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Corona-Impfstoffe «moralisch akzeptabel»
Die Covid-19-Impfung führt in sehr religiösen Gemeinschaften zu ungeahnten Diskussionen. Hintergrund bilden beispielsweise Zelllinien abgetriebener Föten oder der fälschlicherweise angenommene Einsatz tierischer Bestandteile.
Von Andreas Krummenacher
Die vatikanische Glaubenskongregation bezeichnet die Nutzung von Impfstoffen gegen das Coronavirus kurz vor Weihnachten als «moralisch akzeptabel». Papst Franziskus hatte diese Erklärung gebilligt. Es gab offenbar katholische Patient*innen, die bei der US-Bischofskonferenz Bedenken angemeldet hatten. Hintergrund ist, dass bei der Entwicklung und Produktion des Impfstoffs Zelllinien von in den 1960er-Jahren abgetriebenen Föten zum Einsatz kamen.
Abtreibung, Impfung, Verantwortlichkeiten
Die Glaubenskongregation schreibt, dass alle Impfstoffe genutzt werden dürfen, «die als medizinisch sicher und wirksam anerkannt sind». Lasse man sich impfen, bedeute das ausserdem in keiner Weise, dass man sich «formell an Abtreibung» beteilige.
Das Hauptargument der Glaubenskongregation ist die «differenzierte Verantwortlichkeit». Das wurde schon früher, etwa in der Instruktion «Dignitas Personae» aus dem Jahr 2008, festgehalten. Die Zelllinien seien «ungerechten Ursprungs». Aber jemand, der über die Ausrichtung der Produktion in einer Pharmafirma entscheide, habe eine andere Verantwortung als jemand, der keine Wahl habe und sich nicht für den einen oder anderen Impfstoff entscheiden könne.
Dort, wo keine «ethisch einwandfreien» Impfstoffe zur Verfügung stünden, sei es «moralisch akzeptabel», diejenigen einzusetzen, zu deren Vorgeschichte abgetriebene Embryone gehörten. Das gelte vor allem angesichts einer «ernsten Gefahr wie der anders nicht aufzuhaltenden Verbreitung eines Krankheitserregers».
Die Verwendung von abgetriebenen Föten für die Forschung werde mit dieser Erklärung nicht gebilligt. Eindringlich wird daran appelliert, «ethisch akzeptable Impfstoffe zu entwickeln, die keine Gewissensprobleme aufwerfen können».
Impfempfehlung
Eine Impfung müsse immer freiwillig sein, so die Verantwortlichen der Glaubenskongregation. Allerdings sei um des Gemeinwohls willen «eine Impfung angezeigt, vor allem zum Schutz der Schwächsten und Exponiertesten, wenn es keine anderen Mittel gibt, um die Epidemie zu stoppen».
Weihnachtsbotschaft des Papstes: Impfung für die Ärmsten
In seiner Weihnachtsbotschaft am 25. Dezember rief Papst Franziskus zu Geschwisterlichkeit auf. Zum Schutz vor einer Verbreitung des Coronavirus spendete der Papst den Segen «Urbi et Orbi». «Wir sitzen alle im gleichen Boot. Jeder Mensch ist einer meiner Geschwister», betonte das Oberhaupt der katholischen Kirche.
Eindringlich forderte er Solidarität gegenüber den schwächsten Personen, den Kranken, den Arbeitslosen und den Menschen, die sich aufgrund der Folgen der Pandemie in grossen Schwierigkeiten befinden. Der Impfstoff sei hier ein «Licht der Hoffnung», wenn er für alle verfügbar sei. «Die Gesetze des Markts dürfen nicht über den Gesetzen der Gesundheit und der Menschlichkeit stehen», mahnte der Papst. Bei der Entwicklung der Impfstoffe sei Zusammenarbeit und nicht Konkurrenz notwendig.
Islam: Impfstoff ist «halal»
Unterdessen entflammte in Teilen der muslimischen Gemeinden in Grossbritannien eine Debatte, ob die Impfstoffe «halal» seien, also nach islamischem Recht erlaubt. In der Vergangenheit gab es hier Verwirrung über die Inhaltsstoffe. Im Islam steht dabei im Vordergrund, dass in Impfstoffen keine tierischen Bestandteile, insbesondere von Schweinen, enthalten sein dürfen.
Der National Health Service – Grossbritanniens staatliche Gesundheitsbehörde – teilte darum unlängst über Twitter mit: «Der Covid-19-Impfstoff von Pfizer/Biontech ist für Sie geeignet, auch wenn Sie aus kulturellen oder religiösen Gründen kein Schweinefleisch essen, denn er enthält keine tierischen Bestandteile.»
Verschiedene muslimische Rechtsgelehrte in Grossbritannien, der «Islamic Religious Council of Singapore» und weitere Organisationen veröffentlichten daraufhin Erklärungen, wonach der Covid-19-Impfstoff «halal» sei. Der Tenor dabei ist ausserdem, der Islam ermuntere zu «Anstrengungen zum Schutz des menschlichen Lebens vor jeder Form der Gefahr und des Schadens, wie der Entwicklung von Impfstoffen».
Impfskepsis unter orthodox-jüdischen Gemeinschaften
In Israel liessen sich bereits zehntausende Menschen impfen. Verschiedene angesehene und einflussreiche Rabbiner taten das sogar öffentlichkeitswirksam. Fast alle orthodoxen Rabbiner ermutigen ihre Gemeinden, den Ärtz*innen zu vertrauen und sich impfen zu lassen.
Eine kleine, aber durchaus einflussreiche, Gruppe von sogenannt ultra-orthodoxen Rabbinern ist jedoch gegenüber Impfungen sehr skeptisch, die Impfstoffe wurden auch schon als «Schwindel» bezeichnet.
Ausserdem kursieren hier, ähnlich wie in den muslimischen Gemeinschaften Grossbritanniens, Verschwörungstheorien, wonach der Covid-19-Impfstoff die DNA von Affen, Ratten und Schweinen enthalte – alles Dinge, die nach den koscheren Speisegesetzen nicht konsumiert werden dürfen.
Die Zeit des Nationalsozialismus wirkt nach
Ein weiterer Grund für die impfkritische Haltung ist laut der Times of Israel das grundsätzliche Misstrauen gegenüber Regierungen. Die Erinnerung an jahrhundertelange antisemitische Politik, vor allem in Europa, ist in diesen Gemeinschaften fest verankert. An Jüdinnen und Juden wurden beispielsweise in der Nazizeit grausame medizinische Experimente vorgenommen. Daher das Zögern von sehr religiösen Gemeinschaften, auch heute mit Regierungen im medizinischen Bereich zusammenzuarbeiten.
Es gibt nun einflussreiche Persönlichkeiten in Israel und den USA, welche die Ungefährlichkeit der Impfstoffe betonen und auch die sehr frommen Menschen der jüdischen Gemeinden auffordern, sich impfen zu lassen. Gemäss der Jerusalem Post sagte der sephardische Oberrabbiner von Israel, Yitzhak Yosef, der Covid-19-Impfstoff sei nach jüdischem Recht, zum Schutz der Menschen und der Gemeinschaft, obligatorisch.
Die Verwendung von Fetalgewebe für die Impfstoffentwicklung ist nicht ungewöhnlich. Für den Covid-19-Impfstoff der Universität Oxford und des Pharmaunternehmens Astrazeneca beispielsweise wurden geklonte Zellen verwendet, die der Niere eines Fötus entstammten, der 1973 abgetrieben worden war. Heutzutage werden längst nicht mehr die Originalzelllinien verwendet. Sie werden stetig reproduziert und eingefroren.
Das Paul-Ehrlich-Institut, das deutsche Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, teilt gegenüber dem Faktencheck der Rheinischen Post mit, dass es nicht so sei, «dass immer wieder neue Föten benötigt werden, um Impfstoffe produzieren zu können. Und es wurde niemals ein Fötus mit dem Ziel abgetrieben, als Ausgangsmaterial für die Impfstoffproduktion zu dienen.»
- Pfarrblatt / Angelus