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Der Abstieg Venedigs und die Zukunft Europas
Es mag Zufall sein, aber auffällig ist es allemal: Immer wenn Bekannte von einem kurzen Aufenthalt in Venedig zurückkommen, berichten sie, dass sie es sehr schön fanden, aber auch eine leise Melancholie verspürten. Es sei deprimierend zu sehen, wie die einst stolze Stadt nur noch als Freilichtmuseum fungiere. Es rieche überall nach Dekadenz.
Auch Politiker scheinen solche Empfindungen zu haben, wenn sie Venedig besuchen. So fragte der ehemalige deutsche Aussenminister Joschka Fischer vor einigen Jahren in einer Kolumne: «Wird Europa ein ähnliches Schicksal wie einst die Republik Venedig ereilen? Eine grosse und stolze Vergangenheit, ein weltweiter Tourismusmagnet, aber ohne Zukunft?»
Ich war noch nie in Venedig und kann deshalb nicht mitreden. Gut möglich, dass ich auch melancholische Gedanken hätte. Aber aus der sicheren Distanz betrachtet kann ich dem Abstieg Venedigs, der im 16. Jahrhundert einsetzte, nur Gutes abgewinnen. Oder anders formuliert: Wer sich über die Zukunft Europas Gedanken macht, sollte sich nicht von Venedigs vergangener Pracht verunsichern lassen.
Denn Venedig verdankte seinen Reichtum zu einem grossem Teil einem Handelsmonopol, das es anderen Städten schwierig machte, direkten Zugang zu den östlichen Mittelmeerhäfen zu erlangen. Entsprechend waren die Preise für Gewürze und andere orientalische Kostbarkeiten stark überhöht. Genua versuchte immer wieder, die Vormachtstellung Venedigs zu brechen, aber unterlag jeweils militärisch.
Sehr früh begannen deshalb die Genuesen nach alternativen Routen nach Osten zu suchen. Im späten 13. Jahrhundert versuchten die Vivaldi-Brüder, mit dem Schiff um Afrika zu segeln. Sie scheiterten zwar, aber die Portugiesen liessen sich von ihnen inspirieren. Ende des 15. Jahrhunderts war es soweit: Vasco da Gama schaffte die Reise von Portugal nach Indien. Und ein anderer Genuese, Christoforo Colombo, brach zu grossen Expeditionen Richtung Westen auf, um nach China zu gelangen.
Damit war das Handelsmonopol Venedigs gebrochen. Als er von der Reise Vasco da Gamas erfuhr, schrieb der venezianische Botschafter in Kairo, dass dies die Lagunenstadt runieren werde: «causa de grande ruina del Stato Veneto». In der Tat, die Menge des aus Südostasien nach Europa und den Nahen Osten transportierten Pfeffers explodierte im 16. Jahrhundert (Tabelle aus Findlay/O’Rourke 2007, S. 203) – von 50 Tonnen auf 2000 Tonnen.
Als Folge davon sanken die realen Gewürzpreise, und die venezianischen Händler konnten nicht mehr ihre hohen Monopolgewinne einfahren. Antwerpen wurde zum grossen Umschlaghafen für orientalische Waren. Handelshäuser wie die Fugger, die vorher gezwungen waren, nach Venedig zu gehen, hatten plötzlich eine günstigere Alternative.
Die Preise sanken weiter, als die holländische und die englische East India Company im 17. Jahrhundert in den Asienhandel einstiegen. Die Venezianer hatten keine Chance mehr mitzuhalten, vor allem bei den Pfefferpreisen. Die Holländer und Engländer überflügelten die Venezianer bald auch bei der Wolltuchproduktion. Die venezianischen Tücher galten als besonders schön, aber waren auch besonders schwer. Als die englischen und holländischen Produzenten es dank Innovation schafften, leichte Stoffe anzubieten, verschob sich die Nachfrage. Vor allem die Osmanen, die bisher zuverlässige Kunden Venedigs gewesen waren, sprangen ab. Sie trugen lieber leichte Sachen.
Der Abstieg Venedigs war also keineswegs eine Tragödie, sondern zeugte von der Vitalität Europas. Und vielleicht sollten die melancholischen Venedig-Reisenden auch einmal daran erinnert werden, dass die Provinz Veneto nach wie vor zu den reichsten Regionen der Welt gehört. Nach dem Abstieg der Republik Venedig war nicht einfach Schluss, sondern es fand während der Zeit der Industrialisierung ein erfreulicher Wiederaufstieg statt.
Es ist wie überall in Europa: Die einzelnen Städteregionen mögen gute und schlechte Zeiten erlebt haben, aber bis heute ist der Städtegürtel, der im Hochmittelalter entstand, das Rückgrat der europäischen Wirtschaft. Venedig lebt!