Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03583.jsonl.gz/2482

Februar 1, 2018 | Leave a comment Nahezu überall auf der Welt nehmen die MS-Erkrankungen zu – am dramatischsten jedoch in Ländern, in denen die Menschen einem „westlichen Lebensstil“ nachgehen. Weil herkömmliche Erklärungsversuche nicht mehr ausreichen, rückt die Ernährung in den Fokus. Seit den 1960er Jahren steigt die Prävalenz für Multiple Sklerose (MS) weltweit an. In Europa kommt die Krankheit mit 80 Betroffenen pro 100.000 Einwohnern am häufigsten vor. Danach folgt die östliche Mittelmeerregion mit 14,9 Betroffenen pro 100.000 Einwohnern. Südostasien und Afrika belegen in diesem Ranking die letzten Plätze mit jeweils 2,8 und 0,3 MS-Erkrankten pro 100.000 Einwohnern. Die Statistik der Weltgesundheitsorganisation WHO zeigt außerdem mit Ausnahme einiger Länder: Je höher das Einkommen eines Landes, desto höher auch die MS-Prävalenz. Deutschland auf Platz 3 bei MS-Neuerkrankungen Betrachtet man die Verbreitung von MS in einzelnen Ländern, liegt Deutschland weltweit auf Platz drei (149 Betroffene pro 100.000 Einwohnern) nach Ungarn (176) und Slowenien (150), dicht gefolgt von den USA (135), Kanada (132,5), Tschechien (130), Norwegen (125), Dänemark (122) und Polen (120). Prävalenz von MS pro 100.000 Einwohner, aus WHO Altas Multiple Sclerosis Resources in the World 2008 MS-Prävalenz nach Regionen, aus WHO Altas Multiple Sclerosis Resources in the World 2008 Erkrankungsrate steigt in Schwellenländern dramatisch an Nach wie vor sind die Menschen in westlichen Industriestaaten am häufigsten von Multiple Sklerose betroffen, doch auch im nördlichen Afrika, in Asien und Südamerika steigt die Neuerkrankungsrate seit Mitte des letzten Jahrhunderts dramatisch an. In Indien steig die MS-Erkrankungsrate von 1,33 Personen pro 100.000 Einwohner im Jahr 1985 auf 8,35 Personen pro 100.000 Einwohner im Jahr 2014. Auch der Iran verzeichnet dramatische Zuwächse an MS-Neuerkrankungen. Frauen besonders häufig betroffen Von dieser Entwicklung sind hauptsächlich Frauen betroffen. Während beide Geschlechter vor einigen Jahrzehnten noch etwa gleichhäufig von MS betroffen waren, so erkranken heutzutage in manchen Ländern sogar dreimal mehr Frauen als Männer. Auf dem gemeinsamen Kongress der europäischen und amerikanischen MS-Gesellschaften in Paris diskutierten Ärzte und Wissenschaftler über die möglichen Ursachen für die auffällig steigende MS-Prävalenz. Nicht nur mit verbesserter Diagnostik erklärbar Japan ist vom nahezu exponentiellen Anstieg der MS-Neuerkrankungen besonders betroffen. Dr. Takashi Yamamura von der Universität in Tokyo sagte in Paris: „Im Jahr 1974 zählte Japan 500 MS-Erkrankte, 32 Jahre später, im Jahr 2006, waren es bereits 12.000.“ Allein mit einer verbesserten Diagnostik sei dieses Phänomen nicht zu erklären. Für die nördliche japanische Provinz Tokachi gibt es eine genaue epidemiologische Analyse der MS-Neuerkrankungen. Dort hat sich die MS-Inzidenz seit den 1980er Jahren vervierfacht, bei Frauen versechsfacht. Ähnlich sieht es in Nordamerika und Europa aus. Bisherige Erklärungsversuche greifen nicht Was zum Ausbruch von Multiple Sklerose führt, ist bis heute nicht geklärt. In der Vergangenheit wurden Faktoren wie Rauchen, mangelnde Sonneneinstrahlung (Einwohner von Ländern, die weit vom Äquator entfernt liegen, haben ein höheres Erkrankungsrisiko) oder Infektionen mit dem Eppstein-Barr-Virus (EBV) diskutiert. All diese Faktoren können den nahezu exponentiellen Zuwachs an MS-Neuerkrankungen in Japan allerdings nicht zufriedenstellend erklären, denn: Seit den 1960er Jahren rauchen immer weniger Menschen in Japan. Die Zahl der EBV-Infekte ist in diesem Zeitraum ebenfalls rückläufig. Auch die UV-Exposition hat seit den 1990-Jahren eher zu- als abgenommen. Als Takashi Yamamura jedoch die Daten der MS-Patienten seiner Klinik analysierte, fiel ihm auf, dass jeder achte MS-Patient in seiner Kindheit in mindestens einem westlichen Land mit hoher MS-Prävalenz gelebt hat. Für ihn lag nahe, dass sich offenbar ein westlicher Lebensstil gerade in jungen Jahren negativ auf den Erkrankungsausbruch auswirken kann. Doch was genau macht diesen „westlichen Lebensstil“ aus? Westlicher Ernährungsstil im Verdacht Eine typisch westliche Ernährung mit vielen Kohlenhydraten, Fleisch und Milchprodukten und einem geringen Ballaststoffanteil könnte, so vermutet Yamamura, für diese Entwicklung zumindest mitverantwortlich sein. Unterstützt wird diese Vermutung unter anderem durch eine aktuelle Studie, bei der eine veränderte Darmflora im Tierversuch als Auslöser für Multiple Sklerose identifiziert werden konnte. Auch eine Studie an eineiigen Zwillingen demonstrierte eine Beteiligung der Darmflora an der Entstehung von MS. Sobald sich Japaner nach westeuropäischem Vorbild ernährten, steige ihr MS-Risiko, so Yamamura. Dies muss allerdings nicht unbedingt im Ausland geschehen. Auch in Japan verliert die traditionelle Ernährung immer mehr an Bedeutung. Die Menschen essen immer weniger Ballaststoffe, dafür mehr Milchprodukte – das wirke sich auf die Darmflora aus. Auch die stetig wachsende Menge an industriellen Fertiggerichten, die oft nicht ohne Zusatzstoffe wie beispielsweise Emulgatoren auskommen, können die Darmflora beeinflussen. Auch sie sind ein wichtiger Bestandteil einer typisch westlich geprägten Ernährung. Bereits im Jahr 2015 hatten Wissenschaftler im Tierversuch zeigen können, wie Emulgatoren die Darmflora schädigen und zu Entzündungsprozessen im Darm führen, die wiederum das Immunsystem aktivieren. Die über die Nahrung hervorgerufene Veränderung der Darmflora könne ein Grund sein, warum die Erkrankungsrate in Japan so dramatisch ansteige. Ohne kurzkettige Fettsäuren steigt das Erkrankungsrisiko Untersuchungen zufolge beherbergen MS-Patienten weniger Ballaststoff-abbauende Bakterien in ihrem Darm als gesunde Menschen. Diese Bakterien produzieren kurzkettige Fettsäuren, vor allem Butyrat, die die Bildung regulatorischer T-Zellen induzieren. Enthält die Nahrung zu wenig Ballaststoffe, reduziert sich die Anzahl der Butyratbildner im Darm. Fehlt Butyrat, werden weniger regulatorische T-Zellen gebildet. Da MS von autoaggressiven T-Zellen ausgelöst wird, steigt das MS-Risiko, wenn weniger regulatorische T-Zellen vorhanden sind. Weiße viel häufiger betroffen Neben der Ernährung scheint aber auch die ethnische Abstammung eine Rolle beim MS-Erkrankungsrisiko zu spielen. Ein anschauliches Beispiel dafür bietet Südafrika. Hier erkranken Schwarze 100-mal seltener an MS als Weiße. Einwohner mit indischer Abstammung trifft es 25-mal seltener als die Weißen. In „Down Under“ zeichnet sich ein ähnliches Bild ab: Unter den australischen Ureinwohnern, den Aborigines, ist bisher kein einziger MS-Fall bekannt, die Maori in Neuseeland erkranken siebenmal seltener als die britischen Zuwanderer. Bis die Ursachen für die Entstehung von Multiple Sklerose geklärt sind, wird noch einige Zeit vergehen. Eine ballaststoffreiche Ernährung und eine gute Vitamin D-Versorgung sind nach aktuellem Kenntnisstand die wichtigsten Präventionsmaßnahmen gegen die Entstehung von MS.