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Du sollst huldigen!
Sie liess den Blick über das weitläufige Gelände schweifen. Die Sonne brannte auf den Asphalt. Sie kniff die Augen zusammen und versuchte, irgendwo hinzusehen, wo es mehr Schatten gab, fand den Tisch, an dem sie sass. Der aufgespannte Sonnenschirm spendete ein wenig Entspannung. Am liebsten hätte sie geschlafen, hier und jetzt, auf dieser Holzbank.
Ihre Kumpels kamen mit Bier zurück und setzten sich zu ihr. Nur der Alteingesessene Jack blieb stehen.
«Was setzt ihr euch denn jetzt hin? Gleich kommt da vorne eine mega geile Band!»
Er deutete in Richtung Bühne. Sie sah hin. Das Ding war mindestens zweihundert Meter entfernt. Vielleicht auch nur hundertfünfzig, sie wusste es nicht so genau. Fest stand, dass es unendlich weit war.
«Mara», sagte Jack. «Du kommst mit, dir gefällt das.»
«Es ist elf Uhr morgens, ich bin seit fünf wach. Glaubst du wirklich, ich habe jetzt Nerven, um aufzustehen? Deine geile Band muss sich da schon ein wenig ins Zeug legen.
«Na gut, gehe ich eben alleine. Ihr seid alle selber schuld», sagte er, zuckte die Schultern und ging.
Mara nahm einen Schluck von ihrer Cola und schaute ihm nach. Von der Bühne her drangen «Check checks» und «1, 2 3s». Sie fragte sich, was Jack für einen Stress hatte. Man hörte die Roadies schliesslich ganz deutlich.
Kaum hatte sie den Becher wieder abgestellt, kam auch schon die Band auf die Bühne. Da ging etwas, das musste man zugeben. Sie hörte etwa zwanzig Sekunden lang zu. Schaute über den Platz und hörte etwas genauer hin. Der Sänger sang irgendetwas darüber, dass Rock’n’Roll eine Religion war. Das stimmte, fand sie. Wer wusste das nicht? Sie hörte noch eine weitere halbe Minute zu. Zweifellos hatte es etwas. Sie schaute noch einmal auf ihre Cola, dann auf ihre Kumpels, die alle mehr oder weniger apathisch an ihrem Bier nuckelten. Natürlich, es war elf Uhr morgens. Man musste die Energie für später aufsparen. Sie sah auf ihre Cola und nahm noch einen Schluck.
«Ach, Scheiss drauf», murmelte sie. Lauter sagte sie: «Jungs, ich gehe Jack Gesellschaft leisten.»
Sie nickten, wünschten «viel Spass» und wandten sich wieder ihrem Bier zu.
Mara ging nach vorne. Die hundert oder so Meter waren unendlich weit. Sie würde nicht dort sein, bevor der erste Song zu Ende war. Deshalb ging sie ein bisschen schneller. Wie näher sie kam, umso wacher wurde sie auch, dachte sie zumindest, und somit gestaltete sich der Weg einfacher als gedacht. Nun erkannte sie auch die kleine, blonde Gestalt, die über die Bühne wirbelte. Da waren noch andere, eher dunkelhaarige Gestalten, die aber nicht weniger Power hatten.
Gerade rechtzeitig zum ersten Applaus kam sie bei Jack an. Er stand recht weit hinten, doch da nur ein paar hundert Leute sich vor der Bühne tummelten, spielte das keine Rolle. Sie hatten Platz und sie sahen alles. Aber vor allem hörten sie es. Sie spielten einen zweiten Song und Mara wurde davon weggetragen. Ihre Müdigkeit wurde regelrecht aus ihrem Gehirn gefegt. Mensch, Jack hatte wieder einmal Recht gehabt! Sie wippte ein wenig hin und her und schloss für einen Moment die Augen. Jack hatte Recht gehabt.
Als sie die Augen wieder öffnete, lehnte er sich zu ihr und sagte: «Die sind jünger als du!»
Sie sah ihn mit grossen Augen an. «Du verarschst mich!» Wobei, wenn man es sich überlegte, sahen die wirklich sehr jung aus. Nicht, dass Mara selbst alt gewesen wäre. Sie war mit Abstand die Jüngste in ihrer Clique. Trotzdem. Der Sänger begann, irgendetwas zu erzählen und offenbarte dabei sein Alter.
«Siehst du?», sagte Jack.
«Oh Mann», sagte sie. «Das ist verrückt.»
Normalerweise waren die Bands, die sie mochte, mindestens zehn Jahre älter als sie selbst. Und das waren die jüngeren.
Die Band stimmte einen etwas ruhigeren Song an. Mara schloss wieder die Augen.
Als sie sie öffnete, befand sie sich in ihrem Wohnzimmer auf ihrem Sofa. Der letzte Ton der Platte war verklungen. Sie hatte nicht geschlafen, bloss genossen. War abgedriftet. Hatte sich verloren in der Musik, fast wie damals. Seit Jahren hatte sie nicht mehr an diese Band gedacht. Bis ein Zufall sie wieder darauf gestossen hatte. Die Erinnerung an diesen ersten Eindruck war so lebendig zu ihr zurückgekommen wie das Gefühl, dass sie gehabt hatte, als sie ihre Prioritäten auf andere Sachen gerichtet hatte. Was für eine Närrin sie doch gewesen war! Ob sie etwas verpasst hatte? Sie wusste, dass das nicht so war. Man konnte alles nachholen. Die richtige Musik kam nie zu spät. Sie freute sich nur, dass sie diese Band nach so langer Zeit wiedergefunden hatte. Nach all den Jahren.
ist fasziniert von Geschichten über menschliche Gefühle. Das Genre spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Wichtig ist ihr nur, dass ein möglichst breites Spektrum abgedeckt wird: Von den Abgründen bis zu den Höhenflügen.