Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03196.jsonl.gz/2380

Zurück zur Suche
24. Heinrich III. von Brandis
Heinrich III. von Brandis (1348-57)412. Heinrich war ein Sohn des Freiherren Mangold I. von Brandis und der Margaretha von Nellenburg413. Ein Bruder, Eberhard, war von 1343-79 Abt der Reichenau, Mangold II. und Wernher III. waren Komture des Deutschordens und die Schwester Agnes Äbtissin in Säckingen. Ein Neffe, Mangold III., wurde ebenfalls Abt der Reichenau (1383 bis 1385) und später (1385) Bischof von Konstanz, eine Nichte, Anna, 1367 Äbtissin in Masmünster im Elsaß414.
Wie Heinrich später selber sagte415, war er der Sitte der Zeit gemäß, wonach der Adel seine nachgeborenen Kinder in den Klöstern zu versorgen suchte (wofür gerade die Familie Brandis ein treffendes Beispiel bietet), von früh auf im Kloster Einsiedeln aufgewachsen. Da er uns aber vor seiner Erhebung zum Abte in keiner Urkunde begegnet, sind wir über sein Vorleben nicht weiter unterrichtet. Als Abt erscheint er urkundlich erstmals den 14. Februar 1349416. Seine Wahl fiel aber jedenfalls noch ins Jahr 1348 und war möglicherweise eine umstrittene, denn unterm 1. Januar 1349 urkundet der frühere Einsiedler Konventuale und nunmehrige Abt von Disentis, Thüring von Attinghausen, zuhanden des Bischofs von Konstanz, daß in Einsiedeln von alters her niemals ein Subdiakon zur Abtwahl zugelassen worden sei417. Kaiser Karl IV. verlieh ihm am 2. Oktober 1353 die Regalien418.
Eine der ersten und wichtigsten Regierungshandlungen dieses Abtes war der endgültige Friedensschluß mit Schwyz. Abt Thüring von Attinghausen, durch seine Herkunft aus dem Urnerlande, wie durch seine frühere Zugehörigkeit zu Einsiedeln wie kein anderer dazu geeignet, übernahm die Vermittlung, die am 8. Februar 1350 zustande kam. Freilich mußte Einsiedeln dabei über die Hälfte seines Gebietes opfern; von den gut 229 Quadratkilometern verblieben ihm nur noch deren 109. Aber es kam doch Ruhe und Friede ins Land. Die Schwyzer wurden in der Folge auf Verwenden des Stiftes von den geistlichen Strafen losgesprochen419. Einsiedeln veräußerte bald die Güter, die es noch im Gebiete von Schwyz besaß, um jedem Anlaß zu neuen Zwistigkeiten vorzubeugen.
Dafür wurde das Stift aber bald nach einer andern Seite hin in neue Unruhen verwickelt. In Zürich hatte die von Brun gestürzte Partei 1350 versucht, wieder ans Ruder zu kommen, aber die «Zürcher Mordnacht» war vereitelt worden. Schon am 17. August 1349 hatte Abt Heinrich mit Herzog Albrecht von Österreich, um sich gegen die Rapperswiler Herren zu schützen, ein Burgrecht um die Feste Pfäffikon abgeschlossen420 ; der Herzog hinwiederum versicherte am 4. Oktober darauf den Abt seines besondern Schutzes421. Nach der mißglückten Mordnacht nun unternahmen die Zürcher einen Rachezug in das Gebiet des Rapperswiler Grafen Johannes II., den die Zürcher bei der Mordnacht selbst in ihre Hände bekommen hatten. Die March, die österreichisches Lehen war, wurde ebenfalls verwüstet, was zur Folge hatte, daß Österreich nun eingriff. Zürich lehnte sich am 1. Mai 1351 enger an die eidgenössischen Orte an. Da die Vogtei über die Höfe selbst pfandweise in zürcherischen Händen lag, mußten die dortigen Gotteshausleute den Fahnen Zürichs folgen (sie zeichneten sich besonders im Treffen von Tätwil aus; 26. Dezember 1351). So kam das Kloster in eine eigenartige Stellung hinein. Zum Glück kam im September 1352 ein vorläufiger Friede zustande. Aber da Zürich und Luzern die Bestimmungen dieses sogen. Brandenburger Friedens nicht einhielten, ging der Krieg bald weiter, in den nun auch König Karl IV., dem an der Sicherung des Landfriedens viel lag, eingriff. Aber dies fruchtete wenig; Herzog Alb recht, der 1354 die Gebiete der Grafen von Rapperswil an sich brachte, suchte seine durch die Zürcher und Eidgenossen schwer gefährdeten Rechte nach Kräften zu verteidigen. Endlich mußte er im Juli 1355 einlenken und den sogen. Regensburger Frieden eingehen. Die Stiftsgebiete, besonders am Zürichsee, waren in diesen Kämpfen sehr schwer mitgenommen worden, ohne daß das Stift dafür entschädigt worden wäre. So erklärt es sich, daß neue Schulden aufliefen und daß der Abt auf deren Tilgung bedacht sein mußte. Er sah sich 1353 genötigt, nachdem er schon 1349 den Dinghof zu Unter-Erlinsbach samt dem Kirchensatz daselbst an das Kloster Königsfelden veräußert hatte422, den Hof zu Riegel mit wenigen Ausnahmen zu verkaufen423. Um die Stiftseinkünfte zu vermehren, bemühte sich der Abt ferner um die Einverleibung von Kirchen. Bischof Ulrich von Konstanz vollzog denn auch am 4. Juli 1349 die Inkorporation von Brütten, am 3. Dezember 1350 jene von Ettiswil und Riegel424. Die Vogtei über Einsiedeln ging den 9. Dezember 1353 durch Kauf von der Markgräfin Maria von Baden an die Leute von Einsiedeln über. Da aber die Herzöge von Österreich das Zugrecht hatten, machten sie davon noch vor 1365 Gebrauch und brachten die Vogtei wieder an sich425.
Unter Abt Heinrich wurde am 10. August 1353 durch ihn und den Chorherrn Heinrich Martin von Zürich der Pilgerspital in Einsiedeln gestiftet426. Die Gnadenstätte erhielt zwischen dem 20. und 25. April 1354 auch den Besuch König Karls IV., der damals vor Zürich lag. Wohl oder übel mußte mau dem königlichen Besucher die Hälfte des Hauptes des hl. Sigismund, einen Teil vom Arm des hl. Mauritius und viele andere Reliquien für seinen St. Veits-Dom in Prag überlassen. Der Kustos, Heinrich von Ligerz, erhielt dafür vom König dessen Seiteinnesser und 16 Gulden427. Die Zürcher gelobten infolge des Treffens von Tätwil eine jährliche Pilgerfahrt nach Einsiedeln, die sie jeweilen am Pfingstmontag ausführten. In der Gnadenkapelle stifteten Abt Heinrich und sein Kapitel den 9. Januar 1356 eine Frühmesse428. Konrad von Witkon und seine Ehefrau Anna stifteten ebendort den 29. Juni 1356 ein ewiges Licht und eine Jahrzeit429.
Den Konvent unter Heinrich III. verzeichnet ein Katalog, den uns Heinrich von Ligerz den 17. Januar 1356 zusammengestellt hat430.
Am 15. Mai 1357 erfolgte durch Innozenz VI. die Ernennung unseres Abtes zum Bischof von Konstanz. In Konstanz war nämlich am 21. Januar 1356 der damalige Bischof Johannes III. Windlock, der mit der Stadt in Fehde lag, von den erbosten Bürgern ermordet worden. Der Papst wollte das erledigte Bistum zuerst dem Bischof von Bamberg, Leopold von Bebenburg, übertragen, der es aber ausschlug. Darauf erfolgte die Ernennung Heinrichs, der sich sogleich nach Villeneuve les Avignon begab, wo er am 25. Juni die Bischofsweihe erhielt. Am 27. Juli kam der neue Bischof nach Zürich und hielt am 5. August seinen feierlichen Einzug in Konstanz. Karl IV. bestätigte ihm am 11. Oktober die Privilegien seiner Kirche, was den Widerspruch der Stadt hervorrief, zu der sich Heinrich darum von Anfang an nicht gut stellte. Dazu kam, daß er seinen Verwandten viel zu viel Einfluß in die Verwaltung gewährte. Verschiedene Untaten derselben führten zu einer jahrelangen Fehde und machten schließlich Heinrich den Aufenthalt in Konstanz unmöglich. Er ging nach Grenoble und verklagte seine Bischofsstadt bei der päpstlichen Kurie. Aber auch die Bürger und der Rat von Konstanz klagten, beschuldigten den Bischof des Mordes seines Vorgängers und des Dompropstes Felix Stucki, des Wuchers und der Unsittlichkeit. Ein päpstlicher Legat sollte die Sache untersuchen. Er lud Heinrich nach Konstanz zur Verantwortung; dieser aber wagte es nicht, in die aufgeregte Stadt zu gehen und blieb ferne. Darum wurde er den 18. Juni 1371 seines Amtes enthoben und Bischof Johannes von Augsburg mit der Verwaltung der Diözese betraut. Da aber Konstanz seine Behauptung nicht zu erweisen vermochte, wurde der angestrengte Prozeß rückgängig gemacht und am 31. März und 1. April 1372 kam zwischen Bischof Heinrich und der Stadt ein Friede zustande. Am 1. Oktober 1375 erklärte Papst Gregor XL die Amtsenthebung Heinrichs für nichtig. In dem bald ausbrechenden päpstlichen Schisma stund Heinrich zunächst auf Seite des rechtmäßigen Papstes, Urban VI., neigte aber später aus politischen Gründen mehr auf die Seite seines Gegners, Clemens VII. Seine fernere Amtsführung wird günstiger als die frühere beurteilt431. Dem Stifte Einsiedeln erwies sich Heinrich auch als Bischof, wie wir unter seinen Nachfolgern sehen werden, günstig gesinnt.
Heinrich starb den 22. November 1383 auf seinem Schlosse Klingnau im Aargau. Seine Leiche wurde jedoch nach Konstanz überführt und im Chor des Domes neben dem Pulte des Cantors feierlich beigesetzt. Er hatte eine Reihe von Jahrzeiten gestiftet, unter anderm auch solche in Einsiedeln und Fahr (s. u.).
Als Abt von Einsiedeln führte Heinrich ein Siegel, das unter reichem gotischem Baldachin einen sitzenden Abt mit Buch und Stab zeigt; unterhalb ist das Familienwappen angebracht, ein schrägrechts gestellter roter Feuerbrand in silbernem Felde. Die Umschrift lautet: «S. HEINRICI DEI GRA MON. LOCI. HEREMETAR.»432.