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Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)
Er ist das Wunderkind par excellence: erste eigene Klavierkompositionen mit fünf, die erste ausgedehnte Konzerttournee mit sieben (sie dauerte dreieinhalb Jahre!), erste Opernkomposition mit elf. Der kleine Wolferl wurde weltberühmt – und ist es bis heute. Seine Musik gehört zur meistgespielten im Klassik-Betrieb.
Eine Kindheit im heutigen Sinne hatte Mozart allerdings nicht. Das Familienleben war während Jahren vor allem auf seine Karriere ausgerichtet. Er wurde privat von seinem Vater unterrichtet und war mit seiner Familie oft in einer engen, holprigen Kutsche zum nächsten Konzert unterwegs.
Das schien ihn allerdings nicht sonderlich zu stören – er kannte es ja nicht anders. Und durch das viele Reisen hatte er schon als junger Erwachsener mehr von Europa gesehen als die meisten seiner Zeitgenossen.
Fanny Mendelssohn (1805-1847)
Sie war nicht ganz so früh dran wie etwa Mozart oder ihr jüngerer Bruder Felix mit Komponieren und Klavierspielen. Dennoch gilt sie als Wunderkind. Auch sie soll innert kurzer Zeit ein sehr hohes spieltechnisches Niveau erreicht haben. Fannys frühe Kompositionen zeugen von ihrer Hochbegabung, etwa ihre Kunstlieder.
Eine Musikerinnen-Karriere blieb ihr damals als Frau jedoch verwehrt. Ihr Vater meinte, sie solle sich vielmehr darauf einstellen, Mutter und Hausfrau zu werden. Diese patriarchalische Haltung, die übrigens auch ihre Brüder vertraten, löste in Fanny eine Krise aus.
Später konnte sie ihre Begabung immerhin in privaterem Rahmen ausleben, komponierte insgesamt über 450 Werke und leitete die halböffentliche Konzertreihe «Sonntagsmusiken».
Evgeny Kissin (geb. 1971)
Der Pianist erhielt schon als Zweijähriger Unterricht von seiner Mutter, einer Pianistin. Mit sechs begann er wie so viele russische Musizierende die straffe, systematisierte und professionelle Ausbildung russischer Couleur an der renommierten Talentschmiede Gnessin-Institut in Moskau.
Die Pianistin Anna Kantor war ab dann seine einzige Lehrerin, seither begleitet sie Kissin auch auf seinen Konzertreisen, gemeinsam mit seiner Mutter. Das wäre sicherlich nicht jedermanns Sache.
«Ich hoffe nur, eine Frau zu finden, die mit uns gemeinsam lebt», sagte Kissin einmal in einem Interview. Seit letztem Jahr ist er nun verheiratet. Aber diese spezielle Konstellation war für Kissin offenbar das Erfolgsrezept.
Seit fast 40 Jahren gehört er zur Spitze der Pianisten-Zunft und seine Aufnahme, Link öffnet in einem neuen Fenster der beiden Chopin-Konzerte, die er mit zwölf einspielte, versetzt heute noch in Staunen.
Midori (geb. 1971)
Die japanische Geigerin Midori wurde von einer strengen «Tiger Mom» erzogen. Diese unterrichtete ihre Tochter selbst, mit unerbittlichem Drill und Perfektionsanspruch. Für falsche Töne gab es manchmal einen Klaps. Einmal musste sogar das Instrument dran glauben, weil das Kind nicht alles perfekt hinbekam: Die Mutter zerschlug das Instrument.
Diese harte und grenzüberschreitende Ausbildung trug dennoch Früchte: Midori wurde zu einem international erfolgreichen Wunderkind, musizierte als Teenagerin mit bedeutendsten Orchestern und Dirigenten – bis zum physischen und psychischen Zusammenbruch.
Nach mehrjähriger Pause mit professioneller Hilfe, Selbstfindung und einem Zweitstudium in Psychologie erfand sie sich jedoch neu. Sie tritt wieder regelmässig als Solistin und Kammermusikerin auf, unterrichtet selber junge Geigentalente und leitet eigene Musikvermittlungsprojekte.
Daniel Barenboim (geb. 1942)
Barenboim, das Multitalent: Mit seinen politischen Statements und mit völkervermittelnden Projekten fordert er regelmässig Politiker heraus. Selbst im reifen Alter bleibt er wandlungsfähig, versucht sich etwa als Musikvermittler auf Youtube, Link öffnet in einem neuen Fenster.
Angefangen hat auch er als Klavier- und Dirigier-Wunderkind. Als jüngster Dirigierstudent wurde er mit zwölf an die Musikakademie in Rom aufgenommen und trat später als dirigierender Solist in Klavierkonzerten auf. Im weiteren Verlauf seiner Karriere übernahm er Chefdirigate bei verschiedenen Orchestern in Europa und den USA und wurde Musikdirektor an Opernhäusern.
Sein Multitalent präsentiert er gerne: 2006 etwa dirigierte und spielte er innert vier Tagen Wagners Musikdramen «Tristan und Parsifal» sowie beide Bände von Bachs «Wohltemperiertem Klavier».
Joey Alexander (geb. 2003)
Hervorragend Klavier zu spielen und notierte Musik zu interpretieren ist anspruchsvoll genug. Wenn ein Kind darüber hinaus aussergewöhnlich gut komponieren oder improvisieren kann, dann zeugt das von zusätzlicher schöpferischer Kraft.
Der indonesische Jazz-Pianist Joey Alexander wurde von seinen Eltern und deren Jazz-Schallplatten-Sammlung inspiriert. Auf einem elektrischen Miniatur-Klavierchen begann er mit sechs Jahren die Jazz-Standards nachzuspielen. Den ersten Unterricht bekam er von seinem Vater, der Amateur-Musiker ist.
Als die Hochbegabung Joeys offensichtlich wurde, zogen die Eltern mit ihm nach Jakarta, damit er sich dort mittels Jam-Sessions mit Jazz-Grössen weiterbilden konnte. Schon mit neun schaffte er beim Master-Jam Contest in Odessa den internationalen Durchbruch. Er bestätigte sein phänomenales Können ein Jahr später bei seinem US-Debüt in New York, Link öffnet in einem neuen Fenster.
Michael Jackson (1958-2009)
Auch hinter dieser Karriere steht der Vater, jedoch auf ganz andere Weise. Der Kranführer Joseph Jackson trieb seine Kinder unter grossem Druck an, schickte sie an Talentwettbewerbe, formierte fünf von ihnen zur herzigen Boygroup und liess sie mit ihren glockenhellen Stimmen das Publikum verzaubern. Der achtjährige Michael überflügelte seine Brüder, seine Moves waren noch präziser, sein Gesang noch reiner als der der anderen.
Die Solokarriere war also vorbestimmt, sie verlief bekanntlich erstklassig: Lange dominierte der «King of Pop» die Charts, in den 1980er-Jahren war er der kommerziell erfolgreichste Popsänger, und mit «Thriller» brachte er gar das meistverkaufte Album aller Zeiten heraus.
Doch Jacksons intensive Weltkarriere hatte auch Schattenseiten, der Popstar litt unter gesundheitlichen, psychischen und Sucht-Problemen.
Björk (geb. 1965)
Die Karriere der Isländerin Björk Guðmundsdóttir verlief um einiges ruhiger. Auch sie war ein Wunderkind: Ab fünf Jahren ausgebildet in Gesang, Flöte und Klavier, nahm sie schon mit elf ihr erstes Album auf. Im gleichen Alter wie Mozart seine erste Oper komponierte. Es enthält Popsongs und eigenwillig interpretierte Kinderlieder.
Im Gegensatz zu anderen Wunderkindern, die möglichst lange mit kindlichem Look vermarktet werden, stieg Björk schon als 14-Jährige ins herbere und provokativere Genre um. Sie gründete eine eigene Punk-Band mit dem anstössigen Namen «Spit and Snot».
Überhaupt überraschte sie seither immer wieder mit ihren diversen künstlerischen Wandlungen, mit Experimenten an den Grenzen der Musikgenres und Kunst-Disziplinen. Sie ist damit eines der vielseitigsten und experimentierfreudigsten ehemaligen Wunderkinder.