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Als Eduard Engel, amtlicher Stenograf im Berliner Reichstag, im Jahr 1917 das Büchlein „Sprich Deutsch! Zum Hilfsdienst am Vaterland“ veröffentlichte, war die Reinigung der Sprache von ihren romanischen Anteilen zu einem politischen Programm geworden […]. Von allen Versuchen, die deutsche Sprache einem entschlossen politischen Programm zu unterwerfen, war ihre „Entwelschung“ bis vor Kurzem ein Unternehmen, das in Umfang und Intensität einzigartig war (die Rechtschreibreform gründete auf einer Fantasie von Rationalisierung).
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Steinfeld, Thomas
Der „Brücke“ war laut Satzung aufgetragen, „Weltformate“ für Druckerzeugnisse zu entwickeln, Vorschläge für eine Vereinheitlichung von Maßen und Gewichten zu erarbeiten, internationale Referatedienste und Auskunfteien zu betreiben. Sie sollte die Einführung eines „Weltgeldes“ ebenso vorbereiten wie eine Kalender- und eine Rechtschreibreform und die Einrichtung eines Weltpatentamtes.
Keiner redet mehr gern über die Rechtschreibung. Es soll „Frieden“ herrschen.
Wir reden gern über die rechtschreibung. Wer es nicht gern tut, kann es ja bleiben lassen.
Und dann sind da noch: der Widerstand gegen die Rechtschreibreform, das Interesse für die Walhalla, die Bewunderung für den Dirigenten Christian Thielemann, der Einsatz für einen zweiten Konzertsaal in München, die Freundschaft mit Martin Walser, der Thomas-Mann-Preis – gar kein Ende nimmt es mit den Aktivitäten dieses Mannes.
Die Schwächen der Bologna-Reform lassen sich nicht durch ein paar Korrekturen beheben. […] Für das Verhalten der Bildungspolitiker gibt es ein Muster: die Rechtschreibreform. Auch sie ging auf eine bürokratische Phantasie zurück, auch sie löste heftigen Widerstand aus, und als endlich überdeutlich wurde, dass sie ein Irrtum war, begann ein zähes Zurückweichen, das, in mehreren Etappen, zur weitgehenden Auflösung der Reform führte. In den meisten Veröffentlichungen deutscher Sprache wird heute, abgesehen vom "ss", wieder so geschrieben, wie das vor fünfzehn Jahren der Fall war. Die Kosten dieses Scheiterns aber waren immens - weil die Politik über diese Reform immer nur politisch verhandeln wollte, also in den Kategorien von Interesse und Durchsetzung, nie aber sachlich, in Form einer Auseinandersetzung über Sprache und Schrift. […] Die nächsten großen studentischen Proteste gegen "Bologna" sind so gewiss, wie es der nächste überarbeitete "Duden" in der Rechtschreibreform war.
Umgekehrt ist es der deutschen Sprache nie gut bekommen, wenn sie in allzu große Nähe zur Politik rückte oder gerückt wurde. Das gilt für den Allgemeinen Deutschen Sprachverein, der sich im frühen "Dritten Reich" als "SA unserer Muttersprache" im Kampf gegen die "Verwelschung" des Wortschatzes empfahl, ebenso wie für die von den Kultusministern durchgesetzte Rechtschreibreform der Jahre von 1996 bis 2006, deren bleibendes Verdienst darin liegt, zwar nichts reformiert, aber so viel Verwirrung gestiftet zu haben, dass die Einheitlichkeit der Orthographie (oder -fie?) in der Praxis aufgehoben ist.
Ja, der staat sollte die schüler nicht zu «Schifffahrt» verpflichten. Aber auch nicht zu «Schiffahrt»! Hat er das vorher nicht getan?
In vielen Bereichen ist die alte Rechtschreibung längst wieder eingeführt, vor allem, wenn es um das Getrennt- und Zusammenschreiben von Verben geht, und vermutlich ist der Tag nicht fern, an dem nur noch das „ss“ daran erinnert, dass es dieses bürokratische Wahngebilde überhaupt einmal gab.
Dann hätte es in der Schweiz überhaupt keine reform gegeben. Aber wie immer übertreibt Thomas Steinfeld.
Es ist ein Irrtum zu glauben, die nun verabschiedeten Regeln und Schreibungen würden den Frieden des Normativen wiederherstellen, der vor der Reform bestand. So etwas kann nicht geschehen, zum einen, weil zehn Jahre staatlich geförderter, ja sanktionierter Unfug einen solchen Frieden auf Dauer zerrüttet haben, zum anderen, weil die Reform der Reform auch in ihrer jetzigen Fassung noch so viele Mängel, ja sogar Widersprüche enthält, dass neuerliche Änderungen der Orthographie auf Dauer unausweichlich sein werden.
Auffällig etwa ist, dass der Rat gleich zu Beginn seiner Tätigkeit Ausschüsse und Arbeitsgruppen einrichten will, was wenig sinnvoll wäre, wenn damit nicht auch Möglichkeiten der weiteren Veränderung der Rechtschreibung verbunden wären. Tatsächlich liegt dem Rat eine Vielzahl von Vorschlägen aus dem Kreis seiner Mitglieder vor, wie fernerhin mit der Reform umzugehen sei.
[…] Christian Wulff ist ein großer Populist. Am vergangenen Samstag hat er erklärt, sein Land werde die Kultusministerkonferenz (KMK) verlassen – sie sei ihm zu bürokratisch, zu konservativ, zu theoretisch, zu rechthaberisch und zu teuer. Wer so spricht, der scheint sein Segel in den Wind der Reform gehängt zu haben […]. […] ebenso wenig, wie man dem Einwohnermeldeamt vorwerfen kann, bürokratisch zu sein, kann man die Konferenz der Kultusminister mit dieser Kritik treffen: Schließlich ist sie als bürokratische Institution geschaffen worden […]. Die Konferenz hat sicherzustellen, dass ein- und derselbe Bildungsabschluss in Hessen oder Berlin genauso anerkannt wird wie in Bayern oder in Baden-Württemberg. Und sie hat die gemeinsamen Belange des föderal organisierten deutschen Bildungswesens im Ausland zu vertreten […]. Im Lauf der Jahrzehnte […] lagerten sich weitere Kompetenzen an die beiden primären Aufgaben an. […] Es wird im Zuge dieser Ausweitung geschehen sein, dass die dümmste aller Bildungsreformen, die neue Rechtschreibung, in die Entscheidungsgewalt dieser Institution fiel.
Kein Verlag darf Theodor Fontane, Thomas Mann oder Franz Kafka einer reformierten Orthographie unterwerfen – was zur Folge hat, dass die Reform keineswegs […] im Jahr 2005 Gemeingut sein wird: Tatsächlich wird sich die alte Orthographie in literarischen Werken über Generationen erhalten, und die Schüler werden, sollte es die Reform noch geben, noch lange mit mindestens zwei Rechtschreibungen leben müssen.
Wer in eine deutsche Schule geht, wird auch künftig anders schreiben müssen, als es alle namhaften deutschen Schriftsteller tun. Es werden ihm auch künftig Schreibweisen abverlangt, die grammatisch falsch sind.
Die Kultusministerkonferenz wird dann im Juni 2004 über die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung beschließen. Mit diesem, beinahe trotzig wirkenden Satz endet das jüngste Bulletin der Konferenz. Sie sollte sich ihn trotzdem noch einmal überlegen und vielleicht endlich mit Leuten reden, die von Sprache etwas verstehen, weil sie täglich mit ihr arbeiten: Mit den deutschen Schriftstellern zum Beispiel, erklärten Gegnern der Reform.
Der streitbare journalist sollte mal in früheren ausgaben seines blatts blättern: Süddeutsche Zeitung vom 17. 8. 2000.
Die grundlegenden Verbesserungen im Vergleich zur alten Regelung werden allgemein anerkannt, heißt es im vierten Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung […]. Dass diese Behauptung eine Lüge ist, weiß jeder Leser: In weiten Bereichen […] ist die deutsche Orthographie de facto freigegeben. Ein solches Durcheinander hat es seit der ersten Reform zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nicht gegeben. […] Denn mit ihrem vierten Bericht verbinden sich wieder mehrere tausend Veränderungen der Schriftsprache […]. Die Unsicherheit der Schreibenden wird sich durch die neuesten Veränderungen weiter vergrößern. […] Mit dem vierten Bericht verbindet sich nun allerdings noch etwas Gravierenderes als die neueste Variante der Reform, nämlich das Ansinnen, die Kommission von ihrer Aufsicht durch die Kultusministerien zu befreien und sie zur zentralen Anlauf- und Schlichtungsstelle für Probleme der Orthografie zu erklären.
Durch die Amtsstuben der Kultusministerien wandert in diesen Tagen eine Entscheidungsvorlage. Sollte die Amtschefkommission Rechtschreibung sie auf ihrer Sitzung am 5. Februar billigen, so wird die deutsche Orthographie wieder einmal auf eine völlig neue Grundlage gestellt. Formell soll das Papier, das dieser Zeitung vorliegt, den vierten Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung absegnen ein Vorgang, der ärgerlich und lästig genug ist, weil er eine große Zahl neuerlicher Änderungen an der Schriftsprache zur Folge haben wird. Institutionell aber werden die Konsequenzen noch gravierender sein: stimmen die Amtschefs zu, dann wird in Zukunft allein die Kommission über Änderungen der Rechtschreibung entscheiden. Bislang benötigte sie dazu immer noch die Zustimmung der Kultus- und Bildungsminister.
Was ist von Kultusministern zu halten, die glauben, eine gewachsene und allen vertraute Orthographie so verbessern zu müssen, dass am Ende keiner mehr weiß, wie man richtig schreibt?
Wenn es heute die Verwandlung des Deutschen zur Sekundärsprache zu beklagen gibt, dann sind die Voraussetzungen dafür vor dreißig Jahren geschaffen worden — im selben Geist, mit derselben Selbstherrlichkeit und mit derselben Ignoranz, die uns noch vor vier Jahren eine Rechtschreibreform beschert hat.
Die zwanzigste Ausgabe des "Duden" war die letzte, die noch im engeren Sinne ein Wörterbuch war. Denn ein Wörterbuch kann keine Vorschrift sein, auch wenn es so wirkt. Es definiert weniger eine Norm, als daß es sie beschreibt, in zurückhaltender und verständlicher Weise. Es dokumentiert den landläufigen und gebildeten Umgang mit der Schriftsprache. […] Der Fehler, der mit dem 1996 erschienenen "Duden", mit dem ersten "Duden" der Rechtschreibreform, in dieses Wörterbuch einzog, war daher der Bruch mit dem Prinzip der Dokumentation zugunsten der Prospektion, der vorausgreifenden Norm. […] Wenn diese Zeitung mit dem heutigen Tag zu einer Rechtschreibung zurückkehrt, wie sie in der zwanzigsten Ausgabe des "Duden" dokumentiert ist, wird diese Rückkehr nicht bedeuten, daß wir keine jungen Wörter kennen. Denn ein gutes Wörterbuch erläßt weder überflüssige noch unpraktische Regeln.
Unsere Schüler lernen die falsche Rechtschreibung. Wenn sie das Klassenzimmer verlassen, stoßen sie auf eine Orthographie, die dem Diktat ihrer Lehrer nicht entspricht. Die Masse des in der alten Orthographie verfassten Schriftguts ist auf absehbare Zeit unendlich viel größer als alles, was in der neuen entstanden ist.
Damals war das internet zwar nicht mehr neu, aber für viele «neuland», wie sich die deutsche kanzlerin noch 2013 ausdrückte.
Milliarden hat dieser Bankrott der deutschen Rechtschreibung gekostet, sie hat viele Tausende an Arbeitsstunden gefordert, sie hat in mehreren Schüben Berge von Büchern hervorgebracht, die innerhalb von kurzer Zeit überholt waren, und sie hat nie die Unterstützung der Bevölkerung besessen. Sie war das dümmste und überflüssigste Unternehmen in der deutschen Kulturpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg: ein gemeingefährlicher Akt.
Die Reform hat nun gesiegt, und zwar auf dem Verwaltungsweg. Das ist ein würdiger Triumph für ein Unternehmen, das vor zwanzig, dreißig Jahren aus dem Idealismus entstanden war, den Sprachlosen in dieser Gesellschaft könne mit den Mitteln der Rechtschreibung zu Anerkennung und Stimme verholfen werden. Denn auf diese Idee geht der Vorsatz zurück, mit Hilfe des Staates einen Bruch in der Entwicklung der deutschen Schriftsprache zu verfügen. Von den großen Plänen der Reform, in deren Zentrum einst die Kleinschreibung der Substantive stand, ist kaum etwas geblieben.
Es sieht so aus, als habe die politische Exekutive einen Fehler begangen, als sie die Rechtschreibung in ihre Regie nahm. […] Das Monopol des Duden sei nun gebrochen, frohlocken die Anhänger der Reform. Das sei gut, weil ein Privatunternehmen keine normgebende Instanz sein dürfe. Aber dieses Argument beruht auf einem Irrtum. Denn in den vergangenen Jahrzehnten war der Duden keine normgebende Instanz mehr. Vielmehr billigte er in gebührendem Abstand, was der Sprachgebrauch ihm vorgab, Vernünftiges wie Unvernünftiges. Allein die Reformer und ihre Kultusbürokratie glauben noch an die Norm. […] Die Reform versucht, etwas zu reparieren, was bestimmt nicht schlechter funktionierte als das, was an seine Stelle tritt. Der Erfolg dieser Reparatur besteht darin, daß die Rechtschreibung ihre Verbindlichkeit verliert. […] Viel spricht dafür, daß die Reform sich nie durchsetzen wird.
Die "politische Exekutive" hat die rechtschreibung nicht "in ihre Regie" genommen, dort war und ist sie, weil der mensch die rechtschreibung in der schule und sonst nirgends lernt. Deshalb wird sich jede reform früher oder später durchsetzen, und deshalb ist es nicht ein "glaube" an die norm, sondern eine politische verantwortung.
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