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Das Ufer
Die Platane eignet sich gut, um einen Weg zu säumen. Sie ist eine wunderbare Unterbrechung der monotonen Länge eines Ufers. Dort zeigt sie uns ihre knorrigen Stummel, ungefähr fünfzehn pro Baum. Wenn wir am linken Ufer fünfzig Bäume zählen, kommen wir auf 750 Stummel. Wenn wir darauf achten, verwandelt sich ein Uferspaziergang in einen langen Leidensweg.
Da wendet man den Blick besser dem Wasser zu. Im Gegensatz zu den Platanen wird das Wasser nicht jedes Jahr gestutzt, auch wenn es keineswegs immer dorthin fliessen kann, wo es möchte. Kleine Wellen lecken an dem Steinwall, der sie einschliesst, nicht immer sind sie so gutmütig. Entgegen dem idyllischen Anschein künden sie von unterdrücktem Zorn, das ist normal. Trotzdem ist ein Spaziergang am Ufer ein schöner Zeitvertreib. Wenn es bedeckt ist und dunkelgraue Wolken über den Himmel ziehen, die sich auf der bewegten Oberfläche des Sees spiegeln, wenn meine Haare in ihren wilden Urzustand versetzt werden und ich mit den Händen in den Taschen durch diesen Aufruhr gehe, spüre ich, was für gewaltige Wassermassen neben mir liegen und ihre Energie sammeln, bereit sich aufzubäumen, Deiche und Betonblöcke zu zertrümmern, die verstümmelten Platanen zu entwurzeln, die Frauen, die an ihnen entlanglaufen, hoch in die Luft fliegen zu lassen und sie in ihren riesigen Fluten zu verschlucken, um sie zum Meer mitzureissen und schliesslich die nach Atem ringenden am Ufer der Hesperiden, der Amazoneninseln, auszuspucken.
Ich würde ein halbes Jahr dort leben, nur mit einem Lederriemen bekleidet. Ich würde der Amazonenkönigin die Treue schwören, die mir mit wildem Fauchen befehlen würde, ihr Haar zu bürsten und es zu flechten. Dann würde ich entfliehen und stromaufwärts zurückkehren, um hier am Ufer zu ersticken, das offene Maul dem Himmel meiner Stadt entgegengestreckt, wie eine Platane ihre Stummel.
Der Brunnen
Das Wasser dieses Brunnens wird einfach von einer Beckenseite zur anderen geschoben. Es bildet eine einzige riesige, träge Brandung. Von der Pumpe getrieben, durchquert es phlegmatisch die Länge des Beckens in einer Bewegung, die an die Langsamkeit der Plattentektonik erinnert, bevor es von einer breiten Spalte aufgesaugt wird. Die Bescheidenheit dieses Bandes, das sich unablässig um sich selbst dreht, bildet ein unentbehrliches Gegengewicht zu den Springbrunnen oder Kaskaden, ungeordneter Ausstoss, mächtiges Aufspritzen und exaltierte Lichteffekte.
Zwei Bänke stehen strategisch günstig ein Stück vom Brunnen entfernt im Schatten. Unvermeidlich nicken die Personen ein, wenn sie die hypnotische Bewegung des Wassers betrachten. Ich mache keine Ausnahme. Wenn auf den Bänken kein Platz mehr ist, kann ich sogar im Stehen schlummern, wie ein Pferd auf seiner Weide. Jedes Mal muss ich den Moment der Benommenheit überwinden, wenn ich den Brunnen im Vollbesitz meiner Kräfte bewundern möchte.
Was unterirdisch passiert, ist allerdings der Gegenpol zur Lethargie. Das Wasser, das in der rechten Spalte verschwindet, wird sogleich auf PVC-Rohre aufgeteilt, die es bis zu den Rotoren der Pumpe treiben. Von da lässt es sich in grösster Hast und Konfusion durch den Keller des Brunnens schubsen. Bevor es aus der linken Spalte wieder auftaucht, hat es gerade noch Zeit, sich neu zu formen, scheinbar völlig glatt und friedlich. Ich bewundere dieses Feingefühl.
Der Cenote
Vor neun Uhr ist der Badeanzug optional, danach wird es voll. Sie sind nicht die einzige Touristin, die den Cenote erleben will, und Sie haben eben deshalb Kunde vom besonderen Zauber dieses Ortes erhalten, weil er so bekannt ist.
Die Cenoten sind die heiligen Brunnen der Mayas. Die Süsswasserbrunnen haben eine schöne smaragdgrüne Farbe. Nach einer erholsamen Nacht gelangen Sie durch einen dichten Dschungel zum Cenote Ihrer Wahl. Dieser Cenote wird in vielen Reiseführern als der schönste gerühmt. Er ist es. Wenn Sie dort eine Note singen, schwebt sie im Raum über dem Wasser wie eine wunderbare Skulptur, ein Polarlicht. Sie wissen nicht, ob Sie je einen so sinnlichen Ort kennengelernt haben. Ihr gewaltiger Wunsch hineinzutauchen wird nur von der unendlichen Wehmut übertroffen, die auf Sie lauert, wenn Ihnen einfällt – und unweigerlich fällt es Ihnen ein –, dass dieser magische Moment nicht zum Gewebe Ihres Alltags gehört. Dennoch empfinden Sie diesen morgendlichen Sprung in den Cenote plötzlich als absolut unverzichtbares Element Ihres Wohlergehens. Die Sorge um das Leben nach dem Cenote droht diesen Zustand der Gnade zu stören. Lassen Sie das nicht zu. In dieser Stunde ist der strahlende Körper, der nur in das Licht des durchscheinenden Wassers gehüllt ist, tatsächlich Ihrer. Die Farbe Ihrer Haut, ihre Beschaffenheit, Ihre harmonische Figur, alles ist perfekt. Abgesehen von der Unbeständigkeit dieses köstlichen Augenblicks, den Sie mit sich selbst verbringen, müssen Sie jedoch wissen, dass es trotz allem eine Absenkung ist, in der Sie so fröhlich herumplanschen, ein Abgrund, kurz gesagt ein Loch, und dass ebenso gut alle denkbaren Dinge daraus auftauchen wie andere für immer darin verschwinden können.
Der See
Mein Mann ist auf Wasserskiern geboren. In seiner Jugend verbrachte er die Ferien in einem Bungalow am See. Mit ihm gibt es nur Wasserski. Kein Entkommen. Er sagt: «Du musst aus dem Wasser rauskommen.» Ich muss aus dem Wasser rauskommen. «Sonst lasse ich mich scheiden.» Und um seine Drohung zu präzisieren: «Vorbei mit dem geduldig eingerichteten Leben zu zweit.»
Ich muss aus dem Wasser rauskommen. Das Boot, das gespannte Seil, der Griff zwischen meinen Knien. Ich hebe den Daumen. Das Boot gibt Vollgas. Es zieht an meinen Armen, das Wasser stemmt sich gegen meine Skier. Ich habe das Gefühl, ich müsse den ganzen See mitziehen. Der kleinste Fisch, der in Gegenrichtung schwimmt, macht sich schuldig.
«Du musst deine Armmuskeln anspannen! Und den Bauch! Das ist supereinfach!» Meistens ruft er mir vom Boot aus so etwas zu. Aber dann fällt das Urteil, endgültig: «Du wirst niemals aus dem Wasser rauskommen.» Ich empfange seine Vorhersage wie einen geradezu biblischen Fluch. Ich strample mitten auf dem See, die Skier abgeworfen, bis in die Knochen erstarrt, hilflos in meiner Weste, über dreitausend Metern dunklem Wasser, die Hände aufgeschürft von der Anstrengung. Jahrtausende der Knechtschaft und der Schuld legen sich auf meine Schultern.
Ich verschränke die Arme über meiner Weste und verkünde grossspurig: «Wenn es so ist, bleibe ich eben drin.» Mein Mann wendet das Boot, um die Skier aufzufischen, und fährt in Richtung Bucht davon. Ich schwimme in die entgegengesetzte Richtung, zum anderen Ufer. Nach langen Stunden lande ich nachts in einem unbekannten Hafen, neben den Tretbooten, die an einem flachen Hang auf einer Betonplatte stehen. Und dort komme ich aus dem Wasser.
Die Bäder
Die Mikroorganismen fühlen sich pudelwohl in den Thermalbecken, und es ist ein Trauerspiel, sich vorzustellen wie sie krank und wahrscheinlich steril werden von den diversen Chemikalien, die man jeden Morgen in die Becken kippt, bevor der erste Badende eintaucht. Wenn man gleich nach der Öffnung untertaucht, kann man hören, wie die impulsive Lebensfreude, die ihr Wesen ausmacht, schmerzhaft aus ihnen weicht.
Allmählich füllt sich das Aussenbecken mit Badenden, von denen man nur die Köpfe sieht, die seltsam auf dem Wasser liegen, reglos oder in langsamem Vorbeigleiten. Wenn Schnee den Beckenrand bedeckt, ist es ein märchenhafter Anblick. Manchmal taucht ein Mann aus dem Wasser auf und bietet seinen bulligen Nacken einem Wasserstrom dar, der kräftig aus einem Metallmund prasselt. Man muss ganz aus dem Wasser steigen und über eine kleine Brücke gehen, um den Saunabereich zu erreichen, dort steht ein Schild: «Badebekleidung optional».
Alles Leben besteht hauptsächlich aus Archaeen. Die Archaeen sind überall, ausserhalb und in uns. Man findet diese winzigen extremophilen Geschöpfe sogar in Vulkankratern. Wenn Sie im Badeanzug in die Sauna gehen, können Sie spüren, wie sie sich zwischen Ihrer Haut und dem Lycra fröhlich vermehren. Wenn Sie auf das bescheidene Kleidungsstück verzichten, bringt sie das nicht aus der Fassung, dann verwenden sie Ihr Handtuch als Zuflucht. Die Archaeen lieben die Sauna.1 Diese Kinderkrippe dient ihnen als Aufzuchtort, um sich zu kräftigen, bevor sie die Welt erobern. Das Saunaprotokoll vollzieht sich problemlos, sofern das Zusammenleben mit dieser Mehrheit unter dem Signum geistiger Offenheit steht. Ich empfehlen Ihnen, die Archaeen als Zellen eines einzigen, zerstreuten Wesens anzusehen, dann erkennen Sie darin eine Art Struktur und fürchten nicht mehr wie vorher ihre reproduktive Aufwallung.
Bei den Duschen begegne ich Vertretern eines Zweiges aus der Familie der Eubakterien, die noch nicht wissen, dass sie punkt 14 Uhr von einer massiven Dosis Chlorreiniger vergiftet werden und dass nur die Glücklichsten Zuflucht in den Borsten des riesigen Besens des Bademeisters finden. Ich spüle meinen Badeanzug unter dem Strahl aus und gehe im Slalom zwischen den säuberlich auf den Fliesen liegenden Haaren zu meinem Schrank zurück.
«Inventaire des lieux», Lausanne, art&fiction, éditions d’artistes, 2015
Zumindest die, die noch nicht im Hammam waren. ↩