Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03276.jsonl.gz/930

Durch das Zusammenspiel von Nanotechnologie, Biotechnologie, Informatik und Kognitionswissenschaften haben wir das Zeitalter der Digitalisierung und der Technowissenschaften eingeläutet. Hybride Wesen, entstanden aus Elektronik und Biologie, sind eine absehbare extreme Form des Begriffs der «Ergogénie» (künstliche Verbesserung der körperlichen und kognitiven Fähigkeiten des Menschen). Werden Technologien für nicht therapeutische Zwecke verwendet, wird der Mensch als ein System betrachtet, das es zu verbessern gilt, um eine leistungsfähigere Spezies zu kreieren. Aber muss der Mensch überhaupt verändert, vielleicht sogar optimiert werden durch die Technik?
Hinzu kommt die nicht zu unterschätzende Gefahr, dass die künstliche Veränderung der menschlichen Fähigkeiten auf Normen beruht, die von den Schlüsselakteuren der Technowissenschaften und vehementen Verfechtern des Ultraliberalismus auferlegt wurden. Der Mensch könnte nicht nur seiner Daseinsberechtigung beraubt werden, sondern auch seiner Persönlichkeit sowie seiner Stärken und Schwächen. Der Begriff «optimierter Mensch» wäre sprachlich nicht korrekt, da es sich um einen mutierten, standardisierten oder vereinfachten, aber vor allem um einen von den Technowissenschaften und ihren Steuerungsorganen kontrollierten Menschen handeln würde.
Wie lange gilt ein Mensch noch als Mensch in Bezug auf die Menge an Technologie oder den Grad an im Körper eingebauter Technologie? Stellt die Haut die Grenze zwischen der biologischen und der technischen Hybridisierung dar? Braucht es einen körperlichen Eingriff oder muss man bereits eine Person, die von technischen Geräten abhängig (permanent angeschlossen) ist, als einen optimierten Menschen, einen mutierten oder primitiven Menschen der Zukunft betrachten?
Hier braucht es dringend eine Diskussion, die über das Gebot für Innovation und Heilsbotschaften hinausgeht. Wir müssen gemeinsam mit den Technowissenschaften Begriffe wie „Allgemeinwohl“ und „Wert des Lebens“ definieren. Wir müssen als verantwortliche und zu aufgeklärter Zustimmung fähige Akteure auftreten, um den Weg für einen neuen Humanismus im Dienst der zukünftigen Generationen zu ebnen. Unsere Zukunft darf nicht das Ergebnis eines finanziellen Kalküls oder ausser Kontrolle geratener Kräfte sein; sie darf auch nicht von techno-ökonomischen Diktaturen abhängen, denn diese stehen selten für sozialen, politischen und wirtschaftlichen Fortschritt. Sie missachten den Grundsatz der Vorsicht. Bei ihnen geht es um Überwachung, Manipulation, Kontrolle, das Ende des Privatlebens, der Entscheidungsfreiheit und der Demokratie.
Die Bio- und Ingenieurwissenschaften stellen gesellschaftliche und ideologische Herausforderungen im zivilen und militärischen Bereich dar. Dies zeigt sich bereits heute mit dem Einsatz von Killerdrohnen, die dank künstlicher Intelligenz autonom agieren und folglich auch töten könnten. Auch wenn es schwierig ist, alle langfristigen Risiken zu erfassen, die von der Machtergreifung der Technologien und ihren legalen und illegalen Akteuren ausgehen, und die Auswirkungen auf die Funktionsweise der Gesellschaft und die Zunahme der Ungleichheiten zu analysieren, dürfen wir die anthropologischen, ethischen, philosophischen, politischen und rechtlichen Fragen nicht ausser Acht lassen, die sich aus unserer zunehmenden Abhängigkeit von der Digitalisierung, den Systemen der künstlichen Intelligenz und den Technowissenschaften ergeben.
Solange Ghernaouti, Mitglied der Schweizerischen UNESCO-Kommission
- Lesen Sie weiter: Artikel in “Le Temps”, 22. August 2017 (in französisch)