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Die religiöse Menschheitsgeschichte beginnt im Paradies. Im Koran ist die Geschichte an mehreren Orten nachzulesen (2/30-39, 7/10-27, 20/115-123). Aus dieser Geschichte kann man eine ganze Menge lesen; heute möchte ich mich auf den Aspekt der Verführung konzentrieren.
Es ist fast nicht nachvollziehbar: Da leben die ersten Menschen im Überfluss des Paradieses und lassen sich dazu verleiten, die einzige Einschränkung zu übertreten. Nur ein Baum war verboten! Und nicht genug damit: das, was Satan im Gegenzug versprach, besassen sie bereits. Ewiges Leben erhalten, Engel werden und ein Königreich besitzen, das nie vergeht, war das Angebot Satans für den Ungehorsam. Doch die ersten Menschen hatten bereits das ewige Leben. Sie waren noch geehrter als die Engel, denn diese mussten sich vor ihnen verneigen (nicht im Sinne von Anbetung, sondern aus Respekt gegenüber Gottes besonderer Schöpfung). Das Paradies war schöner und besser und ebenso ewig wie das versprochene Königreich. Da stellt sich doch die Frage, warum Adam und Eva auf dieses unvorteilhafte, unnütze Angebot hereingefallen sind. – Ein Erklärungsansatz wäre ihr unschuldiger Zustand: Sie hatten keinen Vergleich, weil sie nur das Paradies kannten und im Paradies alles gut war. Sie waren sich auch ihres Status' nicht bewusst. Ihr Bewusstsein von dem, was sie waren und was sie hatten, war nicht gleich entwickelt wie das von den späteren Menschen auf der Erde, welche an diesem Ort der Gegensätze wie Gut und Böse, nass und trocken, heiss und kalt, hell und dunkel Vergleiche ziehen und die Zustände als solche erkennen und dann benennen konnten. Genau dies könnte auch der Grund sein, weshalb Gott von Anfang an geplant hatte, die Menschen auf der Erde einzusetzen, und zwar in einer ehrenwerten Anstellung: Und als dein Herr zu den Engeln sprach: «Wahrlich, Ich werde auf der Erde einen Khalifen (Verwalter) einsetzen…» (2/30)
Mit dieser Aufgabe betraut, und mit einem Körper ausgestattet, welcher die Gegensätze auch be-greifen kann, also Wohlbefinden oder Schmerz, Hunger, Durst und Müdigkeit fühlen kann, lernte der Mensch auf dieser Erde sehr viel, auch über sich selber. Nach Tausenden von Jahren müssten wir also gefeit sein gegen solche Verführungen – würde man denken. Sie ahnen es sicher schon: jetzt kommt die Werbung! Es ist unglaublich, dass die alte Masche immer noch zieht. Den Menschen, die in unserer Wohlstandsgesellschaft schon alles haben, wird suggeriert, dass sie noch mehr haben müssten, um … ja, wozu eigentlich?Da gibt es eine ganze Menge: Ein spezielles Shampoo, damit die Haare noch mehr glänzen, wachsen oder duften. Hunderte von Pülverchen, Tabletten und Ampullen, um schön und leistungsfähig zu bleiben. Getränke, die einen cool machen, Parfüms, die verführen, Suppen, Getränke und Tabletten, um abzunehmen, Süssigkeiten, die einen in den Augen der Kinder zur Mutter des Jahres machen, Prestigegegenstände, die einem den Neid der Nachbarn sichern… etc. Um was zu erreichen? – Glücklich zu sein! Das ist zumindest die Botschaft der Werbung. Immer sind diejenigen, welche die Produkte benutzen, beschwingt, erfolgreich und umgeben von wohlwollenden Mitmenschen. Tatsache ist, wir fallen immer wieder darauf herein, lassen uns gerne schöne Versprechungen machen und hoffen, dass sie wider die Vernunft wahr sind. Offensichtlich haben wir noch nicht genug dazugelernt … Deshalb ist es Zeit, dass wir uns mit unserem Antrieb auseinandersetzen, welcher die Grundlage ist, dass diese Mechanismen überhaupt greifen können. Im Koran steht: "Die Menschen sind auf Habsucht eingestellt … " (4/128) und "Das Streben nach Mehr lenkt euch solange ab, bis ihr die Gräber besucht." (102/1-2).
Das Fatale ist, dass wir unsere Habsucht oft nicht als solche erkennen, sondern das Streben nach Mehr mit einem Streben nach Glück verwechseln. Wir verbinden so unsere Habsucht mit glücklich sein. Glücklich zu sein ist ein legitimer Wunsch. Genügend zu besitzen, um ein ausgewogenes, menschenwürdiges Leben zu führen, ebenso. Aber nicht jedes Glück kann durch Besitz erreicht werden. Wenn wir diese beiden Dinge voneinander abhängig machen, werden wir unglücklich. Die heutige ungleiche globale Verteilung, das Nord-Süd-Gefälle, die Kriege und Flüchtlinge sind Folgen, die wir direkt beobachten können. Gott warnt uns im Koran: O Kinder Adams, lasst Satan euch nicht verführen, so wie er eure Eltern aus dem Garten vertrieb... (7/27).
Die eigene Habsucht als solche zu erkennen und einzuschränken, sollte auch im wirtschaftlichen und sozialen Bereich dazu führen, verantwortlich und ethisch zu handeln, mit anderen Worten, gute Werke zu tun.
Da unser Schöpfer uns gut kennt, verspricht Er uns als Motivation die Rückkehr ins Paradies, wenn wir uns an Seine Anweisungen halten: Diejenigen aber, die glauben und gute Werke tun, werden die Bewohner des Paradieses sein. Darin werden sie ewig bleiben. (2/82)
Diese Aussichten ermöglichen gläubigen Menschen die Gelassenheit, nicht alles immer im Hier und Jetzt möglichst sofort besitzen zu wollen.