Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03447.jsonl.gz/182

Léon Genoud wird am 24. April 1859 in Remaufens geboren, einer Gemeinde im Vivisbachbezirk in der Nähe von Châtel-Saint-Denis. Er wächst in einer katholischen Handwerkerfamilie auf. Sein Vater betreibt die Sägerei des Dorfes, sein Grossvater mütterlicherseits ist Orgelbauer. Der junge Léon hat eine unbeschwerte Kindheit, besucht die Dorfschule und später die Schule in Châtel-Saint-Denis. Mit 15 Jahren träumt er davon, Geometer zu werden, dies lässt die finanzielle Situation seiner Eltern Marie und Joseph-Casimir Genoud jedoch nicht zu. Er entscheidet sich schliesslich für eine Lehrerausbildung, die er am Lehrerseminar in Hauterive absolviert. Nach seinem Abschluss unterrichtet der junge Mann an verschiedenen Primarschulen in Freiburg und im Waadtland, u.a. in Villariaz, Montbrelloz, Bossonens und Onnens.
Parallel zu seiner beruflichen Tätigkeit interessiert sich Genoud rasch für die Frage der pädagogischen Lehrmittel. Schon früh in seiner Karriere zeigt der Vivisbacher trotz seines jungen Alters viel Eigeninitiative, die die Zeitung La Liberté anlässlich seines Todes folgendermassen beschreibt:
«Er war kaum zwanzig Jahre alt, als er bereits grossen Unternehmergeist und Fortschrittsdenken an den Tag legte: An seinen freien Tagen kam er von Onnens nach Freiburg, um Objekte für eine ständige Ausstellung zusammenzutragen, die einen Bezug zur Pädagogik hatten. Mit dieser Sammlung legte er den Grundstein für das heutige Pädagogische Museum […]»[1]
Genoud sammelt Schulbücher, Unterrichtsmaterialien und Zeitschriften und richtet 1884 die permanente Schulausstellung ein. Sein Ziel ist es, die Qualität des öffentlichen Bildungswesens zu verbessern, indem er der Öffentlichkeit eine umfangreiche Materialsammlung zu Verfügung stellt.
Nach diesen ersten Erfolgen wird Genoud unter dem Patronat des Staatsrats Georges Python mit dem Ausbau der beruflichen Bildung beauftragt, ein Bereich, der ihm ganz besonders am Herzen liegt. 1886-1887 besucht er dank eines Stipendiums von Bund und Kanton eine Meisterklasse für Zeichnen und beruflichen Unterricht am Technikum in Winterthur. Er begleitet zwei seiner Professoren nach Deutschland und ins Elsass, um verschiedene Berufsschulen und Industrieausstellungen zu besuchen. Nach der Rückkehr von seiner Reise schickt er der Freiburger Regierung einen Bericht, in dem er die Eröffnung eines Industriemuseums empfiehlt. Am 27. Dezember 1887 ist es so weit: Mit Beschluss des Grossen Rates wird die Abteilung „Arts et Métiers“ der permanenten Schulausstellung zu einem eigenständigen Museum.
1888 verlässt Léon Genoud das Bildungswesen für immer und zieht in die Stadt Freiburg, wo er sich problemlos integriert. 1889 heiratet er Maria-Anna Peier, die in Freiburg keine Unbekannte ist: Sie besitzt eine Brauerei, die Treffpunkt der Société des arts et métiers ist. Rasch knüpft Genoud enge Beziehungen zu den drei Staatsräten Georges Python, Aloys Bossy und Emile Savoy. Dank der neuen Kontakte tritt er verschiedenen konservativen Vereinigungen bei wie dem Cercle catholique de Fribourg und dem Schweizerischen Katholischen Volksverein. 1893 beginnt er als Mitglied des Generalrats der Stadt zu politisieren. 1895 wird er in den Gemeinderat gewählt, den er 1899 wieder verlässt, um in den Grossen Rat einzuziehen.
Seine Ziele verliert Genoud jedoch nie aus den Augen. 1888 gründet er die Société fribourgeoise des métiers et arts industriels und wird deren Sekretär. Die von der Stadt Freiburg finanziell unterstützte Gesellschaft fördert die Schaffung von Industrien und Industrieausstellungen, insbesondere jedoch die berufliche Bildung junger Freiburger: 1890 werden die ersten Lehrabschlussprüfungen und 1892 die kantonale Industrieausstellung durchgeführt – siehe Kapitel 1, „Vor der Schule“. Anlässlich der Industrieausstellung zeigt sich, dass die berufliche Bildung in Freiburg unzulänglich ist und neue Strategien zu deren Verbesserung notwendig sind:
«Der Weg war demnach vorgezeichnet: Die berufliche Bildung musste entwickelt und an der Ausbildung der jungen Generation gearbeitet werden. Wir mussten ihre Freude an der Arbeit wecken, indem wir ihre Ausbildung auf die berufliche Praxis ausrichten, ihnen Kurse und wenn möglich Schulen zur Verfügung stellen, in denen die zukünftigen Handwerker die technische Seite der Berufe von Grund auf lernen können.»[2]
Mit unermüdlicher Schaffenskraft verfolgt Genoud seine Ziele weiter. Zwischen 1893 und 1900 unternimmt er mehrere Reisen nach Europa und in die Vereinigten Staaten, auf der Suche nach neuen Werkzeugen zugunsten der beruflichen Bildung in Freiburg. 1893 wird er an die Weltausstellung in Chicago geschickt, von wo er wichtige Unterlagen zurückbringt. Im folgenden Jahr reist er mit dem gleichen Ziel nach Italien und nach Österreich-Ungarn. 1900 besucht er die Weltausstellung in Paris, wo er sich vor allem für den Zeichenunterricht interessiert. Gleichzeitig ist er an der Gründung mehrerer Berufsverbände beteiligt wie die Société de développement 1899, die Union cantonale des arts et métiers 1906 oder die Société fribourgeoise du commerce et de l’industrie 1909… Ausserdem wird der Vivisbacher von mehreren Schweizer Berufsschulen beauftragt, Vorträge zu halten und Weiterbildungskurse abzuhalten.
Nach der Verabschiedung des Gesetzes über den Schutz von Lehrlingen 1895 denkt der Grosse Rat mit Staatsrat Python über die Gründung einer Kunst- und Gewerbeschule nach, welche die folgenden Abteilungen umfasst: Mechanik, Elektrotechnik, Gebäudebau (Steinmetze), Schreinerei und Korbmacherei. Aufgenommen werden sollten junge Freiburgerinnen und Freiburger, die eine Lehre absolvierten oder in einer Werkstatt in der Stadt oder der Umgebung angestellt waren. Am 14. Januar 1896 um drei Uhr nachmittags wird die Kunst- und Gewerbeschule von Freiburg in den Räumlichkeiten der Mädchenschule offiziell eröffnet. Der erste Jahrgang umfasst 14 Schüler: zwölf Steinmetz- und zwei Mechanikerlehrlinge. Léon Genoud wird zum Direktor ernannt. Er wird diesen Posten fast 30 Jahre lang bis 1925 innehaben.
Neben seinen Tätigkeiten im Bereich der Berufsbildung ist Genoud auch Mitglied zahlreicher Wohltätigkeitsvereine: Er ist Regionalsekretär von Pro Juventute, des Obersten Schweizer Rates der Vinzenzkonferenzen, der Freiburg Tuberkulosen-Liga… Seine zahlreichen und vielfältigen Engagements zeugen von seinem unermüdlichen Einsatz für das soziale Leben von Freiburg. Darüber hinaus ist Genoud Autor von zahlreichen Artikeln, Abhandlungen und Broschüren zu aktuellen Themen.
Im Laufe der 1920er-Jahre zieht sich Léon Genoud allmählich zurück, da seine Gesundheit seine bisherige Umtriebigkeit zunehmend bremst. Am 13. Februar 1931 stirbt er unerwartet. Er hinterlässt neben seinen übrigen Leistungen ein beachtliches schriftliches Werk. Die Nachwelt wird sich noch lange an sein grosses Engagement zugunsten der beruflichen und sozialen Entwicklung von Freiburg erinnern.
[1] La Liberté, 14. Februar 1931
[2] Genoud Léon, Le Technicum de Fribourg: école des arts et métiers, Impr. Fragnière, 1921, p. 14