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Das Sommerhaus der Familie d’Affry in Givisiez ruft Vorstellungen von Frauen in Rüschenkleidern mit Sonnenschirmchen hervor. Monique von Wistinghausen, eine Nachfahrin der Freiburger Patrizierfamilie, hat die FN auf dem Landsitz empfangen.
Wer durch den Kern von Givisiez spaziert, ist sofort von diesem Herrenhausdorf eingenommen, das durch die Landsitze der ehemaligen Patrizierfamilien d’Affry und de Boccard geprägt ist – jenseits des Industriegebiets, umgeben von Weide- und Landwirtschaftsland. Wie damals im 18. und 19. Jahrhundert die Patrizier verbringt auch Monique von Wistinghausen wann immer möglich den Sommer im Herrschaftshaus der Familie d’Affry in Givisiez. Die gebürtige Belgierin, die heute in Berlin lebt, ist eine indirekte Nachfahrin des Freiburger Patriziergeschlechts, das mit dem Tod der Schwestern Adèle d’Affry alias Marcello und Cécile d’Affry ausstarb.
Die FN haben Monique von Wistinghausen in Givisiez besucht und wollten von ihr wissen, wie man sich das Leben damals im kleinen Schloss vorstellen muss; ob seine Bewohnerinnen und Bewohner – allen voran die letzten Generationen der d’Affrys mit der bekannten Künstlerin Marcello – tatsächlich mit Rüschenkleidchen und Hütchen anzutreffen waren.
Vergleichsweise bescheiden
Grundsätzlich sei zu sagen, sagt von Wistinghausen, dass Adelsgehabe in der Schweiz nicht gern gesehen war. «Im Vergleich zu Frankreich war hier alles viel bescheidener. Nicht der totale Luxus.» Die Freiburger Patrizier seien zudem mit dem hiesigen Boden immer sehr verbunden gewesen. So sei beispielsweise Louis Auguste Philippe d’Affry beim Tuileriensturm am 10. August 1792 nicht in Paris gewesen. Vielmehr habe er im Sommerurlaub in der Schweiz geweilt, weil er – wie er selber schreibe – gerne an der Heuernte teilnehmen wollte. Louis Auguste Philippe d’Affry war der Sohn des Obersts der königlichen Schweizergarde in Paris und in den ersten Jahren der Französischen Revolution Oberbefehlshaber eines Armeekorps am Oberrhein. Später war er der erste Landammann der Schweiz.
Während der Französischen Revolution wurden die Tuilerien von der Schweizergarde verteidigt. Am 10. August 1792 fielen sie mit Unterstützung der revolutionären Stadtregierung von Paris aber doch in die Hände der aufständischen Bevölkerung. König Ludwig XVI. wurde zur Flucht in die Gesetzgebende Nationalversammlung gezwungen. Die Schweizergarde erlitt dabei hohe Verluste.
Im Unterschied zum mondänen Leben in Städten wie Paris oder Rom suchten die Patrizier also im Sommer geradezu das einfache Landleben in Freiburg. Nicht zuletzt, weil dort auch ihre Ländereien lagen, welche Nahrung und Abgaben abwarfen. Von Wistinghausen weist auch darauf hin, dass das Herrenhaus in Givisiez aus dem Jahr 1708 verhältnismässig klein gewesen sei. Grösser wurde es erst durch den Anbau von zwei Flügeln durch Adèle d’Affry. Einer war und ist den übergrossen Porträts der französischen Könige Louis XV. und Louis XVI. gewidmet, denen die d’Affrys wie gesagt militärisch dienten, und einer beherbergte Marcellos Künstleratelier.
Glücksgefühle in der Natur
Auf einen Tisch im ehemaligen Salon des Herrenhauses, welches 1708 erbaut wurde, hat von Wistinghausen Bilder und Dokumente aus jener Zeit ausgelegt. Auf einer Zeichnung sind Adèle und Cécile d’Affry mit ihrer Mutter im Wohnzimmer im ersten Stock zu sehen – eher einfach gekleidet. Auf einem anderen Bild sind die drei mit weissen Röcken im Garten abgebildet – Sonnenschirmchen inklusive.
Wie sich das Leben der d’Affry-Kinder in Givisiez abgespielt haben könnte, kann weiter einem Eintrag in den Memoiren von Marcello entnommen werden. Darin beschreibt sie, wie sie die platten Konversationen der Besucher langweilten und sie sich lieber mit ihrer Schwester in der Natur aufhielt. «Am Waldrand in der Sonne auf dem Stamm eines alten Baumes liegend, eingebettet in Laub und Gestrüpp, empfand ich zum ersten Mal in meinem Leben Glück.» Zu dem Wald, bei dem es sich gemäss von Wistinghausen um den La-Faye-Wald in Givisiez handelt, war sie mit ihrer jüngeren Schwester aufgebrochen. «Wir sprangen los, wie junge Wildpferde, doch dann wurden wir langsamer, weil der Weg noch weit war.» Es war März, und es lag noch Schnee. Beim Wald angekommen, entdeckten sie drei Veilchen, die sie pflückten. «Dieser Fleck Erde hatte etwas Feierliches.» In der Ferne die schneebedeckten Berge, im Ohr der Kuckuck. «Wie schön erschien es mir zu leben.» Die Arme um die Hüfte der Schwester geschlungen, ging sie sodann frohen Herzens wieder nach Hause.
Der Garten und die Umgebung von Givisiez laden auch heute noch zum schwärmerischen Spaziergang ein, was Monique und ihre Schwester Marie-Noëlle Snoy auch gerne tun, wenn sie den Sommer hier verbringen. Eine vierhundertjährige Eiche am Ende der parkähnlichen Anlage sowie eine von Marcello geschaffene Frauenskulptur aus Marmor in einem in die Hecken eingelassenen Tor sorgen für die geeignete Kulisse.