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Das Verhalten des Menschen wird durch zwei neurobiologische Fundamentalsysteme unseres Gehirns beeinflusst: Zum einen durch ein sozusagen von unten nach oben, also «Bottom-Up», wirkendes Triebsystem, zum anderen durch ein von oben nach unten, also «Top-Down», wirkendes Kontrollsystem.
Triebsystem
Das Triebsystem repräsentiert den Teil unseres Gehirns, den auch Reptilien haben. Das Reptiliengehirn des Menschen ist süchtig nach neuen Reizen zum Beispiel durch Smartphones, ständiger Abwechslung, oberflächlicher sozialer Anerkennung, es liebt kalorienreiche Snacks, alkoholische Drinks und Nikotin.
Kontrollsystem
Was uns als Menschen von Reptilien markant unterscheidet, ist ein starkes Kontrollsystem, das seinen Sitz im Stirnhirn (Präfrontaler Cortex) hat. Der Präfrontale Cortex ist nicht nur Sitz von Nervenzell-Netzwerken, die ein inneres Bild unseres «Selbst» abspeichern, sondern er ist ebenfalls in der Lage, aus unserem Reptiliengehirn aufsteigende, nach schnellen Bedürfnissen drängende Impulse zu prüfen und bei Bedarf zu hemmen.
Selbststeuerung
Ziel guter Selbststeuerung ist es, die Balance zwischen dem Anspruch unseres Triebsystems und dem Kontrollsystem zu wahren, das eine sofortige Befriedigung zu Gunsten eines längerfristigen Zieles zurückstellt.
Entwicklung des Selbst und der Selbststeuerung
Menschliche Säuglinge kommen, verglichen mit dem Reifezustand der Säuglinge anderer Säugetiere, «zu früh» auf die Welt. Der Grund dafür ist der besonders grosse Kopf des Menschen.
Bevor ein Kind beginnen kann, Selbststeuerung zu erlernen, muss es erst einmal ein «Selbst» haben. Das «Selbst» wird durch die fortwährenden, zweiseitigen Interaktionen zwischen Säugling und Mutter (Bezugsperson) gebildet, die dem Säugling langsam aber sicher eine innere Vorstellung von einem «Ich/Selbst» und einem «Du» entstehen lassen.
Wenn in den ersten beiden Lebensjahren im Kind ein «Selbst» entstehen konnte, dann kann nach dem zweiten Geburtstag (drittes Lebensjahr) nun die Entwicklung der Fähigkeit der Selbstkontrolle beginnen. Kleinkinder sollen nun lernen zu warten, zu teilen, ihre Impulse zu bremsen und sich zu konzentrieren. Der Sinn dieses Lernens liegt darin, das Kind sozial kompetent zu machen und das Glück gelingender Gemeinschaft zu erleben. Andererseits kann und soll das Kind jetzt lernen, dass es lohnender sein kann, zu Gunsten eines höherwertigen Zieles und eines dann auch grösseren Genusses zu warten, anstatt jedes spontane Bedürfnis sofort zu befriedigen.
Selbststeuerung und Gesundheit: Der «innere Arzt»
Von guter Selbststeuerung geht eine beachtliche Heilkraft aus. Die Netzwerke des Stirnhirns (Präfrontaler Cortex) können als eine Art «innerer Arzt» fungieren, da sie über biologisch wirksame Selbstheilungskräfte verfügen. Der Präfrontale Cortex ist durch Nervenbahnen mit zahlreichen tieferliegenden Systemen unseres Gehirns verbunden, wie dem Motivationssystem (Dopamin), Angstsystem (Amygdala), Stresssystem, Immunsystem und Schmerzsystem.
Die Botschaft einer Studie, die vor Kurzem in einem der weltbesten Wissenschaftsjournale publiziert wurde, ist folgende:
Personen, die einen sogenannten «hedonischen» Lebensstil pflegen, also einen Lebensstil, der ganz auf kurzfristige, schnelle und sozusagen billige Genüsse ausgerichtet ist, zeigen ein Gen-Aktivierungsmuster, das mit einem erhöhten Risiko von chronischen Entzündungen, von Herzkrankheiten, von Krebserkrankungen und von Demenzerkrankungen verbunden ist. Wer dagegen einen sogenannten «eudaimonischen» Lebensstil pflegt, wer also planvoll lebt, auf sich achtet und für sich selbst gut sorgt, der aktiviert im eigenen Körper Gene, die das Risiko von Herz-, Krebs- und Demenzerkrankungen senken.
Schlussfolgerung
Selbststeuerung bedeutet somit, dass Menschen einen bewussten Einfluss auf ihr Triebsystem und ihre Gesundheit ausüben können.
Sind auch Sie bereit, sich bewusst auf Ihren «inneren Arzt» einzulassen und dadurch die Verantwortung über Ihr Leben zu übernehmen?
Quellenverzeichnis
Baur, Joachim. (2015). Selbststeuerung – Die Wiederentdeckung des freien Willens. Blessing Verlag, München.