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Geschichte Haitis
Die Entdeckung und Kolonialisierung durch die Europäer
In den Jahrzehnten nach der Entdeckung der Insel Hispaniola durch Christoph Kolumbus im Jahr 1492 wurde die indigene Urbevölkerung dieser Insel, die Arawaks (auch Taínos genannt), fast vollständig ausgerottet. Im späten 17. Jahrhundert schließlich wurde sie durch afrikanische Sklaven, die auf den Zuckerplantagen eingesetzt wurden, wieder bevölkert. 1697 trat Spanien das westliche Drittel der Insel, das von da an Saint-Domingue genannt wurde, an Frankreich ab. Dieses Gebiet wurde im 18. Jahrhundert zur reichsten Kolonie des französischen Kolonialreichs. Am 22. August 1791 kam es unter der Führung von Dutty Boukman und Georges Biassou zu einem Sklavenaufstand, der sich zu einem blutigen Krieg entwickelte. Die Ex-Sklaven (“Afrikaner”) setzten sich am Ende durch. Selbst eine von Napoleon gegen Haitis Nationalheld Toussaint L’Ouverture gesandte Armee wurde letztlich geschlagen.
Die Unabhängigkeit
Saint-Domingue erklärte am 1. Januar 1804 unter dem Namen Haiti seine Unabhängigkeit von Frankreich, sein Führer Dessalines erklärte sich nach dem Vorbild Napoleons zum Kaiser und regierte bis zu seinem gewaltsamen Tod 1806.
Haiti, die erste unabhängige Republik von Schwarzen und Mulatten, engagierte sich für die Abschaffung der Sklaverei und unterstützte auch Venezuela, Peru und Kolumbien bei ihrem Unabhängigkeitskampf unter Revolutionsführern wie Bolívar und Miranda. Unter Präsident Boyer, der das seit 1806 in einen mulattischen Süden und schwarzen Norden geteilte Land 1820 wiedervereinte, schaffte Haiti nach der Besatzung des zu Spanien gehörenden östlichen Teils der Insel (der späteren Dominikanischen Republik) 1822 auch dort die Sklaverei ab. Frankreich verlangte als Gegenleistung für die Anerkennung der Unabhängigkeit Haitis im Jahr 1825 Entschädigungen für ehemalige Plantagenbesitzer.
Jahrzehntelang zahlte Haiti an Frankreich, insgesamt 90 Millionen Gold-Franc. Bald nach der Unabhängigkeit wurden die Großplantagen unter der Bevölkerung aufgeteilt, wodurch der Export von Agrargütern zusammenbrach. Mehrere Versuche, die Produktivität der Landwirtschaft zu heben (beginnend mit dem Code Rural von 1826), sind an der aus kleinen und kleinsten Parzellen bestehenden Agrarstruktur gescheitert. Dennoch galt das Land als Exporteur von Kaffee, Kakao, Häuten und Blauholz. Seitdem ist Haiti zum ärmsten Land der westlichen Hemisphäre geworden.
Die Ära Duvalier
Papa Doc und die verschiedenen Interventionen der USA Haiti hatte während des größten Teils seiner Geschichte unter Gewaltherrschern zu leiden. Zwei seiner Herrscher ernannten sich zu verschiedenen Zeiten sogar zu Kaisern. Von 1915 bis 1934 war das Land von den Vereinigten Staaten besetzt. Doch wurden die US-Truppen in den folgenden Jahren abgezogen. Es wurden Anstrengungen unternommen, die Infrastruktur – speziell das Bildungssystem – zu verbessern, aber diese Reformen, die die Bräuche und Traditionen Haitis nicht berücksichtigten, waren weder gern gesehen noch erfolgreich. Ab 1957 gelang es dem ehemaligen Landarzt François “Papa Doc” Duvalier, die Macht an sich zu reißen. Er setzte sich 1964 zum Diktator ein und wurde durch die sogenannten Tontons Macoutes bekannt, einer Freiwilligentruppe, die Elemente einer Geheimpolizei und einer Schlägertruppe in sich vereinte. Die Machtergreifung Papa Docs war von den USA gefördert worden, wobei die Befürchtung eine Rolle spielte, Haiti könne kommunistisch werden. Das antikommunistische evangelikale Netzwerk The Family, welches Duvalier zusammen mit dem CIA an die Macht half, betrachtete Papa Docs Regierung über das Land als Realisation ihrer Vorstellungen einer autoritär und durch von Gott geführte Schlüsselpersonen regierten Nation. “Papa Docs” Sohn Jean-Claude “Baby Doc” Duvalier folgte ihm 1971 im Alter von 19 Jahren in der Regierung. 1986 wurde “Baby Doc” aus dem Land vertrieben.
Die missglückte UN-Mission zur Etablierung der Demokratie
Unter bürgerkriegsähnlichen Zuständen kam es schließlich zum Zusammenbruch innerstaatlicher Ordnung und im Februar 2004 mit Billigung durch den UN-Sicherheitsrat zur militärischen Intervention, bei der Chile, Frankreich, Kanada und die USA Truppen schickten. Aristide verließ das Land nach Darstellung der Opposition, der USA und von Frankreich freiwillig, nach eigener Angabe in Folge eines Putsches. An Stelle der ersten Interventionstruppen wurden dann 2004 im Rahmen von der UN-Mission MINUSTAH rund 10.000 Blauhelm-Soldaten stationiert.
Das Land wurde 2004 nach Aristide zunächst von einer Übergangsregierung verwaltet, bis Februar 2006 die mehrfach verschobene Präsidentenwahl abgehalten wurde. Sie brachte mit einem Wahlergebnis von 51,15 % der Stimmen Préval als Sieger hervor, aber auch der Ablauf dieser Wahl war umstritten. Im Mai 2006 nominierte Préval den Politiker Jacques-Édouard Alexis als Premierminister. Die hohe Inflation und die weltweit stark angestiegenen Preise für Grundnahrungsmittel wie Reis oder Mais führten im Frühjahr 2008 zu Protesten der Bevölkerung, die in schweren Unruhen mit mehreren Todesopfern gipfelten. Obwohl Präsident Préval eine Bekämpfung der gestiegenen Lebensmittelpreise angekündigt hatte, beruhigte sich die Lage nicht. Am 12. April 2008 beschloss der Senat die Entlassung von Premierminister Alexis.
Die enttäuschten Hoffnungen durch Aristide
Nach der Verfassungsreform von 1987 putschte das Militär, unterstützt durch die reiche Oberschicht, und regierte bis zu den Wahlen 1990, bei denen der katholische Armenpriester Jean-Bertrand Aristide mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten gewählt wurde. Seine Gegner warfen ihm Klassenkampf vor, er selbst rechnete sich der Befreiungstheologie zu. Schon 1991 wurde er von Brigadegeneral Raoul Cédras wieder aus dem Amt geputscht. Das Regime bemühte sich zunächst erfolgreich um Unterstützung durch die USA. Auch unter dem Druck der Organisation Amerikanischer Staaten entschieden sich die USA aber 1994 zu einer militärischen Intervention und ließen Aristide in sein Amt zurückkehren, allerdings unter der Bedingung, dass er sich nun mit der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds abstimme, an die Regeln der Marktwirtschaft halte und einen Teil seiner Rechte an das Parlament abtrete.
1996 übergab Aristide entsprechend der Verfassung nach Ablauf einer Amtszeit das Amt an seinen Weggefährten René Préval. Das UNO-Mandat, unter welchem Haiti seit 1995 stand, lief 1997 wieder aus.
Im Januar 1999 hatte es Präsident Préval versäumt, die Mandate der Parlamentarier zu verlängern. Zudem endeten auch die Amtszeiten lokaler Regierungsvertreter, was dazu führte, dass es bis zum dritten Quartal des Jahres 2000 auf Haiti praktisch keine gewählten Amtsinhaber mehr gab und der Präsident per Dekret regierte.
In der ersten Hälfte 2000 fanden zunächst Kommunal- und Parlamentswahlen statt, die Wahlbeteiligung wurde auf 60 Prozent geschätzt. Dabei kam zu Einschüchterungen und zu Gewalt bis hin zum Mord an Kandidaten beider Seiten und zu Wahlfälschungen durch die Regierung. Die Opposition bewirkte daraufhin einen weitgehenden Boykott der folgenden Präsidentenwahl, die Aristide daher im November 2000 mit über 91 Prozent der Stimmen gewann. Nach dem Amtsantritt 2001 wurde seiner Regierung allerdings massive Misswirtschaft und Korruption vorgeworfen. Es kam zu landesweit zunehmendem Widerstand, der von Kräften des ehemaligen Diktators Duvalier unter Einschluss für ihn tätiger Todesschwadronen angefacht wurde. Aristide versuchte, sich auch seinerseits durch die Mobilisation seiner Anhänger unter Einschluss der ebenfalls gewalttätigen “Chimères” der “Fanmi Lavalas” (FL) durchzusetzen.
DAS ERDBEBEN
Erdbeben Haiti
Am 12. Januar 2010 erschütterte ein schweres Erdbeben den südlichen Teil Haitis. Gemessen an den Opferzahlen handelte es sich um das schwerste Erdbeben in der Geschichte Haitis und um eines der verheerendsten Erdbeben in der Geschichte der Menschheit. Das Erdbeben ereignete sich am 12. Januar 2010 um 16:53 Uhr Ortszeit. Das Epizentrum lag etwa 25 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Haitis, Port-au-Prince, das Epizentrum etwa 17 Kilometer darunter.
Die Stärke des Erdbebens wurde vom United States Geological Survey (USGS) mit 7,0 Mw auf der Richter-Skala gemessen. Gemessen an den Opferzahlen handelt es sich um das schwerste Beben in der Geschichte Nord- und Südamerikas sowie um das weltweit verheerendste Beben des 21. Jahrhunderts. Die haitianische Regierung schätzt die Zahl der Todesopfer auf mehr als 212.000, wobei jedoch die noch nicht geborgenen und die privat bestatteten Toten nicht enthalten seien. Laut Spiegel kamen durch das Erdbeben bis zu 300.000 Menschen ums Leben, etwa 300.000 weitere Personen wurden verletzt und 1,2 Millionen obdachlos. Die Katholische Kirche in Haiti geht hingegen von 500.000 Toten aus und beruft sich dabei auf die Berichte verschiedener Hilfsorganisationen. Insgesamt sind laut United States Agency for International Development 3 Millionen Menschen von der Naturkatastrophe betroffen. Zehn Tage nach dem Beben wurde die Suche nach Überlebenden offiziell eingestellt.