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Der Wolf ist nicht nur in der Schweiz ein immer wieder heiss diskutiertes Thema. Auch in Kanada wird über das Raubtier gestritten, wenn auch unter anderen Vorzeichen. So wurden etwa in British-Columbia, im äussersten Westen Kanadas, letzten Winter über 460 Wölfe abgeschossen.
Dies habe intensive Diskussionen über den Umgang des Menschen mit den Wildtieren ausgelöst, sagt der Journalist Gerd Braune.
Gerd Braune
Journalist in Kanada
Braune lebt seit rund 20 Jahren in Ottawa. Er berichtet für mehrere Medien in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg.
SRF News: Weshalb wird in Kanada derzeit so emotional über die Wölfe gestritten?
Gerd Braune: Nach dem Abschuss der 460 Wölfe in British Columbia im letzten Herbst gibt es jetzt zwei neue Studien: Eine besagt, dass die geringere Zahl an Wölfen inzwischen zu einem Anstieg der Karibu-Bestände geführt hat. Die zweite Studie widerspricht der ersten. Sie stellt fest, dass nicht die Wölfe Ursache für die abnehmenden Bestände an Karibus sind, sondern die Umweltzerstörung durch die Öl-, Gas- und Forstwirtschaft.
Mit der Wolfsjagd würden die Interessen der Rohstoffindustrie bedient, sagen Tierschützer. Wie begründen sie diese Aussage?
Durch den Bau von Strassen werden Schneisen in die Wälder geschlagen, die es den Wölfen ermöglichen, viel schneller voranzukommen und effizienter Karibus zu jagen.
Durch die Rohstoffgewinnung wird viel Lebensraum der Karibus zerstört.
Durch die Rohstoffgewinnung wird auch viel Lebensraum der Karibus zerstört. Gemäss dieser Argumentation werden die Wölfe also abgeschossen, damit die Rohstoffindustrie unbehelligt weitermachen kann – und die Karibus trotzdem überleben können.
Welche Studie beschreibt die Realität besser?
Auch jene Studie, die die Erholung der Karibu-Bestände mit den Wolfsabschüssen begründet, kommt zum Schluss, dass vor allem der Verlust an Lebensraum Schuld ist am Rückgang der Zahl an Karibus. Die Wolfsabschüsse seien nur eine Zwischenlösung, um die Karibu-Bestände zu stabilisieren.
80 Wölfe leben in der Schweiz
In Graubünden vermehren sich die Wölfe weiter. Im Gebiet der oberen Surselva haben die Jagdaufseher das sechste Rudel im Kanton mit mindestens drei Jungtieren beobachtet. Das Revier des Stagias-Rudels erstreckt sich in der oberen Surselva über die Gemeindegebiete Tujetsch, Disentis und Medel. Insgesamt leben demnach jetzt 35 bis 40 Wölfe im Kanton Graubünden.
Mit dem neuen Bündner Rudel sind schweizweit total neun Rudelbildungen gezählt worden. Zwei Rudel halten sich auf im Wallis, eines durchstreift den Waadtländer Jura. Vermutet wird, dass aktuell rund 80 Wölfe in der Schweiz leben.
Sorgen bereiten den Jagdinspektoren vor allem sogenannte verhaltensauffällige Tiere. Das sind Wölfe, die Schutzvorrichtungen überspringen, sich häufig Siedlungen nähern und sich zu stark an den Menschen gewöhnen. Dadurch würden die Wölfe ihre natürliche Scheu verlieren. (sda)
Wie sonst – ausser durch Abschüsse – könnte der Wolfsbestand eingedämmt werden?
Es gibt Versuche, die Wölfe zu sterilisieren oder den Wölfinnen ein Verhütungsmittel zu injizieren. So versucht man mancherorts in Kanada, den Wolfsbestand zu regulieren.
In der Schweiz geht es bei der Wolfsdiskussion vor allem um gerissene Nutztiere. Gibt es in Kanada dieses Problem ebenfalls?
Das ist hier nicht das grosse Aufregerthema. Kanada ist ein riesiges Land und die Wölfe leben vor allem in sehr dünn besiedelten Regionen. In Kanada gibt es rund 60'000 Wölfe, sie kommen im ganzen Land vor, ausser im dichter besiedelten Süden. Entsprechend selten sind die Begegnungen von Wölfen mit Nutztieren.
In Kanada gibt es rund 60'000 Wölfe.
Braucht es in Kanada überhaupt eine langfristige Strategie für den Umgang mit dem Wolf?
Diese Frage stellt sich auch in Bezug auf andere Wildtiere. Es gibt immer mehr Mensch-Tier-Begegnungen, vor allem weil sich die menschlichen Siedlungsgebiete immer mehr in die Natur ausbreiten. In den betreffenden Gebieten – etwa in der Nähe von Wäldern, in denen es viele Bären gibt – müssen die Menschen ihr Verhalten deshalb ändern und anpassen.
Das Gespräch führte Janis Fahrländer.
Jagdgesetz-Revision Ende September
Ende September kommt die Referendumsabstimmung über die Revision des Jagdgesetzes, Link öffnet in einem neuen Fenster an die Urne. Der Schutz von Wildtieren wie Wölfen soll gelockert werden. Die Revision sieht vor, dass die Behörden künftig eine Bestandsregulierung erlauben dürfen, ohne dass etwa Wölfe zuvor Schaden angerichtet haben oder schon Schutzmassnahmen ergriffen wurden. Auch in Jagdbanngebieten, die neu Wildtierschutzgebiete genannt werden, sollen Wölfe nicht mehr sicher sein.
Das Referendum gegen die Vorlage haben die Verbände Pro Natura, WWF, Bird Life, Gruppe Wolf Schweiz und Zoo Schweiz ergriffen. Auch der Schweizer Tierschutz STS sammelte Unterschriften.