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Eine zentrale Lehre der Finanzkrise war es, Ordnung ins Chaos zu bringen. Das Chaos sah vereinfacht gesagt so aus, dass sich unendlich viele Akteure im Finanzsystem tummelten und miteinander geschäfteten. Akteur A verkaufte Akteur B etwas, Akteur B verkaufte es an Akteur C und so weiter. Und wenn Akteur A in eine Krise rutschte, drohte diese auch die anderen Akteure in den Abgrund zu stürzen.
Die Lehre bestand nun darin, dass die EU 2012 entschied, dass beim Handel mit Derivaten – also Finanzprodukten, mit denen Risiken und Chancen gehandelt werden – immer eine sogenannte Clearing-Stelle zwischengeschaltet werden muss.
Das europäische Zentrum: London
Wenn also Akteur A Akteur B ein Derivat verkauft, muss dieser Deal über eine Stelle abgewickelt werden, die als Sicherheitsmauer gilt. Zudem verschärfte die EU auch die Aufsicht über diese Clearing-Stellen.
In der Folge legten die Clearing-Anbieter ein unglaubliches Wachstum hin. Sie wickeln täglich Geschäfte in Milliardenhöhe ab. Das Zentrum der Clearing Häuser, die Derivatenhandel mit Euros abwickeln: London.
Wenn nun das Vereinigte Königreich die EU verlässt, befinden sich die Clearing-Häuser plötzlich ausserhalb des Einflussbereichs der EU. Brüssel könnte nicht mehr für Ordnung sorgen. In London war die Befürchtung deshalb gross, die EU könnte die Clearing-Häuser zwingen, von der Insel aufs Festland umzuziehen.
Zwei harte Massnahmen
Soweit geht die EU nicht. Die EU-Kommission schlägt trotzdem zwei Massnahmen vor, die es in sich haben:
- Die Kommission will, dass die EU auch solche Clearing-Häuser überwachen kann, die ausserhalb ihrer Grenzen Eurogeschäfte mit Derivaten abwickeln. Die EU würde also Finanzinstitute in London überwachen. Das machen zwar auch die Amerikaner. Trotzdem ist es von einer gewissen Brisanz, wenn die EU-Kommission am Vorabend der Brexitverhandlungen mit genau diesem Vorschlag kommt.
- Die Kommission schlägt vor, dass sie Clearing-Häuser, welche als «substantiell systematisch wichtig» eingestuft werden, zwingen kann, London zu verlassen und ins Gebiet der EU umzuziehen.
Ob die Kommission dies machen wird, steht noch aus. Die Europäische Zentralbank müsste erst einen Antrag stellen und die Kommission würde dann auf der Grundlage dieses Antrages entscheiden.
Die Möglichkeit steht aber im Raum – zum Schutz des eigenen Finanzplatzes oder als Drohung in Richtung London – schliesslich geht es um tausende von Arbeitsplätzen und um ein Milliardengeschäft.
Einschätzung von Grossbritannien-Korrespondent Martin Alioth
|Die Clearing-Häuser in London wickeln drei Viertel des globalen Euro-Clearings ab. Das sichert mindestens 80‘000 Menschen eine Arbeitsstelle. Es war überraschend, wie gering die Wellen waren, die die Vorschläge der EU in Grossbritannien geschlagen haben. Das hat aber damit zu tun, dass man sich in London bewusst ist, dass die EU das Euro-Clearing auch komplett hätte abziehen können. Man sieht in den Vorschlägen eine Drohgebärde, die im Verlauf der Brexit-Verhandlungen auch noch abgeschwächt werden könnte.|