Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03645.jsonl.gz/337

Fernbedienungen sind furchtbar. Sie sind angetreten mit dem Versprechen, unser Leben leichter zu machen, aber das lösen sie ziemlich schlecht ein. Ständig verwechselt man sie, weil sie alle gleich aussehen. Will man zu der für den Fernseher greifen, geht die Stereoanlage an oder der DVD-Player oder Gott weiss was.
Fernbedienungen haben unfassbar viele Tasten, unter denen man nie die richtige findet, EPG, TTX/MIX - Abkürzungen wie in einem Flugzeugcockpit, dabei will man nur den Bildschirm etwas heller machen. Fernbedienungen sind ein Ärgernis.
Sag mir, wo Mikronesien liegt
Und jetzt die gute Nachricht: Fernbedienungen werden abgeschafft, früher oder später. Vieles spricht dafür, dass sie nach und nach durch diese Sprachassistenten ersetzt werden, die Sie aus der Werbung kennen: "Hey, Siri." "Okay, Google." "Alexa, wie wird das Wetter?" Toll, oder?
Sprachassistenten stecken in Smartphones, Autos oder eigens dafür gebauten Lautsprechern, die englische, verkaufsfördernde Namen tragen: Google Home, Amazon Echo. Werden sie angesprochen, führen sie Befehle aus. Stellen den Wecker, tragen Termine ein, spielen das neue Lied von Ed Sheeran.
Sie können sagen, wie viele Einwohner der Inselstaat Mikronesien hat (104.937) und wie das Wetter morgen wird (bewölkt bei minus vier bis plus drei Grad), sogar Witze erzählen sie, wenn man sie darum bittet. 56 Prozent der Deutschen haben schon mal so einen Sprachassistenten benutzt.
Das hat der Bundesverband Digitale Wirtschaft voriges Jahr herausgefunden. Man kann diese Zahl ergoogeln oder einfach Siri danach fragen: "Hey, Siri, wie viel Prozent der Menschen nutzen Sprachassistenten?" Siri zeigt dann, na ja, Artikel aus dem Internet an, einige davon verweisen auf die Studie.
Diese Interaktion mit Siri ist nicht perfekt. Besser wäre es, wenn sie die Zahl im Internet fände und vorläse, ein richtiges Gespräch mit dem Nutzer, aber Siri kam ja erst im Herbst 2011 auf den Markt. Sie ist sechs Jahre alt, ein Kind. Sie lernt noch.
Wie ist das Wetter in Hamburg?
Das gilt auch für andere Sprachassistenten. Die Technik ist in der Anfangsphase, das darf man nicht vergessen, sie wird "ständig optimiert", "lernt dazu", wie die Entwickler sagen. Fernbedienungen lernen nichts mehr. Sie bekommen höchstens noch mehr Tasten mit komplizierten Abkürzungen, das war's.
Sprachassistenten dagegen werden klüger. Sie können sogar, wie jüngst zu lesen war, ein Kurzzeitgedächtnis haben. Will man etwa nach Hamburg fahren, kann man Google fragen: "Wie komme ich nach Hamburg?" Google findet per GPS den aktuellen Standort heraus, berechnet die Route und merkt sich, wohin der User fahren möchte.
Fragt der dann, wie das Wetter "dort" so ist, gibt der Assistent die Vorhersage für Hamburg an. Das mag einfach klingen. Ist es aber nicht, zumindest nicht für digitale Assistenten. Zur flüssigen Kommunikation ist es natürlich noch ein weiter Weg, aber die Hersteller sind ehrgeizig, und die Konkurrenz ist gross.
Apple will dieses Jahr mit einem HomePod auf den Markt. Zukunftsprognosen haben es so an sich, dass sie rückblickend, also aus der Zukunft betrachtet, immer bescheuert wirken. Man sollte also vorsichtig sein damit, aber so viel kann man sagen: Sprachassistenten werden in unseren Alltag einsickern, in unsere Autos einziehen, in unsere Küchen, Wohnzimmer, Schlafzimmer.
Nicht bei jedem, aber bei vielen. Bei denen nämlich, die keine Lust mehr auf Fernbedienungen haben, auf lästiges Tippen bei jedem kleinen Terminkalendereintrag. Schon jetzt kann man sich die Wettervorhersage per Ansage auf den Fernseher holen. Sprachassistenten werden auch Onlineredaktionen und Radiosender beschäftigen.
Antenne Bayern hat kürzlich ein Quiz für Amazon Echo entwickelt, 8000 Fragen, gestellt von Alexa. Sprachassistenten sind die Zukunft. Oder zumindest ein Teil davon.
Mit dem Fernseher sprechen
Man kann es seltsam finden, mit dem Fernseher zu sprechen, obwohl man sich nicht mal mit der Nachbarin unterhält. Aber Sprachassistenten haben ihre Berechtigung. Sie sind der nächste Schritt in der Evolution der Computerbedienungshilfen. Vor einer Ewigkeit, die noch gar nicht so lang her ist, wurden Computer nur von Menschen benutzt, die komplizierte Codezeilen kannten und damit Dinge machten, die sonst keiner verstand.
Später wurden Computer freundlicher, einfacher, demokratischer, Fenster flogen über den Bildschirm, liessen sich öffnen und schliessen, irgendwann kam das Touchpad. Die Computerbedienung ist im Laufe der Zeit immer intuitiver geworden. Und nichts ist intuitiver, als den Mund aufzumachen und zu sagen, was man denkt.
Sprachassistenten werden die Tastatur, die Maus, das Touchpad nicht ersetzen, aber ergänzen. Und das ist gut. Vor allem für ältere Menschen. Das mag Sie jetzt überraschen, weil ja alle Welt immer von den Digital Natives spricht, also denen, die zwar keine Ahnung vom Leben haben, aber dafür vom Internet, weil sie damit aufgewachsen sind.
Die Digital Natives, sollte man meinen, sind jung und modern und finden es ganz toll, mit Computern zu reden. Stimmt aber nicht ganz. 23,2 Prozent der unter 20-Jährigen nutzen Sprachassistenten.
Das Leben im eigenen Haus verlängern
Bei den über 60-Jährigen ist der Anteil mit 25,2 Prozent etwas höher - man könnte auch sagen: erstaunlich hoch, weil es sich hier eben nicht um Digital Natives handelt. Wer älter ist, die Buchstaben auf dem Handy zu klein findet, das ständige Wischen nicht mag und die Autokorrektur schon gar nicht, für den können Sprachassistenten ein wichtiger Zugang zum Smartphone sein.
Sie können Autonomität im Alter schaffen, das Leben im eigenen Haus verlängern. Regelmässige Nutzer sind in jeder Altersgruppe eine Minderheit. Aber eine wachsende. Sprachassistenten müssen sich noch durchsetzen, gegen Vorbehalte, gegen dieses seltsame Gefühl, das man hat, wenn man zum ersten Mal einen Lautsprecher bittet, den Wecker auf sieben Uhr zu stellen.
Wir werden uns daran gewöhnen. "Aber das wollen wir gar nicht!", rufen die Technikskeptiker. "Mit Geräten reden! Wo kommen wir denn da hin?" Technikskeptiker, das sind Menschen, die ohne Smartphone leben und nur alle paar Tage ihre Mails lesen.
Wenn sie das Wort "Sprachassistent" hören, denken sie zuerst an den Deutschkurs im Goethe-Institut. Sie haben Angst vor Technik. So generell. Und auch ganz konkret. Sprachassistenten, sagen sie, können uns abhören, Wanze im Wohnzimmer und NSA und so.
Skepsis ja, Paranoia nein
Stimmt, liebe Technikskeptiker, das Internet kann gefährlich sein. Aber das ist kein Grund, paranoid zu werden. Oder alles abzulehnen, was mit dem Internet verbunden ist, das ist nämlich so ziemlich alles heutzutage. Ja, die Silicon-Valley-Konzerne wollen unser Leben nicht aus Helfersyndromgründen leichter machen.
Es sind Wirtschaftsunternehmen. Sie wollen Geld. Oder unsere Daten, um Werbung darauf zuzuschneiden, was schlussendlich das Gleiche ist. Der kluge User weiss das. Er weiss auch, dass er nicht alles mit jedem teilen sollte, erst recht nicht mit dem Internet.
Man sollte einen Sprachassistenten nicht fragen, wo man Heroin kaufen oder eine Leiche vergraben kann, das wäre auf mehreren Ebenen falsch. Aber wenn Amazon weiss, dass man Samstagabend mit Onkel Bernd und Tante Silvia ins Kino geht: Who cares? Der kluge User nutzt Sprachassistenten also so, wie er Smartphones und Laptops nutzt: mit Verstand. Und Begeisterung.
Er sieht kein Datenschutzproblem darin, Alexa zu bitten, die am Boden stehende Stereoanlage etwas lauter zu machen. Vor allem dann nicht, wenn er 70 Jahre alt ist und drei Knieoperationen hinter sich hat. Keine Frage: Die Privatsphäre muss geschützt, der Datenstrom sicher sein.
Es ist Aufgabe der Anbieter, dafür zu sorgen. Sie müssen die Cloud vor Hackern schützen und sicherstellen, dass die Geräte nur dann mithören, wenn sie mithören sollen. In letzter Zeit liest man häufig, es gebe einen Hype um Sprachassistenten, und das klingt nach platzender Blase, nach "Geht eh bald wieder vorbei".
Ausschließen kann man das natürlich nicht. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass Sprachassistenten bleiben werden. Zumindest bis etwas noch Besseres zur Fernsteuerung unseres Lebens erfunden wird.