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2130 – Fianarantsoa und Umgebung
Die Stadt Fianarantsoa ist die Hauptstadt des Betsileo-Volkstammes in Madagaskar.
Fianarantsoa liegt 420 km südlich von Antananarivo. Die Sitten und Bräuche, sowie die Geschichte und der Stadtplan dieser beiden grossen Städte sind sehr ähnlich. Die Region Fianarantsoa ist auch berühmt für seinen Wein und seinen Tee: eine überraschende Entdeckungsreise zwischen Zunge und Gaumen.
Fianarantsoa, kurz “Fianar“ genannt, wie die Einwohner ihre Stadt liebevoll nennen, bedeutet wörtlich “wo man Gutes lernt“, da die erste Schule während der Königszeit in dieser Region gebaut wurde. Fianar liegt zwischen der Hauptstadt Antananarivo und der südlichen Grenze des Hochlandes und war einst die zweite Residenz der Königin Ranavalona I. mit ihrer Merina-Truppe. Die Stadt wurde im Jahr 1830 gegründet und galt als das Verwaltungszentrum aller Neueroberungen dieser Königin im Süden und Osten des Landes. Ein Palast aus Palisanderholz wurde damals auf dem höchsten Hügel der Oberstadt gebaut. Von dort hat man auch heute noch einen schönen Ausblick auf die kunstvoll gestalteten Reisterrassen und Gemüsefelder im Westen und auf die grünen Ausläufer des Regenwaldes. Pure Landschaftspoesie!
Katholische und evangelische Kirchen, andere christliche Einrichtungen und Missionsstationen, Religionsgemeinschaften und verschiedenen Schulen prägen das Stadtbild von Fianarantsoa seit der Kolonialzeit. Die Stadt entwickelte sich später zum Zentrum für die katholische Missionstätigkeit in Madagaskar, so wurde sie im Laufe der Zeit als die grosse katholische Hochburg im Süden des Landes bezeichnet, denn die Kirchendichte ist auf der ganzen Insel nirgends so hoch wie hier. Auf einer Stadtrundfahrt in die Oberstadt sieht man vom Weiten auf einem Felsbrocken die weisse, stattliche Marienstatue. Heute haben die katholischen Kirchen noch immer einen grossen Einfluss in Entwicklungsprojekten und Hilfeleistungen, im sozialen Bereich wie Schulen und Krankenhäusern. Schliesslich sind 60% der Bevölkerung in der Umgebung von Fianarantsoa katholisch.
Die Stadt Fianarantsoa ist – wie die Hauptstadt Antananarivo – auf drei Ebenen erbaut.
Die Oberstadt oder auch die Altstadt ist der höchste Punkt von Fianar und liegt 1’269m über dem Meeresspiegel. Von dort hat man einen spektakulären Panoramablick auf die ganze Stadt und die umliegende Berglandschaft. Die schönen Kolonialhäuser und die stilvollen Kathedralen links und rechts der alten Gassen stehen auf der Liste der schützenswerten und bedrohten Städte und wurden wegen der traditionellen Architektur glücklicherweise von “World Monument Watch“ unter Schutz gestellt und renoviert. Zeugen davon sind die gepflasterten Treppen, die geschnitzten Holzpforten, die traditionellen Häuser mit den verzierten bunten Balkonen.
Die mittlere Ebene oder die Neustadt war das Verwaltungszentrum während der Kolonialzeit. Hier befinden sich die administrativen Gebäude, die zahlreichen Büros und Bankinstitute, die Hotels von verschiedenen Kategorien.
Die quirlige Unterstadt liegt entlang der Nationalstrasse RN7 und ist die Verbindung zur Nationalstrasse zurück zum Hochland oder weiter Richtung Süden. Dort ist auch die Kernstadt mit den vielen Geschäften und Einkaufsmöglichkeiten, dem lebhaften Markt, dem alten Kolonialbahnhof, dem grossen Fussballstadium und der lärmenden Taxibrousse-Station. Hier spürt man förmlich das “pulsierende Herz“ der Stadt.
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Für leidenschaftliche Fotografen lohnt sich ein Besuch im Fotogeschäft von Pierrot Men. In seinem “Labo Men“ hat man einen Einblick in seine langjährige Arbeit: Bücher mit schwarz-weissen Landschaftsfotografien, Fotos über den Alltag auf dem Land, Portraits. Ganz am Anfang seiner Karriere war er als Maler tätig, bevor er zu fotografieren anfing. Seit fast 35 Jahren ist er der bekannteste Fotograf auf der ganzen Insel. Regelmässig nimmt er immer noch an internationalen Ausstellungen teil.
Fianarantsoa und Umgebung
Auf dem südlichen Hochplateau rund um diese zweitgrösste Stadt Madagaskars befindet sich das grösste Weinanbaugebiet des Landes. Hier haben die katholischen Missionare vor rund 150 Jahren das ideale, warme Klima und die entsprechende Bodenbeschaffenheit für die Kunst des Weinanbaus gefunden. Sie pflanzten die ersten Rebstöcke und daraus entstand ein Wein, der so erdig und ehrlich ist wie der Boden, auf dem die Trauben wachsen. Heute gibt es rund ein Dutzend Weinproduzenten, die sehr charakteristische Weine produzieren. Die Vielfalt der Sorten ist erstaunlich und zwar als Rot- und Weissweine, sowie der spezielle Gris und Rosé. Die bekanntesten Weingüter in Madagaskar sind “Lazan’ny Betsileo“, “Gris de Manamisoa“, “Soavita“. Für den Export genügen leider weder die produzierten Mengen noch die Qualität.
Ein Besuch der Teeplantage in der Nähe des Bahnhofs Sahambavy rund 23 km nordöstlich von Fianar ist ebenfalls eine besuchenswerte Attraktion in dieser Region. Die Frauen pflücken den ganzen Tag die frischen Blätter in dieser rund 320 ha grossen Plantage, daraus stammt die Bezeichnung des Ortes“ Sahambavy“, denn wörtlich bedeutet das “die Plantagen der Frauen“. Die Arbeit ist mühselig, denn nur die drei äussersten Blätter jedes Zweiges werden für die beste Qualität verwendet und dürfen gepflückt werden. Auf ganz Madagaskar wird nur in dieser Kleinregion der qualitativ hervorragende Tee angebaut. Die gepflückten Blätter werden gleich in der naheliegenden Teefabrik verarbeitet. Der sehr bekannte “Tee Sahambavy“ wird zum Frühstück sehr gern getrunken. Er hat einen angenehmen Geschmack und wird von den Einheimischen als wirksames Heilmittel betrachtet.
Der Markt in Andoanasany gleich am Rand der Nationalstrasse RN7 ist auch einen Besuch wert. Der Montagsmarkt ist eine absolute Attraktion für die Augen, schon von Weitem leuchten die Kleider und die Kopftücher der Marktfrauen in allen Farben: ein buntes, lautes und farbenprächtiges Spektakel. Sie balancieren auf ihren Köpfen die schweren Körbe mit den Produkten zum Verkauf, gleichzeitig tragen die Mütter ihre Babys in ein Tuch gehüllt auf dem Rücken. Für diesen Markttag ziehen sie ihre Lieblingsröcke mit Leuchtfarben (rosa oder hellgrün) an. Die korbbepackten Bauern tragen auch das traditionell bunte und karierte Lamba aus Baumwolle über der Schulter. Auf dem Kopf tragen sie geflochtene Hüte aus Stroh oder aus Raphia: typisch für die Betsileo. Alle tragen ihre besten und schönsten Kleider, denn wer weiss, welcher Schönheit man zufällig auf diesem grossen Markt begegnet, denn hier muss man sehen und gesehen werden!
Fianarantsoa und Umgebung
Für die Reisenden, die sich für Religion oder Kultur interessieren, ist auch der Besuch des Dorfs Soatanana mit seinen “Weissen Hirten“ ein wahres und einmaliges Erlebnis! Der Name Soatanana bedeutet wörtlich “das schöne Dorf“ und liegt etwa 40 km nordwestlich von Fianarantsoa. Am lohnendsten ist der Kirchenbesuch am Sonntagvormittag, wenn die sogenannten “Weissen Hirten“ oder “Schäfer“ in einer langen Prozession von ihren Häusern bis zur Kirche ziehen. Auffallend schön sind die Männer und Frauen dieser Glaubensgemeinschaft, die alle mit schneeweissen Kleidern und grossen Strohhüten auf dem Kopf bekleidet sind (so wie bei den Hirten). Sie gehören zur urchristlichen Form der lutherischen Kirche, sodass alle fremden Gäste ohne Ausnahme jederzeit in diesem Dorf mit friedvoller und freundlicher Stimmung willkommen sind. Die Besucher können natürlich am Alltagsleben in den Schulen oder der Krankenstation teilnehmen. Bei den üblichen Riten werden zuerst die Füsse der Gäste gewaschen und später werden sie als Teil der Gemeinschaft an den Tisch gebeten. Die Frömmigkeit, die Ordnung und die Sauberkeit prägen das Bild dieser religiösen Gemeinschaft im Dorf Soatanana.
Bei einem Aufenthalt in Fianarantsoa tauchen die Reisenden in das alltägliche Leben der gastfreundlichen Betsileo-Leute ein und lernen viel über die Natur, die Kultur und vor allem über die Sitten und Bräuche dieser arbeitssamen Ethnie.
Geschrieben von Bodo, PRIORI Antananarivo
Redigiert von Peter Elliker www.madagaskarhaus.ch