Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03427.jsonl.gz/170

(12.06.2023) Es ist noch nicht so lange her, als ich den Begriff «ChatGPT» das erste Mal gehört habe. Ich habe mir überlegt, ob die künstliche Intelligenz des Chatbot nicht auch im logopädischen Alltag nützlich sein könnte. In der Praxis gibt es immer wieder die Situation, in der ich einen Lesetext für ein Kind suche, der seinem Leseniveau angepasst ist und der gleichzeitig seine Interessen berücksichtigt. Vor allem bei Kindern mit einer tiefen Lesemotivation gebe ich mir Mühe, ein Thema zu finden, das sie anspricht.
Vielleicht kann mir der ChatGPT dabei helfen? Klar ist, dass keine persönlichen Daten verwendet werden dürfen, da das Programm meine Daten nutzt, um sich weiterzuentwickeln und von den Eingaben zu «lernen». Also gebe ich in das Dialogfeld folgenden Auftrag ein: «Schreibe einen lustigen Text für ein achtjähriges Kind mit den Schlüsselwörtern Fussball, Bär, Tor und Wolken. Der Text soll 1000 Zeichen lang sein.» Innerhalb weniger Sekunden spuckt das Programm eine stimmige und unterhaltsame Geschichte heraus, die ich pfannenfertig verwenden könnte. Die 1000 Zeichen wurden jedoch nicht berücksichtigt (es sind deren 1495). Ich ändere meinen Auftrag ab: «Schreibe einen lustigen Text für ein achtjähriges Kind mit den Schlüsselwörtern Fussball, Bär, Tor und Wolken. Der Text soll 200 Wörter lang sein.» Dieses Mal wird die Textlänge miteinbezogen. Wenn ich die identische Aufforderung zu unterschiedlichen Zeitpunkten eingebe, kommen unterschiedliche Geschichten heraus.
Die verschiedenen Leseniveaus werden nur grob berücksichtigt: Bei der Altersangabe Kind/Jugendliche/Erwachsene ist teils eine inhaltliche Veränderung erkennbar. Gebe ich das verschiedene Altersstufen zwischen 6 und 12 Jahren ein, erhalte ich ähnliche Texte, die den unterschiedlichen Leseniveaus nicht gerecht werden. Auch die Angabe «leseschwaches Kind» verändert die Komplexität des Textes nicht. Eine differenziertere Niveauabstufung ist also (noch) nicht möglich.
Es lohnt sich, die generierten Texte kritisch gegenzulesen, da sich bei Geschichten teils logische Fehler einschleichen oder bei Sachtexten fragwürdige Fakten als gesichertes Wissen präsentiert werden. Als weiterer Kritikpunkt kommt hinzu, dass das Programm keine Quellen angibt.
Ich kann mir gut vorstellen, dass ich ChatGPT für die Beschaffung von Lesetexten nutzen werde, wenn ich mal neue Texte verwenden möchte, die Interessen des Kindes besonders berücksichtigt werden sollen und es schnell gehen muss. Dies ersetzt jedoch meine über die Jahre angewachsene Textsammlung nicht, sondern ergänzt sie um eine Möglichkeit, den Kindern ansprechende Texte zu präsentieren. Schon nur das spielerische Kennenlernen des Chatbot ist unterhaltsam.
Mehr Infos unter chat.openai.com. Viel Vergnügen.
Tanja Raemy, Logopädin im Kt. FR