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Von 1789 bis 1790 reiste der russische Schriftsteller Nikolaj Karamsin durch Europa und kam dabei auch in die Schweiz. In seinen „Briefen eines reisenden Russen“ hielt er seine Beobachtungen fest. Erste Überraschung: Zu sagen hatte er nicht viel, aber er sagte es auf eine so naive Art und Weise, dass beim Lesen nichts verloren geht an Unmittelbartkeit. Wie nebenbei bekommt man es mit einem kleinen Ausschnitt aus der europäischen Geistesgeschichte zu tun.
In Weimar besuchte Karamsin Christoph Martin Wieland. Was er über die Begegnung berichtete, zwingt jeden Wieland-Biografen, es zu berücksichtigen. Von den Schweizern behauptete Karamsin, sie würden den Hut „für ein Zeichen der Freiheit und Unabhängigkeit“ ansehen. In Genf las er in den Cafés der Stadt die Zeitungen – in Warschau und Nakuru habe ich es genauso getan und weiss daher, was das für eine tiefe und zentrale Erfahrung sein kann. In Lyon besuchte Karamsin die Oper und hörte Jean-Jacques Rousseaus Oper „Le Devin du village“. Sonst dachte er meistens an die zuhause Gebliebenen.
Auch Leo Tolstoi hat die Schweiz besucht und 1857 von Clarens eine Fussreise ins Berner Oberland unternommen. Er empfand es nicht so angenehm, zu Fuss unterwegs zu sein, wie man es ihm beschrieben hatte. Auch das weibliche Personal in den Gasthöfen scheint sein Missfallen hervorgerufen zu haben.
Der Dent de Jaman, von Les Avants aus gesehen. Von der Rückseite her ist er problemlos zu besteigen.
Tolstois Reisebericht bricht in Chateau-d‘Oex ab, der Rest muss aus seinen Tagebüchern zusammengesetzt werden. Der Dent de Jaman, den er bestieg, machte ihm keinen besonderen Eindruck.
In jüngster Zeit ist ein weiterer Russe, der Schriftsteller Michail Schischkin, durch die Schweiz gereist: auf den Spuren Tolstois, im Geist auch auf denen Karamsins, der immer wieder zitiert wird, sowie entlang dem gleichen Parcours, den auch George Gordon Byron genommen hat.
Schischkin mischt seine eigenen Eindrücke, die er täglich in seinen Computer tippt, mit denen seiner veritablen Vorgänger und konfrontiert zugleich seine Eindrücke, die er in der Schweiz gewonnen hat, mit den Zuständen in Russland damals und heute. Mit der Erfahrung der Russischen Revolution im Gedächtnis sieht die Schweiz mit einem Mal anders aus. Der Blick von aussen auf das Land und seinen Mythenbedarf verändert das Bild entscheidend.
Sympathie wechselt bei Schischkin mit kritischem Scharfblick. Das gilt besonders auch für seine Bemerkungen über die schweizerische Asylpolitik, die er fast mit der siegesentschlossenen Einstellung eines Sportlers kommentiert. Wer zuerst am Ziel ankommt beziehungsweise die Dinge beim Namen nennt, ohne Umschweife, hat gewonnen. Kein Schweizer Autor dürfte sich erlauben zu schreiben, was Schischkin aufgefallen ist. Er konnte es sich leisten – und hat es stellvertretend getan.
Michail Schischkin: Auf den Spuren von Byron und Tolstoi. Eine literarische Wanderung von Montreux nach Meiringen. 405 Seiten. Rotpunkt Verlag.
Michail Schischkin wird am 15. Januar 2013 mit seinem neuen Roman "Briefsteller" im Literaturhaus in Basel zu Gast sein.