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großer Formschönheit sind. Nach Michelangelos Tode war er Baumeister von St. Peter geworden und führte als solcher die beiden Nebenkuppeln aus, die er abweichend von Michelangelos Plänen nicht halbkugelförmig, sondern mehr länglich gestreckt gestaltete. Die dabei angewandten Verhältnisse zwischen Tambour (Unterbau), Wölbung und Laterne wurden vorbildlich und fast stets angewendet. Bei dem vorerwähnten Kirchenbau «del Gesu» sind die Entwürfe des Grundrisses und der Stirnseite Vignolas Werk. Der Widerstand, den Michelangelos Gedanke der Centralanlage für Kirchen sowohl bei den Künstlern, wie hauptsächlich in den Kreisen der Geistlichkeit gefunden hatte, bewog Vignola, wieder auf das Langhaus-System zurückzugreifen, und in dem Plane der «del Gesu» bot er gleichfalls ein für lange Zeit hinaus geltendes Muster.
Giacomo della Porta. Der bedeutendste und geistvollste Schüler Vignolas war Giacomo della Porta (1541-1604),
der sowohl den Bau von «del Gesu», wie jenen der Kuppel von St. Peter vollendete. Daß er der letzteren eine gegenüber Michelangelos Entwurf schlankere Form gab, war ein Verdienst, denn dadurch erhielt die Umrißlinie der Kuppel ihre hohe Schönheit. Giacomo della Porta blieb der Hauptvertreter jener Richtung, welche sich strenge an die Formensprache der Antike hielt, und jede Bestrebung, selbständig neue Formen zu finden, als unkünstlerisch verwarf. Ein freieres Regen begegnet man nur in den gartenkünstlerischen Anlagen, bei denen das Malerische sein Recht behauptete.
Fontana. Unter della Portas Schülern ragt nur Martino Lunghi der Aeltere über seine Genossen hervor, welche im ganzen tüchtig in der Arbeitsfertigkeit, aber sonst ohne besondere Geisteskraft erscheinen. Einer von der Vignolaschen abweichenden Richtung gehörten die Brüder Domenico und Giovanni Fontana an, von denen der erstere Baumeister von St. Peter und mit den höchsten Ehren überhäuft wurde. Domenico Fontana (1543-1607) zeichnete sich durch eine besondere Meisterschaft in allen Dingen der Arbeitsfertigkeit aus; als Baukünstler hat er immer das Ganze im Auge, das er scharf erfaßt und klar zur Erscheinung bringt; eine starke Neigung zur Größe und Weiträumigkeit ist ihm zu eigen, und dadurch wirken seine Bauten, weil sie für übermenschliche Verhältnisse berechnet erscheinen, mehr erkältend als ansprechend. Der Mangel an schwungvoller Einbildungskraft macht sich ebenfalls fühlbar.
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Genua. Alessi. Die römische Baukunst gelangte im 16. Jahrhundert in Italien ebenso zur Vorherrschaft, wie Florenz im verflossenen. Schüler Bramantes und der übrigen Baumeister von S. Peter brachten die neuen Formen nach den oberitalienischen Landschaften, wo besonders in Genua und Venedig eine rege Bauthätigkeit herrschte. Genua erhielt in dieser Zeit seine prächtigsten Palastbauten, bei denen vor allem die Treppenanlagen bemerkenswert sind. Die Bodenverhältnisse dieser Stadt, welche an einem ziemlich steilen
^[Abb.: Fig. 448. Agostino di Duccio: Musizierende Engel.
Perugia. S. Andrea.] ¶
Abhange liegt und gedrängt gebaut ist, zwangen die Baumeister, mit beschränktem Raume zu rechnen. Die daraus sich ergebenden Schwierigkeiten wurden meist glücklich gelöst und die Anlage der Treppen und Vorhäuser ist mustergiltig zu nennen.
Als Baumeister sind vornehmlich Galeazzo Alessi (1512-1572) und Giovanni Battista Castello (+ 1569) hier thätig. Von Ersterem stammt wahrscheinlich der Grundriß der Kirche S. Maria di Carignano, eine Anlehnung an Michelangelos Plan-Entwurf zur Peterskirche. In seinen weltlichen Palastbauten bekundet Alessi eine ungemein fruchtbare Einbildungskraft und schöpferische Erfindungsgabe hinsichtlich immer neuer Einzelheiten. Ebenso sind auch seine Gartenanlagen von hoher Schönheit. In gewissem Sinne leitet er für Oberitalien bereits den Uebergang zum Barock ein.
Mailand, Tibaldi. Die bedeutsamen Leistungen Alessis verschafften ihm und seiner Schule einen weitreichenden Einfluß auf ganz Oberitalien, wo man an seiner vornehm heiteren Auffassung Gefallen fand. Gegen diese Vorherrschaft nahm in Mailand der Bologneser Pellegrino Tibaldi (1527-98) den Kampf auf, welcher die strengere Richtung Vignolas vertrat. Er huldigt einer größeren Einfachheit in der Anlage wie in den Formen, die er mit Sicherheit und einem gewissen Schwung behandelt. Seiner Schule gehört eine Anzahl begabter Baumeister an, so auch Lantana, der Erbauer des schönen Domes zu Brescia. Bemerkenswert ist, daß dieser Tibaldische Kreis wieder den Centralbau aufnahm und in dieser Art Bedeutsames leistete; auch der vorerwähnte Dom in Brescia ist ein solcher Centralbau, ferner finden sich in Mailand, Genua und Neapel derartige Kirchen.
Bologna, Serlio. In Bologna hatte sich um die Mitte des 16. Jahrhunderts eine eigene örtliche Kunstweise entwickelt, welche einerseits manche Mängel in der Formgebung, andrerseits aber wieder eigene reizvolle Gestaltungen aufweist. Der Bologneser Gruppe, welche ihre besondere Art der Auffassung der Antike hatte, gehört Sebastiano Serlio (1475-1552) an, der weniger durch seine Bauten als durch sein Lehrbuch großen Einfluß übte.
Florenz. In Florenz war nach der reichen Bauthätigkeit in der Frührenaissance allmählich eine Ermattung eingetreten. Der einzige namhafte Baukünstler Baccio d'Agnolo Baglioni (1462-1543) zeigt sich von den römischen Strömungen wenig beeinflußt und beschränkte sich im Wesentlichen auf die Fortführung des guten florentinischen Palastbaues in der Art des Palazzo Guadagni. Von Baumeistern der späteren Zeit sind zu nennen der vielseitige, als Kunstschriftsteller berühmte Giorgio Vasari (1511-1574) als Erbauer der Uffizien, und Bartolomeo Ammanati (1511-1592), der in den Palastbau eine Umwandlung brachte, indem er ihn der einfachen Hausform näherte. Diese Beiden folgten auf das Getreueste den Bahnen Michelangelos, während alle Anderen mehr oder minder in einem Gegensatze zu letzterem standen.
Die Venezianer. In Oberitalien suchte der Bramante-Schüler Michele Sanmichele (1484-1559) eigene Gedanken mit den römischen Formen zu verknüpfen. Seine Hauptthätigkeit in Verona und Venedig bestand in Festungsbauten, bei denen er die Rustika als Ausdrucksmittel des Wehrhaften anwandte. Dabei ging er so weit, daß er an Thorbauten und Türmen auch die Wandpfeiler,
^[Abb.: Fig. 449. Pollajuolo: Herkules und Antäus.
Florenz. Nationalmuseum.] ¶