Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03548.jsonl.gz/1934

Portrait: Jüdische Gemeinde Bern (JGB)
Vereinszweck, Besonderheit
Die Jüdische Gemeinde Bern (JGB) wurde 1848 gegründet. Sie ist heute eine Einheitsgemeinde mit modern-orthodoxer Leitung. Synagoge und Gemeindehaus bilden das Zentrum für ca. 400 Mitglieder. Die «Juden im Kanton Bern» sind als Gemeinschaft seit 1997 öffentlich-rechtlich anerkannt.
Organisation und Mitglieder
Die JGB ist ein Verein, präsidiert von Dalia Schipper. Rabbiner der Gemeinde ist Michael Kohn. Weitere Angestellte und Freiwillige tragen zu einem vielfältigen Gemeindeleben bei. Frauen und Männer sind in weltlichen Belangen gleichgestellt.
Geschichte
Die Jüdische Gemeinde Bern (JGB) wurde 1848 von Immigranten aus dem Elsass gegründet, nachdem schon im Mittelalter eine kleine jüdische Gemeinde in Bern bestanden hatte. Ein Grabstein im Historischen Museum Bern und eine Plakette beim Bundeshaus West erinnern an die frühe, durch Vertreibungen unterbrochene Geschichte. Die Gemeinde der Neuzeit wuchs mit der Einwanderung von Jüd:innen aus Frankreich im 19. Jahrhundert und von sogenannten Ostjuden aus Polen und Russland anfangs des 20. Jahrhunderts und zählte zur Zeit des Ersten Weltkriegs bis zu 1000 Personen. Zu den bekanntesten Jüd:innen Berns gehören die Philosophin Anna Tumarkin, der Physiker Albert Einstein, der Schokoladefabrikant Camille Bloch, die Warenhausdynastie Loeb und die Malerin Ruth Schwob. Die Juristen Emil Raas und Georges Brunschvig entlarvten im Prozess von 1933–1937 das antisemitische Pamphlet «Protokolle der Weisen von Zion» als Fälschung. Robert Braunschweig und Rolf Bloch leiteten in den Achtziger- und Neunzigerjahren den Dachverband der Schweizer Juden, den Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund. Letzterer nahm eine wichtige Position ein in der Diskussion um die Aufarbeitung der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg und präsidierte den Entschädigungsfonds für Opfer der Schoah. Die Gemeinschaft der «Juden im Kanton Bern», zu der auch die Jüdische Gemeinde Biel gehört, ist seit 1997 öffentlich-rechtlich anerkannt. Die JGB zählt etwa 400 Personen, die meisten sind Schweizer und gehören zum Mittelstand. Die JGB bietet ein vielfältiges religiöses, soziales und kulturelles Leben an. Zentrum sind die Synagoge (eingeweiht 1906) und das Gemeindehaus (eingeweiht 1971) an der Kapellenstrasse. Der Friedhof am Stadtrand an der Papiermühlestrasse besteht seit 1871. Die JGB ist als Verein organisiert und wird vom Vorstand (Präsidium: Dalia Schipper) geleitet. Die religiösen Leitungsfunktion übt Rabbiner Michael Kohn aus, unterstützt von Kantor Raz Dagan. Dazu kommen Lehrpersonen, eine Sozialarbeiterin und viele Freiwillige in Kommissionen und Vereinen, die zahlreiche Aktivitäten organisieren: Religionsschule, Vorbereitung auf Bar Mizwa und Bat Mizwa, Jugendgruppe und junge Erwachsene, Turnverein, Erwachsenenbildung, Kulturveranstaltungen mit Buchclub und Ausstellungen, Altersarbeit mit Besuchsgruppen, soziale Einrichtungen und Vereine mit teilweise engem Bezug zu Israel oder interreligiösem Dialog. Die JGB ist eine sogenannte Einheitsgemeinde modern-orthodoxer Ausrichtung, doch sollen verschiedene religiöse Strömungen unter einem Dach Platz finden. Frauen wie auch Jugendliche ab 18 Jahren sind seit 1973 stimm- und wahlberechtigt, seither wurde die JGB wurde mehrfach durch Frauen präsidiert.
Raum: Synagoge
Die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Bern wurde 1906 eingeweiht und befindet sich an der Kappellenstrasse. Sie ist das religiöse Zentrum der Jüd:innen Berns. Gottesdienste finden an Schabbat und Feiertagen statt. Diese werden vom Rabbiner und Chasan (Vorbeter) geleitet. Zum Gottesdienst gehören eine Liturgie in Hebräisch und die wöchentliche Lesung aus der Tora, den fünf Büchern Moses. Die Schrifterklärung übernehmen Männer und Frauen.
Raumgestaltung und Symbolik
Die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Bern wurde nach Plänen des nichtjüdischen Berner Architekten Eduard Rybi im maurisch-orientalische Stil an der Ecke Sulgeneckstrasse/Kapellenstrasse erbaut und am 10. September 1906 eingeweiht. Sie löste verschiedene Vorgängerbauten und Betstuben ab, die seit der Gemeindegründung von den elsässischen und osteuropäischen Juden genutzt worden waren. Der heutige, nach Osten ausgerichtete Raum wird geprägt vom erhöhten Podest mit dem Vorlesepult und dem Almemor, dem Schrank für die Torarollen mit dem Text der fünf Bücher Moses, und dem ewigen Licht. Die Bankreihen der Männer befinden sich im Parterre, während die Frauen auf der Balustrade, die den Raum auf drei Seiten säumt, Platz nehmen. Im Gottesdienst modern-religiöser Ausrichtung sind die Sitzgelegenheiten der beiden Geschlechter getrennt, doch ist die JGB unterwegs zu einer stärkeren Beteiligung der Mädchen und Frauen: Mädchen lesen an ihrer Bat Mizwa, dem Übergangsritual zum Erwachsenwerden, in einem separaten Gottesdienst auf Wunsch aus der Tora vor, Frauen übernehmen diese Aufgabe ebenfalls in getrennten Gottesdiensten und können im gemeinsamen Schabbatgottesdienst die Schrifterklärung oder Predigt halten im Turnus mit männlichen Gemeindegliedern.
Raumbegegnung
Gottesdienste finden am Schabbat und an Feiertagen statt: Freitagabend: 18.00 Uhr (Winterzeit) | 18.45 Uhr (Sommerzeit) Samstagmorgen: 09.15 Uhr
Die Synagoge kann aus Sicherheitsgründen nicht frei besichtigt werden. Synagogenbesuche mit Gruppen sind auf Anmeldung hin möglich.
Religion: Judentum
Das Judentum ist eine monotheistische Religion. Es beruft sich auf den Bund Gottes mit Abraham und basiert auf der Tora, den fünf Büchern Moses. Das moderne Judentum gliedert sich in unterschiedliche Strömungen. Nur ein Teil der Jüd:innen respektiert religiöse Vorschriften wie das Ruhegebot am Schabbat oder die Speiseregeln, die Kaschrut. Die Stellung der Frau ist im Umbruch. Für viele ist eine soziokulturelle Zugehörigkeit wichtiger als religiöse Praxis.
Das heutige Judentum weist eine grosse Vielfalt auf und unterscheidet sich vom Judentum der Antike, obwohl es sich auf die gleichen grundlegenden Texte der Tora (fünf Bücher Moses) und der Propheten bezieht (Tenach oder Hebräische Bibel). Der Bund Gottes mit Abraham, den Erzvätern und Erzmüttern und der ganzen Menschheit begründet die Religion der Israeliten. Durch Moses werden die Israeliten zum Volk, das die 10 Gebote und die Tora am Sinai empfängt. Zentral sind die Erfahrungen der Diaspora (Ägypten, Babylonien) und die damit verbundene Unterdrückung, das Exil. Mit den Königreichen Israel und Juda und dem ersten und zweiten Tempel in Jerusalem bilden sich eine Priesterklasse und der Tempel- und Opferkult heraus. Wichtig für die Entwicklung des mittelalterlichen und modernen Judentums sind nach der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels der Ersatz des Opferkults durch das Gebet. Die Liturgie, die in den meisten Synagogen in Hebräisch rezitiert wird, nimmt mannigfach Bezug auf die Texte der Hebräischen Bibel, u. a. die Psalmen. Die Tora, in entsprechende Abschnitte aufgeteilt, wird im Laufe des Jahres im Gottesdienst ganz vorgetragen. Der jüdische Kalender ist ein gemischt lunar-solarer Kalender mit 12 Monaten und einem regelmässigen Schaltmonat. Das jüdische Jahr (2021 in jüdischer Zählung 5781) beginnt mit dem Neujahrsfest und den Hohen Feiertagen im Herbst, die Feiertage sind fest an eine Jahreszeit gebunden. Der Schabbat ist siebter Tag der Schöpfung und als wöchentlicher Ruhetag zentral. Er beginnt am Vorabend und markiert mit verschiedenen Geboten und Einschränkungen den Unterschied zwischen Alltag und Feiertag. Es gibt vier tägliche Gebetszeiten, die nur von einer Minderheit beachtet werden, die aber die Gottesdienste an Schabbat und Feiertagen prägen. Für einen Gemeindegottesdienst, der alle Elemente der Liturgie enthält, braucht es ein Minjan mit 10 männlichen Teilnehmern. Kaschrut, die Speiseregeln, untersagen den Genuss von Schweinefleisch und anderer, genau bezeichneter Tierarten sowie die Vermischung von Fleisch- und Milchspeisen. Fleisch gilt als koscher, wenn es geschächtet ist. Da das Schächten in der Schweiz nicht gestattet ist, muss koscheres Fleisch importiert werden. Nur eine Minderheit der Berner Jüd:innen respektiert die Kaschrutregeln. Um die Einhaltung der Speisegebote zu erleichtern, bemühen sich die Rabbiner der Schweizer Einheitsgemeinden darum, ein breites Produktespektrum darauf zu prüfen, ob es koscher (rein) ist. Das Restaurant im Haus der Religionen entspricht den hinduistischen und jüdischen Speisevorschriften und ist damit einzigartig. Zu den Stationen des Lebenszyklus gehören die Beschneidung der Knaben am achten Tag und je nach Ortsbrauch eine spezielle Segnung für die neugeborenen Mädchen. Übergangsrituale zur religiösen Mündigkeit sind die Bar Mizwa für die dreizehnjährigen Jungen und die Bat Mizwa für die zwölfjährigen Mädchen, die Hochzeit mit der Unterzeichnung des Hochzeitsvertrags (Ketuba) und der Hochzeitszeremonie unter dem Hochzeitsbaldachin (Chuppa), die Beerdigung und das Trauerjahr für die Hinterbliebenen. Gemeinde und Rabbiner sind wichtige Begleiter auf dem Lebensweg. Religionsrechtliche Entscheide beziehen die Tora mit ihren 613 Geboten und Verboten sowie den Talmud, die spätantike, mündliche und schriftliche Exegese der Tora mit Mischna und Gemara, ein. Die Halacha (religionsgesetzliche Entscheide) schreibt sich in der Gegenwart fort und wird auch vom Austausch mit der nichtjüdischen Umwelt beeinflusst. Obwohl es die Rabbinerkonferenzen der verschiedenen religiösen Strömungen und das Oberrabbinat in Israel gibt, gibt es keine Instanz, die für alle Jüd:innen bindende Entscheide formuliert. Das heutige Judentum kennt verschiedene religiöse Strömungen von orthodox, konservativ bis zu liberal und reform. Die religiösen Ausrichtungen unterscheiden sich darin, wie verpflichtend sie die Halacha definieren, in der religiösen Gleichstellung von Mann und Frau, der Frage der Weitergabe der Religion über die Mutter oder den Einbezug der patrilinearen Linie, der Konversion zum Judentum und der Zulassung von Frauen zum Rabbinat. Im Schweizer Judentum, das ca. 18 000 Mitglieder jüdischer Gemeinden umfasst, sind im Gegensatz zu Israel und den USA nicht alle Ausprägungen vorhanden. Die Berner Jüd:innen sind modern-orthodox bis säkular mit einer kulturell-gesellschaftlichen Bindung an das Judentum. Nur wenige Jüd:innen sind durch ihre Kleidung oder Kopfbedeckung erkennbar. Die Jüdische Gemeinde Bern bietet ein religiöses und soziales Zentrum für eine kleine, gut integrierte Minderheit, die ihre Zukunft in Mitteleuropa sieht trotz immer wieder aufflammendem Antisemitismus und die trotz unterschiedlicher politischer Ansichten eine starke Bindung zu Israel hat.