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Spätestens seit dem Film «Kids» galt sie als das coolste Mädchen der Neunziger: Schauspielerin und Fashion-Ikone Chloë Sevigny. Und im Gegensatz zu vielen anderen «It-Girls» dieser Zeit ist sie heute mit 49 weder überoperiert, spirituell abgedriftet oder an einer Überdosis gestorben. Stattdessen hat Chloë Sevigny die wohl interessanteste Karriere im Indie-Filmbusiness hingelegt.
Sie hat einen Golden Globe gewonnen, war für einen Oscar nominiert, führt heute selbst Regie, ist vor drei Jahren zum ersten Mal Mutter geworden und der Star der neuen Zalando Weihnachtskampagne. Als Modeprofi liess Sevigny es sich selbstverständlich nicht nehmen, die Outfits der Kampagne selbst mitzustylen. Ihre Favoriten? Der Babuschka-Look und alles von Glenn Martens für Diesel. Wir erreichen die Schauspielerin an einem grauen Nachmittag per Zoom. Wer hätte gedacht, dass das «cool girl» auf Weihnachtslieder steht?
annabelle: Chloë Sevigny, was ist Ihr Go-to-Weihnachtslook, abgesehen von Pyjamas?
Chloë Sevigny: Party Pyjamas! (lacht) Ein schwarzer Rollkragen-Pulli mit einem festlichen Rock geht immer. Und natürlich eine Samtschleife im Haar, die ist ein Muss. Dazu rote Lippen.
Was ist das schlimmste Weihnachtsgeschenk, das Sie je bekommen haben?
Also ich sage immer: Alles, was man in eine Steckdose stecken kann, gehört nicht unter den Weihnachtsbaum. Ich wurde schon öfter mit technischen Geräten unangenehm überrascht …
Chloë Sevigny
«Wir sind jeden Sonntag zur Messe gegangen und ich war im Kinderchor»
Wie haben Sie als Kind Weihnachten gefeiert?
Ich bin in einer Kleinstadt in Connecticut aufgewachsen. Wir sind jeden Sonntag zur Messe gegangen und ich war im Kinderchor. Meine Mutter liebte Weihnachtsmusik und wir hörten ständig den «Nussknacker». Kurz vor Weihnachten fuhren wir dann nach New York und schauten uns die dekorierten Schaufenster bei Macy’s an. Wenn ich Weihnachtslieder höre, werde ich sofort emotional und ich spiele sie alle meinem Sohn vor. Er ist noch nicht mal vier und liebt jetzt schon die dreckige Version von «Rudolph the Red-Nosed Reindeer» (lacht).
Chloë Sevigny
«Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich doch ständig an meiner Kunst arbeiten müsste, nicht?»
Hat sich die Bedeutung von Weihnachten verändert, seit sie Mutter sind?
Nein, ich habe Weihnachten schon immer geliebt. Als ich 20 war, starb mein Vater. Von da an schwang an Weihnachten aber auch immer Trauer und Schmerz mit.
Wie würden Sie sich als Mutter beschreiben?
Ich bin eine sehr engagierte Mutter. Mein Sohn ist meine Priorität. Ich glaube, weil ich ihn relativ spät bekommen habe (mit 45, Anm.d.Red.) fällt es mir nicht schwer, in anderen Bereichen zurückzustecken. Meine Karriere ist etabliert, ich muss mich deswegen nicht mehr stressen. Um ehrlich zu sein, versuche ich im Moment den Drive zu finden, mich wieder mehr auf meine Arbeit zu fokussieren, aber irgendwie gelingt es mir nicht. Ich habe ein Büro, in dem ich im letzten Jahr genau zwei Mal war, und ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich als Künstlerin doch ständig an meiner Kunst arbeiten müsste, nicht? Aber wenn ich den Ehrgeiz im Moment nicht habe, will ich ihn auch nicht erzwingen. Nun habe ich natürlich Glück: Ich habe ein Team, das mir viel abnimmt. Ich geniesse die Zeit mit meinem Sohn, bringe ihn zur Vorschule und hole ihn ab – klar, manchmal drehe ich, aber meistens bin ich sehr präsent.
Chloë Sevigny
«Mein Sohn und ich sind Freunde»
Was ist Ihre grösste Herausforderung als Mutter?
Ich habe ständig Angst um meinen Sohn. Panische Angst. Und ich frage mich, ob diese Sorge um ihn jemals verschwinden wird. Manchmal ist es fast nicht auszuhalten. Was, wenn ihm etwas zustösst? Ich habe eine sehr enge, sehr gesunde Beziehung zu ihm. Ich wage sogar zu behaupten, dass wir Freunde sind.
Das war früher ein absolutes Tabu, oder? Eltern sollten Eltern sein und auf keinen Fall Freunde, hiess es gerne.
Ja, ich hatte richtige Angst vor Erwachsenen und eigentlich hatte ich mit ihnen gar nicht so recht zu tun. Da war eine unglaubliche Distanz. Deshalb denke ich, dass es vielleicht ganz gut ist, wenn sich mein Sohn auf ältere Generationen einlässt, und zwar auf eine vertrautere Art und Weise, als ich es in meiner Kindheit tun konnte.
Wenn man Artikel über Sie liest, fällt in fast jedem das Attribut «cool». Gibt es so etwas wie eine «coole Mutter»?
Ja klar, gibt es das. Ich kenne ganz viele coole Mütter! Mein Sohn hat mich letztens gefragt, ob ich eher «cool» oder eher «schick» sei. Ich habe ihm gesagt, dass ich natürlich beides bin! (lacht)
Sie werden auch mit fast 50 immer noch als das «Cool Girl», das «It-Girl» bezeichnet – obwohl Sie längst eine etablierte künstlerische Karriere vorzuweisen haben. Nervt das?
Ganz ehrlich: Ja, es nervt. Ich werde immer danach gefragt, die Leute scheinen endlos fasziniert von diesem Thema zu sein, auch wenn es Jahrzehnte her ist. Neulich brachte das «New York Magazine» aber eine Ausgabe heraus, die die It-Girls der verschiedenen Dekaden zelebriert hat. Das hat mich ein wenig versöhnt, weil ich gesehen habe, in welch toller Gesellschaft ich da genannt werde. Es hat dem Label «It-Girl» für mich eine neue Validierung gegeben, mit der ich mich nun anfreunde. Dass ich mit 49 noch als «girl» bezeichnet werde, stört mich hingegen nicht im Geringsten! (lacht)
Glauben Sie, dass Sie in der Vergangenheit für gewisse Projekte nicht besetzt wurden, weil Sie so einen ausdrucksstarken Modestil haben? Früher galt ja, dass eine Schauspielerin eine Art weisse Leinwand sein soll, auf die man möglichst viel projizieren können muss.
Ja, ich glaube schon. Früher wurde die Freude an Mode mit grösserer Skepsis betrachtet als heute, vor allem, wenn du eine ernst zu nehmende Künstlerin sein wolltest. Heute ist das anders, Künstler:innen werden für ihre Extravaganz gefeiert, für ihre Vielseitigkeit. Schauen Sie sich etwa Hunter Schaefer an: sie ist eine talentierte, dramatische Schauspielerin und trägt trotzdem diese verrückten Outfits. Früher hätte eine seriöse Schauspielerin nicht in der Form mit der Modebranche zusammengearbeitet. Wir haben in der Hinsicht glücklicherweise Fortschritte im Denken gemacht.
Sie führen auch Regie, haben mehrere Kurzfilme gedreht, man hört, Sie arbeiten an einem Spielfilm. Können Sie das bestätigen?
Ja, aber es kommt immer etwas dazwischen. Ich entscheide mich oft für Schauspieljobs, weil es so viel einfacher ist: Jemand sagt dir, was du sagen, wo du dich hinstellen sollst, was du trägst … Als Regisseurin muss man all diese Entscheidungen alleine treffen, das ist sehr viel aufwendiger, und ich kann im Moment einfach nicht die Kraft dafür aufbringen, obwohl ich eigentlich danach strebe, mein eigenes Grossprojekt zu realisieren.
Das Skript existiert bereits?
Ja, ich habe verschiedene Skripts. Im ersten geht es im weitesten Sinne um eine Frau und ihre Liebe zu sich selbst im zweiten um ein Teenager-Mädchen. Ich erzähle gerne Geschichten über Frauenleben.
Im Namen aller Filmfans: Können Sie bitte weitermachen?
Ja, okay. (lacht) Na gut.