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Museo Castello San Materno
11. Oktober - 30. Dezember 2018
Die Ausstellung besteht aus einer Auswahl an Werken der Marianne Werefkin Stiftung und der Sammlung der Gemeinde Ascona und möchte an die Freundschaft erinnern, welche die zwei Frauen in Ascona verbunden hat, wo beide viele Jahre ihres Lebens verbracht haben.
Die erste Begegnung geht auf den Frühling des Jahres 1919 zurück, als die Aargauerin Anna Iduna Zehnder das Atelier der Russin Marianne Werefkin besucht. Wie sehr Zehnder von Marianne Werefkins Persönlichkeit beeindruckt ist, wird von den Worten bezeugt, die sie in ihr Tagebuch schreibt: „Sie hat etwas Vernarbtes an sich, Narben der Tapferkeit, etwas Ungebändigtes, das Ungebändigte eines Flusses, der aus einer gesunden und tiefliegenden Quelle gespeist wird.“
Zwischen Werefkin und Zehnder, beides Frauen mit einer grossen Persönlichkeit, entsteht eine sicherlich bemerkenswerte Freundschaft, voller gegenseitiger Achtung und Gemeinschaft. Beide verfolgen ihre Ideale und führen so ein Leben ausserhalb der traditionellen Normen: ohne sich je zu verheiraten, umgeben von treuen, erlesenen Freundschaften und sozial engagiert. Es ist nicht dokumentiert wie viel sie wirklich geteilt haben, aber es ist sicher, dass sie einen Kontakt gepflegt und sich gegenseitig unterstützt haben. Werefkin, indem sie für die Schweizer Freundin Möglichkeiten an Ausstellungen teilzunehmen aufgetrieben hat, Zehnder, indem sie die ältere russische Freundin getröstet und gepflegt hat, als sie arm und allein versuchte ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen, nachdem sie von ihrem Lebensgefährten Alexej Jawlensky 1922 verlassen wurde.
Mit ähnlichen künstlerischen Vorstellungen haben beide im Namen einer Kunst als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit geschaffen, einer lyrischen, empathischen, transzendenten Kunst.
Museo Castello San Materno, Ascona
wird 1860 in Tula (Russland) in einer aristokratischen Familie geboren, Tochter der Malerin Elizaveta Daragan und des Infanteriegenerals Wladimir Werefkin. Die Eltern unterstützen das Talent der Tochter, indem sie ihr eine solide künstlerische Bildung ermöglichen. In der Tat wird Marianne 1880 Privatschülerin von Ilja Repin, dem bekanntesten Vertreter des russischen Realismus. 1883 schreibt sie sich an der Akademie von Moskau ein, unter der Leitung von Illarion Prjanischnikow, einer der wichtigsten Maler der Gruppe der „Wanderer“ (rus. Peredwischniki). Diese setzte sich dafür ein, durch Wanderausstellungen die Kunst unter das Volk zu bringen, mit der auch Werefkin mit Erfolg ausstellt, bevor sie sich den symbolistischen und post-impressionistischen Bewegungen der russischen Avantgarde anreiht.
1886 wird Mariannes Vater zum Kommandanten der Peter und Paul Festung in Sankt Petersburg ernannt. Hier erfolgt 1892 die Begegnung zwischen Marianne Werefkin und dem jungen Offizier Alexej Jawlensky, der Abendkurse in Repins Akademie besucht: für beide handelt es sich sowohl im persönlichen Leben als auch in künstlerischer Hinsicht um den Beginn einer bedeutungsvollen Beziehung. Werefkin entscheidet sich sogar den jungen Künstler zu unterstützen und zu fördern. 1886 wird Mariannes Vater zum Kommandanten der Peter und Paul Festung in Sankt Petersburg ernannt. Hier erfolgt 1892 die Begegnung zwischen Marianne Werefkin und dem jungen Offizier Alexej Jawlensky, der Abendkurse in Repins Akademie besucht: für beide handelt es sich sowohl im persönlichen Leben als auch in künstlerischer Hinsicht um den Beginn einer bedeutungsvollen Beziehung. Werefkin entscheidet sich sogar den jungen Künstler zu unterstützen und zu fördern. 1896 übersiedeln die beiden nach München, wo Werefkin für zirka zehn Jahre aufhört zu malen und wo sie sich dem Kreis, der in ihrem Salon entsteht, widmet, der zu einem Treffpunkt der internationalen Avantgarde von Intellektuellen und Künstlern wird. Hier versammeln und unterhalten sich in lebhaften Diskussionen um die aktuellsten Themen der Kunst, Persönlichkeiten wie Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Franz Marc, Paul Klee, Alfred Kubin, Emil Nolde, der Komponist und Maler Arnold Schönberg, der Tänzer Alexander Sacharoff, Sergej Djaghilev und viele andere. Das Zentrum der Anlässe ist Marianne Werefkin, die durch ihr ausserordentliches Wissen Anstoss auf immer neue Dialoge gibt und deren Kenntnisse auch von den Lettres à un inconnu bezeugt werden, ein zwischen 1901 und 1905 geschriebenes Tagebuch, in dem Werefkin einem imaginären Gesprächspartner ihr Streben nach einer gänzlich neuen Kunst anvertraut. 1906 fängt sie wieder an zu malen, indem sie der Farbe und der Form diejenige expressive Kraft verleiht, die über eine einfache mimetische Darstellung der Realität hinausgeht. 1909 ist sie unter den Gründern der Neuen Künstlervereinigung München und nimmt später an den Ausstellungen des Blauen Reiters teil.
Anlässlich des Ausbruchs des ersten Weltkrieges 1914 sind Werefkin und Jawlensky dazu gezwungen Deutschland zu verlassen. Sie lassen sich zuerst in Saint Prex am Genfersee nieder, dann, 1917 in Zürich, wo sie im Dada-Milieu verkehren. Dank den hier entstandenen Kontakten zieht das Paar 1918 nach Ascona, wo Werefkin bis ans Ende ihres Lebens bleibt, während Jawlensky 1921 entscheidet, nach Wiesbaden (Deutschland) zu ziehen.
In Ascona entwickelt sich Marianne Werefkins Kunst in zwei Richtungen: eine mehr mystische und visionäre, und eine, die menschliche und soziale Fragen behandelt. In Ascona, obwohl in Armut lebend, setzt sich die Künstlerin aktiv für kulturelle Belange ein: 1922 ist sie mit Ernst Kempter und Antonio Giugni-Polonia Mitbegründerin des Gemeindemuseums, deren Sammlung durch die Schenkung eigener Werke der in Ascona arbeitenden Künstler entsteht. Darauf folgt 1924 die Gründung der internationalen Künstlergruppe „Der Grosse Bär“, mit der sie regelmässige Ausstellungen in Ascona, aber auch in der deutschen und französischen Schweiz veranstaltet. Über die künstlerischen Tätigkeiten hinaus, integriert sich Werefkin völlig in das Leben des kleinen Dorfes. Sie steht der lokalen Bevölkerung sehr nah, welche sie zur „nonna“ (dt. Grossmutter) von Ascona ernennt. In Folge gesundheitlicher Probleme, die sich mit der Zeit verschlechtern, stirbt Marianne Werefkin 1938 in Ascona.
verliert mit 5 Jahren beide Eltern, die an Tuberkulose sterben und wächst zunächst bei den Großeltern in Birmenstorf, ihr Geburtsort, auf und später bei ihrem Großonkel Gottlieb Zehnder in Aarau. 1904 beginnt sie in Zürich das Medizinstudium, das sie allerdings bald unterbrechen muss, weil auch sie an Tuberkulose erkrankt und das sie erst 1911 fortsetzen kann, nachdem sie sich zur Konvaleszenz in den Schweizer Alpen, und zwar in Davos und Clavadel, aufgehalten hat. Hier, mit sich alleine, entdeckt sie ihre Leidenschaft für das Zeichnen und das Malen, welche sie nicht mehr loslassen wird, nicht einmal als sie 1914 das Studium an der Universität Basel mit dem Doktor der Medizin abschliesst und sich gewissenhaft ihren Patienten, zuerst in einem Sanatorium in Ägeri (Zug) und dann in der Chirurgie des Krankenhauses in Zug widmet.
Für Ihre künstlerische Zukunft ist aber vor allem 1917 ein entscheidendes Jahr, als sie sich mit ihrer Freundin und Lebensgefährtin Emmy Thurnheer in Locarno-Monti aufhält, wo sie sich intensiver auf die Malerei konzentrieren kann. Nach einigen Monaten zieht sie nach Ascona, um die Kunstschule des Rumänen Arthur Segal zu besuchen, der schon 1914 sein Haus in eine Begegnungs- und Zufluchtsstätte für Anarchisten, Sozialisten und Kommunisten verwandelt hatte. Dank Segals mäeutischer Lehrmethode löst sich Anna Iduna von allem was sie vorher erlernt hatte, auf der Suche der eigenen malerischen Sprache, Ausdruck ihrer eigenen Persönlichkeit. Dank ihres Lehrers, den anderen Schülern (Ernst Frick, Arthur Bryks, César Domela) und vielen anderer Künstler der deutschen Avantgarde die in Ascona leben, findet Anna Iduna Zehnder den idealen Ort, um sich sowohl künstlerisch als auch in ihrer Arbeit als Ärztin weiter zu entwickeln. So befreit sie sich künstlerisch immer mehr von den ersten im pointilistischen Stil der Franzosen gemalten Landschaften, um zu einer reiferen abstrakten Ausdrucksform zu gelangen, wo organische Formen und Farben „erklingen“, die direkt aus dem Unbewussten hervorströmen. Diese Eigenheit ihrer Kunst ist auch von ihren anthroposophischen Interessen beeinflusst, die sie seit 1919 weiterführt, dank der Begegnung mit einer Patientin, die Russin Anta Zavistovska, welche sie in das Studium von Rudolf Steiners Anthroposophie einführt.
1922 zieht Zehnder in die „Villa Artemide“ in Ascona um, wo sie ihr eigenes Atelier sowie eine feste Arztpraxis einrichtet. Sie wird offiziell zur „Dottoressa“ (dt. Ärztin) des Dorfs und erhält die formelle Berufszulassung des Kantons Tessin, als Ärztin und Chirurgin zu praktizieren. Aufgrund einer Krankheit ihrer Lebensgefährtin Emmy Thurnheer begeben sich die beiden Frauen 1923 in die Klinik von Dr. Rudolf Steiner in Arlesheim. Der therapeutische Ansatz von Steiner beeindruckt Zehnder stark, und sie beschließt, die anthroposophischen Studien zu vertiefen. So setzt sie einerseits ihre Ausbildung fort, nimmt regelmäßig an Studientagen in Dornach teil und wird Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft und arbeitet andererseits immer mehr mit den Patienten, wobei sie in ihrer Behandlung die traditionelle Medizin und anthroposophischen Praktiken vereint, die weniger auf den Körper als sich vielmehr auf das Unbewusste beziehen und in denen Medizin, Eurythmie, Sprachgestaltung sowie Musik und malerische Kunst zusammenfließen. In diesem Zusammenhang werden ihre Werke immer symbolischer. Die Farben werden nach den anthroposophischen Postulaten gewählt im Versuch sich der Transzendenz zu nähern. Freie Formen die zur Vertikalen neigen, mit der Idee die Realität zu überholen, einen Spiegel des Innenlebens der Künstlerin, Vermittlerin zwischen Himmel und Erde. Dieser Wechsel zwischen der medizinischen Tätigkeit in Ascona und den Studienaufenthalten in Dornach prägen die folgenden 20 Jahre im Leben von Anna Iduna Zehnder und zwar mindestens bis 1945, als das fortschreitende Alter und ihr schwankender Gesundheitszustand sie zwingen, die Arbeit stark einzuschränken und schließlich die Praxis zu schließen. Mit dem Tod von Anna Iduna Zehnder am 8. März 1955 im Alter von 78 Jahren vollendet sich dieses für eine Frau ihrer Zeit außergewöhnliche Leben.
Marianne Werefkin | Tragische Stimmung | 1910 | Tempera auf Papier auf Karton | 46.8 x 58.2 cm | Sammlung Gemeinde Ascona, Museo Comunale d'Arte Moderna, Ascona
Marianne Werefkin | Heimkehr | 1909 | Tempera auf Papier auf Karton | 52 x 80.5 cm | Sammlung Gemeinde Ascona, Museo Comunale d'Arte Moderna, Ascona
Marianne Werefkin | Nach dem Sturm | 1932 | Tempera auf Papier auf Karton | 28 x 38 cm | Sammlung Gemeinde Ascona, Museo Comunale d'Arte Moderna, Ascona
Anna Iduna Zehnder | Im Garten | 1917 | Öl auf Karton | 31 x 48 cm | Sammlung Gemeinde Ascona, Museo Comunale d'Arte Moderna, Ascona
Anna Iduna Zehnder | o.T. | o.J. | Öl auf Karton | 43.5 x 28.5 cm | Sammlung Gemeinde Ascona, Museo Comunale d'Arte Moderna, Ascona
Anna Iduna Zehnder | o.T. | o.J. | Öl auf Leinwand | 64 x 50 cm | Sammlung Gemeinde Ascona, Museo Comunale d'Arte Moderna, Ascona