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Folgewirkungen des Schreckens
Göran Rosenberg: “Ein kurzer Aufenthalt” (Roman)
In seinem mehrfach ausgezeichneten Roman „Ein kurzer Aufenthalt“ erzählt der schwedische Schriftsteller und Dokumentarfilmer Göran Rosenberg die Geschichte seiner Familie. Im Zentrum steht sein Vater David Rosenberg, welcher Auschwitz überlebte, aber später an dem Erlittenen zerbrach. Rosenberg verknüpft seine eigenen Erinnerungen mit historischen Recherchen und fügt die einzelnen Geschehnisse und Umstände zusammen, welche zum Selbstmord seines Vaters führten.
Von Birke Tunç.
„Ich leide Höllenqualen und kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr unter normalen Menschen leben“, schrieb David Rosenberg in seinem Abschiedbrief, bevor er sich das Leben nahm. Seinen damals 12 Jahre alten Sohn Göran lässt er mit tausend unbeantworteten Fragen zurück. Mit der Zeit erkennt Göran Rosenberg, dass seine Eltern anders, jüdisch, sind. Er versteht, dass sie das Konzentrationslager Auschwitz überlebt haben. Und er erkennt, dass sie die erlittenen Qualen und Verluste während des Holocaust niemals hinter sich lassen konnten.
Spurensuche
Fünf Jahrzehnte nach dem Selbstmord seines Vaters arbeitet Göran Rosenberg die Geschehnisse und Umstände, welche zu dieser Tragödie führten, in seinem Roman „Ein kurzer Aufenthalt“ auf und zeigt, wie die Last des Erlebten für seinen Vater zu schwer wurde. Rosenberg greift dabei auf seine Kindheitserinnerungen zurück und erzählt, welches Bild er von seinem Vater und dessen Leben in Schweden hatte. Seine Erinnerungen verknüpft er mit Fakten, die er während seinen Recherchen in Deutschland und aus Briefen seines Vaters gesammelt hat. Seine Suche führte ihn auch zu seinem Onkel, welcher ebenfalls Auschwitz überlebt hat und mittlerweile in Israel lebt.
Göran Rosenberg geht bei seinen Erzählungen chronologisch vor und schildert, wie sein Vater 1944 die Liquidierung des Ghettos in der polnischen Stadt Lodz überlebte und danach in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurde. David Rosenberg überlebte auch Auschwitz, den Ort millionenfacher Morde, und arbeitete als Zwangarbeiter in Braunschweig. Nach Kriegsende kann er mithilfe des Roten Kreuzes nach Schweden fliehen. In Södertälje, einer kleinen Arbeiterstadt in der Nähe von Stockholm, arbeitet David Rosenberg als Rohrschlosser, bis er wegen einem antisemitischen Übergriff am Arbeitsplatz diesen verlässt. Er leidet an schweren Depressionen, kann sich in Schweden nicht heimisch fühlen und scheitert daran, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. 1960, 15 Jahre nach Auschwitz, begeht David Rosenberg Selbstmord.
Opferschicksal
Literatur über den Holocaust füllt inzwischen ganze Regale in den Bibliotheken und Buchhandlungen, trotzdem scheinen die Geschehnisse während des Zweiten Weltkriegs immer noch neuen Stoff für Bücher zu bieten. Es scheint, als ob die Ereignisse gar nicht genug oft geschildert werden können. Göran Rosenbergs „Ein kurzer Aufenthalt“ zeigt die Begebenheiten aus der Perspektive eines Überlebenden auf und erzählt von den Folgewirkungen des in Auschwitz Erlebten. Thematisch erinnert das Buch an die Werke von Jean Améry und Primo Levi, welche in ihren Werken ebenfalls das Schicksal der überlebenden Opfer schilderten. Doch obwohl die Thematik von „Ein kurzer Aufenthalt nichts Neues zu bieten scheint und auch nicht immer leicht zu lesen ist aufgrund der Erzählweise in verschachtelten Sätzen und den vielen Wiederholungen, ist Rosenbergs Familiengeschichte sehr eindringlich, traurig und bedrückend. Der schwedische Schriftsteller zeigt, dass das moralische Versagen von damals noch lange nicht verarbeitet und verziehen ist.
Titel: Ein kurzer Aufenthalt
Autor: Göran Rosenberg
Übersetzer: Jörg Scherzer
Verlag: Rowohlt
Seiten: 393
Richtpreis: CHF 32.90