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Wenn sich das Blut von Neapels Stadtheiligen San Gennaro am 19. September verflüssigt, sind die Gläubigen beruhigt. Dann droht kein Ungemach. Jetzt soll der Kult um den neapolitanischen Stadtpatron Januarius immaterielles Kulturerbe der UNESCO werden.
Christian Feldmann
Wenn das Wunder ausbleibt, liegt dokumentiertes Unglück in der Luft. Als das in einem Glasröhrchen aufbewahrte Blut von San Gennaro trocken blieb, brach nämlich der Vesuv aus, suchten Epidemien und Hungersnöte die Stadt heim, begann der Zweite Weltkrieg.
Die Kandidatur, immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe zu werden, wurde am ersten Adventswochenende im Umfeld von Kardinal Domenico Battaglia bekannt gemacht. Die UNESCO fördert seit 2003 den Erhalt von Alltagskulturen und -traditionen, unabhängig von der Weltkulturerbeliste mit schützenswerten Natur- und Kulturstätten. Die Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes haben 180 Staaten unterzeichnet.
Das Geheimnis: kräftig schütteln!
Januarius soll als Bischof von Benevent im Jahr 305 der Christenverfolgung des Diokletian zum Opfer gefallen sein. Als er enthauptet wurde, fing eine Neapolitanerin sein Blut auf und brachte es in den Katakomben in Sicherheit. Seit dem 14. Jahrhundert wird es in zwei kleinen, schön gefassten Phiolen aufbewahrt, die in einer Art Monstranz in einer Seitenkapelle des Domes von Neapel ihren Platz gefunden haben.
Wenn der Festtag gekommen ist, versammeln sich die Frommen um die Blutreliquie, geleiten sie in einer Prozession durch die Altstadt, bestürmen den Himmel mit Gebeten, die Beschwörungen gleichen – bis der Kardinal die Monstranz erhebt und das Blut, wenn San Gennaro mitspielt, in Bewegung gerät. Genau damit, mit der psychophysischen
Energie der versammelten Menge, erklären Parapsychologen das Wunder: Psychokinese! Der Chemiker Luigi Garlaschelli von der Universität Pavia bot 1991 eine andere Theorie an: Es handle sich um thixotropes Gel, eine puddingartige chemische Verbindung aus Kalziumkarbonat, Kochsalz und Eisenchlorid, die sich bei leichter Bewegung verflüssige.
Der aus mehr oder weniger seriösen Fernsehdokus bekannte Kriminalbiologe Mark Benecke erklärt das «Wunder» ganz simpel mit den ausgiebigen Drehbewegungen. «Die Träger bewegen sich in einem zeremoniell sehr eigentümlichen Gleichschritt, der das höchstmögliche Schwanken der Reliquie bewirkt.»
Er selbst, so Benecke, habe erlebt, wie Kardinal Battaglias Vorgänger einmal nach mehrfachem Drehen und Wenden der Monstranz «verunsichert und sichtlich verstimmt» verkündet habe, das Blut habe sich nicht verflüssigt, das Wunder sei ausgeblieben und die Welt offenbar in einem üblen Zustand. Die Kirchenbesucher hätten entsetzt und deprimiert reagiert. Aber am nächsten Morgen habe ein Gemeindediakon nach der Abreise des Kirchenfürsten den Ritus wiederholt – mit Erfolg. Beneckes Erklärung: Der Kardinal habe die Gefässe einfach zu zaghaft bewegt.
Vor einiger Zeit hat eine gerichtsmedizinische Untersuchung im Gegensatz zu solchen beruhigend normalen Erklärungen ergeben, dass die braunrote Flüssigkeit in den Phiolen tatsächlich eingetrocknetes Blut ist. Ein Wunder? Neapels Kardinal Michele Giordano – der schon genannte Vorgänger von Domenico Battaglia – wollte damals darüber nicht urteilen. Christlicher Glaube stütze sich lediglich auf die Wunder des Evangeliums. Das vertrauensvolle Gebet zu San Gennaro habe keine neuen Mirakel nötig.