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Vor 700 Jahren wurde Francesco Petrarca geboren. Bis heute ist der toskanische Dichter und Denker eine Leitfigur westlicher Kulturgeschichte.
Auch in der Schweiz wird Petrarca verehrt. In Basel wurde im 16. Jahrhundert die massgebliche Ausgabe seiner Gesammelten Werke gedruckt.
"Die noble und fast lateinische Stadt Basel (...) sah ich im vergangenen Jahr. Ich vermochte festzustellen, dass ihr unter all den fremden Städten ein gewisser lateinisch freundlicher Charakter zu eigen war. Der eine Monat des Wartens auf den römischen Kaiser war mir daher nicht nur nicht zuwider, sondern durchaus angenehm."
Es ist das Jahr 1357. Francesco Petrarca lässt in seiner Abhandlung "De otio religioso" den Aufenthalt in Basel nochmals Revue passieren. Ein Jahr zuvor hatte er sich in diplomatischer Mission des Hauses Visconti in der Rheinstadt aufgehalten.
Ein angenehmer Aufenthalt in einer Stadt mit "fast lateinische Zügen". Er verlässt Basel in Richtung Prag, um Kaiser Karl IV. zu treffen. Als er einen Monat später nach Basel zurückkehrt, kann er die Stadt nicht wieder erkennen. Ein Erdbeben hat sie dem Erdboden gleich gemacht.
"Plötzlich gab es vor mir nur noch einen Haufen Schutt sowie das Schweigen und Grauen der Leute, die mit Augen und Geist auf das Unfassbare starrten." So beschrieb Petrarca seine Gefühle in Anbetracht des vom Erdbeben zerstörten Basels. Das Naturereignis löste in ihm starke Gefühle der Vergänglichkeit aus – eines seiner zentralen Themen.
700 Jahre eines Giganten
Der Aufenthalt in Basel ist nur eine von vielen Reise-Episoden im Leben Petrarcas, dem Prototyp des modernen Intellektuellen. Geboren wurde er am 20.Juli 1304 in Arezzo. Er fühlte sich aber Zeit seines Lebens zu Florenz zugehörig, stammte seine Familie doch aus der toskanischen Hauptstadt.
Doch einen Grossteil seines Lebens verbrachte Petrarca im päpstlichen Palast von Avignon. Von Südfrankreich aus beginnt sein literarischer und philosophischer Einfluss auf das ganze Abendland.
Petrarca kam von der Jurisprudenz, konzentrierte sich aber früh auf die Geisteswissenschaften. Er gehört zu den ersten Personen, die eine Privatbibliothek aufbauten und sich dem antiken Wissen annäherten. Als Forscher, Philologe und Schriftsteller.
Deshalb wird er auch "Vater des Humanismus genannt". Doch sein Weltruhm rührt vor allem von den auf Italienisch verfassten Gedichten her.
Sein Name ist unauflöslich mit Laura verbunden, dem Namen jener Frau, die er in "Rerum vulgarium fragmenta" (Fragmente in Volkssprache) besungen hat. Das Werk ist besser unter dem Namen "Canzoniere" bekannt.
Der Petraarchismus ist geboren
Im 16. Jahrhundert werden diese Gedichte zu einem Vorbild. Sie erzählen vom Gemütszustand des Liebenden vor und nach dem Tod der Geliebten. Es ist ein immerwährender poetischer Liebesschmerz.
So wird der "Petrarchismus" als Stilart geboren, der die italienische und französische Literatur bis auf den heutigen Tag beeinflusst. Auch in der Musik hat er Eingang gefunden.
Die Gedichte des Canzoniere werden in Madrigalen vertont. "Petrarca entwickelt sich damals zu einem Massenphänomen", sagt Luigi Collarile, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Basel und Ko-Kuratorin einer Petrarca-Ausstellung im Museum Klingental. Sie schränkt aber ein: "Diese Masse war natürlich immer noch eine literarische Elite."
Die Rezeptionsgeschichte im deutschen Sprachraum verläuft vollkommen anders als im frankophonen Raum. Dort haben vor allem Petrarcas lateinische Schriften Erfolg. Doch sowohl mit seinen italienischen Werken (Canzoniere, Trionfi) als auch mit seinen lateinischen (Briefe, Secretum) erreicht Petrarca Weltruhm.
An seinen 700. Geburtstag wird dieses Jahr an allen Ecken der Welt erinnert. Ausstellungen und Kongresse sind dem grossen Denker und Dichter gewidmet. In Italien wurde für die Feierlichkeiten zum 700-Jahr-Jubiläum sogar ein nationales Komitee gegründet.
Wiederentdeckung in Ausstellungen
In der Schweiz wird dem Petrarca-Jahr an vielen Universitäten mit Vorträgen und Lesungen Rechnung getragen. Zwei Ausstellungen widmen sich ganz dem Einfluss Petrarcas auf die europäische Geistesgeschichte.
Die Ausstellung im Strauhof von Zürich trägt den Titel einer berühmten Strophe aus dem Canzoniere: "Ich bin im Sommer Eis, im Winter Feuer" ("E tremo a mezza estate, ardendo il verno").
Die zweite Ausstellung findet ab Ende August im Museum Kleines Klingental in Basel statt. Der Titel lautet: "Nel libro di Laura" (Im Buche Lauras). Gemäss Ko-Kuratorin Luigi Collarile werden diverse Drucke und Originalausgaben von Petrarca-Werken gezeigt sowie von Büchern, von denen er sich anregen liess: "Die Ausstellung konzentriert sich auf das Phänomen des italienischen, französischen und musikalischen Petrarchismus."
Tatsächlich konnte sich der Petrarchismus, der poetische Liebesschmerz, nur dank der Buchdruckerkunst in ganz Europa ausbreiten. Deshalb war Basel als Buchdruckerzentrum für Petrarca und andere Gelehrte auch so wichtig. 1581 wurde in der Rheinstadt die letzte vollständige Werkausgabe Petrarcas gedruckt.
Die Verbreitung läuft über Basel
In Italien gab es 1470 erste Drucke von Petrarcas Schriften. Doch es waren noch einzelne Werke. In Basel wird Petrarca 1496 von Johannes Amerbach gedruckt. Erstmals erscheint eine vollständige Ausgabe seiner lateinischen Schriften.
1554 druckt Heinrich Petri die gesammelten Werke in lateinischer und italienischer Sprache, 1581 folgt eine leicht veränderte Neuauflage. Diese Basler Edition bleibt das Referenzwerk für alle Wissenschafter und Literaten, die sich mit Petrarca beschäftigen.
Der Katalog zur Ausstellung "Libro di Laura" erscheint im Verlag Schwabe. Kein Zufall. "Schwabe ist ein direkter Erbe von Heinrich Petri; der Verlag war glücklich, wieder über eine Veröffentlichung mit Petrarca in Kontakt zu kommen", sagt Collarile.
swissinfo, Doris Lucini
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)
Fakten
2004: 700-Jahr-Jubiläum von Francesco Petrarca (1304 - 1374).
16.6.2004 – 5.9.2004: Petrarca-Ausstellung Strauhof Zürich: "Ich bin im Sommer Eis, im Winter Feuer".
28.8.2004 – 10.10-2004: "Nel libro di Laura": Ausstellung zum Petrarca-Jahr im Museum Kleines Klingental, Basel.
In Kürze
Petrarca gehört zu den wichtigsten und einflussreichsten Schriftstellern, beziehungsweise Gelehrten, in der Kulturgeschichte des Abendlandes.
Auf seinen vielen Reisen machte Petrarca auch für einige Wochen in Basel halt. Die Rheinstadt hat auf ihn einen anhaltenden Eindruck gemacht, denn er sah sie vor und nach dem grossen Erdbeben von 1356.
Basel sollte viel später – im 16. Jahrhundert - für die Verbreitung des Werks von Petrarca eine entscheidende Rolle spielen.
Die von Heinrich Petri Ausgabe von 1554 (leicht geänderte Neuauflage 1581) stellt bis heute die einzige Gesamtausgabe aller Schriften Petrarcas dar.