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| Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)

Dreizehnte Unterredung, welche die dritte des Abtes Chäremon ist, über die Hilfe Gottes.
[S. 57] 1. Ein Zweifel des Germanus.
Als wir nach einigem Schlafe zur Versammlung des Frühgebetes gingen und den Greis trafen, wurde Abt Germanus von einem argen Zweifel beunruhigt, weil der heilige Greis in der letzten Unterredung, deren Kraft uns ein so großes Verlangen nach der uns unbekannten Keuschheit eingeflößt hatte, durch einen eingeschalteten Ausspruch Das Verdienst der menschlichen Thätigkeit abgethan hatte mit der Behauptung, es könne der Mensch, wenn er auch mit größter Kraft nach guten Früchten strebe, doch des Guten sich nicht bemächtigen, wenn er es nicht lediglich durch die Freigebigkeit der göttlichen Gnade erlange, statt durch den Eifer seines Wirkens. Da wir nun diese Frage bestürzt hin- und herkehrten, kam der fromme Chäremon aus der Zelle, und als er merkte, daß wir Etwas mit einander mur- [S. 58] melten, hielt er die Gebets- und Psalmenfeier rascher als gewöhnlich ab und fragte, was uns beunruhige. 1
1: Das wir also die Veranlassung zu dieser traurigen dreizehnten Unterredung, die dem Namen Cassian’s so viel schadete, ihm die Censur des Papstes Gelasius zuzog und die heilige Gegenschrift des Bischofes Prosper. Diese war allerdings nöthig, denn die Gefahr war groß und nicht Jedem ersichtlich, Cassian hatte nemlich eine treffliche Schrift gegen Nestorius verfaßt: de incarnatione Christi, in welcher er zugleich kräftig gegen Pelagius und seine Irrthümer auftrat. Nun hätte sich ja Niemand träumen lassen, daß derselbe Cassian in einer folgenden Schrift selbst von Augustin abweichen und dem Pelagianismus sich nähern würde. Es halten also die weniger Unterrichteten seine Lehren ohne Argwohn hingenommen und wären so ohne Wissen und Willen in den Pelagianismus hineingekommen. Deßhalb schrieb Prosper im Jahre 433 seine strenge Abhandlung contra collatorem. Was nun den Vater Chäremon betrifft, so hat er seine Irrthümer, wenn ihm dieselben Cassian nicht bloß in den Mund gelegt hat, später sicherlich aufgegeben und ist im Frieden mit der Kirche gestorben, die ihn öffentlich als Heiligen verehrte, wie aus einer von von Wien herausgegebenen, dem Papst Gregor I. (übrigens wohl mit Unrecht) beigelegten Litanei hervorgeht, in der er wie andere hl. Einsiedler angerufen wird.