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Paavo Nurmi – wer war das eigentlich? Wer sich mit dem Langstreckenlauf auseinandersetzt stolpert irgendwann mal über diesen Namen. Aber nicht nur Langstreckler. Nurmi der Bär – ein Kinderbuch von Stefan Slupetzky – hier war die finnische Lauflegende unfreiwillig am Namen des knuffigen Hauptdarstellers beteiligt, als unermüdlicher Sportler ist er das Vorbild für den Petz. Aber auch ein richtiger Mutz bekam seinen Namen – der braune Problenmbär Nurmi – der 1994 Bayern und Österreich nicht nur medial unterhielt. Den Namen bekam er wegen seines ausdauernden Wanderdranges im gesamten Alpenvorland.
Der richtige Nurmi, mit Vornamen Paavo, wurde im finnischen Turku geboren und war eine Langstreckenlegende mit 12 olympischen Medaillen (9 Gold, 3 Silber) sowie zahlreichen Weltrekorden über die Distanzen von 1500 bis 10000 Meter. Dies sollte bis heute kein Langstreckenläufer mehr schaffen. 3 Olympiaden beherrschte der fliegende Finne, wie er auch genannt wurde, fast konkurrenzlos (1920,1924,1928), bis er des Geldverdienens beschuldigt wurde. Wegen einer bezahlten Reise zu einem Wettkampf in Deutschland wurde er vom olympischen Komitee für Lebzeiten gesperrt. Für Paavo Nurmi war das nicht nur das sportliche Ende, er verfiel in Verbitterung und Depression. Er sah sich als Opfer eines schwedischen Komplotts. Obwohl er das olympische Feuer bei den olympischen Spielen 1952 in Helsinki entzünden durfte, war er so enttäuscht, dass er sogar seine eigene Leistung nicht mehr anerkannte: «Meine Bilanz ist nüchtern und ehrlich: Ich habe in meinem Leben nichts geleistet.» sagte er über sich selbst.
Bis zu seinem Tod 1973 war er Mitglied im Turun Urheilulitto (Sportverein Turku), in seiner Geburtsstadt wurde er auch beigesetzt. Paavo Nurmi war der erste Läufer, der sich auch mit Laufästhetik auseinandersetzte und eine Art Intervalle im Trainingsprogramm hatte. Er war auch der erste Langstreckenläufer, der mit einer Stoppuhr in der Hand lief. Im langen und dunklen finnischen Winter nutzte er die Strassenbahn der Stadt als Lichtquelle und lief neben ihr her, von den Haltestellen vorgegebene Intervalle sozusagen.Seit 1992 gibt es nun in seiner Heimatstadt den Marathon, der seinen Namen trägt, obwohl er selbst nie einen lief, denn den gab es zu seiner Zeit noch nicht. Seine längste Wettkampfdistanz waren 40.2 Kilometer in Viipuri, er brauchte dafür 2:22 Stunden.
Nicht ganz 200000 Einwohner zählt Turku, übrigens die älteste Stadt Finnlands, gute 2.5 Autostunden von Helsinki entfernt. Ein kleiner Flughafen, Kommentar von Serena: «so cute», lässt schon erahnen, dass uns hier nicht gerade Grossstadtatmosphäre erwartet. Die Architektur ist nüchtern und erinnert doch sehr an den nahen Nachbarn Russland. Die Altstadt ist aber ganz idyllisch und am Fluss Aurajoki auch sehr schön.Gelassenheit prägt die Menschen hier, Stress erfahren wir zu keinem Zeitpunkt. Was wir seit der Busfahrt vom kleinen Flughafen sofort kennenlernen dürfen: Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen in dieser Stadt. Das sollte sich bis zu unserer Abreise nirgendwo ändern. Und so sind es die Menschen, die diese Stadt liebenswert macht, zumindest für uns eine der vielen Erfahrungen. Über den Tisch gezogen wird man hier nicht, weder bei der Autovermietung, noch vom Hotel und schon gar nicht im Restaurant. Hier stimmt die Qualität, wir genossen inklusive des Hotelfrühstücks nur erstklassige und frische Speisen aus der Region. Kulinarisch gibts für Turku schon mal 10 Punkte.
Aber wir waren ja eigentlich nicht zum Essen nach Turku gekommen, zumindest ich selbst nicht. Der Paavo Nurmi Marathon war der Grund, warum wir in dieser eher unbekannten Stadt zugegen waren. Unsere Rakete aus Singapur konnte ja aus bekannten Gründen leider nicht starten, ihr Trainer nahm aber seine Startnummer entgegen, übrigens dank Serenas Leistungen ebenfalls eingeladen vom Veranstalter, wo gibt es das noch.
Ob eingeladen oder nicht, am Marathon ändert sich dadurch nichts, am Wetter übrigens auch nicht. Kühle Temperaturen waren mit ein Grund für die Wahl dieses 42195 Meter langen Rennens, das sollte sich auch grundsätzlich bewahrheiten. Knappe 20 Grad sind im August ganz ok. Den starken Wind hätten alle Teilnehmer aber am liebsten storniert, einziger Wehrmutstropfen: Auf den letzten 8 Kilometern wehte er von hinten.Nach der finnischen Nationalhymne folgt eine heroische Startzeremonie, Gänsehautfeeling. Die ersten Kilometer sind trotz gemeinsamen Start mit den Halbmarathonläufern völlig unproblematisch. Auch hier zeigt sich die finnische Gelassenheit. Völlig entspannt und ohne Sondereinlagen laufen alle schön in ihrer Spur. Auch keine Bremsklötze behindern die vordersten Läufer. Geredet wird auch nicht, alle sind fokussiert und achten darauf, niemandem im Weg zu sein. Einfach klasse, solch einen stressfreien Start habe ich noch kaum erlebt und die Strassen sind nicht einmal sehr breit. Bei den wenigen Zuschauern zeigt sich allerdings die Kehrseite der Gelassenheit: Es ist mehrheitlich verhalten ruhig.
Die Marathonstrecke besteht aus zwei Runden, diese sind allerdings nicht ganz identisch, das bringt etwas Abwechslung und tut dem Kurs gut. Entlang des Aurajoki geht es zuerst einmal flach durch die Stadt, danach kreuzt man den Hafen. Sehr sexy ist dieser industrielle Teil nicht, aber er lässt sich problemlos laufen, wäre da nicht der Wind, der voll von vorne weht. Kurz vor Verlassen des Industrieareals hat man mit 10 fabrikneuen Traktoren eines nahen Landmaschinenhändlers eine Art Schlaufe errichtet, um die man herumlaufen muss, das hab ich auch noch nicht gesehen. Viermal gehts um den letzten Traktor, zweimal von der Stadt her kommend, zweimal auf dem Rückweg.
Von nun an wechselt die Strecke ihr Gesicht, die Insel Ruissalo wird über eine Brücke erreicht und ab jetzt belaufen. Sie gehört zum Schärengebiet und ist zum grössten Teil mit Wald bewachsen, sie besitzt sehr schöne Badestrände. Die ältesten Eichenbestände Finnlands soll es hier ebenfalls geben. Aber nicht nur die, sondern auch Hügel. Was die Brücke mit ihrem kurzen Anstieg bereits einläutete, findet seine Fortsetzung, es geht in Wellen auf und ab. Nicht allzu viel, aber das Tempo kann man hier nicht durchlaufen. Die Finnen um mich herum scheinen nicht sehr hügelfest und lassen die ersten Meter liegen. Bei mir kosten die Hügel gar nicht mal so viel, ca. 15 Sekunden zeigt die Analyse der Kilometerzeiten nach dem Rennen pro Inselrunde. Aber sehr schön ist es hier, das Laufen macht richtig Spass auf Ruissalo. Nach einer anständigen Schauer scheint die Sonne, es ist düppig geworden und über den kühlenden Wind ist man jetzt gar nicht so unfroh. Zirka 3 Kilometer führt die Strecke in die Insel hinein, dann gehts auf einem idyllischen flachen Veloweg zurück. Ich unterstütze einen finnischen Kollegen, Jarno Pulli, und reiche ihm zweimal die gewünschten Getränke. Sein Atem verrät mir, das wird ne harte Nummer für ihn. Ich sollte Recht behalten, bei Kilometer 28 musste er aussteigen, wie ich später erfahren sollte.
Nach dem erneuten Passieren der Traktoschlange und des Hafengebietes führt der Kurs zurück in die Stadt. Von hinten kommt eine schnelle Halbmarathonläuferin heran, ich bemerke, dass sie nach dem Passieren Schwierigkeiten hat, durch die langsamen 10-Kilometer Läuferinnen und Läufer zu kommen, welche natürlich eine kürzere Runde laufen. Ich beschliesse ihr zu helfen und mache ihr nicht nur die Pace, sondern auch die Strasse frei. Es sollte ihr schnellster Streckenabschnitt werden, meiner übrigens auch. Nach Kilometer 21 biegt sie links ab und bedankt sich. Maija Vallinoja lief ihre Bestzeit und wurde 8. im Gesamtklassement sowie Siegerin in ihrer Kategorie. Bravo!
Bei mir wird jetzt die zweite Hälfte eingeläutet und durch den speziellen Streckenverlauf hat Serena die Möglichkeit, mich insgesamt 7x zu sehen und anzufeuern. Für mich eine grosse Hilfe und Freude, sie am Streckenrand zu sehen, das motiviert.
Von nun an ist es ein einsames Rennen, Mitläufer sind weit und breit keine mehr. Die Strecke verläuft auf der zweiten Runde zuerst auf einer Sonderschlaufe recht abenteuerlich durch Vorgärten, luxuriöse Wohnblocks und Baustellen hindurch. Einen Hügel gibt es als Zugabe auch noch und einen Tunnel. Und dann zum Abschluss wieder auf bekanntem Weg in Richtung Hafen, Traktoren und der Insel Ruissalo.
Aber irgendwie macht der Kurs doch Spass, mega schnell ist er nicht, aber auch nicht wirklich langsam. Immer wieder stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn Serena jetzt mit mir laufen würde. Ok, wir wären nochmals 10 Sekunden pro Kilometer schneller unterwegs, aber hätte sie hier Bestzeit laufen können? Eine schwierige Frage, auf jeden Fall wäre es sehr schwer für sie geworden, da bin ich mir sicher. Gerade der starke Wind hätte es schwierig gemacht. In Gedanken lief Serena mit und an den stürmischen Passagen hinter mir im Windschatten.
Am Ende war ich dann schneller, als ich es eigentlich geplant hatte. Ungefähr 3:30 Stunden wollte ich eigentlich unterwegs sein, 3:08 wurden es dann, nicht so einfach mit dem Speed zu haushalten, wenn man sonst beim Marathon nichts zu tun hat. Fazit: Der Paavo Nurmi Marathon ist ein schöner Marathon, für Bestzeiten nicht gerade perfekt. Wer einmal auf den Spuren des fliegenden Finnen unterwegs sein möchte, für den ist Turku durchaus eine Reise wert. Die grossen Highlights darf man in dieser Stadt nicht erwarten, dafür aber sehr sympathische Menschen und ganz sicher keinen Stress.
Näkemiin Turku!