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In den «Weltgeschichtlichen Betrachtungen» von Jacob Burckhardt findet sich das Kapitel «Das Individuum und das Allgemeine» mit dem Untertitel «Die historische Grösse». Wie zu erwarten, fehlt aufgrund der damaligen welthistorischen Perspektive der Name Akbar des Grossen. Warum erhält Akbar dieses Prädikat? Die Frage liesse sich mit der derzeitigen Ausstellung «Die Abenteuer des Hamza» beantworten. Auch wenn Akbar nicht der Gründer des Moghulreiches ist, so ist er dennoch durch das folgende Zitat aus Burckhardts «Weltgeschichtlichen Betrachtungen» charakterisiert: «Die als Ideale fortlebenden grossen Männer haben einen hohen Wert für die Welt und für ihre Nationen; sie geben denselben ein Pathos, einen Gegenstand des Enthusiasmus und regen sie bis in die untersten Schichten intellektuell auf, durch das vage Gefühl von Grösse; sie halten einen hohen Massstab der Dinge aufrecht, sie helfen zum Wiederaufraffen aus zeitweiliger Erniedrigung.»
Der Wegbereiter des Moghulreiches ist Babur, ein Nachkomme von Dschingis Khan und Timur. Er regierte von 1494-1530, ein hochkultivierter Mann, dichterisch begabt; wertvoll als Zeitdokument sind seine Memoiren. Nach seinem Tode folgte ihm auf den Thron sein Sohn Humayun, der jedoch nach Persien fliehen musste. Dort fand er während fünfzehn Jahren Zuflucht, bis er wieder nach Indien zurückkehrte. Auch Humayun war literarisch talentiert. Die politische Stabilisierung Indiens bewerkstelligte allerdings erst sein Sohn Akbar (Regierungszeit 1556-1605).
Im weltgeschichtlichen Überblick erscheint das Zeitalter Akbars als Kulminationspunkt. Er war die Persönlichkeit, die eine ganze Epoche prägte, ihr Grösse verlieh, und zwar nicht zuletzt darum, weil er die Historie ins Legendäre erweiterte. Er beauftragte persische und indische Künstler, die Abenteuer Hamzas bildlich darzustellen. Hamza gilt als Onkel Mohammeds und soll zur Islamisierung der Welt ausgezogen sein. Hamza und seine Gefährten kämpften gegen heidnische Fürsten, gegen Dämonen in der Luft, auf der Erde und im Meer. Phantastische Abenteuer sind der Inhalt oral tradierter persischer Erzählungen.
Akbar verstand den Stoff des Hamzanama als Metapher des Moghulreichs. Das Hamzanama verlieh Indien eine neue Dimension. Persische, hinduistische, indische, selbst europäische Maltradition vereinigen sich in dem innerhalb von fünfzehn Jahren (1557-1572) komponierten Werk. Im imperialen Malatelier arbeiteten ständig fünfzig oder mehr Künstler, die gemäss ihren Fähigkeiten beauftragt und auch honoriert wurden. Akbar war nicht nur Auftraggeber, sondern ebenfalls kritischer Beurteiler jedes Bildes. Diese verbürgte Tatsache gibt dem heutigen Betrachter die Möglichkeit, selbst ohne detaillierte Kenntnis des Stoffes, die sich wiederholenden Motive wie Hofzeremonielle, Kampfszenen oder unzählige Zusammenstösse zwischen Menschen und Dämonen zu vergleichen. Da sind etwa die schäumenden, fast schwarzen Wellen, durch die das Boot mit dem entführten Hamza fährt und danach das leicht bewegte Wasser, belebt mit hellen Fischen, über das ein Schiff mit feingemustertem Segel gleitet, auf der Suche nach dem Entführten. Völlig aufgewühlt ist dagegen das Wasser auf einem anderen Bild, formal höchst dramatisch, so dass Schaumkronen das Ufergestein einbeziehen und sogar Zweige und Laub des baumbestandenen Berghangs erfassen.
Derartige aussagekräftige Einzelheiten sind ein Indiz dafür, welche Bedeutung Akbar der Geschichte Hamzas zumass. Nicht dass sich Akbar mit dem Helden identifiziert hätte, doch Hamza ist ein Garant dafür, was mit Energie und mit unbeugsamem Willen auf allen Gebieten erreicht werden kann. So wie Akbar den legendären mohammedanischen Kämpfer idealisierte, so idealisierte die Nachwelt Akbar.
Die Ausstellung «Die Abenteuer des Hamza» im Museum Rietberg in Zürich dauert vom 28. Juni bis 19. Oktober 2003 (www.rietberg.ch).
Elise Guignard, geboren 1926, studierte Kunstgeschichte, Archäologie, Romanistik und Literaturkritik.