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Die «Linde» der Lindenmann
In Mannschaftsrodeln des beginnenden 16. Jahrhunderts sind die ersten Vertreter dieses Geschlechtes, das in den Gerichten Rorschach und Goldach zu Ansehen und Einfluss gelangte, aufgeschrieben. Sie waren vordem wohlhabende Bauern in appenzellisch Grub gewesen, wo ihre Güterhaupt sächlich in «Lenen, Linden» lagen. Von da her führen die Lendenmann und Lindenmann ihren Namen, der zuerst Rufname war, wie eine Aufzeichnung aus dem Jahre 1530 verrät, in der von einem Grista Graf, genannt Lindenmann, die Rede ist. Durch Einheirat in das alt-Goldacher Geschlecht der Stürm gelangten die Lindenmann allmählich zur Anerkennung als Mitbürger, Dorfgenossen, und damit zu Stellung und Rang, die manchen Vertretern dieses Geschlechtes im 17. und 18. Jahrhundert zu bestimmendem Einfluss im Gericht Goldach und im Rorschacheramt verhalfen.
Ein Verhörprotokoll aus dem Jahr 1609 wird im Stiftsarchiv St.Gallen aufbewahrt. Darnach kamen zwei Beauftragte der fürstäbtlichen Regierung zum alten Jack nach Untergoldach. Er war 110 Jahre alt, aber noch geistig frisch und von gutem Gedächtnis. So erinnerte er sich noch gut der Zustände in Goldach 80 Jahre früher zur Zeit der Glaubensbewegung. Dieser Mann, von dem in keinem weitern Dokument ausser der schon erwähnten amtlichen Befragung die Rede ist, ist vermutlich der Erbauer des mittleren und ältesten Teiles der «Linde». Drei Jahre nach der Befragung starb der alte Jack Lindenmann, 113 Jahre ist er alt geworden, wohl der älteste Einwohner der Region Rorschach, von dem Kunde auf uns gekommen. Das Lehenbuch 50, der Band Goldach, im Stiftsarchiv St.Gallen, führt beim Erbfall des alten Jack Lindenmann alles auf, was ihm gewesen war und nun an die Erben ging. Es waren nebst dem Wohnhaus Torkel und Stadel nebst dem Haus, dazu ca. 20 Juchart Ackerland, 5 Mad Heuwachs, mehrere Stück Reben auf den Stelzen, Anteil am Hof zum Stein, dazu noch ein zweites Haus mit zugehörigem Hof. Das alles wurde den Söhnen Jacob und David verliehen. Der Älteste, Johann mit Namen, der als erster Lindenmann Ammann des Gerichtes Goldach geworden, 1605 sich das markante Wohnhaus zunächst der Schmitte gebaut hatte, und 1611 vom übel grassierenden Pestzug dahingerafft wurde, hatte seinen Anteil schon früher bezogen. Sein grosses Besitztum wird in seinem Erbfall 1611 im Lehenbuch aufgeführt.
Die Lindenmann der «Linde», in den Dokumenten vor 1800 Lindenmann zu Untergoldach genannt, wussten ihren Besitz zu erhalten und zu mehren, die Gebäulichkeiten aber blieben im alten Zustand erhalten. Die ersten Besitzer der «Linde» nach dem alten Jack sind mangels Nachrichten nicht sicher auszumachen. Es sind vermutlich Jakob Lindenmann und seine Frau Anna Eggerin in der ersten Generation und wieder ein Jakob Lindenmann mit Elisabeth Hedenerin von Tübach in der zweiten Generation.
Ihnen folgten Hans Jakob Lindenmann und M. Magdalena Bopartin. Er vermochte seine Mitbürger der Hauptmannschaften Ober- und Untergoldach zu bewegen, den benötigten Grund und Boden für die Bleichenanlage im Riet gegen anderwärtigen Klosterbesitz abzutauschen. Dafür wurde er vom Statt- halter auf Mariaberg als erster Bleichermeister daselbst eingesetzt.
Nach seinem Rücktritt vom Bleicheramt wurde er 1688 zum Ammann des Gerichtes Goldach gewählt. Schon 3 Jahre später starb er. Eine schwere Enttäuschung war für ihn, dass sein ältester Sohn Peter wegen des Widerstandes der Hofleute von Rorschach nicht Nachfolger auf der Unteren Bleiche geworden war. — Die Roth von Rorschach erhielten das Bleicherlehen im Riet und blieben daselbst, bis in der Franzosenzeit das Kloster St.Gallen aufgehoben und seine Güter veräussert wurden — Peter musste sich damit abfinden, dass er auf die ältere Obere Bleiche in Rorschach gesetzt wurde. Der jüngste Sohn, Hans Jakob, übernahm den Lindenmannenhof. Im Jahre 1706schloss er mit der Rorschacher M. Magdalena Eggerin den Bund fürs Leben. 40 Jahre überlebte sie ihren Mann. Eine der seltenen Nachworte im Totenbuch rühmt ihre Wohltaten zu Lebenszeit, hält aber auch fest, dass sie 200'000 Dukaten hinterliess und dass 150 Männer in schwarzen Mänteln ihr das Leichenbegängnis gaben. Es muss eine aussergewöhnliche Frau gewesen sein, gleichwie ihr Mann in alt-Goldach unvergessen blieb, der 4 Jahre als Hauptmann, dann 8 Jahre als Ammann «mit grossem Lob» Gemeinde und Gericht Goldach geleitet hatte und kaum 38jährig das Zeitliche segnete.
Der älteste Sohn war würdig seines Vaters. Mit seiner Frau Jakobea Stürmin und der so verständigen Mutter bewirtschaftete er den grossen Hof. Daneben schenkte er Zeit, Kraft und Fähigkeit, wie es in seinem Geschlecht seit jeher verpflichtender Brauch war, der Gemeinde. Das festtägliche rote Messgewand und eine silberne Ampel sind noch heute sichtbare Zeichen des grossherzigen Gebens und des gepflegten Lebensstiles der Lindenmann. Die Bürger anerkannten solche Gesinnung und Leistung, dass sie während 33 Jahren Josef Anton Lindenmann im turnusgemässen Wechsel mit seinem Schwager Johann Stürm von der Gärbe zum Ammann wählten. Nicht ganz 60 Jahre waren ihm gegeben. Er hat sie genützt, um Gutes und Bleibendes zu schaffen.
Von den 5 Söhnen erreichten nur 2 das mannbare Alter. Der ältere wurde geachteter Kornmeister in Rorschach, der jüngere Mauritius erbte den alten Lindenmannhof. Er war von schwächlicher Gesundheit, «epilepticus» steht hinter dem Eintrag im Totenbuch. Er erreichte nur 43 Lebensjahre. Seine Frau M. Magdalena Zinngin hatte ihm 7 Kinder geschenkt. Nur 2 überlebten, Johannes, der Erstgeborene und die Tochter Magdalena, die Zweitjüngste.
(Korrektur Reck: Tatsächlich überlebte auch der posthum geborene, wie der Vater ebenfalls epileptische Sohn Johann Moritz 1791-1842, verheiratet am 24.11.1817 mit Katharina Eberle. Amman 1831-32 und Präsident des Ortsbürgerrates. Gemeindeammännerliste S.266, Spalte Rechts mitte)
Sichtlich war die Lebenskraft der Lindenmann erschöpft. Johann war der letzte seines Geschlechts. Weil er ein Lindenmann war, übertrugen ihm die Bürger das Ammannamt 1810-18 und wiederum 1822-24. Undankbar war der Auftrag in der Zeit des Übergangs von der alten Gerichtsordnung und im engen Rahmen des grösseren Verbandes der übergeordneten Kreisgemeinde Mörschwil-Goldach. Er trat deshalb nicht ungern ab. Noch blieben 22 Lebensjahre. Als Bauer und Wirt verbrachte er sie. Damals wird es geschehen sein, dass das Haus der Lindenmann den Wirtshausschild "Linde" bekam, und dass der alte Torkel abgerissen wurde, um Platz zu gewinnen für den hinteren Anbau.
Da kein direkter Nachkomme da war (die einzige Tochter Barbara war als Schwester Philomena ins Kloster Glattburg eingetreten), vergantete 1844/45 die Erbengemeinschaft das Heimwesen der Lindenmann. Huber Johann Josef erwarb das Heimwesen. Für seine Fuhrhalterei wird er den vorderen Anbau angefügt haben. Damit hatte die «Linde» das Aussehen erhalten, das den Goldachern bis in die jüngste Gegenwart vertraut war. Der vielfache Besitzwechsel der mehr als ein Dutzend Wirte und Pächter bekamen der «Linde» in ihrem Ansehen und Aussehen nicht gut. Jetzt ist das alte Lindenmannhaus dank der vereinten Anstrengungen von Eigentümer, Denkmalpflege und Gemeinde wieder erstanden; die An- und Umbauten des letzten Jahrhunderts heben sich vom ursprünglichen Wohnhaus aus dem 16. Jahrhundert deutlich ab: sie sind nach der durchgeführten Renovation des Gebäudekomplexes als Zutaten erkennbar, die das edle Bauernhaus einengen und rein wirtschaftlichen Erfordernissen ihr Sosein und ihren Fortbestand verdanken.
Verfasser: Professor Dr. Josef Reck
Buch-Titel: Goldach aus vergangenen Tagen, S.118-120
Copyright: 1979, Gemeinde Goldach