Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03096.jsonl.gz/48

«Lieben, und es mit dem Leben sagen»
Vor zehn Jahren traf ich ihn zum ersten Mal. In einem spärlich eingerichteten Büro in einem Genfer Bankenviertel: zwei abgewetzte Stühle, ein altes Pult, ein Telefon und eine Flasche Mineralwasser. Vor der Tür drängten sich Jugendliche mit Rucksäcken und Schlafsäcken, aufgekratzt und müde. In all der Hektik stand Frère Richard, seelenruhig und mit einem entwaffnenden Lächeln. Mit einigen Brüdern und Freiwilligen organisierte er Betten und Mahlzeiten für 35 000 Jugendliche, die zum Taizé-Jugendtreffen nach Genf kamen. Richard war zuversichtlich, es werde gelingen.
Zehn Jahre später begegne ich ihm in der ökumenischen Kirche Flüh wieder. Die kurzen Haare sind weniger geworden, die Zuversicht ist geblieben. Erneut organisiert er ein Jugendtreffen. Diesmal sucht er 20 000 Betten in Basel, im Baselbiet, Elsass und in Süddeutschland.
Frère Richard ist einer der Brüder aus der Kommunität von Taizé. Das Kind eines Predigers kommt mit 16 Jahren erstmals nach Taizé und nimmt an einer Schweigewoche teil. Er spürt eine Sehnsucht und fragt sich, was will ich mit meinem Leben anfangen? Taizé zieht ihn in seinen Bann. Zunächst lebt er als Permanent in der Brüderschaft. Aus den Monaten werden Jahre. Was ist das Geheimnis dieser Kommunität, in die heute jedes Jahr Tausende Jugendliche ziehen? Taizé böte den Stoff für Heiligenlegenden.
Der Gründer Roger Schutz, später Frère Roger genannt, wird als neuntes Kind eines Pfarrers 1915 im Waadtland geboren. Nach dem Theologiestudium lässt er sich zum evangelischen Pfarrer ordinieren. Als 25-Jähriger geht er nach Taizé im Burgund. Hier in der Abgeschiedenheit inmitten der Weinhänge will er seine Vision einer religiösen Gemeinschaft verwirklichen. «Kaufen Sie das Haus und bleiben Sie hier. Wir sind so allein», versucht ihn eine alte Frau zu überzeugen.
Flüchtlinge versteckt
Roger Schutz erwirbt einen leer stehenden Bauernhof, wo er im Zweiten Weltkrieg Flüchtlingen, Juden und Gegnern des Nationalsozialismus Zuflucht bietet. Sein Vorbild ist seine Grossmutter, die im Ersten Weltkrieg französische Flüchtlinge aufnahm. Als Roger Schutz 1942 an die Gestapo verraten wird, flieht er in die Schweiz.
Nach dem Krieg kehrt Roger Schutz zurück und gründet die Communauté von Taizé. An Ostern 1949 verpflichten sich sieben Brüder, ihr Leben lang zölibatär, arm und gehorsam gegenüber der Gemeinschaft zu leben Zunächst sind es nur Reformierte, später stossen Katholiken dazu. Heute gehören der Gemeinschaft etwa hundert Brüder aus 25 Nationen an.
Spirituelles Woodstock
Seit den Sechzigerjahren pilgern Jugendliche aus allen Ländern in das Dorf im Burgund. Tausende Teenager und junge Erwachsene diskutieren an den Wochentreffen über Glaubens- und Sinnfragen, beten und feiern. Taizé wird zum spirituellen Woodstock. Die Mischung aus Bibelstudium, lockerem Umgang, Gebet, bescheidenen Unterkünften und Verpflegung verleiht dem Ort den besonderen Reiz. «Ausser Kaffee war fast alles kalt», schreibt die junge Margarete Meyer zu Bargholz in ihr Tagebuch. «Erbsen, Wurst, kleine unreife Pfirsiche und Weissbrot. Und nach dem letzten Kirchgang Wein aus Plastikbechern. Aber trotzdem, ich möchte dieses Erlebnis nicht missen.»Hinzu kommen die eingängigen Gesänge, die wie Mantras durch die Versöhnungskirche schweben.
Die Taizé-Lieder und die Liturgie werden zum Markenzeichen der Kommunität und bald in den Kirchgemeinden rund um die Welt gefeiert. Taizé wird zum Symbol der Versöhnung zwischen den Christen. Seit Jahrzehnten feiern die Brüder gemeinsam die Eucharistie. Als Papst Johannes Paul II. stirbt, nimmt Frère Roger an der Beisetzungsfeier teil.
Kardinal Ratzinger, der spätere Papst Benedict XVI., reicht dem reformierten Roger Schutz die Kommunion. Diese kleine Geste erregt grosses Aufsehen. Für Katholiken ist sie ein Frevel, die Hostie ist für Protestanten tabu. «Lieben, und es mit seinem Leben sagen», war der Leitspruch von Frère Roger. 2005 wird er von einer geistig verwirrten Frau ermordet.
Raum für Vertrauen schaffen
Frère Richard hofft, dass die Jugendlichen spüren, «dass wir einen Raum schaffen, in dem sie das Vertrauen auf Gott und zueinander entdecken». In der Gastfamilie müsse nicht alles perfekt sein, erklärt er in Flüh. Taizé lebe vom Überraschenden. «Wenn wir uns gemeinsam auf den Weg machen, wird vieles möglich.» Da ist sie wieder, die Zuversicht von Frère Richard. Wie seine Zukunft aussieht, wollte ich vor zehn Jahren von ihm wissen. «Mein Leben soll offen bleiben, für das, was auf mich zukommt. Ich will Gott die Freiheit lassen, mit mir etwas zu machen.»
25.11.17| Tilmann Zuber, Kirchenbote