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Mit dem Ausdruck Kapitalismus wurde üblicherweise ein Wirtschaftssystem bezeichnet, in dem mit privatem Kapital gehandelt wurde. Die Eigentümer des Kapitals mussten beurteilen, wie es am besten einzusetzen sei und konnten sich dabei der Weitsicht und der kreativen Ideen von Unternehmern und innovativen Denkern bedienen. Dieses System individueller Freiheit und Verantwortung liess dem Staat wenig Möglichkeiten, Einfluss auf die wirtschaftliche Entscheidungsfindung zu nehmen. Erfolg bedeutete Profit, Misserfolg hiess Verlust. Unternehmen konnten nur so lange bestehen, wie freie Individuen beschlossen, deren Produkte zu kaufen – andernfalls waren diese Unternehmen rasch wieder weg vom Fenster.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte der Kapitalismus die Fähigkeit zu beständiger Innovation und wurde zum marktbeherrschenden Element. Gesellschaften, die das kapitalistische System übernahmen, erlangten konkurrenzlosen Wohlstand, erfreuten sich verbreiteter Arbeitszufriedenheit, erzielten ein sagenhaftes Produktivitätswachstum und setzten der Massenverarmung ein Ende.
Machtverschiebung zu staatlichen Funktionären
Nun ist dieses kapitalistische System beschädigt. Der managerielle Staat hat die Verantwortung übernommen, sich um alles zu kümmern – von den Einkommen der Mittelschicht über die Ertragskraft grosser Unternehmen bis hin zur industriellen Entwicklung. Bei diesem System handelt es sich allerdings nicht um Kapitalismus, sondern eher um eine Wirtschaftsordnung, die sich an Bismarck im späten 19. Jahrhundert und an Mussolini im 20. Jahrhundert anlehnt: Den Korporatismus.
Der Korporatismus würgt auf verschiedenste Weise jene Dynamik ab, die für attraktive Arbeit, ein rascheres Wirtschaftswachstum sowie grössere Chancen und Einbeziehung aller Akteure sorgt. Auf Kosten dynamischer Auf- und Neueinsteiger werden träge, verschwenderische und unproduktive Unternehmen sowie Firmen mit guten Beziehungen am Leben erhalten. Erklärte Ziele wie Industrialisierung, Wirtschaftsentwicklung und nationale Grösse werden zulasten der wirtschaftlichen Freiheit und Verantwortung des Einzelnen begünstigt. Heutzutage werden Luftfahrtgesellschaften, Autohersteller, landwirtschaftliche Unternehmen, Medien, Investmentbanken, Hedgefonds und vieles mehr ab einem gewissen Punkt als zu wichtig eingestuft, um sie alleine dem freien Markt auszusetzen. Im Namen des «öffentlichen Interesses» erhalten sie staatliche Hilfen.
Der Preis des Korporatismus ist ringsherum sichtbar: Dysfunktionale Unternehmen, die trotz ihres krassen Unvermögens, ihren Kunden zu dienen, überleben; sklerotische Ökonomien mit langsamem Produktionswachstum, einem Mangel an attraktiver Arbeit und kaum Chancen für junge Menschen; Regierungen, die aufgrund ihrer Bemühungen zur Linderung dieser Probleme vor dem Bankrott stehen; und die zunehmende Konzentration des Reichtums in den Händen derjenigen, die über ausreichend Beziehungen verfügen, um sich auf der richtigen Seite dieses korporatistischen Deals zu befinden.
Diese Machtverschiebung von Eigentümern und Innovatoren hin zu staatlichen Funktionären ist das Gegenteil von Kapitalismus. Und doch besitzen die Apologeten und Profiteure dieses Systems die Unverfrorenheit, alle diese Missstände einem «rücksichtslosen Kapitalismus» und einem «Mangel an Regulierung» in die Schuhe zu schieben, um dann die Notwendigkeit von mehr Aufsicht und Regulierung zu unterstreichen, was in Wahrheit noch mehr Korporatismus und staatliche Günstlingswirtschaft bedeutet.
Das korporatistische Modell ergibt für Jüngere keinen Sinn
Es ist unwahrscheinlich, dass ein derart verheerendes System tragbar ist. Das korporatistische Modell ergibt für jüngere Generationen keinen Sinn. Sie sind mit dem Internet, dem weltweit freiesten Markt für Waren und Ideen, aufgewachsen. Erfolg und Misserfolg von Firmen im Internet sind die beste Werbung für den freien Markt: Webseiten von sozialen Netzwerken beispielsweise steigen auf und verschwinden beinahe augenblicklich – je nachdem, wie gut sie ihre Kunden bedienen.
Seiten wie Friendster und MySpace wollten durch die Beeinträchtigung der Privatsphäre ihrer User zu noch mehr Profit kommen. Die Strafe folgte auf dem Fuss, als die User die Seiten verliessen und bei relativ sicheren Mitbewerbern wie Facebook und Twitter landeten. Es bedurfte also keiner staatlichen Regulierung, um diese Veränderung herbeizuführen. Hätten nämlich die modernen korporatistischen Staaten das versucht, wäre MySpace mit dem Geld der Steuerzahler aufgefangen worden und der Staat hätte grossartig versprochen, die Datenschutzbestimmungen der Webseite zu «reformieren».
Internet als freier Markt tut dem Korporatismus nicht gut
Das Internet als grösstenteils freier Marktplatz für Ideen tut dem Korporatismus nicht gut. Menschen, die mit seiner dezentralisierten Struktur und dem freien Wettbewerb der Ideen aufgewachsen sind, müssen die Vorstellung staatlicher Hilfe für grosse Firmen und die Industrie seltsam finden. Vielerorts wiederholt man in den traditionellen Medien den alten Spruch «Was gut ist für Firma X, ist auch gut für Amerika», aber auf Twitter wird man damit keinen neuen Trend setzen.
Die Legitimität des Korporatismus schwindet ebenso wie die haushaltspolitische Gesundheit von Staaten, die sich dieses Systems bedienten. Wenn es die Politiker nicht schaffen, den Korporatismus ausser Kraft zu setzen, wird er sich selbst unter Schulden und Bankrotterklärungen begraben. Aus den diskreditierten korporatistischen Trümmern könnte ein neues kapitalistisches System entstehen. Dann würde der «Kapitalismus» seine ursprüngliche Wortbedeutung wieder erlangen und wäre jene Bedeutungen los, die er von Korporatisten, die sich hinter ihm verstecken möchten, und von Sozialisten, die ihn verteufeln wollen, zugeschrieben bekam.
Edmund Phelps wurde 2006 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet. Er ist Direktor am Zentrum für Kapitalismus und Gesellschaft der Columbia University. Den vorliegenden Gastbeitrag verfasste Phelps zusammen mit Saifedean Ammous, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der American University in Beirut sowie Gastwissenschaftler am erwähnten Zentrum.© Project Syndicate, 2012