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© 1990 Markus Kappeler
Die Schweiz
(erschienen in der «Flags of the Nations» Stamp Collection)
Wer sich einmal eine Karte von Europa etwas näher besieht, der stellt rasch fest, dass es neben der eigentlichen Schweiz noch eine ganze Anzahl von Landschaften gibt, die ebenfalls den Beinamen Schweiz tragen, so zum Beispiel die Sächsische Schweiz, die Fränkische Schweiz, die Pommersche Schweiz, die Holsteinische Schweiz oder die Luxemburgische Schweiz. Auch in Amerika schmücken sich einige Regionen mit diesem Namen, und Neuseeland gilt als die «Schweiz des Pazifiks». Das Prädikat «Schweiz» ist gewissermassen ein Gütesiegel für ein besonders reizvolles Landschaftsbild.
Die malerische Landschaft hat die Schweiz schon früh zu einem der klassischen europäischen Urlaubsländer gemacht. Der Kleinstaat im Herzen Europas ist aber zweifellos noch aus manch anderem Grund bemerkenswert: als neutrales Land etwa, das sich aus allen kriegerischen Ereignissen der letzten hundert Jahre herauszuhalten wusste; als Nation, in der Bürger mit vier grundverschiedenen Sprachen ohne nennenswerte ethnische Probleme zusammenhalten; als mustergültige Demokratie, in welcher ohne die Billigung des Volks gar nichts läuft; und nicht zuletzt als Staat mit einer besonders stabilen Währung und einem der höchsten Lebensstandards der Welt.
Reich an Gletschern und Viertausendern
Die Schweiz lässt sich grob in drei grosse natürliche Landschaftsräume gliedern: 60 Prozent der Landesfläche nehmen die Alpen ein, etwa 10 Prozent entfallen auf den Jura, und rund 30 Prozent beansprucht das von diesen beiden Gebirgen umrahmte Mittelland.
Der Jura, ein aus Kalken, Mergeln und Tonen aufgebautes Mittelgebirge, erstreckt sich vom Rhonetal bis zum Rheintal in einem weiten Bogen über das ganze nordwestliche Grenzgebiet der Schweiz und gipfelt im 1679 Meter hohen Mont Tendre. Man könnte den Jura als ein Kind der Alpen bezeichnen: Als sich diese nämlich aufgrund der Einwirkung gewaltiger geophysikalischer Kräfte herausbildeten, verursachten die entstehenden Schubkräfte, welche über das Mittelland hinweg wirkten, ihrerseits diese Auffaltung.
Das Schweizer Mittelland ist ein durchschnittlich 580 Meter über dem Meeresspiegel liegendes Plateau, das sich als 20 bis 70 Kilometer breites Band vom Genfer See bis zum Bodensee quer durch die Schweiz zieht. Die Ablagerungen der eiszeitlichen Gletscher haben hier eine hügelige, seenreiche, von zahlreichen Wasserläufen durchzogene, insgesamt überaus liebliche Landschaft geformt. Das Mittelland ist heute das dichtbesiedelte wirtschaftliche Herz der Schweiz, denn Landwirtschaft, Industrie und Verkehr konnten sich hier besonders gut entfalten.
Ohne scharfe Grenze steigen die Alpen über die niedrigen Voralpen aus dem Mittelland auf und gipfeln in den besonders stark angehobenen Zentralalpen, welche hauptsächlich aus Graniten und kristallinen Schiefern zusammengesetzt sind. Etwa hundert Alpengipfel reichen knapp an die 4000-Meter-Grenze heran oder überschreiten sie. Zu diesen imposanten Viertausendern gehören etwa der Piz Bernina (4049 m), die Jungfrau (4158 m), das Finsteraarhorn (4274 m), das Matterhorn (4478 m), der Dom (4545 m) und schliesslich die Dufourspitze im Monte-Rosa-Massiv (4634 m), welche in Europa einzig vom Mont Blanc (4807 m) an der französisch-italienischen Grenze noch an Höhe übertroffen wird.
Die Alpen sind im Bereich der Schweiz stark vergletschert. Insgesamt ist ein über 1300 Quadratkilometer grosses Areal unter ewigem Eis begraben, verteilt auf mehr als 1800 Gletscher, von denen der Aletschgletscher mit seiner rund 22 Kilometer langen und bis 800 Meter dicken «Zunge» der mächtigste des ganzen Alpenraums ist.
Auf den 41 293 Quadratkilometern, welche das Hoheitsgebiet der Schweiz gesamthaft umfasst, leben heute rund 6,7 Millionen Menschen, was einer durchschnittlichen Bevölkerungsdichte von etwa 160 Einwohnern pro Quadratkilometer entspricht. Dieser Mittelwert verrät allerdings wenig über die sehr unterschiedliche Verteilung der Bevölkerung: So weist der Bergkanton Graubünden, der sich in der südöstlichen Ecke des Landes befindet, eine Bevölkerungsdichte von lediglich 23 Einwohnern pro Quadratkilometer auf, während im hochindustrialisierten Stadtkanton Basel eine solche von über 5000 festzustellen ist.
Vier Sprachregionen
Weil die Schweiz dreisprachig sei, so hat einmal die amerikanische Zeitung «Indianapolis Star» ihre Leser informiert, hätten fast alle grösseren Orte auch drei Namen. Das bekannteste Beispiel hierfür sei Luzern - französisch heisse dieser Ort Lausanne und italienisch Lugano. Nun ja; eines an dieser Meldung ist immerhin halbwegs richtig: Die Schweizer sprechen, obschon sie nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung Europas ausmachen, nicht alle dieselbe Sprache, sondern gehören vier (nicht drei) eigenständigen Kultur- und Sprachkreisen an. In den nördlichen, östlichen und zentralen Landesteilen leben die Deutschschweizer, im Westen und Südwesten die französischsprachigen Welschen, auf der Alpensüdseite die italienischsprachigen Tessiner und im bergigen Südosten die Rätoromanen. Hier kurze Steckbriefe dieser vier Schweizer Volksgruppen:
Deutschschweizer:
65 Prozent der Schweizer Bevölkerung sprechen sogenanntes «Schwyzerdütsch», eine aus dem Alemannischen hervorgegangene Sprache mit zahlreichen ausgeprägten örtlichen Dialekten. Obschon sich die Deutschschweizer im Alltag ausnahmslos in dieser Sprache miteinander unterhalten, so wird sie doch kaum je geschrieben. Zu gross sind offensichtlich die Unterschiede zwischen den einzelnen Dialekten, als dass man sich auf eine gemeinsame Schriftsprache hätte einigen können. Lieber verwenden die Deutschschweizer in ihren Zeitungen, Briefen und Büchern die hochdeutsche Sprache (die sie vom ersten Schuljahr an gründlich lernen). Und auch bei Vorträgen und Ansprachen aller Art bedienen sie sich gewöhnlich des Hochdeutschen, wobei aber ihre deutschschweizerische Herkunft jederzeit klar zutage tritt. «In ihrer Aussprache wehen raue Alpenwinde», hielt ein norddeutscher Journalist einmal treffend fest.
Der Deutschschweizer gilt als pünktlich, fleissig und zuverlässig und vielleicht manchmal etwas stur. Sein Leben läuft in geordneten Bahnen, denn er hat das Erbe der alemannischen Vorfahren weitgehend beibehalten. Er ist denn auch der beste Kapitalist von allen vier Schweizern: Praktisch sämtliche Grosskonzerne und Grossbanken haben im deutschschweizerischen Mittelland ihren Hauptsitz.
Welsche:
Französisch haben gut 18 Prozent der Schweizer als Muttersprache, wobei die Schrift- als auch die Umgangssprache weitgehend mit der französischen Hochsprache übereinstimmen. Patois, ein mit keltischen, lateinischen, burgundischen und alemannischen Brocken versetzter Dialekt ist fast vollständig verschwunden.
Der französischsprachige Schweizer wird vom Deutschschweizer im allgemeinen als «Welscher» bezeichnet, und die französischsprachige Westschweiz, für welche sonnenüberflutete Reblandschaften, pittoreske Fischerdörfer, alte Uhrmacherstädtchen und mondäne Kurorte charakteristisch sind, nennt er «Welschland». Welsche hiessen einst die keltischen Bewohner Westeuropas. Warum dieser Name dann ausgerechnet für den französischsprachigen Westschweizer erhalten blieb, ist nicht klar. Er selber bezeichnet sich nämlich als «Romand» und seine Heimat als «Romandie».
Neidlos anerkennt der Welsche, dass der tüchtig-nüchterne Deutschschweizer die grösseren wirtschaftlichen Leistungen vollbringt. Dafür isst, tanzt und feiert der Welsche besser und öfter; Savoir vivre ist für ihn kein Fremdwort. Eine welsche Erfindung ist im übrigen jenes typisch schweizerische Käsegericht namens Fondue. Und zum Fondue passt ein aromatischer Fendant, ein spritziger Neuenburger oder ein edler Waadtländer - heimische Weissweine, von denen die Welschen jährlich eine Million Hektoliter keltern.
Tessiner:
Italienisch wird von knapp 10 Prozent der Schweizer Bevölkerung gesprochen, und zwar vor allem im Tessin, dann aber auch in den südalpinen Tälern Puschlav, Bergell und Misox. Vielfach wird als Umgangssprache nicht die italienische Hochsprache verwendet, sondern von Region zu Region unterschiedliche lombardische Mundarten, die mitunter ein bisschen französisch klingen. Immer aber dient als Schriftsprache das «echte» Italienisch.
Ein überaus mildes Klima und eine stellenweise mediterrane Vegetation mit Palmen, Magnolien, Zypressen, Feigenbäumen und Mimosen erinnern im Bereich der Tessiner Seen an südliche Gestade. «Sonnenstube der Schweiz» ist denn auch der Werbeslogan, mit dem das Tessiner Fremdenverkehrsamt alljährlich weit über eine Million Deutschschweizer und Deutsche in das Tessin lockt.
Obschon der Tessiner fröhlich, kinderlieb und etwas melancholisch ist wie der Italiener, so will er doch mit seinem südlichen Nachbarn möglichst wenig zu tun haben und steht Italien und dessen Problemen ziemlich gleichgültig gegenüber. Trotz der sprachlichen und geografischen Nähe zu Italien fühlt er sich als echter Schweizer.
Rätoromanen:
Rätoromanisch wird von knapp 1 Prozent der Schweizer Bevölkerung in verschiedenen Talschaften Graubündens, der bergigen südöstlichen Region der Schweiz, gesprochen. Es gilt als vierte Landessprache, jedoch nicht als offizielle Amtssprache.
Wie ihr Name sagt, haben die Rätoromanen etwas von den alten Römern und etwas von den Rätern. Die Römer kennen wir aus dem Geschichtsunterricht; aber wer waren die Räter? Ein geheimnisvolles Volk unbestimmter Herkunft, das im Altertum von der Poebene bis zum Bodensee herrschte und dessen Sprache möglicherweise mit dem Etruskischen und dem Arabischen verwandt war. Kurz vor Beginn unserer Zeitrechnung eroberten dann die Römer Rätien und romanisierten Land und Sprache nachhaltig. Nach den Römern kamen die Franken, später folgten die Staufer und die Habsburger. Das rätische Volk löste sich immer mehr auf, und mit ihm schrumpfte die Verbreitung des Rätoromanischen - bis auf die wenigen Sprach- und Kulturinseln, die heute noch in der Südostschweiz und in Norditalien erhalten geblieben sind.
Die rätoromanische Sprache ist ein vom Italienischen nicht beeinflusstes uraltes Volkslatein mit einem Wortschatz, der in den anderen romanischen Sprachen längst verschollen ist. Allein in der Schweiz zerfällt das Rätoromanische in fünf verschiedene Dialekte mit je eigener Schreibart, wobei vor allem das Surselvische (Vorderrheintal), das Sutselvische (Hinterrheintal, Albula, Julier) und das Ladinische (Engadin, Münstertal) noch lebendig sind. Als einheitliche Lese- und Schriftsprache wird nun seit geraumer Zeit das sogenannte «Rumantsch Grischun» entwickelt.
Die Räter waren einst vornehmlich Bergbauern gewesen; heute sind sie grossenteils im Tourismus tätig. Im Engadin, dem obersten Bereich des Inntals, findet man noch heute ihre typischen «Haufendörfer», in denen dicht gedrängt und geschlossen die wuchtigen Steinhäuser stehen mit den winzigen Fenstern und den Fassadenverzierungen in Sgraffito-Technik: Rosetten, Ranken und andere Motive aus der italienischen Renaissance, welche mit einem Kratzbeil in den feuchten Putz geritzt werden.
Ein Römer, ein Schwede und ein Hunne
Nach einer langen und wirren Vorgeschichte, in welcher im Gebiet der heutigen Schweiz Kelten, Räter, Römer, Burgunder, Alemannen, Franken und andere Völker eine Rolle gespielt hatten, schlug am 1. August 1291 die Geburtsstunde der Schweiz: Damals kamen auf einer Wiese beim Vierwaldstättersee, dem «Rütli», die Vertreter der drei Länder Uri, Schwyz und Unterwalden zusammen und legten den legendären «Rütli-Schwur» ab. Mit dem geleisteten Eid schlossen sich die drei kleinen Alpenrepubliken zum «Ewigen Bund» zusammen, um einander gegen die Übergriffe der Habsburger, der Herzöge Österreichs, beizustehen und gemeinsam ihre Freiheit zu verteidigen. So entstand die «Schweizerische Eidgenossenschaft».
Tatsächlich gelang es den drei kleinen Ländern in der Folge, mit vereinten Kräften die lokalen Expansionspläne der Habsburger zu zerschlagen. Der überraschende Erfolg des eidgenössischen Bündnisses sprach sich rasch herum, und so schlossen sich ihm im Verlauf der Jahrhunderte immer weitere Ländereien und Städte an - die meisten freiwillig, ein paar zwangsweise. Allmählich nahm die Eidgenossenschaft ihre heutige Form und Ausdehnung an, doch blieb sie weiterhin ein überaus loser Bund eigenständiger Bauernrepubliken und Stadtstaaten. Napoleon war es dann, der die Schweiz im Jahr 1803 nicht nur zu einem Vasallenstaat Frankreichs machte, sondern auch zu einem gut strukturierten Staatenbund mit gleichberechtigten Gliedstaaten, «Kantone» genannt. 1815, nach Napoleons grosser Niederlage bei Waterloo, entstand schliesslich (anlässlich des Wiener Kongresses) die Schweiz in ihren heutigen Grenzen und mit ihrer jetzigen Staats- und Regierungsform.
«Waren die drei, die auf dem Rütli Einigkeit schworen, ein Römer, ein Schwede und ein Hunne?» So betitelte kürzlich ein Schweizer Sagenforscher seinen Bericht über die mögliche Herkunft der ersten Eidgenossen - und meinte diese Frage keineswegs spöttisch, sondern verwies auf Petermann Etterlins «Kronika von der loblichen Eidgenossenschaft», ein Werk, das um das Jahr 1500 in Luzern entstanden war und die vordem nur mündlich überlieferten Sagen der Alpenbevölkerung zusammenfasste. Gemäss dieser Chronik sei es sehr wahrscheinlich, dass die Unterwaldner die Nachfahren einiger altrömischer Familien gewesen waren, welche beim Zerfall des Römischen Reichs auf der Alpennordseite Zuflucht gefunden hatten. Aus den in der Chronik erwähnten Erzählungen der Schwyzer wiederum lasse sich schliessen, dass diese ursprünglich aus Skandinavien im Bereich des heutigen Schwedens eingewandert waren. Und die Urner schliesslich könnten derselben Chronik zufolge sogar Nachkommen von Nomadenstämmen aus dem Süden des heutigen Russland gewesen sein, welche mit den kriegerischen Hunnen in das Alpenland gekommen waren.
Ob die Urschweizer tatsächlich so direkt von Römern, Schweden und Hunnen abstammten, möge hier dahin gestellt bleiben. Etterlins Chronik wie auch andere historische Quellen deuten jedoch unmissverständlich darauf hin, dass sich die Eidgenossen zu keiner Zeit untereinander verwandt fühlten. Es war ihnen bewusst, dass ihre Ahnen von weit her, aus ganz unterschiedlichen Himmelsrichtungen eingewandert waren und dass sie ganz verschiedene Bräuche hatten. Und trotzdem verbündeten sie sich auf dem Rütli, weil sie den Wert erkannten, den ihr Zusammenschluss - ungeachtet der Herkunft - bot.
Dieser Grundgedanke ist es, der die Schweiz bis auf den heutigen Tag durchdringt. Nach wie vor sehen sich die Schweizer nicht als eine Nation im engeren Sinn, also eine nach Abstammung, Sprache und Sitte zusammengehörige Gemeinschaft, sondern als ein Bündnis von Volksgruppen unterschiedlichster Herkunft, aber mit dem gemeinsamen Streben nach Unabhängigkeit und Wohlergehen. Hierin liegt die verbindende Kraft dieses heterogenen europäischen Kleinstaats.
Referendum und Initiative
Den Schweizer schlechthin findet man denn auch nirgendwo in der Schweiz. Das ergibt sich nicht allein aus der Zugehörigkeit jedes Schweizers zu einer der vier Sprachgruppen. Auch innerhalb der vier «Schweizen» bekennt sich jedermann stets zu «seinem» Kanton, von denen es insgesamt 26 gibt. Der Schweizer ist also zuallererst und ganz wesentlich Genfer, Zürcher, Jurassier, Basler, Tessiner, Berner, Urner oder Bündner - und erst danach Schweizer.
Tatsächlich stellen die Kantone auch weit mehr dar als blosse Verwaltungseinheiten: Sie haben als weitgehend souveräne Einzelstaaten ihre eigene Verfassung, ihr eigenes Parlament, ihre eigene Regierung und einen erheblichen Spielraum bei der Gesetzgebung. Sie sind zuständig für das Erziehungs-, Gesundheits- und Polizeiwesen im Kanton. Und sie haben die Steuerhoheit. Der «Bundesrat» (die siebenköpfige Landesregierung) und die «Bundesversammlung» (das zweikammerige Landesparlament) bilden lediglich die Klammer, welche dieses bunte Mosaik von selbstbestimmenden Volksgruppen zusammenhält. In die Kompetenz des «Bundes» (Staates) fallen nur die ausdrücklich in der Verfassung verankerten Aufgaben wie Aussenpolitik, Militärwesen, Zoll, Post und Sozialversicherung.
Wie sehr die diversen ethnischen Gruppen der Schweiz aber ihren eigenen Charakter hervorheben und erhalten, und wiewohl zwischendurch gewisse Spannungen zwischen ihnen bestehen, so sind doch alle Schweizer fest entschlossen, auch weiterhin zusammenzuhalten und gemeinsam - wie einst die frühen Eidgenossen - die Zukunft anzugehen.
Zur allgemeinen Zufriedenheit der Schweizer mit der politischen Situation in ihrem Land trägt wesentlich bei, dass sie nicht nur alle vier Jahre auf Kantons- und Bundesebene ihr Parlament wählen dürfen, sondern dass sie auch - wie in keinem anderen Land der Erde - unmittelbar in die Arbeit von Regierung und Parlament eingreifen können. Der Schlüssel zur Schweizer «Musterdemokratie» liegt zum einen im sogenannten «Referendum», dem garantierten Recht der Bürger zur Abstimmung über Verfassungsänderungen (obligatorisch) sowie über Gesetzesentwürfe und andere Bundesentscheide (fakultativ). Drei bis vier mal im Jahr werden deswegen alle Eidgenossen an die Urne gerufen. Zum anderen können die Bürger mittels der sogenannten «Initiative», einer spezifisch schweizerischen Einrichtung, eigene Gesetze oder Verfassungsänderungen beantragen, über die dann ebenfalls abgestimmt werden muss.
Ein denkwürdiger und für das Schweizervolk sehr typischer Urnengang fand am 16. März 1986 zur Frage «Beitritt zur UNO» statt. Obschon fast alle grossen Schweizer Parteien und Verbände sich für den UNO-Beitritt eingesetzt hatten, lehnten die Schweizer Stimmbürger dankend ab. Sie hielten es lieber mit der Geschichte: Schon die Urkantone hätten 1291 geschworen, keine fremden Richter zu dulden. So beherbergt die Schweiz halt weiterhin in Genf den Europasitz der UNO, ohne selber deren Mitglied zu sein...
[Anmerkung 2003: Dieser Text stammt, wie oben deklariert, aus dem Jahr 1990. Die Situation betreffend UNO hat sich inzwischen geändert: Die Schweiz hat am 3. März 2002 anlässlich eines neuerlichen Urnengangs mit 54,6 Prozent Ja-Stimmen gegenüber 45,4 Prozent Nein-Stimmen beschlossen, sich dem «Völkerbund» endlich doch noch anzuschliessen. «Unser Land wird nun zukünftig im Gefangenenchor der internationalen Staatengemeinschaft nach den Anweisungen der Supermächte mitsummen dürfen», meinten hernach die Gegner der Beitritts-Initiative, während die Befürworter festhielten: «Mit dem Ja zum UNO-Beitritt hat das Stimmvolk eine mythisch überhöhte Neutralitätshaltung aufgegeben und den Weg geebnet für eine moderne Aussenpolitik. War die Neutralität bis zum Zweiten Weltkrieg weise, hernach bis zum Fall der Berliner Mauer pragmatisch, war sie seit den Neunzigerjahren nur noch kurios.]
Bildlegenden
Bern, die Hauptstadt der Schweiz, wirkt auf Besucher ganz besonders «schweizerisch». Hierzu tragen nicht zuletzt das «Bärndütsch», der sehr ausgeprägte Dialekt der Berner, und ihre oft spöttisch belächelte Behäbigkeit bei. Gerade diesem Charakterzug ist es aber wohl zu danken, dass sich die Altstadt Berns noch heute in ihrem prächtigen historischen Gewand präsentiert.
Zu den imposantesten Zonen der Schweizer Alpen gehört sicherlich das Berner Oberland, wo sich die Berge Eiger (3970m), Mönch (4099m) und Jungfrau (4158m) befinden (v.l.n.r.) und Jahr für Jahr viele tausend Winterferiengäste dem Skisport frönen.
Eine traditionelle Schweizer Sportart ist das «Schwingen», eine volkstümliche Variante des Ringens. Jeweils zwei kräftige Männer stehen sich dabei in der sägemehlgefüllten Arena gegenüber und haben nur eines im Sinn: Den Gegner an der kurzen Schwingerhose aus starkem Zwilch zu packen, anzuheben und auf beide Schultern zu werfen (Bild: Schwingfest auf der Rigi).
Die Haupteinnahmequelle der Schweizer Bauern ist die Milchwirtschaft. Nur 10 Prozent der Landesfläche werden für den Ackerbau, 40 Prozent dagegen als Viehweide oder zum Anbau von Viehfutter für die insgesamt rund zwei Millionen Schweizer Rinder genutzt. Besonders den Eutern der zum Verkauf angebotenen Kühe gilt darum das Augenmerk der feingemachten Bauern und Knechte anlässlich einer «Viehschau».
Vom Frühjahr bis zum Herbst wird das Vieh auf den fruchtbaren Alpweiden «gesömmert», wo die «Sennen» auch gleich die traditionelle Alpkäserei betreiben. An einem festgesetzten Tag im Herbst versammeln sich dann jeweils die Bauern mit Bergrechten zum «Chästeilet» auf dem Berg, um ihren Anteil an den im Sommerhalbjahr produzierten Käselaiben in Empfang zu nehmen.
Weltbekanntes «Markenzeichen» der Schweiz sind die vor allem im französischsprachigen Bereich des Juras gefertigten Uhren, von denen alljährlich etwa 60 Millionen Stück exportiert werden. Die traditionellen Schweizer Produkte wie Uhren, Käse und Schokolade sind hinsichtlich ihrer ökonomischen Bedeutung allerdings längst von den Erzeugnissen der chemischen und pharmazeutischen Industrie sowie des Maschinen- und Apparatebaus überrundet worden.
In keiner anderen Demokratie der Welt können die Bürger so unmittelbar in die Arbeit von Regierung und Parlament eingreifen wie in der Schweiz. Mittels Volksbegehren und bei Volksabstimmungen, die in einigen Kantonen bei Versammlungen («Landsgemeinden») unter freiem Himmel stattfinden, haben sie das Recht auf direkte Mitsprache. Das mag zwar mitunter einen etwas bedächtigen Gang der Dinge zur Folge haben, hält die Schweizer Politiker aber wirkungsvoll von gefährlichen Höhenflügen ab.
Zusatztext:
«Die Schweizer Kantone und ihre Wappen»
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