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Die neue Realität wurde in den vergangenen Tagen an den weltweiten Finanzmärkten ersichtlich: Die Börsen verzeichneten überall eine markante Talfahrt, die Erinnerungen an die Schuldenkrise aufleben liess. In Europa schnellten die Renditen von Bonds aus der Euro-Peripherie wie Portugal hoch, während Aktien griechischer Banken einbrachen.
Und das alles, obwohl die Europäische Zentralbank signalisiert hat, dass sie ihre Konjunkturmassnahmen im nächsten Monat ausbauen könnte, Japans Notenbank hat überraschend bereits negative Zinsen eingeführt und in den USA wird spekuliert, dass die Federal Reserve die Leitzinsen langsamer anheben dürfte. Wie wirkungslos die Massnahmen sind, zeigt sich daran, dass Yen und Euro trotz der lockeren Geldpolitik zugelegt haben.
"Die Märkte fragen sich, was die jüngsten Massnahmen bringen sollen, nachdem wir jetzt sechs bis sieben Jahre lang unkonventionelle Experimente gesehen haben, die es nicht vermochten, das weltweite Wachstum tragfähig anzukurbeln", sagt Shane Oliver, Leiter Investmentstrategie bei AMP Capital Investors in Sydney. "Es ist sinnvoll, diese Frage zu stellen angesichts der Entwicklungen der vergangenen paar Wochen."
Machtlosigkeit stärkt Kritiker
Diese Machtlosigkeit stärkt die Argumente der Gegner jener Zentralbankpolitik, die darauf setzt, "alles Erforderliche zu tun", um die Inflationserwartungen anzukurbeln, den Risikoappetit anzuregen und letztendlich das Wirtschaftswachstum zu fördern.
"Es steht absolut ausser Frage, dass die Massnahmen der Zentralbanken zu Beginn völlig angemessen waren, um die Märkte wieder zum Arbeiten zu bringen", sagt William White, ein Berater der OECD diese Woche im Interview mit Bloomberg TV. "In jüngster Zeit hat sich das Ziel dieser Politik völlig verändert. Sie versucht, die Nachfrage anzukurbeln. Und das ist meiner Meinung nach ehrlich gesagt für sie nicht nachhaltig möglich."
Whites Analyse weckt Erinnerungen an die Schlussfolgerung von Masaaki Shirakawa, dem früheren Chef der japanischen Notenbank, zum ersten Vorstoss der Zentralbank in die quantitative Lockerung Anfang des vergangenen Jahrzehnts. Shirakawa hatte 2008 erklärt, dass diese Massnahmen "sehr effizient bei der Stabilisierung der Finanzmärkte und des Finanzsystems" waren, jedoch nur "begrenzte Wirkung" bei der Lösung des stagnierenden Wirtschaftswachstums hatten.
Zweifel an Mario Draghi
Zwar nannte Japans Notenbankgouverneur Haruhiko Kuroda seinen überraschenden neuen Plan Ende Januar "das mächtigste geldpolitische Rahmenwerk in der Geschichte des modernen Zentralbankings", bei der Wirkung bleibt das Paket aber weit hinter der Ankündigung der ursprünglichen Massnahmen im April 2013 zurück, oder deren Ausweitung im Oktober 2014.
In Europa wachsen die Zweifel, dass es EZB-Präsident Mario Draghi gelingen wird, den Euro durch die Ankündigung weiterer überraschender Massnahmen zu schwächen. Im Euro-Raum wie auch weltweit führen Bankenaktien die Verliererliste an, wobei der Euro-Stoxx-600-Banks-Index allein in einer Woche fast 10 Prozent eingebrochen ist. Die Rendite zehnjähriger portugiesischer Bonds ist auf den höchsten Stand seit 2014 und griechische Aktien sind so schwach wie seit 1990 nicht mehr. Vor diesem Hintergrund stellt selbst die deutliche Erholung am Mittwoch nur einen Tropfen auf den heissen Stein dar.
Tatsächlich sieht es trotz der ganzen Enttäuschungen an den Märkten in jüngster Zeit nicht danach aus als schreckten die Währungshüter vor weiteren Massnahmen zurück. Draghi und Kuroda haben beide betont, dass es für ihre Lockerungsprogramme keine Grenze gebe. Die Zentralbanken könnten die Zinsen weiter senken, mehr Bonds kaufen oder längere Zeitrahmen für ihre lockere Geldpolitik zusichern.
Handlungsspielraum bleibt
"Die Annahme, dass Zentralbanken und Regulierer nicht handeln könnten, wenn die Panik an den Finanzmärkten zu einer ernsthaften Bedrohung der Realwirtschaft und damit der Arbeitsplätze werden könnte, erscheint falsch", sagt Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg Bank in London. "Die Zentralbanken können das Vertrauen stärken, wenn sie es wirklich müssen, um die Realwirtschaft zu unterstützen."
Aus einigen Richtungen wurden Rufe nach einem abgestimmten Vorgehen der führenden Volkswirtschaften der Welt laut und tatsächlich bietet sich eine Gelegenheit zumindest zu einem gemeinsamen Dialog, wenn sich die Finanzminister und Notenbankchefs der 20 grössten Industrienationen in zwei Wochen in Schanghai treffen. Am Montag erklärte EZB-Direktoriumsmitglied Benoit Coeure, dass bei dem Treffen eine "weltweite Koordinierung" besprochen werden solle.
"Die Zeiten, in denen Zentralbanken zu Schockmassnahmen griffen, sind wahrscheinlich hinter uns", schrieb Stephen Jen, Co-Gründer von SLJ Macro Partners in London und früherer Ökonom des Internationalen Währungsfonds, in einer Einschätzung. "In diesem Jahr dürfte die 'Schwerkraft' die Zentralbankpolitik überlagern", erklärte er und riet zum Verkauf von Aktien bei Rallys.
(Bloomberg)