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Besuchte man eines der zwölf Konzerte der «04 Summer Tour», empfahl es sich, zeitig zu kommen. Eine halbe Stunde vor Konzertbeginn traten Trapezkünstler auf der Bühne auf und führten in Kostümen der Belle Epoque akrobatische Einlagen auf, als wäre man im Cirque du Soleil. Begleitet wurden die Akrobaten von Freelance Hellraiser, der für die 25 minütige Show 9 Songs von Paul remixen konnte.
Obwohl es Remixe waren, gefielen sie, denn die eigentlichen Songs waren noch erkenntlich. Die Gitarre und das Klavier waren das Hauptinstrument des Remixers. Freelance Hellraiser verzichtete auf billige Techno- oder Dance-Beats, so dass man deshalb gut den Begriff retouched verwenden kann, den Yello bei einigen ihrer sanfteren Remixes verwenden. So wünschte sich männiglich, als er die Remixes live hörte, dass Paul diese neuen Versionen veröffentlichen würde. Ein Jahr nach der Sommertour war es mit dem Album «Twin Freaks» soweit, das Paul unter dem Nom de Plume «Twin Freaks» veröffentlichte.
vom Bootlegger zum offiziellen Tour DJ
Doch wer ist Freelance Hellraiser, der Zugang zu McCartneys Originalbändern erhalten hatte? Roy Kerr heisst er bürgerlich. 2002 machte er sich einen Namen, als er «Genie In A Bottle» von Christina Aguilera mit «Hard To Explain» von den Strokes mixte. Sein Konzept von inoffiziellen Remixes aus zwei verschiedenen Songs einen neuen zu kreieren, wurde zu einem Phänomen, das weit über den musikalischen Underground Aufmerksamkeit gewann. Da diese Technik weit über das klassische remixen hinausging, erhielt sie den Übernamen Mash-Up.
Experimentell veranlagt war Paul bereits in den 60er-Jahren, seit «Goodnight Tonight» (1979) liess er seine Singles immer wieder remixen, so u.a. die Hits «Say Say Say» oder «Hope Of Deliverance». In den 90er-Jahren startete Paul mit Martin Glover, besser bekannt als Youth, sein Trance- und Ambient-Projekt The Firemen. Wie McCartney auf Kerr aufmerksam wurde, ist nicht überliefert, doch er kontaktierte den jungen DJ. «Verschiedene Leute wie Radioslave haben Bootlegs von Pauls Sachen hergestellt. So wurde sein Interesse geweckt, einen DJ für den Start seiner Konzerte zu engagieren», erzählt Roy Kerrs über die Entstehung ihrer Zusammenarbeit. So begann Paul seine Fühler nach einem DJ auszustrecken und kontaktierte Kerrs Manager. «Ich glaubte zunächst an einen Scherz und dachte, dass nichts aus dieser Zusammenarbeit werden würde.» Dennoch stellte Kerr eine neunminütige Mix-CD mit den Songs, die er von Paul mochte zusammen. «Eines Tages klingelte mein Telefon und Paul war dran. Ich fühlte mich wirklich geehrt, dass er mein Tape mochte. Das war es.»
Nicht nur Paul, auch dem Publikum gefielen die Mixe. «Diejenigen unter euch, die unsere Europa Tour besucht haben, werden unseren DJ, Freelance Hellraiser gehört haben, wie er einige Mixe kochte, ehe wir auf die Bühne gekommen sind. Seither haben sich die Leute immer wieder nach diesen Remixes bei erkundigt», schreibt Paul im Begleittext zum Album. «Die gute Nachricht ist, dass er ein Album mit dem Titel ‹Twin Freaks› aus Fragmenten von meinen Original Multitrack-Bändern zusammengestellt hat. Wir hoffen, dass es eure kleinen Baumwollsocken rocken wird.»
Neues aus Archivschnipseln
Es überrascht nicht, dass Kerr «Temporary Secretary» und «Darkroom» von «McCartney II» überarbeitet hat. Beide Songs stammen von Pauls experimentellstem Album, worauf er sich mit dem Synthesizer anfreundete. Kerr griff von den beiden Duetten mit Steve Wonder das funkigere, aber unbekanntere «What's That You're Doing?» auf (das zweite war bis dato «Ebony And Ivory»).
Schön waren sie, die 14 Konzerte der 04 Summer Tour. Zu Konzertbeginn legte Freelance Hellraiser seine Remixes auf. – Foto: paulmccartney.com
So mixte sich Freelance Hellraiser munter durch Pauls Solokarriere und verwendete oft unbekanntere Songs wie «Mumbo» von «Wild Life» (1971) oder die Single-B-Seite «Oh Woman, Oh Why?». Den bluesrockigen Song von 1971 vermischte wieder in der Mash-up-Technik mit Versatzstücken von «Venus And Mars» und dem Gitarrensolo von «Band On The Run» und schuf so ein völlig neues Klangspektrum. «Morse Moose And The Grey Goose» von «London Town» wurde nach demselben Rezept mit «Coming Up» zusammengemischt und ergibt eine interessante Alternativ-Version von Pauls 1980er-Hit.
«Coming Up» war nicht der einzige Hit, den Freelance Hellraiser bearbeitete, als unkaputtbar stellte sich «Maybe I'm Amazed» heraus. Jedoch musste «Live And Let Die» musste zu viele Federn lassen. Ständig wird die Zeile «When you were young» wiederholt, so als ob die Schallplatte einen Sprung hätte.
«Twin Freaks» wurde vor seiner Veröffentlichung im Juni 2005 bereits an bekannte DJs verteilt. Als erste Single wurde «Really Love You» von «Flaming Pie» (1997) ausgekoppelt. Bildete das Album einen fünfzigminütigen Exkurs durch McCartneys Solokarriere, ist der neue Song und die Single B-Seite «Lalula» dasselbe im Miniformat und verwendet neben dem Riff aus «Oh Woman, Oh Why?» jenes aus «Spin It On» von «Back To The Egg».
Wortspielereien und limitierte Singles
Für das Cover verwendete Paul das gleichnamige Gemälde «Twin Freaks», das er 1990 gemalt hatte. Mit 40 Jahren begann er zu malen. Sein Malstil erinnert an Willem de Kooning, mit dem Paul befreundet war. Das Bild zeigt neben den beiden Freak- oder Voodoo-Masken stilisierte Porträts, in denen unschwer seine damalige Frau Linda und er zu erkennen sind. Somit wird der Titel mit den Zwillingsspinnern zu einem doppelten Wortspiel, das sich nicht nur auf McCartney und Kerr bezieht, sondern auch auf Paul und Linda, deren Lebensstil in den frühen 70er-Jahren doch ziemlich ausgeflippt war.
Paul und Willem de Kooning posieren 1984 vor einem Gemälde. Der Künstler war ein enger Freund der Familie McCartney. – Foto: Linda McCartney
Sowohl «Twin Freaks» als auch «Really Love You» erschienen 2005 nur auf Vinyl und als Download im Windows Media Audio Format WMA, was schon damals gegenüber dem MP 3 und iTunes das falsche Format war. Die Single «Really Love You» erschien limitiert auf 500 Stück, die zweite Auskoppelung, «What's That Your're Doing?» gar noch in einer Auflage von 200 Exemplaren. Seit 2012 ist «Twin Freaks» digital im iTunes-Store und bei Amazon erhältlich.
Rezeption
Freelance Hellraiser begleitete McCartney auch zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von «Twin Freaks» auf seiner «US Tour» im Sommer 2005. Die Veröffentlichung des Albums schlug zwei Fliegen mit einer Klapp:. Das Interesse für das im September erscheinende Album «Chaos And Creation In The Backyard» wurde geweckt. Und zumindest die Fans von Paul konnten sich an das Remixkonzept, aus zwei oder mehr Songs einen neuen zusammenzumischen, gewöhnen. Das 2006 erschienene Beatles-Album «Love», das den Soundtrack zur gleichnamigen Show des Cirque du Soleil bildete, war von George und Gilles Martin nach dem Mash-Up Rezept neu gekocht worden.
Da «Twin Freaks» unter einem Pseudonym veröffentlicht wurde, war ihm derselbe Erfolg beschieden, wie den anderen Veröffentlichungen, die Paul unter einem Nom de Plume veröffentlicht hat, beispielsweise als Thrillington, The Country Hams, oder Suzy And The Red Stripes.Weder die Single «Really Love You» noch das Album konnten sich irgendwo auf der Erde in den Charts platzieren. Doch macht man als Künstler solche freakigen Dinge nicht auch bloss wegen dem Spass an der Freude?
Nochmals gross und in Farbe, das Cover von Twin Freaks, ein Gemälde von Paul von 1990, das neben den Masken ihn und Linda zeigt.

Tracklist:
Really
Love You
Long Haired Lady (Reprise)
Rinse The Raindrops
Darkroom
Live And Let Die
Temporary Secretary
What's
That You're Doing?
Oh Woman, Oh Why?
Mumbo
Lalula
Coming Up
Maybe I'm Amazed
Roy Kerr alias Freelance Hellraiser (2006). Das Foto ist dem berühmten Cover von «With The Beatles» (1963) von Dezo Hofmann nachempfunden.