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In seiner beeindruckenden Monographie zeichnet Werner Bätzing die Entwicklung des Naturbezugs des Menschen seit der Entstehung des Homo sapiens vor etwa 200.000 Jahren nach. Dabei räumt der Autor gründlich mit dem Geschichtsbild auf, das die Entstehung der Städte uneingeschränkt als Fortschritt, als Ausdruck der Hochkultur, wahrnimmt. Gleiches zeigt er für die Renaissance und die Aufklärung.
Die Urbane Transformation im Altertum ab 3300 v. Chr. löste zwar eine enorme kulturelle Entwicklung aus und ermöglichte erst die Wissenschaft und das Spezialistentum in Kunst und Handwerk, dies geschah jedoch um den Preis der Konzentration von Reichtum in wenigen Händen, der "Entwertung der Frau durch den Aufbau einer männerzentrierten Gesellschaft" (S. 199), der Entstehung von Herrschaft, die mit Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung einhergeht, und nicht zuletzt von Kriegen.
Ausgelöst wurde diese Entwicklung durch den Abschied von der Subsistenzwirtschaft der Jäger- und Sammler-Gesellschaften und der Bauern und den Beginn einer Überschusswirtschaft, dank derer Abgaben an die religiösen und weltlichen Herrscher entrichtet wurden. Die von den Bauern produzierten Überschüsse ermöglichten erst das Aufhäufen von Reichtümern in den Städten und die Konzentration von Wirtschaft und Menschen dort. Umgekehrt führten in den Städten entwickelte Innovationen zu einer Steigerung der Produktivität der Landwirtschaft.
Während Jäger- und Sammler-Gesellschaften sowie bäuerliche Gesellschaften, die sich beide an ihrer eigenen Subsistenz orientieren, immer die Fähigkeit der Natur berücksichtigen müssen, sich zu reproduzieren, die Natur also nicht rücksichtslos und grenzenlos nutzen dürfen, da sie sonst ihre eigenen Existenzgrundlagen zerstören würden, markiert die Urbane Transformation den Beginn der Naturausbeutung, indem natürliche Ressourcen ohne Reproduktion verbraucht werden. Bäuerliche Gesellschaften gehen vorsichtig mit der Natur um, sind wenig experimentierfreudig und orientieren sich an der Selbstversorgung. Die städtischen Eliten hingegen glauben, Naturprozesse verstehen und beherrschen zu können, sie gestalten ihre Welt nach kulturellen Gesichtspunkten.
Im Gegensatz zu den Jägern und Sammlern hatten bereits die Bauern die Naturlandschaft großflächig umgestaltet und in eine Kulturlandschaft verwandelt, die mit großem Pflegeaufwand erhalten werden muss, um die Produktivität der Landwirtschaft langfristig zu gewährleisten. Die städtischen Hochkulturen jedoch fangen erstmals an, Natur zu zerstören, sie handeln kurzfristig, indem sie Ressourcen schnell vernutzen und indem die räumliche Konzentration und dichte Bebauung zu Wasser-, Boden- und Luftverschmutzung führt. Nicht zuletzt kommt es durch Kriege zu großen Naturzerstörungen.
Dennoch empfand sich der Mensch weiterhin als "Teil der göttlichen Ordnung, die dem Menschen vorgegeben ist und die er selbst nicht in Frage stellt" (S. 214). Als in der Achsenzeit (800 bis 200 v. Chr.) neue Hochkulturen mit oft monotheistischen Religionen entstanden, kam es durch die Idee der "idealen, perfekten und vollkommenen Welt, die von allen Unzulänglichkeiten der konkreten Welt befreit ist" (S. 213), zwar zu einer Abstraktion, die im Prinzip grenzenlose Möglichkeiten eröffnet hätte, doch die "Leitidee der kulturellen Selbstbegrenzung" wurde lediglich neu gefasst und aktualisiert, nicht aber völlig verworfen. Erst nach einem fundamentalen Neuanfang, "der mit der bäuerlichen Erfahrung der göttlichen Ordnung der Natur vollständig bricht" (S. 215), wird dieser Schritt im Alltag vollzogen.
Diesen Schritt macht die Menschheit mit der Industriellen Transformation um 1800 n. Chr., die "den nächsten großen Wendepunkt in der Geschichte der Mensch-Umwelt-Beziehung" (S. 217) darstellt. Jetzt werden "alle bisherigen Grenzen des Wachstums […] außer Kraft gesetzt, es setzt ein extrem starkes Wachstum in allen Bereichen ein". Natur verliert "jeden Sinn und (Eigen-)Wert" (S. 248), sie wird zum grenzenlos verfügbaren Material, "das der Mensch beliebig nutzen, verändern und vernutzen kann, ohne sich darüber Gedanken zu machen und ohne dafür eine Verantwortung übernehmen zu müssen." Wissenschaft und Technik schreiten voran, und "all das, was man technisch verstanden hat und theoretisch machen kann, kann und muss man auch in die Praxis umsetzen." Das Geld wandelt sich von einem von seinem Warentauschwert bestimmten, festen Wertsymbol hin zu einer "substanzlosen Recheneinheit" (S. 262), die mit der Erfindung des Wechsels und der Ausgabe von Papiergeld und Krediten als Hypotheken auf zukünftige Gewinne "bis ins Unendliche gesteigert werden kann." Geld kann also vermehrt und aufgehäuft werden. Durch diese Möglichkeit zur Schöpfung maßlosen Reichtums geht von der Geldwirtschaft ein Zwang aus, welcher die Selbstversorgungsstrukturen weiter zerstört. Die Wirtschaft "verselbständigt" (S. 269) sich gegenüber der Gesellschaft, "bis sie schließlich dominiert".
Im Gegensatz zur "marktoffenen Selbstversorgerwirtschaft" (S. 264), die im mittelalterlichen und auch noch frühneuzeitlichen Europa herrschte und in der Arbeit und Wirtschaften ein Teilbereich des menschlichen Lebens und ihm nachgeordnet war, wird das Wirtschaften mit der Industriellen Transformation "erstmals zum Selbstzweck (aus Geld mehr Geld zu machen), es erhält eine unendliche Dynamik" (S. 269), es entsteht sogar ein Wachstumszwang, denn ohne Wachstum droht eine Abwärtsspirale, eine Schrumpfung der Wirtschaft. Diesem Zwang sind wir noch heute unterworfen.
Die scheinbar rationale Weltsicht seit der Aufklärung ist "zur Grundlage unseres gesamten modernen Denkens und Handelns geworden" (S. 263). Uns modernen Europäern erscheint sie als natürlich und alternativlos, obwohl sie zumindest teilweise auf unzutreffenden Annahmen beruht, nämlich dass Ressourcen unbegrenzt zur Verfügung stünden. Und Bätzing weist mit aller Entschiedenheit darauf hin, dass die meisten Menschen des 18. und 19. Jahrhunderts sie keineswegs als vernünftig erlebten, sondern im Gegenteil als irrationale Einstellung, die zu einer Verschlechterung ihrer Lebenssituation führte. Nur in kleinen Teilen der Mittel- und Oberschicht erfuhr die neue Ideologie Zustimmung.
Doch mit der Industriellen Transformation ist diese Entwicklung nicht an ihr Ende gelangt. Den vorläufigen Höhepunkt erreichen die modernen Dienstleistungs- und Konsumgesellschaften, in denen es nicht mehr um die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse geht, sondern um eine permanente Bedürfnissteigerung, in deren Folge sich heute jeder einzelne Mensch an der Umweltzerstörung beteiligt und sie als völlig selbstverständlich betrachtet. Die Dienstleistungsgesellschaften glauben in allen Bereichen an unendliches Wachstum und lehnen daher jede Begrenzung als "unzumutbare Einschränkung ihrer Möglichkeiten ab" (S. 357). "Grünes Wachstum" stellt diesen Glauben nicht in Frage und kann daher keine Lösung der Probleme sein.
Die einzige mögliche Lösung sieht Bätzing darin, diese Steigerungsdynamik zu unterbinden und sich wieder selbst zu begrenzen.