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Wenn Langenthal NLB-Meister wird und in der Liga-Qualifikation so spielt wie gestern gegen die Lakers, dann steigt Ambri «theoretisch» ab.
Ja, dieses Spiel hätte auch Ambri verloren. Der SC Langenthal erreicht taktisch NLA-Niveau, besiegt am Freitagabend die Lakers 2:0 und braucht noch einen Sieg für den NLB-Titel und die Liga-Qualifikation.
Werden die Lakers das Opfer des «Everest-Syndroms»? Geht ihnen die Luft unmittelbar unter dem Gipfel aus wie einst Raymond Lambert? Der Genfer erreichte 1952 die damalige Weltrekordhöhe von 8650 Meter. Zum Gipfel des Everest (8848 Meter) und zu ewigem Bergsteigerruhm fehlten weniger als 200 Meter. Edmund Hillary gelang im darauffolgenden Jahr die Erstbesteigung des höchsten Gipfels der Welt.
Die Lakers wirken in diesem fünften Finale tatsächlich wie Raymond Lambert. Die Luft geht ihnen aus. Deutlich zu sehen im Wechsel der Spielrichtung von Nord-Süd auf Ost-West: im Ausweichen auf die Aussenbahnen, abgedrängt von den kräftigeren, wuchtigeren, grösseren, schwereren, böseren und auch disziplinierteren Langenthalern.
Das zeigt sich vorne in offensiver Hilflosigkeit und hinten in der Unmöglichkeit, den Raum vor dem flinken, reflexschnellen Melvin Nyffeler zu kontrollieren. Langenthal dominiert mit 38:23 Torschüssen. Vieles spricht dafür, dass den Lakers ganz kurz vor dem NLB-Gipfel der meisterliche Ruhm doch noch entgleitet.
Hinterher wird Captain Stefan Tschannen sagen, es sei Langenthals bisher beste Playoffpartie gewesen. Meisterliche Morgenröte über dem Oberaargau. Ist Langenthal nun gar besser als im Frühjahr 2012? Damals wurden sie zum ersten Mal NLB-Meister und waren anschliessend gegen Ambri in der Liga-Qualifikation chancenlos (1:4).
Auch 2012 mussten sie auf ihren Topskorer Jeff Campbell verzichten. Der Kanadier erlitt in der letzten Minute des letzten Finalspiels gegen Lausanne eine Verletzung. Jetzt hat es ihn beim Blockieren eines Schusses (Puck auf die Kniescheibe) schon im Halbfinale erwischt.
2012 funktionierte der beste NLB-Sturm des 21. Jahrhunderts nicht mehr. Es gelang nicht, die Centerposition mit einem Schweizer richtig zu besetzen. Ohne Mittelstürmer Jeff Campbell war Langenthal 2012 gegen Ambri chancenlos. Der erste Sturm buchte in den fünf Partien der Liga-Qualifikation nur noch einen einzigen Treffer.
Wiederholt sich 2012? Wird Langenthal wieder NLB-Meister und wird sich Ambri erneut retten, weil Jeff Campbell fehlt?
Vielleicht. Aber vielleicht nicht. Der Ausfall des kanadischen Centers wirkt sich auch jetzt aus. Aber nun spricht einiges dafür, dass Trainer Jason O’Leary gerade noch rechtzeitig die Lösung, das fehlende Puzzle-Teilchen für seinen ersten Sturm gefunden hat. Er hat gestern zum ersten Mal Dario Kummer (22) zwischen Brent Kelly und Stefan Tschannen gestellt.
Langenthals erster Sturm erzielte zwar kein Tor, erspielte sich aber am meisten Chancen. Dario Kummer ist einer der interessantesten NLB-Spieler. Im letzten Frühjahr spielte er bei NLB-Meister Ajoie eine wichtige Rolle. Für die höchste Liga ist er ein bisschen zu klein und zu leicht (173 cm/74 kg). Aber in der NLB ist der schlaue Mittelstürmer dazu in der Lage, eine Linie zu führen.
Stefan Tschannen sagt auf die Frage, wie stark sich das Fehlen von Jeff Campbell auswirkt: «In sieben Jahren haben wir gemeinsam viele Automatismen eingespielt und die funktionieren ohne ihn nicht. Aber mit Dario hat es erstaunlich gut geklappt. Er ist eben auch ein kreativer Spieler.»
Also gut möglich, dass Langenthal ausgerechnet dank Dario Kummer Ambri einigen Kummer bereiten wird. Am Horizont zieht für Ambri die Götterdämmerung herauf.
Aber noch hat das wagnerianische Drama der Liga-Qualifikation nicht begonnen. Erstens sind die Langenthaler noch nicht NLB-Meister und zweitens muss sich dann zeigen, ob sie den Aufstieg mit dem gleichen Biss anstreben werden wie den NLB-Titel.
Captain Stefan Tschannen sagt: «Jetzt ist der Titel das Ziel und wir befassen uns nicht damit, was nachher sein könnte. Es ist klar, dass wir beispielsweise unsere Situation nicht mit jener von Langnau beim Aufstieg gegen die Lakers vergleichen können. Langnau hatte ganz klar das Ziel Aufstieg und der NLB-Titel war nur ein Zwischenziel. Unser Saisonziel war diese Saison der Final.» Die Zielsetzung (und damit die innere Verfassung) wird also erst nach einem allfälligen NLB-Titelgewinn neu justiert.
So oder so sollte sich eigentlich Ambris Sportchef Ivano Zanatta intensiv mit dem Wesen und Wirken von Langenthals Cheftrainer Jason O’Leary (38) auseinandersetzen. Der charismatische Kanadier ist wahrscheinlich der meistunterschätzte Nationalligatrainer – und zu haben. Er hat seinen Vertrag mit dem SC Langenthal noch nicht verlängert. Dieser Erfolgstrainer müsste eigentlich nicht nur in Ambri Kandidat für den Trainerjob sein.
Am Freitag hätte Ambri in Langenthal also verloren. Nun ist die bange Frage: Wird Langenthal NLB-Meister und dann in der Liga-Qualifikation noch einmal mit dem gleichen Biss, mit der gleichen Wucht, mit der gleichen Konzentration spielen? Wenn ja, steigt Ambri erst theoretisch ab. Aber noch nicht in der Praxis. Es würde nämlich auch in diesem Falle nicht vorbei sein.
Wir können davon ausgehen, dass der grosse Vorsitzende Filippo Lombardi, um sein Ambri am «grünen Tisch» zu retten, einen politischen, administrativen, medialen und juristischen Sturm entfachen würde, wie wir ihn in unserem Hockey noch selten erlebt haben. Ständerat Filippo Lombardi mag das wahre Wesen des Mannschaftsportes nach wie vor fremd sein wie den Nubiern die Statuten unserer Nationalliga. Aber von Politik versteht er etwas.
Noch nie war in dieser Arena eine solche Feststimmung wie bei Ambris Sieg (4:1) gegen Ufa. Die Leidenschaft der Leventiner bestrafte bei ihrem Spengler-Cup-Debüt den russischen Schlendrian.
War diese Arena je so ein Tollhaus? Nein. Nicht während der nationalen Meisterschaft. Nicht beim Spengler Cup. Hier hat der HC Davos zwar schon zahlreiche Meistertitel und Spengler Cup-Triumphe gefeiert. Und doch sind noch nie solche Hockeyfestspiele zelebriert worden. Das Spiel war spektakulär. Aber die «Verpackung» war noch grossartiger.
Nach vollbrachter Tat stellen sich die Spieler sogar zum Mannschaftsfoto vor der Stehplatztribune auf, die vollständig von den Ambri-Anhängern dominiert …