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festival
«Eine Marktlücke wird sehr schnell zur Sackgasse»
Welches Potenzial in den beiden Cellokonzerten von Bohuslav Martinů steckt, hat die Cellisten-Gemeinschaft unterdessen langsam realisiert. Eine Handvoll CD-Einspielungen sind in den letzten Jahren erschienen, und beim vergangenen Lucerne Festival hat Sol Gabetta mit einer fulminanten Interpretation des ersten Konzerts das KKL erbeben lassen. Dass es ein drittes konzertantes Werk für Cello und Orchester von Martinů gibt, wissen hingegen immer noch nur wenige. 1940, kurz bevor er Europa verliess und auf ziemlich abenteuerlichen und gefährlichen Wegen ins amerikanische Exil flüchtete, hat Martinů diese nachdenkliche, dramatische, halbstündige «Sonata da camera» in Südfrankreich geschrieben und seinem Freund, dem Cellisten Henri Honegger, gewidmet. Erst 1943 wurde es in Genf von diesem und dem Orchestre de la Suisse Romande unter Ernest Ansermet uraufgeführt.
Mag sein, dass es mit seinem unspektakulären Titel «Sonata da camera» weniger Aufmerksamkeit unter den Cellisten gewann, eher aber, dass die vergleichsweise zu den Cellokonzerten weniger extrovertierte, weniger spielerische, weniger gut gelaunte Atmosphäre das Werk etwas ins Abseits gelangen liess. Wo aber sollte es besser auf seine Qualitäten aufmerksam machen können, als bei den Martinů-Festtagen in Basel, zumal sich mit Nicolas Altstaedt ein Musiker seiner annimmt, der fast schon paradigmatisch für Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit steht.
Nicolas Altstaedt, 1982 in Heidelberg in eine deutsch-französische Ärzte-Familie geboren, ist nicht nur Solist in diesem Kammerkonzert von Martinů, er dirigiert das Orchestre de Chambre de Lausanne daneben auch in einem weiteren, praktisch nie zu hörenden Werk von Martinů, einer Suite aus dem Opern-Einakter «Komödie auf der Brücke» von 1935: Zwischen zwei verfeindeten Dörfern, gibt es als einzige Verbindung nur eine von beiden Seiten schwer bewachte Brücke. Wer aus welchen Gründen auch immer von der einen auf die andere Seite gelangen will, gerät in handfeste Schwierigkeiten. Ein Thema, das wunderbar passt zu Martinůs spritziger, kurzweiliger Musiksprache. Die Suite wird kontrastiert mit der ähnlich gelagerten Musik von Martinůs Freund aus Pariser Jahren, Albert Roussel. Zudem setzt sich Altstaedt, der sich immer öfter auch als Dirigent profiliert, auch in diesem Konzert dezidiert für Haydn ein, den er auch heute für einen der unterschätzten Komponisten hält, und hat die «Militärsinfonie» programmiert.
Nach Studien bei Ivan Monighetti in Basel wurde für Nicolas Altstaedt ein Traum wahr und er konnte bei Boris Pergamenschikow weiterstudieren. «Monighetti ist ein sehr individueller Mensch und Cellist. Er hat in jedem Repertoire seine eigenen Ansichten und Erfahrungen, hat viel neue Musik gemacht, aber auch Barock. Bei ihm habe ich sehr viel über die Musik gelernt, während ich zuvor in Detmold vor allem Technik und Handwerk gelernt habe. Aber Pergamenschikow war schon immer mein Traum-Lehrer, ich wollte unbedingt zu ihm und war sehr glücklich, als es klappte. Ich habe bloss seine letzten eineinhalb Jahre miterlebt, aber unendlich viel gelernt. Er hatte nur wenige Schüler und widmete ihnen viel Zeit. Es waren keine Stunden, sondern Sessions mit konzentrierter Arbeit. Er war auch ein genialer Pianist und hat uns sehr viel beigebracht über das Umfeld der Werke und die Kulturgeschichte.»
Noch mehr geprägt aber habe ihn ein anderer Lehrer, sagt Nicolas Altstaedt: «Die wichtigste Begegnung für mich – künstlerisch und menschlich – war und bleibt Eberhard Feltz. Von ihm lerne ich am meisten. Ich arbeite regelmässig mit ihm, und jede Begegnung bleibt eine Offenbarung. Er ist sein ganzes Leben lang Autodidakt gewesen und hat durch eigenes Lernen, Hören, intuitive Wahrnehmung und klaren Verstand einen transzendentalen und universellen Zugriff auf Partituren entwickelt. Durch die Arbeit mit ihm erschliesst sich nicht nur die Musik, sondern das Menschsein auf allen Ebenen, das Verständnis ganzer Epochen. Für mich wirken Werke, die ich seit Jahren gespielt habe, wie beim ersten Mal. Wir hören harmonische Verläufe und Spannungen; wir arbeiten an der Grossstruktur und Rhetorik, wir gehen zurück zur Geburtsstunde der Komposition.»
Gleichermassen ernsthaft wie vielseitig steht Altstaedt auch dem Musikmarkt und seinen Auswüchsen sehr kritisch gegenüber: «Wer sich nur um seine Karriere kümmert, der ist auf dem falschen Weg. Ich glaube, dass sich Arbeit und Qualität letztlich durchsetzen. Alles andere generiert vielleicht seinen Hype und verschwindet wieder. Wer es machen muss, der soll es tun, jeder hat seine eigene Messlatte. Die Marktlücke wird dann sehr schnell zur Sackgasse.» Dazu passt bestens, dass Altstaedt seit 2012 erfolgreich das von Gidon Kremer gegründete Kammermusik-Festival in Lockenhaus leitet. «Behinderungen im Konzertbetrieb gibt es genug, in Lockenhaus kann man sich ausleben. Mich interessiert nur, wer etwas zu sagen hat, alles andere ist egal. Lockenhaus ist ein offener Ort, an dem alles gemacht werden darf und gemacht werden soll.»
Denn, wo auch immer er auftritt und etwas bewirken kann, ist es ihm ein glühend ernsthaftes Anliegen, die Menschen für die klassische Musik zu gewinnen: «Ich möchte einfach, dass die Leute merken, dass Musik etwas Unentbehrliches ist und schlicht zu unserer Existenz gehört. Ich glaube, dass der Mensch ohne Kultur ein Nichts ist. Eigentlich ist er dann gar kein Mensch, weil es die Kultur, die Kunst ist, die den Menschen vom Barbarischen und vom Animalischen unterscheidet. Harnoncourt nennt es die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet. Ich glaube zudem, dass Musik und Kunst das Beste für die Menschheit ist, weil wir vor der Kunst alle gleich sind. Vor einer Symphonie von Beethoven sind wir per Du, alle auf Augenhöhe vor einem solchen Monument.» ■