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Die Luzernerin Anna Richli (1884–1954) war eine aufmerksame Beobachterin ihrer Zeit, die nebst ihrem Beruf als Lehrerin auch als Autorin aktiv war. In letzterem Zusammenhang beschäftigte sie auch die Rolle der Frau und die damit verknüpften Verpflichtungen ihrer Zeit. Dass es frau nicht immer ganz einfach hatte, weiss Pia Gemperle, Autorin vom Frauenstadtrundgang Luzern.
1904 lancierte der Scherl’sche Verlag in Berlin in der Zeitschrift «Die Woche» ein Preisausschreiben. Gesucht waren Geschichten, die den Start ins Leben beschreiben. Mit dem zweiten Platz für ihre Kurzgeschichte «Im Schulhaus auf der Alp» errang die Anna Richli bereits in jungen Jahren internationale Anerkennung (Von Anna Richli und Ihren Kindergeschichten, in: Vergiss Mein Nicht, 53. JG Nr. 1 1955, S. 15).
Unterrichten in der Stadt und auf dem Land
Geboren 1884 in Willisau, wuchs sie in Luzern auf. Nach der Lehrerinnenpatent-Prüfung nahm Richli 1901 ihre erste Stelle als Verweserin (so nannte man stellvertretende Lehrpersonen) im Entlebucher Bergweiler Schärlig an und liess sich zu ihrer prämierten Kurzgeschichte inspirieren. Mit grosser Empathie und lebendiger Sprache schilderte sie darin das Schicksal ihrer Schüler und deren Familien.
«Die Kinder kamen scheu und ungelenk auf mich zu. Die wollte ich glücklich machen. Misstrauisch, schelmisch, neugierig guckten sie sich «die Fremde aus der Stadt» an», schrieb sie in «Im Schulhaus auf der Alp».
1905 zog es Anna Richli wieder in die Stadt Luzern zurück. Von 1905 bis zu ihrer Pensionierung unterrichtete sie Mädchenklassen im Maihof. Als Lehrerin habe sie ein grosses Einfühlungsvermögen in ihre Schülerinnen gehabt, konnte aber auch streng sein. Anna Richli erzählte ihren Schülerinnen gerne Geschichten, legte hohen Wert auf ihr Äusseres und trug gerne grosse Hüte (Inge Sprenger-Viol: Merkwürdige Frauen, Bd. 1).
Erfolgreicher Erstling 1916
Neben ihrer Tätigkeit als Lehrerin verfasste sie Novellen, Kurzgeschichten und Romane. Ihr Erstling «Höhenleuchten» erschien 1916 und versammelte Erzählungen, die in den Schweizer Bergen spielen. Insgesamt publizierte Richli 19 Bücher (siehe Kasten), die ihr über die Schweizer Grenzen hinaus Bekanntheit und einen prominenten Freundeskreis bescherten. Darunter Carl Spitteler, Isabella Kaiser und Heinrich Federer.
1926 erschien ihr historischer Roman «Mein ist der Tag», der am Thunersee spielt und die Geschichte des letzten Vertreters des Kyburgergeschlechts schildert. Vielversprechend klangen die Kritiken wie die der Berner Tageszeitung «Der Bund»:
«Das ist ein Buch von festem Griff und starkem Atem. Viel kräftiger, als man das sonst etwa von Frauen gewöhnt ist (…). Wie aus dem Friedensfest ein Brudermord, am Ende aber doch alles Seelische im Strahl der aufgehenden Sonne verklärt wird, das ist mit sicherer Darstellungskunst und starkem inneren Miterleben erzählt» (Der Bund, Rezension zur Erzählung «Mein ist der Tag», in: Anna Richli: Jahrhundertwende, 1929, S. 209).
Frühe Texte zu Frauenthemen
Richli schrieb nicht nur «stark für eine Frau», sie schrieb auch gerne über Frauen. Unter dem Titel «Frauengestalten im Wandel der Jahrhunderte» spürte sie dem Schicksal von Frauen aus verschiedenen Epochen nach.
In ihren Romanen kreierte sie eigenwillige Protagonistinnen, die katholische Werte verkörpern. Richli zeichnete geduldige Frauen mit grossem «Opfersinn». Die Leser würden laut einer Rezension des Werks «Die Fortbildungsschülerin» ihrer Lehrerkollegin Hedwig Schnyer
«(…) ergriffen von der dramatischen Kraft, dem überraschenden Gestaltungsvermögen, der erstaunlichen Vielseitigkeit in der Problembehandlung, von der in Schönheit und Wohlklang getauchten Sprache, vom tiefen Einfühlen in das Milieu der Handlung und nicht zuletzt von der Feinheit und Frauenhaftigkeit ihres Fühlens» (Hedwig Schnyder, in: Die Fortbildungsschülerin Nr. 5, 1928, S. 2).
Progressiv interpretierte Geschlechterrollen
In den Besprechungen ihrer Romane trifft man vorwiegend auf wohlwollendes Lob. Vereinzelte Kritiker warfen ihr übertriebene Sentimentalität oder eine gekünstelte Sprache vor.
Im historischen Roman «Jahrhundertwende» schilderte Richli lebendig die Umwälzungen nach dem Einmarsch der französischen Truppen in Luzern. Die Protagonistin Héloise entrinnt der anerzogenen Unterordnung in der Ehe und findet die Stärke, sich in ihrer Rolle als Ehefrau nicht aufzugeben. Richli beleuchtet den Wandel feinfühlig und aus unterschiedlichen Blickwinkeln. So kommt Héloises Vater, der Alt-Ratsherr von Hertenstein, zum Schluss:
«Nein, er passte nicht mehr so recht in eine Zeit, wo die Frauen zu ihren Männern standen wie zwei Waffenkameraden und eines des andern Freiheit und Meinung anerkannte», schrieb Anna Richli in «Jahrhunderte».
Diese Interpretation der Geschlechterrollen klingt für das ausgehende 19. Jahrhundert doch sehr weit gefasst, gleichwohl gelang es Richli in ihren Romanen das Besondere der Zeit aufzufangen.
Anna Richli verstarb nach schwerer Krankheit am 19. Dezember 1954 im Alter von 70 Jahren.
Höhenleuchten 1916
Die da ringen in den Tiefen 1918
Der Kreuzweg des Magnus Segnewald 1919
Schatten im Licht 1920
Im Mantel der Liebe 1922
Frau Theresia Scherrer 1924
Frau Salesia Strickler 1924
Mein ist der Tag 1927
Jahrhundertwende 1929
Kolping 1930
Im Vorraum der Zukunft 1931
Blutrache 1932
Otto Wikardts Weg 1935
Schutzwall der Frau Monika 1936
Die Schiffersfrau und die Goldstickerin 1938
Das Unwägbare 1942
Das unbeschriebene Gesicht 1944
Im Stundenschlag der Zeit 1946
Die Gefangene ihres Schicksals 1946
Ja
Nein