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Im Dezember 1999 hat die Serbin Jelena Ruzicic, die im «Falken» von Chur serviert, einem Gast die Geschichte ihrer serbisch-bosnischen Familie anvertraut und erzählt, wie ihre Mutter Marija am 14. Juni 1992 umgebracht worden ist. Der Gast war Wolfram Frank, Regisseur und Leiter der Churer Theatergruppe «in situ». Er hat die Geschichte aufgeschrieben.
Als im Frühjahr 1992 zwischen Serbien und Kroatien der offene Krieg ausbrach, wurden Jelena Ruzicics Eltern getrennt, der Vater Cvijo wurde von Kroaten interniert und später im Gefangenenaustausch nach Serbien abgeschoben. Die Mutter, Marija, verschlug es nach Novi Grad, wo sie am 13. Juni von einem ihr bekannten Ehepaar eingeladen wurde, mit ihnen per Auto Richtung Graz zu flüchten. Doch der Chauffeur war mit diesem Ehepaar nicht nur weitläufig verwandt, er gehörte auch zu einem Verband kroatischer Ustascha-Freischärler. Er fuhr seine drei Passagiere in einen Hinterhalt, wo sie erschossen und ausgeraubt wurden. So ist der Sachverhalt unterdessen in einer Arbeit des serbischen Historikers Zarko Krstanovic dargestellt.
1994 erfuhr ein in der Schweiz lebender Sohn des ermordeten Ehepaars, dass der Chauffeur jenes Autos unterdessen in Locarno lebe. Er alarmierte die Schweizer Behörden, die den Fall der Militärjustiz zuwiesen. Diese stellte das Verfahren nach einigen halbherzigen Nachforschungen im April 1999 ein, ein Rekurs wurde abgewiesen. Der Chauffeur lebt nach wie vor in Locarno und hat unterdessen über einen in Chur lebenden Anwalt gegen Franks Buch juristische Schritte eingeleitet.
Wolfram Frank ist kein Journalist, dem es nur auf die harte Recherche ankäme. Für ihn ist die Geschichte von Jelena, die er sie selber erzählen lässt, beispielhaft für weiter reichende, geschichtsphilosophische Spekulationen, die er in einem an den Erzählteil anschliessenden, passagenweise allzu gelehrt und dunkel formulierten Essay anstellt. Seine These, mit der er in der Folge grosse Wörter wie «Geschichte», «Wahrheit» oder «Faktum» entzwei denkt: «Schon am Nächsten wirst du scheitern mit deiner Perspektive. Jede dieser Geschichten – Lebenswege, Todeswege – bricht alles von neuem auf; ohne Halt, ohne Referenz in den anderen. Nicht zwei Schicksale sind identisch, sie sind zwar alle durchschnitten, durchquert von der einen Geschichte, dem einen Krieg, doch jedes auf seine unaufhebbar einzige Weise.»
Der Band wird ergänzt zum einen von Thomas Stalders Fotografien, die er nach dem Krieg in und um Gnionica machte, dem Dorf, in dem Marija und Cvijo Miletic gelebt haben. Zum anderen dokumentiert er eine Serie von Gedichten, die Marko Ruzicic, Jelenas Schwager, auf Serbisch verfasst und selber auf deutsch übersetzt hat. Es sind Texte, die durch die schwere Trauer um die verlorene Heimat beeindrucken: «Aus der fremden Welt kehre ich nach Hause / morgens singen die Vögel hell wie einst/ die Kirchenglocke verhallt gerade / fragt mich warum ich traurig und schwach bin.»
Wolfram Frank: Jelenas Geschichte. Ein dokumentarischer Essay mit Gedichten von Marko Ruzicic und Fotos von Thomas Stalder. Chur (Calven Verlag) 2002.