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Mein Freund hatte mich gefragt, ob ich nicht mitmachen möchte. Er war schon länger Statist beim Stadttheater Bern. Ich habe gedacht: «Warum nicht? Macht bestimmt Spass.» Das war vor vier Jahren. Meistens hatte ich Rollen, in denen ich nichts sagen musste. Jetzt spiele ich den Hanno in «Buddenbrooks» - und habe zum ersten Mal richtig viel Text. Das ist schwierig. Ich muss aufpassen, nicht über die Wörter zu stolpern. Vor meinen Auftritten stehe ich hinter der Bühne und sage die Sätze leise auf. Ungefähr 20 Mal jeden Satz. Auch die anderen Schauspieler machen das so. Sie laufen im Kreis und murmeln vor sich hin. Manche hocken zwischen den Auftritten auch in der Kantine, rauchen, essen etwas oder schauen Fussball im Fernsehen.
Hinter der Bühne bin ich aufgeregt. Wenn ich auf der Bühne stehe, ist die Angst weg. Dann denke ich an nichts mehr. Ich weiss, Hunderte von Augen starren mich an. Aber das macht mir nichts, weil es einfach so sein muss.
Der letzte Satz im Stück
«Buddenbrooks» ist ein Roman von Thomas Mann, in dem es um eine Familie geht, die immer tiefer sinkt. Die Schlussszene habe ich am liebsten. Da macht der Hanno, den ich spiele, einen Strich unter den letzten Eintrag im Familienstammbuch. Sein Vater wird furchtbar wütend, und Hanno sagt: «Ich glaubte, es käme nichts mehr.» Dann ist das Stück zu Ende. Es ist schön, als Letzter auf der Bühne zu stehen und diesen Satz zu sprechen. Seit mir die Regisseurin gesagt hat, ich soll dabei nicht ins Publikum schauen, sondern einen Punkt über den Köpfen fixieren, macht die Szene weniger Spass. Es war spannend, die Gesichter in den ersten Reihen anzuschauen. Aber vielleicht haben die Zuschauer das nicht gern und haben sich beschwert.
Die Proben zu «Buddenbrooks» haben sieben Wochen gedauert. Während dieser Zeit probieren die Regisseure normalerweise ganz viel aus. Mal sollen die Schauspieler diesen Eingang benutzen, mal einen anderen, mal sollen sie das Lied singen, dann wieder nicht. Bis es stimmt. Die Regisseurin von «Buddenbrooks» hat es umgekehrt gemacht. Erst in den Hauptproben eins und zwei, kurz vor der Generalprobe, hat sie angefangen zu experimentieren. Ich hätte zum Beispiel ein Stück mit der Geige spielen müssen. Wochenlang hatte ich geübt. In der Hauptprobe hat sie dann gesagt: «Nee, das mit der Geige lassen wir.» Da war ich ein wenig enttäuscht.
Manchmal gibts Krach während der Proben, weil sich Regisseurin und Schauspieler nicht einig sind. Sie schreien fast, es wird laut und schnell. Ein riesiges Durcheinander. Ich stehe am Rand und komme gar nicht mehr mit. Dann gibt es jeweils 20 Minuten Probenunterbruch - bis sich alle wieder beruhigt haben.
Das Buch von Thomas Mann habe ich nie gelesen. Damit ich weiss, um was es geht, bin ich vor den Proben mit meiner Mutter nach Hamburg geflogen, wo das Stück gerade lief. Den Text habe ich mit meiner Mutter geübt. Ich habe den Hanno gespielt, sie die anderen Rollen. Das Hochdeutsch ist für mich kein Problem, weil meine Mutter Deutsche ist und wir zu Hause nur Hochdeutsch reden. Text lernen ist, wie wenn ich eine neue Melodie auf meiner Geige übe: Am Anfang nervt es, weil es nicht fliesst. Irgendwann ist es in mir drin. Dann geht es wie von alleine.
Ich spiele gern Theater. Aber es ist nichts Besonderes, auf der Bühne zu stehen. Ich bin einfach der Clemens, der den Hanno spielt. Fertig. Schauspieler ist nur mein zweiter Traumberuf. Mein erster ist Zahnarzt.
Zu den Proben und Aufführungen begleitet mich mein Vater oder meine Mutter. Wenn ich Abendvorstellung habe, bin ich erst um elf Uhr nachts wieder zu Hause. Seitdem ich Theater spiele, schlafe ich besser. Weil ich zu müde bin, um wach zu bleiben und nachzudenken.
Am nächsten Morgen muss ich jeweils um sieben Uhr aufstehen und in die Schule gehen. Das ist hart, aber es muss halt sein. Ich frage mich manchmal, was die Schauspieler tagsüber machen. Ob sie freihaben und ausschlafen können?
Oft fast zu viel Applaus
Die meisten Schauspieler sind Deutsche. Mit zwei von ihnen teile ich meine Garderobe. Sie sind alle sehr nett. Nur eine tut ein bisschen aufgeblasen. Manche Leute glauben, Schauspieler seien irgendwie komische Menschen. Das stimmt nicht. Sie sind normal, wie du und ich. Würde man sie auf der Strasse treffen, würde man gar nicht merken, dass sie Schauspieler sind.
Schauspieler sind abergläubisch. Es ist zum Beispiel verboten, im Theater zu pfeifen. Das bringt Unglück. Denn wenn es früher in einem Theater pfiff, waren das die Öllampen, die Feuer gefangen hatten. Glück bringt es, wenn man sich gegenseitig vor der Premiere dreimal über die rechte Schulter spuckt. Natürlich nicht in echt, nur so tun, als ob. Und wenn man einem anderen Schauspieler einen Streich spielt. Zum Beispiel fand eine Schauspielerin vor der Premiere ein Vogelnest in ihrer Perücke. Mir haben die anderen leider noch nie einen Streich gespielt.
Manchmal wünschte ich mir, die Zuschauer würden am Schluss der Vorführung weniger klatschen. Der Applaus dauert immer so lang, und wir müssen immer wieder raus und uns verbeugen. Dabei würde ich am liebsten so schnell wie möglich nach Hause.