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Gustave Flaubert (1821-1880) war ein grosser Schriftsteller und Stilist, aber vielleicht ein noch grösserer Briefschreiber. Seine Briefwechsel sollten gleichwertig neben seinem literarischen Werk stehen. In deutscher Sprache liegt nur eine Auswahl vor, die Helmut Scheffel 1964 für den Goverts Verlag besorgt hat und immer noch auf der Backlist des Diogenes Verlags figuriert. Ende November 2007 hat der französische Verlag Gallimard in seiner renommierten Reihe „Pléiade“ den fünften und letzten Band der „Correspondance“ von Gustave Flaubert, betreut von Jean Bruneau und Yvan Leclerc, herausgebracht.
Uff, möchte man sagen. Endlich! Der Abschluss der Briefausgabe auf dem neuesten Stand der Forschung muss als grosse verlegerische Leistung und als wichtiges kulturelles Ereignis zur Kenntnis genommen und gewürdigt werden.
Der Band V umfasst die Jahre 1876 bis 1880. Es ist die Zeit, in der Flaubert an seinem Romanwerk „Bouvard et Pécuchet“ arbeitet. Es ist auch die Zeit, in der Flaubert in einem regen Briefverkehr mit dem russischen Schriftsteller Iwan Turgenjew steht, dem er am 8. Dezember 1877 anvertraut: „Moi, mon bon, je bûche, je pioche, et je surbûche comme la Négritie en personne“ (gemeint ist die Arbeit an „Bouvard und Pécuchet“). Helmut Scheffel hat diese Passage wie folgt übersetzt: „Ich rackere mich ab, ich schufte, ich hyperschufte wie eine ganze Schar von Pferden.“ Eva Moldenhauer hat sich in der Ausgabe des Briefwechsels von Flaubert und Turgenjew, die 1989 in der Friedenauer Presse erschienen ist, für folgenden Wortlaut entschieden: „Ich, mein Guter, ich rackere mich ab, ich schufte und schufte wie ein ganzes Heer von Sklaven.“ Der Ausdruck „Négritie“ hat offenbar beiden Übersetzern Unbehagen bereitet.
Politische Korrektheit kann man Flaubert kaum unterstellen. Die Dummheit („la bêtise“) der Menschen machte ihm zeitlebens zu schaffen. Die Unerträglichkeit der menschlichen Dummheit sei bei ihm zu einer regelrechten Krankheit geworden, schrieb der „Höhlenbär“ aus Croisset (wo er in der Nähe von Rouen lebte), und nur in der Wüste sei es ihm vergönnt, frei zu atmen.
Als ein Kritiker einmal die Bemerkung machte, die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt sei „ein Ausdruck des Sozialen“, stöhnte Flaubert auf: „Wo wird das Delirium der Dummheit aufhören?“ „Kanaille“ und „Kretin“ waren Kraftausdrücke, die Flaubert geläufig anwandte und die die Lektüre seiner Briefe so lustvoll macht.
Auch dann, wenn Flaubert derb wird. „Ich möchte nicht verrecken, ohne vorher noch einige Kübel voll Scheisse auf die Köpfe meiner Mitmenschen ausgegossen zu haben“ (am 8. November 1879 an Iwan Turgenjew).
Er stecke voller Wut, befand sich in einem unbeschreiblichen Zustand der Erbitterung („dans un état d‘exaspération impossible à décrire“) und fühlte sich müde wie ein zerfliessender „alter Camembert“, schrieb er. Die Arbeit am Roman „Bouvard und Pécuchet“, in dem er die gesammelten Dummheiten seiner Zeit zur Darstellung bringen wollte und zu dessen Vorbereitung er 1500 Bücher auf ihren Inhalt abgeklopft hatte, überstieg seine Kräfte. Quer durch den Briefwechsel kann man Flauberts Anfälle von Verzweiflung und Erschöpfung verfolgen.
Der Roman blieb unvollendet (die letzten Seiten fehlten). Flaubert starb am 7. Mai 1880. Aber der Briefwechsel liegt jetzt abgeschlossen vor. Ein Gewinn in jeder Hinsicht.