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In die Abgründe von Jeff Bezos
Jeff Bezos ist von Beruf Visionär. Er begreift die Welt als gigantisches Lagerhaus voller Konsumgüter mit turmhohen Gabelstaplern und Divisionen willig anpackender Proleten, auf deren Uniformen in roten Buchstaben «Amazon» steht. Sie liefern die Ware mit Drohnen oder sonst wie ferngesteuert aus. Hinter den Lagerhallen parken kolossale Raupen der Marke Caterpillar, mit denen Jeff Bezos herkömmliche Buchläden und Verlage plattwalzt. Er will, dass Amazon alle Buchstaben dieser Erde besitzt.
Mindestens einmal in seinem visionären Leben frühstückte Jeff Bezos im Restaurant Lola in Seattle, wo ein Ei mit Sättigungsbeilage mehr kostet als ein Steak mit Waffeln bei Denny’s in Chicago. An diesem Tag im Jahr 2010 traf Bezos den texanischen Entrepreneur Matt Rutledge, dessen Internetfirma Woot.com der Visionär zum Preis von 110 Millionen Dollar gekauft hatte. Herr Matt vertraute kürzlich einer texanischen Zeitschrift an, dass er zu diesem Frühstück nach Seattle gedüst war, um sich beim Visionär einzuschleimen.
Schliesslich sah der Vertrag vor, dass Herr Matt nach dem Verkauf von Woot.com drei Jahre bei Jeff Bezos arbeiten sollte. Selbstverständlich nicht als Gabelstaplerfahrer oder Plattwalzer. Nein, Herr Matt hoffte, die Visionen des Jeff Bezos würden auf ihn ähnlich abfärben wie jene der Bernadette Soubirous auf die Pilger in Lourdes. Mehrmals aber stiess Herr Matt verbal ins Leere, als er beim Frühstück eine Konversation mit Jeff Bezos ankurbeln wollte. Endlich raffte er sich auf und fragte Jeff Bezos, warum er Woot.com gekauft habe.
Bevor er antwortete, warf der Impresario der globalen Kaufhalle einen Blick auf seinen Teller, auf dem sich eine beträchtliche Anhäufung diverser Viktualien befand: Tintenfisch, Zuckererbsen, Frühlingszwiebeln, Kartoffeln, grüner Knoblauchjoghurt, pochiertes Ei sowie Toast. Jeff Bezos hatte «Toms grosses Frühstück» bestellt, eine Kreation des Besitzers von Lola. Er heisst Tom Douglas und geniesst in Seattle Promi-Status. Aber das nur nebenbei.
Nachdem er sich sattgesehen hatte, beantwortete Jeff Bezos Herrn Matts Frage wie folgt: «Sie sind der Tintenfisch, den ich zum Frühstück esse», sagte er. Und weiter sagte er: «Wenn ich die Speisekarte anschaue, dann sind Sie das Ding, das ich nicht verstehe, das Ding, das ich niemals hatte – ich muss den Tintenfisch zum Frühstück haben.» Herr Matt war platt. Nicht nur, weil Jeff Bezos kannibalische Instinkte anzudeuten schien. Jeff Bezos, der mal dieses, mal jenes Unternehmen zukauft, hatte Woot.com offenbar erstanden, weil er Woot.com nicht besass und nichts von Herrn Matts Geschäftsmodell verstand.
Wunderliche Ansichten taten sich hier auf, ja sogar Abgründe, in die Herr Matt lieber nicht hinabsteigen wollte. Zumal Jeff Bezos für seine scharfe Zunge und kurze Lunte bekannt war. «Sind Sie faul oder einfach ein Stümper?», knurrte er manchmal seine Untergebenen an. Oder er sagte: «Entschuldigung, habe ich heute meine Dummheitspillen genommen?» Oder: «Wenn ich das nochmals höre, muss ich mich umbringen.» Statt nachzubohren oder in den rätselhaften Worten des Jeff Bezos zu schwelgen, schwieg Herr Matt und steckte seine 110 Millionen ein. Trotzdem verwunderte ihn, dass Jeff Bezos Woot.com mit einem toten Oktopus verglichen hatte.
Aber so ist Jeff Bezos eben. Er steckte Millionen in eine Uhr, die einmal jährlich ticken wird. Ihr Kuckuck schaut alle tausend Jahre heraus, ihre Zeiger bewegen sich nur zur Jahrhundertwende. Gewiss ruhen an jenem Tag alle Raupen und Drohnen. Und in den Lagerhallen lesen Roboter auf ihren Kindles die gesammelten Werke des Jeff Bezos.