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In Uruguay zählt sie zu den populärsten Lyrikerinnen. Bei uns ist sie erst noch zu entdecken.
Wer ist Idea Vilariño? Ganz anders als in ihrem Heimatland ist die uruguayische Lyrikerin im deutschen Sprachraum unbekannt. Einen ersten Anlauf, diese lyrische Ikone hier vorzustellen, haben die rührigen Übersetzer Erich Hackl und Peter Schultze-Kraft 1994 im Salzburger Otto-Müller-Verlag unternommen. Aber das Buch wurde kaum beachtet und ist nicht mehr greifbar.
Die ergänzte und überarbeitete Auswahl «An Liebe», die nun in der langlebigen Bibliothek Suhrkamp vorliegt, wird wohl mehr Erfolg haben. Die Popularität der 1920 in Montevideo geborenen Idea Vilariño gründet - eine bemerkenswerte Ausnahme im Literaturgeschäft - allein auf ihren Gedichten. Die Öffentlichkeit hat sie stets gemieden, Preise abgelehnt, Interviews meist verweigert. Ihre Gedichte aber sind in aller Munde, vor allem «Los orientales», ein Lied gegen die Militärdiktatur von 1973-1985, das in der Vertonung von Pepe Guerra zur Hymne des Widerstandes wurde.
«An Liebe» enthält hingegen kaum politische Lieder, sondern Liebesgedichte, die auf ihre Weise nicht weniger intensiv gelesen wurden und werden. Viele von ihnen kreisen um ein Schlüsselerlebnis, nämlich das Ende einer Beziehung und die Einsamkeit nach der Trennung. (Der Geliebte war übrigens der uruguayische Schriftsteller Juan Carlos Onetti.) Der rätselhaft-schöne Titel der Ausgabe, der Wörter anklingen lässt wie «Andenken» oder «Anrede», heisst im Zusammenhang: «Ich möchte sterben / jetzt / an Liebe / damit du wüsstest / wie und wie sehr ich dich geliebt habe.»
In immer neuen Variationen benennt Vilariño den Schmerz, sie spricht mit dem Geliebten, erinnert ihn an veraltete Versprechungen, sie lässt ihre Hände den nicht mehr anwesenden Körper fühlen, beklagt die Armseligkeit, «ich» zu sagen, wo doch das «wir» verloren ist. Diese Motive sind alles andere als neu, sie bilden als Trias «Liebe, Einsamkeit, Tod» vielmehr das uralte Repertoire der Lyrik schlechthin. Doch obwohl man meint, das kenne man alles, haftet diesen Gedichten überhaupt nichts Repetitives, Routiniertes an. Präzis wirken sie, stimmig und - einfach. So, als könnte es gar nicht anders gesagt werden. «Ich kenne deine Zärtlichkeit / wie die Fläche meiner eigenen Hand. / Manchmal, zwischen zwei Träumen, fällt sie mir ein / als hätte ich sie schon einmal verloren.»
Gut, dass diese Ausgabe zweisprachig gestaltet ist: So kann man sich den Originalklang herbeirufen. Denn in freien Versen, wie die Übersetzungen suggerieren, ist das Original nicht geschrieben. Die beiden Königsversmasse im Spanischen sind der Sieben- und der Elfsilber. Und sie tauchen immer wieder auf, mal durch Zeilenumbrüche versteckt, mal ganz offensichtlich. Vilariño schreibt in einer langen Tradition spanischsprachiger Lyrik: Die Liebesgesänge des spanischen Barockdichters San Juan de la Cruz tönen ebenso nach wie die modernistische lateinamerikanische Lyrik des frühen 20. Jahrhunderts - die gerade in Uruguay und dem kulturell verschwisterten Argentinien eine ganze Reihe hervorragender Lyrikerinnen aufzuweisen hat. Verwurzelung und Originalität: Hier dürfte der Schlüssel der hohen Popularität liegen. Dem Nachwort ist zu entnehmen, dass Vilariños Verse sogar an Häuserwänden zu lesen waren.