Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03147.jsonl.gz/492

Kleiner Pimmel, grosses Mikro?
Das Mikrofon als Phallus-Symbol
Das Mikrofon als Phallus-Symbol
Ich habe keinen Porsche. Aber ich habe eine Mikrofon-Sammlung. Tolle Mikrofone für verschiedene Aufnahme-Situationen. In der Tendenz haben sie alle gemeinsam, dass sie eine gewisse Grösse aufweisen.
Ist grösser besser?
Natürlich nicht. Es kommt auch hier auf die Technik an. Und auf den Einsatz: Ein Grossmembran-Mikrofon mit Röhrentechnik lässt sich nunmal nicht an eine Querflöte klemmen - auch klingt eine solche damit nicht zwingend besser auf der Aufnahme.
Ich spiele auch gar nicht Querflöte. Ich bin Sprecher - reden wir also über Sprecher-Mikrofone:
Während die Grösse des Johannes die Männerwelt bewiesenermassen mehr aufwühlt und bewegt als diejenige der Frauen - würde sich dies auch in der Sprecherkabine bei freier Mikrofonwahl so zeigen. Nehmen wir an, im Aufnahmeraum stehen zwei Mikrofone aufgebaut, eines klein, eines gross. Mit Bestimmtheit würde «der Sprecher» das grössere Mikrofon wählen, während «die Sprecherin», weise wie Frauen nun mal sind, vielleicht sagen würde "mir egal, das muss doch der Tönler entscheiden".
Na selbstverständlich doch!
"Aber die grosse Stimme braucht doch ein grosses Mikrofon!" brummelt der Sprecher, nimmt das mobile headset aus dem Ohr, setzt sich vor den Sprechertisch und legt den VW-Schlüssel neben den Text.
Das Gebrummte ist natürlich kompletter Unsinn. Denn spätestens hier fällt der in der Annahme gegen Werbung resistent zu sein lebende Sprecher auf einen glatten Marketing-Trick rein. Doch blicken wir dafür erstmal zurück in die Geschichte der Mikrofon-Manufaktur:
1877 hatte Thomas Alva Edison die Idee zu seinem später als «Phonograph» bekannt gewordenen Gerät, welches die "beliebige Wiederholbarkeit eines konservierten akustischen Ereignisses" ermöglichte. Ursprünglich nannte Edison seine Erfindung «the speaking machine». Dieses Gerät baute, selbstverständlich, ein Schweizer - es war Herr John (aka Hans) Krüsi. Die "speaking machine" war in der Lage "etwas abzuspielen" - wohl, da noch keine Aufnahme existierte, konnte sie jedoch auch "etwas aufzeichnen". Am 6. Dezember 1877 machte Edison die erste überhaupt: Er sprach ein "Hallo", gefolgt von einem zweiten "Hallo" und sang anschliessend "Mary had a little lamb". Nachdem Edison seinen Mitarbeitern die weltweit erste Audio-Aufnahme präsentiert hatte, war er damit der erste Mensch überhaupt, der seine eigene aufgezeichnete Stimme hörte. Sibesiech.
Ob sich dies alles wirklich so zugetragen haben mag, ist bis heute umstritten: Wie bei vielen Erfindungen, gab es auch beim Mikrofon eine Mehrspurigkeit. Denn bereits 1860 soll Antonio Meucci sein entwickeltes Telefon mit elektromagnetischem Wandler zum Patent angemeldet haben wollen - was sich aufgrund seines leeren Portemonnaies jedoch nicht realisieren liess (schiints). So gelangte später ein Telephon via second hand shop in die Hände von Alexander Graham Bell, der das Gerät 1876 auf seinen Namen patentieren liess. Saucheib.
Anfänglich war die technische Entwicklung der Ton-Aufzeichnung und dessen Wiedergabe eng miteinander verknüpft. Es folgte nur ein Jahr nach dem Phonographen das Grammophon, später das erste elektrische Aufnahmeverfahren, welches die rein mechanische Walzentechnik ablöste. Später trennten und fanden sich die Aufzeichnungs- und Abspielgeräte immer mal wieder: Viele Menschen hatten einen Plattenspieler, jedoch keine Aufnahmeverfügbarkeit dazu. Bei den späteren MCs (Audio-Kassetten) war meist wieder beides möglich - später bei der CD erstmal nicht. Heute wird reines Audio meist über Kopfhörer konsumiert - die Aufnahmemöglichkeit für den diesbezüglich natürlichsten 3D-Klang gibt es heute bereits zu consumer-Preisen. Wahnsinn.
Konzentrieren wir uns hier aber auf die Ton-Aufnahme und somit das Mikrofon: 1877 präsentierte Emil Berliner das erste funktionierende Kohlemikrofon, dessen Weiterentwicklung bis etwa 1940 gebaut und genutzt wurde. 1923 verbesserte Georg Neumann das Kohlenmikrofon weiter und realisierte dann 1928 das erste Kondensatormikrofon, nachdem die Herren Schottky und Gerlach irgendwann anfang der Zwanziger das erste Bändchenmikro zeigten.
Sie suchen heute nach dem perfekten, dem besten Sprecher-Mikrofon? Nun ja, nach all den Jahren der Entwicklung gilt auch heute noch:
Es gibt kein perfektes Mikrofon.
Aber es gibt für jede Stimme in jedem Raum das passendste. Heute wird in unseren Breitengraden für Sprachaufnahmen im Tonstudio meist ein Grossmembran-Mikrofon eingesetzt, in Kondensatoren- oder Röhrenbauweise. Überm Teich setzen viele meiner US-Sprecherfreunde (ich hab gar keine, klingt aber unheimlich cool) auf ihr geliebtes Shotgun-Mic, meist das Sennheiser MKH416. Während dieses bei uns eher im ENG oder als Set-Ton zum Einsatz kommt, und es zu deutsch Rohrrichtmikrofon heisst. "Shotgun" klingt natürlich um einiges cooler. Ob sich die männlichen native VO's auch deshalb dafür entscheiden?
Wie die Mikrofone technisch alle unterschiedlich funktionieren - das verschieben wir jetzt auf ein andermal (ich weiss es gar nicht). Interessanter zu beobachten ist für dieses blog-Thema der Umstand, dass da stets die männlichen Geschöpfe die Mikrofone entwickelten und daran rumwerkelten. Mag es also wirklich Zufall sein, wo die Reise der Optik des idealen Mikrofons heute zwischenhält?
Zwischendurch dazu mal zwei Fakten:
- Ein grösseres Mikrofon ist noch lange nicht auch besser.
- Aber wenn sich ein Sprecher vor einem grossen Mikro wohler fühlt als vor dem kleineren daneben, beide jedoch exakt gleich klingen sollten, dann soll er sich halt vors Grosse setzen. Wenns ihm den wohlt dabei (und das tut es nunmal).
Sie sind selbst Sprecher und kaufen demnächst ein neues Mikrofon? Lassen Sie sich nicht blenden vom Rocco Sifredi-Look. Testen Sie nach Möglichkeit verschiedene Mikrofone - und zwar in Ihrer eigenen Verrichtungsbox. Den besten Klang für Ihre wunderbare Stimme erzeugen Sie nämlich nur im Zusammenspiel ihres Raumes, Ihrer technischen Aufnahmekette - und Ihnen selbst.
Ich habe in meiner über zwanzigjährigen Sprechertätigkeit in die weltweit teuersten und grössten Mikrofone der Alt- und Neuzeit gesprochen - Zuhause im Fernsehen klangen andere Produktionen mit meiner Stimme im selben Werbeblock jedoch nicht minder gut, auch wenn ich diese in einem anderen externen Tonstudio in ein Pfüpfi-Mikstängeli einsprach.
Und somit abschliessend zurück zum eingangs erwähnten Phallus und zur oft mehr gewerteten und wertvolleren Technik: Lieber ein kleines Mikrofon und ein einfach gehaltener Preamp in der gekonnt eingesetzten Aufnahmekette, als von allem das Teuerste oder Beste - wenn die entscheidenden Glieder (hihi) nicht passend ineinander greifen, gibts nämlich nie nen Porsche.
PS: Falls Sie - ne, in diesem Fall machen wir Du: Falls Du, lieber Lesender, wie oben geschrieben ebenfalls Sprecher bist, dann hoffe ich ganz ehrlich, Dir mit dem Phallus-Vergleich kein Bild ins Gedächnis gebrannt zu haben. Den Nahbesprechungseffekt müsstest Du dann wohl künftig knicken.