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Gastbeitrag: Jan Eelco Jansma und Sigrid Wertheim-Heck, Die Stadt ernähren, in: dérive N°90, Jan-März 2023. Mit freundlicher Genehmigung der Autorschaft und der Redaktion www.derive.at, Zeitschrift für Stadtforschung, Wien. Abbildungen 2, 4 und 5 / Stadtfragen 2022.
Eine soziale Praxisperspektive auf die Planung der Landwirtschaft im periurbanen Oosterwold, Almere
Ungeachtet des breiten Interesses an dem Beitrag urbaner Landwirtschaft zur lokalen Lebensmittelversorgung und ihres potenziellen Mehrwerts für die Lebensqualität und das menschliche Wohlbefinden ist nur wenig über die damit verbundene Planungspraxis bekannt (Zasada 2011; Ilieva 2016; Rolf et al. 2020; Langemeyer et al. 2021). Um einen besseren Einblick in die Planung urbaner Landwirtschaft zu erhalten, wird in diesem Beitrag ein empirischer Fall von Stadtplanung untersucht, der die urbane Landwirtschaft in erheblichem Umfang in die (Peri-)Urbanisierung integriert: Oosterwold. Oosterwold ist ein großes, periurbanes Gebiet in der niederländischen Stadt Almere, in dem die Stadtverwaltung eine Planungsstrategie konzipiert hat, die eine Wohnbebauung unter Beibehaltung der Landwirtschaft ermöglicht. Darüber hinaus hat sich Almere zum Ziel gesetzt, zehn Prozent seines künftigen Lebensmittelbedarfs in diesem neuen Gebiet zu erzeugen (Jansma & Wertheim-Heck 2021). Oosterwold bietet daher eine interessante Gelegenheit, die Planungspraxis zu beurteilen, wenn es darum geht, die konventionelle Dichotomie von Wohnen und Landwirtschaft zu überwinden.
Oosterwold liegt am östlichen Stadtrand von Almere, der achtgrößten Stadt der Niederlande. Almere wurde in den 1970er Jahren auf zurückgewonnenem Land, dem Flevopolder, an der Ostseite der Metropolregion Amsterdam (MRA; Abb. 1) gegründet. Ursprünglich war der Flevopolder für die großflächige konventionelle Landwirtschaft, vor allem Ackerbau und Viehzucht, vorgesehen. Aufgrund des dringenden Wohnungsbedarfs in der MRA dehnt sich die Verstädterung in diesem landwirtschaftlichen Gebiet zunehmend aus. Heute leben in Almere etwa 210.000 Menschen, die Bevölkerungsdichte beträgt fast 1.700 Einwohner pro Quadratkilometer. Als ›Spill-Over‹-Gebiet im MRA dürften Bevölkerungszahl und -dichte von Almere in den kommenden Jahrzehnten durch Auffüllungs- und Erweiterungsprozesse weiter steigen. Was Letzteres betrifft, so ist das stadtnahe Oosterwold eines der neu geplanten Baugebiete, das laut dem Masterplan Almere 2.0 (Almere 2009) bis 2030 15’000 neue Häuser auf etwa 4.300 ha bereitstellen soll.
Vor der Planung von Oosterwold war die Raumplanung in Almere ein konventioneller Top-down-Prozess, der zu einer Stadterweiterung führte, die strikt vom landwirtschaftlichen Hinterland abgegrenzt war (Jansma & Wertheim-Heck 2021). Die ersten Jahre der Planung von Oosterwold entsprachen noch einer konventionellen Planungspraxis, die sich in den offiziellen Planungsdokumenten widerspiegelt (Abb. 2). Die Planer:innen öffneten sich jedoch gleichzeitig für neue Methoden, die eher auf einen offenen und iterativen als auf einen präskriptiven Planungsprozess abzielten. Der Planungsprozess von Oosterwold unterscheidet sich in zweierlei Hinsicht von einer herkömmlichen Planungspraxis:
Erstens wird die Entwicklung von Oosterwold nicht durch einen detaillierten und beschreibenden Plan, sondern durch die Selbstorganisation der (zukünftigen) Bewohner:innen bestimmt. Die Selbstorganisation in Oosterwold umfasst nicht nur die Planung und den Bau der Häuser der Bewohner:innen, sondern auch die (individuelle oder kooperative) Selbstorganisation aller Arten von Hilfsinfrastrukturen und -einrichtungen (von Straßen bis zu Schulen), die normalerweise von kommunalen Einrichtungen bereitgestellt werden. Dieser Selbstorganisationsprozess wird durch eine Reihe von formalen Regeln und Vorschriften gesteuert.
Zweitens zielt die Planung von Oosterwold eher auf die Integration als auf die Trennung von Landwirtschaft und Wohnen ab. Der Masterplan für Oosterwold (Almere 2012) positioniert die urbane Landwirtschaft als grünen Träger des Gebiets und zielt darauf ab, zehn Prozent des künftigen Nahrungsmittelbedarfs von Almere in Oosterwold zu erzeugen. Dieses Ziel führte zu einem Raumordnungsplan, der 1.869 ha, d. h. 51 Prozent der verfügbaren 3.645 ha, für die (urbane) Landwirtschaft vorsah. Dies bedeutet, dass jede:r neue Landbesitzer:in in Oosterwold verpflichtet ist, mindestens 50 Prozent seiner/ihrer Parzelle der urbanen Landwirtschaft zu widmen.
Um die Entwicklung hin zu einer heterogenen Landschaft mit verschiedenen Arten von urbaner Landwirtschaft zu lenken, haben die Planer:innen Oosterwold in verschiedene Typen von Parzellen unterteilt, die die Bewohner:innen erwerben und selbst bebauen können. Tabelle 1 zeigt die vier Haupttypen der Parzellen: Standard, Landwirtschaft, Grünraum und Gewerbe. Jeder dieser vier Parzellentypen hat eine spezifische räumliche Verteilung innerhalb des Gebiets und jedes Grundstück hat eine spezifische und obligatorische funktionale Verteilung. Käufer:innen eines landwirtschaftlichen Grundstücks müssen beispielsweise mindestens 88 Prozent (später reduziert auf 80 Prozent) der Fläche ihres Grundstücks für urbane Landwirtschaft reservieren und dürfen höchstens sieben Prozent des Grundstücks für Haus, Schuppen und Hof verwenden. Beim Erwerb eines Standard- oder Gewerbegrundstücks sollte ein Käufer mindestens 58 Prozent (später 50 Prozent) des Grundstücks für urbane Landwirtschaft vorsehen. Die Ausnahme sind die Landschaftsparzellen, für die keine urbane Landwirtschaft erforderlich ist. Um die Entwicklung von Oosterwold zu steuern, wurde ein ›Parzellenpass‹ entwickelt, eine Art Vertrag, der die neuen Grundstückseigentümer:innen an alle räumlichen und sonstigen für das jeweilige Grundstück spezifischen Entwicklungsregeln bindet. Der Parzellenpass legt zum Beispiel die räumliche Aufteilung der roten und grünen Funktionen des Grundstücks fest. In der Alltagswirklichkeit von Oosterwold wird dieser Parzellenpass in einem achtstufigen Verfahren umgesetzt, in dem alle Verpflichtungen und Genehmigungen zum Kaufvertrag des Grundstücks geregelt werden (Jansma & Wertheim-Heck, 2021).
Interaktion im Planungsprozess
Mit der Selbstorganisation der (künftigen) Bewohner:innen wurde in der Planungspraxis eine Neuerung eingeführt. Ursprünglich waren die Fachleute des ODA die einzigen Beteiligten. Seit 2016 hat jedoch eine neue und schnell wachsende Gruppe von (nicht professionellen) Fachleuten den Planungsprozess in Oosterwold mitbestimmt: die Bewohner:innen. Diese neuen Bewohner:innen organisierten sich in formellen und informellen Gruppen, um Daten, Erfahrungen und Wissen (über soziale Medien) auszutauschen und bei der Entwicklung von Straßen und Wohnungen zusammenzuarbeiten, aber auch um mit dem ODA über die Auslegung der Regeln und Vorschriften zu verhandeln. Ein Beispiel für eine formelle Gruppe ist die Straßenvereinigung, in der sich Anwohner:innen, die dieselbe Straße nutzen, organisieren müssen, um den Bau und die Instandhaltung zu koordinieren. Ein Beispiel für eine informelle Gruppe ist die Plattform Oosterwold, die von den Anwohner:innen als ihre inoffizielle interaktive Lerngemeinschaft betrachtet wird und aus mehreren Arbeits- oder Lerngruppen besteht. Trotz ihres informellen Status trifft sich diese Plattform regelmäßig und offiziell mit dem ODA. Die Verhandlungen mit den Bewohner:innen und ihre Interpretationen haben das ODA in einigen Fällen dazu veranlasst, die Regeln und Vorschriften neu zu formulieren oder anzupassen.
Die Interaktionen zwischen den am Planungsprozess beteiligten Akteur:innen – dem ODA und den Bewohner:innen – haben die Planungspraxis und damit die Art und Weise, wie die Landwirtschaft in Oosterwold umgestaltet wird, geprägt.
Mangelnde Expertise und die Nachrangigkeit der Produktion
Unsere Umfrage ergab, dass 42 Prozent der (künftigen) Bewohner:innen von Oosterwold sich selbst als ›unerfahren‹ in der urbanen Landwirtschaft einstuften, während sich nur 14 Prozent als ›erfahren‹ bezeichneten. Dennoch hat die ODA nur wenige Instrumente wie z. B. ein Online-Handbuch entwickelt, um neue Bewohner:innen bei der Umsetzung der urbanen Landwirtschaft auf ihrer Parzelle zu unterstützen. Die ODA geht davon aus, dass die Bewohner:innen die notwendigen Mittel, Fähigkeiten und Kenntnisse für die Bewirtschaftung ihrer Parzelle selbst organisieren. Es scheint jedoch, dass die urbane Landwirtschaft im Siedlungsprozess der Bewohner:innen nur an zweiter Stelle steht, d. h. das Hauptaugenmerk liegt auf der Fertigstellung des eigenen Hauses und der Entwicklung der Infrastruktur (wie Straßen). Erst in jüngster Zeit sind verschiedene (in)formelle Initiativen entstanden, die dem Austausch von Wissen und Erfahrungen sowie der gemeinsamen Nutzung von Geräten und Produkten für urbane Landwirtschaft dienen. Im Jahr 2021 hat die Plattform Oosterwold eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, um den Wissensaustausch über urbane Landwirtschaft zu unterstützen.
Im Flächennutzungsplan (Almere 2016) verstand das ODA urbane Landwirtschaft in Oosterwold als »den Anbau, die Ernte und den regionalen Verkauf von Lebensmitteln. Die urbane Landwirtschaft umfasst auch die Viehzucht und die Zucht von Speisefischen. Das Leitprinzip ist, dass [in Oosterwold] ein landwirtschaftliches Produkt erzeugt wird und es kurze Nahrungsketten gibt. Bei der urbanen Landwirtschaft kann es sich um eine professionell betriebene Lebensmittelproduktion ebenso wie um eine Selbstversorgung handeln. Die urbane Landwirtschaft in Oosterwold hat auch gesundheitliche, erholsame (Freizeit), pädagogische, landschaftliche und wirtschaftliche (Beschäftigung, selbständige Unternehmen) Dimensionen. […] Mindestens 80 Prozent der Flächennutzung muss sich auf eine realistische Produktion von landwirtschaftlichen Lebensmitteln beziehen, sowohl im Kontext des Produktionsniveaus als auch des Produktionszyklus‹« (Almere 2016).
Auf Fragen der Anwohner:innen nach der Auslegung des Begriffs ›realistische Erzeugung landwirtschaftlicher Lebensmittel‹ legte das ODA eine Liste landwirtschaftlicher Produktionsniveaus vor, die Zahlen einer konventionellen Landwirtschaft entsprachen: 200 Masthühner, 140 Legehennen, 10 Ziegen oder 80 Obstbäume pro 1.000 Quadratmeter. Diese Zahlen wurden von den meisten Bewohner:innen ausdrücklich in Frage gestellt und ignoriert, weil sie sie in Oosterwold weder für realistisch noch für machbar hielten. Laut unserer Umfrage verstand die Mehrheit der Einwohner:innen die Landwirtschaft in Oosterwold als (Hobby-)Gartenbau.
Im Dialog mit den neuen Bewohner:innen, die eine Ausweitung der Definition der urbanen Landwirtschaft anstrebten, beschloss das ODA, Non-Food-Elemente wie Blumen und Baumpflanzungen als urbane Landwirtschaft zu akzeptieren. Die Haltung oder Zucht von Pferden zu Sport- oder Freizeitzwecken wurde jedoch nicht aufgenommen, da alle Tiere, die gehalten und nicht für die Fleisch- oder Milchproduktion verwendet werden, von der Definition urbaner Landwirtschaft ausgeschlossen bleiben. Die zuständige Behörde denkt noch immer über die Stellung von Gewächshäusern nach, da es diese als Bebauung und somit als rote Funktion betrachtet, während die Einwohner:innen Gewächshäuser als Teil der urbanen Landwirtschaft betrachten, da sie der Erzeugung von Lebensmitteln dienen.
Die Freiheit der neuen Bewohner:innen bei der Wahl und Erschließung eines Grundstücks war zu Beginn der Planung von Oosterwold eine wichtige Regel. Diese Freiheit wird jedoch in zweierlei Hinsicht eingeschränkt: durch den Preis pro Quadratmeter und die Verfügbarkeit von Grundstücken je Grundstückstyp. Die mangelnde Erfahrung der neuen Bewohner:innen mit der urbanen Landwirtschaft, die Interpretation von urbaner Landwirtschaft durch die Bewohner:innen, der Preis für eine Parzelle und die begrenzte Verfügbarkeit von anderen Flächen als der Standardparzelle führten dazu, dass die Landwirtschaft in Oosterwold überwiegend als Hobbyanbau betrieben wird. Dies bestätigt sich, wenn wir uns die tatsächlichen landwirtschaftlichen Praktiken in der ersten Phase von Oosterwold genauer ansehen.
Ursprünglich war das Gebiet von Oosterwold von konventioneller Landwirtschaft geprägt, die für den Weltmarkt produziert. Die durchschnittliche Größe der Betriebe lag bei etwa 70 ha (Wertheim-Heck et al. 2020). 2016 trafen die ersten Bewohner:innen ein und 2019 waren bereits 259 ha vergeben. Von diesen 259 ha sollten nach behördlichen Vorgaben auf etwa 130 ha (mindestens 51 Prozent) Lebensmittel produziert werden.
Der Betriebsumfang der Landwirtschaft der (zukünftigen) Bewohner:innen liegt zwischen 500 und 5.000 Quadratmetern, und nur wenige haben die Absicht, mehr als einen Hektar zu bewirtschaften. Die Mehrheit der Befragten bewirtschaftet auf ihrer Parzelle einen Gemüsegarten und/oder einen Obstgarten und bezeichnet sich als Hobbylandwirte. Es wird eine Vielzahl von Produkten angebaut und produziert, die von Gemüse, Obst, Honig und Wein bis hin zu (Schnitt-)Blumen reichen. Es ist davon auszugehen, dass der Großteil der erzeugten Lebensmittel von der Familie, Verwandten oder in der Nachbarschaft verzehrt wird. Eine der wenigen Ausnahmen ist ein professioneller, 40 ha großer multifunktionaler Bauernhof mit einem Hofladen und Wohngebäuden.
Lebensmittelversorgung in der Stadtregion
Dieser Beitrag geht von der Frage aus, wie die Stadtplanung eine stadtnahe Landwirtschaft ermöglichen kann, die angesichts der konkurrierenden Flächennutzungsdynamik einen echten Beitrag zur Lebensmittelversorgung in der Stadtregion leistet. Obwohl in vielen Studien anerkannt wird, dass die stadtnahe Landwirtschaft für die Lebensmittelversorgung in der Stadtregion von Bedeutung ist, wird ihr Potenzial von der Stadtplanung nur unzureichend berücksichtigt. Die vorherrschende Planungspraxis ist die Trennung von Landwirtschaft und Stadtentwicklung – die Dichotomie von Wohnen und Landwirtschaft –, ausgehend von der Erwartung, dass die stadtnahe Landwirtschaft in den reservierten Gebieten aufrechterhalten werden kann. Eine solche Trennung verhindert jedoch nicht den funktionalen Wandel hin zu einer nichtlandwirtschaftlichen Nutzung, die die bestehende stadtnahe Landwirtschaft schrittweise auflöst. Die Frage ist, ob die Planung diesen nicht-landwirtschaftlichen Nutzungen erfolgreich zuvorkommen kann.
Viele Wissenschaftler:innen betonen, dass die (periurbane) Landwirtschaft für die Stadtplanung eine Herausforderung darstellt. Rolf et al. (2020, S. 10) kommen zu dem Schluss, dass es »an einem Blick über die politischen Traditionen hinaus fehlt, der die Dichotomie von Stadt und Land überwindet«. Die Planung konzentriert sich in erster Linie auf die ästhetischen Zwecke der grünen Stadtrandzonen und nicht auf die landwirtschaftlichen Funktionen. Tedesco et al. (2017) und Gottero et al. (2021, S. 12) betonen die Notwendigkeit einer »agro-urbanen Vision«, die »landwirtschaftliche Planung, neue Arten von öffentlichen Maßnahmen und innovative Formen der Governance« zur Unterstützung der Landwirtschaft in stadtnahen Gebieten umfasst. Die Planung für die stadtnahe Landwirtschaft kann daher nicht von oben nach unten erfolgen, sondern erfordert partizipative Prozesse und somit das Verständnis und die Einbeziehung zahlreicher Interessengruppen (James 2014; Perrin et al. 2018). Daher dreht sich die Herausforderung um die Frage, wie die Landwirtschaft (und ihre Interessengruppen) in der Planungspraxis verstanden und integriert werden können.
Die Planungspraxis in Oosterwold begann als iterativer Prozess mit offenem Ende. Zwei Elemente in diesem Prozess hatten großen Einfluss auf die Umwandlung von der beabsichtigten vielfältigen Landschaft der urbanen Landwirtschaft in die eher gleichförmigen Kleingartenaktivitäten. Das erste Element betrifft die Verteilung von Land, insbesondere die Maßnahmen zur Preisgestaltung für das Land und die räumliche Zuweisung der verschiedenen Arten von Parzellen. Beide Maßnahmen wurden von konventionellen institutionellen Erwartungen geleitet, die auf finanziellen Erwägungen beruhen, und nicht von dem Bestreben, eine vielfältige Landschaft der urbanen Landwirtschaft zu schaffen. Es ist davon auszugehen, dass sich die steigenden Bodenpreise (siehe Abb. 4) negativ auf die erworbene Anbaufläche pro Parzelle auswirken, da die Investitionskapazität der neuen Bewohner:innen nicht in vergleichbarem Maße gestiegen ist. Die daraus resultierende geringere Anbaufläche bedeutet weniger Möglichkeiten für die Landwirtschaft pro Parzelle, was zwangsläufig dazu beiträgt, dass sich die Bewohner:innen auf den Anbau in kleinem Maßstab (Küchengarten) konzentrieren. Das zweite Element betrifft die Fähigkeiten und Kenntnisse der Bewohner:innen, der neuen Mitverantwortlichen für die Planung von Oosterwold.
Die Bewohner:innen schienen überwiegend unerfahrene und ungelernte Einsteiger:innen in die (urbane) Landwirtschaft zu sein. Es ist nicht zu erwarten, dass diese Lai:innen sofort mit neuen Formen der Landwirtschaft auf ihren Parzellen beginnen und experimentieren würden. Durch die Konzentration auf die Selbstorganisation der urbanen Landwirtschaft auf Parzellenebene vernachlässigte die Oosterwolder Planungspraxis zudem die Notwendigkeit übergreifender und unterstützender Regelungen und die Einbeziehung von Akteur:innen, die mehr Erfahrung mit der landwirtschaftlichen Entwicklung in dem Gebiet haben. So könnten beispielsweise die unerfahrenen Gärtner:innen, Bauern und Bäuerinnen, die in der ersten Phase von Oosterwold im Vordergrund stehen, von Akteur:innen und Infrastrukturen profitieren, die die lokale Entwicklung von Know-how und Fähigkeiten in der Landwirtschaft unterstützen. Die multifunktionale Landwirtschaft in Oosterwold könnte von der Einbeziehung der Akteur:innen der lokalen Nahrungsmittelversorgung, d. h. der Verbraucher:innen, des Einzelhandels und des Gastgewerbes, profitieren.
Beeinflusst durch die beiden oben genannten Elemente ist die Planungspraxis in Oosterwold immer noch ein offener, iterativer Prozess. Es gibt daher immer noch Möglichkeiten, ein breiteres Spektrum an landwirtschaftlichen Aktivitäten in das Gebiet einzubeziehen. So hat die ODA beispielsweise begonnen, ein Überwachungs- und Kontrollsystem in Erwägung zu ziehen, das die Bewohner:innen dazu anhalten soll, ihre Leistungen in der urbanen Landwirtschaft zu verbessern. Das ODA forderte die Plattform Oosterwold dazu auf, Maßnahmen zur Förderung der Lebensmittelproduktion in dem Gebiet mitzugestalten. Diese richtete eine Arbeitsgruppe urbane Landwirtschaft ein, um eine kritische Masse zu schaffen, die mit dem ODA diskutieren kann. Im Jahr 2020 gründeten die Bewohner:innen von Oosterwold mit Unterstützung des ODA eine Lebensmittelkooperative, um die in Oosterwold erzeugten Lebensmittel zu koordinieren und zu verkaufen. Eine andere Dynamik wird auch bei der Planung der zweiten Phase von Oosterwold erwartet, die in der ländlicheren Gemeinde Zeewolde stattfindet. Zeewolde entscheidet sich für die Bildung von Clustern von Baugrundstücken – kleine Dörfer oder Weiler – im gesamten Gebiet, die zwischen diesen Baugrundstücken ausreichend Platz für multifunktionale und konventionelle Formen der Landwirtschaft und deren Betreiber:innen lassen könnten.
Die Art und Weise, wie die Landwirtschaft in Oosterwold interpretiert wird, hat auch Auswirkungen auf das Ziel von Almere, zehn Prozent des künftigen Nahrungsmittelbedarfs zu decken. Laut Van Dijk et al. (2017) kann die (zukünftige) 1.869 ha große landwirtschaftliche Fläche in Oosterwold nur sechs Prozent des Nahrungsmittelbedarfs der derzeit 210.000 Einwohner:innen decken. Sie schätzten, dass 1.400 Quadratmeter Ackerland pro Kopf benötigt werden, um 85 Prozent aller Zutaten des aktuellen niederländischen Speiseplans zu produzieren, wenn man von konventionellen (professionellen) Anbaumethoden ausgeht, wie sie in der Region Almere angewendet werden. Der aktuelle niederländische Speiseplan, den sie ihrer Berechnung zugrunde legten, enthält eine große Menge an tierischen Proteinen, was sich stark auf den Bedarf an Ackerland zur Erzeugung von Tierfutter auswirkt. Die in Oosterwold beobachtete Planungspraxis, bei der die Nahrungsmittelproduktion an die (Laien-)Bewohner:innen abgegeben wird, wird Almere noch weiter von seinem 10-Prozent-Ziel entfernen. Dieses Ziel ist nur realisierbar, wenn 3.000 ha der verfügbaren 3.645 ha in Oosterwold für die professionelle Landwirtschaft vorgesehen werden (Van Dijk et al. 2017). Diese 3.000 ha könnten einen kompletten Speiseplan für etwa 21.000 Einwohner:innen liefern, das entspricht zehn Prozent der derzeitigen Bevölkerung von Almere. Diese Berechnung unterstreicht die Beobachtung in vielen stadtnahen Regionen, dass die Integration neuer Nicht-Lebensmittel-Funktionen die Fähigkeit zur Nahrungsmittelproduktion verringert, selbst wenn die Landwirtschaft, wie in Oosterwold, eine geplante Funktion ist (Gunilla & Olsson 2016; Ruoso 2020). Wenn jedoch, wie in Oosterwold, ›neuen Marktteilnehmer:innen‹ in der Landwirtschaft Raum geboten wird, eröffnet dies gleichzeitig eine potenzielle Plattform für Innovationen (in Bezug auf Märkte, Produkte, Verbraucher:inneninteraktionen und Dienstleistungen) in der Landwirtschaft (Zagata & Sutherland 2015, S. 40, Sutherland et al. 2019).
Eine grundlegende Frage ist, welches die optimale räumliche Ebene für eine ökologisch, kulturell und wirtschaftlich widerstandsfähige stadtnahe Lebensmittelversorgung wäre. Mok et al. (2014) und Small, McDougall et al. (2019) stellen die Frage, ob (ein bestimmtes Maß an) regionaler Lebensmittelversorgung angesichts des Wettbewerbs mit anderen Lebensmittel produzierenden Gebieten, die niedrigere Produktionskosten oder andere (ökologische) Vorteile haben, notwendig oder machbar ist. Sollte ein periurbanes Gebiet nur für die Produktion einer ausgewählten Palette von Obst und Gemüse genutzt werden oder auch für den Anbau von Grundnahrungsmitteln und Proteinquellen? Und für wen sollte das periurbane Gebiet angesichts der kulturell unterschiedlichen Bedürfnisse einer multiethnischen Stadtbevölkerung in Stadtregionen mit einer Mehrheit von Minderheiten produzieren (Brons et al. 2020)? Die Beantwortung dieser Fragen sollte in den Planungsprozess einbezogen werden, auch wenn sie aufgrund der Vielschichtigkeit von Lebensmittelproduktion und -konsum komplex ist. In der Folge könnte die Planung die Frage aufwerfen, welche Art von stadtnaher Landwirtschaft ihre Ziele am besten unterstützt. Im Fall von Oosterwold wird dieses 10-Prozent-Ziel weder spezifiziert, was für wen und warum berücksichtigt werden soll, noch wird dies mit den Bewohner:innen diskutiert. Man könnte sich fragen, ob dieses Ziel die Planung von Oosterwold nicht in die Irre führt, weil es das Gebiet mit Erwartungen konfrontiert, die weder realistisch noch verlockend sind.
Die Planungspraxis von Oosterwold führte unbeabsichtigt zu einer eher einförmigen Variante periurbaner Landwirtschaft, während die ursprünglichen Planungsdokumente (Almere 2012; Almere 2013) eine Vielfalt (stadtnaher) Landwirtschaft vorsahen. Dies unterstreicht, wie wichtig es ist, den Kontext der Planungspraxis zu verstehen, der die alltägliche Realität der periurbanen Landwirtschaft beeinflusst. Oosterwold entstand aus einem einzigartigen Kontext, dessen Ausgangspunkt ein weitgehend unbeschriebenes Blatt war, von dem aus eine interdisziplinäre und unkonventionelle Unternehmung und eine ebensolche Führung für eine neue, hybride Interpretation einer periurbanen Entwicklung sorgten (Jansma & Wertheim-Heck 2021). Der Kontext von Oosterwold ist nicht ohne weiteres mit vielen anderen Stadtregionen vergleichbar, und seine Planungspraxis ist auch keine Blaupause für eine gleichzeitige Entwicklung von Urbanisierung und Förderung von Landwirtschaft in stadtnahen Gebieten. Das Verdienst der Planungspraxis in Oosterwold besteht jedoch darin, dass sie neue Grundsätze für die Planung der periurbanen Landwirtschaft erforscht und bewertet; Oosterwold erweitert somit den Werkzeugkasten der Stadtplanung.
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Dieser Artikel ist die übersetzte und stark gekürzte Version eines im englischen Original erstmals in Land Use Policy, Vol. 117, Juni 2022 erschienen Textes.
Autorenschaft
Jan Eelco Jansma verbindet in seiner Forschung Stadt und Landwirtschaft im Kontext von sozialen Fragen und Nachhaltigkeit. Er ist Teil des AMS-Teams (Amsterdam Advanced Metropolitan Solutions), das ein Forschungsprogramm für den Almere Flevo Campus ausarbeitet und Doktoratsstudent an der Wageningen Graduate Schools der Universität Wageningen sowie Mitglied des OT Team Agriculture & Society am Wageningen Plant Research Institute.
Sigrid Wertheim-Heck ist außerordentliche Professorin für Nachhaltigkeit in globalen Lebensmittelsystemen an der Environmental Policy Group der Universität Wageningen und Professorin für Food and Healthy Living an der Aeres University of Applied Sciences. Sie war über 20 Jahre in der internationalen Agrar- und Nahrungsmittelindustrie tätig und arbeitete als strategische Politikberaterin für verschiedene Regierungen zu Fragen der Ernährungssicherheit im südlichen Afrika.
Diese Arbeit ist Teil eines PhD-Forschungsprogramms, das innerhalb des Flevo Campus der Stadt Almere (Niederlande) durchgeführt und von diesem finanziert wird.
Wir danken Herman Agricola und Martien Voskuilen von der Wageningen University and Research sowie Annette de Vries von JAM Visual Thinking für ihren Beitrag zu diesem Artikel. Die kritische Reflexion der Entwurfsfassungen dieses Papers durch Prof. Dr. Peter Oosterveer wurde von uns sehr geschätzt.
Literatur
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