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Robert J. Shiller gehört zu jenen wenigen Menschen, die mit grosser Standhaftigkeit gegenüber dem jeweiligen Zeitgeist aufrichtig nach Erkenntnis suchen. Das zeigt das Werk des Ökonomen. Während die ökonomische Mehrheitsmeinung Anfang der 2000er Jahre der angeblichen Rationalität von Märkten und der New Economy huldigte, veröffentlichte Shiller ein Buch mit dem deutschen Titel «Irrationaler Überschwang» – und zeigte nüchtern auf, wieso in absehbarer Zeit erst eine Börsenbaisse und später eine gewaltige Finanzkrise zu erwarten sein würden. 2012 wiederum, als Abscheu gegen die Finanzwirtschaft und Wut auf ihre Vertreter en vogue waren, hielt Shiller wieder dagegen. In «Märkte für Menschen» warnte er davor, die Finanzwirtschaft selber statt falsche politische Entscheide für die Krisen der letzten Jahre verantwortlich zu machen. Statt die Finanzwirtschaft zu verteufeln, so Shillers Argument, sollten Menschen Regeln und Anreize schaffen, die dafür sorgen, dass die Finanzwirtschaft öfter zum Wohle der Menschheit eingesetzt wird.
Wie grundsätzlich Shillers Anspruch ist, zeigt der amerikanische Originaltitel seines Werks «Finance and the Good Society». Zu einer guten Gesellschaft beitragen – nichts Geringeres als das sollte und könnte die Finanzwirtschaft in Shillers Augen tun.
Herr Shiller, wenige Jahre nach der schlimmsten Finanzkrise der Neuzeit verteidigen Sie den angeschlagenen Ruf der Finanzwirtschaft. Sie liefere mächtige Werkzeuge zur Bewältigung menschlicher Probleme. Was meinen Sie konkret damit?
Ein Anschauungsbeispiel aus der Geschichte ist der «Zehnte» der Juden und Christen, «Zakat» für die Muslime. Er verpflichtete Menschen dazu, einen Zehntel oder anderen festen Teil ihres Einkommens an die Gemeinschaft abzugeben – eine Idee, die den Grundstein legte für unsere heutigen Steuersysteme. Das ist eine Finanzinnovation. Wenn sie konsequent für alle gilt, ist sie eine Absicherung gegen das Risiko der Einkommensungleichheit. Andere Beispiele wären Versicherungen gegen spezifische Risiken wie Feuer oder Tod.
Entsprechend stellen Sie fest, die Welt brauche nicht weniger, sondern mehr Finanzinnovationen. Warum?
Die Einkommensungleichheit nimmt auf der ganzen Welt stark zu. Ein gewisses Mass an Ungleichheit ist eine gute Sache, weil Menschen, die hart arbeiten und vieles erreichen, einen angemessen hohen Lohn ernten sollen. Es muss Anreize geben dafür. Willkürliche, unverdiente Ungleichheit hingegen ist alles andere als hilfreich. Es ist nicht gut, wenn junge Menschen aufhören, in ihre Bildung zu investieren, weil sie nicht mehr daran glauben, in der Zukunft einen Job zu finden. Wenn wir es versäumen, auf diese Art der Ungleichheit zu reagieren, schaffen wir das exakte Gegenteil von sinnvollen Anreizen. Wir müssen junge Menschen dabei unterstützen, in Bildung zu investieren. Das bedeutet beispielsweise, sie vor unvorhersehbaren Nachfrageänderungen im Arbeitsmarkt zu schützen.
Finance habe das Potenzial zu «aufrichtiger Schönheit», schreiben Sie in «Finance and the Good Society». Wo finden Sie diese Schönheit?
Die Gesellschaft kann Institutionen schaffen, die Menschen erlauben, ihr wahres Potenzial zu entfalten, ohne ständige Angst vor dem Unbekannten. Das ist eine wunderschöne Idee. Persönlich finde ich auch Mathematik schön, und die Kerngedanken des Risikomanagements werden in der Sprache der Finanzmathematik ausgedrückt.
«Willkürliche, unverdiente Ungleichheit ist alles andere als hilfreich.»
Sehen Sie heute Innovationen in der Finanzwirtschaft, die genau das tun?
Ein Beispiel sind Social Impact Bonds, auch wenn die noch ziemlich neu sind. In England hat das Gefängnis von Peterborough 2010 und 2015 Anleihen herausgegeben, deren Erfolg von der Rückfallquote entlassener Insassen abhing. Damit sollten Anreize zu sozialer Arbeit geschaffen werden, die Ex-Häftlinge vor einer Rückkehr in die Kriminalität abhalten sollte. (Red.: Die Investoren, mehrheitlich grössere Stiftungen, erhielten eine Rendite, falls die Rückfallquote der entsprechenden Gruppe früherer Strafgefangener tatsächlich niedriger war als die Rückfallquote vergleichbarer Gruppen.) Der Abschlussbericht stellte fest, dass es zumindest Anzeichen auf einen Erfolg gibt. Mit zunehmender Erfahrung wird sich die Technologie hinter solchen Anleihen mit Sicherheit noch weiter verbessern.
Ein Vorschlag von Ihnen selbst sind Derivate, die an das Bruttoinlandsprodukt gekoppelt sind. Genau das haben mehrere Autoren im Umgang mit der griechischen Schuldenkrise vorgeschlagen, weil es die Interessen der griechischen Bevölkerung mit denen der Investoren in Einklang gebracht hätte. Warum ist das nie zustande gekommen?
Nun, so alt wie die Idee des Zehnten ist, so neu ist die Idee des Bruttoinlandsproduktes. Wir haben es in der Mitte des letzten Jahrhunderts überhaupt erst «erfunden». BIP-Anleihen würden es möglich machen, dass mehrere Staaten oder auch Staaten und Investoren gewisse Risiken gemeinsam tragen – so wie beim Zehnten mehrere Individuen Risiken gemeinsam tragen. Solche Konzepte brauchen Zeit, um sich durchzusetzen. Glücklicherweise scheint das Interesse daran inzwischen beachtlich zu sein. Die Bank of England beispielsweise lud kürzlich zu einer Konferenz, die die Möglichkeit genau solcher Bonds zum Thema hatte. Das zeigt, dass Bewegung in die Sache gekommen ist.
Welches System, welche Anreize braucht es, damit die Finanzwirtschaft noch stärker zum Wohl der Gesellschaft wirkt?
Die Finanzkrise hatte verschiedene Ursachen. Aber eine der wichtigsten war die irrige Überzeugung, dass Finanzmärkte nur minimaler staatlicher Eingriffe bedürften. Die Finanzmärkte waren einst stark reguliert. Doch das Zeitalter vor der Krise war geprägt von zunehmender Nonchalance im Umgang mit Regeln. Und mit Regeln meine ich nicht nur staatliche Vorschriften, sondern auch freiwillige Selbstregulierung der Unternehmen, das Setzen hoher ethischer Standards.
Sie plädieren wieder für strengere Regulierung?
Regulierung ist ein anspruchsvolles Thema, es gibt da keine einfachen Antworten. Klar ist: Menschen müssen finanziellen Abmachungen vertrauen können. Die Aufgabe von Regulierung ist es, manipulative und täuschende Praktiken auffliegen zu lassen. Wo das nicht geschieht, entstehen Probleme.
Was muss sich ändern?
Als Erstes sollten wir wieder anerkennen, dass Regulatoren einen wichtigen Job machen. Die Gründer der Aufsichtsbehörde FDA sind für mich Helden, auch wenn sie keinen Ruhm und Ehre geniessen. Wir sollten die Regulatoren wieder mit mehr Ressourcen ausstatten, damit sie hochqualifizierte und motivierte Leute einstellen können. Wir sollten ihnen die Möglichkeit geben, gute Leistungen zu erbringen.
«Die Aufgabe von Regulierung ist es, manipulative und täuschende Praktiken auffliegen zu lassen.»
Wechseln wir nun auf die Seite der Investoren. Viele Menschen wollen ihr Geld so anlegen, dass es auch Gutes tut. Sie wollen sogenannt «ethisch investieren». Was macht eine Investition «ethisch»?
Auch darauf gibt es keine einfache Antwort. Normale Menschen verfolgen immer sowohl eigennützige als auch gemeinnützige Interessen. Am besten geht es ihnen, wenn sie beides verfolgen können. Es gibt keine «gute» Wirtschaft, die nicht beides kennt. Was heisst das? Nun, dass bei Investitionen beides berücksichtigt werden sollte: ob eine Opportunität gut ist nach traditionellen Kriterien – und ob sie Gutes für andere Menschen tut.
Welche Bedeutung kommt der Philanthropie dann noch zu?
Wohltätigkeit wird weiterhin eine grosse Bedeutung auf all jenen Gebieten haben, die von Regierungen üblicherweise vernachlässigt werden. Viele Staaten haben beispielsweise kein Geld zur Verfügung gestellt, um die Flussblindheit zu bekämpfen, eine Krankheit, die einige der ärmsten Regionen der Welt plagt. Die Gates Foundation von Microsoft-Gründer Bill Gates hat viele Forschungsinvestitionen in diesem Bereich übernommen. Weiter gibt es ein riesiges Volumen von Spenden an religiöse Institutionen. Es ist weise, dass sich Regierungen hier zurückhalten, weil es hier tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten gibt. Private wohltätige Initiativen sind oft viel erfolgreicher, als Regierungen es je sein könnten. Sie sind essenziell für das Funktionieren des Kapitalismus. Denn darum geht es für den Menschen doch letzten Endes: andere zu unterstützen.