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Werner Brechbühl, 18.04.2018
Es mochten zwanzig Sekunden vergangen sein, seit die Feuerstösse aus den beiden 20-mm-MGs der deutschen Focke-Wulf 190 die englische Spitfire dicht hinter der orangefarbenen, kegelförmigen Propellernase getroffen hatten. Der Motor brannte, Feuerzungen schossen seitlich aus dem Rumpf, und das ockergelbe Jagdflugzeug stürzte, eine schwarze Rauchschleppe nach sich ziehend, den Wiesen und Wäldern entgegen, die sich landkartenartig in der Tiefe ausbreiteten. Es war dem Piloten gelungen, das Cockpitdach abzuwerfen, sich von den Gurten zu lösen und das Flugzeug zu verlassen.
Gebannt schaute ich auf das Titelbild des neuen „Fliegergeschichten“-Heftes. Der Pilot befand in gefährlicher Nähe der abstürzenden Maschine, während der siegreiche deutsche Flieger abdrehte. Ob sich der Fallschirm des Engländers öffnen würde, wusste ich nicht, aber ich hoffte es. Ich hatte den Kurzroman mit dem vielversprechenden Titel „Rivalen am Himmel“ noch nicht gelesen. Gestern hatte ich ihn am Kiosk für gekauft und heute Morgen in den Schulsack getan. Seit einiger Zeit war ich versessen auf alles, was mit der Fliegerei zu tun hatte. Nachdem mir mein Vater, der während des Zweiten Weltkrieges bei einer Fliegerabwehreinheit eingeteilt war, sein zerfleddertes Flugzeugerkennungsbuch geschenkt hatte, kannte ich alle Militärflugzeuge aus dieser Zeit. Für mich als Viertklässler war klar, dass ich einmal Pilot werden würde, vielleicht sogar Kampfflieger, und ich würde dann nicht in einer P-51 Mustang oder einer Messerschmitt 109 sitzen, sondern in einem Vampire-Düsenflugzeug durch den Himmel pfeilen.
Die Aufgaben der schriftlichen Rechnungsprobe waren einfach gewesen.
Herr Widmer, mein Lehrer, der manchmal während des Unterrichts Zigaretten rauchte, zeichnete einen Hefteintrag über die Schlacht bei Bibracte an die Wandtafel. Aber die würde mich erst in der Heimatkundestunde interessieren. Ich war zehn Minuten vor dem Läuten mit meiner Probe fertig geworden, hatte hinter dem Rücken des Lehrers vorsichtig das Fliegerheft aus dem Schulsack genommen und hielt es jetzt auf den Knien unter dem Pult mit einer Hand fest. Natürlich wusste ich, dass ich etwas Verbotenes tat. Herr Widmer war ein strenger Lehrer, dem gelegentlich auch mal die Hand ausrutschte, aber ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und schaute abwechslungsweise auf den Rücken des Lehrers und dann wieder auf das Titelbild. Ab und zu drehte er sich um. „Es soll sich ja niemand getrauen abzuschreiben“, mahnte er. „ Sonst –“
Ich hätte zu gerne gewusst, ob der englische Pilot den Abschuss überlebt hatte. So zog ich das Heft vorsichtig unter dem Pult hervor und begann darin zu blättern. Schon auf den ersten Seiten war ich mitten in einem Luftkampf, der sich irgendwo hoch über Nordfrankreich abspielte. Ich vergass alles um mich herum.
„Werner!“ Die Stimme des Lehrers zerriss die Stille im Zimmer. Ich zuckte zusammen, wollte das Heft rasch wieder verstecken, aber meine Handrücken schlugen schmerzhaft an die Pultunterkante, und die abstürzende Spitfire fiel mit einem deutlich hörbaren Geräusch auf den Schulzimmerboden.
„Was ist dir eben runtergefallen?“ Der Tonfall
verhiess nichts Gutes. „Mir? Eh - nichts ...“ Ich versuchte, gleichzeitig
Herrn Widmer unschuldig anzuschauen und mit den Füssen das Heft näher zu mir zu
ziehen.
„Lüg mich nicht an!“ Mit wenigen Schritten war er bei mir und hob das Heft auf. Er warf einen kurzen Blick auf darauf.
„Aha, der Herr liest während der Probe Kriegsromane! Bist du dazu nicht noch zu jung?“
Auf diese Frage wusste ich keine Antwort. Ich hatte Angst vor dem, was jetzt gleich geschehen würde.
„Bist du überhaupt fertig mit den Aufgaben?“
Ich schluckte krampfhaft, konnte aber keinen Ton herausbringen. So nickte ich nur und meine Hände zitterten, als ich dem Lehrer die gelösten Rechnungen zeigte.
„Aha. Immerhin.“ Seine Stimme hatte ihre schneidende Schärfe verloren. „Aber du hast mich angelogen. Dafür schreibst du bis morgen zwei Seiten und lässt sie unterschreiben. In der grossen Pause kommst du zu mir. Das Heft nehme ich dir natürlich weg. „Und ihr“, er schaute über die Klasse, die dem Ereignis tuschelnd zugesehen hatte, „ihr schreibt die Probe zu Ende. Es wird bald läuten.“
Von der Schlacht bei Bibracte bekam ich nicht viel mit. Was würden wohl die Eltern sagen, wenn sie die Strafaufgaben unterschreiben mussten? Am meisten wurmte mich, dass ich mein Fliegerheft kaum mehr sehen würde.
Als die Klasse in der grossen Pause das Zimmer verliess, ging ich zu Herrn Widmer. Er sass hinter seinem Pult, paffte eine Zigarette und liess den Rauch genüsslich durch die Nase ausströmen. Die „Fliegergeschichten“ lagen neben den Probenheften.
Er schaute mich durchdringend an. „Lügen geht nicht, verstanden?“
Ich nickte.
„Aber nun zu deinem Heft.“ Sein Gesicht hellte sich auf. „Ich habe in der kleinen Pause ein wenig darin gelesen. Weisst du was?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich glaube, die Geschichte ist wirklich spannend. Die Fliegerei interessiert dich, nicht wahr?“
„Ja, ich will mal Militärpilot werden.“
Herr Widmer lachte herzhaft. „Vorerst gehst du noch ein paar Jahre zur Schule. Aber hör mal.“ Seine Stimme hatte auf einmal einen verschwörerischen Klang. „Ich mache dir einen Vorschlag: Du bekommst dein Heft zurück. Wenn du es gelesen hast, bringst du es bitte wieder. Ich möchte es nämlich auch lesen.“
Ich glaubte, mich verhört zu haben. „Ich soll - Sie möchten -“ Ich brachte den Satz nicht zu Ende.
„Ja, ich möchte die Geschichte lesen. Und noch etwas.“ Er tippte mit dem Zeigfinger auf das Heft. „Da drin steht, die Geschichten erscheinen alle vierzehn Tage. Kaufst du sie regelmässig?“
Ich bejahte.
„Sehr schön. Also. Wenn du sie jeweils gelesen hast, dann...“ Er kniff ein Auge zu. „Du weisst schon. Und jetzt ab mit dir in die Pause!“
Beim Hinausgehen war ich sicher, dass sich der Fallschirm des abgeschossenen Piloten öffnen würde.
Lieber Werner
Eine sehr schöne Erinnerung spannend in die richtigen Worte verpackt.
Aus dem angehenden Wunschpilot wurde dann auch ein Lehrer. Hoffe, dass der Verdienst als Lehrperson zu Deiner Zeit etwas gestiegen ist. Oder welche Zeitschriften lieferten Deine Schüler als Strafe *grins*?
Ich freue mich auf weitere Abenteuer und Erinnerungen.
Lieber Gruß Gaby
Lieber Werner
Ich kenne diese Geschichte- es ist eine von den Geschichten, die in Deinem Buch zu lesen sind. Immer wieder ist es ein Genuss die Erzählungen zu lesen. Du schreibst so spannend, man ist sofort mitten im Geschehen und kann sich alles bis ins Detail vorstellen. Es läuft im wahrsten Sinn ein Film ab...
Ich freue mich auf weitere Geschichten von Dir....
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