Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03216.jsonl.gz/861

Die Firma Von Roll entwickelte Anfang der 90er Jahre die VH400 Klemme so um, dass auch „veraltete“ fixe Sesselbahnen wieder im neuen Glanz strahlen können. Die Klemme war so minimalistisch und klein ausgeführt, dass nur geringe Umbauten nötig waren. So hat Von Roll damit geworben, dass zum Teil Stützen, Stationshäuser und Überdachungen und Stationssteher einfach vom Vorgänger übernommen werden können. Ausserdem waren kurze Bauzeiten und tiefe Betriebskosten ebenfalls ein Argument welches die Kunden von Von Roll hätten überzeugen sollen. Umgesetzt wurde dies in der Schweiz leider nur dreimal; Saanerslochgrat (1991-2008), Wixi (1992-2012) und Bellwald (1993-2022). Aber auch komplette Neuanlagen konnten so gebaut werden.
Die Klemme ist im Grunde genommen von der Funktion her gleich Aufgebaut wie die „normale“ VH400 Klemme. Die einzigen Unterschiede sind, dass die Rollen anders angeordnet sind und die Klemme über ein sehr spezielles Beschleunigungs- und Verzögerungsprinzip verfügte. Die Räder der Beschleunigungs- und Verzögerungsstrecke dienten sowohl zum Transport der Fahrzeuge, als auch als Laufschiene. Die Friktionsplatte ist so ausgeführt, dass sie perfekt in die Nut der Räder passt und quasi darauf liegend Fährt. Eine oben liegende Schiene drückt über zwei oben angebrachte Laufrollen die Klemme zusätzlich in die Räder rein. Da dieses System im Bogen nicht möglich ist, wechselt die Klemme auf die oberen zwei Laufrollen, welche zuvor als Gegendruckrollen fungierten. Im Bogen übernimmt fortan eine Kette die Beförderung, ehe sie wieder auf die Räder wechselt für die Beschleunigung.
Ein sehr interessantes System mit einigen Tücken. So war es teilweise bei Schlechtwetter und eisigen Niederschlägen am Berg und nassen Niederschlägen im Tal der Fall, dass die Klemme auf den Rädern durchrutschte was dazu führte, dass der Sesselabstand nicht mehr im Soll lag. Bei der Anlage in Bellwald hat man dem nachgeholfen und in jedes zweite Rad eine Gummieinlage montiert, was nur bedingt erfolgreich war. Vermutlich deshalb waren dies die letzten solchen Anlagen welche mit diesem Beschleunigungs- und Verzögerungsprinzip funktionierten.
Von Roll hatte mit dem System VH400 Light gute Absichten. Sie wollten für einen günstigen Preis eine Leistungsstarke und moderne Anlage auf den Markt bringen. Zu dieser Zeit Anfang der 90er waren etliche schon damals veraltete fixe 2er Sesselbahnen noch immer in Betrieb. Mögliche und vor allem günstige Umbauten waren zu damaliger Zeit sehr gefragt und da kam Von Roll mit dem VH400 Light Prinzip eigentlich gerade richtig. Kurioserweise nutzten die Gelegenheit nur drei Gesellschaften, vielleicht auch, weil Von Roll ende der 90er Jahre von Doppelmayr übernommen wurden.
Die VH400 Klemme basiert aus dem Zusammenschluss zweier Firmen. Das Kürzel „VH“ steht für Von Roll-Habegger, welche zusammen 1984 die Klemmenreihe VH400 entwickelten. Es gab zu beginn mehrere Versionen um für verschiedene Bausysteme und Förderleistungen gerecht zu werden. Es sollte eine Einfachklemme geben für 3er Sessel, später auch 4er Sessel, sowie eine Doppelklemme für Betriebsmittel mit sechs und sogar bis zu acht Plätzen. Spätere Weiterentwicklungen des Systems VH400 ermöglichten sogar Kabinenbahnen mit 12er Kabinen. Die erste Bahn mit diesen Klemmen entstand 1984 in Schönried, bemerkenswert ist, dass diese Anlage mit 3er Sessel heute noch immer in Betrieb ist.
Die Klemme ist so aufgestellt, dass sowie die Tellerfedern als auch das Gewicht die Klemmkraft erzeugt. Der Kniehebelmechanismus ist verbunden mit den Klemmbacken, welche sich symmetrisch und relativ Seilschonend öffnen und schliessen lassen. Die Einfachklemme verfügt über deren fünf Rollen, vier davon sind massgebend für den Kuppelvorgang zuständig, wovon zwei Rollen auch gleichzeitig die Laufrollen darstellen. Die Doppelklemme besitzt nicht etwa zehn Rollen sondern nur deren acht.
Geöffnet wird die Klemme, indem die vier Laufrollen mit der Laufschiene und der Kuppelschiene zusammengedrückt werden. Weil kein Förderseil mehr im Seilbett aufliegt, bleibt die Klemme in der offenen Stellung und ist daher in der bistabilen Bauweise zu Hause. Geöffnet wird die Klemme indem die beiden Schienen (Laufschiene und Kuppelschiene) wieder auseinandertreiben. Sobald das Seilbett mit Fahrgeschwindigkeit auf dem Förderseil aufliegt, zieht der Sessel durch sein Eigengewicht die Klemme über den Kniehebel (toter Punkt) und die Klemme schliesst. Die Wege, die die Klemme machen muss bei den Kuppelvorgängen sind äusserts gering, kein grosser Hebel muss über eine längere Strecke bewegt werden wie es bei anderen Typen sonst der Fall ist. Daher ist die VH400 äusserts Verschleissarm und bei guter Instandhaltung langlebig, deshalb mein Überbegriff „die Stille VH400 Reihe“.
Da der Kuppelvorgang und der Mechanismus jeweils gut unter dem Blech versteckt wurde, versuchte ich 2019 beim Besuch in Celerina die Doppelklemme der Schweizweit ersten 6er Sesselbahn Trais Fluors zu filmen. Im Video wird der Einkuppelvorgang aus drei verschiedenen Blickwinkeln gezeigt um die Funktion bestmöglich zu zeigen.
Die Zeit der VH400 ging ziemlich schnell vorbei, doch nicht etwa wegen eines Fehlers oder technischen Mängel. Die Firma Doppelmayr übernahm die Firma Von Roll ende der 90er Jahre und brachte mit den DT-Kuppelklemmen eine eigene sich bereits bewährte Klemme mit. 1995 bereits wurde die letzte Seilbahn der Klemmenvariante VH400 Quattro in Torgon im Skigebiet Portes du Soleil auf Schweizer Seite gebaut. In diesen elf Jahren gab es zahlreiche Varianten der Klemmen, diese alle aufzuzählen und genaustens zu dokumentieren würde der Blogbericht hier und jetzt sprengen. Auf jeden Fall werde ich zu einem späteren Zeitpunkt die spezielle und sehr leichte VH400 Light noch genauer vorstellen.