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England im Jahr 1962. Wir befinden uns im Schlafzimmer eines 16-jährigen Jungen, der gerade aufwacht. Der Milchmann ist eben vorgefahren, und die Stimmen der Eltern dringen in sein Zimmer. Die Gedanken des jungen Mannes sind im Film als Voiceover zu hören.
Heute ist sein schulfreier Tag. Er fährt mit dem Velo los, kommt an einer Schule vorbei, wir hören Kinder das Lied «All Things Bright and Beautiful» singen. Der Junge summt mit. Weiter geht die Fahrt. Musik setzt ein.
Szenenwechsel in ein Industriegebiet. Der Junge stellt sich vor, der einzige Mensch auf der Welt zu sein. Neben seiner Route verlaufen Schienen. Er macht einen Halt am Strand, raucht eine Zigarette. Zurück aufs Velo. Sein nächster Stopp führt ihn zu einem kleinen Laden, seine Gedanken mäandern, wir hören sie im Off.
Der Protagonist macht Halt beim stillgelegten Rummelplatz. Ein Hund scheint es auf ihn abgesehen zu haben. Es geht zurück zum Strand, hier begegnet der 16-Jährige einem weiteren Hund. Dieser liegt allerdings tot im Sand. Der Junge kommt zu einer Baracke. Er betritt und erkundet sie.
«Boy and Bicycle» ist ein Experimentalfilm. Der Handlungsablauf ist zwar schnell beschrieben. In Verbindung mit den Gedanken des Jungen aus dem Off wird der Streifen aber zu einem Genrewerk. Als Macher hinter dem 27 Minuten dauernden Kurzfilm steht der damals 25-jährige Ridley Scott. Er wird später mit seinen vielseitigen Regiearbeiten Berühmtheit erlangen. Zu den bekanntesten Werken des Briten zählen «Alien» (1979), «Blade Runner» (1982), «Thelma and Louise» (1991), «Gladiator» (2000) und «The Martian» aus dem Jahr 2015.
Bergman, Kurosawa und Joyce
Scott studierte von 1954 bis 1958 am West Hartlepool College of Art Malerei und Grafikdesign. Danach studierte er von 1960 bis 1962 am Royal College of Art in London. In seiner Freizeit war Scott oft im Kino. Er sah gerne japanische und französische Streifen, aber auch indische Werke und Hollywoodproduktionen trafen seinen Geschmack.
Zu seinen Lieblingsregisseuren gehörten Ingmar Bergman und Akira Kurosawa. Scott las aber auch gerne. Einfluss auf seinen ersten Film sollte die Lektüre von Henry Miller und James Joyce haben. Vor allem «Ulysses», das Meisterwerk von Joyce, gefiel Scott.
Am Royal College of Art gab es keine Möglichkeit, Film zu studieren. Dafür existierte eine Abteilung, die sich der Fernseharbeit widmete. Hier holte sich Scott das Rüstzeug für die spätere Berufslaufbahn als Szenenbildner bei der BBC (1965 bis 1968).
Der damalige TV-Spartenleiter am Royal College of Art genehmigte Scott ein kleines Budget für seinen ersten Film. Auf die Idee, einen Film zu drehen, kam Scott, als er beim Stöbern in einem Stahlschrank eine alte 26-Millimeter-Kamera und einen Belichtungsmesser fand, wie Vincent LoBrutto in seinem Buch «Ridley Scott: A Biography» schreibt. Und weiter: «Mit dieser Grundausrüstung machte er sich daran, ein Drehbuch über einen Jungen zu schreiben, der an seinem sechzehnten Geburtstag auf sein Velo steigt und seine Küstenstadt erkundet.»
Die Dreharbeiten fanden 1961 während der Sommerferien statt. Drehort war Billingham im Nordosten Englands. Als Hauptdarsteller schnappte sich Scott seinen Bruder Tony. Hinzu kamen die Eltern der beiden. Für den damals 16-jährigen Tony Scott war «Boy and Bicycle» die erste Arbeit an einem Film. Er wurde später wie sein älterer Bruder zu einem erfolgreichen Regisseur und Produzenten.
Bevor «Boy and Bicycle» fertiggestellt werden konnte, lag der Film drei Jahre herum. Abgeschlossen wurde die Arbeit am Streifen erst 1965, nachdem der Experimentalfilm-Fonds des British Film Institute ein Stipendium von 250 Pfund sprechen konnte. Dazu gab der Komponist John Barry, der auch die Musik für diverse James-Bond-Filme mitverantworten sollte, die Erlaubnis, sein Stück «Onward Christian Spacemen» zu verwenden.
Boy And Bicycle
Kurzfilm, England 1965
Regie und Drehbuch: Ridley Scott
Darsteller: Tony Scott
Kamera: Ridley Scott
Musik: John Barry
Sprache: Englisch
Bemerkungen: Als Extra auf der DVD «Loving Memory» (Import) in Originalfassung oder über Streaming-Plattformen.