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Lukas Rüst, wie beurteilen Sie die Lage der sudanesischen Flüchtlinge im Südsudan?
Am 9. Juli 2011 erklärte der Südsudan seine Unabhängigkeit vom Sudan. Im sudanesischen Bundesstaat Blue Nile im Grenzgebiet zum Südsudan kam es daraufhin ebenfalls zu Autonomiebestrebungen. Darauf reagierte die sudanesische Armee mit Bombardierungen. Infolge dieser Angriffe flohen zwischen November 2011 und Juni 2012 rund 110‘000 Menschen aus Blue Nile in den Bezirk Maban. Als die ersten 80‘000 Flüchtlinge ankamen, waren nur vereinzelte Hilfsorganisationen vor Ort. Das UNHCR und das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) konnten zwar innerhalb von zwei Monaten ihre Hilfeleistungen aufbauen und verstärken, waren aber nicht auf die Ankunft weiterer 30‘000 Flüchtlinge vorbereitet.
Ende 2012 hatte sich die Lage soweit stabilisiert, dass ein Grossteil der Flüchtlinge Zugang zu genügend Trinkwasser hatte und ihr Ernährungszustand nicht mehr akut lebensbedrohlich war. Dennoch bleibt die humanitäre Situation, besonders in Hinblick auf die Regenzeit, unbeständig.
Welchen Risiken sind die Flüchtlinge in den Camps ausgesetzt und welche Massnahmen werden dagegen ergriffen?
Die grössten Probleme sind der ungenügende Zugang zu Trinkwasser, die schlechten hygienischen Zustände in den Camps und die damit verbundene Gefahr von Infektionen. Zudem sind wir mit einem weltweit fast einmaligen Ausbruch von Hepatitis E konfrontiert, eine Krankheit, welche bei zu später Diagnose oder mangelhafter Behandlung oftmals tödlich verläuft. Hier wird versucht, durch Aufklärungskampagnen die allgemeinen hygienischen Bedingungen und den damit verbundenen Gesundheitszustand der Flüchtlinge zu verbessern.
Weitere Probleme sind auftretende Spannungen zwischen lokaler Bevölkerung und Flüchtlingen, geschlechtsspezifische Gewalt und bewaffnete Gruppen, die Flüchtlingslager zu Rekrutierungszwecken missbrauchen. In akuten Fällen von Gewalt versuchen die humanitären Akteure direkt zu reagieren, zum Beispiel vermittelnd. Längerfristig werden Konzepte zur Konfliktlösung ausgearbeitet.
Bei Ihrer Ankunft kamen sie in ein neu entstandenes Flüchtlingscamp. Brachte das spezielle Probleme mit sich?
Wir hatten die üblichen Anfangsschwierigkeiten und die Arbeitsbelastung des Einzelnen war sehr hoch. Doch gerade das Fehlen personeller Ressourcen ist ein Kennzeichen für Nothilfe-Einsätze und motiviert die Angestellten vor Ort oft zu überdurchschnittlichen Leistungen.
Im Gegensatz zu «normalen» Missionen haben in einer Notsituation alle Entscheide direkte und existenzielle Folgen für die Menschen. Wird ein Neuankömmling zum Beispiel nicht sofort registriert und mit Essen versorgt, leidet er akut Hunger. Diese grosse Verantwortung kann manchmal auch belastend sein.