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Die Erfolge von Bernhard Russi
Olympia:
• Gold Abfahrt (Sapporo 1972)
• Silber Abfahrt (Innsbruck 1976)
WM:
• Gold Abfahrt (Gröden 1970)
Weltcup:
• 10 Weltcupsiege (9x Abfahrt, 1x RS)
• 1. Abfahrtsweltcup (1970/71)
• 1. Abfahrtsweltcup (1971/72)
7. Februar 1972: Dieser Montag verändert das Leben von Bernhard Russi für immer. Der Urner wird als 24-jähriger am Mount Eniwa, am «glücklichen Gartenberg», Abfahrts-Olympiasieger in Sapporo.
Bernhard Russi legt an den Olympischen Spielen von Sapporo 1972 in der Abfahrt einen Traumlauf hin. Mit der Startnummer 4 gibt der Weltmeister von 1971 eine Richtzeit vor, die zur Siegerzeit wird.
Bernhard Russi erinnert sich in der von Karl Erb verfassten Biographie: «Ich hatte mir ausgerechnet, dass ich meine Zeit von der Mittelstation an abwärts herausholen würde. Der obere Teil mit den riesenslalomartigen Kurven schien mir für eine allzu riskante Fahrweise nicht geeignet zu sein. Die Gefahr von Kantenfehlern war gross.»
«Ich bemühte mich, die ersten Kurven ausgesprochen sauber zu nehmen, was mir auch gelang. Ich fand sofort den Rhythmus. Im Schuss bei der Mittelstation wurde ich weit hinausgetragen, doch machte ich mir deshalb keine Sorgen, weil das ein Zeichen von Schnelligkeit war. Auf der ebenen Zwischenpartie nach der Mittelstation fuhr es mir plötzlich durch den Kopf: ‹Das ist doch das Rennen, für das mir so viele Leute Glück gewünscht haben, in dem von mir so viel erwartet wird.›»
«Ich war über mich selbst beunruhigt. Wenn ich in dieser Situation an solche Dinge dachte, könnte leicht etwas schief gehen. Ich konnte die Gedanken wieder verdrängen. Als ich mich dem Ziel näherte, spürte ich das im Vergleich zu den Vortagen verschärfte Tempo. Beim Einbiegen in den Zielschuss bemerkte ich, dass ich tiefer hinuntergetrieben worden war als je zuvor.»
«Der kalte Schweiss lief mir über den Rücken, als ich die Richtungsänderung ausführen wollte und keinen Boden mehr unter den Ski spürte. Für einen Moment sagte ich mir: ‹Jetzt hast du alles verpasst!› Ich bemerkte indessen, dass die Ski nicht quer standen und ich nichts an Fahrt eingebüsst hatte – im Gegenteil! Mit einem guten Gefühl erreichte ich das Ziel.»
51 Konkurrenten stehen noch oben. Der gefährlichste Konkurrent ist ein unbeschwerter, 22-jähriger Naturbursche aus dem Unterwallis. Roland Collombin. Er gehört noch zum B-Kader, hat sich aber durch Bestzeit im Training fürs Rennen qualifiziert und ist in die Favoritenrolle gedrängt worden.
«Ich blieb trotzdem ruhig», sagt Bernhard Russi später. «Aufgrund meiner und der bis dahin gefahrenen Zeiten durfte ich doch damit rechnen, eine Medaille zu gewinnen. Und das wäre für mich die Hauptsache gewesen. Selbstverständlich war ein Olympiasieg noch schöner, doch gerade bei Collombin als Schweizer nahm ich die Sache eher gelassener.»
Aber niemand unterbietet Bernhard Russis Bestzeit. Am Schluss gewinnt der Weltmeister von 1970 vor Collombin. Die weiteren Schweizer fahren ebenfalls stark: Andreas Sprecher wird Vierter und Walter Tresch Sechster. Nie zuvor haben die Fahrer eines Landes eine olympische Abfahrt so dominiert. «Im Ziel herrschte eine Stimmung, als ob wir an einem Rennen in der Schweiz gewesen wären», erinnert sich der erste Abfahrts-Olympiasieger aus der Schweiz.
1976 gewinnt er in Innsbruck hinter Franz Klammer mit Silber seine zweite Olympia-Medaille. Doch es ist dieses Olympische Gold von Sapporo, das aus dem Skistar einen Jahrhundertsportler macht, eine Werbe-Ikone und eine der bekanntesten Schweizer Persönlichkeiten der Zeitgeschichte. Bernhard Russi ist einer der ersten Schweizer Sportler, der es versteht, seinen sportlichen Ruhm sozusagen lebenslänglich zu vergolden.
Nach dem Rücktritt im Anschluss an die WM von 1978, als er in der Abfahrt nur 14. wird, beginnt er seine Tätigkeit als TV-Co-Kommentator, die er noch heute ausübt. 1979 unterschreibt er beim Autoimporteur Emil Frey AG den Werbevertrag für Subaru, der ihn zur Werbeikone machen wird.
Es ist eine Ironie der Sportgeschichte, dass diese so erfolgreiche Sport-Werbefigur sein Olympia-Gold von 1972, diesen historischen 7. Februar, auch dem Ausschluss seines stärksten Konkurrenten wegen unerlaubter Werbung verdankt: Die Spiele in Sapporo hätten nämlich für Karl Schranz nach dem Scheitern in Squaw Valley (1960), Innsbruck (1964) und Grenoble (1968) endlich die ersehnte Olympische Goldmedaille bringen sollen.
Doch der damalige amerikanische IOC-Präsident Avery Brundage statuiert ein Exempel zu Gunsten der «Amateur-Reinheit» und gegen die Kommerzialisierung der Olympischen Spiele und des Sportes. Es gelingt ihm, Karl Schranz, der schon im Olympischen Dorf eingezogen ist und das Training aufgenommen hat, von den Spielen zu verbannen. Der Österreicher wird am 31. Januar vom IOC mit 28:14 Stimmen ausgeschlossen. Ein bis dahin einmaliges Ereignis in der Olympischen Geschichte.
Diese Disqualifikation stützt sich auf ein Foto, das Karl Schranz bei einem Plausch-Fussballspiel im T-Shirt mit dem Aufdruck einer Kaffee-Marke («Aroma-Kaffee») zeigt. Den Sportlern ist es nach Regel 26 untersagt, direkt oder indirekt ihren Namen, ihr Foto oder ihre sportlichen Erfolge zu individuellen Werbezwecken zu nutzen. Erst 1990 wird diese Regelung vollständig aus den Olympischen Gesetzen gestrichen.
Bernhard Russi profitiert bei seinem Olympia-Gold auch vom Medium Fernsehen. Die Spiele von 1972 sind wohl die ersten ganz grossen TV-Spiele des Schweizer Sportes. Die olympischen Skirennen flimmern wegen der Zeitverschiebung am frühen Morgen in unsere Stuben und die Schweizer werden zu Olympischen Frühaufstehern. Es ist die «Belle Epoque» unseres Staatsfernsehens.
Kultreporter Karl Erb schreibt in seiner Autobiographie über die «goldenen Tage von Sapporo»: «Für die Olympischen Winterspiele im fernen Japan bildete das Schweizer Fernsehen eine dreiköpfige Equipe mit Martin Furgler, Jan Hiermeyer und meiner Wenigkeit … die Leitungen waren ausgezeichnet, was auf diese Distanz nicht selbstverständlich ist. Als ich am ersten Tag durch meinen Kopfgarnitur ‹Sapporo ruft Zürich› rief, antwortete eine klare Stimme ‹Hier ist Zürich, guten Morgen›. Die Verständigung war wesentlich besser als bei meinen Telefongesprächen von der Forch in die Stadt Zürich hinunter.»