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1.
But just as one step will inevitably lead to the next step, so it is that one thought inevitably follows from the previous thought ...
Paul Auster, The Invention of Solitude
Zuerst kommt das Gehen, dann das Denken. Gehen, denken, ein Schritt nach dem anderen. Wie beim Schreiben: ein Wort, ein Gedanke – eins nach dem anderen. Und auch beim Filmemachen: drehen, schneiden, ein Bild nach dem anderen. Nach und nach, nachträglich, entsteht ein Pfad. Hoffentlich führt er irgendwo hin.
Der Essay: ein Versuch. Das Essayistische: ein persönlicher, impressionistischer Gedankenablauf. Kein Wunder, dass so viele Künstler, Schriftsteller, Philosophen auch begeisterte Spaziergänger sind. Denn eigentlich ist ihre geistige Arbeit eine Art Spaziergang. Der amerikanische Bildhauer und Installationskünstler James Walsh sammelte seine Lieblingszitate übers Spazierengehen in einem kleinen, selbst gemachten Buch. Darin zitiert werden unter anderen Robert Walser, Jean-Jacques Rousseau, Guy Debord, Henry David Thoreau, Walter Benjamin, Thomas de Quincey und Edgar Allan Poe. Das Buch heisst Solvitur ambulando – es löst sich im Gehen. Auch dies ist ein Zitat, von Augustinus. Das Zitieren der Essays anderer kann ebenfalls ein Spaziergang sein: ein Autor, ein Begriff nach dem anderen. Walshs Montage der Zitate ist die Strassenkarte seiner Lesereise durch das abendländische Denken.
Der Versuch als Form: So charakterisieren Christa Blümlinger und Constantin Wulff den essayistischen Film. Der Essayfilm dokumentiert nicht nur die Reisen und Gedankengänge seines Machers, sondern auch sein eigenes Entstehen. Ein dreifacher Reisebericht. In Anlehnung an die Ethnologin Mary Louise Pratt verwendet Catherine Russell den Begriff «Autoethnografie» für die Gattung der zeitgenössischen Tagebuchund persönlichen Essayfilme. Denn solche autobiographische Berichte liefern auch eine Standortbestimmung für eine gegebene Kultur, eine Gesellschaft, ein Zeitalter.
Jeder Denker spaziert durch seine eigene Landschaft. Die Beziehung zwischen dem Flaneur und seiner Umgebung nannten Debord und seine Situationistische Internationale (SI) «Psychogeografie». Die SI pflegte diese Wirkung hervorzurufen durch ihre Praxis des Umherschweifens: la dérive. Wie Benjamins archetypischer Flaneur leisten die Situationisten und andere bewusste Spaziergänger Widerstand gegen die Konsum und Leistungsgesellschaft durch Verweigerung: des Arbeitens, des Kaufens, der Hetzerei.
2.
Laufen, laufen, einfach immer weiterlaufen, immer der Hauptstrasse entlang. Ich wusste nicht, dass es so weit ist bis nach Dübendorf ... Die Schuhe drücken, der Gürtel scheuert, die Riemen schneiden ins Fleisch.
Peter Liechti, Hans im Glück – 3 Versuche, das Rauchen loszuwerden
Peter Liechti ist zwischen Juni 1999 und Februar 2001 drei Mal von seinem Wohnort Zürich nach seiner Geburtsstadt St. Gallen marschiert, jedes Mal über eine andere Route. Die drei Wanderungen dokumentiert er in seinem Film Hans im Glück. Durch die extreme körperliche Leistung der drei Fussmärsche und eine mit der einsamen «Heimreise» verbundene Introspektion hoffte er, endlich mit dem Rauchen aufhören zu können. Nach zwei Rückfällen scheint es beim dritten Versuch geklappt zu haben.
Drei Versuche also, drei essais. Ein Film in drei Akten – oder eher drei Sätze einer Symphonie? Die Struktur des Films entwickelt sich aus den drei Wanderungen, die Struktur der Wanderungen wiederum basiert auf dem Zufallsprinzip. Liechti muss sich nur auf seine Reise begeben, der Rest entfaltet sich von selbst. «Man fühlt sich gut, wenn man sich was vorgenommen hat. Man hat einen Plan, und Pläne haben immer Zukunft.» Dies ist das Echo einer Aussage aus einem früheren Liechti-Film, Signers Koffer (1995). Der darin porträtierte Ostschweizer Aktionskünstler Roman Signer beschreibt sein Arbeitsprinzip so: «Ich mache den Plan, und die Natur schreibt das Drehbuch.» Liechtis Drehbuch entsteht aus zufälligen Begegnungen mit Menschen und Tieren, aus launischem Wetter und spontan ausgewählten Gasthäusern – und aus den Erinnerungen, die im Lauf der Reise wieder hochkommen und in Form von altem Super-8-Material sichtbar gemacht werden. All diese Bilder werden assoziativ montiert in Sequenzen, die Liechtis mäandernden Gedankengänge – seine Psychogeografie – widerspiegeln.
Mit den Bildern und Tönen, die Liechti unterwegs mit seiner DV-Kamera aufnahm, verbinden sich Auszüge aus seinem geschriebenen Reisetagebuch. Die vorwiegend schönen, beinahe romantischen Bilder und Ansichten stehen in starkem Kontrast zum körperlichen und geistigen Leiden, welches Liechti in seinem Kommentartext (gesprochen von Hanspeter Müller) kundgibt. Denn Gehen tut oft weh, und Denken auch. Kaum sei die Rauchsucht überwunden, erzählt er uns, werde das umgebremste Denken – «eine Art gedankliches Hyperventilieren» – zum Problem. Doppelt erschöpft durch die «Gedankenraserei» und die körperlichen Anstrengungen, fängt Liechti an, alles radikal in Frage zu stellen. In erster Linie sich selber, aber auch seine Umgebung. «Ich ertappe mich, wie ich einfach so vor mich hinschweizere», sagt er (selbst-)verachtend.
Keiner jener idyllischen Alpenfilme also, wie wir sie aus der Tradition der Bergfilme kennen. Martin Schlappner wies 1987 darauf hin, dass aus den unzähligen Filmen dieser Art, die in den Schweizer Bergen gedreht wurden, sich nur die wenigsten mit den Befindlichkeiten und Lebensumständen der Bewohner beschäftigen. Meist werden die Berglandschaften «degradiert zu Kulissen», vor denen sich die unrealistischsten Melodramen abspielen; bestenfalls sind sie Objekte einer Naturschwärmerei und eines Gesundheitskultes. Dazu steht Hans im Glück als ein ironisches Gegenbeispiel. Zwar unternimmt Liechti seine Reisen hauptsächlich aus gesundheitlichen Gründen, doch er stellt die Landschaft keineswegs als heile Welt dar. Vielmehr kritisiert er die Vermarktung, Verzerrung und Ausbeutung der Alpenkultur durch kitschig-künstliche Feste und die unwahrscheinliche Baukunst der Gipfelstationen. Im Gegensatz zu Alpin-Abenteuerfilmen verherrlicht er das Erlebnis des Bergsteigens nicht. «Ich bin nicht einmal froh, endlich oben angekommen zu sein, sondern nur noch wütend, wütend auf diesen Berg, auf mich selber, auf alle, die je behauptet haben, dass es toll sei, auf einen Berg zu steigen.»
3.
To be committed to walking means – to slow down to the pace of walking.
A walk can exist like an invisible object in a complex world.
Walking – cuts a line through twenty-first century life.
Hamish Fulton, walking artist
Und dennoch. Einmal weg vom Säntis, erreicht Liechtis Ringen mit der Natur und dem eigenen Körper eine neue Ebene. «Mit jedem Meter, den ich mich vom Säntis entferne, geht es mir besser. Ich bin – so scheint es – endlich über den Berg. Und ich stelle fest, dass ich wach bin, zum ersten Mal richtig wach auf diesem Marsch, und dass diese grosse alte Alp wahnsinnig schön ist.» Allerdings behält Liechti eine kritische Distanz zu dieser Schönheit. Wenn, wenige Filmminuten später, der Appenzeller Amateurfilmer Emil Haas ihm seine Super-8-Aufnahmen zeigt, filmt er diese von der Leinwand ab. Die kitschigschönen Bilder der Umgebung – Berge, Regenbogen, spielende Bauernhoftiere – werden durch Liechtis Kamera gerahmt und verfremdet. Ähnlich funktionieren seine Bilder vom 1.-August-Feuerwerk. Zunächst prangen die bunten Blitze in überraschender Grossaufnahme auf der Leinwand, doch wenige Sekunden später zeigt ein zoom-out, dass Liechti das Spektakel des Nationalfeiertags vom Fernseher seines Hotelzimmers abfilmt. Die Skinheads auf der Rütliwiese ermuntern dazu, im Privaten zu feiern, fügt er lakonisch hinzu.
Wie es zum Essayfilm gehört, ist nebst dem Gehen und Denken auch das Filmen ein Thema von Hans im Glück. Die Schwierigkeit, sowohl Rucksack wie auch Kameraausrüstung mit sich zu tragen, kommentiert Liechti mehrmals im Laufe des Films. Von einem gewaltigen Berggewitter überrascht, bezeichnet sich der stativtragende Filmemacher als «wandelnden Blitzableiter». Liechti nimmt sich immer wieder beim Aufnehmen auf. Obwohl er selber die Kamera führt, gelingt es ihm manchmal mit spielerischer List, in seinen eigenen Bildern aufzutauchen: als kameratragender Schatten auf dem Asphalt oder reflektiert in der Mattscheibe eines Fotomats. Oft sind Fragmente seines Körpers zu sehen: seine Füsse beim Gehen, seine andere Hand beim Schreiben, Rauchen (!) oder beim Anund Ausziehen der Wanderschuhe. Auch wenn er nicht direkt sichtbar ist, bleibt er fast immer spürbar durch den Rhythmus seiner Schritte oder die Handbewegungen, die sich auf seine Bilder übertragen. Diese spürbare Präsenz hinter der Kamera erinnert daran, dass die Filmbilder seinen persönlichen Blick darstellen.
Einmal bemerkt Liechti spöttisch über sich selber, das einzige, was ihm gelinge, sei etwas nicht zu tun: nicht zu rauchen. Doch sein Film führt uns vor Augen, dass er dreierlei aktiv betreibt: gehen, denken, filmen. Liechtis Arbeit besteht unter anderem darin, Abstand zu halten von einer Gesellschaft, die ihn mit Sprüchen wie diesem konfrontiert: «Schaff und erwirb, zahl Steuern und stirb» (Schild an einem Haus im Appenzell). Darauf könnte er antworten wie der Erzähler in Walsers «Der Spaziergang», der vor einem Steuerbeamten sein unrentables Schriftstellerleben rechtfertigen muss: «Ich verdiene mit einem Wort mein tägliches Brot durch Denken, Grübeln, Bohren, Graben, Sinnen, Dichten, Untersuchen, Forschen und Spazieren so sauer wie irgendeiner.» Wie jenes der Märchenfigur «Hans im Glück» hat auch sein Nichtstun ein subversives Potenzial. Es ist die heroische Faulheit des Flaneurs.