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Verlorene Seelen in Marseille: Georg (Franz Rogowski) tröstet Marie (Paula Beer), die ihren Mann sucht. (Look Now!)
Gestrandet in Marseille
Menschen auf der Flucht, verloren zwischen Angst und Hoffnung. In Marseille kommen sie zusammen, um ihr Heil jenseits des Atlantiks zu suchen. Deutsche Truppen haben Paris erobert und halb Frankreich besetzt. Der deutsche Flüchtling Georg entkommt zusammen mit dem verletzten Heinz. Sie fahren mit dem Güterzug nach Marseille. Kumpan Heinz stirbt. Georg trägt ein Dokument für ein Mexiko-Visum und ein Manuskript («Die Entronnenen») des Schriftstellers Weidel bei sich, der Selbstmord begangen hat. Georg soll die Papiere bei mexikanischen Konsulat deponieren und wird vom Konsul für Weidel gehalten. Ein Irrtum mit Folgen. Er erkennt die Möglichkeit, eine andere Identität anzunehmen und eine Schiffspassage über den Atlantik zu ergattern. Doch das braucht Zeit und Geduld. Die Mühlen der Behörden mahlen langsam. Georg freundet sich in den Gassen Marseilles mit dem Jungen Driss (Lilien Batman) an, kickt mit ihm. Er ist der Sohn des verstorbenen Heinz. Seine gehörlose Mutter Melissa (Maryam Zaree) erträgt die Nachricht vom Tod ihres Mannes mit Fassung, und Driss sieht in Georg einen Vaterersatz, möchte Georg binden. Doch der ist unschlüssig, trifft auf den Wegen zu Behörden Marie Weidel (Paula Beer, «Frantz»), die sich von ihrem Mann getrennt hat und eine Liaison mit dem deutschen Arzt Richard (Godehard Giese) eingegangen ist. Sie hofft, gleichwohl in Marseille auf eine Wiedervereinigung und Flucht mit ihrem Mann. Georg verliebt sich, hätte die Möglichkeit, Marie reinen Wein einzuschenken und sie über Weidels Tod aufzuklären.
Menschen in der Schwebe, vom Weg abgekommen und aus der Zeit geworfen. Die Gegenwart verschlingt die Vergangenheit und projiziert eine Zukunft, die so ungewiss ist wie die Gegenwart. Christian Petzold, der zusammen mit dem 2014 verstorbenen Filmemacher Harun Farocki Seghers' Roman zum Drehbuch umgearbeitet hat, interessierte kein historisches Flüchtlingsdrama (Seghers Geschichte spielt um 1940/42). Er wollte keine Zeit rekonstruieren. Und so pendelt sein Film zwischen den Zeiten. Es gibt Anzeichen faschistischer Bedrohung wie um 1940, doch vieles wie Sportschuhe, Schiffe etc. sind von heute. Petzold geht es um die existentielle Situation von Flüchtlingen und Exilanten, zerrieben zwischen Druck und Goodwill, Unsicherheit und Hoffnung. Es geht nicht um ein Massenphänomen, sondern um einzelne Schicksale, um Lügen, Liebe und Verlust. Entwurzelte, getriebene Menschen, dem Zufall, der Polizei, Häschern oder Rettern ausgesetzt.
«Transit» ist ein anspruchsvolles Kinowerk, irritierend, innig, intensiv, das von Andeutungen und Versatzstücken lebt. Befremdlich scheint auch die Offstimme, die etwas erzählt, was nicht zum Bild passt, die nicht erläutert oder simpel beschreibt. Sie gehört dem Wirt (Matthias Brandt) des Cafes Mont Ventoux, in dem Georg sich häufig aufhält. Sind es Worte, Texte aus dem Manuskript, das Georg nach Marseille mitgebracht hat? Und noch eine bemerkenswerte Episode sei erwähnt: Georg trägt Driss ein Kinderlied vor, es stammt vom Poeten und Satiriker Hanns Dieter Hüsch. Ein Film mit Nachklang.
Deutschland 2018
102 Minuten
Regie: Christian Petzold.
Buch: Christian Petzold nach dem Roman «Transit» von Anna Seghers
Kamera: Hans Fromm
Darsteller: Franz Rogowski, Paula Beer, Godehard Giese, Lilien Batman, Barbara Auer
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