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Kaum zu glauben: Charles Ferdinand Ramuz schrieb vor gut 100 Jahren einen Roman, der die Schrecken des bevorstehenden Klimawandels vorwegnimmt, «Sturz in die Sonne».
In diesen Tagen lesen und hören wir allenthalben von Hitzerekorden, von Gewässern, in denen wegen hoher Temperaturen die Fische streben, von vertrocknenden Weiden, von Waldbränden, Überschwemmungen – kurz gesagt: extreme Wetterlagen beherrschen unsere Aufmerksamkeit.
Charles Ferdinand Ramuz (1878 – 1947) liess sich vom Temperaturrekord in Genf im Jahre 1921, als dort Ende Juli 38,3° gemessen wurden, zu einem Roman inspirieren: Présence de la mort erschien 1922 in einem kleinen Verlag in Lausanne. Der Übersetzer Steven Wyss schreibt im Nachwort, er habe das Buch im Sommer 2022, als der Genfer Rekord um 0,2° übertroffen wurde, gelesen. «Ich war beeindruckt von der erschreckenden Aktualität des Textes, und mich überkam das ungute Gefühl, dass es vielleicht so kommt, wie Ramuz es beschreibt.» Das bewog Wyss, den Roman zum ersten Mal vollständig ins Deutsche zu übersetzen.
Édouard Vallet (gest. 1929): Charles Ferdinand Ramuz. 1925.
Bekannt ist uns Ramuz vor allem als Autor von Derborence, der Novelle über den Bergsturz von 1749 in den Walliser Alpen, oder von der Geschichte vom Soldaten mit der Musik von Igor Strawinsky. Auch über Farinet, den Schmuggler und Fälscher, hat Ramuz geschrieben, daneben viele weitere Werke, die oft im ländlichen Milieu der Waadt spielen.
Der Schriftsteller für unerhörte Begebenheiten
Ramuz nimmt gern Themen auf, die mit einem gewissen Nervenkitzel verbunden sind, unerhörte Ereignisse, die Aufsehen erregt haben, aber Sensationslust kann man ihm keineswegs anlasten. Es geht dem Westschweizer Schriftsteller um die Menschen, ihr Handeln, ihre Gefühle. Davon schreibt er in seinem ganz eigenen Stil.
Für Sturz in die Sonne musste sich Ramuz eines Kniffs bedienen: Er erfand einen Grund für die postulierte rasante Erwärmung der Erde: «Durch einen Unfall im Gravitationssystem stürzt die Erde schnell in die Sonne zurück, strebt ihr entgegen, um darin zu zerschmelzen.» So skizziert er die Situation im ersten Kapitel und fügt an: «Alles Leben wird enden.» Von da an wird die zu erwartende Katastrophe nicht mehr benannt, aber sie lauert hinter jedem Dialog, hinter jeder Beschreibung.
Der Autor siedelt die Geschichte am Genfersee an und bezieht die Landschaften der Waadt und Savoyens ein. Ohne dass es namentlich erwähnt wird, wird Lausanne zu einem der Hauptschauplätze. Die Zahnradbahn von Ouchy zum Bahnhof und die Silhouette der Stadt mit ihrer Kathedrale sind unverkennbar.
Früher Fiktion – demnächst Realität?
Als die frühe Sommerwärme und Trockenheit begonnen hatte, waren die Menschen noch unbesorgt. Die scheinbar aus Amerika kommende Nachricht der unausweichlichen Katastrophe wurde in den Zeitungen gedruckt, aber niemand nahm sie ernst. – Das Radio war damals schon erfunden, erste Radiosendungen gab es aber erst Ende 1922/23, da hatte Ramuz seinen Roman schon geschrieben. Passende technische Erfindungen nahm er durchaus in seine Erzählung auf: Im vorletzten, ungemein poetischen Kapitel beschreibt er ein Flugzeug, das über dem Genfersee seine Kreise zieht und vor den in unerträgliche Höhen steigenden Temperaturen kapituliert.
In den dreissig Kapiteln erfahren wir aus verschiedenen Blickwinkeln nach und nach, was die Menschen bewegt. Nur wenige Personen werden mit Namen genannt: Da ist Jules Gavillet, der vor lauter Verwaltungsarbeit den Kopf nicht frei bekommen hat für die Neuigkeit aus der Zeitung. Auch am Abend schwirren ihm die Kalkulationen durch den Kopf, dann lässt er sich von anderem ablenken. Die Zeitung liest er scheinbar unberührt, doch dann kann er die ganze Nacht nicht schlafen. Dies ein Beispiel für die Kunst von Ramuz, das Unerwartete, das Unerwünschte, das in den Menschen wühlt, spürbar zu machen.
Prosa wie wortgewordene Holzschnitte
Da sind die Brüder Panchaud, Fischer, die ihrem Tagwerk weiter nachgehen. In ausdrucksstarken Bildern beschreibt Ramuz, wie die beiden den Tag auf dem See verbringen. So lange es möglich ist, versorgen sie ihre Mitbürger mit Nahrung. Später wird der See eine Stätte des Todes.
Eine Szene in der Strassenbahn: Die Fahrgäste lassen keine Gefühle zu. Ganz und gar nüchtern reden sie darüber, ob sie noch eine lange Lebenserwartung haben, ja ob sie überhaupt alt zu werden gewünscht hätten, alles ohne mit einem Wort auf das angekündigte Ende des Planeten einzugehen. Unausgesprochen ist der Tod anwesend, la présence de la mort.
Wie die ersten versuchen, sich dem durch eine Flucht zu entziehen, erfahren wir ebenso indirekt wie die beginnende Panik: Soldaten bewachen die Bank, Unruhen brechen aus, es wird geschossen. Aufrührer machen sich breit. Es gibt auch Skeptiker, die uns bekannt vorkommen: «Die lügen hemmungslos . . .», sagen sie, als ob sie ihrem Schicksal entgehen könnten. Die Menschen sterben am Ende nicht nur wegen des vorhergesagten Endes, sie bringen sich untereinander um, während die Häuser zusammenstürzen.
Dazwischen folgen Kapitel, in denen ein Ich-Erzähler sich mit der Situation auseinandersetzt, sich und seine Umgebung beobachtet und sich erlaubt zu trauern über das, was er wird loslassen müssen. Das sind poetische, ja zuweilen pathetische Abschnitte. Ein Kapitel über einen Korbflechter – ein Beispiel für unerschütterliche Gelassenheit: «Je nun! Man macht halt weiter bis zum Ende.» Der alte Mann macht weiter «bis zum Ende, bis zum allerletzten Augenblick, solange dir noch ein kleiner Rest Atem zugestanden wird». – Ausser ihm gibt es noch eine Gruppe, die den Weg zu einem würdevollen Ende sucht. Damit endet der Roman.
Das Buch liest sich gut, packend in Sprache und Stil. Der Übersetzer Steven Wyss, geboren 1992 in Thun und wohnhaft in Zürich, trifft den Ton von Ramuz. Im Nachwort erklärt er, dass er sich an das Original selbst gehalten hat. Der Romand schreibt nämlich über sein eigenes Schreiben: «Schauen, was ist, und nichts hintun, als das, was ist». So hat die Lesende das Gefühl, auch in der deutschen Fassung dem Autor über die Schulter zu schauen. Das macht die Lektüre zum Vergnügen.
Charles Ferdinand Ramuz: Sturz in die Sonne. Roman.
Übersetzt von Steven Wyss. Mit einem Nachwort des Übersetzers.
192 Seiten, Limmat Verlag 2023. ISBN 978-3-03926-055-3
Wenn Sie «Présence de la mort» lieber im Original lesen wollen:
erhältlich bei: Editions ZOE, Neuausgabe November 2022.
ISBN 978-2-88907-092-3
Titelbild: Sonnenuntergang / Angie Conscious / pixelio.de
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