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Standortbestimmung der Wirtschaft des Kantons Solothurn im Jahr 1907
Inhaltsverzeichnis
- 1 Eine Standortbestimmung der Wirtschaft
- 2 1907: Boomgebiet Olten-Gösgen
- 3 Lebern und damit auch Grenchen folgen dicht auf
- 4 Das Wasseramt als Heimat der Kammgarnspinnerei
- 5 Es folgen Balsthal – Tal und Gäu
- 6 Die Beamtenstadt Solothurn folgt auf Platz fünf
- 7 Im Schwarzbubenland wurden auch Tabakpfeifen hergestellt
- 8 Kurz und gut – Solothurn ein Industriekanton
- 9 Quelle
- 10 Einzelnachweis
Eine Standortbestimmung der Wirtschaft[Bearbeiten]
Werner Flury, Professor an der Handelsabteilung der Kantonsschule Solothurn, veröffentlichte 1907 die wahrscheinlich erste Wirtschaftsgeschichte des Kantons Solothurn. Der wirtschaftliche Wandel, der seither stattgefunden hat, wird in Flurys Schrift sehr deutlich.
Die Schrift trägt den Titel „Die industrielle Entwicklung des Kantons Solothurn“[1] und umfasst nur gerade 71 Druckseiten. Der Autor unterschied in seiner Arbeit die fünf wichtigsten Industriesektoren Eisenindustrie, Textilindustrie, Papierindustrie, Uhrenindustrie und als fünften Bereich die Schuhindustrie. Unternehmen, die er nicht in diese fünf Hauptgruppen unterzubringen vermochte, fasste er im Kapitel „Nebenindustrie“ zusammen und ordnet diese Betriebe nach ihrer geographischen Lage. Besonders wertvoll wird die Schrift durch die Liste sämtlicher Betriebe auf Kantonsgebiet und deren Grösse[2]. Und schliesslich erfasste Flury die Beschäftigten in jedem Bezirk und erstellte eine Rangordnung, wobei er betonte, er habe „die ganz kleinen Betriebe nicht mit eingerechnet“.
1907: Boomgebiet Olten-Gösgen[Bearbeiten]
Nach den Berechnungen des Autors arbeiteten in der Berichtsperiode 1906/ 07 im Kanton Solothurn insgesamt 18'140 Personen in industriellen Unternehmungen. Der grösste Teil von ihnen, nämlich 5'453 fanden ihr Auskommen in den beiden Bezirken Olten und Gösgen. Das waren ziemlich genau 30 Prozent aller Werktätigen im Kanton. Werner Flury wusste auch, weshalb sich die Region im Niederamt derart positiv entwickelte: „Verschiedene Umstände haben dazu beigetragen. Einmal ist es der rührige, vorurteilsfreie, von keinen Aristokraten-Allüren eingeengte Geist der Bewohner, der von jeher in der industriellen Tätigkeit sein Wirkungsfeld fand (Eisendrahtzug, Strumpf- und Kappenfabrikation, Cotonne- und Halbleinen-Manufaktur schon in den 30er Jahren); so dann die vortreffliche Lage an der unteren Hauensteinstrasse...“ In der Rangordnung der Ortschaften setzte Flury Schönenwerd und Niedergösgen mit 2'846 Beschäftigten an erster Stelle vor Olten mit 2'479. Als grösstes Unternehmen dieser Wirtschaftsregion bezeichnete er die Firma C.F. Bally Söhne, Schuhfabrik, Schönenwerd und Niedergösgen mit 2'386 Mitarbeitenden.
Lebern und damit auch Grenchen folgen dicht auf[Bearbeiten]
An die zweite Stelle setzte Flury den Bezirk Lebern, der vor hundert Jahren 4'628 Industriearbeiter zählte (25,5 Prozent). Der grösste Industrieort war damals Grenchen mit 2'196 gefolgt von Langendorf mit 1'398 Mitarbeitenden. Obschon die Grenchner Uhrenfabriken[3]. bereits beeindruckende Grössen erreicht hatten (A. Obrecht 650, die Eterna mit 500 Mitarbeitern) war es die von „Oberstdivisionär Johann Kottmann“ gegründete Uhrenfabrik Langendorf, die mit 1'350 Arbeitenden die Liste der Grossbetriebe anführte. Besonders würdigte Werner Flury Urs Schild, der als 16jähriger Jungmann nach sechswöchiger Ausbildung in Oberdorf als Lehrer tätig war. Dieser Urs Schild versah in der Freizeit den Schreiberdienst im vereinigten Büro der Parketterie- und Uhrenfabrik bevor er sich mit dem Arzt Josef Girard zusammentat und 1856 eine Fabrik für Ebauches gründete.
Das Wasseramt als Heimat der Kammgarnspinnerei[Bearbeiten]
Im Bezirk Kriegstetten zählte Werner Flury 3'408 Industriearbeiter und setzte den Bezirk an der Emme auf den dritten Rang. Wie nicht anders erwartet wurde, stellte die „Gesellschaft der Ludwig von Roll'schen Eisenwerke AG, Gerlafingen, mit 1'180 Arbeitnehmern den Hauptharst in der Industrie. Es folgte aber in der Rangordnung nicht die Papierfabrik Biberist, diese zählte ‚bloss' 675 Arbeitnehmer, sondern die Kammgarnspinnerei Derendingen mit 950 Arbeitern. Die Gemeinde Derendingen belegte als grösster Industrieort im Wasseramt in der gesamtsolothurnischen Liste der wichtigsten Industriestandorte den 7. Rang, vor Gerlafingen und Biberist.
Es folgen Balsthal – Tal und Gäu[Bearbeiten]
In dieser Amtei registrierte Flury 2'421 Arbeiterinnen und Arbeiter (13,3 Prozent). Grösste Industriegemeinde war Balsthal und die Klus. Dieser Ort lag mit 1'434 Beschäftigten auf Platz 5 der kantonalen Rangliste und wurde gefolgt von Mümliswil (Rang 10) mit 518 Arbeitnehmern. Bei der Beschreibung der Amtei konzentrierte sich Werner Flury auf die Kammfabrik O. Walter-Obrecht, die als grösste Kammfabrik des Landes 360 Mitarbeitende beschäftigte und damit das zweitgrösste Unternehmen der Amtei war. Der grösste Arbeitgeber der Region war jedoch die von Roll mit 1'150 Arbeitsplätzen.
Die Beamtenstadt Solothurn folgt auf Platz fünf[Bearbeiten]
Vor genau hundert Jahren zählte man in der Stadt Solothurn 1'586 Industriearbeiter (6,3 Prozent). Die Firma Müller & Cie, die sich auf die Herstellung von Schrauben, Uhrenbestandteile und Werkzeuge spezialisiert hatte, führte als grösstes Unternehmen der Hauptstadt mit 380 eingetragenen Mitarbeitern die Rangliste an. Es folgte mit 258 Mitarbeitern die Schlossfabrik Glutz-Blotzheim, Nachfolger. Flury berichtet von den zahlreichen Brauereien in der Stadt Solothurn, wobei die Bierbrauerei der Gebrüder von Roll 16 Personen beschäftigte. Hart an der Grenze zu Solothurn, aber streng genommen auf Biberister Boden stand die von Oberst Kottmann eingeführte Tabakfabrik (vorher wurden hier Pech und Holzsäuren produziert). Mit dieser Fabrikanlage wurde die Palette des „Solothurner Industrieangebotes“ abgerundet. Solothurn lag 1907 auf Platz 4 der Rangliste.
Im Schwarzbubenland wurden auch Tabakpfeifen hergestellt[Bearbeiten]
Mit bloss 644 Beschäftigten (3,5 Prozent) folgt am Schluss der Industrie-Rangliste die Amtei Dorneck-Thierstein. Mit 200 Beschäftigten führte vor hundert Jahren die Schweiz. Metallwerke in Dornach die Rangliste an. Mit 220 Beschäftigten war Dornach auch der grösste Industriestandort (Rang 14), gefolgt von Breitenbach (Rang 15). Als Besonderheit im Schwarzbubenland erwähnte Flury die Tabakpfeifenfabrik Brunner in Kleinlützel.
Kurz und gut – Solothurn ein Industriekanton[Bearbeiten]
Nach der vom Verfasser aufgestellten Statistik verfügte der Kanton Solothurn am 1. Januar 1907 über 233 dem Eidgenössischen Fabrikgesetz unterstellte Betriebe mit 18'056 Arbeitern, 11'500 Pferdestärken und 162 Dampfkesseln. Weiter stellte er fest, dass die Zahl der Personen, die in Industrie, Handwerk, Gewerbe und mitgerechnet die Heimsarbeiterinnen und Heimarbeiter, innerhalb von nur 20 Jahren von 11'916 auf 23'116 angestiegen sei. Aufschlussreich ist diese schmale Schrift zudem, weil ihr Verfasser vor hundert Jahren zahlreiche Betriebe auflistete, die heute nur Geschichte oder vergessen sind. Zu erwähnen sind in dieser Beziehung etwa die Uhrenfabriken Strausak-Bouché, Hug-Saisselin und L. Tièche-Gammeter alles Uhrenfabriken in Solothurn.
Quelle[Bearbeiten]
- Text von Rainer W. Walter
Einzelnachweis[Bearbeiten]
- Flury, Werner: Die industrielle Entwicklung des Kantons Solothurn. Ein Beitrag zur wirtschaftichen Heimatkunde von Werner Flury, Professor. Solothurn: Buch- und Kunstdruckerei Vogt & Schild, 1907. 71 S., ill., Tab. ( PDF).
- Anhang: Tabellen S. 66-71 als PDF.
- Kapitel "Uhrenindustrie" S. 37-47 und "Schlusswort" S. 64-65. als PDF.