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«Krankheit Frau» ist eine Sammlung von Abhandlungen über Hysterie, Menstruation, Einbildungen. Das Buch ist aber auch Ausdruck eines bestimmten Geschichtsverständnisses. Im Geleitwort schrieb Esther Fischer: Geschichte «zeigt, dass manches, was ist, auch anders geworden sein könnte. Allenfalls kann sie sogar wahrnehmen lehren, dass selbst Unabänderlich-Gegenwärtigem die Möglichkeit innewohnt, anders zu sein. Was einem begegnet, ist ja immer nur eine Auslese von dem, was es 'gibt' – so begegnen verschiedene Zeiten denselben Dingen oft mit ganz verschiedenen Fragestellungen, Akzentsetzungen, Voreingenommenheiten. (…) So kann Geschichte ein gelöstes Verhältnis zur Gegenwart herstellen helfen – indem sie Spielraum schafft für einen kreativen Umgang mit dem Jetzt.»
«Krankheit Frau» kam im richtigen Moment. Nach dem Jahr der Frau und dem schweizerischen Frauenkongress 1975 hatte der Bundesrat die Eidgenössische Kommission für die Gleichstellung von Frau und Mann eingesetzt, der Gleichstellungsartikel der Bundesverfassung wurde vorbereitet, grosse Berichte erschienen. Die Perspektive der Frauen gewann an Bedeutung. Esther Fischer fragte sich im Einklang mit dieser Entwicklung, «ob 'die Frau' mir nicht gelegentlich Modell gestanden habe beim Entwurf meiner allgemeineren Fragestellungen und ob das nicht der Grund sei, weshalb sich diese Fragestellungen dann an der Geschichte der Frau speziell bewährt haben.»
Ein paar Jahre später – da ist sie aus freien Stücken nicht mehr Institutsleiterin – wird sie im Aufsatz «Wie männlich ist die Wissenschaftlerin?» bemerken: «Wenn Männlichkeit mit konfliktausschliessender Logik, emotionsfreier Rationalität und Willensbestimmtheit zu tun hat, sind die Wissenschaften (…) jedenfalls so männlich, dass sie den Blick auf die psychischen Hintergründe ihrer Entstehung weitgehend verstellen oder als unwissenschaftlich abtun.» Und da die Wissenschaften «vorwiegend von Männern betrieben werden, verbergen sie vorwiegend die Schattenbereiche männlicher Bewusstheit, wozu ja speziell das sogenannte ‚Weibliche‘, das denn auch immer wieder mit dem ‚Unterbewussten‘ assoziiert wird, gehört. (…) Dank dieser Unbewusstheit kann männliche Wissenschaft soviel Leiden, Schwäche, Problematik, damit aber auch soviel Lebendiges, auf andere, Frauen zum Beispiel, oder Patientinnen, andere Kulturen, Bäume, Tiere, Kinder projizieren und abschieben.»
Das ist eine geballte Kritik – und gleichzeitig ein klares Programm der Zuwendung zum «Anderen der Vernunft», wie ein im gleichen Jahr erschienenes Buch (Hartmut und Gernot Böhme) postulierte. Esther Fischer war ohne jegliche Anbiederung auf der Höhe der Zeit, ihre Analysandin und aktive Mit-Verändererin.
1984 legte sie die Leitung des Instituts für Medizingeschichte nieder. In nur sechs Jahren hatte sie in diesem Mini-Betrieb Grosses bewirkt: wissenschaftlich, strukturell, in der Festigung innerhalb der medizinischen Fakultät. Eine Geschichte der Gerichtsmedizin war erschienen, eine Medizingeschichte der Frau, eine Geschichte der Psychiatrie. In einem Text «Wozu Medizingeschichte?» zum Tag der Offenen Tür hatte die Institutsleiterin ihr Credo prägnant formuliert: «Die Geschichte ist auch Teil der Gegenwart. (…) So kann Geschichte unersetzliche Orientierungs- und Verständnishilfen bieten und damit wieder Grundlagen für die Gestaltung der Zukunft. Natürlich kann sie auch anderes bringen, wofür es sich zu denken lohnt: nicht zuletzt Vergnügen.»
Doch Erfolg half nicht. Esther Fischer, die laut Beförderungsgutachten «eine feinsinnige zarte Natur mit nervig zähem Durchhaltevermögen» verbinde und Autorität besitze, «die auf Qualität beruht», deren Vorträge «im Inhalt geradezu elektrisierend» seien, witzig und reich an «englischen Unterstatements» – diese Frau fühlte sich «zunehmend befangen, verstresst, freudlos», wie sie in ihrem Rücktrittsbrief schrieb. Ihr sei «unausweichlich klar geworden, dass unsere Welt und Umwelt und wir selbst in Gefahr sind und dass dies mit unserer und meiner eigenen Geschichte von weg-objektivierendem Umgang mit anderen und mit uns selbst zu tun hat. (…) Gleichzeitig habe ich erlebt, dass es Alternativen gibt und es mich da hinzieht. Und dass ich eigentlich das Bedürfnis habe, (…) lebensnäher zu arbeiten und mich zu bewegen.»
So bildete sie sich weiter als Massage Practitioner im kalifornischen Esalen Institut, erlangte den Facharzttitel in Psychiatrie und Psychotherapie, und führte eine entsprechende Praxis. Sie gehörte dem Expertengremium des Kantons Bern zur Beurteilung von Fällen des fürsorgerischen Freiheitsentzugs an. Von 1986 bis 1990 war Esther Fischer Grossrätin für die Freie Liste.
Und weiterhin arbeitete sie wissenschaftlich. Mehr und mehr vertiefte sie sich in das Werk des französischen Philosophen und Mediziners, Psychologen und Psychotherapeuten Pierre Janet (1859-1947), der einmal weltberühmt war und dann im Schatten Sigmund Freuds in Vergessenheit geriet. Fischer arbeitete heraus, dass Freud von Janet unter anderem die Unterscheidung zwischen Unterbewusstem und Bewusstem übernahm und, auf Janet aufbauend, das psychoanalytische Verfahren quasi als eine Art psychische Operation regelte. Und während Janet überzeugt war, man könne von einer regelrechten Psychotherapie vielleicht in 100 Jahren reden, vermarktete Freud eine solche als professionelle medizinische Spezialität. Natürlich galt Fischers Sympathie Janet, aber nicht emotional, sondern aus vertiefter Erkundung der Quellen. 2018 erschien ihr letzter grosser Artikel dazu.
Zeitlebens beschäftigte sie das Geld als Mittel der Austauschs, des Zählens und Zahlens, seiner Entstehung in Beziehungen. Zum Thema gehörte auch das Schenken, das Bindungen stiftet, jedoch auch Abhängigkeit schaffen und Verpflichtungen begründen kann. Früh interessierte sie entsprechend für die Alternative Bank.
Esther Fischer vereinte scharfen Intellekt mit warmer Einfühlsamkeit, sie verband unbändige geistige Offenheit mit der Bereitschaft zu eindeutigen politischen Positionen, sie schüttelte enge nationalistische Auffassungen ab, unwirsch, aber nicht verletzend. In Diskussionen hellwach, fragte sie nach, erprobte Argumente, kritisch und skeptisch auch gegenüber sich selbst, aber meist mit liebevoller Aufmerksamkeit für die Anderen. Und immer auf der Suche nach Gerechtigkeit in den persönlichen Beziehungen, in jenen zwischen Bevölkerungsgruppen und denen zum Staat.
Esther Fischer zeichnete und schrieb ihr Leben lang. Es begann auf dem Kachelofen zu Hause: «Dort zeichnete ich, da ich noch nicht schreiben konnte, tagelang alles, was ich kannte, auf rund ausgeschnittene bunte Papierchen, um es als mein Universum in meinem Zimmer aufzustapeln.» Immer wieder zeichnete sie während ihrer Krankheit im Tierpark und versandte die Skizzen mit knappen Grüssen. Und auf den zahlreichen Postkarten ihrer Esther Cards setzte sie kleine Dinge, kleine Tiere und lustige Begebenheiten mit feinem Strich und Kolorierung prägnant in Geschichten um.
Trotz der Tradition des Schreibens beschwerte und bestimmte das Schreiben ihr Leben nicht. Ihr pointiertes Schreiben war nicht auf wissenschaftliche Themen begrenzt. Auch in hunderten von Filmrezensionen (in der Reformatio, der Berner Zeitung, im Journal 21 und zuletzt im Journal B) fand ihre analytisch-psychologische Beobachtung beredten Ausdruck. Doch eigentlich nie hielt das Schreiben sie davon ab, mitten im Leben zu sein.
Es gab privat Schläge und Neuanfänge. Die Scheidung von Kaspar Fischer, dem Zeichner und Theatermensch. Der Tod des Sohns Paul im Jugendalter. Die Partnerschaft mit der Schriftstellerin Marie-Luise Könneker, mit der gemeinsame Bücher entstanden.
Esther Fischer war freundlich, fröhlich, heiter. Unkonventionell mit altem Velo, bunten Kleidern, Kurzhaarschnitt und mit ihrer Neugierde für alles und alle. Ihre bürgerliche Herkunft, das Haus am Falkenhöheweg, die Professur, die Publikationen, das Ansehen – alles hätte auf eine Dame hinauslaufen können. Sie war nicht das Gegenteil davon, sie war sie selbst, ein Unikum vielschichtiger Wahrnehmung und präzisen Ausdrucks – der Rücktritt vom medizinhistorischen Institut erfolge, hatte sie geschrieben, «nach langem Überdenken und Überfühlen». Eine liebevolle, warmherzige, undogmatische, aber konsequente Grüne, die in Bern und in der Auvergne bescheiden lebte, ohne etwas zu vermissen. Mit ihrer Partnerin führte sie ein offenes Haus, dessen obere Wohnung meist an Schauspielerinnen und Schauspieler vermietet war.
Nach langer Krankheit ist Esther Fischer-Homberger am 21. März in eine andere Welt gegangen.