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Professor Pierre-Yves Zambelli, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendchirurgie im CHUV in Lausanne, spricht mit uns über Skoliose.
Herr Professor Zambelli, was versteht man unter einer Skoliose?
Laut Definition ist eine Skoliose eine seitliche Verformung der Wirbelsäule, deren Winkel grösser als zehn Grad ist.
Wodurch wird sie ausgelöst?
Man unterscheidet vier Hauptursachen für eine Skoliose. 80 Prozent der Fälle gelten als idiopathisch, das heisst, man kennt die Ursache nicht. Die verbleibenden 20 Prozent verteilen sich auf die neurologische Skoliose bei Kindern, die an einer Beeinträchtigung der zentralen Motorik leiden (perinatale Schädigung des Gehirns, medullärer Tumor, neurodegenerative Erkrankung, etc.), die syndromische Skoliose (in Verbindung mit einer anderen Erkrankung, etwa das Marfan-Syndrom, das Ehlers-Danlos-Syndrom, oder Spätfolgen früherer Erkrankungen wie Kinderlähmung oder Tuberkulose, etc.) und schliesslich die Fehlbildungsskoliose, mit anatomischen Fehlbildungen im Bereich der einzelnen Wirbel, die häufig früh diagnostiziert werden.
Besteht ein direkter Zusammenhang mit dem Alter?
Ja. Übrigens teilt man Skoliosen nach dem Alter ein. Man unterscheidet die Säuglingsskoliose, die häufig milde ist und tendenziell von allein verschwindet. Dann gibt es die infantile Skoliose (unter fünf Jahren), die sich schwerwiegend entwickeln kann, aber den Vorteil hat, dass sie manchmal mit einem Korsett gemildert werden kann. Anschliessend folgen die juvenile Skoliose I (von fünf bis acht Jahren) und II (von acht bis zehn Jahren), die unangenehm sind, da sie sich nicht verbessern und sich im Gegenteil verschlimmern, wenn man nichts tut. Und schliesslich gibt es die Adoleszenten-Skoliose, die mit dem Wachstum der Erkrankten in der Pubertät voranschreitet.
Lässt sich ein Unterschied je nach Geschlecht der Erkrankten feststellen?
Ja, eindeutig, da über 80 Prozent der Skoliosen junge Mädchen betrifft.
Besteht ein genetischer Zusammenhang?
Wahrscheinlich, da sie besonders Mädchen betrifft und es eine familiäre Komponente geben kann. Aber wahrscheinlich sind die Ursachen eher epigenetisch als genetisch.
Wie hoch ist der Anteil der Betroffenen in der Bevölkerung?
Laut Studien sind etwa fünf von 1 000 Personen betroffen und benötigen eine Therapie.
Früher sprach man bei Kleinkindern von «Korrekturgymnastik», ist das noch aktuell?
Ich erinnere mich, dass ich dieses Wort als Kind auch gehört habe. Aber bei einer sehr leichten Skoliose spricht man heute eher von sportlicher Betätigung. Die beste «Korrekturgymnastik» besteht einfach darin ... Sport zu treiben. Bei schwereren Fällen greift man zum Korsett.
Kann Skoliose ein Trauma als Ursache haben?
In wenigen Ausnahmefällen, wenn das Trauma sehr schwer ist. Aber dann handelt es sich streng genommen um keine Skoliose, sondern eher um eine Asymmetrie nach einem Trauma. Eine Skoliose ist wahrscheinlich eine komplexe neurologische Erkrankung und kein Knochen- oder Muskelproblem.
Kann man eine Skoliose korrigieren?
Ja, bei einigen Fällen infantiler Skoliose. Aber in den meisten Fällen behandelt man sie konservativ, um eine Verschlimmerung der Krümmung zu verhindern. Meist geschieht dies mithilfe eines Korsetts, doch bei Krümmungen von mehr als 45 bis 50 Grad kann auch das nicht mehr viel ausrichten.
Kann man eine Skoliose operieren? Wann muss man das tun?
Ja. Bei einem Winkel von über 45 Grad kann man an eine chirurgische Lösung denken. Aber das hängt immer vom Einzelfall ab. Das statische Gleichgewicht des Rumpfes muss deutlich beeinträchtigt sein. Und man muss immer die Interessen abwägen, denn man kann definitiv auch mit einer ausgeglichenen Krümmung von 47 Grad ganz normal leben, wenn diese nicht weiter fortschreitet.
Also operiert man nur, wenn die Lebensqualität der erkrankten Person beeinträchtigt ist?
Man berücksichtigt natürlich das individuelle Wohlbefinden. Man berücksichtigt ebenfalls das Gleichgewicht und das Risiko einer Verschlimmerung der Krümmung. Und den ästhetischen Aspekt: Da Skoliose hauptsächlich Mädchen betrifft, kann dieser Aspekt sehr wichtig für ihr Wohlbefinden sein.
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