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Rückenschmerzen
Problem erkannt, Problem gebannt, einfacher geht's nicht!
Rückenschmerz ist die Volkskrankheit Nr.1. 30% aller Menschen leiden ständig darunter. Kreuzschmerzen sind verantwortlich für 10% aller Arbeitsausfälle. Völlig unnütz, und zwar deswegen, weil viele Therapeuten noch nicht verstanden haben, wie diese Schmerzen zustande kommen.
Sehen Sie sich hier im rechten Bild diese Muskeln an. Sehen die nicht stark aus? Das sind sie aber nicht. Sie sind die armseligen, schwachen Opfer, die, wie auf einer mittelalterlichen Folterbank auseinandergezogen und gestreckt sind und deswegen schmerzen. Das Schlimme ist, sie können sich selbst nicht dagegen wehren und, solange sie in ihrem üblen Zustand belassen werden, sind sie auch nicht in irgendeiner Weise therapierbar. D.h., niemand kann sie wirkungsvoll auf die Dauer behandeln, wenigstens nicht, solange sie lang gezogen und gedehnt sind. Sie werden gleich verstehen warum.
Nach dem Rechtsverständnis des Mittelalters konnte nur jemand verurteilt werden, der auch vorher ein Geständnis abgelegt hatte. Um den Willen dazu zu beschleunigten, war die einfachste Massnahme, jemanden auf eine Bank zu legen und langsam auseinanderzuziehen. Sie kennen die Folgen: masslose Schmerzen in Muskeln, Sehnen und Gelenken. Um diese Schmerzen zu beseitigen, ja, um sie sofort zu stoppen, gibt es eigentlich nur ein einziges sinnvolles Mittel, und zwar den Folterknecht zu bitten, seine Kurbel andersherum zu drehen oder die Zugbänder zu durchtrennen. Was würden Sie von einem Delinquenten halten, der während der peinlichen Befragung die verschiedensten Ärzte und Apotheker zu Rate zieht, die die unterschiedlichsten Schmerzmittel, Kortisonspritzen, Rheumapflaster, Salben und Nadeln bei ihm anwenden? Wohl nicht sehr viel. Aber genau das ist das Verhalten der meisten Patienten in unserer modernen Medizin.
Sie fragen jetzt mit Recht, wie kann ich denn Muskeln, Sehnen und Gelenkkapseln entspannen? Ganz einfach, Sie müssen nach dem Kerkermeister suchen, nach dem Täter, der diese Verspannung verursacht hat. Nun gut, es sind mehrere Täter. Und die sitzen alle auf der Vorderseite, die wir hier im Bild nicht sehen können. Die Täter müssen wir bitten, loszulassen und die Spannung herauszunehmen. Wenn wir das schaffen, haben wir das Problem gelöst.
Eine schöne Geschichte. Aber was steckt jetzt dahinter? Unsere moderne Sitzkultur bringt es mit sich, dass sich Jahr für Jahr die vordere Muskulatur mehr und mehr zusammen zieht, d.h. sie wird kürzer und verkrampft sich wie eine verschlossene Faust. Die Muskeln auf der Gegenseite, eben die Rückenmuskulatur, muss sich dagegen stemmen. Das tut sie auch, so gut sie kann, aber schlussendlich kann sie dem Dauerzug nichts entgegenhalten und beginnt langsam länger zu werden, sich auseinanderzuziehen, an manchen Stellen platt, wie mit einem Eisen gebügelt. Wirkungsvolle Muskelarbeit im gestreckten Zustand zu leisten, ist sehr schwer oder fast ausgeschlossen und deswegen müssen sich diese Muskeln etwas einfallen lassen, um sich wieder ein wenig verkürzen zu können. Da die Muskeln aus einzelnen Muskelfibrillen bestehen, also kleinen Einheiten, die wie lange Bindfäden nebeneinanderliegen, sind sie auf die Idee gekommen, einfach Knoten zu bilden, sich insgesamt in ihrer Länge zu verkürzen. Diese Knoten kann man zum Teil gut tasten. Sie werden dann Triggerpunkte genannt oder auch Myogelosen, wenn sich grössere Areale bilden. Und wir alle wissen, dass diese Punkte schmerzen. Wir fühlen auch die Verspannung. Nur, dass wir nicht immer realisieren, dass diese Verspannung eine Dehnung ist, dass diese Muskel-Sehnen-Apparate weit auseinandergezogen sind. Sie können sich nicht mehr von alleine zusammenziehen. Sämtliche Versuche, durch Muskeltraining die Situation zu verbessern, muss scheitern (das haben die letzten 100 Jahre ja millionenfach bestätigt).
Es ist ja eigentlich ganz einfach. Bitten Sie doch Gegenmuskulatur, also die vorne zusammengezogen Muskeln, sich einfach zu entspannen. Versuchen Sie einfach wieder ein Gleichgewicht zwischen den einzelnen Muskelgruppen herzustellen. Geben Sie den sowohl vorne als auch hinten geschwächten Muskeln die Gelegenheit, sich wieder zu entwickeln und stark zu werden. Dann verschwinden auch alle Schmerzen.
Wenden wir die myofasziale Dehnung bei den betroffenen, einengenden Bindegewebssträngen an, dann verschwindet ein Grossteil der Schmerzen schon bei der ersten Behandlung und eine freiere Bewegung ist wieder sofort möglich. Die häufig schmerzenden Ausstrahlungen in Arme und Beine belegen, dass Nerven beteiligt sind. Diese ziehen, meist zusammen mit Gefässen, durch verspannte Faszien und verklebte Muskelpakete. Die bindegewebigen Fasern verbacken, können nicht mehr geschmeidig gegenseitig gleiten und quetschen Nerven und Gefässe ab. Die Versorgung mit Sauerstoff und Nahrung ist eingeschränkt. Die Folge sind Rückenschmerzen.
Wenn man genauer hinsieht, ist nicht nur die schmerzende Rückenseite verspannt, sondern, bisher weitgehend unbeachtet, auch die Gegenmuskulatur, die Bauchmuskulatur. Beide Seiten müssen unbedingt behandelt werden. Das ist einer der wesentlichen Punkte in unserer Therapie.
Wir haben es also mit einem System von Bänder- und Sehnen zu tun, die in die Gelenkkapseln übergehen und somit jedes Wirbelgelenk einzeln mit der Zeit weiter einschnüren und damit unbeweglich machen. Zu Beginn merken wir davon wenig. Erst wenn die Spannung einen bestimmten Punkt überschritten hat, spüren wir den Kreuzschmerz. Oft kommt dieser dann ganz plötzlich und gerade dann, wenn wir durch Stress zusätzlich belastet werden und deshalb auch keine Zeit haben.
Die verschiedenen Abschnitte der Wirbelsäule haben unterschiedliche Funktionen. Daher ist die Ausprägung des Schmerzes nicht überall gleich. Die beweglicheren Teile, Nacken und Lende, sind am häufigsten betroffen. Im Hals und Brustbereich stehen hauptsächlich die kleinen Muskeln zwischen den Wirbelfortsätzen in einer Daueranspannung, die Brennen und Schmerzen verursachen. Sie sind unter anderem für die seitliche Biegung verantwortlich.
Der Lendenwirbelbereich ist die grösste Schwachstelle. Zu den kleinen Muskeln zwischen den einzelnen Wirbelabschnitten und den langen kräftigen Rückenstreckern kommen noch zusätzlich die grossen vorderen und seitlichen Muskeln. Die brauchen wir für die Bewegungen nach allen Seiten. Wenn alle verspannt sind, ist dieser untere Teil der Wirbelsäule einem immensen Druck ausgesetzt. Kein Wunder, dass unter dieser Belastung am häufigsten die Bandscheiben gestaucht sind und versagen. Eine Befreiung aus der Umklammerung ist dringend angezeigt.
Jetzt wird auch verständlich, warum eine zusätzliche Stärkung der Rückenmuskulatur als Schmerztherapie nur vorübergehende Erfolge haben kann und schliesslich zu einem gegenteiligen Effekt führt, wenn nicht gleichzeitig konsequent alle Teile und vor allen Dingen auch die vordere Muskulatur entspannt wird. Es ist eine weit verbreitete, irrige Annahme, die Rückenmuskulatur müsse gestärkt werden. Sie ist immer stark genug für ein normales Leben ohne besondere starke Beanspruchung. Mit dem aufrechten Gang ist eine, in der Natur einzigartige, spezielle Muskulatur geschaffen worden, die immer den ganzen Oberkörper im Gleichgewicht über dem Becken halten kann, die autochthone Muskulatur. Da beim stehenden Menschen der Schwerpunkt in etwa beim Nabel liegt, würden wir dauernd nach vorne kippen, wenn nicht eine ziemliche Kraft den Schwerpunkt permanent nach hinten verlagern würde, eben die Bänder und Sehnen der Rückenmuskulatur. Hier gibt es nichts bei einem gesunden Menschen zu verbessern. Denn sie ist immer ideal an den individuellen Körperbau, das Gewicht und den Umfang angepasst. Deswegen, weil sich der Rücken „laufend“ jeden Tag selbständig unaufgefordert trainiert.
Woher kommen nun die Schmerzen, derentwegen wir die Fitnessübungen ja machen?
Der Schmerz ist ein Schutzschmerz vor weiterer Überlastung. Er soll verhindern, dass die Bandscheiben und Wirbel geschädigt werden. Hunderte von kleinen, verkürzten Muskeln und einige grosse, kräftige Muskeln üben einen enormen Druck aus. Irgendwann ist die Grenze erreicht und das Gehirn schaltet den Schutzschmerz ein. Dessen Botschaft lautet: „Bitte Ruhe halten, auf keinen Fall weiter belasten, sonst kann etwas kaputt gehen.“
Diese Nachricht gilt es wirklich zu verinnerlichen.
Wenn also die Schmerzen bei Fitnessübungen mehr werden, dann befinden sich Bänder und Sehnen an der Grenze der Belastbarkeit. Weiterer Druck schadet. Wir sollten unsere Übungen überdenken. Entlastung ist dringend notwendig. Das geht nur, wenn wir den Muskelfaszien und den Sehnen Gelegenheit geben, sich zu entspannen und damit das ganze System zu verlängern. Das geschieht durch Dehnung.
Im Akutfall hilft sofort die myofasziale Dehnung durch Punktpressur, bei geringerer Einschränkung auch die passende gymnastische Bewegung. Langsam und vorsichtig sollen die Muskeln und Sehnen gedehnt werden. Wir verwenden ein speziell entwickeltes Programm, eine statische Position für diese sogenannte Engpassdehnung. Das ist etwas völlig anderes als die auch in modernen Gymnastikangeboten enthaltenen Dehnungsübungen.
Nur eins noch ist zu beachten: Da immer sowohl Agonisten als auch Antagonisten für die Umklammerung verantwortlich sind, müssen beide gedehnt werden. Für den Rücken bedeutet das Dehnung rechts und links, sowie Dehnung vorne und hinten. Geschieht das nicht, so wird der gegenteilige Effekt eingeleitet. Dass oft gerade die Entspannung der vorderen Beuge(Bauch)-muskulatur unwissentlich sträflich vernachlässigt wird, ist wohl der Hauptgrund für Rückenschmerzen bei sportlich engagierten Personen.
Wenn wir den Rücken genau betrachten, oder besser noch ausmessen, ist mancher Patient erstaunt über die Tatsache, dass da so vieles unregelmässig ist. In der Tat, kaum eine Wirbelsäule ist so gerade, wie sie das Lehrbuch gerne darstellt. Im Lendenbereich zu stark nach innengeschoben (Lodose) und in Brusthöhe eine zu starke Vorwölbung (Kyphose). Dazu kann noch eine Seitwärtsbiegung kommen (Skoliose). Die Schulterblätter stehen auch nicht an richtiger Stelle, das eine zu weit nach aussen geschoben, das andere deutlich nach oben verlagert. Und dann ist auch noch auf einer Seite die Muskulatur deutlich stärker entwickelt als auf der anderen. Es ist ganz offensichtlich, die Knochen sind verschoben. Die Wirbelkörper sind zu stark gekippt, nach vorne, nach hinten und zur Seite. Und wie im Fall der vermeintlich besser ausgebildeten Muskulatur auf einer Seite sind die Wirbel auch noch in sich rotiert, wodurch die Seitenfortsätze nach hinten kommen, das Gewebe davor nach oben drücken und damit einen "starken" Muskel vortäuschen. Dass diese Fehlstellungen weitreichende Konsquenzen in Richtung Kopf/Arm und Becken/Bein haben, kann sich jeder vorstellen.
Aber genau darum geht es letztendlich bei unserem Konzept der Behandlung. Die Schmerzen durch die Sofortmassnahme Schmerzpunktpressur zurück zu drängen ist das eine, und das ist schnell erreichbar. Ziel ist es aber, wo es eben noch geht, eine dauerhafte Veränderung zu erreichen. Das bedeutet nichts anderes, als tatsächlich die knöcherne Struktur wieder so auszurichten, dass keine Fehlstellung und Verspannung die Beweglichkeit des ganzen Körpers einschränkt. Die Verspannungen mit den darauf folgenden Veränderungen der einzelnen Knochen folgen einer (oder mehreren) myofaszialen Leitbahnen. Eine geraume Zeit war notwendig, um das jetzige Ergebnis mit immer wiederkehrenden Fehlbelastungen in einer Richtung zu erreichen. Jetzt muss sich die ganze Bahn wieder einrichten. Um die Richtung der Knochen zu verändern, sind keine Operationen notwendig. Aber es braucht ein wenig Zeit. Nach dem Tensegrity Model genügt der Zug an Sehne und Faszie, um von mehreren Seiten die Idealposition zu finden.
Für die wesentlichen Veränderungen geben wir den Anstoss. Mit der richtigen Einstellung der Muskeln und Knochen (von unserer Seite) und mit der richtigen Einstellung des Patienten, das heisst, Veränderung zuzulassen und die entsprechenden Übungen zu machen, richtet sich der Körper wieder selbst perfekt ein. Besser als jeder Fachmann und Rechner kennt er seine Bedürfnisse und Möglichkeiten. Dann steht auch wieder die Kraft zur Verfügung, die in den gewaltigen und genial konstruierten Rückenmuskeln steckt. Und die neu erlangte Beweglichkeit führt zu einer neuen Freiheit.