Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03615.jsonl.gz/2413

Working Poor in der Schweiz
Im
Schweisse Deines Angesichtes sollst Du Dein Brot
beim Sozialamt holen.
[neue Beiträge vom 24.9.
[neue Beiträge vom 24.9.06: Sozialstaat: Sozialfürsorge, Sozialhilfe, Sozialarbeit - und die working poor - Sozialversicherungen]
Verdienen
Sie einen Franken pro Tag? Dann sind sie arm dran und teilen das selbe Schicksal
mit 1.2 Milliarden Weltenbürgern. Dafür stehen sie im Zentrum der
Aufmerksamkeit von Weltbank, FAO und aller anderen internationalen und
nationalen Entwicklungsorganisationen.
Sind
Sie SchweizerIn und verdienen rund 2000 pro Monat? Auch dann sind sie arm dran.
Sie haben keine Ahnung womit sie neben Miete, Krankenkasse, Elektrizität und
etwas Brot noch irgend was bezahlen sollen, und, sie sollen ihre Probleme gefälligst
eigenverantwortlich lösen.
In
der Schweiz sind zur Zeit hauptsächlich drei
Definitionen von Armut in
Diskussion. Die tiefste, die noch nicht mal von allen Kantonen akzeptiert wird,
ist diejenige der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) mit einem
Einkommen von 1800.- pro Mitglied der Familie (nach Steuern und
Sozialversicherungen) Nach dieser Definition gibt sind 5% (250'000) der
Schweizer arm. Die Armutsgrenze für Erwerbslose ist mit 2100.- / Monat etwas höher
gesetzt. Mit dieser Grenze wären bereits 8% (410'000) der Schweizer arm.
Eine
eingängigere Definition von Armut als diejenige durch das relative Einkommen
gab ein armer Mann aus Kenia [i]:
«Fragen
Sie mich nicht, was Armut ist, denn Sie haben sie vor meinem Haus bereits
gesehen. Sehen Sie das Haus an, und zählen Sie die Löcher. Sehen Sie sich
meine Werkzeuge und die Kleidung an, und schreiben Sie auf, was Sie sehen. Was
sie sehen, ist Armut.»
Die Definition einer armen
Frau aus Lettland ist gerade für schweizer Verhältnissen noch aussagekräftiger
und trifft präzise das vom Symposium behandelte Problem: «Armut
ist eine Demütigung, das Gefühl der Abhängigkeit und die Tatsache, dass wir
Unverschämtheiten, Beleidigungen und Gleichgültigkeit hinnehmen müssen, wenn
wir Hilfe brauchen.»
Löhne,
welche nicht ausreichen, um davon zu leben, werden vor allem in Detailhandel,
Gastgewerbe, Reinigung, persönliche Dienstleistungen und Landwirtschaft
bezahlt, also in Branchen mit niedrigem gewerkschaftlichem Organisationsgrad.
Familien,
die weniger Geld pro Kopf zur Verfügung haben als die im jeweiligen Wohnkanton
geltende Armutsgrenze festlegt, haben Anspruch auf Ergänzungsleistungen.
Zwei Beispiele sollen zeigen, wie ein Leben am Rande aussieht und wie Menschen
an diesem Rande geholfen werden kann.
Trotz
harter Arbeit ...
Betti
Maron [ii]
arbeitet als Lageristin in der Elektronikbranche. Sie weiss nicht recht, was
ihre Firma eigentlich produziert. Obwohl sie bereits über ein Jahr in der Firma
ist, wurde sie über die Firmentätigkeit, über wirtschaftliche oder auch
soziale, Ziele, nie informiert. Wir sitzen nach Feierabend in einem Strassencafé.
Ab und zu greift sie sich an die Seite: “Wieder mal ein Muskel gezerrt.»
Ihre Arbeit ist schwerste Handarbeit, eigentlich Männerarbeit, «aber
Frauen arbeiten eben billiger». Betti
ist keine dicke, aber eine starke Frau. Obwohl sie mit schweren Kabelrollen
hantieren muss und zur Zeit noch Überstunden macht, kriegt sie ab und zu den
“Tip”, ob sie nicht ein bisschen abnehmen wolle. Dennoch sind dies
eigentlich die geringsten Probleme mit denen Betti zu kämpfen hat. Ihr
Schicksal gäbe Stoff für einen Roman: Als sie fünf Jahre alt war wurde ihre
Mutter durch ein ein Schädeltrauma einseitig gelähmt. Die Stiefmutter, die sie
dann bald erhielt, machte diesem Titel alle Ehre und plagte sie gemeinsam mit
ihren Töchtern so, dass Betti mehr auf der Gasse als zuhause war. Mit 15 wurde
sie in ein Heim eingewiesen. Mit 17 wurde sie schwanger und musste heiraten. Ihr
Mann, dem sie allerdings nichts vorwirft und dessen Namen sie heute noch trägt,
war offenbar nicht gerade der treueste und wurde von einer eifersüchtigen
Freundin erstochen. Sie machte dann noch einen zweiten Versuch mit Männern und
hat jetzt noch eine Tochter, die 17 ist und deren Erzeuger sich nach Südamerika
abgesetzt hat.
Betti
verdient zur Zeit etwa 3000.- Franken und hat noch eine Witwenrente von 1000
Franken. Mit ihrer Tochter gehört sie so immer noch zu den ärmsten 8% der
schweizer Bevölkerung. Trotzdem findet sie eigentlich nicht, dass sie arm sei.
Man würde es ihr auch nicht ansehen, sie ist gutmütig und munter. Heute zeigt
sie keine Spur von Verbitterung oder Depression, obwohl es auch andere Zeiten
gab. «Arm
sind diejenigen, die vom Sozialamt leben müssen»,
findet sie heute.
Auf
mögliche Lösungen des Armutsproblems angesprochen meint sie: «Die
Löhne müssen besser werden.»
Auf die Frage, wie sich das wohl am besten erreichen liesse, antwortet sie mit
einer treffenden Gegenfrage, die sich so direkt an die Wirtschaft weitergeben lässt:
«Die
Wirtschaft läuft doch gut, steht doch andauernd in allen Zeitungen. Warum kann
sie dann nicht höhere Löhne zahlen?»
Dass sich die Arbeiter selbst
dafür einsetzen, sieht sie eher pessimistisch: «Die
Schweizer sind zu träge, um etwas zu ändern. Jammern tun sie schon, aber
handeln nicht. Die Arbeiter sind damit beschäftigt, aufeinander neidisch zu
sein.»
Betti
kommt durch, sie lebt unter akzeptablen Bedingungen, sie ist sauber gekleidet.
In finanzielle Probleme gerät sie allerdings sofort, wenn zusätzliche Kosten
auftauchen. So waren etwa die 5000.- Franken Kaution für die Wohnung ein
Problem, dass sie nur mit einem Kleinkredit lösen konnte. So waren die
Zahnspangen für Ihre Tochter ein Problem, dass sie dank der Hilfe der GGG, der
Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige [1]
lösen konnte. Ihre eigenen Zähne müssen wieder mal warten. In den Ferien wird
sie arbeiten müssen.
Wer
kann helfen?
Wägwyser
[iii],
die Organisation die ihr geholfen hat, wird von der «Gesellschaft
für das Gute und Gemeinnützige»
in Basel getragen. Diese wurde bereits 1777 von Isaak Iselin gegründet, mit dem
Ziel, die Ausbildung der unterprivilegierten Bevölkerungsschichten zu fördern.
Die GGG ist als Verein organisiert und finanziert sich über Mitgliederbeiträge,
Spenden und Legate. Die Arbeit wird zu einem Drittel ehrenamtlich geleistet
Wägwyser
zeigt Menschen mit Problemen wo sie Rat und Hilfe erhalten. Anlaufstellen gibt
es viele, aber es ist oft schwer herauszufinden, wer für was zuständig ist.
Die Dienstleistung beinhaltet nicht nur das zur Verfügung stellen von
Informationen wie etwa beim Informationszentrum des Sozialamtes Zürich, sondern
auch aktive Beratung.
Wo
die Verunsicherung gross ist, wird auch zum Telefon gegriffen, um eine Tür zu
öffnen, was der GGG meist gelingt, denn sie ist bekannt und hat einen guten
Ruf. Menschen mit geringem Einkommen erhalten auch Hinweise, wie sie ihre
Ausgaben einschränken können, also wo sie günstig Einkaufen oder wie sie sich
mit weniger Geld etwas leisten können, wie etwa bei den lokalen Tauschkreisen.
Vom
Boom der Wirtschaft ist in der Beratung noch nichts zu merken, denn die Anfragen
nehmen laufend zu. Die dringendsten Anliegen Sigrid Felds wären:
§
Ein Solidaritätsfonds
der Zahnärzte für Arme.
§
Mittagstischen und
Aufgabenberatung an Schulen, zur Entlastung von Alleinerziehenden.
§
Liegenschaftsverwaltungen
sollten mit dem Mietzinsdepot flexibler sein.
§
Günstige und
langfristige Kredite für Kleingewerbler die sich selbständig machen wollen,
denn «die Zinsen fressen das Brot».
§
Eine andere
Wertehaltung in der Bescheidenheit nicht nur gesellschaftsfähig sondern sogar
erstrebenswert und geachtet ist.
§
Eine Motivation der
Unterstützten durch gestaffelten Abau der Ergänzungsleistungen im Sinne der
negativen Einkommenssteuer (s. ... und 3)
§
Wer leicht an Geld
kommt, sollte seine gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen und mehr in
soziale Projekte investieren.
Arme
können ihr Potential nie voll realisieren, da sie keinen Zugang zu Bildung und
Krediten haben. Dies ist auch eine volkswirtschaftliche Verschwendung von
Ressourcen. Der Kapitalmarkt bewirkt hier eine Ineffizienz, der durch öffentliche
Ausgaben beizukommen ist. Auch hierfür ist Betti Maron ein Beispiel. Sie würde
sich sehr gerne weiterbilden. Sie würde sich gerne Selbständig machen, z.B.
mit ihrer Schwester ein Restaurant eröffnen. Da sie aber nichts hat, kriegt sie
auch nichts. Sie kann der Bank keine Sicherheit bieten, also erhält sie keinen
Kredit.
p.s: Dass manche Schweizer weniger Lohn erhalten als Sozialhilfebezüger, womit in der Kritik meist Ausländer gemeint sind, zeigt eigentlich keinen Missstand bei der Sozialhilfe - sondern einen, bei den Löhnen.
[i] Weltentwicklungsbericht 2000/2001: Bekämpfung der Armut. Ueberblick. Weltbank. Washington, D.C. September 2000. http://www.worldbank.org/poverty/wdrpoverty/report/index.htm
[ii] Name von Redaktion geändert
3 http://www.oecd.org/eco/stud/EST-fr.htm