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Spoiler
- Nach Migräne ist das Restless-Legs-Syndrom (RLS) die zweithäufigste neurologische Störung. Trotzdem sind die Kenntnisse um die Erkrankung gering.
- Vermutet werden genetische Ursachen sowie ein Mangel an Dopamin und Eisen. Parkinson, Nervenschädigungen oder Nierenerkrankungen können ebenfalls zu RLS führen.
- Die Therapie des Restless-Legs-Syndroms sieht bei schweren Fällen das Einnehmen von Medikamenten vor. Einige gewichtige Nachteile in Form unangenehmer Nebenwirkungen wurden allerdings erst in den letzten Jahren besser bekannt.
Es fühlt sich an wie «Mäuse in den Muskeln» oder «Cola in den Venen». Jede zehnte Frau, die mindestens einmal geboren hat, lebt mit einem Restless-Legs-Syndrom. Bei den übrigen Frauen und bei den Männern sind bis zu fünf Prozent von den unruhigen Beinen betroffen. Was harmlos klingt, ist in Wirklichkeit eine oft unterschätze Erkrankung des zentralen Nervensystems. Die Ursachen für die zweithäufigste neurologische Krankheit nach Migräne sind noch unklar, mehrere Faktoren spielen eine Rolle. «Da ist einerseits ein Mangel an Dopamin, der sich im Laufe des Lebens verstärkt. Andererseits scheinen genetische Ursachen und ein Eisendefizit ebenfalls zum Ausbruch des Restless-Legs-Syndroms beizutragen», so Prof. Mathis, Neurologe und fachlicher Beirat der Schweizerischen Restless-Legs-Selbsthilfegruppe. Dies erklärt das höhere Risiko für Mütter, denn viele Frauen leiden während oder nach der Schwangerschaft an einem Eisenmangel.
Daneben können Zweitkrankheiten zum Restless-Legs-Syndrom führen. In diesem Fall sprechen Ärzte von der sogenannten komorbiden Form. Als Auslöser gelten Nierenerkrankungen, Polyneuropathie – eine Nervenschädigung – oder Parkinson. Die Komorbidität muss bei der Therapie des Restless-Legs-Syndroms berücksichtigt werden.
Kribbeln, Schmerzen, Bewegungsdrang
Zu den Hauptsymptomen Restless-Legs-Syndroms gehören:
- ein stark ausgeprägter Bewegungsdrang
- Kribbeln, Druck, Ameisenlaufen in den Beinen
- Periodische Beinbewegungen im Schlaf (PLMS)
- Schmerzen (bei zirka der Hälfte der Betroffenen)
«Typisch ist, dass die Beschwerden nur im Sitzen oder Liegen auftreten, nicht aber beim Laufen oder bei jeglicher anderen Form von Bewegung», so der Experte. «Wer im Kino nicht stillsitzen kann, soll sich eine grosse Tüte Popcorn kaufen. Allein die regelmässige Bewegung der Hand von der Tüte zum Mund kann den Bewegungsdrang lindern.» Die Theorie dahinter: Jede Art der Aktivität produziert Dopamin – auch geistige. Zum Beispiel verschwinden die Beschwerden beim Gamen ebenfalls.
Ein weiterer Hinweis auf die Erkrankung ist das Verschlimmern der Symptome im Verlauf des Tages. Wieso die Beschwerden besonders am Abend und in der Nacht auftreten, ist nicht vollständig erforscht. Man vermutet jedoch, dass der Dopaminspiegel gegen Abend auf natürliche Weise sinkt und sich dadurch das Kribbeln und der Bewegungsdrang verstärken. Dies hat Auswirkungen auf die Schlafqualität der Patienten. «Schwer betroffene Patienten müssen oft stundenlang nachts herumlaufen, bis eine Linderung eintritt und wieder an Schlaf zu denken ist. Als Folge leiden sie an einer extremen Tagesmüdigkeit», weiss der Neurologe.
Die Beschwerden sind unterschiedlich stark ausgeprägt, die Krankheit wird jedoch häufig verharmlost. Die Patienten glauben manchmal, dass die Schmerzen und das Kribbeln normal seien, weil nicht selten ein Elternteil die gleichen Beschwerden hatte. «Auch viele Ärztinnen und Ärzte verkennen, dass die Symptome so schwerwiegend sein können, dass Betroffene mit Suizidgedanken kämpfen. Das ständige Herumgehen führt zu Spannungen in der Familie und der Partnerschaft: Ein gemeinsames Abendessen oder eine längere Reise werden zur Qual. Zudem leiden RLS-Betroffene häufig an Depressionen. Ob dies eine Folge des Dopaminmangels oder eine Auswirkung der Krankheit an sich ist, weiss man noch nicht», so Prof. Mathis.
Was ist Dopamin?
Dopamin ist ein Neurotransmitter, eine chemische Substanz, die im Gehirn produziert wird und eine zentrale Rolle bei der Signalübertragung zwischen Nervenzellen spielt. Es erfüllt zahlreiche Funktionen im zentralen Nervensystem und hat weitreichende Auswirkungen auf verschiedene Körperfunktionen.
Eine der Aufgaben von Dopamin besteht in der Regulation von Stimmung, Motivation und Belohnung. Es wird oft als «Glückshormon» bezeichnet, da es massgeblich an der Entstehung von Gefühlen des Wohlbefindens und der Freude beteiligt ist. Dopamin spielt auch eine Schlüsselrolle bei der Kontrolle von Bewegungen und koordiniert motorische Abläufe.
Des Weiteren ist es an kognitiven Funktionen wie Aufmerksamkeit, Lernen und Gedächtnis beteiligt. Ein Ungleichgewicht im Dopaminspiegel kann zu verschiedenen neurologischen und psychiatrischen Störungen führen, darunter Parkinson, Schizophrenie und Suchterkrankungen.
Eine Nacht im Schlaflabor
Die Diagnose des Restless-Legs-Syndroms wird aufgrund der Beschreibung der Patienten sowie anhand von vier Fragen gestellt:
- Leidet der Betroffene an einem Bewegungsdrang und an unangenehmen Empfindungen in den Beinen?
- Verschlimmern sich die Beschwerden in Ruhe, also im Sitzen oder beim Liegen?
- Tritt eine Besserung ein bei Bewegung oder anderen Aktivitäten?
- Verschlimmern sich die Beschwerden am Abend oder während der Nacht?
Werden alle vier Fragen mit «Ja» beantwortet, besteht der Verdacht auf ein Restless-Legs-Syndrom. Dann gilt es, andere Erkrankungen mit ähnlichen Beschwerden, wie etwa nächtliche Muskelkrämpfe oder eine Nervenschädigung, auszuschliessen. Dafür ist eine Untersuchung im Schlaflabor hilfreich, um nach Periodischen Beinbewegungen im Schlaf (PLMS) zu suchen, die vor allem bei jüngeren Patienten eine Diagnose unterstützen können. Bei älteren Menschen ist diese Untersuchung weniger hilfreich, da PLMS auch bei gesunden Senioren vorkommen.
Therapie des Restless-Legs-Syndroms
Die Therapie des Restless-Legs-Syndroms richtet sich nach der Ausprägung der Beschwerden. «Zunächst wird der Eisenspiegel überprüft und bei Bedarf mittels einer Infusion aufgefüllt. Dann wird in einem Gespräch geklärt, wie einschränkend die Symptome sind», so der Neurologe. Bei einem milden Verlauf hilft manchmal bereits eine verbesserte Schlafroutine: Ein regelmässiger Schlaf-Wach-Rhythmus kann den Schlafdruck am Abend erhöhen und den Einschlafprozess erleichtern. «Erst wenn man wirklich schläfrig ist, hat man die Chance, das Wettrennen gegen den Plagegeist zu gewinnen und einzuschlafen, bevor das Kribbeln anfängt», erklärt Prof. Mathis.
Sind die Beschwerden stärker, kommt eine Therapie mit Medikamenten infrage. «Diese dienen jedoch nur der Symptombekämpfung. Die heute zur Verfügung stehenden Arzneimittel können das Restless-Legs-Syndrom nicht heilen», so der Experte. Bis vor Kurzem galten dopaminhaltige Medikamente als Mittel erster Wahl. Inzwischen weiss man jedoch, dass diese zu einer sehr unangenehmen Nebenwirkung führen können, der sogenannten Augmentation. «Die Wirkung des Dopamins lässt im Laufe der Jahre nach und die Beschwerden treten nun bereits am Nachmittag auf. Zusätzlich breiten sich die Schmerzen und das Kribbeln auf die Arme aus. In seltenen Fällen führen Arzneien mit Dopamin zur Entwicklung von Suchtverhalten wie Kauf- oder Spielsucht», weiss Prof. Mathis.
Aus diesem Grund empfehlen Ärzte seit einiger Zeit zunehmend Medikamente aus der Gruppe der Gabapentinoide, welche nicht zu diesen Nebenwirkungen führen. Patienten sollen sich deshalb an einen Spezialisten, das heisst an einen schlafmedizinisch versierten Neurologen wenden, der über profunde Kenntnisse zur Krankheit und zu den potenziellen Nebenwirkungen der Medikamente verfügt.
Nichtmedikamentöse Therapie des Restless-Legs-Syndroms
Zu den physikalischen Therapien, die die Beschwerden des Restless-Legs-Syndroms kurzfristig lindern, gehören Bewegung, kaltes Abduschen oder Bürsten der Beine. «Zwar gibt es Studien, die Akkupunktur, Kryotherapie oder Magnetstimulation eine gewisse Wirksamkeit nachweisen, die Daten sind jedoch so gering, dass wir keine allgemeingültigen Empfehlungen geben können. Das gleiche gilt für die Einnahme von Nahrungsergänzungsmittel wie Selen, Magnesium oder Zink sowie für spezielle Ernährungsweisen, beispielsweise gluten- oder zuckerfrei. Sie mögen in Einzelfällen helfen, doch bei der Mehrzahl der Betroffen ist der Effekt unzureichend», gib der Experte zu bedenken. Während Entspannungstherapien vermutlich eher kontraproduktiv wirken, können Achtsamkeitsübungen dazu beitragen, die Aufmerksamkeit weg von den unnagenehmen Empfindungen zu legen. «Bei körperlicher Aktivität ist ein gutes Mittelmass gefragt, denn sowohl zu viel als auch zu wenig Bewegung können abends die Symptome des Restless-Legs-Syndroms verstärken», warnt Prof. Mathis.