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Alles in Allem: Eine Theaterreise in 12 Stunden
Fast hätte Aaron, Sohn des jüdischen Viehhändlers Jakob Reiss, dem in die Jahre gekommenen Martin Salander noch begegnen können, als er eines Nachmittags anno 1900, die Schule schwänzend, im Auftrag seines Vaters eine Kuh, an einem kurzen Strick hinter sich herziehend, von Geroldswil nach Zürich ins Schlachthaus zu überführen hatte. Aber die beiden Stadtzürcher, Aaron und Martin, sind keine Geschöpfe in Fleisch und Blut, sondern Fantasieprodukte ihrer schreibenden Erfinder. Martin Salanders Schöpfer, Gottfried Keller (1), war damals schon zehn Jahre tot, und Kurt Guggenheim, Aarons literarischer Vater, erst sechs Jahre alt.
Auch wenn die beiden Schriftsteller heute im literarischen Olymp sehr unterschiedlich rangiert sind – Keller als einer der bedeutendsten Dichter des 19. Jahrhunderts, Guggenheim als ein „Lokalschriftsteller“, wie er sich gerne (zu Unrecht) selbst bezeichnete –, so sind sie doch durch ihre Romane „Martin Salander“ und „Alles in Allem“ im Geiste verbunden. Vereint setzen sie der Entwicklung von Stadt und Kanton Zürich über einen Zeitraum von hundert Jahren ein beeindruckendes Denkmal.
Wo Kellers Salander im ausgehenden 19. Jahrhundert endet, setzt Kurt Guggenheims Roman „Alles in Allem“ (2) die Geschichte der Stadt Zürich mit 140 historischen und erfundenen Personen fort, deren Lebensläufe sich, nicht zuletzt dank der Liebe, wundersam verweben. Während Europa durch zwei Kriege taumelt, üben sich Guggenheims Protagonisten in Assimilation, Integration und Versöhnung. Und mitten drin steht Aaron Reiss, Guggenheims Alter Ego, dessen Liebe zu Jaqueline Voubrasse (alias Guggenheims Jugendliebe Eva Hug) zusammen mit andern Träumen zerbricht, bis er sich schliesslich, der zweite Weltkrieg ist eben zu Ende, hinter das lange geplante Vorhaben macht und eine Chronik über Zürich zu schreiben beginnt.
Die Stadt Zürich liegt unter 47° 23’ nördlicher Breite und 8° 33’ östlicher Länge von Greenwich am nördlichen Ende des Zürichsees und an beiden Ufern der Limmat in einer nach Süden und Norden offenen Talmulde. Der Seespiegel glänzt bei mittlerem Wasserstand 406 Meter über Meer.
So beginnt Guggenheims mehr als 1000-seitige Liebeserklärung an die Stadt Zürich, und so beginnt auch die 12-stündige Theaterreise, welche Peter Brunner und seine verschworene Gruppe von Schauspielerinnen, Regisseuren, Musikern und vielen Helferinnen jenen Glücklichen darbieten, welche die Einmaligkeit dieses Ereignisses schon im Winter geahnt und dafür rechtzeitig Karten erstanden haben (3).
Meine Frau und ich gehören zu den Glücklichen. Als wir kurz nach halb zehn von der Mühlebachstrasse her den Park der Villa Patumbah betreten, uns vom Empfangskomitee ein Holzklämmerli ans Revers klemmen lassen, das für die nächsten 12 Stunden unsere Gruppenzugehörigkeit ausweisen wird, tönt uns aus einem kleinen Lautsprecher unter einem Baum die Stimme Guggenheims entgegen, welcher die oben zitierten Zeilen vor über sechzig Jahren an den Anfang seines Epos gesetzt hatte.
Vor und im grossen Brunnenbecken der Villa setzen drei Schauspieler die erste von insgesamt acht Episoden aus dem Roman in Szene, stimmungsvoll untermalt durch Martin Schumacher, der unsere ganze Reise musikalisch begleiten wird.
Hier lernen wir in Gestalt des deutschstämmigen Gustav Wilhelm Meng das vornehme Zürich am Anfang des 20. Jahrhunderts kennen, dessen Familie sich im Lauf der kommenden 45 Jahre mit Angehörigen des „minderen“ Zürich, mit Handwerkern, Arbeitern und jüdischen Kaufleuten vermischen wird.
Danach fahren wir in einem Doppelstockbus, an dem das Logo der ZSC Lions prangt, zum ehemaligen Gaswerk in Schlieren und im Laufe des Tages an sechs weitere Standorte, so zum alten Kasernenareal, zum Zehntenhaus in Zürich-Affoltern, zum Seewasserwerk Moos. Überall lernen wir, von wechselnden Schauspielerinnen und Schauspielern dargestellt, weitere Personen aus Guggenheims Epos kennen.
Der krönende Abschluss bildet, der Zweite Weltkrieg ist eben zu Ende und bei uns ist es abends halb zehn geworden, im Kulturmarkt an der Aemtlerstrasse unsere Teilnahme als Gäste am Hochzeitsmal von Isidor Gidionovics, Enkel des jüdischen Schürzenfabrikanten Leib Gidionovics, und Vera Gebhardt, Enkelin des Fabrikanten Gustav Wilhelm Meng. Wenn auch die Zeit nicht mehr für ein fünfgängiges Menu reicht, eine währschafte Kürbissuppe macht uns zu mehr als passiven Zuschauern, wie überhaupt auf der ganzen Reise nicht nur für das geistige, sondern auch für das leibliche Wohl gesorgt wird.
Ich will hier nicht am Versuch scheitern, alles zu beschreiben, was man als Teilnehmer dieser Theaterreise an Eindrücken für Auge, Ohr und Magen erlebt. Stattdessen greife ich – im Sinne des Mottos „Alles findet sich in Allem wieder“ und passend zur Rubrik „Unterwegs“ – eine Episode des Romans heraus, welche dem englischen Sonderling Clive Lawrence Bell gewidmet ist. Bell, von dem behauptet wird, er sei der erste Mann, der in der Stadt Zürich ohne Kopfbedeckung unterwegs sei, hat die Gewohnheit, seine privaten Englischstunden auf einer Bank auf dem Lindenhof zu erteilen. Eines Abends nach der Lektion fragt er seinen Schüler Walter Abt – ein Jugendfreund von Aaron Reiss und ein wichtiger Protagonist des Romans, hinter dem sich Adolf Guggenbühl, Begründer des „Schweizer Spiegel“ Verlags verbirgt –, ob er ihn auf seinem abendlichen Rundgang um die Insel begleite wolle. – „Die Insel? Welche Insel?“, fragt Walter verdutzt.
„Ich pflege, bevor ich schlafen gehe, die dreizehn Brücken und Stege abzuschreiten, die sie mit dem Umland verbinden, als würden sie hochgezogen während der Nacht, die wir, um unseren Lindenhügel herum gelagert, zubringen.“
Einige Tage nach meiner Theaterreise gehe ich selbst zum Lindenhof hinauf, stelle mir Clive Lawrence Bell und Walter Abt vor, wie sie auf einer Parkbank, wo heute asiatische Touristen mit Handy oder Studentinnen mit Laptop sitzen, über englische Poesie reden, steige dann zwischen den Häusern zur Limmat hinunter und folge ihr flussaufwärts. Mein „Inselrundgang“ führt mich zur Gemüsebrücke, wo eben das Limmatschiff Regula unter der engen Durchfahrt verschwindet, über die Wühre zur Rathausbrücke und am Frauenbad und dem Bauschänzli vorbei zur Quaibrücke.
Am Bürkliplatz wende ich mich nach rechts, gehe ein kurzes Stück auf dem General-Guisan-Quai dem See entlang bis zur Stelle, wo der See in den Schanzengraben mündet. Wo einst Bell bedauernd feststellte, leider fehle hier ein Weg dem Wasser entlang zum alten Bollwerk Katz, gibt es jetzt einen wunderbaren Stadtwanderweg, auf dem man bis zur Usteribrücke südlich des Hauptbahnhofs gehen kann, wo der Schanzengraben in die Sihl mündet.
Acht Brücken unterquere ich auf diesem schönsten Teil meines Inselrundganges, so den kleinen Steg beim Hotel Baur au Lac und das Bärenbrüggli, doch die wahre Überraschung ist der alte botanische Garten auf dem ehemaligen Katzbollwerk. Nirgends ist man mitten in der Stadt einsamer als hier. Man möchte sich beinahe entschuldigen, wenn man hinter einer Wegbiegung auf einer Bank ein Liebespaar überrascht – oder einen Manager in Anzug mit Krawatte hinter seinem Laptop. Ein Geheimtipp, der – anders als Lindenhof und Platzspitz – noch kaum von Touristen entdeckt worden ist.
Von den Höhen des alten Bollwerks geht der Blick auf das romantische Männerbad Schanzengraben hinab. Auch wenn das Wasser noch nicht zum Bade einlädt, jener Mann, der an einem Tisch hinter seinem Bildschirm sitzt, freut sich offensichtlich über die Abgeschiedenheit dieser geheimnisvollen Oase am Wasser.
Wie aus einer andern Welt herauskatapultiert, stehe ich plötzlich an der Sihlbrücke. Sie spielt in Guggenheims Roman eine wichtige Rolle, als dort während der Arbeiterunruhen vor hundert Jahren zwei Welten aufeinander prallen, die Bürger der Stadt Zürich und das Hunger leidende Proletariat von Aussersihl. Hinter der Brücke links, an der Sihlstrasse 95, steht jenes Haus, wo einst Guggenheims Ruben Gidionovics seine „Warenhalle zur Sihlbrücke“ betrieben und damit kläglich gescheitert war. Heute prangt an seiner Fassade der Namenszug „North Face“.
Auf der Gessneralle gelange ich zum Judith-Gessner-Platz, welcher nach der Frau von Salomon Gessner benannt ist, „eine Frau – stellvertretend für jene vielen Frauen der Geschichte –, die ihrem Mann Kraft, Energie und Stabilität gab, ohne je selbst im Rampenlicht zu stehen“. Beim Bahnhof nehme ich die Unterführung zum Sihlquai. Der Hauptbahnhof mit seinen quer zur Sihl angelegten Hallengeleisen stellt die bei weitem breiteste Verbindung zur „Insel“ dar. Und nicht nur das: Ergänzend zur Sihl-Überquerung gibt es dort in Gestalt der beiden unterirdischen Bahnhöfe auch eine Sihl-Unterquerung. Was wohl den wenigsten Reisenden bewusst ist: Die Sihl kreuzt die Gesamtanlage des Bahnhofs in einer Art von Zwischengeschoss, was erklärt, wieso es auf der unterirdischen Einkaufsebene keine direkte Verbindung zwischen der westlichen und östlichen Bahnhofunterführung gibt.
Zurück zur Insel: Vom Sihlquai wandere ich über den Mattensteg zum Platzspitz, wo sich Limmat und Sihl vereinigen, lasse den Drahtschmidlisteg zum Neumühlequai links liegen und gehe, am Landesmuseum und dem einstigen Globusprovosorium bei der Bahnhofbrücke vorbei, wo vor 50 Jahren die Zürcher Studentenunruhen begonnen hatten, zur Rudolf-Brun-Brücke. Eigentlich hätte ich gerne noch einen Besuch in Alberto Giacomettis frisch renovierter Blüemlihalle in der Hauptwache gemacht, aber die Zeit ist weit schneller vergangen, als ich gedacht habe. Des Brückenzählers Bilanz: aus Bells einst dreizehn Brücken zur Insel sind unterdessen 22 geworden, den Hauptbahnhof mitgezählt.
Auch bei Guggenheim ist die Zeit fortgeschritten. Es ist Nacht geworden, die Gaslaternen brennen auf dem Lindenhof, als Clive und Walter nach gut anderthalb Stunden ihre Inselumrundung abschliessen. Lassen wir noch einmal den Engländer zu Wort kommen, Guggenheims Aussenbeobachter, welcher den Blick für die Weite des Meeres ins binnenländische, biedere Zürich bringt:
Oh, es ist so aufregend, ich denke manchmal daran, des Nachts, wenn ich oben auf dem Lindenhof in meinem Zimmer liege. Es ist mir dann, als mündeten alle Strassen der Welt, vom Gotthard herab, vom Rhein, von der Rhone, von der Donau herauf, in dieser Insel. Als wäre hier ein Mittelpunkt, wo alle Wege von den Ufern der Meere, die den Kontinent umspülen, zusammentreffen, als habe der Schöpfer noch Grosses mit euch vor. Vielleicht ist es deshalb, dass ich hier bleibe und nicht mehr weiterkomme.
(1) Gottfried Keller: „Martin Salander“, Roman, Erstausgabe 1886
(2) Kurt Guggenheim: “Alles in Allem”, Roman, Erstausgabe in vier Büchern, 1952-55. Neue Ausgabe mit Illustrationen von Hannes Binder, Th. Gut Verlag, 2019, ISBN 978-3-85717-272-4
(3) Die Teilnehmerzahl der 15 Veranstaltungen ist auf knapp 80 Personen beschränkt. Alle Vorstellungen sind ausverkauft; es gibt eine Warteliste. www.alles-in-allem.ch
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