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Die Geschichte beginnt ganz unspektakulär mit einem E-Mail, das im Posteingang meines Bürocomputers liegt. "Komm zu mir, ich muss Dir etwas Interessantes zeigen", steht da. Und was mich verblüfft, ist die letzte Zeile: "Aus der Führerkabine... Don O’Neall".
Am nächsten Tag fahre ich in das Städtchen Randolph, Illinois, und halte Ausschau nach Mais- und Sojafeldern und nach einem John-Deere-Mähdrescher mitten in der Ernte. Es ist nicht schwer, O’Nealls Mähdrescher zu finden: Er hat gleich vier Antennen auf dem Dach. O’Neall springt herunter, um mich rasch zu begrüssen. "Komm in mein Büro", sagt er mit einem breiten Lächeln, und ich steige die Leiter hoch.
Daten sammeln
O’Nealls Mähdrescherkabine ist einzigartig. Während die Walze vor uns Sojapflanzen verschlingt, gelangen Signale von einem unsichtbaren Satelliten in die Antennen und füttern Daten über die Position des Mähdreschers in das GPS (Global Positioning System). Das GPS seinerseits schleust die Information in einen "mobilen Feldcomputer", den O’Neall erfunden hat. Das Gerät heisst "FieldMark XL" und wurde im letzten Jahr von seiner Firma, Lynx Systems in Bloomington, lllinois herausgebracht.
Während wir durch das Sojafeld rattern, zeichnet diese "Black Box" mit dem entspiegelten 8-Zoll-Bildschirm eine farbige Karte. Der Rechner vergleicht Meter für Meter die Erträge mit einem Bodenproduktivitätsindex – einem universellen Massstab, der die Produktivität eines bestimmten Bodentyps angibt. Erfahrene Bodenforscher benützten Bodenuntersuchungen, um diese Indizes zu erstellen. Ein "Drummer"-Boden zum Beispiel hat ein ganz anderes Ertragspotenzial als ein "Saybrook"-Boden. Beides sind typische Prärieböden, wie man sie im Getreidegürtel der Vereinigten Staaten findet.
Der "Ertragsmanagement Index", den O’Neall entwickelt hat, vergleicht die tatsächlich und erzielten Erträge unmittelbar mit dem spezifischen Ertragspotenzial. "So entsteht ein Mass, das es erlaubt, Äpfel auch mit Äpfeln zu vergleichen", sagt O’Neall. "Die Karte zeigt auf, welche Gebiete des Feldes ihr Potenzial ausschöpfen, und welche nicht."
LID-Sommerserie (8):Faszination Technik
LID. Dank den Möglichkeiten der Landtechnik gehen den Bauern von heute viele Arbeiten leichter von der Hand. Dank modernen technischen Lösungen können sie Zeit sparen und effizienter wirtschaften. In unserer Sommerserie stellen wir einige Beispiele vor. High Tech hat aber auch seinen Preis, und gerade in der Schweiz sind die Betriebsgrössen oft zu klein für die modernste Technik. Deshalb soll auch hinterfragt werden, wann die eingesetzten Technologien sinnvoll sind und wann nicht. Auch in der Verarbeitung, etwa in den Molkereien, kommt modernste Technik zum Einsatz. Ein Blick über die Landesgrenzen soll zeigen, welche Technik in anderen Ländern in der Landwirtschaft eingesetzt wird. Und schliesslich soll als "Exotikum" ein Bauer vorgestellt werden, der sich auf Ursprüngliches besinnt und Pferde als Arbeits-tiere einsetzt.
Dies ist der letzte Sommerserie-Artikel. Bisher sind folgende Artikel erschienen: Maislabyrinth mit GPS (5. Juli), Melkroboter (12. Juli), Fütterungscomputer im Schweinestall (19. Juli), Precision Farming (26. Juli), Milchverarbeiter (2. August), Kartoffelvollernter (9. August) und Arbeitspferde (16. August).
Echtzeit-Daten und Beobachtungen
O’Neall kann zuschauen, wie die Karte enststeht und durchs Fenster spähen, um herauszufinden, was im Feld geschieht. "Wenn Du in einem Feld bist und am Bildschirm sich ein Trend abzeichnet, kannst Du anhalten und Dir das genauer anschauen. Du kannst versuchen herauszufinden, was passiert ist, um es im nächsten Jahr zu verbessern. Hier etwa", O’Neall zeigt auf die roten Flächen auf der Karte, "hier sehe ich, wo ich investieren muss. Wenn es grün ist, dann mache ichs richtig, wenn es rot ist, dann mache ich etwas falsch."
Der mobile Bordcomputer "FieldMark" ist in seinen Augen ein wichtiger Durchbruch für die Farmer, die wissen möchten, ob das Ertragspotenzial auf den entsprechenden Böden auch ausgenutzt wird. "Bis jetzt hat noch niemand Erträge mit Ertragspotenzialen verglichen", sagt O’Neall. "Das GPS misst die Farm, beziehungsweise den Boden, der "Ertragsmanagement Index" misst den Farmer."
"Die Kollegen, die den "Ertragsmanagement Index" gesehen haben, begrüssen ihn als wichtige Entwicklung", erzählt er. "Alle sagen mir, sie könnten nicht mehr nach der alten Fasson bauern, sobald sie ein paar Tage darüber nachgedacht haben. Es ändert ihre Vorstellungen von Produktivität auf der Farm."
O’Nealls Erfindung ist die letzte in einer langen Reihe von High-Tech-Werkzeugen, die er entwickelt und patentiert hat. Begonnen hat er vor 16 Jahren mit einem Traktorsteuerungssystem für Getreideproduzenten. Seither hat er sich immer mehr mit GPS und Ertragskartierung befasst, mit der Hilfe seines ältesten Sohnes Andrew. Ich kenne Don O’Neall nun seit fünfzehn Jahren. Er hat ein Flair dafür, Probleme zu lösen, mit Intuition und mit seiner Erfahrung als Farmer. Wie die meisten Erfinder erkennt er jeweils ein Bedürfnis und baut etwas, um das Bedürfnis zu befriedigen.
Hilfe beim Schichtwechsel
mw. Wie viele amerikanische Farmer mit grösseren Betrieben beschäftigt O’Neall Teilzeitarbeiter, die nicht so gut mit seinen Feldern vertraut sind. Der mobile Feldcomputer hilft ihm auch hier. Wenn einer von ihnen das Steuer übernimmt, kann er mit einem Blick auf die Feldkarte in der Mähdrescherkabine sehen, wieviel Arbeit schon getan ist. "Das war besonders nützlich, wenn wir am Abend oder in unregelmässigen Feldern arbeiteten", sagt O’Neall. "Ich fand es sehr beruhigend, wenn wir wechselten – Er konnte die Karte anschauen und sehen, was schon getan war und was noch getan werden musste. Umgekehrt wusste ich, was er getan hatte, wenn ich selber übernahm. Die Farmen werden immer grösser, die entscheidenden Leute werden viel unterwegs sein, und einer alleine kommt nicht mehr durch", fügt er hinzu. "Der mobile Feldcomputer wird deshalb sehr nützlich sein."
Bessere Saatgutauswahl möglich
Als ich ihn fragte, warum er den "FieldMark" gebaut habe, war seine Antwort einfach. "In meinen Versuchen, die Ertragskarten zu verbessern, merkte ich, dass ich immer noch nicht die notwendigen Informationen hatte, um gute Entscheidungen zu treffen. Deshalb begann ich eine Art Index zu entwickeln, der die Erträge misst und vergleicht." Damit ist laut O’Neall vor allem auch eine bessere Auswahl von Saatgut möglich. "So kann ich Saatgut auswählen aufgrund von Echtzeit-Beobachtungen und Daten. Es geht im Getreideanbau nicht nur um die Genetik des Saatguts, sondern auch darum, was man mit der Genetik macht. Die Saatgutindustrie kümmert sich meines Wissens zu wenig um Bodenproduktivität", sagt er.
Während der Ernte vom letzten Herbst hat O’Neall Abschnitte im Feld gesehen, wo zuviel Stickstoff die Maiserträge verminderte. "Das zeigt mir, dass wir noch nicht alles wissen über Stickstoff", meint er. "So kann man lernen von den Feldkarten. Wenn man nicht weiss, was anfangen mit den Daten, dann haben sie keinen Wert."
Mit dem "FieldMark" können die Farmer neben den Erträgen auch das Pflanzen, Spritzen, die Bodenbearbeitung und Fruchtbarkeitsdaten aufzeichnen. Man kann die eigenen Ertragsziele pro Feld festlegen. "Irgendwann wird alles benutzerdefiniert sein", sagt O‘Neall. "Was dem einen Farmer gut genug ist, reicht dem anderen vielleicht nicht. Der Betriebsleiter kann entscheiden, welche Ziele er eingibt."
Internet auf dem Mähdrescher
O’Nealls Erfindung kann aber noch mehr. Sie umfasst einen drahtlosen Internet-Anschluss mit berührungsempfindlichem Bildschirm und ein paar einfach zu bedienenden Knöpfen. O’Neall hat eine Tastatur installiert, um Mitteilungen eintippen zu können. Man kann aber sogar ohne Tastatur einfache E-Mails senden und empfangen. Diese Mails enthalten voreingestellte Antworten wie "ja" oder "nein" oder "Ich melde mich bald bei Dir".
Wenn der Himmel verdächtig aussieht, kann der Farmer auf eine bestimmte Website gehen und sich die Regenwolken auf dem Radar anschauen. Wenn er einen Insektenbefall feststellt, kann er die Website einer Universität besuchen und das Tier identifizieren. Oder er kann sich auf einer von vielen Internetseiten über die aktuellen Getreidepreise informieren. "Der grösste Vorteil des drahtlosen Internets wird der Zugang zu Marktinformationen sein", meint O’Neall. "Das könnte sehr wichtig sein, wenn man in der Traktorkabine sitzt und über die Entwicklung der Märkte Bescheid wissen möchte."
"Entscheidungs-Landwirtschaft"
Für O’Neall ist klar, dass der "FieldMark" den Farmern erlaubt, Precision Farming zu perfektionieren. "Das Konzept von Precision Farming ist reif", sagt er. "Jetzt ist es Zeit für "Decision Farming" (Entscheidungs-Landwirtschaft)."
"Auf meinem Betrieb ist jede Hektare Testgelände", sagt er. "Ich beabsichtige, alles festzuhalten, was auf meinen Äckern passiert, jede Saat, jede Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln oder Dünger und natürlich die Erträge. Meine Dünger- und Saatguthändler werden zu mir kommen müssen, um ihr Angebot auf meine Bedürfnisse abzustimmen."
O’Nealls mobiler Feldcomputer wird es ermöglichen, auf einfache Art und Weise alles auf Papier festzuhalten. Dies wird umso wichtiger, je lauter der Ruf nach Aufzeichnung aller Produktionsschritte wird, vom Saatgutsack bis hin zum Verkaufsgestell. "Das wird auch mit Spezialgetreide und mit gentechnisch verändertem Saatgut immer wichtiger werden", sagt er. Dieses System werde den Farmern helfen, der im Vertragsanbau "identity-preserved"-Getreide produziert. Als "identity-preserved" werden Spezialgewächse für bestimmte Verarbeiter bezeichnet, zum Beispiel Ölsaaten mit speziell hohem Ölgehalt oder Soja mit hohem Proteingehalt. Die Papieraufzeichnung erlaube es diesen Produzenten zu beweisen, dass sie die Richtlinien befolgen.
Der "FieldMark", der am Zigarettenanzünder jedes Fahrzeuges angeschlossen werden kann, kostet rund 5‘000 Dollar (8‘330 Franken). O’Neall hofft, dass seine "magische Black Box" helfen wird, einige Fragen zu beantworten, welche die Farmer schon seit ein paar Jahren beschäftigen. "Der Kleinfarmer, der den sehr hohen Mais-Ertrag von 399 bushels pro acre* hatte, machte gar nichts besonderes, er kannte aber sein Stück Land sehr gut. Der Trick ist, diese Kenntnis von einer Hektare auf 1,000 Hektaren zu übertragen."
* Mike Wilson ist Herausgeber der Fachzeitschrift "Praierie Farmer", die im US-Bundesstaat Illinois erscheint. Übersetzung: wy
Bild 1: Farmer und Erfinder Don 0,Neall hofft, dass die Farmer seinen FieldMark benützen, um besseres Saatgut auszuwählen.
Bild 2 und 3: Mit Handy, Tastatur und drahtlosem Internet ist O,Neall am Puls wie ein Wall Street Insider
|Bild 4: Während der Ernte kann O,Neall elektronisch Ertrags- und Bodenkarten überlagern.|