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Familie und Karriere in der Reichskirche
Geboren am 19. September 1676 in Mainz als Sohn des Melchior Friedrich von Schönborn (1644-1717) und der Maria Anna Sophia von Boinebourg (1652–1726), ist er das sechste von 14 überlebenden Kindern einer der wichtigsten Familien der Reichskirche. Sein Vater ist hoher Beamter im Dienste von Kurmainz. Hier hat bis 1673 sein Grossonkel Johann Philipp regiert. 1695–1729 wird Onkel Lothar Franz das Erzbistum als Kurfürst und Erzkanzler des Reiches regieren. Er sorgt mit einem nahezu perfekten reichskirchlichen Patronagesystem für die Karriere seiner Neffen. Von den sechs Brüdern Damian Hugos sollten deshalb später die beiden älteren Johann Philipp Franz (1673–1724) und Friedrich Carl (1674–1746) sowie der jüngere Franz Georg (1682–1756) ebenfalls Fürstbischofssitze in Würzburg, Bamberg und Trier einnehmen.
Damian Hugo geniesst wie seine Brüder eine sorgfältige Erziehung. Mit 10 Jahren geht er ins Gymnasium am Jesuitenkolleg von Aschaffenburg, dann mit 16 Jahren ans Kolleg in Würzburg. Mit 17 Jahren empfängt er die niederen Weihen und geht anschliessend, zusammen mit seinem Bruder Rudolf Franz Erwein (1677–1754) nach Rom, wo sie im Collegium Germanicum zwei Jahre studieren. Die anschliessende Kavalierstour führt sie nach Siena und Leyden. Nach einem Offizierspraktikum in der Festung Mainz verhilft Lothar Franz 1699 seinem Neffen zur Aufnahme in den Deutschen Orden. Damian Hugo wird 1703 Landkomtur der Ballei Hessen und 1709 zusätzlich Landkomtur der Ballei Altenbiesen.[1] 1706 ist er Gesandter des Ordens am kaiserlichen Hof. 1708 ernennt ihn Kaiser Joseph I. zu seinem Gesandten beim niedersächsischen Reichskreis und bei den Hansestädten Hamburg und Bremen. 1711 ist er kaiserlicher Geheimer Rat und leitet erfolgreich diplomatische Missionen in Berlin. Am Braunschweiger Kongress scheitert sein Versuch, die nördlichen Reichsterritorien aus dem nordischen Krieg herauszuhalten. 1713 schlägt ihn der 1711 gewählte Kaiser Karl VI. zum Kardinal vor, das rote Biret setzt er ihm 1715 auf und ernennt ihn 1716 noch zum Wirklichen Geheimen Rat.[2] Im gleichen Jahr, wieder ist sein Onkel Lothar Franz Strippenzieher, wird er zum Koadjutor mit dem Recht auf Nachfolge des Fürstbischofs von Speyer gewählt. Das «rote Cappel», wie ihn seine Familie wegen der Kardinalswürde nennt, soll den Schönborns noch weitere einflussreiche Stellen sichern. Aber die Versuche Damian Hugos, Dompropst in Konstanz, Abt in Stablo-Malmedy oder Koadjutor in Mainz, Trier und Kempten zu werden, scheitern.
Fürstbischof von Speyer
1719 stirbt der amtierende Fürstbischof von Speyer. Damian Hugo von Schönborn übernimmt die Regierung. 1720 empfängt der Fürstbischof und Kardinal von seinem Onkel die Priesterweihe. Am 24. Februar 1721 wird er in Bruchsal zum Bischof konsekriert. Er beginnt im kriegsverwüsteten Bistum mit einer umfangreichen geistlichen und weltlichen Reformtätigkeit, zu der nebst der Einführung der allgemeinen Schulpflicht auch die Gründung eines Priesterseminars gehört, will aber nicht bei den «zancksichtigen Speyerer» wohnen.[3] Sein schwieriger und schroffer Charakter schafft ihm in der Stadt Speyer schnell Feinde, denen zudem seine Schaffenskraft nicht geheuer ist. Er saniert aber gegen alle Widerstände den kleinen Staat, schafft gefüllte Schatullen und eine reorganisierte Verwaltung.[4] Er wird der bedeutendste Fürstbischof Speyers. 1722 legt Damian Hugo den Grundstein für die neue Bruchsaler Residenz. Er kann für den Bau der Dreiflügelanlage, die von Dienstgebäuden flankiert ist und einen in sich geschlossenen Stadtteil bildet, auf ein Netzwerk von Baumeistern und Künstlern aus dem Umfeld seines Onkels in Mainz und seines Bruders in Würzburg zurückgreifen. Die erste Planung liefert Maximilian von Welsch. Ein weiterer kurmainzischer Kavaliersarchitekt, Anselm Franz Freiherr von Ritter zu Groenesteyn, ist kurzzeitig Mitplaner für den Corps de Logis. Die Bauleitung und Ausführungsplanung liegt anfänglich bei Johann Georg Seitz, später beim Rastatter Hofbaumeister Michael Rohrer, und ab 1727 bei Johann Georg Stahl, der vom Zimmerpalier zum Werkmeister des Hochstifts wird. Fürstbischof Damian Hugo ist, wie sein Onkel und sein Bruder Friedrich Carl offensichtlich vom barocken «Bauwurmb» gepackt.[5] Er greift in die Planung des Hauptbaus ein, sein Planer Freiherr von Ritter kündigt in der Folge 1726 die Mitarbeit, und erst der Beizug des Würzburger Hofbaumeisters Balthasar Neumann im Jahr 1728 führt zur definitiven Lösung des Mittelrisalites mit dem berühmten Treppenhaus.[6] Inzwischen ist die durch Cosmas Damian Asam freskierte Residenzkirche St. Damian und Hugo fertiggestellt.[7] Die völlige Fertigstellung des Hauptbaus erlebt aber der verdienstvolle Bauherr nicht mehr, auch weil 1733–1736 der Polnische Thronfolgekrieg zu einem Unterbruch der Bauarbeiten führt. Damian Hugo von Schönborn ist nebst der Residenz Bruchsal für weitere Barockjuwele in Bruchsal und Umgebung treibende Kraft. In Waghäusel ist es die Eremitage,[8] in Bruchsal die Peterskirche,[9] die er durch Balthasar Neumann als Grablege der Fürstbischöfe wieder aufbauen lässt und in Kislau[10] wird eine zerstörte mittelalterliche Burg zu einem barocken Jagd- und Lustschloss umgebaut.
Fürstbischof von Konstanz
1722 wählt das Domkapitel von Konstanz Damian Hugo von Schönborn zum Koadjutor des Fürstbischofs mit Recht auf Nachfolge. Treibende Kraft dieser Ernennung ist nebst der Schönborn-Familie der Kaiser und der amtierende Fürstbischof Johann Franz Schenk von Stauffenberg.[11] Mit dem Domkapitel entfremdet sich Damian Hugo aber schon 1731, als es seinen Beichtvater und Geistlichen Rat, Dr. Ulrich Kellermann, wegen dessen bürgerlicher Herkunft nicht als Kanoniker aufnimmt. Die Beziehungen zu den Domherren bessern sich auch nicht, als Damian Hugo am 5. August 1740 die Regierung übernimmt. Er ist vom 12. November 1740 bis zum 27. Oktober 1741 in Meersburg. Trotz schwerer Magenkrankheit und eines von Misstrauen geprägten Klimas flammt bei ihm noch einmal die Bauleidenschaft auf. Er wird zum Vollender der Meersburger Residenz, die seit 1712 mangels Ausbau für die Hofverwaltung genutzt wird. Damian Hugo zieht dazu seine Bruchsaler Baumeister Balthasar Neumann und Johann Georg Stahl bei. Den amtierenden Hofbaumeister Johann Caspar Bagnato entlässt er. Neumann entwirft einen nordöstlichen Mittelrisalit-Vorbau mit Prunktreppe und eine neue Schlosskapelle. Stahl führt die Bauten aus. In der neuen Schlosskapelle freskiert Gottfried Bernhard Göz nach Angaben des Fürstbischofs. Joseph Anton Feuchtmayer stuckiert und muss sich bei der Altargestaltung dem mitplanenden Bauherrn fügen. Die Umbauten sind 1742 abgeschlossen. Der Fürstbischof residiert jetzt wieder in Bruchsal und wird das vollendete Werk nicht mehr sehen.
Tod und Nachruhm
Damian Hugo von Schönborn stirbt am 19. August 1743 mit 67 Jahren in Bruchsal. Die Stiftskirche von St. Peter mit der neuen Bischofsgruft ist noch nicht vollendet, sodass er bei den Kapuzinern beigesetzt wird. 1755 lässt ihn sein Bruder Franz Georg in die neue Gruft überführen. Zwei gedruckte Leichenpredigten, die vor allem den Seelenhirten Schönborn loben, wirken noch heute in den biografischen Darstellungen positiv nach. Tatsächlich ist er selbst für einen barocken Menschen und vor allem für einen Schönborn sehr fromm. Was ihn mit seinem weniger frommen Bruder Friedrich Carl verbindet, ist die flinke Intelligenz, die Systematik des Arbeitens, die Betonung des ökonomischen Kalküls und der grosse Realismus in der Verfolgung der Ziele. Auf den bekannten Porträts des Damian Hugo entdecken wir seine grosse äusserliche Ähnlichkeit mit seinem Onkel Lothar Franz. Wie jener tritt er gravitätisch auf, selbstbewusst, zur Fülle neigend. Aber bei Damian Hugo vermissen die Zeitgenossen den Humor und die konziliäre Art seines Onkels. Melancholisch, misstrauisch, mit den Kanonikern in Speyer und Konstanz im Dauerstreit, wird er von Standesgenossen und Untertanen eher gefürchtet als geliebt. Unvergessen ist er durch seine grosse Reform- und Wiederaufbautätigkeit im kriegsverwüsteten Hochstift Speyer und durch die Residenzbauten in Bruchsal und Meersburg.
Pius Bieri 2011
Literatur zu Lothar Franz, Johann Philipp Franz, Friedrich Carl und Damian Hugo von Schönborn:
Werner, Franz: Der Dom von Mainz, erster bis dritter Theil, Mainz 1836.
Sedlmaier, Richard und Pfister, Rudolf: Die fürstbischöfliche Residenz zu Würzburg, München 1923.
Meyer, Otto: Damian Hugo von Schönborn, in: Barock in Baden-Württemberg, Ausstellungskatalog, Karlsruhe 1981
Reinhardt, Rudolf: Damian Hugo von Schönborn, in: Helvetia Sacra, Abteilung I, Band 2, Erster Teil, Basel 1993.
Mauelshagen, Stephan: Trauer und politisches Kalkül, zwei Leichenpredigten für Damian Hugo von Schönborn, in: Die katholische Leichenpredigt der frühen Neuzeit, Amsterdam 1999.
Erichsen, Johannes (Hrsg.): Kaiser Räume - Kaiser Träume, Ausstellungskatalog, München 2007.
Mairhofer, Maria Antonia: Loreto- und Gruftkapelle der Familie Schönborn in Göllersdorf in Niederösterreich - Ein Werk von Johann Lucas von Hildebrandt, Diplomarbeit Wien 2008.
Süssmann, Johannes: Bauen als Politik, in: Geistliche Fürsten und Geistliche Staaten in der Spätphase des Alten Reiches, Epfendorf 2008.
Anmerkungen:
[2] Kaiser Karl VI. verdankt seine Wahl der wichtigen Hilfe und der Stimme des Kurfürsten Lothar Franz von Schönborn. Nebst einer Aufmerksamkeit von 100 000 Gulden (oder sogar 150 000 Gulden) fördert der Kaiser die Neffen am Hof.
[3] Schon 1720 berichtet Lothar Franz an seinen Neffen, dem Reichs-Vizekanzler Friedrich Carl nach Wien, dass «unser rotes Cappel auch eine Residenz in Bruchsal bauen will, in dem bey den zancksichtigen Speyerer nicht zu wohnen gedenket».
[4] Der Vermögensbestand des Hochstifts soll 1743 die Summe von 1 750 000 Gulden aufweisen (Otto Meyer in: Barock in Baden-Württemberg, Karlsruhe 1981). Demgegenüber schreibt Rudolf Reinhardt in der Helvetia Sacra von gleicher Armut in den Hochstiften Konstanz und Speyer.
[5] 1715 schreibt Friedrich Carl aus Wien an seinen Onkel, dass ihn der «teufelsbauwurmb» weit tiefer hineingeführt hat, als er jemals geglaubt hat. Und Lothar Franz berichtet seinem Neffen nach Wien, dass ihm angesichts dessen Schilderungen über die Bauten in Wien «das Wasser im Maule zusammenlaufe».
[6] Balthasar Neumann (1687–1753) steht 1724–1729 in Diensten des Würzburger Fürstbischofs Christoph Franz von Hutten. Am Würzburger Residenzbau wird zu dieser Zeit nur der Nordflügel vollendet. Hingegen baut Neumann im Fürstbistum Bamberg, dem der Mainzer Kurfürst Lothar Franz vorsteht, zu dieser Zeit die Stiftskirche von Münsterschwarzach. Erst 1729 kann Neumann unter dem neuen Fürstbischof von Würzburg, Friedrich Carl von Schönborn, dem Bruder von Damian Hugo, an der Residenz weiterbauen. Das Treppenhausmodell für Bruchsal liefert er 1731.
[7] 1945 zerstört.
[8] Heute teilzerstört inmitten einer grossen Industrieanlage.
[9] Die Fertigstellung erfolgt unter dem Nachfolger Franz Christoph von Hutten.
[10] Das Schloss wird unter dem Nachfolger Franz Christoph von Hutten mit Kavaliershäusern erweitert. Es dient nach Nutzungen als Militärhospital und Kaserne 1850–1864 als Gefängnis, dann als Korsettfabrik, Arbeitshaus, Konzentrationslager und seit 1945 wieder als Gefängnis. Das dem Publikum unzugängliche Gebäudeensemble hat durch diese Nutzungen stark gelitten.
[11] Der Vorgang ist aussergewöhnlich, da auf dem Konstanzer Fürstensitz in der Regel Reichsritterschaft und nicht hoher Adel erwünscht ist. Die einflussreiche Stellung der Schönborns am Wiener Hof und die Beziehungen des Kardinals nach Rom dürften die Wahlgründe sein.
Die Adelsfamilie Schönborn stammt aus der Gegend von Limburg. Auf ihrer väterlichen Burg Eschbach wachsen Philipp Erwein (1607–1668) und Johann Philipp von Schönborn (1605–1673) zusammen mit ihrer Schwester Agatha Maria auf. Die Kinder verlieren 1613 ihren Vater. Die Mutter, eine Freiin von der Leyen, bemüht einflussreiche Verwandte am Hof in Mainz für die Förderung der Ausbildung ihrer Söhne am dortigen Jesuitenkolleg. Besondere Unterstützung erhalten sie von Friedrich Georg von Schönborn, Domkapitular in Mainz und Amtmann in Bingen. Er setzt, wie schon zwei 1615 kinderlos verstorbene Onkel, die beiden Jungen als Universalerben ein. Nach den Gymnasialjahren in Mainz, Studien in Würzburg, Orléans, Mainz und Siena unternehmen die jungen Edelleute eine gemeinsame Kavaliersreise durch Italien und Frankreich. Gut ausgebildet, mit exzellenter Beherrschung der lateinischen, italienischen und vor allem der französischen Sprache kehren sie 1629 zurück, wo Johann Philipp im gleichen Jahr in das hoch dotierte Domkapitel von Würzburg aufgenommen wird. Mit ihm, der 1642 Fürstbischof von Würzburg, 1647 Erzbischof von Mainz und damit Kurfürst und Reichserzkanzler wird, betreten die Schönborn während des Dreissigjährigen Krieges die Bühne der grossen Politik. Die jetzt beginnende aggressive Hegemonialpolitik des «Sonnenkönigs» führt zum Bruch der bisher guten Beziehungen Johann Philipps mit Frankreich. Er schliesst 1668 ein Defensivbündnis mit Kaiser Leopold I. und leitet damit den auf den Kaiser und das Reich ausgerichteten politischen Standort ein, den die Schönborn-Bischöfe der nächsten Generationen vehement vertreten. Seine Kirchenpolitik ist geprägt von der Durchsetzung der Beschlüsse des Konzils von Trient, aber auch von einer ausgesprochenen Toleranz zum Protestantismus. Die Mainzer Bibel-Übersetzung, die er 1661 veröffentlicht, wird von zwei Konvertiten geschrieben und bleibt bis 1830 die am weitesten verbreitete katholische Bibel. Beinflusst vom Jesuiten Friedrich Spee lässt Johann Philipp alle Hexenprozesse in seinen Territorien verbieten.[1]
Sein Bruder Philipp Erwein wird Reichshofrat und kurmainzischer Oberamtsmann. Verheiratet mit Freiin Maria Ursula von Greiffenclau zu Vollrads (1612–1682), der Tochter eines kurmainzischen Geheimrates und Nichte des 1626–1629 regierenden Kurfürsten und Erzbischofs von Mainz, ist er auch von Frauenseite mit der Reichskirche verknüpft. 1650 erwirbt er den Ort und das Schloss Gaibach und 1661 die Herrschaft Heusenstamm. 1663 verleiht Kaiser Leopold I ihm und seinen Nachkommen die Reichsfreiherrenwürde. Philipp Erwein hat 16 Kinder. Wenige Monate vor dem Tod Philipp Erweins im Jahre 1668 verheiratet sich sein zweitgeborener Sohn Melchior Friedrich (1644–1717). Er wird später die Dynastie sichern. Der jüngste Sohn, Lothar Franz (1655–1729), ist zu diesem Zeitpunkt 13, aber schon seit 1665 im Besitz einer Pfründe[2] am Domstift von Würzburg. Sein Onkel, der noch amtierende Erzbischof von Mainz, auch Bischof von Würzburg und Worms, wirkt massgebend an der geplanten geistlichen Laufbahn seines Neffen mit. Lothar Franz ist 18, als sein Onkel 1673 stirbt. Wie dieser kommt er nach Studium und Kavaliersreise rasch zu Würden und wird Ende des 17. Jahrhunderts Erzbischof von Mainz, Kurfürst und Erzkanzler des Reichs. Als Oberhaupt der Familie fördert er die Hausmacht der Schönborn durch eine kluge Heiratspolitik und durch die Förderung seiner sieben Neffen. Er wird zur «Fortune» des Hauses Schönborn. Kaiser Leopold erhebt die Familie 1701 in den Reichsgrafenstand. 1705 regiert zum ersten Mal in der Geschichte des Heiligen Römischen Reiches ein Kurfürst als Reichskanzler gleichzeitig mit seinem Neffen. Es ist Friedrich Carl, der in Wien als Reichsvizekanzler amtiert. Höhepunkt dieser Familienpolitik bildet 1711 die Kaiserkrönung Karls VI. im Dom von Frankfurt. Lothar Franz, der zur Wahl massgeblich beigetragen hat, krönt den neuen Kaiser in Gegenwart der wichtigsten politischen und kirchlichen Würdenträger. Der letzte grosse Familienpolitiker im Dienste der Reichskirche, der Neffe Friedrich Carl, kauft 1710 als Reichsvizekanzler den Besitz und die Titel der Grafen von Puchheim, eines alten niederösterreichischen Adelsgeschlechtes. Der Titel wird auch auf seinen Vater Melchior Friedrich übertragen. Damit kann sich die Familie in den österreichischen Erblanden etablieren. Aus Puchheim wird später Buchheim, heute nennen sich die Nachkommen Schönborn-Buchheim. Mit dem Tod des letzten geistlichen Fürsten und Baumäzens Friedrich Carl von Schönborn 1746 geht die grosse Periode einer faszinierenden Familienherrschaft zu Ende.
In der Kirche von Gaibach finden wir die hier erwähnten drei Generationen des Hauses Schönborn vereint auf dem Altarblatt des rechten Seitenaltars.[3] Das Gemälde ist einerseits ein Monument von Familienbewusstsein eines in der Reichskirche so erfolgreichen Geschlechts, andererseits Ausdruck des nicht unbescheidenen Selbstverständnisses des Hauses Schönborn.
Das Wappen der Familie Schönborn finden wir an vielen ihrer Bauwerke.[4] Es stellt in Rot einen auf drei silbernen Spitzen schreitenden, zweigeschwänzten goldenen Löwen dar, der blau bezungt und gekrönt ist. Als Stammwappen wird es so 1670 am Schönborner Hof in Mainz angebracht. Später ist das Wappen komplexer und das Stammwappen wird Herzschild. Das fürstbischöfliche Wappen von Friedrich Carl über dem Hauptportal der 1739 geweihten Kirche von Gössweinstein zeigt das Stammwappen als Herzschild mit Grafenkrone, begleitet von 12 Wappenfeldern.[5]
Pius Bieri 2011
Jürgensmeier, Friedhelm: Johann Philipp von Schönborn (1605–1673), Erzbischof – Kurfürst – Erzkanzler des Reiches, in: Mainzer Vorträge 12, Mainz 2008, S. 85-102.
[1] Spätere Fürstbischöfe halten sich nicht daran. Noch 1749 lässt Philipp Karl von Greiffenclau die siebzigjährige Subpriorin des Klosters Unterzell, Tochter eines kaiserlichen Generals, als Hexe hinrichten.
[2] Pfründe: Lateinisch praebenda, in der deutschen Literatur auch als Präbende genannt, ist ein kirchliches Amt mit Ertrag auf einer Vermögensmasse des Stiftes.
[3] Das Altarblatt in der Kirche von Balthasar Neumann ist ein Werk des auch in der Würzburger Residenz tätigen Franz Lippold (1688–1768) aus 1745. > Bild abrufen.
Verewigt sind hier nur elf männliche Mitglieder, die das Familienziel, nämlich die Besetzung von Bischofsstühlen oder die Fortpflanzung des Geschlechts, mit Erfolg erreicht heben. Vor ihnen liegen die Insignien der kirchlichen und weltlichen Macht. Sie beginnen links mit Kurfürstenhut, Mitra, Biret, Krummstab und Schwert, in der Mitte liegt die päpstliche Tiara mit Kreuz und Schlüsseln, rechts die Kaiserkrone mit Zepter und Reichsapfel. Der Auftraggeber des Gemäldes, Friedrich Carl, zeigt damit klar die Verflechtungen der Familie und ihren Einfluss auf Kirche und Kaiser. Er selbst kniet als Stifter links im Vordergrund und ist mit einem purpurnen Hermelinmantel bekleidet. In tiefer Verbeugung blicken im Mittelgrund die Vertreter der ersten Generation zum Betrachter. Es sind der Erzbischof Johann Philipp und sein Bruder Philipp Erwein, der einen goldenen hermilingefütterten Mantel trägt. Hinter ihm sein Sohn Melchior Friedrich, darüber zwei Mitglieder der weltlichen dritte Generation. Prominent in der Mitte steht Kardinal Damian Hugo, der Fürstbischof von Speyer und Konstanz. Links und hinter ihm die weiteren drei kirchlichen Würdenträger. Lothar Franz reiht sich hier als zweiter von links bescheiden in die Reihe seiner Neffen ein, die links von ihm mit Johann Philipp Franz beginnt, sich rechts mit dem Kurfürsten von Trier, Franz Georg, fortsetzt und dann mit dem Dompropst von Bamberg und Eichstätt, Marquard Wilhelm, endet.
[4] Zur Wappengeschichte siehe die ausführliche Darstellung mit der übersichtlichen und ausführlichen Familiengenealogie unter http://www.dr-bernhard-peter.de/Heraldik/schoenborn.htm
[5] Über dem Herzschild mit Grafenkrone der kaiserliche Doppeladler, darunter das Habsburger Stammwappen, und links und rechts je fünf Wappenfelder von fünf Familienherrschaften, den Wappen der Hochstifte Bamberg und Würzburg, sowie des Herzogtums Franken.
|Damian Hugo Philipp Reichsgraf von Schönborn (1676–1743)|
|Biografische Daten|
|Geburtsdatum||Geburtsort||Land 18. Jahrhundert|
|19. September 1676||Mainz D||Kurfürstentum Mainz|
|Titel und Stellung||Regierungszeit|
|Kardinal und Fürstbischof von Speyer und Konstanz||1721–1743|
|Sterbedatum||Sterbeort||Land 18. Jahrhundert|
|19. August 1743||Bruchsal (Karlsruhe D)||Fürstbistum Speyer|
|Kurzbiografie|

Damian Hugo von Schönborn kann nicht nur vom Patronagesystem seines mächtigen Onkels in Mainz profitieren, auch die Verbindungen seines älteren Bruders Friedrich Carl als Reichsvizekanzler in Wien helfen ihm bei seiner Karriere in der Reichskirche. Weniger diplomatisch als dieser, schafft sich Damian Hugo als Fürstbischof von Speyer in der alten Residenzstadt schnell Feinde. Dies und nicht nur der bei den Schönborn übliche barocke «Bauwurmb» führt zur Neuanlage der Residenz in Bruchsal. Dank seiner angefeindeten haushälterischen Politik kann sich das Fürstbistum nach den französischen Verwüstungen der Erbfolgekriege schnell erholen. Viele neue Gebäude, Schlösser und Kirchen zeugen von seinem Wirken vor allem im Hochstift Speyer.
|PDF (nur Text)||Aufstieg der Schönborn im 17.Jh.||Biografie||Bildlegende|