Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03187.jsonl.gz/958

Hans-Holger erzählt aus seinem Leben
Ein Lebenszeugnis von Hans-Holger
Anmerkung der Redaktion: Wir kennen Hans-Holger Miebach von der Auferstehungsfreizeit 2010 in Aeschi. Er hat zusammen mit Markus aus der Geschichte von Elia gepredigt. Für diese Gemeinschaft hat er uns ein Zeugnis geschrieben und erzählt aus seinem Leben.
Vier Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs wurde ich geboren. Von Geburt an war ich taub. Gott sei Dank hatte ich einen gehörlosen Vater, der mir schon sehr früh die Gebärdensprache beigebracht hatte. Ich wuchs in einem Einfamilienhaus am Waldrand auf. Da mein Vater ein Kunstmaler, ein Jäger und Falkner war, konnte ich bei ihm viel erleben. Meine Mutter und meine Oma waren hörend, konnten aber etwas gebärden. Die beiden waren gläubig, mein Vater dagegen nicht.
Vor meinem Schulalter entdeckte ich im Speicher eine sehr alte Bibel mit sehr schönen Zeichnungen. Diese faszinierten mich sehr. Weil ich noch nicht lesen konnte, studierte ich die Zeichnungen sehr aufmerksam. Ich stellte fest, dass Jesus ein guter Mensch war und vielen Menschen geholfen hatte. Trotz dieser guten Taten wurde er verhaftet und zum Tod verurteilt. Sein grausamer Tod am Kreuz hatte mich so erschüttert, dass ich weinen musste. Ich begriff diese Ungerechtigkeit nicht. Ich zeigte Oma diese Zeichnungen und fragte sie, warum Gott Jesus nicht beschützt hatte. Oma versuchte, mir den stellvertretenden Tod Jesu Christi für die Sünder zu erklären. Ich verstand diesen Zusammenhang aber nicht. Ich glaube, ich war auch böse auf Gott, obwohl die weiteren Zeichnungen mir zeigten, dass Gott Jesus drei Tage später vom Tod auferweckt hatte.
Es gab damals keinen Kindergarten für gehörlose Kinder. So blieb ich bis zum Schulalter zu Hause und genoss die herrliche Freiheit, indem ich mit dem Rauhaardackel meiner Eltern auf der Wiese herumtollte und verschiedene Käfer im Glas sammelte.
Als ich die Schule in Essen (ca. 30 km von zu Hause entfernt) zum ersten Mal besuchte, war ich richtig geschockt, weil ich plötzlich allein unter den fremden Kindern und meine Eltern nicht in der Nähe waren. In der Schule war der Gebrauch der Gebärdensprache verboten. Die Ausnahme: der Schulhof. Der grösste Teil des Unterrichts bestand darin, mir das Sprechen und das Mundablesen beizubringen. Als Methoden für die mühsame Sprechübung benutzte die sehr strenge Lehrerin den Faden, die Pfauenfeder und den Spiegel. Das war keine schöne Zeit für mich.
In der Schule gab es auch den Religionsunterricht. Ich bekam ein schmales Buch «Geschichten von Jesus» mit 24 schönen farbigen Bildern von Schnorr v. Carolsfeld. Zu jedem Bild gab es einen kleinen Textabschnitt in einfachem Deutsch. Es enthielt aber nur eine stark gekürzte Geschichte Jesu Christi.
Auch im Religionsunterricht musste ich lernen, der Lehrerin die Geschichte Jesu vom Mund abzulesen. Ich war und bin trotz vieler Übungen noch sehr schlecht im Mundablesen. Ich verstand die Geschichte nicht wirklich. Es blieb mir immer noch schleierhaft, warum Jesus am Kreuz sterben musste. Im Text dieses Buchs stand nur, dass Jesus sich nicht verteidigte, weil er Gott gehorchen wollte. Mehr nicht.
Später löste der Pastor unsere Lehrerin als Religionslehrer ab. Aber sein Religionsunterricht war so langweilig, dass unsere Gedanken hin und wieder abschweiften. Und amüsierten uns auf Kosten des Pastors, indem wir Witze über die Kirche austauschten.
Nach der Entlassung aus der Gehörlosenschule wurde ich zum Industriekaufmann ausgebildet. Nach der bestandenen Abschlussprüfung arbeitete ich im Rechenzentrum einer Bergbaugesellschaft und liess mich zum Programmierer fortbilden.
Während dieser Zeit interessierte ich mich immer mehr für die Naturwissenschaft. Ich verschlang populärwissenschaftliche Bücher. Besonders die Astronomie und die Biologie einschliesslich der Evolutionstheorie interessieren mich sehr. Diese Theorie hatte mich überzeugt, dass der Schöpfungsbericht in der Bibel falsch ist. Ich diskutierte mit meiner Oma über die Entstehung der Menschen. Ich versuchte, sie zu überzeugen, dass der Mensch sich aus dem Tierreich entwickelte und nicht aus der Hand Gottes hervorging. Oma blieb aber standhaft und glaubte weiter an den Schöpfungsbericht, obwohl sie auf meine Einwände keine Antwort wusste.
Aber ich spürte in mir immer mehr die Leere. Ich war auf der Suche nach dem Sinn meines Lebens. Ich hatte mehrere Gehörlosenvereine besucht. Jedoch war ich nicht zufrieden, weil viele Gehörlose unter meinem Niveau waren. Ich war auch arrogant. Ich konnte mit ihnen nicht darüber diskutieren, was mich interessierte.
Einmal besuchte ich den Gehörlosengottesdienst in der Ev. Kirche. Viele Gehörlose waren dort. Nach zehnminütiger Predigt in gebrochenem DGS verliess ich erleichtert die Kirche und ging zum Gemeindehaus, wo wir Kaffee und Kuchen kostenlos bekamen. Die Unterhaltungen drehten sich hauptsächlich um Ereignisse in der Gehörlosenwelt, ‹tolle Autos›, ‹geile Weiber›, sonst nichts. Bevor ich nach Hause fuhr, lernte ich einen intelligenten jungen Mann kennen. Wir unterhielten uns über aktuelle Probleme in Politik und Gesellschaft. Sein tief gehendes Wissen um Zusammenhänge beeindruckte mich. So blieb ich lang im Gemeindehaus. Bevor wir uns verabschiedeten, lud er mich ein, seine Gemeinde in Mülheim/Ruhr zu besuchen. Gerne nahm ich seine Einladung an.
Nach einer Irrfahrt durch das Stadtzentrum erreichte ich mit dem Auto endlich das CVJM-Haus. Gespannt nahm ich am Gottesdienst teil. Zu meiner Überraschung predigte der junge gehörlose Mann über die Erschaffung der Welt durch Gott. Die daran anschliessende Diskussion war so interessant, obwohl ich zunächst vorzog, in der Rolle eines stillen Zuschauers zu bleiben. Als ich zu Hause ankam, war ich innerlich sehr bewegt. Mein Besuch in Mülheim/Ruhr hatte sich wirklich gelohnt.
So besuchte ich regelmässig den gehörlosen Gottesdienst im CVJM-Heim, obwohl ich noch ungläubig war.
Nach einem Gottesdienst schenkte ein Gehörloser mir ein Buch «Die Welt in Flammen» von Billy Grahem (einem weltberühmten amerikanischen Evangelisten). Am Abend las ich es spannend zu Ende. In diesem Buch erklärte Billy Grahem ganz klar, warum Jesus Christus am Kreuz sterben musste und warum Gott diese grausame Hinrichtung zuliess. Jesus starb stellvertretend für uns am Kreuz auf Golgatha, weil wir als Sünder getrennt von Gott leben. Mit seinem Sterben bezahlte Jesus die Strafe für unsere Schuld, damit wir wieder mit Gott versöhnt werden können.
Römer 5, 8:
Aber Gott hat seine Liebe zu uns dadurch bewiesen, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren
Da erkannte ich, dass ich ein elender Sünder war, und dass Gott mich trotzdem liebt. Ich weinte und bekannte ihm meine Sünden. Im Gebet dankte ich Jesus von ganzem Herzen, dass er für mich gestorben war. Die Frage, die mich seit meiner Kindheit tief bewegte, wurde endlich beantwortet, obwohl ich sie besonders in meinem Jugendalter immer wieder weggedrängt hatte. Auch übergab ich Jesus Christus mein Leben. In Jesus hatte ich endlich einen Sinn für mein Leben gefunden.
Beim nächsten Gottesdienst erzählte ich meinen Glaubensgeschwistern, wie ich zum Glauben an Jesus Christus gekommen war. Alle waren sehr froh und dankten Gott für seine wunderbare Führung in unserem Leben.
Ich wuchs in der Gnade Gottes und bleibe bis heute der Gemeinde in Mülheim/Ruhr treu. Zwei Jahre später trat ich in den aktiven Dienst der Gemeinde. Ich erledigte dort verschiedene Aufgaben bis Gott mich zum Predigtdienst berief.
Mit dem vom Heiligen Geist erleuchteten Verstand sehe ich vieles anders als vor meiner Bekehrung. Zum Beispiel überzeugt mich die Schöpfungslehre viel mehr als die Evolutionslehre, obwohl ich diese gründlich studiert hatte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die sehr kompliziert gebaute Lebewesen ohne Gott entstanden waren. Leider konnte ich meiner Oma nicht mehr gestehen, dass sie Recht hatte, weil sie schon heimgegangen war.
Ich blicke auf mein langes Glaubensleben mit verschiedenen Diensten zurück. Ich danke dem Herrn, dass Er mich und meine Familie gesegnet und bewahrt hat und dass Er mich immer wieder gebraucht hat, Sein kostbares Wort den Gehörlosen zu verkündigen und zu lehren.
Hans-Holger