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Musiker, Pädagoge, Staatenloser, Schweizer, Weltbürger
Aus heutiger Perspektive wäre Alexander Schaichets Lebenswerk wohl als exemplarische Musikvermittlung zu bezeichnen. Als exzellenter Musiker mit ansteckendem Enthusiasmus, Pioniergeist, pädagogischem Furor, eloquentem Charme und Gespür für Netzwerke und Beziehungen schuf er in der Schweiz seinen eigenen, breit ausstrahlenden Wirkungskreis. Er war einerseits Exot, von den etablierten Institutionen lange mit Skepsis behandelt, und gleichzeitig mittendrin in der Aktualität der Welt. Dass es ein gestrandeter Einwanderer aus Odessa war, der nicht nur das erste Kammerorchester der Schweiz gründete, sondern auch mit hartnäckiger Beharrlichkeit das lokale zeitgenössische Musikschaffen förderte, kann durchaus als symptomatisch für die Dynamiken des helvetischen Musiklebens betrachtet werden.
Alexander Schaichet wurde 1887 in Nikolajew geboren und erhielt als junges Talent seine erste musikalische Ausbildung in Odessa. 1906 zog er nach Leipzig, wo er bei Hans Becker und Julius Klengel studierte und sich schnell als Geiger, Bratschist, Kammermusiker und Orchesterleiter etablieren konnte. Er unterrichtete am Konservatorium in Jena, war Primarius im Jenaer Streichquartett, wirkte als Vizedirigent des Collegium Musicum und musizierte mit arrivierten Künstlern, u.a. mehrmals mit Max Reger.
Die Schicksalswende trat 1914 ein, als der Kriegsausbruch eine zusammen mit dem Cellisten Joachim Stutschewsky geplante Ferienreise in die Schweiz unterbrach und eine Rückkehr sowohl nach Jena wie nach Russland unmöglich machte. Schaichet blieb in Zürich und musste sich gänzlich neu orientieren. Sein Charisma, seine Kontaktfreude und seine Kunst ermöglichten ihm schnell den Anschluss an das lokale Musikleben, er gab erste Konzerte, fand Privatschüler und auch vorübergehend eine Anstellung an einer privaten Musikschule. Er heiratete die ungarische Pianistin Irma Löwinger, gemeinsam gründeten sie eine Familie, und Zürich wurde endgültig zum Wohnsitz und zum Wirkungszentrum des Musikerpaars.
Schon in seinen ersten Zürcher Konzerten fällt die gezielte Programmierung von Schweizer Komponisten auf. Neugier und Engagement für die Gegenwart prägten sein kammermusikalisches Musizieren, erst recht aber die Aktivitäten, die er ab 1920 mit dem «Kammerorchester Zürich» entfaltete. Es war für die Schweiz die erste Formation ihrer Art und entsprach als kleines, bewegliches und transparentes Streicherensemble der zeitgenössischen Abkehr vom romantischen Grossorchester und der Hinwendung zu barockem, frühklassischem und gemässigt modernem Repertoire. Zahlreiche Kammerorchester-Gründungen in ganz Europa waren in den 1920er Jahren eine Folge dieser Tendenz.
Das Kammerorchester Zürich bestand aus fortgeschrittenen Laien und professionellen Musikerinnen. Es probte wöchentlich und konzertierte in hoher Kadenz, in seinen Programmen sind 51 Ur- und 215 Zürcher Erstaufführungen später etablierter wie auch vergessener Komponisten dokumentiert. Nicht das Schielen auf den garantierten Erfolg, sondern ein Gefühl der Pflicht, allen kreativen Stimmen Gehör zu geben, prägte Schaichets Credo. Gleichzeitig wurde das Kammerorchester auch zu einem gesellschaftlichen Brennpunkt, veranstaltete Bälle und Variété-Abende und war nicht nur mit dem Musikleben vernetzt, sondern auch mit den lokalen Exponenten aus Schauspiel und bildender Kunst.
Otto Morach etwa gestaltete die Figuren zu Manuel de Fallas El Retablo de Maese Pedro, das 1926 beim ersten grossen Fest der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) in Zürich aufgeführt wurde. Schaichet war beteiligt bei der Gründung der Schweizer IGNM-Sektion, und auch 1934 engagierte er sich für die Einrichtung des Vereins «Pro Musica», der sich seinerseits für die Musik der Gegenwart einsetzte.
Alexander und Irma Schaichet unterrichteten unermüdlich, ihr Haus wurde zur Drehscheibe einer vitalen musikalischen Jugend. Das Engagement für die Schweizer Musik, die dichte Konzerttätigkeit und seine charismatische Kontaktfreude machten Schaichet zur stadtbekannten Persönlichkeit. Dennoch blieb in den Augen des lokalen Establishments an ihm die fremde Herkunft haften, die ihm ebenso eine bestaunte Aura osteuropäischer Exotik wie den Argwohn des national gesinnten Bürgertums eintrug. Zweimal wurden seine Gesuche zur Erlangung des Schweizer Bürgerrechts abgelehnt, erst 1927 wurde es ihm gewährt, nachdem sich namhafte lokale Musikfreunde öffentlich für ihn eingesetzt hatten. Auch die etablierten Institutionen nahmen den temperamentvollen Musiker durchaus nicht mit offenen Armen auf (mit Ausnahme des Schauspielhauses Zürich, das Schaichet zwischen 1921 und 1928 die Leitung zahlreicher Theatermusiken übertrug). Und als sich zum Kriegsbeginn in die Dynamik der «geistigen Landesverteidigung» auch antisemitische Stimmen zu mischen begannen, fühlte sich Schaichet zunehmend an den Rand gedrängt. Von den musikalischen Aktivitäten am nationalen Grossanlass der Landesausstellung 1939 in Zürich war er ausgeschlossen, und im gleichen Jahr kündigte er seinen Rücktritt von der Leitung des Kammerorchesters an.
Dieser wurde zwar nicht vollzogen, doch traten nun neue Interessen in den Vordergrund. Schon 1935 hatte Schaichet die Leitung des Jüdischen Gesangsvereins Hasomir übernommen, eines Männerchors, der nicht nur Konzerte, sondern auch Wohltätigkeitsanlässe für jüdische Gemeinden im In- und Ausland organisierte. Aufwendige Konzerte wie die Aufführung von Max Ettingers Oratorium «Das Lied von Moses» oder seines «Jiddischen Requiems» erregten Aufsehen und waren ihrerseits Früchte von Schaichets unermüdlichem Pioniergeist. 1939 war er zudem eine treibende Kraft bei der Gründung des bis heute bestehenden Vereins OMANUT zur Förderung jüdischer Kunst in der Schweiz.
1942 wurde das Kammerorchester Zürich aufgelöst. Paul Sacher hatte in Zürich mit dem Collegium Musicum ein Ensemble mit vergleichbarer Zielsetzung installiert, eine professionell besetzte Konkurrenz, der Schaichets Laienensemble nicht länger standhalten konnte. Zur gleichen Zeit boten sich ihm neue Perspektiven, indem ihm die Musikakademie – neben dem Konservatorium Zürichs zweite musikalische Ausbildungsstätte – die Führung einer Berufsklasse übertrug. Die bisher hauptsächlich private pädagogische Tätigkeit konnte sich nun unter institutionellem Dach entfalten und erwies sich augenblicklich als erfolgreich. Auch als Pädagoge förderte Schaichet die Kammermusik, veranstaltete unermüdlich Vorspielabende für seine Klassen, an denen er gerne selber das Wort ergriff und dem Publikum das gespielte Repertoire und die gesellschaftliche Bedeutung von Musikbildung erläuterte.
Auch das offizielle Zürich würdigte nun den engagierten Anwalt seines lokalen Musiklebens. 1953 erhielt er von der Stadt eine Ehrgengabe, und 1962 überreichte ihm der Stadtpräsident im Rahmen eines Festkonzerts zu seinem 75. Geburtstag die Hans-Georg-Nägeli-Medaille, die bedeutendste Auszeichnung der Stadt, «für Verdienste um das musikalische Schaffen».
Alexander Schaichet unterrichtete an der Musikakademie bis zu seinem Tod. Im Sommer 1964 musste er sich von dieser Arbeit wegen plötzlicher Erkrankung dispensieren lassen, am 19. August starb er in seinem 78. Lebensjahr. Er hinterliess drei erwachsene Kinder und nach 45jähriger Ehe seine Frau Irma, die ihn um 24 Jahre überlebte und weiterhin erfolgreich künstlerisch und pädagogisch aktiv blieb. Sein musikalisches Erbe blieb nicht nur in der Erinnerung vieler Generationen seiner Schülerinnen und Schüler erhalten, sondern auch im kulturellen Gedächtnis der Stadt, zu deren Geschichte Alexander Schaichet als prägender, umtriebiger und unaufhörlich inspirierender Zeitgenosse seinen historischen Beitrag geleistet hat.
Michael Eidenbenz ist seit 2007 Direktor des Departements Musik an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK. Er studierte Orgel und war neben seiner Tätigkeit als Organist als Publizist und Journalist für zahlreiche Medien im In- und Ausland tätig, u.a. während 12 Jahren für den Zürcher Tages-Anzeiger und von 2000–2003 als Chefredaktor der Musikzeitschrift Dissonanz. Eidenbenz ist seit 2015 künstlerischer Leiter der Musikwoche Braunwald.
Zur weiteren Lektüre:
«Zivilstand Musiker. Alexander Schaichet und das erste Kammerorchester der Schweiz» Esther Girsberger, Irene Forster (Hrsg.)
Verlag Hier und Jetzt
ISBN 978-3-03919-481-0
Das Buch ist im Fachhandel oder direkt über den Verlag erhältlich.