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Valerio Curcio: Der Torschützenkönig ist unter die Dichter gegangen. Fussball nach Pier Paolo Pasolini. Bad Herrenalb, 2022
Pier Paolo Pasolini (1922-1975) war ein italienischer Intellektueller, der allen politischen Lagern und manchmal auch seinen Freunden unbequem war. Er selbst bezeichnete sich als Schriftsteller, er war aber auch Maler und Zeichner, Sprachwissenschaftler, Schauspieler, Herausgeber, Drehbuch- und Theaterautor, Regisseur, Journalist und nicht zuletzt ein vielbeachteter Gesellschaftskritiker. Und daneben, zwischendurch, immer wieder, bis zu seinem brutalen Tod, war Pasolini auch noch ein ambitionierter und passionierter Fussballer.
So richtig glücklich war er nur, wenn er selber Fussball spielen konnte. Danach wurde er wieder zum unruhigen, geplagten Erwachsenen, der zeitlebens wegen seiner Homosexualität an den Pranger gestellt wurde. Im Buch gibt es ein Foto, das Pasolini im Fussballtrikot zeigt, als Spieler in der Fussballmannschaft «Sänger und Schauspieler», entspannt lächelnd, so wie man ihn selten sah. Pasolini begriff den Fussball als universelle Sprache, als Mittel der Kommunikation, der Interaktion, der Teilhabe – und dies galt für die Schotterplätze der römischen Peripherie wie für die grossen Spektakel der ersten Liga gleichermassen.
Valerio Curcio macht Pasolini, welcher mit einem Fussballtrikot auf dem Sarg zu Grabe getragen wurde, mit diesem umsichtigen, detailreichen und dabei stets gut geerdeten, sich ganz auf den Fussball fokussierenden Porträt als Mensch greifbar.
Eine kleine Auswahl von Büchern von und über Pier Paolo Pasolini im Sozialarchiv:
- Pier Paolo Pasolini: Vita violenta. München, 1963
- Pier Paolo Pasolini: Ragazzi di vita. Milano, 1976
- Nico Naldini: Pier Paolo Pasolini. Eine Biographie. Berlin, 1991
- Dacia Maraini: Caro Pier Paolo. Briefe an Pasolini. Zürich, 2022
Maria Wiesner: Alles in Ordnung? Warum wir vor lauter Aufräumen unser Leben verpassen. Hamburg, 2021
Ausgehend vom Hype um das Buch «Magic Cleaning» von Marie Condo geht die Journalistin Maria Wiesner den Paradoxien aktueller Minimalismus- und Aufräumtrends nach. Sie entlarvt sie als das, was sie gerade zu sein leugnen: Neue Konsummechanismen für kapitalkräftige Gesellschaftsschichten. Anstelle nachhaltiger und positiver Effekte auf die Konsumgesellschaft stützen sie die wirtschaftlichen und geschlechtlichen Ungleichheiten und Ausbeutungsverhältnisse. Mit ihrem Anstrich von Ethik und Nachhaltigkeit gelingt es ihnen, ihre Anhänger glauben zu lassen, in einer konsumfixierten Welt zu den Guten zu gehören.
Ratgeber-Autor:innen wie Jordan Peterson, Minimalismus-Blogger:innen und Konzepte häuslicher Gemütlichkeit wie Hygge koppeln gesamtgesellschaftliche Probleme von Individuen ab, indem sie ihnen suggerieren, dass jeder Einzelne für sein Glück und Wohlergehen ausschliesslich selbst verantwortlich sei. Glücklich werde man nur, indem man sich selbst optimiert, vom überflüssigen Kram trennt und den Rest fein säuberlich in hübsche Schachteln versorgt.
Mit ihrer sachlichen und unterhaltsamen Analyse blickt Wiesner hinter die pastellfarbenen Fassaden dieser Lifestyle-Trends und deckt ihre Widersprüchlichkeiten und Absurditäten auf. Ohne zu moralisieren und ohne erhobenen Zeigefinger macht sie darauf aufmerksam, dass sich konsumgesellschaftliche Probleme und Fehlentwicklungen nicht teetrinkend auf dem Sofa oder auf Flohmärkten flanierend lösen lassen.
Im Lauf ihrer Forschungstätigkeit zu Bürgerkriegen kam die Politikwissenschaftlerin Barbara F. Walter zum Schluss, dass die Bürgerkriege des 21. Jahrhunderts in der Regel auf eine vorhersehbare Weise entstehen und eskalieren. Es wirke so, als ob sie auf einem Drehbuch basierten, ungeachtet ihres individuellen geschichtlichen und politischen Hintergrunds. Diesem Drehbuch geht sie in ihrem Buch nach. Sie untersucht die gemeinsamen Elemente und unterlegt sie mit Beispielen aus allen Regionen der Welt, darunter Ex-Jugoslawien, Irland, Syrien und Indonesien. Sie erklärt zentrale Erscheinungen und Begriffe wie Faktionalismus und Anokratien und illustriert, welche fatale Rolle soziale Medien bei der Polarisierung von Gemeinschaften spielen können.
Angesichts der Präsidentschaft von Donald Trump und des Sturms auf das Kapitol fragt sie, ob und wie nahe sich die USA an einem Bürgerkrieg befinden, und kommt zum Schluss, dass sie näher dran sind, als man wahrhaben möchte. Doch Walter untersucht nicht nur, wie es zu Bürgerkriegen kommt und was die Warnhinweise für solche Entwicklungen sind. Sie befasst sich auch mit der Frage, welche Massnahmen nötig sind, um Bürgerkriege zu verhindern. Es gelingt ihr aufzuzeigen, dass Demokratie ein wichtiges Gut ist, das nicht als Selbstverständlichkeit betrachtet werden darf, sondern immer aufs Neue gemeinsam erarbeitet werden muss.
Am 27. März dieses Jahres hielt der Tages-Anzeiger nach einer grossen Umfrage fest, an Schweizer Unis gebe es keine «Cancel Culture». Die Hintergründe der aktuellen Obsession mit «Cancel Culture» analysiert das Buch von Adrian Daub, Literaturprofessor an der Stanford University. Für Daub hat die Rede über «Cancel Culture» eine «aufmerksamkeitsökonomische Funktion», steht «in keiner Relation zu ihrer objektiv belegbaren Verbreitung» und ist «wenig hilfreich, wenn es um die Beschreibung der Realität geht». Vielmehr würden dabei Anekdoten herausgepickt und kontextfrei herumgereicht, während der «Cancel Culture»-Diskurs umgekehrt aber etwa Verbote in US-Bundesstaaten ausblendet, an Schulen Themen wie Sklaverei oder LGBT anzusprechen oder in Bibliotheken Bücher zur afroamerikanischen Geschichte an Schüler:innen auszuleihen.
Der Diskurs entstand in der Reagan-Ära, zog aber erst durch das Internet grössere Kreise. Angebliche «Cancel Culture» beklagten zahlreiche Politiker:innen, von Trump und Johnson (als «Machwerk» ihrer politischen Gegner:innen) bis zu Putin (als «westliches» Phänomen). Daub zeichnet den Transfer des «Cancel Culture»-Diskurses von den USA nach Europa 2018/19 detailliert nach. Er erfolgte zunächst über Twitter und wurde dann medial multipliziert. Allein die NZZ publizierte ab 2019 über 120 entsprechende Artikel und holte sich 2021 in einem Interview gar Schützenhilfe von Sahra Wagenknecht.
Daubs Fazit: «Über Cancel Culture oder ‘Wokeness’ zu reden bedeutet immer, über anderes nicht zu reden.»
Diverse Bücher über das Jahr 1923
Alle Jahre wieder erscheinen sogenannte «Jubiläumsbücher», die analysieren, was vor 50, 75 oder 100 Jahren auf der Welt geschah. Weil wir uns wieder in einer Zeit verschiedener Krisen befinden – Klimakrise, Corona-Pandemie, der russische Angriffskrieg auf die Ukraine –, gibt insbesondere das Jahr 1923 Anlass, die Geschichte wieder aufzurollen. Bereits letztes Jahr erschienen in weiser Voraussicht diverse Publikationen, die sich mit dem scheinbar schicksalsträchtigen Jahr auseinandersetzen. Diverse Krisen von damals werden beleuchtet und Parallelen zu 2023 gezogen.
In den Feuilletons werden diese Bücher momentan regelmässig besprochen. So erschien beispielweise im vergangenen Januar im «Spiegel» ein Artikel mit dem Titel «Das deutsche Horrorjahr», in dem das Jahr 1923 als das Jahr der «Polykrise» bezeichnet wird: Hyperinflation, Kampf um Rohstoffe (damals Kohle) und die Ruhrbesetzung durch französische Truppen beherrschten 1923 in der jungen Weimarer Republik den Alltag und konnten so «die Feinde der Demokratie» stärken. Zitiert wird auch Theo Grütter, Direktor des Essener Ruhr Museums, wo zurzeit eine Sonderausstellung («Hände weg vom Ruhrgebiet! Die Ruhrbesetzung 1923-1925», 12.1. –27.8.2023) zu den damaligen Geschehnissen stattfindet. Grütter zufolge war 1923 «ein Trauma, aber es kann uns auch Hoffnung geben». Bezeichnenderweise geht der «Spiegel»-Artikel allerdings nicht weiter auf diese Aussage ein, womit offenbleibt, wie und was denn genau aus den multiplen Krisen von damals für heute gelernt werden könnte.
Bücher zum Jahr 1923 (Auswahl):