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Neuromythos Nr. 4: Das Gehirn hat 'kritische Phasen'.
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Das Gehirn hat "kritische Phasen"
Ein gängiger Neuromythos besteht in der Annahme, wichtige Lernprozesse wären daran gebunden, dass sie innerhalb bestimmter Phasen in der Gehirnentwicklung stattfinden, weil sie nach Abschluss dieser Phasen entweder gar nicht mehr oder nur noch unter großen Mühen nachgeholt werden können. Dieser Neuromythos hat keine wissenschaftliche Grundlage und wird von führenden Kognitionswissenschaftlern und Psychologen wie John Bruer, Uta Frith und Sarah Blakemore in detaillierten Abhandlungen zur kognitiven Entwicklung überzeugend widerlegt. Demnach gibt es keinerlei Untersuchungen, die die Existenz von kritischen Phasen in dem Sinne belegen, dass bestimmte Lernprozesse nach Abschluss dieser Phasen gar nicht mehr oder nur noch unter großen Mühen nachgeholt werden können.
Bestenfalls lassen sich in Bezug auf die Entwicklung grundlegender motorischer und sprachlicher Fähigkeiten so genannte "sensible Phasen" nachweisen, in denen manche Lernprozesse – wie zum Beispiel das Identifizieren von Sprachlauten - besonders begünstigt werden. Hingegen gibt es keine Belege dafür, dass es grundsätzlich nicht möglich ist, zum Beispiel eine Fremdsprache auch im Erwachsenenalter noch akzentfrei sprechen zu lernen. Denn selbst wenn dies vielen Personen nicht gelingt, so bleibt es dennoch eine offene Frage, ob Personen mit entsprechend starker Motivation – bei denen zum Beispiel die berufliche Laufbahn davon abhängt – diese Leistung nicht trotzdem erbringen können. Wer hinreichend stark motiviert ist, dem gelingt vielleicht auch dies.
Außerdem ist es wichtig, in diesem Zusammenhang neben der Motivation die Rolle des Vorwissens zu berücksichtigen: Wenn Erwachsene eine Fremdsprache langsamer oder schwieriger lernen als Kleinkinder ihre Muttersprache, dann liegt dies nicht an verpassten kritischen Phasen, sondern vor allem daran, dass die Erwachsenen bereits eine Muttersprache beherrschen und damit über sprachliches Wissen verfügen, das ihnen beim Erwerb einer Fremdsprache manchmal im Wege steht. Sie ziehen auf der Grundlage ihres Wissens von den Regeln ihrer Muttersprache falsche Schlüsse und machen daher in der neuen Fremdsprache Fehler, die Kinder, denen dieses sprachliche Vorwissen fehlt, niemals machen würden. In diesen Fällen interferiert also bei den Erwachsenen das neue mit dem alten sprachlichen Wissen.
Hingegen gibt es in Bezug auf solche Inhalte, die Gegenstände des schulischen Lernens sind, noch nicht einmal sensible Phasen. Diese Inhalte sind nämlich in evolutionärer Perspektive einfach noch zu jung, als dass sich unser Gehirn durch genetisch festgelegte Entwicklungsprogramme auf den Erwerb dieser Inhalte hätte vorbereiten können. Deshalb müssen wir in die Schule gehen, um diese Kenntnisse zu erwerben, und können sie nicht einfach beiläufig wie zum Beispiel motorische Fähigkeiten erwerben. Wenn es also darum geht, die Voraussetzungen für das schulische Lernen bestimmter Inhalte zu beschreiben, dann geht es dabei nicht um kritische oder sensible Phasen in der Gehirnentwicklung, sondern um Wissensvoraussetzungen: Welche Grundbegriffe und Zusammenhänge muss jemand bereits verstanden haben, damit er einen bestimmten neuen Inhalt verstehen kann? Welche Misskonzepte sind in diesem Zusammenhang verbreitet und könnten das Verstehen des neuen Inhalts erschweren? Gute Lehrpersonen wissen, dass die Kenntnis solcher Wissensvoraussetzungen und Fehlvorstellungen dasjenige ist, was für die erfolgreiche Vermittlung von Inhalten entscheidend ist.
Literatur:
- John Brewer (2003). Der Mythos der ersten drei Jahre. Beltz-Verlag
- Sarah J. Blakemore & Uta Frith (2006). Wie wir lernen. Was die Hirnforschung darüber weiß. DVA