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Die Batterie ihres I-Phones war fast leer, dennoch steckte sie es nicht ein, sie hatte genug. Rebecca wusste nicht recht, wie lange sie schon am Fenster stand, aber wahrscheinlich war es zu lange. Die Aussicht auf die Coleridge Road gefiel ihr normalerweise ganz gut, sie hatte Finsbury Park immer gemocht. Heute fühlte sie sich in London verloren, die Metropole zu gross, zu laut, zu chaotisch.
Es war drei Tage her, seit Reuters sie gefeuert hatte, es war nicht überraschend gekommen und trotzdem kam sie nicht damit klar. In einem lächerlichen Kubikel hatte sie von ihrem Chef, Alan, ein paar mehrfarbige Papiere bekommen, ihren Badge abgeben müssen, um noch von ihm ins Australian Pub in der City eingeladen zu werden, in dem offensichtlich auch Jools Holland manchmal einen heben ging. Schnell hatte sich herausgestellt, dass zu teures Bier ihr nicht weiterhalf, es hatte nur den Heimweg länger gemacht. Mit Jools Holland konnte sie auch nicht viel anfangen. Sie hatte einfach keine Ahnung von Musik.
Warum bloss hatte sie heute Lauren angerufen? Ausgerechnet. Die Erinnerung war schlimm. Es war fünfzehn Jahre her. Sie hatte Ambitionen gehabt, gedacht sie könnte etwas bewirken und vor drei Tagen hatte sie den letzten Rest verloren. Nachdem sie aufgestanden war, hatte sie gedacht, es würde ihr helfen, wenn sie mit einigen Leuten sprechen konnte. So richtig konnte sie ihre Angst nicht beschreiben. Sie lebte in einem kleinen Backsteinhaus, typisch für Londons Industriegeschichte, mindestens das Erdgeschoss hatte sie schon abbezahlt und bei den gegenwärtigen Immobilienpreisen war das eine Leistung. Wenn sie es forcierte, könnte sie oben etwas vermieten. Hätte sie es gekonnt, hätte sie eine kalte Faust beschrieben, die ihren Brustkorb umklammerte, von Gefühlen, die sie die U-Bahn sofort verlassen liessen.
Die Nebenstrasse sah grau und verlassen aus, schwer zu sagen, ob hier noch viele Leute wohnten, die etwas mit dem Quartier zu tun hatten, es musste schliesslich wirtschaftlich vorwärtsgehen. Es ging vor allem vorwärts, in dem vor den kleinen Cafés an der Seven Sisters Road immer grössere SUVs parkierten, oder irgendwelche Emporkömmlinge sich von einem Fahrer zum Cappuccino chauffieren liessen. Rebecca erinnerte sich an ihren eigenen Träume, die Dinge, die sie hatte tun wollen. Ein bisschen Cappuccino gehörte auch dazu, Chauffeure und fette Schlitten dagegen weniger.
Sie erinnerte sich an Lauren in der Sonne, sie rannte über eine grüne, saftige Wiese, der Wind spielte mit ihrem Haar und wenn sie gekonnt hätte, hätte sie die Arme noch weiter ausgebreitet, um das Mädchen aufzufangen, um es zu umarmen. Kein grosser, kein besonderer Moment, aber ein Moment, Rebecca konnte nicht sagen, warum es schiefgegangen war. Irgendwann hatte es sie eingeholt. Es hatte in einer Seitenstrasse geendet, es war eine ruhige Seitenstrasse gewesen und sie wusste noch, wie weh es getan hatte. «Du hattest deine Kleider so lange nicht gewechselt, du hast angefangen zu stinken, Mama, es gab keine Wahl damals, es tut mir leid», hatte Lauren erklärt.
Befangen hatte Rebecca sich in ihr langes Haar gefasst, es fühlte sich etwas fettig an, sie hatte es heute Morgen nicht gewaschen. Da sie Angst hatte rauszugehen, war ihr das nicht so dringlich vorgekommen. Sie hatte nicht nur mit Lauren gesprochen, Rainer in München hatte gemeint, sie müsse die Dinge mit sich selber ausmachen. Eine Therapie brächte da doch nichts. Der Anruf ihrer ehemaligen Produzentin hatte sie zu nächst gefreut. Immerhin hatte Carla sie nicht vergessen. Aber die Tipps, sie solle sich einfach die Medis reinpfeifen, die Klappe halten und einfach weiter durchhalten halfen weniger weiter, als sie es zu nächst gedacht hatte.
Vielleicht hatte sie deshalb Lauren angerufen. Es war der Versuch gewesen, etwas gutzumachen, etwas aufzufangen. Es hatte nicht funktioniert. Sie hatte es falsch gemacht. Ihr schien es, sie könne im Moment nichts richtig machen. Rebecca dachte, sie müsste endlich von dem Fenster weg. Vielleicht in den Spiegel sehen, einen Spaziergang machen, den Willen finden. Es waren die Verluste, die sie einholten. Sie war noch London gekommen, hatte neu begonnen. Sie war gut gewesen, in dem, was sie tat. Und wieder hatte sie alles verloren. Und jetzt sollte sie sich Sorgen um ihre Haare machen? Natürlich war nicht einmal Mittag, sie hatte den Tag vor sich, was aber nicht viel mehr als Leere bedeutete.
Es war lange her. Niemals hatte sie Lauren enttäuschen wollen. Niemals hätte sie Lauren an der Rehagstrasse auf dem Basler Hügel zurücklassen wollen. In ihr I-Phone hatte sie gesagt: «Ich könnte vielleicht Medikamente nehmen, ich bin nur gefeuert worden, es ist nicht so schlimm. Du könntest mich besuchen, ich habe viel Zeit und London ist wirklich toll.»
Lauren zögerte etwas zu lange und sagte nicht, was sie wirklich dachte, sie sagte nachdenklich: «Das ist eine tolle Idee, das mache ich gerne, aber jetzt passt es vielleicht nicht richtig, aber ich kann dir schreiben. Wie geht es Anna?»
Rebecca hatte keine Ahnung, wie es Anna ging, sie hatte um ihren verdammten Job im verdammten London gekämpft, sie hatte geglaubt, es sei wichtig und natürlich hatte sie Anna nicht verlieren wollen. Die Sache mit den Finanzmärkten war nicht ganz so einfach, wie sich das die Leute vorstellten. An der Coleridge Road, drei Tage nach dem sie gefeuert worden war, konnte sie am Telefon aber nichts davon laut aussprechen, obwohl sie es gerne getan hätte. Taten- und Hoffnungslosigkeit umfingen sie wie der Novembernebel draussen vor ihrem Fenster. Sie fühlte sich schlecht. Sie fühlte sich schlecht wegen Anna. Sie war weg.
Sie hatte eine tolle Kaffeemaschine, eine schöne Küche. Ihr I-Phone war fast leer. Im Wohnzimmer stellte sie den Fernseher an, ging nach oben ins Schlafzimmer. Von Philip gab es dort keine Spur mehr. Es war nichts als Leere geblieben. Sie zog sich aus und ging hinüber ins Bad. Sie duschte, wusch sich die Haare, gar nicht so leicht, wenn man Angst hatte, aber sie bekam es hin. Sie stellte sich nackt vor den Spiegel, sie war war jetzt 54 Jahre alt. Sie fand ihre Brüste vielleicht ein bisschen klein, manchmal sah sie nicht so gut, aber alles in allem fand sie ihr Spiegelbild ganz in Ordnung. Es half nichts, die Grenzen ihres Körpers schienen zu verschwimmen. Obwohl sie viel, vielleicht zu viel über die internationalen Finanzmärkte wusste, fühlte sie sich nackter, schutzloser, als es nach einem schlichten Blick in den Spiegel angemessen war.
Lauren arbeitete in einem kleinen Café in Zürich. Sie hatte begonnen zu studieren, unterdessen schien sie nicht mehr verletzt zu sein. Manchmal erinnerte sie Rebecca an ihren Zusammenbruch von damals an der Rehagstrasse, sie erinnerte sie daran, dass sie in die Klinik gemusst hatte und danach geflüchtet war. Sie sagte: «Du hättest zurückkommen können, aber du bist abgehauen, weil du eine Gelegenheit sahst, du hattest einfach keine Zeit mehr.» Es fröstelte sie, nach einem letzten Blick in den Spiegel schien ihr ihre Haut nicht dick genug, um sie zu schützen. Sie setzte sich aufs Bett, unentschlossen, wusste nicht, was sie anziehen sollte. Obwohl der Park nicht weit weg war und sie ihn mochte, konnte sie nicht überwinden rauszugehen. Im Haus war es aber auch schwierig.
Rebecca legte sich aufs Bett, deckte sich zu, sie musste sich nur einen Moment lang ausruhen. Sie wollte nicht an Anna denken. Immer hatte sie sich eingeredet, es fehle Anna an nichts. Schliesslich brächte sie Geld nach Hause. Ziemlich viel Geld und sie hatten dieses Haus. Es war so lange gut gegangen, bis das Haus leer gewesen war, als sie am Abend von der Arbeit zurückgekommen war. Vielleicht konnte sie ihre kleine Tochter anrufen. Aber sie würde erst das I-Phone aufladen müssen. Es erschien so anstrengend. Sie könnte um Verzeihung bitten, sie könnte ihre kleine Tochter fragen, ob sie sie besuchen dürfe. Genau das würde sie tun. Sie musste sich nur einen Moment ausruhen.
Das I-Phone starb mit einem kleinen Schauer, als der Akku leer war. Vor dem Haus schleppten die Anwohner ihre Einkäufe durch die Coleridge Road. Die Dunkelheit war früh gefallen. Aber hinter Rebeccas Fenstern war kein Licht angegangen.