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Riesenmuschel
Tridacna gigas
© 1986 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Die Marshall-Inseln, von denen die vorliegenden Briefmarken stammen, liegen im östlichen Mikronesien und sind seit 1947 ein Treuhandgebiet der USA. Die ganze Inselgruppe umfasst 34 Inseln unterschiedlicher Grösse mit einer Landfläche von gesamthaft 182 Quadratkilometern. Wie die meisten pazifischen Inseln sind die Marshall-Inseln vulkanischen Ursprungs. Sie sind also eines Tages aus dem Ozean aufgetaucht und waren nie mit dem Festland verbunden. Die Tier- und Pflanzenarten, welche diese erdgeschichtlich jungen Inseln besiedeln, haben also über das Meer hierhergelangen müssen. Diese riskante Reise haben nur wenige Lebewesen unbeschadet überstanden, und so weisen denn die Pazifikinseln eine verhältnismässig geringe Artenzahl auf. Bei den Tieren handelt es sich hauptsächlich um Vögel, Fluginsekten und Fledermäuse. Die flugunfähigen Lurche, Kriechtiere und bodenlebenden Säugetiere fehlen hingegen weitgehend.
Umso reichhaltiger offenbart sich das Leben in den warmen, küstennahen Gewässern der pazifischen Inseln. Korallenriffe von enormer Farben- und Formenpracht wachsen direkt unter der Wasseroberfläche auf den Flanken der erloschenen Vulkane. Sie bieten einer Unmenge bunter Fische, stachelbewehrter Seesterne und anderer bizarrer Geschöpfe Unterschlupf und Nahrung.
Die Riesenmuschel
Zu den bekanntesten Tieren der reichen pazifischen Korallenriffe gehört sicherlich die Riesenmuschel (Tridacna gigas)
. Die gewellten, scharfrandigen Schalen dieser grössten Muschel der Welt können bis 140 Zentimeter lang, 8 bis 10 Zentimeter dick und über 200 Kilogramm schwer werden. Anfangs der dreissiger Jahre wurde bei den Philippinen aus einer Riesenmuschel die grösste bisher bekannte Perle gewonnen: Sie wiegt sieben Kilogramm und hat einen Durchmesser von rund 20 Zentimetern!
Die Riesenmuschel kommt nur im westlichen Pazifik vor.
Das grosse Gewicht ihrer mächtigen Schalen zwingt die Riesenmuschel zu einer festsitzenden Lebensweise. Wie alle Muscheln ernährt sie sich von Plankton, den sie aus dem Meerwasser filtert. Diese Nahrung reichert die jedoch auf eine ganz eigentümliche Weise an: Der freie, prächtig gefärbte Mantelrand beherbergt ganze Scharen kleiner, einzelliger Algen. Sie leben mit der Muschel in Symbiose, das heisst in einer Gemeinschaft zu gegenseitigem Nutzen. Die Algen werden von der Muschel mit allen lebensnotwendigen Nährstoffen versorgt. Dafür liefern sie ihrer Wirtin Kohlenhydrate und zusätzlichen Sauerstoff. Wie alle grünen Pflanzen bauen diese Algen nämlich aus Kohlendioxid und Wasser mit Hilfe des Sonnenlichts Kohlenhydrate auf und scheiden dabei - quasi als «Abfall» - Sauerstoff aus.
Bekannt ist die Riesenmuschel nicht zuletzt aus vielen Schauergeschichten, denen zufolge diese «heimtückische Mörderin» oft und gern Perlentaucher in der Tiefe festklammert und ertränkt. Wahr an diesen Geschichten ist zwar, dass sich die Schalen der Riesenmuschel mit enormer Kraft schliessen, sobald ein Schatten über den lichtempfindlichen Mantel gleitet. Unfälle mit unaufmerksamen Schwimmern sind daher durchaus möglich und zumindest in einem Fall (mit glimpflichem Ausgang) von einem glaubwürdigen Augenzeugen auch bestätigt. Die Gefährlichkeit der Riesenmuschel beruht jedoch nicht auf irgendeiner heimtückischen Absicht, sondern ist vielmehr eine Begleiterscheinung ihres natürlichen Schutzverhaltens.
Vom Eiland zum Ödland
Insel-Ökosysteme sind räumlich sehr beschränkt. Sie sind daher sehr verletzlich und reagieren auf Störungen sehr empfindlich. So ist es denn nicht erstaunlich, dass rund neunzig Prozent der in den letzten drei Jahrhunderten ausgestorbenen Vogelarten Inselbewohner waren. In fast allen Fällen trägt der «moderne» Mensch die Schuld am Niedergang der einzigartigen tierlichen und pflanzlichen Lebensgemeinschaften ozeanischer Inseln.
Die frühen Insulaner waren sich der Verletzbarkeit der Insel-Ökosysteme durchaus bewusst. Sie trieben keinen Raubbau, sondern pflegten einen schonenden, ökologisch mustergültigen Umgang mit ihrer eng begrenzten Umwelt: Einzelne Riffteile etwa durften nur zu bestimmten Zeiten betreten werden. Die Jagd einzelner Korallenfische war an gewisse Fangmethoden gebunden. Für einzelne Tierarten galt ein vollständiges Jagdverbot, für andere eine vorübergehende Schonzeit. So dienten überlieferte Bräuche und Gebote, «Tabus» genannt, der Selbstbeschränkung und damit der Schonung und Erhaltung der knappen natürlichen Güter auf lange Sicht.
Mit der Ankunft der ersten Handelsschiffe, der Missionare und der Kolonialisten änderte sich vielerorts dieses Leben in Einklang mit der Natur. Der westliche Lebensstil hielt Einzug, die Bevölkerung vermehrte sich, und der menschbedingte Zerstörungsprozess nahm seinen Lauf.
Heute ist die ursprüngliche Pflanzendecke der Pazifikinseln fast ausnahmslos durch Kokospflanzungen ersetzt. Die Strände sind verbaut, die Küstengewässer verschmutzt, die Fischbestände übernutzt, und ganze Riffe totgesprengt.
Typische Beispiele von Inseln, die diese verheerende Entwicklung durchgemacht haben, sind die beiden Marshall-Inseln Majuro und Ebeje. Beide weisen ausserordentlich hohe Bevölkerungsdichten auf: Majuro wird von 6500 Menschen je Quadratkilometer bewohnt; auf dem nur 0,2 Quadratkilometer grossen Ebeje leben über 5000. Auf beiden Inseln ist die Natur fast restlos vernichtet. Und längst hat sich der Raubbau an der empfindlichen Inselnatur auch auf die abgelegeneren, wenig oder gar nicht besiedelten Marshall-Inseln ausgedehnt.
Unter den «Machenschaften» des Menschen haben auch die Riesenmuscheln gelitten: Sie wurden während der letzten Jahrzehnte zu Tausenden ausgeführt. Ihre Schalen erzielten hohe Preise auf den Philippinen, wo sie zu allerlei kunsthandwerklichen Gegenständen verarbeitet wurden. Ihr Fleisch ist in der chinesischen Küche sehr geschätzt und wurde daher in grossen Mengen nach Taiwan, Singapur und Hongkong verkauft. Kleinere Bestände von Riesenmuscheln gibt es heute nur noch auf Eniwetok und Kwajalein - beide Inseln sind Versuchsgelände der amerikanischen Streitkräfte.
Riesenmuschel-Zuchtprogramm
Leider steht die Riesenmuschel auf den Marshall-Inseln bis heute nicht unter Naturschutz. Gesetzlichen Schutz geniesst sie einzig auf den beiden zu Naturschutzgebieten erklärten Inseln Pokak und Bikas, welche in erster Linie für die dort brütenden Meeresvögel geschaffen worden sind. Die Bewachung dieser Reservate ist allerdings ungenügend. Die Gesetzgebung der Marshall-Inseln verbietet ferner das Fischen mittels Sprengstoff und chemischer Gifte sowie gewisse Formen der Gewässerverschmutzung. Doch wird auch diesen Gesetzen wenig Nachdruck verliehen.
Leider ist die Lage der Riesenmuschel nicht nur auf den Marshall-Inseln bedenklich. Fast im ganzen Bereich des Pazifischen und des Indischen Ozeans ist die riesenhafte Muschel erbarmungslos bejagt und sind ihre Bestände entsprechend stark zurückgedrängt worden. Immerhin geniesst sie heute in einigen Regionen des Pazifischen Ozeans einen gewissen Schutz: So steht etwa das Rosa-Atoll im Amerikanischen Samoa (Ost-Samoa) wegen seiner grossen Riesenmuschel-Population unter striktem Naturschutz. Dennoch wird die Riesenmuschel auf der Roten Liste der gefährdeten Tier- und Pflanzenarten, welche von der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) herausgegeben wird, als «verwundbar» aufgeführt.
Mit einem neuen Riesenmuschel-Zuchtprogramm, an welchem sich Palau, Fidschi, die Salomonen, Australien und seit kurzem auch die Marshall-Inseln beteiligen, soll nun der Druck auf die freilebenden Riesenmuschel-Bestände gemildert werden: In Teilen der Korallenriffe der genannten Länder werden «Muschelfarmen» eingerichtet. Jungmuscheln, die aus besonderen Zuchtstationen stammen, werden dort eingesetzt und grossgezogen. Die bisher angestellten Versuche haben gezeigt, dass die Erträge aus solchen Farmen sehr beachtlich sind. Durch dieses Zuchtprogramm finden nicht nur viele Insulaner ein geregeltes Einkommen, sondern es kann auch die Nachfrage nach Muschelschalen und -fleisch gedeckt werden, ohne dass auf die freilebenden Muschelbestände zurückgegriffen werden muss.
Das Riesenmuschel-Zuchtprogramm ist ein gutes Beispiel dafür, wie die (berechtigten) Lebensunterhalts-Ansprüche der Inselbewohner mit den Anliegen des Naturschutzes verknüpft werden können. Es ist dringend erforderlich, dass auf den Marshall-Inseln und an anderen Orten im Pazifik ähnliche Projekte auch zugunsten anderer bedrohter Tierarten in die Wege geleitet werden. Denn nur so lassen sich die einzigartigen Tierformen der pazifischen Inselwelt langfristig erhalten. Denkbar wären etwa Meeres-Schutzgebiete, welche einerseits dem Tourismus offenstehen und andererseits in beschränktem Ausmass von den Insulanern genutzt werden können.
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