Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03622.jsonl.gz/7

Rembrandt und seine Zeitgenossen malten Bilder mit exotischen Objekten aus dem damals neuen Kolonialreich der Niederlande. Wie begeistert sie diese gemalt haben, zeigt das Kunstmuseum Basel mit «Rembrandts Orient»
Die Niederlande, befreit von der spanischen Herrschaft, gründeten 1581 die Republik der Sieben Vereinigten Provinzen und setzten den spanischen König als Landesherrn ab. Die Handelsgesellschaften rüsteten ihre Flottenverbände auf und schlossen sich 1602 zur Vereinigten Ostindischen Compagnie zusammen, der ersten Aktiengesellschaft der Geschichte. In kurzer Zeit eroberten sie fast sämtliche portugiesischen Handelsstützpunkte in Südostasien und gründeten 1621 die Westindien-Kompanie mit dem grössten Sklavenhandel, – samt allen dazugehörenden Auswüchsen.
Kopie von J.F.F. nach Andries Beeckman, Der Markt von Batavia [heute Jakarta], nach 1688, Tropenmuseum, Amsterdam. Foto: ©Collection Nationaal Museum van Wereldculturen, Amsterdam. 1619 eroberten und zerstörten die Niederländer Jakarta, vertrieben die Bevölkerung und legten die neue Siedlung Batavia an mit Chinesen und Sklaven aus Indien und Bali und entwickelten die Stadt zum Zentrum ihres vorkolonialen Systems.
Die Niederlande wurden in kurzer Zeit zur machtvollen Republik, der Handel blühte, viele Bürger genossen einen gewissen Wohlstand und das 17. Jahrhundert wurde zum Goldenen Zeitalter. Die Malerei bot etwa siebenhundert professionellen Malern ein Auskommen. Ihre Werke sind Zeugnisse der ersten Globalisierung und zeigen den Einfluss fremder Kulturen. Wissensdurst, Sammellust und Besitzerstolz prägten diese kunstgeschichtlich bedeutende Epoche. Die Maler wurden zu neuartigen Historienszenen, Porträts und Stillleben inspiriert. Die Schattenseiten wurden nicht dargestellt: Handelskriege, Gewalt, Ausbeutung und Sklaverei.
Rembrandt Harmensz van Rijn, «Musizierende Gesellschaft», 1626. Rijksmuseum Amsterdam. Foto: rv.
Ein einziges Bild mit kritischem Hintergrund stammt von Rembrandt Harmensz van Rijn (1606-1669). Die «Musizierende Gesellschaft» von 1626 gehört zu seinen frühesten Ölgemälden. Darin nimmt er das opulente Zurschaustellen des Luxus mit falscher Harmonie aufs Korn. Dargestellt ist eine Bordellszene: Eine alte Kupplerin versucht die singende Prostituierte mit den zwei Musikern zu verkuppeln. Das Bild an der Wand zeigt Lot und seine Familie auf der Flucht aus dem untergehenden Sodom und weist auf die Sündhaftigkeit der Szene hin. Doch die Gesellschaft um Rembrandt verstand seine Kritik nicht, der Luxus gehörte bereits zum Selbstverständnis, und so blieb dies sein einziger Kritikversuch.
Die Ausstellung zeigt, von Rembrandt ausgehend, zahlreiche Werke auch seiner Schüler und Zeitgenossen. Sie alle waren fasziniert vom Fremden, das sich durch die Handelserfolge in der Republik ausbreitete. Rembrandt war ein leidenschaftlicher Sammler exotischer Objekte und Textilien, bis er sich damit finanziell ruinierte. Seine kostbare Sammlung bot ihm und seinen Schülern reichhaltiges Vorlagematerial. So statteten sie in ihren biblischen Historien die Figuren mit Turbanen, Schwertern und edlen Gewändern aus. Schwieriger war die Darstellung exotischer Tiere, deren Aussehen anfänglich weniger bekannt war, wie beispielsweise der Kamele, die mit einem zu langen Hals dargestellt wurden.
Bartholomeus van der Helst (1613-1670), Die Vorsteher des Schützenhauses, 1655, Amsterdam Museum. Foto: rv.
Die sogenannten Schützenstücke weisen auf das Selbstbild der Amsterdamer Elite des 17. Jahrhunderts hin. Die Vorsteher der Schützengilde liessen sich bei ihren Zusammenkünften im Gruppenbild bei einer Austernmahlzeit darstellen. Sie sitzen nach der zeitgenössischen Mode in schwarzer Kleidung und mit breitkrempigen schwarzen Hüten um einen Tisch, den ein detailliert wiedergegebener persischer Teppich bedeckt. Die zentrale Platzierung des Teppichs erscheint hier nicht in erster Linie als Statussymbol, sondern belegt, wie selbstverständlich exotische Objekte in die niederländische Lebenswelt einbezogen wurden.
Caesar van Everdingen (um 1616-1678), Wollebrand Geleynsz de Jongh, 1674, Stedelijk Museum Alkmaar. Foto: rv.
Im Gegensatz zu den schwarzgekleideten Herren der Schützengilde liess sich Wollebrand Geleynsz de Jongh in orientalischer Kleidung wohlhabend, stolz und selbstbewusst porträtieren. Mit dem Kommandeursstab in der rechten Hand weist er auf die Festung von Batavia, – er wusste seine Ziele rücksichtslos zu erreichen.
De Jongh stammte aus einfachen Verhältnissen und brachte es als Handelsbeauftragter und Flottenkommandeur der Ostindischen Kompanie zu Reichtum und Ansehen im Fernen Osten. Davon zeugen nicht nur seine Goldmedaille auf der Brust, sondern auch der kostbare Teppich, seine Kleidung aus feiner blaugrünschimmernder Seide mit goldenem Blumenmuster sowie die beiden afrikanischen Pagen. Der rote Sonnenschirm über ihm galt als asiatisches Hoheitszeichen und Inbegriff des Fernen Ostens. Das Porträt gab der 79-Jährige de Jongh ein Jahr vor seinem Tod in Auftrag, es zeigt ihn in seinen besten Jahren als Mittfünfziger. Er schenkte es dem Waisenhaus in Alkmaar, in dem er selber zwei Jahre seiner Jugend verbracht hatte, so stand er vorbildhaft für den wirtschaftlichen Aufstieg aus eigener Kraft.
Rembrandt Harmensz van Rijn, Brustbild eines Mannes in orientalischer Kleidung, 1635. ©Rijksmuseum, Amsterdam.
Charakterstudien, sogenannte Orientalen-Tronie, waren als Bildtypus ab 1620 äusserst beliebt. Meist wurden anonyme Personen mit markanten Gesichtszügen in prächtigen Gewändern, oft mit Turban dargestellt. Die Inszenierung edler Kostüme und kostbarer Schmuckstücke faszinierte die Betrachter. Rembrandt erreichte darin durch die genaue Erfassung der unterschiedlichen Materialien, wie Brokat und Seide für die Gewänder sowie Gold und Perlen für das Geschmeide, und durch die gekonnte Lichtführung grosse Meisterschaft. Seine Tronie strahlen Würde, Selbstbewusstsein und grosse Präsenz aus.
Die Ausstellung ist in Kooperation mit dem Museum Barberini in Potsdam entstanden. Sie zeigt insgesamt 120 Werke, neben Gemälden auch zahlreiche Druckgrafiken, Zeichnungen, Karten, Miniaturmalereien und Bücher. Gleichzeitig sind im Hauptbau «Rembrandts Radierungen» ausgestellt, Schenkungen des Berner Sammlers Eberhard W. Kornfeld. Anhand der rund sechzig ausgewählten Blätter lässt sich die raffinierte Radierkunst Rembrandts in all ihren Facetten bewundern.
Bis 14.02.2021
«Rembrandts Orient. Westöstliche Begegnung in der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts» im Neubau des Kunstmuseum Basel, mehr Informationen hier.
Katalog zur Ausstellung (Deutsch/Englisch) mit zahlreichen Abbildungen, Hrsg. Odo Brinkmann/Gabriel Dette, Prestel Verlag, München, 2020. Museumpreis CHF 49.00.