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Asociación Hermanos Saíz
Die Asociación Hermanos Saíz (AHS) ist die Organisation der jungen kubanischen SchriftstellerInnen, KünstlerInnen, Intellektuellen und Kulturschaffenden. Sie entstand im Oktober 1986 aus dem Zusammenschluss dreier Vorläuferorganisationen mit dem Zweck, das literarische und künstlerische Schaffen ihrer Mitglieder zu fördern und zu Diskussionen anzuregen.
Die AHS beruht zunächst auf einer Kultur, die mit dem Leben der Bevölkerung in Verbindung steht. Sie schafft aber auch Raum für eine Diskussion über die intellektuelle Avantgarde. Seit mehr als zwanzig Jahren fungiert die Organisation dadurch als Schnittstelle zwischen neuen Entwicklungen in der Kunst und dem institutionellen Kulturbereich. Konkret konzentriert sich die AHS auf folgende Bereiche: Den Künstlern Arbeitsräume in den über das ganze Land verteilten "Casas del Jóven Creador“ bieten, Stipendien und Werkbeiträge vergeben, Buchpublikationen unterstützen sowie systematisch auf Veranstaltungen, Ausstellungen, Konzerte, Tourneen und Austauschprojekte hinweisen. Zudem organisiert die AHS landesweit auch eigene Veranstaltungen.
Als Projektpartner von Zunzún leitet die AHS das Projekt Arteducando. In diesem Projekt werden KünstlerInnen und Intellektuelle in allen drei Regionen des Landes dazu befähigt, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Ziel ist es, mittels Kunst und der educación popular sozio-kulturelle Transformationsprozesse auszulösen und Wissen in artistischer Pädagogik aufzubauen.
Webseite der AHS: www.ahs.cu
Interview mit Luvel García
Luvel García von der Asociación Hermanos Saíz und Mitglied des lokalen Projektteams der Projekte Arteducando und TransformArte, spricht mit Zunzún nach 10-jähriger Zusammenarbeit über seine Sichtweisen auf das gemeinsame Projekt, dessen Erfolge und Hindernisse.
Luvel, Zunzún und die Asociación Hermanos Saíz können nun auf eine langjährige Zusammenarbeit zurückblicken. Die AHS arbeitete aber schon zuvor mit kubanischen KünstlerInnen. Wann genau wurde der Kontakt mit Zunzún geknüpft?
Seit den 1990er-Jahren arbeite ich nun schon mit kubanischen Künstlern und Kunstpädagogen im marginalen Stadtviertel La Timba. Wir wurden damals vom kubanischen Nationaltheater, einer der wichtigsten und angesehensten Kultureinrichtungen, die zufällig sogar an das Viertel angrenzt, eingeladen, mit der benachbarten Gemeinschaft zu arbeiten. Ich erinnere mich, dass wir zu Beginn der Arbeit den LehrerInnen helfen mussten, die Köpfe der Kinder von Läusen zu befreien. Wir haben zwei- oder dreimal pro Woche mit den Kindern gearbeitet, Theaterstücke, Tänze, Spiele und Filme realisiert. Irgendwann erschien in der Nationalzeitung Granma ein Artikel über unsere Arbeit im Viertel. Niklaus Eggenberger wurde dadurch auf das Projekt aufmerksam und besuchte uns eines Tages in der Gemeinschaft. Das Gespräch, das wir damals führten, mündete in eine Zusammenarbeit, die nun schon seit mehr als 10 Jahren währt.
Wie würden Sie Ihre Zusammenarbeit mit Zunzún beschreiben?
Nun ja, nicht selten ist die Zusammenarbeit zwischen Norden und Süden eine, die von Dominanz und Abhängigkeit geprägt ist. Die NGOs des Nordens stellen die Mittel bereit und diktieren die Konditionen. Und die Partner im Süden passen sich an. Doch die Kooperation mit Zunzún war von Anfang an anders. Unsere Zusammenarbeit ist immer solidarisch und fair gewesen. Wir fühlten uns stets als gleichberechtigter Partner. Eigentlich glaube ich, dass unser gemeinsames Projekt gerade deshalb zu einem wichtigen Referenzprojekt im kubanischen Kultursektor geworden ist.
Trotz der guten Beziehungen zu Zunzún hatten wir es aber leider auch nicht immer einfach. Ich erinnere mich an den Anfang des TransformArte-Projekts 2007, als ein Direktor des Nationaltheaters im Namen der sozialistischen Unabhängigkeit Kubas vom Westen versucht hatte, administrative Hürden aufzustellen, die unsere Zusammenarbeit mit Zunzún unterbinden sollten. Das Einholen von Genehmigungen erwies sich als einzige Farce. Aber wir wollten für unsere Zusammenarbeit kämpfen, weil es uns ernst war mit dem Projekt. Niklaus Eggenberger unterstützte uns dabei tatkräftig und sehr erfolgreich. Ab diesem Zeitpunkt begannen wir Zunzún mit anderen Augen zu betrachten. Für uns wurde Zunzún Teil jenes Personenkreises, der ein ernsthaftes Interesse daran zeigte, in unserem Land soziale und kulturelle Veränderungen zu bewirken. Und dieser Aspekt war entscheidend, um das nötige Vertrauen zu gewinnen, das für eine derart intensive Zusammenarbeit, wie wir sie heute pflegen, notwendig ist.
Arteducando wurde 2009 in Havanna begonnen. Heute erstreckt sich die Ausbildung von arteducadores auf Workshops im ganzen Land. Das sind erstaunliche Errungenschaften. Was würden Sie als den grössten Erfolg ansehen, den Sie für sich verbuchen konnten?
Nach zehnjähriger Arbeit mit kunstpädagogischen Ansätzen, in der die soziale Transformation und die nachhaltige Qualifikation von jungen Erwachsenen bewirkt werden sollten, ist es relativ schwierig, ein einziges Ereignis auszumachen, das als „grösster Erfolg“ bewertet werden kann. Aus beiden Projekten gehen mehrere Begebenheiten hervor, die in die Kategorie „grösste Erfolge“ eingeordnet werden könnten. Als Beispiele seien die verbesserten ethischen und ästhetischen Kompetenzen, die wir bei Kindern immer wieder beobachten konnten, oder die Verbesserung ihrer Lehrfähigkeit und die friedfertigen Umgangsformen, die sich nach und nach einstellten, genannt. Die arteducador@s schufen sich ein solides Netzwerk im ganzen Land, das jetzt schon weit über die erhofften Auswirkungen unserer Workshops hinausreicht.
Auch die verschiedenen Publikationen, die im Laufe der Zeit entstanden sind, zählen für mich zu den grossen Erfolgen des Projekts. Aber wenn wir von diesen direkt messbaren Veränderungen etwas Abstand nehmen und über Erfolge auf einer latenten Wirkungsebene sprechen wollen, glaube ich, dass der grösste Erfolg jene Beiträge sind, die wir als Initiatoren des Projekts zur Veränderung der kubanischen Gesellschaft geleistet haben.
Aller durchschlagenden Erfolge zum Trotz, standen Sie aber auch vor einigen schier unüberwindbaren Hürden. Was würden Sie als die grösste Herausforderung bezeichnen, mit der Sie bei der Umsetzung der Projekte konfrontiert wurden?
Obwohl jetzt schon einige Jahre vergangen sind, glaube ich, dass die bislang grösste Herausforderung jene mit dem Bürokraten war, der die Zusammenarbeit mit Zunzún verhindern wollte.
Diese Herausforderung konnte glücklicherweise überwunden werden. Die AHS arbeitet schon lange mit kunsterzieherischen Ansätzen. Allerdings lag der Fokus lange auf der Vermittlung von Kunst als Gegenstand kreativen Schaffens. Wie auch beim Projekt TransformArte fungiert Kunst bei Arteducando aber als Mittel zum Zweck. Warum?
Kunst ist der Bereich menschlichen Ausdrucks, der auch für die soziale Arbeit viele Möglichkeiten offen hält. Wir betrachten Kunst als sozio-pädagogisches Instrument, mit dem es auf einfache Weise möglich ist, sich auf eine andere, non-verbale Weise auszudrücken. Kunst ist ein Mittel zur Sensibilisierung, zur Selbsterfahrung, zur kollektiven Veränderung, zum bewussten Abbau von suppressiven sozialen und kulturellen Strukturen. Kunst bietet eine Vielfalt an methodisch sensiblen und auf Gemeinsamkeit beruhenden Möglichkeiten, mit denen das Alltagsleben der Menschen spielend verändert werden kann. Wir haben in der Kunst daher einen Weg gesehen, um soziokulturelle Transformationsprozesse anzustossen.
TransformArte ist dabei das Projekt geworden, in dem wir direkt mit Kindern arbeiten. Mit Arteducando, dem Projekt zur künstlerisch-pädagogischen Schulung von KünstlerInnen und SozialarbeiterInnen, möchten wir auch anderen Personen ermöglichen, unsere Methoden kennenzulernen und auf ihre eigene Arbeit mit Kindern anzuwenden.
Für uns sind die beiden Projekte Lebenswerke, denen wir uns mit Hingabe gewidmet haben, und es auch immer noch tun. Natürlich haben beide Projekte sehr viele Ressourcen in Anspruch genommen, die von anderen wichtigen Dingen wie der Familie abgezweigt werden mussten. Aber ich glaube, ich spreche nicht nur für mich, wenn ich sage, dass wir mit den Projekten in unserer Menschlichkeit gewachsen sind und besser verstehen gelernt haben, welchen kulturellen und sozialen Beschränkungen Kinder ausgesetzt sind, die am Rande der Gesellschaft leben.
Mit TransformArte, dem ersten der beiden Projekte, wurde uns rasch bewusst, wie hoch das Interesse an unserer künstlerisch-pädagogischen Arbeit ist, vor allem unter jenen, die selbst Kurse leiten und arteducador@s sein wollen. Die bedürfnisorientierte Antwort darauf war Artedcuando. Das Projekt läuft mittlerweile so erfolgreich, dass sich junge Menschen aus ganz Kuba für die Schulungen zu kunstpädagogischen KursleiterInnen interessieren.
Was ist der Erfolg Ihres Konzepts? Mit welchen künstlerischen Methoden ziehen Sie die Aufmerksamkeit der Kinder auf sich?
Wir arbeiten mit Theater, plastischer Kunst, Spielen, Tänzen, Geschichten erzählen etc. Welche Methode wir aber zu welchem Zeitpunkt einsetzen, hängt ab vom Umfeld, den Kindern selbst und ihren eigentlichen Problemen. Die Probleme der Kinder sind die Ausgangspunkte, von wo aus wir den Prozess des künstlerischen und ästhetischen Schaffens angehen und versuchen, die Ursachen zu finden, die ihre sozialen Probleme erzeugen. Letztendlich funktioniert die Sozialisation über den Austausch mit der Gemeinschaft, in der sie leben. Im psychosozialen Sinne hilft es ihnen nicht, eine traditionelle Theateraufführung zu inszenieren, bei der sie bloss Phrasen und Szenen auswendig lernen, die fernab ihres Alltags liegen. Es ist die kunsterzieherische Gestaltung von persönlichen Geschichten, die die Menschen darauf sozialisiert, mögliche Lösungen für ihre Probleme zu suchen.
Hierbei handelt es sich um einen dialektischen Prozess. Die Praxis zeigte ja bereits, wie erfolgreich dieser Ansatz ist. Kinder fragen unentwegt nach Ihren spielerischen Einheiten, sie sind gut besucht. Welches ist denn die wichtigste Veränderung, die Sie bei den Kindern, den Jugendlichen und der Gesellschaft bemerkt haben?
Die ersten Veränderungen waren ganz eindeutig im Bewusstsein der Kinder über die Ursachen ihrer Probleme zu verorten. Ausserdem änderte sich der Umgang miteinander, manche legten ein weniger aggressives Verhalten an den Tag, fanden freundlichere Umgangsweisen.
Auf der praktischen Ebene veränderten sich ihre künstlerischen Kompetenzen, vor allem in der Wahrnehmung dessen, was alles Kunst sein kann. Sie erkannten, dass jeder von uns das Potenzial in sich trägt, kreativ zu sein, etwas schaffen zu können, sich zu verändern. Um das zu erreichen, musste aber das Theatralische des Menschseins erst entdeckt werden, um das Theater des Lebens ein Stückchen menschlicher zu machen.