Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03210.jsonl.gz/2620

Was steckt hinter der mysteriösen Hepatitis bei Kindern?
Seit anderthalb Jahren wird intensiv über die Ursache der mysteriösen akuten Hepatitis bei Kindern während der Pandemie diskutiert. Unter anderem spekuliert man, ob Coronaviren, eine Autoimmunreaktion oder ein anderer Erreger dahinterstecken könnten. Trotz erster Ergebnisse bleibt der Pathomechanismus jedoch derzeit noch rätselhaft.
Im März 2022 schlug die britische Gesundheitsbehörde erstmals Alarm geschlagen, als innerhalb kürzester Zeit fünf Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren mit einer akuten Hepatitis unklarer Ursache in Kliniken in Schottland eingeliefert wurden.
Dabei kommen akute Leberentzündungen, für die weder Hepatitisviren noch andere Ursachen gefunden werden können, bei Kindern normalerweise äusserst selten vor.
Bis Juli 2022 starben 22 Kinder
Mitte April warnte dann auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor dieser Krankheit. Bis Juli 2022 wurden weltweit 1010 Kinder mit diesem Krankheitsbild erfasst. In 46 Fällen war eine Transplantation erforderlich und 22 Kinder verloren ihr Leben.
Bereits zu Beginn fiel auf, dass die betroffenen Kinder ungewöhnlich häufig das Adenovirus des Subtyps 41F in sich trugen. Dr. Sema Mandal von der UK Health Security Agency in London und ihre Kollegen haben den Verdacht, dass dieses Virus die entscheidende Ursache für die Hepatitis sein könnte, genauer untersucht (1).
Adenovirus vom Subtyp 41F bei 37-mal mehr Kindern mit Hepatitis nachgewiesen
In einer Fall-Kontroll-Studie verglichen sie 73 Kinder im Alter von einem bis zehn Jahren mit Hepatitis mit 172 Kindern, die im Zeitraum von Januar bis Juli 2022 aus anderen Gründen ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Bei 88 Prozent der Kinder mit Leberentzündung fand sich adenovirale DNA im Blut. In 81 Prozent der Fälle mit Adenovirus-Nachweis konnte der verdächtige Subtyp 41F identifiziert werden.
In der Kontrollgruppe konnte das Virus hingegen nur bei 15 Prozent der Kinder im Blut nachgewiesen werden. Die Virämie erhöhte somit das Risiko für eine unklare Hepatitis bei einem Kind um das 37-Fache.
Eine akute SARS-CoV-2-Infektion konnte man in beiden Gruppen hingegen etwa gleich häufig nachweisen. Ob die Kinder aber auch bereits bei früheren Infektionen oder infolge einer Impfung gebildete Antikörper gegen SARS-CoV-2 hatten wurde nicht erfasst.
Pathomechanismus bleibt weiterhin unklar
Die Ergebnisse legen zwar nahe, dass Adenoviren des Subtyps 41F bei der Entstehung der akuten Hepatitis eine Rolle spielen.
Aus dieser Assoziation abzuleiten, dass es sich bei den Adenoviren um das alleinige kausale Agens der Erkrankung handelt, geht in den Augen von Dr. Jordan Cates, Division of Viral Diseases, Centers for Disease Control and Prevention Atlanta, und Kollegen zu weit (2). Sie untersuchten ebenfalls 377 vergleichbare Fälle in den USA.
Dr. Cates und sein Team bleiben bei der Interpretation der Daten wahrscheinlich auch deshalb zurückhaltend, weil sie nur bei 42 Prozent der 275 getesteten Kinder Adenoviren fanden.
Adenoviren werden wohl erst in Kombination mit Kofaktoren für eine Hepatitis relevant
Zudem konnten Adenoviren in der Leber nur in geringem Masse nachgewiesen werden. Da dieser Befund gegen einen direkten zytotoxischen Effekt des Erregers spricht, glauben sie, dass die Adenoviren für die Kinder nur in Kombination mit anderen Faktoren gefährlich werden. Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass zu diesen Faktoren die HLA-Allele der Patienten und das sogenannte adenoassoziierte Virus 2, AAV2, gehören.
Das Fazit der US-Analyse lautet: Der genaue Pathomechanismus der beschriebenen Leberentzündungen bei Kindern bleibt weiterhin unklar. Weitere Forschung ist daher erforderlich, um eine bessere Prävention und Therapie der Erkrankung zu gewährleisten.