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«Xenakis plus» – Ensemble Phoenix Basel
Colloquium 48 je 18:30
Das Werk des griechischen Komponisten Iannis Xenakis ist ein wichtiger Pfeiler der Musik des 20. Jahrhunderts und hat seinen festen Platz in den Programmen des Ensemble Phoenix Basel. Das Duo «Oophaa» wurde 1989 erstmals aufgeführt. Jedoch hat Xenakis einen Cembalopart geschrieben, der für zwei menschliche Hände nur durch Oktavierung einzelner Töne spielbar ist. Das Werk kommt in diesem Konzert in einer Version für zwei speziell umgestimmte Cembali, die es erlaubt, die ursprüngliche Gestalt spielbar zu machen, zu seiner posthumen Uraufführung.
Weiterhin widmet sich das Programm drei Schweizer KomponistInnen, die mit Basel verbunden sind: Der in Nigeria geborene Hanspeter Kyburz unterrichtete Komposition an der Hochschule Basel, war Leiter des Elektronischen Studios Basel und wurde bekannt durch sein algorithmisches Kompositionsverfahren. Der in Basel lebende amerikanische Komponist Gerald Bennett hat bei Klaus Huber studiert und unterrichtete 1967–1976 an der Musikakademie Basel. Das Konzert schliesst mit einer Uraufführung der in Allschwil lebenden Komponistin Heidi Baader-Nobs, die bei Robert Suter und Jacques Wildberger in Basel Komposition studierte.
Mit dem Ensemble Phoenix Basel: Christoph Bösch (Flöte, Piccolo, Altflöte, Bassflöte); Antje Thierbach (Oboe, Englischhorn); Toshiko Sakakibara (Klarinette, Bassklarinette); João Carlos Pacheco (Schlagzeug), Ludovic Van Hellemont (Klavier), Friedemann Treiber (Violine), Petra Ackermann (Viola), Martin Jaggi (Violoncello), Aleksander Gabryś (Kontrabass), Christof Stürchler (Klangregie), Jürg Henneberger (Cembalo, Klavier, Musikalische Leitung)
Programm: Iannis Xenakis (1922–2001): «Oophaa» für Cembalo und Schlagzeug (1989, UA der Version für zwei Cembali in Scordatura und Schlagzeug von Jürg Henneberger, 2014), «Plektó» (1993); Hanspeter Kyburz (*1960): «Danse aveugle» (1996/97/2013); Gerald Bennett (*1942): «Sextett» (1998); Heidi Baader-Nobs (*1940): «Neues Werk» (UA, Auftragswerk)
Zum Programm
Iannis Xenakis
Geboren am 1. Mai 1922 als Sohn griechischer Eltern in Braila a. d. Donau (Rumänien). Zehn Jahre später kehrte die Familie nach Griechenland zurück, wo Xenakis eine Privatschule besuchte. Obwohl ihm eine starke Affinität zur Musik in die Wiege gelegt wurde, blieb diese doch nie seine einzige Leidenschaft. So entschied er sich, das Athener Polytechnikum zu besuchen. Nachdem Xenakis 1945 wegen seiner Widerstandsaktivitäten gegen die deutsche Besatzungsmacht inhaftiert und sogar zum Tode verurteilt worden war, konnte er sein Studium nach dem Krieg wiederaufnehmen, schloss 1947 mit dem Ingenieurdiplom ab und ging nach Paris, womit er Griechenland für immer verliess. Er war nun 25 Jahre alt – eigentlich höchste Zeit, eine Entscheidung für die Musik oder Naturwissenschaften zu treffen. Xenakis jedoch sah dies anders und bildete sich sowohl in Architektur als auch in der Musik unter anderem bei Olivier Messi-aen weiter. Er wurde der Assistent von Le Corbusier und entwarf mit ihm etliche Grossprojekte wie das Stadion von Bagdad. Allein nach seinen Plänen baute man 1958 den berühmt gewordenen, avantgardistischen Philips-Pavillon auf der Brüsseler Weltausstellung, den er auf Berechnungsgrundlagen einer seiner Kompositionen («Metastaseïs», 1955) entworfen hatte. Xenakis verstand es glänzend, Musik mit Naturwissenschaft, mit Mathematik, sogar mit Computerberechnung zu verbinden. Er prägte Begriffe wie „stochastische“ oder „strategische“ Musik und erklärte sich wie folgt: „Zum Universalismus gelangen wir nicht durch Religion, Emotion, Tradition, sondern durch die Naturwissenschaften; damit kommen wir aber ohne Anhaltspunkte, ohne allgemeingültige Gedanken zu nichts. Das wissenschaftliche Denken gibt mir ein Instrument an die Hand, in dem ich meine Vorstellungen nicht-wissenschaftlichen Ursprungs verwirkliche.“ Diese Ansicht ermöglichte den Brückenschlag zwischen Raum und Klang, zwei Gebieten, die bei Xenakis nicht zu trennen sind („Raumsymphonik“). Bis in die neunziger Jahre hinein noch kompositorisch tätig, starb Iannis Xenakis am 4. Februar 2001 nach langer Krankheit in Paris.
«Oophaa»
Das Duo für Cembalo und Schlagzeug «Oophaa» von Iannis Xenakis wurde in der Gestalt, die Xenakis es geschrieben hat, bis heute noch nie aufgeführt. Das hat spieltechnische Gründe: Xenakis schrieb einen Cembalo-Part, der für beide Hände aus dreistimmigen Akkorden besteht, die einen Umfang von bis zu einer Duodezime haben und aus diesem Grund wohl von keinem Cembalisten der Welt gegriffen werden können. Die gängige Praxis bis heute war, die Akkorde durch Oktavierung einzelner Töne für eine Hand spielbar zu machen. Das scheint pragmatisch auf den ersten Blick die einzige Lösung zu sein, aber vom kompositorischen Standpunkt aus gesehen ist es absolut unzulässig, da dadurch die Struktur und Harmonik des Werks zerstört wird. Denn Xenakis legte der Komposition zwei nicht-oktavierende Reihen zugrunde, die natürlich nicht mehr erkennbar sind, wenn einzelne Töne in einer „falschen“ Oktavlage erklingen. Mein erster Lösungsversuch für das Konzert des „Ensemble Phoenix Basel“ vom 17./19.12.2005 (am Schlagzeug: Daniel Buess) ist gescheitert, weil die Idee, jeden (für mich) unspielbaren Akkord, der im Stück vorkommt, mittels eines Holzbalkens mit drei Gummikeilen, der auf die Tasten gelegt wird, zu spielen, nicht durchführbar war. Ich habe mich dann entschieden, das Stück mittels Playback-Verfahrens wenigstens in der Originalgestalt hörbar zu machen, was natürlich nur eine Notlösung war. Ich habe danach weiter geforscht und bin nach monatelangen Versuchen tatsächlich zu einer Lösung gekommen, die das Werk aufführbar macht. Ich machte mir dabei die Tatsache zunutze, dass im ganzen Stück nur ein genau definiertes Repertoire an Akkorden verwendet wird und dadurch einige Töne im ganzen Stück nicht vorkommen, resp. die entsprechenden Tasten nie benutzt werden. Ohne genau ins Detail zu gehen: es ist mir tatsächlich gelungen, ein Scordatura-System zu finden, mit Hilfe dessen das Werk auf zwei Cembali (das zweite Cembalo ist für den Mittelteil notwendig, der auf einer anderen Reihe aufgebaut ist als der Anfangs- und Schlussteil) spielbar zu machen. Das würde bedeuten, dass es am 20./21.2.2020 meines Wissens nach tatsächlich zu einer posthumen „Uraufführung“ dieses Stücks kommt.
Jürg Henneberger
«Plektó»
Iannis Xenakis, der bekanntlich von der Architektur herkam, befasste sich während seiner ganzen Schaffenszeit mit der räumlichen Komponente der Musik. Strukturen aus der Architektur werden auf die musikalischen Parameter übertragen und auf ihre Raumwirkung geprüft. Xenakis’ Musik gehört mitunter zum Kompromisslosesten, was die Musik des 20. Jahrhunderts zu bieten hat: Seine Musik ist geprägt von nahezu brachialer Konsequenz, ohne auf die Schwachpunkte oder Eigenarten einzelner Instrumente einzugehen. Interpreten und Publikum können sich dieser energiegeladenen Atmosphäre nahe des „Zerreisspunktes“ nicht entziehen. Der Titel «Plekto» (Flechte) bezieht sich auf die rhythmisch-polyphone Struktur des Werks.
Heidi Baader-Nobs
Geboren 1940 in Delémont. Ausbildung als Lehrerin an der Ecole Normale in Delémont, anschliessend berufsbegleitendes Studium der Musiktheorie und Komposition bei Robert Suter und Jacques Wildberger.
Erste Arbeiten mit seriellen Techniken.
Nach einem mehrjährigen Unterbruch – Betreuung der Familie (drei Kinder) – Wiederaufnahme der kompositorischen Tätigkeit dank der Förderung und Ermutigung durch Kollegen und Freunde.
Lebt in Allschwil.
Ab 1976 werden die Kompositionen vor allem durch die graphische Form bestimmt. Es sind akustische Verwirklichungen graphischer Vorstellungen.
«Ballade»
Ballade heisst auf Französisch Spaziergang.
Am Anfang des Stückes bewegt sich jede Stimme auf einer eigenen Spur, mit einer eigenen Geschwindigkeit und einer eigenen Klangfarbe. Nach und nach nähern sich die Stimmen einander. So entstehen vorübergehend Duette oder mehrstimmige koordinierte Bewegungen. Im Zentrum des Stückes wird die Musik immer dichter und zähflüssiger. Gegen das Ende werden die Protagonisten wieder eigensinniger. Die Stimmen gehen auseinander und verschwinden schliesslich in alle Richtungen.
Heidi Baader-Nobs
Gerald Bennett
Geboren 1942 in New Jersey (USA), Studium an der Harvard-Universität, Kompositionsstudien bei Klaus Huber in Basel 1964-1967. Dozent für Musiktheorie und Komposition am Konservatorium Basel 1967-1976, Leiter des Konservatoriums 1969-1976. 1976-1981 Abteilungsleiter IRCAM (Paris). 1981-2007 Dozent für Musiktheorie und Komposition Zürcher Hochschule der Künste ZHdK. 1985 Mitbegründer des Schweizerischen Zentrums für Computermusik, 2005 Mitbegründer des Institute for Computer Music and Sound Technology der ZHdK. Kompositorisches Œuvre zu gleichen Teilen für Instrumente und elektroakustische Mittel. Zahlreiche Publikationen.
«Sextett»
In meinem Sextett von 1998 freue ich mich über sechs besonders schöne Instrumente und über die Virtuosität ihrer Spieler. Tempowechsel und immer rascheres Spiel gliedern das Stück. Oft belastet eine Bedeutungsschicht meine Kompositionen. Hier jedoch herrscht einzig Spiel- und – wie ich hoffe – Hörfreude.
Gerald Bennett
Hanspeter Kyburz
Hanspeter Kyburz wurde 1960 in Lagos/Nigeria als Sohn Schweizer Eltern geboren. 1980 begann er sein Kompositionsstudium zunächst in Graz bei Andrzej Dobrowolsky und Gösta Neuwirth, von 1982 bis 1990 bei Gösta Neuwirth und Frank Michael Beyer an der Universität der Künste in Berlin und anschliessend bei Hans Zender in Frankfurt. 1990 erhielt er den Boris Blacher Preis, wurde 1990/91 Stipendiat der „Cité Internationale des Arts“ in Paris und begann seine Mitarbeit bei den Insel-Musik-Konzerten in Berlin. Sein Studium der Musikwissenschaft sowie der Philosophie und Kunstgeschichte schloss Kyburz 1991 mit Erlangung des Magistertitels ab. 1994 erhielt er den Schneider-Schott-Preis und 1996 den Förderpreis der Akademie der Künste Berlin. An elektronischen Studios in Deutschland, Österreich und der Schweiz hielt Kyburz Vorträge; 1996 wirkte er als Gastdozent im Rahmen der Basler Komponistenwoche mit. Seit 1997 ist Kyburz Professor für Komposition an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin.
«Danse aveugle»
Grob gesagt, lässt sich diese Komposition als Bogenform beschreiben. Sie ist mit ständig zunehmenden Elementen gebaut, die ins Extreme gedrängt werden, bis ihr Kollaps durch das Stoppen und die Lücken angekündigt wird. Diese Bogenform ist das Resultat einer komplexen Komposition, die sich an einem Prozess orientiert. Wie gewohnt, hat Kyburz in seinem kreativen Prozess ausgiebig algorhythmische und fraktale Elemente verwendet. Der Computer ist ihm dabei nicht nur ein Werkzeug, das ihm bei der exakten Formulierung seiner Ideen hilft, sondern ihm auch erlaubt, Tests durchzuführen und Prototypen zu erschaffen. Diese Art des Arbeitens entspricht eher der Anwendung spezifischer Regeln als der traditionelleren Entwicklung von Motiven und Themen mittels Veränderungen, Wiederholungen und Kontrasten. Daraus resultiert die Möglichkeit, eine Grossform aus isolierten Komponenten zu erzeugen. Wenn man dieser Entwicklung folgt, lassen sich verschiedene Formen wiederholter Komponenten, die Bewegung des Hintergrunds in den Vordergrund und umgekehrt beobachten. Kyburz’ algorhythmisches und fraktales Konzept schafft eine baumähnliche Struktur, bei der die Beziehung zwischen Makro- und Mikrostruktur klar herausgestellt wird. Jedes Mal, wenn eine Komponente wiederholt wird, hat sie ihr eigenes Timbre, das die Form beleuchtet, während die Oszillation zwischen dem Hinter- und Vordergrund eine suggestive Desorientierung und einen unablässigen Wechsel der Perspektive verursacht. Diese musikalische Situation, diese Verschiebungen von vorne nach hinten könnten mit den Wirkungen von plötzlichen Kamerabewegungen verglichen werden. All dies wirft ein Licht auf die Bedeutung des Titels, die sich gegen radikal konstruktivistische Theorien wendet und die Absurdität, die einem komplexen System immanent ist, betrifft.
Sabine Saino
(Übersetzung: René Karlen)
Alle Termine
Do 20.02.20 20:00
Fr 21.02.20 20:00
Ermässigungen Abendkasse
5.– Stud. Musikwiss. Uni Basel + HfM FHNW
0.– Refugees