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Bild
Titel:
Hier regiert das Bürgertum
Thema: Leute
Datum: --.--.1782
Masse: ca. 650 x 570 cm
Standort: Reformierte Kirche Trogen
Urheber/-in:
Beschreibung:
Die Kirche Trogen ist das jüngste Bauwerk von Hans Ulrich Grubenmann (1709–1783) aus Teufen. Mit seinem doppelten liegenden Dachstuhl ist das Gotteshaus ein besonders geglücktes Beispiel Grubenmann’scher Baukunst. Aber nicht nur das: Die protestantische Kirche ist in ihrer äusseren wie inneren Ausgestaltung geprägt von der Mitsprache der Geschwister Jakob, Johannes und Ursula Zellweger und weiterer Verwandter und Assoziierter der Trogner Textilhandelsfamilie. Im 1782 vollendeten Deckengemälde über dem Chor widerspiegelt sich die Weltsicht einer zu Reichtum gekommenen Familie auf eindrückliche Weise.
Geschichte:
Zwischen 1750 und 1810 gestalteten Mitglieder der Familie Zellweger den Landsgemeindeplatz Trogen zur südländisch anmutenden Piazza um. Die Brüder Jakob Zellweger-Wetter (1723–1808) und Johannes Zellweger-Hirzel (1730–1802) waren durch den Handel mit Rohbaumwolle, Garn und Baumwollgeweben sowie mit Kaffee und anderen Kolonialwaren zu mehr Reichtum gelangt als andere. Ihr Handelsgebiet erstreckte sich im Süden von Malta bis nach Cadiz und Lissabon, im Norden von London und Glasgow über Hamburg bis nach Königsberg, Petersburg und Moskau, im Osten bis ans Schwarze Meer und im Westen bis nach Übersee. Bedeutende Niederlassungen befanden sich in Lyon und Genua. In diesem globalen Netz blieb Trogen stets der Mittelpunkt.
Die Welt in Stuckaturen
Jakob Zellweger war im Besitz der Häuser 1 und 4 am Landsgemeindeplatz, als er diese mit Stuckaturen der Vorarlberger Werkmeister Moosbrugger ausstatten liess. In beiden Häusern gibt es je ein Zimmer mit Deckenstuckaturen, auf denen die vier zur Barockzeit bekannten Erdteile thematisiert sind. In Haus 4 sind diese Darstellungen zusätzlich durch Kultgebäude ergänzt: durch eine Moschee mit zwei Minaretten und eine Pagode (Asien), eine Miniatur der Trogner Kirche (Europa), einen pyramidenförmigen Sonnentempel (Amerika) sowie einen Totempfahl (Afrika). Die Vierzahl der «Enden der Erde» passt zu den vier Himmelsrichtungen und den vier Jahreszeiten, zu den vier Körpersäften und den vier Armen eines Kreuzes. Sie symbolisiert Ganzheit und Vollendung.
In der Gunst Gottes
Die Darstellung der vier Erdteile über dem Taufstein im Chor der Kirche von Trogen ist künstlerisch dürftig. Das Bildprogramm jedoch, das Ursula Wolf-Zellweger (1735–1820) und ihr Mann als Stifter der Deckengemälde in Auftrag gaben, ist ideologisch aussagekräftig. Unter den Erdteilen ist Amerika mit schwarzen, roten und weissen Menschen augenfällig. Asien zeigt Turbanträger und Chinesen und Afrika den mythologischen Perlenreichtum der Königin von Saba. Der Erdteil Europa ist durch den knienden katholischen Kaiser Joseph II., Urheber eines Toleranzpatents in Glaubensfragen, bürgerliche Männer, einen Pfarrer und einen Kaufmann sowie durch zwei Appenzellerinnen repräsentiert. Auf dem Kissen vor dem knienden Kaiser liegt neben den Reichsinsignien des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation ein Hut als Zeichen des in Appenzell Ausserrhoden regierenden Bürgertums.
Durch die hierarchische Abstufung vom Volk, das sich teilweise noch von Gott abwendet, über Bürgerliche und Adlige aus allen Erdteilen, die sich Gott verbunden fühlen, bis hin zu einzelnen Personen, darunter auch die Stifterin mit weisser Haube, die durch ihren Fingerzeig nach oben eine vermittelnde Rolle einnehmen, wird der Überzeugung Ausdruck verliehen, dass irdisches Handeln und geschäftlicher Erfolg in unmittelbarer Verbindung stehen zum Glauben an Gott. In der Trogner Kirche huldigen die vier Erdteile dem göttlichen Hausherrn, in den Privathäusern am Landsgemeindeplatz dem global tätigen Handelsherrn.
Autorin: Heidi Eisenhut, Trogen
Chronologie:
1461 Bau der ersten Kirche in Trogen
1777 Erdbeben
1779–1782 Bau der heutigen Kirche, Baumeister: Hans-Ulrich Grubenmann, Finanzierung: Mitglieder der Familie Zellweger
Literatur:
Quellen: Der Kirchenbau in Trogen 1779–1782. In: Appenzellisches Monatsblatt (=AM) 5 (1841), S. 65–68; Johannes Zellweger, Landesfähnrich, von Trogen. In: AM 7 (1839), S. 104–112; KBAR, Fa Zellweger, Teilbestände 35 (Jakob Zellweger-Wetter) und 36 (Johannes Zellweger-Hirzel) sowie 90/A : 1930 Zellwegersches Familienbuch, Bd. 1
Literatur: Anderes, Bernhard: Die Pfarrkirche Trogen. Bern 1992 (Schweizerische Kunstführer GSK 52/518); Eisenhut, Heidi und Renate Frohne: Eine Deutung des Chorgemäldes der reformierten Kirche Trogen. Wald 2006; Holderegger, Unternehmer; KdmAR II; Morel, Andreas F.A.: Andreas und Peter Anton Moosbrugger. Zur Stuckdekoration des Rokoko in der Schweiz. Bern 1973 (Beiträge zur Kunstgeschichte der Schweiz 2); Schläpfer, Wirtschaftsgeschichte
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