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wegung, welche man «Humanismus» zu nennen pflegt. Sie war eine mehr unmittelbare Folge der geschilderten Zustände, blieb aber auch beschränkt auf den kleineren Kreis der Gesellschaft, welcher die sogenannten «Gebildeten» umfaßte.
Der innerste und letzte Kern der humanistischen Anschauung besteht darin, daß sie in dem ganzen Menschen eine geschlossene Einheit von Sinnlichem und Uebersinnlichem sieht, und nicht blos die Seele - wie die alte kirchliche Lehre - als Ausfluß des Göttlichen erkennt. Die Auffassung, daß dieser «ganze Mensch» das Maß aller Dinge sei, war im Grunde die «heidnische» der antiken Welt, und sie kam daher auf, als man sich mit dieser eingehend zu beschäftigen anfing. Gewöhnlich wird denn auch mit Rücksicht auf die Art, wie sich der Humanismus nach Außen kundgab, der Begriff desselben in beschränkter und oberflächlicher Weise als Wiederbelebung der klassischen Studien und Nachahmung des antiken Lebens aufgefaßt. Ersteres ist jedoch Ursache, letzteres Erscheinungsform.
Beschäftigung mit der Antike. Jene eingehende Beschäftigung mit dem Altertum begann in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, und wurde am stärksten gefördert durch die Aufnahme von Griechen in Italien, welche vor und nach dem Zusammenbruch des byzantinischen Reichs (1453) zahlreich herüberkamen. Die Kenntnis der griechischen Sprache, in welcher ja die grundlegenden philosophischen Werke abgefaßt waren, verbreitete sich und man konnte die letzteren nun in der Urschrift lesen. Die größere Vertrautheit mit den Verhältnissen des Altertums erzeugte sodann eine Begeisterung für die damaligen Staatsformen und für die gesellschaftlichen Zustände, so daß man sie als Vorbilder betrachtete, die nachzuahmen seien. Die Gebildeten bemühten sich, in «klassischem Latein» zu sprechen und zu schreiben, gaben sich antike Namen und ahmten die Sitten der Alten nach. Durch die Gründung von Bibliotheken und Akademien wurden diese Bestrebungen gefördert, welche ihrer ganzen Natur nach freilich auf die gelehrten Kreise beschränkt bleiben mußten und nicht volkstümlich werden konnten. Die «klassische Philologie» (Sprachwissenschaft) und das humanistische Gymnasium sind die Früchte von ehrwürdiger Dauerhaftigkeit, die aus den Keimen jener Zeit entstanden. Diese gelehrte Richtung rief aber bald auch eine Gegenströmung hervor, welche auf die Pflege der Volkssprache und heimischen Dichtung drang.
Verhältnis der Humanisten zum Christentum. Die Humanisten blieben jedoch
^[Abb.: Fig. 405. Alberti: San Francesco.
Rimini.]
^[Abb.: Fig. 406. Alberti: San Andrea.
Mantua.]
trotz dieser antiken Anwandlungen auf dem Boden des Christentums und anerkannten die Autorität der Offenbarung. Die Kirche und namentlich die Priesterschaft wurden freilich oft in derbster Weise verspottet, und schlimmer noch als die Zügellosigkeit der Sprache war jene der Sitten, durch welche viele sich hervorthaten. Doch daran nahm damals auch die Kirche keinen Anstoß und wir finden nicht nur viele Humanisten in kirchlichen Diensten, sondern unter den Päpsten selbst eifrige Förderer der ganzen Bewegung.
Wenn diese nun auch hauptsächlich mit jenen Wissenschaften sich beschäftigte, die mit dem Schrifttum und der Philosophie zusammenhängen, so kam sie doch auch den Naturwissenschaften zu gute. Die allgemein regere wissenschaftliche Thätigkeit gab sich auch auf deren Gebiete kund, veranlaßte Forschungen und überhaupt eine genauere Beobachtung der Natur.
Veränderungen auf politisch-wirtschaftlichem Gebiete. Mit dem Umschwunge auf dem geistigen Gebiete, welcher eine neue Weltanschauung vorbereitete, verliefen gleichzeitig auch starke Veränderungen der staatlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zustände. Es erfolgt die Auflösung des Lehens-Staates, das Bürgertum gelangt zu einflußreicher Machtstellung, Handel und Gewerbe werden für die Volkswirtschaft entscheidend, und damit vollzieht sich auch der Uebergang von der Naturalwirtschaft zur Geldwirtschaft.
Im alten germanischen Volksstaate lag die politische Macht bei der Gesamtheit der Freien, der König war nur Führer und Vertreter; dann hatte dieser allmählich alle Macht an sich gezogen, die daraus sich ergebenden Rechte an seine Dienstleute (Vasallen) vergeben, welche dafür ihm zur Gefolgschaft und unbedingten Treue verpflichtet sein sollten. Diese ausgeklügelte Staatsordnung versagte jedoch, da die Dienstleute im Besitz der Machtmittel ihrer Pflicht gegen das Königtum sich zu entledigen strebten und letzteres in Abhängigkeit von ihnen brachten. In langen und schweren Kämpfen bricht dieses endlich die Macht der Vasallen und begründet seine unumschränkte Machtstellung.
Der Verlauf dieser Entwicklung war in den einzelnen Volks- und Staatsgebieten verschieden. Am raschesten und vollständigsten kam in Frankreich das Königtum zu seinem Ziele: unter Ludwig XI. (1461-83) ist dessen unumschränkte Herrschaft fest begründet und damit auch der volkliche Einheitsstaat. In England war durch die Thronkämpfe (Krieg zwischen der roten
^[Abb.: Fig. 407. Alberti: Hauptthüre von St. Maria Novella.
Florenz.]
^[Abb.: Fig. 408. Rosselino (?): Palazzo Piccolomini.
Siena.]