Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03565.jsonl.gz/3653

Als Italiener fühlte sich Gastone Bettini in der Schweiz stets akzeptiert. «Wir wohnten im ‹Chreis Cheib›». In den 1950er- und 1960er-Jahren seien die Italiener im Kreis 4 die vorherrschende Gruppe gewesen und hätten eine grosse Akzeptanz genossen.
«Natürlich fiel auch mal das Wort ‹Tschingg› oder ‹Soutschingg›, das war damals einfach so üblich».
Sein Vater war ein «Krampfer»
Gastones Vater kommt 1914 in die Schweiz, um sich dem italienischen Militärdienst zu entziehen. In Zürich schlägt er Wurzeln, er heiratet eine Italienerin, die er während eines Urlaubs an der Adria kennen gelernt hatte, und gründet eine Familie.
Sein Vater sei ein «Krampfer» gewesen, erinnert sich Gastone Bettini. Seine Brötchen habe er sich als Gemüsehändler verdient. Eine 5-Tage-Woche habe er nicht gekannt, er habe auch die Wochenenden im Büro verbracht.
Deshalb habe er ihn nur selten zu Gesicht bekommen und eigentlich kaum gekannt. «Mittags kam er nach Hause, ass schnell seine Pasta, machte einen Mittagsschlaf und ging wieder ins Büro». Auch zur Mutter habe er keine herzliche Bindung gehabt, da sie sehr zurückhaltend gewesen sei.
Zur physischen und emotionalen Abwesenheit seiner Eltern, meint Gastone Bettini nur: «Das war zu der Zeit einfach so, nicht nur bei mir, sondern auch bei meinen Kollegen. Die Beziehung zu den Eltern war damals einfach distanzierter».
Schul- und Glaubensunterricht
Viel Raum in Gastone Bettinis Lebensgeschichte nimmt die Schulzeit ein. Wie die meisten in Zürich lebenden Italiener, besucht auch er die italienische Schule. In der Missione Catholica Italiana wird er im katholischen Glauben unterrichtet. Die italienische Schule wurde vom damals faschistischen Staat Italien finanziert. Sein Vater habe dem Faschismus zu jener Zeit zwar schon lange den Rücken gekehrt gehabt, trotzdem habe er ihn in diese Schule schicken müssen, denn sonst hätte er keinen italienischen Pass erhalten.
Das Salutieren war uns peinlich.
Der Schuldirektor sei ein Faschist par excellence gewesen, erinnert sich Bettini. «Er verlangte von uns Schülern, dass wir ihn mit dem Hitlergruss grüssen, wenn wir ihm auf der Strasse begegnen. Wer es nicht tat, wurde in das Büro des Direktors zitiert und bekam ein paar Schläge mit dem Lineal auf die Finger. Ich habe das persönlich erlebt.» Das Salutieren sei ihnen peinlich gewesen, sagt Gastone Bettini. Schliesslich hätten sie in einem Quartier gelebt, in dem es viele Sozialisten gab, die in Genossenschaftswohnungen lebten.
Berufsleben in der Reisebranche
Er sei ein fauler Schüler gewesen, gibt Gastone Bettini offen und ehrlich zu. «In der Mathematikstunde rief der Lehrer einmal ganz laut meinen Namen. Ich sass in der hintersten Bank und erwiderte sofort ‹Ich habe nichts getan›, worauf der Lehrer sagte, genau das sei das Problem, dass er überhaupt nichts tue.»
Seinem beruflichen Werdegang macht das aber keinen Abbruch. Gastone Bettini studiert Wirtschaftswissenschaften, arbeitet danach im Reisebüro der Bank Leu, wird Vorgesetzter von 50 Mitarbeitern. Mit 60 Jahren wird er frühzeitig pensioniert, da die Bank Leu den Reisebereich an Kuoni verkauft. Gastone Bettini bleibt der Reisebranche aber auch nach seiner Pensionierung treu. Er unterrichtet beim Kaufmännischen Verband und in der Reisefachschule Aarau angehende Reisebüro-Mitarbeiter.
Gastone Bettini war 54 Jahre lang verheiratet und hat zwei Söhne und eine Tochter. Seine Frau Bruna starb vor vier Jahren. Seither führt der 85-jährige Rentner seinen Haushalt in Zürich alleine.