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Einleitung
¶ 3 Leave a comment on paragraph 3 0 Ich habe mich außerordentlich gefreut, als Michele Notari und Beat Döbeli Honegger mich fragten, ob ich diese Einleitung schreiben würde. Ich bin schon seit mehreren Jahren nicht mehr im Bereich des kollaborativen Lernens tätig. Umso erfreuter bin ich, dass Michele Notari und Beat Döbeli Honegger der Meinung sind, dass zwischen ihrer und meiner Arbeit nützliche Verbindungen bestehen. Es ist mir ein Vergnügen, heute – mit etwas Abstand – vor dem Hintergrund des Themas «Wikis als Lernmethode» über unsere Arbeit zu reflektieren.
1 Werden alle Threads als gleichwertig oder gleichbedeutend eingestuft?
¶ 4 Leave a comment on paragraph 4 0 Mein Interesse an Wikis im Unterricht wurde durch meine frühere Tätigkeit im Bereich des kollaborativen Lernens geweckt. Während mehrerer Jahre befassten sich meine Kollegen und ich an der Universität Georgia Tech mit einem Tool namens CaMILE (Collaborative and Multimedia Interactive Learning Environment). CaMILE war zuerst eine Stand-alone-Anwendung für Macintosh und wurde später zu einer Internetanwendung. Ursprünglich ermöglichte CaMILE threadbasierte Diskussionslisten und in bescheidenem Maße auch Multimedia- Inhalte.
¶ 5 Leave a comment on paragraph 5 0 Als wir in den späten 1990er-Jahren mit CaMILE ins Internet gingen, kam es zu einem Implementierungsfehler, dessen genauere Untersuchung sich als vielversprechend erwies: Jede einzelne threadbasierte Diskussion hatte ihre eigene URL, was es uns ermöglichte, alle Inhalte, die für die Studierenden von Interesse waren, mit dem threadbasierten Diskussionsforum zu verlinken. So konnte beispielsweise eine Seite zur Beschreibung einer Hausaufgabe mit einem threadbasierten Diskussionsforum für Fragen und Kommentare zu dieser Hausaufgabe verlinkt werden; oder auf einer Liste mit Aufgaben, die die Studierenden zur Prüfungsvorbereitung verwendeten, erhielt jede Aufgabe einen Link zu ihrem eigenen threadbasierten Diskussionsforum, in dem die Studierenden kollaborativ Lösungen suchen und ihre Vorschläge miteinander vergleichen konnten. Wir nannten dies «verankerte Kollaboration» (anchored collaboration), da der Kollaborationsbereich fest mit einem bestimmten Thema verknüpft war. Während mit Inhalten verlinkte Kollaborationsräume heutzutage beim Bloggen oder bei Internetdiensten wie Reddit oder Slashdot gang und gäbe sind, war die Vorstellung von solchen Verlinkungen damals, in den Anfangszeiten des Internets, ungewöhnlich.
¶ 6 Leave a comment on paragraph 6 1 Um ein besseres Verständnis der Auswirkungen von verankerter Kollaboration zu erlangen, führten Jennifer Turns und ich mit mehreren Kursen eine Vergleichsstudie durch. Ein Teil der Kurse nutzte CaMILE mit verankerten, kollaborativen Diskussionen, und der andere Teil der Kurse nutzte USENET-Diskussionsgruppen – separate Diskussionsforen, deren Inhalte nicht untereinander verankert bzw. verlinkt waren. Die USENET-Diskussionsgruppen unterstützten zwar themenbasierte Unterhaltungen, doch konnten diese nicht miteinander verbunden werden. Wir untersuchten Kurse in denselben oder ähnlichen Fächern, die sich auf der gleichen Stufe des Grundstudiums befanden (die Studierenden belegten diese Kurse beispielsweise alle im ersten oder zweiten Studienjahr). Die Untersuchung zeigte, dass die verankerten Diskussionen tendenziell länger ausfielen (z. B. mehr gepostete Kommentare und mehr verschiedene Verfasser hatten), dass dabei aber nicht vom Thema abgewichen wurde (Guzdial & Turns, 2000). Unsere Hypothese lautete, dass die Verankerung den Studierenden half, die Funktion dieser Diskussion für die Kollaboration zu erkennen, und sicherstellte, dass alle miteinander im Zusammenhang stehenden Diskussionen im gleichen Thread blieben. Da wir davon ausgehen, dass Diskussionen den Lernprozess fördern, erwarteten wir, dass mehr themenbezogene Diskussionen mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem besseren Lernerfolg führen würden.
¶ 7 Leave a comment on paragraph 7 0 Als wir die Daten auswerteten, fiel uns jedoch eine weitere wichtige Eigenschaft der Verankerung auf: Sämtliche Anker wurden von den Dozierenden, also den Autoritätspersonen des Kurses, angelegt. Nur die Dozierenden konnten Anker (d. h. von der Homepage des Kurses aus verlinkte Themen, die für die Studierenden von Interesse waren) erstellen und diese mit Diskussionen auf CaMILE verlinken. Dies verunsicherte uns in Bezug auf unsere Hypothese, denn die verankerten Diskussionen waren nicht nur verankert, sondern (durch die Auswahl und Bezugnahme) vonseiten der Dozierenden auch hervorgehoben worden. Waren die längeren, themenbezogenen Threads nun das Ergebnis der Verankerung, oder waren sie die Reaktion der Studierenden auf die Empfehlungen einer Autoritätsperson?
¶ 8 Leave a comment on paragraph 8 0 Im Rahmen der CaMILE-Technologie gab es keine einfache Möglichkeit, der Frage «Verankerung versus Autorität» nachzugehen. Doch dann entdeckten meine Studierenden und ich Ward Cunninghams WikiWikiWeb – eine Technologie, bei der alle Verfasser die gleichen Rechte haben (d. h. alle Wörter und Seiten gleich aussehen), bei der allen das gleiche Recht zukommt, Seiten mit der gleichen Sichtbarkeit zu erstellen, und bei der Diskussionen auf beliebigen Seiten entstehen und fortgesetzt werden können. In einem Wiki weiß niemand, ob ein bestimmter Verfasser der Dozierende ist oder nicht.
2 Weg von Autorität, hin zu Flexibilität
¶ 9 Leave a comment on paragraph 9 0 Im Jahr 1997 begannen wir mit der Entwicklung von Swiki (Squeak Wiki). Jochen Rick schrieb den Code völlig neu und machte ihn in den folgenden Jahren zu seinem eigenen Code. Als wir (viele Jahre vor Wikipedia und dem Eingang des Begriffs «Wiki» in die Alltagssprache) damit anfingen, Swiki in einem weniger technischen Umfeld einzusetzen, suchten wir nach einem Namen, bei dem man keine hawaiianischen Wörter erklären musste. Einer der Lehrassistenten schlug «CoWeb» (für Collaborative Website) vor, und so kam es, dass wir für unsere weniger technisch orientierten Beteiligten diesen Begriff verwendeten. Für die Informatikkurse blieb es jedoch beim Begriff «Swiki».
¶ 10 Leave a comment on paragraph 10 0 Wir haben nie versucht, das Diskussionsvolumen, das von den durch Dozierende als Diskussionsanker erstellten Seiten ausging, mit demjenigen, das von den durch Studierende erstellten Seiten herrührte, zu vergleichen, denn bereits bei der bloßen Betrachtung der täglichen Nutzung wurde eines klar: Von den Lehrkräften initiierte Diskussionen wurden mit viel größerer Wahrscheinlichkeit besucht und verzeichneten mehr Zugriffe als Diskussionen, die von den Studierenden ausgingen. Die Studierenden waren in der Lage (anhand des Tonfalls, einer expliziten Unterschrift oder der Platzierung der Seite innerhalb des Wikis) zu erkennen, welche Seiten von Dozierenden verfasst worden waren. Auf die insgesamt eher seltenen von Studierenden verfassten Diskussionsansätze gab es meistens keine Reaktionen. Unsere Swikis spiegelten somit die Autoritätsstrukturen der Vorlesungssäle wider. In den meisten Fällen lenkten die Dozierenden die Aufmerksamkeit der Studierenden auf ein bestimmtes Thema, während die Studierenden die Hinweise der Lehrkräfte entgegennahmen und sich danach richteten.
¶ 11 Leave a comment on paragraph 11 0 Möglicherweise noch interessanter ist die Entdeckung, die wir machten, als wir die Swikis campusweit zur Verfügung stellten: Die Fakultäts- und Lehrassistentinnen und -assistenten auf dem ganzen Campus entwickelten eine enorme Vielfalt an Anwendungen für das Swiki (Guzdial, Rick & Kehoe, 2001). Das war beeindruckend. In der Geschichte der technologischen Entwicklungen für den Bildungsbereich finden sich zahlreiche Erfindungen, die nicht oder nur in geringem Maße eingesetzt werden oder bei denen nur ein Bruchteil des potenziellen Nutzens ausgeschöpft wird. Im Gegensatz dazu wurden die Swikis nicht nur campusweit eingesetzt, sondern es wurde auch eine überraschende Vielfalt an Anwendungen entwickelt.
¶ 12 Leave a comment on paragraph 12 0 Heute denken die meisten Menschen beim Begriff «Wiki» sofort an «Wikipedia». Die Schaffung einer Enzyklopädie wie Wikipedia ist aber nur eine mögliche Anwendung eines Wikis. Unter Verwendung der Swikis entwickelte unsere Fakultät auch Instrumente wie:
- ¶ 13 Leave a comment on paragraph 13 0
- ein Glossar mit medizinischen Fachbegriffen (z. B. für Krankheiten oder die
menschliche Anatomie), das während mehrerer Semester entstand
- eine kommentierte Bibliografie für eine Forschungsgruppe
- Prüfungsvorbereitungsfragen mit einem Kollaborationsbereich zur Besprechung der Antworten
- ein textbasiertes Abenteuerspiel
¶ 14 Leave a comment on paragraph 14 0 Da sich das Swiki einer regen Nachfrage vonseiten der Studierenden, der Dozierenden sowie der Lehrassistentinnen und -assistenten erfreute, erlebte es in den ersten Jahren seiner Nutzung eine rasche Entwicklung (Guzdial, Rick & Kerimbaev, 2000). Wir kamen von einigen der ursprünglichen WikiWiki-Gedanken ab und gaben den Benutzern beispielsweise die Möglichkeit, Seiten zu sperren (sodass nur Personen mit einem bestimmten Passwort diese Seiten freigeben und bearbeiten konnten). Dies war sowohl für die Studierenden als auch für die Dozierenden von Vorteil, denn so konnte man sich darauf verlassen, dass Seiten mit bestimmten Inhalten – etwa Seiten mit Anweisungen zu Hausaufgaben – aus einer offiziellen Quelle stammten. Auf diese Weise wurde das Swiki zu einer Wiki- Engine, die sich ganz spezifisch für die Verwendung in Lehrveranstaltungen eignete.
3 Weitergehende Fragen zur Verwendung von Wikis im Bildungsbereich
¶ 15 Leave a comment on paragraph 15 0 Studien zur Verwendung von Wikis im Bildungsbereich streifen auch tiefgreifendere Fragen zum Bildungssystem und zur Unterrichtspraxis. Diese Fragen betreffen nicht nur Wikis. Wikis sind lediglich eine Art Linse, durch die diese Fragen betrachtet werden können.
¶ 16 Leave a comment on paragraph 16 0 Verschiedene Philosophen und Erziehungswissenschaftler treten für ein demokratisches Schulsystem ein. Darin, so etwa Dewey, komme die Individualität eines demokratischen Volkes zum Ausdruck. Wikis nun gehören wahrscheinlich zu den demokratischsten Bildungsinstrumenten. Jeder kann jede Seite bearbeiten und jeden beliebigen Kommentar abgeben. Dennoch haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Machtstrukturen von Lehrveranstaltungen sich bei der Nutzung von Wikis widerspiegeln. Viele Lehrveranstaltungen sind nicht demokratisch organisiert: Eine Dozentin oder ein Dozent leitet die Kursteilnehmerinnen und ‑teilnehmer an und hat die Kontrolle darüber, was zum Ausdruck gebracht wird. In den Swikis wurden die Beiträge der Lehrkräfte höher eingestuft als die Beiträge der Studierenden, den Postings und Aktivitäten der Lehrkräfte wurde am meisten Aufmerksamkeit geschenkt. Es überrascht kaum, dass sich die Struktur der Lehrveranstaltungen in den Swikis widerspiegelte – ein Wiki ist ja schließlich nur eine Technologie, die weder die Studierenden noch die Lehrenden verändert. Es ist lediglich eine Linse, durch die wir die Machtstrukturen betrachten können. Bereits vor dem Aufkommen von Wikis stellte sich die Frage, ob es ein Problem ist, dass Lehrveranstaltungen nicht demokratischer organisiert sind. Wikis machen diese Frage nur offensichtlicher.
¶ 17 Leave a comment on paragraph 17 0 Im Vergleich zu anderen Bildungstechnologien spielen Wikis aufgrund ihrer hohen Nutzungsrate und der kreativen Anwendungen, die Dozierende für sie entwickelt haben, eine besondere Rolle. Tablet-Computer finden heutzutage beispielsweise breite Anwendung, im Gegensatz zu den Wikis werden für sie jedoch selten neue Verwendungszwecke gefunden. Neue Anwendungen von Tablet- Computern zu Unterrichts- und Lernzwecken machen die Entwicklung neuer Computerprogramme notwendig. Das wiederum erfordert Kenntnisse und Fähigkeiten im Bereich der Applikationsentwicklung. Wikis hingegen können auch mit beschränkten technischen Kenntnissen und Fähigkeiten für neue Zwecke angepasst werden.
¶ 18 Leave a comment on paragraph 18 0 Weshalb inspirieren Wikis Dozierende zur Erfindung neuer Anwendungszwecke? Welche allgemeinen Aspekte einer Technologie ermutigen sie dazu, erfinderisch mit ihr umzugehen? Möglicherweise wird eine Technologie dann erfolgreich adaptiert, wenn sie eine Erweiterung eines bereits bestehenden pädagogischen Instruments darstellt. Einer unserer Dozenten nannte das Wiki einst eine «Wandtafel zur gemeinsamen Nutzung». Wikis fühlen sich an wie ein altbekanntes, vertrautes Medium, haben jedoch den zusätzlichen Vorteil, dass ihre Inhalte im Internet gemeinsam genutzt werden können. Werden Wikis für neue Anwendungen eingesetzt, weil sie uns ein Gefühl der Vertrautheit vermitteln?
¶ 19 Leave a comment on paragraph 19 0 Wikis sind in ihrer aktuellen Form in erster Linie inhärent öffentliche Textmedien: Jeder kann die von jedem erstellten Seiten sehen. Die Benutzung von Wikis in Bildungseinrichtungen ist somit eine Form des fächerübergreifenden Schreibens (Writing Across the Curriculum): Auch wenn das Wiki in den Studiengängen Informatik oder Ingenieurswesen eingesetzt wird, werden die Aktivitäten der Studierenden in eine Form der öffentlichen Kommunikation umgewandelt. Das Wiki ist daher eine moderne Internettechnologie, die dazu dient, einige der ältesten Ziele der Allgemeinbildung – grundlegende Schreibkenntnisse und Kommunikationsfähigkeiten im öffentlichen Raum – zu fördern.
4 Was wir über Wikis im Bildungsbereich noch nicht wissen
¶ 20 Leave a comment on paragraph 20 0 In Bezug auf die Rolle von Wikis im Bildungsbereich gibt es noch viel zu lernen. Lehrende wollen beispielsweise erfahren, welche Praktiken bei der Benutzung von Wikis in Lehrveranstaltungen am besten geeignet sind, um den Lernprozess zu fördern. Was bedeutet es, mit einem Wiki zu unterrichten – im Vergleich zum Unterrichten mit der Wandtafel oder mit PowerPoint?
¶ 21 Leave a comment on paragraph 21 0 Die Interaktion über ein Wiki unterscheidet sich für die Studierenden grundlegend von anderen Lernformen. Anders als der Unterrichtssaal ist ein Wiki ein schriftliches Medium, mit dem zahlreiche Personen erreicht werden können. Die an einer Universität eingeschriebenen Studierenden können alle gleichzeitig zum Wiki beitragen (lesen und schreiben), und das Wiki bietet den Studierenden enorm viele Freiheiten. Es ist weniger strukturiert als ein threadbasiertes Diskussionsforum. Wie erleben die Studierenden diese Diskussionsumgebung? Nutzen sie die Wikis sinnvoll, sodass ihr Lernprozess unterstützt wird? Sollten wir Studierenden beibringen, Wikis effizient zu nutzen?
¶ 22 Leave a comment on paragraph 22 0 Ich hoffe, dass dieses Buch bei manchen Themen als Richtschnur dienen kann. Die Verfasser sind einer Reihe von Fragen nachgegangen, um zu untersuchen, welche Möglichkeiten es für die Nutzung von Wikis zu Lernzwecken gibt und wie wir Wikis sinnvoll einsetzen können. Ich bin überzeugt, dass Sie durch dieses Buch die Bedeutung von Wikis als Hilfsmittel für den Unterricht ganz neu einschätzen werden.
Literatur
- ¶ 23 Leave a comment on paragraph 23 0
- Guzdial, M. & Turns, J. Effective discussion through a computer-mediated anchored forum. Journal of the learning Sciences, 2000. 9(4), pp. 437–470.
- Guzdial, M., Rick, J. & Kehoe, C. Beyond adoption to invention: Teacher-created collaborative activities in higher education. Journal of the Learning Sciences, 2001. 10(3), pp. 265–279.
- Guzdial, M., Rick, J. & Kerimbaev, B. Recognizing and supporting roles in CSCW, in Proceedings of the 2000 ACM conference on Computer supported cooperative work. 2000, Philadelphia, Pennsylvania: ACM, pp. 261–268.
Diese Einleitung von Mark Guzdial ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine Bearbeitung 3.0 Schweiz Lizenz.