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An dieser Stelle veröffentliche ich im allgemeinen kürzere Blog-Beiträge zu Aktualitäten in den Themen Biodiversität in der Stadt oder Klimaschutz. Zur Abwechslung stelle ich hier einen längeren Essay vor, der sich der Natur in der Stadt auf andere Weise, mit dem Tiber auf Augenhöhe nähert. In vier Teilen werden Sie viel über den Tiber erfahren, die Gründungsgeschichte von Rom und die Rolle, die der Fluss darin gespielt, über die Quelle der Nymphe Egeria und ihre Rolle in der Gründung der Ewigen Stadt, über die Funktionalisierung von Wasser durch die Römer:innen, die Instrumentalisierung des Flusses durch den Faschismus – und was diese Vergangenheit mit unserer Gegenwart zu tun haben könnte. Dies ist Teil 2 des Essays.
Diese Pflanze auf meinem Quellteich
… ich mache eine wunderbare Entdeckung: Flüsse mögen zwar durch männliche Gottheiten gelenkt und beschützt werden. Aber die Welt der Quellen gehört den Nymphen. Und obwohl es eine Vielzahl von Typen und Spezialisierungen von Nymphen gibt, sind sie oft an alte matriarchale Traditionen und an die Naturverehrung gebunden. Nymphen beschützen Quellen und Brunnen, Wälder und Bäume, Wiesen und Täler oder Grotten und Höhlen. In anderen mythologischen Traditionen würde man sie Feen nennen oder einfach Naturgeister.
Sie sind eher menschenscheu, verlieben sich dennoch ab und zu in Sterbliche und umgekehrt. Sie üben unter gewissen Umständen Rache und bringen Unheil über Menschen. Vor allem wenn diese gefrevelt und sich beispielsweise an einem Baum vergriffen haben. Wie ich darauf aufmerksam werde? Ganz unverhofft und an einem wenig wahrscheinlichen Ort. Wegen eines „sciopero“, eines Bahnstreiks, bin ich gezwungen, in einem römischen B&B zu logieren und verbringe eine Nacht in einem Zimmer mit dem Namen Amadriadi. Als ich nachschlage, zu wem dieser Name gehört, lerne ich, dass dieser Typus von Nymphe mit dem Baum stirbt, wenn dieser gefällt oder anderweitig verletzt wird. Einzelne Nymphen sind andern über-, andere andern untergeordnet. Es benötigt wenig Phantasie sich vorzustellen, dass es hinter unserem modernen Konzept der Lebensräume oder der Ökosysteme eine vielschichtige Parallelwelt der Naturgeister, Nymphen, Faune und Feen gibt. Sie wohnen Pflanzen, Tieren, Gewässern und Landschaften inne.
In der römischen Mythologie gibt es auch vier sogenannte „camenea“, die die Typologie der Nymphen entgrenzen und mit weiteren Spezialisierungen erweitern. Die Nymphe Egeria beispielsweise beschützt eine Quelle und gehört damit zu einer Gruppe anderer Wächter und Wächterinnen des Landabschnitts, in dem ihre Quelle entspringt. Darüber hinaus wurde sie aber bekannt dafür, dass sie den zweiten König von Rom, Numa Pompilius in politischen und religiösen Belangen beraten hat. Ausser ihr gibt es Carmenta, Antevorta und Postvorta, die für gute Geburten zuständig waren oder als Musen oder Orakel fungierten. Allen gemeinsam sind ihre Fähigkeiten, Menschen zu inspirieren.
Hier soll es nun im Weiteren um die Nymphe Egeria gehen, weil sie ebenfalls eine wichtige Rolle in der frühen Geschichte von Rom spielt. Wie der männliche Flussgott Tiberinus sprach die Nymphe mit einem weltlichen Fürsten und gab damit der Geschichte von Rom göttliche Impulse. Doch war die Gründungsgeschichte von Rom mit Äneas und mit Romulus kriegerisch, schwang das Pendel mit Numa Pompilius (715-673 v. Chr.) in die andere Richtung. Ihm wird nachgesagt, dass er Frieden unter den zerstrittenen italischen Völkern stiftete.
Die Quelle lag einst innerhalb eines heiligen Wäldchens, unweit der Colli Albani. Auch heute noch sorgt das vulkanische Gelände der Hügel dafür, dass die Quelle Egerias Mineralwasser führt, das bei Magenbeschwerden helfen soll. In den albanischen Hügeln gab es einst auch eine heilige Stätte der Diana, zu der die Nymphe Egeria eine Beziehung unterhielt.
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Anfang April mache ich einen Ausflug in einen Teil von Rom, der die Anmutung aus Freizeitpark und offener Landschaft hat. Der Ort liegt gleich bei der antiken Via Appia. Am Eingang stehen Sportgeräte für Fitnessbewusste, Picknick-Zonen für Familien oder andere erholungsbedürftige Römer und Römerinnen. Es gibt einen kleinen Fluss, den Almeno, Bäche, Wiesen, jede Menge Wildkaninchen in den Büschen und wilde Mönchs- und Halsbandsittiche in den Bäumen.
Wer in letzter Zeit in Rom war, wird sich vielleicht über den Neuzugang dieser nicht-einheimischen Vögel gewundert haben. Die Sittiche sind oft in Gruppen unterwegs, sofort durch ihr hellgrünes Federkleid sicht- und hörbar durch ein eher unangenehmes Krächzen. Sie landen über den Köpfen von Touristen und Römerinnen in den Wipfeln der Bäume der Villa Borghese genauso wie der Universität La Sapienza. Sie sind einfach überall. Mir bereitet es Vergnügen zu beobachten, wie diese farbigen Vögel ihre langen grünen Schwanzfedern bei der Landung spreizen. Ich höre, dass sie auch in Deutschland oder an der Küste von Südengland aufgetaucht sind. Ihre Anwesenheit dort würde mich wohl noch mehr erstaunen. Aber in Rom, dem Melting Pot des Mittelmeers, so nahe bei Nordafrika und dem alten Orient, passen die Sittiche, die eine leichte Atmosphäre der Hektik verbreiten, perfekt ins Bild.
Das Nymphäum der Egeria liegt etwas versteckt, als möchte es nicht auf Anhieb gefunden werden. Zu Zeiten von Numa Pompilius’ geheimen nächtlichen Besuchen war die Quelle wohl wie heute ein tröpfelndes Etwas in einem Wäldchen oder Hain. Das Nymphäum der Egeria, dessen Relikte man heute noch sieht, ist jedoch erst im 2. Jahrhundert n.Chr. erbaut worden. Was ich anlässlich meines Besuchs dort antreffe, ist eine in einen buschigen Hügel eingelassene Nische innerhalb einer grösseren Marmorstruktur, aus der Wasser träufelt. Dieses sammelt sich im Teich im Vordergrund des Nymphäums, die Oberfläche ist fast vollständig durch die kleinen hellgrünen Blätter einer Pflanze bewachsen, wie ich sie auch schon in der Schweiz gesehen habe.
Ein niedriges Metallgeländer mit einer Schautafel trennt das Allerheiligste der Quelle gegenüber den Besucherinnen und Besuchern ab. Über die Tafel gebeugt sehe ich eine junge Frau, fast etwas zu sommerlich gekleidet für den März. Irgendetwas Wallendes in Gelbtönen. Sie lächelt mich an, macht Platz bei der Schautafel und lehnt sich mit den Unterarmen auf das Geländer. Und sie sagt den etwas rätselhaften Satz: „Die liebe Egeria hat das doch sehr geschickt gemacht, nicht. Diese Pflanze dort auf dem Teich ist für Euch heute ganz nützlich.“ Ich sehe sie von der Seite an und warte auf eine Erklärung, aber etwas sprunghaft meint sie, ich solle morgen beim Verzehr meines Beeren-Joghurts an sie denken. Mittlerweile bin ich ja sensibilisiert, wie man im Psycho-Sprech sagen würde. Auch dieses Mal löst sich diese exzentrische Gestalt nicht in Luft auf, sondern setzt sich einen etwas altmodischen Strohhut auf und geht im Spaziertempo ihrer Wege. Ich zucke mit den Schultern und vergesse die Sache.
Als ich am nächsten Morgen im Villaggio Olimpico in den Kühlschrank greife, entdecke ich überrascht, dass sich darin ein Joghurt in der Geschmacksrichtung von „frutti di bosco“, Waldbeeren befindet. Wie konnte sie dies nur wissen, fährt mir durch den Kopf, und nun bin ich nicht nur sensibilisiert, sondern hochmotiviert, das Rätsel zu lösen. Die Gelb-Gewandete muss die Pflanze auf dem Quellteich gemeint haben, diese mit den ganz kleinen Blättchen an der Oberfläche. Im Internet erfahre ich, dass es sich um die kleine Wasserlinse oder die Entengrütze handelt und dass diese fähig ist, dem Wasser Stickstoff, Phosphat und andere organische Stoffe zu entziehen. Diese Eigenschaft könne dazu verwendet werden Schmutzwasser zu reinigen, wie es beispielsweise in der Schweinehaltung anfällt. Was Egeria an ihre Pforte gezaubert hat, ist eine regenerative Pflanze, als wüsste die Nymphe, wie es heute um die Qualität des Wassers bestellt ist und wie bitter nötig Lösungen sind, mit den unerwünschten Schadstoffen aus der Landwirtschaft und des Abwassers aus Siedlungsgebieten umzugehen. Jede aufmerksame Person wird in den letzten Jahren verstanden haben, dass das Trinkwasser aus Quellen und Flüssen unser erstes und wichtigstes Nahrungsmittel ist und dass vor allem industrielle Formen der Landwirtschaft dieses Wasser regelmässig vergiften. Notabene: Die kleine Wasserlinse ist keine teure technische Infrastruktur, sie reinigt Wasser gratis und franko. Und was sollte der „frutti di bosco“-Hinweis? Nun ja – Quellwasser sickert durch Hügel und Waldböden und wird damit gefiltert. Ich kann nur hoffen, dass in Egerias Hain weiterhin Waldbeeren zu finden sind, denn dies liesse auf einen hinlänglich gesunden Lebensraum schliessen.
Ich verstehe auch, weshalb mich Tiberinus zu Egeria geschickt hat. Sie ist ein weiterer Beweis, eine Wiederholung in der Geschichte des frühen Roms. Wie schon beim Tiber spricht hier eine Quelle zu einer mythischen Figur aus römischer Vorzeit. Doch während Tiberinus Äneas den Weg wies, sich seinen Platz in Italien zu erobern und Krieg zu führen, hat Egeria Numa Pompilius den Weg zu mehr Frieden gewiesen. Die Entstehung einer römischen Identität macht diese Beziehung zu einer Erfolgsgeschichte. Über Jahrhunderte hinweg sollte Pompilius deswegen einen ausgezeichneten Ruf geniessen. Inspiriert durch Egeria baut Pompilius Tempel, führt religiöse Rituale und die richtige Ordnung für Opferleistungen ein, er teilt den Kalender in zwölf Monate auf und organisiert selbst die Administration der Religion durch Priester und einen Pontifex. Egeria berät Pompilius und seine Römer und Römerinnen in Bezug auf einen richtigen Lebenskodex, der auf einer gemeinsamen Religion und ihrer Riten basiert. Der Flussgott und die Nymphe sind Akteure gewesen, haben inspiriert und damit gestaltet. Solange, bis die Menschen reif genug waren, das Steuer selbst in die Hand zu nehmen.
Cicero (106 bis 43 v.Chr.) bekräftigt später die Rolle, die Egeria für Rom gespielt hat. Der Historiker und Dichter Livius (59 v.Chr. bis 17 n.Chr.) hingegen, der rund 500 Jahre nach Numa Pompilius eine Geschichte von Rom seit seinen Anfängen vorlegt, sieht dies anders. Livius beschreibt den zweiten König Roms zwar als den Begründer einer römischen Religion, aber er hält die Einflüsterungen der Egeria für eine Erfindung von Pompilius. Seine Verbindung zu einer Art göttlichem Internet sollte ihm bei seinen Untertanen Legitimation und eine Aura des Göttlichen verschaffen. Wie Moses, der mit zwei Tontafeln vom Berg Sinai herunterstieg und Gehorsam einforderte, kehrte Numa Pompilius von seinen nächtlichen Exkursionen mit klaren Vorstellungen zurück, wie die Stämme durch religiöse Ideale zu einem friedlichen Rom geeint werden sollten.
Livius sah darin nicht unbedingt etwas Anstössiges, sondern ein Mittel zum Zweck für Pompilius’ über 50 Jahre dauernde Regentschaft. Doch Livius kritische Betrachtungsweise verdrängt die Darstellung einer direkten Kommunikation von Nymphe (Sender) und König (Empfänger). Er stellt die patriarchale Hierarchie wieder her, denn für ihn konnte eine Quelle nie und nimmer eine staatstragende Rolle innehaben, wenn, dann war diese nur als eine romantisch verbrämte Geschichte einer Muse zu verstehen oder als eine Erfindung.
Angesichts dieser Diskrepanz der Meinungen zwischen römischen Nachgeborenen frage ich mich, was Egerias Version der Geschichte wäre. Ich beschwöre das Bild der etwas exzentrischen Frau bei der Quelle herauf und sie erzählt gerne mehr: Dass sie dem König nicht nur eine Staatsphilosophie vermittelt hat, damit er in der von Konflikten geplagten Anfangszeit Frieden zu stiften vermochte. Die auf religiösen Riten und Frömmigkeit beruhende neue Ordnung kam inklusive einer Strategie zu deren Umsetzung. Und mit einem Schmunzeln fügt sie hinzu, dass altes matriarchales Wissen das Fundament von Pompilius’ Religion bildete, für ein Leben im Einklang mit den Gesetzen der Natur und mit ihrer Lebensgrundlage.
Egeria fährt fort, dass sie nicht nur Pompilius regelmässig beraten hat, sondern auch die Vestalinnen, die sie für ihren Wasserbedarf besuchten. Sie konnte einen Kommunikationskanal aufrechterhalten, damit matriarchales Wissen nicht verloren ging. Denn die Vestalinnen, ausgesucht aus den besten Familien Roms, waren zwar eingebettet in die patriarchale Ordnung Roms. Aber sie waren auch in die jährlichen Rituale in Egerias Hain eingebunden, bei denen der Göttin Diana gehuldigt wurde. Beide, Göttin wie Nymphe, halfen Frauen bei Fragen der Fruchtbarkeit und des Gebärens.
Über Livius geht sie schnippisch hinweg. Aber ich stosse mich daran, dass dieser Geschichtsschreiber eine zynische Betrachtungsweise eingenommen hat, selbst wenn ich mich damit dem Verdacht aussetze, dass mir Naturidylle und Romantik näherstehen als die kühle Analyse des Historikers aus Rom. Mir drängt sich gar ein böses Bild auf: Wie ein Brunnenvergifter schleicht der Skeptiker und selbsternannte Realist durch Egerias Wäldchen und pinkelt in ihren heiligen Quellteich.
Wenigstens tröstet mich ein Artikel über Römische Kunst.[i] Während der Republik und Kaiserzeit beschwören viele Autoren, Redner, Philosophen, Historiker oder Dichter die Einfachheit des Landlebens, die Liebe zur Natur und die Beseeltheit ebendieser durch Götter, Faune, Nymphen … Figuren wie Cicero, Horaz oder Ovid entwerfen idyllische Gegenwelten zur Realität des Machtstrebens des wachsenden Imperiums bzw. zur lockeren Moral, die in der Ära der späteren Kaiser in Rom überhandnimmt. Als ein Beispiel dafür könnte ich Ovids „Metamorphosen“ anführen, die noch in einem Winkel meines Gehirns vorhanden sind. Ovid eröffnet sein Gedicht mit der Beschreibung eines mythischen Goldenen Zeitalters. „Aurea prima sata est quae vindice nullo, sponte sua sine lege fidem rectumque colebat. – Als erstes entstand das Goldene Zeitalter, welches ohne einen Strafvollstrecker, freiwillig und ohne ein Gesetz immer die Aufrichtigkeit und das rechte Tun hochhielt. „[ii] Darauf folgen bedeutend weniger glanzvolle Zeitalter.
Während die Werke Ovids, Ciceros, Horaz’ oder Tacitus’ – Letzterer schrieb über die Germanen als ein edles Volk, ganz im Gegensatz zu den verdorbenen Römer und Römerinnen – als naiv, rückwärtsgewandt und verzuckert gelten mögen, so sind sie doch auch Zeugnisse des impliziten Verständnisses dieser Autoren für die Natur und die Götter, Faune und Nymphen, die sie antreiben und beschützen. Im Einklang mit diesen Kräften zu sein, wird als Massstab für ein gutes und gelungenes Leben dargestellt. Über die göttlichen Naturgesetze Bescheid zu wissen, ist der bessere „Benchmark“ als das dekadente Leben der Mächtigen in der Stadt und der Expansionstrieb der römischen Kaiser. Das goldene sollte für spätere rostige Zeitalter als Richtschnur dienen.
[i] Wren, L. (1987). Roman Art. In: L. H. Wren & D. J. Wren (Eds.), Perspectives on Western Art. Harper & Row.
Hier geht es zu Teil 1 von „Mit dem Tiber auf Augenhöhe“: