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Man muss sich das einmal vorstellen: Mitten im «Hunger- Winter» 1946/47, als im zerbombten Berlin Hunderte erfroren, als Not und Leid herrschte, rief der Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS) ein neues Orchester ins Leben. Und was damals wohl keiner ahnte: Aus dem RIAS-Symphonie-Orchester wurde bald ein Vorzeige- Klangkörper. Zu verdanken war das einem jungen Ungar, dem Dirigenten Ferenc Fricsay, bekannt – respektive gefürchtet – für seine kompromisslose, leidenschaftliche Probenarbeit. Im Dezember 1948 berief man ihn zum Chefdirigenten, gleichzeitig wurde er Generalmusikdirektor an der Städtischen Oper und, weil aller guten Dinge drei sind, erhielt er auch noch einen Exklusivvertrag der Deutschen Grammophon.
Viele bedeutende Aufnahmen, zum Teil bis heute als Referenzeinspielungen eingestuft, entstanden. Dieses diskografische Erbe veröffentlichte die Deutsche Grammophon vor wenigen Jahren in zwei repräsentativen CD-Boxen. Und nun macht sie erstmals Aufnahmen aus Fricsays Rundfunk-Erbe zugänglich: «The Mozart Radio Broadcasts». Anfang der 1950er-Jahre begann Fricsay nämlich, mit dem RIAS-Symphonie- Orchester Mozart-Sinfonien und Divertimenti aufzunehmen. Nicht zuletzt wohl deshalb, weil Mozart für ein Orchester die beste Schule ist. Auf vier CDs liegen diese Aufnahmen nun erstmals vor. Sie zeigen Fricsay als eminent leidenschaftlichen Mozart-Dirigenten, der mit kräftigen Akzentsetzungen, rasanten Tempi und schwungvollem Melos zeigt, dass Mozart alles andere als ein verzärtelter, zur Rokokofigur verkitschter Götterliebling war.
In den frühen Sinfonien waltet unter Fricsays Händen eine dramatische Energie, die sonnenklar zeigt, worauf diese sinfonischen Erstlinge entstehungsgeschichtlich gründen – nämlich auf den Orchestervorspielen der italienischen Oper. Entsprechend «bühnenwirksam» gestaltet Fricsay die Ecksätze, und er treibt die Musiker zu derart quirliger Exaltiertheit an, dass manch einem vielleicht der Atem gestockt haben mag. Die langsamen Sätze wiederum nimmt er, um es paradox zu formulieren, nicht wirklich langsam, sondern in einem stets bewegten Zeitmass – genau so, wie das eine Generation später die Originalklang- Bewegung vermeintlich erstmals «richtig» gemacht hatte.
In der Tat, Fricsays Vorstellung von Mozart hatte nichts mit der Gemütlichkeit beispielsweise eines Bruno Walter am Hut. Auch apollinische Weltentrücktheit oder lukullische Klangopulenz sucht man in Fricsays Mozart vergeblich, denn er musizierte mit einem relativ klein besetzten Orchester abseits von den damals noch üblichen philharmonischen Grössenordnungen. Was wiederum zur Folge hatte, dass diese vergleichsweise wenigen Musiker sozusagen auf der Stuhlkante sassen und mit einer engagierten Energie aufwarteten, die den Hörer dieser Radiomitschnitte noch heute direkt anspringt. Das Klangbild kann sein Alter zwar nicht verleugnen, hat eher wenig Raumklang, ist aber sauber und transparent.
Ferenc Fricsay: The Mozart Radio
Broadcasts.
DG 4798275 (4 CDs)