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«Bist du geimpft?» Gibt es auf diese Frage ein «Nein», geht ein Gespräch oft so weiter: «Und warum nicht?» Der Theologe und Ethiker Markus Zimmermann beantwortet Fragen über Grundrechte, Gewissensbisse und die Grippe.
Markus Zimmermann
Theologe
Markus Zimmermann ist Titularprofessor an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg und Vizepräsident der Nationalen Ethikkommission.
SRF: Ist es aus Sicht eines Ethikers vertretbar, dass geimpfte Personen bevorzugt behandelt werden?
Markus Zimmermann: So formuliert halte ich es für falsch. Geimpfte dürfen nicht bevorzugt behandelt werden.
Berechtigt scheint mir aber, dass für Geimpfte die Einschränkungen der Grundrechte aufgehoben werden, weil sie nicht mehr begründet sind. Bei Ungeimpften kann das jedoch durchaus noch notwendig sein. Deshalb diese «Spaltung».
Es geht hier um die Gewährung der Grundrechte, die eine Selbstverständlichkeit sind.
Umgekehrt gefragt: Würde die Bevorzugung von Geimpften eine Diskriminierung der Ungeimpften bedeuten?
Eine Bevorzugung? Wenn es das wäre, wäre es eine Benachteiligung der anderen, die sehr gut begründet werden müsste.
Rechtlich gesehen ist es jedenfalls eineindeutig so, dass der Staat während der letzten Monate Grundrechte eingeschränkt hat, zum Teil massiv und das aus guten Gründen.
Wenn diese Gründe nicht mehr bestehen und wenn sie dann eben nur für einen Teil, zum Beispiel die Hälfte der Bevölkerung bestehen, dann sollte der Staat diese Einschränkungen auch bei diesem Teil der Bevölkerung unterlassen.
Das ist ein grosses Problem. Aber es geht hier nicht um eine Bevorteilung einiger und eine Benachteiligung anderer. Sondern um die Gewährung der Grundrechte, die eine Selbstverständlichkeit sind.
Ist jemand asozial, der sich heute nicht impfen lassen will, weil er seine Verantwortung gegenüber anderen nicht wahrnimmt?
Das Wort asozial würde ich niemals dafür verwenden. Aber es gibt schon eine moralische Pflicht, sich impfen zu lassen. Aus drei Gründen: Um sich selbst zu schützen. Um andere Menschen im eigenen Umfeld zu schützen. Aber auch für das Wohl der gesamten Gesellschaft. Das gilt ja sogar weltweit.
Sie treffen sich ja regelmässig mit der Nationalen Ethikkommission, um solche Fragen zu diskutieren. Was wird in diesen Debatten höher gewichtet: das Recht auf Entscheidungsfreiheit oder der Schutz derer, die sich nicht impfen lassen können?
Der Schutz derjenigen, die gefährdet sind. Weil es ja teilweise zumindest um Leben und Tod oder auch um relativ gravierende chronische Krankheiten geht, die verhindert werden können. Wobei wir in unserer Ethikkommission auch ganz unterschiedliche Stimmen haben, genauso wie in der Gesellschaft.
Langsam sickert durch, dass die Impfung kein absoluter Schutz sein kann. Ist es überhaupt noch das Ziel der Ethikkommission, einen absoluten Schutz zu erreichen?
Es wäre schön, wenn das möglich wäre. Aber das ist mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht der Fall. Das zeigt sich jetzt ja in Israel oder in England.
Wir werden wahrscheinlich mit dem Virus leben lernen müssen. Aber auch damit, dass wir, ähnlich wie bei der Grippe, uns regelmässig impfen lassen müssen. Aber es wäre natürlich extrem wünschenswert, wenn es einen kompletten Schutz gäbe.
Das Gespräch führte Vanda Dürring.