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Dank einer Attacke im richtigen Moment gewinnt Alaphilippe an den Strassen-Rad-WM in Imola. Marc Hirschi sprintet taktisch clever zu Bronze. Wie bereits an der Tour de France beweist der 22-jährige Berner, dass er bereits zur Weltelite gehört.
Perfekte Koordination, unbändige Energie, viel Charisma: Der Franzose Julian Alaphilippe ist der neue Strassen-Radweltmeister.
Der neue Strassenweltmeister Julian Alaphilippe ist eine Ausnahmeerscheinung, weit über den Radsport hinaus, denn selten verfügt ein Athlet im Wettkampf und ausserhalb gleichermassen über so viel Charisma wie der Franzose.
Wer Alaphilippe nicht kennt, der sollte an einen Schlagzeuger denken, einen Mann mit perfekter Koordination, unbändiger Energie und der exzentrischen Ausstrahlung eines Rockstars. Und sich dann vorstellen, dieser Mann fahre Velo, als halte er immer noch seine Drumsticks in der Hand. Der 28-jährige Franzose wuchs in einem Umfeld von Künstlern auf; sein Vater war ein Bandleader. Der kleine Julian klopfte nicht einfach ein wenig auf dem Schlagzeug herum, weil es zu Hause eben herumstand. Er musste sich intensiv mit Musiktheorie befassen, bevor er seine Kreativität ausleben durfte.
Die Erkenntnis, dass sich der Erfolg einstellt, wenn dem Spass harte Arbeit vorausgeht, übertrug er später aufs Radtraining. «Wenn ich wollte, dass er 100 Kilometer fährt, sagte ich ihm, er solle 80 fahren», sagte sein Cousin und Trainer Franck Alaphilippe der Zeitung «L'Equipe». «Hätte ich 100 vorgegeben, wäre er 120 gefahren.» Dass er Schmerzen so gut ertragen könne, hebe ihn von Fahrern ab, die ähnliches Talent besässen.
An der Tour de France 2019 trug Alaphilippe 14 Tage lang das gelbe Trikot und weigerte sich standhaft, der Situation mit jenem gravitätischen Ernst zu begegnen, den andere Gesamtführende ausstrahlen. Als nach einer Alpenetappe im Zielbereich ein kleiner Junge fror, zog Alaphilippe sein gelbes Trikot aus und legte es ihm um die Schultern, und als Frankreichs Präsident Emmanuel Macron aufkreuzte, schnitt er hinter dessen Rücken Grimassen.
Weitreichende Loyalitäten
Mit seiner Passion nimmt Alaphilippe seine Mitstreiter für sich ein. Dadurch entstehen Loyalitäten, die sehr weit reichen können. Dries Devenyns, ein Teamkollege aus seiner Mannschaft Quick-Step, sollte in Imola im belgischen Nationaldress Wout Van Aert unterstützen. Damit wäre er ausnahmsweise ein Gegner Alaphilippes gewesen. Laut seinem Teamchef Patrick Lefevere sagte Devenyns: «364 Tage lang fahre ich für Julian, und jetzt soll ich Lücken für Van Aert schliessen?» Und so lehnte er seine Nominierung ab.
Van Aert, einer der Überflieger der Saison, hätte Devenyns gut gebrauchen können. Als der Tour-de-France-Sieger Tadej Pogacar das Rennen mit einer frühen Attacke animierte, musste das belgische Team in der Aufholjagd Schwerstarbeit leisten. Nachdem Pogacar gestellt war, kam es zu einer unruhigen Rennsituation. Weil sich seine Landsleute bereits verausgabt hatten, musste Van Aert enteilenden Fahrern mehrfach selber hinterherfahren. Das kostete viel Kraft.
Als die Profis den bis zu 14 Prozent steilen Cima Gallisterna zum letzten Mal passierten, attackierte Alaphilippe – und niemand konnte ihm folgen. Er hatte auf den richtigen Moment gewartet, und dann, als es zählte, gab er wieder einmal alles, so dass er 24 Sekunden vor seinen stärksten Verfolgern gewann. «Das war ein grosses Karriereziel», sagt Alaphilippe wenige Minuten später, mit den Tränen kämpfend. Er ist der erste französische Strassen-Radweltmeister seit Laurent Brochard 1997.
Bereits nach seinem Etappensieg an der diesjährigen Tour de France hatte Alaphilippe geweint. Im Moment des Triumphs überkam ihn die Trauer: Sein Vater, der ihn nicht nur als Musiker inspirierte, war im Juni nach langer Krankheit gestorben. Als der Sohn im Vorjahr das französische Volk im gelben Trikot begeisterte, konnte der Vater Jo Alaphilippe das Rennen noch besuchen.
Hirschi gehört die Zukunft
Im Schatten des Franzosen freute sich der Schweizer Jungstar Marc Hirschi über die Bronzemedaille, die im Vorjahr sein Landsmann Stefan Küng gewonnen hatte. «Es ist wunderschön, mit dem dritten Platz belohnt zu werden», sagte Hirschi im Ziel.
Bereits früh war der Berner, der bei seinem Tour-de-France-Debüt mit langen Attacken und einem Etappensieg begeistert hatte, auf sich alleine gestellt. In der ersten Rennhälfte spannte sich die Schweizer Mannschaft kollektiv vors Feld, um eine Fluchtgruppe in aussichtsloser Position einzuholen. Das wirkte ambitioniert, war aber irrational. Bereits 80 Kilometer vor dem Ziel liess sich Michael Schär zurückfallen, wenig später verlor auch Michael Albasini den Anschluss. In der vorletzten Runde wurde Enrico Gasparotto von einem Defekt gestoppt.
Doch Hirschi gelang es auch ohne Helfer, souverän den Anschluss an die Besten zu halten. Kurz vor Alaphilippes Antritt forcierte er das Tempo sogar noch so deutlich, dass sich die Spitzengruppe auf sechs Fahrer reduzierte. Der 22-Jährige bewies erneut, dass er bereits zur Weltelite zählt. Alaphilippe zu folgen, versuchte er gar nicht erst. «Er war einfach stärker», gab Hirschi unumwunden zu.
In der Fünfergruppe, die dem Franzosen bis zum Ziel vergeblich hinterherjagte, verhielt sich der Schweizer sehr passiv. Bei den anderen Fahrern, die ihn immer wieder konsterniert anschauten, machte er sich damit unbeliebt. Doch taktisch war dies clever. Im Endspurt schaffte es Hirschi, das Hinterrad des Belgiers Van Aert zu erwischen und drei routinierten Stars die Medaille wegzuschnappen. Der frühere Weltmeister Michael Kwiatkowski, der «Lüttich–Bastogne–Lüttich»-Sieger Jakob Fuglsang sowie der Tour-Zweite Primoz Roglic hatten allesamt das Nachsehen. Gewohnt nüchtern sagte Hirschi, der Auftritt gebe ihm Selbstvertrauen. Dem Berner gehört die Zukunft.