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Worüber wurde bei den Pacte-Verhandlungen am heftigsten diskutiert? Was bringen die Änderungen? Und worin unterscheiden sich eigentlich Kino-, Fernseh- und Auftragsfilme? Ein Gruppengespräch mit Sven Wälti, Lukas Hobi und Edgar Hagen.
Das Gespräch führte Kathrin Halter
Wie habt ihr die Verhandlungen atmosphärisch erlebt? Waren sie hart?
Edgar Hagen (EH): Die Verbände sind geschlossen in die Verhandlungen gegangen: Wir wollten 50 Prozent der Pacte-Gelder für Kinofilme. Auch die SRG trat mit einer klaren Vorstellung an.
Sven Wälti (SW): Es waren wirklich nicht einfache Verhandlungen, besonders am Anfang. Es gab zwei klare Fronten, weil die Maximalforderung der Branche relativ weit weg von dem entfernt lag, was wir anbieten konnten. Wir wollten im bestehenden Rahmen weitermachen. Zwischen Januar und August wurden die Verhandlungen dann unterbrochen. Durchbrochen wurde die Blockade, weil auf beiden Seiten nach Kompromissen gesucht wurde. Danach lief es ab Herbst sehr gut.
Lukas Hobi (LH): Bei mir war es bereits die vierte Pacte-Verhandlung. Früher ging es meist nur um eine Verlängerung des Vertrags, mit leichten Anpassungen, und um eine Erhöhung des Betrags. Diesmal wurde richtig verhandelt.
Das Budget wurde um 5,2 Mio. auf 27,5 Mio. Franken jährlich erhöht. Diese 5 Mio. wurden schon in den letzten Jahren ausgegeben, etwa in Form von Hors-Pacte-Geldern. Gesamthaft gesehen gibt es also gar keine Erhöhung, sondern eine Umverteilung?
SW: Wenn man nur den Pacte anschaut, ist es natürlich eine Erhöhung. Wir haben jedoch nicht mehr Geld für die Filmförderung. Das Volumen, das in Pacte-Produktionen floss, lag in den letzten Jahren immer schon bei etwa 30 Mio. Franken pro Jahr. Wir waren jedoch nicht verpflichtet, diese zusätzlichen Gelder auszugeben.
Und woher stammen die 5,2 Mio. Franken?
SW: Pacte-Geld ist nationales Geld von der SRG; nun ging man den umgekehrten Weg und konnte SRF und RTS überzeugen, je zweieinhalb Millionen Franken von ihren Redaktionsgeldern, die regelmässig in Fernsehfilme und -serien flossen, in den Pacte zu legen. RTS macht im Bereich der Fiktion seit ein paar Jahren primär Serien; dafür durften sie nur 30 Prozent aus dem Pacte nehmen, der andere Teil kam von der Redaktion. Dieses Geld hat man in den Pacte gelegt, dafür wurde im Gegenzug diese 30-Prozent-Klausel gestrichen.
LH: Wir haben immer von einer «Pactisierung» von Geldern gesprochen, die schon bis anhin ins unabhängige Schaffen flossen und vor allem aus den Unternehmenseinheiten SRF, RTS oder RSI stammen. Mehr Filme können nicht gedreht werden mit dem neuen Pacte. Wichtig ist aber ein psychologischer Effekt: Es sind mehr Gelder im Rahmen des Pacte gesichert, die Unternehmenseinheiten werden stärker verpflichtet. In einer perfekten Welt hätten wir einen Pacte, in dem alles geregelt wird – über jene gesamten 40 Millionen also, die im Schnitt pro Jahr in die Branche fliesst.
EH: Das pactifizierte Geld unterliegt auch anderen Richtlinien: partnerschaftlichen statt direktiven.
Umstritten im letzten Pacte war ja vor allem die sogenannte 60:40-Prozent-Regel, die 60 Prozent für Fernsehfilme und 40 Prozent für Kinofilme vorsah. Gewünscht wurde von der Branche eine Rückkehr zur 50:50-Regelung. Stattdessen gibt es nun einen Mindestbetrag von 9 Mio. Franken für Kinofilme. Welchem Anteil in Prozenten würde dies entsprechen?
SW: Diese Berechnung haben wir nicht gemacht, weil wir uns schon relativ früh entschieden haben, dass wir uns von der 60:40-Regel verabschieden wollen. Die Branche hat diese Aufteilung stets kritisiert und für uns war es schwierig, sie in der Praxis anzuwenden. Gleichzeitig strebten wir von der SRG zu Beginn der Verhandlung eine Flexibilisierung, also den Verzicht auf eine Unterscheidung zwischen Kino, Fernsehen und Multimedia an. Da spielte die Branche aber nicht mit – und forderte stattdessen eine Mindestgarantie für Kinofilme. So hat man sich auf den Betrag geeinigt.
Zum Vergleich: Wieviel ging denn bisher, mit der 60:40-Regel, an Kinofilme?
LH: Wenn in den letzten Jahren tatsächlich nur 40 Prozent ins Kino geflossen sind, dann wären es jetzt etwa 2 Mio. mehr. Aber die Zahlen haben gezeigt, dass die SRG in den letzten vier Jahren eher zwischen 47 und 52 Prozent ins Kino investiert hat. Deshalb sind jene 9 Mio. gar nicht soviel mehr als das, was in den letzten Jahren ins Kino geflossen ist – so konnte man die SRG auch leichter überzeugen, sich auf mindestens 9 Mio. festzulegen.
Nun wünschte die Branche zunächst, dass die SRG rund 4 Prozent ihres Umsatzes in unabhängige Filme investieren. Das wären 40 Mio. Franken pro Jahr.
EH: Mit dieser Forderung gingen wir in die Verhandlungen. Das wäre konzessionsbedingt, so steht es im Radio- und Fernsehgesetz.
SW: Das steht so eben nicht im Gesetz. Tatsache ist, dass die SRG so viele, auch technisch teure, Auflagen hat, dass wir von den 4 Prozent ausgenommen wurden. Diese gelten nur für die privaten Fernsehsender. Die SRG hat eine viel strengere Konzession, muss noch viel mehr erfüllen als die sprachregionalen Sender. Hingegen sind wir verpflichtet, eine Vereinbarung mit der Branche zu finden. Wenn dies nicht gelänge, würde das Bundesamt für Kommunikation entscheiden.
LH: Und das BAKOM würde sich vermutlich an jenen 4 Prozent orientieren, argumentierte die Branche.
SW: Auf Wunsch der Branche haben wir Zahlen der letzten Jahre geliefert, die belegen, dass wir im Schnitt 40 Millionen Franken pro Jahr ins unabhängige Filmschaffen investieren. Davon gehen rund 30 Mio. an Koproduktionen im Rahmen des Pacte sowie rund 10 Mio. an Auftragsproduktionen.
Seid ihr mit der neuen Lösung für Kinofilme denn nun zufrieden?
LH: Wichtiger als die Höhe ist vermutlich etwas anderes: Die SRG wollte, Stichwort Flexibilisierung, aus Kino und Fernsehen einen grossen Topf machen. Nun bleiben diese Bereiche getrennt, mit entsprechend separaten Regeln. Die 9 Mio. sind ein Bekenntnis für den Kinofilm, ein Commitment mit Signalwirkung.
SW: Wir haben nie gesagt, wir machen keine Unterschiede mehr. Wir sagten nur, innerhalb der Förderung gibt es künftig nur noch «Filmprojekte», und diese haben eine unterschiedliche Art der Auswertung. Aber die Branche war noch nicht bereit zu diesem Schritt.
Bei Fernseh- und Kinofilmen gibt es ja eine ganz andere Philosophie und Herangehensweise. Im zweiten Fall ist der künstlerische Freiraum deutlich grösser.
SW: Vorschläge und Ideen stammen auch bei Fernsehfilmen von unabhängigen Produzenten und Autoren. Bei Kinofilmen allerdings entwickeln wir seit ein paar Jahren nicht mehr; wir steigen erst auf Produktionsstufe ein. Zudem sind wir nur einer von vielen Partnern; unser Finanzierungsanteil beim Kino liegt zwischen 10 und 20 Prozent. Bei fiktionalen Fernsehproduktionen ist der Anteil mit 70 bis 80 Prozent natürlich höher, auch weil sich das BAK zurückgezogen hat und TV-Filme nicht mehr unterstützt.
LH: Es ist ja nicht wegzureden, dass Produzenten beim Kinofilm unabhängiger und freier sind, auch bei den Rechten, die ihnen zustehen. Auf der anderen Seite wollte die SRG auf rechtlicher Ebene beim Fernsehfilm mehr mitbestimmen. Da läuft die Entwicklung zwischen Kino und TV auseinander.
Beim Thema Freiraum geht es ja auch um die Frage, welche Stoffe überhaupt ausgewählt werden. Oder wie früh man bereits an mögliche Sendegefässe respektive das Zielpublikum denkt.
SW: Fernsehfilme entstehen für einen bestimmten Sendeplatz, das ist klar. Da gibt es Vorgaben, wie bei den Serien, die bei einer Eingabe berücksichtigt werden müssen. Im Kino hingegen geht es nicht nur um Programmrelevanz; dort steigen wir ein, wenn wir an ein Projekt glauben, auch wenn damit nicht unbedingt ein breites Publikum angesprochen wird.
LH: SRF zeigt beim Sonntag-Abend-Termin ja weit mehr als nur Feelgood-Komödien. Man denke an «Lina», «Verdacht» oder «Ziellos». Als Produzent muss man sich der Frage stellen, ob man Fernsehfilme machen will; dass ein Sender bestimmte Bedürfnisse hat, die man bedienen muss, ist normal und macht auch Sinn. Die Fernsehredaktionen auf der anderen Seite sind auf das Know-How der Produzenten angewiesen, sie können ja gar nicht selber Spielfilme produzieren.
EH: Auch bei Dokumentarfilmen und kleinerer Produktionen stellt sich die Frage, wie die Zusammenarbeit mit der SRG aussieht. Ist sie direktiv und gibt das Fernsehen uns vor, wie Filme aussehen müssen, ist es unbefriedigend. Was «Programmrelevanz» überhaupt ist, das ist eine Debatte, die man führen muss. Kreativität heisst für uns auch, dass wir Programmrelevanz mit definieren können.
SW: In all den Jahren versuchte man immer besser herauszufinden, was wichtig ist für die Branche. Produzenten können ihre Unabhängigkeit auch durch Arbeitskontinuität stärken, indem sie regelmässig mit dem Fernsehen zusammenarbeiten. Man macht mal einen Fernsehfilm, der auf einen Sendeplatz zugeschnitten ist und dreht danach wieder zwei Kinoprojekte.
Worin unterscheidet sich eigentlich ein Fernsehfilm von einem Auftragsfilm?
LH: Unterschiede gibt es bei der Entwicklung: Beim Fernsehfilm kommt das erste Exposé von Produzentenseite, bei einer Auftragsproduktion wie beim «Tatort» geht die Redaktion auf Autoren zu, die Idee wird länger in der Redaktion entwickelt. Auch die rechtliche Situation unterscheidet sich sowie die Finanzierung. Bei Auftragsfilmen bringt der Produzent keine Eigenmittel ein. Für Regisseure hingegen gibt es kaum einen Unterschied. Der Redaktor ist beim Auftragsfilm nicht häufiger auf dem Set als beim Fernsehfilm. Auch dort gibt es klare Auflagen: Die Pressearbeit läuft über das Fernsehen, es läuft unter dem Logo SRF Schweizer Film. Am Schluss kann man eine Auftragsarbeit oder Koproduktion gar nicht mehr unterscheiden.
Wie sieht es bei Dokumentarfilmen aus?
EH: SRF hat ja selber Leute angestellt; im Dokbereich gibt SRF praktisch keine Primetime-Geschichten in Auftrag. Wenn die Pacte-Gelder im TV-Dokumentarfilm erhöht werden, stellt sich die Frage, wie sich das bei SRF spiegelt. In der Romandie und im Tessin ist das unabhängige Schaffen präsenter als im Programm von SRF. Hier sehen wir zu einem grossen Teil Inhouse-Produktionen; es ist eine Seltenheit, dass es ein Pacte-Film in die Primetime schafft.
SW: Aber immer häufiger.
EH: Ja, es gibt einen Bewusstseinswandel. Aber hier muss noch mehr geschehen. Wenn Pacte-Filme in eine Auftragssituation hineingedrängt werden, dann ist es nicht so interessant, mit dem Fernsehen zu kooperieren.
Bei RTS macht man sich dem Vernehmen nach Sorge um einen Abbau bei den Hors-Pacte-Geldern, weil dieser die Serien tangiert, die gerade eine Blüte erleben. Sind diese nun gefährdet?
SW: Im Zusammenhang mit den Sparmassnahmen, die die SRG im letzten Jahr vornehmen musste, hat jede Region entscheiden müssen, wo es Kürzungen gibt. RTS hat entschieden, bei der Fiktion 1 Mio. zu kürzen. Deswegen kann RTS nur noch eine Serie pro Jahr machen, vorher waren es auf drei Jahre verteilt annähernd zwei Serien.
Wie wirkt sich diese Verlagerung bei SRF aus?
SW: Bei SRF wird man im Bereich Dokumentarfilme mehr Kinoproduktionen machen als bis anhin. In der Fiktion wird sich nicht viel ändern: «Der Bestatter» wie der «Tatort» wird ja ausserhalb des Pacte finanziert und die zwei Fernsehfilme pro Jahr sind gesetzt, ebenso eine neue Serie, die jetzt entwickelt wird.
Zu den Fernseh-Nutzungsrechten. Das betrifft zum einen die Exklusivität, die verlängert wurde; neu sind es ja 5 Jahre für Kinofilme und 15 Jahre bei TV-Produktionen. Worin bestehen Vor- und Nachteile der neuen Regelung?
LH: Es ist eine gute Regelung, weil die Exklusivität nur gilt, wenn ein Film innerhalb von zwei Jahren erneut ausgestrahlt wird. Wenn nicht, verfällt die Exklusivität. Wir sind ja daran interessiert, dass Filme möglichst oft ausgestrahlt werden – zudem ist die Dotierung durch Passage antenne höher als ein Verkauf an Private.
Wie haben neue Sehgewohnheiten und Nutzungsformen die Diskussion beeinflusst?
SW: Wir haben natürlich über VoD oder Internet-Rechte diskutiert. Nun gibt es neu die Möglichkeit, dass wir Fernsehprojekte oder Serien schon eine Woche vor der Ausstrahlung und bis 30 Tage danach ins Netz stellen können. Bei Kinofilmen sind es 48 Stunden vorher und 7 Tage danach. Da hat man sich den Nutzungsgewohnheiten angepasst.
EH: Uns vom ARF ist einfach wichtig, dass bei VoD die Autorenrechte von Pacte-Filmen abgegolten, dass überhaupt die Urheberrechte im Internet gewahrt werden. Hier ist man zu einem Konsens gekommen.
Weshalb stellt man Filme bereits vor der Ausstrahlung ins Netz?
SW: Man kann so ein neues Publikum ansprechen und zugleich die Ausstrahlung «anteasern». Gute Erfahrungen haben wir mit der internationalen Serie «The Team» gemacht, die SRF und RTS koproduziert haben und die zuerst im Internet angeboten wurde. Auch die Ausstrahlung hat davon profitiert. Der nächste Schritt wäre natürlich, um zur Flexibilisierungsidee zurückzukommen, dass wir diesbezüglich noch mehr Freiheiten hätten, wann wir was im Web anbieten. Die Grenze zwischen TV und Web wird in absehbarer Zeit verschwinden.
Die Billag-Initiative mobilisiert weiter gegen die SRG; das Abstimmungsresultat zum neuen Radio- und Fernsehgesetz war extrem knapp. Wo steht da die Filmbranche?
SW: Wir haben die Unterstützung der Branche vermisst im letzten Sommer. Wir wollten diese Diskussion aber immer von den Pacte-Verhandlungen trennen. Mit der Branche sind wir uns ja einig, dass es eine starke SRG braucht.
LH: Ich bin überzeugt, dass die Unterstützung für die SRG viel grösser gewesen wäre, wenn es im Sommer nicht gerade ein Verhandlungsloch gegeben hätte. Dieses Jahr wäre das ganz anders gewesen.
Eine Prognose zum Schluss: Wie gut wird sich der neue Pacte bewähren?
EH: Der Pacte ist ein Bekenntnis zur Zusammenarbeit; ein Signal. Aus der Sicht des ARF ist es von Interesse, dass sich die drei Sprachregionen angleichen: Die Wertschätzung zum Beispiel gegenüber den Autoren, die man beim RTS pflegt, die könnte sich auch SRF zum Vorbild nehmen.
LH: Es ist der beste Pacte bis jetzt von allen sechs. Er steht jetzt unabhängiger neben den anderen Fördermodellen. Fragen wie das Nutzungsrecht, die seit etwa 10 Jahren brennen, sind jetzt endlich geklärt. Und die Rechtssituation ist jetzt wieder national einheitlich gestaltet; es gab ja unterschiedliche Regeln für die Deutschschweiz und die Romandie. Das war ein grosses Anliegen der Produzenten. Gut ist auch, dass wir eine Minimalgarantie für den Kinobereich haben statt Prozente, die ja immer relativ und somit unsicher sind. Und der Pacte gibt jetzt Bahn frei für Serien! Er steht allen Formaten offen.
SW: Wir haben eine kompakte Lösung gefunden, die alle zufriedenstellt. In vier Jahren werden wir wieder an einem ganz andern Ort sein, das ist klar. Vielleicht muss man die ganze Filmförderlandschaft in der Schweiz überdenken.
Die Gesprächsteilnehmer:
Sven Wälti: Leiter des Abkommens «Pacte de l'audiovisuel» sowie der Abteilung Film bei der SRG. Sven Wälti ist im Vorstand von Cinébulletin.
Lukas Hobi: Produzent und Mitinhaber von Zodiac Pictures. Bis 2012 im Präsidium der IG, hat an den Pacte-Verhandlungen teilgenommen.
Edgar Hagen: Filmemacher aus Basel («Zeit der Titanen»). Seit 2010 Vorstandsmitglied beim ARF/FDS, hat ebenfalls an den Verhandlungen teilgenommen.