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Lewis Hamilton gewinnt den von einem schlimmen Unfall von Max Verstappen im Red Bull geprägten Grand Prix von Grossbritannien. Noch aus dem Spital meldet sich der Niederländer mit Vorwürfen – auch sein Teamchef empfindet das Verhalten für einen Weltmeister unwürdig. Hamilton empfindet hingegen keine Schuld am Crash.
Es hätte eine Standortbestimmung sein sollen, der Tag der Wahrheit für Lewis Hamilton und das Team Mercedes. In der Weltmeister-Equipe hofften sie, im zehnten Rennen des Jahres Klarheit über die gegenwärtigen Machtverhältnisse in der Formel 1 zu erhalten. Sie waren auch guten Mutes, die (Leistungs-)Lücke zu Hauptkonkurrent Red Bull, die an den vorangegangenen zwei Grand-Prix-Wochenenden in Spielberg in der Steiermark eine frustrierende Grösse erreicht hatte, schliessen oder zumindest verkleinern zu können. Umbauten am Auto im Bereich der Aerodynamik sollten den Plan umsetzen lassen. Der W12 war unter anderem mit einem überarbeiteten Unterboden und neuen Leitblechen ausgerüstet.
Doch die Absichten verkamen schnell zur Makulatur. Der Vergleich Verstappen vs. Hamilton endete schon in der ersten Runde mit einer Kollision. Der Mercedes mit dem Briten am Steuer touchierte mit dem linken Vorderreifen den rechten Hinterreifen des Red Bull mit dem Niederländer. Derweil das schwarze Auto mit der Nummer 44 kaum Schaden nahm, endete der Zwischenfall für den WM-Leader mit einem schweren Unfall in der Passage Copse, einer der am schnellsten durchfahrenen Kurven aller Formel-1-Strecken überhaupt. Es war auch der abrupte Schlusspunkt eines faszinierenden Duells, das sich die beiden Rivalen vom ersten Meter an geliefert und dabei bereits mehr als einmal die Grenzen des Machbaren ausgelotet hatten.
Verstappen landete seitlich heftigst im Reifenstapel; Messungen ergaben einen Wert von 51 g, was bedeutet, dass er mit dem 51-Fachen seines Körpergewichts eingeschlagen hatte. Welche Kräfte wirkten, war dem Wrack anzusehen, dessen rechte Seite vollständig zerstört war. Gleichwohl entstieg Verstappen dem Auto aus eigener Kraft. Beim Abtransport in die Klinik an der Strecke wirkte er benommen, nach ersten Untersuchungen konnten die Ärzte in Bezug auf gravierende Verletzungen vorerst Entwarnung geben. Wegen Unwohlseins wurde Verstappen trotzdem in ein örtliches Spital zu weiteren Abklärungen überführt.
Von dort aus meldete sich der Niederländer nach dem Rennen und gab Entwarnung. Er fühle sich schon wieder besser, sei aber enttäuscht über den Ausfall. Zudem echauffierte er sich über die Zehn-Sekunden-Strafe, die Lewis Hamilton für das Verursachen des Crashs auferlegt bekam: «Diese Strafe hilft uns nicht weiter und wird dem gefährlichen Manöver von Lewis nicht gerecht.» Der Meinung, dass die Strafe nicht ausreiche, waren auch Red-Bull-Teamchef Christian Horner und Helmut Marko, der Motorsport-Berater des Teams. Marko forderte sogar eine Sperre gegen Hamilton.
Zur Bergung des Unfallwagens und zur Instandstellung der Streckenbegrenzung wurde das Rennen für rund 40 Minuten unterbrochen. Hamilton konnte die Strafe im Zuge seines Boxenstopps mit zusätzlicher Standzeit absitzen. Obwohl er mit dieser nicht ganz einverstanden war, liess er sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen.
Die verzögerte Rückkehr auf die Strecke liess Hamilton auf den fünften Platz zurückfallen. Vor ihm lagen Charles Leclerc, der im Ferrari die Kollision zur Übernahme der Führung nutzte, dessen Teamkollege Carlos Sainz, der kurz danach seine Fahrt zum Reifenwechseln unterbrach, Valtteri Bottas im anderen Mercedes und Lando Norris im McLaren. Absolviert war zu jenem Zeitpunkt etwas mehr als die Hälfte der Distanz.
Nach dem Überholmanöver gegen Norris und dem von der Teamleitung angeordneten Platztausch mit Bottas legte Hamilton erst richtig los. Im Sekunden-Takt verringerte er Runde für Runde den Rückstand auf Leclerc. Drei Runden vor Schluss war es auch um den Monegassen geschehen. Hamilton zog vorbei – in der Copse-Kurve, als wolle er den Beweis erbringen, dass das Überholen sehr wohl auch an jener Stelle möglich ist.
Hamiltons Sieg Nummer 99 in der Formel 1 war der achte in Silverstone. Acht Mal auf der selben Strecke hatten zuvor nur er selber in Ungarn und Michael Schumacher in Frankreich gewonnen. Wichtiger wird dem Engländer aber gewesen sein, dass er den Rückstand in der WM-Wertung auf den führenden Verstappen von 33 auf acht Punkte verkürzen konnte.
Hamilton liess sich die anschliessende grosse Party, für die der Grossteil der 140'000 Zuschauer auf dem Silverstone Circuit sorgte, trotz Nebengeräuschen mit kritischen Voten nicht nehmen. Der Brite war sich keines gravierenden Fehlers bewusst: «Ich denke nicht, dass ich mich für irgendetwas entschuldigen muss. Ich war absolut neben ihm und er hat mir keinen Platz gelassen.» Unterstützung bekommt er dabei von Charles Leclerc. Der Ferrari-Pilot sagt: «Es war ein Rennunfall. Lewis war nicht ganz am Scheitelpunkt, Verstappen wollte aussen nicht aufgeben. Manchmal ist es nicht so einfach, jemandem die Schuld zu geben.»
Die vielen Schuldzuweisungen perlen an Lewis Hamilton ab, ihm sei egal, was die Leute denken: «Ich mache mein Ding und bin wirklich dankbar für heute.» Zudem wolle er sich niemandem beugen und weiter aggressiv sein. Verstappen habe ihm eine Lücke gelassen und er habe es versucht: «Das ist Rennsport. Wenn einer zu aggressiv ist, dann passiert so etwas.» (nih/sda)