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Brief an die Mutter
Ist Ocean Vuongs "Auf Erden sind wir kurz grandios" wirklich so grandios? Ich bin mir da nicht so sicher. Lest selbst.
Ich poste ja meist nur Bücher, die ich uneingeschränkt oder zumindest grösstenteils empfehlen kann. Manchmal schafft es aber doch ein Buch hierher, mit dem ich etwas gehadert habe.
So ging es mir mit dem literarischen Debüt des amerikanischen Autors (mit vietnamesischen Wurzeln) Ocean Vuong. Im Vorfeld habe ich praktisch nur Gutes über "Auf Erden sind wir kurz grandios" gehört und so durfte es auch gleich mit, als ich es in der Bibliothek entdeckt habe.
Brief an die Mutter
Kurz zum Inhalt: Der (stark autobiografische) Roman ist als Brief des Ich-Erzählers "Little Dog" an seine Mutter geschrieben. Die Mutter, eine nach Amerika emmigrierte Vietnamesin, ist Analphabetin. Das gibt dem Ich-Erzähler die Freiheit oder den nötigen Mut, auch Dinge zu schreiben, die er seiner Mutter wohl nie so erzählen oder schreiben würde, müsste er davon ausgehen, dass sie den Brief lesen könnte.
Zwischen den Welten
"Little Dog" erzählt vom Leben seiner Grossmutter Lan und seiner Mutter in Saigon, vom Vietnamkrieg, davon wie er zu seinem amerikanischen Opa Paul, einem ehemaligen GI, und wie die Familie (Grossmutter, Mutter, Tante und er selbst) in die USA kam und womit sie in der neuen Heimat zu kämpfen hatten. Und er erzählt von sich selbst, wie er sich zum ersten Mal verliebt hat, in Trevor, einen typisch amerikanischen Jungen, und wie er es aus der Provinzstadt in Connecticut rausgeschafft hat, während viele seiner Kollegen den Drogen verfallen sind.
Das klingt an sich spannend und war auch interessant zu lesen, sehr emotional, mitreissend, erschütternd und doch sprachlich zart.
"Du bist eine Mutter, Ma. Und du bist ein Monster. Aber das bin ich auch - weshalb ich mich nicht von dir abwenden kann. Weshalb ich Gottes einsamste Schöpfung [das Auge] genommen und dich hineingesetzt habe." (S. 23)
"Ich wurde gesehen - ich, der ich selten von jemandem gesehen worden war. Ich dem du [Mutter] beigebracht hattest, zu meiner eigenen Sicherheit unsichtbar zu bleiben (...)." (S. 110)
"Ich hatte, was ich wollte - einen Jungen, der auf mich zu schwamm. Nur dass ich keine Küste war, Ma. Ich war Treibholz und versuchte mich zu erinnern, wovon ich abgerissen war, um hier zu landen." (S. 123)
"Es ist in solchen Momenten, neben dir, dass ich Worte darum beneide, was wir niemals können - wie sie alles über sich selbst sagen können, indem sie einfach still dastehen, einfach sind." (S. 187)
Will der Roman zu viel?
Und doch erscheint mir die Anlage als Brief an die Mutter etwas gar künstlich. Die angesprochenen Themen (Identitätssuche, Coming-of-Age, Rassismus, Unterdrückung der Frauen, Homosexualität, Krieg, Drogenabhängigkeit, Schizophrenie, häusliche Gewalt etc.) sind so vielfältig, dass der Roman fast überladen wird, bei vielem nicht in die Tiefe gehen kann. Die Sprache ist wirklich speziell, man spürt den Lyriker, der Ocean Vuong ist, in vielen Abschnitten deutlich. Dann gibt es aber auch wieder Abschnitte, die wenig poetisch sind, fast banal normal, und so gegenüber dem Rest sprachlich abfallen. Und schliesslich scheint mir die Verherrlichung der Aufopferung, der Genuss des Schmerzes in seiner Beziehung zu Trevor nicht unbedingt die Haltung gegenüber sich selbst, die man anderen jungen Männern oder Frauen in einem Roman vermitteln sollte. Vielleicht möchte Ocean Vuong das auch gar nicht, aber er betrachtet es eben auch nicht kritisch.
Nachdem ich den Roman beendet hatte, habe ich mir den SRF Literaturclub vom September angeschaut und war froh, dass die Kritikerrunde jenseits der vielgelobten Sprache teils auch einige Probleme mit dem Buch hatte und das gut formulieren konnte. Nun würde es mich sehr wunder nehmen, wie es euch mit "Auf Erden sind wir kurz grandios" erging! Lasst mir doch einen Kommentar da, wenn ihr das Buch auch gelesen habt.
Fazit
"Auf Erden sind wir kurz grandios" von Ocean Vuong ist für Sprachbegeisterte ein aussergewöhnlicher Roman mit poetischer Sprache einer ganz neuen Art. Ein bewegender Einblick in die Seele eines jungen Mannes, der auf seinen schmächtigen Schultern nicht nur die üblichen Herausforderungen der Identitätsfindung trägt, sondern auch die ganze Zerrissenheit seiner Mutter und Grossmutter, die Orientierungslosigkeit einer Generation, die Last der Emigration und der Gewalt in der Familie.
PS: In Folge 14 des Podcasts "Hanser Rauschen" könnt ihr Ocean Vuong eine knappe Stunde lang lauschen (im Gespräch mit seinem Lektor, auf Englisch).
Die Fakten
Ocean Vuong
Anne-Kristin Mittag (Übersetzung aus dem Englischen)
Hanser Verlag
240 Seiten
Erschienen am 22.07.2019
ISBN: 978-3-446-26495-3
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