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Pestalozzi und «Lienhard und Gertrud»
826 Seiten umfasst das Buch in der Winkler-Ausgabe von 1977, 826 Seiten kunstlose, teils derb-realistische, teils süsslich-sentimentale Prosa. 826 Seiten Gesellschafts- und Erziehungslehre, aufgelöst in tausend Szenen und Bilder, eingebaut in eine Romanfabel, die, für sich genommen, auf 20 Seiten Platz fände: Im schweizerischen Dorf Bonnal bringt eine couragierte Handwerkersgattin den Feudalherrn dazu, seinem tyrannischen Vogt Zügel anzulegen und in seinem Herrschaftsbereich eine humane Gesetzgebung, vor allem aber ein neues, kindergerechtes Schulsystem einzuführen.
«Lienhard und Gertrud» heisst der Roman, und Johann Heinrich Pestalozzi stand auf dem Höhepunkt seiner schriftstellerischen Wirksamkeit, als er das vierbändige Riesenwerk im Frühling 1787 beendete. 1781 schon, beim Erscheinen des ersten Teils, hatte der Roman seinen Verfasser über Nacht berühmt gemacht, zweimal versuchte er den Erfolg später durch Neubearbeitungen zu wiederholen, und noch 1801 liess sich sein Verleger durch nichts davon abhalten, Pestalozzis «Methode» unter dem völlig irreführenden Fortsetzungstitel «Wie Gertrud ihre Kinder lehrt» zu verbreiten.
Warum wohl ist «Lienhard und Gertrud» zu einem der meistgelesenen Bücher jener Epoche geworden? Sicher nicht, weil Pestalozzi sich etwa die Dichtungstheorien von Bodmer und Breitinger zu Herzen genommen hätte. Seine wirklichen Lehrer waren nicht die Zürcher Professoren, sondern jene Dorfbewohner, die er als Musterbauer und Anstaltsleiter auf dem Neuhof bei Birr kennenlernte. Sie avancierten nicht nur zu Figuren seines Romans, im Umgang mit ihnen erkannte Pestalozzi auch, wie es zu tönen hatte, wenn seine Wahrheiten dem einfachen Volk «in den Kopf und ans Herz gehen» sollten. Darum verpackte er seine Botschaft nicht in eine kunstvolle Dichtung, sondern tarnte sie gewissermassen als Groschenroman. Auf diese Weise wirkte «Lienhard und Gertrud» weit über die Kreise der literarisch Gebildeten hinaus, brachte Pestalozzi den Ruf eines genialen Pädagogen ein und bahnte so seinem späteren Erziehungswerk machtvoll den Weg. Als ein erster Markstein stand der Roman damit am Anfang jener umfassenden Reform des europäischen Bildungswesens, die sich auf den späten Pestalozzi berief und die letztlich darin bestand, dass mit seiner These, der Mensch werde erst Mensch durch Erziehung, jene Dämme wieder aufgerichtet werden konnten, die Rousseaus «retour à la nature» und die Französische Revolution einen hoffnungsfrohen Moment lang niedergerissen hatten.
Lange nach seinem Tode, als sein Weltruhm sich nicht mehr verheimlichen liess, fand der Prophet auch in seinem Vaterland Anerkennung. Man errichtete Pestalozzi-Denkmäler, taufte Schulhäuser nach ihm und sanktionierte die «Methode». Die Verwunderung darüber, dass der seltsame Outsider am Ende recht behalten hatte, verschwand jedoch nur langsam. «Es ist eine grosse Merkwürdigkeit», schrieb J. K. Mörikofer noch 1861 zu «Lienhard und Gertrud», »wie einem nicht nur im Schreiben Ungeübten, sondern mit der Literatur überhaupt Unbekannten, von der Gesellschaft gleichsam Ausgestossenen und als Narren Behandelten auf den ersten Wurf eine so bedeutende geistige Schöpfung gelingen konnte.» (Literaturszene Schweiz)