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Am 14. Oktober 2016 fand im Progr in Bern die mittlerweile 8. infoclio.ch-Tagung statt. Die hochkarätigen Rednerinnen und Redner referierten vor rund 50 Teilnehmenden zum Thema 'Zeitregime und Geschichtswissenschaften' und zeigten dabei in sehr unterschiedlichen Beiträgen, dass mit der Synchronisation und Koordination verschiedener Zeitsysteme zu einem einheitlichen Zeitregime gleichzeitig auch neue Asynchronitäten und Inkompatibilitäten entstanden.1
Die Tagung wurde von ENRICO NATALE, dem Leiter von infoclio.ch, eröffnet. In der ersten Session 'Aufstieg und Niedergang des modernen Zeitregimes' stellte FRANZISKA METZGER (PH Luzern) die 'Diskurse der Zeit in der Geschichtsschreibung im 19. und 20. Jahrhundert' vor. In ihrem medientheoretischen Vortrag zeigte sie die Verschiebung von einer eindimensionalen Entwicklungsvorstellung zum Verständnis einer temporalen Mehrschichtigkeit der Zeit in der Geschichtsschreibung auf. Noch in der Sattelzeit um 1800 sei ein Metadiskurs um die zeitliche Kontinuität von Vergangenheit in der Gegenwart als Vorstellung einer zusammenhängenden und fortschreitenden Entwicklung geführt worden. Gegen Ende des 19. Jh. seien dann die im Rahmen der Nation oder anderen Gemeinschaften geführten sakralisierenden, homogenisierenden und gleichzeitig exkludierenden Masterdiskurse durch Fortschrittskritik und Krisendiskurse aufgebrochen worden. Folglich hätte sich in der Geschichtsschreibung ein Verständnis entwickelt, wonach die von ihr verwendeten narrativen Muster selbst Zeitkonfigurationen hervorbringen würden. Metzger wies auf vier Mechanismen hin, die temporale Diskurse in der Geschichtsschreibung strukturieren und modellieren würden: die Kontinuitätskonstruktion mit kontinuierlichen, zielgerichteten historischen Narrativen; die Synchronisierung von Zeit durch Überblendung von unterschiedlichem Vergangenem und Gegenwärtigem; die Entzeitlichung durch Präsenz von Vergangenem, beispielsweise durch das Verbinden von verstorbenen Personen mit der heutigen Zeit. Aus dieser Verschränkung von Raum und Zeit entstehe schliesslich der Effekt der Mythisierung.
BERHARD SCHÄR (ETH Zürich) bettete in seinem Vortrag 'Pfahlbauer auf Sulawesi. Wissenschaft und koloniales Zeitregime in der Schweiz' die Erfindung der Zeit im 19. Jh. in den imperialen Kontext ein und zeigte die enge Verknüpfung der Zeitvorstellungen mit den Naturwissenschaften und der Paläontologie. Mit dem Aufkommen neuer Entwicklungstheorien, etwa Darwins Evolutionstheorie, ging eine Veränderung von einer biblischen zu einer säkularisierten Zeitvorstellung einher, die sich an den Wissenschaften orientiert und in der die Menschheitsgeschichte viel weiter zurückreicht. Ausgehend von zwei Basler Forschungsreisenden, die im späten 19. Jh. ein Dorf in Sulawesi mit einer schweizerischen Pfahlbausiedung verglichen, ging Schär der Frage nach, wie das Wissen über die Pfahlbauer produziert worden ist. Die Objekte aus den Pfahlbauentdeckungen wurden in den 1850er Jahren systematisch mit den Sammlungsobjekten verglichen, die die Forschungsreisenden aus der ganzen Welt in die Schweiz gebracht hatten. Steine, Pflanzen, Tiere und ethnographische Objekte sollten in den Natur- und Völkerkundemuseen jener Zeit die Pluralität der Welt repräsentieren und als Forschungsobjekte dienen. Basierend auf der Annahme, dass alle Gesellschaften dieselbe lineare Entwicklung durchlaufen, sich aber in unterschiedlichen Stadien befinden würden, liessen sich die Pfahlbauforscher bei der Interpretation der Entdeckungen zudem von den Darstellungen der Forschungsreisenden über die aussereuropäischen Gesellschaften inspirieren. Dabei hätten die Forscher aus einer kolonialistischen Sichtweise argumentiert, die den Westen technisch und zivilisatorisch als fortschrittlicher betrachtete. Schär hat in seinem Vortrag gezeigt, dass die schweizerische Pfahlbauforschung des 19. Jh. Teil eines internationalen imperialistischen Wissenschaftsdiskurses war, der seinerseits wieder auf die Positionierung des Westens zurückgewirkt hat. Besser nachvollziehbar wurden Schärs Ausführungen nach dem Beitrag von Gabriele Balbi und Maria Rikitianskaia sowie dem Referat von Jakob Messerli.
Über 'Wireless telegraphy and synchronisation of time. A transnational perspective' sprach MARIA RIKITIANSKAIA (Universität der Italienischen Schweiz). GABRIELE BALBI (ebendort) ergänzte mit einer kurzen Einleitung und einem Schlusswort ihre Ausführungen. Rikitianskaia erläuterte, wie die Vereinheitlichung und Koordination von Zeitsignalen in der Telegraphie der Normierung der Zeit zum Durchbruch verhalfen. Als Mediatoren hätten hauptsächlich die Uhrenmacher fungiert, weil sie die internationalen Zeitsignale in ihr Produkt – die Uhr – implementierten. Familien sassen zusammen, um gemeinsam ihre Uhren nach den per 'Radio' übertragenen Zeitsignalen auszurichten. Aviatik, Meteorologie, Seismologie oder Alarmierungsprozesse waren auf diese einheitlichen Zeitsignale angewiesen und forcierten die Normierung der Zeit.
JAKOB MESSERLI (Bernisches Historisches Museum) lieferte mit seinen Ausführungen darüber, 'Wie die Schweiz auf die gleiche Uhrzeit kam', quasi die Vorgeschichte zu Rikitianskaias Vortrag – zumindest was die Schweiz anbelangt. Seinen Fokus legte er auf die Zeit, die als astrologisches Phänomen mit gesellschaftlich (unterschiedlich) festgelegter Einteilung aufzufassen ist. Messerli stellte die verschieden und voneinander teils erheblich abweichenden 'Standardzeiten' vor, die im 19. Jh. zur Unterteilung eines Tages verwendet wurden: die italienische Zeit (nur im Tessin), die ‚wahre’ und die mittlere Zeit, die Berner und Pariser Zeit sowie die vielen lokalen Standardzeiten. Unterschiedliche Zeiteinteilungen waren unproblematisch, so lange die Kommunikation langsam war. Die Verbreitung von Telegraphie, Eisenbahn und Taschen- oder Armbanduhren sowie die immer stärkere Einbindung der Schweiz in einen internationalen Wirtschaftsraum erforderte 1884 schliesslich die Standardisierung mit der International Meridian Conference in Washington D.C. In der Schweiz wurde erst 1980, mit der Einführung der Sommerzeit, die geltende Zeit gesetzlich geregelt.
Auch im Vortrag 'L'avènement de la synchronisation entre demande et production du temps' von GIANENRICO BERNASCONI (Universität Neuenburg) war die Synchronisation und Koordination der Zeit das zentrale Thema, das inhaltlich vor allem an die Ausführungen von Rikitianskaia und Balbi anknüpfte. Für Bernasconi war das 19. Jh. deshalb wegweisend, weil die Zeit zu einem tragbaren und verkaufbaren Produkt wurde. Durch die neuen Möglichkeiten der Verwendung der transportablen Uhr und Zeitmessgeräte, etwa der Stempeluhr, sei der Mensch unter die Kontrolle der Zeit geraten, was mannigfaltige gesellschaftliche Auswirkungen mit sich brachte. Beispielsweise mussten Feierabend, Überstunden oder Ferien für Arbeitnehmer neu oder erstmals geregelt werden. Bernasconi wies anhand der vier Beispiele Militär, Eisenbahn, Billiguhr und Armbanduhr darauf hin, wie sich die Synchronisierung der Zeit allmählich durchsetzte und gegen Ende des 19. Jh. in den technisch hochentwickelten Ländern fast abgeschlossen war.
STEFAN NELLENs Referat, von ANDREAS KELLERHALS (beide Bundesarchiv) eingeleitet und abgerundet, galt dem Thema 'Informationmanagement as time production'. Zeitregime in der Verwaltung zeigen sich vor allem durch Aktenführung und Records Management als Instrumente permanenter Aktualisierung – jeder Verwaltungsakt produziert Akten als zentrales Produkt des Verwaltungshandelns. Fristen und Termine sind einzuhalten, was durch eine systematische, priorisierte, spezialisierte und chronologische Arbeitsweise ermöglicht wird. Schriftlichkeit sei dabei zwar ein terminsparendes (die Bearbeitung kann zu einem beliebigen Zeitpunkt erfolgen), aber kein zeitsparendes Hilfsmittel. Sie würde nur einen Zeitpuffer und damit eine Ungleichzeitigkeit schaffen. Weitere Hilfsmittel wie Registraturpläne und Records Management Systeme ermöglichen eine synchrone Verwaltungstätigkeit, in der die Akten und Informationen systematisch abgelegt und wieder gefunden werden können. Dabei fungieren die Hilfsmittel als Zeitmaschinen, die vorausschauend entscheiden, welche Informationen überhaupt und für wie lange archiviert werden.
Im Vortrag 'Société, instruments et temporalité' hat MARC RATCLIFF (Universität Genf) aufgezeigt, wie Instrumente und Techniken den Bezug der Menschheit zur Temporalität veränderten. Techniken sind gesellschaftliche und kognitive Konstrukte, deren Verbreitung in der Gesellschaft Zeit braucht. Bevor sich neue Techniken etablieren, muss die Gesellschaft erst ihre Nützlichkeit erkennen. Zudem können Innovationen auch Funktionen übernehmen, die der Erfinder nicht intendiert hatte. In der Weiterentwicklung einer Technologie wird deren Funktion selten fallen gelassen, sondern mit neuen Funktionen ergänzt. Die kurzlebige Technik des Gänsekiels wurde beispielsweise durch den praktischeren Füllfederhalter ersetzt, ohne dass sich dabei die Funktion verändert hat. Die Gründe für die Akzeptanz einer Technik seien häufig schwer nachvollziehbar. Die Nützlichkeit des Mikroskops etwa wurde erst über 200 Jahre nach dessen Erfindung von der Wissenschaft erkannt und diese Technik fortan als Instrument in der breiteren Gesellschaft verwendet. Neue Technologieformen nehmen zwar exponentiell zu, aber die Entwicklung gehe tendenziell von langlebigen zu kurzlebigen Techniken; insbesondere Kommunikationstechnologien weisen sehr kurze Entwicklungsschritte auf. Je höher die Innovationsdichte einer Gesellschaft, desto kürzer seien die Lebenszyklen einer Technik.
Mit dem Vortrag '"Die Alamannen kommen!" – Numismatik des 3. Jahrhunderts n. Chr. und ihre Interpretation' zeigte RAHEL ACKERMANN (Inventar der Fundmünzen Schweiz) auf, warum historisch gewachsene Zeitkonstrukte immer wieder von neuem hinterfragt werden müssen. Noch immer wird an Schulen gelehrt, dass Fundmünzen aus dem 3. Jh. wie der Schatz von Ueken ein Beweis für einen 'Alamannensturm' auf die Schweiz in jener Zeit seien. Ackermann dekonstruierte diese Geschichtserzählung, indem sie die Zirkulationszeit von Münzen und die Gründe zum Vergraben von Horten differenziert in den Blick nahm. Münzen sind aus verschiedenen Gründen vergraben worden, nicht nur während Kriegen, sondern weil es keine Banken gab beispielsweise auch zum Sparen, zur Spekulation oder zum Schutz vor dem Zugriff der Erben. Auch die Geldpolitik des 3. Jh. verleitete manchen, der es sich leisten konnte, Münzen zu vergraben, in der Hoffnung, die Silbermünzen hätten nur vorübergehend an Wert eingebüsst. Horte waren nichts Aussergewöhnliches und sind nicht zwingend auf eine kriegerische Auseinandersetzung zurückzuführen. Wenn Kriege nicht allein durch Schatzfunde belegt werden können, so bleibt auch die Geschichte des Alamannenstrums unhaltbar.
Dass selbst Begriffe wie Zeit oder Gegenwart problematisch sind, legte WOLFGANG ERNST zu Beginn seines Referats '"Algorithmisierte Klio“: Technische Chronopoetik versus klassische Geschichtszeit' dar. Mit dem Schlagwort 'post-contemporary' werde das Konzept der Zeitlichkeit im Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart selbst in Frage gestellt. Auch das Konzept der Zeit als dominanter Organisationform sei aufgrund der massiven Beschleunigung durch das Digitale nicht länger brauchbar – die Technik mache neue Zeitverhältnisse sichtbar. Die Medienarchäologie nimmt diese Zeitkritik auf und schlägt eine Identifizierung der mikrozeitlichen Ereignisse vor, die nur mit Begriffen aus der Elektrotechnik und der Informatik erfasst werden können. Mit einem Bündel von neuen Begriffen aus der Chronopoetik werden neue Zeitkonzepte beschreibbar, die nicht-linear verlaufen und auch Verkapselungen, Sprünge und Verschachtelungen fassbar machen. Für die Geschichtswissenschaft bedeute dies, Alternativen zum historischen Zeitbewusstsein zugunsten anderer Prozessualitäten zu finden. Da das Gehör das sensibelste Informationsorgan des Menschen ist, sei die Sonifizierung von grossem Interesse, denn mit dem Klang als Zeitform könnten die Einzelschwingungen eines Objekts in einen Frequenzbereich überführt (Jean Baptiste Fourier) und algorithmisch verarbeitet werden. Daraus entstehe die Maschinen- oder technische Zeit, die aber durch Zwischenspeicherungen in sich selbst zeitkritisch sei. Die Geschichtswissenschaft hat sich, so das Plädoyer von Wolfgang Ernst, mit den technischen Begriffen auseinanderzusetzen, die für ein neues Begreifen von Zeit hilfreich sind.
FRÉDÉRIC KAPLAN (Universität Lausanne) referierte über 'La modélisation du temps dans les Digital Humanities'. Die Modellierung und Virtualisierung der Welt ist als Algorithmisierung zu verstehen. Die Zeit habe darin jedoch ihren Platz noch nicht gefunden, was sich an der zunehmenden Inkompatibilität zwischen Darstellung von Gegenwart und Vergangenheit zeige. Beispielsweise suggeriert ein Bild von Google Maps den Ist-Zustand eines Gebäudes, obwohl dieses sich seit der Aufnahme verändert hat. Zum Entstehungsmoment sind aber keine Informationen vorhanden. Um die Vergangenheit zurückzugewinnen seien nicht nur archivierte Dokumente zu interpretieren, sondern Dokumente zu digitalisieren und gleichzeitig zu simulieren, um Lücken zu füllen. Im zweiten Teil stellte Kaplan den aktuellen Stand des Projektes 'Venice Time Machine' vor. Er zeigte, wie mit Netzwerk- und Textanalysen aus dem grossen Bestand an überlieferten und digitalisierten Dokumenten in venezianischen Archiven ein Quartier mit seinen Gebäuden, Personen, seinem Wirtschaftsbetrieben und anderen Institutionen virtualisiert und teilweise simuliert werden kann. Hier zeigt sich konkret, wie Informationen auf der Zeitachse und im Raum synchronisiert werden und welchen Nutzen sie für die Forschung und auch für Ausbildungsinstitute haben können.
Mit dem letzten Vortrag wurde die Tagung geschlossen. Leider wurden die sehr unterschiedlichen Beiträge nicht wie in vorangehenden Tagungen in einer Diskussionsrunde oder einem Podiumsgespräch zusammengeführt. Damit hätte der eine oder andere Zusammenhang zwischen den Referaten oder die thematischen Schwerpunkte hervorgehoben werden können – sodass die Beantwortung der eingangs gestellten Frage, ob die Zeit wirklich aus den Fugen geraten sei, etwas leichter fallen würde.
Session 1: Aufstieg und Niedergang des mordernen Zeitregimes
Franziska Metzger, PH Luzern – Diskurse der Zeit in der Geschichtsschreibung im 19. und 20. Jahrhundert
Bernhard Schär, ETH Zürich – Pfahlbauer auf Sulawesi. Wissenschaft und koloniales Zeitregime in der Schweiz
Session 2: Das Zeitalter der Synchronisation
Gabriele Balbi et Maria Rikitianskaia, Università della Svizzera italiana – Wireless telegraphy and synchronisation of time. A transnational perspective
Jakob Messerli, Bernisches Historisches Museum – Wie die Schweiz auf die gleiche Uhrzeit kam
Gianenrico Bernasconi, Université de Neuchâtel - L’avènement de la synchronisation entre demande et production du temps (1850-1910)
Session 3: Informationsmanagement als Zeitproduktionsmaschine?
Andreas Kellerhals, Schweizerisches Bundesarchiv – Informationmanagement as time production
Marc Ratcliff, Université de Genève – Société, instruments et temporalité
Rahel Ackermann, Inventar der Fundmünzen der Schweiz – «Die Alamannen kommen!» - Numismatik des 3. Jahrhunderts n. Chr. und ihre Interpretation
Session 4: Temporalitäten der digitalen Medien
Wolfgang Ernst, Humboldt Universität, Berlin– «Klio digital»: Technische Chronopoetik versus klassische Geschichtszeit
Frédéric Kaplan, EPF Lausanne – La modélisation du temps dans les Digital Humanities