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Yusra wacht um 4 Uhr morgens auf. Sie wohnt mit ihrem Mann und ihren Kindern in einem ungenutzten Lagerraum in der türkischen Stadt Reyhanlı, nahe der Grenze zu Syrien. Als Erstes kocht sie sich etwas zu essen für den Tag. Die nächsten 12 Stunden wird sie zusammen mit anderen syrischen Flüchtlingen auf den Feldern Früchte und Gemüse ernten.
Dann schaut sie nach, ob ihr ältester Sohn Feraz auf die Toilette muss. Der 19-Jährige ist körperlich beeinträchtigt und kann nicht gehen. Als die Familie nach ihrer Flucht aus Aleppo in der Türkei ankam, lebte sie erst in einem Kuhstall ohne richtiges Dach, Fensterscheiben oder Türen. Das war, bevor Caritas Plastikfolie, Decken und einen Ofen brachte. Feraz bekam wegen der prekären Umstände Hautprobleme und wurde taub.
Danach schaut Yusra nach Ahmed, einem weiteren Sohn, der ebenfalls behindert ist. Er kann Arme und Beine nicht bewegen. Sie wechselt ihm die Windeln. Windeln waren für die Familie einst ein Luxusgut. Nun bekommt sie sie als Teil der humanitären Hilfe.
Für ihre Arbeit auf den Feldern erhält Yusra pro Tag 25 türkische Lira, was etwa 7 Euro entspricht. Um 16 Uhr kommt sie nach Hause, dann wäscht sie ihre Kinder und gibt ihnen zu essen. Caritas stellt der Familie Gutscheine zur Verfügung, mit denen sie manchmal auch etwas Besonderes kaufen kann, «Früchte oder Käse». Den restlichen Abend verbringt Yusra mit Wäsche waschen oder kochen. «Um Mitternacht sind die Batterien leer», erzählt sie.
Schlafen kann sie trotzdem nicht, die weinenden Kinder halten sie wach. Sie sind vom Krieg in Syrien und von der Flucht in die Türkei traumatisiert und denken oft an die Grosseltern, die in Syrien zurückgeblieben sind. «Unser Haus wurde bei einem Luftangriff zerstört», erzählt Yusra. «Wir mussten drei Stunden durch den Schnee gehen, um in die Türkei zu gelangen. Mein Mann und ich trugen die Kinder. Ich war schwanger, aber ich habe das Baby verloren.»
«Ich schlafe ein und träume, dass ich wieder gehen kann, wenn ich aufwache», sagt Feraz. «Dass ich meiner Mutter helfen kann.» Dann lacht er ob der Traurigkeit seiner Worte. «Wir wirken wohl wie ein total hoffnungsloser Haufen. Kein Land, keine Gesundheit, kein Geld», meint er. Selbstmitleid können sie sich nicht leisten. «Wir sind in einer fürchterlichen Situation, doch ich kann mich glücklich schätzen», sagt Yusra. «So viele meiner Freunde haben ihre Kinder sterben sehen. Ich halte meine noch in den Armen, und ich danke Gott dafür.»
Ihre Freunde meinen, dass ihr dritter Sohn, der 12-jährige Mustapha, mit ihr arbeiten gehen sollte. «Ich bin dagegen», sagt sie. «Er muss doch die Schule fertig machen.» Mustapha besucht eine örtliche Schule. Er schreibt gern Gedichte.
Könige, ihr seht die Syrer nicht
Wir sind keine Menschen wie ihr.
Meer, wann werden deine Wellen unser Heim,
Wir finden keines an Land.
Vergiess keine Tränen um uns,
Die Steine weinen, Könige weinen nicht.
Alle Länder schlagen uns die Tür vor der Nase zu
Nur der Himmel steht uns offen.
Text und Bild: Patrick Nicholson, Caritas internationalis