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Hochverehrter Herr & Freund!
Indem ich Ihnen für Ihr geschätztes Schreiben vom 1 dß. verbindlichst danke, kann ich nicht unterlassen, Ihnen meinen Glückwunsch dazu darzubringen, daß es Ihnen gelungen ist, neben der Besorgung so vieler anderer Geschäfte auch noch die Widerlegung der Lommel'schen Arbeit in verhältnißmäßig so kurzer Zeit zur Vollendung zu bringen. Ich freue mich sehr darauf, Ihre Entgegnung zu lesen!
Sie schreiben mir, es sei in dem letzten Abschnitte Ihrer Schrift die Frage der Vergleichung der Zonen nach Tarifsätzen oder nach den Virtuallängen speziell erörtert & Sie haben diesen Abschnitt der Form nach so gehalten, daß man ihn mit geringen Abänderungen zu Handen der Italienischen Commission besonders abdrucken lassen könne, sofern man solches für zweckdienlich erachte. Ich setze als selbstverständlich voraus, daß Ihnen der von dem Gotthard-Auschusse in seiner Sitzung vom 23 Juli gefaßte Beschluß wird mitgetheilt worden sein, gemäß welchem die Herren Verfasser des kommerziellen Gutachtens ersucht worden sind, zu Handen der am 10 dß. in Florenz zusammentretenden Italienischen kommerziellen Commission diejenigen Puncte der kommerziellen Seite der Alpenbahnfrage, wel| che in Italien gegenwärtig in den Vordergrund der öffentlichen Discussion treten, noch einer besondern Beleuchtung in gedrängter Form zu unterwerfen. Aus Ihrer vorhin erwähnten Mittheilung glaube ich den Schluß ziehen zu sollen, daß die Vergleichung der Zonen nach den Tarifsätzen & nach den Virtuallängen Ihnen & Ihren Herren Collegen als der einzige Punct erscheine, der noch einer solchen nachträglichen Beleuchtung bedürftig sei. Die Erörterung dieses Punctes scheint mir, wie die Dinge in Italien liegen, allerdings eine ganz besondere Actualität zu haben & ich soll daher Namens der engern Commission des Gotthard Ausschusses, welche heute hier vorsammelt ist, den dringenden Wunsch gegen Sie aussprechen, Sie möchten den fraglichen Abschnitt Ihrer Entgegnung auf die Lommel'sche Arbeit zur Mittheilung an die Italienische kommerzielle Commission einzurichten & so beförderlich besonders abdrucken zu lassen die Güte haben, daß das Memoire an die Mitglieder dieser Commission rechtzeitig ausgetheilt werden kann.
Mein lieber Freund Heer hat mir auch einen Beitrag zur Lösung der Alpenbahnfrage in dem von uns angestrebten Sinne übersandt. Dieser neue Beweis seiner Anhänglichkeit hat mich eigentlich gerührt. Heer beweist, daß die Behauptung Brüggers, es gehe aus den Vegetationsverhältnissen am Gotthard & am Lucmanier hervor, daß der erstere bei gleicher Höhe ein kälteres Clima habe als der letztere, unrichtig sei. Es hat mir Heer seine Abhandlung «zu beliebigem Gebrauche» übermittelt. Die engere Commission des Gotthard-Ausschusses glaubt | nun, es sollte die Arbeit in der N.Z.Z. publiziert werden. Sie ist eben wesentlich eine Entgegnung auf die Brügger'sche Abhandlung, welche eigentlich auch nur durch den «Bund» Verbreitung gefunden hat. Herrn Koller würden dann Exemplare der betreffenden Nummern der N.Z.Z. nach Florenz zu senden sein, damit die Arbeit Heer's ins Italienische übersetzt, gedruckt & dem Ministerium, sowie den betreffenden Spezialcommissionen zugestellt werden könnte. Darf ich Sie bitten, Heer anzufragen, ob er mit dieser Art der Benutzung seiner Arbeit einverstanden sei & ob er einwillige, daß sein Name genannt werde. Im Falle seiner Zustimmung ersuche ich Sie dann, das erforderliche bei der Redaction der N.Z.Z. u. s. f. vorzukehren.
Da Sie nun ohnehin mit Heer zu verhandeln haben werden, so richte ich noch eine weitere Bitte an Sie. Es ist dem Gotthard Ausschusse vor dem Italienischen Ministerium der öffentlichen Arbeiten mitgetheilt worden, daß eine Expertencommission, bestehend aus dem Senator Sismonda, Giordano & Stoppani, ernannt worden sei, welche die verschiedenen Alpenbahnprojecte vom geologischen Standpuncte aus begutachten soll, & daß diese Commission sich am 10 dß. von Turin aus in Bewegung setzen werde, um zunächst den Gotthard zu bereisen. Da ich mich nun zu erinnern glaubte, daß Heer ein Freund Sismonda's sei, so hat der Gotthard-Ausschuß (auf dem Wege der Präsidialverfügung) heute telegraphisch Heer ersucht, in Verbindung mit Arnold Escher & Studer die Italienische Commission bei ihrer Reise über den Gotthard zu begleiten. Dabei wurde angedeutet, daß, wenn die Herren am 10. & den nächstfolgenden Tagen durch Prüfungen u. s. f. verhindert wären, eine | Verschiebung der Reise über den Gotthard bis etwa am 14 dß. leicht zu be werkstelligen sein dürfte. Wir dachten uns dabei, daß die Italienische Commission entweder erst am 13 oder 14. dß. ihre Reise nach den Alpen antreten oder daß sie über die Bündtner'schen Pässe nach der Schweiz reisen & über den Gotthard nach Italien zurückkehren würde. Auf die dießfalls an Heer gerichtete Depesche haben wir die beiliegende Antwort erhalten. Die letztere setzt mich in Verlegenheit. Es scheint mir ungemein wünschbar, daß Heer bei den persönlichen Beziehungen, in welchen er zu Sismonda steht, die Commission begleite. Auch wissen wir ja nicht einmal, ob Arnold Escher sich der Commission anschließen wird. Die Reise über den Gotthard wird gewiß nicht viel Zeit in Anspruch nehmen. Ich denke, wenn die Herren sich am 14 dß. Rendez-Vous in Lugano oder Bellenz gäben, so könnte Heer die Commission über den Gotthard begleiten & doch leicht am 21. in Genf zu der Versammlung der Naturforscher eintreffen. Haben Sie die Güte, dieß alles Freund Heer in meinem Namen vorzustellen & ihn neuerdings zu ersuchen, die Mission übernehmen zu wollen. Das Ergebniß Ihrer Unterredung sowie bestimmtere Nachrichten über die Betheiligung Arnold Escher's bei der Begleitung der Commission wollen Sie mir nach Interlaken zu telegraphiren die Gefälligkeit haben. Ich soll eben je nach Umständen weiter erforderliches vorkehren.
Diesen Zeilen lege ich zu Ihren & zu Herrn Director Schweizer's Handen bei:
1. Der Antrag des Gotthard-Ausschusses an die ständige Commission in Betreff der Subventionen. (Er ist von mir in Interlaken verfaßt worden.) |
2.) zwei Briefe sammt Beilage, welche mir Graffenried von Paris aus über die Unterhandlungen geschrieben hat, welche er in Verbindung mit Feer-Herzog & Peier mit Hentsch gepflogen, um den letztern & seine Freunde von dem Lucmanier abwendig zu machen & für den Gotthard zu gewinnen. – Das dem ersten Briefe beiliegende Protokoll wird Gegenstand einer Schlußnahme unserer Direction, bez.weise unsers Verwaltungsrathes werden müssen. Der Grundgedanke dieses Protokolles, gemäß welchem die Nordostbahn & die Centralbahn die Union Suisse zahlen sollen, damit die französischen Protectoren der letztern sich vom Lucmanier ab– & dem Gottharde zuwenden, scheint mir ein sehr bedenklicher zu sein! – Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß die Briefe Graffenried's einen durchaus confidentiellen Character tragen & lediglich für Sie & Herrn Director Schweizer bestimmt sind.
Ich gedenke am künftigen Dienstag, spätestens Mitwoch Abends wieder in Zürich einzutreffen. Daß ich das Gefühl habe, Erholungsferien verlebt zu haben, könnte ich mit gutem Gewissen nicht sagen!
Empfangen Sie die Versicherung freundschaftlicher Hochachtung von
Ihrem ganz ergebenen
Dr A Escher
Bern
4 August 1865