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Der Asienreisende Marco Polo (ca. 1254 – 1324) wurde durch die Berichte über seine Reisen ins Kaiserreich China bekannt, das er ‹Cathay›, ‹Kathay› oder italienisch ‹Catai› nannte. Der berühmte Venezianer brachte aus dem Fernen Osten tatsächlich vieles mit, was zuvor in Europa unbekannt war, obwohl längst nicht alles, was man im Laufe der Zeit behauptete, er hätte es im Abendland eingeführt. Der Brauch, der zurzeit nicht bloß in den sozialen Medien wieder Hochkonjunktur hat, nämlich ungehemmt zu behaupten, was einem gerade in den Sinn kommt, auch wenn es dafür weder Beweis noch Hinweis gibt, erfreute sich offenbar bereits im 14. Jahrhundert großer Beliebtheit. So stand Marco Polo selbst im Umgang mit äußerst alternativen Fakten einigen seiner späteren Landsleute, zum Beispiel einem jüngst verstorbenen Ex-Regierungschef, kaum nach. Doch seinen dreisten, frei erfundenen, unverfrorenen Behauptungen verdanken wir auch Wörter, die nunmehr zu unserem Grundvokabular gehören. Ein solches Wort ist ‹Porzellan›.
Marco Polo hatte das Porzellan — eine Art von Material, die in unserem Kontinent vollkommen unbekannt war — aus China nach Europa gebracht. Papst Bonifatius VIII., der ‹Korrupteste unter den Priestern›, den Dante so apostrophierte und in der ‹Divina Commedia› in der Hölle schmoren lässt, war am Weißen Gold nicht sonderlich interessiert und lehnte Marco Polos Geschenk, mehrere Kisten voll Schüsseln, Tassen, Tellern und anderem, schroff ab. Andere Adelige, Fürsten und Prälaten waren jedoch davon begeistert, und binnen Kurzem stieg der Wert vom begehrten Porzellan in den Bereich des Unbezahlbaren: Die Nachfrage war enorm, das Angebot gleich Null!
In der Folge gab es vor allem in Italien zahllose (vergebliche!) Versuche, das chinesische Erzeugnis zu imitieren. Auf der Suche nach Hinweisen über Zusammensetzung und Herstellungsverfahren von Porzellan stieß man in ‹Il Milione*›, ein Werk, das Marco Polos bedeutendste Schriften enthält, auf eine völlig erfundene, aber im ersten Moment seriös wirkende Angabe: Das Grundmaterial zur Herstellung von Porzellan gewinne man aus der Cypraea moneta (siehe Bild), einer im Mittelmeer sehr seltenen Meerschnecke, die in China als Währung verwendet wurde und deren weiße, glänzende Schale zu feinem Staub zerrieben werde. Da in Wahrheit das feinkeramische Erzeugnis aus Kaolin, auch weiße Tonerde, China Clay oder Bolus alba genannt, hergestellt wird und nicht aus pulverisierten Schalentieren, war es für die Experimentatoren und für das Ökosystem bestimmt ein Glück, dass die Meerschnecken nicht in annähernd genügenden Mengen aufzutreiben waren und es gar nicht erst zu Versuchen kam. Aber Marco Polo hatte nicht bloß keine Ahnung, wie man Porzellan herstellt, er wusste nicht einmal, wie die Schnecke heißt, die er für die fundamentale Zutat hielt.
So leichtherzig und unbeschwert, wie er sich die vermeintliche Herstellung des Porzellans aus den Fingern gesogen hatte, so flott und lässig zog er auch einen Namen für die Schnecke an den Haaren herbei: Er nannte die Meerschnecke ‹Porcella›, was ‹kleine Sau› bedeutet. Es bleibt ein Rätsel, welche kuriose Assoziation den Venezianer zu dieser Namensgebung animiert haben könnte. Einige vermuten, die Schnecke könnte ihn an die Vulva eines weiblichen Ferkels erinnert haben. Ich halte dies eher für unwahrscheinlich, obwohl ich gestehen muss, dass ich kaum etwas über Genitalien von Schweinen oder anderen Tieren weiß und dies nicht einmal als gravierende Bildungslücke empfinde. Wie dem auch sei: einen Beleg für Polos Gedankengang gibt es nicht. — Fakt ist, dass Marco Polo aus ‹Porcella› den Begriff ‹Porcellana› ableitete und dieser in vielen Sprachen, selbstverständlich in der entsprechenden Anpassung, aufgenommen wurde.
Es dauerte vier Jahrhunderte, bis es erstmalig gelang, das Weiße Gold Asiens einigermaßen ähnlich in Europa herzustellen. In der Zwischenzeit betrieben die Portugiesen und die Briten seit dem frühen 16. Jahrhundert reichlich Handel mit China und importierten neben Opium, Gewürzen und anderen Rohstoffen auch Porzellan. Sie folgten nicht der wohlklingenden Namensgebung des Marco Polo, sondern bezeichneten es als ‹Ware aus China›. Der Begriff ‹Chinaware› wird bis heute gleichlautend auch für die dem Porzellan unterlegenen Qualitäten verwendet.
* Il Milione (Der Milione) ist der Titel der Handschriften und späterer italienischer Drucke einer Ende des 13. Jahrhunderts entstandenen Beschreibung von Marco Polos Reise in den Fernen Osten.