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Autofahren ohne Blei-Benzin – das war lange nicht denkbar. Seit den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurde das Schwermetall dem Treibstoff beigesetzt, um Ventile zu schonen und die Motoren schneller auf Touren zu bringen. Dass Arbeiter in der US-Automobilindustrie schon damals an Bleivergiftungen starben, dass das freigesetzte Blei in der Luft die intellektuelle Entwicklung von Kindern beeinträchtigt und zu starken Umweltschäden führt, wurde jahrzehntelang weitgehend ignoriert.
Erst die Diskussion um das Waldsterben in den 1980er-Jahren brachte Bewegung in den Tank. Klaus Töpfer war damals Umweltminister in Deutschland. Er sagt heute: «Es gab grosse Schwierigkeiten mit dem Waldsterben. Wir waren überzeugt, dass das Stickoxid der Verursacher war. Es musste weg – dafür musste auch der Automotor umgestellt werden.»
Um die Luft von Stickoxiden zu reinigen, mussten Autos fortan Katalysatoren haben. Und weil diese mit verbleitem Benzin nicht funktionierten, wurde es in Deutschland und den meisten anderen Industrieländern bis zur Jahrtausendwende verboten. Das Blei-Benzin verschwand also nicht, weil es Mensch und Umwelt schadete, sondern weil auch die Katalysatoren das Schwermetall nicht vertrugen.
Warum die Politik nicht früher reagiert habe? Darauf hat der frühere Umweltminister – und spätere Chef der UNO-Umweltbehörde UNEP – eine klare Antwort: «Hier gab es sicherlich eine Klientelpolitik, die auf die Politik in sehr vielen Ländern, in denen diese Autos hergestellt wurden, eingewirkt hat. Diese hat das Ganze in nicht unerheblichem Masse verzögert.»
Schreckensszenarien blieben aus
Autohersteller und Erdölindustrie warnten vor schwerwiegenden Versorgungsengpässen, Schäden für die Motoren und höheren Preisen, sollte das Blei im Benzin verboten werden. Jahrzehntelang mit Erfolg. Heute ist klar: Keines der Schreckensszenarien ist eingetreten.
Die Welt muss nun, mit gleicher gemeinsamer Anstrengung wie beim Blei-Benzin, den Kampf gegen den Klimawandel, den Verlust der Biodiversität und die Luftverschmutzung aufnehmen.
Während das Blei in Industrieländern aus den Tanks verschwand, wurde es in 86 Entwicklungs- und Schwellenländern noch jahrelang weiterverkauft – als wäre nichts gewesen. Bis jetzt. Die UNO feiert das späte Ende des Blei-Benzins heute als grossen Erfolg.
Etwas mehr Tempo in anderen Umweltfragen
Das sei ein Meilenstein für den Multilateralismus, sagte UNO-Generalsekretär António Guterres in einer Videokonferenz. «Diese internationale Erfolgsgeschichte ist Ergebnis einer 20-jährigen Zusammenarbeit zwischen UNO, Regierungen und Privatwirtschaft.» Die UNO hofft, dass durch das definitive Ende des Blei-Benzins künftig mehr als eine Million frühzeitige Todesfälle durch Herzinfarkt und Krebs verhindert werden können – pro Jahr.
Und Guterres mahnt: «Die Welt muss nun, mit gleicher gemeinsamer Anstrengung wie beim Blei-Benzin, den Kampf gegen den Klimawandel, den Verlust der Biodiversität und die Luftverschmutzung aufnehmen.» Hoffentlich ein bisschen schneller. Denn wenn es, wie beim Blei-Benzin, ein ganzes Jahrhundert dauert, um das Problem in den Griff zu bekommen, dürfte es zu spät sein.