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Das Blatt des Morpheus
von Sascha Frick (November 02)
Die Sitzung war hart, wie üblich. Fast zwei Stunden hatte er verbal auf seine Belegschaft eingeprügelt und versucht, ihnen klar zu machen, was Sache war.
Anfänglich hatte die eine oder der andere noch aufbegehrt und sich mit den üblichen Scheinargumenten gegen seine neusten organisatorischen Anordnungen und strategischen Stossrichtungen zur Wehr gesetzt. Aber mit ein paar gezielten persönlichen Angriffen und einer geballten Ladung Verbaldynamits hatte er sie alle zum Schweigen gebracht.
Und einmal mehr hatte er klar gemacht, dass er der Boss war und keinen Widerspruch duldete. Wieder einmal hatte er ihnen die Spielregeln erklären müssen. Dabei war es doch ganz einfach: Sie sollten tun, was er Ihnen sagte und sich den Rest denken! Das war doch nicht zu viel verlangt...
Er fühlte sich einsam. Aber so war das eben, an der Spitze zu stehen, bedeutet alleine zu sein. Müde räumte er seine Unterlagen zusammen. Da viel sein Blick auf ein Blatt Papier, das zusammengefaltet auf dem Tisch lag. Es schimmerte seltsam im gedämpften Licht des Sitzungszimmers und schien seine Farbe beständig zu wechseln. In einem Moment leuchtete es in einem satten Rot, nur um kurz darauf in einem tiefen Blau zu schimmern.
Neugierig hielt er inne und betrachtete es. Wem mochte dieses seltsame Stück Papier wohl gehören? Er zögerte einen kurzen Moment und griff dann nach dem Blatt, betrachtet es kurz - noch immer wechselte seine Farbe zwischen Rot und Blau - und faltete es dann auseinander. Auf dem Papier stand in leuchtenden Buchstaben:
Fragen an unbegabte Manager
- Warum denken Sie, dass Sie ein guter Manager sind? Und wenn Sie wissen, dass Sie es nicht sind, was tun Sie dagegen?
- Arbeiten Sie hart genug daran, sich überflüssig zu machen?
- Hat Sie die vorhergehende Frage erschreckt?
- Haben Sie Vorbilder? Möchten Sie ein Vorbild sein?
- Fordern und fördern Sie die Eigenverantwortung Ihrer Mitarbeiter?
- Möchten Sie überhaupt, dass Ihre Mitarbeiter eigenverantwortlich handeln?
- Denken Sie, dass es möglich ist, einem Vorbild nach zu eifern und gleichwohl eigenverantwortlich zu handeln?
- Können Sie zu hören? Können Sie schweigen?
- Können Sie überzeugen? Sind Sie manipulativ?
- Haben Sie die Stärke, auf höfliche Weise stur zu sein?
- Vermeiden Sie Fehler oder lernen Sie aus ihnen?
- Glauben Sie, dass Menschen unter Druck schneller oder besser denken und arbeiten? Warum fällt Ihnen dann in kritischen Situationen oft nichts Besseres ein, als Ihre Mitarbeiter unter Druck zu setzen?
- Respektieren Sie andere Menschen und ihre Meinung? Wenn nein, warum sollten dann die anderen Sie und Ihre Meinung respektieren?
- Verschwenden Sie die Zeit ihrer Mitarbeiter mit unnötigen Administrivialitäten?
- Haben Sie oft das Gefühl, nur Sie wüssten wie man die Dinge richtig macht? Warum sollten gerade Sie Recht haben? ...Und wenn Sie sich irren?
- Was tun Sie, wenn Sie Ihre persönliche Stufe der Inkompetenz erreicht haben werden? Und was, wenn es bereits soweit ist?
Nachdem er die Überschrift gelesen hatte, zerknüllte er das Papier und warf es gekonnt in den in der Nähe stehenden Papierkorb. Unsinn, dachte er kopfschüttelnd, stand vom Tisch auf und ging hinaus.
Das Blatt hatte aufgehört, die Farbe zu wechseln; blau und ungelesen lag es im Papierkorb...