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Die Harfe, die Männer — und Henriette Renié
Wenigen Instrumenten eilen Vorurteile so beständig und eindrücklich voraus wie der Harfe. Eine erste Emanzipation der Harfe erfolgte durch die Interpretin, Pädagogin und Komponistin Henriette Renié.
Julia Wacker — Wer in Europa Ende des 19. Jahrhunderts Harfe spielte, tat dies vornehmlich zuhause, war weiblich, Teil des gehobenen Standes und widmete sich dieser Beschäftigung nicht zuletzt, um spezifische Eigenschaften potentiellen Ehe-partnern präsentieren zu können. Dies legt ein Zitat aus dem Jahr 1876 nahe: «Die Harfe gibt jungen Damen die Möglichkeit, hübsche Hände, wohlgeformte Arme und ordentliche Füsse zu zeigen» (Roslyn Rensch, The Harp, S. 117). Der Blick wurde seit der Entwicklung der Doppelpedalharfe durch Sébastien Érard 1810 eben auch auf die Füsse gelenkt.
Das Ausnahmetalent Henriette Renié (1875-1956) wurde in Paris in dieses Klima geboren und entschied sich bereits in jungen Jahren zugunsten ihrer Künstlerkarriere gegen ein Eheleben, um ihre umfassende Arbeit als Harfenistin, Pädagogin und Komponistin verfolgen zu können. In einer von Männern geprägten Umgebung schaffte es die Virtuosin bereits zu Lebzeiten, unter ihrem eigenen Namen ihr Werk zu veröffentlichen, als Komponistin anerkannt zu werden und zugleich die Harfe als Soloinstrument zu etablieren.
Im Gegensatz zu den Damen aus gutem Hause, die meist bestenfalls begabte Amateurinnen blieben, traten in der Berufswelt zum grössten Teil Männer als Harfenisten in Erscheinung – ein Phänomen, welches zu jener Zeit bei allen Instrumentengruppen anzutreffen ist. So war beispielsweise der belgische Harfenist Alphonse Hasselmans (1845–1912) wie einige seiner männlichen Kollegen in Orchestern engagiert. Dass die Doppelpedalharfe überhaupt ihren Weg ins Orchester fand und dessen fester Bestandteil wurde, ist den Werken grosser Romantiker wie Liszt, Wagner, Strauss oder Tschaikowski zu verdanken. Hasselmans unterrichtete zudem am Pariser Konservatorium eine ganze Generation bedeutender Harfenistinnen und Harfenisten. Die Zulassung der Frauen zu Kursen für Theorie, Komposition und Harmonielehre in Konservatorien führte um die Jahrhundertwende dazu, dass so viele Frauen wie nie zuvor den Musikerberuf ergreifen konnten. Zu diesen Studentinnen und frühen Berufsmusikerinnen gesellte sich auch die junge Henriette Renié, die bereits als Elfjährige einen Premier Prix erhielt und kurz danach nebst vertiefenden Kompositionsstudien ihre Tätigkeit als Lehrerin und Konzertharfenistin aufnahm.
Reniés wachsenden Konzerterfolge und die sehr übersichtliche Aus-wahl an Kompositionen für Harfe führten dazu, dass Renié ihre eigenen Kompositionen und Transkriptionen zu verfassen und aufzuführen begann. Äusserst hörenswert sind die raren Aufnahmen, auf denen sie ihre Stücke und Arrangements spielt. Mit dem Konzert für Harfe in c-Moll (UA in Paris 1901 durch Renié selbst) gelang der Harfenistin und Kom-ponistin schliesslich der internationale Durchbruch. Renié schaffte es also sowohl, sich selbst als Künstle-rin zu positionieren wie auch die Harfe als Soloinstrument. Sie widmete ihr Leben der Arbeit und verband deren verschiedenen Aspekte geschickt: So komponierte sie nicht nur virtuose Solo- und Kammermusikwerke, sondern auch einfachere, dem Niveau ihrer Schülerinnen und Schüler angepasste Stücke. Sie gründete den Wettbewerb Prix Renié, spielte unzählige Benefizkonzerte und war Initiantin einer Kasse für finanziell benachteiligte Künstler.
Ihr immenser Einsatz für die Harfe und die Pädagogik mündete schliesslich in die Méthode complète de harpe, einer Art Testament, in dem sie ihre wesentlichen Erfahrungen als Lehrerin und Harfenistin niederschreibt.
Unbestritten sind Reniés Bedeutung für die französische Harfenschule und Etablierung der Harfe im Konzertleben. Nach ihrem Tod gab es Aufwind u.a. durch die Wiederentdeckung der alten Instrumente wie der Trippelharfe sowie durch die Entwicklung der elektroakustischen und elektrischen Harfe. In der zeitgenössischen Musik ist die Harfe nicht mehr wegzudenken. Dennoch bleiben Vorurteile: Zu einer gros-sen Mehrheit melden sich Mädchen für Harfenunterricht an. Eine Umfrage bei 20 Harfenlehrer*innen in der Schweiz zeigt, dass von 445 Lernenden 35 männlich sind (Stand 2.2.2021). Wo seid Ihr, Jungs?!