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«Nacktheit, lehrt eine neue Ästhetik oder Ethik, sei das Natürliche. […] Wenn die Natur wollte, dass wir Kleider trügen, so wird erörtert, dann hätte sie uns, wie den Tieren, ein Fell gegeben. Darauf kann man erwidern: Wenn die Natur wollte, dass wir uns mit Nahrungsmitteln füllen, dann würden in unserem Bauche junge Hasen mit Kohlköpfen spielen.»
Diese Überlegung von Oscar A. H. Schmitz lässt vermuten, dass er kein Anhänger von Jørgen Peter Müllers Luftbekleidung (vgl. Fundstück vom Oktober 2021) gewesen ist.
Schmitz (1873-1931) war zu seiner Zeit ein angesehener Erzähler und Essayist. Heute ist er fast vergessen. Als Mitglied der Münchner Bohème analysierte und parodierte Schmitz, welcher selbst ein Image als Dandy und Flaneur kultivierte, die Oberschicht seiner Zeit. Neben kulturpolitischen und gesellschaftlichen Schriften und Essays verfasste er auch Romane, Theaterstücke, Gedichte, Reiseliteratur sowie eine Autobiographie.
Dank einer Erbschaft konnte Schmitz frei von Geldsorgen sein Dandytum leben, dieses richtete sich nach Eleganz und Originalität aus und zelebrierte die aristokratische Überlegenheit des Geistes gegenüber einer bürgerlichen Zweckhaftigkeit. Die Form, ausgedrückt in Haltung, Kleidung und Auftreten, hatte Vorrang vor der Funktion.
Der 1911 erschiene Band «Brevier für Weltleute» versammelt Essays über «Gesellschaft, Mode, Frauen, Reisen, Lebenskunst, Kunst und Philosophie». Darin thematisierte Schmitz Weltläufigkeit und Konventionen, wobei er keine Regeln diskutierte, sondern im Plauderton durch die Welt der Formen und Manieren führte.
Zu den guten Umgangsformen gehörte für Schmitz auch die Verstellungskunst. Er störte sich an der deutschen Angewohnheit, immer seine wahren Überzeugungen aussprechen zu müssen und sich stets der Wahrheit verpflichtet zu fühlen. «Aber ist es denn wirklich ethisch so wertvoll, wenn jemand auf die Frage, ob er Geschwister habe, antwortet, in Preussen müsse das allgemeine Wahlrecht eingeführt werden, oder auf die Frage nach dem Wetter sich für einen Republikaner erklärt? Daraus liessen sich übrigens Beispiele für eine neue Ollendorfgrammatik zusammenstellen. ‹Gehen Sie diesen Sommer aufs Land?› ‹Nein, aber meine Großmutter lebt in wilder Ehe mit einem Tenor.’»
Im Abschnitt über Mode erfährt man nicht nur etwas über Nacktheit und Kleidung (aus diesem Essay stammt das Anfangszitat), sondern auch über die Psychologie der Mode und den strategischen Einsatz von Eleganz auf dem gesellschaftlichen Weg nach oben (für Herren und für Damen):
«Solange du einen gutgeschnittenen Rock, ein Paar Lackstiefel, einen kleidsamen Hut und zwei bis drei einwandfreie Hemden hast, hoffe! Jede Viertelstunde kann deinen Fuss auf eine höhere Stufe der Leiter des Glücks stellen. Erst wenn die Requisiten des Gentleman verloren sind, wird deine Lage verzweifelt; die besten Zufälle helfen dir gar nichts, wenn dein Äusseres unmöglich macht, sie auszunutzen. Also: zögere nicht zu hungern, wenn es nötig ist, aber trage feste Manschetten.»
«Eine gutgekleidete Frau mit erzogenen Manieren findet immer Leute, denen es eine Ehre ist, sie zu versorgen. […] Also: versetze dein Bett (wenn du eines brauchst, findet es sich immer), aber niemals dein Pelzjackett.»
Das «Brevier für Weltleute» ist vielleicht nicht mehr immer up to date; enthält aber neben erhellenden und erheiternden Geistesblitzen auch eine sehr moderne Perspektive: Konventionen sind «Spielregeln», die man als kultivierter Mensch kennen sollte, aber «nichts ist unkultivierter, als sie zu ernst zu nehmen».
Schmitz, Oscar A.H.: Brevier für Weltleute. Essays. Georg Müller: München, 1911. Signatur G 4004.