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Kapitel1
Das Brummen der Triebwerke machte mich schläfrig. Ich hatte gedacht, ich würde kein Auge zubekommen, aber irgendwie hatte ich es gerade geschafft, einzunicken, als ich durch einen gellenden Aufschrei hochschreckte. Es gibt ein paar Dinge, die man einfach nicht erleben will, und dazu gehört ein panischer Schrei auf einem Linienflug, genauso wie ein Telefonanruf, der einen mitten in der Nacht aus dem Schlaf reißt. Beides hatte ich innerhalb der letzten vier Stunden erlebt.
Während ich ungeschickt versuchte, meinen Sitz per Knopfdruck wieder in die aufrechte Position zu bringen, fiel mir auf, dass auch andere Passagiere von dem Schrei geweckt worden waren. An mehreren Plätzen waren die Leselampen eingeschaltet. Es dauerte ziemlich lange, bis ich begriff, dass alle Blicke auf mich gerichtet waren. Als bräuchte es noch weitere Beweise, kam ein Mitglied der Crew entschlossenen Schrittes den Gang entlang auf mich zu. In der747 war es so dunkel, dass man mein Erröten nicht sehen konnte, doch meine Wangen brannten spürbar.
Die Stewardess flüsterte leise, um die Mitreisenden nicht zu stören, obwohl eine derartige Rücksichtnahme nach meinem Aufschrei wahrscheinlich gar nicht mehr nötig war.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte sie freundlich.
Ich nickte und war überrascht von ihrer Fürsorglichkeit. In dieser Situation hätte ich mit Wut oder Verärgerung besser umgehen können. Mitgefühl hingegen drohte mir den Rest zu geben.
»Tut mir leid, ich muss schlecht geträumt haben. Ich wollte niemanden wecken.«
Sie lächelte verständnisvoll. »Kein Problem. Auf einem Flug am frühen Morgen schläft sowieso niemand gut. Sie glauben gar nicht, wie viele Passagiere beim Fliegen Albträume bekommen.«
Ich lächelte matt zurück, denn mein Albtraum war noch nicht vorbei.
»Kann ich Ihnen etwas zu trinken oder zu essen bringen?« Ich lehnte dankend ab, wie schon zwei Stunden vorher kurz nach dem Take-off. Meine innere Uhr ging immer noch nach New Yorker Zeit, und ich war es nicht gewohnt, so früh am Morgen irgendeine Mahlzeit zu verzehren.
»Ich mache mich am besten mal frisch«, sagte ich und stellte mit einem Blick auf die Anzeige erleichtert fest, dass das nächstgelegeneWC aktuell nicht besetzt war.
Verlegen murmelte ich den Fluggästen in den umliegenden Reihen, von denen mich viele immer noch neugierig ansahen, eine Entschuldigung zu. Vielleicht warteten sie auf einen weiteren unterhaltsamen Ausbruch meinerseits, der für etwas Ablenkung gesorgt hätte. Doch es würde keinen geben, da war ich mir sicher. Bis der Flieger dort landen würde, wo ich umsteigen musste, würde ich keinen Schlaf mehr finden.
Nachdem ich hinter mir verriegelt hatte, lehnte ich mich mit dem Rücken kraftlos an die Falttür. Die Toilette war so eng wie ein Sarkophag und schon jetzt kein allzu schöner Anblick mehr, obwohl der Flug erst ein paar Stunden dauerte. Ich zog eine Handvoll Papiertücher aus dem Spender und hielt sie unters kalte Wasser, drückte sie dann auf mein erhitztes Gesicht. Niemand sieht bei greller Beleuchtung gut aus, doch die Neonröhre über dem Spiegel war besonders ungnädig mit meiner blassen Haut. Meine Sommersprossen, die an einem guten Tag wie Goldstaub wirken konnten, erinnerten jetzt an Schlammspritzer. Ein unglücklicher Vergleich.
Sie war voller Schlamm – ihre Füße waren voller Matsch.
Die Worte meiner Mutter hatten sich in meinen Kopf eingebrannt, auch in elftausendfünfhundert Metern Höhe war ihre Stimme noch ganz nah.
Ich starrte mein Spiegelbild an, als hätte ich es noch nie gesehen. Meine Wangen waren rot, und meine Augen sahen riesig aus – nicht süß wie bei Figuren in Disney-Filmen, sondern groß und vor Angst geweitet, wie schon die letzten vier Stunden. Mein kastanienbraunes Haar war stumpf und ohne jedes Volumen und hätte dringend gewaschen werden müssen, was für heute Morgen eigentlich vorgesehen gewesen war. Doch ein verzweifelter Anruf meiner Mutter mitten in der Nacht hatte die Pläne für einen gemütlichen Tag über den Haufen geworfen.
Jeff hatte mein Telefon noch vor mir gehört. Er hob den linken Arm, der quer über seinem und meinem Kissen lag, und rüttelte mich wach.
»Dein Handy klingelt«, nuschelte er mit seinem Brooklyn-Akzent ins Kissen.
Ich runzelte die Stirn und griff danach, schaute erst nach der Uhrzeit und dann auf den Anrufer. Auch wenn ich schon seit vier Jahren in denUSA lebte, verrechneten sich manche meiner alten Freunde aus Großbritannien immer noch, was den Zeitunterschied anging. Doch nicht Mu