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«Wahnsinn in der Methode»
Die britische Premierministerin Margaret Thatcher erklärte den Kampf gegen die menschengemachte Klimaerwärmung vor dreissig Jahren in einer Uno-Rede zur Priorität. Sie warnte aber auch als Erste vor der Politik des Weltklimarates.
Im Spätherbst 1989 stand die Welt vor einem Neuanfang. Der Kalte Krieg war soeben friedlich zu Ende gegangen, der Warschauer Pakt löste sich zusammen mit dem real existierenden Sozialismus in nichts auf, die Supermächte hatten sich auf nukleare Abrüstung und Kooperation geeinigt, wie es noch wenige Jahre zuvor undenkbar gewesen wäre. Hoffnung machte sich breit. Anstatt sich selber zu vernichten, konnte sich die Menschheit nun endlich mit vereinten Kräften um die arg strapazierte und vernachlässigte Umwelt kümmern.
Vor diesem Hintergrund hielt die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher am 8. November 1989 – es war der Tag vor dem Fall der Berliner Mauer – an der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York eine Rede, welche in die Geschichte eingehen sollte. Der einstündige Vortrag war nur einem Thema gewidmet: «CO2 und der menschengemachte Klimawandel.» Thatcher, die sich als Kriegsministerin und neoliberale Reformerin den Übernamen Eiserne Lady redlich verdient hatte, plädierte eindringlich dafür, die Friedensdividende in den Schutz der Atmosphäre zu investieren.
Strategische Motive?
Sonnenaktivität, Vulkane und das Plankton im Meer allein, so Thatcher, könnten die Erwärmung des Planeten nicht erklären. Milliarden von Tonnen Kohlendioxid (CO2), die seit der industriellen Revolution Jahr für Jahr in die Atmosphäre gepustet werden, dürften gemäss wissenschaftlichen Erkenntnissen eine wichtige Rolle spielen. Eindringlich warnte sie vor schmelzenden Eisflächen an den Polen und brennenden Regenwäldern in den Tropen. Diese Bedrohungen seien nur durch im Rahmen der Uno international verbindlich beschlossene Massnahmen zu meistern. Als Vorbild nannte Thatcher das Verbot von FCKW (Fluorchlorkohlewasserstoff) zum Schutz der Ozonschicht.
Thatcher stand nicht eben im Ruf einer Umweltaktivistin. Wollte sie mit einem ökologischen Lippenbekenntnis ihr Image etwas aufpolieren, wie Skeptiker unkten? Stand ihrem Plädoyer gegen CO2 etwa der erbitterte Kampf gegen die Bergarbeitergewerkschaften Pate? Es war die Zeit, als in der Nordsee grosse Gasfelder entdeckt wurden. Sie boten eine umweltfreundlichere und wirtschaftlichere Alternative zur vormals in Grossbritannien hoch- subventionierten Kohle. Die als nuklearfreundlich bekannte Premierministerin selber wies in ihrer Rede zweimal auf die Kernenergie hin, die einen «umwelttechnisch sicheren» und nachhaltigen Ausweg aus der fossilen Luftverschmutzung biete.
Man täte Thatcher indes unrecht, wenn man ihr allein strategische Motive unterstellte. Die studierte Chemikerin hatte stets ein offenes Ohr für naturwissenschaftliche Themen. Der Spitzendiplomat Sir Crispin Tickell, der das Vereinigte Königreich unter Thatcher an der Uno in New York vertrat, gehörte nicht nur zu ihren Vertrauten, er war auch ein Pionier unter den Klimawarnern. Tickell ging zwar in den 1970er Jahren, wie in jener Zeit die meisten Klimaforscher, noch von einer drohenden neuen Eiszeit aus. Doch in den 1980er Jahren switchte auch er auf die Erwärmungstheorie. Der Meteorologe und Atmosphärenphysiker Sir John Houghton, ebenfalls ein Vertrauter von Thatcher, war von allem Anfang an eine treibende Kraft beim 1988 ins Leben gerufenen Uno-Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) gewesen.
Zuerst Wachstum
Margaret Thatcher gehörte allerdings auch zu den Ersten, die vor dem Missbrauch der Klimaforschung für politische und ideologische Zwecke warnte, und zwar eindringlich. Bereits in ihrer Uno-Rede von 1989 widmete sie dieser Gefahr mehr als die Hälfte ihres Plädoyers für den Schutz der Atmosphäre. «Bevor wir etwas tun, brauchen wir die bestmögliche wissenschaftliche Grundlage», mahnte die Premierministerin, «sonst riskieren wir die Dinge schlechter zu machen.»
«Ebenso wie die Wissenschaft brauchen wir eine gesunde Wirtschaft», beschwor Thatcher die Weltgemeinschaft, «wir müssen also zuerst für Wachstum sorgen, um den für den Umweltschutz unabdingbaren Wohlstand zu generieren.» Es wäre billig und verantwortungslos, die Industrie für alle Umweltsünden an den Pranger zu stellen. Die Unternehmen hätten vielmehr ein ureigenes Interesse an Nachhaltigkeit. Der freie Markt sei nicht mehr als ein Mittel zum Zweck, doch die Erfahrung habe zur Genüge bewiesen, dass die Planwirtschaft, ungeachtet der grossspurigen Visionen, nicht nur die verheerendsten ökonomischen, sondern auch ökologische Katastrophen verursachte. In diesem Sinne sprach sich Thatcher vehement gegen neue Institutionen und bürokratische Apparate aus. Es würde reichen, die bereits eingeleitete Forschung zu fördern und zu stärken.
Der zweite, leider weniger beachtete Teil von Thatchers Uno-Rede liest sich im Rückblick fast wie eine düstere Prophezeiung eines Szenariums, das sie vierzehn Jahre später in ihrer politischen Autobiografie («Statecraft – Strategies for a Changing World») beschreibt. Thatcher geht dabei hart ins Gericht mit den «Apokalyptikern» (doomsters), welche die berechtigte Sorge um die Umwelt für politisch motivierte Panikmache missbrauchten. Namentlich Al Gore bekommt dabei sein Fett ab. Thatcher bestreitet den menschlichen Beitrag zur Klimaerwärmung zwar nicht grundsätzlich. Wie die Geschichte des Mittelalters aber gezeigt habe, wäre eine Abkühlung des Planeten eine ungleich grössere Bedrohung für die Menschheit als eine Erwärmung um 2,5 Grad, von der die meisten Menschen eher profitieren würden.
Donnerwetter gegen Alarmismus
«In der Sache hatte Präsident George W. Bush völlig recht, das Kioto-Protokoll abzulehnen», schrieb Thatcher 2003. Wenn Bushs Vorgänger das internationale Übereinkommen zur Reduktion des CO2-Ausstosses unterstützt hätten, dann sei es lediglich darum gegangen, auf dem internationalen Parkett etwas gute Stimmung für die USA zu generieren. Denn sie hätten genau gewusst, dass die Umsetzung des Übereinkommens vor dem Senat keine Chance haben würde. Das Protokoll hätte die ganze Last der CO2-Reduktion den alten Industrieländern aufgebürdet, während die Entwicklungsländer – darunter China und Indien – weiterhin mit stark steigenden Wachstumsraten produzieren durften.
«Kioto war ein Anti-Wachstums-, Anti-Kapitalismus-, Anti-Amerika-Projekt», schrieb Thatcher, «wie es kein amerikanischer Führer, dem die nationalen Interessen seines Landes am Herzen lagen, hätte unterstützen dürfen.» Und weiter: «Klimawandel ist heute das Lieblingssujet der Apokalyptiker. Es hat für sie eine Reihe von attraktiven Eigenschaften. Erstens sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse extrem unscharf und verworren (obscure), womit sie schwer widerlegt werden können. Zweitens haben wir alle unsere Theorien über das Wetter: Traditionellerweise sprechen die Engländer erst mal über das Wetter, wenn sie eine Bekanntschaft schliessen. Und drittens liefert die Veränderung des Klimas einen fantastischen Vorwand für einen weltweiten, supranationalen Sozialismus, da sie nicht anders als auf einer globalen Ebene angegangen werden kann.»
Das alles lege einen gewissen Grad an Kalkül nahe, schloss Thatcher ihr Donnerwetter gegen den Alarmismus. Doch womöglich treffe eine derartige Verschwörungstheorie den Punkt nur zur Hälfte: «Wenn Hamlet sagt, dass es eine Methode in seinem Wahnsinn gibt, ahnt man, dass es im Fall einiger der düstersten Alarmisten eine grosse Menge an Wahnsinn in der Methode gibt.»