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Filmer Lausanne
Im Jahr 1980 Filme über Lausanne drehen: ein ganz neues künstlerisches Vorhaben
Jean-Luc Godard und Yves Yersin, zwei bedeutende Filmemacher, wurden Lausanner Stadtrat – im Anschluss an eine entsprechende Initiative von Freddy Buache, des damaligen Direktors des Schweizer Filmarchivs – eingeladen, Kurzfilme über die Stadt zu drehen, um das Image von Lausanne aufzuwerten und die Stadt bekannter zu machen. Dieses mutige Vorhaben löste damals in den politischen Kreisen von Lausanne grosse Aufregung aus. Doch heute gilt es nach wie vor unstreitig als künstlerischer Erfolg.
1981. 35 mm, 11’
Réalisation: Jean-Luc Godard
Caméra: Jean-Bernard Menoud
Son: François Musy
1981. 35 mm, 26’
Réalisation: Yves Yersin
Caméra: Hurgues Ryffel
Son: François Veyrier
Dieses Projekt nahm am 22. April 1980 seinen Anfang. Damals genehmigte der Gemeinderat einen Bericht, in dem die Realisierung von zwei Filmen zu touristischen und kulturellen Zwecken vorgeschlagen wurde. Diesen Entscheid erachteten verschiedene Vertreter des Gemeinderats angesichts der Persönlichkeit von Jean-Luc Godard als etwas riskant. Es wurde die Frage aufgeworfen, ob Jean-Luc Godard nicht etwas erschöpft wirke. Dem Stadtrat wurde empfohlen, dafür zu sorgen, dass er einen Film erhalte, der wirklich dem erteilten Auftrag entspreche und der vor allem brauchbar sei. Zu diesem Zweck solle er sich vor der Erteilung des definitiven Auftrags eine vollständig erarbeitete Zusammenfassung vorlegen lassen.
Selbstverständlich wollten die Stadtparlamentarier dieses Projekt mit der Gedenkfeier zur Vereinigung von Oberstadt und Unterstadt im Mittelalter (1481) und mit der Eröffnung der neuen Räume des Schweizer Filmarchivs verbinden.
Eine poetische Studie
Am 8. Mai 1980 wurde im Rahmen einer internen Sitzung die Gestaltungsfreiheit der Regisseure gewährleistet. Gleichzeitig wurde aber vorgeschlagen, dass die ADIL eine Zusammenstellung der Standorte und Elemente erarbeiten solle, die von den Filmemachern zu bearbeiten seien. Diese Übersicht solle den Regisseuren als Leitfaden dienen. Bei dieser Gelegenheit legte Godard eine Übersicht über die seiner Auffassung nach bestehenden Stärken und Schwächen der Stadt vor und bekräftigte, er wolle keinen Werbefilm drehen. Er brachte seine Motivation zum Ausdruck, eine poetische, nicht soziologische Studie über eine Stadt zu erarbeiten, zu der er einen starken Bezug habe. Er brachte seine Absicht zum Ausdruck, den Übergang zwischen Wasser und Himmel zu beschreiben und gelangte zur Schlussfolgerung, sowohl der Filmemacher als auch der Auftraggeber müssten ein gewisses Risiko eingehen. Yves Yersin erklärte, er wolle für die Innerlichkeit und die Poesie – für eine persönliche Geografie – Partei ergreifen.
Am 19. Oktober 1981 wurde das Schweizer Filmarchiv in Montbenon in Anwesenheit von Georges Franju eröffnet. Der Ehrengast Claude Autant-Lara kündigte die Übergabe seines Archivs an, und die Filme von Godard und Yersin wurden von Buache als Symbol für die Erneuerung gezeigt. Kurz darauf wurde eine deutsche Version produziert, und Freddy Buache liess dem Kanadischen Filmarchiv eine 16-mm-Kopie zukommen, um eine weite Verbreitung der Filme zu gewährleisten.
1981 wurden die beiden Filme im Vorprogramm des Films «L’amour des femmes» von Michel Soutter gezeigt. In jenem Jahr wurden die Kurzfilme auch vom Westschweizer Fernsehen zwei Mal ausgestrahlt.
Ein gelungenes künstlerisches Vorhaben
Am 8. Dezember 1981 hielten elf Stadtparlamentarier in einer Motion fest, die Produktionen würden die festgelegten Ziele nicht erfüllen: Diese beiden Filme seien möglicherweise Beispiele von technischer Virtuosität, die Verehrer des
Filmschaffens entzücken könnten und Freddy Buache grosses Vergnügen bereite, den Godard mit Lausanne gleichsetze. Doch es sei sicher, dass diese Werke auf die breite Öffentlichkeit und erst recht auf Personen, die man zu einem Besuch von Lausanne animieren möchte, keine Wirkung hätten.
Im März 1982 verteidigte der Stadtrat sein künstlerisches Vorhaben und hielt fest, die vorgeschlagene Mischung wäre unter Umständen fade ausgefallen und das Ergebnis sei ein voller Erfolg. In der Zwischenzeit, d. h. im Januar 1982, waren die beiden Filme für eine Vorführung am Filmfestival von Cannes ausgewählt worden und zwar in der Kategorie «Un certain regard».
Begeisterte Reaktionen
Die Filme sind in aller Munde, und das Wort Lausanne auf der Titelseite von Le Monde ist zweifellos genauso viel wert wie mehrere Vorführungen eines hübsch realisierten Films, in dem von den Schönheiten der Kathedrale und des Tabaris geschwärmt wird.
F. Buache. 10.12.1981
Während der Film «Inventaire lausannois» von Yves Yersin eine klassische, aber beissende Beschreibung der Stadt aus einer Innensicht darstellt, die auf der Vorstellungswelt und der Geschichte eines Einheimischen beruht, handelt es sich beim Film «Lettre à Freddy Buache» von Jean-Luc Godard um eine Hommage eines Auswärtigen an die Stadt, die einem mit ihrer Schönheit und ihrem Rhythmus den Atem raubt. Der Filmemacher und Poet würdigt eine Region, das Licht und Gesichter, beklagt das Ende des alten Films und besingt dessen Wiederauferstehung wie der Phönix aus der Legende. Elf bedeutende Minuten, der erste grosse Film der Achtzigerjahre, der Künstler ohne Netz, gedreht in Super-8 und Video, Videomontage, übertragen in 35 Millimeter. Und wir sehen nur Feuer.
Louis Marcorelles. Le Monde.
Yves Yersin, ein fragmentierter Diskurs. Der erzählerischen Explosion entspricht eine visuelle Explosion, die eine Vielzahl von festen Plänen materialisiert, die in einem hohen Rhythmus aufeinanderfolgen. Das Ganze in einem Wechsel von Bildern in 16 mm, Super-8 und sogar Video.
Im Gegensatz zu dieser Weitschweifigkeit bietet Godard eine Reflexion über den Film durch den Film.
Kann man diese rund 30 Minuten Film in der ganzen Welt zu touristischen Zwecken vorführen? Man müsste sich um Yersin und Godard Sorgen machen, wenn die Antwort auf diese Frage Ja lauten würde…
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