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Von Alain Rosenmund
Werden Übersetzerinnen und Übersetzer bald vom Computer verdrängt? Diese Frage ist nicht sehr hilfreich, weil sie auf einer viel zu abstrakten Ebene ansetzt und sie in gewisser Weise eine Glaubensfrage ist. Ausserdem sind Prognosen bekanntlich schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen.
Produktiver ist es wohl, diese Frage herunterzubrechen und konkrete Teilaspekte zu betrachten. Zum Beispiel: Was können Übersetzungsumgebungen (Systeme für computergestützte und für maschinelle Übersetzungen) heute? Welche nächsten Schritte planen die Hersteller dieser Programme?
Diesen und ähnlichen Fragen geht Jost Zetzsche (@Jeromobot), Übersetzer und Mitbegründer der International Writers’ Group, in seinem Webinar vom letzten Mai nach (die Aufnahme dieses Webinars steht im Archiv von GoToWebinar zur Verfügung). Im Vorfeld dazu wandte sich Jost Zetzsche an die Hersteller. Seine Fragen und die Antworten der Hersteller finden Sie im Dokument «What’s still missing and what has been fixed?».
Ich möchte an dieser Stelle zwei Aspekte herausgreifen, die im Webinar besprochen wurden.
Mix & Match
Eine der im Webinar angesprochenen Ideen lautet: CAT-Tools sollten die Vorteile der Maschinenübersetzung (Schnelligkeit, quasi unlimitierte Ressource) mit den Vorteilen von Übersetzungsspeichern (beschränkte, dafür – wenn sie gut gepflegt wird – qualitativ hochwertige Ressource, der vertraut werden kann) kombinieren. Einerseits könnten die Übersetzerinnen und Übersetzer so von den Vorteilen beider Systeme profitieren. Andererseits wären die Übersetzerinnen und Übersetzer im Vergleich zu einem Arbeitsablauf, bei dem sich ihre Rolle in der Nachbearbeitung von Maschinenübersetzungen (Post-Editing of Machine Translation oder PEMT) beschränkt, früher und aktiver im Prozess beteiligt. Sie wären nicht bloss im Beifahrersitz.
Tönt gut, oder? Bevor diese Idee aber nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis funktioniert, müssen aus meiner Sicht noch einige Hürden genommen werden (ich denke nicht, dass die unter den Übersetzerinnen und Übersetzern verbreiteten Programme oder Systeme bereits so weit sind).
Grundsätzliches
Zum einen gibt es grundsätzliche Probleme zu lösen. Der Einsatz von frei im Internet zugänglichen Maschinenübersetzungen (MT) ist aus Sicht des Datenschutzes höchst problematisch. Ausserdem sind die Ergebnisse (im Moment) oft so schlecht, dass eine Nachbearbeitung länger dauert als eine Neuübersetzung. Nicht umsonst hebt STAR im Kapitel «Maschinelle Übersetzung» des Benutzerhandbuchs für Transit NXT, das die Integration von MT-Resultaten in Transit behandelt, Folgendes hervor:
STAR/Transit hat keinen Einfluss auf Datenschutz, Kosten und Qualität!
Der Einsatz von internen / unternehmenseigenen Systemen ist mit Kosten verbunden. In ihrem Artikel Maschinelle Übersetzung: Reicht die Qualität inzwischen für einen Einsatz auf breiter Basis? führt die D.O.G. GmbH folgende Hauptposten auf:
- Installation des Systems.
- Einrichtung des Systems (Training, Aufbau der Trainingsdaten).
- Pflege des Systems (Optimierung der Regeln, Erweiterung der Trainingsdaten).
- Nacheditieren der Übersetzungen.
Die Wirtschaftlichkeit ist nur unter bestimmten Bedingungen gegeben.
Es gibt Grenzen bei der Wirtschaftlichkeit von PEMT. Man kann allgemein davon ausgehen, dass, wenn mehr als 20 % von der Übersetzung korrigiert wird, es wirtschaftlicher ist, den Text direkt mithilfe von Translation-Memory-Systemen (TMS) zu übersetzen.
Praktisches
Zum anderen müssen auch noch praktische Probleme gelöst werden. Ich denke da etwa an die Weise, in der die Resultate der Übersetzerin bzw. dem Übersetzer präsentiert werden. Werden die Fuzzy-Matches aus dem Übersetzungsspeicher zusammen mit den Ergebnissen aus der Maschinenübersetzung angezeigt, besteht die Gefahr, dass die Übersetzerinnen und Übersetzer viel Zeit verlieren, aus der Fülle der Informationen, diejenigen herauszufiltern, die für die gerade anstehende Übersetzung allenfalls nützlich sind. Erst wenn der fehlende Teil eines Fuzzy-Matches mit dem Ergebnis aus der Maschinenübersetzung ergänzt oder das CAT-Tool dank des Übersetzungsspeichers das für den gegebenen Kontext beste Ergebnis aus den verschiedenen möglichen Ergebnissen der Maschinenübersetzung herausfiltert, wird die Zahl der unbrauchbaren Ergebnissen reduziert und der übersetzenden Person auf effiziente geholfen werden können.
Um diesen Abschnitt zusammenzufassen: Aus meiner Sicht können Computer und Programme die Übersetzerinnen und Übersetzer heute schon bei ihrer Arbeit unterstützen. Auch werden die Systeme sicher noch leistungsfähiger und effizienter werden. Soll aber bei den Übersetzungen ein Mindestmass an Qualität sichergestellt werden, muss der Mensch – genauer: die qualifizierten Übersetzerinnen und Übersetzer – immer am Anfang und am Ende (und im Zentrum) des Prozesses stehen.
Independence Day
Der zweite Punkt, den ich ansprechen möchte, betrifft die Frage der Unabhängigkeit vom Betriebssystem.
Zum einen gibt es die Tools, die auf JAVA basieren und somit von Haus aus plattformunabhängig sind. Zum anderen wiesen mehrere Softwarehersteller in der Umfrage auf die zunehmende Verfügbarkeit von webbasierten Anwendungen hin. Hierzu würde ich einschränkend sagen, dass webbasierte Systeme zwar unabhängig vom Betriebssystem sind, dafür aber oft ein neues Problem einführen: die Kompatibilität mit den Browsern. Kommt hinzu, dass:
- webbasierte Anwendungen (im Moment) nicht so leistungsfähig sind wie Programme, die lokal auf dem Computer installiert sind;
- sie nicht unabhängig von einer Intra-/Internetverbindung benutzt werden können; und
- die Übersetzerinnen und Übersetzer bei webbasierten Anwendungen zu einem mehr oder weniger grossen Teil die Kontrolle über Ihre Arbeit verlieren.
Einen weiteren von einigen Herstellern erwähnten Punkt finde ich in diesem Zusammenhang besonders spannend, nämlich die Auffassung, dass die Unabhängigkeit vom Gerät wichtiger wird – vielleicht sogar wichtiger als die Unabhängigkeit vom Betriebssystem. Dabei geht es nicht darum, dass der Übersetzerin oder dem Übersetzer auf dem Smartphone oder dem Tablet dieselben Funktionen wie auf dem PC zur Verfügung gestellt werden sollen, weil es entweder (noch) nicht machbar ist oder wenig effizient wäre. Oder können Sie sich vorstellen, auf einem Smartphone eine Übersetzung von A bis Z anzufertigen? Doch ein integriertes System zur Verfügung zu haben, dank dem man gewisse Aspekte eines Übersetzungsauftrags auch auf einem anderen Gerät als dem PC abwickeln kann (z. B. Annahme/Verwaltung des Auftrags, Revision usw.) könnte, so scheint mir, die Produktivität steigern helfen.
Heute schon lese ich meine Übersetzungen auf dem iPad (mehr dazu in den Einträgen Texte mit dem iPad revidieren und Papierlos Korrektur lesen und Texte revidieren auf meinem persönlichen Blog). Doch handelt es sich in keiner Weise um einen integrierten Arbeitsablauf, weil ich zuerst aus dem von mir benutzten CAT-Tool (Transit NXT von STAR Group) ein PDF-Dokument erstellen, das Dokument auf das iPad kopieren und die Korrekturen am Schluss von Hand in das CAT-Tool einpflegen muss.
Bietet ein CAT-Tool die Möglichkeit, die Übersetzung in einem Format zu exportieren (etwa im Word-Format), das auf einem Tablet (z. B. mit der Word-Version für iOS) bearbeitet werden und später wieder in das CAT-Tool importiert werden kann, fällt wenigstens ein Schritt weg.
Sollten die Softwarehersteller in Zukunft einen einfachen Editor anbieten, der auf den Tablets lauffähig ist (iOS, Android, Windows) und mit dem die Dateien, in der das CAT-Tool die Übersetzungen speichert (XLIFF, XML usw.), direkt geändert werden können, wäre ein grosser Schritt in Richtung einer integrierten Umgebung gemacht – besonders wenn diese Möglichkeit auch für Einzelplatzversionen angeboten würde.
Zum Schluss
Ich bin gespannt, welche Verbesserungen und Neuigkeiten uns die Softwarehersteller in Zukunft anbieten und ob sie die Übersetzerinnen und Übersetzer stärker ins Zentrum ihrer Überlegungen rücken werden.
Wie auch immer: Ich kann Ihnen die Aufzeichnung des Webinars und das Dokument mit den Antworten der Softwarehersteller nur empfehlen.