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| Gregor v. Nazianz († 390) - Reden

II. Rede
15.
Er soll nicht glauben, daß das gleiche sich für alle schickt! Es haben ja auch nicht alle das gleiche Alter und denselben Gesichtsausdruck, und es wechselt die Natur der Tiere, die Beschaffenheit des Bodens, die Schönheit und Größe der Gestirne. Bei einem Laien soll er es für Sünde halten, wenn er etwas tut, was vom strengen Gesetze geahndet wird, bei einem Beamten und Vorsteher aber sehe er eine Sünde darin, wenn er nicht möglichst gut ist und nicht ständig im Guten fortschreitet; dieser soll ja darnach verlangen, das Volk durch die Vorzüglichkeit seiner Tugend auf den rechten Weg zu leiten und es durch Überzeugung zu gewinnen, statt durch Gewalt zu beherrschen. Wenn etwas nicht freiwillig geschieht, ist es das Resultat der Gewalt, verdient nicht Lob und ist nicht dauerhaft. Was vergewaltigt ist, [S. 14] pflegt wie ein von der Hand gewaltsam umgebogener Baum, sobald es die Freiheit hat, wieder zurückzuschnellen. Was dagegen aus freien Stücken geschieht, ist das Rechtmäßigste und Sicherste zugleich; durch das Band der Liebe bleibt es erhalten. Eben daher befiehlt unser Gesetz und unser Gesetzgeber, man solle die Herde willig, aber nicht gezwungen weiden1.
1: 1 Petr. 5, 2.