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Hartes Judotraining stellt eine wahrhaft existenzielle Herausforderung dar, weil man nicht einfach gewinnt oder verliert, sondern im wahrsten Sinn des Wortes Überlegenheit oder Unterlegenheit erlebt. Dieses Fallbeispiel zeigt, wie die dabei erlebten Emotionen in einzelnen Fällen zu aggressivem Verhalten führen können.
Ein 12-jähriger Knabe aus einer Flüchtlingsfamilie fällt durch sein grobes Verhalten gegenüber seinen Trainingspartnern auf. Die einen reagieren mit Gegengewalt. Jene, die das nicht können oder wollen, weigern sich, mit ihm zu üben.
Trotz mehrerer Diskussionen mit ihm und der Klasse tritt keine dauerhafte Besserung ein.
Fragen
- Was ist zu tun, wenn verschiedene Massnahmen ohne sichtbaren Erfolg bleiben?
- Wie lässt sich automatisiertes Fehlverhalten umpolen? Gibt es, angesichts des jugendlichen Alters, eine pädagogische Lösung des Problems, ohne auf professionelle Unterstützung zurückgreifen zu müssen?
- Wie klärt man ab, ob das Verhalten des Jugendlichen auch ausserhalb des Clubtrainings zu Problemen führt?
Interventionen
- Nach den gescheiterten Versuchen wäre die einfachste Lösung, den Knaben vom Unterricht auszuschliessen. Angesichts der schwierigen Vergangenheit des Knaben wird nach innovativen (pädagogischen) Lösungen gesucht, um das erstarrte Verhalten möglichst konstruktiv aufzubrechen.
- Wir schlagen einen Perspektivenwechsel vor, den wir als «Strategie der Hereinnahme» bezeichnen. Der Knabe soll eine Zeitlang die Rolle des Trainerassistenten im Anfängerkurs übernehmen. Zuerst kleinere Ämtli (z. B. Verantwortung für Ordnung in der Garderobe, Anleitung beim Gürtelbinden, Kommando zum Begrüssungsund Verabschiedungsritual).
- Sukzessive übernimmt er mehr Verantwortung: Als fortgeschrittener Trainingspartner hilft er den Anfängern, schön zu werfen. Und darf (zur Belohnung) jedes Mal einen Übungskampf mit dem Hauptleiter vorzeigen.
- Bei Gelegenheit tauschen wir uns mit den Lehrpersonen der Schule aus und informieren diese über die Bemühungen und Fortschritte im Judotraining.
Auswirkung
Da sich der Knabe in der Trainingsgruppe der Jüngeren nichts zu beweisen hat, kommt es nicht mehr zu groben Handlungen. Er geniesst Achtung, das gibt ihm das nötige Selbstwertgefühl, um auch im Training mit den Gleichaltrigen immer seltener grob zu sein.