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Sackgasse Alkohol? – Es gibt Hilfe!
Medikamente in der Alkoholbehandlung
Neue Medikamente zur Behandlung der Alkoholabhängigkeit
Von Dr. Jacques Besson
Die intensive Forschung auf dem Gebiet der Neurowissenschaften und die zahlreichen Entdeckungen über das Genom des Menschen gewähren Einblick in das menschliche Gehirn und liefern aufregende Ansätze für die Untersuchung und Behandlung der Alkoholabhängigkeit. Übersicht über einige Kategorien von Therapeutika:
Pharmakologische Wirkstoffe für die Entzugsbehandlung
Die Entzugsbehandlung ist zeitlich begrenzt und setzt pharmakologische Wirkstoffe ein, um das Zentralnervensystem wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Es werden Benzodiazepine verwendet. In einfachen Fällen mit geringem Risiko (motivierte(r) Patient(in) mit sozialem Netz, nur von einem Suchtmittel abhängig) kann die Behandlung ambulant erfolgen; andernfalls muss sie stationär durchgeführt werden.
Pharmakologische Wirkstoffe für die Behandlung psychiatrischer Begleiterkrankungen
Aus den verfügbaren epidemiologischen Daten geht hervor, dass über 40% der Alkoholkranken mindestens eine weitere psychiatrische Störung aufweisen, die primär oder sekundär mit der Sucht zusammenhängt. Die Erfahrung sowie epidemiologische Studien haben gezeigt, dass zwei Drittel der Depressionen bei Alkoholabhängigen nach dem Entzug und der Stabilisierung verschwinden. Psychiatrische Begleiterkrankungen sind grundsätzlich parallel zu den Suchtkrankheiten zu behandeln.
Vergällungsmittel
Diese Kategorie von Wirkstoffen dient dazu, den Konsum psychoaktiver Substanzen unangenehm und abstossend zu machen. Bei Alkoholabhängigkeit wird Disulfiram, Antabus ® eingesetzt. Disulfiram kann nur an motivierte PatientInnen und auf der Basis einer Abmachung abgegeben werden. Zudem empfiehlt es sich, im Sinne einer Kombinationstherapie die Tabletten von einer neutralen Vertrauensperson verabreichen zu lassen.
Anti-Craving-Mittel (Gier dämpfende Mittel)
Hierbei handelt es sich um neue Medikamente, welche direkt auf die Gehirnstrukturen einwirken, die an den neurobiologischen Suchtmechanismen beteiligt sind. Sie lassen sich – ausgehend von der Hypothese, die dem jeweiligen Wirkungsmechanismus zugrunde liegt – in verschiedene Gruppen einteilen:
Glutamaterge Hypothese: Glutamat ist eine exzitatorische Aminosäure, die im gesamten Gehirn vorkommt. Sie ist an zahlreichen Vorgängen beteiligt, namentlich an Lern- und Gedächtnisprozessen, und spielt bei der Reizleitung eine Rolle. Acamprosat, Campral ®, ist ein partieller Glutamat-Antagonist und hat sich bei der Rückfallprophylaxe bei AlkoholikerInnen nach dem Entzug bewährt.
Opioiderge Hypothese: In dieser Gruppe befindet sich Naltrexon, Nemexin ®, das bei Suchtkranken als Opioid-Antagonist wirkt. Naltrexon hat sich in zwei dreimonatigen Untersuchungen bei alkoholabhängigen PatientInnen in den USA als wirksam erwiesen.
Serotoninerge Hypothese: Das Serotonin ist ein im Zentralnervensystem stark verbreiteter Neurotransmitter, der an der Regulierung der Gemütsstimmung beteiligt ist. Seit etwa zehn Jahren ist eine neue Generation von Antidepressiva auf dem Markt, die dieses serotoninerge System stimulieren.
Dopaminerge Hypothese: Dopamin ist der wichtigste Neurotransmitter beim Belohnungs- und Lustempfinden sowie bei der positiven Verstärkung des Verlangens nach Suchtmitteln. In mehreren klinischen Versuchen wurden abhängigen PatientInnen spezifische Medikamente verabreicht, um die dopaminerge Tätigkeit zu beeinflussen – bis anhin ohne nennenswerten Erfolg.
Integrierte Behandlungen als Lösung für die Zukunft
«Gegendrogen» im engen, rein pharmakologischen Sinne wird es wohl nie geben.
Hingegen ist in den kommenden Jahren mit weiteren spektakulären Fortschritten bei der biologischen Dimension des Verständnisses und der Behandlung von Suchtverhalten zu rechnen. Neue Wirkstoffe werden vermutlich die obengenannten Kategorien ergänzen, und es werden neue Kategorien entstehen, die auf andere Bereiche des Belohnungs- Motivations- und Sättigungssystems usw. wirken werden.
Diese Psychopharmaka werden wertvolle Hilfsmittel für die verschiedenen BetreuerInnen und SuchttherapeutInnen darstellen, die bei Alkoholkranken auf eine Behandlungsresistenz stossen, welche zumindest teilweise biologische Ursachen hat. Schliesslich sei nochmals betont, dass die koordinierte und integrierte Kombination der verschiedenen therapeutischen Ansätze ein erhebliches Synergiepotential aufweist. Es zeichnen sich Behandlungsformen ab, bei denen suchtspezifische Therapeutika im Rahmen einer vernetzten Soziotherapie eingesetzt werden, deren Ziel die Wiedereingliederung der PatientInnen in die Gesellschaft ist.
Autor: Dr. Jacques Besson, Privat-Dozent, Lehr- und Forschungsbeauftragter, Chefarzt, Abteilung Substanzmissbrauch, Universität Lausanne.