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Deutschland soll es für die Eurozone sein, China für die Welt. Das ist kompletter Unsinn und zeugt von einem fundamentalen Missverständnis.
China wächst noch immer um 7,5 Prozent, das ist zumindest das Ziel der dort führenden kommunistischen Partei. Damit wächst das Land deutlich stärker als der Durchschnitt der Weltwirtschaft. China drückt deshalb angesichts seiner relativ grossen Wirtschaftskraft den Welt-Wachstumsdurchschnitt nach oben. Dasselbe gilt für Deutschland in Bezug auf Europa. Dessen Wachstum war zumindest in den letzten Jahren deutlich höher - aktuell stagniert es allerdings - und hat so das Durchschnittswachstum der Eurozone ebenfalls nach oben getrieben.
Doch sind die Länder deshalb Wachstumslokomotiven, wie sie oft und gern genannt werden: Eine Lokomotive ist nicht einfach ein besonders schwerer Wagen, der deshalb das Durchschnittsgewicht der Wagen eines Zuges nach oben treibt. Das höhere Gewicht der Lokomotive erhöht das tatsächliche Gewicht der Wagen hinter ihr genau so wenig wie das höhere Wachstum Chinas oder Deutschlands das Wachstum irgendeines Landes erhöht.
Eine Lokomotive ist der Grund, weshalb die Wagen hinter ihr vorwärtskommen. Sind China und Deutschland der Grund dafür, dass andere Länder wirtschaftlich stärker wachsen? Leider nein.
Werden wir etwas ökonomischer. Natürlich gibt es Übertragungsmechanismus bei der Art wie ein Land wächst, das sich auf das Wachstum anderer Länder auswirkt. Und genau hier liegt der springende Punkt bei unseren Beispielen: Diese Übertragungsmechanismen bedeuten sowohl im Fall von China wie von Deutschland nicht, dass andere Länder mehr, sondern weniger wachsen. Wie das?
Beide Länder verzeichnen massive Exportüberschüsse. Wie der jüngste World Economic Outlook in seinem vierten Kapitel zeigt, hat Deutschland China sogar darin überholt absolut den weltweiten grössten Nettoexportüberschuss zu verzeichnen. Hier die gesamte Rangliste der Nettoexporteure und -importeure 2006 und 2013:
Nettoexportüberschüsse waren hier schon einige Mal Thema; nochmals die wichtigsten Punkte: Ein Nettoexportüberschuss steht nicht für hohe Exporte, sondern für die Differenz zwischen den Exporten und den Importen. Salopp gesagt bedeutet er, dass ein Land seine Produkte ans Ausland vergibt, ohne im Gegenzug Güter oder Dienste von gleichem Wert zurückzuerhalten - doch in diesem Tausch würde volkswirtschaftlich gesehen der Sinn des Aussenhandels bestehen.
Die Anhäufung von Guthaben im Ausland - die die Form von hohen Währungsreserven (wie im Fall von China) oder Kapitalexporten (wie im Fall von Deutschland) annehmen können - ist nicht der Zweck einer Volkswirtschaft. Sie soll ihren Bewohnern nützen und ist kein Unternehmen. In dieser Verwechslung besteht wahrscheinlich der Grund, weshalb diese Logik so schwer zu verstehen scheint. Unternehmen - anders als Länder - verfolgen beim Handel durchaus den Zweck der Gewinnmaximierung.
Mit einem auch früher schon ausführlicher dargestellten einfachen Zusammenhang lässt sich der Nettoexport im Zusammenhang mit der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung folgendermassen darstellen:
NX = S – I
Die Nettoexporte (NX) können sich nur aus einem Sparüberschuss über die Investitionen ergeben. Anders gesagt erfordern sie einen geringen Inlandkonsum und/oder geringe inländische Investitionen oder generell wie oben ausgedrückt einen Verzicht auf inländische Nachfrage - denn sonst gibt es keinen Überschuss zu exportieren.
Wenn bei für ein Land die Nettoexporte Wachstumstreiber sind, bedeutet das also, dass die Bewohner des Landes über den Konsum und/oder die Investitionen Verzicht üben. Der IWF hat uns ins seinen analytischen Kapiteln zum World Economic Outlook Daten für Deutschland und China geliefert: Als einziges der grossen Nettoexportländer fährt unser nördlicher Nachbar seit 2006 gleichzeitig die Investitionen zurück, während auch noch die Ersparnisse zulegen. Das Resultat sind die wachsenden Nettoexportüberschüsse.
Für China sieht die Lage etwas anders aus. Hier haben die Investitionen tatsächlich seit 2006 sehr stark zugenommen, während gleichzeitig die Ersparnisse leicht zurückgehen. Das Ergebnis ist ein reduzierter Nettoexportüberschuss. Doch die hohen Investitionen verkünden hier dennoch keine frohe Botschaft. Die Nettexporte waren angesichts ebenfalls sehr hohen Investitionen nur möglich, indem die chinesische Wirtschaft auf einem extrem starken Konsumverzicht basiert.
Der Konsumanteil in China liegt nur etwa bei 35 Prozent und ist damit selbst für ein Schwellenland aussergewöhnlich tief. In der Schweiz liegt er bei etwa 70 Prozent. Das hat auch zur Folge, dass die Investitionen nur auf den Export hoffen müssen oder nicht aufgrund ihrer erwartbaren Profitabilität vergeben wurden. Tatsächlich sind sie zu einem grossen Teil unproduktiv. Die Folge ist, dass die Banken Chinas faktisch auf ungedeckten Krediten sitzen. Anders gesagt: In China sind die Nettoexporte auch Ausdruck für ein gefährliches inländisches Ungleichgewicht. Ein tieferes und auf inländischem Konsum basierendes Wachstum ist daher auch das erklärte Ziel der chinesischen Führung.
Zurück zur Lokomotive. Während die Nettoexporte in China und Deutschland das Wachstum befeuern, ohne im entsprechenden Ausmass der eigenen Bevölkerung zugute zu kommen, verdrängen sie durch diese Verzichtspolitik Nachfrage bei den Abnehmern Ihrer Nettoexporte . Sie bremsen dort also das Wachstum, statt es – wie eine Lokomotive – anzutreiben.
Nun gut, Nettoexporte (und damit auch Kapitalexporte) könnten das Wachstum selbst in Nettoimportländern fördern, wenn dort das Wachstum nicht durch fehlende Nachfrage, sondern durch fehlendes Kapital beschränkt wird. Der in China lehrende US-Ökonom Michael Pettis erklärt den Zusammenhang:
«When the world suffers from too low a level of savings to fund needed productive investment, policies that force up savings are positive for long-term growth. For similar reasons, economies with excess savings create growth abroad by exporting the excess to where it is needed. In that case the supply-side insistence on focusing policy on ways to generate additional savings does result both in more growth and in trickle-down wealth expansion.»
Als Beispiel dafür könnte Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg dienen. Die US-Nettoexporte und Nettokapitalexporte haben dort dem Land, das ökonomisch gesprochen auf der Angebotsseite eingeschränkt war, zu Wachstum verholfen. Ganz anders sieht es aber aus, wenn wie jetzt weltweit ein Überschuss an Ersparnissen vorherrscht und ein entsprechender Nachfragemangel. Pettis:
«However when savings are high enough and mobile enough so that balance can only be achieved in the form of high unemployment, the world does not need more savings to fund more productive investment, as the supply-siders argue, but rather more demand, as the Keynesians insist. More sustainable demand (in the form of needed infrastructure or of higher consumption by wealthier workers) will lead to more productive investment by redeploying underutilized resources, including unemployed workers.»
In dieser Welt, so Pettis, ist die wahre Wachstumslokomotive nicht das Nettoexportland, sondern im Gegenteil das Nettoimportland:
«If there is such a thing as a global engine of growth, in the latter case, it is the country that is able (or is forced) to import the most amount of capital and export the most amount of demand (i.e. run the largest trade deficit). In that case countries with large trade surpluses that have to export excess savings do not cause growth abroad»
In dem Nettoexportländer die Erträgnisse ihrer Exporte gleich wieder als Kapitalexporte aus dem Land geben oder entsprechend Währungsreserven anhäufen verhindern sie auch den Mechanismus, der sonst für einen Ausgleich sorgen würde: Nämlich die Anpassung der Devisenkurse, denn die Währung der Nettoexporteuer würde sonst zulegen, die Exporte dadurch verteuern und die Importe für die Bewohner des Nettoexportlandes vergünstigen. Deutschland profitiert natürlich von seiner Mitgliedschaft in der Eurozone . So muss seine Exportwirtschaft ohnehin keine Aufwertung fürchten.
Kurz: China und Deutschland sind keine Wachstumslokomotiven. Ihre Nettoexportüberschüsse zeugen von einer zu geringen Nachfrage im eigenen Land und sie verdrängen Nachfrage in den Importländern. Statt das Wachstum der Weltwirtschaft zu befördern, bremsen sie es.