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In der Mitte des Atlantiks liegt Ascension Island: Einer der entlegensten Orte des Planeten. Keine Fluggesellschaft fliegt dorthin, Ferien kann man nicht im Reisebüro buchen. Es ist der perfekte Ort, um der Zivilisation zu entfliehen, ohne auf sie verzichten zu müssen.
So sieht die Welt vielleicht in 10'000 Jahren aus. Den Stress, das Privateigentum und die Kriminalität gibt es nicht mehr. Die meisten Tiere sind ausgestorben, und es ist still geworden. Die Menschen leben ruhig und gelassen, die Autoschlüssel lassen sie stecken, und die Türen der Häuser schliessen sie nicht mehr ab. Es gibt noch einige Ruinen, die von einer fernen Zivilisation mit einer hochentwickelten Technik künden.
Ganz am Rand der Insel, auf einer Klippe, steht ein zerfallenes Gebäude. Die Landkrabben sind die einzigen Bewohner. Die Türen sind zugenagelt, die Fensterscheiben eingeschlagen oder blind. Auf einer verblichenen Tafel lesen wir, dass hier einmal ein Kommunikations-Zentrum der NASA, der amerikanischen Raumfahrtbehörde, war. Neil Armstrong habe am 21. Juli 1969 den Mond als erster Mensch betreten. Seine berühmten Worte «Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein grosser Schritt für die Menschheit» und die dazugehörigen TV-Bilder seien, so steht es auf der Tafel, zuerst hier auf die Erde gelangt und dann nach Houston in die Kommandozentrale weitergeleitet worden.
Wir sind auf Ascension Island. Einem der entlegensten Orte dieses Planeten. Ziemlich genau in der Mitte des Atlantiks, auf halbem Weg zwischen Brasilien und Afrika. Es gibt keine Fluggesellschaft, die Passagiere hierherbringt. Keine Reisebüros, die Ferien auf Ascension Island anbieten. Die britische Royal Air Force, die Flugwaffe, hat uns in rund neun Stunden auf diese Insel der verlorenen Zeit geflogen. Zweimal pro Woche wird die Strecke London – Ascencion Island – Falkland Islands mit einem Airbus für die britische Armee geflogen. Wer will, kann für knapp 2000 Franken sogar in der Premiumklasse fliegen, einem Mittelding zwischen Economy- und Businessklasse. Fast alle an Bord sind britische Soldaten auf dem Weg in den Truppendienst auf den Falkland Islands oder auf der Rückreise in den Urlaub. Der Trip beginnt in Brize Norton, der riesigen Flugwaffenbasis anderthalb Autostunden nördlich des Londoner Flughafens Heathrow.
Ascension Island bietet eine der letzten Möglichkeiten, der Zivilisation zu entfliehen, ohne auf die Annehmlichkeiten ebendieser Zivilisation verzichten zu müssen. So bequem lässt sich so abgelegen wohl nirgendwo auf der Welt Ferien machen. Das Handy funktioniert hier nicht – keine Verbindung. In Notfällen ist es möglich, von den Militärbasen der Briten und der Amerikaner eine Verbindung zum Rest der Welt herzustellen.
Das ist einigermassen irritierend. Denn es gibt wohl keinen anderen Ort mit so vielen verschiedenartigen und grossen Antennen wie Ascension Island – ein Kommunikationszentrum in den Weiten des Atlantiks. Aber Kommunikation ist Herrschaftswissen, der amerikanischen und der britischen Luftwaffe vorbehalten.
Es gibt ein Hotel und dazu noch das «Hayes House» und das «Clarence House» für Gäste in der einzigen Stadt (Georgetown) plus zwei Bungalows. Eines am Meer (Paradise Beach) und eines oben in den Bergen (Garden Lodge). Die Unterkünfte sind eigentlich nicht für Müssiggänger, Touristen wie wir, gedacht. Eher für Sportfischer, Segler, die hier stranden, und für Biologen, die hierher fliegen, um die Eiablage der Meeresschildkröten zu beobachten. Weshalb Ascension Island auch «Insel der Schildkröten» genannt wird.
Das Essen sorgt für ein paar Probleme. Denn das einzige Restaurant der Insel hat gerade geschlossen: Der Koch ist in die Ferien verreist. Die Verpflegung in den Kantinen und Klubs der britischen und der amerikanischen Militärbasis ist schlimm. Aber schon bald haben wir eine Lösung: Wir können im «Paradise Beach Bungalow» selber kochen. Gegen 16 Uhr kommen die Fischer in den Hafen zurück. Sie verschenken grosszügig ihren Fang und wollen dafür nicht mal ein Entgelt. Von einem Thunfisch bekommen wir so riesige Filetstücke, dass es für einen Monat reichen würde. Gewürz und Reis sowie Salat und Wein gibt’s im Supermarkt.
Ascension Island ist eine Vulkaninsel. Sie war, bis die Briten kamen, nie bewohnt. Die Briten kamen, weil sie befürchteten, die Franzosen könnten von hier aus versuchen, ihren Kaiser Napoleon aus der Verbannung auf der noch über tausend Kilometer südlicher liegenden Insel St.Helena zu befreien. Ascension Island ist eine Mischung aus Mond und Paradies. Mit einem Berg, dem Green Mountain, der einmal ein Vulkan war und als solcher vielleicht wieder einmal aktiv sein wird. Bis weit hinauf zu den Flanken sieht Ascension Island aus wie der Mond: nacktes, dunkles, kantiges, heisses Gestein und kaum Vegetation.
Angeblich hatte ein Brite im vorletzten Jahrhundert die Idee, oben auf dem Vulkanberg Pflanzen und Bäume aus allen Destinationen des Empires anzupflanzen. Irgendwie hat es funktioniert. Die obere Hälfte des Vulkans ist grün, es gibt allerlei Bäume, und auf einer wunderbaren Wanderung lässt sich der grüne Gipfel in etwa zwei Stunden umwandern. Seltsam ist dabei die Stille.
Auf eine wundersame, nicht apokalyptische Art und Weise ist das, was Rachel L. Carson im Öko-Klassiker «Der stumme Frühling» vorausgesagt hat, hier Wirklichkeit geworden. Nur der Wind rauscht in den Blättern der Bananen- und sonstiger exotischer Bäume. Insekten: Mücken, Fliegen, Schmetterlinge und Käfer gibt es fast keine. Schlangen und Kröten und Raubtiere gar keine. Bloss ab und zu eine Ratte. Und eine kastrierte Katze. Nur kastrierte Büsis dürfen hier leben. Sie würden sich sonst viel zu stark vermehren und aus Ascension eine Insel der Katzen machen.
Die einzigen Tiere, die auffallen, sind die riesigen, harmlosen Landkrabben, die wilden Schafe und ein paar halbwilde Esel. Wegen dieser Esel müssen wir die Türen unseres Bungalows immer schliessen. Sie dringen sonst bis ins Schlafzimmer vor und versuchen, die Decken und Kissen zu fressen.
Ascension Island ist wohl der einzige Ort der Erde ohne Privatbesitz. Alle Häuser gehören dem britischen Staat, auch das Hotel, das «Hayes House» und das «Clarence House», und die beiden Bungalows. Hier darf nur leben, wer einen Arbeitsvertrag hat. Wer ins Rentenalter kommt, muss gehen. Selbst dann, wenn er hier aufgewachsen ist und die Insel nie verlassen hat. Auch die Kinder der hier lebenden Familien werden gezwungen, die Insel zu verlassen, wenn sie die Grundschule beendet haben, mündig sind und keine Arbeit finden. Die Luftwaffenbasen der Amerikaner und der Briten sind ziemlich die einzigen Arbeitgeber.
Und was bleibt dem Touristen auf einer Insel ohne Ferieninfrastruktur und Remmidemmi? Ein Auto zu mieten, um überall hinzugelangen – öffentliche Verkehrsmittel gibt es nicht. Natürlich die Wanderungen oben um den Green Mountain. Es gibt mindestens vier verschiedene Rundwege mit grandioser Sicht auf das endlose Meer mit dem ewigen Horizont. Und natürlich das Baden im Meer. Es gibt einen Badestrand. Wir haben ihn meistens für uns allein. Wunderbar lässt sich hier schwimmen, die Strömung ist schwach, und die Haie sind fern.
Das Wetter ist äusserst angenehm, gut 25 Grad warm ist die Luft, ein ständiger Wind fächelt Kühlung. So ist das Wetter praktisch während des ganzen Jahres.
Und es bleibt auch das Gefühl, dass wir hier vielleicht doch auf Atlantis gestrandet sind. Die Meeresschildkröten, die in Brasilien leben, schwimmen übers endlose Meer bis nach Ascension Island hinüber, um hier ihre Eier im Sand zu vergraben. Niemand weiss, warum sie diese Mühe auf sich nehmen und nicht einfach drüben in Brasilien bleiben. Die Wissenschaft steht immer noch vor einem Rätsel.
Die Erklärung, die mir am besten gefällt: Ascension Island ist der letzte Rest des sagenhaften Atlantis. Atlantis war ein riesiger Inselkontinent mitten im Atlantik und reichte fast bis nach Brasilien – die Schildkröten hatten es nicht weit. Dann flog Atlantis in die Luft (oder versank in den Fluten des Meeres), und geblieben ist bloss noch eine Vulkaninsel mitten im Ozean. Nun schwimmen die Schildkröten einfach immer weiter, bis sie auf Ascension Island treffen, diesen letzten Rest von Atlantis.