Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03581.jsonl.gz/1499

Es geschah an einem Ort, dessen Namen ich nicht nennen will. Ich war auf dem Nachhauseweg entlang der Pazifikküste von Nordkalifornien, als ich die Abzweigung über die Berge zur Kleinstadt verpasste, in der ich wohnte. Es goss, Felsbrocken krachten auf die Strasse, und als die Scheinwerfer ein Motel aus dem Dunkel rissen, hielt ich an.
Ein Mann öffnete die Tür und gab mir den Schlüssel für eines der sechs Zimmer; ich war der einzige Gast. Als der Morgen dämmerte, schlenderte ich durch die Siedlung. Keine Kneipe, kein Hotel, keine Tankstelle; nur ein kleiner Laden, ein paar Häuser und eine Wiese mit einer Treppe hinunter zum steinigen Strand. Ich blickte auf die schwarzen Felsen, die aus dem Meer ragten, die stahlblauen Wellen, die heranrollten, die Fontänen weisser Gischt, die ein Dutzend Meter hoch in den Himmel schossen und in den ersten Sonnenstrahlen aufglühten wie ein Feuerwerk: Hier, wusste ich mit einem Schlag, bin ich schon einmal gewesen, bin ich geboren und habe gelebt und würde, wäre es so weit, auch meine letzte Ruhe finden.
Weder glaube ich an Übernatürliches, noch habe ich eine rationale Erklärung für die Gewissheit, meine Heimat gefunden zu haben – an einem Ort, der mir fremder nicht hätte sein können. Ich kam wieder, befreundete mich mit dem Motelbesitzer, einem Halbindianer namens Otto, und mit Gerald, einem Lachsfischer aus Alaska, der in den Sommern ein Zelt in der Waldlichtung aufschlug, wo er aufgewachsen war und ich inzwischen eine Blockhütte gemietet hatte. Hirsche, Bären und manchmal ein Berglöwe zeigten sich da, und jeden Tag ging ich hinunter ans Wasser, sah den Robben zu, die ans Ufer paddelten, den Walen, die in der Ferne vorbeizogen, dem immerwährenden Schauspiel von Wind, Wellen und Wasser.
II.
«Wir sind so gerne in der freien Natur, weil diese keine Meinung über uns hat», schrieb Friedrich Nietzsche. Der Philosoph, der in der Bergwelt von Sils Maria seine Sommerferien verbrachte und den Gedanken der ewigen Wiederkehr fasste, hatte da seine geistige Heimat gefunden. Denke ich an die Schweiz, wo ich geboren und aufgewachsen bin, ist es nicht das Land als solches, das in mir ein Heimatgefühl weckt, sondern die Freunde und die Berge. Wenn letztere auch mir gegenüber gleichgültig sind und erstere nicht, verbindet doch beide, dass auf sie Verlass ist, sie mich nehmen, wie ich bin. Obzwar im Gebirge das Wetter umschlagen kann und Freundschaften in Krisen geraten können, ist mein Vertrauen unerschüttert. Dass ich, wann immer ich in die Schweiz reiste, mich mit kulinarischen Köstlichkeiten wie Cervelats, Schabziger und Cenovis eindeckte, hat damit zu tun. Wie der Duft des Shampoos der ersten Geliebten ein Leben lang an die Freuden der Liebe erinnert, ruft der Geschmack früher Genüsse das Reich der Wunder wach, das Kindheit heisst. Auch auf Erinnerungen ist Verlass, nicht auf ihre Richtigkeit, aber darauf, dass niemand sie einem nehmen kann.
Ich habe mein halbes Leben im Ausland verbracht, auf zwei Kontinenten, in vier Ländern und mit beruflichen Reisen in alle Weltgegenden. Paradoxerweise hat das mir die eigene Heimat so fremd gemacht, dass ich sie erst richtig zu verstehen begann. Der Blick von aussen setzte die Bühne ins Licht, auf der das Stück «Helvetia» gespielt wird, mit mir als Zuschauer. Noch als ich in Zürich wohnte und nach dem Fall der Mauer 1989 oft Besuch von Freunden und Bekannten aus Osteuropa hatte, zeigte ich ihnen, was mir nach Aufenthalten in ihren Ländern als helvetische Besonderheiten aufgefallen war: die gemeinsame Waschküche im Mietshaus und der Zürcher Stadtpräsident im Bus. Dass die Waschmaschine nicht längst demontiert worden war, überraschte meine Gäste ebenso wie der Anblick des damaligen Stadtpräsidenten, der ohne Aufsehen zu erregen und ohne Bodyguards im selben Bus zur Arbeit fuhr wie ich und andere.
Wenn ich die Schweiz als meine Heimat bezeichne, allen Gründen zum Trotz, deretwegen ich ausgewandert bin, hat das auch mit dem Vertrauen zu tun, das ich in ihre Institutionen habe. Was den meisten Schweizern selbstverständlich ist, sehe ich nicht mehr so: Behörden, die einen nicht als Untertan behandeln; ein Staat, der nicht viel von sich hermacht; die Pflichten, die er einem abverlangt, in einem vernünftigen Mass hält; die Leistungen erbringt, wofür man ihn bezahlt; die verfassungsrechtlich garantierten Freiheiten und Rechte schützt – selbst von den angrenzenden westlichen Demokratien wie Deutschland, Italien oder Frankreich kann man das nicht ohne weiteres sagen. Als Ausländer in jenen Ländern, in denen ich oft war, habe ich diese aber erst richtig kennengelernt, als ich mich niederliess. Eine Wohnung zu suchen, mit Ämtern zu tun zu haben, Steuern zu zahlen und einen Alltag zu leben, waren Erfahrungen, die ich als Reisender nicht machte. Selbst heute, wo ich wieder oft in der Schweiz bin, sind es bisweilen Ausländer, die mir zeigen, wie ungewöhnlich ist, woran ich selber gewöhnt bin – zum Beispiel, dass die Sprache, in der wir reden, nicht die Sprache ist, in der wir lesen und schreiben. Für Deutsche, die realisieren, dass Schweizerdeutsch kein Dialekt ihrer Sprache, für sie unverständlich und somit eine eigenständige Sprache ist, ist dies so exotisch wie der Riechgruss der Eskimos.
III.
«Rousseau sagt: Ein Kind das nur seine Eltern kennenlernt, das kennt auch diese nicht. Sehr schön und wahr», schrieb Georg Christoph Lichtenberg in sein Sudelbuch. Was der witzige, bucklige Physiker zitierte, gilt auch für die Heimat: Erst wer sie verlassen hat, lernt sie kennen, sieht das Besondere des Eigenen im Vergleich mit dem Anderen. Ich war vielleicht sechs, sieben Jahre alt, als meine Mutter mich in Zürich in den Zug steckte und sagte, in Basel, wo meine Grossmutter auf dem Bahnsteig warte, müsse ich aussteigen. Der Schock war nachhaltig: In Basel waren die Trams grün und nicht, wie es sich gehört, blau wie in Zürich.
Es war die erste Lektion, dass die Welt nicht das erweiterte Zuhause, das Ausland nicht die Schweiz ist, nur etwas grösser. Der Effekt war ein doppelter: Das Fremde bekam einen Reiz, den das Vertraute nicht bieten konnte, und das Vertraute war nun nicht mehr das Übliche, sondern das Unübliche. Eine Willensnation mit vier Sprachen und Kulturen, bevölkert von Protestanten und Katholiken, die Frieden miteinander gemacht haben, Minderheiten ihre Rechte lassen und selbst bei politischen Debatten, wo die Köpfe rot anlaufen, einander nicht an den Kragen gehen. Die Kappeler Milchsuppe, die die Streithähne von 1529 versöhnte, hat über Jahrhunderte eine Bereitschaft zum Kompromiss genährt, die man vielerorts vergeblich sucht; der Bundesstaat, geboren aus dem Bürgerkrieg, scheint mir so solide gebaut wie alles hierzulande, vom Vogelhäuschen bis zur Strafanstalt.
Mein Vater hatte mir oft von den Abenteuern im Aktivdienst erzählt; den Streichen, die er gespielt hatte, als er etwa einen Kameraden auf den Arm nahm mit der Anweisung, die Luft in den Fahrradreifen müsse täglich gewechselt werden; oder die Gelegenheit nutzte, aus dem Cockpit eines zur Landung gezwungenen amerikanischen Bombers die Borduhr auszubauen, die heute auf meinem Schreibtisch steht. Jahrzehnte später, als er geschieden war und eine Freundin hatte, die ihren Mann in Stalingrad verloren hatte, die Kinder alleine durchbringen musste und den Bombenhagel der Alliierten in den letzten Kriegsjahren überlebte, erzählte er nie mehr von seinen Erlebnissen. Ihm hatte nicht das Wissen gefehlt, dass Europa in Schutt und Asche gelegt worden war. Am Radio hörte er die Weltchronik von Jean Rudolf von Salis, ging zu den Vorträgen des zum Widerstand ermutigenden Historikers Karl Meyer und las später die sechsbändige Geschichte des Zweiten Weltkriegs von Churchill, den er über alles verehrte, alle paar Jahre wieder. Doch nahe kamen ihm die Schrecken erst in Gestalt einer Person, die sie durchlebt hatte.
Ich habe das Phänomen an mir selber erlebt, als ich Jahre im Osten verbrachte und andere Schicksale aus nächster Nähe kennenlernte. Ob aus Pristina, Moskau oder Teheran, meine Freunde aus dem Ausland sind halb belustigt und halb bestürzt, wenn sie Schweizer klagen hören über die Erhöhung der Krankenkassenprämien oder das Gedränge im vollen Zug auf dem Weg zur Arbeit, während sie selber weder eine Krankenkasse haben noch eine Arbeit finden, die zum Leben reicht. Erzählen aber sie von ihren Sorgen und misslichen Lebensumständen, versichern Schweizer gern eifrig, dass es bei ihnen genauso sei. In dem Land, wo selbst die Armen reich sind im Vergleich, ein Richter nicht gekauft ist von den Mächtigen und man keinem Chirurgen ein paar Monatslöhne zustecken muss, bevor er zum Skalpell greift. Als schäme er sich seiner Privilegien, verteidigt der Schweizer ignorant seine Kümmernisse, lässt das, was seine Ruhe stört, abperlen und beschämt damit den Gast.
Wie im Paradies vor dem Sündenfall fehlt auch die Vorstellung, dass das Leben weitergeht, selbst wenn alles verloren ist. Noch im 19.Jahrhundert ein Auswanderungsland, weil die heimische Textilindustrie unter der britischen Konkurrenz zusammenbrach, hat die Schweiz seither nicht mehr mit Verlusten leben müssen. Das Bedürfnis nach Sicherheit ist damit nicht befriedigt, sondern zur Sucht geworden; die Nachfrage nach Versicherungen für Hausrat steht im umgekehrten Verhältnis zu den Risiken, ihn zu verlieren.
Aus Schweizer Perspektive, dem Logenplatz der Weltgeschichte, ist der Rest der Welt ein Ort der Unordnung. Sich als Verdienst anzurechnen, was bloss historisches Glück war, nährt eine sich mit Bescheidenheit tarnende Arroganz; eine Selbstgefälligkeit und Überheblichkeit, man würde alles besser machen, stünde man selber am Dirigentenpult. Und doch – es stellt einem ja per se kein schlechtes Zeugnis aus, wenn man um Vorzüge beneidet wird. «Meine Sorgen möcht ich haben!» darf man wie einst Karl Kraus von sich sagen, solange man sich bewusst ist, dass auch die mit der Saturiertheit einhergehende Langeweile ein Luxus ist, den andere sich nicht leisten können.
Die Kleinheit der Schweiz, ihr dörflicher Charakter, hat überdies den Vorteil, dass man rasch draussen ist, im grossen, weiten Rest der Welt. An fünf Länder grenzend, die wenige Zugstunden entfernt sind, lockt das Land nicht nur mit der Fremde, sondern hat einen auch auf Fremdsprachen von Kind auf vorbereitet, als man die Milchpackung auf dem Tisch endlos gedreht und dabei «Milch», «Lait», «Latte» gerappt hatte, bis die Eltern die Nerven verloren.
IV.
«Wenn man reist, ist man, was man hier und jetzt ist. Die anderen können einem nicht mit alten Geschichten kommen. Unterwegs gibt es kein Gestern», schrieb William Least Heat Moon, ein Sioux-Indianer, in seinem Buch «Blue Highways» über eine Reise durch Amerika. Es war diese Freiheit, die mich immer schon anzog; mein Exemplar von Mark Twains «Huckleberry Finn» ist voller Flecken, so oft hatte ich in meiner frühen Jugend das Buch von der Fahrt des lebenserfahrenen und liebenswerten Taugenichts den Mississippi hinunter gelesen. «Auf einem Floss fühlt man sich mächtig frei und ungezwungen und rundrum wohl», sind sich Huck und der Sklave Jim einig, dem er zur Flucht verholfen hat. Max Frischs trostlose Sentenz, wonach «man sich mitnimmt, wohin man geht», verweigert sich einer solchen Erfahrung. Zwar kann man nicht, wie Heraklit sagte, zweimal in denselben Fluss steigen, aber man kommt auch, tut man es, nicht als derselbe wieder hinaus.
So etwas wie Heimat gebe es erst seit der letzten Eiszeit, wird gesagt, als aus Nomaden Sesshafte wurden, die Ackerbau betrieben und Land für ihren Stamm beanspruchten. Tatsächlich bezeichnet «Heimat» etymologisch einen «Stammsitz» und verweist somit auf einen Ort. Das muss aber nicht heissen, dass Nomaden kein vergleichbares Gefühl für ihre Lebensweise aufbringen. Heimat kann auch die Karawane von Kamelen sein, die durch die Wüste zieht und in Oasen rastet, oder der Wohnwagen von Rentnern, die ihr Haus verkauft haben und auf den Traumstrassen der Welt in den Sonnenuntergang ihres Lebens fahren. Auch ich habe mich unterwegs immer zu Hause gefühlt, bin kaum je mit festem Plan gereist, habe mit nie erlahmender Neugier irgendwo Rast gemacht, jede Moteltür voller Erwartung geöffnet und bin am nächsten Tag weitergefahren, Morgenluft in der Nase und den heissen Kaffeebecher in der Hand. In die Wiege gelegt wurde es mir nicht. Mein Vater wusste alles über die Welt, verliess seinen Sessel aber nie, und meine Mutter hätte nie etwas gegessen, was sie nicht kannte.
Von Begriffen auf die Realität zu schliessen hat keine Beweiskraft. Das «Heimweh» ist zwar, wie das Ricola-Bonbon, das Bankgeheimnis und die Schizophrenie, in der Schweiz erfunden worden, hatte aber, wenn auch nicht explizit, ein Gefühl bezeichnet, von dem dreitausend Jahre zuvor die Odyssee berichtet; die Geschichte des Mannes, der heimkehren will zu seiner Frau und dafür zwanzig Jahre braucht. Der Arzt Johannes Hofer, der 1688 das Heimweh als Seelenkrankheit von Schweizer Söldnern erstmals diagnostizierte und in Anlehnung an Homers Dichtung «nostalgia» nannte, brachte nur zu Papier, was es wohl schon immer im Herzen der Menschen gab.
«Aus der Heimat hinter den Blitzen rot, da kommen die Wolken her, aber Vater und Mutter sind lange tot, es kennt mich dort keiner mehr», heisst es in Joseph Freiherr von Eichendorffs Gedicht «In der Fremde». Wer aus ihr zurückkehrt, findet sich in einer neuen Fremde; nicht nur, weil die Eltern nicht mehr leben. Das Quartier, in dem man wohnte, erkennt man nicht wieder, die Lieblingskneipen, in denen man verkehrte, sind verschwunden, und trifft man auf der Strasse einen Bekannten, erschrickt man, wie alt er aussieht: In den dreissig Jahren, in denen man ihn nicht gesehen hat, glaubt man, derselbe geblieben zu sein, und fragt sich, warum er denn nicht.
V.
Im selben Moment, in dem man als Auslandschweizer das Besondere der eigenen Heimat erkennt, beginnt man aber auch, ihr den Boden der Realität zu entziehen und sie zur Fiktion zu machen. Was verlassen wurde, wird entweder idealisiert oder dämonisiert. Wer es in der Enge nicht mehr ausgehalten und deshalb der Schweiz den Rücken gekehrt hat, zementiert ein Feindbild, das längst überholt ist. Man muss sich nur einmal Rolf Lyssys Film «Die Schweizermacher» von 1978 ansehen, um festzustellen, wie sehr sich das Land verändert hat, wo heute selbst Hurrapatrioten sich gerne mit Ausländerinnen vermählen. Wer hingegen in der neuen Wahlheimat nie richtig angekommen ist, stilisiert das Land der Herkunft, aus dem er hinauswollte, zu einem Garten Eden, das es nie war. Wenn im Begriff Auslandschweizer ein leiser Vorwurf nachklingt, eben doch kein richtiger, sondern halt ein Ausland-Schweizer zu sein, so passt das zum Verdacht, dass Heimattreue sich insgeheim das Scheitern jener erhoffen, die fremdgehen, statt sich mit dem zufriedenzugeben, wer sie sind. Amerikaner würden ausserhalb der Landesgrenze lebende Bürger nie als Auslandamerikaner titulieren, schrecken aber nicht davor zurück, in ihrem Land lebende Ausländer als «resident aliens» zu registrieren. Mir kommt beides gelegen – es gefällt mir, nur ein Teilzeit-Schweizer und sogar ein bisschen extraterrestrisch zu sein.
Heimat ist der Ruf, der einen hinzieht zu etwas, was einmal war. Ich hätte nie geglaubt, dass ich das Schweizerdeutsch je vermissen würde, fand mich aber glücklich, wenn ich während langer Aufenthalte ausser Landes jemanden traf, der auch so redete, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Die Sprache ist ein Zuhause, was nicht heisst, das jeder, der sie spricht, im eigenen Haus willkommen ist. Die Ernüchterung, dass das nach langer Abstinenz geführte Gespräch in Mundart nicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft bedeuten muss, macht einem erst klar, was eigentlich banal ist: Es gibt auch Landsleute, mit denen man nichts anzufangen weiss oder will.
Und Ausländer, von denen man wünschte, sie wären Landsleute. Als ich einmal nach Warschau flog und den Bus nach Lodz nahm, merkte ich zehn Minuten nach der Abfahrt, dass ich mein Jackett mit dem Pass am Gepäckrolli hatte hängen lassen. Ich rannte zum Fahrer und klagte ihm auf polnisch mein Unglück, worauf er den halbvollen Bus wendete und zurück zum Flughafen fuhr, wo mein Jackett noch immer am Rolli hing. Die Passagiere lächelten, und als einer wissen wollte, woher ich komme, meinte er, als Schweizer hätte ich wenigstens nicht monatelang auf einen neuen Pass warten müssen wie sie hier. Warum bloss, frage ich mich seither, kann ein Volk nicht beides sein, nicht spontan und effizient zugleich?
Wie Heimat etwas wird, was unterschiedliche Facetten hat, so wird für den, der an verschiedenen Orten gelebt hat, die Wunschheimat zu einer Utopia, einem Nichtland und Nirgendwo, das man sich selber bastelt in der illusorischen Hoffnung, so etwas liesse sich schliesslich finden. Französisches Savoir-vivre, britischer Humor, amerikanischer Optimismus, japanisches Essen, afrikanische Musikalität, polnische Improvisationskunst, schweizerische Zuverlässigkeit – wann immer ich gefragt werde, wo es mir am besten gefallen habe und wo ich am liebsten leben würde, fällt mir nur dieses Niemandsland ein; eine Heimat à la carte, nach der sich zu sehnen so töricht ist wie der Traum von der ewigen Jugend.
«You can’t go home again», titelte Thomas Wolfe seinen Roman über einen Schriftsteller, der seine Heimatstadt beschrieben hat und bei der Rückkehr von den erbosten Einwohnern vertrieben wird. So weit muss es nicht kommen, doch die Entfremdung ist da; ein Kulturschock, womöglich stärker als der, den man bei der Ankunft in der Wahlheimat erlebte. Die gleichgültige Höflichkeit, die achtlose Grobheit und schlechte Laune vielerorts in Europa weckt jetzt mein Heimweh nach den USA, nach der Offenheit, Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft der Amerikaner, ihrer Kultur der Ermutigung und der Sitte, einem zuzulächeln und mit Unbekannten sofort ins Gespräch zu kommen. Es sind Kleinigkeiten, aber sie nehmen dem Alltag die Schwere und einem selber die Hemmungen.
Wach wird damit aber auch mein Heimatgefühl für die jetzige Schweiz, meine Heimatstadt, in der man nun häufig Fremdsprachen hört und ich mich bisweilen dabei ertappe, in einem Lädeli wie der Chäslaube die rezente Fonduemischung auf englisch zu bestellen. Wenn mir die Schweiz fremd geworden ist, so nicht wegen der Fremden, im Gegenteil: Sie erst haben bewirkt, dass ich mich wieder wohler fühle in dem Land als auch schon.
Immer wenn ich in Zürich weilte, suchte ich das grosse Café am Limmatplatz auf, wo die kroatische Kellnerin mir ungefragt die Croissants und eine Tasse Kaffee hinstellte, ich Zeitungen las, umgeben von Gruppen von Männern vorab aus Ex-Jugoslawien, die rauchten und palaverten wie in den Cafés von Spanien über Griechenland und die Türkei rund ums Mittelmeer an die nordafrikanische Küste bis nach Marokko; eine Exklave der mediterranen Welt im zwinglianischen Zürich, die verschwunden ist. Nun ist mein favorisiertes Lokal das Migros-Restaurant am selben Platz, wo nicht jede und jeder so gekleidet ist, als hätte ein Stylist am Fliessband das Programm «Premium Kloning» gedrückt. Hier mischt sich die Klientel meines ehemaligen Lieblingscafés und trifft sich zum Schwatz; alte Männer, Frauen mit Kopftuch, Italiener, Albaner, Schwarzafrikaner und Schweizer Rentner mit ihren Frauen, die Kuchen essen und sich hernach mit den Einkäufen nach Hause trollen.
Gegenüber hatte mein Hausarzt, der längst pensioniert ist, seine Praxis. «Heaven can wait», leuchtet mir die blauweisse Neonschrift in seinem Wartezimmer immer noch im Gedächtnis. Jetzt lese ich sie als Memorandum, dass jeder Gedanke an eine endgültige Ruhestätte, ob am Pazifik in Kalifornien, am Fuss der Schweizer Berge oder sonst wo auf dem Globus, so verfrüht ist wie der Gedanke an eine endgültige Rückkehr in die Heimat: «Heaven must wait!»
Peter Haffner ist freier Autor und lebt in Berlin.
In unserem monatlichen Podcast «NZZ Folio fragt nach» erzählt Peter Haffner von seiner journalistischen Heimat. Das Gespräch finden Sie hier.