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Faviano lebt schon seit vielen Jahren auf der Strasse. Er ist homosexuell und trägt Frauenkleider, seine homosexuellen Freunde nennen ihn Camilla. Über zwei Jahre war er mit einem Jungen auf der Strasse zusammen, aber es gab viel Streit, und sein Freund trägt heute noch die Narben auf dem Rücken, die Faviano ihm im Drogenrausch zugefügt hat. Ganz können die beiden aber nicht voneinander lassen, und so sind sie manchmal zusammen und dann wieder nicht. Momentan macht er einen Kurs und hat wieder Kontakt zu seiner Mutter aufgenommen. Da er mit dem Kurs 100 Reais im Monat verdient und sein Stiefvater nicht mehr mit seiner Mutter zusammenlebt, überlegt er, wieder bei seiner Mutter einzuziehen.
Faviano:
Meine Kindheit? Meine Kindheit war eine sehr schlechte Sache. Sie war schlecht, war aber auch gut. Wir sind Zwillinge, ein Junge und ein Mädchen. Als ich geboren wurde, musste meine Mutter
wählen. Meine Mutter würde mit einem Kind bleiben, mein Vater mit dem anderen, denn sie waren schon getrennt. Meine Mutter behielt meine Schwester, das Mädchen. Ich blieb bei meinem Vater, aber
mein Vater zog mich nicht auf, wer mich aufzog war meine Grossmutter, bis ich sieben Jahre alt war. Als ich sieben Jahre alt war, starb meine Grossmutter.
Ab da wurde mein Leben schlimm! Ich wohnte bei meinem Vater, mein Vater diskriminierte mich, meine Stiefmutter schlug mich sehr viel. Dann wohnte ich mit meiner Mutter. Dort gefiel es mir auch nicht, wir hatten nicht diese Nähe wie zu einer Mutter, das gab es nicht.
Ich hatte mit meiner Grossmutter gelebt, und meine Grossmutter war wie eine Mutter für mich gewesen. Ich habe für meine Mutter nicht diese Mutterliebe, nur für meine verstorbene Grossmutter. Aber ich respektierte sie, sie ist nun mal meine leibliche Mutter. Ich blieb aber nicht bei ihr, wegen meinem Stiefvater. Er war blöd und musste einem alles unter die Nase reiben. Wenn ich mir Kleidung gekauft hatte, warf er es mir vor. Ich mochte ihn nie. Als ich neun Jahre alt wurde, floh ich von zu Hause, das war die erste Flucht. Ich kam in ein Heim.
Streetworker:
Gingst du direkt in das Heim oder erst auf die Strasse?
Faviano:
Nein, ich ging erst auf die Strasse, blieb dort eine Zeit lang, aber niemals nahm ich Kleber. Dann machte ich Freundschaften, auf der Strasse lernt man viele Sachen kennen, und durch diese Freunde fing ich an, Drogen zu nehmen, dann fing ich an, Kleber zu schnüffeln.
Streetworker:
Das war mit wie vielen Jahren?
Faviano:
Mit neun Jahren
Streetworker:
All dies geschah also ziemlich schnell?
Faviano:
Sehr schnell. Dort in Cruzilhada (Stadtteil von Recife). Ich floh von zu Hause und kam dort an, und dort gab es schon eine Gruppe, die wirklich dort wohnte, Strassenbewohner. Ich lernte sie alle
kennen, freundete mich mit ihnen an, und über sie fing ich dann an, die Drogen zu nehmen, die sie auch nahmen, wie den Kleber, das war meine erste Droge. Danach kam ich in ein Heim, sie haben
mich dort in Cruzihade geschnappt, die Leute vom Jugendamt. Sie brachten mich in ein Heim. Und ich mochte es dort, ich blieb gerne dort. Ich floh nie aus diesem Heim.
Aber wir mussten auch Besuche zu Hause machen. Ich nahm sie zum Haus meiner Mutter mit. Und als sie sahen, dass meine Mutter ein ordentliches Haus hat, liessen sie mich nicht länger im Heim bleiben. Also steckten sie mich wieder in das Haus meiner Mutter, aber sie kannten den Grund nicht, warum ich fort gegangen war. Es gibt Personen, die versuchen deine Gründe zu verstehen, aber diese Personen wollten die Gründe nicht wissen. Sie wollten nur wissen, wie das Haus war. Meine Mutter hatte ein ordentliches Haus, mein Stiefvater arbeitete, meine Mutter hatte eine Art Imbiss. Also nahmen sie mich und liessen mich zu Hause.
Aber ich blieb nicht. Ich blieb drei Tage zu Hause, und dann floh ich wieder. Und da fing alles an, in meiner Kindheit. Als ich das letzte Mal von zu Hause floh, war ich fast schon 14 Jahre alt. Sie brachten mich in ein Heim in Afogados (Stadtviertel), und dort blieb ich von 14 bis 18. Ich wohnte dort, in diesem Heim. Und in dieser Zeit, von 14 bis 18, besuchte mich meine Mutter kein einziges Mal. Ich hatte nur Besuch von Freunden, aber von meiner Familie niemals. Bis heute hat mich nie jemand besucht. Sie wissen, dass ich hier bin, das ist ein bekannter Ort, jeder kennt ihn. Und nie hat mich jemand besucht. Aber mir fehlt das auch nicht. Es ist das Beste für mich. Je weiter sie von mir weg sind, umso besser, so erinnere ich mich wenigstens nicht.
Streetworker:
Aber bist du nicht trotzdem ein bisschen traurig?
Faviano:
Ja, manchmal macht sich diese Beklemmung bemerkbar, in meiner Brust, wenn Muttertag ist oder kurz vor Karneval, São João, Ostern, Neujahr, Weihnachten. Jeder geht und besucht seine Familie, nur ich habe nicht den Mut zu gehen. Manchmal sage ich, "Ich gehe jetzt zum Haus meiner Mutter", aber wenn ich an der Bushaltestelle bin, mache ich einen Rückzieher. Ich sage mir: "Ich werde nicht gut aufgenommen werden", deswegen gehe ich nicht. Wenn ich dorthin gehe, muss ich irgendetwas mitbringen, ich kann nicht dorthin mit leeren Händen kommen. Ich muss etwas besorgen, was ich mitnehmen kann.
Streetworker:
Sagst du das, weil du glaubst, dass sie etwas erwarten, oder macht sie eine Bemerkung, wenn du mit leeren Händen ankommst?
Faviano:
Sie wird das kommentieren. Sie hat es schon öfter kommentiert. Als ich hinkam, sagte sie: "Du bringst ja gar nichts mit. Du machst gar nichts, du willst dich nur herumtreiben, du bist der Sohn, den ich nie haben wollte." Dass bringt mich sehr auf, wenn sie das sagt.
Als ich mich prostituierte, mit 18, und das Heim verliess, da wurde es schwieriger für mich. Denn im Heim, da gab es Abendessen. Aber mit 18 war das vorbei, da musste ich mich selbst darum kümmern und zusehen, wie ich zu essen bekam. (...)
Biographisches, Interviews (Text: Joana Stümpfig, Strassenkinderreport)
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