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Am 3. September, einem Samstag, treffen wir unsere acht Mitreisenden im Bahnhof Genf im Train Express Régional (TER) nach Lyon, der pünktlich um 11.30 Uhr abfährt. Die französische Staatsbahn hat drei Zugskompositionen aneinandergehängt, so dass wir genügend Platz finden für uns und unsere Siebensachen.
Die Bahnlinie liegt zwischen der Rhone, die zur linken Seite meist aufgestaut ist, und dem Jura auf der rechten Seite, der südlich von Genf noch beträchtliche Höhen erreicht. Beim Bahnhof Culoz biegt die Strecke nach Westen ab, quer durch den Jura, bis sie in Ambérieu die Schwemmebene von Rhone und Saône erreicht und geradewegs in die Stadt Lyon führt.
Im modernen Bahnhof Lyon Part-Dieu steigen wir um und fahren weiter bis zum Bahnhof Lyon-Perrache, dem früheren Hauptbahnhof der Stadt. Er liegt auf der zentralen Halbinsel zwischen Rhone und Saône. Von ihm aus ist das Stadtzentrum in einem kurzen Spaziergang zu erreichen. Neben dem Bahnhof Perrache, eingeklemmt zwischen Bahn, Autobahn und Parkhäusern, befindet sich unser Hotel aus der Belle Époque, genauer aus dem Jahr 1906, das ehemalige Hotel Terminus (heute etwas langfädig Mercure Lyon Centre Château Perrache), in dem wir unsere Zimmer schon beziehen können. Das von der Bahngesellschaft PLM erbaute Luxushotel ist denkmalgeschützt. Das abgebildete Jugendstil-Glasfenster entdeckt man in der Bar.
Erste Regentropfen fallen, und so geben wir noch unter dem Vordach des Hotels einen kurzen Überblick über die Geschichte der Stadt.
Unter der Herrschaft von Kaiser Augustus war Lugdunum, das heutige Lyon, die Hauptstadt der Provinz Gallia Lugdunensis. Nach der Teilung des Reichs Karls des Grossen kam Lyon zum Mittelreich, später war die Stadt zeitweise unter burgundischer, zeitweise unter französischer Herrschaft. Um das Jahr 1400 kommt Lyon dann definitiv zum französischen Königreich. Vom 16. Jahrhundert an wird Lyon zum Zentrum der französischen Seidenindustrie. Bekannt sind in den Jahren 1831, 1834 und 1848 die blutig niedergeschlagenen Aufstände der Seidenweber (révolte des canuts). Heute ist Lyon die drittgrösste Stadt Frankreichs und ein wichtiges wirtschaftliches und kulturelles Zentrum. Natürlich reicht ein Nachmittag nicht, um die Stadt kennenzulernen. Den Aufenthalt in Lyon haben wir eingeplant, um zu schnuppern und die Bahnfahrt nach Westen in angenehme Portionen zu unterteilen.
Als unsere Gruppe auf der nach Victor Hugo benannten und belebten Fussgängerstrasse ins Zentrum spaziert, donnert es und beginnt leicht zu regnen. Dann bricht ein Gewitter los, gegen den unsere Regenschirme wenig ausrichten. Wir suchen Schutz unter Vordächern und fliehen bei der ersten Gelegenheit in ein Kaffeehaus.
Als wir uns bei Sonnenschein wieder nach draussen wagen, bemerken wir hinter einer Abschrankung die Reiterstatue von Louis XIV auf der weiten Place Bellecour (im Hintergrund die Basilika Notre-Dame de Fourvière, erbaut ab 1872).
Wir überqueren die Saône und kommen zur gotischen Kathedrale Saint-Jean, die sich primatiale nennt, weil der Erzbischof von Lyon kein beliebiger Erzbischof ist, sondern primat des Gaules, der oberste Seelenhirt des Landes. Im Vergleich zu den Kathedralen, die wir im weiteren Laufe der Reise kennenlernen, ist der Bau eher bescheiden. Wir flanieren dann durch die malerische Rue Saint-Jean in der Altstadt. Auf dem Rückweg zum Hotel finden wir das auf der Place Bellecour etwas versteckte Denkmal für Antoine de Saint-Exupéry, dessen Geburtshaus in der Nähe steht.
Für den ersten Abend unserer Reise haben wir uns ein Essen an einem besonderen Ort ausgesucht, in der Brasserie Georges. Würde man an diesem Standort zwischen Bahnlinie und Autobahn eine Brasserie aus dem Jahr 1836 vermuten? Die Bevölkerung kennt den Ort, und der riesige Speisesaal ist gut besetzt. Das Restaurant haben wir im Frühling getestet, und mehr als einen Monat zum Voraus haben wir hier einen Tisch reserviert.
Am nächsten Morgen geniessen wir unser Frühstück im stilvollen Hotel und begeben uns zum Bahnhof, wo unser Zug der Kategorie Intercités mit Endstation Nantes schon wartet. Es fahren täglich drei direkte Züge nach Bourges auf zwei unterschiedlichen Routen. Unsere Zugskomposition ist hybrid mit Strom und Diesel unterwegs, sie fährt zu Beginn durch die nördlichen Ausläufer des Zentralmassivs. Weiter geht es vorbei an Dörfern und Kleinstädten mit leeren Bahnsteigen zu den ebenen Flusstälern des Allier und der Yèvre, durch weites Land, das im Vergleich zum schweizerischen Mittelland dünn besiedelt ist. Unterwegs hält der Zug in Roanne, Saint-Germain-des-Fossés nördlich von Vichy, Moulins und Nevers.
Die Stadt Bourges mit ihren etwa 65,000 Einwohner liegt im geographischen Zentrum Frankreichs und wirkt an diesem Sonntag etwas verschlafen.
In wenigen Minuten sind wir in unserem Hotel, das zwischen dem Bahnhof und der Altstadt liegt. Es ist im Gebäude eines ehemaligen Klosters unterbracht, das bei der Revolution als bien national verkauft wurde. Die ehemalige Klosterkirche bildet einen stimmungsvollen Rahmen für das Frühstück.
Da wir zu Beginn des Nachmittags ankommen, bleibt uns nur die Wahl eines leichten Essens in einer guinguette im Park gegenüber dem Hotel. In Bourges gibt es am Sonntag, das sei für Leserinnen und Leser dieses Berichts festgehalten, nur wenige Verpflegungsmöglichkeiten.
Dafür gibt es in Bourges ein UNESCO-Weltkulturgut, die Kathedrale Saint-Etienne, die dem heiligen Stephan gewidmet ist, der als der erste Märtyrer gilt und dessen Martyrium schon in der Bibel erwähnt ist.
Über den Schwemmebenen der Flüsse Yèvre und Auron erhebt sich ein Hügel, auf dem die Altstadt von Bourges liegt, schon in vorrömischer Zeit umgeben von einer Stadtmauer. Im Osten dieser Stadt liegt die nach Osten orientierte Kathedrale. Auch sie ist nicht eine beliebige Kathedrale, sondern war nach 1170 die Hauptkirche der Kirchenprovinz Aquitanien, die von Bourges bis zu den Pyrenäen reichte.
Ich stelle mir vor, wie der erste Lichtstrahl der aufgehenden Sonne die Kathedrale trifft. Die Gotik ist die Architektur, die Licht in die Kirchen bringt. Ex oriente lux, aus dem Osten kommt das Licht, die Erleuchtung. Diese Orient-ierung nach Osten, zur aufgehenden Sonne hin, gehört schon vor der Gotik zum europäischen Christentum.
Wer in Europa ist sich heute bewusst, dass das Christentum aus dem Orient kommt? Den Osten, den Orient und Eurasien, erleben heute die meisten Europäer nicht als Quelle der Erleuchtung, sondern als Bedrohung, als eine Welt, die der westlichen Kontrolle entgleitet.
Die Kathedrale wurde zwischen 1195 und 1258 erbaut und ragt in östlicher Richtung über die römische Stadtmauer hinaus. Um den Chor der neuen Kathedrale abzustützen, wurde zuerst eine Unterkirche gebaut, die wegen dem Niveauunterschied des Geländes aber nicht unterirdisch ist, sondern von Tageslicht erhellt wird.
Diese Unterkirche besichtigen wir am Sonntagnachmittag in einer organisierten Führung, anders ist sie nicht zugänglich. Wir besichtigen dabei die dort ausgestellten Reste des Lettners, eine kleine romanische Krypta, eine Gruppe von Statuen aus dem 16. Jahrhundert, die die Grablegung Christi darstellen, und das Grabmal des Herzogs Jean de Berry (1340-1416). Dem Toten zu Füssen liegt ein kleiner Bär.
Jean de Berry war der Sohn von König Jean II «le Bon», der im Hundertjährigen Krieg (1337-1453) von den Engländern gefangen wurde und für dessen Befreiung Frankreich 3 Millionen écus d’or bezahlen musste. Er war auch der Bruder des früh verstorbenen Königs Charles V, für dessen unmündigen Sohn er die Regentschaft übernahm und sich dabei, so berichten Historiker, schamlos bereicherte. Für den mächtigen Herzog wurde der Palast der Herzöge von Berry erbaut, heute die préfecture, mit einer eigenen Sainte Chapelle nach Pariser Vorbild, die nicht mehr besteht. Für ihn schufen Künstler das bekannte Stundenbuch des Herzogs von Berry mit den berühmten Miniaturen, Les Très Riches Heures du Duc de Berry, heute im Musée Condé in Chantilly.
Oben in der Kathedrale sehen wir Jean de Berry als Statue ein zweites Mal, auf den Knien betend, mit seiner zweiten Frau zusammen, die er geheiratet hat, um ihr alles wegzunehmen, was sie hatte.
Berry ist der Name der Grafschaft, deren Zentrum Bourges ist, und der Vizegrafschaft (vicomté), welche der vicomte dem französischen König im Jahr 1100 verkaufte, so dass Bourges mit seinem Umland zum königlichen Eigenbesitz wurde, zum domaine royal. Hier konnte der König nach eigenem Gutdünken Verwandte als lokale Verwalter einsetzen, die loyaler waren als die oft eigensinnigen Vasallen. Als Paris 1418 von den Engländern besetzt wurde, wurde der Thronfolger, le dauphin, wohl nicht ganz zufällig nach Bourges evakuiert.
Die Kathedrale von Bourges wurde zwischen 1194 und 1258 erbaut. Sie ist 125 Meter lang (zum Vergleich Lausanne, die grösste Kirche der Schweiz, mit knapp 100 Metern).
Die Kathedrale hat vier Seitenschiffe, die beiden äusseren sind achteinhalb Meter hoch, die beiden inneren 21 Meter, das Hauptschiff der Kirche 37 Meter. Es ergibt sich so eine architektonische Aufwärtsbewegung zur Mitte hin.
Der Anzahl der Kirchenschiffe entsprechend hat die Kathedrale auf der breiten Westseite fünf Portale. Um den Chor herum führt ein Chorumgang.
Besonders an der Kathedrale von Bourges ist, dass die Skulpturen und Glasmalereien aus der Erbauungszeit so gut erhalten sind. Speziell ist auch, dass in der Kathedrale kein Gedränge herrscht. Die Zahl der jährlichen Besucher beträgt nur etwa 30,000 Menschen Personen (zum Vergleich Chartres mit einer Million und Notre-Dame de Paris vor dem Brand mit 13 Millionen).
Man kann die Glasfenster also in Ruhe betrachten. Die meisten Bilder zeigen biblische Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament oder erzählen das Leben der Heiligen. Oft sind in der untersten Reihe die Berufsleute dargestellt, die die Fenster finanziert haben.
Dieses Bild, das über 800 Jahre alt ist, gehört zur Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus. Während der arme Lazarus vor seinem Tod gelitten hat, leidet der Reiche nach seinem Tod. Auf dem Bild ist er auf dem Sterbebett zu sehen. Seine Frau weint um ihn und ein Diener bestiehlt ihn frech, während der Sterbende seine Seele aushaucht. Diese Seele ist die menschenähnliche Figur, welche von einem gehörten Teufel und seinem fliegenden Kollegen mit rotem Kopf in Empfang genommen wird.
Bemerkenswert die Darstellung von Christus mit dem Schwert im Mund. Sie ist Teil eines Glasfensters, das dem biblischen Buch der Offenbarung gewidmet ist. Nach der Vision des Johannes auf der Insel Patmos ist Christus nun kein Opfer mehr, keiner, der die Schuld der Welt auf sich nimmt, sondern der Richter des Jüngsten Gerichts, aus dessen Mund ein scharfes, zweischneidiges Schwert kommt. In der rechten Hand hält er eine Buchrolle, die mit sieben Siegeln verschlossen ist, in der linken sieben Sterne, aus denen sieben Leuchter werden. Auf dem Schwert eingraviert sind die Buchstaben Alpha und Omega.
Am Montag besuchen wir den spätgotischen Palast von Jacques Coeur (1395-1456), grand argentier, also Finanzminister des Königs Charles VII (1403-1461), der als Dauphin 1418 von Paris nach Bourges evakuiert worden ist. Jacques Coeur ist Sohn eines Pelzhändlers in Bourges, der reich wurde, weil während des Krieges ein grosser Teil des französischen Adels in Bourges lebte.
Dank einer gut überlegten Heirat kann Jacques die königliche Münzstätte übernehmen, einen Teil des Edelmetalls zweigt er ab, 1429 reist er nach Damaskus, baut sich eine Handelsflotte im Mittelmeer auf und wird zum Konkurrenten der Venezianer und Genuesen, die den Handel mit dem Orient dominiert haben. (1429 ist auch das Jahr, als Jeanne d’Arc eine Versorgungskonvoi nach Orléans bringt und den Dauphin dazu drängt, sich in Reims zum König Charles VII krönen zu lassen, obwohl die Stadt in feindlich kontrolliertem Gebiet liegt.) Jacques Coeur wird reich, er wird geadelt, er kauft sich Schlösser, er besitzt Häuser in allen wichtigen Städten, er leiht Geld aus, er beschafft König Charles VII Geld für seine Feldzüge gegen die Engländer. Die Schulden, die seine Schuldner anhäufen, werden ihm aber schliesslich zum Verhängnis. Er wird beschuldigt, für den Tod der Mätresse des Königs verantwortlich zu sein. Er wird verhaftet, schliesslich wegen Majestätsbeleidigung verurteilt. Freunde befreien ihn aus dem Gefängnis. Er kann nach Rom zum Papst fliehen, aber alle seine Besitztümer werden konfisziert. Seine Frau stirbt vor Gram. Jacques Coeur kann nie in seinem Palast leben.
Der Sohn von Charles VII, Louis XI, wird in Bourges geboren und ist in der Stadt als Denkmal verewigt. Er gründet 1463 eine Universität. Ausländische Studenten strömen in die Stadt, die oft von weiblichen Verwandten des Königs verwaltet wird. Dann folgen Pestepidemien, Brände, ein Erdbeben, 1562 die Besetzung durch fanatische Protestanten, die Zerstörungen anrichten. Es folgt die Gegenreformation, verschiedene Orden lassen sich nieder. Bald kommen keine Studenten mehr. Es folgen weitere Epidemien, die Stadt verarmt. Während des Ersten Weltkriegs werden in Bourges Kanonen gegossen. Im Zweiten Weltkrieg wird die Stadt verschont – sie ist wohl zu unwichtig geworden. Im malerischen Stadtzentrum sind heute viele Ladenlokale leer. In den leeren Jugendstil-Kaufhäusern am nördlichen Rand der Altstadt könnte man Geschäftsräumlichkeiten mieten.
Als Sehenswürdigkeit gelten Les Marais de Bourges. Im ehemaligen Sumpfgebiet sind zwischen Kanälen Gärten mit Gemüse und Blumen angelegt, die teilweise nur mit Booten erreichbar sind. Wir spazieren durch die sommerliche Hitze. (Das Bild haben wir im April aufgenommen.)
Nach dem Mittagessen sehen wir uns nochmals das Innere der Kathedrale an und betrachten einige Glasmalerien genauer. Die meisten Glasgemälde stammen aus dem 13. Jahrhundert, es gibt aber auch sehenswerte Bilder im Stil des Spätmittelalters und der Renaissance aus dem 15. und dem 16. Jahrhundert. Als es in der Kathedrale dunkler wird, merken wir, dass sich draussen wieder ein Gewitter zusammenbraut.
Hinweis für Interessierte: auf der Website des Vereins Amis de la Cathédrale de Bourges werden die Glasmalereien, die Statuen und auch die Geschichte der einmaligen Kathedrale im Detail vorgestellt.
Am nächsten Tag fahren wir bei sonnigem Wetter mit dem Zug nach Tours, Zentrum der Touraine. Normalerweise fährt die Bahn direkt in weniger als zwei Stunden hin, via Vierzon und dann im flachen Flusstal des Cher geradeaus nach Westen. Da die SNCF aber die Linie repariert und da wir uns und unserer Reisegruppe nicht ein mehrmaliges Umsteigen und eine zweistündige Fahrt in einem Bahnersatzbus zumuten wollen, fahren wir nach Orléans, trinken dort einen Kaffee und fahren mit dem nächsten Zug weiter der Loire entlang bis zum 1896 bis 1898 erbauten und denkmalgeschützten Sackbahnhof von Tours, wo wir um die Mittagszeit ankommen. Wir lassen unser Gepäck in einem gut renovierten Hotelpalast von 1846 neben dem Bahnhof und finden nach wenigen Minuten Platz im Restaurant Le Chien Jaune, das mittags zu vernünftigen Preisen ein gutes französisches Menu serviert (nicht vergessen: das französische Menu, le repas gastronomique, gehört laut UNESCO zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit). Das Restaurant empfehlen wir nicht nur wegen dem sehr stilvollen Interieur.
Tours ist eine Stadt mit rund 135,000 Einwohnern. Ein Teil der Altstadt ist im Zweiten Weltkrieg zerstört worden, anschliessend hat man die Nationalstrasse verbreitet und für den Strassenverkehr eine Schneise durch die Stadt geschlagen, die heute eine Fussgängerzone mit Strassenbahn ist.
In Tours steht die Kathedrale Saint-Gatien, benannt nach dem ersten Bischof der Stadt. Der heutige Bau wurde in den 1220-er Jahren begonnen und mit dem Bau der Türme kurz nach 1500 beendet. Stilistisch ist die Frühgotik und die Hochgotik vertreten, die markanten Türme werden der Renaissance zugeordnet. In der Kathedrale befinden sich auch gut erhaltene Glasmalereien des 13. Jahrhunderts. Im Stil der Renaissance sind die Grabmäler zweier früh verstorbener Kinder des Königs Charles VIII mit seiner Gemahlin Anne de Bretagne.
An den Heiligen Martin erinnert die Kirche Saint-Martin, die zwischen 1887 und 1925 anstelle eines 1793 eingestürzten Baus errichtet wurde. Der Heilige Martin von Tours lebte im 4. Jahrhundert in der Stadt, er wurde von der Bevölkerung zum Bischof gewählt, obwohl er kein Priester war, sondern ein Armeeangehöriger. Bekannt ist Martin vor allem durch die Darstellung, die zeigt, wie er auf seinem Pferd sitzt und mit seinem Schwert für einen frierenden Bettler vor den Toren der Stadt Amiens die Hälfte seines Militärmantels abtrennt. Der Heilige ist kein Märtyrer, sondern ein confesseur, ein Bekenner.
Grégoire de Tours, ein späterer Bischof der Stadt und als Verfasser der Historia Francorum aus dem 6. Jahrhundert eine unschätzbare Quelle für die Geschichte des frühen Frankenreichs, förderte die Verehrung von Martin. Als er selbst krank wurde, mischte er etwas Staub vom Grab des Heiligen in einem Glas Wein, trank das Gemisch und fühlte sich sofort wieder gesund. Heute befinden sich die Reste des Heiligen in der Krypta der Kirche. Staub vom Grab gibt’s keines mehr, auch rund um die Kirche ist alles zugepflastert.
Die Altstadtgassen Rue Colbert und Rue du Commerce mir ihren Geschäften und ethnischen Restaurants, die sehenswerte Place Plumereau mit ihren Fachwerkhäusern und der grossen Zahl von Menschen, die auf dem Platz essen, trinken und sich bestens unterhalten, überhaupt der Kontrast zwischen alt und neu – all dies verdichtet sich bei mir zu einem fröhlichen und dynamischen Gesamteindruck.
Züge von Tours nach Le Mans gibt es am Vormittag um 07.56 und um 11.09 Uhr. Die Mitglieder der Gruppe sind bereit, früh aufzustehen, damit wir genügend Zeit haben zum Besuch einer weiteren Stadt auf dem Hügel über einem Fluss. Der Dieseltriebwagen kommt zügig vorwärts, und nach einer Stunde sind wir in der Stadt, die für ihre 24-stündigen Autorennen bekannt ist. Gegenüber dem Bahnhof steht das Hotel einer bekannten Kette, kein ehemaliges Kloster, kein Luxusbau des 19. Jahrhunderts oder der Belle Epoque. Ganz stillos ist das zweckmässig eingerichtete Hotel trotzdem nicht. Im Eingangsberiech steht ein roter Fiat Cinquecento.
Mit der neuen Strassenbahn fahren wir zur Kathedrale Saint-Julien, benannt nach einem frühen Verkünder der frohen Botschaft. Sie steht am östlichen Rand der römischen Stadtmauer. Ähnlich wie in Bourges wurde der Chor der Kathedrale über die römische Stadtmauer hinaus gebaut, die in Le Mans sehr gut sichtbar ist.
Dass der Hügel über dem Fluss Sarthe schon seit langem nicht nur eine strategische, sondern auch eine religiöse Bedeutung hatte, verdeutlicht der Menhir, der an der westlichen Ecke der Kathedrale steht. Die hier lebenden Kelten, die von Caesar Aulerci Cenomani genannt wurden, schickten dem Gallierführer Vercingetorix eine Streitmacht von 5000 Männern für den Abwehrkampf gegen die Römer im Jahr 52 vor Christus. Nach der Integration ins Römische Reich entsteht hier eine Stadt, die unter Kaiser Diokletian ihre mit Mustern geschmückte Stadtmauer erhält. Seit dem frühen Mittelalter besteht die Grafschaft Maine, deren Zentrum Le Mans ist.
Die heutige Kathedrale wurde zwischen dem 11. und dem 15. Jahrhundert erbaut. Grob gesagt ist das Kirchenschiff, erbaut zur Zeit der Plantagenêt-Dynastie, romanisch, aus dieser Zeit stammen auch die sehenswerten Kapitelle. Der Chor, erbaut unter französischer Herrschaft, ist hingegen gotisch.
Die Kathedrale hat enorme Ausmasse, ihre Länge beträgt 134 Meter. Anders als in Bourges gibt es hier einen inneren und einen äusseren Chorumgang, mit diesem sind die Seitenkapellen des Chors verbunden. Die Glasmalereien im Chor stammen meist aus dem 13. Jahrhundert, im Kirchenschiff sieht man hingegen das älteste bemalte Fenster, Teil einer Auferstehungsszene aus dem frühen 12. Jahrhundert. Die Seitenkapelle an der Spitze des Chors, also in der direkten Verlängerung des Kirchenschiffs, ist besonders geräumig und trägt dadurch zur beträchtlichen Gesamtlänge des Gebäudes bei. Auf den Deckengemälden dieser Kapelle sind auf rotem Grund 47 Engel dargestellt, die auf verschiedenen mittelalterlichen Musikinstrumenten musizieren. Diese Malereien stammen aus dem 14. Jahrhundert.
Die kompakte Altstadt innerhalb der Stadtmauern wird als Cité Plantagenêt bezeichnet. Geoffroy V (1113-1151), Graf von Anjou, Maine und Touraine, erhielt den Übernamen Plantagenêt, weil er seine Kopfbedeckung gerne mit einer Ginsterpflanze (genêt) schmückte, vielleicht diese auch als Tarnung während der Jagd benutzte.
Geoffroy (englisch Geoffrey, deutsch Gottfried) heiratet 1128 in der Kathedrale von Le Mans als Teenager die einige Jahre ältere englische Königstochter Matilde, Enkelin des Normannen Wilhelms des Eroberers (William the Conquerer, Guillaume le Conquérant), Witwe des früh verstorbenen deutsch-römischen Kaisers Heinrich V und deswegen bei den Engländern als Empress Matilda oder Empress Maude bekannt. Matilde kann anfänglich mit dem unreifen und in der adeligen Hierarchie auf einer tieferen Stufe stehenden Ehepartner nichts anfangen, geht wieder nach England zurück, wird dort die erste weibliche Regentin Englands und der Normandie. Wenige Jahre später bietet Geoffroy Matilde an, die Ehe wieder zu erneuern, sie willigt ein und gebärt 1133 einen Sohn, der als König Henry II nicht nur England beherrscht, sondern auch die Grafschaften Anjou, Maine und Touraine sowie das Herzogtum Normandie.
Mit der Heirat von Henry/Henri II mit der schönen und lebenslustigen Erbin Eleonore von Aquitanien (Aliénor d’Aquitaine) im Jahr 1151 wird das Reich der Plantagenêt noch ein Stück grösser. Aliénor ist die Tochter des Herzogs von Aquitanien, eines Gebiets, das von Poitiers bis zu den Pyrenäen reicht und auch die Auvergne einschliesst. Brüder, die das Erbe ihres Vaters antreten könnten, hat Aliénor nicht. Im Jahr 1137 heiratet die 15-jährige in der Kathedrale von Bourges den 17-jährigen französischen König Louis VII, der eigentlich für eine kirchliche Laufbahn erzogen worden ist. Auf einem Kreuzzug 1148 in Antiochia werden Unstimmigkeiten zwischen den ungleichen Ehepartnern sichtbar. Es gelingt Aliénor, ihre Ehe mit Louis von der Kirche annullieren zu lassen. Kurz darauf heiratet sie den energischen Henri II. Die Folge: Die Planatagenêt-Dynastie regiert in England bis 1399 in direkter Linie, und der englische König herrscht über grosse Teile des französischen Festlands bis zum Ende des Hundertjährigen Kriegs Mitte des 15. Jahrhunderts. Die Leoparden auf dem Schild von Geoffrey Plantagenêt sehen wir fast neun Jahrhunderte später, im September 2022, auf der Flagge, die den Sarg von Königin Elisabeth II bedeckt.
Den Gründer der Dynastie, Geoffroy Plantagenêt, sehen wir als Abbild auf einer emaillierten Kupferplatte im archäologischen und historischen Museum Jean-Claude-Boulard-Carré Plantagenêt. Die Platte hing früher in der Kathedrale als Hinweis auf die Grablege des Grafen.
In einer Seitengasse nicht weit vom Museum finden wir eine Crêperie für unsere Mittagsmahlzeit. Am Nachmittag sehen wir uns die Kathedrale genauer an und steigen hinunter zum Flussufer der Sarthe, wo die römische Stadtmauer mit ihren dekorativen Mustern am besten erhalten ist (auf dem Frühlingsbild sieht man den Fluss, die Stadtmauer und im Hintergrund die Kathedrale).
Den nächsten Tag, den Donnerstag, haben wir für einen Tagesausflug von Le Mans nach Angers vorgesehen. Angers liegt flussabwärts auf 12 Metern über dem Meer an der Bahnlinie nach Nantes, die für Geschwindigkeiten von über 200 km/h ausgebaut ist. Sie hat rund 155,000 Einwohner, also rund 10’000 mehr als Le Mans, rund 20’000 mehr als Tours, und rund 30’000 mehr als Bern oder Lausanne.
Nicht weit vom Bahnhof entfernt steht eine der mächtigsten Festungen Frankreichs, das Schloss Angers hoch über dem Fluss Maine. Nicht Angers, sondern wie erwähnt Le Mans war Hauptstadt der Grafschaft Maine. Was den Fluss Maine betrifft, so nimmt er das Wasser der Flüsse Sarthe und Mayenne auf, ist unter diesem Namen nur elfeinhalb Kilometer lang und fliesst dann in die Loire, die ihrerseits in den Atlantik fliesst.
Die Festung Angers liegt auf einem Felsen, von welchem die Stadt gegen einen Angreifer verteidigt werden kann, der mit einer Flotte vom Meer her kommt. Die massiven Türme und Wehrmauern aus dunklem Schiefer und hellem Tuffstein wurden zwischen 1230 und 1242 gebaut unter König Louis IX (Saint-Louis). Dessen Grossvater Philippe Auguste, von einem Bruderzwist im Hause Plantagenêt profitierend, hatte Angers 1214 für die französische Krone zurückerobert. Die Festungsmauer ist zugänglich und bietet einen lohnenden Ausblick.
Angers als Hauptstadt der Grafschaft und des späteren Herzogtums Anjou ist auch Herkunftsort der französischen Anjou-Dynastie, einer jüngeren Seitenlinie der seit dem 10. Jahrhundert herrschenden Kapetinger. Die Anjou waren zeitweise Könige im Kreuzfahrerstaat und von 1246 bis 1442 Könige in Neapel. Andere Königreiche, die zeitweise von der Dynastie regiert wurden: Sizilien, Ungarn, Kroatien, Dalmatien, Albanien, Polen, dazu kamen weitere Herrschaften. Zur Dynastie gehört auch le bon Roi René, der im 15. Jahrhundert in Angers, Tarascon und Aix-en-Provence residierte und dessen Denkmal die Strassenkreuzung bewacht, die wir auf dem Weg zum Schloss überquert haben. Der Sohn von René, Herzog René II von Lothringen, schlägt Karl den Kühnen im Januar 1477 vernichtend in der Schlacht von Nancy, an der auch die Eidgenossen teilnehmen.
Die bekannteste Sehenswürdigkeit der Stadt Angers ist aber nicht die Festung selbst, sondern ein über 100 Meter langer und etwa fünf Meter hoher Wandteppich-Zyklus, der in der Festung aufbewahrt wird. La tenture de l’Apocalypse ist eine Darstellung der Offenbarung des Johannes, des letzten Buches des Neuen Testaments (griechisch Ἀποκάλυψις – die Katastrophen, die darin für die Endzeit prophezeit werden, erklären die heutige Bedeutung des Wortes Apokalypse).
Der grösste je in Europa hergestellte Teppich ist eine Illustration des Bibeltextes in Bildern, die der mittelalterlichen Realität und Vorstellungswelt entsprechen. Bestellt wurde er zwischen 1373 und 1377 vom Herzog Louis Ier d’Anjou, die Entwürfe für den Teppich stammen vom flämischen Hofmaler am Pariser Königshof Jon Bondol alias Hennequin de Bruges, gewoben wurde der Teppich aus Wolle zwischen 1377 und 1382. Der Teppichzyklus wurde hundert Jahre später der Kathedrale von Angers übergeben, wo die Teppiche lange hingen. Mit der Zeit gingen Teile verloren, erhalten sind heute 71 von ursprünglich 90 Szenen. Seit 1954 wird der etwas verblichene Teppich in einem eigens gebauten Gebäude auf der Festung ausgestellt. Für alle, die den Text der Offenbarung nicht auswendig gelernt haben, lohnt sich die Benutzung eines Audioguides. Auch die deutschsprachige Version ist sorgfältig gemacht. Legende zum Bild oben: Die Anbetung des Tieres.
Die Thematik des Weltuntergangs beschäftigte die Menschen im 14. Jahrhundert, sonst hätte man keinen solchen Teppich machen lassen. Sie beschäftigt uns auch heute im Zeitalter der Klimaerwärmung und der daraus voraussichtlich folgenden Verteilungs-, Migrations- und Hungerkrisen. Der Dramatiker Friedrich Dürrenmatt schreibt in seinem Text Zu den Teppichen von Angers über die Gefahren des Atomkriegs. Die Teppiche von Angers mit ihren Visionen des Weltendes durch Gottes Zorn und der darauffolgenden Rettung der Guten sieht er als ein verlorenes Paradies im Vergleich zu den Schrecken des Weltuntergangs, der die Menschheit sich selbst zubereitet. Der Text von Dürrenmatt wirkte auf mich im ersten Moment etwas verstaubt. Dank der grenzenlosen Weisheit unserer Politikerinnen und Politiker in Amerika, Europa und Russland ist er aber wieder aktuell.
Beeindruckt vom Wandteppich, setzten wir uns anschliessend im Restaurant Chez Pont-Pont an die Sonne. Das Restaurant liegt nicht weit vom Eingang zur Festung entfernt an der Promenade du Bout du Monde – sollte sie nicht eher Promenade de la Fin du Monde heissen? Wie dem auch sei, wir können das Restaurant empfehlen (übrigens auch das Restaurant in der Festung).
Bevor wir die Stadt verlassen, besuchen wir die Kathedrale Saint-Maurice, die dem legendären Anführer der Thebäischen Legion geweiht ist, der nach der Überlieferung in Saint-Maurice im heutigen Kanton Wallis zusammen mit seinen christlichen Mitstreitern als Märtyrer starb und begraben ist. Sie ist zu erreichen über eine breite Treppe, die vom Fluss aus geradeaus auf den Altstadthügel führt. Die Kirche hat keine Seitenschiffe, dafür ein Querschiff. Die hohen Wölbungen an der Decke seien typisch für le gothique angevin, den lokalen gotischen Baustil. Auch hier gibt es Glasmalereien aus dem 13. Jahrhundert. Da wir nun aber für die Apokalypse sensibilisiert sind, sehen wir uns vor allem die Glasmalereien in der Fensterrose des nordöstlichen Querschiffs an, die nach dem Brand von 1451 gemalt wurden und die in der Offenbarung aufgelisteten Anzeichen für das Weltende darstellen.
Zum Abschluss unseres Ausflugs überqueren wir den Fluss Maine, sehen uns die Altstadt mit Kathedrale und Festung von der anderen Seite des Flusses an, gehen zum Bahnhof Saint-Laud zurück und fahren mit einem Regionalzug nach Le Mans, wo wir ein zweites Mal übernachten.
Am Freitagmorgen fahren wir mit dem Zug in einer Stunde zum letzten Reiseziel, nach Chartres.
Chartres ist eine kleine Stadt mit einer gewaltigen Kathedrale, die wie die Kathedrale in Bourges als UNESCO-Weltkulturgut gilt. Sie wurde in etwa 30 Jahren anfangs des 13. Jahrhunderts errichtet und ist mit ihren gut erhaltenen Statuen und Glasfenstern eine der bekanntesten Kathedralen der Hochgotik.
Wir deponieren zuerst unser Gepäck im Hotel, suchen dann einen Ort, wo wir Kaffee kriegen (die Boulangerie Feuillette sei hiermit empfohlen) und nehmen in der Kathedrale an einer Führung teil.
Es gibt in Chartres eine Führung, die die Institution Kirche anbietet, dabei werden die Krypta und das Innere der Kirche besichtigt, dabei wird auch die religiöse Bedeutung des Baudenkmals erklärt. Es gibt ausserdem eine Führung des staatlichen Centre des monuments nationaux durch die oberen Teile der Kathedrale, dabei stehen architektonische und denkmalpflegerische Aspekte im Vordergrund. Beide Institutionen haben in der Kathedrale unterschiedliche Schalter. Da wir zwei Tage in Chartres verbringen, buchen wir die eine Führung am ersten, die andere am zweiten Tag.
Am Freitag wird jeweils während einigen Stunden das bekannte und seit dem Bau bestehende Labyrinth freigelegt, auf dem sonst Stühle stehen. Plakate weisen darauf hin, wie man auf dem Labyrinth gehen soll. Mitmenschen sind meditativ auf dem Labyrinth unterwegs, einige barfuss.
Wir schliessen uns einer kirchlichen Führung an. Wir besuchen dabei die 105 Meter lange Krypta aus dem 11. Jahrhundert mit der Kapelle Notre-Dame-sous-Terre und sehen einen gallischen Ziehbrunnen, der an der Aussenwand des früheren Kirchenbaus stand, im frühen Mittelalter für die Versorgung der Stadt mit Trinkwasser diente und 1902 wiederentdeckt wurde.
Während der Führung wird darauf hingewiesen, dass beim Brand der früheren Kathedrale 1194 eine grosse Glasmalerei unversehrt geblieben ist. Diese Glasmalerei, Notre-Dame de la Belle-Verrière genannt, befindet sich heute rechts am Beginn des Chorumgangs. Auffallend ist, dass die für sie verwendete blaue Farbe heller ist als das Blau der sie umgebenden und etwas späteren Glasmalereien des 13. Jahrhunderts.
Bauherr der Krypta war Bischof Fulbert, der Bischof von Chartres war von 1006 bis zu seinem Tod 1028. Er förderte den Marienkult, legte fest, dass Maria am 8. September geboren wurde und ihre Empfängnis deswegen am 8. Dezember gefeiert werden soll.
Gleichzeitig war Fulbert auch Philosoph und Leiter der Schule, die an der Kathedrale von Chartres bestand und bis zur Gründung der Sorbonne in Paris um 1250 eine führende Ausbildungsstätte war. Wissenschaft, das war damals einerseits das Trivium, bestehend erstens aus der Grammatik, zweitens aus der Logik, dazu gehörte die Dialektik, bei der es um die argumentative Beweisführung ging, und drittens aus der Rhetorik, mit wurde erreicht, dass jemand beispielsweise überzeugend vor einem Gericht argumentieren konnte. Aufbauend auf dem einfacheren Trivium – davon abgeleitet der Begriff trivial – ging es im Quadrivium erstens um Arithmetik, zweitens um Geometrie – dazu gehörten auch Geografie und Naturgeschichte, drittens um die Musik und viertens um die Astronomie. Zusammen bildeten diese Wissenschaften die sieben freien Künste (les sept arts libéraux). Warum frei? Weil sie nicht dem Gelderwerb dienten, im Gegensatz zu den handwerklichen Tätigkeiten beispielsweise der Ärzte, die nicht als Wissenschaft galten.
Die Kathedrale gilt als Haus der Gottesmutter Maria auf Erden, in ihr ist deswegen niemand begraben. Die wichtigste Reliquie ist die sancta camisia, die Karl der Karle / Charles le Chauve im Jahr 876 der Kirche schenkt, ursprünglich ein Geschenk der byzantinischen Kaiserin Irene an Karl den Grossen. Die Reliquie war lange verschlossen, man nahm an, es handle sich um ein Hemd, und ein Hemd ist auch verschiedentlich in der Kathedrale dargestellt, auf der Kanzel, auf einem Schlüsselloch und anderswo. Inzwischen wird die Reliquie, ein grosses Seidentuch, als Schleier Marias bezeichnet.
In einem Verzeichnis der Glasfenster von Chartres finde ich 176 Fenster. Einige Fenster sind weiss, aber die meisten Fenster sind bemalt; typischerweise sind pro Fenster etwa 25 verschiedene Szenen dargestellt .- man kann die Anzahl Szenen ausrechnen. Um die Szenen zu verstehen, braucht es Zeit und manchmal ein Fernglas. Auch bei der Betrachtung der Skulpturen an den Portalen sollte man sich nicht beeilen. Sonst verpasst man die Darstellung des Mordes an Thomas Becket am Südportal, die wir lange suchten.
Thomas Becket (um 1119-1170) war Erzbischof von Canterbury. Als solcher hatte und hat er das alleinige Recht, den König von England zu krönen – dies wird bei der für 2023 erwarteten Krönung des neuen Königs Charles III nicht anders sein.
Nun meinten einige Bischöfe, sie könnten Henry the Young King (1155-1183, Sohn von Henry II mit Eleonore von Aquitanien / Aliénor d’Aquitaine) selbst krönen, und sie taten dies im Juni 1170, worauf sie von Thomas Becket exkommuniziert wurden. Sehr zum Ärger von Henry the Young King, der sich darauf in einer Weise äusserte, die von seinen Zuhörern als Aufforderung verstanden wurde, den Erzbischof zu töten. So geschah es dann im Dezember 1170 in der Kathedrale von Canterbury (wir verzichten hier auf eine genauere Schilderung der grausamen Tat). Johannes von Salisbury, Beckets Sekretär, Freund und Augenzeuge des Anschlags, wurde von 1176 bis zu seinem Tod 1180 Bischof von Chartres.
So ist es nicht erstaunlich, dass wir in Chartres eine Skulptur finden, die den Mord darstellt, und dazu ein ganzes Kirchenfenster mit einer Darstellung des Lebens von Thomas Becket, der 1173, nur drei Jahre nach seiner Ermordung, heiliggesprochen wurde.
Zurück zum helleren Blau der Belle-Verrière und der drei grossen Glasfenster an der Westfassade. Dieses Blau wurde oft als bleu de Chartres bezeichnet und es wurde behauptet, man könne diese Farbe heute nicht mehr herstellen. Das Centre des Monuments Nationaux in seiner Publikation zur Kathedrale titelt dazu: Le «bleu de Chartres», une fiction. Die drei Autoren der Publikation schreiben, dass diese blaue Farbe nicht spezifisch für Chartres ist, sondern alle Glasfenster des 12. Jahrhunderts betrifft. Bis zum 12. Jahrhundert verwendete man Glas, das in der Römerzeit vom östlichen Mittelmeerraum nach Europa gekommen war (offenbar vor allem aus dem Soda, das man im Natron Valley / Wadi el Natrun in Ägypten fand). Dieses Glas schmolz man zusammen mit Asche ein und verwendete es wieder, beispielsweise in Chartres. Erst im 13. Jahrhundert gelang es in Europa offenbar, blaues Glas aus einer Mischung von Silizium (Quarzsand), Kalium / Kaliumcarbonat und Kobaltoxyd herzustellen.
Am letzten Abend essen wir zusammen in einem eher noblen Restaurant.
Am nächsten Morgen reisen wir ab. Es ist ein ruhiger Sonntagmorgen, die Strassen sind verlassen, Nebelschwaden umhüllen die Kathedrale. Nebel sehen wir auch in den Niederungen auf unserer Fahrt nach Paris. Im Sommer haben wir unsere Reise begonnen, im Herbst beenden wir sie. Neben dem Bahnhof Montparnasse nehmen wir den Bus 91, der zum Bahnhof Gare de Lyon fährt.
Wir haben Fahrkarten nach Belfort-Montbéliard TGV gelöst auf der Website der französischen Staatsbahn. Auf der Website der SBB haben wir Fahrkarten von Meroux an die verschiedenen Wohnorte unserer Mitreisenden in der Schweiz gekauft. Warum von Meroux? Wie kommen wir denn vom Bahnhof Belfort-Montbéliard TGV zum Bahnhof Meroux?
Mit dem Lift. Unten im Bahnhof Belfort-Montbéliard TGV steigt man am Ende des Bahnsteigs ein und steigt oben im Bahnhof Meroux aus.
Und warum haben die beiden Bahnhöfe, die übereinander liegen, nicht den gleichen Namen? Das bleibt für uns ein Geheimnis. Vielleicht will man die Reisenden davon abhalten, auf diesem eher kurzen und günstigen Weg in die Schweiz zu fahren.
Von Meroux fährt unser Zug jedenfalls direkt nach Delémont und Biel. Wir verabschieden unsere Mitreisenden und hoffen, sie bei einer anderen Gelegenheit wieder zu sehen.
Nach der Besichtigung so bedeutender mittelalterlicher Kulturdenkmäler fragen wir uns: Wie sind die Menschen des Mittelalters? Ich glaube, dass sie uns ähneln. In der gesamten Menschheitsgeschichte sind 800 Jahre ein kurzer Zeitraum. Und doch gibt es Unterschiede. Wahrscheinlich fiel unseren mittelalterlichen Vorfahren nicht ein, an der Existenz Gottes zu zweifeln. Wozu auch, was hätten sie davon gehabt? Glaube und Wissenschaft wurden, wenn ich dies richtig verstehe, nicht als Gegensätze verstanden. Je mehr der Mensch erfuhr, desto mehr Respekt konnte er vor dem Wunder der Schöpfung haben. Es gab ab dem 12. Jahrhundert Strömungen und Menschen, die von der Kirche als Ketzer geächtet wurden: die Albigenser, die Waldenser zum Beispiel. Der Intellektuelle Abaelardus / Abélard forderte die kirchliche und akademische Hierarchie heraus und wurde ebenfalls ausgegrenzt. Aber weder die Katharer noch die Albigenser noch Abélard noch seine Anhänger waren Atheisten.
Ihr Glaube hindert die Menschen des Mittelalters keineswegs daran, leidenschaftlich zu sein in verschiedener Hinsicht. Die Leidenschaft in der Liebe wird ausgedrückt in den Briefen, die die um 1164 verstorbene Héloïse an Abélard schreibt und deren Lektüre hiermit empfohlen sei. Bevor Aliénor d’Aquitaine, Enkelin eines Herzogs und Minnesängers, sich dafür einsetzt, dass ihre Ehe mit König Louis VII im Jahr 1152 annulliert wird, klagt sie angeblich, sie habe einen Mönch geheiratet.
Auch die destruktiven Leidenschaften fehlen nicht. Schon damals sind die meisten Menschen nicht Heilige. Leidenschaftlich ist die Geldgier von Persönlichkeiten wie Jean de Berry, trotz seinen Stundenbüchern, die eigentlich für fromme Stundengebete dienen sollen. Leidenschaftlich ist auch der Machthunger all derer, die für ihre Herrschaft in unzähligen Kriegen kämpfen und kämpfen lassen, töten und töten lassen. Werden sie dafür zur Strafe bis in alle Ewigkeit in der Hölle von Teufeln gepiekst und in Bottichen gekocht? Wir wollen nichts ausschliessen!
In welchen Hotels haben wir übernachtet? In Lyon, Bourges und Chartres übernachteten wir jeweils in zentral gelegenen Mercure-Hotels, in Le Mans im Ibis nördlich des Bahnhofs, in Tours im Hotel Oceania.
Nun zu den Restaurants, denen wir verdanken, dass wir während dieser Reise nicht abgenommen haben: In Lyon empfehlen wir die Brasserie Georges, wo wir den ersten Abend unserer Reise verbracht haben – das Interieur und das Essen wirken traditionell und authentisch, das Publikum ist durchmischt und fröhlich. In Bourges finden wir Le Sénat und Le Beauvoir gut, in Tours Le Chien Jaune und die libanesischen Restaurants und das äthiopische an der Rue du Commerce; auch auf der Place Plumereau haben unsere Kollegen gut gegessen. In Le Mans können wir die Crêperie Le Roy d’Ys empfehlen und das Restaurant Le Vigo, in Angers Chez Pont-Pont, in Chartres für einen Kaffee mit Patisserien die Boulangerie Feuillette, für das Mittagsmenü Le Serpente gleich neben der Kathedrale und das edle L’Amphytrion, wo wir am letzten Abend gut und stilvoll essen und trinken.
Dieser Bericht ist keine abschliessende Beschreibung der besuchten Städte und Kathedralen. Wir haben das erwähnt, was uns beeindruckt hat. Es gibt viel zu sehen. Ein weiterer Besuch lohnt sich bestimmt.