Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03522.jsonl.gz/993

Es war zu erwarten. Es war zu erwarten, dass die Lady geht. Dass Ruth Rendell, die Baroness Rendell of Babergh, ihre Fangemeinde mit 85 Jahren im Stich lässt. Seit Januar lag sie nach einem Schlaganfall im Spital und am gleichen Morgen, als die kleine britische Prinzessin zur Welt kam, ging Ruth Rendell davon. Es war zu erwarten gewesen. Nicht nur wegen ihrer Gesundheit. Gerade auch wegen ihres zuletzt erschienenen Romans.
«The Girl Next Door» (2014) ist ein aussergewöhnliches Buch, eines, das ausschliesslich unter sehr alten Menschen spielt, die noch einmal mit aller Kraft ihrer gebrechlichen Herzen die Liebe durchdeklinieren, die Eifersucht, die Leidenschaft, den Schmerz und die Sehnsucht und dabei durchglühen, als wären sie ganz jung. Wie damals, während des Zweiten Weltkriegs, als sie alle zusammen in die prekäre Nähe eines Mordfalls gerieten. Der erst jetzt, Jahrzehnte später, gelöst wird. Ein seltsam intensives Buch, ein Abschiedsbuch, das dort beginnt, wo Ruth Rendell zur Schule ging, in Loughton, Essex.
Zwei alte Schulschätze finden sich in «The Girl Next Door» im Alter wieder, es scheint eine Reminiszenz zu sein an die Geschichte von Ruth Rendell und ihrem eigenen Mann: Nach 22 Jahren Ehe liess sie sich scheiden, zwei Jahre später heirateten die beiden einander wieder.
Ruth Rendell war Schriftstellerin, Politikerin und ein doppeltes Genie. Sie sass für die Labour Party im House of Lords und kämpfte ein Leben und ein Schreibe lang auf ihre unnachgiebige, nachdrückliche und sehr subtile Art für sozial Benachteiligte. So sehr, dass sie ab 1986 ihr Autorinnen-Ich aufspaltete in Ruth Rendell und Barbara Vine. Als Ruth Rendell schrieb sie vorwiegend über Kriminalfälle, die von der Polizei gelöst wurden. Als Barbara Vine schrieb sie Psychothriller mit offenen Enden und einem unheimlichen Verständnis für ihre Verbrecher. Ruth Rendell war brutal und effizient, Barbara Vine hatte ein Flair für Perversionen.
Sechzehn Mal trat sie als Barbara Vine an die Öffentlichkeit, zuletzt 2012 mit dem Roman «A Child's Child» über eine junge, alleinerziehende Mutter in den 50er-Jahren, die beschliesst, mit ihrem schwulen Bruder als Ehepaar zu leben, um so der sozialen Ächtung zu entkommen. Rund fünfzig Romane und sieben Kurzgeschichtenbände publizierte sie als Ruth Rendell. Vierundzwanzig davon waren Fälle des ruppigen, aber äusserst beliebten Chief Inspector Reginald Wexford, von dem Ruth Rendell behauptete, sie habe sich selbst für seine Figur als Vorbild genommen.
Wahrscheinlich stimmt das sogar. Denn Ruth Rendell konnte die britische Schmallippigkeit und Sprödheit so sehr verkörpern wie kaum jemand. Als sie vor einigen Jahren im Zürcher Kaufleuten auftrat, war ihre liebste Antwort auf viele Fragen ein leicht indigniertes «No». Und auf die Frage, wieso ihr Buch «The Blood Doctor» denn im Graubünden und in Zürich an ganz bestimmten Orten spiele und ob sie zu diesen eine Beziehung habe, sagte sie bloss: «Wieso sollte ich. Ich kenn das alles nicht. Es hat bloss ganz gut gepasst.» Gesprächig wurde sie, eine echte Britin, beim Tee.
Angefangen hatte Ruth Rendell ihre Schreibkarriere als Journalistin, und man darf sagen, als lausige Journalistin, aber wenigstens lernte sie so ihren Mann kennen. Für die kleine «Chigwell Times» schrieb sie eine Reportage über ein leerstehendes Haus und erfand flugs einen Geist, der dort spukte. Der Besitzer drohte damit, das fantasiebegabte Fräulein zu verklagen. Dann berichtete sie über die Abendveranstaltung eines Tennisclubs, die sie gar nie besucht hatte. Und so auch verpasste, dass der Festredner während seiner Rede starb. Es war ihr Ende als Journalistin, danach war sie ein Jahrzehnt lang Hausfrau und Mutter. Ihren ersten Krimi, «From Doon with Death» veröffentlichte sie mit 34, gegen ein Honorar von 75 Pfund.
Gerade jetzt läuft übrigens François Ozons «Une nouvelle amie» in unseren Kinos, die Verfilmung einer älteren Kurzgeschichte von Ruth Rendell. Die Geschichte von einem Mann, der zur Frau wird. Und diese ist in den Tagen der Frauwerdung des ehemaligen amerikanischen Olympiasiegers Bruce Jenners so aktuell wie nie. Ruth Rendell hat alle verstanden, deren Seele in den gegebenen Umständen nie ganz zuhause war. Sie hat ihnen in ihren Büchern Heimaten geschaffen. Manchmal wurden sie darin zu Monstern, deren Träume zum Alptraum aller andern wurden. Und manchmal liess sie sie gegen die harte Ignoranz einer ganzen Gesellschaft prallen und daran verenden.
Ihre grosse Schwester im Krimi-Genre und zugleich ihre Opponentin im House of Lords, PD James, starb Ende November 2014. James und Rendell galten als die Gigantinnen des eleganten, abgründigen und psychologisch avancierten Kriminalromans und wurden in England mit George Eliot und Jane Austen verglichen. Ruth Rendell bildete sich darauf herzlich wenig ein: «Niemand, der bei Sinnen ist, wird mich eine erstklassige Schriftstellerin nennen. Aber das macht mir nichts aus, ich geb mein Bestes und Tausende, ja Millionen von Menschen freuen sich über meine Bücher.» So ist es.
Ein Buch wird noch erscheinen, es heisst «Dark Corners», eine Frau wird darin an Schlankheitspillen sterben. Und Ruth Rendells Fans beim Lesen vor Sehnsucht. Sie selbst wird das alles mit Freude analysieren, irgendwo in einem morbid gesinnten Jenseits, und dazu mit ihrem Mann und PD James ein Tässchen Tee trinken.