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Obwohl die Autorin und Filmemacherin Xiaolu Guo von Paris oder New York träumte, fand sie in London ihre Freiheit. Aber auch eine Einsamkeit, die sie so in China nicht gekannt hatte.
WOZ: Xiaolu Guo, Sie sind in einem Fischerdorf im Süden Chinas bei Ihren Grosseltern aufgewachsen, die Analphabeten waren. Wie haben Sie zur Literatur gefunden?
Xiaolu Guo: Mein Vater, der ja lange im Gefängnis sass, war Maler und Poet. Als ich ungefähr fünfzehn Jahre alt war, hat er mir nach seiner Entlassung die westliche Literatur nahegebracht. Das erste Buch, das er mir gab, war «Der alte Mann und das Meer» von Ernest Hemingway. Er hatte auch Bücher von Walt Whitman. Wenn du in der Provinz aufwächst und kaum zu Informationen kommst, hat das wenige, das du hast, einen sehr starken Einfluss auf dich. Die Bücher von Hemingway und Whitman haben mich weggeblasen.
Trotzdem haben Sie ursprünglich nicht eine Karriere als Autorin angestrebt, sondern in Beijing die Filmschule besucht. Warum?
Ich bin eine snobistische Opportunistin (lacht). Mit neunzehn Jahren überlegte ich, welches Studium modischer sei. Ich befand: Die Literatur ist tot, das Theater ist auch tot – ich aber wollte etwas studieren, das Zukunft hat. Ich hätte nie Oper oder Malerei studieren wollen. Deshalb kam ich zum Film. Allerdings ist es sehr schwierig, in China eine Filmschule zu besuchen, wenn man kein Geld hat. Doch ich habe einen Stipendienplatz gewonnen, so kam ich nach Beijing in die Filmschule.
War es ein Kulturschock, als Sie aus der Kleinstadt am Meer nach Beijing kamen?
Ja, wobei ich dort auch endlich meinen Frieden fand – einen intellektuellen Frieden. Ich musste mich um nicht sehr viel mehr kümmern als um mich und meine Kunst.
Nach Ihrer Ausbildung gingen Sie nach London. Warum haben Sie gerade diese Stadt ausgewählt?
In China hast du keine Wahl! Alle Chinesen, die ihr Land verlassen, die nach Tasmanien, Alaska oder wohin auch immer gehen, wählen das Land nicht selber aus. Es ist vielmehr die Frage, von welchem Land du ein Visum oder ein Stipendium bekommst. Ich erhielt ein Stipendium für die National Film and TV School in London. Eigentlich träumte ich von Paris oder New York, aber dann landete ich in England. Zu Beginn war es sehr hart, doch dann fand ich zum ersten Mal in meinem Leben zu meinem eigenen Lebensstil und fand eine Freiheit, die ich so noch nie hatte: die Freiheit, die Welt zu sehen, oder die Freiheit, so spät nach Hause zu kommen, wie ich möchte.
In Ihren Büchern stellen Sie immer wieder diese individuelle Freiheit, die für Sie auch Einsamkeit bedeutet, dem Kollektivismus in China entgegen. Waren Sie in China auch einsam?
Ja. China ist zwar eine sehr kollektivistische Gesellschaft, und wenn du total konform zum System bist, fühlst du dich wohl nie einsam. Wenn du aber nicht konformistisch sein möchtest – dann bist du vom System verlassen und einsam und ohne jegliche soziale Bevorzugung. Diese Einsamkeit ist vielleicht ähnlich wie die Einsamkeit in der westlichen, individualistischen Gesellschaft, trotzdem unterscheidet sie sich auch. Hier sind beispielsweise die Familienstrukturen nicht so wichtig wie in China. Du kannst mit zwanzig das Elternhaus verlassen, ein Leben führen, eine eigene Identität finden, was gut ist, jedoch auch zu einer grossen Einsamkeit in der Welt führen kann. Da ich aus der chinesischen Kultur komme, bin ich in Europa auf doppelte Weise einsam.
Sie haben auch eine Familie in London: Seit drei Jahren sind Sie Mutter einer Tochter. Wie hat sich durch Ihr Kind Ihr Schaffen verändert?
Ich arbeite etwas weniger und habe einen weniger klaren Fokus. Auch schreibe ich langsamer. Ausserdem habe ich seit zwei Jahren keine Filme mehr gemacht, was eigentlich untypisch ist für mich. Denn in den Jahren, bevor meine Tochter auf die Welt kam, habe ich praktisch jedes Jahr einen Spiel- oder einen Dokumentarfilm realisiert. Nach der Geburt meiner Tochter merkte ich, dass ich momentan keine Filme mehr machen kann. Schreiben geht zum Glück. Und wenn ich an eine Lesung, eine Filmpräsentation oder ein Gespräch reisen muss, kommen mein Mann, der Philosophieprofessor ist, und meine Tochter einfach mit.
Sind Sie denn eine chinesische Tigermama?
Oh, meine Güte, das ist dieses Klischee, das diese dumme amerikanisch-chinesische Frau mit ihrem Buch «Battle Hymn of the Tiger Mother» geschaffen hat. Ich mag die Idee der Tigermutter, die ihre Kinder zu Superhelden trainiert, überhaupt nicht. Ich finde das unmenschlich, ja sogar faschistisch. Ich bin wohl eher die Hippiemutter, ich lasse meine Tochter einfach machen. Allerdings ist es schon so: Die Kinder in China wachsen in einer furchtbaren Situation auf. Da ist die Last der Schule sowie die Last von zu Hause, die auf sie drückt. Alles ist sehr schwer und der ganze Alltag stets auch ideologisch gewaschen. Sie können eigentlich gar keine Kinder sein und auch nie richtige Teenager, sondern sie wachsen auf und befinden sich sofort in der Midlifecrisis. Auch ich hatte keine Kindheit und war nie ein richtiger Teenager: Auch bei mir war das so. Ich habe immer unter viel Druck gelernt, gelernt, gelernt – und dann bin ich zum Glück aus China rausgekommen.
Mit «Stadt der Steine» schaffte Xiaolu Guo (42) vor zehn Jahren den literarischen Durchbruch in Europa und den USA. Im Roman erzählt die Filmemacherin und Autorin von ihrer Kindheit in einer Provinzstadt im Süden Chinas. Am 28. August 2015 um 13 Uhr liest Guo im Zürcher Toni-Areal aus ihrem neuen Buch «Ich bin China».