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Höhenklima als Heilmittel
Von Oscar Bernhard.
Der wohltuende Einfluss des Klimas der Mittelgebirge auf den gesunden und kranken Menschen war schon den alten Griechen und Römern bekannt. So haben griechische Ärzte wie Athenaios, einer der vortrefflichsten Ärzte in Rom in der Zeit des Claudius und Nero, im nächsten Jahrhundert Antyllos und der ebenfalls in Rom tätige Galenos aus Pergamon in ihren Schriften auf die heilsame Wirkung massiger Höhenlagen, namentlich bei Krankheiten der Atmungsorgane, aufmerksam gemacht und ihren Kranken einen längeren Aufenthalt daselbst empfohlen.
Die Wertschätzung des Hochgebirgsklimas ist jüngeren Datums. Erst im 18. Jahrhundert wuchs allmählich das Interesse und die Liebe für das Hochgebirge, und es machten sich kühne Männer, hauptsächlich aus wissenschaftlichem Drange, an das Besteigen hoher und höchster Gipfel und an die Erforschung der Gletscherwelt.
Vorher hatte man jahrhundertelang die Alpen meist nur wegen ihrer Heilquellen besucht. In der Folge entwickelten sich daraus auch klimatische Kurorte. Dasselbe gilt für die um die Mitte des 18. Jahrhunderts von Schweizer Ärzten ausgegangene Bewegung für Milch- und Molkenkuren, speziell bei allgemeiner Schwäche und für Tuberkulöse, eine Bewegung, welche zahlreiche klimatische Kurorte, namentlich im Appenzellerlande, geschaffen hat. Das Hauptverdienst gebührt hier dem gelehrten Arzt und Schöngeist Laurenz Zellweger von Trogen, 1692—1764, Schüler von J. J. Scheuchzer.
Die ersten medizinischen Notizen über Mineralquellen des Hochgebirges verdanken wir Theophrastus Paracelsus, dem im Jahre 1493 in Einsiedeln geborenen berühmten Arzt, Naturforscher und Philosophen, welcher im Jahre 1535, von Bormio durch das Veltlin kommend, die Quellen von St. Moritz besuchte und darüber in seinem Werke « de Tartaro sive morbis Tartareis » schrieb: « Acetosum fontale quod prae omnibus in Europa cognovi praedico et extollo, inveni in Engadina apud s. Mauritium cuyos Scaturigo Augusto acetosissima prof luit » oder in deutscher Abfassung: « Ein Acetosum fontale, das ich für alle, so in Europa erfahren hab, preis, ist im Engadin zu St. Moritz, derselbige laufe im Augusto am sauristen, der desselbigen Trunkes trinket, wie einer Artznei gebührt, der kann von Gesundheit sagen 1 ). » Bald nach Paracelsus gab Conrad Gessner 1553 seine bahnbrechende Schrift « De Germaniae et Helvetiae Thermis » heraus, worin er ebenfalls die Quelle von St. Moritz erwähnt. 1688 erschien in Zürich das älteste schweizerische Reisehandbuch « Mercurius Helveticus » von J. J. Wagner. In demselben lesen wir wieder über den Sauerbrunnen von St. Moritz: « St. Moritzen. Acidulae S. Mauritii. Aqua forte dell' Angadina. Ein Dorff in dem obern Pünden / und in dem Gottshauss-Bund gelegen / daselbst entspringt ein trefflicher Saurbrunn / welcher dem Mund sehr angenehm / und wegen der Heilung etlicher Krankheiten / von vilen Nationen häuffig gesucht wird. » Schweizer Ärzte waren es, welche zuerst auf eine Heilwirkung der Höhenlage durch verminderten Luftdruck aufmerksam machten; als Erster der Zürcher Stadtphysikus Joh. Jakob Scheuchzer2 ) ( 1672—1733 ), und dann der berühmte Graubündner Arzt J. A. Grassi ( 1684—1770 ) von Portein am Heinzenberg.
Charakteristisch ist aber, wie von diesen Autoren klimatische Einflüsse nur nebenbei anlässlich der Besprechung von Mineralquellen im Gebirge erwähnt werden. Nur langsam und schrittweise sollte sich eine reine klimatische Therapie Bahn brechen. So schreibt Scheuchzer im Jahre 1717 über die Badekuren in Pfäfers 685 m bei Ragaz:
« Weilen dieses Heilwasser so viel hundert Schuh über unsere Zürcherische / und andere respective niedrigere Lande erhebt / so wird alldort die äussere Lufft eine geringere Truck-Krafft ausüben auf unsere Leiber / und diejenige Lufft / welche innert uns / in unserem Geblüt / Aderen / und allen kleinsten Theilen enthalten / ihre Ausdehn-Krafft mit erfolgender desto grösseren Wirkung zeigen... Aus bisherigen Fundamenten lasset sich schliessen / dass dieses Pfefers Bad dienstlicher / oder besser werde zuschlagen uns Zü-richeren / oder anderen in niedrigeren Orthen wohnenden Schweitzeren / und noch besser denen Teutschen / Franzosen / Italiänern / oder Holländern / als denen anwohnenden Unterthanen der Grafschaft Sargans / oder noch höher liegenden Pündtneren 1 ). » Von gleichen Grundsätzen geleitet, empfiehlt Grassi anno 1747 das Schwefelwasser von Alvaneu ( Graubünden ), 951 m, anOrt und Stelle zu trinken: « Es ergibt sich hier die Mutmassung, dass / weilen die Gegende des Alweneuer Bads auch etliche 100 Schuhe höcher ligt als Chur / Zizers / Mayenfeld / Domlesg etc. / die allhier gebrauchte Cur / wegen der Eygenschafft dem frischeren und zu Sommerszeit gesünderen Lufft eines höcheren Lagers / denen aus nideren wärmeren ankommenden Herrn Curanten besser anschlagen werde / als zu Hauss 2 ). » Über diesen originellen Gelehrten möchte ich hier einige Notizen eines Zeitgenossen folgen lassen:
« Von der Gewalt der Liebe zum heimatlichen Heinzenberg ist der Anton Grassi in Purtein ein merkwürdiges Beispiel. Dieser ausgezeichnete Arzt sprach und schrieb die italienische, englische, französische und holländische Sprache, las das Griechische und Hebräische, lernte dem Avicenna Averrhoes zulieb das Arabische, stand mit Boerhave und den berühmtesten Ärzten Europas im Briefwechsel und wurde zwischen den Jahren 1730—1745 an die königlichen Höfe von Berlin, Paris und London als Leibarzt berufen. Alle glänzenden Anerbietungen verlockten den gelehrten Bewohner des Heinzenberges nicht, er schlug alles aus und blieb in seinem Purtein in reiner Alpenluft, wo er beynahe das Alter von 90 Jahren erreichte und in seinen letzten Jahren fast nur von Milch und Branntwein lebte 3 ). » Kurz nach Grassi hat auch ein Laie und kein geringerer als Jean Jacques Rousseau in seinem Buche « Julie ou la nouvelle Héloïse », 1761, hinweisend auf eine Wanderung in die Berge des Wallis, auf den günstigen Einfluss des Höhenklimas auf Körper und Geist mit spezieller Betonung des moralischen Elements aufmerksam gemacht. « Je doute qu' aucune agitation violente, qu' aucune maladie de vapeurs pût tenir contre un pareil séjour prolongé, et je suis surprisJoh. Jakob Scheuchzer, Hydrographia helvetica — d. i. Beschreibung der Seen, Flüssen, Brunnen, warmen und kalten Bädern und andern Mineralwassern des Schweizerlandes. Zürich 1717. S. 410.
2 ) Joh. Bawier, J. A. Grassi, Meinrad Schwarz, Beschreibung des heilsamen Alweneuer Schwefelbades. Chur 1747.
3Zitiert bei J. J. Mayer & Ebel: Bergstrassen des Kantons Graubünden, Zürich 1826. S. 52.
Meyer-Ahrens, Die Heilquellen und Kurorte der Schweiz. Zürich 1867, 2. Auflage.
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que les bains de l' air salutaire et bienfaisant des montagnes ne soient pas un des grands remèdes de la médecine et de la morale. » Auch Albrecht Haller erwähnte in seinen begeisterten Schilderungen der Alpenwelt die günstige Klimawirkung auf Körper und Geist.
Allmählich machte sich dann die Erkenntnis der günstigen Einwirkungen des Höhenklimas auf Gesunde und Kranke immer mehr geltend, und hauptsächlich sind es Geschwächte, Blutarme und Tuberkulöse, welche in den Bergen Heilung suchen. Die erste Höhenkuranstalt wurde im Jahre 1840 von dem Schweizer Arzte J. Guggenbühl auf dem Abendberg bei Interlaken auf einer Höhe von etwa 1000 m errichtet. Dieser geistreiche und unternehmende Arzt hat zum erstenmal die Höhenluft zielbewusst und systematisch angewendet. Eine zweite Station sollte auf 1200 m und eine dritte auf 1500 m Höhe errichtet werden, « um die Einwirkung verschiedener Elevationsgrade auf die rückgängige Metamorphose des Kretinismus zu beobachten ». Hier ist zu bemerken, dass damals die Begriffe Kretinismus, Rachitis und Skrofulöse als eine einheitliche Trias selbst von den angesehensten medizinischen Autoren aufgefasst wurden. Bald nach Guggenbühl, im Jahre 1841, gründete der damalige Landschaftsarzt Luzius Rüedi in Davos 1556 m eine Höhenkuranstalt für etwa 20 skrofulöse Kinder. Seine Behandlung war: strenge, aber gemischte Diät, als Hauptnahrungsmittel Milch und Molken, ausgiebiger Genuss der freien Luft, Sorge für Reinlichkeit, besonders für Reinhaltung der Haut durch Bäder. Die schwächsten Kinder liess er ins Freie tragen und ihren Tagesschlaf in freier Luft halten, wobei er sie durch Bedecken mit einem weissen Tuche vor den Sonnenstrahlen schützte. Mangel an finanziellen Kräften einerseits, Rüedis ausgedehnte Praxis anderseits waren schuld, dass diese Anstalt bald einging und auch bald in Vergessenheit geriet.
Davos mit seinem vorzüglichen hochalpinen Klima sollte dann aber bald zum Heilasyl für Lungenkranke werden.
Im Jahre 1857 hatte Hermann Bremerseine berühmt gewordene Heilanstalt für Lungenkranke in Görbersdorf in einem von bewaldeten Bergen eingerahmten Tale des schlesischen Gebirges auf 561 m eröffnet.
Ungefähr um dieselbe Zeit veröffentlichte Georg Brügger in Samaden 1720 m seine Beobachtungen über Lungentuberkulose im Engadin, wonach die Phthise bei denjenigen, welche das Land nie verlassen haben, sehr selten ist. Sie wurde nur einige Male bei Engadinern beobachtet, die sich vorher im Auslande aufhielten. War die Krankheit bei diesen Patienten noch nicht zu weit vorgeschritten, so heilte sie sehr oft definitiv oder doch zeitweise nach der Rückkehr in die Heimat. Diese Erfahrungen wurden aber nicht weiter praktisch ausgenutzt.
Einige Jahre später, im Jahre 1861, war es Alexander Spengler, einem 48er Badenser, den das Schicksal in die Schweiz verschlagen hatte und der als Landschaftsarzt in Davos die gleichen Beobachtungen gemacht hatte wie Brügger im Engadin, vorbehalten, dieselben in die Praxis umzusetzen2 ).
Mit Alexander Spengler begann die Ära der klimatischen Behandlung der Lungentuberkulose im Hochgebirge, und vorzugsweise im Winter. Interesse-halber sei hier bemerkt, dass Bremer wie Spengler, wohl unter dem Einflüsse alter Tradition, neben den klimatischen Heilfaktoren bei ihren Patienten hydrotherapeutische Prozeduren anwandten.
Es gab dann, vor und selbst während des Weltkrieges, Jahre, wo über 6000 Wintergäste gleichzeitig in Davos Heilung suchten. An Davos reihten sich mit der Zeit andere Speziallungenkurorte an, so Arosa 1850 m, Leysin 1450 m, Montana 1500 m, die sich ebenfalls ständig vergrösserten und damit die grosse Bedeutung der Hochgebirgsbehandlung der Lungentuberkulose bestätigten. Dann kam aber bald als Folge des Krieges die allgemeine wirtschaftliche Depression. Es fehlte den Kranken das Geld für längere Kuren, und so erleben wir heute, dass mit den modernsten hygienischen und therapeutischen Einrichtungen wohl versehene Hochgebirgssanatorien eines nach dem anderen in Sporthotels umgewandelt werden.
Von den bei der Tuberkulose gemachten klinischen Erfahrungen ist auch die Erkenntnis der therapeutisch wirksamen Faktoren, die im Hochgebirge liegen, erst recht ausgegangen. Wie gewöhnlich ist auch hier die Erfahrung der Schrittmacher der exakten wissenschaftlichen Forschung und des Experimentes gewesen.
Etwa 20 Jahre nach der Einführung der Behandlung der Lungentuberkulose im Hochgebirge habe ich im Jahre 1886 die klimatisch-diätische Behandlung der chirurgischen Tuberkulose in Samaden 1720 m eingeführt. Dieselbe hatte sich auf der einfachen Formel aufgebaut: Der an chirurgischer Tuberkulose Leidende ist ein tuberkulöses Individuum, ebenso wie der Lungentuberkulöse, und er darf von der bei der Lungentuberkulose schon lange bewährten Therapie dieselben Erfolge erwarten wie letzterer.
Aus der klimatischen Behandlung entwickelte sich, dank der grossen Strahlenenergie der Hochgebirgssonne, die Heliotherapie x ) als Hauptfaktor bei der konservativen Behandlung der chirurgischen Tuberkulose. Im Jahre 1902 habe ich als damaliger Chefarzt des Oberengadiner Kreisspitales in Samaden der klimatischen Behandlung noch die direkte Sonnenbestrahlung beigefügt.
Den äusseren Anlass dazu gab mir eine grosse und stark eiternde Wunde, die aller Behandlung trotzte. Gestützt auf die Erfahrung, dass der Graubündner Bergbauer seit uralten Zeiten frisches Fleisch durch Aussetzen an Luft und Sonne konserviert, entschloss ich mich kurzerhand, diese anti-septische und eintrocknende Wirkung von Sonne und Luft auch beim leben- digen Gewebe zu versuchen, und setzte die Wunde direkt während 1 y2 Stunden der Sonne aus.
Der Erfolg war schon nach wenigen Bestrahlungen ein solcher, dass ich mich entschloss, die direkte Sonnenbestrahlung auch bei Wunden und Geschwüren anderer Art, worunter hauptsächlich auch solche tuberkulöser Natur, anzuwenden. Letztere reagierten auf diese Behandlung so günstig, dass bald auch Fälle von geschlossener chirurgischer Tuberkulose an die Reihe kamen. Aber nicht nur bei der chirurgischen Tuberkulose, wo sie die Methode der Wahl geworden ist, sondern auch bei anderen Leiden hat sich die Sonnenlichtbehandlung bewährt. Sie ist hauptsächlich da angezeigt, wo die Lebensvorgänge unter der normalen Linie sich bewegen, sei es bei schweren örtlichen Gewebeschädigungen verschiedenster Herkunft, sei es bei allgemeinen Schwächezuständen infolge Blutarmut, Stoffwechselkrankheiten, chronischen Infektionen usw.
Auf Grund meiner Publikationen und ermuntert durch meine im Engadin mit dem Sonnenlicht erzielten überraschenden Erfolge eröffnete zwei Jahre später August Rollier in Leysin in den Waadtländer Alpen ( 1433 m ) eine Klinik speziell zur Behandlung der chirurgischen Tuberkulose mit Sonnenlicht und Höhenklima.
Schon früheren Autoren, z.B. Werber und Meyer-Ahrens, war das verstärkte Licht « in der verdünnten Luft » des Hochgebirges aufgefallen. Sie scheuten sich aber vor dessen Anwendung, warnten sogar vor einer solchen. So machte Meyer-Ahrensbesonders darauf aufmerksam, die Veranden der Kurhäuser sowie auch die kleineren Schattenplätze in den Gärten zu meiden, solange die Sonne noch hoch stehe, und Rüedi schützte seine kleinen skro-fulösen Patienten sogar mit Tüchern vor den Sonnenstrahlen.
Von den Schweizerbergen aus hat die moderne Sonnenlichtbehandlung ihren Siegeszug durch die Welt angetreten 2 ). Sie hat auch den Anstoss gegeben zu einer intensiven experimentellen Erforschung der durch Erfahrung gefundenen Ergebnisse3 ).
Auf wenigen Gebieten der Naturwissenschaft ist in den letzten drei Jahrzehnten so viel und erfolgreich gearbeitet worden wie in der physikalischen und biologischen Erforschung des Lichtes. Namentlich war die Wissenschaft auch bestrebt, künstliche Lichtquellen zu erfinden, welche dem Sonnenlicht und speziell dem wenig abgeschwächten des Hochgebirges möglichst nahekommen sollten. Die physikalische Therapie verfügt heute aber über eine ganze Reihe solcher Bestrahlungslampen. Auch verdanken wir in der letzten Zeit der Technik ein spezielles Glas, das Uviol- oder Vitaglas, welches bezweckt, dass die ultravioletten Strahlen auch in geschlossenen Wohnräumen ungeschwächt wirken sollen. Mit demselben sind schon viele Spitäler, Schulen, Fabriken usw. versehen, ebenso zoologische Gärten für lichtbedürftige Tiere.
Betraf die medizinische Literatur bis zum 19. Jahrhundert meistens nur die Heilquellen im Hochgebirge, so entwickelte sich allmählich und namentlich um die Mitte desselben eine rege Erforschung der klimatischen Heilfaktoren des Hochgebirges. Grössere und kleinere Monographien über die Einwirkungen des Höhenklimas auf Gesunde und Kranke folgten einander in grosser Zahl1 ).
Schon diesen Autoren, welche zu ergründen suchten, wie das Hochgebirgsklima auf den gesunden und den in verschiedener Richtung krankhaft gestörten Organismus wirke, war die vermehrte Tätigkeit des Atmungs- und Kreislaufapparates bei den Hochgebirgsbewohnern aufgefallen. Sie erklärten dieselbe richtig als durch Sauerstoffmangel bedingt.
Werber führt die « physiologischen Wirkungen der Alpenluft » auf mechanische, chemische und dynamische Eigenschaften zurück: « Die mechanischen Potenzen — verminderter Luftdruck, vermehrte Trockenheit und bewegte Luft — bewirken stärkere und raschere Blutzirkulation und ein vorherrschendes Strömen des Blutes nach der Peripherie des Körpers und dadurch eine Entlastung der inneren Organe und führen so zu einem allgemein belebteren Mechanismus des Körpers, Umschwung des Stoffwechsels usw.
Die chemische Potenz, verminderter Sauerstoff, führt zu tieferem und beschleunigterem Atmen, wodurch mehr Sauerstoff in die Lunge gelangt, was noch durch Bewegung des Körpers in freier, frischerer und kälterer Luft gefördert wird, und kann also die arterielle rote Blutbildung kräftig begünstigen, wodurch ein allgemeiner erhöhter Chemismus im lebenden Körper entsteht.
Die dynamischen Potenzen — intensives Licht, stets erneuerte frische Luft, positive angehäufte Elektrizität — bringen in den Nerven und Muskeln hauptsächlich belebende Erregung hervor, woraus Bewegungskraft und -lust, heiteres Gemüt und Gedankenfrische entspringen, also ein allgemein erhöhter Dynamismus im lebenden Körper. » Diese Ausführungen Werbers geben einen interessanten Einblick in den damaligen Stand der Physiologie.Von den genannten Autoren wurden schon genaue Anzeigen für klimatische Höhenkuren aufgestellt; es sind dies ziemlich dieselben Indikationen, die auch heute noch für uns gültig sind, wie hauptsächlich chronische Katarrhe der Luftwege, Asthma, Tuberkulose, Blutarmut, allgemeine Schwächezustände, Neurosen und Nervenschwäche2 ).
Erst neueren Forschern war es vorbehalten, mehr Klarheit über das physiologische Geschehen im Organismus des Höhenbewohners zu bringen und neben der Wirkung des verminderten Luftdruckes auch die der verstärkten Sonnenstrahlen im Hochgebirge mit exakten Messungen oder experimentell zu prüfen.
Die klinischen Erfahrungen über den günstigen Einfluss der reinen und « dünnen » Hochgebirgsluft und der an heilkräftigen ultravioletten Strahlen reichen Hochgebirgssonne haben der Naturwissenschaft neue Forschungsgebiete eröffnet und zu einer wissenschaftlichen Durchforschung des Hochgebirgsklimas und seiner einzelnen Faktoren geführt. Wie gewöhnlich sind auch hier die Ergebnisse einer wohlbegründeten Erfahrung die Grundlage für die exakte experimentelle Forschung geworden.
Die grössten Verdienste in der physikalischen Erforschung der Sonnenstrahlung im Hochgebirge gebühren dem ausgezeichneten und unermüdlichen Forscher Carl Domo, welcher auf Grund seiner langjährigen, überaus sorgfältigen und exakten Messungen sowohl des Gesamtlichtes als auch der einzelnen Spektralbezirke den Satz aufstellen konnte: Der Hauptfaktor des Hochgebirgsklimas ist die Stärke seiner Sonne, nicht nur im Verhältnis zur Sonnenstärke des Flachlandes, sondern auch im Verhältnis zum Schatten 1 ).
Die experimentelle Erforschung der Physiologie des Höhenklimas ist verknüpft mit dem Namen Paul Bert. Im Jahre 1878 hat er in seinem berühmten Werke « Sur la pression barométrique. Recherches de physiologie expérimentales » nachgewiesen, dass das Blut von Tieren, die in der Höhe leben, reicher an Hämoglobin ist. Viault2 ) konnte diese Beobachtungen in bezug auf die Zunahme der roten Blutkörperchen, Müntz durch Nachweis einer Erhöhung des Eisengehaltes des Blutes bei Tieren der Höhe bestätigen.
Schon Paul Bert hatte den Gedanken geäussert, dass der Sauerstoffmangel der Luft den Organismus veranlasse, die roten Blutzellen zu vermehren, um die Versorgung der Organe mit der nötigen Menge Sauerstoff aufrecht zu erhalten. Seine Angaben wurden durch ausgedehnte Untersuchungen des Basler Physiologen Fritz Miescher3 ) und seiner Schüler bestätigt.
Die gesteigerte Blutbildung im Hochgebirge ist eine Anpassungserschei-nung auf die Luftverdünnung und die mit dieser parallel gehende Verminderung des Sauerstoffgehaltes der Luft. Sie wird gefördert, indem das Knochenmark 4 ) in einen Zustand erhöhter Tätigkeit versetzt wird. Unterstützt wird diese Anpassung durch die schon früheren Ärzten aufgefallene vermehrte Arbeit des Atmungs- und Kreislaufapparates. Die Vermehrung der roten Blutkörperchen und des Hämoglobins verschwindet allmählich nach Rückkehr in die Ebene. Während des Aufenthaltes im Hochgebirge war der Mensch des Tieflandes aber ein anderer. Auch ist anzunehmen, dass das ver- mehrte Blut so auf sämtliche Gewebe eingewirkt habe, dass er über den Aufenthalt im Hochgebirge hinaus einen therapeutischen Wert bedeutet.
Hingegen wird der Blutdruck im Hochgebirge, wie man versucht wäre theoretisch anzunehmen, nicht gesteigert. Experimentelle Untersuchungen von Staehelin sowie die Beobachtungen der Hochgebirgsphysiologen Mosso, Durig usw. und zahlreiche von Stäubliin St. Moritz angestellte klinische Untersuchungen ergaben, dass sich beim normalen Menschen während eines längeren Aufenthaltes im Hochgebirge der Blutdruck nicht verändert.
Hier wäre noch die sogenannte Bergkrankheit zu erwähnen. Infolge beschleunigten Stoffwechsels und hauptsächlich Sauerstoffmangels, namentlich bei schwächlichen Leuten und Herzkranken oder auch Bergsteigern, in welch letzteren noch die körperliche Anstrengung sehr mitwirkt, treten Erscheinungen auf, die wir unter dem Namen « Bergkrankheit » kennen: grosse Mattigkeit, Herzklopfen, Schwindel, Brustbeklemmung, Erstickungsangst, Ohrensausen, Kopfschmerz. Auch Übelkeit, Erbrechen, Blutungen aus Mund, Nase, Ohren, sogar aus den Lungen, gesellen sich bisweilen hinzu. In den schweren Fällen handelt es sich bei der Bergkrankheit entschieden um wichtigere Störungen der Herztätigkeit, welche sogar zum Tode führen können. So habe ich einmal einen Turisten und ein anderes Mal einen Bergführer nach übergrossen Anstrengungen an Lungenödem infolge Herzschwäche rasch zugrunde gehen sehen. Beide hatten noch das Tal erreichen können. Bei den nicht seltenen Fällen, wo berichtet wird, dass ein Bergsteiger nach einer grossen Tur in einer Clubhütte an einer « eintägigen oder noch kürzeren Lungenentzündung » gestorben sei, wird es sich wohl um ein solches Lungenödem gehandelt haben.
Die von der Bergkrankheit Betroffenen machen ganz den Eindruck von Herzkranken. Derselbe Mensch kann das eine Mal solche Störungen und Zeichen von ungenügender Sauerstoffversorgung in geringen Höhen zeigen, die das andere Mal in grösserer Höhe fehlen. Dies hängt wohl in erster Linie von wechselnder Einstellung der Gefässnerven ab.
Bei Luftschiffern treten, wenn sie in grössere Höhe kommen, solche Beschwerden auch auf ( Ballonkrankheit ), doch, wenn der Aufstieg ein nicht zu rascher ist, erst in ganz hohen Begionen, da bei ihnen ein Hauptmoment, die Körperanstrengung, fehlt. Ebenso tritt die Bergkrankheit da, wo die Turisten bedeutende Höhen mit der Bahn oder auf Beittieren, wie z.B. in den Anden2 ) oder im Himalaja, erreichen können, erst viel später auf. Dank der Versorgung mit geeigneten Atmungsgeräten gelang 1933 der englischen Mount Everest-Expedition sogar die Anpassung der Bergsteiger an Höhen von 8600 m. Gesunde Menschen können eine passive Beförderung bis auf etwa 4000 m ohne Schaden für ihre Gesundheit und ohne subjektive Beschwerden ertragen 3 ).
Die Entdeckung Paul Berts hatte den Anstoss gegeben zur weiteren Erforschung der Klimaphysiologie des Hochgebirges, das heisst der funktionellen Beeinflussung der einzelnen Organe und des Stoffwechsels, sowie zur Abklärung der eben genannten Bergkrankheit.
Zu diesem Zwecke wurden anfänglich hauptsächlich als Standquartiere Alphütten und Berghotels oder hochgelegene meteorologische Stationen benützt. In der Folge entstanden ständige wissenschaftliche Observatorien und Laboratorien.
Auf dem Gipfel des Mont Blanc 4810 m befand sich in den Jahren 1893 bis 1899 das Observatorium Janssen, welches dann in Schnee und Eis versank und zunächst nicht mehr aufgebaut wurde. Einige hundert Meter unter dem Gipfel, auf dem Rocher des Bosses 4362 m hat ungefähr um dieselbe Zeit der Meteorologe Vallot das berühmte, noch jetzt bestehende Observatoire Vallot errichtet. Demselben, welches in erster Linie für physikalische Zwecke bestimmt war, verdanken wir auch einige wichtige physiologische Entdeckungen. Hier hat der Turiner Angelo Mosso 1893 seine ersten Beobachtungen gemacht. Im Jahre 1894 sehen wir diesen um die moderne physiologisch-alpine Forschung so hochverdienten Mann mit einer grösseren Expedition von Gelehrten und italienischen Gebirgssoldaten ( Alpini ) zu einem längeren Studienaufenthalt in der Capanna Regina Margherita auf der Punta Gnifetti 4559 m ( Monte Rosa ). Diese Aufenthalte hat Mosso regelmässig wiederholt bis 1903, wo er durch Zuntz und Durig, die drei Wochen dort ihre Studien machten, abgelöst wurde. Im Jahre 1907 konnte das zu seinen Ehren auf dem Col d' Olen 2865 m am Südabhange des Monte Rosa errichtete und von den meisten Kulturstaaten unterstützte, grosse internationale Gebirgslaboratorium für physiologische und physikalische Untersuchungen, das « Istituto Scientifico Mosso », eingeweiht werden. Seine bahnbrechenden Beobachtungen hat er in seinem Werke « Der Mensch auf den Hochalpen » niedergelegtx ).
Ein Jahr nach Mosso, 1895, arbeiteten die deutschen Forscher N. Zuntz und Schumburg in Zermatt 1632 m und auf der Betempshütte 2802 m an der Nordseite des Monte Rosa, um ebenfalls die physiologische Wirkung des Höhenklimas und Bergsteigens aufzuklären. Eine zweite deutsche Expedition, A. Loewy und Leo Zuntz ( jun. ), wählte ein Jahr später wieder den Südabhang des Monte Rosa für ihre Forschungen, und zwar das Berghotel auf dem schon erwähnten Col d' Olen 2900 m und die Capanna Gnifetti 3620 m. Eine dritte deutsche Expedition vom Jahre 1901, bestehend aus N. Zuntz, A. Loewy, Franz Müller, W. Caspari und einigen Medizinstudenten, wählte für vergleichende Studien zuerst das Hotel Rothornkulm 2270 m der Brienzer Rothornbahn und dann die Margheritahütte auf der Punta Gnifetti als Standquartier 2 ).
Ein neues internationales hochalpines Forschungsinstitut, ähnlich dem oben erwähnten Istituto Mosso am Monte Rosa, wurde in den letzten Jahren auf dem Jungfraujoch bei der Endstation der Jungfraubahn auf einer Höhe von 3457 m errichtet. An der Finanzierung dieses Institutes und an den Betriebskosten sind neben schweizerischen Behörden und wissenschaftlichen Instituten die Kaiser Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften in Berlin, die Bockefeller-Stiftung in New York, die Universität Paris, die englische Begierung sowie die Akademie der Wissenschaften in Wien beteiligt. Der Schweizer Alpenclub leistete einen besonderen Beitrag von 25,000 Franken für die Erstellung eines meteorologischen Pavillons, welcher auf dem Sphinx-Felsen 3572 m, oberhalb des Jungfraujochs, erstellt und am 31. Oktober 1937 eingeweiht wurde. Er ist die am höchsten gelegene Wetterstation in Europa 1 ). Ferner stiftete die Universität Genf einen Pavillon, der ausschliesslich der Astronomie dienen soll. Auf dieser Forschungsstation wird rege gearbeitet, und schon heute verdanken wir ihr wichtige wissenschaftliche Ergebnisse 2 ).
Die Forschungsinstitute in den allerhöchsten Lagen haben wohl ihre grosse wissenschaftliche Bedeutung, aber zur praktischen Auswertung sind die, welche noch in dem Bereiche menschlicher Siedelungen liegen, wichtiger, wie z.B. das von Domo 3 ) im Jahre 1907 gegründete Physikalisch-meteo-rologische Observatorium, das Institut für Hochgebirgsphysiologie und Tuberkuloseforschung in Davos, eingeweiht Januar 1924, und das Licht-klimatische Observatorium in Arosa, gegründet 1921. ( Die höchsten, das ganze Jahr bewohnten Orte der Alpen und wohl von ganz Europa sind das Dörfchen Trepalle 2088 m in der italienischen Valle Livigno, unweit der Schweizergrenze, ferner das Dorf Cresta 1963 m und der Weiler Juf 2042 m im Aversertal, Graubünden. ) In diesen Bereich können wir auch noch das Observatorium auf Muottas Muraigl 2450 m bei Samaden einbeziehen, auf dem Gustav Senn4 ) aus Basel in Verbindung mit seiner Assistentin Henrici 5 ) in den Jahren 1918—1924 seine bekannten schönen Versuche über den Einfluss von Licht und Temperatur in den Alpen auf Physiologie und Anatomie der Pflanzen gemacht hat und das jetzt dem Institut für Hochgebirgsphysiologie in Davos angegliedert worden ist. Auch hier herrscht ein reges, fleissiges Arbeiten, und Forschern wie Löwy, Mörikofer, Roulet, dem Leiter der pathologisch-anatomischen Abteilung, verdanken wir wichtige bioklimatische Untersuchungen, u.a. über Gehaltsschwankungen bei Arzneipflanzen, über das Zimmerklima, meteorologische und klimatische Beobachtungen über den Föhn, Schneeforschungen u.a. m.6 ).