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Das Schloss in 1767 Herrliberger
Hauptwil, eine stattliche Thurgauer Gemeinde nahe dem Städtchen Bischofszell, führte im Mittelalter ein bescheidenes Dasein. Noch 1660, auf einem farbigen Marchenplan, erscheint die Siedlung als ein locker gestreutes Häuflein von nur acht bis zehn Häusern. Der Weiler wurde zwar schon am 11. Januar 1415 urkundlich erwähnt, entwickelte sich aber erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zum bekannten «Leinwanddorf».
Seinen sprunghaften Aufschwung verdankt Hauptwil der Kaufmannsfamilie Gonzenbach. 1607 erwarb Heinrich Gonzenbach das Bürgerrecht der Stadt St. Gallen. Von den zahlreichen Nachkommen zeigten besonders Jakob und Bartholomä einen glücklichen Spürsinn für den damaligen Leinwandhandel. Doch ihre freisinnige Geschäftsauffassung deckte sich nicht mit den strengen Zunftgesetzen der Stadt, besonders, als sie auch versuchten, leichte «Schwabenleinwand» zu bleichen und zu vertreiben. Der hartnäckige Zwist mit dem Rat und den Zünften bewog sie daher, der Aebtestadt den Rücken zu kehren und sich in Hauptwil, wo sie bereits die Gerichtsbarkeit besassen, niederzulassen. Hier fanden sie nicht nur günstige Wasserkräfte, sondern errechneten auch, dass in dieser "freiheitlicheren" Luft ihre kaufmännischen Fähigkeiten weniger eingeschränkt würden. Als weiterer Vorteil erwies sich, dass schon damals die Löhne auf dem Lande bis zu einem Drittel unter den städtischen Ansätzen lagen.
Noch im gleichen Jahr - 1664 - begannen Hans Jakob und Bartholomä Gonzenbach mit dem Bau eines mächtigen Hauses, das zugleich als Wohnsitz und Geschäftsniederlassung dienen sollte.
Heute, nach über 300 Jahren, steht das Schloss dank der Renovationen von 1953 in unveränderter Pracht da. Wo einst herrschaftliche Wohnung, Kontor, Verwaltungsschreibstube, aber auch die Gewölbe und Leinwanth Gemächer untergebracht waren, ist jetzt ein Altersheim eingerichtet. Längst hatte die Blüte der Familie Gonzenbach aufgehört, und im 19. Jahrhundert erlebte auch das Schloss keine Glanzzeiten mehr. Kurz vorher hatte noch der Dichter Hölderlin als Erzieher im Gonzenbachschen Kaufhaus gewirkt. 1801 schrieb er, begeistert von dieser Gegend, an seine Schwester: "Du würdest auch so betroffen, wie ich, vor diesen glänzenden, ewigen Gebirgen stehen, und wenn der Gott der Macht einen Thron hat auf der Erde, so ist es über diesen herrlichen Gipfeln." Als Gastgeschenk hinterliess der junge Lyriker die Ode "Unter den Alpen gesungen". Es ist das einzige Gedicht, von dem wir bestimmt wissen, dass es in Hauptwil entstanden ist. Nicht nur Hölderlin, sondern auch die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, deren Schwager Josef von Lassberg auf dem nahen Schloss Eppishausen wohnte, war ergriffen von dieser Gegend.
Infolge des finanziellen Niedergangs der Familie Gonzenbach fand diese romantische Zeit ein frühes Ende. Hans Jakob von Gonzenbach hatte vorher noch versucht, durch den Handel mit Wein seine Kassen zu sanieren. Umsonst! Seine stets wachsenden Schulden zwangen ihn, das Schloss seinem jüngeren Bruder abzutreten. Die nachfolgenden Schlossherren - 1845 Wilhelm und 1866 Friedrich von Gonzenbach - ereilte das gleiche Schicksal; keinem gelang, den nahenden Zusammenbruch aufzuhalten. Das Unglück nahm seinen Lauf. 1879, unter Paul von Gonzenbach, verlor das einst stolze Kaufmannsgeschlecht endgültig sein Schloss. Als nächster Besitzer erscheint Major Emanuel Brunschweiler. Er selbst bewohnte das Gebäude nie, sondern stellte es Pfarrer Stockmayer zur Verfügung, der hier ein Erholungsheim pietistischer Richtung einrichtete. 1919 gelangt es an Baron Kleist von Gonzenbach, der es aber noch im gleichen Jahr der Thurgauischen Gemeinnützigen Gesellschaft abtrat, die heute noch Besitzerin ist. Diese Vereinigung führte im Schloss eine Haushaltschule, während sie wenige Jahre später in den Nebengebäuden ein Altersheim gründete. Seit 1953 sind die alten Leute auch ins Schloss gezogen und verbringen in diesem einstigen Zentrum des Leinwandhandels einen geruhsamen Lebensabend.
Schloss Hauptwil ist reich an Kostbarkeiten. Der frühere Junker- und Kaufmannssitz gilt trotz seiner eher konservativen Elemente schon als Kind des Barocks. Die Terrasse, aus der sich das Gebäude nur mit seiner tiefer reichenden Südfassade löst, wird im Westen durch das anmutige Tortürmchen abgeschlossen. Dieser Turm - er wird auch Zeithaus genannt - ist ein eigenwilliger Bau, der in der schweizerischen Architektur kaum seinesgleichen findet. Während der Unterbau noch der allgemeinen Formensprache huldigt, ist das Uhren- und Glockengeschoss besonders einprägsam gestaltet: kaum hat das zeltartige Dach des Unterbaus angesetzt, bricht aus ihm der geschindelte Würfel des Uhrenhauses. Die bunten Zeittafeln verkünden die Stunden nach allen vier Himmelsrichtungen. 1672 brachte der Zürcher Uhrmacher Felix Bachofen das kunstvolle Werk in Gang. Ueber dem niedrigen Dächlein sitzt munter der Dachreiter, in dem drei Glöcklein bimmeln; sie wurden 1738, 1743 und 1745 durch die Schalch gegossen. Vom «Türmli», das zugleich als Schloss- und Dorftor diente, gelangt man, vorbei am vergnüglich plätschernden, sechseckigen Brunnen, zum Westportal des Schlosses. Die Eingangshalle empfängt den Besucher mit einer strengen, harmonischen Architektur. Die Deckenverzierungen - kräftig aufgetragene Rosetten, Zweige mit Maschen, Fruchtgehänge und Engelskopfe, deren Flügel in singvögelbesetzte Ranken auslaufen - stehen der von italienischen Stukkaturen beeinflussten Art Samuel Höschellers in Schaffhausen nahe.
Die Stukkaturen im anschliessenden Eckzimmer gestaltete knapp ein Jahrhundert später ein Künstler der Rokokozeit. Alles ist leichter, schwereloser und zugleich prickelnder geworden: in einem leichtfüssigen Reigen übertanzen die flockigen Formen die architektonischen Grenzen. Eine weitere Stilentwicklung ist im Mittelzimmer zu beobachten: die Ausschmückung hier fällt in die Zeit, als man des Ränkespiels des höfischen Rokokos überdrüssig wurde; man orientierte sich am klassischen Altertum und seinem Formenschatz.
Bibliographie