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«Egal wo man arbeitet, bevor man bestellt, sagt man grüezi»
Besucht man den McDonald's in Wil, dann kennt man Andrew. Andrew hat für alle Kunden ein gutes Wort übrig oder zaubert ihnen ein Lächeln aufs Gesicht, verteilt Süssigkeiten und High-fives. Doch Andrews Geschichte ist mehr als das.
Wil Andrew Eze steht vor dem McDonald's Wil. Die Sonne steht bereits tief. Doch die Temperatur ist für den Monat Januar angenehm. Eze hat seine Hände in seiner schwarzen Winterjacke vergraben. «Heute war ein ziemlich intensiver Tag.», erklärt er auf schweizerdeutsch, ein englischer Akzent schwingt mit. Aufgeregte Kinderstimmen unterbrechen ihn. «Andrew», zwei kleine Mädchen rennen, die Arme weit ausgebreitet, auf ihn zu. Er nimmt sie lachend in Empfang. Das kleinere der beiden Mädchen, die pinke Wintermütze tief in die Stirn gezogen, fragt Andrew erstaunt, warum er denn hier draussen stehe und nicht im Restaurant. Lachend hebt er sie hoch und trägt sie in das Lokal. Ihre ältere Schwester folgt ihnen mit funkelnden Augen. Eze erklärt: «Genau solche Begegnungen machen mich sehr glücklich. Das gibt mir Motivation und Energie für meinen Alltag.» Denn wegen des Geldes alleine arbeitet Eze nicht bei McDonald's.
Keine Selbstverständlichkeit
Andrew Eze nimmt einen Schluck Wasser aus einem Mc-Pappbecher. Dann beginnt er zu erzählen: Sein Vater war ein «Super Brain». Durch ausserordentliche sportliche Leistungen wurde er als einer der ersten Farbigen, an der an der Royal Military Academy Sandhurst in England angenommen. Ezes Mutter stammt aus der Karibik. Sie studierte Medizin in London und arbeitete als Leitende Pflegefachfrau. Ezes Eltern trafen sich in England und verliebten sich ineinander. Andrew Eze wuchs in Nigeria auf. In einem angesehenen Herrenhaus. Er hatte Hausangestellte, und einen Chauffeur. Doch verwöhnt wurde Eze nie. «Mein Vater hätte mich schon zu Beginn nachEngland in eine Privatschule schicken können. Doch das tat er nicht.» Eze ging ganz normal zur Schule. Taschengeld mussten sich Andrew und seine Geschwister selbst verdienen. Sein Vater legte grossen Wert darauf, dass seine Kinder ihren Wohlstand nicht als selbstverständlich betrachteten. Einen weiteren Fokus legte er auf die Bildung seiner Kinder. Als Eze 17 Jahre alt war, studierte er in England Physik und Mathematik. Lachend erklärt Andrew Eze, dass er wohl wie seine Eltern ein «Super Brain» habe. Aber schon immer seinen eigenen Kopf.
Was diese Menschen?
Andrew Eze stellt klar, er gebe sich einfach so, wie er ist. Von der Maskentragerei im Alltag halte er nichts. «Ich habe Vertrauen in Gott, meine Familie und in mich selbst.» Und Andrew Eze liebt das Leben und die Menschen. Eze erinnert sich an seine Studienzeit in London zurück. Manchmal hätten ihn seine Unikollegen erstaunt angesehen und gefragt, wieso er sich mit diesen Nichtstudenten abgibt. Er stellte ihnen die Gegenfrage: «Was meinst du mit diesen Menschen? Sind sie weniger wert als du?» Die Fragerei verstummte. Eze seufzt und nimmt einen weiteren Schluck von seinem Wasser. «Es ist egal, woher du kommst oder wie viel Geld man hat. Wir verdienen alle den gleichen Respekt.»
Das gleiche Blut, das gleiche Herz
«Es kommt nicht darauf an, wo man arbeitet, aber bevor man bestellt, sagt man als Erstes 'Grüezi'. Ich denke das ist nicht zu viel verlangt.» Er lehnt sich lächelnd zurück, grüsst die eintretenden Kunden und erzählt weiter: «Ich wartete an einem Bahnhof.» Dabei wurde er von einem älteren Herrn kritisch gemustert. Eze zuckt mit den Schultern. «Ich glaube, der hatte noch nie jemanden mit dunkler Haut gesehen.» Also streckte Eze sein Handgelenk in dessen Richtung und forderte ihn auf, es zu berühren. Er sagte zu ihm: «Es ist die gleiche Haut. Genau wie ihre.» Dann drehte er es und deutete auf seine Pulsadern. «Sehen sie, mein Blut ist rot. Wie ihres.» Eze deutete auf seinen Brustkorb, «und hier schlägt mein Herz. Wie ihres.» Das war, als Eze vor 30 Jahren in die Schweiz kam.
Ein Energiekreis
Von seinen früheren Reisen kannte Eze die Schweiz. In London lernte Eze, wie damals seine Eltern, seine grosse Liebe, eine Schweizerin kennen. Vor 30 Jahren zog er in die Schweiz. Lernte in einem zweimonatigen Intensivkurs Deutsch und später schweizerdeutsch. Durch einen Kumpel kam er zu McDonald's. Zuerst arbeite er in Winterthur, dann in Frauenfeld und seit acht Jahren in Wil. Und Eze gefällt seine Arbeit. Die Rückmeldungen, welche er erhält, sind durchwegs positiv. Sei das durch Kunden, welche ihn spontan umarmen, Zeichnungen von Kindern, Einladungen zum Essen oder Jobangebote. «Manchmal ist mir das peinlich.» Eze grinst, als er fortfährt. «Aber das Gute ist, man sieht nie, wenn ich rot werde.» Diese positiven Rückmeldungen seien es, welche ihm Energie geben. Und diese kann er so auch wieder an seine Mitmenschen weitergeben. «Es ist ein Energiekreislauf.» Doch natürlich könne Eze auch sauer werden. «Ich bin relativ schnell auf 180», erklärt er lachend. Aber ebenso schnell würde er sich auch wieder beruhigen. «Es ist wichtig, dass man sich ausspricht.» Eze nimmt einen weiteren Schluck von seinem Wasser. «Ich bin nicht nachtragend. Das wäre Energieverschwendung.»
Es kommt, wie es kommt
In seiner Heimat in Nigeria höre Eze oft: «Was, du arbeitetest bei McDonald's?» Seine Geschwister sind Anwälte und Ärzte. Servicearbeiten seien keine Arbeit, welche seinem Stand angemessen wäre. Er erkläre dann, dass ihn seine Arbeit, obwohl sie anstrengend sei, glücklich mache. «Was ich in Zukunft machen möchte, weiss ich noch nicht so genau. Ich lasse es auf mich zukommen.» Doch für Eze ist klar, er möchte im Service bleiben. «Ein eigenes Restaurant oder Hotel zu führen, hört sich nicht schlecht an.» Andrew Eze lächelt. «Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.» Der Pappbecher ist leer.
Francesca Stemer