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Sprache und die Herstellung von Textil sind verbundene Phänomene. Die Dogon in Mali etwa gebrauchen das selbe Wort für sprechen und weben. Das ist kein Einzelphänomen; vermutlich kennen alle Sprachen der Welt textile Metaphern für Sprachliches. So stand auch am Anfang dieses Artikels ein Gedankenfaden, und am Schluss kam ein Text heraus, was von lateinisch ‚texere‘ kommt und Gewobenes bedeutet. Da aber die handarbeitlichen Tätigkeiten aus dem Alltag der modernen Menschen mehr oder weniger verschwunden sind, sind uns die textilen Referenzen in der Sprache auch kaum mehr bewusst. Die deutsche Sprache ist zwar voller Metaphern des Spinnens, wenn es um phantastische Dinge geht: Spintisieren, Seemansgarn spinnen, Träume spinnen und Hirngespinnste. Doch wer denkt schon an ein Spinnrad, wenn einer sagt, der andere spinne!
Für einige Frauen im Appenzell hatte jedoch das Spinnen den Effekt, dass sie tatsächlich ein bisschen zu spinnen begannen oder zumindest, dass sie an Störungen des Nervensystems litten. Der deutsche Arzt Gottfried Ebel beschreibt dieses Phänomen folgendermassen:
Auch ziehen sich diejenigen Weiber, welche das feinste Garn spinnen, eine solche Empfindlichkeit des ganzen Nervensystems zu, dass sie von der Veränderung der Wetters leiden, sehr leicht fiebern und kachektisch (ausgezehrt) werden. Das stete Sitzen kann hievon der Grund nicht seyn, sonst würde sich dies bei allen Spinnerinnen zeigen. [1]Johann Gottfried Ebel, Schilderung des Gebirgsvolkes vom Kanton Appenzell, Leipzig 1798, S. 402f.
Ebel führt dieses Leiden auf die Abnutzung der Haut an den Fingerspitzen der Spinnerinnen zurück, was wiederum bewirke, dass die Nervenenden bloss lägen. Kein geringerer als Johann Wolfgang Goethe stellte ebenfalls fest, dass die Spinnerinnen des feinen Garns, das von Hand gesponnen wurde eine eigenes Aussehen hatten. In seinem Roman Wilhelm Meisters Wanderjahre beschreibt er die Arbeit der Heimspinnerinnen in einer nicht näher benannten Gegend der Schweiz:
Dieses Geschäft (das Spinnen von Briefgarn aus Baumwolle in einer Papiertüte, von Hand und ohne Rad), welches nur von ruhigen, bedächtigen Personen getrieben wird, gibt der Spinnerin ein sanfteres Ansehen als das am Rade; kleidet dies letzte eine große, schlanke Figur zum besten, so wird durch jenes eine ruhige, zarte Gestalt gar sehr begünstigt. Dergleichen verschiedene Charaktere, verschiedenen Arbeiten zugetan, erblickte ich mehrere in einer Stube und wußte zuletzt nicht recht, ob ich meine Aufmerksamkeit der Arbeit oder den Arbeiterinnen zu widmen hätte.
Goethe war fasziniert von der Arbeit der Spinnerinnen und verklärte ihr Werk in gewisser Weise (die ganze Passage zu den Spinnerinnen ist den Dokumenten angefügt):
In einer solchen Umgebung drängten sich neue, eigene Gefühle mir auf, die schnurrenden Räder haben eine gewisse Beredsamkeit, die Mädchen singen Psalmen, auch, obwohl seltener, andere Lieder. Zeisige und Stieglitze, in Käfigen aufgehangen, zwitschern dazwischen, und nicht leicht möchte ein Bild regeren Lebens gefunden werden als in einer Stube, wo mehrere Spinnerinnen arbeiten.
Die Realität der Spinnerinnen war jedoch, wenn wir auf den Arzt Ebel und den Historiker Rüsch hören, weniger angenehm. Die feinen Qualitäten wurden für einen Stoff gebraucht, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts sehr im Schwange war, nämlich die Mousseline (siehe dazu den Blog-Eintrag über das Kleid von Marie Antoinette). Der Stoff stammte ursprünglich aus Bangladesch und dort kamen auch nach wie vor die besten Qualitäten her. Doch Appenzell und St. Gallen hatten sich auf die Imitation dieses Stoffes spezialisiert und zwar mit Erfolg. Wenn man dem Historiker Hermann Wartmann glauben kann, hatten die beiden Kantone gegen Ende des 18. Jahrhundert sozusagen ein Monopol auf dem europäischen Festland.[2]Wartmann, Hermann. Industrie und Handel des Kantons St. Gallen. St. Gallen: Fehr, 1875. S. 158. Die Mousseline aus Baumwolle und Battist-Mousseline aus Leinen wurden nicht nur als eigenständiges Produkt in ganz Europa exportiert, sondern auch als Stickböden weiterverarbeitet und veredelt. Der Appenzeller Historiker Gabriel Rüsch schreibt:
Im Jahr 1753 wurde die anderwärts, namentlich in Schwaben, längst bekannte Mousseline eingeführt, (…). Dieser neue Erwerbszweig bewirkte in unserer Industrie einen gewaltigen Umschwung; sie erlangte dadurch einen neuen Flor. Der 1756 zwischen England und Frankreich geführte Krieg, in Indien, begünstigte sie noch mehr. Es wurde nun statt Flachs mehr Baumwolle gesponnen. Die Weiber erlangten auch hierin eine ungemeine Kunstfertigkeit. Anna Katharina Weiß von Hundwil konnte aus einer Loth Baumwolle einen 20,000 Fuß langen Faden ziehen. In Stein brachten es die Spinnerinnen noch weiter. Aus einem Pfund Baumwolle, zu 40 Loth, wurde ein Faden gezogen der 833,333 Fuß, somit fast 60 Stunden lang war, während das feinste englische Garn, Nro. 270 *), nur einen 630,000 Fuß langen Faden gab. [3]Rüsch, Gabriel. Historisch-Geographische Darstellung Des Kantons Appenzell. St. Gallen: Tribelhorn, 1844. S. 227.
Schon Mitte des 18. Jahrhunderts hatte also ein Krieg auf der anderen Seite der Welt weitreichende Konsequenzen für die Industrie in der Schweiz. Das Ausbleiben der beliebten bengalischen Mousseline förderte die Gründung eines neuen Industriezweigs. Diese Industrie brauchte feinstes Garn., was den Wetteifer der Heimspinnerinnen anstachelte. Sie konnten gutes Geld verdienen, allerdings auf Kosten ihrer Gesundheit.
Referenzen
|↑1||Johann Gottfried Ebel, Schilderung des Gebirgsvolkes vom Kanton Appenzell, Leipzig 1798, S. 402f.|
|↑2||Wartmann, Hermann. Industrie und Handel des Kantons St. Gallen. St. Gallen: Fehr, 1875. S. 158.|
|↑3||Rüsch, Gabriel. Historisch-Geographische Darstellung Des Kantons Appenzell. St. Gallen: Tribelhorn, 1844. S. 227.|