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In Basel geht der Tod um
- Donnerstag, 31. Oktober 2013, 13:43 Uhr
Ende der Achtzigerjahre, als SRF noch SF DRS hiess und eine Abteilung Dramatik kannte, wurden im Studio aufgezeichnete Fernsehspiele durch Fernsehfilme abgelöst. Eines der frühen Projekte war besonders ehrgeizig.
«Der Tod zu Basel» stammte aus der Feder von Markus Kutter. Dieser legendäre, 2005 im Alter von 80 Jahren verstorbene Basler Publizist und Mitbegründer der Werbeagentur GGK war auch Schriftsteller und hatte zum Beispiel 1982 das Drehbuch zu «Herr Herr» verfasst, einem Wirtschaftskrimi über die Machenschaften des heuschreckenhaften Financiers Werner K. Rey; verfilmt wurde dieses «kapitalistische Lehrstück» von Nicolas Gessner.
Schockierende Offenheit
Kutter war befreundet mit André Ratti, einem bekannten Fernsehjournalisten und Moderator der Sendung «Menschen Technik Wissenschaft». Ratti schockierte 1986 die Schweiz, indem er seine Homosexualität und sein Sterben an Aids öffentlich machte, zu einer Zeit, als Schwule noch als verpönte Randgruppe galten und die rätselhafte Seuche dämonisiert und verdrängt wurde.
In seinen letzten Lebensjahren hatte sich Ratti mit einer Filmidee beschäftigt, die auf den Basler Totentanz zurückgriff: Am Rheinknie beginnen Menschen aus heiterem Himmel zu sterben, und die moderne Medizin ist ratlos. Nur ein Arzt alter Schule erkennt, dass der Tod in Basel wieder umgeht und seinen Tribut fordert.
Tragische Ironie
Als Ratti starb, nahm Kutter dessen Idee auf und verquickte sie mit einer Dramatisierung von Rattis eigenem Schicksal. Das daraus entstandene Drehbuch, das die tragische Ironie des Autors, der vom Tod erzählt und stirbt, in den Mittelpunkt rückte, war komplex, ehrgeizig und literarisch, wirkte aber auch etwas papieren.
Daher beschloss der zuständige Redaktionsleiter bei SF DRS, die Inszenierung Urs Odermatt anzuvertrauen, der für deftige Kost wie das Exotenbraut-Drama «Gekauftes Glück» (1989) bekannt war; der Nidwaldner sollte der Kopfgeburt von Ratti und Kutter Leben und Sinnlichkeit einhauchen.
Konfliktreiche Produktion
Der Brückenschlag zwischen den gegensätzlichen Temperamenten von Autor und Regisseur erwies sich als schwierig, die dramaturgische Arbeit verlief nicht ohne Konflikte. Kutter, der die teure, auf 35mm-Film zu drehende Produktion mitfinanzierte und sie ursprünglich ins Kino bringen wollte, ging auf Distanz.
Zwar bürgten in den Hauptrollen Stars wie Günter Lamprecht und Dietmar Schönherr für Qualität, aber mit einigen anderen Rollenbesetzungen und gewissen inszenatorischen Einfällen Odermatts war auch die Abteilung Dramatik nicht glücklich.
Musik von Christoph Marthaler
So kam es denn nach Abschluss der Dreharbeiten zu einer langen Postproduktionsphase, bei welcher vieles heraus- und umgeschnitten wurde; Christoph Marthaler, damals noch mehr Musiker als Theatermann, schuf basierend auf einer Gnossienne von Erik Satie einen Soundtrack, der dem fragmentierten Film wieder atmosphärische Kohärenz verlieh.
Die Endfassung von knappen 69 Minuten ist recht anspruchsvoll, da die Wirklichkeitsebenen oft abrupt wechseln und viele erzählerische Redundanzen weggefallen sind. In dieser Version, die 1992 ausgestrahlt wurde, erntete «Der Tod zu Basel» wohlwollende Kritiken.
Neben- und Doppelrollen
Aus heutiger Sicht mögen der kühne Inhalt und die komplexe Form dieses Fernsehfilms ungewohnt anmuten. «Der Tod zu Basel», seit der Erstausstrahlung kaum noch zu sehen, erlaubt auch einige kleine Entdeckungen. So tauchen in Nebenrollen Viktor Giacobbo und Stephanie Glaser auf, und Ueli Jäggi hinterlässt in einer frühen Doppelrolle einen bleibenden Eindruck.
In jedem Fall aber stellt die Fabel von Ratti und Kutter die bisher ausführlichste filmische Auseinandersetzung mit dem Motiv des Basler Totentanzes dar, und ihre Kritik an der Selbstherrlichkeit der Pharmaindustrie und der hochtechnisierten Medizin hat in den letzten 21 Jahren nichts von ihrer Gültigkeit verloren.
Der Basler Totentanz
Der Basler Totentanz auf der Friedhofsmauer des Predigerklosters entstand im 15. Jahrhundert. Das Gemälde zeigte, wie der Tod verschiedene Menschen, ungeachtet ihres Standes, aus dem Leben holt.
Der Tod in Basel
Im November kehrt der Tod ein weiteres Mal nach Basel zurück: Der britische Regisseur Peter Greenaway zeigt dann bei der Predigerkirche seine neue Kunstinstallation, eine Neuinterpretation des Totentanzes. Auf 18 Grabmäler werden einminütige Filme projiziert, die den Tod in verschiedenen Facetten behandeln.