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B. M. AY
„Elvia! Wach auf! Ich muss mit dir reden!“
„Was um Himmelswillen? Adyam!“ grummelte Elvia unwirsch. Verschlafen blinzelte sie gen Osten wo sich am Horizont ein feiner blassblauer Streifen abzuzeichnen begann.
„Ich hatte einen Traum“, sagte Adyam aufgeregt. „Schon wieder!“
„Aha“, murmelte Elvia gleichgültig. Sie drehte sich um, wollte noch ein wenig ruhen. Ihre Tage waren lang; Grund genug nicht schon im Morgengrauen herum zu wuseln.
„Ich war in der anderen Welt – wie jede Nacht, seit…. Sie muss irgendwo dort draußen sein. Jenseits des Waldes? Zwischen den Bergen dort hinten am Horizont oder auf den kleinen Inseln in dem Großen Wasser? Vielleicht ist sie aber auch in mir drin und wartet darauf, dass ich sie dort draußen aufbaue?“ fuhr Adyam unbeirrt fort. Elvia schnellte hoch. Sie sah Adyam fest in die Augen.
„Was meinst du mit Traum?“ fragte sie vorsichtig.
„Es war plötzlich da und kehrt seitdem jede Nacht wieder. Wenn mir nach Einbruch der Dunkelheit die Augen zufallen, bin ich nicht einfach weg – so wie früher. Nein, ich tauche ein in eine andere Welt. Dort kann ich mit ausgebreiteten Armen schwerelos durch die Lüfte gleiten, am Grund des Großen Wassers lange Spaziergänge unternehmen, in die Finsternis einer Höhle hinabsteigen und mühelos wieder herausfinden. Neulich habe ich einen Geröllhaufen so geordnet, dass daraus ein Schutzraum entstand, den ich Haus nannte. Es war fast so gut und sicher wie die Höhle, die uns der Herr angewiesen hat, als wir ihn um einen trockenen Unterschlupf baten. Nur, diese Behausung hatte ich eigenhändig geschaffen und auch den Platz dafür selbst gewählt. Auch legte ich Samen in die Erde, sah ihn keimen und zu einer neuen Pflanze heranwachsen, die ihrerseits wieder Samen bildete. Anfangs war ich morgens beim Aufwachen völlig durcheinander, versuchte verzweifelt die Gesichter der Nacht aus meinem Kopf zu vertreiben, bis mir klar wurde, dass sie von großem Nutzen für uns sein könnten, wenn ich sie zuließe. Also begann ich sie mit in den Tag zu nehmen, versuchte mich am Hausbau und legte auch verschiedene Samen in die Erde. Manches davon ist in der Tagwelt sehr viel langwieriger, aufwendiger und mühsamer. Aber wann immer ich daran ging meinen Träumen im Angesicht der Sonne Gestalt zu verleihen, waren meine Bemühungen früher oder später von Erfolg gekrönt.“
„Adyam“, unterbrach Elvia ihren Gefährten. „Du hast von den Früchten des verbotenen Baumes gegessen!?“
„Bist du des Wahnsinns! Schst!“ zischte Adyam, legte den Zeigefinger auf seine Lippen, sprang auf und durchkämmte mit den Fingern sorgfältig das knöchelhohe Gras seines Lagerplatzes. Zuletzt bat er Elvia aufzustehen und nahm auch ihren Platz in Augenschein, die Nase stets dicht über dem Boden.
„Glück gehabt, es sind keine da“, stellte Adyam erleichtert fest. „Aber man muss jederzeit und überall mit ihnen rechnen – fast überall.“ Er nahm seine Gefährtin bei der Hand. „Komm, ich weiß einen Platz wo wir ungestört reden können“, sagte er. Schweigend gingen sie nebeneinander her, bis sie zu den Dünen am Rand des Großen Wassers gelangten. Adyam sah sich um. Er wählte einen kahlen Sandplatz mit gutem Abstand zur nächsten Binsengruppe.
„Ja“, flüsterte er, als sie dicht nebeneinander im feinen Sand saßen. „Ich habe davon gegessen. Während ich den ersten Bissen kaute, mich noch fragte warum diese völlig geschmacklose Frucht wohl verboten sei, ging mir plötzlich ein Licht nach dem anderen auf. So war mir mit einem Mal auch völlig klar, wie der Herr jederzeit über alles Bescheid wissen kann. Er hat sich eine Armee von Spitzeln geschaffen, die ihm die kleinste Kleinigkeit blitzschnell zuträgt. Sie sind flach, passen durch jede Ritze, verstecken sich unter winzigen Blättchen, schmiegen sich in jeden Rindenspalt…. Es gibt sie in allen Größen und Farben, so gut an ihre Umgebung angepasst, dass sie beinahe unsichtbar sind. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie einen bestialischen Gestank verbreiten, wenn du sie zerdrückst. Ich nenne sie Wanzen. Ich glaube beinah, dass der Herr zu jeder seiner Pflanzen eine exakt passende Wanze geschaffen hat. Aber jetzt erzähl du mal wie du mir auf die Schliche gekommen bist?“
Fortsetzung folgt