Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03408.jsonl.gz/2175

Geschichte
Hort der Freiheit oder Brutstätte des Militarismus?
Das 1947 von den Alliierten aufgelöste Preußen hat bis heute einen zwiespältigen Ruf. Heben seine Bewunderer Philosophie, Kultur und individuelle Freiheit hervor, sehen Kritiker vor allem militärische Aggression und Kadavergehorsam. Christopher Clark eröffnet in seiner Monumentalgeschichte weitere Perspektiven.
Warum befasst sich ein australischer Historiker ausgerechnet mit der Geschichte eines untergegangenen deutschen Regionalstaats? Diese Frage stellt sich angesichts der voluminösen Darstellung "Preußen, Aufstieg und Niedergang 1600 - 1947" fast von selbst. Clark , der in Cambridge Neuere Europäische Geschichte lehrt, begründet sein Interesse mit seinem Studienaufenthalt an der Freien Universität Berlin während der achtziger Jahre. Den Begründungszusammenhang für sein Buch erläutert er damit allerdings nicht.
Das ist aber auch, so viel sei vorab bemerkt, der einzige wirkliche Kritikpunkt an einem echten Standardwerk. Souverän, detailgesättigt und umfassend wie kaum ein anderer Autor zuvor liefert Clark einen Überblick über fast 350 Jahre Geschichte eines Regionalstaats mit Großmachtanspruch und europäischem Einfluss.
"Am Anfang war Brandenburg ... Am Ende war nur noch Brandenburg."
Clark widmet der Frühzeit Preußens viel Raum. Der Kampf um Einfluss in der "Streusandbüchse des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" und die außenpolitischen Herausforderungen des jungen Königshauses der Hohenzollern, die sich über viele Jahrzehnte permanente Bedrohung von außen (Schweden, Polen, Russland, Frankreich, die Habsburger) erwehren mussten, stehen im Mittelpunkt.
Fehlende Ressourcen, die geringe Bevölkerungszahl, kaum größere Städte oder Verteidigungsanlagen und ein zusammengestoppeltes, unzusammenhängendes Staatsgebiet, das sich zur Zeit seiner größten Ausdehnung von Königsberg bis Ostfriesland erstreckte, erforderten starke Führung, sowie eine funktionierende Verwaltung und Justiz. Clark würdigt daher auch nicht als erster Historiker zu Recht, dass Preußen bei der Entwicklung des modernen Rechtsstaats in Europa durchaus als Vorbild herhalten kann.
Eine Geschichte der Kriege...
Zugleich ist Preußens Geschichte von Kriegen geprägt. Während des schlimmsten Massakers der europäischen Neuzeit, im Dreißigjährigen Krieg, war Preußen über viele Jahre Aufmarschgebiet und Schlachtfeld. Brandenburg, das ungeschützte Binnenland wurde von Habsburgern, Schweden und marodierenden Söldnerhaufen mehrfach dem Erdboden gleichgemacht, ganze Landstriche im wahrsten Sinne des Wortes entvölkert. So gehörte das Havelland, westlich von Berlin gelegen, zu den am dünnsten besiedelten Gebieten Europas. Die blutigen Erfahrungen lehrten die Hohenzollern, dass nur ein wehrhafter Staat eine Überlebenschance besaß.
Die Erkenntnis, dass nur aus eigener Stärke politische Macht erwachsen kann, aber sicher auch die psychologische Struktur eines Friedrich Wilhelm, des Reichskanzlers Otto von Bismarck oder von Kaiser Wilhelm II. führten dazu, dass Preußen im Lauf der Jahrhunderte zur wehrhaftesten und diszipliniertesten deutschen Regionalmacht wurde.
Aber die Geschichte der Kriege zeigt auch, dass Preußen keineswegs der militärische Aggressor war, als den seine zahlreichen Kritiker ihn sehen wollen. Die Hohenzollern, sicher nicht weniger machtlüstern als ihre europäischen Konkurrenten, waren auf Grund ihrer mangelnden Ressourcen über Jahrzehnte zu einer heiklen Balancepolitik zwischen Russland, Frankreich, der KuK-Monarchie und einflussreichen süddeutschen Herrschaftshäusern gezwungen. Mehr als einmal mussten sich preußische Herrscher den Vorwurf des "Umfallers" gefallen lassen, wenn sie angesichts drückender Übermacht französischer oder russischer Truppenverbände politische Zugeständnisse machten.
...aber auch von mehr
Neben der Akkumulation militärischer Macht hatte Preußen aber auch mehr zu bieten, wie Clark herausarbeitet. Die Entwicklung von Kunst, Philosophie und Kultur, Hochschulwesen oder Städtebau ist ebenso eng mit den Hohenzollern verbunden, wie der Drang nach militärischer Stärke. Clark zeigt die häufig rauen Männerrunden des Soldatenkönigs Wilhelm als Ort des offenen, gleichberechtigten Austauschs, die Abscheu des jungen Friedrich vor allem Militärischen, die ihm vom Vater im Wortsinn herausgeprügelt wurde, Voltaires Wirken in Sanssouci oder die politischen Auseinandersetzungen von Kanzler Bismarck mit seinen zahlreichen innen- und außenpolitischen Widersachern.
Clark zeichnet am Beispiel Preußens zudem die Entwicklung Europas vom Absolutismus zum revolutionären Klassenkampf den frühen 20. Jahrhunderts sehr lesenswert nach. Alle sozialen und politischen Konflikte im Zusammenhang mit Industrialisierung, Demokratisierung oder Urbanisierung zeigen sich wie unter dem Brennglas.
Die Brutstätte des Nationalsozialismus?
Preußens monarchistisch orientierte politische und militärische Elite sieht er angesichts des erstarkenden Nationalsozialismus tendenziell eher in Gegnerschaft zu Hitlers braunen Horden, als dass er - wie es die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs taten - Preußens Militarismus als militärische Keimzelle des Nationalsozialismus verdammen würde. Vielmehr sahen sich die Monarchisten durch die Niederlage im selbst verschuldeten Ersten Weltkrieg und unrühmliche Abdankung Wilhelms II. geschwächt. Angesichts des sozialen Sprengstoffs in der Weimarer Republik waren Wilhelms Anhänger gegen Sozialisten, Kommunisten und Nationalsozialisten kaum noch in der Lage, eigene politische Ziele zu verfolgen. Preußen blieb zwar wichtigster (und größter) Regionalstaat, aber mit der Sonderrolle war es vorbei. Clark verschweigt aber auch nicht, dass große Teile der konservativen, weiterhin kaisertreuen Militärs und Verwaltungsbeamten sich nur allzu gern mit den neuen Machthabern arrangierten.
Die gesamte Darstellung fällt angenehm neutral aus. Der Autor will den Gegenstand seiner Analyse nicht (moralisch) bewerten, er will sich bewusst nicht auf die eine oder andere Seite der Kritik stellen. Wer ernsthaftes Interesse an der Geschichte eines der bedeutsamsten deutschen Staaten hat, der wird an Christopher Clarks Buch dauerhaft nicht vorbeikommen. Auch wenn die Darstellung gelegentlich sehr detailliert ausfällt - einen besseren Überblick bietet der deutschsprachige Buchmarkt derzeit nicht. Es bleibt zu hoffe, dass der Verlag bald eine kostengünstigere Taschenbuch-Ausgabe auflegt.