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ULCINJ 04/06/17. Ich habe mir sagen lassen: «Die Salinen von Ulcinj musst du dir ansehen, die wollen da einen Golfplatz bauen.» Die Recherchen im Netz über die Sache mit der Saline liess meinen Atem stocken, also fuhr ich hin, gestern. Die Saline liegt an der Lagune beim Städtchen Ulcinj, dem südlichsten noch besiedelten Ort an der Küste Montenegros. Die Lagune mündet ins Meer, wie das so üblich ist bei Lagunen, daneben beginnt der Strand von Ulcinj, der «grosse», es gibt auch noch einen kleinen, näher bei der Stadt, dazwischen liegt ein felsiger Hügel. Wenn man also an den Strand fährt, bzw. sich fahren lässt, wird der Taxifahrer fragen: «Der grosse oder der kleine?» Er fragt das auf montenegrinisch («velika» und «mala»), weil er keine Englisch kann (man kann ihm deshalb auch nicht den Auftrag «beach» geben, sondern muss «plaža» von sich geben (was auszusprechen ist wie das französische «plage»)).
Man, also ich, sagt also «velika plaža», und der Fahrer bringt mich an die grosse Beach. 10 Kilometer Sand. Ich stelle fest, dass die Beach hier, am dem der Stadt näheren Ende, eigentlich gar nicht öffentlich zugänglich ist. Man muss durch das Gelände des Hotels «Otrant Beach Resort» gehen (dabei stelle ich fest, dass ich es bezgl. meines Hotels noch schlimmer hätte treffen können). Doch es hält mich niemand auf. Gleich daneben befindet sich das Gelände eines «Datschenparks», also ein privates Ressort im Pinienwäldchen mit Ferienhäuschen für Russen und dergl. Die Bungalows sind alle am Zerfallen, der Park von Abfall übersät und von Hunden verschissen. Die einst als Wochenend- oder Ferienresort gebaute Anlage wird heute offensichtlich von motorisierten Badegästen für Picknicks am Strand missbraucht. Das Eingangstor ist sperrangelweit offen (bzw. überhaupt nicht vorhanden), das Wächterhäuschen am Verwesen, das Restaurant ebenso. Hier hat offenbar eine Idee nicht mehr rentiert, den Kriegswirren in den Neunzigern zum Opfer gefallen oder wurde behördlich geschlossen. Es sei scheint vieles hier in Ulcinj (und anderswo an der Küste) illegal gebaut worden, liest man im Netz.
Nun denn. Ich stelle fest, dass ich am falschen Ort aus dem Taxi gestiegen bin. Zur Saline sind es gefühlte 10 Kilometer (gemäss maps 1.5 Kilometer, aber es ist gefühlte 50 Grad heiss, tatsächlich 33). Klar ist jetzt grad kein Taxi da und den Weg dahin kenne ich nicht wirklich. Ich gehe also aufs Geratewohl (was das für Einwirkungen auf meine Füsse hat – ich trage Adiletten – erläutere ich hier nicht näher) in Richtung Osten, wo ich die Saline (bzw. das Lagergebäude für das Salz) dann bald mal sehe. Leider ist die Strasse, die jetzt ein Feldweg ist, hier zu Ende, dabei sehe das Zeil fast in Armlänge vor mir. Ich balanciere (mit meinen Adiletten!) auf der Mauer des Zuleitungskanals die letzten Meter bis ins Gelände der Saline. Vor mir steht eine zerfallende Lagerhalle, daneben ein zerfallendes Verwaltungsbeäude. Dahinter zerfallende Betriebsgebäude, zerfallende Transportfahrzeuge auf zerfallenden Schienen, ein zerfallender Bagger und ein zerfallender Traktor mit Anhänger.
Die Saline ist seit mehr als zehn Jahren nicht mehr in Betrieb. Einst gehörte sie dem Staat (wie alles damals in Jugoslawien) und wurde nach der Wende einem privaten Investor verkauft. Der liess die Saline schliessen und zerfallen, angeblich, weil das Produzieren von Salz nicht mehr rentiert. Ja wozu hat er sie denn gekauft? Um das Gelände in ein Resort für reiche Leute mit grossem Entspannungsbedarf umzuwandeln. Geplant sind eine Marina, ein Golfplatz, Ferienhäuser, Pärke und Freizeitsporteinrichtungen. Und damit die Öffenlichkeit auch noch etwas davon hat, soll ein Teil davon als Vogeslchutzgebiet ausgesondert werden.
Die 15 Quadratkilomter grosse Saline von Ulcinj hatte fast 90 Jahre lang Salz produziert. Die Lagune gleich daneben, aus der die Salzgärten ein- bis zwei Mal jährlich geflutet wurden, war schon von Alters her ein Rastplatz für Zugvögel. Experten sagten, die Saline von Ulcinj sei einer der grössten Erholungsplätze für Zugvögel in Mittelsüdeuropa überhaupt gewesen. Eben – gewesen. Seit die Saline nicht mehr in Betrieb ist, werden die Salzgärten nicht mehr regelmässig geflutet. Das bedeutet, dass die Wasservögel unter den Zugvögeln keine Nahrung mehr finden und wohl irgendwann nicht mehr kommen. Europäische Vogel- und Naturschutzorganisationen kämpfen für eine Naturschutzgebiet und die Flutung der künstlichen Seen. Die Gemeinde kann (oder will) sich nicht festlegen, der Staat tut nichts. Es liegt der Verdacht auf Korruption vor. Auf das Grundstück sind bereits Hypotheken gewährt worden, schreibt die Badische Zeitung. Was ja eigentlich gar nicht geht, solange keine Baubewilligung vorliegt. In Montenegro geht das.