Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03370.jsonl.gz/182

Die Fabrik als Zukunftsmodell: Paolo Volponi (6. Februar 1924 - 23. August 1994)
«Dass die Menschen wie Maschinen konstruiert wurden, und zwar von anderen Wesen, die bestimmt auch Maschinen sind», glaubt Anteo Crocioni, der Ich-Erzähler des Romans «La macchina mondiale» von 1965, «und dass das wahre Los des Menschen darin bestehen müsste, andere Maschinen zu konstruieren, aber bessere als er selbst, denen es womöglich gelänge, den Menschen auf ihre Höhe heraufzuziehen und immer bessere Maschinen zu konstruieren.»
Die Idee ist nicht neu, sondern geht auf das Traktat «L'homme maschine» jenes J. O. de La Mettrie (1709-1751) zurück, dem in «Der Augenblick der Liebe» 2004 auch Martin Walser gehuldigt hat. Und wie der Urvater der materialistischen Anthropologie verfällt auch Crocioni, der als einfacher Bauer gegen eine Phalanx von Gelehrten antritt, der öffentlichen Ächtung, ja er landet am Ende wegen sexueller Nötigung im Gefängnis.
Paolo Volponi hat mit «Mosche del capitale» (1989) – der Identitätskrise eines Linksintellektuellen - und mit dem Bildungsroman «La strada per Roma» (1991) süffigere Romane geschrieben. Keiner aber wuchs so tief aus der eigenen Erfahrung heraus wie «Die Weltmaschine». Beeinflusst durch Pasolini, hat Volponi da seine Erfahrungen als Personalchef von Olivetti zur Utopie einer rationalen, aufgeklärten Industrie umgemünzt, bei der die Fabrik der Motor für die soziale Entwicklung des Landes ist. Aber Volponis Ideen fanden weder links noch rechts Gnade, und als Fiat Olivetti auf unsoziale Weise gesundschrumpfte, radikalisierte er sich, wurde Kommunist, verlor deshalb den Job und sah in der allmählichen Ablösung des aufgeklärt-utopischen Denkens durch ein neues globales Manchestertum eine persönliche Niederlage. «Heute ist es sogar eine Utopie, ein Aspirin zu nehmen», meinte Volponi, kurz bevor er am 23.August 1994 mit 70 Jahren starb, resigniert. Derweil aber setzte die Maschine, auf die er soviel aufklärerische Hoffnung gesetzt hatte, ihren Siegeszug in Richtung einer dunklen, apokalyptischen Vision fort.