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Kunst
Fotografische Kulturgeschichte? Fotografische Kulturgeschichte!
"Das Wesen der gesamten Photographie ist dokumentarischer Art …", so schlicht und einfach lautete der Anspruch des Fotografen August Sander an seine Profession. Sander gilt als Wegbereiter der sachlich-konzeptuellen Dokumentarfotografie, sein bahnbrechendes Werk "Menschen des 20. Jahrhunderts" zeigt eindrucksvoll, warum. Es versammelt über 600 Porträts von Personen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten und Berufen. Nach einem von ihm ausgearbeiteten Muster hat er die im Laufe seiner Karriere gefertigten Porträts in sieben Kategorien (Der Bauer, Der Handwerker, Die Frau, Die Stände, Die Künstler, Die Großstadt, Die letzten Menschen) aufgeteilt und diese wiederum in einzelnen Mappen weiteren untergliedert. Eine Sammlung der Mappen gab Zweitausendeins vor einigen Jahren einmal heraus. Bei Schirmer/Mosel sind sie nun in einem Folianten zusammengefasst.
Einzelne der insgesamt mehr als 600 Porträts wurden bereits 1927 vom Kölnischen Kunstverein gezeigt und zwei Jahre später als Sammlung unter dem Titel "Antlitz der Zeit" herausgegeben. Die in der Publikation abgedruckten Fotografien sorgten für Aufsehen. Kein geringerer als Alfred Döblin schrieb die Einleitung zu diesem bemerkenswerten Fotoband. "Wie man Soziologie schreibt ohne zu schreiben, sondern indem man Bilder gibt, Bilder von Gesichtern und nicht etwa Trachten, das schafft der Blick dieses Fotografen, sein Geist, seine Beobachtung, sein Wissen und nicht zuletzt sein enormes fotografisches Können", jubilierte Alfred Döblin, der im gleichen Jahr mit dem Roman "Berlin Alexanderplatz" seinen größten Erfolg feierte. Dass diese Kritik nicht Ergebnis eines euphorisierten Schriftstellers ist, beweisen nicht zuletzt auch die lobenden Rezensionen von Persönlichkeiten wie Kurt Tucholsky, Walter Benjamin oder Luise Strauss-Ernst, der ersten Gattin des Künstlers Max Ernst.
Tucholsky rühmte Sanders Fotografien als die "fotografierte Kulturgeschichte unseres Landes" und Walter Benjamin entdeckte in diesen Zeugnissen der "unmittelbaren Beobachtung" einen "unerschöpflichen Stoff zur Betrachtung". Benjamin lobte Sanders Fotokompendium auch in seiner aufklärerischen Wirkung hinsichtlich der drohenden Machtübernahme der Nationalsozialisten, die fünf Jahre nach Erscheinen von "Antlitz der Zeit" die Druckstöcke zerstörten und den Vertrieb des Buches stoppten.
Das Buch versammelte die ersten 60 Aufnahmen von Sanders Großprojekt "Menschen des 20. Jahrhunderts", einer umfassenden Porträtsammlung mit mehr als 600 Aufnahmen, die zu seinem Lebenswerk und Vermächtnis wurden. Im Stile der Neuen Sachlichkeit bilden die ikonischen Porträts die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und Berufsgruppen der Weimarer Republik: Bettler, Bauern, Arbeiter und Beamte ebenso wie Aristokraten und Geistliche, Sportler, Politiker und Künstler/-innen. Jede Aufnahme sollte "in absoluter Naturtreue ein Zeitbild seiner Zeit abgeben", schrieb Sander zu seinem Projekt. So entstand nicht nur ein Panorama der deutschen Lebensverhältnisse, sondern auch ein Abbild der Weimarer Gesellschaft. Dabei gelang es ihm, das Typische im Subjektiv-Individuellen abzubilden. Im Nacheinander der Fotografien wird deutlich, wie sich Muster schichtspezifischer und berufstypischer Physiognomien, Haltungen, Mimiken und Gesten bei den einzelnen Personen wiederholen. Man könnte fast den Eindruck haben, dass Sander mit seinen sieben Kategorien soziologisch-visuelle Idealtypen im Sinne Max Webers definiert habe, die der Betrachter unbewusst übernimmt und die Erscheinung und Wahrnehmung der einzelnen Personen auf den Fotografien an diesen Idealtypen ausrichtet. Idealtypen deswegen, weil die Aufnahmen von jeglichen Störungen befreit scheinen. Nichts stört oder lenkt ab, keine Linie lässt den Blick über die Fotografie schweifen. Ganz im Gegenteil, das Zentrum des Bildes und die dort befindliche Person oder Personengruppe zieht den Blick des Betrachters magisch an. Zum idealtypischen Charakter der Aufnahmen tragen auch das Dekor und Ambiente bei, in dem Sander die Menschen fotografiert hat. Alles Störende, zu Verspielte und den Blick Ablenkende dieser Beweisstücke der sozialen Prägung verschwindet in der Bildtiefe. Alles Milieuhafte und Milieubildende jedoch bleibt erhalten.
August Sander legte beim Fotografieren ein seltenes psychologisches Verständnis für seine menschlichen Motive an den Tag. Er sorgte dafür, dass sie nicht aus ihrer inneren Harmonie gerieten - angesichts des damals noch spektakulären Aktes einer fotografischen Aufnahme ein Balanceakt der Einfühlsamkeit. Sander riss sie eben nicht aus ihrer Umgebung heraus, sondern fotografierte sie in ihrem Wohnzimmer. So sind einige Ikonen der Fotografie entstanden, wie die Jungbauern von 1914, den Handlanger von 1928 oder seine Sekretärin beim WDR in Köln von 1931. Zugleich aber ist dieses Wohnzimmer auch ein archetypisches Wohnzimmer ist. Das Individuum geht in diesem Allerweltswohnzimmer nicht selten unter, verschwindet hinter der Fassade eines Allgemeinmodells.
Aus heutiger Sicht ist Sanders Werk nicht unumstritten. Arno Widmann schrieb 2004 anlässlich der Sanderschau im Frankfurter Städel in der Berliner Zeitung: "August Sanders Mammutprojekt liest sich mehr wie ein Stück Riehlscher Volkskunde als eine Dokumentation der Realitäten des 20. Jahrhunderts. Das Werk beginnt mit den Bauern, dann kommen die Handwerker, dann "die Frau", "die Stände", "die Künstler", "die Großstadt" und endet mit "die letzten Menschen: Idioten, Kranke, Irre und die Materie". Die Grundidee ist die, dass man den Menschen ansieht, wer sie sind. Der physiognomische Blick, den wir heute vor allem als den der Rassisten kennen, war damals auch eine Hoffnung der Linken." Schon Walter Benjamin hatte aufgrund dieses sortierenden Blicks nicht nur lobende Worte für Sanders "Übungsatlas" übrig. Über Nacht könne solchen Werken "eine unerwartete Aktualität zuwachsen. Machtverschiebungen, wie sie bei uns fällig geworden sind, pflegen die Ausbildung, Schärfung der physiognomischen Auffassung zur vitalen Notwendigkeit werden zu lassen."
Sander deshalb aber als fotografierenden Wegbereiter der nationalsozialistischen Rassenlehre zu bezeichnen, geht zu weit. Tatsächlich ist Sanders Werk der spektakuläre Versuch, ein umfassendes Bild der deutschen Gesellschaft zu schaffen. Seinen kategorisierenden Blick aber haben die Nationalsozialisten übernommen. So ist August Sander der Friedrich Nietzsche der Fotografie.