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Anna Hodel, Jahrgang 1982, hat Slavistik, Ethnologie, Geschichte und literarisches Übersetzen studiert. Seit 2019 vertritt sie die Professur für Slavische und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Basel. Als Moderatorin und Übersetzerin setzt sie sich für die Vermittlung von Literatur und Theater ein.
«Osteuropa ist auf keiner Karte zu finden»
Das Aha Festival vermittelt jedes Jahr Forschung und Wissen. Diesen Januar ist auch Anna Hodel dabei. In ihrem Vortrag entlarvt die Literaturwissenschaftlerin «Osteuropa» als kulturelles Konstrukt.
Anna Hodel, wo wäre Osteuropa auf der Karte zu verorten?
Osteuropa ist auf keiner Landkarte zu finden. Fragt man Menschen in Polen oder der Ukraine, in Lettland oder in Ungarn, ob sie sich in Osteuropa befänden, wird die Antwort negativ ausfallen. Man erhält höchstens einen vagen Fingerzeig über die Schulter in eine unbestimmte, noch östlichere Richtung: Vielleicht beginnt der Osten dort, hinter der Grenze meines Landes.
Wie erklären Sie sich das?
Zum einen liegt es an der Unschärfe dieser geografischen Region. Zum anderen am stereotypen Bild von Osteuropa. Seit der europäischen Aufklärung kursiert im Westen die Vorstellung vom rückständigen Osten. In Abgrenzung dazu stilisierte sich Westeuropa zum Zentrum der Zivilisation.
«Osteuropa» ist also eine Projektionsfläche des Westens?
Es ist ein kulturelles Konstrukt. Westeuropa definierte sich selbst zum ersten Mal im 18. Jahrhundert, indem es sich ein Osteuropa ausdachte, das fundamental anders sei.
Welche Vorstellungen von Osteuropa gibt es im Osten?
Eigene Bilder des Ostens entstanden oft in Abgrenzung zu westeuropäischen Vorurteilen. Das «Slawentum» beispielsweise verband man im Vergleich zum rationalen Westen mit Spiritualität und einer interkulturellen Solidarität.
Osteuropa umfasst aber nicht nur slawische Länder. Kulturell und sprachlich ist der Osten und Südosten Europas sehr vielseitig.
Die Vorstellungen der Vielfalt und Umsicht für kleine Bevölkerungsgruppen gehören ebenfalls zum Bild, das der Osten Europas über sich selbst kultivierte. Auch den sozialistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts waren umfassende Diskurse vorangegangen, in denen die Slawen:innen – im Gegenteil zum westlichen Individualismus – als gemeinschaftsorientiert angesehen wurden.
Wenn Osteuropa nur eine Denkfigur darstellt, warum sprechen wir dann darüber?
Weil es gerade diese Unbestimmtheit ist, die aus Osteuropa einen produktiven Knotenpunkt für kulturelle und politische Diskussionen macht. Von den Rändern her kann eine Sache oft anders und besser gesehen werden. Europa – oder zumindest die EU – steckt in einer Identitätskrise. Erneuernde Visionen kommen oft aus dem Osten oder Südosten: Die neue transnationale Linke im Balkan, die Literatur osteuropäischer Nobelpreisträger:innen der letzten Jahrzehnte, das postdramatische Theater aus postsozialistischen Ländern, die Vorstellungen von Demokratie und Solidarität, wie sie aus der Ukraine so deutlich erklingen – all das zeigt, dass Ideen darüber, was Europa ist oder sein könnte, vielleicht zukünftig aus dem Osten kommen werden.
Wie beeinflusst der russische Angriff auf die Ukraine das westeuropäische Bild Osteuropas?
Seit Februar letzten Jahres hört man Formulierungen wie «ein Krieg in Europa» oder «Wer hätte das gedacht, dass das im Europa des 21. Jahrhunderts passieren würde?» Diese Aussagen zeigen, dass heute die Ukraine stärker als bisher als Teil Europas wahrgenommen wird. Der russische Angriff auf die Ukraine stellt auch für das westeuropäische Denken über unseren Kontinent und über uns selbst eine Zäsur dar.
Aha. Ein Festival für Wissen
FR 27. und SA 28. Januar
Südpol, Kriens
041 – Das Kulturmagazin
Januar/Februar 01+02/2023
Playlist: Emilia Sulek
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