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«Ich war jung und hatte einen Freund, mit dem ich in dichten Wäldern für Seefahrer Zedern fällte. Als wir arbeiteten, erschien ein weisshaariger, hochgewachsener alter Meister mit hell leuchtenden Augen und blieb bei uns stehen. Haltet ein, sagte er, ich habe euch ein, zwei Worte zu sagen. (...) Auch ein Baum lebt und ist genau wie eine Person einmalig. Fällt ihn, wenn er verdorrt, also gestorben ist. Wer einen frischen Baum fällt, wird nicht erlöst, seine Sippe und alle Angehörigen auch nicht.»
Das ist eine der unzähligen Geschichten, die uns der Grossmeister der türkischen Literatur, Yasar Kemal, in seinem kürzlich in deutscher Übersetzung erschienenen Buch «Die Hähne des Morgenrots» beschert. Der Band gehört zur Reihe seiner Inselromane, die auf der einst von GriechInnen bewohnten «Ameiseninsel» vor der westtürkischen Küste spielen. Es geht um die Zeit unmittelbar nach der Gründung der modernen Türkei, um die Nachwehen der grossen Umsiedlungswelle nach jenem Ereignis, das die GriechInnen die kleinasiatische Katastrophe und die TürkInnen den Befreiungskrieg (1919-1922) nennen.
Kemals Kunst fusst auf der Tradition der anatolischen Barden. Im Mittelpunkt stehen Gestalten, mit denen er packend die Dialektik von Held und Opfer vor Augen führt. Sein neues Buch ist ein Plädoyer für das Miteinander der Völker, die letztlich alle Minderheiten sind.
Kemal, aus einfachen ländlichen Verhältnissen stammend, ist als engagierter Linker mit kurdischen Wurzeln oft mit dem türkischen Regime in Konflikt geraten und blieb standhaft. Er hätte den Nobelpreis für Literatur verdient, den 2006 ein viel jüngerer Kollege - Orhan Pamuk - bekommen hat. Auch Pamuks neuer Roman hat epische Breite, jedoch eine ganz andere Aussagekraft: «Das Museum der Unschuld» ist die reichlich manierierte Liebesgeschichte eines Privilegierten aus der Istanbuler Oberschicht und im Vergleich zu den «Hähnen des Morgenrots» ein eher mageres Opus.