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Dissertationsprojekt
Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges dominieren innerstaatliche Kriege in Ländern des globalen Südens das weltweite Kriegsgeschehen. Typischerweise zeichnen sich diese Kriege durch eine irreguläre, gegenüber der Zivilbevölkerung vergleichsweise enthemmte Kriegsführung aus. So lässt sich mindestens ein Drittel der zwischen 1989 und 2004 in Bürgerkriegen registrierten Todesopfer auf die gezielte Tötung von Zivilpersonen zurückführen. Vor diesem Hintergrund hat sich die sozialwissenschaftliche Bürgerkriegsforschung in den vergangenen zwei Jahrzehnten verstärkt um eine empirische wie theoretische Aufklärung von Gewalt gegen Zivilisten bemüht. Der Fokus der Analysen hat sich dabei zunehmend von der Makroebene der Konfliktursachen und -formen auf die Mesoebene verschoben - getragen von dem empirischen Befund, dass das Ausmaß der Gewalt gegen Nichtkombattanten innerhalb von Konflikten stark variiert. Zahlreiche Untersuchungen belegen etwa, dass sich Kriegsparteien in der Regel sowohl im Ausmaß als auch in der Qualität einseitiger Gewalt voneinander unterscheiden. Diese Unterschiede im Gewalthandeln der Kriegsteilnehmer bilden den Gegenstand der Untersuchung.
Das Dissertationsprojekt nimmt seinen Ausgang in einer Kritik des in der theoretisch ambitionierten Bürgerkriegsforschung dominierenden Paradigmas der rationalen Wahl und zielt auf eine empirisch begründete Theorie (grounded theory) kollektiver einseitiger Gewalt in Bürgerkriegen. Einseitige Gewalt wird dabei verstanden als die absichtliche körperliche Verletzung von Nichtkombattanten durch Mitglieder eines kriegführenden Kollektivs. In einer komparativen Fallanalyse von drei in der Demokratischen Republik Kongo aktiven nichtstaatlichen bewaffneten Gruppen wird das handlungsrelevante Wissen rekonstruiert, das Kämpfer an typische wie subjektiv problematische Situationen kollektiver einseitiger Gewalt herantragen. Über das "Betriebswissen" der Handelnden soll bestimmt werden, welchen relativen Einfluss drei Mechanismen sozialer Koordination - die Organisation, die institutionelle Umwelt (insb. die Kultur des Krieges) und die Dynamik der Situation - auf einseitige Gewaltereignisse nehmen. Verglichen werden die FDLR, eine Mai-Mai-Miliz (unter dem Vorbehalt des Zugriffs, APLCS oder PARECO) und die FRPI. Diese drei Gruppen unterscheiden sich sowohl in dem Grad als auch in der Form ihrer Organisation und erlauben auf diese Weise eine annäherungsweise Isolation organisationaler Einflussfaktoren. Der Feldzugang erfolgt über Demobilisierungseinrichtungen in der Demokratischen Republik Kongo und in Ruanda, wo die Daten in teilstrukturierten (episodischen) Leitfadeninterviews erhoben werden.