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Isolde
Des Nachts überfielen mich die Träume. In einem befand ich mich im Meer. Ich wurde zum Grund hinabgezogen, als würde ich eine Last auf den Schultern tragen. Zuerst nahm ich ein dumpfes Schluchzen wahr, dann hob sich eine Gestalt vom trüben Wasser ab. Da sah ich Isolde. Sie trug ein grünes Gewand, Algen umrankten ihre Glieder und ihre flaschengrünen Haarfäden lagen über den Steinen. Sie waren wie Fesseln um ihren Körper gewunden. Dort wo ihre Beine sein müssten, war ein dunkler Fischschwanz zu erkennen und ihre Finger endeten in messerscharfen Krallen. Eine Strömung schwemmte die Algen auf die Seite und gab ihr Gesicht frei. Ihr Antlitz war von unmenschlicher Schönheit. Mit einer Stimme, die klang, als würde sie von weit her kommen, erzählte sie mir von ihrem Geliebten. Einst ertrank er in der See unter Hilferufen, die niemand gehört hatte. Nun trugen das Wasser und der Wind die Klagen Isoldes an die Ohren aller jungen Männer. Sie sagte, die Lüfte würden dich schon holen, damit du den, der ihr einst abhanden gekommen war, ersetzt. Dabei umfasste sie mit ihrer Hand ihr Herz, als könnte sie es heilen. Sie solle verstummen, wollte ich ihr sagen, doch mein Mund füllte sich mit Wasser. Ich wollte ihre die überwucherten Schultern schütteln. Doch als ich meine Hand ausstreckte, da griff ich bloss in die schwarze Nacht. Ich erwachte und horchte, ob der Wind schon pfiff. Doch nicht einmal das Geräusch eines Wagens war zu hören. Uns hat niemand etwas an, flüsterte ich mir zu und schlief wieder ein.
Ich beschloss glücklich zu sein und glaubte deinen Worten. Wir gingen zum Fluss und warfen uns ins kühle Wasser. Die Strömung war stark, ich versuchte gegen sie anzukämpfen, du hingegen schlossest die Augen und liessest dich mittragen. Als du schon weit hinter meinen Beinen triebst, schwamm ich hinter dir her. Eine Alge legte sich über meinen Handrücken, ich schüttelte sie ab. Sie trieb noch lange auf der Oberfläche und drehte strudelartig ihre Runden. Es war kurz nach Mittag, als ich auf der Wiese erwachte, auf die wir uns hingelegt hatten, du döstest noch vor dich hin. Ich legte meine Wange auf deine Brust und blickte ins Gras. Da sah ich die Halme, die sie sich bogen, ganz fein wie ein unmerkliches Zaudern der Nackenhaare. Als wir in der Wohnung waren, schlug ich die Tür hinter mir zu und drehte den Schlüssel. „Wir werden die Wohnung nicht mehr verlassen“, sagte ich dir. Du lächeltest mich müde an. Wir sassen auf dem Sofa. Du hörtest mit Kopfhörern Musik und ich las mit angezogenen Beinen und an die Armstütze gelehnt. Da fegte ein Windzug einen kleinen Käfer auf die Seite des Buches. Der Käfer krabbelte auf meinen Fingerrücken, den ich ihm anbot. Als ich aufstand um die Fenster zu schliessen, zerquetschte ich ihn zwischen meinen Fingern. Die Blätter des Baumes an der Ecke bogen sich alle in dieselbe Richtung.
Ich öffnete die Fenster nicht mehr, auch wenn du sagtest, du bräuchtest frische Luft. Ich schrie dir dann entgegen und schlug die Fenster zu, die du aufgesperrt hattest. Wir brauchen doch nur uns. Des Nachts fand ich mich in den Tiefen des Meeres wieder. Von weit her hörte ich es Gurgeln. Ich vernahm ein tiefes Schluchzen und sah grünes wogendes Haar. Die Algen umschlugen meine Knöchel, eine wickelte sich um meinen Hals. Ich wand mich in der tiefen Dunkelheit. Als ich die Ranken mit den Fingernägeln durchtrennen wollte, erwachte ich. Nun hörte ich wie er heulte, wie er durch die Spalten der Fensterläden pfiff und nach dir rief, dieser Wind, der unser Verderben ist. „Uns hat niemand etwas an“ sagte ich nun laut und nagelte die Fenster zu. Ich hämmerte mit meiner ganzen Kraft gegen die Wand. Ich machte Musik an und drehte den Knopf bis zum Anschlag. Das Dröhnen übertönte alles Geschrei und alles Gepolter.
Heute koche ich Eintopf. Ich schnippe und hacke das Gemüse, meine Hände riechen nach Zwiebeln. Das rote Fleisch zerhacke ich in kleine Stücke, sie glänzen. In der Pfanne zischt das Gemüse, zischt das Fleisch. Die Tomaten zerfließen und umfangen alles ganz weich. Der Eintopf bleibt lange auf den kleinen Flammen. Mit dem Duft vertreibe ich den Geruch der Küste. Ich gebe dir zu essen, dein Lieblingsessen. Merkst du nicht, wie ich mich um dich kümmere, wie ich dir über das Haar streiche und dir jeden Wunsch erfülle. Was möchtest du denn noch? Du möchtest gehen? Das geht nicht mehr.
In den Nächten, wenn wir schlafen, merke ich, wie du dich drehst und wendest. Du schlägst die Decke mit den Beinen weg und schüttelst den nassgeschwitzen Kopf. Und da weiss ich, dass du schon in ihren Fängen bist. Sobald ich die Augen schließe, höre die Brandung, spüre ich den Wind, der dich fortträgt, und sehe die Wellen, die sich auftürmen und dich mit dem Schaum verschlucken werden. Und sehe mich, die am Ufer steht und dir bloss nachschauen kann, wie du ins Wasser steigst und verschwindest.
Text der Kurzgeschicht
Maya Olah
© Maya Olah, die aus zürich