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| Gregor v. Nazianz († 390) - Reden

VIII. Rede
13.
[S. 241] Während Gorgonia in dieser unglaublichen Weise für ihre große Seele wirkte, hat sie aber anderseits nicht gleich der Menge, welche sich für ihre karitativen Bestrebungen gegenüber den Armen sinnliche Freuden erlaubt und, statt durch das Gute das Böse zu heilen, die Tugend mit der Sünde vertauscht, im Vertrauen auf ihre guten Werke ihr Fleisch der Weichlichkeit und den ungezügelten Freuden des Bauches, dem wütenden und bissigen Hunde, überlassen. Sie hat aber auch nicht, wenn sie ihr eigenes Fleisch durch Fasten bändigte, anderen das gesunde Schlafen auf bloßem Boden empfohlen. Und wenn sie ihrer Seele durch das Schlafen auf dem Boden half, dann gönnte sie sich selbst nicht längeren Schlaf als andere. Und wenn sie sich, als hätte sie keinen Körper gehabt, des Schlafes beraubte, legte sie sich nicht auf die Erde, um andere in aufrechter Stellung, wie es unternehmungslustige Mönche lieben, die ganze Nacht verbringen zu lassen. Und wenn sie sich in dieser Abtötung stärker als die mutigsten Frauen und Männer erwies, hat sie etwa irgendeinem Manne oder Weibe den Ruhm gelassen, sie zu übertreffen im verständnisvollen Singen der Psalmen, im Lesen und Offenbaren göttlicher Worte, in der rechtzeitigen Betrachtung, im Verbeugen der abgehärteten und fast mit dem Boden verwachsenen Knie, im Vergießen von Tränen, welche den Sündenschmutz eines zerknirschten Herzens und eines gedemütigten Geistes reinigen, in erhebenden Gebeten, durch einen festen, dem Himmel zugewandten Sinn u. dgl.? Es ist zwar viel gesagt, aber es ist wahr: nach den einen Tugenden strebte sie, in den anderen war sie ein glänzendes Vorbild; die einen eignete sie sich an, die anderen übertraf sie. Wenn sie auch in einzelnen Tugenden Mitbewerber fand, so war sie doch darin allen überlegen, daß sie allein alle Tugenden in sich vereinte. Die Gesamtheit der Tugenden pflegte sie in einer Weise, wie ein anderer nicht einmal eine einzige mäßige Tugendübung gepflegt hatte. In jeder einzelnen Tugend brachte sie es zu einer Vollkommenheit, daß schon eine Tugend allein statt aller genügt hätte.