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Die rechte Gehirnhälfte spielt für die Kreativität eine zentrale Rolle, sagt die Neurowissenschaft. Erläuterungen.
Gute Ideen scheinen häufig aus dem Nichts zu entstehen, genau dann, wenn man am wenigsten damit rechnet. Was passiert in unserem Gehirn? Gibt es dort ein eigenes Areal für Kreativität? Es zeigt sich, dass die Neurowissenschaften noch sehr wenig über dieses Thema wissen. Trotz intensiver Forschung bleibt Kreativität in weiten Teilen ein Rätsel. Allerdings gibt es bereits viele Studien, die wichtige Hinweise liefern, zum Beispiel dass die rechte Gehirnhälfte in kreativen Prozessen eine Schlüsselrolle spielt.
Mark Beeman, Neurowissenschaftler an der Northwestern University in den USA, fand durch Untersuchungen heraus, dass Patienten mit Läsionen in der rechten Gehirnhälfte die Fähigkeit verloren, Witze, Metaphern und ironische Bemerkungen zu verstehen. Ein klassisches Beispiel ist, dass diese Menschen die Bedeutung eines Satzes wie "Julia ist meine Sonne" nicht mehr wahrnehmen können, selbst wenn sie die Wörter "Julia" und "Sonne" getrennt perfekt erfassen können. Diese Beobachtung veranlasste Mark Beeman zu folgender Aussage: Während die linke Gehirnhälfte die einzelnen Elemente eines Problems analysiert und sich auf die Details konzentriert, ist die rechte dafür zuständig, noch nicht verbundene Elemente in Beziehung zu setzen, um ein Gesamtbild zu erhalten.
Wer das rechte Auge schliesst, fördert seine Kreativität
Diese Art der Vernetzung spielt für die Kreativität eine entscheidende Rolle. 1993 stellte Jonathan Schooler, Psychologe an der University of California, seine Studenten vor ein Problem, für das die abstrakte Verknüpfung von Elementen, zwischen denen keine offensichtliche Beziehung bestand, erforderlich war. In einem zweiten Durchlauf bekamen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen Tipp, der ihnen die Aufgabe erleichtern sollte. Dieser wurde ihnen jedoch auf unterschiedliche Weise unterbreitet. Die einen mussten den Tipp mit dem linken Auge lesen, das anatomisch mit der rechten Gehirnhälfte verbunden ist, die anderen mit dem rechten Auge, das mit der linken Gehirnhälfte verbunden ist.
Das Ergebnis ist verblüffend: Die Studierenden, die mit dem linken Auge lasen, erreichten eine deutlich höhere kreative Leistung als die anderen. Laut Jonathan Schooler war ihre rechte Gehirnhälfte in der Lage, die voneinander unabhängigen Elemente des Problems miteinander in Beziehung zu setzen, um eine kreative Lösung zu finden.
Frustration: Eine wichtige Phase im kreativen Prozess
Mark Beeman hat ein Experiment entwickelt, bei dem bildgebende Verfahren eingesetzt werden, um direkt beobachten zu können, wie sich die neuronale Aktivität von Personen entwickelt, die eine Lösung für ein kreatives Problem suchen, und zwar von der Problemstellung bis zum Moment, in dem die Lösung gefunden wird, also dem berühmten "Heureka" von Archimedes. Der Forscher meint, das Gehirn gehe bei diesem Prozess in zwei oder sogar drei getrennten Phasen vor. Zunächst konzentriert sich die Aktivität auf die linke Gehirnhälfte, die alle Elemente des Problems genau analysiert und die offensichtlichsten Lösungsmöglichkeiten prüft.
Kommt es trotz aller Anstrengung nicht zu einer Antwort, durchlaufen die Personen eine Phase der Frustration, die an Verzweiflung grenzen kann. Diese Phase ist für den kreativen Prozess von zentraler Bedeutung, denn sie ermöglicht eine Änderung der Lösungsstrategie. Genau in diesem Moment wandern die Informationen in die rechte Gehirnhälfte, wo sie miteinander verknüpft werden. Wenn die Lösung auftaucht, zeigt sich die neuronale Aktivität auf einen sehr kleinen Bereich in einer Hirnregion mit dem Namen Gyrus temporalis superior (obere Schläfenwindung) konzentriert.
Quelle: Imagine: How Creativity Works, Jonah Lehrer, Houghton Mifflin Harcourt.