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Bis in die 1990er Jahre krähte kein Hahn nach Apulien. Nicht die Touristen, nicht die Weinproduzenten. Der italienische Absatz des Stiefels war lediglich ein Ort, an den die Gastarbeiter, die in der Schweiz oder anderswo lebten, zurückkehrten, um ihre Verwandten zu besuchen. Und ein Ort, wo Früchte und Gemüse in Hülle und Fülle gediehen. «Zusammen mit Sizilien war meine Heimat als Kellerei Europas bekannt. Die Herstellung von Massenwein war seit dem frühen 20. Jahrhundert und bis in die späten 1990er Jahre das Hauptgeschäft meiner Familie. Der Saft ging in grossen Tanks nach Norditalien und nach Frankreich. Die Winzer wurden nach Zuckergehalt und somit potenziellem Alkoholgehalt bezahlt und nicht nach Qualität», sagt Vito Palumbo, CEO der Tenuta Bocca di Lupo. Manchmal landeten die Trauben der Palumbos auch in französische Weinen oder ihr süditalienischer Primitivo im norditalienischen Amarone. «Das war absolut legal, geschützte Ursprungsbezeichnungen waren früher kein Thema.»
«Mein Vater und ich jubelten, als sich Antinori entschloss, hier in Apulien zu investieren.» (Vito Palumbo)
Irgendwann wurden doch ein paar findige Weinmacher auf Süditalien aufmerksam. Bob Mondavi, der grosse Pionier des amerikanischen Weinbaus aus Napa etwa. Und dann, 1997, Marchese Piero Antinori aus Florenz. «Ich erinnere mich genau an diesen Moment, ich war 14 Jahre alt und hatte lange orange Haare, ich war David-Bowie-Fan. Mein Vater und ich jubelten, als sich Antinori entschloss, hier zu investieren. » 1998 wurde die Tenuta Bocca di Lupo gegründet. In der lokalen Gemeinschaft war die Euphorie – gelinde gesagt – weniger gross. «Die Leute klagten: Ihr habt euer Herz und eure Seele an die grossen Jungs aus der Toskana verkauft, was für eine Schande!» Das Telefon der Palumbos klingelte zu der Zeit ohne Unterbruch. Nach sechs Monaten, als man die Struktur aufzog, einen Keller baute und eine Masseria – ein imposantes Gutshaus aus weissem Stein –, kamen die Leute wieder: Was baut ihr hier, welche Materialien verwendet ihr, welche Kellertechnik? Vito lacht. «Wir waren schon immer ein Land der Bauern, aber wir waren nie wirklich ein Land der Winzer. An dem Punkt begannen sogar die kritischen Apulier zu erkennen, dass man in unserer Heimat auch Qualität machen kann.»
Heute umfasst die Tenuta Bocca di Lupo 140 Hektar Rebland. Die Trauben wachsen auf 300 Metern über Meer, in der kargen Hochebene der Murgia. Ein Apulien, das nicht wie Apulien aussieht, wenn man die feuerroten Böden des Salento kennt, oder die Strände des Südens, die schön sind, wie auf den Malediven. Die doc Castel del Monte ist eine trockene, mondähnliche Landschaft mit heissen Tagen, kühlen Nächten und kargen Böden. «Im Weinbau ist das perfekt, denn karg bedeutet, dass die Rebe kämpfen und ein wenig leiden muss, was gut ist für die Qualität.» Vito arbeitet auf Bocca di Lupo biologisch – seit immer. «Weniger Vegetation, weniger Schädlinge.»
Den Namen hat die doc von einer geheimnisvollen achteckigen Burg, die es sogar auf die Euromünze geschafft hat: das Castel del Monte. Erbauer war Federico II., Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, das ganz Westeuropa umfasste. «Wir erinnern uns: Im 15. Jahrhundert befand sich Europa im finsteren Zeitalter, die arabische Welt war viel weiterentwickelt als die unsere», sagt Vito. Federico II. aber hatte verstanden, dass man die Kreuzzüge nicht nur zur Eroberung nutzen konnte, sondern auch zum Austausch von Wissen: Astrologie, Medizin, Mathematik. Der Kaiser gründete die erste öffentliche Universität Italiens, «und er brachte Süditalien nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs wieder auf die Landkarte». Castel del Monte war sein Jagdrevier, Wölfe gibt es hier bis heute.
Wir stehen mit Vito Palumbo auf der Terrasse seiner Masseria. Am Horizont zeichnet sich ein kegelförmiger Schatten ab. «Das ist der erloschene Vulkan Vulture. Und dies», Vito zeigt weiter nach Westen, «dies ist der Anfang der Alta Murgia. » Der Hügelzug trennt Apulien von Kampanien und der Basilikata. Wir sind 30 Kilometer vom Meer und näher an der kampanischen Hauptstadt Napoli als am apulischen Lecce. Das ist auch der Grund, warum hier statt Primitivo Sorten wie Aglianico, Nero di Troia oder Fiano wachsen. «Vor 2500 Jahren war ganz Süditalien Teil von Magna Graecia. Die Griechen waren die Ersten, die die Rebe Vitis vinifera nach Italien brachten, die Römer verbreiteten sie in ganz Europa. Und von Griechenland aus ist der erste Ort, an dem man vorbeikommt – genau: Apulien.» Im Gegensatz zum vulkanisch geprägten Terroir von Kampanien und der Basilikata wachsen die Reben von Bocca di Lupo auf kalkhaltigem ozeanischem Gestein. Und das schmeckt man in den Weinen.
Vito öffnet eine Flasche Fiano Bocca di Lupo. Fiano ist griechischen Ursprungs, der Name Lateinisch und bedeutet «von den Bienen geliebt» – wegen der sortentypischen Honignote. «Mein Vater sagt immer: Fiano ist die rote Traube unter den weissen, weil sie eine gute Tanninstruktur hat, Säure und Tiefe.» Für Vito ist es ein Wein, der «die Sprache des Burgunders spricht, aber gleichzeitig eine lokale Identität hat». Mit Sicherheit aber ist Fiano die edelste Weissweinsorte Süditaliens. Ein intellektueller Wein. Er hat viel Frucht, ist aber sehr vertikal und elegant. «Im Gegensatz zu unserem Fiano kommt ein Fiano aus Avellino in Kampanien etwas enger, nervöser daher. Vulkanische versus ozeanische Böden.»
Das rote Flaggschiff der Tenuta heisst Aglianico Bocca di Lupo. Vitos Vision ist es, diese strenge Rebsorte zu bändigen. «Die schönste Beschreibung stammt von der Weinjournalistin Jancis Robinson. Sie sagt: ‹Der Aglianico ist die Catherine Deneuve des Weins. Unglaublich schön, aber sehr distanziert.› Und genau so ist es. Doch ist nicht das, was uns fordert, das, was uns anzieht?» Vito grinst. Im Glas frische Pflaume, die typische Würze des Aglianico und der betörende Duft der Macchia mediterranea, Rosmarin und Minze.
Weil aber Catherine Deneuve nicht die zugängliche Sophia Loren ist, keltert Vito auch Weine aus internationalen Trauben – oder vermählt lokal und international. Dass sich Fiano und Chardonnay blendend verstehen, beweist seine weisse Cuvée Pietrabianca, wo exotische Noten auf die Terroir- typische Mineralität treffen. Das neuste Baby heisst Locone, 100 Prozent Cabernet Sauvignon. Sehr elegant, sehr zugänglich, unverwechselbar Cabernet. «Wir wollen Weine, die saftig sind und fruchtbetont, aber sehr elegant.» Und wichtig sei, nein, absolut essenziell, die Säurestruktur. «Kennst du die Werbung mit Ronaldo, also mit dem einzig echten, dem brasilianischen. Er sagt: «Kraft ist nichts ohne Kontrolle. So ist es auch in Apulien: Wir haben viel Power, weil wir hier viel Sonne haben. Ohne die nötige Säure jedoch wirkten unsere Weine wie gekocht.»
Vito und die Marchesi Antinori verfolgen hier im Süden den Ansatz «single vineyard», also von Einzellagenweinen – ein Novum in Apulien. «Tignanello, Sassicaia, Cheval Blanc – wir können jetzt in der gleichen Liga spielen wie diese Weine. Ich weiss, das klingt vielleicht verrückt, aber das habe ich bereits vor zehn Jahren gesagt – und damals klang es noch viel verrückter!» Die Weingeschichte habe gezeigt, dass man manchmal Dinge als gegeben hinnehme, bis jemand komme und das Gegenteil beweise. «Man könnte denken, Gott hat uns den Tignanello vor 2000 Jahren geschenkt. Doch die Realität ist: Tignanello ist ein junges Ding von 50 Jahren.» Oder Bolgheri, der Badeort der toskanischen Adelsfamilien. «Wer hätte gedacht, dass die Gegend heute als eines der besten Weinbaugebiete der Welt bekannt ist? Eben.»
Vito Palumbo: «Tignanello, Sassicaia, Cheval Blanc – wir können jetzt in der gleichen Liga spielen wie diese Weine.»