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Calgary: Kosmopolit und traditionell
Nachdem wir uns die letzten drei Tage auf der Ranch vergnügt, uns um die Hunde, Pferde und Katzen gekümmert und die Vorbereitung für unser nächstes Abenteuer getroffen hatten, ging es auch schon los mit unserem Roadtrip. Von Caroline nach Calgary sollte es über Kananaskis County zu den National Parks Banff und Jasper gehen. Doch als erstes erwartete uns eine Stadtführung in Calgary, die uns über die größte Stadt Albertas aufklären sollte.
Da wir mit dem Truck nicht in die Stadt fahren wollten, parkten wir am Zoo und nahmen die Straßenbahn ins Zentrum. Eine gute Wahl, denn so kamen wir entspannt am vereinbarten Treffpunkt an der Stadtverwaltung an. Es war ein herrlicher sonniger Tag und die umgebenden Gebäude spiegelten sich auf der Glasfassade der Stadtverwaltung wieder. Unseren Guide Martha zu treffen war kein Problem und es stellte sich heraus, dass sich keine weiteren Personen für die Führung angemeldet hatten.
Martha begann auch gleich mit ihrer Tour und wies uns vor Ort erst mal auf die Geschichte Calgarys, welches an der Mündung des Elbow und Bow Rivers liegt, hin. Ursprünglich die Heimat der Blackfoot Indianer, war es der Kartograf David Thompson im Jahr 1787, der den Bow River erreichte. Die ersten Siedler kamen 80 Jahre später, um meist Jagd auf Bisons zu machen. Daraufhin wurde 1875 an der Mündung des Elbow und Bow Rivers ein Polizeiposten der Royal Canadian Mounted Police eingerichtet, der zunächst Fort Brisebois genannt wurde. Ein Jahr später wurde es in Fort Calgary umbenannt, dem Grundstein für die heutige Millionenmetropole. Mit der Eisenbahn kamen weitere Siedler, denen auch Land geschenkt wurde. Die Bevölkerungszahl stieg rapide an und die Siedlung um das Fort Calgary wuchs und wuchs. Calgary wurde ein Zentrum der Rinderzucht und der Cowboys. Die Stadtgründung selbst wurde offiziell 1884 vollzogen.
Vom Olympic Plaza durch Downtown zum Fluss Bow
Martha war eine gute Erzählerin und wir hörten aufmerksam der Gründungsgeschichte zu. Langsam bewegte sich unsere kleine Gruppe, überquerte den Macleod Trail, wobei Martha uns auf das Eckgebäude – eine ehemalige Markthalle – aufmerksam machte. Weiter ging es entlang der Eight Avenue zum Olympic Plaza. Wie der Name schon verrät, wurde das Gelände für die Olympischen Winterspiel 1988 erbaut, um dort den Sportlern Ihre Medaillen zu übergeben. Das Mauerwerk des Platzes besteht aus Tausenden von Terrakottasteinen, aus denen das Nationaltier, der Biber, immer wieder herausblickt. Heute ist der Platz ein Treffpunkt für Jung und Alt im Sommer, aber auch im Winter. Denn dann wird die Wasserfläche zur Schlittschuhbahn.
Nächster Halt war das Famous Five Monument. Eine Bronzeskulptur, welche die Leistungen von Emily Murphy, Henrietta Edwards, Irene Parlby, Louise McKinney und Nellie McClung gewidmet ist. Diesen, als The Famous Five bekannt gewordenen Frauen, haben die kanadischen Frauen es zu verdanken, dass die Frau als „Person“ im Gesetz anerkannt wurde und damit berechtigt war einen Posten im Senat zu bestellen.
Die umstrittenen Armengol Statuen
Wir bogen auf die First Street SE ab, welcher wir ein Stück weit folgten. Vorbei an der Cathedral Church of the Redeemer, die erste anglikanische Kirche, die in Calgary gebaut wurde, folgten wir Martha weiter zu den Armengol Statuen. Familie des Menschen oder auch Brotherhood of Mankind genannt, wurde 1967 von Maxwell Cummings & Sons gespendet. Die nackten und abstrakten Aluminiumfiguren trafen anfänglich auf große Abneigung der Calgarianer und der Behörden. Doch heute gehören sie zu den Wahrzeichen Calgarys und zieren sogar das Logo der CBE-Berichte.
Direkt gegenüber der Armengol Statuen befindet sich die alte Feuerwache. Ein aus roten Ziegeln bestehendes altes Gebäude, dass durch seine schräge Lage ins Auge sticht. Diese zu den Straßen schräg verlaufende Anordnung der Feuerwache diente dazu, dass die Löschfahrzeuge schnell und in jede Richtung losfahren konnten. Heute befindet sich ein Autoverleih in der alten Wache.
Es war Zeit für einen ersten kurzen Stopp. Wir deckten uns mit Kaffee, Tee und einem Stückchen Kuchen to go ein und ließen es uns auf unserem weiteren Weg entlang der First Street SE schmecken. Vorbei an der kanadische Bundesbehörde zu rechten Seite und Chinatown auf der Linken, zog es uns an den Bow River. Während Nati und mein Blick über den Fluss und die Umgebung wanderte, erzählte uns Martha von dem 700km langen Wegesystem Calgarys für Fußgänger und Fahrradfahrer. Wir befanden uns aktuell am Riverwalk mit Blick auf die historische Center Street Bridge. Eine zweigeschossige Brücke, deren Unterdeck Chinatown mit dem Memorial Drive verbindet, während das obere in die Gemeinde Crescent Heights reicht.
In Erinnerung an die chinesischen Siedler in Alberta
Wir folgten dem Riverwalk bis in den angrenzenden Sien Lok Park. Ein Stadtpark, der zu Chinatown gehört und dessen Eingang zwei große Torwächter zieren. Der Park sowie das darin befindende kegelförmige Denkmal stehen in Erinnerung an die chinesischen Siedler in Alberta und Kanada. Martha berichtete uns, dass nach der Fertigstellung der Eisenbahnlinie zur Westküste (1885) die kanadische Regierung ihr Versprechen, chinesischen Eisenbahnarbeitern das Ticket zurück nach Hause zu zahlen, brach. Auch verlangten sie eine Kopfsteuer von 500 $ für jeden Chinesen, der einreisen wollte. So kam es, dass viele chinesische Arbeiter, hauptsächlich Männer, ohne ihre Familien in einem fremden Land festsaßen. Nicht gerade eine schöne Geschichte, aber so hat wohl jedes Land seine Bürden zu tragen.
Auf der First Street SW ging es nach Chinatown und dem dortigen Kulturzentrum. Das Herzstück des Komplexes ist die Dr. Henry Fok Cultural Hall, das nach dem Vorbild der Gebetsstätte des Himmelstempels in Peking nachempfunden ist. Die 70 m hohe Decke ist mit 561 Drachen und 40 Phönixen geschmückt und wird von vier Säulen mit Goldornamenten getragen. Ein atemberaubender Tempel, der uns unerwartet traf. Martha erzählte auch, dass die blauen Fliesen für die Außenfläche der Kuppel aus China importiert und von der gleichen Firma hergestellt wurden, die den Himmelstempel vor 600 Jahren ausgestattet haben. Wow, das nenne ich mal Einsatz.
Calgary’s Plus 15 Skywalk
Wir verließen das Kulturzentrum auf der anderen Seite und betraten ein öffentliches Gebäude schräg gegenüber. Ich wunderte mich ein bisschen, doch Martha lief zielstrebig zur Rolltreppe und so folgten wir ihr ohne Fragen zu stellen. Oben angekommen führte uns Martha zu einer Glasbrücke in dessen Mitte sie stehen blieb. Sie erklärte uns, dass wir uns nun auf dem „Plus 15“ oder „+15 Skyway“-Netzwerk befanden. Einem der weltweit größten Fußgängersysteme mit einer Gesamtlänge von 18 Kilometern und 62 Brücken. Das System liegt etwa 4,5 Meter über dem Straßenniveau und wird von den Einheimischen besonders im Winter bei -40 Grad genutzt. Direkt vom Parkhaus in den Skyway und von Shop zu Shop. Es gibt sogar Ruheflächen, Kunstausstellungen und die Auflage, dass jedes neue Gebäude an das Netz angeschlossen werden muss. Praktisch finde ich!
James Short Park und die Wonderland Skulptur
An der Ecke Fourth Avenue SW und Second Steet SW verließen wir den Skywalk Richtung James Short Park. Der James Short Park liegt im Herzen von Downtown und wurde nach der James Short School benannt, die dort einmal stand. Der 1991 fertiggestellte Park, unter dem sich ein Parkhaus befindet, beherbergt heute nur noch die einzigartige Uhrenkuppel.
Wir durchquerten den Park in dem ein paar Calgarianer ihre Mittagspause verbrachten, überquerten die Kreuzung und liefen direkt auf den hinteren Teil des Bow Gebäudes zu. Vor dem modernen Hochhaus machten wir halt und Martha offenbarte uns, dass wir bald am Ende unser Tour angekommen seien. Doch davor wollte sie uns noch auf die vielen Kunstwerke und Skulpturen, die uns schon aufgefallen waren, aufmerksam machen. Besonders beeindruckend die Wonderland Sculpture, eine 12 m hohe Stahlskulptur eines Frauenkopfs von Jaume Plensa.
Mit Blick auf den Tower machten wir uns auf den Rückweg zur Eight Avenue SE. Dort verabschiedeten wir uns von unserer tollen Stadtführerin und nahmen im erst besten Restaurant Platz. Wir hatten beide tierischen Hunger. Bei einem leckerem Salat reflektierten wir nochmals den Vormittag und kamen zu dem Entschluss, dass dies ein gelungener Start unseres Roadtrips war. Calgary gefiel mir gut. Die Mischung von strahlenden Wolkenkratzern neben alten Gebäuden aus dem 18 Jahrhundert hatte einen besonderen Reitz. Modern, weltoffen und trotzdem der Tradition verbunden – mein Eindruck von Calgary.
Eau Claire Distillery und Kananaskis Country
Ausgestattet mit einem Kaffee von Phil & Sebastian (nur zu empfehlen) verließen wir Calgary Richtung Süden nach Black Diamond. Ziel war das Turner Valley und die dort beheimatete Eau Claire Distillery, die den berühmten Parlour Gin herstellen. Die Brennerei war nicht zu übersehen und direkt gegenüber fanden wir auch gleich einen Parkplatz. Vergnügt betraten wir die Destillerie, bestehend aus einem großen Empfangsraum mit einem langen Tresen und Verkaufsflächen mit großen und kleinen Flaschen Gin, Wodka und Rum. Wir sahen uns neugierig um, entschieden aber nichts zu kaufen, dafür zu probieren. Die Wahl war nicht leicht, denn es hörte sich alles lecker an, entschieden uns aber für ein Probier-Set bestehend aus vier unterschiedlichen Gin Variationen. Auf einer Holzbank mit Tisch nahmen wir vor dem Gebäude platz und warteten gespannt auf unsere Gins. Was soll ich sagen, die Kombinationen waren einfach erstaunlich und ich hätte nie gedacht Gefallen an Gin zu bekommen. Genüsslich schlürften wir unsere vier Varianten und debattierten dabei über die beste Kombination. Mich überzeugte die Lavendel Variation am meisten.
Ein erster Blick auf die Rocky Mountains
Die Zeit eilte davon und wir hatten noch eine Fahrt von gut 150 km vor uns. Das Endziel war die Sundance Lodge, wo dieses Mal ein Trapper Zelt auf uns wartete. Wir hatten uns entschieden den Kananaskis Trail zu nehmen, der längeren aber dafür landschaftlich schöneren Route, die nur im Sommer geöffnet ist. Beschwingt setzten wir uns in den Truck und machten uns auf das letzte Stück für diesen Tag. In Longview, bekannt für ihr fantastisches Beef Jerky, fuhren wir Richtung Nord-Westen den Ausläufern der Rocky Mountains entgegen.
Trotz der starken Brände, die gerade in British-Columbia herrschten und dichte Rauchwolken zum Teil die Sicht einschränkten, gab die Sonne ihr Bestes. Strahlend begleiteten uns die ersten Bergketten, in dessen Tal sich ein Fluß entlangschlängelte. Eine grandiose Landschaft und ich kam aus dem Staunen nicht raus. Überrascht war ich über den wenigen Verkehr. Ich dachte das Gebiet wäre im August von Touristen überschwemmt, doch nur vereinzelt kam uns ein Truck oder ein Camper entgegen. Wir sogen die letzten Sonnenstrahlen in uns auf und genossen die frische Luft, die durch die offenen Fenster wehte.
Im Bärengebiet
Knapp eine Stunde vor Sonnenuntergang kamen wir an der Sundance Lodge an. Ein Campground direkt am Kananaskis River und mitten im Bärengebiet. Deshalb bekamen wir beim Einchecken auch gleich eine Einführung auf was wir zu achten und tunlichts zu vermeiden hatten. Ganz wichtig: Kein Essen liegen lassen und alles Eßbare im Auto lagern! Für mich eine neue Erfahrung.
Wir parkten den Truck und bepackt mit der ersten Ladung Taschen, Kissen und Decken machten wir uns die letzten Meter zu unserem Trapper-Zelt. Die Lage mitten im Espenwald war einfach herrlich. Schön ruhig und selbst die Nachbarzelte konnte man kaum sehen. Nach zwei weiteren Runden hatten wir all unser Gepäck an Ort und Stelle und wir konnten zum gemütlichen Part übergehen.