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Trotz Amputation erfolgreich als Model
Mit 24 Jahren war das Model Lauren Wasser auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Ihre Fotos waren in der US-«Vogue» erschienen, und sie war in zahlreichen Kampagnen bekannter Designer zu sehen. Die Welt stand der blonden Amerikanerin offen. Doch das Schicksal hatte andere Pläne.
Alles fing damit an, dass sich Lauren an einem Abend vor drei Jahren unwohl fühlte und sich schlafen legte. Wenig später sei sie durch das Bellen ihres Hundes geweckt worden, erzählte sie in einem Interview mit dem Magazin «Vice». Doch dann setzte ihre Erinnerung aus. Wasser wurde mit hohem Fieber ins Krankenhaus gebracht. Die Diagnose: Toxisches Schocksyndrom (TSS), eine Infektionskrankheit, die durch einen Tampon ausgelöst werden kann und die nicht selten zum Tod führt. Die Infektion breitete sich rasch aus und verursachte Wundbrände. Diese waren so schlimm, dass Laurens rechtes Bein amputiert werden musste.
Es dauerte lange, bis sich die junge Frau mit ihrem Schicksal abfinden konnte. Sie habe zuerst an Selbstmord gedacht, sagte sie gegenüber «Vice»: «Ich war das Mädchen – und plötzlich habe ich nur noch ein Bein, sitze im Rollstuhl, meine Zehen fehlen und ich kann nicht mal ins Badezimmer laufen. Ich bin ans Bett gefesselt, kann mich nicht bewegen und habe das Gefühl, in meinen eigenen vier Wänden eingesperrt zu sein.»
Doch Lauren Wasser überwand die Depression, sie rappelte sich wieder auf und beschloss, weiter als Model zu arbeiten. Lange Zeit war sie arbeitslos. Doch vor kurzem bekam Wasser ihren ersten, grossen Auftrag nach der Amputation: Sie posiert für den Weihnachtskatalog der grossen amerikanischen Warenhaus- und Versandhauskette Nordstrom. In der Kampagne des Warenhauses trägt sie Sportkleider und Turnschuhe. Auf Instagram schrieb sie über das Shooting: «Ein riesiger Moment für mich und meine Freundin, die Fotografin Jennifer Rovero.»
Im amerikanischen Magazin «People» erzählt sie, dass sie während des Shootings «sehr emotional» gewesen sei. «Ich konnte kaum glauben, dass ich ausgesucht wurde.» Drei Jahre nach ihrer Krankheit, die sie fast das Leben gekostet hat, sei sie froh, zeigen zu dürfen, dass Schönheit viele Gesichter habe. Heute sieht sich Wasser als Vorreiterin für andere Models, die nicht der üblichen Norm entsprechen.
Und von diesen Models gibt es immer mehr. War vor 20 Jahren das Muttermal von Cindy Crawford bereits ein Schönheitsfehler, ist es heute fast keine Besonderheit mehr, wenn ein Model mit einer sichtbaren Behinderung auf dem Laufsteg erscheint. In New York sah man im Januar Models mit Bein-Prothesen und im Rollstuhl, auch die Schauspielerin Jamie Brewer mit Trisomie 21 (Down-Syndrom) trat auf. Aufsehen erregen auch die Albino-Schwarze Shaun Ross und das kanadische Model Winnie Harlow, das unter der Fleckenkrankheit Vitiligo leidet.
Sind der perfekte Körper und das glatte Gesicht für die Modeindustrie langweilig geworden? Braucht es ein sichtbares Anderssein, damit man für Kunden interessant bleibt und für Gesprächsstoff sorgen kann? Oder wächst in der sonst sehr rigiden Mode- und Beautywelt, was Normen betrifft, so etwas wie Toleranz heran? Die Zukunft wird es zeigen, ob Menschen wie Lauren Wasser oder Winnie Harlow mehr als ein austauschbares Phänomen sind.