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Herbert Büttiker, Der Landbote (14.02.2006)
Sehr viel Happy End zeigte sich am Ende auf der Bühne nicht: umso mehr im Publikum, das alle Beteiligten der «Finta Giar diniera» im Opernhaus Zürich mit Applaus überschüttete.
Das Dramma giocoso, das Mozart für das Hoftheater in München 1784 komponierte, folgt mit den sieben Protagonisten und ihren verwickelten Liebesangelegenheiten zwar dem gängigen Muster der Opera buffa der Zeit, aber zuletzt akzentuiert die Zürcher Inszenierung, dass da einige Gewichte verschoben sind. Ausgeblendet wird, dass das Libretto drei glückliche Paare vorsieht. Arminda, die Gentildonna Milanese, sollte nun doch den Cavaliere Ramiro nehmen, weil sich die Hoffnung auf Belfiore zerschlagen hat, und der Diener (Nardo respektive Roberto) sollte endlich die Kammerzofe Serpinetta bekommen, die eigentlich den Podestà haben wollte. Nichts davon. In den Armen halten sich hier nur die Marchesa Violante Ornesti und der Contino Belfiore.
Das Happy End bleibt dem Paar vorbehalten, dessen Verbindung geradezu unwahrscheinlich anmutet: Die bieden haben sich geliebt, aber Belfiore hat Violante in einem Eifersuchtsanfall verletzt, tödlich, wie er und alle Welt glauben. Violante taucht unter, hegt aber die Hoffnung auf Versöhnung, weil sie Belfiore noch immer liebt. Dass sie ihn am Hof des Podestà, wo sie als Gärtnerin namens Sandrina arbeitet (und von diesem bedrängt wird), ausgerechnet als Bräutigam von dessen Nichte Arminda wieder begegnet, ist ein harter Schlag. Ohnmacht, Wahnsinn und Heilschlaf sind die Stationen zum glücklichen Ende.
Vifes Buffa-Ensemble
Da ist also mehr als der Knoten einer üblichen Komödienverwicklung zu lösen, und wie Mozart den konventionellen Buffogeist zwar bedient, aber auch ins Innerste von verstörten Menschenseelen vorstösst, macht «La Finta Giardiniera» des Achtzehnjährigen zu einem erstaunlichen Werk – mit vielen Momenten grosser Musik in den Arien Sandrinas, in den Duetten mit Belfiore, in den Finali. Vieles weist über die Sphäre der Komödie weit hinaus. Aber für diese ist auch gesorgt, und auf der Opernhaus-Bühne lebt sich ein versiertes und vifes Buffa-Ensemble nach allen Regeln dieser Kunst auch aus, manchmal ausufernd (von 23 Kavatinen und Arien sind nur drei gestrichen), aber doch immer wieder köstlich: Rudolf Schasching als cholerischer Podestà erklärt Sandrina seine Gefühle bis zur Erschöpfung im Gleichnis mit dem Orchester (Instrumenten-Arie), Oliver Widmer als schwerenöterischer Nardo versucht Serpinetta in italienischer, englischer und französischer Manier zu beziren (Nationalitäten-Parodie), Julia Kleiter als kecke Serpinetta verkündet im Andante grazioso die Philosophie des leichten Lebens, und Isabel Rey als dominante Arminda zeigt im Allegro agitato mit komischem Effekt ihre Krallen.
Vereinigung im Klang
Auch Belfiore hat mit der Registerarie (er blufft mit seiner Abstammung) eine typische Buffa-Nummer, und diese oft als unstimmig betrachtete Tatsache nutzt die Inszenierung sehr schön zur Deutung dieser Figur: In der Maske des Dandys, aber tief Verunsicherten tritt Belfiore zuerst in Erscheinung. Die Klärung der Gefühle, um die es dann geht, ist ein musikalischer Weg vom Spielerischen ins Lyrische, den Christoph Strehl mit biegsam schlankem Tenor in berührenden Tönen beglaubigt.
Schön, wie sich diese Belfiore-Stimme mit derjenigen der Sandrina trifft. Ihr gibt Eva Mei von Beginn weg mit Rundung und Feinzeichnung den Zauber der empfindsamen Seele. Mit Anmut bewältigt sie das ganze Spektrum der Partie von der liedhaften Schlichtheit («Noi donne poverine») zum entrückten Arioso («Geme la tortorella») und aufgwühlten Accompagnato («Crudeli fermate»). Wie sich dann Im Duett-Finale, das im Zusammenspiel durchbrochener Gesangslinien und instrumentaler Zwischenrede alles Unsagbare mitkomponiert, die Stimmen verbinden, ist einer jener wunderbaren Opernmomente, die einem Mozart schenkt.
Die Klangsprache des Orchesters, die Nikolaus Harnoncourt mit dem historischen Instrumentarium des Orchesters «La Scintilla» farben- und akzentreich herausarbeitet, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Im angehobenen Orchestergraben ist es in seiner agilen Eloquenz sehr, da und dort wohl auch zu sehr präsent. Von Seiten der Inszenierung bewährt sich gerade im musikalischen Glücksmoment die Behutsamkeit, die im Ganzen waltet. Tobias Moretti forciert den Komödientrubel nicht. Auch wenn einer auf einen Kaktus sitzt oder auf allen vieren die Szene verlässt, haben die Gags immer etwas nur Beiläufiges und Leises.
Unklar statt verklärt
Es gibt auch Umständliches, etwa im Hantieren mit Requisiten, im Gang auf den offenbar trotz High-Tech-Standards nur schwer zugänglichen Handlungsraum. Rolf Glittenberg hat als Schauplatz einen Innenhof im kühlenr und klaren Architekturdesign von heute geschaffen. Heutiges Prêt-à-porter, collagiert und ironisert, dient entschieden der Charakterisierung (Kostüme: Renate Martin / Andreas Donhauser). Für den Cavaliere Ramiro gilt das wohl nicht, und vielleicht ist die pubertäre «Verkleidung» auch der Grund, dass diese Figur trotz Ruxandra Donoses musikalisch durchaus starker Präsenz nich recht zu fassen ist. Wie er im Finale des 2. Aktes als Lichtbringer eine Schlüsselrolle spielt, bleibt unklar, wie überhaupt diese ganze Szene, in der sich die Figuren in Wildnis und Dunkelheit verfehlen und begegnen, in der Sandrina und Belfiore sich im Wahnsinn der Wirrnis entziehen, ein wenig enttäuscht. Die Bühne wird mit einer weiteren Wand verstellt. Die Figuren werden verdoppelt, aber das Misterioso der Lebensszenerie von Mozarts «Sommernachtstraum» will sich nicht so recht einstellen.