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Als die FIFA im Jahr 2011 verkündete, dass jenes halbfertige Stadion in Itaquera, in der Ostzone von São Paulo, die Bühne für die Eröffnung der Fussball-Weltmeisterschaft werden würde, ahnte der Metallarbeiter Egnaldo bereits, dass dieser Event keine Gelegenheit bieten würde, um die Lebensqualität in seinem Stadtteil zu verbessern. “Das bringt unsereinen wirklich in Wut. Ich sehe nichts, das sich hier geändert hat, im Gegenteil. Die Miete ist teurer geworden, und die öffentlichen Verkehrsmittel schlechter“, erklärt er.
Am Samstag 3. Mai hat Egnaldo, der seit seiner Kindheit in diesem Stadtteil wohnt, zusammen mit 1.500 Familien “ohne Dach über dem Kopf“, ein 150 Quadratmeter grosses Terrain besetzt – in vier Kilometer Entfernung des so genannten “Itaquerão“, dem Stadion des Corinthians-Clubs. Er sagte, dass er nun endlich durch die “Copa“ (WM) eine Gelegenheit gefunden habe, sich zu artikulieren. “Diese Besetzung ist endlich mal etwas positives“, so drückte er sich aus.
Noch in der Strukturierungsphase – mit Baracken aus Holz und Zeltplanen im Aufbau – haben sie ihre Besetzung “Copa do Povo“ (WM des Volkes) getauft. “Wir haben genau dieses Terrain ausgesucht, um den richtigen Kontrast zur “Copa do Mundo“ (Fussball-Weltmeisterschaft) zu bilden. Milliarden werden verschleudert mit jenem Event, und auf der anderen Seite haben wir Tausende Menschen ohne Heim“, erklärte Josué, Mitglied der Bewegung “Movimento dos Trabalhadores Sem Teto (MTST)“ (Arbeiter ohne Dach), der die Gruppe organisiert und anführt.
Am Morgen des 5. Mai war das Terrain noch in kleine Parzellen unterteilt. “Es sind nur Baracken erlaubt, denn wir haben nicht vor, eine neue Favela zu erschaffen. Wir verlangen, dass man für unsere Familien Wohnungen baut, mit einer ordentlichen Infrastruktur und anderen Einrichtungen“, erklärte er weiter.
Dies ist die zweitgrösste Besetzung des MTST innerhalb São Paulos, dieselbe Organisation koordiniert auch “Nova Palestina“, eine Besetzung von 2.500 Familien in der paulistanischen Südzone. Josué Rocha weist auf den enormen Mangel an Wohnraum hin, der in dieser Region die Menschen auf die Strasse bringt, auch solche, die nicht mehr in der Lage sind, ihre Miete zu bezahlen – seit vergangenen Samstag strömen Menschen aus den benachbarten Stadtteilen herbei, um der Präfektur auf diesem Platz die Stirn zu bieten.
“Diese “Copa do Mundo“ hat die Mietpreise verdoppelt. Und die Familien, die bereits in einer weit vom Stadtzentrum entfernten Region wohnen müssen, sind nun gezwungen, noch weiter weg eine Unterkunft zu suchen – einige müssen sogar bis in andere Städte ausweichen“, schimpfte er. Die Besetzung “Copa do Povo“ befindet sich vor dem “Parque do Carmo“ und nahe des SESC von Itaquera.
Die Putzfrau Josefa ist eine jener Personen, die ihre Miete im Stadtteil Jardim Helian nun nicht mehr zahlen kann. Durch den Druck des Besitzers soll ihre Miete ab Juni von R$ 400 (130 Euro) auf R$ 600 (195 Euro) steigen. “Die Häuschen, die einst billig waren, sind es nicht mehr. Die Besitzer nutzen die Gelegenheit. Wer genug hat, macht so was mit denen, die nichts haben“, klagte sie resigniert. Mit einem Einkommen von weniger als R$ 1.200 (390 Euro) pro Monat, muss sie jeden Centavo dreimal umdrehen, bevor sie ihn ausgibt.
Ausser ihrem Problem mit der Miete, erzählt Josefa, dass die Verkehrsverbindungen in ihrer Region viel schlechter geworden seien. “Es gibt furchtbar viele Umleitungen wegen der Bauarbeiten für die “Copa“, und man braucht enorm viel Zeit, um aus unserem entlegenen Stadtteil heraus zu kommen und die U-Bahn zu erreichen“, erklärt sie.
Täglich nehmen die Besetzer an Versammlungen teil – um 19 Uhr – in denen die anstehenden Entscheidungen im Kollektiv verabschiedet werden, wie zum Beispiel das Reglement fürs Zusammenleben an diesem Ort. Josué erklärt, dass sie sich in den nächsten Versammlungen in einzelne Gruppen aufteilen werden, ähnlich wie es in der Besetzung der Südzone usus ist. “Jede Gruppe teilt sich die Aufgaben, wählt einen Koordinator, und sollte auch eine eigene Küche besitzen“, schlug Josué vor. Bis jetzt gibt es nur eine einzige Küche für alle Besetzer, in der drei Mahlzeiten täglich für zirka 600 Personen zubereitet werden.
Das Terrain, auf dem diese Menschen campieren, ist in Privatbesitz und seit mehr als zwanzig Jahren unbenutzt. “Es diente als Müllkippe, und wir haben es erst einmal vom Abfall befreit. Ausserdem haben wir erfahren, dass der Besitzer des Grundstücks einen Haufen Grundsteuer-Schulden gegenüber dem Finanzamt hat“, grinste Josué.
Wie er weiter berichtet, hat die Militärpolizei (PM) eine Runde um die Besetzer gedreht, ohne zu intervenieren, und die juristische Assistenz der Bewegung hat festgestellt, dass bisher keine Beschwerde über die Besetzung bei Gericht eingegangen ist. Des weiteren lauteten die Informationen, dass Repräsentanten der Unterpräfektur von Itaquera ebenfalls vor Ort erschienen waren und sodann Anweisungen weitergegeben hatten, am Ort der Besetzung chemische Klos und eine Mülltonne aufzustellen.
Der Präfekt von São Paulo, Fernando Haddad, sagte anlässlich seines Besuchs am 5. Mai einer Herberge der Katholischen Kirche in der Zentralregion, die Emigranten aus Haiti aufgenommen hat, dass die Situation des von der MTST besetzten Terrains von der Präfektur untersucht wird. “Ich habe darum gebeten, die steuerliche Situation des Besitzers zu untersuchen, ob er Schulden gegenüber der Präfektur hat, und ob dieses Terrain für die Errichtung von Wohnungen taugt, denn es ist ja möglich, dass es dazu nicht geeignet ist“, erklärte er den Journalisten.
Er führte weiter aus, dass es möglich sei, das Terrain in ein “Areal von sozialem Interesse“ zu verwandeln, mittels eines Gesetzesvorschlags, über den dann in der Stadtverordnetenversammlung noch abgestimmt werden müsste. Er hob hervor, dass “all das zuerst einmal analysiert werden muss, bevor man eine entsprechende Antwort geben kann“.
Der Vorschlag des MTST, darauf besteht Josué, ist der, dass das Terrain enteignet wird und darauf dann menschenwürdige Wohnungen gebaut werden. “Und wenn dies hier nicht möglich sein sollte, wollen wir, dass diese Familien irgendwo anders eine menschenwürdige Wohnung gestellt bekommen“.