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Die Studie der «Covid-19 Excess Mortality Collaborators» ist eine der am häufigsten zitierten Studien zur weltweiten Übersterblichkeit durch Covid. Am 10. März 2022 veröffentlichte «The Lancet» diese Schätzung von Wissenschaftlern. Die «Covid-19 Excess Mortality Collaborators» kamen zum Ergebnis, dass bis Ende 2021 dreimal mehr Menschen weltweit an Covid-19 starben als offiziell ausgewiesen. 18,2 Millionen Menschen kamen demzufolge in den ersten beiden Pandemiejahren an oder mit Covid zu Tode.
In langen Tabellen schlüsselte die Studie zudem auf, in welchen US-Bundesstaaten, deutschen Bundesländern, italienischen, spanischen und britischen Regionen die Übersterblichkeit viel höher war als offiziell bekannt.
Diese zuvor von Gutachtern geprüfte Studie fand weite Verbreitung: Mehr als 400-mal wurde sie in der wissenschaftlichen Fachliteratur zitiert, über 23’000-mal in den Social Media und fast 300-mal in Medien – zum Beispiel von der Wissenschaftsabteilung des ORF und von «Spektrum der Wissenschaft». Das Medieninteresse sei «massiv» gewesen, berichteten die «Covid-19 Excess Mortality Collaborators».
«Führende Persönlichkeiten auf der ganzen Welt haben unsere Ergebnisse während der Pandemie genutzt.»Institute for Health Metrics and Evaluation
Ein wesentlicher Teil der «Covid-19 Excess Mortality Collaborators» arbeitet am «Institute for Health Metrics and Evaluation» (IHME) der Universität Washington. Dieses weltweit bekannte Institut rühmt sich auf seiner Website, dass es politische Entscheidungsträger informiere und unter anderem mit dem Weissen Haus zusammenarbeite. Es wurde 2007 von der Bill & Melinda Gates Stiftung gegründet und wird massgeblich durch sie gefördert. «Führende Persönlichkeiten auf der ganzen Welt haben unsere Ergebnisse während der Pandemie genutzt», schreibt das IHME auf seiner Website.
Nun stellt sich heraus: Das hätten diese wohl besser nicht tun sollen.
Denn fast ein Jahr nach der Publikation der Studie veröffentlichte «The Lancet» am 11. Februar 2023 fünf Leserbriefe dazu. Der Tenor in vier von fünf Briefen: Die Ergebnisse der «Covid-19 Excess Mortality Collaborators» sind unplausibel und zu hoch gegriffen. (Der fünfte Leserbrief bemängelte, dass die besonders gefährdete Risikogruppe alter Menschen in Pflegeheimen in der Studie übergangen wurde.)
Völlig unrealistische Annahmen
Wissenschaftler des deutschen Max-Planck-Instituts für Demografische Forschung greifen in ihrem Leserbrief das Beispiel Japan heraus: Die «Covid-19 Excess Mortality Collaborators» nahmen an, dass die Todeszahlen in Japan in den Jahren 2020 und 2021 ohne Pandemie um 0,9 Prozent tiefer ausgefallen wären als in den Jahren 2018 und 2019 – eine völlig unrealistische Annahme.
Denn aufgrund der Überalterung steigen die Todeszahlen in Japan seit 20 Jahren um 1,5 bis 7,3 Prozent jährlich, wie die Kritiker ausführen. Das illustriert auch eine Analyse des Biostatistikers Hagen Scherb in der Fachzeitschrift «Medicine and Clinical Science» (Infosperber berichtete).
Die «Covid-19 Excess Mortality Collaborators» gingen in ihrer Studie jedoch davon aus, dass dieser langjährige Trend zu höheren Todeszahlen in Japan für die Pandemiejahre 2020 und 2021 nicht gelte. Indem sie den Wert für die erwarteten Todeszahlen unrealistisch tief ansetzten, fiel die angebliche Covid-Übersterblichkeit in Japan in ihrer Studie sechsmal höher aus als die offiziell ausgewiesenen Zahlen.
Unplausible Resultate auch für europäische Länder
«Wir haben [in der Studie – Anm. d. Red.] ähnlich unplausible Übersterblichkeitsschätzungen für viele andere Länder gefunden, inklusive Dänemark, Deutschland, Belgien, Spanien, Portugal und Kasachstan», schreiben die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts. Die Schätzungen der «Covid-19 Excess Mortality Collaborators» seien nicht verlässlich und sollten nicht herangezogen werden, um politische Massnahmen zu evaluieren, raten sie.
Ähnlich gingen die «Covid-19 Excess Mortality Collaborators» bei der Schätzung der Übersterblichkeit für Italien vor, wie ein anderer Leserbriefschreiber darlegt: «Ihre Zahlen sind unplausibel. Sie implizieren, dass die durchschnittliche Sterblichkeit in Italien ohne Pandemie in den Jahren 2020 und 2021 um 7,36 Prozent tiefer ausgefallen wäre als von 2015 bis 2019.» Indem die «Covid-19 Excess Mortality Collaborators» auch hier den erwarteten Wert sehr tief ansetzten, hob sich die Übersterblichkeit während der Pandemiejahre in ihrer Schätzung umso höher ab.
«Wir warnen sowohl vor der Verwendung als auch vor der Überinterpretation von Schätzungen einzelner Länder aus der Studie.»Wissenschaftler des Euromomo-Netzwerks in «The Lancet»
Wissenschaftler des Euromomo-Netzwerks kamen je nach Land auf Abweichungen von bis zu 1775 Prozent gegenüber ihren eigenen Schätzungen.
Afrikanische Wissenschaftler stellten vor Ort etwas anderes fest
Auch aus Afrika meldeten sich Wissenschaftler in einem Leserbrief an «The Lancet» zu Wort. Mehrere davon arbeiten für das regionale WHO-Büro in Brazzaville. In den Ländern der Subsahara seien 14-mal mehr Menschen an oder mit Covid-19 verstorben als offiziell ausgewiesen, behaupteten die «Covid-19 Excess Mortality Collaborators».
Doch die afrikanischen Wissenschaftler widersprechen: Eine derartige Untererfassung sei nicht plausibel. In den vor allem von Covid-19 betroffenen grossen Städten wären so hohe Todesraten leicht bemerkt worden. Das sei jedoch nicht der Fall gewesen. Covid-19 sei zwar ein substanzielles Gesundheitsproblem in Afrika gewesen, doch keine der regionalen Schätzungen in Afrika sei auf einen so hohen Todeszoll gekommen wie die «Covid-19 Excess Mortality Collaborators».
Für Kenia zum Beispiel schätzten die «Covid-19 Excess Mortality Collaborators» eine um 50 Prozent höhere Sterberate als sonst. Sie unterstellten, dass dieses Land «mit alarmierten Gesundheitsdiensten und obligatorischem Todesfall-Meldesystem nur drei Prozent der Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 registrierte», so die Wissenschaftler aus Kenia, Ghana und dem Kongo.
Ausweichende Antwort
In ihrer Replik auf die Leserbriefe gingen die «Covid-19 Excess Mortality Collaborators» nicht direkt auf die beanstandeten Punkte ein. Stattdessen erläuterten sie ihre Methode und erklärten, dass die Forschung zur Übersterblichkeit weitergehe und sie daran seien, ihre Vorhersagen zu verfeinern.
Um Stellungnahme gebeten, teilt das IHME mit, dass seine Schätzung «im Allgemeinen im Einklang mit derjenigen der WHO» sei und dass heftige wissenschaftliche Debatten, zumal während einer Pandemie, nicht unüblich seien. Im Verlauf des Jahres werde das IHME seine neuesten, aktualisierten Schätzungen bekannt geben.
«Nicht mit den tatsächlichen Daten vereinbar»
Noch vor den Leserbriefen in «The Lancet» hatten skandinavische Wissenschaftler im «International Journal of Epidemiology» eine herbe Kritik an der Studie der «Covid-19 Excess Mortality Collaborators» veröffentlicht. Doch auch ihr Beitrag erschien erst Anfang November 2022 – also rund acht Monate nach der Publikation der «Covid-19 Excess Mortality Collaborators».
Das Fazit der skandinavischen Wissenschaftler: Die «Lancet»-Studie habe die Übersterblichkeit in Finnland, Dänemark und Schweden «deutlich überschätzt». Die Annahmen der erwarteten Sterbefälle «scheinen nicht mit den tatsächlichen Daten vereinbar zu sein».
Auswirkungen auch auf andere Studien
Falls sich andere Wissenschaftler an der Studie eines solch bekannten Instituts wie des IHME orientierten, hätte ihre vergleichsweise früh und prominent publizierte Studie zudem nachfolgende Studien zur Übersterblichkeit beeinflusst. Die «überhöhten Schätzungen» des IHME (und auch der WHO) könnten einen «falschen Präzedenzfall» schaffen und «auch andere Studien beeinflussen, ähnliche, suboptimale Methoden zu verwenden», befürchten drei US-Wissenschaftler, die sich mit den Übersterblichkeitsschätzungen während der Pandemie befassten (Infosperber berichtete).
Es nicht das erste Mal, dass es fast ein Jahr dauerte, bis «The Lancet» wichtige Kritik an einer weit herum zitierten Studie publizierte. Weitere prominente Beispiele sind die ebenfalls stark kritisierte Masken-Studie der WHO (Infosperber berichtete) sowie eine Schätzung des IHME zum weltweiten Bevölkerungswachstum. Zum Zeitpunkt, an dem «The Lancet» die fundamentale Kritik veröffentlichte, war die «Medienkarawane» längst weitergezogen. Die Öffentlichkeit erfuhr folglich nichts von den Unzulänglichkeiten der Studien, über welche zuvor «massiv» berichtet worden war.
Dass es so lange dauerte, bis die Leserbriefe zur Studie der «Covid-19 Excess Mortality Collaborators» publiziert wurden, lag laut «The Lancet» daran, dass der Erstautor Haidong Wang keine Replik auf die Vorwürfe schrieb, wie dies üblich ist, und schliesslich zwei Co-Autoren für ihn einsprangen. Wang arbeitet inzwischen nicht mehr am IHME, sondern ist seit September 2022 Abteilungsleiter bei der WHO.
Zusammenarbeit mit Regierungen
Als die COVID-19-Pandemie Anfang 2020 ausbrach, trat das «Institute for Health Metrics and Evaluation» (IHME) der Universität Washington «sofort in Aktion». Bereits im März 2020 machte es Vorhersagen, die von verschiedenen Wissenschaftlern stark bezweifelt wurden. Damals erstellte das IHME Prognosen zu den benötigen Spitalbetten und den zu erwartenden Covid-19-Todesfällen. «Andere Krankenhäuser und Regierungen interessierten sich für die Prognosen», so das IHME.
Die Corona-Virus-Koordinatorin des Weissen Hauses zum Beispiel wies zu jener Zeit explizit auf das IHME hin. «In den ersten Tagen der Pandemie prognostizierte das IHME einen weit weniger schweren Ausbruch als andere Modelle, was die Aufmerksamkeit von Donald Trump auf sich zog, der die Gefahr herunterspielen wollte», schrieb der Journalist Tim Schwab in einem Beitrag in «The Nation». Bereits im Frühling 2020 stuften andere Wissenschaftler die IHME-Schätzung jedoch als unzulänglich ein und kritisierten sie heftig.
Nicht nur die US-Regierung vertraute auf die IHME-Modellrechnung. «Den ganzen April [2020] hindurch wurden Millionen von Amerikanern fälschlicherweise in dem Glauben gelassen, dass die Epidemie aufgrund der IHME-Prognosen bis Juni vorbei sein würde», konstatierte der Wissenschaftler Youyang Gu. «Am 30. April 2020 trat der Direktor des IHME, Dr. Chris Murray, auf CNN auf und vertrat weiter die Prognose seines Modells von 72’000 Todesfällen bis August [2020]. Eine Woche nach dem CNN-Auftritt von Dr. Murray übertrafen die USA seine Schätzung […].»
Die Berechnungen der Covid-Krankheits- und -Todesfälle sind nur zwei von hunderten, weit herum beachtete Schätzungen des IHME: Herz-Kreislauferkrankungen, Schmerzen, Krebs, Prostatavergrösserung, Luftqualität, Alkoholkonsum, Hepatitis … – mit Hilfe von über 9000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in vielen Ländern ist das IHME massgeblich an Berechnungen zur globalen Krankheitsbelastung beteiligt. Viele Gesundheitspolitiker, Mediziner und Wissenschaftler weltweit stützen sich auf die Ergebnisse der IHME-Studien. Ein wiederkehrender Vorwurf von Kritikern: Wie das IHME zu seinen Resultaten komme, sei intransparent.
Eine der neuesten Schätzungen des IHME betrifft die Krankheit Sichelzellanämie. Sie sei laut einer von der Bill & Melinda Gates Stiftung finanzierten und im Fachblatt «The Lancet Hematology» veröffentlichten Studie «elfmal tödlicher als bisher bekannt». Vermutlich wird noch dieses Jahr eine «verheissungsvolle» und sehr teure Gentherapie gegen die Sichelzellanämie zugelassen…
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➞ Lesen Sie hier Teil 2: «WHO verliert Datenhoheit an privat gesponsertes US-Institut»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.
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