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Utopie
George Orwells Stichjahr "Nineteen-eighty-four" ist längst passé; unter dem Zeichen der Jahrtausendwende projizieren wir unsere Schreckensvisionen und Zukunftsutopien weit in das neue Jahrtausend hinein. Aber die "Utopie" selbst kennt kein Hier und Dort, kein Früher und Später: Sie ist ortlos und zeitlos. Das Wort ist aus dem Altgriechischen entlehnt und steht doch in keinem altgriechischen Lexikon. Ein Engländer hat es geprägt, doch weder auf griechisch noch auf englisch, sondern auf lateinisch. Einen grossen Unterschied macht das freilich nicht: utopia lautet das Wort wie im Lateinischen so auch im Englischen; im Französischen ist daraus eine utopie, bei uns eine "Utopie" geworden.
Im Jahre 1516 veröffentlichte der grosse englische Staatsmann und Humanist Thomas More, latinisiert Thomas Morus, die erste "Utopie", die allen folgenden Utopien - und das waren viele - den Namen geben sollte und übrigens bis heute so amüsant wie aktuell zu lesen ist; er gab seinem lateinisch geschriebenen Werk den Titel "De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia", zu deutsch: "Ueber die beste Staatsverfassung und die neuentdeckte Insel Utopia".
Den Namen dieser "neuen Insel" seiner Träume hatte der Humanist ganz und gar aus der Luft gegriffen, und in der Luft lag damals, auf der Höhe der Renaissance und des Humanismus, das Griechische. Utopia ist aus zwei griechischen Wörtern zusammengesetzt: aus der Negation u, "nicht", und aus dem Substantiv tópos, "Ort", das uns auch als rhetorischer oder literarischer "Topos" oder in Zusammensetzungen wie der geographischen "Topographie", der mathematischen "Topologie" oder dem biologischen "Biotop" begegnet: Thomas Morus berichtet in seiner politischen Utopie von einem Nicht-Ort "Nirgendwo". Dem gelehrten Humanisten war natürlich bewusst, dass dieses negierende u, "nicht", im Griechischen keineswegs als Kopfstück eines Kompositums dienen konnte und dass das klassische Griechisch eine derart zusammengesetzte "Utopie" gewiss niemals hätte bilden können; aber warum sollte eine politische Utopie nicht auch eine sprachliche Utopie zum Titel haben?
Ein Wort gibt das andere: Einmal in der Wörterwerkstatt, einmal beim Wörterprägen, stellt Thomas Morus dem frischgeprägten Namen der Insel Utopia gleich noch den ebenso prägefrischen Ehrentitel Eutopia zur Seite. Das griechische Adverb eu, "gut, wohl", erscheint im Griechischen vielfach als ein solches Kopfstück; wir kennen es aus Zusammensetzungen wie der "Eucharistie", der "Euphorie", der "Eurhythmie" oder dem zum Trost der Gestressten jüngst erfundenen "Eustress"; mit Europa und seiner EU hat dieses eu hingegen nichts zu schaffen. Eutopia bedeutet soviel wie "Guter Ort, Glücksort"; für Thomas Morus ist der Nicht-Ort Utopia zugleich der Glücks-Ort Eutopia.
Das Wechselspiel zwischen diesem "Nicht-Ort" und diesem "Glücks-Ort" hat seinen besonderen Reiz darin, das die Worte Utopia und Eutopia im Englischen ganz gleich ausgesprochen werden; so klingt das Epigramm, das Thomas Morus seinem Werk voranstellt, gehört statt gelesen einigermassen verwirrend: "Wherefore not Utopie, but rather rightely / My name is Eutopie: place of felicitie", "Darum nicht Utopie, nein, mit noch bessrem Recht / Nenn' ich mich Eutopie: Ort der Glückseligkeit." "Utopie" und "Eutopie", "Nicht-Ort" und "Glücksort", fallen da in eins zusammen. Wer weiss: Ist das nach den Regeln der Kunst gebildete Kompositum Eutopia in der humanistischen Münzstätte dieses Thomas Morus vielleicht gar als Erstes aus dem Prägestock gesprungen, und hat dann erst der reizvolle Gleichklang, der dem englischen Münzmeister da ins Ohr fallen mochte, zu der buchstäblich utopischen Nachprägung dieses Utopia verlockt?
Klaus Bartels
Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster