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Fusionieren, entlassen, konzentrieren - oder sich erfolgreich in eine Nische kuscheln: Auch die niederländischen Zeitungen kämpfen ums Überleben, die grossen wie die kleinen. Während im Jahr 2000 die Auflage aller Zeitungen im Land noch 4,4 Millionen Exemplare betrug, liegt sie heute bei unter vier Millionen. Die jüngste Reaktion auf die Zeitungsflaute ist die Megafusion des «Algemeen Dagblad» (400000 Auflage) mit sieben Regionalzeitungen.
In den Niederlanden gibt es etwa 200 Magazine, darunter auch zwei linke Wochenzeitschriften. Am ehesten mit der WOZ vergleichen lässt sich «De Groene Amsterdammer» (Der grüne Amsterdamer). Das farbige Magazin, das anfänglich unter dem Namen «De Amsterdammer» erschien, gehört mit dem Gründungsjahr 1877 wohl zu den Dinosauriern innerhalb der linken Medien weltweit. 48 Seiten dick ist «De Groene» mit einem Inserateanteil von etwa zehn Prozent. Herausgegeben wird er von einer Aktiengesellschaft, deren Anteile eine firmeneigene Stiftung hält, was eine unfreundliche Übernahme verhindert. Die Auflage beträgt 14000 Exemplare, davon werden 2000 am Kiosk verkauft. «Wir leben von den Aboeinnahmen, sagt Hubert Smeets, seit 2003 Chefredaktor. Von Finanzkrisen will der Chef von sechzehn MitarbeiterInnen nichts wissen. Vielleicht hat das damit zu tun, dass die LeserInnen jeweils an Weihnachten eine grosszügige Spende überweisen. «Und weil wir schlechte Löhne bezahlen», so Smeets. Üblich bei «De Groene» sind rund 1500 Euro monatlich, das ist nur die Hälfte dessen, was etwa das Konkurrenzblatt «Vrij Nederland» bezahlt.
«De Groene Amsterdammer» unterscheidet sich laut Smeets vor allem in vier Punkten von «Vrij Nederland», dem anderen linken Wochenmagazin: «Wir haben weniger persönliche Geschichten und bieten weniger Leserservice. Dafür bringen wir mehr Auslandsgeschichten und mehr Kunst und Kultur.» Ausserdem sei man stärker journalistisch als kommentierend ausgerichtet. Die Probe aufs Exempel anhand der ersten Ausgaben im Juni (nach dem französischen und dem niederländischen Nein zur EU-Verfassung) zeigt: Beide Magazine befassten sich intensiv mit der EU-Krise, und beide füllen etwa ein Viertel ihrer Seiten mit Kulturtipps und Buchbesprechungen. Zudem sind beide Blätter nicht in die klassischen Ressorts Inland, Ausland und so weiter aufgeteilt, Wirtschaftsthemen sucht man vergeblich. «De Groene» ist zwar in dieser Ausgabe nicht stärker auf Kultur- und Auslandthemen ausgerichtet als «Vrij Nederland», setzt jedoch vielseitiger innenpolitische Themen. Insgesamt ist «De Groene» ästhetischer, intellektueller und kritischer als ihre jüngere Schwester.
Auch «Vrij Nederland» (Freie Niederlande) ist ein Produkt mit Tradition. Von den wöchentlich 50000 verkauften Exemplaren gehen 12000 direkt am Kiosk weg, der Rest ist abonniert. «VN entstand 1940 aus der Widerstandsbewegung gegen die Nazis heraus und wurde von liberalen Protestanten und Sozialisten gegründet», sagt Emile Fallaux, seit März 2005 Chefredaktor. Nach dem Krieg seien die Protestanten schliesslich abgewandert und hätten mit «Trouw» (Vertrauen) eine eigene Zeitung gegründet.
Seinen Höhepunkt erreichte VN laut Fallaux vor allem in den siebziger Jahren, als die niederländische Politik stark polarisiert war: Die Auflage erreichte in jener Zeit bis zu 120000 Exemplare. «Mitte der achtziger Jahre begann schliesslich der Niedergang der Linken und damit auch der linken Medien», sagt Fallaux. Die politische Schwäche habe, so der Chefredaktor, bis vor etwa drei Jahren angehalten; seither gewinnen die linken Parteien wieder kräftig neue Mitglieder.
Nach verschiedenen Identitätskrisen sei die Lage heute stabil. Allerdings brauche es eine neue Strategie, denn: «VN wird vorwiegend von einer älteren, gut ausgebildeten Leserschaft gelesen.» Sprich: Es fehlen die jungen LeserInnen.
Seit den siebziger Jahren gehört die ehemalige Widerstandszeitschrift zur niederländischen Verlagsgruppe WPG Uitgeverij. Auch hier wacht eine firmeneigene Stiftung über die WPG-Anteilsscheine und damit über die Unabhängigkeit des Unternehmens. «VN war das erste Produkt des Verlages und ist deshalb auch heute noch die Seele des Unternehmens», sagt Fallaux. «Niemand zwingt uns, grosse Gewinne zu erwirtschaften.»
Dies ist der elfte Beitrag unserer Serie "Linke Medien in Europa". Bisher erschienen Texte zu
Frankreich, Österreich, Dänemark, der Türkei, Norwegen, Polen, Italien, Britannien, Griechenland und Deutschland.