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Die Schlagzeilen überboten sich: «Strahlenangriff in Havanna», «Schallattacken auf US-Diplomaten in Kuba» – natürlich wurden die Russen verdächtigt. Besassen sie eine neue Geheimwaffe? Die USA zogen in der Folge über die Hälfte ihres Botschaftspersonals ab und wiesen fünfzehn kubanische Diplomaten aus.
Zwischen Ende 2016 und Sommer 2017 klagten an die achtzig US-Botschaftsangehörige in Havanna über akut einsetzende Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit. Als Auslöser nannten sie einen plötzlich einsetzenden, schrillen Lärm. WissenschaftlerInnen unterschiedlichster Couleur nahmen Witterung auf und suchten nach Spuren, die zur Geheimwaffe hinter diesen «Akustik-Attacken» führen würden. Rasch gerieten Schallwellen, insbesondere Mikrowellen, in den Fokus. Sollte der Lärm nur von Frequenzen jenseits des hörbaren Bereichs ablenken, die die tatsächlichen Hirnschäden verursachten? Noch ein Jahr später litten nicht wenige unter Tinnitus, chronischen Kopfschmerzen und Sehstörungen und waren arbeitsunfähig. Aber man hatte weder eine «glaubwürdige Hypothese» noch eine «wissenschaftliche Erklärung» gefunden.
Damit gaben sich die Biologen Alexander Stubbs und Fernando Montealegre-Zapata nicht zufrieden und setzten dort an, wo jede seriöse Detektivin es tun würde: Sie analysierten das Beweismaterial. Einige der Botschaftsangehörigen hatten den Lärm in ihren Wohnungen auf Tonband aufgenommen. Ein Abgleich der Aufzeichnungen mit Aufnahmen aus einschlägigen Datenbanken grenzte die Anzahl möglicher Verdächtiger rasch ein – der mutmassliche Übeltäter heisst Anurogryllus celerinictus, auch bekannt als kurzschwänzige westindische Grille. Der akustische Fingerabdruck ihres Zirpens auf den Tonbandaufnahmen stimmt punkto Lautstärkespektrum, Dauer, Pulsrate und Anzahl Schwingungen pro Puls mit dem im Feld aufgezeichneten Original überein. Sogar den Verzerrungseffekt der Tonbandaufnahmen vermochten die beiden Insektenforscher zu reproduzieren und zu erklären – indem sie die Feldaufnahmen via Lautsprecher in einem Innenraum abspielten. Unklar bleibt, ob A. c. auch für die gesundheitlichen Probleme verantwortlich ist.
Anurogryllus celerinictus stammt übrigens nicht aus Kuba (und auch nicht aus Russland). Die Grille ist vielmehr in den Florida Keys beheimatet und wahrscheinlich auch von dort auf die Insel gelangt – vielleicht sogar mit der Invasion in der Schweinebucht?
Die Nachrichtenagentur Associated Press hat eine der Tonbandaufnahmen im Oktober 2017 veröffentlicht – und schon da als grillenähnliches Gezirpe bezeichnet. Siehe www.youtube.com/watch?v=rgbnZG85IRo.