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Überschwemmung in Jakarta, der am schnellsten absinkenden Stadt der Welt. Bild: Keystone
Es waren düstere Prognosen, die der «Tages-Anzeiger» im Oktober seiner Leserschaft zumutete. Unter dem Titel «Anstieg des Meeresspiegels: Dem Untergang geweiht» warnte die Zeitung davor, dass 50 Grossstädte ohne ambitionierten Klimaschutz im Meer versinken könnten.
Anlass für den Bericht war eine Studie im Fachblatt «Environmental Research Letters». In dieser stellten amerikanische und deutsche Forscher in Aussicht, dass Städte wie New Orleans, Tokio oder Kalkutta auf lange Sicht mindestens zwei Meter unterhalb des Meeresspiegels zu liegen kommen könnten – wegen des Anstiegs des Wassers infolge des Klimawandels. Das könnte in den nächsten 200 bis 2000 Jahren der Fall sein (siehe hier).
Es drohe «ein nasses Ende»
«Wir wissen nicht, wann es passiert, nur dass es passiert – sollten wir die Emissionen nicht rasch auf null fahren», wurde Anders Levermann vom deutschen Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung im Artikel zitiert. Viele Städte würden «ein nasses Ende» erleben, betonte der Amerikaner Benjamin Strauss, Hauptautor der Studie.
Die baldige Überschwemmung von Weltstädten durch den steigenden Meeresspiegel gehört zu den am häufigsten vorgebrachten Warnungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Wegen der Erderwärmung schmelzen Eis und Gletscher – und darum steigt das Wasser, lautet die Argumentation.
Der Boden sinkt schneller, als der Meeresspiegel steigt
In der Tat laufen zahlreiche Metropolen an den Küsten Gefahr, bald unterzugehen. Allerdings hat die grösste Bedrohung dabei nichts mit dem Klimawandel zu tun – obwohl sie überwiegend menschengemacht ist: Die Weltstädte sinken ab, weil der Boden unter ihnen nachgibt. Dieser Prozess läuft meist viel schneller ab, als der Meeresspiegel ansteigt.
Stark betroffen ist etwa Jakarta. Die Hauptstadt von Indonesien gilt als die am schnellsten sinkende Stadt der Welt. Jahr für Jahr liegt sie einige Zentimeter tiefer. In einigen Stadtvierteln beträgt die jährliche Absenkung sogar bis zu 30 Zentimeter. Zum Vergleich: Der Meeresspiegel erhöht sich wegen des Klimawandels derzeit im weltweiten Durchschnitt nur um etwa drei Millimeter pro Jahr.
Indonesien schaut sich nach einer neuen Hauptstadt um
Inzwischen leben in Jakarta vier Millionen Menschen in Stadtteilen, die bis zu vier Meter unter dem Meeresspiegel liegen. Nur hohe Mauern schützen sie vor den Wassermassen. Bereits schaut sich Indonesien nach einer neuen Hauptstadt um.
Jakarta sinkt vor allem deshalb ab, weil die Stadtbevölkerung grosse Mengen an Grundwasser abpumpt. Nur etwa 60 Prozent der Haushalte sind an das Leitungswassernetz angeschlossen. Viele Bewohner beziehen Wasser aus illegal gebohrten Brunnen.
Generell ist die übermässige Entnahme von Grundwasser der wichtigste Grund für die Absenkung von Küstenstädten. Die meisten dieser Städte sind in den Mündungsdeltas von Flüssen gebaut, stehen also auf Sedimenten. Diese Böden geben nach, wenn aus ihnen mehr Wasser entzogen wird, als nachfliessen kann. Das grosse Gewicht der Gebäude sorgt für zusätzlichen Druck auf den Boden.
Houston sinkt jedes Jahr um fünf Zentimeter
Schon 2014 warnte Gilles Erkens, Geologe an der niederländischen Universität Utrecht, vor dem Absinken: «Wenn man nichts dagegen tut, werden Teile von Städten an Küsten und Flussdeltas wie Jakarta, Ho Chi Minh City und Bangkok bald unter den Meeresspiegel sinken.» Stark gefährdet sind unter anderem auch Kalkutta in Indien und Dhaka in Bangladesch. Beide Städte liegen im Mündungsgebiet von Flüssen.
New Orleans unter Wasser nach dem Durchzug des Hurrikans Katrina 2005. Bild: Keystone
Auch in der westlichen Welt gibt es Küstenstädte, die Absenkprobleme haben. Houston in Texas sinkt mit einer Geschwindigkeit von fünf Zentimeter pro Jahr. In den letzten hundert Jahren ist es hier schon um über drei Meter nach unten gegangen.
1,6 Milliarden Menschen von Landabsenkungen betroffen
New Orleans im Mississippi-Delta hat sich seit 1965 um immerhin einen Meter abgesenkt. Das war mit ein Grund, dass die amerikanische Stadt 2005 beim Durchzug des Hurrikans Katrina so schwer überschwemmt worden ist.
Wohlbekannt sind auch die Probleme von Venedig. Die italienische Stadt sinkt jährlich um etwa drei Millimeter ab und kämpft häufig mit Überschwemmungen. Venedig ist in eine Lagune mit weichem Untergrund gebaut. Das Absinken hat auch mit der Verschiebung von Kontinentalplatten zu tun.
Überschwemmung in Venedig im Dezember 2019. Bild: Keystone
Eine Studie des Geologischen Dienst Spaniens kam anfangs dieses Jahres zum Schluss, dass 1,6 Milliarden Menschen von der fortschreitenden Landabsenkungen betroffen sind. Das entspricht 19 Prozent der Weltbevölkerung. Die Arbeit erschien im renommierten Fachblatt «Science» (siehe hier).
22 Prozent der Megacities von Überschwemmungen bedroht
Besonders stark sinke der Untergrund in vielen dicht besiedelten Regionen Asiens, insbesondere in Teilen Chinas, in Bangladesch, Indonesien und auf den Philippinen, heisst es in der Studie. Auch in den Niederlanden, in Italien und in Ägypten seien solche Absenkungen ein Problem. Schon bis zum Jahr 2040 könnten 635 Millionen Menschen akut von einer Überschwemmung durch Fluss- oder Meereshochwasser gefährdet sein. 22 Prozent der Megacities und grossen Ballungszentren lägen in Zonen mit aktueller und künftiger Landabsenkung.
Einige Städte versuchen mit grossen Stauwehren die Wassermassen abzuhalten. Venedig hat letztes Jahr den Schutzwall «Mose» fertiggestellt. Es handelt sich um 78 riesige Eisentore, die hochgefahren werden, wenn Hochwasser droht.
Tokio hat sein Absenkproblem gelöst
In Jakarta gibt es ebenfalls Pläne für eine Barriere namens «Grosse Garuda». Diese soll 30 Kilometer lang werden und über 40 Milliarden Dollar kosten. Ob der Wall gebaut wird, ist aber noch offen.
Der Schutzwall «Mose» soll Venedig vor Überschwemmungen schützen.
Auch Tokio hatte lange Zeit Probleme mit dem Absinken. Zwischen 1900 und 1960 ging es hier um vier Meter nach unten. Doch dann konnte die japanische Hauptstadt dem Absinken innerhalb eines Jahrzehnts Einhalt gebieten – dank strengen Vorgaben zur Wasserentnahme aus dem Untergrund.
Aufhören, soviel Grundwasser abzupumpen: Das würde in vielen Städte, die vom Absinken betroffen sind, die Probleme zumindest begrenzen. Voraussetzung ist, dass solche Städte ihre Leitungswasser-Netz ausbauen. Solche Massnahmen sind effizient – viel effizienter als der Versuch, mittels Klimaschutz den vergleichsweise langsamen Anstieg des Meeresspiegels zu stoppen.