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Beneks Geschichte
Als Benek ganz klein war, wurde er von einem kleinen Jungen geliebt. Das war in einem grossen, alten Bauernhaus, einer ehemaligen Mühle, nur wenige Kilometer vor den Toren Zürichs. Dort war jedes Jahr das gleiche Trauerspiel. Unzählige Kätzinnen die zu dem Anwesen gehörten, bekamen mit schöner Regelmässigkeit Junge. Alle Tiere auf dem Hof, ohne Ausnahme, befanden sich in erbärmlichen Zustand. Die meisten der Jungen überlebten nur kurze Zeit weil den Müttern die Kraft fehlte, die Kleinen durchzubringen. Den Rest besorgten Würmer, Flöhe, Haarlinge, Durchfälle und Infektionen jeder Art.
Die meisten Tiere waren teilweise oder ganz verwildert.
Jedes Jahr zog eines der Kleinen das grosse Los, wenn auch nur für kurze Zeit.
Es wurde für eine Saison, einige Wochen oder Monate, der Spielgefährte des kleinen Jungen. Im Frühjahr 1995 hatte Benek das „Glück“. Er durfte sich in der Küche aufhalten, bekam gut zu essen, bis er zu gross wurde und sich als Spielzeug nicht mehr eignete.
Die Zustände waren seit endlosen Jahren ein allgemeines Ärgernis im Dorf. Tierschutzvereine versuchten mit mehr oder weniger Engagement etwas zu ändern. Ärzte vom Tierspital Zürich, die in den umliegenden Bauernhöfen zu tun hatten, wurden bei dem Müller vorstellig.
Bei der Gemeindeverwaltung gingen Beschwerden und Anzeigen ein, aber ob von dieser Seite was unternommen wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.
Nachbarn informierten das Veterinäramt – es passierte nichts.
Einige Male habe ich auch selbst probiert mit dem Müller zu reden, ohne Erfolg. Man musste froh sein, wenn man nicht vom Hof gejagt wurde.
1996 griffen Leute aus der Umgebung zur Selbsthilfe. Sie waren zum Teil selbst Katzenbesitzer und hatten unter anderem auch Angst um ihre gepflegten und gesunden Tiere.
Die Idee war, so viele von den Kätzinnen wie möglich in Fallen zu fangen, sie zu kastrieren, gesund zu pflegen und sie dann zurück zu bringen. Das paradoxe an der ganzen Situation war nämlich, dass der alte Müller, der eine Verteilerstelle für Hunde- und Katzenfutter hatte, die Katzen vermutlich sogar gern hatte und fütterte.
Aber auch diese Aktion scheiterte kläglich. Keine einzige Katze ging in die Falle, nur vier Kater.
Da man diese nun schon mal hatte, wurden sie zu einem sehr guten Kleintierarzt gebracht, gebadet, alles Ungeziefer behandelt, entwurmt, kastriert und geimpft, das ganze Programm eben.
Da alle Beteiligten keine Möglichkeit sahen, die Tiere solange aufzunehmen bis sie kräftig und stabil genug waren um wieder frei gelassen zu werden, blieb, wie sollte es auch anders sein, wieder einmal alles an mir hängen.
Sie lebten bis zum Frühjahr 99 in einem Raum bei mir. Nach den vielen Monaten, ja Jahren, Arbeit und Mühe, brachte ich es nicht mehr über mich, sie bei der Mühle auszusetzen. Ich liess sie bei mir frei und fütterte sie, geschützt am Haus, morgens und abends.
Im Laufe von zwei Jahren blieb nur Benek übrig. Es war nicht zu klären, warum die drei anderen starben. Möglicherweise eine Schwäche des Immunsystems durch dauernde Inzucht.
Benek kam mit allen Katzen auf dem Katzenhof bestens zurecht, wurde von Jahr zu Jahr zutraulicher und kam langsam auch ins Haus, was nicht nur erfreulich war, da er chronischen Durchfall hat mit allen Begleiterscheinungen. Es gibt nichts, was ich in all den Jahren nicht versucht habe. Der Durchfall wurde zeitweise eher schlimmer statt besser.
Wenn er im Winter im Haus ist, geht er zwar sehr brav auf die Katzentoilette, das aber bis zu vier Mal am Tag und drei Mal in der Nacht.
Da der Kot des Katers explosionsartig den Darm verlässt, muss ich nach jedem Mal das Kistli vollständig waschen. Im Sommer lebt er zwar draussen, spritzt aber immer wieder einmal seinen Kot gegen meine weissen Hauswände, an Fenster oder sonst an Orte, dass es einen so richtig „freut“.
Seit zwei Jahren verkünde ich schon, dass er bei Einbruch des Winters in den Katzenhimmel geschickt wird.
Jetzt haben wir bereits wieder Dezember und er lebt immer noch im Haus, wo er unabsichtlich Sofakissen verschmiert. Ich putze, wasche probiere weiter herum, ohne wirklich etwas zu erreichen, schufte und fluche.
Tagtäglich schleppe ich ihn abends für die Nacht ins Untergeschoss in eine grosse Doppelbox, weil er auf keine Fall etwas vom Dosenfutter, das alle Katzen abends bekommen, erwischen darf.
Warum er nicht vermittelt werden kann, bedarf keiner weiteren Erklärung
So wird Benek vermutlich nicht nur diesen Winter, sondern auch den nächsten und nächsten und nächsten überleben – bei mir und den anderen Unvermittelbaren auf dem Katzenhof.
© Isabella R. Kern