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Auch in Brasilien hat sich die Kunst aus der Religion entwickelt. Brasiliens bildende Künstler der Kolonialepoche, sowohl Bildhauer und Holzschnitzer als auch die Maler, suchten ihre Kreativität fast ausschliesslich in der so genannten sakralen Kunst zum Ausdruck zu bringen. Die zahlreichen Kapellen, Kirchen und Kathedralen, die mit der vorrückenden Kolonisation überall im Land von den verschiedensten religiösen Orden in Auftrag gegeben wurden, ernährten nicht nur Architekten und Bauarbeiter gut, sie boten in ihrem Budget auch genügend Spielraum für eine aufwendige Ausgestaltung der entsprechenden Objekte. Holzschnitzer, Steinmetzen und Maler arbeiteten zur Ausgestaltung dieser Gotteshäuser in der Regel Hand in Hand – stimmten ihre persönlichen Vorstellungen in Formen und Farben auf einander ab – und schufen so Kunstwerke von einmaliger Schönheit und Harmonie, von denen man in Brasilien eine besonders grosse und unvergleichliche Auswahl bewundern kann.
Die Kolonialzeit – 16. bis 17. Jahrhundert
Mindestens eine koloniale Kirche sollten Sie sich als Brasilienbesucher auf jeden Fall ansehen, auch wenn Sie sonst kein Fan von alten Kirchen sind. In der Kolonialzeit beherrschte, wie schon gesagt, die Kirche alles wesentliche künstlerische Schaffen, und die einzelnen Orden wetteiferten untereinander in der üppigen Ausgestaltung ihrer Kircheninterieurs sowie dem Engagement der berühmtesten Künstler des Landes zu ihrer Realisierung. Im 17. Jahrhundert hatten die Benediktiner einige der bedeutendsten Bildhauer jener Zeit aus ihren Reihen hervorgebracht. Der grösste Teil des hervorragend gestalteten Interieurs der Kathedrale von São Bento, in Rio de Janeiro, wurde von Frei Domingos da Conceição (zirka 1643 – 1718) gestaltet, der an diesem Werk um 1660 gearbeitet hat. Seine „Kreuzigung“ aus dem Jahr 1688 in der Kathedrale von São Bento in Olinda (Pernambuco) präsentiert einen aussergewöhnlich schockierenden Kontrast zwischen der beispiellosen Eleganz des Christus-Körpers und den schrecklichen Verwundungen seines Fleisches. Frei Agostinho de Piedade (gestorben 1661) von der Benediktiner-Kommune in Salvador, schuf einige der antiken Terrakotta-Büsten zwischen 1630 und 1640 (ausgestellt im „Museu de Arte Sacra“ in Salvador), aber der kraftvolle „busfertige Petrus“ in Salvadors Kirche „Nossa Senhora do Monte“ (zirka 1636), den man ihm ebenfalls zuordnet, überragt alle seine Werke in seiner emotionalen Intensität.
Eine bemerkenswerte Eigenheit der kolonialen Kircheninterieurs ist die Verwendung von glasierten Keramikkacheln an den Wänden, die in Blau und Weiss bemalt sind – man nennt sie „Azuleijos“. Diese wurden aus dem Mutterland Portugal ab dem 17. Jahrhundert importiert – mit Darstellungen, die sowohl religiöse als auch weltliche Themen zum Inhalt haben konnten. Gute Beispiele dafür sind die Gründungen der Franziskaner in Olinda, Salvador und Recife – sowie die Kirche „Nossa Senhora da Glória“ in Rio de Janeiro – letztere mit Jagdszenen in ihrer Sakristei, alt-testamentarische Figuren in ihrem Chor und, erstaunlicherweise, im Kirchenschiff Szenen pastoraler Liebe basierend auf dem Lied der Lieder.
Obwohl die Kirchendekoration des 17. Jahrhunderts im Allgemeinen schon recht üppig, ja geradezu verschwenderisch angelegt ist, erfährt sie im 18. Jahrhundert eine weitere Ergänzung – sie wird zum religiösen Theater aufgeputzt: Hinter ihren relativ nüchternen Fassaden öffnet sie sich dem Besucher wie ein glamouröses Festspielhaus – mit Veranden und Balkonen für die privilegierte Gesellschaft, einer Empore oder Bühne für den Altar, mit einem szenischen Triumphbogen und holzgeschnitzten Flügeln. Cherubine flüstern miteinander oder gestikulieren von ihren Podesten herab – lebensgrosse Engel fliegen unter einem illusionistischen Himmel durch den Raum. Das Objekt der Anbetung befindet sich gewöhnlich hoch über dem Altar, auf einem gestuften Podium, umgeben von einem Strahlenkranz aus vergoldeten Holzpeinelen. Ein geschickter Profi dieser Art von Design war der Bildhauer Francisco Xavier de Brito (gestorben 1751) – er schuf die Dekoration in den Kirchen „Nossa Senhora do Pilar“ in Ouro Preto und „São Francisco de Penetencia“ in Rio de Janeiro.
Jene theatralische Form der Innendekoration erreichte ihren Klimax mit den Arbeiten von „Aleijadinho“, dem grösstem Barockkünstler Brasiliens (1738 – 1815), einem verkrüppelten, genialen Mulatten, der in der Provinz von Minas Gerais wirkte (siehe BrasilienPortal). Wie bei vielen berühmten Künstlern der kolonialen Periode in Lateinamerika üblich, werden auch ihm eine schier unmögliche Zahl von Projekten und Kunstwerken zugeschrieben – betrachtet man jedoch nur seine als absolut sicher dokumentierten Werke, so begreift man, dass er dennoch ein Mann von aussergewöhnlicher Hingabe und Energie gewesen sein muss, der trotz seiner behindernden Krankheit (Lepra) sich als Maler, Architekt und vor allem als Bildhauer hervorgetan hat.
Die Kirche in Congonhas do Campo (Minas Gerais) präsentiert die dramatischsten Beispiele seiner bewegenden Kunst. Wenn die Pilger zum Wunder wirkenden „Bom Jesus de Matozinhos“ den Hügel hinaufziehen, dann benutzen sie eine steile, kopfsteingepflasterte Strasse, die unterhalb der Kirche von sechs kleinen Kapellen gesäumt ist – jede präsentiert Szenen aus der Passionsgeschichte, die einzelnen lebensgrossen Figuren aus bemaltem Holz stammen aus der Werkstatt von Aleijadinho und seinen Schülern. Der weithin sichtbare besondere Akzent sind dann die ebenfalls lebensgross gestalteten zwölf Apostel aus Seifenstein, rund um die Treppenstufen, die zum Eingang der Kirche führen. Ihre ergreifende Gestik, die ihnen fast zum Leben verhilft, ist erschütternd und bewundernswert – das Geheimnis eines grossartigen Künstlers. In einem Gebäude neben dem Kirchenschiff sollte man sich ebenfalls das Display mit Zeichnungen und Fotos der vielen Unfälle und Wunderheilungen ansehen, von denen der „Bom Jesus de Matozinhos“ seine Gläubigen gerettet hat und die die Popularität des Schreins erklären.
Als Maler ebenso berühmt wie Aleijadinho als Bildhauer, ist sein Zeitgenosse und persönlicher Freund Manuel da Costa Ataíde (1762 – 1830), der aus Mariana stammte. Seine lebendigen farbigen Szenen findet man in unzähligen Kirchen des Bundesstaates Minas Gerais. Ataides Rokkokko- Szenen sind bevölkert mit kräftig gebauten Heiligen und Engeln, deren rollende Augen und übertriebene Gesten ihnen ein durchaus irdisches Auftreten verleihen im Gegensatz zum spirituellen Thema der jeweiligen Szene – so zum Beispiel auch in dem illusionistischen Deckengemälde der Kirche des Francisco de Assis in Ouro Preto, deren Design Aleijadinho zugeschrieben wird.
Joaquim da RochaIn Bahia wirkte Joaquim da Rocha (1737 – 1807) als einer der erfolgreichsten Künstler seiner Zeit – seine leicht italienisch beeinflussten Deckengemälde haben in zahlreichen Kirchen von Salvador dem Zahn der Zeit getrotzt. Der beste Bildhauer der späten kolonialen Periode war Manuel Inácio da Costa (1763 – 1857) dessen Figuren – oft dramatisch übertrieben mit hervorquellenden Adern und vergrösserten Augen – ähneln stark der von Aleijadinho beschworenen Ausdruckskraft (Beispiel sein „Cristus an der Säule“ im Museu de Arte Sacra in Salvador).
Die Einkehr zur skulpturellen Nüchternheit geschieht in Rio de Janeiro – zum Beispiel mit dem Werk des Bildhauers Valentim da Fonseca e Silva, bekannt unter dem Namen „Mestre Valentim“ (zirka 1750 – 1813) – seine Werke kann man in verschiedenen lokalen Kirchen entdecken, inklusive der des São Francisco de Paula und Nossa Senhora da Glória. Valentim hat auch den ersten öffentlichen Park von Rio de Janeiro entworfen: den „Passeio Público“, der 1783 eingeweiht wurde – er enthielt Spazierwege, Ruheplätze, die mit Kacheln dekoriert waren und Pavillons. Eine einzigartige Serie von sechs gemalten Aussichten auf Rio de Janeiro und die Guanabara-Bucht des Künstlers Leandro Joaquim (wahrscheinlich1738 – 1798), angefertigt für einen der Park-Pavillons, befindet sich jetzt im „Museu Histórico Nacional“ in Rio.
Nach der Übersiedlung des kaiserlichen Hofes nach Rio de Janeiro, im Jahr 1808, machte Joao VI eine entschlossene Anstrengung, die junge brasilianische Kultur zu renovieren, also beorderte er 1816 eine französische Delegation von Künstlern nach Rio de Janeiro – eine Bootsladung von Malern, Bildhauern, Architekten, Musikern und Handwerkern – die dort selbst die „Imperiale Akademie“ gründeten. Zwei dieser Künstler waren von besonders grossem Einfluss: Nicolas-Antoine Taunay (1755 – 1830) und Jean-Baptiste Debret (1768 – 1848). Taunays lichtdurchflutete Landschaften aus der Gegend rund um Rio de Janeiro und Debrets lebendige Strassenszenen trugen viel dazu bei, der profanen, weltlichen Kunst (neben der spirituellen, religiösen) die Wege zu ebnen, und sie haben neue Künstler während des ganzen 19. Jahrhunderts immer wieder inspiriert. Die Akademie vergab Stipendien an hoffnungsvolle junge Künstler, die sie nach Paris führten und mit ihnen den französischen Einfluss demonstrierten – im Werk von Vítor Meirelles (1832 – 1903), zum Beispiel, ist ein gewisses Echo von Delacroix unverkennbar, man betrachte dazu sein Bild „Batalha dos Guararapes“ von 1879 (im Museu de Belas Artes in Rio) – oder eines anderen Malers der Epoche, das von Pedro Américo gemalte „La Carioca“ (1882) im gleichen Museum. Den Einfluss von Courbet erkennt man in der so genannten „Belle Époque“ der ersten republikanischen Jahre (1889 – 1922), besonders im Werk eines Schülers von Vítor Meireles, mit Namen José Ferraz de Almeida Júnior (1850 – 1899).