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Nach drei Jahrzehnten vergleichsweiser Ruhe im All kommt nun wieder Bewegung in die bemannte Raumfahrt. Nicht nur die USA und Russland, sondern auch Europa, China und Indien und weitere Länder wollen permanent ins All und zum Mond.
Die erste „Space Race“ (Weltraumrennen) zwischen den USA und der Sowjetunion brachte 1969 den ersten Menschen zum Mond und demonstrierte die technologische Überlegenheit der USA über die Sowjetunion. Diese sammelte darauf im Erdorbit zwar viel Erfahrung mit Langzeitaufenthalten in ihren Saljut- und Mir-Stationen, doch diese konnten nie in einen bemannten Marsflug umgemünzt werden – die Sowjetunion kollabierte. Russland übernahm die Weltrauminfrastruktur und war in den letzten Jahren darauf bedacht, seine Position als Weltraumerfahrener Staat zu wahren. Währenddessen dümpelten die Amerikaner mit ihrem Space Shuttle im erdnahen Raum herum: erst mit dem Baubeginn der internationalen Raumstation im Jahr 1998 bekam der Shuttle die Bedeutung, für die er gebaut worden war – doch der zweite Totalverlust des Space Shuttles Columbia am 1. Februar 2003 hat gezeigt, dass die Ära dieses Raumfahrzeugs vorbei ist, bevor sie richtig beginnen konnte.
USA
Am 14. Januar verkündete Präsident George W. Bush deshalb die neue „Weltraumvision“ der USA. In der Vision for Space Exploration (VSE) ist festgehalten, wie die USA die Rückkehr zum Mond und den Flug zum Mars meistern wollen. Zunächst soll bis 2010 die Internationale Raumstation fertig gebaut werden und danach das Space Shuttle zurück gezogen werden. Paralell dazu soll eine neue, nur teilweise wiederverwendbare Raumkapsel (das „Crew Exploration Vehicle“, CEV, mittlerweile „Orion“ genannt) entwickelt werden, die den Dreh- und Angelpunkt der künftigen bemannten Raumfahrt in den USA bilden soll. 2014 soll die Orion zum ersten Mal fliegen. In den Jahren bis 2020 soll mit dem Orion und einem Mondlander die Rückkehr zum Mond geschafft werden. Dafür werden zwei neue Raketen entwickelt: Erstens Ares-1, die aus einer der (seitlich montierten) Space Shuttle Boosterraketen besteht, auf der sich dann ein zusätzlicher Tank mit der Orion-Kapsel an der Spitze befindet. Zweitens die Ares-5, die aus einem „externen Tank“ des Spaceshuttles, der mit zusätzlichen Triebwerken versehen wurde, besteht, sowie nach oben etwas erweitert wurde. Mit der Ares-5 sollen dereinst der Mondlander und die Mondtransferrakte gestartet werden. Über die Zeit auf dem Mond hinaus wurde noch nicht viel geplant: man will, so die Erklärung, den Mond als „Sprungbrett“ für Flüge ins äussere Sonnensystem nutzen.
China
Am 15. Oktober 2003 gelang dem austrebenden Entwicklungsland China die Sensation: Als drittes Land nach den USA und Russland brachte es einen Menschen in die Erdumlaufbahn. Das Shenzhou-5 („göttliches Gefährt“) Raumschiff umkreiste mehrmals die Erde, bevor es den ersten „Taikonauten“ Yang Liwei wieder wohlbehalten zurück zur Erde brachte. Shenzhou 6 folgte im Okotober 2005 und brachte zwei Taikonauten aufs Mal ins All, und bereits 2008 soll mit Shenzhou 7 erstmal ein chinesischer Weltraumspaziergang durchgeführt werden. Mit Shenzhou 8, 9, 10, die all in vergleichsweise kurzer Folge geplant sind, sollen orbitale Dockingmanöver und Aussenbordarbeiten erprobt werden. Längerfristig zielt das chinesische Weltraumprogramm auf den Bau einer eigenen Raumstation ab. Nachdem den Chinesen von den USA aus „Sicherheitsbedenken“ verwehrt wurde, am ISS-Projekt (Internationale Raumstation) teilzunehmen, nehmen die Chinesen nun den Bau einer eigenen Station in Angriff. Noch ist nicht klar, wie diese aussehen soll: Wird sie aus mehreren „Orbitalmodulen“ der Shenzhou-Raumschiffe bestehen? Diese Module sind darauf ausgelegt, unabhängig vom Rest des Schiffes zu operieren. Sie sind bewohn- und koppelbar: gut möglich also, dass einige dieser Module dereinst die Keimzelle der chinesischen Raumstation bilden werden. China will zudem den Mond erforschen – zunächst unbemannt, bis 2020 soll eine Raumsonde Material von der Mondoberfläche zur Erde zurück bringen – erst für die Zeit danach ist eine bemannte Mondlandung Chinas geplant.
Russland
Auch Russland ist aus dem Dornröschenschlaf erwacht und plant für die Zukunft. Nicht nur hat es mit der Vermarktung von Weltraumflügen für reiche Touristen eine prestigeträchtige Devisenquelle entdeckt. Russland plant auch für die Zukunft: Zusammen mit den Europäern soll ein neuer, wiederverwendbarer Personentransporter für bis zu 6 Astronauten entwickelt werden, der „Klipper“. Neben Europa hat auch Japan Interesse bekundet, an der Entwicklung teilzunehmen. Klipper soll vollständig wiederverwendbar sein und hat, je nach Entwurf, die Form eines Flugzeugs oder einer Kapsel. Wie die Orion-Kapsel soll Klipper als Kernstück für künftige Russische Operationen im erdnahen Raum sowie für Flüge zum Mond und Mars dienen. Erstmals seit dem Ende der Sowjetunion werden aktiv neue Raketen entwickelt: So soll die „Angara„-Rakete das bisherige Arbeitspferd „Proton“ ablösen. Angara soll zum grössten Teil wiederverwendbar sein (die Zusatzraketen etwa sind mit Flügeln ausgestattet und sollen automatisch zum Startplatz zurückkehren und landen), was die ohnehin tiefen Preise russischer Raumfahrttechnik noch weiter senken wird. Russland möchte auch zum Mars – in kurzer Folge werden Konzepte vorgestellt, wie ein sogenannt „Interorbitaler Komplex“ gebaut werden könnte, der zwischen Mars und Erde hin und her pendelt und jedes Mal neue Astro- und Kosmonauten auf- und abladen kann. Auch eine Rückkehr zum Mond, insbesondere, um das dort vergleichsweise häufige Helium-3-Isotop abzubauen (sowie zur Förderung anderer Rohstoffe), wird voran getrieben.
Indien
In Indien wurde in den letzten Tagen darüber beraten, ob das Entwicklungsland ebenfalls einen Menschen ins All schicken soll. Diese Option wurde von vielen indischen Wissenschaftlern frenetisch begrüsst: Wenn alle Nationen ins All aufbrechen, könne Indien nicht zurück stehen. Man könne nicht zulassen, dass die Rohstoffe des Mondes und des Sonnensystems ohne eine Beteiligung Indiens angezapft würden. So sieht es aus, als würde Indien ebenfalls den Bau einer Raumkapsel in Angriff nehmen. Pläne über den Zeitpunkt eines Erstfluges oder über genaue Spezifikationen, über künftige Beteiligungen an der ISS oder gar der chinesischen Raumstation sind noch nicht bekannt. Wenn der erste Inder die Erde umkreist, werden wir vermutlich mehr über die künftigen Weltraum- und Mondpläne Indiens erfahren.
[i]Inzwischen weiss man mehr: Indien will bis 2014 den ersten Menschen ins All schicken – und bis 2020, noch vor China, einen Menschen auf dem Mond landen. Mal sehen, was daraus wird…[/i]
Japan
Japan ist in Sachen Raumfahrt ein bisschen das Land der verpassten Möglichkeiten. Japan hatte stets mit Problemen mit seiner H-II-Rakete zu kämpfen, Pläne für ein eigenes Raumfahrzeug wurden immer wieder verschoben, redimensioniert, verkleinert – Japan hofft nun, dass wenigstens das japanische Modul an die internationale Raumstation angedockt werden kann, um zumindest ein bisschen Raumfahrt betreiben zu können. Nach Angaben der JAXA will Japan bis 2020 Menschen zum Mond schicken, die danach bis 2030 eine permanente Raumstation dort errichten sollen. Angesichts des bisherigen Erfolgs und der Tatsache, dass es „nur“ noch 14 Jahre bis 2020 dauert, machen skeptisch, ob dieses Ziel tatsächlich realistisch verfolgt wird. Eine Möglichkeit ist aber nach wie vor ein Mondflug in Zusammenarbeit mit Europa und Russland, wobei das Klipper-Raumfahrzeug verwendet würde.
Und Europa?
Europa war bisher wie Japan ein Trittbrettfahrer in der internationalen Raumfahrt. Die USA haben aber deutlich gemacht, dass sie ihre VSE für sich allein haben wollen und keine substanzielle Kooperation mit anderen Staaten eingehen werden. Der europäische Space Shuttle Hermes kam nie über das Testflugkörper-Stadium hinaus, auch das Sänger-Raumfahrzeug ist irgendwann in den Schubladen verschwunden. So wendet sich Europa heute nach Osten, und vieles deutet auf eine künftige Kooperation mit Russland hin. Möglicherweise könnte der Klipper nicht nur in Russland selbst, sondern auch in Europa und Japan gefertigt und mit jeweils eigenen Raketen gestartet werden. Auch Europa hat sich mit dem Aurora-Programm dem Weltraum verschrieben. Rückkehr zum Mond und Flug zum Mars ist geplant, alles in einem Zeitraum von etwa 30 Jahren.
Eine Chance für die Privaten?
Auch private Firmen drängt es ins All. Die einen (wie SpaceX) wollen mit billigen Raketen einen Teil des lukrativen Satellitenmarktes erobern. Andere (wie Virgin Galactic) zielen auf die kommerzielle bemannte Raumfahrt ab und wollen den Weltraum für alle Menschen zugänglich machen. Tatsächlich haben auch schon private Firmen Konzepte und Ideen für Mondflüge vorgestellt, wie etwa Spacedev. Wird es dereinst eine Gruppe von gutbetuchten Abenteuern geben, die den Staaten in richtung Mond hinterherjagen? Werden sie gar zuerst dort ankommen? Wir wissen ja, es ist schwierig, Voraussagen zu machen, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.
Hat die Menschheit eine Zukunft? Zweifellos hat sie eine bessere Option auf eine Zukunft, wenn sie sich auf verschiedenen Welten des Sonnensystems festsetzt und die gewaltigen Energie- und Rohstoffressourcen des Sonnensystems nutzt. Doch was wird geschehen, wenn sich die Menschheit in all ihrer Komplexität, mit all ihren Konflikten und Problemen auf neue Welten ausbreitet? Werden Kriege um diese neuen Ressourcen geführt werden? Wenn ja, wer wird sie führen, und wer wird gewinnen? Wenn nein, wie lassen sie sich verhindern? Welche Macht geht von einem Land aus, das die Ressourcen nicht nur eines Teil eines Planeten, sondern gleich eines ganzen Sonnensystems anzapfen kann? Wem sollte diese Macht gegeben werden, und wem nicht? Wohin führt uns diese Entwicklung?