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Es ist nach Mitternacht und ich sollte zwar nicht den Roman, aber zumindest diese Kolumne bis morgen früh fertig schreiben. Ich überlege Dopingstrategien, Kaffee und Clubmate hab ich schon hinter mir, Arno Schmidt trank angeblich abwechselnd Nescafé, Schnaps und Maggi. Irmgard Keun empfiehlt Champagner, den man sich aber leisten können muss. So schreibt sie 1936 aus Ostende an ihren Verlobten im amerikanischen Exil: «Man müsste als Schriftsteller so viel verdienen, dass man zumindest in den letzten 8–9 Wochen täglich 1–2 Flaschen anständigen trockenen Champagner trinken könnte. Da hätte man in dieser Scheisszeit die richtige Arbeitsstimmung und würde nicht krank. Man braucht ja nur eine Zeitung aufzumachen, und es kommt einem idiotisch vor, dass man überhaupt noch schreibt…»
Ich hätte sogar eine Flasche Champagner, die ich als Abschiedsgeschenk von der Bar 63 bekommen habe, doch diese nun allein leerzusaufen, das kommt mir doch leicht übertrieben vor. Ich könnte mir auch einen Cocktail mixen, einen «Prince of Wales» beispielsweise, das ginge notfalls auch mit Prosecco, doch ich habe keinen Cognac hier, und nach Mitternacht bei der Nachbarin um Cognac fragen, das wäre tatsächlich etwas übertrieben.
«Wer sieht, muss saufen», fand Irmgard Keun, der 1931 mit «Gilgi – eine von uns» der Durchbruch gelang, deren Bücher 1933 als «Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz» auf den Index der Nationalsozialisten kamen und die heute leider höchstens noch als Geliebte des noch grösseren Trinkers Joseph Roth bekannt ist. Die Stenotypistin Doris in Keuns zweitem Roman «Das kunstseidene Mädchen» geht nach Berlin, möchte Schauspielerin werden, «ein Glanz», wie die Stummfilmstars, will sichtbar sein für die Leute, damit diese nicht mehr auf sie «runterlachen» können. Der Roman ist weniger eine Entlarvung naiver Mädchenträume oder Kritik an jenem Glanz als eine messerscharfe Analyse der gesellschaftlichen Zustände. Irmgard Keun wurde ab 1966 ganze sechs Jahre im Landeskrankenhaus Bonn verwahrt, «geistesgestört infolge Sucht», trank weiter um ihr Leben, von der angekündigten Autobiographie «Kein Anschluss unter dieser Nummer» fand sich nach ihrem Tod 1982 keine Zeile.
Auch ich wollte eigentlich nach Berlin, weiss aber noch nicht, wovon ich da leben soll, also werde ich erst einmal drei Monate als sogenannte Stadtschreiberin in Wels verbringen. «Wels, nicht Wales», sage ich zu Lili, die aus Berlin anruft, «Wels wie der Fisch.» Wels liegt in Oberösterreich, südwestlich von Linz, so habe ich gegoogelt, hat eine Drogenszene und neuerdings eine FPÖ-Regierung, Christoph Ransmayr kommt da her und der Dirigent Welser-Möst. Thomas Bernhard wurde im Welser Krankenhaus behandelt und von einem Welser Gericht wegen der Darstellung eines Geistlichen in der «Ursache» verurteilt, wie Konrad im «Kalkwerk» wegen «sogenannter Ehrenbeleidigung». «Wenn es da schön ist, komme ich dich besuchen, und wir beleidigen auch jemanden», schreibt Lili später. «Wenn es nicht so schön ist, komme ich auch.» Und darauf trinke ich nun doch noch einen Schnaps.