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Kürzlich habe ich ein Buch mit einer intersexuellen Protagonistin gelesen. Dabei wurde mir bewusst, dass viele Menschen – mich eingeschlossen – keine Ahnung haben, was das überhaupt heisst. Dabei werden z. B. in Deutschland jährlich schätzungsweise 150 intersexuelle Kinder geboren (1), und deshalb möchte euch hier das Thema Intersexualität näherbringen.
Für Kristin Lattimer aus None of the Above ist nicht ihre Diagnose, sondern die Unwissenheit ihres Umfelds das grösse Problem. Ihre Mitschüler*innen mobben sie und nennen sie eine „schwule Transe“, doch sie wissen nicht, wovon sie sprechen. In meiner Rezension gehe ich vertieft auf das Buch ein, doch hier möchte ich jetzt nicht mehr Zeit verschwenden …
… also her mit den Definitionen!
Okay, wie du willst:
Als Intersexualität bezeichnet man angeborene Abweichungen von der üblichen männlichen oder weiblichen Entwicklung der Gonaden (Keimdrüsen) und/oder der geschlechtsspezifischen Differenzierung des inneren und äusseren Genitales. (2)
Jetzt weisst du viel mehr, oder? Ganz simpel gesagt heisst das, ein Mensch ist intersexuell (‚zwischen‘ den Geschlechtern), wenn er aufgrund seiner körperlichen und genetischen Merkmale nicht eindeutig dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden kann.
Dabei muss man sich bewusst sein, dass das Wort „intersexuell“ absolut nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun hat (wie bei homosexuell, pansexuell, etc.), sondern sich nur auf das biologische Geschlecht bezieht. Eine intersexuelle Person kann also gleichzeitig auch zum Beispiel lesbisch sein, wenn sie sich als Frau identifiziert.
Und was ist mit Transsexualität?
Intersexualität wird häufig mit Transsexualität verwechselt, so auch bei Kristin Lattimer aus None of the Above. Ihr Umfeld glaubt zunächst, sie sei eine Frau im Körper eines Mannes und alle gehen davon aus, dass sie irgendwo einen Penis versteckt – dabei könnte ihr Äusserliches, einschliesslich ihrer Genitalien, weiblicher nicht aussehen.
Bei Intersexualität handelt es sich um einen medizinischen Zustand, während Transsexualität ein Phänomen von psychischer Natur ist. Transsexuelle Menschen haben das Gefühl, im „falschen“ Körper geboren zu sein und fühlen sich stattdessen dem anderen Geschlecht zugehörig.
Rein biologisch gesehen ist der Körper bei transsexuellen Menschen in der Regel jedoch eindeutig als männlich oder weiblich zu erkennen. Bei ihnen ist es die Geschlechtsidentität, die nicht mit dem biologischen Geschlecht übereinstimmt.
Die Gesellschaft will Schubladen
In unserer Gesellschaft wissen leider viele Menschen kaum etwas über Intersexualität. So entstehen für die Betroffenen teilweise grosse Probleme, zum Beispiel bei Sportwettkämpfen:
Im Jahr 2009 hat die Leichtathletin Caster Semenya unfreiwillig negative Schlagzeilen gemacht, nachdem sie an den Weltmeisterschaften in Berlin eine Goldmedaille gewonnen hatte. Ihre Mitstreiterinnen beschuldigten sie, ein Mann zu sein, bis herauskam, dass sie intersexuell ist. (Quelle: LA Times)
Doch auch ganz alltägliche Dinge, wie zum Beispiel das Ausfüllen eines Formulars, können intersexuelle Menschen in Schwierigkeiten bringen. Welches Geschlecht soll man denn nun wählen, wenn es nur „männlich“ oder „weiblich“ zur Auswahl gibt? Das, mit dem man sich eher identifiziert oder das, was man biologisch eher ist? Und was, wenn man wirklich „zwischen“ den Geschlechtern ist?
Das „dritte“ Geschlecht
Erst kürzlich, am 8. November 2017, entschied der Gerichtshof in Karlsruhe, dass es im deutschen Recht künftig ein „drittes“ Geschlecht geben muss. Die Richter begründeten ihren Entscheid damit, dass sonst eine Verletzung des Persönlichkeitsrechts und des Diskriminierungsverbots vorliege. (Quelle: Berliner Morgenpost)
Wie dieses „dritte“ Geschlecht heissen soll, hat das Gericht nicht vorgegeben. Denkbar wären Begriffe wie „inter“ oder „divers“ – letzterer wäre auch für transsexuelle oder andere Menschen mit einer nicht-binären Geschlechtsidentität eine gute Möglichkeit.
Braucht es überhaupt noch Geschlechter?
In unserer heteronormativen Gesellschaft ist die Trennung zwischen Mann und Frau, männlich und weiblich, tief verankert. Der allergrösste Teil aller Kinder wird als „Junge“ oder als „Mädchen“ erzogen; von klein auf lernen wir, wie wir uns als Frauen oder Männer zu verhalten haben, was wir anziehen sollen und womit wir spielen dürfen.
Solche gesellschaftlichen Werte und Normen lassen sich nicht von heute auf morgen zerschlagen. Dennoch ist es auf dem Weg zur wahren Gleichstellung wichtig, dass wir versuchen, ausserhalb der gewohnten Mann-Frau-Dichotomie zu denken. Die intersexuellen Menschen werden es uns danken.
Literatur:
- Richter-Appelt, H. 2013. „Intersexualität nicht Transsexualität. Abgrenzung, aktuelle Erkenntnisse und Reformvorschläge.“ In: Bundesgesundheitsblatt 2013, S. 240-249. https://www.springermedizin.de/intersexualitaet-nicht-transsexualitaet/8012524.
- Holterhus, P.-M.“Intersexualität und Differences of Sex Development (DSD). Grundlagen, Diagnostik und Betreuungsansätze.“ In: Bundesgesundheitsblatt 2013, S. 1686-1694. https://link.springer.com/article/10.1007/s00103-013-1850-y.
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