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von Rainer Schopf
Vor 4 Jahren hat Zeit-Fragen über die Arbeit des Norwegers Fredrik Heffermehl berichtet. Heffermehl hat ein Buch geschrieben («The Nobel Peace Price. What Nobel really wanted»), in dem er die Geschichte der Nobelpreisvergabe aufgearbeitet und die Vergabepraxis der vergangenen Jahre kritisch beleuchtet hat. Nun hat der österreichische Journalist Emil Bobi in einem neuen Buch «Der Friedensnobelpreis. Ein Abriss» (2015, ISBN 978-3-7110-0081-1) die Kritik Heffermehls aufgegriffen und neue Fakten hinzugefügt, vor allem über die Verschwendung der Stiftungsgelder. Aber es gibt auch Silberstreifen am Horizont, die zeigen, dass die Kritik Wirkung zeigt. So die diesjährige Preisvergabe.
Emil Bobi zitiert ausführlich die Entstehungsgeschichte des Testaments von Alfred Nobel und zeigt auf, wie der Friedensnobelpreis in den letzten siebzig Jahren vom Nobelpreiskomitee verfälscht wurde. Daneben finden sich bibliographische Anmerkungen zu Alfred Nobel, seiner Freundschaft zu Bertha von Suttner, seinem Ringen für einen weltweiten Frieden.
Die Nobelpreise sollen an diejenigen Personen verteilt werden, «die im abgelaufenen Jahr den grössten Nutzen für die Menschheit erbracht haben» (S. 22). Die Nobelpreise (für Medizin, Literatur, Physik und Chemie) werden von der Schwedischen Akademie der Wissenschaften und dem Karolinska Institut in Stockholm vergeben und vom schwedischen König überreicht. Sie sind bis auf ganz wenige Ausnahmen unumstritten und haben weltweit ein hohes Prestige und Renommee.
Der Friedensnobelpreis stellt eine Besonderheit dar. Alfred Nobel hat in seinem dritten und letzten Testament am 27.11.1895, inspiriert von Bertha von Suttner, einen Preis für den Meister des Friedens in drei Teilbereichen ersonnen:
1. Verbrüderung von Nationen, Etablierung einer Politik des Vertrauens,
2. Reduzierung oder Abschaffung stehender Armeen infolge des Vertrauens und
3. Weiterentwicklung und Diskussion seiner Gedanken in Friedenskongressen.
Er wird von einem Komitee von fünf Personen vergeben, «die vom norwegischen Storting (Parlament) gewählt werden sollen» (S. 22). Der Friedensnobelpreis wird vom norwegischen König in Oslo überreicht. Für Emil Bobi ist der Friedenspreis «genau betrachtet kein Preis für den Frieden, sondern einer für die Abschaffung von Kriegen» (S. 23). Für Fredrik Heffermehl war Alfred Nobel damit seiner Zeit weit voraus. Das Konzept einer gemeinsamen Sicherheit und einer generellen und kompletten Abrüstung war für Fredrik Heffermehl noch vor drei, vier Jahrzehnten ein bedeutender Aspekt des diplomatischen Diskurses, zu finden bei Olof Palme und der Charta der Vereinten Nationen. 1905 wurde der Preis Bertha von Suttner zuerkannt. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist seine Vergabe zunehmend umstritten, wie zum Beispiel an die EU, Arafat, Rabin, Peres oder Obama, der in seiner Preisrede 2009 immerhin durchklingen liess, eigentlich nicht der Richtige zu sein. «Der vielleicht stärkste Einwand Nobels um meinen Erhalt dieses Preises ist die Tatsache, dass ich der Oberbefehlshaber der Armee eines Landes bin, das sich inmitten zweier Kriege befindet» (S. 59). Und damit disqualifiziert Obama sich selbst für den Friedensnobelpreis. Wie konnte es zu derartigen Missgriffen kommen?
Ein Blick zurück in die Geschichte. Norwegen war historisch betrachtet nie eine Grossmacht. Im Kieler Frieden von 1814 musste Dänemark seine Provinz Norwegen als Kriegsentschädigung an Schweden abtreten, weil sie an der Seite Napoleons verloren hatten. Nun wurde Norwegen eine Kolonie Schwedens und blieb es bis 1904. Norwegen war zu Lebzeiten von Alfred Nobel bekannt für seine Kompetenz in Sachen Frieden, gewaltfreier Konfliktlösung und finanzieller Unterstützung der suttnernahen Friedensbewegung. Deshalb hat er dem norwegischen Parlament die Vergabe des Friedensnobelpreises anvertraut. 1948 beschloss dieses Parlament fatalerweise, die Entscheidungsgewalt über die Entsendung der Mitglieder des Nobelkomitees an die Parteien zu delegieren. Seither sitzen dort keine Sachverständigen mehr, sondern die Parteien sind nach Proporz vertreten. Nach den leidvollen Erfahrungen mit Nazi-Deutschland kippte die friedliebende Stimmung in Norwegen. Fredrik Heffermehl: «Aus Friedensfreunden wurden Verteidigungsfreunde» (S. 175). Nur starke Verbündete, wie die USA oder Grossbritannien, sollten Norwegen nun Sicherheit geben. Das neutrale Norwegen wurde zum Gründungsmitglied der Nato. Es war selbst etwas geworden, was Alfred Nobel abschaffen wollte: «eine hochgerüstete, stehende Armee in einem Pakt mit weiteren hochgerüsteten, stehenden Armeen» (S. 176). Die Komitee-Mitglieder sind nach Fredrik Heffermehl «nicht nur weit weniger qualifiziert, sondern auch nicht willens, Nobels Intentionen umzusetzen» (S. 176). Die Preisverleiher «sollten das Vergabekomitee für den Friedensnobelpreis verlassen, weil sie die Falschen sind» (S. 186), fordert Emil Bobi.
Nur einige Zahlen zur Verschwendung der Stiftungsgelder: Vor der Vergabe beraten die 60 besten Küchenchefs Schwedens mit den dortigen Kulinarik-Professoren das Menü, geplant während sechs Monaten, zubereitet an fünf Tagen und serviert von 260 ausgesuchten Kellnern. Die Administration und Partymacher verschlingen zwei Drittel der Stiftungsgelder. Und das geplante Nobel-Center in Stockholm steht mit 130 Millionen Euro bis 2019 in den Büchern, Tendenz steigend. Dazu Emil Bobi: «Knapp unter der Oberfläche der Nobelstiftung siedet ein Skandal […]. Die Politik zieht bereits ihre Finger weg, in der Exekutive sind die Vorwürfe längst bekannt – doch noch schaut man fast geschlossen weg.» (S. 35) Oslo ist längst angreifbar geworden. Der innerste Kern des Unternehmens Nobelpreis gerät in Gefahr: sein weltweites Renommee.
Aber die Kritik wirkt und hat meines Erachtens Spuren hinterlassen. Das Osloer Komitee ist bei der Vergabe des diesjährigen Friedensnobelpreises vorsichtiger geworden. Ausgezeichnet wurde kein weiteres Nato-Mitglied, sondern tunesische Demokraten. Ein Quartett aus Gewerkschaftsverband, Menschenrechtsliga, Anwaltskammer und Arbeitgeberverband wurde für seinen Aufbau einer pluralistischen Demokratie geehrt. Zu einer Zeit, als Tunesien am Rand eines Bürgerkriegs stand, sei aus einer Krise ein friedlicher politischer Prozess erwachsen, heisst es in der Begründung der Preisvergabe. Die Verhandlungen unter der Führung des Quartetts seit dem Sommer 2013 hätten gezeigt, dass der Dialog der einzige Weg zum Frieden ist. Das könnte ein Modell für die (Bürger-)Kriege in Syrien, Libyen, Irak, Afghanistan, Ägypten, Israel und weltweit sein. Fredrik Heffermehl wird jetzt im Rahmen der Nobel Peace Prize Watch weiter für die Intentionen Nobels bei der Vergabe des Friedensnobelpreises streiten. Und alle Menschen sind aufgerufen, die Konfliktparteien in aller Welt bei ihrem friedlichen Dialog aktiv zu unterstützen und Nobels Ideen auf Friedenskongressen zu fördern. •
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