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Ab dem 1. Juli wird die New York Times keine Cartoons mehr veröffentlichen. Dies, nachdem eine Karikatur, die Benjamin Netanyahu als Blindenführhund eines blinden Donald Trump zeigt, einen Shitstorm auslöste. Der Schweizer Karikaturist Chappatte, der regelmässig für die New York Times arbeitete, nimmt Stellung.
Mein ganzes Berufsleben lang war ich von der Überzeugung geleitet, dass die einzigartige Freiheit des politischen Cartoonings ein grosses Verantwortungsbewusstsein mit sich bringt.
In mehr als 20 Jahren, in denen ich alle zwei Wochen einen Cartoon für die International Herald Tribune und dann für die New York Times lieferte, und nachdem ich drei OPC-Awards in dieser Kategorie erhalten hatte, dachte ich, politische Cartoons hätten sich endlich etabliert (in einer Zeitung, die diese in der Vergangenheit bekanntlich nur ungern publizierte).
Aber dann passierte etwas. Im April 2019 löste eine Netanyahu-Karikatur, die in den internationalen Ausgaben abgedruckt wurde, weltweite Empörung aus. Die New York Times entschuldigte sich und beendete die Zusammenarbeit mit dem Syndikat, das die Karikatur geliefert hatte.
Letzte Woche teilten mir meine Arbeitgeber mit, dass sie bis Juli auch die Zusammenarbeit mit den hauseigenen Zeichnern beenden.
Ich lege meinen Stift nieder, mit einem Seufzer: Das sind viele Jahre Arbeit, die von einem einzigen Cartoon – der nicht mal von mir war - zunichte gemacht wurde, der gar nicht erst in der besten Zeitung der Welt hätte erscheinen dürfen. Meine Sorge ist, dass es hier nicht nur um Cartoons geht, sondern um Journalismus und Meinungen im Allgemeinen. Wir leben in einer Welt, in der moralistische Mobs auf sozialen Netzwerken zusammenfinden und sich zu einem Sturm erheben, um über die Redaktionen herzufallen.
Solche Aktionen lassen keinen Raum für Überlegungen oder vertieftere Diskussionen, sie erfordern sofortige Massnahmen der Verlage. Twitter ist ein Ort der Aufregung, nicht der Debatte. Meist dominieren die aufgebrachtesten und lautesten Stimmen die Gespräche, und die wütende Menge stimmt mit ein.
Cartoons sind ein beliebtes Angriffsziel. Sie sind Kommentare in anderer Form, visuelle Abkürzungen.Ende des Zitats
In den letzten Jahren habe ich immer wieder vor den Gefahren solcher plötzlichen (und oft organisierten) Reaktionen gewarnt. Sei es in der Cartooning for Peace Foundation, die wir zusammen mit dem französischen Cartoonisten Plantu und dem verstorbenen Kofi Annan – einem grossen Verteidiger von Cartoons – gegründet haben; oder auch im Vorstand der Association of American Editorial Cartoonists.
Cartoons sind ein beliebtes Angriffsziel, es liegt in der Natur von Karikaturen, besonders exponiert zu sein: Sie sind Kommentare in anderer Form, eine visuelle Abkürzung. Sie haben die unschlagbare Fähigkeit, den Geist zu berühren. Das ist ihre Stärke und ihr schwacher Punkt. Sie könnten auch Brennpunkt von etwas Tieferem sein. Das eigentliche Ziel sind häufig die Medien, welche die Karikatur veröffentlicht haben.
1995, in meinen 20-ern, zog ich mit einem verrückten Traum nach New York: Ich würde die New York Times davon überzeugen, politische Cartoons zu bringen. Ein Art Director sagte mir: "Wir hatten nie politische Cartoons und wir werden nie welche haben."
Aber ich war hartnäckig. Jahrelang habe ich Illustrationen für NYT Opinion und die Book Review gemacht, dann habe ich die in Paris ansässige International Herald Tribune (ein Joint Venture der NYT-Washington Post) davon überzeugt, einen hauseigenen redaktionellen Karikaturisten einzustellen.
2013, als die New York Times die International Herald Tribune vollständig übernommen hatte, war ich da: auf der NYT-Website, in ihren sozialen Medien und in ihren internationalen Printausgaben. Im Jahr 2018 begannen wir mit der Übersetzung meiner Cartoons auf der spanischen und chinesischen Webseite der NYT. Die US-Papierausgabe blieb die letzte Hürde. Ich war durch die Tür gegangen und durch das Fenster zurückgekommen. Und ich hatte bewiesen, dass der Art Director sich irrte: Die New York Times brachte hausinterne politische Cartoons. Für eine Weile in der Geschichte haben sie es gewagt.
Neben dem Economist mit dem exzellenten Kal war die New York Times einer der letzten Orte für internationales politisches Cartooning - für eine US-Zeitung, die weltweit einen bedeutenden Einfluss haben wollte, machte das Sinn.
Merkwürdigerweise bleibe ich positiv. Dies ist die Ära der Bilder. In einer Welt mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne war ihre Macht noch nie deutlicher.
Cartoons können Grenzen überwinden. Wer würde dem Kaiser Erdogan zeigen, dass er keine Kleider hat, wenn türkische Cartoonisten es nicht können? Einer von ihnen, unser Freund Musa Kart, ist jetzt im Gefängnis. Karikaturisten aus Venezuela, Nicaragua und Russland wurden ins Exil getrieben. In den letzten Jahren verloren einige der besten Cartoonisten der USA, wie Nick Anderson und Rob Rogers, ihre Anstellungen, weil ihre Verleger ihre Arbeit zu kritisch gegenüber Trump fanden. Vielleicht sollten wir anfangen, uns Sorgen zu machen. Und uns zur Wehr setzen. Politische Karikaturen wurden mit der Demokratie geboren. Und sie werden herausgefordert, wenn die Freiheit es ist.
Merkwürdigerweise bleibe ich positiv. Dies ist die Ära der Bilder. In einer Welt mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne war ihre Macht noch nie deutlicher. Da draussen gibt es eine ganze Welt von Möglichkeiten, nicht nur im redaktionellen Cartooning, sondern auch in neuen Bereichen wie On-Stage-Bildpräsentationen und Langform-Comic-Reportagen - von denen ich seit 25 Jahren ein Verfechter bin. Es ist auch eine Zeit, in der sich die Medien erneuern und ein neues Publikum erreichen müssen. Und hört auf, Angst vor dem wütenden Mob zu haben. In der verrückten Welt, in der wir leben, braucht es die Kunst des visuellen Kommentars mehr denn je. So wie Humor.
(Übertragung aus dem Englischen: Sibilla Bondolfi)