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© 1990 Markus Kappeler
Von fischenden und hämmernden Schimpansen
oder
Werkzeuggebrauch bei den Menschenaffen
Werkzeuggebrauch bedeutet die Benutzung eines an sich neutralen Gegenstands, um damit ein Ziel zu erreichen, das ausserhalb der Reichweite der körpereigenen Mittel liegt. Werkzeuggebrauch erfordert gewöhnlich ein Abweichen vom geradlinigen Vorgehen zwecks Beschaffung des Werkzeugs, bedingt einen gedanklichen und räumlichen Umweg. Solches Handeln aber erfodert eine beachtliche Leistung des Gehirns, welche mit «Planung» und «Einsicht» zu umschreiben wäre.
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Es gab eine Zeit, da dachten die Wissenschaftler, dass der Werkzeuggebrauch eine typische Eigenheit des Menschen sei, die ihn deutlich von den Tieren unterscheide. Als jedoch mehr und mehr Tierarten eingehend im Freiland untersucht wurden, da fand man zwar nicht häufig, aber doch hier und dort zielgerichteten Einsatz von Werkzeugen:
Der auf den Galapagosinseln beheimatete Spechtfink
ernährt sich zur Hauptsache von Insekdenlarven, die er im morschen Holz, unter loser Rinde und in anderen Verstecken aufstöbert. Mitunter geschieht es, dass er eine Larve in ihrem Bohrgang entdeckt, sein Schnabel aber zu kurz ist, um sie zu packen. Dann bricht er sich in der Nähe ein Stocherwerkzeug (zumeist einen Kaktusdorn) ab, fliegt damit zum Bohrgang zurück und hebelt mit seiner Hilfe die Beute heraus.
Der afrikanische Schmutzgeier
benutzt Steine als Werkzeuge, um Strausseneier zu öffnen, denn mit seinem Schnabel allein wäre er nicht in der Lage, deren harte Schale zu zerstören. Findet er ein verlassenes Straussenei, so ergreift er mit seinem Schnabel einen in der Nähe befindlichen Stein, trägt ihn zum Ei, streckt sich in seiner ganzen Länge und schleudert den Stein gezielt gegen das Ei. Ein Dutzend Würfe sind durchschnittiich nötig, um die Schale zu zerbrechen. Der Aufwand lohnt sich aber, denn das über 1 Kilogramm schwere Ei bedeutet eine reichhaltige Mahlzeit für den rabengrossen Geier.
Echten Werkzeuggebrauch findet man auch beim Seidenlaubenvogel
in Neuguinea. Zur Balzzeit baut das Männchen eine Laube aus Pflanzenmaterial und bemalt deren Wände farbig. Dazu zerkaut es zuerst in seinem Schnabel farbstoffhaltige Früchte und vermischt den Fruchtsaft mit seinem Speichel. Dann nimmt es ein längliches Rindenstückchen quer in den Schnabel, und während von diesem «Pinsel» die Farbe abfliesst, reibt es ihn an den Wänden der Laube auf und ab. Vor der so geschmückten «Liebeslaube» führt das Männchen dann allerlei Balzspiele vor, um ein Welbchen anzulocken.
Der an den Küsten des Nordpaziflks lebende Seeotter ernährt sich gerne von Muscheln und Schnecken, die er am Meeresboden findet. Oft taucht er mit seiner Beute auf und zertrümmert dann deren harte Schalen auf einem flachen Stein, den er auf der Brust balanciert, während er rücklings an der Meeresoberfläche treibt. Den Stein trägt er bei der Nahnungssuche gelegentlich sogar mit sich herum, indem er ihn zwischen den Hinterbeinen einklemmt.
Werkzeuggebrauch ist angesichts der genannten Beispiele eigentlich auch von den freilebenden Menschenaffen zu erwarten, denn schliesslich stehen sie uns in der Entwicklung ihres Grosshirns und in dessen Leistungen näher als alle anderen Tiere. Trotz eingehender Freilandstudien ist allerdings weder bei den Gibbons noch bei den Gorillas die Benutzung von Werkzeugen festgestellt worden. Und von wilden Orang-Utans kennen wir Werkzeuggebrauch nur in sehr einfacher Form: So wurde einmal eine Orang-Utan-Mutter beobachtet, die sich mit Blättern sauber wischte, als sie vom Kot ihres Kindes beschmutzt worden war. Und ein wildlebendes Orang-Utan-Männchen wurde einmal gesehen, wie es einen Ast abbrach, um sich damit am Rücken zu kratzen.
Hochentwickelten Werkzeuggebrauch finden wir dagegen bei den freilebenden Schimpansen. Tatsächlich benutzen sie viel häufiger Werkzeuge als jedes andere Tier und stehen also auch in dieser Hinsicht uns Menschen am nächsten.
Schimpansen kommen beispielsweise an Wasser heran, das sich in nicht unmittelbar zugänglichen Asthöhlungen befindet, indem sie derbe Blätter zu einer faserigen Masse zerkauen und sie dann in die Höhlung stopfen. Dieser «Schwamm» wird anschliessend herausgezogen und ausgesaugt, und dieser Vorgang kann sich mehrfach wiederholen.
Um Termiten aus ihren unterirdischen Bauten zu «angeln», stecken Schimpansen gerne Zweige oder Halme in deren Gänge und warten, bis sich die Insekten in einer Abwehrreaktion daran festgeklammert haben. Dann ziehen sie sie wieder heraus und verzehren die Tierchen. Die Planmässigkeit dieses «Termitenfischens» wird daraus ersichtlich, dass die Schimpansen oft Umwege von mehreren hundert Metern machen, unterwegs eine Handvoll Halme von verschiedenen Dicken und Längen sammeln, um dann diejenigen am Termitenbau zu benutzen, die am besten passen.
Schimpansen öffnen manchmal hartschalige Nüsse (besonders Coula-Nüsse) mit Hiife von Werkzeugen: Zuerst suchen sie sich eine Wurzel oder einen Stein als «Amboss». Zu diesem tragen sie dann so viele Nüsse, wie sie auf einmal fassen können, und dazu einen bis zu anderthalb Kilogramm schweren Stein oder einen starken Stock als «Hammer». Die Nüsse werden dann aufgelegt und eine nach der anderen mit mehreren Schlägen geknackt.
Ein weiteres Beispiel für Werkzeuggebrauch bei Schimpansen ist die Verwendung von Knüppeln als «Waffen»: Der niederländische
Zoologe Adriaan Kortlandt hat einmal an Orten, wo wilde Schimpansen leben, einen ausgestopften Leoparden so verborgen, dass er plötzlich aus seinem Versteck hervorgezogen werden konnte. Tat er das, wenn nichtsahnende Schimpansen anwesend waren, so kam es stets zu einem unglaublichen Aufruhr. Manche von ihnen packten in der Folge Knüppel und Stöcke, schwangen sie in einem «Imponiertanz» herum und warfen sie gegen den Leoparden, ja in gewissen Fällen schlugen sie sogar gezielt und wuchtig auf den Fressfeind ein.
Mit der Zunahme von Feldstudien in verschiedenen Teilen Afrikas entdeckte man in den letzten Jahren, dass sich bei den Schimpansen offenbar lokale «Kulturen», das heisst unterschiedliche Traditionen im Werkzeuggebrauch, entwickelt haben. So wurde das Termitenfischen in einigen ostafrikanischen Savannengebieten beobachtet, während die «Nussknacker-Schmieden» bisher nur aus dem westafrikanischen Tai-Wald bekannt sind.
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