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«Träume bedeuten vielleicht ein hartes Stück Arbeit. Wenn wir versuchen, dem auszuweichen, können wir den Grund, warum wir zu träumen begannen, aus den Augen verlieren, und am Ende merken wir, dass der Traum gar nicht mehr uns gehört. Wenn wir einfach der Weisheit unseres Herzens folgen, wird die Zeit vielleicht dafür sorgen, dass wir unsere Bestimmung erfüllen. Gerade, wenn Du schon fast aufgeben willst, gerade, wenn Du glaubst, dass das Leben zu hart mit Dir umspringt, dann denk daran, wer Du bist. Denk an Deinen Traum.»
Ausschnitt aus «Der träumende Delfin» von Sergio Bambaren
Als kleines Mädchen wollte ich immer Delfin-Forscherin werden. Delfine sind bis heute meine absoluten Lieblingstiere. Ich wurde zwar keine Meeresbiologin, aber ich sah schon mehrfach frei lebende Delfine im Meer. Und ich durfte vor etwas mehr als einem Jahr mit frei lebenden Delfinen im Meer schwimmen - dieses Gefühl war unbeschreiblich schön und gibt mir noch heute sehr viel Kraft.
Mit drei Jahren begann ich Tennis zu spielen, ohne Druck, einfach aus Spass. Bald einmal wurde klar, dass ich grosses Talent habe. So wurde ich zuerst ins Regionalkader aufgenommen, ehe ich es ins Nationalkader von Swiss Tennis geschafft habe. Damals, zwischen meinem sechsten und vierzehnten Lebensjahr, gab es nur Schule und Tennis. Zeit für Freunde ausserhalb der Tenniswelt gab es nicht. Um im Schweizer Kader bleiben zu können, musste ich eine gewisse Anzahl Turniere pro Saison spielen, und auch eine gewisse Anzahl Siege musste ich vorweisen. Erfüllte man diese Vorgaben nicht, wurde man aussortiert.
Ich hatte jeden Tag Training und an den Wochenenden waren Turniere an der Tagesordnung. Ich kannte es nicht anders, deshalb war das für mich normal. Man muss sehr viel Selbstdisziplin haben, in meinem Fall vor allem, was das Konditionstraining betraf. Und man musste auf sehr viele Dinge verzichten.
Je älter ich wurde, desto besser war mein Tennis. Mein grösstes Ziel war es, in der WTA-Tour Fuss zu fassen und in die Fussstapfen von Martina Hingis zu treten. Ich war auf einem sehr guten Weg, ehe mich das Pfeiffersche Drüsenfieber mit 12 Jahren aus der Bahn warf. Fast ein ganzes Jahr kein Training. Den Anschluss nicht zu verlieren war fast unmöglich.
Ich habe es noch einmal versucht, habe gekämpft, aber die verlorene Zeit konnte ich nicht wieder aufholen. Den Traum, professionelles Tennis zu spielen, musste ich aufgeben. Ich haderte lange mit mir selbst, mit dem Schicksal, ich war am Boden zerstört.
Es war meine erste Erfahrung mit einer Niederlage im «echten» Leben. Dieses Gefühl, wenn man sein Ziel nicht erreicht, obwohl man nichts unversucht lässt, ist nicht schön. Leider stellte es sich nur wenige Jahre später heraus, dass dieses Gefühl zum Alltag werden würde.
Mein schlechtes Gewissen gegenüber meiner Familie war unendlich gross. Über all diese Jahre mit dem Tennis stand mir meine Familie bei, sie haben mir den Rücken gestärkt. Diese Solidarität war unbeschreiblich. Meine Grosseltern haben Unmengen von Geld bezahlt, damit ich eine top Ausrüstung und einen super Coach hatte. Meine Eltern waren, wenn immer möglich, bei den Turnieren anwesend. Sie haben auch die meisten Turnierkosten getragen. Mein Bruder stand auch immer hinter mir und war sehr stolz, obwohl er oft zu kurz kam.
Und jetzt? Jetzt ist es wie ein völliges Tabu. Nie, oder nur selten. kommt meine Tennis-Vergangenheit zur Sprache. Klar, es sind schöne Erinnerungen und ich bin unendlich dankbar für diesen Abschnitt in meinem Leben. Im Sport habe ich gelernt zu kämpfen, das hilft mir in meiner jetzigen Situation sehr. Aber diese Luana von früher, die gibt es nicht mehr. Und es macht unglaublich fest weh, wenn ich an diese unbeschwerten Zeiten zurück denke. Das sind die Gründe. Deshalb sprechen wir so gut wie nie über diese Zeit.
Profi-Tennis, der Gedanke war Geschichte. Trotzdem ging das Leben weiter. Ich habe in der 2. Liga Fussball gespielt und war im Tennis zumindest in einer Interclub Mannschaft aktiv. Ich wurde älter - und neue Träume und Wünsche sind entstanden.
Ein Ereignis, das ich mit 14 Jahren erlebte, warf ich mich derart aus der Bahn, dass ich mich immer mehr mit der Psyche des Menschen auseinandergesetzt habe. Der Psychologieunterricht in der FMS verstärkte die Faszination Psyche. Schliesslich wurde mein langjähriger Psychiater mein grosses Vorbild. Ich war mir ganz sicher: Ich werde Psychologin und mache eine Weiterbildung zur Psychotherapeutin.
Das war mein grosses Ziel, das war mein grösster Berufswunsch. Ich machte alles Menschenmögliche, doch ein Puzzleteil passte einfach nicht ins Bild. Weil Gott, das Schicksal oder schlicht das Leben, hatte andere Pläne mit mir.
Ein halbes Jahr vor den Abschlussprüfungen bekam ich die Diagnose MS. Ich hatte immer wieder schwere Schübe, unzählige Kortison Stosstherapien, viele Therapien mit Plasmapherese. Lange Reha-Aufenthalte waren die Folgen. Da ich so viel im Unterricht gefehlt hatte, musste ich immer wieder in eine neue Klasse versetzt werden. Ich wollte diesen Abschluss aber so sehr, dass ich vieles in Kauf genommen habe.
Die Abschlussarbeit habe ich damals noch in der Reha fertiggestellt. Die Fachmittelschule (FMS) Thun Seefeld, rund um Ruedi Perren, hat wirklich alles versucht, damit ich die Schule beenden konnte. Ich spürte eine extrem grosse Solidarität seitens der Lehrer und der SchülerInnen. Ohne diese Unterstützung hätte ich schon viel früher alles aufgegeben.
Aber auch wenn ich mein Bestes gab, diesen innigen Wunsch, dieses grosse Ziel, habe ich leider bis heute nicht erreicht. Wieder ein Nackenschlag. Ein heftiger. Denn realistisch gesehen habe ich absolut keine Chancen mehr, ein Psychologie-Studium zu absolvieren. Aber Träume, Wünsche und Ziele sollte man nie ganz gehen lassen...
Natürlich wünsche ich mir auch eine Beziehung oder eine Reise nach Australien zu meinem Onkel. Letzteres kann man mehr beeinflussen. Weil, wenn man sehr stark übergewichtig ist, im Rollstuhl sitzt, eine Augenklappe trägt und inkontinent ist, dann schwinden die Chancen auf eine feste Beziehung schon sehr stark. Leider.
Ich liebe Kinder und hätte unbeschreiblich gerne eigene Kinder gehabt. Ich musste mir aber vor gut einem Jahr die Gebärmutter entfernen lassen. Wie viele zerplatzte Wünsche und Ziele kann ein Mensch verkraften? Ich weiss es auch nicht...
Auch wenn Sie persönlich bestimmte Träume und Wünsche aufgeben müssen, es kommen immer neue nach. Träume und Ziele zu haben, die sich erfüllen, das ist sehr wichtig. Aber noch wichtiger ist es, überhaupt Träume und Ziele zu haben. Das hält uns am Leben und diese Träume und Ziele kann uns auch keiner nehmen - auch nicht die Multiple Sklerose!
Ja, es stimmt. Ich musste das Tennis aufgeben. Aber wissen Sie: Ich habe als Jugendliche gegen Belinda Bencic gespielt und gewonnen, die aktuelle Nummer 12 der Tennis-Welt.
Manchmal muss man die Dinge nur aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Denn: «Wenn du heute aufgibst, wirst du nie wissen, ob du es morgen geschafft hättest.»
Luana