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In Manhattan werden zurzeit Stardesigner geboren. Ihren Erfolg verdanken die jungen Modemacher, viele von ihnen mit Migrationshintergrund, vor allem drei Frauen: Anna Wintour, Diane von Furstenberg und Michelle Obama.
Der Erfolg kam über Nacht. Thakoon Panichgul hatte es sich an einem Abend im August 2008 zuhause in New York vor dem Fernseher bequem gemacht, um die Nominierung Barack Obamas zum Präsidentschaftskandidaten zu verfolgen. Jason Wu nahm am Abend der Amtseinführung im Januar 2009 gerade seine Peperoni-Pizza vom Lieferservice in Empfang. Und Prabal Gurung war im Mai 2010 mit zwei Freunden im Taxi auf dem Weg zu einer Party, als der Präsident und seine Gattin in Washington 3000 Gäste zum Dinner empfingen. Alles war an diesen Abenden wie immer für die drei namenlosen Designer mit den seltsamen Namen – und plötzlich war nichts mehr wie zuvor.
Der grosse öffentliche Auftritt traf sie in ihren privatesten Momenten. Es war nicht das «Yes, we can!» des neuen Präsidenten, das sie unvorbereitet heimsuchte. Es war die Präsidentengattin, die auf den roten Teppichen des politischen Betriebs in ihren Kleidern einen formidablen Auftritt hatte. Thakoon Panichgul traute seinen Augen nicht, als er Michelle Obama in seinem Kimonokleid mit rot-schwarzen Blumendrucken entdeckte. Jason Wu sah mit der Pizza in der Hand Michelle Obama im von ihm entworfenen champagnerfarbenen One Shoulder Evening Dress. Und Prabal Gurung verbrachte seinen Abend damit, die Mails und Anrufe zu beantworten, die ihm, dem Schöpfer, zum drapierten roten Kleid von Mrs. O gratulierten.
Die drei Szenen wären keine Fussnote in der Geschichte der Mode wert, wenn es nicht um grosse Erzählungen ginge. Von einer dunkelhäutigen Frau, ziemlich gross, etwas breit in den Hüften, die mit Modemut und Kombinationsfreude ein Vorbild ist für Millionen von Amerikanerinnen. Von jungen Modemachern, viele von ihnen mit Migrationshintergrund, die mit grosser Geschmackssicherheit die ersten Schnitte in ihr neues Leben tun. Und von einer oft belächelten Modestadt, die ein Modewunder erlebt, von dem Mailand nur träumen kann.
Was hat man nicht alles gehört über flachen New Yorker Stil! Was wird in Paris geschnattert über amerikanische Geschmacklosigkeiten! Und es stimmt ja auch: Jahrelang waren die Importe das Beste an der New Yorker Mode. Helmut Lang feierte hier in den Neunzigern seine grössten Erfolge. Alexander McQueen kam um die Jahrtausendwende für einige legendäre Auftritte aus England herüber. Ansonsten macht vor allem Marc Jacobs mit seinen Kollektionen zwischen Grunge und Glamour vergessen, dass Designer wie Donna Karan, Oscar de la Renta oder Carolina Herrera nicht mehr wirklich zur Speerspitze der Avantgarde gehören.
Jetzt tritt eine neue Generation an, die mit anspruchsvoller und dennoch zugänglicher Mode die alten Vorurteile wie zerrissene Lumpen aussehen lässt. Manchmal sogar im wahrsten Sinn: So bereichern zum Beispiel die ziemlich unglamourösen Schwestern Laura und Kate Mulleavy mit ihrem kalifornischen Label Rodarte die New Yorker Modewoche um anarchisch-genialisch-morbide Kollektionen. Die Anerkennung für ihre hier und da zerfetzten Kreationen kam auch aus dem Ausland schnell: 2008 wurden Laura und Kate Mulleavy mit dem renommierten Swiss Textiles Award ausgezeichnet.
Der unaufhaltsame Aufstieg der New Yorker Mode begann ausgerechnet am 11. September 2001. Die Terrorangriffe mitten in der Modewoche, die viele Designer in der folgenden Konsumkrise an den Rand des Ruins brachten, führten zu einer Jetzt-erst-recht-Stimmung. Anna Wintour, die Chefredaktorin der US-«Vogue», fördert seither junge amerikanische Designer. Kaum ein «Vogue»-Editorial, in dem nicht Zac Posen, Derek Lam, Peter Som oder Behnaz Sarafpour per Hochglanz-Nachwuchsförderung angepriesen werden. Und immer wieder vermittelt sie ihre Schützlinge an finanzkräftige Investoren und grosse Modehäuser.
Thom Browne ist so ein Beispiel, ein toller Männermodedesigner, der Hochwasserhosen und Schrumpfärmel salonfähig machte. Leider gerieten auch seine Umsätze zu kurz. Anna Wintour also sprach mit Claudio Del Vecchio, dem Chef von Brooks Brothers. Und siehe da: Seit mehr als vier Jahren entwirft Browne nun erfolgreich eine Linie für den Herrenausstatter. «Sie übte ziemlichen Druck auf mich aus», sagte Del Vecchio später über die rigide Personalpolitik der wichtigsten Modefrau der Welt. Vergessen, vergeben: Brownes Kollektionen kommen bei der Kundschaft an.
Lazaro Hernandez ist noch so ein Beispiel, ein Junge noch, gerade 21 Jahre alt, als er im Jahr 2000 am Flughafen von Miami mit seiner Mutter auf die Maschine nach New York wartet. «Oh, my God», ruft er. «Das ist doch Anna Wintour!» Sie anzusprechen, dazu hat er nicht den Mut. Im Flugzeug schreibt Hernandez auf eine Serviette, wer er ist, was er macht, wie er sie bewundert.
Eine Stewardess reicht Anna Wintour die Serviette hinüber: Liebesbrief, Bewerbungsschreiben, Hilfeersuchen. Ein paar Wochen später bekommt Hernandez einen Anruf aus dem Atelier des Modemachers Michael Kors: «Anna meint, Sie sollten hier arbeiten.» Hernandez macht ein Praktikum, gründet dann mit seinem Partner Jack McCollough die Marke Proenza Schouler und wird zu einer Symbolfigur des rasanten Aufstiegs in jungen Jahren. Am Anfang war wieder mal Anna.
Zufall ist das alles nicht. Die meistgeliebte und meistgehasste Frau der Mode schiebt ihre Figuren durch ein weitverzweigtes Netzwerk. Als Erste erkannte sie eine epochale Chance im Wettbewerb der Modemetropolen. In Mailand können sich wegen der Dominanz der grossen Luxusmarken die Jungen kaum durchsetzen. Die jüngsten grossen Designer dort heissen Dolce und Gabbana und sind durchaus mittelalt. Auch in Paris saugen die grossen Häuser die jungen Stars auf. Also macht Anna Wintour Manhattan zum Fashionlabor. «Wir sind eine optimistische Kultur, und unsere Geschichte ist kurz», meint Derek Lam, der seit sieben Jahren ganz in Annas Sinn eine noble Marke aufbaut. Und Phillip Lim, der sich ebenfalls in Annas Licht sonnt, ergänzt: «Wir sind ein junges Land, deshalb sind junge Designer hier sehr willkommen.»
In ihrem Feldzug für New York nutzt Anna Wintour jedes Mittel. Während die Modekammern in Paris und Mailand vor allem den Dauerstreit um Schauentermine schlichten, schafft
«Nuclear Wintour» durch intelligente Modepolitik Tatsachen: Die New Yorker Modewoche wird auf ihr Betreiben hin auf acht Tage ausgedehnt, die Mailänder mit einigen Anrufen eingedampft.
Diese Frau hat es sogar geschafft, ihr Bild in der Öffentlichkeit zu korrigieren: Nach dem Spielfilm «The Devil Wears Prada» über ihre seltsamen Launen gewann sie mit dem Dokumentarfilm «The September Issue» die Deutungshoheit über ihre Person zurück – und wirkte gleich etwas menschlicher.
Ein Jahr nach der Lehman-Krise zeigte Anna Wintour auch noch ihre Businesskompetenz: 2009 veranstaltete sie zum ersten Mal die Fashion’s Night Out. Zur zweiten FNO im September 2010 hatten in New York mehr als tausend Geschäfte bis Mitternacht geöffnet, und die Kaufwütigen trafen auf Promis wie Karl Lagerfeld, Naomi Campbell oder Nicole Richie.
Ohne eine weitere Frau, die als dritte gute Fee über der prosperierenden Nachkrisenstimmung schwebt, hätte das nicht geklappt: Diane von Furstenberg fördert als Präsidentin des Designerverbands Council of Fashion Designers of America (CFDA) junge Modemacher und setzte auch die Einkaufsnacht durch. Es ist von schöner Symbolik, dass diese Powerfrau der Mode ihr Wickelkleid, das sie Anfang der Siebziger erfand, wieder phänomenal verkauft – besonders an junge Frauen.
Die Designerin, die aus Belgien stammt, als Jüdin zum Verdruss der Familie einen deutschen Adeligen heiratete und in New York Karriere machte, hat die Ausländer ins Herz geschlossen. Im vergangenen Jahr zeichnete der CFDA gleich drei Asiaten (Richard Chai, Jason Wu, Alexander Wang) mit den wichtigsten Preisen aus. Auch die drei Nachwuchsstipendien gingen an asiatischstämmige Studenten. Kein Wunder, denn die wichtigsten Modeschulen haben den Trend aufgenommen. Am Fashion Institute of Technology stammt jeder vierte Student aus Asien, an der Parsons School sind es sogar siebzig Prozent. Inzwischen lockt eben nicht mehr nur das Beispiel der längst etablierten Designerinnen Vivienne Tam, Anna Sui oder Vera Wang. Der Hauptpreis der Designer-Castingshow «Creative Sky» im chinesischen Fernsehen ist: ein Studienplatz an der Parsons.
Die Mode aus Manhattan bricht auf – und zieht um. Die Fashion Week findet nicht mehr im beengten Bryant Park statt, sondern im grosszügigen Lincoln Center. Zur Premiere letzten September kamen sage und schreibe 115 000 Modeleute in die Stadt, die 97 Laufsteg- und 230 Showroom-Präsentationen sahen und rein rechnerisch 233 Millionen Dollar ausgaben. Nichts als Zahlen? Nicht für die neuen New Yorker! Diese Designer verstehen mehr vom Geld als ihre europäischen Kollegen. «Man kann nicht nur Modemacher sein heute, man muss auch Manager sein», sagt Jason Wu. Die Eltern vieler asiatischer Designer waren schon im Textilgeschäft tätig, und sie selbst sehen das Business pragmatisch. Seine Generation, meint Phillip Lim, fülle eine Lücke zwischen High Fashion und High Street.
Vielleicht machen sie daher auch modisch nicht zu viele Experimente. Sie alle – vom braven Richard Chai bis zum hippen Alexander Wang – wollen nicht provozieren. Die jungen Milden wollen vor allem gefallen. Und das tun sie. Jason Wu, gebürtig aus Taiwan, 28 Jahre alt, zierlich, aber zielgerichtet, wächst sein Erfolg sogar schon fast über den Kopf. Sein Abendkleid für die First Lady hängt im National Museum of American History in Washington. Seine Umsätze wachsen in den Himmel. Und seine Vorbilder sind unbescheiden gewählt: «Yves Saint Laurent, Giorgio Armani und Ralph Lauren haben alle so klein begonnen wie ich.»
Hoffentlich wird er auf dem Weg nach ganz oben nicht noch überholt. Denn schon folgen andere Jungdesigner wie Joseph Altuzarra, 27 Jahre alt, der vor einem Jahr sein Debüt an der Modewoche gab. Seine Kleider sind konstruiert und dekonstruiert zugleich, schlicht komponiert und raffiniert geschnitten, ein bisschen Jil Sander, viel Helmut Lang und noch mehr Alexander Wang. Fast schon symbolisch: Joseph Altuzarra wuchs in der Modestadt Paris auf. Um Erfolg zu haben, musste er nach New York ziehen. Das ist aber natürlich nicht alles: Seine Mutter stammt aus Asien.
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Der Kalifornier wächst auf einer Army Base in Deutschland auf und beginnt mit 13 zu nähen. Nach seinem Studium in Toronto arbeitete er für Alexander McQueen. Laings Stärke liegt im Entwurf von grafischen Mustern, die die Form seiner Kleider bestimmen. — www.jeremylaing.com
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Der gebürtige Jordanier arbeitete erst als Model und Stylist, bevor er seine eigene Modelinie entwarf: futuristische Kreationen in Glanzoptik, unten eng, oben weit, mit Referenz an seine Vorbilder Helmut Lang und Rick Owens. — www.radhourani.com
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