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Das VADEMECUM wurde im Rahmen einer Nationalfonds-Studie in einer gemischten Längs- und Querschnittstudie normiert.
Nachfolgend sind einige Ergebnisse der Studie kurz dargestellt. Für eine ausführliche Darstellung wird auf die Publikation von Schlienger (1990) verwiesen.
Normierung
Insgesamt wurden 194 Kinder im Alter zwischen 3 und 30 Monaten, während neun Monaten, je viermal im Abstand von drei Monaten, von ihren Eltern beobachtet: Es wurden drei Kohorten gebildet, die zum Zeitpunkt der ersten Beobachtung (t1) drei, 12 oder 21 Monate alt waren.
Diese Kinder stellen einen repräsentativen Querschnitt der Kinder im Kanton Zürich (CH) dar. Bis zum Abschluss blieben 182 Kinder und ihre Eltern in der Studie. Es wurden keine geschlechts- oder schicht- spezifischen Unterschiede festgestellt.
Es liegen als Entwicklungsnormen vor:
90%-Tabellen für jeden der fünf Entwicklungsbereiche: für das Entwicklungsalter 3-15 Monate im 1-Monatsabstand, für das Entwicklungsalter 15-30 Monate in 3-Monatsabständen.
50%-Tabellen für jeden Entwicklungsbereich in 3-Monatsabständen.
Zuverlässigkeit (Reliabilität)
Die Schätzungen der Zuverlässigkeit wurden mit dem Skalierungsverfahren nach Mokken durchgeführt und ergaben für jede der fünf Entwicklungsskalen sehr hohe Skalenhomogenitätskoeffizienten: H = zwi- schen .95 und .98. Spearmens rho ergab mit .99 auch einen ausgezeichneten Wert.
Fazit: Das VADEMECUM ist hoch reliabel.
Interessant und differenzierend sind die Werte, die vermittels der Guttman-Skalierung errechnet wurden. Über sämtliche Skalen, Zeitpunkte und Kohorten hinweg zeigten sich wiederum sehr hohe Werte (Lambda 2 zwischen .98 und .99). Bei den vier Beobachtungszeitpunkten wurden hingegen Unterschiede offenbar. Die Werte sind zum ersten Beobachtungszeitpunkt (t1, N = 64) am niedrigsten (Lambda 2 = .62) und steigen an, bis sie zu t4 (N = 47) den höchsten Wert erreicht haben (Lambda 2 = .94).
Fazit: Die Angaben der Eltern werden ab der zweiten Beobachtung prognostisch aussagekräftiger.
Gültigkeit (Validität)
Logische Validität kann dem VADEMECUM zugesprochen werden: Es setzt sich definitionsgemäss aus annähernd repräsentativen Verhaltensstichproben zusammen.
Ökologische Validität kann ebenfalls bescheinigt werden, da es sich stark an den Kriterien für ökologi- sche Gültigkeit (s. oben) orientiert.
Fazit: Das VADEMECUM ist logisch und inhaltlich valide.
Für die kriterienbezogene Validität wurde die Repräsentativgruppenmethode (Spearmans rs), als Validitätskriterium die Denver Entwicklungsskalen (DES), gewählt. Mit den DES lag zum Zeitpunkt der Studie ein Verfahren mit vergleichbarem Aufbau und statistischer Absicherung vor. Da die DES allerdings für denselben Entwicklungsbereich – verglichen mit dem VADEMECUM – nur über ein Drittel der Itemzahl verfügt und viele zeitliche Lücken aufweist, liegen die Korrelationskoeffizienten erwartungsgemäss niedrig (rtt = .06 – .75). Die Werte im Bereich der körperlichen Entwicklung können vergleichsweise als gut bezeichnet werden (rtt = .39 – .75).
Fazit: Die kriterienbezogene Validität ist niedrig.
Objektivität
Objektivität im Sinne von Unabhängigkeit des Tests von der untersuchenden Person, kann in einem ökopsychologischen Forschungskontext nicht mehr grundsätzlich angestrebt werden, da es weder theoretisch noch praktisch möglich ist, sich als Person vom diagnostischen Geschehen zu distanzieren. Als zentral für das vorliegende Konzept hat sich also nicht die interpersonelle sondern die intrapersonelle Übereinstimmung herausgeschält: Ein bestimmter Untersucher verwendet in der Prozessdiagnostik – d.h. in der Bewertung von Veränderungen und Entwicklungsfortschritten – immer wieder dieselben Kriterien bezüglich Anwendung, Auswertung und Interpretation. Zudem werden diese Kriterien konstant reflektiert und hinterfragt, im besten Fall in der interdisziplinären Diskussion. Solchermassen reflektiert, werden Entwicklungsfortschritte objektiviert und sind ebenso gültig, wie die Ergebnisse anderer Testverfahren.
Fazit: Die intrapersonelle Übereinstimmung ist höher als die interpersonelle Übereinstimmmung.
Längsschnittanalysen
Die Daten der 182 Kinder der Repräsentativgruppe, die bis zum vierten Zeitpunkt in der Längsschnitt- studie verblieben, und bei denen sich kein Verdacht auf Entwicklungsbeeinträchtigung zeigte, wurden in Bezug auf die Zeit analysiert. Die Kinder wurden aufgrund ihres Entwicklungsniveaus zum Zeitpunkt der ersten Beobachtung (t1) in zwei diagnostisch relevante Gruppen eingeteilt: Die Gruppe der 10% am besten und die Gruppe der 10% am wenigsten gut entwickelten Kinder, die Restgruppe (10 – 90%) wurde als Normgruppe behandelt.
Trendanalysen
Nun interessierte, ob die Ergebnisse der ersten Entwicklungsbeobachtung Schlussfolgerungen zuliessen über die Ergebnisse der nächstfolgenden und aller weiteren Beobachtungen. Die Frage stellte sich: bleiben die gut entwickelten Kinder im oberen oder im obersten Entwicklungsbereich über die Beobachtungszeit von neun Monaten? Bleiben die schlechter entwickelten Kinder im unteren Entwicklungsbereich? Diese Vermutung wurde bestätigt: Wer zum ersten Zeitpunkt in der Gruppe der sehr gut entwickelten Kinder eingeordnet wurde, lag mit grösster Wahrscheinlichkeit auch bei der nächsten Beobachtung über der 50%-Marke. Wer bei der ersten Beobachtung zu den 10% am wenigsten gut entwickelten Kinder gehörte, blieb zu den nachfolgenden Beobachtungszeitpunkten im unteren Entwicklungsbereich. Aber es ist ein deutlicher Regressionseffekt beobachtbar (vgl. Abbildung unten): Die Kinder im unteren Entwicklungsbereich verbesserten ihre Leistungen im Laufe der Zeit und näherten sich dem Mittelwert an. Die Kinder im oberen Entwicklungsbereich verlangsamten ihre Entwicklung Richtung Mittelwert.
Abbildung: Trendanalysen mit Regressionseffekt der 10% am besten und den 10% am wenigsten gut entwickelten Kinder der Repräsentativstudie
Bedeutsam ist dabei noch zweierlei:
- Die Höhe des Entwicklungsstandes stabilisiert sich von der zweiten Beobachtung an. Eine Ausnahme bildet die körperliche Entwicklung. Hier sind auch bei allen nachfolgenden Beobachtungen noch grosse Sprünge möglich.
- Die Ergebnisse der zweiten Beobachtung und aller nachfolgenden besitzen signifikant höhere prognostische Aussagekraft bezüglich des Entwicklungspotentials eines Kindes als die erste Beobachtung.
Fazit: Verläuft die Entwicklung eines Kindes im unteren Entwicklungsbereich entgegen der Tendenz zum Mittelwert (die Werte verbleiben unter der 90%-Marke), ist eine weitere Beobachtung der kindlichen Entwicklung angesagt.