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Als Kleinkind wird Lalita von einer Luzerner Familie adoptiert. Als 39-Jährige reist sie zum ersten Mal nach Indien. Die Reportage in drei Teilen begleitet die Spurensuche von Livia Lalita Zgraggen.
Ein alter Mann mit weissem Haar sitzt hinter einem altmodischen Empfangstisch. Er hebt den Kopf, seine Augen hinter der randlosen Brille streifen uns flüchtig. Wir sagen, wer wir sind und was wir wollen. Er schaut etwas mürrisch, wackelt dann auf die unbestimmte indische Art mit dem Kopf und greift zum Telefonhörer. Mit einer Handbewegung bedeutet er uns, Platz zu nehmen. Wir setzen uns auf eine harte Holzbank mit Stoffüberzug und warten.
Im kleinen Raum ist es still, vor den Fenstern mit Fliegengittern flimmert die Hitze. Irgendwo krächzt ein Vogel, über uns dreht sich die heisse Luft des Ventilators. Der Wand entlang stehen Säcke mit Spielzeug, Kartons mit Waschpulver und anderen Sachen; vermutlich Spenden für die Kinder hier: Es ist 14 Uhr, Juni 2018, und wir sind im St. Catherine’s Home, einem Waisenheim in einem ärmlichen Stadtteil von Mumbai (früher Bombay).
Die indischen Schwestern wissen von nichts. Oder doch?
Nach ein paar Minuten bauscht sich der Vorhang zum Korridor, herein kommt eine Schwester. Sie trägt ein einfaches Kleid aus senffarbenem Stoff und hat ihre grauen Haare zu einem Knoten hochgesteckt. Meine Kollegin Livia Lalita steht auf. «Guten Tag», sagt sie und ergreift die ausgestreckte Hand der Schwester, die sich als Ananda vorstellt. «Ich lebte die ersten Monate in diesem Heim, dann wurde ich in die Schweiz adoptiert, nach Luzern. Jetzt bin ich gekommen, um zu wissen, woher ich komme», sagt Lalita.
Schwester Ananda mustert sie. Nicht unfreundlich, aber distanziert, und fragt: Wann war das? Vor 37 Jahren! «Das ist lange her, das ist sehr lange her. Darüber wissen wir nichts», sagt sie und schüttelt bekümmert den Kopf.
Lalita ist hartnäckig. Sie nimmt Schwester Ananda in die Zange, lässt sich nicht abspeisen wie damals mit dem Brief, den sie als 18-Jährige nach Mumbai geschickt hat und in krakeliger Schrift nachfragte: Wer sind meine Eltern und was wisst ihr von ihnen? Die Antwort kam postwendend in einem freundlichen, aber unverbindlich verfassten Schreiben: Liebe Lalita, wir wissen nichts Konkretes über deine Herkunft und deine Eltern. Aber sei versichert: Sie liebten dich und wollten das Beste für dich; eine sichere Obhut, ein liebevolles Daheim. Gott ist mit dir und wir beten für dich, liebe Lalita, vergiss das nie.
Doch im gleichen Brief tauchten noch andere Namen auf. Liebe Caroline. Liebe Jasmina. Liebe Regula. Lalita ist anscheinend eine von vielen, die nach ihrer Herkunft fragen – ein Fall für Copy/Paste. Aber jetzt hat sie die lange Reise aus der Kleinstadt Luzern nach Mumbai gemacht, schaut Schwester Ananda in die Augen und glaubt nicht, dass keine Dokumente mehr da sind über ihre Herkunft. Dass sie keine Chance hat, ihre leiblichen Eltern zu finden, ist ihr längst bewusst und das war auch gar nicht die Idee ihrer Reise. Aber eine winzige Spur aus ihrer frühsten Kindheit, ein entferntes Erinnern oder flüchtiges Wiedererkennen, das möchte sie finden.
«Wer hat mich hergebracht?», fragt sie eindringlich. Wurde ich als Baby in die kleine Hängematte vor das Eingangstor gelegt, die über dem schmutzigen Boden schaukelt? Oder hat mich meine Mutter hier geboren und mich noch in den Armen gehalten, bevor ich in eines der Gitterbettchen gelegt wurde? Und vor allem: Ist es meine Mutter, die mir meinen Namen gegeben hat: Lalita!? «Ich weiss es nicht», sagt die Schwester.
Lalita besteht auf einen zweiten Termin und darauf, dass die Schwester bis dann im Archiv nachschauen soll, ob nicht doch noch irgendwo ein Hinweis, ein Zettel oder ein Dokument über das 18 Monate alte Mädchen vorhanden ist, das im Sommer 1981 per Flugzeug in die Schweiz zur Familie Zgraggen gebracht worden ist: 47,5 Zentimeter gross, 2,9 Kilo schwer, geboren vermutlich am 9. Dezember 1979.
So steht es auf einem der wenigen indischen Dokumente, die es über das Kind gibt und die in der Schweiz in einem grünen Ordner von der Familie Zgraggen aufbewahrt werden. Darin liegt auch der vergilbte, vor 28 Jahren abgelaufene Pass, in dem das einzige Foto klebt, das es aus diesen ersten Monaten gibt: Ein kleines Mädchen mit grossen, dunklen Augen und ernstem Blick. «Nicht ernst, traurig schauen diese Augen», sagt Lalita, die nach ihrer Ankunft in der Schweiz zu Livia geworden ist.
Baby an Bord: Flughafen Genf, Sommer 1981
Was seit ein paar Jahren nur noch in Ausnahmefällen erlaubt ist, war jahrzehntelang gang und gäbe: Tausende Kleinkinder wurden aus ganz Indien und auch aus dem St. Catherine’s Home in Mumbai in alle Welt adoptiert. Nach Italien und Deutschland, nach Australien, Schweden, Kanada und überall dorthin, wo sich Ehepaare Kinder wünschten und keine eigenen bekommen konnten.
So wie Peter und Lotti Zgraggen in der Schweiz. Frisch verheiratet, eine hübsche Wohnung; mit gemeinsamen Hobbys, einem zuverlässigen Freundeskreis und voller Zuversicht für die familiäre Zukunft. Der Mann in einer guten Anstellung, die Frau Teilzeitverkäuferin – jedenfalls bis ein Kind kommt. Dann will sie Mutter sein und zwar ein gute, die sich kümmert und bedingungslos und jederzeit da ist für ihr Baby. «Ich freue mich, meine ganze Zeit und Aufmerksamkeit unserem Kind widmen zu können, und beabsichtige nicht, wieder zu arbeiten», gibt Lotti Zgraggen ein paar Jahre später in den umfangreichen Unterlagen zu Protokoll, die bei einer Adoption angefordert werden.
«Wir hoffen, dass Sie Ihre kleine Tochter Livia Lalita bald in die Arme schliessen können.»
Die indischen Schwestern, 1981
Sechs Jahre nach der Hochzeit ist das Ehepaar noch immer kinderlos: Kein Baby kommt. Bekannte von Zgraggens in einer ähnlichen Situation haben ein Kind aus Mumbai adoptiert und gute Erfahrungen gemacht. Peter und Lotti Zgraggen entscheiden sich, ebenfalls, ein Kind von dort zu adoptieren. «Wir würden uns sehr freuen, ein kleines Kind aus dem Waisenheim St. Catherine’s Home bei uns in der Schweiz aufnehmen zu können», schreiben sie in einem ersten Brief an die Schwestern, in deren Obhut um die 500 Kinder leben. Ausnahmslos alle kommen aus armen Familien, viele sind unehelich geboren, manche krank oder behindert und bis auf wenige Ausnahmen sind es Mädchen.
Nach monatelangem Briefwechsel, dem Ausfüllen unzähliger Dokumente, dem Beantworten massenhafter Fragen seitens indischer und schweizerischer Behörden, bekommt das Ehepaar grünes Licht: «Liebe Familie Zgraggen, Sie werden bestimmt überglücklich sein, diesen Brief zu lesen! Es ist so weit: Das indische Gericht hat die Adoption bewilligt und wir hoffen, dass Sie Ihre kleine Tochter Livia Lalita bald in die Arme schliessen können», teilen die Schwestern aus Mumbai im Brief mit, der im Frühling 1981 in Zgraggens Briefkasten flattert. Bereits ein paar Wochen später ist es so weit: An einem Sommerabend stehen Lotti und Peter Zgraggen am Flughafen Genf und warten auf ihre lang ersehnte Tochter Livia.
37 Jahre später sitzt das Ehepaar Zgraggen in seiner Wohnung im dritten Stock eines Blocks in einem ruhigen Quartier von Luzern. «Es war ein heisser Sommertag, als wir Livia am Flughafen abholten», erinnern sie sich. Lotti Zgraggen steht auf, holt ein Heft aus der Schublade und schlägt es auf. Die Seiten sind dicht gefüllt mit Einträgen, die ihr Mann über diese erste Zeit mit Livia geschrieben hat.
Sie blättert die Seiten um, bis sie den gesuchten Eintrag findet und liest vor: «Mittwoch, 26. August 1981, Ankunft von Livia. (…) Vom Flugfeld wird unsere Tochter in einem Bus zu uns gebracht. Säuberlich etikettiert, mit einer Tasche voller Kleider, Geschenken und Ausweisen wird sie uns überreicht. Wir schliessen sie sofort ins Herz – dieses erkältete, ‹verschnuderte Hämpflein› Mensch.» Die Mutter klappt das Heft wieder zu und sagt, es sei ein unglaublich gutes Gefühl gewesen, das Mädchen nach den monatelangen Vorbereitungen endlich in die Arme zu nehmen und sagen zu können: «Sali du! Jetzt bist du hier und gehörst zu uns!»
Livia sei anfangs schüchtern und zurückhaltend gewesen. Doch schon nach ein paar Wochen habe sie den Knopf aufgemacht, sei mit ihrer fröhlichen Art gut angekommen und habe es genossen, im Mittelpunkt zu stehen – und das sei oft der Fall gewesen: In den 80er- Jahren gab es in Luzern kaum dunkelhäutige Leute, geschweige denn Kinder. «Natürlich war das exotisch und die Leute reagierten sehr positiv. Fast zu positiv!», sagen die Zgraggens und erzählen, wie wildfremde Leute im Café an ihren Tisch gekommen, dem Mädchen durchs Haar gefahren seien und gesagt hätten: «So härzig, dieses Kind! Woher kommt es?». Aus Indien. Und das sei eher ein Zufall, sagen Zgraggens: Ein Kind aus der Schweiz zu adoptieren, war damals fast ausgeschlossen – zu lange die Wartefrist nach der Hochzeit, zu lange die anschliessenden Wartelisten von anderen kinderlosen Pärchen.
«Die Schwestern haben für uns eine Tochter ausgewählt und das ist gut so.»
Peter Zgraggen
Also sahen sie sich woanders um und kamen über Bekannte in Kontakt mit dem Heim in Mumbai. Es sei ihnen wichtig gewesen, von Behörden und Bekannten gute Referenzen über das Waisenheim zu bekommen. «Geschichten wie jene aus Sri Lanka geben einem natürlich zu denken. Wir sind froh, dass bei uns alles sehr seriös gelaufen ist», sagen sie in Anspielung auf die teils missbräuchlichen Adoptionen, die zwischen Sri Lanka und der Schweiz ebenfalls in den 80er-Jahren stattgefunden haben. Selber nach Mumbai zu gehen und sich vor Ort ein Bild zu machen, war für das Ehepaar nie eine Option: Lotti hat Flugangst. Und Peter hätte das gar nicht gewollt: «Die Schwestern haben für uns eine Tochter ausgewählt und das ist gut so.»
Hinweis: Morgen veröffentlichen wir Teil 2 «Geboren im Moloch Mumbai». Nach ihrem eher enttäuschenden Besuch im Waisenheim lässt sich Livia Lalita Zgraggen in den Bann ziehen von der faszinierenden und hektischen Millionenstadt Mumbai. Und sie sagt: «Endlich Mainstream! Endliche eine von vielen sein!» Keine Ahnung vom indischen Lebensgefühl haben hingegen die Adoptiveltern – das müsse sich die Tochter schon selber holen, waren sie sich schon bei der Adoption einig.
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