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Immer wieder einmal veröffentlicht die Presse einen Artikel mit dem Inhalt, dass das Ebook auf dem Vormarsch sei und mit hoher Wahrscheinlichkeit das Buch verdrängen wird. Gründe für solche Texte gibt es immer: Neue Ebook-Reader werden lanciert, Buchhandlungen schliessen, der Buchhandel gibt Verkaufszahlen bekannt, der Tag des Buches naht, es ist Sommerloch, Apple veröffentlicht ein Programm (nur Apple, die andere Software schlägt nicht solche Wellen – die Presse ist halt doch manchmal zu sehr vom Blingbling geleitet). Oder zur Zeit: Die Abstimmung zur Buchpreisbindung naht. Die NZZ am Sonntag hat den letzten Aufhänger gewählt.
In „Das Buch wird neu erfunden“ (von Gordana Mijuk, NZZ am Sonntag, 11 (2012) 8, S. 22-23) führt die Autorin Voraussagen an, nach denen sich in Europa demnächst die Ebooks ebenso durchsetzen würden, wie in den USA. Dazu zitiert sie vor allem Prognosen des Börsenverein des Deutschen Buchhandels und von Thalia Schweiz.
Michele Bomio, Geschäftsführer des Buchhändlers Thalia in der Schweiz, schätzt, dass in zwei, drei Jahren der Umsatzanteil von E-Books 15 bis 20 Prozent betragen wird.
Zudem führt die Autorin die Unterschiede von Ebooks und Büchern auf, betont, dass zumindest die grossen Buchhandelsketten in der Schweiz sich darauf vorbereiten würden, bald mehr Bücher zu verkaufen. Ausserdem führt sie das Beispiel einer Autorin an, welche in den USA mit selbstpublizierten Ebooks reich geworden, dann aber doch zu einem Verlag gewechselt ist.
Nun: Ich würde die These vertreten, dass diese Prognosen nicht eintreten werden. Warum? Um eine steile These vorzulegen, die eine Diskussion ermöglichen kann.
Es ist nämlich so: Die gleichen Prognosen werden seit Jahren gestellt und treten doch nicht ein. Nimmt man zum Beispiel die Angaben aus dem Börsenblatt des Deutschen Buchhandels und die Prognosen, die von Thalia Schweiz (und anderen Akteuren auf den unterschiedlichen Buchmärkten) in den letzten Jahren veröffentlicht wurden, dann müsste der Anteil von Ebooks an den verkauften Büchern längst über 50% betragen. Und das auch schon seit Jahren. Ein wenig erscheint es so, als würden die fast immer gleichen Voraussagen seit spätestens Anfang des 21. Jahrhunderts einfach wiederholt und dabei immer wieder auf die USA verwiesen. Insoweit ist meine Gegenthese genauso untermauert, wie die Voraussagen. Teilweise sind die Artikel zu Ebooks einfach austauschbar und damit ihr Informationsgehalt mehr als begrenzt. Was diesen Sonntag in der NZZ am Sonntag stand, stand quasi genauso auch schon in jeder anderen grösseren Zeitung – egal ob Tages- oder Wochenblatt – in Europa.
Inhaltlich ist an diesen Texten immer wieder zu kritisieren, dass sie sehr deterministisch argumentieren. In den USA sind Buchhandelsketten eingegangen, also werden sie es auch in der Schweiz (oder halt in Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Grossbritannien etc.) eingehen. Die Ebooks sind praktisch, also werden sie auch so verwendet werden, wie es vorhergesagt wird. Verlage und Buchhandel müssen sich ändern, also werden sie sich ändern. Und so weiter. Das ist oft sehr einfach gedacht. (Buchhandelsketten in den USA sind zum Beispiel auch daran untergegangen, dass das Management Fehler machte. Das muss mit Ebooks nicht unbedingt etwas zu tun haben.)
Dennoch zeigen diese Artikel auch, dass es zumindest in Kreisen der Publizierenden, der Verlage und des Buchhandels (und auch der Bibliotheken) ein Interesse an Ebooks gibt. Es passiert etwas. Aber was? Wird etwas auf uns zukommen? Und wann?
Was nicht so richtig gefragt wird, obgleich es ja eine viel interessantere (und für Bibliotheken sinnvollere) Frage wäre: Was machen Menschen eigentlich mit Ebooks? Was können Ebooks eigentlich wirklich? Ändert sich die Aufgabe der Verlage durch Ebooks tatsächlich? Ist Selbstpublizieren wirklich etwas Neues, dass sich durchsetzen wird?
Letztlich müsste auch der Fakt, dass sich die Prognosen seit Jahren nicht wirklich ändern, zu Fragen auffordern: Wie haben sich Ebooks in den USA besser etabliert, als sie es in europäischen Staaten tun? (Und warum macht niemand die Vorhersage, dass sich die europäischen Buchmärkte wie der japanische oder südkoreanische entwickeln werden, die doch schon viel früher und weitgehender mit elektronischen Medien umgehen mussten, als der Markt in den USA?)
Sicherlich: Die Tages- und Wochenpresse ist nicht der Ort, diese Fragen eingehend zu stellen. (Etwas mehr Bewusstsein dafür, was für Artikel schon geschrieben und welche Prognosen schon gestellt wurden, wäre allerdings doch manchmal zu wünschen.) Dafür wäre die Informationswissenschaft ein guter Ort. Es muss nur jemand die Fragen stellen und zu beantworten versuchen.