Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03337.jsonl.gz/3053

Eine Gruppe von Einwohnern hat in Genf eine Volksinitiative lanciert, um die kommerzielle Plakatwerbung aus dem Stadtzentrum zu verbannen. Obwohl sie für Städte eine wichtige Einnahmequelle ist, betrachten die Initianten die Aussenwerbung als "visuelle Verschmutzung".
Ihre Kampagne gegen kommerzielle Werbung im öffentlichen Raum ist inspiriert von einem Experiment im vergangenen Januar, als die Stadt den Bewohnern und Bewohnerinnen die Möglichkeit gab, sich auf 3000 weissen Plakatflächen frei zu äussern. Ein Rechtsstreit um den Vertrag für die 3000 Werbeflächen hatte dazu geführt, dass die Plakate weiss geblieben waren. Viele Menschen nutzten darauf die Gelegenheit, liessen ihrer Kreativität freien Lauf und verwandelten die Plakatflächen in Kunstwerke oder hinterliessen politische Botschaften (siehe Beispiele unten).
Einer Gruppe von Genfer Bürgerinnen und Bürgern von vier lokalen Vereinenexterner Link ging mit dem Experiment ein Licht auf: In der Hoffnung, auf dieser spontanen Kreativität aufzubauen, lancierten sie im Juli eine Initiative mit dem Ziel, der kommerziellen Werbung im Stadtzentrum enge Grenzen zu setzen. Sie haben nun bis zum 7. November Zeit, um die 4000 Unterschriften zu sammeln, die es braucht, damit das Volksbegehren zur Abstimmung kommt.
Die Initiantinnen und Initianten erklären, dass sie das Stadtbild von kommerzieller Werbung "befreien" und den Einwohnerinnen und Einwohnern gleichzeitig blanke Plakatflächen zur Verfügung stellen wollen, auf denen diese sich "staatsbürgerlich oder künstlerisch frei ausdrücken" können sollen.
Die Initiative zielt darauf ab, Werbung von grossen kommerziellen Anbietern im Stadtzentrum zu verbieten. Werbung für kulturelle Anlässe und Institutionen sowie für lokale Geschäfte und Läden bliebe weiterhin erlaubt.
"Fernsehen oder Radio kann man ausschalten, aber vor kommerzieller Werbung im Aussenraum kann man nicht einfach die Augen verschliessen", erklärte Lucas Luisoni vom Verein Réseau Objection de Croissance Genève gegenüber swissinfo.ch. "Auch wenn Genf vernünftiger ist als andere Städte, ist man mit grossen Werbeplakaten konfrontiert, denen man nicht ausweichen kann."
Luisoni und seine Freunde wollen, dass die Bürgerinnen und Bürger über die Rolle der Werbung in der Gesellschaft nachdenken, und darüber, wie sie die Kontrolle über städtische Räume wieder erlangen können. "Die Plakatwände in Städten sind meistens Werbeflächen für multinationale Konzerne, zum Beispiel Autofirmen. Es gibt nur sehr wenig Werbung für lokale Geschäfte. Wenn wir die lokale Wirtschaft verteidigen wollen, müssen wir kohärent sein", sagte er.
"Gefährliches Signal"
Noch ist nicht klar, ob es zu einer Abstimmung kommen wird, aber die Initiative wird wohl auf starken Widerstand aus Wirtschaftskreisen stossen.
"Wir machen uns grosse Sorgen wegen der Initiative, denn sie sendet ein gefährliches Signal aus", erklärte Olivier Chabanel, der bei der Werbevermarktungs-Gruppe APG/SGA für Anzeigenumsätze in der französischsprachigen Schweiz zuständig ist. "Dieser Wirtschaftssektor ist für die französischsprachige Schweiz sehr bedeutend; mit vielen Beschäftigten im Grafik- und Drucksektor", sagte Chabanel.
Unterschiedlichen Quellen zufolge könnte der Wegfall der kommerziellen Werbeflächen für die Stadt einen Einnahmeverlust von 3 bis 6 Millionen Franken nach sich ziehen. Entziehe man dieses Geld für Werbung der Wirtschaft, werde das die Leute nur dazu ermuntern, Werbung auf Google oder Facebook zu schalten, "und das Geld wird in den USA landen. Ist es das, was sie wollen? Sie haben ein schlechtes Verständnis der Wirtschaft, und diese Initiative wurde nur aus persönlichen Gründen lanciert", sagte Christian Vaglio-Giors, Direktor der Neo Advertising SA, die aktuell für die kommerzielle Aussenwerbung im öffentlichen Raum der Stadt Genf zuständig ist.
Die Initianten entgegnen, die Einnahmen aus der Plakatwerbung machten nur einen kleinen Prozentsatz des jährlichen Budgets der Stadt Genf aus, das sich auf rund eine Milliarde beläuft; der Wegfall könne anderswo kompensiert werden.
Abgesehen vom finanziellen Aspekt vertritt Vaglio-Giors die Ansicht, die Initiative sei irreführend. Ihr erklärtes Ziel eines Stadtzentrums ohne kommerzielle Werbung werde sie nicht erreichen. "Es geht nur um 470 öffentliche Werbeflächen – von insgesamt 3700. Daneben gibt es private Werbeplakate, im öffentlichen Verkehr, in Bahnhöfen und an Zügen, die von dieser Initiative nicht betroffen sein werden", erklärte er.
"Nicht überflutet"
Die Stadtbehörden haben in der Frage noch nicht offiziell Position bezogen. Erst wenn feststeht, dass das Initiativkomitee die notwendige Anzahl Unterschriften eingereicht hat, werden sie entscheiden, ob sie das Begehren unterstützen oder ablehnen, oder die Initiative mit einem Gegenvorschlag zur Abstimmung unterbreiten wollen.
Der Genfer Stadtrat Rémy Pagani (seit Juni auch Bürgermeister) ist als Leiter der Abteilung Bauten und Raumplanung zuständig für die Aufsicht über die Werbeflächen der Stadt. Er hatte im Januar begrüsst, wie die Leute ihren politischen, aber auch künstlerischen Ideen auf den Plakaten Ausdruck gegeben hatten. Er ist aber dagegen, Werbeflächen ganz aus den Strassen Genfs zu entfernen.
"Im Vergleich zu Städten in Frankreich und Spanien zum Beispiel, scheint mir Genf nicht mit Werbeplakaten überflutet zu sein", hatte er gegenüber der Zeitung Le Courrier erklärt.
Und Vaglio-Giors sagte, Genf habe grosse Anstrengungen unternommen, um die Zahl der Werbeflächen zu reduzieren. Er sagte, in der Stadt gebe es nur 2,3 kommerzielle Werbeplakate pro 1000 Einwohner, verglichen mit Basel mit 5,1 pro 1000, Lausanne mit 5,2 pro 1000 und Zürich mit 3,6 pro 1000.
Zudem seien die Werbeflächen entsprechend angepasst und modernisiert worden und würden regelmässig kontrolliert, fügte er hinzu: "In Genf haben wir viele Grenzen gesetzt. Es gibt keine Werbung für Alkohol oder Tabak, keine Plakate in der Nähe von Schulen, und keine Werbung für Dinge wie Kredite und Darlehen oder Sex-Massagen. Wir haben viel getan, um ein qualitatives, angemessenes Werbeformat zu finden, das nicht allzu dicht ist."
Globaler Trend
Die Genfer Kampagne ist Teil einer in den letzten Jahren gewachsenen globalen Bewegung, die sich dafür einsetzt, Städte von Markennamen-Schriftzügen und Werbeplakaten zu befreien.
Verschiedene US-Bundesstaaten, darunter Alaska, Hawaii, Maine und Vermont, sind teilweise bereits seit Jahrzehnten frei von Werbeschildern. 2009 verbot die indische Stadt Chennai (früher Madras) die Installation von neuen Werbeschildern. Paris legte einen Plan vor, die Zahl der Werbeplakatwände um einen Drittel zu verringern. Und Teheran hatte 2015 während 10 Tagen all seine 1500 Werbeplakatwände durch Kunst ersetzt.
Als erste Stadt Europas verbannte Grenoble 2014 jede kommerzielle Werbung aus ihren Strassen. Das Büro des Bürgermeisters hatte erklärt, es "befreie öffentlichen Raum in Grenoble von Werbung, um Raum für die öffentliche Meinungsäusserung zu entwickeln". 326 Werbeflächen wurden ersetzt mit Gemeinschafts-Anzeigetafeln und Bäumen. Bis 2019, wenn ein bestehender Vertrag ausläuft, wird es allerdings in Grenoble an den städtischen Bus- und Tramhaltestellen weiterhin Werbung zu sehen geben.
São Paulo in Brasilien ist noch weiter gegangen. 2007 hatte der damalige Bürgermeister Gilberto Kassab, ein Mitte-Rechts-Politiker, das Gesetz "Saubere Stadt" umgesetzt, das Aussenraum-Werbung verbot. Über einen Zeitraum von 12 Monaten entfernte die Stadt rund 15'000 Werbeplakatwände und 300'000 übergrosse Ladenfront-Beschriftungen. 2012 machten die Behörden aber eine Kehrtwende und unterzeichneten einen Vertrag mit JCDecaux, dem Weltmarkt-Führer für Werbetafelanzeigen, um Werbung langsam und kontrolliert wieder einzuführen.
Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch, swissinfo.ch/sb