Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03134.jsonl.gz/1033

«‹Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden.› So definiert die Unesco, die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur, ihre Aufgabe im ersten Satz ihrer Verfassung, welche kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beschlossen wurde; und so muss die Rolle der Kultur im Kontext der weltweiten Spannungen und Konflikte auch heute verstanden werden. In unserem Zeitalter der globalen Vernetzung und gegenseitigen Abhängigkeiten sind die Fragen der Kultur und der kulturellen Identität in der Tat von entscheidender Bedeutung für den Frieden […].»
«Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden.» So definiert die Unesco, die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur, ihre Aufgabe im ersten Satz ihrer Verfassung, welche kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beschlossen wurde; und so muss die Rolle der Kultur im Kontext der weltweiten Spannungen und Konflikte auch heute verstanden werden. In unserem Zeitalter der globalen Vernetzung und gegenseitigen Abhängigkeiten sind die Fragen der Kultur und der kulturellen Identität in der Tat von entscheidender Bedeutung für den Frieden – unabhängig davon, ob wir Samuel Huntingtons seinerzeitigen Diagnose beipflichten oder nicht.1 Um die Bedeutung von «kultureller» Diplomatie zu verstehen und richtig zu bewerten, wollen wir uns kurz auf das Wesen der Kultur im Kontext von Politik und insbesondere der internationalen Beziehungen besinnen.2
Als umfassendster Bezugsrahmen für die Selbstverwirklichung einer Gemeinschaft in ihrer jeweiligen Lebenswelt (ein Begriff aus der Phänomenologie von Edmund Husserl)3 hat Kultur durch die Geschichte hindurch ihre Widerstandskraft gegenüber politischer Macht, selbst in der Form militärischer Gewalt, bewiesen. Die antike griechische Weltanschauung – in Philosophie, Wissenschaft und Kunst – prägte die kulturelle Identität im mächtigen Römischen Reich, das die griechischen Stadtstaaten erobert hatte. Die arabisch-islamische Kultur – um nur ein weiteres Beispiel zu nennen – konnte unter der Herrschaft des Mongolenreiches überleben, wo jeder der Nachfolgestaaten die vor Ort herrschende Religion annahm (ein Punkt, den besonders Amy Chua in ihrer weitreichenden Analyse der Bedeutung von kultureller Inklusivität und Toleranz für den Aufbau von Imperien betont).4 Kultur, die ihre Wurzeln in religiösen Überlieferungen hat, zeigt sich gegenüber politischer Macht als besonders widerstandsfähig, was unter anderem das Schicksal des Marxismus-Leninismus im ehemaligen Sowjetimperium (einschliesslich des besetzten Afghanistan), des westlich inspirierten Modernismus unter dem Schah Irans oder der dogmatischen Version des Säkularismus in der Türkischen Republik zeigt.
In der Weltgeschichte hat die Kultur immer wieder ihre prägende Kraft gegenüber der Politik bewiesen. In die andere Richtung war der Einfluss oft viel weniger erfolgreich und sicher weniger nachhaltig. Auch mit Blick auf die Geschichte des Kolonialismus steht das Urteil noch aus. Dort, wo die Eroberer die einheimische Bevölkerung nicht vollständig eliminiert oder an den Rand gedrängt haben, überlagerte die Kultur der Eindringlinge oftmals die indigenen Traditionen, die ihrerseits aber die dominante Kultur neu definierten und umgestalteten. Dies zeigt sich auch in der Praxis des christlichen Glaubens unter afrikanischen oder südamerikanischen Traditionen. Das Verhältnis zwischen Kultur und Imperium5 ist sicherlich komplexer, als es die Apologeten kultureller Vorherrschaft über die Jahrhunderte hinweg zuzugeben bereit waren; die Einflüsse gehen definitiv nicht nur in eine Richtung.6
Im Gegensatz zur Kultur (oder, als allgemeinster Begriff der kulturellen Identität: Zivilisation) ist Politik nicht notwendigerweise ein umfassendes Phänomen, das vom menschlichen Bemühen, die Welt als solche zu verstehen und die Stellung des Menschen darin zu definieren, bestimmt wäre. In der realen – nicht zu verwechseln mit einer idealen – Welt sind die Beziehungen zwischen politischen Gebilden immer ein Wettbewerb um Macht, der durch das Verfolgen des «nationalen Interesses» bestimmt ist.7 Es ist eine historische Tatsache, dass diese Interessen – immer auf das Wohl der Nation gerichtet – allzuoft mit kriegerischen Mitteln durchgesetzt wurden. In all diesen Fällen wurden Fragen der Kultur und kulturellen Identität politischen Erwägungen untergeordnet. Kultur wurde zum Zweck der Legitimation von Machtausübung instrumentalisiert. So ist es auch in unserer Zeit des «globalen Krieges gegen den Terror». Der internationale Einsatz von Gewalt wird mit der Verteidigung der «Zivilisation» gegen ihre Feinde gerechtfertigt.8
Wenn Krieg die «Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln» ist, wie Clausewitz bekanntermassen sagte,9 kann man sich aber auch die Frage stellen, ob Kulturdiplomatie (die in den Bereich der Politik gehört) dazu beitragen kann, Konflikte zu verhindern oder einzudämmen – oder zumindest eine Verhandlungslösung vorzubereiten. Im politischen Kontext – insbesondere in den zwischenstaatlichen Beziehungen – müssen wir uns des «dual use»-Aspektes von Kultur bewusst sein (wenn ich mich für einen Augenblick eines Begriffs aus der Rüstungskontrolle bedienen darf). Gerade bei bewaffneten Auseinandersetzungen kann Kultur ein Element sowohl der Indoktrination als auch der Bildung im Sinne von Aufklärung sein. Während ersteres die Instrumentalisierung von kultureller Identität im Dienst der Kriegspropaganda bedeutet, bezieht sich letzteres auf Informationen, die dabei helfen können, Vorurteile als solche zu erkennen und in der Folge zu überwinden.
«Viele der augenblicklichen Konflikte und sich abzeichnenden Konfrontationen werden uns als Teil eines ‹Kampfes der Kulturen› (clash of civilizations) präsentiert, was nur allzu leicht einen Teufelskreis aus kulturellen Vorurteilen und Gewaltanwendung heraufbeschwört. Dies gilt insbesondere für die sogenannten humanitären Interventionen, die – im Rahmen einer grösseren strategischen Agenda von ‹Regimewechsel› – zu einem Markenzeichen von Machtpolitik nach dem Ende des Kalten Krieges geworden sind – mit verheerenden Folgen für Frieden und Stabilität weit über die betroffenen Regionen hinaus. Die Politik der Instrumentalisierung von Begriffen wie ‹Demokratie›, ‹Menschenrechte›, ‹Rechtsstaatlichkeit› für im wesentlichen politische Ziele hat diese Werte und Ideale nicht nur diskreditiert, sondern sie ist zu einem grossen Hindernis für eine stabile und friedliche Weltordnung geworden.»
Leider scheint der erstere Aspekt zu Beginn des 21. Jahrhunderts zum dominierenden zu werden. Viele der augenblicklichen Konflikte und sich abzeichnenden Konfrontationen werden uns als Teil eines «Kampfes der Kulturen» (clash of civilizations) präsentiert, was nur allzu leicht einen Teufelskreis aus kulturellen Vorurteilen und Gewaltanwendung heraufbeschwört.10 Dies gilt insbesondere für die sogenannten humanitären Interventionen, die – im Rahmen einer grösseren strategischen Agenda von «Regimewechsel» – zu einem Markenzeichen von Machtpolitik nach dem Ende des Kalten Krieges geworden sind – mit verheerenden Folgen für Frieden und Stabilität weit über die betroffenen Regionen hinaus. Die Politik der Instrumentalisierung von Begriffen wie «Demokratie», «Menschenrechte», «Rechtsstaatlichkeit» für im wesentlichen politische Ziele hat diese Werte und Ideale nicht nur diskreditiert, sondern sie ist zu einem grossen Hindernis für eine stabile und friedliche Weltordnung geworden. Das Bestehen auf kultureller Exklusivität – verbunden mit dem Beharren darauf, dass die eigene Weltanschauung und das eigene Wertesystem universal verbindlich seien – hat bei den betroffenen Völkern andauernden und nachhaltigen Widerstand provoziert und Gegennarrative anderer kultureller Gemeinschaften entstehen lassen. Wie können, so muss man sich fragen, in einem solchen Szenario der Konfrontation Belange der Kultur und der kulturellen Identität überhaupt konstruktiv eingebracht werden?
Erforderlich ist ein umfassendes Konzept für eine Kulturdiplomatie, die von der Anerkennung der Gegenseitigkeit (das heisst dem Verständnis, dass kulturelle Kooperation grundsätzlich ein wechselseitiges Projekt ist) geprägt und sich des integralen Aspektes von Kultur bewusst sein muss, was man mit unserem Begriff der «Dialektik des kulturellen Selbstverständnisses» umschreiben könnte.11 Kultur kann niemals in einem insularen, lebensweltlich abstrakten Umfeld gedeihen; dementsprechend kann sie nur dialogisch vermittelt werden. Dies ist der Grund, warum kulturelle Aussenpolitik schlechthin nicht mit einer imperialistischen12 Zielsetzung vereinbar ist, und schon gar nicht mit einer Kriegspolitik. Kultur ist keine blosse Begleiterscheinung von Politik, sondern ein bestimmendes Element davon. Nur wenn die Politiker erkennen, dass es keine Vorherrschaft der Politik über die Kultur gibt, ist eine sinnvolle und wirksame Kulturdiplomatie möglich. In der Schaffung dieses Bewusstseins besteht auch die vornehmste Aufgabe der Unesco.
Die entscheidende Herausforderung für Kulturdiplomatie in der gegenwärtigen weltpolitischen Konstellation liegt in der Frage, ob sie in die Falle des «Kampfes der Kulturen» (clash of civilizations)13 tappt oder nicht. Wenn es trotz der widrigen Umstände und der Vielzahl von Konflikten eine reale Chance geben soll, dass Kulturdiplomatie die internationalen Entwicklungen positiv beeinflusst, so muss sie mehr sein als blosse Dekoration des diplomatischen Alltags. Im Rahmen der unleugbar den nationalen Interessen verpflichteten staatlichen Aussenpolitik muss es ihr Ziel sein, die Lebenswelt der eigenen Nation (das heisst des eigenen Volkes), einschliesslich des jeweiligen Wertesystems mit all seinen Ausprägungen in Kunst und Lebensstil, nicht nur zu propagieren, sondern ehrlich und umfassend mit anderen Staaten und Völkern zu teilen – und zwar nicht nur bilateral, sondern auch multilateral. Nur dies entspricht der Gründungsbotschaft der Unesco, die sich auf die Überwindung der «wechselseitigen Unkenntnis» richtet, welche – in den Worten ihrer Verfassung – im Laufe der Geschichte zu «Argwohn und Misstrauen zwischen den Völkern der Welt» geführt hat, «so dass Meinungsverschiedenheiten nur allzuoft zum Krieg geführt haben».14 Daher muss der Ansatz der Kulturdiplomatie offen sein. Er darf nicht ausschliesslich auf nationaler Selbstbehauptung und Stolz beruhen, sondern muss gleichzeitig auch «kulturelle Neugier» einschliessen.15 Idealerweise sollte die Kulturdiplomatie auf weltweiter Ebene ein Bestandteil dessen sein, was die Vereinten Nationen auf Vorschlag des seinerzeitigen iranischen Präsidenten Mohamad Khatami als «Dialog der Zivilisationen» deklariert haben.16 Anstatt aggressive Einstellungen zu schüren, die, wie die Geschichte lehrt, nur allzu leicht in einen Krieg münden können, muss sich Kultur in einem Kontext der Zusammenarbeit und des wechselseitigen Erschliessens der Wirklichkeit, an dem alle Völker beteiligt sind, entfalten. In ihrem wahren, nämlich integrativen Sinn ist Kultur immer ein gemeinsames Projekt der Menschheit, die Verwirklichung einer von uns allen geteilten, auf der Universalität des Geistes basierenden Lebenswelt.17
Wenn wir uns an diesem philosophischen Ideal orientieren, muss sich die Kulturdiplomatie unter den Bedingungen der Realpolitik jedoch mit einem ernsthaften Glaubwürdigkeitsproblem auseinandersetzen. Um es noch einmal zu betonen: Grundsätzlich darf Kultur nicht ausschliesslich als politisches Werkzeug oder Machtinstrument eingesetzt werden, so verlockend dies für Länder mit weltweiten Ambitionen und Verantwortlichkeiten auch sein mag. Die Glaubwürdigkeit der Kulturdiplomatie hängt von der Ehrlichkeit ihrer Botschaft ab, die frei sein muss von taktischen Hintergedanken. Ein rein instrumenteller, funktionalistischer Ansatz ist nicht nur mit Kultur als solcher unvereinbar, sondern auch politisch kontraproduktiv. In dieser Hinsicht muss das modische Verständnis von Kultur als einem Bestandteil von «soft power» (Joseph Nye)18 nochmals überdacht werden. Um nur ein – zugegebenermassen drastisches – Beispiel, das meine Bedenken illustrieren soll, anzuführen: Wenn Kultur auf den Bajonetten eines Angreifers ins Land kommt, diskreditiert dies nicht nur die von diesem selbst definierte Mission, sondern schadet – auch gemäss seinem eigenen strategischen Kalkül – mehr als es nützt. In solchen Fällen werden die Unterworfenen noch viel stärker ihre Identität gegenüber dem Angreifer bekräftigen, was wiederum die langfristigen Aussichten auf Stabilität in der betroffenen Region minimiert. Dies verdeutlichen insbesondere die Ereignisse im Grossraum Mittlerer Osten seit Beginn des neuen Jahrhunderts, gefolgt von einer Kettenreaktion von kultureller Entfremdung und Destabilisierung auch in anderen Teilen der Welt.
Als Folge dieser Entwicklungen stellt sich erneut die Frage der Glaubwürdigkeit beziehungsweise Konsistenz des Konzeptes der «multikulturellen Gesellschaft», die gegenwärtig eine Existenzkrise durchmacht. Internationale Konflikte, oft gefolgt von Bürgerkriegen wie etwa im Nahen Osten, haben die Spannungen zwischen kulturellen und religiösen Gruppierungen in anderen Teilen der Welt, insbesondere in Europa, weiter verschärft. Im Zeitalter der Globalisierung sind die Herausforderungen fast unüberwindbar geworden, vor allem was das Verhältnis zwischen der islamischen Welt und dem Westen betrifft. Wie können Länder, in denen Vorurteile gegen eine andere Kultur oder Religion in den sozialen Mainstream eingedrungen sind – und begonnen haben, die Innen- und Aussenpolitik dieser Länder zu prägen –, glaubwürdig ihre nationale (das heisst in ihrer geschichtlichen Tradition begründete) Identität gegenüber dem Rest der Welt vertreten? Oder, um es in aller Klarheit zu sagen: Wie kann Kulturdiplomatie in einer Atmosphäre von Hass und Vorurteilen praktiziert werden, in der die Instrumentalisierung dieser Vorurteile gewissermassen Teil des politischen Geschäftes (das heisst der Parteipolitik) geworden ist? Das Glaubwürdigkeitsproblem besteht durchaus auf beiden Seiten des kulturellen Grabens. Wie können Länder ihre Kultur (einschliesslich Sprache, Dichtung, Kunst und Sport) erfolgreich propagieren in einer Konstellation, in der gegenseitige Beschuldigungen (wenn es um kulturelle, insbesondere religiöse Fragen geht) den alltäglichen Umgang miteinander vergiften? Allgemeiner ausgedrückt: Wie kann ein Land, das Kulturen auf eigenem Territorium unterdrückt beziehungsweise eine Gegnerschaft zu ihnen aufbaut, als «Kulturbotschafter» in eigener Sache international glaubwürdig sein? Auch dies gilt grundsätzlich für alle Seiten. Es ist hier wichtig zu betonen, dass der Begriff der «Leitkultur», auf den in innerstaatlichen deutschen Debatten häufig Bezug genommen wird, nicht im Sinne einer dogmatischen Wertaussage verstanden werden darf, da dies den Dialog beziehungsweise die Koexistenz zwischen Kulturen auf internationaler Ebene ausschliessen würde.
Fazit: Trotz all dieser Herausforderungen kann Kulturdiplomatie eine konstruktive, ja, sogar entscheidende Rolle spielen – wenn und sofern die Akteure nicht der machiavellistischen Versuchung erliegen, Kultur und Fragen der kulturellen Identität als Instrument der Politik zu benutzen. In Situationen von Spannung und Konflikt ist – ausser in Fällen von Selbstverteidigung – der Einsatz von Gewalt nach dem modernen Völkerrecht nicht nur illegal, sondern auch nicht notwendig das wirksamste Mittel zur Konfliktbereinigung. Unter solchen Gegebenheiten ist ein kreativer, undogmatischer Ansatz gefragt – die Quintessenz der Diplomatie. Darin besteht gerade der Vorteil von Kultur, die – im Gegensatz zur Politik, in der es unvermeidbar um die als «nationales Interesse» definierten Gruppenegoismen geht – auf die universelle Natur des Menschen rekurriert.
Wenn wir sie, wie hier vorgeschlagen, in einem integrativen und umfassenden Sinne verstehen, kann Kulturdiplomatie in der Tat eine konstruktive Rolle beim Aufbau einer internationalen Friedensordnung spielen.19 Um gleichzeitig glaubwürdig und effizient zu sein, sollte Kulturdiplomatie sich am Ideal der dialogischen Beziehungen zwischen Kulturen und Zivilisationen auf der Basis von Gleichheit ausrichten. Die souveräne Gleichheit der Staaten, ein Grundprinzip der Charta der Vereinten Nationen, muss die souveräne Gleichheit der Kulturen mit umfassen. Nur so wird es möglich sein, diplomatische Beziehungen auf der Grundlage gegenseitigen Respekts zu unterhalten.
Vor diesem Hintergrund können Initiativen der Kulturdiplomatie zur Schaffung eines Klimas beitragen, das die Beilegung von Konflikten und Streitigkeiten im Wege von Verhandlungen nachhaltig fördert. In bestimmten Konstellationen kann Kultur im weitesten Sinne (Sport eingeschlossen) tatsächlich eine Art «Eisbrecherfunktion» haben und den Boden für weitere vertrauensbildende Massnahmen bereiten. Eines der anschaulichsten Beispiele dafür war wohl die «Ping-Pong-Diplomatie» vom April 1971, die dem Tauwetter zwischen den Vereinigten Staaten und dem kommunistischen China, das 1972 in dem historischen Besuch von Präsident Nixon in Peking gipfelte und schliesslich zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen führte, vorausging oder es sogar initiierte. Andere Beispiele, in denen Kultur eine konstruktive Rolle in einem konfliktträchtigen Umfeld spielte, waren etwa die gemeinsame Austragung der Fussball-Weltmeisterschaft 2002 durch die ehemaligen Feinde Japan und Südkorea oder die in den Hauptstädten von Aserbaidschan und Armenien veranstalteten unmittelbar aufeinanderfolgenden Konzerte des Jugendsinfonieorchesters der Gemeinschaft der Unabhängigen Staaten (GUS) im September 2010 mit Musikern aus beiden verfeindeten Ländern. In einer Konstellation, in der sich beide südkaukasischen Länder wegen des ungelösten Berg-Karabach-Konfliktes eigentlich immer noch im Kriegszustand befanden, reiste das Ensemble – mit den ehemaligen Kultusministern beider Länder an Bord – per direktem Flug von Baku nach Jerewan. Obwohl ihr keine bilateralen Massnahmen oder Verhandlungen folgten, ist diese multilaterale Initiative ein besonders kreatives Beispiel dafür, wie Kultur in ansonsten ausweglos erscheinenden Situationen Brücken bauen oder politische Tabus brechen kann.20
«Wird sich das philosophische Ideal der Kultur als gemeinsamer Nenner der Conditio humana im politischen Alltag bewähren? Kulturdiplomatie ist in der Tat dann am effektivsten, wenn sie in eine umfassende Friedenspolitik eingebettet ist. Gleichzeitig stärkt sie eine solche Politik. Wird sie aber als Mittel der ideologischen Konfrontation benutzt und damit in letzter Konsequenz zu einer Begleiterscheinung des Krieges, verliert Kultur nicht nur ihre schöpferische Kraft, sondern wird inhaltslos; sie wird steril und nutzlos für den Fortschritt der Menschheit.»
Wird sich das philosophische Ideal der Kultur als gemeinsamer Nenner der Conditio humana im politischen Alltag bewähren? Kulturdiplomatie ist in der Tat dann am effektivsten, wenn sie in eine umfassende Friedenspolitik eingebettet ist. Gleichzeitig stärkt sie eine solche Politik. Wird sie aber als Mittel der ideologischen Konfrontation benutzt und damit in letzter Konsequenz zu einer Begleiterscheinung des Krieges, verliert Kultur nicht nur ihre schöpferische Kraft, sondern wird inhaltslos; sie wird steril und nutzlos für den Fortschritt der Menschheit. Während die Instrumentalisierung von Kultur für eine interventionistische Politik die These vom «Kampf der Kulturen» zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung machen kann, bedeutet eine ohne Hintergedanken praktizierte Kulturdiplomatie die Abkehr von jeglicher Form von kulturellem Ausnahmeanspruch. Sie kann vielmehr den Boden für einen weltweiten Dialog der Zivilisationen als Grundlage des Friedens zwischen den Staaten bereiten – eines Friedens, der letztendlich dauerhafter sein wird als eine internationale Ordnung, die lediglich das Resultat eines immer brüchigen und ständig sich verändernden Machtgleichgewichtes zwischen den Staaten ist. •
1 Huntington, Samuel. «The Clash of Civilizations?» in: Foreign Affairs. Bd. 72, Nr. 3 (Sommer 1993), S. 22–49
2 Auf ihrer Eröffnungskonferenz 1974 hat die International Progress Organization – in Zusammenarbeit mit Uno und Unesco – den Versuch unternommen, die internationale Rolle von Kultur zu definieren, vor allem im Hinblick auf eine friedliche Koexistenz der Staaten: Köchler, Hans. Cultural Self-comprehension of Nations. Studies in International [Cultural] Relations, Bd. I. Tübingen/Basel: Erdmann, 1978.
3 Husserl, Edmund. Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie. Ergänzungsband: Texte aus dem Nachlass, 1934–1937. Husserliana, Bd. 29. Dordrecht: Kluwer, 1993
4 Chua, Amy. Day of Empire: How Hyperpowers Rise to Global Dominance – and Why They Fail. New York: Doubleday, 2007
5 vgl. auch Köchler, Hans. «Culture and Empire: The Imperial Claim to Cultural Supremacy versus the Dialectics of Cultural Identity». in: Köchler, Hans. Force or Dialogue: Conflicting Paradigms of World Order. Hrsg. Armstrong, David. New Delhi: Manak, 2015, S. 263–273
6 Der Stellenwert von Kultur in Machtbeziehungen darf nicht unterschätzt werden. Beim Aufbau von Imperien war Kulturpolitik nicht notwendigerweise eine Einbahnstrasse. Es ging nicht immer und nicht notwendigerweise darum, die Kultur der Eroberer der Zivilisation der Unterworfenen aufzupfropfen; oftmals war es das Ziel – aus Gründen, die man heute als «Realpolitik» bezeichnen würde – , die Kultur der militärisch und politisch Besiegten in das Imperium zu «integrieren». Die Kultur der unterworfenen und militärisch schwächeren Partei (besonders wenn sie lebensweltlich differenzierter und umfassender ist) kann die Kultur der Invasoren/Eroberer nicht nur bereichern, sondern schliesslich auch umformen (wie es etwa im Römischen Reich der Fall war).
7 vgl. Morgenthau, Hans. Politics among Nations: The Struggle for Power and Peace. 3. Aufl. New York: Knopf, 1960
8 vgl. auch Köchler, Hans. «The Global War on Terror and the Metaphysical Enemy». in: Köchler, Hans (Hrsg.), The «Global War on Terror» and the Question of World Order. Studies in International Relations, Bd. XXX. Wien: International Progress Organization, 2008, S. 13–35
9 «Der Krieg ist eine blosse Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.» Clausewitz, Carl von. Vom Kriege. (1812), Buch I, Kap. 1, Paragraph 24
10 Es geht hier um eine Beziehung der wechselseitigen Abhängigkeit. Stereotype (ob in bezug auf Religion oder Kultur und Rasse in einem allgemeineren Sinn) werden dazu benutzt, die Anwendung von Gewalt zu legitimieren, und letzteres verstärkt wiederum diese Stereotype auf beiden Seiten.
11 Köchler, Hans. Cultural-philosophical Aspects of International Cooperation. Studies in International [Cultural] Relations, Bd. II. Wien: International Progress Organization, 1978.
12 Der Begriff darf nicht mit dem Adjektiv «imperial» verwechselt werden.
13 Zum Begriff vgl. Köchler, Hans. «Clash of civilizations». in: Turner, Bryan S.; Chang, Kyung-Sup; Epstein, Cynthia F.; Kivisto, Peter; Ryan, J. Michael; Outhwaite, William (Hrsg.), The Wiley Blackwell Encyclopedia of Social Theory, Bd. I. Chichester, West Sussex (UK): Wiley-Blackwell, 2017.
14 Unesco, Verfassung, 16. November 1945, Präambel
15 Dazu siehe auch Köchler, Hans. «The Philosophy and Politics of Dialogue.» Centre for Dialogue Working Paper Series, Nr. 2010/1. La Trobe University, Melbourne, Australien, 2010
16 Auf Grundlage von Khatamis Initiative rief die Uno (noch vor den Ereignissen des 11. September) das Jahr 2001 zum «Uno-Jahr des Dialoges zwischen den Zivilisationen» aus.
17 Genaueres vgl. Köchler, Hans. Religious Identity and Universality of the Mind: Reflections on Co-existence in a Globalized World. Einführungsvortrag, «All Faiths and None» – Inter-Faith Forum. Trinity College Theological Society, Dublin, Irland, 19. Februar 2013
18 Nye Jr., Joseph S. Bound to Lead: The Changing Nature of American Power. New York: Basic Books, 1990
19 Vgl. auch Köchler, Hans. «Unity in Diversity: The Integrative Approach to Intercultural Relations».
In: UN Chronicle, Bd. XLIX, Nr. 3 (2012), S. 7–10
20 Was den Sport betrifft, könnte man hier auch den legendären «Weihnachtswaffenstillstand» (Christmas Truce) von 1914 an der Westfront des Ersten Weltkriegs erwähnen, als britische und deutsche Soldaten am Christtag im Niemandsland zwischen den Kampflinien Fussball spielten (vgl. Dash, Mike. The Story of the WWI Christmas Truce. 23. Dezember 2011, www.smithsonianmag.com/history/the-story-of-the-wwi-christmas-truce-11972213), oder die Beteiligung des nordkoreanischen Teams am Fussball-Weltcup 1966 in Grossbritannien. Genaueres vgl. Köchler, Hans. The Dialogue of Civilizations: Philosophical Basis, Political Dimensions and the Impact of International Sporting Events. Occasional Papers Series, Nr. 5. Wien: International Progress Organization, 2002
Hans Köchler war von 1990 bis 2008 Vorstand des Institutes für Philosophie an der Universität Innsbruck. Heute ist er Vorsitzender der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Wissenschaft und Politik, Kopräsident der Internationalen Akademie für Philosophie und Präsident der International Progress Organization, die er 1972 mit gründete. Aus dem äusserst reichhaltigen Wirken von Hans Köchler können an dieser Stelle nur ein paar wenige Punkte hervorgehoben werden. Köchlers Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Rechtsphilosophie, die politische Philosophie und die philosophische Anthropologie, in der seine Forschungsergebnisse in vielen Punkten mit den Ansichten des polnischen Kardinals Karol Wojtyla, des späteren Papstes Johannes Paul II., korrespondieren. Hans Köchler hat sich seit den frühen siebziger Jahren mit zahlreichen Publikationen, Reisen, Vorträgen und durch sein Mitwirken in verschiedenen internationalen Organisationen für einen Dialog der Kulturen eingesetzt, insbesondere für einen Dialog zwischen westlicher und islamischer Welt. 1987 hat Professor Köchler gemeinsam mit dem Nobelpreisträger Seán MacBride den «Appell von Juristen gegen den Atomkrieg» auf den Weg gebracht und in dessen Folge mit einem Gutachten dazu beigetragen, dass der Internationale Gerichtshof die Völkerrechtswidrigkeit eines möglichen Atomwaffeneinsatzes festgestellt hat. Hans Köchler hat immer wieder zur Frage der Reform der Vereinten Nationen Stellung genommen und deren Demokratisierung gefordert. Insbesondere nahm er auch zur Frage Stellung, wie internationales Recht durchzusetzen sei, und wandte sich dabei gegen eine machtpolitische Instrumentalisierung der Normen des Völkerrechts. Als vom damaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, entsandter Beobachter beim Lockerbie-Prozess verfasste er einen kritischen Bericht, der 2003 als Buch, «Global Justice or Global Revenge? International Justice at the Crossroads» veröffentlicht wurde. Sein Eindruck war, dass der Lockerbie-Prozess unter politischen Vorgaben gestanden hatte, und er forderte deshalb eine strenge Gewaltenteilung und eine vollkommene Unabhängigkeit der internationalen Strafgerichtsbarkeit. Der hier abgedruckte Text ist die autorisierte deutsche Übersetzung des in englischer Sprache gehaltenen Vortrages «Cultural Diplomacy in a World of Conflict» anlässlich der vom Institute for Cultural Diplomacy (ICD) unter dem Generalthema «Promoting Global Collaboration, Unity and Peace through Cultural Diplomacy» veranstalteten Annual Conference on Cultural Diplomacy 2017 in Berlin am 20. Dezember 2017.
Unsere Website verwendet Cookies, damit wir die Page fortlaufend verbessern und Ihnen ein optimiertes Besucher-Erlebnis ermöglichen können. Wenn Sie auf dieser Webseite weiterlesen, erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden.
Weitere Informationen zu Cookies finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Wenn Sie das Setzen von Cookies z.B. durch Google Analytics unterbinden möchten, können Sie dies mithilfe dieses Browser Add-Ons einrichten.