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Vor siebzig Jahren flog der Lockheed F-104 zum ersten Mal. Schweizer Piloten erprobten den Überschalljet bereits in den fünfziger Jahren in den USA. Doch für enge Bergtäler war er zu ungelenk.
Selten polarisierte ein Militärflugzeug über Jahrzehnte hinweg so stark: «Ein Traum zu fliegen, mit phänomenalen Flugleistungen», schwärmten seine Piloten. «Witwenmacher und Fehlkonstruktion», so kritisierten hingegen grosse Teile von Öffentlichkeit und Medien etwa in Deutschland den Jäger und Jagdbomber mit den markanten Stummelflächen. «Rakete mit Flügeln» wurde der F-104 Starfighter von Lockheed gern genannt. Denn die hauchdünnen Trapezflügel hatten gerade einmal 6,6 Meter Spannweite.
Am 4. März 1954 startete der erste Prototyp mit der Bezeichnung YF-104 zu seinem Erstflug. Das war in einer Zeit, als die Menschen in Europa noch vom Zweiten Weltkrieg gezeichnet waren und von bescheidenem Wohlstand mit einem VW Käfer anstelle eines Mopeds träumten.
Dass der Starfighter in den kommenden Jahrzehnten zur Legende wurde, lag neben seinem spektakulären Aussehen auch an den für die damalige Zeit revolutionären Flugleistungen. So brach er bereits Ende der 1950er Jahre etliche Rekorde: 2259 Kilometer pro Stunde Höchstgeschwindigkeit, der Steigflug auf 25 Kilometer Höhe in 4 Minuten und 26 Sekunden, 103 390 Fuss oder 31,5 Kilometer maximale Flughöhe – alle drei Titel gleichzeitig zu halten, gelang nie wieder einem einzigen Flugzeugtyp.
Allerdings zeigte sich bereits bei der Flugerprobung angesichts mehrerer Abstürze, dass der F-104 vieles war – nur nicht gutmütig. Dadurch, dass lediglich ein Triebwerk vorhanden war, gab es bei Turbinenausfall später in der F-104-Checkliste für den Piloten auch lediglich eine einzige Anweisung: «Eject» – also sich mit dem Schleudersitz hinausschiessen.
Die ersten Modelle hatten allerdings noch konstruktive Mängel, so dass selbst das Verlassen des Starfighter nicht immer lebensrettend war. So musste sich der Pilot anfangs nach unten aus dem F-104 herauskatapultieren. Beim Nachfolgemodell dieses Schleudersitzes, der sich nach oben ausschoss, wurden Piloten teilweise in der Luft vom unkontrolliert herumfliegenden Schleudersitz erschlagen.
In Deutschland, neben Italien, Kanada, Japan, Taiwan und den USA das Land mit den meisten dieser fliegenden Raketen in Betrieb, gibt es sogar F-104-Piloten, die zweimal in ihrem Fliegerleben einen abstürzenden Starfighter per Schleudersitz verliessen.
Selbst der Überschallpionier wäre fast abgestürzt
Den Rekord für den grössten Höhenverlust in einem F-104, bevor er ausstieg, hielt aber wohl der erste Bezwinger der Schallmauer, Chuck Yeager. Der vor kurzem verstorbene legendäre Testpilot geriet mit einem Prototyp am 10. Dezember 1963 in massive Schwierigkeiten. Seine Sonderversion NF-104A bekam damals zusätzlich zur Turbine noch ein Raketentriebwerk ins Rumpfheck eingebaut. Damit wollte man für das vorgesehene Mercury-Astronautentraining bis weit in die Stratosphäre vorstossen.
Yeager erreichte mithilfe des Raketenschubs zwar die damals unglaubliche Höhe von etwa 108 000 Fuss, mehr als 30 Kilometer, bekam dann aber erhebliche Probleme. Sein Starfighter liess sich nicht mehr steuern und ging ins sogenannte Flachtrudeln. Der Testpilot versuchte die nächsten Minuten alles, um seinen NF-104A wieder unter Kontrolle zu bekommen. Jegliche Manöver und Rudereingaben blieben aber nutzlos. Yeager verlor mehr als 25 Kilometer an Höhe, bevor er sich quasi im letzten Moment mit dem Schleudersitz aus dem Prototyp herausschoss.
Auch wenn der F-104 in der Öffentlichkeit vor allem in Deutschland aufgrund einer Vielzahl von Abstürzen in den 1960er Jahren rasch den Ruf als Witwenmacher erhielt, wurde der Jet von seinen Piloten geliebt. Der Ex-Flugkapitän Rolf Stünkel, einst Starfighter-Pilot bei der deutschen Marine, schwärmt bis heute von seiner Zeit auf dem F-104: «Der Flieger reagierte quer durch alle Fluglagen und Beschleunigungen weich und zügig auf Knüppelausschläge. Unvergleichlich war der Kick, wenn der Pilot im Tiefflug bei der üblichen Reisegeschwindigkeit von 830 Kilometern pro Stunde den Nachbrenner zündete und den Knüppel nach vorn drückte. Mit halber Schwerkraft stob der Starfighter wie vom Teufel getrieben davon.»
Dass zumindest in der deutschen Bevölkerung der F-104 ein so schlechtes Image hatte, war trotz den zahlreichen Abstürzen mit vielen umgekommenen Piloten teilweise ungerechtfertigt. Denn gemessen an den geflogenen Flugstunden, war die Zahl der F-104-Unfälle auf jeweils
10 000 absolvierte Flugstunden umgerechnet eher unterdurchschnittlich, wenn man sie mit anderen Jet-Jägern dieser Ära vergleicht.
Die Schweiz liebäugelte genau wie Deutschland schon sehr früh mit einer Beschaffung des Wundervogels, der doppelt so schnell wie der Schall war. Bereits im Oktober 1955 signalisierte das Militärdepartement Interesse an einer Evaluierung des neuen F-104 als möglicher Mach-2-Jet für die Flugwaffe.
Deshalb erlaubte Lockheed schon 1957 gleich drei eidgenössischen Militärpiloten – als ersten ausländischen Piloten überhaupt –, den Einstrahler damals noch im Vorserienzustand in den USA zur Probe zu fliegen. Im Oktober jenes Jahres erlebten die Schweizer an Bord eines YF-104 jeweils einen Geschwindigkeits- und vor allem einen Steigflugrausch bei insgesamt neun Flügen.
Allerdings erlaubten die Amerikaner den Schweizer Piloten nicht, die komplette Leistungsfähigkeit des neuen Jets auszuloten. Lediglich Mach 1,8 und eine Beschleunigung von 5 g (Belastung des fünffachen Körpergewichts des Piloten) – möglich wäre das Doppelte gewesen – durften die Eidgenossen testen.
Trotz aller Begeisterung für die Flugleistungen wurde rasch klar: Für die relativ kurzen Militärpisten in der Schweiz taugt der Jet, der eine lange Start- und Landestrecke benötigt, kaum. Zudem kann der F-104 durch seine Stummelflügel keine engen Kurven fliegen und wäre im optionalen Erdkampfeinsatz in schmalen Bergtälern zu wenig manövrierfähig.
Auch die Preisvorstellung der Amerikaner dürfte die helvetischen Verantwortlichen zunächst abgeschreckt haben. Ein Jahr später lockte Lockheed aber erneut mit einer nun besser auf die Schweizer Anforderungen abgestimmten Variante des F-104. Wieder durften drei eidgenössische Piloten im Herbst 1958 auf der Edwards Air Force Base im Gliedstaat Kalifornien den F-104 testen, nun aber ohne Beschränkungen.
Um auszuprobieren, wie sich der Starfighter mutmasslich auf Schweizer Militärflugplätzen betreiben liesse, simulierten die Piloten eigens Anflüge auf Meiringen – und das mitten über der Mojave-Wüste. Mehr als fünfzig Flüge auf insgesamt sechs Jets der F-104A- und YF-104-Baureihe absolvierten die Schweizer innerhalb von zwei Monaten. Dabei konnten alle die Mach-2-Grenze und eine Flughöhe von 70 000 Fuss oder 21 300 Metern überschreiten.
Die Schweiz zieht die Reissleine
Dennoch waren die Verantwortlichen in Bern zunehmend skeptisch. Mehrere Defekte an den Jets während dieser Erprobung, ungeplante Triebwerkwechsel und das mehrfache Versagen des Bremsfallschirms hätten bei einem künftigen Einsatz in der Schweiz zu Unfällen führen können. Denn die Landebahn-Mindestlänge für einen Starfighter betrug mit Bremsfallschirm stolze 2400 Meter, ohne diesen benötigte er eine 3 Kilometer lange Runway.
Deshalb und auch wegen des enorm hohen Preises für den ursprünglich geplanten Kauf von 100 Exemplaren wurde 1960 endgültig bei Lockheed abgesagt. Stattdessen leitete der Bundesrat ein Jahr später den Kauf von französischen Dassault Mirage III S ein.
Wer aber nun meint, die Ära des Starfighter wäre sieben Jahrzehnte nach seinem Erstflug längst Vergangenheit, irrt: Das Heulen des legendären General-Electric-J79-Triebwerks ist weiter am Himmel zu hören, zumindest in den USA und dort vor allem über Florida.
Es gibt sogar die Chance, im Doppelsitzer mitzufliegen. Das allerdings nur für diejenigen, die mindestens eine Privatpilotenlizenz für Propellerflugzeuge besitzen, die in den USA anerkannt wird. Dann ist es möglich, bei der Firma Starfighters Aerospace eine Einweisung in den F-104 und mindestens einen Flug im Starfighter in der Region um das Raumfahrtzentrum Cape Canaveral zu buchen – körperliche Fitness und das entsprechende Kleingeld vorausgesetzt.
Das Unternehmen betreibt mehrere Starfighter, darunter auch Doppelsitzer, und bietet den Mitflug im Rahmen eines mehrtägigen Programms für interessierte Privat- oder Berufspiloten an. Für sie geht dann mit einem Starfighter-Flug der ultimative Fliegertraum doch noch in Erfüllung.