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Der Basler Christoph Merian Verlag startet eine Monografie-Reihe mit Werken der modernen Schweizer Architektur. Den Anfang setzt die Casa Kalman von Luigi Snozzi, ein Meisterwerk der Tessiner Schule.
Geplant ist, in der Reihe Swissmonographies jedes Jahr eine Publikation zur Schweizer Architektur der Nachkriegszeit herauszugeben. Der soeben erschienene Band über die Casa Kalman verspricht eine interessante Serie, welche die Geschichte der modernen Architektur in der Schweiz bereichern dürfte.
Die Casa Kalman, 1973 von Luigi Snozzi entworfen, kannte man selbstverständlich, doch wer nicht vor Ort war, hätte vermutlich nur Rudimentäres über dieses Juwel sagen können. Harald R. Stühlinger, dem Autor der nun vorliegenden Monografie, gelingt es, die Leserinnen und Leser durch eine sorgfältige, gleichwohl leicht verständliche Analyse mit dem Objekt vertraut zu machen. Dazu gehören zahlreiche neue Aufnahmen von Julian Salinas und Giaime Meloni, die den heutigen Zustand dokumentieren.
Das Haus wurde auf einem unmöglichen Grundstück errichtet, einem Steilhang hoch über der Magadinoebene und umgeben von wenig attraktiven Einfamilienhäusern. Snozzi kombinierte den in Beton ausgeführten Trakt für das Haus mit einer langgezogenen Terrasse, die mit einem durch eine Pergola umrahmten Sitzplatz abgeschlossen wird. Haus und Terrasse schmiegen sich an den Hang, sodass der Bau im Unterschied zu den Nachbarhäusern kaum auffällt. Gleichzeitig ist die prachtvolle Aussicht auf die Ebene garantiert. Snozzi tastete sich langsam und geduldig an die endgültige Lösung heran, und dies kommentiert und dokumentiert Stühlinger mit fantastischen Planzeichnungen aus dem Archiv des vor zwei Jahren verstorbenen Architekten.
Besonders aufschlussreich ist ein Gespräch, das der Autor mit Vera Brunner-Kalman geführt hat, der Tochter der damaligen Auftraggeberin. Das Grundstück für das ersehnte Ferienhaus wurde bereits 1968 erworben. Bei der Suche nach einem geeigneten Architekten wurden verschiedene Personen um Rat angefragt, bis ein Studienkollege des Schwagers von Brunner-Kalman den Namen Snozzi ins Spiel brachte. Vera Brunner-Kalman traf sich dann mehrmals mit Snozzi in Zürich.
«Meine Mutter bereitete für Besuche meistens eine Fruchtwähe vor und bot Tee oder Kaffee an, das war auch bei Snozzi so. Sie fragte ihn, was er für eine Ausbildung durchlaufen und, ich glaube auch, ob er Familie hatte. Wichtig für sie war es auch zu fragen, für welche politische Überzeugung er eintrat. Er antwortete, dass er sich beim Heimatschutz engagierte und dass für ihn die Tessiner Tradition sehr wichtig sei – selbstverständlich auch beim Bauen.»
Es sind solche Passagen, die aus dieser Monografie mehr machen als eine nüchterne architekturkritische Auseinandersetzung mit einem Gebäude, und sie rücken – was selten genug geschieht – die zentrale Rolle von Auftraggebern in den Vordergrund. Sie sind es oft, die hervorragende Architektur erst ermöglichen und auch finanzieren.
Ein amüsantes Detail betrifft die erste Besichtigung des Hauses. Die Mutter sei zunächst enttäuscht gewesen; insbesondere hätte ihr die riesige Fernsehantenne auf dem Dach missfallen. «Snozzi hatte diese einfach aufstellen lassen, weil das damals im Tessin zur Grundausstattung gehörte.» Das Ungetüm ist inzwischen abgebaut worden.
Wenig bekannt ist, dass die Familie das Nachbargrundstück hinzugekauft hatte, um darauf ein zweites Haus zu bauen, wofür abermals Snozzi die Entwürfe erarbeitete. Doch das Vorhaben scheiterte.
Gleich nach der Eröffnung der Casa Kalman wurde das Haus in den bekanntesten Architekturzeitschriften veröffentlicht, und seither gehört es zum Grundstock der Vorzeigebauten der sogenannten Tessiner Schule. Die Monografie enthält zwar ein Literaturverzeichnis, doch ist dieses zu knapp ausgefallen. Und schade, dass die Schrift so mastig gesetzt wurde. Ein solch sensibles Gebäude wie die Casa Kalman hätte nach einer feineren Schrift mit grösserem Zeilenabstand verlangt, doch ansonsten handelt sich es um eine gelungene Premiere.
Harald R. Stühlinger: Casa Kalman – Luigi Snozzi (swissmonographies), Christoph Merian Verlag, Zürich 2022, d/e, ISBN 978-3-85616-978-7