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Wie in anderen Oberländer Gemeinden – speziell in Hinwil und Wald – entwickeln sich auch in Bäretswil sechs so genannte Aussenwachten. Dieses System ist bereits im Mittelalter angelegt. Adetswil, Wappenswil, Bettswil, Fehrenwaltsberg-Kleinbäretswil sind Höfe, die ins 8./9. Jahrhundert zurückreichen. Adetswil, Wappenswil und Kleinbäretswil haben im Hochmittelalter sogar eigene Kirchen. Die Tanner Höfe sowie der Weiler Hof sind Gründungen von Greifenberg im 14./15. Jahrhundert. Das Laupetswil und wohl auch der Müetschbach reichen in die Zeit der Landnahme im frühen Mittelalter hinab. Die frühe Streusiedlung spiegelt sich auch im Pfrund-Urbar von 1541. Die Verteilung der Häuser zu dieser Zeit ist grob gesagt die folgende: Bäretswil 28, Adetswil 11, Wappenswil 4, Bettswil 1, Kleinbäretswil 1, Tanne 1, Hinterburg 1, Müetschbach+Hof+Bliggenswil 5. Im Zug des 17. Jahrhunderts wachsen diese Orte zu Weilern oder kleinen Dörfern.
Als ab 1740 die textile Heimarbeit von Zürich aus gefördert wird, überquellen die Aussenwachten mehr als das Kirchdorf. Weil hier feste Flurordnungen fehlen, wird nun überall auf sonniges Zelg-Land gebaut, dessen Bedeutung als Landwirtschaftsland schwindet. So im Bussental, im Holenstein oder in Mittel- und Vorderbettswil usw. Damit organisieren sich die Aussenwachten zu Schulgenossenschaften mit eigenen Schulen und Schulhäusern. Um 1810 leben mehr als 75% der Bäretswiler Einwohnerschaft in den Aussenwachten. Ganz ähnlich ist das in den Gemeinden Hinwil und Wald. In den Schulwachten Tannen und Wappenswil leben zeitweise über 500 Seelen. Dabei entwickelt sich nicht nur eine besondere Kultur der Proto-Industrie, sondern auch eine je besondere Wachten-Identität. Adetswil wird im 19. Jahrhundert sogar eine eigene Zivilgemeinde. Aber auch Bettswil oder Wappenswil erheben entsprechend den Beschlüssen der Hausväter eigene Schulsteuern. Wege, Strassen und Bäche, aber auch Fragen der Feuerwehr werden autonom geregelt. Man ist zuerst Adetswiler, Wappenswiler, Bergler oder Neuthaler und erst in zweiter Linie Bäretswiler, wo man am Sonntag oder an Abdankungen zur Kirche und auf den Friedhof geht. Nicht umsonst wählt die Gemeinde 1798 in der Kirche als ersten Gemeindepräsidenten einen Vertreter der Aussenwachten, den Kleinbauern und Heimarbeiter Heinrich Stutz von Hinterbettswil. Er vertritt die grosse Mehrheit der Gemeindebürger.
Erst der Niedergang der textilen Handweberei ab 1840 lässt die zahlenmässige Übermacht der Aussenwachten-Bevölkerung allmählich schmelzen. Im Kirchdorf fangen Spörris Fabrik und ein kleines Zentrum des Handwerks an der Wetziker- und Baumerstrasse den textilen Niedergang etwas auf, und die neue Verbindungsstrasse und die Post verknüpfen das Kirchdorf mit der allgemeinen Entwicklung. Der Prozess in den mehr und mehr «abgehängten» Aussenwachten verläuft indes zäh und das kulturelle Bewusstsein ist träge. Die Bildung von grösseren Vereinen im Kirchdorf ist noch lange Zeit gehemmt, weil jede Schulwacht ihre eigenen Vereine hat und auch die Distanzen ins Gewicht fallen. Auch die zentrale Sekundarschule im Dorf hat einen schweren Start. Ein letztes starkes Aufbäumen löst die Primarschulpflege aus, als sie in den 1950er Jahren kurzerhand die alten Schulhäuser Tannen, Bettswil und Wappenswil auflösen und in ein Zentralschulhaus überführen will. Der Neubau des Schulhauses Maiwinkel wird 1960 zum Kompromiss. Als Reaktion auf den Verlust ihres Schulhauses versammeln sich die Bettswiler von 1959-1988 zu wiederkehrenden Bettswiler-Tagen, um das eigene Volkstum zu pflegen. Seit den 1970er Jahren geraten die Aussenwachten gegenüber Bäretswil und Adetswil immer mehr in die Minderheit. Das Schulhaus Neuthal wird schon 1970 (ab 1988 vorübergehend Kindergarten), der Berg 2001 und die Tannen 2004 aufgehoben. Wenn der Gemeinderat nach sensiblem Ringen 2019 den Grundsatzentscheid fällt, auf einen zentralen Schultempel im Dorf zu verzichten und in das Schulhaus Maiwinkel auch in Zukunft weiter zu investieren, so berücksichtigt er damit das geschichtliche Werden unserer Gemeinde. Er kommt der heute zahlenmässigen Minderheit der Aussenwachten-Bevölkerung entgegen und vermeidet neuen Unmut. Denn ein ländliches Schulhaus auf der grünen Wiese wie der Maiwinkel passt bis heute zum Umfeld, in dem die Kinder in den oberen Aussenwachten aufwachsen. Die Hinwiler Schulpolitik berücksichtigt eher noch stärker die gewachsenen Strukturen der Gemeinde (Schulhäuser Wernetshausen, Ringwil, Hadlikon, Unterbach und Unterholz).
A. Sierszyn, 22.10.2020