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Schier unglaubliche 30 Saisons in Folge hat Österreich die Nationenwertung des Ski-Weltcups gewonnen. Doch nach dem Rücktritt von Überflieger Marcel Hirscher könnte sich das Blatt wenden. Nach dem ersten Drittel des Winters liegt die Schweiz hauchdünn vorne.
Drei Fahrerinnen haben mehr als zwei Drittel aller Schweizer Punkte geholt: Michelle Gisin (301 Punkte), Wendy Holdener (287) und Corinne Suter (225). Keine besonders breite Basis. Diese drei Trümpfe müssen weiterhin stechen, damit das Schweizer Frauenteam nicht abgehängt wird.
Österreich hat mit Katharina Liensberger (269) und Nicole Schmidhofer (218) nur zwei Fahrerinnen, die mit dem Schweizer Top-Trio mithalten können. Der grosse Unterschied ist, dass die Österreicherinnen als Team besser aufgestellt sind. Fällt eine aus, punktet halt eine andere. 18 Fahrerinnen aus Österreich haben es in diesem Winter schon in die Weltcup-Punkte geschafft, nur 12 aus der Schweiz.
Die Abhängigkeit von Gisin, Holdener und Suter ist gross. Lara Gut-Behrami ist unkonstant – allerdings ist sie in den Speedrennen besser als in den Riesenslaloms, die meisten «ihrer» Rennen kommen noch. Zudem gibt Aline Danioth Anlass zur Hoffnung: In den letzten beiden Slaloms glänzte die 21-Jährige mit den Rängen 7 und 8. Ergänzt man das Top-Trio mit Gut-Behrami (158) und Danioth (118) dann sind fünf Schweizerinnen für fast alle Punkte verantwortlich (1089 von 1192).
Holdener hat noch Luft nach oben, obwohl sie schon zwei Mal aufs Podest fuhr. Und für Suter gilt das gleiche wie für Gut-Behrami: Erst je zwei Abfahrten und Super-G wurden gefahren, zwölf Speed-Bewerbe sind noch ausstehend. In den bisherigen Rennen war Suter nie schlechter als Sechste.
Alles schön und gut, wäre da nicht die Tatsache, dass die Österreicherinnen vor allem im Speed-Bereich mehr Anwärterinnen auf einen Spitzenplatz haben. Im letzten Winter gewann Schmidhofer den Abfahrts-Weltcup vor Stephanie Venier und Ramona Siebenhofer. Und weil im Slalom Mikaela Shiffrin (USA) und Petra Vlhova (Slowakei) die «fetten» Punkte abstauben, entscheidet sich das Duell zwischen den Schweizerinnen und den Österreicherinnen in den schnellen Disziplinen.
Bei den Männern ist das «Klumpenrisiko» kleiner, das Team ist breiter abgestützt. Rund die Hälfte der Punkte holte ein Quintett: Beat Feuz (361), Marco Odermatt (222), Mauro Caviezel (217), Daniel Yule (190) und Loic Meillard (188). Nicht weniger als 20 Schweizer haben in diesem Winter bereits gepunktet – gegenüber sogar 21 Österreichern.
Dass die Schweiz viele Athleten hat, die für einen Spitzenplatz gut sind, ist im Moment enorm wichtig. Denn Odermatt (Knie) und Cavieziel (Unterschenkel) fielen zuletzt verletzt aus. Wobei auch die Österreicher nicht von Verletzungen verschont geblieben sind: Für Hannes Reichelt, mit 155 Punkten die Nummer 3 des Teams, ist die Saison nach einem Kreuzbandriss zu Ende.
Dass 155 Punkte intern zu Rang 3 reichen, zeigt: Österreichs Abhängigkeit von seinem Top-Duo ist gross. Die Speed-Asse Matthias Mayer (362) und Vincent Kriechmayr (360) müssen liefern, sonst ist Rot-Weiss-Rot auf verlorenem Posten. In den technischen Bewerben wird der achtfache Gesamtweltcupsieger Hirscher schmerzlich vermisst.
Besonders der Schweizer Aufschwung in der ehemals «ewigen» Sorgendisziplin Slalom ist bemerkenswert. Yule und Ramon Zenhäusern sind Weltklasse, Loic Meillard nicht weit davon entfernt und plötzlich verblüfft auch einer wie Tanguy Nef mit Rang 6. Vielleicht war auch der zweite Platz von Urs Kryenbühl in Bormio kein Exploit, sondern der Startschuss zu einer grossen Karriere.
Nicht von dieser Welt ist die Konstanz von Abfahrts-Champ Feuz: In allen vier Abfahrten des Winters fuhr er aufs Podest, in den letzten 21 Abfahrten war er nie schlechter als Achter, fünf davon gewann er und in 17 der 21 Abfahrten stand er auf dem Siegerpodest.
Bei den Frauen sind noch insgesamt zwölf Abfahrten und Super-Gs zu absolvieren, gegenüber total zehn Slaloms und Riesenslaloms – das spricht für Österreich. Allerdings sind auch noch drei Kombinationen und zwei Parallelbewerbe angesetzt, wo Holdener und Gisin diejenigen sind, die es zu schlagen gilt. Trotzdem ist es illusorisch, anzunehmen, dass die Schweizer Frauen die Österreicherinnen einholen.
Bei den Männern sieht das Restprogramm in der einzigen Disziplin, in der Österreich besser ist, die wenigsten noch ausstehenden Rennen vor: Fünf Super-Gs. Demgegenüber stehen je sechs Abfahrten und Riesenslaloms sowie acht Slaloms. Und im «Zick-Zack» ist die Schweiz dem Nachbarn in diesem Winter überlegen. Ausserdem gibt es noch zwei Kombinationen und einen Parallel-Event.
Man muss sich nichts vormachen: Der Zweikampf um den Sieg in der Nationenwertung dürfte bis zum Weltcup-Final in Cortina d'Ampezzo Mitte März eine enge Kiste bleiben. Zu einem wesentlichen Teil hängt die Entscheidung davon ab, ob die Athleten, die besonders viele Punkte beisteuern, gesund bleiben. Bei den Verfolgern Norwegen (409 Punkte hinter der Schweiz), Italien (-781) und Frankreich (-915) ist nur je ein Geschlecht top: Bei Norwegen und Frankreich sind es die Männer, bei Italien die Frauen.
Eine Prognose über den Ausgang zu wagen, wäre zum jetzigen Zeitpunkt der Saison kühn. Aber nur schon die Tatsache, dass sich Swiss-Ski ernsthaft mit dem Gewinn der Nationenwertung auseinandersetzen darf, spricht für sich. Die Hoffnung lebt, dass Österreichs Dominanz nach 30 langen Jahren des Wartens durchbrochen wird.