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L. nennt man die Gegenleistung, die für die eine bestimmte Zeit zur Verfügung gestellte Arbeitskraft (Zeitlohn) oder pro Einheit eines bestimmten hergestellten Produkts (Stücklohn, Akkordlohn) bezahlt wird (Arbeit). Der Bruttolohn der modernen Wirtschaft kann Zulagen enthalten, z.B. für Schicht-, Nacht-, Sonntags- oder Überzeitarbeit, für schmutzige oder gefährl. Tätigkeiten, für Bereitschaftsdienst sowie Dienstalters-, Orts-, Teuerungs- oder Familienzulagen. Der Nettolohn entspricht dem Bruttolohn abzüglich der Prämien für die Sozialversicherungen. Weitere Einkommensbestandteile wie Prämien, Gratifikationen, Naturalleistungen (z.B. Unterkunft, Nahrung, Kleider), Gewinnbeteiligung oder Trinkgelder können, müssen aber nicht Lohnbestandteil sein.
Mit dem Aufschwung der Städte im 12. und 13. Jh. sowie der immer wichtiger werdenden Geldwirtschaft gewannen auf Lohnbasis abgeschlossene Arbeitsverhältnisse eine steigende Bedeutung innerhalb dieser Gemeinwesen; speziell in einzelnen Handwerkszweigen wie etwa in der Textilproduktion oder im Bauhandwerk erzielten immer grössere Gruppen ihr Einkommen hauptsächlich aus abhängiger Lohnarbeit (Handwerk). Auch für den landwirtschaftl. Sektor liegen Nachrichten über die Löhne der Taglöhner aus dem SpätMA vor. Diese Löhne setzten sich gewöhnlich aus Geld, Naturalien und anderen Bestandteilen (Kleidung, Unterkunft) zusammen. Häufig war auch die Verpflegung Lohnbestandteil. In einzelnen Handwerken, besonders in solchen der Textilproduktion, wurde pro hergestelltes Produkt ein einheitl. Stücklohn gezahlt, während etwa im Bauhandwerk der Zeitlohn üblich war.
Für das Gebiet der heutigen Schweiz sind Lohnverordnungen v.a. aus den Städten ab dem 14. Jh. überliefert (z.B. die Zürcher Lohntaxe für die Zimmerleute 1335). Nach dem Pestzug in der Mitte des 14. Jh. wurden europaweit Höchstlohnverordnungen erlassen, um Lohnsteigerungen infolge Arbeitskräftemangels entgegenzuwirken. Neben der Lohnhöhe wurden in diesen Ordnungen, v.a. im Bauhandwerk, auch genaue Arbeitszeitregelungen festgelegt, die für den Sommer wegen der besseren Lichtverhältnisse längere Arbeitszeiten vorsahen als für den Winter. Die sich in der 2. Hälfte des 14. Jh. formierende Gesellenbewegung hatte neben geselligen und religiösen Funktionen auch soziale Anliegen wie die Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen und höheren Löhnen (Gesellen, Königreiche). Die Stadträte bekämpften diese Bewegung - zu diesem Zweck schlossen die Kommunen auch überregionale Abkommen -, sie mussten aber auch immer wieder gegen Arbeitgeber vorgehen, die qualifizierte Arbeitskräfte durch die Zahlung höherer Löhne abzuwerben suchten. Im landwirtschaftl. Bereich wurden Männern massiv höhere Löhne als Frauen gezahlt. Lohnunterschiede herrschten auch zwischen Stadt und Land, wobei in der Landwirtschaft tätige Personen für deutlich niedrigere Löhne arbeiteten, während in der Handwerksproduktion Beschäftigte gewöhnlich höhere Löhne erhielten.
Viele weitere Angaben zu Löhnen enthalten die tradierten städt. Rechnungsbücher. Die Löhne der in beamtenähnl. Anstellung beschäftigten Personen (z.B. Stadtschreiber, Rats- und Gerichtsknechte, Wächter, Torhüter, Botenreiter und -läufer, Scharfrichter, Zöllner) setzten sich unterschiedlich zusammen. Häufig wurde ein eigentl. Grundlohn, der sog. "Wartlohn", ausbezahlt, der aus Geld, gelegentlich aber auch aus Naturalien, Kleiderdeputaten oder anderem (z. B. Beherbergung, Steuervergünstigungen) bestehen konnte. Einzelne städt. Amtleute (Zöllner, Rats- und Gerichtsknechte) konnten ihren L. durch eine Beteiligung an den von ihnen eingezogenen Einnahmen aufbessern; in der Regel handelte es sich um Anteile an Gebühren, die bei der Erbringung von Dienstleistungen für Privatpersonen von diesen erhoben wurden. Mit diesen Massnahmen suchten die Städte ihre Amtleute zu einem strengen Einzug der Abgaben anzuhalten. Anderen Amtleuten wie etwa dem Scharfrichter oder den städt. Boten wurden neben ihrem Grundlohn je nach Anfall der Arbeit zusätzl. Prämien ausgezahlt. Besondere Leistungen wurden verschiedentlich auch mit speziellen Honoraren vergolten. Bereits für das MA ist auch die Vergütung von Spesen zu festen Ansätzen bezeugt: Boten, welche auswärts aufgehalten wurden, erhielten ihre Auslagen vergütet. Die Honoratiorenämter im städt. Rat wurden weitgehend ehrenamtlich ausgeübt; allerdings lassen sich v.a. in grösseren Städten wie Basel schon ab der 2. Hälfte des 14. Jh. Entschädigungen in Geld oder in anderer Form für einzelne Ämter (Bürgermeister, Oberzunftmeister usw.) nachweisen. Auch das Pfrundeinkommen eines mit einem kirchl. Amt betrauten Klerikers kann als L. betrachtet werden, der diesem als Entschädigung für die erbrachten Dienstleistungen aus dem Kirchengut gezahlt wurde. Im Laufe des SpätMA kam es allerdings zu einer zunehmend negativen Entwicklung, indem die Verleihung einer kirchl. Pfründe nicht mehr zwingend mit der persönl. Ausübung des Amts verbunden war und der höhere Klerus sein Einkommen durch den Erwerb mehrerer Pfründen zu steigern suchte. Demgegenüber hatten die Angehörigen des niederen Klerus, die ihren Dienst an kleineren Kirchen und Altären versahen, häufig ein kümmerl. Dasein, weil das Stiftungsvermögen dieser kirchl. Einrichtungen oft nur ungenügend dotiert war.
Autorin/Autor: Oliver Landolt
Das durch den pestbedingten Bevölkerungseinbruch Mitte des 14. Jh. ausgelöste "Goldene Zeitalter" (Wilhelm Abel) für die im handwerkl.-gewerbl. Sektor beschäftigten Lohnarbeiter endete zu Beginn der frühen Neuzeit. Im 16. Jh. mussten die den unteren Bevölkerungsschichten entstammenden Arbeitnehmer in zahlreichen gewerbl. Branchen teilweise massive Reallohnverluste aufgrund gestiegener Lebenshaltungskosten hinnehmen. Dieser Lohnverfall lässt sich u.a. durch den im späten 15. Jh. feststellbaren Bevölkerungsanstieg erklären, mit dem die wirtschaftl. Entwicklung besonders im agrar. Bereich nicht mithielt. 1550-1600 verbesserte sich die Lage für die in abhängiger Lohnarbeit stehenden Arbeitskräfte leicht, bevor die wirtschaftl. Auswirkungen des Dreissigjährigen Krieges sie wieder verschärften. Für die Folgezeit deutet sich ein analoger Zyklus mit hohen Reallöhnen in der 2. Hälfte des 17. Jh. sowie fallenden Reallöhnen in der 2. Hälfte des 18. Jh. an. Allerdings sind die spätma. und frühneuzeitl. Lohnverhältnisse im schweiz. Raum bis heute kaum erforscht.
Die tiefen Löhne im gewerbl. wie im landwirtschaftl. Sektor führten vom ausgehenden 15. Jh. an zu einer verstärkten Abwanderung der Arbeitskräfte in den ausländ. Solddienst, der damals offenbar lukrativer war (Fremde Dienste). Genauere Untersuchungen liegen für Zürich vor: Vom Ende des 15. Jh. bis zu Beginn des 17. Jh. betrug der mittlere Monatssold eines in ausländ. Diensten stehenden Reisläufers rund den doppelten Arbeitslohn eines Maurergesellen. Beuteanteile liessen das Einkommen der Söldner weiter ansteigen. Mitte des 17. Jh. kippte dieses Verhältnis zugunsten der Maurerlöhne, die als der Indikator für die Verdienstmöglichkeiten im inländischen gewerbl. Sektor gelten. Ende des 18. Jh. verdiente ein Maurer rund zwei- bis dreimal so viel wie ein Söldner. Zwischen den einzelnen Regionen der Eidgenossenschaft, zwischen den versch. Branchen und zwischen Stadt und Land sind allerdings beträchtl. Unterschiede in der Höhe der Löhne wie auch in der Lohnentwicklung festzustellen. Recht grosse Differenzen konnten auch innerhalb derselben Branche zwischen den Meister- und Gesellenlöhnen bestehen.
Die protoindustrielle Verlagsindustrie gewann v.a. in einzelnen ländl. Regionen in der frühen Neuzeit eine immer grössere Bedeutung (Verlagssystem, Gewerberegionen). Sie bediente sich vielerorts der auf einen Nebenverdienst angewiesenen Tauner, denen ein Stücklohn entrichtet wurde.
Viele Städte zahlten den Inhabern der wichtigsten Ratsämter (z.B. Luzern dem Säckelmeister und ab 1676 dem Schultheissen) ab dem frühen 16. Jh. Löhne und den Ratsherren Diäten aus. Die massiv zunehmende Verwaltungstätigkeit stellte eine grosse Arbeitsbelastung dar, so dass die Amtsträger kaum mehr einer privaten Berufstätigkeit nachgehen konnten. Das Ausgreifen der Städte auf ihr Umland hatte diese Entwicklung vorbereitet; Städten wie Zürich, Bern oder Luzern war im 14. und 15. Jh. der Aufbau eines städt. Territorialstaates gelungen. Zu dessen Verwaltung wurden aus dem Rat gewählte Landvögte bestellt, deren Einkommen sich aus einem Fixum (in Zürich z.B. die sog. "Burghut"), den Einkünften aus den zum Vogteisitz gehörigen Ländereien sowie versch. Sporteln und Bussgeldern zusammensetzte. Auch auf eidg. Ebene wurden seit dem 15. Jh. Landvögte für die Verwaltung der gemeinen Herrschaften eingesetzt, welche hierfür einen L. erhielten. Die dadurch eingeleitete Entwicklung führte zur Ausbildung eines Verwaltungspatriziats, das sein Einkommen hauptsächlich über polit. Verwaltungstätigkeit bezog.
Autorin/Autor: Oliver Landolt
Dass bei schwankenden Preisen der gleiche Betrag nicht immer für gleich viele Güter reichte, war den Akteuren des Arbeitsmarkts schon immer klar; diese Überlegung begründet die moderne begriffl. Unterscheidung zwischen dem als Geldsumme gefassten Nominallohn und dem in Kaufkraft ausgedrückten Reallohn. Bis ins 20. Jh. argumentierten die Arbeitsmarktparteien aber für Erhöhungen bzw. Senkungen mit Beispielen, da ein allgemein akzeptierter Massstab fehlte. Erst in den 1920er Jahren entstand ein Preisindex, der eine einheitl. Berechnung der Entwicklung des Reallohns ermöglichte (Konsumentenpreisindex). Dieser fand aber in der Zwischenkriegszeit weder bei Unternehmern noch bei Gewerkschaften ungeteilte Anerkennung, weil Inflations- und Deflationsjahre abwechselten. Zwar stand eine gleitende Lohnskala nach dem 1. Weltkrieg bereits zur Debatte; erst in der zweiten Jahrhunderthälfte setzte sich jedoch ein Reallohnbegriff mit indexabhängigen Erhöhungen - Senkungen entfielen mangels Deflation - durch. Von den Gesamtarbeitsverträgen auf Verbandsebene enthielten 1957 17%, 1991 67% eine Teuerungsklausel. Diese sah aber nur ausnahmsweise (1957 0%, 1991 24%) einen automat. Ausgleich vor; in den übrigen Fällen musste der Betrag ausgehandelt werden. In den 1990er Jahren verlor der automat. Ausgleich stark an Bedeutung, und auch der ausgehandelte wurde in breitem Masse individualisiert.
Der Zeitlohn stellte im 20. Jh. die meistverbreitete Lohnform dar; angewendet wird er bei nicht überzeugend zu messender Leistung (z.B. Büro, Reparaturen), unregelmässigem Arbeitsanfall (z.B. Detailhandel), Qualitätsarbeit, gefährl. Tätigkeit oder von aussen festgelegtem Arbeitstempo (Fliessband, Fahrplan). Die seit den 1980er Jahren heftig diskutierten Leistungskomponenten blieben in der Regel marginal (einige Prozente) und stellten den Zeitlohn nicht grundsätzlich in Frage. Gewichtige Ausnahmen bilden Boni und Umsatzbeteiligungen v.a. im Finanzsektor und in der Pharmaindustrie, die zu einer massiven Öffnung der Lohnschere zwischen Management und den unteren Arbeitnehmerschichten führten. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jh. gerieten die zweistellige Millionenhöhen erreichenden Jahreseinkommen einiger Spitzenmanager in die öffentl. Kritik. Der Akkordlohn fand bei messbarem Arbeitsergebnis Anwendung (z.B. Herstellung, Montage und Verpackung von Serienprodukten, Verlad von Gütern, Baugewerbe) und schwankte proportional zur Leistung. Ursprünglich dem Verkaufspreis der Handwerker nachgebildet, wurde er von den Beteiligten noch lange als solcher empfunden. Grimms "Deutsches Wörterbuch" grenzte 1885 Akkord- oder Stückarbeit explizit von Lohnarbeit ab. Sie war damals in der Heimarbeit ohne Alternative, im Baugewerbe vorherrschend. V.a. dort kam auch der Gruppenakkord mit Akkordmeistern und Subakkordanten zur Anwendung. Bei qualifizierten Arbeiten gewann der Akkord in der aufsteigenden Metall- und Maschinenindustrie an Bedeutung; er erfasste dort am Ende des 1. Weltkriegs 33% der Hilfs- und 60% der Berufsarbeiter. Letztere erreichten so in der Regel höhere Einkommen als mit Zeitlohn. Die Gewerkschaften, die sich wegen des höheren Leistungsdrucks gegen den Akkordlohn wehrten, konnten nicht immer auf Unterstützung ihrer Mitgliedschaft zählen. In den 1920er und 30er Jahren verbreitete sich eine neue Form, der sog. Zeitakkord. Gestützt auf systemat. Studien (Taylorismus) entstanden für Arbeitsvorgänge Zeitvorgaben; der L. variierte bei deren Über- oder Unterschreitung. Noch nach dem 2. Weltkrieg überwog aber der Stückakkord stark. In den 1960er Jahren arbeitete in der Industrie weniger als ein Drittel der Belegschaft im Akkord, v.a. in den Branchen Bekleidung, Textil, Metall und Uhren. Die modernen Betriebe der Chemie oder der Papierindustrie dagegen kannten fast nur den Zeitlohn. Dieser erwies sich als überlegen, wenn es nicht um Einzelanfertigungen, sondern um die optimale Steuerung von Anlagen ging. Ganz allgemein stellte die Automatisierung den Akkord zunehmend in Frage. An dessen Stelle traten z.T. Arbeitsplatzbewertungssysteme, die zwar schon vor dem 2. Weltkrieg diskutiert, aber erst nach diesem ausgearbeitet wurden. Sie bewerten Anforderungen und Belastungen mit Punkten, aus denen sich der Lohnsatz ergibt; die Bezahlung erfolgt auf Zeitbasis. In einige Branchen des Dienstleistungssektors (z.B. Gast-, Taxi-, Coiffeurgewerbe) herrschte lange die Entlöhnung in Form der Umsatzbeteiligung vor.
Als Berechnungsbasis für den L. galt für Arbeiter lange die Stunde, für Angestellte der Monat. Dieser setzte sich ab den späten 1960er Jahren zunehmend durch (wichtige Ausnahme: Baugewerbe). Bereits einige Jahre früher verbreitete sich der 13. Monatslohn. Bei festen Anstellungsverhältnissen, d.h. nicht bei Taglöhnern, führte der Auszahlungsmodus immer wieder zu Konflikten, weil Unternehmer längere, Arbeiter kürzere Perioden bevorzugten. Das Fabrikgesetz legte 1877 zwei Wochen als Norm, einen Monat als Ausnahme fest. Zudem musste der L. in der Fabrik selbst, in bar und in gesetzl. Münzen ausgezahlt werden. Von den späten 1960er Jahren an wurde die bargeldlose Zahlung auf Bank- oder Postcheckkontos üblich.
Der Soziallohn, auch Familienlohn genannt, hängt nicht von der Lage auf dem Arbeitsmarkt ab, sondern wird politisch gemäss den Verpflichtungen der Arbeitnehmer festgelegt. Breite Anwendung fand er erstmals im 1. Weltkrieg, indem inflationsbedingte Kaufkraftverluste nicht durch Lohnerhöhungen, sondern durch von der familiären Situation abhängige Zulagen teilweise ausgeglichen wurden. In der Zwischenkriegszeit entfaltete sich eine breite Debatte, in der Gewerkschaften und Unternehmer den Soziallohn meist ablehnten, während ihn Familienpolitiker, v.a. solche aus dem kath. Lager, propagierten. Angesichts der Kaufkraftverluste kamen im 2. Weltkrieg erneut familiäre Kriterien zur Anwendung. Danach verlagerte sich die Auseinandersetzung um den Soziallohn auf die versch. Formen der Familienzulagen und damit zunächst vorwiegend auf die kant. Ebene. 2006 wurde in einer Volksabstimmung ein Familienzulagengesetz angenommen, das bundesweit einen vom Anstellungsgrad des bzw. der Bezugsberechtigten unabhängigen Minimalbetrag für Kinder und auszubildende Jugendliche vorsah.
Die private Vereinbarung des L.s gehört zu den Prinzipien des schweiz. Rechts; gesetzl. Mindestlöhne kannte dieses mit Ausnahme der Heimarbeit lange nicht. Erst 1999 wurde im Rahmen der sog. flankierenden Massnahmen zu den bilateralen Verträgen mit der EU der Art. 360a ins Obligationenrecht eingefügt, der bei Missbräuchen für einen Beruf oder für eine Branche befristet den Erlass von Mindestlöhnen vorsieht. Der Bundesrat verfügte aufgrund seiner ausserordentl. Vollmachten 1917-22 für die Stickerei einen Mindestlohnsatz. Das Heimarbeitergesetz von 1940 ermöglichte ihm bis 1980 Verordnungen über Mindestlöhne; seither gelten für zu Hause Arbeitende die in ihrem Betrieb für gleichwertige Arbeit üblichen Ansätze. Der Staat kann bzw. konnte über weitere Kanäle die Löhne direkt oder indirekt beeinflussen, so über die Allgemeinverbindlicherklärung von Gesamtarbeitsverträgen, über den Gleichstellungsartikel, über das Submissionswesen (Genf ab 1892, Bund ab 1920), bei der Vergabe von Subventionen, aufgrund der Ausländergesetzgebung 1949-80 mittels Verordnungen für Fremdarbeiter, durch das Sozialversicherungsrecht (Familienzulagen), durch Preiskontrolle und durch Arbeitszeitgesetze.
Als beständigste Lohndifferenz erwies sich die zwischen den Geschlechtern. Bereits die spärl. Daten aus der 1. Hälfte des 19. Jh. zeigen, dass z.B. in der Baumwollspinnerei Frauen ein Drittel weniger verdienten als männl. Hilfsarbeiter. Bei den Gewerkschaften tauchte die Forderung nach einer Angleichung der Löhne früh auf, teils weil Arbeiterfamilien auf die Einkommen beider Ehegatten angewiesen waren, teils um Lohndumping zu erschweren. Einen entscheidenden Anstoss gab 1951 die Internat. Arbeitsorganisation mit ihrem Übereinkommen Nr. 100 über die Gleichheit des Entgelts männl. und weibl. Arbeitskräfte für gleichwertige Arbeit. Das Parlament lehnte eine Ratifizierung bis 1972 ab; dann gewann das Thema rasch an Bedeutung. So bestand im öffentl. Dienstverhältnis (Bund, Kantone, Gem.) aufgrund eines Bundesgerichturteils von 1977 Anspruch auf gleichen L. Der Gleichstellungsartikel von 1981 (Art. 4, Abs. 2 BV 1874) erleichterte die individualrechtl. Durchsetzung, die in der Folge v.a. im öffentl. Dienst angestrebt wurde. Das Gleichstellungsgesetz von 1995 präzisierte die Bedingungen weiter. Die Wirkung blieb in der Privatwirtschaft bescheiden; gemäss der Lohnstrukturerhebung 1998 betrugen die Frauenlöhne in der Chemie 80%, im Kreditgewerbe 69%, im Gastgewerbe 90% und in der Bekleidungsindustrie 63% der Männerlöhne (Median). Höhere Fluktuation, geringere Körperkraft, gesetzl. Sonderschutz (Nachtarbeitsverbot), geringere Disponibilität, Tradition sowie Vorstellungen von Sozial- oder Familienlohn ("Doppelverdienertum") dienten zur Begründung dieser Differenz. 2006 gab es in der Privatwirtschaft noch keine Anzeichen eines Ausgleichs. Eine vom Bund in Auftrag gegebene Studie zeigte 2008 einen Lohnunterschied von 24,1% im privaten und von 17% im öffentl. Sektor.
Zur Verbreitung der Lohnarbeit im 19. Jh. bestehen nur grobe Schätzungen, weil nicht zuletzt beim Akkord (Heimarbeit, Handwerk) die Abgrenzung Betroffenen und Beobachtern lange schwer fiel. Um 1850 zählte rund die Hälfte der aktiven Bevölkerung zu den unselbstständig Erwerbenden; darunter waren aber viele mitarbeitende Familienmitglieder, die keinen L. bezogen. Die erste zuverlässige Zählung 1888 ergab 70% Arbeitnehmer (inklusive Hausangestellte und Familienmitglieder), 2010 waren es über 80%.
Die quantitative Entwicklung der Löhne lässt sich am besten anhand eines Indexes verfolgen. Im Rahmen des Projektes "Reallöhne schweiz. Industriearbeiter" entstand ein solcher, der für die Jahre von 1821 bis 1890 auf groben Schätzungen und für diejenigen von 1890 bis 1921 auf Unfallverzeichnissen beruht. Die amtl. Lohnstatistik setzte 1918 ein und wertete Unfalldaten der Suva aus; eine Erhebung bei privaten Versicherungen lieferte Daten für das Basisjahr 1913. Ab 1940 errechnete das Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit damit auch einen Reallohnindex. Die Erhebung der vierteljährl. Lohnsätze in Industrie und Baugewerbe wurde bereits 1924 eingeführt. Ab 1939 kam die auch Angestellte erfassende Lohn- und Gehaltserhebung (LOK) vom Oktober dazu, die 1994 durch die neue Lohnstrukturerhebung (LSE) abgelöst wurde. Bis 1993 lieferte die LOK Daten für die amtl. Lohnentwicklungsstatistik. Weil die LSE nur alle zwei Jahre zur Durchführung gelangt, dienen seither erneut Unfalldaten als Basis für den Lohnindex.
Autorin/Autor: Bernard Degen