Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03449.jsonl.gz/1039

Wie kann in Haiti nach dem schrecklichen Erdbeben vom 14. August 2021 wirksam geholfen werden? Mehr als 2500 Menschen verloren ihr Leben, 12 000 wurden verletzt und Zehntausende wurden obdachlos. Die Nothilfe von Caritas Schweiz beläuft sich in der ersten Zeit auf 300 000 Franken.
Thor Maeder-Gerber, Landesdirektor der Caritas Schweiz ad interim, unterstreicht die Bedeutung eines langfristigen Engagements, einer Hilfe vor Ort, die menschlich geprägt, diskret und gleichzeitig freiwillig sein muss.
Thor Maeder-Gerber, wie sieht die Lage einige Wochen nach dem Erdbeben aus: Welche Soforthilfe wurde bisher im schwer zugänglichen Katastrophengebiet geleistet?
Wir unterstützen 2000 Haushalte in den ländlichen Gebieten der Gemeinden Camp-Perrin und Maniche (Département du Sud), die vom Erdbeben besonders stark betroffen waren, mit Bargeld-Beträgen. Diese Hilfe wird es ihnen ermöglichen, für einen Monat ihre Grundbedürfnisse zu decken. Sie trägt indirekt zum Funktionieren der lokalen Wirtschaft, so etwa der Kreditgenossenschaften und der Märkte, bei. Wir vermeiden mit dieser Form von Hilfe auch, dass Konvois mit Hilfsgütern überfallen und ausgeraubt werden können, wie dies an manchen Orten vorkam. Wir unterstützen im Weiteren die Soforthilfe der Caritas Haiti und der verschiedenen lokalen Caritas-Organisationen.
Damit können wir dazu beitragen, dass weitere Familien im Département du Sud sowie in Grande Anse und Nippes ihre Nächte in einer Unterkunft verbringen, verletzte Personen medizinisch versorgt werden und die Menschen in der Lage sind, sich gegen die Pandemie zu schützen. Als dritte Massnahme verteilen wir Solarlampen und Bausätze für Unterkünfte an weiter 750 Haushalte im Département du Sud.
Wie wird die Caritas längerfristig helfen?
Caritas Schweiz bereitet den Wiederaufbau von fast tausend Häusern vor, die durch das Erdbeben zerstört wurden. Dafür werden wir Handwerkerinnen und Handwerker in erdbeben- und hurrikansicheren Bautechniken ausbilden. Wir werden den Familien, die diese Häuser bewohnen werden, auf unterschiedliche Weise dabei helfen, wieder ein Einkommen zu erzielen. So stellen wir ihnen etwa Saatgut für die Hausgärten zur Verfügung oder geben Ziegen ab, damit sie ihre kleine Viehzucht wieder aufnehmen können.
Wie reagiert die betroffene Bevölkerung?
Jede Geste, jede Aufmerksamkeit ist willkommen. Der Bedarf ist jedoch nach wie vor enorm, sei es in materieller, finanzieller oder psychosozialer Hinsicht. Das Erdbeben hat traumatische Erfahrungen aus früheren Katastrophen wachgerufen. Die Zerstörung der Grundlagen einer immer noch fragilen Landwirtschaft verschärft eine bereits anhaltend bestehende, schwere Ernährungskrise. Fast die Hälfte der haitianischen Bevölkerung ist von einer schweren Nahrungsmittelkrise oder gar einem akuten Nahrungsmittelnotstand betroffen.
Der haitianische Präsident wurde kürzlich bei einem Attentat ermordet. Der Staat befindet sich in einer Krise und die Sicherheitslage ist fragil. Wie gelingt es der Caritas unter diesen Umständen, den Opfern zu helfen?
Es ist wichtig, langfristig vor Ort zu sein. Die unmittelbare Nothilfe soll eine erste Sicherheit bieten, aus der die Betroffenen langfristige Perspektiven entwickeln können. Diese Präsenz muss menschlich geprägt und nahe bei den Betroffenen sein. Die Hilfe soll diskret sein, die Inanspruchnahme freiwillig. Nur so können wir gezielt und wirksame Unterstützung bieten.
Sind die Erfahrungen von der Nothilfe und dem Wiederaufbau nach dem schrecklichen Erdbeben von 2010 heute noch nützlich?
Sie haben uns sicherlich in die Lage versetzt, schnell, aber überlegt zu reagieren. Wir können auf den zahlreichen Partnerschaften aufbauen, die sich im Laufe der Jahre entwickelt haben. Und wir kennen die Bedeutung und die Grenzen der Koordination auf staatlicher Ebene. Zudem können wir davon profitieren, dass wir in den vergangenen Jahren bei Handwerkerinnen und Handwerkern gezielt Fachwissen aufgebaut haben. Diese Erfahrung können wir nun nutzen. So profitieren besonders geschädigte und verletzliche Haushalte ebenso wie Fachkräfte, die auf diese Weise ein Einkommen erzielen können.
Bild: Angela J., im Bild mit Enkelin und deren Tochter, erlitt eine Verletzung am Bein, als ihr Zuhause in sich zusammenfiel. Die neunköpfige Familie muss im Freien schlafen. Maniche, Haiti. (c) Caritas Schweiz