ein unendlich grosses Weltall mit seiner endlosen Leere ihm Angst mache, und sicher hat er vielen Menschen dabei aus der Seele gesprochen. Indem Einstein unsere kosmische Heimstätte als unbegrenzt erkannte, schaffte er Platz für das grundlegende Bedürfnis von Menschen nach Freiheit.
Er schenkt uns eine Welt, in der wir keine Angst vor einem unendlichen Nichts zu haben brauchen und in der wir uns frei bewegen können, ohne an Grenzen zu stossen, die nicht in uns selbst liegen. Einsteins Universum zeigt eine humane Welt, in der sich Menschen wohlfühlen können. Deshalb lieben wir ihren Schöpfer – auch wenn er uns die Zunge herausstreckt.
Ernst Peter Fischer
Der Physiker, Biologe und Wissenschaftshistoriker hat sich mit zahlreichen Biografien und Porträts berühmter Naturwissenschaftler einen Namen gemacht. Für seine publizistischen Leistungen wurde der 68-jährige Deutsche mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt erschien von ihm «Die Verzauberung der Welt. Eine andere Geschichte der Naturwissenschaften».