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SRF: Pascal Peduzzi, Sie haben Ihren Bericht über den Raubbau am Sand als Warnung für die Vereinten Nationen geschrieben – wie ist die Lage?
Pascal Peduzzi: Es kommt darauf an, wo. In Europa haben wir eine ziemlich gute Gesetzgebung, was den Sandabbau betrifft. In Afrika und Asien ist das ganz anders – dort geschehen ziemlich viele illegale Aktivitäten.
Was passiert dort genau?
In Afrika ist der Diebstahl von Sand ein grosses Problem. Sand ist kostenlos, jeder kann an den Strand gehen, Sand nehmen und ihn verkaufen. Natürlich ist das vielerorts illegal, aber für Menschen, die nichts haben, ist das eine Möglichkeit, ein wenig Geld zu verdienen. Auch in Indien gibt es tausende Orte, an denen Menschen Sand von den Stränden oder Küsten klauen. Es haben sich inzwischen richtiggehend mafiöse Strukturen gebildet.
Wer sind die Auftraggeber?
Niemand befiehlt, Sand zu stehlen. Es gibt einfach die enorme Nachfrage der Bauunternehmer, sei es nach Sand, um Beton herzustellen, oder um Strände aufzuschütten. Und es gibt Menschen, die liefern. Ein Fall aus Indien war in der Presse. Dort hat ein Polizist versucht, die Menschen davon abzuhalten, Sand zu stehlen – er wurde erschossen. In Jamaika wurde mir von einem Strand erzählt, der über Nacht geklaut wurde. Da kam eine LKW-Kolonne und hat einfach den Strand eines kleinen Fischerdorfs aufgeladen und mitgenommen, weil er für die Strandaufschüttung einer grossen Hotelanlage gebraucht wurde. Oft stammt der Sand aber auch aus ganz legalen Quellen, aus Steinbrüchen zum Beispiel. Oder in den USA kommen immer öfter grosse Schwimmbagger zum Einsatz, die tonnenweise Sand aus dem Ozean absaugen.
Derzeit durchkämmen tausend solcher Schwimmbagger die Ozeane – je nach Grösse können sie bis zu 400'000 Tonnen Sand aufnehmen. Kann jeder einfach ein solches Schiff kaufen und Sand vom Meeresgrund nehmen?
Das ist total legal. In England kann man Konzessionen kaufen, um den Sand abzusaugen. In anderen Ländern braucht es noch nicht einmal das. In den USA reicht ein Führerschein für das Boot, dann kann man aufs Meer fahren und Sand absaugen. Dort gibt es keine Mafia, es gibt nur eine Industrie. Mit riesigen Auswirkungen auf die Umwelt – aber es ist legal.
Sind die Umwelteinflüsse heute schon spürbar?
Auf dem Meeresgrund sitzen die Sedimente, die Nahrungsgrundlage vieler Fische sind. Die werden mit dem Sand vom Meeresgrund abgesaugt. Das hat enorme Auswirkungen auf die Fischbestände – und auf die Fischer. Wenn der Sand erst einmal weg ist, braucht es Jahrzehnte, wenn nicht Jahrtausende, bevor die Fauna wieder zurück ist – je nachdem, wo der Sand entnommen wird. Und das ist kein Zukunftsszenario, das passiert bereits.
Für viele Menschen ist es einfach Sand: Das ist das Problem.
Ihre Aufgabe ist es, den Politikern das Ausmass der Lage vor Augen zu führen. Haben Sie Erfolg?
Die Politiker sind sich dieses Problems nicht bewusst. Bisher kam der meiste Sand vom Land, aus Steinbrüchen und Flüssen. Aber der Sandabbau beeinflusste den Wasserstand in den Flüssen, plötzlich gab es mehr Überschwemmungen und Trockenperioden. Sand wurde rarer, die Regulationen strikter, und Meeressand war eine Lösung. Er hat eine angenehme Seite: Niemand sieht, was auf dem Meeresgrund los ist. Also denkt man, es gäbe keine Auswirkungen. Für viele Menschen ist es einfach Sand: Das ist das Problem.
Am deutlichsten sieht man die Auswirkungen ja am Verschwinden der Strände, oder?
Für das Verschwinden der Strände gibt es verschiedene Gründe. Einer könnte der Klimawandel sein: Der Meeresspiegel steigt, wir haben dynamischere Wellen, deshalb erodieren die Strände. Aber oft verschwinden sie einfach, weil wir so nahe am Meer bauen, dass sich der Strand bei hohem Wellengang nicht mehr zurückziehen kann – dann wird er weggespült. In Miami und vielen anderen Orten pumpen sie deswegen Sand aus dem Meer und erneuern damit die Strände. Das hält dann für ein paar Jahre. Aber wenn wir mit Schwimmbaggern Sand vom Meeresboden absaugen, entsteht ein Loch. Dann fliesst der Sand, der mühsam auf den Strand geschafft wurde, irgendwann doch wieder zurück ins Meer. Das ist ein hochprofitables Geschäft. Die Unternehmen in diesem Markt haben eine lebenslange Auftragsgarantie. Das Modell funktioniert in Regionen, wo man es sich leisten kann, die Strände immer wieder aufzuschütten.
Was ist in anderen Regionen?
Ich bin in ein Projekt in Jamaika involviert. Dort wollte die Regierung wissen, warum der Strand verschwindet. Nach einer Studie war klar, dass der Klimawandel gerade mal neun Prozent des Problems ausmacht. 91 Prozent der Erosion kamen, weil am Strand gebaut worden war. Sie hatten die Korallen getötet und das Seegras entfernt – Touristen mögen kein Seegras am Strand. Aber die Korallenriffe haben den Strand vor den Wellen geschützt, und die Algen haben ihm Halt gegeben. Nun wird dort Seegras neu angebaut, aber etwas weiter entfernt vom Touristenstrand.
Ein wirklich dringendes Problem, das wir nicht haben kommen sehen.
Das Thema steht auf kaum einer politischen Agenda, das Business ist hochprofitabel – wie waren die Reaktionen auf Ihren Uno-Bericht?
Die Industrie hat ihn, so gut es ging, ignoriert. Doch viele Menschen waren sehr überrascht, auch in der Politik. Die Regierungen sind schon mit Klimawandel, Artenschwund, Luftverschmutzung und anderen Problemen beschäftigt, Sand ist nun ein weiteres Thema, mit dem sie sich wahrscheinlich nicht unbedingt befassen wollen. Aber dies ist ein wirklich dringendes Problem, das wir nicht haben kommen sehen.
Was also muss geschehen, damit wir es in den Griff bekommen können?
Uns geht es zurzeit vor allem darum, das Problem ins Bewusstsein der Politiker zu bekommen und vor den Folgen des Sandabbaus zu warnen. Wenn wir sie überzeugt haben, können wir anfangen, über Gesetze und Regulierungen zu sprechen. Und wir müssen die Bevölkerung aufklären. Die Industrie wird nicht von selbst reagieren. Aber wenn es Gesetze gibt und die Bevölkerung nur noch zertifizierten Sand nutzt, so wie es mit FSC-Holz jetzt schon geschieht, dann kann sich etwas ändern.
Gibt es auch schon Ansätze für konkrete Lösungen?
Die grosse Nachfrage nach Sand besteht ja, weil wir so viel mit Beton bauen. Aber wir könnten zum Beispiel die Asche unserer Müllverbrennung nutzen, um den Sand bei der Betonherstellung zu ersetzen. Das würde funktionieren und zudem noch unser Müllproblem lösen. Wir könnten aber auch anders bauen. Wir müssten zum Beispiel die Anzahl von Strassen überdenken, die wir bauen. In der Schweiz haben wir ausserdem viel Holz, das wir nutzen könnten.
Man liest seit einigen Jahren von Stränden aus Glas, das verkleinert ganz ähnliche Eigenschaften wie Sand hat. Eine Lösung?
Das wird oft vorgeschlagen, aber es überzeugt mich nicht. Wir müssen Glas recyclen, um daraus Glas zu machen. Dann müssen wir nicht weiteren Sand für die Glasproduktion abbauen. Glas in einen Strand zu recyclen, löst meiner Meinung nach das Problem nicht.
Ohne Sand kein Beton, und momentan ist Sand der billigste Werkstoff, um zu bauen. Solange das so bleibt, bleibt also das Problem bestehen?
Es gibt Alternativen, aber die sind sehr teuer. Es ist billiger, ein Gebäude abzureissen und den Müll zu entsorgen als das Material aufzubereiten und weiterzuverwenden. Manchmal wird der Bauschutt schon für den Strassenbau genutzt, das ist ein Anfang. Solange Sand aber so billig ist wie derzeit, wird nichts passieren. Da müssten Regulierungen her, die vorschreiben, wie viel Sand abgebaut werden darf. Auch Steuern würden helfen.
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Zur Person
Pascal Peduzzi (45) ist Umweltwissenschaftler und leitet die Global Change and Vulnerability Unit im Umweltprogramm der Vereinten Nationen. Die Aufgabe des gebürtigen Genfers: Effekte von Umweltschäden früh erkennen und vor den Folgen warnen.
Sandentnahme in Europa
In Europa ist die Sandentnahme keinen internationalen Regeln unterworfen, weil der Abbau auf nationalem Territorium stattfindet: Entweder wird er direkt am Strand abgebaut oder vom Meeresgrund abgesaugt. Da dies meist in einer Tiefe unter 50 Metern stattfindet, also in relativer Küstennähe, handelt es sich noch um nationale Gewässer.