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Die Chthonic-Chronik
(Raphi) Der Melodic Black/Folk Metal von Chthonic aus Taiwan hat mich bereits beim ersten Mal Anhören begeistert. Die Band hat sich seit ihren Anfängen stetig weiterentwickelt und kürzlich ist das neueste Album erschienen. Im Nachgang dieses Ereignisses befassen wir uns näher mit dem Weg dorthin in Form einer Analyse sämtlicher bisher erschienenen Studioalben. Los geht’s im Jahr 1999.
Where the Ancestors' Souls Gathered (1999)
Der Erstling aus dem Hause Chthonic zeigt bereits sehr schön die spätere musikalische Ausrichtung der Band. Verständlicherweise kommen die einzelnen Elemente im Vergleich zu den späteren Alben noch ungeschliffen und teilweise auch etwas unstrukturiert daher. Daran ist auch die Produktion beteiligt, die mit ihrem sehr trockenen Klang und den knarzenden Gitarren einen sehr rohen Gesamtsound zur Folge hat. Das traditionelle Instrument Erhu wird bereits als tragendes Element der Musik in beinahe jedem Stück eingesetzt und vereinzelt treffen wir auf kurze, prägnante Gitarrensoli. Im Gegenzug zu den späteren Werken wird hin und wieder ein Piano eingesetzt und das Keyboard bedient sich cembaloähnlicher Klangdateien, wie beispielsweise in "Across the Sea" zu hören ist. Dies verankert Where the Ancestors' Souls Gathered viel stärker in der westlichen Musik, als alle folgenden Veröffentlichungen der Band. Auffallend ist auch der grosse Anteil an Klargesang. In "Yen Geh Shin" und "Breath of Ocean" übernimmt dieser ganz klar die Führung, etwas das im weiteren Verlauf von Chthonics Schaffen nicht mehr vorkommt. Vom ursprünglichen Lineup entfernten sich nach der Veröffentlichung Gitarrist Zac, Schlagzeuger Wang und Bassist Yu.
9th Empyrean (2000)
Der Posten am Bass wurde danach neu besetzt durch Doris Yeh, während Jesse Liu ab dem nächsten Album die Gitarre übernahm und A-Jay Tsai sich um die Drums kümmerte. 9th Empyrean stellt in vielerlei Hinsicht eine Weiterentwicklung des Sounds von Chthonic dar. Der trockene Klang macht einem Mix mit mehr Hall Platz. Ein Blick auf die kompositorische Ebene macht klar, dass die Band es geschafft hat, die Songs viel besser zu strukturieren und die einzelnen Teile besser miteinander zu verweben, was einen Ausblick bietet auf die Werke der Spätphase. Das Piano ist noch in den beiden Instrumentals "Gods Souls Gathered" und "Upon the Empyrean" zu hören. Ganz verschwunden sind die cleanen Vocals von Sänger Freddy Lim. Klargesang wird nur noch im Bereich der weiblichen backing Vocals eingesetzt. Die Erhu kommt im Gegensatz zum Vorgängeralbum nur noch spärlich zum Zug und ihr prominenter Einsatz beschränkt sich auf "Guard the Isle eternally". Auch die Gitarrensoli wurden leicht reduziert, was den Symphonic Black Metal-Charakter des Albums stärker hervorhebt. Nach der Veröffentlichung des Albums übergab Keyboarderin Ambrosia ihre Stelle an Vivien Chen. 9th Empyrean wurde zwei Jahre später in einer Fassung mit englischen Texten nochmals veröffentlicht.
Relentless Recurrence (2002)
Mit dem nächsten Album setzten Chthonic ihre Entwicklung weiter fort. Die Scheibe legt den Fokus erneut sehr stark auf die schwarzmetallische Seite der Musik. Die Gitarren in "Onset of Tragedy" sind nochmals eine Spur höhenlastiger ausgefallen. Nichtsdestotrotz zeigt "Vengeance Arise" bereits Anzeichen des später stärker in der Musik vorhandenen Death Metal. Der weibliche Klargesang ist stark reduziert worden, dafür beinhalten die Kompositionen mehr symphonische Einschübe. Beim Grossteil der Stücke konzentriert sich die Band darauf, eine düstere und unheimliche Atmosphäre zu schaffen, die ganz im Dienste der erzählten Geschichte steht. Dazu passt, dass auf dieser Veröffentlichung genau wie auf dem Vorgängeralbum zwei atmosphärische, instrumentale Zwischenspiele zu finden sind. Die asiatischen Elemente werden vor allem durch häufigen Einsatz der pentatonischen Tonleiter dargestellt. Der Hidden Titeltrack bietet mit dem Gitarrensolo über der Erhu-Melodie gegen Schluss einen schönen Ausblick auf die Klangcharakteristiken, welche die folgenden zwei Alben prägen werden. Bei Relentless Recurrence handelt es sich um den einzigen Release von Chthonic bei dem Vivien Chen das Keyboard spielt. Sie wurde in der Folge abgelöst durch Alexia Lee.
Seediq Bale (2005)
Auf Seediq Bale ist das zuvor eingeführte Black Metal-Grundgerüst zwar immer noch vorhanden, aber es wurde um viel mehr folkloristische Einflüsse erweitert. So wird die Erhu über das ganze Album verteilt in beinahe jedem Song eingesetzt, wobei den Liedern nach wie vor sehr oft die Pentatonik zugrunde liegt. Beispielhaft wird dies in "Bloody Gaya Fulfilled" und "Banished into Death" deutlich. In "Where the Utux Ancestors wait" kommt nochmals das Cembalo-Keyboard vor, womit Chthonic ihr Debutalbum referenzieren. Seediq Bale bildet damit den Übergang zwischen den ersten drei Alben, deren Augenmerk auf der Atmosphäre mit eher subtil eingewebtem musikalischen Lokalkolorit liegt und den später folgenden Scheiben, die bezüglich Instrumentierung wie kompositorisch viel mehr Einflüsse aus der taiwanischen Volksmusik miteinbeziehen. Sowohl auf ein Intro als auch instrumentale Zwischenspiele wurde bei Seediq Bale verzichtet, was ein Alleinstellungsmerkmal in der Diskografie der Band aus Taiwan darstellt. Im Gegensatz zu den drei vorhergehenden Alben gibt es auf dieser Veröffentlichung keinen Song, der länger als sieben Minuten ausgefallen ist und als überlanges Stück erscheint. Auch damit nimmt das Album eine Vorreiterrolle ein für die Veröffentlichungen der zweiten Hälfte des Bandschaffens. Seediq Bale erschien in einer taiwanischen und englischen Version, was bei allen nachfolgenden Alben ebenfalls der Fall ist. Die Drums wurden von Sessiondrummer Reno Killerich eingespielt, nachdem A-Jay Tsai die Band verlassen hatte.
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Mirror of Retribution (2009)
Vier Jahre später erschien mit Mirror of Retribution das erste Album in der heute noch bestehenden Bandbesetzung bei der die Keyboards von CJ Kao und das Schlagzeug von Dani Wang gespielt werden. Gegenüber den früheren Alben wurden die symphonischen Einschübe etwas zurückgefahren, was sich vor allem in "Blooming Blades" und "Hearts Condemned" schön zeigt. Parallel dazu steht das Keyboard im Mix weniger im Vordergrund als zuvor, was den Black Metal-Anteil stärker hervortreten lässt und dem Album einen aggressiveren Klang verleiht. Die auf Relentless Recurrence erstmals in Erscheinung tretenden Einflüsse aus dem Death Metal sind auf Mirror of Retribution beispielsweise in "Venom in my Veins" erneut vorzufinden und schlagen sich auch in den lineareren Grundstrukturen der restlichen Stücke nieder. Beibehalten wurde auch das wieder erweiterte Einsatzspektrum der Erhu. In neun der zehn Stücke (ohne das Intro) setzt die Band das traditionelle Instrument ein. Die Songs sind gegenüber dem Vorgängeralbum im Allgemeinen noch einen Tick kürzer ausgefallen und bewegen sich nun im Bereich, der charakteristisch für Chthonics spätere Schaffensphase ist.
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Takasago Army (2011)
Die auf dem Vorgängeralbum erkennbare Entwicklung hin zu kompakteren Liedern und verstärkter Einbindung von Einflüssen aus dem Death Metal setzen sich auf Takasago Army nahtlos fort. Exemplarisch dafür kann "Southern Cross" genannt werden. Weiter sind die auf Mirror of Retribution bereits erkennbaren Neuerungen über das gesamte Album verteilt in ausgebauter Form vorhanden. Insbesondere betrifft dies die lineareren Songstrukturen. Aber auch die Fokussierung von Mix und Komposition auf die Gitarren und folkloristischen Instrumente verläuft entlang des zuvor eingeschlagenen Pfads. Abgesehen vom atmosphärischen Zwischenspiel "Root Regeneration" wird die Erhu in allen Stücken eingesetzt und durch eine Ansammlung an weiteren traditionellen Instrumenten ergänzt. Besonders zu Vorschein kommt letzteres primär bei "Legacy of the Seediq", "Takao" und dem abschliessenden "Quell the Soul in Sing Ling Temple", was dazu führt, dass es sich bei Takasago Army um das Album mit dem höchsten Anteil an Folkeinsprengseln in der Diskografie von Chthonic handelt.
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Bu Tik (2013)
Ab der Produktion von Bu Tik haben Chthonic ihre Art des Komponierens grundsätzlich geändert. Entstanden bisher Metalsongs, die nachträglich mit Folkelementen angereichert wurden, komponiert die Band seit diesem Album im Kern Folksongs und "metallisiert" diese dann im weitergehenden Prozess. Das führt zu einer stärkeren Verschmelzung der traditionell angehauchten Melodien mit den metallischen Anteilen und somit einem homogeneren Endresultat. Passend dazu werden im Mix die Gitarren noch stärker ins Rampenlicht gerückt. So übernehmen diese beispielsweise in "Next Republic" praktisch vollständig die Melodieführung. Die auf Takasago verfeinerte Klangmischung dient dabei als Grundlage. "Rage of the Sword" und "Resurrection Pyre" führen im Gegensatz dazu das auf der Vorgängerveröffentlichung etablierte Zusammenspiel zwischen Metal und Folk unmittelbar weiter. Dem Melodic Death Metal wird noch mehr Platz als bisher eingeräumt, wobei die Black Metal Anteile nach wie vor präsent sind. Die Erhu agiert vermehrt im Hintergrund, ist aber wie auf den beiden letzten Alben in jedem Song vorzufinden. Die konzisen Liedstrukturen von Takasago Army wurden ebenfalls beibehalten, was die Weiterentwicklung umso natürlicher wirken lässt.
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Battlefields of Asura (2018)
Das aktuelle Album von Chthonic ist mit demselben kompositorischen Grundsatz entstanden wie sein Vorgänger. In Bezug auf die den einzelnen Liedern zu Grunde liegenden Melodien orientiert sich die Band im Gegensatz zu ihrer früheren Werken jedoch vermehrt an moderner taiwanischer Folkmusik anstatt sich praktisch ausschliesslich auf deren traditionelle Ausprägung zu beziehen. Zudem lösen sich Chthonic ein Stück weit von ihrem Fokus auf die pentatonische Tonleiter und greifen in "Carved in Bloodstone" auf die sieben Töne umfassende Heptatonik zurück. Abgesehen von der leicht kürzeren durchschnittlichen Songdauer entspricht die musikalische Grundstruktur derjenigen auf Bu Tik. So könnte "Souls of the Revolutions" problemlos auf ebenjenem Album zu finden sein, ohne dass das Lied wie ein Fremdkörper wirken würde. Hinsichtlich der Abmischung stehen auf Battlefields of Asura die Keyboards wieder vermehrt im Vordergrund. Ergänzend wurde der Gesang stärker in den Vordergrund gehoben als zuletzt wohingegen die Erhu erneut im Hintergrund agiert, so dass sich bezogen auf den Mix auch Bezüge zu Seediq Bale und Takasago Army herleiten lassen.
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Appendix I: Timeless Sentence (2014)
Um ein möglichst vollständiges Bild zu bieten, sollen auch die weiteren Veröffentlichungen von Chthonic nicht unerwähnt bleiben. Auf eine Betrachtung von Live-Alben, Singles und Compilations wird jedoch verzichtet. Auf Timeless Sentence stellt die Band vier Stücke von Takasago Army und deren sieben von Bu Tik als akustische Versionen vor. Die Lieder wurden neu arrangiert, was zur Folge hat, dass einige der Kompositionen um einiges kürzer ausfallen während andere erweitert wurden. Als Grundlage dient jeweils die taiwanische Version des Songs. Durch die Verwendung einer klassischen Gitarre verschmilzt das traditionelle Instrumentarium stärker mit dem Gesamtklang, wobei die Gitarre teilweise auch die folkloristischen Melodien direkt übernimmt, ohne dass auf ein entsprechendes Instrument zurückgegriffen wird. Der Gesang ist durchwegs klar gehalten, was die Veröffentlichung zusätzlich von der restlichen Chthonic-Diskografie abhebt.
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Appendix II: Souls of the Revolution (2017)
Bei Souls of the Revolution handelt es sich um eine EP die Teile des instrumentalen Soundtracks zu dem von Chthonic produzierten Film Tshiong, sowie den auch auf Battlefields of Asura vertretenen titelgebenden Song enthält. Zusätzlich sind je ein Remix von "Defenders of Bu-Tik Palace" und "Set Fire to the Island" sowie eine Liveversion von "Takao" auf der Scheibe enthalten. Da es sich bei den instrumentalen Stücken um Filmmusik handelt, steht diese Veröffentlichung ausserhalb Chthonics restlicher musikalischer Aktivitäten und ist primär im Kontext des Film selbst zu betrachten.
Januar 2019 (Raphi)