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Jean Pythoud (1925-2020) – Architektur mit minimalen Mitteln
«Ich bin eigentlich gar kein Architekt», betonte Jean Pythoud gerne. Den französischsprachigen Freiburger aus dem tiefen Greyerzerland verschlug es für eine Lehre als Bauzeichner nach Basel zu Arnold Gfeller (1902-1978). Das war 1941, mitten in der Kriegszeit, als die Angst vor Nazi-Deutschland umging. Der Chef war oft abwesend, als Oberst einer Grenzbrigade und als Nationalrat des Landesrings der Unabhängigen. Im Büro war Selbständigkeit gefragt. Das war prägend, der junge Bauzeichner traute sich einiges zu. Der zweite Arbeitgeber, Georges Epitaux (1873-1957) in Lausanne, hat den kaum 20jährigen Burschen allein als Bauleiter für ein Kaufhaus nach Winterthur geschickt. Zurück in Freiburg hat er in den 1950er Jahren das Büro des einst vielbeschäftigten Kirchenarchitekten Fernand Dumas (1892-1956) praktisch allein geführt. Beim Ingenieur Beda Hefti (1897-1981) hat er an Projekten für die Wasserversorgung und für Silos gearbeitet und sich technisches Rüstzeug angeeignet.
Jean Pythoud hat 1959 in Freiburg sein eigenes Büro für ein Grossprojekt eröffnet. Er baute für die Genossenschaft La Solidarité drei 12-geschossige Wohnhäuser mit insgesamt 120 Wohnungen. Die Bewohner-innen der Unterstadt, des Freiburger Armenviertels, sollten moderne, besonnte Wohnungen in einer Parkanlage erhalten. Er wurde zum Architekten der Minimalwohnung für die ärmsten Familien. Auf den Geschossen standen für zwei 4- und drei 3-Zimmer-Wohnungen lediglich 333 m2 Bruttofläche zur Verfügung. Die Lösung bestand im Grundriss ohne Korridor, mit kombiniertem Wohn- und Küchenraum als Drehscheibe und winzigen Schlafräumen. Für eine kleine Loggia nach Süden hat es noch gereicht. Die Wohnungen in den Hochhäusern des Tscharnerguts in Bern-Bümpliz, die mit einem ähnlichen Grundrisstyp etwa gleichzeitig entstanden, sind im Vergleich geradezu luxuriös.
Jean Pythoud wollte eigentlich eine andere Lösung für die Wohnblocks der Solidarité. 1957 hat er ein erstes Projekt im sogenannten Semi-Duplex entworfen, querende Wohnungen mit zwei halbgeschossig verschobenen Ebenen. Er hat es das Duplex der Armen genannt. Denn das Duplex von Le Corbusier, des grossen Vorbilds seit der Lehrzeit, war viel zu platzraubend und zu kostspielig. Die Holländer Van den Broek und Bakema bauten damals ein Beispiel des seltenen Wohnungstyps an der Interbau in Berlin. Der junge Architekt sah aber sein Vorbild im Warenhaus «À la Ville de Paris» in der Freiburger Altstadt. Erschlossen hat er die Wohnungseinheiten wie Le Corbusier in der Unité in Marseille über die «Rues», die gemeinschaftlichen Korridore.
Das Semi-Duplex konnte er einige Jahre in den beiden Wohnblocks der Genossenschaft Sicoop im Neubauquartier Schönberg doch noch realisieren. Er hat die Lösung in einem Projekt von 1962 noch einmal verbessert, die Treppe gedreht und damit den Platz für ein zusätzliches WC neben dem Bad gefunden. Der eigentliche Luxus war indes der Blick durch die gesamte Wohnung und die doppelte Aussicht zur Stadt und in die Landschaft. Mit diesen Gebäuden ist Jean Pythoud, dessen Projekte in den Fachzeitschriften der Architekten nie publiziert wurden, später über seine Region hinaus bekannt geworden.
1962 hat er sich mit Roger Currat und Thomas Huber zum gemeinsamen Büro der Architectes Associés Fribourg (AAF) zusammengetan. Bei zunehmender Auftragslage konnte er sein Büro allein nicht mehr stemmen. Im Gepäck hatte er damals neben den Wohnblöcken für die Sicoop die Bauaufträge für ein Kinderferienheim in Les Sciernes d’Albeuves im Greyerz (im Semi-Duplex!) und - gemeinsam mit Franz Füeg - für zwei Institute der Freiburger Universität, nachdem er 1961 den zweistufigen Wettbewerb gewonnen hatte.
«Wenn die Kinder und die Katzen mit meinen Häusern und Räumen zufrieden sind, habe ich richtig gebaut.» (Jean Pythoud)
Für Jean Pythoud war die Geometrie die unentbehrliche Grundlage für den Entwurf. Sie diente ihm nicht nur zur Bestimmung der Baustruktur, sondern daraus konnten in Verbindung mit den Funktionen auch Bauformen resultieren. Den Modulor von Le Corbusier hat er wie viele Architekten seiner Generation selbstverständlich erprobt. Doch mehr noch hat er das Massverhältnis genutzt, das sich aus der Seitenlänge des Quadrats und seiner niedergeschlagenen Diagonale ergibt (Quadratwurzel aus 2). Die im gotischen Kirchenbau oft verwendeten Masse fand er bei eigenen Untersuchungen in Freiburger Kirchen bestätigt. Bei der Renovation des Klosters La Valsainte in Charmey hat er es für die Bestimmung variantenreicher Bodenplatten und den Aufbau der Rückwand verwendet.
Für die Sozialdemokraten sass Jean Pythoud von 1972-1986 im Freiburger Stadtparlament – und nahm kein Blatt vor den Mund, obwohl sein Büro AFF damals eben das städtische Schulhaus im Vignettaz-Quartier baute. Er sprach die Irrtümer in der boomenden Stadtentwicklung an, die Tatsache, dass die Stadt keine nennenswerte Stadtplanung hatte und private Bauherren das Heft in der Hand hielten. Er sprach damals viel von der «Urbatektur», den stadträumlichen Qualitäten, zu deren Rehabilitierung er beitragen wollte. Er hat als Mitglied der Bürgerbewegung Pro Fribourg die Alternative 79, eine Standortplanung für Parkhäuser veröffentlicht, um die Freiburger Plätze von den Motorfahrzeugen zu befreien. Enthalten war auch der Umbau der (heute verkehrsfreien) Zähringerbrücke zu einer Art «Ponte vecchio». Die Stadtbehörden haben es ihm übelgenommen. Sie drohten, dem Büro keine Bauaufträge mehr zu geben. Es kam auch zu Spannungen im AAF, das er 1978 verlassen musste. Er hat sich bis zur Pensionierung mit kleineren Aufträgen über die Runde gebracht, oftmals Mandate für befreundete Architekten. In die Stadt- und Verkehrsplanung hat er sich bis in die letzten Lebensjahre immer wieder eingemischt.
Verschiedene Gebäude von Jean Pythoud und den AAF sind heute bedroht oder teilweise bereits zerstört worden, allen voran die Wohnblocks Sicoop Schönberg. Neue Besitzer haben inzwischen rund die Hälfte der Küchenzellen ausgeräumt, die in den Wohnbereich integriert sind. Sie hätten durchaus renoviert werden können. Das Gebäude des Autobahnbüros wurde bei einer Bauerweiterung – trotz eines Wettbewerbs – von seinen räumlichen und geometrischen Qualitäten entleert und bis zur Unkenntlichkeit vereinnahmt. Für den Urheber war es eine bittere Erfahrung. Er hat indes auch eine neue Wertschätzung gegenüber seiner minimalen Architektur erfahren dürfen. Mehrere dieser Gebäude von herausragenden Qualitäten stehen inzwischen unter Denkmalschutz.
Jean Pythoud ist am 1. April 2020 im Alter von 95 Jahren verstorben.
Literatur: Allenspach, Barbey, Sartoris, Tschopp, Economie des Moyens – Einfach in den Mitteln, Jean Pythoud architecte – Der Architekt Jean Pythoud, Fri-Art und Pro Fribourg, Fribourg-Freiburg 1995.
vorgestellt von Christoph Allenspach