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Ursina Müller aus Zürich arbeitete während sechs Monaten als freiwillige Apothekerin bei Calcutta Rescue und hat nach ihrer Rückkehr mit Ursula Gauch über ihre Arbeit in Kolkata gesprochen. Lesen Sie hier das Interview:
Wo befindet sich die Apotheke von Calcutta Rescue und wie ist das Apothekenteam zusammengesetzt?
Die Apotheke befindet sich seit September 2011 neu in der Nähe der Talapark-Klinik. Zum ersten Mal bietet sie nun genügend Platz für Medikamente, Pflegematerial, Dokumente und Computer. Das Team setzt sich aus vier fest angestellten indischen Mitarbeitern sowie ein bis zwei freiwilligen Apotheker oder Apothekerinnen zusammen. Zwei der indischen Angestellten sind seit über 10 Jahren für das Bereitstellen der Arzneimittel und des Pflegematerials für die verschiedenen Kliniken von Calcutta Rescue und für die Bestellung der Produkte zuständig. Der dritte Mitarbeiter, erledigt die Erfassung sämtlicher Daten im Computer. Ein Helfer, räumt und putzt, ordnet Unterlagen ein, erledigt Einkäufe usw. Ich war die Hauptverantwortliche in der Apotheke.
Welches waren deine Hauptaufgaben als Volontär-Apothekerin?
Als Leiterin überwachte ich die Beschaffung der Medikamente und des Materials, die Lagerhaltung und die Auslieferung an die Kliniken. Ich besuchte sie auch regelmässig, kontrollierte ihre Arzneimittelbestände und überwachte die Medikamentenabgabe. Ich war regelmässig in Kontakt mit dem ärztlichen Team, beantwortete pharmazeutische Fragen und informierte sie über neue Arzneimittel und Therapiemöglichkeiten. Zu meinen Aufgaben gehörten auch die Schulung von Mitarbeitenden im Rahmen des Pharmacy Lesson Programm, das Verfassen von Berichten und Leitlinien sowie die Optimierung von Arbeitsprozessen.
Wie läuft die Versorgung der Kliniken mit Medikamenten und den anderen Produkten aus der Apotheke ab?
Die Kliniken bestellen täglich. Sie füllen ein Bestellformular aus, welches jeweils am Morgen in die Apotheke gebracht wird. Die Medikamente und das Pflegematerial werden von den Mitarbeitern der Apotheke in Transportboxen bereitgestellt, von der Volontär-Apothekerin kontrolliert.
CR betreut und behandelt auch HIV-PatientInnen. Ist diese Betreuung für das Apothekerteam mit speziellen Aufgaben verbunden?
Da die HIV-Arzneimittel teuer sind, sind die Volontär-Apotheker jeweils persönlich für die Bestellung zuständig. Ich war während meines Einsatzes immer wieder mit Schwierigkeiten konfrontiert. Oft wurden die bestellten Medikamente nicht geliefert. Eine kontinuierliche Versorgung der Kranken mit HIV-Arzneimitteln ohne Unterbruch ist aber essentiell. Es brauchte manchmal viel Fingerspitzengefühl und es kostete Nerven, um doch noch eine Lösung zu finden und rechtzeitig zu den Medikamenten zu kommen.
Konntest du bei Beschlüssen, insbesondere was die Apotheke und Arzneimittel betraf, mitentscheiden?
Ich nahm am Medical Audit Committee (MAC) Meeting teil, wo jeweils besondere Krankheitsfälle vorgestellt wurden und das Gremium entscheidet dann, ob Calcutta Rescue die Behandlung übernehmen kann oder nicht. Im Meeting sprach ich auch Anliegen der Apotheke an, wie zum Beispiel die Prozessoptimierung. Meine Meinung zählte immer. Zum Teil konnte ich sogar mitentscheiden
Gibt es vielleicht ein Schlüsselerlebnis oder etwas, was dir besonders am Herzen liegt?
Ich genoss es sehr, meinen Beruf in einem völlig ungewohnten Umfeld auszuüben und eigentlich dasselbe Ziel wie zu Hause zu verfolgen, aber auf einem ganz anderen Weg dorthin zu gelangen. Jeder Tag war voller Überraschungen. Es war sehr spannend zu erfahren, dass es auch so funktionierte: am Schluss gelangte das richtige Medikament zum Patienten. Flexibilität, Gelassenheit und Zuversicht waren gefragt. Die Armut in Kolkata ist sehr gross. Es berührte mich immer wieder zu sehen, wie Calcutta Rescue Schulkindern und Kranken, die sonst keine Chance hätten, Hoffnung gibt. Das schönste Erlebnis für mich waren die strahlenden und stolzen Kinderaugen während einer vierstündigen Darbietung mit vielen farbigen Tänzen bei der Übergabe der Zeugnisse. Der riesige Theatersaal war voll besetzt mit stolzen Eltern. Dass diese extrem benachteiligten Kinder so fröhlich auf der Bühne stehen können und dank Calcutta Rescue eine Perspektive haben, hat mich sehr beeindruckt.