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MetaSmile Blog
Konstruktivismus
Konstruktivismus in Beratung und Supervision
Ist es Kelch oder Gesichter?
Entstehungsgeschichte
Konstruktivismus ist keine rein psychologische Strömung, sondern traditionell unterscheiden Philosophen zwischen „Wirklichkeit“ und „Realität“. Philosophen und Naturwissenschaftler waren auch die ersten, die Vorstellungen von objektiver Erkenntnis seit Beginn des 20.Jh. in Frage stellten. Albert Einstein z.B. erklärte, dass die Theorie darüber entscheide, was sich beobachten lässt. Arthur Schopenhauer sagte: „Die Welt ist meine Vorstellung.“ Und Friedrich Nietzsche behauptete, Wahrheit werde nicht entdeckt, sondern geschaffen. John Dewey ein Vertreter des amerikanischen Pragmatismus behauptete, wir selbst erzeugten die Realität, jeder einzelne erschaffe seine Welt in der Begegnung zwischen dem Ich und der Umwelt.
Interessant für das Verständnis von Konstruktivismus ist auch die Entwicklung in der Kulturgeschichte (vgl. Burke). Auch im historischen Kontext sind Zweifel aufgekommen, ob die Darstellung tatsächlich dem dargestellten Gegenstand entsprechen. Historische Quellen sind je nach Standpunkt sehr unterschiedlich gelagert und es finden sich soziale Erklärungen zum Konstruktivismus. Geschichte kann aus unterschiedlicher Perspektive entstehen, z.B. als „Geschichte von Unten“ (wie z.B. aus der Sicht der Arbeiterklasse, der einfachen Leute oder auch der kolonialisierten) oder aus weiblicher Sicht durch feministische Historikerinnen.
Es handelt sich also um eine Debatte, an der sich nicht nur Philosophen oder Naturwissenschaftler beteiligen, sondern auch Kulturhistoriker, Soziologen, Anthropologen und andere Wissenschaftler. Die Psychologen z.B. stellen die Wahrnehmung zunehmend als einen aktiven Vorgang dar, statt als blosse Spiegelung des Wahrgenommenen. Anthropologen und Historiker sprechen immer häufiger von der „Erfindung“ oder „Konstruierung“ der ethnischen Zugehörigkeit, der Klasse, des Geschlechts oder sogar der Gesellschaft. Als Folge dieser Debatte kann auch der Niederschlag als Gender und später Diversity gesehen werden.
Gregory Bateson, Begründer der Oekologie-Bewegung
Definition:
Konstruktivismus geht davon aus, dass es eine Wirklichkeit (Realität, objektive Welt) unabhängig von der erkennenden Person nicht gibt.
Da es unterschiedliche Ausprägungen von Konstruktivismus (je nach Hintergrund) gibt, sind auch die Definitionen unterschiedlich. Wichtige Konstruktivsten sind: Paul Watzlawick, Heinz von Foerster, Ernst von Glasersfeld, Humberto Maturana, Siegfried J. Schmidt, Fritz B. Simon.
In der „konstruktivistischen Erkenntnistheorie“ geht man davon aus, dass Wissen durch die Wissenschaft konstruiert wird und nicht dadurch, dass die Welt entdeckt wird.
- Der „Radikale Konstruktivismus“ beruht auf der Annahme, dass alles Wissen, wie immer man es auch definieren mag, nur in den Köpfen von Menschen existiert und dass das denkende Subjekt sein Wissen nur auf der Grundlage eigener Erfahrung konstruieren kann. Was wir aus unserer Erfahrung machen, das allein bildet die Welt, in der wir bewusst leben.
- Anhänger des „Erlanger Konstruktivismus“ glauben dass eine gemeinsame, methodisch abgesicherte Konstruktion von Wissen möglich ist, z.B. durch Logik oder Argumentation.
- Der „Interaktionistische Konstruktivismus“ ist ein sozial und kulturell orientierter Ansatz, er setzt sich mit anderen Ansätzen in der Geistes- und Kulturgeschichte auseinander und versucht so, den Konstruktivismus als Ausdruck einer Kulturentwicklung und kultureller Praktiken zu verstehen und zu verdeutlichen.
Weitere Bereiche konstruktivistischer Denkweise finden wir in der Erziehungswissenschaft, der Psychotherapie oder auch in der Kunst.
Auch NLP gründet auf einer konstruktivistischen Denkweise, elementar dabei ist die Struktur der subjektiven Wahrnehmung und damit auch der subjektiven Wahrheit. Einige NLP-Grundannahmen, die diese Haltung bestätigen:
- Jeder Mensch ist einzigartig und erlebt die Welt aus seiner subjektiven Wirklichkeit; jeder auf seine Art und Weise.
- Menschen orientieren sich bei ihrem Handeln an Vorstellungen, ihrer „geistigen Landkarte“ und nicht an der Welt selbst.
- Jede Erfahrung ist als Sinnesrepräsentation kodiert und damit veränderbar. Verändern wir die Kodierung, verändern wir die dazugehörende Erfahrung.
- Wenn wir uns Probleme schaffen können, so können wir auch Lösungen kreieren.
Nebst dem konstruktivistischen Gedankengut entwickelte sich auch der Systemgedanke (vernetztes Denken), auch dazu eine NLP-Grundannahme zur Veranschaulichung: Geist, Körper und Umwelt bilden ein System, das sich wechselseitig beeinflusst.
Das konstruktivistische Gedankengut ist sehr befreiend und eröffnet vielfältige Perspektiven in der Beratung und in der Supervision. Trotzdem vergesse ich den Einwand von Silvia Staub-Bernasconi nicht, die unermüdlich die Gefahren des konstruktivistischen Gedankenguts betonte. Um zu erklären, was S. Staub meinte, verwende ich dazu das Sprichwort: „Jeder ist seines Glückes Schmied“, das durch und durch konstruktivistisch ist aber ausser Acht lässt, welche Ressourcen eine Person mit sich bringt und in welches Umfeld sie geboren wird (z.B. sozioökonomische Gegebenheiten, Intelligenz, Sozialisierung usw.). Bei allen Möglichkeiten gilt es nicht zu vergessen wo meine Prägungen, Glaubenssätze und Wertvorstellungen sind.
Literaturhinweise:
- Staub-Bernasconi, Silvia; Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft, Bern-Stuttgart-Wien 2007
- Burke, Peter; Was ist Kulturgeschichte - Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2005.
StichworteSupervision | Konstruktivismus | Gregory Bateson | Coaching | Beliefs |
Brigitte Hunziker
Master of Social Work, Soziale Arbeit in der Schule, Supervision und Coaching, NLP Trainer, Ausbildnerin, Wingwave Coach.
Ab und zu auch Schamanisch unterwegs - übrigens auch im Schamanismus gibt es ein konstruktivistisches Weltbild.