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Unterseen
Kirche Unterseen
An der Stelle der heutigen Kirche stand ursprünglich eine Kapelle, die nach dem Stadtbrand von 1470 einem Neubau wich. Gleichzeitig erhielt Untereen die Unabhängigkeit von der Mutterkirche Goldiswil. Vom spätgotischen Bau der Kirche hat sich nur noch der Turm von 1491 erhalten. Der Rest der Kirche, ein klassizistischer Predigtsaal, wurde 1852 unter Einbezug älterer Teile von Johann Carl Dähler errichtet. Zum Neubau kam es, weil 1851 beim Einbau der ersten Orgel die spätgotische Kirche einstürzte. Kanzel und Taufstein stammen noch aus der Vorgängerkirche.
Die Treppe vom Stadthausplatz führt zunächst auf den Hof zwischen der Kirche und dem im Jahr 2000 eingeweihten Kirchgemeindehaus «Futura». Während der Kirchenrenovation von 1985 fanden die Archäologen Gräber aus vorreformatorischer Zeit und Grundmauern einer älteren, kleineren Kapelle. Die Kapelle war bald nach der Stadtgründung 1279 als Filiale der Kirche Goldswil in die nordöstliche Ecke der Stadtmauer gebaut worden.
Eine selbständige Kirchgemeinde wurde Unterseen – bis 1665 zusammen mit Habkern – erst 1527, wenige Monate vor der Reformation im bernischen Herrschaftsgebiet. Zugleich erhielten die Unterseener das Recht, ihren Pfarrer selber zu wählen, und damit ein lang ersehntes Stück Unabhängigkeit von ihrem politischen und wirtschaftlichen Erzrivalen, dem Kloster Interlaken. Zu einer Stärkung der bürgerlichen Organisation und des bürgerlichen Selbstbewusstseins hatte der Bau einer richtigen Kirche beigetragen, die nach dem Stadtbrand von 1470 die Kapelle ersetzte. Der spätgotische Kirchturm ist bis heute Unterseens Wahrzeichen geblieben.
Im Durchgang zwischen der Kirche und der heutigen Gemeindeverwaltung – einem Gebäude, das vom 18. bis ins späte 19. Jahrhundert als Pfarrhaus diente – liegt rechterhand der Haupteingang der Kirche. Der schlichte rechteckige Bau von 1852 ist eigentlich ein grosser Klangkörper für seine Orgel. Diese ist auch «schuld» an der Erneuerung: In den 1840er Jahren wünschte sich Unterseen unbedingt eine Orgel «zur Hebung des Kirchengesangs». Weil die Gemeinde bitter arm war, gründeten Bürger eine Subskribentengesellschaft, die für die Orgel und die nötige Erweiterung des spätgotischen Chorraums Spenden und Darlehen auftrieb. Die Schulden waren aber noch nicht abbezahlt, als das durch den Umbau destabilisierte Kirchendach im Winter 1851 unter der Schneelast einstürzte. Die Kirchgemeinde baute ihre Kirche mit viel bescheiden entlöhntem «Tagwerk» ihrer Bürger wieder auf.
Die fünf Glocken im Kirchturm wurden 1902 auf die Töne es-F-As-B-des-f gestimmt, «gleich wie das Geläute der Heiliggeistkirche in Bern». Drei der Glocken stiftete der aus Unterseen stammende Nationalrat und Hotelpionier Eduard Ruchti; die kleinste, noch aus den Anfängen des Turmbaus stammende Glocke wurde umgegossen, eine weitere umgestimmt.
Die heutige Orgel von der Firma Kuhn, die wie ihre drei Vorgängerinnen (und wie die meisten Orgeln im Berner Oberland) im Chor steht, wurde 1956 eingebaut. Die Inschriften und Figuren auf den hölzernen Orgelpfeilern gestaltete Christian Rubi zusammen mit einem Brienzer Schnitzer. Die Chorstühle sind ein Werk der Schnitzlerschule Brienz. Sie wurden bei der grossen Renovation von 1933 zusammen mit der geraden, hölzernen Decke, dem Kanzelhut, der Wandtäfelung und den Seitenbänken eingebaut. Die älteren Kirchenbänke wurden nur renoviert.
- Kunstführer durch die Schweiz, hg. von Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 2006-2012, Bd. 3, S. 495.