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Peter Weiss
von Cedric Weidmann
Ich sah Peter auf dem Balkon, wie er sich mit der rechten grobgeäderten, schwieligen Hand, um nach unten zu schielen, indem er sich auf die Zehenspitzen stellte, die unter ihm körnig knackten, auf dem kalten Geländer aufstützte und mit dem anderen Arm, zum Ellbogen eingeklappt, der unter dem bis zum ersten Ausdehnen des Bizeps aufgerollten Hemdärmel faltig und knittrig hervorknisterte, einen Ort zum Aufstützen suchte, keinen Halt für den Knorpel fand. Er stellte die Beine etwas zurück und legte schliesslich den Oberarm statt des Ellbogens auf das Geländer, um seine rechte Wange in die Faust zu stemmen. Neben ihm stand Anja, die, die Hand auf seinem Rücken, sich links, indem sie die Achse der Schultern, während die Beine entgegenstrebend verankert sind, fast in den rechten Winkel zum Zimmer drehte, und dessen Inneres durch die geöffnete Tür betrachtete. Im sähmigen Schimmer des Abendlichts leuchteten ein Couchtisch, ein knisterndes Sofa, eine Leselampe, ein Wandschrank, ein staubiges Brettspiel und gebeiztes Parkett auf. Sie bewegte ihren Mund, und ihre Mundwinkel, die von Natur aus nach unten fallen möchten, wurden in den Worten, die sie schusterte, nach oben gezwungen und ich vermeinte durch die deutliche, aber stumme Lippenbewegungen ihr Gesagtes vernehmen zu können. Oben, selten gesehen, vielleicht eine Wolke, schnell mal, ich dir sagen, vielleicht was anderes, viel zu gross. Und Peters Maul, das, nach unten zur Strasse gewandt, sich verzog und nur wenig für mich Verständliches hervorbrachte; daran glaube ich nicht, auch Vögel, verspreche ich dir, die Baustelle.
Nachdem sich Anja mit ausgestreckten Armen gewehrt hatte, nachdem sie nach dem Geländer gegriffen hatte, nachdem sie nach oben gezogen worden, nachdem das Raumschiff über ihnen erschienen war, begann sie zu rufen, strampelte sie, schlug sie die Handgelenke gegen den Stahl, verschwand sie im Bauch des Schiffs. Peter schwenkte die Arme in der Luft, äusserte einen gellen Schrei und einen matten zweiten und klemmte den Schuh unter das Geländer, um nicht hinunterzufallen, während sein Blick unnachgiebig an den Hausmauern vorbei nach oben auf die Scharniere, Düsen, Kühlerrohre, vergilbten Fluglichter, auf die kleinen Lüftungsklappen unter stählernen Verriegelungen zielte.
Peter zog die Beine wieder nach vorne, reihte sie nebeneinander auf, schob die Hand in die rückwärtige Hosentasche, wühlte darin und zog ein Taschentuch hervor, entknitterte es, atmete unter Zuhilfename eines Fingers durch das linke, dann das rechte Nasenloch seinen Schleim aus, hob das Taschentuch ratlos, winkte dem UFO zum Abschied, machte einen Schritt zurück, drehte eine Runde auf dem Steinbalkon, senkte den Blick und sah zum Geländer, hinter dem dreissig Meter Absenkung, an dreissig Verösungen eines Metallrohrs entlang, nach unten zur Baustelle auf der Strasse führten. Und dann sah ich, wie sich sein Schatten aus den zackigen Schroffen der Balkonkanten löste und wie sich der Schatten von Peter mit den ausgestreckten Armen in den Schatten der gegenüberliegenden Häusermauer einkerbte, während die Schatten seiner Beine zuckend daraus hervorsprangen. Der Schatten wogte noch im Balanceversuch und wühlte sich in das Gitter der Balustrade und füllte seine Rechtecke mit dem wankenden Körper von Peter, während die Schatten der Beine in die Hocke gingen, den Körper zusammenklappten, ihn verkürzten, stauchten, übereinanderhievten und schliesslich in einen grossen dunklen Schatten eingehen liessen, der plötzlich wieder den ganzen, ausgestreckten, nun hinwegspringenden Körper gebar. Auch sah ich, wie sich dieser hervorspringende Schatten von den anderen Schatten löste und von ihnen davon stürzte, aus dem Gitter des Geländers sich befreiend, hastig am Metallrohr entlang, tiefer zur Baustelle hinab.