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Von Danny Chahbouni. Danny hat Geschichte und Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg studiert. Dieser Artikel basiert auf der Staatsxamensarbeit “War Scare 1983: Aspekte der militärstrategischen Planungen von NATO und Warschauer Pakt”.
Im November und Dezember 2015 strahlte RTL die deutsch-amerikanische Mini-Serie “Deutschland 83” aus. Wie in der populären Überlieferung markiert ein missverstandenens NATO-Manöver mit der Tarnbezeichnung “Able Archer” den Höhepunkt der Serie. Bereits im Oktober hatte das National Security Archive eine Analyse für US-Präsident George H. W. Bush aus dem Jahre 1990 veröffentlicht, die zusammenfassend die Ereignisse des Jahres 1983 rekapituliert und der These, dass die Welt während besagter NATO-Stabsrahmenübung “Able Archer 83” durch eine Panikreaktion der sowjetischen Führung kurz vor dem Atomkrieg stand, neuen Auftrieb gibt.
Die Ereignisse des Jahres 1983 lassen sich zwar weitestgehend rekonstruieren, die Mythen, die sich vor allem auf Grundlage der Aussagen von Oleg Gordijewski und Rainer Rupp gebildet haben, leben aber hartnäckig weiter. Zum einen liegt das an der Unzugänglichkeit russischer Quellen (z.B. der GSSD), zum anderen aber auch schlicht und ergreifend daran, dass einzelne Autoren mit leichtfertigen Buchtiteln wie “das gefährlichste Jahr des Kalten Krieges” (Georg Schild, “1983. Das gefährlichste Jahr des Kalten Krieges“, Paderborn, 2013), ungeprüft Aussagen übernommen haben, die so nicht haltbar sind.
Es ist folglich Zeit den Mythos “Able Archer” einmal genauer zu betrachten und einige der krassesten Übertreibungen als solche zu entlarven.
Die Ausgangslage
Wie in jedem Jahr veranstaltete die NATO auch im Herbst 1983 eine ganze Reihe von Manövern. Das Jahr begann für das westliche Militärbündnis mit der im zweijährigen Rhythmus stattfindenden Stabsrahmenübung “WINTEX-CIMEX“, in der neben den politischen Rahmenrichtlinien für den Einsatz taktischer Nuklearwaffen auch die zivil-militärische Zusammenarbeit geübt wurde. Gerade der CIMEX-Teil der Planspiele, an dem in der Bundesrepublik vor allem die Zivilschutzstäbe beteiligt waren, zog regelmäßig den Zorn der Friedensbewegung und einzelner beteiligter Lokalpolitiker auf sich, welche die “Sandkastenspiele” als aktive Kriegsvorbereitung brandmarkten.
Die Planer im NATO-Hauptquartier plagten derweil gänzlich andere Sorgen: In einem internen Papier für die Joint Chiefs of Staff (JCS) vom April 1983 werden vor allem Kommunikationspannen bemängelt, die sich während der Übungen ereignet hatten. Die Kommunikationsverbindungen der NATO, z.B. zu US-Dienststellen werden dann in einem abschließenden Bericht schlicht als inadequate bezeichnet.
In einem früheren Papier zur Nachbesprechung der Übung für die JCS vom 22.03.1983 findet sich auch ein Kommentar des stellvertretenden US-Verteidigungsministers, William Paul Thayer, in dem dieser sich für die zukünftige Teilnahme hoher Entscheidungsträger ausspricht:
DEPSECDEF (Thayer) – We need player participation here in Washington to help improve crisis management … try to get higher level players more involved … need high level attention.
Für die weitere Bewertung von Able Archer spielen diese Punkte eine wichtige Rolle, denn sowohl die veränderten Kommunikationsmuster als auch die mögliche Teilnahme von Spitzenpolitikern werden immer wieder als Gründe für die Alarmstimmung bei den Sowjets angeführt.
Ein Zusammenhang zwischen den Pannen bei “WINTEX-CIMEX 83” und den geänderten Verfahrensweisen während “Able Archer” kann deshalb nicht zweifelsfrei belegt werden, scheint jedoch naheliegend. Für die NATO ging überdies die Übungstätigkeit weiter: Im Spätsommer und Herbst 1983 begannen, wie seit 1969 in jedem Jahr, die sog. “REFORGER-Manöver“, die seit 1975 mit anderen jährlichen NATO-Übungen unter der Bezeichnung “AUTUMN FORGE” durchgeführt wurden und bei denen – vereinfacht dargestellt – die konventionelle Abwehrschlacht zur Verteidigung Europas gegen einen Angriff des Warschauer Pakts geübt wurde.
Sämtliche Verteidigungsplanungen waren allerdings nicht auf konventionelle Großmanöver beschränkt, sondern beinhalteten immer auch einen Teil, welcher die Prozeduren zum Einsatz von Nuklearwaffen beinhaltete. Dieser war jedoch nicht Teil der Manöver-Serie AUTUMN FORGE, sondern fand in einer eigenen Manöver-Serie statt, die jährlich auf AUTUMN FORGE folgte. Die Tarnbezeichnung für diese Übungen war “Able Archer”. Ihr Charakter als Stabsrahmenübung (Command Post Exercise, CPX) geht hervor aus einer Telegramm-Korrespondenz zwischen der 7th Air Division und dem Strategic Air Command (SAC), für welches die Division, die im rheinland-pfälzischen Ramstein stationiert war, Aufklärungsaufgaben zu erfüllen hatte. Das SAC, dem die strategische Bomberflotte unterstand, sollte für Able Archer eine Zelle von Verbindungsoffizieren bereitstellen. Als Grund heißt es dort:
(SIC!) IDENTIFIED SHORTCOMINGS IN EXERCISE ABLE ARCHER 82, ONE OF WHICH WAS INSUFFICIENT EXPERTISE TO PLAY CERTAIN US NATIONAL RESOURCES (…) IT ASKED THAT ADDRESSEES RECONSIDER EXTEND OF ABLE ARCHER 83 PARTICIPATION WITH THE AIM OF IMPROVING TRAINING AND IN VIEW Of SHAPE’S INTENT TO CHANGE THE CONCEPT OF FUTURE ABLE ARCHERS (…).
Able Archer 83 schien also in der Übungsserie eine Übergangsstellung einzunehmen, da nicht nur neue Kommunikationsweisen erprobt wurden, sondern auch neue Akteure an den Kriegsspielen teilnehmen sollten. Die Bestätigung hierfür liefert eine Zusammenfassung von Chefhistoriker des Supreme Headquarters Allied Powers Europe (SHAPE) der NATO, Gregory Pedlow. Demnach fand Able Archer vom 07.-11. November 1983 statt und wurde als reine Stabsrahmenübung (CPX) durchgeführt, an der nur Stabsdienst-Personal und keine Großverbände teilnahmen. Die Legende, dass während Able Archer zehntausende NATO-Soldaten im Feld lagen und zur Verunsicherung der sowjetischen Führung betrugen, kann damit als entkräftet betrachtet werden. Als Able Archer 83 begann, waren die Großmanöver der NATO bereits beendet. Ein Sachverhalt, der durch die Routine-Kontrollen der sowjetischen Militärverbindungsmission auch der Führung im Kreml kaum verborgen geblieben sein dürfte.Able Archer 83
Das Ziel von “Able Archer 83” war dementsprechend die Erprobung neuer Verfahrensweisen für den Übergang von der konventionellen zur nuklearen Kriegsführung, nicht das operativ-taktische Training des Panzerkriegs im Fulda Gap. Dafür sollte die Befehlskette zur Freigabe von Nuklearwaffen durch den US-Präsidenten über die regionalen Hauptquartiere zu den Einheiten, die mit nuklearen Waffensystemen bzw. Trägersystemen ausgestattet waren, getestet werden.
Auch die zeitlichen Daten der Übung werden gerne falsch überliefert. Anders als Oleg Gordievski und nach auf Grundlage seiner Aussagen viele weitere Autoren behaupten, startete die Übung nicht am 02. November, sondern erst am 07. November. Die Participation of high level players, die bereits erwähnt wurde, bezieht sich überdies keineswegs auf echte Politiker der damaligen Zeit. Hierbei handelt es sich mit Sicherheit um eine der unreflektiertesten Legenden zur Übung. Gänzlich übertreibt es der Tübinger Historiker Georg Schild, der dazu schreibt:
Auf politischer Ebene sollten der US-Präsident, die englische Premierministerin Margaret Thatcher und Bundeskanzler Helmuth Kohl teilnehmen. (Schild 2013, S.185)
Wie diese Legende zu Stande kommt, ist nicht klar. Der bitische Historiker Christopher Andrew und Oleg Gordievski äußern sich nicht dazu. NATO-Historiker Pedlow stellt klar, dass “Able Archer 83” eine reine Militärübung gewesen sei, an der eine Teilnahme politischer Entscheidungsträger weder geplant gewesen, noch durchgeführt worden sei. Stattdessen sei die politische Ebene durch militärisches Personal in sogenannte Verbindungszellen gespielt worden. Derartige Zellen seien beim amerikanischen JCS und dem britischen Verteidigungsministerium eingerichtet worden. Eine Beteiligung westdeutscher Dienststellen ist überdies nirgendwo erwähnt.
Eine plausible Erklärung, wie sich die Legenden um die Beteiligung westlicher Staats- und Regierungschefs entwickelt haben könnten, lässt sich womöglich durch einfache Verwechslungen und Unkenntnis der militärischen Verfahrensweisen für solche Übungen erklären. Die Offiziere und zivilen Mitarbeiter, die in den Verbindungszellen der Verteidigungsministerien an der Übung teilnahmen, taten dies natürlich nicht unter ihrer eigenen Identität, sondern spielten die Rolle des “Übungs-Präsidenten” oder schlüpften in die Rolle anderer relevanter Entscheidungsträger.
Die Übungslage
Die fehlerhafte zeitliche Terminierung lässt sich dagegen recht schnell erklären: Während die eigentliche Erprobung der Befehlskette zur Freigabe der NATO-Atomwaffen mit der Übung am 07. November begann, war das Szenario der Übung bereits einige Tage früher gestartet, genauer gesagt mit dem Einmarsch der Truppen von “Orange” in das Bündnisgebiet am 04. November 1983. Zu diesem Zeitpunkt wurden die NATO-Kräfte –- in der Übung als “Blau” bezeichnet –- in die Alarmstufe “General Alert” versetzt, was gleichzeitig die höchste Alarmstufe der NATO darstellt. Entweder liegt hier ein nachrichtendienstlicher Fehler der Warschauer Pakt Geheimdienste vor oder Gordijewski, der als erster von den Ereignissen berichtet hatte, hat sich selbst im Datum geirrt.
Der weitere Verlauf der Übung folgt derweil einer finsteren Reihenfolge von militärischen Eskalationen. Nach dem Einmarsch der Truppen von “Orange” in Jugoslawien und Finnland ab dem 03. November startete der Angriff gegen die NATO am 04. November 1983. Nach zwei Tagen heftiger Gegenwehr durch “Blau” wurden durch die Truppen von “Orange” chemische Kampfstoffe eingesetzt. Daraufhin beginnt die eigentliche Übung am 07. November mit dem Ersuchen des NATO-Oberbefehlshabers, Supreme Allied Commander Europe (SACEUR), den selektiven Einsatz von Nuklearwaffen am 08. November einzuleiten. Die Freigabe hierfür musste die gesamte Befehlskette durchlaufen. Dies geschah in der Nacht vom 08. auf den 09. November und kulminierte mit dem simulierten first-use von Nuklearwaffen am frühen Morgen des 09. November 1983 gegen ausgesuchte Ziele in Osteuropa. Später am 09. November wurde durch den SACEUR der follow-on-use gegen weitere Ziele ersucht, der am 10. November genehmigt und am frühen Morgen des 11. November durchgeführt wurde. Die Übung endete planmäßig am Mittag des 11. November 1983.Allein durch diesen Sachverhalt lässt sich eine weitere Legende entkräften: Die Übung wurde nicht spontan abgebrochen, weil die NATO durch den britischen Geheimdienst, der wiederum von Gordievski informiert wurde, die Nachricht bekam, dass die Sowjets die Übung gravierend fehlinterpretiert hatten, sondern “Able Archer 83” endete planmäßig.
Die einzige Bewegung “im Feld”, die überdies während der Übung stattfand, war die Verlegung von Teilen eines nicht näher bezeichneten Stabes in das Ausweichquartier CREST-HIGH. Dabei handelt es sich um die Heinrich-Hertz-Kaserne im rheinland-pfälzischen Birkenfeld. Dort bezogen auch die abgestellten SAC-Offiziere ihr Quartier. Aufgrund der Lageentwicklung — inklusive des Einsatzes von C-Waffen durch “Orange” — musste das Stabspersonal hier mit angelegter ABC-Schutzbekleidung an der Übung teilnehmen. Laut dem After Action Report der 7th Air Division hatten die SAC-Offiziere u.a. den Auftrag, einen Angriff von B-52 Bombern auf die Hafenanlagen in den bulgarischen Städten Burgas und Varna zu planen.
Fazit
Die Übung “Able Archer 83” wird als Höhepunkt des “War Scare” der sowjetischen Führung betrachtet. Doch interpretierten die Sowjets die Ereignisse wirklich als letztes Indiz für einen bevorstehenden Erstschlag des Westens? Ob sich diese Frage jemals zweifelsfrei klären lassen wird, darf getrost bezweifelt werden. Eine isolierte Betrachtung der Übungstätigkeit der NATO zeigt keine besonderen Vorkommnisse für das Jahr 1983, auch wenn die fiktive, nuklear geführte, Entscheidungsschlacht zwischen den Bündnissen für Leserinnen und Leser, die den Kalten Krieg nicht miterlebt haben, gespenstisch wirken muss. Die Brisanz der Übung “Able Archer 83” ergibt sich, aus der Retrospektive betrachtet, vielleicht am ehesten aus der gespannten Situation des krisengeschüttelten Jahres 1983.
Für die Untersuchung des “War Scare” zeigt sich jedoch in der Folge ein weiteres Problem: Die Ereignisse, die die sowjetischen Reaktionen auf “Able Archer” betreffen, können nur durch Aussagen belegt werden, die von zwei Akteuren aus den östlichen Geheimdiensten kommen. Auch die neuerlichen Veröffentlichungen des National Security Archive können dieses Manko nicht wettmachen.
Was im Kreml damals wirklich gedacht wurde, bleibt ein Geheimnis der Geschichte. Zwar legt der US-Historiker Mark Kramer dar, dass im Politbüro niemals über die Übung “Able Archer 83” gesprochen wurde. Wie der Washington Post Journalist und Historiker Don Oberdorfer in einem unveröffentlichten Interview mit dem ehemaligen Chef des sowjetischen Generalstabs, Sergei Achromejew jedoch herausfindet, könnte dies auch einfach an einer Verwechslung gelegen haben: In der sowjetischen Aufklärung wurde “Able Archer 83” als Abschluss des jährlichen Großmanövers “AUTUMN FORGE 83” geführt. Der Name “Able Archer” wurde nicht verwendet. Nach Auskunft Achromejews war die sowjetische Führung in diesen Tagen ernsthaft besorgt, dass die Spannungen eskalieren könnten. Letzte Gewissheit liefert dieser Sachverhalt freilich nicht. “Able Archer 83” bleibt ein Mythos der Geschichte.
Quellensammlung des National Security Archive
The ABLE ARCHER 83 Sourcebook
Ausgewählte Darstellungen und Aufsätze
- Christopher Andrew, “For the President’s Eyes Only: Secret Intelligence and the American Presidency from Washington to Bush“, New York, 1996.
- Christopher Andrew und Oleg Gordievsky, “Comrade Kryuchkov’s Instructions: Top Secret Files on KGB Foreign Operations, 1975-1985“, Stanford, 1994.
- Christopher Andrew and Oleg Gordievsky, “KGB: The Inside Story of its Foreign Operations from Lenin to Gorbachev“, New York, 1990.
- Benjamin B. Fischer, “The 1983 War Scare in US-Soviet Relations“, Studies in Intelligence, undatiert, deklassifiziert 2011.
- Benjamin B. Fischer, “The Soviet-American War Scare of the 1980s“, International Journal of Intelligence and Counterintelligence, Vol. 19, Nr. 3, 2006, S. 480-519.
- Benjamin B. Fischer, “The 1980s Soviet War Scare: New Evidence from East German Documents“, Intelligence and National Security, Vol. 14, Nr. 3, 1999, S. 186-197.
- Benjamin B. Fischer, “A Cold War Conundrum: The 1983 Soviet War Scare“, CIA, Center for the Study of Intelligence 1997.
- Mark Kramer, “Die Nicht-Krise um ‘Able Archer’: Fürchtete die sowjetische Führung tatsächlich einen atomaren Großangriff im Herbst 1983?”, in Oliver Bange und Bernd Lemke (Hrsg.), “Wege zur Wiedervereinigung. Die beiden deutschen Staaten in ihren Bündnissen 1970-1990“, Beiträge zur Militärgeschichte, Bd. 75. München 2013, S. 129-162.
- Wolfgang Krieger, “German-American Security Relations, 1968-1990”, in: Detlef Junker (Hrsg.), “The United States and Germany in the Era of the Cold War, 1945-1990: A Handbook. Volume 2: 1968-1990“. Cambridge, 2004, S. 111-125.
- Dieter Krüger (Hrsg.), “Schlachtfeld Fulda Gap. Strategien und Operationspläne der Bündnisse im Kalten Krieg“, Schriftenreihe Point Alpha, Bd. II, Fulda 2014.
- Vojtech Mastny, “Able Archer: An der Schwelle zum Atomkrieg?”, in: Greiner Bernd (Hrsg.), “Krisen im Kalten Krieg“, Lizenzausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2009, S. 505-522.
- Don Oberdorfer, “From the Cold War to a New Era: The United States and the Soviet Union, 1983-1991“, Baltimore, 1998.
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