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Über Metromomangaben lässt sich bekanntlich streiten. Das Metronom ist ein gutes Hilfsmittel, welches aber oft auch Kopfzerbrechen bereiten kann.
Beispiele gefällig?
Der ertaubte Beethoven hinterliess aus physiologischen Gründen eine ganze Reihe von viel zu schnellen Angaben, Bartok notierte peinlich genau, sein Taschenmetronom (eigentlich nur ein Pendel!) war aber unzuverlässig, technisch schwache Pianisten finden die Metronomangaben bei Chopins Etüden stets zu schnell, Schumann wechselte zwischen höchst interessanten Hinweisen (im Klavierkonzert, wird nie befolgt, sollte aber!), oder aber auch reinem Quatsch wie in der rasenden Träumerei aus den Kinderszenen. Und zum Schluss Yannis Xenakis mit seinem Klavierstück „Evryali“, das nicht nur hinsichtlich des Tempos absolut unmöglich zu realisieren ist.
In einigen von diesen berühmten Präzedenzfällen darf und muss man von den Vorgaben abweichen.
Dass jeder Komponist und jedes Werk in diesem Sinn individuell beurteilt werden muss, erleichtert die Aufgabe nicht. Man darf sich nicht wundern, dass es gerade bei Metronomzahlen oft Fundamentalisten im Respektieren oder Ignorieren gibt. Unrecht haben beide Seiten.
Also, wie steht es denn um den berüchtigten Metronomverbrecher Charles-Valentin Alkan?!
Seine Angaben sind legendär: In „Festin d’Esope“ Op.39,12 Variation XVII sind es in der rechten Hand 16,8 Anschläge pro Sekunde. Es ist extrem schnell, wahnwitzig schnell, an der Wahrnehmungsgrenze des Hörvermögens (16-17 Töne pro Sekunde). Var. XVIII kombiniert das zudem mit einer mühseligen, fast unkontrollierbaren Figur in der linken Hand.
Leider ist es somit am Limit der Fingerfertigkeit.
Ich gebe zu, dass dies (Üben vorausgesetzt) bei mir nur an „guten“ Tagen klappt, normalerweise ist bei 112 irgendwo Schluss. Im Konzert spielt man dann mit Adrenalin ohnehin etwas schneller. Glücklicherweise ist meine eigene CD-Aufnahme (ab Ende nächstes Jahr erhältlich) bei ungefähr 120 angekommen.
Selbstredend zerstört es die Komposition, wenn man das Tempo der Schwierigkeit der Variationen anpasst. Alkan schreibt bezüglich des Tempos: „Senza licenza quantunque“. Klarer lässt kann man den Interpreten kaum heimleuchten!
Die oft etwas dümmliche (damit-ich-nicht-üben-muss) die-Musik-spüren-Ausreden-Frage „was denn musikalisch notwendig sei“ lässt sich nur damit beantworten, dass der Pianist hier auf der Stuhlkante sitzen und schwitzen muss.
Ein wichtiger Punkt: Alkans Musik funktioniert nur a Tempo. Seine Temposkala ist von langsam bis rasend schnell vollständig, Ausreden und Abweichungen sind kaum erlaubt.
Ein anderes Beispiel:
„Le chemin de fer“ Op.27
Es wurde diskutiert, dass das Tempo in diesem Fall halbiert werden müsse. Die Eisenbahn hatte brachte es damals ja nur ca. 30 kmh… (Auf die unsinnige metrischen Theorie von Retze Talsmas – Halbierung der Tempi – gehe ich an dieser Stelle nicht ein. Dies würde ebenso bedeuten, dass Czernys Etüden in mühsam halben Tempo gespielt werden sollten, ein totaler Unfug!)
Abgesehen von den langsameren psychologischen Tempovorstellungen der Menschen im 19.Jahrhundert, erreichten die Eisenbahnen talabwärts sicher auch höhere Tempi.
Auch in kleinen Stücken werden wir gern überrascht: „Agitatissimo“ Op.38,5 fordert Halbe = 84, mit 16tel Triolen. Kein Wunder dass der Zyklus kaum je ganz gespielt wird.
Die gute Jacqueline Mefano ersetzt das fehlende Tempo durch pseudo-expressive Nuancen. Ein leider durchgehender Schwachpunkt ihrer Gesamtaufnahme der „Chants“.
Nun zum Rekord!
Mein diebezüglicher „Liebling“ bleibt diese Etüde. Mit der Vortragsbezeichnung „assottigliato“ (in etwa „dünn/dünner“)weht der Wind zunächst mit 16 Anschlägen pro Sekunde. Achtel = 160!
Auf Seite 3 kommen die 64tel Noten, 21.33 Noten pro Sekunde, unmöglich…
Nun, es ist nicht das grösste Meisterwerk Alkans. Ab Seite 3 muss man sich irgendwie durchmogeln um den gewünschten Effekt zu erreichen. Dies geht nun auch mir zu weit, glücklicherweise ist es nicht mein Lieblingsstück daher lasse ich die Finger davon. Immerhin, den Eintrag im Guinness-Buch wäre Alkan damit fast sicher.
Kurz und bündig: Alkans Musik lebt nicht zuletzt von der spürbaren Anspannung des Interpreten, wie auch die Etüden von Chopin oder Ligeti. Selbst wenn die Metronomzahlen nicht ganz erreicht werden, ist der Versuch dorthin zu gelangen notwendig. Das Hochseil muss ohne Sicherung überquert werden.
Wie der Alkan-Spezialist Raymond Lewenthal sagte: „Wenn sie es zu schnell finden, so ihre Finger zu langsam“.
Natürlich erwarte ich hier erheblichen Widerspruch, ich erlaube mir daher als Bekräftigung einen Ausspruch von Wolfgang Amadeus Mozart beizufügen:
„[Tempo ist] das nothwendigste und härteste und die hauptsache in der Musique.“
In einem Brief vom 24. Oktober 1777.
Alles klar?!
Januar 2014, JJS