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Nur noch vegetarisch! Ein kleiner Akt der Unabhängigkeit, aber ein fataler in einem Land wie Südkorea, in dem der Vegetarismus als subversiv gilt. Eine Buchrezension über «Die Vegetarierin» der preisgekrönten Autorin Han Kang.
«Ich hatte einen Traum»
Yeong-Hye ist laut ihrem Ehemann an Durchschnittlichkeit nicht zu überbieten. Sie ist fügsam, zuverlässig und stets darauf bedacht ihrem Mann alles recht zu machen. Ihre Unscheinbarkeit ist sein Glück. Doch dann beschliesst sie eines Tages sich nur noch vegetarisch zu ernähren. Der Grund? «Ich hatte einen Traum» , so ihre Antwort.
Mit dem Verzicht auf Fleisch verstösst Yeong-Hye nicht nur gegen gesellschaftliche Konventionen, sondern auch gegen ihre Rolle als Frau und insbesondere als Ehefrau, als sie nebst dem eigenen Verzicht auch ihrem Ehemann keine Fleischgerichte mehr auftischt.
Han Kang gewinnt als erste Südkoreanerin den «Man Booker International Prize»
Die in Gwangju, Südkorea geborene Schriftstellerin Han Kang, studierte Koreanische Literatur an der Yonsei Universität in Seoul. Bereits in ihrer Heimat erhielt Kang mehrere Auszeichnungen und schliesslich 2016 als erste Südkoreanerin den Man Booker International Prize.
Die Protagonistin selbst kommt nie zu Wort.
Das Leben der jungen Protagonistin wird aus drei Perspektiven erzählt. Im ersten Teil des Buches lässt Han Kang den Ehemann Yeong-Hyes zu Wort kommen. Seine Frau nimmt extrem ab, ist abwesend und verzichtet auf Fleisch. Ihm bereitet währenddessen besonders der Mangel an Sex mit seiner Ehefrau Sorgen. Und dass, obwohl er sie nicht einmal aus Liebe geheiratet hat. Ihr Ehemann verkörpert auf erschreckende Weise den unterdrückenden und gewaltsamen Patriarchalismus, der entgegen dem modernen Bild Südkoreas noch immer weit verbreitet ist.
Ihr Mangel an Ausstrahlung, ihr felender Esprit und Charme, kam mir im Grunde genommen sehr gelegen.Ehemann, S. 7
Der zweite Teil ist aus der Sicht von Yeong-Hyes Schwager geschrieben. Dieser fühlt sich vom Mongolenfleck Yeong-Hyes inspiriert und benutzt sie, um seine sexuelle Obsession mit seiner künstlerischen Vision wahr werden zu lassen. Währenddessen zeigt Yeong-Hyes erste Merkmale, dass sie sich nebst dem Verzicht auf Fleisch, nach der Verwandlung in eine Pflanze sehnt.
Im letzten Teil dürfen wir dann aus der Perspektive von Yeong-Hyes Schwester Zeuge des körperlichen sowie seelischen Verfalls von Yeong-Hye werden.
Versteckte Botschaften im Cover
Das Cover gefiel mir beim Kauf des Buches sehr gut. Dennoch bemerkte ich die kleinen Details erst während des Lesens.
So wiederspiegelt die Lilie, die symbolisch für Reinheit, Fruchtbarkeit und Weiblichkeit steht, den ersten Teil des Buches wieder. Bei genauerem Hinsehen zu erkennen: Ein Stück Fleisch, stellvertretend für die Obession des Schwagers. Kontrovers auch die Augen und Finger, die erst bei genaueren Betrachtungen zu erkennen sind. Deutet das auf die Verwandlung hin? Ich weiss es nicht. Dann noch die Fliege- Möglicherweise eine Eintagsfliege, die das Leben und den Tod darstellt.
Das Cover gibt viel Raum für Interpretationen und repräsentiert in meinen Augen den Inhalt des Buches perfekt.
Die Vegetarierin- Alles andere als gewöhnlich
Ich erwartete Klischees über Menschen, die Fleisch essen oder darauf verzichteten. Doch bereits ab der ersten Seite stellte ich fest, dass ich mich bitterlich getäuscht hatte.
Ehrlich gesagt, weiss ich nicht, ob ich das Buch tatsächlich verstanden habe. Vieles darin ist bizarr und unerklärlich. Die Autorin wirft viele Frage auf, gibt aber kaum klärende Antworten, so dass ich am Ende des Buches eher unbefriedigt, ja gar etwas verärgert war.
Einfach BRUTAL
Wer in den rund 200 Seiten eine komplexe Sprache erwartet, wird enttäuscht. Han Kang schreibt in einer unglaublich schlichten Sprache, vollgepackt mit brutalem Realismus. Nicht selten stockte mir der Atem beim Lesen. Zum einen, weil ich von den vielen Wendungen im Buch geflasht war und zum anderen, weil die Autorin es schaffte, Bilder vor meinem inneren Auge entstehen zu lassen.
Ich empfehle das Buch nicht nur langjährigen Lesenden, sondern besonders auch jenen, die eher selten zu einem Buch greifen.