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Was man tun und was man lassen sollte
Das Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit zum Abschluss einer Ausbildung oder zur Erlangung eines Titels ist selten ein Genuss. Es braucht Zeit, Erfahrung und erhebliche Ressourcen, um eine wissenschaftliche Arbeit zu meistern. Jüngere Studierende stolpern meist wegen ihrer fehlenden Erfahrung, während fortgeschrittene und arbeitende Studierende eher mit Zeit- und Ressourcenmanagement kämpfen.
Ich habe hunderte von Studenten in verschiedenen Funktionen durch den Prozess begleitet, sei es als involvierte Betreuerin und Examinatorin oder als externe Beraterin für Forschungsdesign, Datenverarbeitung und Schreibprozess. Gerne teile ich hier einige Einblicke in den erfolgreichen Prozess einer wissenschaftlichen Arbeit – und wie Fettnäpfchen vermieden werden können.
Das Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten beginnt mit der Wahl des richtigen Themas. Das mag selbstverständlich klingen, aber es ist tatsächlich essentiell, an einem Thema zu arbeiten, das Sie interessiert und idealerweise auch für Ihre zukünftige Karriere relevant sein wird. Denn das Erkennen des praktischen Werts der eigenen Arbeit fördert Inspiration und Durchhaltevermögen, zwei der wichtigsten Komponenten für den erfolgreichen Abschluss einer wissenschaftlichen Arbeit.
Der Entstehungsprozess einer wissenschaftlichen Arbeit besteht aus zwei Teilen: dem Strukturieren der Arbeit und dem Schreiben des Texts. Der zweite Teil folgt meist auf den ersten. Es ist allerdings cleverer, bereits vor dem Abschluss der Datenanalyse mit der Niederschrift zu beginnen, denn der Schreibprozess wird Inkonsistenzen, Lücken oder unerwartete Probleme aufdecken, die Sie beheben sollten, bevor Sie zur finalen Phase kommen.
Strukturieren Sie den Inhalt
Ihre Arbeit muss so aufgebaut sein, dass die Struktur Ihrer Argumentation dient. Folglich sollten Sie nach der Wahl des Themas Ihren Fokus einschränken. Was genau werden Sie tun? Werden Sie eine Theorie testen oder ein neues, unerforschtes Gebiet eröffnen? Ich selbst bin eine eher explorative, datengeleitete Forscherin, denn ich erforsche wenig bekannte Phänomene und analysiere, was geschieht.
Meine Dissertation über eine australische Kolonie in Paraguay liefert ein gutes Beispiel einer explorativen, datengeleiteten Feldforschung. Bevor ich mein Projekt begann, fuhr ich ins ländliche Paraguay um herauszufinden, was von der ehemaligen Kolonie übrig war. Meine ursprüngliche Idee war es, aufzuzeigen, wie sich die englische Sprache in Paraguay über die Zeit hinweg entwickelt hatte.
Als ich dort ankam, fand ich heraus, dass ein im Jahre 1926 geborener Gentleman der letzte noch muttersprachlich sprechende Englischsprecher vor Ort war, während die meisten Nachfahren die lokale indigene Sprache sprachen. Darum folgte ich den Daten und wechselte den Fokus meiner Forschung auf eine Analyse der Geschichte des Sprachwandels in New Australia, Paraguay. Die Daten bestimmten also den Fokus meiner Forschung. Diese datengeleitete Herangehensweise ist üblich in der Feldforschung. Eine eher theoriegeleitete Herangehensweise implizert eher, dass eine Theorie mit einem neuen Datensatz und unter neuen Verhältnissen getestet wird.
Die Forschungsfrage
Sobald der Fokus definiert ist, brauchen Sie die richtige Forschungsfrage. Die Forschungsfrage bildet das Rückgrat Ihrer Abschlussarbeit, weil die Abschlussarbeit Ihre wissenschaftliche Antwort auf Ihre Forschungsfrage darstellt. Sie entscheidet, wie lang Ihre Arbeit wird, welche Sekundärliteratur Sie herbeiziehen sollten, welche Daten gefragt sind und ob die Arbeit eine Hypothese braucht oder nicht.
Wenn Ihr Plan ist, die Auswirkungen einer neuen Regelung auf die Gesellschaft zu erörtern, dann werden Sie wahrscheinlich Ihre Forschungsfrage nicht beantworten können, denn der Fokus ist zu weit gefasst. Wenn Sie aber die wirtschaftlichen Auswirkungen der neuen Regelung auf eine spezifische Gruppe und während einer bestimmten Periode untersuchen, wird Ihre Forschungsfrage konkret. Eine gute Forschungsfrage zu definieren kann viel Zeit in Anspruch nehmen und manchmal auch noch zu einem späteren Zeitpunkt kleinere Anpassungen erfordern.
Die Forschungsfrage gibt die Struktur Ihrer Arbeit vor. Denken Sie daran, dass Ihre wissenschaftliche Arbeit das Ziel verfolgt, Ihre Forschungsfrage zu beantworten. Heutzutage ist ein Grossteil der Forschung auf quantitative Daten gestützt. Eine quantitative Analyse beinhaltet das Zählen von Phänomenen und liefert Zahlen als Resultate, wie zum Beispiel Proportionen, Verteilungen, Korrelationen oder Wahrscheinlichkeiten. Diese Art von wissenschaftlichen Arbeiten benötigt weniger Text und mehr Datenvisualisierungen und Tabellen. In so einem Fall wird Ihre Arbeit wahrscheinlich aus den folgenden fünf Teilen bestehen:
- Einleitung
- Literatur
- Methode und Daten
- Resultate
- Schlussteil
Mit dieser Struktur sind Sie auf der sicheren Seite. Sie könnte sich allenfalls ändern, wenn Sie eine qualitative Analyse durchführen. Qualitative Arbeiten unterschieden sich von quantitativen insofern als dass sie individuelle Phänomene im Detail beschreiben und analysieren. Dies benötigt mehr Text. Wenn Sie also eine diskursanalytische Studie, eine Kulturanalyse, eine Literaturübersicht, einen geschichtlichen Überblick oder einen essayistischen Aufsatz planen, dann wird Ihre Arbeit wahrscheinlich eine andere Struktur haben. Teile 1 und 5 bleiben jedoch immer die Gleichen.
Falls Ihre Institution Ihnen eine Textvorlage gibt, sollten Sie diese nicht als in Stein gemeisselt erachten. Vielmehr sollten Sie sich überlegen, ob die Struktur der Vorlage Ihrer Forschung entspricht. Wenn nicht, ändern Sie den Aufbau. Denn Sie sind Herr über Ihre Arbeit.
Übrigens sollten Sie in der Einleitung auf vermessene Aussagen wie «es ist eine allgemein anerkannte Tatsache, dass» verzichten. Stattdessen sollten Sie Ihre Aussagen konkret formulieren und mit Daten und Referenzen stützen. Ebenso sollten Sie die Leserschaft führen und klar erwähnen, was genau die Neuheit Ihrer Forschung ist – schlagen Sie eine neue Methode vor? Revidieren Sie eine alteingesessene Annahme? Oder wollen Sie neue Daten zu einer bereits stattfindenden Debatte hinzufügen? Am Ende Ihrer Einleitung präsentieren Sie Ihre Forschungsfrage und die Daten, mit denen Sie sie beantworten werden.
Hypothese: ja oder nein?
Ich werde oft gefragt, ob eine Hypothese notwendig sei. Es ist eine weitverbreitete Fehlannahme, alle Arbeiten benötigten eine Hypothese. Sie brauchen nur dann eine Hypothese, wenn Ihr Feld, Ihre Forschungsfrage oder Ihr Forschungsdesign eine verlangen. Wenn Sie sich dazu entscheiden, mit einer Hypothese zu arbeiten, dann können Sie diese am Ende Ihrer Einleitung erwähnen wenn Sie dazu genug Platz haben. Ansonsten können Sie sie auch im Literaturteil aufführen, nachdem Sie deren Motivation erläutert haben.
Im akademischen Stil schreiben
Akademische Sprache ist präzise, eindeutig und sachlich. Sie verlangt den Gebrauch von ganzen Sätzen und spezialisiertem Vokabular ohne unnötige Synonyme. Leider erhalten nur wenige Studierende gute Schreibanleitungen, weswegen es umso wichtiger ist, die Zeit nicht zu unterschätzen, die es braucht, um einen guten akademischen Text zu schreiben.
Akademische Sprache wird oft als gestelzt bezeichnet. «So reden die im Elfenbeinturm», heisst es. Es stimmt tatsächlich, dass gewisse akademische Texte unverständlich und unnötig abstrahiert sind. Ein guter akademischer Text hinterlässt aber keine Zweifel darüber, was genau gemeint ist, ohne dass zusätzliche Informationen notwendig wären.
In akademischem Stil zu schreiben kann nervenaufreibend sein. Ich habe Studierende und Kunden erlebt, die stundenlang am selben Abschnitt arbeiteten. Verzweifeln Sie nicht. Versuchen Sie, jemandem von Ihrem Projekt zu erzählen. Auf diese Weise können Sie Ihre Ideen und Überlegungen entfalten.
Korrekturlesen und Rechtschreibeprogramme
Zum Schluss ist professionelle Textrevision essentiell. Dies kann länger dauern als angenommen, denn professionelle Textrevision korrigiert nicht nur die Rechtschreibung, sondern auch die Kohäsion, Kohärenz, Logik, Vollständigkeit, Formatierung und Konsistenz.
Seien Sie vorsichtig und verlassen Sie sich nicht ausschliesslich auf Rechtschreibeprogramme. Eine Software findet zwar Schreibfehler, sie genügt aber den Herausforderungen akademischer Texte nicht. Die Software kennt zum Beispiel die genaue Terminologie Ihrer Disziplin nicht und wird darum Fehler entweder nicht finden oder mit dem Selbstkorrekturprogramm den Sinn Ihrer Aussagen verändern. Ebenso ist eine Software ungeeignet, um die interne Verknüpfung Ihres Arguments zu überprüfen und um uneinheitliches Vokabular oder Formatierungen zu erkennen.
In gewissen Fällen kann es auch einen bedeutenden Unterschied machen, ob Sie ein Wort gross, mit Bindestrich oder kursiv schreiben. Ich erinnere mich an die Arbeit eines Studenten in einem Linguistik-Kurs von mir. Die Arbeit analysierte den Gebrauch von sogenannten Infixen, also Wortteilen, die in der Mitte eines Wortes eingefügt werden. Im Englischen kann man zur spielerischen Betonung die Wörter «bloody» oder «fucking» in andere Wörter einfügen, woraus sich Wörter wie «kanga-bloody-roo» oder «fun-fucking-tastic» ergeben. Der Student vergass, in seiner Arbeit das Schlüsselwort «fucking» kursiv zu schreiben, worauf der Ausdruck «the fucking infix» zu einem Schimpfwort wurde. Ein professionelles Lektorat hätte diese Inkonsistenz bemerkt, während eine Software Sie in solchen Fällen im Stich lässt.
Kurz und gut, eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben ist anstrengend. Kalkulieren Sie Ihre Ressourcen für jeden Schritt und denken Sie daran, dass Ihre Betreuungsperson nur begrenzt Zeit für Beratung und Begleitung hat. Dies bringt uns auch wieder zu den zwei Schlüsselkomponenten einer jeden wissenschaftlichen Arbeit: Inspiration und Durchhaltevermögen.