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Fenster in St. Loup de Varennes

Spurensuche nach Niépce im Burgund
Die erste, heute noch erhaltene Photographie der Welt machte Nicéphore Niépce (1765-1833) im Jahre 1827 auf seinem Landgut «Le Gras» in St. Loup de Varennes im Burgund. Die Aufnahme mit dem Titel «Point de vue du Gras» wurde im 19. Jahrhundert mehrfach ausgestellt, doch seit 1898 galt sie als verschollen. Ab 1947 forschte dann der deutsche Photohistoriker Helmut Gernsheim (1913-1995) nach der geheimnisvollen Aufnahme. Nach jahrelanger Suche gelang ihm schliesslich 1952 deren Wiederauffindung.
Seit kurzem ist das Haus in St. Loup de Varennes, in dem die Aufnahme entstand, öffentlich zugänglich und kann besichtigt werden. In Chalon-sur-Saône kann zudem das Geburtshaus von Niépce und das ihm gewidmete Museum besucht werden.
Die nachfolgenden Photos entstanden im August 2012.
St. Loup de Varennes
St. Loup de Varennes liegt an der Strasse von Chalon-sur-Saône nach Tournus.
Beim Dorfeingang begrüsst ein riesiges, mittlerweile baufälliges Denkmal den Besucher. Die Jahreszahl 1822 wird heute kaum mehr als relevant für die Erfindung der Photographie angesehen, eher 1816 (erste Aufnahme in einer Camera obscura) oder 1827 (erste erhaltene Photographie der Welt).
Auf der anderen Seite verläuft parallel in etwa 100 m Abstand zur Strasse die Bahnlinie. Am Bahnübergang für Fussgänger weist eine Tafel auf das Haus hin, in dem Niépce die Photographie erfand (rechts hinter Bäumen).
Auch hier wird 1822 als Jahr der Erfindung angegeben.
Im mittleren Hausteil des Landguts «Le Gras» hat Niépce die Photographie erfunden.
Die Anmeldung für eine Besichtigung des Hauses mit einem kleinen Museum [1] befindet sich vis-à-vis des Landguts.
Über den Vorplatz kommt man zum Eingang des Hauses.
An der Türe ein Messingschild: «Maison Nicéphore Niépce»
Im Erdgeschoss steht das Pyréolophore, das Nicéphore Niépce zusammen mit seinem Bruder Claude erfunden hat. Dabei handelt es sich um den ersten Verbrennungsmotor, der zum Antrieb eines Bootes gedacht war und folgendermassen funktioniert: Mittels ausgeklügelter Steuerung wird im rechten Gefäss alle 5 Sekunden Staub aus Bärlappsporen (Lycopodium) zur Explosion gebracht. Der auf das Wasser übertragene Rückstoss treibt dann das Boot an. Der Behälter links dient lediglich zur Simulation des Fahrwassers und ist beim Einsatz im Boot nicht vorhanden; die beiden Rückstossrohre münden dann direkt ins Wasser.
Von diesem Raum im ersten Obergeschoss aus machte Niépce 1816 seine ersten erfolgreichen Aufnahmen in der Camera obscura. Auf dem Stativ steht der Nachbau einer Kamera, die er damals benutzte. Zuerst verwendete er mit Silbersalzen bestrichene Papiere. Dabei waren allerdings die Lichter dunkel und die Schatten hell – weil es sich ja nach heutigem Begriff um ein Negativ handelte – und zudem konnte er die Bilder nicht dauerhaft fixieren. Seinem Bruder Claude sandte er erste Proben, zu denen er folgende Kommentare schrieb [5]:
St. Loup, Sonntag, den 19. Mai 1816
St. Loup, den 28. Mai 1816
Durch Forschungen im Zuge der Renovation und durch Computersimulation fand Jean-Louis Marignier [2] heraus, dass die erste, heute noch erhaltene Photographie der Welt im ersten Obergeschoss durch das linke Fenster neben dem Kamin aufgenommen wurde, und nicht, wie früher von Helmut Gernsheim angenommen, aus einem Fenster im Dachgeschoss. Allerdings war das Fenster zum Zeitpunkt der Aufnahme um 70 cm nach rechts versetzt (das Fenster wurde beim späteren Einbau des Kamins verschoben).
Blick durchs Fenster, davor ein Nachbau der Kamera von Niépce, dessen Original sich im Musée Nicéphore Niépce in Chalon-sur-Saône befindet.
Die erste Photographie der Welt «Point de vue du Gras» in der bekannten durch Helmut Gernsheim retouchierten Reproduktion. Im bereits weiter oben zitierten Brief an seinen Bruder vom 28. Mai 1916 beschrieb Niépce den Blick in den Garten sehr anschaulich, wobei beachtet werden muss, dass sich die Beschreibung von damals auf ein Negativ bezog:
[...] Die Voliere ist verkehrt herum abgebildet, die Scheune liegt auf der linken anstatt auf der rechten Seite, die weisse [hier: schwarze] Masse, die rechts neben der Voliere oberhalb des Gitterzauns erscheint und die man nur undeutlich erkennt, aber so wie sie auf dem Papier durch die Spiegelung des Bildes dargestellt wird, ist die weisse [hier: schwarze] Butterbirne, die sehr viel weiter entfernt steht. Und dieser schwarze [hier: weisse] Fleck in Höhe des Wipfels ist eine lichte Stelle zwischen Zweigen.
Beim Vergleich mit der heutigen Situation muss berücksichtigt werden, dass die Aufnahme von Niépce spiegelverkehrt ist, und dass das Fenster früher 70 cm weiter rechts war. An der Mauer links befand sich zum Zeitpunkt der Aufnahme ein schmaler Anbau, der ins Bild hinein ragte. Rechts am Fensterrahmen war der Fensterflügel befestigt. Den Butterbirnenbaum gibt es längst nicht mehr, und die Voliere sowie die Scheune mit Schrägdach sind längst abgebochen worden.
Modell des Gutes «Le Gras» zum Zeitpunkt der Aufnahme [3]. Ein Pfeil zeigt auf das Fenster im ersten Obergeschoss, von dem aus die Aufnahme gemacht wurde. Das Modell entspricht nicht mehr dem neuesten Stand der Forschung, es zeigt die damalige Situation aber anschaulich.
Im Museum werden zahlreiche Werkzeuge und Hilfsmittel aus dem Besitz von Fortuné Joseph Petiot-Groffier (1788-1855) gezeigt, einem Zeitgenossen von Nicéphore Niépce (1765-1833).
Petiot-Groffier interessierte sich seit 1840 für die Photographie, und er verwendete ähnliche Utensilien wie Niépce. Das praktisch vollständig erhaltene Photolaboratorium wurde 2007 auf einem Dachboden entdeckt.
Mit einem Tuch vor Licht geschützt: die erste Rekonstruktion einer Héliographie durch Jean-Louis Marignier von 1989 [4].
«La table servie», eine längst verschollene Aufnahme von Niépce, von der nur eine Reproduktion von Davanne aus dem Jahre 1893 erhalten ist, ist vor einiger Zeit wieder ins Blickfeld der Forschung geraten. Jean-Louis Marignier konnte nämlich 2004 aufgrund des Briefwechsels von Niépce mit Daguerre nachweisen, dass es sich dabei wahrscheinlich um eine «Physautotypie» handelte, ein Verfahren, das durch Niépce und Daguerre 1832 gemeinsam erfunden wurde [2].
Der gedeckte Tisch, den Marignier 2004 als «Physautotypie» aufnahm.
Im Dachgeschoss geht die Ausstellung weiter.
Dort befindet sich das Dachfenster, das Helmut Gernsheim ursprünglich als Kamerastandort annahm.
Ein Blick aus dem Fenster durch die verschmutzte Scheibe zeigt, dass die Kamera ziemlich weit nach links geschwenkt werden muss, damit die Mauer links überhaupt sichtbar wird (vgl. Situation im Modell oben).
Die Kirche von St- Loup de Varennes.
Das Grab von Nicéphore Niépce (1765-1833) und dessen Frau Agnès, geborene Roméro (1760-1855).
Chalon-sur-Saône
Chalon-sur-Saône ist eine Stadt im Burgund mit schönen Quai-Anlagen. Hier testeten Nicéphore und Claude Niépce ihr Modellboot mit dem Pyréolophore-Antrieb auf der Saône.
Ein Denkmal gegenüber der Quai-Anlage erinnert an den Erfinder der Photographie.
Das Geburtshaus von Niépce ist ziemlich schwer zu finden. Deshalb weist ein Schild an der Hauptstrasse rue Saint-Georges auf das Haus an der 9. rue de lOratoire hin.
Hinweisschild an der Hauptstrasse.
Die Gedenktafel am Geburtshaus von Nicephore Niépce.
Das Haus (ganz rechts mit Gedenktafel) befindet sich in einer Sackgasse in sehr schöner Umgebung.
Blick in die Sackgasse.
Das Musée Nicéphore Niépce ist dem grossen Sohn der Stadt und der Geschichte der Photographie gewidmet.
Das Prunkstück der Ausstellung ist die Kamera, mit der Niépce die erste Photographie der Welt auf seinem Landgut «Le Gras» in Saint Loup de Varennes machte.
Ansicht der Kamera von hinten.
Kamera mit Irisblende, die Daguerre zum gemeinsamen Projekt beisteuerte.
Eine weitere Erfindung von Niépce: das Velociped.
Zitierte Literatur und Websites
[3] Paul Jay: Premier outils, premier résultats. Châlon-sur-Saône: Musée Nicéphore Niépce, 1978.
[4] Jean-Louis Marignier: Héliographies. Chalon-sur-Saône: Musée Nicéphore Niépce, 1989.
[5] Nicéphore Niépce: Der Blick aus dem Fenster. Gesammelte Briefe. Herausgegeben von Kathrin Reichel. Hamburg: Material-Verlag, 1998.