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Wenn man seiner Leidenschaft folgt, erreicht man Grossartiges. So geschehen damals bei Molière, dem Autor des Stückes, wie auch aktuell den Schauspielerinnen und Schauspielern, die am Wochenende auf der Bühne des Stiftstheaters das Stück «Le malade imaginaire» aufführten.
Im September war Rollenverteilung, im November begannen die Sprechproben und im Januar konnte Regisseur Oscar Sales Bingisser mit den Feinproben beginnen, da die Schauspielenden ihre Texte bereits fehlerfrei beherrschten. Man durfte gespannt sein auf eines der berühmtesten Theaterstücke von Molière, der die Komödie 1673 uraufführte und darin selbst die Hauptrolle spielte. Von Franziska Keller Molière, der mit bürgerlichem Namen Jean-Baptiste Poquélin hiess und eigentlich das Geschäft seines Vaters hätte übernehmen sollen. Doch kam ihm die Liebe zur Schauspielerin Jadeleine Béjart und jene zum Theater dazwischen – gut für das Schauspiel, viele begeisterte Theaterbesuchende, ihn selbst und uns heute noch. Der in Paris lebende Autor schrieb über 30 Stücke und spielte oft selbst darin mit. Es hiess, dass er sich regelrecht zu Tode gearbeitet hätte und damals wenige Stunden nach der vierten Vorstellung noch im Kostüm verstorben sei. Und der Tod – man könnte fast sagen: das Spiel mit dem Tod – bekommt auch im Stück «Le malade imaginaire» eine wichtige Rolle.
Rund um das Thema Tod
Im «Der eingebildete Kranke», wie das Stück aus dem Französischen übersetzt heisst, taucht der Tod nämlich immer wieder auf: Der hypochondrische Protagonist Argan (Jonas Zuellig), der nicht ohne Ärzte und Medikamente auskommen kann, befürchtet, krank zu sein und sterben zu müssen. Doch ausser seinen Ärzten glaubt ihm niemand. Weiter wollen auch seine Tochter Angélique (Salome Brandenberg) und ihr Geliebter Cléante (Christian Masek) nicht mehr leben, sofern der Vater sich nicht zur Heirat erweichen lässt, da er Angélique bereits versprochen hat. Sie soll nämlich mit Thomas Diafoirus (Tobias Freund), einem jungen Arzt, frisch von der Universität, vermählt werden. Denn Argan wünscht sich nichts sehnlicher, als einen Arzt im Haus zu haben, einen Leibarzt sozusagen, der ihm jeden Tag seinen Einlauf (genannt Klistiere) und Aderlass höchst persönlich verabreichen kann.
Der Tote bleibt nicht tot!
Als Argan seine jüngste Tochter Louison (Julia Fekete) mit dem Stock zu verprügeln versucht, um Informationen aus ihr herauszuholen, stellt auch sie sich tot – wenigstens so lange, bis der Vater nachlässt. Argans zweite Frau Béline (Anna Hahn), die vorgibt, ihn zu lieben und zu verehren, ihn jedoch abschätzig mit «mein Kleiner» tituliert, wartet nur darauf, dass er wirklich stirbt, um an ihr Erbe zu kommen. Sie bestellt vorausschauend bereits den Notar, zugleich ihren Geliebten, der ihren Mann dazu bringen soll, das Erbe einem Fremden zu vermachen, der es dann Béline weitergeben soll – da die Witwe selbst zur damaligen Zeit das Erbe nicht hätte erhalten können. Und dann am Schluss stellt Argan sich selbst tot, um die wahren Gefühle seiner Frau und seiner Tochter herauszufinden. Doch der Tote bleibt nicht tot! So bleibt trotz dieser eigentlich ernsthaften Thematik «der eingebildete Kranke» eine echte Komödie und das Publikum kann in verschiedenen Szenen herzlich lachen.
Schauspielerische Glanzleistung
Zum einen über den hypochondrischen Protagonisten Argan (Jonas Züllig), der seine Rolle glänzend, mit Charakter, starker Stimme und hoher Spielqualität verkörpert, dann auch über sein zur damaligen Zeit sehr vorlautes Hausmädchen Toinette (Masha Bingisser). Sie, die ausdrucksstark, mit Spannung und wirrer Frisur einmal aus dem Bühnenboden hervorgekrochen, dann wieder aus irgendeiner Ecke der Bühne hervorgeschossen kommt und abstaubt, mal ihren Herrn in die Mangel nimmt und ihm erklärt, dass er sich nicht so wehleidig verhalten soll, da er doch gar nicht richtig krank sei. Was diesen wiederum entsetzlich verletzt – ihn, den Hypochonder, der doch so todkrank zu sein scheint.
Ein grosses Kompliment
Würde Argan jedoch tatsächlich an einer so schweren Krankheit leiden, wie er vorgibt, so empfände man als Zuschauerin und Zuschauer Mitleid mit ihm oder würde zumindest seine Angst vor dem Tod teilen – weil sie ja durchaus real sein kann. Und doch lässt einem das Stück nicht ernst bleiben – die einzelnen Szenen sind derart ausdrucksstark gespielt: wie Argan etwa über sein Bett aus Stroh krabbelt, im aufklappbaren Kanapee verschwindet, um sein Geschäft zu erledigen und jedes Mal beim Auftauchen «Frère Jaques» trällert oder hoffnungsvoll seinen Einlauf abwartend vor seiner Ärztin hemmungslos seinen Hintern entblösst. Jede einzelne Figur wird durch die zwölf jungen Frauen und Männer wunderbar inszeniert. Man mag sich nicht wundern, hat die junge Schauspieltruppe ja auch einen genialen Regisseur, der sie angeleitet und in seinem oft strengen Ton feingeschliffen hat. Ein grosses Kompliment darf auch an den Bühnenbauer Fredi Trütsch, die Verantwortliche für die Kostüme, Patricia Schönbächler, gerichtet werden und dann natürlich an Veit Kälin, der das Stück ins richtige Licht gerückt hat.
Einsiedler Anzeiger / Franziska Keller
Autor
Einsiedler Anzeiger
Kategorie
- Bühne
Publiziert am
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