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Ein neuer geografischer Atlas ordnet die Schweiz politisch ein. Als Basis dienen die eidgenössischen Abstimmungs-Ergebnisse der letzten 20 Jahre.
Das von zwei Zürcher Geografen geschaffene Werk veranschaulicht die Grenzlinien der hauptsächlichen politischen Konflikte des Landes.
Seit einigen Jahrzehnten begnügt sich die Geografie nicht mehr mit der Beschreibung der natürlichen Landschaft und dem Inventarisieren von Bergen, Seen und Flüssen. Immer öfter rücken das Soziale, der Mensch und sein Bezug zur Umwelt ins Zentrum des Interesses der Geografen.
Es verwundert deshalb kaum, wenn die Sozial-Geografen beginnen, ganz neue Karten der Schweiz zu zeichnen, in denen sich Ortschaften und Kantone nicht mehr an ihrem angestammten Platz befinden, und in denen sich die Städte in Berge und die Alpen in Flachland verwandeln.
In ihrem "Atlas der politischen Landschaften" nutzen Michael Hermann und Heiri Leithold geschickt das Instrumentarium der Kartografie, um die politischen Überzeugungen und Wertvorstellungen der Schweizer Bevölkerung bildlich darzustellen.
Aus der Studie der beiden Autoren vom geographischen Institut der Universität Zürich resultieren zwei neue Hauptlinien: Der Westen des Landes zum Beispiel wird zum Zentrum der politischen Linken, der Osten zum Zentrum der Rechten. Der Norden entspricht dem liberalen Geist, der Süden dem konservativen.
So betrachtet befindet sich Zürich eben westlich von Bern, und Genf liegt aus dieser Perspektive nördlicher als Basel.
20 Jahre Volksabstimmungen
Um die Schweiz sozialgeografisch zu "vermessen", stützen sich Hermann und Leuthold auf die Datenbasis aus den Ergebnissen von 184 Abstimmungen zu Volksinitiativen zwischen 1982 und 2002.
Laut den beiden Forschern führen solche Abstimmungsresultate nicht nur zu politischen Entscheiden, sondern dienen auch als kostbare Meinungsumfragen. Denn durchschnittlich zwei Millionen Menschen nehmen daran teil, und zwar anonym und repräsentativ.
Es stellt sich die Frage, weshalb man nicht einfach die Resultate der eidgenössischen Wahlen nutzt, aus denen klar und einfach die politische Färbung jeder Ortschaft oder jedes Kantons hervorgeht.
"Bei Wahlen basiert der Entscheid der Bevölkerung auf Persönlichkeiten oder Parteiprogrammen", erklärt Heiri Leuthold. "Bei Sachabstimmungen jedoch zeigt sich die Meinung Bevölkerung direkter und transparenter."
"Die Volksinitiativen reflektieren ausserdem eine thematisch viel grössere Bandbreite als jene, die von den Parteien während ihren Kampagnen benutzt wird."
Drei hauptsächliche Konflikte
Laut den beiden Sozialgeografen kristallisieren sich hauptsächlich drei Demarkationslinien in der Schweiz heraus: links-rechts, liberal-konservativ, ökologisch-technokratisch.
Auch 15 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer bleibt ein guter Teil der Schweiz immer noch entlang jener Konfliktlinien gespalten, die schon während der Zeit der Kalten Kriegs die ideologischen Demarkationslinien ausmachten.
"Klar zeichnet sich ein Konflikt entlang der Grundsatzthemen ab wie Sozialstaat, Marktwirtschaft, Verteidigung und öffentliche Sicherheit", hebt Leuthold hervor.
Aufgrund dieses Rasters positionieren sich beinahe die gesamte Welschschweiz und auch die italienische Schweiz links. Die deutschsprachigen Kantone andererseits füllen den rechten Raum aus, mit Ausnahme von Basel Zürch, Bern und Freiburg.
Links muss nicht weltoffen sein
Der Konflikt liberal-konservativ wiederum wird auf der Ebene Öffnung gegenüber dem Ausland, Integration der Ausländer, institutionelle Reformen sowie Vorschriften und Regelungen ausgetragen.
Auf den Karten zeichnen sich interessante Wirklichkeiten ab: Die Konfliktlinien links-rechts und liberal-konservativ verlaufen nicht gleich, sondern kreuzen sich.
"Die Rechte beispielsweise in den reichen Quartieren von Zürich zeigt sich liberal und weltoffen, wenn ihre wirtschaftlichen Interessen auf dem Spiel stehen", sagt Leuthold. "Die politisch linken Regionen hingegen bewegen sich in konservative Richtung, wenn es um Fragen der Staatsreform und staatliche Aufgaben geht."
Ähnlich steht es auch bei der Unterscheidung zwischen ökologischem oder technokratischem Denken, wenn man es mit rechts oder links über eine Leiste schlägt. "Politisch stark links denkende Regionen wie der Kanton Jura geben sich viel weniger umweltbewusst als gewisse Zürcher Gemeinden, die rechts wählen."
Graben zwischen Stadt und Land
Diese kartografische Radiografie zeigt auch zahlreiche wichtige Nuancen der Werte und Einstellungen der Bevölkerung in den verschiedenen Regionen.
Andererseits zeigt sich klar, wo die bestehenden Gräben durchlaufen: Der kulturelle Graben zwischen Regionen ("Röschtigraben") und der Stadt-Land-Graben. Dieser durchzieht vor allem die deutsche Schweiz.
"Heute zeichnet sich eine verstärkte Polarisierung ab. In der Städten konzentrieren sich liberale und links denkende Leute, während auf dem Land ein konservativer und eher rechts denkender Menschenschlag dominiert. Diese Schwelle beginnt schon in den Agglomerationen der Städte", sagen die beiden Sozialgeografen.
Und immer weniger wirkt sich die Umgebung selber auf die Denkweise aus. Wer früher auf dem Land geboren wurde, war fast schon vorgespurt, die politische Denkweise seiner Region zu übernehmen. Diese Konditionierung ist heute fast verschwunden, denn die Mobilität ist gewachsen und die Kommunikations-Möglichkeiten durchdringen alle Regionen.
"Die Unterschiede zwischen Stadt und Land sind darauf zurück zu führen, dass man sich heute, wenn auch vielleicht unbewusst, aufgrund seiner Wertvorstellungen und Sicht der Dinge auswählen kann, wo man wohnen will", bemerkt Leuthold.
swissinfo, Armando Mombelli
(Übertragung aus dem Italienischen: Alexander Künzle)
Fakten
Atlas der politischen Landschaften. Ein weltanschauliches Portät der Schweiz.
VDF Hochschulverlag der ETH Zürich
136 Seiten, 48 Fr.
In Kürze
Der Atlas enthält die Daten zu 184 Volksinitiativen, über die zwischen 1982 und 2002 abgestimmt wurde.
Die hauptsächlichen Unterschiede ergeben sich aus der Aufteilung zwischen links und rechts, liberaler und konservativer Einstellung, ökologischem und technokratischem Denken.
Die lateinische Schweiz, also die Romandie und das Tessin, positioniert sich klar linker als die Deutsche Schweiz. In diesen Kantonen ist man auch liberaler eingestellt.
In der Deutschschweiz, mit Ausnahme der Kantone Zürich, Basel, Bern und Freiburg, überwiegen eher rechtsliegende Positionen und konservative Werte. Ausgeprägter ist das das ökologische Gedankengut.
Der am klarsten ausgeprägte Graben, der der schweizerische politische Landschaft durchzieht, betrifft die Unterschiede im Denken zwischen Stadt und Land.