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Einst als Tageszeitung zur Verteidigung der Interessen der Kirche gegründet, hat «La Liberté» heute Platz für verschiedene Meinungen. Historiker Francis Python zur Entwicklung der Zeitung über die letzten 150 Jahre.
Als «La Liberté» 1871 gegründet wurde, hatte sie einen klaren Auftrag. Im herrschenden Kulturkampf, in welchem die Katholiken in der Defensive waren, sollte die Tageszeitung die Interessen des Papstes nach aussen tragen. Das war damals nichts Ungewöhnliches, wie Francis Python, emeritierter Professor für Geschichte der Universität Freiburg, im Gespräch mit den FN sagt. Es gab in Freiburg mehrere katholisch ausgerichtete Blätter. Aber keines davon erschien täglich. Chorherr Joseph Schorderet wollte die Katholiken allerdings jeden Tag mobilisieren – «La Liberté» war geboren.
Der Name der Zeitung, zu Deutsch Freiheit, sei etwas Paradox, so Python. Auch die Liberalen brauchten das Wort damals, ihnen ging es um die Freiheit des Individuums. Schorderet und die Konservativen brauchten das Wort aber im Hinblick auf die Freiheit der Kirche. «Sie haben sich das Wort angeeignet.»
Joseph Schorderet gründete neben der Zeitung auch die Gemeinschaft der Paulus-Schwestern. Als es 1874 zu einem Arbeitskonflikt in der Druckerei St. Paul kam, übernahmen die jungen Frauen die Arbeiten in der Druckerei. «Man könnte denken, dass es fortschrittlich war, dass junge Frauen in der Druckerei arbeiteten. Aber ihr Lohn ging direkt an die Gemeinschaft», sagt Python. Mit den Mitteln aus dieser Kasse kaufte die Gemeinschaft 1892 Druckerei und Zeitung; noch heute gehört sie dem Pauluswerk der Paulusschwestern.
Sprachrohr der Regierung
Als die Konservativen 1881 in Freiburg an die Macht kamen, wurde die Zeitung zu ihrem Sprachrohr, allen voran von Georges Python. Dieser gründete 1889 die Universität Freiburg. «Den Leuten vom Land von damals war nicht klar, warum Freiburg eine Universität braucht; die Radikalen waren gegen das Vorhaben. Mit der Zeitung wollte Python ihnen die Institution näherbringen.»
Ein weiterer Staatsrat wurde der Zeitung einige Jahrzehnte später zum Verhängnis: Joseph Piller. Er war der Staatsrat, der die Universität Miséricorde bauen liess. Das Vorhaben stiess wegen der hohen Kosten auf viel Kritik und Piller war wegen seines autoritären Führungsstils nicht besonders beliebt. In einem Editorial in «La Liberté» vor der Wahl 1946 forderte der Bischof François Charrière, Piller müsse sich ändern. Piller wurde nicht wiedergewählt, woraufhin die Konservativen der Zeitung vorwarfen, sie habe die Wahlniederlage herbeigeführt. Im Anschluss nahmen die Konservativen «La Liberté» an eine engere Leine und ab 1946 waren ihre Berichte der Regierung sehr wohlgesonnen.
Distanzierung von Kirche
Bis ab 1970 mit Chefredaktor François Gross der grosse Wandel kam. «La Liberté» distanzierte sich unter Gross von der Kirche und wurde zu einer pluralistischen Zeitung. «Es dauerte ungefähr 10 Jahre mit diversen Konflikten, bis diese Distanzierung gelang», sagt der Historiker Python. «‹La Liberté› wurde immer mehr zur Zeitung der Freiburgerinnen und Freiburger und weniger zum Sprachrohr der Kirche und der Regierung.»
In jener Zeit kam es auch zu einer gesellschaftlichen Öffnung. 1966 verlor die CVP ihre Mehrheit im Grossen Rat, die Gesellschaft im Allgemeinen wurde weniger religiös; zudem kamen Autobahn und Industrie nach Freiburg. «‹La Liberté› begleitete den gesellschaftlichen Wandel», sagt Python und fügt an:
Die Entwicklungen bei der Zeitung waren eine Folge des gesellschaftlichen Wandels, aber gleichzeitig trug ‹La Liberté› auch zum Wandel bei.Francis Python
Historiker
François Gross prägte die Zeitung zwei Jahrzehnte lang, bis 1990. 1996 übernahm mit Roger de Diesbach ein profilierter investigativer Journalist den Posten des Chefredaktors. Er habe die Zeitung einen grossen Schritt weitergebracht, sagt Francis Python. Diese Linie behielt auch Louis Ruffieux bei, der von 2004 bis 2015 Chefredaktor war. Auf ihn folgte der heutige Chefredaktor Serge Gumy.
Programm
Beilagen, ein Buch und ein Ehrengast
Die Jubiläumsfeierlichkeiten zu 150 Jahre «La Liberté» gipfeln in einem Festakt diesen Freitag mit Bundesrat Alain Berset als Ehrengast. Auf diesen Tag erscheint auch eine Spezialausgabe, welche die Geschichte der Zeitung aufrollt. Eine erste Spezialbeilage hatte einen Arbeitstag aus dem Innern der Zeitung aufgezeigt. Mitte September ist ein Buch «Les conquêtes de La Liberté» erschienen, welches verschiedene Facetten der Zeitung beleuchtet. Schliesslich geht ein Bühnenstück auf Tournee durch den Kanton. uh