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Ich habe vor Euch gelegt Leben und Tod. Wählt das Leben. 5.Mose 30:15
Allmacht
Interessanterweise hat erst Thomas von Aquin Gott als allmächtig bezeichnet. Er leitet das ab von der Unendlichkeit Gottes. Wie er das tut, würde den Rahmen hier sprengen.
Aber, werden jetzt viele sagen, wir finden doch im ganzen alten Testament immer wieder den Ausdruck Gott allmächtig. So wird El Shaddai normalerweise übersetzt. Das wurde so gemacht, um die Bibel etwas jugendfreier, aber auch patriarchalischer zu machen. Shaddai sind die Brüste, und die ersten Verse, in denen Gott sich selbst El Shaddai nennt, handeln alle von Fruchtbarkeit und Vermehrung. Wollten wir hier die weibliche Seite Gottes verheimlichen?
Interessant aber ist, dass die Übersetzung des Namens als etwas wie allmächtiger Gott in der Septuaginta ins Griechische begann mit dem Wort pantokrator. Es bedeutet, in Anlehnung an das Konzept des El Shaddai, Allbewahrer und Allschöpfer im Sinne von: Gott schöpft und bewahrt alles, was existiert.
Im Lateinischen omnipotens wir eine grosse Verlagerung angelegt: ursprünglich verstanden als der, der allem Kraft gibt, wird es bei Thomas von Aquin zu dem, dem alles möglich ist.
Erst ca. 300 Jahre nach Thomas von Aquin wurde das deutsche allmächtig eingeführt, das theologische Prinzip von Gottes Omnipotenz war aber bereits geboren. Die deutsche Theologie verstärkte den Anspruch noch mit dem Ausdruck absolut allmächtig, was bedeuten sollte, nur ihm und durch ihn ist alles möglich.
Gott wurde also vom Schöpfer und Bewahrer aller Existenz zum alleinigen Ermöglicher aller Dinge.
Was aber glaubten die Menschen vor Thomas von Aquin? Vor allem jüdischen Quellen wird ein ganz anderes Prinzip entnommen: Gott hat Überzeugungskraft. Dieses Prinzip wird von Alfred North Whitehead konkretisiert.
Überzeugungskraft
Was soll das heissen: Überzeugungskraft?
Erst einmal: Gott ist unendlich. Das heisst aber auch, dass alle möglichen Entwicklungen in Gott liegen. Würde Gott jetzt sich selbst beschränken und einige Möglichkeiten ausschliessen, wäre er nicht mehr unendlich.
Wenn ich jemanden davor bewahre, von einem Tram überfahren zu werden, dann zwinge ich dieser Person etwas auf, indem ich sie mit Kraft zurückziehe (wofür sie wahrscheinlich sogar dankbar ist). Doch trotz des wünschbaren Ergebnisses habe ich die Möglichkeiten für diese Person und mich selbst eingeschränkt.
Das ist für uns kein Problem, weil wir nicht unendlich sind. Jede unserer Handlungen schliesst einige Alternativen aus, die vor dieser Handlung noch vorhanden waren.
Wenn Thomas von Aquin Gott als reine Handlung ansieht, dann macht Gott genau das: er schliesst viele alternative Möglichkeiten aus. Gott als Handelnder ist also beschränkend, nicht unendlich.
Wenn aber wir die Handelnden sind? Nehmen wir einmal an, die Welt bestehe nicht aus Dingen, sondern aus Prozessen, welche Dinge werden und vergehen lassen. Dann wäre die kleinste Einheit ein Ereignis.
Ein Ereignis basiert auf einem Anfangszustand, handelt darauf, und erzeugt so einen neuen Zustand, der wiederum zum Anfangszustand für neue Ereignisse wird.
Ereignisse können vieles sein, vom subatomaren Bereich bis hin zum Konzeptionellen wie eine menschliche Entscheidung.
Wenn wir die Handelnden sind, was dann ist Gott?
Gott ist der Schatz, die Ansammlung, das Gedächtnis aller vorherigen Zustände. Gott aber ist noch mehr: er kennt zu jedem Zeitpunkt alle alternativ möglichen Ereignisse und bewertet sie anhand ihrer Wünschbarkeit. Gott ist also, „vereinfachend“ gesagt, ein mathematischer Raum mit einer Sammlung von Funktionen und darauf einer mathematische Ordnungsfunktion, welche jedem möglichen Ereignis (Funktion) einen Wert zuweist. Wie jede Beschreibung Gottes ist diese natürlich sehr vereinfacht und wird Gott nicht gerecht, dient aber hier zur Veranschaulichung.
Wenn Gott jetzt das beste Ereignis erzwingt, dann beschränkt er sich selbst, wie wir gesehen haben. Gott wird im Gegenteil nichts erzwingen, sondern in uns den Wunsch legen, die beste Variante zu wählen, indem er uns zu überzeugen sucht. Das sehen wir im Vers oben. Ich bezeichne das als sanftes Drängen.
Er wird sogar die Anzahl Möglichkeiten erweitern, indem er uns Alternativen aufzeigt, und seine leise, feine Stimme wird uns zu leiten versuchen, die beste Variante zu wählen.
Wir aber haben als Handelnde die Freiheit, aus den Alternativen frei zu wählen. Und so entsteht aus einem Anfangszustand nicht immer der beste neue Zustand. Diese „falsche“ Wahl eines teilweise unerwünschten Ereignisses nennt man Zielverfehlung, oder theologisch, Sünde.
Am Anfang übrigens war reines Potential. Eine Möglichkeit realisierte sich, und von da an begann das Spiel zwischen Gott als der Quelle aller Möglichkeiten basierend auf dem Istzustand und der Wunschvorstellung Gottes für das nächste Ereignis einerseits, und der Schöpfung als Verwirklicher einer dieser Möglichkeiten und der Freiheit, nicht die Wunschvorstellung Gottes zu realisieren andererseits.
Gott erzwingt also nichts, weil es seiner göttlichen Natur widerspricht. Er versucht zu überzeugen.
Theodizee
Die Theodizee, oder die Frage, warum Gott all das Leid in der Welt zulässt, wird hiermit befriedigend beantwortet.
Gott kann nicht anders, als unsere Entscheidungen, unsere Wahl, wie wir handeln, zu akzeptieren. Er wird uns zu nichts zwingen, ja kann es gar nicht. Er würde seiner eigenen Natur entgegenwirken.
Die Theodizee ist eine Folge der Allmachtslehre von Thomas von Aquin. Nur wenn Gott allmächtig ist, kann er für das Leid verantwortlich gemacht werden, muss es dann aber auch.
Alle unsere Antworten auf dieses Problem fassen zu kurz: wenn Gott allmächtig ist, wir aber für das Leid verantwortlich sind, weil wir unser Handeln selber bestimmen können, dann ist Gott verantwortlich für den Plan und die Realisierung dieses Modells, in dem wir diese Entscheidungen treffen.
Wenn es aber kein besseres Modell als dieses gibt, es also einen Ausschuss an Menschen, die Leid erfahren und durch die Hölle gehen, je nach Interpretation sogar dort für ewig dort landen, geben muss, und ihre Anzahl womöglich viel grösser ist als die der Menschen, die es schaffen (der kleine Überrest), dann gibt es eine Kraft, die stärker ist als Gott, nämlich die Kraft, die dieses Modell unausweichlich macht. Somit wäre Gott nicht allmächtig.
Wenn er aber, obwohl es bessere Modelle gegeben hätte, dieses ausgesucht hat, dann ist er nicht Liebe, weil er dann trotz Alternativen Milliarden von Menschen in das ultimative Leid, die Hölle, schicken würde.
Wenn er aber die Quelle allen Potentials ist, und uns aufzeigt, welche mögliche Handlung die bestmögliche ist, ist er von Beginn weg nicht allmächtig und die Verantwortung für das Leid liegt in der Wahl der realisierten Möglichkeiten.
Nun könnte man sagen, dass er uns nur Möglichkeiten
vorlegen könnte mit positivem Ergebnis. Dann aber würde er seine Unendlichkeit verlieren. Diese Macht hat er nicht, und somit ist er nicht allmächtig.
Unsere Entwicklung
Der geneigte Leser wird gemerkt haben, dass dieses Modell auch Materie Entscheidungskraft zugesteht. Die Kollision zweier Atome ist die Realisation eines von vielen möglichen Ereignissen.
Man könnte dieser Entscheidungskraft durchaus den Namen Bewusstsein geben, aber nicht im Sinne unseres Bewusstseins. Wir entwickeln dieses Bewusstsein in unserem Leben weiter zu einem teilweise bewussten Entscheidungsprozess, der von Planung, Einsicht, Voraussicht, Wissen um Vergangenheit und Prinzipien geleitet wird.
Dieses zugegebenermassen bruchstückhafte Kennen der Vergangenheit und Verstehen der Prinzipien ist ein göttlicher Funke in uns. In begrenztem Masse sind wir ein teilbewusster Speicher der Geschichte und kennen einen Teil der möglichen Ereignisse, ja wir besitzen sogar gewisse Funktionen, um diese Ereignisse zu bewerten.
Wie entwickeln wir diese Fähigkeiten?
Wir sind uns relativ sicher, dass leblose Materie kaum selber Entscheidungen trifft, sondern dass die Naturkräfte, der Aufbau der Atome (vereinfacht: z.B. die Anzahl freier Elektronenstellen auf der äussersten Schale des Bor’schen Atommodells) usw. diese Ereignisse bestimmen. Physik, Chemie.
Bei Pflanzen und Tieren kommt die Biologie dazu. Triebe, Instinkte und Umwelteinflüsse.
Genau so ist es beim Menschen in der ersten Zeit nach seiner Geburt. Doch geschieht hier bald etwas mehr. Das Selbstbewusstsein entwickelt sich. Psychologie.
Die meisten Menschen lernen, im Familienverband zu leben, und entwickeln danach ein mehr oder minder gesundes Ego, mit Entscheidungskraft und Bedürfnisbefriedigung.
Es sind eigentlich die beiden tierischen Kräfte, Triebe und Instinkte auf der einen Seite, Umwelteinflüsse auch von den Menschen um uns herum auf der anderen. Letzteres nennen wir heute Prägung oder sozio-kulturelle Einflüsse.
Ein weiterer notwendiger Schritt in unserer Entwicklung ist es, unsere eigene Entscheidungsfunktion zu verbessern. Werden wir auf den Vorschlag Gottes hören und die von ihm vorgeschlagene beste Alternative in dieser Situation realisieren? Oder hören wir weiterhin auf unser Ego, unsere Triebe und Instinkte?
Es geht bei diesem Schritt um Moral und Ethik. Für uns als begrenztes Wesen ist es natürlich ethisch besser, jemanden zu zwingen, nicht unter das Tram zu geraten, auch wenn wir dieser Person damit die Möglichkeit zur freien Wahl rauben und sowohl ihn als auch uns beschränken.
Diese Moral wird durch die Zusammenarbeit von Gottes sanftem Drängen, unserer kollektiven Erfahrung aus ähnlichen Situationen in der Vergangenheit, und unserem Ego gebildet. Der Gehorsam gegenüber den erarbeiteten Richtlinien und Regeln ergibt sich über ein System von Strafen und die Androhung des Ausschlusses aus der Gemeinschaft.
In all dem entwickelt sich aber langsam unsere Fähigkeit, rational zu denken, Folgen abzuschätzen, abstrakt zu denken. Neben den beiden Faktoren Ego (Trieb und Instinkt) und Gemeinschaft (Sozio-kultureller Gruppendruck) ergibt sich ein dritter Faktor, das eigenständige Gewissen basierend auf einer selbst-gewählten Wertehierarchie.
Nur wenige Menschen schaffen diese Entwicklung des dritten Faktors. Trotzdem entwickelt sich die Menschheit weiter, weil diese wenigen Menschen einen sozio-kulturellen Einfluss zuerst auf wenige, dann aber über Multiplikation auf immer mehr Menschen haben. Dies dauert Generationen.
Die Menschen entwickeln also über die Jahrtausende die Fakultäten, die notwendig sind, bewusst und eigenverantwortlich, über ein gesundes Ego und den sozio-kulturellen Druck die Auswahlfunktion der nächsten Handlung aus allen möglichen Ereignissen zu verbessern.
So werden sie zum Gegenüber, zur Ergänzung Gottes, um aus der unendlichen Potentialität, ausgehend vom momentanen Zustand, die beste Wirklichkeit zu schaffen.
Neuheit
Ich habe davon gesprochen, dass die Vergangenheit ein wichtiger Bestandteil unseres Entscheidungsprozesses, unserer Wahl der nächsten Handlung ist.
Was schon einmal funktioniert hat, was wir „schon immer so gemacht haben“ hat eine starke Anziehungskraft für uns Menschen.
Gott aber wählt die wünschenswerteste nächste Handlung aus allen Möglichkeiten aus. Und daraus ergibt sich die Möglichkeit für Neues.
Gott ist also ein Treiber der Entwicklung, des Neuen, und ein Bewahrer der Tradition. Er entscheidet aber im Gegensatz zu uns nicht aufgrund von Vorurteilen und Voreingenommenheit, sondern aufgrund aller Möglichkeiten.
Ohnmacht
Ist Gott nun ohnmächtig, oder hat er sich verabschiedet? Beides nicht.
Im Gegenteil: Gott ermöglicht und schafft jedes Ereignis dadurch, dass er den Wunsch äussert. Ohne ihn würde also gar nicht geschehen.
Er erinnert und bewahrt auch alles, was war.
Insofern ist Gott der Pantokrat, der Bewahrer und Schöpfer aller Existenz.
Zusätzlich ist Gott ausserhalb der Zeit und überdauert innerhalb der Zeit einen jeden Handelnden. Das heisst, er kommt an sein Ziel.
Nehmen wir die Schwerkraft: Schneeflocken mögen im Aufwind tanzen, aber alle kommen irgendwann auf dem Boden an. Dort werden sie vielleicht von einem Kind aufgehoben und als Schneeball verwendet. Aber auch Schneebälle widerstehen der Schwerkraft nur eine gewisse Zeit.
So wie die Schwerkraft mit Gegenkräften ringt, aber immer wieder gewinnt, so ist es mit Gott.
So ist Gott der Poet der Welt, der sie mit sanfter Geduld durch seine Vision von Wahrheit, Schönheit und Güte führt.Alfred North Whitehead