Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03375.jsonl.gz/126

Mit Allahs Segen investieren
Im islamischen Finanzwesen werden die Anlagen nach den Regeln der Scharia getätigt. Noch wird nur ein Bruchteil der weltweiten Vermögen auf diese Weise verwaltet. Doch die Branche wächst – auch dank den Krisen in der westlichen Finanzwelt.
PUNKTMAGAZIN _Welche Bedeutung hat Geld in der Scharia, der heiligen Schrift des Islams?
Emre akyel_Geld ist im Islam ein reines Tauschmittel und kein Vermögenswert. Und das Bankgeschäft, wie Anlagen oder Finanzierungen, basieren auf den Quellen des Korans, dem heiligen Buch der Muslime, der Sunna, in der die direkten Aussagen des Propheten Muhammad gesammelt sind und der Ijma. Dieser arabische Begriff steht für einen Konsens der islamischen Gelehrten zu einer spezifischen Situation.
Worin besteht der Unterschied zwischen einer islamischen und einer westlichen Bank?
Islamische Banken unterscheiden sich zunächst einmal nicht von – lassen Sie es mich umformulieren – «konventionellen Banken». Der Begriff «islamisch» beschreibt letztendlich, dass sich die Bank verpflichtet, im operativen Geschäft die Normen der Scharia, im Rahmen der hiesigen Gesetze, umzusetzen. Richtungsweisend ist ein sogenanntes Scharia-Board, eine Art Ethik-Komitee, das anhand islamischer Quellen die Normen vorgibt und gegebenenfalls überprüft, ob diese in der Praxis umgesetzt werden.
Ein gewichtiger Unterschied ist, dass im Islam keine Zinsen verrechnet werden dürfen.
Genau. Zinsen sind im Islam verpönt und untersagt. Geld ist ein reines Tauschmittel. Übrigens, das Zinsverbot ist auch im Christentum verankert. So heisst es beispielsweise im 2. Buch Mose: «Wenn du Geld verleihst an einen aus meinem Volk, an einen Armen neben dir, so sollst du an ihm nicht wie ein Wucherer handeln; du sollst keinerlei Zinsen von ihm nehmen.»
Gibt es dennoch Möglichkeiten, sein Geld gewinnbringend anzulegen?
Im Koran heisst es: «… Dies, weil sie sagen: ‹Handel ist gleich Zinsnehmen›, während Allah doch Handel erlaubt und Zinsnehmen untersagt hat.» Das islamische Finanzsystem basiert auf dem Prinzip des Handels. Renditen, die durch Warentausch, Dienstleistungserbringung und Beteiligungen entstehen, sind somit gerechtfertigt.
Wie funktioniert das in der Praxis? Wird in den Kosten eine Marge eingerechnet?
Genau. Essenziell ist, dass alle Kosten vorab definiert werden müssen. Ist dies der Fall, wie beispielsweise beim Verkauf eines Personenwagens auf Ratenzahlung, ist ein Gewinnaufschlag durchaus erlaubt. Doch die islamische Bank kann den Gewinnaufschlag nur rechtfertigen, wenn sie den Personenwagen in ihr Eigentum aufnimmt und somit bei der Transaktion ein aktives Risiko eingeht. Die Bank ist hier keine dritte Partei in einem Geschäft, sondern der einzige Vertragspartner mit dem Kunden.
Bekommen Zinsen damit im Islamic Banking nicht einfach nur einen anderen Namen?
Im Islam ist der sogenannte Financial Interest verboten, sprich der Geldzins. Das heisst: jenes Entgelt, welches für das Überlassen von Geld während eines bestimmten Zeitraums eingefordert wird. Mietzins beispielsweise ist erlaubt, da der Vermieter dem Mieter ein Gut zur Verfügung stellt und ein aktives Risiko für die Nutzung eingeht. Die islamischen Gelehrten sagen, dass nur der Schöpfer allein Herr der Zeit ist. Der zinsnehmende Mensch jedoch zieht sich durch den Faktor Zeit lediglich einen Vorteil, ohne eine Anstrengung geleistet zu haben, geschweige denn ein Risiko eingegangen zu sein. Die im Islam gerechtfertigten Aufschläge sind fix und unabhängig vom Faktor Zeit, während der Zinseszinseffekt eine Funktion ist und abhängig von der Zeit exponentiell ansteigt, bis eine Tilgung wirtschaftlich nicht mehr möglich ist.
Sind nicht nur Wucherzinsen verboten?
Im Koran ist von Zinsen die Rede, nicht von Wucherzinsen. Auch kennen wir andere Quellen im Islam, die uns überliefern, dass ein Dinar Zinsertrag so verpönt ist, wie Unzucht mit der eigenen Mutter vor der heiligsten islamischen Stätte, der Kaaba.
Welche Rolle spielen ethische Aspekte im Anlageprozess?
Ethische und soziale Aspekte sind die Fundamente von Islamic Finance. Zentral sind das Zinsverbot sowie das Verbot von Spekulationen und Transaktionen mit Glücksspielcharakter. Untersagt sind auch sämtliche Geschäfte mit Firmen, die Profite aus der Produktion von Schweinefleisch, Alkohol oder Waffen erzielen. Dasselbe gilt für Untenehmen aus den Bereichen Glücksspiel und Pornografie.
Wodurch zeichnen sich gemäss Scharia investitionswürdige Unternehmen aus?
Falls ein Unternehmen nicht in den bereits genannten Geschäftsfeldern tätig ist, spricht aus islamischer Sicht nichts gegen eine Beteiligung. Es gibt jedoch bestimmte Restriktionen hinsichtlich Beteiligungen an konventionellen Unternehmen.
Die da wären?
Beispielsweise darf die Fremdkapitalquote des Unternehmens nicht mehr als 33 Prozent betragen, der Zinsanteil an der Dividende nicht mehr als 5 Prozent. Diesen Zinsanteil sollte der Investor nicht für Konsumzwecke verwenden, sondern an eine wohltätige Stiftung spenden. Prinzipiell empfiehlt es sich auch im Islamic Banking, in nachhaltige Branchen zu investieren.
Gibt es auch Beschränkungen hinsichtlich der verwendeten Finanzprodukte?
Ja. Ebenfalls untersagt sind unsichere Geschäfte. Damit sind Transaktionen gemeint, bei denen das Ergebnis nicht von vornherein feststeht. Darunter fallen sämtliche Spekulationen mittels Derivaten. Nicht erlaubt sind des Weiteren Geschäfte, die Glücksspielcharakter aufweisen, denn solche sind in ihrer Summe letztlich ein Nullsummenspiel.
Wie in einem Casino?
Richtig. Dort verliert oder gewinnt man gegen die Bank, doch es entsteht kein Mehrertrag für die Gemeinschaft. Das betrifft auch Transaktionen und Produkte, bei denen eine Partei auf Kosten einer anderen verliert, wie es beispielsweise bei Futures der Fall ist.
Nagen diese Restriktionen nicht an der Rendite?
Es kommt darauf an, wie man investiert. Im Islamic Finance ist der klassische Leverage-Ansatz untersagt. Ungehebelte Produkte erreichen sicherlich weniger Rendite – sind im Gegenzug aber deutlich risikoarmer. Falls man jedoch Leverage-frei in Aktien investiert, fährt man mit den Regeln des Islamic Finance deutlich besser.
Das klingt in der Theorie gut.
Ich liefere Ihnen ein Beispiel aus der Praxis: Nehmen wir den US-Index Dow Jones und entfernen alle Unternehmen, die nicht den islamischen Kriterien entsprechen. Übrig bleibt der sogenannte Dow Jones Islamic Market Index. Dieses Barometer hat in der Immobilienkrise weniger Verluste eingefahren als der nicht bereinigte Dow Jones Market Index.
Funktionierte ein solcher Ansatz auch bei steigenden Kursen?
Ja. Auch in der Erholungsphase, die auf die Krise folgte, erzielte der islamkonforme Index höhere Renditen.
Der Markt für Islamic Banking wächst jährlich mit rund 15 Prozent. Warum ist schariakonformes Investieren so beliebt?
Die hohen Wachstumsraten hängen auch damit zusammen, dass der islamische Bankenmarkt nach wie vor ein Nischenmarkt ist. Gerade einmal fünf Prozent der weltweiten Vermögen werden islamkonform verwaltet. Das steigende Interesse führt somit zu hohen Wachstumsraten. Ein weiterer Grund ist der Zugang zum Wissen, der in einer digitalen Welt deutlich einfacher geworden ist. Heute wird man als Muslim plötzlich mit Begriffen wie Islamic Finance konfrontiert, während man in der Vergangenheit keine Ahnung davon hatte und sich mühselig selbst um das Zinsverbot kümmerte.
Hat Islamic Finance von den Krisen profitiert?
Ja. Die Finanzkrisen spielen eine entscheidende Rolle. Insgesamt schwindet das Vertrauen in die westliche Finanzwelt, Investoren suchen neue Alternativen – eine ist das Islamic Banking.
Sie haben das zerstörte Vertrauen erwähnt. Ist das islamische Modell stabiler?
Ich beantworte diese Frage mit Ja, da ich überzeugter Islamic Banker bin. Doch es gibt keine empirischen Daten, die ausreichende Vergleiche zulassen würden. Es gibt zurzeit keine Nation, die das islamische Modell zu hundert Prozent praktiziert. Wir können jedoch mit Sicherheit sagen, dass uns einige Finanzkrisen erspart geblieben wären, wenn wir das islamische Finanzsystem praktiziert hätten. Insbesondere die letzte Krise, die sich erst durch die sogenannte Kreditausweitung zu einer globalen Krise entwickelt hat.
Was können westliche Institute von den muslimischen Kollegen lernen?
Westliche Institute sollten sich regelmässig einer unabhängigen ethischen Prüfung unterziehen. Viele Banken prahlen in ihren Leitbildern mit gesellschaftlicher Verantwortung. Der Eindruck ist ein ganz anderer. Würden die Banker Verantwortung übernehmen beziehungsweise würde ihnen jemand auf die Finger schauen und zuschlagen, wenn es sein muss, würde sich die Leichtsinnigkeit auf dem Handelsparkett legen, inschallah.
Emre Akyel, Certified Islamic Finance Executive, arbeitet als Managing Director bei iFIS Islamic Capital.