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Blick in eine Trockenkammer
Die Verwendung von Ton für die Herstellung von Backsteinen, Ziegeln, Vasen, Röhren usw. war schon den alten Völkern bekannt. So wissen wir, dass Babylonier und Ägypter für ihre Bauten Ziegelsteine verwendeten und die biblische Geschichte erzählt uns, dass die armen Israeliten zu den harten Arbeiten in den Ziegelhütten der Pharaonen herangezogen wurden, allwo es ihnen, trotz voller Fleischtöpfe, gar nicht passte. Auch bei den Römern spielt die Kunst der Tonbehandlung eine Rolle und sogar die Pfahlbauer auf unsern Schweizerseen brannten Ton zu Gefässen, wie aus den hinterlassenen Spuren zu sehen ist. Einen besonderen Aufschwung nahm die Kunst der Lehmbearbeitung im ausgehenden Mittelalter im Ziegelgewerbe. Noch bis ums Jahr 1300 waren fast alle Häuser der Stadt Zürich aus Holz gebaut, nur zweistöckig und mit Schindeln oder Stroh gedeckt. So war es auch in andern Städten der Ostschweiz. Nachdem 1280 durch den Racheakt deses Bäckermeisters Wackerbold im Niederdorf der grösste Teil der «mehreren» Stadt ein Raub der Flammen geworden war, und 1313 - wie der Chronist Stumpf berichtet - ein furchtbarer Brand den Rennweg und sämtliche Häuser bis hinab zur "Niederen Brücke" verzehrt hatte, erliess der Rat die Verordnung, dass bei neuen Häusern der unterste Stock aus Stein und die Bedachung aus Ziegeln zu erstellen seien, was natürlich dem Zieglergewerbe grosse Förderung brachte. Zürich zählte damals etwa 8000 Einwohner.
Die älteste Ziegelform die zur Anwendung kam, war der in seiner Grundform schon den Römern bekannte Hohlziegel oder Klosterziegel, auch Mönch und Nonne genannt, der sich vermöge seiner zweckmässigen und kräftigen Gestalt für das Schweizerhaus vorzüglich eignete und mit Vorliebe als Bedachung mittelalterlicher Türme und Burgen verwendet wurde. Nach und nach aber wurde der Hohlziegel durch den sogenannten "Biberschwanz" verdrängt, der in Burgund schon gegen das Ende des 11. Jahrhunderts bekannt war und in der Schweiz, vermutlich zuerst in Payerne und in St. Urban, hergestellt wurde. Wann die ersten Flachziegel auf die Dächer der Stadt Zürich und ihrer Umgebung gelangt sind, ist nicht völlig abgeklärt. Mit ziemlicher Sicherheit darf gesagt werden: Um 1500 herum, wie sich aus eingeritzten Jahreszahlen auf alten Ziegeln im Landesmuseum schliessen lässt.
Es ist nicht genau bekannt, wann in Zürich die ersten Ziegelhütten entstanden sind. Zweifellos haben vom 16. bis ins 19. Jahrhundert ihrer gegen 10 auf dem Gebiete der heutigen Stadt bestanden und zwar fast sämtliche auf der linken Seite von See und Limmat. Alle haben das Material von Wiedikon bezogen, wo man schon frühzeitig auf den hohen Wert der ausgedehnten Tonlager aufmerksam geworden war. Als älteste kann wohl die sogenannte "Herren-" oder "obrigkeitliche Hütte" angesprochen werden, die der Stadt gehörte und von ihr dem "Meister Ziegler" als Lehen vergeben wurde. Bereits im Jahre 1364 muss sie in Betrieb gewesen sein, denn ein Ratsbeschluss aus diesem Jahr setzt dem Ziegler für drei Bürger den Preis für Ziegel, Backsteine und Kalk fest. Am 1. August 1416 wird Clausen Küng, der Ziegler, ins städtische Bürgerrecht aufgenommen und mit der Ziegelhütte belehnt. Diese stand wegen dern Feuersgefahr und des vielen Platzes, den sie benötigte, ursprünglich ausser den Mauern, vor dem Rennwegtor, an der Stelle, wo später der "grüne Seidenhof" erstellt wurde und heute das Warenhaus Jelmoli steht. In jener Gegend, etwas weiter gegen die Werdmühle hinunter, muss ferner - wie aus zahlreichen Funden an Topfscherben, Kacheln usw. aus ganz früher Zeit hervorgeht - eine grosse Töpferei bestanden haben. Anscheinend sind aber die Erzeugnisse hinsichtlich Kunstwert nicht über den Rahmen des gewöhnlichen Handwerks hinausgegangen. Im Jahre 1613 wurde die Stadtziegelhütte samt Wohnhaus und Scheune auf Wunsch und Kosten des reichen Seidenherren Heinrich Werdmüller zum alten Seidenhof, dem die unschöne Hütte samt der allzeit schmutzigen Umgebung - als Nachbarschaft zu seinem schönen Privatsitz - nicht behagte, abgetragen und vor die Sihlporte, zwischen der «innern Sihl» (Sihlkanal) und äussern Sihl verlegt, aber bereits 1647 beim Bau der Schanzen abermals geschleift und im Selnau neu erstellt. Von 1775 an war sie für längere Zeit an Kaspar Bosshard auf dem Muggenbühl verpachtet. Sie musste jedoch 1860 beim Ausbau des Selnauquartiers der Anlage der Sihlamtstrasse endgültig weichen. Der unter der Aufsicht des städtischen Bauherrn stehende Ziegler erhielt von der Stadt das Holz für den Brennofen aus dem Sihlwald, anfänglich 1200 Wellen, später 40 Klafter Spelten, die ihm durch Flössen in der Sihl und im Sihlkanal zur Stelle geschafft wurden. Was er mehr brauchte, sollte er "als ander lütt" bezahlen. Als Pachtzins hatte er durchschnittlich 60 bis 120 Gulden zu entrichten. In den Ratsprotokollen wird im Laufe der Jahrhunderte wiederholt des Zieglers Erwähnung getan. Das eine Mal beklagt sich einer über die durch Gründung von neuen Ziegeleien - namentlich im nahen Wiedikon - enstandene Konkurrenz oder er wünscht statt der Holzlieferung das bare Geld. Ein andermal (1541) muss ihm der Rat bedeuten: "der ziegler soll nit mehr das best Holz ausziehen (beim Flössen) und das abschätzig den Bürgern bleiben". Da die Ziegler ihr Produkt zufolge des Verhältnisses mit der Stadt an diese zu reduzierten Preisen abgeben mussten, waren oft Misshelligkeiten an der Tagesordnung. Die festgesetzten Preise wurden nicht inne gehalten oder die Qualität der Ware liess zu wünschen übrig, sodass das Verhältnis der Ziegler zum städtischen Bauamt sehr oft ein gespanntes und unerfreuliches war und ab und zu mit Strafen eingeschritten werden musste. So erhielt 1760 Frau Bockhorn eine hohe Busse auferlegt und einige Jahre später suchte die Stadt für den besseren Betrieb ihrer Hütten geeignete Bewerber, denen ein Betriebsdarlehen von 4000 Gulden angehoten wurde, um die Steinkohlenfeuerung einzuführen. Der Silhwald hatte offenbar Schonung nötig.
Das eigentliche Ziegeleigebiet war Wiedikon mit seinen unerschöpflichen Lehmgruben. Dem 15. und 16. Jahrhundert verdanken fast alle dortigen grösseren Ziegelhütten ihre Entstehung und zwar auf Land, das von der Gemeinde als Erblehen an Bürger gegen geringen Zins abgetreten wurde. Während wir über die Stadthütten durch die Ratsprotokolle und Zinsurbare ziemlich gut unterrichtet sind, fliessen die urkundlichen Quellen. Über die Wiedikoner Hütten, weil sie Privateigentum waren, sehr spärlich. Ein wertvolles Aktenstück - der auf Pergament geschriebene Zinsrodel aus dem Jahr 1537 über "die Erbzys und bodenzys und ander Jerlich güllt einer ganzen Gemeinde von Wiedikon, wie das von allter harkommen ist" - gibt uns wenigstens über ihre Gründung sowie über einige nachträgliche Handänderungen Aufschluss. Eine solche Ziegelhütte, gegründet von Paul Trachsler 1557, zuletzt die Sallenbachsche Hütte geheissen, war bis um 1860 im Betrieb unmittelbar oberhalb der ehemaligen gedeckten Sihlbrücke, ungefähr da, wo heute der "Tages-Anzeiger" seinen Sitz hat. 1790 gehörte sie noch einem Johannes Hotz. Von da nur wenig sihlaufwärts, oherhalb des "werd" an der heutigen Schimmelstrasse, lag die 1541 von Ziegler Peter Keller erbaute Hütte. 1790 gehörte sie einem Meier und zuletzt Steiner-Höhn. 1891 wurde sie abgetragen. Unmittelbar daneben, unterhalb der Aegerten an der Sihl, stand die Bockhornhütte. Diese "so Caspar zur Linden uff der Egerten zu Wiedigkonn anno 1597 Jars gebuwen, gibt jerlich uff Sannct Martinstag einer ersamen Gmeind 3 Pf. 10 Schilling für das Erbgutt". Zur Bockhornhütte gehörte eine Lehmgrube im Albis. Zu Martini 1772 wird die Hütte verkauft von Leutnant und Geschworenen Hans Konrad Koller an Heinrich Rudolf und Hans Heinrich Bockhorn seI. des Zieglers nachgelassene Söhne, samt Zubehörde um 4000 FI. und 50 FI. Trinkgeld. Der Barbetrag wurde den Käufern vorgestreckt von dem Wohlgeachten, wohl Edlen Herren, Herren Johann Caspar Hess, gewesenen Sihlherren der LöbI. Stadt Zürich gegen Grundpfandverschreibung von Wiesen, Äckern, ZeIgen im Albis und Sihlfeld. Man sieht hieraus, dass die neuen Besitzer zu den begütertsten Bürgern der Gemeinde Wiedikon gezählt haben müssen. Unter dem gleichen Dach aber mit eigenem Brennofen und Lehmrüstplatz gegen das Werd gelegen, befand sich eine zweite Ziegelei, die Caspar Meier der Ziegler mit Martini 1774 dem Tit. Herren Haubtman Rollenbutz, Ferwer im Talacker um 800 FI. verschreibt; zuletzt von Fuhrhalter Johann Frey-Bader betrieben, der diese samt Lehmgrube 1876 an die Gebrüder Bockhorn verkaufte. Seither war die Hütte Eigentum dieser Familie und von ihr bis zum Jahre 1891 betrieben, als das Gütergeleise der Sihltalbahn das vorgelagerte Gelände durchschnitt. Die Liegenschaften gingen Ende 1923 an die Stadt Zürich über. Die durch den Umbau der linksufrigen Seebahn und der Sihltalbahn verursachte erhebliche Umgestaltung der dortigen Gegend machte die Beseitigung verschiedener Gebäulichkeiten zur Notwendigkeit. Dazu gehörte auch die bekannte alte Ziegelhütte, die schon seit Jahren ein beliebtes Objekt für Photographen, Zeichner, Maler und Altertumsfreunde war. Die Liegenschaft, die schon früher durch die Sihltalbahn und die Schimmelstrasse durchschnitten worden war, mass damals noch 6'930 m2 und wurde zum Preise von Fr. 270'000 an die Stadt abgetreten. Damit war das letzte Wahrzeichen einer einstmals bedeutenden Industrie reichlich bezahlt.
Wohl die allerälteste der Ziegeleien auf dem Boden von Wiedikon war "die gross Ziegelhütte in der ow", erbaut, «als man zält dusend vierhundert vierzig und ein Jar, erstlich verlichen und geben Simon Ziegler, burger zürich und sinen erben nach üblichen sitt und gwohnheit und um ein zins von 3 Pfund und 10 Schilling". Sie wurde jedoch schon 1572 durch die Gemeinde zurückgekauft und geschleift, da bereits 1516 von Jakob Keller, dem Ziegler nebenan, am Fuss des sogenannten Reb- oder Fastnachthügels "auf einem bletz ob der allmeind als erbgutt" eine neue, offenbar zweckmässiger eingerichtete Hütte erstellt worden war. Gegen 200 Jahre gehörte diese der Familie Keller und musste 1860 der Gründung der Fuhrhalterei Dübendorfer - jetzt Stiefel - weichen. Eine weitere Ziegelhütte am alten Üetlibergweg war die im Jahr 1543 erstellte Bär'sche Hütte in der äussern Au". Die letzte der Hütten bergwärts, der Albishof, stammt aus dem 19. Jahrhundert und hat sich schon frühzeitig dem modernen Betrieb angepasst. Die Tonwarenfabrik der Gebrüder Bodmer im Albisgrund, gegründet 1871 und vorzugsweise auf Spezialitäten (Keramik) eingestellt, ist ebenfalls neuzeitlich eingerichtet und arbeitet heute noch mit Erfolg. Der Vollständigkeit halber seien noch zwei Unternehmen erwähnt, die ausserhalb des Gemeindebanns Wiedikon standen, aus dessen Gruben aber den Lehm bezogen: Die Ziegelei Wirz im Seefeld und die Staub'sche Hütte in Wollishofen.
Von grösster Wichtigkeit war die Lehmausbeute im Albis. Die sämtlichen damaligen Gruben befanden sich in dem links und rechts an die heutige Üetliberg- und Bachtobelstrasse stossenden Gelände, wie noch aus alten Plänen ersichtlich ist, auf denen schon früh eine "kleine" und eine "grosse", eine "alte" und eine "neue Leimgrube" - nebst die der Stadt Zürich gehörende "obrigkeitliche" Grube eingezeichnet sind. Lehmgruben im Albis werden schon 1502 erwähnt. Da man in der Mischung des Materials noch nicht so bewandert war wie heute, benützte man meistens nur die oberste Schicht bis zu einer Tiefe von 3 bis 4 Metern. Dieses Material hielt man für besonders geeignet für die Herstellung von Dachziegeln. Die nur unvollständig ausgenützten Gruben wurden dann gewöhnlich mit den neuen "Abdecketen" ganz oder teilweise verschüttet und der Landwirtschaft zurückgegeben. Die Wohnkolonie "Im Laubegg", links von der Üetlibergstrasse, steht in einer dieser alten Lehmgruben. Die ehemaligen Ziegelhütten von Zürich lagen also - im Gegensatz zu den heutigen Betrieben - grösstenteils nicht in unmittelbarer Nähe der Gruben. Der Transport des Rohmaterials verteuerte das Produkt.
Im Winter ruhte das eigentliche Gewerbe oder es beschränkte sich auf das Brennen des Kalkes und der während der wärmeren Jahreszeit an der Luft getrockneten Ware sowie auf die Ausbeutung und Herbeischaffung des Materials, das in nächster Nähe der Hütte zum Ausfrieren aufgeschichtet oder im Wasserbad zur Entfernung unreiner Beigaben geschlämmt wurde. Es waren sogenannte Handziegeleien, wie sie nun verschwunden sind. Jeder einzelne Backstein, jeder Ziegel wurde von Hand gemacht, indem der Ziegler den zubereiteten Lehm in eine hölzerne oder eiserne Form presste und das darüher hinausquollende Material mit der buchenen Streichliste abstrich. Daher die Bezeichnung "Ziegelstreichen" und "Ziegelstreicher". Es bedurfte einer gewissen Fertigkeit des Meisters, besonders um bei den noch weichen Biberschwänzen die "Nase" aufzusetzen und mit den zusammengefügten Fingerspitzen der beiden Hände auf der oberen Seite die Abflussrillen anzubringen. Dadurch kam eine gewisse Mannigfaltigkeit im Detail der Form zustande, die dem Maschinenziegel abgeht. Hurtige "Abtragbuben" verbrachten die auf Brettchen gelegten Ziegel - einen auf dem Kopf, zwei weitere auf den bis zur Schulterhöhe emporgehobenen Händen tragend - ins Trockengestell. Ein gewandter Ziegler erreichte so bei 13- bis 14-stündiger Arheitszeit im Sommer eine Tagesleistung von 1000 Stück und darüber an Dachziegeln und von 1200 bis 1500 an Backsteinen.
Bedeutende technische Neuerungen und Rationalsierungen im Laufe des 19. Jahrhunderts führten indessen den Niedergang, ja den völligen Untergang des Handzieglergewerbes herbei. Die sogenannte Strangpresse in Verbindung mit dem das Rohmaterial knetenden Kollergang und dem automatischen Tonabschneider steigerte das Produktionstempo und die Produktionsmöglichkeit derart, dass Handarbeit nicht mehr aufzukommen vermochte, obwohl namentlich in den Anfangsstadien den mit der Maschine hergestellten Erzeugnissen in weiten Kreisen des Baugewerbes starkes Misstrauen hinsichtlich ihrer Güte und Dauerhaftigkeit entgegengebracht wurde und dieses Misstrauen noch lange bestand. Da für gewisse Zwecke der "Handware" immer noch der Vorzug gegehen wurde, vermochte sich der Handbetrieb da und dort bis auf die heutige Zeit zu halten. Die Erfindung des Ringofens durch Friedrich Hofmann im Jahre 1858 mit seinem Zellen- und Kammersystem ermöglichte eine viel rationellere Ausnüzung der erzeugten Hitze und bedeutete einen weiteren Schritt auf dem Weg zur Verbilligung und Steigerung der Produktionskapazität. So hat hat ein Jahrhunderte altes Gewerbe, das für Zürich von grosser volkswirtschaftlicher Bedeutung war, das Feld räumen müssen.