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Der Blues ist die Musik, die wir lieben, die Musik, die uns bewegt hält, die uns als Blues-Liebhaber den Morgen versüsst, den Abend verschönert und die uns durch den Tag trägt. Aber was ist der Blues, musikalisch gesprochen?
Wer sich schon mal etwas mit Musiktheorie beschäftigt hat, oder wer sogar selbst Musik spielt, wird wohl wissen, dass der Standard-Bluessong aus einem Grundmuster besteht, das sich über zwölf Takte hinzieht. In diesen Takten werden Akkorde gespielt (mit der Gitarre, mit dem Klavier, mit dem Akkordeon oder womit auch immer), und zwar die Akkorde der ersten, vierten und fünften Stufe der Tonleiter (oder, musiktheoretisch gesprochen, der Tonika, der Subdominante und der Dominante).
Das heisst beispielsweise, dass man bei einem Blues in C die Tonika in einem C-Akkord hat (beispielsweise in einem Dominantseptakkord C7), die Subdominante wäre dann ein F-Akkord (etwa F7) und die Dominante ein G-Akkord (G7). Welcher Akkord es ist, ob ein Dominantsept-, ein Dur-, ein verminderter oder ein Moll-Akkord hängt von der Stimmung ab, die das Stück haben soll. Die unterschiedlichen Akkorde rufen bei den Hörern unterschiedliche emotionale Reaktionen hervor, aber hierauf soll hier nicht eingegangen werden.
Diese Akkorde werden so über die zwölf Takte verteilt, dass in den ersten vier Takten die Tonika gespielt wird, dann folgt für zwei Takte die Subdominante, dann wieder zwei Takte mit der Tonika, dann geht es im entscheidenden neunten Takt auf die Dominante fünfte Stufe, um dann über die letzten drei Takte wieder zur Dominante zurückzukehren. Also etwa vier Takte im C-Dur-Akkord, dann zwei Takte F-Dur, zwei Takte C-Dur, einen G-Dur, einen F-Dur und wieder zwei in C-Dur (oder eben C7, G7 und F7).
Als beliebte Variationen dieses «normalen Blues» wird im zweiten Takt bereits einmal die Subdominante verwendet. Damit kriegt ein Bluesstück in jedem Umgang, also in jeder dieser zwölfer-Einheiten eine Dramaturgie wie ein klassisches Theaterstück: Erster Akt Einführung (Takt 1), zweiter Akt Zuspitzung (Takt 2-4), dritter Akt erster Höhepunkt (Takte 5 und 6), vierter Akt Päuschen (Takte 7 und 8) und fünfter Akt das Finale (9-12).
Als diese Form des Blues kennen alle Blues-Fans viele Stücke. Als Beispiele seien hier zitiert: Stormy Monday Blues (in G, nicht in der Version der Allman Brothers, dort wird die harmonische Struktur erweitert), Sweet Little Angel (in C) oder The Sky is Crying (in C).
Doch es gibt zwei weitere Formen des Blues, und zwar der Blues in acht Takten, der ebenfalls die erste, vierte und fünfte Stufe einer Tonleiter verwendet, und schliesslich gibt es den Blues mit nur einem Akkord.
Diese auf Englisch single-chord-blues genannte Form verwendet nur einen Akkord und spielt mit Variationen dieses einen Akkords. Aufgrund der Tatsache, dass es wenig harmonische Veränderungen innerhalb eines Stückes gibt, betont der single-chord-blues die rhythmische Struktur eines Stückes, d.h. die Lieder haben einen repetitiven eingängigen und dominanten Rhythmus.
Beispiele hierfür sind praktisch das gesamte Oeuvre von John Lee Hooker, dessen «Boogie» nichts anderes ist als single-chords. Am bekanntesten ist der Hit, der den Anfang seiner Karriere bildete: Boogie Chillen (auch Boogie Chillun). Um einen A-Akkord herum gebildet, bleibt das gesamte Stück konstant auf diesem harmonischen Grundgerüst. Auch viele von Ligtnin' Hopkins Stücke sind single-chord Bluesstücke (etwa It's a Sin to Be Rich, It's a Low-Down Shame to Be Poor). Andere bekannte Stücke sind Smokestack Lightnin' von Howlin Wolf oder Still A Fool von Muddy Waters. Auch der Soul-Hit Shotgun Jr. Walker and the All-Stars ist ein single-chord-Song.
Bob Dylan hat einen Titel namens Maggie's Farm geschrieben und zum Schluss sein noch einer der All-time Favorites der Redaktion erwähnt: No More Elmore von Eric Burdon (vom Album Crawlin' King Snake).
Der Achttakter, also der Blues in acht Takten, ist eine weitere Form, die bei alten Blues-Klassikern immer wieder verwendet wird, die aber bei moderneren Kompositionen immer seltener wird. Als Beispiele hierfür seien zwei Titel Big Bill Broonzys zitiert: Baby Please Don't Go und unsterbliches Key To The Highway. Ein weiteres Beispiel ist Worried Life Blues. Bluesstücke in acht Takte bauen sich nicht alle gleich auf. So ist Key to the Highway so angelegt, dass der erste, fünfte und siebte Takt die Tonika sind, im zweiten folgt die Dominante (also die fünfte Stufe) und im dritten und vierten die Subdominante. Takte sechs und acht sind erneut die Dominante, so dass die vierte Stufe, die im 12-Takt-Blues so wichtig ist, sehr wenig vorkommt.
Worried Lief Blues ist dagegen einfach ein gekürzter 12-Takt-Blues, bei dem zweimal Tonika, zweimal Subdominante zu hören sind, dann einmal Tonika und im sechsten Takt dann die Dominante. Die beiden letzten Takte klingen aus, wie das manchmal bei 12-Taktern der Fall ist: ein halber Takt Dominante und dann jeweils ein halber Takt Subdominante, bzw. Dominante.