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China, hört man immer wieder, wird schon bald die USA an der Spitze der Welt ablösen. Aber das ist aus einer ganzen Reihe von Gründen unwahrscheinlich.
Man darf sich keinerlei Illusionen hingeben: China war Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende lang die Weltmacht des Planeten. China hatte schon Städte, komplett mit Abwassersystemen, Geld, Gesetzen und Bürokraten, als sich in Europa die Barbaren noch gegenseitig die Köpfe einschlugen. China baute, knapp ein Jahrhundert bevor die Europäer ihre ersten ozeantauglichen Nussschalen nach Amerika schickten, gewaltige Schatzflotten aus 300 m langen Schiffen, die im ganzen ostasiatischen Raum Handel trieben, Tributzahlungen einfuhren und bis nach Ostafrika und Australien (oder sogar Amerika, wie von einigen behauptet?) vordrangen.
China kennt aber auch nur zwei politische Zustände: Kaiserreich oder Königreiche. In seiner langen Geschichte hat China den Zyklus, beginnend mit zersplitterten, sich bekämpfenden regionalen Königreichen, gefolgt von Eroberungskriegen, Bündnissen bis schliesslich hin zum Aufstieg eines grossen Kaiserreiches, das sich zunächst die meisten kleinen Reiche einverleibt, aber nach einiger Zeit wieder zerbricht, unzählige Male durchlaufen. Zurzeit befindet es sich in der Kaiserreich-Phase, hat bis auf Taiwan alle historischen Gebiete unter Kontrolle und kontrolliert sogar Regionen darüber hinaus: nie in seiner Geschichte gebot Peking über ein grösseres Gebiet als heute.
„Als China die Welt entdeckte“ ist ein Buch von Gavin Meinzies, in dem er die These aufstellt, China habe mit den Schatzflottenschiffen praktisch die ganze Welt befahren. Während ich ihm nicht alle Reisen, die er in diesem Buch belegen will, abkaufe, halte ich es für nicht ganz ausgeschlossen, dass einige chinesische Schiffe den amerikanischen Kontinent vor den Europäern erreicht haben. Mit diesem Vorbehalt ist das Buch durchaus interessant und unterhaltsam.
China war lange die Weltmacht Nummer Eins, weil es schon immer eine grosse Bevölkerung hatte, die in einem fruchtbaren und geografisch zusammenhängenden, aber relativ kleinen Raum lebten (nur die Pazifikküste Chinas ist wirklich fruchtbar – die Mehrheit seiner heute 1.3 Mrd Einwohner leben dort). Dies ermöglichte, ja erzwang die Entwicklung von Technologie und Bürokratie, die das Zusammenleben von so vielen Menschen auf so kleinem Raum ermöglichte. Eine ähnliche Entwicklung war im Norden Indiens, im Industal, im Niltal Ägyptens und in Mesopotamien dafür verantwortlich, dass sich dort die ersten Hochkulturen der Menschheit entwickelten.
Doch die Welt hat sich verändert. Heute braucht es mehr, um zur Weltmacht zu werden. Der Weltmachtstatus wird nicht mehr einfach durch schiere Bevölkerungsmassen erreicht – ansonsten müssten Staaten wie Pakistan, Indonesien, Nigeria und Bangladesh zu den Weltmächten gezählt werden. Der Weltmachtstatus heute hängt vor allem von der Wirtschaftskraft und dem Stand der Technologie ab, Bereiche, in denen die USA weltweit führend sind (und es auch noch lange bleiben werden). Nur wirtschaftsstarke, technisch hoch entwickelte Staaten können sich es leisten und anmassen, ihre Interessen weltweit zu verfolgen und zu verteidigen.
Wenn aber die Wirtschaftskraft ein wichtiger Faktor einer Weltmacht ist, sollte man sich die Maslowsche Bedürfnispyramide in Erinnerung rufen. In dieser Pyramide menschlicher Bedürfnisse befinden sich physische Bedürfnisse (Trinken, Essen, Schlaf…) zuunterst, gefolgt von Sicherheitsbedürfnissen (phyische Sicherheit, Ordnung, Recht…), sozialen Bedürfnissen (Liebe, Partnerschaft), gesellschaftlicher Anerkennung und schliesslich, an der Spitze, die Selbstverwirklichung. Wohlstand, eine Funktion der Wirtschaftskraft, gibt den Menschen die Fähigkeit, in der Bedürfnispyramide aufzusteigen: je höher oben sie sind, desto lauter werden die Forderungen nach Rede- und Gesinnungsfreiheit, nach klassischen freiheitlichen Werten werden. China hat sich in den letzten 30 Jahren von einem sozialistischen Planstaat in eine hyperkapitalistische Diktatur verwandelt. Das rasche Wirtschaftswachstum hat zu einem enormen wirtschaftlichen Gefälle zwischen den Küstenstädten und dem armen Hinterland geführt. In den Städten werden die Menschen wohlhabender und damit „westlicher“, wie oft gerne gesagt wird. Dabei geht nur allzu oft vergessen, dass der sogenannt „westliche“ Lebensstil nur eine Folge des westlichen Wohlstandes ist, und bisher (weltweit) nur westliche Märkte die Bedürfnisse befriedigen können, die eine Gesellschaft auf diesem Stand der wirtschaftlichen Entwicklung hat. Die jungen, vergleichsweise reichen Chinesen wollen keine Amerikaner oder Europäer sein – sie wollen nur leben wie diese. Zu diesem neuen, offenen Lebensstil gehört eben zum Beispiel auch die Redefreiheit. Je näher der chinesische Staat dem Weltmachtstatus kommt, je mehr Menschen er aus der Armut holt, desto mehr Menschen wird es geben, die angesichts ihres neugeschaffenen Wohlstandes in der Lage sein werden, über die Repressionen des chinesischen Staates nachzudenken.
In „die nächsten hundert Jahre“ vertritt der Stratfor-Gründer George Friedmann eine ganz ähnliche Auffassung über die Zukunft Chinas wie ich in diesem Artikel. Friedmann ist vielleicht der führende Experte auf dem Gebiet der Geostrategie. Nicht China, sondern Länder wie Japan, die Türkei und Polen sieht er für das 21. Jahrhundert zu regionalen Grossmächten aufsteigen. Klingt verrückt – ist aber gut begründet und liest sich spannend, und wer würde schon behaupten, dass sich die Geschichte des, sagen wir, 20. Jahrhunderts, wenn man sie schon zu dessen Beginn gekannt hätte, nicht auch verrückt angehöt hätte?
Auch die weltweite Führungsstellung in der Wissenschaft und Technologie-Entwicklung lässt sich in einem Staat, in dem sich die Menschen nicht frei und offen über ihre Gedanken austauschen können, nicht erreichen. Mit viel Geld lassen sich Labore nachbauen, Technologien kopieren und auch etwas erweitern – aber echte Innovation, echter Fortschritt über das Bestehende hinaus erfordert Menschen, die in der Lage sind, kritisch zu denken, Vorhandenes zu hinterfragen, Dinge zu tun, die niemand vorher ausprobiert hat. Ein Staat, der erfolgreiche Wissenschaftler und Ingenieure hervorbringen soll, wird nicht verhindern können, dass diese auch ebendiesen Staat selbst zu hinterfragen beginnen.
Letztlich bedeutet das, dass in der heutigen Welt nur eine freiheitliche Demokratie wirklich an die Spitze der Welt gelangen kann. Damit sind die USA, ein allenfalls vereintes Europa, sowie vielleicht noch Indien und Brasilien ausgezeichnet aufgestellt, ihren Weltmachtstatus auch für den Rest des Jahrhunderts zu erhalten oder gar noch auszubauen. Für China hingegen wäre der einzige Weg aus diesem Dilemma die Öffnung und Demokratisierung. Der Weg von der Diktatur zur stabilen Demokratie ist jedoch, gerade in einem so grossen und von sozialen Gefällen geprägten Land wie China, steinig und lang. Selbst wenn sich in der chinesischen Regierung der Gedanke der Öffnung und Demokratisierung vollständig durchgesetzt hätte, ist es gut möglich, dass China nach einer raschen Demokratisierung an den aufgebauten internen Spannungen, die sich dann plötzlich abbauen „dürften“, zerbrechen würde. Tut die Regierung jedoch nichts, werden die Spannungen spätestens dann drastisch zunehmen, wenn die Wirtschaftsentwicklung ins Stocken kommt, was früher oder später der Fall sein wird.
China hat zudem noch ein massives demografisches Problem: Die Ein-Kind-Politik. Wurde es früher vom Westen dafür gelobt (ohne jeden Hintergedanken?), hat es sich damit in Wahrheit eine äusserst gefährliche Hypothek eingehandelt: die massive Überalterung einer nicht wirklich wohlständigen Gesellschaft. Im künftigen China wird ein Arbeitnehmer nicht nur für seine Kinder sorgen müssen, sondern auch für seine zwei Eltern und vier Grosseltern. Die „4-2-1-Gesellschaft“, wie man das auch nennt, könnte zu einer massiven Verarmung von älteren Menschen, als auch der arbeitenden Generation führen. Integration von ausländischen Immigranten ist in China keine Option – ganz im Gegensatz zu den USA, wo dies zu den Grundpfeilern des amerikanischen Modells gehört. China macht auch die zunehmende Umweltverschmutzung zu schaffen. Nahrungsmittel müssen wegen fehlenden Anbauflächen ohnehin aus dem Ausland importiert werden, wie auch viele Rohstoffe.
All diese oben genanten Faktoren werden zusammen dazu führen, dass China innerhalb der nächsten 10, 20 Jahren sehr viel von seiner heutigen Attraktivität verlieren und schliesslich daran scheitern wird. Es gibt viele denkbare Ausgänge: von einer lockeren Allianz kleinerer chinesischer Staaten mit mehr oder weniger demokratischen Regierungen, aber ohne weltweite Ausstrahlung bis hin zu einem chaotischen „Failed State“, in dem sich Bürgerkriegsfraktionen mit Atomwaffen bekriegen, ist zurzeit noch alles denkbar.
Die USA sind in all diesen Bereichen deutlich besser aufgestellt als China. Mit Ausnahme des Erdöls sind sie in praktisch allen wichtigen Rohstoffen selbstversorgend, oder könnten es sein, wenn es sein müsste. Die USA exportieren noch immer Nahrungsmittel in alle Welt, und sie sind für eine Weltmacht noch immer erstaunlich dünn besiedelt, könnten daher noch über Jahrhunderte wachsen – bis zu einer Milliarde Menschen könnten problemlos in den USA leben (heute sind es etwas über 300 Millionen, obwohl die Landfläche mit jener Chinas vergleichbar ist, bei einem viel geringeren Wüsten- und Gebirgsanteil). Die Bevölkerungsstruktur ist gesund, im Gegensatz zu den europäischen Staaten bekommen Frauen in den USA immer noch etwas mehr als die 2.1 Kinder, die zur Ersetzung der lebenden Bevölkerung nötig wären. Und allen Unkenrufen und Problemen zum Trotz sind die USA immer noch einer der freiheitlichsten, offensten und demokratischsten Staaten weltweit.
Die Sache mit dem Frühchinesisch für die Kinder hat also durchaus noch etwas Zeit.