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Wie andere Donnerwörter – «Freiheit», «Liebe», «Recht», «Gerechtigkeit» – darf man die Wahrheit nicht nur, man muss sie um des Gewichts, das sie für unser Zusammenleben hat, auch auf kurzer Strecke zur Debatte stellen. Etwa auf 44 grosszügig gesetzten Seiten. Für solche Übungen zu «grossen Worten» steht die Gedankenspiele-Reihe, die seit 2020 im Grazer Droschl-Verlag erscheint. Dass man das Gedankenspiel über die Wahrheit dem Autor Clemens J. Setz überlassen hat, ist ein Glücksfall. Seine fünf poetologischen Wahrheitsmeditationen bilden eine ausgezeichnete Ergänzung zu den ihrerseits unverzichtbaren philosophischen Versuchen zur Bändigung des Donnerworts. Seinem Hintergrund gemäss erkundet Setz den grossen Begriff durch eine Folge kleiner Wahrheitsgeschichten, die es in sich haben.
Ein «Zweitrecht auf Wahrheit»
Mehrere der Erzählungen, die Setzens Essay eröffnen, betreffen die Wahrheitsfrage im Kontext des Zitierens: Roger Willemsen zitiert Franz Grillparzer, doch er zitiert ihn falsch; Werner Herzog zitiert Blaise Pascal, doch er zitiert ihn falsch; Clemens Setz selbst zitiert eine historische Quelle, doch er zitiert sie falsch. So verschieden falsch die Fehlzitate im Einzelnen sind, so einheitlich ist die Lehre, die der Autor aus diesen gewinnt: Man verlöre viel, sortierte man die Zitate als nicht authentisch, gefälscht etc. restlos aus; sie dürfen durchaus ein «Zweitrecht auf Wahrheit» geltend machen. Ein solches Zweitrecht nimmt auch der Filmemacher Herzog in Anspruch, wenn er seinen Lektionen in Finsternis (1992) einen eindrücklichen, aber nicht authentischen «Pensée» voranstellt: «Der Zusammenbruch der Sternenwelt wird sich – wie die Schöpfung – in grandioser Schönheit vollziehen.» Diese und viele weitere Stilisierungen innerhalb des an sich auf Authentizität setzenden Dokumentargenres gelten Herzog nicht als illegitime Fälschung, sondern als Beförderung einer «tiefere[n], elementarere[n], vielleicht auch reinere[n] Wahrheit». Die Legitimierung solcher Darstellung läuft dann aber, so Setz, nicht nur über die Auszeichnung jener hochwertigeren Wahrheiten, sondern über die Eigenlogik des Mediums: In einem Film von 90 Minuten müsse die zu dokumentierende Wirklichkeit nun einmal «kompakt» gemacht werden, reduziert «auf wenige poetisch-kraftvolle Formen». So gesehen ist es nicht nur zulässig, sondern notwendig, auch scheinspontane O-Töne oder Szenen einzubauen. Setz referiert über einige prägnante Beispiele hinaus aber auch ein Begriffspaar Herzogs, das die fragliche Differenz verdichtet auf den Punkt bringt: die «Buchhalterwahrheit» und die «ekstatische Wahrheit».
Ekstatische Buchhalter, buchhalterische Ekstatiker
Fast überraschenderweise bekennt sich Setz nach der Einführung dieser grandiosen Begrifflichkeit nicht zu einer wenigstens tendenziellen Priorisierung der Ekstase über die Buchhaltung. Seine Aufmerksamkeit richtet sich vielmehr anerkennend auf die «buchhalterische Wahrheit», die sich, obwohl «geistlos», als «eine Art von Rettung» erweisen könne. Wahrheit hat viel mit Genauigkeit zu tun, ist aber nicht mit ihr zu verwechseln. Setzens Beispielgeschichte zeigt denn auch, dass man den Ekstatiker zumindest nicht generell gegen den Buchhalter ausspielen sollte, dass letzterer – und sei es nur versehentlich – auch zu einer ekstatischen Genauigkeit beitragen kann.
Entscheidend aber: Setzens Sondierung dieser Zwischenlagen gewinnt durch eine Bemerkung zu seiner eigenen Zitierpraxis noch einmal eine gewichtige weitere Dimension. Seine Anekdote von der Nichtauffindbarkeit einer vermeintlichen historischen Quelle mündet in den nonchalanten Hinweis: «Ich finde es durchaus ehrenwert und korrekt, Zitate zu erfinden. Ich mache das öfter.» Dieser Hinweis stellt nun sämtliche Zitiergeschichten seines Essays unter neue Vorzeichen: Er hält dazu an, in Betracht zu ziehen, dass sich der Autor vielleicht auch bei diesen Freiheiten gegönnt haben könnte. Ist das Grillparzer-Zitat, das er Willemsens Version gegenüberstellt, wirklich authentisch? Oder präsentiert Setz in seinen Geschichten als soliden Boden, was wieder nur ein doppelter ist? Wertvoller als das individuelle Ergebnis der buchhalterischen Prüfung des korrekten Wortlauts durch den Griff zur Grillparzer-Ausgabe sind aber allemal die Folgefragen, die damit im Raum sehen: Welchen Unterschied machte es, falls sich auch dieses Zitat als nicht authentisch erwiese? Welchen Unterschied für Grillparzer, für Setz, für uns? Und wie etablieren wir eigentlich die Differenz zwischen nichtauthentischen und authentischen Zitaten, wenn keine mehr oder minder anerkannte Quelle wie eine Gesamtausgabe zur Verfügung steht? Wie verhält man sich etwa verantwortlich zum »soll« im stereotypen Tagespressesatz, der vermeldet, dieser Politiker oder jener Künstlerin «soll» dieses oder jenes gesagt haben?
Wahrere Doppelgänger
Setzens vierte Meditation verschiebt die Wahrheitsfrage von der Doppelbödigkeit von Zitaten zu den Doppelgängern, die Identitäten zitieren. Die Frage gewinnt hier insofern an Brisanz, weil damit die Wahrheit der eigenen Person zur Debatte steht. Setz weist die diffuse Angst, von einem wahreren Doppelgänger übertroffen zu werden, durch ein einschlägiges popkulturelles Exempel als begründet aus: Charlie Chaplin soll 1915 in San Francisco an einem Chaplin-Lookalike-Contest teilgenommen haben und kläglich gescheitert sein; «er kam nicht einmal in die letzte Runde.» Setz nennt auch einen einleuchtenden Grund für Chaplins Scheitern an der vermeintlich einfachen Aufgabe der Selbstähnlichkeit. Er wählte bei seinem Auftritt, wie auf dem Set, eine normale Gehgeschwindigkeit. Da seine Konkurrenten aber die beschleunigte Gangart des Film-Chaplin wählten – faktisch Folge einer beschleunigenden Projektion –, wirkten sie «viel echter als der wahre Chaplin». Dabei belässt es Setz, er geht sofort über zur nächsten Anekdote. Dadurch, durch den Verzicht auf eine eingehendere Kommentierung, wird das Potential der Chaplin-Anekdote für die Wahrheitsfrage allerdings unterschritten.
Setz selbst beruft sich bei seiner Darstellung ausschliesslich auf Joyce Miltons Chaplin-Biographie, die den Wettbewerb offenbar auf 1915 datiert. Bereits bei einer minimalen Recherche im Netz wird aber deutlich: Was es mit jenem Wettbewerb und Chaplins Teilnahme auf sich hat, ist Gegenstand einer eigentlichen Debatte, die auch im Rückgriff auf historische Pressematerial geführt wird. Dass hier Abweichungen punkto Datierung (1918? 1920?) und Schauplatz auftreten (Washington?), dass Chaplin einmal den 21. Rang, einmal immerhin den dritten errungen haben soll, ist das eine; das andere und Wichtigere ist die mehrstufige Vom-Hören-Sagen-Überlieferung, die bereits den frühestens Zeitungsartikel zur Sache auszeichnet. Setz gewinnt aus der Anekdote also eine starke Fabel von den potentiell gravierenden Folgen der Medientechnik für den medial Vermittelten. Was unerwähnt bleibt, ist ein anderes und medienkritisch erhebliches Moment: die Rolle der Bezeugung, der Überlieferungskette, die durch Namen, aber auch durch Orts-, Zeit- und Rangangaben für die Authentisierung des Bezeugten sorgen.
Die Wahrheit erwiegen
Trotz der persönlichen Dimension, die durch das Doppelgänger-Thema ins Spiel kommt, könnte eine kritische Leserin dem Autor mangelnde Ernsthaftigkeit im Umgang mit dem Donnerwort Wahrheit vorwerfen und sagen, sein Gedankenspiel bleibe leichtfertig. Aber Setz weicht nicht aus. In seiner letzten Meditation zeigt er eindrücklich, dass das Wahrheitsproblem ultimative Relevanz annehmen kann: dass es Wahrheiten gibt, die über Leben und Tod entscheiden.
Seine Exempelerzählung für «verkörperte Wahrheit» führt in die Niederlande des 16. Jahrhunderts. In der Stadt Oudewater wurde damals durch ein Wiegeverfahren entschieden, ob eine Frau zu Recht oder zu Unrecht unter Hexenverdacht stand. Man ging davon aus, dass eine Hexe, die ja dem Teufel ihre Seele verkauft hatte, weniger wog als eine normale Frau. «Zehn bis fünfzehn Kilogramm» weniger, um genau zu sein, für so schwer wurde eine Seele gehalten. Nun Setz im Original:
Die Wiegeproben fanden nicht allein in Oudewater statt, aber was diese eine Heksenwaag einzigartig macht, ist die Tatsache, dass sie funktionierte. Sie war korrekt geeicht, sie zeigte das reale Gewicht eines Menschen an […], und das Ergebnis wurde von ehrlichem und fachkundigem Personal abgelesen. Warum ausgerechnet diese kleine niederländische Gemeinde in dieser düsteren Zeit auf den Gedanken verfiel, ein der menschlichen Vernunft entsprechendes Wiegeverfahren zu verwenden, ist uns nicht überliefert. Was man heute jedoch mit Sicherheit weiß, ist: Nicht eine einzige Frau wurde in Oudewater je der Hexerei überführt. […] Die ‹Hexenwaage› von Oudewater ist das große Monument der Wahrheit.
Selbst wenn Clemens Setz die Geschichte um die Heksenwaag erfunden hätte (er hat sie nicht erfunden), wäre sie tatsächlich ein Monument. Allerdings scheint sie, die Waage, weniger ein Monument der Wahrheit tout court zu sein, als eines der Wahrheitsprüfung, der Bewahrheitung. Und die Auszeichnung als «monumental» verdient sie nur in einem nuancierten Sinn: Sie ist auch ein Monument der Fragwürdigkeit historischer Formen der Wahrheitsprüfung. Auch wenn man die Konsequenz des Tests befürwortet – die Entlastung der verdächtigen Frauen –, so bleiben seine Voraussetzungen doch höchst problematisch: das Unternehmen, jene Identitätsfrage durch ein solides empirisches Verfahren zu klären. Die Vorstellung, eine Seele könnte 10 bis 15 Kilogramm wiegen, ist retrospektiv gesehen harmlos gegenüber derjenigen, dass es Hexen gäbe, die zuverlässig zu identifizieren und rechtskräftig zu verurteilen seien. Die Hexenwaage von Oudewater ist also auch ein Monument für die Aufgabe, etablierte Wahrheiten wie Formen der Wahrheitsprüfung nicht nur rückblickend, sondern permanent einer Prüfung zu unterziehen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Andreas Mauz ist Literaturwissenschaftler und evangelischer Theologe. Er lebt mit seiner Familie in Basel, lehrt an verschiedenen Universitäten, betätigt sich in der Erwachsenenbildung und in der Redaktion der Zeitschrift «Neue Wege». Derzeit arbeitet er am Aufbau einer Agentur für Critical Thinking.
Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie greift Beiträge aus Medien auf, widerspricht aus journalistischen oder sprachlichen Gründen und reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.