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Im Februar machte die französische Grossbank BNP Paribas eine wichtige Ankündigung: Sie wird künftig keine Unternehmen mehr finanzieren, die mit Rindfleisch und Sojabohnen handeln, die aus Ländereien im Amazonasgebiet stammen, die nach 2008 gerodet wurden. BNP war einst das weltweit wichtigste Institut zur Handelsfinanzierung. Nur wenige Wochen zuvor hatte sich BNP Paribas der Schweizer Grossbank Credit Suisse und dem niederländischen Kreditinstitut ING angeschlossen, um die Vergabe von Krediten an jene Rohstoffhändler einzustellen, die im ecuadorianischen Regenwald gefördertes Erdöl kaufen und verkaufen. Die Abteilung der Handelsfinanzierung von ING befindet sich in Genf.
Die Handelsfinanzierung ermöglicht es Rohstoffhändlern, grosse Mengen an Rohstoffen zu kaufen und zu verkaufen. Das Geschäft wird von Rohstoffunternehmen in Genf organisiert. Deren Deals wiederum werden von Grossbanken finanziert. Um sich abzusichern, lassen die Rohstoffkonzerne die Käufe der Raffinerien durch «letters of credit» von den Banken vorfinanzieren. Diese Aktivität unterscheidet sich klar von der Finanzierung konkreter Produktionsprojekte, bei denen Unternehmen von den Banken Geld erhalten, um nach Öl zu suchen oder Nutzpflanzen anzubauen. Laut der jüngsten Studie der Schweizerischen Vereinigung für Handel und Schiffstransporte ist die Schweiz die grösste globale Drehscheibe für Handelsfinanzierungen. Danach folgt das Vereinigte Königreich (UK).
Ölverseuchter Regenwald
Die Handelsfinanzierung ist Teil einer milliardenschweren Rohstoffhandelsindustrie, die unter anderem für die Verschmutzung des Regenwalds mit Erdöl in der Amazonas-Region «Sacred Headwaters» verantwortlich ist. Dort lebt rund eine halbe Million Menschen indigener Völker. Wegen der verschmutzten Flüsse hatten einige Siedlungen vorübergehend kein Trinkwasser. Im April letzten Jahres barst beispielsweise eine Pipeline. So gelangte Rohöl in den Coca-Fluss, in einem Gebiet, das schon über Jahre von der Chevron-Texaco Oil Company mit Giftmüll belastet worden war.
«Die Auswirkungen der Handelsfinanzierung sind eine sehr ernste Sache. Unser Land wurde verseucht. Es ist mit Öl durchtränkt. Das ist ungerecht. Es gibt kein Trinkwasser, keine Bildung und keine Gesundheit», sagt Marlon Vargas, Präsident der Konföderation der indigenen Völker des ecuadorianischen Amazonas (Confeniae) gegenüber swissinfo.ch in einem Telefongespräch. Die Ölförderung entlang der Nebenflüsse des Amazonas ist seiner Meinung nach «eine Ausbeutung».
Ein Bericht der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Stand.earth aus dem Jahr 2020 nennt in diesem Zusammenhang sechs meist in Genf ansässige Handelsfinanzierungsbanken, die seit 2009 Ölhandel im Wert von etwa zehn Milliarden Dollar finanziert haben – vom ecuadorianischen Amazonas bis in die Vereinigten Staaten. Der fossile Brennstoff wird in einem der artenreichsten Regenwälder der Erde gefördert. Eine Ausweitung in den Yasuni-Nationalpark – einem Unesco-Weltkulturerbe – ist wahrscheinlich.
Der Bericht von Stand.earth setzte mehrere Banken unter Druck, öffentlich Stellung zu beziehen. Im Januar gab neben ING, BNP Paribas und Credit Suisse auch die niederländische Rabobank bekannt, die Finanzierung der Öl-Geschäfte Anfang 2020 eingestellt zu haben.
Auf Anfrage von swissinfo.ch bestätigt die Grossbank Credit Suisse, dass sie den Handel mit ecuadorianischem und peruanischem Öl nicht mehr unterstützen werde. In einer Mitteilung schreibt die Bank, dass sie «ihren sektorspezifischen Verhaltens-Kodex regelmässig überprüft und aktualisiert» und «im Laufe des letzten Jahres weitere Beschränkungen bei der Finanzierung fossiler Brennstoffe eingeführt hat».
Wende bei Unternehmens-Verantwortung?
Die Frage nach einer Auslagerung oder Bereinigung von umweltbelastenden Geschäftstätigkeiten ist nicht ganz neu. Schon vor vielen Jahren haben Einzelhändler und Produzenten, die auf Rohstoffe aus dem Amazonasgebiet und anderen gefährdeten Gebieten setzen, sowohl unternehmensinterne als auch branchenweite Nachhaltigkeits-Standards angekündigt. Allerdings waren viele dieser Standards unverbindlich und ihre Umsetzung wurde nicht von unabhängiger Seite geprüft.
Doch der Druck auf den Rohstoffsektor steigt kontinuierlich. «Rohstoffproduzierende Unternehmen und Rohstoffhandelsunternehmen erkennen, dass die Verantwortung für Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen zusehends über die direkt involvierten Firmen vor Ort hinaus gehen. Ins Visier geraten diejenigen, die an der Kommerzialisierung von Rohstoffen beteiligt sind», sagt Gilles Carbonnier, Professor für Entwicklungsökonomie am Graduate Institute in Genf. Er stellt einen Wandel in der Branche fest, um sich von Risikogeschäften zu trennen oder sich zumindest von diesen zu distanzieren.
Carbonnier ist zudem der Auffassung, dass gewonnene Zivilklagen von Personen oder Gemeinschafen, die von Umweltskandalen betroffen waren, durchaus etwas bewirken. Gemeint sind Klagen vor Gerichten in Ländern, in denen Rohstoffunternehmen ihren Sitz haben. Die entsprechenden Urteile hätten das Bewusstsein für die Verstrickung von Unternehmen in Umwelt- und Sozialmissbrauch innerhalb von Lieferketten geschärft.
Gilles Carbonnier meint: «Die gesellschaftlichen Erwartungen und Normen verlagern sich im Moment auch rasch in Richtung Klimawandel. Dieser ist nicht nur für Regierungen, sondern auch für zivilgesellschaftliche Organisationen zu einem wichtigen Anliegen geworden.» Und er fügt hinzu: «Das Amazonasbecken und der Erhalt des Regenwaldes werden zu einem ganz wichtigen Thema, insbesondere der ecuadorianische Amazonas.»
Der bei den Unternehmen festgestellte Bewusstseinswandel steht durchaus in Einklang mit dem angestrebten Image des Schweizer Finanzplatzes. Zwei Jahre nach dem offiziellen Ende des Schweizer Bankgeheimnisses versucht die Schweiz, sich als globales Zentrum für nachhaltige Finanzdienstleistungen zu positionieren. Viele der grössten Handelsfinanzierungsbanken sind Teil der Organisation Sustainable Finance Geneva (SFG), die eine Zusammenarbeit zwischen dem Genfer Bankensektor und dem internationalen Genf anstrebt. Dazu gehören internationale Organisationen, Nichtregierungsorganisationen und Think Tanks.
Jean Laville ist stellvertretender CEO von Swiss Sustainable Finance, einer landesweiten Branchenvereinigung für nachhaltige Finanzierung, der SFG angehört. Er ist der Auffassung, dass die Handelsfinanzierungsbanken vor einem «neuen Paradigma» stehen. Die Branche habe eingesehen, «auf der schlechten Seite der Geschichte zu stehen.»
Mangelnde Transparenz bei Kreditvergaben
Andreas Missbach, Fachleiter Rohstoffe, Handel und Finanzen bei der NGO Public Eye in Zürich, hat einen wesentlich kritischeren Blick auf die Banken. Public Eye publizierte kürzlich einen Bericht zur Rohstoff-Finanzierung, der eine mangelnde Transparenz bei der Vergabe von Krediten durch Schweizer Banken an die Händler dokumentiert. Die Banken seien im Detail nicht über die von ihnen finanzierten Geschäfte im Bilde.
«Die Banken haben überhaupt keine Ahnung, was (mit der Finanzierung) gemacht wird und woher die Händler kommen», sagt Missbach. Er bezweifelt auch, dass die Handelsfinanzierungsbanken wegen Umweltschutzbedenken motiviert sein könnten, die Finanzierung von Ölgeschäften einzustellen, so wie es in Ecuador der Fall war.
Laut einer neuerlichen Erklärung von Stand.earth sind einige Banken jedenfalls immer noch bemüht, keinerlei Aufmerksamkeit zu erregen. Im Januar kritisierte die NGO die französische Bank Natixis, die mit Schweizer Händlern zusammenarbeitet. Gemäss der NGO handelt es sich «um die einzige Bank unter den Top sechs, die nach der Veröffentlichung des Berichts vom August noch Geschäfte mit Amazonas-Öl gemacht hat». Angeline Robertson, investigative Rechercheurin bei Stand.earth, ist überzeugt, dass Natixis weiterhin Ölgeschäfte aus dem Amazonasgebiet finanziert.
Auch die Schweizer Grossbank UBS befindet sich im Fokus von Stand.earth. Robertson schreibt in einer E-Mail, dass ihre Organisation gemeinsam mit Amazon Watch aufgezeigt hätte, «dass die UBS ihren eigenen Verhaltenskodex nicht korrekt auf die Handelsfinanzierung für Amazonas-Öl angewendet hat, zumindest solange, bis wir als Menschenrechts- und Umweltorganisationen über die Verletzung der Regeln berichtet haben. Dies gibt Anlass zur Sorge, dass die UBS ohne das Eingreifen weiterer externer Interessensvertreter die potentiellen Verstösse gegen ihre eigenen Richtlinien ‹übersehen› könnte.» Anders gesagt: «Wir glauben, dass die UBS ohne eine proaktive Verpflichtung zur Beendigung der finanziellen Unterstützung für Amazonas-Öl derzeit keine 100-prozentige Garantie geben kann, dass ihre Bankaktivitäten negative Auswirkungen im Amazonasgebiet verhindern.»
Swissinfo.ch konfrontierte die UBS mit der Kritik. In ihrer Stellungnahme gab es von Seiten der Schweizer Grossbank keinerlei Hinweise zu einer Änderung der Geschäftspraktiken in Bezug auf Amazonas-Öl. Sie betont jedoch, «dass ein ständiger Dialog mit zahlreichen Stakeholdern und Nichtregierungsorganisationen geführt wird». Ausserdem wende die Bank «in Bezug auf Umwelt- und Sozialrisiken ein detailliertes Korsett an Vorschriften auf alle Transaktionen, Produkte, Dienstleistungen und Aktivitäten an, einschliesslich der Rohstoffhandelsfinanzierung».
Der ecuadorianische Bericht zu den Praktiken im Öl-Business dürfte einerseits einige Banken animiert haben, ihr «Reputationsrisiko» zu überdenken, wenn sie die «schmutzigen Geschäfte» weiterhin finanzieren. Zudem lassen sich bei der Nachfrage nach Handelsfinanzierungen tiefgreifende Veränderungen feststellen. Hinter vorgehaltener Hand geben einige Händler zu, dass die Klimafragen und der Anstieg der E-Mobilität ein Umdenken bei den Investitionen ausgelöst habe.
Die Finanzinstitute könnten für die Menschen vor Ort allerdings noch wesentlich mehr tun. «Dass drei oder vier Banken die Finanzierung des ecuadorianischen Öls ausgesetzt haben, ist ein grosser Erfolg für die Menschheit. Wir hoffen, dass noch mehr Banken, möglichst alle Banken, diese Finanzierungen einstellen», bilanziert Marlon Vargas von der Konföderation der indigenen Völker des ecuadorianischen Amazonas. «Das Handeln vieler Banken steht im völligen Widerspruch zu dem, was sie auf internationalen Klimakonferenzen sagen. Einige Banken respektieren einfach nicht die Rechte der indigenen Völker. Sie verursachen sehr viel Schaden für die Menschheit.»
Dieser Beitrag ist zuerst auf swissinfo.ch erschienen. Übertragung aus dem Englischen: Gerhard Lob
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine.