Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03541.jsonl.gz/637

Solo-Ferien erleben in den vergangenen Jahren, vor allem bei den alleinreisenden Frauen, ein starkes Wachstum. Hier nun eine Übersicht über ein Marktsegment, das sich in vollem Aufschwung befindet.
In den vergangenen Jahren verzeichneten die Solo-Ferien eine starke Zunahme. Gemäss der Welttourismusorganisation waren 2015 25 % der weltweit gereisten Touristen allein unterwegs. Dieser Anteil stieg in den Ländern wie Frankreich und dem Vereinigten Königreich auf über 30 %.
Dabei wächst der alleinreisende Anteil der Frauen schneller an als derjenige der Männer. Die touristischen Unternehmen bestätigen diese Tendenz. Die 2017 durch die weibliche Kundschaft realisierten Solo-Reisen bei dem Tour Operator 101 Singles Holidays lag bei 63 % der Reservationen, während es 2014 nur 58 % waren. Die Plattform Hostelword ihrerseits konnte innerhalb von 2 Jahren eine Zunahme um 45 % bei den Reservationen von Solo-Ferien durch weibliche Urlauber feststellen.
Wer sind diese Frauen? Wie gehen sie vor? Wie passt sich das touristische Angebot den Erwartungen und Bedürfnissen dieser neuen Kundschaft an?
Wer sind diese Reisenden?
Die Bedürfnisse, sich wieder zu binden, sich zurückzuziehen, sich zu behaupten oder sich von bestimmten Zwängen zu befreien, sind alles Gründe, die immer mehr Frauen dazu ermutigen, das Solo-Abenteuer zu wagen. Die Besorgnis im Zusammenhang mit der Einsamkeit, Vorurteile und Unsicherheit sind dabei Hürden, die es zu überwinden gilt. Für Einige wird die Reise zu einer Initiation oder einer Transformations-Erfahrung, das heisst zu einer beinahe offensiven Handlung.
Vielleicht sind die alleinreisenden Frauen besser vorbereitet als Reisende anderer Segmente. Sie sind aufmerksam auf Kommentare, die andere Reisende hinterlassen und sie wählen eher Hotels mit einer grossen Anzahl von Kommentaren.
Das Bedürfnis nach Absicherung können sie auch bei anderen Reisegemeinschaften finden. Die Reise kann allein oder auch in einer Gruppe mit ähnlich gesinnten Leuten, die man vor Ort trifft, oder im Voraus über Online-Plattformen oder die sozialen Netzwerke kennengelernt hat, stattfinden.
Diese Frauen lieben Aufenthalte im Bereich der Kultur, des Sports oder der Wellness. Sie sind motiviert durch ein starkes Bedürfnis nach Begegnung und sie verreisen lieber ausserhalb der Saison.
Sie sind mehrheitlich eher jung. Aber immer häufiger fühlen sich auch Frauen zwischen 35 und 45 Jahren immer mehr durch diese Erfahrung angezogen. Dies erfolgt zu einem Zeitpunkt, in dem sich das berufliche und private Leben bereits in festen Bahnen befindet.
Zunahme von Angeboten für Frauen
Dank dieser neuen Nachfrage entstehen spezielle Angebote für Frauen.
- Reisebüros und gemeinschaftliche Plattformen
Point Voyages, ein Reisespezialist im Bereich Abenteuerreisen, hat dieses Jahr mit Another trip eine neue Marke gegründet, die sich ausschliesslich den Reisebedürfnissen der Frauen widmet. Es wurden drei Profile entwickelt, um den Interessierten zu helfen die Reise zu finden, die ihnen entspricht: Yes you can! (Abenteuer), cocooning für Aufenthalte im Bereich der Wellness und globe Tripeuse für Kulturinteressierte. Das Angebot umfasst seit Frühjahr 2018 rund 50 Destinationen.
Der Plattform Copines de voyage gelang es, innerhalb von 2 Jahren eine Gemeinschaft von 340'000 Reisenden aufzubauen. Die Plattform ermöglicht den reisefreudigen Frauen, sich zu zusammenzuschliessen und ihren Urlaub gemeinsamen zu verbringen. Copines de voyage hat, ermutigt durch diesen Erfolg, ein neues Angebot kreiert, das auf eine neue Marktnische ausgerichtet ist: Auf Frauen mit über 45 Jahren.
La voyageuse ist eine andere Plattform, welche die reisenden Frauen mit den Bewohnern einer Destination in Kontakt bringt.
Quelle: La voyageuse
- Die Beherbergungen
Die Hotels passen sich dieser neuen Kundschaft an, auch wenn es sich nur um einen Nischenmarkt handelt. Dies ist in der Schweiz beispielsweise bereits bei dem Hotel Einstein in St. Gallen oder bei dem Hotel Bristol in Genf der Fall.
Bei einem telefonischen Gespräch zeigt sich Béatrice Vaisseau, Verkaufs- und Marketingdirektorin des Hotels Bristol in Genf, erfreut über die strategische Positionierung der Beherbergung. Das Hotel hatte im Mai 2016 entschieden, seine Konferenzräume in 9 auf Frauen ausgerichtete Zimmer umzuwandeln. Haartrockner, Haarglätter, Demaskierung, Kosmetik, Detox-Getränke ergänzen die traditionelle Produktepalette. Die Zimmer sind auch geräumiger und die Einrichtung ist durchdacht: Viel Stauraum, mehr Licht zum Schminken usw. Béatrice Vaisseau hält fest: «Es geht darum, mehr Komfort und zusätzliche Aufmerksamkeiten für denselben Preis anzubieten (...). Die Rückmeldungen auf dieses Angebot sind ausgezeichnet, die Kundinnen schätzen diese Aufmerksamkeiten, welche häufig den für die Hotelwahl entscheidenden Unterschied ausmachen».
Patricia Almeida, Inhaberin des Chalet Le Rucher im Val d’Hérens, hat ebenfalls seit drei Jahren ein Angebot für Solo-Reisende eingeführt. Auch hier sind es die Frauen, die am häufigsten von diesem neuen Angebot profitieren wollen. Patricia erzählt uns von dieser Kundschaft, deren Beherbergung ihr grosses Vergnügen bereitet.
Für mich entsprechen die Solo-Reisen der Frauen einem physiologischen Bedürfnis. Und ich denke, dass es in dem Bereich einen wesentlichen Unterschied zwischen den Männern und den Frauen gibt. Während ein Mann es vorzieht, zu neuen Ressourcen zu gelangen, indem er Zeit mit Freunden verbringt, wird eine Frau eher den Wunsch nach Rückzug haben, um einem Bedürfnis der Selbstbeobachtung nachzukommen. Diese Frauen bilden aber keine homogene Gruppe. Ich sehe vier Profile:
Die neue Generation, die 25 Jahre alt ist oder weniger. Diese Frauen haben ihr Studium abgeschlossen und einen Drang nach Freiheit und Entdeckung. Sie verreisen ganz natürlich, ohne ihre Umgebung oder ihren Freund nach der Meinung zu fragen. Es kann ein echter Mentalitätswechsel beobachtet werden, der die Praxis der Solo-Reise von Frauen selbstverständlich macht und dafür sorgt, dass die Akzeptanz in den Augen der Gesellschaft zunimmt. Frauen meiner Generation hätten diesen Schritt nie so spontan gemacht. Es wird interessant sein, diese Entwicklung weiter zu beobachten, um zu sehen, wie sich die diesbezüglichen Angebote entwickeln werden.
Das zweite Profil, das ich identifizieren kann, ist das «sozio-professionelle Profil», wie ich es nenne. Diese Frauen arbeiten häufig in medizinisch-sozialen Sektoren oder in der Erziehung. Sie spüren das Bedürfnis, auszubrechen und erlauben es sich auch. Durch ihren wenig konventionellen Zeitplan folgen sie einem unterschiedlichen Rhythmus und sind sehr flexibel. Sie können mehrmals pro Jahr wiederkommen. Ich kann diese Kundschaft häufig empfangen. Sie besteht aus idealen Gästen, um eine Unterkunft wochenweise zu belegen.
«Mama quadra» schliesslich ist ein Profil, das sich in den kommenden Jahren bestimmt entwickeln wird. Es entspricht einer Mutter, die Haushalt und Beruf bewältigt und beginnt, sich eine Auszeit zu gewähren, indem sie einige Tage verreist. Sie wird nicht weit weg verreisen, um im Notfall schnell zurückkehren zu können. Für mich ist dieses Profil ganz speziell interessant für kleinere Unterkünfte in der Nähe.
Zu guter Letzt kommen die «Vor-Seniorinnen». Frauen in einem reiferen Alter, die nicht mehr unbedingt Lust auf alle Aktivitäten ihres Mannes haben.
Der Empfang der Solo-Reisenden entwickelte sich aus meinen eigenen Feststellungen. Ich selbst bin immer sehr gerne alleine gereist. Parallel dazu war ich im Kontakt mit Bloggerinnen, die ohne ihren Freund gereist sind. Ich habe mir gesagt, dass hier etwas in Bewegung gerät. Als ich jedoch mit meiner Tätigkeit als Gastwirtin begann, war mein Angebot noch nicht auf Solo-Reisende ausgerichtet. Zu Beginn habe ich mich einfach auf eine Nachfrage über die Mund-zu-Ohr Propaganda verlassen. Seit drei Jahren habe ich mich dafür entschieden, auch ein Zimmer für diese alleinreisende Kundschaft bereitzuhalten, weil der Austausch mit diesen Reisenden, die vorwiegend Kundinnen sind, sehr bereichernd ist. Nicht alle Unterkünfte zeigen sich bereit, diese Kundschaft zu empfangen. Man muss vielleicht einfach dazu bereit sein, die eigenen Dienstleistungen entsprechend anzupassen. In meinem Fall ist der Betreuungsaufwand sehr unterschiedlich. Das heisst aber nicht, dass mich der Alleinreisende nicht interessiert. Im Gegenteil! Weil er alleine ist, werde ich ihn noch zusätzlich privilegieren und meine Dienstleistungen personalisieren.
Seit zweieinhalb Jahren kann ich eine Zunahme der Nachfrage feststellen, die es in den fünf vorhergehenden Jahren nicht gab.
Diese Tendenz ist im Kommen. Man erkennt dies schon an der Haltung der Tour Operatoren, die beginnen auf zusätzliche Kosten für «Singles» zu verzichten. Die echten Angebote, die sich klar zu ihrer Positionierung für die weibliche Kundschaft bekennen, werden von vollem Erfolg gekrönt. Die Schweiz hat mit ihren angenehmen Lebensumständen und ihrem aussergewöhnlichen Sicherheitsaspekt alles Notwendige, um diese Kundschaft anzuziehen.
Profil der Solo-Reisenden in der Schweiz*
*Auszug aus dem Artikel unserer Kollegen vom Gastro Journal.
Gemäss den Ergebnissen einer Studie zu den reisenden Touristen in der Schweiz, die durch Tourismus Schweiz durchgeführt wurde, entdecken rund 8 % der Reisenden unser Land als Alleinreisende.
Unter Letzteren gibt es mit 46 % eine Schweizer Mehrheit, der 14 % Deutsche, 4.7 % aus den Vereinigten Staaten, 4.6 % aus den Benelux-Ländern und 3.2 % aus China folgen. Unter den Solo-Reisenden gibt es eine leichte Tendenz zu der jüngeren Generation (37.5 % sind 16 bis 35 Jahre alt), 32.5 % sind zwischen 36 und 55 Jahren alt und 30 % sind über 56 Jahre alt. Der Anteil der Jüngeren ist bei den ausländischen Touristen ausgeprägter: Beinahe 53 % sind weniger als 35 Jahre alt, wobei es bei den Schweizern genau umgekehrt ist, denn ungefähr 46 % sind älter als 56 Jahre. Die Schweizerinnen reisen häufiger alleine (58 %), während bei den ausländischen Touristen der Alleinreisenden die Männer eine knappe Mehrheit bilden (55 %).
Quellen:
Anne-Marie Michaux. LES SOLOS, un marché qui s’appuie sur une tendance lourde. Revue Espaces n°338, Octobre 2017, p.14-18
101 Holidays Blog, “Women over 50 lead boom in solo travel”, 2018
Jill Sayles, “Women fuel demand for solo travel”, Traveldailynews.com, 8 janvier 2018
Vicky Karantzavelou, “Solo travel soars in popularity: 42% increase in bookings since 2015”, Traveldailynews.com, 16 juillet 2018
Vicky Karantzavelou, “Going solo: Amsterdam named top solo travel destination of 2018”, Traveldailynews.com, 23 mars 2018
Caroline Lelievre. « Copines de voyage, Point Voyages : les voyages entre femmes ont le vent en poupe », tourmag.com, 7 mars 2018
Solo Traveler World, Solo Travel Statistics and Data : 2017-2018.
Johanne Stettler. Les voyageurs solos, une tendance forte en 2018. Gastro Journal, 3 avril 2018.