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Es ist, als würde er durch mich hindurchblicken, mit seinen grossen, neugierigen, unschuldigen Augen. Augen, die Farben vereinen, die ich in dieser Kombination in Augen noch nie gesehen habe: Schwarz und Grün und Rot, etwas Blau und ein Hauch von Violett. Er neigt den Kopf sanft nach rechts und ein paar Sandkörner rollen von seinem pechschwarzen Haar Richtung Erde. Die Füsse fest im Sand verwurzelt, die knallorange-schwarz karierte Badehose hochgezogen bis zum Bauchnabel, der nackte Bauch leicht durchgedrückt, der rechte Arm senkrecht runterhängend, der linke in die Hüft gestemmt, der Mund etwas geöffnet, der Unterkiefer kaum merklich vorgeschoben, die Unterlippe Richtung Boden gekrümmt: Eine Postur, die er vermutlich stundenlang halten könnte, so mühelos scheint sie. Sein Blick hingegen ist angespannt: die Verspieltheit von vorher ist verschwunden. Breit gemacht an ihrer Stelle hat sich ein Ausdruck von Verwirrung, oder Verwunderung, von leichter Empörung, oder Verzweiflung.
“Juan!”, schreie ich in seine Richtung, “Juanito!”. Doch er regt sich nicht. “Juanito!”, schreie ich wieder, doch realisiere im selben Moment, dass aus meinem Mund kein Ton kommt. Dann merke ich, wie mir heiss ist, und eine Schweissperle meine Stirn runterzukullern beginnt. Als ich Anstalten mache, sie wegzuwischen, landet meine Hand auf einem flauschigen, filzigen Stoff: Eine Mütze! Was habe ich denn bitte mit einer Mütze am Strand verloren? Böses ahnend wende ich meinen Blick nach unten, wobei mein Kopf in einem ungewohnten Winkel steckenbleibt, da irgendetwas gegen meine Nase drückt. Als ich mein Kinn weiter Richtung Brustkorb forciere, beginnt allmählich ein riesengrosser weisser Flauschbart mein Blickfeld zu füllen. Und auf einmal fällt mir alles wieder ein. Natürlich! Heute bin ich ja der Chlaus-Thut! Aber wieso denn hier, an einem mexikanischen Strand? Ich sollte doch in der Thutstadt sein. Juanito steht noch immer da, grinst jetzt aber sichtlich amüsiert. Er fängt an zu lachen; zuerst subtil kichernd, dann lauthals herzlich. Da ist es wieder, das verspielte Lachen von vorher! Ich versuche, mit einzustimmen, doch bin noch immer stumm. Juanito aber wird immer lauter, sein Körper bebt immer stärker und mit ihm die Erde; der Sand hüpft im selben Rhythmus hoch und runter und die Wellen im Meer hinter ihm werden höher und gewaltiger, bis sich eine in Übergrösse vor mir aufrichtet und mit unglaublichem Getöse, begleitet von Juan’s nunmehr ungeheuren, hämischen Gelächter, auf mich runterkracht und mich unter ihr begräbt.
Nach Luft ringend schnelle ich hoch, reisse die Augen auf und will gerade losschreien, als ich all die Gesichter vor mir erblicke. Dutzende von Kindern, die mich kreischend umzingeln. «Hey, geht’s?», fragt mich eine besorgte Stimme von links. Es ist Clementina, die ein leeres Glas in den Händen hält. Sie muss mir wohl Wasser ins Gesicht geschüttet haben, um mich zurückzuholen. Ohje! Ich hatte sie doch vorgewarnt, es sei keine gute Idee, mich als Samichlaus zu engagieren. Ich kann mit Kindern einfach nicht. Doch ihr zuliebe hatte ich eingewilligt. Ich reibe mir die Augen und schaue sie an: Sie hält den Kopf leicht geneigt und ihr schwarzes Haar streckt sich Richtung Fussboden, sachte hin und her schwingend. Die dunklen zusammengeschobenen Brauen bringen ihre bezaubernden Augen noch mehr zur Geltung. Am liebsten würde ich ihr an den Hals springen und mich an sie klammern, wie an einen Felsen in der Brandung. Wie umwerfend schön sie doch ist! Doch das mit uns, das wird nie funktionieren. «Es tut mir leid, Clementina, ich kann das nicht.». Ich ziehe die Chlaus-Mütze vom Kopf und befreie mich vom ohnehin unangenehm juckenden Chlaus-Bart, drücke ihr die Requisiten in die Hände und verlasse langsam, noch immer etwas benebelt, schweren Herzens und dennoch erfüllt mit einer gewissen hoffnungsvollen Leichtigkeit, das Klassenzimmer. Das Kreischen der Kinder ist verstummt, doch Juanito’s Lachen hallt weiter unablässig in meinen Ohren.