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Der DDR-Kunstflugsegler, der nicht sein durfte
Zeichnung © Frank-Dieter Lemke
Der VEB (Volkseigener Betrieb) Apparatebau Lommatzsch war ab 1955 der einzige Hersteller von Segelflugzeugen in der DDR. (Lommatzsch liegt knapp 30 km nordwestlich von Dresden.) Nahezu ausschliesslicher Abnehmer war die staatliche Gesellschaft für Sport und Technik, GST, in der, getreu dem Vorbild der sowjetischen DOSAAF, jeglicher Flugsport in der DDR organisiert war. Verglichen mit Polen oder der CSSR exportierte die DDR nur eine verschwindend geringe Anzahl von Segelflugzeugen.
Gegen Ende der 1950er wurden neben dem Schuldoppelsitzer FES 530 Lehrmeister in erster Linie die in Lommatzsch konstruierten Leistungsflugzeuge der Libelle-Familie gefertigt.
1958 begann das dortige Entwicklungskollektiv mit der Konstruktion eines Kunstflugzeugs unter der Bezeichnung Lom 60 Libelle-Akrobat, das den früheren Libellen nur noch äusserlich ähnlich sah. Um die nötige Festigkeit bei gleichzeitig hoher Oberflächengüte zu erreichen, hatte man eine Schalenbauweise mit einem Sandwich aus Sperrholz und Papierwaben entwickelt. Bei der Lom 60 wurde die Schalenbauweise nur für den Rumpf angewandt. Die Schalen der beiden Rumpfhälften wurden über Positivkernen aufgebaut und nach Installation aller Einbauten zusammengesetzt.
Für die Flächen blieb man bei der herkömmlichen Holzbauweise. Wegen der Festigkeitsanforderungen für den Kunstflug waren die Flächen aber komplett mit Sperrholz beplankt. Als Flügelprofil wählte man ein NACA-Laminarprofil, wahrscheinlich ähnlich dem der Lom 58/II Libelle-Laminar. Die genaue Bezeichnung des Profils ist nicht mehr zu ermitteln. Das einzige verfügbare Foto eines Belastungsversuchs mit einer Fläche der Lom 60 zeigt einen Laminarflügel mit ca. 15% Profildicke und der für die NACA 65er Profile typischen Dickenrücklage.
Foto Wolfgang Eilhardt
Die verfügbaren technischen Daten des Projekts Libelle-Akrobat sind sehr lückenhaft. Die Gewichtsangaben sind selbst unter Berücksichtigung der Schalenbauweise kaum glaubwürdig für ein Flugzeug dieser Grösse. Die daraus resultierende, sehr niedrige Flächenbelastung macht für ein Kunstflugzeug, das ja auch schnell fliegen soll, wenig Sinn.
Nimmt man die Libelle-Laminar Flächen als Anhalt, so wogen diese bei etwa gleicher Bauweise und 16,5 m Spannweite stolze 165 kg. Aber die Libelle-Laminar war nicht für den Kunstflug dimensioniert. Das heisst, ein Flächenpaar mit 13,2 m Spannweite in dieser Bauweise und für den Kunstflug bemessen, dürfte mindestens 120 kg gewogen haben. Bei einer Masse des Rumpfs von mindestens 85 kg käme man auf eine Rüstmasse in der Gegend von 220 kg. Das ergäbe eine maximale Flugmasse von 330 kg und eine Flächenbelastung von exakt 25 kg/m². Auch für ein heutiges Segelkunstflugzeug wären das durchaus akzeptable Werte.
Da anscheinend keine Originalzeichnungen mehr existieren, ist die obige Zeichnung ein Versuch, das Aussehen des projektierten Flugzeugs möglichst genau zu rekonstruieren. Inwieweit die Flügel-V-Form, die Grösse der Querruder und des Höhenleitwerks realistisch sind, lässt sich nicht mehr feststellen. Auf dem obigen Foto erscheint das Querruder deutlich grösser.
Bis Ende 1962 konnten alle Vorversuche und Festigkeitsnachweise erfolgreich abgeschlossen werden. Zwei Prototypen waren zu etwa 80% fertig, als der GST-Zentralvorstand den Bauauftrag stornierte. Als Begründung wurde angegeben, dass die GST nur einen geringen Bedarf an solchen Flugzeugen habe und dieser durch Importe abgedeckt werden könne. Im Nachhinein betrachtet, ist es verwunderlich, dass man in Lommatzsch mit der Entwicklung der Libelle-Akrobat begann, obwohl schon damals feststand, dass der einzige mögliche Abnehmer des Flugzeugs daran praktisch nicht interessiert war. Den Entwicklern hätte bekannt sein müssen, dass sich die Führung der GST bereits in einem Schreiben vom November 1955 ausdrücklich gegen den Bau eines speziellen Segelkunstflugzeugs in der DDR ausgesprochen hatte. 1956 beschaffte die GST aus Polen zwei IS-4bis Jastrzab eigens für die Schulung ihrer Fluglehrer im höheren Kunstflug. Im Vergleich zum Jastrzab, der damals schon als veraltet galt, wäre die Libelle-Akrobat jedenfalls ein enormer Fortschritt gewesen.
Die Aussichten für den VEB Apparatebau waren zu diesem Zeitpunkt bereits ausgesprochen düster. Im Frühjahr 1961 hatten Politbüro und Zentralkomitee der SED beschlossen, den Flugzeugbau in der DDR komplett einzustellen. In Lommatzsch entstand zwar noch das Standardklasseflugzeug Lom 61 Favorit, bei dem die für die Lom 60 entwickelte Schalenbauweise konsequent angewandt wurde, aber nachdem gerade mal fünf Favoriten gebaut waren, kam das endgültige Aus. Der Apparatebau Lommatzsch wurde in den VEB Carl Zeiss Jena eingegliedert und stellte von da ab Verpackungskisten für die Produkte von Zeiss her.
Die beiden Prototypen der Libelle-Akrobat wurden nie fertiggestellt und schliesslich 1964 auf Befehl von oben vernichtet.
Technische Daten
|Spannweite||13,2 m|
|Flügelfläche||13,2 m²|
|Profil||NACA 65...??|
|Länge||6,4 m|
|max. Flugmasse||260? kg|
|Flächenbelastung||19,7? kg/m²|
Quelle:
Unveröffentlichter Artikel von Frank-Dieter Lemke, 2011
Stand, 12-2011