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Medien
Welterfahrener Walterfahrer
Das Inhaltsverzeichnis von Endo Anacondas neuster Kolumnensammlung verspricht einiges - wer wird schon bei Titeln wie "Sonst muss man halt nach Lichtenstein auswandern", "Wahrscheinlich ist sogar die Regierung leicht emo" oder "Hätte ich ein Nacktwanderseminar buchen sollen?" nicht zum Weiterlesen animiert? "Walterfahren" ist ein Sammelsurium von sarkastisch absurden Gedanken, Selbstoffenbarungen, Gesellschaftsstudien und Weltbeobachtungen. "Walter" ist der rote Mazda, der sich der 57jährige Anaconda im Sinne eines "spätpubertäre(n) Aufbäumen(s)" mit dem 'halbstarken Gefühl' angeschafft hatte, damit "dem heraufdämmernden Lebensabend (...) entkommen zu können." Dass "Walterfahren" und "Welterfahren" nahe beieinander liegen, ist offensichtlich, insofern sind die 77 Kolumnen kleine Zeitzeugen unserer und insbesondere Anacondas Welt, in der neben den großen Fragen des Lebens ("Schießt man mit Gottes Beistand mehr Tore?) und der in Bern stattfindenden Weltpolitik Ostermundigen und das "kapriziöse Geschenk des Klapperstorchs" genauso Platz finden.
Jedem Jahr gebührt eine Rückschau - Die Einleitungen zu den in den Jahren 2007 bis 2010 entstandenen Kolumnen, resümieren wichtige Ereignisse und rufen eigene Erinnerungen wach. Genau, 2007 war es, als Blocher aus dem Bundesrat abgewählt wurde ("seither scheint seine persönliche Kränkung der Treibstoff seiner politischen Aktivitäten zu sein. Meinte er doch, von Gott in dieses Amt berufen worden zu sein und nicht vom Parlament."), 2008 raste Haider in den Tod und Barack wurde zum Präsidenten gewählt, während Ex-Mister Schweiz Renzo Blumenthal und Endo Anaconda dank Vaterglück fast zeitgleich damit begannen, Kinderwägen durch die Gegend zu schieben. Der Kommentar zum Erdbeben in Haiti vom 12. Januar 2010 dann ganz nüchtern: "316000 Tote, 310000 Verletzte und 1.85 Millionen Obdachlose. Der Leerwohnungsbestand in der Schweiz beträgt 36713 Wohnungen und man spricht hier von Wohnungsnot."
Mehr als großer Literat ist Anaconda ein großer (Quer-)Denker. "Walterfahren" ist eine Kolumnensammlung, nicht mehr und nicht weniger. Nicht bei allen Titeln kann das von ihnen ausgehende Versprechen eingelöst werden. Und dennoch lohnen sich die Lektüre und der Besitz des Buches: Die Gedanken sind quirlig und unterhalten auf eigenwillige anaconda'sche Art, nicht selten lacht man beim Lesen laut heraus und fühlt sich wenige Sätze später im eigenen Verhalten ertappt und gleichzeitig etwas betroffen. Der Besitz lohnt sich insofern, als es sich objektiv gesehen um ein wunderschönes Buch handelt (wer dieses Buch in den Händen hält, wird es für nichts auf der Welt gegen eine elektronische Version eintauschen - und dem Secession Verlag dafür dankbar sein). Ob sich die Buchform als solche hingegen wirklich für die sich im Ton und Aufbau sehr ähnelnden Kurztexte eignet, sei dahin gestellt. Es empfiehlt sich, die Kolumnen als Häppchen zu genießen und nicht zu viele aufs Mal zu sich zu nehmen - und mal anders: Die schwer verdaulichen sind die besten: "Dass ich vor der Diät, anstatt Breitensport zu betreiben, mit den Jahren immer mehr in die Breite gegangen bin, realisierte ich erst so richtig, als ich jüngst meine Garderobe sortierte. Hosen, so monströs, dass man sie nicht einmal abändern, geschweige denn als Hilfsgut hätte spenden können, ohne zynisch zu wirken."