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Als ich meinen Vater einmal subtil und ein Hauch besserwisserisch eine Andeutung machte, dass seine neue Komposition einige Läufe aus einem bestehendem klassischen Werk enthält, wies er mich darauf hin, dass die Tätigkeit ja nicht umsonst nicht Erfinden, sondern Komponieren hiesse, was ursprünglich aus dem lateinischen componere also ‚Zusammenfügen’ kommt.
Diese Tatsache gewann mit der zunehmenden Verbreitung des Samplings eine ganz neue Bedeutung. Mit der Musik von Gotan Project ist durch die Vermischung verschiedener kultureller Elemente eine Stilrichtung entstanden, die bis dahin nicht existierte. Was eigentlich aus einer simplen Kombination einer rhythmischen Grundlage und Sampling von verschiedenen Sounds besteht ist gleichzeitig eine raffinierte (und äusserst erfolgreiche) Mixtur von Alt und Neu.
Diese Synthese in Santa Maria (Del Buen Ayre) deutlich zu erkennen. Der Ausgangspunkt der Musik besteht zunächst aus dem rhythmischen Grundgerüst, das sich grundsätzlich aus Drums und E-Bass zusammensetzt, welches dem Sound auch sein modernes, elektronisches Auftreten verleiht. Ein weiterer wesentlicher Bestandteil bei diesem Stück und bei Gotan Project im Allgemeinen besteht aus dem Bandoneón, das fast ausschliesslich im argentinischen Tango verwendet wird. In diesem Fall bedienen sie sich dementsprechend eines klassischen Tango-Riffs aus der Entstehungszeit des Tangos etwa der 30er-Jahren, das seither erhalten blieb und besonders in Kombination mit diesem einzigartigen Instrument für Wiedererkennungswert sorgt. Das besagte Riff wird dann vermehrt repetiert und mit anderen elektronischen Sounds kombiniert. Die Gesangslinie beispielsweise klingt ebenfalls wie ein Sample, das wie ein Echo von weit her eingesetzt wird. Um das Gefühl der Metropole Buenos Aires noch zu verstärken arbeitet Gotan Project ausserdem sehr viel mit Geräuschen der Grossstadt.
Die Vermischung von Vergangenheit und Gegenwart spiegelt sich auch im Titel, sowie im Videoclip des besagten Songs wieder. Der Titel Santa Maria (Del Buen Ayre) benutzt die alte Benennung des Hafens, sowie die Schreibweise der Stadt, wie sie bei der Gründung von Buenos Aires verwendet wurde (Buenos Aires wurde damals mit „y“ geschrieben). Der Videoclip bildet diese Verschmelzung noch offensichtlicher ab: Obwohl der Clip in schwarz-weiss gehalten ist, gestaltet sich der Schnitt sehr modern. Auch die Umgebung und die tanzenden Pärchen zeichnen sich teilweise durch klassische Gesten des Tangos aus, wie beispielsweise durch den klassischen Tangoschuh oder die Mäntel, jedoch verknüpft mit modernen Elementen wie vorbeifahrenden Mini-Coopers im Hintergrund.
Vergangenheit und Gegenwart wird als Kontinuum widergegeben, wie es auch in der argentinischen Stadt spürbar ist – Neues und Altes prallen zusammen und ergibt sich als Palimpsest der Musik.