Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03655.jsonl.gz/858

WOZ: Sie reisen viel. Sind Sie schon wieder auf dem Sprung?
Ruth Dreifuss: Ja, ich bin viel auf Reisen. Meistens nicht, wie ich wirklich reisen möchte, mit Zeit und ausserhalb der Grossstädte und ihrer Hotels, sondern «jetting in – jetting out», von einer Sitzung zur nächsten.
Wohin geht die bevorstehende Reise?
Nach Costa Rica, zur «Universität für den Frieden». Sie wurde von der Uno-Generalversammlung gegründet und hat in Costa Rica einen Campus. Ich bin Chancellor dieser Universität, die jungen Leuten eine Masterausbildung im Bereich Frieden (Medien und Frieden, Umwelt und Frieden, Internationales Recht und Menschenrechte, Konfliktlösung usw.) anbietet. Die weltweite Dimension der Probleme und ihre Verankerung im Lokalen sind für mich seit eh und je wesentlich.
Der bis im September zu erwartende Entscheid, ob die Schweiz die Millionen der Duvaliers an den ehemaligen Diktator und an das Volk von Haiti zurückgibt, ist ein Beispiel dafür ...
Ja, die Schweiz ist in diesem Fall mit der Unzulänglichkeit ihrer Gesetzgebung konfrontiert. Solange Haiti nicht nachweisen kann, dass die Duvaliers Haiti geplündert haben, hat die Schweiz keine Handhabe, das Geld zurückzuhalten. Haiti hat es effektiv nicht geschafft, die nötigen gerichtlichen Schritte einzuleiten; der ganze Justiz- und Polizeiapparat musste von null auf wieder aufgebaut werden, nachdem er während der langen Diktatur von Duvalier Vater und Sohn zerstört wurde. Und die desolate Lage dieses Landes ist bei weitem nicht überstanden.
Und da kann man nichts tun?
Das Schweizer Gesetz sollte verschärft werden. Und vielleicht wird es eines Tages auch in diesem Bereich ein internationales Gericht geben, wie bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ein Gericht, das untersucht, ob das Geld der betroffenen Bevölkerung geraubt wurde.
Wie war das mit dem Armenpriester Jean-Bertrand Aristide? Kennen Sie den Mann persönlich, der die Duvalier-Diktatur überwunden hat?
Ich habe ihn schon vor seiner Wahl kennengelernt, damals war er ein charismatischer Armenpriester und ich eine Gewerkschafterin. Ich war dabei, als er sich, nach seiner ersten Wahl zum Präsidenten, auf sein Amt vorbereitete. Ich habe ihn dann immer wieder getroffen, auch als er im ersten Exil in den USA war. Unser letztes Treffen fand in Port au Prince statt, nachdem er aus den USA zurückgekommen war. Seitdem wurde er, nach fünf Jahren ohne Mandat, wieder gewählt und wenig später ein zweites Mal aus dem Land getrieben. Er lebt jetzt im südafrikanischen Exil.
Hat sich der Hoffnungsträger eigentlich über Nacht in einen blutigen Bösewicht verwandelt? Oder haben da auch die USA das Szenario geschrieben?
Es gibt ein geflügeltes Wort über Mexiko: «Armes Mexiko, so weit von Gott und so nahe bei Amerika!» Für Haiti gilt das noch mehr. Aber, um im Bild zu bleiben: Vielleicht ist das katholische Priesterseminar ja wirklich nicht die beste Ausbildung für einen Staatschef. Jean-Betrand war ein Volkstribun, er konnte die Menschen begeistern, aber er hatte nicht das Handwerkszeug für einen Staatschef.
Sie haben mit ihm zusammengearbeitet?
Ich habe viel mit ihm diskutiert. Ich habe ihn unterstützt, als er während seiner ersten Amtszeit eine demokratische Polizei aufzubauen begann. Schon damals spielte Jean-Bertrand mit der Idee, Strassenkinder als persönliche Beschützer einzustellen. Ich habe davon abgeraten, sonst werde er wie Winnie Mandela, oder sogar wie Duvalier enden. In der ersten Amtszeit hat er der Versuchung widerstanden, in der zweiten Amtszeit nicht mehr. Er hat sich die Unterstützung von Kräften gesichert, die schliesslich nicht mehr zu kontrollieren waren. Und dann wurde er von seinen Paten, ich meine die USA und Frankreich, definitiv weggeschickt.
Andere Bundesräte sichern sich nach ihrem Abgang ein paar lukrative Verwaltungsratssitze – Sie verhalten sich da nicht besonders typisch.
Meine Wahl war auch nicht besonders typisch. Ohne die Krise um die Frauenvertretung im Bundesrat wäre ich gar nicht gewählt worden. Heute lege ich mir auf der Schweizer Bühne eine gewisse Zurückhaltung auf. Dafür bin ich lokal, in Genf, und global, das heisst international, tätig.
Und welcher Ihrer Tätigkeitsbereiche liegt Ihnen besonders am Herzen?
Es gibt so viele ... 1963 habe ich zusammen mit Freundinnen und Freunden eine linke, parteiunabhängige Zeitung gegründet, «domaine public». Es gibt sie bis heute, seit Anfang Jahr allerdings nur noch auf dem Netz. Seit meinem Abschied aus dem Bundesrat bin ich dort wieder Präsidentin ihres Verwaltungsrats. Wir verstehen dieses Magazin als freiwilligen Beitrag an die politische Diskussion. Schauen Sie doch einmal hinein: www.domainepublic.ch!
Ruth Dreifuss, geboren 1940, Lizentiat in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität Genf, Sekretärin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, Mitglied der Bundesrates von 1993 bis 2002, erste Bundespräsidentin der Schweiz 1999.