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Von Guy Huracek – Das Kulturmagazin ensuite besucht Dieter Meier in seinem Atelier im Zürcher Seefeld. Der Musiker von Yello spricht über sein kindliches Gefühl, das er beim Schreiben oder auch beim Drehen von Filmen verspürt. Er verrät auch, wie eine Bierreklame sein Kunstverständnis wiederspiegelt.
Auf dem Sekretär ruht, säuberlich zentriert, eine Hermes‐Schreibmaschine. Dieter Meier schreibt fürs Leben gern. Wie ist es dazu gekommen?
Dieter Meier: «Als junger Kerl wusste ich nicht was ich mit mir anfangen sollte. Ich habe zwar Rechtswissenschaften studiert, aber das war mehr eine soziale Tarnung, damit ich die Frage beantworten konnte, was ich eigentlich mache. Das Erste, was ich wirklich zustande brachte, waren kürzere Texte. Diese gaben mir das kindliche Gefühl etwas zu tun: Eine Schreibmaschine zu bedienen, die Taste zu drücken, die einen Hebel bewegt, welcher wiederum den Buchstaben auf das Papier fallen lässt.» Meier schliesst die Augen und zieht lange an seiner Zigarre. «Bis auf den heutigen Tag, wenn ich schreibe, brauche ich dieses Gefühl. Es ist für mich ein brausendes Déja‐vu von meinen ersten Versuchen, etwas zustande zu bringen, wenn ich mich an meine Schreibmaschine setzte und mich abmühe, einen Text zu schreiben.»
Sie begannen aber auch schon relativ früh mit experimentellen Kurzfilmen.
«Ja. Das hat eine ähnliche Geschichte wie meine ersten Schreibversuche. Alles was ich probiert habe, lief mir wie Sand durch die Hand. Ich hatte grosse Vorsätze: Als ob man einen wunderbaren Berg aus der Distanz sieht, den man besteigen will, doch je mehr man sich dem Berg nähert, desto mehr degeneriert dieser zu einer öden, schroffen, felsigen Wand und wenn man unten steht, weiss man nicht, wie man hinauf steigen will. Ich implodierte bereits in den ersten Anfängen, auch aus dem Gefühl von einem Ungenügen, einer Unsicherheit, und sicher auch aufgrund einer Faulheit, sich zu überwinden. Mit dem Filmen begann ich, weil ich bei meinem Onkel eine 16mm Kamera fand. Ich lernte einen Film einzuspannen und begann, mit der Kamera zu spielen, hatte unglaublichen Spass, sie zu bedienen. Vor allem weil man nicht unmittelbar sieht, was man eigentlich macht: Man belichtet einen Film, und baut diesen nach irgendwelchen Vorstellungen von Bildpartituren auf. Danach schickt man die Filmrolle in ein Labor und nach vier oder fünf Tagen konnte man den Film auf dem Projektor ansehen. Das war für mich immer ein grosses Ereignis, weil ich das kindliche Gefühl hatte, irgendetwas zustande zu bringen, nämlich einen Film belichtet zu haben.» Oft schliesst Meier im Gespräch die Augen, manchmal für mehr als eine Minute.
Warum haben sie ein Gefühl von Unsicherheit? Ich verstehe das nicht. Ihre Experimentalfilme wurden in Museen und Filmfestivals gezeigt. Und mit Yello sind sie weltbekannt geworden.
«Mein Vater war Bankier und sagte immer: Nur Idioten haben keine Zweifel. Bei allem was man neu beginnt, begibt man sich auf ein unbekanntes Gebiet. Und wenn man mit der Überheblichkeit eines Könners dieses Gebiet betritt, dann wird man sehr wahrscheinlich scheitern. Das passiert vielen Leuten, die zum Beispiel eine akademische Ausbildung in Film oder Musik haben. Sie bleiben oft in den angelernten Schritten oder in den musikalischen Floskeln hängen, und haben so einen sehr schwierigen Weg zu sich selbst. Der Weg zu sich selbst, der Weg auf dem man entdeckt, wer man ist, das ist immer ein Weg voller Zweifel, Unsicherheiten, und ein Gefühl der Unfähigkeit. Ich finde, das gehört zu allem was man macht. Der kleinbürgerliche Satz: Kunst kommt von Können – das ist etwas vom Dümmsten, was es überhaupt gibt. Wenn man etwas kann, dann ist es kein Grund es immer wieder zu tun. So wird man ein Epigone von sich selber. Sogar auch Interpreter von klassischer Musik erfinden sich ja immer wieder neu.»
Sie sagten: Die Kunst kommt vom Können sei das dümmste was es gibt. Wie beurteilen sie dann ihre eigenen Werke?
«Ich bilde mir nie ein, dass ich überhaupt etwas zustande gebracht habe. Ich stehe meinen Werken wie als etwas Fremdem gegenüber. Ich werde nie sagen: Das habe ich gemacht, das ist wahnsinnig gut, ich bin überzeugt davon. Es ist Glück. Eine Kombination aus Konstellationen wie die Biografie, die äusseren Umstände, die Leute die man trifft und so weiter. Sobald ich etwas zustande gebracht habe, staune ich wie ein kleines Kind vor dem, was ich auf die Welt gebracht habe. Aber ich habe nie das Gefühl, dass ich das war. Es ist einfach passiert.»
Ihr neuer Film «the lightmaker» war eine Zangengeburt: Mit Unterbrüchen haben sie gut 20 Jahre an dem Projekt gearbeitet, in mehreren Anläufen Millionen von Franken investiert – und literweise Herzblut dazu.
«Ein Spielfilm ist auch ein industrieller Prozess. Man hat am Set rund hundert Leute, die das machen müssen, was der Regisseur ihnen sagt. In diesem Sinn ist die Produktion eines Spielfilms für mich auch immer eine grosse Erlösung. Vielleicht ist es auch das, was ich am allerliebsten mache. Wenn man gesagt hat, dass man einen Film macht, dann ist es, als ob man mit einem Segelschiff nach New York segelt. Auf dem Meer sind Zweifel fehl am Platz. Der Wind bläst und man muss segeln. Bei meinem Film «the lightmaker» hatte ich viel Pech. Das Negativ ging in einem Labor kaputt, und ich musste den Film mit dem restlichen Material neu erfinden.»
Wie sieht ihre Neuerfindung nun aus?
«Es ist ein absolut nicht kommerzieller Film. Er ist märchenhaft, cineastisch, und will den Anforderungen des heutigen Kinobetriebs gar nicht erst genügen.»
Was sind die heutigen Anforderungen?
«Ich glaube, im Kino will das Publikum innerhalb einer gewissen Erwartungshaltung unterhalten werden. Daher gibt es verschiedene Genres, wie zum Beispiel übermässige Gewalt, oder auch die neuste Filmtechnologie. Die neuste Technologie ist wie die verrückteste Achterbahn in einem Vergnügungspark, sie will eine Sensation vermitteln. Ein ruhiger Film, der eine interessante Geschichte erzählt und vom Publikum relativ viel verlangt, passt in kein Genre und hat es, auch wenn er sehr «It reaches parts of my mind other things cannot reach» gelungen ist, in den Kinos relativ schwer. Abgesehen davon ist das Filmschaffen ein alchemistisches Unterfangen. Man kann ein super Drehbuch haben, hervorragende Schauspieler, und einen tollen Regisseur engagieren, und trotzdem springt keine Emotion von der Leinwand ins Publikum. Der Film bleibt ein zweidimensionales Stück. Es bleibt auch für die grössten Könner der Filmbrache reines Glück, dass der Funke von der Leinwand springt.»
Ist ein Film nur dann gut, wenn es funkt?
«Was einen guten Film ausmacht, ist das Gleiche, was eigentliche alle Kunst ausmacht. Vor Jahren sah ich in New York eine Bierreklame: Heineken. Refreshes the parts other beers cannot reach. Für alles, was mich interessiert, kann man den Satz leicht umwandeln «It reaches parts of my mind other things cannot reach». Wenn ich ein Buch lese, kann es eine noch so interessante Geschichte erzählen, es interessiert mich absolut nicht. Ich war nie am Inhalt interessiert. In der Oper geht es um die Musik, in der Literatur um Sprache und im Film um Film. Wenn ein Film keine eigene Sprache hat, die ich noch nie gesehen und gehört habe, dann ist er für mich uninteressant.
In Los Angeles besuche ich ab und zu Filmpremieren, doch ich verlasse das Kino oft bereits nach fünfzehn Minuten. Die Anforderungen, die ich ans bewegte Bild habe, welche natürlich sehr subjektiv sind, müssen mich aufstöbern, wo ich noch nie aufgestöbert wurde.»
Viele Produzenten haben Angst, einen ungewöhnlichen Film zu drehen. Sie investieren schliesslich auch Unmengen an Geld und wollen Gewinn machen. Daher greifen sie gerne auf bewährte Genres und Formate zurück.
«Wenn in Amerika ein Low Budget Film produziert wird, kostet das im Minimum 50 Millionen Dollar. Die Promotion kostet dann weitere 50 Millionen. Das heisst, man stellt mit nur einem belichteten Streifen Zelluloid eine ganze Fabrik auf. Und die muss funktionieren.
Aber ich glaube, dass in der Film‐ und in der Musikbranche durch die neue Technologie eine neue Ära anbricht. In der Musik erlebten wir einen ähnlichen Umbruch vor rund 15 Jahren. Um qualitativ gut Musik aufnehmen zu können, brauchte man ein eigenes Studio, das mehrere Millionen kostete, oder man musste viel Geld für die Miete ausgeben. Heute kann man mit der neuen Technologie ein Studio für ein paar Tausend Franken in seiner Badewanne aufstellen lassen und Musik in CD‐Qualität aufnehmen. Mit dem Film passiert etwas sehr ähnliches (Dieter Meier zeigt auf eine Digitalkamera, die auf einem Stativ in der Ecke steht). Die neusten Kameragenerationen können in High Definition filmen, also quasi kinofähiges Material liefern. Die technischen Mittel sind heute wesentlich günstiger – wenn wir ein Drehbuch, einen Regisseur und Schauspieler hätten, könnten wir einen Film machen. Und daher glaube ich, dass wir eine neue Generation von Filmemachern erleben werden. Dank der neuen Filmtechnologie, die sehr kostengünstig ist, können nun Talente eine eigene Sprache entwickeln, ohne dem wahnsinnigen Produktionsdruck ausgesetzt zu sein.»
Foto: zVg.
ensuite, Oktober 2010