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Im nachfolgenden Bericht sind einige Fotos eingebettet. Weitere Fotos findest in der Fotosammlung: Fotos Chernobyl
Als am 26. April 1986 um 01:23 Uhr mehrere heftige Explosionen die Region um das Kraftwerk Chernobyl erschütterten, ahnte niemand, was in den nächsten Tagen, Wochen und Jahren in der Region geschehen würde.
Bei einer der Explosionen wurde der Reaktor des Block 4 im Kernkraftwerk Chernobyl zerstört und eine grosse Menge radioaktiven Stoffen freigesetzt. Die dunkle, radioaktive Wolke stieg immer höher in den Himmel und verteilte die verstrahlten Partikel in eine immer grössere Region. Als in der Folge immer mehr Leute mit grossflächigen Verbrennungen in die umliegenden Spitäler eingeliefert wurden, war klar, dass es sich hierbei nicht um einen harmlosen Brand, sondern um eine Katastrophe handelt. Mit dem Versprechen an die Einwohner, bald wieder zurückkehren zu können, wurde die Stadt Prypjat und eine grosse Anzahl Dörfer im Umkreis von rund 30 Kilometer um das Kraftwerk evakuiert.
Bis heute durften die Leute nicht zurückkehren. Einzig in der kleinen Stadt Chernobyl, knapp 15 Kilometer vom Kraftwerk entfernt, leben heute wieder Menschen. Dies jedoch nicht dauerhaft. Nach der Explosion wurde der Reaktor mit einem Sarkophag überdeckt und die Umgebung dekontaminiert, so dass der Aufenthalt in der Sperrzone gefahrlos möglich ist. Zumindest, wenn man nicht zu lange dort bleibt.
Inzwischen hat sich die Stadt Prypjat und die 10 km Sperrzone zu einem beliebten Touristengebiet entwickelt. Täglich gibt es geführte Touren in die Region. An Wochenenden reisen bis zu 1500 Leute ins Sperrgebiet. Da sich die Katastrophe bis nach Europa ausgewirkt hat und ich als Kind mehr oder weniger direkt davon betroffen war, wollte ich dieses Gebiet schon lange einmal besuchen und sehen, was damals eigentlich passiert ist. Im Herbst 2019 war es dann endlich soweit. In einer kleinen Gruppe besuchten wir das Sperrgebiet Chernobyl.
1. Tag | Prypjat
Früh am Morgen wurden wir direkt vor unserem Hotel abgeholt. Nach der Kontrolle unserer Dokumente und einigen organisatorischen Infos ging es sogleich los. Nach etwas mehr als einer Stunde erreichten wir den ersten Checkpoint. Die Grenze zur 30 Kilometer-Zone. Während einem kurzen Aufenthalt wurden unsere Dokumente und Unterlagen kontrolliert. Zudem erhielten wir ein Gerät, um die radioaktive Belastung während der gesamten Tour zu messen. Nach ein paar Minuten konnten wir unsere Fahrt fortsetzen und erreichten kurze Zeit später bereits den zweiten Checkpoint und somit die Grenze zur 10-Kilometer Sperrzone. Nach einer kurzen Kontrolle ging es dann weiter nach Prypjat.
Wir hatten eine zweitägige Tour gebucht, weshalb wir ohne Eile den ganzen Tag in der Geisterstadt verbringen konnten. Die Stadt Prypjat wurde einzig für die Arbeiter des nahe gelegenen Kraftwerks gebaut. Die Arbeiter zogen mit der ganzen Familie nach Prypjat, weshalb es an nichts fehlte. Prypjat sollte zudem eine Musterstadt werden, um das Leben der Menschen in der UdSSR besser zu machen. So standen etwa ein Einkaufszentrum und viele Freizeitanlagen zur Verfügung. Wir starteten unsere Tour im Stadtteil 4, im Norden der Stadt. Dieser Bereich wurde erst kurz vor der Katastrophe fertiggestellt. Um einen Überblick über die Stadt zu erhalten, stiegen wir auf das Dach eines der 16-stöckigen Wohnblocks. Im Hintergrund konnte man bereits den neuen Sarkophag über den Reaktor 4 erkennen. Im Osten waren die Häuser des Bezirks 5 zu erkennen, welche nie fertiggestellt wurden. Im Südwesten war die riesige DUGA-Antenne zu erkennen. Mehr dazu später. Eindrücklich zu sehen war, wie die Natur die Stadt immer mehr zurückerobert. Alle sichtbaren Gebäude sind von riesigen Bäumen umgeben.
Unsere Tour setzten wir im Kindergarten 13 fort. Dieser war zwar nur kurz in Betrieb, trotzdem waren bereits überall Zeichnungen aufgehängt und Bilder an die Wände gemalt worden. Überall waren Spielsachen zu sehen. Man sieht, dass keine Zeit mehr blieb, um aufzuräumen. Gleich in der Nähe befindet sich ein weiterer Kindergarten, welcher ebenfalls nur kurz in Betrieb war. Dieser wurde aber nach dem Reaktorunglück als Labor genutzt. Zahlreiche Bodenproben wurden in der Nähe genommen und analysiert. Bäume und Pflanzen wurden kontrolliert verbrannt und die Asche anschliessend ebenfalls untersucht. Ziel war, die Auswirkungen der Radioaktivität auf die Natur zu bestimmen. Nachdem die Untersuchungen beendet waren, blieben einzig die Proben zurück.
Stadtzentrum
Durch die, nach dem Unglück gebauten Gewächshäuser, ging es weiter in den Bezirk 5. Dieser Stadtteil war für die Arbeiter des sich im Bau befindenden Reaktor 5 gedacht. Wie der Reaktor wurde aber auch dieser Stadtteil nie fertiggestellt. Obwohl die Gebäude fertig aussehen, waren diese noch bei weitem nicht bezugsbereit. Vorbei an Wohnhäusern, Kindergärten und einer Schule gelangten wir schliesslich das neue Sportstadion. Gerade erst fertiggestellt, sollte das Station mit einer grossen Feier am 1. Mai 1986 eingeweiht werden. Dazu kam es aber nie. Das Stadion grenzt direkt an den Stadtpark im Zentrum von Prypjat. Für das grosse Fest wurden hier diverse Attraktionen, wie ein Autoscooter und ein Riesenrad aufgestellt. Sämtliche Fahrgeschäfte wurden aber nie benutzt.
Vom Stadtpark erreichten wir nach ein paar Metern den Stadtplatz. Auf diesem Platz fand das eigentliche Leben statt. Auf der einen Seite befindet sich ein Einkaufszentrum – in der UdSSR eine Neuheit – wo die Einwohner alles bekamen was sie brauchten. Im gleichen Gebäude befand sich auch ein Restaurant. Daneben steht das Kultur-Zentrum. In der UdSSR hatten diese Zentren eine grosse Bedeutung. Hier trafen sich die Leute. Im Kultur-Zentrum von Prypjat gab es neben einer Diskothek auch ein Theater und eine Sporthalle. Sämtliche gesellschaftlichen Anlässe fanden hier statt. Das nächste Gebäude am Stadtplatz war das Hotel Polissia. Vom Restaurant in der obersten Etage hatte man eine wunderbare Aussicht über die Stadt. Neben dem Hotel war dann schliesslich das Gebäude der Stadtverwaltung. Nach dem Reaktorunglück wurden von hier aus die Aufräumarbeiten organisiert.
See & Stadtbezirke 1 bis 3
Nach einer kurzen Verpflegungspause ging es weiter in Richtung Fluss. Zuerst besichtigten wir aber noch die Musikschule mit dem grossen Saal sowie das gleich angrenzende Kino. Nach einem kurzen Fussmarsch erreichten wir schliesslich den gestauten Teil des Flusses Prypjat. Über eine breite Treppe erreicht man die Schiffsanlegestelle. Das schwimmende Dock, über welches Passagiere und Waren auf die Schiffe gelangten wurde mit der Zeit weggespült und versinkt heute etwa 100 Meter immer mehr im Boden. Oben an der Anlegestelle befand sich ein Kaffee, von wo aus man eine wunderbare Aussicht auf den gestauten See geniessen konnte. Im gleichen Gebäude gab es auch ein Restaurant. Die grossen, verzierten Glasfenster sind noch fast komplett erhalten.
Nach der Besichtigung setzten wir unsere Entdeckungstour fort. Nach einem kurzen Fussmarsch waren wir wieder zurück in der Stadt. Vis-a-Vis des Stadtplatzes, im Bezirk 1, ragt ein 9-stöckiges Eckgebäude in die Höhe. Das sogenannte „Weisse Haus“. Auf dem Dach befand sich ein grosser Schriftzug mit den Worten „Ehre für Lenin, Ehre für die Partei“. Nach dem Unglück wurden diese entfernt. Nach dem Überqueren der Strasse erreichten wir den Bezirk 2. Vorbei an einem Wohnhaus hörten wir die wilden Hunde bellen. Bald war dann auch klar warum. Gleich vor dem Wohnhaus hatte es sich ein Elch gemütlich gemacht. Vor wilden Tieren wurden wir zwar gewarnt, gesehen hatten wir bisher aber noch keine. Ein grosser Elch mitten in der Stadt zu sehen war aber schon sehr eindrücklich. Das Tier war aber friedlich und wir konnten unsere Tour zu drei Geschäften in der Nähe fortsetzen.
Nach der Besichtigung eines Warenhauses, eines Möbelgeschäfts und eines Spirituosengeschäfts ging es weiter zum Telekommunikationsgebäude. Wie in vielen Gebäuden, gibt es auch hier imposante Wandgemälde. Viel Interessantes gab es nicht zu sehen, so begaben wir uns zum Lazruny-Schwimmbad. Nach dem Reaktorunglück blieb das Schwimmbad zur Erholung der Arbeiter vor Ort bis 1998 in Betrieb. Gleich neben dem Schwimmbad befand sich die Mittelschule des Bezirks 3. Wie bereits in einem der Kindergärten zuvor, sah man auch hier, dass keine Zeit blieb, um aufzuräumen. Zahlreiche Zeichnungen hängen an den Wänden. Schulbücher und Hefte lieben am Boden. Teilweise waren auch die Wandtafeln noch vorhanden.
Jupiter-Fabrik
Am westlichen Stadtrand befand sich die Jupiter-Fabrik, welche wir als nächstes besuchten. Neben dem Kraftwerk war die Fabrik mit ca. 3500 Angestellten der grösste Arbeitgeber in der Region. Offiziell stellte man in der Fabrik Kassettenrekorder, Kühlschränke und weitere elektrische Geräte und Teile für den Hausgebrauch her. Der grössere Teil der Produktion beschäftigte sich aber vermutlich mit militärischen Teilen und Geräten. Zudem wurden hier Roboter hergestellt und mit neuen Materialien geforscht. Nach der Katastrophe erforschte man hier neue Methoden zur Dekontaminierung. Die Kellergewölbe der Fabrik gehören heute zu den gefährlichsten Orten in der Region. Eine grosse Menge an Chemikalien und stark radioaktiven Teilen liegen dort, teilweise knietief im Wasser.
Wir betraten die Fabrik über den Haupteingang, wo die Einrichtung für die Eingangskontrolle noch immer vorhanden ist. In den oberen Stockwerken befanden sich die Büros. Noch heute findet man dort eine grosse Menge an Plänen von den unterschiedlichsten Geräten. Nach einem Rundgang durch die Büros erreichten wir die Produktionshallen. Im Zentrum eine riesige, unterteilte Halle. Einige der massiven Betonträger sind heruntergefallen und das Dach fehlt teilweise. Die grossen Maschinen und Geräte wurden alle entfernt. Teile der Belüftung und ein paar Teile sind aber noch zu sehen. Etwas überrascht waren wir, als wir einen Graphitblock, wie er im zerstörten Reaktor 4 im Einsatz war, fanden. Ausserhalb der Produktionshallen stehen noch ein paar Fahrzeuge herum.
Schrottplatz
Etwas südlich der Jupiter-Fabrik befinden sich Garagen und Werkstätten. Während den Aufräumarbeiten wurden hier Fahrzeuge repariert und gereinigt. Auf dem Weg dorthin kamen wir bei einem weiteren Überbleibsel der Aufräumarbeiten vorbei. Ein Greifer, im Einsatz bei der Räumung der Umgebung des Reaktors, wurde nach dem Ende der Arbeiten, bei den Garagen in den Wald gestellt und vergessen. Niemand hat den Greifer dekontaminiert, weshalb die die Strahlung in dessen Umgebung auch heute noch sehr stark ist. Ein zu langer Aufenthalt in der Nähe kann wirklich schädlich sein. So blieben wir nicht lange dort und begaben uns zu einem nahegelegenen Schrottplatz.
Für die Reinigungs- und Aufräumarbeiten nach dem Unglück wurden tausende Fahrzeuge benötigt. Neben Bussen für die Evakuierung standen Lastwagen, Bagger, Hubschrauber und selbst Panzer und im Einsatz. Nach den Aufräumarbeiten waren diese so stark kontaminiert, dass eine Reinigung nicht mehr möglich war. Die Fahrzeuge wurden an verschiedenen Orten gesammelt. Viele Fahrzeuge wurden vor Ort zerlegt und die Teile im Boden vergraben. Einige Fahrzeuge blieben aber noch erhalten. Auf dem von uns besuchten Schrottplatz stehen heute noch diverse Lastwagen dicht nebeneinander. Auch zwei Panzer sind dort zu finden. Ursprünglich für einen Atomkrieg entwickelt, wurden diese für die Reinigung im nahen Umfeld des Reaktors eingesetzt.
Tagesabschluss
Auch nachdem die Dämmerung begonnen hatte und die Temperaturen noch weiter fielen, hatten wir nicht genug. Nachdem wir den Sonnenuntergang auf einem der Hochhäuser genossen haben, fuhren wir in den Spital-Bereich. In absoluter Dunkelheit – ohne Mondschein und Lichtverschmutzung ist es wirklich sehr dunkel – erkundeten wir mit Taschenlampen eine Zahnklinik, sowie eine Seuchenstation. Nach einem kurzen Besuch beim Reaktor ging es in Richtung Chernobyl ins Hotel. Vor dem Verlassen der 10-Kilometer-Zone mussten wir den Kontrollposten passieren, wo wir auf übermässige Strahlung getestet wurden. Glücklicherweise war alles in Ordnung und so setzten wir die Fahrt nach ein paar Minuten fort.
2. Tag | Chernobyl-2 & Umgebung
Nach einem ganzen Tag in Prypjat, standen am zweiten Tag die Militär-Stadt Chernobyl-2 sowie die Umgebung des Reaktors auf dem Programm. So hiess es also am morgen früh aufstehen. Nach einem ausgiebigen Frühstück und einer kurzen Programm-Besprechung ging unsere Entdeckungsreise auch schon los. Nach einer kurzen Fahrt erreichten wir bereits Leliv mit dem Checkpoint zur 10-Kilometer-Zone. Kurz darauf bogen wir dann links auf eine Nebenstrasse ab. Offiziell führt diese Strasse zu einem Erholungscamp für Kinder. In Wahrheit liegt am Ende der Strasse aber die mächtige, von weitem sichtbare DUGA-1 Radarantenne mit der dazugehörigen Stadt Chernobyl-2.
DUGA-1
Während der kurzen Fahrt über die holperige Nebenstrasse sieht man die riesige Antenne immer grösser werden. Nach rund 15 Minuten erreicht man dann den ehemaligen Checkpoint der Militärstadt. Bis vor ein paar Jahren wäre man jedoch noch nicht so weit gekommen. Chernobyl-2 ist erst seit ein paar Jahren für Touristen freigegeben. Neben einer weiteren kleinen Gruppe sind wir die einzigen vor Ort. Zu Fuss geht es nun direkt zu der riesigen Antenne. Das teilweise noch mit den Detektoren bestückte Stahlgerüst ragt rund 150 Meter in die Höhe und ist 450 Meter lang. Auf beiden Seiten kann das Ende nur erahnt werden. Gleich anschliessend folgt eine zweite, etwas kleinere Antenne. Diese ist nur 80 Meter hoch und 250 Meter lang. Doch wozu diente die Antenne denn eigentlich?
Im Kalten Krieg war die Angst vor Raketen aus Europa und den USA gross. Deshalb entwickelte die UdSSR ein Abwehrsystem, das DUGA-System. Mit einer Frequenz von 10 Hertz wurde die Atmosphäre auf abgefeuerte Raketen untersucht. Diese hätten vermutlich bis in eine Distanz von 10’000 Kilometer erkannt werden können. Dazu nötig waren eine Sende- und eine Empfangsantenne. In Chernobyl-2 steht die ehemalige Empfangsantenne der Anlage DUGA-1. Die dazugehörige Sendeanlage befand sich ca. 50 Kilometer östlich. Das Raketenabwehrsystem machte sich auch ausserhalb der UdSSR bemerkbar. Der mit 10Hz ausgestrahlte Ton konnte weltweit über Radio und Funk empfangen werden und wurde als Woodpecker-Signal bekannt. Die sowjetische Herkunft war damals schnell klar. Doch woher genau das Signal kam, wurde erste nach dem Untergang der UdSSR und vermutlich auch nur wegen dem Reaktorunglück bekannt.
Von der Antenne gelangten die Kabel durch ein insgesamt rund 750 Meter langer Technikkorridor in das zentrale Kommunikationsgebäude. Wir wählten denselben Weg. Der lange Korridor ist heute fast leer. Die Kabel im Untergrund sind zu einem grossen Teil verschwunden. Im Kommunikationsgebäude sieht das anders aus. Computer, Software-Platinen, Bildschirme und viele weitere technische Sachen liegen heute am Boden herum. Ebenfalls sind viele imposante Gemälde noch immer gut erhalten. Auch der Schulungsraum, mit Bildern von sowjetischen und amerikanischen Raketen und Raumflugzeugen ist fast vollständig erhalten und bietet einen interessanten Einblick in die damalige Zeit.
Chernobyl-2
Für den Betrieb des DUGA-Systems wurde gleich neben der riesigen Antenne eine Stadt für rund 1500 Leute gebaut. Nur ein paar wenige Leute wussten jedoch, weshalb genau sie in Chernobyl-2 einquartiert wurden. Den meisten war aber wohl bekannt, dass hier kein Radiosender steht, wie es den Leuten in Prypjat erzählt wurde. Wie auch in Prypjat fehlte es den Einwohnern an nichts. Neben den 5 Wohnblöcken gibt es einen Kindergarten und eine Schule. Ein Club mit Kino und Theater gab es ebenso wie ein Krankenhaus und sogar ein Hotel.
Zu Fuss erkundeten wir die kleine Stadt und besichtigten die verschiedenen Gebäude. Wir begannen unsere Tour in der Feuerwache, wo ein kleines Modell der Stadt noch immer erhalten ist. Das Modell dient wohl der Koordinaten und Planung von Einsätzen. Weiter ging es an den Wohnblöcken vorbei zum Kindergarten und zur Schule, welche wir ausgiebig erkunden konnten. Interessant zu sehen waren die unterschiedlich eingerichteten Schulzimmer. Natürlich gehört auch eine Turnhalle und, wie in der UdSSR üblich, ein Schiessplatz zum Schulgebäude.
Umgebung
Zurück beim Auto setzten wir unsere Entdeckungstour fort. Von Städten hatten wir nun genug und wollten die kleinen Sachen in der Umgebung sehen. Nach der Rückfahrt über die holperige Nebenstrasse wussten wir nun also, dass sich am Ende kein Erholungscamp für Kinder befindet. So ein Camp gab es aber tatsächlich. Dieses befand sich gerade auf der anderen Strassenseite im Wald. Wir parkierten kurz nach der Abzweigung am Strassenrand. Nach ein paar Minuten Fussmarsch durch den Wald, erreichten wir die Überreste des Feriencamp Izumrudnoye, nahe des ehemaligen Dorfs Leliv. Familien aus der Region um Kiev und auch von weiter her, verbrachten hier oft ihre Ferien. Viele der bunt bemalten kleinen Holzhäuschen sind bis heute überraschend gut erhalten geblieben. Man kann sich noch heute sehr gut vorstellen, wie hier einst Kinder gespielt haben.
In der Umgebung von Prypjat gab es viel fruchtbares Land, welches auch bewirtschaftet wurde. Eine grosse Farm befand sich in der Nähe des ehemaligen Dorfs Kopachi, südlich von Prypjat. Während vom Dorf nichts mehr übrig ist – der Ort wurde aufgrund der hohen Kontamination abgerissen Haus für Haus abgerissen und vergraben – ist die Farm noch gut erhalten. Während unserem kurzen Besuch entdeckten wir rund 10 Mähdrescher und auch sonstige Fahrzeuge. Nach der Katastrophe wurde die Fahrzeuge benützt um das gesamte Gebiet um Kopachi abzumähen und die Erde umzupflügen. Nach dem Einsatz hat man die Fahrzeuge nur grob gereinigt und auf der Farm abgestellt. Entsprechend gross ist deshalb die Radioaktivität, welche von den Fahrzeugen ausgeht.
Kraftwerk Chernobyl
Nach unserem Rundgang ging es für uns weiter zum Kraftwerk. Nach dem Mittagessen in einer der dortigen Kantinen ging es weiter zum Denkmal für die Opfer von Chernobyl, direkt vor dem zerstörten Reaktor. Erst vor kurzem wurde die neue Hülle über alten Sarkophag geschoben. Unter der neuen Hülle soll nun der gesamte Radioaktive Brennstoff und der Reaktor zurückgebaut werden. Die neue Hülle – New Safe Confinement (NSC) genannt – ist riesig. Eine Spannweite von 260 Meter, eine Länge von 165 Meter und eine Höhe von 108 Meter machen die Hülle zum grössten, beweglichen Bauwerk der Welt. Schon aus der Distanz erscheint die Hülle riesig, die waren Ausmasse sind aber erst erkennbar, wenn man direkt davorsteht. Eindrücklich, was hier aufgebaut wurde, um das Gebiet etwas sicherer zu machen.
Wir blieben noch etwas in der Umgebung des Reaktors. Bei der Explosion von Reaktor 4 waren noch zwei weitere Reaktoren im Bau. Während der Bau von Reaktor 5 schon weit fortgeschritten war, hat man mit Reaktor 6 erst begonnen. Zu den neuen Reaktoren gehörten auch jeweils ein Kühlturm. Einer der beiden Kühltürme war unser nächstes Ziel. Zuerst besichtigten wir aber noch eine ehemalige Aufzuchtstation, gleich nebenan. Nach dem Unglück wurden dort wilde Tiere gefangen, um die Auswirkungen der Radioaktivität zu testen. Die benötigten Käfige sind heute noch vor Ort. Vorbei an einem verrosteten Kran kamen wir dann durch Wald und Gebüsch immer näher zum Kühlturm, bis wir dann direkt davor standen. Einen ähnlichen Turm konnten wir bereits beim Kernkraftwerk Gösgen (Schweiz) besichtigen. Während sich dort unter dem Turm das Wasser metertief sammelt, war hier alles trocken und wir konnten die wahren Ausmasse des Turms bestaunen.
Abschluss
Nach der Besichtigung des Kühlturms wurde es nun leider Zeit, das Sperrgebiet zu verlassen und nach Kiev zurück zu kehren. Nach ein paar Minuten Fahrt erreichten wir auch schon den Checkpoint Leliv. Nach den bereits bekannten Tests ging es auch gleich weiter nach Chernobyl. Dort besichtigten wir noch kurz das Denkmal für die verlassenen Orte. Ähnlich einer Allee sind hier die Ortsschilder aller vorübergehend und für immer verlassenen Orte aufgestellt. 96 in der Ukraine und 92 in Weissrussland sind es. Bevor wir das Sperrgebiet definitiv verliessen, besuchten wir noch kurz das Dorf Zalissya, etwas ausserhalb von Chernobyl. Viele Häuser sind noch vorhanden und, im Gegensatz zu Prypjat, teilweise noch eingerichtet. Zeitungen, Bücher und Postkarten liegen überall herum. Weiter ging es dann zum Checkpoint bei der Grenze zur 30 Kilometer-Zone. Erneut wurden wir hier ausgiebig getestet, bevor wir dann ohne weiteren Zwischenhalt nach Kiev zurückkehrten.
Mir ist durchaus bewusst, dass solcher „Katastrophen-Tourismus“ nicht bei allen Leuten gut ankommt. Aufgrund unserer Vorbereitung in der Schweiz und der gut organisierten, privaten Tour in der Region, konnte ich jedoch sehr viel lernen. Sei es zur Atomkraft und deren Auswirkungen, aber auch wie sich die Natur alles zurückholt, wenn der Mensch verschwindet.
Alle Fotos der Chernobyl-Tour findest du in der Fotosammlung: Fotos Chernobyl