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Wer waren die Mütter von Schönberg und Haydn?
Wir haben nachgeforscht im Hinblick auf den Muttertag, an dem Werke der beiden Komponisten gespielt werden.
Viele musikalische Karrieren beginnen in der Familie: Mit Eltern, die professionell oder hobbymässig Instrumente spielen, die singen oder ihren Nachwuchs ins Konzert mitnehmen. Das dürfte schon immer so gewesen sein. Schade deshalb, dass man über die Eltern vieler Komponist*innen kaum etwas weiss – je früher sie lebten, desto weniger. Vor allem von den Müttern ist oft kaum mehr als der Name bekannt. Wer sie waren, was für ein Leben sie führten: Das lässt sich nur fragmentarisch und indirekt erschliessen.
Ob zum Beispiel Arnold Schönbergs Mutter, die im obigen Bild eher skeptisch in die Kamera schaut, ihrem Sohn Kinderlieder vorgesungen hat? Dazu ist nichts überliefert. Sie sei «jedenfalls sehr aufopfernd, uneigennützig, selbstlos, bescheiden» gewesen, schrieb Schönberg über sie, und es dürfte kein Zufall gewesen sein, dass die vier Adjektive alle mehr oder weniger dasselbe bedeuteten. Pauline Nachod, geboren 1848 in Prag, kam als Kind nach Wien; mit 24 Jahren heiratete sie Samuel Schönberg, der ein kleines Schuhmachergeschäft in der Leopoldstadt betrieb. Sie stammte aus einfachen Verhältnissen, ihr Vater musste einen Gebührenerlass für die Heiratserlaubnis beantragen. Die Ehe seiner Eltern sei «normal gut» verlaufen, so schrieb Schönberg weiter, «höchstens getrübt von materiellen Sorgen».
Diese Sorgen wurden noch grösser, als Schönbergs Vater 1889 starb. Pauline Schönberg war damals 41 Jahre alt und musste fünf Kinder durchbringen. Sie selbst hatte vier geboren, die älteste Tochter starb früh; ausserdem hatte sie zwei Nichten aufgenommen, deren Eltern beim Ringtheaterbrand von 1881 ums Leben gekommen waren. Sie sei eine kluge Frau gewesen, schrieb Schönberg, «die sich viel mit ihren Kindern, zwei Ziehkindern und später den Enkeln geplagt hat». Dass sie sich nicht nur geplagt hat, sieht man auf einem anderen Foto, auf dem sie, der kleine Arnold und seine Schwester Ottilie als zwar zeittypisch inszeniertes, aber sehr vertrautes Trio zu sehen sind.
Die Musik scheint im Leben der Pauline Schönberg keine besondere Rolle gespielt zu haben. Schönberg beschrieb seine Eltern als «durchschnittlich musikalisch»; «keinesfalls kann ich sagen, dass das irgendwie über das hinausreichte, was jeder nicht gerade musikfeindliche Österreicher an Musikalität besitzt». Über seine Erfolge als Komponist habe sie sich aber gefreut: Auch das hielt er fest.
1921 starb Pauline Schönberg in Berlin. Sie wurde auf einem evangelischen Friedhof begraben, obwohl sie aus einer jüdischen Familie stammte; als bei einem Brand das Kirchenbuch zerstört wurde und der Totenschein neu ausgestellt werden musste, wurde ihre Religion als evangelisch angegeben. Man schrieb damals das Jahr 1936, und man darf wohl davon ausgehen, dass Schönbergs Mutter nichts dagegen gehabt hätte, selbst nach ihrem Tod noch für ihre gefährdete Familie zu sorgen.
Eine schöne Stimme und zwölf Kinder
Noch weit weniger weiss man über die Mutter von Joseph Haydn. Sie hiess Anna Maria Koller (nicht Keller, Wikipedia liegt da falsch) und wurde 1707 im niederösterreichischen Dorf Rohrau geboren. Sie war Köchin im Schloss des Grafen von Harrach, als sie den Wagnermeister Mathias Haydn kennenlernte. Nach der Hochzeit widmete sie sich der rasch wachsenden Familie: Zwölf Kinder hat sie geboren, drei davon starben früh.
Am Feierabend wurde jeweils musiziert, nicht klassische Werke, sondern volkstümliche Weisen. Der Vater spielte die Harfe, die Mutter sang – und der kleine Joseph war nicht der einzige, der mit besonderem Enthusiasmus dabei war: Auch seine jüngeren Brüder Michael und Johann wurden Musiker. Die Begeisterung hatte allerdings ihren Preis. Joseph Haydn war erst fünf oder sechs Jahre alt, als ihn der Schulrektor und Chorleiter Johann Mathias Franck in die Chorschule nach Hainburg holte; ob den Eltern der Entscheid schwerfiel oder ob sie froh waren darüber, dass er Kost und Logis und eine gute Ausbildung erhielt, ist nicht bekannt. Jedenfalls hat er sich bewährt; mit sieben Jahren wurde er von Georg Reutter abgeworben, dem Kapellmeister am Wiener Stephansdom, und kam so in die damalige Hauptstadt der Musik.
Was es bedeutete für Joseph Haydn, seine Familie so früh zu verlassen, wie oft der Bub nach Hause zurückkehrte und ob überhaupt: Darüber schweigen seine frühen Biografen, die ihn noch persönlich kannten. Sicher ist, dass der Vater später beruflich in Wien zu tun hatte und dort seinen ältesten Sohn traf. Die Mutter dagegen verschwand aus seiner offiziellen Biografie. Sie starb 1754, mit 47 Jahren.
PS: Wenn Sie wissen möchten, was unser Music Director Paavo Järvi über seine Mutter erzählt, dann finden Sie hier ein Interview, das in der «Aargauer Zeitung» erschienen ist.