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Eine genaue Taxonomie des Lindwurms ist heute leider nicht mehr möglich, da nahezu alle je existierenden Lindwürmer und Drachen inzwischen von irgendwelchen geltungsbedürftigen Helden erschlagen worden sind. In alten Schriften aber wird der gemeine Lindwurm als drachenartiges Wesen beschrieben, wobei manche Forscher heutzutage ihn auch als eine Unterart der Drachen einstufen.
2012 wurde allerdings ein Exemplar auf Island gesichtet. Dem einstigen Gemeindevorsteher Hjötur waren damals einige Aufnahmen des Tieres im Lagarfjlotsee gelungen, indes sind einige Experten der Meinung, Hjöturs Filme seien nicht aussagekräftig genug. Die Belohnung von 5000 Franken, die die Gemeinde Egilsstadir für eine Sichtung des Lindwurmes im Lagarfjlotsee 1997 ausgesetzt hatte, steht also noch.
Fakt ist, dass der Lindwurm ein schlangenartiges Wesen war, das meist zwei, manchmal auch vier Beine hatte. Seine Flügel waren entweder klein und nicht zum Fliegen zu gebrauchen oder fehlten ganz. Dass Lindwürmer Menschen frassen fällt übrigens unter üble Nachrede: Lindwürmer ernährten sich – wie ihr Futterkonkurrent, der Mensch – von Schafen, Ziegen oder Kaninchen.
Einer der letzten Lindwürmer Deutschlands wurde im frühen Mittelalter in einem beispiellosen Akt der Barbarei ermordet. Ein junger Mann namens Siegfried von Xanten, erziehungstechnisch zu dieser Zeit von seinen Eltern schon aufgegeben und bereits schwerst verhaltensauffällig, erstach das Tier mit seinem eigenen Zahn. Nach dem Tod des Lindwurmes badete Siegfried auch noch in dessen Blut. Anschliessend riss Sigfried dem Leichnam den Kopf ab, und nahm den Schatz des Lindwurms an sich. Lindwürmer hüteten nämlich meist grössere Mengen Gold, warum auch immer, und ihr Blut bildete unter Sauerstoffeinfluss eine feste Kruste. Das Blut des Lindwurmes hatte Siegfried also nun nahezu unverwundbar gemacht, und das nutzte dieser weidlich aus.
Der Lindwurm bekam später Rache für seinen Tod: Da Siegfried zwar sehr brutal, allerdings nicht sehr helle gewesen war, verriet er seiner Frau seine verwundbare Stelle, welche diese – unter dem Siegel der Verschwiegenheit, natürlich – gleich an einen Kumpan Siegfrieds weiterpetzte. Da auch dieser Kumpan Siegfried für einen gefährlichen Irren hielt, nicht nur wegen der Sache mit dem Lindwurm, war das Siegfrieds Todesurteil. Den Schatz des Lindwurmes versenkte sein Rächer irgendwo im Rhein oder vielleicht ganz woanders, da das ganze widerrechtlich erlangte Geld niemandem Glück gebracht hatte.
Im Gegensatz zu Siegfried könnte der unglückliche Lindwurm jedenfalls noch heute leben. Lindwürmer werden bis zu 1000 Jahre alt. Das, um 1300 im Lagarfjlotsee ausgesetzte, Tier ist wahrscheinlich tatsächlich noch dort zu finden. Ein junges Mädchen hatte damals den kleinen Lindwurm in einer - mutmasslich tierschutzwidrigen – Kiste gehalten. Als aus dem kleinen, niedlichen Lindwürmchen ein grosser Lindwurm geworden war, hatte sie die Kiste mit dem Tier in den See geworfen.
Es ist davon auszugehen, dass das völlig traumatisierte Tier im Lagarfjlotsee auf den Tag wartet, an dem die Isländer mit dem Walfang aufhören. Vorher muss es ja jederzeit damit rechnen, dass wieder ein «Held» vorbeikommt, um ihm den Kopf abzureissen und seinen Schatz zu entwenden.