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Peter E. Schaufelberger, Südkurier (02.02.2010)
Drei Personen stehen im Zentrum der 1845 entstandenen Oper „Alzira“ von Giuseppe Verdi, die das Theater St. Gallen als „Wiederentdeckung“ zur Schweizer Erstaufführung gebracht hat: Alzira, eine Tochter des Inkahäuptlings Ataliba, Zamoro, ein zweiter Häuptling der Inkas, und Gusmano, von seinem Vater Alvaro eben zu seinem Nachfolger als spanischer Gouverneur in Peru ernannt. Zamaro und Alzira lieben sich, doch auch Gusmano begehrt die schöne Häuptlingstochter und verspricht ihrem Volk Frieden mit den spanischen Eroberern, wenn sie seine Frau werde. Erst das Versprechen, den als Anführer eines Inkaheeres zum Tod verurteilten Zamaro freizulassen, bewegt schließlich Alzira, in die Heirat mit Gusmano einzuwilligen. Doch während der Trauung ersticht der von seinen eigenen Leuten befreite Zamoro seinen Widersacher; sterbend aber besinnt sich dieser seines Gottes, verzeiht seinem Mörder und vereint ihn mit seiner Geliebten.
Auf dieses Grundgerüst der Handlung konzentriert Regisseur (und Ausstatter) Denis Krief die knapp anderthalb Stunden dauernde Oper; der Zusammenprall zweier Kulturen mitsamt den kriegerischen Auseinandersetzungen rückt noch stärker in den Hintergrund als bei Verdi und seinem Librettisten Salvatore Cammarano. Auch szenisch verzichtet Krief auf exotisches Kolorit: Die Bühne ist leer bis auf große, verschiebbare Dreiecks-Elemente, deren Vorderseiten andeutungsweise an Stufenpyramiden erinnern, deren Rückseiten das offene Lattengerüst zeigen. Doch so mächtig diese Elemente wirken, so unübersehbar verstellen sie die Räume vor allem in den zahlreichen Chorszenen – was insofern nicht sonderlich auffällt, als Krief sich in Chor- wie Personenführung vornehmlich zur Bühnenrampe hin orientiert, dramatische Zuspitzungen nur höchst dosiert umsetzt.
Die Fragwürdigkeit des Librettos wird in Kriefs Inszenierung nur zu deutlich, zumal die Hauptrollenträger mit Ausnahme von Majella Cullagh in der Titelrolle ihren Bühnengestalten darstellerisch kaum gerecht werden und sich allzu oft auf äußerliche Operngestik verlassen.
Aufmerken allerdings lässt die Musik. Schon der Beginn der Ouvertüre überrascht mit den leisen, nur zögernd sich vortastenden Motiven der Holzbläser, Alziras erste Szene, in der sie von ihrer Schwester Zuma (Katja Starke) im Schlaf überrascht wird, beginnt mit einem kaum mehr hörbaren Pianissimo der Streicher, Stimmungen und Befindlichkeiten spiegeln sich in den unterschiedlichen Farben der einzelnen Instrumente und Register oder werden musikalisch vorweggenommen. Und manches Detail, manche Wendung deutet bereits auf Kommendes, erst in späteren Werken Vollendetes – neben vielem, was aus anderen Frühwerken Verdis vertraut erscheint. Die Begegnung mit dieser Musik, vom Sinfonieorchester St. Gallen unter Henrik Nánásis Leitung engagiert und überaus differenziert gespielt, war denn auch der eigentliche Gewinn dieser Aufführung, eingeschlossen die prachtvollen, von Michael Vogel einstudierten Chöre. Dazu kamen in der Premiere durchweg ausgezeichnete Sänger, Mitglieder des eigenen Ensembles in etlichen kleineren Rollen: Hector Sandoval als Zamoro mit einem fast schon heldischen, doch selbst in der Höhe unverkrampften Tenor, Luca Grassi mit kernigem Bariton als Gusmano, vor allem aber Majella Cullagh als szenisch eindrückliche Alzira, in lyrischen wie in dramatischen Passagen gleichermaßen expressiv und doch klangschön.