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Der Anfang des Romans «Die Farben des Nachtfalters» ist erschütternd: «Die Geschichte, die ich Ihnen erzählen soll, … beginnt an einem längst vergangenen Augusttag, als die Sonne mir das wunde Gesicht versengte. Ich war neun Jahre alt und Vater und Mutter verkauften mich an einen fremden Mann.»
Gefangen und hinter Gittern
Die junge Frau, die die Geschichte erzählt, ist Memory. Sie stammt aus einer armen Familie in der Township von Mufakose bei Harare, der Hauptstadt von Simbabwe.
Mit neun Jahren wurde sie, wie sie glaubt, an den weissen Grossgrundbesitzer Lloyd verkauft. Er nahm sie zu sich auf sein luxuriöses Anwesen und ermöglichte ihr eine erstklassige Ausbildung.
Als der Roman anfängt, ist Lloyd tot, ermordet. Weil Memory den Mord an ihm zugegeben hat, ist sie zum Tode verurteilt. Im Gefängnis schreibt sie ihre Lebensgeschichte auf.
Erinnerungen können täuschen
Ausgelöst werden Memorys Erinnerungen durch Musik, Geschichten, Gespräche, alltägliche Dinge. Je länger sie sich damit befasst, desto mehr wird ihr bewusst, dass die eigene Erinnerung nicht immer verlässlich ist: Manchmal hilft sie einem, im Rückblick etwas zu verstehen und einzuordnen, manchmal ist sie aber so subjektiv, dass sie einen auf eine völlig falsche Fährte lockt.
Einfühlsame Porträts
Der Umgang mit Erinnerungen – das ist eines der Kernthemen von «Die Farben des Nachtfalters». Zudem gelingen Petina Gappah in ihrem Roman gleich zwei einfühlsame Porträts: über die Hauptprotagonistin Memory und über ihr Heimatland Simbabwe.
Memory ist ein Mädchen mit Albinismus – und gehört deshalb nirgendwohin. Sie ist eine «weisse Schwarze», ohne die Privilegien der Weissen in Simbabwe.
Memory vergleicht sich mit einem Nachtfalter, der die Fähigkeit besitzt, sich seiner Umgebung anzupassen. Es dauert lange, bis sie beginnt, sich in ihrer Haut wohlzufühlen.
Simbabwe zeigt Petina Gappah von einer vielfältigen Seite. Das Leben in der Township, in der Memory aufwächst, beschreibt sie in einer so sinnlichen Sprache, dass man beim Lesen glaubt, den Alltag dort zu sehen, zu hören und zu riechen.
Im ganzen Roman blitzen viele Elemente auf, die für Simbabwe typisch sind: Aberglaube, Humor, Sprachenmix, die Bedeutung von Familie. Dabei verliert Gappah auch die kritische Distanz nicht. Nebenbei erfährt man viel über die gesellschaftliche und politische Situation Simbabwes.
Heiterkeit trotz Ernst
Was hat das alles mit mir zu tun? Das könnte man sich fragen. Viel. In ihrem Roman «Die Farben des Nachtfalters» stellt Petina Gappah Fragen, die uns alle angehen: Wie verlässlich ist Erinnerung? Wie geht man mit dem Verlust von Liebe und Freiheit um? Wie kann man vergeben, auch wenn man einmal sehr verletzt wurde?
Die heitere, farbige und lebensfrohe Note des Romans macht es einem leicht, sich damit auseinanderzusetzen.
Buchhinweis
Petina Gappah: «Die Farben des Nachtfalters». Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky. Arche, 2016.