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der 1905 sich hier aufhaltenden Fremden auf 256000, worunter namentlich Deutsche, Engländer und Amerikaner, Schweizer, Franzosen, Russen und Holländer. Ein zweites Zentrum ist Locarno, das namentlich von ruhebedürftigen und nach mildem Klima sich sehnenden Personen bevorzugt wird und sich auch zum Winterkurort ausgewachsen hat. Von gewisser Bedeutung ist ferner Brissago, wo im April 1906 ein neues und durchaus modernes Grand Hotel dem Betrieb übergeben wurde. Seit einigen Jahren entwickeln sich mehrere Bergdörfer zu Sommerfrischen und Luftkurorten. Auf dem Passübergang des Monte Ceneri (Station Rivera-Bironico der Gotthardbahn) hat man 1905 ein von einer Aktiengesellschaft errichtetes Hotel eingeweiht, das sich namentlich für längeren Kuraufenthalt eignet. Schöne und gut besuchte Hotels weist auch die Leventina (Faido, Rodi-Fiesso, Ambri, Airolo, Piora) auf.
[Dr. Rossi.]
16. Handel.
Der Aussenhandel des Kantons ist niemals sehr beträchtlich gewesen und hat zu jeder Zeit unter den Transportschwierigkeiten zu leiden gehabt. Immerhin sind seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mehrere Exportfirmen entstanden, die sich mit der Ausfuhr verschiedener Landesprodukte (besonders Käse) nach Italien befassten und grossen Umfang erlangt hatten. Später wurden auch Importgeschäfte gegründet, die Oele, Südfrüchte, Gemüse, Geflügel, Wurstwaren, Fischkonserven und andere Esswaren aus Italien einführen und durch den Gotthard weiter verfrachten. Infolge des Aufschwunges der Käseindustrie in Italien selbst sind die genannten Exportfirmen jeder Bedeutung verlustig gegangen, während dagegen die Importgeschäfte immer grössern Aufschwung nehmen und stetsfort an Zahl zunehmen.
Der Lokalhandel erfreut sich dank der Einfuhr aus Italien einer lebhaften Entwicklung. Aus Italien kommen Schlachtvieh, Butter, Oel, Eier und im allgemeinen alle Kolonialwaren. Dagegen werden die Industrieartikel zum grössten Teil aus Deutschland und zum kleinern Teil auch aus Frankreich, Italien und den übrigen Kantonen der Schweiz bezogen. Die im Tessin neu eingeführten Industrien und die Landwirtschaft, deren Entwicklung grosse Aufmerksamkeit geschenkt wird, tragen dazu bei, den Kanton vom Ausland teilweise unabhängig zu machen. Die Märkte von Bellinzona, Locarno und Lugano liefern manchmal sehr geschätzte Produkte der Lebensmittelbranche.
Es wäre sehr schwierig, eine Handelsstatistik aufstellen zu wollen, da die Kantonsverwaltung keine Amtsstelle für diesen Zweck besitzt. In Bellinzona, Locarno und Lugano bestehen zwar private Handelskammern, die aber keine grosse Tätigkeit entfalten und nicht viel mehr als dem blossen Namen nach vorhanden sind. Vielleicht fehlt ihnen auch ein genügend umfassender Tätigkeitsbereich. Die einzig vorhandene offizielle Statistik bildet die Liste der der Industrie- und Handelssteuer unterworfenen Pflichtigen.
Solcher zählte der Kanton im Jahr 1904 zusammen 5000 mit Fr. 15630000 Kapital und Fr. 2707000 Einkommen. Diese Zahlen sind aber unbedingt zu klein und werden wohl bloss etwa ⅓ der tatsächlich in Industrie und Handel angelegten Kapitalien und aus ihnen sich ergebenden Einkünfte umfassen. Von ziemlicher Bedeutung sind die Speditionsgeschäfte (z. B. am internationalen Bahnhof Chiasso), die ihren Inhabern einen lohnenden Verdienst abwerfen. Der Förderung des Handels wird vom Staat seit einigen Jahren grosse Aufmerksamkeit geschenkt. 1895 gründete man in Bellinzona eine kantonale Handelsschule mit 5 Studienjahren, deren zwei letzten die obere Abteilung bilden. Die Schule soll die jungen Leute auf die verschiedenen Zweige des Handelsberufes vorbereiten und ihnen eine gute allgemeine, sowie eine erstklassige berufliche Bildung vermitteln. Im Oktober 1907 hat auch die Stadt Lugano eine vom Staat subventionierte Mädchensekundarschule mit Gewerbeschulcharakter eröffnet.
Die poetischen Thäler des Tessin, wo wir immer noch einige alte Frauen treffen, die sich nach ihrem eigenen Bekenntnis eine grössere Stadt nicht vorzustellen vermögen, haben nach dem Bau der Gotthardbahn eine vollkommene Umwandlung erlitten. So werden heute auch die entlegensten Dörfchen von Handelsreisenden besucht, die den Bewohnern die Erzeugnisse der fernsten Länder zum Verkauf anbieten. Dazu kommt, dass der Bau von fahrbaren Strassen in allen Thalschaften auch den Hausierhandel bis in die einsamsten Einzelsiedelungen hinauf erleichtert und ermöglicht hat.
Die zunehmende Zahl der Hausierer ist für den lokalen Kleinhandel derart verhängnisvoll geworden, dass sich sogar die kantonalen Behörden zum Einschreiten veranlasst sahen. Auf ein Kreisschreiben des Bundesrates antwortete der Tessiner Staatsrat in dem Sinne einer Verweigerung oder doch möglichsten Einschränkung von Hausierpatenten an Ausländer. Ebenso hat auch das Komitee der Konferenz kantonaler Polizeidirektoren an den Bundesrat eine Petition des Inhaltes gerichtet, er möge geeignete Massregeln gegen die übermässige und nicht immer loyale Konkurrenz ergreifen, die der Hausierhandel dem lokalen Kleinhandel mache. Im folgenden geben wir die Liste der 1906 bewilligten Hausierpatente (inkl. die Patenterneuerungen für eine Dauer von 1, 3 und 6 Monaten):
|an||Patente||(inkl. Erneuerungen)|
|Schweizerbürger||36||2|
|Oesterreicher||180||63|
|Italiener||388||66|
|Russen||14||2|
|Türken||26||5|
Dazu ist zu bemerken, dass die Anzahl der 1906 bewilligten Patente hinter der für 1905 zurücksteht (vielleicht wegen der Simplonausstellung in Mailand).
Bankwesen. Das Bankwesen ist im Tessin stark entwickelt und steht hier in voller Blüte. Es bestehen 8 Aktienbanken (4 in Lugano, 2 in Bellinzona und 2 in Locarno), die in allen bedeutenderen Ortschaften und selbst auf dem Lande Filialen unterhalten. Ihre Rechnungsausweise zeigen, dass sie alle sehr wohl gedeihen. Sie werden in weitgehendem Masse von den Spargeldern der Bevölkerung, namentlich der Auswanderer, gespiesen und finden einen ziemlich günstigen Tätigkeitsbereich in der Förderung von Industrie und Handel nicht nur im eigenen Kanton, sondern selbst in Italien, das beständig auf die Mitwirkung fremder Kapitalien angewiesen ist. ¶
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Privat-Banken existieren keine, Wechselgeschäfte nur wenige (Lugano und Chiasso).
17. Verkehrswege und Verkehrsmittel.
Zur Zeit der Landvögte wurden die Verkehrswege im Tessin vollkommen vernachlässigt. Nachdem der Tessin dann 1803 zum selbständigen Kanton umgewandelt worden war, liess sich die kantonale Regierung selbst zu einer Zeit, da sich der Handel nur langsam und mühselig zu entwickeln begann, den Bau von Strassen in den verschiedenen Landesteilen sehr angelegen sein. Neben der nach 1803 erstellten grossen Kantonsstrasse Chiasso-Airolo (119 km lang) besteht nun ein sehr vollständiges Netz von Nebenstrassen, dessen Herstellung zunächst ausschliesslich den Gemeinden zur Last gefallen war, während in neuester Zeit auch der Staat Subventionen an dessen Ausbau leistet.
Damit sind nun nicht bloss alle Gemeinden, sondern auch die abgelegensten Weiler und Häusergruppen mit den hauptsächlichsten Siedelungs- und Verkehrszentren des Kantons in Verbindung gesetzt. Man ist sogar versucht, diesen Strassenbau als zu rasch vor sich gegangen zu bezeichnen, haben sich doch verschiedene kleine Gemeinden damit eine Schuldenlast aufgeladen, die für ihre schwachen Mittel als zu schwer erscheint. Andrerseits darf aber nicht vergessen werden, dass der Kanton seine offenkundigen Fortschritte auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiete zum nicht geringen Teil gerade den grosszügigen Ideen verdankt, die bezüglich der Verkehrswege vorgeherrscht haben. Weder Staat noch Gemeinden beklagen sich über die schweren Lasten, die ihnen Bau und Unterhalt von Strassen auferlegen. Seit 1893 ist das Strassenwesen vollständig Sache des Kantons geworden.
Hinsichtlich der Verbindungen mit der Aussenwelt muss neben der den Kanton mit der übrigen Schweiz einerseits und mit Italien andrerseits verbindenden grossen Strasse von Chiasso über Airolo auf den Gotthard und neben einigen nach Italien hinüberleitenden Nebenstrassen in erster Linie die Gotthardbahn (Airolo-Chiasso 110 km) genannt werden, die auf die Entwicklung des Landes, besonders der Leventina, von massgebendem Einfluss geworden ist. Sie bildet zusammen mit ihren Zweiglinien Bellinzona-Luino (Verbindung mit Novara und Turin) und Bellinzona-Locarno das Netz der Tessiner Normalbahnen (172 km lang).
Auch in Eisenbahnsachen hat sich der Staat Tessin sehr weitherzig gezeigt. Nachdem das Volk 1891 eine erste Gesetzesvorlage betr. den Bau von Nebenbahnen mit Staatsunterstützung abgelehnt hatte, genehmigte es dagegen 1904 ein gründlicher vorbereitetes zweites Gesetz, das solchen Nebenbahnen eine kantonale Subvention von 50% der Anlagekosten zusichert und bereits seine Früchte gezeitigt hat, indem das Kapital zu der seit 1908 in Betrieb stehenden elektrischen Valle Maggiabahn (Locarno-Bignasco; 27 km lang) dank der Mitwirkung von Gemeinden und Privaten ohne Schwierigkeiten beschafft zu werden vermochte.
Ziemlich zahlreiche weitere Projekte sind im Stadium der Vorbereitung. Ein grosses Interesse nimmt der Kanton ferner an dem Projekt einer Ostalpenbahn (Greinadurchstich). Kanton und Stadt Bellinzona haben sich auch an der elektrischen Bahn des Misoxerthales finanziell beteiligt. Der Privatinitiative verdanken eine Reihe von in erster Linie dem Fremdenverkehr dienenden Bahnanlagen ihre Entstehung, so die Monte Generosobahn und die Drahtseilbahnen Lugano-Monte San Salvatore, Locarno-Madonna del Sasso und Lugano-Monte Brè (im Bau), welch letztere zwei Abschnitte umfasst.
Hinsichtlich der Wasserwege erscheint der Kanton Tessin stark begünstigt. Auf dem Luganer- und dem Langensee haben sehr in Blüte stehende Dampfschiffahrtsgesellschaften einen Verkehrsdienst eingerichtet, der regelmässig funktioniert und die Verbindungen mit Italien (besonders Mailand) zu billigen Preisen wesentlich erleichtert.
Der Kanton Tessin gehört dem 11. eidg. Postkreis mit Direktionssitz in Bellinzona an. Er zählt 333 Poststellen (wovon 108 Postbureaux), die durch sehr gute Fahrstrassen und zum Teil auch durch Eisenbahnlinien miteinander in Verbindung stehen. Dazu gehören diejenigen Poststellen, die den Postdienst auf den Strecken Airolo-Giubiasco, Giubiasco-Locarno, Locarno-Bignasco, Giubiasco-Magadino-Luino (Italien) und Giubiasco-Lugano-Chiasso besorgen. Nach den übrigen Postbureaux bringen die Postwagen alltäglich Reisende, Briefe und Gepäcksendungen. Je nach ihrer Bedeutung werden die Ortschaften durch täglich 4, 3, 2 oder 1 Postkurse bedient.
Der Kanton verfügt ferner über ein vollständiges Telegraphennetz, das sowohl an die übrige Schweiz als an die ausländischen Netze angeschlossen ist. Die Hauptlinie vom Hospiz auf dem St. Gotthard einerseits und vom St. Bernhardin andrerseits nach Bellinzona und von da nach Chiasso und nach Locarno ist schon Ende 1852 in Betrieb gesetzt worden, während die sekundären Abzweigungen aus den folgenden Jahren stammen. Das Telegraphennetz des Tessin gehört zum 6. eidg.
Telegraphenkreis und zählt etwa 90 Bureaux. Die Hauptthäler sind an die Bureaux von Lugano und von Bellinzona angeschlossen. Die Gesamtlänge der Telegraphenlinien beträgt 400 km. 162 Ortschaften des Kantons sind an das Telephonnetz angeschlossen, das 25 Telephonzentralen und etwa 1200 Abonnenten zählt. Die für sich allein mehr als 500 Abonnenten bedienende Zentrale Lugano hat durchgehenden Tag- und Nachtdienst, während die Dienstdauer in den übrigen Ortschaften von der Bedeutung der betr. Zentrale abhängt.
[Dr. Rossi.]
18. Staat und Verwaltung.
Der Kanton Tessin steht unter der vom datierenden Verfassung, die zu wiederholten Malen revidiert worden ist, so namentlich 1855, 1875, 1876, 1880, 1892 und 1904 (Abänderung im Wahlmodus der Behörden, Revision der Stimmberechtigung und Festsetzung der Wahlkreise). Er ist eingeteilt: in 8 Bezirke (Mendrisio, Lugano, Locarno, Valle Maggia, Bellinzona, Riviera, Blenio und Leventina) und 38 Kreise (Verfassung von 1830) und umfasst 265 politische Gemeinden. Die Bürgergemeinden (patriziati) werden nicht als politische Organe anerkannt und bilden bloss wirtschaftliche Verbände zur Verwaltung von Gemeingütern (Wald, Alpweiden etc.).
Gesetzgebende Behörde ist der Grosse Bat (Kantonsrat), dessen 95 Mitglieder in den durch die Verfassungsrevision von 1904 eingerichteten vier Wahlkreisen (Bezirk Mendrisio mit 16, Bezirk Lugano mit 30, Bezirke Locarno und Valle Maggia mit 22, Bezirke Bellinzona, Riviera, Blenio und Leventina mit 27 Abgeordneten) auf der Grundlage von je einem Abgeordneten auf 1200 Bewohner der kantonalen Zählung vom Volk gewählt werden. Die vollziehende Behörde, der Staats- oder Regierungsrat, besteht aus 5 Mitgliedern, die vom Volke auf eine Amtsdauer von je 4 Jahren gewählt werden. Jeder der Regierungsräte steht einem der 5 kantonalen Verwaltungsdepartemente vor (Inneres und Erziehungswesen; Justiz und Polizei; Finanzen und Militär; Oeffentliche Arbeiten ¶