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Der Engländer Thomas Browne (1605-1682) ist im deutschsprachigen Raum relativ unbekannt. Jedenfalls habe ich ihn noch so kürzlich wie 1995 (in den Anmerkungen zu C. S. Peirce: Religionsphilosophische Schriften, ed. Hermann Deuser) und bei einem renommierten Verlag (Felix Meiner) verwechselt gefunden mit dem viel späteren (1778-1820) schottischen Philosophen Thomas Brown, einem Kritiker der Evolutionstheorie, wie sie Erasmus Darwin als Transmutationstheorie veröffentlichte.
Thomas Browne, der Engländer, war von Haus aus Arzt, von Veranlagung Universalgelehrter und von Temparement ähnlich fried-, aber auch wahrheitsliebend wie Erasmus von Rotterdam. Wie später ein Jahrhunderts später Samuel Johnson studierte er am Pembroke College in Oxford. Neben der Religio Medici sind von seinen Werken vor allem zu nennen die Pseudoxia Epidemica [man sieht schon am Titel den Witz und die Ironie, die sich immer wieder in Brownes Werken finden!], or, Enquiries into Very many Received Tenets, and commonly Presumed Truths, ein auch wissenschaftsgeschichtlich interessantes Buch, weil Browne einer der ersten war, der so etwas pflegte wie einen Wissenschaftsjournalismus, und Hydriotaphia, Urn Burial, or, a Discourse of the Sepulchral Urns lately found in Norfolk, zu bronzezeitlichen Urnengräbern, die in der Nähe seines Wohnortes gefunden worden waren. (Ein Buch, das weit über die Urnengräber hinausging, Begräbnisriten und -sitten auf der ganzen Welt aufzählte und schliesslich in eine allgemeine Betrachtung über den Tod und die Vanitas irdischen Ruhms mündete.) 1671, bei einem Besuch von König Charles II. in Norfolk, wurde Browne (als bekanntester Bürger der Stadt) in den Adel erhoben.
Religio Medici kursierte längere Zeit als Handschrift unter Brownes Freunden, bis es einer von ihnen – ohne Wissen und im Grunde genommen gegen den Willen des Autors – 1642 in Druck gab. (Im Grunde genommen, hätte ich also den Adelstitel in der Überschrift noch weglassen müssen.) Es wurde so etwas wie ein früher Bestseller. Browne schildert darin seinen ganz eigenen Glauben – eine faszinierende Mischung aus Orthodoxie und Heterodoxie. Der Text kam in Rom auf den Index der verbotenen Bücher. Daran sind wohl die Passagen schuld, in denen Browne mit der Miene äusserster Unschuld kritische Fragen an die Bibel stellt, wie zum Beispiel, dass es doch sehr interessant gewesen wäre, zu wissen, wie Sache mit Lazarus‘ Nachlass gelöst worden sei, nachdem er wieder auferstanden war. Er nimmt seinen Fragen allerdings die Spitze, indem er nicht müde wird, zu betonen, dass zwar seine Vernunft diese Fragen stelle, er sich aber im Glauben beruhige, dass Gott (bzw. der Glaube an Gott) diese Frage zur Genüge beantworte. In milder Form wird hier Kierkegaards Sprung in den Glauben vorweg genommen. (Die Romantiker, namentlich Coleridge und de Quincey, waren eifrige Leser von Thomas Browne!) Ganz zu Beginn schockiert Browne wohl den einen oder andern seiner zeitgenössischen Leser mit der Aussage, dass ihm die Form eines Gottesdienstes einerlei sei. Er sei Latitudarian und gehe gerade so gut und so gern mit einem katholischen Freund in einen katholischen Gottesdienst und befolge dann die katholischen Riten und bete katholisch für seinen katholischen Freund – auch wenn er, wie er immer wieder betont, auf dem Boden der Church of England stehe. Browne äussert zwar zum Teil unorthodoxe Ansichten über Engel, Teufel und Hexen – aber er glaubt ganz ehrlich und ganz fest an die Existenz solcher Wesen.
Eine interessante Mischung aus ‚Mittelalter‘ und Neuzeit also. Durch seinen Witz und seine Ironie (die sich nicht zuletzt auch immer auf den Autor selber beziehen!) aber bis heute lesbar und empfehlenswert.