Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03622.jsonl.gz/2431

Als junger Mann brettert Edward William Fitzalan-Howard über die Rennstrecken von Grossbritannien. Jetzt muss der 65-Jährige seine Schnelligkeit noch einmal unter Beweis stellen. Nicht im Rennwagen, sondern als Verantwortlicher unter anderem für die Lafette, auf der der Sarg der Queen durch Londons Strassen gezogen wird. Fitzalan-Howard ist der 18. Herzog von Norfolk und als sogenannter erblicher Earl Marshal of England zuständig für die Organisation sämtlicher grosser Zeremonien wie Krönungen, Parlamentseröffnungen – oder eben das ausserordentliche Staatsbegräbnis Ihrer Majestät der Königin.
Begonnen hat er mit den Planungen bereits vor 20 Jahren, nur Tage nachdem sein eigener Vater Miles gestorben war. Unter dem Codenamen «Operation London Bridge» hatte dieser schon seit den 1960er-Jahren mit der Organisation des Begräbnisses der Queen zu tun. Elizabeth II. höchstpersönlich bestand darauf, selbst ein Wörtchen mitreden zu dürfen, wenn es schon um ihre eigene Beerdigung gehe. Laut dem früheren Erzbischof von York, John Sentamu, 73, hatte die Queen sehr klare Vorstellungen. «Die Königin wollte keinesfalls einen langen, langweilige Gottesdienst.» Das habe sie ihm persönlich gesagt. Und auf eine «herrliche» Andacht gepocht, bei der «die Herzen der Nation erwärmt» würden.
Auf die Bedeutung des Ortes der Trauerfeier verweist der leitende Geistliche, der Dekan von Westminster, David Hoyle, 65, gleich zu Beginn mit den Worten: «Hier, wo Queen Elizabeth heiratete und gekrönt wurde.» Ein kurioses Detail sticht bei der Zeremonie in der Westminster Abbey ins Auge: König Charles III. lässt vor sich einen Platz in der ersten Reihe frei – um «die Queen bei Laune zu halten». Die Königin mied zu Lebzeiten die erste Reihe, wollte aufgrund ihrer Grösse von nur 1,60 Metern aber auch niemanden vor sich sitzen haben. Seelsorger trösten während des Gottesdienstes die Menschen auf Londons Strassen. Ein Zeichen dafür, wie tief die Briten um ihre Königin trauern.
Ein ungewöhnlicher Helfer sorgte vor Ankunft der Regierungschefinnen, Staatsoberhäupter und royalen Herrscher dafür, dass keinem etwas Unerwünschtes auf dem Haupt landete: Wüstenbussard Rufus hält extra die Tauben rund um die berühmte Abtei in London in Schach. Der 15-jährige Vogel ist bereits seit vielen Jahren aktiv.
Auf Wunsch der Verstorbenen beendet der persönliche Dudelsackspieler von Elizabeth II. die Trauerfeier: Major Paul Burns, der die Queen jeden Morgen mit seinem Spiel unter dem Fenster weckte, spielt ihr zu Ehren das traditionelle Klagelied «Sleep, Dearie, Sleep», während die Trauergemeinde aufsteht und der Sarg aus der Westminster Abbey getragen wird.
Ein weiteres Detail am Rande: Der Kranz auf dem Sarg von Königin Elizabeth II. ist auf Wunsch ihres Sohns König Charles III. arrangiert worden. Die Pflanzen dafür stammen aus den Gärten der Queen-Residenzen Buckingham-Palast und Schloss Windsor sowie von Charles’ Landsitz Highgrove House. Das Blumengebinde ziert Rosmarin, der Gedenken symbolisiert. Die Myrte – Symbol für eine glückliche Ehe – wurde aus einer Pflanze geschnitten, die einst aus einem Myrtenzweig im Hochzeitsstrauss der Königin gezogen worden war. Ebenfalls enthalten sind Stieleiche als Zeichen für die Kraft der Liebe, Pelargonien, Gartenrosen, Hortensien, Sedum, Dahlien und Witwenblumen. Der Kranz ist in Gold, Rosa und tiefem Burgunderrot sowie einem Hauch Weiss gehalten. Es sind die Farben der königlichen Standarte. Auf die Blumen legte König Charles einen letzten Brief an seine Mutter: «In liebevoller und hingebungsvoller Erinnerung.» Der König ist in der Kirche von Trauer gezeichnet, wischt sich gar einmal eine Träne aus dem Auge.
Von den zwölf Premierministern und drei Premierministerinnen, die die Königin während ihrer 70-jährigen Regentschaft gesehen hat, waren alle sieben, die noch am Leben sind, in der Westminster Abbey versammelt. Die Königin der Rekorde schafft es auch nach ihrem Tod noch, eine Höchstmarke zu knacken. Ihre Beerdigung wird zum meistgesehenen Fernsehereignis in der Geschichte, mit vier Milliarden Zuschauenden weltweit – bedeutend mehr als bei «Live Aid» 1985 und der Hochzeit von Charles und Diana im Jahr 1981.
Für die emotionalsten Szenen an dieser Beerdigung aber sorgen die Jüngsten: allen voran Prinz George, 9, und seine kleine Schwester Prinzessin Charlotte, 7. George schritt tapfer alleine in die Kirche. Für Katie Nicholl, Royal-Korrespondentin der «Vanity Fair, sind der jüngste Thronfolger und dessen Schwester ein Team, das später gemeinsam im Dienste der Krone stehen wird. «Er als König, sie als seine Stütze.» Beobachter fühlen sich an William und Harry erinnert, wie sie 1997 zusammen durchs Tal der Tränen schritten, als sie hinter dem Sarg ihrer Mutter Diana liefen.
Die Queen ist jetzt wieder bei ihrem geliebten Philip. Ihre letzte Ruhestätte hat die Königin in der Saint George’s Chapel gefunden. Als der Sarg in die königliche Gruft hinabgelassen wird, ist nur die Familie der Queen dabei.
Für die königliche Familie beginnt anschliessend die offizielle Trauerzeit von sieben Tagen. Alle öffentlichen Engagements sind bis nächsten Dienstag abgesagt. König Charles besucht voraussichtlich Schloss Balmoral, in dem seine Mutter im Kreis ihrer Tochter Anne und ihres ältesten Sohnes starb. Er wird möglicherweise auch Zeit in Birkhall verbringen, seinem eigenen schottischen Zuhause auf dem Balmoral-Anwesen in Aberdeenshire. Es ist ein Erbe, das er von der Königinmutter nach deren Tod im Jahr 2002 erhielt. Aus dem Buckingham Palace verlautete diesbezüglich: «Es ist bezeichnend, dass der König nach ihrer Beerdigung das Anwesen im Herzen des Cairngorms-Nationalparks besucht, das seine Mutter liebte.» Als sein Vater Philip vor über einem Jahr starb, zog sich Charles ebenfalls innerhalb von 24 Stunden nach dessen Beerdigung in sein abgelegenes Zuhause zurück.
Weiter Gas geben muss der einstige Rennfahrer Edward William Fitzalan-Howard auch nach dem Begräbnis der Queen. Die Briten sind stolz auf den Zeremonienmeister ihrer Königin. Seine Nichte Lady Kinvara Balfour lobt gegenüber dem Magazin «Tatler»: «Bei der Organisation der Beerdigung der Königin hat Onkel Eddie wirklich hervorragende Arbeit geleistet. Was für eine Show von Eleganz, Effizienz und seltener Präzision, die er für unsere Nation und die Welt gezeigt hat – genau wie die verstorbene Königin Elizabeth II. selbst. Er ist ein unglaublicher Vater von fünf Kindern und ein liebevoller Grossvater dazu.»
So schnell zur Ruhe kommt der 18. Herzog von Norfolk also nicht. Statt sich seinen Enkeln zu widmen, muss er jetzt die Krönungsfeier für Charles III. vorbereiten. In Grossbritannien wird spekuliert, dass diese kommenden Juni stattfindet, genau 70 Jahre nach der Krönung der verstorbenen Queen am 2. Juni 1953.