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Bis im Jahr 2040 sollen in Winterthur 137 000 Menschen wohnen, bis 2030 sollen ca. 40 000 Arbeitsplätze in der Region entstehen und bis 2050 soll es im Bahnhof Winterthur 180 000 Um-/Ein-/Aussteigende pro Tag geben. Auch die Zahl der Studierenden hat sich vervierfacht und liegt heute aktuell bei ca. 10 000.
Die Stadt an der Eulach war bekannt als Industriestadt. J. J. Rieter & Cie (Textilmaschinenbau, Automobil- und Kunststoffindustrie), die Spinnerei Hard, die Eisengiesserei Sulzer und die SLM (Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik) prägten die Stadt bis ins 21. Jahrhundert. Die Industrie schuf zwar Arbeitsplätze, doch auch eine gewaltige Kluft zwischen den Lebens- und Wohnverhältnissen der Arbeiterschicht auf der einen und denjenigen der Industriellen und Kaufleute auf der anderen Seite tat sich auf. Der Ingenieurstädtebau des 19. Jahrhunderts geriet zunehmend in die Kritik. Das Wachstum wurde als chaotisch und bedrohlich wahrgenommen und die Wohnsituationen der mittleren und unteren Schichten waren prekär.
Das Leitbild der klaren, geraden Linie, die eine rationelle Stadterweiterung ermöglicht hatte, stiess zunehmend auf Ablehnung. So war es ein Brite, Ebenezer Howard (1850–1928), der um die Jahrhundertwende den entscheidenden Anstoss für den Städtebau des 20. Jahrhunderts gab: die Gartenstadtidee. Die Idee bestand darin, die wirtschaftlichen Vorteile zwischen Stadt und Land ins Gleichgewicht zu bringen und unter Ausschluss der unvorteilhaften Aspekte wie Lärm, Gestank und ungesunden Lebensverhältnissen oder Mangel an Arbeitsplätzen, Kultur und Konsummöglichkeiten zu verbinden. Die Siedlungen sollten von Sonne, Licht und Luft durchflutet sein und die dichten, kompakten Grossstädte in ein räumlich-dynamisches System von Gartenstädten auflösen.
Für Winterthur war diese Idee nicht revolutionär, denn die offene Bauweise war bereits im 19. Jahrhundert ein prägendes Element des Stadtbilds.
Alexander Isler, Winterthurer Bauamtmann, wurde 1897 in den Winterthurer Stadtrat gewählt und führte bis 1919 das Bauamt. Er kritisierte schon früh, dass die Baugesetzgebung mit ihren Vorschriften für die geschlossene Bauweise die «dichte Zusammendrängung der Bevölkerung in Mietskasernen» gefördert hätte.
Viel Luft und Licht
1909 wurde die erste Zonenbauordnung der Schweiz, die für eine ganze Stadt gelten sollte, erlassen. Es ging darum, die Villenviertel vor dem Eindringen von Mietskasernen zu schützen. Darin wurden die Geschosszahlen, die Länge der Häuserfronten, die Gebäudeabstände und die Abstände zur Strasse hin geregelt, was für Licht und Luft in den Wohnungen sorgte.
Winterthur bewahrte sich dadurch eine offene und weiträumige Bebauung, wie man sie in Ortschaften mit einer so ausgedehnten Industrie nicht anzutreffen gewohnt war. Reichlich Luft und Licht waren für eine Industriebevölkerung von nicht zu unterschätzendem Wert.
Die Zonenbauordnung von 1909 war Ausdruck der städtebaulichen Reformbewegungen und eine Reaktion auf das starke Wachstum, das die Stadt in den Jahrzehnten zuvor erlebt hatte. Sie wollte die bestehende Siedlungsstruktur vor baulichen Auswüchsen schützen. Allein zwischen 1888 und 1910 war die Bevölkerungszahl von 29 508 auf 46 384 gestiegen.
Und heute? Die Lage in den Tälern zwischen den Hügeln hat das Wachstum der Stadt Winterthur auf natürliche Weise geprägt und begrenzt. Aufgrund dieser Begebenheit verfügt Winterthur über einen ausgedehnten Siedlungsrand mit grosser Kontaktfläche zum umgebenden Freiraum. In neu entwickelten Arealen werden bei Bedarf aufgrund übergeordneter Klimaanforderungen Frischluftschneisen freigehalten und bioklimatisch bedeutsame Randgebiete werden nicht weiter überbaut und verdichtet. Wie wir gesehen haben, hat die Gartenstadt Winterthur ihren Ursprung in den Vor- und Hintergärten der Arbeitersiedlungen sowie den Park- und Gartenanlagen der Herrschaftshäuser. Mit dem Wachstum der Stadt und der damit einhergehenden Verdichtung steigt allerdings der Druck auf diese Naherholungsräume mit hohem ökologischem und klimatischem Wert.
Im Synthesebericht «Winterthur 2040» trägt man der Gartenstadt der Zukunft Rechnung, indem der Bericht als Grundlage der räumlichen Entwicklungsperspektive dient und alle relevanten raumwirksamen Themen beinhaltet. Damit Winterthur Zürichs selbstbewusste schöne Schwester bleibt.
Quellen: 1. Winterthurer Stadtgeschichte, Band 2: Von 1850 bis zur Gegenwart; 2. Räumliche Entwicklungsperspektive: Winterthur 2040 / Synthesebericht Testplanung