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Perversion einer Utopie (Interview)
Die Kritik hat in dem Roman »Der Mann, der Hunde liebte« die Geschichte des Verfalls einer Utopie gesehen, eine Metapher für die Erfindung eines totalitären Sozialismus und die literarische Rekonstruktion eines der bezeichnendsten Verbrechen der modernen Welt. Sind diese Interpretationen für Sie stimmig oder denken Sie, dass es noch andere Dinge in dem Roman gibt?
Er ist all das, und gleichzeitig ist er noch ein bisschen mehr. Vor allem ist der Roman eine Reflexion darüber, wie die wichtigste Utopie des 20. Jahrhunderts pervertiert wurde, die Utopie, der die Menschen folgen, seit es Menschen gibt, die Utopie, an der Philosophen und andere Denker seit dem 16. und 17. Jahrhundert herumzimmern. Seit dieser Zeit strebt der Mensch in erster Linie nach einer möglichst freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft. Dies war das Versprechen des Sozialismus, als er sich in der Sowjetunion durchgesetzt hat. Und die Perversion dieser Utopie ist der Ausgangspunkt meines Romans. Sie wird aus einer historischen, aber auch aus einer metaphorischen Perspektive heraus betrachtet, denn der kubanische Protagonist des Romans, Iván, ist keine reale Person, sondern das einzige fiktionale Element des Buchs. Ich habe ihn aus mehreren kubanischen Lebensgeschichten zusammengesetzt, aus vielen wahren Geschichten, die nicht einem einzigen Individuum widerfahren sind, sondern mehreren, und das verleiht ihm eine symbolische Dimension.
Eine der Enthüllungen des Romans ist der Schutz, den Ramón Mercader in Kuba genossen hat ...
Das ist wirklich aufschlussreich, denn Mercader befindet sich im Zentrum eines der wichtigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts. Die Ermordung Trotzkis war eine Art »Königsmord«, auch wenn er keine eigentliche politische Macht mehr hatte. Und gleichzeitig ist Mercader jemand, von dem man nichts weiß, da er ein Mann ohne Geschichte werden musste. Das heißt, die ganze Geschichte des Ramón Mercader wurde eigens dafür geschaffen, damit er das tun konnte, was er getan hat, ohne dass man seine Spuren verfolgen könnte. Seinem Aufenthalt in Kuba ist keine besondere historische Bedeutung beizumessen. Er wollte nicht in der Sowjetunion leben. Seine mexikanische Frau Rogelia Mendoza, die er im Gefängnis in Mexiko kennenlernte, wollte nicht mehr dort leben. Da sie im Gefängnis nicht heiraten durften, konnten sie nicht in Mexiko bleiben. Am Tag seiner Entlassung wurde er also abgeschoben. Die beiden sind dann nach Kuba gegangen, weil es die einzige Zuflucht für sie war.
Wie hat man Mercaders Identität in Kuba geheim halten können?
Mercader hat in Kuba praktisch inkognito gelebt. Ich kenne Leute, die bei ihm waren, die mit seinen Kindern Arturo und Laura befreundet waren - die natürlich keine »Mercaders« waren, da er sich Jaime Ramón López nannte. Sie dachten, er wäre ein spanischer Republikaner. Sie hätten nie geahnt, dass dieser Mann der berühmte Ramón Mercader gewesen ist. Nur ein sehr kleiner Kreis alter militanter Kommunisten, die ihn über seine Mutter kannten, hatten mit ihm Kontakt. Es war jedoch ein streng gehütetes Geheimnis.
Sie schildern in Ihren Romanen und Kurzgeschichten ausführlich die kubanische Realität. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation auf der Insel, nicht nur als Autor, sondern auch als normaler Bürger? Was passiert mit einer Gegenwart, deren Zeit abgelaufen ist?
In Kuba gibt es ein fundamentales Problem, über das ich in meinem Roman »Der Nebel von gestern« geschrieben habe und das sich im Laufe der Jahre noch vergrößert hat: Erschöpfung. Kuba ist ein Land, das der Geschichte müde geworden ist. Die Menschen sind müde zu hören, ihr Land befinde sich in einer historischen Zeit. Sie wollen Normalität. In einem Land, in dem Prostitution nicht mehr ein verwerflicher Beruf ist, sondern nur noch als willkommene und mit dem Segen der gesamten Familie versehene Gelegenheit zur Aufbesserung der Haushaltskasse wahrgenommen wird, läuft etwas falsch. Genauso falsch wie in Hamlets Dänemark.
Ein Land, dessen Mehrzahl an Bewohnern nur am Rande der Legalität überleben kann und dies abgebrüht und mit selbstverständlicher Lässigkeit tut, steht vor einem ernsten Problem. Die Regierung selbst - die der Arbeitgeber von 90% der Kubaner ist - hat eingeräumt, dass die Gehälter ihrer Angestellten nicht zum Leben ausreichen und dass die Menschen sich andere Mittel suchen müssen, um zu überleben. Diese Probleme sind eine soziale und moralische Belastung, ihre Überwindung wäre ein erster Schritt in die Zukunft.
Wo ist in dieser orientierungslosen Gesellschaft die kubanische Jugend, was denkt die zukünftige Generation, was strebt sie an und wie bietet sie der sozialen Realität die Stirn?
Eines der gravierendsten Probleme für die Zukunft Kubas ist, dass die meisten jungen Leute auswandern oder dies zumindest erwägen. Das sind zumeist die gut ausgebildeten Menschen, die eigentlich künftig die Verantwortung übernehmen sollten. Im sozialen Bereich, an den Universitäten, in der Wirtschaft. Gleichzeitig findet in dieser Jugend eine grundlegende Entpolitisierung statt, sie möchte einfach nur ihr Leben leben. Junge Menschen sind heute ganz anders, als wir es vor zwanzig oder dreißig Jahren waren. Das erklärt, warum es so wenige städtische Subkulturen gibt. Letztendlich ist dies eine Generation, die weit weniger politisch engagiert ist, obwohl die offizielle Propaganda weiterhin das Gegenteil behauptet.
Ich weiß, dass Sie nach Miami gekommen sind, um für Ihren nächsten Roman zu recherchieren. Wovon handelt er?
Ich habe beschlossen, die Figur des Mario Conde wieder aufzunehmen, wie ich es schon in »Der Nebel von gestern« gemacht habe, allerdings mit einer komplizierteren Handlung. Ich denke jetzt an ein Buch, dessen These ist, dass die Freiheit des Menschen eine condition humaine ist, ein philosophisches Konzept, eine Bedingung des Lebens. Es wird eine sehr breit angelegte Vision von Freiheit. Die Geschichte beginnt 1640 im Atelier von Rembrandt in Amsterdam und endet im heutigen Havanna. Die Hauptfigur ist ein polnischer Jude, der seit dreißig Jahren in Kuba lebt, wo etwas passiert, was die Handlung des Romans einleitet. Das ist die Idee.
Miami Herald, 23.09.2010