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Der tropische Regenwald ist eine weitgehend unerforschte, fast magische Sphäre. Ein Reisebericht und eine Liebeserklärung.
José Manuyama spricht bedächtig, wählt seine Worte mit Sorgfalt. Oft nimmt er die Hände zu Hilfe, um seine Besorgnis, seine Entrüstung und seine Hoffnung zu unterstreichen. Aufgewachsen in der Kleinstadt Requena mitten im peruanischen Urwald, verbrachte er seine Kindheit und Jugend in enger Verbundenheit mit dem umliegenden Wald und den Flüssen, die den Lebensrhythmus der Menschen bestimmen. Heute lebt er in Iquitos – der größten Stadt der Welt, die nicht per Straße erreichbar ist. Wer nicht mit dem Flugzeug anreisen will, muss sich auf eine mehrtägige Bootsfahrt einstellen. Entsprechend versorgt sich Iquitos zu einem großen Teil mit Produkten aus seiner nächsten Umgebung. Die Flüsse und Wälder sind von entscheidender Bedeutung, denn sie versorgen die Menschen mit Fisch, Fleisch und Obst. Andere Güter müssen per Schiff nach Iquitos transportiert werden: Gas, Elektrogeräte und Lebensmittel wie Kartoffeln, Reis oder Rindfleisch.
Doch in Iquitos kann man alles kaufen. Da die Stadt unter anderem vom Tourismus lebt, findet man im Stadtzentrum schicke Bars, Hotels und Discos mit Aussicht auf einen Nebenarm des Amazonas-Flusses. In den Straßen um den Hauptplatz herum reihen sich Supermärkte, Einkaufszentren, Kunsthandwerkateliers und Kleiderläden aneinander, die sich nicht groß von Einkaufsstraßen in den Großstädten des Landes unterscheiden. Auf dem lokalen Belén-Markt dagegen findet man Produkte, die es nur in den Urwald-Städten gibt: In Einmachgläser abgefülltes Boaschlangen-Fett, das gut für die Haut sein soll. Krokodil- und Schlangenköpfe, deren Verkauf eigentlich verboten ist. Schachteln voll von dicken, herumkriechenden Suri-Würmern, die in gegrillter Form eine lokale Spezialität darstellen. Anhänger aus dem Holz der Ayahuasca-Pflanze, die wegen ihrer psychedelischen Wirkung von Schamanen als zeremonische Heilpflanze verwendet wird. Und nicht zuletzt Pflanzengebräue, die aphrodisierend wirken und die männliche Potenz fördern sollen.
Der Amazonas – ein Speicher und Erhalter des Lebens
Ich treffe José Manuyama in einem Café im Zentrum von Iquitos, um mehr über seine Arbeit als Umweltaktivist zu erfahren. Durch sein Engagement hat er sich in der Region einen Namen gemacht – was in Peru nicht unbedingt von Vorteil ist, denn Umwelt- und Menschenrechtsverteidiger leben hier gefährlich. Er organisiert Kampagnen, zum Beispiel zum Schutz des Nanay-Flusses, denunziert Umweltverbrechen gegenüber der Presse und wird zu Kongressen und Veranstaltungen eingeladen – nicht zuletzt auf Grund seines Amtes als Präsident des lokalen Wasserkomitees.
«Das Wasser ist alles für uns», sagt Manuyama, und es ist einer der Momente, in denen nicht nur seine Augen aufleuchten, sondern sein ganzes Gesicht. Als ob er sich in diesem Augenblick, während des Gesprächs in einem Café an der Uferpromenade von Iquitos, vollkommen und mit seinem ganzen Wesen mit der magischen Energie des Wassers verbinden würde. Der sintflutartige Regen, der draußen herabstürzt und dessen lautes Prasseln Manuyamas Worte fast übertönt, gibt ihm Recht, genauso wie das gemächliche Vorüberziehen des Flusses, dessen Ufer nur wenige Meter entfernt ist: Wasser ist hier allgegenwärtig. «In anderen Regionen wird das Wasser oft als Notwendigkeit betrachtet, weil es für die Landwirtschaft gebraucht wird. Doch hier ist es viel mehr als das: Es ist Freude, es ist Spaß, es ist Leben, es ist unsere Kultur. Der Amazonas-Bewohner ist nicht nur ein Waldmensch, sondern auch ein Wassermensch.»
Mototaxis pflügen sich durchs Wasser wie kleine Boote.
Tatsächlich kommt man, auch wenn man nur wenige Tage hier verbringt, ums Wasser nicht herum. Der warme, heftige Tropenregen kann einen jederzeit, von einer Sekunde auf die andere, überraschen und komplett durchnässen. Die Straßen werden zu Flüssen, die einen bis zu den Unterschenkeln reichen und in denen Kinder plantschen wie in einem Swimmingpool. Dreirädrige Mototaxis pflügen sich durchs Wasser und hinterlassen Spuren wie kleine Boote. Die Kinder rennen ihnen mit Freudeschreien hinterher und hängen sich an ihre Hinterachse, um sich bäuchlings durchs Wasser ziehen zu lassen.
«Für uns ist die Bewahrung der Ökosysteme nicht Gegenstand einer theoretischen Diskussion», sagt Manuyama, und wieder unterstreichen seine Hände jedes Wort mit langsamen Bewegungen. «Für uns ist die Koexistenz mit der Natur die Grundlage unseres Lebens. Jeden Tag. Auf der anderen Seite sind wir uns der globalen Bedrohungen dieser Region vollkommen bewusst, und uns bleibt nichts anderes übrig, als uns damit auseinanderzusetzen. Das ist der Grund, warum wir aufstehen und uns verteidigen. Gegen was? Gegen eine destruktive Art des Seins, die von einer anderen Region der Welt ausgeht. Aus ihrer Perspektive leben wir in einer Peripherie, aber der Amazonas ist ein Speicher und Erhalter des Lebens. Und zwar auch vom Leben der Menschen, die weit sind und nur um sich selbst kreisen, während sie andere ausbeuten und zerstören.»
«Für ein erfülltes Leben braucht man keine materiellen Dinge»
So lange man diese Ressourcen verantwortungsvoll nutzt, erschöpfen sie sich nicht, denn die Natur bringt in einem ewigen Kreislauf aus Abgestorbenem und Verrottetem neues Leben hervor. «Der Wald gibt uns alles, was wir zum Leben brauchen», sagt Manuyama. «Wenn ein Europäer in ein amazonisches Dorf kommt, sieht er Armut. Denn aus seiner Sicht gibt es dort nichts. Doch für ein erfülltes Leben braucht man keine materiellen Dinge. Der westliche, moderne Mensch lebt im Mangel – immer fehlt ihm etwas.
Der Amazonas-Mensch dagegen ist gerade in seinem einfachen Leben vollkommen frei. Er muss nichts erreichen, um das Gefühl von Wichtigkeit zu haben, er muss nur leben. Um vier Uhr morgens geht er zum Fluss, um zu fischen, oder zu seiner Landwirtschafts-Parzelle, dann kehrt er nach Hause zurück. Er hat nichts mehr zu tun. Er ist zu Hause, mit seiner Familie, die seine Anwesenheit schätzt. Am Nachmittag hat er Zeit zum Spielen oder zum Schwimmen. Fehlt ihm etwas? Nein. Denn er sucht nicht nach Dingen, die er anhäufen kann. Die amazonische Spiritualität ist sehr nah bei dem, was heute die Quantenphysik erklärt: Alles ist Energie. Du und das Universum, ihr seid eins. Wir sind nicht getrennt von der Natur. Alles hat eine Seele, und nichts verschwindet.
Wer einmal im Regenwald gewesen ist, weiß genau, was Manuyama meint. Die pulsierende Energie, die durcheinanderschallenden Geräusche und das Übermaß an Lebendigkeit ist atemberaubend. Hier ist alles laut und riesig. Insekten und Ameisen, die sich überall tummeln, scheinen einem Vergrößerungszauber entsprungen. Die Vegetation ist durchdrungen von überdimensionalen Blumen mit blendenden, fast grellen Farben, die die Form von Vögeln oder Löwenköpfen annehmen. Andere strecken langgezogene, schmale Kelche von sich, an denen Schmetterlinge und kleine Vögel mit langen, spitzen Schnäbeln hängen, um zu trinken, während sie ihre hauchdünnen, farbverzierten Flügel so langsam auf- und zuklappen, als ob der Nektar sie in einen seligen Rauschzustand versetzen würde, in dem sie sich selbstvergessen wiegen. In der dicht verschlungenen Landschaft stehen Bäume, die einen so gewaltigen Umfang haben, dass man sie nicht einmal zur Hälfte zu umfassen vermag. Ihre Wurzeln liegen nicht in der Erde verborgen, sondern ziehen sich wie dünne Wände an den Stämmen empor und überragen einen. Manche Bäume umschlingen sich gegenseitig wie Schlangen und ranken sich in wilden Zopfmustern empor bis zu den Wipfeln. ♦
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