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«Mit Unterstützter Kommunikation werden alle pädagogischen und therapeutischen Hilfen bezeichnet, die Menschen ohne und mit erheblich eingeschränkter Lautsprache zur Verständigung angeboten werden», schreibt die emeritierte Professorin für Allgemeine und Integrative Behindertenpädagogik in ihrem Buch «Unterstützte Kommunikation 2006». Unter dem Begriff Unterstützte Kommunikation (UK) werden denn auch alle Kommunikationsformen zusammengefasst, die eine fehlende Lautsprache entweder ergänzen oder ersetzen. Bekannt sind diesbezüglich etwa Hilfsmittel wie Symbole, Objekte oder elektronische Kommunikationshilfen wie angepasste Tablets. UK umfasst jedoch nicht nur den Einsatz von Hilfsmitteln, sondern wird häufig auch zur Visualisierung und Strukturierung genutzt.
Motiviert, sich mitzuteilen
In der Schweiz leben rund 1,5 Millionen Menschen mit Beeinträchtigungen. Viele davon sind auf Unterstützte Kommunikation angewiesen. Entgegen früheren Annahmen zeigt die jahrelange Praxiserfahrung, dass der frühe Einsatz von UK die Entwicklung der Lautsprache fördern kann. Und nicht nur das: Die Motivation sich mitzuteilen, kann durch den Einsatz von individuellen Kommunikationsformen sogar erhöht werden. Unterstützte Kommunikation ist nicht nur für Menschen mit schweren Behinderungen gedacht, sondern auch für Personen, die vorübergehende oder episodische Kommunikationsschwierigkeiten haben, wie etwa nach einer Verletzung oder während einer medizinischen Behandlung.
UK muss die individuelle Art zu kommunizieren nicht etwa ersetzen, sondern kann sie ergänzen und unterstützen. Durch den Einsatz von Gebärden, Objekten, grafischen Symbolen oder technischen Hilfen intensiviert und verbessert sich die Kommunikation im Alltag. Dabei werden oft mehrere Methoden multimodal eingesetzt, um eine möglichst spontane, unabhängige und freie Kommunikation zu ermöglichen.
Breites Anwendungsfeld
Es gibt drei Gruppen von Menschen, die von UK profitieren können:
- Menschen, die Lautsprache gut verstehen, aber unzureichende Möglichkeiten besitzen, sich selbst auszudrücken (UK als expressives Kommunikationsmittel). In diese Gruppe fallen zum Beispiel Menschen mit einer schweren Dysarthrie oder Anarthrie, die ein gutes Sprachverständnis haben. Da durch die motorische Behinderung die Lautsprache nicht möglich ist, bietet die Unterstützte Kommunikation eine Alternative.
- Menschen, die Unterstützung zum Lautspracherwerb benötigen, also deren lautsprachliche Fähigkeiten nur dann verständlich sind, wenn sie bei Bedarf über ein zusätzliches Hilfsmittel verfügen (UK als Unterstützung für die Lautsprache). Kommunikation über Lautsprache ist bei Personen dieser Gruppe nur eingeschränkt möglich. Verständigungsprobleme können zum Beispiel im Gespräch mit fremden Menschen auftreten, wenn diese die Aussprache nicht richtig verstehen. UK kann hier helfen, Verständigungsprobleme zu minimieren.
- Menschen, für die die Lautsprache zu komplex ist und die daher eine geeignete Alternative benötigen (UK als Ersatzsprache). Bei Menschen dieser Gruppe ist neben dem Sprechen auch das Sprachverständnis beeinträchtigt. Dies kann zum Beispiel bei mehrfachbehinderten Personen der Fall sein, wenn die Körperbehinderung von einer geistigen Behinderung begleitet wird.
Das oberste Ziel von UK ist es, individuelle Bedürfnisse und Fähigkeiten zu berücksichtigen und die Kommunikationsfähigkeiten der betroffenen Person zu verbessern, um ihre soziale Interaktion und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu fördern.
Entstehungsgeschichte der UK
In der Schweiz wurde Unterstützte Kommunikation erstmals in den 1980er Jahren eingeführt und hat sich seither zu einem wichtigen Instrument für die Förderung der Kommunikation und Integration von Menschen mit Beeinträchtigungen entwickelt. Die Entstehungsgeschichte von UK begann in der Schweiz mit der Einführung von speziellen technischen Hilfsmitteln wie Sprachcomputern, elektronischen Schreibtafeln und anderen elektronischen Kommunikationsgeräten. Diese Technologien wurden zunächst hauptsächlich von Menschen mit schweren körperlichen Beeinträchtigungen genutzt, um ihre Kommunikation zu erleichtern. Parallel dazu wurde die Bedeutung von UK für Menschen mit anderen Beeinträchtigungen, wie zum Beispiel Menschen mit Autismus oder geistiger Behinderung, erkannt.
UK heute
UK kann überall im Alltag angewendet werden. Sei dies in heilpädagogischen Schulen und Einrichtungen, in Institutionen für Menschen mit Behinderungen oder in Rehakliniken. Menschen von jung bis alt setzen (elektronische) Kommunikationshilfen zur Kommunikation im Alltag ein. Dadurch, dass die Hilfsmittel in den letzten Jahren handlicher geworden und meist Tablet-basiert sind, ist der Umgang damit natürlicher geworden. Es zeigt sich jedoch nach wie vor, dass viele betroffene Personen von ihrem Umfeld abhängig sind, gerade wenn es darum geht, Unterstützte Kommunikation anzubahnen und aufzugleisen.
Text: Stefanie Eicher, Active Communication AG Fotos: Vera Markus
Petition Kommunikation für alle
Damit noch mehr Menschen Zugang zu UK haben, unabhängig davon, welche Institution sie besuchen, ob und in welchem Ausmass die Begleitenden UK in der Ausbildung lernten oder welcher Kanton für die Versorgung zuständig ist, wurde die Petition «Eine Stimme für Menschen ohne Lautsprache» lanciert. Es wurden über 28’000 Unterschriften gesammelt und am 3. Mai 2023 eingereicht. Die Petition möchte denjenigen Menschen Kommunikation ermöglichen, die aufgrund einer Behinderung, einer Krankheit oder einer Verletzung nicht (mehr) in der Lage sind, sich über Lautsprache mitzuteilen.