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Und ganz grundsätzlich stellt sich die Frage: Was ist ein Zitat? Nur weil ein Satz in eine Zitatensammlung aufgenommen wurde, wird dieser zu einem rhetorischen Bestseller! Verhält es sich so? Nur weil ich in meine Sammlung von Zitaten die banale Bemerkung eines redseligen Freundes aufnehme, hält diese Einzug in den Olymp erlesener Steigbügelhilfen für mehr oder minder begabte Redner! Wäscht auch in der Sprache die eine Hand die andere? Begreiflicherweise stellt sich darum die Frage: Gemäss welcher Ordnung wird ein Satz zum Zitat erhoben? Schon wieder sind wir bei der Ordnung.
„Du findest immer wieder wunderbar schnell zur Ordnung zurück wie ein Soldat, der in das Glied zurück tritt.“
Zitate und Zitatensammlungen haben heute nicht mehr die Bedeutung von früher. Früher bedurfte es der Akribie und Energie eines Buchhalters, um ein derartiges Material übersichtlich in eine Ordnung zu bringen. Die Ordnung musste klug durchdacht werden. Stichworte mussten weitsichtig ausgewählt werden, damit die einsortierten Zitate zeitgerecht in den Karteien gefunden wurden. Heute gibt der Interessierte ganz einfach und ohne intellektuelle Anstrengung das Stichwort „Ordnung“ in die Internetsuchmaschinen Yahoo, Google, Opera, Safari, Mozilla und wie sie alle heissen ein. Der Rechner spuckt in kürzester Zeit ein ganzes Heer an Zitaten aus. In ihnen ist jedoch keine Ordnung. Tucholskys ist mein Zeuge.
Die Genauigkeit im Net hat ihre Grenzen. Ein Unbekannter setzt mit heissem Bemühen ein Zitat in dieses Netz. Er will damit den Autor ehren. Überschwänglich lobt er das Zitat. Der nächste Juser nimmt es auf. Er verbreitet es in der Welt der Rechner weiter. Verlinken heisst der Fachbegriff, der dieses Tun beschreibt. Das Zitat gerät immer stärker in das Räderwerk der weltweiten elektronischen Verarbeitung von Daten. Dem Zitat kommt der ursprüngliche Sinn mit der Zeit immer mehr Abhand. Ein Vertipper gibt ihm einen neuen Sinn. Das Zitat beginnt ein Eigenleben. Auch wenn es unzählige Male wiederholt wird: Dadurch wird es nicht wahrer. Und schon wird unbedacht das zitiert, was kein Zitat mehr ist. Ein fehlerhafter Satz erhält seinen Platz im Zitatenschatz.
Zugegeben: Im weltweiten Datenverbundnetz zu surfen, ist ein ganz besonderes Vergnügen. Die Entdeckungen öffnen überraschende Einblicke in die Ordnung. Die frisch gefundenen Sentenzen eigenen sich bestens dazu, um in weiteren Bereichen der säuberlich gehorteten Sprüche nach Novitäten zu suchen. Der Fundus ist immens. In noch keinen Zusammenhang habe ich bisher die Ordnung und die Liebe gebracht. Der Gelehrte und Schriftsteller Johann Kaspar Lavater meint zu diesem Paar: „Ordnungsliebe führt zu strenger Gerechtigkeitsliebe.“ Clemens Brentano führt die Liebe und die Ordnung auf eine andere Weise zusammen: „Als hohe in sich selbst verwandte Mächte / in heilger Ordnung bildend sich gereiht, / entzündete im wechselnden Geschlechte / die Liebe lebende Beweglichkeit / und ward im Beten tief geheimer Nächte / dem Menschen jene Fremde eingeweiht. / Ein stilles Heimweh ist mit dir geboren, / hast du gleich früh den Wanderstab verloren.“ Eine klare Meinung gibt auch folgende Aussage wieder: „Ich liebe die Ordnung, Aber ich gehe ihr lieber aus dem Weg.“ Sie stammt vom Künstler Jean Tinguely.