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annabelle: Florence Welch, der Titel Ihres neuen Albums, «Dance Fever», bezieht sich auf die sogenannte Tanzwut, auch bekannt unter dem Namen Choreomanie. Was hat es damit auf sich?
Florence Welch: Ein Freund hat mich darauf gebracht, das muss 2019 gewesen sein. Es hat mich auf Anhieb fasziniert. Strassburg war ein Zentrum dieser Bewegung, die im Wesentlichen von Frauen getragen wurde. Dort gab es unter anderem ein zentrales Event, bei dem bis zu 400 Frauen in einer Art Ekstase so lang getanzt haben, bis einige vor Erschöpfung zusammengebrochen oder sogar gestorben sind.
Warum haben sie getanzt?
Das war im 14. und 15. Jahrhundert, damals kam es in Europa immer wieder zu derartigen Ansammlungen, wo ohne offensichtlichen Anlass bis zur Erschöpfung getanzt wurde. Bis heute ist dieses Phänomen nicht ganz erklärt, was ihm etwas Mystisches verleiht. Als mögliche Ursache für die Choreomanie werden Massenhalluzinationen in Betracht gezogen, die zum Beispiel durch Mutterkörner im Getreide ausgelöst worden sein könnten. Eine andere, mir plausibler erscheinende Erklärung ist massiver kollektiver Stress, der über den Tanz abgebaut wurde. Das könnte ich sofort verstehen. (lacht) Ganz ähnlich wie heute gab es zu dieser Zeit eine Menge Kriege und Seuchen. Darüber sind die Leute irgendwann einfach durchgedreht – und wollten über den Tanz Druck ablassen.
Von der Geschichte lernen hiesse in diesem Fall also: Wir sollten alle viel mehr tanzen in diesen düsteren Zeiten?
Unbedingt. (lacht) Es gibt sogar noch eine Parallele: Ich habe mit einem Virologen darüber gesprochen, er hielt es für sehr wahrscheinlich, dass die Tanzwut von einem Virus ausgelöst wurde.
Ausgerechnet das Tanzen war während der Pandemie allerdings phasenweise kaum möglich: Clubs und Konzerthallen waren geschlossen.
Sie sagen es. Performance und Gesang bedeuten mir alles. Meine Spiritualität, meine Auseinandersetzung mit Gott, all das drückt sich über meine Stimme und meine Lieder aus. Das plötzlich nicht mehr für meine Fans tun zu können, hat alles infrage gestellt. Gesang galt ja sogar als Superspreading-Technik, weil dabei besonders viele Aerosole ausgestossen werden.
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«Mit der Pandemie hat mich der prophetische Geist meiner Songs verlassen. Als hätten die Götter mich meiner Gabe beraubt»
Es tönt, als sei das mittelalterliche Phänomen der Choreomanie für Sie während des Lockdowns zu einer Erlösungsfantasie geworden, war das so?
Das Thema hat mich, wie gesagt, schon vorher interessiert. Musik zu machen, auf Tour zu gehen, kreativ zu arbeiten ist bei mir eine Obsession, die bisweilen selbstzerstörerische Züge annimmt. Gleichzeitig gibt es nichts, was ich mehr liebe. Choreomanie ist für mich also zunächst eine gute Metapher für diesen Widerspruch, weswegen ich bereits auf dem besten Wege war, ein Konzeptalbum darüber zu machen. Dann kam die Pandemie – und alles wurde ganz anders.
Sie waren damals in New York und hatten bereits eine Weile mit dem Produzenten Jack Antonoff an «Dance Fever» gearbeitet, mussten nun aber nach London, wo Sie mit dem Songschreiber Dave Bayley weitergemacht haben, richtig?
So ist es. Jack und ich wollten das Album allein machen, nur wir beide in einem Raum. Dann kam nach einer Woche Corona. Ich musste zurück nach England und habe mit Dave weitergemacht. Die Songs aus dieser Phase habe ich in den diversen Lockdowns geschrieben und aufgenommen. Allerdings nicht über das Internet, das hat dauerhaft nicht so gut funktioniert. Als nach einem Jahr die Restriktionen zurückgefahren wurden, flog ich wieder nach New York zu Jack Antonoff, aber inzwischen war es ein anderes Album geworden. Die Songs haben ein neues Set-up verlangt. Sie waren in Teilen von Kummer erfüllt und das passte einfach nicht zum ursprünglich geplanten Entwurf.
Den Kummer hört man allerdings nicht unbedingt in der Musik. Er ist meist auf die Texte beschränkt, etwa im Song «My Love».
«My Love» ist das beste Beispiel. Der Song ist melodisch von Fleetwood Mac inspiriert, er hat einen Westcoast-Vibe. Also haben wir zunächst versucht, ihn auch in dieser Weise mit akustischen Instrumenten aufzunehmen. Dadurch hat er aber seine fiebrige Energie verloren. Es geht in diesem Song darum, wie ich meine kleine Nichte vermisst habe, als ich sie während des Lockdowns nicht sehen durfte.
«Musik ist eine Obsession, die bei mir bisweilen selbstzerstörerische Züge annimmt»
Reden wir über Gott: Mit der amerikanischen Fotografin Autumn de Wilde haben Sie für «Dance Fever» eine Reihe von Artworks und Fotografien umgesetzt, die von biblischen Motiven inspiriert zu sein scheinen, wie Sie für Ihre Arbeit typisch sind. Was fasziniert Sie an christlicher Ikonografie?
Interessant, dass die Leute das immer wieder denken. Diese Artworks haben nämlich überhaupt keinen Bibelbezug, sondern sind von alten Sammelkarten für Filmstars der Dreissigerjahre und sogenannten Zigarettenbildern inspiriert. Diese Bilder wurden früher Zigarettenschachteln beigelegt und die Leute haben sie gesammelt, das war enorm populär. Daran haben wir uns orientiert, aber vermutlich lande ich automatisch immer wieder bei biblischen Themen.
Es fällt jedenfalls auf, dass Sie auf diesem Album mit Gott und der Kirche hadern. «And all the churches are closed», singen Sie in «Cassandra», ein Song heisst sogar «Girls Against God». Wie würden Sie Ihr aktuelles Verhältnis zum Glauben beschreiben?
Ich habe den Text von «Girls Against God» geschrieben, als ich während des Lockdowns allein in meiner Küche getanzt habe und traurig war, weil ich nicht auftreten konnte. Damals habe ich tatsächlich mitten in der Nacht in mein Müesli geweint, wie es im Song heisst. Irgendwann habe ich meine Faust Richtung Himmel geballt und vorwurfsvoll gerufen: «Warum tust du das, warum lässt du das zu»? (lacht laut)
Das «Girl against God» waren Sie also selbst. Was haben Sie sich von dieser Geste erhofft?
Ach, das war ein verzweifelter Versuch, die eigene Bedeutungslosigkeit mit meinem gewaltigen Künstlerinnen-Ego zu kompensieren. (lacht) Im Nachhinein kann ich darüber nur noch lachen.
Im Song «King» geht es weniger lustig zu: Er handelt von einem Paar, das darüber streitet, ob es Kinder bekommen soll oder nicht. Irgendwann singen Sie: «I never knew my killer would be coming from within.» Das ungeborene Kind als Feind der Mutter. Wollen Sie aufklären?
Ich wünsche mir von ganzem Herzen eine Familie. Gleichzeitig will ich aber genauso sehr die grösste und beste Performerin sein, die ich nur werden kann. Meine Arbeit, meine Songs sind für mich beinah wie Kinder. In diesem Song geht es um den Kampf zwischen diesen beiden Archetypen, der welterobernden grossen Performerin und der treusorgenden Mutter und Ehefrau. Das ist ein Widerstreit, der sich nicht ohne Weiteres auflösen lässt.
Der sogenannte King of Rock’n’Roll, Elvis Presley, war der grösste aller Performer. Heisst der Song deshalb «King» und nicht «Queen»?
Nicht konkret wegen Elvis, aber ja: Es heisst immer, der König von diesem, der König von jenem und ich habe mich gefragt: Warum kann ich nicht der König sein? (lacht) Ich habe mir früher nie Gedanken über die Unterschiede zwischen mir und meinen männlichen Kollegen gemacht. Ich höre fast nur Musik von Männern, ich liebe Iggy Pop, Nick Cave oder Mick Jagger. Aber während sie einfach immer weitermachen können, muss ich mich mit diesen Fragen auseinandersetzen. Das ist eine biologische Tatsache.
Hier spielt die Kirche eine eher unrühmliche Rolle: Sie erwartet von Frauen, sich in ihre traditionelle Rolle als treusorgende Ehefrauen, hingebungsvolle Mütter und Hausfrauen zu fügen.
Es ging mir weniger um die generelle gesellschaftliche Erwartungshaltung an Frauenrollen, sondern um Archetypen und biologische Realitäten.
Würden Sie ein Kind bekommen, müssten Sie eine Weile pausieren, für Männer gilt das nicht unbedingt.
Exakt, so ist es. Daraus ergibt sich eine gewisse Frustration, weil ich einfach beides sein will: diejenige, die sich wirklich um ihr Kind kümmert, und gleichzeitig diese atemberaubende Performerin. Mein Körper muss für so eine Tournee in absoluter Topform sein, die müsste ich nach einer Schwangerschaft überhaupt erst einmal wieder erreichen. Und als Frau ist es meine Pflicht, mich spätestens zwischen 35 und 40 mit diesen Themen zu beschäftigen, mir bleibt überhaupt nichts anderes übrig. Diese Phase zwischen 35 und 40 ist schrecklich, ich will das einfach nur hinter mich bringen. Ich wünschte, es wäre vorbei. (lacht) All diese Gedanken sind während der Pandemie über mich hereingebrochen.
Warum ausgerechnet da?
Alles, was mich jemals interessiert hat, was ich tun wollte im Leben ist Performance. Alben zu machen, hat etwas Quälendes. Aber auf der Bühne bin ich ganz in meinem natürlichen Habitat. Es geht also darum, ausgerechnet mit der einzigen Sache aufzuhören, bei der ich mich wirklich hundertprozentig sicher und wohl fühle im Leben. Es war ganz schlimm für mich, als mir das während der Pandemie genommen wurde. Diesen Zustand jetzt durch die Entscheidung für eine Familie zu verlängern, war plötzlich eine schreckliche Vorstellung.
Haben die Überlegungen dieser Zeit Sie diesbezüglich weitergebracht?
Als die Pandemie sich immer länger hingezogen hat, begann ich, mich an dieses Leben zu gewöhnen. Das erste Jahr zog ins Land und irgendwann dachte ich: Du könntest so leben, eine Familie gründen, ein häusliches Leben führen, das Alte hinter dir lassen. Aber nun kann ich mir nichts Schöneres vorstellen, als endlich wieder auf der Bühne zu stehen.
Ist die Entscheidung somit aufgeschoben oder aufgehoben?
Bislang habe ich noch keine finale Entscheidung getroffen. Das ist für mich auch eine philosophische Frage. Ich habe in meinem Leben immer wieder mit dem Dasein gehadert, bin durch viele Täler gegangen und hatte existenzielle psychische Probleme. Diese Ebene kommt schliesslich auch noch dazu: Vielleicht sollte ich erst mal mit mir selbst ins Reine kommen und mich um meine eigene seelische Gesundheit kümmern, bevor ich Verantwortung für ein neues Leben übernehme.
«Ich habe mich gefragt: Warum kann ich nicht der König sein?»
Wünschten Sie in solchen Situationen manchmal, Sie wären jene «Cassandra», nach der der Song betitelt ist, und könnten in die Zukunft sehen?
Kassandra aus der griechischen Mythologie leidet darunter, dass sie zwar die Zukunft kennt, aber niemand ihren Weissagungen Glauben schenkt. Ich habe sie als Metapher eingesetzt, da schliesst sich der Kreis mit der Choreomanie: Alben und Tourneen zu planen hat mein gesamtes bisheriges Erwachsenenleben bestimmt. Dadurch wusste ich immer schon, was in den nächsten Monaten, manchmal Jahren geschieht. Mit Eintritt der Pandemie konnte ich plötzlich gar nichts mehr vorhersehen. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie die Zukunft sich gestalten würde. Der prophetische Geist meiner Songs hatte mich verlassen, ich fischte im Trüben. Als hätten die Götter mich meiner Gabe beraubt.
Immerhin eine Weissagung scheint einzutreten: Die Konzerte zu «Dance Fever» sind bestätigt.
Ich hoffe wirklich sehr, dass sich immerhin diese Prophezeiung erfüllt. Ich halte es fast nicht mehr aus.