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Lebensraum für Sonnenanbeter
Die Magerrasen an den Südhängen des Faltenjuras eröffnen einen Blick in die Geschichte dieser Landschaft. Im Jura wurden traditionell die Böden auf Ton und leicht verwitterndem Kalkgestein sowie auf den Talsohlen für eine landwirtschaftliche Nutzung ausgewählt. Auf den Flächen über hartem, langsam verwitterndem Fels und in steilen Lagen blieb hingegen der Wald bestehen.
Bis zu Beginn des 20. Jh. warfen die Landwirtschaftsflächen nur wenig Ertrag ab. Die Kulturen reagierten zudem empfindlich gegenüber jährlichen Klimaschwankungen oder einem Befall durch Schädlinge. In ungünstigen Jahren wurden deshalb immer wieder flachgründige Böden bewirtschaftet, die weniger geeignet waren. Ehemalige Waldflächen wurden gerodet und als Viehweiden extensiv genutzt. Dies geschah auch vielerorts an den Südhängen des Faltenjuras. Auf diesen Weideflächen wurde zumeist nicht gedüngt; so haben sich Magerrasen mit einer hohen Vielfalt an wärme- und trockenheitsliebenden Tier- und Pflanzenarten entwickelt.
Opfer der Intensivierung
IIn den 1950er- und 1960er-Jahren setzte in der Landwirtschaft eine Ertragssteigerung durch vermehrten Einsatz von Maschinen, Kunstdünger und Pestiziden ein. Viele Weiden auf sogenannten Grenzertragsflächen waren aufgrund ihrer Steilheit und der wenig ertragreichen Böden nicht mehr rentabel. Die Nutzung wurde aufgegeben; solche brachliegenden Flächen entwickeln sich früher oder später zu Wald.
In einigen Fällen wurde jedoch eine traditionelle, extensive Beweidung beibehalten. Blauenweide, Nenzlingerweide und Dittingerweide sind Relikte dieser früheren Bewirtschaftungsform auf steilen und nährstoffarmen Böden. Sie verdanken ihre Existenz einer extensiven Nutzung als Allmenden, auf denen die Rinder gemeinsam geweidet wurden. Seit Ende der 1980er-Jahre sind die Flächen Naturschutzreservate. Hauptsächliche Bedrohungen der äusserst artenreichen Weiden sind eine Übernutzung, eine Düngung oder die Aufgabe der Beweidung. Dies sowie die Freizeitnutzung durch den Menschen sind deshalb mit Verordnungen geregelt.
Vielfältige Lebenswelt der Weiden
Die Vegetation der Magerrasen wird beherrscht von der Aufrechten Trespe (Bromus erectus). Die schmalen Blätter dieser Grasart erzeugen einen offenen Aspekt, bei dem viel Licht bis in Bodennähe gelangt. Dazwischen bleibt deshalb genügend Platz und Licht, dass farbenfroh blühende Pflanzen wie Orchideen, Acker-Wittwenblume (Knautia arvensis), Sonnenröschen (Helianthemum nummularium) und Wiesen-Salbei (Salvia pratensis) wachsen können. Besondere Vogelarten des offenen und mit einzelnen Sträuchergruppen bestandenen Lebensraumes sind der Neuntöter, der Baumpieper und die Goldammer. Im Sommer findet auf den Juraweiden ein wahres Konzert statt. Zum Musizieren versammeln sich nicht nur Vögel, sondern auch Heuschrecken und Grillen, deren Bestände in den Magerrasen besonders artenreich sind.
Weitere besonders artenreiche Tiergruppen in Magerrasen sind Schmetterlinge, Käfer, Schnecken und Wanzen. Die einzelnen Arten haben sich in verschiedener Weise an die unwirtlichen Umweltbedingungen angepasst. Auf Weiden leben auch Kleintiere, die sich auf die Verwertung der Hinterlassenschaften des Weideviehs spezialisiert haben. Es sind vor allem Käferarten, die an das Leben im Dung angepasst sind. Der Pillendreher oder Skarabäus (Oniticellus fulvus) legt seine Eier auf die Kothaufen des Weideviehs, wo sich die ausschlüpfenden Larven von den unverdauten Bestandteilen im Kot ernähren. Für die Larven ergibt sich eine optimale Situation: Sie sind für ihr gesamtes Leben von der Larve bis zur Verwandlung zum Adulttier mit Nahrung versorgt und vergeuden keine Zeit für die Futtersuche.
Erhalten und Fördern der Vielfalt
In den Magerrasen des Juras leben ausserordentlich viele Arten. Wichtigste Schutzmassnahme ist es, die extensive Nutzung aufrecht zu erhalten, damit sowohl die Verbuschung des Gebietes als auch die Intensivierung durch Düngung verhindert werden. Naturschutz heisst hier also Schutz von extensiv genutztem Kulturland und nicht Schutz unberührter Natur. Die Landwirte erhalten für die Ertragsverluste, die durch den Verzicht auf eine Intensivierung entstehen, bzw. für die Aufrechterhaltung der extensiven Nutzung eine Ausgleichszahlung von Bund und Kanton. Da die Vorkommen einzelner Arten von Standort zu Standort stark variieren, braucht es zum langfristigen Überleben der Arten viele solcher Magerrasen in ausreichender Grösse, die untereinander vernetzt sind. Im Kanton Basel-Landschaft wurde deshalb ein Vernetzungskonzept erarbeitet, das den langfristigen Erhalt der Bestände auf den Juraweiden ermöglicht und so diese Flächen auch für künftige Generationen bewahrt.
Magerrasen beherbergen eine überwältigende Artenvielfalt. Eine Untersuchung der Magerrasenbestände in Nenzlingen, Movelier und Vicques ergab eine erstaunliche Artenzahl bei den Gefässpflanzen und den verschiedenen unscheinbaren Kleintiergruppen (vgl. Tabelle).
Typische Tierarten
Wer genau hinsieht, kann vielleicht eine der folgenden Arten entdecken und mit Hilfe eines Heuschreckenführers auch bestimmen:
Nachtigall-Grashüpfer (Chortippus biguttulus)
Gemeiner Grashüpfer (Chortippus parallelus)
Feldgrille (Gryllus campestris)
Zweifarbige Beissschrecke (Metrioptera bicolor)
Buntbäuchiger Grashüpfer (Omocestus rufipes)
Westliche Beissschrecke (Platycleis albopunctata)
Heidegrashüpfer (Stenobothrus lineatus)
Kleine Goldschrecke (Chrysochraon brachyptera)
Rote Keulenschrecke (Gomphocerus rufus)
Langfühler Dornschrecke (Tetrix tenuicornis)
Rösels Beissschrecke (Metrioptera roeselii)
Gemeine Sichelschrecke (Phaneroptera falcata)
DK