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Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften gehört zu jenem halben Dutzend Grossromane des 20. Jahrhunderts, die als lang und schwierig gelten, und daher von vielen Lesern gemieden werden. Ich möchte mich zu dieser Einschätzung nicht weiter äussern; mir bereitet eine Liebesschmonzette mehr Leseprobleme. Andererseits gehöre ich auch nicht zu jenem Leserkreis, der – quasi um seine Intimität mit Musils Roman zu betonen – ihn leger mit Vornamen anredet, als MoE nämlich. Dazu habe ich vor dem Mann ohne Eigenschaften auch bei der dritten Lektüre zu viel Respekt.
Nebst einem der wohl berühmtesten Romananfänge (Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum… etc.) zeichnet sich Der Mann ohne Eigenschaften auch dadurch aus, dass es Musil nie gelungen ist, ein Ende zu finden. Und dadurch, dass Musil den Begriff Kakanien, wenn er ihn nicht gar erfunden hat, so doch zu einem Teil der Umgangssprache werden liess, ist doch das ganze 8. Kapitel des Ersten Buchs einer Beschreibung Kakaniens gewidmet. Kakanien, das war die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie, wobei selbst der auktoriale Erzähler vom Mann ohne Eigenschaften zugeben muss, dass er nie genau wusste, wann denn nun eine Institution k.k. und wann sie k.u.k. war. Und obwohl Kakanien nach einem grossen Reich klingt, war dieses riesige Reich im Grunde genommen beschränkt auf – den Wiener 1. Bezirk. Konsequent wickelt sich denn auch der grosse Teil der Handlung des Ersten und des Zweiten Buchs in diesem Bezirk ab.
Der erste Teil des Manns ohne Eigenschaften hat die sogenannte Parallelaktion zum Inhalt. Wir sind im Jahre 1913. 1918, so erfährt der Leser zusammen mit Ulrich, dem Protagonisten, soll in Deutschland das 30-jährige Jubiläum der Thronbesteigung Wilhelms II. gefeiert werden. Da 1918 auch die 70-jährige Thronbesteigung des österreichisch-ungarischen Monarchen Franz Joseph I. gefeiert werden konnte, beschlossen ein paar monarchistisch gesinnte und einflussreiche Personen, dass Österreich-Ungarn dieses Jubiliäum quasi parallel zum deutschen ebenfalls feiern sollte. Die Ironie der Geschichte, über die sich Leser und Autor als Propheten ex post sehr wohl im Klaren sind, wollte es ja dann anders: Franz Joseph I. starb bereits 1916, und Wilhelm II. konnte sein 30-jähriges Jubiläum mit seiner Abdankung feiern…
Die Ereignisse werden mehr oder weniger aus der Sicht des Mannes ohne Eigenschaften, Ulrich, geschildert. Er ist der einzige Sohn eines berühmten k.k. (oder eben doch k.u.k.?) Rechtsgelehrten und -professors, hat selber Mathematik studiert, übt aber keinen Beruf aus. Der Vater findet dies empörend und drängt den Sohn dazu, die Stelle eines Sekretärs im Vorbereitungskommitée der Parallelaktion zu übernehmen, was der Sohn dann auch tut. So ist der Leser immer auf dem Laufenden, was zur Vorbereitung gerade geschieht – dazu erhält er Einblicke in das Privatleben nicht nur von Ulrich, sondern auch von weiteren Protagonisten.
Was aber ist ein Mann ohne Eigenschaften? Musil hat 1908 bei Carl Stumpf mit dem Thema Beitrag zur Beurteilung der Lehren Machs doktoriert. Gemäss Mach ist alles, was der Mensch von der Aussenwelt weiss, ihm von seinen Empfindungen überliefert. Über einen Mann ohne Eigenschaften können wir also im Grunde nichts wissen – er ist das wandelnde Ding an sich (dessen auch nur potentielle Existenz Mach allerdings negierte). Subjektiv, aus der Sicht des Mannes ohne Eigenschaften, bedeutet das, dass alle seine Handlungen im Grunde genommen im Potentiellen, in der Möglichkeitsform, stecken bleiben. (Ich weiss, dass Parallel-Lektüre einen oft ungebührend beeinflussen kann, aber frage mich doch, wie weit Musil die Werke jenes andern Mach-Schülers, Fritz Mauthner, kannte. Es ist jedenfalls verblüffend, wie weit die adjektivische Welt Mauthners in der sozusagen objektiven Existenz Ulrichs, als eines Mannes ohne Eigenschaften, dargestellt wird, die verbale Welt dagegen in Ulrichs subjektiver Existenz. Und, wenn man so will, ist die substantivische Welt, als Welt der hohlen und leeren Begriffe, in der Parallelaktion verkörpert.)
Der Verlag Jung und Jung und Walter Fanta haben 2016 damit begonnen, Musils Werke in einer kritischen Ausgabe neu zu publizieren (als sog. Hybrid-Ausgabe, d.h. der Text auf Papier gedruckt, einiges vom kritischen Apparat aber nur on-line). Der Mann ohne Eigenschaften 1 enthält den Ersten Teil (Eine Art Einleitung) und vom Zweiten Teil (Seinesgleichen geschieht) die Kapitel 1 bis 75. Es ist zu früh, um etwas über die Qualität dieser kritischen Ausgabe zu sagen – die erste Hälfte des Mannes ohne Eigenschaften war relativ früh relativ abgeschlossen, und ausser ein paar Tippfehlern gibt es wenig wirklich Kritisches, das anzumerken wäre. Die Ausgabe macht aber so weit einen guten Eindruck; sie übertrifft an Lesbarkeit sicher die eng gesetzte und mit äusserst schmalen Seitenrändern versehene Rowohlt-Ausgabe von Adolf Frisé aus dem Jahre 1978, die bisher in meinen Regalen stand.