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| Athanasius (295-373) - Vier Reden gegen die Arianer (Orationes contra Arianos)

Zweite Rede
44.
Das haben wir vor [der Erklärung] der Stelle aus den Sprichwörtern bisher durchgenommen1 und haben uns erhoben wider die unvernünftigen Wahngebilde aus dem Grunde ihres Herzens, damit sie einsehen, daß es sich nicht schicke, den Sohn Gottes ein Geschöpf zu nennen, und dann auch die Stelle in den Sprichwörtern richtig lesen lernen, die gleichfalls einen richtigen Sinn hat. Es steht also geschrieben: "Der Herr schuf mich als Anfang seiner Wege für seine Werke"2 . Da es aber Sprichwörter sind, und dies "sprichwörtlich" gesagt ist, so darf man den vorliegenden Ausdruck nicht einfachhin so auffassen, sondern man muß nach der Person suchen, und so in [aller] Gottesfurcht den Sinn ihr anpassen. Denn was in den Sprichwörtern ausgesprochen ist, ist nicht offen gesagt, sondern wird verschleiert verkündet, wie der Herr selbst im Evangelium des Johannes gelehrt hat, wenn er sagt: [S. 181] "Dies habe ich in Sprichwörtern zu euch geredet; es kommt aber die Stunde, da ich nicht mehr in Sprichwörtern zu euch reden werde, sondern offen"3. Man muß also den Sinn der Stelle enthüllen und nach ihm als einem verborgenen suchen, und man darf die Stelle nicht einfachhin so auffassen, als läge der Sinn erschlossen vor, damit wir nicht mit einer unrichtigen Erklärung von der Wahrheit abirren. Wenn sich nun das Geschriebene auf einen Engel oder sonst irgendein entstandenes Wesen bezieht, so mag der Ausdruck "er schuf mich" wie bei einem von uns Geschöpfen gebraucht sein. Wenn aber die Weisheit Gottes, in der alle entstandenen Dinge geschaffen worden sind, es ist, die von sich redet, was muß man anders denken, als daß sie mit dem Worte "er schuf" nichts anderes sagen will als "er zeugte". Und nicht als ob sie vergessen hätte, daß sie schöpferisch und wirksam sei, oder als ob sie den Unterschied zwischen dem Schöpfer und den Geschöpfen nicht kannte, zählt sie sich mit bei den Geschöpfen, sondern sie deutet einen gewissen Sinn wie in Sprichwörtern nicht offen, sondern verschleiert an. Diesen zu prophezeien, trieb sie die Heiligen an; sie selbst aber deutet bald darauf den Ausdruck "er schuf" mit einer Parallelstelle in andern Worten, wenn sie sagt: "Die Weisheit hat sich ein Haus gebaut"4. Offenbar aber ist das Haus der Weisheit unser Leib, den er annahm, als er Mensch wurde. Und mit Recht sagt Johannes: "Das Wort ist Fleisch geworden"5, und durch Salomo spricht die Weisheit mit Bedacht von sich selbst, nicht: "Ich bin ein Geschöpf", sondern nur: "Der Herr schuf mich als Anfang seiner Wege für seine Werke", aber nicht: "Er schuf mich, damit ich existiere", auch nicht, "daß ich Anfang und Ursprung eines Geschöpfes habe".
1: Πρὸ τοῦ ῥητοῦ Die von Kap. 18 bis hierher reichende Ausführung ist also gewissermaßen das Vorwort für die weitläufige Exegese von Sprichw. 8,22.
2: Sprichw. 8,22.
3: Joh. 16,25.
4: Sprichw. 9,1.
5: Joh. 1,14.