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Offizielle Bibelübersetzungen von Kirchen werden alle Generationen neu in die je gewandelte gehobene Umgangssprache übertragen. Das ist eine Notwendigkeit für kanonische Texte, die ja nicht bloss historische Texte einer längst vergangenen Zeit sind, sondern Richtschnur für jene gläubigen Gemeinschaften sein wollen, die diese Texte als heilige Schriften anerkennen. Mit dem Gebrauch der Volkssprache in der Liturgie sind diese Übertragungen in die immer im Fluss seienden lebenden Sprachen auch für den Gottesdienst von spezieller Bedeutung. Es ist etwas anderes, ob ich einen Text lese oder ob ich ihn nur hören kann, wie dies bei der Verlesung biblischer Texte in der Messe der Fall ist. Während ein Text zum Lesen Anleitungen und Anmerkungen enthalten kann, die jederzeit nachgelesen werden können, muss ein vorgetragener Text für sich selbst sprechen, zumal auch nicht Sonntag für Sonntag dieselben Erklärungen in der Predigt gegeben werden können.
Übersetzen heisst inkulturieren
Bibelübersetzungen haben eine sehr lange Tradition: Bereits im 3. Jh. v. Chr., als in der Diaspora nur mehr Griechisch gesprochen wurde, begann man, die bis dorthin bereits kanonischen Texte der späteren Hebräischen Bibel, zuallererst die Tora, in die Sprache des Hellenismus zu übertragen. Übersetzen heisst freilich nicht, dass es reicht, wenn Wort für Wort in eine andere Sprache übersetzt wird, denn nicht alle Wörter haben in allen Sprachen dieselben Bedeutungsinhalte, sondern häufig nur eine Schnittmenge derselben gemeinsam. Eine Übersetzung transferiert den Text in eine andere Kultur. Dies ist nicht negativ zu sehen, sondern ist eine Notwendigkeit, wenn er für Menschen einer anderen Sprach- und Denktradition erfassbar sein soll.
Bereits die Übersetzung ins Griechische, die berühmte Septuaginta, wagte es, bei der Übersetzung des Gottesnamens in Ex 3,14 einen völlig neuen und im Hebräischen sicher nicht vorhandenen Aspekt einzubringen. Indem sie das Zeitwort «sein» in der Erklärung zum Gottesnamen – «Ich bin der/die/das ich bin» – mit «ho On» (der Seiende) überträgt, übersetzt sie einerseits das Dynamische des Seins im Hebräischen zugunsten einer im Griechischen wohlbekannten Vorstellung des unbewegten Bewegers und legt andererseits das Geschlecht der Gottheit eindeutig fest, das durch das im Hebräischen verwendete Relativpronomen offengelassen wurde. Die Mit-Seiende Gottheit der Hebräischen Bibel ist damit zum Ewigen und Transzendenten geworden, was die Menschen, die mit der neuen Übersetzung angesprochen werden sollten, offenkundig wesentlich einsichtiger fanden.
Um noch ein zweites Beispiel zu nennen: Die Septuaginta übersetzt die «almah», die junge Frau aus Jes 7,14, die wahrscheinlich zum königlichen Hof gehörte, mit Jungfrau. Das ist alles andere als korrekt, da dafür im Hebräischen normalerweise ein anderes Wort verwendet wird. Dennoch hat sich diese Übersetzung, deren Problematik bekannt ist, im Christentum aufgrund der Rezeption im Neuen Testament so weit durchgesetzt, dass auch die neue Einheitsübersetzung wieder Jungfrau übersetzt: Traditionstreue geht vor Texttreue.
Hieronymus, dessen lateinische Übertragung mehr als eineinhalbtausend Jahre dominieren sollte, inkulturiert ebenso ohne Scheu: Da er für seine Zeit weibliches sexuelles Begehren für völlig unschicklich hält, lässt er diesen Passus in Gen 3,16 einfach aus und dupliziert das Wort von der Herrschaft des Mannes über die Frau mit einem Rechtsterminus, der die Frau forthin unmündig hält. Da es zu seiner Zeit einen kirchlichen Witwenstand gibt, dem auch nie verheiratete Frauen angehörten, lässt er Judit zur jungfräulichen Witwe werden. Diese Beispiele liessen sich fast unendlich vermehren. Sie zeigen, wie ungeniert Theologen in früheren Zeiten die Bibel übersetzten und dadurch selbstverständlich ihre eigene Theologie einarbeiteten, selbst wenn diese dem Wortlaut der Bibel widersprach. Übersetzung wurde deutlich als Übertragung in eine andere Kultur verstanden.
Herr – heute ein männlicher Mensch
Vor diesem Hintergrund ist die Übertragung des Gottesnamens in der Tradition der hellenistischen Septuaginta zu sehen, die das Tetragramm JHWH mit Kyrios übersetzt. Da im Judentum die Aussprache des Gottesnamens mit einem Tabu belegt ist, hat seine Umschreibung durch Platzhalter eine gut eingeführte Praxis: «der Name», «der Ewige», «Adonai» (=Herr) sind nur einige wenige davon.
In der Antike ist mit dem Titel «Herr» die Herrschaft konnotiert. Die Verwendung des Kyrios-Titels für Gott spricht die erhabene Differenz zwischen Gott und Mensch sowie die göttliche Souveränität an. Im deutschsprachigen Raum gibt es – Gott sei Dank – seit langem keine unumschränkten (kaiserlichen) Herrscher mehr, die diesen Titel beanspruchen könnten. Die Bezeichnung Herr hat daher eine massive Bedeutungsverschiebung erfahren. Sie hat im heutigen Standarddeutschen keinerlei hierarchische Konno- tation mehr, sondern wird sogar für Personen der untersten sozialen Schicht verwendet. Die Bezeichnung Herr steht heute für nichts Anderes mehr als für einen männlichen Menschen.
Wirklich alles wie gehabt?
Dieses Unbehagen ob der Sinnverschiebung ist bei allen neueren Bibelübersetzungen deutlich zu spüren, wenn man sich durch die Schreibung dieses Wortes in Kapitälchen behilft: Mit HERR geben Bibelübersetzer und jene, die die Bibeln kirchlich approbiert haben, zum Ausdruck, dass einerseits nicht das Wort dort steht, das übersetzt wird, und andererseits, dass das Wort quasi im übertragenen Sinn gebraucht wird. Das ist eine gangbare Möglichkeit für gedruckte Bibeln, wenn auch erklärt wird, warum dies so gehandhabt wird.
Beim Verlesen eines Textes können Kapitälchen jedoch nicht hörbar gemacht werden. In den heutigen Kirchen wird daher mit dem neuen Lektionar nicht ein Kyrios, ein unumschränkter Herrscher, verkündet und schon gar kein mit-seiender Gott, wie ihn JHWH im Sinn trägt, sondern die Männlichkeit Gottes. Das ist nun absolut nicht biblisch. Nimmt man die Bibel einmal wortwörtlich, dann steht nirgends, dass Gott keine Frau sei, aber Hos 11,9 sagt: «Gott bin ich und nicht Mann». In der Auslegung zum Bilderverbot von Dtn 4,16 wird an erster Stelle – offenkundig als das gefährlichste – das männliche Gottesbild verboten. Gerade das Alte Testament kennt eine Fülle von sprachlichen Gottesbildern, eine Einschränkung auf ein männliches gibt es nicht.
Weder die Volksetymologie von JHWH noch die Übertragung mit Kyrios und auch nicht jene mit Dominus zielten vorrangig darauf ab, die Männlichkeit des biblischen Gottes zu betonen. In unseren heutigen europäischen Geschlechterdemokratien den Gottesnamen mit einem Wort zu übersetzen, das aktuell in der deutschen Sprache nur mehr auf das Geschlecht zielt, ist ein starkes Stück – da mag die Tradition noch so alt sein wie sie will. Auch wenn sich die seit Jahrhunderten eingebürgerte deutsche Übertragung des Gottesnamens nicht änderte, so wandelte sich doch die Sprache der den Gottesdienst Mitfeiernden. Es bleibt also nicht alles beim Alten, sondern das veraltete Herr hat heute eine neue Bedeutung bekommen und wird von den Menschen in nur mehr eine Richtung verstanden.
Wozu wird die Bibel neu übersetzt und dem heutigen Sprachgebrauch in Kleinigkeiten angeglichen, wenn die Revisoren die Courage ausgerechnet in dem entscheidenden Punkt verlässt, die das Herz der Gottesfrage betrifft? Eine Kirche, die nicht mehr imstande ist, Gott für die Menschen heute zu verkündigen und dafür eine heute gesprochene Sprache zu finden, gibt sich selber auf. Eine Verkündigung, die vor dem Zentrum der Theologie, vor Gott selber, kapituliert und sich auf Gestriges zurückzieht, ist feige und wohl in der Verkündigung für neue Generationen auch zum Scheitern verurteilt. Das ist für mich als Theologin nicht nur bedauerlich, sondern erschütternd. Denn der HERR kann im 21. Jahrhundert in deutschsprachigen Ländern daher nicht länger mehr ein Herr sein, ohne das Gottesbild völlig zu trivialisieren.
Irmtraud Fischer