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Für mehr als 900 Millionen Menschen ist Mais die Lebensgrundlage, vor allem in Lateinamerika und Afrika. An die 850 Millionen Tonnen Mais werden weltweit pro Jahr angebaut; davon dienen bis zu 70 % als Tierfutter. Die wichtigsten Produzenten sind die USA, gefolgt von China und Brasilien. Der bekannteste Mais-Snack, das Popcorn, und die beliebten Frühstücksflocken, die Cornflakes, wurden denn auch in den USA erfunden. Auf Englisch heisst der Mais bekanntlich «corn».In der Türkei und in Osteuropa, wo er Kukuruz heisst, sowie in Italien, wo der Mais «granturco» genannt wird, ist er ein wichtiges Grundnahrungsmittel. In der zweiten Septemberhälfte – nach der Maisernte – wird in der Region um Bergamo z. B. ein Mais-Fest, «la fiesta del granturco», gefeiert. Da liegen und hängen in allen Schaufenstern (auch in Geschäften, die keine Lebensmittel führen) die goldenen oder orange-braunen Kolben. Und es gibt Restaurants, deren 5-Gang-Menüs aus fünf verschiedenen Polenta-Gerichten bestehen. Sogar schwarze Polenta (die uns nicht mundete) wurde serviert. Anregungen zur Nachahmung von Mais-Gerichten hat Brigitte Aeberhard in diesem «d-journal» für uns kreiert.
Trotz der italienischen Bezeichnung «granturco» (türkisches Korn): Mais stammt ursprünglich nicht aus der Türkei, sondern aus Lateinamerika. Erst im 16. Jahrhundert gelangte er durch Christoph Kolumbus nach Europa.
Botanisch gehört die Maispflanze zu den Gramineen, den Getreide-Gräsern, wie der Reis und der Weizen. Sie ist einjährig, hat einen mehr als drei Meter hohen, starken Halm und breite, flache Blätter. Uns ist sie nur als Kulturpflanze bekannt. In ihren Ursprungsländern, den tropischen Anden und der Gegend um den Titicaca-See, wo sie bis in Höhen von 3 900 Metern gedeiht, wurde die wild wachsende Form wahrscheinlich schon von den frühen Indiovölkern kultiviert, lange bevor die Europäer erschienen.
Bei uns werden die Körner zu Griess und Mehl gemahlen, zu Stärke, Traubenzucker und Maiskeimöl verarbeitet oder – in Form von Zuckermais – gekocht am Kolben genossen. Ausserdem ist Mais auf der ganzen Welt das Ausgangsmaterial für Whisky. In Lateinamerika ist er immer noch das wichtigste Nahrungsmittel; es war die Mais-Göttin, die den Menschen die kostbare Pflanze schenkte. Mais ist für die Indiovölker Mittel- und Südamerikas Ausgangsprodukt für Brot, für Tortillas, für Maisbier (Chicha) und vieles mehr.
Eine indianische Legende zeigt die besondere Wertschätzung der Pflanze: Aus roter Tonerde schuf der Schöpfergott einst einen ersten Menschen. Doch dieser war unvollkommen und steif, sodass der Gott einen zweiten Versuch machte und einen neuen Menschen mit schönem Körper und gelenkigen Gliedern formte. Er sollte Gott verehren und ihm mit Opfern dienen. Doch der neue Mensch war undankbar, vergesslich und eigennützig; der Gott wartete vergeblich auf eine Gabe. Da liess er Sturm, Regen und Erdbeben den Undankbaren verschlingen und versuchte es ein drittes Mal. Aus gekochtem Mais formte er Gliedmassen, Körper und Kopf eines neuen menschlichen Wesens; und wirklich, dieses war dankbar, verehrte den Schöpfer, baute ihm Tempel und brachte ihm Gaben dar.
Die Legende stammt aus dem – leider nur noch antiquarisch erhältlichen – Bändchen «Drei Körner von gelbem Mais» (Verlag im Waldgut) von Armin Bollinger, dem ehemaligen Lateinamerika-Dozenten – und Diabetiker, der Jahrzehnte lang Mittel- und Südamerika durchwanderte und zahlreiche Indiosprachen sprach.