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Ruine einer Grottenburg westlich des Staudammes von Marmorera. Äusserst kühne Situation auf zwei Felsstufen unterschiedlicher Höhe unter mächtigem, überhängendem Felsschirm. Mit Ausnahme der noch aufrechten Kapelle sind nur geringe Mauerreste erhalten. Zugang über ein steil ansteigendes Felsband von N her zur unteren Felsstufe. Diese anscheinend von einem unregelmässigen Bering umgeben, dessen Verlauf der natürlichen Felskante folgte. In der N-Partie ist eine Toranlage zu vermuten, von der allerdings nichts mehr sichtbar ist. Die Innenfläche der unteren Terrasse durch natürliche Felsstufen gegliedert, aber keine Spuren einer Überbauung.
Am SW-Ende der unteren Felsstufe die spärlichen Reste des Wohntraktes. Annähernd rechteckiges Gebäude, gegen N und W an den steil aufsteigenden Fels angelehnt. Zur Zeit J.J. Rahns (1893) noch aufrecht. Der Wohntrakt umfasste mit Einschluss des Kellers vier Geschosse. Auf der E-Seite je eine rundbogige Türe im 1. und 2. Geschoss. Im 3. Geschoss Schmalscharte und nicht näher bestimmbare Maueröffnung. Die Funktion der zwei von der Mauerkrone aus weit nach aussen ragenden Balken nicht ganz klar, vielleicht Rest eines vorkragenden 4. Obergeschosses aus Holz. Inwendig war der Trakt einmal querunterteilt. Inder S-Wand Austritt auf eine Holzlaube (4. Geschoss), ferner Schmalscharten und kleine Viereckfenster. Im 4. Geschoss zwei auf Konsolsteinen ruhende, über die Mauerkrone hochgezogene Rauchabzüge, derjenige an der E-Wand mit rundem, derjenige an der S-Wand mit viereckigem Querschnitt. Inder Quermauer Verbindungstüren. Die obere Felsstufe von der rückwärtigen Felswand durch einen tiefen, natürlichen Schrund getrennt. In der N-Partie eine Kapelle mit unbekanntem Patrozinium. Zweigeschossiger Bau aus flachen, lagerhaft verarbeiteten Bruchsteinen. Rasa-pietra-Verputz mit Kellenfugen. Über der Türe eingeritztes Tatzenkreuz. Annähernd rechteckiger Grundriss mit halbrunder Apsis. Gewölbe auf wulstförmigem Gesims. Der Aussenmantel der Apsis ragt ganz schwach über die Mauerflucht vor. Das untere Geschoss, zugänglich durch eine seitlich angebrachte Türe in der W-Wand und belichtet durch eine Schmalscharte, wohl nur zu profanen Zwecken (Vorratskeller?) verwendet. Der Sakralraum im 2. Geschoss. Zugänglich durch zwei Türen in der W-, bzw. S-Wand. In der Apsis zwei Fenster, das eine nachträglich verändert. Inneres der Kapelle mit gut erhaltenem Glattverputz.
Auf dem Plateau nördlich der Kapelle Reste eines nachträglich errichteten Gebäudes. Poeschel vermutet hier die Behausung des Pfarrers.
Photo Adrian Michael
Aus der S-Wand der Kapelle zweigte in rechtem Winkel ein Mauerzug ab, der offenbar die südliche Partie der oberen Felsstufe umschloss und an die NE-Ecke des Wohntraktes führte. Ausgehauene Fundamentstufen deuten den Verlauf einer weiteren, auf die untere Felsstufe abzweigenden Mauer an.
Auch wenn aufgrund der heutigen Reste und der Unterlagen von Rahn die Gesamtkonzeption der sehr geschickt in den Fels hineinkomponierten Anlage durchschaubar ist, bleiben doch verschiedene Fragen offen, die ohne Grabungen nicht beantwortet werden können, insbesondere Probleme der baugeschichtlichen Entwicklung, der Überbauung und des Tores auf der unteren Felsstufe, der Heizung und der Trinkwasserversorgung.
Im nördlichem Vorgelände der Burgfluh, wo sich auf muldenförmiger Terrasse eine in den Wald hineingerodete Weide erstreckt, finden sich die Reste eines weitläufigen Pferches. Gutes Trockenmauerwerk, geschickt dem Geländeverlauf unter Einbeziehung natürlicher Felsblöcke angepasst. Innendurchmesser 50 bis 80 m. Öffnungen auf der W- und S-Seite erkennbar. Westl. dieses Pferches ein quadratischer Hausgrundriss von 7,2 m Seitenlänge und 60 cm Mauerstärke. Grössere und kleinere Platten, trocken geschichtet. Offenbar lagen an dieser Stelle, «Castigl» geheissen, die Wirtschaftsgebäude der Burg.
Marmels nach einer Zeichnung von Rahn (1893). Links der Wohntrakt, rechts oben die Kapelle, rechts unten des Beringes mit des Toranlage.
Die Gründungszeit der Feste Marmels ist nicht bekannt. Der Kapellengrundriss rechtfertigt eine frühe Datierung ins 11. Jahrhundert. Lesefunde an der Oberfläche gehören in die Mitte des 12. Jahrhunderts. Vermutlich ist die Burg durch die Herren von Marmels auf Eigengut errichtet worden, und die allodiale Stellung der Burg blieb auch später erhalten, als die Familie in der Ministerialität des Hauses Tarasp und der Bischöfe von Chur stand. Erstmals wird das Geschlecht 1160 erwähnt. Damals schenkte Ulrich von Tarasp nebst vielen anderen Ministerialen auch Andreas von Marmels ans Churer Hochstift. Andreas trug die ebenfalls in der Schenkung inbegriffene Hälfte der Burg Tarasp zu Lehen. Die Feste Marmels ist erstmals 1193 bezeugt, als der nämliche Andreas oder vielleicht sein gleichnamiger Sohn den Kardinallegaten Cintius im Namen des Kaisers auf der Septimerroute ge fangennahm und auf seine Burg führte. Als Churer Ministerialen spielten die Marmels während des ganzen Mittelalters eine wichtige Rolle in der Geschichte des Hochstifts und Rätiens. Da sie über zahlreiche Lehen, vor allem im Oberhalbstein, verfügten und des öfteren als Vögte auf verschiedenen Burgen sassen, dürfte das unbequeme Felsennest Marmels nach und nach an Bedeutung verloren haben. Den Höhepunkt erreichte das Geschlecht mit Conradin, der die beiden selbständigen Herrschaften Rhäzüns und Haldenstein innehatte und im Schwabenkrieg als Anführer der Bündner eine bedeutende, wenn auch zwielichtige Rolle spielte. Im 16. Jahrhundert ging die immer noch bewohnbare Burg Marmels, nachdem sie die ganze Zeit der Familie von Marmels gehört hatte, im Nachlass Conradins an dessen zweiten Sohn Rudolf über, der sie mit dem Turm von Tinizong und dem Hof Spliatsch an seinen Neffen Hans veräusserte. Zu Campells Zeit (um 1550) war sie noch bewohnt, Sprecher bezeichnet sie bereits als Ruine.
Photo Adrian Michael
Photo Roland Keiser
Photo Roland Keiser
Photo Roland Keiser
Bibliographie