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Was ist «Leichte Sprache»? Und was unterscheidet sie von der «einfachen Sprache»? Es sind vereinfachte Formen des Deutschen. Als wichtige Instrumente für Barrierefreiheit sind diese Vereinfachungen relevant für die Inklusion. Menschen, die sprachlich weniger kompetent sind, verstehen besser, was ihnen gesagt oder geschrieben wird. Es ist eine „Entkomplizierung“, die bestimmten Regeln folgt.
Ralph Kunz
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Der Text besteht zum Beispiel nur aus kurzen Sätzen und einfachen Wörtern. Leichte Sprache ist hinsichtlich der Regeln strenger als schwere Sprache. Im Blick sind verschiedene Zielgruppen. Neben den Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung sind auch solche im Fokus, die durch eine Krankheit in ihrer Wahrnehmung beschränkt sind. Für andere bedeutet das Reden in fremder Zunge eine Herausforderung. Auch ihnen kommt ein Deutsch entgegen, das mit einer einfachen Syntax, weniger Genitiven und Konjunktiven daherkommt. Aber ist das der Sinn der Sache? Müsste es nicht das Ziel sein, diese Gruppe zu fördern?
Mir kommt Musa in den Sinn. Er kam als Flüchtling nach Basel und landete in einem Hilfsprogramm der Matthäuskirche. Ich versuchte ihm Deutsch beizubringen. Der Erfolg meiner Bemühungen war sehr bescheiden. Eines Tages erklärte mir Musa, er wolle nicht mehr in den Unterricht kommen. Seine Erklärung leuchtete mir sofort ein: «Viel Denken Kopf kaputt.» Weil ihm so viel auf der Seele lag, fiel ihm das Lernen schwer.
Die Gründe, warum jemand weniger versteht, nicht lernen kann oder will, sind sehr vielfältig. Passt ein Konzept für so viele Situationen? Beim leichten Sprechen ist tatsächlich Vorsicht geboten. Man kann es sich damit zu einfach machen. Wie schnell fallen wir in eine infantilisierende Sprechweise! Wenn mein Gegenüber Mühe hat, mich gut zu verstehen, ist das kein Grund, sie oder ihn nicht für voll zu nehmen. Wie man Rücksicht nehmen und auf Augenhöhe kommunizieren kann, will gut überlegt sein. Dazu gehört, auf die unterschiedlichen Ursachen für eine geringere Sprachkompetenz zu achten: Erwachsene Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung sind keine Kinder mehr, Menschen mit Demenz haben andere Verstehensbarrieren als Schwerhörige. Ein blinder Freund klagte einmal: «Sobald die Leute merken, dass ich nicht sehe, sprechen sie mit mir, als ob ich nicht ganz richtig im Kopf bin. Sie reden lauter, in einfachen Sätzen. Oder sie reden mit dem Hund über mich.»
Sehr vereinfacht gesagt: Falsch verstandene und falsch verwendete Sprach-vereinfachung ist einfach nur peinlich. Das liegt nicht am «Konzept» der leichten Sprache – es liegt am Umgang mit ihm. Aber versteht sich das nicht von selbst? Mein Bemühen um Verständlichkeit müsste eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Ich will verstanden werden. Und mein Gegenüber soll verstehen, dass ich mich nicht herablasse, sondern ihr oder ihm entgegenkommen will.
Voilà! Warum reden wir dann permanent und penetrant von Sprachniveaus? Ich finde das Gegenüber-Modell hilfreicher als das Stufenmodell. Eine Sprache, in der von «oben» und «unten» gesprochen wird, beziehungsweise eine Sprache, die mit einem «hohen» und «tiefen Niveau» bewertet wird, betont bei den Anwendenden die angestrengte Anpassung nach unten. Eine entgegenkommende Sprache ist leichtfüssiger unterwegs. Sie freut sich auf die Begegnung und Beweglichkeit, die ein entschlacktes Sprachspiel ermöglicht.
Sieht man im Einfacheren nur das tiefere Niveau, verpasst man ausserdem seinen Charme. Wer einfacher spricht, muss sich nicht aufblasen, wer das Verschachtelte meidet, will sich nicht verstecken, wer auf die Pfauenfedern der Fremdwörter verzichtet, schätzt die regionalen Produkte der eigenen Sprache umso mehr. Easy, oder?
Es ist das ureigenste Interesse der Sprecherin, dass ihre Rede verstanden wird. Nichts einfacher als das. Sag einfach, was Sache ist. Könnte es sein, dass uns, die wir in der Kirche wirken, dies besonders schwerfällt? 2015 – ein Blog, der zu reden gibt, Erik Flügge, Kommunikationsfachmann, spricht den Theologen ins Gewissen und fragt: Verreckt die Kirche an ihrer Sprache?
Flügge spricht Klartext. Man versteht ihn. Es ist zwar derb ausgedrückt, aber wahr. Er opponiert gegen den «Kirchsprech». Gemeint ist der klerikale Mundgeruch. Wenn es nach Kirche, Belehrung und Moral riecht. Wenn frommes Geschwurbel, Sprache Kanaans, klerikal verhauchtes Sprechen, weltfremdes, kompliziertes und unverständliches Predigtpathos, schwere und gewichtige Worte, grosse philosophische Brocken gewälzt werden … dann sind wir bei den klassischen Sprech-Sünden der Berufsredner:innen im gottesdienstlichen Milieu. Wer kennt sie nicht? Und wer stimmt Flügge nicht spontan zu, wenn er als Lösung vorschlägt:
«Es wäre doch am Ende recht einfach. Macht’s wie der Chef. Jesus hat sich doch auch Mühe gegeben, irgendwie verständlich zu sein. Er hat den Leuten etwas mit Bildern und Begriffen erklärt, mit denen sie etwas anfangen konnten. Seine Zuhörer wussten, wer die Samariter sind und wie ein Senfbaum aussieht. […] Darf ich einen Deal vorschlagen: Sprecht doch einfach über Gott, wie ihr beim Bier sprecht. Dann ist das vielleicht noch nicht modern, aber immerhin mal wieder menschlich, nah und nicht zuletzt verständlich. Na denn, PROST!»
Flügge hat Recht, wenn er Kirchenmenschen mahnt, den «Kirchsprech» zu überwinden. Aber er macht es sich zu einfach mit seiner Bieridee: Leicht ist nicht seicht, Rede kein Schwatz. Dagegen sind die Regeln der leichten und die Empfehlungen der einfachen Sprache wie eine Diät – eine Rosskur für sprachlich Übergewichtige. Das hat seinen Sinn. Dennoch – ganz befriedigend ist auch die Reduktionslösung nicht! Wir können unsere Satzmonster zerschlagen und alle Fremdwörter ausrotten, wir können 8-Wörter-Sätze aneinanderreihen und Verschachtelungen auflösen – aber dem Geschmack des Einfachen sind wir noch nicht auf der Spur.
Wir übersehen das kreative Moment. Die Verknappung der Mittel ist auch ein Stilmittel! Das Einfache muss nicht simpel sein, die Reduktion kann den Geschmack verstärken, das Karge den Sinn schärfen.
Wir haben im Ritus ein naheliegendes Beispiel für eine solche geschmacksverstärkende Reduktion. Im Abendmahl begegnen wir dem Elementaren – reden nicht über etwas, theoretisieren nicht, sondern vollziehen Sprechakte, die uns in ein Geschehen hineinführen, das zu uns spricht. Im wissenschaftlichen Sprachspiel nennt man diese Kommunikation «symbolisch».
Der Begriff hat seine Tücken. Hier geht es nur um das Plus des Einfachen, das man dabei erfahren kann. Dieses Plus ist uns Reformierten ins liturgische Stammbuch geschrieben. Als Huldrych Zwingli sich daran machte, die Messe zu reformieren, schuf er ein Meisterstück der Einfachheit. Sein Formular sollte für alle verständlich sein: Darum deutsch und nicht lateinisch, darum in Gruppen mitgesprochen und nicht nur von Profis rezitiert, darum knapp und nahe an der biblischen Szene. Kein spekulatives Geschnatter, kein geheimnisgeladenes Gemurmel. Das Ziel der Reform war, dass alle mitfeiern können. Dank einem mageren Formular, in dem nichts zerredet und fest darauf vertraut wird, dass die Gesten und die wenigen Dinge – der Tisch, das Brot und der Wein in einfachem Geschirr – für sich sprechen.
Ob sich leichte Sprache und Liturgie etwas zu sagen haben? Musa würde vielleicht einwerfen: Viel denken Kopf kaputt. Und ich denke: Manchmal bringt es etwas, wenn wir darüber reden, wie wir miteinander reden und daraus lernen, einander als Menschen zu verstehen. Dann heisst es: Viel danken Herz leicht.
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Ralph Kunz ist Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich
Die Tagung zum Thema: «Verstehen wir uns? Eine Tagung für alle, die sich für leichte Sprache interessieren» am 29.8.2022 in Zürich. Mehr dazu hier.