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Möglichst dicht ran. Das wollte ich bei meiner Reportage über Chinesen, die auf ihrer Europareise durch die Schweiz reisen. Die gleichen Hotels zu buchen und in ihrem Car einen Sitz zu kriegen, war kein Problem.
Blieb die Sprachbarriere. Ich entschied mich gegen einen Dolmetscher, weil ich glaubte, dass dies eine unmittelbarere Auseinandersetzung mit den Teilnehmern ermöglichte. So bat ich den Schweiz-Tourismus-Vertreter in China um eine Gruppe mit englischsprachigen Teilnehmern, als ich ihm Anfang Juni meine Anfrage schickte.
Drei Tage vor Beginn der Reise schrieb er mir in einer Mail beiläufig, „einen Dolmetscher haben Sie ja“. Nein, eben genau nicht. So reiste ich an diesem Juli-Sonntag ins Tessin, ohne zu wissen, ob jemand ausser der Reiseleiterin Englisch spricht. Sie wusste im Gegenzug nicht genau, weshalb um alles in der Welt ich mit ihnen mitreisen wolle. So klärten wir an diesem Sonntagabend in der Hotellobby – während Fahrer Fabio seine süsse italienische Torte ass – was sie bieten kann, was ich machen möchte, was ich brauche. Einen Fotografen und Teilnehmer, die Englisch sprechen.
Mein Glück trug einen Namen: Herr Tao Qu. Er lebte mit seiner Frau und seiner 11-jährigen Tochter mehrere Jahre in den USA, alle drei sprachen gutes Englisch. Rhythmisiert à la Mandarin. Er wurde zum Übersetzer, Vermittler und Fotograf in Personalunion. Er stellte mir frühmorgens auf eigene Initiative die Männer in der Gruppe vor – jeweils mit Beruf und Funktion –, versprach mir, mir seine Bilder nach Ende der zwei Tage zu überlassen und übersetzte, wann immer ich ihn darum bat. Eigentlich legen Chinesen sehr viel Wert darauf, sich richtig kennenzulernen, bevor man zusammen „geschäftet“. Aber er erkannte wohl den Ernst meiner Lage und sah darüber hinweg.
Im Bus stellte ich mich und meine journalistische Mission dem Rest der Gruppe per Reiseleiter-Mikrofon vor. Sally, die Reiseleiterin, übersetzte und empfahl der Gruppe, sich mit mir und einer Ausgabe der „SonntagsZeitung“ zu fotografieren und das Bild dann auf Weibo – das chinesische Twitter – oder Sina – eine Art Facebook – zu teilen. Das taten dann viele, waren ansonsten aber noch sehr zurückhaltend.
Als ich im Denner beim Swiss Miniatur Toblerone für alle kaufte im Sinne eines Dankes, dass ich mit ihnen mitreisen durfte, zeigte sich, wie unterschiedlich wir ticken: Niemand nahm die Toblerone an. Es bedurfte einer 15-minütigen Rede von der Reiseleiterin, um der Gruppe zu erklären, dass sie die Schokolade annehmen dürften, obwohl sie mich nicht kennen und ich im Gegenzug dazu nichts erwarte, sondern ihnen nur eine Freude machen möchte.
Mit der in der Hitze rasch geschmolzenen Toblerone zwischen den Fingern lachten sie mich schliesslich an. Das Eis war gebrochen. Plötzlich zeigte sich, dass nebst Tao und seiner Familie – seine Tochter Si Yu übersetzte mir oft ungefragt und zu meiner Freude sehr ungefiltert, was gerade geredet wurde – sehr viele eigentlich Englisch können. Die Mütter trugen ihren Kindern, die deutlich besser Englisch sprachen, auf, mit mir zu reden. Mich über mein Alter und mein Privatleben auszufragen, über mein Wissen zu China, über Schnee, über unseren Essrhythmus, über die Qualität des Wassers. Und mich nach Beijing einzuladen, welcome to China.
Nur Politik war nie ein Thema. Ich machte einige Anläufe mit Tao und seiner Frau. Sagte sie etwas, das etwas heikel schien – beispielsweise als ich auf das Ansinnen einiger Gruppenteilnehmer, in der Schweiz ein Haus zu kaufen, hin fragte, ob denn Chinesen einfach so auswandern könnten – wiegelte er umgehend ab. „No no, no problem.“ Oder als ich bezüglich der Berufe, alle arbeiten für die Regierung oder regierungseigene Institutionen, nachfragen wollte, kamen sehr ausweichende Antworten. Und das einzige Mal ein „das hier ist ja die Presse, mehr sage ich nicht“.
Am Ende der zwei Tage lachten sie mich aus, weil ich offenbar total erschöpft aussah. Und auch war. Zwei Tage gegenseitiges Staunen über die Andersartigkeit, gegenseitiges Befragen, gegenseitiges Irritiertsein bisweilen. Aber auch die gemeinsame Freude am (neu) Kennenlernen der Schweiz. „Dem Paradies auf Erden“, wie Tao Qu bei jeder Gelegenheit zu wiederholen pflegte.