Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03556.jsonl.gz/2340

Neue «Geschichte des Kantons Nidwalden»: Leseproben aus Band 1

Was die Pfahlbauern in Kehrsiten assen
Die Besiedlungsgeschichte von Kehrsiten reicht etwa 6000 Jahre zurück. Bis 4000 v. Chr. waren die steilen Berghänge um Kehrsiten noch vollständig von Urwald bedeckt. Die Gegend war nicht dauerhaft besiedelt, sondern höchstens zeitweise begangen. Durch das Absinken des Seespiegels nach 4000 v. Chr. wurde es möglich, auf der Uferplatte aus Seekreide ein Dorf zu errichten. Dafür benötigten die Siedler einerseits Bauholz für die Häuser; andererseits mussten Wälder gerodet werden, damit auf den dadurch entstandenen Freiflächen Getreide angebaut werden konnte. Im Hinterland wurden kleine Äcker angelegt und mit Gersten, Weizen, Erbsen, Lein und Schlafmohn bepflanzt. Die archäologischen Untersuchungen der Pfahlbausiedlung deuten darauf hin, dass Brandrodung üblich war, aber nicht grosse Flächen beackert wurden.
Als Nahrungsergänzung dienten gesammelte Früchte, Beeren und Haselnüsse aus den umliegenden Wäldern. Die spezielle geografische Lage am Alpenrand zeigt sich deutlich beim Wildpflanzenspektrum. Auf die Begehung höherer Lagen deuten Funde von Lärche sowie Lungenenzian hin. Das Spektrum der nachgewiesenen Pflanzen- reste lässt darauf schliessen, dass das Dorf ganzjährig bewohnt und nicht nur ein saisonaler Jagdstützpunkt war.
Die Ernährung der Pfahlbauer in Nidwalden wurde durch die Haltung von Haustieren wie Rind, Schwein, Schaf und Ziege sowie durch Fischfang und die Jagd mit Pfeil und Bogen ergänzt. Dabei spielte für die Siedlung in Kehrsiten vor allem die Jagd eine sehr grosse Rolle. Im Vergleich zu Pfahlbausiedlungen im Mittelland wurden verhältnismässig wenige Haustiere gehalten, der Fleischbedarf wurde fast aus- schliesslich mit Wildtieren gedeckt, die am Bürgenstock gejagt wurden. Zu nennen sind hauptsächlich Rothirsch, aber auch Steinbock, Wildschwein, Biber, Reh, Marder und Gämse. Aus der Altersanalyse der gefundenen Tierknochen geht hervor, dass die Rothirschjagd vor allem im Winterhalbjahr stattfand.
Auch der Fischfang war wichtig. Fische wurden mit stationären Fischfallen, Stell- netzen oder Zugnetzen gefangen. Auf dem Speisezettel standen auch vielfach sehr kleine Fische, welche weniger als 10 cm massen. Solche verzehrten die Pfahlbauer vermut- lich in Eintopfgerichten. Aufgrund der belegten Fischarten (Hechte, Karpfen- arten, Egli, Lachse) kann auf eine ganzjährige Fangtätigkeit geschlossen werden.
Aus: «Frügeschichte: Von den ersten Menschen bis zu den Kelten» von Christine Michel, in: Geschichte des Kantons Nidwalden, Bd. 1, S. 14.
Konsensehe und Zwangsheirat: Das Schicksal der Margreth Zelger
Die Geschichte der Nidwaldnerin Margreth Zelger gibt einen Einblick in die Situation einer Frau von damals. Margreths Heirat stürzte Nidwalden in eine Krise. Die ver- waiste Erbtochter aus Buochs heiratete 1463 den verarmten Ulrich Ammann aus Wolfenschiessen. Die Sippe der Zelger widersetzte sich der Heirat und entführte Margreth nach Saanen im Berner Oberland. Dort wurde die Gefangene mit Rudolf Sittli aus Arth zwangsverheiratet. Zuständig für die Gültigkeit ihrer ersten Ehe war der Bischof von Konstanz. Saanen aber gehörte zum Bistum Lausanne. Ulrich klagte beim bischöflichen Gericht in Konstanz gegen die zweite Eheschliessung seiner Frau und bekam Recht. Rudolf seinerseits legte beim päpstlichen Gericht in Rom Berufung ein. Ohne einen Entscheid abzuwarten, übergab die Landsgemeinde Nidwalden Ulrich das Frauengut.
Die Kurie in Rom reagierte und belegte Ulrich mit dem Bann und Nidwalden mit dem Interdikt, dem Verbot aller gottesdienstlichen Handlungen. Darauf intervenierten die eidgenössischen Orte in Rom. In der Zwischenzeit einigte man sich auf einen Rechtsstillstand. Margreth, die nach Luzern gebracht wurde, bekam einen Vogt, der alle Kosten des Ehestreites aus ihrem Vermögen beglich. Der Entscheid aus Rom liess auf sich warten – bis heute. 1470 beriefen die Ob- und Nidwaldner eine gemeinsame Landsgemeinde nach Wisserlen ein, wo Abgesandte von Zürich, Luzern, Uri und Schwyz vermittelten. Margreths Vogt und Vermögensverwalter, der Nidwaldner alt Landammann Heinrich Sulzmatter, wurde zeitweilig im Hexenturm in Sarnen inhaftiert und ihr Vetter Kaspar als Anführer der Zelger des Landes verwie- sen. Die eidgenössischen Schiedsrichter entschieden 1477: «… der Frau [ist] erlaubt, zu wandeln und zu gehen, wohin sie will …» Einzig in zwei Bitten äusserte sich Margreth Zelger zu ihrem Fall, dass man sie «bis zum Ausgang des römischen Processes wieder zu ihren Verwandten nach Unterwalden gehen lassen möchte», und auch «zu ihren Kindern».
Über das weitere Schicksal Margreths ist nichts bekannt, Hinweise geben einzig ihre beiden Wünsche. Margreth Zelger war 14 Jahre lang passives Streitobjekt und am Schluss des Konfliktes völlig verarmt. Aus kirchenrechtlicher Sicht stand die Ehe-. gültigkeit im Zentrum. Für die Sippe der Zelger war dagegen die Erhaltung der Familienehre sowie ihrer Macht- und Besitzstruktur zentral. Die Zelger handelten dynastisch und typisch für die grossbäuerliche Führungsschicht des 15. Jahrhun- derts. Anderseits waren die Männer wegen der Alpwirtschaft, den Welschlandfahrten und den Kriegs- zügen oft länger von Haus und Hof abwesend. Dies stärkte die Stellung der Frau. So konnten Witwen rechtlich Zeugnis ablegen. 1517 erlaubte der Bischof die Wiederver- heiratung der Kriegswitwen innerhalb von drei Jahren.
Aus: «Alltag und Glaube. Lebensfreude und Lebensnot» von Helena Stucki-Hofstetter, in: Geschichte des Kantons Nidwalden, Bd. 1, S. 89 (Kasten).
Der «Schwarze Tod» in Nidwalden
Das Bevölkerungswachstum wies in Europa seit der grossen Pestepidemie von 1347 bis 1353 die Form eines Sägeblattes auf: Auf einen Bevölkerungseinbruch durch eine der periodisch auftretenden Pestwellen folgte jeweils eine Erholungs- phase, in der die Bevölkerung rasch wuchs. In Europa dauerte es mehr als ein Jahrhundert, bis sich die Bevölkerung vom tiefen Einbruch durch den Schwarzen Tod um 1350 erholt hatte. Hochrechnungen gehen von einem Bevölkerungsverlust von 25 bis 40 Prozent aus. Albrecht von Bonstetten schätzte 1479, Unterwalden habe 3000 Mann mustern können, was auf 11 250 bis 12 750 Einwohner schliessen lässt.
Die Pest war in den Alltag der Menschen eingewoben. Allein zwischen 1493 und 1596 dürfte in der Alten Pfarrei Stans fünf Mal zwischen einem Fünftel und einem Drittel der Bevölkerung der Seuche zum Opfer gefallen sein. Trotzdem lassen sich die Auswirkungen des Schwarzen Todes auf die Gesellschaft in Nidwalden nur schwer fassen. Eine Reaktion auf die Pest von 1493 dürfte der Bau des Siechen- hauses bei Fronhofen 1494 gewesen sein. War die Seuche einmal ausgebrochen und eine Person erkrankt, wurden die Türen und Fenster ihres Hauses vernagelt. Wer sein Haus nicht verlassen konnte, nahm vielfach zu Amuletten und allerlei Wundermittelchen Zuflucht. Sobald das massenhafte Sterben seinen Höhepunkt erreicht hatte, konnten die Toten nicht mehr einzeln begraben werden. «In Stans wurden [1629] neben dem Oelberg und hinter dem Beinhaus Massengräber geöffnet. Im Morgengrauen und in der Dämmerung rumpelte der Leichenkarren durch die Gassen, [...]. Und beinahe aus jedem Haus wurden Leichen vor die Türe gelegt, auf den Karren aufgeladen und haufenweise zum Kirchhofe gefahren», entwarf die Volkskundlerin Marie Odermatt-Lussy ein Bild vom Alltag auf dem Höhepunkt der Epidemie. Weil nicht mehr genügend Särge beschafft werden konnten, wurden die Toten mit einem «Beulentotenbaum» – ein Sarg mit einem zweiflügligen Fallboden – bestattet.
Der Schwarze Tod führte zwar nicht zum Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung, er zerriss aber familiäre und soziale Bande. Eltern und Kinder liessen sich gegen- seitig im Stich und alle Personen, die mit der Pest in Berührung gekommen waren, wurden gemieden. Die Seuche vergrösserte zudem die Angst vor einem «‹Tod ohne Zukunft› [...], ohne Gedächtnis und Fürbitte». Die Pest riss die Menschen ohne die Möglichkeit zur Busse aus dem Leben, das Begräbniszeremoniell wurde auf ein Minimum beschränkt und das massenhafte Sterben konnte zu einer Beisetzung in einem anonymen Massengrab führen. «Das war entwürdigend.» Zudem wagten die Menschen nicht, im Jenseits auf einen gnädigen Richter zu hoffen, weil Gott ihnen den «Schwarzen Tod» aus Zorn über ihre Sünden geschickt hatte. Das Regiment der Pest war «so nachhaltig, dass es das Leben der Menschen, ihr Denken und Handeln [...] in des Wortes ursprünglicher Bedeutung ‹definierte›».
Tabelle bezüglich der Pestopfer in Nidwalden
Jahr Ort und Zahl der Todesopfer
1493 In der Alten Pfarrei Stans starben 502 Menschen an der Pest.
1564 In der Alten Pfarrei Stans raffte die Pest rund 1 100 Personen dahin.
1584 In der Alten Pfarrei Stans erlagen rund 700 Menschen der Pest.
1596 In der Alten Pfarrei Stans starben nochmals rund 500 Menschen an der Pest.
1629 In Nidwalden starben über 1 000 Menschen an der Pest, allein in der Alten
Pfarrei Stans forderte die Seuche 796 Opfer.
Aus: «Bevölkerung und Wegnetz. Leben in Abgeschiedenheit» von Daniel Krämer, in: Geschichte des Kantons Nidwalden, Bd. 1, S. 161.
Religiöses Leben im 17. und 18. Jahrhundert
Das religiöse Leben in Nidwalden wurde massgeblich durch die zahlreichen reli- giösen Bruderschaften geprägt und getragen. Sie glichen in vielerlei Hinsicht zünftischen Zusammenschlüssen, wiesen zusätzlich aber einen klaren Jenseits- bezug auf. Die Bruderschaften machten sich die Verehrung eines oder mehrerer Heiligen zur Aufgabe und stellten eine angemessene Sterbebegleitung für ihre Mitglieder in Aussicht. Durch Fürbitten, Messen und Prozessionen kümmerten sich die Mitglieder einer Bruderschaft gegenseitig um das Andenken nach dem Tod und das Seelenheil ihrer Verstorbenen. Auch war die Zugehörigkeit zu einer religiösen Bruderschaft mit umfassenden geistlichen Schuldenerlassen, sogenannten Ab- lässen, verbunden. Nebst verschiedenen Laienbruderschaften gab es Bruderschaf- ten, die eigens der Nidwaldner Geistlichkeit vorbehalten blieben.
Nicht nur durch die Bruderschaften erlebte der Heiligenkult eine wahre Blütezeit. Die 1576 in Rom wiederentdeckten Katakomben weckten den Bedarf nach Heiligen samt ihrer sterblichen Überreste und deckten diesen gleichzeitig. Grosse Festlich- keiten bildeten den Rahmen für die Überführungen der Reliquien, um deren Beschaffung sich ein blühendes Geschäft entwickelte. Die 1661 gebildete Remigianer-Bruderschaft nahm die Ankunft des «heiligen Leibes» von St. Remigius zum Anlass ihrer Gründung. 1665 wurden die Gebeine würdevoll in einem eigens dafür gefer- tigten Altar in der Pfarrkirche Stans aufgebahrt und sindhier «von jedermann nicht ohne augen-scheinliche Erfahrung seiner mächtigen Fürbitte in allerley anliegen und Nöthen angerufen und verehrt worden». Auf Grund seiner Wundertätigkeit erwählte ihn die Nidwaldner Landsgemeinde 1667 zum allgemeinen Schutz- und Landespatron. Dass an die physische und sichtbare Präsenz der Heiligen der Glaube an Wunderwirken geknüpft war, zeigt 1675 die Translation des heiligen Prosper in die Klosterkirche der Kapuzinerinnen. Noch am Festtag soll dieser Schwester Maria Paulina Leuw von ihrer schweren Krankheit geheilt haben.
Aus: «Religion und Kirche. Der alleinseligmachende Glaube» von Andreas Waser, in: Geschichte des Kantons Nidwalden, Bd. 1, S. 176.

» zurück