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Welches Wissen brauchen wir?
Seit dem 8. Jahrhundert existiert im Deutschen das Wort Wissen. Dieser Beitrag verfolgt den Wandel des Begriffs und auch die Evolution der Wissensvermittlung. Er richtet sein Augenmerk zudem auf die Bedeutung der Kunst als Quelle des Wissens und mündet in der Gegenwart, in der das Internet sowohl zur Demokratisierung des Wissens beiträgt als auch Wissen als gemeingültige Wahrheit in Frage stellt.
Kürzlich sass ich in einem Café und las die Zeitung. Aus dem Blickwinkel vom oberen Blattrand erfasste ich eine junge Frau, die auf meinen Tisch zuging. Sie trug ein hellgrünes T-Shirt. Auf der Brustseite stand: FUTURE – Knowledge Health Wellbeing. Gutes Programm, dachte ich.
Welches Wissen brauchen wir heute und in der Zukunft, wenn wir die Welt in unserer Zeit, geprägt von Digitalisierung, Klimawandel, Migration und neuen kriegerischen Konflikten auf allen Kontinenten, überblicken wollen? Dass wir gesund bleiben und uns um unser Wohlergehen zu kümmern vermögen, hoffen wir alle. Dass wir Wissen haben, um unser Leben zu organisieren und Antworten zu finden, mit denen wir neue Probleme lösen, daran arbeiten wir ebenso.
«Wissen» ist ein Begriff, der immer wieder neu gelesen, verortet und verankert wird. Der Ausdruck stammt vom Althochdeutschen «wiȥȥan» beziehungsweise der indogermanischen Perfektform «woida» «ich habe gesehen», was auch «ich weiss» heisst. Im Englischen ist «knowledge» aus dem Mittelenglischen «knowleche» oder «knawleche» abgeleitet, das «herausfinden» und «erkennen» bedeutet. Sehen, finden und kennen bilden den sprachlichen Inhalt dieses Wortes. In den zwei nordeuropäischen Sprachen tauchte es um das Jahr 800 auf, als der europäische Kontinent – unsere damals bekannte Welt – vom zentraleuropäischen Frankenreich bestimmt wurde, das erste wichtige Regeln für das Sammeln und Ordnen von Wissen festlegte. Das Wort «Wissen» tauchte erstmals in Glossaren auf und wurde durch deren Abschriften weiterverbreitet.
Seit der Aufklärung bedeutet Wissen eine auf der menschlichen Vernunft basierte Lesbarkeit der Welt. Naturphänomene lassen sich systematisieren; Wissen wird nach Schlagworten versammelt in Enzyklopädien festgehalten. Aus diesem geistigen Kapital wird ein Instrument, um mehr aus seinen Eigenschaften zu machen. «Wissen ist Macht», diese Sentenz wird dem englischen Philosophen Francis Bacon (1561–1626) zugeschrieben; er behandelte grundlegende Themen für eine Philosophie der Aufklärung, welche das Wissen der ganzen Gesellschaft überantwortet.
Die Aufklärung beschleunigt auch die Entwicklung des Bildungswesens. Wissen soll allen Bevölkerungsschichten zuteil werden und somit auch zu einer möglichst glücklichen Gesellschaft führen. Spätestens seit den 1960er Jahren ist das Erziehungswesen zur Gralshüterin der Demokratisierung von Wissen innerhalb der westlichen Gesellschaft geworden.
In der Zwischenzeit wissen wir aber auch: Wissen ist in der Gesellschaft bis heute entlang sozialer Linien geordnet. Die beiden französischen Soziologen Pierre Bourdieu und Jean-Claude Passeron hatten für das Frankreich Anfang der 1960er Jahre, also zu Beginn der sogenannten Bildungsexpansion, von der «Illusion der Chancengleichheit» (gleichnamige Publikation 1971) gesprochen. Sie zeigten auf, dass das Bildungswesen keineswegs zur Kompensation der sozialen und kulturellen Ungleichheit der Gesellschaft beiträgt, sondern im Gegenteil zur Reproduktion der bestehenden Verhältnisse. Zunächst war das nicht weiter überraschend, galt doch weiterführende Bildung bis dahin als ein knappes Gut, das vor allem den oberen – ökonomisch, sozial und kulturell begünstigten – Gruppen vorbehalten war.
Viele verbanden aber mit dem beginnenden Ausbau des Bildungswesens die Hoffnung, dies würde zur Verringerung herkunftsbedingter Ungleichheit beitragen. Erst vor diesem Hintergrund gewann die These von Bourdieu und Passeron an Brisanz, denn sie betonten, dass der einfache Ausbau des Bildungswesens am Umstand der Reproduktion der sozialen Ungleichheit beteiligt sei. Erst durch die Kenntnis der Ursachen sozial bedingter Bildungsungleichheit wird ein Umgang damit eröffnet, der es ermöglicht, in die Mechanismen verändernd einzugreifen. Pierre Bourdieu wies darauf hin, dass Bildungsinstitutionen Wissen nicht einfach nur nackt vermitteln können, sondern dass die Vermittlung mittels einer spezifischen sozialen Beziehung erfolgt, und dass diese pädagogischen Mikroprozesse der soziologischen Analyse zugänglich gemacht werden müssen.
Nach der Zeit der Aufklärung entstand neben der demokratisierten Wissensverteilung ein weiteres Element: die Individualisierung von Wissen, das auf Gefühl, eine tiefe Empfindsamkeit und einen persönlichen Weltbezug zurückgeht. Den Künsten wird eine besondere Vertrautheit mit der Welt zugesprochen. Ihre Welt-Erfahrung und ihre Sicht der Dinge verstehen die Künste in Materialien, Objekte, Musik und performative Gesten zu transportieren und zu speichern. Künstlerische Praktiken und Produktionsformen verbinden Wissen mit Tätigkeit. Auf dieser Grundlage wird ihnen vor allem in den reformpädagogischen Bildungskontexten eine besondere Wirkung hinsichtlich personaler und interpersonaler Entwicklungsmöglichkeiten zugesprochen.
So setzte beispielsweise der deutsche Künstler Joseph Beuys in den 1970er Jahren – nach dem gesellschaftlichen Umbruch von 1968 – mit Bezug auf Rudolf Steiners Waldorfpädagogik das Kreative, das Erforschen von Prozessen und Material aus der Natur und das Musische als gegenüber der Mathematik und den Naturwissenschaften gleichwertig. Die Tätigkeit des Unterrichtens und Erziehens als künstlerische Kompetenz zu begreifen, ist eine der zentralen Ideen der von Rudolf Steiner begründeten Waldorfschulen.
Eine Vielzahl von Künstlern wie Joseph Beuys machten sich als Lehrer*innen Gedanken darüber, wie gesellschaftliche Veränderung im Sinne einer kollektiv und anarchistisch geprägten Weltanschauung den Traum von der Ankunft einer neuen Menschheit gestalten kann, die Konsum und Spektakel hinter sich gelassen hat und Gleichberechtigung als das gemeinsame Ziel sah.
In seinem kollaborativen Buch «Lehren und Lernen als Darstellende Künste» (1967–1970) bezeichnete der Fluxus-Künstler Robert Filliou Lehren und Lernen als vollwertige Kunstform. «Happenings, Events, Aktionspoesie, Environments, visuelle Poesie, Filme, Street-Performances, nichtinstrumentale Musik, Spiele, Korrespondenz …» seien gemäss Filliou der Bewusstseinsbildung der Menschen zuträglich und würden sie zu Teilhabe und Kreativität anregen. Beuys wie Filliou sahen in der Spontaneität und in der Improvisation einen neuen gesellschaftlichen Umgang mit Forschung und Wissensbildung.
Spiel und Kreativität haben seither Konjunktur sowohl im Kontext handlungsorientierter Wissenstheorien wie auch in allgemeinen und zivilgesellschaftlichen Bildungskonzepten. Auch in der Ausbildung von Forschungskompetenzen im wissenschaftlichen Umfeld sind kreative Methoden und «embodied knowledge» verankert worden.
Das Kreative und das Spielerische sind in der Tat ein wichtiges Element in der heutigen Wissensaneignung. Mit dem Aufkommen des Internets als Informationsquelle in den letzten zwei Jahrzehnten hat sich zudem der Umgang mit Wissen verändert, indem neue Formen von Teilung und Zugänglichkeit entstanden sind.
Das Internet bietet heute vielerlei Möglichkeiten, um Wissen zu generieren: als globaler Wissensspeicher, als Recherche- und Kommunikationsinstrument ist es in unserem Alltag unersetzlich geworden. Aufgrund dieser Eigenschaften knüpfen sich viele Hoffnungen an diese Technologie, die wir seit der Jahrtausendwende benutzen.
Die Erfinder des Internets waren davon überzeugt, einer breiten Masse Bildung und Wissen vollumfänglich zugänglich zu machen, das Wissen und die Bildung zu teilen, zu demokratisieren und soziale wie globale Zugänge zu erleichtern. Um das Jahr 2000 schrieb einer der Miterfinder des Internets, Tim Berner-Lee, er hoffe für die Zukunft, dass sich das Internet als ein Tool für Demokratie und Frieden entwickeln werde. Es war der Traum, dass es in der Macht eines jeden stehe, sich mithilfe der Vernunft und digitalen Medien Zugang zu Wissen erlangen und Wissen selbstbestimmt nutzen und verbreiten zu können.
Doch trotz oder gerade wegen der Fülle an verfügbaren Informationen, Daten und Fakten hat das Internet nicht unbedingt zu einer neuen Aufklärung beigetragen, sondern zu Desinformation, Influencing und vorschnellen Meinungsbildungen und damit erneut zur Verfestigung von bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Die schon immer gefühlte Gewissheit, dass wir an einem Wissen arbeiten, das unsere eigene Wahrnehmung von Wahrheit spezifisch bestätigt, ist im Zeitalter des Internets bekräftigt worden. Die Pluralisierung von Weltsichten und Meinungen und die Algorithmen der sozialen Medien verstärken in ihrer ständigen Abrufbarkeit von Hits und Likes die eigene Denkweise und suggerieren, diese würde von vielen anderen auf der Welt geteilt.
Dabei entstehen so viele verschiedene Versionen von Wahrheit zu einem Sachverhalt, wie es Menschen gibt, die nach ihr suchen. Unser Gehirn, das unablässig auf der Suche nach Mustern ist und manchmal gar Muster erkennt, wo keine sind, legt sich gemäss den Erkenntnissen der Neurowissenschaft auf das unmittelbar vorhandene und abrufbare Wissen fest. Das geht im Internet schneller, als in Büchern, in journalistischen Artikeln oder in Lexika Informationen zu suchen.
Hinzu kommt unser starkes Bedürfnis nach kausalen Erklärungen. Auch wenn nur der Zufall regiert, neigen Menschen zur Vermutung, dass wir absichtsvoll handeln. «Menschliche Wahrnehmung ist kein passiver Vorgang», schreibt Philipp Sterzer in seinem Buch «Die Illusion der Vernunft. Warum wir von unseren Überzeugungen nicht überzeugt sein sollten» (2022); sie ist «keine blosse Abbildung der Realität. Sie ist ein Konstrukt des Gehirns, eine Fantasie, die sich weitgehend mit der Realität deckt, aber eben nur weitgehend.» Der an der Universität Basel lehrende Neurologe und Psychiater identifiziert im Prozess der heutigen Wissensaneignung eine ganze Reihe von kognitiven Verzerrungen, beispielsweise den Mitläufereffekt oder den Halo-Effekt: Menschen sind dazu geneigt, aus einer positiven Eigenschaft eines Wissenden weitere positive Eigenschaften abzuleiten, daraus eigene Schlussfolgerungen herzustellen und in Gruppen Gleichgesinnter zu bestätigen.
Im neuen medialen Zeitalter von Augmented und Virtual Reality, von Memes, Charts und Tictoc-Filmchen sind wir dabei, Wissen und Vernunft neu zu verknüpfen. Die Zukunftsforschung spricht von Wissenskulturen im digitalen Zeitalter, wo in dezentralen Strukturen enorme Mengen an Wissen generiert werden. Es entstehen neue Formen des Lernens, des Forschens und der Innovation. Dabei verliert Wissen zunehmend seinen elitären Charakter und wird zum Gemeingut. Zugleich gerät der Geltungsanspruch von Wissen, Fakten und Wahrheit unter Beschuss. Das erfordert einen reflektierten Umgang mit Informationen und den Mitteln ihrer Verbreitung. Neu entstehende Formen in der Kommunikation und Archivierung von Wissen brauchen eine neue Wahrnehmung, die erst gelernt werden muss. Diese Entwicklungen verlagern den Fokus hin zum Lifelong Learning und zur Verfestigung von Wissensmanagement und seinen Methoden.
Ich faltete im Café die Zeitung zusammen, als die Frau im grünen T-Shirt neben meinem Tisch angelangt war. Sie erkannte, dass ich die Begriffe auf ihrem T-Shirt las, und lächelte. Gutes Programm, ja, aber nicht ganz einfach in Zukunft.
Das Wissen vom Gesehen-Haben und die auf Konsens beruhende Gewissheit allgemeinen Wissens werden zunehmend von der Verunsicherung des Wissens bestimmt. Sogar auf unsere eigene Vernunft ist kein Verlass.