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Kein anderes Grand-Slam-Turnier rückt seine Sieger am Tag nach dem Triumph so perfekt ins Licht wie die US Open. In Melbourne stellen sie die Champions mit der Trophäe für einen Fototermin vorzugsweise noch schnell vor die braune Kloake namens Yarra River, in Paris folgt ein gehetztes Blitzlichtgewitter vor dem Eiffelturm, und in Wimbledon gibt es nach dem traditionellen, aber etwas steifen Champions Dinner am Sonntagabend am Montag nur nochmal eine zweite Tranche Pressearbeit. In New York darf sich der Sieger aus Queens aber ein wenig wie der König der Welt fühlen, wenn er wahlweise auf dem Times Square oder auf dem Rockefeller Center posiert, danach vor der Radio City Music Hall live von CNN interviewt wird und es schliesslich als Gaststar zu einer Late-Night-Show geht.
Zwölf Jahre nachdem Roger Federer erstmals bei David Letterman Platz nehmen durfte, wird Stan Wawrinka bei Jimmy Fallon in der «Tonight Show» von NBC, der derzeit populärsten Late-Night-Show der USA, ins rechte Licht gerückt. Sie spielen zusammen Tennis auf der Spielkonsole Nintendo Wii – auf der Fallon den Tennisstar wie einen Anfänger aussehen lässt. Sie scherzen zusammen, klopfen sich auf die Schultern wie alte Freunde. Das ist die grosse Welt. Und für Wawrinka muss es sich anfühlen wie in den Zeilen von Sinatra: «I want to wake up in a city that never sleeps. And find I'm hey number one, top of the list, king of the hill.» Er hat 2014 die Australian Open gewonnen, 2015 Roland Garros, jetzt die US Open in New York. Kann das wirklich wahr sein?
Es ist der 22. Juni, als Stan Wawrinka vor dem Haus in Wimbledon, das er mietet, in eine Limousine steigt. Ein Fotoshooting in der Nähe steht an. Aber zuerst redet er. Dass dieses Haus für sein Team eine lohnende Investition sei, weil er sonst pro Nacht je 300 Pfund für drei Hotelzimmer bezahlen müsste. Natürlich über seine Saison. Dass man sie nicht kleinreden sollte. Trotz der neun Niederlagen, trotz der Rückschläge gegen Spieler ausserhalb der Top 50 und sogar der Top 100. Dass er sich freue über die Siege in Chennai, Dubai, Genf. Und dass Grand-Slam-Siege weiterhin nicht die Gewohnheit seien, sondern die grosse Ausnahme.
SI Sport: Stan Wawrinka, was hat sich am Gefühl des Siegens und Verlierens über die Jahre geändert?
In jungen Jahren war ich im Klassement noch nicht so weit oben wie jetzt. Wenn ich also gegen einen Top-20-Spieler verlor, war das nicht so schlimm. Es war gewissermassen logisch. Heute bin ich – mit einigen Ausnahmen – auf dem Papier fast immer Favorit. Ich muss mich also damit auseinandersetzen, was die Gründe für eine Niederlage sind. Mal sind es technische und taktische Fehler, mal bin ich im Kopf einfach zu wenig bereit, mal wächst der Gegner über sich hinaus. Wichtig ist, dass ich die Analyse mache und sehe, warum etwas passiert ist. Und das Siegen? Das bleibt immer jung. Natürlich freuen mich Siege bei grossen Gelegenheiten oder vor Heimpublikum noch mehr. Vieles kommt auf die Konstellation an, was vorher geschehen ist, wie ich mich gefühlt habe.
Die Emotionen sind die gleichen geblieben, sagen Sie. Auch der Stress, der Ärger. Sie regen sich immer noch fürchterlich auf, wenn es nicht läuft. In Indian Wells haben Sie mit aller Wucht einen Schläger zertrümmert. Gibt es da keinen Lerneffekt?
Das ist keine Frage des Alters. Es gibt sogar Spieler wie Novak, die nerven sich mit zunehmendem Alter mehr als früher. Jeder hat seine Art, mit Frustration umzugehen. Mal klappt es besser, mal weniger gut.
Ist es Ihnen nie peinlich, wenn Sie einen Schläger zertrümmert haben?
Es kommt darauf an. Manchmal zertrümmere ich einen Schläger, und ich merke dann: Jetzt ist der ganze Frust weg. Es fühlt sich an wie Durchatmen. Dann gibt es aber Momente, wo der Frust so gross ist, dass ich auch mit einer solchen Aktion nichts daran ändere. Dann frage ich mich schon kurz, was es jetzt gebracht hat. Wenn mein Frust auf der Spitze ist, geht es mir oft noch wie ein Blitz durch den Kopf: Lass das Racket sein! Aber meist ist es dann schon zu spät (grinst).
Meine Tochter soll nicht sehen, wenn ich schlecht gelaunt bin
Wie kommen Sie nach Niederlagen wieder in gute Stimmung? Telefonieren Sie auch mit Ihrer Tochter, um ein Spiel im Kontext des Lebens zu relativieren?
Nein, das mache ich nicht. Denn ich will nicht, dass sie es sieht, wenn ich schlecht gelaunt bin. Und sie soll auch nicht dafür herhalten, mich in gute Stimmung zu bringen. Ich will mit ihr telefonieren, wenn ich etwas teilen kann. Wenn ich etwas zu erzählen habe. Vielleicht etwas Lustiges. Aber nach einem Spiel – und gerade nach einer Niederlage – bleibe ich besser alleine und behalte meine Gedanken für mich. Mit ihr rede ich über alltägliche Dinge, die vor allem ihr Leben bestimmen. Wie ihr Tag war, wie die Schule war. Solche Sachen.
Wie sehr haben die Grand-Slam-Siege Ihr Leben verändert?
Ich glaube, dass der Sieg in Australien 2014 mein Leben stärker verändert hat. Roland Garros hat meine Position in der Hierarchie nochmals gefestigt, meine Stellung in der Geschichte des Tennis. Es gab sehr viele Leute, die mich nach dem Sieg in Paris als internationalen Topsportler wahrnahmen. Vor allem in Frankreich und generell in Europa. Erstmals war das eher die breite Masse als die Tennisfans.
In der Schweiz haben Sie nicht nur Sympathien wegen Ihrer Erfolge, sondern auch weil sie den Arbeitertyp verkörpern. Mögen Sie den vergleichsweise zurückhaltenden Zuspruch hier?
Wer Tennis in der Schweiz liebt, der denkt in erster Linie an Roland Garros und Wimbledon. Und wenn du eines dieser Turniere gewinnst, bleibt das bei den Menschen haften. Ich bin wahrscheinlich nicht unbeliebt. Auch weil ich immer Davis Cup gespielt und ihn auch gewonnen habe. Das vergessen die Leute nicht so schnell. Für die aus meinem engen Umfeld bin ich ganz der Gleiche geblieben. Sie gehen trotz der Erfolge auch gleich mit mir um. Die meisten zumindest.
Der ehemalige French-Open-Halbfinalist Ernests Gulbis äusserte sich in einem Interview über die ungerechte Tenniswelt. Den Besten würde jeder Wunsch von den Lippen abgelesen, aber wer im Ranking falle, verliere sofort jedes Privileg. Es sei ein Kampf um Trainingszeiten («Wir müssen um Trainingsplätze betteln»). Und er sagte auch: «Wenn du fällst, spielst du auf dem hinterletzten Platz und wirst wie der letzte Dreck behandelt.» Ist Ihre Welt so?
Ganz sicher verändert sich dein Leben auf der Tour, wenn du öfter gewinnst. Es ist logisch, dass ein Federer alle Privilegien hat. Die hat er sich über Jahre verdient. Ich habe Grand Slams gewonnen, habe den Davis Cup gewonnen. Egal, was passiert: Ich habe meinen Platz und mein Standing im Tennis. Aber ich weiss auch, dass es zwei verschiedene Welten sind, ob du unter den Top 5 bist oder weit hinten im Ranking. Das ist aber im Tennis nicht anders als überall im Leben.
Haben Sie nie Angst, dass sich niemand mehr für Sie interessieren könnte?
Nein. Ich weiss jetzt schon, dass diese Aufmerksamkeit, die vielen Privilegien, eines Tages der Vergangenheit angehören. Es wird vielleicht eine normalere Welt sein, die auf mich zukommt. Im Moment gehöre ich zu den Top 5 der Welt. Die Turniere werden über uns verkauft. Und entsprechend stark ist der Fokus auf uns. Ich bin mir dessen voll bewusst. Aber ich weiss auch ganz genau, wie die andere Welt ist. Ich bin nicht abgehoben.
Ich will es geniessen, so lange es geht
Sie haben Grand Slams gewonnen, den Davis Cup, Sie waren Schweizer des Jahres, Sportler des Jahres. Sie sind 31. Warum spielen Sie noch?
Weil ich es liebe. Es ist ein Riesenglück, wenn man den Sport, den man liebt, zum Beruf machen kann. Ich liebe das Spiel, das Training. Ob ich gewinne oder verliere. Und ich bin so gut, dass es keinen Grund gibt, jetzt damit aufzuhören. Ich bin 31. Das ist zwar schon relativ alt für den Sport, aber noch sehr jung im Leben. Wenn ich einmal aufhöre, werde ich das Rad nicht zurückdrehen können. Ich werde all diese Gefühle nicht mehr durchleben. Darum will ich es geniessen, so lange es geht.
Gibt es einen Grund, warum Djokovic lange über allen stand?
Es gibt keine einfache Erklärung. Genausowenig wie man sagen kann, warum Roger über mehrere Jahre nur zwischen drei und fünf Spiele verlor. Es war einfach ihre Periode, ihre Zeit. Das Verrückte an unserer Generation ist, dass Roger, Djokovic und Nadal praktisch sämtliche Rekorde der Tennisgeschichte halten. Und dass sie zur selben Zeit Tennis spielen. Sie haben praktisch nichts dem Rest überlassen.
In Ihren besten Turnieren übertreffen Sie Djokovic mit Ihrem Tennis, auch weil Sie ihm physisch und mental ebenbürtig sind. Haben Sie etwas von ihm kopiert?
Physisch und mental ist er auf ausserordentlichem Niveau. Ob ich etwas kopieren kann? Schwierig. Ich bin ein anderer Charakter mit einem eigenen Kopf, eigenen Gedanken. Und ich habe einen anderen Körper. Und was für ihn funktioniert, muss nicht zwingend für mich gut sein. Und der Kopf ist mit dem Bewusstsein so stark geworden, dass alles am Platz ist.
Er ist für seine Grösse von 1,88 Meter mit 78 Kilo relativ leicht. Sie sind 81 Kilo schwer bei 1,83 Meter Grösse. Haben Sie auch überlegt, leichter zu werden, um noch schneller zu sein?
Natürlich ist er unglaublich beweglich und schnell für diese Grösse. Aber wie gesagt: So einfach ist diese Gleichung nicht, dass ich sagen könnte, wenn ich noch leichter bin, bin ich konstant erfolgreicher. Ich habe das mit Ernährungsexperten und meinem Fitnesscoach Pierre Paganini auch besprochen. Ich denke, für mein Tennis, für meine Schläge und meine Beschleunigung brauche ich ein gewisses Gewicht. Insofern hat jeder sein eigenes Tennis und seine eigenen Rezepte.
Wenn Djokovic – trotz Wawrinka, Murray und Federer – während der nächsten zwei, drei Jahre jeweils zwei oder mehr Grand Slams gewinnt, dürfte er Roger Federers 17 Grand-Slam-Siege übertreffen. Sie kennen Roger sehr gut: Würde es ihn sehr treffen, diesen Rekord zu verlieren?
Zuerst muss man sagen, dass Djokovic immerhin noch fünf Grand Slams bis zum 17. fehlen. Keiner kann davon ausgehen, dass es immer weitergeht mit dem Siegen. Wir haben vor zwei Jahren dasselbe über Nadal gesagt. Es kann plötzlich vorbei sein mit dem Gewinnen. Vielleicht wird es Novak schaffen, ja. Aber wir können nicht davon ausgehen. Und bis dahin lohnt es sich nicht, darüber zu reden.
Planen und denken Sie kurz- oder langfristig? Wie lange wollen Sie auf der Tour bleiben?
Ich hoffe auf drei, vier Jahre.
Viele reden ja vom regulären Alter und vom Sportleralter. Fühlt sich Ihr Körper jünger an als was Ihr Pass ausweist?
Nein, ich glaube schon, das mein Sportleralter auch bei 31 liegt. Mein Körper ist sicher stärker mitgenommen als der eines 20-Jährigen. Man stellt sich darauf ein, trainiert ein wenig anders, lädt sich im Training nicht so ein Pensum auf.
Pierre Paganini hat Sie und Roger zu physisch herausragenden Athleten gemacht. Was macht er besser als andere?
Er ist eine der wichtigsten Personen meiner Karriere und mitverantwortlich für den Erfolg. Ob es nun ums reine Tennis, um psychische oder physische Belange geht. Er ist für mich weit mehr als nur ein Fitnesscoach. Aber ja, er hat die gesamte Planung gemacht und mich physisch seit meinen jungen Jahren enorm entwickelt. Er wusste von Beginn weg, wohin er mit mir will. Er hat ein unglaubliches Wissen. Und die Erfolge haben seiner Linie Recht gegeben.
An dem Tag, an dem Tennis eine sekundäre Rolle spielt, höre ich auf
Gibt es die Momente, in denen das Tennis nur eine sekundäre Rolle für Sie spielt? In denen das Training zu monoton wird?
Nein. Ich denke, an dem Tag, an dem es eine sekundäre Rolle spielt, höre ich auf. Ich liebe es immer noch, wenn ich rausgehen und trainieren kann.
Sie leben auf der Showbühne des Tennis. Sie scherzen täglich über Social Media. Wie stark nehmen Sie die Welt ausserhalb des Tennis wahr? Auch die politische, die harte, die traurige. Die Welt mit Wirtschaftsproblemen, Flüchtlingsströmen?
Ich nehme das wahr. Es sind völlig verschiedene Welten für mich. Natürlich gehen auch die schlimmen Attentate nicht an mir vorbei. Das sind schreckliche Dinge. Wir leben zwar in einer Blase, aber wir registrieren das schon. Es ist etwas, was mich berührt. Aber ich darf nicht alles ständig an mich heranlassen. Es würde mich auffressen.
Die andere Welt wartet spätestens in ein paar Jahren auf Sie. Wie stellen Sie sich Ihren Frühruhestand vor?
Zuerst muss ich sagen, dass ich das nicht als Arbeit sehe. Darum will ich auch möglichst lange dabeibleiben. Ich habe noch keine Ahnung, wie meine Zeit danach aussehen wird.
Es gibt viele Sportler, die Angst vor dem Rücktritt haben. Können Sie das nachvollziehen?
Der Tag meines Rücktritts wird ganz sicher auch für mich ein trauriger Moment sein. Es ist ein kleiner Tod. Aber Angst macht mir das nicht.
Am 11. September 2016 gedenkt New York der Anschläge von 2001. Und draussen in Flushing Meadows spielt Stan Wawrinka gegen Novak Djokovic vielleicht das beste Tennis seiner Karriere. Dabei ist er vor dem Spiel so angespannt, dass er in der Garderobe hemmungslos weint. Auch weil er weiss, was es braucht, um diesen Titanen von einem Tennisspieler zu bezwingen, wie viel er leiden wird. Aber am Ende ist es der Serbe, der nicht mehr kann, dessen Zehen bluten, dessen Kopf kapituliert. «Dieser Grand Slam war körperlich und geistig der schmerzhafteste, den ich je gespielt habe», gibt Wawrinka zu. Stan, der Eiserne.
Er gehört zu einer Gruppe von nur 15 Spielern, die drei verschiedene Grand Slams gewonnen haben. Und sollte er auch noch Wimbledon gewinnen, wäre er nach Fred Perry, Don Budge, Rod Laver, Roy Emerson, Andre Agassi, Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic erst der neunte Spieler, dem dieses Kunststück gelingt. «Er schafft es einfach, sein Niveau in schwindelerregende Höhen zu schrauben», sagt Djokovics Coach Marian Vajda anerkennend. «Was er hier, in Paris und in Melbourne gegen Novak gezeigt hat, ist unglaublich.»
Er hätte sich einfach nicht vorwerfen lassen wollen, nicht alles unternommen zu haben, um das Maximum zu erreichen, sagt Wawrinka später. «Seit diesem Jahr versuche ich, die schönen Dinge bewusster zu geniessen. Ich bin 31. Ich gehe gegen das Ende der Karriere zu. Ich wollte diese Gelegenheit nicht verpassen. Man weiss nie, ob sie nochmals kommt.»
Dieser Artikel ist in «SI Sport» Nr. 5 am 30. September erschienen.