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Halluzinogene Odysseevon Sandra Dalto Sally Potter zeigt mit dem autobiografisch inspirierten Drama «The Roads Not Taken» Konstruktionen der Wirklichkeit, wie sie hätte stattfinden können. Der Film läuft bei Quinnie.
Veranstaltungsdaten
Der Film «The Roads Not Taken» beginnt mit einer markanten Audiospur. Man hört mehrmals die Türklingel, dann summt unentwegt ein Handy – niemand nimmt ab, niemand öffnet die Tür. Was folgt, wird fast schon erwartet. Javier Bardem, in der Rolle des Leo, liegt auf dem Bett in einer spärlich eingerichteten Wohnung in New York und starrt an die Decke, während draussen ein Zug dicht am Fenster vorbeirattert.
Eine Welt voller Welten
Einige Einstellungen später sehen wir denselben Mann, jedoch in einem komplett anderen Kontext. Er sitzt in einer etwas zu plakativ beschrifteten Taverne am Meer in Griechenland. Während er zwei jungen Frauen am Nebentisch zuhört, kritzelt er in ein Notizbuch. Er zettelt ein Gespräch an und erklärt, dass er auf der Suche nach einem passenden Ende für sein Buch sei. Er ist Schriftsteller. Dieser Leo am Meer hat in seinem Leben einen anderen Weg gewählt als der Leo der zu Hause geistesabwesend im Bett liegt. Der Leo in Griechenland hebt die Hand an den Mund, um eine Zigarette zu rauchen und plötzlich wechselt die Szenerie und man sieht wieder den Leo, der nun nicht mehr im Bett, sondern auf dem Zahnarztstuhl liegt, kaum fähig, sich auszudrücken.
Parallel dazu driftet Leo in eine weitere Welt ab, nicht nach Griechenland, sondern nach Mexiko. Diese Realität teilt er mit seiner ersten Liebe Dolores (Selma Hayek), mit der er laut seiner Ex-Frau (Laura Linney) eine offenbar «desaströse Co-Abhängigkeit» pflegte. Der Leo in jener Welt trauert gemeinsam mit Dolores um den verstorbenen Sohn Nestor, der lustigerweise denselben Namen trägt wie der verstorbene Hund des dementen Leo in New York.
Die britische Regisseurin Sally Potter («Orlando», «The Party») wählt mit ihrem Film eine Form des Geschichtenerzählens, in welcher jegliche Formen von Grenzen verschwimmen. Jene von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ebenso wie jene der Realitäten im Kopf des dementen, halluzinierenden Leo.
Versteckte Komplexität
Hinter der Handlung – einem Tag im Leben eines Mannes, der sich in den Möglichkeiten seines Verstandes verloren hat und von seiner Tochter (Elle Fanning), einem personifizierten Engel, hingebungsvoll begleitet wird – verbirgt sich Komplexeres. Sally Potter nutzt mit der Geschichte des dementen Leo, zu der sie selbst einen sehr persönlichen Bezug hat – ihr Bruder litt an einer Form von Demenz – die Möglichkeiten des Mediums Film voll aus. Sie exploriert, wie sich in all unseren Köpfen mögliche Welten eröffnen können und wie Wege, die wir nicht gewählt haben, dennoch in einer Form weiterexistieren. Eine sehr abstrakte Idee, welche Potter in komponierte, ästhetische Bilder verwandelt. Sie nutzt filmische Stilmittel wie unterschiedliche Farbpaletten, um die verschiedenen Welten Leos voneinander abzugrenzen.
Eines haben die drei Realitäten indes gemeinsam: Sie alle hinterlassen ein Gefühl der Beklemmung und emotionalen Schwere, das Leo auch in seinen imaginierten Welten mit sich trägt. Er bleibt in allen Welten im Grunde derselbe Mensch, ein Mittfünziger, der mit seinen Entscheidungen im Leben zu hadern scheint.
Selbst wenn der Film vieles ungeklärt lässt oder vielleicht auch gerade deshalb, bieten die Parallelwelten, Erinnerungen oder Halluzinationen in welche Leo immer wieder abtaucht, umso mehr Interpretationsraum.