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Was ist eine Theorbe?
veröffentlicht: 10.11.2019
Theorbe
Die Theorbe ist eine Art Basslaute mit einem verlängerten Hals auf dem sich ein zweiter Wirbelkasten befindet. Sie wurde von ca. 1600 bis ca. 1750 benutzt, vornehmlich zur Begleitung von Sängern und anderen Instrumentalisten, seltener auch als Soloinstrument. In verschiedenen Ausführungen war sie in ganz Europa verbreitet, von der Camerata Fiorentina, dem Vatikan, über den Hof Louis XIV in Versailles, London, bis hin nach Mitteldeutschland, wobei sowohl Form als auch Stimmungen je nach Region und Epoche variieren.
Ein typisches Exemplar einer Theorbe hat 14 Saiten, wobei sich deren sechs auf dem kleineren Griffbrett befinden, und ähnlich einer Gitarre gegriffen und gezupft werden (wobei sich sowohl Stimmung als auch Griff- und Zupftechnik von der Gitarre unterscheiden). Bei vielen erhaltenen Instrumenten sind diese Saiten übrigens "doppelchörig", also statt 6 befinden sich da deren 12, wobei immer zwei Saiten gleichzeitig angeschlagen werden, wie bei der Laute. Solche Instrumente haben also ein Total von 20 Saiten. Die 8 Saiten am längeren Hals sind in einer Tonleiter gestimmt, und werden lediglich gezupft, nicht gegriffen, ähnlich einer Harfe. Generell handelt es sich um ein ziemlich grosses Instrument, die Länge der gegriffenen Saiten variiert je nach Instrument zwischen 80 und 98cm (zum Vergleich, moderne Gitarre: 65cm), und die längeren, freischwingenden Basssaiten haben in etwa die doppelte Länge, die Mensuren variieren zwischen 155 bis über 170cm. Die Gesamtlänge des Instruments kann so über 2 Meter betragen. Die grossen Mensuren sind nötig wegen der Darmsaiten – in heutiger Zeit gibt es (aus praktischen Gründen) auch kleiner dimensionierte Instrumente, diese müssen jedoch mit Nylon- bzw. umsponnenen Aluminiumsaiten bespannt werden, was klanglich keine befriedigende Alternative zum wärmeren Klang Darmsaiten darstellt.
(Abbildung aus: Syntagma Musicum, Michael Praetorius, 1619)
Die Entwicklung der Theorbe
Um 1600 beginnt das sog. "Generalbass-Zeitalter". Unter Generalbass, oder auch "Basso continuo" versteht man vor allem das Spiel aus einer bezifferten einzelnen Notenlinie, aus der die gesamte Begleitung improvisiert wird. Die Ziffern helfen dabei, den Harmonieverlauf nachzuvollziehen, wobei ein umfassendes Wissen um die Satzregeln der Zeit unabdingbar ist. Natürlich gab es bereits vor 1600, in der Renaissance-Zeit eine "generalbassähnliche" Musiziertradition, ja, die Improvisation hatte im Musikleben damals ganz generell einen viel höheren Stellenwert als heute, gerade auch bei den Lautenisten, von improvisierten Diminutionen und Auszierungen von intavolierten Begleitungen wie z.B. Songs oder Ayres. Dennoch, unter "Generalbassmusik" verstehen wir eine ganz andere Art Musik, Barockmusik, einen neuen Stil: Le Nuove Musiche, auch seconda prattica genannt. Diese hatte bekanntlich ihren Ursprung in Italien, als die Camerata Fiorentina versuchte, das antike Drama wiederzubeleben, und deshalb beschloss, singend zu sprechen – der monodische Stil und die Oper waren geboren. Weil die alten Griechen sich mit der Kithara (= in etwa eine grössere Lyra) begleiteten, und dieses Instrument natürlich um 1600 nicht verfügbar war, wurde als Ersatz das Chitarrone (=Theorbe) entwickelt. Mit dem Chitarrone begleiteten sich die Sänger meist selbst, und es war zu Beginn des Jahrhunderts wohl das wichtigste und geschätzteste Instrument speziell zur Begleitung von Gesang, wobei es auch für Instrumentalmusik eingesetzt wurde, oft in Kombination mit anderen Begleitinstrumenten wie Orgel, Cembalo, Laute, Viola da Gamba usw., in einer grösseren Oper auch alle zusammen und meist mehrfach besetzt.
Das Chitarrone wurde aus der älteren Basslaute entwickelt – etwa um 1580 begann man mit verschiedenen Stimmungen zu experimentieren und nach 1594 fügte man für ein erweitertes Bassregister den charakteristischen langen Hals hinzu. Als dessen Erfinder rühmt sich der Lautenist und Theorbist Alessandro Piccinini, von dem auch erste Solo-Literatur für das neue Instrument überliefert ist. Der Begriff "Tiorba" wird schon einige Jahre später synonym für das Chitarrone verwendet. Die Etymologie des Wortes ist bislang ungeklärt, wobei bereits die historischen Quellen verschiedene Theorien über die Herkunft geben. Mein persönlicher Favorit ist die Erklärung, es habe "ein Marcktschreyer, der zugleich ein guter Lautenist gewesen, dieses Instrument erfunden, und selbigem, aus Schertz, diesen Nahmen gegeben; denn es werde dasjenige Werckzeug, worauf die Hand-Schuh-Macher ihre wohlriechende Sachen zu mahlen pflegen, also genennet: und sey eine Art eines Mörsels, gleich denjenigen Mühlchen, auf welchen man die Mandeln, Senff, und dergleichen Gesäme, in einem dazu gegossenen sich schickenden liquore in Milch zu dissolvieren pflege." (zit. aus: "Musicalisches Lexicon", Johann Gottfried Walter, ein Cousin J.S.Bachs, 1732)
Piccinini fügt übrigens auch der Alt-Laute einen langen Hals hinzu, die er dann als "Arciliuto" (Erzlaute) bezeichnet. Durch das etwas ähnliche Erscheinungsbild der beiden Instrumente ist es für Laien oft schwierig zwischen den beiden Instrumenten zu unterscheiden, etwas pauschal könnte man sagen, die Theorbe habe einen grösseren Korpus, sowie eine längere Mensur der gegriffenen Saiten und eine andere Stimmung. Das Arciliuto vermochte sich im Gegensatz zur Theorbe kaum ausserhalb Italiens durchzusetzen, und auch die Unterscheidung fiel auch den Zeitgenossen zunehmend schwerer, da immer neue Typen, mit noch mehr Saiten, etc. entwickelt wurden – so bezeichnet der Begriff "Theorbe" im frühen 18. Jahrhundert meist nur noch eine "Laute mit Halsverlängerung", ob Arciliuto oder wirklich Theorbe ist da einerlei.
Niedergang der Theorbe
Die Theorbe wurde während mehr als 150 Jahren weitherum benutzt, war sehr beliebt, und war keineswegs das "spezielle" Instrument als das es uns heute erscheint. Die Theorbe hatte verschiedene Vorteile gegenüber dem Cembalo, so war es möglich, durch den direkten Anschlag der Saiten Dynamik zu erzeugen, und ja, praktisch, es war doch einigermassen leichter zu transportieren als ein Tasteninstrument. Dennoch wurde die Theorbe gegen 1750 zunehmend vom Cembalo verdrängt, was auch gesellschaftliche Gründe hatte: Um 1750 emanzipierte sich die Bourgoisie im Zuge der Aufklärung immer mehr, es war sozusagen der Vorabend der Französischen Revolution. Die bürgerliche Musik, die Sinfonie, die für viele, nicht nur für einige wenige Auserwählte komponiert wurde, erforderte tonstärkere Instrumente. Die etwas leise Theorbe wurde, zusammen mit der Laute und der Viola da Gamba als typisch elitäres Instrument des Ancien Régime von Musikern zunehmend verschmäht, und mit der Französischen Revolution und ihren Auswirkungen auf ganz Europa fand die Nutzung dieser Instrumente ein Ende. Die Viola da Gamba wird durch das Cello abgelöst, während Laute und Theorbe von der volkstümlicheren Gitarre ersetzt werden. Tatsächlich ist der Nachwelt keine französische Theorbe oder Laute erhalten geblieben, die Instrumente fielen allesamt den Flammen oder dem Volkszorn zum Opfer.
Solo-Literatur
Ganz grundsätzlich kann man sagen, dass für Solo-Literatur generell die Laute benutzt wurde, die etwas unhandliche Theorbe befand man hierfür als unangebracht. So existiert nicht besonders viel Literatur für Theorbe solo, dennoch gibt es einige interessante Stücke zu entdecken. Eine erste Welle Stücke kommt aus Italien, aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, die wichtigsten Komponisten sind da Alessandro Piccinini und Giovanni Girolamo Kapsberger. Während Ersterer etwas konservativer komponiert, so kann Kapsberger als regelrechter Avantgardist bezeichnet werden.
Beides sind hervorragende Komponisten, und haben eine grosse Anzahl von Stücken geschrieben, die als Drucke und Handschriften noch lange Jahre weitherum äusserst beliebt waren.
Eine zweite Blüte an Solo-Stücken erlebte die Theorbe in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Frankreich, am Hofe von Louis XIV, wo sie ausgesprochen populär war. Wichtigster Vertreter hier ist Robert de Visée, einer der Lautenisten des Königs. Stilistisch ist seine Musik ganz bei Lully anzusiedeln, verschiedenste Tänze voller Leichtigkeit und Raffinement.
Es lassen sich noch einige Solo-Stücke in England ausmachen (erste Hälfte 17. Jahrhundert), und aus Wien ist bekannt, dass die Theorbe solististisch genutzt wurde, aber leider ist kaum Musik erhalten geblieben. In Mitteldeutschland wurde die Theorbe als Solo-Instrument nicht genutzt, wie wir beim damals berühmtesten Lautenisten, Silvius Leopold Weiss lesen können, diente sie ausschliesslich für Begleitaufgaben in Kirche und Oper. Der zweifellos berühmteste Komponist, der je eine Solo-Stelle für Theorbe schreibt, ist Antonio Vivaldi, der in einem seiner Concerti unter anderen Solo-Instrumenten zwei concertierende Theorben einsetzt.
Meine Theorbe ist eine Kopie eines Instruments von Matteo Sellas, Venedig, erste Hälfte 17. Jahrhundert. Sie wurde gebaut vom Lautenbauer Paul Thomson in Bristol, England. Die Darmsaiten wurden gefertigt nach historischen Kriterien von Mimmo Peruffo aus Vincenza, Italien
Reymond Huguenin Dumittan