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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
Gestern waren wir auf einer Hochzeit. Der Mann und die Frau, beide über 50 Jahre alt, haben deutlich unterdurchschnittliche kognitive Fähigkeiten, sind also „geistig behindert“. Der Standesbeamte hatte vorher eine „Ehefähigkeitsbescheinigung“ verlangt, die in die Kategorie „Geschäftsfähigkeit“ eingegliedert sei. Die Neurologen des Paars haben diese Bescheinigung ausgestellt.
Es war vor allem der Wunsch der Frau, einen unvergesslichen Tag in ihrem Leben zu begehen, so wie sie ihn bei anderen Paaren oder im Fernsehen gesehen hatte. Die Beiden sind schon viele Jahre freundschaftlich verbunden und teilen ‒ vor allem am Wochenende ‒ Tisch und Bett.
Es ist schwer zu sagen, was von dem, was der Standesbeamte und der Geistliche mit ihnen besprochen haben, inhaltlich verstanden worden ist. Die kognitiven Fähigkeiten schätze ich bei ihm als etwa ähnlich ein wie sie ein Dreijähriger hat, bei ihr etwa eine Vier- bis Fünfjährige.
Was sie vor allem wussten, war, dass sie laut und deutlich das Wort „Ja“ oder „Ja, ich will“ auszusprechen hatten, und das zum Standesbeamten in einer feierlichen Weise und ebenso in der Kirche auf die jeweilige Frage als Antwort.
Die hervorstechendste Konsequenz aus dieser Eheschliessung ist eine Namensänderung. Die Eheleute haben sich darauf verständigt, dass er künftig ihren Familiennamen führen wird. So muss er als Analphabet, der seine Unterschriften krakelig in Grossbuchstaben tätigt, lange üben, bis er ihren, bzw. dann den gemeinsamen Namen, fehlerfrei und richtig abmalen kann.
Die beteiligten Betreuer, die Organisation, die sich um beide bei ihrer täglichen Lebensführung kümmern, die vom Gericht berufenen gesetzlichen Vertreter und natürlich der Standesbeamte und der Priester haben die Eheschliessung möglich gemacht, und es wurde auch eine Hochzeitsfeier organisiert. Für den Standesbeamten lief es in seiner jahrzehntelangen Praxis das erste Mal in dieser Form mit den Vorbesprechungen ab, zu denen beide ohne Hilfe anderer erschienen, und der Notwendigkeit, einfach und doch verständlich zu argumentieren.
Beide wohnen in einer eigenen Wohnung, mit der erforderlichen und notwendigen Hilfe und Unterstützung, mehr oder weniger selbstständig, und sie gehen auch einer Tätigkeit in einer Werkstätte für behinderte Menschen nach, haben also einen geregelten Tagesablauf. Über eine gemeinsame Wohnung wird von den Verantwortlichen nachgedacht. Gesundheits- und psychische Probleme stehen dieser Entscheidung möglicherweise entgegen.
Wie bei jeder Willensbekundung ist es nur ein kleines Wort. Es sind 2 Buchstaben, die eine Veränderung im Leben bewirken. Das „Ja“ bekräftigt eine positiv gestellte Frage.
2 Buchstaben. Nur selten wird „Ja“ auch als Bestätigung einer negativen Frage ausgesprochen, obwohl es als Zustimmung bei der Frage erforderlich wäre.
„Willst du mich nicht heiraten?“ ‒ „Nein, ich will dich nicht heiraten.“ Der Grundsatz, dass eine verdoppelte Verneinung das Gegenteil aussagt, gilt hier nicht. Die Person will trotz der Verdoppelung nicht heiraten. Die blosse Antwort „ja“ auf eine negative Frage führt im Deutschen zur Verwirrung. Verdoppelt man die Verneinung im Satz: „Ich will nicht nicht heiraten!“, wird daraus wiederum eine Bejahung, die Person will auf jeden Fall heiraten. Es wäre auch möglich, statt des einen „nicht“ ein Synonym einzusetzen: „Ich will keinesfalls nicht heiraten!“
„Yes“ in Verbindung mit „we can“ war der Slogan, mit dem Barack Obama die Wähler überzeugte, ihm seine Stimme zu geben. Dieses „Ja, wir können“ soll zwar eine Willensbezeugung sein, ist aber so nichtssagend wie anonym.
Denn ein „Ja“ hat in der Regel Konsequenzen, ob es im alltäglichen Umgang miteinander ausgesprochen wird, als Bestätigung einer Aussage oder Meinung oder als Bekundung, einen Vertrag eingehen zu wollen. Zu letzterem ist die Geschäftsfähigkeit eine Voraussetzung. Ein 9-jähriger Junge, der „ja“ sagt, wenn ihm jemand ein schnelles Auto zum Kauf anbietet, kann dafür nicht regresspflichtig gemacht werden, falls er die eingegangenen Vertragsverpflichtungen nicht erfüllt. Ein „Ja“ beinhaltet, dass damit möglicherweise Rechte und Pflichten verbunden sind. Dabei den Durchblick nicht zu haben, hat nichts mit einer möglichen kognitiven Beschränkung zu tun, denn wer kennt schon alle Bedingungen beispielsweise bei einem Versicherungsvertrag oder wenn man einen Vertrag für die Nutzung eines Mobiltelefons unterschreibt?
Dabei nehme ich einen Ehevertrag nicht aus. Welche Rechte und Pflichten die Partner vor dem Standesamt eingegangen sind, wird ihnen erst dann bewusst und erfahren sie häufig erst dann, wenn die Ehe schief gelaufen ist und sie vor dem Scheidungsrichter stehen.
Die Grundbedingungen des Zusammenlebens sind nicht unbedingt von der Höhe der Intelligenz abhängig. Dabei geht es um das gegenseitige Verständnis und Einstehen bei Problemen aller Art, dem Gefühl des Zusammengehörens.
Das glückliche Paar ist durch dieses „Ja“ vor dem Standesamt und in der Kirche noch enger verbunden worden. Die Formel „in guten wie in schlechten Tagen“ haben sie ebenso verstanden wie die kirchliche „bis dass der Tod euch scheidet.“ Sie erfüllen so die vertraglichen Verpflichtungen, die sie eingegangen sind!
Diese 2 Buchstaben haben mich an einen Roman von Thomas Bernhard erinnert, der diesen Titel hat. Vielleicht ist ja das, was der Schriftsteller ausdrücken will, nämlich: „Es gibt ja nur Gescheitertes. Indem wir wenigstens den Willen zum Scheitern haben, kommen wir vorwärts, und wir müssen in allem und jedem immer wenigstens den Willen zum Scheitern haben, wenn wir nicht schon sehr früh zugrunde gehen wollen".
Das ist es, was Menschen dazu bringt, diese 2 Buchstaben auszusprechen. Erkennbar ist dieser Gedanke bei Rechtschutzversicherungen aller Art und an Eheverträgen oder an einer Versicherung, die beim Scheitern der Ehe zahlt, die Sir-Huckleberry-Insurance in Amsterdam. Zugeben wird das niemand, schliesslich ist „positives Denken“ angesagt, wenn es um ein vertragliches „Ja“ geht, mit der Hoffnung, dass alles gut geht. Nur frei von Zweifel ist niemand! Thomas Bernhard geht allerdings noch einen Schritt weiter, sein Roman handelt vom Scheitern des Menschen:
„Gerade weil ich noch immer unfähig bin, mich mit meinen naturwissenschaftlichen Studien, mit den Antikörpern in der Natur, zu beschäftigen und weil es sicher in Zukunft, wenn ich eine solche Zukunft überhaupt habe, notwendig sein wird, diese Studien der Antikörper in der Natur noch mehr zu intensivieren, wenn ich nicht Gefahr laufen will, dass ich endgültig in diesen meinen Lebensstudien gescheitert bin.“
Es geht in diesem Buch nicht um das Nicht-Scheitern, und so endet der Roman mit einer Frage, die der Ich-Erzähler seiner Begleiterin bei den Spaziergängen im Lärchenwald stellt. Die Antwort darauf, „dass ich der Perserin gesagt hatte, dass sich heute so viele junge Menschen umbringen und es sei der Gesellschaft, in welcher diese jungen Menschen zu existieren gezwungen sind, vollkommen unverständlich, warum und dass ich sie, die Perserin, ganz unvermittelt und tatsächlich in meiner rücksichtslosen Weise gefragt hatte, ob sie selbst sich eines Tages umbringen werde. Darauf hatte sie nur gelacht und Ja gesagt.“
Bei dem frisch getrauten Paar werden solche destruktiven Gedanken nicht aufkommen. Sie leben vor sich hin, fast ohne Sorgen und ohne Angst davor, was denn die Zukunft bringen wird. Vielleicht ist das nur möglich mit einer unterdurchschnittlichen kognitiven Konstitution. Für sie geht das Leben weiter.
Wie, das steht nicht in ihrer Macht.
Quelle
Bernhard, Thomas: „Ja“, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1988
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