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M. ist eine Wirtschaftsordnung, in der die Tauschprozesse über Märkte mittels des Preismechanismus koordiniert werden. Staatl. Rahmensetzungen haben den Wettbewerb der Marktteilnehmer zu garantieren, sollen aber gleichzeitig deren Entfaltungsfreiheit möglichst wenig einschränken. Zugleich soll der Staat jene Güter bereitstellen, die öffentl. Charakter haben, aber privat zu erbringen unwirtschaftlich sind. Die M. setzt die Existenz von Geld (Geldwirtschaft), privatem Eigentum und frei über sich verfügenden Wirtschaftssubjekten sowie Rechtssicherheit, Markttransparenz und ein gewisses Mass an freiem Marktzugang voraus (Kapitalismus). Obwohl die reine Marktwirtschaft, in der die vollkommene Konkurrenz spielt, in keiner Volkswirtschaft je verwirklicht werden konnte, spielt diese Utopie in der sozioökonom. und ideolog. Diskussion bis heute eine grosse Rolle (Wirtschaftspolitik).
In vorindustrieller Zeit kontrollierten die Zünfte den Marktzugang. Unzünftige Ware, d.h. solche Güter, die nicht unter Aufsicht durch Zünfte hergestellt wurden, waren vom Handel ausgeschlossen. Die Zünfte wandten sich gegen die preissteuernde Funktion des Wettbewerbs, konnten aber nicht verhindern, dass sich die Kräfte des Marktes doch mitunter durchsetzten. Gleichzeitig führte die wettbewerbsablehnende Haltung der Zünfte und anderer Autoritäten zu dem Definitionsproblem, wie hoch der Preis für eine Ware oder Dienstleistung sein solle. Da er ja nicht durch den Markt bestimmt wurde, musste er, ähnlich wie in der Planwirtschaft, administrativ festgelegt werden. Die Festsetzung wurde vor der industriellen Revolution meist als "gerechter Preis" empfunden, der auch in Zeiten des Mangels oder des Überangebotes nicht unter- bzw. überboten werden sollte. Hinter solchen Festsetzungen stand der Gedanke, dass ein Gewerbe eine Familie auch ernähren sollte. In der frühen Neuzeit geriet dieses System immer stärker unter Wettbewerbsdruck, sei es durch technische Innovationen, sei es durch das Verlagssystem oder auch durch die Entstehung ganz neuer Gewerbezweige, die sich dem Zunftzwang von vornherein verweigerten, wie z.B. die Drucker. Aufklärung und Franz. Revolution gaben weitere Anstösse für die Aufhebung des Zunftzwanges; aber obwohl die Mediationsakte die Handels- und Gewerbefreiheit enthielt, vereitelten noch viele Hürden, dass die Käufer zwischen konkurrierenden Angeboten wählen und diese vergleichen konnten: Die vielen unterschiedl. Mass- und Währungssysteme in den einzelnen Kantonen liessen einen Vergleich der Angebote kaum zu, und Zollschranken hinderten den Warenverkehr zwischen den Kantonen. Erst die Bundesverfassung von 1848, mit der Masse, Gewichte und das Postwesen vereinheitlicht, die Binnenzölle aufgehoben wurden und die Aussenhandelspolitik auf den Bund überging, schuf die Voraussetzung für einen innerschweiz. Wettbewerb und für das wirtschaftl. Wachstum, welches die Schweiz in der 2. Hälfte des 19. Jh. erlebte.
Wirtschaftsliberale Ideen haben seit der Mitte des 19. Jh. in der Schweiz Fuss gefasst (Liberalismus). Nach Adam Smith richtet es der unverfälschte Markt mit seiner unsichtbaren Hand ("invisible hand"), dass ein ökonomisch optimales Ergebnis für die jeweilige Gesellschaft entsteht, wenn alle Wirtschaftsubjekte ihren eigenen Interessen nachgehen. In seiner Vorstellung existierten nur kleine, aber viele Marktteilnehmer, so wie auf einem grossen Wochenmarkt. In der Tat funktionierte der Wettbewerb in der schweiz. Textilindustrie während des 19. Jh. überwiegend auf diese Weise. Gleichzeitig manifestierten sich aber auch gegenläufige Tendenzen. Gemäss dem Wirtschaftshistoriker Alfred Chandler können wenige grosse Unternehmen den Markt derart beeinflussen, dass Adam Smith' Voraussetzungen nicht mehr gegeben sind, sondern diese Unternehmen den Markt vielmehr mit ihrer "visible hand" zu ihren Gunsten gestalten (Monopole). Auch diese Entwicklung wurde schon im 19. Jh. in der Schweiz in einigen Branchen sichtbar. Einige Bereiche des Nahrungsmittelsektors wurden nahezu vollständig durch die Rivalität zwischen den Firmen Nestlé und Anglo-Swiss bestimmt, bis diese fusionierten. Ähnliches gilt z.B. für die Schokoladenherstellung bis in unsere Tage.
Die moderne M. entstand in Symbiose mit der Industrialisierung und hat seitdem mehr und mehr Sphären menschlicher Existenz in ihren Bann gezogen. Sie hat unter anderem Denk- und Verhaltensmuster verändert, das Freizeitverhalten kommerzialisiert, Kulturgegenstände zu Spekulationsobjekten gemacht und die wissenschaftl. Forschung weitgehend unter ihren Verwertungsaspekt gestellt. Ihre Legitimation bezog sie einerseits aus ihrer traditionellen Verknüpfung mit der Demokratie und andererseits aus der ihr innewohnenden innovativen Dynamik. Diese führte zu wohlfahrtssteigernden Effekten, sie muss aber gleichzeitig auch mit dem Expansionismus der Kolonialzeit und dem Kulturimperialismus in Zusammenhang gesehen werden.
Da nicht alle Menschen gleichermassen wettbewerbsfähig sind (z.B. Kinder, Kranke usw.), wurde die M. z.B. von Vertretern der christl. Soziallehre als unmenschlich bzw. von solchen des Marxismus als ausbeuterisch kritisiert. In der Tat versuchten die versch. Staaten schon bald nach Einführung der M. Auswüchse zu beschneiden, weil die Nachteile der ungehinderten M. für Teile der Bevölkerung und auch für das Sozialsystem insgesamt zu gross zu werden drohten. Infolgedessen regelte z.B. das Glarner Fabrikgesetz von 1864 - erstmalig in Europa - die Länge des Arbeitstages für Erwachsene. Mit dem Ausbau der Sozialgesetzgebung im 20. Jh. wurde nach und nach die soziale M. geschaffen (Sozialstaat). Mit Gesetzen und Verordnungen hat der Staat auf lokaler, kantonaler und nationaler Ebene vielfach regulierend, d.h. gegen den Marktmechanismus, eingegriffen. Seit den 1930er Jahren hatte sich die Zuversicht verbreitet, man könne die M. mit staatl. Mitteln ergänzend steuern. Das auf dem Keynesianismus aufbauende, in den 1960er Jahren entwickelte Instrumentarium der Globalsteuerung sollte der Theorie nach ein gleichmässiges Wachstum, Arbeitsplätze (Arbeitsbeschaffung) und Geldwertstabilität (Geld- und Währungspolitik) durch Eingriffe, die den Marktmechanismus einschränkten, sichern; in der Praxis blieben allerdings die Möglichkeiten des Bundes, einen zusätzlichen Nachfrageimpuls auszulösen, infolge des förderalist. Staatsaufbaus der Schweiz und des schmalen Budgets der Landesregierung äusserst begrenzt, so dass entsprechende Interventionen nur geringe reale Effekte auslösten und deshalb oft als blosse symbol. Massnahmen kritisiert wurden. Noch 1947 garantierten die Wirtschaftsartikel in der Bundesverfassung den Grundsatz der Handels- und Gewerbefreiheit. Jedoch führten in den folgenden Jahren die Notwendigkeit staatl. Kontrolle und gleichzeitig das Vertrauen in die Gestaltungsfähigkeit des Staates zu einer Reduzierung der marktwirtschaftlich erforderl. Handlungsfreiheit. Der Bund erhielt 1971 zusätzl. Eingriffsrechte auf ökolog. Gebiet, 1978 auf dem der Konjunkturbeeinflussung und 1982 bezüglich der Preisüberwachung. So notwendig diese Erweiterungen jeweils waren, prinzipiell schränkten sie auch gleichzeitig die Handlungsfreiheit und damit die Grundlage der M. ein.
Auf dem Arbeitsmarkt zeichneten sich schon früh Tendenzen zu einem Korporativismus ab. Der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit, der im Landesstreik von 1918 aufgerissen worden war, verringerte sich in einem langen Prozess, der bis nach dem 2. Weltkrieg dauerte. Die Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitnehmern und -gebern war nur ein Teil eines immer fester und enger geflochtenen Netzes, das zwischen Staat und Wirtschaft durch Verbände und Gewerkschaften entstand. Dieses korporatist. System, welches nach dem 2. Weltkrieg durch die sog. Zauberformel im Bundesrat noch ergänzt wurde, atmete nicht das Gedankengut der freien M., sondern dasjenige der Kooperation; seine Akteure waren und sind weder planwirtschaftl. Instrumenten noch Kartellen abhold. Die schweiz. Agrarpolitik war besonders von solchen Tendenzen geprägt; aber auch andere Bereiche und Branchen beanspruchten erhebliche staatl. Unterstützung (Exportrisikogarantie, später Bonny-Beschluss usw.). Trotzdem bildete gerade dieses System, welches die M. überformte, die Basis des wirtschaftl. Erfolges nach dem 2. Weltkrieg bis in die 1980er Jahre, wenn nicht gar bis heute. Während in den anderen entwickelten Staaten die 1970er Jahre das Krisenjahrzehnt markieren, konnte die Schweiz zur Vollbeschäftigung zurückkehren. So blieb der Aufbau des Wohlfahrtsstaates bis in jenes Jahrzehnt hinein weitgehend positiv bewertet. Erst ab den 1980er Jahren nahm die Kritik am Sozialstaat zu; Hauptkritikpunkte waren neben den Finanzierungsproblemen (Monetarismus) die Verordnungs- und Vorschriftenflut. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion forderten die Vorkämpfer des Neoliberalismus in den 1990er Jahren eine grundsätzl. Deregulierung und einen weitgehenden Rückzug des Staates aus allen Bereichen der Wirtschaft, Steuersenkungen, Reprivatisierungen, Beschränkung wohlfahrtsstaatl. Zuwendungen auf "wirklich" Bedürftige, die weitere Öffnung des Binnenmarktes und nicht zuletzt eine weitgehende Deregulierung des Arbeitsmarktes, damit die M. erneut an Dynamik gewinne. Um 2000 wurden allerdings angesichts des Arbeitsplatzabbaus bei gleichzeitig steigenden Managergehältern und einer Reihe von "ordnungspolitischen Sündenfällen", für die auch diejenigen bürgerl. Parlamentarier stimmten, die sonst der Deregulierung das Wort reden, wieder Stimmen laut, die kritische Argumente gegen eine naive Marktgläubigkeit vorbringen.
Literatur
– S. Borner et al., Schweiz AG, 1990
– H. Letsch, «Lenkungsabgaben statt Ordnungspolitik? Systemwidriges, marktwirtschaftlich verpackt», in Orientierungen zur Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik 43, 1990, Nr. 1, 49-53
– W. Wittmann, «Das Soziale in der M.», in Management Zs. 60, 1991, 89 f.
– W. Wittmann, «M. in der Schweiz?», in Management Zs. 61, 1992, 97 f.
– P. Weidkuhn, Reizwort M., 1998
– K. Armingeon, «Wirtschafts- und Finanzpolitik der Schweiz», in Hb. der Schweizer Politik, hg. von U. Klöti et al., 1999, 725-766
– P. Rosanvallon, Le capitalisme utopique, 1999
– W. Wittmann, «M. für den Arbeitsmarkt», in Management Zs. 60, 1999, 97 f.
– P. Ulrich, Der entzauberte Markt, 2002
Autorin/Autor: Harm G. Schröter