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Tier des Jahres 2007: die Äsche
Das Tier des Jahres 2007 zeigt Flagge. Die Rückenflosse der Äsche ist auffallend gross und erinnert an eine Flagge, weshalb sie von den Biologen als «Fahne» bezeichnet wird. Flagge zeigt die Äsche mit ihrer Fahne auch sprichwörtlich, nämlich für befreite Flüsse. Wo das Wasser ungestört strömt und rauscht, fühlt sich der etwa 30 bis 50 Zentimeter grosse Süsswasserfisch wohl. Dass die Äsche in der Schweiz gefährdet ist, ist ein bedrohliches Zeichen für den Zustand unserer Bäche und Flüsse.
Äschen haben einen silbrig-glänzenden Körper, der mit gelben oder rötlichen Flecken und Streifen verziert ist. Der Fisch schimmert in verschiedenen Farben und gilt als einer der schönsten in seinem Verbreitungsgebiet.
Das äusserliche Erkennungszeichen der Äsche ist ihre imposante Rückenflosse, auch «Fahne» genannt, die mit dem Alter des Tieres immer grösser wird. Ältere Männchen werden wegen ihrer riesigen Rückenflosse auch als «Federäschen» bezeichnet.
Im «Fischerlatein» spricht man übrigens nicht von Männchen und Weibchen, sondern von «Milchnern» und «Rognern». Äusserlich unterscheiden sich die beiden Geschlechter vor allem durch die Rückenflosse, die bei den Männchen viel grösser wird als bei den Weibchen.
Die ausgewachsene Äsche wird etwa 30 Zentimeter bis einen halben Meter lang. Die grössten Exemplare können bis zu 70 Zentimeter erreichen und rund 3 Kilogramm Gewicht auf die Waage bringen. In Mitteleuropa erreichen die Fische ein Alter von bis zu 10 Jahren, in Skandinavien wurden schon Tiere mit 13 Lenzen gefangen. Diese gehören aber eindeutig zu den Methusalems unter den Äschen.
Der Lebenszyklus der Äsche beginnt im Frühling. Ende März bis anfangs April versammeln sich die geschlechtsreifen Fische im stark strömenden Wasser zur Massenhochzeit. Die Weibchen legen den Laich ins Kies, die Männchen geben den Samen dazu. Die Fischeier bleiben jetzt während rund drei Wochen im Kies liegen, bis die noch wenig entwickelten Larven schlüpfen. Diese ernähren sich in den ersten Tagen von ihrem Dottersack, der sozusagen als «Proviant» aus dem Ei mitgenommen wird. Wenn der Vorrat aufgebraucht ist, begeben sich die Larven im seichten Wasser mit schwacher Strömung auf die Suche nach Kleinlebewesen wie Mückenlarven und Mückenpuppen.
Die Äschenlarven entwickeln sich relativ bald zu Jungfischen, die ihren Speiseplan zunehmend erweitern. Nach zwei bis vier Jahren als Jungfische werden die Tiere geschlechtsreif. Die erwachsenen Äschen ernähren sich noch vielseitiger als die Jungfische: Die Bandbreite reicht von Köcherfliegenlarven bis hin zu Fischlaich anderer Arten. Auch in ihrer Grösse verändern sich die Äschen während der Entwicklung vom Jungfisch zum Erwachsenentier. Nach einem Jahr messen sie knapp 10 Zentimeter, bei guter Nahrungsgrundlage können Äschen bereits nach zwei Jahren über 30 Zentimeter lang sein.
Die «Äschenregion»
Äschen leben im Mittellauf von grösseren Flüssen. Mässige Strömung, steinig-kiesiger Untergrund und viel Sauerstoff im Wasser sind bezeichnend für diesen Lebensraum. Äschen sind in den Flüssen zwischen Voralpen und Flachland so typisch, dass die Biologen und Fischer statt von Fluss-Mittellauf auch von der «Äschenregion» sprechen. Oberhalb der Äschenregion befinden sich die gebirgigen Flussabschnitte der Forellenregion, der Flussunterlauf wird in Anlehnung an die hier vorherrschende Art der Barben als «Barbenregion» bezeichnet. Eine typische Aeschenregion in der Schweiz ist beispielsweise die Aare zwischen Thun und Bern. Zusammen mit den Äschen leben im Flussmittellauf Bachforellen, Elritzen oder Hasel.
Abwechslung ist das halbe Leben
Damit sich die Äsche in der nach ihr benannten Region wirklich überleben kann, benötigt sie einen Fluss mit Abwechslung. Erst Sandbänke, Nebenarme, Untiefen und unregelmässige Ufer machen ein Fliessgewässer zu einem Äschen-Gewässer. Je nach Lebensphase benötigt der Fisch nämlich verschiedene Lebensräume. Jungfische brauchen Abschnitte mit geringer Strömung und seichtem Wasser, die erwachsenen Tiere bevorzugen dagegen eine regelmässige und zügige Strömung. Besonders wichtig für die Äschen sind geeignete Laichplätze. Lockeres Kies in der genau passenden Grösse und dazu eine starke Strömung sind nötig, damit die Fische ihre Eier ablegen können.
Die Äsche gilt in der Schweiz als gefährdet; ein bedrohliches Zeichen für den Zustand unserer Bäche und Flüsse!
Die Äsche ist in der Schweiz gefährdet. Eine Studie des Bundes im Jahr 2002 zeigt, dass die Äschen-Bestände in den meisten der untersuchten Gebiete in den letzten Jahren abgenommen haben. Grund für ihre Gefährdung ist der Mangel an abwechslungsreichen Flüssen mit natürlichen Ufern und Nebenarmen. Kanalisierte und begradigte Flüsse mit Uferverbauungen bieten der Äsche keinen Raum zum Leben. Problematisch für die Fische ist auch die übermässige Nutzung unserer Flüsse für die Stromproduktion durch Wasserkraftwerke.
Verschlammte Laichgründe
Ausgerechnet die Äschenregionen sind auch für die Stromproduktion interessant. Das damit verbundene Stauen der entsprechenden Flussabschnitte für die Stromproduktion wirkt sich verheerend aus auf die sensible Äsche: Die Stauwehre sind nicht nur häufig unüberbrückbare Hindernisse, die Äschenpopulationen voneinander trennen, sie bremsen auch die Strömung. Dadurch lagert sich Schlamm ab, verstopft die natürlicherweise kiesige Sohle des Flusses und verunmöglicht so die Laichablage.
Ausserdem schwankt der Wasserstand unterhalb von Stauwehren während eines Tages erheblich. Wenn die Stromproduktion viel Gewinn verspricht, wird schnell viel Wasser abgelassen und Strom erzeugt. Bei tiefen Strompreisen bleibt das Wasser gestaut. Dieser Wechsel passiert oft mehrmals täglich. Das ist der sogenannte Schwall/Sunk-Betrieb. Entweder fliesst zu viel Wasser durchs Flussbett und die Lebewesen werden wie durch eine Flutwelle aus ihrem Lebensraum weggeschwemmt oder es fliesst zu wenig Wasser durchs Flussbett und die Wassertiere sitzen auf dem Trockenen und sterben den Erstickungstod. Für die Äsche ist dieser Wechsel zwischen Hoch- und Niedrigwasser verheerend. Vor allem in der Laichzeit. Damit es mit den Äschen in der Schweiz wieder aufwärts geht, stehen also auch die Kraftwerkbetreiber in der Verantwortung. Eine ökologische Nutzung der Wasserkraft mit ausgeglichenerem Restwasserbestand und einer gesetzlichen Regelung des Schwall/Sunk-Betriebs würde hier helfen.
Pro Natura lässt sein Tier des Jahres 2007 nicht im Restwasser stehen. «Befreit unsere Flüsse!» hat sich die Naturschutzorganisation auf die Flagge geschrieben und verhilft Flüssen zu mehr natürlicher Dynamik. In der ganzen Schweiz, vom Münstertal im Kanton Graubünden über den «Limmatspitz» im Aargau bis nach Genf, befreit Pro Natura Flüsse aus ihrem Betonkorsett. Renaturierungsprojekte, die oft direkt der Äsche zugute kommen. Wo sich das Wasser sein Bett selber gestalten kann und wo regelmässig überflutete Auenwälder entstehen, findet auch das Tier des Jahres 2007 einen Lebensraum.
Auch auf politischer Ebene ist Pro Natura aktiv. Als Anwältin der Natur setzt sich Pro Natura für mehr Restwasser in den Flüssen ein und eine verbindliche Regelung des künstlichen Flutens und Trockenlegens unserer Bäche durch den Schwall/Sunk-Betrieb. Ergänzend zum politischen Engagement steht die Förderung der ökologischen Nutzung der Wasserkraft beispielsweise über das Stromlabel «naturmade star», das für umweltverträglichen Strom steht.
Links
Quellen:
Baars Martin (et al.): Die Aesche. Hohenwarsleben 2001.
Baumgartner Hansjakob: Äschen brauchen kluge Wasserbauer. In: Umwelt Schweiz 4/2002.
Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Ed.): Populations d’ombres d’importance nationale. Berne 2002.
Ebel Guntram: Habitatsansprüche und Verhaltensmuster der Äsche Thymallus thymallus. Ökologische Grundlagen für den Schutz einer gefährdeten Fischart. Halle 200
Schweizer Vogelschutz (Hrsg.): Gänsesäger, Kormoran, Nase, Äsche & Co. Zurigo 1998.