Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03425.jsonl.gz/2391

Pflichtlektüre:
Unser erster
Brief
AUDREY
Es war ein Sommer wie im Märchen: Wir wanderten über Zuggleise, fuhren auf der Ladefläche unserer Pick-ups durchs Gelände, schlichen durch Eisenbahntunnel, sprangen von Brücken, pflückten Beeren, spielten Auf der Flucht, kletterten auf riesige Heuballen, erkundeten alte Scheunen, spielten Mundharmonika und sahen uns Filme im Autokino an. Die Zeit gehörte uns. Fast jeden Abend saßen wir am Lagerfeuer. Unsere Kleidung roch ständig nach dem Rauch von Kiefernholz und wir verzichteten gerne auf Schlaf, um zusammen sein zu können. Auch wenn wir einfach schweigend nebeneinandersaßen und warteten, bis das Rattern des Zuges zwischen den sanften Hügeln von Helvetia, Oregon, zu hören war. Es war, wie es in einem Lied heißt, der Sommer, in dem meine Seele neue Wege einschlug1. Es war der Sommer, in dem die Zeit keine Rolle spielte und ein Abenteuer das andere jagte. Es war der Sommer, in dem ich mir endlich erlaubte, mich in den Farmersjungen zu verlieben, der sich seit zwei Jahren geduldig um mich bemühte. Es war ein traumhafter Sommer, in dem wir uns immer mehr ineinander verliebten.
Aber als es auf den September zuging, näherte sich das Ende unseres perfekten Sommers. Im Herbst würden wir unterschiedliche Wege einschlagen. Ich würde zum Vorbereitungstraining für die nächste Crosslaufsaison (Querfeldeinlauf) am Oregon State College in Corvallis zurückkehren, und Jeremy wechselte vom Portland Community College ans Brooks Institute für Film und Fotografie in Santa Barbara, Kalifornien. Den ganzen Sommer über hatten wir bewusst verdrängt, dass unsere Beziehung bald durch eine Entfernung von 1500 km erschwert werden würde. Daneben war die 15-minütige Autofahrt vom Vorstadthaus meiner Eltern zu der Farm von Jeremys Familie ein Klacks. Wir wussten beide, dass dieser Sommer zu Ende gehen würde, aber wir waren nicht sicher, ob dies das Ende einer Sommerliebe oder den Anfang einer lebenslangen Liebesgeschichte bedeuten würde.
In den Wochen vor Jeremys Umzug wuchs bei uns beiden der Druck. Ein klärendes Gespräch war unausweichlich. Wir mussten uns entscheiden, wie unsere Beziehung weitergehen sollte. Welche Erwartungen hatten wir an unsere Beziehung, bevor wir ans College gingen? Wollten wir uns auf eine Fernbeziehung einlassen? Oder würden wir einfach auf einen traumhaften Sommer anstoßen und dann getrennte Wege gehen?
Als ich nach einem weiteren Abend am Lagerfeuer zu Hause war, bekam ich von Jeremy folgende Textnachricht: Auj, wir müssen darüber reden, wie es weitergehen soll.
Ich wusste, was er meinte. Ja, das müssen wir.
Morgen. Ich hole dich um fünf ab. Dann fahren wir zur Eisenbahnbrücke und reden und fahren erst wieder nach Hause, wenn wir darüber gesprochen haben, wie es zwischen uns weitergeht.
Mit Schmetterlingen im Bauch tippte ich in mein Handy: Klingt nach einem guten Plan.
An diesem Abend kritzelte ich meine ungefilterten Gedanken nervös in mein Tagebuch. Den ganzen Sommer hatte ich um Klarheit gebetet. Ein Gespräch, wie es zwischen uns weitergehen sollte, war unausweichlich. Für mich ging es um viel mehr als nur darum, ob Jeremy und ich offiziell ein Paar werden würden.
Zwei Jahre zuvor hatte ich mir vorgenommen, keine feste Beziehung mit einem Jungen anzufangen, wenn ich mir nicht vorstellen konnte, ihn eines Tages zu heiraten. Deshalb hatte ich das Gefühl, ich würde für den Rest meines Lebens Ja zu Jeremy sagen, sobald ich eine Beziehung mit ihm begann.
Rückblickend erkenne ich, dass ich mich damit viel zu sehr unter Druck gesetzt hatte. Wie soll man herausfinden, ob ei