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Lau Form 163
2. Von Existenz zu Leere
Nachdem der erste Abschnitt dieses erkenntnistheoretischen Teils den Prozess der Beobachtung und den Beobachter thematisierte, handelt dieser zweite Abschnitt von der Realität, die einem Beobachter erscheint. Dabei geht es nicht darum zu skizzieren, wie eine Welt ohne Beobachter aussehen könnte (von einer solchen Vorstellung soll hier ja ganz im Gegenteil Abstand genommen werden), sondern zunächst um die Begriffe Existenz und Wahrheit und anschließend darum, wie sie im Sinne einer Differenztheorie und einer Theorie, die vom Beobachter ausgeht, verstanden werden können. Das folgende Zitat dient als Leitfaden für diesen Abschnitt:
„Wir müssen, um die Welt klar zu erfahren, Existenz auf Wahrheit reduzieren, Wahrheit auf Bezeichnung [Anzeige; F. L.], Bezeichnung auf Form und Form auf die Leere.“ (SPENCER BROWN 1997: 88)
„To experience the world clearly, we must abandon existence to truth, truth to indication, indication to form, and form to void.“ (SPENCER BROWN 1969: 101)
Im Folgenden sollen diese Schritte nachvollzogen werden. Zusammenfassend: Mit Existenz wird auf das Bezug genommen, was ist, was ein Beobachter von Augenblick zu Augenblick erlebt. Wahrheit bezieht sich auf Aussagen über Existenz. Die Aussagen, die man wahr nennt, hängen vom Standpunkt ab, von den Unterscheidungen und den Werten, die man mit ihnen verknüpft. Jeder Standpunkt, jede Unterscheidung ist eine Form, die auch immer anders möglich ist. Form entsteht mit Leere und Leere mit Form. Dies ist die erste bzw. letzte Form.
Zeit und Raum
Die Vorstellungen von Zeit und Raum sind eng mit den Begriffen der Realität und der Existenz verknüpft. Das Beobachten und Erleben von Welt geschieht nicht getrennt von Raum und Zeit. Deshalb wird eine Erörterung ihrer „Entstehung“ im Lichte des Indikationenkalküls vorangestellt. vgl. Seite 93
Üblicherweise geht man davon aus, dass alles, was existiert, in Raum und Zeit bzw. in der Raum-Zeit existiert und dass die Beobachtung der Existenzen unabhängig von Raum und Zeit geschieht. Als wären Raum und Zeit gegebene Voraussetzungen für Beobachtung.
Seite 164: Die differenztheoretische Konzeption ermöglicht dagegen eine Beschreibung, nach der Zeit und Raum Produkte der Beobachtung von Welt sind. Wenn etwas beobachtet wird, muss es anders erscheinen als anderes. Dieses Anderssein kann sich verändern (Zeit) und verändert sich in einem erkennbaren Raum.
Die Welt enthält weder diese noch andere Unterscheidungen. Am Anfang der Laws of Form definiert George Spencer Brown „Zustände“, ohne dass er auf Konzepte wie Distanz, Größe oder Dauer etc. zurückgreifen müsste. Das einzige Konzept, das er einführt, ist das des Unterschiedes. Andere Qualitäten sind nicht notwendig, um alle Qualitäten zu erhalten.
Raum und Zeit sind Erscheinungen bzw. Formen von oder für Erscheinungen. Auch sie sind, was erschiene, wenn eine Unterscheidung getroffen würde.
Boe: vgl Spencer Brown A Lion's Teeth, pg 134: page 134
Confronted with the apparent universe, we all asked the question, 'What is it?'
We then looked for the answer in exactly the wrong direction.
We all searched for a set of descriptions of what it looked like.
The proper way is to discover the instructions how to make it.
Boe: Vor 10 Jahren gelesen und nicht verstanden:
Spencer Brown Only Two can Play this Game pg.127:
Space is a construct. In reality there is no space. Time is also a construct. In reality there is no time.
In eternity there is space but no time.
In the deepest order of eternity there is no space. It is devoid of any quality whatever.
This is the reality of which the Buddhas speak. Buddhists call it Nirvana. Its order of being is zero. Its mode is completeness. Its sex-emblem is female. It is known to western doctrine, sometimes as the Godhead, sometimes as IHVH, or that which was in the beginning, is now, and ever shall be. This way of describing it, like any other, is misleading, suggesting that it has qualities like being, priority, temporality. Having no quality at all, not even (except in the most degenerate sense) the quality of being, it can have none of these suggested properties, although it is what gives rise to them all. It is what the Chinese call the unnamable Tao, the Mother of all existence. It is also called the Void.
Boe:...the unamable Dao, die Leere, das Unsagbare, das Un-Beobachtbare, das Un-Unterschiedene
(vgl. Dao Seite 182; die Leere Seite 163; Koproduktion Seite 173)
In den Laws of Form wird anfänglich kein Konzept eines solchen Raumes (in dem „Dinge“, das heißt Gegenstände, Lebewesen etc. vorkommen können) verwendet. Was dort „Raum“ genannt wird, ist die Seite einer Unterscheidung (Es gibt zunächst keinen Raum; wenn jedoch eine Unterscheidung getroffen wird, dann in einem Raum, den sie gleichsam mitproduziert) und impliziert für die Darstellung schon eine mehrdimensionale physikalische Raumvorstellung. Aber als mathematisches Konzept trägt „Raum“ lediglich die Qualität, Zustände voneinander zu trennen. Ebenso ist Zeit, was wäre, wenn eine Oszillation zwischen Zuständen stattfinden könnte. Das Maß der Zeit ist der Wechsel, die Veränderung. Die einzige Veränderung, die wir mit zwei unterschiedlichen Zuständen bewirken können, ist das Wechseln von einem Zustand oder Raum in den anderen. Diese Zeit ist die einfachste denkbare Zeit, da die Oszillation zwischen den Zuständen keine Dauer hat.
Mit der Wiedereinführung von Ausdrücken, also Unterscheidungen, in ihren eigenen Raum, gelangen wir zu den Ideen von Raum und Zeit, wie sie unserer alltäglichen Erfahrung entsprechen.
„Was wir aus den Formen oder Ausdrücken auf dieser Stufe ersehen, könnte, obwohl erkennbar, als vereinfachte Vorläufer dessen angesehen werden, was wir in den physikalischen Wissenschaften für die Wirklichkeit halten.“ (SPENCER BROWN 1997: 87)
„What we see in the forms of expression at this stage, although recognizable, might be considered as simplified precursors of what we take, in physical science, to be the real thing.“ (SPENCER BROWN 1969: 100 f.)
Die Oszillation des imaginären Wertes definiert den Ursprung unseres Konzeptes von Zeit. Die Oszillation ist selbst nicht schon Zeit (im Sinne des Alltagsverständnisses), weil ihr ein Maß fehlt. Diese ursprüngliche Zeit hat noch keine Dauer, ihre Intervalle sind weder kurz noch lang, sie ist lediglich das Wechseln der Zustände. Sie wird durch bzw. als Oszillation zwischen zwei Zuständen gemessen. Da die Oszillation keine Dauer hat, können wir sie uns beliebig schnell oder langsam vorstellen. Die Oszillation hat keine Frequenz. Sie ist das Hin-und-her, die Zeit ohne Zeitgebrauch (Das erinnert an: „Nun war es Zeit für Zeit zu beginnen.“ („That was the time for time to begin.“).
Die Oszillation unterwandert die Unterscheidung, die die Seiten hervorbringt, zwischen denen die Oszillation stattfindet – und insofern hält die Oszillation die Unterscheidung aufrecht und hebt sie auf. In der Zeit werden die beiden Seiten einer oszillierenden Unterscheidung unterschieden und verweisen aufeinander.
Raum und Zeit im Sinne des Alltagsverständnisses sind, was geschieht, wenn man die Ideen einer Unterscheidung bzw. des Wechselns der Seiten einer Unterscheidung häufig genug in sie selbst einführt. Das alltägliche Konzept von Zeit, die ein Maß, eine Dauer hat, das oder die gemessen werden kann, kommt nur zustande, indem die Dauer mit einer anderen Zeit gemessen wird. Ebenso bedarf es für unsere räumlichen Vorstellungen eines Maßes, einer Einheit, die als Bezugspunkt dient.
Um die Zeit zu erleben, um also das Konzept von Dauer zu erhalten, muss man das Konzept der Zeit in sich selbst einführen. Man kann Dauer nur mit einer anderen Zeit messen. Zeit als solche ist nicht erfahrbar oder beobachtbar. Zeit „zeigt“ sich in der Veränderung von Zuständen. Das heißt aber auch, dass Zeit eine notwendige Form für die Wahrnehmung von Veränderungen ist.
Ebenso verhält es sich mit Raum. Alle Konzepte von Raum, Zeit, Größe usw. erhält man dadurch, dass man das Konzept des Unterschiedes häufig genug in sich selbst einführt.
Man kann das Entstehen von Raum und Zeit leider nicht sprachlich oder textlich vorführen bzw. darstellen und damit anschaulich machen, da die Sprache oder Theorie nicht Raum und Zeit hervorbringen kann.
Nur indem wir Unterscheidungen tatsächlich treffen, wie wir es als Lebewesen unentwegt tun, bringen wir Raum und Zeit hervor. Das heißt, jetzt, wenn dieser Text geschrieben oder gelesen wird, sind Raum und Zeit schon da. Man kann nicht durch Kalkulationen mit Formen etwas finden oder erzeugen und dann feststellen: „das ist ja Zeit“ oder „das ist ja Raum“. Es ist lediglich möglich zu erkennen, dass den Konzepten von Raum und Zeit die Idee der Unterscheidung zugrunde liegt. Über die Idee der Unterscheidung kann man Zeit und Raum verstehen.
Wir finden also: Zeit ist imaginär, Hier-Jetzt ist real.
Existenz und Wahrheit: Mit dem Begriff der Existenz wird üblicherweise auf den Umstand Bezug genommen, dass wir Menschen in einer Realität leben, deren (äußere) Erscheinung unserer Beobachtung zugänglich und deren Erscheinung objektiv, also unabhängig von uns ist. Wir scheinen nicht umhin zu können, unsere Lebenspraxis in der Beobachtung derart zu vollziehen, als wenn da etwas wäre, mit dem wir psychisch und physisch umgehen. Somit untermauert der Begriff der Existenz eine Unterscheidung als gegeben – als wirklich vor aller Beobachtung: Der Beobachter und das Beobachtete seien grundverschieden. Oder in einer älteren Terminologie: Der Unterschied zwischen Subjekt und Objekt ist.
Diese Sicht versperrt die Einsicht, dass das Beobachtete nicht das Beobachtete ist, wenn es nicht beobachtet wird; und dass zwei Wesen mit verschiedenen Sinnesapparaten verschiedene Realitäten erscheinen. In dem Vorwort zur Auflage von 1994 schreibt George Spencer Brown: „Was existiert, ist formell konstruiert durch die Postulierung eines hypothetischen Wesens, von dem angenommen wird, es nehme es wahr, und unterschiedliche Wesen werden die Konstruktion unterschiedlicher Existenzen hervorbringen.“ (SPENCER BROWN 1997: XVIII)
Was existiert, tut dies auf die jeweils beobachtete Art und Weise; also nicht von sich aus, sondern nur im „Blick“ eines Beobachters, welcher eine Existenz auf seine Weise wahrnimmt.
Da so das Existierende von dem unterscheidenden Beobachter abhängt – also keine objektive Wirklichkeit repräsentiert –, nehmen unterschiedliche Beobachter unterschiedliche Existenzen wahr. Und das nicht nur hinsichtlich verschiedener Sinnesorgane, die ja mit dem entsprechenden „Ausschnitt der Realität“ korrespondieren könnten, sondern vor allem auch in Bezug auf unterschiedliche Wertungen, Bedeutungszuschreibungen bzw. Ausrichtungen von Aufmerksamkeit. Wir können deshalb im Allgemeinen nicht davon sprechen, dass die eine Beschreibung der Welt wahrer als die andere ist. Dies könnten wir lediglich im Hinblick auf bestimmte Voraussetzungen.
Mit dem Begriff der Wahrheit wird auf eine Übereinstimmung der Wirklichkeit mit Aussagen über diese Wirklichkeit rekurriert . Wahr ist eine Aussage, wenn die Wirklichkeit tatsächlich so ist, wie es die Aussage behauptet. Somit untermauert dieser Begriff (in dieser Deutung) eine Unterscheidung als gegeben: Die Wirklichkeit und Aussagen über sie seien grundverschieden.
Auf der Ebene der Aussagen über Aussagen (statt: Aussagen über die Wirklichkeit oder Realität) können wir dagegen vorläufig formulieren: „Es gibt keine objektive Wahrheit!“ Wir geraten aber offensichtlich in eine Paradoxie, wenn wir diese Aussage auf sich selbst anwenden, indem wir sie auf ihre Wahrheit hin überprüfen. Die Aussage hat ja selbst die Form einer „objektiven Wahrheit“.
Insofern, als wir Existenz und Wahrheit als Konstrukte und Resultate des Prozesses des Unterscheidens erkennen können, nehmen wir ihnen ihre zentrale Stellung und erkennen sie als peripher (vgl. SPENCER BROWN 1997: 87f.; 1969: 101).
„Wenn die Schwäche heutiger Wissenschaft darin liegt, dass sie um Existenz zentriert ist, ist die Schwäche heutiger Logik, dass sie um Wahrheit zentriert ist.“ (SPENCER BROWN 1997: 88)
„If the weakness of present-day science is that it centres round existence, the weakness of present-day logic is that it centres round truth.“ (SPENCER BROWN 1969: 101)
Das wissenschaftliche Universum, die objektive Form, die wir mit Teleskopen und Mikroskopen untersuchen und entdecken, ist nicht die Form, die unsere individuellen Unterschiede unterscheidet. Die objektive Form ist die Form, in der wir unsere grundlegende Einheit erkennen können, unsere Vielheit kondensiert zu eins: I I I ... = I . Wir betrachten dabei den Teil, der identisch für uns alle ist; daher rührt seine Objektivität, die nur aufgrund des gleichen Sinnesapparates diesen Anschein erweckt.
Boe: Sorry, ich kann "the mark" nur unvollständig wiedergeben!
Die Sinnesorgane bestimmen die Welt, die wahrgenommen werden kann. Wie könnte ein Lebewesen mit anderen Sinnesorganen die gleiche Realität erleben? Das Universum erscheint in Übereinstimmung mit der Form der Sinne, denen es erscheint. Verändert man die Sinne, erscheint ein anderes Universum. Wie könnte also ein Universum unabhängig vom Sinnesapparat (und letztlich vom Beobachter) sein? So ein Universum kann es nicht geben, weil es in Übereinstimmung mit den wahrnehmenden Sinnen erscheint. Dieser Argumentation zufolge kann es kein objektives Universum geben.
Zugleich ist der Sinnesapparat auch eine Einschränkung, denn um überhaupt etwas wahrzunehmen, kann man nicht alles wahrnehmen (siehe den Abschnitt „Selektive Blindheit, S. 180f.).
Wir haben hier mit der Unterscheidung zwischen Universum und Sinnesapparat gearbeitet (die wie alle Unterscheidungen nur „existiert“, wenn sie getroffen wird). Denn da das Universum sich ändert in Abhängigkeit und in Übereinstimmung mit den Änderungen der es wahrnehmenden Sinne, haben wir Universum und Sinnesapparat nicht unterschieden. Welt und Sinnesapparat gehören dann zusammen und wir gebrauchen nur verschiedene Namen.
Es spielen noch sehr viel mehr „Faktoren“ als nur der bloße Sinnesapparat eine Rolle für die Realität, die wir wahrnehmen. In diesem Sinne spricht auch Ludwig Wittgenstein, wenn er sagt, die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen (siehe WITTGENSTEIN 1997: 83 (Proposition 6.43)). Wir erleben nicht die gleiche Realität. Jeder Beobachter erfährt die je eigene.
Wir sehen, dass selbst dann, wenn wir das „Spiel“ der Wissenschaft spielen und von einer objektiven Realität ausgehen, wir an den Punkt gelangen, dass es keine Unterscheidung zwischen uns und der Realität gibt – es sei denn, wir treffen sie.
Wahrheit und Anzeige: Was wir für die Existenz einer unabhängigen/ absoluten Realität halten, ist ein Ergebnis der Art und Weise, wie wir beobachten und beschreiben (genauer: derjenigen Beschreibungen, die wir für wahr halten). Doch auch diese wahren Beschreibungen sind letztlich nur: Bezeichnungen im Rahmen einer Form, die wir vorausgesetzt haben. Nicht die existente Realität ist damit die voraussetzungslose Voraussetzung, sondern die Form der Beobachtung.
Wenn es keine objektive Realität gibt, wenn nur Erscheinungen erscheinen, die gewissermaßen mit dem Wahrnehmenden ko-existieren und ko-evoluieren, dann können Erscheinungen auf jede mögliche Weise erscheinen. Wie eine Realität erscheint, hängt dann von dem Standpunkt bzw. der Anzeige ab. Was einem Beobachter erscheint, also als Realität erkannt wird, ist nicht wahr oder falsch. Nur: Wenn ich andere Unterscheidungen träfe, erlebte ich eine andere Realität.
Da es keinen privilegierten Außenstandpunkt gibt, können wir das, was uns jeweils erscheint und was wir für wahr halten, nicht durch einen Abgleich mit der vermeintlich tatsächlichen Realität absichern. Wir können die Wahrheit dessen, was wir erleben aber auf unseren Standpunkt zurückführen. Deshalb schreibt George Spencer Brown in den Anmerkungen zu den Laws of Form:
„Diese Formen [des Kalküls; F. L.] sind somit nicht nur Vorläufer der Existenz, sondern auch Vorläufer der Wahrheit.“ (SPENCER BROWN 1997: 88)
„These forms are thus not only precursors of existence, they are also precursors of truth.“ (SPENCER BROWN 1969: 101)
Wahr ist, was einem Beobachter erscheint; und was erscheint, hängt vom Standpunkt, von Wertungen und Unterscheidungen ab, worauf der folgende Abschnitt hinaus läuft.
Bezüglich der Frage nach Wahrheit scheint mir die Anmerkung von Dirk Baecker zutreffend, nach der George Spencer Brown nicht an irgendeiner Tugend des Kontrafaktischen gelegen ist (vgl. BAECKER 1993b: 9). Es geht nicht um irgend etwas, das unabhängig von dem beobachtet werden könnte, was sich jeweils realisiert.
Anzeige und Form: Der Beobachter erzeugt eine Existenz, indem er eine Unterscheidung trifft. Mit den Laws of Form finden wir zunächst eine erste Identität: Etwas wird angezeigt. Wir können jedoch nichts produzieren, ohne zugleich mitzuproduzieren, was es nicht ist. Jede Unterscheidung können wir in dieser Hinsicht als Aufspaltung einer Einheit ansehen. Des Weiteren produzieren wir zugleich mit der Unterscheidung der beiden Seiten die Grenze zwischen ihnen. Die dreifache Identität besteht aus dem Ding (der angezeigten Seite), aus dem, was es nicht ist, und aus der Grenze dazwischen.
„Wir erzeugen eine Existenz, indem wir die Elemente einer dreifachen Identität auseinandernehmen. Die Existenz erlischt, wenn wir sie wieder zusammenfügen. Jede Kennzeichnung impliziert Dualität, wir können kein Ding produzieren, ohne Koproduktion dessen, was es nicht ist, und jede Dualität impliziert Triplizität: Was das Ding ist, was es nicht ist, und die Grenze dazwischen. Wie im Kapitel 1 der Laws dargelegt, können wir nicht irgend etwas kennzeichnen, ohne zwei Zustände zu definieren, und wir können nicht zwei Zustände definieren, ohne drei Elemente zu erschaffen. Nichts davon existiert in der Realität oder getrennt von den anderen.“ (SPENCER BROWN 1997: XVIII)
Das Konzept der Differenz liegt dem Konzept von Einheit zu Grunde: Ein Beobachter erkennt etwas als Einheit, weil er die Einheit von anderem unterscheidet. Ohne den Gebrauch von Differenz kann keine Einheit beobachtet werden. Die Zweiheit geht der Einheit voraus, denn eine Einheit (das, was wahrgenommen wird) ist nur in Abgrenzung zu dem, was sie nicht ist, erfassbar.
Aber als Differenz ist die Differenz eine Einheit. Sie unterscheidet sich von anderen Differenzen. Einheiten sind in Form von Differenz handhabbar. Und insofern geht der Zweiheit immer eine Einheit voraus, denn Zweiheit kommt nur zustande, indem eine Einheit geteilt, unterschieden wurde.
Die Welt enthält keine Einheiten. Sie ist die All-Einheit, in der geschieht, was geschieht. Nur ein Beobachter konstruiert Einheiten. Der Beobachter gebraucht Differenzen, um mit Einheiten (vermittels Bezeichnungen) operieren zu können.
Das heißt also, dass jeder Standpunkt (jede Anzeige) auf eine Unterscheidung (Form) zurückführbar ist. Jede Welt ist eine beobachtete Welt.
Seite 170 Form und Leere: Die für Lebewesen erfahrbare Welt ist vollkommen in der Form. Dadurch, dass sie Form ist, ist sie erfahrbar. Lebewesen können etwas nur wahrnehmen oder erkennen, weil sie es von anderem unterschieden haben. Wäre es nicht von anderem unterschieden – in welcher Form auch immer –, dann wäre es nicht wahrnehmbar. Wäre es nicht von anderem unterschieden, würde es keinen Unterschied machen. Nur so kann es erkannt werden. Dies gilt für Gegenstände, den eigenen Körper, Gedanken, Gefühle und alles andere. Also ist alles, was auf irgend eine Art und Weise ist, also von einem Beobachter wahrgenommen oder erkannt wird, Form. Alles ist, wie auch immer es ist – jedenfalls verschieden von anderem.
Der „Logik“ der Form entspricht, dass mit Form auch eine andere Seite der Form ko-produziert wird. Wenn wir über das sprechen, was den Rahmen oder die Grundlage für die Unterscheidungen symbolisiert, benötigen wir einen Namen, der (für dieses „Unding“) jedoch keinen erläuternden Charakter haben kann, da er als Name schon Unterscheidungen trägt. Unter diesem Vorbehalt nennen wir ihn in Anlehnung an George Spencer Brown empty space.
Der Name und das Sprechen über etwas suggerieren schon, dass da etwas wäre. Das ist das Dilemma, in das wir uns begeben, wenn wir über das sprechen, in dem Unterscheidungen getroffen werden und das selbst unterschiedslos ist. Wir gebrauchen eine buddhistische Anschauung, um zu formulieren: Das Medium der Form ist die Leere.
Der Begriff der Leere bezeichnet die „völlige“ Abwesenheit jedes Unterschiedes. Das Bild des leeren Raumes geht also fehl, da Leere weder auf einer der Seiten der Unterscheidung leer/nicht-leer ist noch die Unterscheidungen beinhaltet, die benötigt werden, um die Idee eines Raumes (im umgangssprachlichen Sinne) zu haben. Nimmt man den ersten Satz des Absatzes als Beschreibung von Leere, so gilt selbiges für Anwesenheit/Abwesenheit und Unterschiedenheit/Identität.
Keine Beschreibung kann Leere wiedergeben. Die Leere „ist“, wie das Universum ohne wahrnehmenden Beobachter/Sinnesapparat ist. Leere meint: keine Etwas-heit, die Abwesenheit jeglicher Dinghaftigkeit; in der Leere kann auf nichts zugegriffen werden, weil nichts angezeigt ist, weil nichts unterschieden ist. Leere ist Offenheit für jede Verletzung durch einen Beobachter, durch eine Unterscheidung. Leere ist das Medium für Form. Wie bei allen Unterscheidungen (man denke beispielsweise an Bewegung und Ruhe): Es gibt nicht das eine ohne das andere. Daher kommt die buddhistische Weisheit: „Form ist Leere, Leere ist Form“, die im folgenden Kapitel in Form einer Erörterung des „nullten Kanons“, der den Laws of Form nachträglich vorangestellt wurde, vertieft wird.
In Bezug auf den Ursprung aller Dinge, den empty space, und die Ent-stehung von allem aus ihm wäre keine Unterscheidung wahrer als eine andere. Wahrheit ist ein Ergebnis des Treffens von Unterscheidungen. Deshalb lässt sich nicht mehr sagen, als dass die Dinge so sind, wie sie sind, oder mit Humberto R. Maturana: erlaubt ist, was erlaubt ist. Daher rührt auch die Rhetorik, die George Spencer Brown gebraucht: „Triff eine Unterscheidung!“ Mit dem auffordernden Imperativ umgeht er, (stets implizit) von Wahrheit reden zu müssen.
Die Form ist das Wandelbare – die Leere ist unwandelbar, ewig mit sich selbst identisch.
Peter Fuchs sieht in der Leere das Versteck einer weiteren Ontologie; als wäre die Leere die wirkliche Wirklichkeit und die Formen eine scheinbare Wirklichkeit. „Wirklichkeiten sind Beobachtungsresultate. Wenn gesagt wird, hinter diesen Realitäten sei etwas wirklich Wirkliches oder auch nur eine Leere, ein All-Eines etc., schnappt erneut die Falle der Ontologie zu.“ (FUCHS 2004: <ip-pii>)
Im vorliegenden Text wird aber keineswegs die These vertreten, dass die Leere wahrer oder realer sei als die Formen. Vielmehr geht es darum zu erkennen, dass Form und Leere untrennbar verbunden sind. Die Leere ist ja eben auf keine Weise beobachtbar. Würde sie jemand beobachten, das heißt unterscheiden und bezeichnen (oder auch nur anzeigen, indem anderes ungezeigt bliebe), wäre sie nicht mehr die Leere. Zudem etabliert jede Beobachtung die Unterscheidung zwischen Beobachter und Beobachtetem. Ein praktischer Umgang mit dieser Schwierigkeit, die Leere in den Formen zu sehen wird im Abschnitt zu Zen angedeutet. (S. 193f.)
Felix Lau
Lau Form 173 - Koproduktion