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Auch fünf Jahre nach dem Abzug der Rebellentruppen aus dem grösstenteils zerstörten Ostteil der Stadt Aleppo ist das Leben weit entfernt von Normalität. Zahlreiche Familien leiden unter den dramatischen Folgen des Krieges und der wirtschaftlichen Krise. Aida Chelhot, eine Mitarbeiterin der melkitisch-katholischen Erzdiözese, stellt drei Familienschicksale vor.
Familie Kassis
Antoine Kassis lebt mit seiner Frau Takla und seinen beiden Söhnen Elie (15) und Jean (8) in einem bescheidenen Haus. Antoine, der durch einen Unfall einen Arm verloren hat, arbeitet in einem Geschäft für Autozubehör, Takla kümmert sich um den Haushalt und die Erziehung der beiden Buben. Trotz verschiedener Versuche gelang es Antoine bisher nicht, eine besser bezahlte Arbeit zu finden. Um Miete oder Medikamente weiter bezahlen zu können, war er gezwungen, bei seinem Arbeitgeber ein Darlehen aufzunehmen. Er erzählt: «Wir können die anfallenden Kosten nicht bezahlen. Um den finanziellen Druck zu reduzieren, habe ich die Glühbirnen in unserem Haus entfernt.» Nun lebt die Familie nach Sonnenuntergang im Dunkeln. Der 15-jährige Elie musste von einer Privatschule an eine kostenlose, öffentliche Schule wechseln, wo das schulische Niveau tiefer ist. Er wurde mehrmals von Schulkameraden verprügelt und möchte die Schule nun vorzeitig verlassen. Auch Jean muss, wenn die Schulgebühren in der Privatschule weiter steigen, an die öffentliche Schule wechseln, da die Familie schon jetzt das Schulgeld fast nicht bezahlen kann. Die Kieferkorrektur für eine Fehlstellung von Elies Zähnen belastet das Familienbudget zusätzlich. Dank eines monatlichen Unterstützungsbetrags und Lebensmittelgutscheinen vom kirchlichen Sozialdienst kommt die christliche Familie einigermassen über die Runden.
Familie Abiad
Das Haus von Sabri Abiad in der Altstadt von Aleppo wurde im Krieg komplett zerstört. Die Familie war gezwungen, in ein vermeintlich sicheres Gebiet umzuziehen, das aber bald an der Demarkationslinie zum besetzten Ostteil der Stadt lag. So musste die Familie erneut umziehen. In dieser Zeit starb seine Frau Taline, die Sabri mit ihren drei gemeinsamen Kindern Leila (14), Marita (11) und Abdallah (10) allein zurückliess. Nun kümmert sich Sabris Vater Abdallah um die Kinder und den Haushalt, während er als Coiffeur das Einkommen für die Familie verdient. Die Mädchen besuchen die nahe staatliche Schule. Auch der zehnjährige Abdallah wird auf das neue Schuljahr von der Privatschule an die staatliche Schule wechseln. Die Kinder verbringen ihre Nachmittage mit Lernen und Aktivitäten in der Kirchgemeinde. Grossvater Abdallah, von Beruf Maler, musste seine Arbeit wegen der giftigen Farbdämpfe aufgeben und benötigt ein Sauerstoffgerät, das er sich jedoch nicht leisten kann. Die Familie von Sabri erhält vom Sozialdienst einen monatlichen Geldbetrag und regelmässig Lebensmittelgutscheine, um die nötigsten Ausgaben zu bestreiten. «Nur dank der Hilfe der Kirche können wir überleben. Ein Ende des Tunnels sehe ich nicht.» meint Sabri.
Familie Fattal
Vor dem Krieg arbeitete Fadi Fattal bei einem internationalen Textilunternehmen. Er kaufte und wartete Stickereimaschinen. Er verdiente als leitender Angestellter gut und unternahm für seine qualifizierte Arbeit Reisen ins Ausland. Während des Krieges wurde sein Vater von einer Granate getötet. Die Familie musste ihr Haus im von Rebellen kontrollierten Teil der Stadt verlassen. Die sechsköpfige Familie wohnte notdürftig in einem kleinen Haus an der Demarkationslinie und wurde von Nachbarn und Verwandten unterstützt. Dem Stellungsbefehl der Armee während des Krieges kam Fadi nicht nach, was bedeutete, dass er sich verstecken musste. Nach dem Krieg reiste Fadi mit seiner Familie nach Argentinien, um sich dort ein neues Leben aufzubauen. Doch dieser Neustart erwies sich als grosse Enttäuschung. Unterstützt von dem kirchlichen Projekt «Aleppo wartet auf dich» konnte die Familie nach Syrien zurückkehren. Heute führt Fadi einen Kaffeeladen, dank eines Kredits einer gemeinnützigen Organisation. Seine Töchter besuchen die öffentliche Schule und nehmen an kostenlosen Englischkursen der Kirche teil. Ausserdem sind sie bei den Pfadfinderinnen und im Religionsunterricht angemeldet. Sohn Georges leidet an einer chronischen Darmerkrankung und ist auf medizinische Hilfe angewiesen. Die Familie erhält einen monatlichen Geldbetrag und Lebensmittelgutscheine vom kirchlichen Sozialdienst. Fadi sagt: «Ich hoffe auf zusätzliche Verdienstmöglichkeit, um meiner Familie ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.»
Aida Chelhot, Aleppo