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Und so kam es zu dieser Ehre…
Alles begann, als unser Team im Januar 1996 in Rio de Janeiro ankam, wo wir an der Copacabana im Hotel «Ouro Verde» unterkamen. Der Hotelbesitzer war ein Schweizer, der sich in Rio de Janeiro niedergelassen hatte. Trainieren konnten wir im Hotel allerdings nicht, brauchten also noch ein geeignetes Dojo – nichts Anspruchsvolles, nur einen Ort mit ein paar Matten, um uns optimal auf die anstehenden Kämpfe vorbereiten zu können.
Als wir am nächsten Morgen an der Copacabana spazieren gingen, beobachtete ich, wie Jugendliche mit weissen Kimonos unter den Armen ein Gebäude betraten. Aufgrund der Gürtelfarben wie Gelb, Orange und Grün, dachte ich zuerst, dass es Karate- oder Judo-Schüler seien. Wir folgten ihnen trotzdem und im dritten Stock befand sich tatsächlich ein einfaches, gepflegtes Judo-Dojo mit einer ziemlich grossen und sauberen Tatame-Fläche. Sofort kam eine nette Dame auf uns zu und mein Bruder Demetrio, der wegen seiner Arbeit in der Reisebranche ziemlich gut Portugiesisch sprach, nahm gleich die Rolle des Übersetzers ein. Sie stellte sich als die Rezeptionistin des Dojos vor und lud uns direkt ein, für ein paar Tage dort zu trainieren. Sie bat uns einfach, zuerst noch mit dem Dojo-Leiter zu sprechen, dem berühmten Jiu-Jitsu- und Judo-Meister Augusto Cordeiro. Zu diesem Zeitpunkt kannte ich in der Welt des Brazilian Jiu-Jitsu niemanden ausserhalb der Gracie und Machado Familie und dachte, dass sie die einzigen wären, die diesen Stil beherrschten. Wahrscheinlich ging es nicht nur mir so! Die Einladung nahmen wir aber natürlich dankend an.
Ich fragte die Dame, ob wir gleich am Abend für ein Training vorbeischauen dürften und sie sagte: «Ja klar, kein Problem!». An diesem Abend erschienen wir vier Musketiere also mit unseren weissen Kimonos in der Academia Augusto Cordeiro zum Training. Meister Cordeiro umarmte uns gleich als wären wir gute alte Freunde, die sich nach langer Zeit wiedersehen würden. Professor Georghino, der dortige Jiu-Jitsu-Lehrer, hingegen schien distanzierter und wusste wohl nicht recht, was wir auf seinem Tatame zu suchen hatten. Wir stellten uns vor und fragten ihn, ob wir während des Unterrichtes für uns trainieren könnten – es sei nicht unsere Absicht, sein reguläres Training zu stören. Es war uns wichtig, niemandem auf die Füsse zu treten, aber Professor Georghino lud uns ein, an seiner Unterrichtsstunde teilzunehmen. Um vor den Wettkämpfen Verletzungen zu vermeiden, wollten wir allerdings lieber für uns trainieren. Und so suchten wir uns im Dojo eine freie Ecke aus.
Trotzdem hatten wir ein Auge auf den Unterricht von Professor Georghino. Zu Beginn des Trainings stellten sich alle Schüler in einem Kreis auf und begrüssten sich mit einem einfachen Händedruck. Das kannte ich von den Gracies in Los Angeles so nicht und sagte meinem Bruder sofort, dass ich diese Art der Begrüssung gerne bei uns einführen würde.
Auch die Aufwärmübungen unterschieden sich deutlich. Bei den Gracies in Los Angeles gab es damals, soweit ich mich erinnern kann aus Platzgründen, gar kein richtiges Aufwärmtraining wie man es heute sieht und man begann die Lektion jeweils einfach mit den Selbstverteidigungstechniken im Stand. Nicht so bei den Jungs hier! Das überraschte mich sehr. Diese Form des «intensiveren» Aufwärmtraining kannte ich vielmehr aus dem Judo in Japan.
Professor Georghino beobachtete uns ebenfalls die ganze Zeit, bis er schliesslich zu uns herüberkam und fragte, ob er uns etwas zeigen und erklären dürfe. Wir wussten das sehr zu schätzen und nahmen es dankend an. Von da an verbrachten wir einige Trainingseinheiten bei ihm, besuchten aber auch andere (nicht-Gracie) Jiu-Jitsu Schulen, wie beispielsweise die Familie Fadda, um uns ein umfassenderes Bild des brasilianischen Jiu-Jitsus im Geburtsland zu machen.
Eine weitere wichtige Person während diesem ersten Aufenthalt war Sylvio Behring, der sich die Zeit genommen und angeboten hatte, uns während der Weltmeisterschaft zu unterstützen. Es steht ausser Frage, dass das intensive Training bei Professor Georghino und die Unterstützung von Meister Sylvio dazu beigetragen hat, dass wir an der Weltmeisterschaft ein solch gutes Resultat erreichen konnten.
Es ging kein halbes Jahr vorbei und ich reiste gleich nochmals nach Rio de Janeiro, um u.a. Professor Georghino aufzusuchen. Leider hielt er sich aus familiären Gründen ausserhalb von Rio auf und so musste ich meinen Besuch bei ihm auf später verschieben. Also suchte ich Sylvio Behring auf, der mich gleich in seine Schule aufnahm. Im Gegenzug lud ich ihn ein, bei uns in Zürich sein europaweit erstes offizielles Behring Brazilian Jiu-Jitsu Seminar abzuhalten.
Während der dritten Reise, besuchte ich auch wieder die Gracie Humaita, wo ich die Ehre hatte erstmals Grossmeister Hélio Gracie persönlich kennen zu lernen. Bei dieser Begegnung erzählte er mir kurz seine Geschichte und Philosophie. Irgendwann fragte ich ihn dann, wo ich seiner Meinung nach meiner Jiu-Jitsu-Ausbildung weiterführen sollte. Seine Antwort war: «…hier bei meinen Söhnen Royler und Rolker, in Los Angeles bei meinem Sohn Rorion, oder in São Paulo bei Meister (Pedro) Hemetério!»
Da ich bis anhin in Rio de Janeiro und Los Angeles trainiert hatte, gefiel mir die Idee in São Paulo Pedro Hemetério aufzusuchen. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nur, dass Meister Pedro bei den Gründern Carlos und Hélio Gracie gelernt hatte und seit den 50er Jahren in São Paulo tätig war.
Als uns dann Anfang 1997 Professor Waldomiro Perez Junior – Gründer der «Compania Paulista de Jiu-Jitsu» und direkter Schüler von Marcelo Behring aus São Paulo – für zwei Wochen bei uns in Zürich weilte, wurde dieser Wunsch immer stärker. Dank der finanziellen Unterstützung meines Freundes Marco Cerutti konnte ich ein weiteres Mal nach Brasilien reisen und endlich Pedro Hemetério besuchen.
Zu Beginn war Meister Pedro mir gegenüber, wie auch jedem anderen Fremden, ziemlich distanziert und skeptisch. Vor mir hatten ihn bereits einige Amerikaner und Europäer aufgesucht, die aber letztlich nur ein paar Fotos mit ihm machen wollten, wie er mir später erzählte. Da ich sehr wissbegierig bin und mich um sein Wissen bemühte, nahm er mich dann doch als seinen (letzten) Privatschüler auf. Im Laufe der Ausbildungsjahre öffnete er sich mir gegenüber immer mehr und so kam es, dass er während der Trainingseinheiten mehr und mehr auf die Details einging.
Unter Meister Pedros persönlicher Anleitung erlernte ich das komplette und ursprüngliche «klassische» Unterrichtsprogramm. Die meisten der heutigen Brazilian Jiu-Jitsu-Lehrer gehören der Linie von Grossmeister Hélio Gracie an, weil sich sein ältester Bruder Carlos Gracie irgendwann ganz zurückgezogen und dem jungen Meister Hélio die Führung überlassen hatte. Mit Stolz können wir hingegen sagen, dass das Gracie Jiu-Jitsu, welches wir als Vacirca Brothers unterrichten, aus der direkten Linie beider Gründer des Gracie Jiu-Jitsu hervorgeht.
Praktisch direkt nach meiner Rückkehr aus São Paolo und einem Seminar in London, wo wir den Kajukenbo-Meister Angel Garcia aus Madrid trafen, lernte ich dank Angel Garcia, Alfredo Tucci den Inhaber und Herausgeber der Fachzeitschriften «Cinturon Negro» und «BUDO Kampfkunst International» kennen.
Diese Begegnung war und ist bis heute ein grosses Geschenk für uns Vacirca Brothers. Schon bald hielten wir unsere Brazilian Jiu-Jitsu-Seminare rund um den Globus ab. In den Filmstudios von BUDO International produzierten wir insgesamt sechs Jiu-Jitsu-Lehrvideos, sowie eines über das Cross-Fighting (eine Kombination aus Thaiboxen und Jiu-Jitsu) – die alle bis heute weiterhin auf DVD erhältlich sind. Mit meinem Bruder Demetrio wurde sogar die erste DVD zum Thema BJJ-Aufwärmbewegung und Atemtechniken gefilmt.
Alfredo Tucci nannte unsere Lehrvideo-Serie «Vacirca Jiu-Jitsu» und so wurde praktisch über Nacht eine «neue» BJJ-Marke geboren. Die Vacirca Jiu-Jitsu-Welle trug uns kurz darauf nach Kreta, Madrid, Mailand, Torino, Varese, Rom, Rimini, Athen, Moskau, St. Petersburg, und in viele andere Städte und Länder. Natürlich waren wir auch regelmässig in Deutschland und der Schweiz unterwegs.
Wie das Leben so spielt, erfuhr ich eines Tages, dass Meister Pedro unheilbar erkrankt war und immer schwächer wurde. Es schien für ihn der Moment gekommen zu sein, mit mir über meine Jiu-Jitsu-Zukunft zu sprechen. Er wollte sicher gehen, dass ich noch vor seinem Tod offiziell graduiert wurde, und als Gründungsmitglied der Federação de Jiu-Jitsu do Estado do Rio de Janeiro (FJJERJ) in den 60er Jahren stellte er den Kontakt zwischen Reyson Gracie, Robson Gracie und mir her.
So kam es, dass ich von Meister Reyson und Meister Robson graduiert wurde. Zwischen Meister Reyson und mir entstand schon nach dem ersten Treffen eine angenehme und respektvolle Freundschaft und während seines zweiten Besuches in Zürich überreichte er mir am 5. Mai 2009 die offizielle Urkunde für den 5. Grad Schwarzgurt mit dem Titel «Professor de Jiu-Jitsu».
Die traurige Nachricht traf ein, mein Jiu-Jitsu-Lehrmeister und Mentor war verstorben. Nach dem Tod von Meister Pedro fühlte ich mich sehr allein und verlassen. Emotional konnte ich mich keinem anderen Lehrmeister mehr anschliessen. Ich hatte einen grossen Verlust erlitten. In São Paulo hatte ich lange mit einem wahren Grossmeister des authentischen Gracie Jiu-Jitsu wertvolle Zeit verbringen dürfen; einem aussergewöhnlichen Menschen, der mir geholfen hatte «das Ganze zu entschlüsseln». Nun war er nicht mehr da! Zurück in Zürich fand ich mich öfters in Situationen, da wusste ich nicht, ob ich weiter trainieren und unterrichten oder einfach alles hinschmeissen sollte.
Ohne meinen Mentor fehlte es mir oft an Kraft, Motivation und Inspiration auf meinem Gracie-Way. Hinzu kam, dass ich zu der Zeit auch zu meinem Bruder Demetrio nur sehr wenig Kontakt hatte. Dies gestaltete alles noch schwieriger. Denn schliesslich hatte diese Jiu-Jitsu-Reise gemeinsam mit meinem Bruder begonnen und genau jetzt fehlten mir zwei sehr wichtige Menschen in meinem Leben.
In São Paulo wusste jeder, dass Meister Pedro «der Verteidiger» des Gracie Jiu-Jitsu war, führte er doch seit den 50er Jahren seine eigene und unabhängige Academy. Er war zwar nicht der erste Jiu-Jitsu-Lehrer in São Paulo und war sich dessen auch bewusst, hatten doch knapp 50 Jahre zuvor einige der wichtigsten japanischen Meister dort schon ihre Dojos gegründet. Dennoch respektierten alle Meister Pedro und wussten, wie gut er war.
Er war kein Mann von vielen Worten, jedoch ein Mann von grossen Taten. Er arbeitete sehr hart daran, den Namen der Gracies in allen Ehren zu halten. Er war ein ausgesprochen intelligenter und respektvoller Schüler, ein grosses Vorbild für viele da draussen. Meiner Meinung nach verfügte er über ein sehr grosses Wissen in vielen Kampfdisziplinen, blieb dem Gracie Jiu-Jitsu jedoch stets treu und sehr eng verbunden.
Ich weiss noch, wie er mir von seinen Jiu-Jitsu-Kollegen erzählt hatte. Dies motivierte mich in diesem schwierigen Moment erneut nach Brasilien zu reisen und mich auf die Suche der Menschen zu begeben, von denen ich so viel gehört hatte. Meine Reise ging quer durch ganz Brasilien, dem Land der tausend Farben, auf der Suche nach den letzten alten Meistern des Jiu-Jitsus. Die Zeit hatte allerdings längst ihre Spuren hinterlassen und so waren viele von ihnen leider bereits verstorben. Oder sie waren sehr alt geworden und trugen ihre Kimonos nur noch, um ein paar Fotos zu schiessen. Das Reisen, Erforschen und Zusammenkommen mit diesen so einfachen und edlen Menschen half mir jedoch, meinen Schmerz über Meister Pedros Tod zu verarbeiten.
Mit dieser Reise erhielt ich das schönste Geschenk und die einzigartige Chance in die Vergangenheit zu reisen… und ohne es jemals geplant zu haben, befand ich mich plötzlich auf den Fersen des grossen Mitsuyo Maeda und all der anderen japanischen Meister, die vor knapp hundert Jahren durch Südamerika gereist und sich hier und dort niedergelassen hatten!
Ich lernte die Geschichte des Jiu-Jitsus in Brasilien noch besser kennen. Bei jeder Rückkehr nach Hause wurde mir klar, wie grossartig diese Kunst ist und wie viel es noch heute zu erforschen und dazuzulernen gibt. Egal ob ich einem Gracie, Fadda, Cordeiro – oder wie auch immer diese Grössen heissen mögen – begegnete, die Entdeckungsreise ging weiter.
Gleichzeitig wurde ein sehr enger Kern meiner Schüler in Zürich tatsächlich Teil eines Experiments, meine ganz persönliche «Study Group». In meinem Labor, der Vacirca Academy, erlebte eine kleine Gruppe hautnah mein intensives und abwechslungsreiches Studium bei den grossen Meistern in Übersee. Ohne es zu wissen, halfen sie mir, dass «neue» Vacirca-Brothers-Konzept zu entwickeln. Es gab Zeiten, da trainierten wir viel aus dem Stand und dann kam wieder eine Phase, während der wir gezielt aus der Guard- oder Mount-Position übten. Dies hing jeweils direkt mit meiner aktuellen Forschungsreise zusammen, durch die ich nach und nach an die verschiedensten Interpretationen des Brazilian Jiu-Jitsu gelangte. Die vielen Eindrücke und Lehrmeinungen regten mich immer wieder an, Neues umzusetzen und auszuprobieren.
Mit der Zeit wurde mir auch klar, dass die korrekte Bezeichnung für unsere Methode «Gracie Jiu-Jitsu» ist. Denn auch wenn ich bei anderen Brazilian Jiu-Jitsu-Meistern vieles dazu gelernt hatte, besteht unser Fundament aus den Lehren meines Meisters Pedro Hemetério und das wird immer so bleiben.
In zahlreichen Zeitschriften und Internetforen wird immer wieder behauptet, dass der «brasilianische» Jiu-Jitsu-Stil gar nicht existiere, sondern eigentlich «brasilianisches» Judo trainieren würden. Es stimmt, dass in Brasilien erst in den letzten Jahren verschiedene Jiu-Jitsu-Schulen und -Organisationen ein richtiges Unterrichtsprogramm entwickelt haben, doch das Brazilian Jiu-Jitsu existiert ganz eigenständig! Was es nicht gibt, ist ein alle Schulen umfassendes und einheitliches Unterrichtsprogramm. Aber das ist meiner Meinung nach nicht von Bedeutung, sondern macht das brasilianische System vielmehr so anders und einzigartig.
Ich halte es für wichtig hervorzuheben, dass wir die Existenz, die Gründung und Entwicklung des brasilianischen Jiu-Jitsus nicht nur einer oder zwei Familien zu verdanken haben. Tatsächlich fing es doch schon damit an, dass die japanischen Meister um 1900 lange Reisen in Kauf nahmen, um ihr wertvolles Wissen und Können in anderen Ländern zu verbreiten. Ihre Schüler wiederum gaben diese Lehren weiter und gründeten neue Schulen, so dass daraus zahlreiche neue Generationen entstehen konnten. Dadurch erst kann man heute von einem Brazilian Jiu-Jitsu sprechen, das auf der ganzen Welt vertreten ist.
Wir sollten nie unsere Wurzeln vergessen! Diese Worte kriegt man in unserer Jiu-Jitsu-Community sehr häufig zu hören. Unsere Meister und Lehrer leisteten und leisten Unglaubliches, um das Jiu-Jitsu am Leben zu erhalten. Schon aus diesem Grund ist es wichtig, dass ihre unerschöpfliche Arbeit respektiert und anerkannt wird!
Wir sollten nie unsere Wurzeln vergessen! Diese Worte kriegt man in unserer Jiu-Jitsu-Community sehr häufig zu hören. Unsere Meister und Lehrer leisteten und leisten Unglaubliches, um das Jiu-Jitsu am Leben zu erhalten. Schon aus diesem Grund ist es wichtig, dass ihre unerschöpfliche Arbeit respektiert und anerkannt wird!
–Franco Vacirca Garcia
GRACIE JIU-JITSU UNLOCKED – The Sons of Maeda