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GG 337
Galēnou Hapanta
Galeni Pergameni summi semper viri, quique primus artem medicinae universam, apud priores homines obscuram & veluti errantem, in perspicuam quandam & propriam expositionem traduxit, opera omnia, ad fidem complurium & perquam vetustorum exemplariorum ita emendata atque restituta, ut nunc primum nata, atque in lucem aedita, videri possint... 5 Teile. Basel: Andreas Cratander (Bd.1), Johannes Bebel (4.Boedromion/ September 1537: Bd.2), Johannes Herwagen und Johannes Erasmius Froben (Bde.3.4.), Michael Isingrin für Andreas Cratander und Johannes Bebel (5.Elaphebolion/März: Bd.5) 1538. Fol.
Im gleichen Jahr, da bei Hieronymus Froben und Nicolaus Episcopius die Werke des Hippokrates (GG 319) erscheinen, bei Andreas Cratander die des Paulus Aegineta (GG 353), bei andern Druckern kleine Oktavbändchen mit griechischer Medizin für die Studenten, erscheint als gewaltiges Gemeinschaftsunternehmen der Offizinen Cratanders, Bebels, Herwagens und Isingrins in einem und dem selben Jahr das Gesamtwerk, soweit erhalten, Galens, des aus Pergamon stammenden römischen Kaiserlichen Leibarztes, des fruchtbarsten und vielseitigsten griechischen medizinischen Schriftstellers, Kompilators und Kommentators der früheren griechischen Medizin, eines Zeitgenossen - um 130-199 - des Claudius Ptolemaeus, dessen eines Hauptwerk, die Grosse Zusammenfassung (Almagest), ebenfalls im selben Jahr in Basel, bei Johannes Walder, in griechischer Erstausgabe (GG 278) erschienen ist. Allein der Text - ohne Geleitworte - umfasst, in kleiner griechischer Kursive gesetzt, 567 + 491 + 487 + 480 + 717 engbedruckte Grossfolioseiten. Neben ihren eigenen Druckersigneten haben die vier Drucker ein Gemeinschaftssignet, wohl angeregt durch die beiden grossen Gemeinschaftssignete Johannes Amerbachs, Frobens und Petris von 1511 und für die Galenausgabe im Pariserstil geschaffen, zur Kennzeichnung der Basler Druckergemeinschaft auf den fünf Titelblättern verwendet: ein an einem Baum hangender Baselschild, der von zwei Basilisken gehalten wird. Ebenfalls auf den fünf Titelseiten erwähnt sind das Kaiserliche und das Königliche französische Privileg gegen Nachdruck und Verkauf von Nachdrucken; das französische für Cratander, Herwagen und Bebel vom 20. Dezember 1536, das uns den Beginn des Unternehmens ungefähr vermuten lässt, ist zudem auf der Rückseite des Titels von Teil 1 vollständig abgedruckt. Herausgeber sind der Basler Arzt und Humanist Hieronymus Gemusaeus (Widmungen, die uns den Abschluss des Druckes angeben, vom 1.März 1538 in Teil 1 an den Königlichen Rat Guillaume Du Bellay, Seigneur de Langey (von König Franz I. in zahlreichen Missionen verwendet, so als er 1534/35 für diesen und gegen die Sorbonne ein tolerantes Abkommen mit den protestantischen deutschen Ländern zu schliessen versucht hat) und Teil 5 an den Bischof von Coutances Philippe de Cossé, der als Gelehrter und Mäzen in Paris residiert hat, der Tübinger Professor der Medizin Leonhard Fuchs (Vorrede von Tübingen, Anfang Juli 1537, an den Leser in Teil 2) und der Tübinger Gräzist Joachim Camerarius (Vorrede an den Leser in Teil 4 ohne Datum). Die Vorrede an den Leser zu Teil 3 (undatiert) stammt von den Typographi, den Druckern.
Unsere Ausgabe ist, während Galens Werk in lateinischen Übersetzungen seit seinem Erstdruck in Venedig von 1490 schon 1502, 1511, 1515/16, 1522, 1528 in Venedig und Pavia, 1529 von Cratander in Basel gedruckt worden war (GG 327), erst die zweite griechische nach der Aldina von 1515 (die nächste griechische Gesamtausgabe erscheint erst 1679 in Paris). Ausgegangen sein dürfte das Vorhaben von den Druckern, die, nach den Worten des Gemusaeus, zur Förderung der Wissenschaften unter andern wichtigen Autoren sich auch den Galen vorgenommen hätten. Sie hätten - betont er - verschiedenartige Handschriften zusammenbekommen können - was von Anfang an ihren grösseren Wert gegenüber der Aldina ausmachte, worauf Gemusaeus auf der letzten Seite seiner 13seitigen Widmung, nach einem Résumé über die Bedeutung der Medizin und Galens im Speziellen, hinweist. Einen Teil der Handschriften hätten sie von Jean Ruelle (Arzt und selber Herausgeber antiker medizinischer Schriften) im Auftrag Du Bellay's - eben des Empfängers dieser Gesamtwidmung - erhalten. Sie hätten die Handschriften mit der vorangehenden Ausgabe (der Aldina) kollationieren lassen, darauf sorgfältige und fleissige Männer beigezogen und das ganze Werk in die Wege geleitet. Im weiteren verbreitet er sich über die Bedeutung des Hippokrates und Galens, der Medizin überhaupt und ihre Nähe zur Theologie und Philosophie. In der frühen Zeit des Hippokrates habe es noch keinen Weg gegeben, die gesamte Kunst zusammenzufassen, sondern Einzeluntersuchungen. Galen habe dann diese zu seiner Zeit als dunkel und kunstlos geltende Kunst zur Vollendung geführt. Er behandelt sodann die Methoden des Unterrichts: im ordo resolutorius, d.h. in der Reihenfolge der Entstehung einer Kunst und ihrer Konstitution im Geist, indem man vom Ziel, das man ins Auge fasst, ausgeht, oder umgekehrt im ordo compositorius: in der Reihenfolge ihrer Ausübung. Hierin schliesse sich Galen an Aristoteles an. Die Mittel (instrumenta) seien jedoch in beiden Vorgehen die selben. Mit dieser Kunst müsse man sich jetzt gewissenhaftest befassen. Sie beiseite zu lassen, bringe grossen Schaden; anderweitig könne man dieses Wissen nicht holen.
Fuchs weist in seiner kurzen Einführung an den Leser zum zweiten Band auf die grosszügigen kulturellen Leistungen einzelner Herrscher hin: Ptolemaeus, Gordian, Matthias Corvinus, die grosse Bibliotheken aufgebaut hätten, letzterer besonders auch von griechischen Büchern (d.h. vor allem Handschriften, die natürlich ebenfalls "libri" sind). Wenn nun die heutigen Fürsten den Verlust in Buda durch die Türken richtig bedächten, dürften sie sich nicht von der Errichtung von Bibliotheken abschrecken lassen, sondern sich überall mehr um diese bemühen als um Jagd und ähnliche kurzfristige Vergnügungen. Die Christenheit werde einst erkennen, wie sehr diese Gleichgültigkeit der Fürsten im Sammeln von Büchern der Wissenschaft und der wahren Frömmigkeit schade. Wenn sie sich schon nicht um die Sammlung von Handschriften bemühten, sollten sie wenigstens den Druck der guten Autoren mit dem Nötigen unterstützen, damit die Drucker nicht, um Kosten zu sparen, ihre Ausgaben zu hastig herausgäben. So habe sich keiner gefunden, der die Werke Galens, des zweifellos besten medizinischen Autors, seit der fehlerhaften Ausgabe vor etwa zwölf Jahren (der Erstdruck des Aldus Manutius von 1525) verbessert wieder gedruckt habe. Dabei wäre das ein leichtes gewesen, wenn man Handschriften zusammengesucht und Gelehrte beigezogen hätte. Deshalb hätten sich jetzt in Basel Private, aus Mitleid mit dem Menschengeschlecht, zusammengetan, um die Wunden des Textes zu heilen und die Werke verbessert und erweitert neu herauszugeben (mit den Privaten sind die fünf Basler Drucker, Bürgerliche, gemeint). Und sie hätten sich auch nicht mit der Handschrift aus England zufriedengegeben, obwohl sie viel besser sei als der alte Druck, sondern nochmals Gelehrte beigezogen, um jeden Band, wie man sage, von Kopf bis Fuss durchzugehen, damit die Ausgabe so fehlerfrei wie möglich werde. Er habe mangels genügender Vorlagen für diesen Band wenigstens den griechischen Text mit der alten lateinischen Übersetzung verglichen und dadurch und durch Konjekturen einiges verbessern können, wobei er den Text nicht leichtfertig geändert habe.
Ihre kurze Vorrede zum dritten Band beginnen die Drucker mit dem berühmten Vers Homers von der Bedeutung der Ärzte und kommen dann auf die Bedeutung Galens zu sprechen, der die verschiedenen älteren medizinischen Lehren gesammelt und vereinigt habe, zum hilfreichen Nutzen für die Menschen. Deshalb hätten sie, die Drucker (hat der Setzer oder Drucker an der Presse seine Herren ärgern wollen, dass er sie chalcoghragi genannt hat?), sich bemüht, die durch Geheiss Gottes von den Ahnen überlieferten Denkmäler so schön und korrekt zu drucken. Worauf sie Gelehrte aufführen, die sich in den letzten Jahrzehnten um Galen verdient gemacht hätten: Leonicenus, Laurentianus, den Basler Arzt Gulielmus Copus (Kopp, den Leibarzt König Franz I.), Thomas Linacer, Hermolaus Barbarus, Ioannes Ruellius, die die grausige Barbarenschar aus den Medizinschulen vertrieben und die wahren Autoren wieder eingeführt hätten. Auf deren Grundlagen hätten sie sich zu ihrem Vorhaben entschlossen, Galen in seiner eigenen Sprache herauszugeben. Sie hätten sich verschiedene Handschriften beschafft (exemplaria varij generis ac perquam vetusta). Von den beigezogenen Gelehrten verdienten grosses Lob Joachim Camerarius und Leonhard Fuchs, aber auch ihr Hieronymus Gemusaeus, der den Grossteil der Verbesserungen ausgeführt habe, bis das Werk abgeschlossen gewesen sei.
Der Philologe Camerarius führt in seiner Vorrede zu Band 4 aus, dass er bei der Herstellung des Textes keine Überlegung, keine Untersuchung gescheut, den Wortlaut geachtet und sich an den Sinn gehalten, wo nötig aber auch verbessert, hin und wieder aber auch nur Verbesserungsvorschläge (am Rand) angegeben und die Verbesserung dem Urteil anderer überlassen habe. Bei den umstrittenen Schriften hätten ihm englische Bemerkungen etwas geholfen (vgl. oben zu Bd. 2), nur ganz wenig die Übersetzungen, da diese sich auf die Aldina stützten. Bei den unechten Schriften hätten hie und da fremde Schriften ähnlichen Inhalts geringfügig helfen können (beide Gruppen auf den Seiten 371-480).
Wieder länger ist die Widmung des fünften, letzten Bandes, wie die des ersten vom Basler Betreuer des Drucks, dem Basler Arzt Gemusaeus, an Philippe de Cossé , dessen Freundlichkeit ihn kürzlich am Hofe des allerchristlichsten Königs gerührt habe. Er habe sich im Gespräch sehr an dieser Ausgabe interessiert gezeigt und das habe ihm Mut gemacht. Daheim habe er sich sogleich an die Vollendung dieses schon zuvor begonnenen fünften Bandes gemacht, der von der Presse erwartet worden und dessen Bearbeitung ihm anvertraut gewesen sei. Sie hätten alle gedacht, das Werk schneller zu vollenden, doch es habe bis zum heutigen Tag gedauert. Darum habe er diesen Brief bis jetzt aufgeschoben. Nach einer kurzen Geschichte der Heilpflanzenkunde kommt Gemusaeus, da in diesem letzten Band die Hippokrateskommentare Galens vereinigt sind, auf das Leben und die Lehre des Hippokrates zu sprechen, dann auf seine Nachfolger und die Spaltung in die Schulen der Empiriker und Logiker. Galen als gelehrtester Erkläter des Hippokrates habe beide wieder vereinigt, da man von der Empirie ausgehen, dann aber weiter die Ursachen erforschen müsse, um nach deren Kenntnis zur Empirie zurückzukehren. Die Wahrnehmung leite die Erforschung der Ursachen ein und bestätige sie zuletzt wieder. So würden sich Vernunft und Praxis gegenseitig stützen (ratio - empeiria). Diesen theoretischen Darlegungen lässt Gemusaeus eine kurze Biographie und eine Übersicht über das Gesamtwerk Galens folgen und schliesst mit dem Hinweis, dass er gleichzeitig mit diesem Galenband auch das Werk des Paulus Aegineta nach sehr alten Handschriften (exemplaria) für den Druck vorbereitet habe (im August 1538 bei Cratander erschienen, auch dies erst der zweite griechische Druck nach einer Aldina [GG 353]).
Als letzte Schrift ist in diesem Schlussband die Schrift De ossibus ad tyrones lateinisch in der Übersetzung des Fernando Balamio abgedruckt; sie war 1538 griechisch noch nicht bekannt; ihr griechischer Erstdruck erschien erst 1543 in Paris. Ihr beigegeben sind die einzigen Illustrationen unserer Galenausgabe: eine Unteransicht des menschlichen Schädels und das menschliche Skelett in Vorder- und in Rückansicht; sie waren auch schon in Cratanders Galendruck von 1536 erschienen. Die nächsten beiden griechischen Gesamtausgaben der Werke Galens sind erst 1679 (in Paris) und 1821-30 (in Leipzig) erschienen.
Bei Seite 148 des ersten Bandes gibt uns ein unpaginierter Einschub Einblick in die Arbeit der Herausgeber und Drucker: Es handelt sich um eine mehrseitige Passage des dritten Buches von Peri anatomikōn encheirēseōn, die in der Aldina gefehlt hat und die sie noch dank einer zusätzlichen handschriftlichen Quelle nachträglich haben einfügen können.
Ex libris Bibliothecae Academiae Basiliensis: L e II 16-18.