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The Message is the Massage
Wenn ich einer anderen Person etwas mitteilen will, will ich sie überzeugen, einschüchtern, täuschen, für mich gewinnen oder was auch immer. Ich will sie „kneten“ – griechisch: „mássein“. Das heisst, Informieren und Massieren sind zwei Seiten ein und derselben Münze. The Message is the Massage.
Die These ist nicht neu. Der Titel von McLuhans modernem Medienklassiker lautete bekanntlich aufgrund eines Druckfehlers „The Medium is the Massage“. Später doppelte Paul Watzlawick mit einer weiteren These nach: Es ist unmöglich, nicht zu kommunizieren. Was man auch interpretieren kann als: Es ist unmöglich, nicht zu manipulieren. Schliesslich wiesen Biologen wie John R. Krebs und Richard Dawkins auf die evolutionären Wurzeln des Manipulierens hin: „Wir unterscheiden zwei Ansichten der Evolution von Tiersignalen. Die eine, die wir als die klassische bezeichnen, betont die Kooperation zwischen Individuen. (…) Die andere Ansicht, die wir vertreten, betont die Kompetition. (…) Die Selektion bevorzugt Individuen, die das Verhalten anderer Individuen erfolgreich manipulieren, sei dies zu deren Vorteil oder Nachteil.“
Die drei Bullshit-Probleme
Unser aktuelles Kommunikationsverhalten lässt auf weiten Gebieten sozialen Lebens – und das heisst immer mehr: in den sozialen Netzwerken – den Charakter der freien Wildbahn erahnen, in Anlehnung an Nietzsche: den Willen zur Manipulation. Es herrscht ein Selektionsdruck, unter dem man nur durch Täuschen, Tricksen, Faken: durch „Massieren“ des anderen erfolgreich besteht. Die Spezies der Leugner, Spinner, Zyniker und Trolle breitet sich aus. Unsere Ethologie gleicht sich jener der anderen Tiere an.
„Massieren“ statt wahrheitsgetreu informieren nennt man heute „bullshitten“. Es hat sich zum allgegenwärtigen dominanten Kommunikationsstil gemausert. Nicht nur die physische Erdatmosphäre umhüllt uns jetzt, sondern neuerdings die intellektuelle Bullshitsphäre, und sie stellt uns zusehends vor ein geistiges Klimaproblem, genauer gesagt, vor drei Probleme: Produzieren von Bullshit ist leicht, Entsorgen von Bullshit dagegen unverhältnismässig schwieriger; der „Beweis“ von Bullshit braucht wenig Grips, seine Widerlegung dagegen sehr viel; viraler Bullshit verbreitet sich schneller als alle Korrektur- und Widerlegungsversuche.
In der Zwitschermaschine
„Massieren“ findet heute sein adäquatestes mediales Format im Twittern. Wir leben in einer Zwitschermaschine. Paul Klees Bild „Zwitscher-Maschine“, eines der populärsten Kunstwerke der Moderne, zeigt vier abstrahierte Vögel auf einer Stange, die sich durch eine Kurbel drehen lässt. Die Vögel zwitschern in verschiedene Richtungen, und es ist nicht auszumachen, ob daraus ein konzertierter Gesang oder eine Kakophonie resultiert. Eigentlich zwitschern nicht die Vögel, so suggeriert das Bild, vielmehr sind die Vögel und ihr Gezwitscher Komponenten eines leblosen, mechanischen Getriebes.
Eine Aktualisierung des Bilds wäre heute eine Reihe von Menschen, die alle auf ihr Handy starren und twittern. Die perfekte Allegorie für die Megaplattform. Auf der Stange von Twitter sitzt mittlerweile rund die Hälfte der Weltbevölkerung. Niemand treibt die Stange an, nur das Gezwitscher und Wiedergezwitscher der darauf sitzenden Vögel selbst. Ein Perpetuum mobile der Kommunikation.
Aufmerksamkeits-Junkies
Twitter: das ist die Massage-Maschine par excllence. Sie basiert auf Schnelligkeit, Interaktivität, Formlosigkeit, ja, Regelverachtung. Die einzige Vorgabe lautet: höchstens 240 Zeichen. Ich sage damit nicht, dass sich nicht kluge Sätze von Tweetlänge formen lassen, aber in der Regel spielt der Inhalt eine untergeordnete Rolle. Wichtig für die Zwitschervögel ist die dopaminbefeuerte kollektive Dauerekstase, das Nicht-ganz-bei-sich-Sein.
Eine wichtige Komponente des „Massierens“ ist das Schinden von Aufmerksamkeit. Die Zwitscher-Maschine ist ein Automat für den Aufmerksamkeits-Junkie. Wie den süchtigen Spieler treibt ihn die perverse Lust an, den Einsatz ständig zu erhöhen, ja, vielleicht seine Existenz aufs Spiel zu setzen. Er wirft ein paar Zeichen um sich. Das Netz antwortet, wer man ist und welches Publizitäts-Schicksal man zu erwarten hat, anhand der Arithmetik von Kommentaren und Klickraten. Jedem steht der grosse Gewinn offen. „Going viral“ oder „Trending“ sind das Äquivalent für den Geldregen am Spielautomaten.
Aber der Gewinn ist tückisch ambivalent. Manchmal erweist er sich als der schlimmstmögliche Ausgang. Das milde Like-Hoch kann abrupt und unberechenbar einem Sturmtief der Wut und Empörung weichen. Niemand ist vor solchen Wetterschwankungen gefeit. Und vor allem: Wenn man die Entscheidung, wer man ist, anderen überlässt, kann dies fatale Folgen haben. Nehmen wir den fiktiven Fall, ich sei momentan gerade sehr „angesehen“. Nun setzt zum Beispiel ein Troll einen Tweet über mich in Umlauf, der behauptet, ich hätte mich rassistisch geäussert. Er verbreitet sich viral, und im Nu bin ich ein Rassist. – Es gibt zahlreiche Fälle, in denen Hassmails, Todes- oder Kastrationsdrohungen zu Suiziden führten.
Bullshitten als Kompetenz
Zu den Zeichen der Zeit gehört es, dass die Forschung sich vermehrt mit der Frage zu beschäftigen beginnt, ob denn am Bullshitten nicht doch respektable soziale Kompetenzen zu erkennen seien. Nachgerade symptomatisch scheint mir der Titel einer kürzlich erschienenen Publikation (Preprint) von kanadischen Psychologinnen und Psychologen zu klingen: „Bullshit Ability as an Honest Signal of Intelligence“. In der Konklusion liest man: „Wir stellen fest, dass jene, die geschickter sind, befriedigenden (…) Bullshit zu produzieren, auf einer Skala kognitiver Fähigkeiten höher rangieren und auch von anderen als intelligenter wahrgenommen werden.“ „Befriedigend“ ist der Bullshit dann, wenn er nicht gleich als solcher erkannt wird.
Als erste Reaktion neigt man dazu, den Artikel selber in die Kategorie des wissenschaftlichen Bullshits einzuordnen: Ehrlicher Bullshit, ist das nicht das berüchtigte hölzerne Eisen? Bis eine Fussnote aufklärt: In der Ethologie bezeichnet man ein Signal als „ehrlich“, wenn es akkurate Information über verborgene Eigenschaften eines anderen Organismus enthält. Ein Frosch signalisiert durch seine grelle Färbung „ehrlich“ seine Giftigkeit und schreckt den potenziellen Feind ab. Ein unehrliches Signal wäre die Färbung bei einem ungiftigen Frosch. Er täuscht damit den Feind – was für das Überleben natürlich ebenso wichtig sein kann. Beide sind „massierende“ Manöver, bringen Vorteile in der evolutionären Selektion.
Kritik der „massierenden“ Intelligenz
Die Autorinnen und Autoren scheinen mit einem medialen und sozialen Selektionismus zu liebäugeln, und darin sind sie völlig zeitgeistig. Wie auch immer, manipulative Taktiken erweisen sich sicher da als vorteilhaft, wo der Erfolg von der Geschicklichkeit abhängt, andere zu „massieren“. Also heute nahezu überall. Und es gibt zweifellos eine eindrückliche „massierende“ Intelligenz. Beispiele zu nennen erübrigt sich.
Irritierend ist freilich, wie stark jetzt der Hauptakzent auf dieser Intelligenz liegt und nicht so sehr auf ihrem Gegenmittel: der Fähigkeit, die „Massage“ zu erkennen. Bullshit zu identifizieren ist eine private Sache, Bullshit zu benennen ein öffentliche. Deshalb genügt der blosse Ausruf „Bullshit!“ nicht. Denn so wirft man nur mit dem Dreck um sich, den man beseitigen möchte.
„Calling Bullshit“ lautet der Titel eines neuen Buches, geschrieben vom Biologen Carl Bergstrom und vom Informatiker Jevin West: den Bullshit benennen. Das ist Fanal und anspruchsvolles Programm zugleich. Es braucht zahlreiche Fähigkeiten, um sich vom Unrat an „massierender“ Information loszustrampeln, angefangen damit, dass man im gegenwärtigen Gezwitscher wieder mehr als 300 Zeichen lesen kann, über die Fähigkeit, Diagramme und statistische Numerologien zu interpretieren, wissenschaftlichen Behauptungen, die nur auf Korrelationen beruhen, mit Skepsis zu begegnen, bis zum Misstrauen gegenüber den Versprechen von Big Data, speziell den oft exorbitanten Visionen der Künstlichen Intelligenz. Die Liste liesse sich fortsetzen.
Die heutige Öffentlichkeit mutiert zu einem riesigen Massagesalon. Man könnte sagen, das sei der Strukturwandel, den Jürgen Habermas schon 1962 diagnostizierte. Bedenklich ist, dass die standardmässige Entgegnung auf Kritik am Massagesalon immer öfter lautet: „Was ist denn schlecht daran?“ Diese Hinnahme der Meinungsmanipulation zeigt an, wie tief wir schon im Dreck stecken – und wie freudig wir ihn auch noch zelebrieren.