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Das grosse Stinken
Im Sommer 1858 stank es in London. Das war an sich nichts Besonderes: Alle grossen Städte stanken zum Himmel. Aber wenn ein Sommer unter dem Namen «The Great Stink» in die Geschichte eingeht, muss es schon besonders fürchterlich gestunken haben.
Londons Haushalt- und Industrieabwässer gelangten damals über ein primitives Kanalsystem in die Themse – respektive an deren Uferböschungen. Eine aussergewöhnliche Wetterlage hinderte die schlechte Luft im Sommer 1858 daran, abzuziehen. Wer konnte, floh aufs Land. Spitäler versuchten, den Gestank mit kampfergetränkten Vorhängen fernzuhalten. Man glaubte, der Gestank selbst – die «Miasmen», wie man es nannte – löse Krankheiten aus; eine Theorie, die falsch ist. Aber dass die unzureichende Wasserentsorgung Cholera begünstigt, hatte man richtig erkannt.
Nun war die Politik endlich bereit, den Bau einer modernen Abwasserkanalisation zu finanzieren, die schon länger geplant war und die die Abwässer mithilfe von Pumpstationen aus dem Stadtgebiet hinausleitete. Es war eines der grössten städtischen Infrastrukturprojekte des 19. Jahrhunderts. Andere Städte folgten dem Beispiel Londons. Der «Grosse Gestank» von 1858 markiert einen Wendepunkt in der Umweltgeschichte, und heute kann man sich als Europäer kaum mehr vorstellen, in einer Stadt zu leben, durch deren Gassen die Abwässer fliessen (obwohl das in vielen Grossstädten des globalen Südens nach wie vor Realität ist).
Neues Schamgefühl
Doch wenn wir uns die Zustände von damals auch nie mehr zurückwünschen: Ohne Widerstände gelang die Modernisierung nicht. Basels Stimmbürger stimmten 1876 und 1881 gegen die moderne Abwasserentsorgung, Winterthur führte eine solche gar erst 1950 ein. In Zürich halfen der Stadtregierung eine Typhus- und eine Choleraepidemie zum richtigen Zeitpunkt dabei, die entsprechende Volksabstimmung von 1867 zu gewinnen. Laut dem Historiker Martin Illi war aber nebst den Epidemien vor allem ein verändertes Schamgefühl Auslöser der Kloakenreformen des 19. Jahrhunderts: Kot und Urin gehörten nicht mehr in die Öffentlichkeit. Aber dass der Staat den Bürgern die Verfügungsgewalt über ihre Fäkalien wegnehmen wollte, sahen einige als unbotmässige Einmischung in die individuelle Freiheit (zumal man die Fäkalien als Dünger verkaufen konnte). Ganz so, wie heute manch ein Autofahrer in der städtischen Verkehrspolitik eine antifreiheitliche Anmassung sieht.
Apropos Auto: Könnte es sein, dass wir heute in einer Zeit leben, in der immer mehr Menschen den Motorverkehr in Städten als Plage sehen, so wie in jenen Zeiten die Abwässer als Plage erkannt wurden? Noch erscheinen mit Autos zugemüllte Strassen als normal, so wie der Gestank einst normal war, aber diese Normalität wird brüchig. Hört man rechten Verkehrspolitikern im Gemeinderat zu, ist Zürich eine autofeindliche Stadt, aber andere europäische (und ein paar lateinamerikanische) Städte sind in ihren Bemühungen, den Autoverkehr zurückzudämmen, viel weiter. Vielleicht wird das Ausstossen von Abgasen dereinst so schambehaftet sein wie die körperlichen Ausscheidungen?
Der Platz, der frei würde
Natürlich hinkt jeder historische Vergleich. Autos töten in unseren Städten weit weniger Menschen als einst die Cholera (obwohl der Blutzoll des Autoverkehrs global betrachtet exorbitant ist). Und der Gestank hatte, bei allen Widerständen gegen die moderne Stadtentwässerung, keine Lobby, wie die Autos sie haben; es wird gegen den Autoverkehr also härterer Kämpfe bedürfen. Aber wenn man sich nur schon den Platz vorstellt, der frei würde, stünden keine Blechkisten mehr herum – der Zugewinn an städtischer Lebensqualität wäre vergleichbar mit dem des Baus moderner Stadtentwässerungen.
Und wenn die Kämpfe dereinst ausgestanden sind? Ich glaube, die Menschen werden genauso ungläubig auf unsere Zeit, die ihre schönsten Städte dem Motorverkehr opferte, zurückblicken, wie wir auf die Zeiten des grossen Stinkens. Und niemand wird sich den heutigen Zustand zurückwünschen.