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Nur drei Prozent der Impfstoffe gingen nach Afrika
Nur 3 Prozent aller gelieferten Covid-19-Impfdosen gelangten im Jahr 2021 nach Angaben der WHO nach Afrika, wo aber 20 Prozent der Weltbevölkerung leben. Der Kontinent war der grosse Verlierer, als es während der Pandemie um den weltweiten Zugang zu wirksamen und vertrauenswürdigen Impfstoffen ging.
Afrikanische Staats- und Regierungschefs gelobten umgehend, dafür zu sorgen, dass dies nie wieder geschehe. Länder des globalen Nordens und philanthropische Gruppen versprachen, sich an der Finanzierung der Bemühungen um einen gerechteren Zugang zu Impfstoffen zu beteiligen. Es geht nicht nur um Impfstoffe gegen eine neue Pandemie, sondern auch um gängige Impfstoffe wie beispielsweise gegen Kinderkrankheiten.
Nur ein Prozent aller benötigten Impfstoffe in Afrika hergestellt
Laut «New York Times» hat sich die Afrikanische Union zum Ziel gesetzt, dass bis 2040 sechzig Prozent aller auf dem Kontinent verwendeten Impfstoffe in afrikanischen Ländern hergestellt werden – statt wie bisher nur ein Prozent. Angesichts der derzeitigen Produktionslandschaft bezeichnet die NYT diese Absicht als «äusserst ehrgeizig».
Nicht unbedingt das fehlende Knowhow ist das Problem, sondern das fehlende Geld: «Der mehrstufige Prozess der Impfstoffherstellung erfordert hohe Biosicherheit und intensive Qualitätskontrollen. Die damit verbundenen Kosten bedeuten, dass die in Afrika hergestellten Impfstoffe wesentlich teurer sind als die der indischen Pharmaindustrie, welche die meisten der in Afrika verwendeten Routineimpfstoffe liefert.»
Auch auf Indien war kein Verlass
Der grösste Impfstoffhersteller der Welt, das Serum Institute of India, konnte während der Pandemie einen Grossteil des Marktanteils übernehmen, den zuvor europäische Hersteller hielten. Die Einführung des Covid-Impfstoffs zeigte jedoch, dass sich Afrika trotz des niedrigen Preises der indischen Impfstoffe nicht auf diese verlassen können. Im März 2021 verhängte die indische Regierung ein Exportverbot und behielt die bereits für Afrika vorgesehenen Impfstoffe von Astra Zeneca für die eigene Bevölkerung für sich.
In Afrika steigt die Nachfrage rasant
Der Bedarf an Impfstoffen wird in Afrika in den nächsten Jahrzehnten drastisch zunehmen. Einschlägige Stellen schätzen diesen gegenwärtig auf rund 1,3 Milliarden Dollar. Bis 2030 soll er auf 2,4 Milliarden Dollar steigen. Eine eigene Produktion in Afrika ist zwar erwünscht, doch der Eintritt in den Markt ist enorm teuer.
Eine mögliche Geldgeberin ist GAVI (Global Alliance for Vaccines and Immunization), eine Organisation mit Sitz in Genf, die mit den Spendengeldern der einkommensstarken Länder und grosser Philanthropen den Impfschutz in einkommensschwachen Ländern verbessern will. Partner sind die Bill & Melinda Foundation, die WHO, Unicef und die Weltbank.
Die GAVI-Strategieverantwortliche Aurélia Nguyen erklärte, dass die Organisation bereit sei, mit neuen Herstellern in Entwicklungsländern Vorauszahlungen für Impfstoffe zu vereinbaren, um afrikanischen Unternehmern die nötigen Investitionen zu ermöglichen.
Das Ziel, den Grossteil der Impfstoffe für Afrikanerinnen und Afrikaner in Afrika selbst zu produzieren, ist nur langfristig zu erreichen. Die meisten Unternehmen werden mindestens drei Jahre brauchen, bis sie nur schon eine Abfüll- und Verpackungsanlage in Betrieb nehmen können.
Folgende Projekte sind angestossen:
Im Senegal das Institut Pasteur in Dakar
Das Institut Pasteur stellte vor der Pandemie eine Million Dosen Gelbfieberimpfstoff pro Jahr her. Das Geschäft war rückläufig. Doch seit kurzem hat sich der Trend umgekehrt: Das Institut möchte seine bestehende Produktionsanlage ausbauen und die Produktion von Gelbfieberimpfstoff auf 50 Millionen Dosen pro Jahr erhöhen. An einem zweiten Standort soll ein kostengünstiger Röteln- und Masernimpfstoff für den afrikanischen Markt hergestellt werden, wobei das Produktionsziel bei 300 Millionen Dosen liegt.
Das Institut Pasteur wird dazu eine neue Produktionsplattform von Univercells nutzen, einem belgischen Start-Up-Unternehmen, das Impfstoffbestandteile schneller und auf kleinerem Raum herstellen möchte.
«Die Fortschritte in Dakar sind die schnellsten, die ich je in der Welt gesehen habe», sagte Prashant Yadav, ein Experte für medizinische Versorgungsketten am Center for Global Development (ein US- Thinktank), der das Institut im vergangenen Jahr mehrmals besuchte.
In Südafrika vor allem Bio-Tech-Firmen
Aspen Pharmacare, einer der wenigen ernstzunehmenden pharmazeutischen Akteure in Afrika vor der Covid-Pandemie, erhielt eine Anschubfinanzierung von 30 Millionen Dollar aus philanthropischen Mitteln, um einen Produktionsprozess für vier der wichtigsten Impfstoffe für Kinder aufzubauen.
Im Jahr 2021 richtete die WHO bei einem kleinen Biotechnologieunternehmen in Kapstadt, Afrigen Biologics and Vaccines, ein «mRNA-Produktionszentrum» ein, um den Moderna-Impfstoff gegen Covid-19 nachzubauen und damit das Wissen über die mRNA-Produktion im globalen Süden zu verbreiten. Die Covid-Impfung von Afrigen soll Anfang 2024 die Phase der klinischen Erprobung erreichen. Zwar gibt es im Moment keinen Markt mehr für Covid-Impfstoffe, aber man hofft, dass der Prozess der Entwicklung, Erprobung und Herstellung dieses Produkts technologisches Knowhow für die Herstellung anderer Impfstoffe, einschliesslich eines mRNA-Impfstoffs gegen Tuberkulose sichern wird.
Der Produktionspartner von Afrigen ist das nahe gelegene BioVac Institute, das in Südafrika Impfstoffe für Kinder herstellt. BioVac hat einen Vertrag über die Abfüllung des Covid-Impfstoffs von Pfizer (ein so genanntes Fill-Finish-Verfahren) unterzeichnet. In Zusammenarbeit mit dem von der UNO unterstützten International Vaccine Institute soll in Kürze auch ein oraler Cholera-Impfstoff auf den Markt kommen, was für Afrika sehr wichtig wäre.
In Ruanda BioNTech
Mitte März trafen in Ruanda sechs Schiffscontainer ein, um den ersten «BioNTainer» aufzubauen – eine Produktionsanlage für mRNA-Impfstoffe, die von BioNTech (dem Hersteller der mRNA-Technologie für den Pfizer-Impfstoff) gespendet wurde. Die modulare Anlage soll den Kern eines neuen Zentrums für die Herstellung von Impfstoffen bilden. Nach Angaben von BioNTech wird das Personal in den ersten fünf Jahren allerdings aus Europa stammen.
Eine der grössten Herausforderungen besteht darin, dass in der Anlage vorerst kein Impfstoff hergestellt werden soll: Es besteht zurzeit keine Nachfrage nach dem Covid-Impfstoff, und BioNTech stellt kein anderes Produkt her. Die Herstellung eines mRNA-Impfstoffes gegen Malaria oder Tuberkulose, der für Ruanda und Afrika insgesamt von grossem Nutzen sein könnte, liegt dagegen noch in weiter Ferne. Alain Alsalhani, Impfstoffexperte bei der Kampagne für den Zugang zu Arzneimitteln von «Ärzte ohne Grenzen», erklärte der NYT: «In Ruanda gibt es wie in den meisten anderen afrikanischen Ländern keine Biotech-Industrie, die in der Lage wäre, jene Art von Forschung und Entwicklung zu betreiben, die für die Reaktion auf einen neuen Krankheitserreger unerlässlich ist.»
Weitere Projekte in Afrika
Die beiden Unternehmen Biogeneric Pharma in Ägypten, das einen mRNA-Technologietransfer von Afrigen erhalten wird, sowie SENSYO Pharmatech in Marokko haben erhebliche Investitionen zur Erweiterung ihrer Produktion erhalten. Und in Kenia lässt die Regierung das Kenya BioVax Institute von der Herstellung von Tierimpfstoffen auf die Herstellung von Humanimpfstoffen umstellen.
In den meisten Fällen geht es in Afrika als erster Schritt darum, bestehende Impfstoffe selber in Gläschen abzufüllen. Als zweiten Schritt können die Unternehmen eigene Forschung betreiben und mit der Herstellung der eigentlichen Arzneimittel und Impfstoffe beginnen, sei es gegen bekannte oder neue Krankheitserreger.
Ermutigende Initiativen und absehbare Hindernisse
Die erwähnten afrikanischen Initiativen, sich neue Technologien zu eigen machen, sollen den grossen Rückstand in der Herstellung von Impfstoffen verkleinern. In der Vergangenheit erforderte die Herstellung von Impfstoffen einen grossen physischen Fussabdruck. Es musste in grossen Mengen produziert werden, um die Produktion rentabel zu machen. «Eine kleine Einheit, die fünf oder zehn Millionen Dosen herstellen kann und dann zu einem anderen Impfstoff wechseln kann – ich glaube, das verändert den etablierten Markt wirklich», sagte Aurélia Nguyen von GAVI.
Viele der neuen Initiativen sind allerdings in hohem Masse von philanthropischer Finanzierung abhängig, vor allem von der Bill & Melinda Gates Foundation und der multilateralen Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (ebenfalls von Bill und Melinda Gates gegründet), sowie von günstigen bilateralen Darlehen. Es ist nicht klar, wie lange dieser Enthusiasmus anhalten wird. Martin Friede, Leiter der Impfstoff-Forschungsabteilung bei der WHO, meinte, dass «die Covid-Schuldgefühle rasch verfliegen werden […] Ich kann mir nicht vorstellen, dass Südafrika bereit ist, Impfstoffe aus Nigeria zu einem höheren Preis zu kaufen als Impfstoffe aus Indien oder Europa.»
Cholera-Impfstoff als Beispiel
Der neue Cholera-Impfstoff von BioVac (Südafrika) ist ein Paradebeispiel für die vielversprechenden Möglichkeiten dieser neuen Produktionskapazitäten, aber auch für die Hindernisse. Weltweit besteht ein grosser Mangel an diesem Impfstoff. Es ist das erste Mal seit Jahrzehnten, dass ein afrikanischer Arzneimittelhersteller einen strategischen Impfstoff entwickelt will, der die gesamte Kette der klinischen Entwicklung durchläuft und die Herstellung, die behördliche Zulassung und die Vor-Qualifikation durch die WHO für den weltweiten Einsatz ermöglicht. «Dies wird jedoch ein Prozess sein, der sich über viele Jahre hinziehen und den Bau kostspieliger neuer Anlagen erfordern wird», meinte die NYT.
Doch wenn auch nur ein Teil dieser Vorhaben realisiert wird, wäre dies für Afrika bezüglich Impfstoff- und Medikamentenproduktion bereits ein Durchbruch.
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Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel von Stephanie Nolen in der «New York Times» vom 25. April 2023, unter dem Titel «Leaders on the continent have vowed that if there is another pandemic, they won’t be shut out of the vaccine market».
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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