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Mit Staunen und Wohlgefallen betrachte ich meist die freistehenden, älteren Obstbäume, aber auch etwa eine Linde, die den Hügel krönt oder eine kräftige Eiche, einen Ahorn, eine Buche, Bäume, die sich etwas ausserhalb des Waldes einen Platz erobert haben; aber auch den Nussbaum, der bei einer Scheune steht. Sie alle, die stattlichen Bäume, faszinieren mich. Warum habe ich sie in meiner geschäftigen Zeit nur wenig bewusst betrachtet? Ich dachte kaum daran, dass die Natur des Menschen Mass ist. Dass ich mein Verhalten nach Bäumen orientieren sollte. Bäume, die Wind und Wetter trotzen, von Stürmen gerüttelt und geschüttelt werden, aber so flexibel sind, dass sie stets ihr Gleichgewicht zu halten vermögen. Selbst, wenn der Sturm bei einer Linde einen Ast herausgebrochen hat, versucht sie die entstandene Lücke mit den Jahren wieder zu schliessen.
In der Nähe der Höfe findet man selten eine Eiche. Sie ist freistehend ein Solitär. Lässt sie sich von den Stürmen zerzausen, wirkt sie knorrig und wild. Der Blitz hat sie da und dort deformiert. Von Wetterbäumen sagt der Volksmund:
«Eichen sollst du weichen,
Buchen sollst du suchen,
kannst du Linden grad` nicht finden.»
Die Eiche ist kein Schutzbaum. Sie steht, sagten die alten Germanen, mit dem Blitz- und Donnergott in Verbindung. Darum steht bei keinem Bauernhaus eine Eiche, aber oft ein Nussbaum, ein Ahorn oder eine Linde. Zudem verrottet das Laub der Eiche nur langsam und wird wegen seines Gerbstoffs von den Tieren gemieden. Die deutsche Eiche ist von Dichtern oft besungen worden. Sie diente den Germanen als Eichenheiligtum und oft als Gerichts- und Grenzbaum.
Bäume tauchen oft in Gemeindewappen auf. Allein im Kanton Zug findet man in drei von elf Gemeinden Bäume mit Wappen: Menzingen schmückt sich mit drei Tannen, Walchwil mit einer und Risch mit einem Fruchtbaum. Wird der Wald einseitig mit Fichten bestückt, droht ihm der Borkenkäfer. Nehmen die Mäuse masslos zu, vermehren sich Füchse, Greifvögel und Katzen. Die Natur ist eine Selbstheilerin. Beim exponentiell übermässigen Verzehr von Ressourcen und Biomasse rächt sie sich. Nun droht sie mit einer Klimakatastrophe.
Was der Baum mich lehrt, hat mit dem Gleichgewicht zu tun. Er mahnt mich, Einseitigkeiten zu vermeiden, erinnert mich daran, dass es gilt, dafür zu sorgen, allfällige Schieflagen immer wieder sorgfältig auszutarieren. Mein Gemüt gleicht nicht der Eiche, das allzu viele Blitze auszuhalten vermag. Ich will mich nicht zerreissen lassen, ich will am Ende nicht aussehen, als wäre ein Ast aus mir herausgerissen worden. Alt geworden nun ist mir die Linde ein Vorbild. Schon der Klang des Wortes Linde weckt Bilder, Träume und Düfte. Alles an der Linde ist weich und strömt Gesang aus. Sang Schubert nicht das Lied: «Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum…»? Das sehnsüchtige Lied erinnert an die Jugend, wo der Lebensbaum begann, Äste zu entfalten. Die Linde ist ein versöhnlicher Baum. In einer neuen Überbauung, an der ich täglich vorbei gehe, sind Lindenalleen gepflanzt worden.
Der Baum kann eine Metapher für den Menschen sein. Man könnte einen psychologischen Test machen und die Menschen nach ihrem Lieblingsbaum fragen. Jeder würde einen anderen wählen. Ich selber schwankte lange zwischen Eiche und Linde. Früher liebte ich die Eiche. Was an der Eiche hart ist, vermag die Linde im Alter zu mildern. Die Linde lehrt, dass auch ein sanfter Baum unerschütterlich, ja sogar hartnäckig sein kann. Betrachte ich die Blätter der beiden Bäume, gefällt mir das Lindenblatt wegen seiner Herzform besonders. Es ist schlichter und einfacher als das gebuchtete und gelappte der Eiche. Beim Lindenblatt ist nichts verschlungen. Es ist offen, klar und wahr und am Rand sanft gezähnt. Die Linde gibt das Mass vor, mit dem ich mich heute messen lassen möchte.