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Als im Januar 2007 Abbé Pierre, der «Vater der Obdachlosen», starb, machte sich in Frankreich eine Trauerstimmung breit wie lange zuvor nicht mehr. Der Tod des Ordensmannes war ein nationales Ereignis. In frostiger Kälte warteten in den Folgetagen Tausende, um Abbé Pierre am aufgebahrten Sarg die letzte Ehre zu erweisen. Am 5. August wäre er 100-jährig geworden.
Wie kein anderer hatte Abbé Pierre Obdachlosigkeit, Wohnungsnot und miserable Zustände in mancher Siedlung in Frankreich bekämpft. Jeder Franzose kannte die hagere Gestalt mit weissem Vollbart und dicker Hornbrille. Abbé Pierre gehörte bis zuletzt zu den beliebtesten Persönlichkeiten des Landes, noch vor dem Meeresforscher Jacques Cousteau und dem Schauspieler Jean-Paul Belmondo.
1949 kaufte der Pater vor den Toren von Paris ein Gebäude, das er obdachlosen Familien zur Verfügung stellte. Weitere Grundstücke wurden besetzt, Häuser errichtet. Es folgte die Gründung der Emmaus-Gemeinschaften zur Hilfe für Ausgestossene. Legendär wurde der Hilfsappell, mit dem Abbé Pierre im Winter 1953/54 für die Obdachlosen eintrat und eine beispiellose Spendenwelle in Gang setzte. Inzwischen kümmern sich Emmaus-Gemeinschaften in mehr als 30 Ländern um Kranke, Arme, Einsame und Strafentlassene. In der Schweiz gibt es heute rund ein Dutzend Emmaus-Institutionen.
Abbé Pierre kämpfte bis ins hohe Alter für die Ausgeschlossenen der Gesellschaft. In den 60er Jahren warb er um Verständnis für die Kriegsdienstverweigerer der Kolonialkriege. Später unterstützte er Befreiungstheologen in Lateinamerika, kümmerte sich in Frankreich um Aids-Kranke. 1984 rief er die Franzosen noch einmal zu einer grossen Hilfsanstrengung für die «neuen Armen» auf, stellte sich vor Hausbesetzer und klagte Politiker der unterlassenen Hilfeleistung an. 1995 bereiste er die belagerte bosnische Hauptstadt Sarajevo. Anschliessend plädierte er für einen Nato-Einsatz zur Beendigung des Krieges, weil «Feigheit schlimmer als Gewalt» sei.
250 Organisationen in ganz Frankreich arbeiten in seinem Namen weiter. Es gibt Gemeinschaften, in denen Obdachlose zusammenleben und sich durch ihre eigene Arbeit finanzieren. Es gibt Wiedereingliederung durch Arbeit in Emmaus-Läden, wo vor allem Gebrauchtmöbel hergerichtet und verkauft werden. Und es gibt die Abbé-Pierre-Stiftung, die sich um die Förderung sozialen Wohnungsbaus, die Renovierung heruntergekommener Wohnungen und Obdachlosenasyle kümmert.
kipa
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