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Himmelfahrt, 5. Mai 2005

Liebe Gemeinde!
Vom Profeten Elia wird berichtet, daß er sich einmal ziemlich mutlos und offenbar der Verzweiflung sehr nahe in einer Berghöhle verkrochen hatte und seinem Gott Jahwe sein Leid zu klagen versuchte. Er wünschte sich sehnlichst die Nähe und Geborgenheit Gottes. Da kam ein gewaltiger Sturm. Es kam ein erdbeben, das den Berg in seinen Grundfesten erschütterte, aber Jahwe war nicht in dem Erdbeben. Es kam ein Feuer, aber jahwe war auch nicht in dem feuer. Dann kam ein stilles, sanftes Sausen, ein Nichts. In diesem stillen, sanften sausen hörte Elia die Stimme jahwes, seines Gottes.
Wo wohnt Gott? Kann man ihm ein festes Haus bauen? Das ist die Frage Salomos bei der Einweihung des von ihm gebauten Tempels.
Aber erzählen wir von Anfang an: das Volk Israel hatte sich als einziges Volk weit und breit von der Vorstellung eines verfügbaren Gottes losgesagt. Sein Gott Jahwe hatte keine Statuen und Bilder, keine heiligen Haine und keine heiligen Zeichen nötig. Gewiß, es gab ein paar Orte und Gegenstände, die die Nähe Jahwes immer wieder in Erinnerung riefen, aber sie waren nicht gegenstand der Anbetung. Als wichtigstes Symbol dieses Erinnerns an die großen Taten Gottes und an den Bund, den er mit seinem Volk geschlossen hatte, gab es die Bundslade. Das war eine Art Truhe mit den Geboten Jahwes. In einem Zelt wurde sie aufbewahrt. Sie konnte bei Kriegszügen und Wanderungen mitgenommen werden. Durch die in ihr aufbewahrten Tafeln mit den Geboten gab sie dem Volk das Gefühl, Gott ist gegenwärtig. Mehr und mehr wurde diese Lade auch zum Symbol für die Einheit des Volkes und den gemeinsamen Glauben an Jahwe.
David, der große König Israels und Einiger der Stämme, kam auf den Gedanken, dieser Bundeslade einen festen und würdigen Platz zu bauen. Es sollte ein Haus werden, größer und prächtiger als alles bisher gesehene. Es sollte ein Tempel werden zur Ehre Jahwes. Hier sollte Jahwe angebetet werden. Die Bundeslade mit der von Jahwe, dem einzigen Gott Israel, gegebenen Ordnung sollte im Mittelpunkt stehen. Und mit der Verehrung der Bundeslade sollte der Gott, der sich in der Geschichte Israel als der Herr erwiesen hatte, geehrt werden. Es sollte ein Haus Gottes werden.
David ließ Zedernholz aus dem Libanon beschaffen und Kupfer, Eisen und Steine, aber den Bau konnte er nicht beginnen. Blut, zu viel Blut klebte an seinen Händen, hatte er in seinen Kriegen vergossen, als daß er zu Gottes Ehre ein Haus buen konnte.
Erst sein Sohn und Nachfolger auf dem Königsthron, Salomo, war würdig, den Tempel zu bauen. Und er machte sich ans Werk. Es wurde ein großartiger Bau, ein Tempel im Namen Jahwes. Dieser Tempel wird jetzt eingeweiht. Salomo redet dabei nicht das Volk an, sonden spricht vor dem Volk in einem großen Gebet mit Gott.
Da wird er von der Größe und Macht Gottes überwältigt. Da spürt er, wie klein sogar dieser große und prächtige Tempel vor Jahwe, seinem Gott, ist. Sein Stolz auf dieses machtvolle und herrliche Werk, das er da hat bauen lassen, zerschmilzt. „Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Der Himmel, ja das Weltall können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?“ So seine Erkenntnis, die er vor Gott trägt. Nur du, Gott, kannst diesem Haus einen Sinn geben, indem du darüber wachst, was in diesem Haus geschieht, und die Gebete deines Volkes hörst.
„Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen?“ In diesem Tempel, gebaut zu seiner Ehre und in sseinem Namen, hat er offenbar nicht gewohnt. Der Tempel wird zerstört. Die Bundeslade vernichten die Feinde. Erst viel später – als ds Volk aus der Gefangenschaft zurückkehren kann – wird einneuer Tempel gebaut. Und wieder wird die Frage laut: „sollte Gott wirklich auf Erden wohnen?“ In diesem zweiten Tempel bleibt das Allerheiligste, der Ort, der einmal für die Bundeslade bestimmt war, leer. Ein leerer Raum für Gott. In diesem Raum darf nur der Hohepriester den Namen Gottes preisen. Und so, wie beim ersten Tempelbau Salomo zu Gott rufen kann: „So habe ich nun ein Haus gebaut dir zur Wohnung, eine Stätte, daß du ewiglich dort wohnst.“ Ist dies auch ein starker Gedanke beim Bau des zweiten Tempels. Und so wie Salomo unsicher wird und fragt: „Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen?“ deutet der leere Raum für Gott darauf hin, daß auch die Erbauer des zweiten Tempels diese zweifelnde Frage umtreibt.
Diese beiden Gedanken, Gott einen Tempel, einen heiligen Raum zu schaffen und zugleich auch zu spüren, daß Gott nicht in einem von Menschen geschaffenen Raum Wohnung nehmen kann, bewegt auch die christliche Gemeinde von Anfang an.
Da berichten uns die Evangelien: Petrus, Jakobus und Johannes, die drei Jünger haben ein besonders aufregendes Erlebnis mit Jesus. Er wird vor ihnen zu einer leuchtenden Gestalt, flankiert von Moses und dem Profeten Elia. Der erste Gedanke ist: Hier ist ein heiliger Ort. „Herr hier ist gut sein. Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen.“ So faßt es Petrus in Worte. Ein faszinierender Gedanke: Es würde einen Ort geben, an dem Gott, durch Jesus Christus gegenwärtig wäre. Dieser Gedanke vergeht den Jüngern als sie die Stimme Gottes vernehmen. Es geht nicht mehr um den Ort als festen Punkt, zu dem man auch zurückkehren kann. Jesus macht ihnen deutlich, daß es eine Bewegung auf ein Ziel hin gibt, daß sie einen Weg zu gehen haben. Dieser Weg ist nicht leicht. Leiden und Tod werden sie auf diesem Weg erfahren. Was sie auf diesem Weg hält, ist die Hoffnung, daß am Ende der ewige Tod überwunden ist und durch Jesus Christus die Auferstehung und das Lebenim Reich Gottes stehen.
In der Folgezeit haben es die Christen auch immer einmal wieder versucht, heilige Orte, Orte der Gegenwart Gottes oder Jesu zu finden oder zu bauen. Aber trotz all der vielen Versuche, die prächtigsten Gotteshäuser zu bauen, um Gott einen angemessenen Raum zu geben, immer wieder muß die christliche Gemeinde erkennen, Gott kann nicht an Orte, auch nicht an Zeremonien gebunden werden. Die Überlieferung von der Himmelfahrt Jesu macht dies deutlich. Und die Baumeister der wuchtigen romantischen Dome, der mit den kühnen Bögen in den Himmel strebenden gotischen Kathedralen oder der sich mit Deckengemälden zum Himmel öffnenden Barockkirchen haben dies sehr wohl verstanden und ihre Werke als Abbild des himmlischen Jerusalem oder als Symbole für die Königsherrschaft Gottes verstanden.
Den Jüngern, die ihrem Herrn nachsehen, vielleicht von Furcht und Staunen erfüllt, wird gesagt: „Was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.“ In einer anderen Überlieferung, die in den Evangelien nach Matthäus und Markus aufgeschrieben ist, sagt Jesus seinen Jüngern als letztes Wort: „Geht hin in alle Welt“, lehrt alle Völker, verkündet die frohe Nachricht von der Liebe Gottes allen Menschen, tauft sie auf den Namen Gottes, der sich als der Vater, der Sohn und der Heilige Geist den Menschen kundtut.
Salomo baute den Tempel, um den Namen Gottes zu verherrlichen. Für die christliche Gemeinde steht fest, daß nach Jesu Tod und Auferstehung und seiner Annahme durch Gott, durch die Taufe der Name Gottes verherrlicht wird.
Nun sollen wir die Geschichte vom Tempelbau am Himmelfahrtstag im Gottesdienst bedenken. Wir sollen also diese alte Geschichte mit dem ziemlichen sperrigen Fest der Himmelfahrt Christi in eine Verbindung bringen. Ich denke mir, das kann nur über die Frage Salomos gehen: „Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen?“ und über die Antwort, die die Jünger erhalten: Was seht ihr in den Himmel, geht hin. Oder – anders gesagt – es geht um die Frage: Brauchen wir Christen einen festen Ort, an dem auch Gott seinen Ort hat, um anzubeten und den Namen Gottes zu preisen?
Der Verfasser des Hebräerbriefes gibt eine Antwort. In dieser Antwort ist gleichzeitig die Botschaft dieser für uns manchmal sperrigen Geschichte von der Himmelfahrt Christi zusammengefaßt: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“
Amen.
Pastor i. R. Richard Engelhardt

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