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SM: Herr Lampugnani, viele Schweizer haben das Gefühl, unter «Dichtestress» zu leiden. Haben sie dazu einen Grund?
VL: Dichtestress ist etwas Subjektives; wenn sich die Leute gestresst fühlen, fühlen sie sich gestresst. Aber wenn man sich, ganz nüchtern, ansieht, auf wie vielen Quadratmetern die Menschen in Europa im Schnitt leben, dann ist die Schweiz zwar kein leeres Land, aber auch keines der am dichtesten bevölkerten. Überhaupt sollte man zuerst klären, was Dichte bedeutet.
Sagen Sie es uns.
Die Dichte, die sich auf die Menschen bezieht, die auf einer bestimmten Fläche wohnen, die Wohndichte, muss von der Dichte unterschieden werden, die sich auf diejenigen bezieht, die dort arbeiten. Und die Baudichte, also die mit Häusern überbaute Fläche, ist noch einmal etwas anderes. Letztere kann sehr hoch sein – wenn dann aber jeder 100 Quadratmeter für sich beansprucht, bleibt die Wohndichte dennoch gering.
Davon sind wir weit entfernt. Aber der Raumbedarf pro Person nimmt laufend zu.
Richtig, und die Folgen sind paradox: In Zürich werden Siedlungen saniert und verdichtet, aber zum Schluss wohnen nicht mehr Leute drin; die Menschen wohnen einfach nur auf mehr Platz.
Können Sie die Schweiz im Vergleich mit anderen Ländern «dichtemässig» einordnen?
In der Schweiz leben durchschnittlich etwa 200 Menschen pro Quadratkilometer. In den Niederlanden, dem am dichtesten besiedelten Land Europas, sind es 500. Vergleicht man die Schweiz mit Italien, so sind die beiden Länder ähnlich dicht besiedelt: auch Italien hat knapp 200 Einwohner pro Quadratkilometer. Deutschland weist 230 Einwohner pro Quadratkilometer auf, England 260. Sie sehen: die Schweiz ist nicht hochbesiedelt.
Sie vergessen dabei, die nicht bewohnbare Fläche abzuziehen, z.B. den Alpenraum, oder?
Berge gibt es in Italien und Deutschland auch. Und wenn ich nur das Mittelland betrachte, komme ich zum Schluss: die Schweiz hat kein Platzproblem. Die Schweiz hat vielmehr ein Problem in ihrem Umgang mit der Landschaft. Die Menschen, die hier leben, siedeln weit zerstreut. Die Verteilung der Bevölkerung in der Landschaft ist das Problem, nicht ihre absolute Zahl.
Wer durchs Mittelland fährt, sieht schnell, was Sie meinen: Wir haben uns den Siedlungsbrei nicht gewünscht, aber er ist Realität. Nur: woher kommt er?
In erster Linie vom Mythos, dass jeder ein eigenes Häuschen braucht, um glücklich zu sein.
Diesen Wunsch können aber trotzdem viele nachvollziehen. Wissen Sie, woher er kommt?
Der Stadthistoriker Robert Bruegmann stellte in seinem Buch «Sprawl: a Compact History» die These auf, dass der Siedlungsbrei auf die feudale Lebensweise zurückgeht. Jeder wünscht sich heute ein «Schloss im Grünen». Das Einfamilienhaus ist die verkleinerte Version von Versailles: My home is my castle. Für Bruegmann handelt es sich um eine Errungenschaft, weil dadurch das Schloss demokratisiert und für alle erschwinglich geworden ist…
…nun unterbrechen wir Sie und mutmassen: Sie sehen das anders!
Richtig. Der Mythos des Einfamilienhauses ist ökonomischer und ökologischer Unsinn. Obendrein einer, den wir uns weder leisten können noch leisten dürfen. Die Menschen müssen verstehen, dass sie, wenn sie ein wenig zusammenrücken, Raum für die Landschaft lassen. Wenn sie das dagegen nicht tun, konsumieren sie sie. Übrig bleiben: Städtebrei und völlig zerstörte Natur. Dadurch bringen sich die Leute um etwas, was Europa schön macht, nämlich die freie Landschaft und die mehr oder minder unberührte Natur.
Unberührt? Gerade die Schweiz ist doch ein hervorragendes Beispiel dafür, wie jeder kultivierbare Flecken auch kultiviert wird – oder ist auch das nur ein Mythos?
Nein, und das Schweizer Kulturland, die Obstgärten, die Felder und Weiden, ist ökologisch und ästhetisch nicht minder wertvoll als der Alpenraum. Überhaupt ist die Schweiz im Umgang mit der Landschaft ein Musterknabe innerhalb Europas. In der Schweiz wird ein Quadratmeter pro Sekunde verbaut, in Italien etwa das Zehnfache. Das bedeutet freilich…