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Filmbulletin: Am 11. Juli 2021 jährte sich der Genozid von Srebrenica zum 26. Mal. Wie steht es um die filmische Aufarbeitung der Tragödie?
Jasmila Žbanić: Es gab einige Dokumentationen, die zeigten aber nie, was um diesen Tag herum geschah. Es ist ein schwieriges Thema und ich habe immer gehofft, dass jemand Anderes diesen Film macht.
Welche Bedenken hatten Sie?
Ich wusste, dass es viele Hindernisse geben würde, politischer, finanzieller und produktionstechnischer Art. Dazu kommt, dass man sich mit diesen schrecklichen Ereignissen wirklich auseinandersetzen muss. Aber die Idee liess mich jahrelang nicht los, und nachdem ich vier Spielfilme realisiert hatte, fühle ich mich bereit, diese grosse Produktion anzugehen. Es geht nicht nur um Politik, sondern darum, wie man mit den Überlebenden und ihren Erwartungen umgeht. Wie man die Wahrheit sagt, aber auch frei ist, seine eigene Geschichte zu erzählen.
Ein Grossteil spielt in der Basis der niederländischen Blauhelme, wo Tausende von Geflüchteten in der Hitze ausharren. Wahnsinnig berührend sind die vielen Details, die Sie zeigen. Wie haben Sie recherchiert?
In meiner Vorbereitung habe ich mit vielen Überlebenden gesprochen. Ein sehr wichtiges Buch für mich war «Under the UN Flag» von Hasan Nuhanović. Er war ein bosnischer Übersetzer in der Basis und erklärt Minute für Minute, was vorging. Für das Publikum ist es sehr wichtig, zu verstehen, wie die Stimmung in der Basis war. Wo hat man gepinkelt und was hat man gegessen? Für jede Szene habe ich versucht, mir von mehreren Zeugen davon erzählen zu lassen.
Die Hauptfigur Aida ist Übersetzerin in der Basis und eine bosnische Mutter. Wie haben Sie die Figur geschrieben?
Sie ist ebenso aus vielen Erzählungen entstanden, aber auch von Frauen aus meinem persönlichen Umfeld inspiriert. Die Geschichte einer Mutter, die versucht, ihre Familie zu schützen, ist eine, die jede*r versteht. Ich wollte, dass sich das Publikum die ganze Zeit fragt: Was würde ich tun? Würde ich diesen oder jenen Weg gehen?
Der Schauspieler Boris Isaković verkörpert den General und verurteilten Kriegsverbrecher Ratko Mladić. Wie sind Sie mit dem Narrativ der Täter umgegangen?
Boris und ich haben viel darüber nachgedacht, wie wir ihn darstellen könnten. Ratko Mladić ist für die Welt ein verurteilter Kriegsverbrecher, aber in Serbien ist er ein Held. Damals hatte er ständig einen Kameramann neben sich, hat Regie geführt und sich inszeniert. Ich dachte: OK, zeigen wir ihn, wie er sich präsentieren will. Das Publikum kann sich dann eine Meinung über diesen Menschen bilden. Boris Isaković war einfach grossartig in der Rolle. Er ist wie Gott, der über Leben und Tod entscheidet.
Stimmt es, dass Sie mit den Dreharbeiten angefangen haben, ohne das gesamte Budget zu haben?
Nach drei Jahren Vorbereitung fehlte uns im Februar 2019 immer noch eine recht hohe Summe. Also trafen wir uns mit all unseren Co-Produzenten und sagten: Wir sind bereit. Wir haben alle Schauspieler*innen, haben die Proben abgeschlossen, haben alle Locations und 500 Statist*innen. Alles ist bereit. Lasst uns das Risiko eingehen und mit dem Dreh anfangen! Es war eine sehr schwierige Entscheidung, aber ich bin so froh, dass wir uns darauf eingelassen haben. Hätten wir den Film auf den Sommer 2020 verschoben, hätten wir ihn sicher nicht gedreht.
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