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Die transsibirische Eisenbahn gehört zu den grossartigsten Eisenbahnstrecken der Welt. Sie verbindet Moskau über die weiten Landmassen Sibiriens mit den Hafenstadt Wladiwostok. Es ist eines der letzten Meisterwerke des russischen Zarenreiches.
Im Jahr 1890 war im europäischen Teil Russlands ein 30’000 Kilometer langes Eisenbahnnetz in Betrieb. Östlich des Uralgebirges im asiatischen Teil Russlands existierte dagegen nicht ein einziger Kilometer Eisenbahnschiene, obwohl Zar Alexander III für den Ausbau einer transsibirischen Eisenbahn bürgte.
Es hängt mit mehreren Faktoren zusammen, warum Moskau sehr lange nicht fähig war, eine Eisenbahn zu realisieren, welche Moskau und den Pazifik verbindet. Zum einen war die Staatskasse nachdem ressourcenintensiven Krimkrieg leer, auch wurde die Regierung abgeschreckt, weil Sibirien fast unbewohnt ist und eine Eisenbahnlinie hunderte von grossen und kleinen Flüssen überqueren muss.
Die Moskauer Bürokraten gaben dem Zaren deshalb an, dass ein Bau gar nicht möglich sei.
Dieses Projekt war jedoch in mehrfacher Hinsicht wichtig, zu jener Zeit endete die Eisenbahn am Ural. Von dort aus gab es nur noch eine Pferdestrecke, die sich über Sibirien erstreckte. Die östliche Hafenstadt Wladiwostok konnte vom Ural aus mit Schiffen auf den Flüssen Schilka und Amur erreicht werden.
Im Winter, wenn der Amur gefroren war, oder im Sommer, wenn der Wasserpegel zu niedrig war, war die Kommunikation regelmässig unterbrochen. Eine Strassenfahrt über das Land dauerte mindestens elf Monate.
Eine Alternative war der Seeweg von der Krim aus, durch den Suez Kanal, um Indien, China, Korea und Japan herum. Die Reise dauerte bis zu sechs Monate, aber jeder mögliche Konflikt zwischen Russland und Grossbritannien, China oder Japan konnte den fernen Osten sofort vom europäischen Russland abschneiden.
Obwohl Russland eine zusammenhängende landesmesse ist, war der ferne Osten Russlands zu jener Zeit tatsächlich eine abgeschnittene Insel.
Mit dem Bau der transsibirischen Eisenbahn beabsichtigte Russland nicht nur eine moderne Verbindung zu den östlichen Territorien zu erstellen, die Bahnlinie hätte auch einen direkten Zugang zum chinesischen Markt sichergestellt.
Als St. Petersburg 1890 durch die Nachricht alarmiert wurde, dass China mit dem Bau einer Eisenbahn zur Peripherie des russischen fernen Ostens begann, entschied Alexander III die Bahnlinie zu bauen.
Eine chinesische Eisenbahn hätte die russischen Territorien gefährdet, da Russland im fernen Osten sein Militär nicht schnell genug mobilisieren konnte.
Der Bau des «Grossen Sibirischen Weges», wie die transsibirische Eisenbahn damals genannt wurde, begann am 31. Mai 1891.
Von was für Distanzen reden wir? Die längste deutsche Bahnstrecke zwischen Hamburg und München beträgt 1’297 Kilometer. In den USA ist der Texas Eagle mit einer Länge von 4’390 km die längste Bahnlinie. Die transsibirische Eisenbahn zwischen Moskau und Wladiwostok ist bis heute mit einer Länge von 9288 km die längste Bahnstrecke der Welt.
Der Bau dieser Bahnlinie hatte drei grundsätzliche Probleme: die Kosten waren enorm hoch. Vor Baubeginn wurde das Projekt auf 350 Millionen Goldrubel geschätzt, tatsächlich kostete die Fertigstellung etwa eine Milliarde Rubel, was heute umgerechnet etwa 20 Milliarden Euro entspricht.
Der Bau benötigte auch sehr viel Arbeitskraft. In der ersten Phase der Konstruktion arbeitet der 9’600, in der mittleren Phase bis zu 90’000 Arbeiter gleichzeitig am Projekt. Jeder vierte Steinmetz für den Brückenbau kam aus Italien.
Je weiter sich die Bauarbeiten nach Osten verlagerten, desto häufiger wurden billige Saisonarbeiter aus China, Korea und Japan eingestellt. Bald wurden auch Strafgefangene eingesetzt. Im Bauprojekt wurde etwa ein Viertel der Arbeitskraft von Zwangsarbeitern geleistet.
Die Arbeitsbedingungen waren katastrophal. Die Arbeiter mussten oft in extremer Kälte ihre Tätigkeiten verrichten, manchmal fielen die Temperaturen unter minus 50 Grad Celsius.
Aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen kam es oft zu Unfällen. es brachen aus Asien eingeschleppte Viren aus. Es konnte bis zu drei Monate dauern, bis ein Arzt eintraf.
Ein Arbeiter hat die Lage folgendermassen beschrieben:
Sie hatten keine Unterkünfte für uns gebaut. Der Vorarbeiter sagte: «Pass auf dich auf, Junge». Wir legten unsere Rucksäcke unten auf den Schnee, wir gruben eine Art Grube aus, bauten einen Rahmen mit Stangen darüber und bedeckten ihn mit Erde und Rasen. Die Höhle war fertig.
Da eine Bahnstrecke zwischen Moskau und dem Ural bereits vorhanden war, begannen die Bauarbeiten im Westen bei der Stadt Tscheljabinsk und im Osten in Wladiwostok. Der erste östliche Abschnitt wurde an die chinesische Eisenbahnlinie angeschlossen und ging durch die Mandschurei.
Die ersten Teile der Strecken wurden rasant erbaut. Innerhalb von vier Jahren waren sie fertig. Die schwierigste Phase war der Streckenverlauf am Baikalsee. Bereits in den ersten 200 Kilometern mussten 30 Tunnels und etwa 200 Brücken gebaut werden. Da Russland mit dem Bau schnell vorwärtskommen wollte, wurden die Brücken erst aus Holz gebaut und später mit Eisen befestigt. Der Nachteil dieser Methode war, dass die Brücken anfällig für Feuer oder Überschwemmungen waren. So passiert es 1897, dass auf einer Strecke von 270 Kilometern etwa 50 Brücken durch eine Überschwemmung weggespült wurden.
Bis zur Verbindung der westlichen und östlichen Eisenbahnstrecke, wurden Waren und Truppen mit Schiffen über den Baikalsee transportiert. Als 1904 Krieg zwischen Russland und Japan ausbrach, war die mittlere Strecke noch nicht fertig, weshalb die Lieferung von Truppen und Ausrüstung etwa vier bis sechs Wochen dauerte. Dieser Faktor war ausschlaggebend, warum Russland den Krieg verlor.
Erst 13 Jahre nach Baubeginn konnten die westliche und östliche Bahnstrecke verbunden werden.
Nach dem russisch japanischen Krieg befürchtete Russland, dass Japan zu einem späteren Zeitpunkt die Provinz Mandschurei erobern will. Aus diesem Grund wurde eine alternative Bahnstrecke gebaut, die sogenannte Amur Eisenbahnlinie. Damit wurde 1916 nach 25 Jahren die heute bekannte transsibirische Eisenbahn fertig gestellt.
Die Eisenbahn und der Bauprozess spielten eine entscheidende Rolle für die sozioökonomische Entwicklung des russischen fernen Ostens.
Zwischen 1895 und 1916 wanderten insgesamt 2.5 Millionen Bauern mit zu wenig Land aus dem europäischen Russland in die östliche Region aus. Die vorher fast inexistente sibirische Wirtschaft explodierte geradezu, die Region wurde schnell zu einem der grössten Brotkörbe Russlands. Mühlen sprangen wie Pilze aus dem Boden. Westsibiriens Butterindustrie stieg aus dem Nichts auf zum zweitgrössten Butter-Exporteur nach Dänemark.
Ohne die transsibirische Eisenbahn wäre die industrielle Revolution Sibiriens niemals erfolgt.
Seit ihren frühesten Tagen gelten Eisenbahnen als effizientes Mittel der Kriegslogistik und es ist eine Tatsache, dass Russland eine Nation mit einer langen Geschichte von Kriegen ist. Daher wurde die transsibirische Eisenbahn während des Ersten Weltkriegs von den alliierten Mächten eingesetzt um Truppen und Vorräte über das weite Gebiet zu transportieren.
Da der Waffenversand nach Russland über die Ostsee ausgeschlossen war, wurden die von den USA gekauften militärischen Güter über den Pazifik nach Wladiwostok verschifft, wo sie durch die Eisenbahn an die Front geliefert wurden.
Als Deutschland im Zweiten Weltkrieg Russland angriff, diente die Eisenbahn aus Haupttransportmittel für die Evakuierung der Zivilbevölkerung aus den besetzten Gebieten, sowie für die ununterbrochene Lieferung von Fracht und Streitkräften in das Kriegsgebiet.
Russland transportierte ausserdem seine Industrie aus dem bedrohten Gebieten in den Osten, damit die Produktion der militärischen Ausrüstung sichergestellt werden konnte.
Alles in allem ist die transsibirische Eisenbahn natürlich das Rückgrat des russischen Schienennetzes und ein neuer Faktor für Entwicklung und Wohlstand geworden, der den Personenverkehr und den Warenumschlag erheblich beschleunigt.
Die Regionen, die von der transsibirischen Eisenbahn bedient werden, besitzen mehr als 80 Prozent des industriellen Potenzials und der Bodenschätze des Landes, darunter Öl, Gas, Kohle und Holz.
Heutzutage ist die transsibirische Eisenbahn eine moderne, zweigleisige elektrifizierte Eisenbahnlinie, die Zugang zur Eisenbahnnetz Chinas und der Mongolei bietet. Diese Bahnstrecke ist ein Meisterwerk der Baukunst, mit historischem Charme, welcher den Passagieren bis heute ein echtes Abenteuer und eine grossartige Gelegenheit bietet, um alle Seiten des vielfältigen und immensen Russlands zu erleben.