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Rassismus-Vorwurf als Geschäftsidee?
Der Cartoonist des «Tagesanzeigers» hat es in geradezu genialer Vereinfachung auf den Punkt gebracht. Er zeichnet Prinz Harry an der Seite seiner Gattin Meghan, beide mit Sprengkörpern in der Hand. Harry ist gerade dabei, die dritte angezündete Bombe unter den Fauteuil zu rollen, auf dem seine betagte Grossmutter Königin Elisabeth sitzt. Dieser Sprengkörper ist mit dem toxischen Wort «Rassismus» markiert. Zwar liegen schon zwei andere Bomben unter dem Stuhl. Aber die «Rassismus»-Bombe ist offenbar die schärfste und gefährlichste von allen – das suggeriert auch der Titel des Artikels auf der Frontseite zum Thema, das mindestens die halbe Welt bewegt: Das Gespräch von Harry und Meghan mit der US-Talkmasterin Oprah Winfrey.
Was genau ist passiert, um dem Königshaus Rassismus vorzuwerfen? Ihr Mann, so erzählt Meghan, habe ihr berichtet, dass am Hofe über die mögliche Hautfarbe ihres ersten gemeinsamen Kindes geredet worden sei. Meghan, muss man wissen, hat eine schwarze Mutter und einen weissen Vater, ihre Hautfarbe gehört also zum Spektrum, das man früher als Café-au-lait bezeichnete.
Was genau daran rassistisch ist, wenn jemand von der möglichen Hautfarbe eines ungeborenen Kindes in einer gemischtrassigen Ehe spricht, ist ein Thema für sich und wäre einer vertieften Erklärung wert. Ein grosser Teil des Publikums scheint aber überzeugt, dass es da nichts zu diskutieren gibt. Das ist Rassismus. Punkt.
Eine andere Frage aber ist, ob das, was Meghan von Harry gehört hat, überhaupt zutrifft. Hat es diese Gespräche am Hof tatsächlich gegeben? Dieser veröffentlichte nach der Oprah-Show eine kurze Erklärung in ziemlich versöhnlichem Ton. Das angesprochene Thema über Rassismus sei beunruhigend und es werde privat in der Familie besprochen. Es folgt der Satz: «Einige Erinnerungen mögen variieren.» Damit wird diskret darauf hingewiesen, dass die Harry-und-Meghan-Version nicht unbedingt der objektiven Wahrheit entspricht.
Dieser Einwand ist nicht unbegründet, wenn man in Betracht zieht, dass Harrys amerikanische Gattin Meghan und noch mehr die Talkmaster-Queen Oprah sehr viel vom Showgeschäft verstehen. Sie wissen genau, welche Reizwörter am besten geeignet sind, in den Boulevardmedien aufwühlende Empörungswellen zu produzieren und das Voyeurismus-Interesse der Fernsehzuschauer in aller Welt zu bedienen. Vor diesem Hintergrund mutet der Gedanke jedenfalls nicht allzu weit hergeholt an, dass die toxische Rassismus-Geschichte mit Bedacht und nicht ohne geschäftliches Kalkül in diese Zirkus-Inszenierung eingebaut worden ist. Schliesslich müssen die beiden Royals jetzt eigenes Geld verdienen, seit sie nach Amerika geflüchtet sind.
Es ist grundsätzlich ein Fortschritt, dass die Welt im Vergleich zu früheren Zeiten hellhörig gegen Rassismus geworden ist. Aber ebenso ist auch Hellhörigkeit und Skepsis dort am Platz, wo ein begründeter Verdacht sich aufdrängt, dass der unscharfe Begriff lediglich als Totschlagargument missbraucht wird, um differenzierte Wahrnehmungen über umstrittene Vorgänge zu verhindern – oder um die eigenen Geschäfte im Wettbewerb um mediale Aufmerksamkeit voranzutreiben.