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Ausgangslage
Bern-Radio, nicht am Meer gelegene Küstenfunkstelle, vermittelte unter dem Namen Berna-Radio auch Sprach-Verbindungen zu den Flugzeugen und genoss international einen guten Ruf. Bern-Radio verfügt über die Empfangsanlagen in Riedern bei Bern und die Sendeanlagen in Prangins bei Nyon die von Bern aus über Standleitungen mit Riedern und mit Prangins ferngesteuert werden. Das Betriebsbüro befand sich zuerst am Bollwerk und dann an der Laupenstrasse in Bern. Zudem standen in Prangins Anlagen für die UNO und das Rote Kreuz im Einsatz.
Im Einvernehmen mit den Schweizer-Reedereien ist Bern-Radio im Falle einer Krise für die Landesversorgung der Schweiz von grosser Bedeutung, weil Kurzwellenverbindungen unabhängig von Drittstaaten betrieben werden können.
Die wesentlich schnelleren und einfacher zu bedienenden Fernmeldeverbindungen über Satelliten brachten einen zunehmenden Rückgang des Verkehrs über Bern-Radio. Satellitenverbindungen, z.B. Inmarsat, waren anfänglich sehr teuer, doch war bereits absehbar, dass diese Verbindungen finanziell interessanter werden müssten. Bern-Radio war somit nicht mehr kostendeckend und der zu grosse Personalbestand der Fernmelde-Kreisdirektion Bern von 39 Planstellen für Bern-Radio nicht mehr zu verantworten. Bei der Generaldirektion der PTT-Betriebe sah man sich deshalb veranlasst entsprechende Massnahmen zu treffen.
Schliessung vieler Küstenfunkstellen
Der für die Mobilfunkdienste verantwortliche Sektions-Chef ersuchte am 23/27. Juni 1994 Viktor Colombo um Übernahme des Produkt-Managements und Modernisierung von Bern-Radio, mit dem Ziel einer Kostensenkung. Die im Rahmen seiner nebenamtlichen „Abendschule für Funker“ gepflegten guten Verbindungen, vor allem zur Seefahrtschule Bremen, zu den Küstenfunkstellen Norddeich-Radio, Kiel-Radio und St. Lys-Radio ermöglichten ihm eine rasche Beurteilung der künftigen Bedürfnisse für Kurzwellenverbindungen. Es war kein Geheimnis, dass man weltweit allgemein die Schliessung der Küstenfunkstellen einleitete, dass sich aber alle Länder aus politischen Gründen noch weiterhin Kurzwellenverbindungen sichern. Auch wurde beabsichtigt den Dienst verschiedener Kurzwellen-Anlagen den veränderten Bedürfnissen anzupassen, so zum Beispiel bei Norddeich-Radio und Kiel-Radio mit denen ein besonderer Kontakt gepflegt wurde. Ein privater Besuch bei „Globe Wireless“ in Foster City, und der Half-Moon-Bay, California, zeigte aber auch, dass ein gewisses Verkehrsaufkommen gehalten werden konnte.
Als einzige Lösung zeigte sich nur eine Automatisierung des Betriebes von Bern-Radio. Infolge der Unterbeschäftigung war die Reduktion des Personalbestandes vordringlich. Teilweise bestand aber sogar vehemente Obstruktion gegen Erneuerungen obwohl auch eine Schliessung von Bern-Radio zur Diskussion stand.
Realisierung einer vollautomatischen Datenvermittlung
Eine Schliessung von Bern-Radio kam für Viktor Colombo, der als Sektionschef „Information“ während rund 12 Jahren in Milizfunktion beim Transportamt des Bundesamtes für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) mitgearbeitet hatte, allerdings nicht in Frage. Anlässlich verschiedener Vorträge über Kommunikation und Organisation begründete er stets nachhaltig die Bedeutung von Kurzwellenverbindungen, weil sie von Drittländern unabhängig sind. In Krisenzeiten werden sie, wie auch in anderen Ländern, politisch und für das Land als unverzichtbare Notverbindungen erachtet. Die Bemühungen zur Zusammenlegung des Botschaftsfunks, dem in Krisenzeiten ebenfalls ein grosser Stellenwert zukommt, mit Bern-Radio mit dem Ziel einer Kostensenkung blieben leider erfolglos.
Zusammenlegung Betrieb und Technik auf Riedern
Viktor Colombo beschloss zur Kostenreduktion vorerst eine Zusammenlegung des Betriebes in Bern mit der Technik in der Liegenschaft Riedern. Für die digitalisierte Meldungsvermittlung wurden im Gebäude bauliche Erneuerungen erforderlich. Zukunftsgerichtet wurde für den auf eine unbestimmte Zeit noch benötigten Operator-Raum mit neuen Vermittlungspulten ein Doppelboden zur Verlegung der Verbindungs-Kabel eingebaut. Der Betriebs-Raum wurde zum Technik-Bereich wie auch zur geplanten vollautomatischen Vermittlungsanlage hin durch Glaswände abgetrennt.
Entwicklung Software-unterstützter Vermittlungspulte
Die neue Software unterstützten Operator-Pulte erlaubten eine einfachere Abwicklung des Verbindungsaufbaus und der Verrechnung. Leider musste die Software nachträglich von einer anderen Firma nach-entwickelt und fertig gestellt werden, weil die betriebsintern empfohlenen Software-Spezialisten die Probleme unterschätzten.
Entwicklung der Software DTS (Digital Transmission System)
Mit der Firma EURAF in Cotonou (Benin), die in Afrika bereits begann ein Kurzwellen-Netz für die automatisierte Vermittlung digitaler Meldungen aufzubauen, vereinbarte Viktor Colombo eine Zusammenarbeit um für Bern-Radio mit einigen Zusatzfunktionen ein vollautomatisches Vermittlungs-System in Betrieb nehmen zu können. Die Zusammenarbeit mit der Firma EURAF und der Firma SCS (Special Communications Systems) in Deutschland, die die Modems für das PACTOR-Übermittlungsverfahren herstellt, waren erfolgreich. In den Einsatz gelangte das PACTOR III-Übermittlungssystem.
Beschaffung von Teilnehmeranlagen
Für Teilnehmer wurden vorerst einige australischen Sender-Empfänger Barrett 100Watt beschafft, die sich im Outback bewährt haben und auf Bern-Riedern wurden die Empfänger durch neue Rhode-Schwarz Empfänger ersetzt. Nach einigen Änderungen der DTS-Software war es möglich die Meldungen beidseitig vollautomatisch über das Telefonnetz zu vermitteln. Es konnten nicht nur Mitteilungen, sondern auch Bilder übermittelt werden, was als echter Fortschritt gewürdigt wurde.
Die Digitaltechnik erlaubte die Sendeleistung in Prangins stark zu reduzieren, was ebenfalls eine Kostensenkung bewirkte. Zudem sind die SCS-Modems sehr robust und das System erlaubt einen Empfang von Signalen die wesentlich unter der Rauschgrenze liegen (-18dB).
Am Geschäftsführungsrapport vom 28.Februar 1997 wurde nach Vorliegen des Abschlussberichtes zur Vollautomatisierung mit Kosteneinsparungen von rund 1,5 Mio jährlich beschlossen den Operator-vermittelten Flug- und Schiffsfunk weitgehend einzustellen. Der Nachtdienst und die überwachten Frequenzen wurden reduziert und der Personalbestand konnte von 33 auf insgesamt 8 Stellen reduziert werden.
Erste Schiffstation im vollautomatischen Verkehr mit Bern-Radio
Am 23. Mai 1998 (Inbetriebnahme 30.10.1998) wurde auf der M/V Moléson der Reederei Suisse-Atlantique (mit Unterstützung der Reederei SUISSE-ATLANTIQUE) erstmals eine „Barrett-Funkanlage“ mit Modem und einem automatischen Antennen-Abstimmgerät für den vollautomatischen Funkverkehr installiert. Die Anlage funktionierte erwartungsgemäss problemlos. Als dann aber der Bord-Computer, der von der Schiffsleitung auch noch für verschiedene andere Programme eingesetzt wurde, abstürzte, war auf See guter Rat teuer. Doch entsprechende Weisungen zeigten Wirkung.
Mobile Funkanlagen in Verbindung mit dem Telefonnetz
Solche Kleinanlagen in Verbindung mit einem Computer erlauben die automatische Weiterleitung von Kurzwellen-Verbindungen über das Telefonnetz wo immer sie weltweit aufgestellt werden. Die vorgesehene Entwicklung eines Betriebes mit vernetzten Stationen konnte nicht mehr realisiert werden, weil die finanziellen Mittel kurzfristig entzogen wurden.
Schliessung von Bern-Radio
Die DTS-Anlage war kaum in Betrieb und zur besseren weltweiten Versorgung weitere Basis-Stationen in Mexico (90 Grad westlich) und Malaysia (90 Grad östlich) vorbereitet, als der neue CEO der Swisscom, Herr Jens Alder, entschied, alle Dienste die nicht dem Grundauftrag entsprechen, einzustellen. Ein solitärer und schliesslich kostspieliger Entscheid der nicht abgesprochen wurde. Mit neuem Entscheid wurde Bern-Radio zur Sicherheit der Landesversorgung später mit neuer Technik wieder aufgebaut.
Am 10. und 11. April 1999 haben sich noch ehemalige Funker auf Riedern zusammengefunden um unter dem Rufzeichen HB9HEB mit Schiffsfunkern auf anderen Küstenfunkstellen letzte Verbindungen als Sendeamateure zu tätigen. HEB stellte den Morseverkehr definitiv am 27. September 2004 ein.
Somit war der erteilte Auftrag zur Modernisierung und zu Kosteneinsparungen bei Bern-Radio erfolgreich und zukunftsweisend, doch ohne nachfolgende nutzbringende Auswirkungen, abgeschlossen!
Verkauf der Kurzwellenanlage Bern-Radio
Der Betrieb wurde schliesslich, erklärbar aber unverständlich, für den symbolischen Betrag von Fr. 1.- veräussert. Der Übernahme-Vertrag kam mit einer neu gegründeten Firma SWISSRADIO zustande. Kurz darauf zeigten sich Probleme und zwei Interessenten wurden als Teilhaber aufgenommen. Leider war diesen beiden Teilhabern eine Betriebsführung fremd. Die zunehmende Verschuldung verleitete die neuen Besitzer dazu, sich in Kritik am DTS-System zu üben, mit der Absicht, finanzielle Forderungen gegenüber den Swisscom-Betrieben stellen zu können.
Konsterniert und mit Unverständnis haben die Sitzungs-Teilnehmer am 19. Januar 2000 die Anschuldigungen des Wortführers der „SWISSRADIO“ zur Kenntnis genommen, beinhaltete der Verkauf von Bern-Radio für nur 1 Fr. immerhin Materialwerte (Neuwertige Marconi-Sender und Rhode-Schwarz-Empfänger) in Höhe eines siebenstelligen Wertes. Die Mängelrüge über ein Nichtfunktionieren von Mail-Anhängen entbehrte der Rechtmässigkeit, weil eine Option in der DTS-Software teilweise wohl möglich, aber betrieblich nicht vorgesehen war. Das Verhalten seitens der SWISSRADIO an der Sitzung vom 19. Januar 2000 war deshalb inakzeptabel.
Nachträgliche Erweiterungen der DTS-Software
Um dem Interesse der Wirtschaftlichen Landesversorgung zu dienen vereinbarte Viktor Colombo mit der EURAF (Peter Schulze) die Vermittlungs-Software dennoch entsprechend zu erweitern wie auch eine Fernwartung der Anlage zu ermöglichen. Die EURAF schloss diese Arbeiten am 12. April 2000 entgegenkommend ohne Folgekosten erfolgreich ab. Wie absehbar war der Zusammenbruch SWISSRADIO aber ohnehin nicht mehr zu verhindern und die SWISSCOM musste die noch geschuldeten Mieten, Energiekosten usw. wie auch die erworbenen DTS-Lizenzen in Höhe von Fr. 50’000.-, selbst begleichen.
Am 27. September 2004 wurde Prangins geschlossen.
Die Nachfolge
Der neue Dienst der Swisscom: „Maritime Communications“
Auf Intervention von Herrn Michael Eichmann, Sektionschef Wirtschaftliche Landesversorgung, konnte die RUAG für eine Weiterführung des Betriebes gewonnen werden. Leider fehlten auch hier die erforderlichen Fachkräfte.
Herr Eichmann hat sich anerkennenswert unbeirrt erneut für die Sicherstellung von Kurzwellenverbindungen für Krisenzeiten zur Sicherung der Landesversorgung verdient gemacht. Am 1.Januar 2009 übernahm die „SWISSCOM BROADCAST“ den Betrieb von Bern-Radio unter dem Namen „MARITIME COMMUNICATIONS“ Inzwischen stand das Internet zur Verfügung und eine Telefoneinwahl wurde nicht mehr erforderlich.
Die viel zu leistungsfähigen Marconi-Sender in Prangins, bei denen lediglich die Sende-Ausgangsleistung herabgesetzt werden konnte, wurden zur Reduktion der Energiekosten durch 1-Kilowatt Sender ersetzt und der Personalbestand reduziert, weil die Sendeanlagen in Prangins neu fernüberwacht werden können. Der Dienst von „MARITIME COMMUNICATIONS“ umfasst inzwischen das Netz Kiel-Radio mit der weiteren Vernetzung mehrerer Basistationen rund um die Welt und sichert so den praktisch ununterbrochenen 24-Stunden-Betrieb mit den Schiffen und Mobilstationen. Mit einem intelligenten Wahlgerät „ELSE“ wird dem Kunden ermöglicht automatisch jeweils die kostengünstigste Übermittlung seiner Meldungen sicherzustellen.
Mit dem Abschluss der neuen vollautomatischen Datenvermittlungsanlagen und eines weltweiten Verbundnetzes wurde die damalige Initial-Idee von Viktor Colombo zur Modernisierung der schweizerischen Kurzwellenverbindungen schliesslich verwirklicht.
Empfangsstation Riedern
Empfangsantenne Hermes Riedern
Neuer Doppelboden in Riedern
Riedern Operator-Raum
Neues Vermittlungspult
Rhode-Schwarz-Empfangsanlage Riedern
Bildschirm Vermittlungspult Riedern
Demo-Anlage Steuerplatine
Marconi-Sender in Prangins
30kW-Sender in Prangins
DTS-Anlage Riedern
Transceiver für MS Moléson
Michael Eichmann
Peter Schulze
Zu weiteren Aktivitäten hier klicken
Aktivitäten (zum Anklicken)
- Viktor Colombo: ein Leben für die Kommunikation
- Werdegang und Beruf
- Projekt Kommunikations-Modellgemeinden
- Küstenfunkstelle Bern-Radio: Produkt-Management und Modernisierung 1995
- Zweites Fernsehprogramm für Berggebiete, Projektleitung
- Gross-Gemeinschafts-Antennenanlage GGA
- Empfangsanlage Geretsried (TV-Kopfstation)
- CM-Elektronik AG
- Funkerschule 1960-1985
- HB9MF: Hobby Kurzwellen-Funkverbindungen
- Sendeamateur mit Rufzeichen HB9MF
- Experimental Amateur Telecommunications Club