Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03345.jsonl.gz/40

Mit der Abschaffung der Allmende begann die bürgerliche Gesellschaft, schrieb einst Jean-Jacques Rousseau. Nun sollten wir uns die Idee vom Gemeingut wieder aneignen, argumentiert ein Buch.
Mit der Vergabe des diesjährigen Wirtschaftsnobelpreises könnte ein Thema endlich mehr Beachtung erfahren, das bislang in der öffentlichen wie in der wissenschaftlichen Debatte ein Nischendasein fristete: «Gemeingüter » – das Lebensthema von Elinor Ostrom, einer der beiden PreisträgerInnen. Die den Grünen nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung hat dem Thema einen Sammelband gewidmet: «Wem gehört die Welt?»
Gemeingüter sind Güter, die nicht PrivateigentümerInnen gehören, sondern einer Gruppe von Menschen, wenn nicht allen Menschen schlechthin. Und sie stellen eine Grösse dar: Das Gemeineigentum, so Herausgeberin Silke Helfrich im Vorwort, erwirtschaftet – würde man alle Werte in Geld umrechnen – das Doppelte des Bruttoweltprodukts. Doch Gemeingüter stehen unter Druck. Die Allmende, das gemeinsam genutzte Weideland, wurde in Europa im 18. und 19. Jahrhundert abgeschafft. In Indien, Brasilien und anderswo erklären die Regierungen Land, auf dem HirtInnen ihre Tiere weiden lassen, zu «Ödland» und geben es zur Bepflanzung mit Agrotreibstoffpflanzen frei. Und vor wenigen Wochen demonstrierten in Madrid Schafhirten, weil ihnen die jahrhundertelang genutzten Routen für die Fernwanderungen mit ihren Tieren abhanden kommen. Jean-Jacques Rousseau hat im 18. Jahrhundert (wie später auch Karl Marx) den Anfang der bürgerlichen Gesellschaft als einen Prozess der Aneignung vormaliger Gemeingüter beschrieben: «Der erste, welcher ein Stück Landes umzäunte, sich in den Sinn kommen liess zu sagen, dies ist mein, und der einfältige Leute antraf, die es ihm glaubten, der war der wahre Stifter der bürgerlichen Gesellschaft.»
«Die Tragik der Allmende»
Die Abschaffung der Allmende wird meist im Zusammenhang mit der Ertragssteigerung der Landwirtschaft gesehen: Erst als das Land Privatland wurde, setzten sich technische Neuerungen durch. Den Luxus gemeinschaftlicher Weiden glaubte man sich angesichts der zunehmenden Bevölkerungsdichte damals nicht mehr leisten zu können.
Zu dieser Auffassung trug ein Aufsatz bei, an dem sich mehrere AutorInnen des Buches reiben: 1968 publizierte der Ökologe Garret Hardin «Die Tragik der Allmende» (und schuf damit einen geflügelten Begriff der Ökonomie). Hardin argumentierte, dass eine Allmende immer dazu tendiere, übernutzt zu werden – denn was allen gehört, gehört niemandem, also trägt niemand dem Gemeingut Sorge. Die Argumentation war bestechend. Allerdings – und das zeigen gleich mehrere Beiträge – war Hardin nachlässig mit der Begrifflichkeit umgegangen: Was er beschreibt, gilt nicht für Gemeingüter schlechthin, sondern nur für solche mit ungeregeltem Zugang.
Systeme der Verwaltung von Gemeingütern sind das Thema von Elinor Ostrom. In ihrem Beitrag unterscheidet sie: Übernutzt werden Gemeingüter, wenn sich die TeilnehmerInnen nicht kennen und nicht miteinander kommunizieren. Zumindest in Laborsituationen sind aber Gruppen, die «regelmässig miteinander kommunizieren können, in der Lage, fast optimale Ergebnisse zu erzielen».
Gemeingüter, betonen mehrere AutorInnen, können eine antihegemoniale, emanzipatorische Alternative sein zu Staats- und Privateigentum. «Es steht zu erwarten, dass im Zuge dieser Entwicklung [neuer Formen von Gemeingütern] neue soziale Formen aufkommen werden, die dazu beitragen, das System auf einem höheren Niveau gesellschaftlicher Organsation in ein neues Gleichgewicht zu bringen», schreibt etwa der Soziologe José Esteban Castro.
Positiv bis euphorisch
Den Begriff der Gemeingüter fasst das Buch weit. Gewisse Güter können übernutzt werden (Weideland), andere nicht: Ein Hochwasserdeich büsst nichts von seiner Funktion ein, wenn mehr Menschen in seinem Schutz leben, und immaterielle Güter, etwa wissenschaftliches Wissen oder Software, gewinnen unter Umständen an Wert, wenn sie stärker genutzt werden. Es erscheint nach Lektüre des Buchs nicht unbedingt fruchtbar, die beiden Arten von Gemeingütern über einen Leisten zu schlagen. Denn von der sicher interessanten Bewegung der freien Software («digitale Allmende») lässt sich kaum etwas auf den Umgang mit begrenzten natürlichen Ressourcen übertragen. Schade auch, dass diese Beiträge alle positiv bis euphorisch ausfallen. Denn das Unterlaufen herkömmlicher immaterieller Eigentumsrechte ist keineswegs immer ein emanzipatorischer Prozess: Giganten wie Google mischen kräftig mit, AutorInnenrechte in (von Google verwaltete) Gemeingüter zu verwandeln. Das wird im Buch nicht diskutiert.
Insgesamt ist «Wem gehört die Welt?» ein guter Einstieg ins Thema; dass die Beiträge sich mitunter allzu sehr überschneiden, liegt in der Natur solcher Sammelbände. Vielleicht aber liest, wer sich mit Gemeingütern befassen möchte, besser gleich das Hauptwerk der Nobelpreisträgerin, «Die Verfassung der Allmende» (1999 auf Deutsch erschienen). Ostrom schreibt nämlich leicht verständlich und anschaulich.