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Die «Sparcassa 1816 Wädenswil» (so genannt seit 1991) ist das traditionsreichste Finanzinstitut Wädenswils. Sie wurde im Hungerjahr 1816 von Mitgliedern der gemeinnützigen Donnerstag-Gesellschaft gegründet, mit dem primären Ziel, einkommensschwache Mitbürger in der Anlage eines Sparstrumpfs zu unterstützen (Hauser 1991: 21-22). Hauptinitiant und erster Präsident war ein deutscher Immigrant, der reformierte Pfarrer Paul Philipp Bruch-Blumer (1767-1818). Ausserdem gab es fünf «Direktoren», einen «Cassierer» und einen Buchhalter; die restlichen 8 Gesellschafter fungierten als «Einnehmer». 1854 wurde das Direktorium durch einen siebenköpfigen Vorstand ersetzt (Hauser 1991: 39-41); 1870 wurden zwei Verwalterposten geschaffen (Einlegerabteilung und Kapitalverwaltung); 1931 übernahm der damalige Kapitalverwalter, Friedensrichter Ulrich Spalinger (1875–1939) auch die Einlegerabteilung: von da an gab es nur noch einen Verwalter (respektive Direktor) (Hauser 1991: 150). Diese Änderungen zeugen von einer stufenweisen Professionalisierung des Instituts.
Pfarrer Paul Philipp Bruch (1767–1818), Gründungspräsident der Sparkasse, Porträt 1816 (Archiv Sparcassa 1816 Wädenswil; aus: Hauser 1991, S. 20).
Links: Bild-Vignette auf einem Gutschein der «Ersparungs-Cassa Wädenschweil», 1854. – Rechts: Signet mit Bienenkorb (Symbol des Fleisses) auf einem Sparbüchlein von 1912. – Beide Dokumente im Archiv Sparcassa 1816 Wädenswil; vgl. Hauser 1991, S. 13 und 46.
3.1 Bauliche Selbstbehauptung einer traditionsreichen Institution
Diese Professionalisierung manifestiert sich auch in den Geschäftssitzen. Anfangs gab es gar keinen solchen; die Geschäfte wurden in den Häusern der jeweiligen Verwalter abgewickelt. Kurz nach der Wende zum 20. Jahrhunderts mietete die Sparkasse dann Räumlichkeiten im Haus Reblaubenweg 3, das an der Stelle des Postgebäudes stand.
Auf Anfang 1921 erwarb sie die Liegenschaft; gleichzeitig verschönerte sie die Geschäftsräume im Erdgeschoss, nach Plänen, die Architekt Hans Streuli 1920 ausgearbeitet hatte. Eben 1920 hatte Streuli den Mietpalast an der Seestrasse, der die Post beherbergte, an die Schweizerische Volksbank, die nach dem Ersten Weltkrieg eine Filiale in Wädenswil eröffnet hatte, verkauft und sie für das Institut umgebaut: Seither prangte der Name der Bank auf diesem bekannten Bau. Wenn die Sparkasse sich um eine Aufhübschung ihres Geschäftssitzes bemühte, dürfte das mit dem Ziel erfolgt sein, vom Neuzuzüger nicht allzu sehr in den Schatten gestellt zu werden. 1930 und 1936 liess die Sparkasse erneut Pläne für eine Verschönerung ihres Geschäftssitzes erarbeiten. Auch dies dürfte mit Konkurrenzdruck zusammenhängen, nunmehr seitens der «Bank in Wädenswil». Diese war schon 1863 gegründet worden; ihr Sitz war der Seidenhof, ein 1857 erbautes Bandfabrik- und Wohngebäude, das an der Stelle des heutigen Vorplatzes des Credit Suisse-Bankgebäudes stand. War die Sparkasse für die Kleinsparer und die mittelständischen Liegenschaftsbesitzer gedacht, so das neue Institut für die Bedürfnisse der Kapitalanleger und Unternehmer. Im Vorfeld der Verlegung des Bahnhofes und der damit verbundenen Neugestaltung des Areals zwischen Krone und Merkur warf sich die Bank in Wädenswil nun auf spektakuläre Weise ins Immobiliengeschäft: sie liess am neuen Bahnhofplatz einen hochmodernen Geschäfts- und Miethaus-Block erstellen, den bereits erwähnten Kronenblock.
Links: Häuser Scharfeck und Seidenhof am Übergang von der Gerbe- zur Friedbergstrasse, Aufnahme 1954 (Archiv Peter Ziegler). – Rechts: Kronenblock, erbaut 1932–1933 von der «Bank in Wädenswil» (Archiv Peter Ziegler).
Drei Jahre nach Vollendung des Gebäudes nahm der Sparkassenvorstand die Planung eines neuen Verwaltungsgebäudes in Angriff – unter Beizug eben der Architekten BRÄM, welche den Kronenblock erstellt hatten. 1939 wurde der Bau realisiert, seeaufwärts vom Postgebäude, nicht – wie der Kronenblock – in neusachlichen, sondern in Spätheimatstilformen.
3.2 Architektonische Demonstration des Verwurzelt-Seins
Damit kommen wir auf die eingangs gestellte Frage zurück, warum die Entscheidungsträger der Sparkasse sich für eine konservative Architektursprache entschieden.
Mit dem Neubau musste die Sparkasse demonstrieren, dass sie sich modernisieren wollte, zugleich aber deutlich machen, dass sie ihren alten Zielsetzungen – gemeinnütziges statt gewinnorientiertes Handeln, Förderung des heimischen Gewerbes, Verankerung in der lokalen Kultur – treu bleiben werde. Für ein solches Programm aber waren Heimatstilformen mit ihrer Anlehnung an die behäbige, obrigkeitlich-paternalistische Baukunst der Alten Schweiz geeigneter als die strengen und kühlen Formen der Neuen Sachlichkeit.
In ähnlicher Absicht hatte sich die Sparkasse Schwyz – mit dem Gründungsdatum 1812 noch älter als die Wädenswiler Institution – 1879 in einem altschweizerischen Gebäude installiert, im 1751–1752 von Patriziern erbauten Alten Spittel an der Herrengasse, dem damaligen (und noch heutigen) Sitz der Gemeindeverwaltung.
Bezeichnend für den Wunsch der Wädenswiler Sparkassen-Erbauer nach einem freundlichen architektonischen Auftritt ist es auch, dass sie nach Vollendung des Baus sofort für Blumenschmuck an der Fassade und für eine Flaggenordnung besorgt waren (Prot SKW C, S. 80 und 115).
Postkarte: «Gemeindehaus mit Sparkasse» (Aus: www.sparkasse.ch/geschichte)
3.3 Vom Armenhaus zur Sparkasse: Ersatz-Gemeindehaus
Wenden wir uns nun der Frage zu, weshalb die Sparkasse an die untere Eintrachtstrasse zu stehen kam und weshalb vor ihrer Hauptfront jener Freiraum entstand, den wir hier als Eintrachtplatz bezeichnen. Wenn wir die Entstehungsgeschichte dieses Platzes schildern – detaillierter geschieht das in einem Text über das Plätzliquartier –, wird sich nebenbei auch eine weitere Erklärung dafür ergeben, dass der Sparkassenbau ein konservatives Architekturgewand bekam.
Das Plätzliquartier: Armenhaus, Sust, Bahnhof
Am Haus Eintrachtstrasse 1 steht geschrieben «Am Plätzli». Dieses Plätzli war die Kreuzung der alten Landstrasse – Linie Eidmatt-Luftstrasse – mit der nachmaligen Eintrachtstrasse. Im alten Wädenswil herrschte hier viel Betrieb, weil sich am nahen Seeufer eine wichtige Schifflände und ein Schützenstand befanden, was wiederum das Gastgewerbe blühen liess. An diesem Plätzli bauten die Wädenswiler 1818 ein grosses Armenhaus. Zu ihm gehörte ein grosser Gemüsegarten. Während das Haus in etwa an der Stelle der Ex-Sparkasse stand, dehnte sich der Garten an der Stelle des heutigen Parkplatzs «Im Dorf» (unser Eintrachtplatz) aus.
Das 1818 erstellte Armenhaus am Plätzli mit seinem grossen Nutzgarten. An der Ecke eine 1901 aufgestellte Wettersäule (Aus: Peter Ziegler: Wädenswil, Vergangenheit und Gegenwart in Bildern, Wädenswil 1962, S. 96).
Im Zusammenhang mit dem Bau der Seestrasse entstanden zu Beginn der 1840er Jahre ein Warenhafen, ein Sustgebäude (Seestrasse 90) und ein vornehmes Hotel, der Seehof (Seestrasse 94). In den 1870er Jahren fand eine weitere Umwälzung statt: für den Bau der Seebahn wurde das Ufer aufgeschüttet; das Stationsgebäude kam auf die Höhe des heutigen Du Lac zu stehen, der Güterschuppen an die Stelle des Susthafens. Das Plätzliquartier war zum Bahnhofquartier geworden.
Postplatz statt Gemeindehaus
Um die Jahrhundertwende wurde die Umgebung des Armenhauses vornehmer: 1896 wurde ein Miet- und Postpalast (Seestrasse 105), 1902–1903 der seeseitige Teil des Merkur (Bahnhofstrasse 5) erstellt. Eben damals stand der Gemeinderat vor der Aufgabe, für die Gemeindeverwaltung eine neue Unterkunft zu finden. Der Brauereibesitzer Fritz Weber-Lehnert, der im Mai 1904 Gemeindepräsident wurde, optierte für den Bau eines Gemeindehauses und zwar an der Stelle des Armenhauses, das an die Peripherie zu verlegen sei. Als Bauplatz stellte er sich zuerst das gesamte Areal, dann, als sich Widerstand abzeichnete, nur den Garten vor.
Projekte für ein Gemeindehaus am Plätzli von Architekt Karl Schweizer (links) und Architekt Paul Hürlimann (rechts), das erste vom Oktober, das zweite vom November 1904. Optionen mit Erhalt des Armenhauses. Auf den Schaubildern sind im Hintergrund dasselbe sowie das Postgebäude sichtbar (StadtAW V.B.19, Planschrank).
Aber die Bürgergemeinde verweigerte im März 1905 einen Verkauf, und wenig später wurde die Verwaltung im Freihof (Florhofstrasse 6) installiert. Einige Jahre später machte ein Konsortium, dessen treibende Kraft wiederum Fritz Weber war, einen neuen Anlauf für eine Aufwertung des Plätzlis. Das Konsortium wollte die Armenhausliegenschaft mit einer neuen Post und einem Miethaus bebauen. Tatsächlich trat die Bürgergemeinde nun die Altliegenschaft ab und baute im Musli ein Bürgerheim; 1913 wurde das Armenhaus abgebrochen. Das Konsortium aber verzichtete schliesslich auf eine Bebauung und schenkte das Areal der Stadt. So entstand der Postplatz: ein Kiesplatz mit einer Grünanlage an der Stelle des Armenhauses.
Links: Fotografie des ehemaligen Postplatzes mit Umgebung, Ausschnitt: die erhöhte Grünanlage am Standort des 1913 abgebrochenen Armenhauses, wo dann das Sparkassengebäude erstellt wurde (Archiv Peter Ziegler). – Rechts: «Plan zu den Vorlagen betr. Rosenmatt, Rosenhof und Postplatz», aus: Weisungen 1938 (Archiv der reformierten Kirchgemeinde Wädenswil).
Sparkasse auf dem Postplatz: Ersatz-Gemeindehaus
Die Meinung des Konsortiums war, dass der Postplatz oder ein Teil von ihm eines Tages als Bauplatz für einen Bau öffentlichen Charakters genutzt werde. Die Gelegenheit dazu kam in den späten 1930er Jahren. Schon 1937 fasste der Vorstand der Sparkasse den Postplatz als Standort für ein neues Verwaltungsgebäude ins Auge; im Februar 1938 richtete er an den Gemeinderat eine offizielle Anfrage. Kurz darauf wurde der Gemeinde der Rosenmattpark als Geschenk angeboten unter der Bedingung, dass sie die Villa erwerbe und der reformierten Kirche zur Verfügung stelle. Der damalige Gemeindepräsident, Fritz Weber-Lehnerts Neffe Dr. Walter Weber-Bürki (1894–1967) schlug vor, die beiden Geschäfte zu verknüpfen: Mit dem Landverkauf an die Sparkasse bekäme man Mittel für den Kauf der Villa Rosenmatt. Ausserdem gewinne man für das Plätzliquartier einen repräsentativen Neubau. Am 14. Dezember 1938 hatte die Gemeindeversammlung abzustimmen. Die Vorlagen kam durch, wenn auch nicht ohne Widerstand. 1939-1940 realisierte die Sparkasse das neue Verwaltungsgebäude. An der erwähnten Gemeindeversammlung versprach Weber, dass die «von der Sparkassa projektierte, gediegene, in die Bebauungsweise unseres Dorfkerns sich vorteilhaft einfügende [...] Gebäulichkeit […] die derzeitigen unschönen Kontraste» zwischen den grossstädtischen Bauten des Post- und Bahnhofquartiers und den dörflichen Strukturen des Plätzliquartiers «mildern» werde (Weisungen 1938, Abschnitt C). Wie später zu zeigen sein wird, dürfte Weber selber darauf hingewirkt haben, dass das Sparkassengebäude Formen bekam, wie man sie in der Reformzeit gerne für Gemeindehäuser und ähnliche honorige Gattungen verwendet hatte. Das war ihm ein Anliegen nicht nur, weil er einen konservativen Architekturgeschmack hatte, sondern weil er seines Onkels Anliegen doch noch verwirklichen wollte, am Plätzli ein Gemeindehaus zu erstellen. Die Sparkasse war nämlich eine Art inoffizielles Gemeindehaus: Ohne ihre finanzielle Unterstützung hätte die Gemeinde ihre Modernisierungsaufgaben nicht erfüllen können, und überdies beherbergte das Gebäude das Notariat.
3.4 Peripherisierung, Abstellplatz-Nutzung, neue Perspektiven
Nachdem das Sparkassengebäude samt einem kleinen Vorgarten vollendet waren, nahm der Gemeinderat die «Ausgestaltung des restlichen Postplatzes» in Angriff und ersuchte die Sparkasse-Gesellschaft um einen Beitrag. Diese fand zwar, sie habe schon genug «zur Verschönerung des […] Dorf- & Strassenbildes [beim Postplatz] beigetragen», offerierte aber dennoch einen Zuschuss von 1000.- Franken – unter der Bedingung, dass der Platz «nie als öffentlicher Abstell- oder Parkplatz für Automobile oder andere Fahrzeuge benutzt werde» (Prot SKW C, S.71–72, 28.3.1940). Der Gemeinderat wies zwar solche Absichten weit von sich, wollte aber dennoch keine grundbuchlichen Garantien geben und verzichtete deshalb auf die Unterstützung der Sparkasse (Prot SKW C, S. 79, 9.5.1940 und S. 92, 4.7.1940).
Als dann mit dem Wirtschaftsaufschwung der 1950er und 1960er Jahre der Automobilverkehr explosiv anstieg, wurde der Platz vor der Sparkasse, wie deren Vorstand einst befürchtet hatte, zum Parkplatz; auf einer Luftaufnahme von 1971 ist er bereits mit Autos überstellt.
Wie sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des anstehenden Bahnhoferweiterungs-Wettbewerbs die Zukunft des Eintrachtplatzes vorstellen, wird sich zeigen.