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«Viele Mütter gehen viel zu früh zurück zur Arbeit»
Herr Serrallach, können Sie uns beschreiben, welche hormonellen Veränderungen eine Frau während Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit durchlebt?
Im Englischen gibt es das schöne Wort «matrescence» – es setzt sich aus den Worten «adolescence» (Adoleszenz) und «maiden» (kinderlose Frau) zusammen und beschreibt den Prozess, während dem aus einer Frau eine Mutter wird. Während einer Schwangerschaft wird die Plazenta zur Hormonfabrik. Das Cortisollevel – jenes des sogenannten Stresshormons – ist während dieser Transformation dreimal höher als bei einer kinderlosen Frau, der Östrogenspiegel sogar 30-mal höher. Eine Schwangere ist während zehn Monaten mehr Östrogen ausgesetzt als eine Frau, die niemals Mutter wird, während ihres gesamten Lebens. Das Gehirn organisiert sich komplett neu, es werden, genauso wie bei Teenagern in der Pubertät, neue Hirnzellen gebildet. Die emotionale Intelligenz einer Frau steigt enorm, sie kann sich zum Beispiel Gesichter besser merken. Auch der IQ einer Frau steigt an, wenn sie ein Kind bekommt. Oxytocin, also das Hormon der Bindung, der Intimität und des Vertrauens, wird vermehrt ausgeschüttet – auch noch Jahre nach der Geburt. In Stresssituationen fragt sich eine Mutter deshalb nicht mehr «Bin ich sicher?», sondern «Sind wir sicher?» – sie entwickelt also ein starkes Wir-Gefühl. Viele Mütter fühlen sich extrem verletzlich, können es plötzlich nicht mehr ertragen, die Nachrichten zu schauen, weil sie sich nicht nur um sich und ihr Baby sorgen, sondern um die gesamte Welt. Nach dem Verlust der Plazenta verliert die Frau all diese fantastischen Hormone. Der Körper produziert aber durch das Stillen Oxytocin und Prolaktin, was den völligen Abfall etwas reguliert.
Sind Frauen, die nicht stillen, folglich eher von postnataler Depression betroffen?
Prolaktin ist sehr wichtig für den Hormonausgleich, aber noch wichtiger ist Oxytocin, und das wird zum Glück auch durch Hautkontakt gebildet. Deswegen ist es so wichtig, dass die Mutter besonders in den ersten sechs Wochen möglichst viel Zeit Körper an Körper mit dem Baby verbringt. Ich habe mich sehr viel mit Kulturen auf der ganzen Welt beschäftigt und damit, wie sie die Zeit nach der Geburt handhaben. Was alle antiken Kulturen und Traditionen gemeinsam haben, ist, dass die Erholung der Mutter priorisiert wird, ihr alles abgenommen wird. Ihre einzige Aufgabe ist es, sich zu erholen und das Baby zu stillen. In der traditionellen indischen Kultur etwa wird eine Mutter 40 Tage lang warm gehalten und darf nur ein ganz bestimmtes Gericht essen. In manchen uramerikanischen Kulturen darf die Mutter die Sonne für 21 Tage nicht sehen, damit sie sich vollständig erholt.
Sie kritisieren, dass westliche Frauen zu schnell zur Normalität übergehen?
Absolut. Der Stereotyp der Supermom hält sich hartnäckig: eine Frau, die so aussieht und sich so verhält, als hätte sie nie ein Kind bekommen. Und der Druck hält an: Die Idee, dass eine Mutter die Hauptverantwortliche für ein Kind von null bis 18 sein muss, ist ein ziemlich neues Phänomen. In vielen traditionellen Kulturen ist die Mutter lediglich im ersten Jahr die primäre Bezugsperson. Dann aber ändert sich das. Zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr des Kindes ist die primäre Bezugsperson typischerweise eine Grossmutter oder eine Tante und ab sechs ist es das ganze Dorf.
Wir wollen nicht nur möglichst schnell unseren Körper, sondern auch unseren Job zurück.
Ich glaube, dass sehr viele Frauen stark unter Druck geraten und viel zu früh zurück ins Arbeitsleben gehen, noch bevor ihr Hormonhaushalt wieder einigermassen im Lot ist. Das halte ich für fahrlässig und gefährlich für ihre Gesundheit. Das Wochenbett wird nicht ernst genug genommen, was verheerende Folgen haben kann, von Hautproblemen, chronischen Verdauungsstörungen bis hin zu psychischen Problemen. Erholt man sich nie vollständig in der ersten Zeit nach der Geburt, kann das bis zehn Jahre danach gesundheitliche Folgen haben.
Wie lange sollte das Wochenbett Ihrer Meinung nach dauern?
Mindestens sechs Wochen. Und ich meine damit wirklich, dass die Frau mehrheitlich Zeit im Bett verbringen und ihr möglichst viel abgenommen werden sollte. Wir bereiten uns akribisch auf die Geburt vor, kaum jemand aber hat einen guten Plan für danach. Ein Paar muss sich allen Support holen, den es aufbieten kann. Man sollte in dieser Zeit auch keine Besucher haben, sondern die Besucher als Personal betrachten, ihnen Aufgaben geben und sie nicht etwa noch bekochen. Keine falsche Scham – vergessen Sie nicht, dass Ihre Lieben sehr froh sind, wenn sie helfen können.
Bekommt man nicht einen Lagerkoller, wenn man sich so lange verschanzt?
Es geht wirklich darum, sich mit einer komplett neuen Situation anzufreunden. Man schläft nicht viel, man ist extrem erschöpft, man hat plötzlich einen neuen Menschen um sich – die Zeit ist wahnsinnig intensiv. Natürlich darf man das Haus verlassen, und wenn es der Mutter guttut, sich mit Freunden zu umgeben, würde ich das jederzeit unterstützen – es geht lediglich darum, so wenig Stress wie möglich zu haben – emotional wie physisch. Die zwei schlimmsten Dinge für eine Mutter in der Erholungsphase sind Kritik an ihr als Mutter – von sich selbst oder von anderen – und Überforderung. Mich macht es wütend, dass es gesellschaftlich etabliert ist, so schnell wie möglich wieder zum Leben vor dem Kind zurückkehren zu müssen – Körper, Lifestyle, Arbeitsgewohnheiten, alles soll wieder so sein, als wäre da nie ein Kind auf die Welt gekommen. Deswegen gefällt mir das Wort «matressence» so gut – ein Erwachsener wird schliesslich auch nicht plötzlich wieder zum Kind, und genauso wenig kann eine Mutter die Transformation, die sie durchgemacht hat, leugnen.
Wie viel Zeit sollte idealerweise zwischen zwei Schwangerschaften liegen, um postnatale Erschöpfungszustände zu vermeiden?
Der wichtigste Faktor ist, dass die Mutter wieder gut schlafen kann. Eine Neu-Mutter verliert durchschnittlich 700 Stunden Schlaf im ersten Jahr. Deswegen predige ich auch immer, dass die erste Priorität, neben dem Wohl des Kindes, der Schlaf der Mutter sein muss.
Das ist aber doch in der Realität unmöglich.
Wenn das Baby schläft, selbst sofort ins Bett zu hüpfen, ist schwierig, aber es ist der einzige Weg. Man muss einfach akzeptieren, dass man in dieser Zeit weniger Momente für sich selbst hat und dass das Haus nicht perfekt aussehen wird. Aber es lohnt sich, wenn man sich vollständig erholen und dann vielleicht irgendwann sogar über eine nächste Schwangerschaft nachdenken will. Jeder Affe macht drei bis fünf Jahre Pause zwischen zwei Schwangerschaften. Das hat seinen Grund.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass es erfüllend für eine Frau sein kann, sich ein Jahr lang nur um das Baby und ihren Schlaf zu kümmern.
Es kann frustrierend sein, weil man auf viel verzichten muss. Man muss einsehen, dass der Tag nicht genug Stunden hat für ein Baby, den Job, Zeit für sich, Zeit für die Beziehung, Sport und Freunde. Ich glaube, junge Mütter können sich von dem enormen Druck befreien, den die neue Situation mit sich bringt, indem sie sich darauf einstellen, dass manche Dinge nun einfach eine Weile hinten anstehen müssen. Das ist schwer, weil einem auf Social Media ständig suggeriert wird, dass eben doch alles möglich sei.
Was für Prozesse laufen im Gehirn einer Mutter ab, wenn sie über Monate lang alle paar Stunden geweckt wird?
Es ist nichts Gutes, was da passiert. Erwachsene schlafen in 90-minütigen Abschnitten. Wenn man gegen Ende eines 90-Minuten-Zyklus geweckt wird, ist das kein Problem. Passiert es aber mittendrin, fängt man wieder von vorne an. In den ersten drei Stunden Schlaf geht es darum, Erlebtes zu verarbeiten und Erinnerungen zu schaffen. Wenn man in der Zeit gestört wird, fördert das die Vergesslichkeit, was erklärt, warum junge Mütter oft vom sogenannten «baby brain» betroffen sind. Die nächsten drei bis vier Stunden Schlaf sind dafür da, Probleme zu lösen. Wenn man in dieser Zeit ständig gestört wird, kann das zu Überforderung führen und dem Gefühl, nicht mehr richtig zu wissen, was man will. Das Schlafdefizit hat hormonelle Konsequenzen und schwächt nach einer Weile das Immunsystem. Manchmal müssen Mütter nach einer Weile erst wieder lernen zu schlafen, weil sie derart übermüdet und überreizt sind, sodass sie nicht einmal mehr einschlafen können.
Sie schwören auf sogenannte Micronaps.
Ja, ein Micronap ist eine Art Halbschlaf, der 20 Minuten oder weniger dauert und Eltern extrem gut helfen kann, durch den Tag zu kommen. Nach einem Micronap ist man für vier Stunden wieder fokussiert und produktiv. Es ist kein Zufall, dass Firmen wie Google und Apple auf Micronaps für ihre Mitarbeiter schwören. Micronapping ist keine Lösung für den fehlenden Schlaf, aber es kann zumindest helfen, die Stressbelastung zu reduzieren. Zusätzlich empfehle ich Kräuter, die bei Schlafentzug unterstützend wirken, etwa das Adaptogen Ashwagandha.
Können Männer auch unter postnataler Erschöpfung leiden?
Auch im Körper der Neu-Väter verändern sich gewisse Prozesse. Ihr Testosteronspiegel sinkt, besonders, wenn sie bei der Geburt dabei sind. Allerdings profitieren die Männer nicht vom Upgrade des Gehirns, wie die Frauen. Männer, die viel Zeit mit ihrem Baby verbringen, bilden mehr Prolaktin, also das Hormon, das beim Stillen ausgeschüttet wird, und mehr Oxytocin. Natürlich spüren Männer ebenso die Effekte des Schlafentzugs. Auch Männer können unter postnataler Depression leiden – interessanterweise aber ausschliesslich dann, wenn die Frau darunter leidet.
Eine gewisse Grundmüdigkeit ist in der Zeit nach einer Geburt normal. Wie aber weiss ich, ob es bereits kritisch ist?
Extreme Überängstlichkeit, Sorge und das dauerhafte Gefühl der Hoffnungslosigkeit sind ein Alarmzeichen. Starker Gewichtsverlust oder Gewichtszunahme, Hautprobleme, vermehrtes Auftreten von blauen Flecken und der Rückgang des Zahnfleisches. Bei diesen Zeichen muss man sofort reagieren.
Wie viele westliche Mütter sind von postnataler Erschöpfung betroffen?
Ich schätze, dass es fast 50 Prozent der Mütter betrifft. Neu-Mütter sind heute älter, spüren den Druck perfekt zu sein mehr, und viele haben sehr anspruchsvolle Jobs. Ich habe erlebt, dass viele Frauen bereits in einem schlechten hormonellen Zustand sind, wenn sie schwanger werden. Leider wird es als total normal angesehen, dass man als Neu-Mutter extrem müde sein muss, alle seine Haare verliert und ständig alles Mögliche vergisst. Das mag in den ersten sechs Wochen vielleicht teilweise dazugehören, aber danach ist das nicht normal, sondern alarmierend.
Wie kann die Ernährung die Heilung unterstützen?
Junge Mütter sollten sich von frittiertem Essen fernhalten. Zucker ist kurzzeitig hilfreich, weil er vermeintlich Energie liefert, aber langfristig schädlich. Das Superfood für Neu-Mütter ist Fisch. Unser Gehirn besteht aus 800 Gramm Fischfett, die Mutter produziert das Gehirn des Babys mithilfe dieses Fischfetts, deswegen muss sie ihre Reserven wieder auffüllen. Ich empfehle ausserdem Nahrungsergänzungsmittel aus Algenöl. Und alle Gemüsesorten, die über der Erde wachsen – sie sind die Königinnen unter den Kohlenhydraten. Generell kann man sagen: essen Sie traditionell, essen Sie so wie Ihre Urgrossmutter!
Was ist das Wichtigste an Ihrer Arbeit?
Mütter sind es, die den Kindern die Liebe beibringen. Nicht Väter, nicht Grosseltern, nicht Lehrer – es sind die Mütter. Mein Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass es den Müttern gut geht, damit sie die Liebe weitergeben können.
Warum sollte eine Mutter das besser können als ein Vater?
Weil es bereits im Bauch der Mutter anfängt und mit dem Stillen weitergeht. Diese Verbindung kann niemand anderes bieten in den ersten Lebensmomenten eines Neugeborenen. Ich bin selbst Vater, habe aber kein Problem mit dieser Tatsache, die die Natur so eingerichtet hat. Der Support der Männer kommt etwas später und ist danach ebenso wichtig. Trotzdem: eine gesunde Gesellschaft braucht gesunde Mütter, sonst ist sie verloren. Die Gleichung ist simpel: gesunde Mutter, gesunde Familie. Gesunde Familie, gesunde Gemeinschaft.
Liebe Leserinnen und Leser. Mit diesem Beitrag verabschiede ich mich schweren Herzens als Leiterin des Mamablogs und übergebe ihn in die fähigen Hände meiner Kollegin Nicole Gutschalk. Es war eine kurze und intensive Zeit, und ich werde dem Mamablog weiterhin als Autorin erhalten bleiben. Ich konzentriere mich in nächster Zeit voll auf die Chefredaktion der «annabelle» und auf mein Baby, weil ich einsehen musste, dass ich eben doch keine Superwoman bin – wie in meinem ersten Beitrag für den Mamablog beschrieben.
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