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Ah, Sie meinen den alten Professor, der ständig seine eigenen Bücher liest und darin Fehler sucht», soll ein Einheimischer im waadtländischen Clarens einer Besucherdelegation geantwortet haben, die Anfang des 20. Jahrhunderts das Haus des Ökonomen Léon Walras suchte, um ihm ihre Aufwartung zu machen.
Treffender hätte man den aus Evreux in der Normandie stammenden Vater der ökonomischen Neoklassik nicht umschreiben können. Walras, Begründer der so genannten Lausanner Schule, war in der Tat immer auf der Suche nach eigenen Fehlern, ein selbstkritischer Zeitgenosse, ein Zweifler an seinem eigenen Können, der zeitlebens mit dem Selbstvertrauen zu kämpfen hatte. Eine Charaktereigenschaft, die seine zahlreichen Biografen in erster Linie darauf zurückführen, dass Walras’ Leistungen für die Nationalökonomie in seiner Heimat Frankreich erst nach seinem Tod gebührend gewürdigt wurden.
Gründe für Selbstzweifel hatte Marie Esprit Léon Walras (1834–1910) indes noch andere, war doch seine Karriere alles andere als gradlinig verlaufen. So scheiterte er in zwei Anläufen bei den Aufnahmeprüfungen fürs Mathematikstudium an der Ecole polytechnique in Paris wegen mangelnder Vorbereitungen, und dies, obwohl er schon als Kind von seinem Vater Auguste Walras in die mathematische Lehre eingeführt worden war. Nächtelang hörte er dem Vater zu, wenn dieser in der Küche seines Hauses einem befreundeten Professor seine Manuskripte vorlas. Von sich selbst enttäuscht, flüchtete Léon Walras an die Ecole des mines, um Bergbau zu studieren, obwohl ihn dieses Fach überhaupt nicht interessierte. Statt ernsthaft zu studieren, begann er Romane zu schreiben, von denen der bekannteste unter dem Titel «Francis Saveur» immerhin einige Erfolge feiern konnte. In dem Roman kämpft der Held gegen soziale Missstände und bürgerliche Konventionen. Nebenbei arbeitete Walras noch einige Monate als Journalist bei der Genossenschaftszeitung «Le travail». Doch als adretter Sohn aus kleinbürgerlicher Familie, der seinen Vater abgöttisch verehrte, liess er sich bei einem Spaziergang davon überzeugen, das väterliche Werk weiterzuführen und seine literarischen und journalistischen Ambitionen aufzugeben. Dies war das Schlüsselerlebnis Walras’ – ein mit 25 Jahren gefasster Entschluss, sich künftig in erster Linie mit ökonomischen Fragen zu beschäftigen.
Seinem Vater verdankte Léon Walras einiges, viele seiner Kenner beurteilen das walrasianische System denn auch als Resultat der Arbeit zweier Generationen. Zwar blieb dem Vater, Auguste Walras, der Erfolg trotz dem Publizieren einiger Bücher verwehrt, seine akademische Karriere wurde gerade mal von zwei kurzen Gastdozenturen in der Provinz gekrönt, seine Artikel wurden von keiner Fachzeitschrift veröffentlicht. Der alte Walras galt als Spinner, weil er die Ökonomie als mathematische Wissenschaft betrachtete, und zwar zu einer Zeit, als diese noch als reine Geisteswissenschaft galt. Für seinen Sohn jedoch schuf er eine Basis, auf der dieser in seiner eigenen Karriere aufbauen konnte. Auguste Walras hatte bereits 1831 sein Werk «De la nature de la richesse» in Paris veröffentlicht, aus dem Léon später eine eigene, nützliche Unterscheidung in Kapital und Unternehmen übernehmen sollte. Auch dem späteren Werk des Vaters, der «Théorie de la richesse sociale» (1849), entnahm Léon Walras zahlreiche Kategorien und Definitionen der Produktionsfaktoren. «Meinem Vater verdanke ich die ökonomischen Definitionen, auf denen mein System beruht, und Cournot die mathematische Sprache, die sich so gut dazu eignet, dieses System auszudrücken», schrieb er kurz vor seinem Tod. Augustin Cournot war ein Klassenkamerad seines Vaters, dessen Werk «Recherches sur les principes mathématiques de la théorie des richesses», 1838 veröffentlicht, ebenfalls ein wichtiger Meilenstein in Léon Walras’ Wanderjahren war. Zwar konnte auch das intensive Studium von Cournots Werk sein Scheitern bei der Aufnahmeprüfung zum Mathematikstudium nicht verhindern, doch half es ihm Jahre später, seine mathematischen Schwächen wenigstens teilweise zu überwinden. Und trotz allen Verdiensten des Vaters wurde dieser auch ein wenig zur Bremse für seinen Sohn, weil Léon in seiner grenzenlosen Bewunderung zu lange dessen antiquierter Terminologie treu blieb.
Doch bei aller Liebe und Verehrung zum Vater konnte er dessen Wunsch, sein Werk weiterzuführen, zumindest in Frankreich nicht entsprechen, wie der grosse Walras-Experte William Jaffé eindrücklich nachgezeichnet hat. Denn eine akademische Karriere blieb Walras in seinem Vaterland versagt, fehlten ihm doch die dafür notwendigen Mittel und auch das kritiklose Verständnis des Establishments jener Zeit, das sich damit begnügte, vorbehaltlos ein Loblieb auf die bestehende soziale Ordnung zu singen. Die offiziellen Nationalökonomen, so schreibt Jaffé in einem seiner Texte über Walras, bildeten zu jener Zeit verdienstvolle Persönlichkeiten aus der Oberschicht, die in ihrem Fach einen Zweig der Politik und nicht eine Disziplin der Wissenschaft sahen. «Die Professuren wurden vom Grossvater an den Vater und von diesem an den Sohn weitergegeben, vom Onkel an den Neffen oder an den Schwiegersohn», beklagte sich Walras in seiner Autobiografie. Und da diese Gruppe auch die ökonomischen Publikationen der Epoche kontrollierte, blieb Walras die publizistische Tätigkeit in seinem Vaterland verschlossen. Seine Karriere als Journalist dauerte nur einige Monate, wurde er doch bald wegen seiner unabhängigen Überzeugungen entlassen. Darauf folgten Tätigkeiten in der Verwaltung der Eisenbahn und als leitender Direktor einer Sparkasse, bis diese Konkurs anmelden musste. Vorschnell urteilen heute viele Ökonomen, dass Walras wie schon Joseph Schumpeter, der ebenfalls einen Bankkonkurs zu verantworten hatte, in der Praxis versagt habe. Dabei hätte Walras den Konkurs abwenden können, nur hörten die Aktionäre nicht auf seine Ratschläge und liessen die Bank wider besseres Wissen in den Ruin gleiten.
In seiner spärlichen Freizeit schrieb Walras seine mathematischen Abhandlungen und seine ökonomischen Thesen nieder. Erst später sollte sich herausstellen, dass sich seine praktischen Tätigkeiten in der Wirtschaft auszahlten, halfen sie ihm doch, seine Thesen anhand der ökonomischen Wirklichkeit auszuloten.
Ein Glücksfall für Walras war seine Teilnahme an einem Steuerkongress in Lausanne im Jahr 1860. Er schien in der Waadt bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben, sodass man sich zehn Jahre später noch an Walras erinnerte und ihn 1870 für ein Jahr auf Probe auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für politische Ökonomie berief. Dies allerdings mit einer knappen Mehrheit, weil sich Walras’ Fachkollegen gegen die Ernennung eines mathematisch orientierten Ökonomen mit Händen und Füssen wehrten. Das Geld für den Umzug nach Lausanne musste er sich vom Rektorat vorschiessen lassen, hatte er doch trotz zahlreichen Jobs den Aufstieg aus der Mittellosigkeit in Frankreich nie geschafft.
Mit 36 Jahren konnte er sich endlich dauerhaft mit der mathematischen Nationalökonomie beschäftigen, die ihn nicht mehr loslassen sollte. Mit dieser Idee hatte er schon seit 1860 geliebäugelt, wie er in seiner Autobiografie schreibt, und die Berufung an die Universität Lausanne sollte denn auch die Grundlagen für die Entwicklung des walrasianischen Systems eines allgemeinen Gleichgewichts liefern.
Doch zuvor hatte er unabhängig von anderen die Funktion des Grenznutzens entdeckt. Seine Ausführungen dazu erinnern an die ersten Lektionen, die jeder angehende Nationalökonom bis heute durchpaukt: «Ich beschränkte meine Aufmerksamkeit auf den Fall zweier Güter, leitete aus der Nachfragekurve des einen die Angebotskurve des anderen Gutes logisch ab und demonstrierte damit, dass das jeweilige Gleichgewicht im Schnittpunkt von Angebots- und Nachfragekurve liegt», schreibt Walras. «Dann leitete ich die Nachfragekurve selbst aus den Mengen ab, über die jeder Marktteilnehmer verfügt, und aus den individuellen Nutzenkurven für die beiden Waren. Auf diese Weise erhielt ich die Intensität des letzten noch befriedigten Bedürfnisses oder die Rareté, die Grenzrate des Nutzens, als eine Funktion der verbrauchten Menge. Dies sind die wichtigsten Daten, aus denen der Preis exakt abgeleitet werden kann, und sie bilden den eigentlichen Schlüssel zur mathematischen Nationalökonomie.»
So stolz diese Ausführungen aus der Anfangszeit Walras’ an der Universität Lausanne klingen, so waren ihm andere in der Entdeckung des Grenznutzens längst zuvorgekommen. In den ersten Jahren seiner Lehrtätigkeit stritten sich die Gelehrten über die Urheberschaft der Grenznutzentheorien, ein Streit, der erst 1878 definitiv und zur grossen Enttäuschung Walras’ gelöst wurde. Der Ökonom Adamson hatte ein Buch des Deutschen Hermann Heinrich Gossen ausgegraben, der schon dreissig Jahre zuvor und von der ökonomischen Elite lange unentdeckt über den Grenznutzen geschrieben hatte. Walras reagierte schwer enttäuscht, drohte damit doch sein Lebenswerk zerstört zu werden. Da er die Grenznutzentheorie nicht für sich beanspruchen konnte, arbeitete er verbissen an der Theorie des Gleichgewichts der Märkte, die ihm tatsächlich den erwünschten Ruhm bescherte und als Kerntheorem der Neoklassik angesehen werden kann. Dass Ökonomen später erkannten, dass Walras’ unabhängige Entdeckung des Grenznutzenprinzips weit höher zu bewerten ist als ursprünglich angenommen, hängt damit zusammen, dass sie zu einem Grundpfeiler für Walras’ spätere Arbeiten wurde, ohne den sein Werk kaum die Bedeutung erhalten hätte, die ihm heute zusteht. Selber blieb er trotz aller Enttäuschung bescheiden, wie aus einem seiner Briefe hervorgeht: «Ich gebe nicht vor, von menschlicher Schwäche frei zu sein. Ich gestehe Ihnen offen, dass ich zunächst über den Verlust meiner Priorität als Entdecker der Gleichung ziemlich erregt war. Doch wenn man schon unterliegt, sollte man dies mit geziemendem Anstand tun.»
Immerhin hatte Walras als erster Ökonom überhaupt erkannt, dass Nationalökonomen mit zwei Problemen zu tun haben: erstens mit der Frage, ob ein Ausgleich zwischen Nachfrage und Angebot überhaupt möglich ist, und zweitens musste er nachweisen, dass ein darauf beruhendes Gleichgewicht stabil ist. Um diese Probleme zu lösen, hatte Walras begonnen, seine Gleichungen mit Hilfe von Gleichgewichtspreisen zu lösen. Um zu beweisen, wie es zu solchen Gleichgewichten kam, fand er eine nachgerade geniale Metapher: den Auktionator. Mit Hilfe dieses Auktionators zeichnete Walras nach, wie man sich an die Marke herantastet, bei der die Nachfrage vollständig befriedigt ist. In seinem Gleichgewichtssystem wird unter der Annahme vollständiger Konkurrenz versucht, die Gleichgewichtswerte aller ökonomischen Variablen, die von Haushalten und Unternehmen gekauft und verkauft werden, zu ermitteln.
Dabei war Walras der Meinung, dass ein Preis nicht für längere Zeit vom Gleichgewichtspreis abweichen könne, sondern vielmehr um diesen herum schwanke. Er erkannte, dass der Handel zu vom Gleichgewicht abweichenden Preisen zur Rationierung entweder des Angebots oder der Nachfrage führte, weshalb in seinem theoretischen Modell der Handel erst nach Erreichen des Gleichgewichtspreises zugelassen wird. Und genau dazu diente ihm die Funktion des Auktionators. Doch auch sonst kam ihm das Verdienst zu, als erster Ökonom einerseits zwischen Märkten für Konsumgüter und Faktorleistungen zu unterscheiden und anderseits zwischen Haushalten und Unternehmen. So wie dies heute noch in der Volkwirtschaftslehre üblich ist.
Doch selbst in seinen für die Nationalökonomie wertvollen Erkenntnissen blieb Walras selbstkritisch und nahm die in den Jahrzehnten darauf folgende Kritik an seinem Werk schon vorweg: «Obwohl die Wirtschaft fortschreitet, bleibt sie statisch, weil die neuen Kapitalgüter in der Tat keine Rolle in der Wirtschaft spielen bis in einer späteren Periode, die jener folgt, die man betrachtet.»
Zwar habe Walras mit seiner statischen Theorie des Gleichgewichtes ein gutes Fundament zum logischen Denken geliefert, doch trage sie kaum dazu bei, Wachstum und Entwicklung in Markt und Staat auch nur im Ansatz richtig zu erklären, geschweige denn sinnvoll gestalten zu helfen, schrieb der deutsche Ökonom Horst Claus Recktenwald schon vor Jahren in seiner Analyse über die Leistungen des Lausanner Professors im historischen Vergleich. Recktenwald, der Walras zwar alle Anerkennung für seine Verdienste entgegenbringt, relativierte zu Recht die euphorische Einschätzung des österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter über Walras: «Soweit es sich um reine Theorie handelt, ist Walras nach meiner Meinung der grösste aller Ökonomen.» Denn, so Recktenwald: «Wozu ist reine Theorie gut, wenn sie nicht hilft, das Entstehen und Vergehen von Ordnungen und deren dynamischen Ablauf auf einem Einzelmarkt, in der Volkswirtschaft und in der Weltwirtschaft wirklichkeitsnahe zu erkennen und realistisch zu prognostizieren.»
Doch bei aller Kritik an Walras besitzt das von ihm entwickelte System weite Dimensionen, die in der Nationalökonomie grossen Anklang gefunden haben. Auch agierte er als eifriger Briefeschreiber und als Sprachmittler, verkehrte vielsprachig mit Kollegen aus aller Welt und verfasste Tausende von Schriftstücken. Er wurde zu einer eigentlichen Drehscheibe für die Ökonomen aus dem französischen, deutschen und englischen Sprachraum, täglich korrespondierte er mit mehreren führenden Wissenschaftlern und trug so zu einem effizienten Informationsaustausch zwischen den einzelnen Sprachräumen bei. In seiner Zeit in Lausanne entstand denn auch sein Hauptwerk, eine Trilogie, bestehend aus den «Eléments d’économie politique pure» (1874), den «Etudes d’économie sociale» (1896) und den «Etudes d’économie politique appliquée» (1898).
Kein Verständnis hatte Walras für neoklassische Parolen wie «mehr Markt, weniger Staat», verstand er sich doch als klassischer Marktsozialist. Ihm schwebte eine Gesellschaft ohne Steuern vor, in der die Menschen völlig frei über ihre Kenntnisse und Talente verfügen können. Um dem Staat aber dennoch die notwendigen Einnahmen zu verschaffen, befürwortete er eine vollständige Sozialisierung von Grund und Boden mit dem Ziel, dass sich der Staat einzig über Mieten und Pachtzinsen finanzieren sollte.
Wie viele Ökonomen seiner Zeit verstand sich Walras auch als Sozialreformer, worauf eben diese Hoffnung basierte, der Staat könnte aus der Rente des öffentlichen Bodens seine Ausgaben finanzieren. Auch vertrat er eine genossenschaftliche Idee wirtschaftlicher Zusammenarbeit ohne hinreichende Kenntnis des kollektiven Handelns oder des privaten Kollektivgutes, wie Horst Claus Recktenwald in seiner Einschätzung von Walras’ historischen Leistungen schreibt – auch wenn er sich darin freilich mit den meisten Ökonomen des 19. Jahrhunderts traf, etwa mit Ricardo, Gossen, Maltus, aber auch mit Marshall und Marx.
Um diese Ideen zu verstehen, muss man sich die Umstände jener Zeit vor Augen führen. In Europa fand eine umfassende industrielle Revolution statt, die den Kontinent von einer Agrar- in eine Industriegesellschaft verwandelte und die zu einer starken Verstädterung führte. Das Bevölkerungswachstum nahm ein nie gekanntes Ausmass an, obwohl Millionen wegen der Kartoffelfäule und sozialer Not den Kontinent in Richtung Nord- oder Südamerika verlassen hatten.
Zwischen 1873 und 1895 kam es auf Grund der massiv gesteigerten Kapazitäten zu einem starken Preiszerfall für viele Güter, und die Goldgräberstimmung der Gründerzeit hatte ihr jähes Ende bereits in der internationalen Börsenkrise 1873 gefunden. Ihr hielten nur wenige Aktiengesellschaften jener Zeit stand, und es zeigte sich, dass viele Firmen auf Sand gebaut waren. Die klassischen ökonomischen Betrachtungsweisen reichten nicht mehr aus, um die neuen Marktkräfte zu erfassen und die sozialen Entwicklungen zu erklären.
Aus all diesen Gründen kann man die Ideen Walras’, von denen die meisten bereits in seinem belletristischen Frühwerk «Francis Saveur» auftauchten, zwar aus heutiger Sicht als Irrungen abtun. Sie waren für jene Zeit aber zumindest diskutabel, und seinem Ruf als Vater der Gleichgewichtstheorie konnten sie keinen Abbruch tun, auch wenn ihnen das französische Establishment feindlich gegenüberstand.
Zu Ehren kam Walras in seinen späteren Lebensjahren dennoch, zwar nicht in Frankreich, sondern in Belgien, Holland, der Schweiz, Italien und auch den Vereinigten Staaten. Die American Economic Association ernannte ihn 1892 gar zum Ehrenmitglied.
Trotz allen Erfolgen liess sich Léon Walras im Jahr 1892 im Alter von 58 Jahren von der Universität beurlauben, auf den Lehrstuhl kehrte er nicht mehr zurück. Der Tod seiner Frau 1879 hatte ihm stark zugesetzt, jahrelang litt er unter dem Verlust. Auch finanziell brachte ihn die langjährige Pflege seiner Gattin an den Rand des Ruins: Für die Pflegekosten reichte sein Gehalt von jährlich 4000 Franken nicht aus. Um zusätzlich Geld zu verdienen, musste er in Neuenburg Sondervorlesungen halten, gab Privatstunden und schrieb unter dem Pseudonym Paul Kurzgeschichten, die zweiwöchentlich in der «Gazette de Lausanne» erschienen.
Mit dem Rückzug aus dem universitären Leben war es aber mit seiner wissenschaftlichen Tätigkeit noch lange nicht vorbei. Im Gegenteil: Viele seiner Publikationen stammen aus der Zeit nach 1892, und auch seine ansehnliche Korrespondenz wuchs in den Jahren darauf nochmals stark an.
Vor allem korrespondierte er mit seinem Nachfolger Vilfredo Pareto, der Walras’ Lehrstuhl an der Universität Lausanne übernommen hatte. Aus seinen zahlreichen Briefpartnern gingen einige Nachfolger seines Werks hervor, in Schweden Wicksell, in den Vereinigten Staaten Moore und Fisher, Launhart und Borkiewich in Deutschland und Barone und Antonelli in Italien und selbstverständlich der Italiener Pareto in Lausanne. Doch erst der Wirtschaftswissenschaftler John R. Hicks verhalf Walras mit seinem 1939 erschienenen Werk «Value and Capital» zum Status als grosser Nationalökonom. Allerdings dauerte es noch einige Jahre, bis Walras’ Hauptwerk im Jahr 1954 ins Englische übersetzt wurde. Und erst 1983 erhielt Gérard Debreu den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, nachdem es ihm gelungen war, Walras’ Gleichgewichtsmodell zu präzisieren.
Léon Walras verbrachte seine letzten Lebensjahre im waadtländischen Clarens, erschöpft und der zahlreichen Kontroversen über sein Werk überdrüssig. Obwohl er in Briefen an Freunde immer wieder schrieb, er werde sich nun nur noch mit Fischen, Malen und Numismatik beschäftigen, blieb er bis zu seinem Tod ein engagierter Wissenschaftler.
Noch kurz vor seinem Tod bewarb sich Walras mit seiner ursprünglichen Idee der Abschaffung der Steuern und der vollen Verstaatlichung für Grund und Boden um den Friedensnobelpreis; drei Professoren der Universität Lausanne gaben die Bewerbung ein. Tief enttäuscht musste er die Antwort entgegennehmen, in der die Nobelpreisverleiher ihm mitgeteilt hätten, sie sähen keinen Zusammenhang zwischen seiner Theorie und der Friedens-förderung, wie Walras in seiner Autobiografie schreibt.
Sein letzter Aufsatz wurde 1909 veröffentlicht, und seinen letzten Zeitungsartikel mit dem Titel «Doctrines économiques» druckte die «Gazette de Lausanne» nur einen Tag nach seinem Tod. Er starb am 5. Januar 1910, sechs Monate nachdem die Universität Lausanne sein 40-Jahre-Dienstjubiläum gefeiert hatte.
Literatur
William Jaffé, Mark Blaug, Donald A. Walker: Léon Walras’ Lebenswerk – eine kritische Analyse. Verlag Wirtschaft und Finanzen, Düsseldorf 1988.
William Jaffé: Correspondence of Léon Walras and Related Papers. Amsterdam 1963.
Nikolaus Piper: Die grossen Ökonomen. Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart 1997.
Donald A. Walker: Léon Walras in the Light of his Correspondence and Related Papers, in: Journal of Political Economy, Bd. 78, 1970, S. 685–701.
Donald A. Walker: Walras’s Theory of the Entrepreneur, in: The Economist, Bd. 134, 1986, S. 1–24.
In der nächsten Ausgabe:
John M. Keynes, Begründer der keynesianischen Schule und Befürworter staatlicher Interventionen ins Wirtschaftsgeschehen.