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The Godfather
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16.800 Zuschauer werden am Samstag in der MGM Grand Garden Arena Platz nehmen, um den Kampf des Jahrhunderts zu verfolgen. Schauspieler, Rapper, Politiker und Geschäftsmänner, mit ganz viel Glück sogar auch der eine oder andere normale Box-Fan, wenn es der Geldbeutel zulässt.
Und ein Mann, der nicht weiter auffallen wird. Wahrscheinlich trägt er wieder einen dunklen Anzug. Mit einem weißen Hemd und einer schlichten, schwarzen Krawatte. Wie ein Secret Agent. Er könnte auch ein Superman-Kostüm tragen, in Las Vegas würde trotzdem kaum jemand Notiz von ihm nehmen. Denn er ist genau das, was die Comic-Helden darstellen wollen. Ein Mythos.
Der Mann hinter dem Vorhang
Das Leben und Wirken von Alan "Al" Haymon zu verstehen, ist jedoch weitaus schwieriger als bei seinem exzentrischen Vorgänger. Er ist ein Mensch, der im Hintergrund agiert. Wüsste man es nicht besser, würde man meinen, der englische Ausdruck "The Man behind the Curtain" wurde für ihn geschaffen. Denn von dort verfolgt Haymon das Spektakel seiner Schützlinge.
Seine scheue Art ist selbst unter seinen Boxern eine Art Running Gag. Floyd Mayweather, Haymons wichtigstes Pferd im Stall, scherzte in der Vergangenheit auf Pressekonferenzen: "Wo ist eigentlich Al?" Die Antwort gab er sich selber: "Haymon würde nie auf die Bühne kommen. Er ist ein Geist."
Mächtig wie Don King
Und damit hebt er sich extrem von seinen Vorgängern ab. Denn dominierende Personen im Boxen gab es schon immer. Menschen, die eine Ära prägten. Wie Frankie Carbo, ein Mafioso von der Lucchese-Familie, der in den 40er und 50er Jahren das Sagen hatte. Es war zu dieser Zeit quasi unmöglich, einen WM-Kampf zu bekommen ohne Carbos Einverständnis.
Studium in Harvard
Dieser Mythos wird genährt von Haymons eigener Biografie. In Cleveland aufgewachsen. In Harvard BWL und VWL studiert. Mehr Informationen findet man nicht über seine ersten Jahre. Erst als er einen französischen Jazz-Violinisten namens Jean-Luc Ponty promotete, und zwar mit nichts weiter als seinem Studienkredit, lichtet sich der Nebel ein wenig.
Es war der Beginn eines beeindruckenden Aufstiegs in der Entertainment-Branche. Nach dem College ging er zurück nach Cleveland und freundete er sich mit den O'Jays an, einer R&B-Band, die in den 70er Jahren zu den bedeutendsten Vertretern des Philly Soul gehörte.
"Er war wie ein Bruder für uns", erklärte Frontmann Eddie Levert. Ein Bruder, der das richtige Gespür hatte. Denn Haymon ist niemand, der in kleinen Dimensionen denkt. Nach seiner Zeit in Harvard gründete er auf einen Schlag 14 Unternehmen, die alle dasselbe Ziel verfolgten.
Jede dieser Firmen betreute bei der Produktion von Live-Shows, Haymons Hauptgeschäft, eine andere Komponente: Beleuchtung, Stage Production, Marketing, um nur ein paar zu nennen. Eine komplette Infrastruktur wurde auf die Beine gestellt - und am Ende lief alles wieder bei Haymon zusammen.
Das Musik-Business
Wie er das zu Beginn alles finanzieren konnte, bleibt bis heute offen. Nicht ohne Grund sagte Phil Casey, ein langjähriger Geschäftspartner: "Man sollte nicht versuchen, Al zu durchschauen. Das klappt nicht." Zusammen sollen die beiden nach eigenen Aussagen mehr als 1000 Konzerte organisiert haben.
R&B-Tourneen mit 300 Tagen on the road waren keine Seltenheit, nebenbei initiierte er das Budweiser Superfest, eine Konzertreihe, die von 1979 bis 1999 lief und 2010 wiederbelebt wurde. In einem der damals seltenen - und heutzutage unmöglichen - Interviews erzählte Haymon der USA Today, dass man 1991 500 Shows veranstaltet und rund 60 Millionen Dollar damit verdient habe.
"Die Musikwelt, zumindest bei Konzerten von afroamerikanischen Künstler, war in zwei Lager aufgeteilt: Al auf der einen Seite und die Promoter, die Al aus dem Geschäft haben wollten, auf der anderen Seite", so Jack Boyle, der damalige Vorsitzende des Veranstaltungsgiganten SFX Entertainment, gegenüber der New York Times.
"Der Steve Jobs der Promoter"
"Gute Promotion ist eine Wissenschaft. Aber gute Promotion ist auch immer eine Kunst. Al konnte die beiden Gebiete perfekt miteinander verbinden. Er hat verstanden, wie das Business abläuft - und hat dabei alles optimiert. Er war quasi der Steve Jobs unter den Promotern", beschrieb Gregory Pai, ein Vertrauter Murphys, das Phänomen Al Haymon.
1999 verkaufte er trotzdem 50 Prozent des Mutterunternehmens an SFX Entertainment. Hip-Hop- und Rap-Tourneen waren auf dem Vormarsch - mit all ihren negativen Seiten: Backstage-Fights, große Entourages, Waffen, Gerichtsverfahren und ausgefallene Konzerte.
Am Ende seines ersten Jahres waren 13 Projekte am Laufen, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Aber immer mit Haymon als Producer. Wer zuletzt lacht...
Einstieg in die Box-Szene
Die richtigen Connections in der unübersichtlichen amerikanischen TV-Welt hatte Haymon aber bereits auf seiner Seite. Das ging soweit, dass er Xavier James, den Vizepräsidenten bei HBO im Bereich Sports, zu jeder Tageszeit anrufen konnte, um mit ihm zu diskutieren.
So machte er sich auch im Boxen schnell einen Namen. Als jemanden, der geschickt seinen Willen durchsetzt. Und als jemanden, der das Beste für seine Boxer herausholt. Das galt für den allerersten, Vernon Forrest, einen mittlerweile verstorbenen Weltergewichts-Weltmeister, den er unter Vertrag nahm. Genauso wie die zahllosen anderen, die auf ihn folgten.
Ein Vertrag unter der Tür
Rücksicht auf Verluste nimmt Haymon dabei nicht. Als er anfing, Lamon Brewster, einen damaligen Schwergewichts-Weltmeister und Klitschko-Bezwinger, zu beraten, war für Brewsters Vertrauten Sam Simon kein Platz mehr.
Fünf Monate nach Beginn der Zusammenarbeit sagte Haymon Simon am Telefon, dass er nicht mehr zum Team gehöre. Ein Vertrag wurde wenig später unter der Tür von Simons Hotelzimmer durchgeschoben, der dessen Einfluss auf mickrige ein Prozent beschränkte.
"Das war wie in einem schlechten Film. Dafür mache ich Haymon verantwortlich. Er hat mich betrogen." Es ist nur eine von vielen Geschichten über Haymons Geschäftsgebaren als Adviser, als sogenannter Berater. Dabei ist er viel mehr als das. Ein Manager? Ein Promoter? Oder sogar beides?
Laut des Muhammad Ali Boxing Reform Act aus dem Jahr 2000 ist es Promotern untersagt, gleichzeitig als Manager eines Boxers zu agieren. Dadurch soll die Balance gehalten werden, denn Promoter kümmern sich um die Organisation eines Events, für einen Manager steht der Vorteil des Kämpfers im Vordergrund.
"Dann wäre ich jetzt Milliardär"
Auch deswegen gefällt sich Haymon in der Rolle des Adviser. Er hat überall seine Finger im Spiel, um am Ende das Bestmöglichste für seine Boxer - und sich selber - herauszuschlagen. Und seine Gefolgsleute danken es ihm mit öffentlichen Liebesbekundungen.
"Al Haymon ist der beste Mann. Hätte ich ihn schon früher gehabt, wäre ich jetzt Milliardär", sagt Floyd Mayweather. "Wenn Al Haymon meint, ich soll auf der Straße gegen Godzilla und King Kong kämpfen, würde ich das machen", erklärt Leichtgewichtler John Molina. "Wir Boxer werden ausgenommen wie eine Weihnachtsgans. Deswegen sind wir Al Haymon so dankbar. Denn er weiß, was wir wert sind", fügt Ex-Mittelgewichts-Champion Peter Quillin an.
Blindes Vertrauen. So lässt sich wohl das Verhältnis zwischen Haymon und seinen Boxern am besten beschreiben - auch wenn das teils obskure Formen annimmt. Quillin beispielsweise sollte seinen WM-Titel im letzten Jahr gegen Matt Korobov verteidigen. Federführend beim Kampf wäre Roc Nation gewesen, die Sports-Agentur von Jay-Z, die den Purse Bid mit knapp zwei Millionen Dollar deutlich für sich entschieden hatte.
Quillin stand also der größte Zahltag seiner Karriere bevor - bis Gerüchten zufolge Haymon einschritt und es ablehnte, dass einer seiner Kämpfer unter dem Banner eines Konkurrenten boxt. Quillin verzichtete auf Millionen - und musste seinen WM-Titel niederlegen.
Zusammenarbeit mit Mayweather
Was Haymon sagt, ist Gesetz. Das kann sich der mächtigste Mann im Boxen auch deswegen leisten, weil er nun mal den mächtigsten Boxer an seiner Seite weiß. Schließlich war es Haymon, der Mayweather 2006 für gerade mal 750.000 Dollar aus seinem Vertrag mit Top Rank herauskaufte. Der Rest ist Geschichte. Mayweather gründete seine eigene Promotion und wurde zum bestbezahlten Sportler des Planeten. Und Al Haymon agiert als Adviser und macht das, was er am besten kann.
Er handelt die höchsten Verträge aus, will aber selber nur 10 bis 15 Prozent davon haben, weil er von einem namhaften Management-Unternehmen mit bis zu 400 Millionen Dollar den Rücken gestärkt bekommt. Und wählt zusammen mit seinem Team ganz gewissenhaft die Gegner seiner Schützlinge aus, die im Idealfall ebenfalls zum Haymon-Lager gehören. In Insiderkreisen wurde aus HBO gar "Haymon Boxing Organization", weil seine Kämpfer omnipräsent waren.
Das ging so weiter, bis zum Februar 2013. Bis Mayweather von HBO zu Showtime wechselte, Haymon einen 250-Millionen-Dollar-Vertrag für seine Nummer eins herausschlug - und seine anderen Boxer auch gleich zum neuen Sender mitnahm. Den nächsten Paukenschlag setzte es Anfang des Jahres, als die Rückkehr des Boxsports ins amerikanische Kabel-Fernsehen bekannt gegeben wurde.
Premier Boxing Champion könnte einen kompletten Sport revolutionieren. Eigene TV-Verträge, eigene Gewichtsklassen, eigene Weltranglisten - und wahrscheinlich auch irgendwann eigene Weltmeister, und das alles im Free-TV.
Kritik an Haymon
Der Masterplan, das Haymon'sche Box-Universum, nimmt langsam Formen an. Und genau das bereitet vielen gehörige Kopfschmerzen. Offen zugeben wollen das zwar nur die wenigsten, so groß ist die Ehrfurcht - oder ist es doch Angst? - vor Haymon schon. Entweder man schließt sich ihm an - oder man schweigt besser.
Aber es gibt sie, die Menschen, die sich nicht den Mund verbieten lassen. "Al Haymon will nicht den Sport retten oder revolutionieren. Das Ziel von Haymon ist es, mehr Geld zu scheffeln. Das ist auch okay, aber man sollte aufhören, ihn als Mutter Theresa zu bezeichnen", so Hauser.
Auch die Fans gehen auf die Barrikaden und werfen Haymon vor, den Sport zu zerstören. Im Internet geistert eine Bild-Montage herum, auf der Haymon als Teufel zu sehen ist, mit dem Satz: "Wenn du dreimal Al Haymon dankst, bekommst du einen WM-Kampf."
Mayweather vs. Pacquiao
Top-Rank-Boss Bob Arum schlägt in dieselbe Kerbe: "Es ist bescheuert, wenn nur Boxer einer Promotion gegeneinander antreten. Don King und ich waren auch Rivalen, aber wir haben es trotzdem geschafft, große Kämpfe auf die Beine zu stellen."
Mayweather vs. Pacquiao beweist glücklicherweise , dass das auch heutzutage noch möglich ist. Selbst mit Al Haymon, dem mächtigsten Mann im Boxen. Auch wenn man zugeben muss, dass Haymon wohl nicht nur der Grund war, warum es am Samstag doch noch zum Kampf des Jahrhunderts kommt. Sondern auch der Grund, warum es überhaupt so lange gedauert hat.
Aber das dürfte den Mann im schwarzen Anzug kaum interessieren. Wenn er seinen Platz in der MGM Grand Garden Arena einnimmt. Oder vielleicht doch hinter dem Vorhang bleibt und über seine nächsten Schachzüge brütet...
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