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Zu früh für Französisch?
Nach den Sommerferien startete mein Sohn in die vierte Klasse und somit ins zweite Jahr Französischunterricht. Vor Schulbeginn fragte ich ihn: «Tu te réjouis que l’école recommence?» Er antwortete: «Hä?» Und ich fragte: «Qu‘ est-ce que tu as appris l’année passée?» Und er sagte: «Non!»
Wir wechselten auf eine Sprache, die er verstand: Bärndütsch. Und der Sohn verriet mir stolz, was er schon alles auf Französisch sagen konnte. Zuerst zählte er absolut fehlerfrei und von eins bis 20. Dann sagte er zwei Sätze: «Je m’appelle Ruedi.» Und: «J’aimerais un bonbon, s’il vous plaît.»
Das wars. Ein Jahr Frühfranzösisch. Zwei Sätze und zwanzig Zahlen. Zugegeben: Ich finde das etwas maigre. Mir ist bewusst, dass der Französischunterricht heute anders ist als vor 25 Jahren. Und ich finde das eigentlich gut so. Denn: Wer ging früher schon gern ins Französisch? Wir konjugierten Verben, lernten Wörtli und kotzten sie am nächsten Tag wieder raus – mitsamt allen aigus, graves und circonflexes. Am Untergymnasium trichterte Madame K. uns Passé composé und Subjonctif ein. Machte das Spass? Non!
War früher alles mieux?
Und hat es was genützt? Nach der Matura und sieben Jahren Franz ging ich nach Montreux und merkte: Je comprends gare – ich verstehe Bahnhof. Früher war also der Unterricht auch nicht unbedingt le jaune de l’oeuf.
Ich stelle fest: Mein Sohn kann nach einem Jahr zwar kaum etwas sagen, aber immerhin geht er gerne ins Französisch. Er mag das Lehrmittel «Mille feuilles» mit den vielen Liedern und lustigen Zungenbrechern («Le ver vert va vers le verre vert»). Und vor allem die Hausaufgaben auf dem iPad.
Aber wenn ich mich im Quartier zum Thema Français umhöre, sehen einige Eltern rouge oder sogar noir. Ein Vater befürchtet, dass der Sohn mit derart bescheidenen Kenntnissen den Übertritt ins Gymnasium nicht schaffen werde. Eine Mutter lernt mit der Tochter jeden Abend Wörtli und Merksätze («Die Milch: le lait, das Bett: le lit – das isch scho immer richtig gsi»). Meistens geht es nicht um die Liebe der Eltern zur Sprache der Liebe, sondern um den Fakt, dass Franz ein Selektionsfach ist. Deshalb bekommen auch kaum Eltern la crise, wenn ihre Kinder schlecht in Musik, Turnen oder NMM sind.
Drei Stunden reichen nicht
Verunsichert rufe ich die Lehrerin an. Eine erfahrene Frau, die mein Kind seit der ersten Klasse in diversen Fächern unterrichtet hat. Mein Sohn, sagt sie, bewege sich etwa im Mittelfeld. Einige Klassenkameraden würden quasi schon alles verstehen, was sie auf Französisch sage. Andere begreifen auch nach einem Jahr nicht, dass ich «schö» heisst. Ihr sei wichtig, dass das Französisch kein Frust sei für die Kinder. «Sie lernen spielerisch, und ich bin mir sicher, dass sie ein Ohr bekommen für die Sprache.» Aber klar: Drei Stunden pro Woche, das sei schon wenig.
In der Begleitbroschüre von «Mille feuilles» ist von einem Sprachbad die Rede. Drei Stunden pro Woche, das reicht höchstens für ein Fussbad. Ist also der Stundenplan das Problem? Oder das Lehrmittel?
Ich rufe Simone Ganguillet an, die im Autorenteam von «Mille feuilles» mitgearbeitet hat. Sie doziert an der Pädagogischen Hochschule Bern unter anderem Fachdidaktik Französisch und sagt, dass man weggekommen sei vom «Verben runterbeten», vom Auswendiglernen. «Wichtig ist beim Französisch, dass man bei den Kindern das Interesse an der Sprache weckt.» Schreiben sei da erst mal weniger wichtig als verstehen und sprechen.
«Unterrichten Sie nicht zu Hause»
Und weil das früher anders war, brauche es einen Perspektivenwechsel. Von den Eltern, die es selber anders gelernt haben. Und auch von den Lehrpersonen. «Ideal wäre, wenn die Lehrperson im Unterricht möglichst nur Französisch spricht. Das braucht Zeit und Geduld, vor allem am Anfang. Zudem müssen die Rahmenbedingungen stimmen, zum Beispiel sollte die Klasse nicht zu gross sein. Ansonsten reichen drei Lektionen nicht.»
Sollen die Eltern also zu Hause nachhelfen? Simone Ganguillet sagt: «Machen Sie keinen Franzunterricht zu Hause. Lassen Sie das Kind besser ab und zu ein französisches Lied hören und stellen Sie sicher, dass es für die Hausaufgaben einen Computer oder ein Tablet nutzen kann. Ihr Kind lernt in der Schule Französisch. Darauf können Sie vertrauen.»
Also durfte der Sohn am Abend eine Weile «Astérix et Cléopâtre» schauen. «Mersi bocu, la mer!», meinte er begeistert. Sie sehen: Ça fonctionne!