Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03216.jsonl.gz/83

«Das Leiden, das das brasilianische Volk durchmacht, ist unendlich grösser als jedes Verbrechen, das gegen mich begangen wurde», sagte der Ex-Präsident (2003-2011) am Mittwoch in einer im Fernsehen übertragenen Rede am Sitz der Metallarbeiter-Gewerkschaft in Sao Bernardo do Campo im Grossraum Sao Paulo. Es war jene Empathie eines Staatsoberhaupts, die Brasilien in rund einem Jahr Corona-Pandemie gefehlt hatte.
Der zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilte populäre linke Politiker war im November 2019 nach 580 Tagen vorläufig aus der Haft inder Stadt Curitiba entlassen worden. Ein Richter am Obersten Gerichtshof Brasiliens hatte die Urteile gegen Lula wegen Korruption am Montag aufgehoben. Damit bekommt der 75-Jährige seine politischen Rechte zurück und kann, falls alles so bleibt, auch wieder bei Wahlen antreten.
Die Aufmachung der Bühne erinnerte an einen Wahlkampf-Auftakt, Slogans wie «Impfstoff für alle und Soforthilfe jetzt» und «Gesundheit, Beschäftigung und Gerechtigkeit für Brasilien» gaben den Ton für eine mögliche Kampagne vor.
Lula versuchte nicht nur, sich bei seiner Position zum Umgang mit der Corona-Pandemie, von der Brasilien besonders betroffen ist, vom rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro zu distanzieren, sondern auch bei anderen Themen wie etwa Waffenbesitz. Auf eine Frage in der Pressekonferenz antwortete er, dass es früh sei, um an eine Kandidatur für die Wahl 2022 zu denken. Lulas Zurückhaltung mag auch damit zusammenhängen, dass die Generalstaatsanwaltschaft bereits angekündigt hat, Berufung gegen die Entscheidung des Richters einzulegen. In einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur zu seinem 75. Geburtstag hatte der Ex-Staatschef die Tür zu der Möglichkeit offen gelassen, bei der Präsidentenwahl noch einmal anzutreten - gegen Bolsonaro, dessen Administration er als «Regierung der Zerstörung» bezeichnete. 2018 war Lula von dem damaligen Richter und späteren Justizminister Sergio Moro in zweiter Instanz wegen Korruption und Geldwäsche zu zwölf Jahren und einem Monat Haft verurteilt worden. Deshalb konnte er trotz eines Vorsprungs in den Umfragen nicht an der folgenden Präsidentenwahl teilnehmen. Stattdessen zog der rechtspopulistische Jair Bolsonaro in den Präsidentenpalast ein. Richter Edson Fachin kam nun zu dem Schluss, dass das frühere Gericht in der Stadt Curitiba nicht zuständig war und verwies an die Justiz im Hauptstadtdistrikt Brasília. Die Vorwürfe gegen Lula stünden nicht direkt mit der Anti-Korruptionsoperation «Lava Jato» in Verbindung, so Fachin. Diese war in Curitiba konzentriert.