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Dank der COVID-Pandemie wird die fast vergessene Arbeit einer schottischen Virologin wieder gewürdigt: June Almeida, Spezialistin für Immun-Elektronenmikroskopie, war die erste, die ein menschliches Coronavirus unter dem Elektronenmikroskop beobachtete. Ihre umfangreiche Arbeit war auch die Grundlage von weiteren wichtigen Entdeckungen in der Virologie.
Ein ungewöhnlicher Werdegang
June Almeida wurde am 5. Oktober 1930 in Glasgow (Schottland) geboren. Ihre Familie verfügte nur über spärliche finanzielle Mittel, so dass sie gezwungen war, ihre Schulausbildung im Alter von 16 Jahren abzubrechen. Ein Jahr später begann sie, als Laborantin in Histopathologie am Krankenhaus in Glasgow (Glasgow Royal Infirmary) und anschliessend am St Bartholomew's Hospital in London zu arbeiten. Sie heiratete und wanderte im Jahr 1956 nach Kanada aus, wo sie sich am Ontario Cancer Institute in Toronto mit der Arbeit am Elektronenmikroskop vertraut machte. Auf diesem Gebiet entwickelte sie rasch ausserordentliche Fähigkeiten, und da in Kanada die Anforderungen an eine formelle akademische Ausbildung weniger streng waren, konnte sie eine eigenständige wissenschaftliche Karriere beginnen.
Pionierin in bildgebenden Verfahren
Im Jahr 1964 sah der Mikrobiologie-Professor A. P. Waterson den Namen von June Almeida in Publikationen zur Identifizierung von Virusstrukturen und war von den Fähigkeiten der jungen Wissenschaftlerin beeindruckt. Er überzeugte sie, nach England zurückzukehren und in seiner Gruppe am St. Thomas Hospital in London zu arbeiten. Obwohl sie sich kurz darauf scheiden liess und sich als alleinerziehende Mutter ihrer 7-jährigen Tochter wiederfand, erwies sich die Rückkehr nach England in beruflicher Hinsicht als grosser Erfolg.
Seit ihrer Teenagerzeit eine begeisterte Fotografin, begann sie nun, neuartige Methoden der Visualisierung von Viren zu entwickeln: die Immun-Elektronenmikroskopie. Dabei werden dem Präparat spezifische, markierte Antikörper zugesetzt, die sich um das Virus herum anlagern und dabei helfen, es sichtbar zu machen und auf die richtige Stelle zu fokussieren. Danach kann die Konzentration der Antikörper reduziert werden, um Details des Virus zu betrachten. Dazu wird die Technik des negativen Phasenkontrasts angewendet, wobei durch das Abdunkeln des Hintergrunds mit einem metallischen Farbstoff die strukturellen Feinheiten des Virus schärfer erscheinen. Almeida verwendete Phosphorwolframsäure, die, wie der Name schon sagt, Phosphor und Wolfram (ein Schwermetall) enthält.
So konnte die schottische Virologin erstmals das Rötelnvirus im Detail darstellen und Bilder davon anfertigen. Später setzte sie diese Technik auch zur Untersuchung des Hepatitis-B-Virus und von Erkältungsviren ein.
Die Entdeckung des Coronavirus
Im Jahr 1966 beginnt June Almeida mit David Tyrrell zusammenzuarbeiten, dem Leiter der Common Cold Research Unit in Salisbury. Tyrrells Forschungsgebiet sind die Erkältungsviren; seine Gruppe kultiviert unter anderem eine Probe mit der Bezeichnung B814, die einem Schulkind entnommen wurde. Das Virus, das die erkältungsähnlichen Symptome verursacht, lässt sich nicht vermehren und kann auch vorerst nicht identifiziert werden, wie Tyrell 1965 in einem Artikel im British Medical Journal beschrieben hat. Doch dann wenden die Forscher die von Almeida entwickelte neue Methode an und können das Virus sichtbar machen: Es ähnelt dem Influenzavirus, das die Grippe auslöst, ist aber keines. Es ist anzumerken, dass Almeidas frühere Berichte über Beobachtungen von ähnlichen Viren bei Tieren von Fachzeitschriften abgelehnt wurden, da die Bilder für unscharfe Darstellungen von Grippeviren gehalten wurden!
Almeida und Tyrrell charakterisieren daraufhin diese neue Familie von Viren, die akute Atemwegsinfektionen verursachen (auch das neue SARS-Cov-2 gehört zu dieser Familie). Die ersten Fotos eines solchen Virus veröffentlichen sie 1967 im Journal of General Virology. Sie nennen den neuen Virustyp Coronavirus, weil seine Hülle auf den Abbildungen einer Krone ähnelt. Der Begriff erscheint offiziell 1968 in der Zeitschrift Nature, doch erst 7 Jahre später wird dieser Virustyp durch das International Committee on Virus Taxonomy offiziell anerkannt.
Abschied von der Forschung – oder doch nicht?
Almeida setzte ihre Arbeit an der Postgraduate Medical School in London fort und erhielt dort den Doktortitel. Gegen Ende ihrer Karriere arbeitete sie am Wellcome Institute an der Entwicklung von Impfstoffen und meldete mehrere Patente im Bereich der bildgebenden Verfahren für Viren an. Nachdem sie das Institut verlassen hatte, heiratete sie 1982 erneut, wurde Yogalehrerin und kümmerte sich um ihre Enkelkinder. In den späten 1980er Jahren kehrte sie jedoch in die Virologie zurück und half dabei, die ersten qualitativ hochwertigen Negativfärbungen des HIV-Virus aufzunehmen. Almeida starb 2007 in Bexhill nach einem Herzinfarkt im Alter von 77 Jahren.
Ein lange unterschätzter Beitrag
Erst 13 Jahre nach ihrem Tod wird das Ausmass von June Almeidas Beiträgen zur Virologie weiteren Kreisen bekannt: Wegen der COVID-19-Pandemie erfahren die Coronaviren plötzlich grösste Aufmerksamkeit, und in diesem Zusammenhang wird auch ihre Entdeckerin gewürdigt. Mehrere weitere Entdeckungen beruhten auf ihrer Technik, insbesondere diejenige der Noroviren (verantwortlich für heftige Durchfallerkrankungen) und des Hepatitis-A-Virus.
Almeida war eine hervorragende Lehrerin und pflegte ausgezeichnete Beziehungen zu ihren Kollegen. Mit ihrer Methode liessen sich Viren schneller identifizieren als zuvor, und 1979 veröffentlichte sie ein Handbuch zur Virusdiagnose für die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Trotz ihres Schulabbruchs mit 16 Jahren schaffte sie es, im akademischen Umfeld Fuss zu fassen und eine international renommierte Wissenschaftlerin zu werden. Ihre Fähigkeiten in der Elektronenmikroskopie führten zur Entdeckung, Identifikation und dem besseren Verständnis der Struktur von Viren und leisteten damit einen immensen Beitrag in der medizinischen Forschung.
Auf der Website Whatisbiotechnology findest du einen ausführlichen Artikel über Leben und Werk von June Almeida auf Englisch, der auch viele Fotos enthält.
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