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In den USA und in Europa befürchtet man, dass die Kulturpflanzen nicht mehr genügend bestäubt werden. Das eigentliche Drama spielt sich jedoch ausserhalb des Bienenstocks ab.
«Bienensterben? Hören Sie mir auf mit Bienensterben! Unseren Bienen geht es gut», sagt Richard Wyss fast trotzig. Dann räumt der scheidende Zentralpräsident des Vereins deutschschweizerischer und rätoromanischer Bienenfreunde (VDRB) ein, dass «wir selbstverständlich Probleme haben: grüne Wüsten, Pestizide, Varroamilben – für den einzelnen Stock kann das ein Drama sein». Dank den Imkern aber gehe es den Schweizer Bienen im Allgemeinen gut. So gut, dass wir eher zu viele Honigbienen haben. Während in den USA, in Argentinien und China – den grössten Honigproduzenten der Welt – 0,3 bis 0,7 Völker pro Quadratkilometer leben, sind es hierzulande im Schnitt 4,7 Völker; in Basel über 25!
Massive Eingriffe ins Volk. Schweizweit halten 17 500 Imker 165 000 Bienenvölker, fast alle als Hobby (vor dem 2. Weltkrieg waren es noch rund 350 000 Völker). Im Vergleich zu den USA, wo Berufsimker Zehn- oder Hunderttausende Völker haben, ist die Bienenhaltung hierzulande idyllisch. Doch auch bei uns wird beinahe der gesamte Bienenbestand nicht naturnah gehalten: Die Bienen leben in genormten Kästen, den sogenannten Beuten, die grösser sind als die Baumhöhlen, die sie natürlicherweise besiedeln; während in der Natur Bienenvölker mehrere Hundert Meter Abstand zueinander haben, stellen die Imker ihre Beuten dicht an dicht, das führt zu häufigem Verflug, was die Übertragung von Parasiten und Krankheiten begünstigt; zwecks Bekämpfung der Varroamilbe – sie gilt als Bienenfeind Nummer 1 – schneiden konventionelle Imker Drohnenwaben aus dem Stock und vernichten pro Jahr 50 bis 100 Tonnen männliche Bienenlarven (die übrigens lecker schmecken), was die Genvielfalt reduziert und Stress im Volk verursacht, wie jeder Eingriff; Imker töten die vom Volk aufgezogenen Königinnen und setzen stattdessen auf Sanftmut und Honigertrag gezüchtete Königinnen ein, die oft nicht an die regionalen Begebenheiten angepasst sind; sie verhindern das Schwärmen, den natürlichen Vermehrungstrieb des Bienenvolkes und Hygienemassnahme der Bienen im Kampf gegen Krankheiten und Parasiten, wie die Varroamilben; und rund zweimal pro Jahr ernten die Imker Honig und geben ihren Bienen stattdessen Zuckerwasser, damit sie nicht verhungern.
Nutztier Biene. «Ohne uns wären die Bienen nicht mehr überlebensfähig», sagen die meisten Imker. Tatsächlich hat heutzutage der Mensch die Evolution der Honigbiene zu verantworten. Diese ist kein wildes Insekt mehr, zumindest nicht bei uns. Nach Rind und Schwein ist die Honigbiene das drittwichtigste Nutztier, nicht etwa des Honigs, sondern der Bestäubungsleistung wegen. Deren Wert wird pro Bienenvolk auf 1250 Franken geschätzt; der des Honigs auf 250 Franken. Der Wert aller Bestäuberinsekten zusammen für die weltweite Pflanzenproduktion zur menschlichen Ernährung wird jährlich mit 153 Milliarden Franken angegeben. Zwar sind nur etwa ein Drittel aller Pflanzen auf Bestäuber angewiesen. Aber von den 107 weltweit wichtigsten Kulturpflanzen – sie machen zirka ein Drittel der Welternährung aus, also jeden dritten Bissen – sind 91 ganz oder teilweise von der Insektenbestäubung abhängig. In vielen Weltregionen steigt der Bedarf an Bestäubern schneller als deren Bestand. Es ist eine Milliardenindustrie. Imker in den USA halten insgesamt rund 2,7 Millionen Bienenvölker; ohne deren Bestäubung verlören die US-amerikanischen Bauern rund 17 Milliarden Dollar Umsatz.
In den USA grassiert seit 2006 ein Phänomen namens «Colony Collaps Disorder» (CCD): Die Bienen verschwinden einfach, obwohl genügend Vorräte, Brut und meist auch die Königin in der Beute sind. Man kennt das Phänomen auch bei uns, es macht sich in massiv erhöhten Winterverlusten bemerkbar. Zehn Prozent gelten als normal; es waren auch schon 50. Stellen Sie sich den Aufschrei vor, wenn fast jede zweite Kuh tot im Stall läge! Die Ursachen sind nicht geklärt; Spekulationen gibt es viele. Genmanipuliertes Getreide steht ebenso in Verdacht wie elektromagnetische Strahlungen. Hauptverdächtige aber sind die Varroamilbe und Viruserkrankungen sowie Neonicotinoide, eine Gruppe hochwirksamer Insektizide, welche die Weiterleitung von Nervenreizen beeinträchtigen und den Orientierungssinn der Bienen stören sowie ihr Immunsystem schwächen.
44 Prozent der amerikanischen Honigbienen haben den Winter 2015/16 nicht überlebt. «Das Schrumpfen der Bienen-Bevölkerung ist eine der grössten Herausforderungen für die weltweite Landwirtschaft und die Lebensmittelsicherheit in den kommenden fünf Jahren», heisst es in einer aktuellen Studie des US-Landwirtschaftsministeriums.
Bienen sich selbst überlassen? Vor 40 Jahren wurde Varroa destructor, die Varroamilbe, durch das Bieneninstitut Oberursel aus Asien nach Deutschland eingeschleppt. Von dort hat sie sich rasch über den ganzen Kontinent ausgebreitet. Die Milbe saugt Blut und kann Viren übertragen. Die Virulenz habe in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen, sagt Molekularbiologe Johannes Wirz vom Forschungsinstitut am Goetheanum: «1980 hat ein Volk mit 10 000 Milben den Winter ohne Behandlung überlebt. Heute ist ein Volk mit 2000 Milben dem Tod geweiht, wenn der Imker nicht handelt.»
Dazu beigetragen hat wohl ausgerechnet die Bekämpfung des Parasiten. Kritiker sprechen von einem «Varroa-Zuchtprogramm»: Die Medikamentenschwemme habe die Varroamilbe stark gemacht und gleichzeitig die Bienen geschwächt. Der Verein Free the Bees, der auch die Zeidlerei wieder einführen will, plädiert deshalb dafür, zumindest einen Teil der Bienenvölker sich selbst zu überlassen, damit die natürliche Evolution wieder spielen kann: «Jeder Imker soll 10 bis 20% seines Bienenstandes natürlich betreiben, ohne jeglichen Anspruch auf Produktivität und Ertrag. Privatpersonen sollten Bienenvölker in ihren Gärten, auf Balkonen und Dächern usw. platzieren. Und im grossen Stil sollten Nistkästen für Honigbienen in der Landschaft und in den Wäldern verteilt werden.»
Koexistenz von Bienen und Milben. Jean-Daniel Charrière, Leiter des Zentrums für Bienenforschung, hält die Forderungen von Free the Bees für zu extrem. Zwar zeigten Beispiele aus den USA, den Gotland-Inseln oder Norwegen, dass die Bienen sich durchaus anpassen und mit Varroamilben leben können. Doch seien die Umstände dort nicht zu vergleichen mit der Schweiz mit ihrer extrem hohen Honigbienendichte. Ein zentrales Kriterium für das Überleben der Völker liege vermutlich bei der Distanz zwischen den einzelnen Völkern, meint Charrière. «Zwei, drei Völker im Bienenstand nicht behandeln, ist deshalb keine Option. Sie wären Quellen von Varroa. Die natürliche Selektion würde zwar wieder spielen, aber der Druck auf die Imker in der Umgebung wäre riesig», sagt er. Und: «Wenn wir mit der Varroabehandlung aufhörten, würden wir wohl 98 oder 99 Prozent der Völker verlieren. Jene, die überleben, wären varroatolerant. Die Bienen können sich retten. Aber wir können uns diesen Weg nicht leisten.» Denn bis sich der Bienenbestand erholt hätte, wäre mit massiven Ernteausfällen in der Landwirtschaft zu rechnen. Und das würde Jahre dauern. Zudem, so Charrière, würde man die grosse Genvielfalt der gegenwärtigen Biene verlieren. Statt auf die natürliche Selektion setzt er deshalb auf die Wissenschaft: «Wir versuchen die Mechanismen zu verstehen, wieso manche Bienenvölker varroatolerant sind. Die Erkenntnisse fliessen in die Zucht ein.» Allerdings ist es den Bieneninstituten in zwei Jahrzehnten nicht gelungen, varroatolerante Bienen für die Praxis zu züchten. Charrière bleibt dran. Denn er ist überzeugt: «Wenn wir das Varroaproblem lösen, ist das das Beste für die Bienengesundheit.»
So helfen Sie den Bienen
• bienenfreundliche Blumen säen
• auf künstliche Dünger und Insektengifte verzichten
• sich die Bienen jeden Tag als gesund, glücklich und frei vorstellen
• Freunde und Verwandte für das Thema sensibilisieren
• Politiker wählen, die sich für eine nachhaltige Agrarpolitik einsetzen: kein Gift, kein Gen, kein Mono! Vielfalt statt Einfalt! Klasse statt Masse!
• Unterschriften sammeln: www.future3.ch und www.sauberes-wasser-fuer-alle.ch
Krieg auf dem Acker. Andere glauben, dass die Varroamilbe lediglich den Blick auf das eigentliche, viel grössere Problem verstellt: Agrargifte. Sie stören nachweislich die komplexen Abläufe im Bienenstock, schwächen das Immunsystem der Bienen und verschärfen dadurch das Varroaproblem. Der Pestizidverbrauch in der Schweiz ist zu hoch, darüber sind sich praktisch alle einig. Fast 2200 Tonnen werden jährlich auf die Felder gespritzt, pro Hektar so viel wie in kaum einem anderen Land. Besonders in der Kritik stehen die sogenannten Neonicotinoide, ein Milliardenmarkt. Verglichen mit dem schon lange verbotenen DDT sind Neonics für Bienen bis zu 7000-mal giftiger. Sie reichern sich im Boden an und belasten die Gewässer. Drei Neonics sind in der Schweiz und der EU seit 2013 teilweise verboten. Andere dürfen nach wie vor uneingeschränkt eingesetzt werden. Zum Beispiel als Beizmittel für Saatgut. Dabei wird der Giftcocktail mit dem Saftstrom in sämtliche Pflanzenteile transportiert; sogar im Pollen und Nektar sind Spuren nachweisbar. Bienen tragen das Gift in den Stock, Insekten, die an den Pflanzen knabbern, sterben. Die industrielle Landwirtschaft geht zudem einher mit einem extremen Mangel an Nistmöglichkeiten und Nahrungsquellen (zum Beispiel jetzt, nachdem der Raps verblüht ist). Jede zweite der fast 600 heimischen Wildbienenarten ist bedroht; 92 Prozent der Ameisenarten weisen eine «negative Entwicklungstendenz» auf. Das «Bienensterben» ist nur die Spitze eines gewaltigen Eisbergs.
Wunderwelt der Bienen
Mit einem lebenden Bienenvolk, einer Bienenweide im Museumsgarten und einem Bienenrundgang durch Frauenfeld. Naturmuseum Thurgau, Frauenfeld
Dienstag –Samstag 14–17 Uhr; Sonntag 12–17 Uhr, bis 10. September, Eintritt frei. www.naturmuseum.tg.ch
In welcher Umwelt wollen wir leben? Es droht eine noch viel grössere Katastrophe als das «Bienensterben». Der niederländische Öko-Toxikologe Hendrik Tennekes spricht vom «Ende der Artenvielfalt». Wir erleben das sechste Massenaussterben, sagen auch andere Wissenschaftler. Jeden Tag verschwinden 100 bis 200 Tier- und Pflanzenarten für immer, hauptsächlich in den Regenwäldern. Aber auch bei uns drohe ein Bruch in der Nahrungskette, warnt Tennekes. «Dadurch droht das ganze Ökosystem zusammenzubrechen.»
Halten uns die Bienen mit ihrem Leiden einen Spiegel vor? Davon ist Karsten Massei, Autor von «Die Gaben der Bienen», überzeugt. Die Not der Bienen sei eigentlich eine Not der Menschen, schreibt er. «Die Unterstützung und Heilung der Bienen bedeutet deshalb auch immer eine Verwandlung des Menschen und seiner Haltung gegenüber der Erde und ihren Wesen. Die Heilung der Bienen kann nicht unabhängig von der Selbstheilung der Menschen gedacht und vollzogen werden.»
Nutzen wir die Botschaft der Bienen. Es ist noch nicht zu spät. Noch haben wir eine Wahl, in was für einer Welt wir leben wollen. Sollen die Bienen gesunden, muss unsere Gesellschaft zurückkehren zu einer bäuerlichen und ökologisch orientierten Landwirtschaft. So lautet auch eine Kernaussage des Weltagrarberichts: «Wir brauchen eine agrarökologische Evolution der Landwirtschaft, der Lebensmittelproduktion und des Konsums.» Auch diverse Umweltverbände in der EU und in der Schweiz setzen sich ein «für einen entwicklungs- und umweltpolitisch verträglichen Umbau der Agrarpolitik, der einer bäuerlichen Landwirtschaft eine Zukunft ermöglicht». Die beiden aktuellen Initiativen für eine Schweiz ohne Pestizid und die Initiative für sauberes Wasser und gesunde Nahrung sind wichtige Etappenziele auf dem Weg dahin. Die Bienen zeigen uns mit ihrem Leiden, dass wir anders umgehen müssen mit der Natur. Nutzen wir die Chance. Die Schweiz ist prädestiniert für eine bäuerliche Landwirtschaft. Und wir können sie uns leisten. Langfristig könnte der Ökolandbau sogar die Ernährungssouveränität stärken: Untersuchungen zeigen, dass eine kleinteilige Landwirtschaft mit Mischkulturen wesentlich produktiver sein kann als die industrielle Landwirtschaft. Zudem ginge es mit einer blühenden, bunten Landschaft nicht nur den Bienen besser, sondern auch den Menschen. Deshalb: bye-bye Intensivlandwirtschaft statt bye-bye Biene!
Wilde Verwandte
Die Bestäubung von Obstkulturen liegt umso höher, je mehr Arten an der Bestäubung beteiligt sind. Wildbienen, Käfer, Schmetterlinge und viele andere Insekten sind also ebenfalls wichtige Bestäuber. Sie sind noch stärker als Honigbienen auf naturnahe Landschaften angewiesen und leiden besonders stark unter Agrargiften und Monokulturen und der damit verbundenen saisonalen Futterknappheit. Damit die Bestäuberinsekten überleben, braucht es ein dichtes Netz an blüten- und strukturreichen Flächen. Dabei können naturnah angelegte Parks, Gärten, Dächer, Terrassen und sogar Balkone wichtige Mosaiksteine sein. Wer für eine lange Blütenpracht sorgt, hilft also der ganzen Artenvielfalt.
Fotos: Éric Tourneret aus «Die Wege des Honigs», Verlag E. Ulmer, istockphoto.com