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Letzte Aktualisierung 14. Mai 2021.
Kommentar
Der Soziologe und Systemtheoretiker Niklas Luhmann hat in «Gesellschaft der Gesellschaft» eine Theorie der Medienepochen skizziert, die sein Schüler Dirk Baecker in «Studien zur nächsten Gesellschaft» und in «4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt» weiter ausgearbeitet hat. Die Theorie der Medienepochen geht davon aus, dass sich mit der Einführung eines neuen Verbreitungsmediums die Struktur- und Kulturform der Gesellschaft verändern und sich die Gesellschaft in einem evolutionären Prozesse reformiert. Auch Medientheoretiker wie Marshall McLuhan und Friedrich Kittler haben sich mit Medienepochen auseinandergesetzt. Im Unterschied zu Luhmann und Baecker haben sie Medien jedoch als eine Ausweitung der menschlichen Sinne, und nicht als Mittel der gesellschaftskonstituierenden Leistung von Kommunikation interpretiert und untersucht.
Während Luhmann und Baecker Verbreitungsmedien aus einer systemtheoretischen Perspektive betrachten, nähert sich ihnen Kittler in der Tradition von McLuhan aus einer spezifischen medienwissenschaftlichen Perspektive. Diese unterschiedlichen Sichtweisen haben, wie Rudolf Maresch in seinem Artikel «Kommunikation – Medien – Macht» aufzeigt, Implikationen auf die Art und Weise, wie Kommunikations- und Informationssysteme beobachtet und beschrieben werden.
Der medienwissenschaftliche Ansatz nimmt die technische Materialität von Kommunikation in den Fokus und erkundet aus dieser Perspektive den kulturellen Wandel in der Zeit (Kittler: «Medien bestimmen unsere Lage.») Der systemtheoretische Ansatz indes klammert die technische Materialität der Kommunikation aus und beobachtet stattdessen aus einer übergeordneten Perspektive (Beobachtung zweiter Ordnung), wie Struktur- und Kulturformen die exzessiven Möglichkeiten von Kommunikation einschränken und wie (Massen-)Medien die Welt beobachten, Wirklichkeit konstruieren und erzeugen (Luhmann: «Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.»).
Nach Maresch teilen die zwei Ansätze mit der Kybernetik einen gemeinsamen Ausgangspunkt, auf den sie sich noch immer beziehen. Die Wurzeln der modernen Kybernetik liegen in der Zeit des zweiten Weltkriegs, als sich Wissenschaftler mit dem Problem der automatischen Zielerfassung bei der Flugabwehr befassten. Dabei wurden mathematische Kommunikationskalküle entwickelt, die mal das Verhalten des Menschen (Norbert Wiener) und mal die Bewegung von Maschinen (Claude E. Shannon) vorhersagen sollten (vgl. Stefan Betschon: «Die Erfindung der Rauschens»). Maresch kommentiert seine «historische Genealogie von Feuerleitsystemen» mit den emphatischen Worten: «An dieser Archäologie unterschiedlicher mathematischer Kommunikationskalküle wird deutlich, warum nicht nur Systemtheorie und Medienwissenschaft unterschiedliche Attribuierungen vornehmen – psychische und soziale Systeme zum einen, Materialitäten und Nachrichtentechniken zum anderen. Und es wird auch deutlich, warum unter den Bedingungen elektronischer Kommunikation die Beziehung zwischen Computerherstellern und Usern als Theorie der Steuerung, Verfolgung und Kontrolle des Users gelesen werden muss, und zwar unabhängig davon, ob es sich dabei um einen Menschen oder eine Maschine handelt.»
Trotz dieses gemeinsamen Ausgangspunktes verweisen die Einlassungen von Maresch auf das zentrale Unterscheidungsmerkmal von Systemtheorie und Medienwissenschaft: Während die technische Materialität in der Systemtheorie bloss ein Mittel der Verbreitung von Kommunikation ist, gilt sie in der Medienwissenschaft als Mittel der Vermachtung von Kommunikation und Gesellschaft. Diese unterschiedlichen Perspektiven, insbesondere die Frage nach Macht und Kontrolle, wiederholen sich gegenwärtig mit Blick auf die Netzwerktheorie.
Gemäss der systemtheoretischen Theorie der Medienepochen hat die Einführung der Sprache zur Strukturform des Stammes und zur Kulturform der Grenze geführt und die tribale Gesellschaft hervorgebracht. Die Einführung der Schrift hat mit der Strukturform der Schicht und mit der Kulturform des Telos die antike Gesellschaft geprägt. Und die Einführung des Buchdrucks und der elektronischen Medien schliesslich steht für die Strukturform der Funktionssysteme und die Kulturform des Gleichgewichts sowie für die Evolution der modernen Gesellschaft (vgl. Luhmann 2015: 405ff, vgl. Baecker 2018: 61ff). Ein zentraler Aspekt dieser Beobachtungsweise ist, dass eine neue Medienepoche die vorangegangenen Epochen nicht restlos verdrängt, sondern diese mit ihrem neuen Verbreitungsmedium sowie der neuen Struktur- und Kulturformen überlagert und dominiert. In den Medienwissenschaften wird diese Beobachtung auch unter dem «Rieplschen Gesetz» diskutiert.
Nach Luhmann lassen sich mit Blick auf die Medienepochen zwei Trends erkennen: «[…] der Trend von hierarchischer zur heterarchischer Ordnung und der Verzicht auf räumliche Integration gesellschaftlicher Ordnung» (2015: 312). An Luhmann anschliessend beschreibt Kittler in «Geschichte der Kommunikationsmedien» die Medienepochen als ein Ausdifferenzierungsprozess der Kommunikationstechniken: «Unter der luhmannschen Prämisse, dass Kommunikationstechniken eine ‹vorrangige, alles andere magnetisierende Epocheneinteilung› leistet, lässt sich plausibel machen, dass der historische Übergang von Mündlichkeit zu Schriftlichkeit einer Entkopplung von Interaktion und Kommunikation gleichkam, der Übergang von Schriftlichkeit zu technischen Medien dagegen einer Entkopplung auch von Kommunikation und Information» (1993: 68). Deshalb sind nach Kittler Kommunikationssysteme und Informationssysteme nicht in jedem Fall gleichzusetzen.
Dirk Baecker betont immer wieder, dass es bei der Theorie der Medienepochen nicht darum gehe, eine Zukunftsprognose zu machen. Vielmehr handle es sich um eine heuristische Hypothese zur Beobachtung der aktuellen Veränderungen in der Gesellschaft. Sie dient also dazu, vor dem Hintergrund angestammter Struktur- und Kulturformen und mit Blick auf ein neues Verbreitungsmedium blinde Flecken zu entdecken und neue Auffälligkeiten zu identifizieren. Diese Irritationen sollen anregen, die anhaltende Reformation der Gesellschaft zu reflektieren.
Verbreitungsmedien, so Baecker, sicherten die Verbreitung von Kommunikation in Raum, Zeit und Gesellschaft. Dazu entwickle die Gesellschaft Strukturen, die die Verwendung dieser Medien an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Bereichen sicherstelle, das heisse sowohl ermögliche als auch einschränke. Denn: «Keine Gesellschaft», präzisiert Baecker, «lässt zu, dass Medien beliebig verwendet werden. […] Strukturelle Bedingungen bewirken, dass diese Medien […] überall, aber überall nur spezifisch eingesetzt werden können» (2018: 27). Das war bei den tribalen Stämmen, der antiken Hochkultur und der modernen Gesellschaft der Fall. Mit Blick auf die zusehends dezentrierten Strukturen (Heterarchie) der heutigen Gesellschaft hält Luhmann fest, dass eine Verlagerung der Funktionsweise der Systeme auf die Ebene der Beobachtung von Beobachtung stattfinde. Dies führe zu einer Auflösung des Vertrauens in feststehende Formen der Reproduktion von Sinn. «Die Gesellschaft», so Luhmann, «scheint dabei zu sein, neue Eigenwerte auszuprobieren, die unter den Bedingungen von Heterarchie und Beobachtungen zweiter Ordnung Stabilität versprechen» (2015: 314).
Nach Luhmann kondensiert im Zusammenwirken aller Kommunikationsmedien das, was wir alltagssprachlich Kultur nennen (2015: 409f). Wobei Kondensierung bedeutet, dass der in Kommunikationen benutzte Sinn durch Wiederholung in verschiedenen Kontexten einerseits derselbe bleibt und dass er andererseits konfirmiert und mit weiteren Bedeutungen angereichert wird. Dies führt dazu, dass durch Kondensierung und Konfirmierung in Kommunikationen ein «Verweisüberschuss von Sinn» produziert wird. Mit der Einführung eines neuen Verbreitungsmediums, so die These, wird die Produktion von Sinnüberschuss so potenziert, dass die Gesellschaft zu dessen Bewältigung neue Kulturformen braucht. Bezüglich deren Analyse vermerkt Luhmann: «Eine strukturelle Analyse der möglichen Kulturformen könnte beim Problem des Vergleichs und der Kontrolle ansetzen. Die Erweiterung der Vergleichs- und Kontrollmöglichkeiten beginnt mit der Schrift und setzt sich über den Buchdruck bis zur heutigen maschinellen Informationsverarbeitung fort».
Weiterführung
These 1: Die mit einer neuen Medienepoche einhergehende Reformation der Gesellschaft betrifft Formen der Semantik, Syntax und Pragmatik.