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Zu den gefahrlosesten Aussagen über Gottfried Keller gehört, er sei ein politischer Mensch gewesen. Seit früher Jugend war er politisch interessiert, journalistisch und in Briefen hat er die Geschehnisse in der Schweiz begleitet und kommentiert. Auch sein literarisches Werk steht oft in politischem Kontext, Keller lieferte die Festgedichte zu den vaterländisch aufgezogenen Feiern, mit denen sich die junge Nation ihrer Existenz versicherte. In seinem Werk lässt sich die Entstehung der Schweiz von 1848 ebenso ablesen wie ihre spätere Entwicklung.
Doch wofür stand Gottfried Keller politisch? Keller war kein Politiker, sondern ein politisierender Dichter, kein «Denker» und Systematiker, sondern ein Literat. Zeitlebens hat er sich mit keiner politischen Ordnung theoretisch befasst. Seine politische Publizistik war tagesaktuell, seine politischen Aussagen überwiegend Früchte der Gelegenheit. Er wollte wirken und suchte die Öffentlichkeit, um Einfluss zu nehmen.
Kellers politische Biografie verzeichnet mehrere Umstürze, in seiner politischen Publizistik lassen sich vier Phasen unterscheiden: radikale Polemik (1845), Kritik an den Zürcher Eliten (1856–1861), Staatsschreiberjahre (1861–1876), resignierte Distanz (1877–1890).1
Radikale Polemik
Von Herweghs «Gedichten eines Lebendigen» (1841) geweckt, warf sich Keller Anfang der 1840er Jahre in die politische Lyrik, um von der fehlgeschlagenen Malerei loszukommen. Schon mit den ersten Gedichten stellte er sich gegen die «Reaktion» und propagierte Liberalismus, Radikalismus, Fortschritt, Aufbruch, Unabhängigkeit, Freiheit des Geistes. Man unterschied Konservative und Fortschrittliche, wobei letztere die Liberalen und die Radikalen umfassten, die noch auf derselben Seite kämpften. Das «Pathos der Parteileidenschaft» wurde Keller zu einer «Hauptader meiner Dichterei». Auch publizistisch tat er sich hervor. Und wie: Unter seinen «Schriften zur Politik», wie sie in Werkausgaben papieren genannt werden, finden sich immer wieder direkte Angriffe auf Zeitgenossen. Keller beherzigte die «alte Regel, dass man einen Gegner entweder in Ruhe lassen oder dann ohne alle Schonung angreifen soll» (1860). Er gab den Berserker, der mit Worten prügelt wie mit den Fäusten. Wer diese Pamphlete liest, denkt nicht an einen Staatsmann.
1844 und 1845 machte der militärisch ungeschulte Keller auf marschieruntüchtigen Beinen und mit schiessuntauglichem Gewehr zwei antiklerikale Freischarenzüge Richtung Luzern mit. Im frühen «Grünen Heinrich» hat er sie idealisiert, in «Frau Regel Amrain» dann wirklichkeitsnäher gestaltet. Denn statt den Aufständischen gegen die Jesuiten helfen zu können, blieb die Zürcher Delegation jeweils schon bald in einem Wirtshaus hängen. Beim Freischarenzug vom Dezember 1844 kam Keller nur nach Albisrieden, im März 1845 dann bis nach Maschwanden.
Im November 1847 beendeten die liberalen Kantone den Sonderbund der katholischen Kantone, die Bundesverfassung von 1848 hielt den Sieg des Liberalismus fest. Für Keller, der, wie er im «Traumbuch» schrieb, von einem «vaguen Revolutionär und Freischärler à tout prix […] zu einem bewussten und besonnenen Menschen» reifte, war damit ein Idealzustand erreicht, der keine Weiterentwicklung zuliess. Er sah, wie er 1889 festhielt, «die Welt für gut und fertig» an. Die direkte Demokratie, die er auch als «absolute Demokratie» bezeichnete, war nicht in seinem Sinn, und das Frauenstimmrecht trat nicht beunruhigend in seinen Gesichtskreis. Die Unruhe, die er bis 1848 erlebt hatte, schrieb er nicht fort. Er war ein Radikaler gewesen,…