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SNF-Forschungsprojekt zur internationalen Stadt Tanger
Seit dem 1. April 2015 fördert der Schweizerische Nationalfonds ein neues Forschungsprojekt des Europainstituts. In den nächsten drei Jahren wird sich die Stipendiatin Daniela Hettstedt mit der Entstehung einer internationalen Verwaltung in der Stadt Tanger (Marokko) im Zeitraum von 1840 bis 1956 beschäftigen. Geleitet wird das Projekt von der Institutsdirektorin Madeleine Herren-Oesch.
Abbildung: Karte der Stadt Tanger ("Town Plan of Tangier", Morocco City Plans, University of Texas Libraries)
Leuchtturm, Schlachthaus, Seuchenschutz. Shared Colonialism und internationale Verwaltung in Tanger (Marokko), 1840–1956
In der marokkanischen Stadt Tanger übernahmen bereits ab 1840 internationale Organisationen zentrale Funktionen der öffentlichen Verwaltung und Infrastruktur. Zu den Funktionen dieser internationalen Organisationen gehörte neben der Müllentsorgung und dem Seuchenschutz auch ein Leuchtturm am Kap Spartel, der ab 1865 den Zugang vom Atlantischen Ozean zum Mittelmeer und damit den Weg zu den muslimischen Pilgerstätten im Nahen Osten kontrollierte. Die Geschichte der Internationalisierung Tangers aus globalhistorischer Perspektive erlaubt es, komplexe Globalisierungsprozesse in der lokalen Kolonialgeschichte sichtbar zu machen und gemeinsame Projekte der Kolonialstaaten zu diskutieren. Diese Form der Kooperation wird in diesem Projekt als "shared colonialism" vorgestellt.
Abbildung: Leuchtturm am Kap Spartel um 1900 (Souvenir of Tangier, published by V.B. Cumbo, Gibraltar 1900, pp. 20.).
Inhalt und Ziele
In der marokkanischen Stadt Tanger wurden bereits ab 1840 frühe internationale Organisationen von Konsuln aus Europa und den USA gegründet. Diese internationalen Organisationen übernahmen in der Stadt zentrale Funktionen, wie den Strassenbau und den Seuchenschutz, und reglementierten für fast 100 Jahre die Mobilität von Personen und Waren. Mit dem Bau des Leuchtturms am Kap Spartel kontrollierte ab 1865 eine internationale Organisation den Zugang vom Atlantischen Ozean zum Mittelmeer und damit den Weg zu den muslimischen Pilgerstätten in Mekka und Medina. Die Geschichte der Internationalisierung Tangers aus globalhistorischer Perspektive erlaubt es, komplexe Globalisierungsprozesse im Lokalen sichtbar zu machen. Das Projekt diskutiert, auf welchen räumlichen Ebenen eine Vielzahl von Akteuren – Institutionen als auch Personen – ihre Handlungsspielräume festlegten. Welche neuen Räume enstanden durch diese politischen Aushandlungsprozesse? Die Internationalisierung von Tanger wird nicht mehr einseitig als die Entstehung einer „kosmopolitischen“ Stadt verstanden, sondern im Kontext der Kolonisierung und Dekolonisierung Marokkos aus einer Perspektive jenseits des Eurozentrismus beleuchtet. Die Kooperation der Institutionen führte in Tanger zu einem internationalen Setting, das als "shared colonialism" bezeichnet werden kann. Während Marokko Schritt für Schritt von verschiedenen Staaten kolonisiert wurde, erhielt Tanger 1923 den völkerrechtlichen Status einer Internationalen Zone, den es bis zur Unabhängigkeit Marokkos 1956 führte. Diese Besonderheit von Tanger als internationaler Ort stellt den zentralen Untersuchungsgegenstand des als "shared colonialism" beschriebenen Konzeptes dar.
Über die Wissenschaftlerinnen
Daniela Hettstedt ist neue Stipendiatin am Europainstitut Basel und gehört dem Departement Geschichte der Universität Basel an. Sie studierte Mittlere und Neuere Geschichte sowie Deutsche Philologie an der Ruprecht-Karls Universität Heidelberg. Zudem war sie als studentische Hilfskraft in der Bibliothek des Zentrums für Geschichts- und Kulturwissenschaften tätig und wirkte als solche am Forschungsprojekt „Der Reisebericht Hans Dernschwams (1553 - 1555)“ mit. Ihre Magisterarbeit schrieb sie im Kontext des Forschungsprojekts „Literatur und Netzwerke konservativ-nationalistischer oder völkischer oder konservativrevolutionäre Autoren in Deutschland 1918–1945“ am Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg. Zudem war sie am Deutschen Apotheken-Museum beschäftigt und als Hilfsassistentin für das Global Perspectives Programme der Abteilung Global Affairs der Universität Basel zuständig.
Madeleine Herren-Oesch ist Direktorin des Europainstituts und Professorin für Geschichte. Zu ihren Forschungsinteressen gehören die Europäische Geschichte und Globalgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, die Geschichte internationaler Organisationen, die Entwicklung transnationaler Netzwerke und grenzüberschreitender zivilgesellschaftlicher Aktivitäten, Enzyklopädien, Wissenstransfer und Informationskulturen, sowie Methoden und Theorien der Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter.
Der Schweizerische Nationalfonds
Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) fördert im Auftrag des Bundes die Grundlagenforschung in allen wissenschaftlichen Disziplinen, von Geschichte über Medizin bis zu den Ingenieurswissenschaften. Er unterstützt jährlich über 3400 Projekte mit rund 14000 beteiligten Forschenden. Der SNF ist damit die wichtigste Schweizer Institution zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung.