Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03285.jsonl.gz/3226

Wenn ich in die Ferien fahre und gleichzeitig ein Interesse daran habe, dass meine Zimmerpflanzen in der Zeit meiner Abwesenheit nicht eingehen, kann ich in meiner Wohnung eine Bewässerungsanlage einrichten oder einen Gärtnerdienst mit der Pflege meiner Pflanzen beauftragen. Wie viel einfacher ist es aber, meine Nachbarn darum zu bitten, dass sie ab und zu nach meinen Pflanzen sehen. Woher weiss ich allerdings, dass sie es tatsächlich tun werden? Woher weiss ich, dass sie, während ich im Mittelmeer bade, nicht in meinen Tagebüchern stöbern oder heimlich Wertsachen aus meiner Wohnung entwenden? Diese Fragen stellen sich nicht, wenn ich ihnen vertrauen kann. Vertrauen ist gewissermassen ein Mechanismus, der uns im Hinblick auf die zukünftigen Handlungen anderer Personen Sicherheit verleiht, ohne dass wir auf Mittel der Kontrolle, der Überwachung oder des Zwangs zurückgreifen müssten. Ohne Vertrauen wäre unser Leben eine sehr mühselige Angelegenheit, von der gar nicht klar ist, ob wir sie überhaupt auf eine lebenswerte Weise bewältigen könnten.
Der Begriff des Vertrauens begegnet uns allerdings nicht nur in Zusammenhängen, in denen wir direkten Kontakt zu anderen Personen haben. In der Soziologie, den Politikwissenschaften, in der politischen Philosophie, aber auch in unserem Alltag wird Vertrauen oft als eine wichtige Kategorie für den Zusammenhalt von grösser gefassten Gemeinschaften verstanden. Ohne Vertrauen, so die Idee, kann eine staatliche Gemeinschaft, insbesondere wenn sie demokratisch strukturiert ist und ihren Bürgern weitreichende Freiheiten gewährt, nicht angemessen funktionieren. In diesem Sinne wird in verschiedenen Kontexten und aus unterschiedlichen Anlässen ein Vertrauensverlust beklagt, von dem behauptet wird, dass er eine besondere Gefahr für das demokratische Zusammenleben darstellt. In jüngster Zeit wird diese kritische Diagnose besonders prominent in Zusammenhängen formuliert, die mit den Herausforderungen zu tun hat, mit denen sich unsere Gemeinschaften angesichts von Massenimmigration von Personen aus, wie sich dann ausgedrückt wird, ‘kulturfremden’ Gemeinschaften, konfrontiert sehen. Dass wir einander vertrauen können, so die Argumentation, liegt daran, dass wir Mitglieder derselben Gemeinschaft sind, die durch eine bestimmte Kultur charakterisiert wird, die wiederum bestimmte Werte und Normen beinhaltet. Diese ‘Wertegemeinschaft’ werde aber durch Masseneinwanderung destabilisiert mit dem Ergebnis, dass wir zusehends in sozialen Umständen leben, in denen einander nicht mehr vertraut werden kann.
Dieses Bild von den Ursprüngen des sozialen Vertrauens ist in höchstem Masse problematisch. Es geht davon aus, dass ursprüngliche Gemeinschaften tatsächlich eine Quelle von Vertrauen darstellen. Dass dies der Fall ist, ist allerdings alles andere als klar. Wie eingangs angedeutet, spielt Vertrauen eine zentrale Rolle, wenn es um Interaktionen zwischen Personen geht, die direkten Kontakt miteinander haben. Zu den meisten Mitgliedern der Gemeinschaften, in denen wir leben – mögen sie noch so homogen sein – haben wir allerdings keinen direkten Kontakt, und es stellt sich die Frage, warum wir davon ausgehen sollten, dass wir ihnen vertrauen können. Eine mögliche Antwort auf diese Frage könnte etwa auf einen Mechanismus aufmerksam machen, der sich in Form der folgenden Überlegung wiedergeben lässt: ‘Ich vertraue darauf, dass mein Nachbar mich nicht bestehlen wird. Mein Nachbar gehört derselben Gemeinschaft an wie ich. Andere Personen gehören ebenfalls dieser Gemeinschaft an. Also kann ich darauf vertrauen, dass diese anderen Personen mich auch nicht bestehlen werden.’ Es ist allerdings leicht zu sehen, dass es sich bei dieser Überlegung um einen Fehlschluss handelt. Aus der Tatsache, dass eine andere Person ähnliche Eigenschaften aufweist wie eine Person zu der ich in einer Vertrauensbeziehung stehe, lässt sich nicht schliessen, dass ich zu dieser anderen Person ebenfalls in einer Vertrauensbeziehung stehe.
Manchmal reden wir so, dass es den Anschein hat, als ob wir Fremden, die Mitglieder unserer Gemeinschaft sind, vertrauen würden, z.B. wenn wir sagen, dass wir unser Gepäck im Zug unbeaufsichtigt lassen, weil wir darauf vertrauen, dass die Mitreisenden es nicht anrühren werden. Diese Redeweise verdeckt allerdings den wichtigen begrifflichen Unterschied, der zwischen Situationen besteht, in denen wir anderen Personen vertrauen und Situationen, in denen wir uns darauf verlassen, dass sie etwas tun oder lassen werden. In fast allen Fällen, in denen wir es mit Fremden zu tun haben, kann es in dem besten Fall darum gehen, dass wir uns auf etwas verlassen, z.B. verlassen wir uns darauf, dass unser Reisegepäck nicht gestohlen wird, weil wir davon ausgehen, dass Diebstahl bestraft wird, dass andere Reisende einen Dieb identifizieren würden, dass der Ertrag eines Diebstahls im Zug in der Regel nicht die möglichen Kosten aufwiegen würde etc. Sobald wir aber im Hinblick auf Fremde nicht mehr von Vertrauen reden, hat es keinen Sinn mehr, einen wie auch immer gearteten Vertrauensverlust zu beklagen. Vertrauen hat seinen Platz in direkten Interaktionen zwischen Personen. Wenn es um das Verhältnis zwischen Fremden geht, muss dafür gesorgt werden, dass wir uns auf bestimmte Dinge verlassen können. Dazu sind wir keinesfalls auf Ressourcen angewiesen, die sich aus irgendwelchen ursprünglichen Gemeinschaften speisen, sondern wir können je nach Situation flexible legislative und institutionelle Mechanismen implementieren, die ein für das soziale Zusammenleben hinreichendes Mass an Verlässlichkeit sicherstellen.
Über den Autor
Beitrag von Dr. Christian Budnik, er arbeitet als Oberassistent am Institut für Philosophie in Bern. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Theorien des Vertrauens, der personalen Identität und der Rationalität.
Zuletzt erschien ein von ihm in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie herausgegebener Schwerpunkt zum Thema „Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit“ (Band 64, Heft 1, Februar 2016, S. 68-118.)