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Mit selbstironischem Lächeln und gleichzeitig einem Stolz in der Stimme (es schien, dass sich Laut und Gesicht widersprechen, als verliesse die Stimme nur per Zufall das Gehege seiner Zähne) pflegte Ferdi vor Gästen und mir zu sagen, dass er zwei Dinge wirklich gut könne: Autofahren und Fernsehgucken. Jedoch danach sagt er das nicht mehr. Er sagte den Satz besonders gerne beim Fernsehgucken und beim Autofahren, beim Fernsehgucken, wenn ich zum Beispiel an ihm vorbeilief und ihn wohl etwas misstrauisch ansah, wie er da auf dem Sofa lag, dann sagte er: «Ich kann zwei Sachen gut: Fernsehen und Autofahren», und fügte hinzu: «Entweder du lässt es bleiben, oder du machst etwas richtig; und ich gucke richtig Fernsehen.» Ich musste dann immer schmunzeln. Beim Autofahren dann, wenn er die Strecke vom Vinschgau nach Zürich schnell und sauber zurücklegte, sagte er es ebenso. Edith sah ihn daraufhin etwas spöttisch an und erinnerte an die Unfallstatistik, die immer für sie als bessere Autofahrerin sprach.
Es gab da ein Dorf, welches an einem Pass etwa 1500 Meter über Meer lag, an einem von drei Bergseen. Dann wurden alle drei grösser, wurden zu einem grossen See und dann hat dieser das Dorf an seinen Grund genommen. Der Kirchturm ragt noch heraus aus der glatten Wasserfläche, ein graues Stehaufmännchen, und das Ziffernblatt des Kirchturms – einst hatte es bestimmt in strahlenden Farben geleuchtet – ist kaum mehr zu unterscheiden von der Steinmauer. Am merkwürdigsten empfinde ich aber immer das klaffende Loch in der Mitte des Ziffernblatts, wo die Zeiger einst mit dem Uhrwerk verbunden gewesen waren, nun aber ist nur noch dieses Loch da. Ich fand in einem kleinen Buch eine Notiz zu diesem Kirchturm: «Die Zeit ist hier nicht stehen geblieben, sie hat sich einfach in ein dunkles Loch zurückgezogen.» Edith kam aus diesem Dorf am Grund des Sees.
Man sagte den Bewohnern des Dorfes, sie könnten nicht bleiben, hier würde bald überall Wasser sein. Man sagte ihnen, sie sollten weiter nach oben die Hänge hinauf. Dann sprengte man das Dorf bis auf den Kirchturm in kleine Teile, gab sie (und sonst nichts) den Bewohnern um zu bauen und liess den Rest vom See schlucken. So gab es ein neues Dorf. Ich kann mich erinnern, ein Bild gesehen zu haben im Haus im neuen Dorf: darauf der grösser werdende See, das Dorf an seinen Grund nehmend, und ein Ehepaar oder vielleicht zwei Leute, stehend, mit dem Rücken zum Betrachter auf den See blickend, und der Eine einen Arm um den Anderen gelegt.
Ich stellte mir vor, wie der Kirchturm von innen aussehen muss: nach oben heller werdend wegen der Rundbögen gleich unter dem Ziffernblatt, wo Licht hineinfallen kann. Die hölzernen Stockwerke des Turms sind verfault und zusammengebrochen, von der Feuchtigkeit zersetzt, wie ein hohler Hühnerknochen, das Mark ausgesaugt, unten, wo ich mich vorstelle, im weinfarbenen Wasser, schwappen und gluckern die Wellen. Das Geräusch hallt durch den Turm nach oben unter sein Dach: ein Überbleibsel des Glockenspiels und des Tickens des Uhrwerks.
Es gibt da ein Haus nicht weit entfernt von dem Dorf am Grund des Sees – vielleicht eine Stunde mit dem Auto zu fahren –, das ist das Kinderhaus Ferdis, der es von seinem Vater bekommen hat. Überall im Haus sind die Spuren dieses Vaters zu sehen. Im Mauerwerk eingelassen kann ich ab und zu glänzende Marmorsteine finden. Auf einem sind seine Initialen, J.B., eingeritzt, auf einen anderen sind die Namen seiner Kinder graviert. Ich kann lange nach den Steinen suchen. Ferdi pflegte mir zu sagen, dass das ein grosser Unterschied zwischen ihm und Edith sei. Ihre Heimat sei im See versunken. Aber diese Heimat, das Haus, das noch fast nach Grossvater riecht, das sei immer da gewesen. Danach sagt Ferdi das nicht mehr.
Um das neue Dorf herum verbergen sich in den Wäldern alte Bunker, nach einem langen Krieg gebaut, sodass sie nie verwendet wurden. Mitten an einem steilen Hang, an grauser bedeutender Stelle, sehe ich plötzlich in eine schmal zulaufende Schiessscharte, in einem Loch endend. Mein Blick konnte nicht anders, als in diesem Loch enden, wie Wasser in einem Trichter. Hinter den Löchern müssen lange Gänge sein, wer weiss schon, wie viel von den Bergen ausgehöhlt wurde. Die Schiessscharten sind getarnt mit künstlichen Felsen. Mein Auge wird immer geschulter, sodass ich leicht die echten, welche nichts verbergen, von den falschen Felsen unterscheiden kann. Ich merke, wie viele Bunkeranlagen um das Dorf herum gebaut wurden. Die Schiessscharten sind von allen Seiten auf die Strasse gerichtet, welche durch das Dorf führt. Manchmal entdecke ich auch auf den Hügeln in den Wäldern Luftschächte, die mir andeuten, dass unter mir kein fester Boden ist. Hier hat man Tunnel gegraben, um sicher zu sein.
Wenn Ferdi oder ich Edith riefen, dann immer mit einer fordernden Stimme. «Edith!», schallte durch die Wohnung. Es hörte sich nie falsch an, ich dachte nicht daran, dass der Name auch anders gerufen werden könnte. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie der Name «Edith» zärtlich geflüstert sich anhört, oder als Anrede, um ein Kompliment zu beginnen – « Edith, du bist so schön. » – , das war mir undenkbar. Der Name wurde immer mit lang gezogenem «E», fast schon quengelnd gerufen. Obwohl wir nicht immer bittend an sie traten, manchmal wollten wir auch bloss sagen, dass sie schön sei, trotzdem riefen wir «Edith». Danach rufen wir nicht mehr.
Danach gehen wir an irgendeinen Ort in Vorarlberg. Der Name des Ortes sagt mir nichts. Wir fahren in einen Tunnel und Ferdi sagt: «In diesen Tunnel ist sie hinein-, aber nicht mehr herausgekommen.» Der Tunnel ist kurz, wir fahren wieder hinaus. Der Bestatter sagt alles in einer Stimme, die in einer Anteil nehmenden Tonlage verweilt: Man könne sie bald ansehen, morgen dann die Einäscherung, die Urne werde das Bestattungsunternehmen zum neuen Dorf am See überführen. Er sagt mit der gleichen Stimme, wie viel das kostet, weil Ferdi danach fragt. Daraufhin sagt Ferdi, er würde die Urne selber überführen. Und der Bestatter sagt mit Anteil: Ja, das könne er schon, es wäre aber eigentlich ihre Aufgabe, da müsse er sehen, ob er über die Grenze nach Italien komme. Ferdi besteht hartnäckig darauf, schliesslich sagt der Bestatter noch Beileid. Wir warten lange beim Bestattungsinstitut. Tante Gabi betrauert, dass ich jetzt keine Mama mehr habe, und ich verstehe das nicht. Wir hatten sie immer nur «Edith» gerufen.
Im neuen Dorf eröffnete die Mutter von Edith ein paar Ferienwohnungen. Es kom- men viele Leute ins Dorf, zum Skifahren oder zum Wandern. Die Wohnungen sind so eingerichtet, dass sie jedem gefallen, die Leute gehen darin ein und aus. Keiner bleibt lange. Wenn die Gäste abgereist sind, dann muss alles gereinigt werden, keiner der Gäste, die nachkommen, soll sehen, dass vor ihnen bereits jemand hier Gast gewesen ist. Sie sollen im Glauben gelassen werden, die Ersten zu sein. Wenn ich die Mutter von Edith besuche, dann schlafe ich in solchen Zimmern. Die Möbel, Tische und Stühle sind aus Holz und mit einer dicken Lackschicht überzogen, damit sie den Schmutz abweisen. Das Bett, die Decken und das Kissen sind mächtig. Man versinkt darin und die Decke legt sich über mich, wie eine riesige, bunte Nacktschnecke. Ich sehe die Zimmer immer nur, wenn sie unangetastet sind. Wenn ein Gast sich eingemietet hatte, dann darf ich sie natürlich nicht betreten. Ich bin der Besucher zwischen zwei Gästen.
Die Mutter von Edith weint, ohnehin weinen auch ihre Schwestern und Brüder, eigentlich weinen ziemlich viele. In der kleinen Kapelle erlaubt uns der Bestatter den letzten Blick auf den Leichnam, bevor das Feuer ihn sich aneignet. Nachdem wir uns vor den Sarg auf die Stühle setzen und dort eine Weile verharren, eine Komposition in Grau und Schwarz anstarrend. Ihre Hände sind über ihrem Bauch zusammengefaltet oder zusammengefallen, das Gesicht gelassen, der Mund etwas geöffnet, die obere Zahnreihe bricht hervor, habhaft, gelb, und der Abstand zwischen den beiden Schneidezähnen: ein dunkles Loch, fast so, als wäre sie im Begriff etwas zu sagen. «Möchtest du sie mal anfassen?», zupft mich Tante Heidi am Ärmel, genauso, wie ein Hundebesitzer ein Kind fragt, ob es mal seinen kleinen Köter streicheln wolle. Die Stimme ist widerwärtig, ich verlasse den Raum.
Wenn wir nach Edith riefen, dann ist sie gehend gekommen. Sie kam, aber ging schon gleich wieder, weil andere nach ihr riefen. Wenn eine der Tanten Hilfe brauchte, war sie zur Stelle. Kurzerhand nach Reschen fahren, um dort auszuhelfen, war eine Selbstverständlichkeit. Als sie heimwärts fuhr, da hatte sie die Tante Karin gerufen. Wegen des Frühjahrsputzes der Ferienwohnungen wurde sie ans neue Dorf am See gerufen und sie fuhr am Montag in der Früh los. Ich stelle es mir vor. Um 9:02 raste sie mit der üblichen Geschwindigkeit von 100 Stundenkilometern in den Tunnel. Um 9:03 kam sie von der rechten Strassenseite ab (keiner kann sagen wieso) und ein, zwei Sekunden später kollidierte sie mit dem gegenverkehrenden Lastwagen, welcher noch versuchte auf die linke Seite auszuweichen, aber stimmt ja, es war ein Tunnel und die linke Strassenseite war eine Wand aus Beton, so krachte das Auto mit hoher Geschwindigkeit mehr oder minder frontal in die rechte Lastwagenhälfte, und in dem Moment – die freigesetzten Kräfte bringen Ediths Genick zum Bersten und der gebrochene Knochen zerquetscht die Spinalnerven –, in diesem Moment ist danach.
Danach kommt die Polizei und Ferdi sagt, dass er es schon dort ahnt, da ist etwas passiert. Er ruft mich an und meint, ich solle doch nach Hause kommen, Uni könne ich streichen für heute. Das sagt er mit einer Stimme, die mir fremder vorkommt, als bloss die Verzerrung des Telefons es erklären könnte. Ich rechne fest damit, dass jemand gestorben ist. Irgendjemand ist gestorben und auf der Heimfahrt gehe ich Möglichkeit für Möglichkeit durch, wer es sein könnte. Ich beziehe dabei auch ein, mit welchem Tod ich am besten klarkommen würde, komme aber zum Schluss, dass es ganz egal ist, da ich dadurch, dass ich jeden mir erdenklichen Tod durchgedacht habe, auch mit jedem erdenklichen Tod klarkomme. Ich trete über die Türschwelle, mein Vater mit Tränen in den Augen sagt, ich müsse jetzt stark sein. Ich senke den Blick.
Samuel Prenner