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Die Linke wusste es schon immer: Wirtschafts- und Finanzkrisen sind eine Eigenschaft freier Märkte. Die Menschen sind irrational und gierig und bringen darum, wenn sich selbst überlassen, eine Wirtschaft aus dem Gleichgewicht. Darum bedarf es der starken Hand des Staates, der das wirre Treiben der Menschen beaufsichtigt und kontrolliert, und schliesslich in gedeihliche Bahnen lenkt.
So lautet denn auch das Erklärungsschema der üblichen Verdächtigen für die jüngste Finanzkrise, die ihren Ausgang in der amerikanischen Immobilienkrise nahm. Das Handelsblatt berichtet:
Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass die Deregulierung der Finanzmärkte in den 80er- und 90er-Jahren eine der Kernursachen der Finanzkrise ist. Die exzessive Kreditvergabe in den USA, die Immobilienblase und der Beinahe-Zusammenbruch des gesamten Finanzsektors im Herbst 2008 - all das hätte es ohne den Rückzug des Staates aus der Bankenbranche so wohl nicht gegeben. “Der Druck in Richtung einer bestimmten Form von Deregulierung war eine Triebfeder für die Finanzkrise”, sagte Daron Acemoglu, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) auf der Jahrestagung der American Economic Association Anfang Januar in Denver.
Auch die Demokratische Mehrheit in der durch den US Kongress eingesetzten Kommission zur Aufklärung der Finanzkrise argumentiert konsequent auf dieser Linie: Deregulierung in Verbindung mit der Gier der Akteure an der Wall Street habe die Weltwirtschaft ins Verderben gestürzt. Die Republikanische Kommissions-Minderheit erkennt immerhin in einem abweichenden Votum eine Mitschuld der… nun, der Regulierung an: Demnach habe die Weichenstellung der Politik ganz wesentlich zur Entstehung der Immobilien-Blase beigetragen, indem Finanzinstitutionen zur Vergabe von Hypotheken angehalten wurden und die quasi-staatlichen Immobilienfinanzieren Freddie Mac und Fannie Mae die Finanzierung selbst riskantester Hypotheken möglich machten. Offenbar wäre in diesem Bereich eine Deregulierung hilfreich bei der Vermeidung der Finanzkrise gewesen…
Erstaunlich nicht nur bei den Voten beider politischer Lager, sondern insbesondere auch bei den zitierten wissenschaftlichen Studien zur Ursache der Finanzkrise ist die Kurzsichtigkeit der Analyse, bzw. der Unwille, die eigene Argumentation zu Ende zu denken. Denn was hier wie dort ausgeblendet wird, ist die Frage, woher denn all das Geld kam, das die Spekulations- und Kreditblase im Immobiliensektor erst möglich machte? Es ist schlicht eine unübersehbare Tatsache, dass die lockere Geldpolitik, insbesondere der US-Zentralbank, an der Wurzel der finanziellen und ökonomischen Verwerfungen steht. Ohne die Dollar-Schwemme von Greenspan und Bernanke wären weder “Credit Bubble” noch “Housing Bubble” oder wildeste Derivate-Spekulationen möglich gewesen. Doch wenn es um diese ganz zentrale, ja vielleicht die zentrale Erkenntnis bei der Analyse der Finanz- und Wirtschaftskrise geht, herrscht in Politik, Medien und weiten Teilen der Wissenschaft noch immer Schweigen im Walde.
Beinahe, denn auch das Handelsblatt berichtet:
Eine exzessive Kreditvergabe destabilisiert über kurz oder lang die Wirtschaft, zeigt auch ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte. Moritz Schularick (Freie Universität Berlin) und Alan Taylor (University of California, Davis) analysierten die Entwicklung von zwölf Industrieländern zwischen 1870 und 2008 und stellten fest: “Ein Boom bei Krediten ist historisch der verlässlichste Einzelindikator für Finanzkrisen.” Bis zum Ausbruch der Finanzkrise waren Notenbanken und die meisten Makro-Ökonomen überzeugt, dass der Entwicklung des Kreditvolumens in einer Volkswirtschaft keine weitere Bedeutung zukommt. Um ökonomische Stabilität zu sichern, brauche die Geld- und Finanzpolitik nur auf die Entwicklung der Verbraucherpreise und möglicherweise auf die Geldmenge zu schauen, waren sich fast alle Ökonomen einig. Doch inzwischen ist klar: Das war ein teurer Irrtum.
Warum dann der oberflächliche Fokus auf Regulierungen? Sicher, sektorale Regulierungen können dazu beitragen, die Form - oder wenn man so will: den Ort - einer Kreditblase zu beeinflussen. Sie haben jedoch nichts mit der eigentlichen Entstehung dieser Blasen zu tun. Sprich: Sicher könnte eine strengere Regulierung im Hypotheken-Sektor die Entstehung einer Immobilienblase erschweren. Dies würde jedoch alleine dazu führen, dass eine Spekulations- und Kreditblase in einem anderen Sektor entsteht, als dem Immobilienmarkt. Regulierungen können also Spekulation und Blasen nicht verhindern, wenn gleichzeitig eine Politik des billigen Geldes das Kreditvolumen aufbläst. Umgekehrt würde ein adäquate Versorgung des Marktes mit Geld (also ein freier Geldmarkt) die Entstehung von Blasen an der Wurzel bekämpfen - und entsprechende Regulierungen damit schlicht überflüssig machen.
Eine gründliche Analyse führt also zu der Erkenntnis: Regulierungen sind bestenfalls nutzlos und überflüssig, wahrscheinlicher ist jedoch, dass sie schädlich wirken. Denn es ist schlicht richtig, dass die Housing Politik der US-Regierungen Clinton und Bush und das Wirtschaftsgebaren der semi-staatlichen Hypothekenfinanzieren Freddie Mac und Fannie Mae die Immobilienblase in den USA angeheizt haben.
Auch die seit Eintritt der Krise ergriffenen Regulierungsmassnahmen führen eher zu erschreckenden Resultaten. So haben die staatlichen Interventionen zur Rettung einiger Branchen das Spekulationskarussell weiter angeheizt - das erkennen selbst die zuständigen Behörden:
Zwei Jahre nach Einrichtung des US-Bankenrettungsfonds TARP zieht der Chefkontrolleur des Programms eine vernichtende Bilanz. Zwar hätten die Milliardenhilfen für die Banken die Märkte beruhigt, schreibt der von der US-Regierung selbst eingesetzte TARP-Generalinspekteur Neil Barofsky in seinem jüngsten Quartalsbericht. Mit der Zusicherung, große Banken nicht fallenzulassen, habe die Regierung aber gleichzeitig die Saat für die nächste Krise gesät: “Sie hat dazu ermutigt, auch künftig hohe Risiken einzugehen.” Dies sei “ein Rezept für Katastrophen”.
Doch selbst die von Politikern - aufgrund des oben beschriebenen ”Deregulierungs-Mythos” - weltweit ergriffenen Massnahmen zur strengeren Kontrolle und Überwachung der Banken führen nur zu einer weiteren Destabilisierung der Weltwirtschaft:
Die Politiker übersahen eine gravierende Nebenwirkung ihrer Regulierungsarbeit. Je stärker sie den Bankensektor zähmten, desto mehr Geld wechselte in sogenannte Schattenbanken – in Hedge-Fonds, Private-Equity-Firmen oder Zweckgesellschaften. Allein in den USA belaufen sich nach Angaben der US-Notenbank die Verbindlichkeiten der Schattenbanken auf 15,3 Billionen Dollar – was in etwa der gesamten Staatsverschuldung der USA entspricht. Im traditionellen Bankensektor sind es nur 12,9 Billionen Dollar. Für Europa gibt es keine vergleichbaren Zahlen.
Es zeigt sich damit: Die “Deregulierung” war nicht Ursache der Finanzkrise. Diese Illusion und Fehlanalyse führt inzwischen sogar zu gefährlichen Reaktionen: Die ergriffenen Rettungs- und Regulierungsmassnahmen machen das Finanzsystem noch risikofreudiger und unübersichtlicher. Die nächste Finanz- und Wirtschaftskrise ist vorprogrammiert, solange die Wurzel des Übels nicht angegangen wird, nämlich die lockere Geldpolitik der staatlichen Zentralbanken.
Ist dies wahrscheinlich? Leider nein, wie eine lesenswerte Studie der Economiesuisse zur “Rückkehr der Inflation” zeigt. Die Autoren beschreiben darin, dass die Ungleichgewichte in den Bilanzen der grossen Zentralbanken und die enormen Schulden der öffentlichen Haushalte inzwischen eine restriktivere Geldpolitik faktisch verunmöglichen. Die starke Ausweitung der Liquidität im Nachgang der Finanzkrise wird darum nicht mehr “abgeschöpft” werden können, sie wird vielmehr weltweit weiterhin zu Preisblasen führen. Letztlich muss mit einer globalen Inflation gerechnet werden.
Dass eine solche Inflation von der Politik wohl sogar erwünscht ist, scheint plausibel, da aufgrund der Reformunfähigkeit der im Westen verbreiteten Umverteilungspolitik nur noch eine Inflation die öffentlichen Haushalte von ihrer enormen Schuldenlast befreien kann. Die Presse meldet:
Hochrangige Ökonomen wie Kenneth Rogoff plädieren auch schon in aller Offenheit für eine „kontrollierte“ Inflation von vier bis sechs Prozent pro Jahr, um die Staatsfinanzen zu stabilisieren. Die US-Notenbank scheint es ähnlich zu sehen, sie überschwemmt die Märkte seit Monaten mit frisch gedruckten Dollar-Scheinen. Mit dem Vorteil für die US-Regierung, dass Preise, Steuereinnahmen und nominelle Wirtschaftskraft steigen, wodurch Altschulden leichter bedient werden können. Auf diese Art und Weise haben sich die USA und viele europäische Staaten in der Vergangenheit bereits mehrfach entschuldet. Und sie werden es wieder tun.
Der “Ausweg” der Inflationspolitik ist dabei zugleich natürlich Auslöser künftiger Finanz- und Wirtschaftskrisen. Die Lehre aus der jüngsten solchen Krise ist darum eindeutig. Sollen Finanz- und Wirtschaftskrisen nachhaltig bekämpft werden, dann gibt es nur einen Ausweg: Der Politik muss das Instrument der Geldpresse entrissen werden! Nur ein marktwirtschaftliches Geldangebot kann die Fehlsteuerungen einer expansiven Geldpolitik der Zentralbanken vermeiden, und so die Entstehung von Kreditblasen wirksam verhindern. Die heutige Fokussierung auf das Randphänomen der Regulierung hilft nicht nur nicht weiter, sie erweist sich als zunehmend schädlich. Es ist höchste Zeit, sich den Blick nicht mehr von linken Legenden und anti-marktwirtschaftlichen Affekten verstellen zu lassen. Lassen wir die Politik nicht noch einmal mit ihren verantwortungslosen “Haltet den Dieb”-Spielchen davonkommen.
Für eine wirklich fundierte Analyse der Ursachen der Finanzkrise und notwendiger Lehren sei dem Leser zum Abschluss nochmals dieses kleine Werk des Autors, und auch diese überzeugende Studie des Ökonomen Huerta de Soto ans Herz gelegt. Aufklärung ist der erste, und vielleicht wichtigste Schritt zur Besserung unseres Geld- und Wirtschaftssystems!