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Jean Willi hat viel erlebt: Als Jugendlicher sah er mit an, wie sein Vater wegen Mordes ins Gefängnis kam, es folgten ein Buch darüber und ein Leben als Aussteiger auf Ibiza. Kürzlich ist sein zweiter Roman erschienen. Wir trafen den Basler Autor auf der Herbstmesse und stöberten gemeinsam in seinen Erinnerungen.
«Man hat Mama vor dem Schlafzimmerfenster gefunden. Da hat sie sich aufgehängt. Sie war krank. Sie wollte, dass dein Vater ins Zuchthaus kommt.»
Alex rührte sich nicht.
Jean Willi steht mit einem Plastikbecher Bier in der Hand vor dem grossen Karussell auf dem Petersplatz und sagt: «Wenn du wissen willst, wie es genau war, lies dieses Buch.» Er spricht von «Sweet Home», das vor 15 Jahren erschien und seine Geschichte erzählt.
Alex, das ist Jean Willi und Mama ist seine Stiefmutter, die man im April 1953 in ihrer Wohnung erhängt fand. Darauf wurde Robert Willi, der Vater des damals achtjährigen Jean, wegen Mordes verurteilt und verbrachte 15 Jahre im Gefängnis. Ob er wirklich schuldig war, wird bis heute stark bezweifelt. Er sei sich zu 99 Prozent sicher, dass sein Vater unschuldig war, meint Willi und trinkt einen Schluck Bier. «Niemand kann es wissen.»
Schreiben nach dem Justizfall
In dieser Geschichte soll es eigentlich um die Herbstmesse gehen, die Jean Willi selten auslässt, auch wenn er seit 40 Jahren auf Ibiza lebt. Es soll aber auch um sein neues Buch «Ödipus im Hier und Jetzt» gehen, das seit Kurzem erschienen ist, ein kluges Buch über einen Jungen, der nach dem Tod seiner Mutter versucht, seinen Vater ausfindig zu machen.
In erster Linie geht es aber um Jean Willi selbst, und da ist die wichtigste Anlaufstelle dieses Buch, das er als Reaktion auf die Geschichte um seinen Vater niederschrieb. Der Fall war minutiös dokumentiert und Willi dachte, indem er die Geschichte aufschrieb, würde er damit abschliessen können. «Leider war das Gegenteil der Fall. Es kam alles wieder hoch.» Obwohl er mit dem Buch den Fall publik gemacht hatte, fühlte er sich nach dessen Erscheinen umso mehr mit seiner Geschichte allein.
«Aber das ist lange her.» Jean Willi lächelt. Die Leute würden immer die Hände vors Gesicht schlagen und ihn bedauern, dabei sei das halt einfach nunmal so. Daran lasse sich nichts ändern. «Und jetzt – was möchtest du noch wissen?»
Göschenen–Airolo
Willi ist 1945 in Basel geboren, kurz nach seiner Geburt trennten sich die Eltern, er wuchs bei seiner Tante auf und absolvierte eine Grafikerlehre, «damit ich was Ordentliches lernen würde, wie mein Vater meinte». Die ewigen Diskussionen in seiner Jugend um seine berufliche Zukunft leuchteten ihm selten ein. «Wieso heisst es immer, man müsse etwas werden, wie kann man das überhaupt: etwas werden? Das habe ich nie verstanden.» Wenn der Vater fragte: «Was wird aus dir?», dann schwieg der junge Jean. Göschenen–Airolo.
Muskeln hatte er nicht nötig, er war ein Kopfmensch, ein Intellektueller, dem Körpergehabe entwachsen. Er schwamm schnell, wenn er musste, und war beim Tischtennis nicht der Schlechteste; aber alles zu seiner Zeit.
Er wohnte in Basel und Paris, in Zwischennutzungen, ganzen Häusern für 400 Franken, in Zimmern mit nur einer Matratze, einem Lautsprecher und seiner Plattensammlung, mehr brauchte es nicht. Anfang Dreissig entschied er sich, mit einem Auto in die Sahara zu fahren. «Ein Jahr, dann wollte ich wieder zurück sein.» Doch es kam anders: Auf dem Rückweg über Spanien beschloss seine damalige Freundin, auf Ibiza zu bleiben. Und Jean Willi blieb auch. Im Verlauf der Jahre baute er sich ein Haus, in dem er noch heute wohnt, seit dem Tod seiner Frau allein mit einem Spanischen Windhund.
Als Halbstarker auf dem Petersplatz
In Basel ist er mindestens zweimal pro Jahr – zur Fasnacht und wie jetzt zur Herbstmesse. «Die Herbstmesse hat mich schon in meiner Jugend fasziniert, wenn ich als Halbstarker – sagt man das heute noch? Halbstarker? – beim Aufbau auf dem Petersplatz herumlief und die Schausteller bei ihrer Arbeit beobachtete.»
Alex war überrascht, wie schnell und wie gut er sich mit den Halbstarken verstand, die die Bahn aufstellten. (…) Fragten sie ihn etwas, machten sie sich nicht über ihn lustig. Sie nahmen ihn ernst. Dann wünschte er sich, mit ihnen weiterzuziehen und auf einer Bahn zu arbeiten.
Wenn Willi jetzt jeweils nach ein paar Monaten wieder in Basel ankommt, setzt er sich zuerst einmal in die Küche einer guten Freundin und trinkt einen Kaffee. Kommt an. Ganz wie früher sei es aber nicht mehr, und das läge nicht nur an seinen Besuchen im Schiesser, die wohl auch eine Frage des Alters seien. «Ich merke schon, dass ich mich heute anders in Basel bewege als früher», sagt er. «Vielleicht sogar ein bisschen als Aussenseiter.» Letzteres klingt mehr wie eine Frage als wie eine Aussage. Willi schüttelt den Kopf. «Ich fühle mich hier aufgehoben, aber mein Zuhause ist auf Ibiza.»
Alles reale Personen
Ob er vielleicht ein bisschen wie die Aussteiger in «Ödipus im Hier und Jetzt» sei, auf die der Protagonist Philip im Verlauf seiner Suche trifft, frage ich ihn. Jean Willi nickt langsam. Die farbigen Charaktere im Buch sind alles real existierende Personen aus seinem Umfeld. «Ödipus im Hier und Jetzt» sei quasi der Fortsetzungsroman von «Sweet Home», nach den 50er- und 60er-Jahren in Basel folgt damit die Geschichte der 68er, der Aussteiger und Edelstein-Hippies der New-Age-Bewegung.
Und im folgenden Buch geht es dann um die gestressten Manager der 90er? Weit gefehlt: Das nächste Buch spielt auf Ibiza und ist ein Thriller. Trotz seiner bald 70 Jahre denkt Jean Willi noch lange nicht ans Aufhören, er malt und schreibt noch jeden Tag und wenn ihm die Ideen ausgehen, dann steckt er Zettel und Stift in die Hosentasche und macht einen Spaziergang in den trockenen Hügeln, die sein Haus umgeben.
Das Bier ist leer, die Herbstmesse schliesst gleich. Nur noch eine Frage: Auch wenn Jean Willi jetzt auf Ibiza wohnt und die vielen Geschichten längst alle in Bücher gepackt sind, ist der Alex von damals auf dem Petersplatz noch da? Ist das er, auch nach all den Jahren noch? Jean Willi überlegt eine Weile, ohne seinen Blick von mir abzuwenden. Schliesslich nickt er und schmunzelt. Ja, das könne man so sagen.
Jean Willi: «Ödipus im Hier und Jetzt», Vidal Verlag Winterthur, 247 Seiten. ISBN 978-3-9524368-0-6