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Mit dem Vaporetto, dem Kursschiff, erreicht man von Venedig aus nach gut halbstündiger Fahrt, die Insel Burano. Auf Burano werden seit dem 16. Jahrhundert Spitzen in der aufwendigen Nadelspitzen-Technik Reticella hergestellt. Grundlage dieser Luftstickerei ist der mit der Nähnadel und dem Leinenfaden ausgeführte einfache Schlingstich (punto a festone a stuora), der die dichten, festen Formen der geometrischen Reticella ermöglicht. Heute werden auf Burano, den Touristen neben den S-förmigen Keksen, den 'Buranelli', hauptsächlich maschinengefertigte Spitzen aus Asien verkauft. Das traditionelle Stickerei-Handwerk ist auf Burano nahezu ausgestorben.
Signora Mirella Ballarin ist eine der letzten Stickerinnen, welche noch auf der Insel lebt. Sie ist 78 Jahre alt, sitzt am offenen Fenster ihres, gegen die Via Baldassare Galuppi hin ausgerichteten Wohnzimmers und stickt. Sie stickt Schmetterlinge. Jede Woche einen, berichtet sie uns.
1872 gründeten vornehme Italienerinnen in Burano die Spitzenschule Scuola di Merletti, in der die Technik des punto in aria, des luftigen Stichs, für die kunstvollen Ornamente
tradiert und weitergegeben wurde. Die Spitzenschule stand unter dem Protektorat der italienischen Königin und schuf meisterliche Kopien und Nachschöpfungen aller Nadeltechniken.
Signora Ballarin, so berichtete sie uns und zeigte dabei auf das Bild an der Wand, hat das Handwerk von ihrer Mutter gelernt.
Er sei früh gestorben, ihr Ehemann und sie habe zwei Kinder - Söhne - beide seien verheiratet und lebten nicht mehr auf der Insel. Einen Bruder habe sie gehabt. Er sei in jungen Jahren an Hirnhautentzündung gestorben. Sie habe die Krankheit auch gehabt und könne seither nur noch mit dem Hörgerät hören. So sei das Leben...
Nun lebe sie halt allein. Sie sei froh, dass sie sich auf ihre Hände und die Augen verlassen könne. So könne sie jeden Tag arbeiten - sticken. So wie sie es immer gemacht habe, erzählte Signora Ballarin, ohne dabei gross von ihrer Arbeit aufzusehen.
Aus einem Bogen schwarzem, festem Papier schnitt Signora Ballarin ein quadratisches Stück aus, öffnete das Konservenglas mit den silbrigen Stecknadeln, schüttete zwei Nadeln heraus und befestigte damit den Schmetterling auf dem schwarzen Papier. Sie zeigte ihn uns, sichtlich stolz, bevor sie ihn in dem kleinen weissen Papiersack versorgte.
Der gestickte Schmetterling, festgemacht auf dem schwarzen, festen Papier, seht nun auf der kleinen verglasten Holzvitrine im Schlafzimmer und ist unser Begleiter, wenn wir träumen. Es ist schön, Signora Mirella Ballarin und ihre Schmetterlinge kennen gelernt zu haben.