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Med in Switzerland #None February 2001
Böses Blut
Der Handel mit Blutprodukten aus Afrika
Aidsviren, Hepatitis, Bakterien - jahrelang wurden verseuchte Blutprodukte aus Afrika von Pharma-Dealern weltweit verschoben. Opfer des Handels: bis zu 30 000 Menschen. Und einer der ehrenwerten Dealer betreibt von Zürich aus weiterhin seine Geschäfte.
Vija Sai** ist 46 Jahre alt. Bis vor drei Jahren war er ein erfolgreicher Geschäftsmann, Eigentümer von drei kleinen Fabriken für Zubehör von Landwirtschaftsmaschinen in Hyderabad. Sein Leben änderte sich am 7. August 1997. "Ich fühlte mich schon seit Tagen unwohl. Weil meine Frau mich drängte, sind wir dann ins Krankenhaus gegangen." Dem Patienten wurde eine Nadel in die Armbeuge gesteckt. Eine Flüssigkeit sickerte in seine Vene. "Schon nach wenigen Minuten kribbelte es wie wahnsinnig." Sai riss sich den Schlauch aus dem Arm. Er bekam Schüttelfrost und wurde ohnmächtig. Es dauerte zehn Stunden, bis die Ärzte seinen Zustand wieder stabilisieren konnten. Eine Woche später verliess Vija Sai das Hospital als kranker Mann. Er musste seine Fabriken verkaufen und seine Frau den Schmuck. Bald werden seine Kinder ihn versorgen müssen.
Im Frühjahr 2000 stiess Vija Sai im lokalen "Deccan Chronicle" auf einen Artikel über einen skandalösen globalen Blutdeal: Unter dem Handelsnamen "Albupan" bot die indische Firma Panacea Biotech in den 90er Jahren Albuminpräparate an. Albumin ist ein Blutbestandteil. Als Medikament wird es Patienten zur Stabilisierung des Kreislaufes verabreicht - ein wichtiges Standardmedikament. "Als ich das las, machte es klick", sagt Vija Sai. "Albupan, das kann ich beschwören, so hiess das Zeug, das sie mir damals injiziert haben."
Die Probleme mit dem Medikament waren unter den Ärzten in Hyderabad bekannt. Der Leberspezialist Dr. C. M. Habibulla vom Gandhi Hospital berichtet offen darüber, denn er ist inzwischen pensioniert. "Ja, es stimmt: Wir hatten ernste Komplikationen mit dem Albupan. Da sind viele, viele gestorben." Doch Panacea war nicht der Hersteller. Auf den Etiketten der 100-ml-Fläschchen stand: "Herstellung: Albovina GmbH, Austria und Vetrieb excl. Albugam AG, Switzerland".
Bluthandel ist ein globales Geschäft. Mit dem roten Gold wird nicht anders verfahren als mit anderen Waren: Der Rohstoff wird in den armen Ländern gewonnen. Die reichen Industrienationen verarbeiten den Stoff und verkaufen das Fertigprodukt teuer weiter. Das Blutplasma, Grundstoff für das Medikament, das Vija Sai in die Venen injiziert wurde, hatte eine lange Reise hinter sich. Eine beginnt in Simbabwe, beim "National Blood Transfusion Service" (NBTS), bei risikoarmen Spendern, aber auch bei Prostituierten. Von dort aus führt sie über Südafrika, die Schweiz und Österreich nach Indien. Hunderte Patienten wurden allein in Hyderabad mit dem gefährlichen Präparat behandelt. Auf den gesamten indischen Subkontinent wurden mindestens 47 000 Portionen des Unheilmittels geliefert. Doch Indien war nur ein Empfängerland unter vielen. Es wird niemals zweifelsfrei geklärt werden, wie viele Patienten bei diesem globalen Blut-Deal tatsächlich geschädigt wurden. Der Zeitschrift "Stern" liegen jedoch Firmendokumente vor, aus denen hervorgeht, dass aus dem Blutplasma mit dubioser Herkunft mindestens eine Tonne Albumin hergestellt wurde. Danach wurde es in etwa 80 000 Medikamentenfläschchen abgefüllt und verkauft. "Jede einzelne Einheit stellt ein extremes gesundheitliches Risiko für den Empfänger dar", sagt Gottfried Kollmann, ein international anerkannter Experte für Blutmedikamente.
Weder den Wächtern der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf noch den Beamten der Gesundheitsbehörden in den beteiligten Ländern Europas ist je etwas aufgefallen. Denn Opfer sind bislang nur in Ländern zu beklagen, in denen Patienten sich nicht gegen Pharmakonzerne wehren können, in denen Klagen gegen Ärzte hoffnungslos oder gar nicht zugelassen sind und wo amtliche Medikamentenkontrollen schwach oder nicht existent sind. Von Anfang an haben die Täter diese Schwächen eventuell Geschädigter einkalkuliert und ausgenutzt. Der Weg des Blutes folgt exakt den Schwachstellen bei den Kontrollen einzelner Länder.
Wer sind die Blutschieber? Sie haben untereinander ein Netz geknüpft zwischen den Villenvierteln der Welt. Sie bedienen sich nicht nur aus dem südlichen Afrika, sondern nutzen alle dubiosen Blutquellen, die zweifelhafte Ware zu Billigpreisen auf den Markt werfen: Altbestände oder Plasma, das von renommierten Abnehmern bereits abgelehnt wurde. Für das Albupan-Geschäft hat sich ein eingespieltes Team zusammengefunden: Mike Archer aus Durban in Südafrika beschaffte das Rohmaterial. Ihm gehören diverse Firmen in Südafrika. Wolf Brandenberger aus Zürich und der Amerikaner Joe Schulmann übernahmen den weltweiten Verkauf. Brandenbergers erste Firma trägt seinen Namen: "Wolf Brandenberger Resources AG" (WBAG Resources), die zweite heisst "Albugam AG". Das Unternehmen "Albovina GmbH" von Franz Dachs aus Gallneukirchen bei Linz, Österreich, übernahm die Weiterverarbeitung des Plasmas. Seit Jahrzehnten kannten sich die vier und arbeiteten in unterschiedlichen Konstellationen und mit wechselnden Firmennamen hin und wieder zusammen. Alle vier waren in der Blutbranche berüchtigt.
Wäre im Albupan-Deal alles mit rechten Dingen zugegangen, hätte dem Blutplasma eine umfangreiche Dokumentation mit allen Spendernachweisen und allen Testergebnissen beiliegen müssen - Unklarheiten ausgeschlossen. Doch die erforderlichen Papiere fehlten den Blutschiebern natürlich. Darum mussten sie die Dokumente im Nachhinein anfertigen, in Teamarbeit und mit viel Fantasie. Weil keiner so genau wusste, wie ordnungsgemässe Unterlagen auszusehen haben, hatten sie einander viel zu faxen. Wie beispielsweise im Frühjahr 1995:
8. Februar 95, die Sekretärin von Dachs an die Sekretärin von Brandenberger: "Kannst Du mir bitte den Namen für den Kontrolleur aus Südafrika geben! Ich muss ca. 200 Seiten damit beschriften!!!!!"
18. Mai 95, Mike Archer an die Sekretärin von Brandenberger: "Bitte sende mir einen Entwurf der Informationen, die Ihr für das Ursprungszertifikat benötigt. Wir werden einen Weg finden, der weder WBAG (Brandenberger) noch Montpelier (Archer) kompromittiert."
Mit fingierten Unterschriften der Qualitätskontrolleure und etwas Handarbeit sahen die Dokumente echt aus. Und ab ging die Post. Insgesamt etwa 80 000 Portionen Gift hat die Bande ehrenwerter Pharma-Unternehmer in alle Welt verkauft. Der Schwindel lief problemlos. Selbst dem Büro für Blutsicherheit der WHO in Genf fiel nie etwas auf. Das Business von Archer, Dachs, Schulman und Brandenberger wäre noch ewig so weiter- gelaufen, wäre nicht der österreichische Partner Konkurs gegangen. Ein ahnungsloser Gesellschafter und der neue technische Leiter der Albovina stiessen auf die Unterlagen zum Blutdeal und meldeten ihren Fund dem Wiener Gesundheitsministerium. Am 19. Dezember 1996 durchsuchten Bundesbeamte die Räume der Albovina und das Kühlhaus im Zollfreilager.
"Was wir da fanden, verschlug uns den Atem", erzählt der zuständige Ministerialrat. "Fünf-Liter-Plastikkanister. Die Verpackungen waren bedeckt mit gefrorenen Plasmakrusten." Jemand musste geschlabbert haben. Das Zeug wurde aufgetaut und von dem Sachverständigen Gerhard Beck vom Bundesinstitut für Arzneimittel untersucht. In seinem Bericht schrieb er: "Es stank wie tote Hunde." Er stellte fest, "dass die Behälter für Transporte ungeeignet und ungenügend verschlossen waren, sowie mikrobakterielle Verunreinigung und Plasmapräzipitate als Indiz für eine nachhaltige Unterbrechung der Kühlkette". Im Klartext: Der Stoff, aus dem Dachs Medikamente machen lassen wollte, hatte begonnen zu verwesen. Ausserdem fanden die Wissenschaftler in der Brühe Hepatitis- und Aidsviren. Das volle Programm. Mehr geht nicht. Gerhard Beck empfahl "das Material unter Sicherheitsvorkehrungen zur Vernichtung zu überweisen". Sondermüll.
Seitdem, seit Ende 1996, versuchen die österreichischen Behörden den Skandal vollständig aufzuklären. Doch die bis zu 30 000 möglichen Opfer (Schätzung des Experten Kollmann) sind keine Österreicher, nach dem derzeitigen Erkenntnisstand gehören auch keine EU-Bürger dazu. Die zuständige Staatsanwaltschaft in Linz beauftragte die örtliche Gendarmerie des 6000-Seelen-Städtchens Gallneukirchen mit den Ermittlungen. "Unsere Dorfsheriffs knien sich da wirklich voll rein", sagt der Gesellschafter der Albovina. "Aber die haben natürlich von der ganzen Materie wenig Ahnung. Das hat erst mal ein Jahr gedauert, bis die kapiert haben, worum es überhaupt geht." So wurde dem Inder Vija Sai das krankmachende Medikament noch acht Monate nach Entdeckung des Skandals injiziert.
Natürlich sind die "Dorfsheriffs" nie nach Indien gereist, um dort nach den Opfern zu suchen. Doch ohne Opfer können Dachs oder Brandenberger allenfalls wegen Allgemeingefährdung oder Übertragung ansteckender Krankheiten angeklagt werden. Die Recherchen des "Stern" in Hyderabad haben das Verfahren verändert. Wolf Brandenberger bestreitet zwar alle Vorwürfe. Dennoch kam er ins Gefängnis. Aber nur für eine Nacht, vom 24. auf den 25. November 1999. Währenddessen durchsuchten Schweizer Zöllner sowie Beamte der Heilmittelkontrolle des Kantons Zürich sein Büro und sein Haus. Sie beschlagnahmten Hunderte Schriftstücke. Ob Brandenberger belastendes Material über das Afrika-Blut drei Jahre nachdem Franz Dachs aufgeflogen war, noch immer brav für den Staatsanwalt aufbewahrt hat, ist bislang nicht bekannt.
Rico Carisch und Walter Wüllenweber recherchierten für die deutsche Zeitschrift "Stern", die den Skandal in ihrer Ausgabe vom 26. Oktober 2000 aufdeckte (Internet www.stern.de). Gekürzte Fassung mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autoren.
**Name geändert.