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Amnesty International: Gab es einen Schlüsselmoment in Ihrem Leben, der Sie dazu bewogen hat, sich in Nichtregierungsorganisationen zu engagieren?
Salil Shetty: Angesichts meines familiären Hintergrunds wäre alles andere sehr seltsam gewesen. Meine Mutter war Anwältin und engagierte sich in der Frauenbewegung. Mein Vater ist Journalist und sehr aktiv in der Dalit-Bewegung. Unsere Telefongespräche wurden ständig abgehört, Polizisten überwachten unser Haus und mein Vater wurde mehrmals festgenommen. Ich wuchs in einer turbulenten Zeit in Indien auf. 1976 wurde der Ausnahmezustand ausgerufen, das einzige Mal in Friedenszeiten seit der Unabhängigkeit. Später war ich Präsident der Studentenvereinigung an der Universität, eine Zeit voller Proteste und Widerstand gegen Ungerechtigkeit. Wer meinen Hintergrund nicht kennt, könnte annehmen, mein Engagement würde sich nur auf wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte beziehen, weil ich mich beruflich mit Armut befasst habe. Mein Einstieg in die Menschenrechtsarbeit betraf aber bürgerliche und politische Rechte.
Sie waren Vorsitzender von ActionAid. Erzählen Sie uns bitte etwas über Ihre Arbeit dort.
Ich arbeitete zunächst in Asien und Afrika. Während dieser Zeit erfuhr ich hautnah, wie Menschen in sehr armen, abgelegenen und ausgeschlossenen Gemeinschaften leben. Ich verbrachte viel Zeit in Dörfern und Armenvierteln. Anschliessend zog ich nach Grossbritannien und arbeitete viel in Europa. Es waren meine erste Erfahrungen auf internationaler Ebene. Ich leitete ausserdem zum ersten Mal eine grosse Organisation mit etwa 2'000 MitarbeiterInnen und PartnerInnen in 40 Ländern.
2003 wurden Sie zum Direktor der Millenniumskampagne der Uno ernannt, deren Ziel es ist, weltweit Menschen und Institutionen dazu anzuregen, sich für die Millenniums-Entwicklungsziele einzusetzen. War diese Arbeit erfolgreich?
Es gab einige konkrete Erfolge, wie zum Beispiel die Erhöhung der Entwicklungshilfe der reichen Länder zwischen 2003 und 2008 sowie einen Schuldenerlass für etwa 35 Länder. Dies lässt sich zwar nicht allein auf die Kampagne zurückzuführen. Sie hat jedoch ihren Beitrag dazu geleistet. Wir haben von Anfang an gesagt, dass Veränderungen auf nationaler Ebene und erst recht auf lokaler Ebene stattfinden müssen. Politiker handeln erst, wenn sie den Druck ihrer Wähler spüren. Deshalb ist unsere Vorgehensweise auch von unten nach oben gerichtet. So nahmen zum Beispiel an unserer Aktion «Stand Up and Take Action» im vergangenen Jahr 173 Millionen Menschen teil und forderten die Umsetzung der Millenniums-Entwicklungsziele. Dem Guinnessbuch zufolge war dies die grösste Bewegung zur Bekämpfung der Armut. Am interessantesten sind jedoch die Bündnisse, die auf nationaler und internationaler Ebene entstanden sind. Unter dem Dach der Kampagne kamen Nichtregierungsorganisationen, religiöse Organisationen und Gewerkschaften sowie einige eher ungewöhnliche Partner wie Medien, Lokalregierungen und -parlamente zusammen. Dies war eine einzigartige Erfahrung.
Wie unterscheidet sich Ihre bisherige Arbeit von der bei Amnesty International?
Auch wenn meine gesamte bisherige Arbeit einen Menschenrechtsansatz hatte, unterscheidet sich Amnesty International dennoch durch die viel konsequentere Konzentration auf Menschenrechte. Die Themen sind zwar dieselben, der Blickwinkel ist jedoch ein anderer. Hier habe ich viel zu lernen. Ein weiterer grosser Unterschied liegt in der Kultur und Geschichte der Organisation, die einen Grossteil der Arbeit definieren. Amnesty International ist im Gegensatz zu ActionAid eine demokratische Mitgliederorganisation.
Was kann Amnesty International zur Armutsbekämpfung beitragen?
Alle Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit sprechen heute von «menschenrechtsbasierter» Entwicklung. Amnesty International steht vor der umgekehrten Herausforderung, nämlich zu verstehen, wie Menschenrechte auf die Entwicklung angewendet werden können.
In der Praxis ist es nicht besonders sinnvoll, zwischen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechten auf der einen Seite sowie politischen und bürgerlichen Rechten auf der anderen Seite zu trennen. Denn es sind die selben Personen, deren verschiedene Rechte verletzt werden. Wir müssen in unserer Arbeit aber von den Bereichen ausgehen, in denen Amnesty International stark ist, wie etwa das Recht auf Information oder die Einklagbarkeit von Rechten. Amnesty International kann zum Beispiel Möglichkeiten erarbeiten, wie einklagbare Rechte auch für jene Bevölkerungsschichten Realität werden, die in Armut leben.
Welche Rolle sollten die Mitglieder und UnterstützerInnen übernehmen?
Die 2,8 Millionen Mitglieder mit ihrem enormen Potenzial, Druck von unten zu erzeugen, waren für mich ein ausschlaggebender Grund, zu Amnesty International zu kommen. Sie verleihen Amnesty Gewicht, und dies muss so bleiben. Mir ist bewusst, dass nicht alle Mitglieder und Unterstützer unserer Organisation Aktivisten im engeren Sinne werden möchten. Doch die Sektionen haben vielfältige und kreative Wege entwickelt, um allen die Möglichkeit zu geben, aktiv zu werden.
Welches sind derzeit die zentralen Herausforderungen an den Menschenrechtsschutz?
Seitdem ich begonnen habe, mich mit einer möglichen Mitarbeit bei Amnesty International zu befassen, ist mir mehr und mehr bewusst geworden, dass die Missachtung der bürgerlichen und politischen Rechte nach wie vor ein massives Problem darstellt. Ähnlich wie im Bereich Armut gibt es auch auf diesem Gebiet noch immensen Handlungsbedarf. Deshalb wird Amnesty International auch in den kommenden Jahrzehnten mehr denn je gebraucht werden.