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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Muttersprache, Viersen/Deutschland
Allgemein scheint erkennbar zu sein, jedenfalls in unseren Breiten, dass sich die Menschen, ihre Ziele und geistigen Grundlagen in den letzten 70 Jahren stark verändert haben. Eigentlich ist das nicht ungewöhnlich, Umbrüche gab es schon immer, bekannte Beispiele sind die Zeit der Aufklärung, des Kaiserreichs, der Weimarer Republik und der Nazizeit. Aber nicht nur sie haben sich verändert, ebenso verhält es sich bei der Lebenszeit.
Schreibt doch der Schriftsteller Alexander Roda Roda (*13. April 1872 in Drnowitz, Mähren, als Sándor Friedrich Rosenfeld; † 20. August 1945 in New York) in seiner Erzählung Eine Nachricht vom Mars über den Einfluss der Greise auf der Erde, beurteilt aus der Sicht von Marsbewohnern, die die Oberherrschaft über die Erde übernommen haben::
Die Schwerkraft der Erde ist riesig, doppelt so groß wie der Mars. Dieser Schwerkraft entspricht ein schwerer, träger Gang der Menschheitsbildung. Die Erdenmenschen sind unheimlich langlebig; der Greis ragt in die dritte Generation, behält auch in den Jahren jenseits seines Kräftescheitels Ansehen und Macht, missversteht seine Zeit und beherrscht sie, bremst das fortrollende Rad der Zivilisation, und seine Langlebigkeit wird ihm als Verdienst angerechnet.
Der verderbliche Einfluss der Langlebigkeit äußert sich auf allen Teilgebieten des Menschengefüges. Man schleppt Irrtümer von Geschlecht zu Geschlecht: was der Großvater gutheißt, müssen die Enkel glauben. - Die Erziehung der Kinder geschieht an Hand der ältesten von der Menschheit verfassten Bücher, und diese Bücher (Konfutse, die Veden, die Bibel, der Koran) gelten als heilig; auch wenn sie nicht als heilig gelten - die Ilias z.B. -, bleut man sie den Kindern ein. Die Literaturgeschichte der Menschen enthält durchwegs die Namen von Greisen und von Leuten, die im Sinne der Greise gedichtet haben. Die Gesetze der Menschen sind von Greisen, für Greise gemacht. Sie Sittenlehre der Menschen verpönt Handlungen, die dem Greis unangemessen sind. Die Religionslehre folgt nicht dem höherern Verstand des Enkels, sondern der Überlieferung des Greises. Das Verhältnis der einzelnen Menschengruppen (Staaten) zueinander wird nicht von wirtschaftlichen Rücksichten bestimmt - weil die Wirtschaftslehre eine auf Erden noch junge, den Greisen fremde Wisenschaft ist. Der Verkehr der Staaten spielt sich in altertümlichen Formen ab, man verficht Interessen, die niemandes Interessen sind.
Eine Sicht auf die ältere Generation, über die es sich nachzudenken lohnt. Seit dem Zeitpunkt des Todes des Schriftstellers, der übrigens auch, jedenfalls für seine Zeit, recht alt geworden ist, hat sich einiges verändert, anderes wiederum nicht.
Betrachtet man das Lebensalter der Staatenlenker und Religionsführer, findet man nur selten Unter-60-Jährige. Es ist unbestreitbar, dass sie ihre Macht und ihren Einfluss geltend machen.
Wie das in der Familie ist, kann ich nur von meiner Person aus beurteilen. Ich mische mich jedenfalls nicht in die Erziehung meiner Enkelkinder ein und auch nicht in die Entscheidungen meiner Kinder. Sie fragen mich auch nicht, sie entscheiden selbstständig.
Natürlich könnte sich jeder Opa, jede Oma über Erziehungsmethoden, über den Umgang, über die Kleidung und was weiß ich nicht alles, echauffieren,( um einmal ein schon fast ausgestorbenes Wort zu benutzen, das durch die Verben sich aufregen, sich erhitzen ersetzt worden ist), die nicht in ihren Erlebnishorizont passen. Aber ändert sich dadurch etwas?
Vermutlich gegen die Meinung der Großväter sind in Deutschland bei mindestens einem Drittel der Bevölkerung die so genannten heiligen Bücher nicht mehr heilig, egal was der Großvater predigt. Die Sittenlehre hat sich stark verändert, vorehelicher Geschlechtsverkehr, Abtreibung, das Zusammenleben und auch die Heirat von Paaren jedweden Geschlechtes werden gesellschaftlich akzeptiert, ob ein Kind unehelich geboren worden ist, interessiert niemanden mehr ernsthaft. Die jüngere Generation kann mit den Werken der bisherigen Größen der deutschen Literatur, Schiller, Goethe, Lessing, usw., nichts mehr anfangen, ihre gedichteten Zeilen klingen geradezu lächerlich in ihren Ohren:
Zitiert aus Die Glocke von Friedrich Schiller:
Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe
Und herrlich in der Jugend Prangen,
Wie ein Gebild aus Himmels Höhn
Mit züchtigen verschämten Wagen,
Sieht er die Jungfrau vor sich stehn
Da fasst ein namenloses Sehnen
Des Jünglings Herz, er irrt allein,
Aus seinen Augen brechen Tränen,
Er flieht der Brüder wilden Reihn.
Errötend folgt er ihren Spuren,
Und ist von ihrem Gruß beglückt,
Das Schönste sucht er auf den Fluren,
Womit er seine Liebe schmückt,
Oder auch die Rolle der Frau und Mutter im selben Gedicht:
Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau...
Und sie fragen sich, ob Schiller das wirklich ernsthaft gemeint hat!
Ob sich der Verkehr der Staaten in altertümlichen Formen abspielt, mag jeder Leser selbst beurteilen, jedenfalls ist das Denken in Freund-Feind-Bildern immer noch sehr aktuell, und in der Wirtschaft herrschen die knallharten Einzelinteressen vor.
Ich staune immer wieder über die Veränderungen, die in nur 2 Generationsfolgen stattgefunden hat. Die Familienstrukturen haben sich in vielen Bereichen grundlegend geändert und das in einer Geschwindigkeit, die - verglichen mit den vorangegangenen Jahrhunderten - atemberaubend ist.
Diejenigen, die dieser Entwicklung fassungslos gegenüberstehen, ich denke vor allem an die christlichen so genannten Würdenträger im Greisenalter, versuchen immer noch, kraft ihres Amtes einiges aufzuhalten, sie prangern den ihrer Meinung nach sich ausbreitenden Sittenverfall an, aber es sind immer weniger Menschen, die ihnen folgen. Die Autorität ist futsch, ja sogar die pure Existenz der Kirchen wird inzwischen infrage gestellt. Vor 50 Jahren war das noch undenkbar!
Ähnlich, wenn auch noch nicht so fortgeschritten, verläuft es mit den sarkastisch gemeinten Göttern in Weiß. Dass Patienten sich gegen den Rat des Arztes selbst aus dem Krankenhaus entlassen, wäre früher unvorstellbar gewesen.
In vielen Bereichen des täglichen Lebens ist ähnliches zu beobachten. Da bleibt also als Fazit nur noch zu sagen, dass es mit dem Einfluss der Greise auf die jüngere Generation nicht mehr weit her ist. Lebenserfahrung hat nur noch wenig Wert, früher war eben alles ganz anders und sei mit der modernen Zeit nicht mehr vereinbar.
Greise, und damit meine ich in meinem ganzen Text beide Geschlechter, taugen noch als Babysitter und Melkkühe, soweit sie noch Erspartes auf der hohen Kante liegen haben, nicht mehr als Berater in Lebensfragen. Da sind ihre Auffassungen und Meinungen hoffnungslos veraltet! Um auf die Marsbewohner zurück zu kommen: Ist das nicht ganz in deren Sinne?
Quelle
Roda Roda, Eine Nachricht vom Mars, in: Technik heiter, von der Tagnachtlampe zum fliegenden Dampfross: Das grosse Schmunzelbuch vom Fortschritt mal anders, Hannover, Fackelträgerverlag, 1979, S. 129ff.