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Max Frisch, dessen Werk in mehr als vierzig Sprachen übersetzt wurde, gehört zu den berühmtesten deutschsprachigen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Wie aber lebte er selbst mit der eigenen Prominenz?
Im Jahr 1934 veröffentlichte der noch unbekannte Student Max Frisch in der Neuen Zürcher Zeitung eine groteske Kurzgeschichte mit dem Titel „Wie wird man berühmt?“.[1] Auf einer Schiffsreise wird ein Passagier, „der keine Tonleiter spielen, keine Noten lesen“ kann, durch ein Missverständnis als Pianist angesehen und man verlangt von ihm eine Darbietung seiner Kunst. Es ist ein „linkischer und komischer Ton“, den er dem Klavier entlockt, aber niemand zweifelt an seiner Kunstfertigkeit. Zu fest glauben alle daran, dass ein echter Virtuose vor ihnen sitzt. Der Unglückliche – Felix wird er ironischerweise genannt – rettet sich aus der unangenehmen Situation, indem er abgestandene Witze erzählt, bis die Fahrt ein Ende hat. Auch diese schlechten Scherze nimmt man ihm nicht übel. Schliesslich hat man es mit einer Berühmtheit zu tun.
Die Groteske von 1934 ist eine frühe Variation der Bildnisthematik, die Frischs ganzes späteres Werk durchzieht: Wie werde ich zu dem, für den mich die anderen halten? Wie verhalte ich mich zu dieser Rolle? Und wie entkomme ich ihr?
Für Max Frisch selbst wurde das Berühmtsein und die damit verbundene Erwartungshaltung der Öffentlichkeit spätestens mit dem Erscheinen seines Romans „Stiller“ (1954) zu einer Lebensrealität – und manchmal auch zu einer Last. Personen, denen er nie begegnet war, schütteten ihm in Briefen ihr Herz aus, verlangten Lebenshilfe oder ein Autogramm für ihre Sammlung. Sie suchten ihn unangemeldet in seinem Tessiner Haus auf oder forderten seine Unterstützung für ihre politischen Interessen ein.
Wofür – oder wogegen – er seine Prominenz in der Öffentlichkeit einsetzte, entschied Frisch jedoch sehr bewusst. Manchmal zog er sich auch demonstrativ zurück. Im Jahr 1985 protestierte er gegen die Ausweisung chilenischer Flüchtlinge, indem er gemeinsam mit Adolf Muschg seine Teilnahme an einer offiziellen Buchausstellung in Moskau absagte. Muschg und er wollten nicht als „schweizerische Kultur-Mannequins fürs Ausland posieren“, während sie die Politik in ihrer Heimat missbilligten.[2]
Max Frisch betrachtet in der Galerie Erker (St. Gallen) ein Frisch-Porträt des Künstlers Otto Dix.
Foto: Jack Metzger, 1967 (Comet Photo AG), Com_A0900-0007
Wie es sich anfühlt, nicht mehr unerkannt durch die heimischen Wälder spazieren zu können oder mit Friedrich Dürrenmatt, dem anderen weltberühmten Schweizer Autor, verwechselt zu werden, kann man in Frischs Erzählung „Montauk“ nachlesen:
In einem Wald bei Zürich geht ein Paar an uns vorbei, ich merke, daß sie plötzlich ihr Gespräch unterbrechen; nach zwanzig Schritten blickt sie zurück, dann er. In der öffentlichen Sauna ist es lästiger; der Nackte, der mich vor der Dusche endlich anredet: SIND SIE NICHT HERR FRITSCH? […]. Manchmal ist es vorteilhaft: ein deutscher Zöllner, nachdem er meinen Paß gesehen hat, möchte gar nicht in meine Koffer schauen, sondern behilflich sein; er kennt nicht bloß den Namen, sondern erinnert sich wohl an ein Stück, das ihm gefallen habe: DER BESUCH DER ALTEN DAME.[3]
Quellen
[1] Max Frisch: Wie wird man berühmt?. Eine Groteske, in: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 421 vom 11. März 1934, Blatt 3.
[2] Max Frisch an Luc Boissonnas, Direktor der Stiftung Pro Helvetia, 27. Oktober 1985, Max Frisch-Archiv. Der Brief wurde in mehreren Zeitungen abgedruckt.
[3] Max Frisch: Montauk. Eine Erzählung, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1975, S. 60.