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Albert Camus, der Fussballnarr
Camus, da besteht kein Zweifel, war ein echter Fussball-Fanatiker. Er war es im Armenviertel Bellecour in Algier als kleiner Junge gewesen, der einem Ball aus Stofffetzen hinterher rannte. Er war es ganz besonders im Alter zwischen 15 und 17, als er von 1928 bis 1930 erst im Stadtviertelclub Montpensier spielte, der auf dem Truppenübungsplatz der Stadt antreten musste, dann, als Gymnasiast, in der Jugendmannschaft beim Universitätsclub Racing Algier, auf Französisch „Racing Universitaire Algérois“, kurz RUA. Und er blieb dieser Fussballbegeisterte bis ans Ende seines Lebens, das mit seinem Unfalltod 1960 im Alter von nur 46 endete.
Im Stadion
Ein einzigartiges Dokument aus französischen Fernseharchiven zeigt ein Erstligaspiel vom 23. Oktober 1957 im Pariser Prinzenpark zwischen Racing Paris und AS Monaco. Unter den 35‘000 Zuschauern steht Albert Camus, erklärter Fan von Racing Paris, exakt eine Woche nachdem er von der königlichen Akademie in Stockholm zum Literaturnobelpreisträger erklärt worden war. Camus hat die obligatorische Zigarette im Mundwinkel, trägt Trenchcoat und Krawatte und kommentiert vor laufender Kamera, mit dem Flair eines Humphrey Bogart und als ehemaliger Torwart der Jugendmannschaft vom Universitätsclub Racing Algier, einen Fehler des Torwarts von Racing Paris.
„Man darf ihm keinen Vorwurf machen“, so Camus.“ Erst wenn man selbst mitten im Wald steht, merkt man, wie schwer es ist. Ich war selbst Torhüter bei RUA in Algier, die hatten übrigens dieselben Trikots wie Racing Paris.“
Lektion fürs Leben
In den Reihen des RUA, des “Racing Universitaire Algérois“ zu spielen, war für den Halbwaisen Albert Camus aus ärmlichsten Verhältnissen mit einer Mutter, die weder schreiben noch lesen und auch nur schwer sprechen konnte, im Alter von 16, ebenso wie das Gymnasium, Symbol eines ersten sozialen Aufstiegs. Dieser Verein war für ihn auch ein Ort des harmonischen Zusammenlebens der bunt zusammengewürfelten Kolonialgesellschaft Algeriens, wo Bürgersöhne der Algerienfranzosen, viele aus den armen Schichten wie er selbst, sowie Araber und Kabylen zusammen spielten. Diese Erfahrung sollte in Camus' Augen stets eine Art Schule fürs Leben bleiben, die damit begonnen hatte, dass er sich für die Position des Torwarts entschied, weil er so sein einziges Paar Schuhe am wenigstens abnutzte und den Ochsenziemer der strengen Grossmutter weniger zu fürchten hatte.
Eine Erfahrung, die im Alter von 17 jedoch ein jähes Ende nahm, als bei Camus eine schwere Tuberkulose diagnostiziert wurde. Viele, die sich in Camus Werk und Biographie vertieft haben, werfen die Frage auf, ob es ohne diese Erkrankung, die ihn die folgenden 15 Jahre seines Lebens plagen sollte, den Schriftsteller Camus überhaupt gegeben, - die Leidenschaft für das Mannschaftsspiel mit dem runden Leder nicht die Oberhand behalten hätte. Unter anderem hat Camus einmal auf die Frage, was er denn vorziehe, das Theater oder das Fussballstadion, ohne zu zögern geantwortet: „Das Stadion – ohne jede Frage.“
Erinnerungen
1953 hatte der Fussball verrückte Camus, der sich über seinen geliebten Sport nie theoretisch geäussert hat, stets nur einfach seine Fussballeidenschaft ausleben wollte, für die Vereinszeitung seines ehemaligen Clubs RUA einige Erinnerungen aufgeschrieben:
„Jeden Sonntag fieberte ich dem Donnerstag entgegen, wenn wir Training hatten und an jedem Donnerstag dem Sonntag, an dem gespielt wurde. Das Spielfeld hatte mehr Schrammen, als das Schienbein eines Mittelfeldspielers der gegnerischen Mannschaft. Ich begriff sofort, dass der Ball nie so auf einen zukommt, wie man es erwartet. Das war eine Lektion fürs Leben, vor allem für das Leben in der Hauptstadt, wo die Menschen nicht ehrlich und gerade heraus sind. Mir war nicht klar, dass ich mit diesem Verein eine Bindung einging, die Jahre lang halten sollte und nie zu Ende ging. Ich ahnte nicht, dass mich noch 20 Jahre später in den Strassen von Paris oder von Buenos Aires - das ist mir tatsächlich passiert - das dämlichste Herzklopfen überkommen würde, wenn ein Freund oder Bekannter das Wort RUA, das meines Clubs, aussprach."
Am Ende dieser Erinnerungen, die die Sportzeitung France Football nach seinem Literaturnobelpreis 1957 noch einmal für ein grosses Publikum veröffentlichte, schwang sich Camus sogar zu dem Satz auf:
„Alles was ich im Leben über Moral oder Verpflichtungen des Menschen gelernt habe, verdanke ich dem Fussball, verdanke ich meinem Club RUA.“
1940, im Alter von 27, dürfte Camus ein letztes Mal auf einem Fussballfeld gestanden sein.
“Als ich noch einmal meine Stollenschuhe anzog, merkte ich, dass ich nicht erst gestern das letzte Mal gespielt hatte. Noch vor Ende der ersten Halbzeit hechelte ich wie ein Hund aus der Kabylei, der um zwei Uhr nachmittags in der Augustsonne durch Tizi Ouzou getrottet ist.“
Flucht ins Stadion
In seinen Pariser Zeiten nach dem Krieg, als Camus schon weltberühmt war, blieb das Fussballstadion für ihn ein Ort, den er gerne mit dem Theater verglich, und wohin er, wie auch in dem oben genannten Filmdokument vom Oktober 1957, dem linksintellektuellen Milieu von Saint-Germain-des-Prés und den Pariser Salons, etwa der tobenden Polemik mit Sartre entfliehen, in ein anderes Milieu abtauchen und zu seinen Wurzeln zurückkehren konnte, was ihn nicht daran hinderte, von der Stadiontribüne aus sehr selbstbewusst seinen Nobelpreis zu kommentieren:
“Es gab sicher zwei, drei Schriftsteller, die hätten vor mir ausgezeichnet werden müssen. Da die Akademie nun aber offensichtlich einen französischen Schriftsteller auszeichnen wollte, hat sie vielleicht die Gelegenheit genutzt zu zeigen, dass Frankreich manchmal auch ein jüngeres Gesicht haben kann, als man allgemein annimmt.“
Noch in seinem letzten Prosawerk, „Der Fall", 1956, lässt Camus den Protagonisten den Satz sagen:
“Nur im Fussballstadion und im Theater kann ich mich noch völlig unschuldig fühlen.“
Journalismus, Theater, Fussball
Für den Nobelpreisträger - das bestätigten viele seiner Freunde- stand der Fussball in gewisser Weise auf derselben Ebene wie der Journalismus oder das Theater – ein Rahmen, ein Milieu, in dem Camus tun konnte, was er mit am meisten schätzte, nämlich in einem Kollektiv zu arbeiten, wo er so etwas wie menschliche Wärme und Brüderlichkeit vorfand: beim Satz und Umbruch mit den Autoren, Redakteuren und Setzern der Tageszeitung „Combat“, bei den Inszenierungen und Proben seiner Theaterstücke und die Stunden vor, während und nach dem Spiel als Torwart einer Fussballmannschaft. In diesem Zusammenhang schrieb er über den geliebten Club seiner Jugendjahre, „Racing Universitaire Algérois“:
“Unser Verein spielte klassisch, nach dem Lehrbuch, wie man so sagt und verlor selbst die Spiele, die er nun wirklich hätte gewinnen müssen. Dies soll sich nun ändern, so höre ich aus Algier, aber ich hoffe nicht zu sehr. Denn genau dafür habe ich schliesslich meine Mannschaft so geliebt. Nicht nur wegen des Siegestaumels, der umso herrlicher ist, wenn man die Erschöpfung nach der ganzen Anstrengung spürt, sondern auch wegen dieser Abende nach einer Niederlage, wenn einem zum Heulen zumute war.“
Fussballfan auf dem Dorf
Camus' Tochter, Catherine, unterstreicht heute noch gerne die Bedeutung, die der Fussball im Leben ihres Vaters hatte, spricht etwa über die Metapher vom Pass im Fussball, dieser Pass, der für Solidarität stehe und einem klar mache, dass man ohne den anderen rein gar nichts sei. Und sie erinnert sich daran, wie Camus in den letzten drei Jahren vor seinem Unfalltod, nachdem er mit dem Geld des Nobelpreises ein Anwesen im südfranzösischen Lourmarin erworben hatte, ein begeisterter Anhänger des örtlichen Fussballvereins wurde, dem er auch schon mal die Trikots bezahlte:
„Er war oft im Fussballstadion, hat die Jugendmannschaft von Lourmarin unterstützt. Es war ein Stadion mit einfachen Zementtribünen. Immer, wenn er hier im Süden war, ging er zu den Spielen und stritt mit den anderen Fans. Er hatte einen ganz besonderen Feind, den Fischhändler aus dem Nachbardorf Bonnieux, das muss ziemlich beeindruckend gewesen sein, sie haben sich richtig beschimpft. Er liebte den Fussball wirklich sehr.“
Camus und Zidane
Ob Albert Camus auch heute noch den Millionärsfussball unter seinen kommerziellen Auswüchsen lieben würde, sich etwa auf die Zuschauertribüne des Petrodollarclubs Paris Saint-Germain begeben würde, um das überdimensionierte Ego der arroganten Balltreter mit den dicken Bankkonten ertragen zu müssen, darf bezweifelt werden. Vielleicht wäre er aber trotzdem stolz, dass er seitens seiner Mutter spanischer Abstammung war und damit heute amtierender Fussballwelt- und Europameister wäre.
Und wirklich spannend wäre zu wissen, was der Algerienfranzose Albert Camus vor einigen Jahren wohl zum legendären Kopfstoss des von Kabylen abstammenden Zinédine Zidane, im Finale der Fussball - WM 2006, gesagt hätte. Der Camus, der einen ausgeprägten spanischen Stolz besass und über ein mediterranes Temperament verfügte, hätte diese Geste wohl gerechtfertigt. Der Camus, dem Hass ein Grauen war, der den Respekt von Regeln hochhielt und Werte wie Kameradschaft, Fair Play und Solidarität, hätte den berühmtesten Kopfstoss der Fussballgeschichte wohl verurteilen müssen.