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| Briefwechsel mit Michael Ende|
Michael Ende (11.8.88) und Werner Zurfluh (17.8.88)
|e-mail:||Homepage||Michael Ende|
Der umfangreiche Briefwechsel mit Michael
Ende begann im August 1988 und dauerte bis 1994. Eines Tages wird er vielleicht
in Buchform herauskommen, aber es wird noch einige Zeit dauern, bis es dazu
kommt. Der Tod von Michael Ende am 28. August 1995 hat mich sehr traurig
gestimmt, zumal die Umstände, die dazu geführt haben, mehr als ärgerlich
sind. Wir haben uns einmal oberhalb von Davos getroffen und dann mehrere Stunden
miteinander geredet. Und in den Zeiten, als es ihm und auch mir schlechter ging,
benutzten wir notgedrungenermassen das Telefon.
Es begann mit folgendem Brief:
11.8.1988, München
Sehr geehrter Herr Zurfluh,
Ihre Adresse habe ich von Hans-Peter Duerr bekommen, nachdem ich ihm bei unserem letzten Zusammentreffen erzählte, welch ungemein starken Eindruck Ihr Buch "Quellen der Nacht" auf mich gemacht hat. Ich muß gestehen, daß ich dieses Buch schon seit geraumer Weile in einem meiner Regale stehen hatte, ohne je hineinzusehen. Der Grund dafür war, daß es mir von einer jener Licht-Luft-Sonne-Damen zugeschickt worden war, wie Sie sie sicherlich selbst zur Genüge aus den New-age-Ahsrams kennen werden. Ich meine damit jene Wohlstandsesoteriker, die aus dem Eintritt in andere Bewußtseinswelten vermittels eines marktgerechten Friede-Freude-Eierkuchen-Rezeptes einen garantiert unschädlichen Ferienaufenthalt, bestenfalls so etwas wie einen risikofreien Abenteuerurlaub zu machen versprechen, von dem man dann innerlich "gereinigt" und "gestärkt" in den mörderischen Konkurrenzkampf unserer Zivilisation zurückkehrt. Ich glaube, man nennt das Lebenshilfe.
Aber dann geriet ich zunächst an ein anderes Buch, das mich doch stark interessierte: "Schöpferisch träumen" von Prof. Paul Tholey und Kaleb Utecht (Falken Verl.) Der darin enthaltene Bericht über eine neue (zumindest für mich neue) Entwicklungsrichtung der psychologischen Forschung, die auf Techniken des "Klar-Träumens" aufbaut, schien mir doch außerordentlich bedeutsam, obgleich ich die noch immer beinahe krampfhaft festgehaltenen naturwissenschaftlichen (d.h. hier gehirnphysiologischen) Prämissen der Autoren für reichlich fragwürdig hielt. In diesem Buch fand ich jedoch einen Hinweis auf Ihre "Quellen der Nacht", und so holte ich es mir endlich doch aus dem Regal und begann zu lesen. Das war nun freilich ein anderes Kaliber!
Selten hat mich in den letzten zehn Jahren ein Buch so in Bewegung gebracht und mich mit einer so entschiedenen Aufbruchsstimmung erfüllt wie das Ihre. Ich schreibe das gewiß nicht aus einem leichtfertigen Enthusiasmus, sondern nach reiflicher Überlegung und langem Zögern: Ich glaube Ihnen jedes Wort. Ich weiß einfach, daß es wahr ist, was Sie berichten - obwohl ich mir eigentlich keine Kompetenz anmaßen kann, da meine eigenen Bemühungen, den Zustand des Klar-Traums oder gar den des außerkörperlichen Bewußtseins zu erreichen, bislang vergeblich waren.
Ich weiß es aus meinen "normalen" Träumen, die zum Teil Jahre und Jahrzehnte zurückliegen und die den von Ihnen geschilderten "Weltenfahrten" in manchen Punkten fast wörtlich entsprechen. Schließlich weiß ich es aus meiner schriftstellerischen Arbeit, bei der mir bisweilen Ideen kommen, die für mich die unbezweifelbare Evidenz von Erinnerungen haben, ohne daß ich freilich sagen könnte, wann und wo ich Erfahrungen dieser Art gemacht hätte.
Was mein besonderes Zutrauen in Ihre Art der Beschreibung und Ihre Auseinandersetzung mit dem Erfahrenen schafft, ist die Tatsache, daß Sie in keinem Moment "von oben nach unten" reden, also nie einen guruhaften Anspruch stellen, dem der Hörende sich wohl oder übel zu unterwerfen hat - bei Androhung des Sympathie-Entzuges von Seiten des Meisters. Eine solche verkappte Selbstgefälligkeit liegt ja nur allzu nahe und macht mir all diese indischen Handlungsreisenden in Meditation, die jetzt die westliche Welt beglücken, meist schon von ihren Fotos her verdächtig. Beim Lesen Ihres Buches habe ich nichts dergleichen empfunden. Es ist vollkommen aufrichtig und uneitel. Gerade deshalb bewundere ich Ihren Mut.
Sie reden als mündiger Mensch zu anderen mündigen Menschen; in dieser Haltung sehe ich das Neue und - wenn Sie dieses Wort nicht mißverstehen wollen - m o d e r n e Ihres Buches. Ich habe mich nun schon seit über dreißig Jahren mit dem Studium alter und neuer magischer, mystischer und esoterischer Lehren und Systeme beschäftigt, aber fast immer war es dieser guruhafte Anspruch, der mich mit Unbehagen erfüllte.
Selbst bei Rudolf Steiner, dessen Werk ich - wie mir bisweilen scheint - gründlicher studiert habe als viele Anthroposophen, bin ich auf diese Schwierigkeit gestoßen. Obwohl ja rein verbal gerade er die "innere Freiheit" seiner Zuhörer ständig zu respektieren behauptet, bewirkt er bei seinen Anhängern eben ganz offensichtlich doch eine Art von Entmündigung - was sich am aller deutlichsten vielleicht auf künstlerischem Gebiet manifestiert. Nun, es mag dahingestellt bleiben, ob das an einem unbewußten Bedürfnis von Anhängern liegt, sich entmündigen zu lassen, oder an einem unbewußten Bedürfnis von "Meistern" ihre Anhänger zu entmündigen. Damit hängt wohl auch zusammen, daß man fast immer erst einmal eine Menge von "Lehren" und "Erklärungen" akzeptieren muß, ehe man aus eigener Erfshrung wissen kann, worauf diese alle sich überhaupt beziehen. Mir kommt das manchmal vor, als solle man die Reiche der Natur dadurch kennen lernen, daß man erst einmal naturwissenschaftliche Systematik lernt.
Ich meine, auf dem Gebiet dessen, was Sie "nichtalltagliche" Wirklichkeiten nennen, kann es nicht anders sein als mit allen Wirklichkeitserfahrungen, Liebe, Tod, Schmerz, Freude, Lust - e r s t bedarf es der Erfahrung, der Wahrnehmung, d a n n kommt die gedankliche Durchdringung, nicht umgekehrt.
Nun, zu diesem Thema gäbe es unendlich viel zu sagen, natürlich, doch ich weiß aus meiner eigenen Leserpost, wie lästig einem Briefe sein können, in denen jemand einem ungebeten seine ganzen Ansichten und Meinungen ausbreitet (die meistens nicht einmal sonderlich interessant sind). Ich will also zum eigentlichen Grund meines Briefes kommen.
Ich weiß nicht, ob Sie einige meiner Bücher kennen und wenn ja, welche. (Sie erwähnen einmal in Ihrem Buch das "Traumfresserchen" und dessen Harmlosigkeit im Vergleich zum Baku, womit Sie selbstverständlich recht haben - nur ging es in diesem Bilderbuch eben um eine tröstliche Geschichte für albtraumgeplagte Kinder, wozu der japanische Baku sich schwerlich eignen würde). Wie auch immer Sie meine Bücher beurteilen mögen, seien Sie versichert, daß ich sie in ehrlichem poetischem Bemühen und ohne die geringste spekulative Absicht geschrieben habe. Der große Erfolg ist mir ganz einfach widerfahren und hat mich überrascht. Mit ihm sind gewiß einige Annehmlichkeiten, aber auch sehr viel Negatives verbunden. Doch das gehört eben jetzt zu meinen Leben und ich akzeptiere es, ohne daß es mich allzusehr beeindruckt.
Nun hat mich meine Entwicklung an einen Punkt gebracht, wo ich nicht mehr weiter kommen werde, wenn ich nicht selbst ganz bewußt den Weg in die "nichtalltägliche Erfahrungswelt" gehe, so wie es die wirklichen Märchenerzähler aller Zeiten getan haben. Ich bin gerne bereit, Ihnen über das Warum dieser Notwendigkeit genauere Auskunft zu geben, wenn es nötig sein sollte, doch für den Moment darf ich mich vielleicht auf das Gesagte berchränken. Gewiß sind es jedenfalls keine spekulativen Gründe im äußeren Sinne, die mich dazu treiben. Ich weiß einfach, daß es notwendig und unausweichlich ist.
Äußerer Erfolg bedeutet mir nur, daß es mir gelungen ist, ein breites Publikum zu erreichen - wonach man ja als Schriftsteller natürlich strebt. Niemand schreibt, um möglichst keine Leser zu finden. Aber ich habe niemals versucht, an meine Erfolge anzuknüpfen und sie zu wiederholen, wie es einige meiner Kollegen tun. Für mich ist jedes Buch, jede Geschichte ein unwiederholbares, einmaliges Abenteuer, eine Quest, von der ich vorher nicht weiß, wohin sie mich führen wird, und aus der ich verändert hervorgehe.
Wenn ich Sie, sehr geehrter Herr Zurfluh, also fragen möchte, ob Sie bereit wären, mich im Sinne der "nichtalltäglichen Erfahrungen" zu unterrichten, so tue ich das nicht wie ein Chela, der einen Guru sieht, sondern eher - wenn Sie diesen etwas banalen Vergleich bitte nicht übelnehmen - wie einer, der Klavier spielen lernen möchte, zu einem geht, der Klavier spielen kann. Es sind also in erster Linie Fragen der Praxis und der Technik, in denen ich Sie um Ihre Unterweisung bitten möchte. Sie haben in Ihrem Buch geschrieben, daß es gewiß leichter ist, seine Kerze an der eines anderen anzuzünden, die schon brennt, als sie selbst ohne solche Hilfe zum Brennen zu bringen. Nun, meine Frage heißt also ganz einfach: Wollen Sie mir erlauben, mein Licht an dem Ihren anzuzünden?
In aufrichtigem Respekt
Michael Ende
|Werner Zurfluh|
Quellen der Nacht
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Arosa, 17.08.1988
Lieber Michael Ende,
ich hatte es versäumt, dem Hans Peter Duerr meinen Wohnsitzwechsel mitzuteilen, doch postseidank wurde der Brief nachgesandt.
Und da liegt er nun, von jenem Mann geschrieben, von dem ich dachte, er müsste doch eigentlich ein grosses Verständnis für das haben, was in den "Quellen der Nacht" zu Papier gebracht wurde. Deshalb sandte ich Ihnen vor geraumer Zeit mal das kleine Büchlein "Märchen als Schlüssel zu den Quellen der Nacht" - den grossen Schwarten wollte ich Ihnen wegen seines Umfanges nicht unterjubeln. (Wer weiss, vielleicht steht das kleine Ding mit dem grimmigen Zwerg noch irgendwo zwischen Ihren Büchern - sonst sende ich Ihnen ein Exemplar.)
Nicht dass Sie jetzt meinen, ich hätte gedacht, der Autor der "Unendlichen Geschichte" und des "Momo" (andere Werke von Ihnen habe ich - ausser dem Traumfresserchen - nicht gelesen, dafür die Filmversion der beiden anderen gesehen) würde sich stante pede über das äussern, was ich da geschrieben hatte. Nee, nee, das wäre ja beinahe so, als fiele in dem Augenblick ein Sternschnuppe vom Himmel, wenn man erwartungsfroh hinaufsieht. Dass die Dinge so nicht gehen (können), ist selbstverständlich. Aber als meine Frau heute Morgen die Post raufbrachte und sagte: "Da ist ein Brief vom Ende!", da dachte ich, es muss sich um ein Verlagsprospekt handeln, denn der Ende hat mir doch damals für das kleine Büchlein gedankt. Aber dem war eben nicht so!
So, und jetzt muss ich mal kurz auf die Adressänderung eingehen: Wir leben einfach deshalb in Arosa, weil es mir gesundheitlich da oben wesentlich besser geht als im Unterland, sprich in der Gegend von Basel. Ich bin nämlich Frührentner. Keineswegs wegen der Buchtantiemen, denn die bislang verkauften 6500 Exemplare haben mir bloss (d.h. immerhin) meine Computeranlage finanziert. Und eine Art Computerfreak bin ich nach Aussage einiger Schüler - und die müssen es ja besser wissen als ich - allemal. Nein, ich habe schlicht eine jener weniger harmlosen Krankheiten erwischt, die einem - neben all den Zipperleins - eine absolut stressfreie Lebensweise auferlegen. Aber gerade das ist die positive Seite der Angelegenheit: keine Kurse und keine Vorträge mehr, höchsten mal was schreiben (aber das eilt ja nicht).
Das müssen Sie sich mal vorstellen: Wo sind all die lichtdurchfluteten, lufthungrigen Newageler [nju-eitsch-ler] geblieben, die über's Wochenende zu Astralwanderern werden wollten und tief betrübt waren, als sie hören mussten, das Ganze sei doch etwas komplexer, der Alltag müsse auch noch irgendwie stimmen, und überhaupt gäbe es so das und jenes, was noch zu beachten wäre. Und als 100%ig Arbeitsunfähiger entfällt auch das Schulegeben. Also weg vom Trubel, rauf nach Arosa, ein Touristenkaff par excellence zwar, aber die Stätte meiner frühesten Kindheit und der Ort ungezählter Ferienaufenthalte in der Jugendzeit. Hier oben kann ich in bester Luft mein Lauftraining absolvieren und trotz Koordinationsstörungen die Muskulatur in Bewegung halten.
Jetzt aber in medias res: Selbstverständlich freue ich mich, mit Ihnen ins Gespräch zu kommen, zumal ich die Gewissheit habe, Ihre Kerze brenne eigentlich bestens, auch wenn sie möglicherweise manchmal flackern mag. Nur dass Sie manchmal nicht so genau zur Kerze hinschauen, glaubte ich während des Lesens der Unendlichen Geschichte zu verspüren. Woran das liegen mag, kann ich nicht sagen, vielleicht daran, dass irgendwie doch die nichtalltägliche Erfahrungswelt nichtalltäglich bleibt. Vieles schien für mich zu sehr draussen vor der Tür des Alltags hängen zu bleiben. Das war so ein Gefühl, aber andererseits musste ich auch bedenken, dass Sie für ein Zielpublikum schreiben, was ich von mir nicht gerade behaupten kann.
'Zielpublikum' mag das falsche Wort sein, denn oft findet der Leser das Buch und nicht das Buch den Leser. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass die Geschichte von Momo oder die Geschichte von Bastian/Atréju weniger erschreckend ist als die "Quellen der Nacht", denn schliesslich gibt es nichts Schrecklicheres als (Selbst-) Erkenntnis, so sagten schon die alten Tibeter, und in den Quellen kommt dieser Schrecken wohl doch - für den Leser - deutlicher zum Ausdruck. Beide Welten heilen, beide Welten gesund machen. Ist es Zufall, dass dieser Wunsch auf S.426 steht, oder ist es eben gerade dies, was die "andere Geschichte" ausmachen wird (S.428)? Wir werden ja sehen, falls Sie es nicht müde werden, mit mir - Vorsicht, ich habe Zeit! - zu disputieren.
Dies war eine Art Introitus, doch im Folgenden versuche ich, Ihren Brief fortlaufend zu beantworten: Über die Wochenendesoteriker sind wir uns einig. Erstaunlich ist jedoch deren Fähigkeit, den Vor-Tragenden ohne persönliche Konsequenzziehung energetisch anzuzapfen, um dann frisch gestärkt wiederum in den leistungserheischenden Alltag zurückzukehren. Noch vor der eigentlichen Krankheitsdiagnose (übrigens MS) begann ich mich bewusst aus dem Kurs- und Vortragswesen zurückzuziehen, weil ich bemerkte, dass da für mich was schief lief. Und dann las ich noch bei den alten Chinesen, es seien in dem Moment 12 Jahre Meditation angebracht, wenn aufgrund persönlicher Erfahrungen die Meinung aufkomme, den Leuten müsse was erzählt werden. Aber im Grunde genommen gibt es nichts anderes zu sagen als: "Schaut doch mal in Ruhe hin zu eurer brennenden Kerze! Wenn ich das tun konnte, weshalb sollt ihr es nicht tun können!?" Aber dazu braucht es weder Vorträge noch Kurse. Vielleicht mal ein Buch, denn in dieser Form lassen sich in der heutigen Zeit am besten Geschichten erzählen. Oder dann im Gespräch, wobei ich darunter eben niemals ein Kurs- oder Diskussionsforum verstehe, denn schon alleine mit sich hat man genug Probleme - wieviel mehr zu zweit. Und wenn es mehr als zwei sind, ist's bloss noch ein Geplapper.
Mit Paul Tholey stehe ich in Briefwechsel. Aber wie es eben ist, er hat andere Prämissen als ich. Eben solche, die von der Gestaltpsychologie her kommen (Wolfgang Metzger, Prinzip der dynamischen Selbststeuerung). Ich verfolge Tholey's Arbeiten intensiv, aber ich wage zu behaupten, dass meine Axiom der simplen Akzeptanz verschiedener Wirklichkeiten und das Axiom der Kontinuität des Ich-Bewusstseins (Bewusstheit) noch weiter vom universitären Bereich entfernt ist als seine Anschauung. Im Grunde genommen spielen solche eher erkenntnistheoretischen Fragen keine Rolle - wenn es erst um den persönlich vollzogenen Eintritt in den nächtlichen Bereich (im weitesten Sinne) geht. Zunächst (ha, mein Computer kann auch noch unterstreichen) spielen sie keine Rolle, aber dann sieht man doch, welch enorm grossen Einfluss sie haben. Aber das ist nun wirklich eine verdammt lange Geschichte. Und die können wir wohl nur sukzessive aufrollen. Ich selbst hirne an diesen Fragen schon seit Jahren herum, was eben unter Einbezug der Sprache des Herzens kein leichtes Unterfangen ist. Und wenn man dazu erst noch lacht, wird man so oder so nicht mehr ernst genommen. Aber das Lachen vergeht auch mir manchmal, allerdings nur selten.
'Aufbruchstimmung' ist ein schönes Wort. Wenn in Ihnen allein schon diese Stimmung aufgekommen ist, freue ich mich riesig, denn die braucht es, um zu jenen Quellen zu gelangen, von denen Sie genau wissen, dass es sie gibt. Weil Sie sich irgendwie an sie erinnern - und es vermocht haben, von Ihren Erinnerungen zu schreiben. Nur haben Sie das damals - vor Jahren und Jahrzehnten - als zu normal betrachtet. Mir ging es ja ähnlich, auch ich meinte, meine Erfahrungen seien normal - und beinahe begann ich sie zu vergessen. Doch dann fing ich an, sie mit der geltenden Meinung zu vergleichen und die irrwitzige Diskrepanz zu bemerken. Dass Ihnen das so nicht geschehen konnte, ist nicht verwunderlich. Sie haben schliesslich nicht während Jahren Naturwissenschaften, Tiefenpsychologie und all den Kram im universitären Rahmen studiert, sondern - sofern ich recht orientiert bin - Kinderbücher geschrieben. Wie sollte Ihnen also die Differenz derart direkt und mit existentiellem Druck auffallen? Kinder leben nun mal anders, für sie gibt es diese strenge Sonderung in Alltag und Hirngespinste nicht. Sie leben noch nicht in einer eindimensionalen Welt, aber sie werden gut erzogen und landen zu guter (?) Letzt darinnen. Dann gibt es nix von Flug als Erwachsener wie weiland Atréju als Junge. Und exakt hier liegt die Crux: Was Kinder können und dürfen ist Erwachsenen striktestens untersagt. Und falls sie es doch tun, dann gefälligst ohne Kritik und ohne Skepsis, am besten unter Anleitung eines Guru oder in den Hallen des Dornacher Betonklotzes als Schüler einer höheren Klasse.
Das Einzige, was es aber zu akzeptieren gilt, ist die eigene, ganz persönliche (innere) Quelle. Nicht jede Quelle sprudelt mit 1 m3 pro Sekunde. Manchmal tröpfelt sie nur während kürzester Zeit mitten in der Nacht oder tagsüber in einem unbedachten Augenblick. Aber stets so leise, das sie niemand hört. Oder das Treiben der Welt ist so laut, dass selbst das stärkste Rauschen übertönt wird. Und da sind wir wohl an dem Punkt angelangt, wo Sie netterweise zur Feder gegriffen haben, nämlich da, wo sie selbst als erwachsen gewordener Bastian-Atréju, bzw. jetzt als Michael Ende in die 'Nacht' werden hineingehen müssen. Mit Hilfe Ihrer eigenen Kerze - und mag sie noch so flackern oder bloss glimmen, sie bleibt stets Ausdruck des Ich-Bewusstseins, der Bewusstheit. "Viel Vergnügen" kann ich da eigentlich kaum sagen, denn meiner Erfahrung nach ist dieses Unterfangen alles andere als gemütlich, schön und erbauend. Es ist hart!
"Take the hardest way, it's the best!" - Dies hörte ich mal am Radio als ich als etwa 20jähriger Kerl gerade daran war, mir ein paar Dinge über Gott und die Welt durch den Kopf gehen zu lassen. Als Koinzidenz fasste ich das Ereignis damals auf - heute noch. Es soll mir eine Ehre sein, unterwegs mit Ihnen über Ihre Erfahrungen sprechen zu dürfen!
Mit lieben Grüssen
Werner Zurfluh
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