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Mittelohrentzündung – nicht sofort Antibiotika!
Viele Kinderärzte sind der festen Überzeugung, dass die meisten Eltern bei einer für ihr Kind sehr schmerzhaften akuten Mittelohrentzündung (Otitis media) auf der Verordnung eines Antibiotikums bestehen. Dass diese Therapie meistens unnötig ist, weil die Infektionen in der Regel von Viren verursacht werden, sei den besorgten Eltern nicht zu vermitteln. Viele Eltern akzeptieren nicht, dass die Verordnung eines nichtsteroidalen Antiphlogistikums (zum Abschwellen der Schleimhäute und Wiederbelüftung der Paukenhöhle) und die Gabe von schmerzlindernden Ohrentropfen meist ausreichen, um die übliche Mittelohrentzündung zu kurieren.
Dass diese verbreitete Ansicht die Einsichtsfähigkeit vieler Eltern unterschätzt, zeigt die Publikation von David Spiro, der an der Yale Universität, New Haven/USA, 283 Kinder mit akuter Otitis media ohne Wissen der Eltern zufällig in zwei Gruppen einteilte (randomisierte). Je die Hälfte der Eltern erhielt ein Standardrezept oder ein Eventualrezept auf Antibiotika. Den Eltern mit Eventualrezept empfahlen sie, 48 Stunden warten und dann zu entscheiden, ob das Antibiotikum nötig sei oder nicht, z.B. bei anhaltendem Fieber und Ohrenschmerzen. Die Eltern in beiden Gruppen erhielten Ibuprofen und analgetische Ohrentropfen zur Behandlung ihrer Kinder im Alter von 6 Monaten und 12 Jahren.
Bei den späteren Anrufen sagten 13 Prozent der Eltern, die ein Standardrezept erhalten hatten, dass sie dieses nicht eingelöst hätten. Dagegen verzichteten 62 Prozent der Eltern mit Eventualrezept auf die Einlösung des Rezeptes und damit auf eine Antibiotikatherapie. Die Kinder erholten sich genauso schnell wie jene, die gleich Antibiotika erhielten. Auch die Anwendung von Ibuprofen und der Ohrentropfen waren gleich.
Diese Strategie sei nach Meinung der Wissenschaftler sicher und effektiv. Auf diese Art lasse sich der Antibiotika-Gebrauch deutlich senken. Die Patienten hatten sogar einen unmittelbaren Nutzen durch den Verzicht auf die Antibiotika. Durchfallbeschwerden waren signifikant seltener, sowohl beim Anruf nach 4 bis 6 Tagen (23 versus 8 Prozent), als auch beim späteren Anruf nach 11 bis 14 Tagen (24 versus 12 Prozent).
Grundsätzlich kommt das abwartende Vorgehen aber nur in Frage, wenn einige Voraussetzungen geklärt sind. Dazu gehört, dass das Kind nicht an weiteren Erkrankungen leidet und der Arzt keine Bedenken hat. Auch bei Säuglingen unter 6 Monaten kann die Methode vorerst nicht empfohlen werden.
Quelle: Spiro, David M. et al.: JAMA 296 (2006), S. 1235-1241
Stand: 09/06, BH