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Weltweit wurde dieses Jahr das 50-Jahr-Jubiläum der 1968er-Bewegung gefeiert (die FN berichteten). Aber eine wichtige Frage blieb in diesem Zusammenhang bislang unbeantwortet: Wie sah es eigentlich in den 1960er-Jahren mit der Entwicklung der Beziehungen der Geschlechter untereinander aus?
Jemand, der sich bestens mit diesem Thema auskennt, ist Anne-Françoise Praz, Professorin für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg. Sie hat eine Studie mit dem Titel «Mit der Sexualität der Jungen umgehen: Familien- und institutionelle Strategien in der Westschweiz (1960 bis 1977)» erarbeitet. Im vergangenen Jahr hat sie diese an einer Konferenz der internationalen Gesellschaft für Kinder- und Jugendgeschichte in Camden im US-amerikanischen Bundesstaat New Jersey präsentiert.
Worauf basiert diese Studie?
Auf Recherchen in kantonalen Archiven zur Gesundheit und zum Bildungswesen sowie auf Interviews, die Master-Studierende von mir im Herbstsemester 2016 mit Menschen gemacht haben, die ihre Adoleszenz in den 1960er-Jahren in Freiburg verbrachten. Befragt wurden 22 Frauen und 29 Männer mit den Jahrgängen 1945 bis 1955. Dabei wurde nicht nur über Sexualität gesprochen, sondern auch über Ausbildung und Hobbys, die Adoleszenz im Allgemeinen.
Wie reagierten Ihre Studierenden auf diese Interviews?
Sie waren sehr beeindruckt. Sie hatten den Eindruck, Menschen zu treffen, die in einer komplett anderen Epoche gelebt haben.
Seit wann interessiert Sie dieses Thema persönlich?
Eigentlich schon seit meinem Doktorat. Meine im Jahr 2005 erschienene Dissertation behandelt den Unterschied der Geburtenkontrolle zwischen den Kantonen Freiburg und Waadt in der Zeit von 1860 bis 1930. Dabei habe ich entdeckt, dass die unterschiedlichen Ausbildungsmöglichkeiten für junge Frauen und Männer erklären könnten, wieso die Waadtländer Eltern früher mit Geburtenkontrolle begonnen haben als die Freiburger Eltern.
Inwiefern war denn 1968 ein Einschnitt?
Viele grosse Veränderungen hatten sich schon vor 1968 ergeben. Dieses Jahr sorgte zwar medial für viel Aufsehen. Die grosse Unruhe in der Bevölkerung über die angeblich zu frühen sexuellen Aktivitäten der Jugend hatten aber schon Anfang der 1960er-Jahre begonnen.
Wie ist das zu interpretieren?
Mich interessierten in diesem Zusammenhang vor allem die Fragen, ob diese verfrühte Jugendsexualität überhaupt existierte, wieso man darüber beunruhigt war und was man dagegen unternahm. Auch die Frage, ob der Katholizismus eine Rolle spielte, ist entscheidend. Daher wollte ich Freiburg mit der Waadt vergleichen.
War das nicht die Zeit der berühmten Antibabypille?
Die Pille war zwar ab 1961 für den Verkauf freigegeben. Aber man bekam sie damals nicht so leicht, sondern nur auf Verschreibung des Arztes. Und die grosse Mehrheit der Gynäkologen damals waren Männer. Die Pille wurde an verheiratete Frauen verschrieben, die bereits zwei, drei Kinder hatten und sich über gesundheitliche Probleme beklagten. Das war ja dann übrigens auch einer der Auslöser der Frauenbefreiungsbewegung der 1968er, die in der Schweiz an der Universität Zürich begann. Und zwar mit einer Umfrage in einer Studentenzeitschrift. Deren Macher waren bei allen Gynäkologen in Zürich gewesen und publizierten eine Liste all jener, die offener mit diesem Thema umgingen.
Gab es denn diese verfrühte Sexualität damals wirklich?
Die jungen Menschen wurden tatsächlich früher sexuell aktiv, in Freiburg und anderswo. Es war nicht ganz einfach, das zu belegen. Aber es gibt eine sehr aussagekräftige Statistik, die ich erarbeitet habe: Sie erfasst den Prozentsatz all jener Frauen, die im Alter unter 20 Jahren geheiratet haben. 1931 waren es noch lediglich etwas mehr als sechs Prozent. Das blieb dann in den folgenden Jahrzehnten immer mehr oder weniger so. Gegen Ende der 1950er-Jahre aber begann die Quote sprunghaft anzusteigen und erreichte Ende 1967 mit fast 22 Prozent ihren Höhepunkt. Diese Statistik hat mir schlagartig die Augen geöffnet.
Wieso?
Diese jungen Frauen mussten heiraten, weil sie schwanger waren. Weil sie sexuelle Beziehungen hatten und es keine Verhütungsmittel gab. Die einzige Lösung war die Heirat.
Gab es denn keine Kondome?
Schon, aber sie waren nur in Apotheken verfügbar, nicht im Supermarkt wie heute. Verschiedene männliche Zeitzeugen haben zugegeben, dass sie sich damals nicht getraut hätten, in Apotheken nach Kondomen zu fragen.
Sehr auffällig ist auch der Unterschied zwischen Freiburg und der Waadt.
Ja. In der Waadt heirateten in signifikantem Ausmass weniger Frauen als in Freiburg unter dem Alter von 20 Jahren. In Freiburg gab es weder Verhütung noch Familienplanung. Im Kanton Waadt wurde ganz offensichtlich mehr für die Prävention und die Familienplanung getan. Denn die sexuelle Aktivität dürfte sich in beiden Kantonen ja wohl kaum unterschieden haben.
Welche Rolle spielte mangelnde Aufklärung?
Oft basierten die Schwangerschaften schlicht auf Unwissen. Es gab keine Aufklärung – weder zu Hause noch im Schulunterricht. Auch mit den Eltern konnten die meisten damals offenbar nicht über das Thema Sexualität sprechen. Die gesellschaftliche Tabuisierung des Themas war generell viel grösser als heute.
Wie stand es um das Thema Geschlechtskrankheiten?
Es taucht in den Studenten-Interviews interessanterweise fast gar nicht auf. Offenbar redete man damals einfach nicht darüber, und ausserdem war es ja die Zeit vor Aids. Das grosse Risiko für die Frauen war damals, schwanger zu werden. Denn in so einem Fall wurde man in der Regel auch von der Schule ausgeschlossen.
Abtreibung war keine Option?
Nein. Die damals geltenden Bestimmungen des Strafgesetzbuchs verboten die Abtreibung. Die einzige Ausnahme machte man, wenn die Gesundheit der Mutter in Gefahr war. Aber: Was heisst Gesundheit? Ist damit nur die physische Gesundheit gemeint oder auch die psychische? Im Kanton Waadt wurde das viel grosszügiger interpretiert. Im Kanton Freiburg wurde eine Abtreibung eigentlich nur dann erlaubt, wenn das Leben der Mutter physisch gefährdet war. Das änderte sich erst mit der Fristenlösung ab 2002 wirklich. Vorher gab es einen regelrechten Abtreibungstourismus von Freiburg in die Kantone Waadt und Genf sowie ins Ausland.
Wieso wurden die jungen Menschen in den 1960er- Jahren früher sexuell aktiv?
Die Ausbildungszeit wurde immer länger. Und die Geschlechter trafen sich öfter als früher. Im öffentlichen Verkehr, aber auch anderswo gab es viel mehr Möglichkeiten, sich ausserhalb der elterlichen Kontrolle zu treffen.
Wann kam es denn zu der grossen sexuellen Revolution?
In Freiburg eigentlich erst im Lauf der 1970er-Jahre. Die jüngeren Teilnehmer der Umfrage, die um 1955 geboren wurden, erzählten nämlich durchaus von der Möglichkeit, die Pille zu bekommen.
Wann begann der Kanton Freiburg, Familienplanung zu unterstützen?
Das begann erst, als der Sozialdemokrat Denis Clerc 1972 in den Staatsrat kam. Ende der 1960er-Jahre gab es zwar schon ein sogenanntes Psychosoziales Zentrum, das hauptsächlich für Hilfe bei psychischen Problemen gedacht war. Es war dann aber Clerc, der sich 1972 dafür einsetzte, dass man dort eine neue Sozialarbeiterin einstellte, die Spezialistin für Familienplanung war. Er wollte das auf dem Weg einer simplen Neueinstellung erledigen und eine Diskussion im Grossen Rat vermeiden. An der entsprechenden Staatsratssitzung sollen die CVP-Staatsräte gesagt haben: «Wir hatten das nie nötig.» Aber sie leisteten dann doch keinen Widerstand, und so konnte diese Sozialarbeiterin engagiert werden. Dieses Familienplanungszentrum informierte zuerst aber nur über Methoden, die von der katholischen Kirche autorisiert waren. Freiburger aus diversen sozialen Schichten mobilisierten sich daraufhin für Informationen über alle Methoden und über medizinische Methoden der Empfängnisverhütung. Sie mussten aber bis 1986 warten.
Und in den Schulen?
Der Aufklärungsunterricht in den Schulen wurde in der Waadt schon 1971 eingeführt, im Kanton Freiburg viel später. Zwar gab es im Juni 1972 schon einmal eine entsprechende Anfrage im Grossen Rat. Die Einführung erfolgte aber erst 1980, fast ein Jahrzehnt nach der Waadt.
«Auch mit den Eltern konnten die meisten damals offenbar nicht über das Thema Sexualität sprechen.»
«Die Pille war zwar ab 1961 für den Verkauf freigegeben. Aber man bekam sie damals nicht so leicht.»
Zur Person
Seit 2008 an der Uni Freiburg
Anne-Françoise Praz stammt aus dem Kanton Wallis. Sie ist seit 2008 Professorin für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg, wo sie 2003 doktorierte. Vor ihrer Professur befasste sie sich mit Gender-Studien an der Universität Genf. Aktuell widmet sich Praz vor allem dem Thema der administrativ Versorgten und nimmt in einer entsprechenden Kommission des Bundes Einsitz.