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/ Kongresshaus Biel
Konzert 2006: Gioacchino Rossini: Stabat Mater
Stabat Mater von Gioacchino Rossini
Regina coeli C-Dur, KV 108 (74d) von Wolfgang Amadeus Mozart
Gioacchino Rossini 1792 - 1868
Stabat mater
Gioacchino Rossini wurde immer wieder vorgeworfen, er habe in seinem Stabat mater nicht den richtigen Ton gefunden. Immerhin trägt der zugrunde liegende Text Jacopone da Todis den Titel "Mater dolorosa" – also schmerzenreiche Mutter Gottes. Vor allem im Norden Europas hielt man dem Werk vor, nicht über opernhafte Oberflächlichkeit und schwungvolle Melodien hinausgekommen zu sein. Gerade in Deutschland hatte man seit den Zeiten Bachs eine Vorstellung davon, wie Kirchenmusik zu klingen hatte: Man erwartete strenge Kontrapunktik, gepaart mit einer Musik, die ganz im Dienste des Wortes stand. Noch vor der Uraufführung des Stabat mater war in der Dezemberausgabe der von Robert Schumann herausgegebenen Neuen Zeitschrift für Musik ein vernichtender Artikel über das Werk erschienen. Der Autor, kein Geringerer als Richard Wagner, spottete über die "schwärmerische Dilettantenwelt" und machte sich über Rossinis Frömmigkeit lustig: "Rossini ist fromm – alle Welt ist fromm, und die Pariser Salons sind Betstuben geworden." Dass der Text des Stabat mater von Schmerz, Klage, Leid handelt, kümmerte Rossini tatsächlich wenig. Die zehn Abschnitte in die er Todis Text unterteilte zeichnen sich immer wieder durch Heiterkeit, Leichtigkeit, ja einen besonderen melodischen Schwung und mitreissende Rhythmen aus – für deutsche Taditionalisten undenkbar, aber ganz der italienischen Tradition des 19. Jahrhunderts entsprechend: dort war es gängige Praxis, Arien und Musikstücke aus beliebten Opern mit sakralen Texten zu unterlegen und diese im Gottesdienst zu verwenden. Die Arie des Grafen Almaviva aus Rossinis Il Barbiere di Sevilla wurde in der Kirche zum Beispiel auf den Text "Credo in unum Deum" gesungen.
Aber nicht alle Deutschen rieben sich an Rossinis opernhafter Stabat mater-Vertonung. Kein Geringerer als Heinrich Heine lobte das Werk überschwänglich: "Das ungeheure und erhabene Martyrium ward hier dargestellt, aber in den naivsten Jugendlauten, die furchtbaren Klagen der Mater dolorosa ertönten, aber wie aus unschuldig kleiner Mädchenkehle, neben dem Flor der schwärzesten Trauer rauschten die Flügel aller Amoretten der Anmut, die Schrecknisse des Kreuztodes waren gemildert wie von tändelndem Schäferspiel, und das Gefühl der Unendlichkeit umwogte und umschloss das Ganze wie der blaue Himmel, der auf die Prozession herableuchtete wie das blaue Meer, an dessen Ufern sie singend und klingend dahinzog! (...) Das ist die ewige Holdseligkeit des Rossini, seine unverwüstliche Milde (...)." – Und nicht nur Heine jubelte, auch die Uraufführung am 7. Januar 1842 in Paris geriet zum Triumph. Das Publikum fühlte sich durch Rossinis Vertonung direkt und im Innersten angesprochen. Dieser triumphalen Uraufführung war allerdings eine komplizierte und langwierige Entstehungsgeschichte vorangegangen. Bis 1829 hatte sich Rossini hauptsächlich als Opernkomponist betätigt, seit 1810 waren knapp 40 Bühnenwerke entstanden. Erst nachdem er sich nach seiner letzten Oper – Guglielmo Tell – gerade einmal 37 Jahre alt, von der Komponistentätigkeit weitgehend zurückzog, widmete er sich vermehrt der Kirchenmusik. Nun entstanden, nach mehreren Kantaten in den vorangegangenen Jahren, seine zwei grosse kirchenmusikalischen Kompositionen: die Petite Messe Solenelle (1863) und Stabat mater (1842). Als grosser Bewunderer von Pergolesis Stabat mater aus dem Jahr 1735 wollte er zunächst keine eigene Vertonung des Textes beginnen. Ursprünglich war das Werk als Gefälligkeit für den reichen spanischen Prälaten Manuel Fernandéz Varela entstanden, den Rossini auf einer Spanienreise 1831 kennen gelernt hatte: Auf der Flucht vor der Pariser Kälte, der grassierenden Cholera und den aufgewühlten politischen Verhältnissen im Nachfeld der Juli-Revolution 1830, hatte Rossini Frankreich verlassen und durch Vermittlung seines Freundes Alexandre-Marie Aguado Varela kennengelernt, der um jeden Preis eine Originalhandschrift Rossinis besitzen wollte: "Ich hatte nicht daran gedacht, es zu veröffntlichen (...). Es ist ja auch eigentlich mezzo serio gehalten, und ich liess ursprünglich drei Stücke von Tadolini [Rossinis Schüler Giovanni Tadolini] hinein componieren, da ich krank wurde und nicht zur rechten Zeit damit fertig geworden wäre." verriet Rossini in Ferdinand Hillers Plaudereien mit Rossini. Sechs von geplanten zölf Sätzen des Werkes (die Nummern eins und fünf bis neun) hatte Rossini bis März 1832 vollendet als ihn ein Hexenschuss am Weiterarbeiten hinderte. Tadolini übernahm darauf die Fertigstellung. In dieser Form wurde das Werk – das erste und einzige Mal – am Osterwochenende 1833 in Madrid aufgeführt. Danach geriet es in Vergessenheit, bis der Prälat Varela 1837 starb: Obwohl Rossini ausdrücklich verboten hatte, dass das Manuskript seines Stabat mater verkauft oder veröffentlicht wurde, gelangte es durch die Versteigerung von Varelas Nachlass in die Hände des Pariser Verlegers Aulagnier.
In der Folge kam es zu komplizierten Rechtsstreitigkeiten zwischen Rossini und Aulagnier, denn der Komponist hatte die Bitte des Verlegers, das Werk veröffentlichen zu dürfen, zurückgewiesen: die Komposition sei nicht zur Veröffentlichung und nur für den privaten Gebrauch Varelas bestimmt gewesen – und ausserdem sei es ohnehin ein fragmentarisches Werk. Schliesslich übertrug Rossini sämtliche Rechte an den Verleger Troupenas und garantierte ihm die Fertigstellung des Manuskripts. Im Oktober 1841 war die Arbeit amStabat mater beendet, am 7. Januar 1842 fand die bereits erwähnte Uraufführung statt, übrigens im Théatre Italien und nicht in einer Kirche.
Wolfgang Amadeus Mozart 1756 - 1791
Regina coeli C-Dur, KV 108 (74d)
Das romantische 19. Jahrhundert hielt nicht nur die italienische Kirchenmusik für zu opernhaft, sondern tadelte, die gerade wiederentdeckten Kompositionen eines Lasso oder Palestrina vor Augen, auch die Kompositionen Haydns oder Mozarts: "So sind denn unsere neueren Messen und anderen Kirchenstücke oft in ein rein verliebtes, leidenschaftliches Wesen ausgeartet und tragen ganz und gar das Gepräge der weltlichen Oper und sogar wohl der gesuchtesten, also der recht gemeinen Oper, welches freilich dem grossen Haufen am behaglichsten ist, und den Vornehmen noch mehr wie den Geringen. Selbst die Kirchensachen von Mozart und Haydn verdienen jenen Tadel..." (Anton Friedrich Justus Thibaut: Über Reinheit der Tonkunst, 1824).
Mozart komponierte sein Regina coeli ([Freu dich, du] Himmelskönigin) in C-Dur KV 108 im Mai 1771 in Salzburg, wo der Grossteil seiner Chormusik entstand. Zwischen 1770 und 1773 hielt Mozart sich mehrere Male in Italien auf und so stellt sich die Frage, ob seine Kirchenmusik dadurch beeinflusst wurde. Denn in Italien war die "Verweltlichung" der Kirchenmusik sehr viel weiter fortgeschritten als in Salzburg oder Wien. Mozart war nicht taub gegenüber den italienischen Einflüssen, vergass dabei aber seine Salzburger Wurzeln nicht. Und so entstanden Werke, die das Konzertante Italiens mit der instrumentalen Schulung, dem Sinfonischen Salzburgs zu verbinden wissen, darunter auch das vierteilige Regina coeli in dem zwei Chorsätze zwei Sopran-Soli umrahmen. Das Werk ist gross besetzt, mit Oboen (Flöten), Hörnern und sogar Trompeten, und im Grunde eine dreiteilige italienische Sinfonie mit eingebautem Vokalsatz. Das Regina coeli war eine (die dritte) der vier Marianischen Antiphonien, die in der Osterzeit gesungen werden konnte. Der Mozartforscher Alfred Einstein meint, dass es darum "in diesen Werken so festlich und konzertant" zugehe.
Mit dem Amtsantritt von Hieronymus Colloredo 1772 sollte sich der kirchliche Kompositionsstil Mozarts ändern, nicht zuletzt, da der Erzbischof lange Messen nicht liebte: "...unsere Kirchenmusik ist sehr verschieden von der in Italien, und das um so mehr, als eine volle Messe (...) auch die feierlichste, wenn der Fürstbischof selbst die Messe zelebriert, nicht länger dauern darf als höchstens dreiviertel Stunden. Es bedarf eines besonderen Studiums für diese Schreibart; und dazu muss es auch noch eine Messe mit vollem Orchester sein, mit Trompeten, Pauken usw. ... Sehr verschieden von der in Italien!" (Mozart an Padre Martini 4.9.1776)
Unsere Solisten
Noëmi Nadelmann, Sopran
Violetta Radomirska, Mezzosopran
Jóhann F. Valdimarsson, Tenor
Martin Lorenz Weidmann, Bass