Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03413.jsonl.gz/1203

Die viersprachige Schweiz von Walter Haas
Urkundenschreiber
Die Urkundenschreiber mussten sich offenbar ihre Schreibregeln nicht völlig neu schaffen; vielleicht griffen sie auf die Regeln zurück, die zuerst für die Niederschrift von Dichtungen entwickelt worden waren, aber es lassen sich auch ältere, von der Dichtersprache gemiedene Besonderheiten feststellen. Auch die Urkundensprache zielte auf überregionalen Ausgleich, aber die entstehenden Schreibdialekte galten für je kleinere Gebiete als die Dichtersprache. Ihre Nähe zur Mundart hing besonders auch vom Bildungsstand der Schreiber ab.
Von der Landsprache zur Hauptsprache
Zwischen 1550 und 1800 fand in der deutschen Schweiz der Übergang zur neuhochdeutschen Standardsprache statt; Um 1530 tauchen in binnenschweizerischen Drucken jene Diphthonge auf, die als Leitmerkmale des Neuhochdeutschen gelten; und um 1800 unterschied sich die Schriftsprache gebildeter Schweizer kaum mehr von der Schriftsprache gebildeter Deutscher.
Eine Norm wird gefunden
Zuerst galt es, was dem Belesenen nicht allzu schwer fiel, alles Derbmundartliche zu meiden. Schon schwieriger war das Gebot, den vorbildlichen Schriftstellern zu folgen, da auch sie oft nicht übereinstimmten. In diesem Falle suchte man das Grundrichtige über analogische Schlüsse zu finden: So wurden etwa die historisch "falschen" Vergangenheitsformen ich sahe, nahme, liesse, ware bei den starken Verben bevorzugt. Weil auch die häufigeren schwachen Verben, die entsprechenden Präteritumformen auf -e bilden: ich sagte, ich sahe, nahme usw. galt deshalb als grundrichtig - allerdings nur eine Zeitlang. Die Norm wurde nicht auf einen Schlag, sondern durch eine lange Auseinandersetzung erreicht. Bereits um 1700 schrieben die Gebildeten des ganzen deutschen Sprachraums eine Schriftsprache, die orthografisch und in ihren grammtikalischen Formen recht einheitlich war. Unterschiede bestanden vor allem noch im Wortschatz.
Gesprochene und geschriebene Sprache trennen sich
Die Kluft zwischen geschriebenem und gesprochenem Sprachsystem, die heute unsere Sprachverhältnisse prägt, tat sich allmählich auf. Mit den Diphthongen übernahm man im 16. Jahrhundert bloß eine neue Schreibmanier; vermutlich wurde davon nicht einmal die Lesesprache betroffen. Grammatik und Wortschatz blieben von der Neuerung völlig unberührt. Im Verlaufe des 17. Jahrhunderts wurde die Entsprechung zwischen geschriebener und gesprochner Sprache immer mehr gelockert, sodass die Sprachformen, die man beim Schreiben, und jene, die man beim Sprechen verwendete, erstmals als zu verschiedenen Idiomen gehörig empfunden wurden. Erst jetzt waren besondere Bemühungen um die Aufzeichnung der wirklich gesprochenen Mundart denkbar: Eine Mundart Literatur könnte entstehen.