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Rudolf Göbl, Antike Numismatik, vol. 1, Münich 1978, p. 19-20 et p. 23.
(...)
Die antike Numismatik in ihrer modernen Definition ist die Wissenschaft vom Geldwesen des Altertums in der vollen Ausdehnung der damals bekannten Welt. Gegenüber der herkömmlichen und heute nur mehr wissenschaftsgeschichtlich interessanten Begriffsfassung hat sie eine wesentliche Ausweitung ihres Gebietes in räumlicher, zeitlicher und funktioneller Hinsicht erfahren, die zwangsläufig auch zu einer erheblichen Vermehrung ihrer Aufgaben und Ziele geführt hat. Die antike Numismatik ist eine selbständige, mit eigenen Methoden und eigener, ungemein ausgebreiteter Fachliteratur ausgestattete Wissenschaft, die zu einer ganzen Reihe anderer Disziplinen, teils der Geistes-, teils der Naturwissenschaften, intensive Beziehungen hat (...). Abgesehen davon, dass wissenschaftsgeschichtlich die antike Numismatik früher als jene des Mittelalters und der Neuzeit betrieben wurde, ist sie logischerweise in fast allen Ansätzen deren Ausgangspunkt und natürliche Grundlage. Sie hat daher und darüber hinaus die Verbindung zur allgemeinen und zur modernen Geldwirtschaft insoweit aufzusuchen als sie sich auf die ursprüngliche Grundeigenschaft ihres Hauptgegenstandes, der Münze, als einer Geldform besinnen muss. Die für die Numismatik aIs Quellwissenschaft so bedeutende Funktion der Münze aIs Nachrichtenmittel (...) ist, wenn auch sehr bald hinzugekommen, sekundär. Eine entsprechend konzipierte antike Numismatik muss daher folgende Hauptteile der Stoffgliederung umfassen:
1. Münzkunde
2. Münzgeschichte
3. Geldgeschichte
4. Methodenlehre.
Diese Hauptteile lassen sich wie folgt erläutern:
1. Münzkunde: Sie befasst sich mit Stoff, Physis, Herstellungstechnik, Metrologie und Ikonographie (in weitestem Sinne) der Münze. Ihre Kenntnis ist die Grundlage aller Befassung mit den übrigen Teilen des Fachgebietes.
2. Münzgeschichte: Sie schildert den Ablauf der Entwicklung nach dem chronologischen und geographischen Prinzip sowie nach den Wechselwirkungen der gegenseitigen Beeinflussungen der in der Münzkunde besprochenen Elemente (vgl. dazu § 2 über den geographischen und historischen Umfang und die Periodisierung der antiken Numismatik).
3. Geldgeschichte: Diese befasst sich mit den Beziehungen der in der Antike gebrauchten Geldformen untereinander, und hinsichtlich der Münze vornehmlich mit deren Währungscharakter.
4. Methodenlehre: Sie enthält die aus der Analyse des Materials und aus anderen Quellen gewonnenen Verfahrensweisen und Mittel zur systematischen Auswertung der numismatischen Quelle unter Anführung von Beispielen. Grundlage aller methodischen Elemente ist die maximale und optimale Aufsammlung des Materials. Erstes Ziel aller vernünftigen Methodik ist die Rekonstruktion der antiken Prägesysteme, also der Prägepläne und des organisatorischen Ablaufes der gesamten antiken Münzprägung nach ihren Bereichen. Sie allein bildet die echte Grundlage und den Ausgangspunkt aller anderen Untersuchungen.
(…)
Die antike Numismatik ist der Grundlagenteil des numismatischen Gesamtfaches, das als solches heute längst zu umfangreich geworden ist, als dass es noch von einem Einzelnen vertreten werden könnte. Sie ist eine historische Wissenschaft und dient in ihren zahlreichen Beziehungs- und Nutzungsbereichen vorwiegend noch dieser Seite (…).
Für die Stellung im modernen Wissenschaftsgefüge ist jedoch ausser der Definition als historisches Fach die Feststellung der Doppelgesetzlichkeit der Eigenschaft der Münze als des Hauptgeldverkehrstriigers des Altertums bedeutsam (…). Ursächlich ist die Münze Geld (also Wertträger, Wertmesser, Tauschmittel, Ware), sie nimmt aber auf ihrem Weg im Geldverkehr von Anfang an, da seitens des Staates mit den Garantiezeichen Bild und Schrift versehen, eine Menge intentionellen, aber auch spontanen Nachrichten (Informations- )gutes mit, was sie zeitweise zur »Zeitung des kleinen Mannes (« the common man's gazette »: H. V. SUTHERLAND) und für die vielen Analphabeten zu einer wahrhaften biblia pauperum macht. Die Münze ist also das erste Massenkommunikationsmittel der Geschichte.
Über ihren zahlreichen Aspekten als einer historischen Quelle im weitesten Anwendungsbereich darf somit keineswegs die nationalokonomische Funktion der Münze vergessen werden. Die antike Numismatik hat daher diesen Aspekt ebenso zu berücksichtigen, wie die moderne Geldwirtschaft sich - wenn schon nicht für ihre Berufsvergangenheit - für die nationalökonomischen Aspekte und die Ergebnisse der einschlägigen numismatischen Forschungen und ihrer Grundlagen interessieren sollte.
Nebenher bestehen (…) interessante Beziehungen zu den Naturwissenschaften, so zur Werkstoffwissenschaft (z.B. antike Legierungen, Plattierungstechnik), zur Mathematik (z.B. Entwirrung von Stempelkoppelungen auf graphentheoretischer Basis, da mit Computer nicht moglich) und zur Statistik (Berechnung von Stempelzahlen und Münzausstoss, Emissionshöhe).
Demgegenüber ist angesichts der ständig wachsenden und heute auch vorbehaltlos anerkannten Bedeutung der Numismatik und ihrer multilateralen Beziehungen zu anderen Wissenschaften und deren Zweigen bedauerlich, dass die Numismatik, die auch in zunehmendem Masse an zahlreichen Universitäten in verschiedener Form der Intensität und Qualität angeboten wird, noch nicht zum integrierenden Bestandteil vor allem der historischen Ausbildung auf dem Wege obligater Studienverpflichtung über Einbau in die Studienpläne geworden ist.