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Der 1. August ist abgefeiert, aber noch ist's nicht vorbei mit der Knallerei. Namentlich in der Ostschweiz wird regelmässig vor Gewittern in den Himmel geballert – mit Hagelabwehrraketen.
Einst in der ganzen Schweiz ein Knaller, wird diese Waffe gegen die siebte biblische Plage heute fast nur noch im Thurgau eingesetzt. Dort allerdings mit Inbrunst. Vielleicht, weil ein Sohn des Kantons die Hagelrakete (höchstwahrscheinlich) erfunden hat: der Kreuzlinger Pyrotechniker Karl Müller. «Wetterdiktator gestorben», hiess es 1942 in seinem Nachruf.
Wikipedia schreibt allerdings die Entdeckung der wettermachenden Wirkung des Silberiodids – dem Wirkstoff, den die Raketen in die Wolken hineintransportieren – dem amerikanischen Nobelpreisträger Irving Langmuir zu und datiert sie auf 1946. Karl Müller, Seniorchef der pyrotechnischen Fabrik Müller in Kreuzlingen, hat aber schon anfangs der 1940er mit Silberiodid gefüllte Hagelraketen produziert (siehe Bildserie).
Mit dem Silberiodid werden Gewitterwolken «geimpft». Die Salzkristalle wirken als «Keime», an denen Wasserdampf kondensieren kann. Der Aufwind im Innern der Gewitterwolke transportiert die so entstandenen Tröpfchen in bis zu 15 Kilometer Höhe, wo sie gefrieren und dann herabfallen. Unten lagert sich weiteres Wasser an und die Eiskristalle steigen erneut im Aufwind. Hagelkörner drehen wie in einem Paternosterlift bis zu fünf Runden, bis sie so schwer sind, dass sie ganz herunterfallen.
Das Silberiodid vermehrt die natürlichen Keime in der Wolke, so dass statt weniger grosser viele kleine Hagelkörner entstehen. Im besten Fall schmelzen sie, bevor sie auf den Boden auftreffen. Soweit die Theorie. Im Labor funktioniert sie auch. In der Realität aber ist sie ein Schuss in den Ofen, wie ihre Kritiker behaupten.
Endgültig den Umzug verhagelt hat den zahlreichen Hagelschützen-Vereinen im Land ein Experiment der ETH. Der sogenannte «Grossversuch 4», bei dem 1977-83 im Napfgebiet mit riesigen russischen «Oblako»-Hagelraketen auf Gewitterwolken geschossen wurde, verlief absolut wirkungslos. Aus den geimpften Wolken hagelte es genauso oft wie aus den nicht geimpften.
Einer der damaligen Leiter des Versuchs, der mittlerweile emeritierte ETH-Professor Albert Waldvogel, erklärte es in einem TV-Interview so: Mit einer Hagelrakete die Vorgänge in einer Gewitterwolke beeinflussen zu wollen, sei etwa dasselbe, wie mit einer Petarde zu versuchen, ein Stadion mit Rauch zu füllen – und zwar ein Stadion mit dem Volumen des Matterhorns.
Für die Hagelschützenvereine, die seit den 1950ern wie Pilze aus dem Boden geschossen waren, war der «Grossversuch 4» fatal. Die Eidgenössische Kommission zum Studium der Hagelbildung und Hagelabwehr wurde danach aufgelöst. Sowohl der Bund wie Versicherungen lehnten aufgrund der Studie die weitere Finanzierung der Hagelabwehr ab.
Auch in den Gemeinden wuchs die Skepsis. 2017 musste die Schweizerische Vereinigung für Hagelbekämpfung dichtmachen, nachdem zwei ihrer drei letzten grossen Regionalverbände aufgegeben hatten.
Übriggeblieben ist diesseits der Saane nur der Hagelabwehrverband Ostschweiz HavOs, der von 41 Gemeinden getragen und finanziert wird. Er beruft sich auf eine Studie der österreichischen Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) aus dem Jahr 2005, die unter anderem eine «deutliche Abnahme des Durchmessers der Hagelkörner» nach Impfung mit Silberiodid nachgewiesen haben will.
Die Grazer Studie basierte auf «Seeding» nicht aus Hagelraketen, sondern aus Flugzeugen, wie es auch in Bayern praktiziert wurde. Seit einem Jahr sponsert die Baloise-Versicherung einen solchen Hagelflieger auf dem Flugplatz Birrfeld (AG).
Hagelflieger können zwar Silberiodid-Ladungen gezielter unter der Aufwindsäule der Wolke platzieren als Raketen, nützen tut das aber laut Experten nicht viel. «Dieser Hagelflieger ist eine Dummheit», wetterte Jürg Kachelmann in seinem Blog. «Das Geld für den Schwachsinn» solle man doch besser «direkt aus dem Flügerli werfen lassen. Es würde am Wetter nichts ändern, aber die Menschen hätten wenigstens etwas davon».
Kachelmanns Witz war nicht neu. Während des «Grossversuchs 4» in den 1970ern und 80ern im Napfgebiet war die Bevölkerung aufgerufen, Fundstellen von herabgefallenen Raketenhülsen auf der Gemeinde zu melden. Es winkte ein Finderlohn von 50 Franken pro Tipp. Auch damals hiess es: Das sei das einzige gewesen, was die Hagelraketen gebracht hätten.