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blick.ch – 17. Juli 2020 22:55
von Claude Cueni
Im Jahr 1775 erreichte der englische Seefahrer James Cook die kalte, unwirtliche subantarktische Inselgruppe Südgeorgien. An Bord waren Kartografen, Abenteurer, Matrosen – und Ratten. Die Männer nahmen die Inseln im Südatlantik für ihren König Georg III. in Besitz und zogen weiter. Die Ratten blieben.
Damals lebten bis zu 100 Millionen Vögel auf den Inseln. Zweihundert Jahre später waren neunzig Prozent ausgerottet. Ratten hatten Küken, Eier und oft auch erwachsene Vögel gefressen und sich explosionsartig vermehrt. Deshalb beschlossen Artenschützer, das einstige Vogelparadies zu retten. Ab 2011 warfen sie mit Helikoptern 200 Tonnen Giftköder über den Inseln ab. Sieben Jahre später sandte man zu Kontrollzwecken Spürhunde aus: Auf Südgeorgien gab es keine Ratten mehr.
«Zombieviren» im Schmelzwasser
Diese Berichte weckten damals mein Interesse, und ich begann, Material für einen möglichen Roman zu sammeln. Ich las Studien über das klimabedingte Abschmelzen der Permafrostböden. Im Schmelzwasser schwimmen Mikroben, die jahrhundertelang im Eis gefangen waren. Biologen fanden in siebenhundert Jahre altem Karibu-Kot Viren, die sie im Labor wiederbeleben konnten. Selbst in dreissigtausend Jahre alten Bohrkernen wurden sie fündig. Wissenschaftler warnten vor sogenannten «Zombieviren und -bakterien».
Covid-19 war noch kein Thema, aber wir hatten Sars und die Vogel- und Schweinegrippe erlebt und wussten, dass elf Prozent aller Nagetiere Infekte auf den Menschen übertragen können. Allein in Rattenflöhen nisten über hundert verschiedene Krankheitserreger.
Ich überlegte: Was wäre, wenn Nachfahren der Cook-Ratten sich infizierten und auf dem gleichen Weg, auf dem ihre Vorfahren gekommen waren, nach England zurückkehrten?
Ratten überall
In den letzten Jahren häuften sich Berichte über Rattenplagen in Metropolen. Ratten sind Kulturfolger. Dort, wo sich Menschen niederlassen, bauen auch Ratten ihre Nester. Denn Menschen lassen ihren Dreck überall liegen und bieten den kleinen Nagern täglich ein Festmahl. Schon deshalb müsste Littering mit empfindlichen Geldbussen bestraft werden. In fast allen Grossstädten ermöglichen verdichtetes Bauen und Klimaerwärmung auch schwächeren Nagern das Überleben. Ratten sind schlau und gut organisiert. Sie besitzen eines der besten Immunsysteme. Selbst auf dem Reaktorgelände von Tschernobyl haben sie überlebt.
Der Mensch ist weniger robust. Über Rattenflöhe kann er sich mit dem Pestbakterium Yersinia pestis infizieren. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) registriert pro Jahr etwa dreitausend Pestfälle, meistens in Afrika, neuerdings auch in der Mongolei. Bei einem bakteriellen Infekt hilft Antibiotika. Bisher war das so. Aber allmählich entwickeln wir Resistenzen, weil die Industrie den Nutztieren vorsorglich Antibiotika verabreicht, damit sie sich nicht gegenseitig anstecken, wenn sie auf engstem Raum zusammengepfercht sind. Gelangt ein Bakterium in die menschliche Lunge, kann sich der Erreger via Tröpfcheninfusion verbreiten wie ein Grippevirus.
Pandemien gefährlicher als Klimaerwärmung
Waren all diese Informationen geeignet, um einen Thriller zu schreiben? Vielleicht, aber ich hatte kein Interesse, eine negative Utopie zu entwickeln. Als Teenager mochte ich solche Stoffe, aber heute bin ich eher Optimist, weil ich die enormen Fortschritte in der Medizin am eigenen Leib erfahre. Global betrachtet geht es der Menschheit wesentlich besser als vor fünfzig Jahren. Mein Agent riet mir: Entscheide dich entweder für Science-Fiction oder für eine Fiktion nahe an der Realität.
Ich entschied mich für Letzteres und las Studienberichte, die darlegten, wie man zukünftige Pandemien in den Griff kriegen könnte. Der Molekularbiologie George M. Church inspirierte mich zur Romanfigur Luis Mendelez, die behauptet, dass nicht Meteoriteneinschläge, Erdbeben, Klimaerwärmung oder Negativzinsen das grösste Problem der Menschheit sind, sondern zukünftige Pandemien. Pandemien aus dem Eis?
Allmählich erkannte ich die Umrisse einer möglichen Story. Aber entscheidend sind nicht die Themen, sondern die Hauptfiguren und ihre Widersacher. Nur wenn man die Helden mag, macht man sich Sorgen um sie. Und das ist das A und O jeder Geschichte. Helden müssen nicht perfekt sein, wir sind es auch nicht.
Manuskript fertig, als niemand etwas ahnte
Ich machte eine junge indische Köchin zur Hauptfigur: Nadi. Sie flieht vor einer Zwangsheirat nach London. In ihrer Kammer freundet sie sich mit einer Albino-Ratte an. Sie kann gut mit Ratten. Da sie unter der Einsamkeit leidet, habe ich ihr Hank geschickt. Doch Hank entpuppt sich als Schlitzohr. Nadi verdankt ihm einiges, aber manchmal hat sie allen Grund, ihn zu hassen. Der Roman erzählt die Geschichte von Nadi vor dem Hintergrund einer Pandemie. Sie hat einen beschwerlichen Weg vor sich. Über dreihundert Seiten weit. Der Weg ist die Story.
Ende 2017 hatte ich mit dem Manuskript begonnen, im Oktober 2019 wurde es während der Frankfurter Buchmesse den Verlagen angeboten. Noch ahnte niemand, dass der Welt mit dem Coronavirus eine Pandemie bevorstand.
Rohbau für die Fantasie
Meistens schreibe ich an zwei oder gar drei Romanen gleichzeitig und entscheide mich erst nach etwa 40 Seiten, welche Story das Casting gewinnt. Es kommt vor, dass Figuren wie Nadi über sich hinauswachsen und sich selbständig machen. Dann fange ich wieder von vorne an. Obwohl ich bereits den nächsten Roman beendet hatte, dachte ich mir immer noch Varianten für das letzte «Genesis»-Kapitel in Sierra Leone aus.
Wahrscheinlich findet jeder Roman seine Vollendung erst in den Händen der Leserinnen und Leser. Denn sie sind es, die mit ihrer Fantasie Landschaften ausmalen, Räume möblieren und den Figuren Gesichter geben. Ich liefere nur den Rohbau.
Claude Cueni, «Genesis – Pandemie aus dem Eis», Nagel & Kimche, 300 Seiten. Ab heute im Handel.