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Recife – die Stadt der Brücken oder das Venedig des Nordostens – wie die Brasilianer diese von zahlreichen Flüssen und Kanälen durchkreuzte Millionenstadt nicht zu Unrecht nennen. Den Namen bekam die Stadt dank der günstigen Lage hinter den Riffen (Recifes).
Gründung: 1709
Lage: 4 Meter über Meer
Bevölkerungszahl: 1.537.704 (Stand 11/2010)
Grösse/km2: 218,498 km2
Bevölkerungsdichte/km2: 7.037,61 Einw./km2
Regenzeit: Juni bis August
„Oh linda!“ – (wie schön!) rief der Portugiese „Duarte Coelho“ entzückt aus, als er 1535 hier landete – und „Olinda“ wurde sie genannt, die erste Hauptstadt von Pernambuco, von der sich kurze Zeit später ein fast unverschämter Reichtum über die gesamte Nordostregion ausbreitete, als die Portugiesen mit dem Zucker-Export das Weltmonopol an sich rissen.
Als Holland die Gegend 1630 besetzte, entwickelte sich auch Recife schneller: Aus der ehemals kleinen Siedlung im Schatten des reichen „Olinda“, wurde eine Stadt: Der holländische Architekt „Pieter Post“ zeichnete einen Gesamtplan der neuen Stadt und dirigierte den Bau seiner Paläste und der Gärten persönlich. So kommt es, dass Recife heute ein sehenswertes Erbe von kolonialen Bauten aufzuweisen hat – aus holländischer und auch aus portugiesischer Vergangenheit.
Das Stadtzentrum besteht aus drei Teilen: Recife selbst, Santo Antônio und São José, Boa Vista und Santo Amaro. Die ersten zwei Teile liegen auf Inseln, die von den Flüssen „Capibaribe“, „Beberibe“ und „Pina“ gebildet werden, während der dritte Teil durch den Kanal „Tacaruna“ vom Festland getrennt ist.
Recife ist gross, modern und unübersichtlicher als andere Städte des Nordostens. Die City ist eine verwirrende Mischung aus Bürohochhäusern, Kirchen aus der Kolonialzeit und offenen Märkten. Sogar die Einheimischen verirren sich leicht in dem Wirrwarr von Einbahnstrassen, Absperrungen und Baustellen. Trotz aller Entwicklungen hat sich Recife aber ein gutes Stück Tradition bewahrt: Ein grosser Teil von Brasiliens bester Folklore stammt von hier – darunter Gemälde und Skulpturen, Musik und Tänze – es dauert ein bisschen, bis man diese erlebenswerte Seite der Stadt entdeckt hat.
Recife ist inzwischen auch Flughafen für Touristen-Charter aus Europa: Grösster Nutzniesser dieser Entwicklung ist „Boa Viagem“ – die Copacabana von Pernambuco – 8 km lang und gut besucht. Dieser Strandabschnitt ist eher sauberer als der von Copacabana und besonders am Wochenende mit sehenswerten Exemplaren der weiblichen Spezies belegt. Hinter der Uferpromenade, mit Nobelhotels den besten Restaurants und Nachtclubs der Stadt, wohnen, in Türmen aus Stahlbeton und Glas, die besseren Leute von Recife – und auch sonst steht Boa Viagem seinem südbrasilianischen Vorbild um nichts nach – ganz im Gegenteil.
Kaum tritt man vors Hotel, entdeckt man schon, dass einmal die Holländer hier waren und, dass ihnen die Bürger von Recife nicht mehr gram sind. Schliesslich hat man ja sogar eine Brücke nach „Maurício de Nassau“ benannt. Allenthalben entdeckt man Kopien von jenen schmalbrüstigen Grachten-Häusern – zwei- und dreistöckig, eng aneinandergepresst und bunt – und man sieht hin und wieder einen schwitzenden Einheimischen mit jener über beide Schultern gelegten Tragestange. Allerdings schaukeln in den Körben an ihren Enden keine Edamer, sondern duftende Ananas – und er hat keine Holzschuhe an!
Die Altstadt, im Zentrum
Liegt eine halbe Busstunde weit weg, auf einer der Inseln im Delta des „Rio Capibaribe“. Beginnen wir unseren Spaziergang mal an der „Praça da Republica“. Hier finden wir das „Teatro Isabel“ (1850) und den „Palacio do Governo“(1841). Das Nachbargebäude der Kirche „Santo Antonio“(1753), am „Praça da Independencia“, ist eines der schönsten Relikte historischen Kirchenbaus in Brasilien: die „Capela Dourada“ (1697), die Goldene Kapelle. Und wenn Sie vielleicht auch sonst für die Besichtigung von Kirchen weniger Interesse aufbringen – in Brasilien sollten Sie wenigstens diese eine kennen lernen! Mehr als ein Gotteshaus ist sie ein Stück Zeitgeschichte:
Die Zucker- und Baumwollbarone im Recife des ausgehenden 17. Jahrhunderts hatten sich nicht nur von der holländischen Besatzung erholt, sie verdienten auch mehr Geld denn je, mit ihren Exporten. Warum also nicht mal dem König João V. und seinem Hof in Lissabon zeigen, dass Recife keine Provinzstadt ist. Und womit konnte man eine solche Selbstdarstellung besser verquicken, als mit Kunst und Religion?
Dem Laienorden der Franziskaner wurde also der Auftrag erteilt, ein Kirchen-Kunstwerk zu errichten, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte – Grossgrundbesitzer übergaben den Mönchen Säcke voller Goldmünzen für diesen Auftrag. Und die trommelten alle verfügbaren Architekten, Steinmetzen, Maler und Holzschnitzer zusammen. Künstler von Rang und Namen wurden für das Werk engagiert.
Sie inspirierten sich gegenseitig, wie unter einer wunderbaren Führung und schufen ein Werk – 1697 eingeweiht – für das sämtliche bewundernden Adjektive schon überstrapaziert worden sind. Trotz unglaublich viel Gold wirkt die Kapelle nicht überladen – die Liebe zum Detail ist noch viel überwältigender. Sie wirkt viel grösser als ihre tatsächlichen Innenmasse, durch die klaren Linien und grossflächigen Wandgemälde, die ihr Tiefe geben. Das lackschwarze Gestühl aus Jacarandá-Holz ist feingliedrig und kostbar. Sie müssen es sich persönlich ansehen, und der Stadtrundgang in Recife wird nur durch diese kleine Kapelle unvergesslich bleiben.
Recife hat insgesamt 62 Kirchen
Auch für einen Fan von sakraler Kunst zu viele. Also möchten wir Ihnen lieber nur eine Handvoll davon empfehlen:
Die „Capela Dourada“ (1697) – oben beschrieben – „Santo Antônio“ (1753-93) neben der „Goldenen Kapelle“, „São Pedro dos Clérigos“ (1782 im Distrikt „São José, „Nossa Senhora da Conceição dos Militares“ (1771) in der „Rua Nova“, „Nossa Senhora do Carmo“ (1663), die Kirche des Karmeliterklosters, „Madre de Deus“ (1715) im Distrikt gleichen Namens, „Igreja do Pilar“ (1680) in der „Rua do Pilar, „Divino Espirito Santo“ (1689) Jesuiten-Kirche im Distrikt „Santo Antônio“ und die „Igreja São José do Ribamar“ (19. Jahrhundert) im Distrikt „São José“.
Die Strasse „Vidal de Negreiros“ hinab erreichen wir das Fort „Cinco Pontas“ (von 1677) gegenüber vom städtischen Busbahnhof (Rodoviaria). Ganz in der Nähe – auf dem „Praça Dom Vidal“ findet der tägliche „São José-Markt“ statt, auf dem man unter anderem Speisen und Handarbeiten aus ganz Pernambuco kaufen kann. Daneben die sehenswerte Basilica „Nossa Senhora da Penha“.
Das ehemalige Stadtgefängnis aus der Kolonialzeit wurde 1975 renoviert und restauriert und zum „Casa da Cultura“ umfunktioniert: Heute beherbergen die einzelnen Zellen Boutiquen, in denen man Textilien, Hängematten, Holzschnitzereien, Keramik, Antiquitäten und viele andere Souvenirs kaufen kann – die meisten noch handgefertigt. Hier hat auch das interessante „Frevo-Museum“ seine Heimstatt und touristische Informationen kann man ebenfalls von einer Dame, in einer der vielen Gefängniszellen, erhalten. Im Freien, auf dem Hof, werden oft Folkloreshows gezeigt, und es entsteht manchmal auch spontan ein bisschen typische Live-Musik, geboten von einheimischen Künstlern. Das „Casa da Cultura“ liegt im Stadtteil „Santo Antônio“ und ist sogar Sonntags, zwischen 10 bis 17 Uhr offen.
Das Privatatelier des pernambukanischen Künstlers von internationalem Renomée, „Francisco Brennand„, ist eine besondere Empfehlung wert: ungefähr 1.500 verschiedene Keramiken sind hier in permanenter Ausstellung zu sehen – innerhalb eines sehr reizvollen Restbestandes Atlantischen Regenwaldes.
Adresse: „Engenho São João“ im Distrikt von „Várzea“, in Recife.
Für an Kunst interessierte Besucher bietet Pernambuco interessante Entdeckungen – nicht nur in seiner Hauptstadt. Besonders die überraschend kreative Volkskunst des Interiors ist faszinierend und für viele Besucher ein Grund wiederzukommen, um diesmal – mit mehr Zeit und grösseren Koffern – ein paar Stücke mit in die kalte Heimat nehmen zu können. Und die bescheidenen Preise lassen den Europäer fast beschämt den Kopf senken.
Zu empfehlen ist noch das „Zucker-Museum“ (Museu do Açucar), in der Avenida 17 de Agosto, auf dem Festland. Es zeigt nicht nur die gesamte technische Herstellung des Zuckers, sondern auch die mit ihr verbundene Geschichte, und stellt unter anderem Folterwerkzeuge aus, mit denen aufsässigen Sklaven der erwünschte Arbeitswille anerzogen wurde.
Nach diesem ersten „Pflichtprogramm“ folgt nun die „Kür“, denn Recife ist nicht durch seine historischen Sehenswürdigkeiten so bekannt geworden, sondern vielmehr durch seine fast künstlerische Verquickung von feiern und arbeiten. Hier glaubt man manchmal, die Arbeit sei nur dafür geschaffen, um sich zwischen den Festen auszuruhen!
Und alles, was von dem langweiligen Alltag ablenkt ist willkommen. Die Musik, die öfters mal in den Strassen erklingt, macht den arbeitslosen Landflüchtlingen aus dem „Sertão“ die Misere etwas erträglicher – man kann die Realität für eine Weile vergessen – die Musik entkrampft und nicht selten sieht man jemand bunt kostümiert und mit Schellen behängt, Weltvergessen durch den Mittagsverkehr tanzen.
Die Altstadt um den „Pátio de São Pedro“ ist auch für ein „Eindrücke-Sammel-Programm“ der richtige Einstieg: hinter dem Platz mit seinem Kopfsteinpflaster, den Kunsthandwerksläden und Antiquariaten, beginnt ein Labyrinth von Gassen, voll gestopft mit Marktständen und schreienden Verkäufern davor, feilschenden Kaufinteressenten, Volksmusik aus dem Radio, improvisiertem Gesang und Kindergeschrei.
Hier riecht es nach Fisch, Gemüse, exotischen Gewürzen, Leder, Abfall und Abwasser – dazwischen noch etwas Kräftigeres. Wenn man seine Tasche gut festhält, kann man hier ein Bad in der Menge nehmen. Nach viel Hin und Her, Vor und Zurück, findet man schliesslich die „Markthalle von São José„, das Zentrum diese Viertels – gebaut von demselben Franzosen „Vauthier“, der auch Pernambucos Strassensystem entwickelte. Dem Franzosen schwebten natürlich die „Les Halles“ in Paris vor, wenn er an einen Marktkomplex dachte und so ist dieser auch ausgefallen: eine Eisenkonstruktion, die sehr an die „Halles“ erinnert. Aber sehenswert – innen und auch aussen!
Nach Sonnenuntergang verwandelt sich der „Pátio de São Pedro“ in einen Treffpunkt von Studenten, Künstlern, Intellektuellen und allerlei Jungvolk. Am Wochenende wird die Idylle sogar zum Strassentheater: mit Folkloregruppen, die sich präsentieren, Sambaschulen und Karnevals-Blöcken, die hier „trainieren“ – „Ensaio“ nennen sie das.
Und wenn man den Darstellern und Tänzern eine Weile zuschaut, erkennt man, dass auch so ein ausgelassener „Frevo-Tanz“ erst einmal die furchtbar ernsteste Sache von der Welt ist und viel Konzentration unter dem strengen Blick des Zeremonienmeisters erfordert, bevor sie richtig sitzt. Und wenn sich dann die Verkrampfung löst, wenn die Zuschauer begeistert klatschen, und das kleine Mädchen am Rande der glücklichen Trance dahinschwebt, springt der Funke auch auf den nüchternsten europäischen Besucher über.
Den grössten Strassenkarneval Brasiliens sollte man in Recife oder Olinda erleben – am besten in beiden Städten
Wenn in Rio der „Samba“ den Rhythmus angibt, dann ist es in Recife der „Frevo“! Während in Rio der Karneval bereits gesellschaftliche Formen angenommen hat und immer mehr hinter den, den Touristen vorbehaltenen, Schaubühnen-Mauern verschwindet, erlebt man hier in Recife einen volksnäheren Karneval, direkt auf der Strasse (siehe Beschreibung).
Auch die „Festas Juninas“ sind in Recife besonders erlebenswert! Der Tag des „Santo Antônio“ am 13. Juni, der Tag des „São João“ am 24. Juni, „São Pedro“ und „São Paulo“ am 29. Juni. Sie alle zusammen werden mit den so genannten „Juni-Festlichkeiten“ in ganz Brasilien gefeiert, einen ganzen Monat lang, und die Wurzeln dieser Verehrung gehen zurück bis in die Kolonialzeit. Vermischt mit der katholischen Tradition finden sich indianische und afrikanische Elemente.
Der Zyklus beginnt mit dem Tag des „São José“, am 19. März, historisch gesehen der erste Tag der Maisaussaat und die Maisernte im Juni bildet dann den zentralen Teil der „Juni-Festlichkeiten“. Jetzt wird der in Pernambuco so beliebte „Forró-Volkstanz“ überall präsentiert – angeblich soll der Tanz unter den englischen Gleisarbeitern entstanden sein, die im ganzen Nordosten das Schienennetz verlegt haben.