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Annette Hug vermisst einen besonderen Joyce-Leser
Es gibt Namen, die könnte man nicht erfinden. In einem Roman würden sie aufgesetzt wirken. Kardinal Sin ist so ein Beispiel. Aber chinesische Familien, die Xin oder Shen hiessen und nach Amerika oder Südostasien auswanderten, wollten ihre Namen eingängiger machen. Sie wechselten zu Sin. Und so kam es, dass ein katholischer Filipino mit diesem Namen 1974 zum Erzbischof aufstieg, später zum Kardinal ernannt wurde und 1986 international für Aufsehen sorgte, weil er einen Volksaufstand gegen den Diktator Ferdinand Marcos unterstützte.
Dass in den englischsprachigen Nachrichten «Cardinal Sin» auch «Todsünde» hiess, fiel mir lange nicht auf. Erst in einer Sitzung der «Finnegans Wake»-Lesegruppe, die wöchentlich in der Zürcher James-Joyce-Stiftung stattfindet, fiel der Groschen. Als ich am Rand etwas von Manila erzählte, begann Hansruedi Isler gleich zu lachen, weil er an jenen Geistlichen dachte. Das Denken in Resonanzen zwischen unterschiedlichen Sprachen und Fachgebieten war ihm zur zweiten Natur geworden. Seit rund dreissig Jahren besuchte er die Lesegruppe.
Als ich 2009 dazustiess, war der harte Kern in der dritten Runde. Das heisst, sie hatten «Finnegans Wake» zweimal komplett und einmal halb gelesen, jede Woche eine Seite oder etwas mehr. Eine Runde dauert zwischen acht und elf Jahren. Geleitet werden die Treffen vom Leiter der Stiftung, Fritz Senn. Man muss sich nicht an- oder abmelden. LeserInnen kommen und gehen. Am schönsten ist es, wenn sich Joyce-Interessierte von weit her einfinden, weil sie im «Lonely Planet Guide to Switzerland» gelesen haben, dass diese Lesegruppen kostenlos sind. Sie rätseln dann mit, was Joyce in seine Schachtelwörter hineingepackt hat, um ein scheinbar endloses Kneipengespräch auf Papier zu bringen, ein ausschweifendes Plaudern, Singen, Fluchen über einen Wirt mit wechselnden Namen, seine Frau, seine drei Kinder, wobei die Familiengeschichte ständig ausschert in alte Mythen, in feingliedrige Anekdoten aus dem Unabhängigkeitskampf Irlands, in obszöne Scherze und Trinksprüche aller Art: «such a wanderful noyth untirely» – solche Phrasen gilt es zu entziffern. Dass ein deutsches Wandern ins Englische «wonderful» einfliesst, ist noch einfach zu erkennen, aber was für eine Sprache macht aus «noise» ein «noyth»?
Hansruedi Isler war Neurologe und passionierter Medizinhistoriker, im «Wake» sah er oft lateinische und griechische Krankheitsbezeichnungen, auch Altägyptisches. Malayisch konnte er ein wenig, weil er von 1971 bis 1975 in Kuala Lumpur gearbeitet hatte. Wie Joyce war er vom Unübersichtlichen in der Welt nicht eingeschüchtert, im Gegenteil, er schien sich mit Gusto auf immer neue Verflechtungen zu stürzen. In Zürich war er Pionier bei der Erforschung und Behandlung von Migräne. Eine Passage aus «Finnegans Wake» hat er ins Zürichdeutsche übersetzt, auch der Dialekt war ihm wichtig. So ist es wohl kein Zufall, dass eine von ihm begründete medizinische Vereinigung noch heute «Schweizerische Kopfwehgesellschaft» heisst.
Am 1. September 2019 ist Hansruedi Isler im Alter von 85 Jahren gestorben. Vergangene Woche hätte ich ihm, nicht zum ersten Mal, gern eine Nachricht weitergeleitet: Die katholische Kirche im deutschen Münsterland startet ein Projekt, um neue Leute zu erreichen, und nennt es ausgerechnet «Sinnfluencer».
Annette Hug ist Autorin in Zürich. Die zwei «Finnegans Wake»-Lesegruppen treffen sich in der Zürcher James-Joyce-Stiftung jeweils am Donnerstag um 19 Uhr und am Montag um 15 Uhr.