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Hanmanta mit seinem 7-jährigen Sohn Ganesh in der Quarantänestation.
Text: World Vision
«Es war der 14. April, ich ging wie gewohnt arbeiten. Die Gesellschaft, die unsere Arbeit beaufsichtigt, liess alle Arbeiter auf Covid-19 testen – auch mich. Zwei Tage später, am 16. April, erhielt ich einen Anruf. Es war ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung von Mumbai. Er fragte mich nach meinem Aufenthaltsort und ob ich eine Nachricht über meine Testergebnisse erhalten hätte. Da ich weder lesen noch -19schreiben kann, hatte ich die SMS-Eingänge nicht überprüft. Ich war geschockt, als sie sagten, dass ich Covid-positiv sei und mich sofort in Quarantäne begeben müsse. Auf dem Weg nach Hause dachte ich nur noch daran, dass meine Familie vor diesem Virus sicher sein muss». Hanmanta, 39-jährig und vierfacher Familienvater, wusste, dass eine schwierige Zeit für die ganze Familie folgen würde. Sein Einkommen verdient er als Arbeiter auf einem Bambusgerüst. Zusammen mit seiner Frau Nirmala und seinen vier Kindern lebt er in einem gemieteten Haus in einer Siedlung in Mumbai. Sein jüngster Sohn Ganesh ist Patenkind von World Vision Indien.
Vater und Sohn Covid-positiv
Nachdem Hanmanta von seinen Testergebnissen erfahren hatte, rief er verzweifelt seine Frau an und bat sie, ein paar seiner Sachen bereitzuhalten. Er wollte sich mit ihr in einer Gasse ausserhalb ihres Hauses treffen, da er befürchtete, mit irgendjemandem in der Gemeinde in Kontakt zu kommen und sie anzustecken.
Sobald er in Quarantäne war, kamen Mitarbeiter der Stadtverwaltung ins Haus der Familie und testeten auch seine Frau und seine Kinder. Die Ergebnisse erfuhren sie am nächsten Tag: Die ganze Familie war sicher, bis auf den siebenjährigen Ganesh. Er wurde ebenfalls positiv auf Covid-19 getestet.
Da Ganesh noch recht jung ist – er geht in die dritte Klasse - , bat seine Mutter die Beamten der Stadtverwaltung, ihn in der Quarantänestation bei seinem Vater bleiben zu lassen. Glücklicherweise gab es ausreichend Platz - Ganesh und Hanmanta konnten zusammen in einem Raum untergebracht werden. Die Einrichtungen im Quarantänezentrum waren sicher und sauber und die beiden fühlten sich wie zu Hause. «Das Zentrum war schön. Ich habe jeden Tag Reis, Roti, Dal (Linsen) und Gemüse gegessen», erzählt Ganesh kichernd. Die grösste Herausforderung war die emotionale: Für Hanmanta war das Schwierigste an der Quarantäne, dass er von seiner Familie getrennt war und sie nicht sehen konnte. Er war dankbar für die Gesellschaft seines Sohnes, der ihn in diesen Tagen unterhielt, aber er machte sich ständig Sorgen um seine Frau und die Kinder zuhause. Auch seiner Frau Nirmala ging es so: Sie machte sich grosse Sorgen und fand es schwierig, ihre Töchter zu trösten. «Die jüngere Tochter weinte zwei Tage lang, nachdem Hanmanta in die Quarantänestation gebracht worden war. Sie kam kaum mit dieser neuen Situation zurecht, und sie vermisste ihren Vater sehr. Ihr Weinen rührte auch mich und die anderen Kinder zu Tränen», blickt Nirmala zurück.
Zum Glück konnte die Familie zumindest durch Telefonate und gelegentliche Videoanrufe miteinander in Kontakt bleiben. «Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie aufgewühlt wir in diesen 12 Tagen waren, die mein Mann und mein Sohn in der Quarantänestation verbrachten», erinnert sich Nirmala.
Für den kleinen Ganesh besonders irritierend war, niemanden zum Spielen zu haben. Zu Hause war er es gewohnt, herumzulaufen und mit seinen Geschwistern oder Freunden zu spielen. In der Quarantänestation jedoch gab es keine anderen Kinder. Die ganzen Tage waren das Vater-Sohn-Duo in seinem Zimmer eingesperrt. So verbrachte Ganesh die meiste Zeit damit, Zeichentrickfilme auf dem Handy seines Vaters zu schauen. Wenn dieser ihm das Handy zwischendurch wegnahm, wurde er ärgerlich und fing an, sich mit seinem Vater zu streiten.
Hanmanta verstand den Schmerz, den sein Sohn durchmachte. Er erzählt uns: «Ganesh vermisste seine Mutter sehr und ich denke, dass er deshalb mit stritt. Später beschwerte er sich in einem Telefonat bei seiner Mutter über mich, und meine Frau schimpfte dann mit mir. Aber ich weiss, dass Ganesh einfach nur unruhig war. Er hat noch nie einen einzigen Tag ohne seine Mutter verbracht. Auch sie war noch nie ohne ihn…».
Die Quarantäne war hart für Ganesh. Er war vorher noch nie einen einzigen Tag von der Mutter getrennt.
Die zweite Welle ist für Kinder gefährlich
Während es in der ersten Welle der Pandemie weniger Infektionen bei Kindern gab, ist in der zweiten Welle ein zunehmender Trend zu beobachten, dass Kinder infiziert werden und auch ihr Leben wegen Covid-19 verlieren. Ärzte weisen darauf hin, dass Kinder in der Mehrzahl der Fälle nur leichte Symptome haben. Aber für diejenigen, die bereits vorher unter gesundheitlichen Problemen litten, kann Covid-19 kompliziert verlaufen.
Glücklicherweise hatten Hanmanta und Ganesh nur leichte Symptome, die im Quarantänezentrum selbst behandelt werden konnten. Ganesh hatte eine Erkältung und Fieber, wofür er Medikamente verschrieben bekam. Einmal mussten die Ärzte ihm Sauerstoff geben, um seine Atmung zu verbessern, aber Ganesh sprach auf die Behandlung an und fühlte sich nach zwei Tagen besser. Hanmanta hatte nicht viele Covid-19-Symptome, ausser Schwäche, die durch seine Anämie hätte verschlimmert werden können. Deshalb gaben ihm die Ärzte während seines Aufenthalts im Zentrum vorsorglich eine Bluttransfusion.
Verschuldet wegen Covid
Als Tagelöhner und einziger Ernährer der Familie hat Hanmanta nicht den Luxus, von zu Hause aus arbeiten zu können oder sich zu Hause in Sicherheit zu bringen. Er arbeitet 12 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche an verschiedenen Orten in Mumbai, ohne Urlaub oder Auszeiten. Weil er seit Anfang April krank war (erst mit Anämie und dann mit Covid), hat er das Einkommen eines ganzen Monats verloren und ist jetzt verschuldet. Die Behandlung im Quarantänezentrum war zwar kostenlos, aber der Unterhalt der Familie kostete weiterhin viel Geld. Hanmanta musste sich von seinem Chef 20'000 Rupien für die Ausgaben zu Hause leihen. «Niemand sonst hätte mir so viel Geld geliehen. Wenigstens konnte meine Frau mit dem Geld alle Rechnungen bezahlen und sich in meiner Abwesenheit um andere Bedürfnisse der Familie kümmern», erzählt Hanmanta.
Er sagt ganz offen: «Für Leute wie mich gibt es keine andere Möglichkeit, als arbeiten zu gehen. Nur so kann ich für die Grundbedürfnisse meiner Familie und die Ausbildung meiner Kinder sorgen. Ich muss darauf vertrauen, dass Gott mich beschützen wird. Was auch immer geschehen soll, wird geschehen. Also müssen wir unser Bestes geben, um die Hoffnung nicht zu verlieren und einfach in Sicherheit zu bleiben, wo immer wir sind», sagt Hanmanta trocken.
Überleben wird von Tag zu Tag schwieriger
Bevor die Pandemie im letzten Jahr ausbrach, arbeitete Hanmantas Frau Nirmala als Hausangestellte und trug damit in geringem Masse zum Familieneinkommen bei. Ein Jahr später konnte sie diese Arbeit immer noch nicht wieder aufnehmen. Wegen der zweiten Welle sieht es punkto Arbeit nicht nur für Nirmala düster aus, sondern auch für zahlreiche weitere Frauen, die im informellen Sektor in ihrer Gemeinde tätig sind.
Sorgen bereiten Nirmala auch die stetig steigenden Preise: Grundlegende Dinge wie eine Gasflasche (die 850 Rupien kostet), Gemüse, Lebensmittel und die Kosten für den Arbeitsweg werden von Tag zu Tag teurer. Familien mit nur einem Verdiener haben zunehmend Schwierigkeiten, über die Runden zu kommen. «Letztes Jahr kam die Arbeit wegen des Lockdowns komplett zum Erliegen. Aber wenigstens gaben uns verschiedene Leute in der Gemeinde Essens-Rationen und gekochtes Essen. Aber dieses Jahr gab es diese Art von Initiative nicht, obwohl die Regierung erlaubt hat, dass einige Arbeiten weitergeführt werden. Bei den steigenden Preisen wird es von Tag zu Tag schwieriger zu überleben. Diejenigen mit grossen Familien haben es besonders schwer», sagt die 32-jährige Nirmala.
Hanmanta und Nirmala mit ihren Kindern.
Stark sein für die Kinder
Als wir sie fragen, was ihr in solchen Momenten der Unsicherheit Sorgen bereitet, antwortet sie mit erstickter Stimme. «Wir müssen für unsere Kinder stark sein. Meine grösste Sorge ist, was dann mit unseren Kindern passieren wird, falls uns etwas zustossen sollte. Wenigstens einer von uns sollte da sein, um sich um sie zu kümmern', sagt Nirmala sichtlich berührt.
In diesen schwierigen Zeiten fanden Nirmala und ihr Mann Trost im Gebet. Nirmala erzählt uns: «Ich beziehe meine Kraft von Gott. Ich vertraue auf ihn und nicht auf Menschen. Menschen haben mich im Stich gelassen, aber Gott ist jemand, auf den ich mich verlassen kann. Die einzige Person, auf die ich mich verlasse, ist mein Mann. Deshalb gehen mein Mann und ich täglich in den Tempel um zu beten», sagt Nirmala.
Um Hanmanta und seine Familie nach der Genesung von Covid-19 zu unterstützen, wird World Vision Indien in Mumbai Notrationen in Form von Reis, Weizen, Linsen, Zucker, Tee, Öl, Salz, Gewürzen und einigen Hygieneartikeln bereitstellen. So ist der unmittelbare Bedarf der Familie gedeckt. Auch haben World Vision-Mitarbeiter und Freiwillige in der Gemeinde Hanmanta und seine Familie während des Aufenthalts von Vater und Sohn in der Quarantänestation und auch danach immer wieder besucht und der Familie die dringend benötigte mentale Unterstützung und Beratung in Zeiten der Not gegeben.
Hanmanta hat sich inzwischen von Covid-19 erholt und arbeitet wieder 12 Stunden am Tag. Sowohl Nirmala als auch er tun ihr Bestes, um sicherzustellen, dass ihre Kinder zu essen und ein Dach über dem Kopf haben. Zurzeit arbeitet er unermüdlich, damit seine älteste Tochter die 10. Klasse abschliessen und sich in einen Krankenpflegekurs einschreiben kann. Er erzählt uns: «Wenn ich etwas verdiene, kann ich meinen Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen. Ich kann ihnen helfen, ihre Träume zu verwirklichen. Ich möchte, dass meine älteste Tochter Krankenschwester wird. Es ist ein teurer Kurs, der mehr als 20.000 bis 30.000 Rupien kostet. Aber ich werde alles tun, um es zu ermöglichen. Ich möchte auch, dass sie einen Computerkurs macht, damit sie ein paar zusätzliche Fähigkeiten erwirbt», erzählt der engagierte Vater hoffnungsvoll.
Die Zukunft der Kinder ist gefährdet
Die Pandemie hat für viele gefährdete Familien wie die von Hanmanta zahlreiche Prüfungen mit sich gebracht. Gefährdet ist nicht allein ihre Gesundheit. Die Nachbeben der ersten und jetzt der zweiten Welle bedrohen weiterhin ihre Existenz, ihren Lebensunterhalt und vor allem die Zukunft ihrer Kinder.
Inmitten all dieser Herausforderungen unterstützt World Vision mit ihren Programmen die Familien und stärkt die bestehenden Gesundheitssysteme. Während der zweiten Welle ist der Bedarf an der Verbesserung der Gesundheitsinfrastruktur sowohl auf dem Land als auch in den Städten gestiegen. Die Nothilfe konzentriert sich daher unter anderem auf die Bereitstellung von Sauerstoffkonzentratoren, temporären Zelten, Betten und Strukturen zur Einrichtung von Covid-Pflegezentren sowie auf die Bereitstellung von persönlicher Schutzausrüstung, chirurgischen Masken und anderen lebensrettenden medizinischen Gütern für Krankenhäuser.
Im vergangenen Jahr konnten wir dank der Nothilfe von World Vision 4,8 Millionen Menschen mit lebensrettender Hilfe versorgen. In der zweiten Welle haben sich die Herausforderungen und der Bedarf verdoppelt, deshalb müssen wir unsere Anstrengungen ebenfalls verdoppeln. Nur so können wir sicherstellen, dass Kinder und Gemeinden diese tödliche zweite Welle überstehen.