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Abschiedsschmerz(3)
Unterstützt von Bahar Avcilar
Als Selina vom Flughafen nach Hause kam, klebte ein Zettel an ihrer Tür: »Mona braucht dich. Dringend.« Mona war das vierjährige Kind ihrer Nachbarin, und da es fast Mitternacht war und die Wahrscheinlichkeit groß, dass a) der Zettel schon länger hing und b) Mona längst schlief, beschloss Selina, sich erst am Morgen nach dem Yoga zu melden. Doch sie hatte kaum Teewasser aufgesetzt, als es zuerst an der Küchenwand klopfte, dann an ihrer Tür. Als sie öfnete, stand Julia draußen, sie hatte Mona auf dem Arm. Mona trug einen Pyjama voller Sterne.
»Entschuldige die späte Störung«, sagte Julia.
Gleichzeitig rief Mona: »Malkovic geht so komisch! Mama sagt, er ist gelähmt.«
»Sie kann nicht schlafen, ehe du ihn dir nicht angesehen hast«, erklärte Julia.
Selina stellte den Wasserkocher ab und ging über den Flur. Malkovic war eine Theaterratte. Sie hatte ihn ein Jahr zuvor gekauft, als sie das Stück »Gesäubert« von Sarah Kane spielte – als Sinnbild für die zähe Kreatur, die übrig bleibt, nachdem der Mensch sich ausgerottet hat. Malkovic war noch ein Kind und sollte eigentlich auf ihrer Schulter sitzen. Doch er verkroch sich meist vor dem Rampenlicht in ihr Kostüm, höchstens baumelte mal sein Schwanz aus ihrem Ausschnitt oder einem Ärmel. Und weil sie gleich anschließend an die Sarah-Kane-Produktion einen Unterwasserdreh für eine Bank auf den Malediven hatte (»Bei anderen tauchen die Aktien, bei uns tauchen Sie«), hatte sie ihre Nachbarin gebeten, so lange die Ratte zu füttern. Julias Tochter hatte sich Hals über Kopf in Malkovic verliebt, und als Selina von den Malediven wiederkehrte, war es nicht mehr ihre Ratte, sondern Monas.
Selina war froh darüber, denn sie war gern unabhängig, Julia allerdings litt etwas, denn Malkovic fraß alle Möbel und Kabel an. Aber er hatte auch viel Charme und spielte liebend gern Streiche. Zum Beispiel wartete er auf der Türschwelle zur Küche, die ihm verboten war, darauf, dass er entdeckt wurde, dann rannte er los und schlitterte über den Küchenboden, bis man ihn einfing. Auch liebte er es, sich unterm Sofa hindurch anzuschleichen, um Leute in den großen Zeh zu beißen.
Malkovic schlief in sein Stroh vergraben, doch ehe sich die Frauen für ihn starkmachen konnten, hatte Mona ihn hochgenommen und setzte ihn auf den Boden. »Sieh doch«, sagte sie und stupste Malkovic an. Er humpelte zurück zu seinem Nest. Ein Hinterbein schien gelähmt zu sein.
Auf halbem Weg machte er kehrt, hinkte zu Selina und legte sich auf ihren Fuß. »Das hat er gemacht, als er noch ganz klein war«, sagte Selina gerührt und hob ihn hoch, um sein Bein zu untersuchen. Doch Malkovic zog es immer wieder weg, dann kuschelte er sich in ihre Hände.
»Seit heute Mittag ist er wieder so zutraulich«, sagte Julia, und Mona fragte: »Selina, gehst du morgen mit mir und Malkovic zum Tierarzt? Mama hat keine Zeit.«
»Meine Ferien sind vorbei«, erklärte Julia.
»Klar doch«, sagte Selina, »gleich nach dem Yoga.«
Tatsächlich wurde alles etwas komplizierter. Monas Oma hatte einen Ausflug geplant, und Julia bestand darauf, dass Mona mitging. Mona wollte wiederum Malkovic nicht alleine lassen, und mitnehmen konnte sie ihn nicht, da die Oma sich vor Ratten ekelte. Alles endete damit, dass Selina ihre Yogastunde sausen ließ, für die sie extra zeitig aus Berlin zurückgekehrt war, und versprach, bei Malkovic zu wachen, bis Mona wieder zu Hause war und sie ihn zum Tierarzt bringen konnten.
Anderntags um acht trat sie ihren »Dienst« an, und Julia brachte Mona zum Bahnhof. Malkovic ging es schlechter, er hinkte inzwischen an beiden Hinterbeinen und zitterte wie Espenlaub. Selina hatte vorgehabt, ihn in ihre Wohnung zu holen und sich einen netten Tag zu machen. Doch als sie ihn so sah, wagte sie es nicht mehr. Sie holte ihre Yogamatte und zwei Bücher, aber die lagen dann auch nur herum, denn Malkovic mochte nicht mehr fressen oder trinken, sondern wollte nur gehalten werden, er keuchte und starrte sie fast unentwegt an. Erst gegen Mittag schlief er kurz ein. Sie legte ihn in ihre Armbeuge, damit sie eine Hand frei bekam, holte sich ein Glas Wasser und einen Joghurt, den sie mit den Zähnen öfnete. Sie fühlte ihren Ärmel klamm werden und sagte sich, dass nun auch sein Blasenmuskel gelähmt war.
Malkovic wurde wach, als Julia anrief, um zu sagen, dass Mona nicht vor sechs zu Hause wäre. »Nur für den Fall, dass du mal rauswillst«, sagte sie. »Du kannst ja nicht den ganzen Tag bei uns zu Hause hocken.« »Vielleicht gehe ich besser schon mit ihm zum Tierarzt«, schlug Selina vor.
Doch Julia sagte: »Tu ihr das nicht an, für Mona ist der Tierarzt doch das Größte.«
Zudem musste sich Selina eingestehen, dass es für den Tierarzt längst zu spät war. Als sie aufgelegt hatte, suchte Malkovic nochmals die Wärme ihrer Hände, doch nur kurz. Dann begann er sich zu winden, und als sie ihn aufs Sofa legte, zog er sich zu dessen Rand und wollte hinunterklettern. Seine hintere Hälfte war nun völlig lahm, und hätte sie ihn nicht hinuntergehoben, hätte er sich überschlagen. Er wollte sie beißen, er wollte keine Hilfe, doch selbst zum Beißen war er zu schwach. Er lag eine Weile keuchend und zitternd, dann schleppte er sich in vielen kleinen Etappen unters Sofa und weiter bis zur Wand – dort war sein Sockenversteck.
Der Nachmittag – ein totenstiller Montagnachmittag im Januar in einer fremden Wohnung, allein mit einer Ratte, die ofenbar im Sterben lag – wurde Selina sehr lang. Sie wollte es mit Humor nehmen, stattdessen kämpfte sie mit Tränen. Gern hätte sie Musik für Malkovic gemacht, doch ofensichtlich hatte er die Boxenkabel durchgefressen, und alles, was sie fand, war Monas Spielzeugtelefon, das Tiergeräusche machte. Da sie bezweifelte, dass Ratten zum Miauen einer Katze oder zum Klang von Grillen sterben möchten, versuchte sie ihn mit Schokolade und Büchsenananas zu trösten. Doch Malkovic lag weiter bebend in der Ecke, die Nase in einem von Monas Söckchen vergraben.
Gegen drei Uhr wollte sie Julia anrufen und ihr sagen, dass es mit Malkovic zu Ende ging, doch als sie die Nummer wählte, musste sie so heftig weinen, dass sie wieder auflegte. »Es ist nur eine ordinäre Ratte«, sagte sie sich, »du hast nicht mal geheult, als Sarah Kane sich umgebracht hat.« Und doch brauchte sie vier Versuche, ehe sie es schaffe, Julia anzurufen.
»Denk dir, er hat sich von mir verabschiedet und sich zum Sterben verkrochen, genauso, wie es die Elefanten tun«, erzählte sie.
Julia schwieg nur kurz, dann sagte sie: »Ich muss gestehen, ich bin darüber nicht nur traurig. So bald kommt mir kein Haustier mehr ins Haus. Aber sollte man ihn nicht einschläfern lassen?«
»Ich glaube, er weiß genau, was er tut«, erwiderte Selina. »Ich will ihn darin nicht mehr stören. Ich fürchte nur, dass Mona ihn verpassen wird.«
»Das ist bestimmt besser so«, sagte Julia. »Ich werde schauen, dass ich vor ihr daheim bin. Danke, dass du dort bist.«
Danach dauerte es nochmals eine Stunde, bis Selina, wenn sie unters Sofa blickte, den kleinen Rattenkörper nicht mehr zittern sah, und wieder eine Stunde, bis sie wagte, das Sofa von der Wand zu schieben, Monas Söckchen wegzuziehen und Malkovic sanft zu streicheln. Er regte sich nicht mehr, doch sie schloss nicht aus, dass zwar der ganze Körper gelähmt war, sein Geist jedoch noch wach, und sprach so lange leise auf ihn ein, bis die Augen matt wurden. Sie erzählte von ihrer gemeinsamen Zeit am Theater, von den Scherzen, welche die Kollegen mit ihm getrieben hatten, und wie er während einer Vor- stellung aus ihrer Hosentasche gefallen war, als sie ihren Monolog an der Rampe hatte, und eine Frau in der ersten Reihe umgekippt war. Sie erzählte, wie sie ihm Gemüsebrei und Mais gekocht und Abend für Abend mit ihm trainiert hatte, Stühle hochzuklettern, bis »Gesäubert« abgespielt war. Und wie sie danach wochenlang seinen Geruch in ihren Kleidern vermisst hatte.
Es war fast sechs, als sie ihn hochhob und auf seinen Schlafplatz legte, da war er schon etwas steif. Gleich darauf kamen die »Mädels«, wie Selina sie für sich nannte. Julia hatte Mona am Bahnhof abgefangen und ihr erzählt, dass Malkovic im Sterben lag oder vielleicht bereits tot war. Mona weinte auch nicht, sondern fragte nur: »Legen wir ihn jetzt ins Wasser?«
»Das fragt sie, weil sie Erlbruchs Büchlein ›Ente, Tod und Tulpe‹ kennt«, erklärte Julia, bevor sie ins Schlafzimmer ging, um zu weinen.
»Ja, das ist eine gute Idee«, sagte Selina zu Mona. »Vielleicht hast du eine schöne Schachtel?«
»Ich habe mein Puppenköferchen«, antwortete Mona. »Aber bekomme ich es zurück?«
Selina schüttelte den Kopf. »Ich dachte mir, wir legen Malkovic in etwas, das schwimmt, und lassen ihn die Limmat hinuntertreiben.«
»Schwimmt denn das Köferchen?«, fragte Mona.
»Ja, bestimmt«, sagte Selina. »Nur bekommst du es nicht zurück.«
»Egal«, fand Mona und holte das Puppenköfferchen. Sie betteten die Ratte hinein und legten, weil sie keine Blumen hatten, ein paar Küchenkräuter aus dem Tiefkühlfach dazu. Dann spazierten Julia, Mona und Selina Richtung Werdinsel. Malkovic schoben sie in Monas Kinderwagen. Und nachdem sie an einer Stelle, an der das Ufer flach genug war, das Köferchen mit Teelichtern geschmückt, es ausgesetzt und mit einem Ast in die Strömung geschoben hatten – wobei die Teelichter schon wieder ausgingen –, aßen sie zur Feier des Tages am Escher- Wyss-Platz Döner.