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SDG 6
Verfügbarkeit von sauberem Wasser
2021 wurden bei Strandaufräumaktionen geschätzte 4,2 Millionen Zigarettenkippen aufgelesen. Dies entspricht nur einem Bruchteil der 6,5 Trillionen Zigaretten, die jährlich weltweit produziert werden und von denen mindestens 75 Prozent in Fliessgewässern und Meeren enden.[1] Dies steht im krassen Widerspruch zum sechsten UNO-Nachhaltigkeitsziel. Dieses verlangt die Gewährleistung der Verfügbarkeit und der nachhaltigen Bewirtschaftung von Wasser und Sanitärversorgung für alle. Zigaretten werden nach dem Rauchen oft auf den Boden geworfen: auf das Trottoir, den Rasen usw. Von hier wischt sie der Regen in die Strassenschächte, von wo sie über Fliessgewässer bis ins Meer gelangen. Auch die Schweiz bildet keine Ausnahme: Alleine in Genf werden jeden Tag 476 000 Zigarettenkippen auf die Strasse geworfen.[2]
Zigarettenkippen bestehen hauptsächlich aus dem Filter. Dieser wird aus Celluloseacetat hergestellt, einem biologisch nichtabbaubaren Kunststoff. Deshalb bleiben sie rund 15 Jahre lang auf Stränden und am Grund von Gewässern liegen. Schliesslich zerfallen sie in kleine Partikel, die von den Wasserlebewesen aufgenommen werden. Sie setzen auch zahlreiche toxische Substanzen frei, wie etwa Arsen, Blei und Ethylphenol, die das Wasser belasten.[3] Eine einzige Kippe reicht aus, um 1000 Liter Wasser zu verschmutzen.[4]
Aber die Kippen sind nicht das einzige Problem. 2015 wurden in Fliessgewässern der USA 12 089 Feuerzeuge, 58 672 Zigarrenspitzen und 33 865 Zigarettenverpackungen aufgelesen.[5] Hinzu kommen seit kurzem auch gebrauchte E-Zigaretten. Sie enthalten elektronische Schaltungen, Batterien mit Blei und Quecksilber sowie Liquid-Patronen mit Nikotinsalzen und Schwermetallen, die grosse Wassermassen verschmutzen können.[6]
In den ärmeren Ländern, in denen die meisten Tabakplantagen liegen, verringert die Tabakproduktion das Trinkwasser, das der Bevölkerung zur Verfügung steht. Die Produktion einer Tonne nikotinhaltiger Tabakblätter erfordert 2925 Kubikmeter Wasser. Damit ist diese Kulturform eine der wasserintensivsten überhaupt. Im Vergleich dazu erfordert eine Tonne Zucker 200, eine Tonne Getreide 1600 Kubikmeter.[7]
Weil Tabak in Monokulturen angebaut wird, sind dazu grosse Mengen Pflanzenschutz- und Düngemittel erforderlich, die ins Grundwasser und in die anliegenden Fliessgewässer versickern. Imidacloprid und Brommethan sind zwei der meistgenutzten Substanzen, die äusserst giftig sind. Ein weiteres Pflanzenschutzmittel, das oft zum Einsatz kommt, ist 1,3-Dichlorpropen. Es verursacht beim Menschen Atembeschwerden, Hautreizungen und ist potenziell krebserregend.[8]
Nach der Ernte der Tabakblätter wird auch bei der Verarbeitung viel Wasser gebraucht. Der getrocknete Tabak muss mit Wasserdampf behandelt werden, um eine bestimmte Feuchtigkeit zu gewährleisten und Zusatzstoffe zu verabreichen. Blattadern und Tabakstaub werden mit Wasser vermengt, um sie dem Tabakgemisch der Zigaretten beizufügen.
So sind für die weltweite Zigarettenproduktion (7,5 t) jährlich rund 22 Milliarden Kubikmeter Wasser erforderlich.[9] Für Normalbürger:innen anschaulicher: Wer während 50 Jahren täglich ein Zigarettenpaket raucht, verbraucht 1,4 Millionen Liter Wasser. Und um eine Zigarette herzustellen, sind 3,7 Liter Wasser nötig.[10]
Trotz ihrer desaströsen Umweltbilanz weigert sich die Tabakindustrie, ihre Verantwortung wahrzunehmen. Im Gegenteil. Sie ergreift zahlreiche angeblich karitative Initiativen, um von ihren Fehlleistungen abzulenken. Die Zigarettenhersteller beteiligen sich an den meisten Aktionen zum Strandaufräumen oder Aschenbecherverteilen, bei denen das Gewicht auf der Eigenverantwortung der Verbraucher*innen liegt; sie sollen ihre Zigarette nicht unbedacht wegwerfen. Dabei wäre es für die Industrie ein Leichtes, das Problem vorgängig zu beheben und umweltverträgliche Filter zu entwickeln.[11]
Dafür bringen sie «biologisch abbaubare» Zigaretten auf den Markt, die sich zwar tatsächlich schneller zersetzen, dafür aber mehr Giftstoffe freisetzen.[12] Die Tabakindustrie investiert auch grosse Summen, um ihre Verantwortung an der Gewässerverschmutzung und am Trinkwassermangel zu kaschieren. So hat Philip Morris International 2016 im Rahmen des Globalen Pakts der UNO eine Präsentation gegeben und dabei behauptet, der Anbau von Tabak sei weniger wasserintensiv als derjenige von Tee und von Schokolade.[13] In ihrer Kommunikation weisen die Zigarettenhersteller ihren jährlichen Wasserverbraucht bewusst aus, ohne den Verbrauch ihrer Zulieferer zu berücksichtigen.
Um die Zigarettenindustrie zumindest teilweise daran zu hindern, das allgemeine Recht auf genügend sauberes Wasser zu verletzen, müsste sie dem Verursacherprinzip unterworfen werden. Dabei würden die Kosten für das Auflesen und Entsorgen der weggeworfenen Kippen, E-Zigaretten und Feuerzeuge der Industrie angelastet, die sie verursacht, und nicht den Verbrauchern. Konkret könnte das mit erhöhten Steuern auf tabakhaltigen Produkten erzielt werden. Solche Massnahmen werden gegenwärtig in der Europäischen Union, in Frankreich, Irland, Grossbritannien und in den USA geprüft.[14]
In Amerika gehen einige Gemeinden noch weiter: Über 300 haben ein Rauchverbot am Strand ausgesprochen, über 1500 im Park.[15] Die Tendenz macht sich aber auch in unserer Nähe bemerkbar: Im April 2021 hat Barcelona ein Rauchverbot für seine Strände ausgesprochen.[16] Dies verschafft den Fliessgewässern und Küsten, die von Zigarettenabfällen zugemüllt sind, eine kleine Atempause.
[4] Green, Amy & Putschew, Anke & Nehls, Thomas. (2014). Littered cigarette butts as a source of nicotine in urban waters. Journal of Hydrology. https://doi.org/10.1016/j.jhydrol.2014.05.046
[6] Ebd.
[10] Cigarette Smoking: An Assessment of Tobacco’s Global Environmental Footprint Across Its Entire Supply Chain, Maria Zafeiridou, Nicholas S Hopkinson, and Nikolaos Voulvoulis, Environmental Science & Technology 2018 52 (15), 8087-8094, DOI: 10.1021/acs.est.8b01533
[12] Koroleva, E., Mqulwa, A.Z., Norris-Jones, S. et al. Impact of cigarette butts on bacterial community structure in soil. Environ Sci Pollut Res 28, 33030–33040 (2021). https://doi.org/10.1007/s11356-021-13152-w