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Ich komme heute auf Ihr Schreiben vom 17. v. Mts.2 zurück, soweit es sich mit den Fragen befasst, ob die Schweiz im gegebenen Zeitpunkt aus ihrer Neutralität heraustreten sollte, um beim Friedensschluss territoriale oder wirtschaftliche Vorteile zu erwerben. Meine bestimmte Ansicht geht dahin, dass sich die Schweiz mit Rücksicht auf solche zu erfassende Vorteile nicht verführen lassen darf, ihre strikt neutrale Haltung aufzugeben. Ich weiss, dass im Inland und im Ausland gegenteilige Auffassungen vertreten werden. In der Schweiz gibt es, wie überall Chauvinisten und Leute, die einen gewissen Strich ins Grossmannssüchtige haben; andere die es mit Bedauern sehen, wie gerade die Kriegsereignisse die wirtschaftliche Abhängigkeit unseres Vaterlandes in ein grelles Licht gesetzt haben und die es gerne politisch und damit auch wirtschaftlich künftiger sehen würden, um ihm eine vermehrte Unabhängigkeit zu sichern. Den Chauvinisten muss man mit aller Macht entgegenarbeiten, der nüchterne Schweizersinn hat nichts mit Maulheldentum zu tun. Aber auch die ändern sind recht gefährliche Leute; sie überschätzen die Bedeutung einer territorialen Machtvermehrung, die ja im besten Falle nur recht mässig sein würde, und sie unterschätzen die Gefahren, die mit einer auf Machtvermehrung gerichteten Politik verbunden wären. Im Ausland hat man wiederholt Andeutungen gemacht, man könnte wohl der Schweiz beim Friedensschluss fremdes Gebiet angliedern; so hat man auf der einen Seite vom Vorarlberg oder wohl gar Tirol und Vorarlberg, von einem Teil des Elsasses, auf der ändern Seite von Savoyen und dem Pays de Gex sprechen können; dass unter einer bestimmten Eventualität auch eine südliche Grenzberichtigung aktuell werden könnte, ist bekannt. All das sind für mich gefährliche Zukunftsträume! Selbst dann, wenn nicht einmal ein Verlassen der neutralen Richtlinien verbunden wäre und man nur zum Zwecke der Zerstückelung oder Schwächung irgendeiner unserer Nachbarstaaten solches Gebiet anbieten würde, hätte ich Bedenken, auf den Gedanken einzutreten. Man hat es nun erlebt, was es heisst, eine fremde Bevölkerung sich zu assimilieren, und wir wollen nicht vergessen, dass kein Staatswesen weniger assimilationsfähig ist als ein Föderativstaat und noch dazu ein Föderativstaat, der verschiedene Nationalitäten umfasst. Ich bin auch überzeugt, dass wir uns innenpolitisch über die Angliederung eines solchen nur angebotenen Landesteiles gar nicht einigen könnten und dass, wenn sie doch beschlossen würde, ein gefährlicher Zankapfel vorläge. Keine der drei Nationalitäten würde eine Verschiebung des jetzigen Gleichgewichtszustandes zugeben wollen, von den Parteiverschiebungen im engeren Sinn ganz zu schweigen. Vollends verhängnisvoll wäre die Tendenz auf Gebietsvermehrung, wenn damit ein Aufgeben der Neutralitätspolitik verbunden wäre; mit Rücksicht auf die innere Politik, weil von einem einheitlichen nationalen Willen keine Rede wäre und uns eine solche politische Haltung nach aussen, weil wir geradezu um unsere staatliche Existenz kämpfen würden und sie aufs stärkste bedroht erschiene. Nach beiden Richtungen ist der Streit einer Gebiets- und Machtvermehrung das damit verbundene Risiko nicht wert.
Das ist ja (nun) freilich recht nüchterne, zurückhaltende Politik; viele werden sie kleinmütig nennen; sie entspricht aber nach meiner innersten Überzeugung einzig unseren Traditionen, unserer politischen Zusammensetzung, unserer Volkskraft und unserer Mission, die ich in etwas ganz anderem erblicke als in der Rolle eines Zwischengebildes zwischen Klein- und Mittelstaat, der seine Hauptkräfte in der Assimilierung und Verteidigung von Fremdkörpern vergeuden müsste.
Ich freue mich, dass Sie auf dem gleichen Boden stehen: nichts ist gefährlicher als die Megalomania!