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Georges Delerue Music Box Records MBR-037 39:15 Min. 21 Tracks Limitiert auf 1000 Stk.
Von den sieben Filmmusiken, die Georges Delerue 1991 schrieb, blieb bislang einzig American Friends unveröffentlicht. Dass dies so war, lag wohl zur Hauptsache daran, dass es sich hierbei weder um eine teure noch sehr bekannte Produktion handelt. Letzteres nicht ganz zu Recht, denn der schön fotografierte Film, in dem Michael «Monty Python» Palin nicht nur die Hauptrolle spielt, sondern ‒ basierend auf den Tagebüchern seines Urgrossvaters ‒ auch das Drehbuch schrieb, bietet einen interessanten Blick in die rigorosen gesellschaftlichen Zwänge des prüden viktorianischen England.
Als der Oxford-Reverend Francis Ashby (Palin) 1861 Urlaub in den Schweizer Alpen macht, fühlt er sich bald zu zwei amerikanischen Touristinnen hingezogen: Caroline (Connie Booth) und deren Adoptivtochter Elinor (Trini Alvarado). Die beiden Damen schätzen ihrerseits seine Gesellschaft, und als sie ihn später unangekündigt in Oxford besuchen wollen, kommt er arg in Verlegenheit; einerseits, weil Frauen der Zutritt zum Campus damals strengstens untersagt war, anderseits, weil Oliver Syme (Alfred Molina), der genau wie Ashby das vakante Amt des Universitätsleiters anstrebt, diese pikante Situation zu seinen Gunsten auszunützen versucht.
Die Aufnahmen zu American Friends entstanden gleich nach den London Sessions (neu aufgenommene Themen und Suiten, hauptsächlich seiner Hollywood-Scores, die Delerue für Varèse Sarabande einspielte) in Englands Hauptstadt. Der Komponist arbeitete gerne in London, weil er vor allem den Klang der dortigen Streicher sehr schätzte.
Die Streicher sind denn auch sehr präsent, prägen diesen Score ‒ zuweilen unterstützt von Holzbläsern ‒ mit ihrem zurückhaltenden, aber trotzdem emotionalen Spiel, und verleihen damit so manchem Track einen melancholischen, tragischen und gelegentlich auch religiösen Charakter. Und inmitten dieser Klangwelt, u. a. in Reverend Francis Ashby, College Rules, Staying in Oxford und Disgrace for all Parties, findet sich Ashby’s Thema, das uns die Sehnsüchte und unterdrückten Gefühle dieses mit sich selbst ringenden Mannes näher bringt.
Wie befreiend und wohltuend hingegen der Urlaub in den Walliser Bergen für Ashby ist, macht sich in Delerues Musik für die entsprechenden Passagen bemerkbar: nebst dem kurzen, beschaulichen Summer Cottage ist dies vor allem ein hinreissendes Oboe-Solo, begleitet von Alphörner nachahmenden Waldhörnern in To the Alps und End Titles, und in Mountain Hiking macht der Komponist die Klarinette zur Hauptattraktion eines lüpfigen, von Schweizer Folklore inspirierten Tanzes.
Zu den weiteren Farbtupfern gehören das (natürlich) von einer Kirchenorgel bestrittene Organ Source, mit Unwanted Visitors der einzige Track des Scores, der ein wenig Action enthält, Pub Source mit einem Pianola-Walzer, der an Trois petites notes du musique ‒ eine der bekanntesten Schöpfungen Delerues ‒ erinnert, und ein Chor, der angemessen Rushden’s Funeral begleitet und die End Titles hoffnungsvoll ausklingen lässt.
Mit American Friends hat Music Box Records dankenswerterweise einen Delerue veröffentlicht, den ich mir schon lange wünschte, aber da die 1000er-Auflage noch nicht ausverkauft ist, scheinen nicht allzu viele Sammler meine Freude zu teilen. Vielleicht ist der Film tatsächlich zu unbekannt, aber das sollte kein Hinderungsgrund sein, sich diesen so richtig zu Herzen gehenden Score nicht zuzulegen. Zumindest für niemanden, der Georges Delerue mag.
Andi, 21.2.2014