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In der Geschichtsschreibung hat es sich seit langem eingebürgert, den späteren Augustus bis zur Verleihung dieses Ehrennamens als Octavian(us) oder Oktavian zu bezeichnen. Man kann so den republikanischen und den monarchischen Teil seiner Karriere klar auseinanderhalten. Tatsächlich verlief die Entwicklung jedoch sehr viel komplizierter. Den Namen Octavian(us) hat der spätere Augustus tatsächlich nie geführt, und er war auch bei seinen Zeitgenossen nicht üblich. Nur Cicero nannte ihn im Sommer/Herbst 44 v. Chr. Octavian. Es ist dies die adjektivische Form des Familiennamens Octavius, wie man sie an einen vom Adoptivvater übernommenen Namen anzuhängen pflegte.
Nach der Annahme des Testaments seines Grossonkels Iulius Caesar und der darin enthaltenen postumen Adoption hätte der volle Name des Adoptierten nach römischem Brauch «Gaius Iulius Caesar Octavianus» gelautet. Dass aber «Octavian» von dieser Namensform nie Gebrauch machte, lag daran, dass es für ihn politisch opportun war, den Namen Caesars zur Geltung zu bringen, ohne zugleich störend an die Herkunft des neuen Trägers aus einer kleinen, wenig bekannten Adelsfamilie aus dem Landstädtchen Velitrae (Velletri) zu erinnern. Aus ebendiesem Grund hatte ihm Cicero zunächst den Namen «Caesar» verweigert und ihn «Octavian» genannt.
Nachdem er sich aber im Dezember 44 mit dem jungen Mann verbündet hatte, ging auch er zur Anrede «Caesar» über. Um auf die Anfänge zu kommen: In den ersten 18 Jahren seines Lebens trug der spätere Kaiser den Vornamen (praenomen) Gaius, meist in der üblichen Abkürzung «C.», und den Familiennamen (nomen gentile) Octavius. Ein dritter Namensbestandteil, der Beiname (cognomen), wie er bei römischen Bürgern verbreitet war, ist für ihn ebenso wenig wie für seinen gleichnamigen Vater überliefert. Für die Beinamen Thurinus und Caepias, die von späteren Autoren genannt werden, fehlt jeder zeitgenössische Beleg. Die Octavii gehörten dem municipalen Ritteradel an, also dem niederen Adel einer Landstadt. Der Vater hatte es in der Ämterlaufbahn zum Praetor gebracht und gehörte dem Senat an, starb aber, bevor er das höchste Amt, den Consulat, erreichen konnte, das den Zugang zur Nobilität, dem Hochadel, nach sich gezogen hätte.
Durch seine Mutter Atia stammte Gaius Octavius aber von der patrizischen gens Iulia ab, einem der vornehmsten Uradelsgeschlechter Roms. Seine Großmutter Iulia war die Schwester keines Geringeren als des Dictators Gaius Iulius Caesar. Dieser sorgte dafür, dass sein Großneffe im Alter von 14 Jahren vom Senat als Mitglied des iulischen Hauses und damit als Patrizier anerkannt wurde. Die Ermordung Caesars und die Bekanntgabe seines Testaments 44 v. Chr. änderten alles. Mit der Annahme des Erbes im Mai 44 übernahm der 18jährige Gaius Octavius auch den Namen seines Adoptivvaters. Damaligem Gebrauch folgend, wurde der Familienname meist weggelassen, der junge Mann nannte sich also Gaius Caesar. Das brachte freilich die Gefahr der Verwechslung mit seinem Adoptivvater mit sich. Zeitgenossen behalfen sich damit, daß sie vom «jungen Caesar» sprachen – Caesar adolescens (auch puer, iuvenis), während die Historiker eben zu der unauthentischen, aber eindeutigen Benennung «Octavian(us)» zu greifen pflegen.
Auf seinen Münzen nannte sich der junge Caesar nach Übertragung des propraetorischen Kommandos im Januar 43 v. Chr. (Gaius) CAESAR IMP(erator). Ab November desselben Jahres, nachdem er die Dreimännerdictatur (Triumvirat, Frage 15) mit Marcus Antonius und Lepidus errichtet hatte, änderte er das zu C. CAESAR III VIR (triumvir). Dieser Name enthielt zwar eine Amtsbezeichnung, die zeitlich begrenzt und kein eigentlicher Bestandteil des Namens war, unterschied ihn nun aber doch eindeutig von seinem Adoptivvater. Nachdem letzterer im Januar 42 v. Chr. in aller Form unter die Götter erhoben worden war (Divus Iulius), bot sich Octavian nun die Möglichkeit, seinen Namen durch den Hinweis auf die göttliche Abkunft enorm aufzuwerten und zugleich ganz und gar unverwechselbar zu machen. Er nannte sich von jetzt an CAESAR DIVI F(ilius), «Caesar, Sohn des Vergöttlichten» – oder einfach DIVI F (Abb. 14). Wir stoßen hier auf ein typisches Verfahren Octavians.
Er umgab seinen Namen mit der Aura des Göttlichen, ohne jedoch formell den Rang eines Gottes zu beanspruchen, was vielen Römern sehr suspekt erschienen wäre. Deutlicher wurden die monarchischen Ambitionen, als Octavian 38 v. Chr. dazu überging, den Titel «Imperator», der eigentlich den zeitlich befristeten Inhaber der Amtsgewalt und des Oberbefehls kennzeichnete und durch Zuruf der Soldaten auch als Ehrenname Verwendung fand, zum dauerhaften Bestandteil seines Namens zu machen, und ihn statt des Vornamens Gaius führte: IMP(erator) CAESAR DIVI F.
Cäsars Ermordung im Jahre 44 v. Chr.
Im Rahmen der Neuordnung des Staates im Winter 28/27 v. Chr. trug der Senat dem Princeps, dem «ersten Mann im Staate», einen noch nie dagewesenen Ehrennamen an: «Augustus». Am 16. Januar 27 akzeptierte Octavian den Vorschlag. Die Wahl des neuen Namens war natürlich vorher zwischen den Senatoren und dem Machthaber beraten und beschlossen worden. Das Wort ist schwer zu übersetzen. Meist wird die Bedeutung mit «der Erhabene» wiedergegeben. Das ist nicht falsch, trifft aber nicht die Fülle an Assoziationen, die im Lateinischen mit «Augustus» verbunden sind. So nannte man etwa einen Tempel ein «templum augustum», einen «hehren, erhabenen Tempel». Aber es klingt auch das Wort «augere» an, das so viel bedeutet wie «mehren», «vergrössern», Augustus also als «Mehrer des Reiches».
Schliesslich konnte man auch an das Amt des Auguren denken, eines Beamten, der den Willen der Götter erforschen konnte und im Einklang mit diesem Willen handelte. Romulus, der Gründer und erste König Roms, hatte als primus augur das augustum augurium, das erhabene Recht zur Erkundung des Götterwillens, besessen und praktiziert. «Romulus» soll auch als Alternative zu «Augustus» im Gespräch gewesen, aber wegen der zu deutlichen monarchischen Anklänge fallen gelassen worden sein. Doch auch ohne die direkte Nennung des Stadtgründers ließ «Augustus» den Princeps im Lichte eines zweiten Romulus, eines Wiederbegründers der Stadt und des Staates erscheinen. Wie bei Divi flius ist auch hier charakteristisch, dass der Name eine nicht näher fassbare, doch suggestive religiöse Färbung besitzt.
Sie wirkt bei «Augustus» noch unmittelbarer, da die Gottähnlichkeit nicht mehr eine von einem vergöttlichten Adoptivvater abgeleitete, sondern eine persönliche ist. In der Tat wurde der Namensbestandteil Divi filius nach 27 v. Chr. zwar grundsätzlich beibehalten, aber weniger regelmäßig benutzt als vorher. Hier klingt eine gewisse Emanzipation vom übermächtigen legitimierenden Leitbild des Adoptivvaters an. Auf Münzen und anderen Inschriften der nächsten 40 Jahre begegnet am häufigsten die ganz einfache Form CAESAR AVGVSTVS, daneben IMP(erator) CAESAR AVGVSVTVS, aber auch AVGVSTVS DIVI F(ilius). Eine zusätzliche und bis heute andauernde Dimension erhielt der Name «Augustus», als Senat und Volk 8 v. Chr. beschlossen, den Monat Sextilis nach dem Princeps zu benennen («August»), wie man es schon mit dem Quintilis (Juli) zu Ehren des Iulius Caesar gemacht hatte. Im Jahre 2 v. Chr. verlieh der Senat dem Princeps einen weiteren Ehrentitel, der gleichfalls zum festen Bestandteil des Namens wurde: Pater Patriae («Vater des Vaterlandes»).
Das warnende Beispiel seines Adoptivvaters vor Augen, hatte sich Augustus zunächst gegen diesen Beinamen gesträubt, führte ihn aber schliesslich mit großem Stolz, entsprach er doch bestens seiner Selbstauffassung. Man sieht, die Verhältnisse hatten sich im monarchischen Sinne konsolidiert und das machte weitere Tarnmanöver überflüssig. In den späten Regierungsjahren lautete jetzt der volle Name: IMPERATOR CAESAR AVGVSTVS DIVI F(ilius) PATER PATRIAE. Eine letzte Metamorphose erlebte der Name des Augustus am 17. September 14 n. Chr., vier Wochen nach seinem Tod, als ihn der Senat, gleich seinem Adoptivvater, zu einem «Divus» erhob, einem «Gottgleichen», «Vergöttlichten». Die Namensform für die Nachwelt lautete nun: DIVVS AVGVSTVS, manchmal wurde noch PATER hinzugefügt. Dabei muß man im Auge behalten, daß keiner dieser Namensbestandteile bereits zur Zeit des Augustus einen festgefügten «kaiserlichen» Rang ausdrückte. Dies geschah erst durch den weiteren regelhaften und zunehmend entpersönlichten Gebrauch durch seine Nachfolger. So wurden «Imperator», «Caesar» und «Augustus» zu festen Bezeichnungen für den höchsten monarchischen Rang und leben als solche in vielen modernen Sprachen weiter.
Der grosse Kaiser Augustus