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Kasan – Perle der Architektur zwischen Orient und Okzident
Etwa 800 Kilometer östlich von Moskau liegt eine der schönsten Städte der Russischen Föderation an den Ufern der Wolga: Kasan. In der alten Handels-, Wirtschafts- und Kulturmetropole verbinden sich Orient und Okzident in einzigartiger Weise.
Kasan ist heute die Hauptstadt der Republik Tatarstan, einer autonomen Region Russlands. Die Republik bildet das Stammland und die Heimat der Tataren, eines Volksstamms, der sich trotz der langen russischen Herrschaft ein stolzes Eigenbewusstsein und ein starkes Gefühl für Unabhängigkeit bewahrt hat.
Tataren und Russen
Die Stadt wurde wahrscheinlich im 12. Jahrhundert von Wolgabulgaren gegründet. Im 13. Jahrhundert geriet Kasan unter die Herrschaft der „Goldenen Horde“, eines mongolischen Reiches, das sich damals von Osteuropa bis ins westliche Sibirien erstreckte. Von 1438 bis 1552 war der Ort dann der Mittelpunkt eines gleichnamigen Khanats. Die gut 100 Jahre des Khanats bildeten die kurze Epoche der tatarischen Unabhängigkeit, die für Kasan eine Blütezeit bedeuten sollte. Sie wurde durch die russische Eroberung unter dem berühmt-berüchtigten Zaren Iwan dem Schrecklichen jäh beendet.
Seit dieser Zeit leben die Tataren unter russischer Herrschaft. Immer wieder gab es danach tatarische Aufstände, um die fremden Herren abzuschütteln – vergeblich. Heute leben beide Völker weitgehend einträchtig zusammen.
Für Russland bedeutete die Eroberung der Metropole einen riesigen Gewinn. Mit dem Besitz der Stadt erlangten die Zaren eine Schlüsselposition, um von hier aus die Weiten Sibiriens zu unterwerfen. Tatarstan sollte in der Folge russifiziert und christianisiert werden, was allerdings nur bedingt gelang. Später bemühte man sich mehr um einen Ausgleich.
Die turkstämmigen Tataren selbst bekennen sich seit jeher zum Islam. Insofern prallten hier zwei sehr gegensätzliche Kulturen und religiöse Vorstellungswelten aufeinander. War die Niederlage im Krieg gegen die Russen für Kasan auch ein Unglück, in wirtschaftlicher Hinsicht sollte sich die Fremdherrschaft auszahlen. Die Lage an der Wolga und die Position als „Türöffner“ zu Sibirien prädestinierte die Stadt als Handels-, Wirtschafts- und Verkehrsknotenpunkt. Dadurch wurde die Entwicklung stark begünstigt.
Der Kreml von Kasan
Heute zählt die Metropole mit gut 1,1 Millionen Einwohnern zu den grössten Städten der Russischen Föderation. Die Bevölkerung besteht zu nahezu gleichen Teilen, die jeweils etwas weniger als die Hälfte ausmachen, aus Russen und Tataren. Der Rest verteilt sich auf einige kleinere Minderheiten, darunter auch Ukrainer, Aserbaidschaner, Deutsche und Juden. Dementsprechend sind die beiden vorherrschenden Religionen die Russische Orthodoxie und der Islam sunnitischer Prägung. Kasan ist heute die russische Grossstadt, in der der Islam die grösste Bedeutung hat. Daneben gibt es auch kleinere römisch-katholische, protestantische und jüdische Gemeinden.
Das Zusammentreffen verschiedener Völker, Kulturen und Religionen spiegelt sich in den Bauwerken der Stadt wider. Sie vereinen in einzigartiger Weise die Stilelemente des Orients und des Okzidents, die manchmal zu sehr überraschenden Kombinationen und Konstruktionen führen. Als Höhepunkt der Baukunst in Kasan gilt der Kreml. Er gehört seit dem Jahr 2000 zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Der Kasaner Kreml ist ein russisches Bauwerk. Das russische Wort „Kreml“ bedeutet nichts anderes als Zitadelle. Und als Festung sollte der Baukomplex auch dienen, um die Herrschaft über die Stadt zu sichern. Die Russen errichteten ihn nach der Eroberung der Stadt an der Kasanka, einem Nebenfluss der Wolga, die hier zu einem breiten See aufgestaut ist. Vorher hatte an der Stelle des Kremls der Palast des Khans gestanden.
Heute präsentiert sich die Feste dem Besucher mit strahlend weissen Mauern, die von Türmen und Toren unterbrochen sind. Ähnlich wie beim Moskauer Kreml befinden sich innerhalb des Mauerrings sakrale und weltliche Bauten von zentraler Bedeutung. Einige der Schönheiten sind in den 1930er-Jahren verloren gegangen, als sich hier kommunistisch-stalinistische Zerstörungswut austobte. Dennoch bietet die gesamte Anlage auch heute noch eine Vielzahl eindrucksvoller Sehenswürdigkeiten.
Symbolträchtige Koexistenz – Kirche und Moschee
Ihr Wahrzeichen ist der Sujumbike-Turm. Es ist ein schiefer Turm, der seine Neigung – ähnlich wie sein berühmtes Pendant in Pisa – dem Erduntergrund zu verdanken hat. Der Turm, der sich im Gegensatz zum übrigen Weiss in Rot zeigt, vereint russische und tatarische Bauweise. Sein Name weist auf die letzte Regentin des Khanats hin. Unter dem Turm befinden sich die Sarkophage der Kasaner Khane. Er gilt daher den Tataren auch als eine Art Mausoleum und heilige Stätte. Neben dem Sujumbike-Turm gibt es noch eine Reihe weiterer bemerkenswerter Türme und Tore, die jeweils eine ganz eigene Gestaltung aufweisen – zum Beispiel das Erlöser-Tor.
Zwei Sakralbauten dominieren die Silhouette des Kremls – die Maria-Verkündigungs-Kathedrale und die Kul-Scharif-Moschee. Die Kathedrale wurde in ihrem Kern im 16. Jahrhundert errichtet und in der Folge immer wieder erweitert und umgestaltet. Sie zeigt mit ihren blauen Zwiebeltürmen und dem Glockenturm mit der vergoldeten Spitze typisch russisch-orthodoxe Architektur.
Die Kul-Scharif-Moschee ist dagegen ein Bauwerk der Moderne, zitiert aber historische Bauformen. Sie wurde erst im Jahre 2005 fertiggestellt und ist nach dem letzten Imam des Khanats Kasan benannt. Die Moschee wurde innerhalb der Kremlmauern dort erbaut, wo sich einst die Hauptmoschee der Stadt befand. Ihr Baustil vereint islamische und christliche Stilelemente und bildet mit der blauen Dachfarbe eine architektonische Antwort auf die benachbarte Kathedrale. Der Standort und die Gestaltung haben hohe Symbolkraft. Sie sollen das friedliche Miteinander von Christentum und Islam zeigen. Der bedeutendste Profanbau des Kasaner Kreml ist der Gouverneurspalast, ein Werk des russischen Klassizismus aus dem 19. Jahrhundert.
Der Tempel der Religionen
Auch ausserhalb des Kremls bietet Kasan schöne Ecken und Sehenswürdigkeiten. Das Rathaus der Stadt, das Hauptgebäude der staatlichen Universität und der Palast der Landwirte sind charakteristische Beispiele für Repräsentationsbauten der Zarenzeit im 19. Jahrhundert. Repräsentativ zeigt sich auch Kasans zentrale Einkaufsmeile, die Bauman-Strasse im Herzen der
Stadt – heute eine ausgedehnte Fussgängerzone.
Der bizarrste Bau der Neuzeit ist zweifelsohne der noch nicht fertiggestellte „Tempel aller Religionen“. Er wurde 1992 von dem örtlichen Künstler Eldar Chanow begonnen – einer schillernden Persönlichkeit. Der Tempel in einem Vorort von Kasan vereint typische architektonische Gestaltungselemente aller Weltreligionen in einem Bau. Dies führt zwangsläufig zu einem bunten Stilgemisch, unter anderem finden sich Elemente einer russisch-orthodoxen Kirche, einer Moschee und einer Synagoge.
Als Symbol für die friedliche Koexistenz der Religionen hat der Tempel in Kasan sicher einen würdigen Standort. In einer Welt, die heute vielfach durch einen neu entfachten religiösen Fanatismus und Intoleranz geprägt ist, zeigt Kasan, dass es auch anders geht. Allein das macht die Stadt an der Wolga zu einem interessanten Ziel.
Oberstes Bild: © elen31 – fotolia.com