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Kampf gegen das Vergessen
Yvette Z'Graggens Tagebuchaufzeichnungen neu aufgelegt
"Warum wird man so bestraft dafür, dass man moralisch handeln wollte?" notiert Yvette Z'Graggen im September 1940 verzweifelt in ihr Tagebuch. Der erst zwanzigjährigen Frau ist zumute, als habe sie soeben die grösste Chance ihres Lebens verspielt: mit ihrer Ferienliebe Bruno wäre sie gerne ins Bett gegangen, doch das Überlch der gutbürgerIichen Erziehung erwies sich als stärker. Als die junge Genferin Bruno nach Wochen wieder trifft und die beiden das Versäumte nachholen, Iäuft alles schief: das Hotel ist hässlich, Bruno erscheint ihr längst nicht mehr so attraktiv, und ausserdem hat sie Pickel im Gesicht ; und nach dem AIbtraum der Liebesnacht setzt sie beim Versuch, das Bettuch zu waschen, das Hotelzimmer unter Wasser.
Yvette Z'Graggens Tagebuchaufzeichnungen "Zeit der Liebe, Zeit des Zorns" beschäftigen sich wie auch die meisten ihrer Romane mit der Tragik und Komik, Melancholie und Ironie weiblicher Lebensentwürfe. Hinter solchen Gemütszüständen verbergen sich die KraftIinien, die das Schreiben der Westschweizerin strukturieren: der leichte Skandalgeruch des Tabubruchs etwa oder das Leiden an der Liebe. - Das Buch, 1980 auf französisch und 1982 erstmals auf deutsch erschienen, liegt nun bei Lenos wieder vor.
Mosaikartig setzt Yvette Z'Graggens das BiId ihres Lebens aus einer doppelten Perspektive zusammen: als Tochter einer Genfer Zahnarztfamilie in den zwanziger bis vierziger Jahren und als Mutter ihrer in den sechziger Jahren geborenen Tochter, welche im Begriff ist, eigene Wege zu gehen. Diese Tatsache und eine Schreibkrise lassen die Autorin über die Stationen ihres Lebens nachdenken: über die Demütigungen in der Kindheit durch den Vater, die unmögliche Liebe zu dem verheirateten Daniel, die schwierige Zeit als Mitarbeiterin des IKRK im Nachkriegsitalien, die späte Geburt des Kindes, die Scheidung.
Yvette Z'Graggen wächst in einer autoritätsgIäubigen WeIt auf. Teile der Genfer Bourgeoisie bewundern offen Mussolini. Der aufmüpfigen Achtjährigen begegnet der Vater hilflos und hart zugleich: er droht, statt ihrer eine ihrer Freundinnen in der Familie aufzunehmen, "weil sie gehorsamer sei". Jedes Lächeln von der Mutter ist ein Hoffnungsschimmer. Doch die Angst, verlassen zu werden, Iiegt bleischwer auf dieser Kindheit. Aus dem grossen Trauma werden Lehren für die Erziehung der eigenen Tochter gezogen. Sie nur nicht erleben Iassen, was ich selbst erlebt habe, hämmert sich Yvette ZGraggen immer wieder ein - doch muss sie erkennen, dass sie mit ihrem grenzenlosen Anspruch, zu lieben und geliebt zu werden, der Jugendlichen auch die Luft zum Atmen ninmt.
Als der Vater in der Wirtschaftskrise der dreissiger Jahre seine Schulden nicht mehr bezahlen kann, entzieht er sich immer mehr der Familie, wird zum Eigenbrötler, der wortkarg und mit abweisendem Blick nach der Arbeit allein am Radio sitzt. Seine Person gerät so zum Urbild des typischen männlichen "désengagement", das Z'Graggen in ihren Romanen immer wieder denunziert und kontrastiert mit dem Willen ihrer Frauengestalten - nicht zuletzt auch dem ihrer Mutter -, etwas aus dem eigenen Leben zu machen. Spürbar wird in diesen Aufzeichnungen auch bereits, wie Indifferenz die Medien und die Politik ergreift angesichts des Kriegs und der FIüchtlinge, die Einlass begehren. 1982 legt Yvette Z'Graggen dann den Roman "Les Années silencieuses" vor, einen der ersten in der Westschweiz, die den Mythos einer "menschlichen " Schweiz zerstören.
Yvette Z'Graggen spiegelt in "Zeit der Liebe, Zeit des Zorns" den schleichenden Zusammenbruch ihrer Familie vor dem Hintergrund der politischen und sozialen Missstände der Zeit. Ihre einfache, zeitlose Sprache ist auch dem Kampf gegen das Vergessen verpflichtet - im privaten Bereich wie im öffentlichen. lhn zu bestehen wäre die Voraussetzung, dass jene moralische Erneuerung gelänge, die nach 1945 in Europa gefordert wurde, von der man aber, so die Autorin, heute weiter nicht entfernt sein könnte. - An diesem Freitag feiert Yvette Z'Graggen in Genf ihren 80. Geburtstag.
Yvette Z'Graggen : Zeit der Liebe, Zeit des Zorns; aus dem Französischen von Heidi Wyss. Lenos-Verlag, Basel 2000. 238 S., Fr. 19.80.
Michael Wirth
30.03.2000