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Ich war 19, als mich meine Eltern für die «West Side Story» stehen liessen. Nachts. An einem kleinen Provinzbahnhof. Von dem aus kein Postauto mehr nachhause ins Nachbardorf fuhr.
Es war nach meiner Maturareise, wir waren in London gewesen, wo wir das überflüssige und überbewertete Büsi-Musical «Cats» gesehen hatten, weil man das damals sehen zu müssen glaubte. Ein Irrtum. Ich stand nach dem Heimflug (dem ersten Flug meines Lebens) also büsimusicalgenervt und erschöpft auf dem dunklen Provinzbahnhof und rief meine Eltern von der Telefonkabine aus an. «Wir können dich jetzt noch nicht abholen, am Fernsehen läuft unser Lieblingsfilm!», war die kurze Antwort.
Die «West Side Story» also. Als Film (von Robert Wise) seit 1961 auf der Welt, als Musical vier Jahre länger, wahrscheinlich bis heute das beste Musical überhaupt mit der besten, komplexesten Musik und den schönsten Tanzszenen. Das Supermusical schlechthin. Bereits ab 1947, also zwei Jahre nach Kriegsende, war es das Herzensprojekt von vier jüdischen, schwulen Herren gewesen: Von dem Komponisten Leonard Bernstein nämlich, dem Autor Arthur Laurents, dem kürzlich verstorbenen Songtexter Stephen Sondheim, der damals erst 24 war, und dem – etwas später hinzugekommenen – Choreografen Jerome Robbins. Es sollte ihre «Romeo und Julia»-Adaption werden. Eine Liebe, die unter den gegebenen gesellschaftlichen Umständen nicht sein darf.
Zuerst sollte ihre Julia ein jüdisches Mädchen werden, das den Holocaust überlebt hat und sich in New York in den Sohn irisch-katholischer Einwanderer verliebt. Titel: «East Side Story». Doch mit den Jahren wurde ihnen diese Idee zu fad. Zu viele andere hatten nach dem Krieg ähnliche Stoffe realisiert. Und dann studierten sie fasziniert die zunehmenden Bandenkriege zwischen New Yorker Jugendlichen: Den weissen, deren Vorfahren schon seit ein paar Generationen in Amerika lebten, und den hispanischen, von denen die meisten eben erst eingewandert waren.
Sie tauften ihr Projekt in «West Side Story um», sie trieben die Bande der weissen Jets gegen die puertoricanischen Sharks, liessen sie ihre Fights auf dem Dancefloor und mit Waffen austragen. Schufen das tragische Liebespaar Maria und Tony, dessen Existenz die Kämpfe noch befeuert. Die drei wichtigsten Männerrollen müssen sterben. Marias Schwägerin, die Afrolatina Anita, entgeht einer Gruppenvergewaltigung nur knapp.
So wenig Happy End war noch nie vorher in einem Musical zu sehen gewesen. So viele Tränen waren vorher auch noch nicht geflossen. Auf der Bühne, auf der Leinwand und im Publikum. Wer bei Melodien wie «Maria», «Somewhere», «One Hand, One Heart» kein Augenwasser kriegt, hat noch nie Herz auf Schmerz gereimt. Und dann sind da noch die Hits «America», «Tonight» und «I Feel Pretty» ... und so weiter! Doch das Wichtigste an der «West Side Story»: Das war die Gegenwart von New York. Keine Nostalgie.
Nicht nur meine Eltern standen auf den Film. Auch die Oscar Academy. Die «West Side Story» ist auch an ihrem 60. Geburtstag noch immer auf Platz vier der meistprämierten Filme. Oder auf Platz zwei, wenn man etwas anders rechnet.
Damals gab es auch einen zehnjährigen jüdischen Jungen namens Steven aus Cincinnati. Seine Mutter war Konzertpianistin, kurz nach der Musicalpremiere kaufte sie die «West Side Story» auf Schallplatte, und Steven lernte sie auswendig. «Ich sang sie beim Abendessen, bis der Familie der Geduldsfaden riss», sagt er heute, und dass es unausweichlich gewesen sei, dass er sich irgendwann einmal an ein Remake wagen würde.
Und jetzt ist es so weit. Steven Spielbergs «West Side Story» kommt in die Kinos. Die erste bange Frage lautet: Ist das besser als die Verfilmung von «Cats»? Ja, natürlich. Aber? Ganz ehrlich? Man sollte Spielbergs Make-up-Department auspeitschen. Wie kann man die blutjunge, hochtalentierte, total hübsche Rachel Zegler als Maria so zurechtschminken, dass sie zweieinhalb Stunden lang aussieht wie eine Werbung für Kosmetikprodukte von Kim Kardashian? Und wieso hat ausgerechnet Ansel Elgort die Rolle des Tony gekriegt? Ein junger Mann, der immer wirkt wie ein überangepasster Investment-Banker-Praktikant von heute? Das soll ein Bad Boy der Strasse sein?
Spielberg hat vieles gut gemeint und gut gemacht, die Tanzszenen könnten nicht besser sein, und der Hintergrund der Bandenkriege wurde mit historischem Material angereichert: Top-Dramatiker Tony Kushner («Angels in America») hat die Geschichte jenes Stadtteils westlich des Broadways, wo die «West Side Story» spielt, recherchiert und ist auf das Drama eines riesigen Gentrifikationsprojekts samt Zwangsenteignungen gestossen – alle Blocks zwischen der 60. und 72. Strasse wurde im Namen der Slum-Räumung dem Erdboden gleichgemacht. Der Film beginnt denn auch aus der Perspektive einer Abrissbirne über einem Trümmerfeld.
Das ist clever: Viele von Spielbergs Eingewanderten verlieren so das kleine Stück neue Heimat, das sie sich erobert haben. Die Stadt gibt ihnen einen Check über 500 Dollar und nimmt ihnen das Dach über dem Kopf. Es gibt nur Loser. Egal, welche Hautfarbe man hat. Die Verzweiflung der Jugendlichen, die zu Hass und Tod führt, wird so viel schlüssiger. Die Hügel, auf denen sie posieren und sich für die Fürsten der Welt halten, bestehen aus dem Abfall der New Yorker Stadtentwicklung. Sie sind höchstens Junk-Kings. Und damit den Müllhalden-Katzen aus «Cats» erstaunlich ähnlich.
Gesungen und getanzt ist das alles toll, Rachel Zegler – die laut «Vanity Fair» 35'000 Mitbewerberinnen aus der ganzen Welt ausgestochen haben soll – besitzt diese himmelstürmende Engelsstimme, die eine Maria haben muss. Und dann ist ja in den letzten sechzig Jahren auch einiges passiert in Sachen Bild- und Tontechnik. Die Flashmobs, die sich an New Yorker Originalschauplätzen mobilisieren, sind hinreissend, und dass die demnächst 90-jährige Rita Moreno, die vor sechzig Jahren die Anita spielte und dafür einen Oscar gewann, jetzt wieder eine (neu geschriebene) Rolle hat – und erst noch «Somewhere» singen darf – ist rührend und zum Heulen.
Auch, dass Spielberg alle puertoricanischen Rollen mit lateinamerikanischen Darstellerinnen und Darstellern besetzte, ist richtig. 1961 spielte Hollywoodstar Natalie Wood die Maria und war weder Latina noch eine Sängerin, sie wurde von einer Opernsängerin synchronisiert.
Aber irgendwas stimmt mit der Chemie dieses Films, die 1961 trotz aller Makel so überzeugend funktionierte, nicht. Besonders in den steifen, latent dilettantischen Spielszenen wird dies deutlich, da funkt es zwischen den Figuren tatsächlich erst in den letzten 40 Minuten, wenn sich die fatale Todesspirale zu drehen beginnt. Wie sich Maria ausgerechnet in diesen Tony verlieben kann, das weiss nur Spielberg.
Alles Leben, alle Authentizität fliesst ausschliesslich in die musikalischen Sequenzen. Was umso seltsamer ist, weil gerade Spielberg doch sehr differenziert und sensibel sein kann, wenn es um zwischenmenschliche Nuancen geht. Jetzt verliert er sich in einer nostalgischen Rekonstruktion. Stellt eine Zeit, die beim ersten Film ganz nah war, Feuerleiter für Feuerleiter nach. Ist noch realistischer als Robert Wise. Man fragt sich bloss: Wozu das alles? Heute?
Spielberg sagt, er habe seit «E.T.» keinen Dreh so sehr genossen wie diesen und nur die Geburt seines ersten Kindes reiche an die emotionale Grösse dieser Arbeit heran. Er hat sich ganz einfach einen Traum erfüllt. Nun gut, das muss man akzeptieren. Er hat den Film seinem 2020 verstorbenen Vater gewidmet, und es wäre interessant, was dieser seinem Sohn jetzt sagen würde. Meine Eltern hätten mich für Spielbergs «West Side Story» jedenfalls nicht nachts stehen lassen.
«West Side Story» läuft ab dem 9. Dezember im Kino.
Vor wenigen Wochen eröffnete Felix Lobrecht Überraschendes: Er sei ein grosser Fan von Sternstunde Philosphie von SRF. Für die Moderatoren Yves Bossart und Barbara Bleisch war er voll des Lobes.