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Werter Silvester
Wann genau du zum Arschloch mutiert bist, lässt sich im Rückblick nur schwer rekonstruieren. In meiner Kindheit jedenfalls warst du noch keins, da gabs fruchtige Silvesterbowle für alle, Tischbomben und Zuckerstöcke und ich als Nesthäkchen war jedes Jahr enorm stolz, dass ich bis Mitternacht durchhielt. Gegen Ende meiner Teenager-Zeit jedoch da war die Metamorphose zum Arschloch definitiv bereits erfolgt, ich erinnere mich vor allem an den Silvester ’99/00, bei dem ich mich im Verlauf des Abends von meinen Freunden absetzte und schliesslich um Mitternacht alleine auf einer Treppe sass und Beedees rauchte, bis sich mein Magen kehrte. Es folgten mehrere Jahre, in denen du dich kein bisschen angestrengt hast, auch nur so zu tun, als wärst du kein Arschloch. Ich weiss nicht mehr, wie viele Jahre hintereinander ich wegen dir mit meinem Freund nach Zürich fuhr, um das Feuerwerk zu sehen, mit einer Flasche Sekt und im ersten Jahr gar noch Champagner-Gläsern im obligaten Trekking-Rucksack. Im ersten Jahr ging eines dieser Gläser zu Bruch (wer hätte geahnt, dass das passieren kann!) und wir verpassten den letzten Zug zurück in die Heimat, worauf wir mehrere Stunden frierend auf den ersten Zug um 5 Uhr früh warteten. Im zweiten Jahr wurde mir das Portemonnaie noch vor Mitternacht gestohlen, und wir verpassten den letzten Zug zurück in die Heimat, worauf wir mehrere Stunden frierend auf den ersten Zug um 5 Uhr früh warteten. Im dritten Jahr vergassen wir den Sekt zu Hause, und wir verpassten den letzten Zug zurück in die Heimat, worauf wir mehrere Stunden frierend auf den ersten Zug um 5 Uhr früh warteten.
Werter Silvester, du könntest an dieser Stelle Einspruch erheben und darauf plädieren, dass wir halt ziemlich bescheuert und vor allem lernresistent sind und du gar nichts dafür kannst. Ich sag dir eins: Du irrst!! Es war alleine deine Schuld, du mit deiner bedeutungsschwangeren Aura, du mit deiner pseudo-Wichtigkeit, du mit deinem Schüren von Erwartungen, deinem Erzeugen von sozialem Druck, du elendes Arschloch, jawohl, du bescheuertes Sackgesicht, du Wichser, du…
Ähem. Zurück zum Thema: Die Jahre vergingen, und wir pilgerten nicht mehr nach Zürich, um dort 4 Stunden in der Kälte rumzulungern, nein, wir hatten ein neues Silvester-Ding entwickelt: Jedes Jahr, werter Silvester, wenn du mal wieder die Menschheit heimgesucht hast, gingen wir irgendwo völlig überteuert essen, einem von uns war dabei stets speiübel und wir haben uns jedes einzelne Mal deftig gestritten. Ein Höhepunkt war beispielsweise das 7-Gang-Menue in der Zentralschweiz, wo wir in einem 4-Sterne-Hotel übernachteten. Bereits auf dem Weg zum Galadinner krümmte ich mich vor Schmerzen. Vorher und nachher habe ich nie was ähnliches erlebt, ich vermute, es waren Koliken. Während ich mir eigentlich nur einen Kamillentee und ein Bett wünschte, ging es elendigliche 7 Gänge lang, bis endlich Mitternacht war. Warum wir uns stritten, weiss ich nicht mehr, aber es war unschön – ich weiss aber noch, dass wir uns spätestens um Mitternacht wieder gemeinsam über unseren wirklich unsäglich unfähigen Kellner lustig machten, der es schaffte, dass wir als einzige Gäste den Schämpis erst um 5 nach 12 erhielten. Ich glaube, es war das Jahr darauf, als wir in ein wirklich hübsches und schickes Restaurant gingen, ein 6-Gänger, wenn ich mich recht erinnere. Die Chefin hatte unsere Reservation versemmelt, so dass wir im Keller warten mussten, bis sie uns aus irgendwas einen Tisch gebastelt hatte. Ab dem 2. Gang ging mein Freund zweimal aufs Männerklo erbrechen, und wir stritten mal wieder wirklich unschön. An dieser Stelle muss ich vielleicht mal folgendes erwähnen: Wir streiten selten, und in der Öffentlichkeit eigentlich so gut wie nie. Ich lehne daher sämtliche Verantwortung entschieden ab: Verantwortung für all das trägt nur einer, und das bist du, verdammter Silvester!
Wie dem auch sei: Vor einem Jahr dann habe ich entschieden, deiner boshaften Absicht einen Strich durch die Rechnung zu machen, indem ich dich künftig einfach weitgehend ignoriere. Wir haben ein Fondue gegessen, glaube ich, ich sah mir irgendwas im TV an und um Mitternacht gingen wir zu Fuss zur kleinen Brücke runter und zündeten einen Zuckerstock an. Ha! Ausgetrickst! Nicht nur, dass sich keiner von uns beiden übergeben musste, nein, wir hatten auch keinen Streit und einen Zug haben wir auch nicht verpasst. Herrlich!
Dieser Erfolg meinerseits gegen dich, werter Silvester, und deine ganzen fiesen Absichten, veranlasste mich, auch dieses Jahr auf dieser Schiene zu fahren. Mit einer kleinen Änderung: Ich werde was wirklich leckeres kochen morgen. Ich habe mir die billigste Flasche Sekt gekauft, die der Supermarkt zu bieten hatte und schwelgte dabei in Erinnerungen: Diesen Sekt habe ich als Teenager flaschenweise getrunken, damals kostete er noch fast einen Franken weniger, knapp 3 Franken, nämlich, während er jetzt fast 4 Franken kostet. Wir werden zu Hause gut essen, und wenn einer kotzen muss, kriegt das ausser uns beiden wenigstens niemand mit. Wenn wir streiten werden, dann wenigstens nicht in der Öffentlichkeit. So oder so: Wir werden dich kleinkriegen, wir werden über dich triumphieren, wir werden es dir heimzahlen. Du hast es nicht anders verdient, Arschloch.
Beste Grüsse,
Änni