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Der folgende Text über das Wasserkraftwerk Belo Monte befasst sich mit der Diskussion über die möglichen Umweltauswirkungen des umstrittenen, genehmigten, und bereits im Bau befindlichen Wasserkraftwerkes “Belo Monte“ im brasilianischen Bundesstaat Pará – des drittgrössten Wasserkraftwerks der Welt.
Braucht Brasilien eigentlich Belo Monte?
Die “CI-Brasil“ (NGO Conservation International-Brazil) verbreitet eine Stellungnahme über das Wasserkraftwerk – diese NGO (Regierungsunabhängige Organisation) arbeitet mit den Kayapó Indios schon seit 18 Jahren.
Das Projekt wird als ein strategisches Werk dargestellt, präsentiert von einer mehr als zwanzigseitigen “Studie ambientaler Folgen“ (Estudo de Impacto Ambiental – EIA), als mögliches drittgrösstes Wasserkraftwerk der Welt, nach der “Drei-Schluchten-Talsperre“ (China) und der von “Itaipu“ (Brasilien-Paraguay).
Das Wasserkraftwerk Belo Monte sieht die Aufstauung des Rio Xingu vor, mit der Konstruktion zweier Kanäle, die den ursprünglichen Verlauf des Flusses umleiten sollen – das bedeutet Grabungen von einer vergleichbaren Grössenordnung mit denen des Panama-Kanals (200 Millionen Kubikmeter) und einer überfluteten Fläche von 516 Quadratkilometern – das entspricht einem Flächendrittel der Stadt São Paulo.
Was die Energie betrifft, so wird die UHE (Hydroelektrische Einheit) Belo Monte weit unterhalb der in den offiziellen Daten veranschlagten 11.223 MW (Megawatt) operieren – nämlich mit einem Durchschnittswert von höchstens 4.428 MW, wegen der langen Trockenperiode des Rio Xingu – so der Elektroingenieur Francisco Hernandes, einer der Koordinatoren des “Painel de Especialistas“ (Gruppe der Spezialisten), welche die zu erwartende Rentabilität des Kraftwerks prüft. Darüber hinaus kann nicht ausgeschlossen werden, dass man wegen der energetischen Ineffizienz von Belo Monte, zukünftig auf die Idee weiterer Talsperren am Rio Xingu kommen könnte. Belo Monte wird seine Energie in fast 5.000 km Entfernung von den Zentren der Konsumenten produzieren, was beachtliche Verluste im Verlauf ihrer Transmission zur Folge haben wird.
Dieses längst veraltete Modell einer Energieerzeugung und deren Verteilung über weiteste Entfernungen hinweg, verlangt dringend nach einer neuen, wirtschaftlicheren und umweltfreundlicheren Strategie der Regierung, nämlich das benötigte Energiepotenzial in einer diversifizierteren Form zu planen, welche die Auswirkungen auf die Natur verringert und die sozialwirtschaftlichen Möglichkeiten vergrössert (zum Beispiel: kleinere Kraftwerke, Energie aus Biomasse, Wind und Sonne) – anstatt sich immer wieder für riesige Wasserkraftwerke zu entscheiden, die bestimmte ambientale und kulturelle Territorien tiefgreifend schädigen, und den lokalen Populationen (von Mensch und Tier) die Überlebensgrundlagen nehmen.
Was die Natur betrifft, so präsentiert die für den Standort des Wasserkraftwerks ausgesuchte Region eine unglaubliche Vielfalt an Fauna und Flora. Die EIA hat 174 Fischarten, 387 Reptilienarten, 440 Vogelarten und 259 Säugetierarten aufgelistet, einige davon endemisch (sie kommen nur in diesem Gebiet vor), andere bereits vom Aussterben bedroht. Die Ichtiologen (Fisch-Forscher) aus der “Gruppe der Spezialisten“ haben auf die irreparablen Folgeschäden unter der aquatischen Fauna (Fische und Schildkröten) besonders im “Abschnitt der reduzierten Fliessgeschwindigkeit“ des Rio Xingu aufmerksam gemacht, der mehr als 100 km betragen wird – und sie haben damit aus ambientaler Sicht die Undurchführbarkeit des Projekts bereits demonstriert. Wie die Forscher berichten, präsentiert das Xingu-Becken eine signifikante Biodiversifikation an Fischen – zirka viermal so viele Arten wie in ganz Europa! Diese Biovielfalt ergibt sich aus den geografischen Barrieren der Stromschnellen und Wasserfälle von “Volta Grande do Xingu“, im Munizip von Altamira (Pará), die in zwei Gebieten das aquatische Ambiente des Beckens isolieren. Das Wasserkraftwerk, und die zu seinem Bau notwendigen Eingriffe, können diese Isolation zerstören und einen definitiven Verlust einiger Hundert Arten verursachen.
Nun zum kulturellen Konflikt und den Folgen des Wasserkraftwerks auf die indigene Bevölkerung: Bei dem Projekt hat man die Tatsache missachtet, dass der Rio Xingu der “indigenste aller brasilianischen Flüsse“ ist, mit einer Bevölkerung von 13.000 Indios in 24 ethnischen Gruppen, die entlang seiner Ufer und innerhalb seines hydrografischen Beckens leben. Die Aufstauung des Flusses bedeutet die Verdammung seiner Bewohner, die dort schon immer lebten, und ihrer Jahrtausende alten Kulturen, die dort entstanden sind.
Projekt, obwohl darin versichert wird, dass die bedeutendsten Bauvorhaben ausserhalb der territorialen Grenzen der Indianerreservate (ITs) stattfinden sollen, berücksichtigt nicht und/oder unterschätzt die tatsächlichen ambientalen Auswirkungen des Unternehmens in gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht. Darüber hinaus wird erwartet, dass die Konstruktion die Entwaldung intensivieren wird und die unkontrollierte Besetzung des Xingu-Beckens durch Einwanderer der nationalen Gesellschaft, was auf jeden Fall Folgen für die indigene Bevölkerung haben wird.
Wie schon erwähnt, wird der “Abschnitt der reduzierten Fliessgeschwindigkeit“ mehr als 100 km des Rio Xingu betreffen, und diese Tatsache bringt eine drastische Verringerung des bisherigen Wasserangebots mit sich. Dadurch werden in der “Grossen Biegung des Xingu“, wo der Fluss diverse Uferkommunen und zwei ITs (Juruna do Paquiçamba und Arara da Volta Grande, beide in Pará) versorgt, direkt von dem Staudamm betroffen – ausser den indigenen Gruppen Juruna, Arara, Xypaia, Kuruaya und Kayapó, die traditionell am Ufer dieses Flussabschnitts leben. Zwei weitere Indianer-Territorien (ITs) – Parakanã und Arara – sind bisher noch nicht einmal von der FUNAI demarkiert worden. Und die Präsenz von isolierten Indios in diesem Gebiet – indigene Volksgruppen, die bisher noch nicht einmal kontaktiert worden sind – wurden anlässlich der FUNAI-Befragung zum Thema von deren Beamten, als eine Art “Appendix“, nebensächlich erwähnt.
Der Begriff einer Schädigung durch Wasserkraftwerke erfasst lediglich überflutete Areale als “direkt betroffen“ und folglich als erstattungsbedürftig. Alle bedeutenden Bauvorhaben befinden sich an der Grenze der Indianer-Territorien, und obwohl ihre Bewohner die physischen, gesellschaftlichen und kulturellen Auswirkungen direkt zu spüren bekommen werden – wegen ihrer Nähe zu den besagten Bauplätzen und dem Zustrom der Arbeiter – werden sie nur als “indirekt betroffen“ eingestuft. Die EIA übersieht oder unterschätzt das Risiko der unsicheren Ernährung (Fehlen von Fisch), das Risiko des Wasserrückgangs (Minderung der Wasserqualität mit wahrscheinlichen Transportproblemen durch Boote und Kanus), der Volksgesundheit (Zunahme von Epidemien, wie Malaria, Leishmaniose und anderen) sowie die Zunahme der Waldzerstörung mit der Invasion neuer Emigranten, welche das gesamte Xingu-Becken schädigen werden.
Der Genehmigungsprozess der UHE Belo Monte ist umgeben von einer dunklen Wolke erschreckender Polemik. Die offensichtlichsten Ungereimtheiten daraus sind: Das Fehlen adäquater Untersuchungen zur Bewertung der ambientalen Realisierung des Projekts, die hohen Kosten der Anlage, die Unsicherheit hinsichtlich der tatsächlichen Auswirkungen auf die Biodiversifikation und die lokale Bevölkerung, der “Leerlauf“ des Kraftwerks während der Trockenperiode des Xingu und das Fehlen von Information und effektiver Teilnahme von betroffenen Bewohnern an öffentlichen Kundgebungen.
Ende Dezember 2009 verfassten die Techniker der IBAMA (Naturschutzbehörde) ein Gutachten, in dem sie sich gegen die Konstruktion des Wasserkraftwerks aussprachen. Das Gutachten 114/09 bestätigt, dass die EIA es nicht geschafft hat, zu einem endgültigen Schluss hinsichtlich der Auswirkungen des Wasserkraftwerks zu kommen: “Die Studie präsentiert keinerlei Informationen zur Wartung der Biodiversifikation, auch nicht zur Navigierbarkeit, welche die Nahrungsquellen und hydrische Versorgung der Anwohner des „vermindert fliessenden Abschnitts“ garantiert und auch nicht hinsichtlich der Auswirkungen durch einwandernde Neusiedler – das alles wurde nicht befriedigend recherchiert“.
Die Unsicherheit hinsichtlich des Stress-Levels, das durch die abwechselnden Wasserumleitungen entstehen wird, erlaubt keine sicheren mittel- oder langfristigen Prognosen bezüglich der Fischvorräte und der menschlichen Bevölkerung, die von ihnen abhängt.
Anfang des Jahres 2010 (01/02/10), gab die Landesregierung eine vorläufige Erlaubnis für den Bau der UHE Belo Monte bekannt – unter Beachtung von insgesamt 40 Bedingungen, viele davon ungeklärt. Die Erlaubnis war in Rekordzeit erteilt worden, und die Ausschreibung, die eigentlich im April hätte stattfinden sollen, wurde auf Anfang März desselben Jahres vorverlegt. Der Umweltminister hob die Konzession von R$ 1,5 Milliarden (650 Mio Euro) als mildernde Massnahme gegenüber dem Projekt hervor, ein relativ geringer Wert gegenüber den auf R$ 30 Milliarden (13 Milliarden Euro) geschätzten Kosten der Anlage und ganz und gar ungewiss gegenüber den Auswirkungen, die noch unbekannt sind. Nicht zu vergessen, dass es für eine solche Region und ihre Völker, mit ihrer Geschichte, ihrer gesellschaftlichen, ambientalen und kulturellen Verschiedenheit, niemals einen Preis geben wird, solchen Reichtum zu kompensieren.
Das Projekt Belo Monte rettet 6.000 Wildtiere in zirka sechs Monaten
Seit Beginn der Arbeiten zur Errichtung der UHE Belo Monte am Rio Xingu wurden bereits mehr als sechstausend Wildtiere aus dem Einzugsbereich des Kraftwerks entfernt. Unter diesen Tieren waren 80% Reptilien und Amphibien – die anderen 20% waren Säugetiere und Vögel. Diese Arbeit ist Teil des “Projekts zur Rettung der terrestrischen Fauna“, eingeleitet im Juni 2011 und durchgeführt vor und während des Entfernungsprozesses der Vegetation.
Die spezialisierten Teams entdeckten unter den Säugetieren Faultiere, kleinere Nager und Gürteltiere. Die Vögel waren von geringerer Zahl, grösstenteils Nester, Eier und Jungvögel. “Es ist schwieriger, sie zu retten, denn die meisten fliehen vor dem Lärm“, sagt ein Biologe und eine Forscherin des Unternehmens “Biota – Projetos e Consultoria Ambiental“. Unter den angetroffenen Vögeln befinden sich Papageien, Sittiche und Eulen. Die eingefangenen Tiere werden zur “Rettungsbasis der Fauna“ gebracht, die über eine Infrastruktur zur tierärztlichen Behandlung, Unterbringung und Identifizierung der Tiere verfügt. Dort werden die einzelnen Spezies vermessen, gewogen, markiert und, wenn nötig, erhalten sie auch eine medizinische Behandlung. Schliesslich werden die Tiere an sicheren Orten wieder in die Freiheit entlassen, an einer Stelle, die dem Gebiet ihrer Gefangennahme entspricht.
Dazu meint der Vorsitzende der “Gestão Ambiental da Norte Energia“, Antônio Neto, dass Initiativen wie diese aus der Wasserkraft-Anlage ein “erhaltendes Projekt“ machen. “Es gibt eine Sorge um den Wald und um die Tiere. Belo Monte, unter allen Einzelheiten, nimmt Rücksicht auf die Fauna. Und dieses Erhaltungs-Programm (gemeint ist das “Projekt zur Rettung der terrestrischen Fauna“) trägt zur Erhaltung der Spezies Amazoniens bei“, führt er aus. (Als Vorsitzender eines Energie-Multis muss er natürlich lobende Worte für das Wasserkraft-Projekt finden – von den betroffenen Menschen hat er nichts gesagt, und die Tiere können sich nicht verteidigen (Anmerkung der Redaktion).