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Selbstfindung eines Faulenzers
Andrej Kurkow: “Der Gärtner von Otschakow” (Roman)
Ein junger Mann, der einen Weg entdeckt, in die 50er Jahre zurückzureisen – das kommt einem doch bekannt vor! Ganz anders als in Stephen Kings Verschwörungsthriller „Der Anschlag“ entstand bei Andrej Kurkow jedoch eine Mischung aus Science-Fiction, Heimatroman und Märchen – und ganz wie nebenbei porträtiert er noch die postsowjetische ukrainische Gesellschaft.
Von Lisa Letnansky.
Igor ist 30 Jahre alt, arbeitslos und wohnt in einem Vorort von Kiew bei seiner Mutter, die ihn stets aufopfernd hätschelt und umsorgt. Arbeitsuche ist für ihn momentan kein Thema, sieht er doch den monatlichen Gang zur Bank, um die Zinsen eines Immobilienverkaufs abzuheben, als seine „Hauptarbeit“. Viel lieber verbringt er seine Tage damit, lange zu schlafen, spazieren zu gehen oder mit Freunden Wodka und Kognak zuzusprechen. Kurz und gut: Igor ist ein faules Muttersöhnchen. Das ändert sich, als eines Tages der etwa 60-jährige Stepan vor der Tür steht und von seiner Mutter als Gärtner angestellt wird. Dieser hat auf dem linken Oberarm eine verblichene Tätowierung, die Igors Interesse weckt. Er hilft ihm dabei, die Bedeutung der Zeichen zu entschlüsseln, welche sie schliesslich in das südliche Otschakow führen, wo Stepan als Kind gelebt hat. Dort stossen sie auf einen Schatz aus sowjetischen Rubeln, Diamanten, Edelsteinen, goldenen Uhren und einer alten Milizuniform, die Stepan Igor in seiner Grosszügigkeit überlässt.
Der Bösewicht und die Prinzessin
Nach anfänglicher Enttäuschung muss Igor bald feststellen, dass die Uniform auf ihre Art wohl wertvoller ist als der gesamte Rest des Schatzes, denn als er sie anzieht und das Haus verlässt, landet er nicht wie geplant bei einer Retro-Party, sondern in Otschakow – und im Jahr 1957. Dort lernt er nicht nur den jungen Weindieb Wanja kennen (eine märchenhafte Helferfigur, die ihn durch die fremde neue Welt führt), sondern auch den Kriminellen Tschagin (der Bösewicht), dessen Schatz sie in der Gegenwart gehoben haben, und die rote Walja (die zu rettende Prinzessin), die im Sturm sein Herz erobert.
Was ihn aber tatsächlich immer wieder zurück in die Vergangenheit zieht, ist die Möglichkeit, seine Person und sein Auftreten ganz neu zu erfinden. Die Milizuniform spielt dabei eine entscheidende Rolle, denn ganz anders als zu Hause zeigen die Menschen hier auf einmal Respekt vor ihm, und Igor erkennt: „Wenn man sich in irgendeiner Uniform wohl fühlt, dann beginnt man dieser Uniform von innen zu entsprechen.“ Dieses neue Selbstwertgefühl und eine grosse Portion Neugier treiben ihn dann auch dazu, Tschagin zu beschatten und sich selbst immer weiter in ein Dickicht von Verbrechen, Verrat und Lebensgefahr hineinzumanövrieren.
Die Befreiung von der Politik
Wer in diesen Tagen „Ukraine“ hört, denkt automatisch an Julia Timoschenko und Wiktor Janukowitsch. Politik und aktuelles Weltgeschehen sucht man in „Der Gärtner von Otschakow“ jedoch vergebens – dass die Rahmengeschichte im Jahr 2010 spielt und nicht Jahrzehnte früher, bemerkt man überhaupt erst, wenn einmal von einer Digitalkamera oder einem Hacker die Rede ist. Auf dem blauen Sofa, wo Kurkow anlässlich der Leipziger Buchmesse zu Gast war, sagte der 1961 geborene Ukrainer russischer Herkunft auch rundheraus, dass er zwar nach wie vor politische Kolumnen schreibe, seine Romane aber „von der Politik zu befreien“ versuche. Die märchenhafte, minimalistische, beinahe archaische Sprache mit ihren kurz gehaltenen, die Handlung rasch vorantreibenden Sätzen schafft dann auch eine ganz eigene Atmosphäre, die abgekapselt vom Rest der Welt, fern von inhaftierten Politikern und Fussball-Meisterschaften zu existieren scheint.
Aber eben nur scheint. Denn so ganz gelingt Kurkow die Befreiung von der Politik dann doch nicht, beschreibt er doch den postsowjetischen ukrainischen Alltag und seinen (Anti-)Helden in solch hingebungsvoller Manier, dass unterschwellig durchaus eine gewisse vergrämte Sorge bezüglich der dortigen gesellschaftlichen Zustände mitschwingt. Es sind denn auch die Perspektivenlosigkeit und der Pessimismus der jungen Leute, die Kurkow kürzlich in einem Interview für die Ukraine konstatierte, und die Igor anfänglich zu Hause bei Muttern versauern lassen. Anders als Stephen Kings heroischer Protagonist, der die Zeitreise dazu nutzen will, den Anschlag auf John F. Kennedy zu verhindern, sucht Igor in der Vergangenheit nichts Geringeres als sich selbst. Etwas befremdlich wirkt einzig, dass anscheinend sogar bei Kurkow übernatürliche oder paranormale Hilfsmittel nötig sind, den Faulenzer dazu zu bringen, sein Leben anzupacken.
Titel: Der Gärtner von Otschakow
Autor: Andrej Kurkow
Übersetzerin: Sabine Grebing
Verlag: Diogenes
Seiten: 352
Richtpreis: CHF 38.90