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Palisades Tahoe. Kein Name mit besonders grossem Klang. Aber der Ort in Kalifornien heisst auch erst seit 2021 so. Und sein alter Name ist in der Wintersport-Welt durchaus bekannt. Schliesslich richtete Squaw Valley 1960 die Olympischen Spiele aus.
Marco Odermatt versucht dort am Samstag (19.00 und 22.00 Uhr), auch den siebten Riesenslalom des Winters zu gewinnen. Saisonübergreifend hat der Olympiasieger und Weltmeister in dieser Disziplin sogar die letzten neun Weltcuprennen gewonnen. Die letzte Niederlage? Im vergangenen Winter in Palisades Tahoe, als der Österreicher Marco Schwarz drei Hundertstel schneller war.
Odermatt, der in dieser Saison zum dritten Mal in Folge den Gesamtweltcup gewinnen wird, hat mit der dreieinhalb Auto-Stunden von San Francisco entfernten Ski-Station also noch eine Rechnung offen. Sollte er gewinnen, wäre er nicht der erste Schweizer Sieger dort: Roger Staub wurde 1960 in Squaw Valley Riesenslalom-Olympiasieger.
Der Bündner war ein Mann mit einem höchst eindrücklichen Lebenslauf. Da war einerseits die Tatsache, dass der Sohn eines Malers ein Multitalent war. Staub spielte zunächst auch Eishockey, er wurde mit dem EHC Arosa zwei Mal Schweizer Meister und setzte erst mit 19 Jahren ganz auf die Karte Ski.
Im Winter darauf verpasste Staub an den Olympischen Spielen 1956 in Cortina d'Ampezzo in der Abfahrt als Vierter knapp das Podest, aber an den Weltmeisterschaften 1958 in Bad Gastein schlug er zu: Silber in der Abfahrt, jeweils Bronze im Riesenslalom und in der Kombination.
Zwei Jahre später schlug im fernen Amerika seine grösste Stunde auf Skis. Am 21. Februar 1960 wurde Roger Staub, dem bereits das Etikett des «ewigen Zweiten» angeheftet worden war, Olympiasieger.
«Er begnügte sich nicht nur mit einer Demonstration seiner aussergewöhnlichen Klasse, sondern kämpfte auch verbissen», lobte ihn die NZZ für die Fahrt am Hang namens KT-22. Der Riesenslalom wurde in einem einzigen Durchgang ausgetragen, hinter Staub gingen Silber und Bronze an die Österreicher Pepi Stiegler, den Vater von Resi Stiegler, und Ernst Hinterseer, den Vater von Hansi Hinterseer.
Der Zeitungsreporter beschrieb, wie sowohl Staub, in seinem leuchtend roten Pullover, als auch alle anderen im Ziel zunächst glaubten, dass er hinter Stiegler wieder nur Zweiter geworden sei. «Die im Lautsprecher verkündeten Zeiten wurden aber noch den Startdifferenzen entsprechend korrigiert, so dass schliesslich für Staub die Bestzeit herauskam.»
Gold eroberte er dank seiner technischen Fähigkeiten, aber auch dank des nötigen Mutes und Risikos. Anders als heute war es eher unüblich, die Torstangen zu attackieren. Staub hingegen wählte eine enge Linie und nahm es beim Anschneiden der Tore auch in Kauf, an der Schulter durch die Aluminiumstangen getroffen zu werden.
Ohne es zu wissen, sollten Metallrohre in seinem Leben später noch einmal eine, in diesem Fall tragische, Rolle spielen. Doch zuvor machte Staub noch ein Kleidungsstück populär, das er vom norwegischen Militär abgeschaut hatte. Die Roger-Staub-Mütze, zuerst zu kaufen im Sportgeschäft von ihm und Bruder Hans, schützte das Gesicht vor Kälte, nur die Augen blieben frei. Sie war daher nicht nur bei Wintersportlern gefragt, sondern auch bei Bankräubern.
Der Tausendsassa wurde nach seinem Rücktritt als Skifahrer 1961 nochmals Schweizer Meister auf zwei Latten – im Wasserski. Und er war ein Pionier der Lüfte. Roger Staub entdeckte in den USA, wo er im damals noch kleinen Skigebiet Vail (Colorado) eine Skischule aufbaute, einen neuen Sport: das Deltasegeln. Er erwarb die Schweizer Generallizenz, mit dem Ziel, das Vergnügen in der Heimat populär zu machen.
Einen Tag vor dem 38. Geburtstag, an einem Sonntagmorgen im Sommer 1974, bezahlte er seinen Experimentiergeist mit dem Leben. In Verbier erlitt Roger Staub Materialschaden. Er stürzte aus 150 Metern Höhe ab und war auf der Stelle tot.
«Ein tragischer Tod – aber wenigstens ein Tod in den Bergen. In den Bergen, von denen Du kamst, auf denen Du gelebt und gesiegt hast», schrieb die «Schweizer Illustrierte» zum Abschied. Staub hinterliess seine Ehefrau – die populäre Fernseh-Ansagerin Lilo Haussener hatte er während einer Ferienreise im mexikanischen Acapulco geheiratet – und einen kleinen Sohn.
Roger Staubs Goldmedaille in Squaw Valley war die insgesamt 50. für die Schweiz an Olympischen Spielen, die erste im Riesenslalom der Männer. Auf ihn folgten 1976 Heini Hemmi, 1984 Max Julen, 2010 Carlo Janka und 2022 Marco Odermatt.
Bald werden wir den Schweizer Nati-Captain Granit Xhaka mit der Meisterschale sehen. Es sei denn, eine Pandemie lege unser Leben lahm (bitte nicht schon wieder!), ein Asteroid lösche unseren Planeten aus (bitte definitiv nicht!) oder Bayer Leverkusen schafft etwas, was man nur «Vizekusen» zutraut (und natürlich Schalke 04 und dem Hamburger SV): eine nicht zu verspielende Ausgangslage tatsächlich noch zu verspielen.