Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03381.jsonl.gz/1517

Der 1. August 1912 ist in der Geschichte der Jungfraubahnen und in der Geschichte des Schweizer Tourismus ein grosser Tag: Erstmals fuhr die neu gebaute Bahn mit etwa fünfzig „Fremden" an Bord auf das Jungfraujoch. Bei den damaligen „Fremden" handelte es sich hauptsächlich um englische Touristen. Heute hingegen stammen über die Hälfte aller Passagiere der Jungfraubahn aus asiatischen Ländern.
1. August 1912 – Pressestimmen zum Ereignis
Der Bau der Jungfraubahn begann am 27. Juli 1896. Daraufhin sprengten und pickelten vorwiegend italienische Gastarbeiter während 16 harten Jahren einen Tunnel bis auf das 3‘454 Meter hoch gelegene Jungfraujoch. Am 21. Februar 1912 war es soweit: Der Durchbruch war erreicht, endlich endete der Tunnel auf dem Joch. Am Nationalfeiertag desselben Jahres fuhr bereits die erste Bahn mit Passagieren hinauf.
So gross das Ereignis für die Jungfraubahn und für den Schweizer Tourismus bis heute auch sein mag: Für heutige Verhältnisse berichtete die Presse relativ spärlich darüber. Konservative Blätter vorab erwähnten es nur am Rande. „Berner Wochenblatt und Oberländer Zeitung" etwa widmete dem Thema am 31. Juli 1912 nur gerade vier Sätze. Diese Berichterstattung spiegelt die Haltung der Konservativen zum Bau der Jungfraubahn wider. Sie befürchteten eine Entweihung der Bergwelt. Auch der Schweizerische Alpenclub hatte im Vorfeld des Bahnbaus Widerstand geleistet. Liberale Tageszeitungen hingegen waren dem Projekt wohlgesinnter. So publizierte beispielsweise die „NZZ" sowohl am 1. wie auch am 2. August über das Geschehen an der Jungfrau. Am 2. August 1912 erschien der folgende Bericht:
„Kleine Scheidegg, 1. August (Priv.-Tel.) Seit mittags zwölf Uhr ist der erste Zug mit etwa fünfzig Personen hinaufgefahren. Bei der Ankunft auf der Station Jungfraujoch hat der Ingenieur Zscholle, der seit langen Jahren die Bauarbeiten leitete, auf dem Plateau die eidgenössische Fahne gehisst. Der Zugang vom Tunnel zum Jungfraujoch erfolgt über eine etwa zweihundert Meter lange, aus dem Felsen gesprengte Galerie mit absolut ungefährlichem Zugang. In der letzten Partie führt der Weg durch eine Gletschergalerie, so dass man schliesslich durch eine prächtige Eisgalerie auf das Jungfraujoch hinaustritt. Der Weg auf das Jungfrauplateau ist durch ein Drahtseil eingefasst, so dass der Zugang ohne Gefahr erfolgen kann. Die ersten Besucher wurden durch die Schönheit des Panoramas zu grosser Begeisterung entflammt. Der eigentliche Betrieb wird erst morgen aufgenommen. [...]
Bei der heutigen Bundesfeier hat man hoch oben auf dem Gletscher ein Signal aufgestellt, welches die äusserste Zugangsstelle anzeigt. Es war für heute abend zur Bundesfeier eine Beleuchtung geplant. Leider hat das eintretende schlechte Wetter die Ausführung verhindert. Bei gutem Wetter findet heute abend auf der kleinen Scheidegg eine hübsche Bundesfeier mit Beleuchtung und Feuerwerk statt."
6. September 1912 – Der Kaiser blieb aus, das Fest fand trotzdem statt
Die Betreiber der Jungfraubahn erhofften sich ein weiteres Grossereignis im selben Jahr. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. sollte am 6. September 1912 auf das Jungfraujoch fahren. Der „Bund" vom 11. August 1912 druckte im Vorfeld bereits das Programm des geplanten Besuchs ab. Leider wurde aus der Fahrt aufs Jungfraujoch nichts, denn der Kaiser hatte anderweitige Verpflichtungen. Die Einladung für die internationalen Presseleute aber blieb bestehen - und diese kamen auf ihre Kosten. Das „Berner Intelligenzblatt" vom 9. September 1912 berichtete sehr positiv über den Ausflug. Der Besuch des deutschen Kaisers in der Schweiz, so wurde festgehalten, hatte...
„[...] das leichtbewegliche Volk der Journalisten enger zusammengeführt und Freundschaftsbande in alle Länder hinaus geknüpft. Die Krönung dieses neuen Bundes ohne Statuten und Vorstand war dann die Fahrt auf die Jungfrau, welche von Berner Oberland-Bahnen und Jungfraubahnen glanzvoll inszeniert wurde. Leute aus der ganzen Schweiz, Vertreter der bedeutendsten deutschen, französischen und österreichischen Tagesblätter, Journalisten aus Belgien und Holland, ein wahrer internationaler Pressekongress, dem die Gattinnen der Berner Kollegen eine hübsche, fröhliche Note gaben, fuhren durch den kalten Herbstmorgen dem Oberland zu, wo in Interlaken-Ost die Spitze der einladenden Bahnen gar fein und liebenswürdig ihre Aufwartung machten. Das Wetter wurde immer grämlicher, bald setzte frostiger Regen ein, und schon lieferten sich ‚Temps‘ und Berliner ‚Tag‘ eine Schneeballschlacht. Mit Galgenhumor zeigte man einheimischen und ausländischen Kollegen durch Nebel und Schneeschleier hindurch die Stellen, wo Jungfrau, Mönch und Eiger zu sehen wären [...]"
Nach der Fahrt zum Jungfraujoch traf die fröhliche Gesellschaft wieder in der Station Eismeer ein.
„Als man um 2 Uhr im sturmumtobten Eismeerrestaurant an glänzender Tafel beim festlichen Mahle sass, da drehte die allgemeine lebhafte Unterhaltung sich um das Geschaute, das, wie alle betonten, unvergesslich bleiben wird".
Im Anschluss an die Feier sandten die Presseleute „in herzlichem Ton gehaltene Sympathietelegramme" an den Bundespräsidenten Furrer und an den deutschen Kaiser.
1. August 2012 – Ein Wort zum Nationalfeiertag
Sämtliche Zeitungen, aus denen zitiert wurde, befinden sich in den Magazinen der Nationalbibliothek. Dort sind natürlich auch die aktuellen Publikationen aus der Schweiz wie etwa die Zeitschrift „via". In deren Ausgabe vom Mai 2012 erschien ebenfalls ein Bericht „100 Jahre Jungfraubahn". Er endet mit einer Feststellung, die an dieser Stelle als „Wort zum Nationalfeiertag" dienen soll:
„Hier oben, zwischen der Kleinen Scheidegg und dem Jungfraujoch, mag einer der Schlüssel liegen zum Verständnis der modernen Schweiz, die Urzelle eines einmaligen Projekts mitten in Europa. Eine Vision, herausragende Ingenieurkunst, ein funktionierendes Bankenwesen, gepaart mit einer tüchtigen Portion Geschäftssinn und Gastfreundschaft. Dazu ein Schuss glückliches Schicksal und viel Beharrlichkeit - manche mögen es Sturheit nennen. Die Schweiz ist längst angekommen in der Welt."