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Frauen aus verschiedenen Erdteilen und Epochen haben dennoch einiges gemeinsam.
Cio Cio San, die zarte Japanerin, Ariadne, die verlassene Königstochter der griechischen Sage, Anita, die einen Adler begehrt, und die Amazonenkönigin Penthesilea, die ihren Geliebten tötet und auffrisst – es sind sehr unterschiedliche Frauen, welche die Basler Opernsaison eröffnen. Gemeinsam sind ihnen zwei wesentliche Züge: Sie definieren sich ausschliesslich über einen Mann (bzw. im Fall Anitas über einen männlichen Raubvogel). Und sie sind von Männern geschaffen – als Wunschbilder von Frauen, die so sehr von einem Mann abhängen, dass ihnen ihr Leben ohne ihn sinnlos erscheint: Cio Cio San und Penthesilea töten sich nach dem Verlust des Geliebten selbst.
Besonders deutlich ist dieser Projektionscharakter bei Cio Cio San, der Protagonistin von Giacomo Puccinis Oper ‹Madama Butterfly› nach einem Schauspiel von David Belasco. Hier mischen sich Exotismus und das Bild einer fragilen Frau zu einem Stoff, der als fernöstliches Rührstück Abertausenden Tränen entlockte. Dass hinter der bittersüssen Story auch Kritik an einem menschenverachtenden (hier amerikanischen) Kolonialismus steckt, hat in der letzten Basler Inszenierung 1986 der Regisseur Jean-Claude Auvray deutlich gezeigt. Dabei hatte das Japan der Oper schon im Uraufführungsjahr 1904 kaum mehr etwas mit dem realen Japan zu tun: Dieses war nach 1870 zum modernen Staat nach westlichem Vorbild und selbst zur führenden Kolonialmacht geworden, hatte im ersten chinesisch-japanischen Krieg Korea und Taiwan unter seine Kontrolle gebracht und schickte sich gerade an, Russland militärisch zu besiegen.
Seelendramen
Die zweite Opernpremiere bringt Wolfgang Rihms ‹Drei Frauen›. Das Stück besteht aus drei Monologen. Sie sind als selbständige Werke entstanden und werden nun auf Anregung Georges Delnons, der auch Regie führt, erstmals zu einem Abend verbunden. ‹Aria/Ariadne› von 2001 basiert auf einem Text aus Friedrich Nietzsches ‹Dionysos-Dithyramben›. Es ist der innere Monolog der von Theseus verlassenen Ariadne, die in verzweifelter Sehnsucht nach dem geliebten Gott Dionysos ruft. Anita in ‹Das Gehege› (2006) begehrt einen Adler. Sie öffnet seinen Käfig, um sich ihm hinzugeben, doch der Vogel reagiert nicht, und schliesslich zerfetzt sie ihn mit einem Messer. Der Text stammt aus dem Nachwende-Stück ‹Schlusschor› von Botho Strauss und hat in dessen Zusammenhang eine symbolische Dimension: Der passive deutsche Adler verweist auf die satte, unbewegliche (west-)deutsche Wohlstandsgesellschaft. Den dritten Monolog hat Rihm 2004 aus der Schlussszene von Heinrich von Kleists ‹Penthesilea› entwickelt.
In dieser Reihenfolge kann man die drei Szenen, wenn man will, als Etappen in der Entwicklung eines einzigen Menschen lesen. In Basel werden die Figuren aber mit drei verschiedenen Sängerinnen besetzt, denn die Monologe sind unterschiedlich komponiert. ‹Aria/Ariadne› ist leichte, durchsichtige Musik für Kammerensemble und hohen Sopran. ‹Das Gehege› ist ein komplexes, sich gelegentlich ins Hysterische steigerndes Stück; ‹Penthesilea-Monolog› ist dramatische Musik von grosser Trauer. Beide verlangen ein gross besetztes Orchester und einen hochdramatischen Sopran. Es sind musikalische Seelendramen, die den feinsten psychologischen Regungen der Protagonistinnen nachspüren. | Alfred Ziltener
Giacomo Puccini, ‹Madama Butterfly›: ab Do 10.9., 20.00, Theater Basel, Grosse Bühne → S. 30
UA Wolfgang Rihm, ‹Drei Frauen›: ab Fr 25.9., 20.00, Grosse Bühne
Ausserdem: 175 Jahre Theater Basel, Tag der offenen Tür: So 6.9., 11.00—19.00
(Heft September 2009, S. 10)