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Was sich heute gut verkaufen lässt, findet morgen möglicherweise bereits keine Abnehmer mehr: Angesichts der dynamischen Wirtschaftsentwicklung aufgrund der Informationstechnologie gewinnt die Flexibilität des Arbeitsmarktes weltweit an Bedeutung. Deshalb sprechen auch Politiker gerne davon: Während die Unternehmer sagen, flexible Arbeitsmärkte sicherten ihr wirtschaftliches Überleben, widersetzen sich die Gewerkschaften einer «zu weit gehenden» Flexibilität.
Aber was heisst Arbeitsmarktflexibilität aus wissenschaftlicher Sicht? Ein flexibler Arbeitsmarkt gewährleistet, dass Arbeitnehmende, die durch einen konjunkturellen Schock ihre Stelle verlieren, rasch eine andere Beschäftigung finden. Die sogenannte Mikroflexibilität ist die Fähigkeit einer Volkswirtschaft, Arbeitnehmende auf effiziente Weise zu anderen Arbeitsstellen zu verlagern. Unter Makroflexibilität versteht man die Fähigkeit, sich von einem allgemeinen Konjunktureinbruch zu erholen, ohne dass die Arbeitslosigkeit stark ansteigt. Flexible Arbeitsmärkte sind durch eine tiefe Arbeitslosigkeit, umfangreiche Bewegungen von Arbeitnehmenden zwischen der Erwerbslosigkeit und dem Arbeitsmarkt sowie durch eine kurze Dauer der Arbeitslosigkeit gekennzeichnet. Im Gegensatz dazu weisen starre Arbeitsmärkte eine hohe Arbeitslosigkeit, verhältnismässig geringe Bewegungen von Arbeitnehmenden und eine lange Dauer der Erwerbslosigkeit auf.
Ein Test für die Flexibilität des Arbeitsmarktes war die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise, welche der Schweiz die tiefste und längste Rezession seit den Neunzigerjahren bescherte. Ende 2008 ging das reale Bruttoinlandprodukt (BIP) gemäss dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) krisenbedingt zurück und verzeichnete in den ersten drei Quartalen des folgenden Jahres negative Wachstumsraten.
Zuvor war die Nachfrage nach Schweizer Industrieerzeugnissen eingebrochen. Entsprechend sackte der exportgewichtete ausländische Einkaufsmanagerindex (PMI) innerhalb des Jahres 2008 um ein Viertel ab (siehe Abbildung 1). Der PMI-Indikator bildet die Situation im Produktionssektor unserer wichtigsten Handelspartner ab, was stark mit den Schweizer Exporten korreliert.
Abb. 1: Erwerbslosenquote in der Schweiz und exportgewichteter, ausländischer Einkaufsmanagerindex (PMI)
Anmerkung: Die Rezessionsphase ist blau eingefärbt.
Seco (2017), Hanslin und Scheufele (2016) / Die Volkswirtschaft
Als Folge der Rezession, von der unsere Handelspartner ab Ende 2008 besonders stark getroffen wurden, stieg die Erwerbslosenquote in der Schweiz von 3,5 Prozent Anfang 2008 auf rund 4,5 Prozent Ende 2009 (siehe Abbildung 1).[1] Anschliessend sank sie bis Ende 2011 wieder auf 4 Prozent, was ungefähr dem Durchschnittswert zwischen 2002 und 2014 entspricht. Angesichts des konjunkturellen Einbruchs infolge der Wirtschaftskrise waren die Auswirkungen auf die Arbeitslosenquote somit nur begrenzt.
Kündigungsschutz schränkt Mikroflexibilität ein
Die effiziente Verlagerung von Arbeitnehmenden auf andere Stellen (Mikroflexibilität) wird unter Umständen durch gesetzliche und verwaltungsrechtliche Bestimmungen zum Arbeitnehmerschutz beeinträchtigt. Eine zentrale diesbezügliche Regulierung ist der Kündigungsschutz: Er schränkt die Flexibilität der Unternehmen ein, Angestellte einzustellen oder zu entlassen. Für die Arbeitnehmenden bietet er zwar den Vorteil, dass unsichere Beschäftigungsverhältnisse verhindert werden, gleichzeitig kann er aber die Stellensuche erschweren. Des Weiteren bewirken auch Regelungen, welche die Möglichkeiten der Unternehmen zur Anpassung von Arbeitsverträgen einschränken, gegebenenfalls eine geringere Mikroflexibilität.
Wie hat sich der Kündigungsschutz auf die Arbeitslosigkeit ausgewirkt? Um diese Frage zu beantworten, haben wir im Zeitraum 1995 bis 2007 zwölf OECD-Länder mit unterschiedlichen Kündigungsschutzgesetzgebungen miteinander verglichen. Anschliessend fügten wir zwei Indikatoren zur Leistungsfähigkeit des Arbeitsmarktes hinzu: die Arbeitslosenquote und die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit. Bezüglich der Arbeitslosenquote zeigte sich: Die Strenge des Kündigungsschutzes korreliert nicht mit der Arbeitslosigkeit; tiefe Arbeitslosenquoten bestehen sowohl in Ländern mit einem strengen Kündigungsschutz als auch umgekehrt (siehe Abbildung 2).
Arbeitslosendauer ausschlaggebend
Doch ist die Arbeitslosenquote überhaupt ein gutes Mass für die Mikroflexibilität? Denn zur entscheidenden Frage, wie lange die betreffenden Personen schon auf Stellensuche sind, liefert sie keine Informationen; sie gibt lediglich an, wie viele Personen eine neue Beschäftigung suchen.
Tatsächlich wird jeden Monat eine grosse Zahl von Erwerbstätigen arbeitslos, und gleichzeitig finden viele Erwerbslose eine neue Stelle: Gemäss Angaben des Seco verlieren in der Schweiz monatlich rund 29’000 Erwerbstätige ihren Arbeitsplatz, und ebenso viele Personen finden eine neue Stelle.[2] Die Dauer der Arbeitslosigkeit ist ein besseres Mass für die Mikroflexibilität, da in flexiblen Arbeitsmärkten Stellensuchende rasch eine neue Beschäftigung finden.
Abb. 2: Erwerbslosenquote und Kündigungsschutz
OECD (2017) / Die Volkswirtschaft
Abb.3: Dauer der Arbeitslosigkeit und Kündigungsschutz
OECD (2017) / Die Volkswirtschaft
Zwischen der durchschnittlichen Dauer der Arbeitslosigkeit und dem Ausmass des Kündigungsschutzes besteht eine starke positive Korrelation (siehe Abbildung 3). In einem Land mit einem strengen Kündigungsschutz ist normalerweise eine verhältnismässig lange durchschnittliche Dauer der Erwerbslosigkeit zu erwarten. Mit anderen Worten ist es für Erwerbslose umso schwieriger, eine neue Stelle zu finden, je besser die Arbeitnehmenden vor einer Kündigung geschützt sind. Dies deutet darauf hin, dass der Kündigungsschutz eine gewisse Rolle spielt, hauptsächlich durch seine Auswirkungen auf die Dauer der Arbeitslosigkeit, während er die Arbeitslosenquote nicht massgeblich beeinflusst.
Arbeitslosengeld mindert Anreize
Abgesehen vom Kündigungsschutz ist für die Mikroflexibilität möglicherweise auch die Arbeitslosenversicherung (ALV) von Bedeutung. Denn das Arbeitslosengeld reduziert den Anreiz, möglichst schnell einen neuen Arbeitsplatz zu suchen – was die Dauer der Erwerbslosigkeit verlängert und auf die Gesamtbeschäftigung drückt.
Allerdings bezahlt die ALV nicht nur Geld, sondern unterstützt die Versicherten mit Know-how und Ausbildungsprogrammen bei der Arbeitssuche. Dadurch finden Erwerbslose rascher eine neue Stelle und verbessern mittelfristig ihren Erfolg im Arbeitsmarkt.
In Bezug auf den Einfluss der Arbeitslosenversicherung lässt sich somit sagen: Für Erwerbstätige, die wegen eines Konjunktureinbruchs ihre Stelle verlieren, ist die ALV die wichtigste Einkommensquelle. Sie verbessert die Flexibilität, indem sie Stellensuchende dabei unterstützt, rasch eine andere Stelle zu finden. Doch gleichzeitig mindert sie die Arbeitsmarktflexibilität, indem sie den Anreiz reduziert, eine neue Stelle anzunehmen.
Die Auswertung zeigt: Im Vergleich mit Österreich und Norwegen ist der Kündigungsschutz in der Schweiz nicht sehr streng. Doch die Schweizer Bestimmungen sind viel strikter als die Regelung in den USA, wo für die Einstellung und Entlassung von Mitarbeitenden flexiblere gesetzliche Vorschriften gelten. Der Schweizer Arbeitsmarkt ist gleichzeitig durch eine tiefe Arbeitslosigkeit und eine lange durchschnittliche Dauer der Erwerbslosigkeit gekennzeichnet. Er ist also weder starr noch vollständig flexibel.
Hohe Makroflexibilität dank Sozialpartnerschaft
Wie krisenresistent ist der Arbeitsmarkt auf der Makroebene? Um dies zu beantworten, haben wir bezüglich des Zeitraums 1995 bis 2015 einen einfachen Makroflexibilitäts-Index für 39 OECD-Länder entwickelt. Im Index, der den gesamten Wohlstandsverlust aufgrund von Schwankungen der Arbeitslosigkeit erfasst, liegt die Schweiz hinter Norwegen auf dem zweiten Rang. Das Vereinigte Königreich und die USA, deren Arbeitsmärkte im Allgemeinen als flexibel gelten, belegen lediglich die Ränge 11 und 18. Dies zeigt, dass die Schweizer Wirtschaft in der Lage ist, externe Schocks mit begrenzten Auswirkungen auf die Arbeitslosenquote zu absorbieren (siehe Abbildung 1).
Was sind die Gründe für die hohe Makroflexibilität? Die Arbeitsmarktinstitutionen spielen dabei vermutlich keine zentrale Rolle, da sie, wie oben gezeigt, die Mikroflexibilität beschränken. Hingegen ist ein anderer Faktor möglicherweise von erheblicher Bedeutung: die Sozialpartnerschaft.
In der Schweiz sind die Arbeitnehmervertreter und die Arbeitgeber in der Lage, in einer konstruktiven Atmosphäre miteinander zu reden und zu verhandeln. Gemäss dem Global Competitiveness Report des World Economic Forum (WEF) ist die Schweiz das Land, in dem die Beziehungen zwischen Arbeitnehmenden und Arbeitgebern am stärksten von Zusammenarbeit geprägt sind. Die Fähigkeit, gesamtwirtschaftliche Probleme gemeinsam anzugehen, trägt somit womöglich zur hohen Makroflexibilität in der Schweiz bei.
- Seco (2017).
- Vgl. dazu Beitrag von Bernhard Weber (Seco) in diesem Schwerpunkt.