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Überlegungen zum „Fair for Life“-Jubiläumsbericht von Matthias Wiesmann
Anders als der Bio-Bereich kennt der Fair Trade-Bereich keine gesetzliche Grundlage, die ein Minimum an Regeln setzt – es sei denn, man beziehe sich auf die Grundlagen der Internationalen Arbeitsorgansation (ILO, BIT) in Genf. In diesem Fall kann man nicht unbedingt von Fair Trade, sondern eher von „Fair Production“ sprechen.
Auf Wikipedia ist die (faire) Welt auf den ersten Blick noch sehr überschaubar. Unter dem Stichwort Fairtrade findet man gerade mal den Hinweis auf ein einziges Label. Es heisst da: „Sogenannte Gütesiegel oder Labels machen Produkte aus Fairem Handel für die Verbraucher als solche erkennbar. Für die Zertifizierung von Produkten und Produzenten und die unabhängige Überprüfung der Einhaltung der Kriterien ist die internationale Dachorganisation Fairtrade Labelling Organizations International (FLO) verantwortlich. In ihr sind die nationalen Fairhandelsorganisationen zusammengeschlossen. Das Gütesiegel für Fairen Handel heißt in Deutschland und Österreich TransFair, in der Schweiz Max Havelaar.“ That's it!
Wenn man gezielt weitersucht, stösst man in Wikipedia ebenfalls (aber ohne wechselseitige Querverweise) auf SA 8000, eine Norm, die sich auf die UN Deklaration der Menschenrechte, die Rechte des Kindes und ebenfalls auf die ILO-Konventionen beruft. (Switcher ist beispielsweise SA8000-zertifiziert).
An der Art der beiden Einträge und dem Fehlen von Querverlinkungen ist einfach abzulesen, dass es sich um Konkurrenznormen handelt. Die Regeln von Wikipedia lassen es zu, dass FLO-Texter einen entsprechenden Beitrag redigieren. Sie sind ja nicht verpflichtet, auf „Konkurrenzprodukte“ hinzuweisen. Dabei ist es durchaus normal, dass Labels in Konkurrenz zueinander stehen.
Das ist auch bei Bio-Labels der Fall. Die Anbauorganisationen stehen im Wettbewerb um Landwirtschafts- und Verarbeitungsbetriebe, die ihr Label übernehmen. Die Organsationen finanzieren sich schliesslich aus dem Verkauf von Lizenzen. Im Fairtrade-Bereich dürfte die Konkurrenz allerdings noch grösser sein, da Verkauf von Lizenzen, die Etablierung von Normenkatalogen und deren Zertifizierung viel enger zusammenhängen. Dies ist bei den „klassischen“, stark im Lizenzverkauf engagierten Fairtrade-Organsationen sehr deutlich (Beispiel Max Havelaar mit Kaffee- und Bananenlizenzen bei Coop, Migros usw.): sie schlossen sich international zu den Fairtrade Labelling Organisations (FLO) zusammen und bauten ihre eigene Zertifizierung auf, die schliesslich in FLO-CERT ausgelagert wurde.
Es gibt aber auch den anderen Entwicklungsansatz: nicht produktions- oder verkaufsnahe Organisationen, sondern der Zertifizierer setzt ein Label in die Welt. Diesen Weg hat das weltweit tätige IMO in Weinfelden (Schweiz) mit dem Label Fair for Life beschritten. Während die traditionellen Fair Trade-Organisationen so etwas wie Menschenrechtsorgansationen auf einer sehr konkreten Handlungsebene sind (Schwerpunkt bei der Durchsetzung der Arbeitsnormen der ILO), richtet sich der Blick des IMO etwas stärker auch auf den wirtschaftlichen Prozess, auf die Wertschöpfungskette.
Zusammenfassend wird man konstatieren: die Idee ist zwar schön, einerseits eine irgendwie demokratisch organisierte „Legislative“ zu haben, welche Richtlinien formuliert, andererseits eine unabhängige „Judikative“, welche die Einhaltung der Richtlinien kontrolliert (und Zertifikate verteilt). Weil es aber so ist, dass die Richtliniensetzer von den Linzenzeinnahmen leben und die Zertifizierer von den Kontrollhonoraren, mischt sich grundsätzlich in beiden Fällen ein ökonomisches Interesse in diese gut ausgedachten Strukturen ein. Wenn Produzentenorgansationen ein Label lancieren, dann ist es sicher sozial breiter abgestützt als wenn eine Zertifizierungsorganisation Urheberin ist. Ob die Corporate Governance im einen oder anderen Fall besser ist, ist nicht auf den ersten Blick zu entscheiden.
Matthias Wiesmann, 18.09.2009