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Moderner Prometheus
Sein Gesicht erscheint auf keinem Gemälde, auf keinem Stich, in keinem Geschichtsbuch. Niemand war Zeuge seiner Niederlagen, nur wenige erlebten seine Erfolge. In den Archiven bewahrt Frankreich von ihm nur ein einziges Foto. Sein Leben interessiert weder Biografen noch die Wissenschaft. Niemand umgibt sein Geheimnis mit Legenden. Sein Haus ist kein Museum, seine Maschinen werden kaum ausgestellt. Das Lyzeum, in dem er seine ersten Experimente vorführte, trägt nicht seinen Namen.
Doch Augustin Mouchot ist nicht deshalb einer der großen Vergessenen der Wissenschaft, weil er weniger beharrlich in seinen Untersuchungen, weniger brillant in seinen Entdeckungen gewesen wäre, sondern weil sein schöpferischer Wahnsinn auf das einzige Gebiet gerichtet war, das kein Mensch je erobern konnte: die Sonne.
Anfang des 19. Jahrhunderts interessierte sich niemand für die Sonne. Frankreich würdigte den Himmel keines Blickes, wühlte vielmehr in den Eingeweiden der Erde, um täglich tausende Tonnen Kohle zu fördern. Die Städte wurden mit Kohle beleuchtet, die Wohnungen mit Kohle geheizt, Schweinsfüße über Kohle gegart, die Tinte ebenso aus Kohle hergestellt wie das Schießpulver. Die Lazarette wurden mit Kohle geschrubbt und die Dichter schrieben mit Kohle. Obwohl sie teuer, schmutzig und ihr Vorkommen begrenzt war, gab es kein Unternehmen, kein Handwerk, das nicht auf die eine oder andere Art auf Kohle zurückgriff.
Unter all diesen Tätigkeiten gab es eine, die besonders viel Kohle brauchte, weil sie genug Hitze erzeugen musste, um Eisen zu schmelzen: das Schmiedehandwerk. In jenen Zeiten besaßen die Schlossereien noch die mittelalterliche Rustikalität alter Schmieden, in denen man aus Bronze Treppengeländer und Gartenzäune herstellte. Doch ihre Erzeugnisse wurden immer filigraner und ausgeklügelter.
Ludwig XVI. ließ sich in Versailles eine eigene Schlosserwerkstatt einrichten. Dreißig Jahre lang amüsierte sich der letzte König Frankreichs damit, die Türschlösser, Riegel und Sicherheitssysteme seines Palastes identisch nachzubauen. Es hieß, er selbst habe das Schloss für den Eisenschrank entworfen, in dem sich die gestohlenen Briefe anderer Monarchen befanden und dessen Schlüssel er stets an einer Kette um den Hals trug.
An dem Tag, da am 21. Januar 1793 in Paris vor den Augen einer tobenden Menge der Kopf des Königs unter der Guillotine fiel, fand ein junger Mann aus Burgund namens Jean Roussin, der dem Schauspiel beiwohnte, den silbernen Schlüssel im Schlamm, versteckt unter einer Haarlocke. Er verkaufte ihn in der Rue Saint-Denis, ohne zu ahnen, dass er den Zugang zum bestgehüteten Geheimnis des Königsreichs in den Händen hielt.
Von dem Geld richtete sich Roussin eine Schmiede im Dorf Semur-en-Auxois am Ufer des Flusses Amance ein, wo er heiratete und fünf Töchter bekam. Die jüngste, Marie Roussin, ein stilles, melancholisches Mädchen, verliebte sich mit fünfzehn Jahren in einen Lehrjungen ihres Vaters, einen gewissen Saturnin Mouchot, und verbrachte den Rest ihres Lebens in einer benachbarten Gasse damit, sechs Kinder zur Welt zu bringen und großzuziehen. So wurde am 7. April 1825 im Hinterzimmer einer Schmiede, dem am weitesten vom Licht entfernten Ort, der Mann geboren, der die industrielle Nutzung der Sonnenwärme erfinden sollte.
An jenem Tag, wiewohl schon Frühling, war es noch kalt. Eisige Böen fauchten vor den Fensterscheiben, als Marie Mouchot, die neben dem Dampfkessel Wärme suchte, plötzlichen einen stechenden Schmerz im Unterleib spürte. In der Einsamkeit der Werkstatt hockte sie sich hin, hob ihre Rockschöße und brachte ihr Kind zur Welt. Es landete auf einem Sack mit Meißeln und Schlössern, und als Saturnin Mouchot, alarmiert durch die Schreie des Neugeborenen, in die Werkstatt gerannt kam, packte er eine Zange und durchtrennte die Nabelschnur, wie er sonst Eisenkabel durchtrennte. Am nächsten Tag nannte man das Kind Augustin.
Ab 1860 lehrte August Mouchot Mathematik am Lycée in Alençon. In einem Buch stieß er zufällig auf den Apparat, den der Genfer Physiker und Alpenforscher Horace Bénédict de Saussure erfunden hatte und mit dem er ein Ragout kochen konnte, „indem er einfach eine Spiegelfläche auf die Sonne richtete“.
Eines Morgens erwachte er mit ungewohntem Elan, griff nach einem Blatt Papier und kopierte, von einer Inspiration gepackt, die Modellzeichnung von Saussures Sonnenkocher. Den ganzen Tag und die folgende Nacht hindurch verbesserte er den Apparat, nahm Messungen vor, ergänzte die Pläne. Am nächsten Morgen eilte er durch die Rue aux Sieurs mit ihren vielen Färbereien, überquerte die Pont des Briquetiers, ging an den Spinnereien vorbei, die Leinenstoffe und Nadelspitze herstellten, und betrat den Eisenwarenladen an der Place de Lancrel, wo er drei Tannenholzbretter, einen Metalltopf und einen riesigen Werkzeugkasten kaufte. Als er nach Hause kam, machte sich Mouchot daran, seinen ersten Sonnenkocher zu bauen.
Der Apparat war dem von Saussure sehr ähnlich: eine 30 Zentimeter breite Kiste, nach oben offen. Die einen halben Zoll dicken Wände kleidete er mit rußgeschwärztem Kork aus. Dort hinein stellte er den Topf mit einem Kilo Rindfleisch, etwas Gemüse und Wasser, schob drei Glasscheiben jeweils im Abstand von vier Zentimetern darüber und stellte das Ganze in den Brennpunkt eines gekrümmten Spiegels.
Er stellte fest, dass die Sonnenenergie etwas zunahm, wenn sie senkrecht auf den Spiegel traf. Den ganzen Nachmittag war er damit beschäftigt, mit der Kiste vor dem offenen Fenster der Sonne zu folgen, wobei er sie alle zwanzig Minuten drehte. Zwischendurch setzte er sich auf seinen Stuhl und beobachtete geduldig, wie die Wärme ihre Wirkung tat. Aber der Inhalt der Kiste wurde nur lauwarm.
Nach den ersten gescheiterten Anläufen entschloss sich Mouchot zu einem neuen Experiment. Er würde das Gemüse weglassen und die Kiste durch einen Wasserkessel ersetzen, dann würde die Sonnenwärme vielleicht genug Dampf erzeugen, um einen Kolben zu bewegen. Er stellte einen mit Wasser gefüllten Kupferkessel in den Brennpunkt. Dann drehte er den Apparat zur Sonne. Das Kupfer erwärmte sich zwar, strahlte die Wärme aber auch wieder ab und kühlte an der Luft sehr schnell ab.
Mouchot ließ den Kopf hängen und wollte schon aufgeben, als ihm, wie so oft in der Geschichte der Wissenschaft, der Zufall zu Hilfe kam. Um seinen Apparat nicht an der Luft stehenzulassen, nahm er eine der gläsernen Saugglocken, mit denen der Arzt seine Brust behandelt hatte, und verschloss den Kessel. Dann ließ er sich niedergeschlagen auf seinen Stuhl fallen und malte sich seine Zukunft als einfacher Mathematiklehrer aus.
Kurze Zeit später wurde er aus seinen Gedanken gerissen: Der Kessel gab ein ungeduldiges Geräusch von sich. Blasen knallten an die Wände, stiegen sprudelnd auf und platzten an der Oberfläche. Mouchot hob die Glasglocke an, und eine riesige Dampfwolke schlug ihm ins Gesicht. In wenigen Minuten war das Wasser im Kessel zum Kochen gebracht worden. Die Sonnenstrahlen waren durch das Glas des Saugnapfs gedrungen, aber der heiße Dampf war drinnen eingeschlossen.
Mouchot sprang von seinem Stuhl. Er hatte einen Apparat geschaffen, der ohne Holz oder Kohle, ohne Öl oder Gas, einzig durch das Licht eines Sterns heizen konnte. Wenn er mehrere Glasglocken übereinanderstülpte, würde er vielleicht auch einen Ragouttopf zum Kochen bringen. Besser noch: Wenn er Dampf machen konnte, würde er auch eine Dampfmaschine antreiben können. Der ganze Markt der industriellen Revolution öffnete sich vor ihm.
Eine Mischung aus Begeisterung und Furcht erfüllte Mouchots Brust. Er öffnete die Fenster weit und streckte der Sonne herausfordernd die Faust entgegen. Dann griff er nach seiner Jacke und seinem Hut und ging triumphierenden Schrittes zum Patentamt, um der Welt mitzuteilen, dass ein neuer Gelehrter die Bühne der Wissenschaft betreten habe. Wer ihn so sah, wie er mit kindlicher Hast seine kleine Wohnung in Alençon verließ, ahnte gewiss nicht, dass dieser unscheinbare Mann eines Tages auf den Titelseiten der Zeitungen stehen und man ihn den „modernen Prometheus“ nennen würde.
Niemand hätte sich vorstellen können, dass Mouchot zwanzig Jahre später auf der Pariser Weltausstellung im Palais du Trocadéro zu den 53 000 Erfindern zählen würde, deren Werke 16 Millionen Besucher bestaunten, in einem 40 Hektar großen Glaspalast, in dem auch die französischen Kronjuwelen und der Kopf der Freiheitsstatue ausgestellt wurden. Niemand hätte sich vorstellen können, dass er dort, auf dem Champ de Mars, der Welt seine Erfindung vorführen würde: eine Maschine, die die Wärme der Sonne einfangen konnte wie die Staudämme das Wasser der strömenden Flüsse.
Aber all das geschah erst im Oktober 1878. Im winterlichen Alençon, an jenem 4. März 1861, ahnte auch Mouchot nichts von dem märchenhaften Schicksal, das auf ihn wartete, er war erst 35 Jahre alt und reichte sein erstes Patent zur Nutzung der Sonnenenergie ein. Er nannte es Héliopompe.
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Miguel Bonnefoy ist Schriftsteller. Sein Roman „L’Inventeur“, Paris (Payot-Rivages), dem dieser Text entnommen ist, erschien im August 2022.