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Der Ausdruck D. bezeichnete ab dem 16. Jh. getrocknete pflanzl., tier. oder mineral. Präparate, die als Heilmittel oder Gewürze verwendet wurden. Ende des 19. Jh. wurde er zum Sammelbegriff für psychoaktive Wirkstoffe wie Opiate, Kokain oder Cannabisprodukte, in welchem Wirkungsweise, Suchtpotenzial und Reglementierung bzw. Verbot der Stoffe eine enge semant. Verbindung eingehen. Diesem landläufigen, engen und stark an der Illegalität orientierten Begriff steht ein erweiterter gegenüber, der alle Substanzen als D. auffasst, die zur Veränderung eines Bewusstseinszustands, der Körperempfindlichkeit oder der Wirklichkeitserfahrung eingesetzt werden, also auch den Alkohol, der als die Kulturdroge des Okzidents gilt (Alkoholismus). Unterschieden wird dann, wie in der Klassifikation des Europ. Parlaments von 1991, zwischen sehr harten (Heroin, Crack), harten (Morphin, Kokain, Methadon), mittelharten (Amphetamine, Barbiturate, LSD, Mescalin, Absinth), mittelweichen (Opium, Haschisch, Coca-Blätter, Tabak, Branntwein), weichen (Cannabis, fermentierter Alkohol, Tranquilizer, Codein) und sehr weichen Drogen (Kaffee, Tee, Schokolade).
Schon vor 6'000 Jahren wurde in Westeuropa aus dem Schlafmohn Opium gewonnen; Samen und Kapseln fand man am Genfersee und am Bodensee in 4'000-jährigen Seeufersiedlungen. Über die ägypt. und arab. Heilkunde gelangte das Opium im MA in die europ. Medizin. Berühmt wurde das von Paracelsus beschriebene sog. Laudanum, eine aus einem Gemisch von Opium und Alkohol bestehende Tinktur. Die wissenschaftl. Erforschung des Wirkstoffs führte im 19. Jh. zur Isolierung von Alkaloiden wie Morphin, Codein, Narkotin und zur Synthetisierung von Heroin. Ähnlich wurde auch aus den Blättern des Kokastrauchs das Kokain isoliert.
In der frühen Neuzeit stigmatisierte die herrschaftl. Moral zunächst die importierten Genussmittel Tabak, Kaffee und Schokolade sowie den Branntwein als gesundheits-oder gesellschaftsgefährdend; diese Genussmittel wurden auch in der Schweiz von der Obrigkeit vergeblich bekämpft. Während Kaffee- und Tabakgenuss im Verlauf der Emanzipation des Bürgertums zur Normalität wurden, entzündete sich im 19. Jh. als Reaktion auf den gesteigerten Schnapskonsum und eine veränderte Wahrnehmung der sozialen Folgen ein vorwiegend an die Unterschichten gerichteter Sittlichkeitsdiskurs, der auch dem medizinisch-wissenschaftl. Konzept der Sucht als Krankheit zum Durchbruch verhalf. Ab dem Ende des 19. Jh. konnte die sog. Alkoholfrage durch die Alkoholgesetzgebung und -besteuerung entschärft und reglementiert werden.
Demgegenüber wurde im 19. und 20. Jh. im Konsum von Opiaten sowie Kokain und später auch von Cannabisprodukten ein neues Feld geortet, in dem die bürgerl. Normalität in Frage gestellt schien. Diese Rauschmittel waren keineswegs neu, sondern hatten in der traditionellen Medizin schon lange eine wichtige Rolle gespielt.
Der Hanf (Cannabis sativa), dessen Bedeutung für die Fasergewinnung im Verlauf der Industrialisierung zurückging (Gewerbepflanzen), wurde auch als Hausmittel und ab Mitte des 19. Jh. in der wissenschaftl. Medizin verwendet. Zwischen 1850 und 1950 wurden in Europa über 100 versch. Cannabismedikamente angeboten. Hanf wurde aber auch als Tabakersatz geraucht und war in vielen Bauernbetrieben anzutreffen.
Der Genuss und der Vertrieb der als Allround-Heilmittel eingesetzten Substanzen waren bis ins 20. Jh. legal. Der gewohnheitsmässige Konsum beschränkte sich aber, zumindest was Opiate und Kokain betrifft, auf sozial integrierte, gebildete Kreise - häufig Apotheker, Ärzte und Künstler - und galt in der Schweiz nicht als gesellschaftsgefährdend. Der mit dem Rauschmittelgenuss bisweilen verbundene nonkonformist. Habitus trug dazu bei, dass diese Substanzen später zu einer Bedrohung von Sitte und Ordnung stilisiert wurden.
Autorin/Autor: Ruedi Brassel-Moser
1912 entstand auf Betreiben der USA die Haager Opium-Konvention, die eine Kontrolle und gesetzl. Regelung von Opiumproduktion und -handel verlangte. Der Bundesrat lehnte einen Beitritt vorerst ab, da diese Probleme die Schweiz seiner Ansicht nach nicht berührten. Dies traf insofern nicht zu, als dass der Export von Morphium und Heroin für die chem. Industrie durchaus eine Rolle spielte.
Mit dem 1. Weltkrieg veränderten sich die Konsummuster und die Konsumentenstruktur. Die subkutane Injektion von Morphinen nahm zu, nicht zuletzt unter jenen, die als Kriegsverletzte mit Opiaten behandelt worden waren. In der Schweiz wie anderen Industriestaaten wurden - parallel zur Auseinandersetzung mit dem Elendsalkoholismus - auch die anderen D. und die Auswirkungen deren Konsums zunehmend negativ beurteilt. Ab den 1920er Jahren nahm man die gemäss einer Schätzung insgesamt etwa 500-700 sog. Rauschgiftsüchtigen als Problem wahr.
Gleichzeitig stieg der internat. Druck auf die Schweiz, sich dem Haager Abkommen anzuschliessen. Dem widersetzte sich die chem. Industrie, die einen Beitritt zur Konvention als existentielle Bedrohung erachtete. 1924 erliess der Bund das erste schweiz. Betäubungsmittelgesetz, das für die Produktion und den Handel mit Opiaten und Kokain eine Bewilligungspflicht einführte. 1951 wurde das Gesetz verschärft; auch die Cannabisprodukte fielen von nun an unter das Verbot. Bei der Revision von 1968 wurden auch die Halluzinogene - allen voran das 1938 vom Basler Chemiker Albert Hofmann erfundene LSD - in den Verbotskatalog aufgenommen. Strafbar war nach wie vor nur der Handel, nicht aber der Konsum von D.
Autorin/Autor: Ruedi Brassel-Moser
Nach 1968 wurde der Drogengenuss in der jugendl. Subkultur vermehrt als Gegen- und Selbsterfahrung in einer auf Rationalität und Leistung getrimmten Gesellschaft wahrgenommen, die ihrerseits als konsumsüchtig kritisiert wurde. Sowohl kontestative als auch sozialintegrative Funktionen des Drogenkonsums fanden ihren Ausdruck in dem in der Gruppe zirkulierenden Haschisch-Joint, mit dem man sich von der Alkohol trinkenden Vätergeneration abheben konnte. Das Aufkommen harter D. wie Heroin und Kokain in den 1970er Jahren und die ersten sog. Drogentoten ab 1972 verstärkten den auf Abstinenz und Prohibition ausgerichteten Kurs der Drogenpolitik. Drei sich überschneidende Konsumgruppen etablierten sich. Neben der fortbestehenden, zwischen Protest und Kommerzialisierung oszillierenden Subkultur entstand ein "unsichtbarer" Konsum sozial integrierter "recreational users". Das Drogenbild in der Öffentlichkeit prägten aber mehr und mehr die sog. Drogenszenen, die sich in versch. Städten bildeten. Insbesondere der Platzspitz in Zürich wurde bis 1991 zum Symbol einer nicht kontrollierbaren, offenen Drogenszene, in der Konsum, Handel, Beschaffungskriminalität, Prostitution und Verelendung aufs Engste miteinander verflochten waren.
Auf diese Entwicklungen reagierte die Gesetzgebung 1975 mit dem Verbot des Drogenkonsums. In der Praxis zeigte sich bald das Scheitern des Prohibitionsansatzes. Eine Wende wurde Ende der 1980er-Jahre eingeleitet, als unter dem Eindruck der Aids-Problematik die Aushändigung von sterilen Spritzen toleriert wurde und die Überlebenshilfe mit Methadonabgabe einsetzte (Aids). Nach einer erfolgreichen Versuchsphase wurde 1999 auch die ärztlich kontrollierte Heroinabgabe vom Volk gebilligt, nachdem zuvor zwei Initiativen für eine rein abstinenzorientierte Politik abgelehnt worden waren. Die auf dem Viersäulenprinzip (Prävention, Überlebenshilfe, Therapie und Repression) beruhende Drogenpolitik der Schweiz fand international grosse Beachtung. Zu Beginn des 21. Jh. wurde zudem die Legalisierung von Cannabis diskutiert. Insbesondere diese Diskussion führte 2004 dazu, dass eine knappe Mehrheit des Nationalrats es ablehnte, auf die Revision des Betäubungsmittelgesetzes einzutreten. Die Revision sah u.a. den straffreien Konsum von Cannabis vor.
Autorin/Autor: Ruedi Brassel-Moser