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Mit der Retrospektive des US-amerikanischen Künstlers Leon Polk Smith «Going Beyond Space» realisiert das Zürcher Museum Haus Konstruktiv die erste Einzelpräsentation in der Schweiz.
Der Künstler ist eine Entdeckung für die Schweiz. Seine abstrakten Bilder in bunten Farben scheinen beim Betrachten lebendig zu werden, schleudern Bälle von der Wand, führen die Weiten seiner Heimat vor Augen, lassen in den Sonnenuntergang der Prärie eintauchen.
Ohne Titel, 1946. Dieses frühe Bild erinnert an die Felder und Viehherden Oklahomas. (rv)
Leon Polk Smith (1906-1996) zählt zu den wichtigsten Vertretern der geometrischen Abstraktion und zu den Mitbegründern der Hard-Edge-Malerei. Geboren wird er bei Chickasha im «Indian Territory» des Bundesstaats Oklahoma. Seine Eltern sind beide halb indianischer Abstammung von den Cherokee. Nach dem Schulabschluss arbeitet Smith auf verschiedenen Ranches in Oklahoma. 1934 wird er Lehrer, gibt den Beruf jedoch aufgrund der Politik der Rassentrennung 1942 auf. Bereits in den 1930er-Jahren beginnt er mit der Malerei und zieht 1944 nach New York. Hier kommt er mit Kunstschaffenden und Werken der klassischen Moderne sowie mit den aktuellen Kunstströmungen in Kontakt.
Als Höhepunkt in Smith’s Schaffen gelten die Werkserien Correspondences und Constellations, die prominent im Erdgeschoss vom Haus Konstruktiv präsentiert werden. In den Correspondences macht er beim Zeichnen einer Linie metaphysische Erfahrungen, und sagt 1964 in einem Interview dazu, es komme ihm vor, als ob er viele Meilen im Universum zurücklegen würde, wenn er eine Linie zeichne, auch die Natur ende nicht «bei unserem Himmel» und seine Bilder würden «über die Erde hinausgehen» – Going Beyond Space ist nun Titel der Ausstellung.
Black and Blue, 1960 (links), Correspondence Blue-Orange, 1962 (rechts). (rv)
Von 1967 an führt der Künstler seine Erfahrungen aus der Correspondence-Reihe weiter und wendet sie auf verschieden geformten, aus mehreren Einzelteilen zusammengesetzten Leinwänden an. Die mehrteiligen Werke können aus runden oder ovalen Bildträgern, aber auch aus Dreiecken, Quadraten oder Rechtecken mit jeweils abgerundeten Ecken zusammengesetzt sein. Die Farben und Formen erstrecken sich in dieser Werkserie über die einzelnen Leinwände hinweg zu den benachbarten und lassen neue gemeinsame Formen und Räume entstehen.
Y,3 Teile, 115 x 160 cm, 1968.
Constellation Twelve Circles wird hier erstmals in einem Museum vorgestellt. Smith malt die Komposition 1969 in Acryl auf Leinwand und führt sie 1988 in einer vergrösserten Variante auf Paneelen aus Aluminium für die Räumlichkeiten der Firma Ciba-Geigy (heute Novartis) in New Jersey aus. Das grosse, aus sieben runden Bildteilen bestehende Werk in Violett, Rot, Blau und Orange ist raffiniert aufgebaut: Verschiedene Kreise überlappen die einzelnen Bildformate, überschneiden sich mit segmentierten Kreislinien oder bilden neue Kreise im Kreis. Das Bild geht mit der Raumwahrnehmung eine spielerische Symbiose ein und entwickelt optisch eine grosse Dynamik.
Constellation Twelve Circles, 7 Teile, Acryl auf Leinwand, 259 x 376 cm, 1969.
In den 1980er- und 1990er-Jahren entstehen grossformatige Kompositionen wie Prairie Moon (1988) oder Sunset Caribe (1983), in denen eine räumliche Dimension mitschwingt. Diese Werke evozieren beim Betrachten die weiten Ebenen Oklahomas mit grossen geometrisch eingeteilten Weizenfeldern, Ranches und den immer wiederkehrenden Sonnenuntergang.
Sunset Caribe, 152 x 284 cm, 1983. (rv)
Leon Polk Smith ist in seiner frühen Schaffenszeit von Piet Mondrians abstrakter Malerei beeindruckt. Er nähert sich dessen Bildsprache, malt Kompositionen im rechten Winkel und verwendet Primärfarben Rot, Gelb, Blau. Bald wird ihm dieses rigide Muster jedoch zu eng. Er erweitert sein Farben- und Formenspektrum und führt die Diagonale sowie die runde Form ein.
Diagonal Passage with Horizontal, 1950. Von Mondrian beeinflusst entwickelt Smith seinen frühen Stil, der der Hard-Edge-Malerei zugeordnet wird, indem er die einzelnen Farbflächen ohne direkte Verbindung im Eck zueinandersetzt. (rv)
Die Ausstellung, kuratiert von Museumsdirektorin Sabine Schaschl, zeigt Smith’ vielseitiges Werk von Mitte der 1940er- bis in die späten 1980er-Jahre. Nebst Arbeiten mit Bezügen zu Mondrian werden verschiedene Tondi (Rundbilder) aus den 1950er-Jahren sowie Holzreliefs, Druckgrafiken und Collagen aus gerissenen farbigen Papieren aus den 1960er-Jahren präsentiert, zudem ein beidseitiger Paravent von 1966. Den Auftakt machen frühe Bilder Wand an Wand mit Fritz Glarners Rockefeller Dining Room (1964/65). Glarner und Smith kannten sich über gemeinsame Ausstellungsaktivitäten und folgten beide Mondrians Spur.
Alle Bilder: © 2023, ProLitteris, Zürich, Leon Polk Smith Foundation; Couresy of Lisson Gallery und Fotos rv
Bis 7. Mai 2023
Leon Polk Smith, Going Beyond Space im Museum Haus Konstruktiv, Zürich
Ein Katalog erscheint im April 2023 bei Hatje Cantz