Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03471.jsonl.gz/254

mehr
Gesänge eingeschoben und profanes Beiwerk in Menge hinzugefügt; auch die Volkssprache zeigt sich hier und da in Phrasen und ganzen Versen. Diese Dramen schließen sich alle an das Alte oder Neue Testament an (Mysterien) oder behandeln heilige Geschichten (Mirakel); die ältesten uns erhaltenen in gemischter Sprache [* 2] (drames farcis) sind aus dem 12. Jahrh.: die Mysterien von Adam (hrsg. von Luzarche, Tours [* 3] 1854), von Daniel, von den klugen und thörichten Jungfrauen;
aus dem 13. Jahrh.: die Mysterien von den drei Marien und zwei Fragmente von der Leidens- und Auferstehungsgeschichte.
Allmählich jedoch machte sich das Drama von der Kirche los, wählte öffentliche Plätze als Bühnen und wurde die Lieblingsdomäne der Trouvères und Ménestrels, unter deren Händen es in der folgenden Periode ganz weltlich wurde. Dieser Umschwung läßt sich schon beobachten in den beiden Mirakeln oder Jeux aus dem 13. Jahrh.: »Li jus de saint Nicholai« von Jean Bodel und »Miracle de Théophile« von Rutebeuf. Ganz weltlich dagegen sind die Anfänge des Lustspiels, welches aus den Dits, Disputes, Jeux-partis, Pastourelles etc. entstand und in seiner einfachsten Form nichts weiter war als recitierter Dialog. Hier ist vor allen der Trouvère Adam de la Halle (gest. 1286) zu nennen, dessen Dichtungen: »Li jus Adan ou de la feuillée« (ca. 1262) und »Li gieus de Robin et Marion« (ca. 1284),
ein anmutiges Schäferspiel, lange Zeit beliebt waren. Zu letzterm galt »Li jus de Pélerin« (von einem Ungenannten) als Vorspiel. Die Allegorie und der lehrhafte Ton, der bald alle naive und frische Begeisterung ertöten sollte, sind auch schon in diesem Zeitraum nachzuweisen: »Le [* 4] dispute de Pierre de la Broche contre la fortune par devant reson« (ca. 1270) ist eine Art politischer Moralität.
Vgl. Duméril, Origines littéraires du théâtre moderne (Par. 1849);
Coussemaker, Drames liturgiques du moyen-âge (Rennes 1860);
Montmerqué und Michel, Théâtre français du moyen-âge (Par. 1839);
L. Gautier, Origines du drame chrétien (im Journal »Le Monde« 1872).
Das 14. und 15. Jahrhundert.
In der epischen Poesie, wo das überfeinerte Rittertum und die vage, märchenhafte Natur des bretonischen Sagenkreises überwucherten, war gegen Ende des 13. Jahrh. eine Versumpfung eingetreten: es fehlte an frischem natürlichen Schwung, die scholastische Gelehrsamkeit gefiel sich in allegorischen Abstraktionen, und das erwachte Selbstgefühl des Bürgertums und der satirische Geist seiner Poesie äußerten sich in Parodien und Karikaturen gegen das zusammenbrechende Mittelalter.
Die epischen Gedichte werden entweder umgeformt und erweitert (fast überall tritt der Alexandriner ein), oder die Stoffe werden kombiniert und encyklisch bearbeitet, z. B. »L'entrée en Espagne« von Nicolas von Padua, [* 5] »Charlemagne« von Girard von Amiens, [* 6] »Perceforest« u. a. Oft sind es Aufzählungen einer unendlichen Reihe von fabelhaften Ereignissen; so muß Perceforest 400 Jahre leben, um alle ihm zugeschriebenen Abenteuer bewältigen zu können. Im 15. Jahrh. werden viele Gedichte in Prosa übersetzt und zwar im Geist eines frivolen, spottsüchtigen Bürgertums, wodurch sie jede Ähnlichkeit [* 7] mit den alten Heldengedichten verlieren.
Mit dieser Umwandlung endet die epische Poesie des Mittelalters, und nur spärliche Reste haben sich durch die »Bibliothèque bleue« in die Volksbücher unsrer Zeit hinübergerettet. Viel früher waren die Fabliaux und Contes prosaisch bearbeitet worden, und hier ist der Ursprung des Prosaromans und der Novelle zu suchen, für welche die zwei Jahrhunderte lang aufgespeicherte Masse von ernsten und heitern, ritterlichen und volkstümlichen, kriegerischen und galanten Geschichten eine unerschöpfliche Fundgrube war.
Einige, und zwar die schönsten, stammen schon aus dem 13. Jahrh. und sind enthalten in den »Nouvelles françoises en prose du XIII. siècle« von Moland und d'Héricault (Par. 1856),
z. B.: »Amis et Amile«, »Le roi Flore et la belle Jehanne«, die liebliche, zum Teil dramatisch belebte, zum Teil gesungene Erzählung von »Aucassin et Nicolete« (hrsg. von Suchier, 2. Aufl., Paderborn [* 8] 1881),
die »Comtesse de Ponthieu« u. a. Im 14. Jahrh. verliert der Roman die natürliche Anmut, die den Reiz jener Erzählungen bildet; die Phantasie erschlafft, und unter den Einwirkungen des langen Kriegs verwildern Sitte und Sprache. Drei Romane aus dieser Zeit finden sich gedruckt in den »Nouvelles françoises du XIV. siècle« von Moland und d'Héricault (1858): »Légende d'Assenath«, »Histoire de Foulques Fitz Wasin« und »Troïlus«. Der italienische Einfluß, der sich in dem letztgenannten bemerklich macht, überwiegt in den Schriften von Antoine de La Salle (15. Jahrh.),
einem Burgunder, der am Hofe von Neapel, [* 9] in Burgund und Flandern gelebt hat. Von ihm ist der Roman »Chronique du petit Jehan de Saintré« (1459),
der »Télémaque« dieser Epoche trotz der ironischen Färbung des Schlusses; auch ist er wohl der Redakteur der berühmten »Cent Nouvelles nouvelles« (zwischen 1456 u. 1461), deren Autoren eine Anzahl großer Herren sind, die sich um den Dauphin von Frankreich, den künftigen Ludwig XI., auf Schloß Genappe versammelt hatten. Der Prinz galt auch lange für den Verfasser dieser mit viel Anmut und Feinheit, aber frivol und sogar cynisch geschriebenen Novellen, in denen neben Stoffen aus Poggio und Boccaccio zumeist zeitgenössische Anekdoten behandelt sind; allein die Vorzüge des Stils und der glänzende Witz weisen auf La Salle hin.
Auch in der lyrischen Poesie ist der Schwung erlahmt und die Phantasie vertrocknet; auch hier mischt sich die Pedanterie hinein mit ihren moralisierenden Allegorien und spitzfindigen Künsteleien, und die Verskunst wird zum kindischen Spiel mit Worten und Reimen. Die bevorzugten Formen sind der Chant royal und die Ballade; ersterer zum Ruhm Gottes und der Jungfrau gesungen und von den litterarischen Gesellschaften (Puys de palinods, Chambres de rhétorique, Cours d'amour etc.) auf den Sängerkämpfen meist mit dem Preis ausgezeichnet, während die Ballade kürzer und anspruchsloser ist.
Dazu kommen die Rondeaux, Lais, Virelais, Chansons, Serventois, Dits, Pastourelles etc., deren Bau immer schwieriger, deren Rhythmus immer komplizierter wird. Eine interessante Sammlung ist »Le livre des Cent Ballades« vom Ende des 14. Jahrh. Die Zahl der Dichter ist groß; die besten Namen sind: Guillaume Machaut, Eustache Deschamps, J. ^[Jean] Froissart, Christine de Pisan, Alain Chartier, Jehannot de Lescurel. Die schrecklichen Leiden, [* 10] die der 100jährige Krieg mit England über Frankreich brachte, begeisterten das patriotische Gefühl zu einigen Gesängen, die an die beste Zeit der epischen Poesie anklingen (»Le combat de Trente Bretons contre Trente Anglais«, 1350, und eine gereimte Chronik über Bertrand Duguesclin, 1384), und zu Kriegs- und Vaterlandsliedern, zu denen außer den oben genannten auch Karl von Orléans, [* 11] Martial d'Auvergne, Villon, wohl auch Olivier Basselin (gest. 1418) beitragen. Der Name des letztern knüpft sich an ¶
mehr
eine Sammlung von Volksliedern (»Vaux-de-Vire« genannt),
die jedoch erst später verfaßt worden ist, während einige von Basselins und seiner Genossen Gedichten sich wohl in den »Chansons normandes du XIV. siècle« (hrsg. von Gasté, Caen 1866) erhalten haben. Das 15. Jahrh. weist zwei Lyriker von hervorragender Bedeutung auf: Karl von Orléans (gest. 1465) und Fr. Villon (gestorben um 1480); der erste ein fürstlicher Sänger, fein, elegant, der Vertreter der höfischen Poesie; der andre ein Volksdichter, kühn, genial, oft cynisch und frech, das Muster eines verbummelten Studenten und Landstreichers. Diesem steht am nächsten Guillaume Coquillart (gest. 1510) mit seinen frivol-burlesken, meist satirischen Gedichten (hrsg. von d'Héricault, 1857), während Octavien de Saint-Gelais (gest. 1502) mit seiner glatten, moralisierenden Gelegenheitsdichtung und seiner Vorliebe für Allegorie zu den höfischen Dichtern gezählt werden muß.
Einen neuen Mittelpunkt fand die Poesie in Flandern, am Hof [* 13] des mächtig aufblühenden burgundischen Reichs; dort sammelte sich eine Dichterschule, die durch rhetorischen Schwulst und pedantische Gelehrsamkeit zu glänzen suchte, und deren Hauptvertreter Georges Chastelain, Jean Molinet und Jean le Maire (genannt »les grands rhétoriqueurs«) sind; sie fanden zahlreiche Schüler und sind als die Vorläufer der »Plejade« zu betrachten. Doch erfreute sich in Frankreich die Manier, feine und leichte, lustige und bissige Gedichte zu fabrizieren, worin z. B. Martial d'Auvergne, Henri Baude und Jean Marot sich auszeichneten, trotzdem einer größern Beliebtheit; interessante Proben dieser frischen Poesie bieten die Sammlungen: »Chants populaires du XV. siècle« von G. Paris [* 14] (Par. 1875) und »Französische Volkslieder«, zusammengestellt von M. Haupt (hrsg. von A. Tobler, Leipz. 1877). -
In dieser Zeit des Niedergangs der Poesie ist die didaktische Dichtung schwer von der lyrischen zu trennen; bei vielen Dichterlingen bestand die Lyrik ja nur aus langweiligen, lehrhaften Erörterungen. Mit Vorliebe erging man sich in einem breit-moralisierenden und platt-satirischen Ton;
am meisten sagte der scholastisch-dialektischen Gelehrsamkeit die Allegorie zu.
Der größte Teil der hierher gehörigen Schriften ist noch ungedruckt, und nur wenige verdienen eine Erwähnung, wie: »Le miroir de mariage« von Eustache Deschamps;
die »Dits moraux« oder »Enseignements de Christine à son fils« von Christine von Pisan, welche sogar der königlichen Familie Ermahnungsschriften zukommen ließ;
»Le bréviaire des nobles« von Alain Chartier;
»Les trois pélerinages« von Guillaume de Guilleville;
die moralisierten Metamorphosen Ovids von Philipp von Vitry u. a.
Den volksmäßigen Charakter trug am meisten in dieser Periode die dramatische Poesie. Die Mysterien und Mirakel nahmen nach und nach mehr weltliches Element in sich auf, verlegten ihre Bühne auf Straßen und öffentliche Plätze, gingen aus den Händen der Geistlichkeit in die der Laien über und dienten dem Volk bald mehr zur Kurzweil als zur Andacht. Mit der Mitte des 15. Jahrh. hörte auch hier die ursprüngliche Einfachheit auf: die Stoffe werden encyklisch verarbeitet, schwellen übermäßig an und werden prächtiger inszeniert;
realistische Einschaltungen und possenhafte Zwischenspiele nehmen allmählich überhand, und es gab Mysterien, die wochenlang dauerten, bei welchen Hunderte von Menschen thätig waren und ganze Städte und Provinzen das Publikum bildeten.
Während diese Darstellungen ihre Stoffe aus der Bibel [* 15] und Heiligenlegende entlehnten, behandelten die Farces, Soties und Moralités nur weltliche Stoffe. Die Farcen, welche auch die Dits, Débats, Disputes, Monologues, Dialogues, Sermons joyeux etc. mit umfassen, ziehen die Schäden und Gebrechen des sozialen Lebens, besonders das Lächerliche, vor ihr Forum; [* 16] sie versteigen sich in ihren übermütigen, derben Scherzen nicht selten bis zur Schamlosigkeit. In den Sottien tritt eine Gesellschaft von Narren auf, mit Eselsohren und Schellenkappe, die im Vertrauen auf das Privilegium der Narrheit: »ridendo dicere verum«, oft recht ernste und wichtige Dinge behandeln;
ihre Lieblingsthemata waren politische.
Doch wirkte das Einerlei ihrer Figuren ermüdend; es waren immer dieselben Masken, [* 17] immer dieselben Personen und Attribute, der »Prince des sots« meist die Maske für König und Staat, die »Mère sotte« für Kirche und Geistlichkeit etc. Das Interesse des Publikums knüpfte sich bald nur noch an die Pantomimen und Grimassen, und damit verlor die Sottie ihre Bedeutung. Die Moralitäten sind ebenfalls politisch; auch sie wollen die Wunderlichkeiten und Thorheiten der menschlichen Gesellschaft heilen, aber sie sind dabei ernsterer Natur und haben eine moralisierende Tendenz; sie machen den ausgiebigsten Gebrauch von der Allegorie, die naturgemäß schon in der Sottie eine große Rolle spielt. Blut und Leben, Leidenschaft und Charakter fehlten auch ihnen, und Hohlheit und Langweiligkeit waren ihre schlimmsten Gebrechen. Alle diese dramatischen Gattungen gehen leicht ineinander über; häufig ist eine Sottie nichts weiter als eine von Narren aufgeführte Moralität; auch für die Pastorales und Bergeries (Hirten- und Schäferspiele), welche sich hier und da finden, ist eine strenge Abgrenzung nicht durchgeführt worden.
Dies sind die dramatischen Formen, in denen das ausgehende Mittelalter seinen Geist und seine Sitten zum Ausdruck brachte. Hundert Jahre lang, von der Mitte des 14. bis zu der des 15. Jahrh., wütete der schreckliche Krieg mit England; aber das geistige Leben der Nation ruhte nicht. Wie um Vergessen von seinen Drangsalen zu suchen, strömte das Volk zu den großen Festen, an denen die Leidensgeschichte und Auferstehung des Heilands dargestellt wurde; überall bildeten sich litterarische Gesellschaften, die den kunstvollen Gesang pflegten oder mit übermütigen Possen Not und Jammer der Zeiten zu übertönen versuchten.
Als aber der Friede gesichert war und Frankreich mächtiger denn je dastand, da brach eine lange glückliche Zeit an, die bis zur Mitte des 16. Jahrh. dauerte, und in der das geistige Leben einen gewaltigen Aufschwung nahm und besonders die dramatische Kunst eifrig gepflegt wurde. Unter den litterarischen Gesellschaften, welche sich überall zusammenfanden, interessieren uns am meisten die in Paris entstandenen. Hier war es vor allen die Zunft der Parlaments- und Gerichtsschreiber, der »Clercs de la Bazoche«, welche seit 1303 das Vorrecht hatten, bei ihren öffentlichen Aufzügen dramatische Spiele zu veranstalten.
Dies geschah zuerst in gemischter Sprache, lateinisch und französisch, woher diese Stücke »Farces« genannt wurden, ein Name, der bald auf alle satirisch-possenhaften Darstellungen ausgedehnt wurde. Ein Meisterwerk ging aus der Bazoche hervor, die »Farce de Patelin« (um 1469); durch ihren geschickten Aufbau, die Lebendigkeit und Wahrheit der Charakterzeichnung und durch ihre treffliche Komik überragt sie weit alle gleichzeitigen Stücke. Der große Erfolg der Bazoche regte 1380 ¶