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Königsdrückerfisch
Balistes vetula
© 2007 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Artwork © Owen Bell
Von allen Wirbeltiersippen (Vertebrata oder Craniata) ist diejenige der Knochenfische (Osteichthyes) die bei weitem artenreichste. Es gibt ungefähr 24 000 wissenschaftlich beschriebene Arten, das entspricht fast der Hälfte der insgesamt rund 52 000 Wirbeltierarten.
Über 99 Prozent aller Knochenfische gehören der Klasse der Strahlenflosser (Actinopterygii) an. Diese wird in ungefähr zwei Dutzend Ordnungen gegliedert. Eine der kleineren ist die Ordnung der Kugelfischverwandten (Tetraodontiformes). Sie umfasst rund 400 Arten in neun Familien: die Kugelfische (Tetraodontidae), die Igelfische (Diodontidae), die Kofferfische (Ostraciidae), die Feilenfische (Monacanthidae), die Dreizähner (Triodontidae), die Dreistachler (Triacanthidae), die Hornfische (Triacanthodidae), die Mondfische (Molidae) und die Drückerfische (Balistidae).
Die Familie der Drückerfische setzt sich aus etwa vierzig Arten zusammen, welche in den warmen Zonen des Atlantischen, Indischen und Pazifischen Ozeans weit verbreitet sind. Der deutsche Name «Drückerfisch» leitet sich vom englischen Namen «Triggerfish» ab, wobei trigger
für den Abzug («Drücker») einer Schusswaffe steht und sich auf die besondere Gestaltung der ersten Rückenflosse bezieht. Letztere besteht aus drei harten Stachelstrahlen, welche durch eine Haut verbunden sind. Der erste Strahl ist der grösste und hat auf seiner Hinterseite an der Basis eine Grube. Wenn er durch seinen Muskel aufgerichtet wird, zieht er die beiden hinteren, kleineren Strahlen wegen der Hautverbindung mit. Dabei klemmt sich die Basis des zweiten Strahls in der Grube des ersten fest und macht ihn völlig unbeweglich. Diese Sperre kann nur überwunden werden, wenn der dritte Strahl durch seinen Muskel nach hinten gezogen wird. Dabei zieht er nämlich den zweiten Strahl durch ein spezielles Band, das ihn mit diesem verbindet, aus der Grube des ersten Strahls heraus, löst also dessen Verspreizung, so dass dieser wieder umgelegt werden kann.
Dienlich ist diese Vorrichtung, welche an den Abzug («Drücker») eines Gewehrs erinnert, dem Drückerfisch bei der Feindvermeidung: Auf der Flucht oder zum Ruhen zieht er sich jeweils in eine Nische zwischen Gestein oder Korallenblöcken zurück und spreizt dort seinen Rückenflossenstachel und gleichzeitig seine beiden zu Stacheln umgewandelten Bauchflossen ab. Dadurch ist es fast unmöglich, ihn aus seinem Versteck herauszuziehen.
Im Atlantik heimisch
Ein prächtig gefärbtes - mit einer Kopfrumpflänge von bis zu 60 Zentimetern und einem Gewicht von bis zu 5,4 Kilogramm zudem recht grosses - Mitglied der Drückerfischfamilie ist der Königsdrückerfisch (Balistes vetula)
. Er ist seitlich stärker abgeflacht als die meisten seiner Vettern. Kennzeichnend sind ferner die langen Ausläufer seiner Schwanz- und Rückenflosse, die beim Schwimmen wie Stoffbänder elegant hinter ihm her gleiten.
Beheimatet ist der Königsdrückerfisch in den warmen Zonen des Atlantiks. Im Westatlantik erstreckt sich sein Verbreitungsgebiet vom Norden der USA (ungefähr 43. nördlicher Breitengrad) bis zum Süden Brasiliens (ungefähr 35. südlicher Breitengrad) und umschliesst dabei das gesamte Karibische Meer sowie den Golf von Mexiko. Im Ostatlantik kommt er bei den Azoren (ungefähr 38. nördlicher Breitengrad), den Kapverden und der Insel Ascension vor, ferner entlang der ganzen Westküste Afrikas, von Marokko südwärts bis Angola (ungefähr 15. südlicher Breitengrad).
Zwar konnte der Königsdrückerfisch schon in bis zu 275 Metern Wassertiefe beobachtet werden. In der Regel bewegt er sich aber in seichten, oft bloss ein paar Meter tiefen Küstengewässern umher. Die Fachleute bezeichnen seine Lebensweise als «demersal» und meinen damit, dass er gewöhnlich dicht über dem Meeresgrund umherschwimmt, im Unterschied beispielsweise zu den Schollen (Pleuronectidae) oder den Stachelrochen (Dasyatidae) jedoch kein eigentlicher Meeresbodenbewohner ist. Im Allgemeinen hält er sich im Bereich von Korallenriffen auf, ist aber nicht strikt an diese gebunden, sondern bewohnt durchaus auch deren Umgebung mit felsigem, steinigem oder sandigem Untergrund sowie Seegraswiesen.
Beutefang mittels «Wasserpistole»
Wie bei den meisten Wirbeltieren umrahmen bei den Fischen zwei Schädelknochen, nämlich der Oberkieferknochen (Maxillare) und der Unterkieferknochen (Dentale), die vordere, hauptsächlich der Nahrungsaufnahme dienende Körperöffnung namens Mund. Bei vielen Fischen sind die beiden Kieferknochen überaus beweglich, ja sie können sogar vom restlichen Schädel gelöst und weit vorgestülpt werden. Weil ihnen dann die Verankerung im Kiefergelenk fehlt, sind sie allerdings nicht besonders stabil und eignen sich nicht zum kräftigen Zubeissen.
Die meisten Fische nehmen darum ihre Nahrung auf eine von zwei Weisen zu sich, bei welchen keine «Beisskiefer» notwendig sind. Es handelt sich um das Fangschnappen («ram feeding») und um das Saugschnappen («suction feeding»). Beim Fangschnappen schwimmt der Fisch mit weit geöffnetem Mund auf sein Opfer zu bzw. hinter ihm her und schnappt zu, sobald es sich in seiner Mundhöhle befindet. Das Saugschnappen ist eine Weiterentwicklung des Fangschnappens: Der Fisch nähert sich seinem Opfer soweit wie möglich, dann dehnt er unvermittelt seine Mund- und Rachenhöhle, wodurch ein Sog entsteht, der die Beute mitsamt dem sie umgebenden Wasser in den Mund befördert. Falls die Kiefer der Fang- oder Saugschnapper mit Zähnen ausgerüstet sind, so sind diese meistens klein und nach hinten gerichtet, denn sie dienen einzig dazu, die im Mundraum befindliche Beute an der Flucht zu hindern.
Viele Fische, welche sich als Fang- oder Saugschnapper betätigen, verschlucken ihre Beute im Ganzen. Andere, beispielsweise die Karpfenfische (Cyprinidae), haben zusätzliche «Schlundkiefer». Es handelt sich um modifizierte Schlundknochen (Pharyngealknochen), welche mit einer eigenen Muskulatur und zahnartigen Gebilden ausgestattet sind. Mit ihrer Hilfe kann die Beute zerkleinert werden, so dass sie einfacher zu schlucken und zu verdauen ist.
Die Kugelfischverwandten, zu welcher die Drückerfische gehören, weichen von diesem fischtypischen Ernährungsmuster ab: Sie verfügen über verhältnismässig kleine, fest verankerte, kräftige und mit meisselartigen Zähnen ausgestattete Mundkiefer. Diese verwenden sie, um Beute zu packen und zu zerkleinern, bevor sie sie verschlucken. Tatsächlich sind die meisten Kugelfischverwandten darauf spezialisiert, hartschalige Beutetiere zu verspeisen. So auch der Königsdrückerfisch: Seine Nahrung setzt sich hauptsächlich aus Seeigeln, Krebstieren und anderen bodenlebenden Wirbellosen zusammen.
Beim Beutefang wendet der Königsdrückerfisch verschiedene Techniken an. Leicht erreichbare, kleine, weiche Tiere nimmt er gewöhnlich durch Saugschnappen zu sich. Aus hartschaligen und/oder grösseren Beutetieren beisst er hingegen zunächst Stücke heraus. Diese zerkaut er anschliessend gründlich auf charakteristische Art: Er bewegt sie in rascher Folge mehrfach aus dem Mund heraus und wieder hinein und beisst kräftig darauf herum. So werden die Bissen vor dem Verschlucken zerkleinert, und gleichzeitig lassen sich harte, nicht erwünschte Teile von den weichen, gut verdaulichen Gewebeteilen trennen.
Wie alle Drückerfische kann der Königsdrückerfisch im Übrigen nicht nur saugen, sondern auch einen recht kräftigen, gezielten Wasserstrahl aus seinem Mund auspressen. Die «Wasserpistolen»-Technik wendet er an, um Beutetiere aus ihren Verstecken zu spülen oder um Seeigel und andere Tiere, welche oberseits einen schützenden Panzer haben, unterseits aber verwundbar sind, auf den Rücken zu drehen.
Die Larven leben planktonisch
Seine Eier laicht das Königsdrückerfischweibchen in eine selbst gefertigte Grube am Meeresboden ab, wo diese sogleich vom Männchen besamt werden. Das Weibchen betreibt Brutfürsorge: Es bewacht das Nest und greift etwaige Nesträuber mutig an, um sie von der Nachkommenschaft fernzuhalten. Sobald die Jungen schlüpfen, enden die mütterlichen Pflichten, denn die Königsdrückerfische durchlaufen - wie viele andere Korallenriffbewohner - in ihrer frühen Jugend eine frei schwebende, «planktonische» Lebensphase. Die winzigen Geschöpfe, welche keinerlei Ähnlichkeit mit ihren Eltern aufweisen und also Larven sind, steigen in die oberflächennahen Wasserschichten auf und ernähren sich von den dort besonders üppigen Beständen planktonischer Kleinstlebewesen. Aufgrund der Meeresströmungen können sie in dieser Phase weit von ihrem Geburtsort fortgetragen werden. Die larvale Jugendphase dient somit der Ausbreitung der Art.
Eines schönen Tages verwandeln sich die Königsdrückerfischlarven und nehmen die Form ihrer Eltern an. Wenig später lassen sie sich im Bereich eines Korallenriffs nieder. Um die Mitte der 1980er-Jahre konnte im Südwesten der Karibik, vor der Küste Panamas, die Ankunft junger Königsdrückerfisch zufällig beobachtet werden. Die eintreffenden Jungfische waren alle fünf bis sieben Zentimeter lang und wurden auf ein Alter von 65 bis 90 Tagen geschätzt. Nach ihrer Ankunft suchten sie zuerst nach geeigneten Höhlungen im Riff, um darin Schutz zu suchen. Teils gab es heftigen Wettstreit um die verfügbaren Unterschlupfe. Erst hernach begannen sie, die Umgebung zu erkunden und nach Nahrung zu suchen. Viele der jungen Königsdrückerfische waren schon im folgenden Jahr, als sie eine Länge von etwa 17 bis 18 Zentimetern aufwiesen, geschlechtsreif und schritten dann zur Fortpflanzung. Sie wuchsen in der Folge kontinuierlich weiter, bis sie im Alter von ungefähr acht Jahren ihre maximale Länge erreicht hatten.
Überfischt
Noch ist der Königsdrückerfisch weit verbreitet. Gleichwohl gibt es gerechtfertigte Bedenken hinsichtlich seiner Zukunft - wie leider bei so vielen anderen Meeresfischen auch. Fast überall, wo Langzeitbeobachtungen gemacht werden, gibt es nämlich deutliche Hinweise darauf, dass seine Bestände schwinden - und zwar in einem Mass, welches die Weltnaturschutzunion (IUCN) veranlasst hat, ihn als «Verletzlich» auf die Rote Liste der gefährdeten Tierarten zu setzen.
Ausnahmsweise scheint der Schwund nicht oder nur geringfügig auf die Beeinträchtigung seines Lebensraums zurückzuführen zu sein. Zwar haben die Korallenriffe innerhalb der vergangenen Jahrzehnte im ganzen Verbreitungsgebiet des Königsdrückerfischs stark unter den vielfältigen Machenschaften des Menschen gelitten. Jedoch haben gewisse Tiersippen, darunter die Seeigel, welche zu den Hauptbeutetieren des Königsdrückerfischs gehören, von den Störungen der Riffökosysteme eher profitiert und ihre Bestände erhöhen können. Es deutet darum alles darauf hin, dass die Abnahme der Königsdrückerfischbestände auf die übermässige Befischung der Art zurückzuführen ist.
Zum einen wird der Königsdrückerfisch eifrig bejagt, weil sein Fleisch als Delikatesse gilt. Dies, obschon es nach dem Genuss hin und wieder zu Vergiftungserscheinungen kommt. Man spricht von «Ciguatera», einem Syndrom welches in tropischen Meeresgebieten sporadisch nach dem Verspeisen von Korallenrifffischen auftreten kann und durch Giftstoffe hervorgerufen wird, welche diese mit ihrer Nahrung aufgenommen, ihnen aber nicht geschadet haben. Zum anderen ist der Königsdrückerfisch eine beliebte Beute von Anglern, Speerfischern und weiteren «Hobbysportlern». Nicht zuletzt wird der Königsdrückerfisch auch häufig für den Aquariumbedarf gefangen. Seine starke Konstitution und seine bunte Färbung machen ihn zu einem beliebten Pflegling der Meerwasseraquarianer, obschon er territorial veranlagt und darum gegenüber Artgenossen wie auch anderen Fischen unverträglich ist.
Die Tatsache, dass sich die Königsdrückerfische in ihrer frühen Jugend über weite Meeresgebiete auszubreiten vermögen, erschwert die Einschätzung der Situation ihrer Bestände erheblich. Beispielsweise ist der Fall möglich, dass zahlreiche jugendliche Individuen in einem Gebiet vorkommen, obschon lokal keine oder keine nennenswerte Nachzucht erfolgt, weil praktisch sämtliche grösseren, fortpflanzungsfähigen Individuen ständig weggefischt werden. Angesichts der vielen Jungfische könnte man den Eindruck erhalten, dass die Population recht gesund sei, dabei überlebt sie bloss aufgrund des kontinuierlichen «Nachschubs» von Jungtieren aus anderen, möglicherweise weit entfernten Gegenden. Die positive Seite des Ausbreitungspotenzials der Königsdrückerfische ist andererseits die, dass ein gesunder, sich fortpflanzender Bestand innerhalb kurzer Zeit die Wiederbesiedlung selbst weit entfernter Riffbereiche zu bewirken vermag, wenn dort die Befischung auf ein nachhaltiges Mass beschränkt wird.
Um den Fortbestand des Königsdrückerfischs - und all der anderen Korallenriffgeschöpfe, deren Lebenszyklus ähnlich verläuft - zu sichern, muss aufgrund dieser Überlegungen innerhalb seines Verbreitungsgebiets ein Netz sorgfältig ausgewählter Meeresschutzgebiete geschaffen werden, denn diese können eine sehr positive Auswirkung auf weite umliegende Meeresareale haben. Ein wirklicher Erfolg kann sich allerdings nur einstellen, wenn die Planung des Schutzgebietsnetzes auf überregionaler Basis erfolgt. Die Voraussetzung ist also eine gewisse Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Ländern wie auch zwischen den Behörden für Tourismus, Fischerei und Umwelt innerhalb der einzelnen Länder. Leider hapert es diesbezüglich noch beträchtlich.
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