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Darm mit Charme
Giulia Enders
Alles über ein unterschätztes Organ
Ullstein-Verlag, 2014
ISBN 978-3-550-08041-8, CHF 19.60 / eBook: CHF 16.00
SAPS-Bewertung:
Bis zu zwei Kilogramm Bakterien (Darmflora) beherbergt der Mensch in seinem Verdauungstrakt. Diese verarbeiten die aufgenommene Nahrung und produzieren dabei Stoffe, die uns am Leben erhalten. “Bei Übergewicht, Mangelernährung, Nervenkrankheiten, Depressionen oder chronischen Darmproblemen stösst man auf veränderte Bakterienverhältnisse.” (S. 156) Für die bakterielle Darmbesiedelung sind die ersten Kontakte des Säuglings mit seiner Umwelt massgebend: “Wenn ein Kind im ersten Lebensjahr zu wenige Bifido-Bakterien im Darm hat, ist später die Wahrscheinlichkeit höher, übergewichtig zu werden, als wenn es viele hat.” (S. 170) Die Zusammensetzung und die eigene Genetik dieser Bakterien weist von Mensch zu Mensch markante Unterschiede auf, die Funktion der Bakterien ist genetisch bestimmt: “Im Darm von übergewichtigen Menschen findet man oft mehr bakterielle Gene für den Abbau von Kohlenhydraten.” (S. 181)
“Die Überlegung ob Darmbakterien unseren Stoffwechsel insgesamt beeinflussen und so auch unser Gewicht mitregulieren, ist gerade mal ein paar Jahre alt.” (S. 190) “Wenn es um das Thema Gewicht geht, sollte man nicht nur an fette Kalorien denken, sondern auch an die Bakterienwelt, die immer mit am Essenstisch sitzt,” (S. 195) und die für uns etwa 10% der Nährstoffe aufarbeiten, zusätzlich zu denen, die wir mit den Darmzotten direkt aufnehmen.
“Bei Studien mit übergewichtigen Menschen hat man festgestellt, dass in ihrer Darmflora insgesamt weniger Vielfalt herrscht und bestimmte Bakteriengruppen überwiegen, die vor allem Kohlenhydrate verstoffwechseln.” (S. 196) Diese Aussage spiegelt sich wohl auch in der neueren Erkenntnis, dass eine Ernährungsform auf LowCarb-Basis für die Gewichtsreduktion vorteilhafter sein kann als ein LowFat-Regime.
Gewisse Bakterienkulturen im Dickdarm können auch Botenstoffe produzieren in Form der Aminosäuren Tyrosin und Tryptophan, die ins Gehirn gelangen und dort zu Dopamin und Serotonin umgewandelt werden, welche das Stättigungsgefühl beeinflussen. “In mehreren Studien konnte man zeigen, dass unsere eigenen Sattheits-Signalstoffe deutlich stärker ansteigen, wenn wir bakteriengerecht essen. Bakteriengerecht bedeutet: Dinge zu uns nehmen, die unverdaut im Dickdarm ankommen und dort von den Bakterien gegessen werden können.” (S. 198)
“Sattheit wird generell von zwei Seiten signalisiert: einmal vom Gehirn und ausserdem vom restlichen Körper. Hier kann schon viel schiefgehen: Gene für Sattheit können bei übergewichtigen Menschen fehlerhaft sein: sie schaffen es einfach nicht, ein Sattheitsgefühl hervorzurufen. Nach der Theorie des “egoistischen Gehirns” bekommt das Gehirn nicht genug von der Nahrung ab und entscheidet deshalb, dass es noch nicht satt ist.” (S. 199) ...und veranlasst so – meist unbewusst – dass Nahrung aufgenommen wird. Aber auch die Bakterien selber, die zwei Kilogramm unseres Darminhaltes ausmachen, können ihr Bedürfnis nach Nahrung ganz direkt zur Geltung bringen: “Unklar ist noch, ob bestimmte Bakterien unterschiedliche Gelüste äussern. Wer eine lange Zeit keine Süssigkeiten isst, vermisst sie irgendwann nicht mehr so sehr. Wurde da etwa die Schoko- und Gummibärchenlobby ausgehungert? Wir können hier nur mutmassen.” (S. 199)
“An den Bakterien können wir allerdings schon besser rumschrauben als an unserem Gehirn oder unseren Genen – und das macht sie so spannend. Was Bakterien uns füttern, ist nicht nur interessant für Bauchspeck und Oberschenkel-Pölsterchen: sie spielen zum Beispiel mit, wenn es um Blutfettwerte wie Cholesterin und Co. geht. In dieser Erkenntnis liegt einige Brisanz: Übergewicht und hoher Cholesterinspiegel sind mit grossen Gesundheitsproblemen unserer Zeit verknüpft: Bluthochdruck, Arteriosklerose und Diabetes.” (S. 200)
Die Übergewichts-Thematik ist nur ein einzelner Aspekt, der in das knapp 300 Seiten starke Buch von Giulia Enders eingestreut ist. Die Autorin hat sich während ihres Medizinstudiums mit dem “verkannten” Organ befasst, dem Darm, der als eines der zentralen Systeme des menschlichen Körpers praktisch alle übrigen Organe beeinflusst und mit lebenserehaltender Energie versorgt. Enders nähert sich dem für viele heiklen Thema mit erfrischender Unbekümmertheit an. 2012 hat sie mit einem Vortrag mit dem Titel “Darm mit Charme” den 1. Preis im Wettbewerb Science Slam gewonnen und tourt seitdem als Referentin durch die Lande. Ihr 12-Minuten-Wettbewerbsbeitrag wurde inzwischen zu einem YouTube-Hit und mehr als 725’000 mal herunter geladen, einzusehen unter:
Ihr Buch steht inzwischen auf allen Bestseller-Listen und ist bereits in der 32. Auflage erschienen
(saps) Eine provozierende Aussage, der mit verschiedenen Argumenten widersprochen werden könnte. Und dennoch gibt das Buch von Giulia Enders (“Darm mit Charme – Alles über ein unterschätztes Organ”) wissenswerte Einblicke in die Zusammenhänge zwischen unserem Verdauungsorgan und der Adipositas-Problematik.