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Der Name des Autors war mir nicht geläufig, und, offen gesagt, klingt er auch ziemlich erfunden. Das gilt übrigens auch für seine Biografie: Er habe «zehn Jahre lang Internetfirmen gegründet», bevor er sich seiner wahren Leidenschaft zugewandt hat – nämlich dem Bücherschreiben, schreibt A.G. Riddle auf seiner Website.
Was mich mehr für Herrn Riddle eingenommen hat als diese Biografie, ist der Umstand, dass er sein erstes Buch über die Self-Publishing-Plattform Kindle Direct Publishing veröffentlicht hat und damit so erfolgreich war, dass er inzwischen sogar mehrere Filmverträge landen konnte.
Einige seiner Bücher gibt es auch auf Deutsch, nicht aber dasjenige, um das es heute hier geht: Es heisst Quantum Radio, was vielleicht eine Anspielung auf die Serie Quantum Leap ist, die auf Deutsch «Zurück in die Vergangenheit» hiess und bei der Dr. Sam Beckett (Scott Bakula) durch die Zeit reisen musste. Die passendere Referenz wäre indes Sliders, bei der Quinn Mallory (Jerry O’Connell) und seine Mitstreiter durch das Multiversum taumeln und auf den diversen Erden nicht allzu viel Schaden anrichten sollten.
Willkommen in Winterthur, Herr Klein
Etwas Ähnliches passiert in «Quantum Radio» der Hauptfigur. Dr. Tyson Klein arbeitet am Cern und fängt dort mithilfe des Teilchenbeschleunigers eine interessante Signalfolge auf, die sich als komplexe Botschaft entpuppt.
Doch noch am selben Tag, an dem seine potenziell weltverändernden Resultate präsentiert, erhält er eine Bombe zugeschickt und findet sich plötzlich auf der Flucht. Er flieht zu seinem Vater, der in Zürich wohnt, und bevor er von ihm nach Washington D.C. mitgenommen wird, wo er auch seine Mutter trifft, kommt er bei seiner Fahrt als Anhalter zufälligerweise an meiner Haustür in Winterthur vorbei.
Was mir Gelegenheit gab, mich an der lustigen Aussprache zu erfreuen, die der Sprecher Ray Porter ihr angedeihen lässt. Und damit ihr euch mit mir freuen könnt, sind die beiden Passagen in der Nerdfunk-Folge hier zu hören.
Bevor es mit Spoilern weitergeht, eine kurze Einschätzung: Ich habe «Quantum Radio» gern gelesen. Es handelt sich um eine Multiversums-Geschichte, die alles hat, was man von einer Multiversums-Geschichte erwartet: Nazis, Dinosaurier, eine Weltraumstation und unterschiedliche Ausprägungen der Menschheit, die mal schlechter und mal etwas besser sind als wir selbst.
Die Geschichte ist abwechslungsreich und die Parallelwelt, auf die es Tyson Klein und seine drei Mitstreiter Nora, Kato und Maria in diesem Buch zur Hauptsache zu tun bekommen, hat eine interessante Geschichte – auch wenn es natürlich ein fürchterliches Klischee ist, dass die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben, ganz Europa eingenommen haben und die Amerikaner nun fürchterlich in der Defensiven stecken. Die Figuren sind auch ganz okay, der Schreibstil passt und auch die Wendung am Ende hat mich befriedigt. Wer mit «Sliders» etwas anfangen konnte, liegt mit dem Buch hier nicht falsch.
Kritik – und Spoiler
Um indessen auf die Schwächen zu sprechen zu kommen, muss ich ein paar Spoiler anbringen: Darum hier die Warnung, dass potenzielle Leserinnen und Leser des Buchs hier aus dem Blogpost aussteigen sollten.
Nicht ganz überzeugend sind die Beziehungen von Ty: Seine Freundin Penny, die anfänglich eine wichtige Rolle spielt, verschwindet im Lauf der Geschichte komplett; der Zwist mit seinem Vater klärt sich ansatzweise auf, überzeugt auch nicht so richtig. Und die Beziehung zur Mutter Helen, die für das Happy-End in der Parallelwelt entscheidend ist, können wir theoretisch nachvollziehen – aber so richtig spürbar wird sie nicht. Und in dieser Kritik hier wird zu Recht bemängelt, dass viele der wesentlichen Hinweise, die Ty beisteuert, einfach seinem Bauchgefühl entspringen. Das scheint mir ein Autoren-Trick zu sein, um Löcher in der Erzählung zu stopfen.
Die Haupt-Schwachstelle des Buchs sind die besagten Nazis: Sie wirken nicht bedrohlich, sie sind weder Übermenschen noch Rassisten und die Themen Gaskammern und Genozid macht der Autor einen riesigen Bogen. Ich verstehe es zu einem gewissen Grad, weil sie dieses Popcorn-Abenteuer düsterer gemacht hätten, als es wohl beabsichtigt war. Aber Nazis weichzuspülen, halte ich für ein grundsätzliches Problem.
«Reich Europa»? No way!
In den Details überzeugt die Schilderung nicht. Die Nazis essen in ihrer Kantine Muffins, was ich keine Sekunde glauben kann. Wenn schon, hätten sie die doch sicher eingedeutscht? Muldenblechkuchen vielleicht? Oder süsse Arierhäppchen? Und ich glaube auch keine Sekunde, dass die Nazis selbst zur Ruhigstellung der eroberten Länder ihr Territorium «Reich Europa» genannt hätten. Wir erinnern uns – Berlin hätte Welthauptstadt Germania heissen sollen.
Eine Multiversumsgeschichte lebt von den stimmigen Details: Das Entscheidende ist, dass wir ein Gespür für die Parallelwelt bekommen: für die Gemeinsamkeiten, aber vor allem für die Unterschiede. Wir müssen uns in dieser Geschichte immer latent fremd fühlen und als Leserinnen und Leser wollen wir die Angst spüren, dass die Hauptfigur durch jede Unbedachtsamkeit auffliegen könnte. Davon ist ein bisschen etwas im Buch zu spüren – aber das Gefühl dürfte noch unmittelbarer, gruseliger und metaphysischer sein.
Mutmasslich der Anfang einer Serie
Doch dafür gibt es später vermutlich noch Gelegenheit. «Quantum Radio» ist offensichtlich als Serie angelegt: Es gibt zwei Gegenspieler, die beide das Reisen zwischen den Parallelwelten entdeckt haben. Die einen sind die Historiker, die die Welten wissenschaftlich beobachten und erkunden wollen. Und die anderen (The Covenant) wollen diese Welten zu ihren eigenen Zwecken ausnutzen. Tyson, Nora, Kato und Maria erhalten den Auftrag, diese Expansion zu vereiteln und bekommen dafür die Möglichkeit, à la «Sliders» von einer Parallelwelt zur nächsten zu segeln. Als Lohn für diesen Einsatz stellen die Historiker ihnen in Aussicht, in der besten ihrer Welt leben zu können, der sogenannten Spiegelwelt (Looking Glass World).
Beitragsbild: Das ist das Parallel-Universum, in dem die Nazis in ihren Kantinen Muffins servieren (Dall-e 3).