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Unbestreitbar eine weltgeschichtliche Gestalt – mit dieser Wertung rechtfertigte Stadtpräsident Emil Klöti 1928 die Anbringung einer Inschrift am Haus an der Spiegelgasse 14. Dort lebte für etwas mehr als ein Jahr der russische Revolutionär Wladimir Iljitsch Uljanow (1870–1924) mit seiner Frau Nadeschda Krupskaja (1869–1939) als Untermieter, ehe er am 9. April 1917 Zürich Richtung Russland verliess.
Zu diesem Zeitpunkt hätte kaum jemand Lenin weltgeschichtliches Format zugesprochen. Entsprechend wenig ist über den Aufenthalt und Alltag des Revolutionärs in Zürich bekannt. Wer aber war der Russe, der unter dem seit 1900 verwendeten Pseudonym «Lenin» in die Geschichte einging? Er ist bis heute eine umstrittene Persönlichkeit: Die einen sehen in ihm den willensstarken, zielstrebigen und kompromisslosen Vordenker und Organisator der Oktoberrevolution, für andere pervertierte er die Lehre von Karl Marx und Friedrich Engels und schuf die Grundlagen für ein Terrorregime.
Viele russische Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten lebten im Schweizer Exil, weil sie hier den Kontakt zu Gesinnungsgenossinnen und Gesinnungsgenossen pflegen konnten; nicht zuletzt studierten zahlreiche Frauen an der Universität Zürich. Um sie zu besuchen, hielt sich Uljanow 1895 ein erstes Mal kurz in Zürich auf. Nachdem Lenin 1902 in «Was tun?» sein Konzept einer revolutionären marxistischen Partei publiziert hatte, musste er nach der gescheiterten russischen Revolution von 1905/06 erneut ins Ausland gehen und liess sich nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs in der neutralen Schweiz nieder. Nach Aufenthalten in Genf und Bern zog er mit seiner Frau im Februar 1916 nach Zürich, zuerst an die Geigergasse bei der Schifflände, wenig später an die Spiegelgasse. Dort fanden sie auf Vermittlung eines sozialistischen Jungburschen bei dessen Onkel, dem Schuhmachermeister Titus Kammerer, im zweiten Obergeschoss des Hauses «zum Jakobsbrunnen» eine Unterkunft.
Eigentlich wünschte Lenin zuerst ein Zimmer bei einer einfachen Arbeiterfamilie, dürfte dann aber angesichts seiner Geldmittel mit dem bescheidenen Doppelzimmer bei einem Handwerker durchaus zufrieden gewesen sein. Die Jahresmiete von knapp 300 Franken muss einem durchschnittlichen Arbeiterlohn von 3000 bis 4000 Franken gegenübergestellt werden. Die Zimmer waren klein, und in der Wohnung herrschten beengte Verhältnisse, lebten dort doch neben der fünfköpfigen Familie Kammerer weitere Untermieter: ein Italiener, österreichische Schauspieler mit einer fuchsroten Katze und die Frau eines deutschen Soldaten und Bäckers mit Kindern. Lenins Zimmer ging auf den Hinterhof, wo eine Wurstfabrik unliebsame Gerüche verbreitete. Speisen wurden oft auf einem kleinen Petroleumkocher zubereitet. Zur hygienisch eher problematischen Situation passte die sehr enge Überbauung an der Spiegelgasse. Im Rahmen von Stadtsanierungsmassnahmen wurden 1938/39 die Häuser gegenüber der Spiegelgasse 14 abgetragen und der heutige Grünraum gestaltet. Das Wohnhaus von Lenin hingegen musste 1971–1973 wegen Baufälligkeit abgerissen und neu errichtet werden.
Bild: Im Zeichen der Stadtsanierung: Abbruch 1938 und Schaffung einer Platzanlage © Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich
Die Gründe für den Umzug nach Zürich dürften vor allem in Bern liegen, das Krupskaja als «kleinbürgerlichen demokratischen Käfig» empfand, und wo die Ideen Lenins kaum auf Begeisterung stiessen. In Zürich erhoffte er sich Anschluss an die im deutschen Arbeiterverein «Eintracht Zürich» versammelten russischen Emigrantinnen- und Emigrantenkreise und versprach sich mehr Einfluss auf die revolutionäre Jugend. In der Aufenthaltsbewilligung bezeichnete sich Lenin als «politischer Emigrant seit der Revolution von 1905», der ohne Vermögen von seiner literarischen und journalistischen Arbeit lebe. Mit Willi Münzenberg und Fritz Platten besass Lenin zwei wichtige Kontaktpersonen in Zürich; mit gelegentlichen Vorträgen besserte er sein bescheidenes Einkommen auf. Vor allem aber arbeitete er unermüdlich an seinem Werk «Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus» und hielt sich in Bibliotheken auf. Täglich studierte er Zeitungen im nahen Gewerkschaftshaus der Eintracht, dem heutigen Theater und Zunfthaus am Neumarkt. Gelegentliche Wanderungen mit dem Arbeiterverein in der Umgebung Zürichs und ein Kuraufenthalt in Flumserberg brachten etwas Abwechslung in den Alltag.
Mit der Wohnung an der Spiegelgasse bewegte sich das Ehepaar Uljanow-Krupskaja in einer historischen Umgebung: Im Nachbarhaus Nr. 12 starb 1837 der Schriftsteller und Naturwissenschaftler Georg Büchner im Alter von 23 Jahren an Typhus; er war 1835 wegen seiner oppositionellen Ideen aus Hessen geflüchtet. Seine Beschäftigung mit der Französischen Revolution («Dantons Tod») verbindet ihn mit den russischen Revolutionären, die sich immer wieder auf die Ereignisse in Paris beriefen. Am Napfplatz wurde 1741 der bekannte Pfarrer und Philosoph Johann Caspar Lavater geboren, und hier führte der Konditor und Schauspieler Emil Hegetschweiler, Mitbegründer des Cabaret Cornichon, eine Bäckerei. An der Spiegelgasse 1 schliesslich eröffnete 1916 Hugo Ball das Cabaret Voltaire, einen beliebten Treffpunkt avantgardistischer Exil-Künstlerinnen und -künstler aus ganz Europa und Geburtsort des Dadaismus. Ob Lenin tatsächlich das Cabaret besuchte, ist nicht wirklich belegt.
Bild links: Lenins Reise nach Russland: Umschlag des 1924 von Fritz Platten herausgegebenen Buches; Bild rechts: Lenin als welthistorische Figur: Umschlag der Schweizer Illustrierten Zeitung vom 15. Dezember 1917.
Mit dem Sturz des Zaren während der Februarrevolution 1917 endete Lenins geduldiges Werben um die Schweizer Sozialistinnen und Sozialisten. Seine Energie richtete sich nun ganz darauf, einen Weg zurück nach Russland zu finden, um die Bolschewistinnen und Bolschewisten in Petrograd, wie St. Petersburg von 1914 bis 1924 hiess, ehe es in Leningrad umbenannt wurde, in ihrem Kampf gegen die neue Regierung anzuleiten. Die deutsche Regierung war interessiert an einer Rückkehr Lenins, weil dieser entschieden für eine Beendigung des Krieges eintrat. Lenin wiederum wollte den günstigen Moment für die sozialistische Revolution nicht verpassen und nahm deshalb das Risiko einer Reise durch deutsches Gebiet in Kauf. Staatsrechtlich beging er damit Landesverrat, weshalb er gegenüber den Deutschen Sonderbedingungen erreichte. Dank der tatkräftigen Hilfe von Fritz Platten bestieg er mit weiteren 30 Landsleuten am 9. April 1917 in Zürich einen sogenannt plombierten, aber einfach exterritorialen Bahnwagen, der ihn durch Deutschland nach Stockholm brachte. Wenig später war Lenin eine weltgeschichtliche Gestalt. Fritz Platten hingegen begleitete die Revolutionäre nur bis an die Grenze. Nach der Oktoberrevolution reiste er immer wieder nach Sowjetrussland: 1918 rettete er Lenin bei einem Attentat das Leben, nach 1923 gründete er landwirtschaftliche Genossenschaften, 1926 liess er sich mit seiner dritten Ehefrau hier nieder. Gut zehn Jahre später bei den stalinistischen Säuberungen verhaftet, wurde Platten 1942 ausgerechnet am Geburtstag Lenins in einem nordrussischen Lager erschossen.
Titelbild links: Im Herzen der Altstadt: Haus und Restaurant zum Jakobsbrunnen in einer Ansicht aus dem frühen 20. Jahrhundert;
Titelbild rechts: Ein bescheidenes Domizil: Zimmer Lenins um 1924;
Foto von Wilhelm Gallas, © Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich.
Seite übernommen aus dem Projekt «Einfach Zürich» mit freundlicher Genehmigung.