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Eine Zeitkapsel im Illnauer Kirchturm
Die Geschichte der prägnant auf dem OberIllnauer Hügel exponierten Martinskirche reicht weit in die Vergangenheit zurück. Erbaut wurde sie vermutlich zu Beginn des 8. Jahrhunderts.
Anfangs der 1960er Jahre wurde unter anderem die Blechbedachung des Turmes letztmals erneuert. Die letzten 60 Jahre gingen an der Turmkugel, der Wetterfahne und weiteren Turm- und Gebäudebestandteilen nicht spurlos vorbei, sodass Ende 2022 weitere Sanierungsarbeiten zur Ausführung anstanden. Insbesondere sanierungsbedürftig war der sogenannte «Turmkranz». Dabei wurde die bestehende Schindelverkleidung abgebrochen sowie die Unterkonstruktion kontrolliert und wo nötig ersetzt. In einem weiteren Schritt werden nun auch die Zifferblätter der Kirchturmuhr sowie die Wetterfahne und die Turmkugel des Kirchturmspitzes aufgefrischt.
Aus anderen Beispielen an Kirchbauten überliefert ist, dass deren Turmspitzen seit jeher oft zur Hinterlegung von sogenannten «Zeitkapseln» genutzt wurden. Diese enthalten von früheren «Obrigkeiten» deponierte Botschaften, Zeugnisse und Dokumente, die für eine künftige Generation von Bedeutung sein könnten und es damals wert schienen, in die Zukunft weitergereicht zu werden.
Am Montag, 14. November 2022, wurden also die Wetterfahne und die Turmkugel von der Turmspitze entfernt, um sie wiederherzurichten. Und tatsächlich: Das fahle Licht jenes Herbstmorgens brachte im Innern der Turmkugel eine Zeitkapsel in Form einer Blechdose zum Vorschein.
Die Dose enthält einige mehr oder minder behutsam zusammengerollte Dokumente, die all die Jahre Wind und Wetter in schwindelerregend ausgesetzter Höhe scheinbar gut überstanden hatten.
Eines der überlieferten Papiere kommt in Form eines am 1. August 1963 auf Pergament geschriebenen Briefes des damaligen Pfarrers Ernst Bachmann daher.
Er berichtet:
«In der grossen Welt hat die Spannung gegenwärtig etwas nachgelassen. 'Ost' und 'West' führen wieder einmal Gespräche am runden Tisch.»
Wahrlich: Vier Tage später, am 5. August 1963, unterzeichneten die USA, die UdSSR und zahlreiche andere Staaten (mit Ausnahme von China und Frankreich) das sogenannte Atomteststoppabkommen. Ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte.
Mit Recht war der Verfasser des pergamentenen Briefes wohl dankbar für die damaligen Fortschritte am runden Tisch. Der damalige Pfarrer blickt in seinem Schreiben nicht nur mit Sorge, sondern auch mit Hoffnung auf die damaligen weltpolitischen aber auch örtlich gesellschaftlichen Vorgänge. Vor diesem Hintergrund schmerzt der Blick in den gegenwärtigen Spiegel der Zeit zum Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und die andauernden Kriegshandlungen umso mehr.
Und es scheint, als ob auch der weltliche Gemeinderat der damaligen politischen Gemeinde Illnau der Nachwelt etwas mitgeben wollte. Er deponierte eine in 14 Punkten geraffte Abhandlung zu den wichtigsten Entwicklungen in der damals rund 6'160 Einwohnerinnen und Einwohner zählenden Gemeinde. Der Bauboom in Effretikon hatte zu jener Zeit wohl erst gerade die ersten Planungen auf dem Reissbrett hinter sich gebracht und steckte noch am Anfang seiner einschneidenden Auswirkungen. Die «Stadtwerdung» war noch 11 Jahre entfernt.
Der Gemeinderat notierte unter vielen anderen Merkstationen etwa:
«Anlässlich des Weltkrieges 1939 – 1945 stürzte im Sommer 1944 auf dem Prestberg in Horben ein US. Liberator-Bomber ab».
Ein Ereignis, das zwischenzeitlich historisch mehrfach aufgearbeitet wurde.
«Das Gemeindehaus Illnau wurde im Jahre 1941 renoviert und vergrössert. Im Jahre 1962 wurde die Gemeindeverwaltung erweitert. Die Gemeinde erwarb dabei das alte Sekundarschulhaus und baute darin Bureaus ein. Im Juni 1956 wurde der neue Friedhof Zelgli in Effretikon eingeweiht.»
Das alte Gemeindehaus besteht noch heute – wenn auch als Wohnhaus.
«Die Bahnhlinie Effretikon-Hinwil wurde in den Jahren 1943 und 1944 elektrifiziert. Der Umbau vom Bahnhof Effretikon begann im Jahre 1960. Die Überführungen Nord und Süd sowie die Fussgängerführungen wurden im Jahre 1961 zur Benützung freigegeben».
Über den Bahnhof Effretikon und seinen heutigen Zustand brauchen wir an dieser Stelle wohl keine weiteren Worte zu verlieren. Hier scheint die Zeit zumindest etwas stehen geblieben zu sein.
Und zur Kirche in Effretikon:
«Die neue Kirche auf dem Rebbuck in Effretikon wurde im Jahre 1961 der Öffentlichkeit übergeben. Der Kirchturm gab zu grossen Streitigkeiten Anlass. Zuerst verlangten die Stimmbürger, dass der Kirchturm wieder abgebrochen werden soll.»
Mittlerweile hat man sich wohl dran gewöhnt; auch wenn der Turm im Volksmund mit weniger zierlich anmutenden Übernamen tituliert wird – die «Seelenabschussrampe» bzw. die «Giraffentränke» thront noch heute über dem Effretiker Rebbuck.
«Die letzte Überschwemmung der Kempt fand im Jahre 1953 statt. Bei diesem Hochwasser musste die Feuerwehr ausrücken».
Erinnerungen aus dem Sommer 2021 kommen hoch.
«Gegenwärtig ist bestimmt, dass im Jahre 1964 mit dem Bau einer Kläranlage begonnen wird».
Und hier schliesst sich der Kreis mit einem heute möglich zur Diskussion stehenden Anschluss an die Kläranlage Winterthur.
Begleitet werden die Dokumente von der damals geltenden Gemeindeordnung und einer Dokumentation zum Bau der Schulanlage Hagen aus dem Jahr 1938 – darauf schien mal damals wohl besonders stolz zu sein.
Die Kirche plant, auch in der renovierten Turmspitze eine neue Botschaft für unsere Nachwelt zu hinterlegen. Der Stadtrat wurde von der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde eingeladen, einen Beitrag zu deponieren. Wer weiss, was die uns nachfolgenden Generationen wohl um das Jahr 2080 vorfinden werden?
Das Grundlagendokument der Evangelisch-reformierten Kirche finden Sie unten, unter «Dokumente».
Es enthält eine vollständige Abschrift und eine Einschätzung des in der Zeitkapsel enthaltenen kirchlichen Briefes.
Das Zeitzeugnis des damaligen Gemeinderates Illnau ist ebenso unten vollständig abrufbar.
Die Fotos und das Grundlagenmaterial zur textlichen Konzeption wurden durch die Evanglisch-reformierte Kirchgemeinde Effretikon zur Verfügung gestellt.
Sie ist Auftraggeberin des Renovationsprojektes, Finderin und Initiatin des Zeitkapsel-Projektes.
Zugehörige Objekte
|Name|
|Eine Zeitkapsel im Illnauer Kirchturm; Beitrag der damaligen politischen Gemeinde Illnau; 1963||Download||0||Eine Zeitkapsel im Illnauer Kirchturm; Beitrag der damaligen politischen Gemeinde Illnau; 1963|
|Eine Zeitkapsel im Illnauer Kirchturm; Grundlagendokument der Ev.-ref. Kirchgemeinde||Download||1||Eine Zeitkapsel im Illnauer Kirchturm; Grundlagendokument der Ev.-ref. Kirchgemeinde|