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Von oben
Die ersten Aufnahmen aus der Luft erschienen im Jahr 1858 in Paris. Der Fotograf war ursprünglich Journalist und Karikaturist und ein Exzentriker von besonderen Gnaden. Mit bürgerlichem Namen hiess er Gaspar-Félix Tournachon, aber berühmt wurde er unter seinem Künstlernamen Nadar. Trotz seiner Spleens muss er eine faszinierende, vielleicht sogar betörende Persönlichkeit gewesen sein, denn er schaffte es, in ganz neuer Weise Porträtfotos zu inszenieren. Er habe, so heisst es, damit der Porträtfotografie die Anerkennung als Kunstform verschafft.
Die ersten Bilder, die er von einem Fesselballon aus machte, waren noch ziemlich unscharf, aber ein Foto von 1886, das den Palast und die Gärten von Versailles zeigt, ist von beachtlicher Qualität. Einige Zeit vorher, im Jahr 1860, hat sich der berühmte Karikaturist Honoré-Victorin Daumier mit einer Zeichnung über Nadars Ballonfahrten lustig gemacht.
In aller Regel erforderten die Bilder aus der Luft von den Fotografen erheblichen Mut. Eamonn McCabe, der zusammen mit Gemma Padley diesen reich bebilderten Band zusammengestellt hat, berichtet in einer Art Vorwort, wie er bei den Kunstflugweltmeisterschaften 1982 kopfüber fotografiert hat und dabei die Kamera nur mit grösster Mühe halten und auslösen konnte. Kurz nachdem er das letzte Mal auf den Auslöser gedrückt hat, ist der Pilot in einen Sturzflug übergegangen, und damit es nicht zu langweilig wurde, hat er zwischenzeitlich den Motor abgestellt. Er sei sehr erleichtert gewesen, als der Motor wieder ansprang, schreibt McCabe, der selber Pilot war.
Flugzeuge sind für die Luftbildfotografie lange Zeit das mit Abstand wichtigste Transportmittel gewesen. Und sie wurden für das Militär nicht nur als Kampfflugzeuge immer wichtiger. Vielmehr eigneten sie sich hervorragend für alles, was mit Aufklärung zu tun hat. Die Geschichte der Luftbildfotografie ist in Teilen sehr eng mit Kriegen verknüpft. Im vorliegenden Band gibt es schon am Anfang einige Bilder, die die masslosen Zerstörungen des Ersten Weltkrieges aus der Luft dokumentieren. Besonders eindrücklich sind die Fotos von den Schlachtfeldern, auf denen man sieht, wie nahezu jeder Quadratmeter des Bodens von Granaten umgepflügt worden ist und wie die Soldaten sich formieren oder nur noch umherirren und schon fast keine menschlichen Wesen mehr zu sein scheinen.
Das ist überhaupt etwas, was seltsam berührt: „Die Geschichte der Luftbildfotografie“ verändert den Blick auf den Menschen. Denn es finden sich wiederholt Bilder von überfüllten Stränden, zum Beispiel in Coney Island – von der fabelhaften Margaret Bourke-White – oder in Europa, von Menschenansammlungen etwa bei dem Friedensmarsch von Martin Luther King 1963 oder der Vereidigung Obamas 2009 – bei Trump waren es 2017 erkennbar weniger. Dazu gibt es faszinierende Ansichten von oben auf Wohnsiedlungen, die sich in England, Amerika oder auch in Südamerika über viele Quadratkilometer erstrecken, von beeindruckender Symmetrie sind und sich ewig wiederholende Muster mit entsprechender Monotonie bilden.
Der Mensch, so betrachtet, ist weniger als ein Rädchen im Getriebe. Er ist nur ein winziges Teilchen eines Systems, das er auch nicht annähernd erkennen kann. Der Blick von oben gibt eine Ahnung davon.
Nicht nur menschliche Siedlungen bilden Muster, die erst aus mehr oder weniger grosser Höhe erkennbar sind. Auch landwirtschaftlich genutzte Flächen oder natürliche Formationen können diese Muster bilden. Es ist die Kunst des Flugbildfotografen, diese Muster aufzuspüren und sie dann aus der richtigen Höhe, aus dem richtigen Winkel und in möglichst optimalem Licht zu fotografieren. In diesem Zusammenhang wird der Schweizer Fotograf Georg Gerster als stilbildend erwähnt.
Neue technische Möglichkeiten
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Luftbildfotografie im Zusammenhang mit neuen technischen Systemen weiterentwickelt. So bieten motorgetriebene Drachen einzelnen mutigen Fotografen ganz neue Möglichkeiten, in unterschiedlichen Höhen an die Orte zu fliegen, die ihnen interessant erscheinen. Dazu kommt die bemannte Raumfahrt, die die Sicht auf die Erde noch einmal verändert hat.
Die wichtigste Entwicklung dürften aber die Drohnen sein. Manche Fotografen setzen diese Mittel inzwischen mit grosser Professionalität ein. So enthält der Band Bilder von Rasmus Degnol, die die Anlandung von Flüchtlingen an Europas Küsten von zeigen. Es handelt sich dabei um die Serie: „Europas neue Grenzen“ von 2015. Auch hier eröffnet sich eine neue und ungewöhnliche Perspektive.
Die letzte Doppelseite dieses Bildbandes enthält ein prachtvolles Foto vom Arc de Triomphe, das Rodrigo Kugnharsi 2018 mittels einer Drohne aufgenommen hat. Es bildet einen schönen Bezug zu den Bildern auf den ersten Seiten, die Nadar in Paris aufgenommen hat.
Aber es gibt noch einen anderen Bezug. Am Anfang des Bandes stehen Bilder von Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs, die von Granaten und Bomben umgepflügt und von Schützengräben durchzogen sind. Als wäre nicht die Zeit, aber die Mentalität der Menschen stehen geblieben, sehen wir am Ende des Bandes die völlig zerstörte Stadt Irbin bei Damaskus, die Amar Al Bushi im Jahr 2018 fotografiert hat.
So erzählt dieser Band nicht nur umfassend von der Faszination der Luftbildfotografie, vom grossen Können und dem Mut der Fotografen, sondern er thematisiert auch die Zweideutigkeit, die mit fast jeder technischen Entwicklung verbunden ist.
Eamonn McCabe und Gemma Padley: Von oben. Die Geschichte der Luftbildfotografie. 256 Seiten, 200 Illustrationen, Laurence King Verlag, Berlin 2019, ca. 48 Euro
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