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Die Queen ist tot. Das wird nicht nur im eigenen Land Veränderungen mit sich bringen, sondern hat auch Einfluss auf das britische Commonwealth. Dieses bildet sich als loser Staatenverbund in erster Linie vom Vereinigten Königreich Grossbritannien und Nordirland sowie den ehemaligen Kolonien. In einigen dieser Länder war die Queen immer noch formal Staatsoberhaupt. Gerhard Dannemann, Experte am Grossbritannien-Zentrum an der Humboldt Universität in Berlin, erklärt, wie es nun mit dem Commonwealth weitergehen könnte.
Gerhard Dannemann
Grossbritannien-Spezialist
Gerhard Dannemann ist Professor für englisches Recht sowie britische Wirtschaft und Politik an der Humboldt-Universität Berlin.
SRF News: Wie geht es nun mit dem britischen Commonwealth weiter?
Gerhard Dannemann: Es ist eine gewaltige Zäsur. Queen Elizabeth hat 70 Jahre lang regiert. Als sie den Thron bestieg, war Grossbritannien noch eine Weltmacht mit einer grossen Anzahl an Kolonien. Die Stellung der Monarchie völlig klar, gesichert und traditionell definiert. Die Queen war über die Jahrzehnte das Gesicht dieser Monarchie. Jeder in Grossbritannien ist mit ihr als Königin aufgewachsen. Nun beginnt eine neue Ära.
Eine neue Ära unter einem neuen König: Charles geniesst nicht die gleiche Beliebtheit wie die verstorbene Königin. Welchen Einfluss wird das auf die britische Monarchie haben?
Jeder, der diese Krone übernimmt, muss sie zu einem gewissen Mass auch neu definieren. Vor 70 Jahren war es diese ganz junge Königin mit unglaublich vielen modernen Ideen. So sollte etwa das Fernsehen für die Krönung und die Queen's Speech im Parlament zugelassen werden. Charles, mit seinen 73 Jahren, wird nun eine deutlich kürzere Regentschaft haben. Er muss sich überlegen, wie er in diese Rolle reinwachsen will.
Es ist denkbar, dass in gewissen Staaten des Commonwealth die Diskussion neu entflammen könnte, sich in eine Republik zu verwandeln.
Er hat sich in der Vergangenheit öfter ins politische Tagesgeschehen eingemischt. Zuletzt hat er kritisiert, dass Grossbritannien Asylbewerber nach Ruanda ausfliegen will. Er hat klare Positionen zu Architektur und zu Umweltschutz bezogen. Man wird abwarten müssen, wie sehr das seine Rolle als Monarch definieren wird.
Ist das auch eine Chance für Charles, um sich und die Monarchie neu zu erfinden?
Es wird wohl nun sehr kritisch beobachtet, was sich daraus entwickelt. Er dürfte versuchen, sich aus dem politischen Tagesgeschäft heraus zu halten. Alles andere würde auch nicht akzeptiert und stünde einer Demokratie nicht gut an. Charles könnte aber bei den wöchentlichen Treffen mit der neuen Premierministerin Liz Truss ganz andere Akzente setzen. Es könnte auch sein, dass sich Charles mit seinen weniger parteipolitisch besetzen Themen weiterhin meldet.
Das Königreich Grossbritannien hatte einst viele Kolonien. Heute sind sie vielfach selbständig regiert, eigenständig, frei – aber im Commonwealth noch lose vereint. Das verbindende Element ist die britische Monarchie, und mit ihr die Queen. Was bedeutet ihr Tod für den Commonwealth und die ehemaligen Kolonien?
Alle Commonwealth-Staaten, die noch das britische Staatsoberhaupt als eigenes haben – die grössten davon sind Kanada und Australien – haben ab heute auch einen neuen König. Das passiert automatisch, es ist kein Zwischenschritt erforderlich. Damit bleiben diese Länder auch weiterhin Monarchien.
Die Länder des Commonwealth
Die derzeitigen Commonwealth Realms sind (in alphabetischer Reihenfolge) Antigua und Barbuda, Australien, die Bahamas, Belize, Grenada, Jamaika, Kanada, Neuseeland, Papua-Neuguinea, die Salomonen, St. Kitts und Nevis, St. Lucia, St. Vincent und die Grenadinen, Tuvalu und das Vereinigte Königreich.
Das Commonwealth wird weiter bestehen; es ist ein Klub anglophoner Länder, mit einer gemeinsamen Geschichte, gewissen gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen und gemeinsamen Sportereignissen. Ein Übergang der Monarchie erschüttert das Commonwealth als solches nicht. Es ist aber denkbar, dass in gewissen Staaten die Diskussion neu entflammen könnte, sich in eine Republik zu verwandeln.
Das Gespräch führte Adam Fehr.