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Versailles und Paris in Solothurn
Die Zeit der Gnädigen Herren ist längst abgelaufen, aber ihre Paläste haben sich erhalten und erinnern an eine Gesellschaft, in der man auch hierzulande als Herr oder als Untertan geboren wurde.
«Er wölle, das der tüffel den herrn schultheissen Pfyffer mitt sinen schloss hette», rief Heini Lehmann 1578 in Luzern aus, «wo er nitt so manchem gutten frommen knecht in Franckrych das syn verschleifft und aberschellmet, wurde er nit allso schlösser buwen, wie er aber thüye». (Übersetzung) Ludwig Pfyffer, der «Schweizerkönig», hatte kurz zuvor in Altishofen einen Landsitz erbauen lassen. Auch nach einem Gerichtshändel liess sich Pfyffer von Heini Lehmann nicht abhalten. 1588 kaufte er von den Feer, ehemals Fährleute, das Wasserschloss Wyher bei Ettiswil.
Bereits seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts gehörte der Besitz von Schlösslein und Herrschaften zur Gründung einer Familiendynastie. Die ländlichen Führungsschichten standen dabei den städtischen Ehrbarkeiten kaum nach. In Graubünden erwarben die über 50 Bauerngeschlechter, die vor und nach 1500 zu Macht und Reichtum aufstiegen, fast allesamt einen alten Ritterturm. Diese Bauten waren zwar unwohnlich, dazu militärisch längst wertlos, dennoch geriet der Kauf solcher Statussymbole im Bündnerland zur Epidemie.
In Frankreichs Sonnenstrahlen
Steiler geht’s kaum. Die Besenval stammten aus Savoyen, erwarben spät, erst 1629, das Solothurner Bürgerrecht, stellten aber bereits in zweiter Generation den Schultheissen. Ein Mechanismus setzte ein, wie er in Soldpatriziaten üblich war: Weil die Besenval in der eigenen Stadt Einfluss hatten, wurden sie für ausländische Mächte wichtig – und weil sie im Ausland etwas galten, wuchs ihre Macht wiederum in der eigenen Stadt, wie die folgende Liste andeutet: politische Ämter jeglicher Gattung, Salzmonopol, Vermittlung von Söldnern, erfolgreiche Heiratspolitik, Erwerb von Immobilien und Herrschaften, Führung der französischen Partei Solothurns, französischer Ritterstand, eigene Kompanie und eigenes Regiment im Dienste Frankreichs, Erhebung zu französischen Baronen. Was Wunder, dass der Solothurner Schultheiss 1686 einen Sommersitz bauen liess, der sich an Versailles orientierte: Schloss Waldegg.
Klein Versailles an der Aare
Unter den drei Dutzend Landsitzen rund um Solothurn ist die Waldegg der fürstlichste. Die Länge der Gartenfassade von 78 Metern mag sich neben den 570 Metern von Versailles eher bescheiden ausnehmen. Aber die Waldegg wäre von Victor Hugo auch nicht gleich wie Versailles als «eine einzige Höflingskaserne» bezeichnet worden. Ein grosser Mittel- und zwei kleine Seitenpavillons treten aus dem langgestreckten, symmetrischen Gebäudekomplex hervor, seitlich je ergänzt mit zweigeschossigen Galerieflügeln, eingefasst mit Ecktürmchen. Das verschafft dem Bau eine imposante Fassadenkulisse mit bewegter Dachsilhouette, passend dazu der französische Garten mit seiner strengen Geometrie. Barock als Gesamtkunstwerk. Besucht wurde die Waldegg zeitweise auch von französischen Ambassadoren – nachvollziehbar. Dass dies den Geschäften der Besenval nicht abträglich war, leuchtet ebenfalls ein.
«Der allhiesigen Statt eine Zierd»
Der Vater liess einen prächtigen Sommersitz bauen, seine beiden Söhne, Johann Viktor II. Besenval (1671–1736) und Peter Joseph Besenval (1675–1736), holten 1706 mit einem Stadtpalais ein Stück Paris nach Solothurn. Der Bauplatz an der Aare war prominent, allerdings eng. Das Palais Besenval entsprach einem Bautyp, wie er vom französischen Adel im 17. Jahrhundert für Stadtresidenzen entwickelt wurde. Typisch war, dass sich das Wohnhaus zwischen einem Zufahrts- oder Ehrenhof und einer Gartenanlage befand. Das «Hôtel entre cour et jardin» der Besenval gehört in der Schweiz zu den frühesten Beispielen seiner Art und machte Furore. Noch im 19. Jahrhundert war es in Solothurn der «neue Bau». Er erzählt von einem rasanten Aufstieg, doch bereits 1736 begann für die Besenval der Abstieg. Sie hatten ermöglicht, dass unzählige Söldner in französische Dienste zogen. 1798 wechselten Vorzeichen und Richtung: Französische Revolutionsheere marschierten in die Schweiz ein. Egalité. Die Menschen werden nicht in einen Stand geboren, sondern sind von Natur aus frei und besitzen unveräusserliche Rechte. C’est ça.
«Mine Gnädigen Herren»
In mehreren Wochenserien präsentiert der Historiker Kurt Messmer den Weg der Schweiz vom Feudalismus in die Demokratie.
Das historische Menu dieser Woche: Schauplatz Eidgenossenschaft – vom «alten Adel» zum «neuen Adel»
Montag:
1415 statt 1291? Ein historischer Kick
Die Eroberung des Aargaus bescherte den Eidgenossen die erste gemeinsame Verwaltungsaufgabe. Seit 1415 rückte man näher zusammen.
Dienstag:
Aufstieg zur Macht, Version «CH»
Geld machte es möglich: Wie Händler, Fährleute und Schneider adelig wurden. Die Diesbach-, Feer- und Pfyffer-Saga.
Mittwoch:
Familienherrschaft, wie funktionierte das?
Ob in Bern, Luzern oder Zürich: Die «Gnädigen Herren» bestimmten, wer in ihren exklusiven Kreis aufgenommen wurde.
Donnerstag:
Adel, Klerus, 3. Stand – alles Mutzen
Das Selbstverständnis der «wohledelfesten» Republik Bern – um 1680 bildhaft vor Augen geführt von der allegorischen Berna.
Freitag:
Versailles und Paris in Solothurn
Die Paläste der Gnädigen Herren zeugen noch heute von einer Zeit, in der man auch hierzulande als Herr oder als Untertan geboren wurde.
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