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Aufgrund der Topographie herrschen am Bielersee zwei Windrichtungen vor: Südwest und Nordost. Bläst der Wind aus dem Südwesten, gelangt der grösste Teil des Sediments in den See. Denn dann fällt im Einzugsgebiet der Saane – einem Zufluss der Aare – oft sehr viel Regen und mit den Wassermassen schwemmen die Flüsse unzählige Partikel als Schwebstoffe in den Bielersee. Gleichzeitig treibt der Wind die Wassermassen im See dazu an, gegen den Uhrzeigersinn zu rotieren. Diese Zirkulation lenkt den sedimentreichen Zufluss der Aare im See nach rechts. Die Strömung transportiert die Sedimente von der Mündung aus am Ufer entlang nordostwärts in Richtung der Stadt Biel, wo sie sich an den Hängen des Ostufers ablagern. Dort finden sich daher auch die Unterwasserhänge mit dem grössten Risiko für Rutschungen.
Weht hingegen der Wind aus Nordosten, herrscht in den Einzugsgebieten von Aare und Saane in der Regel trockenes Wetter und nur wenig Sediment gelangt in den Bielersee. Zudem dreht sich dann die Zirkulation im See in die Gegenrichtung. Der See rotiert im Uhrzeigersinn und transportiert das sedimentarme Wasser von der Aare-Einmündung in Richtung Seemitte. Dort lagern sich die wenigen Sedimente gleichmässig in Form eines Fächers ab. Der Nordostwind trägt somit im Gegensatz zum Südwestwind kaum zur Erhöhung des Risikos von Rutschungen im Bielersee bei.
Kombination von Messungen und Modell ermöglicht genauere Aussagen
Bisher gibt vor allem die Bathymetrie – die Topographie des Seegrunds – Aufschluss darüber, wo in einem See das Risiko für Hangrutschungen am höchsten ist: Vor allem an Hängen mit einer Neigung zwischen 20 und 30 Grad ist das Risiko deutlich erhöht. Über 30 Grad ist das Risiko gering, da sich kaum noch Sediment anhäuft.
Das Forscherteam kombinierte nun erstmals in einem interdisziplinären Ansatz Sediment-Messungen im See mit Ergebnissen des hochauflösenden, hydrodynamischen Modells Delft3D-Flow (siehe meteolakes). Mit der Kombination der Datensätze deckten die Forscher nicht nur den Einfluss des Windes bei der Sedimentation im Bielersee auf, sie konnten auch Risikogebiete für Hangrutschungen genauer identifizieren. Das bietet einige Vorteile. Einerseits lässt sich damit besser planen, wo aufwendige, hochqualitative Messungen von Seesedimenten durchgeführt werden sollen. Andererseits ist damit ein erster Schritt hin zur Risiko-Evaluation für Unterwasser-Rutschungen getan.
Zerstörungspotential von Rutschungen unter Wasser
Solche Risikoabschätzungen sind unter anderem wichtige Grundlagen für die Planung von Bauprojekten. Denn wenn Unterwasserhänge zu rutschen beginnen, zerstören sie häufig Infrastrukturen – sowohl unter Wasser als auch entlang des Ufers. Im Jahr 2020 spülte zum Beispiel ein Hangrutsch in Alta, Norwegen, acht Häuser ins Meer (siehe Artikel der New York Times «Landslide in Norway Sweeps 8 Buildings Into the Sea»). 2009 führte eine Rutschung im Bielersee dazu, dass die Stadt Biel ihre Wasserversorgung aus dem See unterbrechen musste (siehe Eawag-News «Die neue alte Seewasserfassung im Bielersee»). 1992 kam es aufgrund von Bauarbeiten zu einer Rutschung im Luganersee, der den Luganer Flughafen beschädigte. 1875 schwemmte eine Rutschung bei Horgen die neu gebauten Bahngleise in den Zürichsee. Im 18ten und 19ten Jahrhundert gingen mehrere Häuser und Quaianlagen rund um den Genfersee aufgrund von unterseeischen Rutschungen verloren. Im Jahr 563 löste ein Bergsturz einen Tsunami im Genfersee aus, der so hoch war, dass er sogar die Stadtmauern der Stadt Genf überspülte.