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Eltern sein und Zeit für sich finden
Veröffentlicht am 13 August 2020
Hatten Sie vor der Geburt Ihres Kindes das Gefühl, viel Zeit zu haben? Oder eher nicht? Wie gehen wir mit Zeit um? Und warum ist es so wichtig, dass wir sie «uns nehmen»?
Mit der Zeit ist es so eine Sache. Sobald man ein Kind bekommen hat, scheint sie einem wie Sand durch die Finger zu rinnen. Zuvor haben Sie Ihre Zeit mit anderen Dingen verbracht haben als damit, Eltern zu sein. Und nun kommt es Ihnen wahrscheinlich so vor, als hätten Sie überhaupt nie Zeit.
Dabei spielt meistens unser kulturell geprägtes Verhältnis zur Zeit eine grosse Rolle. Auch wenn wir alle die Zeit unterschiedlich wahrnehmen, ist es gerade nach der Geburt eines Kindes für die Eltern wichtig, sich zu erholen. Und dazu gehört auch, dass man sich Zeit für sich selbst nimmt.
Sind Sie «polychron» oder «monochron»?
Ihre Kollegin, mit der Sie sich verabredet haben, kommt eine halbe Stunde zu spät und zeigt nicht einmal Schuldgefühle, während Sie ausser sich sind vor Wut? Das hat eventuell mit dem unterschiedlichen Zeitverständnis zu tun, das Edward T. Hall in seinem Buch «The Dance of Life: The Other Dimension of Time» beschreibt. Demnach ist in Nordeuropa und Nordamerika das monochrone System vorherrschend. Hier wird Zeit in klar abgegrenzte Einheiten eingeteilt. Zeit wird eingeplant, kontrolliert, verschwendet oder sogar gewonnen. Das berufliche sowie das soziale Leben werden von einem Zeit- oder Terminplan bestimmt, und man setzt gerne Prioritäten. In polychronen Kulturen hingegen, etwa im Mittelmeerraum oder in der arabischen Welt, ist es üblich, mehrere Tätigkeiten (Termine, Gespräche, Kontaktaufnahmen) nebeneinander anstatt nacheinander zu erledigen, ohne die auf diese Weise verbrachte Zeit als «verloren» zu betrachten.
Wenn Sie in der Schweiz leben, gehören Sie wahrscheinlich dem monochronen Typus an – entweder freiwillig oder weil Sie sich an die gesellschaftlichen Normen angepasst haben. Im monochronen Zeitsystem erweist es sich oft als besonders nützlich, die Zeit, die man für sich selbst haben möchte, in einen Kalender einzutragen. Auf diese Weise erhält dieses Zeitfenster genau die Bedeutung, die es verdient, quasi wie eine Verabredung mit sich selbst. Sie können dann besser «abschalten», ohne Schuldgefühle zu haben.
Wieso Eltern sich Zeit für sich selbst nehmen sollen
Ihr Kind tut etwas, das Ihnen missfällt, und sofort steigt Ärger in Ihnen hoch? Dann sollten Sie sich zunächst einen Moment Zeit nehmen, um sich zu beruhigen. Manchmal hilft es, dazu in ein anderes Zimmer zu gehen. In der Regel ist dies aber auch ein Zeichen dafür, dass Sie mal Zeit für sich brauchen. Planen Sie möglichst frühzeitig eine Auszeit für sich ein, bevor Sie an Ihre Grenzen stossen. Üblicherweise ist Gereiztheit ein erstes Anzeichen, das Sie ernst nehmen sollten, denn um seine seelische Gesundheit sollte man sich regelmässig kümmern.
Was mache ich mit «meiner» Zeit?
Am besten machen Sie das, worauf Sie spontan Lust haben – das allererste, was Ihnen in den Sinn kommt. Das wird Ihnen nämlich besonders gut tun. Allerdings sind damit nicht Computer, Smartphone und Co gemeint. Denn Beschäftigungen dieser Art gelten eher als Zeitfresser, die nicht unbedingt zur Erholung beitragen. Es sei denn, Sie haben damit positive Erfahrungen gemacht.
Mithilfe von Sport können Sie sehr gut abschalten. Durch körperliche Betätigung produziert Ihr Körper Hormone, die sich positiv auf Ihre Psyche auswirken. Je nach Ihrem Wesen und Ihren Bedürfnissen ist vielleicht eine ruhigere Sportart wie Yin Yoga das Richtige für Sie. Oder Sie bevorzugen mehr Action oder sind gerne im Team oder draussen in der Natur aktiv. Aber auch ein Spaziergang, ein gutes Buch oder gemeinsam verbrachte Momente mit Freunden bzw. Freundinnen oder mit dem Partner bzw. der Partnerin haben positive Effekte.
Es muss aber nicht immer etwas Sinnvolles oder Ereignisreiches sein. Nehmen Sie sich hin und wieder auch Zeit, um einfach vor sich hin zu träumen. Auch das süsse Nichtstun trägt zur Erholung bei. Langeweile tut nicht nur Kindern gut, wie z. B. Etty Buzyn in ihrem Buch «Lasst mir doch Zeit zum Träumen» schreibt, sondern sie ist auch Eltern sehr zu empfehlen! Wenn wir vor uns hin dösen oder träumen, verarbeiten wir Erlebtes. Dadurch schaffen wir Platz für neue Ideen und Kreativität, sodass wir mit einem frischen Geist in den Alltag zurückkehren.
Überzeugt? Dann greifen Sie schnell zum Terminkalender und tragen Sie eine «Verabredung mit sich selbst» ein!