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Man stelle sich vor in einem Wagen mit laufendem Motor zu sitzen, ohne jemals gelernt zu haben, wie man das Steuerrad oder die Bremsen bedient. Mit dem Verstand verhält es sich nicht anders. Wir haben nie gelernt, wie man den Verstand benutzt. Wir wissen wenig oder nichts über seine verschiedenen Funktionalitäten wie Vernunft, Willensstärke, Gefühle oder Sinnes-wahrnehmungen. Der Verstand ist das wichtigste Instrument des Menschen und dennoch weiss kaum jemand, ihn zu benutzen. Wenn wundern da die vielen Unfälle.
Ähnlich verhält es sich zum Beispiel mit dem Feuer. Wenn wir die Qualitäten und Funktionsweisen des Feuers nicht kennen, werden wir uns höchstwahrscheinlich verbrennen. Das bedeutet nicht, dass wir schlechte Menschen sind oder das Feuer etwas Schlechtes ist. Wenn ein Aspekt des Verstandes z.B. die Psyche krank wird (sich verbrennt), bedeutet das nicht, dass der Mensch schlecht oder minderwertig ist. Die Krankheit ist letztendlich das Resultat unserer Ignoranz gegenüber der Natur des Verstandes.
„Ich denke, also bin ich.“ Wenn wir mal davon ausgehen, dass der nette Herr Descartes vor gut 500 Jahren nicht alles gewusst hat, könnte man eine andere Hypothese als Ausgangslage vorschlagen: Der Verstand ist ein Objekt, ein Instrument und somit getrennt von unserem Bewusstsein und unserer wahren Identität. Er ist ein Objekt aus Materie, ständig in Bewegung, von dualistischer Natur, in seinen Fähigkeit begrenzt und somit unserem kleinen Zeh nicht unähnlich. „Ich denke, also bin ich nicht ICH.“
Wenn der Verstand also ein Objekt ist, dann können wir in beobachten. Die meiste Zeit verbringen wir aber damit, den Bewegungen des Verstandes zu folgen. Wenn wir uns von den Aktivitäten des Verstandes lösen, stellen wir fest, dass unser Verstand beobachtet werden kann und somit ein Objekt sein muss. Wir sagen auch unbewusst „mein“ Verstand und implizieren damit, dass der Verstand nicht unser wahres ICH ist, so wie mein kleiner Zeh auch nicht mein wahres ICH ist.
Diese Beobachtung erfordert aber ein hohes Maas an Aufmerksamkeit und die Erkenntnis oder zumindest die Bereitschaft zur Annahme, dass wir nicht das sind, was wir unser ganzes Leben geglaubt haben, dass wir nicht die vom Verstand produzierte Persönlichkeit sind.
Und wenn der Verstand nur ein Instrument ist, dann können wir lernen, dieses zu nutzen, so wie wir die Instrumente der Augen, Ohren und anderen Sinnesorgane nutzen. Wir können unsere Willensstärke schulen, unsere Gefühle kultivieren oder die Sinneswahrnehmungen erweitern. Leider hat die Gesellschaft vergessen, dass der Verstand nur ein Instrument ist. So sagen uns die Bewegungen des Verstandes wer wir sind und was wir tun sollen. Man könnte uns auch die Sklaven des Verstandes nennen.
Wenn wir den Verstand beobachten stellen wir fest, dass er immer in Bewegung ist. Er bewegt sich immer sprunghaft zwischen verschiedenen Wahrnehmungspunkten, um so ein Bild Welt für uns zeichnen zu können. Er bezieht aber immer nur einige wenige Referenzpunkte mit ein. Nie kann der Verstand das ganze Bild oder die ganze Realität erfassen. Wenn wir einen Baum ansehen, suggerieren das grüne Blattwerk und der kräftige Stamm unserem Verstand das Bild eines Baumes, weil er aus der Erinnerung weiss, dass diese Referenzpunkt „Baum“ bedeuten. So ähnlich wie wenn ein Künstler durch das Anordnen von Linien in einer bestimmten Weise Tiefe oder Dreidimensionalität suggeriert, obwohl es nur Linien auf einem Blatt Papier sind. Mit dem gleichen Prozess begegnet der Verstand auch anderen Menschen und sogar uns selbst. Aufgrund weniger Referenzpunkte kategorisiert er den Menschen oder sein Handeln, ohne die ganze Realität zu erfassen.
Der Verstand hat also eine greifbare Struktur, wird von Energien und Interaktionen definiert, die sich beobachten lassen. Er besteht nicht aus physischer Materie wie z.B. das Gehirn. Die Materie ist subtiler, nennen wir sie Äther. Sie ist wie gesagt immer in Bewegung und nicht ortsgebunden. Wo auch immer wir unsere Aufmerksamkeit hin lenken, der Verstand ist mit dabei. Dies kann auch ausserhalb des physischen Körpers sein. Seine Fähigkeiten sind also jenen der anderen physischen Instrumente des Menschen überlegen. Der Verstand ist nicht einmal an Raum und Zeit gebunden. Ohne Probleme reisen die Gedanken über Kontinente, in die Zukunft oder die Vergangenheit. Da der Verstand sich allerdings nur zwischen Referenzpunkten bewegt, die er dann mit seinen Erinnerungen vergleicht, ist es der Verstand selbst, der überhaupt erst eine Vorstellung von Raum und Zeit entstehen lässt. Er kann nicht die ganze Realität der Ereignisse erfassen und kreiert eine Zeitachse, um die Ereignisse einordnen zu können. Und solange wir glauben, wir wären die vom Verstand gezeichnete Persönlichkeit unterliegen wir auch den Grenzen des Verstandes.
Jegliche Materie unterliegt der Dualität, so auch die subtile Materie des Verstandes. Er bewegt sich zwischen verschiedenen Referenzpunkten, welche er anhand seiner Erinnerungen und dem daraus entstanden Wertesystem qualifiziert. Doch er kann „gut“ nur als gut klassifizieren, weil er es als das Gegenteil von „schlecht“ erkennt. Egal worüber wir nachdenken, der Gedanke kreiert immer auch das Gegenteil. Wenn wir einer Person sagen, sie soll nicht an einen rosa Elefanten denken, erscheint zwangsläufig dieses Bild in ihrem Verstand. Es ist also auch nicht ratsam, unseren Verstand in eine bestimmte Richtung lenken und so erziehen zu wollen. Vielmehr sollten wir die Absicht setzen, unsere Gedanken in die Mitte zwischen den dualen Polen zu bewegen.
Doch hinter den sprunghaften, limitierten Bewegungen des Verstandes liegt ein konstantes Bewusstsein ohne Materie, ohne Bewegung, ohne Limitationen. Dieses Bewusstsein unterliegt nicht der Vorstellung von Raum und Zeit und lässt sich durch den Verstand auch nicht erfassen. Es ist der Beobachter des Verstandes, unser wahres ICH.
Solange wir uns auf der Ebene des Verstandes bewegen, werden wir von einer äusseren Realität der Sinneswahrnehmungen dominiert und haben keinen Zugang zur inneren Realität. Der Verstand selbst verfügt nicht über Bewusstsein. Er erscheint bewusst und intelligent, weil sich das reine Bewusstsein in unserem mentalen Feld spiegelt. Genauso wie der Verstand nicht selbst sehen kann, sondern nur den Sinneseindruck der Augen reflektiert und einordnet. Unsere mentale Vorstellung von Bewusstsein ist also nichts anderes als ein Gewitterhagel von Momentaufnahmen, die der Verstand als Bewusstsein interpretiert, ohne die ganze Realität erfassen zu können.
Um dieses reine Bewusstsein zu erlangen, müssen wir über die Bewegungen und Vorstellungen unseres Verstandes hinaus gehen können. Doch da befinden wir uns im Niemandsland, welches der Verstand weder erfassen noch erklären kann. Dieser Prozess erfordert also blindes Vertrauen darauf, dass da hinter dem Verstand noch etwas Grösseres kommt. Vertrauen ist aber nicht eine Qualität des Verstandes, mit dem wir uns für solange Zeit identifiziert haben.
Sich mental mit der Vorstellung anzufreunden, dass der Verstand nur eine leere Leinwand ist, auf welche unterschiedliche Bilder projiziert werden, ist ein erster Schritt, um unsere Identifizierung mit den Bewegungen und Trugbildern des Verstandes zu lockern und uns auf die Suche nach dem reinen Bewusstsein zu machen. In unserem Verstand bilden wir also einen neuen Referenzpunkt, der besagt, dass der Verstand selbst nicht die allwissende Institution ist, für die wir ihn gehalten haben. Dieser Referenzpunkt muss dann durch Erfahrung (weitere Referenzpunkte) verifiziert werden. Erst nach diesem oft langwierigen Prozess entsteht in unserer begrenzten, mentalen Realität die Möglichkeit, neue Erfahrungen ausserhalb der Wahrnehmung des Verstandes zu machen. Und hier beginnt die Reise, eine Reise, die man mit Worten niemals beschreiben kann.