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Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
Über das Leben von Sebastian Kneipp (1821−1897) liegen viele Publikationen vor. So beispielsweise die Werke „Sebastian Kneipp“ von Eberhard Schomburg und der Bildband „Sebastian Kneipp“ von J. M. Mariafai und Walter Kostenbader, die ich sehr aufmerksam las und so manche Anekdote entdeckte. Auch aus Kneipps Werken „Meine Wasserkur“ und „So sollt ihr leben“ (ich besitze die Gesamtausgabe von 1894) war die eine oder andere Geschichte zu erfahren.
Aus den Anekdoten erfuhr ich sehr viel über das erfüllte, aber nicht immer leichte Leben eines aussergewöhnlichen Menschen.
Leider gab es in seinem Leben auch Widersacher und Besserwisser. Er konnte jedoch in allen Belangen rehabilitiert werden. Auch andere Pioniere wie Johannes Künzle (1857−1945) und Maximilian Oskar Bircher-Benner (1867−1939), die zum Wohle von Kranken ihr Heilwissen und ihre Ernährungsempfehlungen präsentierten, wurden angegriffen. Die Widersacher konnten es nicht glauben, dass man mit natürlichen Mitteln Heilerfolge erzielen kann.
Der Priester Sebastian Kneipp hat Aussergewöhnliches geleistet. Er war Beichtvater, Schriftsteller, Bauherr und Redner. Er verlangte bei seinen Konsultationen von Ärmeren kein Honorar. Reiche spendeten, Gelder, die Kneipp mit seinen Buchhonoraren für den Bau des Kinderasyls und andere Einrichtungen verwendete. Aber lassen wir ihn selbst zu Wort kommen (28.12.1890):
„… ich habe nichts gesucht und getan, als wozu mich die eigene Not und das Mitleid mit den Leidenden getrieben hat. Ich will auch nicht der Erfinder der Wasserkur sein; denn vor Jahrtausenden war das Wasser schon Heilmittel … Ich war immer zu dieser Nebenbeschäftigung in meinem Seelsorgerberufe gezwungen und getrieben durch das Mitleid mit andern. Ich will und suche auch keine Ehre; ich will bloss, dass die Sache geprüft werde, dass der Wahrheit Zeugnis gegeben werden kann.“
Der Cholera-Kaplan
Sebastian Kneipp hat die Kraft und Wirkung des frischen Wassers am eigenen Leib verspürt. In jungen Jahren heilte er seine Schwindsucht, indem er wöchentlich 2 bis 3 Mal in der Donau badete. Auslöser war das Buch von Johann Siegmund Hahn (1696−1773), das er bei einem Antiquar erstanden hatte. Der Mediziner beschrieb als erster die Heilkraft des Wassers. Später empfahl Kneipp die Wasseranwendungen einigen Kommilitonen, danach auch vielen Kranken.
1854 wurde er zu einer Magd gerufen, die an Cholera erkrankt war und von den Ärzten schon aufgegeben wurde. Die Bedauernswerte litt unter starken Krämpfen. Kneipp liess ein Leintuch mit Essigwasser tränken und legte es der Kranken so heiss wie möglich auf den Leib. Die Krämpfe hörten auf. Die Behandlung wurde mehrmals an den folgenden Tagen wiederholt. Dieses einfache Mittel liess die Magd wieder völlig gesund werden. Weitere Cholerakranken profitierten von der Anwendung. Von nun an wurde er als „Cholera-Kaplan“ tituliert.
Brennsuppe und Brot
Schon früh erkannte Kneipp, dass zur Erhaltung der Gesundheit eine Abhärtung, zweckmässige, einfache, gesunde Ernährung und Ordnung in der Lebensführung notwendig sind. Schon damals beklagte er, dass es viele verweichlichte, nicht abgehärtete Menschen gibt (das kann man im heutigen Computerzeitalter auch behaupten).
Über die Ernährung wusste er viel zu berichten. Hier ein Beispiel:
Er kannte 5 Brüder, die arm waren und die schwersten Arbeiten im Wald verrichteten. Kneipp dazu: „Bei diesen Leistungen hatten sie folgende Kost: Am Morgen Brennsuppe, am Mittag des Winters einen Liter Milch und schwarzes Brot, am Abend Erdäpfel mit Brotsuppe. Alle haben ein hohes Alter erreicht und waren gesund. Sieht man dagegen wie viele andere die kräftigste Kost in doppelter Portion zu sich nehmen, dabei eine ruhige Lebensweise haben, die Körperkräfte wenig anstrengen und doch voller Elend und Gebrechen sind, so wird es klar, dass nicht die Menge der Speisen es ist, was den Menschen kräftig und gesund macht.“
Völlerei war ihm zuwider
Die „Sauferei“, „Schlemmerei“ und „Völlerei“ waren ihm zuwider. Wie Eberhard Schomburg schrieb, sah Kneipp darin eine Verhöhnung der Armen, die schwer arbeiten mussten und nur das Notdürftigste an Lebensmitteln kaufen konnten. „Wieviele Fürsten und Würdenträger und Kinder des Reichtums auch aus der ganzen Welt nach Wörishofen kamen, immer standen die ärmsten und bedürftigsten Menschen seinem Herzen näher“, so der Autor.
In seinen Sprechstunden konnte er seine Tonart verstärken, wenn sich herausstellte, dass der Patient sich mit Essen und Trinken nicht zurückhalten konnte. Als ein wohlbeleibter Herr auftauchte und erzählte, was er so am Tag in sich hineinfuttert, sagte Kneipp: „Wissen´s, was Ihnen fehlt?“ „Einen zweiten Magen.“
Frau Friedländer, Witwe des Wiener Publizisten Dr. Max Friedländer, litt schon seit Jahren unter Schlaflosigkeit. Als Kneipp erfuhr, dass sie Chloral einnehme, war er ganz ungehalten und sagte: „Von Chloral kriegen Sie ja keinen Schlaf, das ist ja nur Betäubung, und betäuben tuat ma ja nit einmal ein Ross oder einen Ochsen!“
Kneipp sagte dann zu seinem Sekretär: „Schreibens: Zweimal wöchentlich den spanischen Mantel, zweimal ein Halbbad und zweimal Ganzwaschung vom Bett aus.“
Sebastian Kneipp über die Verstopfung
Sebastian Kneipp verpönte „gewaltsame Mittel“ zur Bekämpfung der Verstopfung. So berichtete er von einem Bauern, der seinen harten Stuhlgang mit dem giftigen Quecksilber zu Leibe rückte. Dann bemerkte Kneipp, dass die vornehme Welt das Leiden ganz anders behandelt. „Unzählige Fläschchen mit verschiedenstem Mineralwasser werden da täglich durch den Körper gejagt, und in der Tat, sie bewirken reichlichsten Stuhlgang.“
Ein anderer, „von der Medizin gänzlich verlassener Mann“ (kaum 40 Jahre alt) kam zu Kneipp, um sich einen Rat zu holen. Ihm wurde nämlich geraten, täglich ein Klistier oder ein anderes drastisches Mittel anzuwenden, damit er den „notdürftigsten Stuhlgang“ habe.
Er empfahl seinen Patienten das tägliche Trinken von Wasser (esslöffelweise von Morgen an bis Mittag) und äusserliche Wasseranwendungen, wie das Waschen des Unterleibes beim Aufstehen und Schlafengehen, dann Kniegüsse und kalte Sitz- und Vollbäder.
Bewegungstherapie
„Es ist nicht so wertvoll, einen Tropfen Schweiss in der Badestube zu schwitzen, sondern nur der Schweisstropfen, welcher durch körperliche Anstrengung verschwitzt wird, ist Goldes wert“, so Sebastian Kneipp zur Bewegungstherapie. Er stellte aber auch fest: „Untätigkeit schwächt, Übung kräftigt und Überlastung schadet.“
Bewusste Lebensführung
„... erst als ich Ordnung in die Seele meiner Patienten brachte, besserten sich auch die körperlichen Gebrechen.“ Und „Haltet euch von innen heraus stark, dann werdet ihr nicht krank; setzt den Körper in den Stand, den äusseren Einwirkungen Widerstand zu leisten, dann werdet ihr nicht krank“, riet Sebastian Kneipp.
Im Abteil gekocht
Pfarrer Alois Stückle war Kneipps „Reisemarschall“. Er begleitete Kneipp auf 32 Reisen in mehr als 100 Städte, in denen er oft vor mehr als 1000 Zuhörern sprach.
Die Zugschaffner kannten die beiden und hatten nichts dagegen, wenn die prominenten Reisenden einen kleinen Kocher auspackten und damit Malzkaffee und eine schmackhafte Brennsuppe zubereiteten.
Das waren noch Zeiten. Heute wäre dies wohl nicht möglich.
Kneipp predige gern und ausgiebig. Er war ein guter Volksredner. Dazu Kneipp: „Weil die Zeit bei meinen Sprechstunden zu kurz ist, um mit jedem einzelnen Kurgast lange zu sprechen, habe ich auf vielseitigem Drängen angefangen, Vorträge zu halten, um das, was ich in der Sprechstunde nicht alles sagen kann, bei den Vorträgen zu sagen. Die Vorträge aber habe ich zugleich auch als Unterhaltung mit meinen Kurgästen angesehen und deswegen auch mit Humor gewürzt, damit die Lachmuskeln nicht ohne Tätigkeit bleiben mussten.“
Hier noch eine Bemerkung vom damalige Kneipparzt Dr. Alfred Baumgarten über die Redegewohnheiten von Kneipp: „Seine Sätze waren niemals fein geschliffen, sondern sein ganzer Stil, der für ihn typisch war, war etwas grobknochig, aber unendlich verständlich und anheimelnd in seiner derbeinfachen Deutlichkeit und sehr bilderreich. Ich habe selten einen Redner gehört, der mich so gefesselt hätte, wie Sebastian Kneipp.“ Die Reden kamen auch bei den Zuhörern sehr gut an.
Es gäbe noch viel über Kneipp zu berichten. Was noch fehlt, sind die Lebensdaten und Infos über den sehr aktiven Kneipp-Bund e.V.
Lebensdaten
1821: Sebastian Kneipp wird am 17. Mai in Stephansried bei Ottobeuren als Sohn eines armen Leinenwebers geboren.
1842/43: Lateinschüler des Pfarrers Dr. Matthias Merkle.
1844: Aufnahme in das Gymnasium zu Dillingen a. d. Donau.
1848: Abitur, Beginn des Theologiestudiums.
1852: Priesterweihe, Kaplan in Biberbach.
1853/54: Kaplan in Boos, anschliessend Kaplan in St. Georg, Augsburg.
1855: Geistlicher Leiter des Dominikanerklosters in Wörishofen. Hier verbesserte er die Landwirtschaft im Kloster, schrieb einige landwirtschaftliche Fachbücher wie das „Bienen-Büchlein“, „Die Kaninchenzucht“, „Fritz der fleissige Landwirt“.
1866: Anzeige des Dr. Schmidt, Tübingen, wegen Kurpfuscherei und Verteidigungsschrift Kneipps an das bischöfliche Ordinariat zu Augsburg. Er konnte sämtliche gegen ihn erhobenen Vorwürfe entkräften.
1881: Ernennung zum Ortspfarrer von Wörishofen.
1886: Erste Auflage von „Meine Wasserkur“. Wörishofen wurde 1889 zum Kurort, die Kneipp-Bewegung fand ihre ersten Anhänger.
1890: Eröffnung der Wandelhalle, erster Vortrag von Kneipp; Gründung des ersten Kneipp-Vereins, Kneipp wird Ehrenpräsident.
1891: Das Kurhaus Sebastianeum wird eröffnet (erste Stiftung Kneipps).
1893: Eröffnung der Kinderheilstätte (zweite Stiftung Kneipps).
1894: 25 Ärzte schliessen sich zum internationalen Verein Kneippscher Ärzte zusammen. Romreise zu Papst Leo XIII.
1896: Eröffnung des Kneippianums (dritte Stiftung Kneipps).
1897: Am 17. Juni stirbt Sebastian Kneipp im Dominikanerkloster nach einer schweren Krankheit.
Anhang: Der Kneipp-Bund e.V.
Der Kneipp-Bund e.V. (www.kneippbund.de) ist der Dachverband für die rund 600 Kneipp-Vereine mit etwa 160 000 Mitgliedern. Dieser Bund vermittelt eine wertvolle Gesundheitsidee, die auf den 5 Elementen, Ernährung, Bewegung, Lebensordnung, Heilpflanzen und Wasser aufbaut. Die Veranstaltungen der Kneipp-Vereine dienen der aktiven Gesundheitsvorsorge. Ziel der Vereine ist es, die Lehren Sebastian Kneipp möglichst vielen Menschen nahezubringen.
Die Sebastian-Kneipp-Akademie (www.kneippakademie.de) in Bad Wörishofen, die 1977 gegründet wurde, ist eine Bildungseinrichtung, die das ganzheitliche Gesundheitskonzept nach den Grundannahmen der Lehre Sebastian Kneipps weiterführt und weiterentwickelt. „Neben unseren bewährten, qualitativ hochwertigen Seminaren setzen wir auch neue Impulse durch interessante Weiterbildungsthemen und aktuelle Ausbildungen“, so der Kneipp-Bund. In der angegebenen Internetadresse sind Infos zu den jeweiligen Kurs- und Seminarangeboten einsehbar.
Der Kneipp-Verlag (www.kneippverlag.de) gibt die sehr ansprechende Zeitschrift „Kneipp-Journal“ heraus. Der Verlag arbeitet auch als Buch- und Gesundheitsartikelversand.
Literatur
Burghardt, Ludwig: „Das aussergewöhnliche Leben Sebastian Kneipps“, Folge VIII „Der Redner“, Kneipp-Blätter, 4/1987.
Mariafei, J. M.; Kostenbader, W.: „Sebastian Kneipp“, Kneipp-Verlag, Bad Wörishofen 1993.
Schomburg, Eberhard: „Sebastian Kneipp“, Kneipp-Verlag, Bad Wörishofen 1994.
Hinweis auf ein weiteres Blog über Kneipp
25.06.2015: Sebastian Kneipp (1): Kneipp-Kur – Gesundheit auf 5 Säulen