Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03543.jsonl.gz/508

Eine Kritik zu «Die Welt ist eine bösartige Maschine» von Jens Philipp Gründler. https://deliriummagazin.wordpress.com/2015/04/24/die-welt-ist-eine-bosartige-maschine/
Mein erster Einfall für eine Kritik des diesen Seiten vorangehenden Textes war ein exaktes Zitat des zu besprechenden Textes, das sein Original durch Verdoppelung kritisierte, indem es schlicht auf die Sinnlosigkeit einer Zweitlektüre verwiese. Eine andere Form der radikalen Kritik wäre eine ebenso dialogverweigernde Reaktion mit einer leeren Seite gewesen. Doch beides schien mir ein Bruch mit dem Bestreben von delirium zu sein, einem Gespräch eine Plattform zu bieten. Durch die Anordnung des delirium-Diskurses besteht die gewinnbringendere Aufgabe meines Textes darin, eine Antwort auf folgende Frage zu finden: Wie kritisiert man einen Text, der einem überhaupt nicht gefällt, weil man seine literarische Qualität nicht sieht? Nach der ernüchternden Lektüre von Die Welt ist eine bösartige Maschine stelle ich mir dazu die Frage, was mich an der sprachlichen Verfasstheit so stört. Vielleicht gelingt es ja, allfällige Leser für die ausgebliebene Lust am Text mit Spass an der Kritik zu entschädigen.
Der diesen Seiten vorangehende Text erzählt eine Heldengeschichte über Georg, die sich sehr knapp zusammenfassen lässt: Der Protagonist kämpft gegen einen Feind, der sich mehrfach vermittelt im Text wiederfindet: Der Drache, gegen den Georg in der präsentischen Ebene des Textes kämpft, wurde von einer Hexe, «die im Hintergrund die Fäden zog, […] auf ihn gehetzt», die ihrerseits eine Figur von Georgs Albträumen ist, die wiederum von einem Schmähbrief einiger Mitschüler ausgelöst wurden. «Aus dem Maul der Bestie» kriechen zudem kleine Krebse, auf denen die Hexe Evelyn abgebildet ist. Diese stellen später zusammen eine Riesin dar: Vlada, die spillerige Vampirin. Am Ende ist der Feind in allen Einzelteilen besiegt. Der Wortschatz des Erzählers verweist insbesondere auf zwei Ebenen: eine christlich-religiöse und die der Fantasy-Literatur. So finden sich im Text die Oblate (als Grössenangabe) ebenso wieder wie der Weihrauch (als Waffe) oder der Drache, das Amulett, Dreiecke (ich glaube darin ein verständliches Wort für das doch sehr konstruierte «Trigone» gefunden zu haben) und Kreise. Aus wiederum einer anderen mythischen Tradition stammt das Wort Nirvana. Doch irrsinnigerweise werden die Symbole in diesem Text nie miteinander verbunden und es kommt ihnen teilweise auch keine handlungsbestimmende Funktion zu. Weshalb beispielsweise der Weihrauch die Pistole ergänzend im Text steht, ist unklar – ausser, dass er den Text in eine Tradition der fantastischen Erzählliteratur einreiht. Der Platz in dieser bleibt dem Text aber aufgrund seines simplen Aufbaus sowie der grafischen, der grammatikalischen und der sprachlichen Verfasstheit verwehrt. So dient die grafische Variation in jedem Text der Verdeutlichung; klassischerweise bei Titeln, Betonungen oder Zitaten. Weshalb hier ein Zitat ausser Anführungs- und Schlusszeichen zusätzlich der Kursivierung bedarf, ist hingegen unverständlich: Welche zweite Abhebung vom Text wird damit betont?
Der folgende Satz lässt einige weitere Beobachtungen zu: «Von Georgs Medaillon gingen helle Strahlen aus, als er es vorsichtig auf seiner Handinnenfläche balancierte.» Obwohl Georg wohl kaum sein Amulett aus dem ersten Satz, das ein Schmuckstück mit schützender Funktion ist, gegen ein Medaillon, das blosser Schmuck ist, tauschen wollte, geschieht dies im Text; wohl zum Zweck der Variation. Es handelt sich dabei allerdings um eine isolierte Differenzierung ohne Anschluss an den Rest des Textes. Weiter ist zu dem Satz zu bemerken, dass Georg eine Sonne in Gestalt eines Schmuckstücks in der Hand zu halten scheint, die selbst Licht abstrahlt, und nicht etwa ein Artefakt, das eintreffendes Licht zurückwerfen würde. Das ist zwar spannend, wird aber leider nicht weiter ausgeführt. Was hier der weisse Schimmel der «hellen Strahlen» zu suchen hat, ist eine weitere Frage. Befremdend ist dann auch das Wort «Handinnenfläche»: vom Handrücken als Fläche zu reden, wäre doch eher absurd, weshalb es das weniger technische «Handfläche» auch getan hätte. Nicht zuletzt fällt auf, dass das Medaillon balanciert wird – damit die Hand ihm nicht genügend stabilisierende Fläche bietet, muss ein Schmuckstück irritierend gross sein. Es gibt unzählige weitere Beispiele dafür, dass der Text irritiert. So weiss man auch mit der Beschreibung des Sands als «kristallin» wenig anzufangen, da es das Konzept Sand schlicht nicht erweitert. Als Leser wäre man auch froh, wenn der Erzähler wüsste, dass das Verb anrühren lexikalisch und grammatikalisch anders funktioniert als das Verb rühren in Kombination mit der Präposition an. Doch am meisten stört die parallele Bedienung unterschiedlichster Register. So sind die «Trigone» von einem «faustgrossen Kreis» umgeben und damit tritt ein Fachwort neben Alltagssprache. Ebenso finden sich Wörter eines ältlichen Deutschs direkt neben modernen Phrasen: «Alle Krebse wiesen das Antlitz einer kaltäugigen Frau auf, eines Wesens, das Georg als unmenschlich einstufte.» Nicht nur steht hier «Antlitz» sehr nahe bei «einstufen», sondern es wird auch die Erzählperspektive mitten im Satz vom Blick Georgs zum Blick auf Georg gewechselt. Insgesamt scheint dem Erzähler der Wortschatz der gewählten Register zu fehlen, so dass aus der «Hexe» bald ein ältliches «Frauenzimmer», aus den «Krebsen» «Schalentiere» und aus der neutralen «Menschheit» die kämpferische «irdische Rasse» wird. Dass zudem in Phrasen wie «im Laufe» oder «zum x-ten Male» die veraltete Dativendung stehen gelassen wird und in demselben Text Wörter wie «manipulieren» oder «ultimativ» verwendet werden, unterstützt meinen Befund, dass in dem Text ein Durcheinander in Bezug auf die verwendete Sprache besteht. Doch damit nicht genug: Dem Erzähler macht auch die Logik zu schaffen. So soll Georg zuerst gelernt haben, seine Träume zu steuern, bevor er sich über deren fiktionalen Charakter klar wurde. Diese mentale Konstellation ist aus psychologischer Sicht bestimmt äusserst interessant (weil abnorm); in der Geschichte wird sie leider nicht ausgeführt und bleibt schlicht nicht überzeugend – oder ist der Held sehr dumm? Dass ausserdem die metaphorischen Übertragungen innerhalb des Feindes als «sorgfältig ausgeklügelter Psycho-Mechanismus» verstanden werden, wirkt wie blanker Hohn.
Am Ende sieht man sich mit einer klischierten Geschichte konfrontiert, die in Klischees erzählt wird: So ist in dieser Phrasenansammlung von einem Jungen zu lesen, der soziale Schwierigkeiten hat und sich deshalb in die Fiktion flüchtet, die als Heldenepos im pseudo-exotischen Fantasy-Gewand begriffen wird.
Vielleicht gibt es die beschwipste Perspektive, aus der der kritisierte Text selbst als Kritik an der Trivialliteratur verstanden werden kann. Aus dieser schliesst der Text mit den aufgerufenen Symbolen bloss scheinbar an die grosse Zahl fantastischer Werke an, die mit ihrer Sprache nicht sorgfältig umgehen, um die dort erzählten Heldengeschichten als absurde Ausgestaltungen von Alltagserlebnissen zu kritisieren. Einerseits bietet der Text für diese Perspektive selbst aber keine Anhaltspunkte, sondern allenfalls der Ort seiner Publikation; andererseits scheint mir das Vorhaben doch etwas waghalsig, ohne Brechung, ohne Gegenbeispiel und durch die schlichte Wiederholung mit einem literarischen Text an ebensolchen Kritik zu üben – weil sie dadurch schlicht nicht differenziert, sondern reproduziert werden. Aus meiner eigenen Perspektive ist der Text dagegen einfach nur schlecht: Die erzählte Geschichte ist schon zu Beginn absehbar; die zusätzlichen Ebenen des Alltags und des Traums führen die Geschichte bloss auf einen Übertragungsvorgang zurück; die gewählten Sprachregister sind weder einzelnen Personen noch Ebenen zugeordnet; im Text mischen sich diverse Sprachregister; die Erzählperspektive wird teilweise mitten im Satz gewechselt.
Hinter meinem Urteil steht eine differenzierte und differenzierende Betrachtung des Textes. Und das ist es, was ich von einem literarischen Text gemeinhin erwarte: dass er nachvollziehbare Differenzierungen in seiner Sprache vornimmt, dass er dadurch sich selbst erweitert und mich mit seiner Komplexität berauscht. Dann kann die stetige Erweiterung am Ende auch bloss auf ihren Ursprung oder das Nichts verweisen – doch wenn das Ende eines Textes genau wie den Protagonisten vom Feind den Leser vom Text befreit, ist das eine schlichte Frechheit.
Yunus Ersoy