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Classement thématique série 1848–1945:
I. SITUATION INTERNATIONALE
1. Alliances et relations entre puissances
1.2. Triple-alliance
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Die viel commentierte Rede Chamberlains ist in den hiesigen gouvernementalen und politischen Kreisen sowohl unmittelbar nach deren Bekanntwerden, als auch in der Folge ausnahmslos nicht ernst genommen worden. Dabei liess man sich und lässt man sich fortgesetzt vor allem von dem Kriterium leiten, dass England mit Rücksicht auf seine konstitutionellen Verhältnisse und auf seine politischen Traditionen überhaupt nicht in der Lage ist, feste Allianzen einzugehen. Natürlich schliesst dies aber, auch nach diesseitiger Auffassung, keineswegs aus, dass in der öffentlichen Meinung und in der Presse Englands das Gefühl der politischen Isoliertheit und folgerichtig das Bedürfnis einer politischen Anlehnung an die Grossmacht Amerika sich zur Zeit wirklich geltend macht, wobei man wohl prophylaktisch auch die Wahrung der englischen Interessen in Canada ins Auge fasst. Diese Beurteilung der Situation stimmt also in der Hauptsache mit der Auffassung überein, welche Herr Bourcart in seinem Berichte vom 24. Mai2 vertreten hat und wonach das englische Cabinet, die gedachte Rede betreffend, mit Chamberlain nicht identifiziert werden darf. Damit scheint mir – beiläufig bemerkt – auch der Widerspruch behoben, welcher zwischen den angeblichen, von Chamberlain vertretenen Bündnis-Aspirationen Englands und der von mir, in meinem Berichte vom 5. Mai3 gemeldeten Anregung des englischen Cabinetts betreffend neue Demarchen der Grossmächte gegenüber Amerika zu bestehen schien. Diesen letzteren Punkt betreffend möchte ich unter Bezugnahme auf den sachbezüglichen Passus in dem Berichte des Herrn Lardy vom 17. Mai4, wiederholen, dass mir die fragliche Mittheilung von denkbar zuverlässigster Seite zugegangen und in ihren Einzelheiten so präzis gehalten war, dass ich dieselbe als unbedingt dem Thatbestande entsprechend aufrecht erhalten muss.
Gegenüber den in der Presse periodisch auftauchenden Meldungen über neue Interventions- bzw. Mediations-Demarchen der Mächte gegenüber den Regierungen von Amerika und Spanien habe ich zu berichten, dass mir gestern im Auswärtigen Amte versichert worden ist, es sei dort von solchen Schritten absolut nichts bekannt; zur Zeit heisse es ja, Russland beabsichtige einen derartigen Schritt zu thun, auch hierüber habe man aber hier bis jetzt keinerlei Mitteilung erhalten und es vertrete das Auswärtige Amt, nach wie vor, die Auffassung, dass für eine solche Intervention der richtige psychologische Moment abgewartet werden müsse, wenn anders sich die Mächte nicht neuen Echecs aussetzen wollen.
Die Beziehungen zum Ausland anbelangend ist aus Berlin zur Zeit wenig von besonderer Bedeutung zu melden, mit Ausnahme des fortgesetzten Erfolgs der Politik der kaiserlichen Regierung in Ostasien, welchem sich dermalen auch die ganze Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung und der Presse zuwendet. Man wird übrigens auch auf unbeteiligter Seite zugeben müssen, dass Deutschland in dieser Frage in der That einen grossen Erfolg erzielt hat und dass die Art und Weise, wie der Kaiser von China den Prinzen Heinrich von Preussen empfangen und mit Ehren überhäuft hat, ein epochemachendes Novum ist.
Die Beziehungen Deutschlands zu Russland sind gut, ebenso gestaltet sich der hiesige amtliche Verkehr mit der französischen Regierung fortwährend ganz leidlich, so dass zur Zeit eine besondere Veranlassung dafür nicht besteht, dass der ungeschwächte Fortbestand des Dreibundes von den Spitzen der Regierungen demonstrativ documentiert werde. Dass derselbe, wie einige meiner Herren Collegen in ihren Berichten andeuten, an Marasmus kranke, möchte ich überhaupt bezweifeln. Ich stelle nämlich dem Kriterium, dass in der letzten Zeit in den Thronreden oder in den «Exposés» der leitenden Minister der Dreibund keine besondere Erwähnung gefunden hat etc. folgende Erwägungen entgegen; der Dreibund, der, wie bekannt, einen ausschliesslich defensiven Untergrund und Zweck hat, ist mit Rücksicht auf die oben angedeutete Situation für den Moment, ich möchte sagen: «Gegenstandslos». Deutschland steht also gut zu Russland und unterhält infolge der intimen Beziehungen zwischen Petersburg und Paris auch ganz leidliche Beziehungen mit der französischen Regierung; Österreich-Ungarn hat sich Russland ebenfalls wieder genähert und betreffend die beiderseitigen Interessensphären im Orient verständigt. Diesbezüglich sei noch erwähnt, dass die deutsche Regierung über die Pourparlers zwischen Wien und Petersburg von der österreichisch-ungarischen Regierung von Anfang an unterrichtet und mit diesen Verabredungen vollkommen einverstanden war. Auch Italien anbelangend liegt gegenwärtig nichts vor, was eine besondere Accentuierung des Dreibundes als opportun erscheinen lassen könnte. Andererseits ist nicht ausser Acht zu lassen, dass die Kaiser von Deutschland und von Österreich-Ungarn fortgesetzt jeden erdenklichen Anlass dazu benützen, um die Intimität der beiderseitigen Beziehungen zum Ausdruck gelangen zu lassen und dass auch in dem Verkehre der beiden Kaiser und Regierungen mit Italien und vice-versa nach meinen Wahrnehmungen ein Erkalten der bisherigen Beziehungen nicht zutage getreten ist. Kurz, ich vermag an der Absicht der Vertragsregierungen, den Dreibund ungeschwächt aufrecht zu erhalten, bis auf weiteres nicht zu zweifeln und schreibe die «apparences» einer Lockerung desselben ausschliesslich dem Umstande zu, dass eben, wie schon bemerkt, gegenwärtig keine besondere Veranlassung vorliegt, die Lebensfähigkeit dieses Bündnisses besonders zutage treten zu lassen.
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