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Ich fasse hier kurz zusammen, was gemäss Karl R. Poppers Wissenschaftstheorie eine empirische Wissenschaft ist. Dies erscheint mir wichtig, damit man selber entscheiden kann, was wissenschaftlich ist, und was dies genau bedeutet.
Übersicht:
Ich beziehe mich hierbei auf folgendes Buch:
Karl R. Popper
Alles Leben ist Problemlösen
Piper Verlag GmbH, München, 1994.
Ich verwende im folgenden sehr oft den Ausdruck empirisch. Meine Definition ist die folgende: Empirisch sind alle Dinge, welche mit beobachtbaren Vorgängen zu tun haben.
Dies hat ein paar Effekte, welche der normalen Erwartung gegenüber einer empirischen Wissenschaft widersprechen:
wissenschaftlich erwiesennicht. Nichts ist endgültig erwiesen. Alle empirischen Theorien sind vorläufiger Natur. Im Laufe der Zeit werden alte Theorien immer wieder durch neuere Theorien ersetzt, welche näher an der Wahrheit sind.
Ein triviales Beispiel für den empirischen Gehalt zweier Theorien zu modernen Fahrradschlössern:
Die erste Theorie verbietet die Beobachtung, dass ein Schlüssel, der nicht ins Schlüsselloch passt, das Schloss trotzdem öffnet. Da dies nicht beobachtet werden kann, wird angenommen, dass die Theorie stimmt.
Die zweite Theorie verbietet die Beobachtung, dass ein Schloss von zwei Schlüsseln geöffnet werden kann, wenn die Schlüssel ins Schlüsselloch passen und verschiedene Schlüsselbartformen haben. Da dies nicht beobachtet werden kann, wird angenommen, dass die Theorie auch stimmt.
Wie geht man nun vor? Man bestimmt die Theorie, welche näher an der Wahrheit ist, indem man den empirischen Gehalt der beiden Theorien vergleicht. Der empirische Gehalt der zweiten Theorie ist höher, denn alle durch die erste Theorie verbotenen beobachtbaren Vorgänge sind auch von der zweiten Theorie verboten, und zudem sind von der zweiten Theorie noch ein paar weitere, darüber hinausgehende Vorgänge verboten.
Ein möglicher Fehler wäre es, an dieser Stelle zu behaupten, dass die erste Theorie eleganter sei, da sie weniger Annahmen mache. Dieser Eindruck ist falsch: Die erste Theorie macht nicht weniger Annahmen, sie beschreibt weniger Beobachtungen. Nur deswegen erscheint die erste Theorie einfacher und eleganter.
Es gibt drei Möglichkeiten, die zweite Theorie zu ersetzen:
Ein medizinisches Beispiel für alle Anhänger alternativer Praktiken:
Diese Theorie verbietet die Beobachtung, dass Patienten, welche nur das homöopathische Wässerchen X nehmen, gleichviel oder mehr unter Heuschnupfen leiden wie andere Patienten, welche kein Medikament nehmen. Dies könnte man bei genügend grosser Stichprobe statistisch testen.
Die Formulierung der verbotenen Vorgänge ist wichtig, denn durch diese Formulierung werden möglichst viele beobachtbaren Vorgänge ausgeschlossen. Es folgt hier eine andere Theorie, welche auch sehr richtig tönt, die aber weniger empirischen Gehalt als die erste Theorie hat:
Die Theorie mit weniger empririschem Gehalt verbietet die Beobachtung, dass Patienten, welche nur das homöopathische Wässerchen X nehmen, gleichviel oder mehr unter Heuschnupfen leiden wie vor der Behandlung.
Warum hat die zweite Theorie weniger Gehalt? Man stelle sich folgenden beobachtbaren Vorgang vor: Nachdem die Heuschnupfenstärke vor der ersten Einnahme des Medikamentes festgestellt wurde, regnet es sehr stark und die Pollenwerte sinken ab. Man könnte nun unter der Annahme, dass das homöopathische Wässerchen X nichts nützt, zwei Dinge beobachten:
Dies bedeutet, dass in dieser Situation die erste Theorie wiederlegt worden wäre. Es gibt mehr mögliche Erfahrungen, welche der ersten Theorie widersprechen könnten. Die erste Theorie ist leichter zu wiederlegen. Der empirische Gehalt der ersten Theorie ist also grösser.
Deswegen wird der Forscher, der die erste Theorie aufgestellt hat, hoffen, dass andere Forscher versuchen werden, die erste Theorie (nämlich die seinige) zu widerlegen. Und er hofft natürlich, dass diese anderen Forscher daran scheitern werden (weil seine Theorie damit unwiderlegt bleibt). Die anderen Forscher werden tatsächlich versuchen, die erste Theorie zu widerlegen, weil diese Theorie einfacher zu widerlegen ist.
Wie sich zeigt, lässt sich Poppers Wissenschaftstheorie auch für das Planen von Versuchen nutzen: Wir erfahren in diesem Fall, dass die Versuchsordnung, welche von der ersten Theorie vorgegeben wird, besser ist, als die Versuchsordnung, welche von der zweiten Theorie vorgegeben wird.
Ein religiöses Beispiel:
Diese Theorie verbietet keinerlei beobachtbare Vorgänge. Dies ist offensichtlich keine empirisch Theorie. Als Wissenschaftler kann man zu dieser Theorie kein Statement abgeben. Als Gäubiger oder als Zweifler liesse sich hierzu natürlich noch einiges sagen.
Ich bin mir nicht sicher, was genau eine nicht-empirische Wissenschaft ist. Offensichtlich handelt es sich um Fachgebiete, in denen Theorien zu nicht-wahrnehmbaren Vorgängen aufgestellt werden. Beispielsweise könnte man dort diskutieren, wieviele Engel auf einer Nadelspitze Platz haben, oder ob Gott die Sünden vergibt. Auf alle Fälle scheinen die Theorien einer nicht-empirischen Wissenschaft irrelevant für das Leben normaler Menschen.
Es ist schwer zu entscheiden, ob Karl R. Poppers Wissenschaftstheorie selber eine empirische Theorie ist. Eine mögliche Art die Wissenschaftstheorie zu widerlegen, wäre folgende Beobachtung: Wissenschaftlicher Fortschritt findet auch ohne den hier aufgeführten Prozess statt, dh. ohne dass Theorien vorgeschlagen werden und dann möglichst viele dieser Theorien wieder eliminiert werden. Dies lässt sich nur schwer zeigen.
Hierzu meint Thomas Link:
Vom Aussagentypus her "tendiert" seine Theorie zum Normativen. Er beschreibt nicht, wie Wissenschaft ist, sondern wie sie sein soll. Für eine im eigentlichen Sinn empirische, d.h. auf Beobachtung beruhende, Wissenschaftstheorie muss man bei Bruno Latour oder Knorr-Cetina nachsehen. Aber auch das nur gemäß meiner bescheidenen Meinung.
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