Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03310.jsonl.gz/810

Der 39-jährige Westschweizer Universitätsdozent Pierre E. ist erstmals bereit, mit Journalisten zu reden. Im Gespräch mit der «Rundschau» und dem «Tagesanzeiger» erhebt er schwere Vorwürfe gegen Paul Frochaux, Domherr und Pfarrer der Kathedrale von Freiburg.
Einladung ins Chalet
E. erzählt, zum Zeitpunkt des Vorfalls 1998 sei er 17-jährig gewesen. Frochaux, damals noch Pfarrer von Morges, habe ihn zu einem Wochenende in einem Chalet im Wallis eingeladen.
Dort habe ihn der damals 46-jährige Priester zuerst auf den Mund geküsst. Später sei er mit ihm im Bett gelegen. E.: «Ich kann mich an folgendes erinnern: Der Pfarrer liegt auf dem Bett, ohne Kleider. Und ich habe seinen Penis im Mund.» Später sei er nackt auf dem Bett gelegen. «Und er berührt mein Glied.»
E. sagt, er habe «sehr unter dem gelitten, was passiert ist. Es war eine Mischung aus Scham und einem Gefühl, vergewaltigt worden zu sein».
Pfarrer und Vaterfigur
Pierre E. hatte eine enge Beziehung zu Paul Frochaux. Der Pfarrer sei für ihn «Autoritäts-, Vaterfigur und Arbeitgeber» gewesen. Seit dem elften Lebensjahr sei er zu ihm zur Messe gegangen. Später wurde er Ministrant und Teilzeit-Organist.
«Ich fühlte mich wohl in dieser Rolle als petit Chouchou. Ich war im Pfarrhaus eingeladen, nahm an Pfarreiausflügen nach Rom und Paris teil», sagt E..
Mutter: «Ich bin von Ihnen angewidert»
E. wuchs ohne Vater auf. Seine Mutter sagt der «Rundschau», sie habe Pfarrer Frochaux gebeten, eine väterliche Rolle für ihren Sohn zu übernehmen. Als die Mutter Jahre später vom Vorfall im Chalet erfuhr, war sie zutiefst schockiert.
Im Jahr 2000 schrieb sie Frochaux einen Brief, der der «Rundschau» vorliegt. «Ich hatte keine Ahnung, dass Sie diese Gelegenheit nutzen würden, um ihn zu missbrauchen», heisst es in dem Schreiben. «Sie tun mir leid und ich bin von Ihnen angewidert.»
Die Mutter von Pierre E. sagt heute: «Dieser Mann hat zutiefst unser Vertrauen missbraucht.» Frochaux solle jetzt zu seinen Taten stehen.
Frochaux: «Ein einmaliges Fehlverhalten»
Nach dem Brief der Mutter reagierte offenbar Frochaux. Die Mutter zeigt uns einen Brief, den er an Pierre E. geschrieben haben soll. Darin ist zu lesen, der Vorfall im Walliser Chalet sei ein «einmaliges Fehlverhalten» gewesen. Und: «Ich habe vor dir meine Schwäche anerkannt und dich um Vergebung gebeten.»
Weiter steht im Brief: «Du warst sehr provokativ», und «zum Zeitpunkt der Ereignisse warst du viel näher an deinem 18. Geburtstag als an deinem 16».
Domherr: «Pure Diffamation»
Die «Rundschau» hätte gerne Paul Frochaux gefragt, wie er sich heute zu den Vorwürfen stellt. Der Domherr von Fribourg hat aber auf unsere Fragen per Mail und Telefon nicht reagiert.
Vorwürfe von sexueller Belästigung wurden gegen Frochaux bereits Ende 2019 von einem Pfarrer in der Westschweiz erhoben. Frochaux verteidigte sich darauf in einem Interview mit dem Westschweizer Radio RTS mit den Worten: «Das ist pure Diffamation. Fast surrealistisch.»
Bischof suspendiert Frochaux
Unterdessen hat Charles Morerod, Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg, reagiert. Paul Frochaux wurde vorübergehend «von seinem Dienst ausgeschlossen».
Der Bischof schreibt der «Rundschau»: «Anhand Ihrer Fragen müssen wir mit Bestürzung von Fakten ausgehen, die uns bis anhin unbekannt waren.»
Für Frochaux gilt die Unschuldsvermutung.
Rundschau, 05.02.2020, 20.05 Uhr; bers