Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03393.jsonl.gz/440

Von den Herausgebern werden die beiden die Leseausgabe der Werke Johann Peter Hebels abschließenden Briefbände als Einheit betrachtet. Der erste Briefband (= Band 5 der Ausgabe) enthält also keine Anmerkungen, kein Register. Dennoch habe ich beschlossen, den hier separat vorzustellen. Er enthält, wie ich finde, einige wichtige bzw. interessante Briefe Hebels, und so lohnt es sich allemal.
Da sind zuerst – nämlich in den frühen Briefen – einige Hinweise darauf, dass sich der junge Theologe durchaus für die Naturwissenschaften interessierte. Zwar finden wir die Astronomie, mit der sich Hebel in seinen Kalenderbeiträgen immer wieder beschäftigte, hier nicht. Aber der junge Hebel sammelt einheimische (und teilweise auch – aus einem Park – exotische) Pflanzen, die er presst, trocknet, nach Linné bestimmt, um sie schließlich einem Herbarium einzuverleiben. In einem andern Brief erkundigt er sich bei einem Freund, ob er eventuell sein Mikroskop bei ihm habe stehen lassen. Hebel besuchte seine Freunde also offenbar mit naturwissenschaftlichen Instrumenten im Gepäck. Später finden wir Hebels naturwissenschaftliche Interessen leider nicht mehr erwähnt.
Politik spielt natürlich auch in Hebels Briefe hinein. Die Koalitionskriege haben Südwestdeutschland nicht verschont. Im Gegenteil, das Elsass gleich auf der andern Rheinseite war ein höchst umstrittenes und umkämpftes Gebiet und auf der rechten Rheinseite, Hebels Heimat, wurden nicht nur Gefechte geführt, sie war auch Aufmarschzone für so manches Heer. Später, unter Napoléon, war die Markgrafschaft Baden Teil des selbstherrlichen Spiels des französischen Kaisers, und so findet auch dieser Eingang in Hebels Briefe.
Daneben ist die Zeit, die der erste Briefband abdeckt, auch die Zeit, in der Hebel seine Allemannischen Gedichte schreibt und quasi über Nacht als Schriftsteller berühmt wird. Wir erfahren von einem Besuch Voß’, der zwar nicht beim Namen genannt wird, der aber Hebel verrät, dass er bei seiner Homer-Übersetzung zunächst in seinen niederdeutschen Dialekt übersetze, bevor er daraus eine hochdeutsche Version bilde. Es ist offenbar auch bei diesem Besuch gewesen, dass Voß die Hexameter Hebels kritisierte. Dennoch verrät Hebel in einem späteren Brief seinem Jugendfreund Hitzig, dass es ihm lieber gewesen wäre, Voß hätte die Rezension geschrieben, die in der Jenaer Allgemeinen Literaturzeitung erscheinen sollte. Leider finde ich in den hier vorliegenden Briefen keinen Hinweis darauf, was er nach deren Publikation zu der sehr positiven Reaktion Goethes gesagt hat. Immerhin war es diese Rezension, die ihn definitiv zu einem Stern am deutschen Literaturhimmel der Zeit gemacht hat. Hebel scheint sich dennoch zu keinem Zeitpunkt überlegt zu haben, Schriftsteller von Profession zu werden. Er erzählt zwar Freunden von Besuchen bei Jacobi in Freiburg. Gemeint ist Freiburg im Breisgau und der ältere der beiden Jacobi-Brüder, und es wurde offenbar darüber diskutiert, ob das eine oder andere alemannische Gedicht, ins Hochdeutsche übersetzt, in Jacobis kurzlebiger Zeitschrift Iris veröffentlicht werden sollte. Am Ende des fünften Bandes finden wir Hebel dann in Verhandlungen mit dem Goethe-Verleger Cotta über die Herausgabe des Schatzkästleins. Doch all dies führt Hebel als schriftstellerischer Amateur. (Was nicht heisst, dass er nicht an seine literarische Arbeit professionelle Ansprüche stellte!)
Im Übrigen finden wir eine breite Streuung stilistischer Mittel in diesen Briefen. Hebel schreibt auch schon mal einen ganzen Brief als Gedicht. Er schreibt – lange bevor das in der Schweiz für SMS und andere Nachrichtendienste bei jungen Leuten zur von den Alten kritisierten Mode wurde – ganze Briefe im Dialekt. Oft kombiniert er Gedicht und Dialekt. Hebel durchgeht in dieser Zeit auch eine Phase intensiver Lektüre der Werke von Jean Paul. Das drückt sich nicht nur darin aus, dass er dessen Werke jedem und jeder empfiehlt, die er für Jean Paul zugänglich hält, ja auch das eine oder andere Buch von ihm (den Katzenberger sogar!) verleiht; es drückt sich auch darin aus, dass Hebel in seiner Sprache zu jeanpaulisieren beginnt. Er weiss das selber, und so unterschreibt er einen seiner Briefe – nicht als Jean Paul Richter – aber doch als Jean Pierre Hebel. Hie und da wird Hebel auch nachgerade anzüglich und streut in Briefen an männliche wie weibliche Freunde kleine sexuelle Anspielungen ein, die man einem seriösen alemannischen Pfarrherrn und Gymnasialdirektoren der Zeit nicht zutrauen würde.
Die Leseausgabe enthält nur Briefe von Hebel. Das ist etwas schade beim Briefwechsel mit Gustave Fechner, der Frau, von der man bis heute nicht weiss, ob er sie (und sie ihn) liebte. Ich denke nicht, dass man in den Briefen etwas Näheres über ihre Beziehung erfahren wird, aber die Munterkeit der Hebel’schen Briefe macht Appetit aufs Ganze. Auch finden wir in dieser Leseausgabe, vielleicht mit Ausnahme der Briefe an Cotta – aber auch die waren im Grunde genommen zwar geschäftlich, aber nicht amtlich – , nur Privatbriefe Hebels – die wohl sowieso interessanter als eventuelle amtliche Briefe sind.
Alles in allem ein Lesegenuss.
Johann Peter Hebel: Gesammelte Werke. Kommentierte Lese- und Studienausgabe in sechs Bänden. Herausgegeben von Jan Knopf, Franz Littmann und Hansgeorg Schmidt-Bergmann unter Mitarbeit von Esther Stern im Auftrag der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe. Band 5. Göttingen: Wallstein 12019

Zum Hören: