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«Dann biegt man, schon auf der Höhe der Ortschaft, um eine Felsenecke und steht plötzlich vor einem Anblick, wie er mir nie und nirgends begegnet ist. Man steht am Ende der Welt und zugleich an ihrem Ursprung, an ihrem Anbeginn und in ihrer Mitte. (…) Zuerst kann man nur da hinaufschauen, es verschlägt einem den Atem. (…) ‹Hier, wenn man hier bleiben könnte›, sagte einer von uns!» So beschreibt der deutsche Autor Carl Zuckmayer in seiner Autobiografie «Als wär ’s ein Stück von mir» seinen ersten Blick auf Saas-Fee im Spätsommer 1938.
Flucht vor Hitler
Zuckmayer ist nach seinem Durchbruch mit dem Theaterstück «Der fröhliche Weinberg» 1926 nach Henndorf in Österreich gezogen. Mit dem Einmarsch Hitlers im März 1938 wird es rasch heikel für den Halbjuden Zuckmayer, der sich zudem deutlich und offen gegen die nationalsozialistische Herrschaft ausgesprochen hat.
Zuckmayer flieht mit seiner Frau Alice in die Schweiz. Sie mieten sich zuerst eine Wohnung am Genfersee. Im August 1938 leiden sie unter der grossen Hitze im Unterland und wollen sich im Wallis an der frischen Luft in der Höhe ausruhen. Sie fahren nach St. Niklaus und gehen weiter nach Grächen. Von dort steigen sie zur Grächener Hannigalp hoch und zum Weiler Schweiben hinab, durch den Wald zur Autostrasse, wo sie das Postauto nehmen und nach Saas-Grund gelangen. Die Maultierkolonne mit dem Gepäck geht über den Waldweg nach Saas-Fee, die Zuckmayers wählen den Kapellenweg. Letzterer führt südlich von Saas-Grund unterhalb des Zusammenflusses der Fee- und der Saaser Vispa in die Höhe. Eine gute halbe Stunde steigen die Zuckmayers am späten Nachmittag in die Höhe. Vor dem letzten Aufstieg stehen sie vor der Kapelle zur Hohen Stiege. Zuckmayer verliebt sich sofort in die schmucke Wallfahrtskapelle aus dem Jahr 1687. Der späten Stunde wegen reissen die Zuckmayers sich vom mythisch anmutenden Anblick los, steigen die Monolithstufen hoch und biegen nach Saas-Fee ein, wo Zuckmayer den eingangs beschriebenen Moment erlebt.
In seiner Autobiografie führt er weiter aus: «Saas-Fee, damals noch ein Bergbauerndorf von 468 Seelen, (…), in weit ausschwingende Matten eingebettet, von ansteigenden Lärchen- und Arven-wäldern gesäumt und von so viel Himmel überwölbt, dass man – ähnlich wie auf einer offenen See – nach allen Seiten Freiheit und Weite verspürt.» Zuckmayers Seele atmet auf.
Das Saastal als letzte Heimat der Zuckmayers
Alice und Carl Zuckmayer wandern wenig später in die USA aus, kommen aber nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch 14-mal nach Saas-Fee, bis sie 1958 ein Haus im Dorfteil Wildi kaufen und sich hier niederlassen. Zuckmayer und seine Frau durchwandern und erforschen das ganze Tal, besuchen Alphütten und steigen zu den Pässen hoch. Mit dem Bergführer Alfred Supersaxo überqueren sie den Fee- und den Allalingletscher. Zuckmayers erster Viertausender ist das Allalinhorn.
Saas-Fee hat für Zuckmayer eine Magie, die er «in der Weite des Himmels» fand, «den die hohen Berge nicht einengen, sondern wunderbar umrahmen und tragen». Das Viertausender-Panorama mit Allalinhorn, Alphubel, Täschhorn, Dom und Lenzspitze beschreibt er in seiner Autobiografie als «gewaltiger silberner Rahmen, im Halbrund geschlossen, nach Süden von Schneegipfeln in einer Anordnung von unerklärlicher Harmonie, nach Westen von einer Kette gotischer Kathedraltürme».
Bis zu seinem Tod 1977 wohnt Zuckmayer im Gletscherdorf. Saas-Fee ist nicht bloss der Ort, wo er als Schriftsteller seine letzten grossen Erfolge feiert. Die Zeit im Gletscherdorf ist das leuchtende Finale eines aussergewöhnlichen Lebens. So schreibt er: «Jeder Tag, den ich nicht hier in Saas-Fee verbringe, ist ein halber Tag.»