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Texte
Die Gattung des englischen Oratoriums darf als Erfindung Händels gelten. Es gibt selbstverständlich Vorläufer und Verwandtes wie das italienische geistliche Oratorium, das Händel bei seinem langen Italienaufenthalt als junger Mann kennenlernte (La Resurrezione 1708), die geistliche Musik des 'norddeutschen' polyphonen Stils, in dem er seine erste Ausbildung erhielt (und auch eine Passion schrieb, die 'Brockes-Passion' ca. 1716) und die englischen Gattungen der halbszenischen 'Masque' (Acis & Galathea 1718) sowie der repräsentativen Kirchen- und Festmusik (Utrecht Te Deum 1713, Coronation Anthems 1727).
Nachdem nun die italienische Opera seria, die 30 Jahre lang Händels wesentliche Domäne gewesen war, zunehmend aus der Mode geriet (nicht nur aufgrund des gewandelten Geschmacks, auch wegen der exorbitanten Gagen der Starsänger scheiterte schließlich auch das dritte Opernunternehmen Händels Ende 1730er), konzentrierte er sich weitgehend auf diese neue Gattung. Viele Arien stehen dem Opernstil nahe, oft sind sie jedoch weniger virtuos als dort und auch lyrischer; die wesentliche Neuerung ist das Gewicht, das der Chor erhält. Er wird sehr flexibel eingesetzt, sowohl für die dem zeremoniellen Stil nahen Preis/Jubel- oder Klagegesänge als auch in opernhaft dramatischen Szenen, ähnlich den turbae in der norddeutschen Passion, aber eher schon auf viel Späteres, etwa bei Gluck oder den Klassikern vorausweisend.
Diese 'geistlichen Dramen' sprachen offenbar sowohl das adlige und großbürgerliche Publikum der Oper wie auch breitere bürgerliche Schichten an.
Daraus ist vielleicht auch zu erklären, dass einige dieser Werke Händels als die ersten der Musikgeschichte seit ihrer Uraufführung nie wirklich das Repertoire verlassen haben (entgegen der Legende waren zwar Bachs Werke ebenfalls nie völlig vergessen, wurden aber fast nur nicht-öffentlich, weitgehend in der Ausbildung junger Komponisten gepflegt). Regelmäßig fanden in der zweiten Hälfte des 18. Jhds. Aufführungen in England statt, und schon bevor Haydn dort mit ihnen bekannt wurde, hatte Mozart vier von ihnen (Cäcilienode, Alexanderfest, Messiah und Acis & Galathea, 1788-90) auf Anregung des Barons Van Swieten für den gewandelten Geschmack bearbeitet. Der Einfluss des Händelschen Stils auf die späten Oratorien Haydns, aber auch auf Stücke Mozarts wie die c-moll-Messe (Gratias, Qui tollis, Credo) und das Requiem (Kyrie) ist unverkennbar.
Nun hat Händel eine ganze Reihe von anerkannt großartigen Oratorien komponiert, warum also gerade der 'Messiah'? Ein Grund ist sicher in Sujet und Libretto zu finden: Hier werden Kernelemente der christlichen Lehre und auch heute noch dem Bewußtsein weitgehend präsente biblische Erzählungen in Musik gesetzt, nicht verhältnismäßig unbekannte mythologische oder alttestamentliche Begebenheiten. Dazu ist der Text ausschließlich aus der englischen Bibel (King-James-übersetzung) zusammengestellt, deren Klarheit und Ausdruckskraft die Zeiten besser überstanden haben als ein durchschnittliches Barocklibretto (analog der Lutherbibel bei uns, was leider in der gängigen deutschen Fassung weitgehend verloren geht).
Der 'Messiah' ist in drei Teile gegliedert; der erste behandelt die Ankündigung und Geburt Christi, der zweite Passion, Auferstehung, sowie im abschließenden Halllujah eigentlich auch schon seine Wiederkunft und ewige Herrschaft. Der kurze dritte Teil ist dann ganz den 'letzten Dingen' gewidmet.
Ohne auf die Musik angemessen eingehen zu können, kann man sagen, dass im Messiah das Diktum, Händel erreiche mit geringsten Mitteln die großartigsten Wirkungen, wohl exemplarisch verwirklicht ist. Offenbar hat Händel hier die bescheideneren Möglichkeiten, die in Dublin verglichen mit London bestanden, berücksichtigt: Es gibt keine Doppelchöre wie in 'Israel in Egypt' oder 'Judas Maccabäus', nur selten treten Trompeten und Pauken zum Orchester (u.a. im Hallelujah und dem Schlusschor), eine einzige Arie weist ein obligates Soloinstrument (Trompete in 'The trumpet shall sound') auf. Dennoch ist die Musik farbig und abwechslungsreich mit einer Spannweite, die von pastoralen Stimmungen in der Hirtenmusik vor der Weihnachtsgeschichte oder dem Duett 'And he shall feed his flock' über meditative Innigkeit (wie 'I know that my Redeemer liveth'), expressive Klage (die Passionsszene 'Behold and see' und 'He was despised') und überschwenglichen Jubel (wie im Hallelujah-Chor oder dem Solo mit Chor 'O thou that tellest good tidings to Zion') bis zu operhafter Dramatik (etwa in der Bass-Arie 'Why do the heathen...') reicht. Außer ausdrucksvoller und doch eingängiger Melodik, prägnanter Motivik und kraftvoller Bewegung ist ein entscheidendes Ausdrucksmittel die Verwendung teils sehr einfacher, aber äußerst wirkungsvoller Kontraste, sowohl innerhalb von Einzelnummern, wie Hell-Dunkel/Dur-Moll in der Arie 'The people that walked in darkness' oder dem kurzen Chor 'Like by man came death' als auch in der Abfolge der Nummern, z.B. die Chöre 'Surely he hath borne our griefs', 'With his stripes we are healed' und 'All we like sheep'.
Johannes Röhl
Empfehlungen:
Heather Harper, Helen Watts, John Wakefield, John Shirley-Quirk - Colin Davis; Philips 1966
(Mozarts Bearbeitung)
Edith Mathis, Birgit Finnilä, Peter Schreier, Theo Adam - Charles Mackerras; DGG Archiv 1974
HIP-Aufnahmen
Marshall, Robbin, Brett, Rolfe-Johnson, Hale, Quirke - John Eliot Gardiner; Philips, 1982
Kweksilber, Bowman, Elliot, Reinhart - Ton Koopman; Erato, 1983 (live)
Joan Rodgers, Della Jones, Chrostopher Robson, Philip Langridge, Bryn Terfel - Richard Hickox; Chandos 1991
Schlick, Piau, Scholl, Padmore, Berg - William Christie; harmonia mundi France, 1993
Dorothea Röschmann, Susan Gritton, Bernarda Fink, Charles Daniels, Neal Davies - Paul McCreesh; DG Archiv 1997