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Soziale Einrichtung
Armenhilfe
Heute spricht man von der Entwicklung des Rechtsstaates (alle Bürger sind vor dem Gesetze gleich) zum Sozialstaat (der Starke trage des Schwachen Lasten). Das will aber nicht etwa heißen, in früheren Zeiten sei für die Bedürftigen nichts getan worden. Sicher war zwar damals Armut in viel bittererem Masse vorhanden als man sie bei uns heute noch antreffen kann; aber die damaligen Lebensverhältnisse lassen sich ja ganz allgemein den heutigen nicht mehr gleichstellen. Auf alle Fälle unterhielten die Stadt Zürich und ihre Landgemeinden schon vor Jahrhunderten eine rechtlich geordnete Armenhilfe.
Armen- und Krankenpflege vor 200 Jahren
Wie im Kapitel über die Kirche Kloten unter «Kirchgemeindeleben nach der Reformation» erwähnt, war die Armenpflege dem Stillstand, also der vom Pfarrer geleiteten Kirchenpflege übertragen. In diese Behörde entsandten Opfikon und Oberhausen je ein Mitglied. – In Kloten bestand ein verhältnismässig grosses Kirchengut, welches zur Hauptsache dem Unterhalt der Kirche diente, aber auch zur Unterstützung der Armen von Kloten beigezogen wurde, nicht jedoch für diejenigen der äussern Gemeinden Geerlisberg, Egetswil, Opfikon und Oberhausen.
Säckligut
Die in der Kirche gesammelten Gaben flossen dem separat verwalteten Säckligut zu. Woher dieser seltsame Name? Nun, die Ältern von uns erinnern sich sicherlich noch der Zeiten, da es noch keine Opferstöcke oder -büchsen gab, da vielmehr am Schluss des Gottesdienstes sich an jeder Türseite ein Kirchenpfleger aufstellte und mit einem schwarzen Säcklein, ähnlich einem kleinen Schmetterlingsnetz mit Ring und Griff versehen, die Gaben der Kirchgänger sammelte. Dieses Säckligut diente der Armenunterstützung, allerdings für die äussern Gemeinden nur mit Zurückhaltung, wie folgender Fall verrät:
Familie Ehrsam in Oberhausen in äusserster Armut
Am 3. Juni 1752 fragte Pfarrer Brennwald den Stillstand, ob man nicht der in äusserster Armut lebenden Familie Ehrsam in Oberhausen etwas aus dem «Steürsäkli» geben könne. «War zwar eingeworfen, man seje nicht gewohnt, andere allmosen in die aussen gemeind zu thun, als die an allen hohen festen geschehen, und das möchte zu einer consequenz dienen, die unser kirchengut nicht erschwingen möchte.» Ausnahmsweise beschloss man aber doch, mit einem Gulden auszuhelfen.
bitt um allmosen
In Opfikon sodann bestand ein dem Unterhalt des Turmes und der Besoldung von Sigrist und Kapellenpfleger dienendes Kapellengut, das in besondern Fällen ebenfalls zur Armenhilfe zugezogen wurde.
Am 2. Mai 1756 «bitt Anna Eberhard, Felixen sel. Tochter von Opfiken um allmosen, weil der seidengewerb, so ihr einiger verdienst wäre, aufgehört habe, und ward erkent, dass sie 4. monat lang wochentlich 1 brod aus der kapellen haben solle».
Meistens aber verwies man die Armen von Opfikon an das Zürcher Almosenamt, wie zum Beispiel am 11. Oktober 1754: «Darfür (vor den Stillstand) stellete sich Felix Hindermeister von Oberhausen, mit bitt, ihm zur erhaltung behülflich zu sein, als der sint seinem armbruch nun gar nichts mehr weder arbeiten noch verdienen könne. Ich nahm auf mich, ihn ans Allmosenamt zu recommandieren.»
Almosenamt, Pfrundhaus, Gschaustuben und Kindbether-Kammer
Das Almosenamt ist zur Zeit der Reformation aus dem 1270 in Zürich gegründeten Augustinerkloster hervorgegangen. Ihm flossen die Einkünfte aus den früheren Klostergütern zu, zur Unterstützung der Armen in Stadt und Land. Zu diesem Amt also, das 1525-1834 seinen Dienst versah, wanderten die Hilfesuchenden von Opfikon und Oberhausen, um ihr Leid zu klagen. Ihnen wurde dort geholfen mit Brot, Kleidern oder Geld, je nach der Sachlage. Dass es indessen bei diesen Bezügen nicht immer mit rechten Dingen zuging, lässt folgender Eintrag Pfarrer Brennwalds vom I. April 1759 vermuten:
«Da die Opfiker- und Oberhauser-Armen etwas betriegereyen in abholung und vertheilung der kloster-brodten begangen, ließ ich ihnen erbieten, daß sie auf könftigen Sonntag all persönlich ins pfarrhaus zur untersuchung des handels kommen solten. Ich kam aber nicht auf den sprung.»
Für Kranke, Verunfallte und Invalide aller Art sorgte das Zürcher Spital, welches in der Nähe des Predigerklosters von der Stadt schon zu Anfang des 13. Jahrhunderts gegründet worden ist. Es hatte große Güter, welche zum Teil von den Insassen selber bewirtschaftet wurden. Entsprechend dem großen Aufgabenkreis enthielt die Spitalanlage um 1740 verschiedene Abteilungen, wie :
- ein Pfrundhaus zur Pflege alter Leute gegen ein Einkaufsgeld, «die Weiber- und Männerstuben, wohl mit Betheren ausgefüllet, da Kranke, auch alte Leuth verpfleget und säuberlich gehalten werden»,
- Stuben, «darin sich aufhalten arme, presthafte Leuth, als Krippel, Lahme und so die fallende Sucht haben» (Epileptiker),
- eine «Kindbether-Kammer», eine «Schneidstuben»,
- besondere Räume für Geisteskranke und für kranke Häftlinge, und endlich eine «Gschaustuben, allwo sitzet das Collegium der Gschau, da arme, presthaffte Leuth visitirt, und gerathschlaget wird, wie ihnen zu helfen seye. Von Obrigkeits wegen sind darzu verordnet:
zwey Herren des Kleinen Raths, einer vom Grossen Rath, ein jeweiliger Spithalmeister, ein Obmann am Allmosen, ein Pfleger in der Spannweid (Asyl für Sieche), ein Amtmann im Oetenbach (Gefängnis), auch ein Großweibel; item beyde Herren Stadt-Doctores, samt dem Stadt- und Spithalarzet, und der Gschauschreiber.»
Tribunal für die Aufnahme
Diesem Tribunal also hatten sich auch die unbemittelten Kranken und Gebrechlichen von Opfikon und Oberhausen zu stellen, um ihre vorübergehende oder dauernde Aufnahme zu erwirken. Das führte dann offensichtlich zwischen der zuständigen Gemeinde und dem Amt auch etwa zu einem Markten um die Kostenbeiträge. Hiezu ein Beispiel:
Am 2. September 1755 erhielt der Pfarrer vom Stillstand den Auftrag, er solle des Opfiker Hans Wißmanns Epileptici halben fortfahren, ihn in den Spithal zu recommandieren. Am 4. Januar 1736 offerierte man dann dem Spital anstatt 10 Pfund fürohin 15 Pfund Tischgelt, auf daß er desto eher angenommen werde, und am 7. März gleichen Jahres endlich ist die vollzogene Aufnahme im Protokoll vermerkt.
Heilbad am Zürichberg "Röslibad"
Gemütlicher als im Spital selber mag es in dessen Heilbad am Zürichberg, dem Röslibad, zugegangen sein. Zur Bewilligung einer Badekur hat der Klotener Stillstand auch Arme unserer Gemeinde öfters empfohlen. Sie wirkte Wunder, wenn man dem folgenden Bericht glauben darf:
«Dies Wasser hat schöne Würkungen in Versüßung und Corrigirung der scharffen Feuchtigkeiten des Leibs, trochnet den Überfluß auf und stärket gewaltig die Glieder, insonderheit nach ausgestandenen Krankheiten. Es reiniget die Haut von aller Unsauberkeit, Krätz und Ausschlächten, ja es heilet auf eine zimliche Zeit den Aussatz elbsten.»