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Eine Wundertechnologie
In der Geschichtsschreibung besteht oft die Tendenz, grosse Produktinnovation ins Zentrum zu stellen: die Erfindung des Telefons, des Motors oder des Penicilins. Ebenso wichtig sind aber Prozessinnovationen, und für die Produktivität einer Volkswirtschaft sind sie möglicherweise sogar bedeutender als Produktinnovationen.
Die vielleicht wichtigste Prozessinnovation in der Industriegeschichte feiert dieses Jahr das hundertjährige Jubiläum: das Fliessband. 1913 begann die Ford Motor Company in Detroit damit, Automobile durch Fliessbandarbeit herzustellen. Mit einer Rekordgeschwindigkeit produzierte das Unternehmen ein Auto nach dem andern.
Die Prozessinnovation erlaubte Ford, die Preise massiv zu senken, so dass sich auch die Mittelschichten ein Auto leisten konnten. Mit der Zeit erreichte Henry Ford sogar das Ziel, dass seine eigenen Arbeiter mit ihrem Einkommen ein Autor kaufen konnten. Kein Wunder, war das Presseecho überwiegend positiv. Viele sprachen von einer «Wundertechnologie» («miracle technology»).
Es gibt zahlreiche Gründe, warum das Fliessband zuerst in den USA eingeführt wurde. Das Land hatte die dynamischste Wirtschaft, einen grossen Binnenmarkt und höhere Löhne. Hohe Arbeitskosten zwangen die Unternehmer dazu, ständig nach neuen Wegen zu suchen, um zu rationalisieren (Habakkuk-These).
Ein weiterer Grund war, dass Detroit in der Nähe von Chicago liegt, wo damals die grössten Schlachthöfe der Welt lokalisiert waren. Die Grossmetzgereien hatten schon seit längerem die Arbeitsschritte unterteilt und eine Vorform des Fliessbands eingeführt. Im Unterschied zur Industrie setzten sie aber nicht ein neues Produkt zusammen, sondern zerlegten das Vieh in genau definierten Schritten in seine Einzelteile. Alles andere war gleich.
Für viele gut qualifizierte Arbeiter kam die Einführung des Fliessbands einer Degradierung gleich. Bis anhin hatten sie mit grossem handwerklichem Geschick ein Auto von Grund auf gebaut. Ab 1913 war dies nicht mehr möglich. Wie Frederick Taylor, einer der Begründer der Betriebswirtschaftlehre, wenige Jahr zuvor geschrieben hatte, war es wichtig, die Herstellungsschritte so stark zu trennen und zu vereinfachen, dass unqualifizierte Arbeiter eingesetzt werden konnten.
Auf der anderen Seite kann man nicht genug betonen, dass die Einführung des Fliessbands in der Tat eine Art «Wundertechnologie» war. Die Produktivitätsfortschritte waren enorm, und sie kamen mit der Zeit der überwiegenden Bevölkerung zu gute.
Es verhält sich ähnlich wie bei der industriellen Revolution, die Ende des 18. Jahrhunderts in England begann. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts verschlechterten sich zeitweise die Lebensbedingungen der englischen Arbeiterschaft, aber ab 1850 erfolgte ein beispielloser Anstieg des Lebensstandards, der bis weit ins 20. Jahrhundert anhielt, nur zeitweise unterbrochen von Weltkriegen und Wirtschaftskrisen. Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung des realen Arbeitereinkommens von 1781 bis 1791 (Quelle: Charles H. Feinstein, Pessimism Perpetuated: Real Wages and the Standard of Living in Britain during and after the Industrial Revolution, The Journal of Economic History, Vol. 58, No. 3 (Sep., 1998), pp. 625-658.)
Wenn im Schulunterricht oft nur auf die sozialen Probleme der Industrialisierung verwiesen wird, so ist das völlig einseitig. Ich kann mich gut an die Geschichtsstunden erinnern. Wir lernten sehr viel über Karl Marx und die russische Revolution, aber kaum etwas über die Verbesserung des Lebensstandards. Insbesondere haben wir nie erfahren, dass just zu dem Zeitpunkt, als Marx im Londoner Exil den ersten Band des Kapitals publizierte, die Verelendungstheorie besonders fragwürdig war. Nie zuvor hatten die englischen Arbeiterhaushalte real so viel verdient wie 1867. Als Friedrich Engels 1885 und 1894 den zweiten und dritten Band des Kapitals veröffentlichte, war es noch weniger plausibel, dass das Proletariat die Revolution anstrebte. Der Lebensstandard war weiter angestiegen.
Es wäre falsch, die negativen Konsequenzen des Fliessbands oder der Industrialisierung auszublenden. Aber es ist dringend notwendig, dass die Schülerinnen und Schüler lernen, wie wichtig grosse technologische Durchbrüche für die Verbesserung der Lebensstandards sind.