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Zur Neufassung von Othmar Schoecks historisch belasteter Oper «Das Schloss Dürande»
Eine nationalsozialistisch «kontaminierte» Oper soll aufgrund ihrer musikalischen Reichtümer mit einem erneuerten Libretto wieder auf die Bühne gebracht werden – doch wie, ohne gleichzeitig die Historie zu verleugnen?
Der Schweizer Komponist Othmar Schoeck tat sich aus heutiger Sicht wahrlich keinen Gefallen, als er sich Ende der 1930er-Jahre auf Anregung des Winterthurer Mäzens Werner Reinhart mit dem badischen Dichter Hermann Burte zusammentat, um eine Oper zu schreiben. Zu allem Überfluss wurde das auf einer Novelle von Joseph von Eichendorff basierende «Schloss Dürande» 1943 an der Staatsoper Berlin und damit im erklärten Leuchtturm der nationalsozialistischen Kulturpolitik uraufgeführt. Das musikalisch herausragende, sprachlich aber unzulängliche und politisch gezeichnete Werk verschwand in der Versenkung.
Anhand von bisher unveröffentlichten Quellen wurde die Geschichte der Oper aufgearbeitet und gleichzeitig dem Werk im Rückgriff auf die Vorlage Eichendorffs und seine Lyrik ein neues Libretto unterlegt. Neben der Gegenüberstellung beider Libretti, die zum eigenen ästhetischen Urteil einlädt, bietet dieses Buch eine ausführliche Dokumentation zum Entstehungs- und Bearbeitungsprozess der Oper.
Ab 8. März 2019: Szenische Erstaufführung der Neufassung, Meininger Staatstheater (10 Aufführungen), Leitung: Philippe Bach
«Über siebzig Jahre danach begann in der Schweiz ein Rettungsversuch. Ein Nationalfondsprojekt an der Berner Hochschule der Künste unter der Leitung von Thomas Gartmann mündete in eine ‹interpretierende Restaurierung›. Darin versuchte der Schriftsteller Francesco Micieli eine Dekontaminierung, indem er die peinlichsten Stellen von Burtes Libretto durch Rückgriffe auf Eichendorffs Novelle und einige von dessen Gedichten ersetzte. Der Dirigent Mario Venzago passte Schoecks Partitur der veränderten Textvorlage an und nahm an einigen Stellen, wo er die Musik zu emphatisch fand, auch substanzielle Veränderungen vor. Sosehr man die Absicht der Restauratoren, eine Fassung herzustellen, die Schoeck ‹eigentlich› gewollt habe, anerkennen muss, so sehr bleibt eine solche ‹interpretierende Restaurierung› doch spekulativ und damit letztlich willkürlich.»
«Der von Gartmann herausgegebene Werkstatt-Band ‹Zurück zu Eichendorff!› dokumentiert zum einen die Arbeit an dieser Neulibrettierung, die aufgrund der engen Verzahnung von Text und Musik kompositorische Anpassungen notwendig machte, die von Mario Venzago, dem Chefdirigenten des Berner Symphonieorchesters, vorgenommen wurden. Zum anderen enthält die Publikation eine zu grossen Teilen aus Korrespondenz bestehende Quellensammlung, die vertiefte Einblicke in den Entstehungsprozess der Oper ermöglicht.»
«Tatsächlich ist die Geschichte der Oper ebenso spannend wie die Oper selbst, [...] nachzulesen in dem von Thomas Gartmann herausgegebenen Band Zurück zu Eichendorff!, der die Entstehung der Neufassung akribisch dokumentiert. [...] In der konzertanten Aufführung von Konzert Theater Bern hing alles von der Überzeugungskraft der Ausführenden ab. Ganz pauschal gesagt: Sie boten – Solistinnen und Solisten, Chor und Orchester – eine grossartige Leistung.»
«The new libretto has also been published in book form by Chronos Verlag (Zurück zu Eichendorff!, ed. Thomas Gartmann), along with a rigorous scholarly apparatus documenting the history of the opera and its ‘decontamination’ process. As a case of objective engagement with a problematic work from a problematic time, it is without parallel in contemporary music scholarship. There is no whitewash here – instead, all the dirty linen of Schoeck, Burte and Reinhart is put on display. All the pros and cons of the project are aired openly in the book, as are the frequent quandaries (literary, musical and moral) of the participants in the process.»
«‹Das Schloss Dürande›: Das Berner Symphonieorchester präsentiert Othmar Schoecks Oper in einer entnazifizierten Fassung. [...] Was bleibt, ist ein Triumph für alle Beteiligten. Und für Schoeck, dessen stigmatisierte Oper hier einen ersten Befreiungsschlag erlebt.»
«Auf dem Prüfstand der konzertanten Berner Aufführung unter dem Dirigenten Mario Venzago war also die Musik. Dass Schoeck ein exzellenter Instrumentator war, bewahrheitet sich auch hier, es gibt viele klangsinnliche Momente; raffiniert etwa das Orchesterklavier und der Einsatz der Holzbläser. Vor allem in den lyrischen Teilen, die Micieli durch Verwendung von Eichendorff-Gedichten stärkte, blühte die Musik auf und öffnete sich in eine traumhafte Weite. Hier brillierte auch das Liebespaar, der hell timbrierte Tenor von Uwe Stickert als Armand und die nuanciert und beseelt singende Sopranistin Sophie Gordeladze als Gabriele.»
«Nun also der Versuch, ‹Das Schloss Dürande› im Rahmen eines Nationalfonds-Projekts wiederzubeleben, um die musikalischen Qualitäten Schoecks zu retten. Es war ein Mammut-Unterfangen, das fünf Jahre in Anspruch nahm, eine konstruktive Zusammenarbeit von Kunst und Wissenschaft, die das Risiko nicht scheute. Das Zepter führte der Musikologe Thomas Gartmann, Leiter der Forschungsabteilung der Hochschule der Künste Bern, der dazu ein erhellendes dokumentarisches Buch herausgab (‹Zurück zu Eichendorff!›, Verlag Chronos). [...] Das Resultat dieses aufwendigen und neuartigen ‹künstlerischen Forschungsprojekts› kann sich hören lassen, eine szenische Umsetzung von ‹Schloss Dürande› ist im Theater Meiningen geplant.»
«Das Berner Symphonieorchester unter der Leitung Venzagos, der Chor von Konzert Theater Bern und eine ganze Reihe exzellenter Solistinnen und Solisten (in kleineren Rollen auch aus den Reihen des Chores) füllen den Bühnenraum bis weit in hintere Höhen. Musik und Geschichte erzeugen auch ohne szenische Umsetzung einen suggestiven Sog, dem man sich kaum entziehen kann. [...] Die Absicht des Projektes mag musikhistorisch motiviert gewesen sein. Das Resultat ist allerdings ein anderes: Es erinnert ein wenig an auch schon wieder etwas der Aktualität entglittene postmoderne Verfahren der Intertextualität.»
«Am Ende verlässt man das Theater in dem Bewusstsein, dass der Musik hier beileibe kein verkanntes Meisterwerk wiedergegeben wurde – gleichwohl eines, über das sich weiter nachzudenken lohnt.»
«So machten sie sich denn an die Arbeit: das von Thomas Gartmann gesteuerte Forschungsteam, das in aller Sorgfalt das Umfeld von Schoecks Oper erkundete und dazu zwei hochinteressante, ungemein informative Buchpublikationen vorlegte, der Berner Schriftsteller Francesco Micieli, der das neue Libretto verfasste, und Mario Venzago, der die monumentale Partitur Schoecks, zu der übrigens Anton Webern den Klavierauszug hergestellt hat, den neuen textlichen Gegebenheiten anpasste. [...] In dieser dergestalt entstandenen Neufassung ist ‹Das Schloss Dürande› von Othmar Schoeck von Konzert-Theater Bern in zwei konzertanten Aufführungen zur Diskussion gestellt worden. Ein riesiges Unterfangen, sichtbar allein schon im Aufbau über dem verdeckten Orchestergraben bis tief in die Bühne des Berner Stadttheaters hinein: Raum für die nicht weniger als zwanzig Vokalsolisten, für den (von Zsolt Czetner vorbereiteten) Chor von Konzert-Theater Bern, das Berner Symphonieorchester sowie den von seiner Mission zutiefst durchdrungenen, am Ende der Aufführung glücklich erschöpften Dirigenten Mario Venzago. Und ein zutiefst berührender Abend, weil hier eine grosse Gruppe von Menschen zusammenfand, um einem darniederliegenden Kunstwerk auf die Beine zu helfen. [...] Einschränkungslos erfolgreich erscheint der Versuch Francesco Micielis, die Übersteuerungen Burtes zu dämpfen, indem der Bearbeiter den Fluss der direkten Rede mit beobachtenden, reflektierenden Einwürfen durchsetzt.»
«Othmar Schoecks Oper ‹Das Schloss Dürande› wurde 1943 in Berlin uraufgeführt. Das mit Blut-und-Boden-Pathos getränkte Libretto des Dichters Hermann Burte macht die Oper heute unaufführbar. Im Rahmen eines mehrjährigen aufwendigen Nationalfonds-Projekts haben Berner Musikforscher den Versuch gewagt, die Oper zu ‹dekontaminieren›. Mit Erfolg. [...] Doch es bleibt die grundsätzliche Frage: Darf man das? Setzt man sich durch solche postumen Eingriffe in Text und Musik nicht selbst dem Vorwurf der Geschichtsfälschung aus? Er sei sich dieser Frage stets bewusst gewesen. Doch es gehe hier nicht um eine historische Weisswäscherei, so Micieli, sondern um die Herstellung eines wieder aufführbaren Librettos. [...] Der aufwendige Bearbeitungsprozess, der in einer umfangreichen Publikation dokumentiert ist, habe sich gelohnt, sind sich die Beteiligten einig.»
«Die Koproduktion der Hochschule der Künste mit Konzert Theater Bern setzt ein Zeichen. Der Erfolg der Premiere motiviert. Zwar gibt es Schoecks Oper vorerst nur halb. Das heisst, zu sehen gibt es nichts. Kein Bühnenbild, keine Kostüme, kein Rollenspiel. Dadurch wird das Verständnis der deutschsprachigen Handlung – trotz Übertitelung – erschwert. Wie intonations- und ausdruckssicher sich die Sängerinnen und Sänger durch das hochexpressive, zuweilen sperrige Text - Klang - Labyrinth schlagen, ist phänomenal.»
«Dass Burtes Text und Schoecks Musik einander nicht ebenbürtig sind, hat es einem Forschungsteam der Hochschule der Künste Bern erleichtert, dieses Libretto zu überarbeiten und es stärker der Originalvorlage anzunähern, einer Erzählung von Joseph von Eichendorff. Francesco Micieli hat von Burte reichlich eingestreutes Nazivokabular ersetzt, Venzago die musikalischen Anpassungen vorgenommen. Das ganze Projekt ist in einem Buch dokumentiert.»
«Dem gesamten Buch merkt man die Leidenschaft, Gewissenhaftigkeit und Unbeirrbarkeit der Mitarbeiter am Projekt Rettung von Schloss Dürande immer wieder an [...], an der Spitze der Librettist Francesco Micieli. Aber sie verschließen sich auch nicht Zweifeln und Einwänden, die von außen oder aus ihnen selbst kommen. [...] Die Etappen des Arbeitsprozesses an der Oper werden nachvollziehbar gemacht, dazu tragen auch Notenbeispiele bei [...]. Das Buch verspricht auf den ersten Blick nicht die spannende und anregende Lektüre, als die es sich dann schließlich zur Freude und zur Bereicherung des Lesers entpuppt.»
«Mit Emphase begrüßt das Berner Publikum dieses einst so umstrittene Werk ihres großen Landsmannes Schoeck und zollt den Mitwirkenden herzlichen Beifall. Auf die szenische Realisierung des Schloß Dürande in Meinigen 2019 darf man gespannt sein.»