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Aussergewöhnliche Erfahrungen, Salienz und dopaminerge Neurotransmission
Als «übersinnlich» bezeichnete Phänomene wie Gedankenübertragung, Deja-vu, ausser-körperliche Erfahrungen, Visionen, Erscheinungen von Verstorbenen oder Hellsehen finden trotz, oder eben wegen, rasanter wissenschaftlicher und technischer Fortschritte ein breites öffentliches Interesse. In der Wissenschaft hat sich dafür der Begriff «aussergewöhnliche Erfahrungen» eingebürgert. Auch Menschen mit einer psychotischen Erkrankung (z. B. Schizophrenie) beschreiben solche Phänomene wie akustische oder optische Halluzinationen oder auch Gedankeneingebungen. Die Nähe aussergewöhnlicher Erfahrungen zu Symptomen, die im Laufe einer psychotischen Erkrankung auftreten, zeigt, wie wichtig eine genaue Analyse dieser Phänomene ist. Verstecken sich hinter aussergewöhnlichen Erfahrungen abgeschwächte Formen psychotischen Erlebens? Wie lassen sie sich voneinander abgrenzen? Lassen sich Übergänge feststellen?
Die Grenze zwischen aussergewöhnlichen Erfahrungen und jenen Erlebnissen, die als psychotische Symptome Kernmerkmale schizophrener Psychosen darstellen, ist nicht eindeutig festzumachen. Dieser Tatsache wird im Kontinuumsansatz Rechnung getragen, in dem psychotische Symptome auf einem Kontinuum zwischen «gesundem» und «krankem» Erleben angeordnet werden. Psychotische Anzeichen werden dabei als Teil des psychologischen und biologischen Erfahrungsspektrums betrachtet, das die individuelle Variation zwischen Menschen abbildet. Dieser Ansatz steht damit traditionellen Psychose-Modellen entgegen, die mittels einer kategorialen Einordnung (gesund – krank) die Unterschiede zu gesundem Erleben qualitativ bestimmen. Ein gemeinsamer Indikator für alle Phänomene auf diesem Kontinuum ist der Dopamin-Stoffwechsel (ein Botenstoff) im Gehirn. Neuere Studien zeigen, dass Personen, die über paranormale Fähigkeiten oder Erlebnisse berichten, eine erhöhte Verfügbarkeit dieses Botenstoffs im Gehirn aufweisen. Dopamin gilt als Vermittler von Aufmerksamkeit und ist bei motivationalen, emotionalen und geistigen Prozessen involviert. Damit kommt Dopamin eine wichtige Rolle bei aussergewöhnlichen Erfahrungen zu, sowohl in nach psychiatrischen Kriterien als krank definierten, als auch in gesunden Populationen.
Zielsetzung des Projekts ist es nicht, aussergewöhnliche Erfahrungen zu pathologisieren. Die Ähnlichkeit zwischen außergewöhnlichen Erfahrungen und Symptomen einer psychotischen Erkrankung ermöglicht jedoch, das theoretische Fundament der Psychose-Forschung als Grundlage für die Untersuchung von aussergewöhnlichen Erfahrungen zu nutzen. Dazu werden die biologisch-psychologischen Grundlagen aussergewöhnlicher Erfahrungen allgemein und speziell der Einfluss der neuronalen Aktivität untersucht werden.
Eine hohe Reproduzierbarkeit ist unabdingbar für eine präzise Diagnose psychotischer Krankheiten. Die diagnostische Einordnung soll, dem Gegenstand angemessener, nicht länger durch eine kategoriale, sondern eine kontinuierliche Diagnostik verbessert werden: Damit könnten aussergewöhnliche Erfahrungen und psychotische Symptome auf einem Kontinuum zwischen gesunden und klinischen Populationen eingeordnet werden.
Publikationen
In: Front. Psychol., 18 February 2013, doi: 10.3389/fpsyg.2013.00065
A comparative study of exceptional experiences of clients seeking advice and of subjects in an ordinary population
W. Fach, H. Atmanspacher, K. Landolt, T. Wyss, W. Rössler
In: Front. Public Health, 21 May 2014 | doi: 10.3389/fpubh.2014.00051
Help-seeking in people with exceptional experiences: results from a general population sample
Karin Landolt, Amrei Wittwer, Thomas Wyss, Lui Unterassner, Wolfgang Fach, Peter Krummenacher, Peter Brugger, Helene Haker, Wolfram Kawohl, Pius August Schubiger, Gerd Folkers and Wulf Rössler