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KRISHNAMURTI, EIN ANTIPÄDAGOGE?
Die Auseinandersetzung mit Krishnamurti gestaltete sich in der Folge dann allerdings viel schwieriger als ich gehofft und erwartet hatte. Noch heute habe ich den Eindruck, dass Krishnamurti einfach nicht in die Kategorien meines pädagogischen Denkens passt. Irgendwie kann ich ihn nicht so leicht wie andere Pädagogen oder Pädagoginnen in meine Denkraster einordnen und (unter diesem oder jenem Schlagwort) abspeichern. Es ist, wie wenn sich immer irgendetwas quer legt. Wenn ich Sätze lese wie "Unsere Lebensgewohnheiten radikal zu ändern ist die Aufgabe der Erziehung", oder "Ein Mensch, welcher das Atom spalten kann, aber keine Liebe im Herzen hat, ist ein Monstrum", werde ich noch immer ganz unruhig: Wie kann ein Mensch, so frage ich mich, mit solchen und ähnlichen Phrasen eine solche Wirkung haben, wie Krishnamurti sie unzweifelhaft gehabt hat? Alles, was er gesagt und geschrieben hat, scheint so allgemein, dass es für mich oft einfach banal klingt.
Und tatsächlich. Wer von Krishnamurti irgendwelche historischen Analysen oder neue statistisch abgesicherte Aussagen zu dieser oder jener konkreten Frage erwartet, der kommt nicht auf seine Rechnung. An solchen Dingen, an Vermehrung des Faktenwissens oder theoretischer Gelehrsamkeit scheint Krishnamurti nicht interessiert. Stattdessen versucht er mit eindringlicher Hartnäckigkeit, mit uns in ein persönliches Gespräch zu kommen, in ein Gespräch über uns selbst, über unsere eigenen Begrenzungen und die Möglichkeiten ihrer Überwindung. Alles andere scheint für ihn belangloses Geplauder. Unermüdlich konfrontiert er uns mit seiner Überzeugung, dass "Veränderungen" nicht von Aussen, sondern nur von Innen kommen. "Es ist von vorrangiger Wichtigkeit", so betont er immer wieder, "Ordnung in unser Inneres zu bringen; aus dieser inneren Ordnung wird dann äussere Ordnung entstehen." (in: Jiddu Krishnamurti: Aus dem Schatten in den Frieden. Ullstein Sachbuch 1990). Diese ständige Rückführung aller äusseren Dinge auf uns selbst und unsere innere Haltung scheint das zu sein, was ihn so sperrig und unbequem macht! Indem er nicht an die einfache Herstellbarkeit einer besseren Welt (oder, um bei unserem Mettier zu bleiben, einer besseren Schule), an leichte Wege zum Glück glaubt, schneidet Krishnamurti uns eine ganze Reihe lieb gewordener Fluchtwege ab und konfrontiert uns mit Fragen, an denen wir uns normalerweise mit verlegenem Lächeln oder mit weltmännischer Gewandtheit vorbeischummeln!
Krishnamurtis Anliegen
Krishnamurti forderte die Menschen in seinen zahllosen Vorträgen und Gesprächen unermüdlich dazu auf, alle festen Vorgaben, alle Normen und alle scheinbar bewährten Traditionen zu hinterfragen, und nichts ungeprüft zu übernehmen, ganz gleich, ob es um die Gestaltung einer Schule, um die Auseinandersetzung mit einem physikalischen Phänomen oder um eine persönliche Lebensfrage geht. Ihm ging es bei allem, was er sagte und anregte, immer nur um die innere Fähigkeit und Bereitschaft der Menschen, frei von jeder Voreingenommenheit das wahrzunehmen, was ist, und in seinem Tun und Denken nur das als richtig anzuerkennen, was man selbst geprüft und für Gut befunden hat. Diese Fähigkeit und Bereitschaft ist die Voraussetzung für jede echte Veränderung und jede Weiterentwicklung. "Der Mensch baut sich", so schrieb er 1980, "einen Schutzwall aus religiösen, politischen, persönlichen Vorstellungen auf, die sich in Form von Symbolen, Ideen und Glaubensbekenntnissen zeigen. Die Last seiner Vorstellungen sind die Ursachen unserer Probleme, denn sie trennen den Menschen vom Menschen. Seine Wahrnehmung des Lebens wird von den Begriffen bestimmt, die sich in seinem Geist schon festgesetzt haben. ... Totale Verneinung ist die Essenz des Positiven. Erst in der Verneinung all jener Dinge, die das Denken in der Psyche erzeugt hat, gibt es eine Liebe, die Zugleich Mitgefühl und Intelligenz ist."
Konkrete Aussagen über bestimmte schulorganisatorische oder methodisch-didaktische Dinge suchen wir bei Krishnamurti also vergeblich. Er glaubte nicht an die Wirksamkeit "technischer Massnahmen" und an den Nutzen äusserer Veränderungen. "Selber denken" war, salopp gesagt, seine Devise.
Mit dieser Haltung steht Krishnamurti in einer langen Tradition von Philosophen und Prophetinnen aller Art, die auf ihre Weise seit Jahrhunderten dasselbe wollten und ausdrückten. Auch Rudolf Steiner, Paul Geheeb oder Maria Montessori, um einige Beispiele aus der jüngeren Pädagogikgeschichte zu erwähnen, forderten ihre MitarbeiterInnen und SchülerInnen immer wieder dazu auf, ihr (pädagogisches) Handeln ständig neu in Frage zu stellen und jede Regel und Anregung an hand der eigenen Beobachtungen und Erfahrungen zu überprüfen. Paul Geheeb betonte immer wieder, dass das Wesentliche an seiner Schule nicht diese oder jene organisatorische Eigenheit oder Tradition, sondern einzig die der Schule zu Grunde liegende "Idee" sei, und Maria Montessori soll sich einmal beklagt haben, dass es ihr mit den Menschen oft so gehe, wie mit einem Hund, dem sie etwas in der Ferne zeigen wolle. Statt auf dieses Etwas - auf die grundlegende Idee, das Ziel - zu schauen, starren die Menschen immer nur auf ihren ausgestreckten Finger!
Das besondere an Krishnamurti liegt also nicht so sehr in dem, was er sagte, sondern in der Ausschliesslichkeit und Intensität, mit welcher er immer wieder um dieses Grundanliegen rang.
Exkurs: Krishnamurtis Leben
Krishnamurtis Biographie klingt wie ein Roman. Walter Bernotat schildert dieses Leben im Vorwort zu "der unhörbare Ton" (Köselverlag, München, 1993) wie folgt: "Jiddu Krishnamurti wurde 1895 in Madanapalle in Südindien als achtes Kind eines armen Bramanen geboren. Zu dieser Zeit errichtete die theosophische Gesellschaft ihr Zentrum in Adyar bei Madras. Sie rechnete mit der Reinkarnation eines neuen religiösen Weltlehrers in Indien. Annie Besant, Präsidentin der Gesellschaft, nahm sich des nach dem Tod der Mutter verwarlosten Vierzehnjährigen an, der durch sein ungewöhnlich selbstloses Wesen auffiel. Bald sah sie in ihm den kommenden Weltlehrer. 1911 wurde er formell das Oberhaupt einer weltumspannenden Organisation ("Order of the Star in the East"). Er lebte nun in England, genoss die Erziehung und den Lebensstil eines Gentleman und versuchte, alle in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Seit 1921 ermahnte er in seinen Reden die Anhänger, ihre ganze Kraft darauf zu richten, die höchste Stufe geistiger Entwicklung zu erreichen -, eine Forderung, die er später als verderblich, als Weg in die Selbsttäuschung verwarf. Mystische Erlebnisse, die er seit seiner Kindheit hatte, interpretierte er im Sinne der Theosophie.
In den Jahren 1925 bis 1929 änderte sich Krishnamurti völlig. Die ihm zugedachte autoritäre Rolle, und die Vorstellungen, die seine Anhänger mit ihm verbanden, irritierten ihn zunehmend. Ihn überkamen Zweifel an der eigenen Autentizität, und er begann mit der kompromisslosen Erforschung seiner inneren Widersprüche. Dies führte dazu, dass er 1929 seine Organisation auflöste, seinen Besitz zurückgab und sich von der Theosophie, ja jedem Glauben abwandte. Krishnamurti enttäuschte alle messianischen Erwartungen."
Die Reden und Vorträge, die Krishnamurti seither in der ganzen Welt gehalten hat, erschienen in zahlreichen Büchern und wurden in über 40 Sprachen übersetzt. Die Begegnung mit ihm wurde für tausende von Menschen zu einem entscheidenden Erlebnis. Krishnamurti starb am 27. Februar 1986 mit über 90 Jahren in Ojai, Kalifornien.
Krishnamurti als Schulgründer - ein Widerspruch in sich?
Am 3. 8. 1929 begründete Krishnamurti vor 3,000 Mitgliedern des Sternenordens seinen Entschluss, den Orden aufzuheben, u.a. mit folgenden Worten:
"Die Wahrheit ist grenzenlos. Sie kann nicht konditioniert, sie kann nicht auf vorgegebenen Wegen erreicht und daher auch nicht organisiert werden. Deshalb sollten keine Organisationen gegründet werden, die die Menschen auf einen bestimmten Pfad führen und nötigen. Wenn ihr das einmal verstanden habt, werdet ihr einsehen, dass es vollkommen unmöglich ist, einen Glauben zu organisieren. Der Glaube ist eine absolut individuelle Angelegenheit, und man kann und darf ihn nicht in Organisationen pressen. Falls man es tut wird er zu etwas totem, starrem. Er wird zur Gier, zu einer Sekte, einer Religion, die anderen aufgezwungen wird."
Krishnamurtis unmissverständliche Absage an jede Art der organisierten Vermittlung von "Wahrheit" klingt wie ein Plädoyer zur Abschaffung der herkömmlichen Schule bzw. zu ihrer radikalen Verwandlung: Schulen sollen, so zumindest verstehe ich seinen Appell, von Orten hierarchisch geregelter Belehrung zu Orten gemeinsamen Suchens und Forschens jenseits aller Hierachie und aller ideologisch fixierten, scheinbar objektiven Wahrheit werden. Keine äussere, aber eine innere Überwindung des Prinzips Schule ist damit gefordert!
Martin Näf, Basel. Erstmals veröffentlicht in "Endlich!", Zeitschrift der Vereinigung Freier Schulen der Schweiz, 3. Jg., Nr.2, Juni 1993, S.15-16