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Eine alte Bushaltestelle in der Mitte eines kleinen Dorfes im sambischen Copperbelt, dem größten Kupferabbaugebiet in Afrika, umgeben von Marktständen, die Gemüse und Guthaben für Prepaid Handys verkaufen. Kinder laufen herum, unter dem Wellblechdach der Haltestelle stehen drei Frauen und unterhalten sich. Ein zufälliger Beobachter würde an dieser Szene zunächst nichts Ungewöhnliches finden. Doch die Bushaltestelle hat keine Beschilderung und es gibt auch keinen Fahrplan. Darüber hinaus ist die Straße um den Dorfplatz nicht asphaltiert, was sie zu einer recht unkomfortablen Kreuzung für den Verkehr aus den nahegelegenen Städten Ndola, Luanshya oder Kitwe machen würde – Städte, die sich einst als Umschlagplätze für den sie umgebenden lukrativen Kupferbergbau entwickelt hatten.
Der Zusammenbruch der Bergbauindustrie in den 1970er Jahren, als infolge der Ölkrise der Kupferpreis auf dem Weltmarkt dramatisch eingebrochen ist, hat nicht nur die umliegenden Orte und Gemeinden unerwartet getroffen, sondern bedeutete insgesamt einen Rückschlag für die fortschrittsorientierte Vision Sambias, für die Entwicklung ein integraler Bestandteil war.
Den Ort zurückgewinnen
Der Bus wird in absehbarer Zeit nicht kommen. Der Wellblechunterstand war Teil eines ehrgeizigen ländlichen Entwicklungsvorhabens, einbettet in das umfassende Entwicklungsparadigma der 1960er Jahre, mit dem das gesamte ländliche Afrika überzogen wurde. Plansiedlungen wurden errichtet, in denen kleine Häuser in einheitlichen Sektionen zu Kleinsiedlungen angeordnet wurden, mit einem Zugang von jedem Haus zu einem kleinen Stück Land für die eigene Bewirtschaftung. Alle Siedlungsteile grenzen an den Dorfplatz, auf dem die Bauern ihre Produkte nach einem genossenschaftlichen Modell verkaufen, und – über eine geplante asphaltierte Straße – in den weiteren Copperbelt und darüber hinaus transportieren sollten.
Dieses aus Israel importierte Modell basierte übrigens auf dem Entwicklungsplan für die israelische Lachisch-Region aus den 1950er Jahren, als der damals noch junge Staat Israel versuchte, die Wellen der Neueinwanderer aus dem Mittleren Osten aufzunehmen. Im Zentrum des Lachisch-Modells stand die Stadt Kiryat Gat, in der heute mehrere große High-Tech-Fabriken angesiedelt sind. Das sambische Dorf hingegen erlebte ein anderes Schicksal. Heute, etwa fünfzig Jahre nachdem die Blaupausen für eine Entwicklung nach ausländischem Vorbild an den Ort gebracht wurden, bleiben die Versprechen des Fortschritts unerfüllt.
Umnutzung
Den Frauen, die unter dem Wellblechdach und bei den Metallkonstruktionen der geplanten Bushaltestelle plaudern, sind unerfüllte Versprechungen nur allzu vertraut. Für sie ist der Ort längst zu etwas Anderem geworden: zu einem zentralen Treffpunkt, einem Schattenplatz, um der Mittagshitze zu entkommen, einem überdachten Verkaufsstand. In gewisser Hinsicht hat die Konstruktion schon lange ihre von den Planer*innen vorgesehene Funktion verloren, in anderer Hinsicht jedoch ist sie immer noch eine Erinnerung an das, was sie einmal war: das Versprechen einer besseren Zukunft, einer – wenn auch unscharf gefassten – Modernität, und der sozioökonomischen und geografischen Mobilität. Das halbfertige Bauprojekt ist Stoff für die unterschiedlichsten Geschichten, Geschichten über die ausländischen Entwicklungshelfer*innen und ihre wirklichen Absichten, über ihre Missverständnisse hinsichtlich der lokalen Machtverhältnisse und über ihre Versuche, eine Umverteilung des Wohlstands herbeizuführen.
Nachdem die Ausländer gegangen waren, brach das Projekt bald zusammen. Ursächlich waren eine Kombination aus schlechtem politischem und wirtschaftlichem Timing sowie überzogene Modernisierungserwartungen: Die verbleibenden genossenschaftlichen Kooperativen waren nicht in der Lage, die anspruchsvolle importierte Maschinerie zu managen, die das Projekt ihnen hinterließ – ohne Ersatzteile und Geldreserven fielen die Traktoren und Pumpen nach und nach außer Betrieb. Eine Abwärtsspirale wurde zudem in Gang gesetzt, als sich die Solidarität, das Herzstück der Kooperative, verflüchtigt hatte, und ein Missmanagement der Finanzen sowie die eigennützige Aneignung von kollektivem Eigentum mutmaßlich überhandgenommen hatten. Der verbleibende Besitz wurde von den Banken beschlagnahmt, sobald klar wurde, dass die Kredite nicht zurückgezahlt werden konnten.
Und doch, neben Zerstörung und Entropie bleibt auch eine andere Vergangenheit lebendig. Die neben jedem Haus wachsenden Mangobäume sind in den fünfzig Jahren seit ihrer Pflanzung hochgewachsen und bieten den alten und neuen Bewohner*innen Schatten und Früchte. Erzählungen über die ursprünglichen Entwicklungsinterventionen und ihre Ziele zirkulieren bis heute, und manchmal inspirieren sie auch zu neuen, eigenständig vor Ort entwickelten Initiativen.
„Patient Null“
Die Geschichte des Scheiterns ist altbekannt und beschränkt sich keinesfalls auf das subsaharische Afrika. Das karibische Haiti, genauer gesagt das Tal von Marbial, kann als „Patient Zero“ der Entwicklungshilfe angesehen werden. Bereits 1948 starteten die neu gegründeten Vereinten Nationen über ihre Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) ein Pilotprojekt in der Region. Marbial wurde als eine Region beschrieben, in der „eine Kombination aus Tropenkrankheiten, Bodenerosion und Überbevölkerung, Unwissen und Elend verbreiten“. Das frühe Entwicklungsengagement der Nachkriegszeit reichte allerdings nicht sehr weit und galt bereits kurz nach seinem Beginn als gescheitert. Während die École Nationale UNESCO Marbial zwar auch heute noch existiert, 70 Jahre nach den ersten Experimenten der Vereinten Nationen mit internationaler Entwicklungshilfe und Modernisierung, kann man aus den Entwicklungsberichten über die Region noch immer ein Echo des ersten Berichts zur Lage in Marbial heraushören. Wenn aber keine Verbesserung stattgefunden hat, was bleibt dann? Wenn das UNESCO-Programm keine Grundlage für eine bessere Bildung im Marbial-Tal schaffen konnte, welche Perspektiven hat das Projekt dennoch geschaffen, und für wen?
In den letzten Jahrzehnten häufen sich die Belege dafür, dass die internationalen Entwicklungshilfeprogramme, in konkrete Projektziele übersetzt und an diesen gemessen, nur ungenügende Ergebnisse erbringen. Der Befund ist so deutlich, dass er inzwischen zum Allgemeinplatz geworden ist. Insbesondere für die erste Welle von groß angelegten Top-Down-Projekten nach dem hierarchischen, ambitionierten und hochmodernistischen Ansatz der 1960er Jahre sehen die Resultate besonders desolat aus. Der Ansatz ist seitdem in Ungnade gefallen und wurde von differenzierteren Methoden, und in jüngster Zeit von einer Sprache der Inklusion, der basisdemokratischen Partizipation und des „community-based development“ abgelöst. Trotzdem ist es nach wie vor gang und gäbe, dass Entwicklungsprojekte ihre eigenen Zielvorgaben nicht erreichen und die weitreichenden Folgen ihrer Interventionen kaum vorhersagen können. Doch nicht nur die physischen, auch die psychischen, gesellschaftspolitischen und ökonomischen Landschaften bleiben mit den vergangenen Entwicklungsmaßnahmen verbunden – dem Nachhall ihrer Erfolge, Misserfolge und unbeabsichtigten Auswirkungen. Entwicklungsmaßnahmen – „Interventionen“ im wörtlichen Sinne – hinterlassen ihre Spuren und führen zu unbeabsichtigten Konsequenzen, die im Grunde aber nicht weniger folgerichtig sind, als die ursprünglich geplanten Ziele.
„Wessen Realität zählt?“
Die Frage des Nach-Lebens von Entwicklungsmaßnahmen ist vor allem für die lokale, ansässige Bevölkerung von entscheidender Bedeutung. Obwohl die betroffenen Gemeinschaften Hauptakteure und erklärte Zielgruppen der Maßnahmen sind, werden sie oft von anderen Projektindikatoren beiseitegeschoben. Die kritische Entwicklungsforschung, die Entwicklungsanthropologie sowie die Science and Technology Studies (STS) liefern hier wertvolle Studien zu Konzepten von „ownership“ und „contested narrative-making“, die Robert Chambers grundlegende Frage aufnehmen: „Wessen Realität zählt?“ (1997). Aus dieser Perspektive zeigt sich auch eine gewisse Ironie hinsichtlich des anerkanntermaßen ebenso überbeanspruchten wie vagen Konzepts des „Empowerment“, dem Leitbild vieler Entwicklungsinterventionen. Denn in dem Moment, in dem Projekte scheitern und ihre Zielvorgaben preisgeben müssen, wird auch das edle Schlagwort noch einmal auf die Probe gestellt. Oft zeigt sich erst jetzt deutlich, wie weit die lokalen Nutzniesser*innen der Projekte, die Hilfeempfänger*innen tatsächlich von Entscheidungsprozessen entfernt sind.
Häufig werden die lokalen „communities“, die Zielgruppen der Projekte, nicht ausreichend konsultiert und nur unzureichend darüber informiert, was politisch hinter den Kulissen entschieden wird und welches die Gründe und Argumente für den Beginn und das Ende eines Projekts sind, oder in welchem weiteren Kontext es steht. Und so ist „Entwicklung“, trotz des seit den 1980er Jahren vermehrten Gebrauchs einer Rhetorik der Inklusion, immer noch vornehmlich etwas, das den Armen „geschieht“.
Diesen Punkt veranschaulichen die Geschichten und Gerüchte um die Projekte, die eine wichtige Lücke des Nichtwissbaren füllen, und zugleich klar das Ungleichgewicht von Macht und Information belegen. Da gerade diejenigen Menschen, die die langfristigen Folgen einer Intervention zu tragen haben, zugleich am wenigsten über die Politik der Entscheidungsfindung informiert sind, suchen sie nach Erklärungen, wo immer sie diese finden.
In ländlichen Gebieten in Mwanza, im Nordwesten Tansanias, wo ehrgeizige Initiativen zur ländlichen Entwicklung aus den 1960er Jahren innerhalb weniger Jahre aufgegeben wurden, zirkulieren zahlreiche Geschichten und suchen die ehemaligen Projektstandorte heim. Im Schatten einer düsteren Erinnerung an die Wende in den 1960er Jahren bleiben Gerüchte trotz der Jahrzehnte, die inzwischen vergangen sind, präsent. In einem Dorf etwa, das sich im Herzen eines kleinen Bergbaugebietes befindet, trafen wir auf eine Fülle von Geschichten, die die „wahren“ Motivationen ausländischer Interventionen mit dem lukrativen Rohstoffgeschäft der Gegend in Verbindung brachten. Die Frustration, die die Einheimischen hinsichtlich des Scheiterns der Initiativen empfanden, übersetzte sich in Verschwörungstheorien: Manch einer glaubt, dass die Ausländer so verärgert waren, den lukrativen Ort wieder verlassen zu müssen, dass sie das Land vorsätzlich vergiftet haben – ein teleologisches Narrativ, das auch erklärt, warum im eigenen Dorf kein Gold gefunden werden kann, im Nachbardorf hingegen schon. Die Geschichten werfen auch ein Licht auf die Zweideutigkeit, die Entwicklungsprojekten inhärent ist: Selbst, wenn sie gut gemeint sind, gründen sie auf einer krass ungleichen Verteilung von Handlungsmacht und einer Asymmetrie des Wissens sowie ungleich verteilten Risiken.
Geschichten der Aneignung
Es ist hervorzuheben, dass solche Geschichten und Gerüchte über die „wahren“ Motive ausländischer Interventionen nicht nur die Verletzlichkeit der lokalen Gemeinschaften zeigen, sondern auch ihre Widerstandsfähigkeit und die Kreativität, mit der sie die ihnen aufgedrängten Narrative umgestalten. Aus diesem Blickwinkel sind die Menschen, denen die Entwicklungshilfe zugutekommen soll, weit davon entfernt, passive Rezipient*innen oder Opfer zu sein. Sie können sich die Versprechen der entwicklungsorientierten Reformen aneignen und sie neu ausrichten und zwar im Dienst ihrer eigenen politischen Agenda. Sie können den unerwünschten und externen Einmischungen Widerstand leisten und diese sabotieren, oder aber die Ressourcen, die sie aufgrund der von außen kommenden Interventionen gewinnen, auf eine unvorhergesehene Weise gegen die ursprünglichen Ziele der Planer – und deren latente Ideologien – wenden. Dieses Handeln bringt uns zu dem interessanten Gedanken, dass «Entwicklung» weit davon entfernt ist, das folgerichtige Resultat klar formulierter Ziele zu sein, sondern sich vielmehr gegen unzählige Widerstandsformen und Gegennarrative durchsetzen muss, die sich gegen die auferlegten Strukturen und Bestimmungen richten. Unter einem solchen Gesichtspunkt sollte dem kreativen Nutzen und Umnutzen des „Rohmaterials“ der Entwicklung mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, den materiellen Überresten und den Repräsentationen im Zusammenhang mit der (Wieder-)Herstellung von Bedeutungen, mit Mythen und Ursprungsgeschichten, Praktiken, Performances – und Gerüchten.
Vergangenheit als Chance
Insofern dürfen wir nicht vergessen, dass aufgegebene Projekte nicht nur ein Manifest kollektiver Not sind, sondern auch neue autarke Aktivitäten anregen können. Ein Beispiel dafür führt zurück in das sambische Dorf im Kupfergürtel und insbesondere zu der erfolgreichsten Kooperative, die heute im Dorf tätig ist. Dort gibt es heute eine Genossenschaft, die auf Milchwirtschaft ausgerichtet ist. Sie wurde Mitte der 1990er Jahre von einer Dorfbewohnerin mit der Hilfe eines Darlehens von der NGO Heifer International gegründet. Trotz der zwei Jahrzehnte, die zwischen dem Scheitern der israelischen Intervention und der Gründung der Molkereikooperative vergangen sind, und trotz der weiteren zwei Jahrzehnte zwischen der Gründung der Kooperative und unserem Besuch vor Ort, gaben uns lokale Würdenträger zu verstehen, dass der kurzlebige Erfolg der Intervention aus den 1970er Jahren die Kooperative grundlegend inspiriert habe. Zurückgehend auf das Versprechen aus den 1970er Jahren, jeden Einwohner mit einem Ei pro Tag zu versorgen, passte die Molkereikooperative ihre Devise an und versucht heute, ihre Mitglieder und deren Familien mit einem Glas Milch pro Tag zu beliefern. Das Beispiel zeigt, wie Gemeinschaften Überreste von Projekten und Projektideen für sich reklamieren und umgestalten, und zwar unter dem Aspekt, der für sie wichtig ist – in diesem Fall war es das Festhalten am Geist der Kooperative. Gleichzeitig weisen solche Fälle aber auch auf die analytische und konzeptionelle Schwierigkeit hin, vergangene Einflüsse und Inspirationen eindeutig nachzuvollziehen.
Um das Ganze noch komplizierter zu machen, müssen wir die verschiedenen Zeitschichten unterschiedlicher externer und lokaler Interventionen berücksichtigen. In einer Branche, die ständig mit Vorstellungen von Fortschritt und Innovation operiert, und zwar häufig entlang vorbestimmter, linearer Prämissen, gibt es die Tendenz, den innovativen Charakter neuer Projekte zu überbewerten und die Bedeutung der Vergangenheit zu unterschätzen. Die Geschichte, so heißt es, beginnt immer mit dem neuen Projekt, obwohl sich dies mit der zunehmenden Anerkennung von lokalem Wissen und lokalem „Kapital“ verändern könnte. Lokale Gemeinschaften sind die Träger und der Speicher lokaler Geschichte und haben den Schlüssel zum Wissen darüber, was zuvor funktioniert hat, was keine Früchte getragen hat und wie man irrelevante Ideen und „Materialien“ in etwas von anerkanntem Wert und Nutzen verwandeln kann. Entwicklungspraktiker*innen, Politiker*innen und Wissenschaftler*innen können bei ihrer Arbeit von einem dezentralen Gestaltungsansatz profitieren, indem sie sich nicht allein auf die Erfüllung vorgegebener Ziele konzentrieren, sondern ihre Aufmerksamkeit auf diese kreativen Praktiken der Aneignung richten.
Wir danken Prof. Lynn Schler vom Tamar Golan Africa Center, Ben Gurion University, Israel.