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Wegweiser
Ein Mensch ging seines Weges. Den geraden, wie er meinte. Er ging ihn unbeirrt und achtete nicht auf jene feinen Hinweise, welche Richtungsänderungen andeuteten. Er beachtete sie nicht, diese kleinen, unscheinbaren Zeichen. Er überging sie achtlos. So ging er seines Weges, den geraden, wie er meinte.
Später erblickte er einen richtigen kleinen Wegweiser, deutlicher als die ersten Hinweise, kaum zu übersehen. Doch achtlos schlug er ihn weg und setzte seinen Weg fort, den geraden, wie er meinte.
Der nächste Wegweiser war dann wesentlich grösser als der vorherige. Die Aufschrift war klar erkennbar. Er wies also nicht nur eine Richtung, sondern bezeichnete auch ein Ziel. – Mit einer eigenartigen Mischung aus Übermut und aufkeimendem Unwillen stiess er ihn mit dem rechten Fuss zur Seite. Der Holzpfahl brach und das Schild fiel. Doch die Aufschrift blieb sichtbar und so trat er heftig darauf, bis der Text nicht mehr lesbar war. Sein Fuss schmerzte nun zwar, doch biss er auf die Zähne und ging weiter seines Weges, den geraden, wie er meinte.
Nach geraumer Weile erblickte er in der Ferne wieder einen Wegweiser, welcher, so nahm er wahr, in dieselbe Richtung wies wie die vorherigen. Er war von grosser Machart, so dass er ihn bereits auf einige Distanz hätte lesen können. Sein Pfahl, aus einem massiven Holzbalken gezimmert, war tief in der Erde verankert. Der Wanderer näherte sich und trat erzürnt mit dem inzwischen wieder genesenen Fuss dagegen. Doch dieser Wegweiser bewegte sich nicht, zitterte kaum unter seinen Tritten und war keinesfalls zu fällen. Wieder und wieder trat er dagegen, bis ihn der rechte Fuss heftig schmerzte. Also trat er auch mit dem linken Fuss, doch dieser schien sich für solches
Tun nicht so sehr zu eignen. Zornig und mit starken Schmerzen in beiden Füssen wandte er sich ab, liess auch diesen Wegweiser achtungslos hinter sich und humpelte weiter seines Weges, den geraden, wie er meinte.
Nun schnitt sich der Wanderer einen Stock und entlastete damit seine wunden Füsse. Damit blieb der Schmerz erträglich.
Mit schleppendem Schritt und wachsendem Unmut ging er weiter seines Weges, als erneut ein Wegweiser in sein Blickfeld rückte. Und da, ohne aufzublicken, trat er mit seinen zerschundenen Füssen heftig dagegen. Ganz plötzlich und verzweifelt. Mit letzter Kraft und ohne wahr zu nehmen, dass er gegen unverrückbaren Fels trat.
Und so brach etwas in ihm.
Er sank gegen den Felsblock mit der Inschrift. In blinder Wut und mit wildem Schmerz schlug er mit den Fäusten darauf ein, bis sie bluteten. Dann auch mit dem Kopf. – Bis zur Ohnmacht.
Der Wegweiser aber stand ungerührt und wies Richtung und Ziel.
Nach einer langen, dunklen Weile dämmerte der Wanderer wieder auf und befühlte seinen schmerzenden Körper. Dann besann er sich der Ursache. Langsam wurde ihm bewusst, dass auch der letzte Wegweiser die bereits bekannte Richtung zeigte. Auch war ihm die Aufschrift schon lange nicht mehr fremd.
So verweilte er, befühlte seinen geschundenen Körper und kam endlich zur Ruhe.
Dann blickte er auf, las zum erstenmal bewusst die Inschrift und wurde sich der gewiesenen Richtung gewahr. Dabei keimten in ihm gleichzeitig Sehnsucht und bange Angst. Er nahm seinen Stock und humpelte einige schmerzhafte Schritte in die angezeigte Richtung. Zu seinem Erstaunen fiel ihm dies recht leicht, wenn auch die Angst wuchs. Doch ein starkes Sehnen zog ihn und so folgten weitere Schritte. Bis er wahrnahm, ja fühlte, wie die Angst und sein Stock Eins wurden, zum festen und verlässlichen Begleiter an seiner rechten Seite. Er schlang seinen rechten Arm um ihn und ging so gehalten weiter. Der Schmerz schwand mit jedem Schritt und sein Herz wurde immer leichter.
Dann drehte er sich kurz um, nicht ohne dabei den alten Schmerz nochmals zu verspüren.
So sah er nun den gegangenen Weg, doch selbst der letzte Wegweiser war bereits nur noch ganz klein und löste sich allmählich auf, gleichsam wie sein Schmerz, beim Weitergehen auf dem neuen Weg.
Und so ging er vorwärts, in die Weite, seines Weges. Mit vielen Biegungen.