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Die Wall-Street-Grössen und die wirtschaftlich mächtigsten Vertrauensmänner der US-Regierung trafen vor drei Wochen eine verhängnisvolle Entscheidung: Anstatt eine weitere scheiternde Finanzinstitution zu stützen, liessen sie die 158 Jahre alte Lehman Brothers Holding kollabieren. Aktuell sehen die Konsequenzen dieser Entscheidung schlimmer aus als vorher angenommen. Die Konkursanmeldung von Lehman am Montag, dem 15. September, setzte eine Kettenreaktion in Gang, die die Kreditmärkte in Schwierigkeiten brachte.
Sicher war Lehmans Untergang selbst verschuldet. Das Unternehmen setzte in grossem Stil auf Investments in den überhitzten Immobilienmärkten, nutzte riesige Summen geliehenen Geldes, um seine Gewinne zu erhöhen, und reagierte dann langsamer als andere, als es darum ging, die Verluste festzustellen und neues Kapital einzusammeln. Das Ausmass der Verluste machte es schwierig, einen Käufer zu finden, und liess den Behörden nur wenige Aktionsmöglichkeiten.
Kampf um neues Kapital
In den Wochen vor dem Zusammenbruch von Lehman beobachteten die Politiker – einschliesslich Finanzminister Henry Paulson, Ben Bernanke und Timothy Geithner, Chef der New Yorker Fed –, wie das Unternehmen um neues Kapital kämpfte, und überlegten, ob sie es zulassen könnten, dass Lehman Bankrott geht.
Zwei Bereiche bereiteten ihnen besondere Sorgen: Der Credit-Default-Markt, in dem Marktteilnehmer Versicherungen gegen den Ausfall von Unternehmens- und anderen Anleihen kaufen und verkaufen, und der sogenannte Repo-Markt, über den die Wall-Street-Banken ihre Investments finanzieren, indem sie Wertpapiere als Pfand für kurzzeitige Kredite einsetzen. Die Notenbank hat die Wall-Street-Firmen schon seit Monaten gedrängt, eine neue Abrechnungsstelle für Credit-Default Swaps (CDS) einzurichten – doch das ist bis heute nicht geschehen. Auch wusste niemand genau, welche Firmen mit Lehman gehandelt hatten und in welcher Höhe.
In einem letzten Versuch, dieses Problem zu entschärfen, hob die Notenbank mit Lehman und den Handelspartnern zusammen Lehmans Handelsaktivitäten teilweise auf. Wenn etwa zwei von Lehmans Handelspartnern entgegengesetzte Wetten auf die Schuld von General Motors abgeschlossen hatten, konnten sie ihr Geschäft direkt miteinander anstatt über Lehman abwickeln. Beim Kollaps von Bear Stearns hatte die Notenbank darüber hinaus festgestellt, wie anfällig der Repo-Markt für ernsthafte Störungen ist. Das Problem drohte, die Wall-Street-Firmen von einer wichtigen Finanzierungsmöglichkeit abzuschneiden. Die Notenbank hatte deshalb eine Notfallhilfe ins Leben gerufen, um Firmen nach dem Zusammenbruch von Bear Mittel zu leihen. Notenbank-angestellte waren den ganzen Sonntag beschäftigt, diese Einrichtung auszuweiten. Sonntagnacht stellten sie jedoch fest, dass ihre Bemühungen nicht ausreichten.
Nichtsdestotrotz erwarteten sie, dass sich die Turbulenzen mithilfe der ausgeweiteten Kreditgewährung nach einiger Zeit wieder legen würden. Aber Lehmans Konkurs zog weitere Kreise als angenommen. Der Bankrott vernichtete sofort riesige Investments von Lehman-Aktionären und -Anleihegläubigern. Unter den grössten befand sich zum Beispiel Norwegens staatlicher Pensionsfonds. Ende 2007 gehörten dem Fonds über 800 Mio Dollar in Aktien und Anleihen von Lehman.
Die Entscheidung der Regierung, Lehman Pleite gehen zu lassen, markierte einen Wendepunkt darin, wie Anleger Risiken einschätzen. Als die Notenbank eingriff, um die Übernahme von Bear Stearns durch JP Morgan Chase im März einzufädeln, verloren die Bear-Aktionäre einen Grossteil ihrer Investments; Anleihebesitzer kamen jedoch unbeschadet davon. Nicht überraschend, da Anleihebesitzer vertraglich besser abgesicherte Rechte auf ihr Geld haben als Wertpapierbesitzer. Aber bei Anlegern entstand das falsche Bild, dass die Regierung zur Rettung von Anleihebesitzern eingreifen würde, wenn die nächste Bank in Schieflage gerät. Doch die Regierung belehrte den Markt eines Besseren. Die Reaktion war am offensichtlichsten im 55 Billionen Dollar schweren Credit-Default-Swap-Markt: Die Kosten für eine Versicherung gegen den Ausfall von Anleihen schossen so hoch wie nie zuvor. Wenn die Kosten für Ausfallversicherungen steigen, entstehen den Versicherungsverkäufern – Banken, Hedge-Fonds und Versicherungsunternehmen – Verluste. Zur gleichen Zeit müssen diese Verkäufer Extrageld als Garantiepfand aufbringen. Allein am Montag mussten Versicherungsverkäufer etwa 140 Mrd Dollar beschaffen, um den Nachschussforderungen nachzukommen. Da die Anleger ihr Geld zurückhaben wollten, waren sie gezwungen, zu verkaufen, was nur ging – eine Liquidationswelle, die alle Finanzmärkte traf.
Darüber hinaus ging der tatsächliche Handel auf dem CDS-Markt stark zurück, da die Teilnehmer zu schätzen versuchten, wie viel von ihrem Geld an Lehman gebunden war. Die Insolvenz hatte zur Folge, dass Hedge-Fonds und Banken, die bei Handelsabschlüssen mit Lehman auf der Gewinnerseite standen, plötzlich ihr Geld nicht mehr einsammeln konnten.
Gefährliche Spirale der Angst
Aus Angst, dass andere Wertpapierhäuser auch kollabieren könnten, beeilten sich HedgeFonds, Ausfallversicherungen auf die Firmen zu kaufen, mit denen sie geschäftlich verbunden waren. Aber die Verkäufer zögerten. Die Situation ähnelte der, wenn alle Hausbesitzer in einer Gegend versuchen, zum selben Zeitpunkt Versicherungen zu kaufen. Die Kosten für eine Versicherung auf Morgan-Stanley- und Goldman-Sachs-Schulden stiegen dramatisch in die Höhe – und es entstand eine gefährliche Spirale der Angst, dass auch diese Banken Pleite gehen könnten.
Zur selben Zeit zogen Hedge-Fonds ihre Gelder von diesen Firmen ab. So verlor in den folgenden Tagen Morgan Stanley zum Beispiel etwa 10% seiner Vermögenswerte im Prime-Brokerage-Geschäft. Schnell verbreiteten sich auf den Märkten, auf die die Banken angewiesen waren, um sich Geld zu leihen, Zweifel an deren Zustand.Am Mittwochabend waren die Aktien von Morgan Stanley um 24% auf 21,75 Dollar gefallen, während die von Goldman, der grössten Investmentbank nach Börsenwert, um 14% auf 114,50 Dollar gesunken waren.
Doch der Zusammenbruch von Lehman zeigte sich auch noch in einem anderen Bereich: Bei sogenannten Geldmarktfonds, die als sichere Alternative zu Bankeinlagen gelten. Viele dieser Fonds haben Schuldscheine von Lehman gekauft, um für kurze Zeit Geld zu leihen. Nun waren diese Papiere aber nur noch 20 Cent für einen Dollar wert.
Die Probleme auf dem Markt für Schuldscheine stellte auch für die breite Wirtschaft eine ernsthafte Bedrohung dar. Firmen aus aller Welt sind auf kurzzeitige Kredite angewiesen, die sie für alles nutzen, vom Zahlen der Gehälter bis zum Kauf von Rohmaterialien. Aber als die nervösen Geldmarktfonds sich zurückzogen, kam dieser Markt praktisch zum Erliegen.
Grösste Bedrohung abgewendet
Am Donnerstag entschieden Paulson und Bernanke, dass die Konsequenzen eine zu grosse Bedrohung für das Finanzsystem und die Wirtschaft darstellten. In der grössten Regierungsintervention in die Finanzmärkte seit den 1930er Jahren erhöhten sie die Staatsgarantie für Geldmarktfonds auf bis zu 3,4 Billionen Dollar und schlugen einen Plan im Umfang von 700 Mrd Dollar vor, um Banken «schlechte» Vermögenswerte abzukaufen. Drei Tage später beantragten Goldman Sachs und Morgan Stanley bei der Notenbank die Umwandlung zu normalen Geschäftsbanken.