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Elektromobil
Objekt des Monats März 2019
NM 12843, Fürigen Elektromobil, 1927, Elektrokarren P 1526, 135 x 218 x 332 cm, Foto: Ch. Hartmann
Elektroautos sind so alt wie ihre benzinbetriebenen Pendants. 1899 erreichte der Belgier Camille Jénatzy mit seinem elektrischen Automobil "La Jamais Contente" – zu Deutsch "die nie Zufriedene" – als Erster eine Geschwindigkeit von mehr als 100 Kilometern pro Stunde. Ganz so schnell ist man mit dem Elektromobil aus der Sammlung des Nidwaldner Museums nicht unterwegs. Seine Höchstgeschwindigkeit beträgt 12 Kilometer pro Stunde, aber das Elektromobil fährt schon seit Jahren nicht mehr.
Vom Bauernhof zur "Ideal-Anlage"
In den 1970er-Jahren schenkte Agnes Niederberger-Schleiss das Elektromobil dem Nidwaldner Museum. Mit ihrem Mann Fritz hatte sie zuvor das darbende Hotel Fürigen am Bürgenstock von den Erben Paul Odermatts gekauft. Dieser übernahm seinerzeit das Hotel von seiner Mutter, die den schön gelegenen, aber verwahrlosten Bauernhof Fürigen 1893 erstanden und erfolgreich zu einem Kurhaus umfunktioniert hatte. Paul Odermatt war ein Selfmademan, der das Hotelfach in Frankreich erlernt hatte. Für den ersten sowie alle späteren Hotelneubauten entwarf er eigenhändig die Pläne. Nach und nach baute er den Kurort zu einer Hotelanlage aus. Während die Nidwaldner Grandhotels, besonders die Hotels auf dem Bürgenstock, infolge des Ersten Weltkrieges in eine tiefe Krise stürzten, überstand das Hotel Fürigen die Kriegsjahre glimpflich – im Jahr 1916 wurden sogar Rekordzahlen verbucht. In der Zwischenkriegszeit entwarf Odermatt ein Tourismuskonzept, wie es in den Club-Med-Anlagen Frankreichs und anderen Ländern erst in den 1950er-Jahren aufkommen sollte. Er war ein Visionär und entwickelte sein Hotel zu einer „Ideal-Anlage“.
1921 eröffnete Odermatt in der 200 Meter tiefer liegenden Harissenbucht ein Strandbadehaus. Die Badebucht war nicht geschlechtergetrennt und wurde im Volksmund als „Nymphenbucht“ bezeichnet. An Ostern 1924 startete die Privatbahn von der Bucht zum Hotel Fürigen ihren Betrieb. Der damals steilsten Standseilbahn Europas wurde 1927 eine eidgenössische Konzession zugesprochen. Fortan durfte sie als öffentliches Verkehrsmittel nicht nur Hotelgäste befördern. In der ersten Sommersaison tätigte die Fürigen-Bahn täglich um die 100 Fahrten und beförderte dabei bis zu 1000 Gäste. 1937 eröffnete Odermatt in einer Höhe von 50 Meter über dem See einen Spiel- und Sportplatz sowie eine Liegewiese an der Sonne. Um dorthin zu gelangen stand die Fürigen-Bahn ausser Frage, da Personen im Badekleid kein öffentliches Verkehrsmittel besteigen durften. Der erfinderische Hotelbesitzer Odermatt dachte sich daher einen Stehlift aus und liess ihn durch die Firma R. Niederberger Söhne in Dallenwil bauen. Diese in sich geschlossene Erlebnis- und Ferienwelt gilt aus heutiger Sicht als erstes All-Inclusive-Angebot.
Die Motorisierung des Verkehrs in Nidwalden
Die Gäste reisten hauptsächlich mit dem Dampfschiff ab Luzern bis Stansstad an. Bevor die Fürigen-Bahn eröffnete, fuhr eine Kutsche von der Schiffstation zum Hotel. Dabei übernahm Paul Odermatts Bruder Walter als Fuhrhalter den Kutschendienst. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden die Fahrzeuge von Tieren oder Menschen gezogen. Die Bürgenstockstrasse war für den Automobilverkehr zwar geöffnet, im Kanton Nidwalden war man jedoch der "Automobilplage" nicht nur gut gesinnt. Die Höchstgeschwindigkeit wurde deshalb auf 10 Kilometer pro Stunde festgelegt und reduzierte sich in der Steigung sogar auf 6 (!) Kilometer pro Stunde. Die gesetzlichen Tempolimiten, in Nidwalden durfte man nirgendwo schneller als 30 Kilometer pro Stunde fahren, waren auf die Gangarten des Pferdes abgestimmt. Denn für Polizei und Bevölkerung bewegte sich das Automobil an der Schwelle zum Geschwindigkeitsexzess. Staub und Lärm, das Erschrecken von Zugtieren, die Behinderung des Viehtriebs, sowie Unfallgefahren waren weitere Motive heftiger Anklagen gegen das Automobil. Ein Antrag auf generelles Verbot des Automobilverkehrs im Kanton wurde aber 1910 an der Landsgemeinde dennoch verworfen. Demgegenüber setzte Graubünden von 1900 bis 1925 ein Automobilverbot durch.
Mit den Besitzern der Bürgenstock-Hotels geriet Paul Odermatt wegen der Zufahrt zu seinem Hotel regelmässig in Streit. Weil der Kanton und die Bürgenstock-Hotels den Bau je zur Hälfte finanzierten, erhielten die Hoteliers das Recht, für eine Fahrt auf der Bürgenstockstrasse eine Maut zu erheben. Odermatt erachtete den ihm in Rechnung gestellten Betrag als zu hoch, weshalb er in anfocht. Um für die Verhandlungen "Beweismaterial" zu sammeln, sassen während einigen Sommern Woche für Woche bei der Verzweigung der Fürigenstrasse je ein Hausbursche der Bürgenstock-Hotels und des Hotels Fürigen und zählten die vorbeifahrenden Autos.
Hotelomnibus: Elektroauto statt Benziner
Mit der Eröffnung der Fürigen-Bahn mussten die Gäste nicht mehr den Umweg über die Bürgenstockstrasse nehmen. Paul Odermatt bestellte am 3. April 1927 bei der EFAG – kurz für Elektrische Fahrzeuge AG – in Zürich einen Elektrokarren, der auf der Felsenstrasse nach Kehrsiten zwischen der Schiffstation und der Talstation in der Harissenbucht hin- und herfahren sollte. Das offerierte Modell P 1526 sollte zwischen 2 und 12 Kilometern pro Stunde fahren, eine Reichweite von 40 bis 50 Kilometer besitzen, vorne auf dem Führersitz für zwei und hinten auf der Bank für vier bis fünf Personen Platz bieten. Der Liefertermin wurde spätestens auf den 1. Mai 1927 gesetzt, gerade rechtzeitig zum Beginn der Tourismussaison. Mit achtzehn Tagen Verspätung lieferte die Firma EFAG das bestellte Elektromobil dem Hotel Fürigen. Der Wagen war von Beginn an für den Personentransport eingerichtet, trotz gegenteiliger Behauptung Odermatts vor dem Regierungsrat. Der Hotelier hatte zuerst nur eine Bewilligung für den Gepäcktransport erhalten. Erst ein Jahr später und mit der Verbreiterung der Strasse als Gegenangebot war es Odermatt offiziell erlaubt Personen zu transportieren. Zuvor mussten die Gäste den zehnminütigen Weg zu Fuss gehen.
Die Pionierphase des Elektromobils war nach dem Ersten Weltkrieg vorbei, der Verbrennungsmotor hatte sich klar durchgesetzt. Trotzdem entschied sich Odermatt anstelle eines Benzinfahrzeugs für einen elektrisch angetriebenen Bus. Die Vorgängerfirma der EFAG, die Tribelhorn AG, verkaufte in der Belle Époque noch über 50 Elektromobile an zahlreiche Hotels. Im Verlauf der 1920er-Jahre verschwanden die meisten dieser Wagen aus dem Verkehr, mit zwei Ausnahmen: Das Elektromobil des Hotels Schweizerhof in Luzern, bekannt als "Mathilde", diente noch während Jahrzehnten als Shuttle-Fahrzeug zwischen Bahnhof und Hotel. Seit 1989 steht sie als Leihgabe im Verkehrshaus – nach wie vor zugelassen und fahrbereit. Die zweite Ausnahme war das Elektromobil des Hotels Fürigen, das laut dem Autonummernverzeichnis des Kantons bis 1933 in Betrieb war. Nach dem Vollausbau des Hotels genügte es nicht mehr, weshalb Odermatt 1931 ein neues, grösseres Elektromobil – wahrscheinlich aus zweiter Hand – erwarb.
Weshalb setzte Paul Odermatt noch in den 1930er-Jahren auf ein Elektroauto, statt auf einen Benziner? Die Distanz zwischen Schiffstation und Fürigen-Bahn war kurz, der Fahrweg gleichbleibend, und der elektrische Antrieb machte die Omnibusse sowohl bedienerfreundlich wie zuverlässig. Die Chauffeure rekrutierten sich zumeist aus den bisherigen Fuhrhaltern des Kutschendiensts. Bei voller Batterie war ein Elektromobil nach Umlegen des Hauptschalters sofort fahrbereit. Es besass kein Schaltgetriebe oder zumindest keines, das beim Fahren regelmässig bedient werden musste. Nicht das Fahrerlebnis stand als Hauptzweck im Vordergrund, vielmehr ging es um das tagtägliche Bewältigen einer bestimmten Strecke. Weil der Elektrowagen zu Beginn des 20. Jahrhundert kaum Fähigkeiten erforderte, verlor er gegenüber dem Auto mit Verbrennungsmotor an Faszination. Dem Elektromobil gelang es niemals, dieselbe Strahlkraft an Kompetenz, Reichtum und Macht zu erlangen. Denn ein Elektroauto war nicht spektakulär, sondern dezent. Autofahren als Verkörperung eines Lebensgefühls, als Sport, Abenteuer und gesellschaftliches Ereignis fand beim Elektroauto nicht statt. Das Elektromobil erlebte jedoch in verschiedenen Nischen eine zweite Blüte. In den Jahren 1920 bis 1970 gab es zahl- und erfolgreiche Anwendungsgebiete für die Elektromobilität: Etwa als Werksfahrzeug bei der Post oder bei der Bahn, als gewerblicher Kleintransporter, beispielsweise zum Ausliefern von Milch oder eben als Omnibus des Hotels Fürigen.
Mit den Erdölkrisen und der Diskussion um das Waldsterben erlebt der Elektroantrieb seit den 1970er-Jahren seinen dritten Aufstieg, der bis heute anhält und infolge des Klimawandels wohl nicht mehr zu bremsen ist. Obschon der Anteil an Elektroautos in der Schweiz mit drei Prozent tief ist, soll er gemäss der Roadmap des Bundes bis ins Jahr 2022 auf 15 Prozent ansteigen. Hierfür sind allerdings noch zwei Knackpunkte zu lösen: Trotz Grossserienproduktion kämpfen bekannte Marken – wie etwa Tesla – mit Lieferengpässen und in der Schweiz fehlt ein dichtes Schnellladenetz. Dennoch werden die Elektroautos immer stärker unseren Strassenverkehr prägen und irgendwann alle Benziner verdrängen. Die Frage ist nur noch wann.
Autor: Mounir Badran, März 2019
Rolf Gisler-Jauch, Automobil, Kap. 1: Die Anfänge des Automobilismus, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 21.05.2015, URL: URL: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D13901.php (letzter Zugriff am 16.03.2019).
Marcel Just: "Eine Ideal-Anlage", Hotel Fürigen am Vierwaldstättersee, in: Kunst + Architektur in der Schweiz 62 (2011), Heft 2, S. 68-77.
Gerold Kunz: Siedlungsentwicklung: Landschaftswandel durch Verkehr und Tourismus, in: Geschichte des Kantons Nidwalden. Von 1850 bis in die Gegenwart, Stans 2014, S. 40-47.
Michel Massmünster: [Museumsinterne] Dokumentation Elektromobil des Hotels Fürigen, 2010.
Martin Sigrist: Johann Albert Tribelhorn und sein Erbe bei EFAG und NEFAG. Pioniergeschichte des elektrischen Automobils, Zürich 2011.
Jürg Spichiger: Mutig, trotzig, selbstbestimmt – Nidwaldens Weg in die Moderne. Historische Dauerausstellung, Ausstellungskatalog hrsg. vom Nidwaldner Museum, Stans 2016.
Das Elektromobil in seiner ursprünglichen Form in den 1920er-Jahren. Fotograf unbekannt