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Stellungnahme
Eine Ethik-Charta für die Ethnologie?
Dieses Dokument wendet sich an alle Ethnologinnen und Ethnologen, Forscherinnen und Forscher, Lehrende und Studierende, die mit ethnologischen Themen befasst sind. Sein Ziel ist, auf eine Reihe ethischer Probleme hinzuweisen und es schlägt einige ethische Grundsätze für Forschung, Lehre, Verwertung und Archivierung von Daten vor.
Paul Ricœur deﬁniert «Ethik» und ihre Ziele (visée) als das Streben nach einem «Leben mit und für Andere in gerechten Institutionen» (1990: 202; s.a. Ricœur 2006, eigene Übersetzung). Eine solche Perspektive unterscheidet zwei Momente desselben Begriffs, der Ethik: der eine liegt früher, der andere später. Diese Zeitpunkte sind untrennbar und ergänzen sich, aber sie sind chronologisch verschieden. Während eine frühere Ethik auf die Existenz grundlegender moralischer Normen oder Prinzipien verweist und auf ihre gesellschaftliche Verwurzelung, steht die spätere Ethik für den Zeitpunkt, zu dem ebendiese Normen aktuell auf konkrete und reale Situationen angewendet werden. Aus dieser Perspektive stellt die Moral den dauerhaften Aspekt der Ethik dar, der den Inhalt oder einen Rahmen für das «richtige Leben» – «la vie bonne» – und für die Gerechtigkeit aller bestehenden Beziehungen vorgibt. Gleichzeitig macht Ricœur uns auf den zweiten, dynamischeren Aspekt aufmerksam: denjenigen des Aushandelns. In allen ethische Fragen berührenden Situationen sind die grundlegenden Prinzipien in Bezug auf lokale, situative und einzigartige Problemlagen hin zu adaptieren. «Richtiges Leben» und «gerechte Institutionen» sind also in einem weiten Sinne zu verstehen und vor allem als ein Produkt des Aushandelns, beständig vorangetrieben durch die Partikularismen eines Kontextes oder einer Situation.
Die Vielfalt von Situationen, in denen ethnologische Forschungen durchgeführt werden, deren Finanzierung durch die private oder öffentliche Hand, die Nutzung der ethnographischen Methoden durch andere Disziplinen zur Erhebung qualitativer Daten aus erster Hand sind Aspekte, die bei der Aushandlung der grundlegenden ethischen Prinzipien eine Rolle spielen. Anders ausgedrückt, müssen grundlegende ethische Prinzipien an die speziellen ethnologischen Vorhaben und ihre Rahmenbedingungen angepasst werden, sei es die Autonomie des Individuums, deren Freiheit, ihrem Recht auf Information und ihrem Recht zu wissen, was mit dem von ihnen in Gegenwart einer Forscherin oder eines Forschers Gesagten weiter geschehen wird oder der Schutz ihres Lebens.
Im gegenwärtigen Kontext der Institutionalisierung berufsethischer Fragen möchten wir ein neues Instrument zum Nachdenken und Diskutieren über die Praxis und das ethnographische Engagement zur Verfügung stellen und nicht nur eine Liste von normativen und zwingenden Vorschlägen. Dadurch sollen die epistemologischen Besonderheiten ethnologischer Vorhaben und ihre Wissenschaftlichkeit mit ihrer Verantwortung gegenüber den während der Feldforschung Kontaktierten vereinbar gemacht werden.
Diese Stellungnahme ist als ein Mittel der Sensibilisierung für ethische Fragen während aller ethnologischen Arbeitsschritte zu verstehen. Tatsächlich stellen wir uns nicht mit einer formellen Vereinbarung mit unseren Feldforschungspartnern zufrieden (häuﬁg ein zu unterschreibendes Formular). Wir denken, dass die Forschung in unserer Disziplin nur möglich ist, wenn Ethnologinnen und Ethnologen sich während des gesamten Forschungsprozesses der möglichen Auswirkungen ihrer Forschung auf die untersuchte Population bewusst sind. Durch das Führen von Feldtagebüchern bleiben wir aufmerksam in Bezug auf unsere Handlungen, unser Verständnis der beobachteten und gelebten Situationen, und für unsere Verantwortung, die uns mit unseren Partnern verbindet, auch um sie nicht Risiken auszusetzen.
Diese methodische Reﬂexivität hat eine bestimmte Haltung gegenüber den Befragten oder gegenüber unseren Gastgebern während einer Feldforschung zur Folge. Diese Haltung unterscheidet unsere Forschung von der Art von Forschung, die im Gesetzesvorhaben zur «Forschung am Menschen» angesprochen wird. Dabei ist insbesondere zu betonen, dass wir nicht am Menschen arbeiten, sondern unsere Forschungen in erster Linie mit Menschen durchführen.