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Der Kampf gegen das Streunerproblem
Zu viele Katzen streunen durch die Schweiz. Darin sind sich so ziemlich alle einig, von Tierschützern über Naturschützer bis hin zum Bund. Die Schätzungen reichen von 100'000 bis 300'000 Streunern. Diese verwilderten Katzen paaren sich, auch mit unkastrierten Freigängerkatzen, und vermehren sich so unkontrolliert. Ein Weibchen kann bis zu drei Mal jährlich mehrere Junge haben, wodurch Populationen rasant anwachsen können.
Mit der hohen Katzendichte verbreiten sich Infektionen wie die Katzenseuche oder Katzen-Aids rasch. Und wenn ein verwildertes Tier krank ist, verunfallt oder Hunger leidet, kümmert sich meist niemand darum. Gelangt es doch in die Hände von Tierschützern, haben diese oft Schwierigkeiten, ein Heim zu finden, das noch einen freien Platz hat. Sie finden aber auch Tiere, die jemandem gehören, aber nicht mehr erwünscht sind. Und sie berichten von gesunden Katzen, die getötet werden – etwa von einem Fabrikarealbesitzer oder einem Landwirt, der einer Kolonie nicht Herr wird. Während das Aussetzen einer Katze illegal ist, ist das Töten nicht grundsätzlich verboten, es muss aber laut Tierschutzverordnung von einer «fachkundigen Person» ausgeführt werden und das Tier darf dabei keine Schmerzen empfinden und nicht leiden.
|Auf einen Blick

1,4 Millionen Katzen leben laut Schätzung des Bundes in der Schweiz.
71 Prozent aller Katzenhalterinnen und Katzenhalter gewähren ihren Tieren Freigang.
100'000 – 300'000 Katzen in der Schweiz sind herrenlos.
70 Prozent der Bevölkerung stimmen voll oder eher der Aussage zu, dass möglichst alle Katzen kastriert werden sollten. Bei den Katzenhaltern liegt die Zustimmung sogar bei 78 Prozent.
115'567 Unterschriften reichten die Initianten der Petition für
9 von 20 Mitgliedern der vorberatenden Kommission des Nationalrats sprachen sich gegen die Petition aus. Fünf waren dafür, sechs enthielten sich der Stimme. Der Nationalrat folgte ohne Diskussion der Empfehlung der Kommission.
20'000 Katzen werden in der Schweiz jährlich von Tierschutzorganisationen kastriert.
100'000 «überzählige» Katzen werden gemäss Hochrechnungen von NetAP jedes Jahr erschlagen, ertränkt oder erschossen.
Quellen: Umfrage Demoscope im Auftrag STS, BLV, NetAP, parlament.ch
Aus ethischer Sicht ist jegliche Tötung von Katzen zur Populationskontrolle problematisch. Vermieden werden kann dies, indem möglichst viele Freigängerkatzen kastriert werden. Das empfehlen zum Beispiel der Schweizer Tierschutz und das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen in der Kampagne «Luna & Filou», die sie im vergangenen Herbst gemeinsam mit weiteren Organisationen lanciert haben («Tierwelt Online» berichtete). Da die Kastration von Katzen auch für die Besitzer diverse Vorteile hat, ist sie unter Fachleuten kaum umstritten. Sie dämmt nicht nur die Vermehrung ein, sondern lässt auch die Kampfeslust abklingen, wodurch sich gewisse Krankheiten weniger rasch ausbreiten. Zudem streunen kastrierte Kater weniger herum, was wiederum Natur- und Vogelschützer freut, die sich um das Wohl von Eidechsen, Fröschen und Vögeln sorgen.
2018 war ein Katzenjahr
Gemäss Tierschutzverordnung muss die Tierhalterin oder der Tierhalter «die zumutbaren Massnahmen treffen, um zu verhindern, dass sich die Tiere übermässig vermehren». Wenn aber beispielsweise in einem Schrebergarten oder auf einem Bauernhof Dutzende verwilderte Katzen herumstreunen, klappt dies oft nicht, entweder weil sich niemand verantwortlich fühlt oder weil die Umsetzung aufwendig und teuer ist. Hier springen Tierschutzorganisationen in die Bresche. Sie bieten Kastrationsaktionen zu vergünstigten Preisen an oder gehen selber verwilderte Katzen einfangen.
Allein der Schweizer Tierschutz und seine Sektionen haben nach eigenen Angaben von 1995 bis 2017 insgesamt 173'311 Tiere kastriert. Rund 10'000 sind es pro Jahr. NetAP führt viele Aktionen im Ausland durch,
kastriert aber auch in der Schweiz jährlich ungefähr 1000 Katzen. Präsidentin und Gründerin Esther Geisser schätzt, dass die Tierschutzorganisationen der Schweiz zusammengenommen auf maximal 20'000 Kastrationen pro Jahr kommen.
Das reicht aber nicht, um die Situation unter Kontrolle zu kriegen. «Wir haben den Eindruck, dass die Anzahl streunender Katzen ungefähr stagniert, aber nicht zurückgeht», sagt Bettina Neuenschwander, Präsidentin des Tierschutzvereins Oberaargau. 2018 sei zum Beispiel ein ausgesprochenes Katzenjahr gewesen. Im extrem warmen Frühjahr waren viele Katzen früh trächtig und konnten deshalb im Lauf des Jahres teils drei statt der üblichen zwei Würfe zur Welt bringen.
Esther Geisser von NetAP hat einen Lösungsvorschlag: Die Kastration soll für Freigängerkatzen obligatorisch werden. «Man erreicht nie alle Katzen, aber so könnte das Elend massiv verringert werden», sagt sie. Eine Kastrationspflicht würde bedeuten, dass die Halter von Freigängerkatzen auf das Erlebnis einer Katzengeburt verzichten müssten. Doch kämen weniger Kätzchen zur Welt, würden sich auch weniger Leute unbedacht eines dieser Tiere zulegen, und
damit gingen die Aussetzungen zurück, argumentiert Geisser.
Vor einem Jahr haben NetAP und die «Stiftung für das Tier im Recht» eine Petition mit über 115'000 Unterschriften eingereicht, um ihrer Forderung im Bundesparlament Gehör zu verschaffen. Die Zürcher FDP-Nationalrätin Doris Fiala hat mit einer Motion nachgedoppelt.
Erfahrungen aus Deutschland
Kastrationspflicht auf nationaler Ebene gibt es bereits in Österreich und Belgien. Deutschland kennt keine bundesweite Regelung, aber laut dem deutschen Tierschutzbund haben über 700 Städte und Gemeinden die Pflicht eingeführt, und laufend kommen neue dazu. Pionierin war die Stadt Paderborn, welche die Kastration bereits 2008 für alle Freigängerkatzen ab dem fünften Altersmonat für obligatorisch erklärte. In einem Bericht der Lippischen Landes-Zeitung aus dem Jahr 2017 sagt eine Stadtsprecherin von Paderborn, die Verordnung funktioniere sogar, wenn keine Bussen ausgesprochen würden.
In Bundesbern stehen die Zeichen aber eher auf Nein. Die Petition von NetAP wurde vom Nationalrat abgelehnt – der Aufwand für die öffentliche Hand wäre zu gross, heisst es im Kommissionsbericht. Im Ständerat wurde das Anliegen noch nicht behandelt. Die Motion von Doris Fiala kam noch gar nicht ins Parlament, der Bundesrat empfiehlt jedoch die Ablehnung.
Sollte keiner der beiden Vorstösse durchkommen, bleibt der Aufwand weiterhin an den Tierschutzorganisationen hängen. Der Schweizer Tierschutz gibt an, seit 1995 über fünf Millionen Franken für Kastrationen aufgewendet zu haben. Und für 2019 seien 450'000 Franken budgetiert. Was in keiner Statistik auftaucht, sind die unzähligen Stunden, die freiwillige Helferinnen und Helfer dafür aufwenden.