Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03449.jsonl.gz/647

Der neue Roman von David Mitchell, "Utopia Avenue", wurde 2020 von Times, Guardian und Sunday Express zum Book of the Year gewählt. 2022 erscheint "Utopia Avenue" nun auch auf Deutsch in einer wunderschönen gebundenen Ausgabe des Rowohlt-Verlages mit psychedelischem Cover, eine Anspielung auf die Szene, in der sich die gleichnamige fiktive Folk-Rock-Band Ende der Sechziger bewegt.
Wer mit alternativer Rockkultur nichts anzufangen weiß, der wird sich hier nicht wohlfühlen. Denn Mitchell entführt die Leser in die Londoner Psychedelic-Szene der späten Sixties, wo sich Folksängerin Elf Holloway, Bluesbassist Dean Moss, der Gitarrenvirtuose Jasper de Zoet und der Jazzdrummer Griff Griffin zu einer neuartigen Fusionband zusammenfinden. Fans von Mitchell werden zumindest den Nachnamen der Bandmitglieder wiedererkennen, denn 2011 erhielt der Autor den Commonwealth Writers’ Prize für "Die tausend Herbste des Jacob de Zoet"(das nur ein Hinweis am Rande).
Die USA galten damals als Hort der Freiheit und des Fortschritts, und ein Trip ins Land der Träume, der Drogen, des Sex, des Wahnsinns und der Trauer gehörte zum guten Ton, nicht nur für Europäer.Die Geschichte von Utopia Avenue ist die Geschichte einer kurzen, rasanten Reise, von den kleinen Clubs in Soho und den englischen Provinzkäffern ins Land der Verheißung, Amerika. Die USA galten damals als Hort der Freiheit und des Fortschritts, und ein Trip ins Land der Träume, der Drogen, des Sex, des Wahnsinns und der Trauer gehörte zum guten Ton, nicht nur für Europäer. David Mitchell breitet den Aufstieg seiner Lieblingsband über mehr als 700 Seiten aus, in der Hälfte des Buches haben sie gerade ihren ersten Plattenvertrag, aber nur zwei Alben produzierten sie überhaupt. Die gruppeninternen Querelen und Streitereien werden detailliert wiedergegeben und jede/r seiner Figuren bekommt eigene Strecken, die ihren Charakter und ihr Handeln erklären helfen. Besonders hervorzuheben sind dabei Jasper, der unter auditiver Schizophrenie leidet und Dean, der eigentliche Held des Romans, der u. a. Sexsucht zu seinen Lastern zählt.
So taucht man ein in eine ganze eigene Welt einer Band, die zwar nie existiert hat, aber gleichsam metaphorisch die Probleme vieler Bands der Zeit reflektieren. Als Gastauftritte schauen auch Syd Barrett, David Bowie, Keith Moon oder Brian Jones mal vorbei, letzterer sogar öfter. Außerdem: Bob Dylan, Janis Joplin, Cass Elliot, Frank Zappa und Jerry Garcia mit dem Dean sogar einen Trip auf der Haight in San Francisco schmeißt. Auf einer Demonstration in London gegen den Vietnamkrieg taucht auch der "Street Fighting Man" Mick Jagger auf. Es muss unheimlichen Spaß gemacht haben, dieses Buch zu schreiben, denn wer wäre nicht gerne ein Rockstar?
"Sex kann mit Musik einfach nicht mithalten."Mitchell erzählt, wie sich die Bandmitglieder über die Erstveröffentlichungen ihrer Singles streiten und den Konflikt damit beilegen, indem sie darum würfeln, wessen Single als erstes erscheint. Alle vier Mitglieder sind nämlich gleichberechtigte Songwriter und Komponisten und gerade das macht die Band ja so vielseitig. Nachdem sie endlich bei der vierten angefragten Plattenfirma einen Vertrag bekommen, heißt das aber noch lange nicht, dass sie durchstarten. Im Gegenteil! Die Plattenfirma will sie schon nach der dritten Single fallen lassen, sollte auch diese floppen. Erschwerend hinzu kommt, dass der Schlagzeuger Griff einen Unfall hat, bei dem sein Bruder stirbt. Wie sollen sie nun auf Tournee gehen können, um ihre Songs zu promoten, wenn eines ihrer Mitglieder komplett durchhängt? In Italien wird der Bassist Dean wegen Drogenbesitzes verhaftet, allerdings war ihm das Cannabis von einem diensteifrigen Polizisten untergeschoben worden. Beim ersten großen Aufritt in New York ist zudem ihr begnadeter Gitarrist unauffindbar, da er eine schizophrene Episode hat.
"Sex kann mit Musik einfach nicht mithalten", meint Elf, die einzige Frau in der Band, an einer Stelle. Damit spricht sie ein Thema an, das damals zwar auf der Tagesordnung stand, aber sicherlich nicht denselben Stellenwert für alle hatte.
Frauen wurden immer noch als schmückendes Beiwerk behandelt und hatten in erster Linie schön zu sein.In einem Interview erwähnt der Autor, dass er durchaus beabsichtigt Antisemitismus, Rassismus und Sexismus in seinen Text einbrachte, denn die Sechziger, das Jahrzehnt der Befreiung, waren zwar freier als die Jahrzehnte zuvor, aber noch lange nicht "befreit". Frauen wurden immer noch als schmückendes Beiwerk behandelt und hatten in erster Linie schön zu sein. Dabei hatten sie schon damals einiges mehr zu bieten, man denke nur an Janis Joplin oder Grace Slick und viele andere mehr. David Mitchells Blick auf die Sechziger ist also durchaus auch soziokulturell zu lesen, ein Sittenbild einer oft verklärten Epoche, die gerne als Zeitenwende interpretiert wird. Mitchell hat auch einen Epilog angehängt, der in der Jetztzeit spielt, denn wie sagt er so treffend in den Worten von Elf: "Wenn man jedoch lang genug wartet, bekommt Altes mitunter einen Wert, den es früher nie hatte."
2015 den World Fantasy Award für "Die Knochenuhren". Sein Weltbestseller «Der Wolkenatlas» wurde von Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern verfilmt. Derzeit arbeite er auch an einer Netflix-Serie.