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Ich, der Journalist für den Verlag der „marginale Versand“:
MJS, was du bereits im „Glaubenssatz“ andeutungsweise versucht hast, hast du im Testimony ganz umgesetzt:
Du hast eine Protagonistin auf zwei Figuren aufgeteilt. MJS:
Wer ist Jeanne?
Und wer ist Dolly?
MJS: Vereinfacht gesagt: Jeanne ist der mentale, geistige Teil, Dolly der physisch sinnliche Teil des Organismus.
Ich, der Journalist für den Verlag der „marginale Versand“:
Kannst du das etwas ausführen?
MJS: Jeanne Stürmchen ist: mentale Stärke, Reflektion, physische Krankheit, Depression, aber auch Sanftheit, sie ist das reifere Ich, das immer gerade etwas reifer sein soll als die Erfinderin der Protagonistin selbst. Dolly ist: die Kraft der Intuition, Sinnlichkeit, Kindlichkeit, Wut und Unschuld, sie ist die Borderline-Konstante, Lust-Schmerz-Dialektik, Abhängigkeit und das jugendliche Ich respektive sie ist zwar altersmässig ebenfalls über Vierzig (also gleichalt wie Jeanne, sie sind ja derselbe Organismus), aber sie kann nicht erwachsen werden.
Ich:
Warum hast du die Protagonistin aufgeteilt, wenn du sagst, dass sie demselben Organismus entstammen?
MJS: Ich habe sie aufgeteilt, um als Autorin weniger einsam zu sein. Weil ich Dialoge liebe. Vor allem darum.
Dann vielleicht, weil ich schon lange das Gefühl hatte, auch beim Glaubenssatz, dass ich die Extreme der Protagonistin nicht wirklich in einer Person unterbringe….
Ich: Extreme?
MJS: Die Eigenschaften der Protagonistin klaffen auseinander. Sie ist einerseits höchst vulnerabel und irgendwie kindlich andrerseits grausam und fürchterlich autonom.
Ich: sind nicht alle Leute im Prinzip so?
MJS: Glaube ich nicht. Ich denke, die meisten Menschen entwickeln Eigenschaften, die näher beieinander liegen und mehr oder weniger miteinander harmonieren. Man nimmt diese Menschen dann ja auch als intakte Persönlichkeiten wahr….
Ich: scheint mir zu vereinfacht.
Worum geht es im Testimony?
MJS: Es geht um Abschied, wie so oft. Und weil es schon so oft um Abschied ging, ums Loslassen, auch im Glaubenssatz, geht es darum, ihn, den Abschied, in vielen Varationen zu verschleiern und hinauszuschieben …. immer wenn ich schreibe, schiebe ich irgendetwas hinaus …. weil ich im Schreiben etwas Neues schaffe. Und Neues lebt ….. im Gegensatz zum Alten …. das stirbt …
… oder eben nicht sterben kann …..
Ich: Worin besteht die offizielle Beichte der Jeanne Stürmchen?
MJS: Jeanne Stürmchen hat für ihre Beichte keine Zeugen. Und so weiss sie auch, dass es kein Testimony gibt. Jeanne Stürmchen erzählt sich ihre Geschichte selbst. In dieser Phase ihres Lebens gibt es so gut wie keine Menschen mehr in Jeannes Leben, aber auch keine Kämpfe mit Ärzten/Institutionen/Eingliederungen usw. Jeanne Stürmchen kommt es vor, als würde sie auf einem Floss dahinplätschern. Ihr Gegenüber sind nicht mehr Menschen, sondern die Bilder der Natur, wenige Meter hinter ihrem Fenster. Um nicht den Verstand zu verlieren an ihrer Innerlichkeit und den fehlenden Interaktionen, geht Jeanne intensiv auf Fühlung mit dem Nuancenreichtum des angrenzenden Naturstückleins.
Ich: Warum sollte Jeanne den Verstand verlieren?
MJS: weil sie seit 26 Jahren körperlich krank ist und seit sechs Jahren mehrheitlich im Bett. Wer über so lange Zeit aus der Gesellschaft ausscheidet, gerät in eine komplette Isolation. Es kommt zur Zerrüttung. Ich habe zwar explizit nicht mehr oft von der Krankheit geschrieben, aber sie ist natürlich der Boden, auf dem das alles geschieht: The Playing-Dead-Syndrom.
Ich: Was ist mit Dolly los? Warum weint sie ständig?
MJS: Sie weint ständig, weil sie in dieser unmittelbaren Spähre fühlt, bevor Empfindungen versickern und sich mit dem Verstand verbinden können. Sie weint, weil sie eine grosse Liebesfähigkeit besitzt. Aber eben nicht zum Universum, der Familie, den Tieren, den Menschen. Nur für den Mann. Und den hat sie verloren.
Ich: Gibt es für Dolly im zweiten Teil eine Art Rettung?
MJS: ich weiss es nicht. Ich denke nicht. Dolly verliert den Bezug zur Realität und macht Dummheiten.
Ich: Du sagst: Dolly und Jeanne sind Teil eines Organismus? Das tönt so, als wäre der Organismus dem Menschen übergeordnet. Ist es nicht eher so, dass wir, ich und du, einen Organismus besitzen, aber daneben auch eine Persönlichkeit, ein Bewusstsein und spirituelles Sein, das unabhängig von diesem Organismus besteht?
MJS: Ich weiss es nicht. Ich glaube es eher nicht. Für mich ist der Organismus die beste Bezeichnung für Körper und Seele und Geist/Kognition. Für mich ist es der einzige stimmige Begriff. Körper als solches ist technisch, Psyche als solches ist ein blosses Konstrukt. Organismus können wir verstehen als diese Ganzheit mit ihren Wechselwirkungen: physische Signale-Reaktionen-Intepretationen. Alles, was ich erlebte, prägte sich ein in meinen Organismus, schrieb sich ein in mein zelluläres Gedächtnis. Jedes Trauma hat seine Spuren in meinem Organismus. Ich bin: mein Körpergefühl. Wenn du nun aufgrund einer schweren, langjährigen Erkrankung dauerhaft ein schlechtes Körpergefühl hast, damit meine ich: kein Wohlgefühl erlebst, immer an körperlichen Symptomen leidest, dann macht dieser Zustand deine Persönlichkeit. Aber eigentlich kann das bereits bei deiner Geburt passieren, wenn du frierst usw.
Ich: ich weiss nicht, ich stelle mir mein Bewusstsein ausserhalb meines Körpers vor….
MJS: Nein. Ich stelle es mir gefangen vor, innerhalb meines Körpers. Ich weiss nichts, das ausserhalb von mir wäre,
solange der Körper mich vor solche Probleme stellt. Er ist verschlossen gegenüber dem Geheimnis des Letzten ….
zurück zum Testimony bitte.
Ich: Ist Testimony nicht einfach ein weiteres, wiedermal letztes Kapitel vom Glaubenssatz?
MJS: Die Idee, dass es etwas Neues ist, gefällt mir besser. Die ersten drei Kapitel vom Glaubenssatz sind halt etwa zehnjährig. Das stört mich am Glaubenssatz.
Ich: in welchem Verlag wirst du Testimony publizieren?
MJS: in dem von mir gegründenten Loser-Verlag.
Ich: danke fürs Gespräch.
MJS: Bin fix und fe. Hab jetzt Scheisshustenanfall, Movid-Bronchitis.