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Der Shaqiri der 30er-Jahre
Wenn heute Samstagabend die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation gegen Lettland antritt, dürfte das Team mehrheitlich aus eingebürgerten Spielern bestehen. Ohne all die talentierten Secondos hätte die Nationalmannschaft sich in den letzten Jahren kaum so regelmässig für die Welt- und Europameisterschaften qualifizieren können, wie sie es tat.
Gute Fussballer mit ausländischen Wurzeln einzubürgern, hat in der Schweiz Tradition. Allerdings ging das früher nicht so einfach wie heute. Der Genfer Stürmer Génia Walaschek scheiterte 1937 an den Sozialisten, die es ihm übel nahmen, dass er mit seiner Grossmutter nach der Oktoberrevolution aus Russland geflüchtet war; sie lehnten sein Gesuch im Genfer Kantonsparlament ab. Walaschek stürmte dann als Staatenloser an der WM 1938 für die Schweiz, ehe er im zweiten Anlauf eingebürgert wurde.
Gesucht: «11 wirkliche Schweizer Spieler»
Noch langwieriger ist der Fall von Engelbert Bösch. Der gebürtige Österreicher wurde 1934/35 als Stürmer des damaligen Spitzenclubs FC Bern Torschützenkönig. Mit der Unterstützung von Fussballfunktionären reichte der in Winterthur aufgewachsene Bösch ein Einbürgerungsgesuch ein. Prompt erhielt er ein Aufgebot fürs Nationalteam. Am 17. März 1935 debütierte der österreichische Staatsbürger gegen die Tschechoslowakei – und schoss gleich ein Tor.
Noch im gleichen Frühjahr folgten drei weitere Länderspiele. Das kam nicht überall gut an. Ausgerechnet die linke Berner Zeitung «Tagwacht» bezeichnete das Aufgebot des Secondos Bösch als «Schiebung» und kritisierte den Schweizerischen Fussballverband für seine mangelnde «Erziehungsarbeit». Sonst wäre genug «Eigenholz herangewachsen», um «11 wirkliche Schweizer Spieler einigermassen erfolgverheissend zusammenzubringen», so die «Tagwacht».
«Zieht es vor, im Bette zu liegen»
Die Stadtberner Polizeidirektion dagegen unterstützte Böschs Einbürgerungsgesuch, mit der Begründung, dass er ein «guter Fussballspieler» sei und ihm «schon heute angesehene Anhänger des Fussballsports helfend zur Seite stehen». Es nützte nichts. Der kantonale Polizeikommandant wehrte sich gegen die Einbürgerung – Fussballer Böschs Zukunft sei überhaupt nicht gesichert.
Es war Böschs zweiter Versuch zur Einbürgerung gewesen. Der erste war 1932 aus ähnlichen Gründen gescheitert. Fussballer zu sein galt damals als zwielichtig und war sehr viel schlechter bezahlt als heute: «Die Existenzfähigkeit des Bewerbers steht absolut nicht fest» und Bösch ziehe es vor, im «Bette zu liegen und abends etwas Fussball zu spielen als seiner täglichen Arbeit nachzugehen» steht in den Polizeiakten.
«Liest lediglich den ‹Tages-Anzeiger›»
1940 unternahm der 1912 geborene Bösch einen dritten Anlauf, Schweizer zu werden. Nun spielte er wieder beim FC Zürich, wo seine Karriere begonnen hatte. Auch dieses Gesuch wurde abgelehnt – «weil frühere Auskünfte über den Bewerber nicht allseitig gut lauten». Positiv vermerkt in den Akten der Zürcher Kantonspolizei ist immerhin, dass Bösch sich nicht politisch betätige – «er liest lediglich den neutralen ‹Tages-Anzeiger›».
Der grossen Politik aber entkam der offenbar Unpolitische nicht. Durch den «Anschluss» Österreichs 1938 an Nazideutschland war Bösch Deutscher geworden. Und das deutsche Konsulat in Zürich setzte ihn unter Druck. Es würde ihm seine Papiere entziehen, wenn er sich nicht für sein Land einsetze. Man forderte ihn auf, einer Nazi-Sportgruppe beizutreten.
Vom FCZ an die Ostfront
Dann folgte das Aufgebot der Wehrmacht, in den Kriegsdienst einzurücken. Bösch zögerte, doch als Papierloser wäre er womöglich von der Schweiz ausgewiesen worden, und als Dienstverweigerer hätte ihn in Deutschland Schlimmes erwartet. Bösch, der mit seinen Toren in der Spielzeit 1940/41 zum Wiederaufstieg des FCZ in die Nationalliga A beigetragen hatte, ging im Herbst 1941 nach Deutschland. Es folgten drei Jahre zuerst an der Ostfront, dann an der Westfront, schliesslich amerikanische Kriegsgefangenschaft.
Nach dem Krieg wollte Bösch in die Schweiz zurückkehren, wo seine Mutter lebte. Doch wegen seines Engagements bei der Nazi-Sportgruppe bestand gegen ihn eine Einreisesperre. Erst 1949 durfte er wieder einreisen. Er begann in der Maschinenfabrik Rieter in Winterthur zu arbeiten und half mit 37 Jahren dem Erstligisten FC Winterthur 1949/50 in die Nationalliga B aufzusteigen.
Nach dem Abschluss seiner Fussballer-Karriere stellte Engelbert Bösch 1954 ein viertes Einbürgerungsgesuch. Die Abklärungen der Polizei über seine Mitgliedschaft bei der Nazi-Sportgruppe ergaben, dass er politisch «nie in Erscheinung getreten» sei. Und so bürgerte man ihn 1955 ein.