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Kirche
|Radio DRS 1 - aus der Sendung Zwischenhalt vom 4. April 2009:

Beschreibung von Gerzensee und der Lage der Kirche
Die Lage der Kirche - Quellgöttin und Rutengänger
Viele Kirchen im Bernerland stehen auf aussichtsreichen Höhen, und ihre Türme weisen wie mit dem Zeigefinger unübersehbar auf das Gotteshaus. Ganz anders Gerzensee. Das Gebäude drückt sich in eine Nische am Südhang des Belpberges. Diese aussergewöhnliche Lage gab immer Grund zu Spekulationen. Einleuchtend scheint mir die Ansicht von Lehrer Mischler zu sein. Er vermutet, dass hier ein keltisches Heiligtum stand, gewidmet einer Quellgöttin. Bei der Christianisierung ersetzte man die Göttin durch die heilige Katharina. Alte Heiden und neue Christen kamen am selben Ort zur Anbetung zusammen. Die Heiden starben langsam aus, und es blieb die Katharinenkirche.
Erhärtet wurde Mischlers Theorie durch einen Rutengänger. Er stellte fest, dass im Gebiet, wo früher der Altar stand, die Rute aussergewöhnlich stark ausschlug. Übrigens sind auf gleicher Höhe verschiedene gefasste Quellen und unterirdische Wasserläufe zu finden. Der Pfarrhausbrunnen entspringt einige Meter östlich der Kirche, westlich der Kirche ist ein grosser Freudheimbrunnen in einer tiefen Mine gefasst, und östlich des alten Gärtnerhauses kommt unter den hohen Stützmauern des Rosengartens die Quelle zum Brunnmattgut hervor. Eine ungefasste grosse Wasserader fliesst unter dem Pfarrhaus durch. Herr Pfarrer Rütimeyer klagte vor hundert Jahren, dass das Pfarrhaus feucht und ungesund sei. Das ist bis auf den heutigen Tag so geblieben.
Gestalt und Einrichtung der Kirche - Altäre, Messgewänder
Wann die erste Kirche gebaut wurde entzieht sich unserer Kenntnis. Erstmals wird sie in einem Kirchenverzeichnis (Chartular) von 1228 erwähnt, das der Bischof von Lausanne erstellen liess. Die Kirche war in den Grundmassen fast gleich wie heute, nur 1937 wurde anlässlich einer Renovation auf der Westseite das Schiff um ungefähr 2 Meter verlängert. Es gab wenige, kleine, rundbogige Fenster hoch oben in den Mauern, wie es eben dazumal in den romanischen Kirchen üblich war. Der Turm war sicher weniger hoch als heute und hatte möglicherweise ein Käsbissendach. Der heutige Turm misst 15 Meter bis zur Glockenstube und 30 Meter bis zum Kreuz.
Aus späteren Zeiten liegen noch zwei Visitationsberichte vor, 1416/17 und 1453. Gerzensee zählte beim letzten Bericht 18 Feuerstellen, also etwa 120 bis 150 Einwohner. Die Mängelliste gab offenbar Anlass, die Kirche wieder in einen guten Zustand zu bringen. Die Kanzelwand war am Zerbröckeln, das Messbuch zerrissen, das Weihrauchfass defekt. Der Visitator verlangte ein neues Fenster neben dem Katharinenaltar. Die Kirche hatte also zwei Altäre. Man kann annehmen, dass auch bei uns die Wände bemalt waren mit Bilderzyklen aus der Bibel. Westlich vom Südportal hat man bei der Renovation einen zugemauerten Oelberg gefunden. In einer Nische wurden reliefartig oder vollplastisch Szenen aus der Bibel oder den Heiligengeschichten dargestellt. Da die meisten Einwohner weder lesen noch schreiben konnten, musste die Kirche durch Illustrationen für ein Bibelverständnis sorgen.
Im unteren Turmgeschoss war die Sakristei mit den Schränken für die Messgewänder, im Stock darüber schaute der Sigrist durch die schmalen Schlitze zum Priester vor dem Altar und läutete nach Bedarf die Glocken.
Reformationszeit - Bildersturm und adelige Herrschaften
1528 kam die Reformation auch nach Gerzensee. Die Mehrheit der Gerzenseer wollte beim alten Glauben bleiben, "sie waren zufrieden mit ihren Pfaffen", wie es in einer alten Chronik zu lesen ist. Aber der endgültige Beschluss über die Reformation fiel anderswo. Die Minderheiten mussten sich fügen und Gerzensee wurde reformiert. Auch über unsere Kirche kam der Bildersturm. Die Altäre wurden geschlissen, die Heiligenfiguren zerschlagen oder verbrannt, die Fresken abgehackt, der Oelberg zugemauert wie auch das Sakramentshäuschen, wo die Hostie aufbewahrt wurde. Der damalige Priester Dannmatter hatte ein echtes Dilemma. Er hätte einfach wegziehen können, zurück in ein Kloster. Er wollte aber seine Gemeinde nicht im Stich lassen in dieser schweren Zeit. Er wurde der erste reformierte Pfarrer in Gerzensee.
Wahrscheinlich anfangs des 17. Jahrhunderts wurde das Gebäude umgestaltet. Pfarrer Hopf berichtet, er habe im unteren Turmgeschoss die Jahreszahl 1603 entdeckt. Die Fensteröffnungen wurden herausgebrochen und die heutigen Rundbogenfenster eingebaut. Es wurde modern hell in der Kirche. Es kamen Bänke ohne Lehnen in das Schiff. Die Herrschaften auf den Schlössern liessen (wahrscheinlich auf eigene Kosten) ein schönes Chorgestühl einbauen und versahen ihren Sitz mit dem Familienwappen. Auch die Kanzel wurde damals neu gemacht. Die Wände leuchteten weiss und die Empore, auf zwei hübschen Pfosten ruhend, war bereit für den oder die Vorsänger, den Fagott- und Oboenspieler, die von da an den Gemeindegesang begleiteten.
1625 wurde auf der Empore die erste Orgel aufgebaut. Erbauer war der Organist Hofer aus Lützelflüh. 60 Jahre später, im Jahr 1687, wurde von Goll in Luzern eine wahrscheinlich grössere Orgel eingebaut.
1717 wurde im Turm ein Uhrwerk eingebaut mit zwei bemalten Zifferblättern.
1878 wird erstmals ein Ofen erwähnt.
1919 stiftete der Schlossherr vorerst zwei Glasfenster im Chor und etwas später auch das mittlere Fenster mit dem Wappen von Gerzensee, dem Engel mit dem Palmzweig. Alle drei Fenster wurden von Kunstmaler Rudolf Münger aus Bern entworfen. 1860 wurden die zwei mittleren und 1892 die grösste und die kleinste Glocke in der Glocken-stube aufgehängt. Sie klingen in einem F-Dur-Akkord.
Das Gesicht der Kirche seit 1937
Die Kirche wurde nach der grossen Erneuerung in verschiedenen Abständen meist sanft renoviert.
Innen blieben einzig die sogenannten "Denkmäler" und der romanische Taufstein erhalten. Das Epitaph im Chor erinnert an den Herrschaftsherrn Franz Ludwig von Graffenried und zwei Ehefrauen, Magdalena von Steiger und Helena von Erlach. (Die dritte Ehefrau, Ursula Corjat, überlebte ihren Gatten und ist deshalb hier nicht mit einem Wappen vertreten.) Die Jahreszahl 1637 ist offenbar falsch, man weiss aus andern Quellen, dass Herr von Graffenried 1661 gestorben ist. Pfarrer Hopf erwähnt, dass die Inschriften arg verwittert und kaum mehr lesbar waren. Die Tafeln im Schiff erinnern an zwei Pfarrherren, Pretellius und Müller.
Ueber dem südlichen Eingang ist auf der Innenseite ein prächtiger Hahn in der Mauer eingelassen. Lange Zeit galt er als das Sädelwappen. Wahrscheinlicher ist die Annahme, dass der Güggel Teil eines gotischen Tischgrabes war. Die Herren Risch aus Freiburg besassen reichen Grundbesitz im Gürbetal. Da mag es vorgekommen sein, dass einer in der Gegend gestorben ist und standesgemäss im Chor der Kirche zu Gerzensee beigesetzt wurde. Später einmal räumte man mit den alten Gräbern auf, und der schöne Hahn wurde in die Mauer integriert. Vielleicht sollte er an die Verleugnung des Petrus erinnern.
Über die Pfarrherren, die in dieser Kirche wirkten, gibt das Heimatbuch von Franz Vollenweider eine gute Übersicht. Der 30. Pfarrer war bis 1996 Hans Ulrich Schäfer, der 31. bis 2012 Hans Schneider und die 32. Pfarrperson, die erste Pfarrerin in Gerzensee, ist Esther Schiess.