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In der nebenläufigen Programmierung ist Fire and Forget ein Prinzip, bei dem untergeordnete Aufgaben gestartet werden und anschliessend nicht mehr auf deren Beendigung gewartet wird. Man kann davon ausgehen, dass der Task dann irgendwann zu Ende sein wird, und das Ergebnis wird dann schon stimmen. Eine Beispiel hierfür wäre eine Datensicherung, die von einem lang laufenden Server gestartet wird. Sofern der Server nicht neu gestartet wird, dürfte der Vorgang dann schon zu Ende laufen.
Beim Prinzip Fork and Join wird ein Task (bzw. werden mehrere Tasks) nebenläufig gestartet. Man wartet aber anschliessend auf ihr Ergebnis, um den nächsten Verarbeitungsschritt erledigen zu können. Ein Beispiel hierfür wäre etwa eine nebenläufige Sortierung eines grossen Arrays, das zunächst in Unterarrays aufgeteilt (Fork) wird, und dessen sortierte Unterarrays dann zusammengeführt werden (Join), wie etwa beim Merge Sort.
Beide Modelle haben ihre Berechtigung. Man sollte sich aber dessen bewusst sein, welches Modell für eine gestellte Aufgabe das richtige ist. Und genau hier beginnt das Problem: Nicht unbedingt ein technisches, sondern ein alltägliches: Wie einfach ist es, mit einer neuen Sache zu beginnen, und wie schwierig ist es, die Sache dann auch wirklich zu einem Abschluss zu bringen!
Egal ob Fire and Forget oder Fork and Join: Es muss in beiden Fällen eine (Unter)aufgabe gestartet werden. Beim Programmieren sind das Prozesse oder Threads im weitesten Sinne. Im Alltag könnte das z.B. eine E-Mail sein, mit der eine Diskussion eröffnet wird; die Zuweisung einer Aufgabe, deren Ausführung man später kontrollieren sollte; das Anlesen eines Buches, dass dann irgendwo herumliegt, und sich offenbar nicht von alleine fertigliest; das Erteilen einer Hausaufgabe, für deren Kontrolle man dann doch keine Zeit hat.
Beim Programmieren ist das Prinzip Fire and Forget wesentlich einfacher umzusetzen als Fork and Join. Bei ersterem startet man einfach eine Aufgabe, die dann nebenläufig oder gar parallel abläuft. Am einfachsten ist dies wohl mit der Programmiersprache Go zu demonstrieren. Der synchrone Funktionsaufruf
performLongRunningJob()
kann einfach durch Voranstellen des Schlüsselwort
go in einen nebenläufigen
Funktionsaufruf verwandelt werden:
go performLongRunningJob()
Schwieriger wird es bei Funktionen, an deren Ergebnis (bzw. Rückgabewert) man interessiert ist. Der Funktionsaufruf
result := performLongRunningJob()
lässt sich nicht so einfach nebenläufig ausführen; hier ist ein Channel zur Kommunikation des Rückgabewertes nötig:
resultChan := make(chan interface{}) performLongRunningJob(resultChan) result := <-resultChan
Hier dürfte das
async/
await-Muster anderer Programmiersprachen syntaktisch
einfacher sein, aber eine Erkennis bleibt: Fork and Join ist anspruchsvoller
als Fire and Forget ‒ und für viele Anwendungsfälle der einzig zielführende
Weg.
Unsere Zivilisation erlaubt uns vielerorts das unkompliziertere Fire and Forget zu betreiben. Den Kehricht werfen wir in einen Gebührensack und diesen dann in einen Container. Der Hauswart kümmert sich darum, dass der Container am Sammeltag am Strassenrand steht, und die Müllabfuhr holt dann alles ab. Dahinter verbirgt sich eine gewaltige logistische Leistung, denke man nur an den Umfang des Entsorgungskalenders, der einem einmal jährlich per Post zugestellt wird. (Hierfür soll es ja mittlerweile Apps geben, welche die ganze Lieferkette noch wesentlich komplizierer machen, zumal noch IT darin involviert ist.)
Der Forget-Teil ist hier aber oftmals subjektiver Natur; d.h. wir denken nicht länger an die vorabends in den Müll geworfene Chipstüte. Die Müllabfuhr und die Kehrichtverbrennungsanlage muss sich aber noch darum kümmern. Dort setzt das Vergessen erst ein, wenn der Abfall verbrannt ist. Die dabei ausgestossenen Gase und der sich an der Verbrennungsanlage absetzende Russ sind dann wiederum die zu lösenden Probleme anderer Industriezweige (etwa von Zertifikatshändlern und Kaminfegern). Solange aber die Müllverbrennungsanlage ordnungsgemäss gewartet wird, braucht man auch hier nicht mehr an den konkreten Müll zu denken: Fire and Forget.
Komplizierter ist die Sache bei der Entsorgung von Elektronikartikeln oder Fahrzeugen. Sobald diese nicht mehr leistungsfähig genug sind oder nicht mehr den strengen Regelwerken unserer fortgeschrittenen Zivilisation (Sicherheitsanforderungen, Strassenverkehrsordnung) entsprechen, werden sie nicht etwa entsorgt, sondern in einen anderen Weltteil mit weniger hohen Leistungs- und Sicherheitsanforderungen exportiert. Elektronik wird teilweise in offenen Feuern verbrannt, um an die Kupferkabel zu gelangen. Fahrzeuge hingegen werden teilweise noch jahrelang betrieben, bevor sie dann zwecks Metallgewinnung auch zerlegt werden. Zwischen Fire und Forget können hier also Jahrzehnte liegen; Gesundheitsschäden durch eingeatmete Verbrennungsgase können gar ein Leben lang nachwirken, wenn nicht sogar auf Folgegenerationen.
Wir machen es uns also oft etwas zu leicht mit dem Fire and Forget-Ansatz, wo wir wieder zurück beim Programmieren wären: Sollte ein asynchron gestarteter Backup-Vorgang nicht vielleicht doch abgewartet werden, dass man Erfolg und Misserfolg zum Schluss zurückmelden könnte? Wird dies ausgelassen, und wird der lang laufende, übergeordnete Serverprozess (Elternprozess) häufig (etwa aufgrund eines Memory Leaks) neu gestartet, dürfte der lange andauernde Backup-Vorgang (Kindprozess) nicht erfolgreich ablaufen. Bemerkt wird dies erst dann, wenn man durch Datenverlust zu einem Restore gezwungen wird: wann es also bereits schon zu spät ist. Erscheint uns hier Fire and Forget zunächst als legitim, kommen wir bald zur Erkenntnis, dass Fork and Join wohl doch die bessere, wenn auch schwierigere Lösung gewesen wäre.
Mein wachsender Stapel angelesener Bücher und der weniger werdende, da durch Elektronik eingenommene Platz in meiner Wohnung weisen mich immer öfters darauf hin, dass ich es mir mit Fire and Forget wohl etwas zu einfach mache.
Bei Elektronikartikeln haben wir vor vielen Jahren die beim Kauf zu entrichtende vorgezogene Entsorgungsgebühr eingeführt. So kann man ausgediente Geräte einfach zur Verkaufsstelle zurückbringen, die den Artikel dann der ordnungsgemässen Entsorgung zuführen sollte: Brennende Haufen von Elektroschrott auf afrikansichen Müllkippen sollten dann eigentlich nicht mehr von unserer Elektronik befeuert werden. («Sollten», denn aus Sicht des Kunden haben wir es hier ja mit Fire and Forget zu tun; ich persönlich habe die Elektronik-Entsorgungskette noch nie versucht nachzuverfolgen.)
Bei persönlichen Interaktionen, etwa beim Vorgesetztenverhalten am Arbeitsplatz oder beim Lehrer-Schüler-Verhältnis in Schulen, lässt sich das Problem nicht so einfach lösen: Vorgesetzter und Lehrer können nicht beim Erteilen der Aufgabe eine vorgezogene Kontroll- und Korrekturgebühr (gemessen in Zeiteinheiten) entrichten, wodurch dann dieser abschliessende Vorgang garantiert durchgeführt wird. Stattdessen muss hier auf einem virtuellen Zeitkonto eine entsprechende Ressource in der Zukunft reserviert werden, die dann nicht von einem anderen Vorgang eingenommen werden darf. Wir müssen also mit dem Erteilen einer Aufgabe auch immer ein Versprechen für die Zukunft machen, um deren Erledigung kontrollieren zu können. Hält man sich nicht an dieses Versprechen, oder gibt man es zu Beginn gar nicht ab, verwenden wir das bequemere Fire and Forget wo, wir stattdessen Fork and Join machen müssten.
So wäre ich an der These dieses Artikels angekommen: Viele Probleme der modernen Gesellschaft ‒ Umweltverschmutzung, Zeitnot, Führungsversagen, die oft zitierte Bildungskatastrophe ‒ sind dadurch mitverschuldet, dass man sich zu oft Fire and Forget begnügt, wo man mit Fork and Join arbeiten müsste. Etwas überspitzt könnte man den Begriff Verantwortung mit dem Prinzip Fork and Join gleichsetzen: Man löst nicht nur einen Vorgang aus, sondern kümmert sich dann auch um dessen Folgen. Oder genauer: beim Auslösen eines Vorgangs ist man sich nicht nur dessen bewusst, dass man zu einem späteren Zeitpunkt die Folgen desselben zu bewältigen haben wird, sondern auch, dass man für verschiedene eingetretene Szenarien einen Plan bereithalten muss. (Hat der Schüler die Aufgabe zufriedenstellen gelöst, wird er dafür gelobt; andernfalls fordert man ihn zur Nacharbeit auf: ein erneuter Fork and Join-Vorgang wird initiiert.)
Auch hier ist ein Blick auf die Softwareentwicklung erleuchtend, zumal gewisse Programmiersprachen bei der Auswertung von Funktionsergebnissen ein erschöpfendes, d.h. alle Fälle berücksichtigendes Pattern Matching erfordern; bzw. man explizit angeben muss, dass man für gewisse Ausgänge keine Reaktion vorgesehen hat, um so von Compilerwarnungen verschont zu bleiben. Als Programmierer muss man somit über die Probleme nachdenken, bevor sie eingetreten sind. Zurück in den Alltag übersetzt, könnte man sich also bei einer Handlung folgende Fragen stellen:
- Genügt das Prinzip Fire and Forget, oder benötige ich einen Plan, wie ich mit den Konsequenzen meiner Handlung umgehen muss (Fork and Join)?
- Ist mein Pattern Matching erschöpfend, oder habe ich auf jetzt schon erwartbare Ausgänge meiner Handlung gar keinen Plan?
Die Welt ist kein Computer und die Menschen sind keine Prozesse. Dennoch bin ich gespannt, ob diese Analogie bei der Analyse ersterer hilfreich sein wird.