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Ein Plädoyer für die kurzen Routen, anlässlich der Eröffnung der neuen Boulderhalle im Kletterzentrum Gaswerk Schlieren.
Im Wald von Fontainebleau, in der Nähe von Paris, liegen Tausende von Steinblöcken wie hingeworfenes Spielzeug, unverändert seit der letzten Eiszeit. Man braucht nicht viel Fantasie, um auf die Idee zu kommen, daran hochzuklettern. Ist man nun ein Bergsteiger, der das Pech hat, 500 Kilometer von den Alpen entfernt zu leben, ist der Gedankensprung noch kürzer.
In der Tat gehen die Aktivitäten der “Bleausards” bis in die 1870er Jahre zurück! Ähnlich in Grossbritannien – inklusive Knickerbockerhosen und Nagelschuhen. Überall wo das Gelände (oder das Wetter) den Kletterern die Möglichkeit der langen Touren nicht gab, wurde das Bouldern geboren.
Bouldern, das ist also nur eine Trainingsmethode für das richtige, wahre Klettern und Bergsteigen? Spätestens in den 30er und 40er Jahren stimmte diese Ansicht nicht mehr. Material, Regeln und Spielformen entstanden, die das Bouldern zu einer eigenständigen Tätigkeit entwickelten: Klettern in Absprunghöhe, ohne Seil, an der oberen Schwierigkeitsgrenze.
Aber mit dieser Einstellung ist Bouldern immer noch “eine Art Klettern”, und Klettern nur technisch anspruchsvolles Bergsteigen, das wiederum nur besonders schwieriges Wandern ist.
Wenn man die Philosophie aber von der anderen Seite her aufrollt, bekommt das Bouldern plötzlich eine ganz andere Bedeutung. 1969 veröffentlichte John Gill in einer amerikanischen Zeitschrift den Artikel “die Kunst des Boulderns” und verglich den Sport darin viel lieber mit dem Kunstturnen als mit dem Bergsteigen: der Fokus liege auf kraftvollen, koordinativ schwierigen, und mit Eleganz ausgeführten Bewegungen. Der legendäre Kletterer Yvon Chouinard beschrieb es als “augenblickliche Qual”.
Mit der Verbreitung der Indoor Kletter- und auch eigenständigen Boulderanlagen, und spätestens mit der Aufnahme des Boulderns als gleichwertige Disziplin zum Klettern bei den Olympischen Spielen 2020 scheint die Trennung vom ursprünglichen Outdoorsport vollendet.
Stattdessen erinnern die Bewegungen der Athleten an den immer grösser werdenden Plastikgriffen mehr an Zirkusartistik. Man sieht plötzlich Elemente aus Parkour und Freerunning, Sportarten, die in völlig urbanen Umgebungen entstanden. Professionelle Boulderer bezwingen vielleicht nicht den Mount Everest, dafür gewinnen sie die TV-show “Ninja Warrior”.
Beim Bouldern ist Raum für diese Verspieltheit, die in der ernsteren Umgebung des Hochgebirges wohl fehl am Platz wäre. Jede und jeder kann die eigenen Grenzen ausloten, ohne das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. Die bunten Plastikvolumen geben den Routenbauern die Möglichkeit, sich Bewegungen auszudenken, die am Seil nicht möglich sind: Schwünge, Sprünge, mit den Füssen voran, Balanceakte, Verrenkungen und Kombinationen, die das Gehirn mindestens so stark fordern wie die Finger.
Und dennoch: Wer sich eine Zeit lang drei Meter über den Matten gequält hat und danach wieder draussen an der Felswand hängt, kann durchaus profitieren, von mehr Kraft, mehr Kreativität in der Bewegung, mehr Vertrauen bei schwierigen Zügen. Wer das Klettern neu entdecken möchte, kann ohne logistische Komplikationen wie Seil und Sichern gleich loslegen. Und wer Boulderer ist, Boulderer war und immer Boulderer sein wird, der weiss: Bouldern ist nicht Klettern im Kleinformat. Bouldern ist Bouldern – eine eigenständige, gleichwertige Disziplin.
In diesem Sinne heissen wir alle Interessierten herzlich Willkommen in der neuen Boulderhalle im Gaswerk Schlieren! Wir freuen uns, die Leidenschaft zu teilen. Eröffnung: 1. November 2018, ab 19.00 Uhr, Bouldereintritt frei!
Fotos: Vladek Zumr