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Ja, nein, vielleicht – eine Grenzerfahrung
von Ariane Orosz:
Dieser innere Drang, – nennen wir ihn das «automatische Ja» - stets verfügbar und bereit zu sein, sich bis zur Verausgabung zu engagieren, entspringt meist einem Mechanismus oder vielmehr einer essenziellen Strategie, die man früh in der Biografie implizit gelernt und mit der Zeit verinnerlicht hat. Stellen Sie sich vor, dass Sie als Kind ausschliesslich dann gelobt, geliebt und belohnt wurden, wenn Sie etwas so taten oder so waren, wie es das Gegenüber (meist ein Elternteil oder eine andere bedeutsame Bezugsperson) von Ihnen erwartete. Ein typisches Beispiel in diesem Zusammenhang wäre das Muster «Liebe für Leistung», d.h. dass Sie nur Anerkennung und Zuwendung bekamen, wenn Sie fleissig waren und gute Noten heimbrachten, bzw. mit Abwertung und Liebesentzug bestraft wurden, wenn Sie dies nicht taten. Weil Liebe und Bestätigung zu unseren Grundbedürfnissen gehören, haben Sie es sich gezwungenermassen angewöhnt, sich an den Erwartungen Ihres Gegenübers zu orientieren und diese sogar im Voraus zu erahnen. Diese Gewohnheit verfestigte sich zunehmend, bis sie Ihnen wortwörtlich in Fleisch und Blut übergegangen ist. Es wurde zu einem unbewussten Reflex, dass Sie automatisch nett, freundlich und umgänglich sind, bzw. «ja» sagen, wenn jemand etwas von Ihnen will.
Dass diese reflexartige Orientierung am Gegenüber zu einigen Problemen im Leben führt, kann man sich gut vorstellen. Eine Ausdrucksform des «automatischen ja» ist beispielsweise der einseitige Vertrag. Wenn man aus dem «automischen ja» Dinge für andere tut, will man etwas dafür. Man hat schliesslich gelernt, dass man etwas bekommt, wenn man eine Leistung erbringt. Darum erwartet man implizit, dass man für das Entgegenkommen oder die Hilfsbereitschaft in irgendeiner Form belohnt wird. Dies gleicht einem Vertrag, den man für sich abgeschlossen hat, ohne dass die andere Vertragspartei etwas davon weiss. So ein einseitiger Vertrag kann beispielsweise lauten: «ich übernehme diese Arbeit für dich, dafür bekomme ich von dir von nun an mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung». Falls das Gegenüber sich nicht an den Vertrag hält, führt dies zu Frust. Denn einerseits hat man Arbeit, Zeit oder andere Ressourcen in etwas investiert, was man allenfalls gar nicht wirklich tun wollte, und andererseits ist man leer ausgegangen, da man die erwartete Anerkennung nicht erhalten hat. Man fühlt sich als Opfer oder übergangen à la «ich habe alles für XY getan und das ist nun der Dank».
Eine andere Konsequenz des «automatischen ja» ist der Verlust der eigenen Grenze. Sich in den Dienst anderer zu stellen, geht nämlich damit einher, dass man sich selbst, bzw. die eigenen Bedürfnisse zurückstellt und mit der Zeit gar nicht mehr richtig wahrnehmen kann. Wenn man nie wirklich gelernt hat, auf die eigene innere Stimme zu hören, konnte man kein gutes Gespür für das eigene Selbst, den eigenen Raum, bzw. die eigene Grenze und die verfügbaren Ressourcen entwickeln. Dadurch kommt es leicht zur Selbstverausgabung, was längerfristig in einen Burnoutprozess münden und sich in Form von körperlichen und psychischen Beschwerden zeigen kann.
Der eingangs genannte Rat, öfters mal «nein» zu sagen, ist im Grunde genommen ein guter Ansatz, um dem stressverstärkenden «automatischen Ja» entgegenzuwirken. Wie oben beschrieben, handelt es sich dabei aber um einen verinnerlichten Automatismus, der im Körper, in den Gefühlsreaktionen und im Mindset verankert ist. Diesen Reflex auf der Verhaltensebene zu bearbeiten, reicht meist nicht aus, bzw. würde ein einfaches, reaktives «nein» lediglich an der Oberfläche kratzen. Der Königsweg führt vielmehr über eine Förderung der Selbst- und Körperwahrnehmung, um sich die Funktionsweise und den übergreifenden Einfluss des «automatischen Ja» bewusst zu machen und zu spüren. Eine gute Selbstwahrnehmung ermöglicht, im Einklang mit den eigenen Bedürfnissen und Ressourcen zu handeln. Dazu gehört auch das Wahrnehmen der eigenen Grenze, welche über körperliche und emotionale Reaktionsmuster zugänglich und erkennbar ist. Sich und die eigene Grenze zu spüren, ist einer der wirkungsvollsten Ansätze, einen nachhaltig guten Umgang mit dem «automatischen ja» zu finden. Ziel ist es, eine selbstverständlich gefühlte Grenze zu etablieren, anstatt Grenzen aus einer Abwehrreaktion zu setzen, bzw. sich mittels eines reaktiven «nein» abzugrenzen. Die Folge wäre, dass man bei einer Anfrage weder automatisch ja, noch reaktiv nein sagt, sondern zunächst mal bei einem «vielleicht» verbleibt, bis man in Abstimmung mit sich selbst eine Entscheidung treffen kann. Wie sich dies anfühlt, können Sie im Seminar «Eigene Grenzen wahrnehmen, Selbstverausgabung verhindern: der Körper als Informations- und Kraftquelle» erleben.