Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03164.jsonl.gz/171

Joe Cocker, der Junge aus der Stahlstadt Sheffield, stand 1969 vor 400'000 Leuten auf der Bühne in Woodstock. Wehende Locken, zappelnd wie unter Strom. Und er sang so, dass für einmal ein Beatles-Original verblasste, wie sein Batik-Shirt im Regensturm, der gleich nach seinem Auftritt über dem Festival losbrach.
Fluch und Segen
«With a Little Help from My Friends» wurde im Original von Ringo Starr gesungen. Der war zwar nicht der brillanteste Sänger, aber das ist nicht der Grund, warum Cockers Version die der Beatles übertraf. Mit seiner Performance hätte Cocker auch Lennon und McCartney in Verlegenheit gebracht. Von da an hatte er ein Markenzeichen: diese zutiefst soulige Version des Beatles-Songs. Es erwies sich natürlich als Segen und Fluch. Denn niemand, der das einmal gehört hat, mag darauf verzichten, es wieder zu hören, wenn er den Sänger vor sich hat. Doch Magie als Ritual ist eine der schwierigsten Kategorien im Showbusiness.
Cocker hat einen hohen Preis dafür bezahlt, dass er diese Herausforderung annahm: In jedem Konzert musste er «With a Little Help from My Friends» singen. Wäre er nicht aus «Sheffield steel» gewesen, wäre er wohl daran zugrunde gegangen. So hatte er glücklicherweise ein zweites und ein drittes Leben. Eines nach den Drogen. Eines nach dem Suff. Und schliesslich akzeptierte er sein Los: Er war Interpret und stellte die eigenen Songwriter-Ansprüche hintenan. Geschult an Ray Charles' Dringlichkeit, gesegnet mit dieser Stimme, die nach offener Wunde klang und gleichzeitig nach der Therapie gegen alle Verletzungen. Da fehlte bloss noch die Krankenkassenzulassung für seine besten Songs.
Aus Ausbeutung wird Ekstase
Mit seinen Interpretationen erreichte er ein ungleich grösseres Publikum als viele der Originalsänger und -songwriter. In einem Fall mit merkwürdiger Begleitmusik: Randy Newman hatte sein eigenes «You Can Leave Your Hat On» so gesungen, dass man beim Zuhören fast Frostbeulen bekam. Dermassen ungerührt wirkten die Regieanweisungen des Voyeurs, der seine Gespielin beim Strip herumkommandiert. Überhaupt: was für ein Konzept – ein Lied über erotische Ausbeutung. Bei Cocker allerdings wurde es zur ekstatischen (und bei Konzerten mitgegrölten) Orgie: «Sweet darling, you can leave your hat on». Und man konnte sich dieser Wirkung kaum entziehen.
Cocker hätte buchstäblich aus dem Telefonbuch vorsingen können – es wäre unmöglich gewesen, ohne Hühnerhaut zuzuhören. Logisch, dass er nun ein weiteres Leben haben wird, auch nachdem diese Lungen aus Sheffieldstahl ihm den Dienst versagten. Denn immerhin haben sie ja den Himmel zum Weinen gebracht, damals in Woodstock. Nach diesem Schrei – «I need someone to love». Er hat Millionen gefunden, die ihn liebten. Solche Legenden müssen unsterblich sein.