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Thomas Meyer, Tages-Anzeiger (30.05.2006)
Schaustück und Psychodrama: Giuseppe Verdis «Aida» ist beides - und gerade darum heikel, wie die Neuinszenierung am Zürcher Opernhaus zeigt.
Es gibt Kenner, die «Aida» als Pianissimo-Oper bezeichnen. Bei vielen Liebhabern aber erfreut sich die Verdi-Oper wegen der effektvollen Massenauftritte grosser Wertschätzung, gerade bei den weitläufigen Arena- oder Hallenstadion-Aufführungen. Tatsächlich spielt beides hinein. Giuseppe Verdi schuf das Werk aus Anlass der Eröffnung des Suezkanals. 1871 fand die Uraufführung in Kairo statt, aber er wollte keineswegs nur ein offizielles Prunkstück schaffen, sondern auch ein Psychodrama.
Umso gewaltiger ist darin die Fallhöhe vom Prunk der öffentlichen Auftritte zum tragischen Schicksal der einzelnen Personen. Diese sind in der Politik gefangen: der ägyptische Feldherr Radames, der die Sklavin Aida aus dem Feindesland liebt; Aida, die ihres Vaters wegen den Geliebten zum Verrat treibt; die Pharaonentochter Amneris, die Radames liebt und aus Eifersucht intrigiert. Es sind innere Konflikte, die diese Menschen bewegen; das Hofgepränge zwingt sie in einen statischen Rahmen.
Tourismusboom erhofft
Das Werk zerfällt so in zwei Teile, und während das Offizielle in den ersten beiden Akten fast erdrückend präsent ist, tritt es in den kürzeren Akten 3 und 4 zurück, gerade auch in dieser neuen Zürcher Inszenierung. Mit Paraden und Balletteinlagen bedient Verdi im ersten Teil das Auge. Es hat meist etwas Grausliges, wenn altägyptische Soldaten da in preussischer Manier defilieren. In Zürich fällt das glücklicherweise weg, denn Regisseur Nicolas Joel verlegt die Handlung in die Entstehungszeit der Oper. Wir befinden uns in einem hohen Palais, von dem aus der Blick auf einen Garten geht (Bühnenbild: Ezio Frigerio). Die Kostüme (Franca Squarciapino) deuten auf das Osmanische Reich hin, freilich tauchen auch westliche Kolonialmächte mit Touristen auf - gleichsam eine Hommage an den Tourismusboom, den sich Ägypten damals schon von einer Oper erwartete.
Die Genrebilder - bis hin zum Salon der Amneris - sind schön ausgestaltet. Das habe, mag man einwenden, doch reichlich wenig mit einer Handlung zu tun, die im pharaonischen Ägypten spielt; um so besser trifft es sich mit der Musik Verdis, den aufblasbaren Märschen, der locker exotischen Ballettmusik.
Diese Aufmärsche werden im Opernhaus nicht allzu aufdringlich choreografiert, auch die Ballette, würden sie noch sicherer dargeboten, könnten gefallen. Scheusslich pittoresk ist nur die Gruppe äthiopischer Gefangener, die sich um eine Jesusgestalt schart: kitschige Armseligkeit. Und wenn diese Crew auf dem Höhepunkt des Fortissimo nochmals im Takt in den Vordergrund latscht, wirkt die Personenführung hochpeinlich. Das ist sie sonst über weite Strecken eben nicht. Gerade die ersten Szenen überzeugen dank einfühlsamer Gestik.
Ist das Zürcher Opernhaus zu klein?
So entstehen grosse Tableaus, die nicht einfach nur pompös wirken und die vor allem durch den von Ernst Raffelsberger einstudierten, kraftvollen Chor an Eindringlichkeit gewinnen. Dem müsste nun auf der anderen Seite eine Innigkeit der Empfindung entsprechen: Und da gerade bleibt diese Aufführung stecken, denn nun geht es ums Feine, um Pianissimo.
Dirigent Adam Fischer versteht es zwar, die Musik effektvoll anzutreiben, er kann sie zuweilen auch absacken lassen, und manchmal gelingen ihm farbige Stimmungen, aber ihren Nerv trifft er mit dem Opernhausorchester schliesslich doch nicht. Das Erregende darin tritt nur momentweise zu Tage. Und das überträgt sich aufs Vokalensemble. Dieses ist zwar insgesamt - gerade auch in den Nebenrollen wie Matti Salminen als Ramfis, Günther Groissböck als König, Juan Pons als Amonasro - ein sicherer Wert, aber es dringt kaum über Grenzen hinaus.
Luciana D'Intino als Amneris - ihre Rolle ist freilich auch die dankbarste - vermag die Extreme der Partie am ehesten charaktervoll zu artikulieren, zwischen Eifersucht und Verzweiflung, zwischen Ausbrüchen, kurzen, heftigen Seitenhieben und leisen Nebentönen.
Unbeweglich wirkt daneben der Radames von Salvatore Licitra. Er wird als Mensch gezeigt, der vor jedem Problem kehrtmachen möchte, als ein schwacher Held, ein Zauderer, dem man ständig einen Schupf geben möchte, Aber diese an sich überzeugende Personenführung bringt ihn stimmlich in einen Zwiespalt. So schön und sicher sein Tenor in der Höhe klingt, die Linien dorthin - etwa im «Celeste Aida» - fliessen nicht immer, und vor allem droht er seine Partnerin zu übertönen.
Diese Partnerin - Nina Stemme (wir kennen sie in Zürich zum Beispiel als Marschallin aus dem «Rosenkavalier» als subtile Darstellerin) - bleibt bei all ihrer Stimmgewalt und ihrer souveränen Linienführung doch eine erstaunlich blasse Aida. Ihr geht letztlich die Innigkeit ab, die diese Figur entwickeln sollte, jene Verhaltenheit, aus der die Gefühle hervorbrechen. Ihre Darstellung gelangt allzu bald an eine Grenze.
Oder ist das Zürcher Opernhaus schlicht zu klein für so grosse Stimmen? Gerade in der Schlussszene, einem eigentlichen Liebestod, fern von aller Schaustellung, vermisst man so die Feinheiten. Denn Pianissimo notiert Verdi über dieses Duett von Aida und Radames, in das sich noch die Stimme der Amneris fein einmischt. «Sempre dolcissimo» heisst es zu den letzten Tönen der Aida in der Höhe; im vierfachen Piano sollte das Orchester enden. Zu solch sublimer Darstellung gelangt die Zürcher Aufführung nicht; sie bleibt im Offiziellen hängen.