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Natürlich. Ja, sicher kann man mit Seife Haare waschen. Und nachher mit einer Essig-, Bier- oder Milch-Spülung pflegen. Oder man kann Haare nur mit Wasser waschen. Und zwischendurch 100 Bürstenstriche wagen. Oder man wäscht sie mit aufgequollenem Roggenmehl. Es gibt viele Möglichkeiten. Die haben wir nur vergessen. Denn die Kosmetikindustrie hat das Shampoo erfunden.
Doch das war erst in den dreissiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Erst dann gelang es, die Vorläufer der flüssigen Shampoos herzustellen, die wir heute kennen. Ein paar Jahre zuvor gab es Shampoos in Pulverform. Aber bis dahin? Wie haben die Frauen ihre schönen langen Haare gepflegt?
Aufschluss gibt unter anderem das Buch “Hygiea an der Toilette, oder: die Kunst, Gesundheit und äußere Schönheit des Körpers durch ein zweckmäßiges Benehmen an der Toilette zu heben und zu erhalten“, erschienen in Wien anno 1830, verfasst von Jakob Mayer. Für ihr stand fest:
“Von Zeit zu Zeit mit Seife”
“Die Haare müssen von Zeit zu Zeit mit Wasser, und bei grossen Verunreinigungen, zum Beispiel nach Reisen, wo es unmöglich wird, sich gegen den Staub der Strassen zu schützen, auch mit feiner, reiner Seife gewaschen werden.”
Reine Seife, das war damals Kernseife. Ihre Herstellung war sehr aufwendig und dauerte mehrere Tage. Aus Holzasche, später aus Soda wurde durch langes Kochen eine Lauge hergestellt, diese mit Fetten – in Mitteleuropa ausgekochten Schlachtabfällen, in Südeuropa mit Olivenöl – verkocht und anschliessend ausgesalzen.
Ausgekocht und ausgesalzen
Die Herstellung verläuft in der Industrie heute etwas einfacher, Schlachtabfälle wie Rindertalg oder Schweinefett werden teils durch Palmöl ersetzt, Kernseife ist aber heute wie damals eine ausgesalzene, also nicht überfettete Seife. Sie entfernt Fett sehr gut und kann daher auch gut zum Wäschewaschen verwendet werden.
Eine ähnliche Charakteristik haben auch die “Aleppo-Seifen” aus Syrien, die traditionell aus Oliven- und Lorbeeröl hergestellt werden. Auch diese werden heute noch lange gekocht und sind nicht überfettet. Für das Haar bedeutet das: Es wird beim Waschen völlig entfettet, was wiederum die Kopfhaut austrocknen und zum Nachfetten anregen kann. Die Haare werden so – ja nach Veranlagung – vom Ansatz her teils erneut rasch fettig, weil die entfettete Kopfhaut, das abhanden gekommene Fett ersetzt. Diese Seifen sind damit zumindest nicht für jeden Haartyp gleichmermassen geeignet.
“Hauptsache, es brennt nicht!”
Dass bei all dem Kochen von Kernseife kaum noch etwas von den ursprünglichen Inhaltsstoffen in der Seife verbleibt, liegt auf der Hand. Um Seifen pflegender zu machen, werden sie in der industriellen Herstellung später geraspelt und mit (oft künstlichen) Farben, Düften und pflegenden Ölen angereichert. Das sind die sogenannten Toilettenseifen für Hände und Körper.
Doch zurück zum Haarewaschen. Gerade die Kinder waren in den 1960er und 70er-Jahren froh, als es endlich die flüssigen Shampoos gab. Damals kamen sie in grossem Stil in die Drogerien und Supermärkte und veränderten unser Haarwasch-Verhalten. Gut, die ersten Shampoos brannten noch in den Augen, aber nicht so arg, wie wenn einem die Haare mit den damaligen Seifen gewaschen wurden.
Silikone lassen Schäden verschwinden
Und ein paar Jahrzehnte später, als auch die Shampoos längst nicht mehr so in den Augen brannten, freuten sich vor allem die Frauen mit langem Haar darüber, dass vielen Shampoos Silikone beigemischt wurden, die die Haare viel schöner aussehen liessen. Sie deckten die Schäden nämlich einfach zu.
Genau das ist auch der Grund, warum der Umstieg auf Seife – oder besser gesagt der Ausstieg aus dem Shampoo – vielen so schwer fällt. Denn sobald man das Silikon absetzt, kommen die Schäden zum Vorschein. Und da hilft es oft nur, ein paar kostbare Zentimeter Haar abzuschneiden.
Haare waschen ohne Shampoo liegt im Trend
Trotz allem möchten heute immer mehr Menschen zurück zu einer natürlichen Haarpflege. Sei es, weil sie genug von künstlichen Sachen im Haar haben oder weil sie einfach umweltbewusster oder naturverbundener leben möchten.
Genau das drückt der Mega-trend “NoPoo” aus, der seit einigen Jahren aus den USA kommend auch Europa erreicht. “NoPoo” heisst einfach “kein Shampoo”. Und Haare waschen ohne Shampoo, das geht.
Wie mit jedem Abschied im Leben ist es allerdings auch mit dem Abschied vom Shampoo. Abschiede sind zuweilen schwer. Und die Umstellung von Shampoo auf ein anderes Haarwaschmittel ist für viele nicht leicht. So titelte “Focus-Online” 2015 auch gewohnt reisserisch “Am Anfang war es eklig – Frau benutzt sechs Jahre kein Shampoo”.
Schwieriger Umstieg
Ob es “eklig” ist oder wird, das ist eine sehr individuelle Frage. Bei vielen gelingt die Umstellung rasch, bei anderen funktioniert sie gar nicht. Als hilfreich wird oft beschrieben, wenn man sich bereits vor dem Umstieg auf Haarseife von Silikon befreit hat, indem man auf Naturkosmetik-Shampoos ohne Silikon gewechselt hat.
Und dann? Möglichkeiten zum Haare waschen ohne Shampoo gibt es, wie eingangs erwähnt, viele. “WO” steht für “Water only” und meint eine Haarwäsche nur mit Wasser. Dazu gehört oft viel Bürsten, um das Fett in den Haaren gut zu verteilen oder eben auch viel davon heraus zu bürsten.
Roggenmehl, Heilerde – oder Seife
Viele andere Varianten – wie das Haarewaschen mit in Wasser aufgelöstem Roggenmehl oder Heilerde – werden ebenfalls herumgeboten. Am Ende ist die Wahl eines natürlichen Haarwaschmittels eine ganz individuelle – wie auch die des konventionellen Shampoos. Und sagen Sie jetzt bitte nicht, dass die Auswahl des “richtigen” Shampoos in der Drogerie wirklich so einfach wäre.
Aber zurück zum Haarewaschen mit Seife. Zuerst einmal: Mit kurzen Haaren gibt es im allgemeinen kaum Probleme bei der Umstellung auf Haarseife.
Menschen mit langen Haaren haben dagegen oft viel mehr Mühe, viele sind aber, wenn die Umstellung einmal gelungen ist, oft absolute Fans – und halten den Haarseifen ebenfalls die Treue.
Die Vorteile von Haar- oder Shampooseifen
Kaltgerührte Haarseifen werden – wie die Bezeichnung bereits nahe legt – nicht gekocht. Werden sie mit wertvöllen Ölen hergestellt, erreichen die Inhaltsstoffe von Mandel-, Rizinus-, Traubenkern- oder Avocado-Öl – vorzugsweise in kaltgepressten und unraffinierten Varianten – mit all ihren positiven Effekten auch tatsächlich noch das Haar.
Dasselbe gilt für Kräuter und ätherische Öle, die in Heiligkreuzer Haarseifen verwendet werden. Sie können ebenso wie die verwendeten Öle und Fette für natürlichen Glanz sorgen und den natürlichen Haarwuchs anregen. Genauso, wie Sie das selbst auch zu Hause durch entsprechende Haarkuren mit hochwertigen Ölen oder Kräuteraufgüssen erreichen können.
Ohne Gewähr, aber: Eine gute Sache
Mit anderen Worten: Eine sinnvoll komponierte Haarseife kann durchaus positiv auf die Gesundheit des Haars wirken und Haarschäden begegnen.
Eine Garantie gibt es freilich nicht. Sie verwenden eine Haarseife aber stets mit dem Gefühl, auf der Seite der Natur zu stehen und nicht auf der Seite der Errungenschaften der chemischen Industrie. Insofern ist das Haarewaschen mit Seife auch politisch und ein Bekenntnis zu Nachhaltigkeit und der Bewahrung unseres Planeten. Denn kalt gerührte Haarseifen sind vollständig biologisch abbaubar.
Vorsicht: “Shampoobars” sind keine Seifen
Lassen Sie sich bitte auch nicht täuschen. Angeboten werden die verschiedensten Seifen. Und auch so genannte Shampoo-Bars. Letztere sind auch als “feste Shampoos” bekannt. Sie enthalten ebenfalls wie flüssige Shampoos teils zweifelhafte Tenside, die für Schaum sorgen. Es handelt sich dabei nicht um Seifen.
Heiligkreuzer Haar- oder Shampooseifen sind dagegen echte Naturseifen, die ausschliesslich aus Ölen, Fetten und Natronlauge bestehen. Ohne künstliche Tenside, Farben und Düfte. Erhältlich sind sie in verschiedenen Überfettungsgraden. Damit erhalten Sie eine Auswahl, mit der Sie ausprobieren können, welche Seife Ihrem Haar gut tut.
Die Frage der Überfettung
Verschiedene Seifen entfetten Ihr Haar und Ihre Kopfhaut in unterschiedlichem Masse. Eine Kernseife mit null Prozent Überfettung oder eine Haarseife mit zwei Prozent Überfettung entfernt mehr Fett aus dem Haar als eine Seife mit zehn Prozent Überfettung, die dem Haar etwas Fett zurück gibt, als hätten Sie es etwas eingeölt.
Das Einölen hielt Jakob Mayer übrigens 1830 bereits für zwingend. Er empfahl dafür eine “schickliche Pomade”, die ins noch feuchte Haar einmassiert werden sollte: “Nichts ist schädlicher, als das Waschen der Haare, wenn sie darauf nicht eingesalbet werden, denn dadurch wird den Haaren eine Menge Fettstoff entzogen, wodurch sie austrocknen, und dann gerne ausfallen.”
Eine niedrig überfettete Seife trocknet also das Haar tendenziell aus, eine stark überfettete pflegt mit den überschüssigen Ölen und Fetten und beugt damit dem Austrocknen vor. Was bedeuten nun die Prozentzahlen der Überfettung?
Zwei oder zehn Prozent?
Ein Vergleich: Heiligkreuzer Seifen zum Händewaschen und zum Duschen sind im Allgemeinen mit acht Prozent überfettet. Sie geben der Haut durch das überschüssige Fett ein spürbar gepflegtes Gefühl ohne sie glänzen zu lassen. Bei Heiligkreuzer Haarseifen haben Sie die Wahl zwischen zwei und 16 Prozent Überfettung.
Welche Variante Ihrem Haar gut tut, müssen Sie selbst herausfinden. Ein kleiner Trost: Wenn eine Heiligkreuzer Shampooseife in Ihrem Haar nicht funktioniert, können Sie sie immer noch zum Händewaschen oder zur Körperpflege verwenden. Sie können sich also gar nicht richtig “verkaufen”.
Das Problem mit harten Leitungswasser
Ein grosses Diskussionsthema unter Haarseifen-Verwenderinnen ist die Frage der sogenannten sauren Rinse. Der Begriff stammt aus dem englischen, “to rinse” heisst dort “spülen”, gemeint ist also eine anschliessende saure Spülung. Sie kann notwendig sein, um Kalkseifenreste aus dem Haar zu entfernen, die durch den Kontakt der Seife mit zu hartem Leitungswasser entstehen.
Diese Spülung kann zum Beispiel aus zwei Esslöffeln Essig oder Zitronensaft auf einen Liter Wasser bereitet werden. Daneben gibt es weitere Varianten. In den meisten Heiligkreuzer Haarseifen beugt Zitronensäure als natürlicher Wasserenthärter der Kalkseife bereits beim Waschen vor, eine Spülung der Kalkseife wegen wird damit in vielen Fällen überflüssig.
Die Frage des pH-Werts
Allerdings: Eine Spülung kann auch in diesen Fällen dennoch sinnvoll sein, und zwar um den pH-Wert des Haars nach der basischen Wäsche mit Seife wieder auszugleichen. Denn von Natur aus hat das Haar hat einen eher sauren pH-Wert.
In allen Fällen empfiehlt sich Spülung mit kaltem Wasser zu unternehmen, damit sich die Haarschuppen wieder gleichmässig am Haar ausrichten. Oder anders gesagt: Die äussere Hornschicht wird dadurch wieder geglättet.
Nicht immer reibungslos: Der Umstieg
Der Umstieg von konventionellem Shampoo auf Haarseife erfordert gerade bei langen Haaren oft etwas Zeit. Die ersten Ergebnisse sind oft unbefriedigend, da sich die bereits vorhandenen Haarschäden vor allem an den Spitzen zeigen, sobald die künstlichen Rückstände der konventionellen Haarpflegemittel entfernt sind. Vor allem die silikonhaltigen Shampoos überdecken die Haarschäden nur. Reparieren lassen sie sich leider auch mit Haarseife nicht mehr. Da hilft dann meist nur abschneiden.
Im Allgemeinen dauert die Umstellung von Shampoo auf Haarseife ein bis zwei Monate. Zu Beginn empfiehlt sich eine Reinigung der Haare mit einer Natronwäsche (ganz einfach), um Silikon- und andere Reste von konventionellen Shampoos aus dem Haar zu entfernen. Dabei können dann die oben erwähnten (vom Silikon nur verdeckten) Haarschäden zum Vorschein kommen. Wer bereits länger mit silikonfreien Naturshampoos wäscht, kann auf die Natronwäsche oft auch verzichten.
Eine Frage des Haartyps
Für den Beginn werden oft Seifen mit einem geringen Überfettungsgrad empfohlen, der dann langsam gesteigert werden kann. Auch von der sogenannten Kreiswäsche ist oft die Rede. Dabei wird empfohlen, im Wechsel Seifen mit verschiedenen Überfettungsgraden zu verwenden. Das ist in jedem Fall sinnvoll. Auch sollte man Seifen mit verschiedenen Ölen und Fetten verwenden, um das Haar nicht mit den immer gleichen zu “überpflegen”.
Ganz grob lässt sich sagen: Eine höhere Überfettung ist vor allem für trockenes, dickes und lockiges Haar geeignet, eine niedrige Überfettung eher für eher fettige, dünne und glatte Haare. Das bedeutet, dass auch mit acht Prozent überfettete Dusch- und Körperseifen zum Haarewaschen verwendet werden können, wenn sie sich von den verwendeten Zutaten her als Haarseife empfehlen.
Oft auch eine Glaubensfrage
Letztlich ist der Umstieg wie auch die Anwendung eine sehr individuelle Erfahrungssache, die vom eigenen Haartyp und der jeweiligen Konstitution abhängt. Die Diskussionen in Internetforen dazu gleichen zudem oft einer Diskussion über Glaubensfragen. Letztlich hilft es nur, es selbst auszuprobieren.
Im Internet finden Sie zahlreiche Seiten mit weitergehenden Informationen zur Haarpflege auch mit Seife wie zum Beispiel kupferzopf.com. Auch in den sozialen Netzwerken wie Facebook gibt es zahlreiche Gruppen, die sich nur mit Naturseifen und ihrer Anwendung beschäftigen. Eine Suche nach “Naturseife”, “ohne Shampoo” oder “NoPoo” hilft dabei, die passenden Gruppen zu finden. Auf diesem Blog findet sich zum Beispiel eine ausführliche Dokumentation der Erfahrungen in der Umstellungsphase über mehrere Wochen hinweg: “Haarseife, die endlich funktioniert!”
Ein Schritt vorwärts
Die Verwendung von kaltgerührten Naturseifen ist ein Schritt zurück zur Natur und gleichzeitig ein Schritt vorwärts in eine nachhaltigere Welt. Ein Schritt weg von Plastikmüll und künstlichen Substanzen, die weder unserer Haut noch unserem Haar immer nur gut tun und dazu oft auch nicht vollständig biologisch abbaubar sind.
Wie jeder Schritt im Leben ist auch dieser nicht immer einfach. Doch es wächst die Zahl derer, die froh sind, ihn getan zu haben und die trotz täglich neuer Versprechungen der Kosmetikindustrie auch nicht mehr zurück wollen.
Mehr Informationen zum Haarewaschen mit Seife finden Sie in der Rubrik Seifenwissen.
Lesen Sie dazu auch:
“Was unterscheidet Haarseifen von Körperseifen?”
“Welche Haarseife und welche Überfettung?”
“Anleitung: Shampoo- und Haarseifen richtig anwenden”
Was ist der Unterschied zwischen Haarseifen und „Shampoo-Bars“?
7 Kommentare zu “Haare waschen mit Seife statt Shampoo?”
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