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Gustav Adolf Wehrli
Schon während seiner Studienzeit in Zürich und München begeisterte sich Wehrli für Urgeschichte und Ethnologie. Auf Umwegen führte ihn dies zur Erforschung der Volksmedizin. Im Wallis, in der Zentralschweiz und im Bündnerland suchte er nach Objekten wie Amulette oder Votivgaben. 1920 habilitierte er sich an der Universität für das Fach «Geschichte der Medizin.» Seine Karriere verlief enttäuschend. Stets musste Wehrli seinen Lebensunterhalt als Allgemeinpraktiker verdienen. In der medizinischen Fakultät hatte er einen schweren Stand. Doch heute ist sein Lebenswerk im wahrsten Sinne des Wortes unübersehbar: die Sammlung des medizin-historischen Museums unserer Universität verdankt ihre Existenz dem leidenschaftlichen Engagement des Gustav Adolf Wehrli. Während 35 Jahren suchte der «Allessammler» nach Gegenständen, Bildern, Büchern, Briefen und Manuskripten.
Weit gefächerte Interessen
Als der junge Wehrli 1915 zu sammeln begann, interessierte er sich für Volksmedizin und Kurpfuscherei, später kamen wissenschaftliche Medizin, Pharmazie, Hygiene, Gesundheitserziehung und Sport hinzu. Im Laufe seines Lebens verschob sich für ihn das wissenschaftliche Schwergewicht. In den dreissiger Jahren beschäftigte ihn vor allem die Geschichte des Sports, dann besann sich auch Wehrli auf schweizerische Werte. Er plante ein Schweizer Ärztelexikon, das nie vollendet wurde. An der Landesausstellung 1939 in Zürich stellte er die Verdienste von Schweizer Ärzten im Ausland sowie zwei Stammbäume von Ärztefamilien vor.
Wehrli betrieb erbbiologische Forschungen und setzte sich mit der Geschichte der Behinderten und den Leistungen prominenter Gebrechlicher auseinander. Die Ergebnisse veröffentlichte er in den Heften der Pro Infirmis. Solche Fragestellungen spiegelten zwar den damaligen Zeitgeist, doch betont der gegenwärtige Museumsdirektor, Christoph Mörgeli, zu Recht: «Es ist bemerkenswert, dass Gustav Adolf Wehrli das Gewicht auf den humanitären Umgang mit Körperbehinderten und deren geistigen Leistungsfähigkeit legte, als im nördlichen Nachbarland deren Lebensrecht bestritten und behindertes Leben vernichtet wurde.»
Sammlung im Turm
Zunächst spürte Wehrli auf Dachböden verlassene Sammlungen von Kliniken und Instituten auf, so etwa die Instrumente- und Bandagensammlung, die der berühmte Chirurg Theodor Billroth (1829 bis 1894) während seinen Zürcher Jahren angelegt hatte. Die ersten Objekte durfte Wehrli in den Räumen des hygienischen Instituts an der Gloriastrasse 32 lagern. 1921 erhielt er als «Provisorium» das vierte Turmgeschoss im damals erst 7jährigen Universitätsgebäude zugewiesen; es waren Räumlichkeiten ohne Licht, Heizung und Wasser.
Wehrlis regelmässige Gesuche um Unterstützung nervten die medizinische Fakultät. Fehlte ihr der Sinn für die Bedeutung seines Tuns oder handelte es sich um persönliche Animositäten? Selbst seine Vorlesungen stiessen bei den Studierenden nicht immer auf das gewünschte Echo. 1927 erhielt er endlich einen dauernden Staatsbeitrag zugesprochen, ausgerichtet von der Gesundheitsdirektion, dem Hochschulfonds und der Stadt Zürich.
Nach längerem Zögern beschloss die Zürcher Regierung am 17. November 1932, die Sammlung gegen eine Abfindungssumme von 20000 Franken zu übernehmen. Ein Anschaffungskredit war keiner vorgesehen, «um dem Sammlungseifer des Gründers einige Schranken zu ziehen.» Wehrli musste noch erleben, dass ein Teil seiner Objekte an die Basler CIBA verkauft wurde, um die medizinhistorische Bibliothek zu finanzieren. Wenigstens diese Geschichte hat ein glückliches Ende: Die Objekte sind inzwischen wieder in Zürich zurück.
1949 starb Gustav Adolf Wehrli und wurde auf dem Friedhof Fluntern beigesetzt. Sein Grab trägt die Nummer 81050.
Verena E. Müller