Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03527.jsonl.gz/3871

Titel
Wiener
Kongreß. Der Schlußartikel des ersten Pariser Friedens vom enthielt die Bestimmung, daß alle Mächte, welche an dem Kriege gegen Napoleon I. beteiligt gewesen, zur Ordnung der Verhältnisse Europas Abgesandte nach Wien [* 2] schicken sollten. Der Anfang des Kongresses wurde wegen der Reisen der Monarchen erst nach England, dann in ihre Heimat bis zum September 1814 verschoben. Anwesend waren die Monarchen von Rußland, Preußen, [* 3] Bayern [* 4] und Württemberg; [* 5] die Hauptabgeordneten der Staaten waren für Österreich [* 6] Fürst Metternich, für Rußland Graf Nesselrode, für England Lord Castlereagh, später Wellington, für Preußen Fürst Hardenberg, für Frankreich Fürst Talleyrand.
Auch die übrigen deutschen Höfe, die vormals souveränen Städte, die Schweiz, [* 7] viele mediatisierte Häuser hatten ihre Abgesandten geschickt, so daß sich die Zahl der diplomatischen Personen auf 450 belief. Glänzende Feste, dramatische und militärische Schauspiele u. dgl. trugen dazu bei, die große Zahl von Personen der höchsten Gesellschaft zu unterhalten, und drohten mehr und mehr, die eigentliche Aufgabe der Versammlung in den Hintergrund zu drängen.
Zwei Hauptaufgaben lagen dem
wiener Kongreß ob, 1) der Wiederaufbau eines europäischen Staatensystems
mit Herstellung des politischen
Gleichgewichts und 2) die Neuordnung der innern Verhältnisse
Deutschlands.
[* 8] Am 22. Sept. eröffneten
daher die
Bevollmächtigten der vier verbündeten Großmächte,
Österreich, Rußland,
Preußen und
England,
den
Kongreß mit dem Beschluß, daß für die
Kongreßarbeiten zwei
Ausschüsse, der eine für die Konstituierung des
Deutschen
Bundes, der andre für die europäischen Angelegenheiten, errichtet werden sollten und kraft des
Pariser
Friedens, welcher
Frankreich
ausschloß, letzterer nur aus den
Bevollmächtigten der vier Verbündeten bestehen sollte;
Talleyrand setzte
jedoch die
Berufung des sogen. Generalausschusses der
Acht durch, in welchen außer den vier Mächten auch
Spanien,
[* 9]
Portugal,
Schweden
[* 10] und
Frankreich eintraten.
Jedes Ausschußmitglied sollte gleiches Recht und eine Stimme haben; an die Stelle der Rangordnung sollte das französische Alphabet treten und demnach Österreich (Autriche) in der Person Metternichs den Vorsitz führen. Am 8. Okt. erließ der so organisierte Ausschuß die Erklärung, daß er alle Fragen insoweit ordnen werde, bis dieselben zur Verhandlung mit den einzelnen Beteiligten reif wären. Die neue Länderverteilung und Grenzbestimmung in Europa [* 11] war zum größten Teil bereits durch den Pariser Frieden geregelt.
Schwierigkeiten bereitete besonders die polnische Frage, mit welcher, da Preußen sein früheres Gebiet in Polen nur gegen die Erwerbung ganz Sachsens aufgeben wollte, auch die sächsische und damit die deutsche Frage verbunden war. Der Kaiser Alexander I. forderte das Herzogtum Warschau, [* 12] um daraus ein Königreich Polen unter russischem Protektorat zu gründen, wogegen England und Österreich sich erklärten. Die Hartnäckigkeit, womit die Parteien sich in der polnischen und sächsischen Frage entgegentraten, schien im Dezember 1814 Europa mit einem neuen Krieg zu bedrohen.
Talleyrand hetzte nach Kräften, um die Allianz der Mächte zu sprengen, und brachte ein geheimes Bündnis zwischen England, Österreich und Frankreich zu stande, um die polnisch-sächsischen Pläne Preußens [* 13] und Rußlands zu bekämpfen. Schon entwarf man die militärischen Operationen. Metternich arbeitete aber unermüdet an einer friedlichen Lösung der Verwickelung, und Preußen ließ sich endlich zu der Zustimmung bereit finden, daß Sachsen [* 14] geteilt werden und Preußen den nördlichen, dünner bevölkerten Teil (850,000 Einw.) mit den Elbfestungen Torgau [* 15] und Wittenberg [* 16] erhalten, der Rest aber als Königreich unter den Wettinern fortbestehen sollte.
Der Vertrag kam wegen der hartnäckigen Weigerung Friedrich Augusts erst zu stande. Das Herzogtum Warschau ward geteilt, indem Kaiser Alexander den westlichen Teil (Großpolen) mit Thorn [* 17] an Preußen abtrat und für den Rest den Titel eines Königs von Polen annahm. Am erfolgte die Unterzeichnung von drei Verträgen zwischen Rußland, Österreich und Preußen, welche die getroffene Teilung Polens sicherten und die Verhältnisse des Freistaats Krakau [* 18] bestimmten.
Fortan nahmen Angelegenheiten des Kongresses einen raschern und einmütigern Gang, [* 19] zumal da durch Napoleons Rückkehr nach Frankreich Talleyrands verderblicher Einfluß bald beseitigt wurde. Der Ausschuß ernannte eine Kommission, welche die Vorbereitungen zur weitern Länderteilung treffen sollte. Preußen erhielt außer Großpolen und dem sächsischen Landesteil als Entschädigung für die Abtretung Ostfrieslands, Hildesheims etc. an Hannover, [* 20] Ansbachs und Baireuths an Bayern, Lauenburgs an Dänemark: [* 21] Kleve, Berg, den größern Teil des linken Rheinufers bis an die Saar und Schwedisch-Pommern, so daß es im Vergleich mit dem Bestand von 1805: 33,000 qkm verlor und etwa ⅓ Mill. Seelen gewann.
England bewirkte, um auf dem Festland einen Stützpunkt zu haben, die Vereinigung Hollands und Belgiens zu einem Königreich der Niederlande [* 22] unter dem Zepter des Hauses Oranien, wofür es zugleich einen Teil der holländischen Kolonien in Beschlag nahm. Als Ersatz für die nassauischen Länder erhielt der neue König das Großherzogtum Luxemburg, [* 23] wodurch er die Mitgliedschaft des Deutschen Bundes erlangte. England erhielt außerdem Malta und die Schutzherrschaft über die Ionischen Inseln.
Dänemark, das 1813 an England Helgoland, [* 24] an Schweden aber gegen die Zusicherung von Schwedisch-Pommern Norwegen abgetreten hatte, mußte Schwedisch-Pommern und Rügen für Lauenburg [* 25] und 2 Mill. Thlr. an Preußen überlassen. Schweden erhielt als Entschädigung für Finnland und Schwedisch-Pommern die Anerkennung des Besitzes von Norwegen. In der Schweiz wurde die Mediationsakte von 1803 aufgehoben und ein Bund von 22 Kantonen gebildet, dessen Neutralität garantiert wurde. In Italien [* 26] nahm der Erzherzog Ferdinand das Großherzogtum Toscana wieder in Besitz und erhielt dazu Piombino und Elba, trat jedoch Lucca [* 27] dem spanischen Infanten Karl Ludwig ab, bis Parma [* 28] erledigt wäre. Die Verbündeten hatten nämlich in dem Vertrag vom welcher den Besitzstand des Hauses Bonaparte regelte, ¶
mehr
der Gemahlin Napoleons, der Erzherzogin Maria Luise, das Herzogtum Parma auf Lebenszeit zugesprochen. Modena bekam Herzog Franz von Este zurück, Genua [* 30] wurde mit dem hergestellten Königreich Sardinien [* 31] vereinigt. Gegen die Bemühungen Talleyrands, Murat aus Neapel [* 32] zu vertreiben und Ferdinand IV. von Sizilien [* 33] wieder einzusetzen, machten Österreich und England anfangs den Vertrag geltend, in welchem sie vor Napoleons Sturz Murat die Krone von Neapel zugesichert hatten. Da derselbe jedoch 1815 zu den Waffen [* 34] griff und nach der Rückkehr Napoleons auf den Thron [* 35] von Frankreich selbst Österreich mit einem Angriff bedrohte, wurde Neapel den Bourbonen zurückgegeben. Der Kirchenstaat wurde im frühern Umfang hergestellt; nur behielt Österreich den Teil Ferraras am linken Po-Ufer und das Besatzungsrecht der Plätze Ferrara [* 36] und Comacchio aus militärischen Rücksichten. Österreich selbst erhielt in Italien die Lombardei und Venetien nebst Friaul, Istrien [* 37] und Dalmatien. Ferner wurden ihm Tirol [* 38] und Vorarlberg, Salzburg, [* 39] endlich Galizien zurückgegeben.
Wiewohl Napoleon I. im Vertrag vom den ungestörten Besitz der Insel Elba von den Mächten zugesichert erhalten, betrieben doch die italienischen Fürsten, Österreich, Frankreich und England die Verbannung des Kaisers in eine ferne Zone. Da traf plötzlich am Abend des die Kunde ein, Napoleon habe Elba verlassen, und schon am 8. brachte ein Kurier aus Sardinien die Nachricht, er sei an der Küste der Provence gelandet. Trotz der Bestürzung faßte man den Beschluß, die Verhandlungen fortzuführen. Am 13. März erklärte auf Metternichs Antrag der Ausschuß der Acht, daß der Vertrag vom gelöst sei und Napoleon durch abermalige Störung des Friedens Europas den Schutz der Gesetze und der bürgerlichen Ordnung verwirkt habe, und 25. März schlossen Österreich, England, Rußland und Preußen einen Allianztraktat, dem auf Einladung auch die Bourbonen und alle übrigen Fürsten und Staaten beitraten.
Während eine besondere Kommission die Vorbereitungen zum Kampf traf, beeilte sich die Diplomatie, die Verhandlungen zu Ende zu bringen. Im Drang der Umstände kamen selbst noch die deutschen Angelegenheiten zu einem kaum gehofften Abschluß. Die Entschädigungen, Ausgleichungen und Territorialverhältnisse der einzelnen Staaten Deutschlands: Hannovers, das den Rang eines Königreichs erhielt, Bayerns, Württembergs, Badens etc., wurden in dem Ausschuß der Acht verhandelt, gelangten aber nicht zur völligen Abfertigung.
Man errichtete darum aus den Bevollmächtigten Österreichs, Preußens, Rußlands und Englands zu Frankfurt [* 40] eine Territorialkommission, welche durch den Rezeß vom die deutschen Gebietsverhältnisse vollends ordnete. Wichtig war namentlich die Anerkennung und Abrundung der großen Mittelstaaten im südlichen und mittlern Deutschland. [* 41] Die Entscheidung über die Stellung der Mediatisierten behielt der Kongreß meist den beteiligten Souveränen und dem Deutschen Bund vor. An diese letzten Verhandlungen des Kongresses schlossen sich die Arbeiten über den Flußverkehr und die deutsche Militärverfassung.
Einen Gegenstand von allgemein menschlichem Interesse betraf die Erklärung der acht Mächte vom gegen die Sklaverei und den Sklavenhandel. Eine vom Ausschuß der Acht ausgearbeitete und von den Bevollmächtigten desselben Ausschusses unterschriebene sogen. Schlußakte oder Generalakte vom faßte die Resultate des Kongresses zusammen. Die Artikel 15-64 betrafen lediglich Deutschland und bezogen sich hauptsächlich auf die neue territoriale Gestaltung desselben.
Außerdem enthielt die Akte auch die Gewährleistung der deutschen Bundesakte mit ihren Verheißungen, die Gewährleistung der Verfassung und Verwaltung des Königreichs Polen, die Gewährleistung des Gebiets, der Freiheit und der Neutralität des Staats Krakau. Außer Spanien protestierte auch der Papst gegen die Schlußakte. An den Kongreß reihten sich der Sieg der Verbündeten bei Waterloo [* 42] und der zweite Pariser Friede vom der die Schlußakte schon insofern veränderte, als Frankreich zur Sicherheit Europas einige Gebiete (Savoyen, Landau, [* 43] das Saargebiet) abtreten mußte.
Was nun den politischen Wert dessen anlangt, was der
wiener Kongreß zu stande brachte, so ist das Resultat in anbetracht
der ungeheuern Schwierigkeiten, der zahllosen sich widersprechenden und bekämpfenden Ansprüche und der kurzen Zeit ein
bedeutendes. Nur fehlte demselben, der Charaktereigentümlichkeit der leitenden Persönlichkeiten, Alexanders I. und Metternichs,
entsprechend, ein festes Prinzip und daher die Bürgschaft längerer Dauer. Vor allem haben die Teilnehmer des Kongresses ihr
Werk mehr im Interesse der großen Dynastien als in dem der Völker vollzogen und die Hauptaufgaben, die
sie sich gestellt, nicht genügend gelöst, weder die Gründung eines politischen Gleichgewichts unter den Mächten (denn England
ward durch den Kongreß übermächtig zur See wie Rußland zu Land), noch die Neuordnung der Verhältnisse in Italien,
besonders aber in Deutschland, mit der niemand zufrieden war, und durch die namentlich das deutsche und preußische Volk um
den Preis seiner Aufopferung betrogen wurde. Die Bestimmungen und Verheißungen dieser Verträge wurden in der Folge von den
verschiedenen Mächten so oft unerfüllt gelassen und einseitig aufgehoben, als es ihre Sonderinteressen
verlangten und die Verhältnisse gestatteten. Klüber gab die »Akten des Wiener Kongresses« (Frankf. 1815-35, 9 Bde.) und eine
»Übersicht der diplomatischen Verhandlungen des Wiener Kongresses« (das. 1816) heraus. Flassan schrieb eine lobhudelnde »Histoire
du congrès de Vienne« (Par. 1829; deutsch, Leipz. 1830, 2 Bde.).
Vgl. außerdem Lagarde, Fêtes et souvenirs du congrès de Vienne, etc. (Par. 1843, 2 Bde.; deutsch, Leipz. 1845, 3 Bde.);
Posselt, Europäische Annalen, Codex diplomaticus, Jahrgänge 1815-17; Graf d'Angeberg, Le [* 44] congrès de Vienne et les traités de 1815 (Par. 1864, 4 Bde.).