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Ilya Zdanevič (auch genannt Iliazd oder Eli Eganbjuri) ist eine Figur, wie sie wohl nur die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hervorbringen konnte: Avantgardist, Autor, Sammler, Verleger, Typograph, Forscher, Dadaist, Grafiker, Entwerfer von Stoffen für Coco Chanel, Promotor, Organisator und Katalysator der Künste in Georgien, Russland und Frankreich.
In Tbilisi aufgewachsen, kommt Zdanevič bereits als Jugendlicher mit dem Futurismus und Tommaso Marinettis Schriften in Kontakt. Im Jahr 1911 zieht er nach Sankt Petersburg um Rechtswissenschaften zu studieren. Er beginnt über Kunst zu schreiben und frequentiert mit seinem Bruder, dem Maler Kyrill Zdanevič, den Kreis um Natalija Gontscharowa und Michail Larionow, dem auch die Künstlerinnen und Künstler der russischen Avantgarde angehören. Er tritt wiederholt öffentlich auf, liest proto-dadaistische Texte und behauptet, das jeder Schuh mehr Wert hat als Leonardo da Vinicis Mona Lisa. Er bezeichnet sich bald als Vertreter des «vsechestvo», das «Allesismus» oder «Everythingism». Die «Allesisten» verstehen sich als Alternative zum Futurismus, den sie als fanatisch und engstirnig bezeichnen. «Allesismus ist eine spezielle Schule der Meisterschaft. Sie macht den Krieg gegen die Vergangenheit überflüssig und so auch den Futurismus. Sie ist keinem Stil und keiner Ästhetik verpflichtet.» (Zdanevič, in einem Vortrag vom 5. November 1913)
1913 publiziert er unter dem Pseudonym Eli Eganbjuri zwei kleine Bände über Natalija S. Goncharowa and Michail F. Larionow. Mit ihnen und dem Künstler Mikhail Le Dantiu schreibt er das Manifest Warum wir uns selbst anmalen (1913): «Unser Ziel ist nicht nur die Ästhetik. Kunst ist nicht einfach ein Monarch, sondern auch ein Journalist und ein Dekorateur. Wir schätzen beides, die Art der Schrift und die Nachrichten. Unsere Malerei beruft sich auf die Synthese von Dekoration und Illustration. Wir dekorieren das Leben und predigen – deswegen bemalen wir uns selbst.»
Während eines Ferienaufenthaltes in Tbilisi in 1913 entdeckt er gemeinsam mit seinem Bruder und Le Dantiu die Werke des georgischen Malers Pirosmani, für den er daraufhin in Moskau und in Tbilisi Ausstellungen organisiert. Während des Ersten Weltkrieges arbeitet er als Kriegsberichterstatter im Kaukasus und beteiligt sich 1917 an einer Expedition zur Erforschung der Architektur georgischer Kirchen. Dabei interessiert er sich insbesondere für den kreuzförmigen Zentralbau. Er fertigt zahlreiche Tintezeichnungen an, die hier erstmals überhaupt gezeigt werden.
Zdanevič wird sein Leben lang diese architektonische Form weiter untersuchen und als Experte an internationale Symposien eingeladen.
1918, nach der Unabhängigkeitserklärung Georgiens, kehrt Zdanevič nach Tbilisi zurück, wo er die Werke der russischen Avantgarde verlegt und das Handwerk des Typographen erlernt. Gemeinsam mit den russischen Dichtern und Erfindern der Kunstsprache Zaoum, Alexei Krutschonych und Welimir Chlepbnikow, gründet er 41° (41 Grad): eine Künstlergruppe, eine Dichterschule und Universität, ein Verlag, und eine Zeitschrift in einem. In der Kunsthalle Zürich sind die erste und letzte Nummer der Zeitschrift ausgestellt. Weitere Ausgaben sind nicht erschienen.
41° steht für Fieber und für starken Alkohol, aber auch für den 41. Breitengrad, auf dem nicht nur Stadt Tbilisi liegt, sondern auch Neapel, Istanbul oder New York.
Im Kontext von 41° publiziert Zdanevič seine fünfteilige Dra-Serie (Dra steht für Drama), für die er die transnationale Lautsprache «Zaum» weiter entwickelt. Dabei werden die Texte bzw. Kompositionen der Texte auf jeder Buchseite komplexer und münden schliesslich in einer Art orchestraler Poesie, als Notation für Solo-Stimme und Chor. Die Texte sind typografisch völlig neuartig aufgebaut und gestaltet, so dass sie gleichzeitig Bilder sind.
1920 verlässt Zdanevič Tbilisi und reist über Istanbul nach Paris, wo er sich 1921 endgültig niederlässt. In Paris trifft er auf die russischen Emigranten und freundet sich mit Pablo Picasso, Francis Picabia, Robert und Sonia Delaunay, Max Ernst sowie mit den Dadaisten an. Kaum angekommen, hält er in Künstlerkreisen Lesungen ab, in welchen er die Techniken des russischen Proto-Dadas erläutert: die Technik der «Verschiebung» und der «Verfremdung» von Wörtern und ihrer Aufzeichnung. Er ändert seinen Namen in Iliazde, d.h. er feminisiert seinen Namen, lässt aber bald das «e» am Schluss fallen. Zdanevič organisiert zahlreiche Künstlerbälle, so auch einen anlässlich der Ankunft des russischen Dichters Wladimir Majakowski in 1922 oder La soirée du coeur à barbe in 1923 als Hommage an Tristan Tzara, ein Abend, der in Tumulten endet. Ab 1922 entwirft Zdanevič Stoffe, zuerst gemeinsam mit Sonia Delaunay, dann ab 1927 für Coco Chanel, für die er auch Textilfabriken leitet. In der Ausstellung Georgischer Modernismus: Die Fantastische Taverne sind einige der Entwürfe für Coco Chanel ausgestellt.
Von 1940 bis zu seinem Tod 1975 publiziert er verschieden Bücher in Zusammenarbeit mit Max Ernst, Pablo Picasso, Joan Mirò, Jacques Villon und anderen. Auf Anfrage von Marcel Duchamp produziert er eine Serie von La boîte en valise.
Mit Dank an die Archives Iliazed und an François Maire für alle Leihgaben, Unterstützung und Gastfreundschaft.
Pläne von mittelalterlichen georgischen Kirchen:
Stoffentwürfe für Coco Chanel von Ilya Zdanevič, 1920er Jahre: