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Der Begriff des Arbeitgebers und Arbeitnehmers hat seine Wurzeln in einem antiquierten Verständnis der Arbeit. Karl Ballmer zeigt auf, dass die moderne industrielle Arbeitswelt einen neuen Begriff von Arbeit nahelegt. Ein Aufsatz aus dem Jahre 1953.
Karl Ballmer (* 23. Februar 1891 in Aarau; † 7. September 1958 in Lamone bei Lugano), Schweizer Kunstmaler, Anthroposoph und Schriftsteller.
Ich legte mir einmal die Frage vor, warum todmüde Soldaten, die auf wunden Füssen immer weiter und weiter humpeln, ein lustiges Liedlein zu singen pflegen, – und ich glaubte mir die Antwort mit der Vermutung erteilen zu können, daß die schwitzenden, stöhnenden und singenden Soldaten deswegen vergnügt sind, weil es im militärischen Bereich den Begriff des «Arbeitgebers» nicht gibt. Wie komisch wäre es doch für Soldaten, sich dem Höchstkommandierenden oder meinetwegen dem Chef des Eidgenössischen Militärdepartements als «Arbeitgeber» zu denken! Soldaten leisten «Arbeit», doch weil Soldaten keine «Arbeitnehmer» sind, fällt auch der zivile Schwatz vom «Arbeitgeber» dahin. Es wäre vortrefflich, wenn die moderne Arbeitswelt allgemein das Erlebnis nahelegte, daß «Arbeit» eigentlich ein zum ächzenden Vergnügtsein ermunterndes Metier sei. Wenn dies nicht der Fall ist, so liegt das an langfristigen Denkgewohnheiten. In der Sozialwelt wirken Denkgewohnheiten oft stärker als anspruchsvolle «Weltanschauungen». Langfristige Denkgewohnheiten haben die Neigung, schliesslich in einem Obligationenrecht ihren Niederschlag zu finden. Da finden sich dann altehrwürdige Reminiszenzen an Dienende und Dienst-Herren, oder die Erinnerung an Regeln über Kauf, Verkauf und Vermietung von Diensten, sanktioniert durch ein fernes Römertum. In einem ehrwürdigen Altertum gab es die Sitte des Verkaufes von Menschen als Arbeitskräften. Die Obligationen (Pflichten) von Käufern und Gekauften, von Mietern und Gemieteten waren stets im Namen der guten Ordnung sorgsam zu regeln. So findet sich denn auch im Schweizerischen Obligationenrecht der Artikel 319, der den Dienstvertrag regelt. Es ist tröstlich, daß auf der ersten Seite des Dienstbüchleins der Soldaten nicht Bezug genommen wird auf den Art. 319ff. des Schweizerischen Obligationenrechtes. Der in dem Artikel 319 auftretende «Dienstherr»[i] würde im Militärbüchlein unsympathische Erinnerungen an die zivilistische Welt erregen, er eignet sich nicht dazu, auf der ersten Seite des Dienstbüchleins berufen zu werden.
Der Artikel 319 des Schweizerischen Obligationenrechtes, der den Dienstvertrag regelt, lautet: «Durch den Dienstvertrag verpflichtet sich der Dienstpflichtige zur Leistung von Diensten auf bestimmte oder unbestimmte Zeit und der Dienstherr zur Entrichtung eines Lohnes.»[ii] Es gibt also in der zivilen Arbeitswelt «Dienst und «Dienstherren»; in der Armee gibt es von oben bis unten lauter Dienstpflichtige. Sogar im zivilen Sektor, scheint es, klingt «Dienstherr» mehr altertümlich als erfreulich. Die Vorstellungen des «Dienens» und «Herrseins» sind offenkundig nicht der Aura der modernen industriellen Arbeitswelt entnommen; hier wäre mit den Ausdrücken «Arbeiter» und «Arbeitsleiter» völlig auszukommen[iii]. Die Vorstellungen vom Dienen und Herrschen erscheinen mit historischem Erinnerungsballast beladen. Im übrigen ist es klar und bedarf keiner weiteren Erläuterung, daß in dem Artikel 319 der Begriff des Lohnes die Mitte ist, auf die sich alles übrige bezieht. Unter Lohn versteht das Schweizerische Obligationenrecht, nach altem Herkommen, die von einem persönlichen Dienstherrn zu bezahlende Entschädigung für etwas ihm Dienliches. Der persönliche Dienstherr kauft die Ware «Arbeitskraft», wie er fünf Pfund Anken kauft. Der moderne Sozialismus hat der Welt die Erkenntnis beigebracht, daß die menschliche Arbeitskraft – aus Respekt vor der Menschen- würde – nicht eine Ware sein darf, die in der «Marktwirtschaft» nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage gehandelt wird. Auf der ganzen Welt setzen sich heute die «Arbeitgeber» mit den Gewerkschaften in Verbindung, um schiefe altertümliche Vorstellungen über «Lohn» zu vermeiden. Dennoch ist auch heute noch der Begriff des Lohnes der Tummelplatz für allerlei Aberglauben. Der Lohn gilt weitherum als der Effekt, der sich dadurch ergibt, daß jemand für sich arbeitet. Arbeiten und Lohnerwerb gilt als das Gleiche. Nur beim Militärdienst fällt es niemandem ein, die Arbeit der Soldaten als «Arbeit auf Erwerb» oder «Lohnarbeit» zu verstehen. Der «Dienst» der Soldaten ist nicht ein «Für- sich-Arbeiten» und Für-sich- Erwerben der Einzelnen. Aber auch in der modernen arbeitsteiligen Industriewelt ist es längst nicht mehr der Fall, daß die einzelnen Arbeiter «für sich» arbeiten. Die Arbeitsprodukte moderner Betriebe werden nicht von einzelnen Arbeitern fertiggestellt, die Fertigstellung erfolgt in komplizierter Arbeits-Teilung durch Handanlegen Vieler. Vom industriellen Arbeitsprodukt her gesehen muss man sagen: keiner arbeitet «für sich», sondern jeder arbeitet für die andern. Das hat zur Folge, daß im Grunde nicht das Arbeitsprodukt für die Bemessung des Lohnes des einzelnen ausschlaggebend sein kann. Hier gilt es weiterzukommen, indem man Arbeit grundsätzlich als einen der Gesamtheit geleisteten «Dienst» interpretiert. Man wird über historische Formen des wissenschaftlichen Sozialismus hinauskommen, man wird mit der Kritik nicht bei der Tatsache einsetzen, daß der Arbeitslohn für die Herstellung eines bestimmten Gegenstandes nicht dem vollen Betrag entspricht, den der Gegenstand auf dem Markte erzielt, sondern man wird realistisch den «gerechten» Lohn fordern als Äquivalent für «Dienst», weil heute keiner «für sich» erwirbt und jeder für alle anderen arbeitet.
Es ist ziemlich rührend, wenn linksempfindliche Theologen sich der «Arbeiterfrage» annehmen. Der ideologische Dogmatiker Prof. Brunner meint (in seinem Buche «Gerechtigkeit»):«Das Entsetzliche an der durch den verantwortungslosen Kapitalismus geschaffenen Wirtschaftsordnung sind nicht die schlechten Löhne, ja nicht einmal die Unsicherheit des Verdienstes und die Arbeitslosigkeit, sondern der Verlust der Ehre des Arbeiters. Indem man die Arbeit des Lohnarbeiters als Ware, als käufliches Produktivmittel betrachtet und ihn merken lässt, daß er «nichts zu sagen hat», hat man ihm seine Ehre geraubt. Der Mensch ist zum Objekt degradiert. Die echt patriarchalische, das heisst familienähnliche Ordnung gibt ihm die Ehre wieder, ja sie allein kann sie ihm geben. Denn diese Ehre ist identisch mit der Tatsache, daß er als Person Glied einer Dienstgemeinschaft ist.» Hier wird Ehre verschenkt; Prof. Brunner rechnet mit einer Instanz oberhalb der Arbeiter, die Ehre zu vergeben hat. Die Tatsachen der Geschichte der Arbeiterbewegung beweisen indessen immerhin die Möglichkeit, daß Arbeiter erklären: Wir verzichten auf eure Ehre. Eine «echt patriarchalische» Ordnung ist der modernen Industriewelt ebenso wesensfremd, wie sie einem sportlichen Team oder der Organisation einer modernen Armee wesensfremd ist. Der intelligente Arbeiter fühlt seine Stellung in der Gesellschaft nicht von einem Ehrenkodex bestimmt, sondern von seiner Einsicht in die Struktur der Wirtschaft. Heutige Wirtschaftsvorstellungen sind der Veränderung fähig, insofern als heute der Lohn einfach als Kostenfaktor der Produktion angesehen wird – und dereinst als etwas ganz anderes wird angesehen werden müssen. Brunner berührt den Kernder Sache, wenn er schreibt: «Wo der Lohn zum Marktwert wird, ist er dem Spiel von Angebot und Nachfrage preisgegeben, und wo der Lohn von Angebot und Nachfrage abhän- gig gemacht wird, wird die Arbeit ihrer Würde als Dienst entkleidet». Hier lässt sich weiterdenken, indem in ganz unsentimentaler Weise das «Diensterlebnis» des Soldaten zu Rate gezogen wird. Müde Soldaten pflegen nach einem Vierzigkilometermarsch nicht konsultiert zu werden, zu welchen Bedingungen sie sich eventuell entschliessen könnten, aus der vierten Kompagnie den zweiten Zug auf Ortswache zu delegieren. Vom zivilen Unternehmeraspekt aus ist es das reine Wunder, daß die Mannen des zweiten Zuges – fluchend, wie sich das gehört – die Wache beziehen, ohne daß komplizierte Verhandlungen betreffs Überstundenlohn stattzufinden brauchten. Die «Würde der Arbeit» offenbart sich bei einem solchen Vorgang in ganz unfeierlicher Art. Es erscheint vorerst vollkommen ausgeschlossen, daß sich Analoges in der zivilen Arbeitswelt ereignen könnte. Und – notabene – wäre das analoge Zivilwunder deplaciert, solange «Dienstherren» und «Arbeitgeber» noch weit davon entfernt sind, die Kategorie «Dienst» als echt volkswirtschaftlich zu entdecken.
Ich finde es bedauerlich, daß die von Rudolf Steiner vertretene Lohntheorie bisher völlig ignoriert wird, nicht zuletzt von den Anhängern Steiners. Als beim Zusammenbruch von 1918 mancherlei Illusionen zerstoben und die Geister vorübergehend aufgelockert waren, da konnten Wissende über ihre Sozialsorgen unverhüllter sprechen als zu anderer Zeit. So auch Steiner, der in einem Vortrage am 24. November 1918 über den Lohn ausführte:
«…Ich habe auf etwas aufmerksam zu machen versucht, was als soziales Axiom wirken soll. Darauf habe ich aufmerksam gemacht, daß schon einmal in jeglicher sozialer Struktur nichts Gedeihliches herauskommen kann, wenn das Verhältnis eintritt, daß der Mensch für seine unmittelbare Arbeit entlohnt wird. Soll eine gedeihliche soziale Struktur herauskommen, so darf es nicht sein, daß der Mensch bezahlt wird für seine Arbeit. Die Arbeit gehört der Menschheit, und die Existenzmittel müssen auf anderem Wege den Menschen geschaffen werden, als durch Bezahlung seiner Arbeit. Ich möchte sagen: wenn gerade das Prinzip des Militarismus, aber ohne Staat, übertragen würde auf einen Teil der sozialen Ordnung, dann würde ungeheuer viel gewonnen werden. Aber zugrunde liegen muss eben die Einsicht, daß sogleich Unheil da ist auf sozialem Boden, wenn der Mensch so in der Sozietät drinnen steht, daß er für seine Arbeit, je nachdem er viel oder we- nig tut, also nach seiner Arbeit eben, bezahlt wird. Der Mensch muss aus anderer sozialer Struktur heraus seine Existenz haben. Der Soldat bekommt seine Existenzmittel; dann muss erarbeiten; aber er wird nicht unmittelbar für seine Arbeit entlohnt, sondern dafür, daß er als Mensch an einer bestimmten Stelle steht. Darum handelt es sich. Das ist es, was das notwendigste soziale Prinzip ist, daß das Erträgnis seiner Arbeit von der Beschaffung der Existenzmittel völlig getrennt wird, wenigstens auf dem Gebiete des sozialen Zusammenhangs. Solange nicht diese Dinge klar durchschaut werden, solange kommen wir zu nichts Sozialem, solange werden Dilettanten, die manchmal Professoren sind …, werden Dilettanten vom vollen Arbeitsertrag und dergleichen sprechen, was alles Wischiwaschi ist. Denn gerade der Arbeitsertrag muss von der Beschaffung der Existenzmittel in einer gesunden sozialen Ordnung völlig getrennt werden. Der Beamte, wenn er nicht durch den Mangel an Ideen Bürokrat würde, der Soldat, wenn er nicht durch den Mangel an Ideen Militarist würde, ist in gewisser Beziehung – «in gewisser Beziehung», missverstehen Sie mich nicht – das Ideal des sozialen Zusammenhanges. Und kein Ideal des sozialen Zusammenhanges, sondern der Widerpart des sozialen Zusammenhanges ist, wenn dieser soziale Zusammenhang so ist, daß der Mensch nicht arbeitet für die Gesellschaft, sondern für sich. Das ist die Übertragung des unegoistischen Prinzips auf die soziale Ordnung. Wer nur in sentimentalem Sinne Egoismus und Altruismus versteht, der versteht eigentlich nichts von den Dingen. Derjenige aber, der praktisch, ohne Sentimentalität, mit reinem gesundem Menschenverstand durchschaut, daß jede Sozietät notwendigerweise zugrunde gehen muss, indem der Mensch nur für sich arbeitet, der weiss das Richtige. Das ist ein Gesetz, so sicher wirksam, wie die Gesetze der Natur wirken, und man muss dieses Gesetz einfach kennen. Man muss einfach die Möglichkeit besitzen, den gesunden Menschenverstand so zu handhaben, daß einem ein solches Gesetz als ein Axiom der sozialen Wirtschaft erscheint. Man ist heute noch weit entfernt, so etwas einzusehen. Aber die Gesundung der Verhältnisse hängt doch ganz und gar davon ab, daß gerade so, wie jemand den Pythagoräischen Lehrsatz in der Mathematik als etwas Grundlegendes ansieht, er diesen Satz zugrunde legt: alles Arbeiten in der Gesellschaft muss so sein, daß der Arbeitsertrag der Sozietät zufällt, und die Existenzmittel nicht als Arbeitsertrag, sondern durch die soziale Struktur geschaffen werden.»
Es kann nicht ausbleiben, daß von diesem Axiom Steiners ein Licht auch auf die Frage des Unternehmergewinnes fällt. Der Unternehmer verfügt im Auftrage der Sozietät – nämlich desjenigen Gliedes der Sozietät, das die geistigen Einsichten und Antriebe pflegt – privat über Kapital, auf Grund seiner individuellen Befähigung. Was er schafft, schafft er als Repräsentant des «Geistes». Und in dem unvermeidlich eintretenden Unternehmergewinn repräsentiert sich die Sozietät, oder wenn man will, die Verantwortlichkeit des Geistes gegenüber den Schaffenszielen der Menschheit. – Der Begriff «Arbeit-Geber» bekäme einen ernsthaften und gehaltvollen Sinn, wenn man darunter die Verantwortlichkeit des Menschheitsgeistes versteht.
Weiter Texte und Bücher von Karl Ballmer, sowie weitere Information über sein Leben und Wirken, sind auf Website von Edition LGC erhältlich.
[i] 2016 ist im Art. 319ff. OR ausschliesslich von «Arbeitgeber» und «Arbeitnehmer» die Rede. Der Dienst erscheint noch in «Leistung von Arbeit im Dienst des Arbeitgebers» und in den «Dienstjahren»
[ii] 2016 lautet der Art. 319, Abs.1 u. 2 OR: «(1)Durch den Einzelarbeitsvertrag verpflichtet sich der Arbeitnehmer auf bestimmte oder unbestimmte Zeit zur Leistung von Arbeit im Dienst des Arbeitgebers und dieser zur Entrichtung eines Lohnes, der nach Zeitabschnitten (Zeitlohn) oder nach der geleisteten Arbeit (Ak- kordlohn) bemessen wird. (2) Als Einzelarbeitsvertrag gilt auch der Vertrag, durch den sich ein Arbeitnehmer zur regelmässigen Leistung von stunden-, halb- tage- oder tageweiser Arbeit (Teilzeitarbeit) im Dienst des Arbeitgebers verpflichtet.»
[iii] Heute haben wir statt einen Arbeiter einen Nehmer der Arbeit und statt einen Leiter der Arbeit einen Geber der Arbeit , s. Fussnoten 1 und 2.