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Die Schweizer Fleischwirtschaft Proviande spielt sich als harte Faktencheckerin auf: Sie «entlarvt» angeblich drei Mythen zum Fleischkonsum und wirbt damit in «20 Minuten» und in der «Sonntagszeitung».
Das Vorgehen ist raffiniert: Proviande sagt zu allen drei «Mythen»: «Stimmt gar nicht, dass Fleisch umweltschädlich ist», und kommt danach zum unglaublichen Fazit: «Mit dem Verkauf und Verzehr von Schweizer Fleisch können Sie zu einer nachhaltigeren Zukunft beitragen.»
Beim näheren Hinsehen zeigt sich allerdings, dass die Fleischwirtschaft keine Mythen entlarvt, sondern mit PR-Taktiken versucht, die Fleischproduktion schönzureden.
Als Mythos 1 bezeichnet Proviande den Satz «Die Methangase von Rindern beschleunigen die Klimaerwärmung».
Das Argument von Proviande: Bei richtiger Haltung und Fütterung seien Rinder Teil eines natürlichen Kreislaufs zwischen den Tieren und dem Grasland; damit würden die schädlichen Gase neutralisiert.
Nur: Viele Schweizer Kühe stehen gar nie auf einer Weide, sondern im Stall und werden mit Sojaschrot gefüttert, weil sie sonst ihre Milch- und Fleischleistung nicht erbringen könnten. Der klimaneutrale Kreislauf zwischen Kuh und Grasland funktioniert unter diesen Bedingungen nicht.
Klarere Zusammenhänge zeigt eine Studie, die 2021 in der Zeitschrift «Nature Food» veröffentlicht wurde. Sie kommt zum Ergebnis, dass pflanzliche Nahrungsmittel lediglich für 29 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich sind, die bei der Produktion von Lebensmitteln freigesetzt werden. 57 Prozent entstünden dagegen durch die Aufzucht und Haltung von Kühen, Schweinen und anderen Nutztieren, einschliesslich der Herstellung von Viehfutter.
Mythos 2 nennt die Fleischwirtschaft die Behauptung «Es wäre nachhaltiger, das Land, auf dem Rinder weiden, für den Gemüsebau zu nutzen».
Als «Beweis» dafür, dass das falsch sei, dient der Umstand, dass zwei Drittel der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche nicht zum Anbau von Gemüse, Kartoffeln oder Getreide geeignet seien.
Dass sich immerhin ein Drittel der Fläche für den Gemüse-Anbau nutzen liesse, wird ignoriert. Genauso wie der Umstand, dass 40 Prozent der weltweiten Ackerflächen für Futtermittel genutzt werden und gar nicht für die menschliche Ernährung. Es wäre also sehr wohl nachhaltiger, mehr Fläche für den Gemüseanbau zu nutzen.
Fleisch liefert nicht das gesündere Eiweiss
Mythos 3, den Proviande gerne widerlegen würde, ist der Satz «Pflanzliches Eiweiss versorgt den Körper mit genügend Proteinen».
Die Argumente dagegen: Die Behauptung sei eine «zu starke Vereinfachung von Proteinen». Wahr sei, dass man «über ein Kilo Erbsen» zu sich nehmen müsste, «um den Protein-Nährwert von 100 Gramm Rindfleisch zu erreichen». Damit schürt die Werbung die Angst, dass pflanzliche Nahrungsmittel zu wenig Eiweiss liefern könnten.
Doch: Einen unterschiedlichen «Protein-Nährwert» gibt es nicht. Wissenschaftlich erwiesen ist nur, dass sich tierisches und pflanzliches Eiweiss unterscheiden. Manchmal ist von der «biologischen Wertigkeit» die Rede. Tierisches Eiweiss wird vom Körper schneller verwertet. Doch ob das langfristig gesünder ist, ist unklar. Denn tierische Proteine erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bei pflanzlichem Eiweiss ist das nicht der Fall.
Im Fazit zur angeblichen «Entlarvung» der drei Mythen wirft sich die Fleisch-Branche heftig für den Umweltschutz in die Bresche. Allerdings nur vordergründig. Die Lebensmittelproduktion trage einen grossen Teil zu den Gesamtemissionen bei, räumt sie selbstkritisch ein – dreht dann aber eine überraschende Pirouette: «Mit dem Verkauf und Verzehr von Schweizer Fleisch können Sie zu einer nachhaltigeren Zukunft beitragen.» Gerühmt wird dann die «artgerechte Haltung» sowie die «möglichst naturnahe Produktion und Fütterung mit mehrheitlich eigenen Ressourcen.»
Schweizer Fleisch hat nicht zwingend gut gelebt
Damit bedient Proviande selber einen Mythos: Viele Konsumenten denken, Nutztieren in der Schweiz gehe es besser, als es tatsächlich der Fall ist. Der Schweizer Tierschutz (STS) geht aber davon aus, dass fast die Hälfte der Nutztiere in der Schweiz nur nach den Minimalvorgaben der Tierschutzverordnung leben. Und diese Vorgaben erlauben zum Beispiel die Haltung von Mastschweinen und Mastrindern auf nicht eingestreutem Boden und mit minimalem Tageslicht. Das bedeutet: Viele Tiere haben ihr Leben lang keinen Auslauf an der frischen Luft.
Auch die PR-Argumente von Proviande können die Tatsache nicht auf den Kopf stellen: Wollen wir nachhaltig leben, müssen wir unseren Fleischkonsum drastisch reduzieren.
Zumindest in einem Punkt hat Proviande jedoch Recht: Ihren Werbeartikel hat die Organisation korrekt als «Anzeige» gekennzeichnet.
Schönfärberische Werbung erlaubt
Proviande rühmt sich für seine «Kommunikation» für Schweizer Fleisch. 2022 platzierte die Organisation laut eigenen Angaben rund 45 PR-Artikel bei den grössten Tageszeitungen und Newsportalen der Schweiz.
Bezahlt werden diese Werbeartikel nicht nur von denen, die Fleisch produzieren und essen. Sondern auch von Fleisch-Skeptikern und -Verweigerern. Denn der Bund versorgt die Genossenschaft der Schweizer Fleischwirtschaft Proviande jedes Jahr mit mehreren Millionen Franken an Subventionen, damit diese ihr Fleisch bewerben kann. Dies, obwohl der Geldfluss aus der Bundeskasse immer wieder kritisiert wird.
Auch die Werbung selber ist umstritten. Schon mehrmals musste die Schweizerische Lauterkeitskommission (SLK) Beschwerden behandeln. Doch eingeschritten ist sie nicht. Nach wie vor darf mit vorbildlich gehaltenen Schweinen, Hühnern und Kühen für Schweizer Fleisch geworben wurde. Die SLK legitimiert sogar ausdrücklich schönfärberische Fleischwerbung.
In einem Entscheid räumt sie zwar ein, dass idyllische Bilder von Tierhaltung im Grünen nicht der Mehrheit der Tierhaltungen entsprächen. Es sei aber zulässig, «in der Werbung eine bestimmte Realität abzubilden, auch wenn dies einer Minderheit entspreche».
Sie hielt folgenden absurden Werbe-Grundsatz fest: «Ein Werbesujet ist nicht schon dann unrichtig, wenn es nicht die mehrheitlich zutreffende Situation zeigt, sondern erst, wenn es eine Situation präsentiert, die nie in der Realität anzutreffen ist.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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