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Die akute Pankreatitis (aP) ist eine Erkrankung, die aufgrund ihrer Morbidität und Mortalität mit erheblichen Belastungen auch für die Gesellschaft einhergeht. In den USA beziffern sich die Hospitalisierungskosten der akuten Pankreatitis auf mehr als 30.000 US$ pro Fall.1 Diese relativ hohen Behandlungskosten werden verständlich, wenn man berücksichtigt, dass die Mortalität der aP durchschnittlich etwa 1% beträgt, unter hospitalisierten Patient:innen jedoch auf Werte von bis zu 30–40% steigen kann. Kostentreibend wirken sich hier insbesondere die schweren Begleiterscheinungen der Erkrankung aus, wie etwa ein Organversagen oder auch die Pankreasnekrose.2
Die beiden häufigsten Ursachen der aP sind Gallensteine und Alkoholkonsum. Deutlich seltener spielen für die Ätiologie metabolische Störungen (Hypercalcämie, Hypertriglyzeridämie), Medikamenteneinnahme (insbesondere die zur Diabetes-Behandlung eingesetzten DPP-4-Inhibitoren und GLP-1-Rezeptorantagonisten), Autoimmunerkrankungen, iatrogene Faktoren (Post-ERCP-aP), Traumata, Infektionen sowie kongenitale und idiopathische Ursachen eine Rolle.3
Wissenschaftler der Universität Calgary in Kanada haben mittels einer Auswertung der Literatur erstmals die weltweite Entwicklung der Inzidenz der aP zu analysieren versucht.4 Dazu werteten sie insgesamt 34 regionale Studien aus, die die Inzidenz der aP jeweils für mindestens fünf Zeitpunkte innerhalb des Untersuchungszeitraums erfasst hatten (ein relativ strenges Einschlusskriterium, wie die Autor:innen in der Diskussion der Ergebnisse selbst anmerken). Da die Forschenden den gesamten archivierten und elektronisch verfügbaren Bestand der einschlägigen Literaturdatenbanken berücksichtigten, umfasste der Auswertungszeitraum die Jahre von 1961 bis 2016. Die Datenanalyse ergab dabei eine durchschnittliche weltweite Zunahme der Inzidenz der aP von 3,07% pro Jahr.
Soweit das zur Verfügung stehende Datenmaterial es zuließ, untersuchten die Wissenschaftler:innen darüber hinaus auch regionale, Geschlechts- sowie Unterschiede bzgl. der Inzidenz im Kindes-(< 18 Jahre) und Erwachsenenalter.
Bezüglich der regionalen Unterschiede zeigte sich einmal mehr das extreme Gefälle zwischen westlichen und anderen Weltregionen. Während aus Nordamerika vier Studien vorlagen, die eine jährliche Zunahme der aP-Inzidenz um 3,67% ergaben, und aus Europa 23 Studien eine jährliche Zunahme von 2,77% erbrachten, scheint die Inzidenz im asiatischen Raum (4 Studien) im Untersuchungszeitraum weitgehend stabil geblieben zu sein (Inzidenzabnahme um 0,28%/Jahr). Für Lateinamerika erfüllte nur eine Studie die Einschlusskriterien, für den gesamten afrikanischen Kontinent keine einzige – ein Gefälle in der regionalen Gesundheitsberichterstattung, das dringend angegangen werden sollte, wie die Autoren explizit und an hervorgehobenem Ort anmerken.
Ebenso unzulänglich seien Daten für die Inzidenzentwicklung bei pädiatrischen Patient:innen. Das sei umso bedauerlicher, als die Auswertung der entsprechenden Subpopulation eine jährliche Zunahme der Inzidenz um sogar 5,44% pro Jahr erbrachte, also eine deutlich höhere Inzidenzzunahme als bei Erwachsenen. Dieses Teilergebnis sollte, so die Studienautoren, unbedingt Anlass zu weiteren Untersuchungen sein.
Klarer sind die Ergebnisse hinsichtlich der beiden Hauptursachen der aP. Sowohl Erkrankungen mit biliärer als auch mit alkoholischer Genese haben in vergleichbarer Größenordnung zugenommen. Auch zwischen Frauen und Männern konnten keine signifikanten Unterschiede bezüglich der Inzidenzentwicklung festgestellt werden. (vgl. Abb. 1).
Abb. 1: Karte der weltweiten Inzidenzentwicklung der aP nach Iannuzzi et al.
Um die Zugänglichkeit ihrer Ergebnisse zu verbessern, haben die Autoren eine interaktive Karte erstellt, aus der Entwicklungen bei Subgruppen ebenso hervorgehen, wie die zu Grunde liegenden Studien. Diese Karte steht unter der Adresse: https://kaplan-acute-pancreatitis-ucalgary.hub.arcgis.com frei zur Verfügung.
Insgesamt wurde in rund drei Viertel der eingeschlossenen Untersuchung eine Zunahme der Inzidenz der aP beschrieben. Die Ursache dieser Inzidenzzunahme sei, so spekulieren die Autor:innen, vermutlich multifaktoriell.
So haben sich die klinischen Kriterien für eine Diagnose im Laufe der Zeit gewandelt, seien in Gestalt entsprechender Bluttests universeller verfügbar und zuverlässiger geworden. Das gelte auch für die Bildgebung bei vermuteter biliärer Ursache der aP. Zusammen könnten diese Entwicklungen eine Zunahme der Inzidenz bereits begründen.
Des weiteren hätten jedoch auch auslösende Risikofaktoren in der westlichen Bevölkerung zugenommen. Dazu gehörten ein höheres Alter, zunehmendes Übergewicht, der Alkoholkonsum und auch das Rauchen.
Schließlich seien auch methodologische Gründe als potentielle Erklärung für die zeitliche Entwicklung der Inzidenz denkbar, die in der Auswahl der berücksichtigten Studien begründet lägen.
Zusammenfassend bezeichnen die Autor:innen die Inzidenzzunahme jedoch durch die Studie als letztlich nicht eindeutig ableitbar. Weitere Studien seien hierfür erforderlich.
Referenzen:
1. Wadhwa V, et al. Health care utilization and costs associated with acute pancreatitis. Pancreas 2017; 46: 410-415. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28099261/
2. Petrov MS, et al. Organ failure and infection of pancreatic necrosis as determinants of mortality in patients with acute pancreatitis. Gastroenterology 2010; 139: 813-20. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28099261/
3. Forsmark CE, Vege SS, Wilcox CM. Acute pancreatitis. New England Journal of Medicine 2016; 375: 1972-1981. https://www.nejm.org/doi/10.1056/NEJMra1505202
4. Iannuzzi JP, et al. Global Incidence of Acute Pancreatitis is Increasing Over Time: A Systematic Review and Meta-Analysis, Gastroenterology 2021, doi: https://doi.org/10.1053/j.gastro.2021.09.043