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Welcher Haarschnitt ist im Moment angesagt?
Zu mir kommen nur Männer, Jugendliche und Kinder. Im Prinzip gibt es nur einen Schnitt. Die Haare werden kurz geschnitten, der Nacken ausrasiert.
Haben Sie eine spezielle Methode?
Nein, ich arbeite mit einem Kamm, einer Schere und einem Rasiermesser.
Warum sind Sie Coiffeur geworden?
Ich habe das Handwerk von meinem Vater erlernt. Mein Sohn, der 15 Jahre alt ist, lernt es gerade von mir.
Was sind Ihre Zukunftspläne?
Ich hoffe, dass ich bald einen elektrischen Nackenschneider kaufen kann. Den könnte ich momentan nicht einsetzen, weil es auf der Insel keinen Strom gibt. Aber das soll sich ändern. Sehen Sie die Kabelstränge entlang der Strasse? Das komplette Stromversorgungsnetz wurde im Krieg zerstört, derzeit wird es von der staatlichen Stromgesellschaft neu aufgebaut. Die Masten stehen schon. Wenn es Strom gibt, kann ich auch länger arbeiten. Bei uns ist es ja kurz nach 18 Uhr dunkel.
Wie erinnern Sie sich an die Kriegsjahre?
Das war furchtbar. Fast 30 Jahre gab es keinen Frieden. Vor Kriegsausbruch haben 15 000 Menschen auf der Insel gelebt, heute sind es etwa 5000. Viele sind ums Leben gekommen, andere sind von der Insel geflohen. Wir sind auch fortgegangen, und zwar zu meiner Schwester nach Negombo, 40 Kilometer nördlich von Colombo. Nach Kriegsende 2009 sind wir auf die Insel zurückgekehrt. Aber das Leben ist nach wie vor hart. Diejenigen, die Verwandte in Europa oder Kanada haben, bekommen regelmässig Geld von den Angehörigen aus dem Ausland.
Werden viele Tamilen aus dem Ausland zurückkehren?
Nein, weshalb sollten sie? Man erzählt sich, dass die meisten im Ausland gut etabliert sind. Die Menschen aus Punguduthivu gelten als sehr geschäftstüchtig. Einige werden sicher zu Besuch kommen, vermutlich vermissen sie ihre alte Heimat, die vielen Kirchen und Tempel hier. Und ihre Verwandten.
Sie sprechen nur tamilisch mit Ihren Kunden?
Hier leben ja nur Tamilen. Aber seit Kriegsende trifft man auch Singhalesen, die auf ihrem Weg zur Nachbarinsel Nagadipa hier anhalten. Dort gibt es einen berühmten buddhistischen Tempel. Ich kann mich gut mit diesen Leuten unterhalten, weil ich jahrelang in Negombo gelebt habe. Dort wird singhalesisch gesprochen. Bisher hatte ich aber noch keinen singhalesischen Kunden.
Welche Art Kunde ist die grösste Herausforderung für Sie?
Es gibt einige Männer, die kommen meist am frühen Abend, und ich merke ihnen sofort an, dass sie zu viel Toddy getrunken haben, eine dem Blütenstrunk der Palmyrapalme entnommene Flüssigkeit, die zu Palmwein vergoren wird. Viele Bauern und Fischer entspannen sich damit nach der Arbeit. Beim Haareschneiden reden sie dann dummes Zeug. Wenn ich dem Kunden den Nacken ausrasiere, muss ich sehr aufpassen.
Sie haben an der Wand ein Jesusbild.
Ich bin katholisch, wie gut ein Drittel der Menschen auf Punguduthivu. Und ich finde die Bilder sehr schön, wüsste auch gar nicht, was ich sonst an die Wand hängen sollte. Die Hindus hier haben auch noch nie etwas gesagt. Sie sehen ja sonst überall die Bilder von Murugan oder Ganesha.
Wie verbringen Sie Ihren Abend?
Wir wohnen auf der anderen Strassenseite in einem kleinen Häuschen mit zwei Zimmern und Küche. Wir gehen regelmässig in die Kirche, manchmal sitze ich mit meinen Söhnen zusammen, während meine Frau das Abendessen zubereitet. Ab und zu kommen die Männer aus der Nachbarschaft. Einmal monatlich gehe ich zu den Treffen der Friseurgilde. Da tauschen wir uns mit Kollegen aus, legen die Preise fest für unsere Leistungen. Meist gehen wir gegen 21 Uhr schlafen und stehen um 4 Uhr 30 wieder auf.
Walter Keller ist Entwicklungsexperte; er lebt in Sri Lanka.
ANTHONY PILLAI, JAFFNA, SRI LANKA
Der 45jährige lebt auf der Insel Punguduthivu, dort ist er auch geboren. Die Insel ist der nördlichen Jaffna-Halbinsel vorgelagert und über einen Damm erreichbar. Pillai ist verheiratet und hat drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, mit denen er in einem kleinen Haus wohnt. Er verdient durchschnittlich 200 Franken im Monat. Für seinen Laden zahlt er 20 Franken Miete pro Monat.
«BARBER SHOP»
Auf fünf Quadratmetern stehen ein Stuhl für den Kunden und eine Bank für zwei Wartende. Pillai hat nur männliche Kundschaft.
PREIS PRO HAARSCHNITT
Ein Schnitt kostet zwischen 60 Rappen und 1 Franken.
SRI LANKA
Einwohner: 21 Millionen
BIP pro Kopf: 3400 Franken
Milch: 1 Liter 1.20 Franken
Brot: 1 Kilo 50 Rappen
Reis: 1 Kilo 40 bis 80 Rappen
Bananen: 1 Kilo 50 Rappen
Kinobillett: 1.50 bis 2.50 Franken
Zigaretten: 3 Franken
Taxi, Tuk-Tuk: 10 km 1.50 Franken
Anthony Pillai kann nur arbeiten, bis es dunkel wird, denn Strom gibt es auf seiner Insel nicht. Einmal Haare schneiden, bitte!
- Von Walter Keller
Welcher Haarschnitt ist im Moment angesagt?