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Zu seinen besten Zeiten war das Römische Reich fast so gross wie die EU und hatte zwischen 50 und 80 Millionen Einwohner. Die Fähigkeit der Römer, ein derart grosses Gebiet zu beherrschen, und noch dazu über viele Jahrhunderte, hat schon Generationen von Forscherinnen und Forschern fasziniert. So auch Anne Kolb, Professorin für Alte Geschichte an der Universität Zürich. Die Herrschaftsstrukturen und die Herrschaftspraxis der antiken Staaten sind ihr Spezialgebiet.
Politische Herrschaft galt in der römischen Antike als Männerdomäne. Dennoch ist von einer Reihe von Frauen des römischen Kaiserhauses bekannt, dass sie erhebliche Einflussmöglichkeiten besassen. Frauen hatten im antiken Rom eigentlich keinen eigenen rechtlichen Status. Sie galten als Anhängsel ihrer Väter, Ehemänner oder Brüder und standen unter deren Vormundschaft.
Wollten sie Geschäfte tätigen, Handel treiben oder vor Gericht auftreten, brauchten sie stets einen Tutor, ihren Vormund, der das für sie erledigte. Alles, was als öffentlich betrachtet wurde, lag in den Händen der Männer. Zumindest theoretisch. Anne Kolb meint dazu: «Es gibt Quellen, die darauf hindeuten, dass diese Praxis mit der Zeit an Bedeutung verlor und möglicherweise nur noch pro forma eingehalten wurde.»
Starke Frauen oder Heimchen am Herd?
Dennoch: Obwohl Mütter, die drei oder mehr Kinder hatten, beispielsweise eine etwas bessere Stellung erhielten und freier über ihr Vermögen verfügen konnten, war an die Ausübung offizieller politischer Ämter unter den Vorzeichen einer solchen Geschlechterordnung nicht zu denken. Dies galt auch für jene Frauen, die durch Herkunft oder Besitz zu den führenden Schichten gehörten.
Bloss an der Peripherie des Römischen Reiches gab es Ausnahmen: In Kleinasien kam es gelegentlich vor, dass mangels männlicher Nachkommen ein politisches Amt von einer Tochter oder Ehefrau ausgeübt wurde. Und die Ägypter sahen gerne eine Königin an der Seite ihres Pharaos, und verehrten die beiden nach ihrem Tod als gleichgestellte und aufeinander angewiesene Gottheiten. Doch in Rom, im Zentrum des Reiches, galt: Eine gute Frau hatte sittsam, bescheiden und vor allem zurückhaltend zu sein.
Nun sind in der Literatur jedoch zahlreiche Beispiele von «starken Frauen» überliefert, die sich mit der Rolle des braven Heimchens am Herde nicht zufrieden gaben. Da ist zum Beispiel Agrippina, die handfest dafür sorgte, dass ihr Sohn Nero Kaiser wurde. Oder Berenike aus Judäa, die ihrem Geliebten, dem Thronfolger Titus, weniger konservative Sitten beigebracht haben soll.
Anne Kolb wurde in ihren Lehrveranstaltungen oft auf solche Frauen angesprochen und gefragt, wie gross ihr Einfluss denn nun wirklich gewesen sei. Am Fallbeispiel der so genannten «Augustae» wurde diese Frage auch an einer Tagung in Zürich im letzten Herbst behandelt.
Problematische Thronfolge
«Augusta» war ein Ehrentitel, den zahlreiche Ehefrauen, Schwestern und Mütter von römischen Kaisern trugen. Livia, die Frau des ersten römischen Kaisers Augustus, war die erste. Ihr Gatte, ein Grossneffe und Adoptivsohn Julius Caesars, hatte sich in den Bürgerkriegs-Wirren, die auf Caesars Tod gefolgt waren, als allein herrschender Kaiser durchgesetzt und ein neues Regierungssystem etabliert.
Der Senat behielt allerdings eine wichtige Rolle und verlieh dem bisher Oktavian genannten, neuen Machthaber den Namen «Augustus» (= der Erhabene). Er regierte 44 Jahre lang sehr erfolgreich und wollte seine Position schliesslich an einen Nachfolger aus der Familie weitergeben und somit eine Dynastie begründen.
Dummerweise hatte er keine direkten männlichen Nachkommen und musste deshalb Tiberius, einen Sohn seiner Frau aus erster Ehe, adoptieren. «Das war ein ziemlich kritischer Übergang», erklärt Anne Kolb, «denn der Gedanke an eine dynastische Thronfolge war damals ja neu und noch nicht selbstverständlich.» Vielleicht wollte Augustus seine Dynastie deshalb auch über seine Frau absichern.
Jedenfalls vermachte er Livia in seinem Testament den Titel «Augusta». Es war kein offizielles politisches oder religiöses Amt damit verbunden, sondern es handelte sich einfach um eine Auszeichnung für diejenigen Römerinnen mit der höchsten sozialen Stellung: Den Garantinnen der jeweiligen Kaiserdynastie also.
Frauen als abschreckende Beispiele
Wer sich mit den einflussreichen Frauen des alten Roms befasst, sieht sich vor dem Problem, dass konkrete Zeugnisse mit Fakten aus ihrem Leben rar sind. Eher noch gibt es moralisch gefärbte Urteile von zeitgenössischen Beobachtern oder von Autoren, die die Geschichten dieser Frauen als abschreckende Beispiele erwähnen.
Nur zu oft wurden Frauengestalten zur Wurzel allen Übels stilisiert, wie zum Beispiel Kleopatra, die als Schuldige dafür herhalten muss, dass ein einstmals aufrechter Römer wie Antonius politisch plötzlich nicht mehr nach dem Geschmack der herrschenden Elite war. Politischer Einfluss von Frauen wurde in allen bisher bekannten römischen Quellen als äusserst problematisch eingestuft.
Doch wer weiss: «Bis heute werden jedes Jahr Tausende von noch unbekannten antiken Inschriften entdeckt» sagt Anne Kolb. Die Geschichte der einflussreichen Römerinnen ist also nach wie vor nicht endgültig in Stein gemeisselt.
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