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«Ich dachte zunächst, der Krieg in der Ukraine dauert nur ein paar Tage. Meine ganze Familie, abgesehen von meiner Schwester, ist gehörlos. Sie informierte uns, wenn die Sirenen angingen: das Zeichen, dass wir uns im Luftschutzkeller verstecken müssen. Als sich die Lage nicht besserte, mussten wir eine andere Lösung finden.
«Ich hatte fast keine Zeit mehr zu packen, geschweige denn klare Gedanken zu fassen»
Mein Mann und ich fassten den Entschluss, mit unseren zwei Töchtern, meinen Eltern und meiner Schwester nach Europa zu flüchten – in ein sicheres Land. Ich hatte fast keine Zeit mehr zu packen, geschweige denn klare Gedanken zu fassen: Mit ein paar Taschen machten wir uns auf Richtung Schweiz. Von Kiew flüchteten wir nach Lwiw. Hier brachte uns jemand mit dem Auto an die polnische Grenze.
In Polen war die Hölle los. Die unruhige Stimmung unter den Flüchtenden machte mir Angst, aber ich versuchte, meinen Kindern zuliebe ruhig zu bleiben. Ich hatte immer mein Telefon mit Übersetzungs-App bei mir: So konnte ich mit hörenden Personen kommunizieren. Wir trafen auf weitere gehörlose Flüchtende, mit denen wir uns austauschten und uns gegenseitig bei der Orientierung halfen.
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Die Ankunft in der Schweiz
Über die Slowakei und Österreich kamen wir im März mit dem Zug in der Schweiz an. Hier wurden wir herzlich von einer Kontaktperson von Dima, einer Schule für gehörlose Erwachsene, empfangen. Dima setzt sich für die Integration von gehörlosen und schwerhörigen Menschen ein und hatte kurz nach Ausbruch des Krieges eine Hotline in Gebärdensprache für betroffene Ukrainer:innen eingerichtet.
Über diese Hotline haben wir während der Flucht mit Gehörlosen in der Schweiz Kontakt aufgenommen, was sehr hilfreich war. Nach der Ankunft merkte ich, wie ich mich zum ersten Mal seit Tagen ein wenig entspannen konnte. Die erste Zeit verbrachten wir in einem Hotel, mittlerweile haben wir ein neues Zuhause ganz für uns.
Kämpfen um Gleichstellung
In der Ukraine habe ich nach meinem Universitätsabschluss im sozialen Bereich gearbeitet. Das ist in unserem Land nicht selbstverständlich. Gehörlose müssen dafür kämpfen, dass sie nach der öffentlichen Schule Zugang zu weiterer Bildung erhalten. Falls sie eine Anstellung finden, bekommen sie weniger Lohn als hörende Menschen. Auch sind an gewissen Orten wie am Bahnhof die Wege nicht beschriftet. Das erschwert die Orientierung, und wir können ja nicht so einfach jemanden danach fragen. Da ist die Schweiz barrierefreier.
In einem Deutsch- und Orientierungskurs lerne ich die Deutschschweizer Gebärdensprache und Deutsch. Von der ukrainischen Gebärdensprache bin ich mir andere Gebärden, Handformen und ein anderes Fingeralphabet gewohnt. In der Deutschschweizer Gebärdensprache kann ich mich aber schon recht gut ausdrücken und habe erste Wörter gelernt. Weil ich für eine Arbeitsstelle zuerst besser Deutsch lernen muss, hagelt es zurzeit nur Job-Absagen, aber ich gebe nicht auf.
Durch Dima lernte ich weitere gehörlose Menschen kennen. Wir haben uns schon zum Kaffee oder zum Essen verabredet. Ich schätze in der Schweiz den direkten, warmen Austausch in der Gehörlosen-Community. Auch meine Kinder fühlen sich wohl: Sie sind zurzeit in einer Gehörlosenschule in Zürich. Jetzt wünschen wir uns, dass wir in der Schweiz bleiben und uns hier ein Leben aufbauen dürfen.» – Yuliia (28), Zürich