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Immer wieder wird gefragt, wie viele Kameras denn eigentlich sinnvoll sind, um ein Video Testimonial oder ein Marketing oder Business Video mit Interviews zu drehen. Wie viele Kameras benötigen gute, und sehr gute, Videos?
Ist es als Zeichen der Wertschätzung oder zur Qualitätssicherung empfehlenswert, Top-Shots auf C-Level (CEO, CFO, COO usw.) für ein CEO-Video im Gegensatz zu Mitarbeitenden oder dem übrigen Kader für Testimonials mit mehr als einer Kamera zu drehen?
Und, fast so wichtig: Machen es zwei Kameras für den Dreh einfacher, eine womöglich schlechte Performance des Chefs vor der Kamera nachträglich in der Bildbearbeitung „schönzuschneiden“?
Die korrekte Anzahl Kameras für Interviews: es gibt keine Standard-Antwort!
Mit wie vielen Kameras ein Interview idealerweise gedreht werden soll, das ist eine Frage, die wohl schon im Jahr 1886, also unmittelbar nach der Erfindung der Filmkamera, erstmals gestellt wurde. Bis heute gibt nur eine einzige korrekte Antwort: Es kommt drauf an!
Dem fabelhaften Cary Grant gibt man keine Regieanweisung. Man stellt ihn einfach vor die Kamera und überlässt es dem Publikum, sich mit ihm zu identifizieren.
Alfred Hitchcock
Die Kamera ist das Auge des Zuschauers. Daraus leiten sich alle Antworten für die Herstellung des Videos ab. Wahrnehmungspsychologisch, inhaltlich und technisch. Das klingt erstmals komplexer, als es in Tat und Wahrheit für ein Video Testimonial ist.
Checkliste mit sieben wichtigen Fragen
Abhängig von der Art der zu vermittelnden Key Messages gilt es vor jedem Entscheid über die Zahl der bei einem Video Interview zum Einsatz kommenden Kameras immer erst sieben grundlegende Fragen zu klären, und mit seiner Filmagentur oder seinem Produktionspartner zu diskutieren:
- Was soll das Interview oder Statement bewirken?
- Bringt die Person vor der Kamera Erfahrungen aus vergleichbaren Aufgabenstellungen mit?
- Soll die Person vor der Kamera dem Zuschauer direkt in die Augen blicken wie in einem persönlichen Gespräch?, oder
- Spricht die/der Befragte zu einer Drittperson?
- Ist diese Drittperson für den Zuschauer sichtbar oder unsichtbar ist?
- Soll ich als Zuschauer das Statement dynamisch-bewegt oder statisch-kontrolliert empfinden?
- Erlaubt die Agenda des Interviewpartners eine Vorbesprechung und mehr als eine halbe Stunde Drehzeit?
Harte Faktoren zur Bestimmung der Anzahl Kameras bei einem Video Testimonial …
Nebst weichen Faktoren (Erfahrungswerte und Learnings aus der Praxis) gibt es auch eine Reihe handfester Gründe, welche für die Anzahl der verfügbaren Kameras bei einem Dreh entscheidend sind:
- Fakt #1: Es geht nicht nur um das „wollen“, sondern auch um das „können“. Die Anzahl der Kameras auf einem Filmset hat eine erhebliche Implikation auf die Herstellungskosten des Videos, aber auch auf die spätere Bildbearbeitung. Zu den Mietkosten für das Kamera- und Tonequipment kommen immer auch Transportkosten und Versicherungskosten hinzu. Zugleich braucht es Spezialisten, welche die heutigen Hightech-Geräte für die Bildakquisition sowohl in technischer wie in gestalterischer Sicht aus dem Effeff beherrschen. Zwei Kameras und zwei Kameramänner kosten mehr als nur eine Videokamera und nur ein Video Operator. Die Synchronisation und der Schnitt von zwei Bildquellen sind aufwändiger, als Aufnahmen nur aus einer Kamera. Darum gilt: Wo das verfügbare Produktionsbudget nur für eine Kamera reicht, erübrigt sich die Diskussion für eine zweite Kamera.
- Fakt #2: In einem Corporate Video Testimonial geht es zu 99% darum, Inhalte und Emotionen zu transportieren. Die Übermittlung der Key Message erfolgt dabei in der Regel ausschließlich über eine vor der Kamera auftretende, sprechende Person, allenfalls ergänzt durch graphische Elemente oder Einspieler. Die filmische Form hat sich darum dem Inhalt unterzuordnen. Im Vordergrund stehen Glaubwürdigkeit und Verständlichkeit, nicht Inszenierung. Darum gilt: Eine zweite Kamera macht nur dann Sinn, wenn sie die Glaubwürdigkeit und Verständlichkeit nicht verwässert, sondern aus Sicht des Empfängers verstärkt.
- Fakt #3: Situatives Drehen ist eine Kunst, die nur ganz wenige Kameramänner beherrschen. Unter „situativem Drehen“ versteht man die Fähigkeit des Kameramannes, mit einer Kamera während eines laufenden Interviews unterschiedliche Blickwinkel zu drehen. Als Beispiel: Der CEO wird von einem TV-Redaktor interviewt. Anwesend ist ein Kameramann, der je nach Frage und Antwort jeweils zwischen Redaktor und CEO „hin und her“ schwenkt. Wo genau die Kamera wann jeweils gerade hinblickt, muss der Kameramann situativ entscheiden, weil die Aktionen und Reaktionen von Interviewer und Interviewpartner sich erst in der konkreten Situation zeigen. Anders gewendet: Der Kameramann muss in diesem Fall (1) mit dem Auge das Bild kontrollieren und (2) den Bildauschnitt bestimmen, (3) mit dem Gehör zeitgleich und möglichst antizipierend die Reaktionen der beiden Gesprächspartner vorwegnehmen, und (4) parallel dazu im Kopf sicherstellen, dass der Schwenkrhythmus nicht mechanisch und unnatürlich wirkt, un dass immer die „richtige“ Person mit der „richtigen“ Reaktion oder Aktion im Bild zu sehen ist. Darum gilt: Besteht die Absicht, zwei Personen, Fragesteller und Antwortgeber, im Bild zu sehen, sind zwei Kameras das kleinere Risiko (und für das Budget nicht viel teurer, als das Kameramann-Ausnahmetalent, welches mit einer Kamera „gleichzeitig“ zwei Laiendarsteller aufzeichnen kann).
… ergänzt durch Erfahrungswerte und Learnings aus der Praxis:
Bei der Erarbeitung des Briefings und der Bestimmung des Budgets für ein Leadership-Video, wie auch für Video Testimonials generell, empfiehlt es sich, zusätzlich zu den vorgehend aufgeführten sieben essentiellen Fragen und den harten Fakten auch über die weitere, möglicherweise ebenso erfolgskritische, Punkte nachzudenken. Als Orientierungshilfe für diese weitergehende Fragestellungen zu Testimonial und für Kommunikation und Marketing mit Video können folgende Learnings aus der Praxis dienen:
- Praxis-Tipp #1: Technik ist immer Mittel zum Zweck. Nicht Selbstzweck. Content wird nicht attraktiver durch den Einsatz mehrerer Kameras.
- Praxis-Tipp #2: Die Behauptung, der Einsatz von zwei Kameras erlaube die Kaschierung einer schlechten Performance ist unsinnig: Eine Person aus zwei Blickwinkeln gedreht, ist darum nicht weniger oft im Bild. Ist die Person nicht im Bild, dies weil mit Zwischenschnitten (Desk, Hände) und sog. B-Roll Aufnahmen gearbeitet werden soll, können diese Aufnahmen auch mit einer Kamera generiert werden. Kürzungen und Tonschnitte sind mit B-Roll und losgelöst von der Anzahl Kameras möglich.
- Praxis-Tipp #3: Wer sich vor einer Kamera schwer tut, erbringt eine bessere Performance, wenn er/sie nicht von Technik erdrückt wird (Kameras, Stative, Dolly, Scheinwerfer). Weniger ist bei einer solchen Ausgangslage mehr.
- Praxis-Tipp #4: Zwei Kameras erlauben dem Zuschauer unterschiedliche Blickwinkel auf die Person vor der Kamera, oder (bei zwei Personen im Bild) den fließenden Wechsel vom Fragesteller auf den Befragten. Mit zwei und mehr Kameras steigen die Anforderungen an Regisseur und Cutter allerdings markant. Blickwinkel und Rhythmus müssen der Person vor der Kamera gerecht werden und sollten immer die kommunizierten Inhalte verstärken. Dies hat Auswirkungen auf die Besetzung des Teams und die erforderliche Drehzeit (längere Präsenz des CEOs am Drehort), und damit auch auf das Budget.
- Praxis-Tipp #5: Viele CEO’s sind durch Erfahrungen und/oder Schulungen absolut „kamera-tauglich“. Ist dem nicht so, stellen sich aus Sicht der Regie ganz besondere Anforderungen.
- Praxis-Tipp #6: Anders als früher, als Interviews auf wirklichen Film aufgenommen und jeder Versprecher echte Kostenfolgen hatte, macht die Digitaltechnik die Herstellung von Bewegtbild-Testimonials einfacher. Zu Strafe dafür hat der Teufel den Teleprompter erfunden. Ein Teleprompter ist ein halbtransparenter Spiegel, der direkt vor die Kameralinse gesetzt werden kann und auf den ab Laptop unsichtbar für den Zuschauer der zu sprechende Text eingespielt wird. Klingt gut und ist für die Profis im TV Studio seit Jahren ein nicht wegzudenkender Standard. TV-Moderatoren haben das Ablesen gelernt und wochenlang trainiert. Darum sieht es im TV so aus, als ob sie den Text mühelos und mit viel Eleganz auswendig aufsagen können. Versucht sich aber eine ungeübte Person an einem Teleprompter, geht das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in die Binsen. Statt in die Kamera und damit den Zuschauer anzusehen, flackert der Blick von rechts nach links und von oben nach unten den Textzeilen entlang … – und jede Authentizität geht flöten – das ist keine optimale Voraussetzung für gute Auftragsfilme. Der Teleprompter macht ungeschulte und ungeübte Personen vor der Kamera zu sprechenden Papp-Figuren. Darum: Finger weg.
Weiterführende Informationen
Welche Arten von Video Testimonial es gibt und was es zu beachten gilt, wenn Videos ohne professionellen Produktionspartner realisiert werden sollen, erklärt der Filmpuls-Beitrag „Wie Video-Testimonial mit 6 einfachen Regeln noch besser werden.“
Man kann solche Aufgabenstellungen auch von der humorvollen Seite angehen – was nochmals deutlich mehr Know-how erfordert, zählt doch der Umgang mit Komik zu den schwierigsten Disziplinen des Filmemachens. Mehr dazu im Artikel Deborah Neininger und Jan Sulzer: Mit Humor auf Erfolgskurs
Fazit
Bei einer idealen Zusammenarbeit zwischen Filmagentur und Auftraggeber verbinden sich die konkreten Antworten aus den vorhergehenden Fragen zusammen mit weichen und harten Fakten zu argumentativ nachvollziehbaren Grundlagen für die gemeinsame, inhaltlich-redaktionelle und budgetäre-technische Planung des Video Testimonial. Was passieren kann, wenn das nicht der Fall ist, zeigt die FILMPULS-Kompilation Die Top 10 der absurdesten Auftragsfilme der Welt.
Gleichzeitig werden mit dem hier skizzierten Vorgehen mögliche Missverständnisse und die suboptimale Allokation der Mittel frühzeitig – und schon vorab zur eigentlichen Produktion (Dreharbeiten) – verhindert. Damit entsteht für alle Beteiligten mehr als die Summe der Einzelteile und das Video Testimonial wird seinen Wirkungszweck zielgerichtet erfüllen können.
Im Interesse der Lesbarkeit wurden in diesem Artikel die Berufsbezeichnungen auf die männliche Form reduziert. | © Filmpuls