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Leere Ladenlokale im besonderen, aber auch ein leeres Zimmer, eine leere Wohnung oder ein leerer Saal haben auf mich eine besondere Ausstrahlung.
Leere Räume sind wie das leere Blatt für den Schriftsteller, die leere Bühne für den Schauspieler, die Luft für den Poeten, die Erde für den Töpfer oder den Plastiker, noch ungeformt, der Anfang von allem. Oder die Stille für den Musiker, vor dem ersten Ton, dem ersten Klang, dem Geräusch, das eventuell schon da ist. Noch ist oder scheint alles möglich. Kann ich die Ausstrahlung des leeren Raumes verinnerlicht halten? Inwieweit gelingt es, den Raum von sich nicht wirklich aufdrängenden Handlungen frei zu halten?
Gehen - eine minimale Handlung als Bild für permanenten Anfang. Gehen - ein glasklares Gefäss für das Zusammenfallen der Künste im Anfang. Gehen - im Schnittpunkt der Künste (1997). Wozu noch „Kunst"? Was ist „Kunst"?
Das Gehen ist ein langsames Gehen, Schritt für Schritt, Ausatmung um Ausatmung, konzentriert, aber so einfach wie möglich. Es geschieht im neuen Projekt der 45minütigen Gehen nackt.
Die Nacktheit des leeren Raumes fordert als Entsprechung und paradoxerweise als Kontrast die Nacktheit und Verletzlichkeit des Körpers heraus. Die Nacktheit des Körpers legt die Sexualität offen. Sexuelle Energie ist Grundantrieb für alles, was der Körper aus sich selber heraus schaffen kann - gesprochenes Wort, Stimme, Bewegung, Atmung, reine Präsenz. Von Interesse ist, wie sich reine sexuelle Energie in einem leeren Raum zwischen zwei Menschen oder in einer Gruppe verhält.
Im konzentrierten Gehen stellt sich eine ganzkörperliche Energie ein, die sogleich oder irgendwann die sexuelle Energie mitbeinhaltet. Sie wird nicht speziell herausgefordert, aber auch nicht ignoriert, wenn sie sich meldet. Sie kann durch die Vorwärtsbewegung und die Atmung in Fluss gehalten werden. Sie kann sich vom sexuellen Zentrum aus im ganzen Körper und im Raum verteilen. Es kann so etwas wie eine Energieskulptur entstehen.
Eine moderate Variante von nacktem Gehen ist jenes von mehreren Personen in einem klar abgegrenzten Gehraum. Es ergibt sich von selbst eine energieaufgeladene poetische Minimal-Choreografie.
In der Zuspitzung ist nacktes Gehen das Aufeinanderzugehen zweier Personen. Durch den offenen Blick und der gleichzeitigen Vorwärtsbewegung stellt sich ein Energiekreislauf ein. Die freigesetzte Energie zirkuliert primär als eine sehr persönliche Angelegenheit.
Es kommt nicht auf die Geschlechterkonstellation an. Ob Frau/Mann, Mann/Mann oder Frau/Frau ist nebensächlich, denn im Mann wie in der Frau ist das weibliche wie das männliche Prinzip enthalten.
Die Struktur des Gehens ist ein Korsett, aber auch ein Schutz. Sie ist ein Mittel zur Fokussierung der sich einstellenden Energie. Sie wirft jeden und jede mit allen noch vorhandenen Wünschen, Sehnsüchten, Geilheiten, Begierden, aber auch Unsicherheiten, Abneigungen, Ängsten, Verleugnungen gnadenlos auf sich selbst zurück. Sie ermöglicht die Neutralisierung all dieser privaten Angelegenheiten, seien es Restposten bei den einen, unüberwindbar scheinende Widerstände bei den andern. Gelingt die Neutralisierung, treten beim Aufeinanderzugehen die Gesichter hinter der Maske hervor. Es erscheint Wesenhaftes.
Das Gelingen der Energieskulptur setzt eine Eliminierung vorgefasster Aesthetik voraus. Jeder Körper ist mit Energie gefüllt und somit erotisch für den, der neutral und offen schaut. Jeder Körper ist schön, wenn er authentisch ist. Schön ist, was wahr ist.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich eine Struktur, die ebensogut als Übung für Tänzer, Schauspieler und Performer gedacht sein könnte, in den Mittelpunkt eines Projekts rücke. Der menschliche Körper im leeren Raum, ausgesetzt dem Faktor Zeit, genügt. Die reine Handlung genügt. Weg mit Aufgebauschtem, weg mit jeder Art von Mystifizierung, weg mit jeder Art von Darstellung. Was der menschliche Körper aus sich selber heraus, ohne Hilfe von Musik, Material und Medien schaffen kann, führt weiter (Endspiel-Theater, 1997). Dazu fordere ich nach wie vor die Eliminierung der Trennungen in Bild und Betrachter, Bühne und Zuschauerraum, Performer und Zuschauer (Performance und Ritual Theater, 1999).
Wenn ich die Entwicklungen in der Kunst verfolge, stelle ich zwar dort, wo ich Relevanz, sprich die Aufweichung der Trennungen erkenne, eine angenehme Zunahme von überraschungsreichen interaktiven Projekten fest. Ich finde darunter aber selten eines, das mehr ist als eine originelle Idee oder ein Happening. Betreffs Tanz und Performance lautet der Befund nicht besser. Da finde ich zwar jene Präzision in den Handlungen, die ich in interaktiven Kunstprojekten grösstenteils vermisse. Die Vorführung kann mich berühren. Aber die Trennungen sind vorhanden. In den wenigsten Fällen sind sie thematisiert.
Ich habe nach wie vor grosse Mühe, die mir bei konventionellen Performances zugewiesene Rolle des Zuschauers zu akzeptieren und dafür meist noch zu bezahlen. Ich wünschte, dass all das vor mir ausgebreitete Potenzial in eine interaktive Praxis und in interaktive Projekte investiert würde.
Es gibt Lichtblicke. Ich erinnere mich an eine nicht weit zurückliegenden Arbeit von Tino Seghal. „Kiss" heisst sie (2002). Er hat sie im Kunsthaus Bregenz 2006 ein zweites Mal zeigen lassen. Zwei nackte menschliche Körper bewegten sich im Halbdunkel langsam umeinander herum, am Boden, dann wieder halb stehend, in der Mitte des grossen Kunstkubus, 4 Stunden lang, während der halben Öffnungszeit des Kunsthauses, dann wurden sie für die zweiten 4 Stunden durch ein anderes Paar abgelöst. Die Präzision der Bewegung war beeindruckend. Hier habe ich alles vorgefunden, was mich ultimativ beschäftigt, nämlich die Nacktheit des leeren Raumes, die Nacktheit des menschlichen Körpers im leeren Raum, die nackte Sexualität mindestens in der Andeutung, und dies öffentlich zugänglich. Die Trennungen waren thematisiert. Der Raum war offen. Der Besucher oder die Besucherin war frei, in Distanz zu bleiben oder nahe an die sich Bewegenden heranzugehen und sich mitzubewegen.
Die Trennungen waren im Kontext der ganzen „Ausstellung" erst recht aufgeweicht. Ein Stockwerk höher waren ebenfalls nur Menschen im Saal. Fünf Personen interagierten auf der Basis einer vom Künstler vorgegebenen Struktur über Worte und Sätze mit den Besuchern. Noch ein Stockwerk höher tanzte eine Gruppe von Kindern mit einer erwachsenen Person einen Reigen, immer dann, wenn ein Besucher hereinkam. Die Trennungen waren im Kontext der ganzen „Ausstellung" aufgeweicht, bis auf einen entscheidenden Punkt. Tino Seghal brachte sich selber nicht konkret ein. Er liess andere sein Werke ausführen. Die Werkausführenden hatten erst noch in regelmässigen Abständen den Besucher/innen den Titel des Werks und den Namen des Autors Tino Seghal zu nennen. Damit reinstallierte Tino Seghal die Trennung in Künstler und Besucher/in/Betrachter/in.
Ich weiss nun nicht recht, ob mich die Arbeit als Ganzes dennoch überzeugen soll. Dem deutschen Künstler ist es immerhin gelungen, den menschlichen Körper konsequent in den Kontext konventioneller Kunsthausstruktur zu bringen. Im ganzen Kunsthaus waren nur Menschen anwesend, kein Material, keine Objekte, keine Musik, keine Medien. Tino Segahl scheint es sogar fertigzubringen, auf Dokumentation zu verzichten.
Ich bin als Künstler auf dieser Ebene herausgefordert.
Die 5. Serie der 24 x 45 Minuten ist primär als zurückgezogenes und stilles Projekt definiert. Es geht um die Fokussierung der Detailarbeit. Das administrative Ackern wird vernachlässigt, der Organisationsaufwand minimal gehalten. Das Projekt wird sich über ein Jahr hinziehen. Es steht in einem Wechselverhältnis zu den parallel laufenden Stadtdurchwanderungen. Wenn sich die Möglichkeit ergibt und es sich aufgrund einer Situation aufdrängt, wird ein 45minütiges Nacktgehen in eine Stadtdurchwanderung integriert.
Wenn sich die Gelegenheit gibt, eine Performance des nackten Gehens an einem Festival, in einem Kunsthaus oder in einer Galerie zu platzieren, wird der Kontext geprüft und die Herausforderung angenommen. Für eine Performance im öffentlichen Raum müsste vieles stimmen. Sie geschähe unauffällig, beiläufig, als wäre Nacktheit so normal wie das Vorbeigehen mit der Einkaufstasche.
Die 45minütigen nackten Gehen werden im Sinn des zurückgezogenen Projekts prioritär in einem leeren Zimmer, einer leeren Wohnung, einem Bewegungsraum oder in der Natur abgehalten, ausnahmsweise in einem leeren Ladenlokal.
Thomas Zollinger, März 2008