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Ponte Renasca
Eine Brücke zur Kirche
Die älteste bekannte Verbindung zwischen Thusis und Sils führte zwischen der heutigen Hängebrücke und der Nollaeinmündung über den Rhein. Irgendwelche Weg- oder Brückenspuren sind nicht mehr zu finden. Der einzige Zeuge davon ist noch der dort vorkommende Flurname Pantun.
Im bischöflichen Archiv in Chur liegt ein Brückenrodel mit der Bezeichnung "II ponte Renasca". Diese Urkunde ist um 1375 nach einer lateinischen Vorlage in die deutsche Sprache übersetzt worden.
Aus ihr erhalten wir viele Informationen über die Bauweise der Brücke, die zur Holzlieferung verpflichteten Einwohner und den für diese Brücke verantwortlichen «Brughuoter».
Das ungefähre Datum der lateinischen Vorlage lässt sich aus dem Einleitungssatz ableiten: «Dis sind die recht der brugg genant Renasca, die vber den Rin gat ze Tusens, als si der erwürdig her Reuerius bischoff ze Chur hies verschriben.» Bischof Reverius war von 1200 bis 1209 Bischof von Chur.
Die Urkunde zählt auf, von welchen Dörfern oder Höfen welche Personen welche Holzteile zu liefern hatten, wenn ein Hochwasser die Brücke zerstört hatte. Die Orte, die man eindeutig identifizieren kann, sind:
Flirden = Flerden,
Munter = Monter bei Cazis,
Paretze = Präz,
Sarne = Sarn,
Seilles = Sils,
Serlas = obere Dorfhälfte von Masein,
Tallaus = Dalaus.
Reparatur im Bausatzsystem
Wir stellen also fest, dass diese Brücke nur von Leuten am Heinzenberg und von Sils gebaut werden musste.
Das wird verständlich, wenn man berücksichtigt, dass die Leute von Thusis und vom Heinzenberg (ausser Kloster Cazis) ihre Tauf- und Beerdigungskirche bis zirka 1505 auf Hohenrätien hatten. Und Sils gehörte politisch bis 1456 nicht zum Domleschg, sondern zum Schams. Aus der Aufzählung der abzuliefernden Holzteile wie Stühle, Füsse, «Tromen» und «Palancken» (Querbretter) lässt sich rekonstruieren, dass dieser Brückenweg über zwei Stühle (Joche) führte und eine Länge von zirka zwanzig Metern hatte.
Die Ponte Renasca war von 1200 bis 1868 immer eine Holzbrücke, dann wurde sie - einmal mehr -durch ein Hochwasser zerstört, und als Ersatz baute man 1868 die aktuelle Steinbrücke (heute verändert) am Fusse von Hohenrätien.
Eine vollständige Abschrift des Brückenrodels und die Bestimmungen der Orte findet man bei Peter Liver: «Vom Feudalismus zur Demokratie», Seiten 33 bis 35.
Thomas Riedi
Text entnommen dem Pöschtli vom 16. Juni 2005.
Die Zwischentitel stammen nicht vom Autor, sie wurden für den Webtext erstellt.
Abbildungen
Bekannt sind ledglich zwei bildliche Darstellungen der Ponte Renasca. Die eine stammt vom grossen englischen Maler William Turner, die andere von Franz Nikiaus König.
Der Geometer Joos aus Thusis hat anhand der im Brückenrodel erwähnten Bauteile eine entsprechende Skizze erstellt (abgebildet bei Peter Liver). Joos besass von dieser Brücke auch ein Foto aus dem Jahre 1865, das leider verschollen ist.
(Das Bild der historischen Holzbalken oben an der Seite wurde entnommen der Website von Thomas Knapp Historische Baustoffe GmbH)