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Die Wanderungsbewegungen (A., Einwanderung, Binnenwanderung) sind integraler Bestandteil der Bevölkerungs-, Wirtschafts- und polit. Gesch. der Schweiz. Soweit sich die A. anhand zuverlässiger Quellen in die Vergangenheit zurückverfolgen lässt, hatte prakt. jede Generation wesentl. Anteil daran. Die empir. Daten sprechen dafür, dass die Wanderungsbilanz für das Gebiet der heutigen Schweiz von der 2. Hälfte des 16. Jh. bis zum Ende des 19. Jh. stets negativ war. Ueber die Wanderungsbewegungen früherer Zeiten besteht weitgehende Unsicherheit.
Ab der Mitte des 16. Jh. überwog die A. eindeutig: Aus Furcht vor einer Übervölkerung ergriffen die eidg. Orte Massnahmen gegen die Einwanderung, und die Kt. führten diese Politik noch bis zur Gründung des Bundesstaats fort. Erst als 1888-1900 mit dem Aufschwung der Schweizer Wirtschaft auch der Arbeitskräftebedarf stieg, wendete sich der Trend zugunsten der Einwanderung.
Die schweiz. Geschichtswiss. hat die versch. Formen von A. höchst unterschiedl. behandelt und dabei Aspekte in der Vordergrund gestellt, welche die Interessen der Führungsgruppen sowie nationale oder regionale Präferenzen widerspiegeln. Dies erklärt, weshalb für die Zeit vor dem 19. Jh. der Akzent auf die Fremden Dienste und die Siedlungsauswanderung gesetzt wurde, danach auf die grossen Wellen der A. nach Übersee und Europa (Schweizer Kolonien), welche häufig ein Eingreifen der polit. Behörden erforderl. machten. Erst in jüngerer Zeit wurden vermehrt auch andere Formen der A. untersucht. Diese waren zwar zahlenmässig weniger bedeutend und häufig auf Einzelpersonen beschränkt, doch spielten sie für die wirtschaftl. Entwicklung der Schweiz eine wichtige Rolle. Zu nennen sind die Handelsemigration, die zur Erschliessung von Absatzmärkten für Schweizer Produkte beitrug, die A. von hochqualifizierten Spezialisten - namentl. Männern (z.B. Tessiner Architekten, Bündner Zuckerbäcker), in geringerem Masse auch Frauen - sowie die Bildungsemigration, welche die Aneignung von in der Schweiz nicht erwerbbaren Fähigkeiten ermöglichte (Wanderarbeit). Zudem hat in den vergangenen 30 Jahren die Zahl von Publikationen über einzelne Ausgangs- und Zielgebiete ständig zugenommen. Die Literatur über die A. im MA hat bisher vorwiegend qualitative Aspekte betont und gibt eher Aufschluss über Migrationsmuster von Eliten (Kreuzzüge, Pilgerwesen) als des Volkes. Vom 16. Jh. an sind Verlauf und Ursachen einiger Migrationsformen besser herausgearbeitet worden. Alles in allem sind aber in der schweiz. Migrationsforschung noch versch. Fragen offen.
Bis ins 19. Jh. war die zivile A., von wenigen Ausnahmen abgesehen (Tessin, Waadt im 18. Jh.), weniger bedeutend als die militärische. Dies ist auf eine Bevölkerungspolitik zurückzuführen, welche einer definitiven A. der Landbevölkerung entschieden entgegenwirkte, denn die führende Schicht wollte sich für ihre eigenen wirtschaftl. (Protoindustrie) oder militär. Interessen (Solddienste) genügend Arbeitskräfte erhalten. Vom MA bis zum 19. Jh. blieben die Formen der A. weitgehend dieselben und jahrhundertelangen Traditionen verhaftet. Zu den wenigen Ausnahmen gehören die Wanderungen der Walser und die Zwangsemigrationen im 19. Jh.
Der Eintritt in fremde Kriegsdienste war - obwohl er prakt. nur Männer betraf - bis in das 1. Drittel des 19. Jh. die weitaus häufigste Form der A. Vom 13. Jh. an fassbar, veranlasste er die eidg. Orte 1370 im Pfaffenbrief erstmals zum Eingreifen, indem sie ihren Stadt- und Landbewohnern die Teilnahme an privaten Kriegszügen untersagten. Ab der Mitte des 16. Jh. stieg die Zahl der Reisläufer stark an, da nun auch in grosser Zahl Bewohner höher gelegener Gebiete auszogen, die bis dahin kaum zur A. gezwungen gewesen waren. Bis zur Mitte des 17. Jh. war die militär. A. gewöhnl. temporär, was sich danach mit der Schaffung stehender Heere änderte. Im 16. Jh. standen rund ein Drittel der mehr als 16-jährigen Männer einmal in fremden Diensten, im 17. Jh. waren es 20-25% (ca. 180'000-225'000 Männer), im 18. Jh. noch 10-15% (ca. 135'000-205'000 Männer), ebenso im 1. Drittel des 19. Jh. Vor dem 18. Jh. wurden Männer aller Altersklassen bis 40 und jeden Zivilstands angeworben. Im 18. und 19. Jh. dagegen wanderten v.a. sehr junge Leute im Alter zwischen 16 und 19 Jahren aus. Diese Veränderung hatte mehrere Ursachen: eine verminderte Nachfrage nach Soldaten, eine schlechtere Entlöhnung und ein geringeres Ansehen, weil einige eidg. Orte auch Vorbestrafte entsandten.
Die A. des Adels war sowohl eine zivile wie auch eine militär., sie erfolgte einzeln oder in Gruppen, freiwillig oder unter Zwang. Der Wegzug eines Lehnsherrn löste zuweilen eine dauerhafte Abwanderung der Eliten aus. Im 13. Jh. beispielsweise führten die familiären und persönl. Beziehungen zwischen den Gf. von Savoyen und England zu einer starken Präsenz waadtländ. Adels auf engl. Boden. Da die Savoyer hier ausgedehnte Ländereien besassen, fanden zahlreiche Gefolgsleute als Kastlane, Festungskommandanten oder gar als Kämmerer Eingang in die königl. Verwaltung. Andere wiederum spielten in der Kirche eine bedeutende Rolle. Einige blieben bis zu ihrem Tod in England. Im 13. und 14. Jh. wanderten so wahrsch. mehrere Hundert Personen aus, denn dem Adel folgte ein ganzer Tross von Bediensteten und Handwerkern (für den Burgenbau). Zuweilen war die A. von Adligen aber auch eine erzwungene: Infolge polit. oder religiöser Umwälzungen flohen aristokrat. Fam. aus der Schweiz, so die von Reinach, die sich im 15. Jh. im Elsass niederliessen und sich danach im Dienst der Kirche oder ausländ. Herrscher auszeichneten, in Basel die alten Adelsfam., die dem Bf. nahe standen und in der Reformationszeit nach diesem die Stadt verliessen, in Genf einige Fam., die dem Hzg. von Savoyen folgten. Auch religiöse Dissidenten waren zur Emigration gezwungen, so im 16. bis 18. Jh. die Täufer, die in einigen ref. Orten, v.a. der Deutschschweiz, verfolgt wurden und zunächst in Nachbarländern Zuflucht fanden. Einige Zweige adliger Fam. entschlossen sich auch freiwillig zur A., so die Angehörigen des Hauptzweigs der Fam. von Hallwyl, die sich Ende des 16. Jh. für die kath. Konfession entschieden und nach Österreich und Böhmen auswanderten.
Weniger bekannt, aber gleichwohl eine Konstante ist die A. von Geistlichen, in welcher der grosse Einfluss, den die Kirche bis ins 19. Jh. auf die Gesellschaft ausübte, zum Ausdruck kommt. Im MA machten einige Mitglieder einflussreicher Fam. eine glänzende Laufbahn, z.B. im 14. Jh. am päpstl. Hof in Avignon. Bis ins 20. Jh. waren Schweizer z.B. Chorherren und Prälaten in Besançon, Kärnten, Lüttich, Wien usw., Äbte grosser Klöster wie Weingarten oder Neresheim (beide D), Bf. von Brixen und Speyer, in Schweden und Norwegen, einer sogar Ebf. von Mainz. Einige Schweizerinnen standen Abteien im benachbarten Ausland vor (z.B. Andlau, Masmünster, Feldbach, Säckingen). Auf prot. Seite war es üblich, dass junge Geistliche ohne eigene Pfarrei freiwillig ein paar Jahre als Vikare in einer hugenott. Pfarrei im Ausland verbrachten. Die Pilger zählen zwar nicht zu den Auswanderern im eigentl. Sinn, doch hatte das ma. Pilgerwesen erhebl. Auswirkungen auf die Bevölkerung. Die Reise in das Hl. Land wurde im 15. und 16. Jh. in führenden Kreisen zum Klassiker und, indem sie Bildungscharakter annahm, zum Statussymbol.
Die A. zur Ausbildung und zum Sammeln von Kenntnissen ist ein fester Bestandteil der Schweizer Gesch. Der Grund dafür liegt im Mangel an Unterrichtsstätten für die mittlere und höhere Schulbildung, insbes. in den Bergregionen, denen ein grösseres kulturelles Zentrum fehlte. Die A. zur Aneignung von Bildung lässt sich oft auch auf Familienstrategien zurückführen. Viele junge Leute aus dem Patriziat und dem wohlhabenden städt. oder ländl. Bürgertum begaben sich ab dem 14. und 15. Jh. an die grossen ausländ. Univ., sei es für einen Kurzaufenthalt oder einen vollst. Studiengang, was mit der Einführung von Stipendien ab der Mitte des 15. Jh. einfacher wurde (Studenten). Das Wissen in Handel, Finanz- und Bankwesen erwarb man sich in den Geschäftskreisen und den grossen Wirtschaftszentren während - oft mehreren - Lehren oder Praktika. Diese in einer ersten Wanderzeit in einer Schule oder am Arbeitsplatz erworbenen Fähigkeiten zogen häufig eine A. nach sich, wenn sie in der Schweiz nicht eingesetzt werden konnten. Viele Intellektuelle, Wissenschaftler, Theologen, Architekten, Händler und Financiers, Techniker und Facharbeiter machten an den europ. Höfen sowie an den Univ. und in der Geschäftswelt im Ausland Karriere - häufig vorübergehend, manchmal auch dauerhaft, wie im Falle der eingehend untersuchten A. nach Russland oder der A. nach Deutschland und Österreich. Einige Spezialisten wanderten in früheren Zeiten aus als andere, so z.B. die Handels-, Finanz- und Baufachleute. Die Handels- und Finanzemigration setzte im 14. Jh. ein: Genfer und Leute aus der Diözese Genf an der Kurie in Avignon sowie ein Jahrhundert später Händler aus der Diözese Lausanne waren am Mittelmeerhandel über den Hafen von Marseille beteiligt. Vom ausgehenden 15. Jh. an war die Schweizer Präsenz in Frankreich, später auch in anderen wirtschaftl. entwickelten Ländern stark, wobei wirtschaftl., finanzielle und militär. Interessen miteinander verflochten waren. Ab dem 16. Jh. lässt sich die Bildung schweiz. Handels- und Finanzkreisläufe feststellen, die sich in den folgenden Jahrhunderten rasch in allen Wirtschaftszentren Europas ausbreiteten. Im 18. Jh. expandierten Händler- und Techniker-Dynastien zunächst innerhalb von Europa, bevor sie sich vom 19. Jh. an auch in Übersee niederliessen.
Die A. im Bauwesen begann bereits im 12. Jh. mit der Präsenz von Tessinern in Mailand und der Lombardei. Im 14. Jh. arbeiteten Tausende von qualifizierten oder unqualifizierten Tessiner Architekten, Stuckateuren, Festungsbaumeistern, Steinmetzen, Maurern und Hilfsarbeitern auf sämtl. öffentl. Baustellen der grossen ital. Städte. In den folgenden Jahrhunderten bis zum 1. Weltkrieg emigrierten Tessiner in viele andere europ. Städte, wo sie, wie die Bündner Auswanderer, eine ganze Reihe von Berufen ausübten. Diese temporäre A. v.a. der kleinen Leute ist vor dem Hintergrund einer Gesellschaft zu sehen, in der Zusatzeinkünfte lebenswichtig waren. Sie konnte sich auf Saisonarbeit beschränken, betraf hauptsächl. Männer und junge Leute, manchmal aber auch Frauen und Kinder (Schwabengänger). Sie führte aus den Bergen ins Flachland nördl. des Rheins und in die Poebene, aber auch von einer Bergregion in eine andere. Die temporäre A. konnte auch ein oder mehrere Jahre dauern, wie im Fall der vorwiegend bündner. Zuckerbäcker und Kaffeehausbesitzer, die es in den grossen städt. Zentren Europas zu Wohlstand brachten.
Autorin/Autor: Anne-Lise Head-König / EM
Wie die Walserwanderungen im MA gehört auch die A. zur Neubesiedlung der im Dreissigjährigen Krieg heimgesuchten Landschaften, an der sich zahlreiche Schweizer beteiligten, zu den umfangreichsten Siedlungsauswanderungen. Allein im Elsass und in der Freigrafschaft Burgund wanderten zwischen 1660 und 1740 schätzungsweise 15'000-20'000 Personen aus der Schweiz zu; hinzu kommt eine grosse Zahl von in andere Reichsgebiete (Pfalz, Württemberg, Bayern, Brandenburg) Abgewanderten. An dieser A., die sich über einen sehr langen Zeitraum erstreckte, nahmen Einzelpersonen wie auch Fam. teil. Es handelte sich vornehml. um einfache Leute, häufig Landhandwerker und Bauern, die grösstenteils aus dem Aargau, Bern, Luzern und Zürich stammten und sich häufig am neuen Siedlungsort nach Religion oder Herkunftsort zusammenschlossen. Im 18. Jh. führte die Siedlungsauswanderung nach versch. Zielen, v.a. nach Mittel- und Osteuropa sowie in die brit. Kolonien Amerikas.
Mit dem wirtschaftl. Aufschwung ab der Mitte des 19. Jh. nahm die A. nach Übersee - v.a. nach Nordamerika (am Ende des 19. Jh. Ziel von fast 90% der Emigranten), Südamerika, in geringerem Masse auch auf andere Kontinente - neue Dimensionen an, wozu auch die Entwicklung der Transportmittel und die Aktivität der Auswanderungsagenturen beitrugen. 1851-60 wanderten rund 50'000 Personen nach Übersee aus, in den 1860er und 70er Jahren je 35'000 und 1881-90 über 90'000. 1891-1930 stabilisierte sich die Zahl der Auswanderer pro Jahrzehnt zwischen 40'000 und 50'000. In den 1930er Jahren sank sie auf wenige Tausend. Die Zahl der Schweizer Auswanderer und Niedergelassenen zweiter Generation in Europa ging in die Zehntausende (Auslandschweizer): 1850 rund 68'000, 1900 rund 170'000 (davon 87'000 in Frankreich).
In den Weltkriegsjahren 1914-18 kam die A. zum Stillstand. Anfangs der 1920er Jahre setzte sie erneut ein, brach jedoch bald wieder ab, da die USA in den 1930er Jahren Massnahmen zur Beschränkung der Einwanderung ergriffen und in der Folge weniger als 20% der Schweizer Überseeauswanderer aufnahmen. Nach 1945 veränderten sich die Formen der A. Seither ist sie meist temporär, wird vorwiegend zu Ausbildungszwecken oder aus berufl. Gründen und von Frauen und Männern gleichermassen unternommen (ca. 15'000 Personen seit dem Ende der 1980er Jahre).
Autorin/Autor: Anne-Lise Head-König / EM
Neben den persönl. oder familiären Beweggründen, die bei einigen Wanderungsformen (Bildungs- und Handelsemigration) eine entscheidende Rolle spielen, waren bei der militär. und der Siedlungsauswanderung sowie bei der A. der kleinen Leute drei Faktoren ausschlaggebend: Bevölkerungsdruck, Armut und Unterbeschäftigung. Das Missverhältnis zwischen Bevölkerungszahl und Ressourcen führte gemäss zeitgenöss. Berichten im 16. Jh. zu einer verbreiteten Verarmung. In den höher gelegenen Regionen brachte die Spezialisierung auf Viehzucht ab dem 15. Jh. eine chron. Unterbeschäftigung mit sich, der die Bevölkerung durch A. zu begegnen versuchte. Von der Mitte des 17. Jh. an lässt sich eindeutig feststellen, dass jede wirtschaftl., polit. und konfessionelle Krise Wanderungsbewegungen nach sich zog. Allerdings war die A. in den hügeligen Gebieten, in denen vom 16. bis 19. Jh. die Protoindustrialisierung vor sich ging, trotz der Bevölkerungszunahme weniger ausgeprägt. Die A. hatte dort hauptsächl. Ventilfunktion, wenn sich das Arbeitsangebot verringerte.
Auswanderungsströme wurden durch versch. wirtschaftl. Probleme ausgelöst, wie ein kurzer chronolog. Überblick veranschaulicht: fallende Agrarpreise nach dem Dreissigjährigen Krieg; Verschuldung und Konkurse in den 1690er Jahren; die Mangeljahre 1709-11, denen eine Ausreisewelle nach Ostpreussen folgte; Probleme in der Textil- und der Uhrenbranche in den 1770er Jahren; die kriegsbedingte allg. Verarmung zu Beginn des 19. Jh., die zur A. nach Russland führte, während in den Hungerjahren 1816-17 v.a. Lateinamerika Auswanderungsziel war; die Landwirtschaftskrise der 1840er Jahre, die zusammen mit den Umstrukturierungsproblemen in der Industrie die ersten Massenauswanderungen nach Amerika auslöste; schliessl. die Agrarkrise der 1870er und 80er Jahre, welche die Bauern nach Amerika und die Molkereispezialisten in die europ. Nachbarländer auswandern liess.
A. konnte aber auch die Folge von polit. Entscheidungen von Behörden oder einzelnen Personen sein, z.B. vor 1848, als sich die Schweizer Städte gegen die Landbevölkerung abschotteten, oder in den 1920er Jahren, als sich einige Dutzend Personen entschieden, in die UdSSR auszuwandern. Ein weiterer Faktor waren entwicklungshemmende polit. Strukturen: So emigrierten Tessiner noch im 19. Jh. in grosser Zahl, während im Tessin in einigen Branchen eingewanderte Arbeitskräfte aushelfen mussten. Dieses auch in anderen Regionen, z.B. im Wallis und Engadin, beobachtbare Phänomen erklärt sich durch die Entstehung einer neuen Wanderungsform in der 2. Hälfte des 19. Jh., welcher das Streben nach mehr Wohlstand zugrunde lag. Die Entscheidung für oder gegen die A. war nicht mehr bloss gleichbedeutend mit der Wahl zwischen Arbeit und Arbeitslosigkeit. Nun wurde auch die Art der Arbeit massgebend, und man entschloss sich zur A., um als unangemessen beurteilten Berufschancen zu entgehen. Eine solchermassen aufgrund von wirtschaftl. Überlegungen getroffene Wahl ist auch gegen Ende des 20. Jh. bei Landwirten festzustellen, die eine A. nach Übersee der Migration in die Städte vorziehen. Auf dieselben berufl. Gründe ist es zurückzuführen, dass noch zu Beginn des 20. Jh. ein erhebl. Teil der Auswanderer (rund 40%) aus ländl. Gegenden stammten.
Autorin/Autor: Anne-Lise Head-König / EM
Die kant. Behörden haben je nach Ort und Zeit höchst unterschiedl. Haltungen gegenüber der A. eingenommen. Das Spektrum reicht von der stillschweigenden Toleranz bis zum Verbot der A., von der staatl. Unterstützung der A. bis zur Abschiebung der Armen, die in einigen Kt. im grossen Stil betrieben wurde und zuweilen, wie in anderen europ. Ländern, einer Deportation gleichkam. Die Häufung von Mängeln und Missbräuchen in der Auswanderungspolitik und bei den Auswanderungsagenturen führte 1874 zur Schaffung eines Verfassungsartikels (Art. 34 BV), welcher die Bundesregierung ermächtigte, notfalls einzugreifen. 1880 trat ein Bundesgesetz in Kraft, das dem Bund die Überwachung der Auswanderungsagenturen übertrug.
Autorin/Autor: Anne-Lise Head-König / EM
Dass Männner bei allen Formen der A. aus der Schweiz bis ins 19. Jh. weitaus stärker als Frauen vertreten waren, erklärt sich durch ihre vielfältigeren berufl. Möglichkeiten und den räuml. ausgedehnteren Arbeitsmarkt sowie als Folge der städt. Zuzugsbeschränkungen für Männer. Der Wanderungsraum von Frauen beschränkte sich im Wesentlichen auf die Schweiz, da sie in den Städten, insbes. als Hausangestellte, leicht Arbeit fanden. Diese geschlechtl. unausgewogene Migrantenstruktur hatte zur Folge, dass in den Auswanderungsgebieten wie in den Schweizer Städten bis ins 19. Jh. ein Ungleichgewicht der Geschlechter bestand. Der beträchtl. Männermangel veränderte die Funktionsweise der Gesellschaft, z.B. die Rolle der Frauen in der Tessiner Landwirtschaft, und hatte eine dauerhafte Senkung der Heiratsziffer zur Folge, was sich dämpfend auf das Bevölkerungswachstum auswirkte. 1870 kamen z.B. im Maggiatal 288 20-24-jährige Frauen auf gerade 100 20-30-jährige Männer; 1900 waren 43,6% der 45-49-jährigen Frauen ledig. Ab der Mitte des 19. Jh. glich sich das Geschlechterverhältnis in der A. an, da einerseits infolge der Industrialisierung mehr Männer in der Schweiz blieben, andererseits mehr Frauen dank einer besseren Ausbildung im Ausland eine Stelle als Haushälterin oder Erzieherin fanden. Auch in der 2. Hälfte des 20. Jh. waren beide Geschlechter in etwa gleichem Masse an der A. beteiligt (seit dem Ende der 1980er Jahre je etwa 15'000 Schweizerinnen und Schweizer).
Autorin/Autor: Anne-Lise Head-König / EM
Die Zahl der Rückkehrer hängt stark von der Auswanderungsform ab. Zudem liefert die Schweizer Migrationsstatistik ab der Mitte des 19. Jh. und besonders im 20. Jh. ein erhebl. verzerrtes Bild, da bei den Rückkehrern auch Personen mit eingerechnet wurden, die einen Schweizer Pass besassen, aber nicht selber die Schweiz verlassen hatten, z.B. Russlandschweizer nach der Russ. Revolution. Bei der militär. A. schwankte die Rückkehrerzahl je nach Wirtschaftslage und Kriegsverlauf. So kehrten gegen Ende des 17. Jh., nach dem Massensterben auf den europ. Schlachtfeldern, nur wenige zurück, in der 2. Hälfte des 18. Jh. dagegen 30-40%. Bei der zivilen A. (ohne saisonale und temporäre A.) war die Rückkehrneigung bis zur um die Mitte des 19. Jh. geborenen Generation gering. In den untersuchten Kt. (z.B. Glarus, Zürich, Aargau) lag die Rückkehrerquote deutl. unter 10%. Dies lässt sich auf zwei für die Schweiz typ. Faktoren zurückführen: die Auswanderungsform und die schwierige Wiedereingliederung am Ursprungsort. Die Siedlungsauswanderung, die ab Ende des 18. Jh. häufigste Form, war mit einer niedrigen Rückkehrquote verbunden. Zudem standen der Rückkehr häufig lokalpolit. Hindernisse entgegen, namentl. die Heirat mit einer Ausländerin, die das von den Behörden verlangte Einzugsgeld nicht aufbringen konnte, sowie die von der Heimatgem. mit ihrer Finanzierung der Atlantik-Überfahrt verbundene Auflage des - meist endgültigen - Verzichts auf das Bürgerrecht. Ab der Mitte des 19. Jh. stieg die Zahl der Rückkehrer (1857-1924 betrug die Rückwanderungsquote aus Argentinien 40%). Hinzu kamen die Personen, die durch die polit. Umstände zur Rückkehr gezwungen wurden, z.B. die rund 6'000 Schweizer nach der Russ. Revolution.
Seit den 1930er Jahren ist die Zahl der Auswanderer und damit auch die der Auslandschweizer stark zurückgegangen. Deren Zahl betrug 1928 noch 350'000 und sank bis Anfang der 1980er Jahre auf rund 150'000. Dagegen ist die Zahl der Doppelbürger gestiegen (1966 ca. 130'000, 2000 406'000). Im 20. Jh. ist die Schweiz zum Einwanderungsland geworden, das seiner Bevölkerung genügend Beschäftigung und Nahrung bietet, was jedoch nicht ausschliesst, dass sich die Lage eines Tages wieder ins Gegenteil wendet.
Autorin/Autor: Anne-Lise Head-König / EM