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Eine so persönliche wie vage Erinnerung an eine wilde Nacht im Puschlav mit dem am 5. April verstorbenen Free-Jazz-Pionier.
Als ich Cecil Taylor* zum ersten Mal sah – Mitte der neunziger Jahre in Wuppertal, glaube ich –, sass ich in der ersten Reihe, vier Meter vom Pianisten entfernt. Ein hart angeschlagener Akkord – Stille. Noch ein Akkord – Stille. Dann raste er los. Jugend braucht Katharsis, Cecil Taylors Free Jazz bot jede Menge davon. Seine Schallplatten zu hören, bedeutete immer eine – wenn auch lohnenswerte – Anstrengung. Aber live? Aber hallo! Schnell war Taylor schweissnass, er liess seine spärlichen Dreadlocks fliegen und bespritzte mich und die Leute um mich herum mit Schweiss und irrsinniger Musik. Wir waren nach dem Auftritt ebenso geschafft wie Taylor. Richtig geschafft aber hat mich Taylor, als ich ihn das zweite Mal erlebte.
Nicht ausgeweint
«Soll ich dich Cecil Taylor vorstellen?», hatte mich die weltreisende Experimentaldichterin Trudy Morse gefragt, im Frühjahr 1999 am ersten Uncool-Jazz-Festival in Poschiavo. Doch wie sollte das aussehen? Hallo, Gott, das ist Armin, hallo, Armin, das ist Gott?
«Komm mit hinter die Bühne», sagte Morse, «setz dich zu den anderen auf den Boden und warte.» Taylor, Pianist, höchst bedeutsamer Free-Jazz-Pionier, sass auf einem Sessel, umzirkelt von kauernden LauscherInnen. O Gott, was sollte ich bloss sagen, wenn er das Wort an mich richtet? Ich hatte im Fernsehen gesehen, wie Taylor in seinem seltsam synkopierten Singsang einen Rockjournalisten herunterputzte: «What do you meeeeeeeaaan, do we have NOTES?» Ich fürchtete mich, was hatte ich hier verloren?
Zudem war ich ja gar nicht in der Verfassung, das alles hier zu geniessen. Ich hatte mich noch nicht genug ausgeweint nach dem Ende einer verkorksten Liebe und bestand zu 99 Prozent aus Selbstmitleid und zum knappen Rest aus Interesse an der Begegnung mit Taylor.
«And you, what do you have to offer?», fragte Taylor mich plötzlich. Und ich fragte zurück, ob er einen obskuren Pianisten – Willie Jones – kenne, dessen Spiel mich an eine Mischung aus ihm und einem anderen, etwas weniger obskuren Pianisten erinnere. «Milt Buckner!», rief Taylor laut und zeigte auf mich, «hier weiss jemand, wer Milt Buckner ist!» Die Aufmerksamkeit war mir nicht recht, ich musste hier weg. Taylor sagte: «Wir verschwinden, kommst du mit?» O.k., einmalige Chance, ich musste doch mit. Meine Tränen für die Frau müssen warten, Liebe ist überschätzt, und überhaupt …
Konzentrier dich, konzentrier dich, du sitzt hier mit Cecil Taylor im Hotelzimmer, so, wie du dir mit vierzehn geträumt hast, mit Keith Richards in einem Hotelzimmer zu sitzen, also saug das auf! Jedes Wort! Jemand drückt mir ein Glas Whisky in die Hand, Whisky ist schlecht für die Konzentration. Auch Taylor hat ein Glas Whisky in der Hand, in seiner anderen qualmt ein Joint. Mist, ich habe die Wahl: mittrinken, mitrauchen und lange bleiben – oder nüchtern bleiben und nach einer halben Stunde als Langweiler enttarnt werden.
Mittun also: Jedes Mal, wenn der Joint zu mir kommt – ich weiss nicht, woher die immer kommen –, ziehe ich daran. Ein wenig, denn das Material ist vorzüglich. An meinem Whisky nippe ich vorerst nur, Taylor schenkt sich und Trudy Morse ständig nach, die standfesteren Bandmitglieder helfen sich selbst. Wir sprechen über Brücken – Taylors Lieblingsthema –, was er darüber sagt: Ich weiss es nicht mehr.
Neuer Joint, neuer Whisky. Die anderen Bandmitglieder – ich erinnere mich dunkel an Schlagzeuger Paul Lovens – sind verschwunden. Wir sprechen nun über Rhythm-’n’-Blues-Gesangsgruppen der fünfziger Jahre – Taylor liebt Doo Wop genauso wie ich. Ein markantes Statement von Taylor dazu? Nein, meine Erinnerung ist ausgelöscht.
«Noch ’nen Whisky?»
Ich muss das Gespräch irgendwie in Gang halten, aber mir ist übel. Meine Finger krallen sich von unten in die Sitzfläche meines Stuhls. Ein Buch auf dem Nachttisch: «Oh, I see Hölderlin!», höre ich mich unsicher sagen. Taylor zeigt mir seinen Koffer: noch mal zwei oder drei Hölderlin-Bücher darin. Taylor hält einen längeren Vortrag: was man als Künstler von Hölderlin lernen kann.
Was er gesagt hat? Ich kann mich nicht erinnern, aber es klang stringent. Ich war sehr damit beschäftigt, einen Punkt hinter Taylor zu fixieren und zu überlegen, was ich zu Hölderlin äussern könnte. Sonst hätte ich mich sofort auf den laut gemusterten Teppich übergeben: «Another Whisky, Armin?»
Als um vier Uhr morgens Trudy Morse aufbricht, kapituliere auch ich. Taylor lädt mich noch zum Frühstück ein («um neun Uhr, nach meinem Tai-Chi») – woraus nichts werden wird, wie mir auf dem langen Weg zurück in mein Hotel klar wird. Als ich mich am späten Nachmittag bei Trudy für den letzten Abend bedanke, versichert sie mir, Taylor habe um neun ausgeruht am Tisch gesessen. Leider erzählt sie mir auch, was an mir für Taylor so interessant war: Indem er mich einlud, konnte er einen anderen Musiker demütigen, der ihm an den Lippen hing und auf die Nerven ging.
Trotz allem: eine unvergessliche Nacht!
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