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Publikationen
Hans Himmelheber schrieb gern und viel. Davon zeugen unzählige Briefe und Feldnotizen, aber vor allem seine mehr als hundert Publikationen hauptsächlich zu den Künsten und Kulturen Afrikas. Neben seinen zwölf Büchern sind die rund fünfzig wissenschaftlichen Artikel in deutschsprachigen Fachzeitschriften hervorzuheben. Sie sind heute zum Archiv einer zu ihrer Zeit progressiven visuellen Anthropologie geworden. Anschaulich beschrieb er darin seine kunstethnologischen Forschungen zu ästhetischen Prinzipien, Künstlern, Werkprozessen und zum Kulturwandel.
Michaela Oberhofer
17.03.2023
«Komma»
Hans Himmelheber verbrachte bis ins hohe Alter viel Zeit mit Schreiben. Während seiner Feldforschungen machte er sich bis spät nachts Notizen und beantwortete selbst aus dem entferntesten Dorf noch Briefe aus aller Welt. Hinzu kommen seine mehr als hundert wissenschaftlichen Bücher und Fachartikel, die er zwischen 1934 und 1993 hauptsächlich im deutschsprachigen Raum, aber auch international veröffentlichte.1 Die Reinschrift der Manuskripte erledigte er häufig gemeinsam mit seiner Ehefrau Ulrike Himmelheber: Er diktierte, sie tippte die Texte in die Schreibmaschine. Als seine jüngste Tochter das Sprechen lernte, so eine Anekdote der Familie, war deshalb eines ihrer ersten Worte «Komma». Als seine Koautorin veröffentlichte Ulrike Himmelheber zahlreiche Texte über ihre gemeinsamen Forschungen in der Dan-Region (1958, 1970, 1972, 1974, 1975, 1977, 1978) und schrieb basierend auf den von ihr erforschten Lebensgeschichten von Dan-Frauen ihr Buch Schwarze Schwester - Von Mensch zu Mensch in Afrika (1957).
1930er Jahre: Ein neuer Künstleransatz
In den 1930er Jahren war Hans Himmelheber einer der ersten Kunstethnologen, der sich für die Schöpfer der Kunstwerke aus Afrika und Alaska interessierte. Im Jahre 1935 veröffentlichte er seine Dissertation N-Künstler, mit der er bei Augustin Krämer an der Universität Tübingen promovierte. Darin kritisierte Himmelheber, dass bisherige Studien von Carl Einstein oder Eckart von Sydow zur Kunst Afrikas nur auf der Analyse von Objekten in europäischen oder amerikanischen Museen und Privatsammlungen beruhten. Im Gegensatz dazu basierte sein Buch auf einer empirischen Studie vor Ort: Im Jahre 1933 führte er seine erste Feldforschung in der Côte d’Ivoire durch, bei der er rund zwanzig Bildhauer der Guro- und Baule-Region befragte. Die Ergebnisse der Gespräche fasste er in Kapiteln über «Der Künstler», «Das Werk» und «Bindung und Freiheit» zusammen.
Als Vergleich zu seiner ersten Künstlerstudie in Afrika unternahm Himmelheber 1936/37 eine Feldforschung in Alaska, aus der das 1938 erschienene Buch E-Künstler resultierte. Am Fluss Kuskokwim und auf der Insel Nunivak porträtierte er Künstler und einige Künstlerinnen und dokumentierte das Werkverfahren der Malerei sowie der Zeichen- und Schnitzkunst.
Noch während seiner dritten Forschungs- und Sammelreise 1938/39 in der belgischen Kolonie Kongo veröffentlichte Hans Himmelheber drei Beiträge in der neu in Kinshasa gegründeten Zeitschrift Brousse. Die 1939 und 1940 erschienenen Artikel sind der Kunst und den Künstlern der Bakuba-, Yaka- und Chokwe-Region gewidmet. Bemerkenswert ist, dass sich Himmelheber an ein jeweils anderes Zielpublikum wandte: von den Ethnografen und den Kunsthistorikern beziehungsweise Künstlern in den ersten beiden Artikel zu den Sammlern der Kunst Afrikas – damit meinte er Händler, Privatsammler und Museen – im letzten Artikel der Reihe.2
1950er Jahre: Ethnografische Studien und Religion
Nach einer kriegsbedingten Pause3 begann in den 1950er bis in die 1970er Jahre die produktivste Phase der Publikationstätigkeit von Hans Himmelheber. In den letzten Jahren der Kolonialzeit bis 1960 standen in seinen Texten vor allem ethnografische Themen im Vordergrund. Mit den beiden Büchern Der gefrorene Pfad (1951) sowie Aura Poku (1951) publizierte Himmelheber Märchen und Mythen aus Alaska und der Côte d’Ivoire und arbeitete zu Fragen der Religion. Zusammen mit Ulrike Himmelheber veröffentlichte er 1958 die Monografie Die Dan. Ein Bauernvolk im Westafrikanischen Urwald. Das mit selbst aufgenommenen Fotos bebilderte Buch basierte auf ihren zwei gemeinsamen Feldforschungen in den Nachkriegsjahren und beschrieb das Kunstschaffen sowie das kulturelle und soziale Leben der Dan-Gesellschaft in Liberia. Als Besonderheit war dem Buch eine Grammophonplatte mit Musikaufnahmen beigelegt.
In einigen Artikeln der 1950er Jahre beschäftige sich Hans Himmelheber mit dem Verhältnis von Einzelschicksal und gesellschaftlicher Norm. Auch wenn er versuchte, Verhaltensweisen und Lebenseinstellungen – zum Beispiel in Der gute Ton (1957) oder in Der weite Weg der Afrikaner (1959) – kulturell einzuordnen, sind seine frühen Schriften von einer paternalistisch-kolonialistischen Sprache und vom evolutionistischen Denken der damaligen Zeit geprägt. Noch bis in die 1970er Jahre benutzte er das N-Wort. Aber auch Begriffe wie «Fetisch», «Zauber», «Naturvölker» oder «Stämme» sind aus heutiger Perspektive problematisch, weil sie von falschen Voraussetzungen ausgehen und insofern eurozentrische Vorstellungen und Stereotype über Afrika widerspiegeln.
Besonders aufschlussreich ist Himmelhebers 1956 erschienener Artikel über die Massa-Bewegung in der nördlichen Côte d’Ivoire beziehungsweise im südlichen Mali. Massa war eine neue Religion mit ikonoklastischen Tendenzen, die sich Anfang der 1950er Jahre in der Sudanzone verbreitete und mit der Zerstörung alter Ritualobjekte einherging. Als einer der ersten beschrieb und fotografierte Himmelheber die rituellen Praktiken und Tempel dieses neu entstandenen Kultes. Er dokumentierte, wie der Schrein von Ort zu Ort weiterverkauft wurde, und diskutierte das Verhältnis von Massa zur christlichen und islamischen Religion.
1960/70er Jahre: Kunst, Künstler und Kulturwandel
Im Jahr 1960 erschienen gleich zwei Bücher von Hans Himmelheber: Afrikanische Masken und N-Kunst und N-Künstler. Letzteres wurde zu einem Standardwerk zur Kunst Afrikas, ausgestattet mit 370 teils farbigen Abbildungen, darunter über die Hälfte von Werken aus seiner Privatsammlung. Das Buch ist nach Kunstregionen geordnet und zeigt das künstlerische Schaffen von West-, Zentral- und Ost-Afrika. Mit der detaillierten Literaturliste und dem Glossar gibt das Werk einen Gesamtüberblick über künstlerische Produktionen bis 1960. Noch heute lesenswert ist die kulturvergleichende Abhandlung zu Künstlern und künstlerischen Prinzipien in den einleitenden Kapiteln des Buches.
In den 1960er und 1970er Jahren veröffentlichte Hans Himmelheber zahlreiche Artikel in ethnologischen Fachzeitschriften wie Anthropos, Paideuma, Tribus, Zeitschrift für Ethnologie sowie in Publikationsreihen von ethnologischen Museen und Universitäten in der BRD (Berlin, Frankfurt, Heidelberg, Köln, Stuttgart) und in der DDR (Dresden, Leipzig) sowie in der Schweiz (Basel, Genf, Zürich).4 Darin führte Himmelheber seine teils kulturvergleichenden, teils regionalen Studien zu kunstethnologischen Themen fort. Während ein Schwerpunkt die Dan-Region blieb, gab es auch Artikel zu anderen Kunstregionen der Côte d’Ivoire und Liberias (z.B. Baule 1968; Guere 1963, 1966; Guro; Lobi 1966; Senufo 1967). In einigen Fällen schrieb Himmelheber Texte gemeinsam mit seiner Ehefrau Ulrike Himmelheber (1972, 1974, 1975, 1977, 1978) bzw. mit seinem Sohn Eberhard Fischer (1967). In einem kurzen, aber anregenden Artikel in African Arts (1971) setzte sich Himmelheber mit den konkaven Gestaltungstendenzen in der Kunst Afrikas auseinander.
In den 1960er Jahren nahm Hans Himmelheber an einigen internationalen Konferenzen teil, die erstmals in Afrika stattfanden, darunter zum Beispiel 1962 The First International Congress of Africanists in Legon (Ghana) oder 1966 das Premier Festival mondial des Arts Nègres in Dakar (Senegal). Dabei ging Himmelheber auch auf neue Tendenzen in der Kunst Afrikas ein. So thematisierte er in Dakar die Bedeutung von Guere-Masken für die moderne Politik (1966). Insbesondere das Premier Festival mondial trug dazu bei, dass sich ein panafrikanisches Bewusstsein über die Bedeutung des eigenen kulturellen Erbes herausbildete, das sich auch in Himmelhebers Auffassung der Kunst Afrikas niederschlug. In dieser Zeit veröffentlichte er auch erstmals zwei Artikel gemeinsam mit George Tahmen, seinem langjährigen Mitarbeiter, Übersetzer und Mitforschenden, über ihre Forschung in der Dan-Region (1964 und 1965).
In den 1970er Jahren wandte sich Hans Himmelheber neuen Themen zu und fragte nach den Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels, den er seit der Unabhängigkeit vermehrt beobachtete, auf die alte und moderne Kunst. So entstanden Studien über neue Gestaltungstendenzen wie die Barockisierung (1965) oder den Insektenstil (1974), über moderne Textilkunst (1974), über die Frage von Fälschungen (1967, 1972, 1974) und Nachahmungen (1975) sowie über den ivorischen Kunsthandel (1975).
Eberhard Fischer,
Hans Himmelheber mit seinen Porträtmasken
Heidelberg, 1971 Farbfotografie; Fotoarchiv Museum Rietberg
1971 führte Himmelheber ein innovatives Experiment in der Côte d’Ivoire zur Frage des Porträts durch. Er bat vier Bildhauer, eine Porträtmaske von ihm zu schnitzen. In dem daraus resultierenden Artikel (1972) dokumentierte Himmelheber die einzelnen Arbeitsschritte bis ins Detail und verglich die vier Porträts ikonografisch mit anderen Masken im Baule-, Dan- und Senufo-Stil. Mit seiner Versuchsreihe zeigte Himmelheber, in welcher Weise die Wahrnehmung und Darstellung des Menschen kulturell und historisch geprägt sind.
Spätwerk: die enge Bindung zum Museum Rietberg Zürich
Zwischen 1975 und 1996 entstanden am Museum Rietberg, dessen damaliger Direktor sein Sohn Eberhard Fischer war, einige Ausstellungen mit Katalogen von und über Hans Himmelheber. Im Jahr 1975 und 1976 verwirklichten Hans Himmelheber und Eberhard Fischer gemeinsam die Ausstellungen Das Gold in der Kunst Westafrikas sowie Die Kunst der Dan, die von umfangreichen Katalogen begleitet wurden. Auf Basis der Forschungen von Himmelheber, seiner Fotografien und Objekten entstanden zwei weitere Ausstellungen im Museum Rietberg: Zaire 1938/39: Hans Himmelheber. Fotodokumente zur Kunst bei den Yaka, Pende, Tshokwe und Kuba (1993) sowie Kultur der Baule (1996), kuratiert von Eberhard Fischer und Hans Himmelhebers Enkelin Clara Himmelheber, die seit 2011 Afrika-Kuratorin am Rautenstrauch-Joest-Museum ist. Darüber hinaus waren in den beiden, vom damaligen Afrika-Kurator Lorenz Homberger herausgegebenen Ausstellungskatalogen Löffel in der Kunst Afrikas (1990) und Masken der Wè und Dan (1997) auch Texte von Hans Himmelheber enthalten.
Eine wichtige Publikation, die im Rahmen der Zusammenarbeit mit dem
Museum Rietberg entstand, war das Buch Boti. Ein Maskenschnitzer der
Guro, Elfenbeinküste (1993). In den 1970er Jahren besuchten Hans und Ulrike Himmelheber gemeinsam mit Eberhard und Barbara Fischer
mehrere Male Sabou bi Boti, ein über sein Heimatdorf Tibeita hinaus
bekannter Bildhauer der Guro-Region in der Côte d’Ivoire. Das
Forscherteam dokumentierte seine Arbeit und führte ausführliche
Gespräche mit ihm über sein Leben und Werk. Mit Boti entstand die erste
Monographie über einen Bildhauer aus Westafrika. In Zusammenarbeit mit
der Fondation Koblé des Mande Sud in Man förderte die Familie in den
letzten Jahren die Übersetzung von ausgewählten Publikationen von
Himmelheber. Nach der Übersetzung ins Französische wurden die Bücher Les Dan (2018), Boti (2018) und Les esprit de la religion des Dan (2022) in der Côte d'Ivoire verbreitet.
Bibliografie und ausgewählte Publikationen zum Download
Hinweis zum Umgang mit sensiblen Inhalten im Archiv Himmelheber
Das aus Objekten, Bildern und Texten bestehende Archiv von Hans Himmelheber entstand in der Kolonialzeit und reicht weit in die nachkoloniale Phase. In seinem Archiv sind wir in unterschiedlicher Weise mit dem N-Wort konfrontiert. Es findet sich bis in die 1970er Jahre und darüber hinaus in Himmelhebers Briefen, Manuskripten und Veröffentlichungen. Heute verbietet sich der Gebrauch des N-Wortes in jedem Fall. Wir möchten niemanden diesem Wort aussetzen und zitieren es daher in unseren Texten nicht. Lässt es sich wie bei Buchtiteln nicht umgehen, ersetzen wir es durch N-.
1
Für eine Liste seiner Publikationen, darunter auch einige populärwissenschaftliche Beiträge siehe Literaturliste zu Himmelhebers Publikationen. In diesem Überblick sind die rund fünfzig Begleittexte zu den Filmen des I.W.F. ebenfalls berücksichtigt, siehe hierzu auch Roulet.
2
Der geplante vierte Artikel zu L’art des Bena Lulua, Babindji, Basonge, Bekalebue, Bena Biombo et Bapende ist nur als unfertiges Manuskript erhalten (Schriftenarchiv Museum Rietberg).
3
Während des Zweiten Weltkrieges, als Himmelheber Soldat war, erschienen keine Publikationen von ihm. Sein medizinisches Studium, das er noch während des Krieges in Heidelberg begann, schloss er 1949 mit seinem zweiten Doktortitel ab. Seine Dissertation in Dermatologie über Tätowierung bei den E- wurde jedoch nie publiziert.
4
Siehe die Literaturliste zu Himmelhebers Publikationen.