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Im 19. Jahrhundert war die Reise ins Engadin noch ein Abenteuer. Von Chur bis Silvaplana dauerte die Postkutschenfahrt etwa einen ganzen Tag. Es konnte aber auch länger sein – vor allem im Winter?
Die Familie Balzer in Tiefencastel betreute im 19. Jahrhundert Stallungen für den Pferdewechsel der Postkutschen. Zu dieser Zeit war die Reise nur den Reichen vorbehalten und stellte ein echtes Abenteuer dar.
Ein historisches Plakat der PTT mit dem „Post Fahrtenplan“ erinnert an diese Zeit. Die Familie Balzer betrieb die Linien Tiefencastel – Alvaneu-Bad – Bergün sowie Tiefencastel – Mulegns – Bivio – Silvaplana. Alleine in den Stallungen von Tiefencastel standen zeitweise gut 50 Pferde im Privathaus der Familie. Alle Pferde standen für den Postdienst bereit und im Winter natürlich auch für die Pferde-Schneepflüge.
Die Familie Balzer erwarb grosse Landflächen damit die Pferde im Sommer weiden und man auch Heu für den Winter ernten konnte. Der von der Familie Arturo Reich-Conrad in Silvaplana betriebene Knotenpunkt einer Pferdewechselstation war mit etwa 100 bis 200 Pferden weit wichtiger als diejenige der Familie Balzer.
Eine Gouvernante eines der namhaften Hotels im Oberengadin erinnerte sich mit Stolz und leiser Wehmut an jene Zeiten. Sie erzählte wie sie damals die Ankunft der „Herrschaften“ erwartete und sich das Gespräch meistens über das Wetter und das Prozedere in den Pferdewechselstationen drehte.
1843 nahm die Familie den Fahrpostdienst zwischen Tiefencastel und Silvaplana auf. 1x pro Woche fuhren sie über Mulegns und Bivio nach Silvaplana. Auch im Winter. Erst nach der Eröffnung der Dampfbahn Rheineck – Chur am 01.07.1858 der „Vereinigten Schweizerbahnen“ nahm der Personenverkehr markant zu.
Bestandteil des „Post Fahrtenplan“ waren die internationalen Eisenbahnanschlüsse in Chur mit Expresszügen aus Köln, Triest, Berlin, Frankfurt, London, Paris oder Wien. Man stelle sich einmal vor was es bedeutete mit allem Gepäck in die vier oder sechsplätzigen Postkutschen umzusteigen, vom Bahnschaffner zum Kutscher überzuwechseln und immer das Abenteuer einer Passfahrt vor Augen zu haben.
Zwischen Kutscher und den Herrschaften keimten während den Tage dauernden Fahrten recht enge und freundschaftliche Beziehungen auf. Öfters wurde dem Kutscher gegen Ende ein fürstliches Trinkgeld überreicht, waren diese doch oft in heikler Situation wahre Meister. Die Launen der Natur im Sommer und Winter bestimmten stark den Fahrplan.
Mit dem Betrieb der Räthischen Bahn ins Engadin am 1. Juli 1903 leerten sich die Postkutschen und Pferdestallungen über Nacht. Das Postkutschen-Zeitalter und damit die Romantik nahm ein abruptes Ende. Den feudalen Liniendampfern ging es wenig später ähnlich als das Flugzeug-Passagierzeitalter anfing. So wie es heute Nostalgie-Fahrten an Bord von Luxuslinern über den Atlantik gibt so tauchen in derselben Montur auf den alten Passtrassen wieder Postkutschen auf.
Damals war die Bahn-/Postkutschenfahrt ein Privileg. Viele reisten mit Dienerschaft. Diese sprach zeitlebens von der “Ankunft der Herrschaften“ im Sinne eines bedeutenden Ereignisses. Ankunft und Abfahrten waren mit Zeremonien, Geld und tagelangem Unterwegssein verbunden, somit für alle Beteiligten ein herausragendes Ereignis zwischen London und Pontresina.
Mühlen oder Mulegns war und ist ein kleiner Ort im Surmeir („Meir“ heisst eine Felswand zwischen Thusis und Tiefencastel) und bedeutet in etwa oberhalb der (Fels-)Wand. Surmeir erstreckt sich von Mutten im Westen bis Bergün/Bravuogn und zum Albulapass im Osten und von Valbella im Norden bis Bivio und zum Julierpass im Süden. Die Landschaft Davos, die auch „Oberhalb des Schyns“ liegt, wurde nie zu Surmeir gerechnet. Überhaupt wurde die Abgrenzung von Surmeir nicht überall gleich gesehen. Heute ist zwar allgemein anerkannt, dass Surmeir identisch mit dem Bezirk Albula ist, es gibt aber auch Kreise die unter Surmeir nur das ehemalige Verbreitungsgebiet der surmeirischen Sprache verstehen.
In dieser Gegend gab es eine seit dem Mittelalter als „Obere Strasse“ benannter Saumweg welcher bereits zur Römerzeit mit einachsigen Karren mit etwa 1.07 Metern Spurbreite befahrbar war. Die Strecke zwischen Chur Mulegns, Bivio und dem Bergell wurde nach dem verheerenden Hochwasser um 1834 in Planung gebracht und dann 1840 durch das ganze Oberhalbstein fertig gestellt. Der Bau der Julierstrasse war noch in Gang, als 1838 ein gewisser Peter Balzer-Wasescha ( 1809-1843) aus Alvaneu in Mulegns ein Haus erwarb und dort eine „Wirtschaft und Posthalterei“ einrichtete. Das an prominenter Lage am oberen Brückenkopf der Fallerbach-Brücke gelegene Gebäude war der Überlieferung nach ein hölzernes Doppelhaus und entstand unmittelbar nach dem Dorfbrand von 1818. Weil die alte Bausubstanz mit Ausnahme der Kirche und des Pfarrhauses von Mulegns weitgehend zerstörte wurde dehnte sich das ursprünglich am linken Ufer des Fallerbaches konzentrierte Siedlung über die Brücke hinaus aus. Die steineren Fundamente des von Balzer erworbenen Baus haben sich als Kellergeschoss des später an seiner Stelle errichteten Hotels „Löwe“ erhalten.
Das Haus orientierte sich auf den alten Saumpfad welcher direkt am Gebäude vorbei führte. Nach dem Bau der neuen „Comercialstrasse“, die für den rechtsufrigen Teil des Dorfes eine Umfahrung brachte entstand hier eine platzartige Anlage, die dem Hotel „Löwe“ später als ideale Bühne der Repräsentation und auch als Parkierungsfläche zu Nutzen kommen sollte.
Christian Balzer wurde am 21.2.1839 in Mulegns/Mühlen geboren. Nur Vierjährig wurde er Vollwaise und wuchs anschliessend bei Bundesstatthalter Joseph A. Balzer-Candrian (1815-1888) auf. Er besuchte eine landwirtschaftliche Schule von Professor Wehrli im Kanton Thurgau und übernahm 1862 das väterliche Erbe in Mulegns. Er verheiratete sich am 10.2.1864 in Chur mit Regina Bieler aus Bonaduz (11.1.1841-1927) und zeugte ab 1865 13 Kinder. Als junger Erwachsener übernahm er das einfache, teils primitive Berg-Gasthaus in Mühlen/Mulegns und unter seiner Leitung wuchs das viel besuchte und weit herum bekannte “Hotel Löwe“ zu einem wichtigen Gasthaus im Oberhalbstein. Er leitete nicht nur die Pferdeposthalterei von Tiefencastel über den Julierpass nach Silvaplana sondern auch zwischen Lenz und Davos. Ein halbes Jahrhundert lang war Christian Balzer-Bieler diesem Gewerbe nachgekommen und in mustergültiger Weise vorgestanden sondern es bedurfte auch besonderer Kraft und Geschicklichkeit diesen mustergültigen Betrieb ruhig und besonnen zu leiten.
Sein Sohn Joseph Balzer (1876 – 1958) heiratete am 15.10.1900 Sara Sutter aus Sils. Nachdem 1903 die Albulabahn nach St.Moritz eröffnet war brach das Passagieraufkommen im Kutschenverkehr ein. Joseph Balzer tat sich mit Tobias Pranger zusammen und importierte aus dem Veltlin Wein mit seinen Fuhrwerken. Nino Negri aus Tirano lieferte Hügel- und Spezialweine und die Pferdehalterei Balzer verteilte diesen in der halben Schweiz. Kunden über Bern, Olten, Zürich und St. Gallen waren gemäss vorhandenen Geschäftsbüchern seine Abnehmer.
Das Ehepaar Joseph Balzer-Sutter hatte ab 1901 vier Kinder und wohnte in Tiefencastel.
Das dritte Kind Christian Balzer geboren am 2.5.1907 in Tiefencastel ehelichte am 25.5.1931 Anna Josephina Willi aus Lenz und hatte ab 1932 7 Kinder. Die zweit geborene Tochter Adelheid starb siebenjährig bereits am 5.6.1940. Die Mutter Anna verstarb nach kurzer Krankheit am 8.4.1983 in Davos und der Vater Christian in Thusis am 17.10.1987.
|Familie Balzer von der Pferdeposthalterei zur Weinhandlung im 19. Jahrhundert|
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