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Gebärdensprache: Grammatik und erster Kontakt
Die Gebärdensprache ist eine vollwertige Sprache mit verschiedenen Dialekten und eigener Grammatik. Ihre Geschichte geht bis ins 18. Jahrhundert zurück.
Trotz zahlreicher Aufklärungskampagnen durch den Schweizerischen Gehörlosenbund (SGB) hat die Gebärdensprache auch heute noch gegen einige Vorurteile zu kämpfen.
Zwei gängige Annahmen, die kaum totzukriegen sind, sind „Gebärdensprache ist keine vollwertige Sprache“, und „Gebärdensprache ist international“.
Doch spätestens seit dem amerikanischen Sprachwissenschaftler William C. Stokoe, der 1960 als erster die Amerikanische Gebärdensprache (American Sign Language: ASL) untersucht hat, ist klar, dass es sich bei der Gebärdensprache um eine natürliche Sprache handelt, mit eigener Grammatik, eigenen Sprichwörtern und sogar eigenen Dialekten.
Wie bei den Schweizer Dialekten aber versteht man sich auch in den gebärdensprachlichen Dialekten problemlos. Auch länderübergreifend versteht man einander mehr oder weniger gut.
Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Es gibt nicht, wie häufig angenommen, für jedes Wort in der Lautsprache eine entsprechende Gebärde. Aufgrund der visuellen Basis folgt die Gebärdensprache einer vollkommen eigenständigen Grammatik, die sich zum grossen Teil sehr von der der Lautsprache unterscheidet.
Gehörlose Jugendliche haben genauso einen „Slang“ wie hörende und finden die Gebärdensprache der Erwachsenen natürlich altmodisch. Das Ergebnis von Stokoes Arbeit war das 1965 veröffentlichte „A Dictionary of American Sign Language (ASL) on Linguistic Principles“, das erste linguistische Standartwerk der Gebärdensprache überhaupt.
Inzwischen gibt es zahlreiche weitere Grammatikbücher von verschiedenen Gebärdensprachen. Die Gebärdensprache ist nämlich nicht international. Jedes Land, sogar jede Region hat ihre eigene. In der Schweiz gibt es drei Gebärdensprachen – die Französische, die Tessiner und die Deutschschweizer Gebärdensprache. Letztere lässt sich sogar auf fünf verschiedene Dialekte (ZH, BE, BS, LU, SG) aufteilen, die sich hauptsächlich an den fünf Gehörlosenschulen der Schweiz gebildet haben.
Die Verbannung der Gebärdensprache
Mitte des 18. Jahrhundert bildeten sich in der Gehörlosenpädagogik zwei sehr unterschiedliche Methoden heraus – Die Französische, auf Schrift und Gebärden basierend und die Deutsche Methode, die ausschliesslich die Anwendung der Lautsprache, durch mühsames Lippenablesen erlernt, zuliess. Diese Methode, die die vollständige Integration der gehörlosen Menschen in die Welt der Hörenden zum Ziel hatte, hat jedoch den grossen Nachteil, dass mehr Wert auf die perfekte Artikulation als auf die inhaltliche Bedeutung des Wortes gelegt wurde.
Diese beiden sehr unterschiedlichen Methoden verursachten einen Methodenstreit, der 1880 in den Mailänder Kongress gipfelte.
Auf dem Mailänder Kongress 1880 beschlossen (ausschliesslich hörende) Gehörlosenlehrer offiziell, nur noch die orale Unterrichtsform, also die Deutsche Methode, für die Gehörlosenschulen in Europa anzuwenden. Im Anschluss an diesen Kongress wurde die Gebärdensprache in vielen europäischen Ländern verboten. Einzig Amerika weigerte sich, diesen Beschluss zu unterschreiben.
Mehr als 100 Jahre lang wurden die gehörlosen Menschen in Europa gezwungen, sich den hörenden Menschen anzupassen. Die Gebärdensprache konnte sich meist nur heimlich weiterentwickeln. Kindern wurde im Unterricht die Hände hinter den Rücken gebunden und drakonische Strafen angedroht.
Dieses dunkle Kapitel fand erst im Sommer 2010 einen Abschluss. Die internationale Konferenz zur Bildung und Erziehung Gehörloser (ICED) hat am 20. Juli 2010 in Vancouver, Kanada beschlossen, die Beschlüsse des Mailänder Kongresses von 1880 aufzuheben. Man entschuldigte sich offiziell für den Entscheid von 1880.
Bleibt abzuwarten, welchen Einfluss dieser Beschluss auf die Entwicklung der Gebärdensprache weltweit haben wird. Die Gebärdensprache hat schon Jahrzehnte vor diesem Beschluss immer mehr an Anerkennung gewonnen und in vielen Gehörlosenschulen wird wieder vermehrt gebärdet.
Gebärdensprache lernen
Es ist nicht schwierig, in die Gehörlosenkultur einzutauchen. Alles was man dafür braucht, ist etwas Mut und Informationen. Am einfachsten lernt man die Gebärdensprache in einem Gebärdensprachkurs. Die Kurse werden ausschliesslich von gehörlosen Lehrpersonen geführt, nur in der allerersten Lektion hilft ein Gebärdensprachdolmetscher.
Neugierig geworden? Wenn Sie sich noch nicht getrauen, sehen Sie sich doch einfach erst den News-Sender Focus5 TV an, wo immer die aktuellsten News aus der Welt der Gebärdensprachler präsentiert werden.
Text: M. Plattner – 02/2011 - aktualisiert 05/2016
Bilder: Wikicommons, pixelio.de