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Kaum hatte er seinen Abschluss in Informatik im Sack, wendetet er sich der Welt des Open Source zu. Vereinfacht gesagt bedeutet Open Source, dass der Quellcode, der einem Program oder Betriebssystem unterliegt, für alle frei zugänglich ist. Das heisst, dass Leute mit dem entsprechenden Wissen kontrollieren können, ob alles stimmt, was versprochen wird. Open Source ist entsprechend das Gegenteil von vielen in "geschlossenen" Programmen und Betriebssystemen.
Die Welt der Techriesen hat Gaël Duval nie interessiert, auch wenn er da mehr Geld verdienen und eine weniger riskante Karriere hätte lancieren können. Er schwimmt lieber gegen den Strom und bietet mit dem Betriebssystem /e/ OS Google die Stirn (OS steht für Operating System oder Betriebssystem.) Das Android-Betriebssystem kommt komplett ohne Google aus und verhindert so das stete Datensammeln durch den Suchmaschinen-Giganten.
Die Digitalisierung hat durch Corona noch einmal enorm zugenommen. Davon profitieren Techriesen wie Microsoft, Apple, Meta (Facebook, Instagram und Co.) sowie natürlich Google. Denen gegenüber stehen kleinere Unternehmen und sogar Einzelpersonen, die Alternativen anbieten. Wieso das nötig ist und was Gaël motiviert, gegen den Strom zu schwimmen, erzählt er im Podcast. Dieser wurde auf Englisch geführt. Für alle, die kein Englisch verstehen, habe ich die Episode sinngemäss hier übersetzt.
Charaktermenschen (CM): Gaël, herzlich willkommen in meinem Podcast. Wie ich eben erklärt habe, lebst du für Open Source. Bevor wir über dich und dein Projekt sprechen, kannst du uns sagen, was Open Source genau bedeutet. Meine Erklärung ist wohl zu laienhaft.
Gaël Duval (GD): Das ist eine schwierige Frage. Open Source nutzt die kollektive Intelligenz. Es ist eine Art, mit Software zu arbeiten. Es ermöglicht, dass sehr viele Menschen an einem Code arbeiten. Open Source ist ein Konzept, das wiederum aus diversen Strömungen besteht. In jeder gelten eigene Regeln, die es zu befolgen gilt. Grundsätzlich ermöglicht es Transparenz und die Möglichkeit, den Quellcode zu lesen. Aber es bedeutet nicht zwingend, dass man alles mit dem Quellcode machen kann.
Es gibt verschiedene Lizenzen, so muss man beispielsweise Änderungen, die man an einem vorhandenen Code vorgenommen hat, auch wieder veröffentlichen unter der GPL-Lizenz. Andererseits gibt es auch die Möglichkeit, Code zu nehmen, ihn zu ändern und dann so zu verwenden, dass es nicht mehr Open Source ist.
CM: GPL, was heisst das?
GD: GPL ist eine der frühesten Lizenzen. Es handelt sich um ein Set an Regeln, das für eine bestimmte Art von Software gilt. GPL heisst General Public License und wurde von Richard Stallman, der sehr bekannt ist in der Open Source Szene, eingeführt. Er kreierte die Open Source Bewegung in den 80-er Jahren, wenn ich mich nicht irre.
CM: Ok, wieso bist du überzeugt, dass die Open Source Bewegung wichtig ist?
GD: Tatsache ist, dass ich als junger Interessierter oft frustriert war, als ich den Computer entdeckte. Wenn ich etwas über Computer und Softwareprogrammierung lernen wollte, musste man immer sehr viel bezahlen.
In den 90-ern entdeckte ich Open Source. Das war wie eine Befreiung. Ein grosser Vorteil von Open Source ist, dass gleichzeitig sehr viele Leute zusammen am selben Projekt arbeiten können, anstatt jedeR für sich alleine oder in kleinen Gruppen. Das Internet war da natürlich ein riesiger Treiber und so können wir nun von der kollektiven Intelligenz profitieren.
Diese Faktoren ermöglichten erst das Betriebssystem Linux, das praktisch auf allen Servern läuft, auf Smartphones etc. Ich glaube, dass dies ohne Open Source gar nicht möglich geworden wäre.
CM: Du hast jetzt bereits einen Teil meiner nächsten Frage beantwortet, dennoch: Wie startete deine Liebe für Open Source? Gab es da eine spezielle Erfahrung oder bist du da langsam hineingewachsen?
GD: Nein, ich entdeckte die Welt der Computer für mich ca. 1983. Da gab es wie gesagt noch kein Open Source. I war an Computern und Software interessiert, das war immer eine Leidenschaft. Als Student in den 90-ern entdeckte ich Open Source und eben, es war eine Befreiung. Aber ich hatte schon ein "digitales Leben" vor Open Source.
CM: Das ist interessant. Du sagst, es sei wie eine Befreiung gewesen für dich. Aber wieso hast du nie für eine Bigtech-Firma oder überhaupt einen grossen Arbeitgeber gearbeitet?
GD: Gute Frage. Vielleicht hätte das passieren können. Aber weisst du, ich habe verschiedene Leidenschaften. Eine ist eben Open Source, die andere ist zu kreieren, Projekte zu starten. Bereits als Kind lancierte ich eine eigene Zeitung, die ich dann verkaufte. Ich glaube, das Unternehmertum war immer schon in mir drin. Das ist für mich sehr spannend. Open Source und das Unternehmertum sind meine grossen Leidenschaften, Musik ist die dritte. Für mich ist es natürlich, etwas zu starten, ein Produkt daraus zu machen und zu versuchen, davon zu leben. Ich habe ehrlicherweise nie darüber nachgedacht, für eine grosse Firma zu arbeiten.
Allerdings ist es so, dass einige Male Bigtech Firmen mich angefragt haben, ob ich für sie arbeiten wollte. Ich hätte wahrscheinlich viel Geld verdienen können. Das nicht gemacht zu haben, damit kann ich aber gut leben. Ich ziehe es vor, zu erschaffen und Mehrwert zu kreieren für andere. Ich glaube, die meisten meiner Projekte faszinierten auch andere Menschen. Und sie sehen diese Projekte als mögliche Lösungsansätze, um Probleme oder Frustrationen, die sie haben, zu lösen. Das finde ich cool.
CM: Ich gehe mal davon aus, dass deine Familie und Freunde nicht sehr überrascht waren, als du die Jobangebote von Bigtech Firmen abgewiesen und stattdessen selbständig gearbeitet hast?
GD: Also, ich muss sagen, dass meine Mutter nicht sehr glücklich war, als ich meinen ersten Job gekündigt hatte. Ich glaube, sie hätte es vorgezogen, wenn ich für ein etabliertes Unternehmen gearbeitet hätte. Mein Vater war nicht überrascht, da er selber schon Unternehmer war. Meine Freunde waren natürlich auch nicht überrascht, sie kannten mich ja als jemanden, der Projekte liebte.
CM: Aber gab es nie in deinem Leben einen Moment, in welchem du es bereutest, Unternehmer geworden zu sein und nicht als Angestellter zu arbeiten?
GD: Diese Art fragen stellt man sich natürlich dann, wenn die Dinge nicht so gut laufen. Aber bis heute stand ich noch nie vor dieser Situation.
CM: Viele Menschen haben eine Idee, wagen aber nicht, unternehmerisch tätig zu werden, vielleicht weil sie Angst haben, plötzlich kein Geld mehr zu haben. Hast du einen Tip für Menschen, die vor so einer Entscheidung stehen oder kannst du uns sagen, wie dein Erfolgsrezept aussieht?
GD: Hm... Wenn ich ein neues Projekt starte, will ich nicht über mögliche Gründe, warum es nicht klappen könnte, nachdenken. Ich blende diese Gedanken aus und nehme es Schritt für Schritt. Bei meinen Projekten ist es mir jeweils wichtig, dass sie mich faszinieren und dass sie Probleme für so viele Menschen wie möglich lösen. Ich will nicht über negative Möglichkeiten nachdenken. Wenn man Schritt für Schritt geht, wird es immer besser. Und dann gehört sicherlich auch Glück dazu.
CM: OK. Vielleicht verstehe ich hier etwas falsch, aber ich assoziiere Open Source mit gratis Software. ProgammierInnen erhalten kein Geld, wenn ich als KonsumentIn nicht freiwillig etwas bezahle. Wie verdienst denn du das Geld für dein Leben?
GD: Gute Frage. Es stimmt, dass Open Source und gratis Software fast dasselbe ist. Aber es bedeuted nicht "Freibier". Es ist gratis in Form von freien Lizenzen. Das ist ein kleiner Unterschied. Meistens ist sie tatsächlich umsonst und du kannst sie für deine Zwecke brauchen. Weisst du, es gibt weltweit Firmen, die viel Geld mit gratis Produkten machen, zum Beispiel Wasser. Wasser und Zucker sind nicht sehr teuer, aber man kann viel Geld damit verdienen.
Der Wert eines Produktes hängt von vielem ab, wie Marke, Hintergrund usw. Das wertvollste einer Firma heute sind meiner Meinung nach die Mitarbeitenden, respektive deren Know-How. Red Hat, beispielsweise, wurde in den 90-er Jahren gegründet. Sie stellten immer Open Source Software her und wurden vor wenigen Jahren von IBM für einige Milliarden gekauft. Open Source bedeutet also nicht, dass man damit kein Geld verdienen kann.
CM: Lass uns das etwas verdeutlichen: Dein gegenwärtiges Projekt heisst /e/ OS. Dieses kann man gratis herunterladen und auf seinem Android Telefon installieren, sofern es unterstützt wird. Wie verdient ihr da euer Geld? Immerhin musst du Leute bezahlen und dein Leben bestreiten. Macht ihr das über Spenden oder wie funktioniert das?
GD: Einige Menschen spenden. Dann verkaufen wir auch Smartphones, auf denen /e/ bereits installiert ist. Das ist eine relativ einfache Art, Geld zu verdienen. Wir stellen auch Online-Services (Mail, Kalender etc, Anm. der Red.) zu Verfügung. 1GB Speicherplatz ist gratis, wer mehr braucht, bezahlt dafür. Das ist ein klassisches Businessmodel, das uns hilft, unser Produkt zu entwickeln und finanzieren.
CM: Dann lass uns mal über /e/ sprechen, dein gegenwärtiges Projekt. Worum gehts da?
GD: /e/ OS wurde programmiert, um Menschen eine neue Möglichkeit zu bieten, wie sie mit ihren Daten umgehen. Wir haben heute das grosse Problem, dass unsere Daten permanent gesammelt werden, wenn wir unsere Mobiltelefone benutzen. Diese werden an Google und die Server von Big Tech versandt. Die verwenden die Daten dann für Werbezwecke. Das Problem ist, dass dies mit jedem Mobiltelefon gemacht wird, konstant. Das ist eine riesige Datenmenge. Du verschickst jeden Tag zwischen 6-12MB an persönlichen Daten, vor allem an Google.
Wir finden das sehr problematisch, da dies mehrere Auswirkungen haben kann in Bezug auf Freiheit, Demokratie aber auch den persönlichen Datenschutz. Wir wollten also eine Alternative bieten, die nicht konstant persönliche Daten sammelt. Dies gab es noch nicht, als wir unser Projekt starteten. Als ich vor einigen Jahren weg von iPhone und Google wollte, gab es sehr wenige Alternativen, die auch noch sehr kompliziert waren. Ich wollte etwas erschaffen, das auch meine Mutter und technisch nicht so interessierte Menschen nutzen konnten.
Also starteten wir ein sogenanntes Fork von Android, was ja auch Open Source ist. Wir konnten es also modifizieren. Wir entfernten jedes Feature, das Daten an Google sendet. Wir starteten damit, unsere Dienstleistungen aufzubauen und kreierten so ein ganzes Ecosystem, das Menschen benutzen können, ohne permanent ihre persönlichen Daten preiszugeben.
CM: Das ist interessant. Wenn ich mit Familie und Freunden über dieses Thema spreche, höre ich meistens, dass sie nicht wichtig oder interessant genug wären für die grossen Firmen. Stimmt das?
GD: Ich glaube, dass es ein grosses Informationsdefizit diesbezüglich gibt. Wenn man sich wirklich mal mit diesen Fragen beschäftigt, ist es unglaublich zu sehen, wie sich die Situation rund um unserer persönlichen Daten in den letzten Jahren verschlechtert hat. Edward Snowden veröffentlichte 2013, wie die NSA Menschen überwacht. Dies ist nur eines unserer Probleme. Wenn ich Menschen treffe, die finden, dass man sich über Datenschutz keine Gedanken machen müsse, versuche ich immer, es ihnen mit Blick auf die Geschichte zu erklären.
Das Sammeln von Daten war immer wichtig, ein heisses Thema. In vielen Ländern war das Sammeln von Daten im 20. Jahrhundert normal. Wenn man nun die Möglichkeiten, die Computer und Software bieten, Daten zu sammeln und in Echtzeit zu verwerten, noch dazu addiert, wird das zum Alptraum.
Ein weiterer Punkt ist der: Wahrscheinlich möchten die wenigsten, dass ihre privaten Daten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Hacker haben die Möglichkeit, in Server einzudringen und grosse Datenmengen zu veröffentlichen. Dies ist schon mehrere Male passiert. Oft sagen Menschen zu mir, sie hätten nichts zu verstecken. Wenn sie aber intensiver darüber nachdenken, bezweifle ich, dass sie ihre Daten veröffentlicht haben wollen.
Ein weiterer Punkt: Nehmen wir ein Biespiel aus dem realen, nicht virtuellen Leben, wie den Versand eines Briefes. Wenn du Menschen fragst, ob sie einverstanden wären, dass die Post einen Brief an sie zuerst öffnet, liest und noch einen Flyer beilegt von einer Firma, die etwas in Bezug auf den Briefinhalt verkaufen möchte, würden wahrscheinlich alle nein sagen. Glücklicherweise ist das ja auch gesetzlich geregelt und illegal. Gleichzeitig passiert das aber permanent in unseren Mobiltelefonen.
Ich finde, dass es hier noch zu wenige Gesetze gibt, die diesen Bereich abdecken. Wahrscheinlich werden die Gesetzgeber in den kommenden Jahren vieles in diesem Bereich regulieren. Aber bis dann haben die Telefonbenutzer keine Wahl. Respektive hatten. Denn mit /e/ OS bieten wir nun eine Alternative an.
CM: Mit diesem Projekt schwimmst du gegen den Strom. Ist dieses Gegen-den-Strom-Schwimmen Teil deiner Lebensphilosophie?
GD: Ehrlich gesagt habe ich heute nicht das Gefühl, gegen den Strom zu schwimmen. Ich glaube eher, dass es einen neuen Trend gibt. Menschen suchen bessere Produkte, ethischere Produkte. Viele ziehen Elektroautos solchen mit Verbrennungsmotor vor, Leute achten darauf, was sie essen, eher vegetarisch oder vegan, biologisch. Viele denken über Nachhaltigkeit nach.
Wir gehen in dieselbe Richtung. /e/ OS kann auch in 7-, 8-jährigen Telefonen installiert werden, das funktioniert einwandfrei und gibt älteren Geräten ein neues Leben. Die Batterie eines mit /e/ OS versehen Telefones hält länger, da weniger Daten versendet werden. Ich glaube, wir sind Teil einer neuen Bewegung. Und das schöne ist, dass dies bereits morgen die Norm sein kann.
CM: Damit hast du bereits meine letzte Frage beantwortet: Was motiviert dich?
GD: Die Motivation ist tatsächlich, einen positiven Einfluss auf meine Umwelt, mein Umfeld zu haben. Vielleicht bin ich damit zu optimistisch, wichtig ist mir einfach, sicher keinen negativen Einfluss zu haben. Ich will nicht den Regeln von Menschen folgen, die sich nicht um dieses Thema des positiven Einflusses kümmern.
CM: Vielen Dank für deine Zeit.
Weitere Infos zu Gaëls Projekt /e/ OS
Wenn für dich Datenschutz nicht nur auf dem Telefon wichtig ist: Ich versende Daten, die ich für meine Kunden erstelle, über meinen eigenen Server, wenn gewünsche passwortgeschützt oder sogar mit Videozugang.