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SDG 1
Keine Armut
Armut bis 2030 in allen ihren Formen und überall beenden. Diesen Auftrag formuliert das erste Ziel für nachhaltige Entwicklung der UNO. Dazu gehört die Beseitigung der extremen Armut, also dass Menschen mit weniger als 1,25 Dollar pro Tag auskommen müssen. Es bedeutet auch, dass der Anteil der Männer, Frauen und Kinder, die in Armut leben, um die Hälfte gesenkt wird, indem ihnen Schutz vor Naturkatastrophen und Schicksalsschlägen, finanzielle Mittel sowie Zugang zu grundlegenden Diensten wie Wohnraum und Ernährung geboten wird.
Der Tabakkonsum trägt nun aber mehrfach und unmittelbar zur Armut bei. Für Menschen mit geringem Einkommen und ihre Familien wirkt sich der tägliche Kauf von Zigaretten direkt und messbar auf den Lebensstandard aus. Um ihrer Sucht zu frönen, müssen sie auf existenzielle Ausgaben wie zum Beispiel für Ernährung, Wohnen und die Bildung der Kinder verzichten.
So geben die ärmsten Haushalte Bangladeschs zehnmal mehr für tabakhaltige Produkte aus als für die Schulkosten. In diesem Land hätten zusätzliche 10,5 Millionen Menschen genug zu essen, wenn das Geld, das heute für Zigaretten eingesetzt wird, für die Ernährung gebraucht würde.[1] In Sri Lanka geben die Haushalte mit tiefem Einkommen rund 10 Prozent davon für den Zigarettenkonsum aus. Bei einigen sind es bis zu 50 Prozent! [2]
Aber dieses Phänomen betrifft nicht nur die Entwicklungsländer. In der Schweiz kostet ein Paket Zigaretten im Durchschnitt 7,85 Franken. Wer also ein Paket pro Tag raucht, gibt jährlich 2865,25 Franken aus. Dies entspricht 7,2 Prozent des Bruttoeinkommens einer Verkäuferin oder eines Verkäufers.
Bei tabakbedingten Erkrankungen und Todesfällen können die Konsequenzen dramatisch sein, gerade in Ländern, in denen die Bevölkerung keinen Krankenversicherungsschutz hat. Eine ungeplante Arztrechnung oder ein kostspieliger Spitalaufenthalt kann eine ganze Familie in die Armut treiben, speziell wenn sie vom Einkommen der kranken Person abhängig ist.
Schätzungen gehen davon aus, dass der Tabakkonsum allein in Indien rund 15 Millionen Menschen unter die Armutsgrenze treibt.[3] In Tansania – hier konsumiert ein Viertel der männlichen Bevölkerung Tabak – leben knapp 24 Prozent der Raucher unter der Armutsgrenze; bei den Nichtrauchern sind es 19 Prozent.[4]
Aber der Zusammenhang zwischen Armut und Tabak ist nicht nur auf persönlicher Ebene ersichtlich. Der Zigarettenkonsum macht ganze Länder ärmer, indem er die Gesundheitskosten in die Höhe treibt, die Produktivität der Arbeitnehmer beeinträchtigt und – in den tabakproduzierenden Ländern – die Umwelt belastet. Dies gilt auch für die Schweiz. Hierzulande verursacht der Tabakkonsum jährliche Gesundheitskosten von 3 Milliarden Franken, was 3,9 Prozent der gesamten Gesundheitskosten entspricht.[5]
Auch der Zigarettenschmuggel verursacht in einigen Länder, beispielsweise in Pakistan und in den Ländern der Sahelzone, grosse Einbussen, weil die Steuern und Gebühren auf den illegal gehandelten Produkten nicht eingezogen werden können.[6] Die Rede ist von beachtlichen Beträgen, wird in diesen Ländern doch über ein Viertel der Zigaretten illegal gehandelt.
Würde der Tabakkonsum abnehmen, könnte die Bevölkerung das eingesparte Geld zumindest teilweise für Güter des Grundbedarfs einsetzen, was sich positiv auf die Wirtschaft auswirken würde. In Kambodscha etwa könnten mit dem Geld, das jährlich für Zigaretten ausgegeben wird, 274 304 Tonnen Reis, 1 388 382 Velos oder 27 778 Holzhäuser gekauft werden.[7]
Die Zigarettenindustrie wählt angesichts dieser Tatsachen kämpferische Worte und behauptet, sie trage zum Kampf gegen die weltweite Armut bei, indem sie den vielen Plantagenarbeitern, die sie mit Tabakblättern beliefern, Arbeit verschaffe. Doch ist der Tabakanbau in Tat und Wahrheit ein Teil des Problems.
Die meisten Tabakbauern werden von den Zigarettenfabrikanten nämlich unterbezahlt, denn dank ihrer Monopolstellung streben sie in den Tropenländern Tiefpreise an. Sie scheuen sich auch nicht, den Kleinbauern Kredite zu gewähren, um Pflanzenschutzmittel und Kunstdünger zu kaufen, die sie für den Tabakanbau brauchen. So halten sie diese in ständiger Schuldabhängigkeit.
Und weil der Tabakanbau viele Hände braucht, beschäftigen die Bauern oft auch ihre Kinder in den Plantagen statt sie in die Schule zu schicken. So dreht sich das Rad der Armut von Generation zu Generation weiter. In Malawi machen die Einnahmen aus dem Tabakgeschäft 15 Prozent des BIP aus. Dabei leben die meisten Bauern, die für die Zigarettenfabrikanten Tabak anbauen, unter der Armutsgrenze, teils arbeiten sie mit Verlust.[8]
Schliesslich erfolgt die Verarbeitung des Tabaks zu Zigaretten, die eine erhöhte Wertschöpfung generiert, heute weitgehend automatisiert und findet generell im Norden statt.
Die wirkungsvollste Massnahme, um diese Situation zu verbessern, ist und bleibt eine Erhöhung der Tabaksteuern, weil sie sich direkt auf den Preis des Zigarettenpakets auswirkt. Einige Länder haben bereits entsprechende Reformen eingeleitet. So kostet das Zigarettenpaket in Australien 23,10 Franken. Näher bei uns geht das Paket in Irland für 14,60 Franken über den Ladentisch, in Grossbritannien für 13,10 Franken.[9] Dies kann Menschen mit tiefem Einkommen dazu bewegen, auf das Rauchen zu verzichten und das freiwerdende Einkommen zur Verbesserung ihres Alltags zu verwenden.