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Santino Bussi
|Stuckateur

|geb. 28.08.1664
||Bissone (Vater: Giovanni Francesco;

Mutter: Anna Maria Pusterla)
°° 1697 Rosina Visetti
|gest. 21.02.1736
||Wien|
Santino Bussi war Stuckateur in Österreich und Tschechien. Seine phantasievollen Dekorationen in Form von Reliefs, Skulpturen und Ornamenten sind vor allem in Adelspalästen in Wien und Umgebung zu bewundern. Dazu kommt die Ausschmückung von einigen Schlössern im heutigen Tschechien und mehrerer Kirchen und Klöster in Österreich.
Da wir kein Bildnis von Santino Bussi besitzen, sehen Sie hier seinen wichtigsten Arbeitgeber, den gleichaltrigen Feldherrn und Diplomaten Prinz Eugen von Savoyen (1663-1736).
Einen ersten Eindruck von Bussis Kreationen aus weissem Stuck gibt diese Aufnahme aus dem Schloss Belvedere in Wien, eine Kombination von Figuren, Wandreliefs und Ornamenten im Stil der
zarten Ranke, die zu seinem Markenzeichen wurde.
Leider gibt es über diesen vielseitigen Künstler bisher keine Monographie oder ausführlichere Würdigungen. Die Diplomarbeit von Jakob Werner liegt schon über 20 Jahre zurück. Daher wird ausnahmsweise ein längerer Artikel in diese Webseite aufgenommen, der anhand von Santino Bussis Werken zu einem Rundgang durch berühmte Schlösser und Kirchen einlädt.
Herkunft und Ausbildung
Da in der kunsthistorischen Literatur unterschiedliche Geburtsdaten angeführt sind, können Sie hier den Originaleintrag in den Registern der Pfarrei Bissone einsehen.
Taufurkunde von Santin Bussi
Im Jahr des Herrn 1664 am 28. August wurden den Eheleuten Francesco Bussi und Anna Maria Pusterla aus Bissone zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, geboren. Wegen akuter Todesgefahr taufte Lucia Maderno beide Kinder zu Hause. Am nächsten Tage wurden sie zur Kirche San Carpoforo in Bissone gebracht, wo ich, Pfarrer Flaminius Comanedus, mit dem üblichen Ritual den Jungen auf den Namen Santo taufte. Die Taufpaten waren Giovanni Pietro Tencalla und Constantia Caratti, beide aus Bissone. Das Mädchen erhielt den Namen Lucrezia Fiorenza Maria. Seine Paten waren Paolo Caratti aus Bissone und Lucia Bussi aus Gandria.
Dass der in Österreich und Tschechien tätige Architekt Giovanni Pietro Tencalla sein Taufpate war, mag nicht ohne Bedeutung für die spätere Laufbahn des kleinen Santo gewesen sein. Im Gegensatz zu seinem Vater, dem Maler Giovanni Francesco Bussi, zog es ihn mehr zur Bildhauerei, und er machte eine Lehre als Stuckateur. Denn Spezialisten auf diesem Gebiet fanden seit dem Ende des 30-jährigen Krieges (1618-1648) genügend Arbeit, besonders in den katholischen Gebieten nördlich der Alpen: in Süddeutschland, Österreich, Tschechien und Polen.
Erstmals wird Santino 1690 in Prag bei Arbeiten im Palais Czernin erwähnt, das der Architekt Francesco Caratti aus Bissone kurz zuvor fertig gestellt hatte. Dort erfuhr er vom plötzlichen Tod seines älteren Bruders Carlo Antonio, der mit der Tochter des Malers Carpoforo Tencalla verheiratet war. Als nächstes taucht Santino Bussi in Valtice (dt. Felsberg) im heutigen Tschechien auf, wo der Vater des Fürsten Johann Adam Andreas von Liechtenstein sein Stammschloss umbauen ließ. Und siehe da: unter den Architekten waren Giovanni Pietro Tencalla und dessen Onkel Giovanni Giacomo Tencalla!
Offenbar gefielen dem Fürsten Santinos Stuckaturen, die leider nicht erhalten sind, denn er holte ihn 1695 nach Wien, wo er gerade einen im Bau befindlichen Palast erworben hatte. Auch er wurde von dem Bauboom erfasst, der nach dem Sieg über die Türken im Jahre 1683 ausgebrochen war, wobei Künstler den Vorzug erhielten, die ihre Ausbildung in Italien gemacht hatten und für buon gusto d'invenzione - guten Geschmack und Erfindungsgeist - bekannt waren.
Arbeiten in Wien und Umgebung
Der erste Auftrag für Santino Bussi war also die Ausschmückung des heute als Stadtpalais Liechtenstein bekannten Palastes in der Nähe des Burgtheaters.
Stadtpalais Liechtenstein
Am ursprünglich für Graf Dominik Andreas Kaunitz geplanten Gebäude waren die Graubündner Baumeister Enrico Zuccalli und Antonio Riva beteiligt, die der Graf während seiner Zeit als kaiserlicher Gesandter am Münchner Hof kennengelernt hatte. Als dem Bauherrn das Geld ausging, übernahm Fürst Johann Adam von Liechtenstein 1694 den Rohbau und ernannte Zuccallis Neffen Gabriel de Gabrieli zum Bauleiter.
Stadtpalais Liechtenstein, Wien, erbaut von Domenico Martinelli und Gabriel de Gabrieli, 1695-1705
Aquarell von Franz Xaver Schleich, 1903
Santino Bussi war von 1695 bis 1704 für die Innenausstattung zuständig.
Neben der Dekoration der Repräsentationsräume im ersten und zweiten Obergeschoß erlangte vor allem Bussis Gestaltung des Treppenhauses Berühmtheit. Die sogenannte Prunkstiege erstreckt sich über drei Stockwerke und überwältigt jeden Besucher mit ihrer Fülle an Reliefs und Figuren aus weißem Stuck.
Santino Bussi,
Prunkstiege im
Stadtpalais Liechtenstein,
Wien, 1699-1704
© LIECHTENSTEIN.
The Princely Collections,
Vaduz-Wien
Sehr beliebt waren damals Szenen aus der griechischen Herkules-Sage: der Kampf mit dem Kentauren Nessos, mit dem Giganten Antheus, mit dem Nemeischen Löwen oder der Lernäischen Hydra. Auch Motive aus der Ilias von Homer mischten sich darunter, zum Beispiel wie Äneas seinen Vater aus dem brennenden Troja rettet.
Auf diesen wunderbaren Panoramabildern erhalten Sie einen Eindruck von Bussis vielseitiger Kunst: Prunktreppe Erdgeschoß, 1. und 2. Obergeschoß. Südgang 1. Stock.
Das Stadtpalais wurde nach langjährigen und kostspieligen Restaurierungsarbeiten 2013 wieder eröffnet und zeigt neben den Prunkräumen auch einen Teil der Fürstlichen Kunstsammlung.
Gartenpalais Liechtenstein
Fürst Johann Adam Andreas von Liechtenstein (1657-1712) war nicht nur ein großer Kunstmäzen, sondern auch ein Finanzgenie, das sich ohne Probleme zwei Paläste gleichzeitig bauen lassen konnte. Er war allerdings auch so weitsichtig, kurz vor seinem Tod noch zusätzlich die Territorien des heutigen Fürstentums Liechtenstein mit der Hauptstadt Vaduz zu erwerben, wodurch er Reichsfürst wurde und einen Stammsitz für künftige Generationen schuf.
Fürst Johann Adam Andreas
von Liechtenstein,
Portrait von Peter van Roy,
1707
© LIECHTENSTEIN.
The Princely Collections,
Vaduz-Wien
Die Entwürfe für das Gartenpalais lieferten ab 1688 die Architekten Domenico Egidio Rossi und Domenico Martinelli, die Bau- und Ausstattungsarbeiten zogen sich bis 1706 hin.
Gartenpalais Liechtenstein in Wien, Gemälde von Canaletto, 1759/60
© LIECHTENSTEIN. The Princely Collections, Vaduz-Wien
Santino Bussi erhielt den Auftrag, zuerst das Vestibül im Erdgeschoß zu dekorieren.
Santino Bussi,
Stuckaturen in der Eingangshalle
zum Gartenpalais Liechtenstein,
1704-1705;
Fresken von Johann Michael Rottmayr
Foto: © Palais Liechtenstein
GmbH/Fotomanufaktur Grünwald
Das Honorar betrug 1.000 Gulden und zwanzig Eimer Wein.
1706-1708 ging die Arbeit weiter: Stuckaturen an den zwei Treppen und in den Sälen im ersten Stock: Marmorsaal, Herkulessaal, Repräsentations- und Wohnräume. Heute dienen sie als Ausstellungsräume der Kunstsammlung Vaduz und beherbergen u.a. den berühmten Decius-Mus-Zyklus von Peter Paul Rubens.
Bussi und sein Team wurden wahrhaft fürstlich entlohnt: 2.200 Gulden und wieder zwanzig Eimer Wein. (Um 1700 entsprach die Kaufkraft eines Guldens ca. 45 Euro, ein Eimer Wein = 56 Liter).
Ein immer wiederkehrendes Thema in den Reliefs sind die Taten des Herkules, mit dem der Hausherr verglichen und verherrlicht werden sollte. Hier ist ein Beispiel:
Santino Bussi,
Herkules bezwingt einen Kentauren,
Deckenrelief in der Sala Terrena
des Gartenpalais Liechtenstein,
Wien
Foto: © LIECHTENSTEIN.
The Princely Collections,
Vaduz-Wien
Auch für das Gartenpalais gibt es Panoramabilder, und so können Sie die phantasievollen, zarten Dekorationen von Santino Bussi auf einem 360° Rundgang näher betrachten: Sala Terrena Ehrenhof, Sala Terrena Garten.
Winterpalais des Prinzen Eugen
Praktisch zeitgleich zum Bau der beiden Liechtenstein-Palais arbeitete Santino Bussi für den Feldherrn Prinz Eugen von Savoyen. Dieser kaufte ab 1694 Grundstücke und Häuser unweit der Hofburg auf und beauftragte 1696 den Architekten Johann Bernhard Fischer von Erlach, Entwürfe für eine Stadtresidenz vorzulegen, die er in den Wintermonaten bewohnen wollte. Die Ausführung erfolgte 1697-1707 unter der Leitung von Andrea Simone Garove aus Bissone.
Winterpalais des Prinzen Eugen,
Wien, erbaut 1697-1707
nach Plänen von Johann
Bernhard Fischer von Erlach,
später erweitert durch
Lukas von Hildebrandt
Santino Bussi arbeitete hier zwischen 1698 und 1701. Er schuf Wand- und Deckenreliefs, meist mit den Heldentaten des Herkules aus der griechischen Mythologie.
Santino Bussi,
Reliefs mit Kriegsmotiven
und Triton-Statue
von Giovanni Giuliani,
Winterpalais des Prinzen Eugen
in Wien, um 1700
Auch die Prunktreppe mit den Skulpturen von Giovanni Giuliani und Stuckaturen von Santino Bussi ist den Taten des Herkules gewidmet. Sie rief große Bewunderung hervor, denn erstmals in der Wiener Architektur wurde eine Palasttreppe nicht von Säulen, sondern von Atlanten getragen.
Prunktreppe im Winterpalais des Prinzen Eugen in Wien, Skulpturen von Giovanni Giuliani,
Stuckaturen von Santino Bussi, 1698-1701
Im Zentrum der Treppe steht in einer Nische Herkules, darüber ein Medaillon mit dem Portrait des Prinzen Eugen von Savoyen - ein für alle Besucher eindeutiger Wink mit dem Zaunpfahl.
Am später zugemauerten Eingang zum Festsaal schuf Bussi vier Atlanten mit den für ihn charakteristischen Faunsköpfen.
Santino Bussi, Atlanten im Winterpalais des Prinzen Eugen in Wien, um 1700.
Die Rocaille rechts stammt aus der Zeit der Kaiserin Maria Theresia (reg. 1740-1780)
Das Palais war ab 1848 Sitz des Finanzministeriums. Es wurde 2007-2013 vollständig renoviert und wird heute gemeinsam mit Schloss Belvedere für Ausstellungen benutzt.
Oberes und Unteres Belvedere
Wie Fürst Liechtenstein, wollte sich auch Prinz Eugen ein Gartenpalais errichten lassen. Er beauftragte 1714 den Architekten Lukas von Hildebrandt mit der Planung und äußerte einen Wunsch: es sollte aus zwei Teilen bestehen, ein unteres Gebäude im Grünen für sein Privatleben und ein oberes zum offiziellen Empfang von Gästen und für Festlichkeiten. So entstand die wohl schönste barocke Gartenanlage mitten in Wien, die heute zum UNESCO-Kulturerbe zählt.
Unteres und Oberes Belvedere, rechts der Kammergarten, Orangerie und Marstall, links das Salesianerkloster
Foto: © A. Havlicek; Quelle: austria-forum.org
Im 1716 fertiggestellten Unteren Belvedere schuf Santino Bussi zauberhafte Verzierungen und Reliefs aus weißem Stuck, die von den Stichen des französischen Ornamentzeichners Jean Bérain (1640-1711) inspiriert sind.
Santino Bussi,
Deckenstuck Apotheose des Apoll
in der Marmorgalerie
des Unteren Belvedere in Wien,
1716-1717
In diesen Räumen feierten zwei Habsburgerinnen von historischer Bedeutung ihre Eheschließung: 1770 Marie Antoinette mit dem Dauphin und späteren König von Frankreich, Ludwig XVI., und 1809 Prinzessin Maria Luise von Österreich mit Kaiser Napoleon Bonaparte.
Auf Panoramabildern können Sie Bussis Wand- und Deckenstuckaturen in der Marmorgalerie und im Marmorsaal näher betrachten:
Das Obere Belvedere entstand ein paar Jahre später.
Hier hat Santino Bussi noch deutlichere Spuren hinterlassen. Er gestaltete zwischen 1722 und 1733 die Dekorationen in der Sala terrena, am Treppenaufgang, in den Räumen im Obergeschoß und in der Schlosskapelle.
Santino Bussi,
Stuckaturen an der Prunkstiege
im Oberen Belvedere,
Wien, 1722-1723
Thema der Reliefs ist diesmal nicht Herkules, sondern ein anderer berühmter Held und Feldherr – Alexander der Große. Auch Prinz Eugen galt als großer Feldherr, nachdem er die Türken aus dem Habsburger Reich vertrieben hatte.
Santino Bussi,
Alexander und König Poros,
Relief an der Prunktreppe
im Oberen Belvedere in Wien,
1722-1723
In der Schlacht am Hydaspes erwies sich Alexander als großherziger Sieger, der den indischen König Poros begnadigte und als seinen Statthalter einsetzte.
Bussis Werke finden Sie wiederum auf Panorama-Bildern: Sala terrena, Schlosskapelle.
Am 15. Mai 1955 wurde im Oberen Belvedere der Österreichische Staatsvertrag unterzeichnet, der die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich nach dem zweiten Weltkrieg vorsah.
Schloss Hof, Niederösterreich
Die gleiche Künstlergruppe wie in den Belvedere-Schlössern arbeitete auch in Schloss Hof, das in Sichtweite von Bratislava (SK) liegt, der ehemaligen habsburgischen Residenz- und Krönungsstadt Pressburg.
Schloss Hof, Niederösterreich, erbaut von Lukas von Hildebrandt, 1726-1732
Ölgemälde von Canaletto, 1758/61
Kunsthistorisches Museum Wien
Prinz Eugen ließ sich dort unweit der wildreichen Donauauen aus einem alten Jagdschloss eine Anlage bauen, die er bescheiden
Maison de campagne nannte. Der Architekt Lukas von Hildebrandt schuf jedoch ein Gesamtkunstwerk als Einheit von Architektur und Natur. Schloss Hof galt und gilt bis heute als eines der bedeutendsten Gartenensembles des Barocks in Europa. Man nannte es auch das
Ungarische Sanssoucis. Der Gartenarchitekt war der Le Nôtre-Schüler Dominique Girard, der bereits im Belvedere gewirkt hatte. Während der Bauzeit von 1726 bis 1732 waren zeitweise 800 Handwerker und Tagelöhner, vorwiegend Kriegsveteranen aus der Armee des Prinzen, beschäftigt.
Die Stuckarbeiten in den Räumlichkeiten des Schlosses entstanden zwischen 1729 und 1731 unter der Leitung von Santino Bussi. Einer seiner Mitarbeiter war übrigens der Stuckateur Alberto Camesina aus San Vittore, Graubünden.
Santino Bussi,
Sala terrena im Schloß Hof (A),
1729-1731
Leider hielt sich Prinz Eugen, der 1736 starb, nur selten hier auf. Die Anlage wurde seit 1898 für militärische Zwecke benutzt und erst 1986, zum 250. Todestag des Erbauers, wieder in Stand gesetzt. Der berühmte Barockgarten mit seinen sieben Terrassen wurde ab 2004 nach alten Plänen rekonstruiert.
Arbeiten in Kirchen und Klöstern in Österreich
In den Jahren 1720-1730 war Santino in verschiedenen Kirchen beschäftigt, zum Beispiel im Stift Melk, das hoch auf einem Felsen über der Donau thront.
Stift Melk,
Niederösterreich,
erbaut 1702-1746
In der überreich geschmückten Kirche schuf Santino Bussi vergoldete Stuckmedaillons mit Szenen aus dem Neuen Testament.
Santino Bussi,
Begräbnis des enthaupteten
Johannes des Täufers
in der Stiftskirche Melk, 1725
Santino Bussi,
Kindesmord zu Bethlehem
in der Stiftskirche Melk, 1725
König Herodes gibt den Befehl zur Tötung der Neugeborenen. Ein geharnischter Soldat stürmt förmlich aus dem Relief heraus, um mit einem Dolch zur grausamen Tat auszuholen.
Stift Melk gilt als Perle des Barocks und ist UNESCO-Weltkulturerbe. Zu internationalem Ruf kam es unter anderem durch die Figur des Adson von Melk im Roman Der Name der Rose von Umberto Eco, dessen Anfang und Ende in diesem Kloster spielt.
Weitere Kirchen mit Werken von Santino Bussi sind das Stift Dürnstein in der Wachau, ebenfalls UNESCO Kulturerbe. Im Kontrakt war vorgesehen, dass an der Decke des Langhauses nicht wie üblich Fresken, sondern nur weisse Stuckaturen mit Szenen aus dem Leben Christi angebracht werden sollten.
Santino Bussi, Stuckaturen an der Decke des Langhauses und Figurenschmuck in der Klosterkirche Dürnstein (A),
1723-24
Ferner arbeitete Santino um 1730 im Stift Klosterneuburg und in der Peterskirche in Wien. Hier sehen Sie eine der zwei lebensgroßen Figuren aus Stuckmarmor, die er für den Hochaltar der Peterskirche schuf: Kaiser Konstantin den Großen (ca. 272 - 337) und Kaiser Karl den Großen (ca. 747 - 814).
Santino Bussi,
Statue Kaiser Konstantins des Großen
am Hochaltar der Peterskirche
in Wien, ca. 1730
Der römische Kaiser Konstantin hatte im Jahr 324 über dem vermuteten Grab des Apostels Petrus in Rom eine Basilika erbauen lassen, die später durch
den heutigen Petersdom ersetzt wurde. In diesem
Alt St. Peter genannten Vorgängerbau fand an Weihnachten 800 die Krönung Karls des Großen zum Kaiser statt.
Arbeiten in Tschechien
Zum Abschluß machen wir noch einen Sprung nach Böhmen und Mähren, dem heutigen Tschechien, wo Santino in zwei berühmten Schlössern tätig war.
Schloss Slavkov (Austerlitz)
Als Reaktion auf den sogenannten Zweiten Prager Fenstersturz von 1618, als die böhmischen Protestanten gegen die Habsburger Herrscher rebellierten und damit den 30-jährigen Krieg auslösten, waren die protestantischen Gutsbesitzer vertrieben und ihre Ländereien von katholischen, kaisertreuen Familien übernommen worden. Diese wurden somit nicht nur wohlhabend, sondern waren auch darauf bedacht, ihre Bedeutung durch großartige Bauwerke zur Schau zu stellen. Zu ihnen gehörten die Grafen Kaunitz, die ihren Stammsitz Schloss Austerlitz (Slavkov) von den besten Künstlern aus Wien ausschmücken ließen.
Schloss Slavkov (Austerlitz) (CZ), ab 1696 erbaut von Domenico Martinelli, mit Stuckaturen von Santino Bussi, Fresken von Andrea Lanzani und Gartenstatuen von Giovanni Giuliani, 1701-1704
In einem der 115 Zimmer, im Historischen Saal, wurde am 6. Dezember 1805 nach der Dreikaiserschlacht von Austerlitz der Waffenstillstand zwischen dem siegreichen französischen Kaiser Napoleon, dem österreichischen Kaiser Franz II. und dem russischen Zaren Alexander I. unterzeichnet. Angeblich soll Napoleon im Schlafzimmer der Fürstin Kaunitz übernachtet haben.
Schloss Slavkov (Austerlitz) (CZ),
Schlafzimmer
der Fürstin Kaunitz
mit Stuckaturen von
Santino Bussi und
Deckenfresko von
Andrea Lanzani, 1701-1704
Palais Clam-Gallas, Prag
Zehn Jahre später kehrte Santino Bussi nach Tschechien zurück, diesmal nach Prag, wo der böhmische Diplomat und Vizekönig von Neapel, Graf Johann Wenzel von Gallas, ein prächtiges Palais bauen ließ.
Graf
Johann Wenzel von Gallas (1669-1719)
Stich nach einem Gemälde
von Sir Godfrey Kneller,
ca. 1707
Palais Clam-Gallas,
Prag,
entworfen 1707
von Johann Bernhard Fischer
von Erlach
Ausführender Baumeister war Giovanni Domenico Canevale aus Lanzo d'Intelvi (I). Bussi und seine Mitarbeiter, darunter Rocco Bulla aus Muggio, dekorierten 1715-19 die Prunktreppe, Carlo Innocenzo Carlone aus Scaria, dem Nachbardorf Canevales, schuf 1757 das Deckenfresko Apoll im Sonnenwagen (siehe seine Biographie auf dieser Webseite).
Heute ist das Palais im Besitz der Stadt Prag und beherbergt das Stadtarchiv. Der Festsaal dient wieder für kulturelle Veranstaltungen, wie im 18. Jahrhundert, als dort glanzvolle Bälle und Konzerte stattfanden, an denen auch Mozart und Beethoven teilnahmen.
Familie und Nachfolger
Über das private und künstlerische Leben Santino Bussis erfahren wir einiges aus der kurzen Vita, die Vincenzo Fanti verfasste, der Sohn des in Wien ansässigen Bologneser Freskomalers Gaetano Fanti, der mit Santino an vielen Baustellen tätig war.
Santino hatte noch mehrere Geschwister, sein Bruder Carlo Antonio wurde Maler (siehe Stammbaum Bussi auf dieser Webseite).
Durch seine ersten Arbeiten für den Fürsten Liechtenstein eröffnete sich für Bussi eine glänzende Laufbahn. Er war in den hohen Adelskreisen und bei kirchlichen Würdenträgern so gefragt, dass er dank seines Großbetriebs an mehreren Baustellen gleichzeitig arbeitete. Manchen Bauherren, z.B. dem Erzbischof von Salzburg, Franz Anton Fürst von Harrach, sollen Bussis Preise zu hoch gewesen sein. Die Steuerleistungen seiner Werkstatt gingen erst kurz vor seinem Tode zurück. Bussi hat zu Lebzeiten ein großes Vermögen angehäuft, soll aber auch sehr großzügig gewesen sein.
Mit seiner wesentlich jüngeren Frau Rosina Visetti hatte er sieben Kinder, darunter fünf Söhne. Die älteste Tochter, Eleonora Ursula, heiratete 1724 den Theaterarchitekten und Bühnenbildner Antonio Galli-Bibiena.
Die Liste des Freundeskreises um Santino Bussi liest sich wie ein Who is Who der damaligen Künstlerelite in Wien. Aus Tauf-, Heirats- und Sterberegistern wissen wir die Namen: der kaiserliche Hofbaumeister Giovanni Pietro Tencalla – Santinos Taufpate -, Giovanni Battista Maderno,
des Grafen von Czernin Ingenieur und Architekt, die Architekten Donato Felice d'Allio und Paolo d'Allio, die Maler Carlo Innocenzo Carlone und Gaetano Fanti, der Bildhauer Lorenzo Mattielli, der Baumeister Francesco Martinelli, der Hof-Stuckateur Giovanni Giorgio Piazzoli und viele andere mehr.
Santino Bussi starb am 21. Februar 1736 – im gleichen Jahr wie Prinz Eugen – an "Hectica" (Schwindsucht bzw. chronischem Fieber). Seine Frau Rosina folgte ihm ein Jahr später nach. Keiner der Söhne übernahm die Werkstatt.
Auch wenn Santino Bussis Meisterschaft keine persönliche Nachfolge fand, so überlebte sein Stil dennoch bis ins 19. Jahrhundert. Als
typisch wienerisch wurde er zwischen 1850 und 1920 von den Architekten und Künstlern des sogenannten
Historismus wieder nachgeahmt, zum Beispiel in der Neuen Hofburg in Wien, im Schloss Herrenchiemsee in Bayern oder in der Pariser Oper.
Literatur
- Werner J.: Santino Bussi 1664-1736. Diplomarbeit, Universität Wien 1992
- Kräftner J. (Hrsg.), Das Stadtpalais der Liechtenstein, Brandstätter Verlag Wien 2015
Mit zahlreichen Abbildungen der Werke von Santino Bussi
Links
- Santino Bussi
- AIA, Santino Bussi
- Stuck
- Stadtpalais Liechtenstein, Wien
- Gartenpalais Liechtenstein, Wien
- Winterpalais des Prinzen Eugen von Savoyen, Wien
- Unteres und Oberes Belvedere, Wien
- Schloss Hof (A)
- Palais Clam-Gallas, Prag (CZ)
Nachtrag
Schloss Thürnthal in Niederösterreich
Um 1700 ließ der österreichische Graf Adrian Wenzel Enckevoirt das ausgebrannte Renaissanceschloss Thürnthal, 60 km westlich von Wien gelegen, in ein Barockschloss umbauen. Er engagierte dafür die berühmtesten Architekten seiner Zeit, Domenico Martinelli und Joseph Emanuel Fischer von Erlach, sowie den Bildhauer Lorenzo Mattielli und den Hofstuckateur Santino Bussi.
Für die Stuckaturen an den Decken der Beletage des Schlosses wählte Bussi Szenen aus der griechischen Mythologie: Ikarus, der sich mit seinen Flügeln aus Wachs der Sonne nähert und abstürzt; Äneas und sein Vater Anchises, die aus Troja fliehen; Artemis, die Göttin der Jagd, mit ihren Hunden; Eos, die Göttin der Morgenröte; das Götterpaar Kronos und Rheia; Herkules und seine Heldentaten. Alle Stuckaturen wirken sehr plastisch und lebendig.
Da Santinos Stuckreliefs meines Wissens noch nicht wissenschaftlich untersucht wurden, können die einzelnen Szenen hier nur mit einem vorläufigen Titel versehen werden. Offensichtlich ist jedoch, dass Santino ähnliche Darstellungsformen wie im Schloss Oberes Belvedere in Wien verwendete.
Santino Bussi, Kronos und Rheia, Stuckrelief im Schloss Thürnthal, um 1725
Rechts unten sehen Sie die Attribute des Gottes Kronos, die Sense und die Sanduhr, sodass die Szene auch als Allegorie von Zeit und Vergänglichkeit gedeutet werden kann.
Zum Vergleich die Version im Oberen Belvedere in Wien:
Santino Bussi, Kronos überrascht Rheia im Schlaf, Stuckrelief im Schloss Oberes Belvedere, Wien, 1722-1723
Das folgende Relief zeigt den Helden Herkules im Olymp mit seiner Frau Hebe, der Göttin der Jugend, auf dem Hochzeitswagen, der von zwei galoppierenden Pferden gezogen wird. Wie in vielen Adelspalästen lässt sich hier der Schlossherr in der Person des Herkules glorifizieren.
Santino Bussi, Herkules und Hebe auf dem Hochzeitswagen, Stuckrelief und vier Medaillons, Schloss Thürnthal, um 1725
Auch dazu gibt es ein Pendant im Oberen Belvedere. Dort heißt die Darstellung mit den feurigen Rossen, deren Hufe aus der Decke ragen, Personifikation der Ordnung und des Friedens.
Santino Bussi, Personifikation der Ordnung und des Friedens, Stuckrelief im Schloss Oberes Belvedere, Wien, 1722-1723
Das dritte der noch einigermassen gut erhaltenen Deckenreliefs zeigt den flötenspielenden Gott Pan und eine kinderreiche Mutter inmitten der blühenden Natur unter den Strahlen des Sonnengotts Apoll – ein wahres Idyll. Es könnte sich also um eine Allegorie der Fruchtbarkeit und des Friedens handeln, vielleicht ein Loblied auf die Dame des Hauses mit ihren Kindern.
Santino Bussi, Allegorie der Fruchtbarkeit und des Friedens, Stuckrelief und vier Medaillons im Schloss Thürnthal, ca. 1725
Schloss Thürnthal steht seit 1939 unter Denkmalschutz und bedürfte dringend einer Sanierung. Seine bewegte Geschichte können Sie in diesen Links nachlesen:
© 2014 / 2015 E. Mitterhuber