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Schweizer Armee: Im Einsatz der UNTSO im Libanon
Als UNO-Militärbeobachter startete Major Simon Kohler im Juni 2022 seinen friedensfördernden Auslandseinsatz zugunsten der UNTSO im Libanon.
Nach einem halben Jahr in dieser Funktion übernahm er anschliessend als Training Officer die Verantwortung für die Ausbildung der neu im Libanon eintreffenden Angehörigen der Mission. Im Interview berichtet Major Kohler über seine Aufträge in der Friedensförderung zugunsten der UNTSO.
Major Kohler, Sie leisten zurzeit einen friedensfördernden Auslandseinsatz in der UNTSO im Libanon. Was sind Ihre Aufgaben?
Aktuell bin ich in der Funktion des Training Officers innerhalb der „Observer Group Lebanon“ (OGL) der United Nations Truce Supervision Organization (UNTSO) eingesetzt. Diese Mission überwacht den Waffenstillstand im Nahen Osten und erstreckt sich über die Länder Libanon, Israel, Syrien, Jordanien und Ägypten. Ich befinde mich im Hauptquartier der OGL – also im Teil der UNTSO im Libanon – in Naqura. In der Funktion als Training Officer bin ich verantwortlich für die Ausbildung der neu in der Mission eintreffenden Militärbeobachterinnen und Militärbeobachter (UNMO, United Nations Military Observer). Hierbei plane und überprüfe ich unter anderem die Trainingssequenzen der einzelnen Teams und koordiniere die gemeinsamen Übungen mit der zweiten UNO-Mission im Libanon, der UNIFIL – der „United Nations Interim Force in Lebanon“. Zusätzlich bin ich der Stellvertreter des Military Personal Officer der OGL.
Die Funktion als Training Officer ist ausgesprochen interessant und erlaubt es mir unabhängig vom restlichen Stab der OGL meinen Aufgaben nachzukommen. Insbesondere die Abnahme der praktischen Prüfungen der UNMO bei einer regulären Patrouille bietet mir die Chance jeden Teil der rund 120 Kilometer langen Demarkationslinie zwischen dem Libanon und Israel – die Blue Line – selbst mehrfach gesehen zu haben.
Bevor Sie Training Officer der OGL wurden, waren Sie als Militärbeobachter eingesetzt. Wie sah ein typischer Alltag in der Funktion aus?
Als UNMO war ich in einem der Teams der OGL eingeteilt. In diesen arbeitet man in Schichten jeweils mehrere Tage am Stück von einer Patrol Base aus, welche sich mehrheitlich entlang der Blue Line befinden. Von dort aus werden die täglichen Patrouillen, bestehend aus zwei UNMOs unterschiedlicher Nationalitäten und einem Sprachassistenten, durchgeführt. Mindestens sechs Stunden ist man bei diesen jeweils im Einsatzgebiet unterwegs.
Als UNMO beginnt der Tag in der Regel mit einem gemeinsamen Frühstück um 7 Uhr und dem anschliessenden Patrol Briefing. Während dem Briefing wird einerseits jeweils die aktuelle Situation besprochen, wie beispielsweise Ereignisse der vergangenen 24 Stunden, Heliport-Verfügbarkeiten oder bezüglich medizinischer Einrichtungen. Andererseits orientiert der Patrol Leader über die geplante Route. Der Fahrer oder die Fahrerin lädt anschliessend die Ausrüstung in die Fahrzeuge und prüft deren Einsatzfähigkeit. Durch den Patrol Leader wird die Funkverbindung mit der UNIFIL sowie auch der Movement Control der OGL (LIMA genannt) erstellt, damit auch im Notfall ein Tracking möglich ist. Danach startet die Patrouille in Richtung des ersten Standortes entlang der Blue Line. Oft ist dies der erste «Temporary Observation Point» (TOP), von welchem aus das Gebiet beobachtet wird. Hierbei werden Feststellungen notiert und allfällige beobachtete Verletzungen der Waffenstillstandsvereinbarung direkt an die LIMA übermittelt, damit diese ebenfalls ins Informationssystem der UNIFIL fliessen. Zum üblichen Tag als UNMO gehört auch eine Village Patrol, bei welcher man meist zu Fuss durch eines der Dörfer geht und den Kontakt mit der lokalen Bevölkerung sucht. Der Fokus liegt hierbei vor allem darauf, Informationen zu den Bedürfnissen und Problemen der Einheimischen zu erhalten.
Anschliessend begibt man sich zurück auf die Patrol Base, wo die Fahrzeuge entladen sowie für den nächsten Tag vorbereitet werden und der Patrol Leader den Tagesrapport an das Hauptquartier der OGL versendet. Gegen 19 Uhr folgt dann das Nachtessen. In meinem Team wurde der Abend oft mit einer Sporteinheit oder einem Besuch der finnischen Sauna abgeschlossen.
Innerhalb der OGL befinden sich Armeeangehörige verschiedenster Nationen. Wie funktioniert die Zusammenarbeit in diesem internationalen Umfeld untereinander?
In den allermeisten Fällen funktionieren die Zusammenarbeit und das Zusammenleben sehr gut. Man hört und sieht zwar, dass wir aus 21 verschiedenen Nationen kommen, dies ermöglicht aber auch eine sehr differenzierte Aufarbeitung von Beobachtungen. Jeder und jede kennt seine Aufgaben und erfüllt diese nach bestem Wissen und Gewissen. Wirklich interessant und ungleich schwieriger ist es dann bei der Umsetzung von neuen Richtlinien oder Arbeitsanweisungen, wobei hier die militärische Hierarchie Abhilfe schafft. Die grösste Schwierigkeit besteht aus meiner Sicht eher darin, dass viele Personen zusammenkommen, die gewohnt sind zu führen und zu entscheiden und man deshalb einen Weg sucht, um niemanden vor den Kopf zu stossen. Das wird mit den unterschiedlichen kulturellen Hintergründen kompliziert. Während die einen Fehler offen eingestehen können, geht es für andere eher darum das Gesicht zu wahren.
Was war Ihre Motivation, um diesen Einsatz in der militärischen Friedensförderung zu leisten?
Ausschlaggebend war unter anderem die Möglichkeit als Milizoffizier einen Vergleich im internationalen Umfeld und mit Offizieren von unterschiedlichsten Streitkräften machen zu können. Einen ersten kleinen Einblick in eine andere militärische Kultur erhielt ich beim Abverdienen als Zugführer in der Miliz, als wir für ein paar Wochen vier österreichische Offiziersanwärter in unserer Kompanie in Walenstadt zu Gast hatten. Zu sehen, wie sich die Schweizer Ausbildung im Vergleich derjenigen anderer Nationen schlägt und dazu die Chance zu erhalten, die eigenen Erlebnisse mit Personen aus den verschiedensten Ländern der Welt zu teilen und deren Meinungen zu hören, ist eine einzigartige Erfahrung, welche die militärische Friedensförderung bietet. Mit der UNTSO und insbesondere dem Libanon hatte ich eine sehr klare Vorstellung davon, wohin mich meine erste Mission führen sollte. Die Chance in einer Region der Welt zu leben und zu arbeiten, welche eine so reiche Geschichte besitzt (wenn auch sehr oft mit Kriegen verbunden), bekommt man nicht alle Tage.
Bringt Ihnen Ihr Einsatz einen Mehrwert für Ihre berufliche Karriere oder die persönliche Entwicklung?
Den Mehrwert für die berufliche Karriere ist noch etwas schwierig abzuschätzen. Für die Rückkehr zur bisherigen Arbeitsstelle bei der Uni Basel wird der Einsatz wohl noch keinen Einfluss haben. Persönlich habe ich aber sehr viel über mich selbst lernen können. Mit der Entscheidung für den Einsatz habe ich mich zum ersten Mal für einen kompletten Tapetenwechsel über eine längere Zeit entschieden. Diese Entscheidung bedeutete meine Familie und Freunde zurück zu lassen, die über Jahre gepflegten Gewohnheiten (regelmässige Teamtrainings und spontane Sporteinheiten) nicht mehr machen zu können und dazu die Sicherheiten (sauberes Wasser, Stromversorgung, etc) der Schweiz aufzugeben. Die vergangenen Monate haben viele Eindrücke hinterlassen, welche mich den Alltag in der Schweiz nochmals detaillierter wahrnehmen lassen werden. Bei meinen Besuchen zu Hause konnte ich feststellen, wie wichtig die Bindungen zur Familie und den engsten Freunden sind und welchen Rückhalt sie mir geben. Somit ja, auf der persönlichen Ebene ist es ein riesiger Mehrwert. Auf der beruflichen Ebene werde ich erst in den nächsten Jahren sehen, welche Türen mir dies öffnet. Sofern SWISSINT mit meinen Leistungen zufrieden ist, freue ich mich aber auf jeden Fall auf die Möglichkeit weitere Einsätze zu leisten.
Gibt es ein prägendes Erlebnis oder ein Highlight aus Ihrer bisherigen Zeit im Einsatz?
Es gibt mehr als nur ein prägendes Erlebnis aus den vergangenen sieben Monaten. Eines, welches noch sehr frisch ist, betrifft die allgemeine und wirtschaftliche Situation im Libanon, welche insbesondere im Süden des Landes grosse Auswirkungen auf die Bevölkerung hat.
Ende Januar 2023 war ich für die Prüfung von zwei UNMOs zum Senior Observer in einem kleinen Dorf im Südosten des Libanon auf einer Fusspatrouille unterwegs. Als wir gegen Ende der Patrouille und auf dem Rückweg zum Fahrzeug noch ein paar Einkäufe in einem der wenigen Shops erledigten, sprach uns der Bruder des Shop-Besitzers an. Er bat uns mit ihm auf seiner Terrasse einen Kaffee zu trinken und meinte, dass wir eine tolle Aussicht über die Region hätten und er sich sehr gerne mit uns unterhalten würde. In solchen Situationen sagt man „gerne ein andermal“ – doch so oft trifft man sich nicht wieder. Dennoch akzeptierten wir die Einladung und wurden durch das Dorf zu einem Gebäude geführt. Das Treppenhaus war an der Aussenseite noch im Rohbau und die Geländer auf der Terrasse fehlten – die Aussicht über das Einsatzgebiet war jedoch eindrücklich. Der Mann gab uns anschliessend einen Einblick in seine Geschichte und sprach über die Probleme im Dorf. Er erzählte uns von seiner Angst, dass seine Liebsten krank werden und er sich die Behandlung im Krankenhaus nicht leisten könne. Weiter erläuterte er die Probleme mit der Wasserversorgung und dass es zwar eine Quelle am Dorfrand gäbe, man aber einfach hoffe, dass dieses sauber genug zum Trinken sei. Er erwähnte, dass er jahrelang in Dubai gearbeitet hätte, aber nun sein Lohn auf einem Bankkonto liege, von welchem er kaum Geld abheben könne. Und wenn zu wenig Essen da sei, versuche man mit Kräutern aus der Natur die Speisen nach mehr aussehen zu lassen. Dennoch: Trotz all diesen Widrigkeiten und schwierigen Lebensumständen, mit denen die lokale Bevölkerung konfrontiert ist, durfte ich bisher auf all meinen Patrouillen eine grosse Gastfreundschaft erleben. Zu einem Kaffee und einem kurzen Gespräch wird man noch so gerne eingeladen und, wenn möglich, gibt es Früchte dazu.
Welches sind die grössten Herausforderungen im Libanon?
Das politische System des Libanons befindet sich zurzeit in einem Krisenmodus: Seit mehreren Jahren scheitert die Wahl eines neuen Präsidenten und es gelang auch nicht, eine neue Regierung zu bilden. Dies führt zu einem grossen Machtvakuum, welches auch den Sicherheitsapparat des Libanons betrifft und von diversen Gruppen im Land ausgenutzt wird. Insbesondere der Raketenangriff Anfangs April 2023 hat aufgezeigt, dass es Akteure vor Ort gibt, die noch immer gegen Israel vorgehen und damit einen längerfristigen Frieden verhindern wollen. Solange solche Angriffe keine Toten fordern, bleibt es bei relativ niederschwelligen Reaktionen von Seiten Israel. Die Reaktionen, die ich aus der Bevölkerung erhalte zeigen auf, dass man sich eine friedliche Lösung wünscht und eine gewisse Angst vor einer Eskalation vorhanden ist. Daneben besteht im Libanon eine enorme Inflation. Als ich im Juni 2022 eintraf, lag der offizielle Wechselkurs für 1 USD bei 1500 libanesischen Pfund (LBP). Inoffiziell wurde der Kurs jedoch bereits mit 28’000 LBP gehandelt. In der Zwischenzeit ist die Währung weiter zusammengebrochen auf rund 100’000 LBP für 1 USD. Die Ersparnisse der lokalen Bevölkerung lösen sich damit praktisch in Luft auf und treibt sie in die Armut. Der Zerfall der Währung bewirkt daher grössere Unruhen, die auch einen Einfluss auf die tägliche Arbeit der Teams haben, sich auf die allgemeine Sicherheitslage auswirken und damit von uns stets beachtet werden müssen.
Quelle: Schweizer Armee
Bildquelle: Schweizer Armee