Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03466.jsonl.gz/1741

Eigentlich wollte Joe Biden nur zwei Publikumsfragen beantworten. Doch dann erklärt er sich nach seinem Auftritt auf dem Campus einer Universität in Conway (South Carolina) spontan dazu bereit, etwas länger zu bleiben. Er werde sich auf «Ja»- oder «Nein»-Antworten beschränken, verspricht der Präsidentschaftskandidat der Demokrat. Aus dem Publikum ist Gelächter zu hören. Denn Biden ist für vieles bekannt, aber sicherlich nicht für seine Kurzatmigkeit.
Und tatsächlich: Als ein junger Mann von ihm wissen will, ob er denn ein Rezept gegen die Überbevölkerung armer Länder habe, beginnt Biden einen Exkurs, der fast 20 Minuten dauert – und irgendwie schafft er es dabei, sexuelle Gewalt gegen Frauen in klaren Worten zu verurteilen, ein neues afrikanischen Land zu erfinden («Zambisia») und einen Kurzvortrag über die japanische Wirtschaftspolitik zu halten, ohne dabei die gestellte Frage zu beantworten.
So ist Biden eben. Und natürlich wird sich der Ex-Senator und ehemalige Vize von Präsident Barack Obama im Wahlkampf 2020 nicht mehr ändern. Aber vielleicht ist diese Beständigkeit dafür verantwortlich, dass Biden derzeit Rückenwind verspürt. Nach enttäuschenden Resultaten bei den Vorwahlen in den Bundesstaaten Iowa und New Hampshire, und einem zweiten Platz in Nevada, gilt er bei der heutigen Wahl in South Carolina als klarer Favorit.
Kann er Trump besiegen?
Ein Grund für dieses späte Hoch? «Joe kann Trump besiegen.» Diese pointierte Aussage stammt von Mike Walter – einem Pensionär, der sich an diesem Februarabend die Ausführungen des ehemaligen Vizepräsidenten interessiert anhört. Walter spricht aus, was viele Demokraten denken: Mag sein, dass Biden über die Jahre hinweg Glanz einbüsste, aber im direkten Duell mit Amtsinhaber Donald Trump hat er in den Augen der meisten Politbeobachter immer noch die besten Karten.
Der andere Grund für den aktuellen Biden-Boom: Seine Verbundenheit mit dem demokratischen Fussvolk, das in South Carolina mehrheitlich eine dunkle Hautfarbe besitzt. Den grössten Applaus erhält der ehemalige Vizepräsident während seines Auftrittes immer dann, wenn er Barack Obama erwähnt, den ersten schwarzen Präsidenten Amerikas.
Das Publikum ist begeistert
Nur folgerichtig deshalb, dass ein Wähler wissen will, ob Biden sich vorstellen könne, Michelle Obama, die Gattin des Ex-Präsidenten, zu seiner Nummer zwei zu ernennen. Biden sagt nicht Nein, weist aber auch darauf hin, dass die Obamas froh darüber gewesen seien, nach acht Jahren im Weissen Haus aus dem Scheinwerferlicht zu treten. Egal: Das Publikum ist über diese Idee begeistert.
Und vielleicht reicht dies ja bereits, damit Biden im Vorwahlkampf wieder Fuss fasst, sozusagen in letzter Minute. Denn am Dienstag ist «Super Tuesday» und in mehr als einem Dutzend Bundesstaaten stehen Vorwahlen an.