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Amerika-Jahr 1968/69
Annemarie Renold-Fankhauser aus Oberwil BL zog es mit 22 als junge Lehrerin ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die USA-Zeit prägte ihr Leben.
«Gefühl von Leichtigkeit, Erde und Weite» notierte ich in mein Tagebuch zum Foto vom Frühjahr 1969, das ich selbstbewusst mit «the river and I» betitelte. Es zeigt gut, wie ich mich in meinem USA-Jahr fühlte: Unabhängig und frei.
Weil der Dollar damals bei vier Franken dreissig stand, hatte ich mit meinem Lehrerinnenlohn lange für meinen Aufenthalt gespart. Beim Amity Institute Del Mar, Kalifornien, heuerte ich als «German Tutor» an. Und kam, weil ich keine Vorliebe angegeben hatte, nach Scottsbluff, Nebraska, in die tiefste Provinz im mittleren Westen. Meine Aufgabe war es, den Studierenden im Sprachlabor die korrekte deutsche Aussprache beizubringen. Weil Deutsch nicht sehr beliebt war, hatte ich wenig Arbeit und viel Zeit, daneben eigenen Interessen nachzugehen. Ich schrieb mich für Vorlesungen in Spanisch, Englisch und Geschichte ein und nutzte die reichhaltige Bibliothek des Hiram Scott Liberal Arts College.
Reisen per Greyhound
Nach zwei Semestern reiste ich sechzig Tage allein mit dem Greyhound-Bus durchs Land, von Gastfamilie zu Gastfamilie. Ich traf wunderbare Menschen, die mich aufnahmen und mir ihre Heimat zeigten. Und ich staunte über alles: die grossen Städte, die Weite der Landschaft, die Kultur der Indianer, über Heizdecken, Hamburger, Marshmallows und riesige Steaks. Heute staune ich darüber, wie mutig ich damals war.
Mir tat es gut, einmal weg von der Familie zu sein, obwohl ich oft Heimweh verspürte. Das Auslandjahr empfand ich als sehr wertvoll für meine persönliche Entwicklung. Bis heute ist mir meine Unabhängigkeit wichtig, und ich bin gerne ab und zu allein unterwegs.
Hätte ich meinen zukünftigen Mann nicht bereits gekannt, wäre ich vielleicht drüben geblieben… 1971 heirateten wir und gründeten eine Familie. Als meine Töchter drei und fünf Jahre alt waren, unterrichtete ich wieder stundenweise. Etwas Abstand tat mir und den Kindern gut. Bis zur Pensionierung erteilte ich Deutsch als Zweitsprache in Kleinklassen, Turnen, Schwimmen und Werken sowie zwanzig Jahre lang Englisch bei Pro Senectute.
Interesse für Sprachen und Kulturen
Die Zeit in den USA weckte auch mein Interesse für andere Sprachen und Kulturen. Als Primarlehrerin setzte ich mich später besonders für fremdsprachige Kinder ein, die Schwieriges erlebt hatten. Mich berührte, was mir Mädchen und Buben aus Kriegsgebieten erzählten. Oft war ich die Erste, der sie sich anvertrauen konnten. Ihre Geschichten erinnerten mich an meine Eltern: Auch sie hatten, als sie kurz vor Kriegsende und schwanger mit mir aus Ostdeutschland in die Schweiz flüchteten, alles zurücklassen müssen, alles verloren und hier als Niemand neu angefangen. Dieses Schicksal prägte meine Kindheit in Bern, wo ich umweht von Toblerone-Duft neben der Schokoladenfabrik aufwuchs.
Meine Mutter hob meine Briefe aus den USA und ihre Antworten auf. Jahrzehnte später in diesen Erinnerungen zu blättern, ist spannend. Ich staune, wie sorgfältig ich beobachtete und notierte, wie ich alles in mich aufsog. Manches wie etwa das Verhältnis der Rassen ist heute noch so aktuell wie damals: Eine Versammlung der militanten Black Panthers, zu der mich eine schwarze Kollegin als fast einzige Weisse mitnahm, hinterliess bei mir einen nachhaltigen Eindruck.
Ohne ein paar Zeilen ins Tagebuch zu notieren, gehe ich seit meinem Amerikajahr nicht ins Bett. Geblieben ist mir auch die Lust am Reisen. Mein Mann und ich haben viel von der Welt gesehen und verstehen die Jungen, die befürchten, in der Pandemiezeit vieles zu verpassen. Heute unternehme ich statt weite Reisen schöne Wanderungen. In meinem Alter lerne ich die nähere Umgebung und die Natur nochmals ganz neu entdecken und schätzen.
Aufgezeichnet von Annegret Honegger
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Lesetipp: «Das waren noch Zeiten …», Band 6
Zeitlupe-Leserinnen und -Leser erinnern sich an die legendären Jahre rund um 1968 – im bereits sechsten Band der Serie «Das waren noch Zeiten».