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Katarzyna Swita (Zürich)
Der Themenschwerpunkt dieses Heftes von Luzifer-Amor, der einzigen deutsch-sprachigen Zeitschrift für Geschichte der Psychoanalyse, ist mit vier Hauptbeiträgen der Entwicklung der Psychoanalyse in der Schweiz und dem Wiederaufblühen der freudschen Tradition ab 1919 - also nach dem Bruch zwischen Freud und Jung 1913 - gewidmet.
Zwei dieser Hauptbeiträge, jenen von Michael Schröter zu Hans Sachs und jenen von Thomas Kurz zu Paul Parin, habe ich als Referate 2017 am jährlich stattfindenden «Symposion zur Geschichte der Psychoanalyse» in der atmosphärisch beeindruckenden «Hörsaalruine» des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité miterlebt.
Dem ersten Hauptbeitrag des Heftes von Michael Schröter liegen 40 Briefe von Hans Sachs an Sigmund Freud zwischen 1918 und 1919 zugrunde, die Sachs während seines Aufenthaltes in der Schweiz verfasst hat. Der Beitrag liest sich als biographisch-historisches Narrativ über den Aufenthalt von Sachs in der Schweiz und seinen Einfluss auf die Geschichte der schweizerischen Psychoanalyse. Der seit langem an der Psychoanalyse interessierte und dem engsten Kreis Freuds zugehörige Jurist Sachs kam aus gesundheitlichen Gründen zur Rekonvaleszenz in die Schweiz. Er nutzte diesen Umstand, um seinem ungeliebten Beruf zu entfliehen und zunächst Einnahmen durch das Angebot von Kursen zur Psychoanalyse, später zusätzlich durch die Durchführung von Analysen zu erwirtschaften. Während Sachs in einem Brief an Freud sich noch in der Rolle wähnte, den Schweizern bei der Gründung einer Ortsgruppe behilflich zu sein, hatte ohne sein Wissen im Februar 1919 bereits die konstituierende Versammlung der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse (SGPsa) stattgefunden, die durch den Zürcher Pfarrer Oskar Pfister und das Ehepaar Emil und Mira Oberholzer einberufen worden war. Sachs' Bestrebungen, die SGPsa der Kontrolle der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) zu unterwerfen, und seine Kritik an Pfister, führten mitunter zu heftigen Spannungen zwischen Sachs und Pfister. Mit diesem Verhalten als selbsternannter «Mittelsmann» der IPV-Zentrale stiess Sachs bei den Schweizern auf Abneigung. Zur beruflichen Entwicklung von Sachs schreibt Schröter: «Alles in allem ist es atemberaubend zu sehen, wie ein Mann der in gut 15 Monaten an plus/minus einem Dutzend Analysanden Praxiserfahrung gesammelt hatte, mit einem Schlag zum technischen Lehrer künftiger Psychoanalytiker aufstieg» (S. 28) und als Lehranalytiker nach Berlin berufen wurde. Schröters Beitrag zeigt auch eindrücklich, wie der Aufenthalt in der Schweiz Sachs die Möglichkeit bot, sich ohne psychiatrische/psychotherapeutische Erfahrung als Berufs- und Laienanalytiker zu etablieren.
Der zweite, von Thomas Kurz verfasste Beitrag des Heftes, basierend auf umfangreichem Archivmaterial, führt mitten in das krisenhafte Geschehen der SGPsa im Jahr 1928, als Emil Oberholzer und Rudolf Brun die Abspaltung einer schweizerischen Ärztegesellschaft für Psychoanalyse von der SGPsa initiiert hatten. Kurz zeichnet die Entwicklung und die vergeblichen Bestrebungen der Ärztegesellschaft nach, wie die SGPsa in die IPV aufgenommen zu werden. Als fundierter Kenner dieser historischen Begebenheiten und anhand ausführlicher Dokumentenrecherche argumentiert Kurz nachvollziehbar, dass nicht - wie bisher vermutet - der Konflikt zwischen Laien und Ärzten innerhalb der Gesellschaft, sondern die zunehmenden Zentralisierungstendenzen der IPV den Separationswunsch von der SGPsa bedingt hatten.
Als Untersuchungsgrundlage für den dritten Heftbeitrag dient Nina -Bakman ein einzelnes Sitzungsprotokoll der SGPsa aus dem Jahr 1933. Bakman behandelt in ihrem Beitrag den Umgang der SGPsa mit der Anfrage des in Deutschland bedrohten Psychoanalytikers Heinrich Meng, ihm bei der Emigration in die Schweiz behilflich zu sein. Ohne Verallgemeinerung des dargestellten Einzelfalls resümiert sie, dass die zunächst ablehnende Haltung gegenüber Meng, der später in Basel auf dem Gebiet der Psychohygiene Bedeutung erlangte, der damaligen Schweizer Flüchtlingspolitik entsprach.
Mit dem vierten Hauptbeitrag nimmt Thomas Kurz Bezug zur Gegenwart, indem er mit persönlicher Bezogenheit den Werdegang Paul Parins zum Psychoanalytiker darstellt und dessen bedeutende Rolle würdigt, die dieser für die wiedergewonnene Beachtung der schweizerischen freudschen Psychoanalyse hatte. Trotz Parins Bemühen konnte eine Spaltung der Freudianer nicht verhindert werden. Kurz bemerkt, dass die Aberkennung der Ausbildungsfunktion des Psychoanalytischen Seminars Zürich (PSZ) «eine Niederlage» (S. 105) für Parin bedeutete. An dieser Stelle sei auch auf das Luzifer-Amor-Heft von 1993 zur Geschichte des PSZ verwiesen.1
In der Rubrik der thematisch freien Forschungsbeiträge des Heftes kommentiert Ulrike May sechs erstmals publizierte Briefe zwischen dem holländischen Psychoanalytiker August Stärcke und Freud aus dem Jahr 1922 zum Thema Todestrieb. Der äusserst spannend zu lesende Briefwechsel wird von May hinsichtlich der zwischen den Korrespondenten entfachten Missverständnisse und Fehlleistungen und den Gründen für den Abbruch der Korrespondenz untersucht. Wer sich für die Anfänge der Hypnose und der psychoanalytischen Behandlungsmethode, die ätiologischen Modelle der Hysterie und für die Prioritätsansprüche psychoanalytischer Konzepte interessiert, wird mit grossem Interesse den Beitrag von Esther Fischer-Homberger lesen. Im ersten Teil ihrer zweiteiligen Forschungsarbeit befasst sie sich mit Pierre Janets Psychoanalyse-Kritik, gehalten am Medizinkongress von 1913 in London, und der psychoanalytischen Rezeptionen darauf.
Alle Beiträge des Heftes sind abschnittsweise gegliedert und mit hilfreichen, der Orientierung dienenden Untertiteln versehen, so dass der Lesefluss des oft sehr dichten historischen Materials erleichtert wird. Das Lesepublikum kann sich auf ein historisch reichhaltiges und spannend zu lesendes Stück Schweizer Psychoanalysegeschichte einstellen. Für die an der Geschichte der Psychoanalyse in der Schweiz und ihren Protagonisten Interessierten ist die Lektüre dieses Heftes unverzichtbar.
1 Gekle, H. & Kimmerle, G. (Hrsg.) (1993). Das Psychoanalytische Seminar Zürich. Luzifer Amor 6 (12).