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Freiburger Colloquium 2013
"Heilige Portulane. Die Sakralgeographie der Seefahrt im Mittelalter"
2. – 4. September 2013
|Konzept (Concept english)|

In den Forschungsdebatten der letzten Jahre wurde die Rolle, welche das Meer als Vermittler von Ökonomie, Kultur und künstlerischem Austausch spielte stärker betont, ebenso wie seine Rolle als durchlässige Grenze, die verschiedenen angrenzenden Regionen gleichzeitig trennend und verbindend. Im Kielwasser von Fernand Braudels Klassiker „La Méditerranée et le monde méditerranéen à l’époque de Philippe II“ (Paris 1949) haben sich eine Reihe von jüngeren Publikationen, wie Peregrine Hordens und Nicholas Purcells „The Corrupting Sea. A Study of Mediterranean History“ (Oxford 2000) und die Aufsatzsammlung „Rethinking the Mediterranean“, hg. v. William Vernon Harris (Oxford 2005) auf das Mittelmeer fokussiert und es im Wesentlichen als einen dynamischen Raum von transkulturellen Begegnungen analysiert oder als ein großes Netzwerk von wechselseitig interagierenden Gesellschaften. Manchmal wurde es auch mehr oder weniger explizit als Vorläufer des post-modernen Multikulturalismus gesehen. Zuletzt haben die Sektion „Fluid Borders“ am internationalen Kunsthistoriker-Kongress in Melbourne im Januar 2008 und ein Kongress, der 2006 durch das Kunsthistorische Institut in Florenz organisiert wurde (vgl. „Das Meer, der Tausch und die Grenzen der Repräsentation“, hrsg. v. H. Baader und G. Wolf, Zürich 2010), neue interdisziplinäre Ansätze zum Meer als Paradigma für kulturelle Zusammenhänge gefördert. Viele neue Studien haben Einsichten ermöglicht, über die Wege auf denen im Mittelalter über die Seerouten des Mittelmeeres Handelsreisende, materielle Güter und Ideen zirkulierten und übermittelt wurden.
Der geplante Kongress hat zum Ziel, das Meer von verschiedenen Standpunkten aus zu betrachten, besonders aus denjenigen der Menschen, die auf Grund ihrer Arbeit oder anderer Interessen einen Grossteil ihres Lebens auf See verbrachten: nicht nur Seefahrer und Fischersleute, sondern auch Reisende, Händler, Pilger und Bewohner der Küsten und Inseln. Der Fokus soll besonders auf diesen Menschen liegen und deren Wahrnehmung des Meeresraums, seiner wandelbaren Form und Grenzen, seiner praktischen Nutzbarkeit, seinen Risiken und Schwierigkeiten in Zusammenhang mit der Küstennavigation und den gefährlichen Geistern und teuflischen Wesen, von denen sie glaubten, dass sie in ihm lebten. Darüber hinaus sollen die rituellen Strategien untersucht werden, die man sich aneignete, um die Schiffe vor der Gegenwart des Bösen zu schützen (so z.B. die sogenannten „Missa sicca“, die Einfügung einer Kapelle oder kapellenartiger Strukturen in die Schiffe selbst, der Gebrauch von magischen Schriftrollen oder „brevi“ und die Rezitation von speziellen Gebeten und Zaubersprüchen).
Ein besonderer Schwerpunkt soll auf die Art und Weise gelegt werden, in der Seefahrer und Reisende ihre Gefühle und Erwartungen auf die Küstenlandschaft projizierten. Kaps, Ankerplätze, Buchten und Felsen waren unentbehrliche visuelle Wegweiser, welche von den Seefahrern gründlich geprüft werden mussten, um den richtigen Kurs zu halten. Einige von ihnen waren auf Grund ihrer auffälligen Form oder Lokalisierung als unverzichtbare Hinweise für die Navigation der Schiffe angesehen und die Schiffsmanöver richteten sich nach ihnen. Manche dieser Orientierungspunkte waren mit Bauwerken und Strukturen mit religiösem Hintergrund versehen, so wie Einsiedeleien, kleine Kapellen, Kirchen und Klöster. Und unter ihnen gab es wiederum solche, die an abgelegenen oder schwer zugänglichen Orten oder auf kleinen Inseln gelegen und häufig für spezielle Anliegen von frommen Bedürfnissen der Seeleute bestimmt waren.
In der Tat waren die Küsten des Mittelmeeres und ebenso diejenigen des atlantischen Ozeans von der Algarve bis zu den Niederlanden punktiert mit einer geradezu ununterbrochenen Abfolge von Heiligtümern, die von den Seeleuten als eine in sich geschlossene, homogene Sakralgeographie wahrgenommen wurde, als ein kontinuierliches Netzwerk von heiligen Stätten, welche die Grenzen zwischen Meer und Land markierten.
Die Wahrnehmung des Meeres als einem heiligen Kontinuum kam in einer merkwürdigen Litanei zum Ausdruck, die durch die Besatzung und die Passagiere der Schiffe verwendet wurde, wenn diese zufällig auf offener See vom Kurs abkamen. Auf Italienisch als "Sante Parole" (die heiligen Worte) bekannt, beinhaltet die Litanei eine kurze Anrufung Gottes und der Hauptheiligen, gefolgt von einer Liste von Heiligtümern, die sich an den Meeresküsten befanden in ihrer geographischen Abfolge von Ägypten über die Levante, die Ägäis, das Schwarze Meer, die Adria, das ionische Meer, das tyrrhenische Meer, das Balearen-Meer und die westlichen Teile des Mittelmeeres, weiter über die Atlantikküste Portugals nach England und Seeland (siehe den Text in M. Bacci, „Portolano sacro. Santuari e immagini sacre lungo le rotte di navigazione del Mediterraneo tra tardo Medioevo e prima età moderna”, in: „The Miraculous Image in the Middle Ages and Renaissance“, hrsg. v. E. Thunø und G. Wolf, Rom 2004, S. 223–248).
Eine Auswahl der bedeutendsten Stätten, die in der Litanei erwähnt werden, soll durch entsprechende Beiträge am Kolloquium illustriert werden. Letztendlich will das Kolloquium neue methodologische Ansätze für das Studium des Meeres in seiner religiösen und kulturellen Dimension herausarbeiten, in dem es die verschiedenen Perspektiven von unterschiedlichen Disziplinen wie der Mittelalterlichen Geschichte, Kunstgeschichte, religiösen Studien, kulturelle Anthropologie, Rechtsgeschichte und mittelalterliche Sprachen und Literaturen zusammenführt.
Es ist vorgesehen, die Ergebnisse der Tagung in der Schriftenreihe „Scrinium Friburgense. Veröffentlichungen des Mediävistischen Instituts der Universität Freiburg Schweiz“ beim Walter de Gruyter Verlag Berlin/Boston zu publizieren.