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Diese Schallplatte hatte mich damals absolut umgehauen! Schon in das Bild auf dem Umschlag verliebte ich mich: Es zeigt die Vogelschau eines New Yorker Quartiers mit den typischen Brownstones, diesen vierstöckigen Flachdachhäusern aus braunen Backsteinen mit einer Treppe zum Hochparterre. Das Haus in der Bildmitte allerdings sticht heraus: Es hat die Form eines Saxofons.
Ein Saxofon dominiert alles
Wo Saxofon drauf war, war Saxofon drin: Ein stechend scharfer Altoklang mit riesigem Vibrato, in der Höhe fast süsslich, in der Tiefe breit und sinnlich.
Dieses Saxofon fräste (das schweizerdeutsche Wort trifft's am genauesten) über ein Gewusel von Sounds aus Flöte, Gitarre, Tuba, Bass, Schlagzeug und Perkussion – schnell, virtuos, die ganze Musik dominierend.
Der Höhepunkt gleich zu Beginn
Das hatte ich noch nie gehört, ich war von dem Moment an gefangen. Arthur Blythe hiess der Saxofonist, niemand hierzulande kannte ihn.
Leider muss man heute, 37 Jahre später, sagen, dass «Lenox Avenue Breakdown» – so hiess das wunderbare Album – gleich am Anfang den Höhepunkt der Aufnahmekarriere von Arthur Blythe markierte, den er nie mehr erreichte.
Rascher Aufstieg in New York
Aufgewachsen in San Diego in Kalifornien, kam Arthur Blythe mit 30 nach New York und wurde schnell zur Kenntnis genommen: Der Schlagzeuger Chico Hamilton engagierte ihn.
Der grosse Arrangeur Gil Evans fand in ihm eine Stimme, die perfekt in sein Klangkonzept passte. Das Resultat war, dass das Majorlabel Columbia Blythe verpflichtete, und als erstes die genannte Platte produzierte.
Blythe traute sich selber nicht
«Lenox Avenue Breakdown» war ein Geniestreich. Genau das war wohl das Problem, mit dem Arthur Blythe in den nächsten Jahren zu kämpfen hatte. Er versuchte sich vielseitig zu präsentieren und realisierte Platten, die eine Auswahlsendung zeigten: Freie Musik und traditionelle, eine originelle Besetzung mit Tuba und Cello, der er aber nicht zu trauen schien, und deshalb doch noch mit einer normalen Rhythmusgruppe antrat.
Auch bei der Wahl der Stücke war er unentschlossen. Songs aus den 20er-Jahren wechselten sich mit eigenen Kompositionen und Standards ab. Kurz: Seine Platten hatten kein Gesicht.
Der Weg ins Vergessen
So kam es, dass Columbia nach einem halben Dutzend LPs die Zusammenarbeit stoppte, wenn man Arthur Blythe selber glauben will.
Natürlich hatte er immer noch Gelegenheit, Platten zu realisieren, allerdings bei kleinen Labels. Wo wurde er mit seiner eigenen Gruppe auch nicht mehr für Festivals gebucht, sondern nur im Package mit Kollegen – The Leaders heissen dann solche Bands oder Roots.
Fehlende Kraft
Arthur Blythe war dem Druck, der auf einem Bandleader lastet, offensichtlich nicht gewachsen. An Ideen mangelte es ihm nicht, aber er hatte nicht die Kraft, sie durchzuziehen.
Dies dazu führte, dass er nach und nach in Vergessenheit geriet. Und die Platten, die er bei Columbia als LP veröffentlicht hatte, erschienen nie als CD. Das ist ein Jammer, denn auch wenn sie nicht perfekt waren, zeigen sie doch einen Saxofonisten, den es zu entdecken lohnt.
Nun ist Arthur Blythe am 27. März an den Folgen einer Parkinson-Erkrankung gestorben.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kulturnachrichten, 28.3.2017, 16.30 Uhr