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Studierende, nein, die ganze Kultur unter dem Mikroskop!4 min read
Das «Betrachten» von Studierenden unter dem Mikroskop bedingt gerade – quasi stattdessen – die erzogenen Erziehenden zu untersuchen – was wiederum weniger eine «biologische» Analyse im Labor, als ein archäologisches Buddeln im tiefsten und breitesten Sandkasten der Menschheitsgeschichte darstellt. Sprich: Weniger weisser Kittel und perfekte Kulturen (von Bakterien), mehr Schaufel und Pinsel. Der zweite Teil meines Versuchs, hier geht es zum ersten Teil.
Ein Beitrag von Severin Kessler
Im ersten Artikel habe ich darüber geschrieben, dass eine reine Rechtfertigung der Studierenden, schliesslich nur den Status quo verteidigen würde. Und diese Verteidigung solle dann logischerweise auch für die gegenwärtige Erziehung und Kultur gelten. Genau deshalb ist es gezwungenermassen notwendig, für eine Untersuchung der Studierenden die Erziehenden selber zu betrachten.
Eine Liste von erziehenden Dingen oder so
Aber wer sind denn nun bitte Erziehende? Mama und Papa? Deren Mamas und Papas und dann eventuell noch deren Mamas und Papas? Mein Onkel, auf dessen Schuhe ich gekotzt habe? Meine Geschwister? Die Lehrpersonen? Die Kirche im Dorf, Jesus und seine Clique? Die Person von der Polizei, die uns zeigte, wie mensch nicht von rollendem Blech getötet wird? Goethe und Max Frisch oder dann doch Dostojewskij? Die Autor:innen der Fanfiction, die meine beste Freund*in liest? Sylvia Plath? Das Militär? Kant? Es ist doch nicht etwa Nietzsche als Erzieher gemeint? MTV und Spongebob? Shinji und seine Mutter? Kanye und Lady Gaga? Die Oper und das Theater? Barbie? Das iPad? Das ominöse Videospiel, das wohl nur eine Person kennt, bei welchem mensch Zwerge abknallt? Call of Duty? LiveLeak? Das Museum voller gestohlener Kulturgüter? Die Türklinke, Autotür und der Schlüssel meines Briefkastens? Das böse Smartphone? Was ist eigentlich mit dem ersten Porno, den ich geschaut habe?
Das wäre immerhin eine schöne Skizze, wenn auch ein bisschen einseitig. Wohl gezwungenermassen. Immerhin ist die Erziehung doch Sache der Umwelt und eine jede Umwelt hat wiederum seine eigenen spezifischen Eigenschaften und Teile, trotz vieler umspannenden Faktoren.
Ich wäre nicht die Person, die ich heute bin, hätte ich nicht virtuelle Nazis abgeknallt
Erinnert ihr euch beispielsweise an die Panik, die verschiedenste ältere «Expert:innen» noch vor einigen Jahren in den Medien äusserten, dass gewalttätige Videospiele die Jugend abstumpfen und zu Gewalt anstiften würden? Natürlich war das absolut aufgeblasen und lächerlich, da weder Doom noch Call of Duty Gewalt erfunden haben.
Der wahre Kern dieser Meinung besteht allerdings darin, dass uns auch diese scheinbar insignifikanten Faktoren beeinflussen können: Ich wäre nicht die Person, die ich heute bin, hätte ich nicht Unmengen von virtuellen Nazis abgeknallt.
Doch es geht tiefer.
Kultur wird Natur
Unter diesem vielfältigen und diversen Hochbau an Kultur ruht ein vielfältiges und diverses Fundament.
Ein Fundament bestehend aus gesellschaftlichem Milieu von Klasse, Geschlecht, Hautfarbe, Geographie und unzählige eingefleischte Kultur und Traumata, die weitergegeben wird. So sedimentiert sich von Generation zu Generation Kultur, welche in den Halbwüchsigen zur «Natur» wird. «Der Mensch» von heute ist nicht «der Mensch» von gestern, was auch immer dieser oder jener nun genau ist.
Gerade deshalb ist die Frage danach, ob nun etwas «natürlich» oder «sozial konstruiert» sei, nicht zielführend, geht diese Diskussion doch so oder so von einem statischen menschlichen Wesen aus, welches einfach nicht existiert. Alles, was sozial konstruiert wurde, wurde schliesslich Natur, alles, was natürlich ist, wurde sozial konstruiert.
Das hat was von einem Kreis oder im besten Falle einer eskalierenden Spirale.
Und die Institutionen?
Universitäten und Bildungssystem insgesamt dienen gegenwärtig weniger einer wirklich geistreichen Erziehung, sondern mehr einer Abrichtung auf in Excel-Tabellen eingesperrtes Denken um den Bedarf an Arbeitskräften von Beamtenapparat, Banken und NGO-Komplex zu decken. Auch werden isolierte Wissenschaften gezüchtet, für welche nur ihr Spiegelbild als «wissenschaftlich» erscheint.
Das Bisschen Geist und Kultur
Natürlich gibt es einige wenige wahrlich Erzogenen, die dabei helfen werden, die Kultur und Gesellschaft positiv zu verändern und mitzugestalten, doch das kann erst von späteren Generationen, sprich im Nachhinein erörtert werden und nicht jetzt. Und logischerweise entsteht dieser Genius mithilfe der bestehenden Umwelt, aber die Entwicklung des Genius ist nicht Ziel, sondern Zufall.
Deshalb sprach ich in meinem ersten Artikel auch von dem «Bisschen Geist und Kultur», welches herausgekratzt werden muss, als es florieren darf und kann.
Die Eltern, die ihre Kinder verabscheuen, dafür dass sie gerade verzweifelt versuchen erzogen zu werden, daran aber scheitern, bedürfen wohl einer eigenen Erziehung. Doktor Frankenstein muss scheinbar selbst erzogen werden, zum Monstrum und wieder Doktor werden.
Bild: (via: Worldradiohistory.com) «The Isolator» by Hugo Gernsbeck, Science and Invention for July, 1925