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Reinmar Wagner, Die Südostschweiz (25.09.2012)
Andreas Homoki hat als neuer Intendant des Zürcher Opernhauses das Publikum im Sturm erobert. Seine erste Produktion «Jenufa» von Leos Janácek war am Sonntagabend ein umju belter Triumph – mit zwei schmälernden Defiziten.
Kritische Anmerkung eins zu Andreas Homokis’ Umsetzung von «Jenufa»: Fabio Luisi. Der neue Chefdirigent des Opernorchesters wurde vor über drei Jahren in Amt und Würden gesetzt. Er hätte genug Zeit gehabt, sich mit den akustischen Gegebenheiten des Zürcher Opernhauses vertraut zu machen. Der erste Akt jedoch war am Sonntagabend ein Klangbad an grober, muskelprotzender Lautstärke.
Jemand muss Luisi in der Pause darauf hingewiesen haben, denn der zweite Akt klang deutlich besser, bisweilen sogar delikat und klangfarblich reizvoll, vor allem in den durchsichtig besetzten Passagen, in denen auch das Opernorchester seine individuelle Klasse aufblitzen lassen konnte. Aber die Pegel blieben immer noch um einige Stufen zu hoch. Nicht so sehr in den solistischen Instrumentallinien, die bei Janácek oft die Sänger begleiten, sondern vor allem im Streicher- und Tuttiklang, der deutlich zu kompakt und undurchsichtig blieb.
Der Kampf mit der Lautstärke
Eine Stimme, wie diejenige der amerikanischen Mezzosopranistin Michaela Martens hat damit zwar keine Schwierigkeiten: Mühelos bot sie dem Orchester in der Lautstärke Paroli, was allerdings mit Janáceks stark an der Sprache orientierten Melodielinien weniger zu tun hat als mit Giacomo-Puccini-Kraftprotzereien. Dennoch gelang ihr eine packende Darstellung der Küsterin.
Die Partie der Jenufa ist deutlich leichter, lyrischer, verhaltener angelegt, und das hätte die Besetzung mit der lettischen Sopranistin Kristine Opolais auch bestens gespiegelt, hätte nicht dieses orchestrale Klangbad fast immer die Zwischentöne, Farben, Schattierungen, über die Opolais sehr wohl verfügen würde, schlicht zugedeckt. Christopher Ventris als Laca setzte sich mit seiner Routine und Solidität durch, während als Steva der junge slowakische Tenor Pavol Breslik ein Ausrufezeichen setzte.
Schauspielkunst ja, Zeitgeist nein
Kritische Anmerkung zwei: Dmitri Tcherniakov. Zwar hat der junge russische Regisseur in dieser «Jenufa» auf fulminante Weise bewiesen, dass er Theater machen kann, dass er weiss, wie man Personen auf der Bühne anleitet und Opernsänger auch in sehr schwierigen Theatersituationen führen kann. Das beste Beispiel ist Opolais, mit der man beispielsweise im zweiten Akt, wenn sie vom Tod ihres Kindes erfährt, mit jedem Schritt und mit jeder Geste mitleidet. Es ist eine wahre Lust, diesem Regisseur beim Etablieren von Gesten, Situationen und Konstellationen zuzuschauen, das ist Regie-Handwerk auf höchstem Niveau.
Die andere Seite ist der Entwurf des Stücks: Tcherniakov stellt es in eine aktuelle Gegenwart von heute, in eine Mietskaserne, unter deren Dach alle Mitglieder der offenbar ziemlich durchschnittlichen Familie Buryja hausen, was absolut Sinn macht. Aber warum eine aufgeklärte, vergnügungssüchtige Jugend von heute sich dermassen von der Küsterin sollte einschüchtern lassen, das fällt zu verstehen schon schwer. Und die Schande einer unehelichen Geburt ist heutzutage einfach kein Thema mehr. Jedenfalls nicht in dem Umfeld, das uns Tcherniakov zeigt. In einer türkischen Sippe im Kleinbasel oder einer evangelikalen Familie in den USA würden wir die Geschichte ohne Weiteres glauben.
Eine gnädige Küsterin
Und dabei bleibt Tcherniakov nicht – er inszeniert einen veritablen Opernkrimi: Bei Janácek ist die Küsterin die Mörderin des Babys, und die Musik leidet auch buchstäblich mit ihr mit. Aber Tcherniakov erzählt eine andere Geschichte: Die Küsterin, kinderlos, will das Baby für sich behalten und versteckt es in einem Stubenwagen auf dem Dachboden. Dort findet es die alte Grossmutter, die offensichtlich ein bisschen senil ist, und öffnet das Dachfenster – oder hat sie das Kind etwa gleich selber in den Garten geworfen?
Und beim Finale greift Tcherniakov noch einmal völlig entgegen Janáceks leidenschaftlich glühender Musik ein: Jenufas Verzeihung ihrer Stiefmutter gegenüber ist nur gespielt für die Anwesenden. Sind mal alle weg, inklusive Laca, der sie liebt und zu ihr hält, schlägt sie die Küsterin k.o. und schnappt sich eines der übrig gebliebenen Sektgläser. Sich Janácek auf diese Weise zum Komplizen zu nehmen, seiner Musik zu unterstellen, sich zu verstellen, das ist von einer bewundernswürdigen Tollkühnheit. Jedenfalls wären wir jetzt sehr auf die Fortsetzung der Geschichte gespannt.