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«Ein Wagnis im Namen Gottes»
19. August 2022
Die Diakonie Bethanien in Zürich feierte diesen Sommer ihr 111-jähriges Bestehen. Dass ihre Segensspuren weit über die Schweiz hinaus reichen, daran erinnert Christina Cekov aus Nord-Mazedonien in einer kürzlich publizierten Broschüre über das «Betania» in Novi Sad (Serbien).
«Ein Wagnis im Namen Gottes» lautet der Untertitel der von Christina Cekov zusammengestellten Broschüre. Auf 30 Seiten zeichnet sie darin nach, wie die Arbeit in Novi Sad entstanden war und welche Wirkung das «kleine, bescheidene Patenkind des grossen Bethanien in Zürich» hatte.
«Angewandtes Christentum»
1929 schrieb der für die damalige methodistische Arbeit in Serbien zuständige «Missions-Superintendent» Johannes Jacob: «Soziales Werk ist angewandtes Christentum. Wer meint, er könne heute bloss das Evangelium predigen, ohne auch zur Linderung der Not und des Elends der Menschen beizutragen, der ist offenbar im Irrtum. Jesus half jedermann, der zu Ihm kam und auch heute noch will Er helfen in aller Not. Darum darf ich auch diese Konferenz bitten, eine grössere Aufmerksamkeit der sozialen Arbeit zu schenken.»
Gegen den Trend
Anfang des 20. Jahrhunderts lag der Fokus der kirchlichen Arbeit der Methodist:innen in Serbien vor allem auf der Evangelisation. Sozialdiakonische Aktivitäten hatten eine untergeordnete Priorität. Erst Dr. Samuel Irwin, Superintendent der Bischöflichen Methodistenkirche in Jugoslawien von 1919 bis 1924, und später auch der bereits genannte Superintendent Jacob steuerten diesem Trend entgegen, indem sie zusammen mit anderen Pastoren und Laien diverse sozialdiakonische Projekte realisierten.
Ein «Töchterinstitut» entsteht
1920 kaufte die weltweite Missionsbehörde der Bischöflichen Methodistenkirche in Serbien ein stattliches Gebäude mit einem grossen Grundstück. Dieses Gebäude diente zunächst als Zuhause für Superintendent Irwin, der 1921 zusammen mit seiner Frau in einem Nebengebäude eine Unterkunft für Mädchen aus benachteiligten Familien, das sogenannte «Töchterinstitut», einrichtete.
Wissen und Werte
Kurz danach wurde ausserdem eine Schule eröffnet, in der Mädchen aus der ganzen Stadt neben den Regelfächern einer normalen Mittelschule zum Beispiel Fremdsprachen, Religionskunde, Haushaltsführung und Krankenpflege erlernen konnten. Gleichzeitig wurde ihnen auch eine klare christliche Lebensauffassung vermittelt. 1929 aber musste die Schule ihre Pforten schliessen, da sie in finanziellen Schwierigkeiten geraten war. Nur das Mädchenpensionat für Mädchen, die die städtischen Schulen besuchten, blieb weiterhin bestehen.
Unter der Leitung von Diakonissen
Nachdem die Jährliche Konferenz (Synode) entschieden hatte, ein Diakonissenwerk in der ehemaligen Schule zu gründen, wurde das Gebäude 1932 an acht Diakonissen übergeben, die das immer noch bestehende Mädchenpensionat weiterführten. Die Leitung der Schwesternschaft oblag Sr. Luise Simon, die einige Zeit zuvor im Diakonissenhaus Bethanien in Zürich eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert hatte.
Umbau zu einem Sanatorium
1934 erhielten sie und der damalige Superintendent von der Jährlichen Konferenz den Auftrag, das Gebäude in ein Sanatorium umzuwandeln. Der Bethanienverein in Zürich entschied sich auf Anfrage dazu, das Werk zu übernehmen und den Umbau zu finanzieren. Im Jahresbericht von 1935 hiess es damals: «Missionsarbeit in Jugoslawien ist unserer Kirche ans Herz gelegt worden. Wir boten Hand dazu, dass für die meist bei uns ausgebildeten Schwestern das frühere Institutsgebäude in ein kleines schmuckes Sanatorium mit 15 Krankenbetten umgewandelt wurde.»
Ein Wagnis im Namen Gottes
Der Umbau dauerte ein halbes Jahr und war erheblich teurer als ursprünglich gedacht. Trotzdem konnte im November 1935 die Einweihung des Sanatoriums, in dem sich fortan ein Neurologe und ein Facharzt für Innere Medizin als leitende Ärzte um die Patient:innen kümmerten, gefeiert werden. Sr. Huldy Lerch, die vom Diakonissenwerk Bethanien in Zürich nach Jugoslawien gesandt wurde, schrieb im Zusammenhang mit der Einweihung: «Es war ein ‹Wagnis im Namen Gottes›. Bethanien haben wir unser Haus genannt – ein Ort an dem Jesus gerne weilte.»
Rasches Wachstum
Innert kürzester Zeit erwarb das Sanatorium, in dem sich arme Menschen sowie Pastoren und deren Familien umsonst behandeln lassen konnten, einen ausgezeichneten Ruf. Schon wenige Jahre nach der Einweihung konnte als Folge davon zusätzlich noch eine chirurgische Abteilung eröffnet werden.
Altersheim muss umziehen
Die Diakonissen unterhielten neben dem Sanatorium auch ein kleines Altersheim für betagte Frauen, das 1944 aufgrund der Bombardierung von Novi Sad ins Pastorenhaus der Methodistenkirche in Vrbas und später nach Kisač verlegt wurde. Ausserdem arbeiteten die Diakonissen auch in einem Waisenhaus in Srbobran, sie halfen beim Predigen und bei der Büroarbeit und wurden so zu einer grossen Stütze der Methodistenkirche in Jugoslawien.
Die Armee «übernimmt»
Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges konnte die Arbeit im «Betania» zunächst fast wie gewohnt fortgeführt werden. Erst im Oktober 1944, als das Gebiet, auf dem das Sanatorium stand, zurück an Jugoslawien fiel, kam es zu Veränderungen. Im Dezember 1944 wurde das Gebäude von der Jugoslawischen Armee übernommen, die darin eine Abteilung für an Tuberkulose erkrankte Menschen einrichtete. Die einzigen zwei Schwestern, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht ins Ausland geflohen waren, mussten dort während mehrerer Jahre unentgeltliche Arbeit leisten.
Vom Staat enteignet
1948 wurde ein Gesetz zur Enteignung von privaten wirtschaftlichen Unternehmen so modifiziert, dass das ehemalige «Betania» inklusive Grundstück in den Besitz Jugoslawiens überging. Aufgrund einer Entschädigungszahlung von 6000 USD im Jahr 1972 an die weltweite methodistische Missionsbehörde gab es später auch keine rechtliche Möglichkeit mehr, das Gebäude und das Grundstück im Rahmen der Restitution zurückzubekommen. Bis 1960 blieb das ehemalige «Betania» eine Einrichtung für Menschen mit Tuberkulose- und Lungenerkrankungen, danach wurde das alte Gebäude abgerissen und an derselben Stelle eine Gynäkologische Klinik gebaut, deren heutiger Name «Betanija» ist.
Segensspuren
Christina Cekov schreibt im Schlusswort ihrer Broschüre: «Das kleine, bescheidene Patenkind des grossen Bethanien in Zürich hat Segensspuren hinterlassen, die bis heute spürbar sind. Wir sind dankbar, dass es das ‹Betania› in Novi Sad gab. Wir sind dankbar für die beeindruckende Arbeit der Diakonissen und wir sind dankbar für das grosse Bethanien in der Schweiz», das «das kleine ‹Betania› erst möglich gemacht hat.»
Nina Schweizer / Quelle: «Das ‘Betania’ in Novi Sad» von Christina Cekov, Strumica
Bild: Das Betania in Novi Sad vor dem Umbau 1925. (Foto: Scan, zVg)
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