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Der kanadische Premierminister Justin Trudeau hat mit seiner liberalen Partei die Parlamentswahl gewonnen – vor den Konservativen und Herausforderer Andrew Scheer. Der Journalist Gerd Braune lebt in Ottawa. Für ihn ging der einstige Hoffnungsträger Trudeau zwar angezählt in den Wahlkampf. Zu einer konservativen Wende seien die Menschen aber nicht bereit.
Gerd Braune
Journalist in Kanada
Braune lebt seit rund 20 Jahren in Ottawa. Er berichtet für mehrere Medien in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg.
SRF News: Was hat den Ausschlag für den doch überraschend deutlichen Wahlsieg Trudeaus gegeben?
Gerd Braune: Es war wohl die Entscheidung zwischen zwei Persönlichkeiten. Die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler hat lieber weiter auf Trudeau gesetzt. Es ist ihm vor allen Dingen gelungen, die Leute in den Ballungsräumen zu mobilisieren. Damit konnte er mehr Sitze gewinnen – und das ist das Entscheidende des kanadischen Wahlrechts.
Die Kanadierinnen und Kanadier waren nicht glücklich mit Trudeau. Sie wollten aber an ihm festhalten und haben ihn zähneknirschend gewählt.
Trudeaus liberale Partei führt bei den Sitzen. Auch wenn die Konservativen etwas mehr Stimmen geholt haben. Das hat ihnen aber nichts genutzt. Dort, wo die Sitze zu vergeben waren, wollten die Leute nicht zurück zur konservativen Politik, sondern bei Trudeau bleiben. Sie wollten ihm noch eine Chance geben.
Image des Saubermanns ist angekratzt
Kanadas Premier Trudeau hatte in den vergangenen Monaten nicht viel zu feiern. Erst wurde öffentlich, dass er Ermittlungen gegen das kanadische Unternehmen SNC-Lavalin wegen Bestechung in Libyen unterdrücken wollte. Eine Ethik-Kommission bescheinigte ihm falsches Verhalten.
Im September dann tauchte ein 20 Jahre altes Bild auf, das Trudeau mit dunkel geschminktem Gesicht – verkleidet als Aladdin – auf einer Party zeigte. Er entschuldigte sich für sein «rassistisches» Verhalten, sei schon immer «von Kostümen mehr begeistert gewesen, als es manchmal angebracht ist.»
Mit seinem Wahlsieg ist Trudeau also nicht unbedingt für seine Arbeit in den letzten vier Jahren belohnt worden?
Er wurde gewählt, trotz der Defizite die ihm angelastet wurden. Natürlich hat Trudeau einiges erreicht. Konkret in der Wirtschafts- und Steuerpolitik sowie mit Infrastrukturprogrammen. Auch das Verhältnis zu den Ureinwohnern Kanadas hat er verbessert.
Auch Trudeaus Vater Pierre hatte 1968 einen grandiosen Wahlsieg errungen in einer Welle der ‹Trudeau-Manie›.
Das wurde aber teils von Affären und Skandalen überlagert. Ihm wurde etwa vorgeworfen, dass er versucht habe, in ein Ermittlungsverfahren einzugreifen. Die Kanadierinnen und Kanadier waren nicht glücklich mit Trudeau. Sie wollten aber an ihm festhalten und haben ihn zähneknirschend gewählt. Weil sie keine konservative Wende haben wollten.
Trudeau kann nun weiterregieren und muss das Vertrauen der Wählerschaft wieder gewinnen. Wird er das schaffen?
Er wird sich und seine Politik ändern müssen. Auch Trudeaus Vater Pierre hatte 1968 einen grandiosen Wahlsieg errungen in einer Welle der «Trudeau-Manie». Er holte die absolute Mehrheit der Sitze und verlor sie vier Jahre später wieder. Trudeaus Vater konnte nur knapp mit einer Minderheitsregierung weiterregieren. Dann erholte er sich und konnte vier Jahre später wieder die absolute Mehrheit der Sitze gewinnen. Es ist ein Zyklus, der sich wiederholt. Wir werden sehen, inwiefern der Sohn es dem Vater gleichtun kann.
Das Gespräch führte Marc Allemann.