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Nur fünf Tage nach dem Waffenstillstand vom 27. Juli 1953 zwischen Nord- und Südkorea traf mein Grossvater Werner Scheidegger in Seoul ein. In der Schweiz hatte er von seiner Ehefrau und seinem achtjährigen Sohn – meinem Vater – Abschied genommen, um während der nächsten sechs Monate der Neutralen Waffenstillstands-Überwachungskommission anzugehören, zu der neben der Schweiz auch Schweden, die damalige Tschechoslowakei und Polen zählten. Die Kommission sollte kontrollieren, dass kein unerlaubter Truppen- oder Waffennachschub stattfand, und den Gefangenenaustausch überwachen. Doch vorerst machte meinem Grossvater vor allem das Klima zu schaffen: «Die Schattentemperaturen betrugen über 40 Grad Celsius. Tenue am Nachmittag: Badehose», heisst es in seinen Aufzeichnungen. Die Arbeit wurde deshalb auf die kühleren Randstunden verlegt.
Nach zehn Tagen stand die weltweit verfolgte Verlegung auf die Aussenposten an: «Eine grosse Menge an Presseleuten von beiden Seiten des eisernen Vorhanges hatte sich eingefunden.» Mein Grossvater, der in der Schweiz den Rang eines Oberleutnants bekleidete, wurde zum Stellvertreter auf dem Posten Sinanju im Norden Koreas bestimmt. Zuerst in russischen Autobussen, dann in einem rumpelnden Schlafwagen fuhren die «Neutralen» nordwärts. Unterwegs passierten sie Pjöngjang: «So weit wir sehen, nichts als Ruinen.» Trotzdem herrschte grosse Betriebsamkeit.
Ganz im Gegensatz zu Sinanju, wo die Delegierten den Hafen, die Eisenbahnstation und das Flugfeld überwachen sollten. «Einen Hafen am Gelben Meer in der Nähe von Sinanju gibt es aber nicht. Die chinesischen und koreanischen Verbindungsoffiziere erklärten uns zudem, dass die Kontrolle der Station nicht in unsere Kompetenz falle, da es sich hier nicht um einen Grenzbahnhof handle.» Auf dem Flugplatz schliesslich war mein Grossvater innert fünf Wochen nur zwei Mal. «Es war uns schon ziemlich früh klar, dass die beiden Kriegsparteien verschiedene Möglichkeiten haben, in Verletzung des Abkommens Verstärkung an Personal und Material einzuführen», folgerte mein Opa später. «Die ganze Organisation hatte eher symbolische Bedeutung.»
Präsenz markieren
Noch heute sind zwischen den Fronten in Panmunjom, wo sich auf beiden Seiten je eine Million Soldaten gegenüberstehen, fünf Schweizer Offiziere stationiert. Ein Ende der Mission sei überhaupt kein Thema, erklärt François Furer, Kommunikationsverantwortlicher bei Swissint (Kompetenzzentrum für friedensfördernde Armee-Einsätze im Ausland). Die Hauptaufgabe der Delegierten sei es, Präsenz an der innerkoreanischen Grenze zu markieren und zu zeigen, dass das Waffenstillstandsabkommen noch immer gültig sei. Waren 1953 die Augen der Weltöffentlichkeit auf die Delegierten gerichtet, so regt sich heute das Medieninteresse vor allem in besonderen Situationen, etwa beim Besuch von Bundesrätin Micheline Calmy-Rey im Jahr 2003 oder wenn die Spannung auf der koreanischen Insel steigt, wie nach dem Untergang des südkoreanischen Kriegsschiffs Cheonan im März. Die Schweizer Offiziere halten jeden Dienstag eine Sitzung ab, allerdings nur noch mit den Kollegen aus Schweden. Die tschechischen und polnischen Delegierten wurden nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf Drängen von Nordkorea abgezogen.
Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von August 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion