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Um 1710 schrieb der Bündner Chronist Nicolin Sererhard: «Das Rheinwald ist wild und scharfen Lüften unterworfen. (…) von diesem Land, wie von den meisten Wildnissen, kann gesagt werden: es sey ein Land, da alle Jahr neun Monath Winter und drei Monath kalt sey.» Wahrlich keine sehr schmeichelhafte Beschreibung der höchstgelegenen Talstufe am Hinterrhein.
Wildnis und ein raues Klima herrschte bestimmt vor, als vor etwa 10’000 Jahren eine kleinere Gruppe von Sammlern und Jägern erste menschliche Spuren im Gebiet des Splügenpasses hinterliess. Ebenso unwirtlich mögen die römischen Söldner, welche über Splügen- und San Bernardinopass zogen, das Rheinwald erlebt haben. Und auch die ersten Siedler – deutschsprachige Walser – erwartete hier eine Wildnis in Form eines kaum überblickbaren alpinen Urwalds. Diese ursprünglich aus dem Oberwallis stammenden Kolonisten stellten sich der Herausforderung und begannen im Rheinwald als Hirten und Bauern zu leben, nachdem sie Teile der Wälder gerodet, Böden urbarisiert und Siedlungen aufgebaut hatten. All dies geschah ganz im Sinne der Feudalherren, die ihre Untertanen bewusst in jene entlegenen Gebiete geschickt haben, um diese Alpentäler zu besiedeln. Als Entgelt für ihre kolonisatorische Tätigkeit sicherten sich die Walser Rechte und Freiheiten, welche die damalige einfache Bevölkerung nicht oder nur selten besass.
Es ist wahrscheinlich, dass die Walser nicht nur als Bergbauern tätig waren, sondern schon bald einmal als Säumer im Transitverkehr einen Zusatzverdienst fanden. Denn das Leben und die Entwicklung des Rheinwalds – am Fusse der damals wichtigen Alpenpässe Splügen und Bernhardin – wurde während Jahrhunderten stark durch den lebhaften Handel und Warenaustausch zwischen Norden und Süden geprägt. Der Warentransport galt als ideale Ergänzung zur bergbäuerlichen Existenz. Und so führten viele einheimische Bauern mit ihren Pferden Getreide, Salz, Früchte, Wein, Textilien oder Waffen über die Pässe.
Um 1820 wurden die alten Saumwege zu Fahrstrassen ausgebaut. Pferdefuhrwerke ersetzten den traditionellen Säumer mit seinen vollbepackten Pferden, Reisende wurden nun bequem in Postkutschen über die Pässe chauffiert. Mancher Einheimische verlor seine Existenz und war gezwungen, sein Glück in der Ferne zu suchen – als Zuckerbäcker in Mantua, als Cafetier in Dresden oder als Gastwirt an der französischen Riviera. Der Transitverkehr auf der neuen Kommerzialstrasse über Splügen und Bernhardin erlebte zwar zunächst einen beachtlichen Aufschwung, erhielt dann jedoch wenige Jahrzehnte später grosse Konkurrenz: Alpenbahnen wie die Brenner- oder Gotthardbahn wurden eröffnet und es erfolgte sogleich eine Verkehrsverlagerung von der Strasse auf die Schiene. Damit war der Niedergang des Transitverkehrs im Rheinwald besiegelt und eine Vielzahl der Bewohner sah sich ihrer Existenzgrundlage endgültig beraubt – eine zweite grosse Auswanderungswelle Richtung Nordamerika und Neuseeland setzte ein.
Die im Rheinwald verbliebenen Einwohner fanden in der Landwirtschaft oder im langsam aufstrebenden Tourismus eine Arbeit. Das Gastgewerbe besitzt im Rheinwald eine lange Tradition – unter den zahlreichen Gästen tauchen berühmte Namen auf wie Johann Wolfgang von Goethe, Albert Einstein oder Conrad Ferdinand Meyer. Letzterer berichtete denn auch in weit rühmlicherer Art und Weise über seinen Aufenthalt im Rheinwald als dies der eingangs erwähnte Sererhard getan hat: «Das Tal ist breit, der Himmel schon südlich, die Luft frisch, aber mild…».
Um 1940 verdüsterte sich die Lage im Rheinwald indes dramatisch: Pläne für einen Gross-Stausee nahmen konkrete Formen an. Bei der Burgruine von Splügen hätte eine Staumauer den Hinterrhein auf einer Länge von neun Kilometern taleinwärts gestaut. Weite Teile des Rheinwalds – insbesondere das ganze Dorf Splügen – wären dabei überflutet worden. Die Talbewohner wehrten sich geschlossen und letztlich erfolgreich gegen dieses bedrohliche Projekt.
Mit der Erhaltung des Talbodens war die Existenzgrundlage für die Rheinwalder Bauern gerettet und die Landwirtschaft erlebte in der Folge einen steten Auftrieb. Die Betriebsausrichtung hat sich von der Aufzucht zur Milchproduktion verlagert; die Dorfsennereien wurden ausgebaut und modernisiert, sodass deren vielfältige Produkte mittlerweile einen regen Absatz im In- und Ausland finden. Die bereits anfangs der 1990er-Jahre erfolgte Umstellung auf Bio-Landwirtschaft hat sich gelohnt, da eine höhere Wertschöpfung generiert werden kann. Die Sennereigenossenschaft Nufenen/Hinterrhein leistete dabei Pionierarbeit: Sie produzierte 1992 als erste Genossenschaft in Graubünden bzw. als zweite in der Schweiz Käse nach Bio-Richtlinien.
Einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte das Rheinwald auch durch den Bau der N13 (heute A13) und des San Bernardino-Strassentunnels. Vor allem der Wintertourismus erfuhr dadurch einen rasanten Aufschwung und die Zahl der Logiernächte in Hotels und Ferienwohnungen stieg stark an. Mit der Lancierung der Fernwanderwege viaSpluga und Walserweg Graubünden wurden zwei Magnete für den Sommertourismus geschaffen – Wanderer können auf den Spuren der Säumer bzw. der Walser Kolonisten die vielfältige Kultur- und Naturlandschaft sowie weitgehend intakte Dorfbilder erleben. Sport, Natur und Kultur sind zu den Eckpfeilern des Rheinwalder Tourismus geworden.
Splügen, 12. März 2019, Sabina Simmen-Wanner