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100’000 Franken – so hoch ist das Budget für die Umsetzung des Entwurfs, der als Sieger aus dem Einladungswettbewerb hervorgeht, bei dem 2021 zehn bis fünfzehn Künstlerinnen und Künster ihre Ideen für die Gestaltung des Tympanons an der Nordfassade des Parlamentsgebäudes einreichen können. Wer den Zuschlag erhält, wird von der Kunstkommission Parlamentsgebäude (KKPG) in Absprache mit der Eidgenössischen Kunstkommission und unter Vorbehalt der Genehmigung der Verwaltungsdelegation entschieden. Es steht viel auf dem Spiel: Die Siegerin bzw. der Sieger wird eine bis anhin unberührte, symbolträchtige Fassade verzieren. «Die Nordfassade stellt die Schnittstelle zwischen der Politik und der Bevölkerung, dem Souverän, dar. Genau dort, an der Nordseite des Gebäudes, mobilisiert sich und demonstriert die Bevölkerung», erklärt Hans-Rudolf Reust, Präsident der KKPG.
Ein bis anhin unverziertes Tympanon
Der Architekt des Parlamentsgebäudes Hans Wilhelm Auer wendete 16 Prozent der Bausumme für den künstlerischen Schmuck des Gebäudes auf. Der Innenbereich des Gebäudes enthält zahlreiche Verweise auf die Gründungslegenden der Schweiz – vom Rütli bis Wilhelm Tell – und auch die Aussenseite mit den Skulpturen und den Kantonsmosaiken auf der Südfassade ist reich geschmückt. Das sichtbarste Element, das Tympanon, jedoch ist unverziert.
Zum Tympanon hielt Hans Wihlem Auer 1885 Folgendes fest: «… doch scheint uns, müsste dann das Tympanon frei bleiben, denn darin liegt ja die Wirkung des Giebels: in dem Dreieck zwischen den ansteigenden Dachlinien und dem horizontalen Gesims – der freien Denkerstirne, die ins Weite schaut.»
Der Ausführungsplan, welcher dem Bundesrat 1894, neun Jahre später, vorgelegt wurde, sah für das Tympanon eine Allegorie der damaligen 22 Kantone vor.
Bei der Einweihung des Gebäudes 1902 war das Tympanon jedoch immer noch unverziert.
Vom Bundesrat im Jahr 1894 unterzeichneter Ausführungsplan
Im Jahr 1903, ein Jahr nach der Eröffnung des Gebäudes, wurde der Künstler Alfred Lanz (1847–1907) damit beauftragt, einen Entwurf für das Tympanon zu erarbeiten. Was daraus wurde, ist nicht bekannt. «Wir wissen nicht, welche Diskussionen in Bezug auf das Tympanon geführt wurden. Wir hätten gerne die Protokolle der damaligen Kunstkommission eingesehen. Allerdings fehlt von diesen bisher jede Spur», meint Hans-Rudolf Reust.
Im Jahr 1906 schien die Diskussion beendet. In jenem Jahr unterbreitete der Architekt Augusto Guidini (1853–1928), ohne damit beauftragt worden zu sein, dem Bundesrat sieben Entwürfe, von denen dieser einen behielt, ohne ihn jemals zu bezahlen, da er ihn als «Ehrerbietung eines Künstlers und Bürgers» erachtete.
Einer der sieben Entwürfe von Augusto Guidini sah auch eine Verzierung zwischen den Säulen vor
Geschichte schreiben
«Der Wettbewerb stellt eine Phase der Reflexion dar; er soll eine Diskussion darüber anstossen, welche Funktion dieses Gebäude hat und was es uns erzählt», erklärt Hans-Rudolf Reust. «Der Eingang an der Nordfassade wird von zwei Statuen gesäumt: einem Greis, der uns die Geschichte präsentiert, und einem Jüngling, der sie schreibt. Heute befinden wir uns in der Position des Jünglings: Auch wir wollen auf dieser Fassade Geschichte schreiben. Das über 100-jährige Gebäude entspricht nicht mehr dem Zustand der Nation; die Gesellschaft hat sich gewandelt, die Frauen haben das Stimmrecht bekommen und machen nun Politik.»
175 Jahre moderne Schweiz
Die Siegerin bzw. der Sieger des Wettbewerbs wird von einer Jury bestehend aus den Mitgliedern der KKPG und aus Gastexpertinnen und -experten erkoren. Das Jurypräsidium übernimmt Ständerat Thomas Hefti, Mitglied und Delegierter der Verwaltungsdelegation. Gastexperten sind u. a. Bernhard Aebi, Architekt und Co-Leiter der Renovierungsarbeiten 2006–2009 am Parlamentsgebäude, und Jean-Daniel Gross, Denkmalpfleger der Stadt Bern. Die preisgekrönte Arbeit wird 2023 – anlässlich des 175-jährigen Jubiläums der 1848 gegründeten modernen Schweiz – zu sehen sein.