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Ende des 15. Jahrhunderts sinnierte Leonardo Da Vinci in seinen anatomischen Studien 'über den Penis: dieser streitet sich mit dem menschlichen Intellekt, hat manchmal sogar selber einen Intellekt, und obwohl der Mann ihn stimulieren will, bleibt der Penis hartnäckig und geht seine eigenen Wege.'
Auf allen Kontinenten disputieren Ärzte seit Jahrtausenden über diesen widerwilligen Intellekt.
Um die physischen Ursachen zu bekämpfen, verschrieben Indiens Ärzte 'honiggesüsste Milch, in der die Hoden eines Widders oder Ziegenbocks gekocht wurden.' Damit werde der Mann so kräftig wie ein Bulle. (aus: Kama Sutra, ca. 700 v. Chr.)
In Konstantinopel empfahl der Arzt Aetius im sechsten Jahrhundert neben schwellenden und wärmenden Nahrungsmitteln, dass 'sie [...] sowohl ihre Leisten als auch ihr Glied mit in Öl verriebenem Pfeffer und Wolfsmilch' massieren sollten.
Der österreichische Arzt Otto Lederer bekämpfte in der Vorkriegszeit des 20. Jahrhunderts ebenfalls die physiologischen Ursachen der Impotenz. Mithilfe einer Saugglocke erigierte er das Glied und befestigte an der Peniswurzel einen Gummiring, um die Erektion beizubehalten.
Anders verstand sein Zeitgenosse Sigmund Freud die Impotenz. Sie sei 'eine Störung der Liebesfähigkeit des Mannes [welche dieser überwindet, wenn er sich] mit der Vorstellung des Inzests mit Mutter oder Schwester befreundet hat.'
Ebenso fokussierten sich die Ärzte im Alten Ägypten (ca. 3000 v. Chr.) auf die psychischen Ursachen dieser Störung. In mythologische Symbole aus Teig ritzten sie den Namen des Feindes ein, welcher die Impotenz verschuldet hatte. Anschliessend hüllten sie den Teig in fettes Fleisch und verfütterten ihn einer Katze.
In China erzählte im 17. Jahrhundert der Schriftsteller Pu Songling, wie Geistwesen dem impotenten Liän schwarze Pillen verabreichten. Daraufhin fühlte jener 'unterhalb des Nabels heissen Dampf in sich eindringen und merkte, dass sich da zwischen den Schenkeln etwas bewegte.'
Ähnlich behandelte ich vor 15 Jahren einen Patienten. Da lediglich seine Zunge geschwollen und feucht war, erhitzte ich seine Nieren mit rauchenden Nadeln. Die Erektion allerdings blieb weiterhin aus und bald auch der Patient.
Kürzlich kehrte er, jetzt bereits pensioniert, in meine Praxis zurück. Diesmal beklagte er sich über die Beziehung zu seiner Frau. Seine Erektion allerdings habe er zurückgewonnen. Auf mein verdutztes Gesicht hin ergänzte er: "Ich habe nun einen Freund!"
"Männer arbeiten an der Lok, Frauen betreuen die Passagiere", erzählte mir ein sibirischer Kollege im Zug unterwegs von Moskau nach Peking. Betrachten wir den Körper als Lokomotive und den Geist als Passagier, stimmt dies ebenfalls in der Medizin. Die Männer dominieren mit 59% die Schulmedizin, die Frauen die Alternative Medizin. 75% sind Akupunkteurinnen, 79% Homöopathinnen. Natürlich arbeiten wir in der Akupunktur ebenfalls am Körper, jedoch, ähnlich den Schaffnerinnen, indem wir die Gänge passierbar halten.
Die Lokführer zudem sind häufiger Männer, Lernende häufiger Frauen. Die TCM-Schule in Winterthur besuchten in den letzten Jahren 85% Studentinnen. Ebenso in Pekings Schule für Akupunktur und Tuina überwiegen mit 70% die Schülerinnen. Dabei sind die Dozenten häufiger männlich. Berufe wie Lokführer, Dozent und Arzt sind prestigeträchtiger, was für Männer wichtiger erscheint. Tatsächlich verschiebt sich die Zahl der Schulmediziner, welche mit Chinesischer Medizin arbeiten: 57% sind Männer.
Die Frauen wiederum stellen die grössere Zahl der Passagiere in unseren Praxen. Im Jahr 2012 zog es 6.6% aller Schweizerinnen und 3.2% aller Schweizer in die Akupunktur. Im selben Jahr dagegen suchten 69% der weiblichen und 63% der männlichen Gesamtbevölkerung mindestens einmal den Schulmediziner auf. Dieser Unterschied ist vernachlässigbar. Ist die TCM also eine Frauenmedizin?
Tatsächlich hilft die TCM gut bei gynäkologischen Beschwerden. Schmerzen allerdings verspüren auch Männer. Der Ruf der Akupunktur als sanfte Medizin zieht jedoch mehr Frauen an. Während Männer ihre Schmerzen gerne verdrängen, gehen die Frauen der Ursache häufiger auf den Grund. Das Gespräch und der Wohlfühleffekt sind in unseren Praxen wichtig. Allzu oft verkommen sie jedoch zu einem Chinesischen Wohlfühltempel. Im Hintergrund säuselt Musik, Düfte schweben über den Klientinnen und Spiritualität liegt in der Luft. Eine nüchternere Ambiente spricht mehr Männer an.
Angekommen in Peking fiel mir im TCM-Spital auf, dass ebenso viele Männer wie Frauen die Betten belegen. Von Spiritualität ist dort nichts zu spüren. Schmerzensschreie, ausgelöst durch starke Nadelstimulationen, hallten nicht selten durch die Gänge.
Bei den Schulmediziner scheint sich langsam ein Wechsel anzubahnen. Im Frühjahr 2017 waren in Zürich 57% der Studierenden der Medizinischen Fakultät weiblich. Bleibt zu hoffen, dass auch mehr Männer sich der TCM widmen. Die Schaffner, welche uns im Zug von Ulan Bator nach Peking betreuten, waren ausschliesslich Männer.
Götter, Gene, Jing oder Karma: in vielen Kulturen verbinden die Menschen ihre Eigenschaften mit den Vorfahren.
Die Lakandonen im südwestlichen Mexiko sind direkt vom Verhalten ihrer Ahnen abhängig. Leiden verschiedene Familienmitglieder dieser indigenen Mayas an ähnlichen Symptomen, trägt ein Urahne die Schuld. Dieser hatte in einem unbedachten Moment einen Götterboten erschlagen. Solche Krankheiten können nur die Götter heilen.
Unsere Ahnen liquidierten keine Engel. Sie bissen lediglich in den falschen Apfel. Gott schmiss sie darauf hin aus dem Garten Eden. Diese Erbsünde erklärte den Menschen im Mittelalter, weshalb sie krank wurden. Die heutige Doppelhelix mit ihren Chromosomen ist weniger moralisch gefärbt. Sie basiert auf Schicksal. Zusätzlich erben wir von unseren Eltern Verhaltensmuster. Sie zu knacken und zu verändern, kann unsere Gesundheit stärken. Dazu haben wir im Westen Psychotherapeuten.
Anders kreiert im tibetischen Buddhismus jeder Mensch sein Schicksal selbst. Die Person erntet, was sie in ihren früheren Leben gesät hat. Im indischen Ladakh sind jene Krankheiten karmisch, welche ohne erkennbare Ursache plötzlich auftreten. Durch gute Handlungen verändert der Patient dieses Karma und gesundet. Mönche unterstützen ihn dabei.
In China pflegt der Daoist seine Essenz. Die Elteren stärken ihre Konstitution, um ein kräftiges Jing weiterzugeben. Sie nehmen nimmt ihr Schicksal selbst in die Hand. Lehrer vermitteln ihnen das entsprechende Wissen.
Zufall, Karma oder Lebenspflege – die Eltern beeinflussen direkt ihre Nachkommen.
Westliche Ärzte und Wissenschaftler preisen die Akupunktur durch die Jahrhunderte als ein Wunderheilmittel, verwerfen sie als unwirksam, adaptieren und respektieren sie.
Im Kurzfilm ‚De Acupunctura’ geht Herrn Zwahlen wegen Schwindelattacken in die Akupunktur. Rund 400 Jahre früher, 1650, verlässt der Jesuite Michal Boym China, um im Westen militärische Hilfe gegen die einmarschierenden Mandschu zu organisieren. Zeitgleich gelangt ein Manuskript des holländischen Arztes Jakob de Bondt aus Batavia (heutiges Jakarta) nach Europa. Beide Wissenschaftler berichten erstmals über Mediziner, die ihre Patienten mit Nadeln behandeln. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts arbeitet de Bondts Landsmann Dr. Ten Rhyne auf der Nagasaki vorgelagerten Insel Dejima. Mit seinem Buch ‚De Acupunctura’ verleiht er dieser Technik einen lateinischen Namen. Ein Exemplar aus dem Jahr 1683 ist bis heute in der alten Drucke in der Zentralbibliothek Zürich einsehbar.
Ab dem Jahre 1688 arbeitet der berühmte Botaniker und Arzt Engelbert Kaempfert ebenfalls auf Dejima. Ihm erlaubt der amtierende Shogun eine Reise nach Tokio. Auf dieser Reise sammelt Kaempfert Pflanzenproben und Informationen über Land und Kultur. Er beschreibt detailliert, wie die Japaner Nadeln und Brennkraut (japanisch Mogusa) benutzen: [Sie wenden] „weit entfernte Punkte [an], die mit der erkrankten Region nach anatomischen Grundsätzen nur durch die allgemeine Körperhülle verbunden sind.“ Seine Forschungen veröffentlicht der Schweizer Arzt Johann Caspar Scheuchzer im Jahre 1727 unter dem Titel ‚The History of Japan’.
Der holländische Chirurge Isaac Titsing fertigt Ende des 18. Jahrhunderts in Japan Zeichungen an und beschreibt, nach welchen Prinzipien die Japaner nadeln. Seine Manuskripte kursieren in Europa und inspirieren den französischen Arzt Louis Berlioz. Er nadelt als erster Europäer seine Patienten. Allerdings benutzt er ausschliesslich lokale Punkte. Damit heilt er einen Bauer von seinem hartnäckigem Husten: „Ich stach tief in den Bauch, so dass ich annahm, der Magen sei perforiert. Die Symptome verschwanden und kehrten nicht wieder.“ Seine Notizen und Utensilien sind im Museum zu Ehren seines Sohnes, dem Komponisten Hector Berlioz, im französischen La Côte Saint-Andrès zu besichtigen. Im Jahre 1810 reicht Berlioz der Medizinischen Gesellschaft in Paris eine Abhandlung über die Akupunktur ein. Die Ärztegesellschaft
bezichtigt ihn des Leichtsinns. Berlioz bangt um seinen Arzttitel. Trotzdem akupunktiert er weiter, bis seine Erkenntnisse Ärzte wie Dr. Salandiere in Paris inspirieren. Dieser bearbeitet Texte von Titsing und erklärt, wie die Ärzte in Japan spezifische Krankheiten behandeln. Trotzdem wendet auch Dr. Salandiere nur lokale Punkte an. Ein Zeitgenosse berichtet: „ ... ganz Paris zelebriert () die herausragenden Resultate der Akupunktur. Bald () spricht man von enorm gesteigerten Schmerzen mit Fieber und Entzündungen... . Die Kranken der Spitäler, erbarmungslos [mit Nadeln] gepeinigt, revoltieren gegen diese stechenden Mediziner.“ Die Akupunktur verschwindet aus den Spitälern. 1845 schreibt der Chirurge Dieffenbach in seinem Lexikon: „Ein altes chinesisches, neugewordenes europäisches, wundertätiges, gepriesenes, unwirksam befundenes, fast wieder vergessenes Mittel.“ In den nächsten 80 Jahren benutzt kaum mehr ein Mediziner diese Technik.
Nach dem Ende des ersten Weltkrieges praktiziert der Berliner Chirurge und Sinologe Franz Hübotter für sechs Jahre in Japan und arbeitet anschliessend als Missionarsarzt in China. Er übersetzt Chinesische Texte und liefert die Grundlagen Chinesischer Medizintheorie. Den Wert seiner Werke erkennen Ärzte allerdings erst Jahrzehnte später.
Ebenfalls in der Zwischenkriegszeit publiziert Soulié de Morant einen Artikel im Magazin ‚L’homöopathie française’. Darin erzählt er von seiner Reise nach Peking im Jahre 1901: „Ein paar Einstiche in ausgesuchte Punkte [...und] der Cholerakranke verspürte Erleichterung. Seine schlimmen Krämpfe und sein Schüttelfrost verschwanden, das Erbrechen und der Durchfall hörten auf.“ De Morant weckt das Interesse von homöopathischen Ärzten. Der damalige Chefarzt des Pariser Bichat- Spitals Charles Flandin beschreibt: „In den ersten Monaten des Jahres 1932 besuchte mich mein Freund Ferreyrolles zusammen mit dem bekannten Sinologen Soulié de Morant im Bichat Krankenhaus. Ferreyrolles beschäftigte sich von nun an mit Versuchen am Patienten und bemühte sich gleichzeitig, die meistens aus rätselhaften chinesischen Texten entsprungenen und für uns vor allem wegen der undurchsichtigen Terminologie schwer zu erfassenden Indikationen zu deuten...Nichtsdestotrotz können wir ab sofort behaupten, dass die Akupunktur sehr häufig eine effiziente therapeutische Methode darstellt.“ De Morant und Dr. Ferreyrolles publizieren mit Dr. Roger de la Fuÿe im Jahr 1938 unter dem Titel ‚La vraie acupuncture chinoise’ ihre Erkenntnisse. Darin vermischen sie freudsches Gedankengut, homöopathische Ansätze und Chinesische Medizintheorien. Mit ihren Bezeichnungen ‚Energie’ und ‚Meridiane’ kreieren sie Ideen,
welche ins europäische Weltbild passen. Ein französischer Professor schlägt De Morant für den Nobelpreis der Medizin. Da entdecken De la Fuÿe und Ferreyrolles, dass De Morant seine Biographie und verschiedene Texte modifiziert hat. De la Fuÿe zeigt ihn des Plagiates an. Zudem verklagt er ihn, illegal zu akupunktieren. In Frankreich dürfen dies nur Ärzte. De Morant erhält den Nobelpreis nicht.
Um die asiatische Akupunktur zu studieren, reisen Ärzte in den 1950er Jahren nach Japan und Hongkong. Zurück in Europa gründen sie Berufsverbände und organisieren Kurse. Dr. Nogier entdeckt im südlichen Frankreich Narben am Ohr einer Patientin. Sie erzählt, wie eine Zigeunerin ihr mit brennenden Kräutern ihre Ischiasschmerzen beseitigte. Der Vater der Zigeunerin hatte dies von einem Chinesen gelernt. Dr. Nogier experimentiert mit Nadeln an den Ohren seiner Patienten und erstellt eine Karte effektiver Punkte. Als Ärzte in China seine Berichte lesen, gleisen sie umfassende Studien über die Ohrakupunktur auf.
1971 öffnet sich China dem Westen. Der amerikanische Sicherheitsbeauftragte Kissinger reist nach China, um ein Treffen zwischen dem Vorsitzenden Mao und dem Präsidenten Nixon zu vereinbaren. Ein Journalist der New York Times begleitet Kissinger und erkrankt an einer Blinddarmentzündung. Die Chinesischen Ärzte behandeln seine Schmerzen mit Akupunktur. In der New York Times veröffentlicht er seine Erfahrungen unter dem Titel ‚About my Operation in Peking’. Sogar das CIA beginnt sich, für diese Technik zu interessieren. An der Haustüre des Sinologen Dr. Paul Unschuld klingelt es: „Hi, I am James Quinn, CIA. Tell me something about the military use of acupuncture.“ Bereits ein Jahr später zeigt das ARD in der Tagesschau, wie der österreichische Oberarzt Bischko mit Nadeln bei einer Operation anästhesiert.
Mitte der 1970er Jahre erhalten westliche Ärzte die Erlaubnis, an Chinas Universitäten zu studieren. Zurück in Europa lehren sie an Universitäten, wobei die Vorlesungen meist Medizinstudenten vorbehalten sind. Eine Schule für Ärzte und Nicht-Mediziner eröffnen Hamid und Solange Montakab 1986 in der Schweiz. Einer ihrer Schüler, Giuseppe Ferramosca, heilt 1994 im Kanton Zürich eine Frau von ihren Rückenschmerzen. Ein Arzt zeigt Herrn Ferramosca an, worauf die Polizei seine Praxis durchsucht und genügend Beweismaterial gegen ihn als Akupunkteur findet. Er muss seine Behandlungsräume schliessen und eröffnet im Nachbarskanton eine neue Praxis, da die Behörden dort keinen Arzttitel verlangen. 1995 gründen Therapeuten der Chinesischen
Medizin die Schweizerische Berufsorganisation SBO-TCM mit Dr. Hamid Montakab als ersten Präsidenten. Sie erreichen, dass auch Nicht-Mediziner legal akupunktieren und letztendlich ein staatlich anerkanntes Diplom machen können. Dies ist europaweit einzigartig. Fragt heute jemand Herrn Zwahlen, wie er seine Schwindelattacken losgeworden ist, antwortet er: „Schlicht und einfach: Akupunktur.“
Fischen, Trinken, Beten
Ich quetsche mich zwischen zwei wohlbeleibte Damen auf den Hintersitz eines Sammeltaxis, froh, aus Tonalá rauszukommen. ‚Ort der Hitze’ bedeutet Tonalá in der Nahuatl-Sprache, welche die Indigenen hier an der südmexikanischen Pazifikküste sprechen. Entsprechend geniesse ich den Fahrtwind, welcher durch die offenen Fenster hereinweht. Wir fahren zum Fischerdorf ‚El Paredón’, an den Rand einer Lagune liegt. Die Strasse dorthin hat den Ruf, ein beliebter Aufenthaltsort bewaffneter Banditen zu sein, welche die Sammeltaxis ausrauben. Sicherheitshalber liess ich meine Kamera im Hotel und ich trage lediglich ein kleines Mikrophon auf mir. An der Küste will ich für eine ethnologische Feldforschung Anekdoten aus dem Leben alter Fischer sammeln. Unversehrt erreichen wir nach einer Stunde ein Dorf. Das Taxi stoppt auf einem grossen Platz. Meine Banknachbarin, von der ich bisher nur die breite Hüfte zu spüren bekam, tippt mir auf die Schulter und sagt: ‚El Paredón’. Am Ende des Platzes bereiten Frauen auf wackligen Tischen Speisen zu. Rundliche Teigknollen brutzeln im Öl. Trotz meines Hungers bestelle ich lediglich eine Tasse Kaffee und schlürfe die wässrige Mischung. „Don Janny“, meint die Köchin, nachdem ich ihr erklärt hatte, warum ich mich in dieses Dorf verirrt habe. „Don Janny ist der älteste Fischer des Dorfes.“ Sogleich ruft sie einen jungen Mestizen herbei, welcher ein Dreirad manövriert. Diese Motorräder erinnern an thailändische Tuk-Tuk’s, welche in Bangkok durch die Strassen flitzen. In Mexiko bin ich diesen Vehikeln bis anhin noch nie begegnet. Ich lasse den Kaffee stehen, bezahle dankend und setze mich auf die hintere Bretterbank des Motorrads.
Über holprige Strassen erreichen wir das Haus des Fischers. Alte Ruder lehnen gegen die Wand, daneben liegt ein Fischernetz aus Nylon auf der Veranda. Bellend begrüsst uns ein Köter. Er beruhigt sich erst, als der 81jährige Feliciano Hernandez Zavala, kurz Don Janny, auf die Veranda heraustritt. Sein Gesicht ist vom Wind zerfurcht, sein Rücken von der Arbeit gekrümmt. Misstrauisch blinzelt er gegen die Sonne, winkt mich herbei und weist mir einen Stuhl unter einem Mangobaum zu. Er nickt, nachdem er kurz mit seiner Frau beraten hatte: „Ja, ich kann Dir viele Geschichten über das Leben an der Küste erzählen.“ Seine Stimme ist heiser, dennoch hat sie einen sanften Klang. Sie erinnert an alte Märchenerzähler. Und ich tauche ein in seine Welt an der Küste:
„Früher“, beginnt Don Janny, „knüpften wir unsere Netze eigenhändig aus Baumwolle. Alle drei Monate neu. Nach dieser Zeit waren sie verfault.“ Seit seinem sechsten Lebensjahr fängt er Fische. Damals schickte ihn sein Vater zu einem Onkel, welcher ihm das Handwerk des Fischers lernte. Aus Rinde schnitzten sie Korken, aus Bäumen Kanus. Mit diesen Einbäumen ruderten sie auf das offene Meer hinaus. „Unmengen von Fischen gab es“ schwärmt Don Janny. „Jetzt sind sie verschwunden. Wohin? Ich weiss es nicht. Einfach weg.“ Als die Fangquoten stetig zurückgingen, bereute Don Janny, dass er die Schule verweigert hatte. „Ich hätte nie gedacht, dass sich das Meer einmal erschöpft.“ Jetzt sei er halt ein Barbar, einer ohne Schulbildung. Kurz hält Don Janny inne, mahnt seinen Enkel, der sich inzwischen zu uns gesellt hat, zum Studium. Der Enkel nickt und wechselt das Gesprächsthema, indem er seinen Grossvater bittet, den Kampf mit dem Tintenfisch zu schildern.
Er habe das Boot mit einer Harpune verlassen um Fische zu jagen, erzählt Don Janny. Bei seiner Rückkehr sass ein Tintenfisch vor dem Boot. “Als ob er auf mich gewartet hätte“. Mit flaschendicken Fangarmen griff er an. Don Janny wehrte sich mit dem Kolben der Harpune. Er schlug solange auf den Kopf des Tintenfisches ein, bis dieser tot war. Seine Kameraden zerrten ihn mitsamt dem Tintenfisch ins Boot. „Er wollte mich erledigen. Da tötete ich ihn.“ Der alte Mann strahlt: „Das war kurz vor meiner Hochzeit. Beides hab ich überlebt“.
Schlimmer habe ihn der Alkohol erwischt. Wie viele Fischer der Gegend trank er seit jungen Jahren regelmässig. Aus Langeweile. Vom Boot steuerte er direkt in die Kneipe. Täglich. Jahrelang. „Ich fühlte mich elend, da meine Familie hungerte und meine Frau litt. Alles tauschte ich gegen Alkohol. Bis die Evangelisten kamen“. Sie bekehrten Don Janny und er überwand seine Sucht. Heute hält er den Status des Greises in der evangelischen Gemeinde inne. Das zeichnet ihn als angesehenes Mitglied der Kirche aus. Neben seinem Haus erbaute er einen Tempel. Beim Wort Evangelium ballt er die Faust voller Energie gegen den Himmel und betont damit, wie wichtig dieses Wort für ihn geworden ist. Für Sekunden scheint er etliche Jahre jünger.
Als begabter Fischer arbeitete Don Janny früher zudem als Lotse und Lehrer an der Schule für kommerziellen Fischfang in Paredón. Dort unterrichtete er Kapitäne in der Küstenfischerei. Tagelang war er mit seinen Schülern unterwegs. Eines Tages verirrte er sich mit einem Studenten in eine abgelegene Bucht. Don Janny schaut in die Ferne und erzählt seine fantastische Geschichte: „Totenstille umgab uns. Kein Fisch war zu sehen. Kein Vogel zu hören. Plötzlich sprangen aus einer Höhle knochige Wesen. Einige glichen Hunden, andere Zwergen. Sie bewegten sich wie Krebse seitwärts. Mit grossen Augen beobachteten sie uns.“ „Weg hier!“ schrie Don Janny. „Das sind gottlose Wesen.“ Fluchtartig verliessen sie die Bucht.
Mehrere Jahre arbeitete Don Janny als Lehrmeister. „Bis die Schule ihre Politik änderte“ grollt er. Im neuen Ausbildungskonzept hatte er kein Platz mehr. Frustriert spricht er heute von dieser Zeit.
Daraufhin widmete er sich neben der Fischerei der Schafzucht. Bereits hatte er zwölf Kinder zu ernähren. Sie zogen an den Strand, in eine Gegend, wo viele illegale Einwanderer zu Fuss in Richtung USA wandern. Viele Migranten stahlen ihre Tiere und kochten sie. Hunde und Kojoten verzerrten den Rest der Herde. Don Janny gab die Zucht bald auf und wandte sich wieder ausschliesslich er Fischerei zu. Als eines Nachts ihr Nachbar für eine Handvoll Pesos überfallen und ermordet wurde, hatte seine Frau genug. Sie wollte zurück ins Dorf ‚Paredón’. Da lebt Don Janny heute als mehrfacher Grossvater. Seine Söhne, grossteils Fischer, fahren ihn an Sonntagen auf die Lagune hinaus. „Damit ich mich nicht langweile.“ Auf das offene Meer verzichtet er. „Die Brecher würden meine Knochen zermalmen.“ Ansonsten betet und musiziert er. Mit Handorgel und Gitarre. Enthusiastisch singt er dazu seine religiösen Texte. Don Janny geniesst seinen letzten Lebensabschnitt. „Viele Stürme habe ich überlebt. Die verbleibende Zeit ist ein Geschenk Gottes.“
Daraufhin verlangt Don Janny nach seiner Handorgel und gibt ein Kirchenlied zum Besten. Seine Stimme quietscht disharmonisch zur verstimmten Harmonika. Der Greis strahlt. Wenigstens übertönt die Musik meinen Magen, welcher ebenfalls lautstark nach einer Mahlzeit knurrt. Gerührt über den Enthusiasmus des Alten applaudiere ich. Dann suche ich mich zu verabschieden. Don Janny erhebt sich und ruft seinen Sohn herbei. Gemeinsam beginnen sie für mich zu beten. Etwas verstört lasse ich diese Segnung über mich ergehen.
Erst als ich den Hügel hinunter ins Dorf wandere, realisiere ich, wie offenherzig dieser alte Mann mir seine Geschichte anvertraute. Beeindruckt zwänge ich mich unten im Dorf wieder in ein Sammeltaxi, um zurück in Tonalá endlich zu frühstücken.
Von: Philipp Haas
[<email-pii>]
Gesendet: Mo 08.11.2010 21:26
An: Globetrotter-Magazin [<email-pii>]
Betreff: Visionen am Orakelsee
Wir atmen schwer. Stufe für Stufe kämpfen wir uns zum Kamm hoch. Der Wind pfeift uns um die Ohren. Allmählich rückt der Parkplatz, unser Ausgangspunkt, in die Ferne. Der Bus ist verschwunden, er fuhr zurück ins Tal. Wir sind alleine. Alleine mit einem Dutzend tibetischen Pilgern, einigen chinesischen Touristen und tausenden von Gebetsfahnen. Gebetsfahnen hingen einst auf den Pässen und der Wind wehte die Gebete, welche auf die Fahnen gedruckt sind, entsprechend dem tibetischen Glauben zu den Göttern. Hier, auf unserer Trekkingroute, gibt es aber heute so viele Fahnen, dass sie gar nicht mehr wehen können. Sie bilden eine dicke Stoffschicht und bekleiden den Felsen. Ein wahres Bett aus Gebetsfahnen. Die Tibeter liegen darauf und starren konzentriert auf den kleinen Bergsee im Tal. Türkis spiegelt er die Wolken. Die Tibeter suchen in dieser Spiegelung eine Vision der Zukunft.
Ein chinesischer Tourist beschimpft uns: «Steht nicht auf die Gebetsfahnen. Ihr beleidigt die Einheimischen!» Aber es ist unmöglich, unbedeckte Stellen zu finden. Die Tibeter, auf den Fahnen liegend, schauen uns gleichgültig an. Wir knipsen Fotos und geniessen es, dem Himmel so nah zu sein. «Bleib hier, so lange du willst», rufen wir Tashi, unserem tibetischen Führer, zu. Zum dritten Mal ist er hier, liegt auf den Fahnen und erhofft sich, im Seespiegel eine Vision zu entdecken. Wir hoffen, vor der Abenddämmerung unseren Zeltplatz zu erreichen. Vier Trekkingstunden trennen uns vom Nachtlager. Im Windschatten des Bergkamms verzehren wir unseren Lunch. Tashi stösst bald zu uns. Enttäuscht. Ohne Vision. Wieder nicht.
Im Jahr 1935 hatte das Oberhaupt Tibets, Reting Rinpoche, mehr Glück. Nach dem mysteriösen Tod des 13. Dalai Lamas pilgerte er ebenfalls auf diesen Bergkamm. Während er die kräuselnde Oberfläche des Sees betrachtete, erschienen ihm tibetische Buchstaben, ein jadegrüner Tempel und die Umrisse des Hauses des heutigen Dalai Lamas. Diese Vision führte ihn in den Osten Tibets, nach Amdo, wo er Tenzin Gyatso als die Reinkarnation des 13. Dalai Lamas erkannte und ihn nach Lhasa brachte. In der Dämmerung erspähen wir in der Ferne unsere Zelte. Alle klagen über Kopfschmerzen und sind durch die Wanderung in grosser Höhe erschöpft. Das Abendessen, das die Begleitmannschaft im Esszelt serviert, stärkt uns wieder etwas. Tashi gesellt sich für das Essen zu uns und erzählt. Acht Jahre studierte er als Mönch in einem indischen Kloster. Dann entschloss er sich, Kinder von Tibet nach Indien zu schmuggeln, damit sie dort kostenlos zur Schule gehen können – etwas was
ihnen in Tibet verwehrt blieb. Dreimal hatte er es versucht. Dreimal kam er ins Gefängnis, wurde gefoltert und erlag beinahe einem
Nierenversagen. Ein Verwandter kaufte ihn frei und bürgte für ihn. Tashi musste aus dem Orden austreten. Er lernte Englisch und arbeitet seither als Reiseführer. Heute hat er eine kleine Tochter. Am nächsten Morgen sind wir bereit, den Pass Gyelung zu überqueren. Langsam erklimmen wir den 5200 Meter hohen Übergang. Tashi geht pfeifend neben uns her. Er ist sich die Höhe gewohnt. Wir blinzeln sehnsüchtig den Gebetsfahnen entgegen, welche die Passhöhe markieren. Geschafft. Der Wind pfeift über den Grat. Eine Gletscherzunge und ein Bergsee erwarten uns zur Mittagspause auf der anderen Seite. Wir blicken das Tal hinunter, durch welches wir die nächsten vier Tagen wandern werden. Es wird von tibetischen Nomaden belebt. Ihre Zelte kleben wie braune Käfer auf der dünnen Grassteppe.
Am Nachmittag treffen wir auf eine Familie, die blutverschmiert vor ihrem Zelt sitzt. Am Boden liegt ein geschlachtetes Yak, ein tibetisches Hochlandrind. Während der Vater Fleisch in Därme zu Würsten stopft, kocht die Mutter Innereien über dem Feuer. Die Familie lädt uns zu Buttertee in ihr Zelt ein. Dieses ist aus Yakhaaren gefertigt und mit Decken und Bänken ausgestattet, welche um die zentrale Feuerstelle platziert sind. Solche Wohnverhältnisse werden jedoch seltener. Mehr und mehr wohnen die Nomaden im Tal in Steinhäusern und nutzen die Zelte nur noch als Speicher. «Hattest du oben am See eine Vision?» fragen die Nomaden Tashi, bevor wir aufbrechen.
Nach vier Tagesmärschen erblicken wir einen kleinen Tempel am Berghang. Wir entscheiden uns für den anstrengenden Aufstieg. Oben angelangt treffen wir auf einen Einsiedlermönch. Nach dem Tod seines Jüngsten bekam er Angst vor dem Sterben. Er verliess seine Familie und ging ins Kloster, um sich auf den Tod vorzubereiten. Nun lebt er seit acht Jahren hier, zusammen mit einem Schüler. Der Mann, er ist schätzungsweise 70 Jahre alt und trägt knapp halb so viele Kilos am Leib, lebt von Spenden und Lieferungen des Hauptklosters. Dieses liegt sechs Gehstunden talabwärts. Er scheint mit seinem Leben zufrieden zu sein. Plötzlich zückt er eine Flasche mit einer gelben Flüssigkeit und streckt sie uns strahlend hin. Zögernd probieren wir. Das Angebotene entpuppt sich als Redbull. Unsere Gesichter erstrahlen ebenfalls.
Die heissen Quellen von Olka Taktse, wo ein Bus auf uns warten wird und wo wir das letzte Mal unsere Zelte aufschlagen werden, sind während den kalten Nächten hier im Tal unser Gesprächsthema. Enttäuscht erblicken wir aber bei der Ankunft dort, wo früher ein kleines Badehaus war, einen riesigen Baukomplex. Ein Chinese kaufte das Land und wird sicherlich den Leuten mit dem heilenden Wasser das Geld aus den Taschen ziehen. Im Moment ist der Zutritt wegen Bauarbeiten verboten. Wir kraxeln den Berg hoch und hoffen, sonst irgendwo auf warmes Wasser zu stossen. Und tatsächlich entdecken wir ein dampfendes
Becken in den Felsen, wo wir Männer uns in den Unterhosen reinlegen. Gemütlich plaudern wir im heissen Nass, als uns eine Gruppe älterer Tibeterinnen entdeckt. Diese erfreuen sich an so viel weisser Haut, welche sie beinahe blendet. Unter viel Gekicher warten sie, bis wir aus
dem Wasser klettern und uns umziehen. Die Hunde, welche um unsere Zelte streichen, wecken uns nachts durch ihre Kämpfe. Gute Gelegenheit, aus dem Schlafsack zu kriechen und den Sternenhimmel zu bestaunen. Morgen werden die Lichter von Tsedang, der alten Hauptstadt Tibets, das Leuchten der Sterne wieder verdrängen. Unsere Zukunftsvisionen, welche die Sterne uns in den langen Nächten schenkten, bleiben. Hoffentlich.