Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03093.jsonl.gz/1307

Er war gerade 6 Jahre alt, als er erstmals auf der Bühne stand. Die Bühne stand im Gemeindehaus der Pfarreigemeinde St. Josef im Kleinbasel. Und Häbse, so war schon damals sein Rufname, war in der Folge jährlich dabei, wenn die Gemeindemitglieder mit einem hausgemachten Theaterstück unterhalten wurden. Die Bühnenluft hat ihn nie mehr losgelassen, bis zum heutigen Tag.
Hansjörg Hersberger, alias Häbse, war mit jungen 16 Jahren bereits beim grosses ACS-Ball Conférencier und mit 18 Jahren gründete er die eigene Theatergruppe, die Theatergruppe Häbse. «Mein Traum war nie, ein eigenes Theater zu besitzen, ich wollte ganz einfach ein guter Unterhalter sein, die Leute von den Alltagssorgen erlösen und ihnen einige frohe und amüsante Stunden schenken.» Er war auch sonst aktiv, war Obmann der Freien Guggemusik und Obmann der Guggemysli, moderierte im SFR 19mal die volkstümliche Feierabendsendung «Fyyroobe», war Mitbegründer des «Glaibasler Charivari», wo er viele Jahre als Vizeobmann und Programmchef viele initiative Ideen einbrachte und auch umsetzte.
All die Hobbies und Nebenbeschäftigungen reichten natürlich nicht aus, seine Familie zu unterhalten. Als sehr erfolgreicher Versicherungskaufmann schaffte er es bis zum Generalagenten. Aber da bot sich auf einmal die Gelegenheit, die Liegenschaft an der Klingentalstrasse erwerben zu können und den darin brachliegenden Kinosaal zu einem Theater umzubauen. Mit dem Schwank «Der kühne Schwimmer» eröffnete er sein Häbse-Theater am 25. September 1989.
Viele unvergessliche Theatergeschichten hinter der Bühne
Die Philosophie des Theaterdirektors Häbse lautete stets: «Was mir gefällt, gefällt auch dem Publikum», so dass das Angebot stets weit gefächert war. Beispielsweise wurden sieben Musicals in Eigenproduktion auf die Bühne gebracht (etwa My Faire Lady oder Linie 1), aber es gab auch Gastspiel-Musicals (auch sechs an der Zahl), darunter «Mahalia», als Ode an die grosse Gospel-Sängerin Mahalia Jackson. Die Titelrolle verkörperte damals die wunderbare und fast verwechselbare Interpretin von Mahalia, Joan Orleans. «In einer Vorstellung gab es einen Zwischenfall», so Häbse. Ein Zuschauer in der ersten Reihe war ebenso gefühlsmässig dabei, wie Joan Orleans, als sie «Amen» sang, sich hart am Mikroständer hielt und hielt und dramatisch hielt, so dass der fürsorgliche Zuschauer den Eindruck bekam, der Sängerin gehe es schlecht. Er ging kurzerhand auf die Bühne, versuchte Mahalia zu stützen «Geht es ihnen gut?», «Ja, mir geht’s gut», aber er wollte sicher sein, bis zwei grosse und breitgewachsene, ebenfalls dunkle Sänger den fürsorglichen Herrn wieder sanft in die erste Reihe stellten. Später traf man sich in der «Künstler-Klause» nach der Vorstellung, wo sich sowohl der fürsorgliche Zuschauer, als auch Joan Orleans sich begegneten. Sie ging zu ihm und meinte: «Darf ich Ihnen etwas zum Trinken offerieren; Sie haben mir das Leben gerettet …»
Horst Tappert bekommt Besuch
Immer wieder kamen grosse Künstler und Comedians ins Häbse-Theater. So auch Horst Tappert, der ja als Kommissar Derrick bestens bekannt war. Wenn Horst Tappert spielte, war meistens auch sein Assistent Fritz Wepper nicht weit. Und so meldet er seinen Besuch im Häbse-Theater an. Dass er angekommen war, war Häbse bald klar, als ihm die Garderobendamen telefonierten und mitteilten, dass Fritz Wepper einen Riesenhund an der Garderobe abgegeben habe. Dieser habe kein Platz und sowieso, was sollen wir mit einem Kalb? Häbse musste einschreiten. Aber Fritz Wepper war der Meinung, das sei kein Problem, es solle einfach jemand mit dem Hund spazieren gehen, er sei ein lieber. Häbse versuchte es und bat seine Tochter Jasmin, die gerade die Ticketkontrolle machte, sie solle mit dem Riesenviech spazieren gehen. «Der Hund war annähernd so gross wie Jasmin», erzählt Häbse. Nach kurzer Zeit kam Jasmin mit Hund, oder besser der Hund mit Jasmin zurück. «Dä macht, was er will, dä folgt überhaupt nit.» So gab es für Häbse nur eine Lösung: der Hund blieb während der Vorstellung in der Garderobe von Horst Tappert …
Der spezielle Pierre Brice
Ein anderer grosser Name, der im «Anmarsch» war, hiess Pierre Brice. Dass dieser grosse Winnetou-Darsteller – er spielte den Winnetou in insgesamt elf Karl May-Filmen – ausgerechnet nach Basel kam und erst noch ins Häbse-Theater, war natürlich eine mittlere Sensation. Die rund 30 Pressevertreterinnen und -Vertreter wurden in der «Künstler-Klause» versammelt, während der grosse Star – so war es geplant – von der Bühne aus, die Fragen der Journalisten im Theatersaal beantworten würde. Er kam, sah die vielen Tischchen und Stühle, begriff: hier kann konsumiert werden. «Hier spiele isch nischt. Das ist eine Festhalle; ich bin ein Künstler, ich muss mich konzentrieren, nein, auf dieser Bühne spiele isch nischt.» Der Blutdruck stieg nicht nur bei Häbse, auch seine Frau, der Regisseur und sein Manager versuchten, den grossen Winnetou umzustimmen. Seine Argumente, da fallen Gläser um oder auf den Boden, die Nebengeräusche, das Geraschel, nein, so nicht. Seine Anforderung hiess: die Tischchen müssen entfernt werden. Das ging natürlich nicht.
Schliesslich musste Häbse die bereits ungeduldig wartende Presse für die Fragerunde hochkommen lassen. Alles Mögliche und Unmögliche wurde gefragt, aber zum Glück nicht: «Wann spielen Sie?» Es ging alles gut, die Fotografen bekamen ihre Bilder, und als alles vorbei war, versuchte Häbse erneut, Pierre Brice zu überzeugen, dass schon viele Künstler hier ohne Glasbruch und anderen Widerwärtigkeiten ungestört und mit grossem Erfolg gespielt hätten.
Die Premiere
Schliesslich liess Pierre Brice es auf einen Versuch ankommen. Und siehe da: Riesenapplaus an der Premiere, die Damenwelt war ausser sich und Häbse hinter der Bühne ebenfalls. Am dritten Abend dann passierte es: Ein Glas kippte um, es scherbelte. Pierre Brice unterbrach seine Rolle und meinte: «Oh, isch glaube, es ist etwas passiert.» Dann spielte er weiter. Nach dem mehrtägigen Gastspiel meinte er zum zufriedenen Theaterdirektor: «Eebse, isch komme wieder.»
Ein grosses Kompliment. Aber leider kam es nie mehr dazu.
Eine Premiere, die an den Anfang erinnert
Gestern feierte die Komödie «Der Rettigsschwimmer» Premiere. Am 25. September 1989 startete seinerzeit das Häbse-Theater mit eben diesem Stück, das damals «Der kühne Schwimmer» hiess. Die Komödie musste natürlich neu überarbeitet werden, denn die Zeiten haben sich geändert und der Schwimmer ist unterdessen auch etwas älter geworden … Jedenfalls wünschen wir Häbse und seinem Theater weiterhin eine gesunde und für das Publikum erheiternde Zukunft!
Armin Faes
www.haebse-theater.ch