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Jac Berrocal, David Fenech, Ghédalia Tazartès – Superdisque
Zwischen den Stühlen
Es gibt Alben, die sind schwer einzuordnen. Ist es jetzt eher Punk oder eher Rock oder Indie oder eher Electronica? Und dann gibt es Alben wie Superdisque, die sind unmöglich einzuordnen. Ein Gitarrist (David Fenech), der irgendwo zwischen Punk, freiem Jazz und Avantgarde steht, ein Sänger (Ghédalia Tazartès), dessen Gesang zwischen Kinderlieder und freier Improvisation, zwischen arabischen Balladen und tibetanischem Mönchsgesangs, zwischen Avantgarde und Archaik hin- und herpendelt, und ein Trompeter (Jac Berrocal), der seine Trompete manchmal als herrlich-singende Engelstrompete, manchmal als röhrend-animalisches Organ, manchmal als reiner Geräuschproduzent benutzt.
Ist es Jazz, Avantgarde, eine Art progressiver Ethno-Folk, neue Musik, Soundart? Auf jeden Fall ist es erstaunlich, wie viel verschiedenes die drei französischen Musiker auf Superdisque (veröffentlicht auf Sub Rosa) unter einen Hut und in dreizehn Stücke gebracht haben. Meditatives Sound-Aufschichten („Joy Divisé“, „Human Bones“), verstörende Klangcollagen („Cochise“), schräge Folk-Chansons („Quando“), klaustrophobische Stimmungsbilder, die einem David Lynch-Film entspringen könnten („David’s Theme“), humorvolle Volkslied-Parodien („Ife L’Ayo“, „Final“), stimmungsvolle Klanglandschaften („J’attendrai“, „Sainte“), indianische Ritualgesänge in das 21. Jahrhundert projiziert („Powow“) und massive Klangmauern („Ziveli“). Die drei unkonventionellen Musiker bleiben auch nicht bei ihren herkömmlichen Instrumenten: Die verschiedensten Instrumente wie Akkordeon, Kinderklavier, Ukulele, Oud, Gamelan und verschiedene Perkussions-Instrumente, aber auch eher seltsame Klangerzeuger wie Turntables, Muschelschalen, Spielzeuge, Musikbox, Wassergeräusche und sogar menschliche Knochen (es steht ausdrücklich „Human Bones“) kommen zum Einsatz. Auch ein Featuring ist darauf zu finden: Für „Porte de Bagnolet“ haben sie den französischen Akkordeonist Zap Pascal eingeladen, der das atmosphärisch dichte und intensive Stück mit seinen reduzierten Klangflächen und Melodiefragmente würzt.
Man hört sicherlich, dass sich hier drei äusserst interessante und eigenständige Personen der französischen Avantgarde-Szene zusammengefunden haben. Ghédalia Tazartès ist zwar nicht sehr bekannt, doch seine eigenwilliges Organ, ständig wechselnd zwischen Kind und Diva, und seine unkonventionelle Art Musik frei von jeglichen Genre-Grenzen zu machen, hat ihn inzwischen zu einer Art Kultfigur gemacht. Mit seinem Mix aus dem archaischen, manchmal fast schamanischen Ausdruck seiner Stimme und der experimentellen Montage und progressiven Arrangements ist er zu folkloristisch, zu wenig „neu“ für die Avantgarde-Szene und viel zu schräg und zu experimentell für einen eher ethnologisch geprägten Kanon.
David Fenech und Jac Berrocal hingegen sind ziemlich fest in der europäischen Avantgarde-Szene irgendwo zwischen Jazz, Rock und zeitgenössischer Musik, verwurzelt. Beide haben sicher schon ein Duzend Alben Solo und in unterschiedlichen Kollaborationen veröffentlicht. David Fenech spielte unter anderem schon mit Felix Kubin, Gino Robair, Tom Cora, Rhys Chatham und anderen und Jac Berrocal arbeitete schon mit Pascal Comelad, Nurse With Wound (aka Steve Stapleton), Jaki Liebezeit von der deutschen Band Can, Sunny Murray, Lol Coxhill und anderen zusammen.
Ein interessantes Trio ist hier entstanden und ein äusserst vielseitiges und auch ambivalentes Album. Einerseits durchaus der E-Musik – inklusive dem Einsatz von Samples, freier Improvisation, Klanggedichten und Soundscapes – zuzurechnen, andererseits – durch den teilweise komisch anmutenden Gesang von Tazartès und den schrägen Folkeinflüsse und Kinderlieder – sehr humorvoll. Einen strengen Verfechter von konzeptioneller E-Musik sowie einen eher konservativ eingestellten Volksmusiker wird dieses Album wohl vor den Kopf stossen. Doch wer es sich mit offenen Ohren und einer gehörigen Portion Humor anhört, wird den Reiz dieser ungewöhnlichen Kollaboration sicher entdecken.
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