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Anlässlich einer Veranstaltung der Vereinigung «Società Dante Alighieri» nahm sich die italienische Philosophin Alessandra Peluso am 20. November in der Missione Cattolica Di Lingua Italiana MCLI in Bern des spätmittelalterlichen Europas des italienischen Dichters Dante Alighieri an. Inwiefern kann dessen damalige Vision von Staat und Gesellschaft das heutige Europa prägen? Welche Werte können es definieren? Diese Fragen bildeten den Leitfaden – und regten zur Diskussion an.
von Luca D'Alessandro
Der Verfasser der Göttlichen Komödie Dante Alighieri (1265–1321) hatte eine klare Auffassung von Staatsführung und Gesellschaft. In seinem politischen Traktat «De Monarchia» postulierte er die Notwendigkeit einer universellen Monarchie, um Frieden und Gerechtigkeit zu gewährleisten. «Dante forderte, dass ein Monarch für das weltliche Glück verantwortlich sein sollte, während sich der Papst um die spirituellen Belange zu kümmern habe», sagte Alessandra Peluso. «Dante trat für die Trennung von Kirche und Staat ein und stellte die notwendige Rollentrennung zwischen Papst und Monarch, den 'zwei Sonnen', her.» Ziel sei die Verhinderung von Alleinherrschaft und Korruption gewesen. «Gerechtigkeit, Freiheit und Liebe sollten diese 'Weltregierung' kennzeichnen.»
Toleranz und Inklusion
Den Ausführungen von Alessandra Peluso zufolge ging es Dante um ein universelles Imperium, in dem Glück, Freiheit und kulturelle Offenheit herrsche. Alessandra Peluso: «Dante wollte den Dialog fördern, Kultur und Wissen den Menschen zugänglich machen.» Dies zeige sich etwa in der Göttlichen Komödie, die nicht in Latein, sondern in dem damals üblichen umgangssprachlichen Italienisch verfasst worden war – der Lingua volgare illustre. «Die Menschen sollten deren Inhalt verstehen können.» Somit habe Dante einen Ansatz der Eigenverantwortung, Toleranz und Inklusion verfolgt.
Die Notwendigkeit einer gemeinsamen Ethik
Und heute? Inwieweit können Teile von Dantes Ideen das gegenwärtige Europa prägen? Die an der Veranstaltung anwesenden Mitglieder der Dante Alighieri-Gesellschaft, der ebenfalls anwesende ehemalige Schweizer Botschafter Gianfederico Pedotti und Pater Antonio Grasso von der MCLI gingen in der anschliessenden Diskussion auf diese Frage ein. «Die Europäische Union entstand aus einem Kontext wirtschaftlichen Denkens», sagte Gianfederico Pedotti, «Dante hingegen hatte eine übergeordnete Vision.» Tatsächlich sei es wichtig, das heutige Europa als gemeinsames Haus zu betrachten», betonte Antonio Grasso, «und die gemeinsamen Werte neu zu definieren, die es uns ermöglichen, eine echte Einheit zu erreichen.»
Wo soll man anfangen?
Während Dante das «Europa» seiner Zeit als ein Gebilde des Wohlstands, der Freiheit und der Liebe, der Koexistenz von Ethik und Politik gesehen habe – so eine Rückmeldung – bestünde heute die Gefahr, dass die europäische Identität nur durch wirtschaftliche Vereinbarungen definiert werde. «Wir halten es stattdessen für wichtig, dass die Identität und die Ziele dieses gemeinsamen Projekts von der Ethik bestimmt werden», fügte Antonio Grasso hinzu. «Die Wirtschaft darf indes lediglich als Instrument zu ihrer Verwirklichung herangezogen werden.» Falls nicht, seien die Union zerbrechlich und Konflikte unvermeidlich.
Gedanken zum Thema von Pater Antonio Grasso
«An kulturellen und wirtschaftlichen Abkommen zwischen den europäischen Staaten mangelt es nicht. Aber diese Union ist zerbrechlich, denn wenn ein Krieg ausbricht oder neue Migrationsströme kommen, beansprucht jeder Staat seine territoriale Autorität und schliesst seine Grenzen. Das haben wir kürzlich mit der Aussetzung der Schengener Freizügigkeitsabkommen gesehen.
Migrant: innen sind leider die ersten Opfer dieser zerbrechlichen Union. Sie sind es, die manchmal willkommen geheissen und oft abgewiesen werden. Sie sind es, die als Bedrohung für die Identität der EU und nicht zuletzt auch für die christlichen Wurzeln Europas dargestellt werden. Die Ethik ist die grosse Abwesende in diesem Spiel. Es fehlt an Unterscheidungskriterien, die auf einer klaren und gemeinsamen Unterscheidung zwischen Gut und Böse beruhen. Vor allem fehlt es an einer klaren Vision des Gemeinwohls im Gegensatz zu lokalen Interessen.
Vielleicht kann uns Dante Alighieri dazu inspirieren, einen neuen Humanismus anzustreben, bei dem der Mensch und nicht das Geld das oberste Ziel der individuellen und gemeinschaftlichen Entscheidungen ist.»