Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03469.jsonl.gz/2443

Das Blatt dieser kleinen, im Jardin des Plantes stehenden Zypresse, das ich während meines Spaziergangs zerkaue, schmeckt aromatisch, vollmundig hölzern. Es lässt sich gut nachvollziehen, weswegen Winzer einst ihren Wein damit würzten. Eine kurze Weile stehe ich alleine an der Fussgängerampel, dann holt er mich ein. Steht neben mir, richtet wie ich den Blick in den rauschenden Verkehr, wartet wie ich auf das grüne Feuer, wie die Franzosen sagen. Wir sind zwei wartende Fussgänger, vom Zufall an dieselbe Ampel gespült. Auch als wir fast im Gleichschritt, jedenfalls im gleichen Tempo die Strasse queren, ahne ich noch nichts. Erst als ich mein Tempo drossle, um nicht weiterhin direkt neben ihm zu gehen, sehe ich, dass er, gehalten von einer Haushaltschnur, eine Campingmatte am Rücken trägt. Sie ist grau, verschmutzt und wird überragt vom Griff eines Schirms, um den sie gewickelt ist. Schritte später entdecke ich seine nackten, aus den schwarzen Schuhen ragenden Knöchel, die aufgrund der Temperatur, nah um den Gefrierpunkt, stark gerötet sind. Jetzt ist klar: dieser Mann ist kein Müssiggänger, er führt seine Gedanken nicht der Seine entlang spazieren. Ich bemerke seinen ausgesprochen aufrechten Gang, den erhobenen Kopf. Als er den Gehsteig verlässt, sich auf einer Treppe dem Fluss nähert und jener Strasse folgt, die dreissig, vierzig Meter vor ihm wie in einem Tunnel unter dem breiten, niedrigen Brückenbogen des Pont Sully verschwindet, da weiss ich: es ist dieser Mann, der mich seit Tagen beschäftigt. Auf dem von anderen Fussgängern gemiedenen Gehsteig schreitet er unter das Dach des Brückenbogens, arrangiert im Halbdunkel seine Habe und legt sich schliesslich in den roten Schlafsack, der mir bereits auf einem Spaziergang zu Beginn meines Aufenthalts in Paris aufgefallen war. Ich frage mich, wie er dazu kam, dieser Metropole gerade dort eine klägliche Heimstätte abzutrotzen. Es gibt Unzählige, die in dieser Stadt in Lebensumstände geraten sind, die jeder Beschreibung spotten. Viele haben die Geste der hohlen Hand oder des leeren Pappbechers längst aufgegeben. Reglos sitzen sie in der Kälte. Neben Geldautomaten. Auf Kartons. Auf von warmer Abluft durchströmten Metallgittern. Gestalten mit erloschenen Gesichtern, ihre Körper schon fast skulptural. Ihre leisen Worte, ihr monsieur!, ihr madame!, sind im Vorbeigehen kaum zu vernehmen – und doch gehen ihre Stimmen unter die Haut. Wenn es dämmert, suchen sie, manchmal in Gruppen, ihre nächtlichen Nischen auf. Aber der Mann, mit dem ich eben noch Schulter an Schulter an der Ampel stand, verschwindet allabendlich allein unter der Brücke. Auf der Strasse, die unter dem Brückenbogen durchführt, jagen pro Minute mehr als hundert Fahrzeuge dahin. In seinem Schlafsack liegt der Mann kaum mehr als drei Meter von der äusseren Fahrspur entfernt. Die anderen Bögen der Brücke eignen sich nicht für ein Nachtlager, sie überwölben den glanzlosen, seine Geheimnisse wahrenden Fluss.
Man sagt, die Blätter der Zypresse wirkten antiseptisch, antibakteriell und fiebersenkend. Einige Quellen sprechen auch von ihrem guten Einfluss bei psychischer Verstimmung, Zerstreutheit und Trauer. Falls das stimmt, würde ich diese Wirkung gerne diesem Mann zukommen lassen. Ich halte an, drehe mich um, mache mich auf den Rückweg in den Jardin des Plantes, zurück zu dem immergrünen Baum: Auf dass dieser Mann dereinst wieder zurückfinden möge. Wenn nicht zurück in diese unsere Welt, dann vielleicht doch immerhin in die Gemeinschaft derjenigen, die sich bisweilen in Gruppen zu einem guten Dutzend unter einem ruhigeren Vordach zusammentun.
Urs Mannhart
ist Schriftsteller und Reportagejournalist. Zuletzt von ihm erschienen: «Bergsteigen im Flachland» (Secession, 2014). In seiner Kolumne «Kraut und rüber» bereist er die Schweiz und erzählt von Orten, Wegen und wilder Naturkulinarik.