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Georg Simmel: Über soziale Differenzierung
Soziologische
und psychologische Untersuchungen
Duncker & Humblot, Leipzig 1890
5. Kapitel: Über die Kreuzung sozialer Kreise
(S. 100-116)
Der soziale Kreis als zufällige Vereinigung verschiedenartiger
Elemente; Fortschrit zu assoziativen Verhältnissen homogener Elemente
aus heterogenen Kreisen
Möglichkeit für den Einzelnen, Mitglied verschiedener Gruppen
zu sein; daraus folgende Bestimmtheit der Persönlichkeit
Neue Differenzierung innerhalb neugebildeter Kreise, die Konkurrenz,
die Zugehörigkeit zu entgegengesetzten Gruppen. Die individuelle Freiheit
in der Wahl kollektivistischer Anlehnung
Assoziation nach sachlicher, statt nach äußerlicher, lokaler
und mechanischer Zusammengehörigkeit; abstrakter Charakter der zusammenschließenden
Gesichtspunkte. Herstellung superordinierter Kreise aus individuellen;
Lösung koordinierter Kreise von einander
Gelegentliche Zweckmäßigkeit der Zusammenschließung
nach schematischen Normen.
(>100) Der Unterschied des vorgeschrittenen vor dem roheren Denken
zeigt sich am Unterschied der Motive, welche die Assoziationen der Vorstellungen
bestimmen.
Das zufällige Zusammensein in Raum und Zeit reicht zunächst
hin, um die Vorstellungen psychologisch zu verknüpfen; die Vereinigung
von Eigenschaften, die einen konkreten Gegenstand bildet, erscheint zunächst
als ein einheitliches Ganzes, und jede derselben steht mit den andern,
in deren Umgebung allein man sie kennen gelernt hat, in engem assoziativem
Zusammenhang.
Als ein für sich bestehender Vorstellungsinhalt wird sie erst
bewusst,
wenn sie in noch mehreren und andersartigen Verbindungen auftritt; das
Gleiche in allen diesen tritt in helle Beleuchtung und zugleich in gegenseitige
Verbindung, indem es sich von den Verknüpfungen mit dem sachlich Andern,
nur im zufälligen Zusammensein am gleichen Gegenstand mit ihm Verbundenen
mehr und mehr frei macht.
So erhebt sich die Assoziation über die Anregung durch das aktuell
Wahrnehmbare zu der auf dem Inhalt der Vorstellungen ruhenden, auf der
die höhere Begriffsbildung sich aufbaut, und die das Gleiche auch
aus seinen Verschlingungen mit den verschiedenartigsten Wirklichkeiten
herausgewinnt.
Die Entwicklung, die hier unter den Vorstellungen vor sich geht, findet
in dem Verhältnis der Individuen untereinander eine Analogie.
Der Einzelne sieht sich zunächst in einer Umgebung, die, gegen
seine Individualität relativ gleichgültig, ihn an ihr Schicksal
fesselt und ihm ein enges Zusammensein mit denjenigen auferlegt, neben
die der Zufall der Geburt ihn gestellt hat; und zwar bedeutet dies Zunächst
sowohl die Anfangszustände phylogenetischer wie ontogenetischer (>101)
Entwicklung.
Der Fortgang derselben aber zielt nun auf assoziative Verhältnisse
homogener Bestandteile aus heterogenen Kreisen.
So umschließt die Familie eine Anzahl verschiedenartiger Individualitäten,
die zunächst auf diese Verbindung im engsten Maße angewiesen
sind.
Mit fortschreitender Entwicklung aber spinnt jeder Einzelne derselben
ein Band zu Persönlichkeiten, welche außerhalb dieses ursprünglichen
Assoziationskreises liegen und statt dessen durch sachliche Gleichheit
der Anlagen, Neigungen und Tätigkeiten usw. eine Beziehung zu ihm
besitzen; die Assoziation durch äußerliches Zusammensein wird
mehr und mehr durch eine solche nach inhaltlichen Beziehungen ersetzt.
Wie der höhere Begriff das zusammenbindet, was einer großen
Anzahl sehr verschiedenartiger Anschauungskomplexe gemeinsam ist, so schließen
die höheren praktischen Gesichtspunkte die gleichen Individuen aus
durchaus fremden und unverbundenen Gruppen zusammen; es stellen sich neue
Berührungskreise her, welche die früheren, relativ mehr naturgegebenen,
mehr durch sinnlichere Beziehungen zusammengehaltenen, in den mannigfaltigsten
Winkeln durchsetzen.
Eins der einfachsten Beispiele ist das angeführte, dass der
ursprüngliche Zusammenhang des Familienkreises dadurch modifiziert
wird, dass die Individualität des Einzelnen diesen in anderweitige
Kreise einreibt; eins der höchsten die »Gelehrtenrepublik«,
jene halb ideelle, halb reale Verbindung aller in einem so höchst
allgemeinen Ziel wie Erkenntnis überhaupt sich zusammenfindenden Persönlichkeiten,
die im übrigen den allerverschiedensten Gruppen in Bezug auf Nationalität,
persönliche und spezielle Interessen, soziale Stellung usw. angehören.
Noch stärker und charakteristischer als in der Gegenwart zeigte
sich die Kraft des geistigen und Bildungsinteresses, das Zusammengehörige
aus höchst verschiedenen Kreisen heraus zu differenzieren und zu einer
neuen Gemeinschaft zusammenzuschließen, in der Renaissancezeit.
Das humanistische Interesse durchbrach die mittelalterliche Absonderung
der Kreise und Stände und gab Leuten, die von den verschiedensten
Ausgangspunkten hergekommen, und die oft noch den verschiedensten Berufen
treu blieben, eine gemeinsame aktive oder passive Teilnahme an Gedanken
und Erkenntnissen, welche die bisherigen Formen und Einteilungen des Lebens
auf das mannigfaltigste kreuzten.
Die Vorstellung herrschte, dass das Bedeutende zusammengehöre;
das zeigen die im XIV. Jahrhundert auftauchenden Sammlungen von Lebensbeschreibungen,
die eben ausgezeichnete Leute als solche in einem einheitlichen Werke zusammen
schildern, mochten sie nun Theologen oder Künstler, Staatsmänner
oder Philologen sein.
Nur so ist es möglich, dass ein mächtiger König,
Robert von Neapel, mit dem Dichter Petrarka Freundschaft (>102) schließt
und ihm seinen eignen Purpurmantel schenkt; nur so war die Sonderung der
rein geistigen Bedeutung von alledem möglich, was sonst als wertvoll
galt, infolge deren der venezianische Senat bei der Auslieferung Giordano
Bruno's an die Kurie schreiben konnte: Bruno sei einer der schlimmsten
Ketzer, habe die verwerflichsten Dinge getan, ein lockeres und geradezu
teuflisches Leben geführt - im übrigen sei er aber einer der
ausgezeichnetsten Geister, die man sich denken könne, von der seltensten
Gelehrsamkeit und Geistesgröße.
Der Wandertrieb und die Abenteuerlust der Humanisten, ja ihr teilweise
schwankungsreicher und unzuverlässiger Charakter entsprach dieser
Unabhängigkeit des Geistigen, das ihr Lebenszentrum bildete, von allen
sonstigen Anforderungen an den Menschen; sie musste eben gegen diese
gleichgültig machen.
Der einzelne Humanist wiederholte, indem er sich in der bunten Mannigfaltigkeit
der Lebensverhältnisse bewegte, das Los des Humanismus, der den armen
Scholaren und Mönch ebenso wie den mächtigen Feldherrn und die
glanzvolle Fürstin in einem Rahmen geistigen Interesses umfasste.
Die Zahl der verschiedenen Kreise nun, in denen der Einzelne darin steht,
ist einer der Gradmesser der Kultur.
Wenn der moderne Mensch zunächst der elterlichen Familie angehört,
dann der von ihm selbst gegründeten und damit auch der seiner Frau,
dann seinem Berufe, der ihn schon für sich oft in mehrere Interessenkreise
eingliedern wird (z.B. in jedem Beruf, der über- und untergeordnete
Personen enthält, steht jeder in dem Kreise seines besonderen Geschäfts,
Amtes, Büros etc. darin, der jedes Mal Hohe und Niedere zusammenschließt,
und außerdem in dem Kreise, der sich aus den Gleichgestellten in
den verschiedenen Geschäften etc. bildet); wenn er sich seines Staatsbürgertums
und der Zugehörigkeit zu einem bestimmten sozialen Stände bewusst ist, außerdem Reserveoffizier ist, ein paar Vereinen angehört
und einen die verschiedensten Kreise berührenden geselligen Verkehr
besitzt: so ist dies schon eine sehr große Mannigfaltigkeit von Gruppen,
von denen manche zwar koordiniert sind, andere aber sich so anordnen lassen, dass
die eine als die ursprünglichere Verbindung erscheint, von
der aus das Individuum auf Grund seiner besonderen Qualitäten, durch
die es sich von den übrigen Mitgliedern des ersten Kreises abscheidet,
sich einem entfernteren Kreise zuwendet.
Der Zusammenhang mit jenem kann dabei weiter bestehen bleiben, wie eine
Seite einer komplexen Vorstellung, wenn sie psychologisch auch längst
rein sachliche Assoziationen gewonnen hat, doch die zu dem Komplex, mit
dem sie nun einmal in räumlich- zeitlicher Verbindung existiert, keineswegs
zu verlieren braucht. (>103) Hieraus ergeben sich nun vielerlei Folgen.
Die Gruppen, zu denen der Einzelne gehört, bilden gleichsam ein
Koordinatensystem, derart, dass jede neu hinzukommende ihn genauer
und unzweideutiger bestimmt.
Die Zugehörigkeit zu je einer derselben lässt der Individualität
noch einen weiten Spielraum; aber je mehre es werden, desto unwahrscheinlicher
ist es, dass noch andere Personen die gleiche Gruppenkombination aufweisen
werden, dass diese vielen Kreise sich noch einmal in einem Punkte
schneiden.
Wie der konkrete Gegenstand für unser Erkennen seine Individualität
verliert, wenn man ihn einer Eigenschaft nach unter einen allgemeinen Begriff
bringt, sie aber in dem Maße wiedergewinnt, in dem die andern Begriffe
hervorgehoben werden, unter die seine andern Eigenschaften ihn einreihen,
so dass jedes Ding, platonisch zu reden, an so vielen Ideen Teil hat,
wie es vielerlei Qualitäten besitzt, und dadurch seine individuelle
Bestimmtheit erlangt: gerade so verhält sich die Persönlichkeit
gegenüber den Kreisen, denen sie angehört.
Innerhalb des psychologisch- theoretischen Gebietes ist ganz das Analoge
zu beobachten; was wir das Objektive in unserm Weltbild nennen, was sich
als das Sachliche der Subjektivität des Einzeleindrucks gegenüberzustellen
scheint, das ist doch tatsächlich nur ein sehr gehäuftes und
wiederholtes Subjektives - wie nach Hume's Meinung die Kausalität,
das sachliche Erfolgen nur in einem oft wiederholten, zeitlich sinnlichen
Folgen, und wie der substantielle Gegenstand uns gegenüber nur in
der Synthese sinnlicher Eindrücke besteht.
So nun bilden wir aus diesen objektiv gewordenen Elementen dasjenige,
was wir die Subjektivität atexochu nennen, die Persönlichkeit,
die die Elemente der Kultur in individueller Weise kombiniert.
Nachdem die Synthese des Subjektiven das Objektive hervorgebracht, erzeugt
nun die Synthese des Objektiven ein neueres und höheres Subjektives
- wie die Persönlichkeit sich an den sozialen Kreis hingibt und sich
in ihm verliert, um dann durch die individuelle Kreuzung der sozialen Kreise
in ihr wieder ihre Eigenart zurückzugewinnen.
Übrigens wird ihre zweckmäßige Bestimmtheit so gewissermaßen
zum Gegenbild ihrer kausalen: an ihrem Ursprung ist sie doch auch nur der
Kreuzungspunkt unzähliger sozialer Fäden, das Ergebnis der Vererbung
von verschiedensten Kreisen und Anpassungsperioden her, und wird zur Individualität
durch die Besonderheit der Quanten und Kombinationen, in denen sich die
Gattungselemente in ihr zusammenfinden.
Schließt sie sich nun mit der Mannigfaltigkeit ihrer Triebe und
Interessen wieder an soziale Gebilde an, so ist das sozusagen ein Ausstrahlen
und Wiedergeben dessen, was sie empfangen, in analoger, aber bewusster und erhöhter Form. (>104)
Ihre Bestimmtheit wird nun eine um so größere sein, wenn
die bestimmenden Kreise mehr nebeneinander liegende, als konzentrische
sind; d.h. allmählich sich verengende Kreise, wie Nation, soziale
Stellung, Beruf, besondere Kategorie innerhalb dieses, werden der an ihnen
teilhabenden Person keine so individuelle Stelle anweisen, weil der engste
derselben ganz von selbst die Teilhaberschaft an den weiteren bedeutet,
als wenn jemand außer seiner Berufsstellung etwa noch einem wissenschaftlichen
Vereine angehört, Aufsichtsrat einer Aktiengesellschaft ist und ein
städtisches Ehrenamt bekleidet; je weniger das Teilhaben an dem einen
Kreise von selbst Anweisung gibt auf das Teilhaben an dem andern, desto
bestimmter wird die Person dadurch bezeichnet, dass sie in einem Schnittpunkt
beider steht.
Ich will hier nur andeuten, wie die Möglichkeit der Individualisierung
auch dadurch ins Unermessliche wächst, dass dieselbe Person
in den verschiedenen Kreisen, denen sie gleichzeitig angehört, ganz
verschiedene relative Stellungen einnehmen kann.
Denn jeder neue Zusammenschluss unter gleichem Gesichtspunkt erzeugt
sofort wieder in sich eine gewisse Ungleichheit, eine Differenzierung zwischen
Führenden und Geführten; wenn ein einheitliches Interesse, wie
es etwa das erwähnte humanistische war, für hohe und niedere
Personen ein gemeinsames Band war, das ihre sonstige Verschiedenheit paralysierte,
so entsprangen nun innerhalb dieser Gemeinsamkeit und nach den ihr eigenen
Kategorien neue Unterschiede zwischen Hoch und Niedrig, welche ganz außer
Korrespondenz mit dem Hoch und Niedrig innerhalb ihrer sonstigen Kreise
stehen.
Indem die Höhen der Stellungen, welche eine und dieselbe Person
in verschiedenen Gruppen einnimmt, von einander völlig unabhängig
sind, können so seltsame Kombinationen entstehen, wie die, dass in Ländern mit allgemeiner Wehrpflicht der geistig und sozial höchststehende
Mann sich einem Unteroffizier unterzuordnen hat und dass die Pariser
Bettlergilde einen gewählten »König« besitzt, der
ursprünglich nur ein Bettler wie alle, und, so viel ich weiß,
auch weiter ein solcher bleibend, mit wahrhaft fürstlichen Ehren und
Bevorzugungen ausgestattet ist - vielleicht die merkwürdigste und
individualisierendste Vereinigung von Niedrigkeit in einer und Höhe
in anderer sozialen Stellung.
Auch sind hier diejenigen Komplikationen in Betracht zu ziehen, die
durch die Konkurrenz innerhalb einer Gruppe entstehen; der Kaufmann ist
einerseits mit anderen Kaufleuten zu einem Kreise verbunden, der eine große
Anzahl gemeinsamer Interessen hat: wirtschaftspolitische Gesetzgebung,
soziales Ansehen des Kaufmannsstandes, Repräsentation desselben, Zusammenschluss
gegenüber dem Publikum zur Aufrechterhaltung bestimmter Preise und
vieles andere -geht die gesamte Handelswelt als solche (>105) an und lässt sie Dritten gegenüber als Einheit erscheinen.
Andererseits aber befindet sich jeder Kaufmann in konkurrierendem Gegensatz
gegen so und so viele andere, das Eintreten in diesen Beruf schafft ihm
im gleichen Moment Verbindung und Isolierung, Gleichstellung und Sonderstellung;
er wahrt sein Interesse durch die erbittertste Konkurrenz mit denjenigen,
mit denen er sich doch um des gleichen Interesses willen oft aufs engste
zusammenschliessen muss.
Dieser innerliche Gegensatz ist zwar auf dem kaufmännischen Gebiet
wohl am krassesten, indes auch auf allen andern bis herab zu der ephemeren
Sozialisierung einer Abendgesellschaft irgendwie vorhanden.
Und wenn wir nun bedenken, welche Bedeutung für die Persönlichkeit
das Maß hat, in dem sie Anschluss oder Gegensatz in ihren sozialen
Gruppen findet, so tut sich uns eine unermessliche Möglichkeit
von individualisierenden Kombinationen dadurch auf, dass der Einzelne
einer Mannigfaltigkeit von Kreisen angehört, in denen das Verhältnis
von Konkurrenz und Zusammenschluss stark variiert, und da jedem Menschen
ein gewisses Maß kollektivistischen Bedürfnisses eigen ist,
so ergibt die Mischung zwischen Kollektivismus und Isolierung, die Jeder
Kreis bietet, einen neuen rationalen Gesichtspunkt für die Zusammenstellung
der Kreise, denen sich der Einzelne anschließt: wo innerhalb eines
Kreises starke Konkurrenz herrscht, werden die Mitglieder sich gern solche
anderweitigen Kreise suchen, die möglichst konkurrenzlos sind; so
findet sich im Kaufmannsstand eine entschiedene Vorliebe für gesellige
Vereine, während das die Konkurrenz innerhalb des eigenen Kreises
ziemlich ausschließende Standesbewusstsein des Aristokraten
ihm derartige Ergänzungen ziemlich überflüssig macht und
ihm vielmehr die Vergesellschaftungen näher legt, die in sich stärkere
Konkurrenz ausbilden, z.B. alle durch Sportinteressen zusammengehaltenen.
Endlich erwähne ich hier noch drittens die oft diskrepanten dadurch
entstehenden Kreuzungen, dass ein Einzelner oder eine Gruppe von Interessen
beherrscht werden, die einander entgegengesetzt sind und jene deshalb zu
gleicher Zeit ganz entgegengesetzten Parteien angehören lassen.
Für Individuen liegt ein solches Verhalten dann nahe, wenn bei
vielseitig ausgebildeter Kultur ein starkes politisches Parteileben herrscht;
dann pflegt nämlich die Erscheinung einzutreten, dass die politischen
Parteien die verschiedenen Standpunkte auch in denjenigen Fragen, die mit
der Politik gar nichts zu tun haben, unter sich verteilen, so dass eine bestimmte Tendenz der Literatur, der Kunst, der Religiosität
etc. mit der einen Partei, die entgegengesetzte mit der andern assoziiert
wird; die Linie, die die Parteien sondert, wird schließlich durch
die Gesamtheit der Lebensinteressen hindurch verlängert.
Da liegt es denn auf der Hand, dass der Einzelne, der sich nicht
(>106) vollkommen in den Bann der Partei geben will, sich etwa mit seiner
ästhetischen oder religiösen Überzeugung einer Gruppierung
anschließen wird, die mit seinen politischen Gegnern amalgamiert
ist.
Er wird im Schnittpunkt zweier Gruppen stehen, die sich sonst als einander
entgegengesetzte bewusst sind
Ganzen Massen wurde eine solche Doppelstellung zur Zeit der grausamen
Unterdrückung der irischen Katholiken durch England aufgezwungen.
Heute fühlten sich die Protestanten Englands und Irlands verbunden
gegen den gemeinsamen Religionsfeind ohne Rücksicht auf die Landsmannschaft,
morgen waren die Protestanten und Katholiken Irlands gegen den Unterdrücker
ihres gemeinsamen Vaterlandes verbunden ohne Rücksicht auf Religionsverschiedenheit.
Die Ausbildung des öffentlichen Geistes zeigt sich nun darin,
dass genügend viele Kreise von irgendwelcher objektiven Form und Organisierung
vorhanden sind, um jeder Wesensseite einer mannigfach beanlagten Persönlichkeit
Zusammenschluss und genossenschaftliche Betätigung zu gewähren.
Hierdurch wird eine gleichmäßige Annäherung an das Ideal
des Kollektivismus wie des Individualismus geboten.
Denn einerseits findet der Einzelne für jede seiner Neigungen und
Bestrebungen eine Gemeinschaft vor, die ihm die Befriedigung derselben
erleichtert, seinen Tätigkeiten je eine als zweckmäßig
erprobte Form und alle Vorteile der Gruppenangehörigkeit darbietet;
andererseits wird das Spezifische der Individualität durch die Kombination
der Kreise gewahrt, die in jedem Fall eine andere sein kann.
Wenn die vorgeschrittene Kultur den sozialen Kreis, dem wir mit unserer
ganzen Persönlichkeit angehören, mehr und mehr erweitert, dafür
aber das Individuum in höherem Maße auf sich selbst stellt und
es mancher Stützen und Vorteile des enggeschlossenen Kreises beraubt:
so liegt in jener Herstellung von Kreisen und Genossenschaften, in denen
sich beliebig viele, für den gleichen Zweck interessierte Menschen
zusammenfinden können, eine Ausgleichung jener Vereinsamung der Persönlichkeit,
die aus dem Bruch mit der engen Umschränktheit früherer Zustände
hervorgeht.
Die Enge dieses Zusammenschlusses ist daran zu ermessen, ob und in welchem
Grade ein solcher Kreis eine besondere »Ehre« ausgebildet hat,
derart, dass der Verlust oder die Kränkung der Ehre eines Mitgliedes
von jedem andern Mitgliede als eine Minderung der eigenen Ehre empfunden
wird, oder dass die Genossenschaft eine kollektivpersönliche
Ehre besitzt, deren Wandlungen sich in dem Ehr- Empfinden jedes Mitgliedes
abspiegeln.
Durch Herstellung dieses spezifischen Ehrbegriffes (Familienehre, Offiziersehre,
kaufmännische Ehre usw.) sichern sich solche Kreise das zweckmäßige
Verhalten ihrer Mitglieder besonders auf dem Gebiete (>107) derjenigen
spezifischen Differenz, durch welche sie sich von dem weitesten sozialen
Kreise abscheiden, so dass die Zwangsmaßregeln für das
richtige Verhalten diesem gegenüber, die staatlichen Gesetze, keine
Bestimmungen für jenes enthalten.
Einer der größten sozialethischen Fortschritte vollzieht
sich auf diese Weise: die enge und strenge Bindung früherer Zustände,
in denen die soziale Gruppe als Ganzes, resp. ihre Zentralgewalt, das Tun
und Lassen des Einzelnen nach den verschiedensten Richtungen hin reguliert,
beschränkt ihre Regulative mehr und mehr auf die notwendigen Interessen
der Allgemeinheit; die Freiheit des Individuums gewinnt mehr und mehr Gebiete
für sich.
Diese aber werden von neuen Gruppenbildungen besetzt, aber so,
dass die Interessen des Einzelnen frei entscheiden, zu welcher er gehören
will; infolge dessen genügt statt äußerer Zwangsmittel
schon das Gefühl der Ehre, um ihn an diejenigen Normen zu fesseln,
deren es zum Bestände der Gruppe bedarf.
Übrigens nimmt dieser Prozess nicht nur von der staatlichen
Zwangsgewalt seinen Ursprung; überall, wo eine Gruppenmacht eine Anzahl
von individuellen Lebensbeziehungen, die sachlich außer Beziehung
zu ihren Zwecken stehen, ursprünglich beherrscht - auch in der Familie,
in der Zunft in der religiösen Gemeinschaft usw. , gibt sie die Anlehnung
und den Zusammenschluss in Bezug auf jene schließlich an besondere
Vereine ab, an denen die Beteiligung Sache der persönlichen Freiheit
ist, wodurch denn die Aufgabe der Sozialisierung in viel vollkommenerer
Weise gelöst werden kann, als durch die frühere, die Individualität
mehr vernachlässigende Vereinigung.
Es kommt hinzu, dass die undifferenzierte Herrschaft einer sozialen
Macht über den Menschen, wie ausgedehnt und streng sie auch sei, doch
immer noch um eine Reihe von Lebensbeziehungen sich nicht kümmert
und nicht kümmern kann, und dass diese der rein individuellen
Willkür um so sorgloser und bestimmungsloser überlassen werden,
je größerer Zwang in den übrigen Beziehungen herrscht;
so musste der griechische und noch mehr der altrömische Bürger
sich zwar in allen mit der Politik nur irgend im Zusammenhang stehenden
Fragen den Normen und Zwecken seiner vaterländischen Gemeinschaft
bedingungslos unterordnen; aber er besaß dafür als Herr seines
Hauses eine um so unumschränktere Selbstherrlichkeit; so gibt jener
engste soziale Zusammenschluss, wie wir ihn an den in kleinen Gruppen
lebenden Naturvölkern beobachten, dem Einzelnen vollkommene Freiheit,
sich gegen alle außerhalb des Stammes stehenden Personen in jeder
ihm beliebenden Weise zu benehmen; so findet der Despotismus häufig
sein Korrelat und sogar seine Unterstützung in der vollkommensten
Freiheit und selbst Zügellosigkeit der wenigen ihm nicht wichtigen
Beziehungen der Persönlichkeiten.
Nach (>108) dieser unzweckmäßigen Verteilung kollektivistischen
Zwanges und individualistischer Willkür tritt eine angemessenere und
gerechtere da ein, wo der sachliche Inhalt der Sitten und Tendenzen der
Personen über die assoziative Gestaltung entscheidet, weil sich dann
auch für ihre bis dahin ganz unkontrollierten und rein individualistisch
bestimmten Betätigungen leichter kollektivistische Anlehnungen finden
werden; denn in demselben Maße, in dem die Persönlichkeit als
Ganzes befreit wird, sucht sie auch für ihre einzelnen Seiten sozialen Zusammenschluss
und beschränkt freiwillig die individualistische
Willkür, in der sie sonst einen Ersatz für die undifferenzierte
Fesselung an eine Kollektivmacht findet; so sehen wir z.B. in Ländern
mit großer politischer Freiheit ein besonders stark ausgebildetes
Vereinsleben, in religiösen Gemeinschaften ohne starke hierarchisch
ausgeübte Kirchengewalt eine lebhafte Sektenbildung usw.
Mit einem Wort, Freiheit und Bindung verteilen sich gleichmäßiger,
wenn die Sozialisierung, statt die heterogenen Bestandteile der Persönlichkeit
in einen einheitlichen Kreis zu zwingen, vielmehr die Möglichkeit
gewährt, dass das Homogene aus heterogenen Kreisen sich zusammenschließt.
Dies ist einer der wichtigsten Wege, den fortschreitende Entwicklung
einschlägt: die Differenzierung und Arbeitsteilung ist zuerst sozusagen
quantitativer Natur und verteilt die Tätigkeitskreise derart, dass zwar einem Individuum oder einer Gruppe ein anderer als einer andern zukommt,
aber jeder derselben eine Summe qualitativ verschiedener Beziehungen einschließt;
allein später wird dieses Verschiedene herausdifferenziert und aus
allen diesen Kreisen zu einem nun qualitativ einheitlichen Tätigkeitskreise
zusammengeschlossen.
Die Staatsverwaltung entwickelt sich häufig so, dass das zuerst
ganz undifferenzierte Verwaltungszentrum eine Reihe von Gebieten aussondert,
welche je einer einzelnen Behörde oder Persönlichkeit unterstehen.
Aber diese Gebiete sind zunächst lokaler Natur; es ist also z.B.
ein Intendant von Seiten des französischen Staatsrats in eine Provinz
geschickt, um nun dort alle die verschiedenen Funktionen auszuüben,
die sonst der Staatsrat selbst über das Ganze des Landes übt;
es ist eine Teilung nach dem Quantum der Arbeit.
Davon unterscheidet sich die später hervorgehende Teilung der Funktionen,
wenn sich dann z.B. aus dem Staatsrat die verschiedenen Ministerien herausbilden,
deren jedes seine Tätigkeit über das ganze Land, aber nur in
einer qualitativ bestimmten Beziehung erstreckt.
Wenn die Spezialisierung der Heilkunst schon im alten Ägypten für
den Arm einen andern Arzt ausbildete, als für das Bein, so war auch
dies eine Differenzierung nach lokalen Gesichtspunkten, der gegenüber
die moderne Medizin gleiche pathologische Zustände, (>109) gleichviel
an welchem Körpergliede sie auftreten, dem gleichen Spezialarzt überantwortet,
so dass wiederum die funktionelle Gleichheit an Stelle der zufälligen
Äußerlichkeit die Zusammenfassung beherrscht.
Die gleiche Form einer über die ältere Differenzierung und
Zusammenfassung hinausgehenden neuen Verteilung zeigen jene Geschäfte,
die alle verschiedenen Materialien für die Herstellung komplizierter
Objekte führen, z.B. das gesamte Eisenbahnbaumaterial, alle Artikel
für Gastwirte, Zahnärzte, Schuhmacher, Magazine für sämtliche
Haus- und Kücheneinrichtung usw.
Der einheitliche Gesichtspunkt, nach dem hier die Zusammenfügung
der aus den verschiedensten Herstellungskreisen stammenden Objekte erfolgt,
ist ihre Beziehung auf einen einheitlichen Zweck, dem sie insgesamt dienen,
auf den terminus ad quem, während die Arbeitsteilung sonst nach der
Einheitlichkeit des terminus a quo, der gleichen Herstellungart, stattfindet.
Diese Geschäfte, welche die letztere freilich zur Voraussetzung
haben, stellen eine potenzierte Arbeitsteilung dar, indem sie aus ganz
heterogenen Branchen, die aber an sich schon sehr arbeitsteilig wirken,
die nach einem Gesichtspunkt zusammengehörigen, sozusagen die zu einem
neuen Grundton harmonischen Teile einschließen.
Eine Zusammenfassung zu einheitlichem sozialem Bewusstsein, die
durch die Höhe der Abstraktion über den individuellen Besonderheiten
interessant ist, findet sich in der Zusammengehörigkeit der Lohnarbeiter
als solcher.
Gleichviel, was der Einzelne arbeite, ob Kanonen oder Spielzeug, die
formale Tatsache, dass er überhaupt für Lohn arbeitet, schließt
ihn mit den in gleicher Lage Befindlichen zusammen; das gleichmäßige
Verhältnis zum Kapital bildet gewissermaßen den Exponenten,
der an so verschiedenartigen Betätigungen das Gleichartige sich herausdifferenzieren
lässt und eine Vereinheitlichung für alle daran Teilhabenden
schafft.
Die unermessliche Bedeutung, die die psychologische Differenzierung
des Begriffs des »Arbeiters« überhaupt aus dem des Webers,
Maschinenbauers, Kohlenhäuers etc. heraus hatte, wurde schon der englischen
Reaktion am Anfang dieses Jahrhunderts klar; durch die Corresponding Societies
Act setzte sie durch, dass alle schriftliche Verbindung der Arbeitervereine
untereinander und außerdem alle Gesellschaften verboten wurden, welche
aus verschiedenen Branchen zusammengesetzt waren.
Sie war sich offenbar bewusst, dass, wenn die Verschmelzung
der allgemeinen Form des Arbeiterverhältnisses mit dem speziellen
Fach erst einmal gelöst sei, wenn die genossenschaftliche Vereinigung
einer Reihe von Branchen erst einmal durch gegenseitige Paralysierung des
Verschiedenen das ihnen allen Gemeinsame in helle Beleuchtung rückte,
- dass damit die Formel und die Aegide eines neuen sozialen (>110)
Kreises geschaffen sei, dessen Verhältnis zu den früheren unberechenbare
Komplikationen ergeben würde.
Nachdem die Differenzierung der Arbeit ihre verschiedenartigen Zweige
geschaffen, legt das abstraktere Bewusstsein wieder eine Linie hindurch,
die das Gemeinsame dieser zu einem neuen sozialen Kreise zusammenschließt.
Ein ähnlicher, zu realen kollektivistischen Einrichtungen führender
Zusammenschluss schafft den Kaufmannsstand als solchen.
So lange die Arbeitsteilung noch nicht sehr vorgeschritten ist, sondern
eine ganze Anzahl verwandter Aufgaben von dem gleichen Individuum, resp.
dem gleichen Berufskreise, gelöst wird, also nur eine geringere Zahl
von solchen vorhanden ist, da finden folgenreiche psychologische Verschmelzungen
leicht nach zwei Seiten hin statt, oder vielmehr eine Einheit von Elementen,
die von dem Standpunkte späterer Differenziertheit als Verschmelzung
bezeichnet wird, indes ungenau, da dieser Ausdruck eine vorherige Getrenntheit
von erst später mit einander verschmelzenden Elementen anzudeuten
scheint.
Erstens ist der höhere Begriff, der einer Anzahl verschiedenartiger
Betätigungen gemeinsam ist, noch nicht hinreichend von diesen in ihrer
Einzelheit gelöst, um gemeinsame Handlungen und Einrichtungen hervorzurufen.
So war es z.B. erst Sache der neuesten Kultur, dass die Frauen
sich in großer Anzahl zusammentaten, um politische und soziale Rechte
zu erringen oder kollektive Veranstaltungen zu ökonomischen Unterstützungs-
und anderen Zwecken zu treffen, die nur die Frauen als solche angingen;
wir können annehmen, dass der Allgemeinbegriff Frau bis dahin
für jede noch zu eng mit derjenigen Ausgestaltung desselben, die sie
selbst darstellte, verschmolzen war, wofür es natürlich keinen
Unterschied macht, ob die Loslösung dieses Allgemeinbegriffs die Quelle
praktischer Gestaltungen ist oder umgekehrt äußere Notwendigkeiten
zu jener drängten.
Die Betätigungen der Frauen waren und sind eben im allgemeinen
noch zu ähnliche, als dass ein von realem und praktischem Inhalt
erfüllter Allgemeinbegriff hätte entstehen können, der ja
überall erst durch verschiedenartige Einzelerscheinungen zum Bewusstsein gebracht wird; gäbe es nur eine einzige Art von Bäumen, so würde
es zur Bildung des Begriffs Baum überhaupt nicht gekommen sein.
So neigen auch Menschen, die in sich stark differenziert, vielfach ausgebildet
und betätigt sind, eher zu kosmopolitischen Empfindungen und Überzeugungen,
als einseitige Naturen, denen sich das allgemein Menschliche nur in dieser
beschränkten Ausgestaltung darstellt, da sie sich in andere Persönlichkeiten
nicht hineinzuversetzen und also zur Empfindung des allen Gemeinsamen nicht
durchzudringen vermögen.
Die Normen für den kaufmännischen Verkehr werden um so reiner
von den speziellen, für einen Zweig erforderlichen (>111) Bestimmungen
abgelöst, in je mehr Zweige die wirtschaftliche Produktion auseinandergeht,
während z.B. in Industriestädten, die sich wesentlich auf je
eine Branche beschränken, zu beobachten ist, wie sich der Begriff
des Industriellen noch wenig von dem des Eisen-, Textil-, Spielwarenindustriellen
losgelöst hat und die Usancen auch des anderweitigen, des industriellen
Verkehrs überhaupt ihren Charakter von der das Bewusstsein hauptsächlich
füllenden Branche entlehnen.
Dabei stellen sich, wie angedeutet, die praktischen Konsequenzen einer
Herausbildung höherer Allgemeinheiten nicht immer chronologisch als
solche dar, sondern bilden wechselwirkend auch häufig die Anregung,
die das Bewusstsein der sozialen Gemeinsamkeit hervorrufen hilft.
So wird z.B. dem Handwerkerstand seine Zusammengehörigkeit durch
das Lehrlingswesen nahe gelegt; wenn durch übermäßige Verwendung
von Lehrlingen die Arbeit verbilligt und verschlechtert wird, so würde
die Eindämmung dieses Übels in einem Fache nur bewirken, dass die aus ihm herausgedrängten Lehrlinge ein anderes überschwemmten,
so dass also nur eine gemeinsame Aktion helfen kann, - eine Folge,
die natürlich nur durch die Mannigfaltigkeit der Handwerke möglich
ist, aber die Einheit aller dieser über ihre spezifischen Differenzen
hinaus zum Bewusstsein bringen muss.
Bewirkt die Differenzierung hier die Herausgliederung des superordinierten
Kreises aus dem individuelleren, in dem er vorher nur latent lag, so hat
sie nun zweitens auch mehr koordinierte Kreise von einander zu lösen.
Die Zunft z.B. übte eine Aufsicht über die ganze Persönlichkeit
in dem Sinne, dass das Interesse des Handwerks deren ganzes Tun zu
regulieren hatte.
Der in die Lehrlingsschaft bei einem Meister Aufgenommene wurde dadurch
zugleich ein Mitglied seiner Familie usw.; kurz, die fachmässige
Beschäftigung zentralisierte das ganze Leben, das politische und das
Herzensleben oft mit eingeschlossen, in der energischsten Weise.
Von den Momenten, die zur Auflösung dieser Verschmelzungen führten,
kommt hier das in der Arbeitsteilung liegende in Betracht.
In jedem Menschen, dessen mannigfaltige Lebensinhalte von einem Interessenkreise
aus gelenkt werden, wird die Kraft dieses letzteren in demselben Maße
abnehmen, als er in sich an Umfang verliert.
Die Enge des Bewusstseins bewirkt, dass eine vielgliederige
Beschäftigung, eine Mannigfaltigkeit zu ihr gehöriger Vorstellungen
auch die übrige Vorstellungswelt in ihren Bann zieht.
Sachliche Beziehungen zwischen dieser und jener brauchen dabei gar nicht
zu bestehen; durch die Notwendigkeit, bei einer nicht arbeitsgeteilten
Beschäftigung die Vorstellungen relativ schnell zu wechseln, wird
ein solches Maß von psychischer Energie verbraucht, dass die
Bebauung anderer Interessen darunter leidet und nun die so geschwächten
(>112) um so eher in assoziative oder sonstige Abhängigkeit von jenem
zentralen Vorstellungskreise geraten.
Ein Mensch, den eine große Leidenschaft erfüllt, setzt auch
das Entfernteste, jeder inhaltlichen Berührung mit jener Entbehrende,
das durch sein Bewusstsein geht, mit ihr in irgendwelche Verbindung.
Sein ganzes Seelenleben empfängt von ihr aus sein Licht und seinen
Schatten; und eine entsprechende psychische Einheit wird jeder Beruf bewirken,
der für die sonstigen Lebensbeziehungen nur ein relativ geringes Quantum
von Bewusstsein übrig lässt.
Hier liegt eine der wichtigsten inneren Folgen der Arbeitsteilung; sie
gründet sich auf die erwähnte psychologische Tatsache, dass in einer gegebenen Zeit, alles Übrige gleichgesetzt, um so mehr Vorstellungskraft
aufgewandt wird, je häufiger das Bewusstsein von einer Vorstellung
zur andern wechseln muss.
Und dieser Wechsel der Vorstellungen hat die gleiche Folge, wie in dem
Falle der Leidenschaft ihre Intensität.
Deshalb wird eine nicht arbeitsgeteilte Beschäftigung, wiederum
alles Übrige gleichgesetzt, eher als eine sehr spezialisierte zu einer
zentralen, alles Übrige in sich einsaugenden Stellung in dem Lebenslaufe
eines Menschen kommen, und zwar insbesondere in Perioden, in denen es in
den übrigen Lebensbeziehungen noch an der Buntheit und den wechselvollen
Anregungen der modernen Zeit fehlte.
Und in dem Maße, in dem die einseitigere und deshalb mehr mechanische
Beschäftigung jenen andern Beziehungen mehr Raum im Bewusstsein gestattet, muss
auch deren Wert und Selbständigkeit wachsen.
Diese koordinierende Sonderung der Interessen, die vorher in ein zentrales
eingeschmolzen waren, wird auch noch durch eine andere Folge der Arbeitsteilung
gefördert, die mit der oben besprochenen Lösung des höheren
Sozialbegriffs aus den spezieller bestimmten Kreisen heraus zusammenhängt.
Assoziationen zwischen zentralen und peripheren Vorstellungen und Interessenkreisen,
die sich aus bloß psychologischen und historischen Ursachen gebildet
haben, werden meist so lange für sachlich notwendig gehalten, bis
die Erfahrung uns Persönlichkeiten zeigt, die eben das selbe Zentrum
bei ganz anderer Peripherie oder eine gleiche Peripherie bei anderem Zentrum
aufweisen.
Wenn also die Berufsangehörigkeit die übrigen Lebensinteressen
von sich abhängig machte, so musste sich diese Abhängigkeit
mit der Zunahme der Beschäftigungszweige lockern, weil, trotz der
Verschiedenheit dieser, vielerlei Gleichheiten in allen übrigen Interessen
an den Tag traten.
So gewinnen wir auch in den feinsten Beziehungen des Seelenlebens manche
innere und äußere Freiheit, wenn wir ein sittlich nötiges
Handeln und Fühlen bei Andern von ganz anderen Vorbedingungen abhängig
sehen, als sie bei uns mit jenem verbunden waren; dies gilt z.B. in hohem
Maße von den ethischen Beziehungen (>113) der Religion, an welche
letztere sich manche Menschen deshalb gebunden fühlen, weil alte psychologische
Gewohnheit ihre sittlichen Impulse stets an religiöse knüpfte;
da bringt denn erst die Erfahrung, dass auch religiös ganz anders
gesinnte Menschen in ganz gleichem Maße sittlich sind, die Befreiung
von jener Zentralisierung des ethischen Lebens und die Verselbständigung
des letzteren mit sich.
So musste die wachsende Differenzierung der Berufe dem Individuum
zeigen, wie die ganz gleiche Richtung anderweitiger Lebensinhalte mit differenten
Berufen verknüpft sein kann und also vom Beruf überhaupt in erheblicherem
Maße unabhängig sein muss.
Und zu derselben Folge führt die gleichfalls mit der Kulturbewegung
vorschreitende Differenzierung jener anderen Lebensinhalte.
Die Verschiedenheit des Berufs bei Gleichheit der übrigen Interessen
und die Verschiedenheit dieser bei Gleichheit des Berufs musste in
gleicher Weise zu der psychologischen und realen Loslösung des einen
vom andern führen.
Sehen wir auf den Fortschritt von der Differenzierung und Zusammenfassung
nach äußerlichen schematischen Gesichtspunkten zu der nach sachlicher
Zusammengehörigkeit, so zeigt sich dazu eine entschiedene Analogie
auf theoretischem Gebiet: man glaubte früher durch das Zusammenfassen
größerer Gruppen der Lebewesen nach den Symptomen äußerer
Verwandtschaft die hauptsächlichen Aufgaben des Erkennens jenen gegenüber
lösen zu können; aber zu tieferer und richtigerer Einsicht gelangte
man doch erst dadurch, dass man an scheinbar sehr verschiedenen Wesen,
die man unter entsprechend verschiedene Artbegriffe gebracht hatte, morphologische
und physiologische Gleichheiten entdeckte und so zu Gesetzen des organischen
Lebens kam, die an weit von einander abstehenden Punkten der Reihe der
organischen Wesen realisiert waren und deren Erkenntnis eine Vereinheitlichung
dessen zuwege brachte, was man früher äußerlichen Kriterien
nach in Artbegriffe von völlig selbständiger Genesis verteilt
hatte.
Auch hier bezeichnet die Vereinigung des sachlich Homogenen aus heterogenen
Kreisen die höhere Entwicklungsstufe.
Wenn so der Sieg des rational sachlichen Prinzips über das oberflächlich
schematische mit dem allgemeinen Kulturfortschritt Hand in Hand geht, so
kann dieser Zusammenhang, da er kein apriorischer ist, doch unter Umständen
durchreißen.
Die Solidarität der Familie erscheint zwar gegenüber der Verbindung
nach sachlichen Gesichtspunkten als ein mechanisch äußerliches
Prinzip, andererseits dennoch als ein sachlich begründetes, wenn man
es gegenüber einer rein numerischen Einteilung betrachtet, wie sie
die Zehntschaften und Hundertschaften im alten Peru, in China und in einem
großen Teil des älteren Europa zeigen.
Während die sozialpolitische (>114) Einheitlichkeit der Familie
und ihre Haftbarkeit als Ganzes für jedes Mitglied einen guten Sinn
hat und um so rationeller erscheint, je mehr man die Wirkungen der Vererbung
einsehen lernt, entbehrt die Zusammenschweißung einer stets gleichen
Zahl von Männern zu einer - in Bezug auf Gliederung, Militärpflicht,
Besteuerung, kriminelle Verantwortung usw. - als Einheit behandelten Gruppe
ganz einer rationalen Wurzel, und trotzdem tritt sie, wo wir sie verfolgen
können, als Ersatz des Sippschaftsprinzips auf und dient einer höheren
Kulturstufe.
Die Rechtfertigung auch für sie liegt nicht in dem terminus a quo
- in Hinsicht dieses übertrifft das Familienprinzip als Differenzierungs-
und Integrierungsgrund jedes andere -, sondern im terminus ad quem; dem
höheren staatlichen Zweck ist diese, gerade wegen ihres schematischen
Charakters leicht überschaubare und leicht zu organisierende Einteilung
offenbar günstiger als jene ältere.
Es tritt hier eine eigenartige Erscheinung des Kulturlebens ein:
dass sinnvolle, tief bedeutsame Einrichtungen und Verkehrungsweisen von solchen
verdrängt werden, die an und für sich völlig mechanisch,
äußerlich, geistlos erscheinen; nur der höhere, über
jene frühere Stufe hinausliegende Zweck gibt ihrem Zusammenwirken
oder ihrem späteren Resultat eine geistige Bedeutung, die jedes einzelne
Element für sich entbehren muss; diesen Charakter trägt
der moderne Soldat gegenüber dem Ritter des Mittelalters, die Maschinenarbeit
gegenüber der Handarbeit, die neuzeitliche Uniformität und Nivellierung
so vieler Lebensbeziehungen, die früher der freien individuellen Selbstgestaltung
überlassen waren; jetzt ist einerseits das Getriebe zu groß
und zu kompliziert, um in jedem seiner Elemente sozusagen einen ganzen
Gedanken zum Ausdruck zu bringen; jedes dieser kann vielmehr nur einen
mechanischen und für sich bedeutungslosen Charakter haben und erst
als Glied eines Ganzen seinen Teil zur Realisierung eines Gedankens beitragen;
andererseits wirkt vielfach eine Differenzierung, die das geistige Element
der Tätigkeit herauslöst, so dass das Mechanische und das
Geistige gesonderte Existenz erhalten, wie z.B. die Arbeiterin an der Stickmaschine
eine viel geistlosere Tätigkeit übt, als die Stickerin, während
der Geist dieser Tätigkeit sozusagen an die Maschine übergegangen
ist, sich in ihr objektiviert hat.
So können soziale Einrichtungen, Abstufungen, Zusammenschlüsse
mechanischer und äußerlicher werden und doch dem Kulturfortschritt
dienen, wenn ein höherer Sozialzweck auftaucht, dem sie sich einfach
unterzuordnen haben und der nicht mehr gestattet, dass sie für
sich den Geist und Sinn bewahren, mit dem ein früherer Zustand die
teleologische Reihe abschloss; und so erklärt sich jener Übergang
des Sippschaftsprinzips für die soziale Einteilung zum Zehntschaftsprinzip,
obgleich (>115) dieses tatsächlich als eine Vereinigung des sachlich
Heterogenen entgegen der natürlichen Homogenität der Familie erscheint. -
Ferner: in primitiven Gesellschaften und namentlich in denjenigen, die
durch Vereinigung elementarer, in sich schon geschlossener Gruppen gebildet
werden, wird der Anführer zunächst für den Krieg, dann aber
auch für dauernde Herrschaft sehr häufig durch Wahl berufen;
seine Vorzüge bewirken, dass ihm die Würde spontan übertragen
wird, die er an andern Stellen durch eben diese Vorzüge vermöge
Usurpation erlangt, die aber hier wie dort spätestens mit seinem Tode
derart erlischt, dass nun irgend eine andere, durch ähnliche
Vorzüge qualifizierte Persönlichkeit auf die eine oder die andere
Weise sich des Prinzipats bemächtigt.
Der soziale Fortschritt indes heftet sich gerade an das Durchbrechen
des an die Vorzüge der Person geknüpften Verfahrens und an die
Aufrichtung erblicher Fürstenwürde; obschon das vergleichsweise
mechanische und äußerliche Prinzip der Erblichkeit Kinder, Schwachsinnige,
in jeder Beziehung ungeeignete Persönlichkeiten auf den Thron bringt,
so überwiegt die von ihm ausgehende Sicherheit und Kontinuität
der Staatsentwicklung doch alle Vorteile des rationaleren Prinzips, nach
dem die persönlichen Eigenschaften über den Besitz der Herrschaft
entscheiden.
Wenn die Reihe der Herrscher statt durch sachliche Auslese durch den
äußeren Zufall der Geburt bestimmt wird und dies dennoch dem
Kulturfortschritt günstig ist, so kann man nur insofern sagen, dass diese Ausnahme die Regel bestätigt, als sie zeigt,
dass auch
diese sich selbst untergeordnet ist, d.h., dass auch nicht einmal
sie, nicht einmal die Verwerfung des äußerlich Schematischen
durch das innerlich Rationale ihrerseits wieder zu einer schematischen
Norm werden darf. Und endlich sei dafür das ziemlich analoge Verhalten
angeführt, das der Monogamie ihren Vorzug vor der Promiskuität
der Geschlechter verschafft hat.
Ist es nämlich die Kraft, Gesundheit und Schönheit der Eltern,
die die größte Wahrscheinlichkeit für eine tüchtige
Nachkommenschaft gewährt, so wird eine Depravierung der Gattung da
zu erwarten sein, wo auch ihren gealterten und herabgekommenen Mitgliedern
die Gelegenheit zur Fortpflanzung gesichert bleibt.
Dies aber ist gerade in der lebenslänglichen Ehe der Fall.
Würde nach jedesmaligem Fruchtbringen einer Vereinigung jeder Teil
von neuem das aktive und passive Wahlrecht dem andern Geschlechte gegenüber
haben, so würden diejenigen Exemplare, die inzwischen ihre Gesundheit,
ihre Kraft und ihre Reize verloren haben, nicht mehr zur Zeugung zugelassen
werden, und es wäre außerdem die größere Wahrscheinlichkeit
gegeben, dass die wirklich zu einander passenden Individuen sich zusammenfänden.
Dieser, die rationalen (>116) Gründe wie den rationalen Zweck der
geschlechtlichen Vereinigung stets von neuem berücksichtigenden Erneuerung
der Auswahl steht die unverbrüchliche Dauer der ehelichen Verbindung,
ihre Fortsetzung über das völlige Erlöschen der einstmals
für sie bestimmenden Gründe hinaus - auch dann, wenn dieses Erlöschen
nur das vorliegende Verhältnis trifft, während eine Vermischung
jedes Teils mit irgendeinem andern noch durchaus rational wäre, -
als ein gewissermaßen äußerliches und mechanisches Verfahren
gegenüber.
Wie die Erblichkeit des Prinzipats statt der Erlangung desselben auf
Grund persönlicher Eigenschaften einen schematischen Charakter trägt,
gerade so bannt die lebenslängliche Ehe die ganze Zukunft eines Paares
in das Schema eines Verhältnisses, das, für einen gegebenen Zeitpunkt
zwar der adäquate Ausdruck seiner innerlichen Beziehungen, dennoch
die Möglichkeit einer Variierung abschneidet, die die Gesamtheit im
Interesse einer tüchtigeren Nachkommenschaft scheint wünschen
zu sollen, wie sie dies in dem volkstümlichen Glauben ausdrückt, dass uneheliche Kinder die tüchtigeren und begabteren seien.
Wie aber in jenem Falle die Stabilität durch ihre sekundären
Folgen alle Vorteile einer aus sachlichen Momenten erfolgenden Bestimmung
weit überholt, so schafft auch der äußerlich fixierte Übergang,
gleichsam die Vererbung der Form einer Lebensepoche auf die andere, für
das Verhältnis der Geschlechter einen Segen, der keiner Auseinandersetzung
bedarf und für die Gattung allen Vorteil übertrifft, der aus
der fortgesetzten Differenzierung eingegangener Verbindungen gezogen werden
könnte.
Hier würde also die Zusammenfügung des eigentlich Zusammengehörigen
aus früherem heterogenem Zusammenschluss nicht kulturfördernd
wirken.