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Das Herz der Erde
Hinter der kleinen Bastion, hinterm Schafstall, im weglosen Canyon, den sie selbst geschaffen hat in Hunderten von Jahren, rumort die Ouze. Mein Freund Serge hat sie durchwatet, wo die Strömung es zuliess, ist auf den Felsklötzen in ihrem Bett herumgeklettert, hat ihre Engen, ihre Kessel und Schlünde erforscht, Mikrophone hinabgelassen, um Strophen ihrer Lieder auf Band zu nehmen: ihr glucksendes Gelächter, den dumpfen Klang ihrer Klagelaute tief innen im Fels, das Tosen ihrer Abstürze und das Rauschen der Sande und Kiese in ihrem Mahlwerk.
Einmal, im Sommer 1973, als die Umgebung der alten Schule in Chätelet - die Terra incognita - uns noch Raum für Entdeckungen bot, kam er von einer seiner Exkursionen zurück und tat sehr geheimnisvoll: « Du wirst nicht glauben, was ich gefunden habe, wenn du 's nicht siehst », sagte er. « Das heisst-sehen genügt nicht! Du musst es auch hören und fühlen! Greifen! Mit den Händen !» « Sag schon, was!» « Nein, nein! Aber ich zeig 's dir. Zieh deine Gummistiefel an!» Ich tat 's, und er führte mich übers Brückchen unterhalb der kleinen Bastion und jenseits der Ouze in ihrem Geröll den Canyon zum Mont Gris hinauf. In Höhe der Baumgrenze lag ein Granitquader im Fluss, dessen zur Hälfte überflutete Oberseite in sanfter Schräge aus dem Wasser stieg. « Da ist es!» sagte Serge.
Wir kletterten übers umgischtete, bemooste Geröll und gelangten mit Mühe auf den Quader, wobei Serge, der sportlicher war als ich, mir behilflich war. Wie wir da hockten auf dem Felsentisch und verschnauften, sagte Serge: « Horch mal nach unten!» Er kniete nieder, stützte sich auf die Hände und lauschte in den Fels hinein, da, wo das Wasser ihn überspülte. Ich rutschte auf den Knien heran, drehte den Kopf zur Seite, bückte mich, schloss die Augen - und hörte ein rhythmisches Rollen und Klopfen, das dicht vor uns, wo der Quader überflutet war, aus einer unter dem Wassertuch vage erkennbaren, etwa fussballgrossen kreisrunden Öffnung, einer Unterwasserhöhlung, zu kommen schien.
Dumpf pochte es im Innern des Steins, pochte und pochte, tief und verborgen. «Gestern vor dem Regen», sagte Serge, «war der Wasserstand nicht so hoch. Da habe ich zuerst nur das schwarze Loch gesehen und mich gewundert, weil es so exakt gezirkelt ist. Aber jetzt pass auf! Es kommt noch toller!» Er hatte seine Jacke ausgezogen und sich den Hemdärmel aufgekrempelt so hoch es ging, beugte sich vor und fasste ins Wasser, schob seinen Arm fast bis zur Schulter in die Höhlung - das Rollen und Pochen setzte aus -, er zog den Arm zurück und brachte eine Steinkugel ans Licht, eine Kugel aus silbergrau glitzerndem Granit, so gross wie ein Straussenei.
«Sie rotiert und klopft in der Strömung», sagte er, «reibt sich rund an der Höhlenwand und liegt nur still, wenn der Wasserstand sinkt.» Mir war beklommen zumute. Wir hatten eingegriffen in ein Geschehen, das sich selbst regulierte, hatten seinen Rhythmus gestört, den Herzschlag der Erde. Ich hielt die Kugel, die Serge mir gegeben hatte, in der Hand, fühlte ihr Gewicht, die kühle, nasse Glätte ihrer Oberfläche, erkannte die nahezu geometrische Vollkommenheit ihrer Gestalt, hatte das Gefühl, eine Freveltat zu begehen, so wie es ein Frevel ist, ein Nest auszunehmen und die Eier zu zerschlagen, ich mochte die Kugel nicht mehr halten und gab sie Serge zurück.
« Tu sie wieder an ihren Platz!» sagte ich. « Und lass sie in Ruhe! Oder lass sie tun, was sie will!» Ich hatte ein ängstliches Gefühl - das Gefühl, dass die Kugel einen Willen und ein Leben habe.
Serge liess die Kugel zurückgleiten in ihre Höhlung, und sogleich setzte wieder das Rollen ein und das Klopfen, das einige Sekunden lang holperte, so dass ich dachte: Das sind Extrasystolen - aber dann hatte es seinen Rhythmus gefunden und tönte dumpf und tönte dumpf und war wiederbelebt und tat seinen verborgenen Dienst. So höhlte das Wasser den Stein, dessen Herz sich weiten würde in der Zeit, die ihm gegeben war, bis er barst. Und wenn wir seiner Zeit nichts hinzufügen konnten, so war es schon gut, sie nicht zu verkürzen.
Ich hielt den Kopf gesenkt, lauschte noch immer auf das Pochen des Steins in der Höhle und dachte: So hört das Ungeborene den Herzschlag der Mutter.
Serge hängte ein Mikro in die steinerne Aorta und nahm die rhythmischen Schläge auf Band auf. Er kehrte noch ein paarmal in jenen Tagen an diesen Ort zurück. Die unterschiedlichen Wasserstände, sagte er, und der wechselnde Druck der Strömung erzeugten klangliche Nuancen. Er führte es mir vor, genauer: brachte es mir zu Ohren, und ich lauschte mit Staunen und sagte: «Es ist der Herzschlag der Erde.» So entstand, im Sommer 1973, Serge Piquets Sonatine «Le Coeur de la Terre», die als Opus 218 in sein Werkverzeichnis einging.