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Seines ungewöhnlichen Aufbaus wegen beginnt das Buch selbst mit einem „Exposé“, das ich hier mit ein paar grundsätzlichen Informationen ergänzen möchte:
Der Text geht vom Gedanken aus, dass ich 1996 mit unserer Auswanderung auch meine Kindheitserinnerungen nach Kanada brachte. Ausgangspunkte für die Niederschrift sind Stichwörter und dazu oft auch Aufsätze, die ich von der zweiten bis zur vierten Klasse schrieb. Mit Einschüben und Zitaten möchte ich zeigen, wie einzelne Themen mich weiter begleiteten und wie in all den Jahren, in denen ich an diesem Projekt arbeitete, neue Lebenserfahrungen hinzukamen.
MEINE MITGEBRACHTE KINDHEIT
ERINNERUNGEN, EINSCHÜBE UND ZITATE
Einwanderungsbeamter: Sie bringen also Möbel, Haushaltgegenstände, Kleider, Bücher und eine Fotoausrüstung nach Kanada. Fällt Ihnen noch etwas Wichtiges ein, das nicht auf dieser Liste steht?
Ich: Ja. Meine Kindheit.
You are the only person who can be you.
(Dialog-Untertitel in Kiyoshi Kurosawas Film “Tokyo Sonata”)
She only nodded. „It’s all we are at the end. Our stories.“
(Richard Wagamese in seinem Roman „Medicine Walk“)
(Als ich vor Jahren das Wagamese-Zitat auf diese Seite setzte, nahm ich an, dass der bedeutende Ojibway Schriftsteller, Journalist und Storyteller noch lange leben würde. Am 11. März 2017 meldete CBC Radio seinen Tod. Richard Wagamese starb 61-jährig in Kamloops, Thompson-Okanagan, British Columbia. Er soll an einer Fortsetzung von „Medicine Walk“ geschrieben haben. Was Richard Wagamese jetzt ist, sind seine Geschichten.)
KRISTALLISATION
Als Kind bekam ich einmal zum Geburtstag einen Experimentierkasten „Kristalle“ geschenkt. Der faszinierendste Versuch war die Zucht von Kristallen. Durchsichtige Täschchen enthielten farbige Salze, die ich in Konfitürengläsern im Wasser auflösen konnte. In jedes dieser Gläser hängte ich eine Schnur. Sie war an einem Stäbchen befestigt, das oben auf dem Rand des Glases auflag. Mit der Zeit begannen sich an den Schnüren, je nach Salzlösung, rote, blaue oder grüne Kristalle zu bilden. In meiner Fantasie waren es Rubine, Saphire und Smaragde.
Ich werde hier einen abgewandelten Versuch machen: Inspiriert von der Knotenschrift der Inkas knüpfe ich in unregelmässigen Abständen Stichwörter in eine Gedankenschnur und hoffe, dass sich möglichst viele Erinnerungen aus meiner Kindheit daran kristallisieren.
Die Kristallisationswörter sind:
AUSWANDERN, WURZELN, BEHAUST, NONNO T., HERR WE, DER WI, LA FAMIGLIA Z., EINSIEDLER ZWISCHEN MARX UND GOTT, ENNET DEM BACH, WASSERKRAFT, GIUSEPPE, FILI, SAM, EIN STILLES HAUS, DIE KÜCHE, KAMINFEUER, EINKAUFEN, DER DUTTI, DAS GROSSE ZIMMER, GLÜCKLICHE LANDUNG, STREICHE, HEILIGER ABEND, STERNSEE, DAS SCHLAFZIMMER, DAS BADEZIMMER, DAS KLEINE ZIMMERLEIN, RADIO, FILM, ZIRKUS, DIE HAUSAPOTHEKE, MUTTERSPRACHE, FREMDSPRACHEN, COTASÜR, DIE VERANDA, KRISTALLZUCHT, KOSMISCHE FELDER, RAUCHER, DIE HOLDE WEIBLICHKEIT, PARADIESGARTEN, GARTEN DER LÜSTE, KARIBIK, KEIMENDE LIEBE, LEBENDE JAHRHUNDERTE, DAS HERZ DES HAUSES, EISENBAHN, GEISTERBAHN, TUNNEL, HITLER, LEBEN B, ERTÜCHTIGUNG, PAUSEN, SCHULWEGE, AUF DER STRASSE, HERRSCHAFTLICH, TOT, JERICHO-PINTLI, PINTECHEHRLI, ROBINSON, SJW, SCHWEBUJU, ALTERN, MISS JENNY, THE QUEEN, PRÄPARATOR, PFAHLBAUER, EDLER RITTER, KARL DER KÜHNE, ORIENT, ODYSSEUS, ÄGÄIS, JUBILÄUMSFEIER, HERZBLUT, SÖLDNER, WILHELM TELL, FIDEL, MONTI, ABSCHIEDSBAUM, OROFINO, FAT MAN, UNGARN, STATUEN, MANSARDEN, DAS KÄMMERLEIN, ESTRICHE, BERNER KELLER, TESSINER KELLER, DIE WERKSTATT, AM RUNDEN TISCH, TESSINER GARTEN, OKANAGAN GARTEN, BOTANISCHER GARTEN, ROSENGARTEN, ALTSTADTBUMMEL, DAS MÜNSTER, MATER DOLOROSA, OFFENES HERZ, BERNER BÄR, PALAZZO FEDERALE, MÄRKTE, OK FALLS, ELFENAU, BARONIN, RONCO, TAGGESPENSTER, POLENSTRASSE, WALDBRANDGEFAHR, TESSINISCH, WALDBRANDGEFAHR, KANADISCH, STEINBRUCH, DACHSEGG, BERGE, ALPHORNKLÄNGE, BOTANISCHE ERINNERUNG, ZÜRICH, OGOPOGO, VERSTEINERUNGEN, DIE RÖMER, DIE WÜSTE GOBI, MAIA, DIE SCHLIEMANNS, RÜDISÜHLI, ERNI, KANDINSKY UND KLEE, INDIANER, OKANAGAN VALLEY, SPUR, AUSBLICK.
GIUSEPPE
Für die Einheimischen hiess Giuseppe Ping. Aus der Verkleinerung Giuseppino war über die Kurzform Pino im Dialekt Ping geworden. Ping tönte für mich wie der Name eines chinesischen Kaisers. Auch Ping besass viele Steinmauern: sein langgestrecktes Gehöft, mehrere Ställe, viele Terrassenmauern, eine grosse ummauerte Weide und daneben auf einem Felskopf ein kleines Haus mit einem Bild des gekreuzigten Jesus in einer Nische an der Ostwand.
Für uns war Ping immer Giuseppe. Er hatte nichts Kaiserliches an sich. Er war muskulös sehnig hager, trug mehrfach geflickte Kleider, mit Vorliebe Jacke, Hose und Mütze seiner Soldatenuniform, was ihm immer wieder die Gelegenheit gab, von der Rekrutenschule in der Deutschschweiz zu erzählen. Sein graues Haar war gelichtet. Die Stirnlocke färbte er manchmal mit Nussschalen braun, wobei sich die Kopfhaut darunter ebenfalls bräunlich verfärbte. Eines Tages glänzte sein Haar fettig. Er zeigte uns eine halbvolle Tube Mayonnaise, die ein Wanderer nach dem Picknick unter einem Kastanienbaum hatte liegen lassen. Giuseppe hatte die cremige Masse für Brillantine gehalten, war sich des Geruchs wegen aber nicht ganz sicher und fragte, ob es sich um eine Wundsalbe handeln könnte.
Auch Giuseppe war, wie meine Eltern sagten, ein Original. „Che carattere!“, fügten die Einheimischen oft bei, wenn von ihm die Rede war. Giuseppe stotterte, was ihn zum Glück nicht daran hinderte, heiter und ausgiebig zu plaudern. Er besass Land hangwärts anschliessend an Herrn Wes Haus und zwischen den Terrassen vor den Häusern der Grosseltern und Eltern und dem Bach. So konnte er regelmässig bei uns die Sense oder Hutte und Rechen gegen eine Wand stellen und ein Glas von Mutters Tee geniessen, den sie jeweils mit einem tüchtigen Schuss Rotwein aromatisierte. An Giuseppes Gurt hing immer eine wie ein Fragezeichen geformte Hippe mit einem Griff aus zusammengepressten Lederringen.
Ab und zu schenkten ihm meine Eltern ein Päcklein Pfeifentabak, das er, vor Freude etwas stärker stotternd, in seiner Hosentasche verschwinden liess. Einmal fand der Tabak den Weg aus der offensichtlich schadhaften Tasche durchs rechte Hosenrohr dem Bein entlang zum Militärschuh mit der genagelten Sohle, wo er zu Giuseppes und unserer Verblüffung und Erheiterung wieder auftauchte.
Auch wir trugen in Remagliasco alte Kleider, bis sie nicht mehr zu flicken waren. Wir nannten es Kleider austragen. Giuseppe trug seine Kleider aus und legte vor seinem Haus eine Sammlung von vielleicht eines Tages noch brauchbarem Metall an, das er nach Unwettern in der Melezza unten fand: verrostete Blechstücke, Maschinenteile, Ketten, Draht, Rohre. Grossvater Jakob hielt sich bei seiner Sammeltätigkeit an kleinere Objekte, die er auf Wegen und Strassen fand: Nägel, Schrauben, Sohlenplättchen, die er in entsprechenden Büchsen in der Werkstatt aufbewahrte.
Giuseppe hatte zwar nichts Kaiserliches an sich, regierte aber trotzdem über ein fruchtbares Reich, das aus Gemüsegärten, Johannisbeer- und Stachelbeersträuchern, Terrassen mit Weinlauben, Obst-, Nuss- und Kastanienbäumen, Kuh- und Ziegenställen und Weidland bestand. Auf einem am Vordach und in der Südwand des Hauses verankerten Gestell hielt er in aus Kastanienholz gezimmerten oder aus Baumstammstücken ausgehöhlten und mit einem Bretterdach versehenen Bienenhäusern seine fleissig ausschwärmenden Völker. In Giuseppes Reich flossen Milch und Honig. Und Wein und Grappa. Sein Wohnhaus liess sich in meiner Fantasie leicht in eine geheimnisvolle Burg verwandeln, die ich, sobald ich gross genug war und bald einmal auch von meinem Bruder begleitet, täglich besuchte, um Milch und manchmal auch Eier zu holen.
Der Weg führte von unserem Haus aus zuerst treppenartig steil am Haus von Herrn We vorbei, dann, etwas flacher und von Mauern und Mäuerchen gesäumt, zu Giuseppes langgestreckter Burg, die man durch ein Tor aus Kastanienholz betrat, das sich in einen überwölbten Gang hinein öffnete, der an einer Stalltür vorbei durch ein Gässchen zur Küche führte. Das Gässchen wurde durch die westliche Hälfte des Wohnhauses und einen in den gegenüberliegenden Hang hineingebauten offenen Raum mit einem aus grossen Granitplatten zusammengefügten Brunnentrog gebildet, der Giuseppe auch als Badewanne diente. Daran schloss ein Keller an, in dem Giuseppe Milch, Butter, Käse, Eier und ein paar Wein- und Grappaflaschen aufbewahrte. Im Westen wurde das Gässchen vom Hühnerhaus abgeschlossen, aus dem die Hühner und Hähne in einen mit Maschendraht eingefriedeten Auslauf gelangen konnten. Giuseppe schloss die vielen Türen seiner Burg nur mit vorgeschobenen Riegeln, die er nie mit dem dazugehörigen Schlüssel sicherte. Er fürchtete sich nicht vor Dieben, nur vor Teufelchen und Geistern. Und die liessen sich auch mit dem besten Türschloss nicht fernhalten. Die Geister trieben im östlichen Teil des Hauses in den Werkstatt- und Abstellräumen ihr Unwesen, polterten und heulten in der Nacht und liessen manchmal vorgeschobene Riegel zurückgleiten und Türen aufspringen. Die Teufelchen wohnten im weissgetünchten Schlafzimmer neben der Küche. Sie wisperten boshaft, lachten höhnisch und liessen mit ihren wilden Tänzen den Holzboden knarren. Giuseppe schlief deshalb auf dem Dachboden im Heu.
Geister und Teufelchen verschwanden erst, nachdem Giuseppe Jahre später geheiratet hatte. Mit der Heirat wurde Giuseppe Onkel eines Mädchens, das meine grosse schwarzgelockte, braunäugige Tessiner Liebe wurde. Ich sah sie, ich war vierzehn, sie zwölf, zum ersten Mal in Giuseppes Garten. Sie trug einen roten Rock mit weissen Tupfen. Ich schloss sie augenblicklich in mein Herz. Später schenkten wir uns gegenseitig unsere Herzen, für immer und ewig. Die süsse Ewigkeit dauerte zwei Jahre. Dann gaben wir uns mit all unseren Briefen auch die Herzen zurück.
Ich konnte nicht genug Zeit in Giuseppes Küche verbringen. Deckenbalken und –bretter glänzten pechschwarz und die gekalkten Wände waren braun verfärbt vom Rauch des offenen Feuers, der die Küche nur zum Teil durch Hut und Kamin verliess. Braun verfärbt waren auch all die alten Kalender und Zeitungsausschnitte, die an den Wänden hingen. Vor dem in die Wand eingelassenen Küchenschrank standen Tisch und Stühle. Über dem Schrank hing ein altes Jagdgewehr, ein Vorderlader, der schon lange nicht mehr gebraucht wurde. Als ich Giuseppe einmal in einem der Abstellräume bei der Suche nach einem Hobel half, stiess ich auf einen kleinen mit Rillen verzierten Kupferbehälter und fragte, worum es sich da handelte. Giuseppe zog den Stöpsel heraus und liess schwarze Körnchen in seine offene Hand rieseln. Sie sahen aus wie Mohnsamen. „Schwarzpulver“, sagte er, „das werfen wir jetzt gleich ins Feuer.“ „Das explodiert doch!“, meinte ich erschrocken. Giuseppe lachte. „Nur, wenn es eingeschlossen ist.“ Und wirklich, Giuseppes Burg flog nicht mit Blitz und Donner in die Luft.
Besonders genoss ich es, wenn Giuseppe über dem Feuer Kaffeebohnen röstete. Ich hatte den Duft gern bekommen wie den Geruch von Weihrauch in den alten Kirchen. Langsam drehte Giuseppe, am Feuer sitzend, an einem langen Metallstiel mit Holzgriff den zylinderförmigen Behälter, der an der Kaminkette hing und ein Türchen besass, durch das man die Bohnen einfüllen und herausschütteln konnte.
Bei den Teufelchen, die hinter der Tür hausten, die von der Küche in das von Giuseppe gemiedene Schlafzimmer führte, musste es sich um besonders skrupellose Exemplare handeln. Das Kruzifix an der Wand über dem Bett und der Rosenkranz am Bettgestell hielten sie nicht von ihrem diabolischen Treiben ab. Ich stellte mir vor, dass sie sich nächtlicherweise, sobald Giuseppe auf dem Dachboden tief genug schlief, in die Küche stahlen, sich am Geruch von Rauch, Russ und Pech labten und vielleicht auch am Duft von frisch geröstetem Kaffee.
Die Geister ihrerseits wohnten im Honig- und Wachsduft des Abstellraums, in dem Giuseppe seine Imkergerätschaften aufbewahrte.
Vielleicht waren all die vergilbten Seiten aus Gebetsbüchern, Heiligengeschichten und Madonnenbildchen, die in den unverputzten Teilen der Aussenmauern steckten, ein Hinweis auf frühere Versuche, die Teufel und Geister zu vertreiben. Giuseppe schien sie nicht als Schutz zu betrachten und schenkte mir einige für meine Sammlung. Ich schälte ihm dafür mit einer Ziehklinge Kastanienstämmchen, die er fürs Instandstellen der Pergole brauchte. Im Frühling schnitt Giuseppe jeweils die jungen Weidenäste, legte sie für ein paar Tage in seinen Brunnentrog und den Trog hinter dem Haus von Igelchen B., bis sie schön geschmeidig waren. Dann band er damit die Reben an die Holzgitter, die auf mannshohen rohbehauenen Granitständern ruhten. Giuseppe pflegte auch die Reben meiner Grosseltern, was ihm weitere Gelegenheiten gab, eine Pause mit einem Glas Tee und einem Schwatz auf unserer Terrasse einzulegen.
Im Gegensatz zu uns besass Giuseppe auch ein paar Rebstöcke mit weissen Trauben. Im Herbst durften mein Bruder und ich uns jeweils mit den aromatisch süssen Beeren stärken, bevor wir unseren Milchkessel nach Hause trugen. Giuseppe war grosszügig, erlaubte uns im Sommer, nach Lust und Laune Stachel- und Johannisbeeren von seinen üppig wachsenden Büschen zu essen. Das Geheimnis seiner so ertragreich gedeihenden Gärten war der saftige Mist, mit dem sie gedüngt wurden. Auf den Miststöcken durften mein Freund Pino und ich nach den Würmern graben, mit denen wir Forellen fischten. Als Dank half ich manchmal beim Ausmisten des Stalls, in dem neben den drei, vier Kühen auch ein paar Ziegen untergebracht waren. Manchmal schenkte mir Giuseppe ein Kesselchen voll Ziegenmilch. Ich war der einzige in unserer Familie, der sie trank.
Eines Tages erschien Giuseppe aufgeregt vor unserer Tür: Eine Viper habe eine seiner Ziegen in die Nase gebissen und der ganze Kopf sei jetzt aufgeschwollen. Ob wir vielleicht ein Medikament hätten, das helfen könnte. Das einzige, das Mutter einfiel, war die Jodtinktur. Wir begleiteten Giuseppe in den Stall. Der Kopf der Ziege war bis unter die Augen in einen giftgrün verfärbten Verband aus Stofffetzen gewickelt. Zuerst habe er die Bissstelle mit Grappa desinfiziert, erklärte Giuseppe. Dann habe er auch noch etwas Kupfervitriol gebraucht, mit dem er die Reben gegen Mehltau bespritze.
Die Ziege wirkte trotz Schlangenbiss und Behandlung schon wieder erstaunlich lebhaft, schubste uns mit der Nase, meckerte gedämpft durch den Verband und liess ein Häufchen Bohnen fallen. „Das ist ein gutes Zeichen“, sagte meine Mutter, „sie wird überleben.“ „Mille grazie“, dankte Giuseppe und nahm der Ziege den Verband ab. Die Schwellung war bereits abgeklungen. Die Ziege meckerte jetzt ungehindert und liess ein zweites Häufchen fallen.
Neben dem Duft von Kaffee, Weihrauch, Honig und Wachs gehörte für mich auch der Stallgeruch zu meinem Leben A, in dem ich immer mehr italienische Wörter und ganze Sätze lernte. Meine wichtigsten Lehrer waren am Anfang Giuseppe und mein Freund Pino. Im Gespräch mit meinen Eltern und Grosseltern, die ihr Italienisch auch nach und nach lernten, liess Giuseppe manchmal als Hilfe zu besserem Verständnis ein französisches Wort einfliessen. So sagte er einmal zu meinem Vater, der am Mühlsteintisch an einer seiner Wasserpumpen bastelte: „Molto travail.“ Und Vater, dem das passene italienische Wort nicht einfallen wollte, bestätigte: „Sì, molto schwitz.“
Stolz war ich, als mich Giuseppe, ich war noch nicht ganz vierzehn, fragte, ob er mich in der Nacht holen dürfe: Eine Kuh werde kalben. Es könnte eine schwere Geburt geben. Sein Bruder Vincenzo helfe ebenfalls; aber der sei, wie ich ja wisse, leider gesundheitlich angeschlagen.
Giuseppe holte mich gegen Mitternacht. Wir mussten das Kälbchen schliesslich an einem Strick aus dem Mutterleib ziehen. Kuh und Kalb überstanden die Geburt gut. Die Kuh bekam Wasser mit einem Schuss Rotwein zu trinken. Giuseppe, Vincenzo und ich wünschten den beiden Tieren und uns mit unverdünntem Wein Salute!
Im Winter übernachtete Giuseppe im Stammhaus der Familie in Intragna und ging täglich den Weg über den Ponte Romano auf die andere Talseite zu seinem Hof hinauf. Er lebte gesund. Sein erklärtes Ziel war, hundert Jahrte alt zu werden. Ebenfalls hundert Jahre alt wollte Herr Riem werden, der in Bern in unserem Quartier die Post austrug. Er war mit meinen Grosseltern befreundet und kaufte sich am Hang über Remagliasco ein halb zerfallenes Haus, das er mit einem Aufbau aus Holz und Blech bewohnbar machte. Für Giuseppe war Herr Riem der Rimini. Auch Rimini lebte gesund. Er machte täglich seine Turnübungen. Beide starben kurz vor ihrem hundertsten Geburtstag.
In meinem Buch „Die Centovalli“ von 1972 kommt Rimini mit einem kurzen Zitat vor:
„Corcapolo, das kommt wahrscheinlich von Korkapfel.“ (Versuch eines pensionierten Deutschschweizers, den Ortsnamen zu erklären; um 1960.)
Fast wäre Rimini kurz nach seiner Pensionierung eines Unfalltodes gestorben. Er trug von der Stazione Corcapolo her eine WC-Schüssel auf den Schultern und damit über den Kopf gestülpt wie eine grosse Kapuze. Seine Frau folgte ihm. Der Pfad nach der Hängebrücke von Salmina ist schmal, führt an steilen Hängen und über Felsbänder der Melezza entlang. An einer engen, rutschigen Stelle verlor Herr Riem das Gleichgewicht und stürzte ins Flussbett hinunter. Wie durch ein Wunder überlebte er den Sturz, bekam nur ein paar Schrammen ab. „Und meine Frau“, beklagte er sich bei seinem nächsten Besuch in Remagliasco, „ruft einfach zu mir in die Schlucht hinunter: Ist die Schüssel noch ganz? Dabei hätte ich mir das Genick brechen können.“
Die Schüssel war nicht mehr ganz und Herr und Frau Riem mussten für den Rest ihrer Ferien weiterhin das in eine Stallruine eingebaute Plumpsklo benutzen.
Ich treffe Giuseppe über vierzig Jahre später auf einem meiner regelmässigen Ferienausflügen in die Centovalli. Ich wandere den alten Saumpfad vom Ponte Romano zur Talstrasse hinauf, werde in Intragna in die Bahn steigen und über Domodossola nach Bern fahren. Giuseppe wohnt jetzt das ganze Jahr im Dorf, ist auf dem Weg zu seinem Bauernhof, den er fast täglich aufsucht. Nur im Winter nicht, wenn es zuviel Schnee habe, aber das sei zum Glück selten.
Wir freuen uns beide über das zufällige Treffen. „Du lebst jetzt in Kanada, habe ich gehört.“ Giuseppes Augen blicken noch immer so lebhaft, wie ich sie in Erinnerung behalten habe. „Kürzlich kam am Fernsehen ein Dokumentarfilm über Kanada.“ Mindestens zehn Minuten lang erzählt mir Giuseppe, wie es in Kanada aussieht und wie die Leute dort leben. „Che carattere!“, denke ich. „Komm doch am Abend bei uns vorbei“, lädt er mich ein. „Das ist leider nicht möglich, ich fahre heute nach Bern und fliege in vier Tagen nach Kanada zurück.“ „Dann kommst du eben, wenn du das nächste Mal in der Schweiz bist.“ „Mit Freude“, sage ich. Wir werden uns leider nie mehr sehen.
Bei einem späteren Abstecher in die Centovalli treffe ich, wiederum ein Zufall, in Intragna Giuseppes Frau Anna. Giuseppe ist im Spital gestorben. Sie hat ihn während Monaten täglich besucht, ihm das pürierte Essen eingelöffelt und das Trinken eingeflösst. „Er hätte einen leichteren Tod verdient“, sagt sie mit Tränen in den Augen.
„Ja. Mein herzliches Beileid.“ Ich fahre mit dem Handrücken über meine Augen, sitze mit Giuseppe am Kaminfeuer in der rauchgeschwärzten Küche, geniesse den Duft des frisch gerösteten Kaffees und fühle mich sicher vor den Teufelchen hinter der Tür im weiss getünchten Schlafzimmer.
*
KARIBIK
Im Kleinen Zimmerlein singt Harry Belafonte für mich „Little Girl in Kingston Town“, „Brown Skinned Girls“ und „My Island in the Sun“ aus dem Lautsprecher des grünen Bakelit-Plattenspielers, den Tante Heidi mir mit der Platte zum Geburtstag geschenkt hat.
In der aufklappbaren Hausbar über dem Sofa steht eine Flasche mit Rum Coruba. Die Etikette garantiert mit roter Schrift auf orangem Grund, dass der Rum in Kingston–Jamaica hergestellt wurde. In goldenem Rahmen geht die karibische Sonne blutrot im Meer unter. Die Bucht im Vordergrund ist mit Kokospalmen, Ananas und Zuckerrohr bewachsen. Die kaffeebraunen Mädchen fehlen.
Ich bewundere Harry Belafonte, weil er nur auftritt, wenn dunkelhäutige Menschen als Publikum zugelassen sind.
2013 höre ich mir an einem Augustmorgen im Atelier wieder einmal die Harry Belafonte-CDs an, die wir vor ein paar Jahren aus Nostalgie gekauft haben.
Am Mittag finde ich in unserem Briefkasten die August-Ausgabe des „Time Magazine“. Es handelt sich um eine Sondernummer: „I have a Dream Anniversary Issue.“ Sie ist Martin Luther King jr. gewidmet und geht von seiner Rede vom 28. August 1963 aus.
Eine Doppelseite zeigt ein Schwarzweiss-Foto: „Die Hollywood-Delegation auf dem Weg zum Lincoln-Denkmal. Erste Reihe: Charlton Heston, Julie Robinson und Harry Belafonte.“
Unter einer ganzseitigen Aufnahme des jetzt sechsundachzigjährigen Sängers und Aktivisten steht:. „Jeder Schritt auf unserem Weg war ein Ringen um unsere Identität.“
1958. Ich bin vierzehn. Es ist das Jahr, in dem Che Guevara in Santa Clara, Cuba, einen erfolgreichen Angriff auf einen gepanzerten Zug anführt und die Rebellen aus der Sierra Maestra unter Fidel Castro schliesslich in La Habana den Diktator Batista verjagen. Mein Bruder und ich dürfen die Eltern und Onkel F. und Tante A. zur Silvesterfeier in ein Berner Restaurant begleiten. F. und A. sind nicht wirklich mit uns verwandt. Sie sind so etwas wie Onkel und Tante „ehrenhalber“ und besitzen in Gümligen eine Gärtnerei. F. besuchte mit meinem Vater die Sekundarschule.
Kurz vor Mitternacht erscheint an der Hand des Wirtssohns die schöne Frau aus Kingston Town, kaffeebraun, in weissem Kleid mit tiefem Dekolleté.
Mehrere Männer beginnen, die farbigen Papierkügelchen der Tischdekoration zu werfen. Mein Vater versenkt erfolgreich ein Kügelchen zwischen den beiden milchkaffeebraunen Wölbungen. Die Schöne aus Kingston Town fischt es heraus, wirft es mit blendend weissem Lachen zurück, bedeckt das Dekolleté mit der linken Hand, reicht die rechte dem Wirtssohn und verschwindet mit ihm in die Küche, aus der jetzt der Wirt mit einem lebendigen, quietschenden Glücksschweinchen auftaucht, das er um Mitternacht zum Knallen der Champagnerkorken in den Saal rennen lässt.
Im Hinblick auf die Hautfarbe von hellem Milchkaffeebraun bis zu Espresso-Schwarz, sagt Juan 2011 in Kuba: „Die Hautfarbe spielt bei uns offiziell keine Rolle mehr.“ Er schiebt seinen Gürtel etwas nach unten: „Meine Haut ist hell wie deine. Sie ist nur dunkler wegen der Sonne. Du würdest in Kuba so braun wie ich. Aber die Wahrheit ist, dass viele Criollos von einer schönen Mulattin immer noch sagen: Wie schade, dass sie nicht weiss ist!“
Oshún, die afrokubanische Göttin der Liebe, der weiblichen Sinnlichkeit, der Anmut, des Tanzes und der Koketterie, die Schönste unter den Schönen und allem Süssen, ganz besonders dem Honig, zugetan, ist Mulattin. Sie ist auch die Virgen de la Caridad del Cobre, die Schutzpatronin von Kuba. Zu ihrer Basilika bringt uns Taxibesitzer Serafin von Santiago aus in seinem schwarzen Buick Jahrgang 1952 mit weissem Dach und auf Hochglanz poliertem Chrom am 7. April 2016. An Verkaufsständen sind künstliche Sonnenblumen und Statuetten der wundertätigen Madonna zu kaufen. Anfangs des 17. Jahrhunderts sahen drei Fische von ihrem wild schaukelnden Boot aus die Madonna mit Krone und goldenem Kleid auf einem Brett über die die schäumenden Wellen treiben. Die Fischer überlebten den Sturm und brachten die kostbare Statue an Land.
Wir blicken in der Basilika zu ihr auf, betrachten die Votivgaben, Krücken, militärische Gradabzeichen, Baseball-Schläger und die gerahmte Urkunde, die Hemingway in die Basilika brachte, nachdem er für sein Buch „Der alte Mann und das Meer“ den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte. Marianne und ich zünden zwei gelbe Kerzen an: eine für unsere Familie und eine im Auftrag von Ena, die in Santiago im Haushalt der Casa Irma hilft, in der wir für ein paar Tage wohnen.
Am Tisch beim Eingang zur Basilika kaufe ich ein Souvenir aus Acrylglas. Die Vorderseite zeigt die wundertätige Madonna, die Rückseite die kubanischen Flagge.
Am 9. September 1797 schrieb Karl Viktor von Bostetten in Loco im Onsernonetal:
Gestern war das grosse Fest aller Madonnen und besonders der Al Sasso… Als ich am Morgen einige schöne, wohlgeputzte, muntere Mädchen sah, war ich überzeugt, dass die Castissima Vergine nicht alle ihre Andacht mochte gehabt haben… Auf jedem schönen Hügel, auf jedem Berg sind Kirchen angebaut, wo man, wie auf dem Salvador, bis dreimal im Jahr hingeht, Nächte und Tage in Schatten zu Hunderten, wohl auch zu Tausenden, wie zu Varese, hingelagert, singend oder tanzend und besonders a far l’amore die Zeit zubringt. Diese Volksfeste, wo unter einem schönen, beinahe immer heiteren Himmel der Jüngling am Arm seiner Geliebten, das Herz von Liebe, Andacht und Wachen warm, siebzig, wohl auch mehrere Stunden zubringt, müssen einen unbeschreiblichen Reiz haben… Gestern waren die Augen der schönen Mädchen so trunken von Schlaf, Liebe, Andacht und Wein, dass sie höchst gefährlich waren.
Auch im Tessin konnte die Castissima Vergine zur Liebesgöttin werden!
La Habana, im März 2011. Wir (Tochter Priska mit Partner Ronny, Marianne und ich) sind auf der Suche nach einem Mojito als Schlummertrunk. Ein munteres Paar spricht uns an: Susy, hochgewachsen, dunkelhäutig, in schwarzer, enganliegender Dreiviertelhose, goldenen Schuhen mit hohen Absätzen, in schwarzem T-Shirt, mit grossem Glasschmuck um den Hals und an den Händen, mit einem blendend weissen Tropicanashow-Lachen und einem kecken schwarzweiss gesprenkelten Hütchen auf dem Kraushaar; Omar, klein, mit zigarrenbrauner Haut und angegrautem Haar. Er sei, sagt Susy, ihr älterer Bruder. Sie führen uns in ein kleines Musiklokal, das, betonen sie, hauptsächlich von Einheimischen besucht werde, Geburtsort des berühmten Liedes „Guantanamera“. Wir setzen uns an ein Tischchen, bestellen Mojitos. Die Musiker spielen kubanische Rhythmen. An einem Tischchen im Hintergrund sitzen ein junges Touristenpaar und ein Kubaner, davor vier angeregt plauderne Kubanerinnen mittleren Alters, an der Theke schaut eine Kubanerin melancholisch von ihrem Drink auf. Ein schlanker Kubaner mit einem ans Hemd gehefteten Foto-Ausweis bittet die Touristin zum Tanz. Im Halbdunkel am Tischchen neben uns sitzt eine junge Frau. „Bist du allein?“, fragt Omar. Ihre Antwort beschränkt sich auf einen Anflug von Lächeln. Früher, erklärt Omar, sei er ein Casanova gewesen, da hätte er sie zum Tanz aufgefordert. Aber seit seinem Motorradunfall sei das vorbei. Sechs Monate habe er im Koma gelegen. Schwere Arbeiten seien nichts mehr für ihn. Er sei jetzt Aufseher in einer Tabakfabrik. Die Musiker spielen auf seinen Wunsch hin „Guantanamera“. Wir singen alle mit. Omar hält sein Mojito-Glas hoch: „Das ist Kuba. Gefällt es euch?“ Es gefällt uns. Ein grossgewachsener Kubaner tritt ein. Sein rotviolettes Hemd schimmert wie der Kragen eines Kolibris. Er spricht kurz mit dem Saxophonisten, setzt sich zur Frau an der Bar. Etwas später schaut sich, schön und kaffeebraun, eine Kubanerin im Raum um. Sie ist um die Zwanzig, zierlich, trägt eine schwarze, auf dem Rücken durchbrochene Bluse und ein enganliegendes schwarzes Miniröckchen. Sie entdeckt ihre Freundin und setzt sich zu ihr.
Susy fordert Ronny zum Tanzen auf. Omar tanzt mit Priska und der Tänzer mit Ausweis bittet Marianne zum Tanz. Marianne blickt mich fragend an. Der Tänzer wendet sich an mich: „¿ Permite, amigo?“ „Sí, amigo.“ Ich sitze allein am Tisch.
„¿Bailas?“, fragt mich die grazile Kubanerin vom Tischchen nebenan.
„No. No bailo.“
Sie lächelt aufmunternd: “¡Proba!”
Ich zögere.
Von der Theke her mischt sich der Mann im Kolibri-Hemd ein: „¡Debes bailar!“ Er sagt es in einem Ton, dass ich das Ausrufezeichen, auf spanische Art umgekehrt, auch vor dem Satz sehe. Jetzt ist es unmöglich, diese muchacha linda an ihrem Tischchen sitzen zu lassen.
Ich stehe auf. Das wird unfreiwillig komisch werden: Bär tanzt mit Gazelle. Sie nimmt mich bei der Hand, ich sage: „No sé como bailar este baile.“
“Cuenta: uno, dos.” Sie ist einen Kopf kleiner als ich. Ihr tiefschwarzes gewelltes Haar glänzt, fällt als Pferdeschwanz bis in die Mitte ihres Rückens.
Uno, dos – und was sollen meine Füsse, was soll mein Körper dazu machen?
„Natürlich werden Sie nie so sinnlich tanzen können wie eine Kubanerin oder ein Kubaner. Aber nirgendwo macht es mehr Spass, es wenigstens zu versuchen“, hatte ich in einem Reiseführer gelesen. Ich versuche, mich ins Übersinnliche zu retten: Oshún, bitte hilf mir bei diesem Tanz! Und, o Wunder, die Göttin inkarniert sich für mich in die junge Kubanerin. Also nicht zählen, sondern sich darauf verlassen, dass der Rhythmus aus ihren zierlichen Händen in meine linke Hand und auf meine rechte Schulter fliesst und sich durch die Haut ihres biegsamen Rückens auf meine rechte Hand überträgt.
Umgekehrtes Ausrufezeichen – bailamos – Ausrufezeichen. ¡Wir tanzen!
Oshún löst ihre linke Hand von meiner Schulter, dreht sich, hebt ihren Arm, lässt ihn wie eine Schlange über ihrem Kopf tanzen. Ich lade mit meiner linken Hand zu weiteren Drehungen ein.
Bei jeder Drehung lächeln wir uns zu. Zwei melancholische Lächeln treffen sich. Meines, weiss ich, ist das Lächeln eines alternden Romantikers, der als Heranwachsender von einer Reise zu einer Insel mit kaffeebraunen Mädchen träumte und Fidel Castro bewunderte. In ihrer Schwermut, stelle ich mir vor, schwingt die Geschichte ihrer versklavten Vorfahren mit und die Sehnsucht, der Verinselung zu entrinnen und sich frei in der Welt bewegen zu können.
Der italienische Schriftsteller Italo Calvino, 1923 in Kuba geboren, lässt seinen Herrn Palomar hoffen, dass im Schweigen etwas enthalten sein möge, was mehr ist, als Sprache auszudrücken vermag. Tanzend schliesse ich mich dieser Hoffnung an.
Die Musiker improvisieren einen Übergang zum nächsten Tanz. Wir trennen uns. Ich sage: „Muchas gracias“. Oshún büschelt ihren Mund zu einem Kuss, wirft ihn mir mit der rechten Hand zu und verschwindet im Halbdunkel.
¡Cuba libre! ¡ Cuba linda y dulce!
25. März 2016. Havanna steht unter dem Zeichen der herausgestreckten Zunge. Riesig und knallrot prangt sie, gerahmt von vollen Lippen, auf dem weissen Jet der „Rolling Stones“, die heute vor Hunderttausenden von begeisterten Fans auf dem grossen Sportfeld ihr historisches Gratis-Konzert geben. Auf der Webseite der Rock-Band deckt das Logo den Bikini-Unterteil einer jungen Frau. Die Zunge schleckt am rechten Oberschenkel. Auf der Bühne, neben der Bühne und auf unzähligen schwarzen T-Shirts leuchten Lippen und Zungen. Im Internet wirbt die Zunge als kubanische Flagge fürs Konzert.
In dieser Nacht erscheint mir Oshún auf andere Art. Zu fünft haben wir im „Cabaña“ unsere Schlummer-Mojitos getrunken, kehren auf dem schmalen Fusssteig im Gänsemarsch zur „Casa Midalia“ in der Calle San Lazaro zurück. Auf der anderen Strassenseite geht eine Gruppe von jungen Frauen in ausgelassener Stimmung. Ich bin daran, als Letzter ins Haus zu treten. Eine mulatta linda überquert die Calle, stellt sich vor mich hin, lacht mich an. Ich lache zurück. Der Schalk sieht ihr aus den Augen. Ich will hinter mir das elegant geschmiedete Gittertor schliessen. Sie öffnet den Mund, rollt ein rosarotes Zungenblütenblatt bis ans Kinn hinunter, geniesst meine Verblüffung, lässt die Zunge langsam wieder verschwinden und tänzelt lachend zu ihrer Gruppe zurück. Noch nie habe ich eine so blumige, sinnlich fruchtige Zunge in natura gesehen. Danke, Oshún, dass du mir diesmal nicht melancholisch, sondern lustvoll lustig frech erschienen bist! Ein tröstlicher Gedanke schiesst mir durch den Kopf: Auch die rüstigen Herren, die heute mit ihrem Auftritt das junge Havanna begeistert haben, gehören zum alten Eisen. Ich schliesse hinter mir Gitter und Tür.
In seinem „Bund“-Artikel vom 29. März 2016 berichtet Oscar Alba aus Havanna, sogar die Parteizeitung „Granma“ habe das Konzert ein „transzendentales Ereignis“genannt. „Transcendental“ bedeutet hier auf Spanisch „wichtig, weitreichend“; aber ich nehme das Wort bei seiner tieferen Bedeutung: „überirdisch, übersinnlich“. Kein Wunder, dass Oshún sich mir diesmal als Rolling Stones-Fan zeigte.
Vor fünf Jahren fuhren wir um diese Zeit nach Santiago de las Vegas. Hier war Italo Calvino geboren worden. Wir fanden die Estación Esperimental Agronomica, die Calvinos Eltern geleitet hatten, und erklärten der Wächterin in ihrem Häuschen, was uns hierher geführt hatte. Sie gab die mit einem Seil gesperrte Zufahrt zum Parkplatz frei. Leider sei der Mann, der über die Calvinos Auskunft wisse, an einem Samstag nicht da. Sie schrieb mir seine Telefonnummer auf. Wir sahen uns im Park um. Marianne fotografierte die hohen Palmen und mich neben dem Denkmal des Dichters und Nationalhelden José Martí.
Drei Wochen später schenkte uns Carmen Rosa in Trinidad de Cuba zum Abschied einen grossen Papiersack voll von Ananas, Bananen und Papayas. In ihrem Schlafzimmer stand auf dem Schrank eine Gipsmadonna. Sie war mit zwei weissen Obatalá-Kettchen behängt. Ich trug das Eleguá-Kettchen mit den schwarzen und roten Glasperlen um den Hals, das mir Carmen Rosa auf meinen Wunsch hin beschafft hatte. „Für deine Gesundheit brauchst du auch ein Obatalá-Kettchen.“ Sie stieg aufs Bett. „Welches willst du?“ Ich wählte das schlichte mit den unverzierten Perlen. Sie hängte es mir um den Hals.
Am Ostermontag 2016 besuchen wir Carmen Rosa und ihre Familie. Von der Email ihres Sohnes Duglis wissen wir, dass Carmen Rosa einen Hirnschlag erlitten hat und linksseitig gelähmt ist. Wir frischen gemeinsame Erinnerungen auf. Carmen Rosa erkundigt sich nach meinen „Collares“. Sie haben an einem Büchergestell in meinem Arbeitszimmer einen Ehrenplatz. Ich gebe ihr das Glasperlen-Armband, das ich aus Kanada mitgebracht habe. Sie dankt. Ihr Sohn streift es ihr über das rechte Handgelenk. Sie versucht dabei zu lächeln. „Ein Amulett“, sagt Duglis. „Ja“, bestätige ich, „ mit meinen besten Wünschen.“ Carmen Rosa schenkt uns ein Bund Bananen.
¡Cuba dulce! ¡Cuba espiritual!
Seit unseren Kuba-Reisen weiss ich, dass mich zwei damals in meinen Augen uralte Tessinerinnen schon als Kind empfänglich gemacht hatten für die afrokubanische Santería: Assunta und Sciora Baccalà.
Als Assunta 1962 auf den Friedhof von Intragna getragen wurde, gaben ihr viele Leute das letzte Geleit.
Ihr einziges Möbelstück, eine wurmstichige Kommode mit drei Schubladen, hatte sie mir drei Monate zuvor geschenkt: Sie brauche sie nicht, ich solle sie von ihrer Hütte in meine hinübertragen, sobald ich Zeit fände. Zum sofortigen Transport gab sie mir einen Baumstrunk mit, der leicht wie Zunder war. Damit könne ich auch beim feuchtesten Wetter im Kamin ein Feuer entfachen.
Ihr Maiensäss wurde versteigert, bevor ich die Kommode holte.
Assunta war für mich die geheimnisvolle alte Frau mit den unzähligen Katzen, darunter die weisse, die ihr ankündigte, ob guter oder schlechter Besuch kam. Vor schlechtem versteckte sie sich in der Schlucht. Assunta sei verwildert wie ihre Ziegen, sagte man im Dorf von ihr. Verwunderlich sei es nicht. Ihre Mutter habe sie in einem Stall auf der Alp Laghetti geboren, „geworfen“ müsse man eigentlich sagen, geworfen wie ein Zicklein.
Assunta, die kleine eigenwillige Frau, die sich mit einem Madönnchen aus Metall in einer Felsennische ihr eigenes Heiligtümchen geschaffen hatte, das sie regelmässig mit Wildblumen und im Herbst mit Kastanien schmückte.
Noch wenige Monate vor ihrem Tod sagte sie, sie fühle sich stark wie ein Pferd. Gleichzeitig bat sie uns, an ihre Beerdigung zu kommen, wenn es soweit sei.
Im letzten Winter ihres Lebens hatte uns ihr Vormund telefonisch ihren Tod gemeldet: Ein Wanderer habe Assunta erfroren in einem Stall in Remagliasco gefunden. Die Nachforschung ergab dann, dass sie nur tief geschlafen hatte, in all den dunklen Rockschichten, mit denen sie sich die Kälte vom Leib hielt.
Mit drei Stoffhüten auf dem Kopf schützte sich Sciora Baccalà vor der Sommersonne, wenn sie mit ihrer Tochter Elisabeta von Intragna nach Remagliasco kam, um im Bach ihre Leintücher zu waschen. Im Dorf werde im Waschhäuschen zu viel getratscht.
Sciora Baccalà war in Remagliasco aufgewachsen, hatte ihr Elternhaus später meiner Grossmutter verkauft, die es dem Wi weiterverkaufte.
Sciora Baccalà sah trotz ihrer Brille schlecht und klopfte beim Gehen mit ihrem Stock auf den Boden, um die Schlangen zu verscheuchen.
Elisabeta musste die nasse Wäsche nach Intragna zurückschleppen. Dabei verstauchte sie sich einmal den rechten Fuss, was den Heimweg für sie zur Qual machte. Am nächsten Tag bat Sciora Baccalà die Madonna im Kapellchen am Weg nach Remagliasco um rasche Heilung. Um die Madonna gnädig zu stimmen, hängte sie eine Kette aus goldgelben Weinbeeren an das Holzgitter vor dem Bild und schob Elisabetas rechten Schuh darunter, damit die Mutter Gottes sich daran erinnerte, welchen Fuss sie heilen musste.
Ich bin in meinem Leben zu mehreren Wallfahrtsorten gereist: zur Basilika der Muttergottes mit der blutenden Stirn in Re im Val Vigezzo, nach Lourdes, Assisi, an den Ganges in Benares, nach Sarnat, wo Buddha unter einem Feigenbaum die Erleuchtung fand. In Kuba fand ich Namen, Melodien, Lieder, Geschichten für die geheimnisvollen Kräfte, die in uns, um uns, auf uns und von uns aus wirken, und Farben und Glasperlenketten als Symbole dafür.
An einer Kette aus süssen, goldgelben Weinbeeren, ging mir eben durch den Kopf, hätten bestimmt auch die Schutzpatronin Kubas, die Virgen de la Caridad del Cobre, und die Liebesgöttin Oshún ihre Freude.
Ich möchte diesen Abschnitt mit einem Zitat aus dem dritten Brief über die italienischen Ämter schliessen, den mein Wahlvorfahr Karl Viktor von Bonstetten 1796 schrieb:
Da jede Entwicklung des Menschengeschlechts ein Übergang von der Fantasie zur Vernunft ist, so ist alles, was die Fantasiebegriffe verewigt, ein Hindernis zu ferneren Fortschritten der Vernunft; eine ganz sinnliche Religion wäre also die beste Scheidewand zwischen Fantasie und Vernunft und das zweckmässigste Mittel zur Verewigung der menschlichen Sinnlichkeit.
*
AUSBLICK
In seinen „Erinnerungen“ schrieb Karl Viktor von Bonstetten:
Wie aber soll ich meinen Seelenzustand vom neunten bis zum dreizehnten Jahre schildern? Meine Seele war ganz leer. Keine von allen Lektionen hatte mein inneres Wesen ergriffen und in irgend einem Punkte die Selbsttätigkeit geweckt. Eigentliche Lust hatte ich zu gar nichts. Alle Lektionen waren mechanische Arbeiten, wie etwa bei jungen Mädchen das Stricken. Bis fünf Uhr nachmittags war ich mit diesem geistigen Stricken beschäftigt. Meinen Vater sah ich nie als bei Tische. Meine Mutter liebkoste mich und gab mir Rosinen und Konfekt. Mein ehrlicher Lehrer trieb sein Stundenunwesen. Um fünf Uhr war ich mir selbst überlassen. Meine Kameraden waren alle so leer wie ich selbst.
Im Rückblick auf seinen zweiten Aufenthalt in Yverdon hielt er fest:
Ich mochte damals gegen fünfzehn Jahre alt sein. Hier erst begann mein wahres Leben.
Ich hatte zweihundert Jahre nach ihm mehr Glück: Mein wahres Leben hatte schon längst begonnen, als ich im August 1958 meinen vierzehnten Geburtstag feierte. Vom Frühling 1959 an führte mich der neue Schulweg über die Kornhaus- und die Kirchenfeldbrücke, an der Kunsthalle, der Schulwarte, dem Historischen und dem Naturhistorischen Museum und der Landesbibliothek vorbei zum Gymnasium, wo auf einem Raseninselchen hinter dem Schulhaus nackt und in Bronze gegossen unser einstiger Turnlehrer und Radio-Frühturner für immer zum Diskuswurf ausholte und wo vor dem Schulhaus, auf gemauerten Podesten die imposante Treppe rahmend, drei Jünglinge links und zwei Mädchen und ein Jüngling rechts sich hüllenlos in ewiger Jugend tummelten. In diesen heil’gen Hallen – manchmal sprachen wir, in Anlehnung an den progymnasialen „Affenzwinger“, vom „Schimpansium“ – sollte ich der Maturität entgegenreifen. „In labore virtus et vita“ stand in Bronze-Lettern über dem Eingang. Eine aufmüpfigere Jugend wird später „Macht fertig, was euch fertig macht!“ darunter sprayen und „labore“ mit „amore“ überkleben.
1960 schrieb ich, inspiriert von der Geschichte einer Glocke im Campanile von Intragna, die Erzählung „Tal der hundert Täler“. Sie erschien drei Jahre später, illustriert mit Federzeichnungen meines Bruders Werner, im Verlag Paul Haupt. In den Ferien führte mein Traum, in den Centovalli ein Talmuseum zu gründen, zu einer nicht immer lupenreinen Sammeltätigkeit und endete mit einer Anzeige im Tessin und der Untersuchung und einem Freispruch durch die erste Jugendanwältin der Stadt Bern, Marie Boehlen. Mit Tuschzeichnungen illustrierte ich für unseren Tessiner Nachbarn Gioachino die Erzählung „Pace tra le rupi“, die er als Militärdienstverweigerer im Gefängnis für einen Geschichtenwettbewerb des Partito Socialista Ticinese schrieb.
1961, zwei Jahre vor der „Reifeprüfung“, legte ich all meine Ersparnisse zusammen und kaufte in den Centovalli mein erstes Refugium: eine kleine Alphütte mit Stall und Kastanienrösthäuschen mit aufgemalter Madonna. 1962 veröffentlichte der Clou Verlag mein erstes Büchlein „Die Gottesmaschine“, das von meiner Suche nach Gott erzählt, dessen Existenz ich schliesslich dank eines ausgeklügelten Geräts in einem zerfallenden Kirchlein beweisen kann.
Ich spielte in Theateraufführungen in der Schule mit, als Teufel in „Cenodoxus, Doktor von Paris“, und als Herzog Orsino in „Was ihr wollt“: Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, spielt weiter, gebt mir volles Mass ! Ich trat in Kellertheatern und in einer grossen Freilichtinszenierung auf, nahm mit dem Centro Sperimentale di Cinematografia in Rom Kontakt auf und liess mir ein Anmeldeformular schicken.
Ich versuchte, zuzunehmen an Wissen und Verstand, während sich meine Verliebtheiten in aufflammende und verglimmende Liebesfeuer verwandelten.
Das tessinische loderte am längsten: So voll von Phantasie ist Liebe, dass nur sie phantastisch ist!
1963, ein halbes Jahr vor der Matur, führt mich ein amouröses Intermezzo fast nach Paris. Unsere Klasse verbringt im Februar eine Schiwoche in Zermatt. Wir sind in der Jugendherberge einquartiert. In der Eingangshalle plaudern zwei junge Französinnen. Eine hat schwarze, widerspenstige Haare, die zu zwei lustigen Zöpfchen geflochten sind. Unsere Blicke treffen sich, verlieren sich, suchen sich, finden sich. Sie hat dunkelbraune Augen. Wir lächeln uns zu, wir lächeln uns an. Sie trägt einen farbenfroh gemusterten Pullover. Ich mache ihr ein Kompliment. E. strickt und näht ihre Kleider selbst und lebt in Paris. Sie hat ein Anglistikstudium begonnen und ist mit einer Freundin für zwei Ferienwochen nach Zermatt gereist.
E. und ich sind, im Gegensatz zu ihrer Freundin, keine guten Schifahrer. Wir weichen den Pisten aus, um zusammen, bald einmal Hand in Hand, durchs Dorf zu bummeln. Ich lade sie zu Kaffee und Kuchen ein, an einem Tischchen unter einem Sonnenschirm. E.‘s Mutter ist Engländerin, ihr Vater Franzose, von Beruf Ingenieur. Die Mutter unterrichtet Englisch. Ich erzähle E. von meiner Schauspielerei, davon, dass wir vor ein paar Monaten unsere Shakespeare-Inszenierung an einem Festival in Amsterdam präsentiert und den Preis für die beste Ensemble-Leistung erhalten haben. Und ich erzähle ihr von meiner kürzlich erschienen Erzählung „Die Gottesmaschine“. Wir tauschen Adresse und Telefonnummer aus, wollen uns gegenseitig besuchen. E. und ich erkundigen uns am Bahnhof, ob sich die Fahrscheine für die Rückreise nach Paris umschreiben lassen. „Kein Problem“, sagt der Schalterbeamte mit einem verständnisvollen Augenzwinkern. E. überzeugt ihre Freundin, über Bern und nicht über Genf nach Paris heimzureisen und eine Übernachtung in der Berner Jugendherberge zu reservieren.
E. telefoniert vor ihrer Abreise aus Zermatt. Ich schwänze die Nachmittagslektionen, damit ich rechtzeitig am Bahnhof bin, je fais l’école buissonière, helfe das Gepäck zur Jugendherberge tragen. Dann zeige ich den beiden Pariserinnen die Altstadt, führe sie in der Gerechtigkeitsgasse zu den Häusern, die einst meinen Grosseltern gehörten, betone, dass auch ich, dank meinem Grossvater Joseph, etwas französisches Blut habe. Beim Bärengraben beklage ich mich dann trotzdem mit gespielter Empörung, dass Napoleon 1798 unsere Bären nach Paris entführte. Sie werde mich auch nach Paris entführen, sagt E. verschmitzt. In der „Schwarzen Tinte“ lade ich zu belegten Brötchen – comme ils sont bons, ces sandwiches -, Kaffee und Kuchen ein. Wir gehen zur Jugenherberge zurück. Ich verspreche E., sie möglichst bald in Paris zu besuchen. Wir küssen uns zum Abschied. Un baiser. Des baisers.
Wir schreiben uns. E.‘s Briefe kommen in farbigen Umschlägen, die sie selbst herstellt: rot, dann gelb, blau, grün. E. erwartet mich im Sommer in Paris. Da würde ich mich wohl auf die Matur vorbereiten müssen, mit meiner Schwäche in Mathematik. Aber vielleicht im Herbst, nach der Prüfung. Vielleicht oder sicher? Vielleicht. Eigentlich müsse ich dann gleich mit dem Studium beginnen. Ein paar Tage wenigstens, und sie komme im Winter für ein paar Tage nach Bern. Das wäre schön. Wäre? Schreib mir erst wieder, wenn im Brief steht, dass du spätestens im Winter nach Paris kommst.
Was wäre geschehen, wenn Marianne meine Einladung, mich im Sommer ins Tessin zu begleiten, nicht angenommen hätte?
Ich wäre in den Sommerferien nach Paris gereist. E. und ich wären Hand in Hand durch Paris gebummelt, hätten zusammen in Bistros Kaffee getrunken. Ich hätte ihr erzählt, dass Napoleon III. als Prinz in meinem Heimatort am Bodensee gelebt hatte und dass gemunkelt wurde, unsere Familie habe etwas von ihm in der Erbmasse.
Hoffentlich nicht zu viel, hätte E. mit einem clin d’ oeil bemerkt und mich an die Sorbonne mitgenommen. Ich hätte das Anmeldeformular für die Filmschule in Rom nicht abgeschickt, wäre bald einmal zu ihr nach Paris in ihre kleine Wohnung gezogen, hätte dort Germanistik und Romanistik studiert. Wir hätten Assistenzstellen erhalten und an der Universität und auf den Strassen den Mai 68 erlebt.
Ich hatte Marianne ins Tessin eingeladen, damit sie mir im Hinblick auf das Maturexamen Nachhilfeunterricht in Mathematik gebe. Die Mathematik trat bald einmal in den Hintergrund. Die Liebe nahm überhand. Ich schickte das Anmeldeformular für die Filmschule in Rom nicht ab. An der Maturfeier hielt ich, auf Einladung des Rektors hin, eine musikalisch umrahmte Rede. Ein paar Wochen später lieh ich mir von meiner Patin das Geld für ein zweites Centovalli-Refugium. Es würde Platz für eine Familie bieten.
Im Sommer 1965, seit einem halben Jahr verlobt, erkundeten Marianne und ich zusammen Paris, tranken Kaffee in den Bistros, hüteten das Haus von Freunden.
Wir würden Paris und unsere Freunde dort noch oft besuchen.
Ende Oktober 2015 fliegen Marianne und ich in die Schweiz. In Bern kaufen wir Fahrkarten nach Paris. Wir werden Mitte November unsere Freunde Didier und Françoise besuchen. Didier ist der Sohn unserer verstorbenen Freunde Jean und Suzanne. Bei ihnen wohnten wir während unseres Auslandsemesters vor fünfzig Jahren. Sie erscheinen in meiner 1967 geschriebenen Erzählung „Die Faltsche“ als Monsieur und Madame Ribaux und Marianne und ich als Anton und Madeleine. Das Buch wird, nach einem Umweg über einen Verlagsbankrott und eine jahrelange Lagerung im Konkursamt Bern, erst 1977 publiziert.
Am 13. November 2015 lese ich in Bern im Hotel „Belle Epoque“ an der Gerechtigkeitsgasse aus meinem Buchprojekt „Meine mitgebrachte Kindheit“. Als Teil des Honorars können Marianne und ich, umgeben von sechs Originalzeichnungen des Künstlers, in der Klimt-Suite des Hotels übernachten, mit Blick über die Gasse auf die Häuser, die einst meinen Grosseltern gehörten. Im Publikum befinden sich auch mehrere meiner früheren Schülerinnen und Schüler. Nach der Lesung sagt mir Ursi, sie habe beim Ausschnitt über das „Restaurant zu den Rebleuten“ feuchte Augen bekommen. Als „Arlequin“ habe sie es mit ihrem Mann von 2003 bis 2007 geführt. Und Katrin schickt mir später einen Zeitungsauschnitt von 1975 nach Kanada. Ihr Mann Res habe sich zuerst vergewissern wollen. Hier sei jetzt der Beweis: Sein Grossvater, der Kunstmaler Paul Wyss, habe den Fassadendekor am Traffelethaus an der Junkerngasse entworfen und ausgeführt.
Nach dem Frühstück im „Belle Epoque“ lesen wir in der Zeitung, dass zur Zeit meiner Lesung bei Terroranschlägen in Paris hundertdreissig Menschen getötet wurden.
Am Sonntag ruft Didier an: „Diesmal zielten die Terroristen auf die Pariser Joie de vivre, auf Menschen in den Bistros, in einem Konzertsaal und einem Fussballstadion. Wir freuen uns sehr auf euren Besuch, werden uns gegegenseitig viel zu erzählen haben. Wann genau kommt ihr am Mittwoch hier an? Ich hole euch an der Gare de Lyon ab.“
Oliver B.C., 2018
Ich stelle mir meine Kindheit und Jugend im Okanagan Valley vor. Ein Jahr vor meinem Schulabschluss an der Highschool von Oliver kommt eine Austauschschülerin aus der Schweiz in unsere Klasse. Unsere Blicke treffen sich, verlieren sich, suchen sich, finden sich. Wir lächeln uns zu, wir lächeln uns an. Sie heisst Marianne. Wir verlieben uns, gehen Hand in Hand am Okanagan River entlang. A kiss. Kisses. Sie begleitet mich beim Fischen, hilft mir, die ohne Patent gefangenen Fische nach Hause zu schmuggeln. Sie erkundet mit mir verfallene Ghost towns aus der Goldgräberzeit. Sie lädt mich in die Schweiz ein, nach Bern, wo sie wohnt, und nach Grindelwald, wo ihre Familie ein Ferienhaus besitzt. Nach unserer Rückreise schreiben wir uns regelmässig. Ein Jahr lang verdiene ich mir mein Geld mit Pflücken von Früchten und Tomaten, dem Zurechtstutzen von Obstbäumen und dem Schreiben von Zeitungsartikeln. Ich lasse mir von den Eltern, Grosseltern und Paten Beiträge für meine Reisekasse schenken. Dann fliege ich in die Schweiz.
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DANK
Mein Dank geht an meine Eltern und Grosseltern und weitere Verwandte, an meine Patin Ruth Baumann und viele Freunde und Bekannte, die jetzt im Jeriocho-Pintli sitzen, das meine Grossmutter Marie dort oben in Erinnerung an die glückliche Zeit im Tessin in „Grotto Riposo Celeste“ umgetauft hat. Tante Heidi bin ich dankbar für viele Informationen zur Familiengeschichte. Sie sitzt erst seit dem 30. August 2017 im Jericho-Pintli. Kurz vorher hatten wir am Telefon unter anderem über ihren Pudel Alpha gesprochen. Ich hatte ihr eine Kopie meines Aufsatzes „Mein liebstes Tierlein“ geschickt, den ich als Zweitklässler geschrieben hatte. Meine Frau Marianne lernte schon kurz vor unserer Verlobung 1964 bei der Lektüre von „Krux“, sich nicht mit meinen Büchern zu identifizieren. Trotzdem unterstützt sie mich immer wieder liebevoll bei meinen literarischen Projekten. Ihr gilt ein ganz besonderer Dank. Unseren Kindern Priska (mit Ronny) und Manuel (mit Regine und unseren Enkelkindern Sonja und Raphael), den Freundinnen und Freunden Ruedi und Sylvia Bucher, Rose-Marie Hakamiès, Elena Vuille-Mondada, Anne-Marie und Ramses Armanios, Christine und Ueli Jaussi, Brita und Bob Park, Ursula und Harald Geiser-Kistler und Rosa und Peter Stenberg danke ich für die ermutigenden Briefe und Gespräche während der langen Entstehungszeit dieses Buches. Erika Hubacher danke ich für die regelmässigen Briefe mit Kulturnachrichten aus der Schweiz Walter Herzig verdanke ich, nebst seinem freundschaftlichen Interesse an meiner Arbeit, die beiden Zitate aus dem Werk von Friedrich Glauser, die ich an den Schluss dieses Buches setze:
Das einzig Bleibende, das wir aus unserer Jugend bewahren, sind Bilder, und die schlummern in uns. Manchmal nur weckt sie ein Geruch, ein Lied, ein Geschmack. Aber dann sehen wir sie plötzlich mit einer fast blendenden Deutlichkeit, unübertrefflich klar und scharf sind sie, und erst durch sie, durch diese Bilder, werden die Gefühle wieder lebendig, die uns damals ergriffen hatten. Dann kann es sein, dass das Erlebnis, das mit einem Bild zusammenhängt, langsam uns wieder einfällt, nicht so stark wie damals, denn die Jahre haben es verschüttet; aber es bleibt uns doch eine Erinnerung an die erwartungsvolle Angst, die wir damals gespürt haben. Bitter und süss ist sie, wie starker türkischer Kaffee. Es kann manchmal schön sein, auf die „Suche nach der verlorenen Zeit“ zu gehen.
Und:
Denn was wir zu sagen vermögen, die Worte und Bilder, mit denen wir, schwach nur, zu wirken versuchen, sie hängen nicht von unserem Willen ab. Sie werden uns geschenkt, und als Geschenk haben wir sie zu betrachten.
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K.H.
Zur besseren Lesbarkeit ist das Exposé (ohne Bilder) auch als PDF-Download verfügbar.