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Er hat – auch parallel zu Hegels Ästhetik-Vorlesungen – immer mal wieder an der Universität Berlin über dieses Thema gelesen. Aber obwohl er ein paar Mal über Ästhetik las, hat Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher zu Lebzeiten nichts davon veröffentlicht. Im vorliegenden Buch haben wir seine Notizen zu einer kleinen Vortragsreihe Über den Begriff der Kunst (gemeint ist dann vor allem: des Schönen) in populärwissenschaftlichem Rahmen vor uns, sowie eine Mitschrift seiner letzten Vorlesung zu dem Thema. Diese Mitschrift stammt von Alexander Schweizer, der nicht nur Schweizer hieß, sondern auch einer war – seines Zeichens Theologe und später Professor in diesem Fach an der Universität Zürich. In seiner Einleitung zitiert der Herausgeber Holden Kelm aus der Autobiografie von Karl Ferdindand Gutzkow, der zu seiner Zeit in Berlin wohl alles und jeden hörte, der Rang und Namen hatte, und später in seiner Autobiografie auch davon berichtete. Gutzkow schildert, wie der als Redner berühmte Schleiermacher seine Vorlesungen ohne Buch, ohne Heft, frei vor sich hin [sprach], ohne zu stocken. Das kann so nicht ganz stimmen, denn es gibt sehr wohl Notizen, in denen Schleiermacher zumindest eine Art Leitfaden für seine Vorlesungen festhielt.
Schleiermacher kennt noch die „alten“, aufklärerischen Ästhetiken – allen voran Baumgarten, den er zwar nicht nennt, dessen logisch-mathematischen Aufbau der Ästhetik er aber so wenig schätzt, wie dessen Einstufung der Ästhetik unter die Erkenntnisvermögen. Schleiermacher seinerseits basiert die Ästhetik auf der Ethik. Er kennt natürlich Kants berühmte Definition vom interesselosen Wohlgefallen, kann aber auch damit wenig anfangen. Dafür finden wir bei ihm eine Weiterführung seiner eigenen, aus den frühromantisch-symphilosophischen Zeiten mit Friedrich Schlegel stammenden Ansichten, die ihrerseits aus dem Genie-Gedanken der Zeit stammten. Er hat in der Zwischenzeit aber die deutschen Klassiker Schiller und Goethe rezipiert und hält Schillers Unterscheidung des Naiven vom Sentimentalen für einen ersten Fortschritt gegenüber der aufklärerischen Ästhetik. Den nächsten Fortschritt sieht er in Fichte, der zwar keine eigene Ästhetik verfasst hat, sondern – vor allem im System der Sittenlehre von 1798, also wie Schleiermacher von der Ethik herkommend – nur verstreute Hinweise gibt, in denen die Kunst als Beruf und Erziehungsmittel aufgefasst wird. Schelling, der in Über das Verhältnis der bildenden Künst zu der Natur von 1807 die Kunst aus der Naturlehre herzuleiten sucht, war für Schleiermacher der nächste Schritt. (August Wilhelm Schlegel sollte in dieser Ahnenfolge auch erwähnt werden; Schleiermacher las und kannte einiges von ihm, schätzte ihn auch noch in seinen späten Jahren, während die einst enge Freundschaft mit dem Bruder Friedrich sich nach dessen Konversion zum Katholizismus sehr gelockert hatte.) Last but not least zählte Schleiermacher den bisher letzten Fortschritt in aestheticis seinem ehemaligen Berliner Professoren-Kollegen Hegel zu, der die Kunst zum absoluten Geist erhoben hatte.
Anders als in der aufklärerischen Ästhetik, geht es Schleiermacher nicht um die Definition der Begriffe des Schönen oder des Erhabenen. Schleiermachers Ästhetik ist eine Produktions-Ästhetik, keine Rezeptions-Ästhetik. Er geht in seiner Vorlesung von einer historischen Einleitung über zu einem allgemein spekulativen Teil, um dann im wichtigsten Teil anzukommen, wo er die einzelnen Künste darstellt. Diese sind dann systematisch angeordnet: Es gibt zunächst die Von ihrer Natur nach ursprünglich begleitenden Künste, i.e. Mimik und Musik, wobei er unter Mimik jede Form von körperlicher Bewegung versteht, von begleitenden Gesten beim Erzählen der alten Barden bis hin zur eigentlichen Schauspielkunst. Die Pantomime kriegt ein eigenes Kapitel. Mimik und Musik sind sozusagen die Basis-Künste. Darauf aufbauend die bildenden Künste: Architektur, die schöne Gartenkunst, Malerei und Skulptur. In diesem Abschnitt wird klar, was Schleiermacher unter „Kunst“ versteht: Nachahmung der Natur unter gleichzeitiger Idealisierung und Erhöhung derselben. Den Abschluss – sozusagen als Gipfel aller Künste – macht dann die Poesie. Immer werden die Künste auch historisch dargestellt, vor allem ihr vermutlicher oder vermeintlicher Ursprung hergeleitet.
Natürlich argumentiert Schleiermacher eurozentrisch. Er ist sich sogar keineswegs sicher, ob z.B. die chinesische Malerei überhaupt Kunst ist. Von außereuropäischen Literaturen finden wir keine Spur. Das ist der Zeit geschuldet, dem mangelhaften Wissen über andere Kulturen, bzw. der damals allgemein verbreiteten Geringschätzung z.B. der alten chinesischen Kultur. Schade ist es natürlich trotzdem.
Die Rolle der Religion in der Erschaffung von Kunstwerken lässt Schleiermacher – eigentlich erstaunlich für einen Professor der Theologie – außen vor. Im Gegenteil: Er hält explizit fest, dass ein Künstler, der ein religiöses Thema bearbeitet, keineswegs religiös begeistert sein muss. Die Begeisterung für die Kunst als solche überwiegt und ist conditio sine qua non der Kunstproduktion. Da würde eine weitere, andere Begeisterung sogar stören. Schleiermacher spricht von der freien Produktion, was in vielem noch dem alten Genie-Gedanken seiner Jugend entspricht.
Wenn die Religion fehlt, fehlt hingegen nicht der Versuch Schleiermachers, auch die Komik in sein System einzubinden. Sie nimmt allerdings immer eine Nebenrolle ein – ausschließlich komische Werke sind für Schleiermacher Werke minderen Ranges. (Hier ist letzten Endes wohl August Wilhelm Schlegels Einfluss zu bemerken, der seinerseits sich an der Rolle des Clowns als ‘comic relief’ in Shakespeares Dramen orientierte.)
Schleiermachers Ästhetik ist ein seltsames Gemisch. Da finden wir einerseits rigide Vorstellungen von der Rolle der Kunst und eine rigide Einteilung der Künste – nur schon eine Mischform zwischen Malerei und Skulptur wie das Bas-Relief bereitet ihm grosse Schwierigkeiten. Andererseits wird er nicht müde, die Freiheit des Künstlers in der Gestaltung seines Stoffes zu betonen – eben die freie Produktion. Reine Nachahmung der Natur ist keine Kunst – was ihm die Porträt-Malerei verdächtig macht – aber ein völliges Sprengen der Formen, wie es dann das 20. Jahrhundert programmatisch durchführte, kann er auch nicht akzeptieren. Vielleicht liegt es daran, dass Schleiermachers Ästhetik bis heute in der philosophischen Diskussion ein Mauerblümchen-Dasein fristet. Das hat sie nicht verdient; wir finden einige interessante Ansätze darin, die z.B. bei Vischer wieder verloren gegangen sind.
Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher: Ästhetik (1832/33) / Über den Begriff der Kunst (1831-33). Mit einer Einleitung, Bibliografie und Registern herausgegeben von Holden Klem. Hamburg: Felix Meiner, 2018. (Lizenzausgabe für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft)

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