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Dass die Erde zu mehr als 70 Prozent von Wasser bedeckt ist, lernen Kinder schon in jungen Jahren. Viele Eltern haben noch einen Globus zu Hause, den man mit etwas Geschick so drehen kann, dass keine der Landmassen mehr zu sehen ist. Auf eine der simpelsten Fragen, die sich in diesem Zusammenhang ergeben, hatte die Wissenschaft bisher keine befriedigende Antwort: Woher stammt eigentlich das viele Wasser, das sich in den Weltmeeren befindet?
Eine der Erklärungen, die gerne herangezogen wurden, besagte, das Wasser sei auf der Außenseite von Staubkörnern ins innere Sonnensystem gelangt. Wäre dies der Fall gewesen, hätte sich neuen Berechnungen zufolge aber bereits innerhalb der ersten 10 Millionen Jahre so viel Wasser angesammelt, dass die Landmassen der Planeten schlichtweg im Meer versunken wären. Andere Wissenschaftler stellten die Theorie auf, dass kohlige Großmeteoriten, die vom Jupiter in Richtung Erde gelenkt wurden, das Wasser hierher brachten. Bedenkt man jedoch die Tatsache, dass unser Planet jährlich von Abertausenden sogenannter Chondriten bombardiert wird, geht diese Rechnung nicht auf.
Die Erde wurde als blauer Planet geboren
Amerikanische Forscher der Woods Hole Oceanographic Institution (WHOI) sind nun zu einer verblüffenden Erkenntnis gelangt: Das Wasser der Ozeane sei nicht nachträglich aus dem Weltraum auf die Erde geregnet, sondern schon immer da gewesen. Um die Herkunft des Wassers auf Planeten im inneren Sonnensystem zu bestimmen, verglichen die Forscher die Anteile von schwerem Wasserstoff (Deuterium) und normalem Wasserstoff in alten Meteoriten, die sich in ferner Vergangenheit vom Asteroiden Vesta abgelöst hatten. Vesta befindet sich im Asteroidengürtel zwischen Jupiter und Mars und ist mit ca. 516 km Durchmesser der zweitgrößte Asteroid des Hauptgürtels, der aus mehr als 600.000 Objekten besteht.
Der Untersuchung liegt die Annahme zugrunde, dass unterschiedliche Regionen des Sonnensystems sich durch abweichende Wasserstoffisotopenverhältnisse auszeichnen. Den Wissenschaftlern war das Isotopenverhältnis der kohligen Chondriten bereits vor Beginn der Studie bekannt. Dieses wurde mit dem Resultat verglichen, dass sich bei Analyse von Vesta-Proben ergab. Nach der Auffassung der meisten Forscher kristallisierte Vesta, als sich die Erde noch in der Entstehungsphase befand. Übereinstimmung herrscht auch darüber, dass der Asteroid in derselben Region des Sonnensystems entstand wie die Erde.
Die Vesta-Bruchstücke gewähren einen Einblick in die Frühzeit des Sonnensystems
Die untersuchten Bruchstücke formten sich gerade einmal 14 Millionen Jahre, nachdem das Sonnensystem sich aus Gas und Sternenstaub gebildet hatte. Im kosmischen Maßstab ist dieser Zeitraum nicht mehr als ein Wimpernschlag: Neuesten Erkenntnissen zufolge ist unser System etwa 4,6 Milliarden Jahre alt. Die uralten Vesta-Meteoriten wiesen bereits dasselbe Deuterium-Wasserstoff-Verhältnis auf wie die heutige Erde. In Chondriten, die sich noch vor den Planeten bildeten, findet sich dieselbe Zusammensetzung.
Damit ist nach Meinung der Forscher erwiesen, dass das auf der Erde befindliche Wasser schon seit der Geburt des Planeten existiert. Sollte dies stimmen, ergeben sich daraus zahlreiche Konsequenzen – zum Beispiel, dass das Leben auf der Erde schon viel früher entstanden sein könnte, als bisher angenommen wurde. Auch auf den anderen Planeten des Sonnensystems könnte sich zu dieser Zeit Leben gebildet haben. Wie sich dieses entwickelte, ist bislang unklar. Es ist jedoch gut möglich, dass die aktuellen Mars-Missionen neue Erkenntnisse liefern, die zur Aufklärung dieser spannenden Frage beitragen.