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Wirtschaft
1998 kaufte die Continental AG aus Hannover das Reifenwerk Euzkadi in der mexikanischen Stadt El Salto in der Nähe der Metropole Guadalajara. Nachdem das Unternehmen 2001 gegen die dortige Gewerkschaft damit gescheitert war, ein Produktivitätspaket durchzusetzen, schloss die Unternehmensleitung kurzerhand das Werk.
Die Continental überliess den Arbeitern statt den Löhnen die Hälfte der Fabrik, die andere Hälfte ging an die mexikanische Reifenvertriebsgesellschaft Llanti Systems. Die Fabrikhalle, das Gelände und die Maschinen waren nun kollektives Eigentum der dort Arbeitenden, das sie organisatorisch in die Kooperative TRADOC (Trabajadores Democraticos de Occidente/ Demokratische Arbeiter des Westens) überführten. Heute besitzen sie die Produktionsmittel, produzieren die Reifen in Eigenregie, zahlen sich relativ hohe Löhne, arbeiten ohne hierarchische Entscheidungsstrukturen und unterstützen Arbeitskämpfe in ganz Mexiko.
Ein kleines Detail, wie beispielsweise die besondere Sauberkeit und Luftverträglichkeit in der Fabrik spiegeln ein verändertes Verhältnis zur eigenen Arbeit wider, eine andere Art der Verantwortlichkeit gegenüber dem eigenen Tun: „Denn natürlich fühlen wir uns nicht als Bosse, wir sind Mitbesitzer einer Fabrik und merken, dass das eine doppelte Verantwortung ist. Heute müssen wir einerseits eine Fabrik verwalten, andererseits nicht nur Mexiko, sondern der ganzen Welt zeigen, dass wir das können. Ich bestehe darauf: Eines Tages werden wir die Gesellschaft verwalten. [...], heute ist es unsere Fabrik, und daher müssen wir heute arbeiten, mehr, selbstverständlich mehr. Aber wir schultern auch die enorme Verantwortung dafür, dass wir es nicht übertreiben und uns selbst ausbeuten.“ (Torres 2009: 146) Obwohl niemals vor den konjunturellen Schwankungen des Marktes geschützt, hat sich TRADOC mit einem glücklichen Händchen bei der Wahl der Geschäftspartner und mit einem derzeit gefragten Nischenprodukt auf dem mexikanischen und USamerikanischen Markt festsetzen können.
Diese Strategie, wirtschaftlich zu bestehen, und, wie geplant, in Zukunft zu expandieren, steht in einem widersprüchlichen Verhältnis mit dem Bemühen, ein „soziales Unternehmen“ zu schaffen. Für die Kooperative gilt, das widersprüchliche Gemisch aus wirtschaftlichen Zwängen und solidarischen Beziehungen in ein händelbares Gleichgewicht zu bringen. Für eine solche Form alternativen Wirtschaftens hat sich TRADOC einen möglichst grossen Spielraum freigeschaufelt. Dieser Spielraum fusst auf der Erfahrung des Streiks, in der die Streikenden das Prinzip der Solidarität kennenlernten, solidarische Beziehungen aufbauten und ein kollektives Bewusstsein für ihre Interessen entwickelten.
Diese Erfahrung und dieses Bewusstsein wurden in die Kooperative hinübergetragen. Auf dieser Grundlage hat sich die Kooperative einen ‚solidarischen und demokratischen Handlungskorridor‘ geschaffen, in dem gute Arbeitsbedingungen, ökologische Massnahmen, eine flache, demokratische Entscheidungsstruktur und die engagierte Unterstützung sozialer und gewerkschaftlicher Kämpfe durchgesetzt werden konnten. Dies ist im Fall von TRADOC die konkrete Antwort darauf, was möglich wird, wenn die Arbeitenden sich die Mittel ihrer Arbeit aneignen, über sie verfügen und bestimmen. Obwohl niemals befreit von wirtschaftlichen Zwängen, stellt die Kooperative für mich den lokalen Versuch dar, eine reale, lebbare Alternative zu der Arbeit in einer hierarchisch organisierten, kapitalistischen Fabrik zu erschaffen. Die Möglichkeit, betriebliche Handlungen an dem Prinzip der Solidarität auszurichten und Entscheidungen demokratisch zu fällen, ist für mich Ausdruck dieser Alternative.
Die ArbeiterInnen von TRADOC verneinen die Alleinherrschaft des äquivalenten Tausches, indem sie ihre lokale, ökologische und gemeinschaftliche Verantwortung anerkennen und versuchen, ihr mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gerecht zu werden. Damit emanzipiert sich TRADOC von der herrschenden Logik des Marktes, nämlich der privaten Aneignung von gesellschaftlicher Arbeit, dem daraus hervorgehenden Profit und der Konkurrenz unter den Beschäftigten. Eine kollektive Logik der Solidarität und eine Logik der Demokratie lassen Handlungen in dem Betrieb sinnvoll werden, die in einem normalkapitalistischen Betrieb nicht denkbar, sogar in hohem Masse unvernünftig wären. Die eigene Lebensqualität, die materielle Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes, die Unterstützung anderer Kämpfe, die umweltbewusste Gestaltung des Arbeitsplatzes und eine möglichst langfristige Perspektive des Zusammenbleibens- und arbeitens können ausschlaggebende Argumente bei Entscheidungen sein. Ein solidarökonomischer Betrieb wie TRADOC lässt somit andere Handlungsrationalitäten als die der Gewinnmaximierung zu.
Die globalisierte Ökonomie funktioniert dagegen verselbstständigt. Wie die Continental AG in El Salto entzieht sie sich ihrer Einbettung in lokale, soziale und ökologische Zusammenhänge, bürdet diesen aber die von ihr verursachten Kosten auf. Diese Zusammenhänge werden der Verwertungslogik untergeordnet und somit einer permanenten Unsicherheit und Existenzgefahr ausgesetzt. Das wirtschaftliche Interesse ist scheinbar aus gesellschaftlichen Zusammenhängen entbettet, es funktioniert anscheinend losgelöst vom jeweiligen Kontext. Die Streikenden von Euzkadi haben gezeigt, dass dem nicht so ist, dass das Durchsetzen des ökonomischen Interesses der Continental enorme soziale, persönliche und ökologische Konsequenzen mit sich bringt. Heute zeigen die Kooperativisten mit ihrer Praxis, dass es anders geht, dass gemeinsames, ‚eingebettetes‘ Wirtschaften sehr vernünftig ist, mit Beteiligung aller gut funktioniert und die gemeinsame Versorgung sicherer gestaltet.
Welche Lehren für die politische Praxis lassen sich aus dem Beispiel der Euzkadi- Arbeiter ziehen? Ist das Vorgehen der Streikenden verallgemeinerbar für Konflikte solcher Art? Sind solidarökonomische Unternehmungen ein sicherer Ausweg aus den permanenten Krisen, die der Kapitalismus ständig auf allen Ebenen hervorruft? Eine allgemeine Antwort auf diese Fragen kann es nicht geben, denn die Versuche Solidarischer Ökonomie gestalten sich in ihrem Zustandekommen als ziemlich alternativlos, da es um das Überleben und die Versorgung vieler Menschen geht, und eben nicht um die Umsetzung abstrakter, allgemeiner Prinzipien. In diesem Fall die Kooperative oder den Willen, eine andere Wirtschaftsform zu errichten, als Ziel des Streiks auszugeben, wäre fatal. Eine Fabrik, die den ArbeiterInnen gehören würde, war zu dem Zeitpunkt der Betriebsschliessung weder denk- noch absehbar. Es ging nicht um universale Werte oder Ziele, sondern sehr konkret um alles oder nichts: „Unsere Familien und unser Leben als Arbeiter stehen auf dem Spiel. Wenn wir gewinnen, dann bekommen wir unsere Arbeit zurück, aber wenn wir verlieren, verlieren wir alles.“ (Torres 2009: 22)
Die Intention, gegen einen riesigen Konzern wie die Continental Widerstand zu leisten, war also die Verteidigung des eigenen Lebens und der sozialen Gemeinschaft. Dass die Streikenden die Continental besiegt haben, nun einen eigenen Betrieb besitzen und diesen gemeinschaftlich und demokratisch organisieren, scheint somit ein noch grösseres Wunder. Doch dieser Sieg einer lokalen Gemeinschaft gegen einen transnationalen Konzern hat dennoch ein bestimmtes Muster gezeigt, wie sich Beschäftigte erfolgreich gegen global agierende Unternehmen durchsetzen können. Indem sie nämlich durch internationale Vernetzung und internationale Solidarität auch global vorgehen. In diesem Sinne haben die ArbeiterInnen mit ihrer Strategie auch eine arbeitskämpferische Alternative zu einer nationalistischen, standortorientierten Gewerkschaftspolitik aufgezeigt. Welche theoretischen Schlussfolgerungen lassen sich nun aus diesen Befunden ziehen?
Ist TRADOC lediglich als ein Versuch der ArbeiterInnen einzuordnen, der wirtschaftlichen Marginalität zu entkommen? Wenn dem so wäre, liesse sich dann nicht kritisieren, „dass die solidarische Ökonomie gerade mal eine spontane Widerstandsform der durch die Wettbewerbslogik des Marktes ausgeschlossenen Arbeiter darstellt“ (Stubbe 2009: 166)? Einem solchen systemischen Pessimismus muss ich nach meinen Befunden deutlich widersprechen. Denn ohne eine allgemeine Lösung der Krise des Kapitalismus zu beanspruchen, entstehen in den derzeitigen solidarökonomischen Alternativen „wirklich neue Formen der ökonomischen Tätigkeit und der sozialen Organisation von unten nach oben“ (Singer 2008: 154). Ein solcher Pessimismus verkennt lokale Möglichkeiten des Anders-Machens, und lässt das, was zwischen Menschen passiert und neu organisiert wird, ausser Acht. Er führt meines Erachtens in theoretische wie praktische Hilf- und Ratlosigkeit.
Dagegen sind die meisten Projekte Solidarischer Ökonomie gut organisiert, untereinander vernetzt und demokratisch und möglichst hierarchiefrei strukturiert. In diesen Betrieben machen die Menschen also heute schon etwas anders, ohne dabei vor Fehlern oder Widersprüchen gefeit zu sein. Was sich bei TRADOC beobachten beobachten lässt, sind neue, kooperative Beziehungen zwischen den arbeitenden Menschen. Es geht hier ganz konkret um eine Umstrukturierung der Produktion, die an den Bedingungen und Bedürfnissen der arbeitenden Menschen selbst ansetzt und sich damit als gesellschaftlich sinnvoller, tragfähiger und stabiler erweist.
Literatur:
Mechthild Dortmund, (Hg.): Einen Tag länger als die Continental. Der Sieg der Arbeiter von Euzkadi/ Mexiko über einen internationalen Konzern.
Gregor Maass / Lars Stubbe (Hg.): Contra Continental. Der Widerstand der mexikanischen Euzkadi-Arbeiter gegen den deutschen Reifenkonzern.