Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03208.jsonl.gz/1355

Wir publizieren hier einen Beitrag, der gleichzeitig auch auf infekt.ch publiziert wurde. Die zitierten neueren Arbeiten bestätigen Aussagen, die auch bereits im Corona-Elefant beschrieben wurden (s.unten).
Eine Forschergruppe der Universität Bath (UK) beschreibt basierend auf einer Metaanalyse von 14 Studien (46’000 Personen) einen massiven Anstieg von Angststörungen und Depressionen während dem ersten Lockdown in England (23.3.20 – 13.5.20). Die Autoren kommen zum Schluss, dass die Häufigkeit von Angstzuständen und Depressionen in dieser Zeit markant angestieg. Bei praktisch einem Drittel der Bevölkerung diagnostizierten die Studien mittels standardisierten Befragungen Angststörungen (31%) oder Depressionen (32%). Vergleichen mit der Häufigkeit aus früheren Studien VOR der Pandemie (4-5%) ist dies ein massiver Anstieg. Natürlich ist es immer problematisch, Resultate mit einer historischen Kontrolle und nicht bei der gleichen Population zu vergleichen. Doch der massive Anstieg dieser Störungen von deutlich über 25% der Bevölkerung kann nicht mit methodischen Problemen alleine erklärt werden.
Nicht die erste Studie
Diese Studie ist auch nicht die erste dieser Art, welche zu diesem Schluss kommt. Eine kürzlich ebenfalls in England durchgeführte Untersuchung des Royal College of Psychiatrists kommt auch zum Schluss, dass eine von drei befragten Personen in England eine Verschlechterung ihres psychischen Befindens erfahren haben. Und dieselben Beobachtungen machten auch zahlreiche andere Studien weltweit, so auch in der Schweiz. Pro Juventute hat bereits vor einem Jahr im Corona-Report auf die zunehmende Verschlechterung der psychischen Gesundheit bei jungen Menschen hingewiesen.
Korrelation oder Kausalität?
Die Autoren der erwähnten Meta-Analyse kommen zum Schluss, dass der Lockdown und die damit verbundene Vereinsamung von Menschen verantwortlich waren für die massive Zunahme der psychischen Erkrankungen. Vielleicht ist diese Interpretation etwas überstürzt. Ein zeitliches Zusammentreffen alleine beweist keine Kausalität. Vielmehr müssen wir uns fragen, ob nicht andere Faktoren, welche mit dem Lockdown in Zusammenhang stehen, für die Verschlechterung des psychischen Wohlbefindens verantwortlich waren. Vermutlich ist es eine Vielzahl von Faktoren, welche sich in der Zeit des Lockdowns verändert haben, Isolation dürfte nur einer der Faktoren sein. Sicher dürfte die allgemeine Angst in der Bevölkerung, wie sie im Rahmen der Lockdown-Massnahmen geschürt wurde, ein wesentlicher Faktor für die beobachteten Veränderungen sein.
Angst ist keine gute Lehrerin
Die Idee, dass man mit Verbreitung von Angst vor Erkrankung ein präventives Verhalten fördern könne, ist weit verbreitet. Doch wir wissen nicht erst seit der AIDS-Epidemie, dass ein edukativer Ansatz viel wirkungsvoller ist, als die Menschen durch Angstmachende Fakten oder Behauptungen zu ängstigen (Ruiter et al, 2014). Bilder, die Angst verursachen, führen in der Regel eher dazu, dass sich der Mensch vom Problem abwendet, als dass er sein Verhalten überdenkt. Doch die Angst, an Covid-19 zu sterben oder schwer zu erkranken, war in breiten Teilen der Bevölkerung weit verbreitet. Insofern überrascht es nicht, dass die zitierten Studien einen so deutlichen Anstieg der Angststörungen und Depressionen feststellen mussten.
Die zitierte Studie des Royal College of Psychiatrists stellte zudem fest, dass die psychischen Störungen deutlich häufiger bei jungen Menschen auftreten (42% bei <35- vs. 10% bei >65-Jährigen). Dass gerade die junge Bevölkerung, die kaum einen Nutzen der Präventionsmassnahmen erfahren dürften, am meisten unter den Folgen derselben zu leiden haben, stimmt doch nachdenklich.
Verweis auf den „Corona-Elefant.ch“
Gerne verweise ich in diesem Zusammenhang auf zwei interessante Buchkapitel im „Corona-Elefant.ch„. Auf Seite 124 ff. beschreibt Roger Staub unsere Tatenlosigkeit angesichts der deutlichen Zunahme von psychischen Krankheiten bei jungen Menschen, welche wir doch als als wichtiges Potential für unsere Zukunft besonders schützen müssten. Und auf S. 287 ff beschreibt Heinz Schott wie im Rahmen der Pandemie die Angst überhaupt entstehen konnte und wie sie instrumentalisiert wurde. Die Lektüre sei jedem empfohlen.
Photo by engin akyurt on Unsplash
2 Comments
Danke, dies ist ein wichtiger Aspekt der ganzen Corona-Geschichte. Es ist wertvoll, dass das Ausmass der psychischen Belastung in England auch wissenschaftlich festgestellt wurde.
Die Beobachtung, dass, diametral entgegen der tatsächlichen Gefährdung, Junge stärker verängstigt waren (und zum Teil immer noch sind!), wird auch bei der Eröffnung des Amtsjahres des Zürcher Gemeinderates bestätigt: Das älteste Ratsmitglied tritt ohne Maske auf, das jüngste mit, und nimmt diese nicht einmal für die Ansprache am Rednerpult ab.
Noch heute haben viele Junge keine Ahnung, wie gross (oder eher: wie klein) das Risiko für sie tatsächlich war.
Danke, für den Kommentar und das Beispiel aus dem Ratsalltag, Herr Heierli. Ja, das unterschiedliche Verhalten der Menschen während der Pandemie wiederspiegelt die irrationale Natur vieler persönlicher Entscheidungen. Interessannterweise sind diese weniger durch die aktuelle Gefährdung einer Person gesteuert. Da würden wir mehr Angst bei alten Menschen erwarten.
Tatsächlich waren es immer wieder irrationale Ängste, welche auch die politischen Entscheidungen geprägt haben. Auf Seite 287 im Corona-Elefant schildert Heinz Schott deutlich: „Nicht die materielle Ansteckung war das ausschlaggebende Moment bei den betreffenden politischen Entscheidungen, sondern die mentale“.