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Alles beginnt in der Stadt Bern. Und alles endet dort 25 Jahre später, im Herbst 2017. Bern steht im Mittelpunkt der grössten Schweizer Hockeykarriere. Oder besser: der SC Bern. Was ja durchaus dem Selbstverständnis der Berner entspricht. Eine Würdigung.
Zu wenig kräftig. Zu wenig talentiert. Am Anfang von Mark Streits Karriere steht die Geringschätzung der Generäle des Schlittschuhclubs Bern, des SCB. Der amerikanische Sportdirektor Bill Gilligan schätzt in den 1990er Jahren den Junior Mark Streit als ungeeignet für eine Karriere in der höchsten helvetischen Spielklasse ein.
Bereits jetzt hätte diese Karriere zu Ende sein können. Doch Mark Streit, aufgewachsen im Berner Schosshalden-Quartier, wechselt auf Anraten seiner Eltern zu den Junioren des Berner Erzrivalen Fribourg-Gottéron. Hansjürg und Silvia Streit chauffieren ihren Buben nun zum Training nach Freiburg.
Er debütiert folglich im Herbst 1995 bei Fribourg-Gottéron in der NLA, reist übers Jahr weiter nach Davos. In den Bündner Bergen erhält er vom dortigen Trainer Arno Del Curto jene Grundausbildung, die es ihm ermöglichen wird, die beste Liga der Welt zu erobern. Doch das kommt später, viel später.
Annäherung an die grösste Liga
Aber Mark Streit will mehr als eine Karriere in der Schweizer Nationalliga NLA. Er will in die National Hockey League, kurz NHL. Die grösste, wichtigste, reichste, mächtigste, beste Eishockey-Liga der Welt. Dort verdienen die Stars in einem Jahr mehr als ein Schweizer daheim während einer ganzen Karriere. Dort gibt es Ende des letzten Jahrhunderts noch keine Schweizer Feldspieler. Nur Torhüter. David Aebischer und später Martin Gerber.
Die Schweizer gelten als zu weich, um eine Saison mit mehr als 100 Spielen durchzuhalten. Auch Mark Streits erster Anlauf scheitert in der Saison 1999/00. Er kehrt im Frühjahr 2000 ernüchtert in die Schweiz zurück. 2001 wird er Schweizer Meister mit den ZSC Lions, Captain der Mannschaft aus Zürich sowie Captain des Nationalteams.
Streit hat damit alles erreicht, was sich ein Schweizer Spieler seiner Generation erträumen kann. Seine Alterskollegen werden über dieses Niveau auch nicht hinauskommen. Andere Titanen seiner Generation, wie Reto von Arx, Michel Riesen, Goran Bezina, Julien Vauclair, Thomas Ziegler oder Reto von Arx haben nach dem ersten Versuch in Nordamerika aufgeben.
Fitnesstrainer auf eigene Kosten
Mark Streit gibt nicht auf. Er verstärkt seine Anstrengungen, engagiert und bezahlt im Sommer einen persönlichen Fitnesstrainer, um die Kraft und Härte für die NHL erarbeiten zu können. Im Herbst 2005 bekommt er bei den Montréal Canadiens seine zweite NHL-Chance – und packt sie.
Zwölf Jahre später kehrt er als reicher Mann in die Schweiz zurück. Er hat in der NHL mehr Geld verdient als jeder andere helvetische Hockeyspieler. Insgesamt 42,70 Millionen Dollar plus noch ein paar Millionen Handgelder bei den jeweiligen Vertragsunterzeichnungen in New York und Philadelphia.
Auch wenn die Hälfte davon durch Steuern verloren geht – er ist, als er Ende Oktober 2017 seinen Rücktritt erklärt, ein reicher Mann. Selbst wenn er ein Hallodri wäre, brächte er sein Vermögen bis ans Lebensende nicht durch. Er ist alles andere als ein Hallodri. Und er gilt als grösster Schweizer Hockeyspieler aller Zeiten.
Es gibt nur einen
Ist er das tatsächlich? Der Grösste? Oder vielleicht doch nicht? Können wir überhaupt die Spieler verschiedener Epochen miteinander vergleichen? Hat dieser oder jener nicht noch mehr Titel gefeiert? Mehr Skorerpunkte? Die interessantere Biografie? Kann einer der Grösste sein, der mit der Nationalmannschaft an einem Titelturnier nie eine Medaille gewonnen hat?
Bei einer sporthistorischen Einordnung von Mark Streit können wir solche Fragen ganz einfach mit einem Wisch vom Tisch fegen. Er ist der Grösste aller Zeiten. Ohne Wenn und Aber. Andere haben mehr Meisterschaften gefeiert, mehr Länderspiele bestritten. Und Mark Streit ist kein WM-Silberheld und er gehört auch nicht zum U20 WM-Bronzeteam von 1998.
Pionier und Wegbereiter
Aber bei Mark Streit geht es nicht um Statistiken, Titel und Medaillen. Diese Erbsenzählerei kommt bei seiner Karriere einer Beleidigung gleich. Seine hockeyhistorische Bedeutung liegt nicht in Rekordzahlen – auch wenn er bis heute von allen Schweizern am meisten NHL-Spiele bestritten hat (mehr als 800).
Sie liegt darin, dass er als erster neue Wege gegangen ist, dass er für eine ganze Generation Amerika erobert, dass er dadurch unser Eishockey von Grund auf verändert hat. Er ist ein Pionier. Also ein Wegbereiter. Ein Bahnbrecher. Erst Mark Streit hatte den Mut und die Beharrlichkeit, das Abenteuer zu wagen und zu bestehen.
Aufrichtigkeit, gelernt von Haus aus
Was macht Mark Streit sonst noch aus? Dazu gibt es eine Geschichte. Eine international tätige Berner Firma – sie existiert heute nicht mehr – hatte Millionenaufträge im benachbarten Ausland, und auf ihren Druckmaschinen wurde sogar die Wahrheit gedruckt: die Prawda in der ehemaligen Sowjetunion.
Ohne Schmiergeld lief in gewissen Ländern nichts. Solche Zahlungen konnten zu dieser Zeit noch als Geschäftsaufwand ganz legal verbucht werden. Ein Abgesandter dieser Firma überbringt weisungsgemäss einem hochrangigen ausländischen Firmenvertreter das Schmiergeld im Aktenköfferchen. Der honorige Herr, mit solchen Praktiken vertraut, bezahlt dem Überbringer aus Bern gleich einen Drittel bar zurück.
Der aber behält das Kick-back nicht für sich, wie das sonst in der Branche Brauch ist, sondern händigt es daheim seinem Arbeitgeber bis auf den letzten Rappen aus. Der Name des ehrlichen Mannes: Hansjürg Streit, der Vater von Mark Streit.
Das sind die Werte, die Mark Streit von Haus aus kennt und die er verinnerlicht hat: Geradlinigkeit, Ehrlichkeit, keine Tricksereien. So hält er es auch als Eishockeyspieler.
Gäbe es einen Hischier ohne Streit?
Als er es in Montréal geschafft hatte, war er nicht zufrieden. Er ging weiter, wurde 2008 Captain bei den New York Islanders. Zum ersten Mal wird dieses Ehrenamt, das in Nordamerika noch viel mehr Wichtigkeit und Prestige hat als bei uns, in der NHL einem Schweizer übertragen. Roman Josi, wie Streit ein Berner, wird 2017 der zweite sein. Später wird Mark Streit "Verteidigungsminister" in Philadelphia und schliesslich im Frühjahr 2017 Stanley-Cup-Sieger mit Pittsburgh.
Es passt durchaus, dass seine Karriere am gleichen Tag zu Ende geht, an dem die NHL-Laufbahn von Nico Hischier (18) beginnt, des ersten Nr-1-Drafts aus der Schweiz. Es ist ein Zufall mit grosser Symbolkraft: Mark Streit bestreitet sein letztes NHL-Spiel am 7. Oktober gegen Washington (1:6). Am gleichen Tag hat Nico Hischier gegen Colorado seine Feuertaufe in der NHL erlebt (4:1).
Gäbe es diesen kometenhaften Aufstieg von Nico Hischier, begleitet von einem riesigen Medien-Hype, ohne Mark Streit? Darüber lässt sich trefflich debattieren. Für mich ist klar: ohne Mark Streit kein Nico Hischier in der NHL. Ohne Mark Streit kein Luca Sbisa, kein Nino Niederreiter, kein Roman Josi oder kein Sven Bärtschi. Bei weitem nicht so viele helvetische Dollar-Millionäre in der NHL. Ohne Mark Streit hätten die Schweizer die NHL zwar auch erobert. Aber nicht so schnell und nicht so erfolgreich.
Inzwischen ist es nicht einmal mehr eine Schlagzeile wert, wenn wieder ein Schweizer sein erstes NHL-Spiel bestreitet. Aber einer musste vorangehen. Einer musste den anderen den Weg weisen. Amerika wäre zweifelsfrei auch ohne Christoph Kolumbus entdeckt und erobert worden. Die Schweizer hätten irgendwann auch ohne Mark Streit die NHL entdeckt und erobert. Aber eben viel später.
Selbstironie und feiner Humor
Mark Streit hat mit seinem Beispiel eine ganze Spielergeneration inspiriert. Und dabei ist er auch mit Dollar-Millionen auf dem Bankkonto freundlich, zuvorkommend und bescheiden geblieben. Bei allem Ehrgeiz hat er den feinen Sinn für Humor und Selbstironie bewahrt.
Was sein Beispiel an der Basis unseres Hockeys bewirkt hat, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wir können die moderne Geschichte unseres Hockeys in zwei Abschnitte aufteilen. In eine Zeit, bevor Mark Streit die NHL erobert hat. Und in eine Zeit, seit Mark Streit in der NHL Fuss gefasst hatte.
Aber wir haben die Frage noch nicht beantwortet, was auch sein Karriereende mit dem SC Bern zu tun hat. Er hat ja seine letzte Partie mit den Montréal Canadiens in Washington gespielt. Nun, im Herbst 2017 wird Mark Streit von den Montréal Canadiens vorzeitig aus den Diensten entlassen. Er hatte sich im Sommer 2017, wie jedes Jahr, gewissenhaft auf seine letzte Saison vorbereitet.
Beim Eintrittstest in Montréal erreicht er die viertbesten Testergebnisse. Er hat zwar einen Vertrag bis zum Ende der Saison. Aber die jungen Verteidiger in Montréal sind viel besser als erwartet, der Routinier wird nicht mehr gebraucht. Er kann, er muss gehen.
Keine Rückkehr des verkannten Sohns
Ja, es hätte Mark Streit gefreut, geschmeichelt, wenn ihn der SCB nun angefragt hätte, ob er denn nicht bis zum Ende dieser Saison noch in Bern verteidigen wolle. Wenn man für ihn sozusagen den roten Teppich ausgerollt hätte. Es wäre der schöne, der versöhnliche Abschluss einer grandiosen Karriere gewesen: Der verlorene, einst verkannte Sohn kehrt heim und bekommt von jenen, die ihn einst geringgeschätzt haben, doch noch die verdiente Anerkennung. Ein Hollywood-Karrierefinale.
Aber SCB-General Marc Lüthi denkt nicht daran, Mark Streit ins Team zu holen. Der Mann, der einst zu wenig gut war, um in den SCB aufgenommen zu werden, ist nun eine Nummer zu gross geworden für Bern. Im Inneren des grössten Hockeyklub des Landes hätte Mark Streits Charisma gestört.
*Klaus Zaugg schreibt seit 40 Jahren über das nationale und internationale Eishockey.
Mark Streit. – geb. 11. Dezember 1977. – 181 cm/87 kg. – verheiratet mit dem Fotomodell Fabienne Kropf, der ehemaligen Freundin von Töffstar Tom Lüthi. - Vater einer Tochter (Victoria). – Karriere: 820 NHL-Spiele (449 Punkte). – 499 NLA-Spiele (277 Punkte). – Schweizer Meister 2001 (ZSC Lions). – Stanley Cup-Sieger 2017 (Pittsburgh). – Captain der ZSC Lions, der Nationalmannschaft und der New York Islanders. – 13 WM- und 4 Olympia-Turniere für die Schweiz. – Welt Cup für Team Europa. NHL-Allstar-Game 2009. – Gesamtlohnsumme in der NHL (brutto): 42,70 Millionen Dollar/Schweizer Franken.Infobox Ende