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Was ist für Sie jüdische Musik?
Linus Roth: Ich denke da zuerst an die synagogale, religiöse Musik und an chassidische Gesänge und dann an Klezmer, die in den letzten Jahrzehnten eine wunderbare Wiederbelebung erfahren haben. Die Einflüsse in der Klassik sind unverkennbar, ohne sie würde es viele Meisterwerke gar nicht geben. Denken wir an Bruchs „Kol Nidrei“, bestimmte Kompositionen von Mahler oder Schostakowitsch, die immer wieder Themen aus der jüdischen Folklore verarbeitet haben.
Inwiefern spielt jüdische Musik und das Judentum bei Mieczysław Weinberg überhaupt eine Rolle?
Roth: Weinberg war kein religiös praktizierender Jude, doch es war ihm wichtig, seine jüdische Herkunft in seiner Musik aufzuzeigen und das eigene Schicksal auch zu verarbeiten. Er hatte als Jude auch unter schlimmen Repressalien der Sowjetunion zu leiden und wurde zeitweise sogar inhaftiert. Man hatte ihm vorgeworfen, er wolle einen jüdischen Staat innerhalb der Sowjetunion errichten, was komplett abwegig war. Seine Musik hat besonders in den langsamen Sätzen etwas Beklagendes. In seinem sehr umfangreichen Œuvre finden wir Lieder mit jiddischen Texten, und dann ist da natürlich seine Oper „Die Passagierin“, die den Holocaust thematisiert. Seine „Rhapsodie über moldawische Themen“ müsste eigentlich „Rhapsodie über jiddische Themen“ heißen, das ist quasi Klezmer-Musik. Doch sie wäre mit dem Titel vielleicht nicht durch die Zensur des Staatsapparats gekommen. Während die ahnungslosen Apparatschiks sie mit dem moldawischen Titel durchwinkten, hat sein Publikum die musikalische Botschaft verstanden.
Wie haben Sie Weinberg entdeckt?
Roth: Auf einem Kammermusikfestival sollte ich 2010 sein Klaviertrio spielen. Nach der ersten Durchspielprobe war ich regelrecht geplättet von der Intensität und berührt von der Schönheit dieser mir bis dahin fremden Komposition. Ich kannte zu dem Zeitpunkt fast nichts von Weinbergs Biografie und auch keine anderen Werke. Ich fuhr mit der Hoffnung nach Hause, dass er auch etwas für Violine komponiert haben möge. Dann öffnete sich mir eine Schatztruhe: das große Violinkonzert und eines mit Kammerorchester, drei Solosonaten, sieben Sonaten mit Klavier und weitere Stücke und Kammermusikwerke. Vieles davon war noch nie aufgenommen worden, und ich habe es sofort als ein riesiges Glück gesehen. Wann entdeckt man als Musiker schon mal ein ganzes Œuvre, das so erstrangig ist, aber trotzdem vergessen wurde? Die Idee lag nahe, die Komplettaufnahme aller Werke für Violine in Angriff zu nehmen.
Wie würden Sie seine Musik beschreiben?
Roth: Sie ist tief verwurzelt in der kompositorischen Tradition seiner Zeit und Umgebung, und doch ganz eigen. Oftmals geprägt von einer unbändigen, drängenden Energie, entwickelt er genauso häufig eine Transparenz und Zerbrechlichkeit, die mich zum Beispiel an Schubert erinnert. Die meisten seiner Werke enden im Pianissimo und Morendo, in den Sekunden nach dem letzten Ton herrscht im Konzertsaal dann erst mal gebannte Stille.
Welches Werk von Weinberg würden Sie für den Einstieg empfehlen?
Roth: Alle seine Werke sind aus kompositorischer Sicht gleichermaßen erstrangig. In den Spätwerken weicht er schon mal die Tonalität auf, vieles ist extrem verstörend. Als Einstieg eignet vielleicht dann doch eher seine Oper „Die Passagierin“, die wie viele andere Werke auch als Umgang mit dem eigenen Trauma gesehen werden kann: Sie handelt von einer Holocaust-Überlebenden. Weinberg hat seine Familie in den Konzentrationslagern verloren und entkam als einziger den Nazis durch seine Flucht in die UdSSR.
Welches ist Ihr Lieblingswerk von Weinberg?
Roth: Definitiv sein Violinkonzert, das ich zusammen mit denen von Schostakowitsch, Prokofjew, Bartók und Berg für eines der größten des 20. Jahrhunderts halte. 2013 habe ich es aufgenommen, im Jahr darauf die deutsche Erstaufführung des Konzerts gespielt. Später haben einige berühmte Kollegen das Stück ins Repertoire aufgenommen, ich selbst konnte es auch immer wieder auf die Bühne bringen. Es ist ein Werk, das das Publikum jedes Mal gleichermaßen mitreißt und berührt.
Was meinen Sie zu dem Vergleich Weinbergs mit seinem dreizehn Jahre älteren Freund und Mentor Schostakowitsch?
Roth: Die beiden haben sich gegenseitig beeinflusst, und Schostakowitsch sah in ihm einen ebenbürtigen Kollegen, den er überaus schätzte. Weinberg tat sich mit der Aussage, er sehe sich als Schüler von Schostakowitsch, keinen Gefallen. Er hat nie bei ihm studiert, diese Bemerkung war eher als eine Respektsbekundung gedacht. Natürlich kann man eine Verwandtschaft in der Klangsprache erkennen – wie man das auch beispielsweise bei Haydn und Mozart kann. Und doch hat Weinberg seine eigene Ausdrucksweise und Sprache gefunden. Seine Musik ist unverkennbar.
Warum haben die Weinberg-Society gegründet?
Roth: Als ich 2010 begann Weinberg zu spielen, bemerkte ich, dass zu viele Musikerkollegen, Veranstalter und somit auch das Publikum diesen Komponisten gar nicht kennen – auch ich hatte ihn ja erst gerade kennengelernt. Ich sammelte alles über ihn, jeden Link zu bestehenden Aufnahmen, gescannte Originalfotos, Biografien, und veröffentlichte alles auf einer Homepage. Daraufhin wurde die Gesellschaft gegründet, um künftig auch Projekte und Veranstaltungen zu unterstützten, die mithelfen sollen, Weinberg bekannter zu machen.
Was sind Ihre nächsten Weinberg-Projekte?
Roth: Im November kommt mein nächstes Album mit Weinbergs Werken beim Label Evil Penguin heraus. Es sind Kammermusikwerke, darunter auch wieder eine Weltersteinspielung. Und ich hoffe, bald die verbleibenden drei von geplanten sechs Konzerten in der Londoner Wigmore Hall spielen zu können.
Mehr Informationen über die International Mieczysław Weinberg Society finden Sie hier