Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03657.jsonl.gz/430

mehr
neue Streitpunkte auf. Während Napoleon sich eigenmächtige Eingriffe in die Verhältnisse Italiens, [* 2] der Schweiz [* 3] und Hollands erlaubte, glaubte auch die britische Regierung sich mit der Erfüllung der Friedensbedingungen nicht beeilen zu sollen, ließ weder das Kap der Guten Hoffnung den Holländern noch Gorée den Franzosen übergeben, räumte auch vorläufig weder Malta noch Ägypten. [* 4] Nach scharfen diplomatischen Erörterungen hüben und drüben, infolge deren Großbritannien [* 5] das Kap und Ägypten räumte, dagegen Malta fortdauernd besetzt hielt, kam es endlich zum Bruch: am erklärte die britische Regierung den Krieg.
Die Lage des Ministeriums Addington war dadurch unhaltbar geworden; Pitt trat wieder an die Spitze der Geschäfte, brachte 1805 eine dritte Koalition gegen Frankreich zu stande, deren Mitglieder Großbritannien, Rußland, Österreich [* 6] und Schweden [* 7] waren, und teilte mit vollen Händen Subsidiengelder aus, um seine Verbündeten zur nachdrücklichsten Kriegführung in den Stand zu setzen. Dennoch nahm dieser dritte Koalitionskrieg einen ähnlichen Verlauf wie die beiden vorhergehenden.
Während die Verbündeten auf dem Festland abermals den kürzern zogen, erfochten die Engländer zur See die glänzendsten Siege. Sie nahmen den Franzosen Ste.-Lucie, Tobago, St.-Pierre und Miquelon in Amerika [* 8] sowie Gorée an der afrikanischen Küste weg und vernichteten die zu Eroberung von San Domingo bestimmte Flotte. Von den holländischen Kolonien eroberten sie Demerara, Essequibo, Berbice und Surinam, später auch das Kap der Guten Hoffnung und Curassao.
Die Versuche französischer Anführer, die Hindu gegen die Engländer aufzuwiegeln, führten nur zur Vergrößerung der Herrschaft der letztern. Bevor Österreich nach der Schlacht von Austerlitz [* 9] zum Preßburger Frieden genötigt wurde, schlug Nelson die französische Flotte bei Trafalgar und Duckworth und Warren vernichteten im folgenden Jahr die letzten Überreste der neugeschaffenen französischen Marine. Schon 1803 hatte Napoleon Hannover [* 10] als Besitztum des Königs von Großbritannien besetzt und dasselbe 1805 an Preußen [* 11] überlassen, was 1806 auch in einen Krieg mit letzterm verwickelte. Pitts Tod brachte Fox und Addington wiederum ins Kabinett, und dies knüpfte nun Friedensverhandlungen mit Frankreich an; doch scheiterten dieselben nach Fox' Tod (13. Sept.) wieder. Napoleon hatte in diesen Unterhandlungen Großbritannien Hannover wieder angeboten, und Preußen, ohnehin vielfach verletzt, ließ sich deshalb um so leichter zu einer Allianz mit Rußland und Großbritannien bestimmen.
Infolge des Tilsiter Friedens stand Großbritannien jedoch wieder allein gegen Frankreich auf dem Kampfplatz. Aber obgleich eine Unternehmung Duckworths gegen die Pforte in der Hauptsache mißglückte und Alexandria, welches kurz vorher von englischen Truppen besetzt war, nach dem gegen die Türken verlornen Gefecht von Rosette geräumt werden mußte, so dachten doch die Briten jetzt weniger als je an Frieden. Das Ministerium Grenville-Addington-Fox machte dem Kabinett Portland Platz, dessen Seele der Staatssekretär George Canning (s. d.) war, der, ein Schüler Pitts, ganz den politischen Grundsätzen dieses großen Staatsmannes huldigte.
Napoleon hatte schon von Berlin [* 12] aus gegen England ein Blockadedekret erlassen, worin er allen Handel und Verkehr mit den Britischen Inseln streng untersagte und alle aus Großbritannien und seinen Kolonien stammenden Waren oder aus denselben kommenden Schiffe [* 13] für gute Prise erklärte. Als Großbritannien mit Repressalien antwortete, verschärfte er diese Maßregeln mehr und mehr und bildete sie zu einem förmlichen System, der sogen. Kontinentalsperre, aus, durch welches er dem Handel von Großbritannien einen tödlichen Schlag zu versetzen wähnte.
Indessen traf Napoleon, obgleich er auch Preußen und Rußland zur Anerkennung seiner Dekrete, die 1810 noch mehr verschärft wurden, bewog, weniger Großbritannien als die von ihm abhängigen Kontinentalländer. Großbritannien entschädigte sich durch einen großartigen Schmuggelhandel und durch die Wegnahme aller Schiffe, die den Mächten gehörten, welche dem Napoleonischen System beigetreten waren. Als Dänemark [* 14] das Ansinnen zurückwies, mit ein Bündnis zu schließen und seine ansehnliche Flotte, um sie nicht in Frankreichs Hände fallen zu lassen, in einen der englischen Häfen zu führen, erschien 1807 ohne vorhergegangene Kriegserklärung eine englische Flotte vor Kopenhagen [* 15] und zwang die Stadt durch ein viertägiges Bombardement zur Kapitulation, der zufolge die ganze dänische Flotte (18 Linienschiffe, 15 Fregatten, 6 Briggs und 25 Kanonenboote) den Engländern ausgeliefert wurde.
Dieses völkerrechtswidrige Verfahren (der dänische König war bis jetzt neutral geblieben) bewog Dänemark, sogleich an England den Krieg zu erklären und sich aufs engste an Frankreich anzuschließen; dasselbe that Rußland. Die Briten beantworteten die doppelte Kriegserklärung mit der Wegnahme der dänischen Kolonien St. Thomas und Ste.-Croix (Dezember 1807) und einer im Hafen von Lissabon [* 16] liegenden russischen Flotte, sandten auch den Spaniern und Portugiesen, welche 1808 gegen die französische Zwingherrschaft aufgestanden waren, eine ansehnliche Macht unter Arthur Wellesley, dem nachherigen Herzog von Wellington, und Moore zu Hilfe.
Obgleich sich die englischen Heere im folgenden Jahr nach Portugal [* 17] zurückziehen mußten, so hatten sie doch durch die Siege von Coruña und Talavera dargethan, daß sie auch zu Lande im stande seien, den Franzosen die Spitze zu bieten. Die britischen Schiffe beherrschten alle Meere und versorgten nicht nur alle Weltteile mit Kolonialwaren, sondern nahmen auch ihren Feinden die letzten überseeischen Besitzungen ab: 1809 Cayenne, Martinique, San Domingo und einen Teil der Ionischen Inseln, 1810 Guadeloupe, St.-Martin, St.-Eustache, Bourbon und Ile de France und 1811 Batavia. [* 18]
Das Ministerium ging nach Portlands Tode (Dezember 1809) auf Perceval und nach dessen Ermordung (Mai 1812) auf Lord Liverpool [* 19] über. Aber die Prinzipien der britischen Politik erlitten keine Veränderung, selbst dann nicht, als, nachdem Georg III. 1810 in unheilbare Geisteskrankheit verfallen war, vom Parlament die Regentschaft und die volle königliche Gewalt an den Prinzen von Wales übertragen wurde. Um dieselbe Zeit, in welcher Napoleon den Feldzug nach Rußland vorbereitete, geriet Großbritannien mit den nordamerikanischen Freistaaten in einen Krieg, weil diese ihm das Durchsuchungsrecht neutraler Schiffe nicht zugestehen wollten. Die Briten blieben überall siegreich, schlugen die amerikanischen Milizen in zahlreichen Gefechten, zerstörten Washington [* 20] und behaupteten auch zur See durchaus die Oberhand. So sahen sich die Vereinigten Staaten [* 21] zum Abschluß des Friedens von Gent [* 22] genötigt, in welchem sie den Briten das bisher geübte Recht gegen die neutralen Schiffe zugestanden und auf die Teilnahme am ostindischen Handel verzichteten.
Währenddessen waren in Europa [* 23] die wichtigsten Entscheidungen gefallen. Sobald Großbritannien die zwischen ¶
mehr
Frankreich und Rußland eingetretene Spannung bemerkt hatte, schloß es mit Kaiser Alexander I. einen Vertrag, durch welchen Rußland von dem Kontinentalsystem zurücktrat und den englischen Schiffen seine Häfen wieder öffnete (Juli 1812). Nach dem Rückzug Napoleons aus Rußland schloß Großbritannien mit Rußland, bald auch mit Preußen, Schweden und Österreich Verträge, denen gemäß es behufs des Kriegs gegen Frankreich an jene Mächte bis zum Mai 1814: 7,300,000 Pfd. Sterl. zahlte; zugleich verstärkte es seine eigne Armee in Spanien bedeutend.
Noch bevor die Verbündeten in der Völkerschlacht bei Leipzig [* 25] siegten, erfocht Wellington 21. Juni den glänzenden Sieg bei Vittoria, zwang die Franzosen, Spanien zu räumen, folgte ihnen im Oktober über die Pyrenäen und besetzte Bordeaux. [* 26] Mit der Restauration der Bourbonen in Frankreich war das Ziel erreicht, welches von Großbritannien seit 1793 mit unerschütterlicher Festigkeit [* 27] verfolgt worden war. Waren zu diesem Zweck von Großbritannien ungeheure Opfer gebracht worden, so waren doch auch die Vorteile, welche es durch den Friedensschluß gewann, nicht weniger bedeutend. Durch den ersten Pariser Frieden erhielt Großbritannien Malta, Tobago, Ste.-Lucie, Ile de France und die Seschellen von Frankreich, das Kap der Guten Hoffnung, Demerara, Essequibo, Berbice und Ceylon [* 28] von Holland, Helgoland [* 29] von Dänemark; der zweite Pariser Friede fügte diesen Erwerbungen noch das Protektorat über die Ionischen Inseln bei. Auch an dem kurzen, durch Napoleons Rückkehr von Elba hervorgerufenen Feldzug von 1815 nahm Großbritannien Anteil und erfocht mit Preußen den Sieg von Waterloo [* 30] (18. Juni). Der Heiligen Allianz trat es nicht bei.
Katholikenemanzipation u. Parlamentsreform (1815-32).
Obgleich Großbritannien den langen Kampf siegreich bestanden hatte und unbestritten die Herrschaft zur See besaß, obgleich seine Industrie ins Unglaubliche gestiegen und der Markt für den Absatz seiner Produkte sehr bedeutend erweitert worden, obgleich der Nationalreichtum außerordentlich gewachsen war, so krankte dennoch das innere Leben des Staats an schweren Gebrechen. Um die Zinsen für die Staatsschuld, die auf fast 800 Mill. Pfd. Sterl. angewachsen war, zu beschaffen, mußten die Steuern auf Grundbesitz, Handelsartikel und Lebensmittel erhöht werden, und diese lasteten mit ganz besonderer Schwere auf dem immer mehr zusammenschmelzenden Stande der kleinern Grundbesitzer und Gewerbtreibenden, während die Zahl der besitzlosen Fabrikarbeiter und Proletarier immer größer ward.
Eine natürliche Folge davon war, daß die revolutionären Ideen, die nun einmal seit der französischen Umwälzung nicht wieder aus der Welt zu schaffen waren, immer mehr Anhänger fanden. Die englische Verfassung brachte es mit sich, daß die niedern Klassen von den eigentlichen politischen Rechten, insbesondere dem Wahlrecht, so gut wie ganz ausgeschlossen waren. Könnten sie diese erringen, meinten sie, würde auch ihrer gedrückten materiellen Lage Abhilfe werden. So ward der Ruf nach Parlamentsreform, jährlichen Parlamenten, gleichem Wahlrecht immer lauter; hier und da, z. B. in Manchester [* 31] im August 1819, kam es zu offenen Aufständen, deren die Regierung zwar durch Waffengewalt Herr wurde, deren Quelle [* 32] sie aber durch Aufhebung der Habeaskorpusakte, Beschränkung der Presse [* 33] und Verbote von Versammlungen vergeblich zu verstopfen suchte.
Nach dem Tod Georgs III. übernahm Georg IV. in eignem Namen die Regierung. Bei dem Volk unbeliebt, da er die liberalen Grundsätze, welche er früher begünstigt hatte, jetzt verleugnete, steigerte er noch die Unzufriedenheit der Nation durch den anstößigen Scheidungsprozeß, den er 1821 gegen seine Gemahlin Karoline von Braunschweig [* 34] bei dem Parlament anhängig machte. Er zog sich daher in der Folge mehr und mehr zurück; und der persönliche Einfluß des Königs auf die Geschäfte trat weit weniger hervor, als das unter seinen Vorgängern geschehen war.
Lord Castlereagh, welcher unter dem Premierminister Liverpool den auswärtigen Angelegenheiten vorstand, huldigte in der äußern Politik ganz den stabilen Grundsätzen der Heiligen Allianz. Neues Leben kam erst in die Staatsverwaltung, als im September 1822 nach Castlereaghs Selbstmord George Canning an dessen Stelle trat. Canning verließ sogleich die Politik des Festlandes und näherte sich den Grundsätzen der Whigs. Er erklärte sich auf dem Kongreß von Verona [* 35] gegen die Intervention in Spanien und Portugal, erkannte die Selbständigkeit der südamerikanischen Kolonien an, welche sich vom Mutterland losgerissen hatten, und bewog Portugal, auch die Unabhängigkeit Brasiliens zuzugestehen.
Noch größeres Verdienst erwarb er sich um die Freiheit Griechenlands, als er nach Liverpools Tod (April 1827) als Premier mit der Bildung eines neuen Ministeriums beauftragt wurde, in das die Häupter der Wighs, unter andern Lord Lansdowne, eintraten, und das sich auch des Beistandes des mutmaßlichen Thronerben, des Herzogs von Clarence, versichert hatte. Großbritannien war in betreff der griechischen Angelegenheit mit Rußland in ein Bündnis getreten; Canning zog noch Frankreich hinzu und brachte einen Vertrag dieser drei Mächte zu gunsten der Unabhängigkeit Griechenlands zu stande.
Die Schlacht von Navarino in welcher die vereinigten Geschwader der Verbündeten die türkische Flotte vernichteten, gründete Griechenlands Selbständigkeit und erregte in Europa außerordentlichen Jubel. Wie in der äußern, so huldigte Canning auch in der innern Politik freisinnigen Ansichten. Im J. 1826 bewog er das Parlament zur Annahme einer Bill, durch welche das Ministerium ermächtigt wurde, in außerordentlichen Fällen zu gunsten der ärmern Klassen die verbotene Einfuhr von Getreide [* 36] gegen einen mäßigen Zoll zu gestatten. Die Emanzipation der Katholiken, zu deren gunsten Canning schon 1824 einen Gesetzvorschlag an das Parlament hatte ergehen lassen, erlebte er nicht mehr; er erlag den übergroßen geistigen Anstrengungen
Nach der kurzen Verwaltung des Lords Goderich, den Zerwürfnisse zwischen den Mitgliedern seines Kabinetts schon im Januar 1828 zum Rücktritt nötigten, brachten die Tories ein Ministerium unter dem Herzog von Wellington zu stande, dessen hervorragendste Mitglieder außer dem Premier Lord Ellenborough, Lord Lyndhurst, Sir Robert Peel und Graf Aberdeen [* 37] waren. Merkwürdigerweise war gerade dies Kabinett bestimmt, die Emanzipation der Katholiken durchzuführen, welche von freisinnigen Ministern bisher vergeblich angestrebt worden war. Irland hatte seiner Zeit die Berufung Cannings zum Präsidenten des Kabinetts mit Jubel begrüßt, weil es von ihm die Aufhebung der Testakte erwartete, welche alle Katholiken vom Eintritt in das Parlament ausschloß. Sobald nach seinem Tode die Nachricht von der Einsetzung eines Ministeriums Wellington nach Irland gelangte, entstand dort die größte Aufregung. Eine katholische Association trat ins Leben, die sich ¶