Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03299.jsonl.gz/365

Ein aus der Donaumonarchie als Flüchtling eingewanderter Baron, Freiherr Hubert von Stücker, liess sich nach der Mitte des 19. Jahrhunderts in Landschlacht nieder. Er verfügte offenbar über ein beträchtliches Vermögen, was ihm erlaubte, umfangreichen Grundbesitz und stattliche Häuser zu erwerben und ein Leben als hablicher Grossgrundbesitzer zu führen. Er war gesonnen, auf seinen Feldern und Äckern landwirtschaftliche Experimente durchzuführen. So pflanzte er – angeblich als Erster in der Schweiz – Zuckerrüben an, importierte aus Frankreich neue Rebensorten und liess in einer eigenen Ziegelei Drainageröhren brennen, um vernässte Böden zu entwässern. Die in ihren Traditionen verhafteten dörflichen Kleinbauern kamen aus dem Staunen kaum heraus. Hubert von Stücker liess Bäume in lange Reihen setzen – ein ungewohntes Bild in der Gemeinde, in der die althergebrachte Dreifelderwirtschaft mit Zehntenabgaben und Flurzwang noch kaum überwunden war.
Zu seinem Lebensstil passte auch seine von den biederen Dorfbewohnern bewunderte Geliebte, dem Vernehmen nach eine «feurige Zigeunerin», die er aus Ungarn mitgebracht hatte. Zunächst wohnte er im «Weidhof» nahe am See, erwarb dann aber auch das «Rote Haus» und das «Schlössli».
1874 liess Hubert von Stücker das auf der Höhe über dem Hinterdorf stehende alte «Berghüsli» abbrechen und eine herrschaftliche Villa erstellen, die er «Bodanswart» taufte. In der Tat hat man von dieser Warte aus einen herrlichen Blick über den Bodensee. Die Aussicht reicht vom Hohentwiel im Westen bis zu den Berggipfeln im Allgäu und in Vorarlberg.
Das turbulente Leben auf der Bodanswart fand indessen ein abruptes Ende, als Cäcilie von Stücker auftauchte, Huberts legitim angetraute Gemahlin. Sie hatte ihren flüchtigen Ehemann ausfindig gemacht und war nach Landschlacht gereist. Als Erstes setzte sie «die Zigeunerin» vor die Tür und gab danach auch ihrem ungetreuen Ehegespons den Laufpass. Von 1878 an war sie die Hausherrin auf der Bodanswart. Über das weitere Schicksal Huberts von Stücker ist wenig bekannt. Er wurde Jahre später tot in einem Park in Winterthur aufgefunden.
Die Gemeinde Landschlacht hingegen hatte noch lange an der Bodanswart zu leiden. Die Mitglieder der damaligen Ortsbehörde hatten – dem Vernehmen nach während eines feuchtfröhlichen Gelages – dem bewunderten Baron eine Bürgschaft geleistet. Sie erwies sich als verhängnisvoll, als 1882 über der Bodanswart der Pleitegeier kreiste. Im Konkursverfahren ging eine Schuldenlast von 63 000 Franken an die Ortsgemeinde über. Jahrelang fand sich für die Bodanswart kein solventer Käufer. 1887 erwarb wiederum ein Baron – Joseph August Pron aus Frankreich – die Villa auf der Höhe. Er bezahlte aber lediglich 30 000 Franken dafür. Die verbleibende Schuld von 33 000 Franken plagte die Landschlachter noch während Jahren. Sie wurde in jährlichen Tranchen von 1000 Franken als sogenannte «Bodanswartsteuer» getilgt.
1893 erwarb Gottlieb Wilhelm Albert Mahlau, vormals Besitzer einer bedeutenden Druckerei und des Verlags der Frankfurter Zeitung, die Villa. Er hatte 1891 das Geschäft in Frankfurt an seinen Sohn Reinhold übergeben und, so wurde berichtet, «in der Schweiz, in der Nähe von Constanz, eine herrschaftliche Besitzung gekauft, um seinen Lebensabend in Zurückgezogenheit und Stille zu geniessen». Albert Mahlau legte Wert auf Vornehmheit und Gediegenheit. Seine Gattin, eine anerkannte Sängerin, erfreute die Gäste gerne mit ihrer Kunst. Der verlorene Erste Weltkrieg (1914 bis 1918) und die darauf folgende Finanzkrise in Deutschland zwangen ihn, die Bodanswart zu veräussern.
Bis zum Verkauf an die «Schweizerische Caritasaktion der Blinden» im Jahre 1964 wechselte die Villa noch mehrmals den Besitzer. Der deutsche Rentner Friedrich Hörle war möglicherweise der Erste, der in Landschlacht ein Automobil besass. Es wird berichtet, er habe es geliebt, zusammen mit seiner Gattin Emma im offenen «Motorwagen» über Land zu brausen.
Heute ist die von Stücker’sche Villa der historische Kern des Internationalen Blindenzentrums Gebhardshöhe. Eine beeindruckende, breite Wendeltreppe verbindet die einzelnen Etagen. Die Achse bildet ein weiter Schacht, der möglicherweise einst dazu diente, Speisen aus der Küche mittels eines Aufzugs in die oberen Stockwerke zu hieven. Das Gebäude weist heute etliche Hotelzimmer unterschiedlicher Grösse auf. Parkettböden und die Stuckdecke im «Mariensaal» erinnern an die vergangenen Zeiten, als die Bodanswart der Privatsitz vermögender Herrschaften war.
Unmittelbar neben dem Internationalen Blindenzentrum (IBZ) steht ein neues Gebäude, das durch seine waagrecht gestreiften grau-blauen Mauern auffällt. Es wurde 1991 eingeweiht und beherbergt die «Blindenbibliothek der Schweizerischen Caritasaktion der Blinden (CAB)», einer seit 1933 schweizweit aktiven Selbsthilfeorganisation seh- und hörsehbehinderter Menschen. Die Blindenbibliothek (BBL), deren Wurzeln bis ins Jahr 1923 zurückreichen, wurde kurz nach der Gründung des Internationalen Blindenzentrums vom Kloster Magdenau nach Landschlacht verlegt, zunächst in die Villa Bodanswart.
Mit dem Neubau wurde das Tätigkeitsfeld vom reinen Bibliotheks- hin zum Produktionsbetrieb erweitert. So werden heute in einem eigenen Tonstudio in zwei schallisolierten Kabinen von zehn ausgebildeten Sprechern pro Jahr etwa 90 Hörbücher aufgesprochen. Die Hälfte davon gehören zum Bereich Unterhaltung. Dazu kommen Sach- und Fachbücher, vor allem Werke mit religiösem, philosophischem und psychologischem Inhalt. Die rasante technische Entwicklung machte dabei auch vor der Blindenbibliothek nicht Halt: Computer und modernste digitale Produktionstools erlauben den vier Angestellten – zwei sehenden und zwei sehbehinderten – einen effizienten und professionellen Einsatz zugunsten der sehbehinderten und blinden Hörer und Leserinnen.
Waren es in früheren Jahren vor allem in Brailleschrift geprägte Bücher sowie Tonkassetten, die ausgeliehen wurden, so sind es heute mehrheitlich digitale Hörbücher auf CD, die in den ganzen deutschen Sprachraum verschickt werden. Dieser umfasst neben der Schweiz, Deutschland und Österreich auch Gegenden wie das Elsass, Südtirol oder Siebenbürgen. Zur Zeit befinden sich über
6000 Titel im Haus. Dank der Vernetzung aller Blindenhörbüchereien haben Hörer und Hörerinnen darüber hinaus Zugriff auf den gesamten deutschsprachigen Hörbuchbestand. Damit stehen rund 40 000 Titel zur Auswahl.
Der gebräuchliche Name Blindenbibliothek greift zu kurz. Nicht nur, dass die BBL in den letzten 20 Jahren zu einem anerkannten Blindenmedien-Produzenten herangewachsen ist, auch der Kundenkreis ist merklich weiter geworden. So können heute nicht nur Menschen mit einer Sehbehinderung die kostenlosen Dienstleistungen in Anspruch nehmen, sondern auch solche mit anderen Behinderungen und Beeinträchtigungen wie beispielsweise Legasthenie, Hirnschädigungen, Multiple Sklerose oder Parkinson.
Die Bibliothek steht zwar auf dem Grundstück des Internationalen Blindenzentrums; die beiden Institutionen sind aber betrieblich unabhängig voneinander.
Die Blindenbibliothek kann besichtigt werden. Eine Voranmeldung ist aber nötig: <email-pii>, www.cab-bbl.ch oder Telefon 071 695 12 14
(Quelle: Buch „Wir sind Münsterlingen - Geschichten und Leben einer Seegemeinde“)