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Basel-Stadt: Reformation à la Humanismus
Im Oktober 1515 kommt Johannes Oekolampad aus Weinsberg (1482–1531) in die weltoffene Handelsstadt Basel. Wie viele Gelehrte wird auch er angezogen von der Universität, den aufstrebenden Buchdruckereien und dem reformgesinnten Bischof. Oekolampad beherrscht wie nur wenige die biblischen Sprachen Hebräisch und Griechisch. Er kommt mit einem Empfehlungsschreiben an Erasmus von Rotterdam (1466–1536).
Der war gerade dabei, mit dem Drucker Johannes Froben ein Neues Testament herauszugeben, das den ersten gedruckten griechischen Text in der Originalsprache enthalten sollte. Dazu mussten die Basler byzantinische Handschriften nochmals textkritisch bearbeiten. Eine neue lateinische Übersetzung war schon vorbereitet und Anmerkungen, die den Lesern eine wissenschaftliche Grundlage für ihre Auslegung boten.
Oekolampad wird sofort als Helfer engagiert. Er sollte die Anmerkungen auf die Korrektheit der Glaubenslehre überprüfen, hebräische Zitate kontrollieren und den Satz des griechischen Textes überwachen. Im Februar 1516 verliess das «Novum instrumentum» die Presse. Einleitungsschriften riefen zu Bibellektüre und -übersetzungen in die Volkssprachen auf. Sie boten eine Methodik für eine neue, nicht lehrhafte, sondern auf sorgfältiger Textauslegung beruhenden Theologie.
Erasmus verstand das neutestamentliche Zeugnis von Gottes Kommen in die Welt als eine das Leben verändernde Heilsbotschaft. Mit der Bibel wollte er Kirche und Gesellschaft reformieren. Oekolampad war begeistert: Der grosse Erasmus, erklärt er, biete in dem Folioband einen Festschmaus evangelischer Lehre. Das werde Bildung und Frömmigkeit der Leser entschieden fördern. Der alte Text glänze wieder neu wie zu Zeiten der Apostel.
Begeisternder Reformator
Nachdem er sein Doktorexamen abgelegt hatte, verlässt Oekolampad Basel, nicht ohne einen neuen Auftrag von Erasmus im Gepäck. Er soll das Verzeichnis für die Ausgabe des Kirchenvaters Hieronymus (347–420) erstellen, eine mühsame, aber nützliche Arbeit. Oekolampad wird sein Leben lang Kirchenväter studieren, übersetzen und herausgeben. Wie kein anderer Reformator lässt er sich im Sinne des Humanismus von den Kirchenvätern prägen. Dazu treten jetzt neue Einflüsse auf. Schriften von Martin Luther (1483–1546) beunruhigen Oekolampad.
Verunsichert tritt Oekolampad in ein Kloster ein. Hier ist er bald mit seinen Ansichten von Erasmus und den lutherischen Ideen nicht mehr tragbar. Er flieht zum erklärten Lutheranhänger Franz von Sickingen (1481–1523) und nach dessen militärischer Niederlage im November 1522 weiter nach Basel. Auch Erasmus, nach Luthers Verurteilung 1521 als Urheber des neuen Irrglaubens verschrien, hatte in Basel Schutz gesucht. Von hier aus bittet Oekolampad Huldrych Zwingli (1484–1531) um Freundschaft. Als dieser 1523 den Zürcher Rat in einer Disputation von seinen Ideen überzeugen und daraufhin in Zürich seine Reformation zügig durchführen kann, will auch Oekolampad nicht zurückbleiben.
Der Doktor der Theologie beginnt mit Vorlesungen an der Basler Universität über den Propheten Jesaja. Ganz im Sinne des Erasmus, hält er sich bei seinen Ausführungen an den hebräischen Originaltext. Anschliessend legt er die Texte auch für die Stadtbewohner auch auf Deutsch aus. Der Zulauf ist enorm. 400 Hörer soll er gehabt haben. Bald kann Oekolampad, erst als Vikar, dann als Leutpriester von St. Martin den Gottesdienst umgestalten. Er wird die überkommene lateinische Messe durch eine deutsche Abendmahlsfeier mit Brot und Wein ablösen. In Predigten weist er die Gemeinde weg vom Heiligen- und Bilderkult hin auf Christi Heilswerk.
Er führt, anders als Zwingli, deutschen Kirchengesang ein. Es geht ihm um eine innere Wandlung, ein Reifen und Wachsen im Glauben. Die Laien nimmt er als Menschen und Gläubige ernst. Die Papstkirche und ihr Sakramentsverständnis lehnt Oekolampad ab. Wie für Zwingli, so ist auch für ihn das Abendmahl eine symbolische Erinnerung an Christi Tod.
Im Glauben zerstrittene Stadt
Aber Oekolampad hat nicht wie Zwingli eine ungeteilte Obrigkeit hinter sich. Die Stadt ist zerstritten. Es kommt zu gewaltsamen Übergriffen und die Bauern beginnen sich zu erheben. Da bitten die Ratsherren Ende 1524 den vermittelnden Erasmus um ein Gutachten. Er rät zu Gewissensfreiheit und Neutralität. Daraufhin setzen die Stadtväter eine, wenn auch brüchige, gegenseitige Toleranz der Glaubensrichtungen durch. Sie hält bis ins Jahr 1528.
Nach der 1529 von bewaffneten Zünftern erzwungenen, einheitlichen reformatorischen Konfession und Sittenzucht, herrscht auch in Basel erbarmungslose Unduldsamkeit. Täufer werden hingerichtet, Andersgläubige vertrieben. Erst die Neueröffnung der Universität 1532 bringt der Humanisten- und Druckermetropole bis in die 1580er-Jahre eine gewisse innerprotestantische Grosszügigkeit, die einigen Glaubensflüchtlingen Platz bietet. Es folgt auch in Basel eine Zeit konfessioneller Enge. Erst die Basler Aufklärer knüpften wieder an das humanistische Erbe an.
Christine Christ-von Wedel, Kirchenbote, 22.2.2017