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In einem Lebensrückblick schrieb der Märchendichter Wilhelm Hauff (1802-1827): «Und gedenkst du des geheimnisvollen Freudelebens in Großvaters Büchersaal? Ach, damals kanntest du noch keine Bücher als den schnöden kleinen Bröder, deinen ärgsten Feind.» Der Feind war eine Lateingrammatik, verfasst von Pastor Bröder, der doch laut Vorrede wollte, dass «nicht bloß das Gedächtnis, sondern Verstand und Herz zugleich seine Nahrung findet». Schülerinnen und Schüler, zumal die kleinen, sind so wissbegierig, schaufreudig, denkversessen; sie klagen nur, wenn man sie nicht überlegen lässt, wenn man sie die Dinge nicht verstehen lehrt und Unverstandenes zu büffeln zwingt. Inbegriff der feindlichen Schule ist, neben der leblosen, trockenen Mathematik, die dürre und graue Sprachlehre, die mit dem Kopfe wackelt und trostlose Regeln murmelt.
Grau? Anders sieht es Karl Mager (1810-1858), einer der guten und deswegen vergessenen Sprachlehrer und Denker des Sprachunterrichts; ihm ist Grammatik «eine der geistvollsten und unterhaltendsten Wissenschaften». Und ist es nicht unterhaltsam, hinter die Sätze und Wörter, ins Herz unserer Sprachen zu schauen? Das Murmeltier, lateinisch mus montis, heisst eigentlich Maus des Berges; aus dem Akkusativ murem montis entstand murmont, und dieses dunkle Wort wurde in ein bekanntes verwandelt und mit dem angehängten Tier erklärt. So ist auch die Kichererbse gebildet (cicer ist der lateinische Name dieser Hülsenfrucht), ferner der Bimsstein (Bims aus pumex: Bimsstein) und Lebkuchen (libum: Fladen). Die Maus des Berges ist in einem Lexikon von 1736 verbucht als Murmel=Thier; eine Grammatik von 1746 sagt dazu: «Der Mittel=Strich wird gebraucht, wenn unterschiedliche Wörter wie eins zusammengesetzt werden.» Der Strich wird aber nur für Wörter empfohlen, die «etwas dunkel und schwer zusammengesetzt sind». «Dunkel und schwer» empfindet jede Zeit anders, je nach Gebrauch und Häufigkeit solcher Wörter. Im «Abentheurlichen Simplicissimus» (1669) steht ein «neugeworbener Soldat» neben einem «neu=geworbenen Comoedianten»: zwei Weisen, Zusammensetzungen zu schreiben. Die Geschichte solcher Bildungen zu verfolgen ist ein Vergnügen. Wie jede lebendige Entwicklung ist sie nicht leicht zu überschauen; trostlose Regeln versagen.
Die Regeln der Rechtschreibreform machen zahllose schöne lebendige Zusammensetzungen zu Rechtschreibfehlern, z. B. das Adjektiv heißersehnt; es soll nur noch heiß ersehnt geben. Zufällig las ich einen Satz Erich Kästners: «Die Wirtschafterin kämpfte in der Küche wie ein Löwe. Doch sie brachte die heißersehnten und heiß ersehnten Bratkartoffeln trotzdem nicht zustande.» Ich veröffentlichte ihn u.a. in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (7.10.2003) und bat um eine Erklärung. Zu erklären gibt es zwar nichts; der Zufallsfund widerlegt den Kernbereich der Neuregelung. Die Reformer wissen das und schweigen. Drei Versuche seien angeführt, die neue Regel zu retten. Dr. A. Betschart, Chur: «Kästners Wortspiel von heißersehnt und heiß ersehnt bedarf in Zukunft eventuell einer Erklärung in einer Fußnote.» F. Jörn, Bonn: «Heute böte sich an die heiß-ersehnten und heiß ersehnten Bratkartoffeln.» Prof. Dr. H. Schmitz, Kiel: «Es handelt sich um ein missglücktes Wortspiel mit den Schriftbildern heiß ersehnte und heißersehnte Bratkartoffeln. Im ersten Fall scheint gemeint zu sein: als heiß ersehnte Bratkartoffeln, d.h. solche, die ersehnt werden unter der Bedingung, dass sie heiß sind. Das ist holperiges, unlogisches Deutsch. Auf Wortspiele sind orthographische Regeln nicht anwendbar; das Spielerische impliziert die Erlaubnis, sie zu verletzen.» Zur Zeit verhandeln die Reformer auf Geheiß der Kultusminister mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung über Verbesserungen. Peter Eisenberg, Vertreter der Akademie, sagte vor Jahren, dass die neuen Regeln sprachwissenschaftlich auf den Müll gehörten.