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San Antonio, Texas, 1994: Nach einem Streit mit seiner Familie reagiert sich der 13-jährige Nicholas Barclay beim Basketballspielen ab - und wird fortan nicht mehr gesehen. Mutter Beverley, Schwester Carey und Bruder Bryan versuchen verzweifelt, ihn wiederzufinden, doch ihre Bemühungen sind nicht erfolgreich. Der Junge gilt fortan als vermisst und landet als eines von zahlreichen vermissten Kindern auf den einschlägigen Fahndungslisten der Polizei.
Dreieinhalb Jahre später wird in einem Kaff irgendwo in der spanischen Pampa ein verwirrter Teenager aufgegriffen, der behauptet, der vermisste Nicholas Barclay zu sein. Nachdem sie von den spanischen Behörden kontaktiert worden ist, reist Carey unverzüglich nach Spanien, um ihren Bruder wieder mit nach Hause nach San Antonio zu nehmen. Dort wird der verlorene Sohn von der ganzen Familie in Empfang genommen, überglücklich, ihn wieder zurückzuhaben. Dabei stört es niemanden, dass Nicholas in der Zwischenzeit die Augenfarbe gewechselt zu haben scheint, sich an nichts und niemanden mehr erinnert und sein Englisch plötzlich einen französischen Akzent aufweist...
Ever wanted to be someone else? So lautete die Tagline von Being John Malkovich. Der Film von Spike Jonze oder auch Anthony Minghellas The Talented Mr. Ripley haben's gezeigt: Der Wunsch, in die Haut eines anderen Menschen zu schlüpfen, ist offensichtlich durchaus verbreitet. Frédéric Bourdin hat diesen Traum konsequent in die Tat umgesetzt und ist in Dutzende fremde Identitäten geschlüpft - vorzugsweise von vermissten Teenagern mit traumatischen Erlebnissen.
Eine dieser Identitäten war 1997 diejenige des vermissten amerikanischen Jungen Nicholas Barclay. Diese Geschichte, die damals für einigen Medienwirbel gesorgt hat, gehört in die Kategorie "so unglaublich, wie nur die Realität sein kann". Kein Drehbuchschreiber hätte sich wohl ernsthaft getraut, die Geschichte eines 23-jährigen Franzosen zu Papier zu bringen, der sich als 16-jähriger amerikanischer Teenager ausgibt - um von seiner vermeintlichen Familie mit offenen Armen empfangen zu werden. Ein kleiner Twist gegen Ende des Filmes gibt dann eine mögliche (schauerliche) Erklärung für das seltsame Verhalten der Familie. Allerdings scheint auch diese in die Leere zu führen; zumindest haben sich die entsprechenden Ermittlungen des FBI im Sand verlaufen.
Bart Laytons Film ist, obwohl eigentlich Dokumentarfilm, aufgezogen wie ein Krimi. Die Aussagen von Bourdin und diejenigen von Nicholas' Familienmitgliedern sowie weiteren Zeitzeugen werden einander gegenübergestellt. Ergänzt werden die Interviews durch nachgestellte Szenen der Ereignisse von 1997. Die realen und die nachgestellten Szenen vermischen sich dabei immer wieder, beispielsweise indem der echte Bourdin die Dialoge seines von einem Schauspieler verkörperten jungen Alter Egos nachspricht, diese also sozusagen nachsynchronisiert.
Diese vernebelte Art der Inszenierung erzeugt Spannung und lässt die Zuschauer vergessen, dass es sich um einen Dokumentarfilm handelt. Natürlich bricht Laytons Streifen damit ein Stück weit mit den Regeln des Genres. Ein wenig bedient sich The Imposter der gleichen Tricks wie Frédéric Bourdin: Es ist ein Dokumentarfilm, der sich als Krimi ausgibt; oder doch eher ein Krimi, der sich als Dokumentarfilm ausgibt? Die Grenzen zwischen Realität und Inszenierung sind fliessend. Dies kann dazu führen, dass man als Zuschauer dem Film am Ende gleich gar nichts mehr glaubt. Doch zumindest die Kerngeschichte des vermeintlichen Sohnes, der zurückkehrt und sich als Betrüger erweist, ist verbürgt.
Mit zunehmender Filmdauer mag sich die geheimnistuerische Inszenierung des Filmes ein wenig abnutzen. Zudem wird - trotz allem - nicht ganz klar, worin genau Bourdins offenbar geniale Überzeugungskraft besteht. Der im Film interviewte Mann wirkt auf jeden Fall nicht wie einer, dem man bedenkenlos ein Auto abkaufen würde, auch wenn ihm ein gewisses Charisma nicht abgesprochen werden kann. Dennoch: The Imposter fasziniert. Und zeigt, was alles möglich ist, wenn man nur dreist genug vorgeht.
Simon Eberhard [ebe]
Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.
Was für eine Geschichte! Kaum zu glauben, was in Imposter gezeigt wird. Die als Krimi ausgelegte Doku ist spannend und bietet neben der eigentlichen, schon genügend abartigen, wahren Handlung, einen haarsträubenden 'Twist', der zwar nicht bestätigt wird, aber die ganze Prämisse noch unglaublicher macht und vor allem auch nach dem Film für etliche Diskussionen sorgen wird.