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Wenn ein Kind auf einmal immer die gleichen Grimassen schneidet, mit dem Kopf zuckt oder sich unwillkürlich laut räuspert, sind Eltern oft verunsichert. Ist das bloss eine vorübergehende Phase oder liegt eine Tic-Störung vor?
Was sind Tics?
Tics sind kurze, wiederkehrende, unwillkürliche Muskelbewegungen oder Lautäusserungen. Auch wenn sie manchmal aussehen wie absichtsvolle Bewegungen, stehen sie in keinem Zusammenhang zur Situation, in der sie auftreten. Sie können über längere Zeit sehr ausgeprägt sein, zeitweise ganz verschwinden und wieder zurückkehren. Bei manchen Kindern äussern sie sich stets auf die gleiche Art, oft löst aber auch ein Tic den anderen ab.
Tics sind kein Fehlverhalten. Das Kind kann in den meisten Fällen nicht steuern, wann und in welcher Intensität sie auftreten. Dem einen oder anderen gelingt es zwar, sie für eine gewisse Zeit zu unterdrücken. Früher oder später kann es aber den Impuls "zu ticken" nicht mehr bremsen. Stress und Aufregung können Tics verstärken.
Es werden vier Arten von Tics unterschieden:
Motorische Tics: Hierbei handelt es sich um Muskelzuckungen oder unwillkürliche Bewegungen. Oft ist das Gesicht, der Kopf oder der Schulterbereich betroffen. Typische motorische Tics sind Blinzeln und Augenzwinkern, Grimassen schneiden, mit dem Kopf oder mit den Schultern zucken oder die Zunge herausstrecken.
Vokale Tics: Darunter versteht man unwillkürliche Äusserungen von Geräuschen, Lauten oder Worten. Schniefen, häufiges Räuspern, plötzliches kurzes Aufschreien oder Quieken sind einige Beispiele für vokale Tics.
Einfache Tics: Damit sind sehr kurze Bewegungen oder Laute gemeint. Von anderen werden diese oft kaum bemerkt oder als kleine Marotte wahrgenommen, die nicht weiter stört.
Komplexe Tics: Dabei handelt es sich um kompliziertere Bewegungsabläufe oder Äusserungen; oft auch um eine Kombination von mehreren einfachen Tics. Manche ähneln absichtsvoll ausgeführten Bewegungen oder Äusserungen. Daher werden sie zuweilen als Provokation missverstanden.
Zu den komplexen motorischen Tics gehören beispielsweise Hüpfen und in die Hände klatschen, sich im Kreis drehen, gleichzeitiges Kopfschütteln und Schulterzucken oder Verbiegungen des Oberkörpers.
Auch vokale Tics können komplex sein. So wiederholen manche Betroffene z. B. eigene Worte oder die Worte anderer. Ein komplexer vokaler Tic, über den viel in den Medien berichtet wird, ist die sogenannte Koprolalie. Dieses unwillkürliche Ausstossen von Obszönitäten und Fluchwörtern ist jedoch ausgesprochen selten.
Wie verbreitet sind Tics?
Wie viele Kinder von Tics betroffen sind, ist schwer festzustellen, da diese oft nur vorübergehend auftreten und längst nicht immer ärztlich behandelt werden müssen. Gemäss unterschiedlichen Schätzungen kommen Tics bei ca. 5 bis 15 Prozent aller Kinder im Primarschulalter vor. Jungen sind etwa drei- bis viermal häufiger betroffen als Mädchen.
Oft treten Tics im Alter von sechs bis acht Jahren zum ersten Mal auf; nur selten kommt dies bereits früher vor. Im Alter von zehn bis zwölf Jahren sind sie meist besonders ausgeprägt und nehmen danach in vielen Fällen an Intensität ab.
Wodurch werden Tics verursacht?
Wie und warum Tics entstehen, ist längst nicht abschliessend geklärt. Eine erbliche Veranlagung ist wahrscheinlich, da Tics oft auch bei anderen Familienmitgliedern auftreten oder früher aufgetreten sind.
Es gilt heute als gesichert, dass die Ursache körperlich und nicht psychisch ist. Vermutet wird ein gestörtes Gleichgewicht zwischen verschiedenen Botenstoffen im Gehirn (Neurotransmitter), insbesondere eine Überfunktion von Dopamin sowie eine Unterfunktion von Serotonin. Möglicherweise sind auch weitere Neurotransmitter an der Entstehung von Tics beteiligt.
Dieses gestörte Gleichgewicht wirkt sich vermutlich auf die Basalganglien aus. Dies sind Nervenzellen, die unter anderem mitverantwortlich sind für die automatische Kontrolle von Bewegungen. Aufgrund der Störung ist das Gehirn nicht in der Lage, eine Bewegung oder Lautäusserung zu stoppen.
Welche Arten von Tic-Störungen gibt es?
Heute werden Tic-Störungen als ein Kontinuum verstanden. Am einen Ende stehen leichte Tics, am anderen Ende ausgeprägte Tic-Störungen, die oft mit Begleiterkrankungen einhergehen.
Wenn bei einem Kind Tics auftreten, handelt es sich in den allermeisten Fällen um eine sogenannte vorläufige Tic-Störung. Davon ist die Rede, wenn einzelne oder mehrere motorische und / oder vokale Tics über die Dauer von weniger als zwölf Monaten vorkommen. Nach wenigen Wochen oder Monaten verschwinden sie meist wieder.
Bei einer persistenten Tic-Störung halten die Tics länger als ein Jahr an. Dabei treten einzelne oder mehrere motorische oder vokale Tics auf - jedoch nicht beide gemeinsam. Diese chronische Form kommt lediglich bei etwa drei bis vier Prozent der betroffenen Kinder vor. Oft zeigt sich im Laufe der Jugendjahre eine deutliche Verbesserung, sodass die Tics im Erwachsenenalter nur noch schwach ausgeprägt oder ganz verschwunden sind.
Ein Tourette-Syndrom ist ausgesprochen selten und wird bei ca. 1 Prozent der Betroffenen diagnostiziert, wenn
im Verlauf der Störung mehrere, oft komplexe motorische Tics sowie mindestens ein vokaler Tic vorkommen oder vorgekommen sind. Diese müssen jedoch nicht zwingend gleichzeitig auftreten.
die Tics vor dem 18. Altersjahr zum ersten Mal aufgetreten sind.
die Tics zwar in ihrer Intensität zu- oder abnehmen können, jedoch seit dem ersten Auftreten länger als ein Jahr fortbestehen.
die Tics nicht durch die Einnahme einer Substanz oder eine Krankheit verursacht werden.
Das Tourette-Syndrom bleibt auch im Erwachsenenalter bestehen und ist bislang nicht heilbar. Es gibt jedoch Therapiemöglichkeiten, mit denen sich die Symptome lindern lassen.
Begleiterkrankungen von Tics
Häufig treten Tic-Störungen im Zusammenhang mit ADHS auf. Auch Zwangshandlungen und Zwangsgedanken zählen zu den Begleiterkrankungen. Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung können ebenfalls von Tics betroffen sein.
Ängstlichkeit, sozialer Rückzug, Depressionen, Störungen der Impulskontrolle und Schlafprobleme sind bei Betroffenen ebenfalls recht häufig. Schliesslich haben betroffene Kinder oft mit Teilleistungsstörungen und Lernschwierigkeiten zu kämpfen.
Für viele Kinder sind die Begleiterkrankungen belastender als die Tics. Wird ein Kind jedoch wegen seiner Tic-Störung gehänselt oder unter Druck gesetzt, verstärkt dies den Stress. Depressive Symptome, soziale Probleme, Ängstlichkeit und Einschlafschwierigkeiten können sich dadurch verschlimmern.
Wann ist eine ärztliche Untersuchung nötig?
Da Tics sehr oft von selbst wieder verschwinden, ist zuerst einmal aufmerksames Abwarten angesagt. Bleiben die unwillkürlichen Bewegungen und Lautäusserungen jedoch bestehen oder werden sie gar stärker, sollten Sie das Thema bei der Kinderärztin ansprechen. Dies sollten Sie auch tun, wenn Ihr Kind unter den Tics leidet oder das Problem das Familienleben stark beeinträchtigt.
Eine ärztliche Abklärung ist nicht nur wichtig, um dem Kind die nötige Unterstützung zu bieten. Auch andere Krankheiten müssen ausgeschlossen werden. So äussert sich beispielsweise eine Absence-Epilepsie in einer Bewusstseinstrübung von wenigen Sekunden. Das Kind unterbricht dabei seine Tätigkeiten wie Sprechen, Spielen oder Gehen und setzt sie dann fort, als wäre nichts gewesen. Dies kann nach aussen hin ähnlich wirken wie ein Tic.
Wie werden Tic-Störungen behandelt?
Bei einer leichten Tic-Störung ist meist nur eine Behandlung nötig, falls ein erheblicher Leidensdruck existiert. In erster Linie geht es dann jedoch darum, einen Weg zu finden, wie Eltern und Lehrpersonen das Kind besser verstehen und unterstützen können. Bei länger andauernden und ausgeprägteren Tic-Störungen stehen die folgenden Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung:
Verhaltenstherapie: Häufig wird ein sogenanntes "Habit-Reversal-Training" durchgeführt. Das Kind soll dabei lernen, "Gewohnheiten umzukehren". Dazu werden die Tics beobachtet und es wird versucht, das Vorgefühl wahrzunehmen, das ihnen oft vorausgeht. Anschliessend werden Alternativbewegungen eingeübt, die es unmöglich machen, den Tic durchzuführen. Eine weitere Therapieform, das "Exposure and Response Prevention"-Verfahren, soll Betroffenen dabei helfen, den Tic-Automatismus zu unterbrechen, dass auf jedes Vorgefühl tatsächlich ein Tic folgen muss. Beide Methoden tragen dazu bei, Tics um ca. 30 Prozent zu verringern.
Eine Verhaltenstherapie eignet sich vorwiegend für grössere Kinder und Jugendliche. Das Verstehen der Tic-Störung und das Einüben von Entspannungstechniken sind meist ebenfalls Teil der Therapie.
Medikamentöse Behandlung: Eine solche ist angezeigt, wenn die Tics über längere Zeit anhalten, sehr intensiv sind und das Kind stark beeinträchtigen. Gestartet wird mit einer niedrigen Dosierung, die allmählich gesteigert wird, bis eine positive Wirkung bei möglichst geringen Nebenwirkungen eintritt. Zum Einsatz kommen verschiedene Medikamente, meist solche, die den Dopamin-Stoffwechsel beeinflussen. Eine Symptomlinderung tritt bei einer medikamentösen Behandlung sehr schnell ein, die Tics verschwinden dadurch jedoch in der Regel nicht komplett. Die positive Wirkung besteht nicht alleine in der Verringerung von Tics. Oft werden dadurch auch Begleiterscheinungen der Tic-Störung vermindert, z. B. soziale Probleme.
Sind die Tics auf gut identifizierbare und zugängliche Muskeln beschränkt, werden zuweilen auch Botulinumtoxin-Injektionen verabreicht.
Neurofeedback: Betroffene machen oft gute Erfahrungen mit diesem computergestützten Gehirntraining. Studien, welche die Wirksamkeit belegen, sind jedoch noch kaum vorhanden.
Behandlung von Begleiterkrankungen: Dies kann zu einer erheblichen Entlastung führen, denn die Auswirkungen der Begleiterkrankungen sind für das Kind oft einschneidender als die Tics.
Das Verfahren der operativen Behandlung mittels tiefer Hirnstimulation ist noch wenig erforscht und wird nur bei schwer betroffenen erwachsenen Patienten durchgeführt.