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Ursachen und Sinn
Denken und Fühlen
Dr. med. Berthold Rothschild
Der sich gesund fühlende Mensch hat die Fähigkeit, seine Erlebnisse und Erfahrungen auf eine individuelle, gefühlsmässige und/oder verstandesmässige Weise zu verarbeiten. Bei wichtigen Ereignissen, in zwischenmenschlichen Beziehungen und auch, wenn er sich mit seiner eigenen Person befasst, kommen meistens beide Erfahrungssysteme, dasjenige des Fühlens wie auch des Denkens, zum Zuge und ermöglichen ihm so, eine bestimmte Situation ganzheitlich zu erfassen. Wer zum Beispiel einen Unfall miterlebt, der wird zunächst eine gefühlsmässige Betroffenheit spüren (z.B. Angst, Neugier usw.) und parallel darüber nachdenken, welche Massnahmen jetzt zu treffen sind.
Es kann durchaus sein, dass das eine der Systeme besser ausgebildet ist, rascher zum Zug kommt, und dass das jeweils andere System langsamer oder schwächer teilnimmt. In Situationen der Verliebtheit zum Beispiel wird das Gefühlsmässige stark im Vordergrund stehen, bei der Lösung von Schulaufgaben hingegen wird vor allem das Denksystem beansprucht. Die Fähigkeit, in einer bestimmten Lage das Fühlen und Denken zu regulieren und der Situation möglichst gut anzupassen, ist eine wichtige Voraussetzung für ein vielfältiges Erleben, Beobachten und Reagieren und spielt insbesondere in der Beziehung zwischen den Menschen eine wichtige Rolle. Oft wird, selbst von erfahrenen Menschen oder auch in Büchern, so getan, als sei grundsätzlich das eine oder das andere der Systeme bedeutend wichtiger, als stünden sie in einem unverträglichen Gegensatz zueinander. Es ist zwar wahr, dass bei jedem Menschen diese oder jene Funktion in stärkerer oder schwächerer Weise angelegt sein kann, doch geht es nicht darum, vorwiegend 'mit dem Kopf' oder vorwiegend 'mit dem Herz' zu leben und zu erleben. Wichtig ist, dass sich bei Funktionen ergänzen, sich gegenseitig beeinflussen, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, je nach Lage, die eine oder andere vermehrt einzusetzen.
Bei psychischen Störungen kann es nun vorkommen, dass eine der Funktionen beeinträchtigt ist, und dass deshalb das Erleben und Verhalten verändert wird. Meistens wird dann auch die jeweils andere Funktion mitverändert, verstärkt oder ganz ausschaltet. Die übermässige Belastung mit Gefühlen in bestimmten Situationen kann das Denken erheblich stören und so zu einer Störung der Leistungsfähigkeit, z.B. Arbeitsstörungen, führen.
Bei Denkstörungen hingegen wird die Verarbeitung der Realität verändert, und die an sich Gefühlswelt muss sich auf diese Veränderung einstellen, was zu einem anderen und möglicherweise verzerrten Erleben führt.
Bei geringer Entwicklung des einen Systems (z.B. durch schwache Intelligenz) kann die Funktion des anderen Systems in die Lücke springen, um eine einigermassen breite Erlebensfähigkeit zu sichern. Wiederum andere Menschen können so sehr an eine rein verstandesmässige Beobachtung von Situationen gebunden sein, dass ihnen das Erleben derselben kaum mehr möglich ist.
Beide Systeme, jenes des Denkens und jenes des Fühlens, müssen deshalb im Rahmen der Lebenserfahrung genügend Entfaltungsraum und 'Training' erhalten, damit das gegenseitige Spiel und der zweckmässige Einsatz dieser Funktionen erhalten bleibt. Das gute Ineinanderspielen des Denkens und Fühlens beeinflusst aber nicht nur die Aufrechterhaltung des seelischen Wohlbefindens im Einzelmenschen, sondern auch die Fähigkeit, wie er seine äussere Realität begegnet und sie beeinflussen kann.
Aus: "... Seele in Not... was tun?", Fachverlag AG Zürich, 1980

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