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Sie hätte eine gute Partie abgegeben, ihre Familie war reich. Doch ihr stand der Sinn nicht nach Ehe und schon gar nicht nach dem faden Luxus, mit dem sich die Elite in der verblühenden See- und Handelsmacht Venedig umgab. Mit achtzehn Jahren entzog sie sich dem Heiratsmarkt und schloss sich als Laiin dem Benediktinerorden an. Ihr Kapital war ihr Verstand.
Zur Welt kam das «Wunderkind» 1646 in einer der ältesten Adelsfamilien Venedigs. Da der Vater sich jedoch mit einer Frau niederen Standes liiert hatte, war er gesellschaftlich ins Abseits geraten. Die Begabung seiner Fünftgeborenen und die Bewunderung, die sie auslöste, waren deshalb Balsam für die Seele des Ausgestossenen. Mit sieben Jahren bereits beherrschte sie Latein und Griechisch (später kamen Hebräisch und Aramäisch, Französisch, Spanisch, Englisch und Arabisch dazu), und auch den Unterricht in den freien Künsten – Grammatik, Rhetorik, Logik, Musik, Mathematik und Astronomie – absolvierte sie mit Bravour. Danach studierte sie – in stetem Austausch mit Gelehrten und Wissenschaftlern – Philosophie und Theologie.
Mit 23 Jahren war sie so umfassend gebildet, dass sie in die angesehene Accademia dei Ricovrati in Padua aufgenommen wurde; Einladungen weiterer Akademien folgten. Den grössten Respekt aber erntete sie für ihre herausragenden theologischen Kenntnisse. Die Senatoren der Republik Venedig waren sich einig, dass die inzwischen berühmte Stadttochter an der Universität Padua in diesem Fach promovieren müsse, und auch die dortigen Theologen konnten sich die gelehrte Fastnonne in ihren Reihen gut vorstellen – schliesslich waren sogar Kardinäle von weit her angereist, um sich von ihren ausserordentlichen Fähigkeiten zu überzeugen.
Doch dann legte sich der Kanzler der Universität quer, Gregorio Barbarigo, Kardinal und oberster Hüter der Christenlehre im Vatikan: Eine Doktorin der Theologie sei undenkbar, beschied er, und zudem «uno sproposito», ein Riesenfehler, mit dem man sich vor der ganzen Welt lächerlich mache. Härter als die Promotionswillige traf das Verdikt deren Vater.
Am Ende fand sich aber doch eine Lösung: Statt in Theologie sollte sie eben in Philosophie promovieren. Und so legte sie 1678 in Padua ihr Examen ab und trug darauf als weltweit erste Frau einen Doktortitel. Eine Lehrtätigkeit nahm sie allerdings nicht auf, und auch für weitere Studien blieb nicht mehr viel Zeit. 1684 starb sie, gerade 38 Jahre alt, vermutlich an Krebs.
Wer war die akademische Vorreiterin, nach der 1994 ein Krater auf der Venus benannt wurde?
Wir fragten nach der venezianischen Gelehrten Elena Lucrezia Cornaro Piscopia (1646–1684). Die Accademia dei Ricovrati ist die 1599 von Galileo Galilei mitbegründete heutige Accademia Galileiana di Scienze Lettere ed Arti in Padua. An der Universität Padua erinnert eine Statue an die Theologin und Philosophin. In einigen italienischen Städten sind Schulen und Plätze nach ihr benannt.