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Tools for Thought
Eine neue Software-Generation für das persönliche Wissensmanagement
Persönliches Wissensmanagement mit Roam Research, Logseq, Obsidian, Tana & Co.
Dieser Artikel beschäftigt sich ausführlich mit einer neuen Generation von digitalen Tools für das persönliche Wissensmanagement. Er basiert auf einer Projektarbeit für das CAS Wissensmanagement & Organisationales Lernen am Institut für Kommunikation & Führung IKF im Januar 2023.
«What a computer is to me: It’s the most remarkable tool that we’ve ever come up with. It’s the equivalent of a bicycle for our minds.»
Steve Jobs
«Your mind is for having ideas, not holding them.»
David Allen
«We are overwhelmed with information and we don’t have the tools to properly index and filter through it. [The development of these tools which] will give society access to and command over the inherited knowledge of the ages [should] be the first objective of our scientists.»
Vannevar Bush
1 Einleitung
1.1 Thema
In dieser Arbeit geht es um eine bestimmte Kategorie von digitalen Werkzeugen für das persönliche Wissensmanagement. Prominenteste Vertreter dieser Kategorie sind Roam Research, Logseq, Obsidian, RemNote und Hypernotes. [1]
Die Bezeichnung «Tools for Thought» wird zwar in diesem Zusammenhang häufig verwendet, ist aber kein etablierter, klar definierter Gattungsbegriff. Ich empfinde ihn dennoch als treffend und hilfreich: Er macht deutlich, dass diese Tools nicht bloss das reine Dokumentieren, sondern auch das Reflektieren unterstützen.
Derartige Apps existieren zwar erst seit wenigen Jahren, aber im Grunde kombinieren sie verschiedene längst bekannte Ansätze. Diese Ansätze stammen teilweise aus anderen Software-Kategorien (Outliners, Wikis), teilweise aus frühen Hypertext-Konzepten (Ted Nelson und sein Project Xanadu), teilweise sogar aus der analogen Welt (Zettelkasten von Niklas Luhmann).
Diese Arbeit hat folgende Ziele:
- Sie soll die charakteristischen Funktionen dieser Tools for Thought beschreiben – insbesondere jene Funktionen, die gängige Note-Taking Apps (wie z.B. Evernote oder OneNote ) und Wikis (wie z.B. MediaWiki oder Confluence ) nicht bieten.
- Sie soll anhand von konkreten Beispielen demonstrieren, wie die Arbeit mit einem Tool for Thought funktioniert und wo die spezifischen Vorteile dieser Software- Kategorie für das persönliche Wissensmanagement liegen.
- Sie soll aufzeigen, welche historischen Vorbilder die Tools for Thought haben. Insbesondere geht sie der Frage nach, was es mit dem häufig anzutreffenden Verweis auf die Zettelkasten-Methode von Niklas Luhmann auf sich hat.
1.2 Zum Begriff «Persönliches Wissensmanagement»
Natürlich umfasst Persönliches Wissensmanagement (Personal Knowledge Management PKM) mehr als nur das Speichern und Abrufen von Notizen. Und gemäss dem gängigen Verständnis kann Wissen sowieso nur in Menschen existieren – mit technischen Mitteln speichern lässt sich lediglich Information. Insofern müsste man im Zusammenhang mit den Tools for Thought streng genommen von Persönlichem Informationsmanagement (Personal Information Management PIM) sprechen.
Wenn ich in dieser Arbeit dennoch den Begriff Persönliches Wissensmanagement benutze, dann aus zwei Gründen:
Erstens gibt es in der Literatur unterschiedliche Standpunkte, was das Verhältnis von PKM und PIM angeht. Mark Gregory und Irena Descubes etwa sehen PKM als die übergeordnete Tätigkeit:
«[…] personal knowledge management PKM is a process which may involve PIM personal information management.» [2]
William P. Jones hingegen argumentiert umgekehrt:
«Personal knowledge management (PKM) is, therefore, best regarded as a subset of personal information management (PIM) […]». [3]
Zweitens werden mit den Tools for Thought zwar Informationen gespeichert – das Erstellen von Notizen ist jedoch weit mehr als nur Informationsverarbeitung, sondern ein wesentlicher Teil des Denkprozesses. Somit sind Notizen nicht bloss ein Speichermedium, sondern ein Denkwerkzeug. Dies unterstreicht etwa das bekannte Zitat von Richard Feynman:
«[My notes] aren’t a record of my thinking process. They are my thinking process.» [4]
Niklas Luhmann, der seinen Zettelkasten als Gesprächspartner und Ideenlieferant sah, würde dieser Betrachtungsweise sicher beipflichten, sagte er doch einmal:
«Ich denke ja nicht alles allein, sondern das geschieht weitgehend im Zettelkasten.» [5]
Und Sönke Ahrens schreibt in diesem Zusammenhang:
«Wer weiterhin Techniken isoliert betrachtet, immer noch glaubt, dass Denken ausschliesslich im Kopf stattfindet und sich nicht vorstellen kann, was für einen Unterschied es machen kann, mit einer Technik wie dem Zettelkasten zu denken, ignoriert die Fortschritte der Kognitionsforschung in den letzten Jahrzehnten. […] Wir wissen heute: Ohne externe Hilfsmittel oder ein externes Gedächtnis kann man gar nicht richtig denken, jedenfalls nicht in systematischer Weise und schon gar nicht mit der Absicht, wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen […]» [6]
1.3 Persönlicher Bezug
Seit Beginn meines Studiums vor gut dreissig Jahren bin ich auf der Suche nach dem idealen Werkzeug für das persönliche Wissensmanagement. Damals legte man angehenden Historikern nahe, die Ergebnisse ihrer Literatur- und Quellenarbeit in einer Kartei zu dokumentieren. Ich besass jedoch bereits meinen ersten Computer und sah die Vorteile von digitalen Notizen: Sie können wesentlich schneller erstellt, modifiziert und gefunden werden als Notizen auf Papier. Allerdings stellte dieser Computer lediglich eine Textverarbeitung zur Verfügung, und ich merkte rasch, dass ich damit zwar gut Exzerpte und Vorlesungsmitschriften erstellen, aber keine eigentliche Wissensbasis über ein grösseres Themengebiet aufbauen konnte.
Der erste mir bekannte Ansatz, das Prinzip des Zettelkastens in eine Software zu übertragen, war HyperCard. Bereits im Produktnamen sind die fundamentalen Prinzipien dieses Ansatzes erkennbar: Informationen wurden auf Cards (analog zu den physischen Karteikarten) gespeichert und dann über Hyperlinks (analog zu Verweisen auf Karteikarten) untereinander verknüpft. Alle Karten eines Fachgebiets waren in einem einzigen Stack gespeichert, sodass man jeden beliebigen Begriff über die Volltextsuche leicht auffinden konnte.
Dieses Prinzip wurde in NoteIt – einer auf HyperCard aufbauenden Lösung des Schweizer Entwicklers Christof Daetwyler – um ein entscheidendes Detail erweitert. NoteIt war in der Lage, Querverweise zu bereits bestehenden Cards automatisch zu setzen. Verwendete man also beispielsweise auf der Karte «Ulrich Zwingli» den Begriff «Reformation», so wurde dieser automatisch mit der Karte «Reformation» verlinkt, sofern jene bereits existierte. Der Wert dieser Funktion lag weniger darin, dass man den Link nicht selbst erstellen musste, sondern darin, dass man von NoteIt auf bereits bestehende Informationen zum gleichen Thema aufmerksam gemacht wurde. Diese Software unterstützte also bereits aktiv die Vernetzung von Notizen.
Mit der damaligen Hardware stiess NoteIt allerdings rasch an seine Grenzen. Zudem stellte Apple die Weiterentwicklung von HyperCard Ende der 1990er-Jahre ein. Für meine Lizentiatsarbeit «Der Zweite Weltkrieg im Schweizer Film» nutzte ich deshalb StudyMaster, eine von mir selbst auf Basis von FileMaker entwickelte Datenbank. StudyMaster konnte nicht nur Bücher, Filme, Personen, Themen und Notizen (z.B. Literaturexzerpte oder Visionierungsprotokolle) verwalten, sondern vor allem auch Verweise auf andere Datensätze – und zwar über alle fünf Datentypen hinweg. Wenn man sich beispielsweise das Thema «Geistige Landesverteidigung» anzeigen liess, dann wurden automatisch alle zugehörigen Bücher, Filme, Personen und Notizen eingeblendet. Zumindest vom Ansatz her war StudyMaster damit vergleichbar mit Litlink (einer Wissensmanagement-Software für Geschichts-, Kultur- und Sozialwissenschaften, die an der Universität Zürich entstanden ist) [7] oder Synapsen (einer Software, die ebenfalls auf wissenschaftliches Arbeiten ausgelegt ist und von Markus Krajewski, dem heutigen Professor für Medienwissenschaft an der Universität Basel, entwickelt wurde). [8]
Durch meine Arbeit als Wikipedia-Autor lernte ich 2004 das Prinzip eines Wikis sowie die konkrete Implementierung MediaWiki kennen. Schon bald begann ich, mein gesamtes berufliches Fachwissen in einer eigenen MediaWiki-Installation zu dokumentieren und legte so im Verlaufe der Jahre rund 1’200 Wiki-Seiten an.
Das Prinzip bewährte sich, allerdings ist MediaWiki nicht besonders benutzerfreundlich, weshalb ich vor einigen Jahren mein gesamtes Wiki auf Confluence migriert habe. Nebst der modernen Benutzeroberfläche überzeugte mich hier vor allem die Möglichkeit, Wiki-Seiten in einem hierarchischen Themenbaum einzusortieren. Dies widerspricht eigentlich dem Wiki-Prinzip, das Informationen nicht in einer Hierarchie, sondern in einem Netzwerk organisiert; die Kombination dieser beiden Organisationsprinzipien hat sich aber für mich bewährt.
Confluence war also mein bevorzugtes Werkzeug für das persönliche Wissensmanagement, als ich 2018/19 das CAS Wissensmanagement & Organisationales Lernen am IKF absolvierte. Inzwischen bin ich allerdings auf Roam Research gestossen, mit dem ich seit rund zwei Jahren täglich arbeite. Auch das Material für die vorliegende Arbeit habe ich komplett in Roam verwaltet. Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass diese App meine Art zu arbeiten, zu lernen und zu schreiben fundamental verändert hat. Deshalb habe ich diese neue Software-Kategorie zum Thema meiner Arbeit gemacht.
1.1 Video-Demos
Erfahrungsgemäss ist es schwierig, sich die Funktionsweise einer Software aufgrund einer textuellen Beschreibung vorzustellen. Ausserdem sollte diese Arbeit nicht zu einer Bedienungsanleitung werden. Ich habe mich deshalb entschieden, die wesentlichen Elemente der Tools for Thought in kurzen Videos zu demonstrieren. Diese sind auf YouTube verfügbar (die URLs werden im Text an geeigneter Stelle angegeben), zudem liegt der gedruckten Version dieser Arbeit ein Datenträger mit allen Videos bei.
Sowohl für die Screenshots als auch für die Videos habe ich nicht Roam Research, sondern Logseq benutzt. Die beiden Apps sind sich sehr ähnlich, aber Logseq bietet im Detail einige Vorteile. [9] Zudem ist es im Gegensatz zu Roam kostenlos nutzbar, was es bei Interesse einfacher macht, ein Tool for Thought selbst auszuprobieren.
Alle Beispiele nutzen einen Graphen zum Thema «Schweizer Demokratie», den ich ausschliesslich zu Demonstrationszwecken angelegt habe. Die enthaltenen Informationen sind bewusst einfach und knapp gehalten, damit man sich auf die Funktionen der Software fokussieren kann.
[2] Gregory/Descubes 2011, S. 33.
[3] Jones 2010, o.S.
[4] Zit. nach Ahrens 2017, S. 88. Hervorhebungen gem. Original.
[5] Zit. nach Schmidt 2015, S. 154.
[6] Ahrens 2017, S. 27.
[7] Vgl. Keller/Sarasin 2014.
[8] Vgl. Krajewski 2014.
[9] Zu den Vorteilen von Logseq gegenüber Roam Research vgl. Sauter 2021.