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Über Komplexität kann man nicht reden, aber nicht, weil man sie dadurch entweihen würde, sondern weil jede Person unter dem Begriff etwas Anderes versteht. Meistens wird eine Situation als „komplex“ bezeichnet, wenn gleichzeitig viele Ereignisse passieren und viele z.T. widersprüchliche Informationen vorliegen, so dass der Protagonist die Übersicht verliert und ihm Entscheidungen schwerfallen. Aber das ist reine Überforderung und hat nichts mit Komplexität zu tun.
Die Funktion der Komplexität
Andere sehen in der Komplexität etwas Hehres oder gar Sakrales, das durch die blosse Beschreibung seinen filigranen Zusammenhang verliert. Für mich manifestiert sich Komplexität in emergenten Systemstrukturen. Dabei evolviert das System von einer Struktur zu der nächsten Struktur, die eine entsprechend höhere Komplexität aufweist. Die Strukturen versetzen das System in die Lage, gewisse Umgebungsanforderungen erfüllen zu können. Im speziellen Fall von Unternehmenssystemen können mittlerweile etwa drei oder vier solche Strukturen identifiziert werden, durch die Unternehmen evolvierten: Patriarchalische, hierarchische, leistungsorientierte und pluralistische Organisationen. Eine neue steht möglicherweise unmittelbar bevor, weil die pluralistische Struktur durch die Digitalisierung bereits wieder an ihre Grenzen kommt.
Für die Mehrheit der Menschen bestehen komplexe Systeme aus vielen Subsystemen, die sich in intransparenter Weise und schneller Abfolge gegenseitig beeinflussen. Daher wird aus volkstümlicher Sicht „Komplexität“ mit „Ungewissheit“, „Uneindeutigkeit“ und „Volatilität“ gleichgesetzt, was das US Army War College angesichts des Zusammenbruchs der Sowjetunion in den 90er Jahren das Akronym „VUCA“ erfinden liess
Zufällige Buchstabenkette
Über den Begriff „VUCA“ habe ich hier schon einmal geschrieben. Es scheint, als hätte das US Militär ein paar Begriffe zusammengewürfelt, die zweifellos etwas miteinander zu tun haben, aber weder vollständig sind, noch in einem einheitlichen Verhältnis zueinanderstehen. Volatilität, Ungewissheit und Ambiguität sind Auswirkungen von Komplexität. Insofern passt hier der Buchstabe „C“ nicht rein, denn er ist die Ursache der drei anderen. Aber Komplexität hat noch mehr Wirkungen, als nur die drei, die mit V, U und A gemeint sind. Es hätten also gerade so gut auch anderen Begriffe sein können, die in das Akronym eingeflossen sind. Z.B. ist Emergenz eine viel wichtigere Auswirkung von Komplexität, als Volatibilität, Ungewissheit und Ambiguität zusammen. Zusätzlich gehören Ein- und Erstmaligkeit zu den Begleiterscheinungen von Komplexität.
Das Akronym „VUCA“ scheint also völlig zufällig entstanden zu sein, ohne dass irgendwann irgendwer Rechenschaft darüber abgelegt hätte, ob es denn auch einen Sinn macht. Die Vermittlung der Kompetenz kritischen Denkens bleibt vorläufig ein gutgemeinter Vorsatz.
Haarsträubende Geschichten
Mittlerweile verwenden auch ernstzunehmende Berater und Referenten das Akronym, oft in völlig falschem Zusammenhang. Einer behauptet z.B.: „Umgangssprachlich meint VUCA, das nicht Erfassbare erfassbar zu machen“. Nein, das meint VUCA bestimmt nicht!
Ein anderer verbreitet auf seiner Website den Schwachsinn, dass VUCA die Welt erkläre. In einer Umfrage soll der Leser anklicken, welche der vier Einzelbegriffe er am „höchsten bewertet“. Missbräuchlicher könnte mit dem Akronym nicht umgegangen werden!
Wo vier Einzelbegriffe vorliegen, tauchen auch sofort Vierfeldermatrizen auf, die das Akronym scheinbar auf die Ebene eines Konzepts oder gar einer Theorie heben.
Mit Vierfeldermatrix ein Konzept vortäuschen
VUCA wird mittlerweile mit den beiden Dimensionen „Voraussagemöglichkeit“ und „Kenntnis des Zustandes“ in so einer Vierfeldermatrix dargestellt und alle schreiben sie einander ab. Nur einer konnte nicht einmal richtig abschreiben und hat die Dimensionen vertauscht, ohne die Positionen der vier Elemente anzupassen. Das würde zu einer völlig anderen Interpretation des Begriffs führen.
Die Dimensionen einer Vierfeldermatrix sind unabhängige Variablen, also Grössen, die vorgegeben sind und nach denen sich das System richtet. Voraussagemöglichkeit und Zustandskenntnis ergeben sich aber als Konsequenzen der Komplexität, die dem System eigen ist. Insofern ist eher der Grad von Komplexität eine der Dimensionen der Vierfeldermatrix. Mit anderen Worten: die Komplexität hängt nicht von der Vorhersagemöglichkeit ab, sondern umgekehrt! Aber darüber muss man schon ein wenig nachdenken, was in einer Zeit, in der es vornehmlich um Effekthascherei geht, nicht der kollektiven Bedürfnislage entspricht.
VUCA-Abwehr
In einem Forbes-Artikel ist sogar schon von „VUCA 2.0“ die Rede – Vision, Understanding, Courage, Adaptility – meint aber damit offenbar eher eine Antwort auf VUCA (1.0).
Wenn mit VUCA die Zunahme von Komplexität gemeint ist, was Planungs- und Prognosehorizonte verkürzt, dann haben Führungskräfte, die das mentale Modell von hierarchischen Strukturen verinnerlichen und an Kontrolle gewohnt sind, ein Problem. Gerne bieten Berater Lösungen an (obwohl es keine gibt). Der eine empfiehlt eben die Kompetenzen „Vision, Understanding, Courage, Adaptility“, einfach weil sie auch das Akronym VUCA ergeben. VUCA gegen VUCA. Vielleicht bietet er gleich noch Ausbildungen zur Erlangung dieser Kompetenzen an.
Ein anderer möchte auch VUCA gegen VUCA machen und rät auf Folie 41/57 einer Präsentation zu „Vison, Understanding, Clarity, Agility“. Solche sinnentleerten Beispiele gäbe es noch viele.
Ebenso als eine „Antwort“ auf VUCA versteht sich das VOPA+ Modell: Vernetzung, Offenheit, Partizipation, Agilität und das + bedeutet „Vertrauen“. Auch VOPA wird gemeinhin in einer Vierfeldermatrix dargestellt, aber meistens ohne Dimensionen, was es in dieser Darstellung völlig bedeutungslos macht. Es würde genügen, die fünf Begriffe einfach aufzulisten.
Was häufig erwähnt wird, wird häufiger erwähnt
In einer Dokumentation, die ZDFneo am 18. Mai 2017 ausstrahlte, hat Sascha Lobo ein paar Experimente vorgeführt, die zeigen sollen, wie leicht es ist, Menschen zu manipulieren (1).
Obwohl seine Findings wohlbekannt waren, sind seine einfachen und anschaulichen Experimente doch eindrücklich. Im ersten Experiment hat er acht Probanden eine Reihe Bilder gezeigt, die facebook-ähnlich daherkamen, also u.a. mit einer Angabe der Anzahl Likes, die das Bild erhalten hat. Eine Bilderserie bestand aus 3-4 fast völlig identische, ansonsten nichtssagende Bilder und die Probanden mussten sagen, welches Bild der Serie ihnen am besten gefällt. Natürlich wählten die Probanden meist dasjenige Bild mit den meisten Likes. Ein ähnliches Experiment basierte auf schwierigen Wissensfragen mit einer Auswahl an Antworten mit der Angabe, wie viele Leute diese Antwort bei einem früheren Quiz gegeben hatten. Man kann auf diese Weise jede Antwort provozieren.
Das ist der berühmte Matthäus-Effekt: wer viel hat, erntet viel, wer wenig hat, geht leer aus. Jedes Mal, wenn der Begriff „VUCA“ verwendet wird, trägt das dazu bei, dass er noch attraktiver wird.
Die Polya-Verteilung
Der Mathematiker Georges Polya hat folgendes Experiment vorgeschlagen: Zu Beginn enthält eine Urne zwei Kugeln, eine schwarze und eine weiss. Es wird eine Kugel zufällig gezogen und wieder zurückgelegt. War sie schwarz, wird eine weitere schwarze Kugel in die Urne gelegt. War sie weiss, wird eine weisse Kugel in die Urne gegeben. Nun sind es drei Kugeln. Wieder wir eine Kugel zufällig gezogen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie dieselbe Farbe hat, wie beim ersten Zug, ist jetzt grösser. Wieder wird die gezogene Kugel zurück gelegt und zusätzlich eine mit derselben Farbe, wie die der gezogenen, dazugegeben. Nun enthält die Urne vier Kugeln. Bei jedem Zug kommt eine Kugel dazu.
Sie können sich ohne Mühe überlegen, dass zu Beginn beide Farben dieselben Chancen hatten, dann aber eine Farbe überhandnimmt und die andere immer mehr unterdrückt.
Genau das passiert mit solchen Begriffen wie „VUCA“. Jedes Mal, wenn sie erwähnt werden, steigt ihre Akzeptanz. Das ist eine einfache statistische Ursache.
Populismus und Kritisches Denken
Dazu kommt jetzt noch eine inhaltliche: Je komplexer die Welt, desto grösser die Akzeptanz vereinfachender Begriffe und Stories. Das machen sich neuerdings politische Kreise zu Nutzen, die die Welt mit plakativen Dichotomien oder paar Schubladen erklären, gerne vier Schubladen, zwei rechts und zwei links. Solche Vierbuchstabenkürzel oder Vierfeldermatrizen sind ja auch nichts anderes als etwas ausgedehnte Dichotomien. Damit kann die Gesellschaft gespalten werden, und wenn man sich jetzt nioch elitefeindlich gibt, hat man schnell die Mehrheit hinter sich.
Dass unsere digitalen Fussabdrücke, die wir im Web hinterlassen, wenn immer wir online sind, gespeichert, analysiert und zu Marketingzwecken verwendet werden, empfinde ich persönlich noch nicht sehr beunruhigend. Beunruhigend ist, wenn die Menschen aufgrund ihrer Daten zu kollektiven Reaktionen verleitet werden, die sie gar nicht wollten. Das wird von Intriganten und Demagogen zwar seit hunderten von Jahren gemacht, aber mit Sozialen Medien gelingt der Trick umso besser. Da wird mit verfälschen Kontexten und gefälschten Likes eine Crowd vorgegaukelt, auf die immer mehr Menschen reinfallen. Dagegen ist kein Kraut gewachsen, es hilft lediglich kritisches Denken.
Angesichts solcher düsteren Aussichten ist die Verbreitung des dümmlichen VUCA-Begriffs geradezu eine Bagatelle, könnte man meinen. Ihre einlullende Wirkung erodiert aber gerade das kritische Denken, das gegenüber populistischen Machenschaften dringend gebraucht würde, wenn es denn überhaupt vorhanden war.
Das I-Space-Modell gegen das Cynefin
In einer Slideshow über Lernen und Management 2.0 als neue Rolle der Führungskräfte stellt Folie 18/44 diese VUCA-Vierfeldermatrix neben das Cynefin-Modell, das ja auch aus einer Vierfeldermatrix besteht und eines der Felder – Komplexität – mit einem der Felder des VUCA-Modells übereinstimmt.
In Können kleine Systeme komplex sein? habe ich die Geschichte des Cynefin-Modells nachvollzogen, das aus dem I-Space-Modell von Max Boisot hervor ging. Das I-Space-Modell findet in einem Würfel statt, dessen drei Dimensionen noch klare Grössen hatten, während das Cynefin-Modell, das alles andere als ein Modell ist, meist ohne Dimensionen präsentiert wird. Wenn Sie mal in Google eine Bildersuche nach „Cynefin“ vornehmen, dann stellen Sie fest, wie schwierig es ist, Darstellungen mit Dimensionen zu finden. Eine stellt die vier Felder in die Dimensionen „Offenheit der Ziele“ und „Anzahl Spielregeln“, während ein anderer die Dimensionen „Ordnung“ und „Reaktionszeit“. Seine Erklärung, dass das Gegensatzpaar „kompliziert“ und „komplex“ erst dann auftreten kann, wenn genügend Zeit zur Analyse besteht – so habe ich die diffuse Erklärung verstanden -, ist aber einigermassen an den Haaren herbeigezogen.
Max Boisot ging es im I-Space Modell um Wissensstrukturen. Er unterscheidet zwischen
- öffentlichem Wissen, das aufbereitet und verbreitet ist
- geheimem Wissen, das aufbereitet und nicht verbreitet ist
- persönlichem Wissen, das weder aufbereitet noch verbreitet ist
- Allgemeinwissen, das zwar nicht aufbereitet, aber weit verbreitet ist
Komplexität kann aufgrund des verfügbaren Wissens auch bloss ein (subjektiver) Eindruck sein. Das I-Space Modell siedelt Komplexität zwischen Chaos und Ordnung an, wie es sich gehört. Aber Ordnung ist nicht einfach mit Kompliziertheit gleichzusetzen. Das Gehirn hat als komplexes System eine Ordnung. Auch die dem Gehirn entsprungenen Gedanken meines (komplexen) Bewusstseins haben eine gewisse Struktur.
Die Cynefin-Darstellung hat das I-Space-Modell bis zur Unkenntlichkeit vereinfacht, nach dem open source Spruch „fucked until byond any recognition“. Das ist sehr schade, denn das I-Space-Modell hatte Hand und Fuss und regte zumindest zum Nachdenken an. Als ich bei einer Gelegenheit vorschlug, Cynefin wieder durch das I-Space-Modell zu ersetzen, schlug mir eine Welle der Entrüstung entgegen. Das sei viel zu kompliziert. Aber so ist das nun mal mit der Dünnbrettbohrerei. Menschen wollen einfache, überschaubare, genehme und anschauliche Erklärungen dieser komplexen Welt, die schon nur bei gedankenloser Betrachtung Kopfschmerzen verursacht.
(1) https://www.zdf.de/sender/zdfneo/manipuliert-100.html
(2) Tom Graves, More on chaos and Cynefin. 2010
(3) John W. Lamp und Simon K. Milton. The social life of categories: An empirical study of term categorization
Jan 2012 · Applied ontology