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Wale sind für viele Besucher der Arktis ein absolutes Highlight. Und auch in Grönland werden die grossen Meeressäuger mittlerweile eher mit dem Fotoapparat als mit der Harpune gejagt, da man den wirtschaftlichen Wert von Whalewatching-Touren erkannt hat. Doch leider gilt das nicht für ganz Grönland. Denn eine Studie eines internationalen Teams hat herausgefunden, dass mehr Wale ein schlechtes Zeichen für den Südosten der Insel bedeutet… und auch mehr Konkurrenz für die dortigen Bewohner.
Mehr Sichtungen und Fänge von Buckelwalen, Finnwalen, Orcas, Grindwalen und Delfinen entlang der Südostküste, das Abwandern von Narwalen und Belugas weiter nach Norden und eine Verschiebung der grossen Lodden-Schwärme, eine wichtige arktische Fischart, weiter nach Norden sind die Ergebnisse einer Untersuchung von Dr. Mads Peter Heide-Jørgensen vom grönländischen Institut für Natürliche Ressourcen und einem internationalen Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Ausserdem verzeichnete man einen fast kompletten Verlust von Packeis im Sommer, eine Erwärmung des Ostgrönlandstromes entlang der Küste und damit auch ein Rückgang der Eismengen durch die Framstrasse. «Die Küsten- und Schelfökosysteme von Südostgrönland sind in ein neues Gleichgewicht eingetreten, wie es in dieser Region wahrscheinlich seit mindestens 200 Jahren nicht mehr beobachtet wurde», schreibt das Team. «Bedingungen, die früher vorherrschend waren, sind jetzt selten, was darauf hindeutet, dass ein Kipppunkt in Bezug auf die sommerliche Eisbedeckung überschritten wurde und ein neuer Zustand mit offenem Wasser im Sommer erreicht wurde.» Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Global Change Biology gestern veröffentlicht.
Für ihre Studie analysierte das Forschungsteam die Fang- und Beobachtungsstatistiken über Meeressäuger und Fische in der Region der letzten 20 Jahre und verglichen sie mit historischen Daten. Ausserdem untersuchten sie die hydrographischen und ozeanographischen Parameter wie Wassertemperatur und Salzgehalt der verschiedenen Meeresströmungen, die im Südosten von Grönland zusammenkommen. Zusammen mit den Daten über Packeisbildung und -schmelze und der Menge an Eis, das aus dem Norden Grönlands durch die Framstrasse transportiert wird, erhielten Heide-Jørgensen und sein Team eine detaillierte Sicht auf den Zustand der Region. Die Daten zeigten, dass die Region mittlerweile seit Jahrzehnten keine Packeisdecke mehr im Sommer aufgewiesen hatte und dies mit dem Rückgang des Eistransportes aus dem Norden und dem Eindringen von wärmeren Wassermassen aus dem Süden zusammenhängen muss.
In Verbindung mit den wärmeren Wassermassen veränderte sich auch die Artenzusammensetzung der Fischfauna in der Region. Die bisher kälteliebenden arktischen Arten wie Polardorsch und Lodde weiter nach Norden und nach Westen an die Küste von Ostgrönland und weniger fettreiche und nahrhafte Arten wanderten ein. Den Polarfischen folgten die arktischen Meeressäuger wie Robben, Narwale und Belugas, da sie auf fettreiche Nahrung angewiesen sind. Dafür wurden andere Walarten immer häufiger gesichtet. Dazu zählen grosse Ansammlungen an Buckelwalen, Finnwalen und auch Orcas. Sogar eher temperate Arten wie Grindwale wurden plötzlich häufiger gesichtet.
Die Studie untersuchte auch die Konsequenzen der häufigeren Walsichtungen. Denn die Tiere sind vor allem hinter den Fischen her und stellen damit eine Nahrungskonkurrenz zur lokalen Fischerei dar. Tatsächlich zeigen die Daten, dass die neuen Einwanderer zusammen rund 750’000 Tonnen Fisch und etwa 1.5 Millionen Tonnen Krill fressen und damit nicht nur für die lokale Fischerei, sondern auch für die arktischen Verwandten eine grosse Nahrungskonkurrenz bilden. Zusammen mit den sich veränderten Umweltfaktoren könnte diese zusätzliche Konkurrenz für einen Zusammenbruch der bekannten Nahrungsnetze in der Region sorgen und für die Bildung eines neuen Zustandes, in welchem boreale Arten dominant werden. «Die beobachteten Veränderungen in Südostgrönland zeigen, dass ein Systemwechsel stattgefunden hat und sind wahrscheinlich das erste Signal für ein Szenario, das in der Arktis immer häufiger vorkommen wird», kommen die Autorinnen und Autoren zum Schluss.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal