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Wegen seiner bedeutenden Beiträge zur amerikanischen Politik, Finanzwesen, Diplomatie und kulturellem Leben wird Albert Gallatin (1761-1849) oft als «Schweizer Gründervater der USA» bezeichnet.
Auf der Suche nach Möglichkeiten und Abenteuer verliess Gallatin seine Heimatstadt Genf im Alter von 19 Jahren und wurde in den frühen Tagen des grossen «amerikanischen Experiments» zu einem prominenten Staatsmann und Financier. Sei es als Finanzminister mit der längsten Amtszeit (1801-1814) oder als US-Botschafter in Frankreich und Grossbritannien – Albert Gallatin ist wohl der wichtigste Schweiz-Amerikaner in der amerikanischen Geschichte.
Abraham Alfonse Albert de Gallatin wurde am 29. Januar 1761 in eine wohlhabende Genfer Patrizierfamilie geboren. Die Gallatins hatten der Republik Genf jahrhundertelang als Beamte, Militäroffiziere und Gelehrte gedient, und alle Anzeichen deuteten darauf hin, dass Albert in ihre Fusstapfen treten würde. Obwohl seine Eltern starben, als er noch ein Kind war, hatte Albert eine glückliche Kindheit und erhielt eine breite Ausbildung in Philosophie, Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften an der Académie de Genève (der Vorläuferin der Université de Genève).
1779 schloss er sein Studium ab und machte sich Gedanken über seine Zukunft. Während viele seiner Klassenkameraden im Dienst von Genf, Frankreich oder Grossbritannien sofort eine Anstellung und ein Vermögen fanden, interessierte sich Gallatin weder für den Militärdienst noch für die Theologie. Er liebte Genf und glaubte an die demokratischen Werte der Schweiz, liess sich jedoch von der amerikanischen Revolution (1775-1783) inspirieren und fühlte sich von den demokratischen Idealen dieser jungen Nation angezogen. Mit einer Begabung für Finanzen und Fremdsprachen und einer von Jean-Jacques Rousseaus Vision geprägten Vorstellung der Wildnis, wanderte Gallatin im April 1780 im Alter von 19 Jahren in die USA aus.
Zuvor fragte seine Familie den französischen Sozialreformer François Alexandre Frédéric, Herzog von La Rochefoucauld-Liancourt, um ein Referenzschreiben von Benjamin Franklin, das pünktlich in Genf eintraf. Gallatins Familie sorgte sich um seine Sicherheit, da Albert keine konkreten oder festgelegten Pläne für die Zeit nach seiner Ankunft in Boston hatte. Er hatte die vage Vorstellung, Teehändler zu werden, das Schicksal hatte aber einen anderen Weg für ihn bestimmt.
Unrast, Abenteuer und Glück prägten Gallatins frühe Jahre in den USA: Er unterrichtete Französisch an der Harvard University, lebte das einfache Leben eines Landwirts und Landvermessers in den Appalachen in Pennsylvania und war Mitbegründer eines Unternehmens mit dem Ziel, andere Schweizer zur Einwanderung in sein neues Land zu bewegen. (Letzteres erwies sich zu seinem Leidwesen als völlig erfolglos.) Gallatin blieb jedoch immer ein Mann, der trotz seiner vielfältigen Interessen den Wunsch hatte, der Öffentlichkeit zu dienen. Er war überzeugt, dass er, wenn er in den Vereinigten Staaten bleiben würde, in einer Regierungsposition dienen könnte. Aus diesem Grund entschied er sich, nicht in die Schweiz zurückzukehren.
Nachdem Gallatin 1785 die Treue geschworen und US-Staatsbürger geworden war, folgte sein Einfluss auf die amerikanische Politik einem scharfen Aufwärtstrend: Gallatin wurde 1788 zu einem Delegierten des Staatskonvents zur Überwachung der Verfassung der Vereinigten Staaten und 1790 in das Repräsentantenhaus von Pennsylvania gewählt, 1793 in den Senat. 1795 schaffte er die Wahl in das Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten.
In seinen frühen Jahren als Politiker äusserte Gallatin Bedenken, wie sein Zeitgenosse Alexander Hamilton – der erste US-Finanzminister – die Bundesfinanzen überwachte und verwaltete. Die beiden Männer wurden aufgrund ihrer gegensätzlichen Weltanschauungen und wirtschaftspolitischen Meinungen zu Rivalen. Obwohl Gallatin nun US-Bürger war, blieben seine Manieren, Meinungen und Ansichten sehr schweizerisch und genferisch – Gallatin verachtete Verschwendung, einen übermächtigen Staat und Schulden.
1797 wurde Gallatin der Führer der republikanischen Minderheit. Er arbeitete unermüdlich daran, die Befugnisse der Exekutive und der Judikative einzudämmen, da er befürchtete, dass dies zu Korruption und zum Verlust persönlicher Freiheiten führen würde. Dabei spielte er eine wichtige Rolle bei der Schaffung des Ständigen Finanzausschusses (heute das Ways and Means Committee), um die Rechenschaftspflicht des US-Finanzministeriums gegenüber dem Kongress sicherzustellen. Gallatins dezidierte, aber vernünftige Ansichten in Bezug auf Finanzen brachten ihm in Washington D.C. beträchtlichen Respekt ein.
Gallatin war ein starker Befürworter und lebenslanger Freund von Thomas Jefferson, der nach seinem Sieg in den Präsidentschaftswahlen Gallatin 1801 zum US-Finanzminister ernannte. Jefferson schrieb in seinen privaten Notizen, Gallatin sei «der einzige Mann in den Vereinigten Staaten, der trotz allen von Hamilton geschaffenen Labyrinthen den genauen Zustand des Finanzministeriums versteht». Jefferson hatte Recht. Gallatin verfolgte akribisch eine Finanzpolitik, die die Staatsausgaben zügeln, übermässige Militärausgaben eindämmen und die Staatsverschuldung senken würde. Sowohl Gallatin als auch Jefferson befürchteten, dass der hitzige Zusammenstoss zwischen Grossbritannien und Frankreich auf eine kläglich unvorbereitete und insolvente USA überschwappen würde.
Gallatins Finanzpläne waren mühsam, aber erfolgreich – die US-Staatsverschuldung ging in nur elf Jahren von ungefähr 83 Mio. auf 45 Millionen Dollar zurück. Präsident Jefferson beauftragte Gallatin sogar, die Finanzierung des Louisiana-Kaufs durch eine Anleiheemission zu arrangieren. Das war keine leichte Aufgabe, da die Übernahme die Vereinigten Staaten atemberaubende 15 Millionen Dollar kostete. Der Kauf von Französisch-Louisiana von Napoleon brachte den Vereinigten Staaten grossen Wohlstand und zusätzliche Sicherheit, aber auch Gallatin konnte einen weiteren Krieg zwischen Grossbritannien und den Vereinigten Staaten nicht verhindern.
Als James Madison 1808 die Präsidentschaftswahlen gewann, behielt er Gallatin als Finanzminister, sah aber, dass sich Gallatin auch in einer völlig neuen Funktion als nützlich erweisen könnte: Gallatin – ein französischer Muttersprachler und ausgeglichener Aristokrat – wäre ein vertrauenswürdiger Diplomat in einem krisengeschüttelten Europa.
Als die Briten 1812 den Vereinigten Staaten den Krieg erklärten, entsandte Madison Gallatin nach St. Petersburg, um als Verhandlungsführer für ein Friedensabkommen zu fungieren, das 1813 von Zar Alexander I. vermittelt wurde. Als Alexander damit beschäftigt war, die sich zurückziehende französische Armee in Deutschland zu verfolgen, zog Gallatin zusammen mit John Quincy Adams, Henry Clay und anderen amerikanischen Diplomaten nach Gent, um sich mit britischen Beamten zu treffen und Friedensverhandlungen zu führen.
Die Kriegsparteien unterzeichneten den Vertrag von Gent im Dezember 1814, und Madison ratifizierte im Februar 1815 den Vertrag, der den Krieg von 1812 beendete. Dieser Vertrag hatte immense Auswirkungen und legte die Grundlage für die «besondere Beziehung» zwischen den Vereinigten Staaten und Grossbritannien. Es ermöglichte den Vereinigten Staaten auch, weitere und kostspielige politische Verstrickungen mit europäischen Grossmächten zu vermeiden.
Präsident Madison bot Gallatin an, seine frühere Position als Finanzminister nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten wiederaufzunehmen, doch Gallatin lehnte dies höflich ab. Sein lieber Freund John Jacob Astor bot an, mit ihm ein Geschäft aufzubauen, aber Gallatin entschied sich stattdessen dafür, US-Botschafter in Frankreich zu werden. Gallatin diente in dieser Funktion von 1816 bis 1823 treu; anschliessend war er von 1826 bis 1827 US-Botschafter in Grossbritannien. Noch immer ein kluger und berechnender Unterhändler, unterzeichnete er 1818 zwei Verträge mit Grossbritannien, in denen anhaltende Grenzstreitigkeiten beigelegt wurden, und handelte eine Ausweitung der gemeinsamen angloamerikanischen Kontrolle über das Land Oregon aus.
Dies war eine glückliche und relativ ruhige Zeit in Gallatins Leben, und seiner Familie gefiel es in Paris und London. Die Nähe zu seinem geliebten Genf erlaubte es ihm, regelmässig alte Freunde und Kollegen sehen zu können. Diese persönlichen Besuche brachten ihm grosse Befriedigung und er blieb für den Rest seines Lebens mit Freunden und Familie in Genf in Kontakt.
Gallatin kehrte 1827 in die USA zurück, liess sich in New York nieder und zog sich aus der Politik zurück. In seinem Alter kehrte er zu seinen studentischen Leidenschaften zurück: Philosophie, Bildung und Fremdsprachen. Gallatin übernahm von 1831 bis 1839 die Präsidentschaft der New Yorker Filiale der Zweiten Bank der Vereinigten Staaten und war 1831 an der Gründung der New York University beteiligt.
Seit seiner Jugend faszinierten ihn die Sprachen und Kulturen der amerikanischen Ureinwohner. Gallatin hatte sich konsequent für die amerikanischen Ureinwohner eingesetzt und darauf bestanden, dass sie in die amerikanische Gesellschaft integriert werden sollten. Gallatin veröffentlichte zwei Bücher über die Ureinwohner: A Table of Indian Languages of the United States (1826) und Synopsis of the Indian Tribes of North America (1836). Gallatin gilt als Vater der amerikanischen Ethnologie für die Mitgründung der American Ethnological Society im Jahr 1843.
Obwohl Gallatin nicht mehr in der Politik aktiv war, trat er immer noch häufig öffentlich auf. Als überzeugter Gegner der Sklaverei war er bestürzt über das wachsende Kriegsgeschrei mit Mexiko in den 1840er-Jahren. Ein Krieg würde den Einfluss der sklavenhaltenden Südstaaten nach Westen ausdehnen. Er setzte sich für den Freihandel und den Bau von Strassen und Kanälen in den ganzen Vereinigten Staaten ein, um wirtschaftlichen Wohlstand und Unabhängigkeit zu gewährleisten.
Bis zu seinen letzten Tagen sprach sich Gallatin gegen fiskalische Verantwortungslosigkeit aus und setzte sich für individuelle Freiheiten ein. Darin war er unerschütterlich und beständig. Gallatins Gesundheitszustand verschlechterte sich in den 1840er-Jahren und er starb am 12. August 1849 im Alter von 88 Jahren. Er wurde auf dem Trinity Church Friedhof im Finanzviertel von Manhattan beigesetzt, nicht weit von seinem früheren Rivalen Hamilton entfernt.
Gallatin war ein Mann, dessen Interessen und Fähigkeiten eine aufstrebende Nation prägten. Gallatin fehlte vielleicht das Charisma von Hamilton oder der Charme von Franklin, aber sein Genie lag in seiner Vision für die Vereinigten Staaten: einer schuldenfreien Nation, gesichert durch die unbestreitbaren demokratischen Rechte ihrer Bürger. Die Positionen, die Gallatin in der Politik vertreten hat, sind bis heute genauso überzeugend wie zu seinen Lebzeiten. Darüber hinaus überspannte und verband Gallatin zwei Kulturen.
In vielerlei Hinsicht kann Gallatins Leben durch die Linse des sagenumwobenen «amerikanischen Traums» betrachtet werden. Er war ein Bauer, Politiker, Financier, Diplomat und Akademiker, der ein erfolgreiches Leben führte, indem er Risiken einging und unüberwindliche Herausforderungen erfolgreich bewältigte. Auf der anderen Seite sind Gallatins Schweizer Wurzeln und Genfer Geschmack unbestreitbar – er war äusserst unabhängig in Geist und Handeln und glaubte an individuelle Autonomie, soziale Mässigung und einen fairen Kompromiss, der auf gegenseitigem Vertrauen und Rechtsstaatlichkeit beruhte. Seine Betonung auf Fakten und nicht auf Ideologie machte ihn zu einem der pragmatischsten Staatsmänner der Ära.
Obwohl Gallatin nicht so bekannt ist wie andere «Gründerväter», ist es unbestreitbar, dass er ein unauslöschliches Erbe hinterlassen hat, das in den USA allgegenwärtig ist und sich auch in der Schweiz weitgehend widerspiegelt. Sein Leben verdient daher weitere Betrachtung und Würdigung aus der Schweiz und den USA gleichermassen.