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Gemäss einer Definition des UN-Umweltprogrammes (UNEP), das sich u.a. 1985 in einem Bericht mit dem Zusammenhang zwischen Umwelt und Flucht befasste, sind Umweltflüchtlinge Menschen, "die gezwungen wurden, ihre traditionelle Umgebung vorübergehend oder dauerhaft zu verlassen, da Umweltschäden (seien diese natürlicher Art oder durch den Menschen ausgelöst) ihre Existenz in Gefahr brachten und/oder ihre Lebensqualität schwerwiegend beeinträchtigten."1
Diese meist sozial verursachten Veränderungen der Umwelt, die das Phänomen "Umweltflucht" hervorrufen, lassen sich in zwei Kategorien unterteilen:
Stetige Veränderungsprozesse, die als Nebeneffekte landwirtschaftlicher und/ oder industrieller Produktionsweise auftreten und
plötzliche Veränderungen aufgrund von Industriekatastrophen, wie in Bhopal in Indien (1984) oder in Tschernobyl in der früheren UdSSR (1986); letztere führte zur Evakuation von 135 000 Menschen.
Umweltflucht bzw. -migration ist ferner bestimmt durch die Gefährdung einer wachsenden Zahl von Menschen, die gezwungen ist, aufgrund politischer, sozioökonomischer und demographischer Faktoren auf marginalen Böden oder in gefährdeten Regionen zu siedeln und durch die exponierte Lage Opfer von Naturkatastrophen wird.
Betrachten wir die polit-geographische Seite des Problems Umweltflucht, so zeigt es sich, dass insbesondere Regionen Afrikas aber auch Asiens und Lateinamerikas davon betroffen sind. Daher drängt sich die Vermutung geradezu auf, dass das globale Entwicklungsdilemma die Quelle des Phänomens Umweltflucht sein könnte.
In Ländern Afrikas fallen die Umweltprobleme, die Umweltflucht und -migration auslösen können, in zwei grosse Kategorien: Die Probleme, die aus Armut und Unterentwicklung resultieren (traditionelle Landwirtschaft, Bevölkerungswachstum) und die Probleme, die sich aus wenn auch schwachen Entwicklungsprozessen ergeben (Modernisierung der Landwirtschaft, Staudammbauten, Teilindustrialisierung und Urbanisierung). Sozialer und wirtschaftlicher Niedergang sowohl in städtischen als auch in ländlichen Gebieten führen in Verbindung mit schwachen politischen Institutionen zu einer Reihe von Problemen der Unterentwicklung, die sich unmittelbar negativ auf die Umweltmedien auswirken:
ungenügende Wasserversorgung,
Bodendegradation aufgrund unangepasster landwirtschaftlicher Methoden,
Expansion der Siedlungsbereiche auf marginale Böden bis hin zur
Transformation ganzer Ökoregionen, etwa als Folge von weiträumiger Desertifikation (Abnahme der Bodenfruchtbarkeit durch Erosion).
Verstärkt werden die meist lokalen und regionalen Umwandlungsprozesse durch die regionalen klimatischen Auswirkungen globaler Umweltveränderungen. Wenn regionale und globale Transformationserscheinungen kumulieren, können sich die daraus ergebenden sozialen, wirtschaftlichen und gesundheitlichen Folgen katastrophal auf die Lebenswelten der Bewohner betroffener Ökoregionen auswirken.
Die Gründe, die eine Afrikanerin oder einen Afrikaner letztendlich dazu zwingen, ihre bzw. seine Heimatregion zu verlassen, sind vielfältig. Meist handelt es sich um viele Faktoren, die durch wechselseitige Verstärkungen den Entscheid zu Flucht und Migration beschleunigen bzw. auslösen, aber auch behindern können. Nur in Ausnahmefällen beruht Flucht auf einer schnellen Entscheidung, die aufgrund einer akuten Krise getroffen werden muss (Trockenheit, Flut usw.). In der Regel versuchen die Menschen, so lange als möglich in ihrer Heimat auszuharren. Sie sind oft bereit, grosse gesundheitliche und psychische Strapazen auf sich zu nehmen, um "zu Hause" bleiben zu können. Auch stellen sich den zur Flucht Entschlossenen meist viele Hindernisse in den Weg, wobei der Frage nach dem "Wohin eigentlich?" grösste Bedeutung zukommt.
Aus diesen Gründen ist es von der Struktur der Umweltflucht her angebrachter, von "Umweltmigration" zu reden. Politisch mag dies allerdings problematisch sein, da befürchtet wird, die politische Aufmerksamkeit für "ganz gewöhnliche" MigrantInnen nehme ab; ausserdem würden diese letztlich als blosse "Wirtschaftsflüchtlinge" diskreditiert.
In Afrika ist Umweltflucht in erster Linie Landflucht, was nicht heisst, dass Landflucht notgedrungen Umweltflucht ist. Land- und Umweltflucht beschleunigen jedoch in vielen Ländern die Urbanisierung. Auch wenn es zur Zeit praktisch unmöglich ist, genaue Zahlen über die Umweltmigration zu erhalten, ist es aus Gründen, die in diesem Beitrag skizziert werden, trotzdem sinnvoll, die Unterscheidung zu treffen. Im folgenden ist daher von "Umweltflüchtlingen" die Rede, auch wenn es sich im strengen Sinne um eine spezifische Migrationsform handelt.
Die Erosion von Acker- und Weideland und die damit verbundene Knappheit an Frischwasser ist diejenige Variante der sozialen Umweltveränderung, die vermutlich die meisten Umweltflüchtlinge hervorgebracht hat. Die unmittelbaren Gründe, die den Entscheid zur Flucht herbeiführen, sind in den betroffenen Ökoregionen selbst zu suchen.
Die Zerstörung der Lebensgrundlagen in ökoregionalen Zusammenhängen Afrikas wird zu einer unerbittlichen Macht, die sowohl traditionelle als auch durch Modernisierung geprägte Lebensordnungen aufbrechen und soziale Milieus dauerhaft zerstören kann. Darunter fallen die dauerhafte Erosion von Acker- und Weideland, der akute Mangel an Brennholz, die Häufung schwerer Überschwemmungen und die Zunahme extremer Wetterlagen.
An zweiter Stelle sind entwicklungsbedingte Formen der Umweltveränderung mit ihren spezifischen Auswirkungen auf die Bevölkerungen zu nennen: Umweltzerstörung durch militärische und kriegerische Aktivitäten, Umweltverschmutzung und -vergiftung, Verdrängungsprozesse durch den Bau von Staudämmen und Ressourcenverknappung durch schlechtes Management oder durch die Einbindung in den Weltmarkt.
In Afrika südlich der Sahara siedelten anfangs der 90er Jahre rund 80 Millionen Menschen auf dem Land und rund 10 Millionen Menschen in Städten in sensitiven ökologischen Zusammenhängen. Liegt hier das Potential für Umweltflucht?
Je nach dem, ob die Gründe für Umweltflucht in der langsamen aber dauerhaften Zerstörung der Lebensgrundlagen liegen, ob es sich um kurzfristige bzw. katastrophale Ereignisse handelt, ist das Fluchtverhalten verschieden.
Das lässt sich exemplarisch in der Sahelzone studieren. Der Anteil der Gesamtbevölkerung von rund 45 Millionen EinwohnerInnen, die in der sensiblen Sahelzone siedeln, beträgt in fünf Staaten über 50% (Mali, Mauretanien, Niger, Senegal, Sudan), in vier der fünf Länder über 60% (ohne Mauretanien), in zwei davon sogar über 70% (Niger und Senegal), wobei es im Niger 97,6% der Bevölkerung sind.
Menschen in der Sahelzone mussten in Dürreperioden immer wieder vor dem Hunger in andere Gebiete weiter in den Süden ausweichen, wobei sie anschliessend wieder in ihre angestammten Siedlungsräume zurückkehrten. Eine zeitlich begrenzte Flucht in dieser variablen Klimazone war damit die Regel. Dies hat sich geändert. Flucht wurde für viele zu einer dauerhaften Erscheinung. Die Verdoppelung der Bevölkerung in den letzten zwanzig Jahren und der Preisverfall der cash crops2 zwang bei gleichbleibender flächenextensiver Subsistenzwirtschaft zu einer Ausweitung sowohl der Anbauflächen für den Nahrungsmittelbedarf als auch für Exportprodukte in ökologisch ungünstigere Regionen. Gleichzeitig kamen die NomadInnen unter Druck, die mit ihren grösseren Herden und aufgrund der Ausdehnung der Ackerfläche auf immer engeres Weideareal abgedrängt wurden. Dieses nutzten sie intensiver, so dass es als Folge davon stärker degradierte.
Flucht aufgrund von Umweltveränderung im Sahel ist Teil eines vielschichtigen sozio- bzw. kulturökologischen Problemsyndroms von traditionellen und sich modernisierenden Gesellschaften. Dementsprechend verzweigen sich die Fluchtwege. So konnte einerseits gezeigt werden, dass das überproportionale Städtewachstum in den Ländern der Sahelzone in den 80er Jahren eindeutig eine direkte Folge der Umweltflucht der nomadisierenden Viehzüchter war, die aufgrund der Dürre den Verlust grosser Teile der Herden zu beklagen hatten und damit der Produktionsmittel beraubt wurden.
Umweltflucht induziert Konflikte verschiedenster Art und Intensität. So ist es entscheidend, ob es sich um eine Form der Landflucht, der Flucht in fruchtbare, aber bereits besiedelte Gebiete, in marginale dünnbesiedelte Regionen oder in andere Länder handelt. Je nach Anzahl der Flüchtlinge, Fluchtweg und Zielregion sind unterschiedliche AkteurInnen betroffen, die zu Konfliktparteien werden können.
Wiederum anhand der Sahelzone lässt sich gut argumentieren, dass Dürre nicht gleich Hungersnot und Umweltflucht ist. Die Dürre 1983/84 war zwar in allen Staaten der Region zu spüren. Das Problem war jedoch auf einzelne Regionen innerhalb der Länder begrenzt. Zudem war es in denjenigen Ländern am schlimmsten, in denen die Katastrophe erst durch Bürgerkriege heraufbeschworen wurde. Mit anderen Worten: Vielerorts ist Umweltflucht und Hunger nicht einfach aufgrund naturbedingter Degradation zu sehen, sondern im Zusammenhang mit gewaltsamen Konflikten, Vertreibungen, Repression und wirtschaftlicher Marginalisierung von Minoritäten oder auch ethnisch unterdrückten Mehrheiten.
Eine sinnvolle Strategie zur Bewältigung von Umweltflucht muss bei den aktuellen sozialen und wirtschaftlichen Problemen der betroffenen Länder Afrikas ansetzen. Konkret sollten Umweltflucht und damit zusammenhängende soziale und politische Konflikte am Ort ihres Entstehens behandelt werden. Ein Therapieren der Symptome greift dabei wie immer zu kurz. Vielmehr müssen die strukturellen Hintergründe bearbeitet werden, wobei dies definitionsgemäss sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, geht es doch um den Aufbau tragfähiger ländlicher Strukturen, die Schaffung neuer Arbeitsbereiche ausserhalb der Landwirtschaft und um eine geplante und abgefederte Urbanisierung. Daher ist auch die internationale Krisen- und Katastrophenhilfe so auszustatten, dass sie auf unmittelbare Anlässe, die zur Flucht führen können, präventiv einwirken oder diese zumindest im Frühstadium erkennen und Gegenmassnahmen entwickeln können.1 Isam El-Hinnawi: Environmental Refugees, UNEP, Nairobi 1985, S. 4 2 cash crops sind nur zu Verkaufszwecken angebaute Feldfrüchte. *Günther Baechler ist Geschäftsführer der Schweizerischen Friedensstiftung Institut für Konfliktlösung in Bern.
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