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In den letzten Monaten wurde das Thema wieder etwas aktueller. Während der Coronakrise sind die Superreichen noch reicher geworden, während viele ärmere Menschen in noch grössere Schwierigkeiten geraten sind. Die Schweiz gehört statistisch gesehen zu den reichsten Ländern der Welt, was allerdings nichts an der Tatsache ändert, dass es auch hierzulande Menschen gibt, die in Armut oder zumindest hart an der Grenze zur Armut leben.
Gemäss dem Bundesamt für Statistik waren im Jahr 2019 8.7 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung in Privathaushalten von Einkommensarmut betroffen. Das sind rund 735 000 Personen. Von der Armut betroffen sind in der Schweiz meist oft Alleinerziehende, weil sie auf Grund der Kinderbetreuung nicht Vollzeit arbeiten können sowie kinderreiche Familien. 43 Prozent der Sozialhilfebezüger in der Schweiz sind Ausländer, oft deshalb, weil sie beruflich ungenügend oder gar nicht ausgebildet sind. Zu den Armen in der Schweiz gehören ebenfalls die sogenannten «Working Poor». Das sind Personen, die zwar Vollzeit arbeiten, jedoch nicht genügend verdienen, um sich und ihre Familien durchzubringen.
Dort gibt es weder Arbeitslosenkassen noch Sozialämter. So erfuhren Menschen in fernen Ländern beispielsweise, dass bedingt durch den Lockdown im Frühling 2020, viele Kleidergeschäfte in Europa ihre Bestellungen sofort gestoppt haben, was zur Folge hatte, dass unter anderem in Bangladesch Tausende Textilarbeiterinnen von einem Tag auf den anderen auf der Strasse standen. Im Vergleich zu diesen Textilarbeiterinnen leben bei uns in der Schweiz selbst die Armen noch in paradiesischen Zuständen.
Da die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse in den verschiedenen Ländern der Welt sehr unterschiedlich sind (die Schweiz gehört bekanntlich zu den reichsten Ländern und entsprechend hoch sind unsere persönlichen Ansprüche), hat die Weltbank den Begriff der «absoluten Armut» eingeführt.
Die Weltbank definierte den Begriff der «absoluten Armut» folgendermassen: «Armut auf absolutem Niveau ist ein Leben am äussersten Rand der Existenz. Die absolut Armen leiden unter schlimmen Entbehrungen, leben in einem Zustand von Verwahrlosung und Entwürdigung und kämpfen täglich ums Überleben. Sie leben in einem Zustand, der unsere Vorstellungskraft bei Weitem übersteigt».
Gemäss der International Development Association (IDA) gelten Personen als absolut arm, bei denen das Pro-Kopf- Einkommen unter 150 Dollar pro Jahr liegt, bei denen die tägliche Kalorienaufnahme pro Tag weniger als 2670 Kilokalorien beträgt und bei denen die durchschnittliche Lebenserwartung unter 55 Jahren liegt.
Nimmt man diese Zahlen als Grundlage, so kann gesagt werden, dass in der Schweiz kaum jemand von absoluter Armut betroffen ist. Wer nichts verdient und ausschliesslich von der Sozialhilfe lebt, muss sich zwar durchaus mit wenig zufriedengeben, doch reicht es zumindest für ein Dach über dem Kopf, für medizinische Versorgung und für Essen und Trinken.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht denn auch von «relativer Armut» und definiert sie folgendermassen: «Relativ arm sind Personen, die weniger als die Hälfte des mittleren Einkommens eines Landes zur Verfügung haben».
Die Europäische Union (EU) bezeichnet Personen als armutsgefährdet, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben und infolge dessen an einer soziokulturellen Verarmung leiden. Damit ist ein Mangel an der Teilhabe an sozialen Aktivitäten als Folge des finanziellen Mangels gemeint.
Die von der International Development Association, der Weltgesundheitsorganisation oder der Europäischen Union festgelegten Zahlen bezüglich finanzieller Möglichkeiten sind das eine. Das andere ist das persönliche Empfinden. Es gibt Menschen, die haben nur wenig zum Leben und empfinden ihre Lage nicht zwingend als arm, andere hingegen besitzen viel und haben trotzdem das Gefühl, sie kämen zu kurz und hätten mehr verdient, als dass sie haben.
Baruch de Spinoza (er lebte von 1632 bis 1677 – und in dieser Zeit gab es sehr viele arme Menschen), schrieb Folgendes: «Der Arme, der gern reich sein möchte, redet unaufhörlich vom Missbrauch des Geldes und den Lastern der Reichen, wodurch er aber nichts anderes erzielt, als dass er sich ärgert und anderen zeigt, wie er nicht bloss über seine eigene Armut, sondern auch über des anderen Reichtum Unmut hegt». Diese Aussage ist zwar schon mehr als 350 Jahre alt, hat aber auch heute noch eine hohe Aktualität. Auch heute noch ärgern sich hierzulande viele Menschen über die Gehälter gewisser Grossverdiener (zum Beispiel Fussballer oder Banker). Doch viele, die sich darüber beklagen, würden bestimmt nicht Nein sagen, wenn ihnen ein solches Gehalt angeboten würde.
Ausserdem gibt es neben den Superreichen auch viele «normale» Menschen, die sich im Umgang mit Geld sehr schwertun: Sie wollen mehr, als sie haben, sind geizig oder leben permanent über den eigenen Verhältnissen und verschulden sich.
«Es ist etwas Schönes», sagte der griechische Philosoph Epikur «um eine vergnügte Armut. Denn wer mit der Armut gut auskommt, der ist reich». Zahlreiche Sprichwörter aus aller Welt gehen in die gleiche Richtung. «Wer nichts besitzt, braucht sich vor keinem Verlust zu fürchten», besagt ein russisches Sprichwort. «Arme Leute haben einen festen Schlaf», sagen die Japaner, und in Afrika ist man überzeugt, dass «der Arme an seinem Todestag nicht leidet».
In der Schweiz wird die Armut seit jeher bekämpft. Unzählige Hilfsorganisationen, Institutionen, Vereine und auch Private stellen Mittel zur Verfügung, um arme Menschen zu unterstützen. Diese Hilfe erreicht jedoch nicht immer alle Betroffenen. Der Grund dafür liegt in der sogenannt «verdeckten Armut». Es gibt Menschen in der Schweiz, die Anspruch auf Unterstützung hätten, diese Hilfe jedoch aus Unkenntnis oder aus Scham nicht geltend machen. Deshalb wird in Bezug auf die Anzahl armer Menschen auch von einer «hohen Dunkelziffer» gesprochen.
Schliesslich kommt noch die freiwillig gewählte Armut hinzu. Sie wird gelegentlich sogar als Tugend aufgefasst, etwa im Sinne der Askese. Zahlreiche Religionen (Hinduismus, Buddhismus und auch das Christentum) kennen die freiwillige Armut. So soll auch Jesus in freiwillig gewählter Armut gelebt haben und auch heute noch gibt es Menschen, die diesen Weg wählen und als Lebensmotto den berühmten Satz aus der Bibel mit sich tragen («eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt»).
In der westlichen Welt wird immer wieder der Begriff «Wohlstand» benutzt. Damit ist gemeint, dass wir genug Geld besitzen, um uns eine schöne Wohnung, ein tolles Auto, reichlich Kleider, Vergnügungen oder teure Ferien leisten können.
Wohlstand könnte aber auch anders definiert werden: