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Buch des Monats Oktober 2012
Wortwolken, genauer Schlagwortwolken, englisch tag clouds, sind eine Methode Informationen zu visualisieren. Eine Liste aus Schlagworten, oftmals alphabetisch geordnet, wird nicht einfach untereinander, sondern in der Form einer Wolke angezeigt, wobei unterschiedlich gewichtete Wörter durch ihre Grösse oder auf andere Weise hervorgehoben sind. Wortwolken werden zunehmend im Internet, bei Weblogs oder beim freien, gemeinschaftlichen Erstellen eines Schlagwortindexes (social tagging), angewendet (wir bieten zum Beispiel auf unserem Biblioblog Wortwolken an).
Martin Wolters aus Nürnberg, hauptberuflich Ingenieur, ehrenamtlich in der Jugendarbeit engagiert und Absolvent von Theologie im Fernkurs, hat die Methode der Wortwolken jetzt auf die Bibel angewendet und alle 73 Bücher der katholischen Bibel auf diese Weise visualisiert. Das unterstützt das Anliegen des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks, «die ganze Bibel» wahr- und ernst zu nehmen.
Entstanden ist so ein wunderschönes Buch, das einen faszinierenden und oftmals erhellenden Blick auf jedes einzelne Buch, aber auch auf die Bibel als Ganzes und in einer speziellen Weise auf die vier Evangelien (siehe unten) ermöglicht. Die Umsetzung der Methode auf die Bibel ist knapp, aber nachvollziehbar und beschrieben (Umgang mit längeren Sprachformeln, Ausgrenzung von Artikeln und Präpositionen, Bildung von Wortstämmen, Festlegen der dargestellten Wortzahl eines Buches entsprechend seiner Gesamtlänge...). Die Wahl der zugrundeliegenden Übersetzung, der Einheitsübersetzung, schafft Vertrautheit der dargestellten Worte bei einem katholischen LeserInnenkreis. Dadurch entsteht aber auch ein Hauptproblem des Buches. Dazu gleich mehr.
Zuvor seien die Vorzüge des Buches und von weiteren, begleitenden Angeboten im Internet genannt:
Jedes biblische Buch ist auf einer Doppelseite dargestellt. Rechts ist die Wortwolke farbig abgebildet. Worte, die besonders häufig vorkommen, sind grösser gedruckt. Die alphabetische Ordnung von oben nach unten ist nicht konsequent durchgezogen. Leider gibt der Autor keine Hinweise darauf, nach welchen Kriterien er andere Darstellungsformen (z.B. von unten nach oben laufende Worte), gewählt hat. Mit einer bibelkundigen Gruppe können seine kreativen Gestaltungen aber interessante Diskussionen hervorrufen. Die gewählte Farbe eines Wortes zieht sich durch die Wortwolken aller biblischen Bücher hindurch. So kann neben dem Blick auf eine einzelnes Buch auch dem Gewicht eines Wortes durch die gesamte Bibel hindurch gefolgt werden. Eine Besonderheit gibt es bei den vier Evangelien. Ihre Darstellung zeigt in der Mitte viermal den gleichen Bestand von ca. 25 Worten, einen gemeinsamen Kern, in dessen Zentrum die in allen vier Evangelien am häufigsten vorkommenden Worte sagen, Jesus und kommen bilden. Um diesen Kern herum sind dann die besonderen Wort des jeweiligen einzelnen Evangeliums gruppiert. So wird ein differenzierter Blick auf die Evangelien möglich.
Auf der linken Seite steht eine knappe, aber fundierte Einführung in den Inhalt des Buches, die beim Alten Testament gleichermassen wach ist, für die Bedeutung des Buches im jüdischen wie im christlichen Kontext. Dazu gibt es Lesevorschläge mit wesentlichen Textstellen aus dem entsprechenden Buch. Auf der linken Seite oben befindet sich durchgehend ein farbiger Balken, der den gesamten Umfang der Schrift aus Altem und Neuem Testament in der Anordnung der katholischen Bibel zeigt und den Ort und Umfang des jeweiligen Buches darin. Eine schöne und hilfreiche Form der Einordnung und Orientierung.
Im Internet sind unter www.bibelclouds.de alle Wortwolken zugänglich!
Die Bibelclouds gibt es auch als Android-App im Google Playstore für Handy und Tablet-Computer!
Auf der Homepage findet sich auch eine Zeitleiste, die noch im Aufbau begriffen ist, in die biblische Bücher und Figuren eingeordnet sind. Manches Detail ist dabei zu historisierend (»der historische Moses») oder gar ärgerlich falsch (»Paulus wird Christ»). Der entsprechende Text warnt aber davor, biblische Bücher als Geschichtsbücher misszuverstehen. Und der Autor lädt zu Kommentaren und Kritik ein. Die Wortwolken stehen ja für einen Kontext der gemeinsamen Erarbeitung von Inhalten.
Hier gibt es auch methodische Anregungen für den Umgang mit den Wortwolken v.a. im Schulunterricht und in der Jugendarbeit mit ausgearbeiten Verlaufsplänen als pdf. Auch hier ist der Autor offen für Kritik und neue Anregungen.
Ausserdem gibt es auf FACEBOOK eine Diskussionsgruppe
Den Bibelclouds liegt die Einheitsübersetzung zugrunde. Es ist also immer im Bewusstsein zu behalten, dass die Clouds nicht die Bibel darstellen, sondern ihre Deutung durch die Einheitsübersetzung. Bibelclouds in den Ursprachen wären noch zu erstellen. Die würden aber natürlich andere Schwierigkeiten (hohe Schwellen) mit sich bringen. Die Einheitsübersetzung ist aber keine konkordante Übersetzung, d.h. sie verwendet nicht durchgehend für ein Wort der hebräischen oder griechischen Bibel das gleich Wort in der deutschen Übersetzung, sondern variiert. So verstellt die Wahl der Übersetzung für die Bibelclouds zu einem gewissen Teil den Blick auf die Urtexte. Eine andere, konkodante Übersetzung zu wählen, würde aber die Vertrautheit der Lesenden mit den dargestellten Worten verringern.
In einem Punkt ist die Wahl der Einheitsübersetzung als Grundlage aber ein riesiges Problem gerade bei der hier angewandten Methode. Beim Gottesnamen. Die Einheitsübersetzung verwendet für das hebräische Tetragramm, für den geheimnisvollen, vielfältigen, offenen und beziehungsreichen Gottesnamen, den Ausdruck «Herr». Diese Engführung und patriarchale Zuschreibung ist eine immense Beschädigung unserer Gottesvorstellung, die es aufzubrechen und zu überwinden gilt. Durch die Bibelclouds wird sie aber leider eher zementiert und rückt ins Zentrum der Wahrnehmung. Denn durch die durchgehende Übersetzung von YHWH durch «Herr» im Alten Testament plus die Rede vom Kyrios / Herr im Neuen Testament wird «Herr» zum mit Abstand am meisten gebrauchten Wort in der Bibel und zum am dicksten gedruckten Wort der Bibelclouds. Die Wortwolke der Gesamtbibel auf Seite 15 zeigt im Zentrum einen dicken, grossen, roten Herrn. Schade. Immerhin ergibt sich dadurch ein interessanter Zugang zur Bibel, indem sich leicht nach Büchern suchen lässt, die auffallenderweise nicht von der Herrlichkeit geprägt sind. Welche würden Sie da vermuten? Sie finden die Liste ganz unten. Schade, dass sich der Autor hier nicht stärker an der Bibel in gerechter Sprache orientiert hat. Für die Übersetzung v.a. der alttestamentlichen Namen hat er sich nach eigenen Angaben (S. 165) ja auch nicht an der Einheitsübersetzung, sondern an der Elberfelder Bibel orientiert.
Trotzdem, trotz dieser massiven Kritik, bieten die Bibelclouds eine Fülle von lohnenden Einblicken und Möglichkeiten zum Einsatz in der Bibelarbeit. Und sie bieten vor allem einen Blick auf die ganze Bibel in ihrer Fülle und Vielfalt.
Martin Wolters, Bibelclouds. Die Bibel anders sehen, Ostfildern 2012, 165 Seiten, ISBN 978-3-8436-0233-4, Euro 16.99 CHF 24.40
Biblische Bücher in denen wenig vom «Herrn» die Rede ist: Rut, das erste Buch der Chronik, Esra, Nehemia, Tobit, Judit, Ester, das erste und zweite Buch der Makkbäer, Ijob, Kohelet, das Hohelied, Weisheit, Daniel, das Markusevangelium, das Johannesevangelium, der Brief an die Gemeinde in Rom und an die Gemeinde in Galatien, der erste Brief an Timotheus, der Brief an Titus, der Brief an die Hebräerinnen und Hebräer, der Brief des Jakobus und der erste Brief des Petrus, die drei Johannesbriefe und die Offenbarung an Johannes.