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(griech., »Handwirkung«,
die mit den
Händen wirkende ärztliche
Kunst), Wundarzneikunde. Eine scharfe
Definition von Chirurgie läßt sich nicht geben, weil
das Gebiet derselben mehr durch
Gebrauch und altes Herkommen als durch Umstände, welche in der
Natur der
Krankheiten liegen, festgestellt worden ist. Sowenig es eine scharfe und naturgemäße
Grenze zwischen innern und äußern
Krankheiten gibt, sowenig läßt sich zwischen der Chirurgie und der innern
Medizin eine strenge Unterscheidung aufstellen. Beide
Zweige der praktischen
Medizin schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern ergänzen vielmehr einander.
Darum muß auch der Chirurg im Vollbesitz des allgemeinen
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medizinischen Wissens sein, wie umgekehrt der Arzt, welcher sich vorzugsweise der Behandlung der innern Krankheiten widmet,
ohne chirurgische Kenntnisse nicht auskommt. Die Trennung der Chirurgie von der innern Medizin beruht darauf, daß der Chirurg über
eine gewisse Technik verfügen muß, welche namentlich bei den chirurgischen Operationen, bei der Anwendung mechanisch
wirkender Heilmittel etc. in Frage kommt, und die sich nicht jeder Arzt in dem genügenden Grad aneignen wird; praktisch wird
daher die Trennung der Chirurgie und der innern Medizin fortbestehen, in der Wissenschaft selbst aber besteht eine solche Trennung
durchaus nicht. Das Gebiet, welches, der Tradition entsprechend, der Chirurgie anheimfällt, umfaßt vorzugsweise
die zu Tage liegenden, äußerlich sichtbaren Schäden, also namentlich die Wunden und Geschwüre, die Knochenbrüche und Verrenkungen,
die Unterleibsbrüche, Vorfälle, Geschwülste, überhaupt alle diejenigen Krankheitszustände, welche der ärztlichen Behandlung
auf operativem oder mechanischem Weg zugänglich sind.
Geschichte. Die Chirurgie ist nächst der Geburtshilfe wohl der älteste Teil der gesamten Heilkunde. Ihre Anfänge haben wir wahrscheinlich
bei den Ägyptern zu suchen; sie führten Ärzte auf ihren Feldzügen bei sich und übten bereits die Amputationen,
den Steinschnitt und andre große Operationen aus. Für viel vollkommener würde die Chirurgie der alten Inder gelten müssen, wenn
man sicher wäre, daß ihr berühmtes medizinisches Werk »Ayurveda« oder
Buch der Lebenskunde, von Susrutas, wirklich das hohe Alter besitze, welches einzelne Gelehrte ihm zuschreiben,
die es 1000-1400 v. Chr. zurückdatieren.
Celsus (1. Jahrh. n. Chr.) spricht schon von plastischen Operationen, von den Unterleibsbrüchen; auch gibt er eine Amputationsmethode
an, welche noch heute geübt wird. Die spätern römischen Ärzte, selbst Galenus (gest. 201), haben die
Chirurgie nicht wesentlich weitergebildet; doch suchte Galenus der Chirurgie wie der Heilkunde überhaupt eine sichere anatomische Grundlage
zu geben. Der Zusammenhang zwischen der römischen und der spätern westeuropäischen Kultur wurde durch die Araber vermittelt,
welche auch die Führung in der medizinischen Wissenschaft übernommen hatten. Allein bei ihrer auf religiösen
Vorurteilen beruhenden Scheu vor blutigen Operationen brachten sie es nur zu einer größern Sicherheit in der Unterscheidung
und Erkennung der
chirurgischen Krankheiten, und an Stelle des Messers bedienten sie sich des Glüheisens, das sie in der größten
Ausdehnung
[* 6] anwendeten. Als die Hauptrepräsentanten der arabischen Chirurgie sind zu nennen Rhazes (850-932),
Avicenna (980-1037), Abulkasem (gest. 1106) und Avenzoar (gest. 1162). Nach der
Zeit der Araber blühte die Medizin in der Schule zu Salerno in Unteritalien.
Der berühmteste Wundarzt dieser Schule ist Roger von Parma
[* 7] (um 1200). Zu neuer Blüte erwachte das Studium
der Chirurgie im 13. Jahrh. auf den italienischen UniversitätenNeapel,
[* 8] Bologna und Padua.
[* 9] Von Italien
[* 10] aus wurde dann die Chirurgie vorzugsweise
durch die Bemühung Lanfranchis nach Frankreich verpflanzt, wo sie von nun an eine bleibende Pflegstätte fand. Der berühmteste
unter den ältern französischen Chirurgen ist Guy deChauliac, welcher auch 1363 ein lange in Ansehen
stehendes Lehrbuch der Chirurgie geschrieben hat.
Eine neue Zeit brach für die Chirurgie an, als im Lauf des 16. Jahrh. die Anatomie neu begründet und durch den gemeinsamen Fleiß
der Ärzte aller Länder wissenschaftlich ausgebildet wurde. An der Spitze dieser Reformation stand der Niederländer
Vesalius. Dazu kam der Umstand, daß der Chirurgie ein ganz neues Gebiet von Krankheiten, nämlich die Schußwunden, zufiel. Die Schrift
des berühmten französischen Chirurgen Ambroise Paré über die Schußwunden und die von ihm eingeführte Arterienunterbindung
bildete den Ausgangspunkt für die Umgestaltung der gesamten Chirurgie. Die gelehrten Ärzte und die Professoren
an den Universitäten übten damals fast gar keinen Einfluß auf den Entwickelungsgang der aus, während die praktischen Chirurgen,
die häufig die Chirurgie nur handwerksmäßig erlernt hatten, zum Teil eine hervorragende Bedeutung erlangten.
Wundärzte regten zunächst auch in Deutschland das Interesse für die Chirurgie an. Bald aber trat auch hier eine selbständige Arbeit
auf diesem Gebiet und zwar in der nachhaltigsten und gediegensten Weise ein. Zu dem Aufschwung der Chirurgie in Deutschland, welches
zusammen mit England die geistige Führerschaft auf diesem Gebiet an sich gerissen hat und noch festhält,
haben zunächst österreichische Ärzte, namentlich Vinzenz v. Kern in Wien,
[* 15] den Anstoß gegeben. Aus seiner Schule stammen Männer
wie Rust, v. Gräfe, der Wiedererwecker der plastischen Chirurgie, Langenbeck der ältere u. a. In der ersten Hälfte unsers Jahrhunderts
übte den größten Einfluß auf die gegenwärtige Gestalt der Chirurgie in DeutschlandDieffenbach (gest. 1847)
aus, einer der genialsten und kühnsten Operateure, die es bisher gegeben hat. Je mehr die Chirurgie unsrer Tage auf dem Boden anatomischer
und physiologischer Studien hervorgewachsen ist, um so bestimmter konnte sie ihre Aufgaben und die Grenzen
[* 16] ihrer Wirksamkeit
feststellen.
Sie hat ihre wichtigste und schönste Aufgabe nicht im Zerstören und Schneiden, sondern in der Erhaltung der
erkrankten Teile erkannt. Auf jedem ihrer Gebiete sind die Grundsätze der konservativen Chirurgie zur Herrschaft gelangt. Es ist
vorzugsweise das Verdienst Stromeyers und seines berühmten Werkes über Kriegsheilkunde, die konservative Richtung der Chirurgie begründet
zu haben. Gefördert wurde diese Richtung durch die Entdeckung der schmerzstillenden Wirkungen der Einatmung
von Äther und Chloroform.
Durch das Chloroform hat das chirurgische Verfahren unendlich an Sicherheit gewonnen, und die operativen Aufgaben selbst konnten
dadurch beträchtlich erweitert werden. Einen Glanzpunkt in der konservativen Chirurgie bildet die Behandlung schwerer
Gelenkkrankheiten durch die Resektion v. Langenbecks sowie die ausgedehnte Anwendung der unbeweglichen (Gips-)
Verbände, namentlich in der Kriegschirurgie. Auf dem Gebiet der plastischen Operationen, durch welche fehlende Weichteile ersetzt
werden, stehen in unerreichter Meisterschaft Dieffenbach und sein Nachfolger v. Langenbeck.
Sie datiert seit Ende der 60er Jahre, seit Erforschung der pflanzlichen Krankheitserreger, seit der Einführung des antiseptischen
VerbandesdurchLister.-
Was die Standesverhältnisse der Wundärzte anbelangt, so ist die Klasse der zunftmäßigen Chirurgen (der Bader
und Barbiere) in Deutschland im Aussterben begriffen. Es werden im DeutschenReich hinfort nur noch Ärzte gebildet, welche die
Heilkunde in ihrem ganzen Umfang auszuüben berechtigt sind. Die bisherigen niedern Chirurgen werden höchstens in der Form
von Heilgehilfen fortbestehen. Der Unterricht in der Chirurgie, für welchen früher an verschiedenen Orten besondere
chirurgische Akademien bestanden, ist in Deutschland ausschließlich den Universitäten anvertraut; die Lehrer der Chirurgie an denselben
sind ausnahmslos auch als Operateure praktisch thätig.
Nur in England besteht noch eine ziemlich strenge Grenze zwischen Chirurgen (surgeons) und Ärzten (physicians).
ein Teil der Medizin, deren Gebiet früher vorwiegend das der sog. äußern Krankheiten war (da als äußere Schäden namentlich
die Wunden hervortreten, früher auch Wundarzneikunst genannt). Eine scharfe Abgrenzung der Chirurgie gegen die sog.
innere Medizin ist gegenwärtig nicht mehr möglich, da die heutige Chirurgie solche Fortschritte
gemacht hat, daß sie mit ihrer vorzüglichen Technik alle Organe in ihr Bereich gezogen hat. Die Chirurgie charakterisiert sich
hauptsächlich dadurch, daß sie durch mechanisch wirkende MittelHeilung herbeizuführen sucht.
Diese Mittel sind teils Manipulationen, teils Apparate und Verbände, teils operative Eingriffe. Manipulationen
(Manualoperationen) werden z. B. bei der Einrichtung von Brüchen und Verrenkungen, bei der Beseitigung von Gelenksteifigkeiten
angewandt. Von Apparaten und Verbänden macht die Chirurgie häufig Gebrauch, und zwar um die Teile gehörig zu lagern, zu schützen,
zu bedecken, zu vereinigen, sie unbeweglich festzustellen, sie einem dauernden Zug
auszusetzen u. s. w.
Vor allem sucht die Chirurgie durch operative Eingriffe zu heilen.
Nicht alle Ärzte hatten aber dazu Geschick, und so zerfiel das Heilpersonal in Therapeuten (Ärzte) und Chirurgen, ohne daß
jedoch eine strenge Absonderung dieser Heilgebiete erfolgte. Die Chirurgie, deren Name sich mit jener Trennung fand, wurde, wie die
Anatomie, auf die sie sich vorzugsweise stützt, namentlich in der zu Alexandria blühenden Gelehrtenschule
gepflegt. Indes blieb keine der Schriften, worin die Alexandriner ihre Erfahrungen niederlegten, erhalten, sondern nur Bruchstücke
und Auszüge, wie sie Celsus, Galenus, Aëtius, Paul von Agina und Oribasius mitgeteilt haben. Von der größten Bedeutung für
die Geschichte der gesamten Heilkunde ist das berühmte Werk des Celsus«De medicina.» Das 7. und 8. Buch
dieses Werkes ist der Chirurgie gewidmet. Bei denArabern widerstrebten
^[Artikel, die man unter C vermißt, sind unter K aufzusuchen.]
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Neigung und Religionsansichten der operativen Chirurgie. Gering ist daher auch der Gewinn, den die aus den Schriften der arab. Ärzte
ziehen kann, wenn das ihnen von den Griechen Überlieferte abgerechnet wird. Doch wurden sie die Mittelspersonen, welche
die mediz.-chirurg. Bildung des Altertums dem Mittelalter überlieferten.
Während des Mittelalters sank die Chirurgie tief herab; manche Errungenschaft der alten griech.
und röm. Chirurgen geriet in Vergessenheit. Nur wenige Mönche und Juden, welche die einzigen Förderer der Medizin jener Zeit
waren, und einzelne herumziehende Zahnbrecher, Steinschneider, Bruchschneider, Staroperateure u. dgl. wagten bedeutendere operative
Eingriffe. Geringere Operationen, wie Schröpfen und Aderlassen, übten die Bader und Bartscherer. Allmählich
suchten sich jedoch diese Handlanger als praktische Chirurgen zu emancipieren.
Bereits 1271 wurde das Kollegium der Chirurgen zu Paris gegründet, welches durch den Eintritt Lanfranchis (1295) eine festere
Stütze erhielt. Die Einführung der Feuerwaffen hatte schon der Behandlung der Wunden eine andere Richtung gegeben. Noch
mehr aber förderte das erwachte Studium der Zergliederungskunst die Ausbildung der Chirurgie im allgemeinen,
zumal da die praktische Seite der Anatomie, die Sektionen und das Präparieren der Leichname, allein den Chirurgen zufiel. In
Frankreich glänzen als ältere Vertreter der Chirurgie bis zum 19. Jahrh. die Namen Guy von Chauliac (um 1350),
Paré (1517-90), Guillemeau (1550-1612), Garengeot (1688-1759), de la Motte (1655-1703), Morand (1697-1773), Quesnay (1694-1774),
Louis (1723-92), J.L. Petit, Ledran u. s. w. Das äußere Ansehen der Chirurgen wie die Wissenschaft selbst förderte wesentlich
die Stiftung der Académie de Chirurgie durch die Bemühungen des unermüdlichen de la Peyronie 1731. Desault (1744-95) endlich
wurde der Schöpfer der chirurg. Anatomie, der Begründer der wissenschaftlichen Höhe der Chirurgie, die sie im 19. Jahrh.
erlangte.
Die fortwährenden Kriege seit der Revolution trugen wesentlich zur Entwicklung der Chirurgie bei, die schließlich auch die innere
Heilkunde im Erfolge überflügelte. Sabatier, Percy, Boyer, Delpech, Larrey, vor allen Dupuytren sind
in Frankreich die gefeierten Namen der neuern Zeit. In Italien, der Wiege der modernen Wissenschaften, vermochte die Chirurgie nicht
mit den Bestrebungen der Franzosen Schritt zu halten. Doch sind auch hier gefeierte Namen zu nennen, wie Saliceto (1470), Cerlata
(1480), im 16. Jahrh. Vigo, Benivieni, Maggi, de Romanis, Fern, Bido Bidius, della Croce, Tagliacozza
und besonders Fabricius ab Aquapendente.
Namentlich im 17. Jahrh. war der Anteil der Italiener an der Ausbildung der Chirurgie gering, bedeutend dagegen im 18. Jahrh.,
wo Molinelli (1702-64), die beiden Nannoni in Florenz,
[* 25] Palluci, Bertrandi (1723-65), Flajani in Rom
[* 26] (1741-1808), Palletta in
Mailand
[* 27] (1747-1832), Assalini (1759-1840), Vacca Berlinghieri, vor allen der um die Hernien und Aneurismen
verdiente Scarpa (1752-1832) sich auch einen Namen jenseit der Alpen
[* 28] erwarben. In England wurde erst spät ein wissenschaftliches
Interesse für die Chirurgie rege, aber bald auch das Versäumte nachgeholt. Die Reihe der trefflichen Chirurgen eröffnete hier
im 18. Jahrh. Cheselden (1688-1752), dem sein Schüler Sharp, ferner Monro, Pott, William und John Hunter,
Benj. Bell, Alanson, Keate, Pearson, Earle, Abernethy, Latta u. a. folgten.
In
Deutschland blieb die Ausbildung der Chirurgie länger als in den andern Ländern zurück. Nur Bruchschneider, Zahnbrecher und
Starstecher durchzogen das Reich, sodaß lange Zeit eine Art Verruf auf dem chirurg. Zweige der
Heilkunde lastete. Sehr wenige Ärzte ließen sich herab, mit dem Messer, den Bandagen und Maschinen eine genaue Bekanntschaft
zu machen. Hervorragende Leitsterne der Chirurgie waren zuerst Hieron. Brunswig, Paracelsus,
Gersdorf, besonders aber Fabricius Hildanus und Purmann.
Der erste Universitätslehrer, welcher Chirurgie vortrug, war Lorenz Heister (1683-1758) in Altdorf und Helmstedt,
zu dem sich dann Zach. Platner und Günz in Leipzig,
[* 29] Mauchart in Tübingen,
[* 30] Kaltschmidt in Jena,
[* 31] Siebold in Würzburg
[* 32] und der
große A. G. Richter in Göttingen
[* 33] gesellten. Indessen vermochten sie selten einen Arzt so für die Kunst zu gewinnen, daß
er sie praktisch geübt hätte; auch war damals auf den deutschen Universitäten die Chirurgie eigentlich nur
geduldet. Seit dem Siebenjährigen Kriege empfand man in Preußen
[* 34] und Österreich
[* 35] das Bedürfnis, wenigstens bessere Militärchirurgen
auszubilden, und es geschah dies hier durch Brambilla, Hunczovsky und Plenck, dort durch Eller, Scharschmidt, Henkel, Bilguer,
Schmucker, Theden und Mursinna. Indessen führten auch diese Militärchirurgen immer noch den Namen Feldscherer.
Die Chirurgie der neuern Zeit. Seit den Napoleonischcn Kriegen schließt sich in Frankreich an Dupuytren und Larrey eine Reihe bedeutender
Chirurgen, darunter Lisfranc, Guérin, Sédillot, Malgaigne, Roux, Belpeau, Rélaton, Chassaignac. In England entfaltete sich
seit Astley Cooper die Chirurgie unter der Pflege von Liston, Fergusson, Guthrie, Davies, Erichsen,
Syme, Simpson, James Paget, JosephLister u. a. In Deutschland entwickelte sich nach den Befreiungskriegen die Chirurgie hauptsächlich
durch Rust (1775-1840), Gräfe (1787-1840), Fricke, Walther (1782 - 1849), Wattmann, Chirurgie J. M. Langenbeck, Chelius, Textor,
Dieffenbach, Blasius u. a. Durch die Wirksamkeit dieser und anderer Männer als klinische Lehrer bildete
sich namentlich eine große Anzahl tüchtiger Schüler.
Viele der letztern schlugen bald selbständige Wege ein und förderten vorzugsweise bestimmte Felder in der chirurg.
Kunst. So erweiterte der erfindungs- und erfahrungsreiche Dieffenbach das Gebiet der Operationslehre, und Männer wie Baum,
Stromeyer, von Langenbeck, Heyfelder, Schuh, Bruns, Ried, Wernher, von Bardeleben, Simon, Roser schlossen
sich ihm an. Sie förderten die Chirurgie zunächst dadurch, daß sie ihr mehr und mehr die Anatomie als Grundlage anwiesen (anatomische
Chirurgie), dann daß sie immer mehr neue mechan. Kräfte und Werkzeuge
[* 36] in Anwendung
brachten.
Hatte man einerseits zahlreichere Operationsmethoden ersonnen, so war man doch auch andererseits bestrebt,
die Grenzen des operativen Eingriffs möglichst einzuschränken. Insbesondere wiesen Stromeyer und dessen Anhänger darauf hin,
daß man sich hüten müsse, einer schon bestehenden Verletzung durch operatives Eingreifen eine neue hinzuzufügen, namentlich
da, wo die Natur selbst noch Hilfe schaffen kann. Der humane Sinn der Neuzeit machte sich in der Chirurgie vor
allem in dem Bestreben geltend, Mittel aufzusuchen, durch die der Verlust von Gliedern vermieden werden kann, wo man früher
amputierte. Man nennt diese chirurg. Kunst, Gliedmaßen zu erhalten, die konservative Chirurgie. Während der operativen Chirurgie der Neuzeit
^[Artikel, die man unter C vermißt, sind unter K aufzusuchen.]
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fort und fort Bereicherungen zuflossen, wurde für sie die Einführung der schmerzstillenden Mittel durch Entdeckung der Wirkung
der Schwefeläther- und Chloroformeinatmungen wahrhaft epochemachend. (S. Anästhesieren.) Der humane Fortschritt unserer
Zeit zeigte sich auch darin, daß man daran ging, einen Teil des ausgedehnten Gebietes der Militärchirurgie, nämlich die
Einrichtung des Sanitätswesens der Heere, zeitgemäß zu reformieren. Diese Bestrebungen fanden ihren
Ausdruck in den Beratungen eines internationalen Kongresses, der auf Anregung Dunants und Appias im Okt. 1863 zu Genf
[* 38] zusammentrat.
(S. GenferKonvention.)
Von besonderer Wichtigkeit sind die Neuerungen, welche der amerik. Bürgerkrieg in der Art und Beschaffenheit der Krankenhäuser
angebahnt hat. Schon lange hatte man bemerkt, daß die Sterblichkeit der Verwundeten selbst in anscheinend
gut eingerichteten Anstalten größer war, als man sie nach der Beschaffenheit der Verletzungen erwarten sollte. Vor allem
handelt es sich hier um die Entwicklung und Anhäufung von mikroskopisch kleinen Pflanzen, Pilzen (s. Bakterien), und man erkannte
in der neuern Zeit immer mehr, daß die Wundkrankheiten und Vergiftungen der Körpersäfte, daß jede
Entzündung und Eiterung durch diese allgegenwärtigen Bakterien verursacht werden.
Mit dieser Erkenntnis war auch die Möglichkeit gegeben, die Krankheiten der Wunde zu verhindern und schon vorhandene noch
zu heilen. Die Bakterien gelangen namentlich aus der Luft zu den organischen Stoffen (Wundsekreten) und
gehen von den ausgetrockneten zersetzten Substanzen aus wieder in die Luft über, sodaß sie, als feinster Staub in der Luft
suspendiert, vermöge ihrer giftigen Eigenschaften je nach ihrer specifischen Natur diese oder jene accidentelle Wundkrankheit
hervorzurufen im stande sind. Vorkehrungen, welche die Luft in den mit Verwundeten belegten Räumen von
den Emanationen organischer Substanzen möglichst rein zu erhalten im stande sind, werden daher das Auftreten der accidentellen
Wundkrankheiten wenn nicht ganz verhindern, so doch auf ein ganz geringes Maß zurückführen. Diese Bemühungen haben in
den sog. Barackenspitälern eine feste Gestalt gewonnen. (S. Baracke und Barackensystem.)
Neben den Bestrebungen, den Verlauf schwerer Wunden durch zweckmäßige Einrichtung der Hospitäler günstig zu gestalten,
ging eine andere Reihe von Versuchen, welche die Wunde selbst zum Objekt ihres Angriffs machten und das Ziel verfolgten, den
mikroskopischen Pilzen ganz und gar den Zutritt zur Wunde zu verwehren, oder dieselben, wenn sie bereits
eingedrungen, unschädlich zu machen. Dies sind die Voraussetzungen der Versuche, aus denen die durch JosephLister (s. d.)
eingeführte Methode der antiseptischen Wundbehandlung hervorgegangen ist.
Das Wesen der Antisepsis besteht in Desinfektion
[* 39] des Operationsgebietes, der Hände des Operateurs, der Instrumente, Schwämme
[* 40] u. s. w. Nach Beendigen der Operation wird die Wunde durch antiseptische Lösungen (Carbolsäure, Sublimat
u. s. w.) desinfiziert und schließlich mit einem antiseptischen Deckverband versehen. Infolge
dieser Behandlung wird die Entstehung der Eiterung und sonstiger Wundkrankheiten sicher vermieden, die größten Operationswunden
heilen in kürzester Zeit durch direkte Verklebung. In neuerer Zeit ist für die Operationstechnik an Stelle der frühern
Antisepsis die Asepsis getreten, d. h. man operiert unter peinlichster Reinlichkeit (Asepsis)
des vorher
gründlichst desinfizierten Operationsgebietes mit sorgfältigst desinfizierten Händen und Instrumenten.
Die letztern werden durch Kochen in 1 Proz. Sodalösung keimfrei gemacht (sterilisiert), das Verbandmaterial wird durch
heißen Wasserdampf von den Bakterien befreit, die giftigen antiseptischen Mittel (Carbolsäure, Sublimat) werden von
der Wunde ferngehalten. Verletzungen, unreine, infizierte Wunden werden noch wie früher nach den Regeln der Antisepsis gereinigt,
d. h. keimfrei gemacht. Mit Hilfe der antiseptischen und aseptischen Wundbehandlungsmethode
hat die heutige Chirurgie die gewaltigsten Fortschritte gemacht; es werden jetzt Operationen ausgeführt, die man früher nie für
möglich gehalten hätte. Andererseits hat aber auch die konservative Chirurgie an Gebiet gewonnen,
da mit Hilfe der Antisepsis und Asepsis gegenwärtig Organe, Gelenke, ganze Extremitäten erhalten werden in Fällen, in denen
es früher nicht möglich war.
Von technischen Fortschritten der neuesten Zeit sind namentlich hervorzuheben die Entwicklung der Laryngoskopie und Laryngochirurgie,
d.i. die Erkenntnis der Kehlkopfkrankheiten mit Hilfe des Kehlkopfspiegels (Garcia, Czermak) und deren
operative Behandlung unter Leitung des Spiegels (Dürck, von Bruns u. a.); die Galvanokaustik (Middeldorpf), welche darin besteht,
daß man mit galvanisch glühend gemachten Instrumenten von Platin Operationen auf unblutige Weise ausübt.
Wie erwähnt, wurde die chirurg. Operationstechnik in vorzüglichster Weise ausgebildet, besonders auch
die Operationen an den innern Organen, z. B. am Gehirn,
[* 41] an den Lungen, in der Brust- und Unterleibshöhle mit ihren verschiedenen
Organen, die operative Behandlung der Frauenkrankheiten (Gynäkologie), die plastische Chirurgie. Die letztere beschäftigt sich mit
Operationen, durch welche Substanzverluste (Gewebsdefekte) ersetzt werden. Zu ihr gehört z. B.
die Lippenbildung oder Cheiloplastik, die Augenlidbildung oder Blepharoplastik, die Gaumenbildung oder
Uranoplastik und Staphylorraphie, endlich die Nasenbildung oder Rhinoplastik, d. i. die Kunst, verstümmelte Nasen wiederherzustellen.