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Geburtstag einer Legende
Bittet man ein Kind, ein Bild einer E-Gitarre zu zeichnen, dann gibt es eine gute Chance, dass der Körper der Gitarre die Form einer «Strat» hat. Die am leichtesten erkennbare Ikone der elektrischen Gitarre ist wohl das Modell Stratocaster. Die «Strat», wie die Gitarre allgemein genannt wird, wurde offiziell im Mai 1954 in den Markt eingeführt. Leo Fender hatte nach den Modellen Esquire/Broadcaster/Telecaster sein Konzept der industriell gefertigten elektrischen Gitarre verfeinert und es zugleich radikalisiert. Heute, 60 Jahre später, ist es kaum mehr zu erfassen, wie radikal das Design der Gitarre war, und die kalifornische Gitarrenfabrik Fender ist mehr daran interessiert, ihre zum sechzigsten Jahrestag herausgebrachte Sonderausgabe zu promoten, als die detaillierte Geschichte der Einführung zu erzählen. Doch die Stratocaster war darauf ausgelegt, Gitarristinnen und Gitarristen zu helfen, den perfekten Ton zu kriegen, vielseitig zu sein und auf der Bühne gut auszusehen. Wie die Geschichte gezeigt hat, hat sie dieses Ziel erreicht. Auch im Blues hat die Strat seit jeher Präsenz markiert und tut dies auch weiterhin.
Leo Fender (1909–1991) war der Gründer und Besitzer der Gitarrenfabrik im kalifornischen Fullerton, aber er war natürlich nicht der einzige Vater der Strat. George Fullerton (1923–2009), Mitarbeiter der ersten Stunde und später Geschäftsführer des Custom Shops trug wesentlich zum Design der Gitarre bei, Marketing-Mann Don Randall (1917–2008) ersann den Namen Stratocaster und Billy Carson (1926–2007) wurde der «Testpilot», der die Gitarre zu dem Arbeitstier machte, als das die Strat seither geliebt und geschätzt wird.
Was Leo Fender (rechts) beitrug, war seine Überzeugung, dass elektrische Solidbody-Gitarren grundsätzlich andere Instrumente sind als die akustischen Gitarren früherer Tage und daher muss der Fabrikationsprozess weniger vom Genie eines Instrumentenbauers geprägt sein als vielmehr den Charakter einer industriellen Fliessband-Produktion haben. Der Körper? Flaches Holz ohne Schnitzereien und damit ohne Konzessionen an eine akustische Gitarre. Tonholz? Esche (oder ab 1956 Erle) wurden anstelle des kostspieligen und schwerer beschaffbaren Mahagoni genommen. Der Gitarrenhals? Wird an den Körper geschraubt und daher muss man die Gitarre nicht neu bundieren, wenn die Bünde abgespielt sind, sondern man setzt einfach einen neuen Hals an den Körper. Die Elektronik? Wurde auf das Schlagbrett gesetzt und ist damit leicht auszutauschen und zu manipulieren. Diese Dinge waren schon für das frühere Modell, die später als «Telecaster» bekannte Gitarre so.
Mit der Strat kamen einige entscheidende Neuerungen hinzu. Es ging auf zu neuen Welten, nicht nur im Namen: War die «Broadcaster» (wie die Tele anfänglich heissen sollte) noch für die Verbreitung von Musik auf der Welt gedacht, so implizierte der Name Stratocaster, dass man mit diesem technologischen Wunderwerk ins All vorstösst, zumindest in die Stratosphäre. Die 1950er Jahre waren unter anderem geprägt von einem breiten Interesse am Weltall und den Sternen, und gegen Ende des Jahrzehnts kamen ja auch die ersten Raketenbetriebenen Flugzeuge in Gebraucht, mit denen der Vorstoss ins All vorbereitet wurde. Doch wie gesagt waren erfreute das Modell auch mit technischen Innovationen:
- Der Gitarrenkörper war konturiert, um dem auf dem Korpus liegenden Arm mehr Bequemlichkeit zu verschaffen und der Körper wurde rückseitig eingedellt, um die Gitarre bequem am Körper hängen zu lassen.
- Der Körper hatte zwei Hörner. Dies erlaubte eine bessere Balance am Gurt und zugleich eine bessere Bespielbarkeit der hohen Lagen. Und es trug wesentlich zum Erfolg des Designs und zur Ikonizität der Strat bei.
- Die Strat wurde mit drei Tonabnehmern versehen (dies waren selbstverständlich Singlecoil-Pickups, der Humbucker wurde erst 1955 erfunden und erst 1959 erhielt Seth Lover (1910–1997) sein Patent dafür). Dies war die erste Gitarre mit drei Pickups, die Gibson L-5 Switchmaster folgte erst 1959.
- Im Steg war ein Vibrato verborgen, welches es erlaubte, die Saiten mit einem Tremolo-Effekt anzuschlagen. Hiervon machte beispielsweise Hank Marvin steten Gebrauch.
- Die Seitenreiter oder Böckchen, welche die Saite durch den Körper führte, waren einzeln in der Höhe verstellbar und erlaubten eine präzise Intonation für jeder Saite.
Die Stratocaster war noch lange nicht perfekt, so hatte der erste Pickup-Wahlschalter nur drei Positionen und er erlaubte somit keine gleichzeutige Verwendung mehrerer Pickups (1978 wurde der Fünf-Wege-Schalter eingeführt). Und die Singlecoil-Pickups brummten (und brummen), was auf der Bühne störend sein kann. Erst mit den Lace Sensors in den 1980er Jahren schaffte es Fender, einen Tonabnehmer anzubieten, der Geräuschfrei war. Auch der umständliche Zugang zum Spannstab im Hals bleibt ein Ärgernis.
Aber gerade die Möglichkeit, dass jeder mit einem Lötkolben und etwas Geschick die Gitarre modifizieren und personalisieren konnte, war ein Beitrag zum Erfolg der Strat: Neue Pickups, neues Schlagbrett, Hals mit Ahorn-Griffbrett oder mit Palisander: alle Modifikationen sind schnell und unkompliziert zu bewerkstelligen.
Vor 60 Jahren eingeführt, hat die Stratocaster unheimlich viel für die Entwicklung der Musik geleistet, und auch im Blues gibt es mit Buddy Guy, Byther Smith, Luther Allison, Hubert Sumlin, Guitar Slim, Jimmy Dawkins, Popa Chubby, Walter Trout, Eric Clapton, John Mayer, Kenny Wayne Shepherd und Jeff Beck mehrere Musiker, deren hauptsächliches oder zeitweises Arbeitsgerät aus Fullerton stammt. An Konzerten fällt immer wieder auf, das weitgehend die Instrumente von Fender zum Einsatz kommen und damit hat Leo Fender mit seinen Erfindungen das Erscheinungsbild des Blues ganz grundsätzlich und wesentlich mitgeprägt.
Kostete die Strat bei der Markteinführung noch US$ 249,50.- (was heute einem inflationsbereinigten Preis von US$ 2161,55 entspricht), so war sie doch erschwinglicher als die edleren Geräte aus dem Hause Gibson, welche noch immer der Gitarrenbauer-Tradition der Alten Zeit anhingen. Die Strat war dafür unverwüstlich. Wenig bruchanfällig, leicht reparierbar. Die Stratocaster war die stetige Begleiterin und mit gewissen Modernisierungen ist sie auch heute noch ein Premium-Arbeitsgerät für Blues-Gitarristen.
Zum Schluss gibt es eine kurze alphabetische Liste (nach Vornamen) von Gitarristen, die für den Gebrauch der Strat bekannt sind (es gibt auch eine Wiki-Seite dazu, aber die ist nicht sehr komplett.