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Geologisches Gutachten
über
die Erzlagerstätten im Gebiet der Gemeinde Tinzen
(Oberhalbstein Graubünden)
von
Prof. Dr. Chr. Tarnuzzer, Chur
und
Dr. Paul Arbenz, Privatdozent der Geologie, Zürich
Dezember 1913
Inhaltsverzeichnis
I Historisches
über den Bergbau von Tinzen.
Die erste Kunde von Bergbau bei Tinzen im Oberhalbstein im einstigen Gebiet des Hochstifts Chur stammt aus dem Jahre 1338; damals schloss die Familie von Marmels unter sich einen Vertrag über den Betrieb der dortigen Eisenwerke ab, die wohl schon lange bestanden haben mochten. 1349 bestätigte König Karl IV von Dresden aus dem Bischof Ulrich und der Kirche zu Chur alle Freiheiten und Rechtsame der früheren Kaiser und Könige und überliess ihr, während in früheren Belehnungsurkunden von Erzen und Erzgruben nie die Rede war, alle Metalle im Gebiete. Pl. Plattner vermutete darum, dass der Bergbau im bischöflichen Gebiet von Chur um die Mitte des 14.Jahrhunderts und insbesondere die Bergwerke im Oberhalbstein für die bischöfliche Kammer Bedeutung erlangt hatten. Leider ist in den bisher bekannten Akten und der Literatur durch Jahrhunderte nichts mehr über den Bergbau auf Territorium der Gemeinde Tinzen zu erfahren. Im Jahre 1606 erkundigte sich Bergrichter Chr. Gadmer in Davos über die Erzgruben von Mons, Salux und Val Nandró, aber Tinzen ist dabei nicht genannt. Nach Sererhard wurden Erze aus dem Oberhalbstein oder Schams nach der seit 1739 bestehenden Eisenschmelze Sils i.D. verbracht und hier zu Eisen geschmolzen, aber in seinen Angaben über Tinzen steht kein Wort von dortigen Bergwerken. Bundesstatthalter J.A. von Peterelli nennt 1806 die Gebirge von Tinzen, Sur und Marmels erzreich und fügt für Tinzen noch bei: „Von einem Kupferbergwerk sind auf der Tinzener Ochsenberge ganz ob Holz, Spuren dreier Öfen vorhanden. Von wem diese Bergwerke betrieben wurden, weiss man so wenig als wann und warum sie eingegangen sind.“ Roeder und Tscharner berichten 1838, dass seit 30 Jahren eine Gewerkschaft das Erzgebirge in Ferrera mit Erfolg ausbeute, während dem die Oberhalbsteiner Erze zwar nicht unbeachtet, aber niemals genügend bebaut worden seien.
In den uns zugänglichen spärlichen Akten, für deren Vermittlung wir Herrn Dr. A. Grisch in Zürich zu vielem Dank verpflichtet sind, befinden sich Materialien über den Bergbau von Tinzen erst vom Jahr 1819 an. Wir erfahren aus ihnen, aber nur im allgemeinen, auf welche Erze man schürfte, gewinnen aber keine Anhaltspunkte über Erträgnisse und Fachliches überhaupt; die Akten sind Pachtverträge über die Minen, Wald und Terrainverkäufe, Vervollständigungen zu Paragraphen in den Kontrakten etc. Auf Grund dieser Original- und Abschriften, sowie unter Zuhülfenahme der Literatur über den Bergbau in Graubünden kann nur ein sehr lückenhaftes Bild von den bergbaulichen Versuchen und Unternehmungen auf dem Territorium der Gemeinde Tinzen gegeben werden.
Im Jahre 1804 hatte sich auf Veranlassung von Landamann Demenga von Misox, eines Negozianten in Ilanz und phantastischen Kopfes, die Gewerkschaft von Tiefenkasten gebildet, die gleichen Jahres in Chur sich als Bergbaugesellschaft von Tiefenkasten konstituierte und in Reichenau 1808 etablierte. Nach vielen Schürfarbeiten in den verschiedensten Gegenden des Kantons beschränkte sich die Gesellschaft auf die bergbauliche Tätigkeit im Oberland (Obersaxen, Ruis, Andest) und Schams, weil diese Gruben die günstigsten Aussichten darboten; dass während der Dauer der Gesellschaft von 1804-1812 in Tinzen etwas getan worden wäre, ist positiv nicht bekannt. Sehr prekär waren natürlich ihre Erfolge auf angeblich goldhaltigen Eisen- und Kupferkies in Serpentinen oberhalb Tiefenkastels; hier wurde, wie C. Ulysses von Salis-Marschlins im „Neuen Sammler“ 1806 bezeugt, seit einigen Jahren nach Erz gegraben. 1818 bildet sich die meist aus Oberländer Herren bestehende Bündnergesellschaft, die hauptsächlich die Erze auf Puntaiglas bei Truns ausbeutete. Der abenteuerliche Demenga und Staffoni von Brescia waren die Leiter des Unternehmens, Oberbergmeister der Berg-Offizier und Praktikant Karg von Bregenz, später der Neffe Demangs. Im Jahre 1825 betrieb der geschulte und praktisch gebildete Bergmann H. Schopfer von St.Gallen bei Ruis eine Vitriolhütte, für welche er die dortigen Kupfererze benutzte. Auch diese Gesellschaft erlag nach einige Jahren den ungeheuren Verlusten (1826).
Während dieser Periode, am 8. August 1819, kam der Pachtvertrag zwischen der Gemeinde Tinzen (Amtsmann Joh. Otto Spinas) und der Bergbaugesellschaft (Bergbaudirektor J. Karl Dauwitz von Bludenz) über die Erzlager von Tinzen zu Stande. Darnach verkauft die Gemeinde das auf dem gewesenen Schwefelwerk befindliche neu erbaute Wohnhaus nebst Schwefelhütte und die beim Schwefel- und Kupferkieslager (Ochsenalp) stehende Knappenhütte, alle Kiesvorräte etc. um 500 Gulden bünd. Währ. Tinzen überlässt der Gesellschaft den in L’Avagna befindliche „Schwefel- und Kupferkiesstand“ und lässt sie auf alle auf Gemeindegebiet vorkommenden mineralischen Gegenstände schürfen und abbauen, mit Ausnahme der Eisenerze (gemeint sind jedenfalls die Manganerze), „weil schon verpachtet sind.“ Der Konzessionär erhält während 30 Jahren alles nötige Bauholz, Baumaterial etc. aus dem Wald Plazteing, für welchen die genauen Grenzen angegeben werden. Der Pachtzins beträgt für die ersten 15 Jahre je 150, für den Rest (15-30 Jahre) 200 Gulden. Festgesetzt sind die freie Benutzung der Wege und Strassen, das Rechtsdomizil (in Tinzen), die freie Ausfuhr der Produkte, Berücksichtigung der Einheimischen als Arbeiter, sofern sie sich dafür eignen, gleiche Rechtsbedingungen bei Verkauf der Konzession, die Gewährung des Rechtschutzes durch die Gemeinde, die Verantwortlichkeit der Gesellschaft für Kriminalverbrechen ihrer Arbeiter und Angestellten etc. Über die Ausrichtung der Verkaufsgelder und jährlichen Konzessionsbeträge finden sich Quittungen von 1819-1825 zusammen für mehr als 1660 Gulden vor (unterzeichnet von J.O. Spinas).
Seit dem Jahre 1826 nahm eine französische Gesellschaft (erst Lavrat & Co. in Paris) die Bergwerke im Bündner Oberland etc. in Betrieb, auch teilweise die Gruben von Tinzen. Der Handel um das Tinzener Werk kam noch gleichen Jahres zu Stande. Am 31.März 1826 unterzeichneten Amtsmann Mauriz. Dosch und J.C. Dautwitz, Direktor der Vitriolwerke, einen Baukontrakt, nach welchem ein Jahr lang unentgeltlich auf Gemeindeterritorium Eisen (wohl Manganerz) geschürft werden dürfe. Bei Abbauwürdigkeit der Eisensteine soll nach dem Probejahr für 50 Jahre lang Jährlich 40 Gulden Pacht gezahlt werden, welche Summe, zu 5% kapitalisiert, nach dem Probejahr in 800 Gulden bar auszubezahlen ist. die Gesellschaft erhält das nötige Bauholz für die Grubenhütten, Grubenzimmerung etc. in den nächstliegenden Wäldern zu billigen Preisen, wenn sie nicht selbst in der Nähe Wald besitzt, ebenso die freie Benutzung von Baumaterialien, des Wassers, des Gemeindebodens für Werkanlagen, die Benutzung der Strassen und Wege, das Zugeständnis der Anlage neuer Kommunikationsmittel u.s.w. Die Gemeinde hält das Personal der Bergbauten allen Gemeindebürgern in Zivil- und geistlichen Sachen gleich. Sie bedingt sich aus, Eisen zu Wegreifen, Schmiedezwecken und dgl. zu billigem Preise (1 Krinne grobes Eisen zu 12 Kr.), aber nur zu eigenem Gebrauch, von der Gesellschaft zu erhalten. Am 19.November 1826 wurde zwischen den gleichen Amtsstellen ein Kontrakt geschlossen, worin vom Verkauf von Wiesland auf Pro la Veia für die Anlage von Eisenhütten-Gebäuden, Weiderechten und dgl. gesprochen wird. In diesem Vertrage wurde festgelegt, dass die Gemeinde, falls die Gesellschaft nach 50 Pachtjahren aus Mangel an Brennmaterial keine neuen Verträge mehr abschliessen könnte und ihr Eisenhüttwerk zu verkaufen genötigt wäre, das erste Kaufrecht haben sollte. Eine Urkunde vom 2.Juni 1827 enthält die Bescheinigung über die erhaltenen 800 Gulden bündn. Währung für die Konzession der Eisenlager. Ein Artikel des Vertrages wurde bei dieser Gelegenheit dahin erweitert, dass auch die übrigen Eisengattungen den Gemeindeangehörigen von Tinzen um 2 Kreuzer billiger als im freien Verkauf abgegeben würden, nachdem die Eisenwerke in Betrieb gekommen seien. In einem Waldkauf- und Pachtkontrakt vom 24.Februar des gleichen Jahres (unterschrieben von Bergwerksdirektor Dautwitz) wird nochmals erklärt, die Gemeinde überlasse der Bergwerksgesellschaft „alle Schwefel-, Kupferkies- und andere mit vorkommenden Erze“ auf 50 Jahre zur beliebigen Benutzung. Für Waldungen und Erze zahlt die Gesellschaft auf den nächsten Churer Markt 2200 Gulden in bar. Die Gesellschaft verpflichtet sich, zuerst auf der Ochsenalp bis zum Weg nach Spegna das Holz (ausgenommen Bauholz) strichweise zu schlagen und diesen Wald zuerst für ihre Zwecke zu benutzen.
Die französisch Gesellschaft wirtschaftete in Bünden kläglich; die Direktion wechselte des öftern, Unkenntnis, Leichtsinn und Übermut feierten ihre Triumphe, und Streitigkeiten und Prozesse folgten sich. Wie beispiellos traurig es um die Leiter der Bergwerke im Oberland, Oberhalbstein etc. bestellt war, geht unter anderem daraus hervor, dass der an der École politechnique in Paris gebildete und von her berufene Quettel, dem Bericht des Bergmannes Schopfer von St.Gallen zufolge, aus der ganzen Sammlung von Bündnererzen des letzteren den Allophan aus der Tinzener Ochsenalp, ein fast schwammig leichtes, blaugrünes, aus Thonerde, Kieselsäure und Wasser bestehendes, zum Kaolinit gehörendes Mineral, als das beste der gesehenen Bündnererze erklärte! Quettel analysierte nach Schopfer den Braunstein (Manganerz) von Tinzen und fand darin zuerst 6, dann 60% Eisen; aus diesem Erz wollten die Franzosen durchaus und mit einem ungeheuren Kostenaufwand und Kohlenverbrauch Eisen gewinnen. Schopfer erwähnt in seinem geognostischen und hüttenmännischen Beschreibungen der Erzfundstätten in Graubünden 1825 die Kupfererze von Tinzen, und in einem ohne Datum und Unterschrift gebliebenen Originalentwurf eines Vorschlages, der sich unter den Tinzener Akten befindet, wird der Vitriol-, Alaun- und Kupferbergwerke, sowie der Eisensteine auf Gebiet der Gemeinde Tinzen Erwähnung getan. In der Schopfer’schen Erzkarte von Graubünden 1835 stehen die Erze von Tinzen genauer verzeichnet. Im Talgrunde des Dorfes (Windegg) stehen die Ruinen eines Eisenschmelzwerkes, und in der Gegend, wo über dem Brücklein des Errbaches die Wege in die Tinzener Ochsenalp und das Errtal sich teilen, deutet eine rotbraune Schutthalde dicht am Wasser den letzten Rest einer Schmelze für Erze der Ochsenalp an. Um die Mitte der zwanziger Jahre entstand das Eisenwerk Am Stein (Flix an der Julia, unter Salux), für welches ein Kaufvertrag zwischen der Gemeinde Salux und der Bergbaugesellschaft über den Wald God da Flex von 1825/26 Zeugnis ablegt. Nach der Volksüberlieferung wäre für jeden Stamm dieses grossen, für das Klima des Tales so überaus wichtigen Waldes nur 1 Bluzger bezahlt worden! Für dieses Eisenwerk werden die Erze zum grössten Teil aus der Alp Schmorras und von Ziteigl, daneben auch von Sur und aus der Val d’Err bezogen; seine „Blüte“ fiel in die Jahre 1835-40. Als Unternehmer nannte man uns in Salux einen Grafen Limburg-Sterum, als dessen Geschäftsführer und wahrscheinlich Mitteilhaber Kozuszek. Die damalige Bergbaugesellschaft besass auch die Eisenschmelze Bellaluna im Albulatale. Für Tinzen ist in der aus dieser Zeit vorhandenen Akten nur ganz unbedeutendes zu erfahren. Ein italienisch abgefasster Vertrag zwischen der Gemeinde Tinzen und der Gesellschaft M. Bauer & Co. in Chur aus dem Jahre 1831 handelte vom Verkauf des Waldes La Tscheppa zum Preise von 400 Gulden Churer Währ. und mit dem Recht der Ausnutzung auf 5 Jahre, wobei die Einwohner beim Schlagen des Holzes bevorzugt und nach dem Ansatz eines Minimallohnes per Holzklafter Zurichtung gelöhnt werden soll. Die Gemeinde erlaubt der Gesellschaft, Holz aus den Savogniner Waldungen durch den Tscheppawald zu führen. In diesem Schriftstück ist auch erwähnt, dass die Gesellschaft das Eisen zu den Schlitten am Bach zu liefern habe. Im Jahre 1837 bescheinigt Jak. Dosch von Tinzen Eisenlieferungen des Eisenwerkes Am Stein an die Gemeinde (mit Angabe der Preise), Reparaturen von Glockenzapfen und gegossene messingenen Gegenständen. Die letzten uns zugänglichen Tinzener Akten aus dem Jahre 1845 verbreiten sich über Frachtansätze der für die Werkverwaltung Am Stein (Direktion Kozuszek) zu liefernden Kohlenfuhren, über Schadenersatz an Tinzen für Holztransporte aus Savogniner Gebiet durch den Tinzener Wald.
Unterdessen hatte die französische Bergwerksgesellschaft in Bünden derart gewirtschaftet, geschwindelt und Konkurse erlitten, dass der Verfall nicht mehr aufzuhalten war. Sie fiel anfangs der 40er Jahre auseinander; ein Teil derselben hatte sich in Reichenau zuletzt einzig auf den Holzhandel verlegt und schändete die Wälder in verschiedenen Gegenden des Kantons. Während und nach dieser Zeit erfolgten Veräusserungen und Vergebungen von einzelnen der Unternehmungen, so auch die Gründung des erwähnten Eisenwerkes und der Werkverwaltung Am Stein. Die dortige Eisenschmelze wurde 1847 durch Brandstiftung zerstört, nachdem der Betrieb schon eingestellt worden war. In Salux stellt man diesen traurigen Ausgang so dar, dass der Verwalter Kozuszek selber das Werk in Brand gesteckt habe, worauf er sich aus dem Staube machte. Eine Hammerschmiede in Flex unter Salux war alles, was an dieser Stelle bis gegen Ende der 70er Jahre noch betrieben wurde.
Leider ist uns aus dem Archiv von Tinzen nichts von Grubenplänen, Produktionsmengen der Erze, Hüttenrechnungen etc. bekannt geworden. Die Manganerzlager der Gemeinde aber wurden zeitweise noch in den 50-80er Jahren des laufenden Jahrhunderts ausgebeutet. Am 31.März 1862 wurde zwischen Tinzen und G.G. Fink abgemacht, dass die Verträge der Gemeinde von 1826/27 annulliert seien und Fink gegen die Verkaufssumme von 2500 Fr. für die Weide La Veia und die Wiesen Sott Rona (Roffna) eingeräumt werde, auf deren Gebiet für 14 Jahre lang nach Mineralien zu graben. Das ist die letzte Äusserung der vorhandenen Tinzer Akten über den Bergbau in der Gegend. Aber noch mehrmals wurden in den 50-80er Jahren vereinzelte Versuche des Abbaus der Manganerze entweder in der Val d’Err oder in der Sturztrümmergegend unter der Alp digl Plaz von Roffna und hoch oben im Anstehenden unter der Falotta gemacht. Noch in den 80er Jahren führte man Manganerze von Parsettens in der Alp d’Err, wie sich viele Leute in Tinzen zu erinnern vermögen, im Winter auf Schlitten zu Tal.
Am längsten hielt die Ausbeutung der aus der
Falottagegend stammenden Manganerzblöcke auf dem Sturztrümmerboden unter
Alp digl Plaz an; von hier waren noch Proben an der Weltausstellung in
Paris 1889 ausgestellt, worauf, wie wir aus mündlichen Mitteilungen des
ca. 1900 verstorbenen Posthalters Luz. Poltéra in Roffna wissen,
ein Mr. Jeune in Paris mit der Alpgenossenschaft Plaz einen Vertrag
schloss und durch eine Basler Firma angeblich 20'000 kg des Erzes
bestellte; der jährliche Pachtzins war auf über 200 Fr. angesetzt. In der
Folge zerschlugen sich jedoch die Verhandlungen, und seit 1892 erfolgten
von Tinzen keine Erzsendungen mehr. Die gelieferten Manganerze wurden
hauptsächlich zum Härten des Eisens verwendet. Im Jahre 1892
gingen noch 200 Zentner Manganerz vom Trümmerplateau unter der Alp digl
Plaz in die Glashütte Au im St.Galler Rheintale zu Glasurarbeiten
ab. Das Erz wurde auf Schlitten zu Tal befördert. Dieser Transport kommt
der letzten Ausbeutung von Erzen in Graubünden gleich. Das
Manganerz von Tinzen figuriert auch noch in der Erzkollektion des Kantons
an der Weltausstellung von 1900. Auch über die letzte Periode der
Erzausbeutung konnte aus dem Archiv von Tinzen nichts erhoben werden.
II. Geologische Verhältnisse des Gebietes
Die Gebirge von Tinzen gehören nach der heutigen Betrachtungsweise 2 grossen Deckenkomplexen, der lepontinischen (inneralpinen) und der ostalpinen Decke an, deren Massen sich bei der Alpenstauung an und über einander hinbewegten. Teilstücke der ersten grossen tektonischen Einheit im Gebiete sind die Masse grauer Bündnerschiefer im Tal der Julia vom Conterser Stein bis über Roffna hinauf, die als tiefere Serie den Schiefern der Lenzerheide und des Prätigaus entsprechen, sodann die gewaltigen Komplexe der bunten Schiefer mit oder ohne Einschaltungen und Intrusionen von Serpentin, Diorit, Spilit und Diabas und die grauen Kalk- und Thonschiefer der rhätischen Decke, welche die oberste Serie des lepontinischen Deckensystems darstellt. Die Gesteine der rhätischen Decke (Lias und Jura überhaupt) setzen einen grossen Komplex der höheren Schieferseiten des vorderen Oberhalbsteins und fast den ganzen oberen Talteil zusammen. Anscheinend muldenförmig gelagert, biegen sich diese Schiefermassen östlich der Julia in die Höhe und tragen hier die triadischen Kalk- und Dolomitstöcke der Aelagruppe, grünen Granit und Gneis der Errmasse, welche Gesteinsglieder Teile der höchsten Gebirgsdecke, der ostalpinen, repräsentieren. Aber die Schiefer der rhätischen Decke heben sich oben nicht in sichtbarer Muldenbiegung vor den ostalpinen Schichtmassen heraus, sie sinken vielmehr steil unter sie ein und ziehen sich unter ihnen durch, einerseits ins Albulatal, anderseits nach SE ins oberste Inntal, wo sie ähnliche Bedeckungen tragen.
Grundlage der ostalpinen Decke unseres Gebietes sind die grünen Granite, Gneiss und halbkristalline Schiefer der Errgruppe, die Reste und Lappen von Kalken und Dolomit der Trias oder auch des Lias tragen; über diesem kristallinen Gesteinsfusse erhebt sich nach NW hin die ganze ostalpine Sedimentreihe, die in den Bergüner Stöcken untere Rauhwacke Dolomit und Raiblerschichten (ob. Rauhwacke der Trias, dunkle Mergel der Kösser Schichten (Rhät) mit Versteinerungen, helle, graue und rote Liaskalke und - Breccien mit Versteinerungen und Liasfleckenmergel (Algäuschiefer) umfasst. Die Überschiebung der Rhätischen Decke durch die Gesteine der ostalpinen Decke hat es mit sich gebracht, dass an der Bleisota, der Schieferhöhe S des Piz Michél, am Grate Carungas zwischen Val d’Err und der Tinzer Ochsenalp und weiter südöstlich gneisartige Gesteine (zum Teil mit Verrucano) mitten aus den grauen und bunten Schiefern oder aus Serpentin hervorbrechen: das sind isolierte, überschobene Kappen der kristallinen Grundlage der ostalpinen Decke, nicht etwa in der Tiefe wurzelnde Gesteinsmassen. Anderseits werden durch Verwitterung und Abtragung Komplexe der ostalpinen Sedimente zerstört und entfernt, bis an manchen Stellen, so im Hintergrund des Val d’Err, zwischen den verbliebenen Kappen ostalpiner Sedimente die Gesteine der darüber lagernden Rhätischen Decke buchtenartig hervortreten und hier in einer längeren Zone zu verfolgen sind.
Graue, W-E streichend und N fallende Kalktonschiefer (Bündnerschiefer) bilden den Eingang in die Val d’Err, die auf der linken Talseite über Pensa bald bunten, namentlichen roten Kiesel- und Tonschiefern Platz machen. Ein triadischen Kalk- und Dolomitkomplex unterbricht an der Felsenschwelle und Talschlucht unter den vorderen (alten) Hütten der Alp d’Err die bunten Schiefermassen, deren Schichten, NE streichend und SE fallend, sich zum äusseren Grate der Höhe Carungas hinaufschieben. Auf der Vorderseite der Val d’Err, im Hintergrunde von Cotschna, fallen die Schiefer steil unter die gleichen Gesteine des Piz Val Lung und des Aela ein. Die roten Kieselschiefer und Hornsteine (Radiolarit) mit Einschlüssen von Strahlrhyzopoden (Urtieren) sind von jurassischem, wahrscheinlich oberjurassischem Alter und erregen vor allem wegen ihrer mächtigen Verbreitung und des Umstandes, dass sie linsenförmige Lager von Manganerzen enthalten, unsere Aufmerksamkeit. Der rote Radiolarit wechsellagert mit grünen Kiesel- und rot gefärbten, ebenfalls in der Tiefsee abgesetzten Tonschiefern, auch mit grauen Kalkschiefern ab und bildet mit diesen riesig gefaltete und verknetete Schichtkomplexe, die den ganzen Pizza Grossa (2943) unter den Lajets zusammensetzen und sich am Piz Salteras (3114) bis an den oberen Rand des Gletschers hinaufziehen. Am Pizza Grossa sind dem Radiolarit grosse Lager von blendend weissem Quarzit eingeschaltet. Soweit uns bekannt ist, enthalten diese Kiesel- und Hornsteinschichten auf der ganzen nördlichen und nordöstlichen Talseite von Val d’Err nur Spuren von Manganerz, während sie an der Südostseite der Höhe Carungas vor dem Passübergang der Furtschella Linsen des Erzes führen. Gipfel und Grat des Carungas (2917) sind höchst kompliziert gebaut. Rauhwacke und Dolomit der Trias, Liaskalk, konglomeratischer Verrucano und grünlicher Gneis überschieben hier in fast ordnungsloser Lagerung die bunten Schiefermassen der rhätischen Decke und ruhen ihr als Kappen auf. Ein Steifen von Triasdolomit zieht sich vom forderen Carungasgrate zum Errtälchen hinab, verschwindet hier aber bald unter Moränen und Sturzschutt. An der Passlücke der Furtschella vor der Tinzer Ochsenalp erscheinen mit den bunten Schiefern Serpentinmassen, und weiter südlich erheben sich wieder Köpfe von Gneiss und halbkristallinen Schiefern.
Auffallend ist, was wir auf der NE-Seite der Val d’Err nicht bemerkten, dass die grünen und roten Hornsteinschiefer (Radiolarite) unter der Furtschella mit Serpentin in Verbindung treten und sich über die Passlücke nach der Tinzener Ochsenalp (Colm da Bovs) immer mächtiger ausdehnen, bis sie in der Mitte dieses Tälchens, besonders aber in seinem Hintergrunde die grösste Mächtigkeit und Verbreitung gewinnen. Im Serpentin von L’Avagna der Ochsenalp liegen die alten Pyrit- und Kupfergruben mit Vewitterungsprodukten von Brauneisenerz (Limonit). Auf der NE-Seite schneidet das erzführende Gestein am Sericit-Gneiss ab, während SE über den beiden sichtbaren Einschaltungen von Serpentin rostbraune Rauhwacke der Trias oder graue Bündnerschiefer die Serpentinlinsen begrenzen.
Eine Betrachtung der darüber folgenden Höhen des Errstockes mit seinem granitenen Aufbau und den erhaltenen Lappen und Resten ostalpiner Sedimente kann nicht mehr im Rahmen unserer Arbeit liegen, ebenso wenig die Skizzierung der geologisch ähnlichen Verhältnisse des landschaftlich grossartigen Hintergrundes der Val d’Err. Erzlager sind auf dem Gebiet von Tinzen nur im Bereich der rhätischen Decke bekannt geworden und wir vermochten keine neuen aufzufinden.
Es bleibt noch übrig, in aller Kürze die Gesteinsfolge in der rhätischen Decke von Roffna über die Alp digl Plaz hinauf gegen die Falotta und den Manganerzlagern westlich dieser Höhe zu betrachten. Hinter Roffna folgen bergwärts fallende kirschrote Radiolarite und bunte metamorphosierte Schiefer, teils serpentinisierte, teils spilitisch und rote Tonschiefer mit Quarz- und Calcitadern und -Lagern, hochgradig gewunden und verknetet. Südlich der letzten Häuser von Roffna erscheint der erste Serpentinaufschluss mit brecciösem Serpentin und Ophicalcit (Serpentin-Calcit-Marmorbreccie). Nach einer Serpentinschutthalde führt grüner Diabas- oder Spilitschiefer zum Diorit-Diabasstock der Felsschlucht der Uagl digl Plaz, dessen aus Plagioklas-Orthoklasfeldspat, Augit und Chlorit bestehendes Kerngestein randlich in grünen Diabasschiefer übergeht. Talaufwärts folgen am unteren Gehänge stark gefaltete und gestauchte grüne Spilitschiefer, serpentinisierte und graue bis grünliche tonig-talkige Schiefer, sowie Kalksandsteine der Bündnerschieferstufe an der Julia-Brücke.
Graue und bunte Schiefer mit Serpentin halten an bis zu der mit Moränen und Trümmern überdeckten Alp digl Plaz (1854 m), über welcher Serpentin, Spilit und Spilitschiefer am Hange auftreten. In den stark gefalteten Radiolariten der Höhe tritt abnorm eine mit Grünschiefern verquetschte Linse von Triasdolomit auf, und darauf folgt Serpentin der Falotta (2427 m). Dieser ruht auf Massen von Spilit und Spilitschiefern, die auch kirschrot oder rotgrün gefleckte sind und daher, oberflächlich besehen, leicht mit den bunten Kieselschiefern verwechselt werden können.
Die zumteil von grauen und gelblichen Kalkschiefern begleiteten roten Radiolarite zwischen dem Spilitkopfe des Punktes 2227 m d.K. und dem Serpentin der Falotta, ganz nahe dem ersteren, enthalten in Schwärmen Linsen und Knollen von Manganerz eingeschaltet, und hier befinden sich Gruben wie unter der Furtschelle in der Val d’Err. Man muss annehmen, dass die basischen Eruptiva, Diorit und Spilit, am Hange zwischen Roffna und der Falotta etc. erst nach Ablagerung der Radiolarithornsteine, die wahrscheinlich von oberjurassischem Alter sind, intrudiert wurden.
In den bisherigen kurzen Darlegungen wurden mehrere Lokalitäten erwähnt, wo Gesteine verschiedener Gebirgsdecken und Serien durch Pressung, Stauchung und zum Teil förmliche Durchstechung kaum entwirrbare Knäuel bilden. Solche stellenweise Press- oder Quetschzonen mit fast ordnungslos gehäuften Schichtteilen der rhätischen und ostalpinen Decke werden an der Furtschella, an der Höhe Carungas, bei den Pyrit- und Kupferkiesgruben in der Tinzener Ochsenalp und unter der Falotta angedeutet. Da schon die Manganerzlager in den roten Radiolarienhornsteinen der weniger gestörten Zonen verhältnismässig begrenzte Verbreitung haben, so ist es natürlich, dass ihre Regelmässigkeit durch solche Einschiebsel noch mehr beeinträchtigt wird und der Bergbau in solchen Gegenden geognostisch sehr erschwerte Verhältnisse vorfindet.
Am Schluss dieses Abschnittes sei noch in
aller Kürze auf die Oberflächenbildungen der behandelten Gegenden
eingetreten. Starke Moränen und Sturztrümmer decken den
Talboden bei den alten Hütten der Alp d’Err (hier zwischen
gletschergeschliffenen Rundhöckern der Felsen) und weiter einwärts;
auch wo man von der neuen Alphütte zu den Manganerzgruben von
Parsettens unter der Furtschella aufsteigt, reicht am Hange
eine Moräne aus dem oberen Talteil her. Von der Höhe Carungas
ziehen sich die Trümmerstriche ansehnlicher Bergstürze zum Teil bis
ins Errtal herab, und die in Parsettens angelegten Grubenbauten
(2240 – 2280 m) gehören zweifellos einem alten Abbruchgebiete an,
dessen mit Manganlinsen bedachte Radiolarit zur Hauptsache vom
Anstehenden (2340 – 2360) am Südostfusse der
Carungashöhe also etwa
100 m weit abgeglitten und verbrochen worden sind. Dieser Umstand müsste
neuen
Abbauversuchen auf Parsettens an und für sich schon sehr hinderlich
sein. Gewaltige Moränen sind weiter im Ochsenalptälchen,
grosse Bruch- und Sturztrümmer in dessen Hintergrund
verbreitet. Im Haupttale der Julia scheint ein grosser Teil der
Waldhänge God da Rona zwischen Roffna und Plaz Beischen
aus alten Trümmermassen zu bestehen, die sich von dem über der Alp
Surnegn bogenartig sich hinziehenden Bergkamme ablösten. Auch die
Manganerztrümmer auf dem Wald- und Weideboden unter der Alp digl
Plaz, die dort mit Gneiss-, Spilit-, Dolomit- und
Bündnerschiefertrümmer umherliegen, sind Sturzmassen aus der
Höhe zwischen Punkt 2227 m d.K. und der Falotta. Die hier vorhandenen
Erztrümmer sind grösstenteils schon weggeführt und verwendet worden. Da
über diesen Sturztrümmern auf der Alp digl Plaz Moräne liegt, so
müssen die Bergstürze vom Falotta- und Alp Surnegn-Grate sich noch
vor Schluss der Glazialzeit ereignet haben
III. Beschreibung der einzelnen Lagerstätten