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Politische Entwicklungsplanungen, die rechtliche
und monetäre Mechanismen benutzen, haben sich als wenig erfolgreich
erwiesen. Widerstand gegen Modernisierung ist, infolge dieser Erfahrung,
durch Faktoren wie "Tradition", "Kultur", "Mentalitäten"
erklärt worden. Aber solche Erklärungen sind mehr oder weniger tautologisch
geblieben. Es wird vorgeschlagen, sie durch einen Faktor zu ersetzen,
den man als "soziale Konstruktion" von Kausalität bezeichnen
könnte.
Nach jahrzehntelangen Forschungen über Kausalattribution und Wahrnehmung
kausaler Beziehungen kann man nicht mehr davon ausgehen, daß Beziehungen
zwischen Ursachen und Wirkungen objektive Sachverhalte der Welt
seien, über die dann wahre bzw. unwahre Urteile möglich sind. Vielmehr
geht es um eine Unendlichkeit möglicher Kombination von Ursachen
und Wirkungen, die nur extrem selektiv genutzt werden kann, wenn
ein Zusammenhang von bestimmten Ursachen mit bestimmten Wirkungen
irgendeinen kognitiven oder praktischen Sinn geben soll. In anderen
Worten: Kausalität ist ein Medium lose gekoppelter Möglichkeiten,
dessen Verwendung eine Bildung von relationalen Formen, also eine
feste Kopplung bestimmter Ursachen und bestimmter Wirkungen erfordert.
Aussichten auf erfolgreiches Handeln ebenso wie das Beobachten der
Intentionen anderer hängt von einer solchen Formselektion ab. Dabei
handelt es sich um soziale Konstrukte, deren Konstruktion jedoch
nicht wie eine Meta-Ursache, gleichsam als Ursache der Kausalität
selbst, in das Kausalschema aufgenommen wird. Vielmehr dient die
Formbildung als "blinder Fleck", der es überhaupt erst
ermöglicht, Kausalität zu sehen und zu benutzen.
Wenn eine Gesellschaft daran gewöhnt ist, Kausalität in personalisierten
sozialen Netzwerken zu lokalisieren und Erfolge bzw. Mißerfolge
vom Gebrauch dieser spezifischen Form von Kausalität zu erwarten,
wird es sehr schwierig sein, an diesen Bedingtheiten etwas zu ändern,
wenn nicht als Ersatz gleichermaßen handliche Kausalformen zur Verfügung
gestellt werden können. Mehr Geld und mehr Rechtsvorschriften werden
nur dazu dienen, die Wirksamkeit der Kontakte des Netzwerks zu erproben
und zu bestätigen.
Rudolf Stichweh:
Zur Theorie der Weltgesellschaft
Die Idee der Weltgesellschaft entsteht auf der Grundlage des sich
in der frühen Neuzeit herausbildenden europäischen Staatensystems
als Idee einer Makroordnung, die sich mittels der klassischen politischen
Typologie der Regierungsformen nicht mehr beschreiben läßt. Der
Aufsatz prüft die Anwendbarkeit des Gesellschaftsbegriffs und expliziert
die Leithypothese, daß die wechselseitige Durchdringung von Globalem
und Lokalem sich als Penetration des einzelnen kommunikativen Akts
erweisen lassen muß. Eine Annahme über weltweite Anschließbarkeit
weiterer Kommunikationen ("und-so-weiter"-Hypothese) und
eine Dekontextualisierungsthese, die u.a. die Bedeutung generalisierter
Symbole herausarbeitet, sind konstitutiv für diese Leithypothese.
Der Aufsatz vergleicht alternative Vorstellungen über die Identifikation
und Interaktion von Systemebenen im System der Weltgesellschaft.
Abschließend versucht er eine Antwort auf die Frage, ob sich von
einer Kultur der Weltgesellschaft und von einem politischen System
der Weltgesellschaft sinnvoll sprechen läßt.
Stephan Fuchs:
The Stratified Order of Gossip. Informal Communication in Organizations
and Science
Typen von Klatsch sind zu unterscheiden: "Informationsklatsch"
zirkuliert in kosmopolitischen Netzwerken, deren Mitglieder mit
ungewissen und sich schnell verändernden Umwelten zu tun haben,
also beispielsweise auf Finanzmärkten oder an Forschungsfronten.
Im Unterschied dazu hat "Moralklatsch" mit Skandalen zu,
und er floriert in kleinen und dichten Gemeinschaften. In Abhängigkeit
von ihrem Status, ihren eingegangenen Engagements und ihren Chancen
in Organisationen gehören Personen verschiedenen Netzwerken an und
klatschen mit verschiedenen anderen Personen über verschiedene Dinge.
Derart entstehen differente konversationelle Schichtkulturen, die
Schichtung über Arten des Sprechens reproduzieren. Kerngruppen mit
hohem Status tauschen privilegierten Informationsklatsch aus, während
periphere Gruppen über lokale Ereignisse und deviante Personen klatschen.
Das Argument wird am Beispiel von Organisationen im Wissenschaftssystem
illustriert. Dort klatschen kosmopolitische und innovative Kerngruppen
über die Frage, wie die Zukunft aussieht und wem sie gehört. Periphere
Gruppen mit beschränkteren Netzwerken dagegen klatschen über lokale
Angelegenheiten und das Privatleben.
Uwe Schimank:
Teilsystemevolutionen und Akteurstrategien: Die zwei Seiten struktureller
Dynamiken moderner Gesellschaften
Der Beitrag versucht, zwei grundleged verschiedene soziologische
Perspektiven auf die Strukturdynamiken moderner Gesellschaft miteinander
ins Gespräch zu bringen: die systemtheoretische Perspektive Niklas
Luhmanns und eine durch Rational Choice geprägte akteurstheoretische
Perspektive. In der systemtheoretischen Perspektive stellt sich
gesellschaftliche Strukturdynamik als Koevolution teilsystemischer
Autopoiesen, in der akteurstheoretischen Perspektive als transintentionaler
Effekt strategischen Handelns in Akteurkonstellationen dar. Beide
Perspektiven sind komplementär und lassen sich, auch wenn sie zunächst
als inkompatibel miteinander erscheinen, miteinander verbinden.
Dirk Baecker:
Nichttriviale Transformation
Die sozialwissenschaftliche Forschung zu Transformationsprozessen
sozialistischer in kapitalistische Gesellschaften kommt bisher weitgehend
ohne einen expliziten Begriff der Transformation aus. Ein kybernetischer
Transformationsbegriff ist geeignet, einen Großteil der Annahmen
und Ergebnisse der bisherigen Transformationsforschung zu rekonstruieren.
Darüber hinaus bietet die Erweiterung des Begriffs um das Moment
der Selbstreferenz Ansatzpunkte für eine Beschreibung der Abhängigkeit
der Transformation von selbst gemachten Festlegungen. Dies ermöglicht
eine Beschreibung der Transformation als hochselektiven Prozeß,
der sich erst im Zuge seiner eigenen Problematisierung mit der Gesellschaft
vertraut macht, in der er abläuft. Die Voraussetzung einer sozialistischen
Gesellschaft, die in eine kapitalistische Gesellschaft transformiert
wird, löst sich auf in die Erfahrung einer Transformationsgesellschaft,
die weder als sozialistisch noch als kapitalistisch zu beschreiben
ist.
Michael de Vries:
"Up or Out" in Partnerships: Karriere- und Organisationsprinzipien
als Strukturen zur Selbsterhaltung von Beratungsgesellschaften
Beratungsgesellschaften müssen sich permanent gegen das Risiko
der Integration in ihre Klientorganisationen zur Wehr setzten. Das
Problem der Fortsetzung ihrer eigenen Autopoiesis und damit Grenzziehung
lösen sie mithilfe von Strukturen. Als solche Strukturen werden
"Up Or Out-Regeln und die Organisation als Partnerschaften
identifiziert. Mithilfe dieser Strukturen werden eindeutig auf das
System "Beratungsgesellschaft zurechenbare Entscheidungskommunikationen
(re-) produziert.
Wolfgang Ludwig Schneider:
Objektive Hermeneutik als Forschungsmethode der Systemtheorie
Systemtheorie und Hermeneutik, so die übliche Auffassung, sind
generell inkompatibel. Der Beitrag versucht diese Annahme anhand
eines Vergleichs zwischen funktional-struktureller Systemtheorie
und objektiver Hermeneutik zu entkräften. Dazu startet er mit der
Diskussion der Frage, welche Technik der Sinnanalyse aus dem systemtheoretischen
Sinn- und Kommunikationsbegriff gewonnen werden kann. Das Ergebnis
dieser Transposition systemtheoretischer Konzepte ins Methodische
ist eine Reiehe von Direktiven der Auslegung, die sich decken mit
den zentralen methodischen Anweisungen der von Oevermann und seiner
Forschungsgruppe entwickelten "objektiven Hermeneutik".
Die Interpretationsregeln der objektiven Hermeneutik, so die dadurch
begründete These, sind präzise auf die systemtheoretische Beschreibung
der autopoietischen Organisation von Kommunikation zugeschnitten.
Die objektive Hermeneutik erscheint deshalb in spezifischer Weise
als Forschungsmethode der Systemtheorie geeignet. Anhand der Interpretation
einer kurzen Kommunikationssequenz wird versucht, diese These auch
forschungspraktisch zu plaubilisieren.