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Sucre ist nicht nur die sogenannt «schönste Stadt Boliviens» sondern auch ihre Hauptstadt. La Paz ist zwar seit 1899 Sitz der Legislative und Exekutive, Sucre beherbergt aber noch immer die Judikative und ist die konstitutionelle Hauptstadt des Landes. Am Hauptplatz von Sucre – der Plaza 25 de Mayo – befindet sich auch das Gebäude in dem 1825 die Unabhängigkeitserklärung Boliviens unterschrieben wurde: die Casa de la Libertad. Auf der tollen Führung durch den wunderschönen Kolonialpalast, der ursprünglich als Jesuitenkloster diente, erfährt man allerlei Spannendes und Kurioses aus der Geschichte des ärmsten Südamerikanischen Landes. So waren die Bolivianer 1809 zwar die Ersten, die sich im Zuge einer Rebellion gegen die spanischen Kolonialherren zur Wehr setzten, aber 1825 die Letzten die diese dank der Armee Simon Bolivars auch erlangten. Seinem Befreier zu Ehren wurde das Land damals Bolivar getauft und erst später in Bolivien umbenannt.
In Sucre wird uns zum ersten Mal bewusst, dass bei uns zu Hause der Winter begonnen hat. Als wir eines Abends über den gutbelebten Hauptplatz schlendern, kommt uns ein Pick-up mit leuchtendem Rentier-Wagen und Santa-Claus im Schlepptau entgegen. Eine Traube Eltern drängt vor den Wagen, um dem kitschigen Samichlaus ihre Kinder für ein Foto entgegenzustrecken. In den darauffolgenden Tagen entdecken wir immer mehr grässliche Plastikweihnachtsbäume in Shops und Cafés sowie grausig-blinkende Neonbeleuchtungen, welche die schönen Kolonialfassaden verschandeln. Unsere erste Weihnachtszeit fern der Heimat steht ins Haus, aber so richtig will das Weihnachtsfeeling noch nicht aufkommen. Dazu fehlt – zum Glück – der Schnee und die Kälte.
Ebenfalls auf dem Hauptplatz, aber weit weniger freudigfroh als der Weihnachtsmann, sind die gelbgewandeten Protestierenden, welche sich hier mit ihren selbstgemalten Bannern und Schildern in kleinen Pavillons eingerichtet haben. Sie protestieren gegen die Ankündigung Evo Morales, nächstes Jahr erneut für das Staatspräsidium zu kandidieren. Dies obwohl das Bolivianische Volk eine vierte Kandidatur des gegenwärtigen Präsidenten in einem Referendum 2016 mit 51.3% abgelehnt hatte. Eigentlich darf man in Bolivien sowieso maximal zwei aufeinanderfolgende Amtszeit als Präsident fungieren. Paradoxerweise ist Evo Morales derzeit aber schon in seiner dritten Amtszeit tätig. In seiner ersten, vielbeachteten Amtszeit von 2006-2010 liess er eine neue Verfassung verabschieden, welche unter anderem die Staatsform des Landes änderte. Daneben stärkte er als erster südamerikanischer Präsident mit indigenen Wurzeln die Rechte der Ureinwohner, führte ihre Flagge als offizielle zweite Flagge Boliviens ein, verstaatlichte viele Betriebe und vergrösserte so nebst dem Einkommen auch das Selbstsbewusstsein des bis anhin mausarmen Landes. Der so gewonnene Goodwill der Bevölkerung kam ihm bei seiner Kandidatur 2014 zu Gute, als er geltend machte, dass seine dritte Wahl zum Präsidenten nicht gesetzeswidrig sei, da er in seiner ersten Amtszeit ja Präsident der Republik Boliviens und nicht des Plurinationalen Staates Boliviens (wie das Land heute heisst) gewesen sei. Die erste Amtszeit könne man daher nicht mitzählen. Der Streich ging auf, er wurde erneut gewählt und liess als eine seiner ersten Amtshandlungen die Dauer der Präsidentschaft von vier auf fünf Jahren verlängern. 2019 schien seine Herrschaft nun aber endgültig zu einem Ende zu kommen. Doch dann kündigte er vor zwei Jahren eine weitere Kandidatur und ein entsprechendes Verfassungsreferendum an. Dass dieses abgelehnt wurde, ignoriert er nun gekonnt und hält weiter an seiner Kandidatur fest. Die Wahlen im nächsten Jahr dürften also spannend werden, denn zumindest in Sucre scheint der schlitzohrige Präsident nicht mehr auf viele Fans zählen zu können.