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Sterberaten bei frühgeborenen Kindern in der Schweiz rückläufig
Die gute Nachricht gleich vorweg: In Schweizer Spitälern hat sich die Überlebenshäufigkeit von extrem frühgeborenen Kindern[1] merklich verbessert. Zeitgleich konnte das Risiko einer mittleren und schweren neurologischen Entwicklungsstörung[2] (im Folgenden zusammenfassend als neurologische Entwicklungsstörung bezeichnet) substantiell reduziert werden.
Diesen Befund haben Forscher der Universitäten/Universitätsspitäler Bern, Zürich, Lausanne und Genf Ende 2012 publiziert.[3] Das erfreuliche Resultat basiert auf einer Auswertung von über 1‘000 extrem frühgeborenen Kindern, die routinemässig seit dem Jahr 2000 von der Swiss Neonatal Follow-up Group erfasst werden. Unter Anwendung von modernen statistischen Methoden konnten dabei Störfaktoren, wie z.B. Klinikunterschiede bei der Behandlung und unterschiedliche Rücklaufquoten der Nachbefragrungsdaten, minimiert werden. Dies wurde erst dadurch möglich, dass die Daten gesamtschweizerisch in einem Register statt nur durch einzelne Klinken erhoben werden. Dadurch erhöht sich die Sicherheit der Aussagen.
Zur Berechnung der Sterbewahrscheinlichkeit der Kinder und der Wahrscheinlichkeit für einen vorteilhaften Verlauf der Behandlung (die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind in der Folge nicht an einer neurologischen Entwicklungsstörung litt) wurden die Jahre 2000 – 2008 in drei Gruppen zu je 3 Jahren eingeteilt. Während die Sterberate in den Jahren 2000-2002 noch bei 44% lag, konnte diese in der Folge sukzessive auf 32% (2003-2005) und zum Schluss auf 28% (2006-2008) reduziert werden. Ähnlich verhielt es sich mit der Wahrscheinlichkeit eines vorteilhaften Verlaufs der Behandlung: In den ersten Jahren wiesen 27% der extrem frühgeborenen Kinder einen vorteilhaften Behandlungsverlauf auf, während diese Rate in den Folgejahren auf 36% bzw. 39% gesteigert werden konnte (siehe Diagramm).
Das zweite Ziel der Studie lag darin, diejenigen Risiko- und Präventionsfaktoren zu identifizieren, die im Zusammenhang mit der Sterbewahrscheinlichkeit bzw. mit dem Auftreten von neurologischen Entwicklungsstörungen stehen. Die Forscher unterschieden dabei zwei Gruppen von Faktoren: Solche die bereits bei der Geburt vorlagen (z.B. Gestationsalter, relatives Geburtsgewicht, Geschlecht, etc.) und solche, die erst während der Behandlung auftraten (z.B. künstliche Beatmung, Sepsis, Bronchopulmonale Dysplasie, etc.).
Bei denjenigen Faktoren, die bereits bei der Geburt vorlagen, zeigte sich, dass insbesondere das Gestationsalter, das relative Gewicht und die Abgabe von pränatalen Kortikosteroiden zur Lungenreifungsinduktion einen starken Einfluss ausübten – sowohl auf die Sterbewahrscheinlichkeit als auch auf das Auftreten von neurologischen Entwicklungsstörungen. Die Verabreichung von pränatalen Kortikosteroiden wirkte dabei präventiv, geringeres Gewicht und geringeres Gestationsalter dagegen erhöhten das Auftretensrisiko.
Drei Faktoren, die während der Behandlung auftraten, zeigten einen ausgeprägten Zusammenhang mit dem Auftreten von neurologischen Entwicklungsstörungen: Bronchopulmonale Dysplasie (Schädigung der Lunge), Gehirnschädigung und Retinopathie (eine Netzhauterkrankung). Kinder, welche während ihrer Behandlung von diesen Ereignissen betroffen waren, unterlagen entsprechend einem grösseren Risiko, auch von neurologischen Entwicklungsstörungen betroffen zu sein.
Mit der Erforschung derartiger Risikofaktoren ist natürlich noch keinem Kind geholfen. Die Kenntnis der Einflüsse auf z.B. neurologische Entwicklungsstörungen ist trotzdem von grossem praktischen Nutzen: Sie hilft, künftige Behandlungen sukzessive zu verbessern, Schwerpunkte zu setzen und abzuschätzen, wie gut die Chancen für eine gesunde Entwicklung bei extrem frühgeborenen Kindern sind.
[1] Als extrem frühgeborene Kinder werden diejenigen Kinder bezeichnet, die zwischen der 24. und der 28. Schwangerschaftswoche geboren wurden. Bei einer Regelschwangerschaft wird dagegen von 40 Schwangerschaftswochen ausgegangen.
[2] Eine schwere neurologische Entwicklungsstörung liegt vor bei einer schwergradigen Cerebralparese (Grad 3-5), einem schweren Entwicklungsrückstand oder bei vollständigem Verlust der Seh- oder Hörfähigkeit im Alter von 2 Jahren. Eine mittlere neurologische Entwicklungsstörung liegt vor bei einer schwächeren Cerebralparese, einem moderaten Entwicklungsrückstand oder einer stark eingeschränkten Seh- oder Hörfähgikeit.