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Es ist der Sommer des Jahres 1962 in Rio de Janeiro dem Geburtsort des Songs über das “Girl from Ipanema“. In der “Veloso Bar“, gerade mal einen Häuserblock vom Ipanema-Strand entfernt, genehmigen sich zwei enge Freunde einen Schoppen Brahma-Bier – der Komponist Antonio Carlos Jobim und der Dichter Vinícius de Moraes. Und, wie es so geht, sinnen sie darüber nach, wie sie ihre erfolgreiche Zusammenarbeit fortführen könnten – Carlos mit seiner bewegenden Musik und Vinícius mit seinen ergreifenden Texten.
Das erfolgreiche Duo liebt diese Bar wegen ihrem guten Bier und der noch besseren Aussicht auf die vorbei flanierenden Strandschönheiten. Obwohl sie beide verheiratete Männer sind, haben sie nichts gegen einen kleinen Flirt. Besonders, wenn es sich dabei um ein Mädchen aus der Nachbarschaft mit dem Spitznamen “Helô“ (Helô Pinheiro – Geboren: 07. Juli 1945) handelt. Die achtzehn Jahre alte Heloisa Eneida Menezes Pais Pinto ist eine typische “Carioca” – geboren in Rio. Sie ist hoch gewachsen, von der Sonne gebräunt, mit smaragdgrünen Augen und langem, welligem Haar. Sie haben sie schon mehrmals beobachtet, wenn sie in Richtung Strand geht oder von der Schule kommt. Und sie hat eine besondere Art sich zu bewegen, die den Männern die Kehle austrocknet, und die Vinícius als “reine Poesie“ bezeichnet.
Die Legende erzählt, dass Jobim und Moraes von der wohlproportionierten jungen Dame so angetan waren, dass sie einen Song für sie direkt auf die Bar-Servietten schrieben. Das ist zwar eine gute Story, aber sie ist nicht ganz wahr.
1959 hatten die Beiden grossen Erfolg mit ihren Songs, die sie für den Film “Orféu Negro“ (Schwarzer Orpheus) schufen. Im Anschluss begannen sie an einer musikalischen Komödie zu arbeiten. Nach der Vorstellung von Vinícius de Moraes nannten sie das Werk “Blimp“ – es handelte von einem Marsianer, der während des Karnevals in Rio ankommt. Und was würde wohl den kleinen grünen Mann auf unserem Planeten am meisten beeindrucken? Ein schönes Mädchen im Bikini, natürlich!
Jobim und Moraes schleppten sich dahin mit zwei Versen eines Songs, den sie “Menina que Passa“ (Das Mädchen, das vorbeigeht) nannten. Sie brauchten dringend eine frische Inspirationsbrise, etwas lebendiges, das das Blut ihres Aliens in Wallung bringen würde. Indem sie die Vision ihres Hüften schwingenden Zeitvertreibs herauf beschworen, legten sie alle geheimen Begierden und Sinneslust in den neu betitelten Song “Garota de Ipanema“ (Das Mädchen aus Ipanema).
Obwohl der “Blimp“ niemals vom Boden abhob, wurde der Song nicht nur ein Hit in Brasilien, sondern zur internationalen Visitenkarte für einen Musikstil, der sich in der ganzen Welt einschmeichelte – der “Bossa Nova“.
War “Helô“ die Inspiration für den Song gewesen, so wurde eine andere “Carioca“ zu seiner Botschafterin über Rio hinaus: Astrud Gilberto, die frisch gebackene Ehefrau des Sängers und Gitarristen João Gilberto, war gerade in einem New Yorker Studio zugegen (März 1963), als ihr Mann João und Tom Jobim sich auf eine Platte mit dem Tenorsaxophonisten Stan Getz vorbereiteten. Die Idee wurde geboren, einen Vers von “Ipanema“ in englischer Sprache einzufügen, und Astrud war die Einzige der Brasilianer, der mehr als jenes “Frasenbuch-Englisch“ sprechen konnte.
Astruds kindliche Stimme, ohne Vibrato und andere Manierismen, war der perfekte Hintergrund für ihres Mannes weiche, summende Stimme. Tom Jobim klimperte Piano. Stan Getz blies einen cremig-weichen Tenor. Vier Minuten reiner Magie wurden aufgenommen.
Ein Jahr später streute der Song seinen stillen Zauber von Meer und Sand auf die Charts – liess den Beatle-Favoriten “I Want To Hold Your Hand“ weit hinter sich und hatte bis Mitte Juni 1964 mehr als zwei Millionen Kopien verkauft. Und der Siegeszug des “The Girl from Ipanema“ ging weiter und wurde zum meist aufgenommenen Folksong der Geschichte – nach “Yesterday von den Beatles“.
Im Lauf der Jahre erfreute sich Helô Pinheiro (ihr Name nach der Heirat) in ganz Brasilien einer gewissen Berühmtheit – sie galt wie Pelé als eine der Goodwill-Botschafter Brasiliens. Sie ging nie einer bestimmten Beschäftigung nach, versuchte sich als Schauspielerin, dann leitete sie eine Modellagentur. 1987 posierte sie nackt für den Playboy (und noch einmal 2003, zusammen mit ihrer Tochter Ticiane). Im Jahr 2001 eröffnete sie die Bekleidungs-Boutique “Girl from Ipanema“ in einem Shopping-Center in Rio de Janeiro.
Bald danach leiteten die Erben von Jobim (er starb 1994) und Moraes (er starb 1980) ein Gerichtsverfahren gegen Helô Pinheiro ein, in dem sie forderten, dass Helô ganz unbeabsichtigt in die Schaffung jenes Songs verwickelt wäre und deshalb nicht das Recht habe, ihn für kommerzielle Zwecke zu benutzen.
Helô sagte dazu: “Ich habe weder einen einzigen Cent von dem Song bekommen, noch habe ich je danach getrachtet. Und nun, da ich eine legal registrierte Handelsmarke benutze, wollen sie mir verbieten, das Girl von Ipanema zu sein. Ich bin sicher, dass Antonio und Vinícius mit niemals verboten hätten, diesen Namen zu benutzen“.
Nach viel schmutziger Wäsche innner- und ausserhalb des Gerichts wurde Helô endlich erlaubt, den Namen ihrer Boutique beizubehalten. Heute erinnert sie sich der frühen 60er Jahre in Ipanema mit einer gewissen Sehnsucht: “Ich habe jene Zeit gemocht, als alles noch schöner war wegen der Liebe – so wie es in der portugiesischen Originalversion des Songs heisst. Und es berührt mich immer noch, wenn jemand mir zu Ehren dieses Lied spielt“.
Die ersten Plattenaufnahmen des berühmten Songs wurden von Pery Ribeiro (im Verlag Odeon) sowie dem “Tamba Trio“ (im Verlag Philips) gemacht und erschienen dann zeitgleich im Januar 1963. Vom brasilianischen Verlag Mocambo erschien eine weitere Version, interpretiert von Claudette Soares, die aber kein Erfolg wurde.
Tom Jobim nahm seine Komposition erstmalig in einem Studio der USA auf, wo er sich dann ab November 1963 für längere Zeit etablierte. Seine instrumentale Version kam im Mai 1963 mit der LP “The Composer of Desafinado Plays“ auf den amerikanischen Markt. Bei dieser LP-Gestaltung lernte Jobim auch den deutschen Arrangeur Claus Ogerman kennen, mit dem ihn eine langjährige Zusammenarbeit verbinden sollte. Die erwähnte LP war der erste Beitrag eines der bedeutendsten Komponisten des Bossa Nova in den USA und fand entsprechende Beachtung bei Kritik und Publikum.
Die Original-Version (portugiesisch) des Textes “A Garota de Ipanama”
Olha que coisa mais linda
Mais cheia de graça
É ela menina
Que vem e que passa
No doce balanço, a caminho do mar
Moça do corpo dourado
Do sol de Ipanema
O seu balançado é mais que um poema
É a coisa mais linda que eu já vi passar
Ah, porque estou tão sozinho
Ah, porque tudo é tão triste
Ah, a beleza que existe
A beleza que não é só minha
Que também passa sozinha
Ah, se ela soubesse
Que quando ela passa
O mundo inteirinho se enche de graça
E fica mais lindo
Por causa do amor
Die englische Version des Textes zu “The Girl From Ipanema”Tall and tan and young and lovely
the girl from Ipanema goes walking
and when she passes
each man she passes
goes Aaah!
When she moves it’s like a samba
that swings so cool and sways so gently
that when she passes
each man she passes
goes Aaah!
Oh, but he watches so sadly
How can he tell her he loves her
He would just give his heart gladly
But each day when she walks to the sea
She looks straight ahead not at he
Tall and tanned and young and lovely
the girl from Ipanema goes walking
and when she passes
he smiles
but she doesn’t see
Oh, but he watches so sadly
How can he tell her he loves her
He would just give his heart gladly
But each day when she walks to the sea
She looks straight ahead not at he
Tall and tanned and young and lovely
the girl from Ipanema goes walking
and when she passes
he smiles
but she doesn’t see
she just doesn’t see
no she doesn’t see
she just doesn’t see, no, no…
Freie deutsche Übersetzung des Originals “Mädchen aus Ipanema“
Schau nur, was für ein hübsches Ding,
so voller Grazie –
das ist sie, die Kleine,
die kommt und vorbeigeht
mit süßem Wiegen, auf dem Weg zum Meer.
Ein Mädchen mit vergoldetem Körper
von Ipanemas Sonne.
Ihr wiegender Gang ist wie ein Gedicht,
ist das Schönste, was mir je begegnet ist.
Ach warum bin ich so allein,
ach, warum ist alles so traurig?
Ach, die Schönheit gibt’s wirklich,
und es ist nicht nur meine Schönheit,
die eines Tages vorübergeht.
Ach, wenn sie doch wüsste,
dass bei ihrem Vorübergehen
sich die ganze Welt mit ihrer Grazie füllt
und plötzlich viel schöner wird
wegen der Liebe.