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Yusuf Yesilöz über eine Liebesgeschichte in einem Heim für Asylsuchende.
Warum ich trotz meiner dunklen Haut Uhrs heisse, ist eine lange und auch komplizierte Geschichte. Wenn du Zeit und Lust hast, mein Freund, diese zu hören, erzähle ich sie dir.
Mein Vater stammt aus dem Jemen. Er ist über ein Gitter in die Schweiz geklettert. Warum er vor dreizehn Jahren, also elf Monate vor meiner Geburt, hierherkam, weiss ich nicht. Das interessiert mich auch nicht. Als Vater in ein Heim für Asylsuchende eintrat, begrüsste meine Mutter ihn in der Küche. Sie hatte in jener Woche Küchendienst, sie habe für den scheuen Neuankömmling Tee zubereitet und dazu Kekse serviert. Diese Geste der blonden Frau muss dem Vater gefallen haben. Er sei vor Mutter gestanden und habe ihren Handrücken geküsst. Und ihr später mithilfe einer Arabischdolmetscherin gesagt, dass in seinem Land Männer die Hände der jüngeren Frauen nicht küssen, er kenne diesen Akt nur aus den ausländischen Filmen. Ich bin also eine Frucht dieser ersten Sympathie, die an jenem regnerischen Herbsttag im Asylheim ihren Anfang genommen hatte.
Mutter sagt, mein Vater sei der dunkelste Mann gewesen, vor dem sie je so nah in einem Raum gestanden habe. Dunkle Männer kannte sie zuvor nur aus amerikanischen Filmen, die im moldawischen Fernsehen liefen.
Vaters Asylverfahren dauerte nur sieben Monate. Das zuständige Amt glaubte ihm nicht, dass er diese Geschichte, die er auftischte, wirklich selbst erlebt hatte. Er habe die Geschichte erfunden. Nein, Mutter weiss nicht, was für eine Geschichte ihr Geliebter den Behörden erzählt hatte. Wenn sie spazieren gingen, sang er nur. Vater musste untertauchen, Wochen darauf wurde er in der Küche eines Restaurants, wo er arbeitete, erwischt und aus der Schweiz ausgeschafft. Daran erinnere ich mich nicht, denn ich war noch im Mutterbauch. Vater ruft mich jede Woche einmal an, wir können miteinander nicht viel reden, weil er kein Schweizerdeutsch versteht und ich kein Arabisch. Mit unseren wenigen Englischkenntnissen sagen wir einander, dass es uns gut geht. Auch Mutter verlor ihr Bleiberecht in der Schweiz, kurz vor meiner Geburt. Ich war also im Bauch der Mutter ein Papierloser.
Jetzt komme ich zur Geschichte meines Namens: Eine Helene und ihr Mann Urs nahmen meine Mutter in ihrem Haus auf. Die beiden sehe ich nicht mehr, weil sie kurz nach meiner Geburt ausgewandert sind, in die Wärme, wo Urs im Schatten Zeitungen liest und Kreuzworträtsel löst. Mit ihnen kann ich mich gut verständigen, wenn sie anrufen.
Als damals die Wehen meiner Mutter einsetzten, fuhr Urs meine Mutter ins Spital. Der Grauhaarige gab dort die junge blonde Frau als seine Lebenspartnerin aus. Helene war natürlich die Schwägerin meiner Mutter. Und diese Geschichte war glaubwürdig. Mutter erlaubte Urs, während der Geburt ihre Hand zu halten. Als ich die Welt erblickte, wurde ich von einer Hebamme in die Hände meiner Mutter gedrückt. Ich weiss nicht, ob ihr in dem Moment Tränen kamen, ich weiss nur, dass sie gefragt wurde, wie der Neugeborene heisse. Sie überlegte nicht lange. «Mini Kind Name Uuhrs!», muss sie gesagt und den Namen in die Länge gezogen haben. (Auch heute kann sie schallend lachen, wenn sie diesen Satz ausspricht.) Und aus diesem phonetischen Cocktail verstand die Fragestellerin «Uhrs». Sie meinte, es sei die moldawische Version des Namens Urs.
Mutter war egal, dass mein Name falsch geschrieben wurde. Ihr Sohn sollte Urs heissen, wie ihr freundlicher Helfer. Sie hofft noch immer, auch ich würde Frauen in Not helfen.
Am Telefon würde kein Mensch auf die Idee kommen, dass ich mit diesem Namen und dem Dialekt, den ich spreche, kein Schweizer bin. Mutter glaubt noch immer, dass ein Messias kommen wird. Er soll uns Ausweise aushändigen. Das Erste, was ich dann machen werde, ist, dass ich an einem Polizeiposten vorbeilaufe und mich teste, ob ich Angst habe.
Yusuf Yesilöz ist Schriftsteller und lebt in Winterthur. Sein letztes Buch, «Hochzeitsflug», erschien 2011 im Limmat-Verlag.