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Der Anfang dieser Geschichte und – wer weiss? – auch deren Ende ist rätselhaft: Wieso wacht Herman Mussert in Lissabon in einem ihm vertrauten Zimmer auf, obwohl er in Amsterdam wohnt und sich dort auch am Abend zuvor zum Schlafen niedergelegt hat? Ein spontaner Entschluss zum Aufbrechen in eine andere Gegend kann es nicht gewesen sein, denn dieser Altphilologe, der nicht mehr unterrichtet und nun unter dem Pseudonym Dr. Strabo Reiseführer über alle möglichen und unmöglichen Gegenden der Welt verfasst, ist ein eher lebensuntüchtiger, ganz seinen griechischen und lateinischen Autoren zugewandter Mensch; seine Schüler nannten ihn Sokrates. Träumt Sokrates vielleicht nur, dass er in Lissabon aufgewacht ist? Denn immerhin war Lissabon der Ort einer richtiggehenden Affäre mit einer Lehrer-Kollegin. Und ist sein Gang durch Lissabon nur eine Reise in der Erinnerung, also eine Reise in der Zeit – in der gleichen Weise, wie die Voyager-Sonde, deren Bilder Sokrates in Amsterdam vor dem Einschlafen betrachtete, in den Raum reist? Cees Nooteboom verhindert es durch seine erzählerischen Fähigkeiten, seine philosophischen Reflexionen und sein überraschendes Inbeziehungsetzen anscheinend beziehungsloser Ereignisse, dass der Leser diese Fragen eindeutig lösen kann, und erreicht so, dass die Spannung gesteigert wird. Denn im zweiten Teil der Erzählung bricht Herman Mussert – im Traum oder in der Wirklichkeit? – zusammen mit sechs anderen Personen von Lissabon zu einer Schiffsreise nach Brasilien auf. Auch diese Personenkonstellation ist rätselhaft: Was haben ein chinesischer Literaturwissenschaftler, ein amerikanischer Flugkapitän, ein spanischer Junge, ein italienischer Benediktinermönch, ein englischer Journalist, ein niederländischer Altphilologe und eine rätselhafte Frau gemeinsam? Zumindest dies, dass die Geschichten, die sie von ihrem Leben erzählen, auf ein ähnliches Ende zulaufen. Die Geschichte, die Herman Mussert als letzter erzählt, scheint alle Rätsel zu lösen und alle Fragen des Lesers zu beantworten. Er gibt seiner Geschichte den Titel Die folgende Geschichte.
Portrait
Cees Nooteboom wurde am 31. Juli 1933 in Den Haag geboren. 1955 erschien sein erster Roman (Philip en de anderen), der drei Jahre später auch in Deutschland unter dem Titel Das Paradies ist nebenan veröffentlicht wurde (und 2003 in der Neuübersetzung von Helga van Beuningen unter dem Titel Philip und die anderen erneut eine grosse Lesergemeinde fand). Nooteboom berichtete 1956 als junger Autor über den Ungarn-Aufstand, 1963 über den SED-Parteitag, und fünf Jahre später über die Studentenunruhen in Paris (gesammelt in dem Band Paris, Mai 1968). Seine inzwischen in mehreren Bänden gesammelten Reiseberichte, die weniger Reportagen als vielmehr von genauer Beobachtung getragene, reflektierende Betrachtungen sind, festigten Nootebooms Ruf als Reiseschriftsteller. 1980 fand Nooteboom zurück zur fiktionalen Prosa und erzielte mit dem inzwischen auch verfilmten Roman Rituale (Rituelen) grosse Erfolge. Sein umfangreiches Werk, das in viele Sprachen übersetzt ist, umfasst Erzählungen, Berichte, Gedichte und vor allem grosse Romane wie Allerseelen (Allerzielen). Die neun Bände seiner Gesammelten Werke enthalten neben den bereits publizierten Büchern zahlreiche erstmals auf deutsch vorliegende Texte. Der Quarto-Band Romane und Erzählungen versammelt die gesamte fiktionale Prosa des Autors. Cees Nooteboom lebt in Amsterdam und auf Menorca.