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Wir schreiben den 28. Januar 1990, es ist der Tag der 24. Ausgabe des Superbowls. Dort treffen die San Francisco 49ers, angeführt von Quarterback Joe Montana, auf die Denver Broncos um John Elway. Es ist eine Zeit vor Tom Brady oder Peyton Manning, lange vor Patrick Mahomes oder Lamar Jackson. Eine Zeit, in der noch ein ganz anderer American Football gespielt wird. In der nicht ein Offensivfeuerwerk das andere jagt, die Verteidiger nicht für jedes harte Tackling eine Strafe fürchten müssen und Quarterbacks noch ausschliesslich dazu da sind, den Ball zu werfen. Läufe der Spielmacher sind eine seltene Ausnahme.
Montana gilt zu diesem Zeitpunkt für viele als GOAT – als Grösster aller Zeiten. Seit er in der Saison 1981/82 seine erste vollständige Saison als Stamm-Quarterback bestreitet, gehört San Francisco mit einer Ausnahme stets zu den besten Teams der NFL. In acht von neun Saisons erreichen die 49ers die Playoffs, Montana ist konstant einer der stärksten Quarterbacks, wird sechsmal in den Pro Bowl – das All-Star-Game der NFL – gewählt, und mischt auch bei der MVP-Wahl regelmässig vorne mit.
Besonders bewundert wird Montana aber dafür, dass er in Spielen und Momenten, in denen es um alles geht, noch eine Schippe drauflegen kann. Zum vierten Mal steht er 1990 im Superbowl, dreimal hat er bereits gewonnen – stets mit dem legendären Coach Bill Walsh an der Seite. 1981 in seinem ersten Jahr als Vollzeit-Starter gegen die Cincinnati Bengals, drei Jahre später demontierte er die Miami Dolphins und 1989 lieferte er erneut gegen Cincinnati ein wahres Meisterstück ab. Dabei zeigte er, weshalb er von seinen Fans so gefeiert und von Gegnern so gefürchtet wird.
Anlässlich des 50. Superbowls im Jahr 2016 kürte die NFL die 50 besten Superbowl-Auftritte einzelner Spieler. Montanas Leistung im Jahr 1989 ist dabei auf Platz 2. Etwas mehr als drei Minuten waren noch auf der Uhr und der Spielstand zeigte 16:13 für Cincinnati, als Montana mit der San-Francisco-Offense aufs Feld schritt. Der Ball lag nur acht Yards entfernt von der eigenen Endzone – die Niners mussten also fast das ganze Feld überqueren, um den siegbringenden Touchdown zu erzielen. Die Spannung war riesig. Nur einer liess sich davon nicht beeindrucken: Joe Montana.
Der Anführer merkte, dass einige seiner Spieler den Druck spürten. Besonders Harris Barton, einer der Spieler in der Offensive Line, die dazu da ist, den Quarterback zu schützen, sei die Nervosität anzumerken gewesen. Doch Montana wusste genau, wie er dem entgegenwirken konnte. Barton sei schon in den Tagen vor dem Spiel begeistert gewesen von den vielen Prominenten, die wegen des Superbowls in Miami waren, erzählte Montana später in einer NFL-Dokumentation. Also habe er Barton gesagt: «Schau mal, da ist doch John Candy.» Candy war ein berühmter kanadischer Komiker, den dann auch Barton erkannte. Montanas Frau Jennifer sagt dazu: «Das war typisch Joe, die Drucksituation aus den Gedanken aller zu beseitigen und sie daran zu erinnern: ‹Das ist ein Spiel, lasst uns Spass haben.›»
Und das taten sie. Acht der neun darauffolgenden Pässe Montanas kamen beim Mitspieler an – am Ende des Drives fand er Wide Receiver John Taylor in der Endzone. Die Bengals konnten nicht mehr reagieren, einmal mehr führte Montana sein Team zu einem späten Sieg. 31 Mal drehten Montanas Teams im letzten Viertel einen Rückstand in einen Sieg. Das berühmteste Comeback gelang San Francisco im Halbfinal der Saison 1980/81 gegen die Dallas Cowboys. Nach einem ebenfalls sehr langen Drive gegen Ende des Spiels warf er zu Dwight Clark, der den Pass fing und so den Superbowl-Einzug der 49ers sicherte. Die Szene ging als «The Catch» in die Geschichte ein.
Es sind solche Szenen, die Joe Montana ausmachen. Doch noch ist er nicht fertig. An diesem 28. Januar 1990 will er seinen vierten Ring. Und weil die 49ers auch im ersten Jahr, nachdem sich Trainer Walsh aus der NFL verabschiedet hat, nicht nur die beste Offensive, sondern auch eine der besten Defensiven haben, gehen sie gegen Denver als klarer Favorit in die Partie. Was folgt, haben aber weder Buchmacher noch die eingefleischtesten Mitglieder der Niner-Gang, wie sich die Fans der 49ers nennen, erwartet.
Nach allen Regeln der Kunst nimmt San Francisco die Broncos an diesem Abend auseinander. Zur Halbzeit führt das Team aus der NFC 27:3. Während Montanas Offense auf allen Zylindern läuft, stottert der Broncos-Motor.
Nach der Halbzeit ändert sich daran nichts. Fünf Minuten braucht Montana, um zwei weitere Touchdown-Pässe anzubringen. Damit steht er bei fünf geworfenen Touchdowns – zu diesem Zeitpunkt Superbowl-Rekord. Drei davon fängt der legendäre Wide Receiver Jerry Rice – ebenfalls Superbowl-Rekord.
Im letzten Viertel beschreitet Montana das Feld nur noch zweimal, um einem Runningback den Ball zu überreichen. Auch daraus entstehen noch zwei Touchdowns. Anschliessend übernimmt Ersatz-Quarterback Steve Young, der das Team später selbst noch einmal zum Titel führen und im Superbowl der Saison 1994/95 gar sechs Touchdown-Pässe werfen wird. San Francisco gewinnt den 24. Superbowl 55:10. Montana wird zum dritten Mal zum MVP des Finalspiels gekürt.
So viele Punkte erzielte nie mehr ein Team in einem Superbowl, und so deutlich ging ein solcher nie mehr aus. Viele weitere Rekorde, welche die 49ers in dieser Partie aufstellten, stehen bis heute.
Für viele American-Football-Fans gilt Montana weiterhin als bester Playoff-Quarterback der Geschichte. Die Statistiken sind beeindruckend. In vier Superbowls warf er elf Touchdowns und keine einzige Interception, ausserdem wurde er in diesen Spielen dreimal als MVP ausgezeichnet und erreichte ein Passer Rating von 127,8. Dieses berechnet die Leistung eines Quarterbacks anhand seiner Pässe von 0 bis 158,3. Mit seinem Wert übertrifft Montana auch Tom Brady, der in zehn Superbowls spielte, deutlich.
Paul Hackett, zeitweise Quarterback-Coach in San Francisco, beschrieb einmal, was Montana so erfolgreich machte: «Wenn alle anderen nervös und angespannt waren, war er am besten. Das war seine Welt.» Aus diesem Grund handelte er sich den Spitznamen Joe Cool ein. Doch Montana habe auch gewusst, wie er aus seinen Mitspielern das Beste herausholte. «Sie haben ihn geliebt», sagt Hackett.
Der Erfolg im Superbowl 1990 war Montanas letzter. Im Jahr darauf scheiterten sie im Halbfinal, in welchem sich der Quarterback kurz vor Schluss – noch in Führung liegend – am Ellbogen verletzte. Die Folgesaison verpasste er komplett, in der Saison 1992/93 kam er im letzten Spiel zurück und führte San Francisco ein letztes Mal zum Sieg. Steve Young hatte ihm inzwischen aber den Rang abgelaufen und war auch in den Playoffs die Nummer 1. Auf der Bank zu sitzen, war für Montana aber keine Option und so forderte er einen Trade. Dieser sandte ihn zu den Kansas City Chiefs, wo er zwar weiterhin erfolgreich spielte, aber nicht mehr an alte Erfolge anknüpfen konnte.
In beiden Jahren bei den Chiefs schaffte es Montana in die Playoffs, dort war aber einmal im Halbfinal und einmal schon in der ersten Runde Schluss. Im April 1995 gab er in San Francisco seinen Rücktritt bekannt. Dabei wurden er und seine grosse Karriere von Fans und Weggefährten noch einmal gebührend gefeiert. 2000 wurde der zweifache MVP in die Hall of Fame aufgenommen.