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Steckbrief
Gefährdungsgrad: stark gefährdet (EN)
Nationale Priorität: mässig (4)
Merkmale:
- Gestalt schlank
- Kopf klein, rundlich, abgeflacht, schwach vom Hals abgesetzt
- Rückenschuppen sehr glatt, ungekielt
- Grundfarbe grau, braun oder rötlich
- Rücken mit dunklen, meist paarigen Flecken
- markanter dunkler Fleck am Hinterkopf
- charakteristisches Band von Nasenloch über Augenunterkante zum Mundwinkel
- Kopfschilder gross
- eine Schuppenreiche zwischen Auge und Mundspalte
Beschreibung
Die Schlingnatter, Coronella austriaca, ist unsere kleinste Schlangenart. Sie ist völlig harmlos und wird nur selten über 70 cm lang. Von den Wassernattern und Vipern unterscheidet sie sich durch die glatte Beschuppung, von der Aeskulap- und Gelbgrünen Zornnatter durch Zeichnung, Färbung und Anzahl Rücken-schuppenreihen.
Die Grundfarbe variiert von grau, braun, olivgrün bis rötlichbraun oder lehmgelb. Mancherorts tendieren Weibchen mehr zu grauen und Männchen mehr zu braunen Tönen. Die Zeichnung, oft fast fehlend, besteht meist aus kleineren dunklen, paarigen Flecken, die mehr oder weniger längs zur Körperachse ineinander verschmelzen können. Selten werden auch sehr grossgefleckte oder schwach längsgestreifte Tiere gefunden. Stets vorhanden ist der dunkle, bisweilen dreieckige Fleck auf der Kopfoberseite. Die Bauchseite ist zeichnungslos und schwarz oder braun, nie jedoch würfelartig gefleckt wie z.B. bei der Ringelnatter. Jungtiere weisen eine ziegelrote Bauchfärbung auf.
Ökologie
Die Schlingnatter führt ein sehr diskretes Leben. Ausserhalb ihres Schlupfwinkels bewegt sie sich fast nur im Schutz der Pflanzendecke. Ihre Bewegungen sind langsam und derart geschmeidig, dass man selbst in trockenem Laub kriechende Tiere kaum hört. Bei Störungen verharrt sie in der Regel unbeweglich und wird daher oft übersehen. Schlingnattern findet man nur bei hoher Luftfeuchtigkeit und milden Temperaturen oder allenfalls noch zu den Randzeiten des Tages völlig frei liegend im Gelände. An warmen Tagen bleiben die Tiere oft ganztätig in der Krautschicht oder unter Steinen verborgen. Bei kühler Witterung oder trockener Hitze verlassen meist nur Individuen, die kurz vor der Häutung stehen, ihr Versteck, sind dann aber verhältnismässig leicht zu entdecken.
Die Nahrung der Schlingnatter besteht überwiegend aus anderen Reptilienarten, v.a. Blindschleichen und Eidechsen, doch werden selbst Vipern und Artgenossen gefressen. Der Anteil an Kleinsäugern variiert je nach Lebensraum. Beutetiere werden durch mehrere Körperschlingen festgehalten und erdrosselt (Name!).
Den meisten Schlingnattern begegnet man im Frühling selbst bei mildem Wetter nicht vor Mitte April. Möglicherweise erscheinen die Tiere nur dort früher, wo die Krautschicht bereits eine gewisse Deckung gewährt. Die Paarung findet noch im April oder anfangs Mai statt. Schlingnattern sind lebendgebärend. Trächtige Weibchen können oft wochenlang am selben Sonnenplatz beobachtet werden. Männchen sind weniger ortstreu und daher nicht so zuverlässig zu beobachten. Ende August oder im September werden die 3 bis 15 Jungtiere geboren. Sie sind 12 bis 17 cm lang.
Die Schlingnatter hat viele Fressfeinde, v.a. Raubvögel und Marder, im Siedlungsgebiet auch Hauskatzen. Angreifern gegenüber ist die kleine Schlange ziemlich wehrlos. Ein spezifisches Abwehrverhalten wie Stinkdrüsen entleeren oder Totstellen fehlt ihr. Einige Tiere entleeren den Darm oder zischen. Bei starker Belästigung beissen sie zu. Die Schlingnatter verlässt sich zur Feindvermeidung voll auf ihre Tarnung und die diskrete Fortbewegung.
Verbreitung
Die Gesamtverbreitung erstreckt sich von der Iberischen Halbinsel bis nach Mittelschweden, im Osten bis in die Steppen von Kasachstan und die Türkei. Das nördlichste Vorkommen liegt auf Aland (Finnland), das südlichste auf Sizilien. In Irland fehlt sie, in England leben nur ganz im Süden eine Populationen, in Dänemark wurde sie in diesem Jahrhundert ausgerottet.
Trotz ihrer ehemals weiten Verbreitung in der Schweiz hat die Schlingnatter bei uns einen geringen Bekanntheitsgrad. Oft wird sie nicht als eigene Art erkannt, sondern als vermeintliche Viper oder Kreuzotter totgeschlagen. In einigen Gegenden kennt man sie als "Kupferschlängli", während anderswo damit die Blindschleiche gemeint ist.
Jura, Alpen und Alpensüdseite beherbergen noch intakte Schlingnatterbestände. Im Mittelland ist die Art in den letzten 50 Jahren stark zurückgegangen und regional bereits ausgestorben. Ein längerfristiges Überleben in diesem Naturraum ist sehr unwahrscheinlich.
Gefährdung und Schutz
Die ökologischen Ansprüche der Schlingnatter sind hoch. Eine intakte Echsenpopulation als Nahrungsgrundlage ist vielerorts unerlässlich, so dass von Ansiedlungsversuchen im Privatgarten abgeraten werden muss. Dagegen müssen sämtliche Lebensräume des Mittellandes, in welchen noch Schlingnattern vorkommen, unverzüglich unter Schutz gestellt und gepflegt, die Bestände in ihrer Entwicklung überwacht werden.
Folgende Massnahmen sind angezeigt:
- Erhalt offener, sich gut erwärmender Flächen (Schutthalden und Felsfluren, Schotter, Kies, Blockwürfe, Steinbefestigungen, Steinkörbe, Trockenmauern, Lesesteinhaufen etc.), wenn nötig auch durch Entfernen grösserer schattenwerfender Bäume und Sträucher
- Kleinstrukturen aller Art (Trockenmauern, Lesesteinwälle, Steinhaufen, Holz-, Gras- und Komposthaufen etc.) in potenziellen Lebensräumen erhalten, pflegen oder neu anlegen.
- Mauern im Rebgelände nicht zumörteln oder durch Beton ersetzen (wichtige Schlupfwinkel, auch für Beutetiere)
- Krautschicht im Sommerhalbjahr möglichst unberührt lassen (nur einmal mähen, auf keinen Falls abflämmen, auf Herbizide verzichten); besonders wichtig an Bahndämmen!
- Einschränkung des Chemieeinsatzes im Rebgelände und an Bahndämmen (die Schlingnatter frisst dort bevorzugt Eidechsen, welche ihrerseits auf Insekten als Nahrung angewiesen sind)
- An Waldrändern und auf Lichtungen Förderung eines stufigen Gebüschsaumes mit breiter Krautschicht; Baumstrünke und Altholzhaufen nicht entfernen.
- Im Siedlungsgebiet in Bereichen, wo regelmässig Schlingnattern beobachtet werden, Störungen vermeiden und Katzen fernhalten, Kleinstrukturen fördern. Aussetzungen unterlassen!
Schlingnatterfunde sind für die karch von grösster Bedeutung. Nur so entsteht ein repräsentatives Bilder des Status' der Art und damit die Grundlage zu einem umfassenden Schutzkonzept. Teilen Sie uns Ihre Beobachtungen unbedingt mit, auch wenn sie schon Jahre zurückliegen!
Lebensraum
Die Schlingnatter besiedelt die ganze Schweiz von den Niederungen bis auf etwa 2'100 m Höhe. Essentiell für ihr Vorkommen scheint die Beschaffenheit des Untergrundes zu sein. Das Tier bevorzugt rasch abtrocknende, sich stark erwärmenden Böden. In der Schweiz sind dies vor allem steinige oder felsige Flächen und flachgründige Hanglagen. In stärker durchnässtem Gelände findet man Schlingnattern nur, wenn Steinhaufen, Legsteinmauern, Felskuppen oder ähnliche Strukturen vorhanden sind, die den Tieren erlauben, die optimale Körpertemperatur raschmöglichst zu erreichen.
Im Mittelland liegen die meisten ehemaligen und aktuellen Fundorte dort, wo schon vor der Entstehung der Kulturlandschaft unbewaldete Flächen existierten. Die Schlange lebt auf den Schotterbänken entlang von Flüssen, an Seeufern, Flühen und besonnten Molassehängen am Rande von Moor- und Sumpfgebieten. Von hier aus hat sie Habitate menschlichen Ursprungs besiedelt: Steinbrüche, Kiesgruben, Rebberge, Bahndämme, Trockenwiesen und Brachländer.