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| Augustinus (354-430) - Ausgewählte Briefe (Erster Teil)

Zweites Buch.
Briefe von Augustins Erhebung zur Bischofswürde bis zu seiner Disputation mit den Donatisten und der Entdeckung der pelagianischen Irrlehre in Afrika (396—410).
L. (Nr. 120.) An Consentius
IV. 18.
In deinem Briefe aber sagst du: es scheine dir oder vielmehr habe dir geschienen, daß der Gerechtigkeit nichts Lebendiges wesentlich innewohne, und du könntest dir deshalb Gott, eine lebende Natur, nicht als der Gerechtigkeit ähnlich denken, weil die Gerechtigkeit nicht an sich, sondern in uns lebe, ja wir vielmehr gemäß der Gerechtigkeit leben, die Gerechtigkeit aber selbst keineswegs lebe. Die Antwort hierauf kannst du dir selbst geben. Beachte, ob man mit Recht sagen kann, daß das Leben, durch das wir alle leben, die wir in Wahrheit leben, selbst nicht lebe. Gewiß scheint dir die Behauptung abgeschmackt, daß man durch das Leben lebe, das Leben selbst aber kein Leben habe. Wenn also das Leben, durch das alles Lebende lebt, selbst am meisten lebt, so erinnere dich gefälligst, welche Seelen die Heilige Schrift als tot bezeichnet; du wirst sicherlich finden: die ungerechten, die gottlosen, die ungläubigen, wenn sie auch die Leiber der Gottlosen beseelen, von denen es heißt: „Es mögen die Toten ihre Toten begraben“1. Man sieht aus dieser Stelle, daß auch die gottlosen Seelen nicht ohne jedes Leben sind; denn die Körper könnten nicht von ihnen belebt werden, wenn sie nicht irgendein Leben hätten, und dieses Lebens können die Seelen schlechterdings nicht ermangeln, weshalb sie mit Recht unsterblich genannt werden. Aus keinem anderen Grunde aber heißen sie nach Verlust der Gerechtigkeit tot, als weil das wahre und echte Leben der Seelen, die freilich in bezug auf irgendein Leben unsterblich sind, die Gerechtigkeit ist, gleichsam als das Leben seines Lebens, das, so lange es in den Körpern ist, auch die Körper belebt, die aus sich selbst kein Leben hätten. Wenn darum die Seelen überhaupt kein Leben haben können außer durch sich selbst, weil durch sie auch die Leiber leben, und sie sterben, wenn sie von ihnen verlassen werden, wieviel mehr muß dann logischerweise auch die wahre Gerechtigkeit ihr Leben in sich tragen, da die Seelen durch sie in solcher Weise leben, daß sie nach ihrem Verluste tot heißen, obgleich sie ein gewisses Leben auch weiter noch besitzen!
1: Matth. 8, 22.