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(Interview mit Oliver Strijbis, geführt von Meret Schneider)
- Lieber Oliver, du bist eine echte Koryphäe in der Politikforschung und befasst dich insbesondere mit Prognosemärkten. Kurz erklärt: Wie funktioniert ein Prognosemarkt?
Herzlichen Dank für die Koryphäe, diese Bezeichnung hätte ich jetzt nicht gewählt, aber ich lasse das gern mal so stehen. Zur Antwort auf die Frage: Das ist tatsächlich gar nicht so intuitiv. Im Prinzip ist es eine Wettbörse, bei der Menschen darauf wetten, ob bestimmte Ereignisse stattfinden werden oder nicht. Dabei stimmen sie jedoch nicht einfach ab im Sinne von “findet statt oder findet nicht statt”, sondern kaufen Aktien dieser Ereignisse. Tritt das Ereignis, dessen Aktien sie gekauft haben, ein, so kriegen sie Geld dafür, ansonsten fahren sie Verluste ein. Dadurch entsteht der Anreiz, möglichst Aktien der Ereignisse zu kaufen, deren Eintreffen man für am wahrscheinlichsten hält. Ändert sich die Faktenlage und sie halten ein Ereignis für unwahrscheinlich, so entsteht der Anreiz, die Aktien möglichst zu verkaufen. Dadurch bilden die Aktienkurse dieser Ereignisse die Wahrscheinlichkeit des Eintreffens sehr gut ab und es resultiert ein erstaunlich zuverlässiges Prognosesystem. Die Ereignisse können dabei von Wahlausgängen bis zu gesellschaftlichen Ereignissen alle möglichen Themen betreffen.
- Vor Abstimmungen werden stets Meinungsumfragen publiziert: Warum weichen deren Ergebnisse so oft von den eintretenden Ereignissen ab? Was unterscheidet eine Umfrage von einer Prognose?
Auf Prognosemärkten werden Vorhersagen gemacht - ich muss zugeben, mich überrascht es auch, dass dies in der Schweiz nicht populärer ist. In den USA oder in Grossbritannien wird viel mehr darüber berichtet, was aktuelle Prognosen, beispielsweise die Wahlen betreffend, sind.
Die Prognosen sind Interpretationen des aktuellen Meinungsbildes. In einer frühen Phase einer Kampagne sind die Meinungen jedoch noch nicht gemacht; so geben Menschen bei frühen Umfragen eher ihre Intuition bekannt, ob sie das Anliegen eher positiv oder eher negativ bewerten. Das erklärt, warum Meinungsumfragen in einer frühen Phase der Kampagne keine Rückschlüsse auf den Ausgang einer Abstimmung zulassen. Umfragen, die kurz vor einer Abstimmung stattfinden, sind dann fast Prognosen - für die Planung einer Kampagne aber natürlich zu spät.
Es gibt übrigens einen grossen Unterschied zwischen Initiativen und Referenden: Bei Initiativen ist es oft so, dass die Leute in der Situation der Umfrage zum ersten Mal davon hören. Initiativtitel sind dabei oft so formuliert, dass sie intuitiv Zustimmung evozieren, wodurch besonders in der Anfangsphase eine hohe Zustimmung resultiert, die dann im Laufe der Kampagne rapide abnimmt. Bei Referenden hingegen ist das Framing vorgegeben, da der Titel nicht frei gewählt werden kann, wodurch eine weniger starke Zustimmung resultiert. So oder so ist für den Ausgang der Vorlage entscheidend, wie die Kampagne verläuft und vor allem - das hat den grössten Effekt - wie sich die Parteien positionieren. Menschen wenden in der Meinungsbildung Heuristiken an und orientieren sich an politischen Akteuren. Keypoint für eine Kampagne in einer frühen Phase ist es also auch, möglichst früh politische Exponent*innen und Parteien für sich zu gewinnen.
- Oft werden Ergebnisse einer Befragung als Vorhersagen für tatsächliche Handlungen fehlinterpretiert, dabei sind sie aus wissenschaftlicher Sicht maximal Handlungsabsichten. Woran liegt das? Handeln wir nicht so, wie wir es eigentlich wollten, wenn wir beispielsweise ankreuzen, dass uns Tierwohl sehr wichtig sei und dann im Kühlregal zum Billigfleisch greifen?
Oft fragen Umfragen nicht tatsächliche Handlungsabsichten ab, da sie es in einem viel zu wenig realistischen Kontext tun. Ich bin dafür, Umfragen in diesem Kontext unbedingt experimentell zu machen. Es gibt experimentelle Umfragen und Designs, bei denen man die Befragten in die Situation zu versetzen versucht, in der sie sich dann in der Handlungssituation tatsächlich befinden werden. Dadurch erhält man viel validere Resultate. So, wie es aktuell im Kampagnenkontext meist geschieht, sind Umfragen nur bedingt aussagekräftig. In der Forschung macht man das heute zumeist anders und versucht, sehr viel realistischere Situationen zu kreieren. Bei der Planung einer Kampagne wäre es beispielsweise wichtig, bereits in der Planungsphase den Befragten möglichst viele Informationen, also Argumente und Gegenargumente, an die Hand zu geben, die im Laufe der Debatte auftauchen werden, statt nur die Zustimmung zu einer Vorlage abzufragen. Im Bereich des Konsums spielt natürlich auch die Variable der sozialen Erwünschtheit eine grosse Rolle: die Leute kreuzen an, was gesellschaftlich erwünscht ist. Aber auch hier gibt es experimentelle Designs, die diese Variable bestmöglich neutralisieren, sie werden leider viel zu selten angewendet.
- Publizierte Umfrageergebnisse schaffen oft ein Stimmungsbild, das falsche Erwartungen weckt und im Folgenden Handlungen beeinflusst. Inwiefern fliessen Umfrageergebnisse in deine Prognosen ein? Haben Umfragen deines Erachtens überhaupt eine Daseinsberechtigung?
Eine Daseinsberechtigung haben sie auf jeden Fall, sie liefern eine wichtige Information, allerdings ist diese Information noch stark interpretationsbedürftig. Genau dies leistet der Prognosemarkt; in meinen Augen gibt es kein besseres Interpretationsinstrument früher Umfragen als der Prognosemarkt. Wenn eine neue Umfrage publiziert wird und ich wissen will, was sie tatsächlich über die Chancen einer Initiative aussagt, schaue ich auf dem Prognosemarkt nach: Das ist eine seiner grossen Stärken und darum ist er auch sehr gut geeignet für ein Monitoring. Mich überrascht, dass man in der Schweiz nicht viel stärker damit arbeitet bei Kampagnen, das Potenzial hier wird noch überhaupt nicht ausgeschöpft.
- Am 3. März stimmen wir über den Pistenausbau des Flughafens Zürich ab. Die Mehrheit der Teilnehmenden einer Tamedia-Umfrage vom Januar 2023 pocht darauf, dass der Flugbetrieb gleich bleibt oder reduziert wird. Zwei Drittel der Teilnehmenden einer Tamedia-Umfrage vom Oktober 2023 sind dennoch für einen Pistenausbau, bei einer NZZ-Umfrage fällt das Resultat knapp für den Ausbau aus. Was bedeutet das für das Abstimmungsergebnis?
Das ist sehr schwierig zu interpretieren, da würde ich jetzt den Prognosemarkt fragen. Es zeigt auf jeden Fall, dass bei einer Umfrage zu einem sehr frühen Zeitpunkt ohne Einbezug der Debatte, die danach in der Öffentlichkeit stattfindet, unrealistische Ergebnisse resultieren. Hätte man bereits zu Beginn die Teilnehmenden mit den Pro- und Kontra-Argumenten und den Positionen der Parteien konfrontiert, wären die Ergebnisse mit Sicherheit realistischer ausgefallen.
- In der Kampagnenplanung stützen sich NPO’s oft auf Argumentetests und Bevölkerungsumfragen. Ist das ein Fehler? Inwiefern könnten Prognoseergebnisse von Prognosemärkten, wie sie auch vom Kampagnenforum in Zusammenarbeit mit Dir durchgeführt werden, da nutzbare Erkenntnisse liefern?
Prognosemärkte schaffen es, sämtliche vorhandenen Informationen einzubeziehen und zu interpretieren und erlauben ein Monitoring der tatsächlichen Stimmungslage. Zu einem frühen Zeitpunkt kann das helfen, Umfragen entsprechend zu interpretieren und auch medial gewinnbringend zu verwerten, wenn man nicht nur die Umfrageergebnisse, sondern auch die tatsächlichen Prognosen zur Hand hat, die Erstere einordnen. Diese Daten beeinflussen ihrerseits wiederum das Stimmungsbild in der Bevölkerung und können einem Anliegen dienlich oder abträglich sein.
- Der Erfolg politischer Kampagnen liegt in deren Überzeugungskraft. Keypoint dabei ist oft das Framing, Formulieren und Testen von Argumenten. Oft greift man dabei auf herkömmliche datengestützte Politikanalysen und Befragungen zurück. Warum spielen da Prognosemärkte in deinen Augen bei vielen aktuell keine wichtigere Rolle?
Für Argumentetests sind Umfragen tatsächlich das bessere Instrument, das ist schon richtig so. Das Problem ist eher, dass dies viel zu oft mit klassischen Umfragen geschieht, bei denen schlicht Argumente und Zustimmung bzw. Ablehnung abgefragt werden. Für nutzbare Ergebnisse wäre es jedoch essentiell, mit experimentellen Umfragen zu arbeiten, bei denen man Kontext und Kampagnenargumente, auch jene der Gegenseite, liefert und dann die Reaktionen der Teilnehmenden auf die Thematik im Kontext der Argumente abfragt. So arbeitet man aus gutem Grund in der Forschung und das sollte im Kampagnenkontext ebenso geschehen. Der Prognosemarkt kommt idealerweise kurz bevor die ersten Umfragewerte publiziert werden zum Einsatz, um danach die Ergebnisse bestmöglich zu interpretieren. Dabei wird auch abgebildet, ob sich sonst noch etwas ereignet hat und es Vorkommnisse gibt, die den Abstimmungsausgang massgeblich beeinflussen, da der Prognosemarkt sämtliche vorliegenden Daten interpretiert und in die Prognosen einfliessen lässt. Diese Informationen erlauben es dann, in der Kampagne auf die entsprechenden Ereignisse und möglichen Meinungsumschwünge zu reagieren.
- Besonders grosse Abweichungen zwischen Umfrageergebnissen und tatsächlichem Verhalten lassen sich beim Konsum beobachten. Laut repräsentativer Umfragen des STS liegt 80% der Bevölkerung das Tierwohl stark am Herzen. Auch befürwortet die überwiegende Mehrheit faire Preise für lokale Bauern. Dennoch fallen Kaufentscheidungen nicht zu Gunsten des Tierwohls aus und billiges Importfleisch erfreut sich grosser Beliebtheit. Kampagnen in diese Richtung verfehlen aktuell ihr Ziel. Gibt es hier Ergebnisse aus der Politikforschung, die sich in künftige Kampagnen implementieren liessen, um deren Wirksamkeit zu verbessern?
Es gibt auf jeden Fall einiges, was sich darauf anwenden liesse. Wichtig ist oft die Kombination aus “was ist sozial erwünscht” und “werde ich beim entsprechenden Verhalten beobachtet.” Für eine Kampagne müsste man klar suggerieren, dass es einer gesellschaftlichen Norm entspricht, kein billiges Fleisch aus Tierqualhaltung zu kaufen. Zudem müsste das Gefühl vermittelt werden, dass die Menschen dabei beobachtet werden, wenn sie es trotzdem tun, es also kein komplett anonymes Konsumieren ist. In der Politikforschung hat sich diese Kombination aus sozialer Erwünschtheit und dem gefühlten “beobachtet werden beim Verhalten” beispielsweise im Bereich der Wahlbeteiligung als die goldene Kombination erwiesen. Natürlich ist es nicht einfach, dies mittels einer Kampagne zu erzeugen, da braucht es viel Kreativität.
- Bei deiner Arbeit als Politikwissenschaftler, der sich mit der Analyse politischer Phänomene beschäftigt: Welche Erkenntnisse haben dich am meisten überrascht oder beeindruckt?
Oh, da gibt es tatsächlich ganz viel. Ganz allgemein gesprochen passiert das sehr oft bei Experimenten. Oft denkt man im Vorfeld, ziemlich genau zu wissen, was resultieren wird und wird dann durch das Experiment eines Besseren belehrt. Erst dann versteht und durchdringt man das Phänomen tatsächlich. Um etwas Konkretes zu nennen, hat es mich sehr überrascht, dass die wenigsten Leute tatsächlich interessengebunden handeln, sondern das Handeln vielmehr dadurch determiniert ist, wie eine Handlung den gesellschaftlichen Status beeinflusst und von aussen wahrgenommen wird. Die Stigmatisierung einer Handlung und das Gefühl, sie beeinflusse den Status in der sozialen Hierarchie negativ, haben einen viel grösseren Effekt auf das Verhalten als die Frage, ob die Handlung dem Individuum nützt oder schadet. Rauchen zu stigmatisieren ist daher beispielsweise viel effektiver, als den Menschen zu vermitteln, dass sie damit ihrer Gesundheit schaden und es nicht in ihrem eigenen Interesse ist.
- Der Verein Faire Märkte Schweiz setzt sich für faire Preise für die produzierenden Bauern und ein faires Marktverhalten aller Akteure ein. Alles mehrheitsfähige Anliegen, wenn man Bevölkerungsumfragen glaubt. Für die künftige Kampagnengestaltung: Welchen Rat gibst du dem Verein Faire Märkte Schweiz mit auf den Weg?
Eine Kampagne für faire Preise für Bauern ist sehr viel einfacher zu gestalten als eine Kampagne für potenziell höhere Konsumentenpreise, da Bauern als Symbol der nationalen Identität eine enorm hohe Sympathie geniessen. Wichtig ist, die Konsumierenden aus der Anonymität herauszuheben, ihnen ein Gesicht zu geben und beispielsweise mit Individuen, die gern mehr für Tierwohl und Ökologie bezahlen und es als erwünschtes Verhalten ausloben, zu arbeiten, um eine Identifikation mit ihnen zu erzeugen.
Lieber Oliver, ich danke dir ganz herzlich für das spannende Gespräch und wünsche dir weiterhin viel Spannendes und gern auch Überraschendes in deiner Forschung und deiner Arbeit!
Danke dir, es hat Spass gemacht und war sehr anregend.
Unsere Autorin
Meret Schneider ist Linguistin, Kommunikations- und Umweltwissenschaftlerin und arbeitet als Projektleiterin für das Kampagnenforum. Davor war sie Nationalrätin des Kantons Zürichs, hat als Co-Geschäftsleitung einer NPO die Initiative gegen Massentierhaltung mitinitiiert, die Kampagne begleitet und war in verschiedenen Bereichen der landwirtschaftlichen Praxis tätig. Heute ist sie ausserdem freischaffende Journalistin und schreibt wöchentliche Kolumnen für Moneycab sowie Gastbeiträge für Nau.ch.