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Marcel Schaffner - Arbeiten auf Papier
Die in den beiden Grafikkabinetten präsentierte Auswahl von Arbeiten auf Papier vereint Werke Marcel Schaffners, die vor allem seit den späten 80er Jahren und bis in die jüngste Zeit entstanden sind. Die drei Linolschnitte mit dem Titel Hängende Form (im ersten Kabinett neben dem Lift) sind schon 1966 entstanden. Das Kupferstichkabinett verfügt lediglich über eine kleine Sammlung von Arbeiten Marcel Schaffners. Wegen ihres grossen Formates können hier nicht alle gezeigt werden. Die meisten der ausgestellten Werke sind Leihgaben der Galerie Carzaniga, Basel
Marcel Schaffner wurde 1931 in Basel geboren, wo er seine erste künstlerische Ausbildung erfuhr; seit 1985 lebt er in Zürich. In Basel hatte er an der Allgemeinen Gewerbeschule den Vorkurs belegt, doch bildete er sich vorwiegend autodidaktisch weiter, seinen eigenen Intuitionen folgend. Er besuchte zwischen 1953 und 1956 Malkurse bei Martin A. Christ und Zeichenkurse bei Walter Bodmer, verliess jedoch die Schule ohne Abschluss. Beeindruckt hatten ihn früh die vorexpressionistischen Werke Albert Müllers, Walter Kurt Wiemken und mehr noch Max Kämpf wurden für ihn wichtig; letzterer vor allem bestärkte ihn in seiner künstlerischen Haltung, die Schaffner folgendermassen auf den Punkt brachte: “Man wird Künstler auch, um Mensch zu bleiben.“ (in: Basler Woche, 7. Oktober 1983).
Den grössten Eindruck hinterliess bei ihm die von Arnold Rüdlinger im Frühjahr 1958 gezeigte Ausstellung von Werken Jackson Pollocks und neuer amerikanischer Malerei in der Basler Kunsthalle. Ausgelöst und gefördert durch Rüdlinger bildete sich bald ein Kreis jüngerer Maler, zu denen Lenz Klotz, Matias Spescha, Rolf Iseli, Samuel Buri, Werner von Mutzenbecher, Bernd Völkle, Hans Remond, Niklaus Hasenböhler, Paul Suter, Michael Gossert und andere gehörten; Schaffner sollte schnell in dessen Mittelpunkt treten. 1956 entstanden Gemälde, die noch den Einfluss von Louis Moilliet und Albert Müller zeigen. Doch dann trat an die Stelle der Farbfelder und geometrischen Formen eine heftig bewegte Malerei, die von kurzen, pastos aufgetragenen Pinselstrichen häufig in diagonaler Ausrichtung charakterisiert ist. Die solcherart hingesetzten Striche und Streifen werden ineinander verzahnt, scheinen vor- oder zurückzuspringen, erzeugen in ihrem Nebeneinander und Zusammentreffen den Eindruck von grosser Dynamik, die von den Rändern ausgeht und sich nach innen hin steigert. Einheitliche Farbklänge in Schwarz, Grün, Gelb, Blau oder Rot bestimmen diese Bilder. Um 1959/60 nahm das Gestische in den Gemälden deutlich zu. Schaffner konzentrierte sich nun auf eine Hell-Dunkelskala von Grauwerten, welche Stimmungen evozieren und Befindlichkeiten zum Ausdruck bringen. Immer wieder legte er Malschicht über Malschicht, bis die Gemälde eine objekthafte Schwere erhielten, ein Vorgang, den Werner von Mutzenbecher folgendermassen beschrieben hat: “Die stetige Zerstörung der Formen, ja des ganzen Bildgefüges dient der endgültigen Erschaffung, ist Voraussetzung für den spezifischen Endzustand, Endgehalt dieser Bilder. Der grosse Reichtum der Oberfläche ist ein Resultat vieler Übermalungen – etwas, das sich von selber einstellt. Beinahe wird das Bild als Tafelbild gesprengt, wird zum Objekt, zum Stein, der überwachsen ist, zu etwas Naturhaftem, das organisch entstanden ist“ (in: Ausst.-Kat. Kunsthalle Basel, 1977, S. 28). Schaffner griff nun verstärkt Impulse der internationalen Avantgarde auf, insbesondere des „Informel“ und der neuen Malerei aus den USA. Seine Arbeiten zeichnen sich aus durch eine: „... vehemente, handschriftliche Formulierung, den gestischen Malakt, die bewusst stehengelassenen Zufallspuren spontaner Bearbeitung sowie die Abkehr von einem traditionell gegliederten Formenaufbau.“ (Beat Stutzer, S. 17). Dennoch war das Arbeiten von Schaffner nicht dem Zufall unterworfen, spielte das Bewusstsein für die Verteilung von Gewichten im Bild und die Ausgewogenheit der aufgesetzten Striche eine Rolle. In den frühen 60er Jahren, noch parallel zu den schweren Ölbildern, experimentierte Schaffner mit Collagen, klebte farbige Papiere auf grosse Papierbahnen oder liess diese in Kontrast zu seiner Malerei treten. Wenig später gab Schaffner die Ölmalerei auf. Die Technik der Gouache, das Malen mit Acryl oder Dispersionsfarbe auf Papier kamen ihm entgegen, leuchtende Farben wurden ihm wichtiger, und er rückte ab von den blockhaften, verkeilten Strukturen seiner Bildmotive.
Als Reaktion auf die Pop-Art bzw. Land-Art und Arte Povera könnte man die „Zeitkästen“ Schaffners ansehen, die er zwischen 1969 und 1974 geschaffen hat. Schaffner klebte Polaroid-Photos in Kästen und übermalte sie teilweise. Die einfache Materialität dieser Werke, wie auch die von ihm gewählten Motive, die von der Landschaft bis zum banalen Ausstattungsstück in seinem Atelier reichen, wirken wie Sammlungen von Erinnerungsstücken und spielen auf die Vergänglichkeit und Verwandlung der hier angesprochenen Lebensbereiche an. Mit den sogenannten Zeichenbildern aus der Mitte der siebziger Jahre gelangte Schaffner sozusagen zur Malerei zurück. Dünne, mit Pastellkreide oder Kohle gesetzte Linien erzeugen Strichbilder, bald geometrische Formen oder Gitterstrukturen bildend, durchdrungen von gekrümmten Linien oder wirbelnden Spiralen, die vor tonige, Raumtiefe suggerierende Gründe gesetzt sind.
Zu Beginn der 80er Jahre griff Schaffner die gestische Malerei wieder auf. Die Motive bestehen nun häufig aus Formen mit gekurvten Linien oder aus Schlingen, deren Dynamik und Expressivität in der intensiven Farbigkeit ihrer Umgebung aufgegriffen werden können. Entsprechendes zeigen auch die in dieser Zeit entstehenden Assemblagen und Arbeiten auf Papier. Letztere weisen eine grössere Leichtigkeit und Transparenz auf, und das neben den grosszügig und zugleich präzise gesetzten Farbstrichen und Formen verbleibende unbezeichnete Papier, das Weiss des Bildträgers also, öffnet Räume unbestimmter Ausdehnung. Assoziationen an Gegenständliches, an Landschaften oder menschliche Figuren sind möglich oder klingen in den Bildtiteln an.
Im Jahr 2003 kam es zu einem – auf den ersten Blick jedenfalls – überraschenden Einschnitt. Denn Schaffner, der bisher vor allem durch seine expressive Malerei und Zeichnung hervorgetreten war, zeigte in der Ausstellung im Kunstraum Riehen nun plötzlich Gemälde, die aus zwei unmittelbar aneinanderstossenden monochromen Farbflächen bestanden. Dadurch betonte er den Objektcharakter seiner Bilder und drängte die traditionelle Auffassung des Bildes als Fenster, das sich vor dem Betrachter in die Tiefe des Raumes öffnet, zurück. Zugleich erhielten diese Bilder einen ruhigen, meditativen Charakter. Sandro Bocola hat die Gegensätzlichkeit dieser unterschiedlichen Vorgehensweisen als anderen Aspekt derselben Intention verstanden. Er sieht in diesen Bildern die Absicht, „... unter Verzicht auf spezifische Formstrukturen Empfindungen des Unendlichen und Unsagbaren auszudrücken.“ (Sandro Bocola, in: Ausst.-Kat. Galerie Carzaniga, 2010, S. 2). Sie lassen durchaus eine Reduktion der künstlerischen Ausdrucksmittel erkennen, deren Intensivierung Schaffner in Gemälden und Arbeiten auf Papier aus dem Jahr 2007 erneut suchen sollte. Die in Horta de San Juan in Spanien entstandenen Werke, von denen im Kabinett auf der rechten Seite Beispiele ausgestellt sind, zeigen eine an Kalligraphie oder Gitterstrukturen erinnernde Bildsprache. Schaffner trug die Farbe in diesen Beispielen unmittelbar mit der Tube – ohne Pinsel also – auf und erzeugte damit eine Indirektheit der künstlerischen Handschrift. Zugleich aber brachte diese Arbeitsweise den körperlichen Einsatz des Arbeitens zum Ausdruck und verlieh den Farbstrichen eine Expressivität, die sich nicht vollkommen kontrollieren liess. In derselben Zeit entstanden vergleichsweise kleinformatige Zeichnungen in einer aufgehellten, zarten Farbigkeit, welche an seine gestischen Zeichnungen und Gemälde der 80er Jahre anschliessen.
Christian Müller
Ausgewählte Literatur:
Ausst.-Kat.