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Einleitung
Das Buch „Über Abraham" (de Abrahamo), wie es gewöhnlich genannt wird, eröffnet den zweiten Teil des systematischen Werkes über die Mosaische Gesetzgebung. Der eigentliche Titel des Buches lautet: Lebensbeschreibung des Weisen, der durch Belehrung zur Vollkommenheit gelangte, oder (das erste Buch) der ungeschriebenen Gesetze (βίος σοφοΰ τοΰ κατά διδασκαλίαν τελειωδεντος ή νόμων άγραφων τo πρώτον). Nachdem Philo in dem Buche über die Weltschöpfung den biblischen Schöpfungsbericht und die Geschichte des ersten Menschenpaares erläutert hat, behandelt er in den Lebensbeschreibungen der Patriarchen den übrigen hauptsächlichen Inhalt des ersten Buches Mosis. Die drei Erzväter sind ihm nach ethisch-allegorischer Auffassung Sinnbilder des stoischen Ideals des Weisen, und zwar stellen sie die drei Wege dar, auf denen der Weise zur vollkommenen Tugend gelangt: Abraham ist der Typus des Weisen, der durch Belehrung (διδασκαλία, μαθήσει) Tugend erwirbt, dem Isaak ist sie von Natur angeboren (φύσει), Jakob eignet sie sich durch Übung an (ασκήσει). Die Patriarchen sind zugleich, wie er am Anfang dieser Schrift (§3—6) ausführt, Verkörperungen der un-geschriebenen Gesetze; in ihrer vorbildlichen Lebensführung, die sich an das natürliche Sittengesetz anlehnte, sind die von Moses dem Volke Israel gegebenen Gesetze gewissermassen schon lebendig gewesen. Von den drei Büchern über die Erzväter ist nur das Buch über Abraham auf uns gekommen, die Bücher über Isaak und Jakob sind verloren gegangen.
Das Buch behandelt nicht die ganze Geschichte Abrahams und hält sich auch nicht streng an die Reihenfolge der Bibel. Philo greift nur einzelne Ereignisse aus dem Leben des Patriarchen heraus und erläutert sie in doppelter Weise, zuerst nach ihrem einfachen Sinne in historisch-ethischer Betrachtung, dann nach ihrer allegorischen Bedeutung. Einleitend ist die Schilderung einer Trias frommer Männer vorausgeschickt, die rühmend in der Bibel erwähnt werden und die nach Philo gewissermassen als Vorläufer der drei Erzväter anzusehen sind (§ 7—47). Enos, Enoch und Noah bezeichnen nach seiner Erklärung die Vorstufen zur Erlangung der Tugend, in deren vollkommenen Besitz die drei Erzväter gelangt sind: Enos als Vertreter der Hoffnung, Enoch als Vertreter der Reue, Noah als der in seinem Zeitalter gerechte Mann. Im Gegensatz zu dieser niederen Stufenreihe stellen die drei Erzväter die höhere Stufe der Tugend und Erkenntnis dar (§ 48—59). Nach dieser Einleitung wendet sich Philo nunmehr zu Abraham selbst und schildert zuerst sein frommes Verhalten gegen Gott. Dies zeigt sich vor allem in der gehorsamen Befolgung des göttlichen Befehls, die Heimat und das Vaterhaus zu verlassen (§ 60—67). Allegorisch aufgefasst bedeutet diese Auswanderung die Erhebung der Seele über den chaldäischen Zustand der Beobachtung und Verehrung der Gestirne hinaus zur Erkenntnis des wahren Gottes als des Lenkers der Welt und aller ihrer Teile (§ 68—88). Zum Lohne für seinen frommen Gehorsam erhält Abraham ein göttliches Gnadengeschenk, indem Gott die Keuschheit seines Weibes gegen die Anfechtungen des Königs von Ägypten schützte und so die Reinheit seiner Ehe bewahrte (§ 89—98). Philo erläutert diese biblische Erzählung durch eine allegorische Erklärung, die er, wie er sagt, von allegorisierenden Forschern gehört hat (§ 99—106): Abraham symbolisiert die weise Vernunft in der Seele des Menschen, Sara die Tugend, beide verbinden sich mit einander, nicht zu einer körperlichen, sondern zu einer geistigen Ehe, in welcher die Tugend das gebende und die Vernunft das empfangende Element ist; der König von Ägypten ist das Sinnbild der niederen sinnlichen Vernunft, die zwar die Tugend ehren, aber ihre Lehren nicht befolgen will, und die deshalb von Gott verworfen und gestraft wird. Dem ungastlichen Benehmen der Ägypter stellt Philo dann das Verhalten Abrahams gegenüber, der die drei Wanderer, die an seinem Hause vorübergehen, dringend auffordert, bei ihm einzukehren, und sie gastlich bewirtet (§107—118). Die drei Männer werden dann gedeutet als die Erscheinungen Gottes und seiner beiden höchsten Kräfte, der schöpferischen oder wohltätigen und der königlichen oder strafenden (§ 119 — 132). Dass es sich bei dieser dreifachen Erscheinung in Wahrheit nur um eine handelte (die Erscheinung Gottes), folgert Philo aus den Worten der heil. Schrift selbst, da Abraham die Männer so anredet, als wenn nur einer da wäre, und einer nur zu Sara spricht und ihr die Geburt eines Sohnes verheisst. Dasselbe ergibt sich auch aus der Erzählung von dem Untergang von Sodom, zu dessen Schilderung Philo jetzt übergeht (§ 133— 146); denn nach Sodom gehen von den drei Männern nur zwei, weil nämlich Gott persönlich nur erscheint, um das Gute zu gewähren, das andere, aber den ihm untergebenen Kräften überlässt, um nicht selbst für den Urheber des Bösen gehalten zu werden; die eine Kraft, die strafende, erscheint in Sodom, um die vier Städte zu zerstören, die andere, die wohltätige, um die fünfte Stadt, die allein von der Zerstörung verschont wurde, zu retten. Es folgt noch eine allegorische Erklärung der Zerstörung der vier Städte (§ 147—166): die fünf Städte sind Sinnbilder der fünf Sinne des Menschen; von diesen ist der bevorzugteste der Gesichtsinn, denn das Auge ist der Spiegel der Seele, für das Auge hat Gott das Licht geschaffen, mit dem Auge schaut der Geist alles und gelangt er zur höchsten Erkenntnis; wenn also auch die vier andern Sinne vergehen, bleibt das Äuge allein bestehen, weil es nicht blosss am Vergänglichen haftet, sondern zu den unvergänglichen Dingen vordringt. Als herrlichste Tat Abrahams schildert Philo alsdann die auf Gottes Befehl beabsichtigte Opferung Isaaks, die sich mit der bei Griechen und Barbaren vorkommenden Sitte der Opferung von Kindern in nichts vergleichen lasse (§ 167—199). Allegorisch aufgefasst bedeutet die Opferung Isaaks, dass der Weise „das Lachen" d. hl. die Heiterkeit der Seele Gott zum Opfer bringen will, weil Gott allein Freude zukommt und dem Menschen nur Trauer und Furcht, dass Gott aber dem Weisen, der in seinen Wegen wandelt, die Freude, wenn auch nicht die ganz ungemischte, wieder zurückgibt (§ 200—207). Die bisher besprochenen Ereignisse aus dem Leben Abrahams waren Beispiele seiner gottesfürchtigen Gesinnung. Mit dieser aber verband er auch ein gerechtes und freundliches Benehmen gegen die Menschen. Dies zeigt er in seinem Verhalten gegen seinen Neffen Lot, dem er, um jeden Anlass zum Streit zwischen ihren Leuten zu beseitigen, völlige Trennung von einander vorschlägt und willig den besseren Erdstrich überlässt (§ 208—216). Die allegorische Erklärung sieht in dem Verhältnis der beiden Männer das Sinnbild verschiedener Seelenzustände (§ 217—224): in der menschlichen Seele bekämpfen sich zwei Richtungen, die eine strebt nach den wahren Gütern der Seele, nach den Tugenden und tugendhaften Handlungen, die andere hat nur Verlangen nach den äusseren Gütern; sobald die Seele von niederen Trieben und Leidenschaften sich freimacht und den Tugenden das Übergewicht einräumt, fordert sie die andere Richtung auf, sich von ihr zu trennen. Ein weiterer Beweis seiner Menschenfreundlichkeit ist die rasche Befreiung Lots aus der Gefangenschaft, in die er bei dem Kampf der fünf westlichen Könige gegen die vier östlichen geraten war (§ 225—235). Allegorisch wird dann dieser Kampf auf das Verhältnis der fünf Sinne zu den vier Affekten gedeutet (§ 236—244); Abraham symbolisiert die weise Vernunft, die schliesslich über alle herfällt und sie niederwirft. Hieran schliesst Philo das Lob Saras, die ihrem Manne in allen Lebenslagen eine treue Gefährtin war und den besten Beweis ihrer Liebe zu ihm lieferte, als sie ihm ihre Magd Hagar zuführte, damit sein Haus nicht ganz ohne Nächkommen und Erben bliebe (§245—254). Einen rühmenswerten Zug in dem Charakter Abrahams sieht Philo noch darin, dass er beim Tode Saras seiner Trauer um den Verlust der ausgezeichneten Gattin nicht in massloser Weise Ausdruck gab, sondern wie ein echter Weiser das rechte Mass darin zeigte (§ 255—261). Die heilige Schrift selbst erteilt ihm das höchste Lob, wenn sie von ihm sagt, dass „er Gott glaubte", dass er auf Gott allein vertraute, nicht auf körperliche und äussere Güter; denn das Vertrauen auf Gott ist das einzig sichere und untrügliche Gut des Menschen (§ 262—276).