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Den Namen Piero Piccioni dürfte kaum jemand auf Anhieb mit dem FSM-Label in Verbindung bringen. Umso überraschender daher für viele Sammler wohl die Veröffentlichung des geradezu luxuriösen 3 CD-Sets, das zwei Soundtracks des italienischen Komponisten von Ende der 60er Jahre vereint, die zwar für von der MGM produzierte bzw. verliehene Filme entstanden, jedoch jeweils unter der Leitung von Bruno Nicolai in Rom aufgenommen wurden.
Die Musik zu Kenner von 1969 mit ihrer sehr speziellen Mischung aus Sinfonik und Jazz lag Piccioni selbst sehr am Herzen und er kämpfte noch kurz vor seinem Tod im Jahre 2004 um die Rechte, damit der bereits fertig gemasterte und sequenzierte Score auf dem Digitmovies-Label hätte veröffentlicht werden können. Da der Turner Entertainment-Konzern in den USA die Rechte für Digitmovies allerdings zum damaligen Zeiptuknt nicht freigab, wurde das CD-Release für mehrere Jahre auf Eis gelegt, bis Lukas Kendall, der seit Jahren einen Exklusiv-Vertrag mit Turner unterhält, sich schlußendlich bereit erklärte, hier auszuhelfen und den Score auf seinem FSM-Label herauszubringen.
Obgleich Kenner nie in die europäischen Kinos gelangte, ist der Film doch ein typisches Kind seiner Zeit, als es aufgrund der Bürgerrechtsbewegung und Rassenintegration in den USA auch in der Filmbranche Mode wurde, schwarzen Darstellern Hauptrollen anzuvertrauen und sie zu Stars zu lancieren. Ganz auf den durch Robert Aldrichs Action-Spektakel The Dirty Dozenbekanntgewordenen Jim Brown abgestellt, pendelt Kenner etwas unentschlossen zwischen Disney-Familienfilm, hartem Krimi, exotischer Liebesgeschichte und traditionellem Abenteuerfilm hin und her: Brown spielt einen amerikanischen Matrosen, der in Bombay Rache an einem Bandenchef nehmen will, der seinen früheren Geschäftspartner umgebracht hat. Unterstützung erhält er dabei von einem kleinen vaterlosen indischen Jungen, in dessen Mutter Anasuya er sich verliebt, die später jedoch bei einer Verfolgungsjagd ihr Leben lassen muß.
Die Spannungspassagen und dramatischen Scharmützel mit dem Gangsterclan wie in Night Ambush and Escape oder Hot Pursuitunterlegt Piccioni fast durchweg mit sehr jazzbetonten Riffs von Saxophon, tiefen Bläsern und Schlagzeug, die in ihrer ruppigen Aggressivität einen Vergleich mit ähnlichen Arbeiten eines Lalo Schifrin aus dieser Zeit der End-60er nahelegen. In der Hauptsache lebt der Kenner-Score allerdings von seinen zwei gefühlvoll-elegischen Themen, die im Main Title und im anschließenden Stück A Boy and His Cricket erstmals vorgestellt und dann über die ganze Partitur hinweg und in teilweise auch leicht exotischer Einfärbung weitergesponnen werden. Das weitgespannte feine Liebesthema, das erstmals im Main Title erklingt, ist eines jener typischen Piccioni-Themen, das sofort im Ohr haften bleibt und dank seiner meldodischen Kontur, der Intervallik mit den stetigen Auf- und Abwärtsbewegungen sowie dem Einsatz der eleganten Streicher seinen Autor sofort erkennen läßt. Schmachtend und gedehnt präsentiert es sich etwa in Conversation/Nocturne, wo Piccioni es mit dem anmutigen „Family Theme“ kombiniert und mit Flöte, Harfe und Glockenspiel impressionistisch reizvoll umspielt. Besonders schön auch die ausführliche Variante innerhalb der 5-minütigen Love Scene oder die schwelgerisch aufrauschende Apotheose im Finale.
Innerhalb der 52-minütigen Musik finden sich auch drei bis vier swingende Bar-Jazz-Stücke, die den Musikfluß etwas unterbrechen und durchaus im Bonus Track-Teil am Ende von CD 1 ganz gut aufgehoben gewesen wären.
Auf CD 2 und 3 präsentiert FSM mit More Than a Miracle eine der sicherlich populärsten Piccioni-Kompositionen, die es 1967 bereits auf einer MGM-LP und 1996 in einer expandierten, klanglich jedoch recht enttäuschenden, aus mehreren Quellen zusammengefügten Fassung auf einer italienischen Screen Trax-CD zu hören gab. FSM hat hier mit Unterstüzung von Mastering-Experte Claudio Fuiano nun aber den Bogen doch etwas überspannt: CD 2 liefert zunächst das alte, 32-minütige Soundtrack-Album, auf dem allein sich auch die speziell für die US-Version des Films angefertigte Pop-Version des Hauptthemas mit Roger Williams und seinem Orchester als Ouvertüre befindet, gefolgt vom kompletten Filmscore mit mehr als 65 Minuten sowie auf Disc 3 noch rund 60 Minuten an Bonus-Material mit nicht enden wollenden alternativen Arrangements der beiden Hauptthemen (Prince Rodrigo-Thema/Liebesthema) oder auch nur dem harmonischen Unterbau ohne die eigentliche darüberliegende Melodie. Hier ist teilweise der Gaul mit den Verantwortlichen durchgegangen, denn auf diese Art werden die Themen an sich natürlich zu Tode geritten.
Obwohl es sich bei dem Francesco Rosi-Märchenfilm mit Omar Sharif als spanischem Prinzen und Sophia Loren als widerspenstigem Aschenputtel-Bauernmädchen eigentlich um eine italienisch-französische Koproduktion handelt, wurden dennoch erstaunlicherweise bei MGM in Hollywood die originalen Musikbänder aufbewahrt, die nun in sehr sauberer Klangqualität und mit nur geringen Tonschwankungen wie etwa im ersten Track auf CD 3 auf diesem Set zu Gehör kommen. Im Gegensatz zu seinen sonstigen eher kargen und spröden Scores für die Rosi-Polit-Filme der 60er konnte Piccioni hier ganz und gar seiner romantischen Ader freien Lauf lassen, was in gleich drei sich durch den Score ziehenden Themen zum Ausdruck kommt, auch wenn Liner Notes-Autor John Bender witzigerweise derer anscheinend nur zwei gehört haben will. Die Main Titles setzen ein mit mit dem unwiderstehlichen, vorwärtstreibenden und rhythmisch synkopierten Prince Rodrigo-Thema, dessen besonderer Reiz sich aus der wechselnden Instrumentierung, dem ständigen Schwanken zwischen Dur und Moll und der ungewöhnlichen Rhythmisierung ergibt. Voller Zärtlichkeit und Charme dagegen das von Streichern und diversen Holzbläser-Soli dominierte, aufwärtsstrebende Liebesthema für Isabella u nd Rodrigo, das erstmals in Rodrigo and Isabella’s First Meetingerklingt und deren langsam aufkommende Zuneigung in schmelzende Töe faßt. Dem mit übernatürlichen Kräften ausgestatteten fliegenden Mönch Bruder Joseph, der Rodrigo dessen Zukunft weissagt, ist ein oft mit mystischem Chor angereichertes wehmütig-verklärtes Thema zugeordnet, das durch die langgezogenen, dahinschwebenden Streichertöne einen spirituellen Charakter erhält. Im Kontrast hierzu stehen die ironisch-frechen und überspitzten Tracks für die Hexenzauberei und die Kochkünste der Prinzessinenn, die um Rodrigos Gunst buhlen. Mit hörbarem Vergnügen setzt Piccioni hier komödiantische Akzente mit quirligen Flöten, Fagott-Pizzicati und beschwingten Cembalo-Läufen: Stücke, die einem unnweigelrich ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.
Dominierend ist jedoch der romantische Aspekt, den der Komponist in immer neuen Arrangements seiner geschmeidigen Hauptthemen voll und ganz auskostet. Sicherlich mögen die fast 70 Minuten an einem Stück gehört für den Einen oder Anderen etwas zuviel des Guten sein, jedoch finden sich durchaus noch einige attraktive Variationen der bekannten Themen, die auf der alten LP nicht zu finden waren.
Insgesamt ein schönes und musikalisch sehr für sich einnehmendes Set, das jedem an italienischer Filmmusik auch nur halbwegs Interessierten wärmstens empfohlen werden kann.
In teilweise schwammigen und fantasievollen Hülsen ergibt sich hingegen John Bender in seinen Liner Notes. Auf Piccionis sonstige sinfonische Filmmusiken wird gar nicht erst groß eingegangen, dagegen gibt es etwa so Feinsinniges zu lesen, dass Piccioni multikulturelle World Music geschrieben habe und typisch italienisches Klangidiom bei italienischen Scores der 60er eigentlich nur noch innnerhalb von „period/historical fare and rural dramas“ zu vernehmen sei. Auf Piccionis spezifische Art der Instrumentierung und Melodieführung wird kaum eingegangen, das Kenner-Liebesthema sogar gleich dem Hollywood-Mainstream der 60er subsumiert. Schade, dass die Trennschärfe bei dieser sehr amerikanischen Lesart hier doch dermaßen bescheiden ausfällt.
KENNER / MORE THAN A MIRACLE Piero Piccioni FSM Vol. 14 No. 7 CD 1: 63:46/24 Tracks CD 2: 79:59/28 Tracks CD 3: 79:55/42 Tracks