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Fotos: Ingo Höhn
Seit jeher erzählen sich die Menschen Geschichten. Diese sind immer etwa gleich aufgebaut: Anfang und Schluss, dazwischen passiert etwas, das den Schluss anders als den Anfang aussehen lässt. Zurzeit besonders beliebt ist die Erfolgsgeschichte. Ein Niemand wird ein Jemand, hat zuerst nichts und dann alles. Fast genauso populär ist die Geschichte des Scheiterns. Ein Niemand will ein Jemand werden, genügt nicht und bleibt ein Niemand. Zuhauf produziert die Populärkultur diese Geschichten tagtäglich, und die Menschen schalten ein, streamen, schauen, gaffen. Besonders verlässlich schreiben Casting-Shows diese Narrative. An jene Sendungen erinnert das Geschehen im Stück «They Shoot Horses, Don’t They?» vom Theater Aeternam, auch wenn der adaptierte Text dem Phänomen um Jahrzehnte zuvorkam.
Der amerikanische Autor Horace McCoy verfasste 1935 die Romanvorlage. Darin nehmen ein Mann und eine Frau an einem Tanzmarathon teil, der sich wochenlang hinzieht. Die Kandidat*innen tanzen, was das Zeug hält.
Auf der Bühne des Südpols bewegt sich das Teilnehmerfeld, der sogenannte «Bewegungschor» von Menschen, rings um eine Formation von Heuballen und Discokugeln. Sie hüpfen, springen und rennen, selten tanzen sie tatsächlich. Vorangetrieben werden sie vom dröhnenden Soundtrack von Martina Lussi, der die Bandbreite italienischer Schlager, Reggeaton und Ambient abdeckt. Dabei tragen die Spieler*innen schrille Kostüme, an denen stets die Startnummer haftet. Sie sollen nicht besonders gut tanzen, sondern möglichst lange.
Ab und an spitzt sich das Geschehen zu: Am Ende eines fünfminütigen Rennens scheidet das hinterste Tanzpaar aus. Der Adrenalinkick bestehe darin, sich ständig am Limit des Ausscheidens zu bewegen, erklärt die Hauptfigur Hector. In einem Monolog verbindet er dies mit seiner Tätigkeit als Päckchenkurier. Eine etwas plumpe Eröffnung der metaphorischen Bedeutung des Ringeltanzes: Stets am Zeitlimit, immer in Gefahr, einer «Optimierung» zum Opfer und aus dem Wettbewerb zu fallen. Für die allermeisten Menschen funktioniert der Kapitalismus so: Konstant wird Leistung für minimale Gegenleistung gefordert, ohne dass sich Aufstiegschancen bieten. Das Spiel lässt sich nicht gewinnen – aber solange man jemanden hinter sich lässt, verliert man nicht. Eine unzumutbare Existenz.
Dabei wäre man in dieser Masse von Zahnrädchen so gerne speziell. Die Teilnehmer*innen am Tanzmarathon wollen ihre eigene Geschichte schreiben. Dabei orientiert man sich an den Biographien bekannter Stars, niemand will wirklich sich selbst sein.
Das Stück fröhnt den Erzählungen. Das Programmheft deklariert Zitate von 18 Autor*innen, darunter Kapitalismuskritiker Mark Fisher, Musikerin Rihanna, oder die Postfinance. Ein Potpourri von Aussprüchen und Metanarrativen, das man als Beispiel der sogenannten «Postmoderne» sehen darf.
Das Stück setzt Schnipsel bekannter Narrative unserer Zeit neu zusammen. Mehrheitlich verwehrt es sich starken dramaturgischen Elementen, klassischen Höhepunkten, speziellen Ereignissen, die die Geschichte vorantreiben. Dabei nähert sich das Ensemble einem Abbild unseres tatsächlichen Lebens an: ein ständiger Trott, Dinge passieren, ändern sich schleichend, ohne erkennbares Ziel.
Um Sinn zu stiften, müssen wir Erlebtes in eine narrative Form bringen. Das muss auch «They Shoot Horses, Don’t They?», obschon der Eindruck entsteht, sie würden das lieber nicht tun. Aber das Stück schafft es auch nicht, die Form der Erzählung zu überwinden. Es beginnt am Anfang und endet am Schluss, dauert 150 Minuten – und damit viel zu lange –, und endet in einem grossen Finale. Die Menschen scheinen dazu verdammt, sich ständig Geschichten zu erzählen, statt den Zufall als leitende Macht zu akzeptieren. Das zeigt das neue Aeternam-Stück auf, und muss sich stimmigerweise dieser Logik unterordnen.
Hätten die Macher*innen etwas konsequenter sein wollen, müssten sie bis auf Weiteres vor Publikum im Kreis rennen. Und das will man nun wirklich niemandem zumuten.
They shoot horses, don’t they?
DO 17., FR 19., MO 21. & DI 22. September, 19.30 Uhr
Südpol, Kriens
Ausstattung: Nina Steinemann; Maske: Sabine Flückiger; Licht: Karl Egli; Regieassistenz und Technik: Enya Müller;
Spiel: Franziska Bachmann Pfister, Christoph Fellmann, Mathias Ott, Lucas Riedle, Marco Sieber, Suramira Vos
Bewegungschor: Claudia Berg, Catherine Claessen, Roman Hostettler, Natalia Huber, Joelle Iten, Sophie Karrer, Pia Murer, Miriam Wicki