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Ich las dieses Wochenende das Büchlein “Christentum in einer säkularisierten Welt” des Theologen Wolfhart Pannenberg (Herder 1988). Den Verfall der Allgemeingültigkeit von traditioneller Moral und Rechtsbewusstsein betrachtet Pannenberg als langfristige Auswirkung der Säkularisierung (S. 49-52).
In der Frühzeit der säkularen Gesellschaft, im 17. Jahrhundert, glaube man das Bewusstsein moralischer Normen unabhängig von der religiösen Tradition des Christentums auf die Natur des Menschen als Vernunftwesen, nämlich auf das Naturrecht, begründen zu können. Dazu gehörte im 17. Jahrhundert auch noch ein vermeintlich mit der Natur des Menschen verbundenes Wissen von Gott. Noch bei Rousseau galt religiöser Glaube in die irgendeiner Form als unerlässliche Bedingung für die Verbindlichkeit moralischer Normen. Kant hat dann eine Autonomie des moralischen Bewusstseins, eine Verbindlichkeit der moralischen Normen auch ohne Religion gelehrt, obwohl er den Glauben an Gott als eine notwendige Konsequenz aus dem moralischen Bewusstsein betrachtete …
Die Freiheiten des Naturrechts wurden dann nach Pannenhart immer mehr individualistisch interpretiert:
Die Inanspruchnahme der ursprünglich naturrechtlich begründeten Freiheitsrechte für die individuelle Besonderheit eines jeden und der damit verbundene Anspruch auf unbeschränkte Selbstverwirklichung der eigenen Besonderheit lässt alle moralischen und rechtlichen Verhaltensregeln als lästigen Zwang erscheinen, dem man sich zwar äusserlich anpassen mag, aber ohne innere Überzeugung. Rechtliche und moralische Normen fungieren dann nur noch wie Verkehrsregeln.
Normen werden so rein gesellschaftlich begründet – als Forderungen der Gesellschaft an das Individuum, welche von diesem verinnerlicht werden:
Der Verfall der Verbindlichkeit moralischer Normen ist sicherlich durch ihre psychoanalytische Interpretation als Ausdruck von Forderungen der Gesellschaft an das Individuum, die von diesem verinnerlicht werden, begünstigt worden. Diese Interpretation und die damit verbundene Vorstellung einer repressiven Funktion dieser verinnerlichten Normen gegenüber dem Lustprinzip als der Wurzel für die Antriebe individueller Selbstverwirklichung treffen sich aber mit dem Gefühl von Heimatlosigkeit und Entfremdung, die das Individuum in der säkularen Kultur überhaupt in seinen Verhältnissen zur institutionellen Ordnung erfährt. Moral erscheint dann als Ausdruck gesellschaftlicher Repression.
Die Nebenwirkungen dieser Entwicklung sind zweifacher Art: Vereinsamung und Verlust verbindlicher Sinnorientierung.