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Hohenklingen und Stein am Rhein (Mérian)
Luftaufnahmen von Stein am Rhein
Die Burg Hohenklingen thront als Wahrzeichen über dem malerischen Städtchen Stein am Rhein am Abfluss des Untersees. Die Geschichte der Burg und diejenige der Siedlung waren von Anfang an miteinander verknüpft. Um die Jahrtausendwende hatten die Mönche der Benediktinerabtei auf dem Hohentwiel von Kaiser Heinrich II die Erlaubnis erhalten, sich hier niederzulassen. Das Kloster St. Georgen zu Stein erhielt das Münz- und Marktrecht und verfügte bald über ansehnlichen Besitz Schon 1094 wurde Stein am Rhein als „munitio“, als befestigter Platz, bezeichnet und entwickelte sich dank seiner günstigen geographischen Lage wohl rasch zu einem Städtchen, auch wenn es erst 1267 ausdrücklich als Stadt bezeichnet wurde. Lehensrechtlich unterstand das Kloster St. Georgen dem Bistum Bamberg, über dessen Besitz um die Mitte des 11. Jahrhunderts die Herzöge von Zähringen als Vögte amteten. Diese verliehen die Vogtei über das Kloster offenbar weiter. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts erfahren wir auch, wer diese Kastvögte waren. Damals ermahnte nämlich der Bischof von Bamberg einen Walter von Klingen und andere Vögte, das Kloster Stein zu beschützen. Vermutlich versah dieser Walter damals sein Amt noch von seiner Stammburg beim thurgauischen Märstetten aus. Etwa um 1200 dürfte er aber auf dem steilen Bergvorsprung oberhalb Stein einen Wohnturm erbaut haben.
Das Bauwerk weist eine beinahe quadratische Grundfläche von rund zehn Metern Seitenlänge auf. Möglicherweise wurden der natürliche Halsgraben vertieft und die übrigen Seiten mit Annäherungshindernissen geschützt. Das Mauerwerk des Turms setzt sich aus Felsbröcken, Bollen- und Bruchsteinen zusammen. Die Eckquader zeigen gewölbte Spiegel und Kantenschlag. Der Zugang zum 20 Meter hohen Turm liegt in einer Höhe von 8.5 Metern. Ein aus Ruten geflochtener, mit Lehm und Mörtel verstrichener Kaminhut deutet auf die Verwendung des Eingangsgeschosses als Küche hin. Von hier aus war der fensterlose Raum im Türsockel zugänglich, der sich als kühler Vorratsraum eignete. Das zweite Obergeschoss war mit einer Bohlenwand unterteilt. Der Rauchabzug lässt auf eine Heizvorrichtung schliessen, die dem einen Raum in kalten Tagen einen Hauch von Wohnlichkeit verlieh. Eine geräumige Sitznische mit Doppelfenster und eine einfach ornamentierte Balkendecke prägen das Bild des dritten Obergeschosses. Auf der Wehrplatte reichen die grossen Lücken zwischen den Zinnen bis zum Boden und waren früher mit Geschützblenden versehen, deren Schwenkachsen teilweise erhalten sind. Ein Zeltdach bedeckt die Wehrplatte.
Der entscheidende Ausbau der Burg fällt ins 13. Jahrhundert Damals wurde der ganze Hügelsporn mit einer Ringmauer umschlossen und das Terrain eingeebnet. Dadurch entstand eine langgestreckte, aber schmale Anlage, die den Wohnturm mit einschloss. Im Westteil ging der Bering in die Aussenmauern des Palas über. Im Erdgeschoss dieses Baus waren möglicherweise Stallungen untergebracht. Darüber liegt ein geräumiger Saal. Der Laufgang im zweiten Obergeschoss, der über die ganze Ringmauer führte, wurde in neuerer Zeit durch Gastzimmer mit grossen Fenstern ersetzt. Zu den mittelalterlichen Bauten, deren Alter nicht genau bestimmbar ist, gehören die beiden steinernen Gebäude, ein Backhaus (Pfisterei) und ein Keller, mit der anschliessenden ehemaligen Kapelle im Mittelteil der Nordmauer. Die Wasserversorgung sicherte ein Sodbrunnen im östlichen Burghof. Der mittelalterliche Baubestand mit Wohnturm, Ringmauer, Palas, Kapelle, Keller und Backhaus wurde in späterer Zeit nicht mehr wesentlich verändert, sondern nur noch ergänzt. Im 16. Jahrhundert kam die umfangreiche Toranlage im Südosten dazu. Ein Doppelzwinger mit Schiessscharten und zwei Toren erschwerten den Zugang zum Haupttor. Einige Anpassungen wurden nötig, als man im Lauf des 16. Jahrhunderts die Burg in das zürcherische und später in das eidgenössische Netz der Hochwachten einbezog. Dank diesem Warn- und Alarmsystem konnte man das Nahen eines Feindes über weite Strecken rasch weitermelden. Die Feuer- und Rauchzeichen wurden über die Hochwachten auf dem Stammehimer- und dem Schauenberg oder dem Irchel nach Zürich, später bis nach Bern weitergegeben. Der Wächter auf Hohenklingen, der sogenannte Klingenvogt, hatte aber noch weitere Aufgaben zu erfüllen. Bei Gefahren und Katastrophen musste er die Bürger des Städtchens alarmieren. Für ihn wurde das sogenannte Hochwächterhaus im Mittelteil der Burg errichtet. Der Erker im zweiten Stockwerk gab den Blick frei auf Zwinger und äusseres Tor. Die Jahrzahlen auf einer Fenstersäule der spätgotischen Gaststube datieren den Bau ins Jahr 1567. ungefähr zur gleichen Zeit dürfte der Palas einen östlichen Vorbau erhalten haben, der im ersten Obergeschoss eine Küche enthielt. Wahrscheinlich diente er, zusammen mit dem Palas, in Zeiten der Gefahr als Aufenthaltsort der hierher beorderten Wachmannschaft. Schliesslich wurde nun auch der Raum zwischen Ringmauer und Bergfried überdacht. Den einzigen grösseren Eingriff in den Baubestand bildete die Profanierung der Kapelle. Im übrigen tritt uns hier eine Anlage entgegen, die abgesehen von den Neubauten des 16. Jahrhunderts den Charakter einer mittelalterlichen Burg fast vollständig bewahrt hat.
Der Name der Burg führt uns wieder zurück zu den Kastvögten des Klosters St. Georgen, den Freiherren von Klingen. Diese angesehenen Hochadligen hatten ihre thurgauische Stammburg nach den beiden Bachtobeln benannt, die sich am Fuss des Burghügels vereinigten. Als „Klinge“ bezeichnete man früher häufig einen Bergbach, ein rauschendes Wasser und schliesslich einfach eine Schlucht. Diesen Namen übertrugen die Vögte auf die neue Burg. Wenn sie in der Folge eine Unterscheidung von der thurgauischen Familie für nötig erachteten, nannten sie sich „Vögte“ und bis ins 14. Jahrhundert hinein gelegentlich „von Klingen ob Stein“. Erst 1327 tauchte erstmals die Bezeichnung „von der hohen Clingen ob Stain“ auf.
Schon früh teilte die Freiherrenfamilie ihren Besitz auf. Der eine Zweig erhielt die nördlichen Gebiete mit der Kastvogtei. Nach dem Aussterben der Zähringer im Jahr 1218 übergab der Staufenkaiser die Vogtei über das Kloster Stein als erbliches Reichslehen den Freiherren. Zusammen mit dem übrigen Lehen- und Familienbesitz waren anscheinend die wirtschaftlichen Voraussetzungen geschaffen, die eine Erweiterung der Anlage rechtfertigten. Neben den Einkünften aus den ansehnlichen Lehen und Eigenbesitz, dem Vogtdienstgeld des Klosters und der Vogtsteuer, die auf jedem Haus der Stadt lag, flossen den Freiherren Einnahme aus der Tätigkeit als Richter, aus dem Marktzoll und aus dem Geleitrecht zu. Zum Geleitrecht gehörte die Instandhaltung, Überwachung und allenfalls bewaffnete Begleitung auf den Verkehrswegen, vor allem auf dem Rhein. Von 1395 an kam noch der grosse Zoll dazu. Er durfte auf allen Waren erhoben werden, die auf der Land oder Wasserstrasse durch Stein befördert wurden. Dass es bei der Ausübung dieser Rechte gelegentlich zu Reibereien zwischen dem Abt als dem Stadtherren und seinen Vögten auf der Burg kam, kann nicht überraschen und ist überliefert. Anderseits stiftete Walter von Hohenklingen 1336 Kapelle und Propstei Klingenzell auf einer Anhöhe über dem Untersee und übergab sie dem Kloster St. Georgen.
Das wachsende Ansehen der Freiherren von Hohenklingen wird vor allem in den Heirate mit vornehmen Adelsfamilien wie denen von Tengen, von Brandis im Emmental oder von Bechburg im Solothurner Jura deutlich. Die beiden letzten Verbindungen führten zu Beginn des 14. Jahrhunderts zu einer Teilung des Geschlechts in die Zweige Hohenklingen-Brandis und Hohenklingen-Bechburg. Vielleicht gab die zahlreiche Nachkommenschaft den Anstoss zum Bau der Burg Freudenfels südöstlich von Eschenz.
Stein am Rhein
Infolge der Anlehnung der Österreich erhielt die Linie Hohenklingen-Brandis wiederholt das Landrichteramt im Thurgau zugesprochen. Die zahlreichen Kriegszüge der Österreicher, auf denen sich das Geschlecht als treue Gefolgsleute zu bewähren hatte, trugen wahrscheinlich nicht unwesentlich dazu bei, den Besitzstand auszuhöhlen. 1359 verkauften die beiden Brüder von Hohenklingen-Brandis ihren Anteil an der Herrschaft Hohenklingen an Österreich. Statt Geld erhielten sie die österreichische Herrschaft Rheinfelden als Pfand, wohin der eine Bruder, Walter, übersiedelte, während Ulrich als Landrichter auf den ehemaligen Gütern blieb, die er nun als österreichische Lehen verwaltete.
Luftaufnahmen von Hohenklingen
Die Linie von Hohenklingen-Bechburg war durch den Verkauf der halben Herrschaft an Österreich in eine Situation geraten, die besonders in Kriegszeiten schwierig werden konnte. Erst als die österreichischen Herzöge in ihre dauernden Geldverlegenheit bei den Freiherren Geld borgten und ihnen dafür als Pfand die österreichische Hälfte an Burg und Stadt überliessen, fand der unerfreuliche Zustand ein Ende. Als 1394 die männlichen Vertreter auf der Stammburg Altenklingen ausstarben, fielen Walter von Hohenklingen die Reichslehen und ein grosser Teil des Besitzes bis nach Zürich und Baden zu.
In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts setzte bei den Herren von Hohenklingen ein rascher Niedergang ein. 1419 verkaufte der Zweig der Brandis alles, was ihm von der Herrschaft als Eigen und als Lehen noch verblieben war, als Kaspar von Klingenberg. Schon 1433 tat Freiherr Ulrich von der Bechburger Linie dasselbe. Er behielt ein paar wenige Eigengüter, verliess die Burg und wohnte fortan in einer Turmwohnung der Stadt. Mit ihm starb das Geschlecht bald nach 1440 aus.
Die Klingenberger, deren Stammburg in derselben Gegend wie jene der Freiherren von Klingen stand, hatten sich im 13. und 14. Jahrhundert von unbedeutenden Ministerialen zu einem der einflussreichsten Geschlechter zwischen Thurgau und Donau aufgeschwungen. Ihr Hauptsitz wurde die Burg Hohentwiel. Sie setzten offenbar auf der Burg Hohenklingen zunächst Verwalter ein. Später nahm ein Vertreter des Geschlechts dort selbst Wohnsitz. Schon rasch teilten aber auch sie das Schicksal vieler Adliger. Kriegszüge, Fehden, veraltete Wirtschaftsformen und das aufstrebende Bürgertum der Städte setzte ihnen zu. Schon 1457 waren die Klingenberger gezwungen, ihren Anteil an der Burg Hohenklingen und am Städtchen Stein sowie jene Hälfte, die noch immer österreichisches Pfand war, zu verkaufen.
Unter Aufbietung aller Kräfte traten die Bürger von Stein selbst als Käufer auf und erwarben die Herrschaft Hohenklingen. Dadurch wurde Stein nicht nur reichsfrei. Es trat auch der sonderbare Fall ein, dass die Stadt gleichzeitig Vogt des Klosters, also des eigenen Stadtherrn wurde. Gefahr drohte den Bürgern vom Abt und von Österreich, das jederzeit das Pfand einlösen konnte. Daher suchten sie durch eine Verbindung mit Zürich und Schaffhausen bei der Eidgenossenschaft Rückendeckung. Nach einem Umsturzversuch der österreichischen Partei und infolge von Zahlungsschwierigkeiten beim Loskauf begab sich Stein 1484 ganz in den Schutz Zürichs. Städtchen und Burg sollten den Zürchern in Zukunft offenstehen. Als Gegenleistung bezahlte Zürich die Schuld und versprach, das Städtchen zu schützen und Rechte und Privilegien der Bürger zu respektieren. Unter dem Einfluss Zürichs wurde in der Reformationszeit das Kloster aufgehoben und einem zürcherischen Amtmann unterstellt. Das war möglich, weil Zürich schon ein paar Jahre früher die Kastvogtei an sich genommen hatte.
Die Burg Hohenklingen hatte für Stein nur geringe Bedeutung. In Zürich erkannte man aber bald ihren Wert als nach Norden vorgeschobenen Wachtposten. Daher wurde sie, wie bereits erwähnt, ins Netz der Hochwachten einbezogen. In Kriegs- und Gefahrenzeiten, wie etwa im Dreissigjährigen Krieg, wurden zusätzliche Wach- und Hilfsmannschaften auf die Burg verlegt.
Eine kritische Situation entstand im 18. Jahrhundert, als die Steiner in der frage der Werbung für fremde Kriegsdienste in Widerspruch zu Zürich gerieten. Ihre Berufung auf die Rechte als freie Reichsstadt wurde ungnädig aufgenommen. 1784 besetzten 800 Zürcher Stadt und Burg. Die Zeit der Helvetik brachte den Anschluss an Zürich. Nach einigem Hin und Her wurde Stein dann aber doch dem Kanton Schaffhausen einverleibt. An der Burg ging die Französische Revolution, abgesehen von einer gestohlenen Kanone und kleineren Beutestücken, fast spurlos vorüber. Als 1838 der Hochwächterdienst aufgegeben wurde, drohte sie zu verwahrlosen. Die knappen Geldmittel reichten zum Glück nur für den Unterhalt, nicht aber für historisierende Neuerungen aus. Nach dem missglückten Versuch, aus der Burg eine Kuranstalt zu machen, ist sie heute mit ihrer Gastwirtschaft ein beliebtes Ausflugsziel.
Bei 1910
Bibliographie