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Sie dachten vielleicht, der Biber sei ein Nagetier von ungewöhnlicher Größe? Das Wasserschwein (Capivara) ist mehr als doppelt so groß – das größte Nagetier der Erde. Diese beeindruckenden Säugetiere sind in weiten Teilen des nördlichen und zentralen Südamerikas zu finden, obwohl eine kleine invasive Population auch in Florida gesichtet wurde. Sie sind eng verwandt mit Meerschweinchen, allerdings sehen sie aus wie eine stark vergrößerte Version jener possierlichen Tierchen – ihre entfernteren Verwandte sind Chinchillas und Agutis.
Wer den Capivaras (portugiesich) oder Capibaras (spanisch) den deutschen Namen “Wasserschweine“ gegeben hat, wissen wir nicht. Ein indigenes Volk in Amazonien nennt das Capivara in seiner Muttersprache “Kapiyva – Meister der Gräser“. Und die indigenen Guarani-Stämme Brasiliens nennen sie “kapi’ygua – Grasfresser“.
Obwohl man davon ausgeht, dass ihre Population insgesamt stabil ist, sind Capivaras in einigen Gebieten stark durch Menschen bedroht, die sie wegen ihres Fleisches und auch der Haut jagen, einige lokale Populationen wurden dadurch bereits ausgerottet.
Merkmale
Capivaras haben allerdings nicht das typische keilförmige Gesicht der meisten Nagetiere. Sie haben Schwimmhäute an den Füßen und keinen Schwanz. Es sind gesellige Tiere, die normalerweise in Rudeln entlang eines Gewässers in dichter Vegetation schlafen, um sich vor Raubtieren zu verstecken und um sich kühl zu halten. Manchmal machen Capivaras auch ein Nickerchen im Schlamm oder im flachen Wasser. In den südamerikanischen Ländern, außer Chile, sind sie überall zu finden.
Capivaras sind etwa 100 bis 130 Zentimeter lang und circa 50 cm groß, vom Fuß bis zur Schulter. Sie wiegen zwischen 30 und 80 Kilogramm, je nach Alter und Geschlecht. Weibchen sind in der Regel ein wenig größer als die Männchen.
Lebensraum
Diese wasserliebenden Nagetiere brauchen Wasser, um ihre trockene Haut feucht zu halten, und sind nur in Gebieten mit reichlich Wasserquellen zu finden. Sie pflegen eine halb-aquatische Lebensweise. Wie Biber sind Capivaras starke Schwimmer. Die Membranen zwischen ihren Zehen, dienen ihnen zum Schwimmen und Tauchen. So hat die Art eine starke Beziehung zum Wasser entwickelt.
Capivaras können bis zu fünf Minuten am Stück unter Wasser bleiben. Ihre Körper sind an das Leben in Gewässern angepasst, die in Wäldern, saisonal überfluteten Savannen und Feuchtgebieten vorkommen. Ihr rötliches bis dunkelbraunes Fell ist lang und brüchig – perfekt, um an Land schnell zu trocknen.
Die kleinen Augen, Nasen und unbehaarten Ohren befinden sich hoch auf dem Kopf, so dass das Gesicht sichtbar und wachsam bleibt, wenn der Großteil des Körpers untergetaucht ist. Sie nutzen Seen und Flüsse auch zur Regulierung ihrer Körpertemperatur und im Allgemeinen auch zur reproduktiven Kopulation.
Capivaras sind soziale Lebewesen. Eine typische Gruppe besteht in der Regel aus etwa 10 Mitgliedern. In der Regenzeit kann eine Gruppe jedoch bis zu 40 Mitglieder umfassen und in der Trockenzeit bis zu 100 Mitglieder, die alle von einem dominanten Männchen angeführt werden. Der Lebensraum einer so großen Gruppe kann dann bis zu 200 Hektar groß sein.
Lebensgewohnheiten
Als dämmerungsaktive Tiere sind die Capivaras am aktivsten während der Morgen- oder Abenddämmerung. Wachsam zu sein ist wichtig, weil sie oft das Abendessen für Jaguare, Pumas, Anakondas und Kaimane sind. Capivara-Jungtiere haben sogar noch mehr zu befürchten – sie sind ein beliebter Snack für Schlangen wie die Boas, Mähnenwölfe, Ozelots und Raubvögel wie der Caracará sowie verschiedene Geier.
In von Menschen besiedelten Gebieten, wenn sie sich dort bedroht fühlen, werden sie auch nachtaktiv, was bedeutet, dass sie in der Nacht wach bleiben und tagsüber schlafen. Die Dunkelheit bietet ihnen Deckung, während sie fressen und Kontakte knüpfen.
Ernährung
Capivaras sind Pflanzenfresser und ernähren sich ausschließlich von Vegetation. Sie fressen hauptsächlich Gräser und gelegentlich auch Wasserpflanzen, aber auch Getreide, Melonen und Kürbisse können auf dem Speiseplan stehen. Achtzig Prozent ihrer Nahrung besteht aus nur fünf verschiedenen Gräserarten.
An einem typischen Tag fressen sie zwischen 2,7 bis 3,6 Kilogramm an frischem Gras, nach Auskunft der “Rainforest Alliance“. Wie bei anderen Nagetieren wachsen die Zähne der Wasserschweine kontinuierlich, und sie nutzen sie ab, indem sie Wasserpflanzen, Gräser und andere reichlich vorhandene Pflanzen abweiden.
Morgens fressen sie auch ihren eigenen Kot. Zu dieser Zeit ist ihr Kot reich an Proteinen, da eine große Anzahl von Mikroben die Mahlzeiten des Vortages verdaut hat. Da die Gräser aber schwer zu verdauen sind, erlaubt ihnen das Fressen ihrer Ausscheidungen diese zweimal zu verdauen, erst dann kommen die Nährstoffe in ihrer Gesamtheit dem Organismus zugute.
Fortpflanzung
Die Fortpflanzungszeit der Capivaras variiert das ganze Jahr über, je nachdem, in welchem Lebensraum sie leben und ob es Partner gibt. Die Trächtigkeit eines weiblichen Capivaras kann bis zu 150 Tage dauern, ein Rekord unter den Nagetieren. Bei anderen Nagerarten, wie Ratten und Kaninchen, dauert die Trächtigkeit nur etwa 30 Tage. Normalerweise bringt sie drei Junge auf einmal zur Welt, kann aber auch zwischen einem und sieben Junge auf einmal haben. Das weibliche Capivara hat fünf bis sechs Zitzenpaare, um seine Jungen zu füttern.
Die Welpen wiegen 1 bis 1,5 Kilogramm bei der Geburt und haben bereits Zähne. Sie werden mit 16 Wochen entwöhnt. Mit 18 Wochen sind die Welpen bis zu 40 Kilogramm schwer. Im Alter von etwa einem Jahr verlassen sie die Gruppe ihrer Eltern, um sich neuen Gruppen anzuschließen.
Die Weibchen werden im Alter von 7 bis 12 Monaten geschlechtsreif und die Männchen im Alter von 15 bis 24 Monaten. Normalerweise leben sie sechs bis zwölf Jahre, wenn sie nicht vorher von einem Beutegreifer erwischt werden.
Schutzstatus
Capivaras werden von der IUCN als nicht gefährdet eingestuft. Dies liegt daran, dass die Population groß, weit verbreitet und nicht bedroht zu sein scheint, obwohl die tatsächliche Population der Capivaras unbekannt ist.
Natürliche Raubtiere und kommerzielle Nutzung des Capivaras
Die Lebenserwartung eines Capivaras beträgt circa fünfzehn Jahre. Sie fürchten Jaguare, Ozelots, Schlangen, Kaimane und Wildhunde als natürliche Beutegreifer. An manchen Orten, an denen es keine nennenswerte Anzahl von Raubtieren gibt, ist die Population der Capivaras übermäßig angewachsen, was zu Problemen für die Landwirtschaft durch ihr Eindringen in bebautes Land geführt hat.
An solchen Orten werden sie gejagt, um die Pflanzungen zu schützen. Capivara-Fleisch gilt als exotisches Fleisch und hat einen großen kommerziellen Wert. Und für die Herstellung von Geldbörsen, Brieftaschen, Kleidung und anderen Lederwaren ist ihre Haut ebenfalls geeignet.
Gebratene Capivara-Haxen?
Ich dachte immer, dass der schlimmste Geruch, der aus einem Topf kommen kann, ein Ragout aus Hammelinnereien ist. Ich habe mich geirrt. Das fand ich heraus, als meine Küche von einer Essenz überfallen wurde, die viel abstoßender war als das Aroma von Hammelgedärm im Schnellkochtopf, eine Mischung aus Moos mit Blut und Tabak.
Die Verursacher dieses Angriffs auf meinen Geruchssinn waren zwei Capivara-Haxen. Vakuumverpackt, sahen sie harmlos aus. Das rote Fleisch, mit ein wenig Fett, ähnelte Schinken.
Die Freude währte so lange, bis ich mir ein Messer schnappte und sie aus der Verpackung nahm. In der Hoffnung, dass der Geruch nur so lange anhalten würde, wie das Fleisch ungewürzt war, hielt ich den Atem an und stopfte die Haxen in eine Tüte mit Weißwein, Rosmarin, Ingwer und Salbei. Ich habe alles in den Kühlschrank gestellt, wie es das Rezept vorsieht. Das Mittagessen war eine Menge Arbeit.
Trotz des unangenehmen Geruchs kamen die Capivara-Haxen aus einem Grund in meine Küche. Einige Biologen und Köche sagen nämlich, dass der beste Weg, als Schädlinge betrachtete Tiere – wie das Capivara – zu kontrollieren, darin besteht, sie zu essen. Für ihre Befürworter ist diese Haltung nachhaltiger als der Vegetarismus. Die Idee gilt vor allem für invasive Arten.
Vom Menschen in ein Ökosystem eingeschleppt, in das sie ursprünglich nicht gehören, haben sie keine Fressfeinde und vermehren sich unkontrolliert. Wenn ihre Population nicht kontrolliert wird, können invasive Arten schwere Schäden in der Umwelt verursachen.
Sie verdrängen einheimische Arten aus dem Lebensraum, in dem sie sich ansiedeln, und können sie sogar zum Aussterben bringen. Nach Angaben des Umweltministeriums erreichen die weltweiten Ausgaben für invasive Arten Milliardenhöhen. Ein Beispiel für eine Art, die große Schäden verursacht, ist die Goldmuschel, eine für Asien typische Süßwasserschnecke. Sie kam zufällig nach Brasilien, mit dem Wasser, das als Schiffsballast verwendet wurde.
Sie bringt nicht nur das Ökosystem aus dem Gleichgewicht, sondern sammelt sich auch in den Turbinen von Wasserkraftwerken und den Wasserleitungen. Zu ihrer Beseitigung ist es notwendig, das Kraftwerk und die Versorgungssysteme abzuschalten.
Da es keine natürlichen Raubtiere gibt, um dieses Problem zu lösen, ist die Idee einiger Biologen, die Entwicklung von freiwilligen Raubtieren zu fördern.
„Diese Arten in Nahrung zu verwandeln, könnte der Ausweg sein“, sagt Joe, Biologe an der Universität von Vermont in den USA und Autor des Blogs “Eat the Invaders“, einem Katalog mit Dutzenden von invasiven Arten und entsprechenden Rezepten, sie zu nutzen. „Die Herausforderung besteht darin, die Menschen dazu zu bringen, das, was sie als Essen betrachten, zu überdenken“, sagt der amerikanische Koch Bun Lai, Besitzer des Miya’s Sushi Restaurant in Connecticut.
Bun und sein Team servieren Gerichte aus Arten, die für das lokale Ökosystem invasiv sind, wie Krabben, Rotfeuerfische und Wildschweine. Das Ziel von Bun ist es, diese Problemarten aus der Umwelt zu eliminieren und gleichzeitig verschiedene, schmackhafte Gerichte zu kreieren.
Der Verzehr von Problemarten ist eine einfache Lösung für ein komplexes Problem. Aber es gibt Barrieren, die seine praktische Anwendung behindern. Das erste Hindernis ist die Umweltgesetzgebung. So sehr die Capivaras auch ein Problem für die Landwirtschaft darstellen, in mehreren Ländern ist die Jagd auf sie verboten. In den Vereinigten Staaten, wo die Jagd Tradition hat, ist die Bejagung invasiver Arten in einigen Bundesstaaten erlaubt, aber nicht in allen.
In Europa gibt es Jagdsaisonen für invasive und einheimische Arten. In Brasilien ist das einzige Tier, dessen Jagd vom brasilianischen “Institut für Umwelt und erneuerbare natürliche Ressourcen“ (IBAMA) erlaubt ist, das Wildschwein. Rio Grande do Sul ist der einzige Bundesstaat, in dem die Jagdsaison manchmal auch für andere Arten, wie den Feldhasen, eröffnet wird.
Als ich (ein Gelegenheits-Fleischesser) die Capivara-Haxen in meine Küche brachte, war die Idee herauszufinden, ob es möglich ist, exotische Arten in das tägliche Menü aufzunehmen. Da das Wildschwein bereits in den Steakhäusern angekommen ist, hatte ich mich für das Capivara entschieden. Es handelt sich zwar noch nicht um eine invasive Art, aber sein Haupträuber, der Jaguar, ist ein gefährdetes Tier. Da sie sehr anpassungsfähig sind und sich schnell vermehren, sind Capivaras zu opportunistischen Schädlingen geworden.
Um ökologisch korrekt zu sein, müsste man das Tier jagen. Aber da die IBAMA das Jagen von Capivaras nicht erlaubt, musste ich auf Züchter zurückgreifen. Das Capivara-Fleisch habe ich von “Cerrado Carnes Naturais“ bekommen, die Fleisch von exotischen Tieren verkaufen, die sie selbst gezüchtet haben. Ihre Besitzer befolgen die vom Landwirtschaftsministerium aufgestellten Regeln. Sie arbeiten zwar nicht mit an der Vermehrung von Wildschweinen und Capivaras im Ökosystem, aber sie helfen auch nicht bei deren Ausrottung.
Ich habe die Jagdbeschränkungen umgangen und es geschafft, einen Lieferanten zu finden. Die größte Herausforderung war es, die Geschmacksbarriere zu überwinden. Ich habe das Capivara fast 24 Stunden lang in der Würze marinieren lassen. Ich habe mich an ein Rezept aus dem Buch “Der Geschmack von exotischen Fleischsorten“ von Chefkoch Carlos Gabriel gehalten. Der Wein und die Kräuter konnten den charakteristischen Geruch des Capivara-Fleisches allerdings nicht abschwächen.
Ich habe die Haxen in den Ofen geschoben und sie drei Stunden lang gebraten. Während dieser Zeit breitete sich der Geruch des Fleisches in meiner Wohnung aus. Am Ende war mir schlecht, und ich konnte nur noch daran denken, das Fleisch fertig zu braten, damit ich den Geruch loswerden konnte.
Das Erscheinungsbild der gebratenen Haxen war gut. Das Fleisch war goldbraun und sehr zart. Die Textur erinnerte mich an Schweinshaxen. Obwohl ich als Laie das Fleisch eigentlich ganz schön fand, hat mich der Geruch immer wieder gestört. Ich nahm ein Stück mit einer Gabel und starrte es an. Ich zählte bis drei und steckte sie mir in den Mund. Der Geschmack war der gleiche wie der Geruch – schrecklich! Um dem Capivara gegenüber nicht unfair zu sein, bat ich eine Person, die das Fleisch noch nicht gerochen hatte, es zu kosten.
Mein Nachbar war der Auserwählte. Er liebte den Geschmack und wiederholte das Gericht sogar. Er war ein nachhaltigerer Fleischesser als ich. Wenn eines Tages die Jagd und der Verzehr von invasiven und opportunistischen Arten erlaubt ist, wird es ihm an Optionen auf der Speisekarte nicht mangeln. Für Leute wie mich ist es jedoch vielleicht besser, (wenn überhaupt) mit etwas Vertrauterem zu beginnen, bevor man sich wieder dem Geruch des Capivaras stellt. Vieleicht sollte ich mal eine Wildschweinhaxe probieren oder doch ganz auf Fleisch verzichten?