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Warum am Pfauen schon vor 100 Jahren gestritten wurde
Noch bevor am Pfauen geschauspielert wurde und kein Mensch sich mehr an den Namen des davor liegenden Platzes erinnerte, stand auf dem Gelände vor den Toren der Zürcher Altstadt jene unscheinbare Büste, die heute von einer farbenfrohen Skulptur der Künstlerin Pipilotti Rist überragt wird. Die Büste zeigt den Musiker und Komponisten Ignaz Heim (1818 - 1880), der dem Platz auch seinen Namen gab.
Bekannt ist der Ort aber unter einer ganz anderen Bezeichnung. Der Name der ehemaligen Gastwirtschaft «Zum Pfauen» auf der gegenüberliegenden Seite des Zeltwegs prägte die umgangssprachliche Bezeichnung des Heimplatzes bis heute. Um 1880 richtete Heinrich Hürlimann, ein im Zürcher Oberland geborener Beizen-Unternehmer, dort eine Wirtschaft mit bayerischem Biergarten und Kegelbahn ein, die später mit einer Konzerthalle und dem «Flora-Theater» ergänzt wurde.
Vom fröhlichen Biergarten zum Bollwerk gegen den Faschismus
Zehn Jahre nach dem Bau des lüpfigen Biergartens liess Heinrich Hürlimann an seiner Statt einen ganzen Gebäudekomplex errichten, der auch das «Volkstheater am Pfauen» umfasste. Dessen Saal fasste unter einer grossen Kuppel rund 800 Personen. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sassen an Tischen und wurden bewirtet, während sie einem Unterhaltungsprogramm beiwohnten.
Das Theater am Pfauen wechselte im frühen 20. Jahrhundert mehrfach Besitzer und künstlerische Ausrichtung. In den 1920er-Jahren wandte es sich schliesslich dem zeitgenössischen Theater zu. Es standen also nicht mehr nur Goethe und Schiller auf dem Spielplan, sondern auch moderne Stücke. Dazu gab es auch einen neuen Saal und einen neuen Namen: «Schauspielhaus». Sehr zum Unmut eines Teils des Publikums, das sich eher Klassiker gewünscht hätte. International fand das Zürcher Theater bis 1933 allerdings kaum Beachtung.
Das änderte sich mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland. Viele vertriebene Schauspielerinnen, Theaterleute und Regisseure fanden am Pfauen eine Zuflucht. Alle waren ausdrückliche Gegner des Faschismus, sie waren Juden oder politisch radikale Linke. Der Spielplan wurde kritischer, mit einer explizit antifaschistischen Stossrichtung. Nazi-Sympathisanten in der Schweiz liefen gegen diese Ausrichtung Sturm. Dabei schreckten sie vor gewalttätigen Aktionen nicht zurück. Einige Aufführungen konnten nur unter Polizeischutz über die Bühne gehen.
Brecht, Frisch und Dürrenmatt
Künstlerisch war die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg ein Höhepunkt. Die Bühne am Pfauen war eine der wenigen im deutschsprachigen Raum, auf der noch frei gespielt werden konnte. Finanziell hatte es das Theater am Pfauen aber schwer. 1938 drohte sein Konkurs, der Besitzer Ferdinand Rieser wollte verkaufen. Dem damaligen Stadtpräsidenten Emil Klöti und dem Verleger Emil Oprecht gelang es, das Theater aus der finanziellen Schieflage zu befreien. Sie orchestrierten eine Aktion, in deren Rahmen der Theaterbetrieb durch die von der Stadt eigens gegründete Neue Schauspiel AG übernommen wurde. Von nun an redete die Stadt Zürich mit.
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Als neuen Direktor wählte man den Basler Regisseur und Autor Oskar Wälterlin, der die Bühne bis 1961 leitete. Mehrere der grossen Stücke Bertolt Brechts hatten am Pfauen ihre Uraufführung: «Mutter Courage und ihre Kinder», «Der gute Mensch von Sezuan», «Leben des Galilei», «Herr Puntila und sein Knecht Matti». In den 50er Jahren entdeckte Wälterlin zusammen mit seinem Dramaturgen Kurt Hirschfeld die damals noch unbekannten Dramatiker Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt. Auch viele ihrer Werke feierten hier die Premiere.
Lange blieb es danach ruhig am Pfauen. In den Jahren 2002 und 2003 erlebte das Schauspielhaus dann unter dem Intendanten und Regisseur Christoph Marthaler eine neue künstlerische Blüte. Es wurde zweimal in Folge von den Kritikern der Zeitschrift Theater heute zum Theater des Jahres gewählt. Unter Marthaler musste das Schauspielhaus allerdings auch einen Rückgang der Abonnentenzahl verbuchen, was neben weiteren Streitereien zu einem vorzeitigen Abgang seiner Theaterequipe führte.
Quelle: TeleZüri
Nun scheint das Schauspielhaus einmal mehr an einem Wendepunkt zu stehen. In welche Richtung es am Pfauen gehen wird, müssen Publikum, Politik und Theaterpersonal wohl zusammen entscheiden. Mit Blick auf die wechselvolle Geschichte des Hauses kann aber der Hoffnung Ausdruck verliehen werden, dass es auch in Zukunft spannend bleibt – auf und neben der Bühne.