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Flüchtlinge, die nach Deutschland einzuwandern suchen, gibt es nicht erst seit dem 21. Jahrhundert. Es gab sie schon nach dem Zweiten Weltkrieg. Man nannte sie „Umsiedler“, und es handelte sich um Menschen, die von einem Teil Deutschlands – dem Osten – in einen andern Teil Deutschlands – den Westen – flüchteten, weil sie sich ein Leben unter sowjetischer Besatzung nicht vorstellen konnten oder wollten. Heute würde man wohl von „Wirtschaftsflüchtlingen“ reden, und die westlichen Besatzungsmächte USA, Grossbritannien und Frankreich würden sie an der Grenze zurückweisen… Damals durften sie noch kommen, aber man sollte diese Haltung nicht, wie ich es in der heutigen Flüchtlingsdebatte auch schon gehört habe, allzu sehr glorifizieren. Schon damals waren die Ost-Flüchtlinge bei den Ansässigen alles andere als willkommen. Verständlich, bedeutend verständlicher als heute, hatten doch diese kaum genug zu essen für sich selber.
1948/49 gehörten Alice und Arno Schmidt zu diesen „Umsiedlern“. Das Ehepaar lebte im Cordinger Mühlehof in Benefeld bei Walsrede. Ein einziges Zimmer war ihnen in diesem Mühlehof zugeteilt, ansonsten lebten weitere Umsiedler dort auf engem Raum zusammengepfercht. In Alice Schmidts Tagebuch werden hin und wieder Reibereien zwischen den Parteien erwähnt; in einer Fussnote zitiert die Herausgeberin Susanne Fischer einen Mitbewohner des Mühlehofs, nach dem es dort recht friedlich zugegangen wäre, wäre da nicht jener Arno Schmidt gewesen, der sich nicht einordnen konnte.
Für den Einzelgänger und schamlosen Egoisten Schmidt muss die Zeit im Mühlehof tatsächlich mehr oder weniger die Hölle gewesen sein. Er hatte seine Arbeit als Übersetzer an einer Polizeischule aufgeben müssen und weigerte sich unterdessen, einen ‘normalen’ Job zu suchen, da er sich als freier Schriftsteller verstand– ohne schon je Nennenswertes publiziert zu haben. Also lebte das Ehepaar hauptsächlich von den Care-Paketen, die ihm von Arnos älterer Schwester aus den USA geschickt wurden – entweder, indem sie den Inhalt selber verzehrten oder anzogen, was ihnen Lucy schickte, oder aber (wichtiger noch) es auf dem Schwarzmarkt verkauften. 1948/49 stammte der grössere Teil ihres Einkommens aus solchen Verkäufen.
All dies, und noch mehr, erfahren wir aus Alice Schmidts Tagebuch. Offenbar wurde es auf Anregung ihres Mannes und zuerst auch unter seiner Supervision begonnen. Arno war, und das zeigt auch das Tagebuch, bereits damit beschäftigt, Material für sein Buch über Fouqué zusammen zu suchen, und wohl deshalb auf die Idee gekommen, dass es ein zukünftiger Biograf des Schriftstellers Arno Schmidt mit der Quellenlage besser haben sollte, als er es mit Fouqué hatte. Bescheidenheit war nie eine Tugend von Arno Schmidt, und er rechnete fest mit einem zukünftigen Interesse an ihm und seiner Arbeit.
Wir erfahren zum Beispiel auch, dass das Paar oft abends zusammen las, bzw. sich gegenseitig vorlas: Fouqué natürlich, aber auch Wieland. Raabe mit einem oder zwei Titeln, aber rasch wurde er für langweilig befunden und nie mehr erwähnt. Alice las für sich selber Edgar Allan Poe im Original, um ihr Englisch zu verbessern. Schon schwirrten erste Ideen herum, dass das Ehepaar Schmidt (und das hiess bei Arno Schmidt immer: er unter zudienender und nirgends erwähnter Mithilfe von Alice) Poe übersetzen könnte. Allerdings war 1948/49 noch keine Nachfrage vorhanden. Arno versuchte sich u.a. an einem Text über Alexander den Grossen und einem Schauspiel über die schillernde Figur des Aufklärers und Politikers Christian von Massenbach.
Schmidt kam in Kontakt mit dem Rowohlt-Verlag, und dort mit den drei wichtigen Personen: dem alten Ernst Rowohlt, dessen Sohn Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, sowie dem Lektor Kurt Wilhelm Marek. Doch wie oft war der Hitzkopf Schmidt nicht daran, den mühsam errungenen und endlich abgeschlossenen Vertrag zu widerrufen! Schmidt war schon 1948/49 rasch erzürnbar und unendlich misstrauisch. In jeder Verzögerung erblickte er einen persönlichen Affront. Die weiter schauende Alice konnte in den meisten Fällen erreichen, dass Arno seine bösen Briefe nicht sofort abschickte, sondern sich ein paar Tage Bedenkzeit gab. Üblicherweise hatte er sich dann soweit abgekühlt, dass er die weitere Entwicklung der Dinge abwartete. Oft auch ging Alice mit Arno Pilze suchen, um ihn abzulenken und zu beruhigen. Das hatte den nützlichen Nebeneffekt, dass ihre kargen Mahlzeiten etwas angereichert wurden.
Dabei war der Rowohlt-Verlag recht grosszügig. Sie spendierten den Schmidts eine Reise nach Hamburg, wo die beiden in der Bibliothek die Nachlässe von Fouqués Freunden Beneke und Perthes nach Material durchsuchten. Wie überhaupt im Tagebuch immer wieder erwähnt wird, wie Arno diese oder jene Pfarrei, diese oder jene Bibliothek, anschreibt und mit Fragen löchert. Dabei mussten sie das Geld fürs Porto der Briefe oft von dem abknapsen, was für ihre Mahlzeiten gerechnet war. Aber Arno ordnete alles dieser seiner schriftstellerischen Tätigkeit unter. Selbst aufs allwöchentliche Grossreinemachen des Zimmers, in dem das Paar lebte, hätte er verzichten können, weil es ihn in seiner Konzentration störte, weil er seine schriftstellerischen Eingebungen immer gerade an jenem Tag hatte, an dem Alice putzen wollte.
Wenn man fast nichts hat, nimmt natürlich auch das Essen eine wichtige Rolle im Denken eines Paares ein. Wie fröhlich können die beiden sein, wenn es ausnahmsweise einmal zu einer kleinen Nachspeise reicht! Und ja, auch das Trinken. Schon 1948/49 sucht Arno immer wieder an Alkohol zu kommen, den er braucht, um sich für sein Schreiben zu lockern. All dies, und noch mehr (z.B., wenn die beiden wieder mal Sex haben, oder dass Arno Schmidt schon 1948/49 an der Legende strickte, dass er ein Studium der Mathematik habe aufgeben müssen, weil seine Schwester einen Juden geheiratet hatte) erfahren wir aus dem dieses Jahr von der Arno Schmidt Stiftung bei Suhrkamp herausgegebenen Tagebuch Alice Schmidts. So ganz nebenbei erhalten wir auch einen kleinen Einblick in den Alltag eines Umsiedler-Paars jenseits der Tatsache, dass einer der beiden zu einem der bekanntesten Autoren der Nachkriegszeit und der auf die Nachkriegszeit folgenden Zeit werden sollte. Die folgende Generation (und erst die auf die folgende Generation folgende Generation!) vergisst zu rasch, dass es auch im eigenen Land nicht immer allen gut gegangen ist…