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Am Morgen des 26. Dezembers 1999 fegte der Orkan "Lothar" über die Schweiz und warf 12,7 Millionen Kubikmeter Holz zu Boden, wie die Eidgenössische Forschungsanstalt WSL am Dienstag in Birmensdorf ZH mitteilte.
Der gesamte Schaden wurde in den Jahren danach vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) auf 1,35 Milliarden Franken beziffert, 600 Millionen Franken für Bauten und 750 Millionen Franken für den Wald. Insgesamt wurden zwei Prozent der Bäume in der Schweiz umgeworfen oder umgeknickt.
Am stärksten betroffen vom Orkan, der mit Windspitzen von bis zu 272 Kilometern pro Stunde (km/h) von Nordfrankreich über Süddeutschland und die Schweiz nach Österreich zog, waren damals die Kantone Bern, Freiburg, Luzern und Nidwalden.
Innert weniger Stunden fiel die vier- bis zehnfache Holzmenge einer Jahresproduktion an. Entsprechend gelitten haben die Waldeigentümer und die Forstwirtschaft: Vom damaligen Preiszerfall erholte sich die Waldwirtschaft nie ganz. Allerdings hat dazu auch die vermehrte ausländische Konkurrenz beigetragen.
"Lothar" war aber nicht das einzige Grossereignis, das den Wald nachhaltig schädigte. Wenige Jahre später folgte der Hitzesommer 2003. Der trocken-heisse Sommer schwächte viele Bäume, Millionen von Borkenkäfern befielen die unter der Trockenheit leidenden Fichten und rafften sie dahin, wie die WSL schreibt.
Bei späteren Stürmen wie "Kyrill" im Jahr 2007 sowie Burglind und Vaia im Jahr 2018, kam die Schweiz zwar laut WSL gesamthaft gesehen glimpflich davon, auch wenn die Nord- und Ostschweiz nochmals starke Schäden zu beklagen hatte. Der Trockensommer 2018 führte auch wieder zu verstärktem Borkenkäferbefall der geschwächten Fichten.
Nach Lothar zeigten Studien der ETH Zürich und der WSL, dass eine schnelle Räumung des Sturmholzes und die frühzeitige Nutzung von stehenden, mit Käfer besiedelten Fichten weiteren Befall reduziert. Räuberische und parasitische Insekten vermehrten sich zwar schnell, wenn mehr Borkenkäfer vorhanden waren. Doch können diese Feinde der Borkenkäfer laut WSL den Befall von Fichten nicht verhindern, sondern nur bremsen.
Der Insektenspezialist Beat Wermelinger von der WSL geht davon aus, dass der Klimawandel die Wälder in den kommenden Jahrzehnten noch anfälliger für Insektenbefall machen wird als bisher. Langfristige Untersuchungen zeigten aber auch, dass die Insektenvielfalt in den ersten Jahren nach dem Sturm deutlich zugenommen habe, mit fortschreitender Wiederbewaldung habe die Artenzahl aber auch wieder abgenommen.
Dort, wo der Wald vor 20 Jahren am Boden lag, stehen heute wieder zehn bis 15 Meter hohe Jungwälder. Die Untersuchungen der WSL zeigten, dass nach dem Sturm generell Pioniergehölze wie Weiden, Birken und Vogelbeeren sowie jene Baumarten überwiegen, die vor einem Sturm dominierten.
Im Mittelland und in den Voralpen seien vor allem die Buchen nachgewachsen, in höheren Lagen die Fichten. Doch die Wälder seien artenreicher als früher. "Vieles deutet darauf hin, dass hier klimarobuste Wälder nachwachsen, mit zusätzlichen Arten wie Eiche, Kirschbaum und Spitzahorn", sagt der Forstwissenschaftler Peter Brang von der WSL.
Diese Baumarten würden Trockenheit besser vertagen als Buche und Fichte. Es sei verblüffend: Katastrophal anmutende Störungen könnten in einer solchen Situationen also langfristig stabilisierend wirken. "Lothar hat gezeigt, dass Monokulturen und den Örtlichkeiten nicht angepasste Wälder auf Stürme sensibler reagieren als Mischwälder", bilanzierte der frühere Eidgenössische Forstinspektor Werner Schärer. Und WSL-Sprecher Reinhard Lässig sagt heute im Rückblick: "Eine der Hauptlehren, die aus dem Sturm "Vivian" gezogen werden konnte, war, dass die natürliche Regeneration der Wälder sich vorteilhafter auswirkt als man ursprünglich gedacht hat."
Auch was die Schutzwirkung der Wälder anbelangt, waren die Auswirkungen nicht nur negativ. Aufgrund von Erfahrungen und Forschungsergebnissen nach "Vivian" wusste Peter Bebi von der Schnee- und Lawinenforschung (SLF), dass umgestürzte Bäume und Wurzelteller zumindest während der ersten Jahre nach einem Sturm einen wichtigen Beitrag zum Schutz vor Steinschlag oder Erosion leisten können. "Die langfristige Wirkung war damals aber noch weitgehend unbekannt", sagt er.
Neuere Forschungsarbeiten auf Windwurfflächen hätten bestätigt, dass in Gebirgswäldern die erhöhte Rauigkeit der Berghänge aufgrund liegender Baumleichen und Wurzelteller vielfach auch langfristig gegen Lawinen und Steinschlag wirke, sagt Bebi.
(sda)