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12. Apr 2021
Globale Herausforderungen wie der Klimawandel oder eine Pandemie erfordern andere Denkstrategien. Wie Schulen diese fördern können, zeigen Spuren aus dem Unterricht.
«Mich würde es interessieren, was geschehen würde, wenn es in einem Wald keine Tiere mehr hätte», notiert sich Silvio auf einem grünen Zettel, den er unmittelbar nach einem selbst verfassten Sachtext über das Netzwerk «fressen und gefressen werden» eingeklebt hat. Silvio ist Schüler einer 5. Klasse, seine Lehrerin wirkte im schweizerisch-deutschen Forschungsprojekt «Systemdenken für eine nachhaltige Entwicklung» mit. Das Unterrichtsentwicklungsprojekt sollte dazu beitragen, die Forschungsfrage zur Primarstufe zu beantworten: Gelingt es Kindern, die in den sozialen Systemen der eigenen Klasse und der Schulgemeinschaft gelernt haben, systemisch zu denken und zu handeln, dies auch in anderen Bereichen ihrem Alter entsprechend bewusst anzuwenden? Um diese Frage zu beantworten, entwickelte die Forschungsgruppe zusammen mit Lehrpersonen nebst thematischen Unterrichtseinheiten ein gezieltes Systemtraining für die Primar- und Sekundarstufe. In ungefähr 20 Lektionen lernten die Kinder in ihrer Lebenswelt Konzepte und Haltungen des
systemischen Denkens kennen.
Systemisches Denken im Verständnis der Forschungsgruppe
«Systemisches Denken ist die Fähigkeit, komplexe Wirklichkeitsbereiche als Systeme zu beschreiben, zu rekonstruieren und zu modellieren und auf der Basis der Modellierung Erklärungen zu geben, Prognosen – unter Berücksichtigung der Eintretenswahrscheinlichkeit und der Modellgrenzen – zu treffen und Handlungsmöglichkeiten zu entwerfen.»
«Bildlich gesprochen bedeutet Systemdenken also, den «Wald und die Bäume» zu sehen, den Elementen und den Beziehungen zwischen ihnen Beachtung zu schenken.»
In der Publikation «Systemdenken fördern» wurde aufgezeigt, wie bereits ab der Primarstufe Fertigkeiten des vernetzten Denkens systematisch aufgebaut werden können. Als Ergänzung zum Blick in die Praxis finden Sie hier ein Interview, das profil Ende 2020 mit zwei Personen aus dem Autorinnenteam geführt hat: Welche Wirkung erzielte die Publikation? Wo wird Systemtraining heute noch im Unterricht aufgebaut?
Wenn Sie sich für die Publikation interessieren: Schauen Sie in die Leseprobe oder lesen Sie die Beschreibung der Unterrichtseinheit «Systemtraining Primarstufe». Es lohnt sich!
In der Publikation «Systemdenken fördern» für das 1. bis 9. Schuljahr, die vor 10 Jahren erschienen ist und nichts von ihrer damaligen Aktualität eingebüsst hat, finden Lehrpersonen eine Fülle von Anregungen wie sie mit Schülerinnen und Schülern in das systemische Denken eintauchen können. Mit den beiden Mitgliedern des Forschungsteams, Brigitte Bollmann-Zuberbühler und Patrick Kunz hat profil ein Gespräch geführt. Von Verena Eidenbenz und Christian Graf.
Brigitte
Bollmann-Zuberbühler
Dozentin Fachdidaktik Mathematik und Mentorin berufspraktische Ausbildung, Abteilung Sekundarstufe I, PH Zürich
Patrick
Kunz
Dozent für Naturwissenschaftsdidaktik und Biologie, Institut Fachdidaktik Naturwissenschaften, PH St.Gallen
profil: Welche Impulse führten vor mehr als 10 Jahren dazu, das Projekt „Systemdenken fördern“ anzugehen?
Brigitte Bollmann-Zuberbühler: Ausschlaggebend war für mich der Wechsel in die Lehrerbildung. Als Sekundarlehrerin beschäftigte ich mich schon früh mit Fragen der Umweltbildung und der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Ich suchte nach Umsetzungsmöglichkeiten für den Unterricht. Neben der Unterrichtstätigkeit studierte ich Psychologie, allgemeine Didaktik und Umweltwissenschaften. Für das Lizentiat und die Dissertation suchte ich ein Thema, bei dem ich meine Interessen und Schwerpunkte einbringen konnte. So stiess ich auf das Systemdenken und das Projektteam SYSDENE mit der Absicht, ein Lerntraining für Schülerinnen und Schüler zu entwickeln und zu evaluieren.
Patrick.Kunz: Das Buch „Die neuen Grenzen des Wachstums“ erschien, als ich als Junglehrer unterrichtete. Darin enthalten war eine Floppy Disc für den PC. Mit dieser konnte man einfache dynamische Systeme simulieren. Das faszinierte mich. Inhaltlich war ich schockiert, denn die Autoren hatten mit ihren Aussagen meiner Meinung nach schon im Vorgänger-Buch recht, es bestätigte sich einfach alles wieder. Als ich als Dozent neu an der PHSG begann, durfte ich am Modelllehrgang BNE für die Sekundarstufe I «Handeln statt hoffen» mitarbeiten. Dadurch war ich sehr affin für das Projekt, an dem Ursula Frischknecht bei uns an der PHSG bereits beteiligt war. So stiess ich zum Projektteam.
Welche Wirkung erzielte die Publikation «Systemdenken fördern»?
Patrick.Kunz: Eine wirklich reiche Ernte haben wir nicht eingefahren. Im Ausland war der Prophet wohl mehr wert als im Inland. In Österreich und Deutschland stiess die Publikation auf grösseres Interesse. Einige Schulen im Kanton St.Gallen sind immer noch interessiert dabei und arbeiten beispielsweise mit Aquaponic. Ich weiss jedoch nicht, ob sie sich auf unser Lehrmittel abstützen.
Brigitte Bollmann-Zuberbühler: Kurz nach Erscheinen des Buchs, wurden wir vom Pädagogischen
Institut in München angefragt. Dieses bietet alle zwei Jahre eine fünftägige
städtische Weiterbildung unter dem Titel «Zukunft gestalten lernen» an. Unser
zweitägiger Praixisteil «Systemisches Denken im Unterricht» für Lehrpersonen
aller Stufen kommt bis heute sehr gut an.
In den Kantonen Zürich und Schwyz kamen nach den Kursen des SYSDENE-Projekts Weiterbildungen für Lehrpersonen meist nicht zustande. Seit BNE als Leitidee im Lehrplan 21 fest verankert ist und Systemdenken in den BNE-Kompetenzmodellen erscheint, fanden sich innovative Lehrpersonen, die offen für die Thematik sind und den Bezug zum Lehrplan und ihrem Berufsalltag sehen. Auch wird die Publikation in der Ausbildung von Primar- und Sekundarstudierenden an der PHZH genutzt.
Wie sieht das Interesse der jungen angehenden Lehrpersonen aus?
Brigitte Bollmann-Zuberbühler: Im Wahlmodul der Sekundarstufe I «BNE und Demokratie» haben wir Systemdenken als ein Mittel zur Systemanalyse implementiert. Die Studierenden arbeiteten interdisziplinär ein Projekt aus. Beispielsweise ging es darum, einen Recyclinghof zu entwickeln. Sie untersuchten jeweils aus einer Fachperspektive Wirkungszusammenhänge, stellten diese in Wirkungsdiagrammen dar und erläuterten sich die Zusammenhänge gegenseitig. Bewährt hat sich hierfür das einfache Tool «Loopy». Dieses Vorgehen half mit, Zusammenhänge vertieft zu betrachten. Aus den Rückmeldungen der Studierenden ging hervor, dass ihnen mit der Systemanalyse etwas Neues aufgegangen war. Eine gemeinsame Sprache in der Zusammenarbeit mit anderen Fachrichtungen zu finden, war sehr bedeutend. Die positiven Rückmeldungen spornen mich an, nicht aufzugeben. In der Ausbildung ist das Systemdenken aber noch nicht in der gewünschten Breite angekommen.
Patrick.Kunz: Alle zukünftigen Oberstufenlehrpersonen, die Natur und Technik unterrichten werden, besuchen bei mir zweimal 90 Minuten Unterricht in Systemdenken. Dies hat aber mehr den Charakter einer Horizonterweiterung. Die Studierenden reagieren sehr unterschiedlich. Einige sagen aus, dass ihnen die Augen aufgegangen seien, z.B. im Zusammenhang mit dem Treibhauseffekt. Andere lassen es eher über sich ergehen. Aus den Rückmeldungen geht hervor, dass doch bei einigen etwas hängen bleibt. Ein Kollege von mir sagt immer, dass wir nur einen Samen einpflanzen können in der Hoffnung, dass er aufgehe. Darauf muss ich manchmal zurückgreifen.
Weshalb gelingt es angesichts der Kompetenzorientierung nicht, das Systemtraining den Lehrpersonen näherzubringen? «Weg vom linearen Denken» ist doch das Gebot der Stunde.
Patrick.Kunz: Wir haben ja das unabhängige Systemtraining erarbeitet und veröffentlicht. Die Schwierigkeit besteht heute darin, dass Lehrpersonen Systemdenken nicht im Lehrplan verorten und, pointiert gesagt, damit keine Kompetenzen „abhaken“ können. Wir haben im Lehrplan dafür kein Gefäss. Ich zeige meinen Studierenden jeweils in einer Veranstaltung ein allgemeines Systemtraining und in einer anderen Doppelstunde wähle ich einen thematischen Ansatz. Meine Erfahrung ist, dass es über themenzentrierte Einheiten besser funktioniert. Deshalb ist meine Idee, Lehrpersonen über ein Thema für das Systemdenken zu begeistern. So realisieren sie, dass die Grundkompetenzen des Systemdenkens auch auf andere Fächer übertragen werden können. Dies bestätigt sich am Beispiel von Aquaponic, das auch heute noch in den Schulen praktiziert wird. Zudem müssten die neueren Tools einbezogen werden, mit denen Lernende in einfachen Simulationen Systeme darstellen und Wirkungen ausprobieren können.
Brigitte Bollmann-Zuberbühler: Mich trieb schon damals der Ansatz um, dass Systemdenken
überfachlich nutzbar ist. Die Beispiele im Buch sind ja auch ein Sammelsurium aus
verschiedenen Fächern. Denkt man vom Lehrplan her, müsste man Systemdenken bei
den überfachlichen Kompetenzen verorten. Zudem fehlen im Lehrplan
Kompetenzmodelle für eine BNE.
Eine grosse Diskussion eröffnet sich darin, wieviel Fachwissen benötigt wird, um gewisse Phänomene und Zusammenhänge systemisch zu ergründen, oder ob Grundprinzipien des Systemdenkens auch an einfachen Sachverhalten erlernt und später auf andere Themen übertragen werden können. Wahrscheinlich braucht es Erfahrungen mit beiden Zugängen. Mein Wunsch wäre, dass auch Dozierende Systemdenken vermehrt kennen und vermitteln können. Hier braucht es einen Effort. Wenn Lehrpersonen merken, dass Systemdenken fächerübergreifend einsetzbar ist, tragen sie es auch in den Unterricht.