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Beinahe wäre sie kaiserliche Hofdame geworden (denn ihre Familie galt etwas in Preußen, am Hof!), dann aber starb Friedrich III. im so genannten ‘Dreikaiserjahr’ nach nur 99 Tagen Regierungszeit und die Sache war erledigt. Ich glaube nicht, dass Marie von Bunsen dem entgangenen Posten allzu sehr nachtrauerte. Zu unabhängig scheint sie mir, zu sehr mit eigenen Projekten beschäftigt – Projekten, die vor allem aus langen, ausführlichen Reisen bestanden. (Wobei anzumerken ist, dass, wenn Jerneja Jezernik, die Autorin der erst vor kurzem hier vorgestellten Biografie der Weltreisenden Alma M. Karlin, die preußische Adlige eine „Weltreisende“ nennt, das nicht so verstanden werden darf, als hätte Marie von Bunsen wie Karlin eine solche Weltreise an einem Stück gemacht. Sie reiste viel, hatte vor allem auch große Teile des Fernen Ostens gesehen, aber eine eigentliche Reise um die Welt an einem Stück hatte sie nicht unternommen.) Marie von Bunsen konnte ihre Unabhängigkeit schon früh ausleben; ihre Erziehung, ihre Eltern, müssen für damalige Verhältnisse sehr liberal gewesen sein; und später – zumindest bis zur großen Inflation in Deutschland – war sie auch finanziell nicht darauf angewiesen, von den Berichten über ihre Reisen oder den Aquarellen, die sie unterwegs manchmal erstellte, zu leben. So konnte sie es sich leisten, ihre Ziele selbständig und unabhängig auszusuchen. Ihre Reisevorbereitungen waren dabei sehr pingelig. Sie lernte vor der Abfahrt, wo nötig, zumindest so viel von der Landessprache, dass sie sich im Notfall alleine durchschlagen konnte, und vor allem: Sie las im Voraus über die Gegend, die sie bereisen wollte, – Geschichtliches wie Geografisches. Auch auf der eigentlichen Reise waren immer Bücher dabei; selbst in den Fernen Osten begleitete sie eine Kiste voller Lektüre. Teils waren diese Bücher auf ihr Reiseziel bezogen, teils pures Freizeitvergnügen. Manchmal traf auch beides zusammen, so wenn sie vor Ort Tacitus’ Bericht über die Schlacht im Teutoburger Wald las und sich vorzustellen versuchte, wo die römischen, wo die germanischen Truppen denn nun standen. (Denn ‘deutsch’ war sie, die preußische Adlige. Sowohl den Ersten Weltkrieg, in dem sie als Krankenpflegerin tätig war, wie die deutschen Kolonien empfand sie offenbar als durchaus richtig und für Deutschland notwendig.)
In meiner Bibliothek habe nun zwar nicht Marie von Bunsens Bericht über ihre Reise nach Japan, Korea, China, Ceylon, Java, Siam, Kambodscha, Birma und Indien von 1934 gefunden, sondern eine Auswahlausgabe ihrer bescheideneren, aber ebenso sorgfältig vorbereiteten und durchgeführten Ruderfahrten auf deutschen Gewässern. Marie von Bunsen – auch dies typisch für diese Frau – reiste hier, wie überall hin, alleine. Will sagen: Sie besaß ein kleines Boot mit einem kleinen Segel und Rudern, das sie Formosa nannte (warum auch immer), und in das sie jeweils stieg, wenn sie im Laufe der Jahre verschiedene Flüsse und Kanäle Deutschlands bereiste. Solche Fahrten unternahm sie im (Spät-)Sommer, und wenn es das Wetter erlaubte, übernachtete sie auch draußen in ihrem Boot. Von ihrer ersten Reise berichtet sie noch, dass sie einen Hund und einen Revolver dabei hatte, später wird weder der eine noch der andere wieder erwähnt. Nebenbei: Marie von Bunsen war zarte 45 Jahre alt, als sie ihre erste solche Ruderfahrt unternahm…
Auch wenn ihre Berichte im Lauf der Jahre unpersönlicher werden, ist doch allen hier versammelten gemeinsam, dass die Autorin über einen lockeren Erzählton verfügt, der fast so wirkt, als ob Marie von Bunsen ihre Erlebnisse abends am Kamin unter Freunden erzählt. Dabei erlebt sie wenig im eigentlichen Sinn; vieles – und nicht nur dann, wenn sie in dessen Landschaft reist – erinnert deshalb an Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg, nur dass von Bunsen ihre Ruderfahrten jeweils an einem Stück und als tatsächliche Ruderfahrten ausgeführt hat. (Ja, sie ruderte tatsächlich selber; damit ihre Hände aber präsentabel blieben, mit Handschuhen. Und es gab auch Abende, an denen sie Freunde auf ihren Schlössern entlang der bereisten Flüsse besuchte; dafür gab es eine Zofe, die mit einem Koffer voller ‘schöner’ Kleider voraus reiste. Marie von Bunsen war keineswegs einem „Retour à la nature“ verfallen.) Wir finden bei ihr aber einen ähnlichen Mix von geografischen und historischen Anekdoten, die Marie von Bunsen an den besuchten Orten festmacht, wie wir sie von Fontane kennen. Und ähnlich wie beim Apothekerssohn (dessen Geburtshaus sie übrigens auch aufsucht, aber mit der mittlerweile stattgefundenen Restaurierung desselben gar nicht zufrieden ist), ähnlich wie bei Fontane also, dominieren auch bei ihr die Anekdoten über die Adelsleute, die in den verschiedenen Schlössern entlang ihrer Route gehaust haben. Schriftsteller werden zwar auch manchmal erwähnt, sind aber eindeutig für sie weniger interessant.
Alles in allem ein unaufgeregtes Buch, das Landschaften beschreibt, die es so nicht mehr gibt. Bereits Marie von Bunsen muss feststellen, dass Industriebauten immer mehr um sich greifen. Wo die alten Häuser noch stehen, sind viele an sich gut gemeinte Eingriffe in die architektonische wie kulturelle Substanz dieser deutschen Provinzen durchgeführt worden – Restaurationen, die die alte Bausubstanz wieder herstellen wollen, aber in von Bunsens Augen den Charme eines historisch gewachsenen Ensembles um einer vermeintlichen historischen Korrektheit willen zerstören. Heute sind zwei Weltkriege und diverse weitere Restaurierungswellen über diese Landschaften und Gebäude gezogen.
Ich habe folgende Ausgabe gelesen:
Marie von Bunsen: Im Ruderboot durch Deutschland. Auf Flüssen und Kanälen in den Jahren 1905 bis 1915. Herausgegeben und Vorwort von Gabriele Habinger. Wien: Promedia, 1994.
Das Buch enthält folgende Reiseberichte:
- Auf der Havel 1905
- Auf Werra und Weser 1908
- Auf dem Neckar 1910
- Auf mecklenburgisch-märkischen Gewässern 1915
Die ersten beiden Texte sind zum ersten Mal veröffentlicht worden in: Im Ruderboot durch Deutschland von 1914; die beiden andern Texte hat die Autorin erst 1936 veröffentlicht, in Wanderungen durch Deutschland von Marie von Bunsen.
Meine Auswahlausgabe enthält ganz am Ende noch ein paar Anmerkungen, sprich Wort- und Sacherklärungen. Leider hat die Herausgeberin ihre Hausaufgaben nur schlecht erfüllt. Während sie sich bemüßigt fühlt, der Leserschaft zu erklären, was ein „Truchsess“ ist, oder eine „Chaise“, stehen wir ohne Auskunft vor der Frage, wer denn dieser Beneke ist, den Marie von Bunsen ein paar Mal erwähnt, und von dem sie ein offenbar (lokal-?)historisches Werk gelesen hat. Es kann sich meines Erachtens weder um den mir bekannten Ferdinand noch um dessen Sohn Otto gehandelt haben; vielleicht wird er heute auch Benecke geschrieben – aber davon gibt es noch mehr als von den Benekes. Ein andermal, bei ihrer Reise auf der Havel, liest Marie von Bunsen etwas Literarisches über die Quitzows. Einen Autor nennt sie nicht. Was hat sie gelesen? Ernst von Wildenbruchs Drama? Marie von Bunsen macht auf mich nicht den Eindruck, eine Person zu sein, die Dramen liest, statt sie auf der Bühne anzuschauen. Oder hat sie tatsächlich Karl Mays Kolportage-Roman Der beiden Quitzows letzte Fahrten, in welcher Ausgabe auch immer, in Händen gehabt? Das will mir noch unwahrscheinlicher vorkommen als die Lektüre eines Dramas. Ich vermute, dass ich – diesbezüglich – unwissend werde sterben müssen…