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Heide und Alpweiden
Gegen Mittag sieht man auf Heideland und Alpenweiden, die kaum vom Schnee befreit sind, den Alpenweissling und den Graubraunen Mohrenfalter, die in hüpfendem Flug die ersten Blumen des Jahres besuchen. Die meisten Schmetterlinge zeigen sich aber erst im Juli, etwa der Alpenapollo, der zwar noch Raupe ist. Hüten wir uns davor, sie zu zertreten!
Betrachtet man hier den Boden genau, wird man vielleicht die zögernde Flucht einer kurzen, dicken Eidechse bemerken. Die Bergeidechse bedient sich der gleichen Strategie wie der Alpensalamander. Um in dieser Klimazone ihre Überlebenschance zu verbessern, setzt sie Junge in die Welt, die fähig sind, sich selbst zu genügen, und nicht etwa Eier. Die Bergeidechse, an hochliegende Regionen gewöhnt, steigt bis mindestens 2600 m ü. M. und wurde im Wallis noch nie unter 1500 m gesehen. Sie bewohnt Heidenland, Torfmoore und Alpweiden. Auf der Sonnenseite kann sich ihr Gebiet zuweilen mit demjenigen der Mauereidechse überschneiden.
Trotz den noch ausgedehnten Schneefeldern nisten die Vögel bereits im Juni. Steinrötel und Steinhuhn folgen gut exponierten, felsigen Abhängen; die Schneefinken legen Hunderte von Metern zurück zwischen der einzigen verfügbaren Felswand und den ersten grünen Flecken, während die Alpenbraunellen die Felsen absuchen, in denen ihre Nester liegen. Steinschmätzer, Wasserpieper und Alpenschneehuhn, die am Boden nisten, besetzen freie Plätze und werden, dem Rückzug des Schnees folgend, ihre Suchexkursionen ausdehnen, bis sie im Sommer mit ihren Familien die höchsten Stellen erreichen, wo sie frische, saftige Triebe finden. Schmutziggelbe Wege zeigen, wo die Murmeltiere von einem Bau zum anderen rennen: grosse, schwarze Löcher im Schnee und auf den Wiesen. Die in ihrer Beweglichkeit freieren Gemsen werfen ihre Jungen im Trockenen und steigen dann, der Schneeschmelze folgend, immer höher, stets die jungen Gräser geniessend.
Wenn man sie in Scharen auf den Alpweiden sieht, denkt man, die Alpendohle niste in grossen Kolonien. Doch Othmar Büchel, der die Dohlen am Pilatus beringte, musste feststellen, dass auf 300 Vögel, welche die "Kolonie"; zählte, nur 20 bis 25 Paare jedes Jahr brüten. Das Beispiel eines Weibchens, das vier verschiedene Partner in sechs Jahren hatte (zwei starben, einer wurde verlassen, der Vierte hat das Weibchen überlebt) und jedes Jahr das Nest gegen alle anderen Dohlen verteidigte, lässt folgende Hypothese zu: Die Anzahl erwachsener Weibchen könnte begrenzt sein, weil ihr letztes Männchen allein blieb und das Nest während drei Jahren nach seinem Verschwinden leer blieb. Dieses Ungleichgewicht der Geschlechter würde auch die unterwürfige Haltung der gepaarten Männchen erklären, die immerzu bereit sind, Nahrung frei zu machen, um ihre Weibchen zu füttern, sodass die zukünftigen Brüterinnen nicht an Unterernährung zu leiden haben. Im Mai werden drei, vier oder fünf Eier ins Nest gelegt, das im Vormonat aus kleinen Zweigen und Gras gebaut wurde. Die Küken schlüpfen nach 18 bis 20 Tagen und bleiben etwa einen Monat im Nest. Sie leben anschliessend noch einige Wochen bei der Familie, bevor sie dann die Ränge der "Reservisten" auffüllen. Dabei wandern sie von einer "Kolonie" zur anderen und integrieren sich erst im Dezember.
Die Hänflinge sind wie ihre Distelfink-Kusinen reine Körnerfresser und nehmen weder Insekten noch Knospen zu sich. Dem Zitronenfink gleich gewinnen sie Spurenelemente, indem sie Salpeter von den Mauern picken. Sie verstecken ihre Nester in Gebüschen, gelegentlich in Rebstöcken, ernähren sich aber auf offenem Gelände: Trockenrasen, Mähwiesen.
Den nämlichen Biotop findet der Hänfling auch direkt über der Waldgrenze, wo kleine Fichten, Wacholdersträucher oder Alpenrosen die benachbarten Nester genügend voneinander trennen, um Streit und Räubereien zu vermindern. Auf der Riederalp hat Monika Frey festgestellt, dass die Hänflinge auf ihren Brutplätzen eintreffen, wenn etwa 10 Prozent des Bodens schneefrei ist, je nach Jahr ist dies Mitte April bis anfangs Mai der Fall. In Scharen folgen sie dann dem Schneerand und suchen die Sämereien des vorangegangenen Jahres. Sie ziehen rasch Nutzen aus einem Silberdisteln oder Ampfer, das vom Schnee befreit und voller Samen ist. Im Lauf des Mais, wenn 30 bis 40 Prozent des Bodens frei sind, bilden sie Paare. Noch später beginnt das Weibchen, das Nest zu bauen, in Begleitung des Männchens, das singt, die Umgebung überwacht und das Weibchen fleissig füttert. Das Gelege erfolgt zwischen dem 20. Mai und dem 5. Juni, also drei bis vier Wochen später als in der Ebene und kann durch einen Kälteeinbruch noch verzögert werden. Tritt dieser nach Mitte Juli ein, hört das Legen auf. Die Verfügbarkeit der Samen bestimmt die Lage der Futterplätze. Hänflinge zögern nicht, mehr als einen Kilometer zurückzulegen, um reichlich vorhandene, nahrhafte Samen aufzunehmen (Wiesen vor der Mahd). Sie bleiben aber in der Nähe des Nestes während der Zeit, in der das Futter gleichmassig verteilt ist, und solange die Anstrengung des Ortswechsels nicht durch bessere Ernte ausgeglichen wird.
Auf nassem Boden, da, wo der Schnee schmilzt, sieht man Laufgräben, die oft die Form von Tunnels haben und komplizierte Labyrinthe darstellen, in denen hie und da Ansammlungen von Krokuszwiebeln liegen. Mit ein wenig Aufmerksamkeit stossen wir auf einen Heuklumpen. Es ist das Nest einer Wühlmaus, die unter dem Schnee überwintert hat. Mehrere Arten von Wühlmäusen bewohnen unseren Kanton. Die Ost-Schermaus der Wiesen und Weiden hat im Wallis nur die Voralpen bis St. Maurice und Derborence erreicht, während die Feldwühlmaus im ganzen Kanton bis auf 2500 m ü. M. verbreitet ist. In der Rhoneebene zwischen Martigny und Siders ist vorwiegend die Erdwühlmaus im Gestrüpp und feuchten Dickicht heimisch. Die Waldwühlmaus lebt in Wäldern. Die Kleinwühlmäuse (Pitymys) sind wenig bekannt, weil sie selten und an die subalpine Zone gebunden sind. Schliesslich gibt es noch die schwerfällige, dicke, aschgraue Schneemaus, die in den Geröllhalden der alpinen Stufe wohnt, bis auf 3000 m ü. M. Sie ist tagaktiv und lässt sich zwischen Gesteinsblöcken oder in der Nähe einer Alphütte gut beobachten. Sie macht Heu, indem sie Gräser und Blumen sorgfältig zum Trocknen vor den Bau legt.
Im Wallis umfassen die Nagetiere vier Familien, welche Tiere unterschiedlicher Grösse und Lebensweise einschliessen: Eichhörnchen und Murmeltiere; Biber; Siebenschläfer, Gartenschläfer und Haselmäuse; und schliesslich die grosse Familie der Ratten. Zu Letzterer gehören die bereits erwähnten Wühlmäuse, die seltene, scheue und kleine Zwergmaus, die Hausmaus, die beiden anthropophilen Rattenarten und die Waldmäuse. Bei den Letzteren unterscheidet man eine weitverbreitete und häufige Art: die eigentliche Waldmaus, und eine grössere Art, die in Gebirgsgegenden vorkommt: die Gelbhalsmaus. Zoologen entdeckten neulich sogar eine dritte Art: die Alpenwaidmaus.
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