Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03634.jsonl.gz/1052

Aulis Sallinen kommt am 9. April 1935 in Karelien zur Welt. Als die Russen einmarschieren, zieht seine Familie nach Uusikaupunki an der finnischen Westküste. Dort nimmt er Geigenunterricht und entdeckt seine Freude am musikalischen Improvisieren.
Die Natur als Quelle der Inspiration
In Sallinens Werken spiegeln sich die Kontraste der finnischen Natur – lange, dunkle Winter und kurze helle Sommer. Daraus entstehen Melancholie und Überschwang. Neben krummen Rhythmen setzt Sallinen scharfe Schlagzeugakzente, verknüpft blühende Melodien mit verschatteten, minimalistischen Sequenzen. In und ausserhalb des traditionellen Tonsystems – da folgt er nicht dem Diktat der Atonalität.
In allen musikalischen Gattungen hat Sallinen seinen Fingerabdruck hinterlassen: in Oper und Ballett, Lied und Kammermusik, Sinfonie und Solokonzert. Auch Filmmusik hat er geschrieben.
Komponieren gegen den Strom
Nach dem Militärdienst geht Sallinen nach Helsinki und studiert bei den Komponisten Aarre Merikanto und Jonas Kokkonen an der Sibelius-Akademie. 1960 macht er dort sein Diplom. Schon wenige Jahre später kehrt er an die Akademie zurück: als Dozent für Kontrapunkt und Komposition. Bis 1970 wirkt er ausserdem als Intendant des staatlichen Rundfunk-Symphonieorchesters.
Sallinen experimentiert mit den musikalischen Techniken der 1960er-Jahre. Doch bald wendet er sich von den Strömungen seiner Zeit ab. Er sucht einen Ausweg aus Atonalität und Minimalismus. Und findet eine Formensprache, die Genres und Epochen verknüpft und zugleich überschreitet. Das Resultat: ein pluralistischer, nonkonformer Stil. Ironie und Selbstironie, Distanz zu modischen Strömungen, Freude am Spiel mit klassischen Vorlagen und Öffnung für zeitgenössische Themen.
Musiktheater in Finnland: Weg von der Elite
Jahrzehntelang hatte man in Finnland vorwiegend das traditionelle Repertoire gepflegt und damit vor allem das Bildungsbürgertum bedient. Dann inszenierte August Everding im Jahr 1973 eine Neuproduktion von Mozarts Zauberflöte für die Opernfestspiele von Savonlinna – und zwar in finnischer Sprache. Damit hatte die Kunstform Oper endlich alle Bevölkerungsschichten und Altersgruppen erreicht. Ein Damm war gebrochen und der Weg bereitet für die zeitgenössische finnische Oper. Der Erfolg der Everding-Produktion hält bis heute an.
Im Jahr 1972 beginnt Sallinens Karriere als Opernkomponist: mit dem Musikdrama «Der Reitersmann» zum Text von Paavo Haavikko. Die Oper wird bei den Festspielen in Savonlinna 1975 uraufgeführt. Das Jahr gilt als Geburtsstunde der zeitgenössischen finnischen Oper: Neben Sallinens Werk kommt auch die Oper «Die letzten Versuchungen» von Sallinens Lehrer Jonas Kokkonen zur Uraufführung. Zu Sallinens Überraschung gelingt ihm selbst auf Anhieb der grosse Wurf. Nun hatte auch die moderne Oper den Nimbus einer Elitekunst verloren und war so populär wie Jazz und Popmusik.
Das Geheimnis des finnischen Opernbooms
Der Dramaturg der Helsinki Nationaloper Juhani Koivisto erklärt das Geheimnis des Opernbooms damit, dass packende Inszenierungen geboten werden und nicht mehr nur Schöngesang. Mit Themen, die das Publikum berühren. Das Publikum war nicht mehr länger nur an Händels Königen oder an deutschen Sagenhelden interessiert. Es wollte eine Oper, die von Finnland und Finnen erzählt.
Aulis Sallinens sechs Opern sind zwar in historischen Räumen angesiedelt, betonen aber zugleich die Zeitlosigkeit menschlichen Dramas. Seitdem sind zeitgenössische finnische Opern – und je nach finanzieller Lage auch immer wieder Uraufführungen – in der Nationaloper Helsinki und während den Opernfestspielen in Savonlinna ein Anziehungspunkt für Melomanen aus aller Welt.