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1988 reisten meine Geliebte und ich im Sommer in den brasilianischen Winter. Es war meine erste Reise nach Südamerika.
Die ersten 2 Wochen verstand ich lediglich estação, Bahnhof, verpasste erfolgreich immer wieder den sprachlichen Anschluss.
Ich hörte den Gesprächen, dem Fernseher und dem Radio sehr konzentriert zu, versuchte meine Italienischkenntnisse mit dem Gehörten abzugleichen, aprendi pouco a pouco palavra por palavra, lernte nach und nach Wort um Wort dazu, übte mich als Papagei, fiel abends todmüde na cama, ins Bett.
Als meine zukünftige Schwiegermutter mich in einem Gespräch fragte, welche gemeinsame Zukunft ich mit ihrer Tochter sehe, verstand ich immer noch hauptsächlich estaçao, lächelte und antwortete “Sim, sim”, “Ja, Ja.”
Manchmal muss man nicht alles verstehen, damit es gut kommt.
Nach 3 Wochen träumte ich auf Portugiesisch, fühlte ich mich mais seguro, sicherer.
Etwa eine Woche nachdem die Mutter meiner Partnerin das Gespräch mit mir gesucht hatte, stand das Paar ca. 1000 Kilometer von Joaçaba entfernt um 7 Uhr morgens auf dem Bahnsteig des Bahnhofs Campo Grande und wartete auf den Zug des Todes, o trem da morte, welcher uns nach Corumbá bringen sollte.
O trem da morte verbindet Brasilien mit Bolivien und stand damals im Ruf, immer wieder für den Rauschgifttransport genutzt zu werden.
Um 13:30 Uhr, unser Magen war leer, der Bahnsteig brechend voll, gab sich der Zug die Ehre.
Er war noch nicht ganz zum Stillstand gekommen, als das absolute Chaos ausbrach.
Gepäckstücke wurden aus den Fenstern geworfen, gleichzeitig wollten Passagiere schreiend und handgreiflich durch die Türen und Fenster ein- und aussteigen.
Gringo staunte, während seine Partnerin zwei Plätze erkämpfte.
Auf den nächsten 427 Kilometern ruckelten wir eingepfercht 11 Stunden lang durch den menschenleer wirkenden brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul, welcher fast neunmal grösser als die Schweiz ist und bloss 3 Millionen EinwohnerInnen hat.
Bis ca. 1950 war der Zug in Brasilien das Hauptverkehrsmittel.
Ab 1854 transportierten beispielsweise Zugwaggons geernteten Kaffee von den Plantagen zu der Küste, wo er auf Schiffe verladen wurde.
Viele Zuglinien wurden ursprünglich von ausländischen Investoren finanziert.
Als Gegenleistung sicherten sich viele von ihnen Nutzungsrechte auf beiden Seiten der Zugschienen.
Diese Nutzungskorridore, sie konnten bis zu 10 Kilometer breit sein, wurden fleissig genutzt, um kostbares Holz zu schlagen.
In der Mitte des letzten Jahrhunderts entschloss sich die brasilianische Regierung den Hauptfokus auf den Ausbau von Autostrassen zu legen.
Die USA unterstützten damals mit enormen finanziellen Mitteln den Aufbau der Automobilindustrie.
Eine Zuglinie nach der anderen stellte in den nächsten Jahrzehnten mangels staatlicher und privater Unterstützung den Betrieb ein.
Estação nach estação wurde gestrichen. So auch der kleine Bahnhof von Herval d’Oeste, die Nachbargemeinde von Joaçaba.
Er dient heute als Kinderkrippe.
Tausende Kilometer Zugschienen rosten jetzt vor sich hin oder werden langsam von der Wildnis überwuchert, während im Gegenzug Joaçaba und alle anderen brasilianischen Städte im Verkehr ersticken.
Als meine Geliebte 1989 den Schweizer Fahrausweis absolvierte, warnte ihr Experte sie während der praktischen Fahrprüfung vor dem Stossverkehr beim Spalentor.
Sie, an das Chaos auf Curitiba’s Strassen gewohnt, suchte erstaunt und erfolglos nach der Begründung seiner Aussage.
Sie bestand die Prüfung, weil der Experte den Eindruck gewann, dass sie im Überleben auf der Strasse gut geübt sei.
Der brasilianischen Bevölkerung wurde die Ausrichtung der Fussballweltmeisterschaft 2014 und der Olympiade 2016 schmackhaft gemacht, indem die Regierung Schnellzugverbindungen zwischen den Grossstädten in Aussicht stellte.
Die sportlichen Grossveranstaltungen fanden statt. Der Bau der Zuglinien blieb gänzlich auf der Strecke.
Böse Zungen behaupten, die Automobillobby habe sehr gute Arbeit geleistet.
Ich bin dankbar, dass a estação português in meinem Kopf heute nicht mehr ausschliesslich als Sackbahnhof fungiert.
Vale.
Joaçaba, 17. März 2022