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Vielleicht war es Michel Fabers viktorianischer Bordell-Roman The Crimson Petal and the White, der ein neues Interesse an der alten Institution geweckt hat. Oder aber tatsächlich die französischen Debatten über Legalisierung und Besteuerung von Bordellen, wie Bertrand Bonello selber meint. Auf jeden Fall knüpft er mit seinem prachtvollen Ausstattungsfilm dort an, wo Louis Malle 1978 mit Pretty Baby aufgehört hat.
L’Apollonide ist ein Edelbordell am Ende der Belle Epoque in Paris, mitten in der Morgendämmerung des 20. Jahrhunderts, wie es im Film heisst. Marie-France, die Madame (Noémi Lvovsky), führt das legale und unter staatlicher Kontrolle stehende Haus mit eiserner, aber mütterlicher Hand. Ihre Mädchen bevölkern am Abend den prachtvollen Salon im Parterre, aufgeputzt und munter, willige und kostspielige Gespielinnen vor allem für reguläre männliche Gäste, vermögend samt und sonders, und in der Club-Atmosphäre zuhause. Einen Stock höher, in der Bel Etage, finden sich die nicht minder prächtigen Schlafzimmer, wo es zur Sache geht. Und unter dem Dachboden schliesslich teilen sich die „Working Girls“ die Dienstmädchenkammern und Betten. Aus dem Haus dürfen sie nur in Begleitung von Madame oder eines Kunden – alles andere würde als Strassenprostitution geahndet und ist verboten. Damit macht der Staat die Frauen zu Gefangenen – allerdings ohne dass der Film das wörtlich verkünden würde.
Bonello stützt sich bei seiner fiktionalisierten Schilderung vor allem auf das Buch Daily Life in the Bordellos of Paris, 1830-1930 von Laure Adler, erklärt aber der Autorin in einem im Presseheft abgedruckten Interview, ihn hätte einerseits wie immer der Aspekt einer geschlossenen Gesellschaft interessiert, und andererseits das theatralische Element. Die Frauen agieren auf den drei Etagen des Hauses so, wie die Schauspielerinnen im Film; das Set wurde so gebaut, dass alle Aufnahmen am gleichen Ort gedreht werden konnten.
Bonello schildert realistischen Alltag, man lernt die Frauen kennen und ihre Kunden, und dabei durchaus auch die ekelhaften und die scheusslichen Seiten dieses Lebens. Zugleich aber ergibt sich ein Bild eines im geschlossenen Rahmen selbstbestimmten Frauenlebens in einer notwendigen Solidarität. Eine der Frauen erzählt, sie sei Näherin gewesen, aber alle sind aus wirtschaftlichen Zwängen heraus in dem Haus gelandet – und dankbar, nicht in einem dreckigen Bordell in Marseille arbeiten zu müssen.
Bonello wird sich wohl diversen Vorwürfen ausgesetzt sehen. Insbesondere, weil er nach der Zwangsschliessung von l’Apollonide eine der Frauen eine andere fragen lässt, was sie denn jetzt zu tun gedenke, und diese antwortet, sie wisse es nicht. Das ist der Auftakt zur letzten Einstellung des Films, auf den modernen Strassenstrich im heutigen Paris, wo dann die gleiche Frau in Arbeitskleidung aus einem Taxi steigt. Insofern liesse sich durchaus argumentieren, Bonello plädiere, wenn schon nicht für die guten alten Zeiten, dann doch für die besseren alten Zeiten. Aber dabei würde man verkennen, was er an Horror in den Film gepackt hat, von der brutalen Attacke eines Kunden auf eine der Frauen über die Geschlechtskrankheiten, die regelmässige Massen-Zwangsuntersuchung durch einen Amtsgynäkologen bis zur systematischen Verschuldung der Frauen nach dem Company-Store-Prinzip, über Bussen im Haus und notwendige Auslagen.
Was aber offensichtlich wird, ist Bonellos Schwelgen in Ausstattung und in entsprechend opulenten Stilmitteln. Neben dramaturgischen Mätzchen, wie zeitversetzt abgestuften Sequenzwiederholungen und Rückblenden, nutzt er den in den 70er Jahren so beliebten Splitscreen – unironisch – und hin und wieder, bewusst anachronistisch gesetzt, klassische Rocksongs aus der gleichen Zeit.
Das ist ein monumentaler Film, der dem eingangs erwähnten Roman von Michel Faber in recherchierten Fakten und realistischen Schilderungen in nichts nachsteht. Und ähnlich wie „The Crimson Petal and the White“ (und tatsächlich auch bei Louis Malles Pretty Baby) mischt sich Faszination und Abscheu mit dem messerscharf sozialpolitisch aufdatierten Material, das den Film zu einem Blick auf die ökonomische Gegenwart im globalisierten Kontext entstellt – alles in den prächtig-schwülstigen Kleidern des fin de siècle und der Hochblüte der Industrialisierung.
Und damit ist auch die Frage beantwortet, wozu denn dieser Film gut sein solle. Wenn man einmal davon absieht, dass er auch ganz erratisch als filmisches Kunstprodukt für sich genommen etliches zu bieten hat.
Mich hat Bertrand Bonello damit für einmal positiv überrascht. Und seine Schauspielerinnen sind verblüffend.