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Autor: Karsten Flohr // Titel: Zeiten der Hoffnung // Verlag: Insel Taschenbuch (Suhrkamp) // Erschienen: 17. Juni 2012 // ISBN-10: 3458358463 // ISBN-13: 978-3458358466 // Seiten: 365 Seiten // Ausgabe: Taschenbuch // Preis: 14,99 € / 24,90 CHF // Genre: historischer Roman
Wilhelm von Schwemer muss schnell feststellen, dass der Krieg ein “Ungeheuer” ist, das niemanden verschont. Durch sein Engagement für die belgische Zivilbevölkerung wird er – der zuvor sogar vom Kaiser mit Wohlwollen betrachtet wurde – zum “Vaterlandsverräter” und kann nur durch Desertation sein Leben retten. Sein Weg führt ihn ins Elsass, zu seiner großen Liebe Adèle, die im Widerstand tätig ist…
Meine Meinung
Der Klappentext des Romans verspricht eine bewegende Liebesgeschichte. Wer den Roman genau aus diesem Grund liest, wird vermutlich enttäuscht werden: Eine Liebesgeschichte zwischen Adèle, der Tochter des elsässischen Weinbauers, und Wilhelm, dem Sohn des hochgestellten Richards von Schwemer, ist zwar vorhanden, sie erschöpft sich aber größtenteils in Andeutungen, nicht in den angekündigten leidenschaftlichen Gefühlen. Auch der angekündigte Konflikt (Gesellschaft + Politik, die einer Liebe entgegenstehen + die Verbindung eines deutschen Soldaten mit einer elsässischen Widerstandskämpferin) kommt kaum zum Tragen.
Was ist es also, was diesen Roman ausmacht, wenn der Klappentext nicht zu halten vermag, was er verspricht?
Ich würde sagen, dass “Zeiten der Hoffnung” in erster Linie ein “Familienroman” mit einem historischen Setting ist. Die Mitglieder der Familie von Schwemer stehen ebenso im Vordergrund, wie historisch-politische Entwicklungen. Dabei wirken die zahlreichen Handlungen leider nicht immer zielführend: Prinzipiell ist die Haupthandlung auf Adèle und Wilhelm ausgerichtet, doch gibt es viele Nebenhandlungen, die für den Verlauf der Haupthandlung eigentlich nicht essentiell nötig sind. So ist gerade die Geschichte um Elisabeth von Schwemer, Wilhelms ältere Schwester, toll zu lesen, doch trägt sie herzlich wenig zur “Haupthandlung” bei. Der elsässische Widerstand bleibt hingegen undurchsichtig und wird im Gegensatz zur aufkeimenden Frauenbewegung schon fast stiefmütterlich behandelt, obwohl er doch so wichtig für Adèle ist; selbst über die Kolonie Togo scheint der Leser mehr zu erfahren.
So passend es für einen Roman, der überwiegend zur Zeit des 1. Weltkrieges spielt, auch ist, viele verschiedene “Bilder” zu bieten, mit Zeitsprüngen zu arbeiten, ggf. eine hektische Stimmung zu erwecken und viele verschiedene Themen abzudecken, so anstrengend kann dies auch die Lektüre machen. Meinem Empfinden nach leidet insbesondere die Figurenzeichnung unter den vielen kleineren und größeren “Szenen”, die sich manchmal nicht recht in ein Gesamtbild einfügen lassen wollen: Die Protagonisten werden mehr schlaglichtartig beleuchtet, als komplex und facettenreich konstruiert und Konfliktpotential zwischen den Figuren, das zur Figurenzeichnung beitragen könnte, bleibt z.T. ungenutzt (z.B. beim Aufeinandertreffen zwischen Adèle und Charlotte).
Fazit
“Zeiten der Hoffnung” ist primär kein “Liebesroman”, wie vom Klappentext versprochen, sondern in erster Linie ein Roman über den 1. Weltkrieg und eine Familie, die mit den Umständen umgehen muss. Die schlaglichtartig gezeichneten Figuren und die z.T. “szenenartige” (mitunter lose) Handlungsführung mit ihren zahlreichen Zeitsprüngen vermitteln dabei ein passendes Gefühl von Umbruch, von Hektik und auch von Chaos. Das sind gute Zutaten für einen Roman, der im 1. Weltkrieg spielt. Trotzdem hat mich die Anlage nicht vollständig überzeugen können, weil die Figuren zu blass blieben und ich es als unbefriedigend empfand, dass einige Handlungsstränge entweder ganz im Sande verliefen oder aber völlig nebensächlich waren (z.B. die Krankheit von Wilhelms Bruder).