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William J. Hoye: Tugenden. Was sie wert sind, warum wir sie brauchen. (Matthias Grünewald Verlag) Ostfildern 2010, 133 S.
Die Säkularisation verstehe Religion als Moral, Moral aber beeinträchtige die individuelle Freiheit und hemme humane Verbesserungen, so der Ausgangspunkt. W. J. Hoye versteht Tugend als Haltung der Person, die charaktervoll ist, und Tugenden als das, was die Reifung der inneren Fähigkeiten der Person ermöglicht. Tugend ist die seinsmässige Reifung der Person, Tugend verwirklicht sich im Gewissen, das durch Vernunft konkrete Entscheidungen trifft.
Nach dem einleitenden Kapitel über «Wollen und Entscheiden» und dem zweiten, in dem der Wert der Leidenschaft als «Beweger des Lebenslaufs» herausgestellt wird, analysiert Hoye die vier Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Masshaltung. Sachgemäss geht er dabei von Aristoteles und Thomas von Aquin aus, die auch ausführlich zitiert werden. Aber die Zielrichtung ist das Verstehen dieser Tugenden im heutigen Lebensvollzug: Klugheit als die Kunst, das eigene Leben zu koordinieren, Gerechtigkeit als Anerkennung des andern, Tapferkeit als Zivilcourage und Masshaltung als vernuftgemässe Lust.
Stilistisch fasst der Autor seine Überlegungen häufig in einprägsame, aphorismusartige Aussagen: «um gut handeln zu können, muss der moralisch handelnde Mensch mit seinen Leidenschaften ringen» (33), «ein zuverlässiger Prüfstein des Charakters ist das Verhalten im Scheitern» (25), «aus verschiedenartigen Teilen ein einziges geordnetes Ganzes zu fügen – das ist der erste und eigentliche Sinn der Tugend der Masshaltung» (123). Scholastische Terminologie wird in heutiger Diktion nahegebracht: «Menschen sollen nicht als Ursache von Freude, sondern als deren Inhalt betrachtet werden, anders ausgedrückt: nicht als Wirkursache, sondern als Formalursache » (123).
In manchen Abschnitten werden Haltungen und Verhaltensweisen, die nicht gerade moderne Namen haben, auf ihren Inhalt geprüft, etwa: Witzlosigkeit, Ehrabschneiderei, Ohrenbläserei, Billigkeit, Grossgesinntheit. Auch die Themen Sinnlichkeit, Triebe, Sexualität kommen zur Sprache. – Es liegt hier ein Buch vor, das in seiner nüchternen, aber klaren Sprache Anlass zu eigenem Denken und Sich-Überpüfen werden kann.