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Gustav Meyrinks Montreux
«Alle beeideten eidgenössischen Sachverständigen des Kantons Vaud stimmen darin überein, daß Montreux der ‹schönste Fleck der Erde› sei, und stützen sich auf einen Roman von J.J. Rousseau, in dem es wörtlich so stehen soll. Leider ist Rousseau schon lange tot und er kann deshalb nicht mehr darüber einvernommen werden, ob er in seinem Buche den Ton auf ‹schönste› oder auf ‹Fleck› gelegt hat. – Es ist jammerschade, denn es ist sozusagen die Melodie verloren gegangen. Ich selbst kann leider kein Urteil fällen; ich habe bloß ein Jahr dort gelebt und weiß daher nur von Nebelphänomenen, Regenschwankungen usw. zu berichten. Die Schönheit der Gegend kenne ich lediglich aus Ansichtskarten. Wenn mich in diesem Augenblick jemand unterbrechen und fragen würde: ‹Warum sind Sie dann so lange dort geblieben?› müßte ich ihm antworten: ‹Weil ich abwarten wollte, bis es zu regnen aufhörte.› Ich bitte deshalb, solche persönlichen Fragen gefälligst zu unterlassen.»
Gustav Meyrink: Montreux (1907)
Ätzende Schärfe, bitterer Hohn: In Gustav Meyrinks (1868-1932) wenig schmeichelhaftem Reisebild über Montreux findet kaum etwas Gnade vor dem strengen Auge des Betrachters, ja die ganze Umgebung erscheint als rückständige Region ohne jeden Kunstsinn. Das Caux Palace Hotel wird zum Beispiel so eingeführt: «Mit einem riesigen Ringwall umgeben, im Spekulantenstil gebaut, halb Lebkuchen, halb Sanatorium, sieht es herab ins Tal. Wie ein Irrenhaus aus Tausendundeiner Nacht!»
Gustav Meyrink ist vor allem als Autor des «magischen Prag» bekannt – den grössten Erfolg feierte er mit dem «Golem» (1915). Über sein Leben weiss man nicht viel, aufgrund einiger unrühmlicher Vorkommnisse hat er sich bemüht, seine Biografie zu beschönigen oder gleich selbst zu karikieren. So lassen sich auch über den Montreux-Aufenthalt nur Spekulationen anstellen, am weitesten ist dabei der Literaturwissenschaftler und Meyrink-Kenner Hartmut Binder gekommen, basierend auf gründlichen Archivrecherchen: Meyrink und seine Frau Mena, frisch verheiratet, waren zwischen den Stationen England und München auf der Suche nach einem angenehmen und vor allem bezahlbaren Aufenthaltsort. Im August meldete sich das Ehepaar Meyrink vorschriftsgemäss bei der Fremdenpolizei an. An Alfred Kubin schreibt Meyrink später tatsächlich, in Montreux könne man «sehr billig leben». Weitere Vorteile: Der sportbegeisterte Meyrink trat dem «Club nautique de Montreux» bei und fuhr mit seinem Segelboot sogar Rennen! Am 16. Juli wird das Töchterchen Sibylle Félizitas in Montreux geboren und wenig später verlassen die Meyrinks den Genfersee überstürzt, vermutlich aufgrund eines bedrohlich angewachsenen Schuldenbergs. Als der Montreux-Essay 1907 in der Zeitschrift «März» erscheint, gehen sogar Drohbriefe Betroffener aus Montreux ein... (BP)
An einer geschützten Bucht des Genfersees, umschlossen von Weinbergen und vor der atemberaubenden Kulisse der schneebedeckten Alpen, liegt die Stadt Montreux. Grosse Bekanntheit geniesst das Montreux Jazz Festival, das jeweils im Juni/Juli auf verschiedenen Bühnen und in den Parks der Stadt stattfindet.