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Der Tessiner Manuele Bertoli ist stark sehbehindert: Er leidet an der Netzhautkrankheit Retinitis pigmentosa. Das hat ihn nicht daran gehindert, eine bemerkenswerte Karriere als Staatsdiener zu machen.
Nach zwölf Jahren im Amt ist Manuele Bertoli Anfang April 2023 als Mitglied der Tessiner Kantonsregierung zurückgetreten. Der ehemalige Erziehungsdirektor hatte Rechtswissenschaften an der Universität Genf studiert und diese Ausbildung trotz massiver Verschlechterung seines Augenlichts erfolgreich abgeschlossen.
Auch das Berufsleben meisterte Bertoli bestens: 1988 wurde er Sekretär des Tessiner Mieterverbandes, 2002 übernahm er die Führung von Unitas, dem Blinden- und Sehbehindertenverband der italienischen Schweiz.
Seine politische Karriere verlief ebenfalls steil. Bertoli trat schon als sehr junger Mann der SP bei und kämpfte zunächst für die Einführung des Zivildienstes und gegen Atomkraftwerke. 1998 wurde er in die Exekutive seiner Heimatgemeinde Balerna und in den Tessiner Grossen Rat gewählt. 2004 übernahm er das Präsidium der SP-Kantonalpartei.
Die Krönung seines politischen Werdegangs erfolgte 2011: Bertoli wurde Mitglied der Tessiner Kantonsregierung. Seit da leitete er bis Anfang April 2023 das Departement für Erziehung, Kultur und Sport.
Im Interview mit Retina Suisse erzählt der 61-jährige zweifache Familienvater davon, wie er mit seiner Krankheit umgeht und den Arbeitsalltag bewältigte.
Das Gespräch fand im Februar 2023 statt, als Bertoli noch als Staatsrat im Amt war.
Interview: Peter Jankovsky, Kommunikation Retina Suisse
Herr Bertoli, wir sind hier in Ihrem Büro in Bellinzona, und in der Ecke steht ein Klavier.
Als ich Staatsrat wurde, habe ich das Piano hierherbringen lassen. Wenn ich Dossiers studiere oder Reden vorbereite, setze ich mich zwischendurch gerne ans Klavier und spiele ein paar Takte.
Um in Schwung zu kommen oder kurz abzuschalten?
So kann ich mich gedanklich sammeln. Aber ich spiele natürlich nicht lange, ich will ja den Regierungskollegen, die direkt über und unter mir ihr Büro haben, nicht auf die Nerven gehen.
In der Freizeit greifen Sie sicher länger in die Tasten.
Ja klar, und ich bin sogar Mitglied einer Band, nämlich der fantastischen «Green Onions». Dort bin ich der Mann am Keyboard.
Spielt Ihre Band Tanzmusik oder Hardrock?
Wir sind eine normale Coverband. Unser Repertoire reicht von Rock bis Pop, und ein paar Mal im Jahr geben wir öffentliche Konzerte.
Wer wie Sie sein Musikinstrument gut beherrscht, kann mit geschlossenen Augen spielen. Sie selber sind stark sehbeeinträchtigt, Sie leiden an der schweren Netzhautdegeneration Retinitis pigmentosa. Wie hat das angefangen?
Diese Krankheit hat einen Verlauf, der in der Regel sehr lang ist. Als Kind und Jugendlicher sah ich eigentlich normal, ich hatte nur Schwierigkeiten in der Dämmerung und in der Nacht. Als ich dann an der Universität Genf Jurisprudenz studierte, bekam ich immer stärkere Probleme mit dem Lesen, bis ich gar nichts mehr entziffern konnte. Schliesslich stellten sich noch schlimmere Probleme ein, auch mit der Mobilität, so dass ich den Blindenstock benutzen musste. Doch die moderne Technik und dann die Digitalisierung halfen mir im richtigen Moment.
Sind Sie mittlerweile völlig erblindet?
Heute kann ich nur noch hell von dunkel unterscheiden.
ZITAT: “Beim heutigen Entwicklungsstand der Computer gibt es keine Probleme.“
Als Sie vor zwölf Jahren in den Tessiner Staatsrat gewählt wurden, waren Sie der erste blinde Regierungsrat der Schweiz. Sind Sie immer noch der einzige?
Ich glaube schon, ich bin immer noch das erste blinde Mitglied einer Kantonsregierung, soweit ich weiss.
Wie meistern Sie als hoher Magistrat Ihre Arbeit?
Beim heutigen Entwicklungsstand der Computer gibt es keine Probleme, die unüberwindlich wären. Die Rechnerstimme liest mir Dokumente vor, in Verzeichnissen und im Internet surfe ich mit Hilfe von akustischen Hinweisen, ebenso wenn ich schreibe. Und der akustische Smartphone-Assistent ist einfach sehr gut.
Typisch ist ja, dass sehbeeinträchtigte Menschen die künstliche Computer- oder Smartphone-Stimme viel schneller als normal sprechen lassen. Da versteht man als Aussenstehender gar nichts mehr.
Das ist klar, aber man gewöhnt sich recht schnell dran. Ich schraube das Sprechtempo unter anderem herauf, um Zeit zu sparen. Gerade bei meinem Job ist das ein wichtiger Faktor.
Ist Ihnen im Arbeitsalltag auch Lustiges passiert?
Es gibt verschiedene Situationen, die zum Lachen reizen. Zum Beispiel versuchen einige Menschen, die vor Blinden stehen, krampfhaft alle Begriffe zu vermeiden, die mit dem Sehen zu tun haben. Aber dann werden die Sätze komisch. In diesen Fällen verklemme ich mir ein Lachen und wirke auf die Leute ein, damit sie sich entspannen.
ZITAT: “Ehrlich gesagt habe ich mich nie diskriminiert gefühlt.”
Was hat Sie als Sehbehinderten dazu bewogen, in die Politik zu gehen?
Die Leidenschaft. Die Themen, für die ich mich schon in meiner Jugendzeit einsetzte, waren der Zivildienst, den es damals noch nicht gab, und der Kampf gegen Atomkraftwerke. Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass ich sehr vorausschauend war, weil den Zivildienst nun alle anerkennen. Und die Atomkraft ist in der Gunst der meisten Leute stark gesunken, wie mir scheint – von einigen Nostalgikern einmal abgesehen.
Und als Krönung Ihrer Karriere wollten Sie Mitglied der Tessiner Regierung werden?
Erlauben Sie, dass ich die Gegenfrage stelle: Warum nicht? Dank der Leidenschaft für die Politik hat sich mir diese Gelegenheit geboten. Die Tessinerinnen und Tessiner haben mich gewählt, und seit zwölf Jahren übe ich die Funktion als Regierungsrat ohne besondere Probleme aus. Mein Job ist bewältigbar, also mache ich ihn.
Aber manchmal sind Sie schon auf die Hilfe anderer Personen angewiesen.
Ja, manchmal, wie jeder. Aber ich schätze nach wie vor meine Unabhängigkeit, auch wenn es nicht immer möglich ist, allein zu arbeiten.
Waren Sie sozialen Benachteiligungen ausgesetzt?
Ehrlich gesagt habe ich mich nie diskriminiert gefühlt.
Aber haben Sie mehr als andere darum kämpfen müssen, als Politiker Anerkennung zu finden? Diesen Eindruck hatte ich nie, auch wenn ich als Blinder gezwungen bin, Dossiers und Vorlagen sehr gründlich zu studieren, bevor ich öffentlich spreche oder diskutiere. Das sollte eigentlich normal sein für alle, die Politik machen (lacht). Übrigens, das Einzige, was ich nicht tun kann, ist das Vorlesen meiner Reden. Aber das ist manchmal ein Vorteil, denn freie Rede ist direkter und ehrlicher – und zieht sich nicht so in die Länge (lacht wieder).
ZITAT: “Die Krankheit wurde für mich zu etwas Normalem.”
Die Augenkrankheit hat also Ihr Gedächtnis geschärft, oder ist das ein Klischee?
Ich würde nicht sagen, dass es ein Klischee ist, so geht es allen Menschen, die nicht oder schlecht sehen. Es kostet einfach weniger Mühe, sich an etwas zu erinnern.
Als Sie die Diagnose erhielten, wie gingen Sie damit um?
Ich wusste von klein auf über die Entwicklung meiner Krankheit Bescheid, so dass sie für mich zu etwas Normalem wurde.
Menschen mit einer Augenbehinderung müssen Rückschläge einstecken und kämpfen oft mit psychischen Problemen. Wie war das bei Ihnen?
Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mehr Schwierigkeiten hatte als andere, abgesehen von den objektiven Problemen, die mit dem Verlust meines Augenlichts verbunden sind. Ich hatte eigentlich immer Glück.
Sind Sie Mitglied von Retina Suisse geworden, um Unterstützung zu finden? Oder wollten Sie vor allem vertiefte Informationen? Ich würde sagen, hauptsächlich zur Information. Konkrete Hilfe erhalten wir von der Unitas, der Sektion des Schweizerischen Blindenverbands für die italienischsprachige Schweiz. Für die Unitas habe ich zehn Jahre lang gearbeitet.
ZITAT: “Es braucht ein bisschen Fantasie, und dann findet man immer eine Möglichkeit.”
Anfang April 2023 finden im Tessin die kantonalen Wahlen statt. Dann wollen Sie nach zwölf Jahren als Erziehungsdirektor aus dem Amt scheiden. Sie haben also Lust auf Veränderung?
Ich finde, nach so langer Zeit sollte man anderen Platz machen. Für die Zukunft habe ich noch keine definitiven Pläne. Man hat mir einige Angebote gemacht, die vor allem von Non-Profit-Organisationen kommen, und ich denke darüber nach.
Und was ist mit den «Green Onions»?
Wir machen natürlich weiter und haben für dieses Jahr schon eine Reihe von Konzerten eingeplant.
Erlauben Sie zum Abschluss die Frage, was Ihr Lebensmotto ist.
Mein Motto ist, dass es immer einen Weg gibt. Es braucht ein bisschen Einfallsreichtum und Fantasie, und dann findet man eine Möglichkeit, die gesetzten Ziele zu erreichen.