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Lieber Alfred!
In Erwiederung auf dein Geehrtes1 von gestern, beeile ich mich, Dich vom gegenwärtigen Stande des Bözberg-Unternehmens in Kenntniß zu setzen.
Die Verzögerung, welche unsere Unterhandlungen mit der Direction der Nordostbahn dadurch erlitten, daß sie gerade in den Zeitpunkt der Vorbereitungen für die Eröffnung der Linie Winterthur–Romanshorn2 fielen, hat leider eine neue & schlimmere Verzögerung in Paris erzeugt. Dadurch daß unser Vertragsentwurf erst zwei Tage vor der Generalversammlung der Ostbahn in Paris anlangte, war es unmöglich geworden, sich mit der Direction derselben noch vorher so zu verständigen, wie es unsere Freunde gewünscht hätten, wenn auch allerdings noch ganz & gar nichts verloren & nichts geschehen ist, was einer solchen Verständigung im Wege stände. Allein es zeigte sich eben bald, daß eine solche Verständigung keine so leichte Aufgabe sei, da derselben gewichtige, einflußreiche & äußerst thätige, persönliche Interessen innerhalb der Direction der Ostbahn selbst entgegen stehn. Dazu kam, daß unmittelbar nach der Generalversammlung gerade dasjenige Mitglied3 der Direction der Ostbahn, das die Idee einer Bözbergbahn mit ins Leben gerufen hatte, in Angelegenheiten der Gesellschaft während 10 Tagen von Paris abwesend war, & daß Hr. Arlès-Dufour4 von den Vorbereitungen zur Eröffnung der Industrieausstellung5 dermaßen in Anspruch genommen war, daß eine Zusammenkunft selbst unserer Freunde unmöglich wurde. Erst Ende der verflossenen Woche konnten die Unterhandlungen wieder aufgenommen werden & sind nun im Gange, während zugleich anderweitig Schritte behufs Sicherung der wünschbaren Capitalkräfte geschehen sind, die sehr befriedigende Aussichten zu gewähren scheinen. Hr. Schultheß-Rechberg ist gestern nach Chur verreist, um dem Comité der Südostbahn beizuwohnen & wird Ende dieser Woche wieder hier eintreffen. Unmittelbar nach Pfingsten gedenken wir dann nach Paris zu gehen. Hoffentlich wird die Angelegenheit bis dahin zu einem Abschlusse reif. Unsere Freunde wissen ja, daß bis zum 15 Juni ein gewissermaßen entscheidender Schritt geschehen muß. Inzwischen scheinen dieselben, unseren Nachrichten zufolge, fortwährend sehr entschlossen, Alles an die Realisierung unseres Planes zu setzen, sehr thätig, um Hindernisse wegzuräumen & neue Hebel zu gewinnen, & voll Hoffnung eines endlichen Gelingens.
Ein Hauptbedenken in Paris ist der Umstand, daß wir die Concessionen der beiden Basel noch nicht haben. Man hat in Paris dießfalls in der Schweiz unangenehme Erfahrungen gemacht & ist geneigt, uns zu sagen: bringt uns die Concessionen bis Basel & wir machen das Geschäft, während man in Basel geneigt ist uns sagen: beweist uns, daß das Geschäft gemacht d. h. das Actiencapital gesichert ist, dann wollen wir euch die Concession nicht verweigern. In Baselland steht es nicht besser: dieses will die Concession entweder verweiger oder nur | gegen sehr bedeutende Opfer von unserer Seite ertheilen. Eines der beiden Basel müssen wir aber haben, damit das Unternehmen als möglich angesehen werden kann. Denn daß der Bund beide Basel zwingen werde, uns durchzulassen, glauben wir selber nicht & wird man in Paris noch weniger glauben. Unter diesen Umständen wäre es in der That für uns das einfachste, unseren Bahnhof auf dem Birsfeld zu machen. Mit dieser Concession wäre Baselland entschieden zu gewinnen & da bereits kein Zweifel mehr ist, daß ein chemin de raccordement zwischen dem Centralbahnhof & der französischen Bahn von Basel entweder concessioniert oder selbst wird erstellt werden, so könnte es uns eine Fortsetzung desselben vom Centralbahnhof bis Birsfeld entweder nicht verweigern oder es würde dazu – darüber wäre ich dann ganz ruhig – früher oder später (bei der jetzigen Entwickelung des Eisenbahnwesens & Eisenbahnverkehrs wohl ohne Zweifel schon vor Vollendung unserer Linie bis Brugg) vom Bunde dazu gezwungen werden. Die Idee eines Bahnhofs auf dem Birsfeld war früher & nach der damaligen Auffassung des Eisenbahnverkehrs ein Unsinn – heute ist sie es keineswegs mehr. In Basel würde man zuerst über einen derartigen Entschluß von unserer Seite vielleicht hellauf lachen; aber das Lachen würde bald vergehn. Die Stadt könnte an die Concession eines chemin de raccordement mit der Ostbahn allerlei Bedingungen knüpfen zb. & mit Recht einer ihr näher gelegenen Einsteige-Station & dgl., aber nicht die Bedingung eines förmlichen Bahnhofs, 10 Minuten von dem auf dem Birsfeld, da wir unsere Remisen etc. doch nur in einem derselben haben könnten & uns dazu gegenüber Baselland verpflichten müßten, eben um die Concession zu erhalten. Basel wird auf die Dauer einen eisernen Ring im Halbkreis um seine Mauern von Birsfeld an bis gegen St. Louis hin nicht verhindern können; es fragt sich nur, ob es denselben so weit als möglich von der Stadt wegrücken oder aber trotz allerlei Unbequemlichkeit näher an dieselbe heranziehen will, um der Lage der Bahnhöfe willen, die davon abhängen wird.
Darf ich dich bitten, diese Ansichten auch Hrn. Rathsherrn Stehlin mit meinen angelegentlichsten Empfehlungen mitzutheilen. Noch sind es nur Ansichten, die noch der Prüfung bedürfen. Nach unserer Rückkehr von Paris muß dann aber & zwar rasch so oder so gehandelt werden. Inzwischen wäre es mir sehr interessant, deine Meinung darüber zu kennen, wofern du zu einigen Worten Zeit finden solltest.
Wie geht es deiner Gesundheit? Wie ich höre, gedenkst du von Bern für einige Wochen nach Baden zu gehn, wo ich dich wieder zu sehn wohl hoffen darf. Viele Grüße von Otto6.
Dein freundschaftlich Ergebener
H. Schultheß im Magazinhof
Zürich d. 22 Mai 1855.