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Dieser nun in zweiter Auflage erschienene Band ist eigentlich genau das, was er nicht zu sein beabsichtigt: Eine Einführung in das Werk und Denken, „den Prozess der Analyse“ (S. 13), wie es dort heißt, des Berliner Religionsphilosophen Klaus Heinrich (1927-2020). Reiht man dieses von Manfred Bauschulte arrangierte, in seiner eigentümlichen Form zu würdigende Buch in die durchaus fragwürdig gewordene Gattung der Einführungen ein, dann verlangt dies nach einer gewissen Klarstellung, was hier unter Einführung verstanden wird. In aller Regel sind Einführungen durch eine didaktisch erzwungene Banalisierung ihres Gegenstands bestimmt. Hinter dem stark gegliederten Stoff, sei es eine Theorie, eine Epoche, ein Autor, eine Methode, ein wie auch immer eingehegter Wissensbereich, soll der Verfasser der Einführung gattungsgemäß zurücktreten. Jedes subjektive Moment soll verschwinden. Eine neutrale Haltung zum Gegenstand, kognitive Niedrigschwelligkeit und ein möglichst hoher Grad an Quellensättigung werden verlangt. Auf sonderbare Weise, könnte man sagen, soll die Einführung mit dem verhandelten Stoff identisch werden, indem sie ihn vereinfacht. Weil die Einführung aber in dem Maße den geltenden Anforderungen gerecht wird, wie sie die Anähnelung des Gegenstandes ans schon Bekannte erzwingt, kommt sie in der Identität mit dem herrschenden common sense zu sich.
Schaut man sich nun Form und Inhalt von „Über das Ende der neolithischen Revolution“ an, wird keines der genannten Merkmale erfüllt: Der verhandelte Gegenstand – nennen wir es das Werk, den Denkgestus und die Erkenntnisfiguren Klaus Heinrichs – wird von der Oberfläche her besehen, in keine leicht übersetzbar Struktur heruntergebrochen und klassifiziert. So findet sich keine Gliederung, die nach dem Schema aufgebaut ist: Biographie oder zeithistorische Einordnung, Phase eins, zwei, drei…, zentrale Begriff und Bezugspunkte, Überschneidungen mit anderen Disziplinen etc. Zwar finden sich eine klar erkennbare Gliederung und im Inhaltsverzeichnis treffende Überschriften zu einzelnen Unterabschnitten, was eine einfache Orientierung ermöglicht und zum nomadischen Lesen einlädt. Der Band ist also keineswegs chaotisch, erst recht nicht, wenn man ihn liest. Durchweg folgt Bauschultes Argumentation einem inneren logischen Faden, ergibt der eine Gedanke sich aus dem anderen. Aber eben die für Einführungen sonst so charakteristische Zerstückelung und den handelsüblichen Jargon des Leichtzugänglichen sucht man erfreulicherweise vergebens.
Wo also sonst methodische Anspruchslosigkeit vorherrscht (‚man muss die Leser abholen‘), da stößt man hier auf eine fünfaktige, im besten Sinne eigenwillige Gliederung. Sie setzt sich zusammen aus: (1) einer groben Beschreibung der „Grundlinien“ des Heinrich’schen Werkes; hierbei handelt es sich um einen 2008 in der Zeitschrift Mittelweg 36 erschienenen, leicht überarbeiteten Überblicksessay; (2) drei Auseinandersetzungen mit Passagen zu künstlerischen Darstellungen aus bisher nicht publizierten Vorlesungen Heinrichs zum „ästhetischen Subjekt“, die durch Kommentare Bauschultes eingeführt und gerahmt werden, (3, 4) Auszüge aus zwei transkribierten Gesprächen zwischen Bauschulte und Heinrich und (5) zuletzt einem Essay, in dem der Verfasser sich zunehmend von Heinrich ablöst. Im aufarbeitenden, aber nie bloß referierenden Stil wird auf philosophische, ethnologische und religionstheoretische Quellen bei Heinrich eingegangen. Zugleich entwickelt Bauschulte eigene Hypothesen und führt dabei Begrifflichkeiten wie „Geschlechterspannung“, „Konflikt“, „Balance“, „Verhäuslichung“ und „Hausverlassen“ mit und deutet sie in der analytischen Anwendung aus. Der Band beschreibt somit einen gewissen Bogen: Von einer vogelperspektivischen Annäherung geht es über in eine direkte Auseinandersetzung mit Heinrich, die zunächst Vorlesungen behandelt und dann zeitweilig in Form von inhaltlich dichten Gesprächen erfolgt. Schließlich mündet sie in eine Art bündnishafte Ablösung ein, in der eigene Ansätze formuliert und erprobt werden.
Es sind genau diese Merkmale, die es als sinnvoll erscheinen lassen, „Das Ende der neolithischen Revolution“ als eine gelungene Einführung wider Willen zu bezeichnen: Das Denken Heinrichs wird gerade nicht banalisiert, aber dennoch auf eine zugangsermöglichende Weise aufbereitet. Das subjektive Element des Verfassers wird nicht ausradiert, stattdessen wird es exponiert und zum integralen, da unvermeidbaren Bestandteil der einführenden Auseinandersetzung selbst. Die Methode der „Faszinationsanalysen“ wird nicht einfach abstrakt referiert und historisiert, sie wird in den nachzeichnenden Kommentaren der teilweise öffentlich noch nicht zugänglichen Vorlesungstranskripte veranschaulicht. Der Gestus der Vorlesungen wird so zumindest ansatzweise wieder gegenwärtig gemacht. Bauschultes dialogisches Verfahren, anhand von längeren Zitatpassagen aus den Vorlesungen zentrale Denkfiguren zu entfalten, thematisiert auch die generelle Publikationssituation des Heinrich’schen Werkes. Ab einem bestimmten Punkt stößt man notwendig auf die praktisch erschwerte Zugänglichkeit dieses Oeuvres: Wären die Vorlesungen und ebenso redseligen Seminare und Kolloquien nicht von einer Handvoll von Schülerinnen und Schülern ab den 70er Jahren an der FU Berlin aufgezeichnet worden, wäre von den kenntnisreichen Analysen kaum etwas überliefert. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang die „Dahlemer Vorlesungen“, die hauptsächlich unter der Ägide des Berliners Wolfgang Albrecht in variierender Zusammenarbeit mit weiteren Schülerinnen und Schülern herausgegeben wurden. Im neuen, noch zu Heinrichs Lebzeiten bestimmten Hausverlag ça ira ist derzeit eine Vorlesung zu Heidegger in Vorbereitung. Bei diesen Publikationen handelt es sich jedoch gerade mal um einen Bruchteil dessen, was es noch an archiviertem Material aus über dreißig Jahren Vorlesungstätigkeit gibt.
Dass die Veröffentlichung seines wesentlich in mündlicher Form vorliegenden Werkes formalen Herausforderungen gegenübersteht, das zeigen auch die Lektüren Bauschultes: Es braucht im Grunde genommen größerformatige Bände, in denen die behandelten Kunstwerke auf adäquate Weise abgebildet werden können. Anders sind die detailgenauen, sowohl auf ikonologisches Inhaltswissen zurückgreifenden, als auch formanalytisch präzisen Bildanalysen nur schwer nachvollziehbar. Noch schwieriger wird es, wenn man bedenkt, dass Heinrich in seinen Vorlesungen auch Musik einspielte und Partituren analysierte. Das musikanalytische Schaffen kann überhaupt als das bisher am wenigsten erschlossene erachtet werden.
Wie ertragreich eine eingehende Beschäftigung mit den Bildanalysen Heinrichs ist, zeigen die instruktiven Kommentare Bauschultes: das enigmatische Frontispiz zur „Vedute di Roma“ (ca. 1746-1748 entstanden) Piranesis, auch „Dea Roma“ genannt, wird zum Emblem einer prägnanten Deutungsfigur. In ihr werden die ewigfragilen, latenten Binnenzerwürfnisse der Gattungsgeschichte nicht kaschiert, sondern ikonologisch und formal zur Anschauung gebracht. Vermeers „Malkunst“, hier „Muse der Malerei“ genannt (entstanden um 1664/1668 oder 1673), wird zur Apotheose des Stofflichen, die sich gegen jede, hier mit Heidegger in Verbindung gebrachte Sakralisierung von Immateriellen wendet. Vermeers nie veräußerte Arbeit wird damit zur ästhetischen Kritik einer ontologisierenden Apologie des Bestehenden. Das Argonauten-Triptychon (1949-1950) Max Beckmanns kreist für Heinrich, wie Bauschulte in seinen aufschlussreichen Kommentaren zu längeren Zitaten zu zeigen vermag, um die Zwiespältigkeit schöpferischer Prozesse zwischen identitätsloser Verschmelzung (Medea) und angewiesener Eingebung (Mänade/Muse). Allein das Medium der Malerei, so die Rekonstruktion der figurativen Medienmythologie Beckmanns, schafft es, die ekstatischen Zustände und Quellen des Schöpferischen zu balancieren. In den kreativen Reservoirs der bildenden Kunst, im Nichtsprachlichen, dem Primärprozesshaften und Träumerischen – hier wären auch die Religionen als Manifestationszonen des Verdrängten der modernen Philosophien zu nennen – werden als außerdiskursive Versuche der Freilegung triebhafter Einflusssphären betrachtet. Es handelt sich bei den schwach formalisierten und affektgeladenen Artefakten des Menschlichen um prekäre Entwürfe, triebhafte Kräfte auszutarieren und in ein lebbares Verhältnis zu übersetzen, ohne dabei auf krude Abspaltungen zurückgreifen zu müssen. Wo abgespalten wird, da wird sich heillos mit den Sogkräften eines Denkens in Einheiten identifiziert, kann also keine Emanzipation von den „Ursprungsmächten“ stattfinden, wie Tillich (1948 [1933]) sie nannte. Die rekonstruierenden Kommentare Bauschultes zeigen auch, wie sich bereits in der umstrittenen Habilitation Versuch über die Schwierigkeit Nein zu sagen (1964) jene zentralen Denkfiguren finden, auf die Heinrich immer wieder zurückgreifen wird. Der „Versuch“ erweist sich retrospektiv als ein dicht geschnürtes, vorausgreifendes Konvolut epistemologischer Analysefiguren. Was dort – für manche frech, für andere genial – lediglich angerissen und manchmal in verknappten Aphorismen angedeutet wurde, das stellte Heinrich nachträglich in seinen Vorlesungen als hintersinnige Deutungsinstrumente aus, mit denen sich überzeugend Unerwartetes in Werken aller Art freilegen lässt.
Die beiden Gespräche im Mittelteil des Buches sind von so verweishaltiger und informativer Dichte, dabei fundiert und zugleich im gepflegten parlando gehalten, dass eine treffliche Wiedergabe schwierig ist: Über weite Strecken geht es um eine Bestimmung der Rolle der Psychoanalyse bei Heinrich. Ein anderer Strang geht zeitdiagnostischen Fragen nach. Letztlich ist auch der als Menetekel sich herausstellende Titel des Buches so zu verstehen. Denn die These lautet: Das „Ende der neolithischen Revolution“ birgt Unheil. Wiederkehrend ist vom „totlosen Jetzt“ die Rede, von einem sozial vermittelten Erlebenszustand, in dem es kein Verstreichen von Zeit, keine Endlichkeit, keinen Mord an den Ahnen und damit auch keine Verdrängung mehr gibt. Psychoanalytisch könnte man das auch übersetzen in: Der ödipale Konflikt wird gescheut, es kann daher auch keine wirklich reife Anerkennung der elterlichen und damit auch der eigenen Begrenztheit – und Potentialität – geben. Hauptsächlich werden die kulturtheoretischen Arbeiten Freuds diskutiert, vor allem „Totem und Tabu“ (1912) und „Der Mann Moses und der Monotheismus“ (1939). Behandelt wird aber auch die methodisch so wichtige Arbeit über den „Moses des Michelangelo“ (1914) und die ewigdrängende Frage nach dem epistemischen Rang des Todestriebs, der in „Jenseits des Lustprinzips“ (1920) entwickelt wurde. Heinrich erkennt in Freuds Theorie und Praxis einen Versuch, Gattungsanalyse und Subjektanalyse zwar nicht in eins zu setzen, so doch einander bedingend zu denken. Für ihn war Freud ein Denker, der sich mit einem verbindlichen „Erfahrungsrealismus“ jenen Schrecken stellte, mit denen die menschliche Gattung fertig zu werden versucht, das aber nicht schafft. Die Verarbeitung der schreckenerregenden Natur ist in dem Maße zum Scheitern verurteilt, wie die Naturhaftigkeit im Menschen selbst, als Teil des Naturschreckens, nicht anerkannt wird. So droht die Bekämpfung der Natur immer auch in Selbstauslöschung umzuschlagen. Freud rang zeitlebens mit der Frage, wieviel von diesem inhärenten Schrecken den Menschen und damit auch seinen Patienten zumutbar ist. Mit Überlegungen wie diesen entwickelte Heinrich den werkbestimmenden Gedanken, dass es keine scharfe Trennung zwischen Abwehr und Abgewehrtem gibt; der Inhalt des Abgewehrten geht in die Form der Abwehr selbst ein und die Form der Abwehr wiederum gebiert das, was als Verdrängtes substantiell, wenn auch entstellt wiederkehrt. Selbst die sublimierteste Abwehr trägt somit den rohen Schrecken in sich. Entscheidend wird dann das Gelingen der Bildung einer Bündnisbeziehung zum Triebhaften, wovon wesentlich abhängt, ob das notwendig Verdrängte als Unkontrolliertes oder zumindest ansatzweise Kultivierbares in Erscheinung tritt. Es läge an einer eigenen Untersuchung zu zeigen, wie Heinrich solche, bei Freud nur rudimentär angelegten Ideen entfaltete, als sie zeitgleich vor allem in England von Psychoanalytikern wie Herbert Rosenfeld und Wilfred Bion formuliert wurden. Gemeinsam ist den Ansätzen, dass sie in ich-psychologischen Positionen unterkomplexe Modellierungen des Seelischen erkennen, die vor allem die Relation von realer Objekterfahrung, Subjektgenese und allgemeinen Gesellschaftsverhältnissen nur ungenügend theoretisierten, wenn nicht sogar empirisch verleugneten. Nicht zuletzt teilen sie die historische Erfahrung des Zivilisationsbruchs im Holocaust und machten diesen, auf je verschiedene Weise, zum konstitutiven Element ihrer Theorien.
Neben den eher theoretischen Gesprächspassagen sind auch jene besonders interessant, in denen Heinrich offenherzig aus seiner Biographie berichtet, beispielsweise von seinen Begegnungen mit Paul Tillich, Gershom Scholem („Wiederkäuer“), Max Horkheimer („Sprühteufel“), Ernst Bloch („drei Sprühteufel“), Martin Buber („der Zeremonienmeister unter den Pyromanen“) und Theodor W. Adorno („kleine Explosionsgröße hatte sich einem kleinen materiellen Widerstand [des messianischen Funkens; B.S.] zu befassen.“); berührend ist seine Bemerkung über seinen einstigen Weggefährten an der FU Berlin Peter Szondi: „Szondi war meine einzige ständige Hilfe in der philosophischen Fakultät“ (S. 146 f.). Hier wird einmal mehr die zeitgeschichtliche Stellung Heinrichs im Nachkriegsdeutschland, vor allem aber in der Westberliner Enklave erkennbar. So sehr noch eingehende Aufarbeitungen unterschiedlicher Theoriefacetten ausstehen, so aufschlussreich werden auch weitere Beschäftigungen mit historischen und institutionsbezogenen Aspekten sein, in denen er eine prägende Rolle einnahm und seine Idee einer wirklich freien Universität zu verwirklichen versuchte.
Zuletzt wagt Bauschulte sich an eigene zeitdiagnostische Überlegungen. Für ethnologisch und religionswissenschaftlich wenig Kundige birgt sein Essay „Über das Ende der neolithischen Revolution“ ungeahnte Schätze. Es werden im zeitdiagnostischen Tagesgeschäft, von Alain Ehrenberg über Hartmut Rosa, Ulrich Bröckling und Joseph Vogl bis Richard Sennett und viele andere mehr, völlig unbeachtete oder in Vergessenheit geratene Autoren präsentiert. Autoren wie V. Gordon Childe, Eugen Rosenstock-Huessy, Lewis Mumford oder Ivan Illich werden eingeführt und hauptsächlich im Hinblick auf ihre raum- und zeittheoretischen Überlegungen vorgestellt. Nicht zu vergessen ist der für Heinrich so zentrale Paul Tillich. Mit diesem Aufgebot hochinteressanter, aber in soziologischen Debatten der Gegenwart im Grunde gar nicht (mehr) rezipierter Theoretiker unterschiedlichster Provenienz rekonstruiert Bauschulte Heinrichs Wendung von der „neolithischen Revolution“. Dabei ist die These leitend, dass es in der Moderne zunehmend zu einer fundamentalen Transformation eines im Neolithikum hervorgebrachten, spezifischen globalen Spannungsverhältnisses zwischen räumlichen und zeitlichen Kräften kommt. Zentral sind hier die jeweils unterschiedlichen Selbstsituierungen des Menschen im Kosmos, die mit der Entstehung der Sesshaftigkeit und Bildung größerer Gesellschaftsformen aufkamen: Stark vereinfacht gesagt, beginnen die sesshaft gewordenen Menschen in ihren Wohnstätten die Natur zunehmend nachzubilden und projizieren ihre statischen Weltbilder ins dynamische Naturgeschehen zurück. Mit dieser Dynamik gehen Unterwerfungsbestrebungen einher, deren Folgen in den man-made Naturkatastrophen der Gegenwart ersichtlich werden. In der Moderne trete das Kräfteverhältnis zwischen raum- und zeitorientierten Tendenzen aufgrund von Veränderungen in den Produktivkräften (Stichwort: Digitalisierung, aber auch Finanzkapitalismus) in eine riskante Phase ein, weil es aufgrund technischer Neuerungen zu einer Aufhebung der Dimension Zeit infolge der Entstehung eines globalen Einheitsraumes zunehmend komme. Während im neolithischen Zeitalter raumstabilisierende (imperiale) und zeitorientierte (prophetische) Weltmodelle sich die Waage gehalten hätten, komme es in der Gegenwart zu einer Absorption des Erlebens von Zeit, Distanz, Endlichkeit, Vergangenheit und Zukunft in einen zeitlosen Raum, der weder Vergessen noch Erinnern kenne, ein „totloses Jetzt“. Die diversen Ereignis-Theoreme, wie sie von Autoren wie Martin Heidegger, Carl Schmitt, Giorgio Agamben oder Alain Badiou postuliert wurden, sind aus dieser Perspektive nichts anderes als affirmative Komplementärkonstrukte einer alle Differenzen nivellierenden Raumhomogenisierung. Sie sind nicht mehr imstande das Verstreichen von Zeit überhaupt anzuerkennen. In der Rede vom absoluten Ereignis, vom totalen Jetzt und von der vollkommenen Aufhebung von Zeit gibt es nur noch ein diffuses Anderes im Verhältnis zu einem differenzlosen Einen. Es gibt keine Vorstellung mehr von qualitativ-graduellen Veränderungen mehr, keine Wiederkehr (des Verdrängten), kein raumzeitliches Erleben von Hin und Her, Auf und Ab, Fort und Da. Von diesen anthropologischen Modellen ließen sich bemerkenswerte Verbindungslinien zu psychoanalytischen Entwicklungstheorien ziehen. So ließe sich etwa an Konzepte denken, in denen es um die Fähigkeit zum Aushalten von Abwesenheit geht oder um den Aufbau einer inneren Welt, in der Objektbeziehungen in all ihrer Ambivalenz empfunden werden können. Autoren wie Donald Winnicott, Ronald Britton oder Thomas Ogden wären hier zu erwähnen, mit denen sich möglicherweise psychoanalytisch fundiert die anthropologisch-historisch skizzierten raumzeitlichen Modelle verfeinern ließen. Anstelle einer rein historisch orientierten Globalgeschichte der Transformation von kosmologischen Paradigmen raumzeitlicher Spannungsverhältnisse ließe sich auch an eine Differentialbestimmung unterschiedlicher Verschränkungen von Sozial- und Subjektformationen in der Gegenwart mit diesen Konzepten denken.
Unmissverständlich stimmt Bauschulte in seinem Essay kulturpessimistische Töne an, das macht auch die Auswahl der apokryphen Gesellschaftsdiagnostiker deutlich. Wenn Ausführungen ausdrücklich kapitalismuskritisch werden, kommen sie manchmal hektisch daher. Mit Blick auf eine Reihe durchaus wünschenswerter normativer Entwicklungen in der Moderne überraschen manchmal die etwas weniger abwägenden Urteile. Zu nennen ist eine, wenn auch lediglich ideell-rechtlich zugesicherte Aufwertung des einzelnen Menschenlebens in historisch bisher nie dagewesener Weise. Auch zeugt die Möglichkeit der Reflexion auf kritische Entwicklungen, wie Bauschulte sie selbst formuliert, davon, dass gegenwärtig sehr verschiedene Paradigmen in einem spannungsvollen Konfliktverhältnis zueinander stehen. Weder scheint es den kritisierten Positionen noch der von Bauschulte eingenommenen bisher gelungen zu sein, existierende Konflikte durch Spaltung endgültig aufzuheben.
Solche Einwände sollen aber nicht suggerieren, dass die mit Heinrich formulierte Grundthese von einem zunehmend aus der Balance geratenen Weltverhältnis deswegen irrtümlich wäre. Nur stellt sich die Frage, ob die diagnostizierte Disbalance nicht immer schon bestanden hat und lediglich durch die Verwandlung der Produktivkräfte neue, möglicherweise zwiespältigere, schwieriger auszutarierende Formen annimmt. Eine gewisse Kontinuität der Disharmonie, ein unaufhebbarer regressiver Sog könnten heute dank einer gesteigerten intuitiv-theoretischen Empfindlichkeit überhaupt erst als solche kenntlich geworden sein. Die Vermutung, dass es dereinst eine wirklich dauerhaft progressive Raumzeitbalance in der Geschichte gegeben habe, ist angesichts so verheerender Geschehnisse wie den Kolonialismen und anderer vormoderner Vernichtungsexzesse wie dem Dreißigjährigen Krieg etwa wenig überzeugend. Daher besteht das Risiko, auf vergangenheitsverklärende Nostalgie einzusteigen. Aus diesen Überlegungen könnte sich eine unheimliche Frage ergeben: Ob nämlich erst, da es schon zu spät ist, ein menschliches Unvermögen erkennbar wird, ein schöpferisches Spannungsverhältnis dauerhaft zu etablieren. Die Bedingung der Möglichkeit zur Einsicht in eine gattungskonstitutiven Katastrophentendenz wäre damit tragischerweise an den nicht mehr aufzuhaltenden Untergang der Gattung selbst gebunden.
Derlei apokalyptische Spekulationen einstweilen außer Acht lassend, sei abschließend daran erinnert: Dieser Band bildet die bisher einzige, guten Gewissens zu empfehlende Einführung in das Werk Klaus Heinrichs – weil sie keine im landläufigen Sinne ist. Aus nächster Nähe wird kundig, methodisch instruktiv und intellektuell ansprechend das Denken eines Philosophen entfaltet, den es in seiner ganzen Mannigfaltigkeit, Widersprüchlichkeit und Bedeutung im Grunde erst noch zu entdecken gilt. Es wäre bedauerlich, wenn sich seine Bekanntheit allein auf den Kreis derjenigen beschränken würde, die seine legendären Veranstaltungen besuchten haben. Neben der Rezeption durch die Frankfurter Schule stellt Heinrichs Beschäftigung mit der Psychoanalyse eine der originellsten im deutschsprachigen Raum außerhalb des psychoanalytischen Milieus überhaupt dar. Wie sie sich von jener genau unterscheidet und wo Parallelen auszumachen sind, wäre ein Thema für sich. Mit der Adorno‘schen Auslegung der Psychoanalyse in jedem Fall teilt Heinrich den leibgebundenen Subjektbegriff Freuds. Anders als in kulturalistischen Positionen wird die Triebhaftigkeit des Menschen nicht verworfen, sondern zum unhintergehbaren Ausgangspunkt einer gegenstandsadäquaten Auseinandersetzung gemacht. Dieses Ernstnehmen des Triebhaften im Menschen, das über Jahrzehnte hinweg in den Geistes- und Sozialwissenschaften so verfemt wurde und eigentlich auch noch wird, erweist sich aus heutiger Sicht als durchaus, so pathetisch es klingt, prophetisch. Bauschultes Versuche und Gespräche mit Heinrich erinnern an dieses Erbe. Solange Bücher wie dieses erscheinen und eine Leserschaft finden, könnte das Ende der neolithischen Revolution vielleicht noch etwas auf sich warten lassen.
Manfred Bauschulte, Über das Ende der neolithischen Revolution. Gespräche und Versuche mit Klaus Heinrich, Wien: Klever Verlag (Reihe: Essay), 2. Auflage (2021/2012).
Literatur
Bauschulte, M. (2008). Erfahrung und Zerstörung. Klaus Heinrichs faszinationsgeschichtliche Analyse der Zivilisation. Mittelweg 36, Jg. 17 (Juni/Juli), S. 71-82.
Freud, S. (1912-13). Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker. GW IX.
Freud, S. (1914). Der Moses des Michelangelo. In GW X, S. 172-201.
Freud, S. (1920). Jenseits des Lustprinzips. In GW XIII, S. 1-70.
Freud, S. (1939a [1934-1938]). Der Mann Moses und die monotheistische Religion. Drei Abhandlungen. GW XVI, S. 103-246.
Heinrich, K. (2021 [1964]). Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen: Freiburg, Wien: ça ira.
Tillich, P. (1980 [1933/1948]). Die sozialistische Entscheidung. Berlin: Medusa Verlag Wölk + Schmid.