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(Libanon, Syrien und Jordanien)
29. September bis 13. Oktober 2009
Am 7. Oktober bereisten wir Syriens Süden, genauer die Region Hauran. Die Landschaft ist sehr vielfältig. Die wild zerklüftete Lavalandschaft mit Vulkankegeln und einer sanften fruchtbaren Ebene, deren Weinfelder die Trauben für den syrischen Arrak liefern, zeigte sich uns im Kleid der Morgensonne. Der Hauran war schon in frühester Zeit von Menschen bewohnt. Er war ein Schmelztiegel vieler Kulturen und Völker, die alle ihre Spuren hinterlassen haben. So fuhren wir von einem Höhepunkt zum andern und tauchten für einige Stunden in die Vergangenheit ein.
In Shaba, das unter Kaiser Philippus Arabs einst Philippopolis hiess, findet man noch Reste alter Tore, römische Thermen, ein Theater und eine gut erhaltene Stadtmauer.
Qanawat, das antike Kanatha, liegt an einem Ausläufer des Jebel ad Druz. 63 v.Chr. gliederte Pompeius die Stadt der Dekapolis (Zehnstädtebund) an. Unter Herodes Agrippa war sie bis ins 1. Jh. in jüdischem Besitz. Unter dem römischen Kaiser Trajan (98-117) gehörte die Stadt zur Provinz Syria und stellte dem römischen Heer eigene Kohorten. Die Bischöfe von Kanatha nahmen an den Konzilien von Chalcedon 451 und Konstantinopel 553 teil. 635 fiel die Stadt in die Hände der Muslime. In der Ruinenstadt findet man das Podium eines Jupiter-Tempels. Besonders beeindruckend ist das Atrium; das gehörte zu einer vorchristlichen Basilika, die im 4. Jh. In eine Kirche umgewandelt wurde. Viele Reliefs der Türstürze zeugen noch von einer blühenden christlichen Vergangenheit.
In Suweida reichte es aus zeitlichen Gründen nur noch für den Mittagshalt, wir entschieden uns zugunsten von Bosra weiterzufahren.
Bosra liegt in einer fruchtbaren Ebene etwa 150 km südlich von Damaskus. Die Bibel erwähnt die Stadt (im 2.Jh.v.Chr.) als eitel, gross und fest, in der viele Juden lebten (1.Makkabäer 5,26). Als Sitz eines Bischofs wurde sie um 300 Metropolis. Ihre Bischöfe beteiligten sich lebhaft an den dogmatischen Auseinandersetzungen der frühen Kirche und missionierten aus dem Süden nach Syrien strömende Araber.
Bosra ist Unesco-Welterbe. Aus der Römerzeit stammen das westliche Stadttor, ein dreifacher Triumphbogen, Ruinen von Thermen und anderen Bauten. Das für mich Beeindruckendste war das gut erhaltene Theater, um das die Araber im 13. Jh. eine mächtige Festung bauten. Die Tribünen bieten 15‘000 Sitzplätze. Erwähnenswert ist auch die hervorragende Akustik; denn von jedem Platz aus ist, ohne jegliche technische Hilfsmittel, jedes Wort zu verstehen. Welch architektonische Meisterleistung.
Am Abend besuchten wir das christliche Dorf Khabab, wo uns Bischof Boulos Borkhoche erwartete und zum Abendessen einlud. Bei der Ankunft begrüsste er uns in Arbeitskleidung – er kam gerade vom Melken. Seine väterliche, gütige Ausstrahlung und vor allem seine enorme Bescheidenheit waren tief beeindruckend.
8. Oktober – Für die Fahrt von Damaskus nach Amman bestellten wir auf 10 Uhr morgens ein Taxi. Nach der orientalischen Uhr fuhren wir dann endlich nach 11 Uhr ab Richtung Jordanien. Der Taxichauffeur machte vor der Grenze noch zwei, drei Zwischenhalte um, so wie es schien, ein paar Nebengeschäfte zu tätigen. Für die Aus- bzw. Einreise von Syrien nach Jordanien braucht es viel Geduld und gute Nerven. Die Grenzformalitäten dauerten 3 ½ Stunden.
Am Bischofssitz in Amman empfing uns der neue Erzbischof freundlich und herzlich. Vater Yasser Ayyache wurde von Heiligen Synod 2007 zum neuen Erzbischof von Petra, Philadelphia (=Amman) und ganz Jordanien gewählt.
9. Oktober – Bischof Ayyache stellte uns für den ganzen Tag seinen Chauffeur zur Verfügung. Den ersten Halt machten wir in Madaba, um in der St. Georgs-Kirche die berühmten Mosaiken der Palästina-Karte, die um 560 n.Ch. entstanden sind, zu sehen. Über diesen einmaligen Mosaiken wurde dann im Jahre 1896 durch den Patriarchen von Jerusalem die griechisch-orthodoxe Kirche errichtet.
Das Land südlich von Amman, das seit biblischen Zeiten Moab heisst, liegt auf einem Kalksteinplateau mit abgerundeten Hügelkuppen, die von 900 m über dem Meeresspiegel bis zu den Gipfeln des Jebel Shihan im Süden ansteigen. Das biblische Reich Moab reichte vom Toten Meer im Westen bis zur Wüste im Osten, im Norden grenzte es an das Reich Ammon, im Süden an das Reich Edom. Aus den Steppen Moabs stieg Mose auf den Berg Nebo, von dem aus er das Land Kanaan überschaute, ehe er starb.
Mose stieg aus den Steppen von Moab hinauf auf den Nebo, den Gipfel des Pisga gegenüber Jericho und der Herr zeigte ihm das ganze Land. Er zeigte ihm Gilead bis nach Dan hin, ganz Naftali, das Gebiet von Efraim und Manasse, ganz Juda bis zum Mittelmeer, den Negeb und die Jordangegend, den Talgraben von Jericho, der Palmenstadt, bis Zoar. Der Herr sagte zu ihm: Das ist das Land, das ich Abraham, Isaak und Jakob versprochen habe mit dem Schwur: Deinen Nachkommen werde ich es geben. Ich habe es mit deinen Augen schauen lassen. Hinüberziehen wirst du nicht. Danach starb Mose, der Knecht des Herrn, dort in Moab, wie es der Herr bestimmt hatte. Man begrub ihn im Tal, in Moab, gegenüber Bet-Pegor. Bis heute kennt niemand sein Grab (Dtn 34,1-6).
Unser Ausblick reichte allerdings nicht so weit, denn das Jordantal, das Tote Meer sowie die Stadt Jericho zeigten sich in trübem Schleiergewand. Bei klarer Wetterlage soll man bis nach Jerusalem sehen können.
Die Kirche, die Klosterruinen, das Taufbecken und das bedeutende Mosaik konnten wir leider nicht besichtigen, da zurzeit fast das ganze Gelände abgesperrt war. Offenbar können die Archäologen infolge der Pilger- und Touristenströme nicht ungehindert ihrer Forschung nachgehen. Die Instandhaltung der historischen Stätten wird heute vom Bibelinstitut des Franziskanerordens in Jerusalem betreut.
Der biblische Text über den Berg Nebo und Moses liess mich nicht mehr los, so dass ich im Jordantal geistigerweise noch immer auf dem Berg Nebo verweilte. Es schien mir, als hätte die Zeit einen kurzen Halt gemacht.
Im Jordantal folgten wir einem Schild mit der Aufschrift Babtism Site, berühmt geworden als Taufplatz Jesu. Der Ort lag lange Zeit in einer militärischen Sperrzone. Erst ab 1997 wurden in grösserem Umfang Ausgrabungen gemacht. Darunter befinden sich byzantinische Kirchen, Taufbecken aus byzantinischer und römischer Zeit. Viele mittelalterliche Quellen, Berichte von Pilgern, beschreiben detailliert die Bauwerke und die Gegebenheiten dieses Ortes. Bereits damals kannte und verehrte man sie als den Ort, wo Johannes der Täufer wirkte und wo sehr wahrscheinlich Jesu getauft wurde. Die Berichte stimmen bis ins Detail mit den Ergebnissen der Ausgrabungen überein. Wer sich den Jordan auch nur als kleinen Fluss vorstellt, wird herb enttäuscht. Er gleicht heute eher einem schwach fliessenden Bächlein.
Um zu unserm nächsten Ziel Kerak zu gelangen, fuhren wir Richtung Süden, dem Toten Meer entlang. Die Strasse ist fast schnurgerade, nur unweit vom Ufer entfernt. Diese Gegend ist sehr trocken und heiss. Je nach Jahreszeit befindet sich der Wasserstand etwa 400 m unter dem Meeresspiegel. Das Tote Meer spielt in der Bibel eine wichtige Rolle. Die im Buch Genesis erwähnten Städte Sodom, Gomorrha, Admah, Zeboiim und Zoar liegen in der Ebene im südlichen Teil des Toten Meeres. Mehrere Stätten kommen als Kandidaten hierfür in Frage. Auf der Strasse nach Kerak fuhren wir an einer von ihnen, Bab adh-Dhraa, vermutlich Sodom, vorbei. Die Fahrt entlang des Toten Meeres war einmalig schön.
In Kerak besichtigten wir die alte Kreuzfahrerburg aus dem 12. Jh. mit Bergfried, Burggraben, Wachturm, Rittersälen und einer Kapelle.
Nach diesem anstrengend Tag besuchten wir in Amman noch die Familie unseres Chauffeurs, wo wir nach orientalischer Manier empfangen wurden.
Am 10. Oktober begleitete uns Bischof Yasser Ayyache nach dem nördlich von Amman gelegenen Jerash, dem römischen Gerasa, welches wir nach knapp einer Autostunde erreichten.
Die Ruinen des antiken Gerasa – wegen seiner gut erhaltenen Ruinen oft Pompeji des Ostens genannt – vermitteln einen guten Eindruck von einer Provinzstadt an der südöstlichen Grenze des Römischen Reichs. Als ein Teil der römischen Dekapolis erlangte Gerasa durch Handel und den Abbau von Eisenerz grossen Wohlstand. Unser Rundgang durch die Ruinenstadt dauerte 2 ½ Stunden. Wir betraten sie durch den Hadriansbogen im Süden. Er wurde zum Gedenken an den Besuch Kaiser Hadrians 129 n.Ch. erbaut. Des Weiteren besichtigten wir die typischen Merkmale einer antiken Stadt: Hippodrom, Forum, Zeustempel, Artemistempel, Thermen, und die Überreste alter Kirchen. Besonders eindrücklich war das Südtheater, das 3’000 Zuschauern Platz bot. Griechische Inschriften nennen reiche Einwohner als Sponsoren. Ein Highlight ist die 12 m breite und ca. 800 m lange Nord-Süd Achse, das Cardo maximus. Diese Hauptstrasse der Stadt war früher durch Gänge mit ionischen und korinthischen Säulen, von denen einige noch heute erhalten sind, begrenzt. Bei Anbruch der Dunkelheit fuhren wir nach Amman zurück.
11. Oktober – Um 9 Uhr begann die göttliche Liturgie in der St. Georgs-Kathedrale, wo wir als Konzelebranten eingeladen wurden. Nach dem Gottesdienst trafen sich die Gläubigen mit dem Bischof im neben der Kathedrale gelegenen Bischofshaus zum Kaffee und Austausch. Dabei erfuhren wir allerlei über das Leben der Christen in diesem Land und ihre Sorgen und Nöte. Danach verabschiedeten wir uns von unserem lieb gewonnenen Erzbischof Yasser Ayyache, und bestiegen ein Taxi nach Syrien.
Die Zollformalitäten an der Grenze verliefen recht speditiv, die Ausreisegebühr am jordanischen Zoll betrug 5 Jord. Dinare. Auch der syrische Formalismus verlief dieses Mal schneller; die Einreisegebühr (resp. Visa) betrug 30 Euro. Nach rund 4 Stunden ereichten wir das Patriarchat in Damaskus.
Als krönender Abschluss unserer Reise organisierte V. Felix für uns eine Audienz bei seiner Seligkeit Patriarch Gregorios III., der uns sehr herzlich empfing. Wir staunten, wie seine Seligkeit die Situation der Christen in Westeuropa sehr genau analysiert und kennt. Nach einem gemeinsamen Foto verabschiedeten wir uns von seiner Seligkeit Patriarch Gregorios III. und von Damaskus. Die Zeit ist gekommen, Richtung Libanon, zurück zu unserem Ausgangspunkt Harissa, aufzubrechen.
Am 12. Oktober war Ruhetag angesagt, da wir am nächsten Tag sehr früh am Flughafen sein mussten. Zeit also, auszuruhen und um das Erlebte nochmals Revue passieren zu lassen.
Vollgeladen mit Eindrücken und glücklich, viele freundliche, herzensgute Menschen kennen gelernt zu haben, kehrten wir in die Schweiz zurück.
Für mich war es nicht bloss eine Kulturreise! Was mich besonders beeindruckt hat, war vor allem das spürbare Erleben der Anfänge der Kirche und des Christentums. Dass dies möglich wurde, verdanke ich besonders dem Grossarchimandrit V. Felix Dillier sowie V. Elias Aghia, der uns auf der ganzen Reise begleitete.
Roger Schmidlin