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Nadine Hostettlers «Aureole»
«Der Direktor saß in einem Abteil, dessen Polster eine fürsorgliche Hand vergebens versucht hatte, mit Zwirn zusammenzuhalten, und schaute aus dem Fenster; schaute zu, wie die geraden, öden Abschnitte des Tals weiter und weiter hineinführten in jene Welt aus alten Tannenwäldern und Weiden. Der Glanz der Morgensonne nahm ihnen nichts von ihrer Aura aus Düsternis und Einsamkeit. Ab und zu tauchten, Phantomen gleich, einzelne Dörfer auf mit ihren vom Schimmel überzogenen Häusern und den Fabriklein mit den heruntergelassenen Jalousien. Hier waren einst Teilchen für die Fabriken in Aureole produziert worden, aber auch etliche der edelsten Stücke des Handwerks, unter ihnen so unvorstellbare Erfindungen wie die Uhr mit dem ewigen Kalender, die wußte, welcher Monat gerade war, ob er dreißig oder einunddreißig Tage hatte oder ob es ein Schaltjahr war. Sie hatten über mechanisch angetriebene Teilchen die Zukunft programmiert, wie hätten sie sich vorstellen sollen, daß ihre eigene Zeit nicht einmal ein Leben lang dauern würde? Der Direktor wußte nicht, was ihn mehr bedrückte, seine Gedanken oder die verlassene Landschaft auf der anderen Seite des Fensters.»
Mit dem Untergang der Uhrenindustrie hat der Puls einer ganzen Region aufgehört zu schlagen. «Die letzte Hemmung» wechselt zwischen Erinnerungen an eine glamouröse Vergangenheit und Einblicken in eine trostlose Gegenwart, in der alle Zeichen auf Stillstand stehen: «Er sah die zerbrochenen Leuchtbuchstaben vom Kino Splendid, dem ältesten Kino der Stadt, hörte das Hufgetrampel der Pferde aus den Westernfilmen und roch den Lavendelatem der Gelegenheitsfreundinnen, mit denen er als Lehrling in den Sonntagnachmittagsvorstellungen gesessen hat; er sah gleich gegenüber das Gebäude des Italienerclubs, dessen einstige Mitglieder in den Nächten des Vollmondes und der würzigen Weine in Lecce den Enkeln vielleicht von den Jahren in den Fabriken der Uhrenindustrie erzählten; er sah die oxidierten Betonplatten des Kongreßhauses und mußte daran denken, wie er eines Sonntagnachmittags am Anfang des Wirtschaftsbooms seine Frau und seine Tochter in das eben erbaute Gebäude geführt hatte, damit sie die aufregende Weltneuheit kennenlernten, die dort ausgestellt war: die Grapefruit.»
Der alte Direktor einer Uhrenfabrik in Aureole bricht auf in die verlassenen Täler des Juras. Denn begonnen hat er einst als Uhrenmacher, ehe er als Direktor einer Fabrik die berühmten Schweizer Präzisionsuhren in alle Welt verkaufte. Nun hat er noch ein Ziel: Seine Sammlung kostbarer Chronometer zu vervollständigen und sie als Vermächtnis der Nachwelt zu überlassen. Die Figuren mögen etwas blass wirken, die Provinzhauptstadt Aureole, die frappierende Ähnlichkeit mit Biel aufweist, wird dagegen voller Fabulierfreude geschildert.
Nadine Hostettler ist 1959 in Bern geboren. Sie lebt und arbeitet als Journalistin in der Schweiz und in Paris. (BP)
Hinter «Aureole», dem Provinzhauptstädtchen aus dem Roman, schimmert Biel hindurch: Omega, Rolex, Swatch – Biel ist das wichtigste Zentrum der Schweizer Uhrenindustrie. Ihre Strukturkrise in den 1970er und 1980er Jahren traf die Stadt hart, aber neue Präzisionstechnologien haben aus der Depression geführt. Biel hat auch eine Tradition im Automobilbau: Von 1935 bis 1975 montierte General Motors hier den Opel, ab 1996 entwickelte die Swatch Group mit Daimler Benz den Smart. Die Fachhochschule machte mit Solar-Rennwagen Furore. Auf Führungen zur Geschichte der Bieler Uhrenindustrie können ehemalige Fabriken und einstige Ateliers unter den Dächern entdeckt werden.