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Ein Kind sitzt im Raum, vor ihm ein Marshmallow, ein zweiter in Sichtweite. Das Kind ist allein; seine Aufgabe: Sich beherrschen. Wenn es warten kann, bis der Professor nach einer Viertelstunde wiederkommt, darf es beide Marshmallows essen – wenn nicht, gibt’s bloss diesen einen.
Der Test von 1972 mit 32 Kindern von Eltern an der Stanford University machte seinen Erfinder, den Psychologen Walter Mischel, weltberühmt, wegen eines verblüffenden Zusammenhangs: Je geduldiger das Kind, folgerte Mischel, desto grösser seine Selbstkontrolle im Erwachsenenalter. Die Kinder, die der Versuchung länger standhalten konnten, seien später erfolgreicher – persönlich, in der Beziehung, in Beruf und Gesellschaft.
Daran mochten der Entwicklungspsychologe Tyler Watts von der New York University und seine Kollegen nicht so recht glauben. Sie wiederholten den Versuch mit 900 Kindern, die sie später, mit 15, einer Reihe von Tests unterzogen, in Sprache oder Mathematik. Dazu befragten sie die Mütter über den familiären Hintergrund. Das Ergebnis war ernüchternd: Die Fähigkeit, einer Versuchung zu widerstehen, hing nur noch mässig mit späteren Kompetenzen zusammen. Und wenn die Forscher noch andere Grössen herausrechneten, den Ausbildungsgrad der Eltern etwa, sagte die Wartezeit als Kind nichts mehr über die Leistungen als Jugendliche aus.
Das war, nach einem langen Forscherleben, auch Test-Erfinder Mischel bewusst. In einem Interview im Jahr 2015 gab er zu:
Die Vorstellung, man könne die Zukunft eines Menschen sicher vorhersagen, durch die simple Tatsache, wie lange er sich eine Belohnung versagen kann, ist Unfug.