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Von JANOS MOSER.
Kurd Lasswitz (1848 – 1910) gilt als Begründer der deutschen Science-Fiction. Seinem zweibändigen Werk „Auf zwei Planeten“ verdankt er den Namen eines deutschen Jules Verne. Lasswitz, der ein Verehrer Kants, Goethes und Fechners war, schrieb neben literarischen Texten auch theoretische Abhandlungen. Während viele dieser Arbeiten der Populärwissenschaft zuzurechnen sind, ist Lasswitz wohl einer der ersten Autoren, der sich in „Über Zukunftsträume“ (1889) über die theoretischen Aspekte der SF („naturwissenschaftliche Märchen“) Gedanken machte. Nicht zuletzt – und das ist für FreiesFeld ganz besonders interessant – erschien im Band „Seelen und Ziele“ (1908) der Aufsatz „Spiel und Instinkt“.
Worum geht es in „Spiel und Instinkt“? Die Antwort ist simpel: Gesucht wird nach einer Erklärung, warum Lebewesen spielen. Nach einer Einführung, in der Lasswitz beschreibt, wie er ein über Schneehügel hüpfendes Kind oder einen einem Wagen hinterherjagenden Hund beobachtet, kommt er zu einer Zusammenfassung einiger bisheriger Theorien. Allgemein bekannt kann das Spiel naturwissenschaftlich betrachtet nur auf zwei Pfeilern gründen: auf einer Bedingung oder einem Nebenprodukt der Entwicklung der Arten. Die Theorie des „Kraftüberschusses“, die „kein geringerer als Schiller“ aufgestellt hat, gehört zur letzteren Kategorie. Ihr zufolge soll das Spiel „darauf beruhen, dass ein Überschuss angesammelter Lebenskraft zu einer Entladung drängt.“ Ist „kein ernster Anlass“ zu einem solchenVerbrauch vorhanden, so wird ein freiwilliger gesucht. „Das Tier, das Kind, der Mensch spielt, das Gefühl der eigenen Kraft, auf den höheren Stufen das damit verbundene Freiheitsgefühl, erklärt die Lust am Spielen.“ Für Lasswitz betont die Kraftüberschusstheorie bestimmt die Gefühlsseite des Spiels, nicht aber dessen Ursprung. „Das Vorhandensein überschüssiger Kraft erleichtert zweifellos das Eintreten des Spiels, bei vielen Spielen wird es die Hauptursache sein, aber sie ist durchaus nicht immer dazu notwendig.“
So wie bei Schiller sieht sich Lasswitz auch bei Herbert Spencers Theorie der Nachahmung und Groos‘ Theorie der Selbstnachahmung nicht gänzlich überzeugt. „Wenn das kleine Mädchen seine Puppe füttert oder abstraft, so beruht dies gewiss auf Nachahmung. Auch wenn die alte Katze mit ihren Jungen spielt, oder wenn der Spaziergänger mit seinem Stocke spielend Stösse ausführt, mag dies auf Nachahmung beruhen, nämlich auf Selbstnachahmung (…). Was aber ahmt der Junge nach, der über den Schmutzhaufen klettert, oder der Hund, der dem Wagen nachhetzt?“ Im Spiel von z.B. Kleinkindern will Lasswitz vielmehr „Vorübungen für Tätigkeiten, die erst später im Ernste ausgeführt werden sollen“ sehen. Deshalb werden die Ursachen des Spiels unter denjenigen Vorgängen gesucht werden müssen, die einen „direkten oder indirekten Nutzen“ im Kampf ums Dasein haben. In diesem Zuge führt er die Theorie der Erholung aus, welche von einem gewissen „Lazarus“ vertreten wurde. Hierzufolge sei das Spiel eine Form der „tätigen Erholung“. Lasswitz: „So jagt sich der Schüler in der Zwischenstunde auf dem Hofe herum, und der Lehrer geht des Abends zum Kegelspiel.“ Aber auch hier wirft er ein: „Wovon (…) sollen sich die jungen Tiere und die nicht schulpflichtigen Kinder erholen, deren ganze Tätigkeit fast ausschliesslich im Spiele besteht?“ Wäre das Bedürfnis nach Erholung die wichtigste Ursache des Spiels, so müsste man annehmen, dass, je grösser die Lebensanforderungen an das Individuum werden, desto mehr Spiellust vorhanden sein müsste. „Die Erfahrung lehrt aber das Gegenteil“, stellt Lasswitz fest. Vielmehr ist die Jugend „die Blütezeit des Spiels.“ Wie sind nun die Spiele der jungen Tiere, die einer Scheinbeute nachjagen, mit ihren eigenen Gliedmassen spielen, alles neugierig betrachten und beschnüffeln erklärbar? Für Lasswitz steht fest: „Hier handelt es sich überall um die Erwerbung nicht bloss nützlicher, sondern für den Wettbewerb ums Dasein unentbehrlicher Eigenschaften. (…) Das Kind und das Tier spielen, ohne zu ahnen, dass sie damit zweckmässig handeln. Wir haben also hier in der Tätigkeit des Spiels das Kennzeichen des Instinkts (…)“
Damit ist der Fall schon fast gelöst. Im Folgenden wird zwischen reinen, bis ins Kleinste ausgearbeiteten „vollkommenen Instinkten“ und nur angelegten „unvollkommenen Instinkten“ unterschieden. Als Beispiele für vollkommene Instinkte führt Lasswitz Dinge wie die Eierablegung vieler Tiere an, welche „für die Ernährung der ausgebrochenen Jungen zweckmässig sind“, die Verpuppung der Raupen oder die Netze der Spinnen. Jedoch: „Je weiter man im Tierreich aufsteigt, umsomehr zeigt sich, dass im allgemeinen die vollkommen ausgearbeiteten Instinkte (…) zu Gunsten der bloss angelegten zurücktreten.“ Das beste Beispiel dafür sei der Mensch, welcher wegen seinen mannigfaltigen und anspruchsvollen Lebensbedingungen beinahe nur angelegte Instinkte habe, für deren Ausbildung die individuelle Erfahrung, die Übung, aber eben auch beispielsweise die Nachahmung nötig sei. „Diese Vervollkommnung hat nun (…) das Spiel zu leiten. Wenn die nützlichen Instinkte zunächst im Spiel hervortreten, so brauchen sie nicht auf Kosten der Intelligenz bis ins einzelne ausgebildet zu sein. (…) Dafür kann die Intelligenz sich zum Vorteil des ganzen Lebens entwickeln, so dass die in den Jugendspielen gewonnene individuelle Erfahrung eine bessere Waffe im Daseinskampfe gewährt, als die ererbten Mechanismen der vollkommenen Instinkte.“
So viel dazu.
Ob die Instinkt-Theorie im Jahr 2013 noch haltbar ist – darüber mag gestritten werden. Zumindest hat Lasswitz uns Spielesüchtigen eine nette Ausrede geliefert, wenn wir das nächste Mal ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Kann jetzt nicht aufhören, und so. Muss Instinkte ausbilden, und so. Um meine Überlebenschancen zu verbessern. Und so. Ugah.
Zitiert wurde nach: Lasswitz, Kurd 1908: Seelen und Ziele, Leipzig: B. Elischer Nachfolger Verlag.