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«This morning I am horribly weak. My face is ghastly pale, and my throat pains me. It must be something wrong with my lungs, for I don’t seem ever to get air enough.»
Die Zeilen stammen aus dem Tagebuch von Lucy Westenra. Lucy ist fiktive Figur aus Bram Stokers «Dracula», dem wohl berühmtesten und einflussreichsten Vampirroman aller Zeiten. Obwohl: In der heutigen Zeit scheint zugegebenermassen nicht mehr allzu viel von diesem Einfluss übrig zu sein, da Vampire mittlerweile als glitzernde Milchbubis daherkommen, die von Horden kreischender Teenies angehimmelt werden.
Der Graf bringt den Tod – oder doch nicht?
Aber kehren wir zurück zum Original: Dracula hat Whitby in England* erreicht und sich die schöne Lucy als eines seiner ersten Opfer ausgewählt. Aus diesem Grund sucht er die junge Frau regelmässig in der Nacht auf, um sich an ihrem Blut gütlich zu tun. Die arme Lucy wird in der Folge immer schwächer, was auch einem ihrer Verehrer, dem Arzt John Seward, auffällt:
«She was ghastly, chalkily pale; the red seemed to have gone even from her lips and gums, and the bones of her face stood out prominently; her breathing was painful to see or hear. […] Lucy lay motionless, and did not seem to have strength to speak.»
Der geneigte Leser ahnt: Die bemitleidenswerte junge Frau ist nicht mehr weit davon entfernt, selbst zum Vampir zu werden – oder an Tuberkulose zu sterben.
Eine volkstümliche Erklärung für eine Volkskrankheit
Vampire als volkstümliche Erklärung für Tuberkulose? Allzu abwegig wäre das nicht. Denn wie ich in diesem Blog bereits beschrieben hatte, konnte die Wissenschaft erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nachweisen, dass es sich bei TB um eine Infektionskrankheit handelt und dass die Übertragung über den Erreger Mycobacterium tuberculosis erfolgt.
Davor waren verschiedene Erklärungen für die Ursachen der «Schwindsucht» im Umlauf – und eine davon war wohl auch übernatürliches Treiben in Form von Vampiren.
Ähnliche Symptome – unterschiedliche Erklärungen
Wissenschaftler haben viele Gemeinsamkeiten zwischen TB-Symptomen und der folkloristischen Beschreibung von Vampiren gefunden: Die oben erwähnte Lucy hat viel Gewicht verloren und leidet unter Husten, Atemnot, Schmerzen in der Brust, Schwäche sowie Erschöpfung – Symptome, die auch viele TB-Patienten begleiten. Blutarmut tritt ebenfalls oft zusammen mit der Krankheit auf, was die bleiche Erscheinung der vermeintlichen Untoten erklären würde.
Wenn ein Familienmitglied an Tuberkulose stirbt, ist zudem die Wahrscheinlichkeit sehr gross, dass die Hinterbliebenen sich ebenfalls angesteckt haben und bald darauf ähnliche Symptome entwickeln («Der Vampir sucht seine Angehörigen heim»).
Auch die roten Augen und Lippen, die der Graf im Roman besitzt («the Count’s evil face, the ridge of the nose, the red eyes, the red lips, the awful pallor»), können bei gewissen TB-Patienten beobachtet werden. Und um das Husten von Blut mit blutsaugenden Vampiren in Verbindung zu setzen, braucht es wahrlich keine grosse Fantasie.
Eine weitere Kandidatin
Es gibt aber noch eine zusätzliche Krankheit, welche laut Wissenschaftlern die Grundlage für gewisse Aspekte des Vampirmythos geliefert haben könnte: die Tollwut.
Graf Dracula meidet das Wasser – genau wie viele Tollwutpatienten. Vampire beissen ihre Opfer – auch bei der Tollwut erfolgt die Übertragung über einen Biss (jedoch nur in Ausnahmenfällen von Mensch zu Mensch). Und bei der sterbenden Lucy manifestiert sich trotz der Schwäche eine wachsende Unruhe – wie das auch bei vielen Tollwutpatienten der Fall ist.
Die Krankheit wäre auch eine Erklärung für das wiederholt beschriebene sexuelle Begehren von Stokers Vampiren («There was a deliberate voluptuousness which was both thrilling and repulsive, and as she arched her neck she actually licked her lips like an animal»). Denn bei gewissen Tollwut-Patienten geht die Erkrankung in der Tat mit einem verstärkten Sexualtrieb einher.
Hunde und Fledermäuse
Schliesslich wird Tollwut oft durch Hunde und Fledermäuse übertragen. Und welche Gestalt nimmt der Graf an, wenn er in Whitby* vom Schiff geht?
«The very instant the shore was touched, an immense dog sprang up on deck from below, as if shot up by the concussion, and running forward, jumped from the bow on the sand.»
Oder wenn er seinen verrückten Gefolgsmann Renfield im Irrenhaus besucht?
«Then I caught the patient’s eye and followed it, but could trace nothing as it looked into the moonlit sky except a big bat, which was flapping its silent and ghostly way to the west.»
Der Mythos lebt (teilweise) weiter
Ein weiteres Detail spricht ebenfalls dafür, dass der Glaube an übernatürliche Blutsauger zumindest teilweise dazu diente, eine Erklärung für zwei schreckliche, aber ganz natürliche Krankheiten zu finden: Vampirerzählungen erlebten im 19. Jahrhundert eine Blüte – just in jener Zeit also, in der sowohl Tuberkulose als auch Tollwut epidemische Ausmasse angenommen hatten.
Natürlich lassen sich bei Weitem nicht alle Elemente aus «Dracula» wissenschaftlich oder medizinisch erklären, aber das ist eigentlich ganz gut so. Denn dank «Twilight» liegt der Vampirmythos ohnehin schon am Boden – da muss die Wissenschaft nicht noch nachtreten.
Dieser Artikel ist am 31. Oktober 2014 im Tansania-Blog von NZZ Campus erschienen.
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