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Im Duden ist Sport beschrieben als „nach bestimmten Regeln [im Wettkampf] aus Freude an Bewegung und Spiel, zur körperlichen Ertüchtigung ausgeübte körperliche Betätigung“ und als „Liebhaberei, Betätigung zum Vergnügen, zum Zeitvertreib, Hobby“[1].
Übertrage ich die im Duden genannten Aspekte des Sports auf die Capoeira, um zu überprüfen, ob sie eine von vielen Sportarten ist oder mehr, merke ich, dass alle Attribute zutreffen bis eben auf die „bestimmten Regeln“.
Obwohl der „Wettkampf“ im Duden nur in Klammern aufgeführt ist, verbindet sich heute im Sport sehr oft körperliche Bewegung mit Wettkampf. Fast jede Sportart strebt an, olympische Disziplin zu werden und schreibt dem Wettkampf einen hohen Stellenwert zu. Olympische Disziplinen erfordern Regeln und eindeutige Bewertungssysteme. Und genau dies fehlt in der Capoeira.
Das Kriterium der Wettkämpfe würde ich als nur fragmentär erfüllt betrachten, da sie sehr umstritten und (noch?) Ausnahmen sind. Sie werden dennoch zunehmend gefragter. Einige wenige Capoeiristas sind nämlich bestrebt, richtige Regeln einzuführen, damit Capoeira einmal eine olympische Disziplin werden könnte. Individuelle Wettkämpfe werden mittlerweile von ein paar wenigen Gruppen durchgeführt, doch ohne Regeln im herkömmlichen Sinne. Nur die Art und Weise der Bewertung ist festgelegt, vergleichbar etwa mit der ursprünglichen Kür im Eiskunstlaufen. Es zählt, auf welche Weise gespielt wird, das heisst die Varietät im Spiel, die korrekte Ausführung der Bewegungen und wie auf den andern Spieler eingegangen wird. Wie das Spiel gestaltet wird, bleibt den Capoeiristas deshalb weiterhin frei.
Viele Capoeiristas sind der Meinung, die Capoeira verliere durch solche wettkämpferischen Anlässe die Individualität und die damit verbundene Schönheit. Andere hingegen sehen die Wettkämpfe als Muss an, da die Capoeira ständig moderner wird und sich verändert. Ich persönlich finde, Wettkämpfe sind nicht nötig, schaden der Capoeira aber nicht. Bis jetzt strebt niemand danach, der oder die Beste zu sein. Durch Konkurrenzkämpfe würde ein solches Bestreben und der äusserliche, gesellschaftliche Druck verstärkt werden. Die Capoeira würde an Freiheit und Individualität verlieren. Ausserdem betrachte ich die Bewertung der Spiele als nicht einfach und trotz etwaiger Regelungen als subjektiv.
Ein weiterer wichtiger Unterschied zu anderen Sportarten ist, dass die Capoeira von jedem praktiziert werden kann, es spielt keine Rolle, ob man Kind, Teenager, Erwachsener oder Senior ist. Es ist bei einem Sport aussergewöhnlich, dass jeder mit jedem spielt, Anfänger mit Fortgeschrittenen und Mestres, Kinder mit Erwachsenen. Natürlich wechselt die Dynamik innerhalb des Spiels, das ist ein Charakteristikum von der Capoeira. Der Anfänger lernt vom Mestre, aber auch der Mestre vom Anfänger. Und die Anzahl der Spieler ist unwichtig, man kann den Sport zu zweit oder in einer Gruppe ausüben. Sie ist nicht definiert wie etwa beim Fechten oder in einem geregelten Fussballspiel. Es ist also nie jemand überflüssig oder Ersatz.
Manchmal wird die Capoeira sogar als Therapie und zur Rehabilitation eingesetzt, zum Beispiel bei Menschen mit Behinderung, bei Strassenkindern, bei Drogensüchtigen und bei Flüchtlingen in Syrien.[2] Für jeden Typ von Mensch ist ein Element dabei, sei es Sport, Spiel, Musik, Disziplin oder Spass.
Für mich stellt Capoeira eine Kunst dar, Freude und Freunde zu finden. Die Capoeira verbindet Menschen unterschiedlichen Alters, Charakters, Herkunft und Konfession. Sie bringt Zusammenhalt und Vereinigung. Ob die Capoeira nun wie von Valentin als Ausdrucksfreiheit, wie von Mestre Pitbull als eine Kunst, lächelnd zu kämpfen, oder wie von vielen als eine zweite Familie gesehen wird, Capoeira bedeutet für fast alle Capoeiristas mehr als nur Sport. Die Besuche zeigen auf, dass viele Capoeiristas die Capoeira als Lebensgefühl und -philosophie ansehen. Auch einige Lieder beleuchten den hohen Stellenwert der Capoeira für die Capoeiristas. Ein Lied heisst zum Beispiel „Você nao sabe o valor que a Capoeira tem“, ein anderes „Sem Capoeira eu nao posso viver“ und nochmal ein anderes „A Capoeira é a minha vida“. Übersetzt ins Deutsche heisst dies, „Du weisst nicht, welchen Wert die Capoeira hat“, „Ohne die Capoeira kann ich nicht leben“ und „Die Capoeira ist mein Leben“. Alle drei Liedtexte beinhalten Aussagen, die einmal mehr den Wert der Capoeira verdeutlichen und unterstreichen. Sie verkörpern die umfassende Dimension, die Capoeira im Leben haben kann. Die Capoeira wird besungen wie sonst nur die grosse Liebe oder etwas, das unverzichtbar ist.