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Die heilige Elisabeth
Bereits während ihrer Lebensjahre als Landesfürstin begnügte sich Elisabeth nicht mehr mit dem Geben von Almosen, sondern begann im Dienst um Kranke und Bedürftige schwere und von ihren Zeitgenossen als entwürdigend angesehene Tätigkeiten zu verrichten.
Um ihr Leben zu beschreiben, das uns acht Jahrhunderte zurückführt, muss man Vergleiche aus der Gegenwart suchen. Die Tochter eines ungarischen Königs, der mit einer Deutschen aus dem Grafenhaus Andechs verheiratet war, wird schon als Kind dem Sohn des Landgrafen von Thüringen versprochen, zieht auf die Wartburg oberhalb von Eisenach, heiratet ihren Ludwig, wird dreifache Mutter und als Zwanzigjährige Witwe. Sie versorgt ihre Kinder, verlässt freiwillig den hochfürstlichen Hof mit einer Entschädigung, die einer halben Tonne Silber entspricht, gründet ein Spital am Stadtrand von Marburg, lebt die Pflege und Unterbringung von Armen, Behinderten und Aussätzigen, unehelichen Müttern und Waisen. Von der Spitze der Gesellschaft erniedrigt sie sich zu den Schwächsten in der sozialen Pyramide, zu den Hilflosen, zu den Bedürftigen.
Kein Vergleich zu heute
Wo gäbe es dafür heute einen Vergleich? Wenn die schwedische Königin ihre Familie in Stockholm verlässt, um in einer Township in Südafrika schwarze Kinder zu unterrichten, ihnen eine Ausbildung zu ermöglichen? Das ist genauso irreal wie die Hoffnung, dass «Nicky» Hilton ihr Hotel-Imperium verkauft und das Geld weltweit nur noch für Menschen ausgibt, die aus eigener Kraft nicht leben können.
Zurück in die Zeit nach 1200. Als Könige und Kaiser regieren das Deutsche Reich und weite Teile Italiens die Staufer, die regionalen Herrscher sind Herzöge, Grafen und Ritter, auf geistlicher Seite Bischöfe und Äbte. Staat und Kirche bilden eine Einheit. Diese kleine adelige und klerikale Oberschicht lebt auf Kosten der bäuerlichen Untertanen, die ihnen zum grössten Teil als Leibeigene gehören. Ihre Zeichen der Macht sind Burgen und als neues Modell die Städte, in denen sich allerdings eine freie Bürgerschaft entwickelt. Obwohl die Landwirtschaft ihren Ertrag steigern kann, gibt es in der Unterschicht zu viele Esser, die als Bettler scharenweise herumziehen.
Rosenwunder
1211 wird die vierjährige Elisabeth mit ihren Dienerinnen von Ungarn auf die Wartburg gebracht, wo sie mit ihrem zukünftigen Ehemann geschwisterlich aufwächst. Zu ihrer christlichen Erziehung passt ihr Name, der auf Hebräisch «mein Gott ist die Vollkommenheit» bedeutet. Ein Jahrzehnt später heiratet sie den vier Jahre älteren Ludwig, der bald als der Vierte dieses Namens Landgraf von Thüringen wird. In ihrer Ehe trägt Elisabeth oft Brot und Speisereste den Burgberg hinab in die Stadt Eisenach. Eines Tages stellt sie ihr herrischer Ehemann zur Rede und fordert sie auf, ihre Schürze zu öffnen. Was sieht er? Lauter Rosen. Die Franziskaner haben dieses Erlebnis in ihre Legende eingebaut, denen sie in Eisenach die erste Niederlassung nördlich der Alpen zugestanden hat.
Die harmonische Ehe von Ludwig und Elisabeth endet am 11. September 1227, als der Landgraf in Süditalien an einer Seuche stirbt. Er hatte sich für den Kreuzzug auf den Weg gemacht, zu dem Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen aufgerufen hatte. Elisabeth trauert unsäglich und entfernt sich von der höfischen Gesellschaft, die sie wiederum lächerlich macht und verachtet. Am Karfreitag des folgenden Jahres entsagt Elisabeth der Welt, wird quasi eine Nonne, die nur ihrem Heiland dienen will. Mit ihren finanziellen Mitteln baut sie seit dem Herbst 1228 vor den Mauern Marburgs ein Spital, das anfangs nur aus Holzhütten besteht. Eine solche Einrichtung war im Mittelalter Armenhaus, Krankenhaus und Altersheim zugleich.
Als Frau ist Elisabeth ohne Ehemann quasi rechtlos. Als Beistand wirkt Konrad von Marburg, ein hoher Geistlicher, der Elisabeth und ihr Hilfswerk unter päpstlichen Schutz stellen kann. Unter diesem Schutzdach war für Elisabeth ihr entsagungsvolles Leben für Hilfsbedürftige möglich. Konrad wacht auch über ihr Tun; als er sieht, dass sie Aussätzige, Leprosen, wäscht und berührt, züchtigt er die fromme Frau mit einer Peitsche. Am 17. November 1231 stirbt Elisabeth, geschwächt durch Hingabe und Askese, vermutlich an Tuberkulose im Alter von 27 Jahren. Zu ihrer Trauerfeier strömen Tausende zusammen. Ihr Grab wird zum Ziel unzähliger Pilger.
Schnelle Heiligsprechung
Wie bei den Gründern der Bettelorden bei Franziskus und Dominikus erfolgte auch bei Elisabeth die Heiligsprechung sehr rasch, schon nach vier Jahren im Mai 1235. Bei der Übertragung ihrer Gebeine in die gotische Spitalkirche ein Jahr später, bei der Translation, war auch Kaiser Friedrich II. dabei, der einen goldenen Reif auf ihren Schädel legte. In Deutschland und in der Schweiz gibt es mehr als 400 Kirchen, die ihr geweiht sind. Zudem zahlreiche Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser, die an das Vermächtnis der heiligen Elisabeth erinnern und ihre Nächstenliebe weitergeben.
Martin Blümcke