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Bundespräsident Pascal Couchepin enttäuschte mich. Er referierte doppelt so lange wie geplant – und prompt hatte er keine Zeit mehr, um sich den Anliegen von uns Jugendlichen zu widmen. Gerne hätte ich ihm ein paar Fragen zu Politik und Wirtschaft gestellt. Hätte er uns Auslandschweizern nur 20 Minuten Zeit eingeräumt, wie ursprünglich vereinbart, wäre ich zufrieden gewesen, doch er musste weiterreisen. Ein geschickter Politiker hätte sich mehr Zeit genommen, um mit uns zu diskutieren.
Zusammen mit acht anderen Jugendlichen aus Norwegen, Frankreich, Italien, Tunesien, Luxemburg und Deutschland war ich zu einem einwöchigen Workshop der Auslandschweizer-Organisation in die alte Heimat gereist. «Mein Platz im Finanzplatz Schweiz» hiess das Thema. Es war genau auf mich zugeschnitten, denn diesen Herbst beginne ich ein Ökonomiestudium in Cambridge. Um dieses Ziel zu erreichen, musste ich in den letzten fünf Jahren sehr hart arbeiten.
Auf unserer Reise durch die Schweiz fand ich den Besuch bei der Nationalbank und die Diskussion mit Vertretern der Nichtregierungsorganisation «Aktion Finanzplatz Schweiz» am spannendsten. Nach der Matur machte ich einen einjährigen Studienaufenthalt in Paris. Dort kam ich in Kontakt mit der globalisierungskritischen Bewegung Attac, für die ich Dokumente übersetzte. Obwohl ich nicht mit allen Forderungen dieser Bewegung einverstanden bin, stimme ich darin überein, dass der Marktwirtschaft zu viele Freiräume eingeräumt werden.
Nur gebrochenes Schweizerdeutsch
Ich wuchs in Zürich auf. Als ich zehn Jahre alt war, wurde mein Vater von seinem Arbeitgeber, einer Grossbank, nach London berufen. Die ganze Familie zügelte nach Grossbritannien. Als Kind sprach ich sehr gut Schweizerdeutsch, heute beherrsche ich es nur noch bruchstückhaft. Nach Englisch und Französisch ist Deutsch für mich auf den dritten Platz gerückt.
Mein Vater stammt aus Zug, meine Mutter kommt aus Indien, wuchs aber in Kenia auf. Eine Grossmutter lebt in Nairobi, die andere in Zug. Wenn ich mit meinem jüngeren Bruder unsere 83-jährige Schweizer Grossmutter besuche, nimmt sie uns jedes Mal auf eine Wanderung mit. Ich habe das Gefühl, sie hat mehr Ausdauer als ich – obwohl ich 64 Jahre jünger bin. Sie ist sehr gut organisiert, isst jeden Tag zur selben Zeit und ist stolz auf die Schweizer Züge, die so pünktlich fahren.
Stolz darauf, ein Kosmopolit zu sein
Immer wenn wir bei unserer Grossmutter unseren Besuch ankündigen, spricht sie ausgiebig übers Wetter. Sie hofft, dass es schön ist, damit sie uns die prachtvolle Schweizer Landschaft zeigen kann. Wie die meisten Schweizerinnen und Schweizer ist sie sehr stolz auf ihr Land.
Ich habe nichts gegen Nationalstolz, aber man sollte auch andere Länder schätzen. Ich mag es nicht, wenn Leute sagen, ihr Land sei das beste. Mich frustriert es auch, dass viele Schweizer über die Europäische Union herziehen, ohne genau zu wissen, was in Europa wirklich passiert.
Ich sehe es als ein Privileg, die beiden so unterschiedlichen Kulturen meiner Eltern zu kennen. Die Schweizerinnen und Schweizer erlebe ich als eher kühl, förmlich und distanziert. Es braucht immer sehr viel Anstrengung, bis sie schliesslich auftauen. Ganz anders sind die Inderinnen und Inder: Ich erlebe sie als sehr viel offenere Menschen.
Es fällt mir sehr schwer, einen einzigen Ort als meine Heimat zu betrachten. Zürich ist sicher ein Stück weit meine Heimat. Je älter ich werde, desto mehr schätze ich diese Stadt. Ich erlebe Zürich heute auch als internationaler als früher. Aber auch London ist meine Heimat – obwohl ich dort nicht für immer leben möchte. In einer kleinen Stadt wie Zug wiederum würde ich mich auf Dauer nicht wohl fühlen. Ich mag Grossstädte und bin stolz, ein Kosmopolit zu sein.
Als Auslandschweizer in Grossbritannien verfolgte ich natürlich mit besonderem Interesse die Champions-League-Spiele des FC Basel gegen Manchester United. Mein Lieblingsteam ist allerdings der Londoner Fussballklub Arsenal. Sollten der FCB und Arsenal irgendwann einmal aufeinander treffen, würde mein Herz ganz bestimmt für Arsenal schlagen.
Auch die Schweiz ist nicht perfekt
Mein Bild von der Schweiz änderte sich schlagartig, als vor zwei Jahren die Flugzeuge der Swissair am Boden bleiben mussten. Bis dahin war ich überzeugt, dass die Swissair ihre Krise überstehen würde. Wie viele andere auch hatte ich geglaubt, die Schweiz funktioniere wie ein Uhrwerk. Doch das Grounding der Swissair machte mir bewusst, dass dies nicht stimmt und auch die Schweiz nicht perfekt ist. Weil die Swissair ein Symbol für die Schweiz schlechthin war, fand ich es gut, dass der Staat einsprang, um das Schlimmste abzuwenden – obwohl auch die Situation für die Nachfolgegesellschaft Swiss nicht wirklich allzu gut ist.
Ich werde mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, zum ersten Mal an den Parlamentswahlen teilzunehmen. Noch bin ich mir nicht ganz sicher, welcher Partei ich meine Stimme geben werde. Und wer weiss, vielleicht werde ich sogar ein Semester in Zürich studieren. Der einwöchige Workshop über den Finanzplatz Schweiz hat mich jedenfalls dazu ermutigt.