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Unter G. (lat. census) versteht man alle Abgaben, die aus der Verleihung von Grundbesitz zwecks Nutzung durch (bäuerl.) Abhängige resultierten. Als Natural- und/oder Geldabgaben bildeten die G. mit den Frondiensten einen Teil des vielfältigen Rentensystems der Grundherrschaft. Besonders im Mittelland blieben sie bis zur Ablösung der Feudallasten im 19. Jh. bestehen.
Die Anknüpfung grundherrl. Abgabenstrukturen im FrühMA an das spätröm. Steuerwesen ist in der Forschung umstritten. Im Zentrum aller Fragestellungen stehen die frühma. Güterverzeichnisse (Urbare), die allerdings für die Schweiz weitgehend fehlen. Neben Urkunden belegen Quellen wie das Churrätische Reichsgutsurbar (wohl Mitte 9. Jh.) oder ein Zinsrodel des Zürcher Fraumünsters (9.-11. Jh.) eine vielfältige Verwendung des Begriffs census (bäuerl. Abgaben, Königszinsen, Gültzinsen usw.), die frühe Umrechnung von Naturalleistungen in Geldbeträge sowie das Nebeneinander von G. und Arbeitsdiensten.
Letzteres war v.a. für die Villikationsverfassung (Fronhof) typisch, wo die hörigen Bauern Abgaben von den Erträgen ihrer Hofstellen, der Huben, sowie Frondienste auf dem herrschaftl. Salland leisteten. Allgemein wird von einem Rückgang dieser klass. Form der Grundherrschaft vom HochMA an und von einer Verdrängung der Frondienste v.a. durch Geldzinsen ausgegangen. Doch ist auch für das SpätMA nicht überall mit reiner Rentengrundherrschaft, basierend lediglich auf Abgaben, zu rechnen.
G. richteten sich nach den Bedürfnissen der Herrschaft, dem rechtl. Status der Abhängigen und der Leihegüter, waren aber auch an gewohnheitsrechtl. und v.a. wirtschaftl. Voraussetzungen gebunden (Rentenlandschaften). Gemäss spätma. Zinsverzeichnissen, Urbaren und Hofrechten lasteten sie in erster Linie auf der Getreideproduktion. Hinzu kamen weitere Ackerfrüchte, Wein, Erträge der Viehwirtschaft und anderes mehr: Zinsen für die Schweinemast in herrschaftl. Wäldern (Schweinegült), Hühner, Wachs, Pfeffer usw. Oft ist nicht leicht zu bestimmen, welche Abgaben eigentl. G. darstellten, also der grundherrschaftl. Landleihe entsprangen, und welche leib- oder gerichtsherrl. Ursprungs waren (Leibeigenschaft, Twing und Bann).
Wo spätma. Zinsverzeichnisse neben Soll-Werten auch effektive Abgaben liefern, ist oft die Ersetzung vorgesehener Naturalleistungen durch andere Abgaben und damit ein Auseinanderklaffen von Sollzins und landwirtschaftl. Produktion zu erkennen. Zudem gewannen im Zuge der Ausbreitung von Handel und Marktwesen vom 12. Jh. an die Geldzinsen gegenüber den Naturalien an Bedeutung. Dies geschah unterschiedlich rasch: Während im 15. Jh. der Bf. von Basel die G. der Propstei Saint-Ursanne in Geld erhob, kam es in der Grundherrschaft des Basler Cluniazenserklosters St. Alban vor 1500 kaum zur Umwandlung von Naturalzinsen. Im Surbtal dürfte Geld selten mehr als 10% des Werts der grundherrschaftl. Abgaben ausgemacht haben.
G. waren meist jährlich zu regional unterschiedl. Terminen zu leisten. Die Betragshöhe war grundsätzlich fixiert. Neben ereignisbedingten Abweichungen (Ernteverluste, Kriege usw.) lassen sich z.T. auch regelmässige zykl. Schwankungen erkennen, die durch die Rotation des Anbaus (z.B. in der Dreifelderwirtschaft) bedingt waren. Die Entwicklung der Kernen- und Hafererträge des Fraumünsters Zürich ab dem 15. Jh. zeigt eine auffällige Stagnation der G., während die proportional zum Ertrag festgelegten Zehnten stark schwankten und generell markant zunahmen. Mangelnde Anpassungsmöglichkeiten und verminderte Durchsetzbarkeit herrschaftl. Zinsforderungen führten in Berggebieten bereits im SpätMA zur Ablösung einzelner G. (z.B. in Bleniotal 1202 und 1457, in Glarus Ende 14. Jh., in Saanen 1448). Im Mittelland blieben sie bis weit über das MA hinaus bestehen. Sie verloren aber allmählich ihren herrschaftl. Charakter, weil die Grundherrschaft von der Territorialherrschaft und kommunalen Organisationsformen zurückgedrängt wurde.
Autorin/Autor: Sebastian Grüninger
Im Unterschied zu den Zehnten waren die G. mengenmässig fixiert: Ihr Anteil an der langfristig wachsenden Agrarproduktion ging deshalb im Lauf der frühen Neuzeit zurück. Zwar wurden von den städt. Obrigkeiten, teilweise sogar von Gem., neue Bodenzinsen eingeführt, wenn Neuland auf Allmenden und in herrschaftl. Wäldern gewonnen wurde, im Vergleich zu den alten G. grundherrschaftl. Herkunft waren diese insgesamt bescheiden. Weil die G. in nachma. Zeit nicht mehr in direktem Zusammenhang mit der Produktionsstruktur der bäuerl. Betriebe standen, gaben sie weniger Anlass zu Konflikten als die Zehnten: Die Änderung der Bewirtschaftung eines Grundstückes, etwa die Einhegung eines Ackers zur Wiese, berührte den Grundzinsbezüger kaum, sofern der Bauer weiterhin imstande war, den feststehenden Getreidezins auf einer anderen Fläche zu erwirtschaften (Einschlagsbewegung). Wegen ihres eher stat. Charakters sind die G. für die frühneuzeitl. Agrargeschichte weniger interessant als die Zehnten: Sie erlauben kaum Rückschlüsse auf die Entwicklung der Getreideproduktion und liefern nur selten Hinweise auf den Kulturwechsel.
Dynamik gab es im Bereich der G. dennoch, weil sich die grundzinspflichtigen Güter stets veränderten. Im 16. Jh. kam es infolge der starken Bevölkerungszunahme erneut zu einer ausgeprägten Zerstückelung der Güter. Die Grundherren riskierten die Kontrolle über ihre Rechte zu verlieren und mussten deshalb neue, detailliertere Urbare anlegen. Grundsätzlich hätten Teilung und Verkauf nur mit Bewilligung der Grundherren erfolgen dürfen. Aber die vorherrschende Erbleihe - sie hatte sich in der spätma. Agrarkrise durchgesetzt - gab den Bauern starke Besitzrechte (Leihe). Entgegen obrigkeitl. Vorschriften behandelten sie ihre Höfe immer mehr als Eigentum, das sie nach eigenem Gutdünken veräusserten, teilten und hypothekarisch belasteten. Die Grundherren sanken allmählich zu Grundzinsbezügern herab, deren Obereigentum (dominium directum) am bäuerl. Gut mehr gelehrter Theorie als rechtl. Praxis entsprach.
Um die nachteiligen Folgen der Güterzerstückelung aufzufangen, führten im 16. und 17. Jh. viele Grundzinsinhaber die sog. Tragerei ein. Dabei wurden die alten Höfe als Bodenzinseinheiten erhalten. Der Besitzer des Kernstückes des alten Hofes wurde zum Trager bestimmt, der gegen eine bescheidene Entlöhnung von allen Parzellen des ehemaligen Hofes die entsprechenden Zinsteile einsammeln musste und gegenüber dem Zinsherrn für den ganzen Grundzins verantwortlich war. Das Institut der Tragerei, das es in Ansätzen schon im SpätMA gegeben hatte, wurde später für das Hypothekarwesen übernommen. Bodenzinsrenovationen von -- für die damalige Zeit -- radikaler Systematik führte die Berner Obrigkeit in den Ämtern Lenzburg (1667-77) und Schenkenberg (ab 1687) durch: Die G. wurden auf der Basis der Getreidezinsen vereinheitlicht und unter Berücksichtigung der Bodenqualität gleichmässig auf die Parzellen verteilt; durch Abtausche reduzierte man die Zahl der Zinsherren pro Dorf. Arrondierungstendenzen sind im 18. Jh. auch in der Umgebung von Genf festzustellen: Grundherren kauften in ihrem Bezirk gelegene fremde Lehen- und Allodgüter auf, während solche, auf denen sie nur einen Teil der Rechte hatten, abgestossen wurden. Allerdings galt das Hauptinteresse dem Ehrschatz, nicht den G. Letztere waren rückläufig, weil eine beträchtl. Anzahl Bauern sich bereits vor der Helvetik davon loskaufte.
Hinsichtlich der wirtschaftl. Bedeutung der G. lässt sich - wie bei den anderen Feudallasten - ein starkes Gefälle zwischen Gebirgs- und Flachlandregionen (Mittelland, südl. Tessin) ausmachen. In den Berggebieten setzte sich die Tendenz zur Ablösung der G. oder zu deren Umwandlung in Geldzinsen auch in der frühen Neuzeit fort. Geldzinsen unterlagen der Geldentwertung und waren bald viel weniger Wert als die Naturallasten, welche die Bauern der Getreidebaugebiete zu entrichten hatten. Trotz grosser regionaler Unterschiede kann davon ausgegangen werden, dass die Grundzinsbelastung auch dort, wo die Feudalabschöpfung noch intakt war, tiefer war als diejenige durch die Zehnten. Im Kt. Thurgau betrugen die G. in der Helvetik etwa 3-7% des Bruttoertrags der bäuerl. Betriebe. Für die Klöster und Stifte in der kath. Schweiz und die Obrigkeiten der ref. Orte waren die G., die vergleichsweise geringe Eintreibungskosten verursachten, von grosser Bedeutung. In Zürich machten sie 1789/90 knapp ein Viertel der Staatseinnahmen aus und übertrafen damit sogar die Zehnteinkünfte.
Autorin/Autor: Andreas Ineichen