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Der SCB befindet sich als Titelverteidiger in der gleichen kritischen Situation wie im Spätherbst 2013. Ein Blick zurück gibt Anlass zu grösster Sorge – und ebenso zu Hoffnung.
Nehmen wir an, im Sommer hätte jemand in vollem Ernst folgendes behauptet: Gottéron wird am 29. Oktober in Bern mit Sportchef Christian Dubé an der Bande und Sean Simpson als Assistent 2:1 gegen einen SCB mit zwei ausländischen Verteidigern gewinnen. Der SCB hat nach dieser Niederlage gleich viele Punkte wie die Lakers und rutscht aus den Playoff-Rängen.
Was wäre die Reaktion gewesen? Die Frage, ob der Chronist getrocknete Pilze geraucht habe. Aber die Wirklichkeit kann in unserer Liga selbst mit einer von gerauchten Pilzen befeuerten Fantasie mithalten.
Gottéron hat soeben mit Christian Dubé an der Bande und Sean Simpson als Assistent einen SCB mit zwei ausländischen Verteidigern besiegt. Punktgleich mit den Lakers sind die Berner auf Platz 9 getaucht.
Der SCB steckt in der gleichen kritischen Lage wie vor sechs Jahren im Spätherbst 2013.
Der Blick zurück: Die Berner werden 2013 unter dem finnischen Trainer Antti Törmänen (heute Biel) Meister. Im Spätherbst 2013 steht der Titelverteidiger nach 17 Runden mit 21 Punkten auf dem 8. Platz. Am Ende der Saison ist der SCB der erste Titelverteidiger der Geschichte, der die Playoffs verpasst.
Die Lage heute: Der SCB wird 2019 unter dem finnischen Trainer Kari Jalonen Meister. Im Spätherbst 2019 steht der Titelverteidiger nach 17 Runden mit 21 Punkten auf dem 9. Platz.
Kein Polemiker und schon gar kein Schelm, wer fragt: Endet es wieder so wie damals in der Saison 2013/14?
Antti Törmänen wird am 22. November 2013 nach einer 1:4-Heimniederlage gegen Biel gefeuert und erst durch Lars Leuenberger und dann Guy Boucher ersetzt. Der SCB hat zum Zeitpunkt des Trainerwechsels 29 Punkte aus 21 Spielen. Am Ende reichen 70 Punkte nicht für die Playoffs.
Können wir aus der Geschichte lernen? Wiederholt sich die Geschichte?
Biels international hoch geachteter Chefscout Thomas Roost, kein Mann der Polemik, hat kürzlich geschrieben: «Der Produktelebenszyklus des Jalonen-SCB scheint in der Grauzone zwischen Sättigung und Verfall angekommen zu sein.»
Da ist in einem Satz alles gesagt. Der Chronist würde es nicht wagen, so schmerzhaft Klartext zu reden. Aber er zitiert natürlich diese Aussage gerne. Zumal Thomas Roost einst auch erfolgreich für den SCB gearbeitet hat.
Kari Jalonens Vertrag ist kürzlich bis zum Ende der nächsten Saison verlängert worden. In einem Stadium, in dem seine Amtszeit «in der Grauzone zwischen Sättigung und Verfall angekommen ist».
In Normalfall ist die Zeit des SCB-Meistertrainers also abgelaufen. Die Frage wäre nicht mehr, ob er entlassen wird, sondern nur noch wann. Wie gesagt: im Normalfall. Dann würde sich die Geschichte tatsächlich wiederholen und so enden wie in der Saison 2013/14: mit dem Verpassen der Playoffs.
So wie der unglücklich Verliebte jede Regung seiner Angebeteten als Zeichen der Liebe deutet, so sucht der Optimist jetzt beim SCB nach Anzeichen, dass die aktuelle Situation nicht so ist wie im Spätherbst 2013.
Wir finden nach der kläglichen 1:2-Heimniederlage gegen Gottéron keine solchen Anzeichen. Es war kein grosses, aber ein tapferes Gottéron. Und Torhüter Reto Berra hatte entschieden, nach dem vermeidbaren Anschlusstreffer zum 1:2 kein Lottergoalie zu sein und keinen Treffer mehr zuzulassen. Das reichte.
Das ausländische SCB-Personal ist heute schwächer als 2013. Hätte der Chronist nicht allergrössten Respekt vor Sportchef Alex Chatelain, dann würde er nach dieser Pleite gegen Gottéron über die zwei famosen ausländischen SCB-Verteidiger Miika Koivisto und Andrew Mac Donald sagen: Lolek und Bolek machen Hockey-Verteidigung.
Niklas Schlegel, die aktuelle Nummer 1, ist weniger erfahren und weniger gut als damals Marco Bührer, der die Saison immerhin mit einer soliden Fangquote von 91,60 Prozent ehrenvoll beendete. Niklas Schlegel steht jetzt bei 90,71 Prozent. Tendenz sinkend.
Der SCB, letzte Saison die defensiv stabilste Mannschaft der Liga (nur 99 Gegentore in der Qualifikation) hat inzwischen die miserabelste Verteidigung überhaupt und ist lange vor «Halbzeit» schon bei 55 Gegentreffern angelangt. Noch nie seit Einführung der Playoffs war der SCB zu einem so späten Zeitpunkt der Saison die defensiv schwächste Mannschaft der Liga.
Und doch gibt einen grossen Unterschied zum Spätherbst 2013. Damals war sich die SCB-Führung der Krise sehr wohl bewusst. Zwar hatten die Berner ein paar Monate zuvor den Titel geholt. Aber die Arroganz und die Selbstüberschätzung hatten bei weitem nicht das gleiche Ausmass wie heute nach drei Qualifikationssiegen und drei Titeln in vier Jahren.
Wieder einmal zeigt sich: Nichts ist im Teamsport so schwierig zu verkraften wie eine langanhaltende Phase des Erfolges.
SCB-Manager und -Mitbesitzer Marc Lüthi und sein Sportchef Sven Leuenberger waren sich damals bewusst, dass sie ein Trainerproblem hatten. Sie brachten den Mut auf, alles zu hinterfragen und den Trainer zu wechseln.
Die schwere Krise der Saison 2013/14 führte schliesslich zu einer tiefgreifenden Reform. Zwar reichte es nicht mehr für die Playoffs. Aber nachdem auch der Irrtum Guy Boucher korrigiert worden war, wurden in diesen turbulenten Zeiten die Steine gelegt für das Fundament des Ruhmes mit den drei Titeln von 2016, 2017 und 2019.
Heute ist der SCB im Inneren erstarrt («Reformstau») und ein schonungsloses Hinterfragen ist unmöglich geworden. Das Wort «Trainerproblem» gibt es nicht. Weil es dieses Wort nicht geben darf. Schliesslich ist der Vertrag mit Kari Jalonen soeben bis zum Ende der nächsten Saison verlängert worden. Anders als vor sechs Jahren ist der SCB nicht mehr reformierbar. Die Zeit steht still.
Im Spätherbst 2013 waren die SCB-Generäle längst vom hohen Ross gestiegen. Im Spätherbst 2019 haben sie das hohe Ross gerade richtig gesattelt.
Was passiert, wenn nun jemand behauptet, es gebe gar keine Krise? Der SCB werde mit Kari Jalonen gerade noch auf Rang 8 die Playoffs erreichen, in der ersten Runde die ZSC Lions eliminieren und schliesslich unter der Regie des überragenden Verteidigungsministers Andrew Mac Donald den Titel verteidigen?
Dann wird gefragt, ob getrocknete Pilze in der Tabakpfeife waren.
Alle Hoffnungen ruhen nun auf Kari Jalonen. Dass er Qualifikationssieger und Meister kann, hat er in Bern eindrücklich bewiesen.
Im Normalfall würde er scheitern wie Antti Törmänen 2013. Aber Kari Jalonen ist, wie schon gesagt, kein Normalfall. Kari kann Krise und die Wirklichkeit übertrifft nicht nur in diesen Tagen, sondern auch im nächsten Frühjahr die Fantasie – das ist die letzte Hoffnung von Marc Lüthi.
Vielleicht gibt es ja schon am nächsten Samstag mit einem Sieg gegen Zug einen ersten Lichtblick. Aber nur vielleicht.
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