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ABULCASIS
METHODUS MEDENDI, 1541
EIN BEBILDERTES CHIRURGIEBUCH
Das chirurgische Handbuch des Abulcasis erschien 1541 in Basel. Der Titel beginnt mit den Worten: „Methodus Medendi certa, clara et brevis ...“, also „sichere, verständliche und kurze Behandlungsart“. Stolz wird auf dem Titelblatt vermerkt, dass das Buch die für beinahe alle Krankheiten notwendigen Instrumente und Abbildungen enthalte. Zu diesem Werk fügte der Verlag weitere medizinische Schriften hinzu. Beim vorliegenden Exemplar handelt es sich um die dritte gedruckte Ausgabe.
Der chirurgischen Schrift liegt eine umfangreiche medizinische Enzyklopädie mit dem Titel Al-Tasrif (Sammlung) zugrunde, die aus dreissig Teilen besteht. Der dreissigste und letzte Buchteil ist besonders umfangreich: Es handelt sich um das vorliegende chirurgische Handbuch, das separat gedruckt wurde.
Inhaltlich behandelt das Buch im ersten Kapitel die Kauterisation, worunter Behandlungen mit Glüheisen zu verstehen sind. Ein weiteres Kapitel ist der speziellen Chirurgie gewidmet wie Steinoperationen, Amputationen, Augen- und Ohrchirurgie, Geburtshilfe und Zahneingriffe, die Wundbehandlung und das Schröpfen. Ein dritter Teil enthält Ausführungen über die Heilweisen von Frakturen und Luxationen.
ANFORDERUNGEN AN DIE CHIRURGEN
Abulcasis wollte mit seinem Werk den Wissensstand, aber auch den Ruf der Chirurgie verbessern. Er schreibt: „Ich habe in Kürze alle wichtigen Operationen beschrieben, alle notwendigen Instrumente, und ich zeige sie in grafischen Darstellungen – ich habe also alles unternommen, um Licht in den Beruf des Chirurgen zu bringen.“ Er fordert von jedem Chirurgen, dass er die menschliche Anatomie kenne, und kritisiert Galen, der sich mit Tiersektionen begnügt habe.
ingriffe dürfe nur ein Chirurg durchführen, der die Ursache und Diagnose des Leidens kenne und einen Plan für ein therapeutisches Vorgehen entwickelt habe. Wenngleich die Lehre von Abulcasis fest in der antiken Viersäftelehre verankert ist, enthalten die chirurgischen Ausführungen doch auch neue Herangehensweisen.Besonders beeindruckend sind seine Illustrationen, die nicht nur in handschriftlichen Kopien, sondern auch in mehreren chirurgischen Folgewerken wieder auftauchen. Die lateinische Übersetzung des Al-Tasrif wurde erstmals 1497 und in einer Zweitauflage 1500 bei Locatellus in Venedig gedruckt, dann 1532 bei Schott in Strassburg. Die vorliegende Ausgabe von 1541 war die erste gedruckte Fassung, die mit Holzschnitten illustriert wurde.
LEIBARZT DES WESTLICHEN KALIFEN
Abulcasis wird in der vorliegenden lateinischen Übersetzung seiner Handschrift fälschlich als Albucasis bezeichnet. Der Name Abulcasis ist die latinisierte Form von Abu al- Qasim al-Zahrawi. Der spanisch-arabische Arzt und Chirurg kam in Andalusien etwa 936 zur Welt und starb wahrscheinlich kurz nach 1009. Wenige Jahrzehnte vor seiner Geburt entstand in Cordoba – in Abgrenzung zur ostarabischen Kalifenstadt Bagdad – ein zweites, westliches Kalifat.
Es gibt kaum Quellen, die über das Leben von Abulcasis Auskunft erteilen. Bekannt ist, dass er Leibarzt des jungen westlichen Kalifen Hakam II wurde und mit ihm in die neue Residenzstadt al-Zahra ausserhalb Cordobas zog. Dieser Neugründung verdankt Abulcasis seinen Zunamen al-Zahrawi. Hakam II wollte der Gegnerschaft innerhalb der arabischen Welt ein Ende setzen. Er entsandte Gelehrte und Kundschafter nach Bagdad, um Kopien von Handschriften in den Westen des Reiches zu bringen. Abulcasis hatte Zugang zu seiner prächtigen und umfangreichen Bibliothek. Zwanzig Jahre lang regierte der Kalif in der Palaststadt. Probleme mit der Wasserversorgung zwangen den Hof – auch Abulcasis – zur Rückkehr nach Bagdad.
CHIRURGIE ALS AKADEMISCHES FACH
Die arabische Medizin verstand sich als eine Kunst und Wissenschaft. Lange bevor es in Europa Universitäten gab, besuchten angehende Ärzte im arabischen Raum Medizinschulen, zu denen Krankenhäuser und Bibliotheken gehörten.
Die Suche nach antiken Schriften begann in Europa im Hochmittelalter. In den Klöstern befanden sich nur wenige, oft lückenhafte Abschriften. Dagegen wurde in ost- und westarabischen Bibliotheken gesammelt, kopiert und übersetzt. Insbesondere zwei Übersetzungswellen brachte die arabische Medizin und mit ihr unbekannte antike Schriften nach Europa: Eine erste, die im 11. Jahrhundert von der Medizinschule im italienischen Salerno ausging, und eine zweite aus dem spanischen Toledo im 12. Jahrhundert. Beide Strömungen übten grossen Einfluss auf Montpellier aus, wo in der Folge eine medizinische Hochschule entstand. Im Gegensatz zu den meisten mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Universitäten Europas fand in Montpellier und anderen italienischen und südfranzösischen medizinischen Fakultäten kein Ausschluss der Chirurgie als nichtakademisches, handwerkliches Fach statt.
Das chirurgische Handschrift von Abulcasis im 12. Jh. wurde als akademisches Lehrbuch ins Lateinische übersetzt. Über fünf Jahrhunderte prägte Abulcasis die europäische Chirurgie: Der päpstliche Leibarzt Guy de Chauliac zitierte ihn rund 200 Mal in seiner Chirurgie Magna, die bis ins 17. Jahrhundert zu den bedeutendsten medizinischen Kompendien zählte.