Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03420.jsonl.gz/2832

| Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)

Dreizehnte Unterredung, welche die dritte des Abtes Chäremon ist, über die Hilfe Gottes.
16. Von der Gnade Gottes, infofern sie die engen Gränzen des menschlichen Glaubens überschreitet.
Niemand aber möge glauben, daß wir Dieß vorbringen, [S. 91] um die Behauptung festzuhalten, es bestehe der Grund unseres Heiles in der Macht unseres Glaubens, nach der unheiligen Meinung Einiger, die Alles dem freien Willen zuschreiben und lehren, die Gnade Gottes werde nach dem Verdienste eines Jeden zugetheilt. Nein, wir erklären für unsere bestimmte Meinung, daß die Gnade Gottes zuweilen 1 die engen Grenzen des menschlichen Unglaubens überströme und übersteige. Das geschah, wie wir uns erinnern, an jenem Königsbeamten des Evangeliums, 2 der in dem Glauben, daß es leichter sei, seinen kranken Sohn zu heilen, als ihn nach dem Tode aufzuerwecken, eilends um die Nähe des Herrn fleht und sagt: „Herr, komm, bevor mein Sohn stirbt.“ Christus tadelte zwar seinen Unglauben, indem er sagte: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder sehet, glaubet ihr nicht;“ aber er entfaltete doch in Rücksicht auf die Schwäche dieses Glaubens die Gnade seiner Gottheit und vertrieb die tödtlichen Fieber, wenn auch nicht durch seine Gegenwart, wie Jener geglaubt hatte, so doch durch das Wort seiner Macht und sprach: „Geh, dein Sohn lebt.“ Diesen Überfluß der Gnade hat, wie wir lesen, der Herr auch bei der Heilung des Gichtbrüchigen ausgegossen, da er ihm, der nur um Heilung der Krankheit bat, durch die der Körper geschwächt war, zuvor die Gesundheit der Seele verlieb, indem er sagte: 3 „Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ Hierauf erst, um den Unglauben der Schriftgelehrten, die nicht annehmen wollten, daß er die Sünden der Menschen vergeben könne, zu beschämen, stärkte er durch die Macht seines Wortes auch die Glieder des Kranken, welche durch die Gicht gelähmt waren, und sprach: „Was denkt ihr Böses in euern Her- [S. 92] zen?“ Was ist leichter zu sagen: „Deine Sünden sind dir erlassen, oder zu sagen: Steh auf und geh? Damit ihr aber wisset, daß des Menschen Sohn Macht hat auf Erden, Sünden zu vergeben:“ so sprach er zu dem Gichtbrüchigen: „Steh auf, nimm dein Bett und geh in dein Haus!“ Ähnlich zeigte er bei Jenem, 4 der acht und dreissig Jahre vergebens am Rande des Teiches gelegen war und von der Erregung des Wassers Heilung gehofft hatte, den Reichthum seiner ungebetenen Freigebigkeit. Denn als er in der Absicht, Diesen für die Heilsmittel anzuregen, ihn gefragt hatte: „Willst du gesund werden?“ — und als Jener über den Mangel menschlicher Beihilfe klagte und sprach: „Ich habe keinen Menschen, der mich, wenn das Wasser bewegt wird, in den Teich bringen würde:“ da war er nachsichtig mit dem Unglauben und der Unwissenheit desselben und gab ihm die frühere Gesundheit wieder zurück, aber nicht auf dem Wege, auf welchem Jener gehofft halte, sondern wie der Herr in seiner Erbarmung es wollte, indem er sprach: „Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause!“ Und warum soll man sich wundern, wenn erzählt wird, daß Solches durch die Macht des Herrn geschehen sei, da ja die göttliche Gnade Ähnliches durch ihre Diener gewirkt hat? Denn als 5 beim Eintritte des Petrus und Johannes in den Tempel jener vom Mutterleibe aus Lahme, der das Gehen gar nicht konnte, sie um Almosen bat, schenkten Jene nicht das elende Erz, welches der Kranke verlangte, sondern als Liebesgabe das Gehen und bereicherten so den auf eine ganz kleine Unterstützung Hoffenden mit der Gabe der Gesundheit, indem Petrus sprach: „Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh!“
1: Cassian thut sich wahrhaftig ohne Grund Etwas darauf zu gut, daß er in ganz willkürlicher Weise „zuweilen“ der Gnade das zuschreibt, was ihr immer gehört, den Anfang des Heiles; wie die Fülle und das Ende desselben.
2: Joh. 4, 46 ff.
3: Matth. 9, 2 ff.
4: Joh. 5, 5 ff.
5: Apostelg. 3, 2 ff.