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Gefühle vermessen: Leistungsbezogene Tests als Alternative zu Fragebögen
Emotional intelligente Menschen sind nicht nur im Beruf erfolgreicher. Sie knüpfen schon seit der Kindheit qualitativ gute soziale Beziehungen und schätzen ihr Wohlbefinden hoch ein.
von Katja Schlegel und Denise Lang, publiziert in Psychoscope 6/2015
Stellen Sie sich folgende Situation vor: Frau Maurer erhält an der Weihnachtsfeier ihrer Firma die Auszeichnung für die beste Vertriebsleistung des Jahres. Welche Emotion empfindet sie dabei am ehesten: Freude, Stolz, Beunruhigung, Überraschung? Liegt für Sie die Antwort auf der Hand? Oder sind Sie unschlüssig, wie sich Frau Maurer in diesem Moment fühlt?
Manche Menschen verstehen es besser als andere, sich in Situationen hineinzuversetzen und die Emotionen anderer Personen nachzuempfinden. Es gelingt ihnen, auf Anhieb Sympathien zu wecken, Mitmenschen zu begeistern, unter Druck Optimismus auszustrahlen und bei Konflikten sachlich zu reagieren. Doch warum ist das so? Menschen verfügen über eine unterschiedlich stark ausgebildete Fähigkeit, emotionsbezogene Informationen differenziert wahrzunehmen, zu verarbeiten und gewonnene Erkenntnisse zu nutzen, um das eigene wie auch das Denken und Handeln anderer zu steuern. Die beiden Psychologieprofessoren John D. Mayer von der Universität New Hampshire und Peter Salovey von der Universität Yale prägten hierfür Anfang der 1990er-Jahre den Begriff der emotionalen Intelligenz (EI).
Emotional intelligente Personen kommen weit
Zahlreiche Forschungsergebnisse und fundierte
Meta-Analysen weisen auf die Bedeutsamkeit der emotionalen Intelligenz hin. Im Arbeitskontext nimmt sie bezogen auf die Vorhersage der Leistung nach der kognitiven Intelligenz und der Persönlichkeit (Big Five) den Platz als drittwichtigster Prädiktor ein. Emotional intelligente Führungskräfte verstehen es, ihre Ideen, Absichten und Ziele besser, sprich interessanter und überzeugender, zu vermitteln. Sie transportieren mehr Enthusiasmus, Optimismus und Vertrauen, beeinflussen ihre Mitarbeitenden gezielter und steigern so auch deren Commitment. Damit erzielen sie nicht nur bessere Ergebnisse, sondern schaffen auch eine leistungsfördernde Umgebung. Der Einfluss der emotionalen Intelligenz zeigt sich aber nicht nur auf Führungsebene, sondern auch bei der alltäglichen Zusammenarbeit unter Mitarbeitenden. Kurz: überall dort, wo Menschen mit Menschen interagieren, beispielsweise in Teams, in Projekten oder im Kundenkontakt. Besonders stark sind die Effekte, wenn der Austausch affektiv gefärbt ist wie bei Beratungs-, Verkaufs- oder Verhandlungsgesprächen. Emotional intelligentere Menschen werden in solchen Situationen als angenehmer, empathischer und sozial geschickter wahrgenommen und hinterlassen bei ihrem Gegenüber ein Gefühl der Zufriedenheit sowohl mit dem Austausch an sich als auch mit den Ergebnissen des Gesprächs. Die Effekte beschränken sich allerdings nicht nur auf den beruflichen Kontext. Menschen mit höherer emotionaler Intelligenz verfügen schon als Kinder und Jugendliche über qualitativ bessere soziale Beziehungen und verhalten sich weniger deviant. Als Erwachsene pflegen sie tragfähigere Paar- und Familienbeziehungen und schätzen ihr Wohlbefinden und ihre Lebenszufriedenheit höher ein.
Vier Dimensionen der Emotionalen Intelligenz
Aber was macht eine emotional intelligente Person aus? Forschende sehen vier Kompetenzen als zentral an: die Erkennung, das Verständnis, die Regulation sowie das Management von Emotionen.
Bei der Emotionserkennung handelt es sich um das Vermögen, nonverbale emotionale Signale bei anderen Menschen wahrzunehmen, korrekt zu interpretieren und zu benennen. Personen mit einer hohen Fähigkeit zur Emotionserkennung können selbst subtile emotionale Reize aus Mimik und Gestik, Stimme und Körpersprache ihres Gegenübers ablesen. Sie erfassen so im Austausch Absichten oder Gefühle, die ihr Gegenüber - sei es eine Kunde, ein Kollege, eine Vorgesetzte oder ein Mitarbeiter - nicht explizit zum Ausdruck bringt oder verbergen möchte.
Die zweite Kompetenz, das Emotionsverständnis, ist das Wissen darüber, was verschiedene Emotionen ausmacht, wann und warum sie auftreten und wie sie sich im eigenen und auch im Verhalten anderer äussern. Ein gutes Emotionsverständnis geht einher mit einer ausgeprägten Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und emotionale Ereignisse nicht pauschal, sondern individuell und ihrer Komplexität entsprechend beurteilen zu können.
Drittens ermöglicht die Emotionsregulation einen effektiven Umgang mit den eigenen Gefühlen. Die Fähigkeit bezieht sich einerseits darauf, den für andere wahrnehmbaren, äusseren Ausdruck zu kontrollieren, beispielsweise trotz Ärger einen neutralen Gesichtsausdruck zu zeigen oder gar ein authentisches Lächeln aufzusetzen. Andererseits gehört auch das Vermögen dazu, Gefühle und Gedanken zu beeinflussen. Menschen mit einer hohen Regulationsfähigkeit verwenden häufiger sogenannte adaptive Strategien beim Umgang mit den eigenen Emotionen, wie positive Neubewertungen: "Daraus kann ich lernen", und neigen seltener zum Schwarzmalen: "Das ist das Schlimmste, was passieren konnte".
Als Emotionsmanagement wird viertens die Fähigkeit bezeichnet, angemessen auf die Gefühle anderer zu reagieren und diese zielgerichtet zu beeinflussen. Menschen mit ausgeprägten Kompetenzen in diesem Bereich können sehr gut einschätzen, wie beispielsweise ein enttäuschter Kollege aufgemuntert, eine aufgebrachte Kundin besänftigt oder ein skeptischer Vorgesetzter überzeugt werden kann.
Die vier Kompetenzen einer emotional intelligenten Person bauen aufeinander auf: Um auf die Emotionen des Gegenübers angemessen zu reagieren (Management) ist es notwendig, diese Gefühle überhaupt wahrzunehmen (Erkennung), sie zu verstehen (Verständnis) und allenfalls eigene Emotionen zu kontrollieren (Regulation).
Fragebögen versus leistungsbezogene Tests
Wie können diese emotionalen Kompetenzen gemessen und individuelle Stärken und Defizite identifiziert werden? In der Emotions-, Arbeits- und Organisationspsychologie haben Forschungsgruppen bislang zwei verschiedene Methoden angewandt: Fragebögen zur Selbstbeschreibung und leistungsbezogene Tests. Bei der ersten Methode werden den Versuchsteilnehmenden Fragebögen vorgelegt, mithilfe derer sie ihre Kompetenzen selbst einschätzen sollen. Typische Aussagen sind beispielsweise: "Im Allgemeinen kann ich gut mit den Gefühlen anderer Menschen umgehen" oder "Es fällt mir leicht, meine Gefühle zu kontrollieren". Der Vorteil von Fragebögen ist, dass sie schnell und einfach in der Anwendung sind. Jedoch basiert ihr Einsatz auf der Annahme, dass Menschen ihre eigenen Fähigkeiten korrekt einschätzen können und wollen. Dies ist nicht immer der Fall, wie Untersuchungen zeigen. Insbesondere bei der Personalrekrutierung, wenn entsprechende Fragebögen im Rahmen von Selektionsprozessen eingesetzt werden, kann es zu einer geschönten Selbstdarstellung kommen.
Bei der zweiten Methode werden leistungsbezogene Tests eingesetzt, bei denen es richtige und falsche Antworten gibt. Verwendet werden Beschreibungen oder Videos von emotionalen Situationen, anhand derer Probandinnen und Probanden Emotionen erkennen respektive die beste Verhaltensweise in der jeweiligen Situation identifizieren sollen. Jenen Personen, die mehr Fragen richtig beantworten, wird eine höhere emotionale Kompetenz zugeschrieben. Diese Tests reduzieren durch ihren Leistungsbezug Effekte der sozialen Erwünschtheit und richten die Aufgaben auf berufsrelevante Erfordernisse aus.
Testverfahren speziell für Arbeitssituationen
Das Swiss Center for Affective Sciences an der Universität Genf und die Nantys AG haben einen solchen leistungsbezogenen Test entwickelt. Der Geneva Emotional Competence Test (GECo) misst die vier beschriebenen emotionalen Kompetenzen mittels verschiedener Aufgaben. Bei der Erkennung von Emotionen werden den Testpersonen kurze Videosequenzen gezeigt, in denen Schauspieler jeweils eine von 14 verschiedenen Emotionen wie Stolz, Interesse, Besorgnis oder Überraschung darstellen. Die Teilnehmenden sollen im Anschluss darauf angeben, welche Emotion sie beobachtet haben.
Die drei anderen Kompetenzen Verständnis, Regulation und Management von Emotionen werden mithilfe von Fallaufgaben gemessen. Die dabei dargestellten Situationen basieren auf einer Vielzahl von Interviews mit Schweizer Führungskräften und Personalverantwortlichen aus diversen Branchen. Sie haben verschiedenste Erlebnisse aus ihrem Berufsleben berichtet, in denen sie selbst oder Kunden, Kolleginnen, Vorgesetzte oder Mitarbeiterinnen Emotionen wie Angst, Ärger, Traurigkeit oder Verzweiflung empfanden.
Um ihre emotionalen Kompetenzen einzuschätzen, werden die Teilnehmenden gebeten, sich in die beschriebenen Situationen hineinzuversetzen. Anschliessend sollen sie aus verschiedenen Möglichkeiten auswählen: welche Emotionen empfindet die Person in der Beschreibung, mit welcher Verhaltensstrategie kann sie diese beeinflussen und welche Reaktion würde der eigenen am ehesten entsprechen? Die richtigen Antworten wurden anhand verschiedener psychologischer Theorien, beispielsweise aus den Bereichen des Konflikt- und Stressmanagements bestimmt.
Der Geneva Emotional Competence Test gibt nicht nur einen Wert für jede der vier Kompetenzen an, sondern zeigt auch ein Profil der für den Probanden respektive die Probandin typischen Denk- und Verhaltensstrategien. Dieses Profil kann als Ausgangspunkt für eine individuelle Stärken- und Schwächenanalyse sowie für die Zusammenstellung von spezifischen Trainings dienen. Damit eignet sich der Test für den Einsatz in Unternehmen, beispielsweise als Teil der Personalselektion und -entwicklung. Aber auch für Mitarbeitende oder Privatpersonen zahlt es sich aus, das eigene Potenzial zu prüfen. Nicht nur, um die beruflichen Erfolgschancen zu erhöhen, sondern auch um die Qualität der sozialen Kontakte im persönlichen Umfeld positiv zu beeinflussen. Erste Studien mit Studierenden bescheinigen dem Geneva Emotional Competence Test eine gute psychometrische Qualität. Weitere internationale Studien werden durchgeführt. Mit seinem Bezug zur Berufswelt sowie der theoriegeleiteten Entwicklung stellt der Test einen wichtigen Fortschritt im Bereich der Messung der emotionalen Kompetenz dar.