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Der Anlass für ein neues System sind immer Wünsche und Bedürfnisse, die jemand hat. Man hat z.B. das Bedürfnis mit jemandem zu sprechen, wo immer man sich befindet. Also kauft man sich ein Mobiltelefon. Wenn man dieses eine Weile gebraucht hat wünscht man sich, man könne die am meisten gebrauchten Nummern speichern. Also kauft man sich ein Mobiltelefon mit Speicher. Nach einer Weile wünscht man sich, die Leute, die einem anrufen, könnten eine Nachricht hinterlassen, wenn man den Ruf nicht beantworten konnte. Also abonniert man eine Voice Mailbox. Dann sieht man jemand, der mit dem Mobiltelefon Musik hört oder ein Spiel macht. Also hat man plötzlich den Wunsch, ebenfalls mit dem Mobiltelefon Musik hören zu können, obwohl man von alleine gar nie auf diesen Wunsch gekommen wäre. Etc., etc.
- Bedürfnisse sind zunächst diffus und allgemein. Sie haben folgende Eigenschaften:
- Bedürfnisse können sich sowohl auf operative als auch auf strategische Funktionen beziehen
- Bedürfnisse können nicht scharf formuliert werden
- Bedürfnisse sind mehr Gefühl als Wissen und können daher nur eingeschränkt kommuniziert werden
- Man ist sich zu keinem Zeitpunkt allen Bedürfnissen bewusst
- Bedürfnisse entstehen während man sich mit dem System beschäftigt
Hat man sich lange genug mit dem System beschäftigt, dann werden einem die Bedürfnisse bewusst und man kann sie als Anforderungen formulieren. Dies geschieht aber meistens erst im Verlauf oder gar gegen Ende des Projekts. Anforderungen werden als Funktionen spezifiziert. Auch Eigenschaften eines Systems können als Funktionen formuliert werden. So sind z.B. die räumlichen Masse eines Autos eine Funktion, wenn es darum geht, das Auto in eine schmale Garage einzuparkieren.
Andreas Ninck et al. unterscheiden in Systemik – Vernetztes Denken in komplexen Situationen1 funktionale von nicht funktionalen Zielen. Nicht funktionale Ziele sind nach Ninck z.B. Wartbarkeits- oder Erweiterbarkeitsanforderungen. Aber auch die Wartbarkeit kann man als Funktionen spezifizieren. Z.B. ist die Forderung nach einer Backup-Funktion eine Wartbarkeitsanforderung. Soll ein System ausbaufähig sein, dann muss es Funktionen geben, um zusätzliches Memory oder eine zweite CPU zu erkennen, etc. Ein systemtheoretisch zentrales Thema ist die Lebensfähigkeit eines Systems. Auch diese lässt sich über autopoietische Funktionen diskutieren. Stafford Beer meint, dass ein System sich an seine sich stetig verändernde Umgebung anpassen können muss, damit von Lebensfähigkeit gesprochen werden kann. Es muss seine Identität bewahren, Erfahrungen aufnehmen und verwerten können, und es muss lernen und sich weiterentwickeln können. Das sind alles Systemfunktionen. Beer definiert in seinem Viable Systems Model fünf Systemlevel. Das sind Funktionskomplexe des Unternehmenssystems2. Man kann sich trefflich streiten, ob es nun noch etwas anderes gibt, als funktionale Ziele. Wir wollen zumindest in diesem Blog davon ausgehen, als seien alle Bedürfnisse und Ziele als Funktionen formulierbar.
Definitionen:
- Bedürfnisse, Wünsche: (erstes) vages Bild mit diffusen Strukturen
- Funktionen: möglichst klar strukturierte Bedürfnisse; möglicherweise können sich mehrere Funktionen überlappen
- Anforderungen: Katalog von priorisierten Funktionen (muss, wenn möglich, kann, nice to have, etc.)
1Andreas Ninck, Leo Bürki, Roland Hungerbühler, Heinrich Mühlemann. Systemik – Vernetztes Denken in komplexen Situationen. Verlag Industrielle Organisation. Zürich 2004.
2Malik Management Zentrum. Das Modell Lebensfähiger Systeme (Stafford Beer). St. Gallen, 2006