Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03522.jsonl.gz/2215

Anthropomorphismus
(grch.), die Vorstellung von Gott nach der Analogie der menschlichen Körpergestaltung (morphé). Verwandt ist der Begriff Anthropopathismus, die Vorstellung von Gott nach der Ähnlichkeit [* 2] menschlicher Gemütszustände (páthe). Beide fallen unter den Begriff «Vermenschlichung Gottes». Da die religiöse Vorstellung sich immer in Bildern bewegt, die der menschlichen Erfahrung entlehnt sind, so liegt es nahe, Gott mit einem menschenartigen Geiste, mit menschlichen Gemütszuständen und selbst mit menschenartiger Gestalt ausgestattet vorzustellen. Die Philosophie strebt danach, die Idee des Unendlichen aller menschlichen und endlichen Beschränktheit zu entkleiden; das religiöse Bewußtsein ist immer geneigt, seinen Gott mit den nur nach Möglichkeit gesteigerten Eigenschaften der menschlichen Persönlichkeit auszustatten.
Die Religion des Alten Testaments verwirft in ihrer reinen Entwicklung, im Zeitalter der Propheten, die Darstellung Gottes im Bilde, und wo sie ihm menschliche Gestalt, Augen, Ohren u. s. w. zuschreibt, ist dies nur poetisch veranschaulichende, also symbolische Rede. Dagegen schreibt das Alte Testament Gott im Denken und Wollen menschliche Weise, sogar Sinnesänderung und Wechsel der Entschließungen zu, und spricht neben der Liebe und dem Erbarmen Gottes auch von Zorn, Haß und Reue bei ihm.
Das
Christentum hat in seiner Grundauffassung von Gott als dem himmlischen
Vater und der persönlichen Liebe ein anthropopathisches
Element, während es zugleich in dem Worte «Gott ist
Geist» den ihm innewohnenden spekulativen
Trieb verrät. Die
Entwicklung
dieser entgegengesetzten
Richtungen führte schon im kirchlichen
Altertum zu
schroffen Gegensätzen. Die judenchristl.
Richtung und späterhin die realistische der Kleinasiaten und Afrikaner neigte fortwährend zu anthropopathischen und
sogar
anthropomorphistischen
Vorstellungen; die philosophisch gebildeten
Kirchenlehrer, vor allen die
Alexandriner, waren auf
Reinerhaltung des Gottesbegriffs von menschlicher Beschränktheit bedacht, ohne jedoch zu einer widerspruchsfreien
Auffassung
zu gelangen.
Die Kirche hat in ihrer weitern Entwicklung die Meinung, die Gott einen Körper zuschreibt, verworfen, dagegen die Abbildung Gottes unter menschlicher Gestalt und die symbolische Redeweise des Alten Testaments für unbedenklich erachtet. Dem Anthropopathismus dagegen konnte die Kirche nur in seinen gröbern Ausschreitungen entgegentreten, da die Vorstellungen von Gottes Zorn, Liebe, Erbarmen und Gnade gerade mit den religiösen Grundanschauungen des Christentums unzertrennlich verbunden sind.
Die Forderung, alles, was im Menschen das Wesen des Geistes ausmacht, auch von Gott auszusagen, dagegen alles, was im Menschen die Endlichkeit seines Geisteslebens ausmacht, von Gott fernzuhalten, ist richtig gestellt, aber unerfüllbar. Die Einsicht, daß wir von Gottes Wirken überhaupt nur auf Grund der religiösen Erfahrung, von seinem Wesen aber nur in Bildern und Gleichnissen reden können, lehrt daher auch die Berechtigung des religiösen Anthropopathismus erkennen.