Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03198.jsonl.gz/1855

Seit seiner Eröffnung am 10. Oktober 2021 wurde der weltweite synodale Prozesses durch Medienschaffende in aller Welt begleitet. Die Idee des Prozesses ist, dass sich alle Katholikinnen und Katholiken in der ganzen Welt daran beteiligen sollen. Zunächst sollten auf diözesaner Ebene die Gläubigen in den synodalen Prozess eingebunden, danach ihre Aussagen durch ein paar wenige Vertreter an den Kontinentalversammlungen eingebracht werden. Und jetzt im Oktober sollen die Ergebnisse der Kontinentalversammlungen an der Weltsynode – an der neu auch ungeweihte Frauen und Männer Stimmrecht haben – «synodal» besprochen werden, aber eben unter Ausschluss von Journalisten.
«Geschützte Werkstätte»
Auf dem Rückflug aus der Mongolei auf einen möglichen Livestream der Bischofssynode angesprochen, lehnte dies Papst Franziskus kurz und bündig ab. Die Synode sei nun mal kein TV-Format. Stattdessen sollen Kommunikationschef Paolo Ruffini und sein Stab täglich über die Ereignisse in der Audienzhalle berichten. Franziskus begründete das Vorgehen mit dem religiösen Charakter der Synode, die nun mal kein Parlament sei, und damit, dass ein geschützter Raum die Redefreiheit der Teilnehmer fördere.
Cindy Wooden von CNS, der Presseagentur der US-amerikanischen Bischöfe, fragte nach: «Viele Laien haben viel Zeit investiert, sie haben gebetet, sie haben sich zu Wort gemeldet und zugehört. Sie wollen wissen, was während der Synode, der Versammlung, geschieht […] Wir Journalisten haben ja nicht einmal Zugang zur Vollversammlung und zu den Generalversammlungen, wie können wir sicher sein, dass das, was uns als ‹Pappa› [Brei für das Kind] gegeben wird, wahr ist? Gibt es nicht die Möglichkeit, ein bisschen offener mit den Journalisten zu sein?»
Papst Franziskus antwortete: «Aber sehr offen, meine Liebe, es ist sehr offen! Es gibt eine Kommission unter dem Vorsitz von Ruffini, die jeden Tag die Nachrichten weitergeben wird, aber ich weiss nicht, wie man offener sein kann, offener weiss ich nicht […] und es ist gut, dass diese Kommission die Beiträge aller respektiert und versucht, nicht zu plappern, sondern die richtigen Dinge über den Fortschritt der Synode zu sagen, die für die Kirche konstruktiv sind […] Die Kommission hat eine sehr schwierige Aufgabe, nämlich zu sagen: Heute geht die Reflexion in diese Richtung, heute geht sie in jene Richtung, und den kirchlichen Geist zu vermitteln, nicht den politischen. Ein Parlament ist etwas anderes als eine Synode. Vergessen Sie nicht, dass der Protagonist der Synode der Heilige Geist ist. Und wie kann dieser vermittelt werden? Deshalb muss man die kirchliche Richtung vermitteln.»[1]
Der luxemburgische Kardinal Jean-Claude Hollerich, der Inhalte-Koordinator der Synode, pflichtete dem Papst bei. Bei einem Treffen von europäischen «Medienbischöfen» in Luxemburg sagte er, die Synodenversammlung brauche «einen geschützten Raum von nicht-öffentlichen Beratungen». Es gebe keine vorgefertigten Beschlussvorlagen; die Synodalen müssten daher die Inhalte gemeinsam entwickeln. Dafür brauche es freie Aussprachen.
An der Bischofssynode werden Gläubige aus aller Welt mit den unterschiedlichsten Meinungen aufeinandertreffen; die meisten werden sich vorher noch nie gesehen haben. Es ist deshalb nicht nachvollziehbar, warum die Teilnehmer innerhalb der Synode ihre Meinung «frei» vertreten werden, aber sofort Angst bekommen sollten, wenn sich Journalisten im Raum befinden oder die Versammlungen per Livestream übertragen werden. Ausserdem darf davon ausgegangen werden, dass die Synodalen zu ihren Überzeugungen stehen und diese auch ausserhalb der Versammlung vertreten.
Gelenkte Synode?
Es ist eine Tatsache, dass beim Weitererzählen eines Inhaltes immer auch eine persönliche Färbung geschieht, davor sind auch Kommunikationschef Paolo Ruffini und sein Stab nicht gefeit. An der Familiensynode wurden immer wieder Synodale zu den täglichen Pressekonferenzen hinzugebeten, denen die Journalistinnen und Journalisten Fragen stellen konnten. Auch wenn dieses System beibehalten wird, bleibt das Problem, dass diese Synodalen von Paolo Ruffini und seinem Stab ausgewählt werden. Die Öffentlichkeit erfährt über die Medien nur das, was der Vatikan möchte, das sie erfahren soll.
Dabei war es doch ausgerechnet Papst Franziskus selbst, der sich bei einem Treffen mit Jesuiten im August 2022 in Quebec kritisch über Zensur an Bischofssynoden geäussert hatte. Manches, was er an einer Bischofssynode protokolliert habe, sei später gestrichen worden, weil es von Vorgesetzten nicht für angemessen oder richtig gehalten wurde. Man habe nicht verstanden, was eine Synode ist, klagte er. Eine Synode müsse als ein länger andauernder dialektischer Prozess verstanden werden, bei dem Positionen diskutiert, verworfen und verbessert werden.
Doch gerade aus diesem wichtigen Prozess sollen nun die Medienschaffenden (und auch die Gläubigen) ausgeschlossen werden.
Papst Franziskus betont immer wieder, es gehe bei der Synode nicht darum, die Lehre der Kirche zu ändern. Doch kann er wirklich glauben, dass er 420 Bischöfe und Synodale an zwei Bischofsversammlungen «synodal» über Themen diskutieren lassen kann, ohne daraus Konsequenzen zu ziehen? Dass ausgerechnet er, der es wie kein anderer versteht, sich und sein Wirken medial in Szene zu setzen, die Journalisten (und die Gläubigen) aus einer so wichtigen Bischofssynode ausschliesst, ist nicht nachvollziehbar. Echte Synodalität scheut die Öffentlichkeit nicht. Durch eine Übertragung per Livestream würde der «religiöse Charakter der Synode» nicht beeinträchtigt – sonst dürften auch keine heiligen Messen übertragen werden. Papst Franziskus muss sich die Frage gefallen lassen, ob er bereits Resultate im Kopf hat, die er durch das Lenken der Medien den Gläubigen als Früchte der Synode präsentieren will.
Ob dieses «Medien-Embargo» bei 420 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der heutigen digital vernetzten Welt wirklich durchsetzbar ist, ist natürlich eine ganz andere Frage.