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Die Fondation Beyeler widmet dem amerikanischen Maler die erste Einzelausstellung im deutschsprachigen Raum. 65 Gemälde und Zeichnungen zeigen sein vielseitiges Schaffen.
Wayne Thiebaud (1920-2021) gehört zu den führenden Vertretern der amerikanischen figurativen Kunst und steht in der Tradition von Edward Hopper und Georgia O’Keeffe. Früh interessiert er sich für Comics und Zeichentrickfilme. Kurzzeitig arbeitet er in der Trickfilmabteilung der Walt Disney Studios und später als Werbegrafiker, was ihn als Cartoonist beeinflusst. Viele seiner Gemälde sind in Öl auf Leinwand gemalt.
35 Cent Masterworks, 1970-72
Der Künstler malt abseits der grossen Kunstmetropolen und unabhängig von den jeweils vorherrschenden Kunstbewegungen. Aufgrund seines Interesses an Objekten der Populärkultur wird er oft der Pop-Art zugerechnet, was er jedoch stets ablehnt; eher gehört er zu ihren Vorläufern.
Zu seinen Vorbildern zählt er Diego Velázquez, Paul Cézanne, Claude Monet oder Piet Mondrian, die er auch in seinem Werk 35 Cent Masterworks in Form billiger Reproduktionen auf dem Zeitschriftenständer fein säuberlich arrangiert vorstellt. Mit dem Preisschild von 35 Cent thematisiert er überdies das Verhältnis von Original und Reproduktion auf ironische Weise.
Die Ausstellung, kuratiert von Ulf Küster, präsentiert die wichtigsten Werkgruppen: Stillleben, Figurenbilder, Stadtansichten und Landschaften.
Pie Rows, 1961. Die Kuchenstücke fügen sich neben- und hintereinander zu einem geometrischen Muster. Foto: Matthew Kroening
Zu Thiebauds populärsten Stillleben gehören die Sweeties: Kuchen- und Tortenstücke oder Eiscreme-Waffeln, die sich hübsch präsentiert in Auslagen und auf Tellern aneinanderreihen. Sie verführen nicht nur den Gaumen, sondern auch das Auge in ihrer intensiv leuchtenden Farbigkeit. Der Farbauftrag erinnert an das Verstreichen von Schlagsahne oder das Glasieren der Torten. Als abstrakter Maler – wie er sich selbst nennt – weist er darauf hin, dass ihm die Kuchenstücke ermöglichen, die Komposition in Form, Farbe, Licht und Textur künstlerisch zu erkunden.
Two Jackpots, 2005. Foto: rv
Zu den Stillleben gehören auch die Spielautomaten, wie Two Jackpots, 2005, sogenannte «Einarmige Banditen», die für kleines Geld die Chance auf den Hauptgewinn verheissen. Besonders reizvoll sind die spiegelnden Farbtöpfe mit herabtropfender Farbe sowie die bunten Pastellkreiden. Sie geben Einblick in den Arbeitsalltag des Künstlers, der hier seine Malutensilien fast fotorealistisch darstellt.
Girl with Pink Hat, 1973. Foto: Katherine Du Tiel
Die Figurenbilder malt Thiebaud in demselben intensiven Kolorit wie die Stillleben. Die Personen wirken realistisch, posieren aber in ungewöhnlich statischen Köperhaltungen. Dem Bild Eating Figures (Quick Snack), 1963, unterlegt er jene Komik, die man in vielen seiner Werke vorfindet. Ein Paar sitzt dicht nebeneinander auf zwei Barhockern, er im braunen Anzug und Krawatte, sie im bunten Sommerkleid. Lustlos blicken sie auf ihre Hotdogs und Getränke im Pappbecher, die sie in den Händen halten. Fastfood wird hier mit den Mitteln der Ironie ad absurdum geführt.
Das Mädchen mit pinkfarbenem Hut blickt ebenso unbestimmt vor sich hin. Die Körperlichkeit der Figur und der voluminöse Hut kontrastieren mit der leeren Wand. Ausgeprägt sind die farbigen Schatten im Gesicht sowie die bunten Konturlinien, die den Körper akzentuieren und die Tönung der Haut beleben. Auffallend ist auch der Schattenwurf, den er in zahlreichen Gemälden sorgfältig wiedergibt.
White Riverscape, 2008-2010, Foto: rv
Ab den 1990er Jahren lässt sich Wayne Thiebaud von landwirtschaftlich intensiv genutzten Flächen in der Nähe seines Wohnorts Sacramento zu einer Reihe von panoramaartigen Motiven inspirieren. In diesen Landschaften in der Vogelperspektive entdeckt man immer wieder neue Details: eine schnurgerade verlaufende Strasse und Brücke, Bäume, eine rauchende Maschine, Felder, in Strukturen aus perspektivisch unterschiedlichen Winkeln und Bildebenen. Durch die optischen Verschiebungen wirkt das Terrain einerseits ganz nah, andererseits weit entfernt, und erzeugt so faszinierende Ausblicke.
Die grosse Werkserie am Schluss der Ausstellung ist den Städte- und Gebirgslandschaften gewidmet. Der Blick aus dem Fenster eines Hochhauses lässt die Häuser und Strassen darunter wie Spielzeuge aussehen.
City Views, 2004, Trilogie. Foto: rv
Für seine Stadtansichten lässt sich der Maler massgeblich von San Francisco inspirieren. Er setzt die Stadt mit ihren achterbahnartigen Steigungen und steilen Strassen auf fantasievolle, surreale Weise ins Bild. Mittels starker Kontraste, Vertikalen und Diagonalen, schafft er es, schwindelerregende in die Höhe gekippte Strassenzüge darzustellen und die Betrachtenden zum Staunen zu bringen. Die Bilder haben ebenso symbolhaften Charakter und verweisen auf die zeitgenössische US-amerikanische Stadtlandschaft, die von einem dicht ausgebauten Strassennetz und von Ballungszentren geprägt ist und dabei seltsam entleert wirkt.
Blue Ridge Mountain, 2010. Foto: rv
Zu seinen am bizarrsten erscheinenden Darstellungen gehören die Abhänge, wie Rock Ridge, 1962, oder Canyon Mountains, 2011/12. Sie zeigen steile Felswände, die von Hochplateaus abfallen, auf denen sich zuweilen detailliert gemalte Landschaften miniaturartig ausbreiten. Massige, überhöhte Felsen und Schluchten, zu deren Plateau sich mitunter enge Strassen in Serpentinen hochwinden, mit winzigen Autos und Figuren darauf. Diese Steilhänge erwecken einen beinahe bedrohlichen Anschein, als ob man in die Abgründe stürzen könnte.
Titelbild: Two Paint Cans, 1987. Foto: Matthew Kroening
Bilder: © Wayne Thiebaud Foundation/2022, Pro Litteris, Zurich
Bis 21. Mai 2023
«Wayne Thiebaud» in der Fondation Beyeler, Riehen/Basel
Katalog zur Ausstellung, CHF 62.50