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Rodungen und Raubbau zerstören weite Teile der artenreichen Cerrado-Savanne in Brasilien. Rohstofffirmen bemühen sich um Überwachungsmassnahmen, um die Umweltzerstörung einzudämmen. Kann das funktionieren?
Während die meisten Menschen vom Amazonas-Regenwald gehört haben, kennen nur die wenigsten Menschen ausserhalb Brasiliens den Cerrado. Die tropische Savanne nimmt rund 20 Prozent der Fläche des Landes ein und ist nach dem Amazonas das zweitgrösste zusammenhängende Ökosystem Südamerikas. Es beherbergt rund endemische 4800 Pflanzen- und Wirbeltierarten, also solche, die nirgendwo sonst auf der Erde zu finden sind.
Auf die Region entfällt die Hälfte des gesamten Sojaanbaus des Landes. Brasilien ist nach den USA der weltweit grösste Produzent dieser Kulturpflanze. Rohstofffirmen wie Glencore beziehen von hier Soja, die sie an Unternehmen weiterverkaufen, welche Nahrungsmittel für Menschen und Tiere produzieren.
Doch die Sojaproduktion im Cerrado führt zu einer starken Abholzung. Laut der NGO Chain Reaction Research stieg die Sojaproduktion zwischen 2000 und 2017 um zehn Prozent, was zu einer Zerstörung von rund 2,8 Millionen Hektar Wald führte. Die Schweizer Nichtregierungsorganisation Public Eye will erreichen, dass die Rohstofffirmen mehr Verantwortung für den Raubbau übernehmen.
"Im Vergleich zu einigen Nahrungsmittelfirmen, die nicht direkt von den Landwirten kaufen, sind diese Händler nah an der Quelle", sagt Silvie Lang, Expertin für Agrarrohstoffe bei Public Eye. "Sie sind zunehmend vertikal integriert und können oftmals nicht mehr als einfache Händler oder Zwischenhändler betrachtet werden."
Die Quelle eruieren
Die einzigartige Kombination aus grosser Biodiversität, tiefem Schutzniveau (im Vergleich zum Amazonas) und hohem Anbaupotenzial macht den Cerrado besonders anfällig für Zerstörungen. Sie macht ihn aber auch zum idealen Ort für Rohstofffirmen, um Umweltschutzmassnahmen umzusetzen und neue Strategien zu testen.
Die als Soft Commodities Forum (SCF) bekannte Partnerschaft, zu der grosse Händler wie Glencore, Bunge, ADM, Cargill, LDC und COFCO gehören, hat nun ein Rückverfolgbarkeitsexperiment in 25 risikoreichen Gemeinden im Cerrado gestartet.
Ziel ist es, die gesamte Soja, die aus diesen Gebieten bezogen wird, bis zum Bauernhof zurückzuverfolgen und bis Ende dieses Jahres eine Rückverfolgbarkeitsrate von 95 Prozent zu erreichen. Indem sie wissen, welche Betriebe Soja liefern, hoffen sie, dass es einfacher wird, zu überwachen, welche Parzellen mit einheimischen Pflanzen in Sojafelder verwandelt werden.
Die sechs an dem Projekt beteiligten Firmen beziehen derzeit zwischen 21 und 38 Prozent ihrer brasilianischen Soja aus dem Cerrado. Davon stammen bei einigen Unternehmen sogar 40 Prozent aus den 25 Hochrisikogemeinden, auf die sich der SCF derzeit konzentriert.
"Es besteht die Hoffnung, dass die Lehren, die aus dem derzeitigen Experiment des SCF gezogen werden, dereinst auf den gesamten Cerrado und auch andere Regionen anwendbar sein werden", sagt Diane Holdorf, Sprecherin des SCF.
Auf der Grundlage des letzten SCF-Berichts vom Dezember 2019 können die sechs Konzerne zusammengenommen durchschnittlich 75 Prozent der Soja zurückverfolgen, die aus den 25 Gemeinden des Cerrado bezogen wird. Diese Zahl wäre noch viel höher, wenn Cargill nicht eine Rückverfolgbarkeit von lediglich 61,8 Prozent erreicht hätte. Die anderen Firmen schafften immerhin eine solche von über 90 Prozent.
Das in der Schweiz ansässige Unternehmen Glencore schneidet mit 99,4 Prozent gut ab, aber bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass der Grossteil (57,1 Prozent) seiner Soja über Zwischenhändler und nicht direkt von den landwirtschaftlichen Betrieben geliefert wird. Indirekte Quellen werden nicht auf das Ziel für 2020 angerechnet, eine 95-prozentige Rückverfolgbarkeit zu erreichen.
Sonderfall Soja
Eine fast vollständige Rückverfolgbarkeit zu erzielen, scheint schwierig. Die Gründe dafür treten zunehmend zutage. So fehlt es beispielsweise an Kontinuität bei den Lieferanten. Ein Bauer liefert vielleicht ein Jahr lang Soja an ein Unternehmen, beschliesst aber im folgenden Jahr, seine Ernte an einen anderen Abnehmer zu verkaufen, der ihm mehr dafür bezahlt.
"Das ist eine Realität. Bei einjährigen Kulturen entscheiden die Bauern oft von Jahr zu Jahr darüber, was sie säen. Anders ist es bei mehrjährigen Kulturen wie Kaffee oder Palmöl, bei denen die Verträge zwischen Käufern und Produzenten meistens längerfristig sind", erklärt SCF-Sprecherin Holdorf.
Flächen, auf denen Soja angepflanzt ist, sind auch zersplitterter als solche, auf denen etwa Palmöl angebaut wird. Sie decken geringere Flächen ab, sind aber über grössere Gebiete verteilt.
Und Soja wird oft im Wechsel mit anderen Feldfrüchten angepflanzt, was bedeutet, dass ein Feld, das in einem Jahr Soja enthält, im nächsten Jahr eine andere Ernte haben kann. Diese Faktoren machen die Überwachung der Sojaproduktion schwieriger und auch teurer als bei anderen Kulturen wie etwa Kaffee.
Es gibt auch wirtschaftliche Faktoren, welche die Kontrolle der Rohstoffhändler erschweren.
Zum Beispiel kommt ein Bericht von The Nature Conservancy (TNC) zum Schluss, dass es für Sojaproduzenten vielerorts im Cerrado billiger ist, neues, noch unbebautes Land zu kaufen und zu roden, als bereits gerodetes Land zu kaufen oder zu pachten.
Wenn es um die Ausweitung der Sojaproduktion geht, sei die Kapitalrendite für bereits gerodetes Land langfristig höher, hält der Bericht von 2019 fest. Die meisten Pachtverträge im Cerrado haben jedoch eine Laufzeit von fünf Jahren, was eine langfristige Planung illusorisch macht.
Gegenwärtig gibt es kaum Anreize für die Bauern, mehr Landfläche als den im Gesetz vorgeschriebenen Anteil von 20 Prozent stillzulegen. Dieser Anteil wird von vielen als unzureichend angesehen, um die einheimische Pflanzenwelt, welche die Grundlage für ein funktionierendes Ökosystem bildet, zu schützen.
"Es ist nicht einfach, das Recht Brasiliens auf wirtschaftliches Wachstum und die ökologische Notwendigkeit, die einheimische Pflanzenwelt zu erhalten, miteinander in Einklang zu bringen", räumt Holdorf ein.
Diesen Monat gab der SCF bekannt, dass er mit der NGO Solidaridad Brazil zusammenarbeitet, um Lösungen zu finden, den nachhaltigen Sojaanbau für die Bauern rentabler zu machen. Der Schwerpunkt wird zunächst auf das Gebiet von Matopiba gelegt, wo der Verlust einheimischer Vegetation zugunsten von Sojakulturen stark von statten geht.
Starker politischer Gegenwind
Jedoch steht auch die Politik im Weg. Die Regierung um Präsident Jair Bolsonaro fährt Umweltregulierungen zurück, um die Wirtschaft anzukurbeln. Seit seinem Amtsantritt im Januar 2019 hat die Rodung der Urwälder stark zugenommen.
"Verschiedene Bauern, die sich bei der Rodung ihres Landes von Präsident Bolsonaro unterstützt fühlen, fordern die Rohstoffkonzerne sogar dazu auf, das Ende des Amazonas-Moratoriums zu unterstützen. Dieses untersagt den Handel, die Finanzierung und den Erwerb von Soja, das von Regenwaldflächen stammt, die nach 2008 gerodet wurden", erklärt Silvie Lang.
Ironischerweise war es dieses Moratorium, das die Sojaproduktion in den Cerrado trieb. Ein Cerrado-Moratorium, das nach dem Vorbild des Amazonas-Moratoriums entwickelt wurde, wird von keinem der Konzerne unterstützt. Cargill hat sich öffentlich dagegen ausgesprochen. Daher wird im Cerrado wahrscheinlich weiterhin Soja im grossen Stil angebaut.
Public Eye argumentiert jedoch, dass Rohstofffirmen die grössten Hebel hätten, die Praktiken der Sojaproduzenten zu beeinflussen, da die Firmen auf mehreren Stufen der Lieferkette beteiligt seien.
Die Herkunft von Soja zu kennen, sei wichtig, sagt Silvie Lang, aber die Arbeit des SCF zur Rückverfolgung von Soja sei letztlich nur die halbe Miete. Am Ende hänge der Erfolg von der Wirksamkeit der Überwachungsmassnahmen ab. Und vor allem auch der "Bereitschaft der Konzerne, aus ihren Schlussfolgerungen die nötigen Aktionen abzuleiten".
(Übertragung aus dem Englischen: Christoph Kummer)