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Ganz in der Nähe des abgeriegelten Olympiastadions in Shinjuku hat die Opposition ein Plakat aufgehängt, das die Stimmungslage vieler Japaner auf den Punkt bringt: Eine Balkenwaage, bei der sich in der rechten Waagschale das Zeichen für Leben (命) befindet und in der linken die «Fünf Ringe» (五輪), eine gebräuchliche Bezeichnung für die Olympischen Spiele. Diese sind riesig und schwer und drücken das leichte Leben in die Höhe. Der Vorwurf: Die Regierung gewichte die Spiele höher als das Leben der Bevölkerung.
Dabei freuten sich vor zwei Jahren noch die meisten Japaner auf die Spiele in Tokio. Das Land hoffte auf einen Tourismusboom und Olympia sollte der Startschuss für eine bessere Zukunft nach jahrzehntelanger Stagnation sein. Man wollte der Welt demonstrieren, dass Japan die Folgen des Tsunamis von 2011 überwunden hat. Doch mit Corona wurden diese Pläne Makulatur. Die Spiele wurden erst um ein Jahr verschoben und werden nun gegen den Willen einer Mehrheit der Bevölkerung und ohne Zuschauer durchgeführt.
Für die Menschen in Tokio muss sich dies wie eine Ohrfeige anfühlen. Während die Stadt unter der bisher schwersten Corona-Welle leidet und sich schon zum vierten Mal im Covid-19-Notstand befindet, fliegen für die zwei Wochen zehntausende Athleten, Betreuer, Funktionäre und Journalisten aus über 200 Ländern ein. Mal für Mal fordern die japanische Regierung und die Stadtverwaltung von Tokio die Leute zu neuen Selbsteinschränkungen auf, damit die Verbreitung des Virus gestoppt werden könne. Doch als es um die Frage einer weiteren Verschiebung oder Absage der Olympischen Spiele ging, stellte sich die Regierung als ohnmächtigen Spielball des IOC dar.
Auch die Vertreter des IOC pochten vehement auf die Verträge, die nur dem Verein in Lausanne ein Recht auf eine Absage geben. Die Spiele könnten «absolut» auch während einem Notstand durchgeführt werden, sagte IOC-Vizepräsident John Coates schon im Mai. Und IOC-Präsident Thomas Bach betonte immer wieder, dass die Spiele sicher sein würden. Doch in einem Land, das im Umgang mit der Pandemie in erster Linie auf Abschottung setzte und weit weniger geimpft hat als andere Länder, ist dies schwer nachvollziehbar.
Vielmehr dürfte das IOC um jeden Preis die TV-Einnahmen verteidigen wollen, die es mit oder ohne Zuschauer erzielen kann. Geschätzte 4,5 Milliarden Dollar sollen die Übertragungsrechte für Pyeongchang 2018 und Tokio dem IOC einbringen. «Wir hören zu, aber wir lassen uns nicht von der öffentlichen Meinung leiten», sagte ein IOC-Sprecher im Mai. Solche Aussagen oder auch Bachs Versprecher, als er von sicheren Spielen für die «chinesische Bevölkerung» sprach, lassen das IOC in Japan als Kolonialmacht erscheinen, welche ohne Rücksicht auf Kosten und Konsequenzen für die Bevölkerung den Profit abschöpft.
Kostenexplosion
Es ist klar, dass Japan ein Olympia-Schuldenberg droht. Anstelle der ursprünglich veranschlagten Kosten von 7,5 Milliarden Dollar rechnet die Regierung inzwischen mit Kosten von über 25 Milliarden Dollar. Nur rund 7 Milliarden Dollar davon werden aus der Privatwirtschaft über Sponsoren finanziert. Der Rest wird dem Steuerzahler zu Lasten fallen. Doch ob die Regierung bei den nächsten Wahlen für ihre Untätigkeit abgestraft wird, ist offen. Die bisher sehr erfolgreichen japanischen Athleten könnten viele Menschen hier am Ende doch noch mit den Spielen versöhnen.
Anzeichen für eine Rückkehr der Begeisterung gibt es schon. Mehr als 70 der 125 Millionen Einwohner des Landes verfolgten die Eröffnungsfeier am letzten Freitag im Fernsehen. Und beim Strassenradrennen der Männer säumten in Tokio tausende Zuschauer die Strecke – trotz Aufrufen der Organisatoren zu Hause zu bleiben.