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Frau Gsell, ist die Männlichkeit in einer Krise?
Kommt darauf an, was man unter «Männlichkeit» versteht. Wenn man damit den gesellschaftlichen Stereotyp von Männlichkeit meint, so lautet die Antwort: Nein, dieser Stereotyp ist leider keineswegs in der Krise. Er ist in uns allen, Männern wie Frauen, nach wie vor hartnäckig wirksam, und zwar gänzlich unbewusst und somit auch dann, wenn wir meinen, davor gefeit zu sein. Eindrücklich nachgewiesen hat das die Sozialpsychologin Alice Eagly: Bei Stellen, für deren Ausübung sogenannte «agentic demands», also aktive, handlungsorientierte Eigenschaften mit einem bestimmten aggressiven Durchsetzungsvermögen verlangt sind, haben Bewerberinnen signifikant weniger gute Chancen, weil man diese Eigenschaften unbewusst mit Männlichkeit assoziiert und deshalb eher Männern zuschreibt. Umgekehrt haben bei Stellen, die sogenannte «soft skills» wie Zuhören, Kommunizieren oder Pflegen etc. erfordern, Bewerber nach wie vor schlechtere Chancen.
Man kann die Frage aber auch anders verstehen: Hat Männlichkeit heute einen schlechten Ruf? Steht sie unter dem Generalverdacht, «toxisch» zu sein? Diese Tendenz gibt es in bestimmten Kontexten tatsächlich. Auch hier würde ich hinzufügen: leider. Denn der Begriff der «toxischen Männlichkeit» funktioniert genau gleich wie der oben beschriebene Stereotyp, nur wird Männlichkeit jetzt ausschliesslich mit Aggressivität assoziiert und negativ bewertet. Männer werden jedoch nicht wegen ihrer Männlichkeit zu Tätern, sondern häufig, weil sie etwa in einer psychischen oder sozialen Krise sind.
Dr. Monika Gsell ist Dozentin für Gender Studies an der Universität Zürich.