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Vor kurzem ist die Restauration der Sgraffitomalerei an der Seefassade des Hauses «Zur Wellingtonia» an der Luftstrasse 34 abgeschlossen worden. Dies soll Anlass sein, der Geschichte des Hauses und seiner Besitzer sowie der Entstehung des in unserer Gegend wenig verbreiteten Fassadenschmucks in Sgraffito-Technik nachzugehen.
Als Erbauer des Hauses «Zur Wellingtonia», das mit seinen wohlausgewogenen Proportionen im äussersten Luftquartier einen markanten Akzent setzt, erscheint in den im Staatsarchiv Zürich aufbewahrten Grundprotokollen der Kirchenpfleger Heinrich Steffan. Er erwarb am 23. März 1747 von Heinrich Kunz «bei der Zehntentrotte» eine an die Wege und die Landstrasse grenzende ältere geteilte Behausung samt Matten, Acker- und Rebland (Bd. 6, S.136).
Auf dem Rebgrundstück erstellte er später einen Neubau. Dieser wird 1774 (Bd. 11, S. 850) wie folgt beschrieben: «Eine neue Behausung samt Schopf und Schmitten daran, item Garten und Matten mit einem Waschhaus darin, alles beieinander, «bei der Zehntentrotte» genannt. Stösst an die Landstrasse (vor dem Bau der Seestrasse in den 1830er Jahren war die heutige Luftstrasse ein Teilstück der Hauptstrasse Zürich-Chur!), an die Schlossmatte, an den Fussweg und an den offenen Platz bei Niklaus Meyers Behausung». Nachdem sich das Baujahr des Hauses aus den Grundprotokollen zwischen die Jahre 1747 und 1774 eingrenzen lässt, dürfte erwiesen sein, dass der mit 1752 datierte hellgrüne Kachelofen in der Stube im ersten Stock aus der Bauzeit stammt, das Haus also um 1750 entstanden ist. Der Ofen ist übrigens das Werk berühmter Hafner: von Caspar und Matthias Nehracher aus Stäfa. Auch der Maler einer eingesetzten weissblauen Kachel mit Datum und Meisternachweis ist bekannt. Es handelt sich um den Wädenswiler Johann Jakob Hoffmann. Von ihm ist eine mit 1771 datierte Ansicht des Dorfes Wädenswil vom See her erhalten. Darauf ist auch das äussere Luftquartier abgebildet, mit dem an seiner zweiläufigen Freitreppe an der seeseitigen Giebelfront gut erkennbaren Haus «Wellingtonia».
Im Jahre 1782 teilten die drei Söhne von Hauptmann Heinrich Steffan nach dem Tode ihres Vaters den elterlichen Besitz. Sie kauften ihre sechs Schwestern und Schwesterkinder aus und vereinbarten dann folgende Teilung: Hauptmann und Landrichter Hans Conrad Steffan erhielt das Haus an der Leigass, Leutnant Hans Jakob Stefan «ein Haus mit Gerbi darunter» vorhalb dem Rothaus, und der Geschworene Heinrich Steffan übernahm das Haus im äusseren Luft oder «bei der Zehntentrotte», wie man damals zu lokalisieren pflegte. Denn die in der Nähe gelegene Zehntentrotte der Landvogtei Wädenswil (anstelle des heutigen Hauses «Wasserfels») war jedermann bekannt. Zum Erbteil Heinrich Steffans gehörten aber auch die benachbarte Altliegenschaft (anstelle des heutigen Parkplatzes auf der Nordwestseite), eine oberhalb des Neubaus gelegene Scheune mit Trotte darin, ferner eineinhalb Jucharten Reben im äusseren Letten (in der Gegend der heutigen Alterssiedlung «Bin Rääbe»).
Wädenswil im Jahre 1771. Links aussen das Haus «Wellingtonia»
Nach Heinrich Steffan wurde dessen Sohn Besitzer der Liegenschaften. Am 3. Februar 1825 verkaufte alt Gemeinderat Rudolf Steffan «an der Luftgasse im Dorf Wädensweil» seinen Besitz dem Hauptmann Jakob Wild aus der Eidmatt (Bd. 19, S. 637). Zum Haus Wellingtonia gehörten damals ein angebauter Schopf mit Schmiede, ein Garten vorhalb des Hauses mit einem Waschhaus darin, ein Mattenstück mit Scheune und Trotte., eineinhalb Jucharten Reben im äusseren Letten, eine Matte mit Scheune im äusseren Rothaus sowie die ursprüngliche Altliegenschaft der Steffan. Im Kauf, der auf den 1. Mai 1825 in Kraft trat, war auch die Fahrhabe eingeschlossen: Vieh, Heu und Stroh, drei Obstkästen, eine Backmulde, eine Mehlwaage, eine Salzwaage samt Gewichten, eine Zentnerwaage, zwei Betten, Brennereigeschirr, mit Eisenreifen gebundene Fässer, Standen-, Wein- und Träschtansen, ein Wägeli sowie je eine «Stoss-, Trag- und Sandbäre» (Karretten). Wie die Steffan zählten auch die Wild zu den angesehenen Geschlechtern in Wädenswil und bekleideten wie diese öffentliche Ämter. Ein Sohn von Jakob Wild – Heinrich – wurde Pfarrer in Hirzel; Felix Wild (1809-1889) war Verwalter des Klosters Rheinau und der Statthalterei Mammern, von 1839-1869 Regierungsrat von 1874-1879 Gemeindepräsident von Wädenswil. Dieser Felix Wild übernahm die Liegenschaft im äusseren Luft im Jahre 1869 aus dem väterlichen Erbe. Sie bestand damals aus einem Wohnhaus mit Anbau, einem Waschhaus, einem Garten, einem Stück Matten vorhalb (nachmaliger Bauplatz der Obst- und Weingenossenschaft) und aus zwei Vierling Reben im äusseren Letten. die Nachkommen des am 3. Mai 1889 verstorbenen alt Regierungsrates Felix Wild veräusserten ihren ererbten Besitz anfangs August 1889 dem Metzger Heinrich Kunz in Wädenswil. Ob der Hausname «Wellingtonia» noch von Felix Wild oder erst von Heinrich Kunz gewählt worden ist, bleibt unsicher. In den Grundbuchprotokollen erscheint er erstmals am 30. Juni 1913, und zwar als «Wellingtona». Nun wird ausser dem Wohnhaus ein «Wohnhausanbau mit Zinne» erwähnt. Die Sgraffitomalerei
Hohe Baukünstlerische Bedeutung hat das Haus heute besonders wegen der einzigartigen Sgraffitomalerei auf der Nordfassade. Eine Datierung zwischen zwei Fenstern im Giebelfeld besagt, dass dieser Schmuck im Jahre 1881 entstanden ist. Der Präsident der Denkmalpflege-Kommission des Kantons Zürich, Dr. Hans A. Lüthi, hat dieses klassizistische Dekorationselement in einem Gutachten vom 25. November 1977 folgendermassen gewürdigt:
«Es herrschen unten vertikale Felder mit Girlanden, Medaillons mit Frauenbüsten und nackten Früchteträger vor, während zwischen den Fenstern des zweiten Stocks gerahmte antikisierende Landschaften, umgeben von Girlanden und Putten, zu sehen sind. Putten tragen im Giebelfeld auch die schweren Girlanden zu beiden Seiten der Fenster. Unter den Fenstern befinden sich liegende Felder, im ersten Stock mit heraldisch angeordneten Drachen und im zweiten Stock mit Medaillons mit Frauenköpfen im Profil, gehalten von nackten Figuren , die sich aus den Girlanden heraus entwickeln. Die Jahrzahl 1926 zwischen dem Hochparterre und dem ersten Stock weist auf eine Erneuerung des Sgraffito-Verputzes hin.
Die Scraffito-Technik ist in der Schweiz besonders in Graubünden ausgeübt worden, ganz speziell im Engadin und Bergell. Die Technik wurde aus Italien überliefert, wo sie im 16. Jahrhundert – zur Zeit der Hochblüte der Renaissance – einen Höhepunkt in künstlerischer und auch technischer Hinsicht erlebte. Im Kanton Zürich können drei Parallelen genannt werden. An der Nordfassade der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich trug im Jahre 1863 Adolf Wilhelm Walter einen Sgraffito-Schmuck nach Entwürfen des Architekten Gottfried Semper auf; auch dort bestimmten Girlanden und Putten die Dekoration. Mit Sgraffito haben auch Semper seinen Bau der ETH-Sternwarte (1861-1864) und Joseph Bösch die Fassade gegen die Stadthausstrasse des Winterthurer Rathauses (1872-1874) verziert.
Damit können wir die Fassade des Hauses «Zur Wellingtonia» in die Semper’sche Bauschule einordnen, die europäische Bedeutung genossen hat.» Soweit der Bericht des Kunsthistorikers Hans A. Lüthi.
Die mit Sgraffitomalerei verzierte Fassade des Hauses «Wellingtonia»
Weshalb kam man gerade dazu, das Haus Wellingtonia mit solch eher seltenem Fassadenschmuck zu zieren? Schriftstücke, welche diese Frage eindeutig beantworten liessen, konnten bis heute nicht gefunden werden. Eine Vermutung drängt sich jedoch auf. Die Sgraffito-Malerei wurde zu der Zeit angebracht, als sich die Liegenschaft im Besitz von alt Regierungsrat und alt Gemeindepräsident Felix Wild befand. Als Regierungsrat hatte Wild möglicherweise auch Kontakt mit Semper. Im weiteren ist darauf hinzuweisen, dass ein Verwandter von Felix Wild – der durch seine topografische Karte des Kantons Zürich bekanntgewordene Johannes Wild (1814-1894) – von 1855 bis 1889 als Professor für Topographie und Geodäsie an der ETH in Zürich wirkte, an der gleichen Lehranstalt, deren Bauschule unter der Leitung von Gottfried Semper stand. Dass sich die beiden Hochschuldozenten gekannt haben, ist wohl kaum von der Hand zu weisen. Vielleicht könnten auch diese Kontakte zu Felix Wild und damit zu den Sgraffito-Malereien am Haus zur Wellingtonia geführt haben.
Wie dem auch sei, die wertvolle Sgraffito-Malerei ist von kantonaler Bedeutung. Deshalb hat der Regierungsrat in seiner Sitzung vom 31. Januar 1979 für die fachgerechte Restaurierung durch W. Könz in Zürich einen Kredit von 50 000 Franken zulasten des Fonds zur Finanzierung von Massnahmen im Interesse des Natur- und Heimatschutzes bewilligt. Diese Beitragsleistung wurde verbunden mit der Auflage, im Grundbuch folgende Dienstbarkeit einzutragen:
«Der jeweilige Eigentümer des Gebäudes Vers.-Nr. 176, Haus Zur Wellingtonia, Luftstrasse 34, Wädenswil, darf an dieser Liegenschaft ohne vorgängige Zustimmung der Direktion der öffentlichen Bauten des Kantons Zürich keine baulichen Veränderungen im Innern und am Äusseren vornehmen und keine Unterhaltsarbeiten ausführen, welche die äussere Wirkung des Gebäudes berühren. Das Gebäude darf nicht abgebrochen werden.»
Mit dieser Massnahme konnte in Wädenswil nicht nur ein gut proportioniertes altes Gebäude restauriert, sondern mit den Sgraffito-Malereien gleichzeitig eine kunstgeschichtliche Kostbarkeit vor dem Verfall bewahrt werden, worauf die heutigen Eigentümer der Liegenschaft mit Recht stolz sein dürfen.
Restaurator W. Könz an der Arbeit.
Restaurieren verlangt viel Geduld und grosses handwerkliches Können.
Peter Ziegler