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ES WAR EIN EXPERIMENT ganz nach dem Geschmack der Boulevardpresse. «Kommandiert von einer drallen schwedischen Blondine, beendete am Montag ein Floss mit einer Gruppe von halbnackten Männern und Frauen in Bikinis, die hundert Tage das ‹Gruppen- und Sexualverhalten› studiert hatten, seine 5000-Meilen-Odyssee über den Atlantik.» So beschrieb die Presseagentur UPI am 20. August 1973 die Ankunft der Arche Acali in der mexikanischen Hafenstadt Cozumel. Es war das Ende des «grössten Gruppenexperiments der modernen Verhaltensforschung». Diesen Titel verlieh der mexikanische Anthropologe Santiago Genovés jedenfalls seiner Idee, mit sechs Frauen und fünf Männern verschiedener Rassen und Religionen auf einem wohnzimmergrossen Floss den Atlantik zu überqueren. Zeitungsleser kannten die Acali vor allem als «das Sexfloss».
Genovés gehörte 1969 und 1970 zur Mannschaft von Ra und Ra II, den Papyrusschiffen des norwegischen Anthropologen Thor Heyerdahl. Wie mit Kon-Tiki wollte Heyerdahl mit diesen Expeditionen seine Thesen über frühe Seereisen anderer Völker belegen. Genovés war dabei klar geworden, was jeder Segler schon immer wusste: «Es gibt keine bessere Versuchsanordnung für das Studium menschlichen Verhaltens, als in einer Nussschale auf dem Meer zu schwimmen.»
Das Floss, das Genovés bauen liess, war zwölf Meter lang und sieben Meter breit. Die Kajüte – ein einziger Raum, in dem alle Teilnehmer schliefen – mass vier mal vier Meter und war nur brusthoch. Er wollte kein schnittiges Schiff, sondern eine schwimmende Insel, die träge dahintreibt. Darauf versammelte er elf Versuchskaninchen: die schwedische Kapitänin, eine jüdische Ärztin, einen Fotografen aus Japan, einen griechischen Restaurantbesitzer, einen angolanischen Priester, eine weisse und eine schwarze Amerikanerin, eine Araberin aus Algerien, einen Uruguayer, eine Französin und sich selbst.
Bei der Auswahl der Gruppe hatte Genovés nicht die Harmonie im Auge, die Mischung sollte im Gegenteil möglichst explosiv sein. Bewusst vergab er die wichtigsten Posten – Kapitän und Bordarzt – an Frauen. Er achtete darauf, dass möglichst viele Teilnehmer verheiratet waren und Kinder hatten und dass viele Rassen und Religionen vertreten waren.
Am 13. Mai 1973 stach die Acali von Las Palmas auf den Kanarischen Inseln aus ins Meer. Kurz zuvor hatte Genovés die Schlafpositionen in der engen Kajüte bekanntgegeben: In zwei Reihen lagen abwechselnd Mann und Frau. Man warf ihm sofort vor, er hätte sich zwischen die zwei hübschesten Frauen gelegt. Später beklagte er sich darüber, dass die Leute vor allem der sexuelle Aspekt des Experiments interessierte.
Genovés füllte während der 101-tägigen Reise über tausend Seiten mit seinen Beobachtungen zum Leben an Bord. Die Teilnehmer nahmen sich 46 Fragebogen vor. Sie gaben 8079 Antworten zu den Beziehungen an Bord, ihrem Sexualverhalten, zu Religion, Aggression und Moral.
Am Anfang herrschte Zurückhaltung. Niemand gab sich eine Blösse. Am schnellsten schwand die Scham davor, vor aller Augen die Freilufttoilette zu benutzen. Nach vierzehn Tagen konnte man sich mit allen unterhalten, während sie ihr Geschäft verrichteten. Bei der Arbeitsaufteilung an Bord kam es zu ersten Reibereien. Der Kommandoton von Kapitänin Ingrid wurde schlecht vertragen. Aischa, die Algerierin, drückte sich vor der Arbeit und bekam den Spitznamen «die Touristin». Fast alle ärgerten sich über die übertriebene Körperpflege der Französin Sofia, die morgens bis zu einer Stunde brauchte, um sich fertigzumachen. Der Priester strömte einen fast unerträglichen Schweissgeruch aus. Genovés machte ihn darauf aufmerksam, worauf er sich dreimal pro Tag von Kopf bis Fuss wusch.
Nach 14 Tagen fragte sich Genovés: «Wie weit ist das mit dem Sex auf dem ‹Sexfloss›?» Und gab die Antwort gleich selbst: «Nicht sehr weit.» Einer der sechs Gründe, die er dafür anführte, lautete: «Einige sind noch seekrank und müssen sich übergeben. Nicht sehr verführerisch.» Der japanische Fotograf Komico und die Amerikanerin Ana hatten sich offenbar angenähert. Das glaubte Genovés bei Mondschein in der Kajüte gesehen zu haben. Er selbst ging eine intime Beziehung mit Sofia ein. Nach einem Monat herrschte auf dem Floss eine «freizügige und gesunde, aber platte Kumpanei», schreibt Genovés in sein Tagebuch.
Fragebogen Nummer 5 brachte Bewegung. Er enthielt Fragen wie: «Was stört dich auf der Acali am meisten? Was magst du an dir und deinen Mannschaftskameraden am liebsten? Am wenigsten? Möchtest du eine neue Platzverteilung in der Kajüte? Wenn ja, neben wem möchtest du liegen? Neben wem nicht? Mit wem würdest du gern schlafen, wenn es keinerlei Hemmungen gäbe?» Alle wollten die Ergebnisse wissen. Danach wurde eine neue Platzverteilung in der Kajüte beschlossen.
Am 13. Juni brach ein Ruderblatt der Acali. Genovés sprang trotz den vielen Haien ins Meer, um sich den Schaden anzusehen. Plötzlich wussten alle, was sie zu tun hatten. «Müssen erst lebensgefährliche Situationen entstehen, damit die Mannschaft zusammenhält?» fragte sich Genovés. Das Ruder konnte ersetzt werden.
Nach sieben Wochen schlug Ana vor, das Wahrheitsspiel zu machen: Jeder stellt einer Person seiner Wahl schriftlich vier Fragen, die dann anonym verlesen und vor der ganzen Gruppe beantwortet werden. Genovés wurde zum Beispiel gefragt: «Wenn du auf Reisen bist, hat deine Frau dann auch aussereheliche Beziehungen?» Seine Antwort: «Ich glaube nein, aber ich weiss es nicht.» – «Emiliano: Würdest du gern mit einer Frau schlafen?» – «Wenn jemand mich wirklich liebhätte, wäre ich nicht abgeneigt.» – «Antonio: Wie kann man nur so falsch sein wie du?» – «Ich finde nicht, dass ich falsch bin.»
Nach zwei Monaten wollte Genovés mit Schockfragen testen, wie die Teilnehmer auf einen gezielten Verstoss gegen Konventionen reagieren: «Sollen wir: einen ganzen Tag nackt bleiben? Sechs dafür, fünf dagegen. – eine Art Fest veranstalten, auf dem jeder mit jedem schläft? Vier dafür, die übrigen dagegen. – Pärchenbildung verhindern? Zwei dafür, die übrigen dagegen. – den Status quo beibehalten? Zwei dafür, sechs dagegen, drei Enthaltungen.
Nach dreizehn Wochen schlugen die beiden Amerikanerinnen vor, fünf Nächte einen Mann und eine Frau für jeweils eine Stunde allein in der Kajüte zu lassen. Der Vorschlag wurde abgelehnt, aber Genovés erkannte das Bedürfnis, sich hin und wieder abzusondern, und regte an, jeweils fünf zugeloste Pärchen könnten sich eineinviertel Stunden an den fünf Orten auf dem Floss treffen, die nicht einsehbar sind. Eine erwartungsvolle Stimmung machte sich breit. Nach den Treffen ging es auf dem Küchendeck recht vulgär zu und her: Es war die Zeit der Zoten und anzüglichen Bemerkungen. Genovés schrieb: «Ich bin etwas deprimiert. Mit dem geistigen Niveau auf dem Floss geht es bergab.»
Danach überschlugen sich die Ereignisse: Der Japaner Komico wollte über Bord springen. Er fand seine Bilder schlecht, konnte sich mit den anderen nicht richtig verständigen und wurde von seiner Liebe, Aischa, verschmäht. Zur selben Zeit rammte ein Frachter fast die Acali, und Genovés litt an einer Blinddarmentzündung. Wie in früheren Krisensituationen funktionierte die Gruppe wieder besser. Der Blinddarm heilte. Zwei Wochen später lief die Acali in Cozumel ein, wo alle Teilnehmer sofort isoliert und von bewaffneten Sicherheitsleuten im Hotel bewacht wurden. Eine Woche lang mussten sie Tests von Psychiatern, Psychologen und Medizinern über sich ergehen lassen.
Die Resultate dieser Nachuntersuchungen sind dürftig. Und auch wenn Genovés es anders darstellt: dasselbe gilt für das ganze Experiment. Im Buch «Acali», das 1975 erschien, deutet er alle Ereignisse an Bord so, dass sie zu seiner Weltsicht eines fast ausschliesslich von der Kultur geprägten Menschen passen. Er will an Bord den neuen Menschen gefunden haben, «frei von schicksalhaftem Territorialgebaren, aggressiven oder sadistischen Regungen». Was die Sexualität betrifft, schloss Genovés: «Es gibt keinen angeborenen Geschlechtstrieb, der die anscheinende Notwendigkeit, sexuelle Beziehungen zu haben, hinreichend erklärt.»
Genovés’ Experiment wurde hart kritisiert. Schon während der Überfahrt hatten sich seine Kollegen an der Universität davon distanziert. Viele fanden es unstatthaft, dass er die Teilnehmer vor der Reise eine Vereinbarung unterschreiben liess, die ihn berechtigte, das erarbeitete Material, «auch dort, wo es intimen Charakter hat», zu verwerten. Im Buch über das Experiment benutzte er zwar nicht die richtigen Namen, doch es ist reich bebildert, und die Teilnehmer sind leicht zu erkennen, zudem tauchen die richtigen Namen in Zeitungsartikeln auf.
Auch nahm Genovés an Bord eine widersprüchliche Rolle ein. Einerseits wollte er nicht der Anführer sein. Es ging ihm ja darum herauszufinden, was geschehen würde, wenn sich diese gemischte Mannschaft zusammenraufen musste. Andererseits machte er den Teilnehmern Vorwürfe, wenn sie in den Tag hinein schliefen oder das von ihm verlangte Tagebuch nicht führten.
Doch die Kritik perlte an Genovés ab. Er hielt sein Experiment für einen grossen Beitrag zum Zusammenleben der Menschen. Ein Vierteljahrhundert später erfanden schlaue Fernsehmacher Realityshows wie Expedition Robinson oder Big Brother, die dem Experiment auf der Acali aufs Haar glichen. Diese Entwicklung hätte Genovés vorhersehen können: Bereits die Acali wurde von einer mexikanischen Fernsehstation mitfinanziert.
Vor dreissig Jahren überquerte der Soziologe Santiago Genovés mit zehn Leuten den Atlantik.
ES WAR EIN EXPERIMENT ganz nach dem Geschmack der Boulevardpresse. «Kommandiert von einer drallen schwedischen Blondine, beendete am Montag ein Floss mit einer Gruppe von halbnackten Männern und Frauen in Bikinis, die hundert Tage das ‹Gruppen- und Sexualverhalten› studiert hatten, seine 5000-Meilen-Odyssee über den Atlantik.» So beschrieb die Presseagentur UPI am 20. August 1973 die Ankunft der Arche Acali in der mexikanischen Hafenstadt Cozumel. Es war das Ende des «grössten Gruppenexperiments der modernen Verhaltensforschung». Diesen Titel verlieh der mexikanische Anthropologe Santiago Genovés jedenfalls seiner Idee, mit sechs Frauen und fünf Männern verschiedener Rassen und Religionen auf einem wohnzimmergrossen Floss den Atlantik zu überqueren. Zeitungsleser kannten die Acali vor allem als «das Sexfloss».