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Kurze
geographische Beschreibung des Tujetschertales 2)
Das Tal Tujetsch, in welchem der vordere Rhein entspringt, ist ein Längstal
von 4 Stunden und breitet sich in der Mitte fast ebenso weit aus. Es ist
als eine Fortsetzung des Vorderrhein- oder eigentlich des Surselva-Tals,
das bei Reichenau anfängt, zu betrachten.
Seinen Bezug [Richtung] nimmt es anfänglich von Osten nach Westen und krümmt
sich in der Mitte gegen Südwesten. Es
besteht aus einem Haupt- und aus zehn teils grösseren, teils kleineren
Seitentälern. Viere derselben ziehen gegen Mittag und sechs gegen
Westnord hinein. Nur das Seitental Nalps ist am Rande mit wohnbaren Häusern
hesetzt, die übrigen sind Alp-Täler.
Das Tal wird von dem vorderen oder Surselva-Rhein durchflossen, der am
Fusse des Gebirgs Badus auf der Alpweide Tuma entspringt. Er fliesst von Süden,
Südwesten, Westen und Westnorden in die Tiefe des Haupttales bei Tschamut
herab, rinnt alsdann 1 ½ Stunden gegen Nordosten, eine Stunde weiter
gegen Osten, verlässt östlich unter Mompe Tujetsch das Tal und erreicht
in einer geringen Stunde den Ort Cuflons - Lat. Confluens - und das
Disentisergebiet, wo er den Mittel- oder Medelserrhein aufnimmt. Er wird
von schmackhaften Forellen und Groppen [Cottus gobio] belebt, und der
Frosch springt nicht selten hinein, um sich dort zu erfrischen und zu
baden.
Ich kenne vier Alpseen in diesem Tal, die, wenn sie mit lebenden Tieren
bepflanzt wären, den ganzen Fluss beleben würden.
Die Schönheit dieses Tals befindet sich in dessen Mitte am nördlichen
Ufer des Rheins. Es ist mit Dörfern, Korn- Flachs- und Kartoffelfeldern
so gemischt, dass es in dieser Art das fruchtbarste, angenehmste und
reizenste Tal im Alpengebirge kann genennet werden.
Südlich von dem Ufer des Rheins und nördlich von den Kornfeldern an
fangen die Tannenwälder [Fichten] bergan zu steigen und verlieren sich in
die milchreichste und an Gras ergiebigsten Alpen. Über diesen erheben
sich die Eis- und Schneefelder, und aus diesen die Berge, deren Gipfel bis
an die Wolken emporragen. Wenn nach Dr. Ebel der Gipfel des Badus die Höhe
von 9085 Fuss erreicht, kann der Piz Tgietschen - Oberalpstock als der höchste
Berg dieses Tals die Meeresfläche um 12 000 Fuss übersteigen, und wenn
die niedrigste Fläche vom Urserental 4356 Fuss über dem Meer sich
erhebt, so mag der Mittelpunkt des Tals Tujetsch sich 4120 Fuss über das
Meer erheben.3)
Eine Viertelstunde hinter Mompe Tujetsch erreicht man im Walde die
Marksteine, welche Disentis von Tujetsch scheiden, und in einer
Viertelstunde befindet man sich schon im Dörfchen Bugnei am Ufer des
krystallenreichen Tälchens Valöglia. Jenseits des Rheins erblickt man
das kleine Tal Gierm, dessen Wasser Tujetsch von Disentis und Medels
trennen. An beiden Ufern desselben liegen die Höfe Cavorgia sura, S. Leci
und Cavorgia sut. Gleich daran westlich zieht sich ein beträchtlich
grosses Tal gegen Mittag hinein, das von der Nalpsa durchflossen wird. An
ihr westliches Ufer lehnen sich die Weiler Surrein mit Foppas und die Höfe
Nacla und Canadal; weiter hinein sind
Bergmatten und Alpen. Die Länge dieses Tals - sein Name ist Nalps - kann
wenigstens 3 Stunden gerechnet werden [soweit Kulturland und Bergmatten
vorhanden sind], und ist mit hohen Gipfeln umsäumt und mit beträchtlichen
Glätschern behangen.
Von Bugnei bis Sedrun, dem Hauptort des Tals und der Pfarre, ist es nicht
mehr als eine Viertelstunde. Es liegt auf einer sanft ansteigenden Fläche
von Korn- und Mattland. Von da bis Rueras, wo eine Kapllanei ist, breiten
sich die schönen und fruchtbaren Felder Tujetschs aus, welche mit
angenehmen Ortschaften besetzt sind.
Camischolas liegt von Sedrun eine Viertelstunde entfernt. Von da aus zieht
sich ein Seitental gegen Westnorden und Norden hin und wird Strem genannt.
In der Mitte desselben krümmt sich der Weg westlich über den Krüzliberg
in das Kärschela-Tal [Maderan] auf dem Brand [Bristen] und gegen Amsteg
im Kanton Uri. Die Tallänge beträgt ungefähr 2 Stunden. Es wird durch
den hohen und wilden Gipfel Piz
Tgietschen [Oberalpstock 3330 m], der ringsherum mit ungeheuren Eismassen
behangen ist, geschlossen und von der Strimsa durchflossen.
Über Rueras streicht das Alptal Mila gegen Westnord hinein, und weiterhin
das Alptal Juff [Giuf], welches mit beträchtlichen Eis- und Schneelagen
und hohen Bergen geschlossen wird. Die westliche Seite dieses Tals
[Juff/Giuf] wird von dem Kamm des Krispaltenberg begrenzt, welcher seinen
Fuss in das Bett des Rheins eintaucht. Da liegt die zerstörte Burg der
Herren von Pontanigen auf einein Felsen, die um die Mitte des 13.
Jahrhunderts in der Geschichte auftreten.4)
Der Weg, wo man über den Fuss des Krispalten geht, heisst Sumsasi.
Von da durch eine Waldung und durch Güter gelangt man in ¾ Stunden nach
Selva. 5) Es war ehehin
eine Waldung hier, und desshalben wird der Ort so genannt; er liegt ungefähr
so hoch als Andermatt im Urserental.
Tschamut ist das höchst gelegene Dörfchen im
Tale. Es ist ungefähr 4-500 Fuss über Selva erhoben und somit erhebt es
sich über Meer bei 5000 Fuss. Es liegt in einein erhöhten Talgelände
diesseits eines Hügels mit Namen Crestas und deswegen heisst es auch Ca mòt
d. i. diesseits des Hügels.
Anfänglich bauete das Kloster Disentis hier ein Spital, um die Überfahrt
des Krispaltenbergs zu erleichtern [Oberalppass]. Das Spitalhaus steht
noch jetzt und ist von jenem Holz erbaut, das in der Nähe wuchs. Nun ist
es von Tannenholz gänzlich los, und dessen Zufuhr ist sehr beschwerlich
geworden. Diese Entblössung verursachten Bergstürze, Schneelawinen und
die Unvorsichtigkeit der Einwohner.
Zwischen Tschamut und Selva quellen Schwefelbrunnen aus dem Sumpfe hervor,
die zu nichts anders, als den Ausschlag zu vertreiben, gebraucht werden.
Von allen Brunnenquellen, die hier in Menge und Vortrefflichkeit
anzutreffen sind, ist doch das Rheinwasser am Abend und Morgen das
gesundeste.
Auf der Südseite des Hügels Crestas in der Tiefe stossen zwei Arme des
Vorderoder Surselvarhein zusammen. Der eine Arm fliesst vom drei Stunden
langen Alptal Curnera und von seinem Nebental Maighels von Süden her; der
andere rinnt von Westen herab [von Val Val] und wird „Rein de
Tschamut" benamset. Wenn grosse Schmelzungen des Eises beginnen,
ist ersterer [vom Curnera- und Maighelsergletscher gespeist] und wenn
Schneeschmelzungen eintreten, dieser wasserreicher. [Von den ausgedehnten
Alpweiden Tiarms, Val Val und Val Juff.]
Die mittelste [eigentliche] Quelle des Rheins, welche die gerade Richtung
des Tals behauptet, sammelt sich am Fusse des Bergs Badus. Drei Bächlein
vereinigen sich in der kleinen Ebene Tuma und fliessen in einen See
gleichen Namens. Dieser 200 Schritt breite und 400 Schritt lange See ist
das Becken, aus welchem der vordere Rhein seinen Ursprung nimmt. Die
Gegend ist prächtig und angenehm und somit würdig, die Urquelle eines
solchen Flusses zu sein. Würde der See noch mit Fischen belebt, wie es
leicht sein könnte, würde der Anblick hier noch angenehmer werden.
Gleich unter dem Abfluss des Sees in einer Ebene nimmt dieser Bach unter
dem Namen Darvun einen anderen auf, welcher von der Gegend der Alp
Maighels und von den Schnee- und Eisfeldern des Badus herkommt. Nachdem er
während seines nordöstlichen Laufes zwei artige Fälle gebildet hat, fällt
er in die Tiefe der Alp Surpaliz. Dort nimmt er von Westen her den
Surpalizerbach auf, welcher durch die Zuflüsse von Nurschallas und
Muschaneras verstärkt wird, und fliesst östlich gegen Tschamut hin. 6)
Polizei
dieses Tales 7)
Anordnung des Tals in Rücksicht seiner Einrichtungen und Bestellung
der politischen Personen.8)
Alles,
was man unter dem Wort Polizei versteht, begreift die gute und zum Ziel
der menschlichen Glückseligkeit bezweckte Anordnung eines Landes. Dahin
gehören auch alle guten Gesetze und Verordnungen desselben, welche zur
Ausübung festgestellt sind.
Die Polizei teilt sich in die gerichtliche, ökonomische und geistliche
ein.
Die gerichtliche Polizei unterscheidet sich in dem von der ökonomischen,
dass sie die Übertreter der Gesetze und Verordnungen richtet und straft,
wo hingegen die ökonomische
nur auf die Vorteilhaftigkeit der Verordnungen und Gesetze Rücksicht
nimmt; sie lässt im Übrigen einen jeden seinen Nutzen daraus ziehen, wie
er will.
Verordnungen und Gesetze müssen recht und billig sein und sie sind es,
wenn sie dem Ort, der Zeit, den Personen angemessen, allgemein,
vorteilhaft und gutgeheissen sind.
Gesetze und Verordnungen werden von den Vorgesetzten des Tals in Vorschlag
gebracht, dem Volke vorgelegt, und dieses entscheidet durch Mehrheit der
Stimmen, was annehmbar oder verwerflich ist.
Die Vorgesetzten werden von dem Talvolk männlichen Geschlechtes vom
40sten Jahre ihres Alters an und unentgeltlich erwählt und bleiben in
ihrem Amte zwei Jahre lang.
Ihre Zahl ist festgesetzt und bestehet aus 6 Personen, denen ein
Gerichtsdiener zugegeben ist. Die ersten drei werden geraus, die
anderen drei cussegliers, und der Gerichtsdiener Uabel oder saltè
in der Volkssprache genannt. Ihr Erwählungstag fällt auf den
Pfingstdienstag, wo die schon Erwählten [der früheren Amtsperiode] ihr
Amt in die Hände des Volkes niederlegen.
Einer von den cussegliers
wird vom regierenden Landamman als sein Vikari oder Statthalter bestellt
und hat seine besonderen Pflichten auf sich.
Gemeiniglich in der nämlichen Woche verfügen sie sich nach Disentis, um
dort den Eid der Treue vor dem Landamman und Rate abzulegen, wenn sie ihn
noch nicht abgelegt haben. Dort wird auch vom Landamman erklärt, wer sein
Vicari oder Statthalter sein soll. Diese erwählten und beeideten
Vorgesetzten sind Friedensrichter und Richter über die ökonomischen
Gesetze und Verordnungen des Tals.
Die geraus haben zugleich Sitz und Stimme in dem grossen Rat zu
Disentis und können auch in Communalangelegenheiten Kläger der Tujetscher
dorthin sein. Die cussegliers hingegen sind nur alsdann beim
grossen Rat Beirichter, wenn ein Blutgericht entsteht. - Auch der
Gerichtsdiener kann und wird im Fall der Not zu den allgemeinen Diensten
nach Disentis berufen und gebraucht werden.
Dem vom Landammann bestellten Statthalter liegen zwei Ämter ob, das eines
Stellvertreters und das andere als Mitrichter der Ökonomie des Tals. Als
Stellvertreter des Landammans übernimmt er alle zugeschickten Schriften
desselben, die der Nachbarschaft sollen vorgetragen werden; er übergibt
sie dem ersten gerau zur Einsicht und zum Vortrag. Er hat dabei
auch die Aufsicht des Brücken- und Strassenbaues, insoweit es die
Landstrass anbetrifft. Als
Mitrichter aber behält er den Rang nach den geraus und hat mit dem
Dorfmeister, von welchem wir reden werden, die Aufsicht über die
allgemeinen Arbeiten in der Bürgerschaft Tujetschs.
Ein jeder der drei Geschworenen und der Statthalter sind verpflichtet für
die Fortpflanzung des Rindviehes zu sorgen; folglich müssen sie an
verschiedenen Orten vier ganze Stiere unentgeltlich in Bereitschaft
halten.
Ihre Besoldung nehmen sie von den Zufälligkeiten her und der Ehre ihres
Amtes, das sie bekleiden.
Sie werden auch zum Eintreiben der Zinsen und Gefälle und des
Schadenersatzes gebraucht und können zu den Ausschätzungen herbeigezogen
werden.
Von diesen werden heimlicher Weise einige Personen erwählt, welche
Aufsicht über die öffentliche Ordnung und vorzüglich Aufsicht über die
Erhaltung der Bannwälder haben. Diese sind dann Kläger, wenn der Talrat
zu Gerichte sitzt.
In einem öffentlichen Amt steht auch der cauvitg [Dorfmeister],
welcher von den Dorfschaften durch Mehrheit der Stimmen erwählt wird. Er
trägt die Aufsicht über Feuer- und Wasseranstalten seines Ortes,
bestellt die Pfänder und Heimathirten und sorgt für ihre Besoldungen.
Der sogenannte cautegia, d. i. Alpmeister steht gleichfalls in
einem Amt; für jede Alp wird ein solcher bestellt. Er führt die Aufsicht
über die Ladung und Entladung der Alp, bestellt die Knechte, hat die
Aufsicht über sie und auf das Vieh und dessen Weiden, steht der
Milchmessung und Austeilung der Milchprodukte vor und ist besorgt um das
Alpsalz und die Unterhaltung und Besoldung der Alpknechte, von welchen
Dingen allen er Rechnung führen und stellen muss.
Auch der pindrer oder pinder steht im Ansehen eines öffentlichen
Amtsmannes. Er wird von jeder Abteilung oder Dorfschaft bestellt. Er wird
entweder aus dem Pfänderlohn oder mit einem ihm ausgestellten Lohn
besoldet. Er wacht über den Schaden, den die Tiere verursachen, er pfändet
d. i. er treibt sie von dem geschädigten Objekt weg und stellt sie dem
Eigentümer zu Handen, von welchem er auch für die jedesmalige Pfändung
einen bestimmten Lohn oder Schadenersatz zu gewärtigen hat. Wenn aber der
Schaden beträchtlich ist, so kann auch eine Schätzung desselben
statthaben.
Man kann den signun d. i. Alpsenn, als eine Amtsperson ansehen,
denn er hat die Aufsicht über Leute, Vieh, Milch und Weid und andere
Produkte der Alp zu besorgen und dient eigentlich zur Aushilfe des
Alpmeisters - cautegia -.
Auch9) die übrigen Hirten,
als:
vatger Kuhhirt,
starler Rinderhirt,
vadler Kälberhirt,
nurser Schafhirt,
cavrer Geisshirt und
purtgè Schweinehirt
kann man als öffentliche Amtspersonen einiger Massen ansehen, die teils
die Tiere täglich oder zu gewissen Zeiten von ihren Standorten10)
ab- und zutreiben müssen. Die Verköstigung erhalten sie gemeiniglich
abwechselnd, selten der Zeit nach und noch seltener nach einem
ausbedungenen Preise; den Lohn aber erhalten sie je nach ihrer Verichtung
[Arbeit] proportioniert nach Gattung und Anzahl der Tiere ihres Amtes.
Jede Pfrund, jede Kapelle und jede Spende der Armen hat ihren Vogt,
welche; „ugau parvenda, baselgia" und „spenda"
genannt werden.
Auch über die Bannwälder werden Vögte bestellt, die „ugaus de
tgesa" genannt werden.
Nicht minder werden Witwen und Waisen bevogtet, von welchen ein kleiner
Vogtschilling kann abgenommen werden.
Auch wird ein „meister de lavur cumina" der allgemeinen
Arbeit, aufgestellt, der die Aufsicht und Leitung derselben hat.
Endlich tritt der „caluster" d. i. Messmer als ein öffentlicher
Angestellter auf. Seine Pflichten sind bekannt, und seine Besoldung nimmt
er von den Zufälligkeiten und der ihm angewiesenen Stiftung her, wo eine
Pfründe ist.
Der Organist dient nur in der Pfarrkirche, wo die einzige Orgel im Tale
ist und bezieht auch von daher ein kleines Gehalt.
Als öffentliche Beamten im Tale erscheint auch die Geistlichkeit. Sie
besteht aus einem Seelsorger, der seine Residenz in Sedrun hat, einem
Beneficiaten in Rueras, einem in Selva und einem Schulkapllan in Sedrun.
Ihre Amtsverrichtungen sind bekannt.
Diese jetzt genannten Beamten sind Vorgesetzte und Leiter der Polizei im
Tale Tujetsch und durch sie wird da die gerichtliche, ökonomische und
geistliche Polizei verwaltet.
Polizei
der Alpen
Die
Alpen können in Rücksicht der Zugehörigkeit, der Alpordnung und des
Benutzungsrechtes betrachtet werden.
In Rücksicht ihrer Zugehörigkeit bestehen sie aus veräusserten,
privaten und allgemeinen Alpen.
„Nalps da magher" und „Nalps de grass", Curnera und Cavradi
sind veräusserte Alpen, die Alp Tschamut ist ein Eigentum der Tschamuter,
und die übrigen sind allgemeine [Gemeinde-] Alpen.11)
Die Alpordnung darin ist folgende: jede Alp hat ihren Alpmeister - cautegia.
Dieser besichtigt die Alpen, ob die Ladung derselben statt haben könne
oder nicht. Er stattet den „pursanavels" d. i. den
Alpgenossen seinen Bericht und seine Meinung ab; dann wird durch Mehrheit
der Stimmen entschieden, ob man zur Alp fahren wolle.
Die Alpfahrt wird gemeiniglich um den 7. oder 14. des Heumonats
vorgenommen. Ein jeder treibt sein Vieh dahin; ungefähr 7 Tage nach der
Alpfahrt stellen sich die Alpgenossen nach Anordnung des Alpmeisters - cautegia
- und des Senns - signun - wieder ein, um die Ebnung und Messung
vorzunehmen. - Ebnen heisst im Rhätischen: ulivar und messen: miserar.
Man
bestimmt durchs Los, welcher Alpgenosse diese oder jene Kühe seiner
Alpgenossen melken soll; diese Anordnung wird so getroffen, dass keiner
seine eigenen Kühe zu melken bekommt. So gehet das Melken zu gleicher
Zeit an.
Nach Verlauf von 20 Stunden geht jetzt die Messung an. Sie wird mit angehängtem
Hauszeichen eines jeden Alpgenossen in den „Milchstecken"
eingeschnitten; Rhätisch, heisst der Milchstecken: fest de latg,[stiala
da latg],
ist ein im Viereck geschnittenes ungefähr zwei Schuh langes und
anderthalb Zoll dickes Holz. Von diesem Milchstecken nimmt der Senn eine
Kopie ab, damit er bei der Austeilung der Milchprodukte sich richtig zu
benehmen wisse; das Original aber nimmt der Alpmeister in seine
Verwahrung.
Als man vor etwelchen Jahren nicht allgemein zur Alp trieb und nur einige
Bauern ihre Kühe zusammenlegten, ward nicht gemessen, sondern die Milch täglich
gewogen und aufgezeichnet.
Eine Mass Alpmilch „mesira dad alp" bestehet aus 4 gemeinen
Massen; ein „caz" ist eine Mass; „miez caz"
eine halbe Mass; ein "tschadun" ein Quärtlein und „miez
tschadun" ein halbes Quärtlein. „bignera," welches
um die Helfte weniger ist als ein „miez tschadun" hat man
meines Erinnerns hier keine.
Wenn nur einmal gemessen wird, bleiben die Kühe ungefähr 20 Stunden
ungemolken; wenn aber zweimal gemessen wird, welches mir zuträglicher
erscheint, so geschieht, das Melken zur gewöhnlichen Zeit. Zur Messzeit
hat der Alpmeister die Aufsicht über den Weidgang der Kühe.
Hier kommt der Ausdruck „better giu latg" zum Vorschein.
Dies geschieht, wenn nämlich ein Alpgenoss zu einer noch zu bestimmenden
Zeit eine oder mehrerer seiner Kühe „galt" d. i. ungemolken gehen
lassen will. Diese Zeit wird vom Alpmeister bemerkt und nach Massgab der
Zeit wird dann von der gemessenen Milch abgezogen. Nachdem die Alpgenossen
ihre mitgenommenen Esswaren mit den Alpknechten geteilt und ihnen ihre Kühe
zu melken angewiesen haben, kehren sie nach Hause.
Fürderhin
steht die Alp unter der Aufsicht des Alpmeisters und des Sennen. Dieser
giebt dem Alpmeister Bericht von den Bedürfnissen und dem Zustand der Alp
und jener ist besorgt für Alles.
Jede Alp hat ihre „untgidas" d. i. Rückzugsrechte, wohin
bei einfallendem Schnee das Alpvieh kann getrieben werden. 12)
Wenn dieser Fall eintritt, begibt sich der Alpmeister in die Alp und steht
der Not bei. Ihm steht sodann die Bestimmung zu, was man mit dem Vieh
vornehmen soll; wann der Rückzug in die Alp wieder beginnt, muss er sich
ebenfalls dabei einstellen.
Ehe
die Alp entladen wird d. i. ehe man von der Alp abfährt, welches hier,
wenn nicht ein Hinderniss einfällt, den 28. des Herbstmonats geschieht,
begibt sich der Alpmeister nebst den Alpgenossen in die Alp, um dort der
Verechnung und Verteilung der Alpprodukte beizuwohnen; die Tat wird „spendivas"
genannt,
Von der Alp geht das Vieh in die Heimgüter, wenn die Feldfrüchte
versorgt sind, oder in die Bergmatten und Allmeinen, wenn die Feldfrüchte
noch ausständig sein sollten.
Zu einer gelegenen Zeit im Wintermonat kommen der Alpmeister, die
Alpgenossen und die Alpknechte zusammen, um die Alprechnung aufzunehmen
und den Alpknechten ihren Lohn anzuweisen; diese Handlung nennt man „tagliar
pustretsch" den „Alpschnitz" vornehmen. Erstlich kommt das
Viehsalz zur Berechnung; dieses fällt auf die Gesammtmenge des Viehes.
Dann kommt die Berechnung des genossenen und verbrauchten Salzes in
Beziehung zu den Milchprodukten; das wird über die gemessene Milch
„verschnitzet" [berechnet]. Dahin gehört auch das genossene Brot,
Mehl, Reis u.s.w., welche von den Alpgenossen zum Verbrauch den
Alpknechten abgegeben waren; und auch noch das Rückständige kommt zur
Berechnung. -
Nach Massgab der gemessenen Milch oder nach Anzahl der Melkkühe werden
auch Schweine in die Alp getrieben; hier kommen auch diese zur Berechnung.
Nachdem man die Ablöhnung der Alpknechte an die Alpgenossen gewiesen hat,
wird, ehe die Versammlung auseinandergehet, geschmauset.
Hier ist noch nachzutragen, dass 1.) wofern eine Kuh „vergaltet",
ihr alpgenössiger Besitzer nach Massstab der Zeit ihrer Vergaltung
einstehen müsse, dass 2.) wenn eine Kuh zerfällt oder sonst wie zu
Grunde geht, ihr alpgenössiger Besitzer an seiner gemessenen Milch nicht
leiden dürfe [durch Abzug], und dass 3.) ohne wichtige Ursache und
Genehmhaltung des Alpmeisters keine Kühe aus der Alp können genommen
werden.
Eine andere Bewandniss hat es aber mit den Schaf- Rinder- und Rossalpen.
Die Hirten dazu werden vom Dorfmeister - cauvitg - bestellt. Sie
erhalten entweder Speis und Lohn oder einen gewissen Lohn überhaupt, den
sie von den Eigentümern der Tiere je nach deren Gattung beziehen. Die An-
und Abfahrt der Rinder und Rosse wird mit jener der Kühe vorgenommen;
jene der Schafe aber ist unbestimmt. Gemeiniglich treibt man selbe früher
zu der Alp und ab derselben.
In Rücksicht der Nutzniessung der Alpen, welche zur Ökonomie gehört,
hat meines Erachtens Tujetsch noch bei weiten nicht seine möglichste
Vollkommenheit erreicht, weder in Rücksicht der Liegerstätten, Fütterung
und Gebäude, noch in Rücksicht der Gewässer und Wasserleitungen, noch
in Rücksicht der Räumung, Weidgänge und Sicherung, und endlich auch
nicht in Rücksicht der Verfeinerung der Milchprodukte der Alpen.
Die
Alpen liegen gemeiniglich über dem Wachstum der Tannen [Waldgrenze] wild
und hoch. Man ist da zu keiner Zeit von starken Regengüssen, die mehrere
Tage und Nächte andauern, von Schnee, Hagel, Sturmwinden, und Mark und
Bein durchdringender Kälte versichert; mithin wie nützlich, ja wie
notwendig wären da nicht Stallungen, worin man wenigstens des Nachts das
Vieh einstellen und erquicken könnte?
Wenn die Alp mit Schnee belegt wird, wenn ein starker Reif oder
schneidende Kälte sich einstellt, wie vorteilhaft wäre es nicht, das
Vieh dort für wenige Tage füttern zu können, um ihm eine weite Reise [untgidas
d, h. Rückzug in die schützenden Wälder] oder gar eine Entladung von
der Alp zu ersparen. Wenn ein schwaches oder erkranktes Tier sich
vorfindet, was geschieht? Es muss entweder dort zu Grunde gehen oder halb
tod von der Alp getrieben oder gezogen werden. Wenn aber eine Polizei der
Verpflegung, Einstallung und Heusammlung da wäre, könnte alles dieses
vermieden werden.
Wenn ich die Alphütten betrachte, so überfällt mich ein Schauder. Sie
sollten Wohnstätten der Menschen, Fabriken der notwendigsten und edelsten
Produkte und die Niederlage der niedlichsten und kraftvollsten Gaben der
milchreichen Alpen sein, aber sie dienen kaum zu einem Zufluchtsorte der Bären.
Die Hütten sind von losen und nicht auf einander passenden Steinen aufgeführt
und gemieniglich mit einem Schindeldach bedeckt, welches mit Latten und
Steinen beschwert ist. Es sind darin nur zwei Gemächer angebracht. Vorne
ist die Sennerei und zugleich das Schlafzimmer mit allen Geschirren und
dem Vorrat für Menschen und Schweine; hinten aber ist der Milchkeller mit
Käse, Zieger und Butter und anderen Esswaren, alles durcheinander. Mithin
kann man sich vorstellen, wie kömmlich verwahrt und angepasst
hinsichtlich der Säuberlichkeit und Unverdorbenheit alles sein müsse.13)
Eine
wohlgeordnete Polizei leidet [gestattet] eine solche Anordnung nicht;
vielmehr baut sie in den Alpen, vorzüglich in jenen der Kühe, allgemeine
und private Stallungen fürs Vieh, legt einen Heuboden an und lässt an
einigen, dem Vieh unzugänglichen Orten, Heu zur Notdurft sammeln. Sie lässt
ordentliche Häuser aufführen, welche mit unterschiedlichen Kellern,
einer heizbaren Stube und Schlafzimmer und einer Sennerei versehen sind,
worin die Milch- und andere Geschirre aufbewahrt werden, wo der Käs und
Zieger gekocht [bereitet] und die Butter gezogen 14)
wird. Ein dauerhaftes und zu diesem Zwecke geeignetes Gebäude soll von
Kalkmauern angelegt, dessen Keller gewölbt, gepflastert und mit Zuglöchern
versehen sein und das Dach entweder, mit Platten oder mit einem Nageldach
versehen sein. Diese Anordnung kostet zwar, aber weit weniger, als wenn
Menschen, Vieh und die Produkte verdorben werden und zu Grunde gehen.
Ebenso unpassend sind die Wasserleitungen und Wassertränken in den Alpen
bestellt. Eine sorgfältige Polizei leitet das Wasser von weitem her,
teils um für das Vieh Vorsorge zu treffen, teils aber auch, um dürre
Weiden zu bewässern, um die Lagerstätten des Viehes auszuspülen, denn
dadurch wird die Alp verbessert. Es gibt in den Alpen, viel stehendes,
halb oder ganz vermodertes Wasser; es sind mehr Pfützen und Moräste. -
Es gibt Bäche, die sich in viele Arme teilen, den Rasen und die gute Erde
wegschwemmen oder über ihre Ufer treten und somit die guten Weidgänge
versanden; auch hier wacht eine gemeinnützige Polizei!
Die Räumung oder Säuberung und die Sicherung der Weidgänge der Alpen
ist ein wesentlicher Vorteil derselben. Dazu muss man wahre Kenntnisse der
Alpengegenden, der Kultur und Mechanik inne haben. Nicht alle Stellen der
Alp können gesäubert werden; man muss dabei wohl erwägen, auf was für
Grund der Schutt liegt; liegt er auf Steinen, so ist die Arbeit vergebens;
liegt er aber auf erdreichem Boden, so lässt sieh Vorteil erhoffen.
Auch
versteht sich hier von selbst die Räumung von dem Gestäude [Sträucher],
und den unützen und giftigen Pflanzen. Unter dem Gestäude kommt die
Alprose und der sogenannte Breusch [Heidekraut, Calluna vulgaris] zum
Vorschein. Diese nehmen viele Alpengegenden unütz ein, und wo ein Vorteil
dabei erscheint, sollen sie ausgerottet werden. Man kann sie auch anstatt
des Holzes mit Vorteil verbrauchen. Viele unütze und giftige
hochwachsende Pflanzen [Kräuter] nehmen öfters die besten Plätze der
Alpen ein; diese können nicht anders als durch Ausgrabung vertilgt
werden.
Wenn die Weidgänge den möglichsten Vorteil bringen sollen, müssen sie
ordentlich eingeteilt und abgeweidet werden; denn das Vieh ist begierig
und vorwitzig, und wenn man ihm die Zügel lässt, läuft es gleich die
ganze Alp aus und zertritt mehr, als es abfrisst. Um diesem Übel
abzuhelfen, hat man verschiedenen Wechsel der Alphütten vorgenommen;
allein ohne Umzäunung des Viehs kann der Erfolg nicht vorteilhaft genug
sein.
Nichts wird meines Erachtens auch passender sein, als das Vieh im
Abend in einen Verschluss oder an einen sicheren Ort zu treiben und es
daran gewöhnen, dass es bis zum anbrechenden Tag oder bis zur Ankunft
der Hirten dort liegen bleibt. Auch kostet es Mühe, allein der Vorteil
dabei ist gross, wenn man an gefährlichen Orten Gräben aufwirft,
Verammlungen anbringt oder bequeme Wege daselbst herstellt
.Allein
was nützt es, eine Alp wohl zu ordnen, sie genau zu sichern, wohl zu
pflegen und die Milch zu ihrem höchsten Grad der Ergiebigkeit zu bringen,
wenn man indessen auf die Verfeinerung der Alpprodukte nicht ein genügendes
Augenmerk richtet?
Wenn
ein Käse gut geraten soll, muss die Milch durchgängig gleich sein und
wie die gerade gemolkene erwärmt werden. Der Keller und der Laden, worauf
der Käs liegt, und alles, was um ihn ist, muss sauber und geruchlos sein;
er muss öfters gekehrt, gesäubert und mit süsser Sirte gewaschen
werden, und die herumstehende Luft muss so gemässigt sein, dass der Käs
weder zu lind, noch zu steif werde. Die Kunst, einen guten Käs, vorzüglich
einen fetten, zu machen, lässt sich nicht anderst als durch fleissige
Beobachtung mehrerer Jahre erlernen.
Nachtrag
„Alle
Alpen von Tujetsch werden gemeinschaftlich benützet; nur die Alp Tschamut
gehört den Tschamutern, welche an den übrigen Alpen von Tujetsch keinen
Anteil haben; sie wird also von Rindvieh, Kühen, Geissen und Schafen benützt.
Sie ist eine Lehenalp des Gotteshaus Disentis, welche jährlich demselben
140 Krinnen15) Käse
entrichtet. Sie ist zwar eine hochgelegene und wilde, aber sehr
milchreiche und ausgedehnte Alp, welche die Ehre hat, von den Hauptquellen
des vorderen Rheins, des berühmtesten Flusses Europas, bespült und bewässert
zu werden.16)
Von der Gegend des Oberalpsses zwischen dem Calmut und Nurschallas
zieht sich ein Alptal gegen Mittag herab; hier liegt die Alp Surpaliz.
Im gegenwärtigen Jahr 1805 wurde sie mit der Alp Maighels vereinigt und
mit Kühen besetzt. Weiter südlich liegt das Alptal und die Alp Maighels.
Sie ist zwar klein und wild, aber schön, sicher und mit sehr niedlicher
Weide bewachsen. Maighels wird von Curnera durch ein Gebirge getrennt,
hängt aber mit ihm zusammen, wo der Bach Maighels der Curnera zueilt
[Quertal: Plattas].
Die
Alp Curnera war ehehin ein Eigentum des Klosters Disentis und mit Maighels
nur als eine Alp betrachtet. Der Abt Paulus Nicolai17)
aber liess sichs beigehen, diese Alp ohne Vorwissen und Genehmigung des
Kapitels [der Klosterbrüder] mit Ausschluss von Maighels, das er den Tujetschern
vorbehielt, um die niederträchtige Summe von 400 fl. den Livinern im
Jahre 1540 zu veräussern.
Dieser
Absprung der edlen Gesinnung des Mannes gereicht nicht nur der religiösen,
sondern auch der weltlichen Gesellschaft zum grössten Nachteil. Alpen,
die man den Fremden abtritt, werden sehr selten eingelöst und von ihnen
meist schwer und wenig benutzt. Der Zugang dieser Alp ist den Livinern
sehr mühsam und gefährlich und läuft selten ohne Unglück ab. - Der Fürstabt
Bernhard18) wollte diese
Alp wiederum an sich ziehen; allein weil er sah, dass die einheimischen
Herren wider ihn und den Nutzen des allgemeinen Besten eingenommen und
bestochen waren, musste er die Einleitung dazu abbrechen, um nicht
fruchtlos sein Geld zu verschwenden. - In der Alp ist kein Tannenwuchs,
und es sind nur wenig wilde Erlen [Grünerle]; folglich muss sie sich mit
dem Breusch [Heidekraut] oder mit der Alprose begnügen, oder das Holz von
den Tujetschern abnehmen. Wenn die Tujetscher Eigentümer dieser Alp wären,
würden sie doppelten Nutzen aus ihr ziehen.
Nächst
daran auf der östlichen Seite des Piz Cavradi liegt die Alp dieses
Namens. Sie ist sehr eingeschränkt, wird aber in Rücksicht der Weide gerühmt
und ist Eigentum der Pfründe von Trun. - Man benützt sie bald mit
Schafen, bald mit Rindvieh, und selten mit Kühen.19)
Im
Tal Giuf liegt die Alp Val Giuf. Sie ist klein, aber sehr schön und
wohlgelegen. Westlich dieser im Tal Val Val steht die Alp Val Val. Val Val
und Val Giuf sind Lehenalpen des Gotteshauses Disentis, welchem sie jährlich
600 Krinnen an fettem Käs entrichten. Im Jahre 1804 auf das Jahr 1805 war
zwischen dem Kloster und den Tujetschern ein neues Abkommen in Rücksicht
dieser Alp abgeschlossen worden, vermöge welchem das Vorkaufsrecht und
das immerwährende Bezugsrecht zugestanden wurde. Den Alpgenossen kommt es
zu, ehe sie die Alp entladen, den gemachten Käse reihenweise
aufzustellen, wie es ihnen gutdünkt. Das Kloster aber hat das Recht, an
jeder Stelle, wo es anfangen will, den ihm zugehörigen Käs zu erheben;
es muss aber in der angefangenen Reihe den Käs zu erheben fortfahren, bis
es sein ihm gehöriges Gewicht erhoben hat. Diese Alp ist immer als die
vornehmste im Tujetsch angesehen worden, sie ist reich an Pflanzen und
ergiebig an Schmalz, aber auch sehr hoch gelegen und wild.20)
Polizei
der Wälder 21)
Unter
den Alpen, um die Bergmatten und nicht selten nahe an den Dörfern liegen
die Wälder.
Sie
sind meist mit Rottannen, und nur selten mit Weisstannen und Zirmen
[Arven] bewachsen. 22) Die Föhre hat, meines Wissens, das Bürgerrecht
nicht erhalten. Zerstreut liegt die Birke, der Ahorn und die Weide, häufiger
ist der Vogelbeerbaum und die wilde Erle [Grünerle] darin. Ich zweifle,
ob die Esche hier zu Hause sei. Von Stauden [Sträuchern] gibt es hier
nicht viel mehr Gattungen als die Haselstaude, Dornstaude, die Sabine
[gemeiner Wachholder gemeint] und Wachholderstrauch [der niederliegende
Alpenwachholder]. An Fruchtbäumen gibt es nur den Kirschbaum, einige
wenige wilde Apfelbäume, und den Mehlbeerbaum.23)
Gleich
beim Eingang in das Tal [linksufrig] zwischen Mompe Tujetsch und Bugnei
liegt eine grosse Waldung, die teils zu Disentis und teils zu Tujetsch gehört.
Ob Sedrun liegt eine andere minder beträchtliche, über Zarcuns und
Rueras eine dritte, über Giuf eine vierte und zwischen Sumsasi und Selva
eine fünfte. - Jenseits des Rheins [rechtsufrig] ist eine im Tal Curnera,
eine andere Tschamut und Selva gegenüber und eine dritte südlich vom
Dorf Rueras. Dann folgen die grossen Waldungen von Surrein und Cavorgia
und jene im Tal Nalps.
Die
Waldungen teilen sich in allgemeine, private, Korporations- und Bannwälder.
Erstere sind zum beliebigen Gebrauch angewiesen und stehen mithin unter
keiner Polizei, weil darin keine Ordnung herrscht; die zweiten sind
Eigentum der einzelnen Familien und wachsen auf deren Besitztum und stehen
unter derer eigenen Aufsicht; die dritten stehen auf dem Grund mehrerer
Eigentümer; sie gehören zu den Alpen, an welche sie anstossen, können
zu keinem anderen Gebrauch verwendet werden und stehen unter der Obhut der
Alpgenossen; die vierte Gattung Wälder endlich enthält die Bannwälder,
worin eine Polizei obwaltet. Letztere wurden desswegen so genannt, weil
aus selben ohne ausdrückliche Erlaubniss der Ortsobrigkeit niemand Holz
nehmen darf. Die Polizei hat sie desswegen in ihren Schutz aufgenommen, um
den Bürgern Sicherung ihres Eigentums und ein Hilfsmittel für die Not zu
schaffen.
Noch
zu Ende des 17. Jahrhunderts war die Obhut dieser Wälder dem regierenden
Landammann anvertraut, der durch seine Statthalter sie besorgen liess. Die
Frevler darin wurden auch von der allgemeinen Obrigkeit zur Verantwortung
gezogen. Vermöge eines Dekretes vom Jahre 1701 aber ist die Obhut,
Verwaltung und das Strafrecht den Ortsobrigkeiten anvertraut worden. -
Wie
wichtig sind nicht die Wälder für die Allgemeinheit! Warum wacht die
Ortspolizei nicht fleissiger darüber? Warum nimmt sie nicht auch die
allgemeinen Wälder [in denen ein jeder nach Belieben Holz schlagen kann]
in ihren Schutz und ihre
Obsorge auf? So wichtig ist die Waldung in kalten Ländern, dass man
auswandern oder erfrieren müsste, wofern sie abginge. Tujetsch ist zwar
bis dahin mit Holz versehen gewesen; allein wird es wohl auch inskünftig
damit versehen sein?
In
Tujetsch sind über 1000 Gebäude aus Holz und diese müssen wieder mit
Holz unterhalten werden; der Holzverbrauch ist ohne Kunst und ohne
Schonung. Jährlich wird mehr oder weniger nur aus Kurzweil in den Wäldern
angezündet und unütz verbrannt, nur um Rauch oder eine grosse Flamme zu
sehen. 24)
Jährlich
werden die Ziegen, und nicht selten täglich in die Wälder getrieben;
vorzüglich im Frühjahr beissen sie die ersten Schösslinge weg, und der
Nachwuchs wird verhindert und verderbt. Man nimmt Mies [Moos] und Streue
aus den Wäldern ohne Schonung und Achtsamkeit; dadurch werden die Wurzeln
der Tannen von ihrem Verdeck und ihrer Nahrung entblöst. Ein jeder sucht
Latten, d. i. hohe und schlanke junge Bäumchen, die zur Verzäunung und
zur Unterlage der Dächer gebraucht werden, nach Belieben aus; ein jeder Bürger
fällt darin [im allgemeinen Wald], was und wo er will; wälzt und
schleift das Gefällte durch die Wälder ohne Rücksicht und Schonung.
Polizei!
wache auf, überlege deine Pflichten, kehre zur Haushaltungskunst zurück,
damit deine Nachkömmlinge, indem sie an Holzmangel leiden, nicht über
deine Unvorsichtigkeit ihren Fluch ergehen lassen!
Eine
wohlgeordnete Polizei bekümmert sich um die Kenntniss aller nützlichen
und notwendigen Holzarten, die da wachsen oder auch wachsen würden, wenn
sie gepflanzt und versetzt würden. Die Birke, il badugn, liefert einen
vortrefflichen Saft; deren Laub, Reiser und Holz sind teils unentbehrlich,
teils sehr nützlich in der Ökonomie. Aus dem Eschen- und Lindenbaum- fraissen
= Esche und glienda = Linde - werden nicht nur vortreffliche
Medizinen zubereitet, sondern auch aus derem Laube ein milchreiches Futter
25) und von derem Holze schöne Tischlerarbeiten gezogen; sie
sind zwar hier nicht zu Hause, könnten aber wohl, vorzüglich beim
Eingang des Tals, gezogen werden. Der Ahorn - ischi -, die
Zitterpappel - triembel -, die Grauerle - ogn -, der
Vogelbeerbaum - culeischen -, Weiden - salisch -, Hollunder
- suitger -, die wilde Erle - draussa -, der Mehlbeerbaun - figniclè
-, Apfel- und Kirschbaum - maler, tscherscher -, welche Laub und
treffliches Holz, auch Latwerge und Branntwein liefern, dienen in der
Haushaltung. Nicht minder nützlich sind die Gesträuche: Haselstauden,
Dornhecken und -sträucher - spinèr, frosler -, besonders aber die
Nadelhölzer. Unter diesen dienen die Lärche - larisch -, Zirme - schiember,
[Arve], und der Föhrenbaum - tieua - zu Flechtwerk, zu Geschirren, zum
Brennen und im Baufach.
Allein
kann eine [Forst-] Polizei ihre Pflichten erfüllen, wenn sie nur zu Hause
erzogen ist und sich der Feldarbeit widmet. Nein, ein politer [geweckter]
und zu diesem Amt tauglicher Mann muss vorzüglich bei der gegenwärtigen
Lage der Ökonomie von Tujetsch im Ausland seine Studienjahre zubringen,
mehrere Reisen in wohleingerichtete Länder unternehmen, darin alles nützliche
und wohlgeordnete beobachten, prüfen und selber seinem Vaterlande
zuwendbar zu machen trachten. Ein solcher Mann sollte dann nicht, wie es
gewöhnlich geschieht, der Feldarbeit sich widmen, sondern einzig seinem
Berufe nachgehen und auch dafür besoldet werden.
Man
muss nicht immer mit dem Sprichwort der Faullenzer und Taugenichtse aufrücken
und sagen: unsere Voreltern waren auch Leute, die lebten; und doch nicht
auf die Bepflanzung und Besamung der wilden Bäume und Stauden, auf eine
geregelte Fällung und geordneten Transport des Holzes aus den Wäldern
dachten. Allein was willst du dummer fauler Esel über einen Gegenstand
das Urteil fällen, den du so wenig begreifst und verstehst, als ein Lärchenstock
im Walde. Wisse, dass nur Verpflanzung, Besamung, Schonung und Pflege der
Wälder und eine wahre Polizei darüber den Nadelwald, das Laubholz und
die Stauden in einem guten Stand erhalten und in Rücksicht dessen die
Einwohner befriedigen können.
Polizei
der Pflanzen und Gärten 26)
Das
Pflanzenreich ist im Tujetsch sehr wenig untersucht und noch viel weniger
der Welt bekannt gemacht worden. Ich bereiste dieses Tal öfters, allein
weil mein Gegenstand nur auf die Geographie und Mineralogie zielte, und
ich damals nur ein kenntnissloser Anfänger in der Botanik war, achtete
ich die Pflanzen wenig. Unter tausend anderen Pflanzen nenne ich folgende:
Sonchus alpinus, Cirsium spinosissimum, Erigeron uniflorum, Gnaphalium
supinum, Chrysanthemum Halleri, Pinguicula alpina, Lilium bulbiferum
[croceum], Linnaea borealis, Cardamine bellidifolia, Pedicularis rostrata,
Empetrum nigrum, Potentilla grandiflora, Cherceria, u.s.w.27)
Hieher werden auch allen Tannen- Laub-, und Staudenarten gerechnet. Sie
sind schon in der Polizei der Wälder angezeigt worden.
Nur
die weisse Enzianwurzel steht einigermassen unter politischer Ordnung;
denn wenn sie zur Branntweinbereitung gegraben werden soll, muss eine
Erlaubniss des Eigentümers vorangegangen sein.
Das
Muttenkraut und seine Wurzel werden benützt zum Tabackschmauchen; und die
Wurzel des Baldrian, um Bauchgrimmen zu dämpfen. Die übrigen Pflanzen
aber werden den Tieren oder der Erde zur Nahrung überlassen.
Man
muss sich nicht einbilden, hier Baumgärten anzutreffen; es gibt hier kein
Obst; es sind nur etwelche Kirschenbäume bei Nislas.28) Wenn
man also von den Gärten Tujetschs spricht, so sind Kraut- und Gewürzgärten
zu verstehen.
Die
Gärten im Tujetsch sind, wie die Bergmatten, eingeschlossenes
Privateigentum; sie werden nach Belieben angelegt und sind unbeschwert
[vom allgemeinen Weidgangsrecht]. Anfangs waren hier keine Krautgärten;
man wusste nichts vom Krautwesen. Jetzt aber haben die Gärten ein ganz
anderes Ansehen bekommen, nachdem man, wie die Bauern zu sagen pflegen,
auch Kraut wie die Geissen [Ziegen] zu essen angefangen hat.
Man
pflanzt weissen und roten Mangold, Spinat, Kohlrabi, Kohl und Kabis, Räben,
gelbe Rüben, Salat, Erbsen, Knoblauch u.s.w.
Von
Kabis, Kohlrabi und Kohl werden die Setzlinge herbeschickt, aber die Kohl-
und Kabisköpfe werden selten gross. Sehr gross dagegen werden der Randig,
die gelben Rüben und die Räben. Ich habe deren im Jahre 1785 in Selva
bei dem P. Maurus Nager gesehen, welche 7 bis 10 Pfund mochten gewogen
haben. Auch der Rettich wächst hier gut, gross und saftig. -
Von
den Gewürzkräutern werden folgende gepflanzt: Salbei, Polei, Majoran,
Petersilie, rote und weisse Münze, Meerrettig, Schnittlauch und Sellerie.
Auch
die Rose würde in ihrer Schönheit gedeihen, wenn sie gepflanzt und
gepflegt würde.29) Merkwürdig ist, dass alle Pflanzen, welche
hier in den Gärten wachsen, saftig, zart und von einem besonderen
Wohlgeschmacke sind. Allein man sollte auch die Wartung der Gartenprodukte
ihrer Natur entsprechend einzurichten trachten. Weder das Klima noch der
Grund leidet hier, sondern vielmehr die Kultur und Wissenschaft [sachgemässe
Behandlung].
Polizei
der Bergmatten und der Hausgüter
A.
Die Bergmatten liegen gemeiniglich an Alpen und Wäldern, auch unter und
zwischen diesen. Sie werden in rätischer Sprache: „cuolms"
oder „mises" genannt. Sie werden hauptsächlich im Frühjahr,
ehe man zur Alpfahrt sich anschickt, als Weide benutzt. Man mäht sie nur
einmal ab; das Heu aber wird gewöhnlich im Frühling, nicht selten auch
im späten Herbst und Winter verfüttert.
Talschaften,
aber desto mehr Allmeinden. Die mehresten Bergmatten liegen in Pardatsch,
Caspausa und Tgomjöri und geben allenthalben ein vortreffliches Futter.
Der
Dung wird entweder im Frühling oder Herbst ausgebreitet, selten aber der
ganze Boden wohl belegt [wegen Dungmangel] und vorteilhaft auf dem
Erdreich veriheilt. Das Vieh kann auch von den Bergmatten in die
Allmeinden und bis zu der näher zu bestimmenden Zeit [des Alpauftriebes]
auch in die Alpen zur Weide getrieben werden.
Die
Bergmatten sind entweder mit Hägen, losem Mauerwerk oder gar nicht
umschlossen. Ställe und Sennhütten sind darin gemeiniglich baufällig;
verwahrlost, unbequem gebaut und ziemlich unsäuberlich gehalten.
Das
Futter und die Weide ist gut, das übrige aber seufzet nach guter Anstalt
und Polizei. Tujetsch hat verhältnissmässig nicht so viele Bergmatten
als andere benachbarte.
In die Scheunen der Bergmatten wird auch öfters das Bergheu [Wildheu]
eingestellt und sie sind gemeiniglich ein Zufluchtsort des Viehes, wenn
Schnee und Ungewitter sich zeigen [wenn die Alpen wegen Schneefall
verlassen werden müssen]. Diese Bergmatten sind aber Eigentum der reichen
Bürger30); daher treiben die Dürftigeren ihr Vieh entweder
nach Hause [wegen Mangel einer schützenden Stallung], oder sie lassen es
unter freiem Himmel stehen [in jenem Falle, wo den Alpgenossen keine
„untgidas." d, i. Zufluchtsorte in benachbarten Waldungen zu Gebote
stehen].
B.
Die Hausgüter liegen um die Wohnorte und grenzen an die Allmeinden und
Bergmatten. Gleichwie die Bergmatten cuolms oder mises zum Unterschied der
Alpen genannt werden, so heissen die Hausgüter „praus de tgèsa [casa],
weil sie um die wohnbaren Häuser stehen.
Sie
teilen sich in Güter „de graun" und „de fein";
erstere heissen „èrs" und die andern „pradas"
d. i. Äcker- und Wiesenfelder.
Die
Äckerfelder werden nur zwei Jahre nach einander aufgepflüget oder
aufgegraben und bleiben dann drei bis 5 Jahre Heufelder. Die Wiesenfelder
aber bleiben immer die nämlichen und teilen sich in die mageren und
fetten: prada magra und grassa. Fette Wiesen sind solche, worauf gedüngt,
und magere, worauf nicht gedüngt wird.
Das
Hausgüterheu unterscheidet sich also in drei Gattungen, nämlich in „fein
de graun, fein de magher und de grass d. i. in Ackerheu, Mager- und
Fettheu.
In
Rücksicht der polizeilichen Ordnung der Hausgüter kann man sie als Weidgänge
[zeitweise für allgemeine Weide offenstehend] und als Arbeitsgüter [während
der geschlossenen Weidezeit] betrachten.
Als
Weidgänge werden die Hausgüter von St. Micheli an [29. September],
wofern die Feldfrüchte eingesammelt sind, bis zum Frühling allgemein
abgeweidet und zwar zuerst vom Rindvieh, hernach auch von anderen
Gattungen Haustieren.
Im
Frühling bestimmt jede Abteilung der Bürgerschaft, insgesammt
gleichzeitig, wann das „mundi" sein soll, d. h. wann die Haustiere
- jede Gattung besonders - von den Gütern müssen ausgeschlossen werden;31)
hernach können die Tiere [beim Zuwiderhandeln] abgepfändet werden.
Wer
diese Anordnung kennt und ihre Folgen erfahren hat, muss mit mir bekennen,
dass die erwähnten Anordnungen der Weidgänge unzweckmässig und
verderblich seien. Ich will es beweisen.32)
Bei
dieser Anordnung der Weidgänge im Frühling und Herbst wird die Oberfläche
der Güter vom alten und vermoderten Abgang, wie vom neuen Nachwuchs
[Herbst und Frühjahrsgras] entblöst, so dass alles bis auf die Wurzeln
und nicht selten diese noch
angebissen und entfernt werden. Allein sowohl das vermoderte Gras, als der
allzujunge Nachwuchs, welcher noch nicht zu einer gewissen Abreifung
gelangt ist, sind den Tieren, wie die Erfahrung und die Natur der Sache es
mit sich bringt, nicht nur nicht gedeihlich, sondern auch sehr schädlich.
Ferner
teile man ein Stück Gut, das durchgehend gleich an Güte oder
Ergiebigkeit ist, in zwei gleiche Teile ab. Den einten Teil schliesse man
mit einem Zaune ein, damit kein Tier hinzukommen kann. Man behandle beide
Stücke gleich und man mähe beide zur gleichen Zeit ab, so wird man die
Probe haben, dass das eingezäunte Stück Gut wenigstens um einen
Viertenteil wenn nicht um einen Drittteil mehr Heu gegeben habe, als das
andere Stück.
Mit
diesem Überschuss an Heu kann man auch den Vorteil an Grummet [Emd]
berechnen; denn mit mehr Heu kann man die Tiere länger und besser im
Stalle füttern, als wenn sie auf den Weidgängen genährt werden.
Zugleich hat man auch den grossen Vorteil an Dung, den man sammelt und der
zur fruchtbringenden Zeit ausgelegt werden kann. Eine andere Probe. Wer
gewohnt ist, 5 Kühe, 5 Rinder, 5 Schafe, 5 Geissen und 3 Schweine
einzustellen, der stelle nur drei Kühe, 3 Rinder, 3 Schafe, 3 Geissen und
zwei Schweine ein. Er wird sehen, dass er eben so viel Nutzniessung von 14
als von 23 Stücken haben werde. Der Vorteil besteht erstens darin, dass
die 14 Tiere fetter und fleischiger sein werden, als jene 23. Ferner hat
der Eigentümer wenigstens um einen Viertenteil mehr Futter im künftigen
Herbst zu erwarten; mit diesem Überschuss kann er dann im nächsten Jahre
seine Tiere um den Viertenteil vermehren, im dritten und vierten Jahre
ebenso, und so hat er schon im 4. Jahre ein Wachstum an Futter, dass man 9
Tiere mehr auswintern kann.
Der
Bauer ist wie ein Kind, das noch nicht gehen kann; man muss ihn also so
mit Geduld in die Haushaltungskunst hineinführen, bis er selbst darin,
ohne zu straucheln, gehen kann.
Gute
Gewohnheiten arten aus, wie die guten Sitten; und kluge Männer müssen
immer daran arbeiten, um das gemeine Volk wiederum zu seiner Vernunft und
zum eigenen Vorteil zurückzuführen.
Die
alten Tujetscher fütterten ihre Tiere, hatten einen erheblichen Nutzen
davon, die Milch- und Fleischprodukte waren vorteilaft und im Überflusse
zu Handen. Die heutigen Tujetscher [im Jahre 1805 geschrieben] aber
hungern ihre Tiere des Winters aus, foltern und martern sie, die
Nutzniessung davon ist sehr gering, der Dung hat keine Kraft, viele Tiere
gehen im Frühling zu Grunde; die Bauern essen zu Hause mageres Fleisch
und verschicken kleines mageres Vieh in fremde Länder, da sie ihre Güter
und Alpen bis auf die blutte [nackte] Erde abweiden lassen. Politiker und
kluge Männer müssen somit ihre Nebenmenschen, die von den guten
Gewohnheiten ihrer Altvordern abgewichen sind, wiederum zu deren Wohlstand
zurückführen und sie im Tone der Geduld und Sanftmut der falschen
Vorurteile und ihrer unökonomischen Unternehmungen zu entheben trachten.
Dann wird der vorige Wohlstand im Tujetsch wiederum eintreten,
Die
Polizei der Feldarbeit hat im Tujetsch etwas eigenartiges an sich. Die
erste Arbeit auf dem Felde, nachdem man den Dung beim Schlittweg ausgeführt
hat, ist die Erde an einer Stelle hervorzugraben und sie über jene Flächen
zu verbreiten, welche noch mit Schnee bedeckt sind und geackert werden
sollen. Diese Erde, wie auch die Asche und der Dung haben die besondere
Kraft an sich, um den Schnee zu zerschmelzen. Weil aber Tujetsch ein
hochgelegenes Land ist [1400-1600 m. ü. M.] und meistens ein sanft
ansteigendes Ackerfeld hat, so würde der Schnee zu spät abschmelzen, das
Ackern müsste verschoben werden, und mithin würde das Getreide nicht,
oder selten ausreifen, wenn diese Arbeit nicht vorgenommen würde. So hat
es sich öfters zugetragen, dass am Rande des Ackers der Schnee noch über
zwei Schuh tief lag, während man den Acker schon gepflügt und besäet
hatte.
Der
Keimling geht so auf, und es trifft öfters zu, dass er schon 4 Zoll hoch
gewachsen ist, ehe der Schnee ringsherum zerschmolzen ist.33)
Die
Zeit des Ackerns lässt sich wegen der Verschiedenheit der Jahre nicht
bestimmen; gewöhnlich aber fängt man mit dem Maimonat an. Man bedient
sich beim Ackern zweier Werkzeuge, welche paarweise vom Vieh gezogen
werden [beim Aufbrechen von Wiesboden]. Mit dem einen wird die Erde
durchschnitten, und mit dem andern aufgewühlet und umgeworfen. Die
Erdschollen werden mit Hauen zerschlagen; es wird gesäet, geegget und mit
dem Rechen geebnet. Wenn aber das Feld schon ein Jahr zuvor geackert war,
bedient man sich gemeiniglich nur eines Werkzeuges.
Der
Acker wird wenigstens einmal, öfters aber zweimal gejätet. In dieser
Arbeit, zu welcher man eines messerähnlichen Instrumentes sich bedient
[Rom. „zarclet" genannt], um das Unkraut mit der Wurzel
auszuheben, können die Weibspersonen von Tujetsch als Muster vorgestellt
werden,
Es
wird hier Sommerroggen, Gerste und Dinkel, Rätisch: tridi oder tredi,
selten aber Hafer und Weizen angepflanzt, obschon letzterer ausserhälb
Sedrun zu Bugnei und Nislas [windgeschützte milde Lage] ohne Zweifel
wachsen würde. Wintersaat pflegt man keine anzulegen; sie würde auch von
den weidenden Tieren sehr beschädigt werden.
Hanf
wird selten angebaut, aber desto mehr Flachs, der ausserordentlich gut
geratet, geschickt verarbeitet und viel davon verkauft wird.
Die
Getreideernte fällt gewöhnlich in den Herbstmonat, nicht selten auch in
den Weinmonat. Die Getreidehalme werden insgesamt selten gelblichweiss,
sondern gemeiniglich nur gelblichgrün und nicht selten nur blassgrün [in
sonnenarmen, regnerisch-kalten Sommern].
Man
beiget das geschnittene Getreide, welches in Garben [kleine Garbenbüschel]
gebunden wird, in freiem Felde auf die Kornleitern [Kornkisten, Rom. chischnès,
nach Spescha: chischners] und dröschet es zu Ende des Weinmonats
oder im Wintermonat mit Flegeln aus. Das Mehl dient, wenn das Getreide
wohl gesäubert, gewaschen, getrocknet und fein gemahlen wird, sowohl zum
Backen als Kochen und ist sehr weiss, zart und schmackhaft.
Die
Sperlinge, Rhät. paslers oder spazers, sind hier
schaarenweise zu Hause und lieben das Getreide sowohl auf den Äckern, als
auf den Kornleitern recht sehr. Man darf sicherlich berechnen, dass diese
Tiere im Tujetsch jährlich 50 Viertel Getreides [Rom. curtauna]
verzehren, ohne dass sie in ihren Mahlzeiten gestört werden. Was die
Polizei bis dahin übersehen hat, darauf wollen wir aufmerksam machen; sie
soll erstens überlegen, dass diese Vögel weder wegen ihres lieblichen
Gesanges und ihrer körperlichen Schönheit, noch wegen anderen guten
Eigenschaften geduldet werden sollen, um so weniger, weil sie der Ökonomie
des Tales jährlich bei 200 fl. entreissen, die für die Hausarmen mit grösserem
Vorteil könnten verwendet werden. Ihre gewöhnliche Vertilgung geschieht
durch Schiessen und Fangen, allein ich vermute, die Wurzel der giftigen
Pflanze „fava ded alp" [auch fava piertg genannt],
welche gemeiniglich um die Alphütten als hohe Stauden mit blauen und
gelben Blumen wachsen,34) würde zerstossen und mit Getreide vermischt, das
man diesen Vögeln vorlegt, am geschwindesten, sie ausrotten.
Die
zweite Arbeit der Einwohner ist die Auslegung des Dungs im Frühjahr;
selten findet sie im Herbst statt, wo der Dung gewiss um vieles
vorteilhafter könnte ausgelegt werden. Aber warum nicht? Es ist der
augenscheinliche Fehler der Ökonomie des Tales in Rücksicht der Weidgänge
auf den Hausgütern. - Ein zweiter Fehler der Ökonomie ist es, den
neugemachten Dung des Winters auf die Felder zu führen, denn ein unverjässter
Dung ist zur Fruchtbarkeit untauglich, und sollte er auch verjässt35)
sein, so verliert er seine Kraft, wenn er der Kälte und Wärme, der Nässe
und Trockene blosgestellt wird.
Von
Güllen [Jauche] Kästen, von Sammlung und Verbrauch der Gülle, Rhät. broda,
kann hier nicht einmal die Rede sein; mithin entsteht ein Verlust vom
Dritteil des Dungs; ein neuer Fehler der Okonomie des Tales. Eine
wohlgeordnete Polizei empfiehlt und befiehlt den Bau der Güllenkästen,
Rhät. brodera, ohne weitere Anfrage; denn dieses ist dem Lande
sehr nützlich.
Die
Heuernte geht gemeiniglich vor oder um die Mitte des Heumonats an. Das Heu
ist gewöhnlich unreif und sehr nieder; vorzüglich desswegen, weil die
Weidgänge auf den Gütern nicht verboten sind.
Ebenso
wenig trägt die Sammlung des Grummets oder Emdes ein, weil die Weide der
Hausgüter selbe verspätet und verdirbt.
Auf
das Heuen der Hausgüter fällt das Mähen der Bergmatten ein, dann die
Sammlung des Bergheues; dann folgt das Emden gleichzeitig mit der Ernte
des Getreides und endlich das Ausgraben der Erdäpfel. Diese letzte Frucht
ist erst vor ungefähr 30 Jahren zum pflanzen eingeführt worden. Man hat
seitdem verspürt, dass die Grösse, Schönheit und Stärke der Tujetscher
abgenommen haben, nicht so fast desshalb, weil diese Frucht nicht nützlich
wäre, sondern vorzüglich desswegen, weil man zu viel derselben pflanzt
und zu übermässig davon isst.
Die
Sammlung des Flachses wird im Augustmonat vorgenommen. Die Ernte ist reich
und einträglich. Der Flachs wird zum Einweichen in die Teiche, Rhät. puozs,
gelegt, auf den Wiesen ausgebreitet, dann gebrochen, geschwungen und
gehechelt. 36)
Der verarbeitete Flachs ist feinfaserig, zart, von weissgelber Färbe
und lang. Die Einwohner von Tujetsch wissen denselben wohl anzubauen, ohne
Verkünstelung ihn wohl zu bearbeiten und den gehörigen Nutzen daraus zu
ziehen. Die Aussaat des Flächses wirft an Samenvermehrung 20 und an
Flachsfaser 30 Gewinnteile ab; das Getreide aber wirft einen Vorschlag ,
von 20, 30 bis 40 Teilen ab. - Tujetsch sammelt jährlich ungefähr 7000
Viertel Getreides; 100 Viertel Leinsamen, 2000 Krinnen Flachs und 3000
Viertel Erdäpfel. Vielleicht möchten einige wissen; wie viel Klafter Heu
und Grummet Tujetsch jährlich sammle.37) Wenn man eine Fütterung
von 800 Kühen und ebenso viel Rindern; 2000 Schmaltieren und ungefähr 20
Pferden; welche Tujetsch auswintert, berechnet, so dürfte es ungefähr
ein Quantum von 4300 Klaftern geben.
Man
sammelt hier viererlei Gattungen von Heu, nämlich: Ackerfeldheu, Wies-
Bergmatten und Wildheu. Das Heu ab den Wiesen teilt sich in das
fette und mgere; das Wildheu ; wird sowohl von den Alpen [von Spescha
bereits als Bergheu fein de pastg, aufgeführt] und von unzugänglichen
Orten gesammelt, wozu ein gewisser Tag bestimmt wird.38)
Riedheu gibt es hier wenig, weil es nur wenige Riedfelder gibt; an Ried
ist Selva und Cavorgia am reichsten. Welches Heu vor dem andern den Vorzug
verdiene, lässt sich kaum bestimmen. Für Milchmenge [Milchproduktion]
halte ich jenes vom Ackerfeld für das beste; für Fleisch und Fett aber
das Bergmatten- und Wildheu.39) Mit dem Mager- und Riedheu
werden die Schmaltiere und Pferde gefüttert; nicht selten verwendet man
auch das geringere Wildheu dazu; das übrige wird für das Grossvieh
bestimmt.
Stroh
und Stoppeln werden vorzüglich als Streue verbraucht; wenn aber das Stroh
grünlich ist, und die Stoppeln mit Gras vermischt sind, so werden sie
sowohl den Schmaltieren als dem Rindvieh zur Nahrung vorgelegt.
Einige
sammeln Vorrat von Laubsträuchern40), Tannenbart und
Tannenreisern. Das Laub ist sowohl für das Rindvieh als für die
Schmaltiere als eine gute Fütterung anzurechnen. Tannenbart
[Bartflechten, Usnea] und Tannenreiser aber sind nur eine Notfütterung.
Im Jahre 1803 und im gegenwärtige Jahre 1805 war eine solche Heunot, dass
die Selver und Tschamuter und mehrere von den übrigen Tujetschern mit
abgerupftem vermodertem [vorjährigem, auf dem Boden stehen gebliebenem.
Rom. nitschuns] 41) Bergheu ihr ganzes Hab und ihre
Schmaltiere vom Märzen bis zum Brachmonat ausfüttern und verpflegen
mussten. Einige wenige Stücke von ihrer Viehhab gingen drauf.
Merkwürdig
ist die Sammlung des Krautes „laphazes" oder „lavazas",
vom Latein, Lapathum, welches eine Gattung des Sauerampfers ist, der
Blackenen [Rumex alpinus]. Dieses Kraut wird um die Mitte des Heumonats
abgepflückt, zerhackt oder auch unzerhackt abgesotten, in einer dazu
vorbereiteten Stande [Rom. bignera] beschwert, dann warm gemacht
und abgerührt. Es gibt für die Mästung der Schweine ein gutes Futter. 42)
Polizei
der Allmeinden
Die
Allmeinen oder Allmenden, in der Landessprache pastiras genannt,
sind ollgemeine Weidegänge [Weidplätze], welche im Frühling, Sommer und
Herbst von verschiedenen Haustieren gemeinschaftlich benützt werden.
Diese Weidgänge haben in Tujetsch eine politisch ökonomische Einteilung
veranlasst, nämlich in: Tschamut, Selva, Rueras mit Giuf, Camischolas mit
Zarcuns, Sedrun mit Gonda und Salins, Bugnei mit Nislas, Cavorgia, Surrein
mit Nacla, Canadal und Foppas.
Jeder
dieser Teile hat seine eigenen Allmeinden und mithin auch seine eigenen
Weidgänge. In Rücksicht der vortrefflichen allgemeinen Weidgänge übertrifft
Tujetsch alle anderen Nachbarschaften der Landschaft Disentis; denn die
Weide ist zart, sehr milchreich und überall wohlgelegen.
Jeder
kann, wenige Fälle ausgenommen, seine eigenen Tiere auf die Allmeinden zu
allen Zeiten treiben. Kauft er aber Tiere nach „calonda mars"
d. i, nach der Mitte des Märzmonats, muss er der Gemeinde [Korporation]
den Weid- oder Alpzins erlegen.
Durch
Mehrheit der Stimmen in jedem der oben genannten Teile [Korporationen]
wird im Frühling bestimmt, wann die Tiere von den Hausgütern sollen
abgetrieben und zur Weide der Allmeinden zugelassen werden.43)
Im Herbst wird wiederum gemehrt [durch Mehrheitsbeschluss der ganzen
Gemeinde bestimmt], wann diese oder jene Tiergattungen von den Allmeinden
können abberufen und zum Weidgang auf den Hausgütern können zugelassen
werden.
Die
Allmeinden sind von Polizei und Kultur verlassene Waislein. Sie werden
weder, geputzt [gereinigt z. B. von Steinen], noch gewässert und
geordnet; mithin kann man auch, nachdem diese Allmeinden zu allen Zeiten
und von allen Tieren geplagt worden sind, darauf schliessen, was für
einen Nutzen sie der Allgemeinheit [dem Gemeinwesen] werden abwerfen können.
Es liegt nicht mir, sondern dem Tujetsch ob, jene Mittel zu ergreifen,
welche tauglich sind, den gehörigen Nutzen aus der Gabe Gottes und dem
Erbteil der Voreltern herauszuziehen.
1.
Zahme Tiere
Unter
allen zahmen Tieren ist das Rindvieh das vornehmste; denn von diesem und
dem Getreide leben und ernähren sich die Einwohner beinahe ganz. Das Vieh
ist allgemein von kleiner Statur; es ist meistens von brauner, grau- und
weisslicher Farbe, selten braunschwarz, schwarz oder bunt. Man achtet
wenig auf verhältnissmässige Schönheit des Viehs, sondern nur auf
Ergiebigkeit der Milch; man sollte aber auf beides Achtung haben; denn
beide Eigenschaften bringen Nutzen.
Die
Ochsen von Tujetsch verdienen nicht in Betracht gezogen zu werden; denn
entweder werden sie geschlachtet, oder als junge Rinder verkauft.
Die
Schafe sind von Farbe meist weiss, auch schwarz; sie sind klein; aber ihr
Fleisch ist niedlich [zart].
Die
Ziegen, welche man in der Schweiz lieber Geissen nennt, sind gross und
fett und von verschiedener Farbe.
Die
Schweine sind klein und gemeiniglich von gelbroter Farbe; auch gibt es
schwarze und bunte; sie haben ein sehr schmackhaftes Fleisch.
Das
Geflügel im Tujetsch besteht aus Hähnen und Hennen; sie sind von
ziemlich grosser Statur und sehr nutzbar.
Die
Polizei, der Tiere erstreckt sich hier nur auf die Weidgänge in den
Alpen, Allmeinden und den Hausgütern, und auf den Ankauf und die
Gesundheit derselben. Wenn die Tiere, vorzüglich das Rindvieh, erkranken,
oder als krank geschlachtet werden sollen, nimmt die Polizei einen
Augenschein vor und erteilt ihre Verordnung. Man muss sich aber merken,
dass diese Polizei nur alsdann wacht, wenn es das Rindvieh und dessen
Lungensucht44) betrifft. Wie hinkend und beschränkt eine
solche Polizei, wo kein Vieharzt ist, sei, ist leicht zu begreifen. Gibt
es denn beim Rindvieh keine anderen Krankheiten, die ansteckend sind, als
die Lungensucht? Sind die übrigen Haustiere nicht ebenso nützlich für
die Ökonomie, wie das Rindvieh?
Die
vorzüglichste Polizei der zahmen Tiere betrifft deren Nachzucht;
desswegen stehen dort 6 ganze Stiere in Bereitschaft. -
Wer
mit den Haustieren glücklich sein und von ihnen den gehörigen Nutzen
ziehen will, der muss sie lieben. Lieben wird er sie, wenn er sie oft säubert
und putzt, wenn er sie fleissig, aber mässig mit guter und reiner Kost füttert
und tränkt, wenn er für eine geschützte und bequeme Liegerstätte
sorgt, wenn er sie vom Ungewitter und vor allzugrosser Wärme und Kälte
schützt, wenn er sie öfters mit Leckerbissen ermuntert, auf sie selten
schimpft und schlägt, wenn er sie weder zum Zorn, noch zu Betrübniss
anreitzet. Es sind zwar nur Tiere, aber von Gott zu unserem Nutzen und
nicht zum Martertum bestimmt,
2.
Wilde Tiere
An
der Spitze steht der Bär, welcher gemeiniglich jährlich viel Kummer und
beträchtlichen Schaden anrichtet.45)
Es
gibt viele Füchse, Dachse, Iltisse, Marder. Schädlich sind der Fuchs,
der Iltis und der Marder, obschon man von ihren Bälgen sich Nutzen
schafft. Der Dachs wühlt das Matten- und Getreideland auf und ernährt
sich von Wurzeln. Auch graue und weisse Hasen, Eichhorne, Maulwürfe,
Ratten46) und Mäuse finden sich. In den Alpen werden viele
Gemsen und Murmeltiere angetroffen. Ein gewisser Hans Jacob von Rueras hat
letztere an mehreren Orten beinahe ausgerottet.
Unter
dem Geflügel steht der Bergadler47) voran und der Hennendieb
[Hühnerhabicht]. Ersterer richtet grossen Schaden an den Lämmern, jungen
Ziegen und Gemsen an, der andere am zahmen Geflügel.
Es
ist mir nicht bekannt, dass der Urhahn [Auerhahn] sich aufhält48),
allein desto ergiebiger sind die Spielhahnen [Birkhahn]49),
Pernisen [Steinhühner], Hasel- und Schneehühner; auch gibt es wilde
Tauben und Enten, verschiedene Arten Amseln, Nussjäcker, grüne und rote
Baumpicker [wohl Grün- und grosser Buntspecht gemeint], Raben, Dohlen
[Bergdohle] und allerlei kleine Singvögel.50)
Es
gibt auch Schlangen [glatte Natter und am Calmut zahlreiche Kreuzottern];
Kroten sind selten, aber desto häufiger die Frösche [Grasfrosch], die
sehr schmackhaft sein sollen.
Unter
den Fischen sind im Tujetsch die Forellen; sie befinden sich meist im
Hauptflusse und selten in den Seitenbächen. Die Forellen sind klein,
selten über drei Pfund schwer.
Die
Groppen [Kaulkopf], eine Art kleiner Fische, welche mit einem dicken Kopf
gestaltet sind und in romanischer Sprache „rambots" genannt
werden, lassen sich auch hin und wieder gehen.51)
Wenn
mehrere der wilden Tiere, als nur die Gemsen, unter der Obhut der Polizei
stünden, so würde ich aus Achtung vor ihr diese unter einem besonderen
Titel verzeichnet haben. Es gibt noch ziemlich viele Gemsen im Tujetsch.
Es ist eine obrigkeitliche Verordnung ausgegangen und selbe zu
wiederholten Malen erneuert worden, dass von Martini an [11. November], wo
die Brunstzeit gemeiniglich anfängt, bis Jacobi [25. Juli] keine Gemsen dürfen
geschossen werden. Allein man achtet diese Verordnung nicht, und die
Polizei schläft dabei.
Nachdem
man angefangen hat, den Murmeltieren nachzugraben und selbe bei ihrem
harten Schlafe zu überfallen, sind diese Alpentiere fast als ausgerottet
anzusehen.52) Der Mörder lebt noch [siehe oben], aber in Dürftigkeit
samt seinen Mitschuldigen.
Der
Steinbock, dieses Prachtstier, weidete vor Alters auch in den Alpen von Tujetsch;
er war damals von keiner Polizei geschützt und ist jetzt vertilgt.
Auf
den Schuss eines Lämmergeiers [Steinadler] ist ein Taler, auf jenen des Bären
100 fl. gesetzt; allein das unschuldige Murmeltier wird beim Schlafe erwürgt;
beim Bären aber schläft man selbst ein. Im Übrigen ist die Jagd und
Fischerei zu allen Zeiten und an allen Orten frei; man schiesst, fängt
und schlägt die wilden Tiere so viel und wo man kann.
Polizei
der Berge [Felsfluren] und der Mineralien
Über
die Berge wacht keine Polizei. Als Felsen und Steinlager liegen sie
unbrauchbar da, ausgenommen dass der Serpentin [Talkstein, Lavezstein,
rom. scalegl] zu Stubenöfen und der Kalkstein zu Kalk verarbeitet
wird. Man kann die Berge als ein Mineral- und Kristallreich betrachten.
Als Mineralien [Gestein] blieben sie bis dahin beinahe ununtersucht; als
Kristallreich aber sind sie Eigentum des Finders.53) Als
Kristallreich ökonomisch betrachtet werden die Berge nachlässig
durchsucht; die Kristalle werden beim Graben verdorben, unvorsichtig
eingepackt und verwahrt. Eine Schleifmühle [zum Schleifen der Kristalle
und Mineralien] gehet ab; eine solche würde dein Tale vielen Nutzen
schaffen und manchem Brotlosen das Brot geben.
Ich
habe im Tujetsch keine Gebirgsgattung angetroffen, als Gneuss [Gneiss] und
Granit von verschiedener Farbe und Gemenge. Doch gibt es auch Serpentin
[Talkstein] über Rueras und auf dem Calmut. Man gibt vor, dass die Thäler
Nalps und Curnera vor Zeiten etwas Bleierz enthalten haben; man will auch
Bleistufen im Drun [Nordseite von Sedrun] gefunden haben. Von Gips ist bis
dahin nichts entdeckt worden, Ton aber gibt es an allen Orten.
Obschon
Tujetsch sehr mager an Mineralien [Erzen] ist, so ist es um so reicher an
Kristallen. Man wird kaum ein Tal finden, das reicher an Kristallen wäre,
als Tujetsch. Die Tujetscher Kristalle sind manigfaltig und von seltenem
Feuer, Von Farbe sind sie meist weiss und von verschiedenem Braun, selten
aber gelblich. [Spescha spricht hier vom Quarz: Bergkristall].
Um
das Jahr 1780 zeigte sich im Tale Bugnei ein Ausbruch von Kristallen von
einer ausserordentlichen Schönheit, deren Wert man über dreihundert
Taler schätzen kann; die seltensten bekam ich davon. Ein ganz
durchsichtiger und unverletzter Kristall war darunter, der 36 Krinnen [27
kg] wog. Der Finder dieses Schatzes war ein gewisser Vigilius Nut von
Segnas [Disentis]. Ein gewisser Hans Jacob Bär [Beer] und ein anderer mit
Namen Piader haben aus den Nebentälern von Tujetsch mehrere tausende
Kristalle erhoben. Es gibt auch schöne Adulare, kristallisierten Glimmer,
undurchsichtige Granaten, sehr grossen schwarzen Schörl, gelbroten
Antimonit in Nadeln [wohl Rutil gemeint], grüngelbe Chrysolythen
[entweder Sphen oder Epidote, die beide im Val Drun sich finden],
blassrote Hyacinthen [Hessonit, ein Kalk-Tongranat am Badus] und noch,
andere, deren Namen mir nicht bekannt sind.54)

Polizei
der Gebäude und der Feueranstalten
Unter
beiläufig 300 Gebäuden,55) die wir hier erblicken ist mit
Ausnahme der Pfarrkirche in Sedrun und vielleicht der Kirche in Zarcuns
kein einziges Gebäude, dass die Eigenschaften eines vollkommenen Gebäudes
in sich vereinigt besässe, nämlich: Bequemlichkeit; Dauerhaftigkeit und
Ansehnlichkeit. .
Viele
bauen aus der Ursach schlecht, weil sie vorgeben, dass ihre Mittel nicht
hinreichend seien, recht zu bauen. Allein wenn ich kein Vermögen und auch
keinen Credit habe, so sagt die Vernunft: baue nichts; lasse jene bauen,
die das Vermögen dazu haben. Hier entsteht die Frage, aus welcher Materie
die Gebäude im Tujetsch sollten bestehen, wenn sie dem wahren Vorteil
entsprechen sollten. Zu den Gebäuden, vorbehalten die Kirchen und
Kapellen, wird gemeiniglich Holz genommen, da man doch statt des Holzes
Steine nehmen könnte.
Wenn
man aber die Vernunft unbefangen reden lässt, was sagt sie? dass die
steinernen, und wo Erdbeben wüten, jene mit Riegelspan verstrickten Häuser
den Vorzug verdienen, weil sie zur Verschönerung tauglicher, dauerhafter
und auch bequemer sind, weil sie leichter Wärme, Kälte, Regen und Wind
abhalten, weil sie füglicher sind, allerlei Genusswaren zu versorgen, das
Ungeziefer zu verscheuen, und auch ausserdem ruhiger sind als die hölzernen
Häuser. Diese hingegen sind erstlich zur Verschönerung untauglich und
unwert, werden in Zeit von 50 Jahren braun und schwarz; hernach in Zeit
von hundert Jahren vermodern sie und fallen zusammen, erzügeln und halten
gern Ungeziefer, Ratten, Mäuse und Schaben56). Man haut das
Holz dazu entweder im Mai oder Brachmonat, folglich gerade zur
ungeschicktesten Zeit, wo das Holz voll des Saftes ist; man lässt es nur
halb dürre werden, ehe man es verbauet; legt in die Fugen Moos aus dem
Walde; das Holz zieht sich aber zusammen und schützt weder gegen Wärme
noch Kälte.
Und
wenn keine anderen Ursachen vorhanden wären, als die durch den Holzbau
bedingte Vertilgung der Waldungen, so sollte man den Bau der hölzernen
Gebäude einstellen und jene der gemauerten empfehlen. Alle mir bekannten
Gebäude, die Gotteshäuser und ein einziges Haus ausgenommen, sind in
Tujetsch von Holz gebaut; nun überlege man, wie viel Holz für Bau- und
Unterhaltung man verbrauchen muss, und ob die Waldungen bei dieser Verfügung
in die Länge andauern können.
Die
Heu- und Viehställe sind mit aufeinandergelegten und nicht
zusammenpassenden [unbehauenen] Balken gebaut. Sie helfen gleich den hölzernen
Häusern die Waldungen Tujetschs zu vernichten. Von den Alphütten ist
keine Beschreibung nötig, wohl aber eine sehr verbesserte Bauart.57)
Nur
die öffentlichen Gebäude und die Kamine der Privathäuser stehen unter
der Aufsicht und Leitung einer Polizei; alles Übrige wird entweder der
Klugheit oder Unwissenheit der Einwohner überlassen.
Die
Feuersicherung der Kamine liegt dem Dorfmeister mit Beizug der
Vorgesetzten [Geschworenen, nach heutigem Begriffe: Gemeinderäte] ob; sie
werden zu gewissen Zeiten von denselben in Augenschein genommen und auf
Unkosten des Eigentümers in richtigen Stand gesetzt; auch wird letzterer
nicht selten bestraft.58)
Jeder
kann, vorbehalten eines berechenbaren Schadens des Nächsten, bauen und
verschleissen, wann und wo er will; folglich stehen die Gebäude da, wie
etwa die Köpfe und Sinne der Bauern sein mögen. Eine solche Art von
Polizei der Gebäude kann nicht anders als der Okonomie unzählige Wunden
schlagen; allein die grösste Wunde wird der Waldung im Tujetsch zugefügt.
Polizei
des Wasser- Strassen- und Brückenbaues
Vorwort
der Redaktion
Spescha macht hier rein lokales Interesse bietende Angaben und
Verbesserungsvorschläge über Wasser-, Strassen- und Brückenbauten. Wir
bringen nur, was weitere Kreise interessieren kann. In vorhistorischer
Zeit hatte nördlich über Sedrun an den steilen Halden des Cuolm da Vi
eine starke Erdbewegung eingesetzt, die zu einer bösen Rüfe anwuchs,
deren schlammige Gewässer sich südwärts zwischen den Ortschaften Sedrun
und Gonda dem Rheine zuwandten und die naheliegende Pfarrkirche und Häuser
gefährdeten. Laut Urkunde vom Jahre 1557 hiess der Wildbach „Dragun“
oder „Drun„. Wahrscheinlich dürfte der Name vom rom. Worte „dargun",
d. i. Rüfe, Wildbach, stammen. Prof. Muoth leitet den Namen von dargun,
drac, d. i. Drache, ab. Siehe Bündn. Monatsblatt Jahrg. 1897, Nr.
2, p. 37.
P.
Spescha schreibt:
„Der Drun ist ein Talgeländ, welches zwischen Sedrun und Gonda streicht
und sich an den Rhein öffnet. Unter dem Cuolm de Vi macht er seinen
Anfang mit abschüssigen Schroffen und Schlüpfen, über welche
Schneelawinen, Felstrümmer, Steine, Sand und Letten hinabglitschen und
das enge Thälchen ausfüllen. Man setzte vor
200 Jahren die Pfarrkirche weiter zurück gegen Osten, man baute
Gegenwehren von Holz und Steinen, man bemühte sich nach allen Kräften,
dem Schaden vorzubeugen; allein man ging nicht klug zu Werke, und alle Bemühungen
waren vergebens.
Ich
habe öfters den Drun in Augenschein genommen und gefunden, dass er sein
Spielwerk noch mehr als hundert Jahre forttreiben werde und von ihm kein
Nachlass zu erhoffen sei, bis nicht seine Seitenwände so flach geworden,
dass Gras darauf wachsen kann.59) Der Drun muss jährlich
besichtigt werden. Steine oder Felsenstücke, die zur Fortwälzung
untauglich oder zu gross sind, müssen verkleinert werden. Wenn man dem Übel
vorbeugen will, muss man mitten durch den Rüfenbach einen breiten und
hohlen Graben aufwerfen und denselben mit grossen Steinen gleich einem
Pflaster belegen. Denn nur so wird die sich vorwärts wälzende Materie
ohne Krümmung und Widerstand abgeführt, und dem Schaden ist
vorgebeugt."
Über
den Strassen- und Brückenbau bemerkt Spescha: „Über die Strassen oder
Wege der Talschaft wacht und ordnet der Dorfmeister mit Hilfe der
Vorgesetzten. Die Lage von Tujetsch ist so geeignet, dass da eine bequeme
und sichere Hauptstrasse könnte angelegt werden. Es fragt sich dann, ob
die darauf au verwendenden Unkosten dem Nutzen entsprechen würden. Diese
Berechnung ist folgender Art. Wenn des Tags nur 15 Personen durchreisten
und wegen der Bequemlichkeit und Kürze des Wegs 4 Kreuzer ersparten, so
trüge dies schon in einem Jahre 365 fl ein.
Wenn
in einem Jahre 1000 fremde Personen durchreisten und 500 Stück Viehes
durchgetrieben würden, und jeder Kopf einen Kreuzer erlegte, trüge dies
schon 26 fl. ein. Wenn jährlich nur 100 Säume hierdurch geführt würden,
und jeder Säumer 30 Kreuzer Aufschlag bekäme, würde dieses schon jährlich
50 fl. eintragen.
Wenn
jährlich nur 30 Saum von Tujetsch aus- und eingetragen würden und jeder
Saum um 20 Kreuzer gepfändet würde, trüge dies schon jährlich eine
Summe von 10 fl. , dem Tale zu. Wenn Tujetsch jährlich um 400 Gulden
Schuhnägel ankauft und dabei nur ein Viertel ersparte, hätte es schon
einen Vorteil von 100 fl. Dies trüge insgesammt einen jährlichen Eintrag
von 500 fl.
In
Tujetsch sind nur 3 Brücken, welche über den Rhein führen: bei Selva,
Rueras und Surrein; alle diese mit anderen mehr sind sehr dürftig und
einfach gebaut.60) Sie stehen unter der nämlichen Polizei und
Aufsicht, unter welcher der Strassenbau steht; diese kann auch vom Rate
belangt werden, wenn sie sich darin nachlässig zeigen würde.
Polizei
der Allgemeinheit
[Der Gemeindeversammlung]
Es
kommen mehrere Angelegenheiten vor, die von der Allgemeinheit müssen
beraten, entschieden und angeordnet werden; sie werden vom Landamman an
seinen Statthalter geleitet; dieser trägt entweder selbst und durch den
ersten Geschworenen die Sache der Gemeinde vor, welche dann das
Vorgetragene in Beratung zieht und durch Stimmenmehrheit entscheidet. Der
Beschluss wird vom Statthalter in das Bürgerschaftsprotokoll gingetragen
und eine Abschrift für den Landamman genommen.
Gemeiniglich
wird die Versammlung an Sonn- und Feiertagen veranstaltet. Wenn aber eine
Sache keinen Aufschub gestattet, kann sie auch an anderen Tagen
statthaben. In letzterem Falle berichten die Vorsteher einander, diese
zeigen den Fall den Dorfmeistern und diese wieder dem gemeinen Volke an.
Wenn
es die Aufnahme oder Abdankung der Geistlichen betrifft, wird die
Versammlung in der Kirche gehalten, sonst aber ausser der Kirche. Sobald
der Bürgerschaftsweibel die Anzeige bekommt, dass eine Versammlung statt
haben soll, so ruft er nach vollendetem Gottesdienste in der Kirche die
Abhaltung der Gemeindeversammlung aus.
Wenn
der Landamman nicht im Orte wohnt, so führt der erste Geschworene das
Wort. Nach dessen Vortrag befrägt der WeibeI ihn und die übrigen
Vorsteher [Geschworenen] und hernach auch alle jene, welche ehemals
beeidet [Geschworene] waren, um ihre Meinung; auch jeder Privatbürger
kann hernach seine Gesinnung eröffnen. Nachdem dieses geschehen ist,
nimmt der Weibel die Mehrheit der Stimmen auf; an der Mehrheit der
emporgehobenen Hände entscheidet der Weibel; sollte aber ein Zweifel
entstehen, so werden die Stimmen gezählt. Der Beschluss der Mehrheit wird
von den Vorstehern in das Protokoll, cudisch de vischnaunca,
eingetragen.
Es
ist noch zu bemerken, dass ein jeder Bürger seine Meinung ungescheut und
ungehindert vor der Versammlung anbringen kann und dass man über seine
Meinung, wenn er es verlangt, eine „tscharna", d. i. eine
Abstimmung vornehmen muss. Auch kann er, wofern es sein Interesse angeht,
den Abschluss der Mehrheit vernichten. Er muss aber vor der Versammlung
eine Protestation einlegen und von ihr dann abtreten. 61) Es
ist zweitens auch anzumerken, dass der erste Vorsteher zu bestimmen hat,
welche „tscharna" die erste sei [sofern mehr als eine
Einspruchsabstimmung stattzufinden hat].
Polizei
der allgemeinen Arbeit
[Öffentlicher Frondienst]
Polizeimeister
der allgemeinen Arbeit ist der Gemeinde- oder Bürgerschaftsstatthalter,
insbesondere aber der Dorfmeister, cau de vitg.
Diese
Arbeit erstreckt sich auf den Strassen- und Brückenbau, auf die
Ausreutung des Gewächses und die Räumung des Schuttes [bei Überschwemmungen
z. B, auf den öffentlichen Wegen] und wird in der Landessprache lavur
cumina genannt; sie wird für das allgemeine Wohl unternommen.
Jede
Haushaltung gibt, je nach der Arbeit, eine oder mehrere Personen dazu und
das Zeichen zur Arbeit wird mit einer Glocke gegeben. Man unterscheidet
die allgemeine Arbeit, welche die Talkirche oder Pfründe betrifft, wozu
das ganze Tal berufen wird, oder jene, daran nur ein Teil der Gesammteit
arbeitet. Alles richtet sich nach der Anordnung, die getroffen wird.
Ich
muss gestehen, dass hier als einem den wildesten Orte der Alpen eine gute
Polizei herrsche, die nicht zu verachten ist, wenn die Arbeit auch nicht
allemal kunstgemäss ausfällt. Freilich wäre es für das Interesse des
Tals besser, wenn fachgemässe Leute zu solchen Arbeiten verordnet würden.
Allein in einem Land, wo man zur Einsammlung seiner Früchte und zur
Bearbeitung des Feldes nur etwa 4 Monate arbeiten kann, wo kein
Handelsverkehr ist, muss beinahe eine Stockung der Unternehmungen und der
Wohlhabenheit eintreten, was der Einführung des Nützlicheren hinderlich
ist.
Polizei
der Handelschaft 62)
[Des
Handels]
Der
Handel steht jedem ausser und innert des Landes frei. Ich kenne in
Tujetsch keinen Kaufmann, wohl aber mehrere Viehhändler und einen Säumer,
der etwas Wein und Branntwein zuführt, aber keinen Weinkeller
unterhaltet. Es sind in Tujetsch keine Weinschänken, Gasthäuser und
Brotladen.63) Die Durchreisenden müssen bei der Geistlichkeit
einkehren, wenn sie Unterhalt finden wollen.
Zur
Hebung des Viehhandels wird am Ende des Herbstmonats ein Viehmarkt
abgehalten, welcher aber nicht stark besucht wird.
Die
Einfuhr besteht aus Salz, Wein, Branntwein, Reis, Kastanien, Kleidern und
Eisenwaren, gegärbtem Leder, Gewürzen, Taback; die Ausfuhr aus Flachs,
Leinwand, Leinöl, Getreide, Butter, Unschlitt, Käse, Wildpret, Pelzen, Häuten,
Kristallen, vorzüglich aber aus Vieh und Schmaltieren. Der Haupthandel
aber besteht im Vieh und ihren Häuten, in Flachs und Käse.
Wenn
man berechnet, dass jährlich aus Tujetsch 1000 Krinnen [die Krinne = ¾
kg], fetter Käs, 300 Krinnen Flachs, 400 Rinder, 50 Kühe, 300 Schafe,
und 100 Ziegen ausgeführt werden und setzt die Krinne Käs zu 24 Kreuzer,
die Krinne Flachs zu 23 Kreuzer, das Rind zu 60 Gulden, die Kuh zu 55
Gulden, das Schaf zu 4 und die Ziege zu 8 Gulden, so wirft das eine Summe
von 29’310 Gulden Churerwährung ab. Wenn man noch die übrigen minder
beträchtlichen Artikel der Ausfuhr berechnet, so übersteigt sie 30’000
Gulden. [30’000 fl. = 52’500.- fr. - 1 Gulden = Fr. 1.75 ]. Die Summe
der Einfuhr ist mir nicht bekannt; sie könnte aber auf 10 bis 15’000
Gulden ansteigen. Das Rindvieh wird auf den Lauisermarkt [Lugano]
getrieben, die Kühe werden im Lande und nach Urseren verführt, die
Schafe nehmen gemeiniglich die Glarner und Zürcher weg, die Ziegen kommen
auf Urseren und im Lande herum; auch der Flachs und der Käs werden hauptsächlich
im Lande verkauft.64)
Die
Häute übernehmen die Krämer aus dem St. Jacobstal65), welche
die Einwohner auch mit ausländischen Krämereien versehen. Die Pelze
werden entweder auf Urseren und Altorf, oder nach Ilanz und Chur getragen,
die Mineralien auf Urseren hin.
Hier
entsteht die Frage, warum Tujetsch an Reichtum nicht zunehme, indem es
mindestens einen jährlichen Überschuss von 15’000 fl. erhält. Die
wichtigste Ursache dabei ist die beträchtliche Ausfuhr an den schönen
Jungfrauen, welche ihr Vermögen mit in die zähmeren Gegenden nehmen
[durch Heiraten ausser Landes].66) Dazu kommt noch der unütze
Aufwand an Kleidungsstücken, welche ohne Not gekauft werden und das
unreife Obst, das man wider die Gesundheit von zähmeren Orten anschafft
und geniesst.
Tujetsch
könnte durch Einpflanzen der Fische in ihre leeren Seen, durch Anlegen
neuer Fischteiche nicht nur für sich, sondern auch für das benachbarte
Ursern mit Vorteil Vorsorge treffen. Es könnte durch Verbesserung der
Viehzucht und Milchprodukte, durch Veredelung der Hausgüter, Bergmatten
und Alpen, durch kluge Verordnungen und Schonung der Jagd und Wälder,
durch eine wohl angepasste Aus- und Einfuhr, endlich durch Ausdehnung der
Künste und Handwerke, durch einen angemessenen Unterricht der Jugend,
durch Stiftung milder Anstalten für Kranke und Arme eines der glücklichsten
Täler der Alpen werden.
Polizei
des Geldes, Masses und Gewichtes
67)
In Rücksicht
des Geldes richtet sich Tujetsch nach dem Beispiel der Landschaft
Disentis, und diese nach dem ganzen Kanton.
Die
einzige Landesmünze ist der Blutzger, welcher 3 Pfennige in sich enthält.
Man bedient sich auch des Geldes der benachbarten Länder, dessen Wert man
nach dem Blutzger bestimmt. Selten aber wird fremdes Kupfergeld angenommen
und es hat auch hier keinen Umsatz.
Man
idealisiert die Blutzger in Kreuzer, Batzen und Gulden; demnach ist ein
Kreuzer. 3 ½ Pfennig, 3 Blutzger 2 Kreuzer, 4 Kreuzer 4 ½ Blutzger, 8
Kreuzer 9 Blutzger oder 2 Batzen; 70 Butzger sind 60 Kreuzer oder ein
Gulden.
Man
bedient sich auch öfters des Wortes cruna; diese enthält in sich
24 Batzen oder einen Gulden und 36 Kreuzer. Wie unpassend hier der
Geldschlag und Umlauf desselben sei, ist jederman einleuchtend, allein
eine Änderung scheint für jetzt unmöglich.
Gemessen
werden sowohl alle flüssigen und halbflüssigen Materien, auch das
Getreide, Obst, Heu und das Feld.
Die Sämereien,
das Getreid und Obst werden mit der sogenannten Quartauna gemessen, die
wieder in 2, 4, 6, 8 und 12 Teile zerfällt. Die Quartauna hält ungefähr
378 französische Cubikzoll in sich.
Die
Flüssigkeiten werden nach der Mass gemessen, welche wieder in 2, 4 und 8
Teile zerfällt und ungefähr 67 französische Cubikzoll enthält.
Das
Heu wird mit der Elle gemessen, welche in 2, 4, 8 bis 16 Teile wieder
abgeteilt wird. Die hiesige Elle enthält 11 Zoll und 1 Linie französischen
Masses. Das Heu wird auch Viertel- und Klafterweise gemessen. Ein Viertel
misst 27 Quarten und ein Klafter 21 Ellen; 3 Viertel und 3 Quarten machen
ungefähr ein Klafter Heues.
Das
Feld wird Klafterweise gemessen. Man macht gemeiniglich ein Viereck
daraus, das man verdoppelt [multipliziert]; das übrige wird zu einem
Dreieck geschlagen und durch eine kreuzweise Messung berechnet.
Die
Messung der Länge wird nach deutschen Stunden und Meilen abgekürzt
[berechnet] und in Rücksicht dessen ist man nicht genau.
Gewicht.
Man wiegt Schmalz, Käs, Zieger und Fleisch, und auch den Wein, wenn
ganze Legeln verhandelt werden. Eine Legel Wein wiegt gemeiniglich 90
Krinnen und enthält 48 Mass Wein. Für das Gewicht wird die Waage d. i. stadera
gebraucht, welche in Krinnen eingeteilt ist. Letztere wird auch in zwei,
vier und acht Teile unterschieden und enthält ein Gewicht von 24 Unzen.
Wenn
die Milch gewogen wird, welches selten und nur in den Alpen, oder wenn
mehrere ihre Milch zusammen vermelken, geschieht, so wird eine Mass Milch
als zwei Krinnen angesehen.
Ein
einfacher „Peikorv“68) in der Waage wiegt 6 Krinnen und ein
doppelter 50[?] Krinnen. Die einheimischen und fremden Kauf- und Verkaufsmänner
richten sich nach der Elle und dein Pfundt und teilen selbe auch in
verschiedene Unterteile ein; jedoch ist beim gemeinen Volk nur die
Quartauna, Elle und Krinne im Gang.
Man
bedient sich im gemeinen Leben der Wörter:
Ster heisst 4 Quartaunen oder 10 Krinnen für Butter,
Quart = 4 Halbe.
tozzel
= ein Dutzend.
chischlet,
zu 4 Stück, z. B. Nüsse, Äpfel,
curtè 69) = 12 Mass, für Milch.
Bril = 45
Mass, z. B. Wein, Schotten.
Krinne
ist ein Rhätisches Wort, das vom Einschnitt in die Waage hergeleitet
wird; Rhät. = crena.
Polizei
der öffentlichen Arbeiten und der Bettelschaft
[Der Armenfürsorge]
Hier
ist kein Leibarzt, kein Feldscheerer, kein Vieharzt, keine erfahrene
Hebamme, kein Armen- Waisen- und Schulhaus; auch sind keine Zünfte hier,
keine Magazine und Kassen. 70)
Kurz,
es gibt etwa eine Person, die schlechthin eine Ader eröffnen,
abgebrochene Beine und verrenkte Glieder zu Rechte bringen will. Aus
Mitleid nimmt sich der Herr Pfarrer des Orts der Notleidenden an. Ich würde
meinem Vorhaben nicht Genüge leisten, wenn ich der Kenntnisse des Herrn
Pfarres von Sedrun mit Namen Laurentius Schmid 71) im
medizinischen Fache nicht erwähnen würde. Dieser gelehrte Mann bedient
sich nur der einfachsten und leicht vorzubereitenden Mittel, mit welchen
er innerlich und äusserlich den Menschen zu heilen weiss. Allein seine
ausserordentliche Menschenliebe und Dienstbereitwilligkeit machte ihn so
glücklich in seiner Kunst, dass er gleich einem gradierten Medicus kann
angesehen und um Hilfe angegangen werden.
Wir
müssen aber auch von der ärmsten und bedrücktesten Klasse der Menschen
eine Beschreibung liefern. Zum Troste der Armen ist hier eine Gattung
milder Stiftung eingerichtet worden, worüber ein Vogt bestellt ist. Diese
Stiftung wird in der Landesprache „spenda", vom Latein.
expensa, Ausgabe, genannt. Sie bestehet aus Getreide, das von gewissen
Grundstücken abgeliefert und gesammelt werden muss und das alle Quartale
oder zu gewissen Zeiten mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der
einheimischen und nicht selten auch der fremden Armen vom Vogt ausgetheilt
wird.72)
Auch
gibt es Anlässe, wo den Armen Trost gebracht wird. Wenn eine vermögliche
und barmherzige Person stirbt, so werden meist Brot, Käs, Kleider und
Salz den Armen ausgespendet.73)
Den
Bettlern ist zu allen Zeiten und an allen Orten zu hausieren erlaubt.
Fremde Bettler werden des Nachts entweder in die Häuser oder Viehställe
aufgenommen. Hier ist kein Bettelvogt und kein Spital.
Wenn
ein armer Ausländer hier krank wird, führen ihn der Weibel oder eine
andere Gerichtsperson gegen Disentis oder Medels oder sogar über den Berg
auf Ursern hin. Man legt den Kranken entweder in einen Heukorb oder auf
das Pferd, dabei wohl bedeckt, und führt ihn von einem Ort zum anderen
hinüber. Wenn ihn so das Schütteln noch seinen Leben erhält oder ihn
gar herstellt, so ist der Kranke glücklich, wenn aber diese Arznei fehl
schlägt, reicht man ihm auch keine andere. Stirbt aber der Kranke im Tal,
so wird er ebenso, wie jeder andere Bürger begraben. Der Seelsorger hält
für ihn das gewöhnliche Leichenbegängnis und der Vorsteher der Bürgerschaft
begleitet ihn zu Grabe.
Polizei
der Schule, der Künste und Wissenschaften
Schule
Diese Beschwerde ist dem Kaplan von Sedrun auferlegt. Die Kinder werden in
das Haus des Kaplans des Tags zweimal zugelassen und erhalten dort
Unterricht im Lesen und Schreiben nach der rhätischen und lateinischen
Litteratur. Auch die Beneficiaten [Hilfspriester] von Rueras und Selva
haben Schulpflichten auf sich; nicht selten werden zugleich auch Weltliche
an entlegenen Orten dazu angestellt. Die Schulen nehmen ihren Anfang mit
dem Wintermonat und dauern bis zum Palmsonntag [Sonntag vor Ostern].
Meines
Erachtens würde diese Beschäftigung weit anständiger den weltlichen
Personen beiderlei Geschlechtes, als einem Priester anstehen; denn diesem
sollte man eine seinem Charakter angemessenere Arbeit des Unterrichtes an
die Hand geben, nämlich die Sittenlehre, Sprachen und andere Künste und
Wissenschaften und zwar nur für die männliche Jugend.
Im
Gegenteil sollten betagte und gebildete Jungfrauen den Mädchen reiferen
Alters in der Sittenlehre, im Kochen, Nähen, Spinnen, und nicht minder in
den Umgangsformen und der Haushaltungskunst gute Anleitung geben.
Nirgendswoher
kommt das wahre Unglück als von der Unwissenheit, Unachtsamkeit und
Bosheit, und will man Unglück verhindern, so muss man die Jugend - denn
das Alter nimmt selten etwas an - wohl unterrichten und erziehen. Wo wahre
Polizei wacht, wo kluger Unterricht der Jugend erteilt wird und wo die
Menschen zu lernen und klug zu werden Lust zeigen, da ist alles Gute zu
hoffen; wo aber dieses nicht der Fall ist, schlummert man in der Untätigkeit
ein und wacht in der Unwissenheit und Dummheit auf.
Den
Grund zu den Wissenschaften gibt die Muttersprache her, und wer darin
ungelehrt ist, wird immer ein dummer Kerl verbleiben. Eine Sprache muss
der gesittete Mensch von Grund aus kennen und sie vollkommen beherrschen,
richtig sprechen, lesen und schreiben lernen. Welche muss ihm aber natürlicher
vorkommen als die Muttersprache? wer unwissend hierin ist, baut ohne
Grund.74)
Künste
Unter den Künstlern und zwar in der Malereikunst, finde ich nur den Herrn
Diog, der mütterlicher Seits ein Tschamuter war und noch jetzt in der
Schweiz lebt.75) Zu den Künsten werden auch die Handwerke gezählt.
Tujetsch beschränkt sich aber nur auf einige halbausgelernte Tischler,
Schumacher, Zimmermänner, einige Näherinnen, Rothgärber und auf einen
Schmid. Tujetsch ist in diesem Falle nicht einmal für die Not versorgt.
Wissenschaften
Wenn ich von den Wissenschaften rede, so verstehe ich darunter das Fach
der Litteratur; hierin tat sich Tujetsch immer hervor; allein die
Kenntnisse erstrecken sich meist nur auf die Politik, die kirchlichen
Rechte und vorzüglich auf die Gottesgelehrtheit. Unlängst zählte
Tujetsch 14 Geistliche Herren und jetzt noch 11, unter welchen mehrere in
der Gelehrsamkeit sich sehr auszeichnen und meist Seelsorger sind.
Im
vorhergehenden Jahrhundert zeichneten sich drei Männer von Tujetsch in
den Wissenschaften aus, so der P. Martin Biart, Religios von Disentis,
welcher ein erstaunungswürdiges Gedächtniss besass; denn den Virgilius
und andere Werke sagte er auswendig her; ferner der Jesuit Hiz von Selva
und ein gewisser N. Venzin, welche in mehreren Fächern der Wissenschaften
sehr wohl bewandert waren. Im laufenden Jahrhundert starben drei andere Männer,
die wohl verdienen, angemerkt zu werden: der Herr Dekan Christian Venzin,
vierzig Jahre Seelsorger in Tersnaus, welcher die Lebensbeschreibung der
Heiligen in romanischer Sprache sehr fein geschrieben uns hinterlassen und
das Urbarium der Pfarre zu Tersnaus in lateinischer Sprache sehr genau und
urkundlich verfasst hat; ferner der Herr Vigili Venzin, Pfarrherr in
Sedrun und der Herr Exdekan Jacob Antoni de Gonda, von welchen der erste
ein trefflicher Prediger und Schriftgelehrter, der andere ein tiefsinniger
Staatsmann war, von welchem wir mehrere Anmerkungen in der
Tujetschergeschichte gefunden haben.
Es
leben noch heut zu Tage zehn mir bekannte Geistliche aus Tujetsch, von
welchen mehrere sich in den schönen Wissenschaften auszeichnen und als
Seelsorger an verschiedenen Orten angestellt sind; sie versehen die
Seelsorge in Tujetsch, Medel, Sumvitg, Ruschein und Neukirch und wissen
mit der Ökonomie sehr wohl umzugehen. Sie sind in der Redekunst, Moral
und Schriftgelehrtheit wohl bewandert, und auch die Naturgeschichte, das
Kirchenrecht, die Kenntniss der Welt- und Kirchengeschichte und der Länder
und Völker ist ihnen nicht unbekannt.76)
Polizei
der Geistlichkeit 77)
Die
Geistlichkeit von Tujetsch bestehet aus einem Seelsorger [Talpfarrer],
einem Kaplan im Hauptdorfe Sedrun, einem Beneficiaten in Rueras und einem
in Selva.
Hier
wird jährlich ein Landkapitel [für die gesamte Landschaft Disentis]
meist im Heumonat abgehalten.
Man
kann den Priester zweifach betrachten, nämlich in seinen Amtspflichten
und hinsichtlich seiner Besoldung. In seinen Amtspflichten ist er ein
Seelsorger und Seelenarzt, ein Ausspender der Sakramente, Richter, Lehrer
und Wegweiser zum Himmel und Vorsteher des öffentlichen Gottesdienstes.
Hinsichtlich
seiner Besoldung ist er Einnehmer und Verwalter seiner Pfründe. Seine
Einkünfte bestehen in liegenden Gütern, Kapitalien, Stipendien, Stolgebühren
und Zehnten.
Alles
in allem bezieht ein jeder gemeiner Priester [Kaplan, Beneficiat] jährlich
ungefähr 350 bis 400 Gulden Churer Währung, der Pfarrherr aber 1000 bis
1200 Gulden. 78)
Sowohl
die Einkünfte des Seelsorgers als jene der Kapläne sind unzureichend,
wenn sie sich standesgemäss erhalten und die Gastfreundschaft nach
jetziger Mode ausüben wollen. Die Einkünfte sind aber nicht so fast
deswegen amzureichend, weil sie einen kleinen Ertrag geben [Verwaltung der
pfrundlichen Liegenschaften], sondern vielmehr deswegen, weil sie
unordentlich eingerichtet sind,
Der
Priester, welcher seinen Amtspflichten, seinem Stande und Berufe gemäss
leben will, sollte mit den Beschäftigungen der Ökonomie nicht beladen
sein, sonst tritt er aus seinem Stand und wird entweder ein Bauer oder ein
Handelsmann oder beides zusamsnen. Damit aber dieses nicht geschehe, was
bei der jetzigen Lage der Dinge unausweichlich geschehen muss, dachte ich
auf einen Vorschlag, der sowohl der Geistlichkeit als dem Volke gefällig
sein muss.
Redaktionelles
P. Placi a Spescha gibt auf 12 folgenden Textseiten eine einlässliche
Berechnung der Auslagen im Haushalte eines katholischen Geistlichen und
rechnet seinen Tujetschern vor, was sie den Geistlichen für eine
Besoldung an barem Gelde an Stelle der Naturalabgaben anweisen sollen;
Spescha passt die Bedürfnisse eines Landgeistlichen dem einfachen
Lebensunterhalte und den Landesprodukten der einheimischen Bevölkerung
an. Wir wählen als Text an Stelle der einlässlichen Auseinandersetzung
des zu Grunde gelegten Ms. B 43. III die kurze tabellarische Aufstellung
des Ms. Pl Sp 5. II. Diese gewährt dem Leser zugleich einen Einblick in
die Lebensmittelpreise eines bündnerischen Hochtales am Anfange des 19.
Jahrhunderts. - Mit der Besoldung an barem Gelde sollten aber auch die
Stolgebühren in Wegfall kommen; der Geistliche sollte ohne Sondervergütung
alle seine Amtspflichten erfüllen.
P.
Placi a Speacha schreibt weiter:
Nun möchte vielleicht einer wissen, wie viel ein solcher Priester, der
ohnedem seine anständige Behausung sammt dem Unterhalte derselben hat, jährlich
der Gemeinde kosten möchte.

||fl.

|Für
Kleider
||80

|Rindfleisch,
um einzusalzen, nach Landesgebrauch
||37
||30
79)

|Schweinefleisch,
die Krinne à 24 Kreuzer
||28

|Salz,
die Quartauna à 44 Kreuzer
||8
||48

|Unschnitt,
die Brinne à 44 Kreuzer
||11
||44

|Baumwolle
zu Lichtdochten à 4 Kreuzer
||1
||4
80)

|Für
Brennholz
||20

|Für
Wein, die Mass à 20 Kreuzer
||106
||40

|Für
Butter, die Krznne à 24 Kreuzer
||48

|Für
Käs, die Krinne à 12 Kreuzer
||16

|Für
Schmeer, die Krinne à 30 Kreuzer
||4

|Für
Getreid, die Quartauna à 4 Gulden
||64

|Für
Erdäpfel, die Quartauna à 48 Kreuzer
||3
||12

|Für
Flachs, die Krinne à 32 Kreuzer
||6
||24

|Für
Wolle, die Krinne à 40 Kreuzer
||4

|Für
Erbsen, die Quartauna à 1 Gulden
||2

|Für
Reis, die Quartauna à 2 Gulden
||8

|Für
Kastanien, die, Quartauna à 1 Gulden 40 Kreuzer
||9

|Für
Zucker, das Pfd. à 1 Gulden 30 Kreuzer
|| 16

|Für
Kaffee, das Pfd. à 1 Guld. 40 Kr
||24

|Für
Branntwein, die Mass à 1 Gulden
||12

|Für
Eier
||1

Für
Fisch, Stock- oder andere Fisch

à 36 Kreuzer die Krinne
|10

|Für
Fleisch zu vier Fleischtäg in der Woche, die Krinne à 12 Kreuzer
||41
||36

|Für
Milch, die Mass à 4 Kreuzer,

zu vier Fleisch- und drei Magertagen
gerechnet, macht mit der Fasten ungefähr 260 Mass Milch

17

16

|Für
den Jahreslohn der Magd
||20

|Summa
||600
||14

|In
Tujetsch sind 4 Priester, folglich kostet der Unterhalt
||2400
||56

|Die
Zulage des Pfarrherrn 81) vermehrt die Summe um
||64
||56

|Totalsmnme
||2465
fl.
||12
82)

An
einem jeden Ort, wo die Priester wohnen, wird ein Vogt oder Verwalter
bestellt. Dieser bezieht für seine Bemühung jährlich 10 Gulden. Einem
jeden Priester soll eine Behausung, die seines Standes würdig ist, und
ein geräumiger Garten angewiesen werden. Die Köchin bearbeitet den
Garten und besorgt das Geflügel; der Priester aber bezieht aus dem Garten
das Zugemüss. Er bedarf eines Zehrgeldes und eines Stückes Geldes für
Anschaffung nützlicher Bücher und notwendiger Hausmobilien. Diese
Artikel bestreite der Priester mit dem Stipendium seiner freien Messen. -
Hiemit gibt Tujetsch seinen Priestern, was ihnen gehört. Die Priester
aber, auf diese Weise wegen ihres Unterhaltes unbesorgt, können ihrem
Amte und ihrem Berufe ganz sich widmen und werden mit ihren Bürgern glücklich
sein.
Der
öffentliche Gottesdienst soll zur bestimmten Zeit zwar andächtig, aber
kurz sein; denn ein langer Gottesdienst schadet den Alten und Kindern an
ihrer Gesundheit und macht das übrige Volk missmutig und zerstreut.
Überhaupt
soll eine Predigt nie länger als eine halbe Stunde andauern; denn was der
Priester nicht in dieser Zeit zur Fassbarkeit und Begnügung des Volkes
hersagen kann, gehört zum Überfluss und zur Unvermögenheit der
Beredsamkeit und des Verstandes des Priesters selbsten.
Tujetsch
ist eine wilde Gegend, das Volk ist bedürftig, und die Arbeitszeit kurz;
wer also da nach seiner Notdurft essen will, muss fleissig arbeiten.
Mithin soll das Feiern gemässigt werden. Gott hat in der Woche sechs
Arbeitstage und nur einen zur Ruhe bestimmt, und unsere Vorfahren haben in
Rücksicht dessen keine für uns verbindende Gelübde festsetzen können;
folglich ist dieser angegebene Satz nützlich, billig und recht. Wenn jährlich
12 Feiertage eingestellt würden, ersparte es Tujetsch über 666 fl. Diese
an die Schulen der Jugend angewandt, würden meines Erachtens nützlicher
und erbaulicher sein als lau betten, halb feiern und müssig gehen.
Polizei
der Obrigkeit 83)
Die
Obrigkeit ist einerseits ein Teil der Obrigkeit der Landschaft Disentis
und bildet andererseits ein Ganzes des Tales Tujetsch. Man kann sie in
politischer, ökonomischer und gerichtlicher Hinsicht betrachten.
In
politischer Hinsicht kommt ihr die Anordnung des Vorschlags und der
Gesetze zu, in ökonomischer die Ausübung der Gesetze betreffs des
zeitlichen Nutzens, und in gerichtlicher die Bestrafung der Frevler zu.
Gleichwie
die Obrigkeit von Tujetsch mit Genehmhaltung seiner Bürger Gesetze für
ihre eigene Ökonomie entwerfen kann, also kann sie auch die Eingreifer
[Zuwiderhandelnden] in ihre Ökonomie zur Verantwortung und zur Strafe
ziehen. Die Gesetze der Ökonomie erstrecken sich auf Alles, was der
Allgemeinheit einen Vorteil oder Nachteil oder ein Hinderniss im
Benutzungsrecht herbeiführen kann.
Vorzüglich
aber nimmt die gerichtliche Polizei Rücksicht auf die sogenannten Bannwälder.
Sie
bestellt nämlich heimlicher Weise gewisse Aufseher darüber. Zu Anfang
des Winters sitzt die Obrigkeit zu Gerichte, hört die Kläger an und
fordert die Übertreter vor sich. Wenn diese des Frevels überwiesen sind,
werden sie an Geld nach Schwere des Frevels gestraft. Die Strafen
[Bussgelder] werden zum allgemeinen Besten verwendet, wenn die Obrigkeit
nicht etwa sich einen Trunk Weines daraus zu bestreiten erlaubt.
Polizei
des Krieges
Tujetsch
macht einen Vierteil der Landschaft Disentis aus und mithin gibt es auch
nur den vierten Teil der Mannschaft dazu her. Allein wie löblich und nützlich
wäre es nicht für Tujetsch, wenn es eine Abteilung der jungen
Mannschaft, eine Waffenübung, einen Kriegsvorrat und jenes, was zur
Vorbereitung eines Krieges dient, veranstaltete?
Jeder
Bürger einer Republik sollte ein Kriegsmann sein, und ein jeder
Kriegsmann muss sein Handwerk kennen und sich darin fleissig üben, damit
er dazu geschickt werden möge.
Wie
seltsam muss es nicht sein, wenn ein Krieg ausbricht, und der Soldat
nichts als etwa seine Mist- und Heugabel brauchen kann? Der letzte Krieg
[1799] hat genugsam bewiesen, was Unachtsamkeit und Unkenntniss des
Krieges sei, und ich wünschte, dass man wenigstens durch Schaden möchte
witzig werden.
Wer
in der Zeit schläft, erwacht gemeiniglich in der Dummheit.
Natur,
Lebensart und Gewohnheiten der Tujetscher
84)
Was
der Diamant unter den Kristallen, und das Gold unter den Metallen, das ist
der Mensch unter den lebenden Geschöpfen.
In
Rücksicht des menschlichen Geschlechtes kann ich von den Tujetschern,
ohne ihnen schmeicheln zu wollen, sagen, dass sie unter die Klasse der schönsten
Menschen der Alpen können gezählt werden.
Von
Natur aus werden die Tujetscher als schöne Menschen geboren und zeichnen
sich mit einer angenehmen weissroten Farbe am Leibe aus; nachdem sie aber
an Wachstum zugenommen, so verliert sich diese Schönheit der Natur bei
vielen; denn man achtet die Reinlichkeit bei den Kindern zu wenig, man fäscht
[wickelt] sie zu sehr ein; man nimmt zu wenig Rücksicht auf die
Reinlichkeit ihrer Liegerstätten, man öffnet die Zimmer, worin die
Kinder liegen, zu selten, man badet sie zu selten oder gar nie, man lässt
sie von Kindern [älteren] oder alten Muhmen verpflegen, aufheben und
tragen, aber auch von ihnen fallen, erdrucken und verderben.
Die
Mannsbilder sind durchgängig nur von mittlerer Länge; aber mehrere
messen 6 Schuh und darüber, sie sind wohl gestaltet und stark. Seit 50
Jahren hat die Stärke und Grösse der Tujetscher sehr abgenommen. Ob
diese Veränderung vom vielen Genuss der Erdäpfel, vom Brot- und
Milchmangel, vom Druck der Arbeit, von allzuschwerer Schuldenlast, von
einer Unachtsamkeit der Erziehung oder anderswoher komme, ist mir
unbekannt.
Wenn
man die Stärke eines Jünglings von 24 Jahren mit Namen Mihel de Paly,
welcher eine Legel von ungefähr 50 Mass 86) Flüssigkeiten mit
seinen zwei kleinen Fingern von der Erde hob, mit jener der jetzt Lebenden
vergleicht, muss man staunen. Starke Männer lupfen jetzt kaum mit ihren längsten
und stärksten Fingern einen solchen Legel von der Erde. - Wenn die Männer
von Tujetsch mit besser gefärbten und geschnittenen Kleidern angetan wären,
wenn sie ihre Haare in ansehnlichere Ordnung stellten und ihren Bart öfters
abscheerten, so würden sie ein weit angenehmeres Ansehen bekommen.
Die
Weibsbilder sind allgemein von anständigem und ansehnlichem Wuchs; ihre
Gesichter sind liebreich, deren Farbe ist schön vermischt,87)
ihre Haare sind lang und blond, ihr Gang ist schnell und aufrecht; ihre
Anrede schnell und lebhaft. - Ihre Haare könnten füglicher gestellt und
ihre Kleider anpassender sein; überhaupt ihre ganze Kleidung könnte
einfacher und sollte nicht so verkünstelt, bunt und ausländisch sein.
Viele
der jungen Mädchen nehmen anderswohin Dienste, werden dort wegen ihrer
Schönheit verliebt [heiraten auswärts], ziehen aus dem Tal ihr Vermögen
und verarmen dadurch ihr Geburtsland. Man sagt, dass in Zeit von 70 Jahren
das Tal 100’000 Florin [175’000 Fr. nach heutigem Wert] auf solche
Weise verloren habe.88)
Obschon
die Weibsbilder sehr fruchtbar sind, so wächst die Anzahl des Volkes
dennoch nicht; denn das Wegheiraten der Weibsbilder, das Dienstenehmen der
Männer in fremde Länder 89) und öftere Sterbefälle hindern
recht sehr die Vermehrung der Bevölkerung. Tujetsch zählt jetzt wirklich
nicht mehr als ungefähr 860 Personen. Selten erlebt hier eine Person das
100.ste Jahr.90)
Die
Lebensart begreift auch die Nahrung des Volkes in sich; man lebt hier ohne
Schonung für die Gesundheit. Man arbeitet hier im Winter zu wenig und im
Sommer zu viel, weil nur die Sommerarbeit den Einwohnern ihre Nahrung
bringt. Dieselbe suchen die Tujetscher aus dem Vieh und dem Ackerbau zu
ziehen. Sie verbrauchen jetzt Tabak, auch Wein, Branntwein, Salz,
Spezereien, Reis, Kastanien und Obst; diese Artikel müssen eingeführt
werden.
Den
guten Veltlinerwein, auch wenn er nur mittelmässig ist, lieben sie;
ebenso alles, was süsse ist: das Obst, den Reis, die Kastanien, den
Honig; die Kuchen, den geschwungenen und ungeschwungenen Rahm.
Der
Stoff der Landeskleider besteht aus Wolle und dem Flachse, die im Lande
gezogen und von den Weibsbildern zugerichtet und verarbeitet werden, dann
aus ausländischer Wolle, Baumwolle, Leinwand und Seide. Die Mannspersonen
finden keinen besonderen Geschmack an ihren Kleidern, sie kehren sich
weder an die Farbe und den Schnitt, noch an die Reinlichkeit und
Unzerissenheit derselben. Alles ist unebenmässig und altmodisch an ihnen.
Die
Weibsbilder aber finden Geschmack an niedlichen Kleidern; sie schaffen
sich fremde Waren an und erscheinen nicht selten wie artige Pfauen. Sie
sind zwar allgemein wohlgestaltet, würden es aber noch mehr sein, wenn
sie sich hierin mit den Landesprodukten, deren Farbe und Schnitt
[Landestracht] begnügen wollten. Die zarte Wolle und der geschmeidige
Flachs von Tujetsch liessen sich zu allen Zeugen [Tuchen] verwenden, wenn
die Kunst der Weberei und Färberei geachtet und eingeführt würde.
Die
Tujetscher sind mit schönen Talenten begabt; man erblickt bei ihnen
vielen Witz, Leutseligkeit, Biederkeit, Sanftmut und Mitleid. Überhaupt lässt
sich von den Tujetschern sagen, dass sie noch eine von der boshaften Welt
abgesonderte, Gottesfürchtige, emsige, arbeitsame und unverfälschte
Natur haben.
Zum
Spielen zeigen die Tujetscher eine sehr grosse Neigung. Es wird mit
Karten, Kegeln und Platten 91) gespielt. Dieses zeigt an, dass
sie eines gesellschaftlichen und fröhlichen Gemütes sind.
Die
Gebräuche der Tujetscher verteilen sich in jene der Taufe, der Firmung,
der Kindsbett und der Sterbefälle; dazu gehören auch die
Bewillkommungen, Einsegnungen [Hochzeiten], Gastmähler, Feierlichkeiten
und Lustbarkeiten.
Bei
der Taufe bittet der Vater um einen Götti und eine Gotta. Letztere trägt
das Kind zu und von der Kirche; ersterer schafft nach der Taufe ein Glas
Wein an, davon alle Angehörigen bei der hl. Verrichtung geniessen. Der väterliche
und mütterliche Namen mit allen übrigen werden in das Taufbuch
eingetragen, und der Götti beschenkt das Kind nach Willkür.
Schon
die Entbindung zieht Gewohnheiten nach sich. Wo immer Vermögen
hervorsieht, wird ein paar Legel Wein eingestellt, oft auch nur eine,
selten nichts. Den ersten Angriff auf sie macht der Hausvater und die
Hebamme und nachgehends auch die Kindbetterin und die Gäste, welche dazu
eingeladen werden.
Nach
Verlauf der Reinigung wird das Kind von der Mutter in die Kirche getragen;
sie empfängt die kirchliche Segnung und beschänkt den Priester mit einer
Wachskerze und einem Stückchen Geldes.92) Es werden dann von
Seiten der Eltern ein oder mehrere Gastmähler gehalten, wozu Götti und
Gotta und die Weibspersonen der befreundeten Nachbarschaft nach Willkür
eingeladen werden.93) Die Gäste bringen dem Kinde die ihnen möglichen
Opfer dar und es wird tapfer gesprochen und geschmauset und der
eingestellte Wein schmilzt dabei sehr gut zusammen.
Das
Kind wird hernach, bis es erwachsen ist, jährlich am Neujahrstag vom Götti
und der Gotta beschenkt; die Schenkungen bestehen aus weissem, mit Birnen
und Kirschen öfters vermengtem Brot,94) süssen Kuchen,95)
Kleidungsstücken u.s.w. Der Götti nennt fürhin das Kind figliel,
d. i. „kleines Kind" oder figliola, wenns ein Mägdlein ist.
Das Kind aber nennt den Götti padrin d, i. „der kleine
Vater" und die Gotta madretscha
d. i. „die kleine Mutter". Die Ältern nennen den Götti und die
Gotta cumpar und cumar: Mitvater und Mitmutter. Wenn das
Kind minderjährig stirbt d. i. vor dem Empfang der ersten Kommunion, so
trägt es der Götti allein zu Grabe.
Bei
Sterbefällen wird der entseelte Leib in Leinwand gehüllt, zwischen 4
oder mehrere Bretter gelegt [Sarg] und prozessionsweise nach der
Hauptkirche getragen oder geführt. Der Seelsorger kommt bis zum Eingange
des Friedhofes entgegen, begleitet den Toten bis zu den Staffeln des
Chores, wohin er während des Gottesdienstes gelegt wird. Nach dem Grade
der Verwandschaft wird er bis zum Grabe geleitet, wo er von jenen, die Tränen
haben, nur zu viel beweint wird. Das Opfer, welches in Kerzen und Schmalz
besteht, wird dem Sarge nachgetragen und nachher der Kirche geschenkt.96)
Man
geht ein, zwei bis drei Jahre je nach dem Grade der Verwandschaft in
Trauerkleidern von schwarzem Zeuge einher und enthält sich ebenso lang
von den Gesellschaften und Lustbarkeiten.97)
Die
Weibspersonen der nächsten Verwandschaft umhüllen dabei ihr Haupt gleich
den Klosterfrauen mit weisser feiner und gestärkter Leinwand, Rhät. „stuorz"
genannt,98) oder sie behangen ihr Haupt und den Rücken nach
der neuen Mode mit einem schwarzen Flor, Rhät. „sandal"
genannt. Auch die Männer fangen jetzt an, statt der Trauerkleider ihren
Hut und ihren Arm mit einem Flor zu umwinden. - Nach der Bestattung wird
Salz, Brot, und Käs u.s.w. den Armen ausgeteilt.99)
Bei
dem Bewillkommen [Begrüssung] entblössen die Mannspersonen ihr Haupt,
und höfliche Weibspersonen neigen sich etwas mit den Knien.
Der
Gruss besteht in: bien di und buna sera, Guten Tag und Guten
Abend, und die Antwort in: bien onn, Gutes Jahr. Der Dank ist also
weit grösser als der Wunsch. Wenn ein Freund oder Anverwandter ankommt,
begrüsst man ihn mit: Seigies beinvegnius, Sei willkommen oder beinvegni
und an die Weibspersonen: Seigies beinvegnida. Die Antwort ist: Dieus
engrazi oder paghi Dieus, Gott vergelt's, Gott bezahle es.
Gemeiniglich
setzt man auch den Grad der Verwandschaft hinzu, z. B. Seigies beinvegnius
bab [Vater], mumma [Mutter], frar [Bruder], sora
[Schwester], nevs [Neffe], niaza [Nichte], cusrin
[Vetter], cusrina [Base], zavrin [Kanon. III. Grad lateral],
basrin [Kanon. IV. lateral], baseret [Kanon. V. lateral], aug
[Onkel], onda [Tante], tat [Grossvater], tatta
[Grossmutter], basatta [Urgrossvater -Mutter], surbasatta
[Ahne, IV. Grad aufsteigend], uratta [Urahne, V. Grad aufsteigend].
Auch
bedient man sich dabei des Wortes: Son Bab, son nevs u.s.w.
Keine
mir bekannte Sprache kann die Verwandschaft so genau und vollkommen
benennen, wie diese.100)
Nach
der Begrüssung und Bewillkommung befragt man sich gewöhnlich um die
Gesundheit und die Geschäfte des andern und man rechnet es sich zur Ehre
an, es genau zu erzählen.
Der
Abschied geschieht mit folgenden Worten: Dieus te pertgiri, Gott
erhalte dich; Va el num de Diu, Geh im Namen Gottes; Stai legers,
Bleibe munter; Seigies salidaus, Sei gegrüsst u.s.w.
Auf
die Gastmähler sind die Tujetscher sehr begierig. Die Gastmähler teilen
sich in jene der Kirchweihen [rom. perdanonzas], Hochzeiten *[rom, nozzas]
und der Fassnacht [tscheiver]. Bei diesen Gelegenheiten stellt man
alles, was man Gutes haben kann, auf den Tisch: geräuchertes und frisches
Fleisch, gebraten, gekocht und verdämpft, Reis, Kastanien, Rahm, Kuchen, petlaunas,
fava de près, tustgets, nudels plats, capuns,
raviuls und verschiedene Käse- und Ziegergattungen, peiver
[Pfeffer], Milch, aber selten Wein. 101)
Auch
die Festtage der Kirchweihen werden ebensogut auf dem Tische, wie auf dem
Altare gefeiert. Vor alters, als man noch leidentlich fromm sein wollte
und mit Erholungen des Leibes
und des Gemütes selig zu werden glaubte, war die wechselseitige Liebe und
Geselligkeit grösser. Es gesellten sich in den letzten Fassnachtstagen
mehrere Bauern zusammem, schafften sich Wein an, nahmen Esswaren mit sich
oder bestellten eine kleine Schmauserei, Rhät. postgeina, 102)
marenda, und führten ihre Gemahlinnen dahin, wo in Liebe und
Eintracht gegessen, gesprochen, öfters auch getanzt, und die Säure der
strengen Arbeit einigermassen abgespült wurde.
Den
wichtigsten Anteil aber nahm die Jugend ehehin an den Schmausereien.
Allein sie wurden nur zur Fassnachtzeit unternommen. Da ging die kleinere
und die erwachsene Jugend zusammen. Bei der kleineren trennten sich die
Geschlechter; bei der erwachsenen nicht allemal. Von der ersteren nahm
jedes Mitglied die Esswaren mit sich; man begnügte sich gewöhnlich mit
einem geschwungenen Rahm, Rhät. groma tratga. Wenn ein Pfeiffer
oder Maultrummler vorhanden war, belustigten sie sich dabei.
Wenn
aber die erwachsene Jugend gemeinsam zusammentrat, brachten die Mädchen
die Esswaren mit sich, welche aus Brot, Würsten, Fleisch und gebackenem
Teig [Kuchen] bestanden; die Knabenschaft aber war mit Rahm, Reis,
Kastanien und Wein versehen. Diese Gattung Schmausereien wurden ein, zwei
oder höchstens dreimal unternommen und endigten gemeiniglich mit
Possierlichkeiten oder Tänzen, oder mit beiden zusammen.
Hieher
können auch die gewöhnlichen Mahlzeiten des Volkes gezogen werden. Man
speist hier zwei, drei bis viermal des Tages und richtet sich hierin nach
den Zeiten, der Notdurft und den Beschäftigungen. Die Bauernmahlzeiten
werden meist mit Brot und Käse angefangen, nachgehends an Fleischtagen
folgt die Suppe, dann Fleisch und Zugemüse oder dicke Knöpfli, die
bisweilen mit Kirschen vermengt sind; dann abermals Suppe und endlich öfters
noch Brot und Käs. An mageren Tagen [Fasttagen] folgt nach Brot und Käs
die Speise und etwas Zugemüse, dann erst die Suppe und nicht selten noch
Brot und Käs.
Die
Tujetscher halten sehr viel auf die Prozessionen und öffentlichen
[kirchlichen] Umgänge. Sie gehen zweimal des Jahres nach Disentis, einmal
auf den Gotthardsberg,103) halten sowohl die sonntäglichen
Bruderschaftsumgänge, als zur Sommerszeit jene samstäglichen nach
Zarcuns; auch stellen sie jährlich zu Gunsten der Witterung noch mehrere
an.
Die
Gewohnheiten bei den Einsegnungen [Hochzeiten, rom. nozzas] haben
etwas besonderes an sich, weil sie ländlich sind. Nach Vermögen und
Landesgebrauch ist die Braut mit dem Kranze geschmückt; die Brust ist in
Scharlach, die Lenden in Karmosin eingehüllt; der Hals ist mit Korallen
und Granaten niedlich und sauber behängt; der Bräutigam aber ist mit dem
Majen ausgeschmückt. Beide werden von ihren Führern, welche in ihren
jugendlichen Jahren ihnen am schätzbarsten waren, zur Kirche begleitet,
wo sie vom Seelsorger gepaaret werden. Der Zug der eingeladenen Freunde
und Verwandten folgt ihnen nach.
Sowohl
beim Hin- als Rückzug steht der Hauptmann der erwachsenen Jugend in Putz
und Parade, und zur Freude und Ehre des Paares werden Musketen
losgeschossen. Auf dem Platz hat die Jugend einen Tisch mit Wein und Brot
zubereitet. Der Hauptmann reicht diese dem Paare dar; es wird
wechselseitig Gesundheit getrunken, und der Knall des Pulvers erschallt
wiederum durch Berg und Täler. Der Hauptmann hält dann an den Bräutigam
eine Rede; worin er zu dem freudigen Ereigniss Glück wünscht, dabei aber
das Bedauern ausdrückt, dass zwei der schönsten und wohlriechensten
Blumen, und zwar zur Unzeit und im Schmucke der Blüte aus dem Garten der
liebreichsten und zartesten Jugend ausgepflückt worden seien. Die sämtliche
Jugend sei, wie billig, darüber untröstlich und beweine recht sehr
diesen Verlust; er aber mit der gesammten Jungmannschaft hoffe von dem
Mitleiden und der Grossmut des Paares getröstet zu werden; er wünscht
sodann den Vermählten Segen und Glück und eine reiche Nachkommenschaft.
[Die Anrede heisst: plaid de nozzas.]
Der
Bräutigam erwiedert dem Hauptmann mit einer Gegenrede [Contra plaid de
nozzas], worin er sich der Jugend gegenüber höflichst bedankt, ihren
Verlust bemitleidet, sie aber vermittelst der zärtlichen Denkungsart
seiner Braut tröstet und verspricht, sich der Liebe und Gütigkeit der
Jungmannschaft zu erinnern, ihnen sodann die nämliche Laufbahn vorzeigt
und sich ihrer Wohlgewogenheit empfiehlt.
Der
Donner des Geschützes bricht wieder los, die Lieblichkeit der Musik
stimmt ein, und der Zug geht zur Tafel. Es wird gespiesen, geschossen und
gegenseitig vivaziert [viva, Lebehoch gerufen]. Nachher war schon
bis zum Nachtessen und dann bis tief in die Nacht hinein getanzt. Am Ende
des Nachtessens erscheint der Hauptmann wieder mit drei Gesellen. Er
erinnert den Bräutigam an den Trost, den er der Jugend in Aussicht
gestellt hatte. Sie werden nun bewirtet und beschenkt, und diese Schenkung
dient zur Aushilf der Jugend in der folgenden Fassnacht.
Gleichwie
man die Särge der Verstorbenen mit Hobelspänen belegt, also belegte man
auch vor Alters das Bett des Brautpaares drei Nächte hintereinander mit
dergleichen Spänen, und wollte dadurch anzeigen, memento homo, quia
pulvis es et in pulverem reverteris: Gedenke Mensch, dass du mit deinen Lüsten
Asche seiest und wieder zu Asche werdest.
Die
Possierlichkeiten [Jugendspiele] lassen, sich nur in der Fassnacht sehen
und bestehen in Verkleidungen, Anstrichen, Verhüllungen, worin man solche
Possen mit Bewegungen und Gebärden führt, welche die Zuschauer zum
Lachen antreiben; sie werden bagordas genannt.
Man
veranstaltete aber noch eine andere Gattung Lustbarkeiten, welche den Witz
reizten und das Herz vergnügten, die man mantinadas 104)
nannte. Man kleidete ein Knäblein als Genius sehr polit [nett] an, gab
ihm einen Stab oder ein Spiesschen in die Hand; diesen schickte man in die
Häuser der vornehmeren Bürger, um den Hausvater anzufragen, ob er es
erlaube, eine mantinada von der Knabengesellschaft zu seiner Ehr
und zur Belustigung der Jugend zu veranstalten. Wenn er es erlaubte, so
ging der Zug dahin und belustigte sich vor oder in dem Hause.
Dieser
Zug der Belustigung glich einem Schauspiel, welches das Lächerliche mit
dem Angenehmen verband. Zu diesem Ende kleidete man sich sehr prächtig
und schön und zwar als Manns- und Weibsbilder. In klingendem Spiele zog
man zu ein, zwei oder mehr Paaren erstlich auf den Hauptplatz. Der
obgedachte Kurier, welcher das Spiel ansagte, ging voraus, ihm folgten die
Musikanten, dann die schön oder scheusslich Gekleideten und endlich der
Nachzug der Knaben in ihrem Putze. Auf dem Platze geschah die erste mantinada
d. h. es war das erstemal getanzt und Possen getrieben, und dies der
Ortschaft zu Ehren. Dann begab man sich in die betreffenden Häuser der
Vornehmeren geistlichen und weltlichen Standes. Dies geschah von der grösseren
und kleineren Jugend gewöhnlich nur einmal; sie war dafür belohnt. Diese
Belohnung bestand in Brot, Wein oder Geld und diente zur Aushilf in der
Fastnacht.
Gewöhnlich
am ersten Fastensonntag Abends belustigte man sich mit Scheibenwerfen
[rom. better schibas]. Man stellte zu diesem Ende nahe an den Dörfern
auf einem erhabenen Platz einen Scheiterhaufen auf, den man mit Stroh anfüllte.
Man machte Scheiben aus Holz gleich den runden Glasscheiben, welche im
Mittelpunkte mit einem zolldicken Loche angebohrt waren. Durch dieses Loch
steckte man sie an einen langen grünen Hagelstecken fest an, liess sie
beim Scheiterhaufen anbrennen, schwang sie über ein dazu vorbereitetes
Brett und bezeichnete mit einem lauten Ausruf, wem zu Ehren und Gunsten
sie geworfen worden waren.
Diese
Belustigung war eine Art wohlfeiles Feuerwerk; die feurigen Scheiben,
welche leuchtend meist eine sehr beträchtliche Luftreise machen, ziehen
eine grosse Menge Zuschauer an, vorzüglich viele junge Mädchen, und
werden auch diesem Geschlechte meist gewidmet.
Nach
beendeter Lustbarkeit begaben sich die Knaben zu den Mädchen, denen zu
Gunsten sie ihre Scheiben geworfen hatten; diese aber versüssten diese nächtliche
sehr angenehme Beschäftigung mit Gebackenem, Molken, auch mit weissem
Brot und nicht selten mit geistigen Getränken. Wenn noch ein Tanz
angestellt wurde, nahmen die Mädchen zugleich die Esswaren mit sich, die
Knaben aber schafften den Wein an. Man labte und belustigte sich und
tanzte bis tief in die Nacht hinein.
Diese
Lustbarkeit hatte ihr besonderes Sinnbild an sich. Der Winter war bald vorüber;
man hatte die Guttaten Gottes genossen; der Frühling und mit ihm die
saure Arbeit begann; man wollte noch alles zu Pulver und Asche machen,
bevor man sich der Arbeit näherte.
Dies
ist eine sehr unschuldige Freude der Jugend; aus der Ursache aber, sie wäre
von ihren heidnischen Voreltern entsprossen, stellte man sie ein. Den
Gebrauch der Buttermilch haben wir gewiss auch von unseren heidnischen
Voreltern ererbt, warum hat man nicht auch diese eingestellt. 105)
Bei
dem Tanz nimmt ein Jüngling ein Mädchen zu sich und tanzt mit ihm
allein. Oder es stellen sich zwei Paare auf dem Tanzboden auf und tanzen
abwechselnd. Man bewundert dabei die Gebärden, die Possierlichkeiten, die
Geschwindigkeit, Regelmässigkeit, wie auch die Kunst und die Natur dabei.
Man bedient sich gemeiniglich dazu einer Geige, eines Hackbretts; kommt
aber noch eine Pfeife oder ein Bass hinzu, so hält man die Musik für
vollständig. Öfters gegnügt man sich mit Maultrommeln oder mit
Vorsingen und Vorpfeiffen. Wenn aber auch nur eine Sackpfeife oder ein
Holzschlag vorhanden ist, kann man sich der Belustigung nicht enthalten.
Man schätzt sowohl die Rhätischen wie auch die Deutschen Walzer sehr
hoch; selten tanzt man noch Rondo oder Minuette.
Allein
was vorzüglich der Jugend am liebsten war, raubte die Schwärmerei des Bären
weg. [Der Bär richtete damals unter den Viehherden arge Verheerungen an.]
Unter dem Scheine des Aberglaubens, der Bär wäre desswegen in das Tal
gekommen und falle dessen Tiere an, bildete man die unvernünftige
Folgerung: der Bär müsse vermöge der Einstellung aller Lustbarkeiten
der Jugend den Anfall ihrer Tiere [Haustiere] aufgeben und sich aus den
Talschaft flüchten. Man stellte somit das Tanzen und die Lustbarkeiten
der Fassnacht: die mantinadas ein.
Dies
war aber ein dummes, liebloses und grausames Benehmen. Der Bär ist nicht
in das Tal gekommen, weil die Jugend lustig war; er wird auch nicht aus
dem Lande gehen, weil jetzt die Jugend traurig ist. Entweder ist die
Ankunft und das schädliche Dasein des Bären eine Strafe Gottes, oder es
ist ein natürlicher Zufall. Ist's das erste, so hätten alle Klassen der
Einwohner den Busssack anlegen sollen, um die Strafe abzuwenden; ist's
aber das zweite, so war das Gebot zwecklos. Gesittete Länder und Völker
verbieten die gleichgültigen Lustbarkeiten der Jugend nie; sie suchen
selbe nur zu mässigen und sind klüger und frömmer als wir. Die Einschränkung
der Jugend zieht schlimme Folgen nach sich. Sie macht die Jugend traurig,
niedergeschlagen, trägt und neigt sie zur Unmässigkeit des Genusses, zum
Spielen und zu Ausschweifungen. Dies ist die Frucht des Samens, welchen
die Heuchler und Pedanten, die der Jugend das Liebste rauben, ausstreuen.
Die
Lustbarkeiten sind Produkte der angenehmen Künste. Sie dienen, um den
Leib und das Gemüt zu erfreuen und aufzumuntern und finden ihre
Nachahmung in der Natur. Die Natur gibt dem Maler den Pinsel, dem Poeten
die Feder und dem Tonkünstler die Luft, damit sie hinwieder die Natur
beleben, erheben und angenehm machen. Wie der Musikant seine bewunderungswürdige
Kunst in der Luft [den Tonwellen], so zeigt der Bildhauer die seine in dem
Holze, der Maler in der Stellung und in den Farben, der Tänzer aber in
seinen Bewegungen und Gebärden. Ein jeder ist Künstler, jeder hat seine
eigene Materie und Gegenstand vor sich, aber alle sind Nachahmer der
Natur, um die Natur zu erheben und den Menschen zu ergötzen. Unser
Gegenstand bezieht sich auf die Singkunst, vermischt mit der Poesie,
welche ja auch gestattet wird, und auf das Reich der Töne mit der
Tanzkunst, welche jetzt verboten ist.
Gott
ist sowohl der Urheber der Sing- und Reimkunst, wie er Urheber ist der
Ton- und Tanzkunst. Folglich, warum duldet man das eine, aber das andere
nicht? Die Alten belehrten uns, dass man den Baum wohl säubern, nicht
aber ihn aus der Wurzel heben soll; sie lehrten, dass man den Honig
nehmen, nicht aber die Bienen töten, dass man den Bart wohl scheren,
nicht aber den Kopf abschneiden soll. Bei vernünftigen Nationen lässt
man die Künste bestehen und säubert sie nur von ihren Missbräuchen.
Ein
anderes Lustspiel war am Abend der heiligen drei Könige [6. Januar]
angestellt, welches leicht den Aberglauben nähren konnte. Man nannte es giugar
las scadialas , wozu ich
kein deutsches Wort finde. Man stellte ein Spiel an - ich weiss eigentlich
nicht recht wie -, aus welchem man beurteilte, welches Glück oder Unglück
im künftigen Jahr bevorstehen werde.
Merkwürdig
aber ist das Spiel, welches man dertgira nauscha , das böse
Gericht, nannte.
Man
vollzog es während der Fassnachtzeit . Man stellte aus der Mitte der
Knabenschaft eine vollständige Obrigkeit auf. Durch das Los war jedem der
Knaben ein Mädchen zugeteilt. Man gab genaue Achtung auf die Sittlichkeit
derselben. Wenn ein kleiner Fehler der Unachtsamkeit von den Mädchen
begangen wurde, war es der Obrigkeit regelmässig angezeigt. Diese sass zu
Gerichte, verhörte die Angeklagte; der Knab aber [der durch das Los
bestimmt war] verteidigte sein Mädchen; war es aber dennoch eines Fehlers
überwiesen, so wurde der Knabe dafür bestraft. Diese Strafe war zur
Bestreitung der Fastnachtsunkosten verwendet. Dies war, wofern es
ordentlich abgehandelt wurde, ein sehr possierliches, witziges und
angenehmes Spiel, welches, wenn auch einige Liebeshändel damit
unterliefen, dennoch sehr lehrreich war. Auch dieses Spiel ward der Jugend
entrissen. 106)
Wir
kommen endlich noch einmal zu den Naturanlagen der Tujetscher. Wir
erblicken sie so, wie ihre reine Luft und ihr leichtes Wasser, ihre Lage
und deren natürlichen Eigenschaften es mit sich bringen. Sie zeigen
allgemein grosse Neigung zur Ton Poesie- Maler- und Tanzkunst. Sie haben
in der Gottesgelehrtheit mehrere sehr ausgezeichnete Männer geliefert.107)
Woher kommt es aber, dass sie in den anderen Künsten und Wissenschaften
keine solche hervorbrachten? Es fehlt an dem lehrreichen Unterricht der
Jugend und an der Unterdrückung der natürlichen Gaben, die Gott ihnen
verliehen hat. Ich habe es öfters betont und wiederhole es noch einmal:
die Glückseligkeit und der Wohlstand eines Staates, er mag so klein sein
wie er will, kommen von den Wissenschaften, der Litteratur und Kunst her.
Polizei
der Kranken- und Sterbefälle
Er
ist ein wichtiger Artikel und würdig, dass man ihn von Grund aus
beschreiben sollte. Allein je wichtiger er ist, um desto mehr verdiente er
einen in diesem Fache erfahrenen Mann, der ihn ausführte.
Da
wir an mehreren Orten angemerkt haben, dass die Bevölkerung Tujetschs
seit mehreren Jahrhunderten nicht zugenommen habe, so muss wohl eine
Ursache, welche darauf Bezug hat, einleuchtend sein; und diese ist keine
andere, als die öfteren Krankheiten und die darauf folgenden Sterbefälle.
Es wäre sehr zu wünschen, dass einst ein Mann sich da einfinden würde,
der die Ursache dessen entdecken und anpassende Gegenmittel verschreiben könnte.
Ich meinerseits glaube, dass die unordentliche Lebensart die grösste
Schuld daran habe und glaube auch, dass eine ordentliche Lebensart das
wirksamste Gegenmittel wäre.
Wer
das Glück haben will, mit einer gesunden und dauerhaften Natur begabt zu
sein, der muss von gesunden Eltern geboren sein. Er muss eine sorgfältige
und kluge Mutter haben, die ihn mit Achtsamkeit trage und ernähre, ihm
eine gesunde und nahrhafte Milch beibringe, ihn wohl kleide und verpflege,
ihm nur die gesundesten Speisen Getränke erlaube und ihn ferner so
unterrichte, dass er vom guten und schädlichen Genusse Kenntniss habe und
solche Fertigkeit besitze, dass er sich nichts erlaube, als was die
Vernunft für nahrhaft und gesund vorgibt.
Meine
Mutter verehelichte sich im 26. Jahre ihres Alters; sie war voll Feuer,
rot von Farbe und vollkommen gesund. Sie wurde Mutter von fünf Kindern,
die sie in Zeiträumen von je drei Jahren gebahr. Sie erreichte das 80.
Jahr, ohne jemals krank gewesen zu sein. Aus Verdruss, dass ich als
Geissel entführt war und aus Unachtsamkeit zu ansteckenden Kranken zu
gehen, wie sie ehehin ohne Vorsicht zu tun pflegte, starb sie, da sie
leicht hundertjährig hätte werden können. Von fünf Kindern war nur ein
einziges stark von den Blattern befallen, und die Mutter bekannte, dass
sie sich bei dessen Schwangerschaft nicht genug geschont habe.
Der
Vater, ein Mann von ausserordentlicher Leibesstärke, verheiratete sich im
28. Jahre seines Alters. Er schonte sich weder in der Arbeit, noch im
Genusse der stark abkühlenden Getränke. Nüchtern und erhitzt erkrankte
er in Folge eines Trunkes kalten Wassers und starb im 40. Jahre seines
Alters.
Der
gesund sein wollende Mensch muss notwendiger Weise, über sich gänzlich
Meister sein und seine Gelüste im Zaume zu halten wissen, dass er nichts
tut oder unterlässt, was nicht zum Ziele seiner Gesundheit führet. Der
Gesundheitsliebende muss sich vom Zorn, der Rache, Schwermut, Eigensinn
und überspannten Kümmernissen hüten und sich der Mässigkeit, Geduld
und Sanftmut befleissen. Mässig muss er im Schlafen, Wachen, Arbeiten,
Gehen und Stehen, im Liegen, Denken und Lesen, bei der Frau, beim Tische
und an allen Orten sein.
Die
Kleider sowohl, als das Bettzeug müssen gemäss der Umstände, der
Witterung, der Wärme und Kälte, des Orts und zugleich der Person, des
Alters und Standes angemessen sein; zu grosse Kleider sind läppisch, zu
kleine unbehaglich und schädlich.
Kein
Glied ist meines Erachtens so heikel als die Fusssohle. Strümpfe und
Schuhe müssen nicht nur dem Fusse, sondern auch der Zeit angemessen sein.
Nie soll eine Person sich zu Bette legen, ehe ihre Fusssohlen und Zehen
erwärmt sind. Nie soll ein Mensch mit kalten und nassen Füssen stehen
bleiben; entweder soll er gehen, sich erwärmen oder den Ort verändern.
Auch
sind die Wohnungen der Menschen so einzurichten, dass sie der Gesundheit
nicht nachteilig werden können. Man soll im Hause keinen unangenehmen
Geruch dulden; man muss durch Eröffnung der Türen und Fenster das Haus
und die Zimmer oft auslüften und mit gesundem Rauchwerk einräuchern
lassen. Die Hausgeschirre, alle Küchen- und Tischgeräte sollen rein und
sauber gehalten werden.
Lieber
soll man auf einer Bank, als in einem unsauberen Bette liegen. Nie soll
man ohne die nötige Vorsicht zu den Kranken gehen; vorzüglich hüte sich
ein jeder vor ansteckenden Krankheiten.
Bewahre
sich ein jeder vor dichtem, feuchtem und kaltem Nebel (rät. brentina);
und vor beissender Kälte. Keiner soll unter solchen Umständen sich an
die freie Luft wagen, ohne den Mund bis an die Nase verhüllt zu haben und
ohne wohlgefütterte Kleider zu tragen.
Man
soll sich vor allem schädlichen Staube, vorzüglich vor Kalk- Gips- Hanf-
und Flachsstaub hüten. Die Arbeiten des Flachses und des Hanfes sollten
allemal auf dem freien Felde und nicht in den Wohnzimmern verrichtet
werden; denn der üble Geruch, welcher von dem vermoderten und giftigen
Wasser, worin die Stengel gebeizt werden, herrührt, ist der Gesundheit
sehr nachteilig. Allein alles, was ich von der Gesundheit geschrieben
habe, wäre unütz, wenn nicht eine saubere kluge und wohlerfahrene Köchin
da ist, die sich nicht nur auf die talgebräuchliche Kochkunst, sondern
auch auf das Brotbacken wohlversteht.
Redaktionelles
An diese allgemeinen einsichtigen Ratschläge reiht P. Spescha im
Einzelnen die verschiedenen Krankheiten, welche die Bevölkerung von
Tujetsch heimsuchen. Spescha gibt zuerst eine Diagnose und empfiehlt
entsprechende Volksheilmittel. Auch hierin zeigt Spescha eine scharfe
Beobachtungsgabe. Als Laie im Fache der Heilkunde vermag er freilich
manche Krankheiten nicht von einander zu unterscheiden. Spescha schreibt:
„Die
Tujetscher werden meist von den Kindsblattern, dem Seitenstich, dem
Faulfieber, der Erschöpfung der Naturkräfte und von unmässiger
Traurigkeit ob ihrer möglichen Bestimmung hinweggerafft. Selten sterben
hier Leute an der Auszehrung und an anderen Krankheiten. Aber auf dem
Kindsbette sterben hier aus Mangel an erfahrenen Hebammen viele Mütter
und Kinder, und an den Kindsblattern sterben möglichst viele Säuglinge.
Ich könnte den Tujetschern die Einimpfung der Blattern, die im ganzen
gesitteten Europa im Schwunge ist, anraten. Allein ich bezweifle recht
sehr, ob ich bei den vermummten [für Belehrung unzugänglichen]
Weibsbildern Anklang finden würde. Die Kindsblattern zeigen sich in einem
geringeren oder beträchtlicheren Ausschlag der Haut, welcher erstlich in
Blattern und hernach in Rauden sich umwandelt usw."
Herr
Dr. med. Stiafen Berther in Disentis, selbst aus dem Tujetsch gebürtig, hatte
die Güte, die einschlägigen Artikel von P. Spescha einer Durchsicht zu
unterziehen und der Redaktion den nötigen Aufschluss zu erteilen. Unter
„Faulfieber"; von dem P. Spescha eine weitläufige Diagnose gibt,
sind verschiedene Leiden zusammengefasst; z. B. chronische Tuberkulose,
deren Charakter damals noch nicht festgestellt war; die Kühe waren
vielfach perlsüchtig, und die Leute gewohnt, ungekochte Milch zu trinken.
Infolge der sogenannten „Schwabengängerei", des Verdingens der
Kinder nach Süddeutschland, kamen selbe vielfach auch mit chronischer
Tuberkulose behaftet nach Hause. Ferner sind unter „Faulfieber" zu
rechnen: bösartige Tumoren, Magenkrebs usw.
Wenn
P. Spescha schreibt: „Selten sterben hier Leute an der Auszehrung,"
so ist darunter die im Tujetsch selten auftretende akute primäre
Lungenschwindsucht; Rom.: trer anavos, zu verstehen, die Phthysis
florida.
P.
Spescha spricht auch von den häufigen Augenleiden seiner Zeit im
Tujetsch. Dieses Leiden der damaligen Bevölkerung ist zurückzuführen
auf das schlechte Licht der primitiven Unschlittlampen jener Zeit, wohl
auch auf die überheizte Luft der Bauernstuben im Winter, wo die
Frauenwelt dem Spinnen und Weben der Flachsprodukte oblag. P. Spescha
spricht von der grossen Kindersterblichkeit infolge der Blattern; die er
ausführlich schildert. Seine Diagnose weist nicht auf die Pocken oder
Blattern (med.: variola, Rom. virola) hin, sondern auf die
Scrophulose, Impetigo faciei usw., das Ekzem oder den „Grind". Rom.
la rugna, die Spescha mit den Pocken in der Bennenung verwechselt;
übrigens traten damals auch die wirklichen Pocken sporadisch auf. Die
bitteren Anklagen von P. Speacha gegenüber den Müttern hatten insofern
ihre Berechtigung, als schlechte Hygiene und Ernährung und Unreinlichkeit
die Infektion unter den Kindern stark beförderten.
Unter
„Seitenstich", Rom. „malcostas", ist die im Tujetsch
auch heute noch stark auftretende fribrinöse Pneumonie, die Lungenentzündung,
zu verstehen.
Eigenartig
sind die beiden letzten Bezeichnungen von P. Spescha : „Die Tujetscher
werden meist von der Erschöpfung der Naturkräfte und von unmässiger
Traurigkeit ob ihrer möglichen Bestimmung hinweggerafft." P. Spescha
zeichnet nach seiner Redeweise gut. Um das Jahr 1800 war die
durchschnittliche Lebensdauer der einmal herangewachsenen Tujetscher noch
80 Jahre. Somit starben die meisten Erwachsenen an Altersschwäche, dem
Marasmus senilis. Endlich ganz originell, wenn auch für uns etwas unklar,
ist die Ausdrucksweise von P. Spescha : „Die Tujetscher sterben aus unmässiger
Traurigkeit ob ihrer möglichen Bestimmung." Die Tujetscher besassen
nämlich keine Hebammen, keine Bader, keine Ärzte. Im Falle einer
schweren Verwicklung sahen die Kranken sich selbst überlassen; es fehlte
das direkte Vertrauen auf Besserung mangels ärztlicher Hilfe. (Siehe auch
Artikel: Polizei der öffentlichen Anstalten.) Es trat zwar eine bei dem
religiös veranlagten Volke christliche Ergebung ein, aber mit
Ausschaltung der Selbsthilfe und der Selbstaufraffung und der eigenen
Unterstützung. Diese Erscheinung tritt noch heute bei manchen Gebirgsvölkern
auf, wo ähnliche schwierige Verhältnisse obwalten.
Die
Heilmittel, welche P. Spescha anrät, sind meist hygienischer und
prophylaktischer Natur. Spescha war ja nicht Arzt und wollte es nicht
sein; er schreibt: „Ich trete hier nicht als Arzt, sondern als Geograph
auf." Teils vermerkt P. Spescha auch die alten Kurmittel des
„Pedemontanus" aus dem 17. Jahrhundert, teils hält er sich an die
gebräuchlichen Volksheilmittel, wie solche ein medizinisches Manuskript Cudisch
de medischinas [Klosterbibliothek] zusammenfasst, das von Prof. Dr. K.
Decurtins in seiner „Raetomanische Chrestomathie", Bd. 1, p. 322
ff., veröffentlicht worden ist.
Sterbefälle
Epidemien
Bis
zum Jahre 1584 finden wir in Tujetsch keine Sterbefälle aufgezeichnet. In
diesem Jahre setzen die Jahrbücher des Klosters Disentis 800 Personen an,
die an der Pest starben. Man nannte diesen Sterbfall „la muria gronda",
das grosse Sterben. Eine alte Handschrift von Tujetsch setzt im Jahre 1558
oder 1568 einen Sterbefall von 600 Personen und ein Jahr darnach einen von
200 an; ich glaube aber, dass jener erstgenannte Sterbefall von 800
Personen zu verstehen sei. Dieser Sterbefall war so gross, dass man von
Waltensburg [28 km entfernt] Helfer mieten musste, um die Verstorbenen zu
begraben.108)
Nach
dem Jahre 1618 fiel ein anderer Sterbefall ein; die Geschichte aber hat
uns nicht hinterlassen, wie viele Personen dabei das Leben verloren.
Im
Jahre 1637 riss der dritte Sterbefall ein. Die vorigen zwei Sterbefälle
hiessen nur „Pest" la muria gronda, dieser aber wurde
„Beulenpest" la muria de las biergnas, benamset, weil sich
Beulen zeigten; diese Seuche raffte 70 Personen in die Ewigkeit hinüber.
Ein gewisser Landammann Udalricus de Florin ersann ein bewährtes
Gegenmittel. Als die Seinigen zum Gottesdienst abgegangen waren, schnitt
er seine Beule auf, daran er zu sterben glaubte, und genass.
In
Cungieri [Bergwiese nördlich von Sedrun] fand man eine geflüchtete
adelige Frau aus dem alten Geschlechte „de Medell" tot, an der noch
zwei Zwillinge säugten; der einte dieser war hernach zur Ehrenstelle
eines Landrichters und der andere zur Amtswürde eines Abten von Disentis
unter dem Namen Adelbert II. erhoben.109) Diese Seuche breitete
sich bis Segnas im Disentiser Gebiet aus. Der damalige Abt Augustinus Stökli
verordnete Gebete, Fasten und Gelöbnisse; die Pest verschwand ohne
besonderen Schaden.
Seither
sind im Tujetsch keine solche Sterbefälle unseres Wissens entstanden;
wohl aber mehrere minder beträchtliche von 30, 40, 50 bis 60 Personen
[Tod durch Lawinenkatastrophen; siehe Lawinenchroniken], ohne die Kinder
mitzurechnen, deren Jahre [der Kinderepidemien] uns nicht bekannt sind.
Schluss
Polizei der Ökonomie
Wir
haben zwar schon alles gesagt, was wir jetzt noch sagen werden; allein wir
haben es zerstreut gesagt. Nun wollen wir es sammeln.
Die
Ökonomie ist die Kunst, alles, was zur Notdurft und zur Bereicherung des
Menschen gereicht, wohl zu erkennen, zu pflegen und sich anwendbar zu
machen. Sie setzt die Kenntniss der Dinge und deren Beurteilungsvermögen
voraus und hofft durch Sorgfalt, Bemühung, Pflege und Sparsamkeit wahre
Nutzniessung und ständiges Wohlsein zu erziele. Sie ist die Seele der
Staaten und wenn sie von ihnen weicht, ihr Tod. Tujetsch muss sich
vorstellen, nicht nur ansehnliche und reiche Familien, sondern auch grosse
Staaten und Königreiche wären aus Mangel der Ökonomie verarmt und
verblichen und dass dieser Zufall für jeden Staat und jede Familie möglich
sei.
Die
Ökonomie erstreckt sich nicht nur auf die Kunst, aus dem Glücke und Unglücke
Nutzen zu ziehen, sondern auch aus dem Bösen und Guten und zugleich aus
dem Gleichgültigen. Sie setzt zuerst die Kenntniss der Sachen, die Pflege
derselben und die Kenntniss des wahren und nützlichen Gebrauches davon
voraus; um aber das vorgesetzte Ziel zu erreichen, müssen noch Klugheit,
Vorsicht, Besinnen, ausharrendes Bestreben in Verbindung mit Achtsamkeit
auf Zeit und Umstände dazugelegt werden.
Jenen
Spruch der Weisen muss der Ökonom nie aus den Augen verlieren: Besinne
dich wohl, ehe du etwas unternimmst, was und wie du es tun willst und was
aus diesem Tun und Lassen, erfolgen wird.

Ehe
ich dieses Werk anfing, besann ich mich reiflich. Mein Ziel war der Nutzen
in Rücksicht auf die Glückseligkeit der Menschen. Im ersten Abschnitt
beschrieb, ich, die geographische, im zweiten die historische und im
dritten die politische Lage des Tales Tujetsch und im Ganzen wollte ich
ein ökonomisches Werk verfassen, das die Glückseligkeit der Menschen und
insbesondere der Einwohner Tujetschs befördern sollte. Vorzüglich den
Tujetschern zu lieb habe ich dieses Werk geschrieben.
Rabius,
den 7. des Winterm. 1805
P. Placidus Spescha

1)
Entnommen den Mss.; B 43 I u. III, PI Sp 5 und Pl Sp 9. Vgl. oben I, S. 1,
Anm. 1.
2)
Die einleitende, rein geographische Beschreibung des Tujetschertales wurde
dem Ms. Pl Sp 9 entnommen und der Urtext an einigen Stellen gekürzt, um
Wiederholungen mit der folgenden volkswirttschaftlichen Beschreibung des
Tales zu vermeiden.
3)
P. Spescha versucht als gewissenhafter Geograph annähernd möglichst
richtige Höhenwerte zu geben. Dies war um die Wende des 18. Jahrhunderts
eine recht schwierige Sache. Die damaligen Höhenmessungen waren noch äusserst
lückenhaft und auf wenige Landschaften beschränkt. Das Bündner Oberland
besass deren noch keine. Die barometrischen Höhenmessungen kamen erst
kurz vorher durch Scheuchzer, Deluc und Saussure in Anwendung. Siehe Näheres
in der Einleitung zum naturwissenschaftlichen Teil.
Andermatt=1444 m; Sedrun in Tujetsch, 1401 m; Selva, ebendort 1538 m;
Tchamut 1648 m; Badus 2931 m; Oberalpstock 3330 m.-
4)
Siehe oben: I, 1, Petrus
de Pontaninga.
5)
Vgl.
III. 9. b. Unglück
von Selva usw. unten.
6)
P. Spescha hat hier die Urquelle des Vorderrheins äusserst präzis
geschildert; er kommt noch einmal darauf zurück in seiner „Besteigung
des Badus", wobei er ebenso schön die Quellen des Mittelrheins
behandelt. In seinen sämtlichen Bergreisen legt P. Spescha auf die
hydrographische
Beschreibung grosses Gewicht.
7)
Die Redaktion hat jeweilen die geographischen und volkswirtschaftlichen
Motive desselben Gegenstandes aus den beiden Mss. B 43 I u. 3 und Pl Sp 5
zu einem einheitlichen Ganzen vereinigt unter dem ursprünglichen Titel:
„Polizei etc."; es wurden dadurch zahlreiche Wiederholungen
vermieden.
8)
Vgl. I 8, oben: Politische Einteilung der Landschaft Disentis; und:
Uordens de Tujetsch, Decurtins rätoromanische Chrestomathie, B. I, S.
507-513; und: Peter Vincenz, Trun: Fuormas de seraments pils ufficials
della Ligia Grischa e pils ufficials dil Cumin grond della Cadi, in
Annalas della Societa reto-romantscha, XXI. Jahrg. 1906. In den daselbst
veröffentlichten Schwurformeln des Grauen Bundes und der Officialen der
Landsgemeinde der Cadi sind die Pflichten der Magistratspersonen scharf
und präzis wiedergegeben. Die Darstellung von P. Spescha weicht in
einigen Punkten ab. Spescha schreibt 1805. Die von Adv. Peter Vincenz veröffentlichten
Schwurformeln sind etwas älteren Datums.
Ebenso sei verwiesen auf die in
deutscher Sprache erschienene Arbeit von Prof. J.C. Muoth; „Die
Thalgemeinde Tavetsch. Ein Stück Wirtschaftsgeschichte aus Bünden"
(aus dem XVI. und XVII. Jahrh.), in; Bündn. Monatsblatt 1898, S. 8, 33,
,74, 97 ff.
9)
Vgl. Berther, P. Baseli: Sin Cadruvi. Disentis 1304,
10)
Die „Standorte", Sammelpunkte für die Tiere, befinden sich meist
in der Nähe der Ortschaften, am Wege, auf dem die Schmaltiere, Ziegen und
Schafe vom gemeinsam bestellten Hirten zur täglichen Weide auf die Berge
oder Allmeinden getrieben werden.
11)
Über die Entwicklung der Alpwirtschaft in einer Bündnergemeinde kann Tujetsch
als Typus dienen. Wir finden vom 16. bis 19. Jahrh. sogenannte
Gemeindealpen, über welche die Nachbarschaft ( Gemeinde) frei verfügen
kann, und feudale Lehensalpen, deren Eigentum dem Kloster Disentis
zustand. Aus Gemeindealpen entstanden durch Veräusserung an Mitbürger
(vischins) Genossenschaftsalpen und durch späteren Rückkauf derselben
wieder Gemeindealpen; ferner entwickelten sich durch Verkauf an einen
Fremden, sei es von seiten der Herrschaft des Klosters Disentis, sei es
von seiten der Gemeinde, reine Privatalpen. Dieser Entwicklungsgang findet
schon im 16. und 17. Jahrhundert statt. Siehe: Thalgemeinde Tavetsch, von
Prof. J. C. Muoth, Bündner Monatsblatt 1898.
Heutige
(1912) Gemeindealpen von Tujetsch sind: Cuolm Cavorgia (40 Kühe); Tgom mit Cuolm
da Vi (48 Kühe); Val Giuf mit Tschatmut (120 Kühe); Maighels mit
Surpaliz (130 Kühe); Val Val
mit Tiarms (120 Kühe);
Culmatsch mit Tuma (48 Kühe); Caschlè mit Strem und Mila (98 Galtstück);
Puzzas (1000 Schafe); die Art der Bestossung der Alpen ist übrigens hätigem
Wechsel unterworfen. Privatalpen von Tujetschbürgern gibt es nicht; wohl
aber von auswärtigen Gemeinden oder Privaten: Nalps (Disentis) 120 Stösse;
Nalps (Kloster Disentis), Schafalp, 600 Stück; Cavradi, Privatalp der Pfründe
Trun. Curnera gehört den Livinern im Tessin.
12)
Untgidas sind die Schneefluchtsrechte.
13)
P. Spescha schildert hier mit photographischer Naturtreue die Alphütten,
wie sie meist noch heute nach 106 Jahren aussehen. Moderne Einrichtungen
und Unterkunftsräume auf den Alpen finden wir heute z. T. in den
Gemeinden Disentis (Val Russein) und Brigels.
14)
Die Ausdrucksweise Speschas entspricht der romanischen Redeweise: trer
panaglia, Butter ziehen, schlagen).
15)
Die Krinne zu 0,75 kg. Der Gulden Churer W., Fr. 1.75.
16)
Jetzt gehört die Alp Tschamot (denter auas) ebenfalls der Gemeinde, und
die Bewohner von Tschamut haben wie die übrigen Bürger Anteil an allen
Alpen der Gemeinde Tujetsch. Freundl. Mitteil. von P. Basilius Berther,
Disentis.
17)
Vgl. I, 2. p. 31; Paulus Nicolaj; oben.
18)
Vgl. I, 2. p. 56; Bernardus Frank; oben. Gegenwärtig ist die Alp Curnera
an Private von Tujetsch verpachtet.
19)
Die Alp Cavradi, im 16. Jahrhundert Genossenschaftsalp der Tavetsoher,
ging im 17. Jahrhundert an die Erben eines gewissen Florin Spescha über.
Etwas später wurde diese Alp der Pfrund St. Martin zu Trun einverleibt.
Der Stifter soll ein Spescha von Trun gewesen sein.
20)
Die Alpen in Val Val und Val Giuv waren Eigentum des Klosters Disentis und
von diesem seit uralter Zeit den Nachbarn von Tujetsch als Erblehen zur
Benutzung überlassen, wofür diese dem Kloster jährlich einen bestimmten
Alpzins (ewigen Zins, rom.: tscheins fier) zu entrichten schuldig waren,
der in Käse, Butter usw. bestand, Von 1861-66 walteten Verhandlungen
betreffs .Loskauf. Die Ablösungssumme kam auf 7650 Fr. zu stehen.
Schwierigkeiten bereitete bei diesem Loskauf die Berechnung einer
Gegenleistung des Klosters, des sogenannten „Martiniessens". Nach
alter Sitte erhielten die Männer, welche die Naturalzinse in ein Stift
ablieferten, bei solcher Gelegenheit daselbst eine reichliche Mahlzeit.
Diese Gegenleistung des Klosters war seine Pflicht als Lehensherr. Später
nahmen an diesem Essen auch alle teil, die ein öffentliches Amt
bekleideten, Landrichter, Landammänner, Weibel, Statthalter, Geschworene,
neu und alt, am grossen Klosterfesttag zu Ehren des ersten Patrons der
Klosterkirche St. Martin. Zu diesem Martiniessen (perdanonza) erschienen
denn auch die Honorationen von Tujetsch recht zahlreich. Das Martiniessen
der Tujetscher war für das verarmte Kloster keine geringe Last geworden.
Um die Summe von 2000 Fr. wurde diese Last im Jahre 1866 abgelöst. Siehe:
Berther, P. Baseli: Sas era nua Giuf ei? in R. Chrestomathie I. Bd. Siehe:
Die Thalgemeinde Tavetsch, von Prof. J.C. Muoth, Bündn, Monatsblatt 1898.
21)
Dieser Artikel wurde kombiniert aus II. T.: „Wälder" mit dem III.
T.: „Polizei der Wälder", Ms. B. 43 und mit Ms. Pl Sp 5, II. T.
22)
Weisstannen, Abies alba, finden sich im Waldbezirk von Cavorgia: Arven,
Pinus Cembra, im Gebiet von Nalps und Curnera.
23)
Die freilich nur kollektiv gemachten Angaben von Spescha bestätigen sich
auch heute noch.
24)
Siehe auch: Polizei der Obrigkeit; unten.
25)
Die Verfütterung des Laubes der Bäume, besonders von der Esche und z. T.
vom Ahorn, der Birke und Ulme, ist auch heute noch im mittleren Bündner
Oberlande stark im Gebrauch. Von Ladir bei Ilanz bis nach Disla bei
Disentis finden wir überall die eigenartigen zahlreichen Gruppen von
Eschen-Schneitelbäumen. Die Ahorn-Schneitelbäume steigen bis nach
Tschamut hinauf, 1600 m ü. M.
26)
Ms. B 43 II und Ms. Pl Sp 5 II.
27)
Die freilich sehr spärlichen Angaben von P. Spescha bestätigen sich auch
heute noch. Einige Spezies sind nur auf das Gebiet von Tschamut am Calmut
beschränkt, das die reichste Alpenflora des Tujetschertales beherbergt.
28)
Bei Bugnei, nördlich von Nislas, 1430 m, findet sich jetzt ein
Apfelbaumgarten, der vorzügliche Apfelsorten gut ausreift; ebenso
Spalierkernobst im Pfarrgarten zu Sedrun.
29)
Das
Gebiet von Bugnei und Nislas bis nach Valzeinza birgt eine artenreiche
Flora von Wildrosen. Vgl. Hager, Dr. P. K., Die Verbreitung der
wildwachsenden Holzarten im Bündner Oberland Verlag des eidgen.
Oberforstinspektorates in Bern, 1913.
30)
Es gab im 16. und 17. Jahrhundert auch Gemeindelöser, die an einzelne
Petenten als sogenannto „,Maiensässe" gegen Lehenzins abgegeben
wurden; dieser Zins wurde zur Gemeindekasse geschlagen, Besonders viele
Maiensässe wurden zu Cavorgia abgegeben. Siehe: Die Thalgemeinde Tavetsch,
von Prof. Muoth, Bündner Monatsblatt, 1898.
31)
Siehe auch unten: Polizei der Allmeinden.
32)
Die weitausholenden Ausführungen von Spescha mussten gekürzt werden; bei
einigen Stellen ; konnte die diplomatische Wiedergabe nicht genau
beibehalten werden.
33)
Diese Art, das Ackerland im Frühjahr vom Schnee zu befreien, ist, noch
heute in Übung; sie wird hie und da selbst für das Weideland angewendet,
um eher zur Frühjahrsweide zu gelangen, wenn etwa Heumangel eintritt. Das
Auswerfen der ausgegrabenen Erde geschieht meist mittelst kleiner
Kartoffelkörbe, den „canastras de truffels"; das Auswerfen der
Erde heisst: „better a tiara".
34)
Fava ded alp oder fava piertg sind Aconitum Napellus und Lycoctonum,
blauer und gelber Eisenhut.
35)
„Verjässt" = aufgeschlossen.
36)
Interessant ist heute noch im Tujetscher- wie Medelsertal und bei Disentis
das Flachssamen rupfen. Auf freiem Felde werden, grosse weisse Leinen
ausgebreitet. Eine Holzbank (Doppelsitz) hat in der Mitte die
Flachssamenhechel. Die einander gegenübersitzenden Personen ziehen in
schlagender Bewegung rhythmisch abwechselnd je ein kleines Bündel
Flachsstengel durch die Hechel, um den Samen abzurupfen. Gleichzeitig
bindet ein Mann die vom Samen befreiten Flachsstengel zu Garben, um selbe
dann den oben beschriebenen puozs, Flachsrosen oder Wassertümpeln zu übergeben.
37)
Die Krinne beträgt ¾ kg.
Die Quartauna oder das Viertel fasst ungefähr 7,5 Liter. Die Elle hatte
66.7 cm, das Kläfter somit, schwach 3 m3.
38)
Man unterscheidet Wildheu, das von den grossen steilen Flächen unte und
zwischen den Alpen meist regelrecht jedes zweite oder dritte Jahr
gesammelt wird; die sogen. Mähder;, dieses Heu wird „fein de
pastg" genannt; die Gemeinde vermietet ,diese Bergheuwiesen.
Ausserdem wird Wildheu von den obersten Felsfluren gesammelt: fein de
pastg de cuolms aults.
39)
Als milchreiche Kräuter schätzen die hiesigen Älpler Meum Mutellina
(Ligusticum), die Muttern, Rom. „muot", ferner die Alchemillen,
vorzüglich die Alchemilla vulgaris, Rom. „runcidia" genannt; als
schlechte Futterkräuter aber Nardus stricta, das Borstgras, Rom. „peil
alv" oder „netsch" und Athyrium rhaeticum, Alpenmittelfarn,
Itom. „pervèsa" genannt. Daher stammt das romanische Sprichwort:
Muot
e runcidia caldera pleina,
peil alv e pervesa caldera mesa.
Muttern u.
Alchemillen geben einen vollen Kessel (caldera),
Borstgras
u. Farnkraut geben einen halben Kessel.
Freundliche Mitteilung von Präs.-Advocat Peter Vincenz in Trun.
40)
Vgl. oben: Polizei der Wälder-, Anm. über Verfütterung des Laubes.
41)
Auch heutzutage kommt es öfters vor, dass man im Tujetsch bei
Futtermangel und Heunot zur Benutzung der „nitschuns", des letztjährigen
unbenutzten, stehengebliebenen dürren Grases der Berghänge und
Wildheuplanken, der sogen. Mähder, schreitet.
42)
Rumex alpinus, der Alpenampfer, besitzt einen horizontal kriechenden
Erdstock; diesem entspringen auf langem mastigem Stiel die grossen
Grundblätter und die hohen Stengel mit den dichtgedrängten blütenreichen
Rispen. (Siehe Schröter: Das Pflanzenleben der Alpen, p. 508.) Die
Pflanze wird auch Stafelblacke, Schmeissblacke, Blackten, Mistblacke, Süüblacke,
Münchsrhabarber, Sürelen usw. genannt. (Stebler.) Auch Alpen haben von
dieser Pflanze ihren Namen erhalten; so die „Blackenalp" am
Bristenstock; „Blackenalp" am Surenenpass. (Stebler.) Die Pflanze
bildet oft um die Sennhütten ausgedehnte, fast reine Bestände. Im
Talboden des Tujetsch findet sie sich auf wasserzügigem Boden der
Fettwiesen zahlreich. Die übel beleumdete Pflanze wird daselbst nicht
eigens kultiviert, sondern nur als Schweinefutter ausgenutzt. Nach Stebler
enthält die Pflanze einen hohen Nährstoff.
43)
Siehe
oben: Polizei der Hausgüter; Erlass des „mundi" behufs Schluss des
Weidganges auf den Hausgütern.
44)
Die häufig auftretende Perlsucht des Rindviehes; siehe auch Anmerkung:
Polizei der Krankheiten.
45)
Der Bär ist jetzt im Bündner Oberland ausgestorben. 1850 wurden im
Medelsertale noch zwei Bären vom bekannten Disentiser Jäger Peter Tenner
geschossen. Im Jahre 1881, 18. Sept., schoss Lehrer Jos. Janka im
Zavragiatal (Obersaxen) den letzten Bären des Bündner Oberlandes.
46)
Der Name„ Ratten", rattuns in rom. Sprache, wird von den Oberländern
kollektiv genommen für alle grossen Mäuse, wie für die einheimischen:
Arvicola terrestris, Scheermaus; die grosse schöne Alpenratte oder
Schneemaus: Arvicola nivalis; Myosis Glis, Siebenschläfer, und Eliomys
Nitela, Gartenschläfer.
47)
Aquila Chrysaetus Steinadler horstet in den Seitentälern Nalps und
Curnera im Tujetsch, ist jetzt beinahe ausgerottet. Im Val Cristallina des
benachbarten Medelsertales waren im Sommer 1912 drei Adlerhorste
besiedelt.
48)
Auerhahn ist sehr selten, noch 1896 ein Exemplar erlegt.
49)
Der Birkhahn bewohnt sehr häufig die ausgedehnten Alpenrosen- und Grünerlenbestände
der rechten Talseite von Rueras bis über Tschamut, sollte aber besser
geschont werden. Die Titl. Redaktion musste vor etwa 4 Jahren mit eigenen
Augen zusehen, wie drei patentierte Jäger - nicht Kantonsbürger - in der
Umgebung von Selva-Tschamut innert 5 Tagen 42 Stück Birkhahnen - leider -
niedergeknallt haben.
50)
Die häufigsten kleinen Singvögel im Tujetsch sind: Goldammer,
Gartenammer, Fichtenkreuzschnabel, Gimpel, Kirschkernbeisser, Stieglitz,
Zeisig, Bergleinfink, Bluthänfling, Grünfink, Buchfink, Haussperling,
Feldsperling, Feldlerche, Baumläufer, Spechtmeise, Mauerläufer,
Rauchschwalbe, Hausschwalbe, weisse Stelze, Gebirgsstelze, Viehstelze,
Wiesenpieper, Wasserpieper, Baumpieper, Alpenbraunelle, Graukehlchen,
Goldhähnchen, Grasmücken, Zaunkönig, Wasseramsel, Rotkehlchen, Garten
und Hausrotschwanz, Steinschmätzer, Braunkehlchen, Misteldrossel,
Wachholderdrossel, Ringdrossel, Schwarzdrossel, Grosser Würger,
Dorndreher, rotköpfiger Würger, Schwanzmeise, Haubenmeise, Kohlmeise,
Tannenmeise, Sumpfmeise usw. Die Aufzählung macht keinen Anspruch auf
Vollständigkeit. Viele der aufgezählten Arten beschränken sich auf
das milde, buschreiche Gebiet von Bugnei bis Valzeinza.
51)
Als dritte Fischart beherbergt das Tujetschertal in dem Wassertümpel des
Surreinerwaldes: Phoxinus laevis, die Ellritze.
52)
Die Befürchtungen von P. Spescha haben sich glücklicherweise infolge der
vorzüglichen späteren Jagdgesetze nicht bewährt. Das Murmeltier
besiedelt alle Alpen von Tujetsch recht zahlreich und bildet eine wahre
Zierde seiner Berge. - Dagegen dürften Uhu, Bubo maximus, und der
Kolkrabe, Corvus corax, ausgerottet sein; um die Mitte der 90er Jahre des
vergangenen Jahrhunderts horsteten sie noch in der Cavorgiaschlucht.
53)
Die Gemeinde Tujetsch hat heutzutage eine Verordnung erlassen, welche das
Graben nach Mineralien auf Gemeindegebiet allen nicht Ortsansässigen
verbietet, bezw, abhängig macht von der Erlegung einer Taxe; dasselbe
gilt vom Graben der Ofensteine (scalegl) oder Giltsteine.
54)
Die vorzüglichsten Mineralfunde von heute im Tujetschertal sind:
Bergkristall, Morion, Amethyst, Eisenglanz, Rutil, Brookit, Anatas, Pyrit,
Antimonit, Albit, Adular, Epidot, Sphen (Titanit), Milarit, Apatit,
Turmalin, Hessonit (Granaten), Kaliglimmer. Am Calmut wird Speckstein
(Ofenstein, Lavezstein) gebrochen.
Vgl.
auch: Carte specielle . . . par le père Placidus a Spescha etc.; und
Königsberger,
Dr. J., Das Strahlen und die Strahler. Jahrb. S.A.C.,
Bd. XXXIX,1903.
55)P.
Spescha spricht im Original von 3000 Gebäuden; es dürfte ein
Schreibfehler vorliegen. An anderer Stelle schätzt Spescha sämtliche Gebäude
auf über 1000. Die Zahl, 300 (mit Weglassung der letzten Null der Zahl
3000) dürfte dagegen richtig sein in bezug auf die Gebäude in
geschlossenen Ortschaften; in letzterem Sinne besitzt die Talschaft
Tujetsch heute zirka 362 Gebäude; laut Botschaft des Kl. Rates betreffend
Brandversicherung vom Jähre 1906. Dazu kommen freilich noch die zählreichen
Alphütten und Scheunen der Maiensässe und Alpen.
56)
Sicherlich ungerechtfertigt sind die Auslassungen von P. Placi a Spescha
über die Bündner Oberländer Holzhäuser. Diese anmutigen,
sonnenverbrannten, tiefbraünen Holzhäuser mit ihren Lauben und vielen
Fensterreihen lassen hinreichend Licht und Luft in die heimeligen Stuben
einfliessen und sind der Natur und Umgebung wohl angepasst; sie können
dem engeren Heimatschutz nicht genug empfohlen werden. Diese Holzhäuser
bieten im langen halbjährigen Winter den besten Wärmeschutz; tias gut
gemauerte Erdgeschoss hat hinreichende Kellerräumlichkeiten. Aus der Zeit
von P. Spescha (1805) stehen in Sedrun noch jetzt stattliche hübsche
Holzhäuser,
Der ausgeprägt nüchterne, ökonomische Sinn von P. Spescha liess sich
leiten von der traurigen Beobachtung eines vielfach auftretenden
Schlendrians bei den Häuserbauten, vorzüglich aber, um dem Schutz der Wälder
das Wort zu reden. Spescha sah in der Aufführung von steinernen Bauten
das einzige Mittel, der damaligen argen Waldverwüstung Einhalt zu tun.
Gewiss würde der gute Pater heute sowohl seine helle Freude haben an den
jetzigen vorzüglichen Forstgesetzen, wie auch an den hübschen Holzhäuschen
seiner engeren, von ihm geliebten Heimat.
57)
Siehe oben: Polizei der Alpen.
58)
Aus Tujetsch sind seit über hundert Jahren keine Grossbrände mehr zu
verzeichnen (Selva: brannte 1785 ab); es wurden meist nur einzelne Gehöfte
von Bränden betroffen.
59)
Heute fangen die Ränder der Rüfe Run wirklich an, sich stellenweise mit
einer Grasnarbe zu, überziehen. Übrigens scheint die Talkirche zu Sedrun
infolge vernachlässigter Eindämmung des Drunbaches neuerdings gefährdet
zu werden; früher wurden starke Wuhren angelegt.
60)
Auch heute noch führen daselbst drei einfache grössere Holzbrücken
über den Rhein; sie werden von der Gesamtgemeinde unterhalten; vielfach
wurden den Brücken steinerne Widerlager gegeben, die aber von den
Hochfluten meist wieder zerstört wurden.
61)
Es dürfte hier wohl nur von der Ausübung eines Vetorechtes die Rede
sein.
62)
Diesem Artikel liegt Ms. Pl Sp 5. II zugrunde.
63)
Jetzt drei Kurhäuser: eines in Tschamut und zwei in Sedrun.
64)
Die heutige Ausfuhr und Einfuhr im Tujetsch zu berechnen, war der
Redaktion unmöglich, Dagegen dürfte es den Leser interessieren, einen
Einblick zu erhalten in die Ausfuhr von geschlachteten Zicklein (Gitzi) im
Frühjahr vieler Bündner Oberländer Gemeinden. Die Gemeinde Tujetsch
allein führt jedes Frühjahr für 6000 Fr. geschlachtete „Gitzi"
aus. Das Rohgewicht (inkl. Fell) eines drei Wochen alten Gitzi kommt per
1/2 Kilo auf 70-75 Cts. zu stehen. - Bedeutend stärker ist die Ausfuhr an
Ferkeln und Schinken.
65)
Die Valle St. Giacomo bildet die südliche Passhälfte vom Splügen;
dessen Bewohner hatten regen Handelsverkehr mit dem Bündner Oberlande;
manche handelstüchtige Familien liessen sich in Bündner Oberlande
naturalisieren.
66)
Siehe unten Artikel: Natur, Beschaffenheit und Gewohnheiten der
Tujetscher.
67)
Hier mag eine teilweise Überführung der alten Mass-, Gewichts- und
Geldwerte in die neuen Platz finden, soweit sie in der vorliegenden Arbeit
von Interesse sind;
die Elle = 66.7 cm; das Klafter ungefähr 3 m3;
die Mass für Flüssigkeiten ca. 1.5
l;
die Quartauna oder das Viertel = ca. 7.5 l Inhalt;
die Krinne = 0,75 kg;
der Bündner Gulden = 1.75 Fr.
68)
Das Wort „Peikorv" entspricht dem alten Wort „Hahnenfuss" =
6 Krinuen = 4.5 kg.
69)
Das Wort „curtè" entspricht nicht einem bestimmten Mass, wie
Spescha es taxiert; es bezeichnet ein Milchgeschirr, deren es grosse und
kleine gibt. Der Romane unterscheidet: curtè de vaccas =
Kuhmilchgeschirre, und curtè de tgauras = Ziegenmilchgeschirre. In
Tujetsch werden sie mit Vorliebe aus Arvenholz hergestellt. Die wenigen
lebenden Arvenrefugien stehen unter strengem ortspolizeilichen Schutze.
70)
Diese Angaben von P. Spescha sind nicht genau und können irreführen. -
An Stelle des Schulhauses trat das Kaplaneihaus, wo ein Schulzimmer
reserviert war, wie auch der Ortskaplan zugleich als pflichtiger
Schullehrer amtete. Noch heute werden mancherorts grössere Räumlichkeiten
in geistlichen Pfrundhäusern als Schulzimmer benutzt. - Ferner besass
schon im 16. Jahrhundert die „nachpurschaft", d. i. die Gemeinde,
ihre gemeinsame Gemeindekasse. Daneben gab es noch eine Pfrundkasse, die
vom Kirchenvogt, und eine Armenkasse, die von den Spendvögten verwaltet
wurde. Die Gemeindekasse, vom Statthalter und Rat verwaltet, wurde
gespeist aus Polizeibussen, aus Einbürgerungsgeldern, aus gewissen Taxen
und hauptsächlich aus dem Lehenzinse für an einzelne Bürger
ausgestellte Allmeinden, doch niemals aus direkten Steuern in unserem
Sinne.
Aus diesen Geldern, sowie auch bei der Pfrund- und Spendkasse,
(Armenkasse) wurden grössere und kleinere Beträge an Ortsbürger
ausgeliehen gegen Grundpfand und 5 % Zins. Also spielte die
Nachbarschaftskasse (Gemeindekasse) etwa die Rolle unserer Kantonalbanken
und die Gemeinde selbst erschien gegenüber den Gemeindebürgern als eine
Art Kapitalist.
Siehe: Talgemeinde Tavetsch. Muoth, B. Monatsbl. 1898.
71)
P. Spescha bemerkt, dass er viele Aufschlüsse über das Tujetschertal von
dem ihm befreundeten Pfarrer Schmid erhalten habe. Siehe auch unten:
Lawinenunglück von Selva.
72)
Die Armenfürsorge war in jeder Gemeinde der Landschaft Disentis ebenso
geordnet, wie in Tujetsch, und zwar den zeitgenössischen Verhältnissen
entsprechend recht gut. Die zu leistenden Abgaben der Bürger sowohl wie
jene, die an Stiftungen hafteten und deren Verabfolgung an die
einheimischen wie ortsansässigen Armen geschahen in Naturalien. Diese
bestanden in Getreide, Käs, Butter und Salz. Die Kartoffelfrucht kam noch
nicht in Betracht, weil sie erst nach der Mitte des 18. Jahrhunderts in
den Oberländer Gemeinden Eingang fand.
Die für die Armen gesammelten Früchte, die „spenda", wurden in
eigenen Behältern, den „arcuns", aufbewahrt, die in einem Anbau
der Kirche, z. B. dem unteren Geschoss des Turmes oder in der Vorhalle der
Kirche (Tujetsch) sich befanden. - Wie die Spendgüter im ganzen deutschen
Reich von frommen Stiftungen herrührten, so flossen auch in den bündnerischen
Ortschaften diese „spendas" sehr reichlich infolge
testamentarischer Vermachungen und Stiftungen an Viktualien, die an Grund
und Boden hafteten - sogenannte ewige „tscheins fier" -.
Es mag hier ein Beispiel folgen aus der Gemeinde Trun: „Junker
Christoffel von Ryngenberg hat gelassen alle Jar järlich zu eyner Ewiger
Spend armen lüten drytzechen Mütt khorn und ain Schilling werd käs uss
und ab mynes aygne guether im qssersten boden ze Ryngenberg." Aus dem
Jahrzeitbuch der Gemeinde Trun. Durch gütige Mitteilung von Advoc. Präs.
Peter Vincenz in Trun. Obige spende stellt einen Geldwert von rund 300 Fr.
jährlich dar.
73)
An die Stelle des Salzes trat später Polentamehl. Jetzt haben diese Armenspenden
an Naturalien grösstenteils in Sedrun aufgehört. Die Trauerfamilie
verabfolgt meist eine Geldspende an die Armenbehörde.
Freundliche Mitteilung von hochw. Herrn Pfarrer Engler in Sedrun.
74)
Besonders Zeit- und Hausgenossen des P. Spescha machten sich um die Schule
verdient. So gab der Benediktiner P. Basil Veith, Dekan des Klosters
Disentis (1805, Bregenz), eine Grammatik heraus: Grammatica Ramonscha per
emprender il Lungatg Tudeschg zur Erlernung der deutschen Sprache für die
Romanen. Schon 1771 erschien von demselben Verfasser: Nova grammatica Ramonscha
e Tudeschgia, in der damaligen Klosterdruckerei Disentis, Ein anderer Mitbruder
von P. Spescha, P. Beat Ludescher, der verdienstvolle Pfarrer von
Disentis, veröffentlichte nebst einem Volkskatechismus eine Arithmetik:
Arithmetica u codisch de quin. B. L. (Feldkirch 1803) und 1823 (Chur):
Historia dil veder e niev testament, von P. Sigisbert Frisch; letzterer
hat in der Pfarrkirche zu Trun neben P. Spescha seine letzte Ruhestätte
gefunden.
75)
Siehe II. Histor. Neujahrsblatt des Kt. Uri 1896: Kunstmaler Diog, von
Jos. Müller.
76)
Die von Spescha sowohl hier wie in andern Mss. genannten Persönlichkeiten,
meist Zeitgenossen von ihm, wurden ausgeschaltet, da sie der
engerenTalgeschichte angehören und bei Bearbeitung einer solchen berücksichtigt
werden. Das Tujetschertal hat von jeher bis zur Stunde ein grosses
Kontingent seiner intelligenten männlichen Jugend dem Theologiestudium
und dem geistlichen Stande zugeführt. Wenn aber Pater Spescha der
historisch berühmtesten Männer des Tujetschertales keine Erwähnung tut,
so setzt er dies jedenfalls als dem Volke bekannt voraus. Das berühmteste
Tujetscherkind ist der Disentiser Fürstabt Peter von Pontaningen, dessen
weitem politischen Scharfblick der Graue Bund sein Entstehen in erster
Linie verdankt. (Vgl. I 1 oben, Petrus de Pontaningen.) Auch Adalbert II.
de Medel,
gewählt 1655 und einer der tüchtigsten Äbte der Abtei Disentis, stammte
aus dem Tujetsch (siehe Artikel: Sterbefälle und I 2 oben: Adalbertus de
Medèl); ferner gab es der Landschaft Disentis tüchtige
Magistratspersonen, Landrichter und Landammänner.
77)
Der Artikel wurde kombiniert aus Ms. B 43 III und Ms. Pl Sp 5 II.
78)
Der Gulden zu Fr. 1.75.
79)
Unter „Rindfleisch, eingesalgen, nach Landesgebrauch" ist das
bekannte und geschätzte luftgetrocknete Bündner Bindefleisch zu
verstehen, das noch heute, selbst in den ärmsten Familien, im Gebrauch
ist; Verwendung zur Zubereitung findet neben dem Ochsen-, Kuh- und
Rindfleisch auch Pferde-, Ziegen-, Schaf- und Gemsenfleisch.
80)
Noch vor 50 Jahren waren an Stelle der Leinöl- und späteren
Petrollichter im Bündnerland die Unschlittlichter, Cazolas de seif, in
Gebrauch. Sie stellten mannigfaltig geformte schmiedeiserne Ständer, z.
T. mit Aufhängevorrichtung, dar; auf einer tellerartig verflachten Schüssel
des Ständers wurde durch Einsetzen eines Baumwolldochtes der Unschlitt
verbrannt. Diese Zimmerbeleuchtung war selbstverständlich mangelhaft und
erzeugte Augenkrankheiten, wie P. Pl. a Spescha berichtet.
81)
Aus dieser Zulage, die Spescha dem Pfarrherrn gegenüber den Hülfsgeistliehen
des Tales zuergrkannt, ersehen wir deutlich, dass Spescha es auf die
pekuniäre Besserstellung dieser Hülfsgeistlichen auf Kosten der
Pfarrerbesoldung abgesehen hatte; diese war damals 1000-1200 fl.; jene der
Hülfsgeistlichen belief sich aber nur auf 350-100 fl., wie Spescha
berichtet. Nach Specha's Aufteilung sollte jeder der 4 Geistlichen 600 fl.
erhalten mit einer Zulage für den Pfarrherrn von fl. 64.
82)
Der Gulden nach Churer Währung = 1.75 Fr.;
die Krinne = 0.75 kg;
die Quartauna = 7.5 l;
die Mass = 1.5 l.
Siehe auch beim Artikel: Polizei des Masses und Gewichtes.
Die Umrechnung der alten Werte in die neuen konnte nur annähernd genau
gegeben werden; der Leser möge aber im Auge behalten, dass der Geldwert
vor 110 Jahren um das Doppelt höher stand wie heute.
83)
Siehe auch: Polizei der Wälder.
84)
Diese drei Artikel wurden zusammengezogen. Die interessanten
kulturhistorischen Angaben sind im Wortlaut wiedergegeben. P. Spescha
schiebt dazwischen oft lange religiös-moralische Reflexionen, welche
weggelassen wurden; ebenso mussten Wiederholungen von bereits in früheren
Artikeln besprochenen Gegenständen vermieden werden.
Vgl. Muoth, J. C., Nachrichten über bündn. Volksfeste und Bräuche, im
Archiv für schweiz. Volkskunde, II.
86)
1 Legel Wein zu 48 Mass wiegt nach Spescha 90 Krinnen. Die Krinne
entspricht 0.75 kg; die Mass = 1,5 l. Es entsprechen somit 50 Mass etwa 70
kg.
87)
Die Redeweise von P. Spescha: „ihre Farbe ist schön vermischt" ist
der romanischen Redeweise entnommen und soll etwa heissen: „wie von
Milch und Blut". Der Romane drückt sieh aus: „Ina colur sco vin
e latg = eine Farbe wie Wein und Milch."
88)
Siehe auch Artikel: Polizei der Handelschaft. Dem ökonomischen Sinn von
P. Spescha war es zuwider, dass durch Wegheiraten der Landestöchter dem
Tale Steuervermögen entzogen wurde. Der im Artikel: Polizei der
Handelschaft von Spescha gebrauchte Ausdruck: „die Jungfrauen ziehen
gern in zähmere Gegenden" ist nur die romanische Ausdrucksweise „setillan
bugen el dumiesti" und dem Spruche des romanischen Volkshumors
entnommen: „Las bialas e frestgas mattauns setillan bugen el dumiesti
ed in proverbi di: Ins sa mai, nua las mattauns ed ils cavals laian lur ossa,"
d. i. die schönen und jugendfrischen Mädchen ziehen gerne in mildere
Gegenden und ein Sprichwort sagt; man weiss nie, wo die Mädchen und die
Rosse ihre Knochen lassen.
89)
Auch später im Laufe des 19. Jahrhunderts suchten viele Tujetscher als
sogenannte Milchschweizer in Bayern und Württemberg ihr Auskommen; die
meisten wurden selbständig und brachten „ es zu grossem Wohlstand in
der Fremde. Vor einigen Jahrzehnten wanderten viele nach Amerika gus. Die
Bevölkerung von Tujetsch beträgt jetzt 831 Seelen (Volkszählung 1910).
90)
Zur Zeit von P. Spescha erreichten die erwachsenen Tujetscher, abzüglich
der damals grossen Kindersterblichkeit wegen Mangel an Hebammen und
richtiger hygienischer Wartung, ein Durchschnittsalter von 80 Jahren;
heute noch ein solches von 65 bis 70 Jahren. - Gütige Mitteilung von Pr.
med. Steph. Berther.
91)
Das Knabenspiel: Plattenwerfen, Rom, „dar plattas", wird
noch, heute in vielen Dörfern von Jung und Alt betrieben. In einiger
Entfernung wird ein Stecken, „cuitg" (von cauvitg,
Dorfvorsteher, Ortspräsident, hergenommen) in den Rasen gesteckt. Diesem
Steckenziel werden von den Jungen der Reihe nach Steinplatten zugeworfen.
Wer mit seinem Plattenwurf dem cuitg zunächst kommt, heisst gl'emprem,
der Zweite il secund usw. Der schlechteste Wurf heisst „il cac".
Jeder Wurf kostet einen Einheitspreis, der auch verdoppelt werden kann.
Die eingesetzten Geldstücke, z. B. je 10 Ct., werden nun auf einem
rechteckigen Holzklötzchen senkrecht zu einer Säule aufgebeigt; das
Holzklötzchen mit dem Gelde heisst „il stetgel". Der beste
Plattenwerfer, der „emprem", darf nun mit seiner Platte den stetgel
erschüttern, so dass die aufeinander gebeigten Geldstücke
herunterfliegen; alle Stücke, die den Avers zeigen, kann der Glückliche
sein eigen nennen; sodann kommt der zweitbeste Werfer an die Reihe, der
sein Glück mit dem noch übrigen Reste ebenso versucht usw. Fehlt ein
Spieler den stetgel, so muss er gewinstlos abtreten. Das harmlose
Spiel verlangt auch seinen Trick. - Die muntere Schuljugend bedient sich
statt des Geldes der Hosen- und Rockknöpfe als Einsatzpreis. Mancher arme
Schlingel kommt schuldbewusst zu Muttern heim, nachdem er im eifrigen
Spiel die letzten seiner Rockknöpfe abgeschnitten und der ihm unholden Glücksgöttin
geopfert hat.
92)
Bis in die jüngste Zeit bestand das Geldopfer nebst einer Kerze für
einen Knaben in 25 Cts., für ein Mädchen in 20 Cts.
93)
Das Festmahl welches die Mutter für die dem Kinde dargebrachten Geschenke
den befreundeten und verwandten Frauen gibt, heisst: vischdunzas,
und zu diesem Festmahl gehen: ir vischdunzas. Wöchnerin heisst in
rom. Sprache: piglialaunca.
94)
Petta cun péra = Birnbrot.
95)
Süsse Kuchen = patlaunas; Öhrli = Küchli. Siehe: Gastmähler.
96)
Die Butter wurde der Kirche geopfert und in besonderen kupfernen
Lichtkesseln entweder vor dem Sakramentshäuschen oder im Beinhaus
verbrannt (Butter- und Unschlittlichter) an Stelle der erst später
auftretenden Öllampen. Im Tujetsch wurden mit der Schaufel Stollen in den
Inhalt des Butterfasses gestochen und diese konzentrisch auf einem
Zinnteller aufgetürmt. Dieser Butterstock hiess „glimera"
und wurde auf den Chorstufen oberhalb der Leiche aufgestellt. Der Sigrist
steckte eine Kerze in die Butter und liess sie unter dem gesamten
Totenofficium brennen. Bei dem Begräbnis nach dem Seelenamte wurde der
Butterstock mitgetragen und nachher der Kirche geschenkt; diese Schenkung
war eine konventionelle Verpflichtung (mit Ausnahme der Armen) der Kirche
gegenüber; jetzt ist sie an den meisten Orten durch eine Geldspende
eingelöst. Siehe Schw. Archiv für Volkskunde, Bd. XIV, 1910: Eine
Totenspende, von P. Notker Curti, O.S.B., Disentis.
97)
Für Eltern und Ehegatten sind meist drei Trauerjahre; für Geschwister
ein und ein halb bis zwei Trauerjahre; für die übrigen Verwandten ein
Jahr. An einigen Orten für Erbonkel und -tante je 12 Wochen. Frauen
„trauern" länger als Männer.
98)
Der Stuorz wurde im Jahre 1863 im Tujetsch zum letztenmal getragen. In den
Collectanea Speschas, Ms. Pl Sp 30, bemerkt Spescha 1828: „In diesem
Jahre fing man zu Trun an, die weissen Schleier der Weiber beim
Trauergottesdienste wegzulassen. Seit mehr als 70 Jahren erinnere ich mich
an diese Gewohnheit bei Leichenbegängnissen."
99)
Rom.: spenda genannt. Siehe Artikel:, Polizei der Bettelschaft,
Anmerkung.5 daselbst.
100)
Entsprechend dieser feinen Unterscheidung im sprachlichen Ausdruck der
Verwandtschaftsgrade hat die romanische Sprache die Sprichwörter: „Baserin,
Baseret, dat lètg", d. i. der vierte und fünfte Grad lateral
erlauben nach kanonischem Recht die Ehe; und „Cun baserin, baseret,
finescha la parentela bein ed endretg", d. i, mit dem vierten und
fünften Grad schliesst die kanonische Verwandtachaft gut und richtig ab.
101)
„Patlaunas" sind Festtagsküchli, zu deren Bereitung Eier,
Rahm oder süsse Butter und Weizenmehl verwendet werden. Der Teig wird gut
gewalzt, in Quadrate geschnitten und gebacken. „Öhrli-Küchli".
„Tutgets" sind eine Krapfenart, oft mit Konfitürenfüllung;
Fastenspeise.
„Fava de pres" sind „Pfaffenbohnen"; zur Bereitung
werden Eier, Zucker, Butter und Weissmehl verwendet. Die Masse wird zu
einem Brotteig gerührt, mit der Hand in lange Stengel gewalzt, mit dem
Messer in Klötzchen zerschnitten und diese in heisser Butter gebacken.
Verwendung an Festtagen und Kilbi oder Kirchweihe. Doch backen die
Tujetscherfrauen diese. „Fava de près" in grosser Menge,
wenn die Familie mit dem Einsammeln des Berg- oder Wildheues auf den
Bergen beschäftigt ist.
„Raviuls". Es wird ein fester Teig ausgewalzt und mit Kastanien
oder geröstetem Brot oder Birnen gefüllt und diese Einlage mit Teig überlegt,
sodann die fertige Speise mit heisser Butter oder Käs übergossen gleich
den Makkaroni; die „Raviuls" bilden eine gewöhnliche
Bauernfastenspeise.
„Capuns". Sie haben die Form einer sehr grossen Nuss; es wird ein
mittelfester Teig angerührt, dieser mit Speck oder Schweinefleisch und Grünem
besetzt; der Teigballen wird sodann in Mangoldblätter gewickelt, im
heissen Wasser abgekocht und endlich mit heisser Butter und Käs übergossen;
sie sind eine Art „Knödel" und Bauernkost, aber heute nicht mehr häufig.
„Nudels plats", eine Art Bauernnudeln. Mehl, Eier und Milch werden zu einem ziemlich
festen Teig angerührt (ohne Butter) und dünn ausgewalzt, fein zur
Makkaroniform geschnitten, im Salzwasser gesotten und endlich wieder mit
heisser Butter und Käs übergossen; ebenfalls gewöhnliche Bauernkost.
102)
„Postgeina", heute meist „puschegn" genannt, ist eine
nächtliche Mahlzeit, die erst 11 oder 12 Uhr Nachts oder noch später
eingenommen wird. Meist werden Milchkaffee, Butter, Käse, Honig usw.
aufgetischt. Veranlassung zu dieser
späten Mahlzeit geben z. B. das sogenannte „Leichenbeten", wenn
abends um die Bahre eines Verstorbenen Verwandte und Freunde sich zum
Gebete einfinden; um Mitternacht wird dann die obepgenannte Erfrischung
geboten.
Ganz eigenartig für das Tujetschertal sind die „puschegns",
wenn eine Familie oder mehrere vereinigte Personen, sowohl Männer wie
Frauen, die Bereitung des feinen Flachssamenöles vornehmen. Diese Arbeit,
das Zerdrücken, Rösten und Pressen der Flachssamen zur Gewinnung des
beliebten Speiseöles wird regelmässig in der Nacht vorgenommen und
dauert oft bis gegen Morgen. Ein wohlverdientes Mahl unterbricht die seriöse
Aufmerksamkeit erfordernde Nachtarbeit.
103)
Die Prozessionen nach Disentis und auf den Gotthardsberg sind abgeschafft
worden. P. Spescha spricht sich an mehreren Stellen energisch gegen die
Missbräuche bei Prozessionen aus und dringt auf Verminderung der zu
vielen Feiertage und Wallfahrten. Spescha schreibt im Ms. 5 II, p. 397,
Stift Disentis: „Löblich ist es, die guten Gewohnheiten der Altvordern
zu beobachten, aber noch weit rühmlicher, sie gehörig zu verrichten oder
sie gänzlich abzustellen. Die Opfer der Andacht sind Gott angenehm,
allein sie müssen nicht faul und verdorben sein. Gott ist auch so gütig,
dass er von uns nicht mehr fordert,als was wir ihm mit Leichtigkeit und Fröhlichkeit
geben können u.s.w." Diese und ähnliche freimütigen Äusserungen
und Bestrebungen zogen P. Spescha während seines Aufenthaltes im Tujetsch
Anfeindungen zu, und er geriet beim Volke z. T. in Misskredit. Siehe
Artikel; Polizei der Geistlichkeit u. II. 2. Landschaft Disentis; Anm.
104)
Vgl. Decurtins, Chrestomathie, I. Ergänzungsband, p. 173.
105)
Das Scheibenwerfen, better schibas, war früher vielerorts in Übung
und hat sich z. T. bis auf unsere Zeit erhalten. Im Bündner Oberland kam
das Spiel erst vor wenigen Jahren in Abgang; dessen Einstellung zur Zeit
von P. Spescha muss nur eine temporär vorübergehende gewesen sein, denn
es kam erst Anfangs der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts in Tujetsch
ausser Übung.
Vgl. Decurtins, Chrestomathie, I. Ergänzungband, p. 113.
106)
Über die Art und Weise, wie die Dertgira nauscha vorgenommen wurde, sind
noch genaue Formulare aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
vorhanden. Dieselben wurden im Wortlaut veröffentlicht. 1890 hat in den
Annalas della Societad Rhaeto-Romanscha, 5. Jahrg,. pag. 339, Herr Advokat
Peter Vinzenz von Trun ein Manuskript veröffentlicht, das ein Pieder
Anton Spescha von Chiltgiadiras bei Trun geschrieben hatte (kein
Verwandter zu P. Pl. a Spescha). 1896 veröffentlichte Herr Prof. Dr. K.
Decurtins in seiner „Räto-romanische Chrestomathie", I. Bd., p.
439 ff., zwei weitere Ms.: Ms. Z. mit dem Spielmodus von Brigels und Ms.
Bal. mit jenem von Sumvitg. Laut freundlicher Mitteilung von Herrn Advokat
Peter Vincenz in Trun wurde das kulturhistorisch interessante Spiel der
erwachsenen romanischen Jugend auf der Landsgemeinde zu Disentis um die
Mitte der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts offiziell verboten, weil es
allmählich ausgeartet war. - Das Spiel, welches P. Spescha leider nur
allzuknapp schildert, hatte zur Zeit seiner Blüte eine ins Volksleben
tief eingreifende Bedeutung; es wurde eine Art öffentliche Sittenpolizei
ausgeübt, und die scheinbar harmlose Kritik des Spieles verschonte weder
die Jugend, noch etwaige Unarten geistlicher und weltlicher Herren.
107)
Siehe Artikel: Polizei der Künste und Wissenschaften.
108)
Laut Synopsis (Chronik) der Abtei Disentis starben an der Pest von 1585 in
Disentis 500 und, im benachbarten Sumvitg 455 Personen.
109)
Spescha hat diese tragische Episode wohl der Klosterchronik Synopsis
entnommen. Die Synopsis nennt den Abt Adalbertus II. einen „Vir
doctiasimus et prudentissimus, verus Monasterii nostri reformator",
einen sehr gelehrten und sehr klugen Mann, einen wahren Erneuerer unseres
Klosters. Vgl, I, 2 oben: Adalbertus de Medèl.