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Noch immer werden die meisten Pferde in der Schweiz alleine in Boxen gehalten. Das Gesetz schreibt vor, dass ungenutzte Pferde mindestens zwei Stunden am Tag Auslauf erhalten müssen. Dies kann auf einer minimalen Fläche von einigen wenigen Quadratmetern geschehen – Weide und permanenter Auslauf sind nicht vorgeschrieben. Ebenso ist der Sozialkontakt nur in Form von Sicht-, Hör- und Riechkontakt Voraussetzung. Pferde sind jedoch Herdentiere und brauchen umfassende Sozialkontakte und viel Bewegung im Freien.
Die häufigsten Erkrankungen bei Pferden betreffen die Atmungsorgane, die Verdauungsorgane und den Bewegungsapparat.
In der Natur sind Pferde in ständiger Bewegung, nur so können sie ihre natürlichen Bedürfnisse ausleben. Weitere Argumente für die Gruppenauslaufhaltung sind:
• Von Natur aus ist der Magen und Verdauungstrakt der Pferde so konzipiert, dass immer Nahrung «nachgeliefert» werden muss. Pferde fressen deshalb über 18 Stunden pro Tag in stetiger Bewegung. Die Einzelhaltung in Boxen kann diesen Bedürfnissen nicht gerecht werden.
• Gemischte Herden sind optimal: Junge Pferde werden von alten erzogen, alte Pferde werden von den jungen zum Spielen animiert und somit jung gehalten, Stuten und Wallache können tiefe Freundschaften eingehen.
• Die häufigsten Erkrankungen bei Pferden betreffen die Atmungsorgane, die Verdauungsorgane und den Bewegungsapparat. In den Boxen entstehen gerne Atmungserkrankungen, Koliken, Stehschäden und allenfalls auch Verhaltensstörungen. Pferde in Gruppenhaltungen haben viel mehr Bewegung, Sozialkontakte und äussere Reize und sind deshalb häufig physisch und psychisch gesünder. Das verringert auch die Tierarztkosten und steigert die Lebenserwartung.
• Bei der permanenten Gruppenhaltung mit Auslauf bleibt die Grundmuskulatur erhalten, auch im Winter oder wenn die Pferde nicht trainiert werden. Pferde mit grossem, permanentem Auslauf haben eine bessere Thermoregulation.
• Pferde schlafen nicht wie etwa Hühner oder Schweine die ganze Nacht. Vielmehr nutzen sie die Dunkelphase auch zum Fressen und Herumgehen, genau gleich, wie das Rinder tun.
• Pferde fressen bei längeren Weidegängen oftmals nicht mehr als bei kürzeren. Studien haben gezeigt, dass die Pferde bei kürzeren Weidegängen einfach schneller fressen.
• Konstante Gruppenstruktur: Trennt man die Pferde in der Nacht, kann es am Morgen Rangeleien geben, bis die Gruppenstruktur wieder geregelt ist. Dies bedeutet unnötige Unruhe, Stress und Verletzungsgefahr.
• Gruppenhaltung baut Spannungen ab: Die Pferde sind ausgeglichener und ruhiger. Explosive Entladung von Energie, die auch gefährlich werden kann, wird unterbunden.
• Der Arbeitsaufwand für den Stallbetreiber ist wesentlich geringer. Ebenfalls müssen keine einzelnen Boxen gebaut werden, so dass Investitionskosten gesenkt werden können.
• Pferde, die sich frei bewegen können (Auslauf, Weide) und in Gruppen leben dürfen, sind oftmals ruhiger und ausgeglichener für den Reiter. Das bestätigt auch die Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) in ihrer Sicherheitsanalyse zum Pferdesport in der Schweiz (2014): «Das Verhalten des Pferdes kann jedoch durch eine nicht artgerechte Haltung oder einen nicht respektvollen Umgang negativ beeinflusst werden.»
Aus diesen Gründen kommt eine Haltung in Gruppen mit permanentem Auslauf samt regelmässigem Weidegang den Bedürfnissen der Pferde, aber auch dem Reiter am nächsten.
Wissen und Können nötig
Tatsache ist, dass die Gruppenauslaufhaltung hohe Ansprüche an Wissen und Können des Tierhalters stellt und deshalb die «Königsdisziplin» der Pferdehaltung darstellt. Bedingungen für eine funktionierende Gruppenhaltung sind, dass genügend Platz und Rückzugsmöglichkeiten vorhanden sind, so dass jedes Pferd seine Ruhe findet und sich bei Bedarf auch zurückziehen kann. Pferde müssen sich ausweichen können. Hier eignen sich Sichtschutz und mehrere Stalldurchgänge. Die Anlage sollte in verschiedene Funktionsbereiche eingeteilt sein (Fress-, Liege- und Aufenthalts-/Bewegungsbereiche). So können auch rangniedrigere Pferde in Ruhe fressen und schlafen. Mit Hilfe von Fressständen, Heu-Spund mit zeitlicher Heufreigabe und Futterautomaten kann auch in Gruppenhaltung eine gezielte Fütterung sichergestellt werden. Für die Integration braucht es Zeit und Geduld. Ein Pferd in Gruppenauslaufhaltung wünscht sich trotz Gesellschaft auch regelmässigen Kontakt zum Besitzer und eine physische und psychische Auslastung durch spezifisches pferdegerechtes Training.
Auszeichnung durch den Schweizer Tierschutz STS
Um Gruppenauslaufhaltung zu fördern, rief der Schweizer Tierschutz STS 2011 ein spezielles Label für beispielhafte Pferdehaltung ins Leben. Kontrolliert wird das Label durch den STS-Kontrolldienst. Jeder anerkannte Pferdestall erhält als Auszeichnung eine Stallplakette. So können die Besucher sehen, dass die Pferdehaltung als Labelbetrieb des Schweizer Tierschutzes STS anerkannt ist, hohe Haltungsanforderungen erfüllt und sich freiwillig überprüfen lässt. Mit dem Logo darf geworben werden. Weiter profitieren die STS-Labelbetriebe von Zusatzangeboten wie Gratis-Teilnahme an Kursen, Tagungen und Workshops, individueller Beratung, Erfahrungsaustausch und Label-Newsletter.
Derzeit sind 30 Pferdehöfe mit dem STS-Pferdelabel ausgezeichnet. Darunter befinden sich Privat-, Reit-, Pensions-, Sport- und Therapieställe in der ganzen Schweiz. Die Gruppen- grössen sind sehr unterschiedlich, von harmonischen Zweiergruppen bis ausgeglichenen Herden à über dreissig Tiere ist alles dabei.
Sandra Schaefler, dipl. Zoologin, Fachstelle Heimtiere/Pferde, Schweizer Tierschutz STS
Fotos: zvg
Wie melde ich mich für das STS-Pferdelabel an?
Die Richtlinien finden Sie in den Anmeldeunterlagen auf www.tierschutz.com/pferde. Senden Sie einen Stallbeschrieb und eine Stallskizze inklusive Anmeldetalon an unsere Geschäftsstelle (Dornacherstrasse 101, 4018 Basel). Nach dem Eingang des Beitrags (deckt nur einen Teil unserer Aufwandkosten) wird die Anmeldung geprüft und an unseren Kontrolldienst weitergeleitet: Ein Aufnahmetermin wird abgemacht. Bei Aufnahme erhalten Sie eine Stallplakette und profitieren von den oben genannten Dienstleistungen. Alle 1–2 Jahre werden sie unangekündigt von unserem Kontrolldienst überprüft. Für Fragen wenden Sie sich bitte an: <email-pii>
Beispiele von STS-Labelhöfen
Der Zuchtbetrieb von Heidi Fischer Heck und Karl-Martin Heck im aargauischen Boswil ist mit dem STS-Pferdelabel ausgezeichnet. Dort bewegen sich über 20 Pferde Tag und Nacht frei in ihrem gut strukturierten Stall mit über 4500 m2 befestigtem und unbefestigtem Auslauf. Zudem ist eine grosse Weide vorhanden. Fohlen sind ab vier Monaten permanent in der Herde und lernen so früh, sich in der Herdenstruktur einzuordnen.
Eine weitere grosse Anlage ist der Landwirtschaftsbetrieb Eschterhof mit seinem Bewegungsstall für ca. 30 Pferde und Ponys. Die Anlage umfasst 7500 m2 immer zugängliche Auslauffläche mit verschiedenen Untergründen, Bäumen und Hügeln.
Auch der «Paddock Trail Gunterswilen» von Isabelle Stuber wurde mit dem STS-Pferdelabel ausgezeichnet. Der unbefestigte Naturboden-Trail ist ca. 600 Meter lang. Der befestigte Paddock-Trail hat eine Grösse von ca. 1500 m2, welcher den Pferden 365 Tage im Jahr, 24 h zur Verfügung steht. Messungen zeigen, dass sich die Pferde dank mehreren zeitgesteuerten Fressstationen darauf um die 10 km pro Tag bewegen. In heissen Sommernächten bewegen sich die Pferde nachts mehr als am Tag!
Der bei inländischen wie auch bei ausländischen Touristen beliebte Swiss Holiday Park in Morschach setzt ebenfalls auf artgerechte Pferdehaltung und das STS-Label. Auf seinem Erlebnishof «Fronalp» wird den Ponys ein abwechslungsreicher Alltag geboten. Neben dem Reitbetrieb leben die Ponys in einem Stall mit permanentem Auslauf und geniessen regelmäs-sigen Weidegang.
Auf dem Labelhof von Familie Rupp nutzt man das System des EM – Effektive Mikroorganismen. Der entstehende Feinstaub durch Sägemehl und Stroh wird durch EM besser gebunden und sorgt für ein besseres Stallklima. Beim Wasser setzt man auf ein ökologisches System: Damit das Quellwasser nicht einfriert, führt man das Leitungsrohr durch den Misthaufen, welcher das Wasser über der Gefriertemperatur hält.
Beim Rütihof in Landquart wird der Stall aus einer Grüngut-Kompostieranlage eingestreut: Die Einstreu ist ein natürliches, saugfähiges Material, kostengünstig und im Gegensatz zu Stroh auch für Pferde geeignet, die empfindlich sind auf Staub. Mikroorganismen bauen den Urin der Pferde ab.
Bei der permanenten Gruppenhaltung mit Auslauf bleibt die Grundmuskulatur erhalten, auch im Winter.