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Yasmine Ghatas poetischer Roman ist mitunter märchenhaft wie aus Tausendundeiner Nacht.
Auf der asiatischen Seite des Bosporus, schon weit im Norden gegen das Schwarze Meer hin, kann man sie noch sehen, die alten Yalis. Ende des 19. Jahrhunderts in unmittelbarer Nähe des Marmorpalastes von Sultan Abdülaziz gebaut, dienten sie den Istanbuler Notablen als Sommerresidenzen. Die im Stadtteil Beylerbey noch übrig gebliebenen Villen sind unterspült, das Holz wurmstichig und baufällig. Ein Teil von ihnen ist aber noch immer bewohnt. Am mittlerweile planierten Ufer ragen sie wie braune, morsche Zähne aus einer vergangenen Zeit in ein fremdes Jetzt.
Aus dieser alten Zeit und von diesem Ort erzählt der Roman einer jungen, in Paris lebenden Autorin, die sich im Klappentext als Expertin für islamische Kunst ausweist und deshalb für den Gegenstand, auf den der Titel verweist, besonders kompetent erscheint. «Die Nacht der Kalligraphen», von der Yasmine Ghata berichtet, spannt sich auf zwischen dem alten Osmanischen Reich bis in die sechziger Jahre, als das Yali der Familie Bey dem Strom zwischen Schwarzem Meer und Marmarameer nachzugeben beginnt, wie ein Zeichen dafür, dass das moderne Istanbul die alte Kultur und Sprache hinter sich lässt.
Verbotene Schrift
Rikkat, die eine der beiden Töchter des angesehenen Nessib Bey, hat einen zumal für Frauen ungewöhnlichen Beruf: Sie ist eine der wenigen türkischen Kalligraphinnen, «die Hand», der sich «Gott bedient, um seinen Atem zu schreiben». Zunächst über ihren Kopf hinweg mit einem ungebildeten Zahnarzt verheiratet - «ich übte mich in Kalligraphie, um meine Hand darüber hinwegzutrösten, dass sie so voreilig versprochen worden war» -, kehrt Rikkat mit ihrem Sohn zurück in das elterliche Yali, geht eine zweite, ebenfalls unglückliche Ehe ein und verliert ihren zweiten Sohn Nour an den Ehemann, einen Hochstapler, der die Türkei verlässt.
Während dieser Zeit macht sich Rikkat Kunt, wie sie sich jetzt nennt, als Kalligraphin einen Namen, zuerst lehrt sie an der «Medrese», dann an der Universität, die sich «mit der Magie dieser altüberlieferten Lehre» allerdings «wenig verträgt». Rikkat ist eine der letzten, die dank des geerbten Schreibmaterials ihres alten Lehrers Selim die «verbotene Sprache», die ab 1929 in der Türkei nicht mehr erlaubte arabische Schrift, weiterträgt: «Das Ornament ist mein Lebensinhalt. Meine Arabesken beschreiben geometrische Figuren, ich bin die einzige, die ihr Geheimnis kennt». Nicht nur das Geheimnis der Schrift, sondern auch das sorgsam verschwiegene Wissen, das auf der Familie lastet. Erst als es ausgesprochen ist, setzt sich Rikkat über alle kalligraphischen Regeln und Verbote hinweg, wird zur wahren Künstlerin.
Verselbstständigte Objekte
Arabesk in der Anlage, mitunter märchenhaft wie aus Tausendundeiner Nacht erzählt Yasmine Ghata die Geschichte ihrer Grossmutter, die ihr posthum in einer Pariser Ausstellung über osmanische Kalligraphie begegnet. Zunächst nur mit einem Pinselstrich grob umreissend, dann in die Breite und Tiefe ausmalend, spürt sie sich ein in das fremde Leben dieser ungewöhnlichen Frau. Der poetische «Überschuss» der ohnehin klug arrangierten (und sensibel übersetzten) Geschichte besteht in der Verselbstständigung der Objekte, die sich immer wieder an die Stelle der Subjekte setzen: Kalem, Makta und Divit, die Schreibfeder aus Schilfrohr und die übrigen Schreibutensilien haben, wie das Yali, ein Eigenleben, sie führen der Autorin die Hand, und «freuen sich bei dem Gedanken, vor den zukünftigen Schülern aufzutreten». Oder vor der Leserschaft.