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Die Wahl von guten oder schlechten Eröffnungszügen korreliert stark mit der Spielstärke. Starke Spieler machen starke Züge, schwache schwache. Aber weshalb? Jeder Turnierspieler hat einen Computer, und damit die Gelegenheit, starke Züge innert wenigen Minuten einzustudieren. Und trotzdem…
Jewgeni Sweschnikow -Miloš Šćekić
Nova Gorica Open 1998
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3 La5 6.d4 exd4 7.O-O Sf6 8.e5 d5 9.exf6 dxc4 10.fxg7 Tg8 11.Te1+ Le6 12.Lg5 Dd5 13.Sbd2 Txg7 14.Se4 Txg5 15.Sf6+ Ke7 16.Sxd5+ ½-½
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3 La5 6.d4 exd4 7.O-O
Da ich ein Buch über Evans‘ Gambit geschrieben habe, fühle ich mich verpflichtet, das Gambit auch selber zu spielen. In den letzten Jahren habe ich es unzählige Male im Internet gespielt. Im Moment ist es mir mit Weiss verleidet und gerade experimentiere ich mit dem Königsgambit, dem kann Schwarz nicht ausweichen… Mit Schwarz spiele ich es immer noch gerne und nehme es mit dieser Zugfolge an.
Ich habe mich immer gewundert, weshalb die allermeisten Spieler hier rochieren. In „Zwingende Züge“ habe ich nämlich an dieser Stelle 7.Db3 empfohlen, was ich für eine Spur aussichtsreicher als die Rochade halte. Für Sweschnikow war das allerdings noch keine Alternative, weil Nigel Short diesen Zug erst ab dem Jahr 2000 konsequent anwandte.
Diese Einschätzung stimmt auch mit meiner Theorie überein, wonach man im Zweifelsfall von zwei ungefähr gleichwertigen Zügen den ‚zwingenderen‘ wählen sollte.
Kurzum, 7.Db3 schränkt die Optionen des Schwarzen ein, er hat nur zwei vernünftige Antworten, 7…De7 und 7…Df6. 7.Db3 hat allerdings den Nachteil, dass nach einem späteren Lb6 von Schwarz Sa5 ‚droht‘, was den Angriffsläufer c4 vom Brett entfernen würde. Das kommt z.B. in einer der Hauptvarianten 7.Db3 De7 8.O-O Lb6 9.cxd4 Sa5 10.Dc2 Sxc4 11.Dxc4 zum Tragen.
Das Argument für 7.O-O ist, dass das ein Sowieso-Zug ist, einer, der unter allen Umständen kommen muss, und dann Db3 eine Eventualdrohung darstellt. Bleibt der Nachteil, dass das nicht zwingend ist. Schwarz hat hier nämlich eine Latte vernünftiger Züge, in der ungefähren Reihenfolge ihrer Stärke 7…Sf6, 7…Lb6, 7…Sge7, 7…dxc3 , 7… d3.
Im 19. Jahrhundert war der Favorit hier natürlich 7…dxc3, heutzutage wird 7…Sge7 bevorzugt, was aber wegen dem irren Computeropfer 8.Sg5 d5 9.Sxf7 etwas zweifelhaft ist. Das kam bis heute allerdings erst zweimal vor. Theoretische Erkentnisse sickern eben unendlich langsam ins kollektive Schachwissen ein. Ziemlich genau gleich beliebt wie 7…Sge7 ist der Eröffnungsfehler 7…d6, auf den ich hier nicht weiter eingehe.
Damit sind wir bei meinem schachlichen Lieblingsthema, dem Lernen, angelangt. Sämtliche Turnierspieler haben Computer, und sie haben damit die Chance, sich die besten Züge einzuprägen. Sortiere ich die Datenbank-Partien nach Spielstärke, merke ich, dass im 21. Jahrhundert auf GM-Niveau praktisch ausschliesslich 7…Sge7 gemacht wird. Der Zug wird auch im IM-Niveau noch bevorzugt, kommt aber je länger je weniger vor, bis zum Niveau von etwa 2100 Elo, wo vermehrt der Fehler 7…d6 auftaucht. Der gute Zug 7…Lb6 kommt praktisch nicht vor, und das meiner Meinung nach stärkste 7…Sf6 ist ein ganz seltener Gast.
Dasselbe gilt für 7.Db3. Über 2500 Elo wird praktisch ausschliesslich 7.Db3 gewählt. Aber schon unter 2400 kommt mehrheitlich 7.O-O vor. Seltsam, nicht?
Daraus können wir zwanglos schliessen, dass professionelle und halbprofessionelle Schachspieler sich mit einer Software vorbereiten. Nicht gerade überraschend. Überraschend hingegen ist, dass stärkere Amateure um 2100 durchs Band schlecht vorbereitet sind. Bestenfalls kennen sie ein paar Eröffnungsideen ihrer Vorbilder, oder sie spielen Nebenvarianten oder Patentsysteme. Den meisten ihrer Eröffnungen sieht man an, dass sie sie nie mit einem Computer geprüft haben, ansonsten würden sie das Zeug nie und nimmer spielen. Normalerweise ergeben sich daraus unter gleich starken ausgeglichene Stellungen, in denen es nicht besonders darauf ankommt, welchen Zug man gerade wählt, Hauptsache man hat einen vernünftigen Plan.
(Den obigen Absatz sollte ich nachträglich doch präzisieren. 1.e4 d6 2.d4 Sf6 3.Sc3 g6 4.Le3 Lg7 5.Dd2 gehört zu meinem Repertoire als 1.e4-Spieler. Das ist auch die Hauptwaffe der versammelten Weltelite, angefangen bei Kasparow, über Anand, Caruana, MVL usw. Macht Schwarz den Buchzug 5…c6, erzielt er 38% Prozent der Punkte, ansonsten sieht es noch schlimmer aus. Diese Bilanz scheint aber meine Blitzgegner überhaupt nicht zu beeindrucken, und die Mehrheit spielt hier 5…Sg4 6.Lg5 h6 7.Lh4 g5 8.Lg3, wonach ihre Erfolgsquote in Turnierpartien noch um die 25% herum liegt. Soviel zu ‚Zeug‘ und ’nie und nimmer‘)
In der Stellung hier sind aber Pläne Makulatur, und es geht um ganz konkrete taktische Entscheidungen. Dass das taktische Sehen weit hinter dem Positionsgefühl hinterherhinkt, habe ich vor allem in „Berechnung im Schach“ thematisiert. Das ist nicht nur bei Patzern so, sondern insbesondere auch auf GM-Niveau, wo scheinbar die Züge immer noch aus positionellen Erwägungen gewählt, und Plänen untergeordnet werden. Das wird eingeübt, noch und noch, auch bei Amateuren. Taktische Vorbereitung von Amateuren in der Eröffnung geht kaum je über das Einstudieren primitiver Fallen hinaus. Schachspieler üben das Falsche. Sie sollten Taktik und taktische Entscheidungen studieren. Tun sie aber nicht.
Klar, dass ich als Experte den Textzug 7…Sf6 bevorzuge.
7…Sf6 8.e5
Das ist der meist gespielte Zug. Er kommt in meinen Blitzpartien praktisch immer. Aber noch einmal: 8.La3 ist viel stärker. Die paar wenigen Blitzgegner, die das gespielt haben, haben mich auch in der Regel zerlegt. Unterdessen kenne ich mich besser aus und ich habe schon das eine oder andere Mal widerstanden. Die Hauptvariante lautet 8.La3 d6 9.e5 Se4 10.exd6 cxd6 11.De2 d5 12.Sxd4 Sxd4 13.cxd4 f5 14.Lb3 Kf7 15.Db5. Das ist eine höchst delikate Aufgabe für beide Parteien.
8…d5 9.exf6
Erneut stand eine Entscheidung an. Hier lautet die Computerweisheit zur Alternative 9.Lb5 9…Se4 10.Da4 O-O 11.Lxc6 Lxc3 12.Sxc3 Sxc3 13.Dc2 bxc6 14.Sxd4 c5 15.Dxc3 cxd4 16.Dxd4. Das sollte man mit Weiss eigentlich nicht verlieren.
9…dxc4 10.fxg7 Tg8 11.Te1+ Le6 12.Lg5 Dd5 13.Sbd2
Das ist der einzige Zug, der nicht verliert. Gefunden von Adolf Anderssen 1859, in einer Partie gegen Jules de Rivière. Der Rest der Partie war weniger hochklassig. Anderssen stand vorerst auf Gewinn, verlor dann aber ein Endspiel mit einem Mehrturm.
13…Txg7 14.Se4 Txg5
De Rivière spielte hier 14…Kf8?! 15.Lh6 d3?? und die Partie ging im selben Stil mit Fehlern und Gegenfehlern weiter.
Am anspruchsvollsten ist 14…Tg6 15.Sh4 Txg5 16.Sf6+ Ke7 17.Sxd5+ Txd5. Stockfish findet das nur leicht schlechter für Weiss. In einer praktischen Partie würde Schwarz wohl problemlos gewinnen. Ich hatte es ein einziges Mal im Blitz, und Weiss überlebte nicht lange.
Nachtrag April 2020. Gerade gestern hatte ich diese Stellung wieder auf dem Brett, und zwar in einer 3-Minuten-Blitzpartie. Ich hatte bis hierhin etwa 15 Sekunden gebraucht, mein Gegner etwa eine Minute mehr. Seine Züge trafen in regelmässigen Abständen ein, ein sicheres Zeichen dafür, dass er eine Engine verwendete. Ich nahm mir die Zeit, Stockfish 11 anzuwerfen, und gab die Züge ein, was mich vielleicht 30 Sekunden kostete. Somit hatte ich etwa eine halbe Minute Vorsprung und ab sofort spielte Engine gegen Engine. Am Ende überschritt mein Gegner die Zeit, als es -4 für ihn stand. Die Partie ging mit 18.Txe6+ fxe6 19.cxd4 Sxd4 20.Db1 Tad8 21.Dxh7+ Kd6 weiter, den Rest habe ich vergessen. Meine Vermutung, dass Schwarz gewinnen sollte, bestätigte sich also. Das Beunruhigende an dieser Geschichte ist hingegen, dass es offenbar sogar bei 3+0-Blitz noch möglich ist, zu bescheissen.
15.Sf6+ Ke7 16.Sxd5+ ½-½
Im Unterschied zur obigen Variante steht der Springer auf f3 besser als auf h4. Es ist ungefähr ausgeglichen, sofern in einer solchen Stellung eine Bewertung überhaupt zulässig ist.
Die beiden Spieler hatten ihre Lektion gelernt, obwohl 1998 die Computer noch keine grosse Hilfe waren. Sie waren die Einzigen, die in 62 Partien mit 8.e5 überhaupt so weit kamen.