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An Hans B., 14. Februar 1997, Mesa, Arizone, USA
Ich bin gestern Abend hier angekommen - hier heisst in Mesa, einer Stadt in der Nähe von Fönix, Arizona. Eine ältere Dame - ehemalige Bibliothekarin, Schauspielerin und Schriftstellerin - hat mich am Bus abgeholt. Ich wollte meine fast 40-stündige Bussfahrt von Houston, Texas, nach San Diego, Kalifornien, irgendwo in der Mitte unterbrechen und habe mich deshalb zwei Tage vorher mit Margrit in Verbindung gesetzt. Margrit ist ein Mitglied von "Servas", einer Organisation von und für Menschen, die gerne Reisen oder gerne Reisende bei sich zu Besuch haben.
Nach einem gemütlichen Morgen mit ausgiebigem Frühstück und diversen Gesprächen sass ich eine Weile in ihrem Gärtchen an der Sonne, bis diese - Mitte Februar! - zu warm wurde. Irgendwann kam eine Tochter von Margrit mit drei von ihren fünf Kindern -, drei süsse Wesen, wirklich! wir hatten eine schöne Stunde miteinander. Jetzt sind sie alle wieder weg, und ich rieche das Nachtessen. Also. Eigentlich ein ganz schöner, friedlicher Tag. Um 10 Uhr abends fährt mein Bus und morgen früh bin ich in San Diego.
Zuvor war ich ... oje! In New York State (zwei Zugstunden nördlich von New City), in New York City, in Tennessee (in der schwulen Landkommune) und in Houston. Die Menschen in New York State und die Menschen in Houston kenne ich direkt und indirekt durch die Ecole; von dort kenne ich auch die Frau in San Diego, bei der ich morgen sein werde.
Klingt es Dir spannend? Beneidenswett? - Nun ja: "Dr Hans Dampf im Schenokeloch het alles, was er will, und was er het, das will er nid, und was er will, das het er nid! Dr Hans Dampf im Schnokeloch ..." - Du kennst das Lied und vielleicht auch das Problem dahinter! - Wirklich? Was tue ich hier? Weshalb verbringe ich meine Zeit mit irgendwelchen fremden Leuten, wenn ich jetzt bei Dir in Mosseedorf sein und mit Dir über die Selbsthilfe klönen oder von irgend einem holden weiblichen (oder männlichen) Wesen schwärmen könnte! Habe ich nicht alles zu Hause, was mich froh und glücklich macht? ...
Ich sage Dir. Sei Du froh, dass Du bei Dir in Deinem Zimmer oder Büro bist und nicht, wie ich, durch die grosse weite Welt reisen musst! Was trifft man da schon an? Ein paar nette Leute, ganz ähnlich wie zu Hause, wenn's hoch kommt. Viel arme und obdachlose Menschen in New York City und auf den Bussbahnhöfen zwischen dort und hier. Ein paar mehr oder weniger interessante schwule Männer - nicht interessanter und nicht uninteressanter als die, die ich in der Schweiz treffen könnte - auf Boldern oder ...
Nein. Das stimmt natürlich nicht, denn eine solche Kommune, wie dort in Tennessee, gibt's in unserem alten Europa meines Wissens nicht. Ein dutzend oder mehr schwule Männer, ein paar Ziegen und Hühner, die dort - total im Gjätt usse! - miteinander leben und wirtschaften, streiten und Liebe machen. Das ist schon etwas ziemlich besonderes! Nur: Ist es das, was ich - was mein altes Herze sucht?
Als ich heute nach dem (späten) Frühstück im Liegestuhl meiner gastlichen Schauspielerin in der Sonne lag, habe ich u.a. an Dich gedacht! Wirklich: Es braucht schon Einiges, bis ich mich mit einem Menschen so vertraut fühle wie mit Dir! Da helfen tausend Begegnungen auf tausend Strassen und in tausend Bussen nicht! Du bist nicht so leicht ersetzbar! Nur eben: Ich habe mich ja aus dem Staube gemacht -, bin weggerannt von good old Switzerland! Wollte Dich und die ganze Vertrautheit der alten Welt nicht mehr! Und jetzt sitze ich da und weiss nicht, was ich will!
O Herz, o Herz, du gingest aus ein Wunder was zu finden
und spürest jetzt, wie tausend Bande an Zuhaus dich binden!
(Originaldichtung von Herr Dr. Näf!)
18. Februar - vier Tage später: Es rinnt die Zeit uns zwischen unsern Fingern,
und des Lebens Spanne tuet sich verringern!
Schon höre ich des alten Schnitters Sense sausen,
und es erfasset mich ein leises Grausen:
Es ist uns unser Leben
nur auf bestimmte Zeit gegeben,
dann löscht die Flamme aus,
und wir sind erneut zuhaus!
(Nochmalige Originaldichtung zur Feier des Tages angefertigt von unserem Herrn Dr.M.Näf!)
Der Dichterkönig ist also wieder vier Tage älter und weitere 1000 KM westlich.
Ich bin vor drei Tagen hier in San Diego angekommen. Cathrin, die (Ex)-Frau von Frank Wolff, wohnt hier - 50 Meter vom Pazifischen Ozean entfernt. Der Sandstrand beginnt sozusagen unmittelbar hinter ihrem Haus! Der Stadtteil von San Diego, in welchem sie wohnt (Ocean Beach) gilt als eine Art Hippy-Quartier: Toll gelegen, doch nicht unbedingt nur stinkreich. Daran hat sich in den letzten 10 Jahren - damals war ich zum ersten Mal hier - nicht viel geändert. Noch immer hat das Quartier einen sehr dörflichen, gemütlichen Charakter; noch immer ist der Strand - er gilt als erstklassiges Gelände für alle Arten von Surfern! - nicht sehr kommerzialisiert ... Zu dieser phänomenalen Wohnlage kommt das ausgesprochen sympathische Wetter, für welches San Diego (im südlichen Kalifornien gelegen) berühmt ist: Milde Temperaturen; viel Sonne. Im Winter nie wirklich kalt, im Sommer nie sau heiss! Man kann eigentlich immer oder doch sehr häufig draussen sein ohne sich wie ein Tedybär anziehen zu müssen und ohne vor Hitze ganz unbrauchbar zu sein. Im Gegensatz zu vielen andern Orten der südlichen USA gehört die Klimaanlage hier nicht zur Standartausrüstung aller Häuser oder Autos! Man überlebt die Sommer auch ohne diesen energiefressenden Luxus.
Äusserlich gesehen geht es mir also wirklich rund um gut. Innerlich bin ich aber noch am Suchen nach dem, was ich hier eigentlich will -, nach dem, was mich von zuhause weggelockt hat. Es hat noch nicht richtig klick gemacht in mir drin -, ja oft finde ich die ganze Sache eher langweilig. Ich habe immerhin gemerkt, dass ich keine besondere Lust auf mehr Herumreisen, mehr äussere Abenteuer habe. Vor allem das Alleine Reisen empfand ich diesmal mehrheitlich als ziemlich unattraktiv. Vielleicht wenn jemand dabei wäre -, ja dann würde ich vielleicht tatsächlich noch in Richtung Mexico oder sonst wohin fahren, doch so - alleine - kann ich gut darauf verzichten. Bedeutend mehr Lust habe ich dagegen auf "innere Abenteuer" -, auf eine Reise nach Innen, wenn Du so willst. Ich denke zur Zeit immer wieder daran, mich irgendwo für vier oder sechs Wochen einzunisten, um in Ruhe lesen und schreiben zu können. Ob dabei wirklich etwas herauskommt und ob das der verborgene, eigentliche Zweck meiner Reise ist, weiss ich jetzt noch nicht, doch es könnte sein. Ich weiss auch noch nicht, ob San Diego der Ort für dieses Einnisten sein könnte oder ob ich nicht lieber weiter fahre - vielleicht nach Ohai, ca. drei Stunden nördlich von hier. Dort gibt es ein Krishna Murti Zentrum, das sich selbst als Ort der Einkehr, der ruhigen inneren Arbeit versteht. Es gibt dort zwei Mal am Tag zu Essen, dazu hie und da einen Vortrag oder eine Gesprächsrunde, sowie eine Bibliothek. Ich kenne einen der Mitbegründer dieses Zentrums und - ja - ich hätte eigentlich Lust, es dort zu versuchen - mit mir und ein paar Büchern und diesem kleinen Schwätzi, auf welchem ich jetzt schreibe ...
Nun. Es eilt nicht. Vorläufig bin ich hier, und das Krishna Murti Zentrum wird mir nicht weglaufen! Ob ich tatsächlich irgendwann noch in San Francisco sein werde, um mich im Eldorado der Schwulen zu suhlen weiss ich nicht. Vorläufig lockt mich die Stadt nicht besonders und auch von meiner Fixiertheit auf die schwule Welt, das Weiterentwickeln meines Liebeskörpers und so weiter bin ich im Laufe der letzten Wochen etwas abgekommen!
So. Jetzt werde ich noch ein wenig Flöteln. Vermutlich werde ich bald abgeholt ... Morgen will ich mich mal erkundigen, wo ich diesen und andere Briefe ausdrucken kann. Für jetzt leb wohl, du Blumenkohl!
Ojai, Kalifornien, 4. März 1997, Diensttag Nachmittag: Ich bin also tatsächlich weitergefahren an den stillen Ort von dem ich vor ein paar Wochen geschrieben habe. Ich kam vorgestern hier an und bis jetzt scheint es, dass ich die richtige Wahl getroffen habe: Es ist ruhig hier, ohne einsam zu sein. Ich habe ein gemütliches Zimmer mit Bad und Küche in einem der vier Cottiges des Ojai Instituts. Das Hauptgebäude ist hundert Meter entfernt. Dort gibt's eine Küche, eine Bibliothek und einen sehr gemütlichen aufenthalts- und Speisesaal mit einem ... rate mal! - Flügel -, einem richtigen, sehr guten Flügel, den ich tagsüber ziemlich unbehindert benützen kann!
Für Frühstück und Abendessen ist gesorgt, wobei der Betrieb so persönlich und informell ist, dass jeder, der Lust hat, beim Kochen und Aufräumen mithelfen kann. Die Atmosphäre hier ist sehr familiär -, dies wohl umso mehr, als zur Zeit nur relativ wenig eigentliche Gäste da sind. Die meisten Menschen, die ich bis jetzt getroffen habe, leben irgendwie hier - zumindest vorübergehend. Tja. So wäre also alles gut. Sogar ein eigenes Telefon habe ich (Tel.: 001 805 646 25 20) und einen Tisch mit zwei Stühlen vor meinem Häuschen. Die Sonne scheint und die Luft ist voll mit Vogelgezwitscher und Blättergerausche. Der Lärm des Verkehrs, der vom Tal herauf zu uns dringt, stört nicht besonders, und die alte Sonne ist weder zu heiss noch zu kalt! Also alles wunderbar! Es wird sich jetzt zeigen, ob ich wirklich bereit bin zu der "inneren Reise", dem Schreiben und Nachdenken, von dem ich weiter oben geschrieben habe!
Ich habe vor, bis Anfang April hier zu bleiben. Dann werde ich weiter in Richtung Norden fahren: San Francisco und, danach, Oregon. Es gibt dort oben ein paar Leute - eigene Freunde und Freunde von Freunden - die ich gerne besuchen will. Danach - ab Mai - ... on verra! Ich habe eine total spannende Idee, was dann passieren soll, aber davon werde ich Dir schreiben, wenn es so weit ist!
Tja Du. Hier in Ojai habe ich endlich auch die Infrastruktur, die ich zum Ausdrucken und Versenden meiner Post brauche. In San Diego schien das alles zu kompliziert und ich hatte so viel anderes zu tun, dass ich mich gar nicht mehr darum gekümmert habe. Zu der hiesigen "Infrastruktur" gehört auch der Vorleser, den ich mir hier leiste, und den ich Heute Abend zum ersten Mal treffe. Ich hoffe, mit ihm gewisse Dinge auf dem Internet tun zu können; im Übrigen ist er wohl der Mensch, der meine Briefe und Päckchen auf die Post bringen und mich in die Bibliothek des Instituts einführen kann ... Alles Dinge, die ohne Hilfe nicht gehen!
Sodele! Boli, Du altes Haus! Jetzt habe ich so viel von mir erzählt! Jetzt bist Du an der Reihe, wenn Du magst! Sag mir doch, wie es Dir so geht. Was macht die Arbeit und was macht die Liebe? Gibt's irgendwelche Durchbrüche ... Bist Du, was die Arbeit angeht, noch immer so unzufrieden wie vor drei oder vier Monaten? Und die Liebe! Gott! Es wäre wirklich toll, wenn der Frühling auch einmal in Deinem Leben Station machen würde! Du hast es wirklich verdient! Durchbrüche, Änderungen -, das wünsche ich Dir von Herzen! Ich wünsche es Dir und zwar nicht für irgendeine unbestimmte Zukunft, sondern für jetzt, für heute und morgen!
Ich schicke Dir viele viele liebe Grüsse und einen Korb voller guter Wünsche! Wenn Du einmal mit Sabin(e) sprichst, gib ihr bitte von den Grüssen und Wünschen ein wenig ab, und auch sonst, wenn Dir wer begegnet, den ich kenne! Lass Dich nicht unterkriegen, Du altes Haus! Du bist ein wunderbarer Mensch, wie Olga, unser südamerikanisches Original, sagen würde! Ach ja! Olga! Sie hat mich gefragt, ob ich beim Vorbereiten des Nachtessens helfen würde. Da die eigentlich Köchin des Institutes krank ist, hat sie es übernommen, für uns zu kochen! Olga, eine Frau aus Venezuela mit österreichisch-tschechischem Hintergrund, Deutsch, Spanisch und Englisch sprechend, eine Heilerin und Journalistin, die mich bereits an irgendeine Talkshow mitschleppen wollte, damit ich von meinem wunderbaren Leben erzähle ... so geht das hier! Spannende Menschen, soweit ich bis jetzt sagen kann.
Also. Jetzt ist wirklich Schluss! Ich freue mich, Dich irgendwann im Herbst wieder zu sehen! Vielleicht schreibe ich bis dann noch einmal -, aber rechne nicht damit! Pass gut auf Dich auf und, wie gesagt, lass Dich nicht unterkriegen, Du wunderbarer Mensch!!!