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Stefan Keller zum zehnten Geburtstag der Zeitung «work»
Lange Zeit war die Geschichte der linken Medien in der Schweiz eine Geschichte des unaufhörlichen Niedergangs. Die einst stolzen sozialdemokratischen «Arbeiterzeitungen» verschwanden gegen Ende des letzten Jahrhunderts eine nach der anderen: Der «Freie Aargauer» etwa, 1960 neben dem freisinnigen «Aargauer Tagblatt» noch die führende Zeitung des Kantons, strich 1987 die Segel. Andere linke Blätter hatten das tägliche Erscheinen schon früher eingestellt, die verbliebenen folgten bald: in St. Gallen oder Neuenburg, in Basel oder Lugano.
Die Schuld am Verschwinden der Arbeiterpresse wurde in der Deutschschweiz oft dem «Blick» gegeben, weil dieser die Arbeiterschaft seit den fünfziger Jahren mit Boulevardjournalismus lockte und von ihren traditionellen Medien entfremdete. Sie wurde auch den Gewerkschaften gegeben, denen man vorwarf, ihre Mitglieder in Zeiten des fast uneingeschränkten Arbeitsfriedens entpolitisiert zu haben, und weil eine Bewegung, die sich nicht mehr bewegen wollte, eigentlich keine Presse brauchte.
Tatsächlich gingen aber zur selben Zeit wie die linken auch die katholischen Blätter der Reihe nach ein: Auf die Ära der Parteizeitungen folgte jene der scheinbar neutralen Forumspresse nach dem Vorbild etwa des Zürcher «Tages-Anzeigers». Hatten früher viele JournalistInnen ganz selbstverständlich eine politische Richtung vertreten, so gilt heute ein politisches Engagement von Medienleuten geradezu als verpönt, und nicht nur der Presserat schaut misstrauisch hin, wenn JournalistInnen ihre Bürgerrechte aktiv wahrnehmen.
Zu dieser Entpolitisierung (die der handwerklichen Qualität sicher nicht nur schadete) gab es auch eine Gegenbewegung, ohne die man in der Schweiz gar nicht mehr Zeitung lesen möchte: Die meisten der nach 1968 gegründeten linksgrünen «Alternativblätter» hatten zwar einen kurzen Atem, doch die WOZ überlebt seit dreissig Jahren und ist dabei keineswegs braver geworden. Und die Gewerkschaften, von Neoliberalismus und Mitgliederschwund aus der Starre gerüttelt, erinnerten sich nach dem Untergang der Arbeiterzeitungen an ihre vernachlässigten Mitgliederorgane: 2001 lancierten die später zur Unia fusionierten Verbände SMUV, GBI und VHTL ein gemeinsames, zweiwöchentliches Boulevardblatt mit dem Namen «work», das, so war es geplant, weit über die Mitgliedschaft hinaus ein breites linkes Publikum ansprechen sollte.
Nun hat «work» den zehnten Geburtstag gefeiert. Die Zeitung, die ihren Namen dem längst eingegangenen Wirtschaftsblatt «cash» verdankt – Kapital und Arbeit stehen sich als Gegensätze gegenüber –, kommt dabei interessanter und vielfältiger daher als je, und die einst in der Linken diskutierte Frage, ob Boulevard und Aufklärung vereinbar seien (Boulevard appelliert an das Ressentiment, Aufklärung mehr an die Vernunft), hat sich bei «work» in der Praxis fast erübrigt: In dem grösstenteils von ehemaligen WOZ-Leuten geschriebenen Blatt ist meist nur der anbiedernde Gestus und der schreierische Titel wirklich Boulevard (und oft kindisch: «Füdleblutter Wahnsinn» heisst es auf der aktuellen Titelseite), während die Texte den Kriterien eines sorgfältigen, hintergründigen Journalismus entsprechen, nur nicht jenem der Unparteilichkeit.
«work» ist auch heute noch eine Mitgliederzeitung, kein Massenblatt; erst ein kleiner Teil der Auflage wird ausserhalb der Gewerkschaft verkauft, aber immerhin: Man kann «work» auch als Nichtmitglied abonnieren.
Stefan Keller ist WOZ-Mitarbeiter.
«work» gibt es über www.workzeitung.ch