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Reise von Peking nach Shanghai, Teil 7: Shanghai – eine Stadt mit vielen Gesichtern
Shanghai ist eine der Städte, in denen die Kontraste zwischen Modernität und Tradition wahrscheinlich am sichtbarsten sind. Vieles hier erinnert an die Vorreiterrolle, die Shanghai in der chinesischen Geschichte immer gespielt hat, und in vielen Stadtteilen denkt man, man befinde sich auf einer Reise in die Zukunft.
Shanghai hat eine wichtige strategische Lage an der südöstlichen Küste Chinas und wird von mehreren Flüssen und Kanälen durchflossen. Es handelt sich um eine Stadt und eine Provinz zugleich, denn Shanghai ist unmittelbar der Zentralregierung unterstellt. Wenn man sich die Bevölkerungszahl anschaut, erscheint dieser provinzähnliche Status nur logisch: Das gesamte Verwaltungsgebiet erstreckt sich auf 120 Kilometer von Norden nach Süden und 100 Kilometer von Westen nach Osten, und auf dieser Fläche leben nach jüngsten Zählungen etwa 25 Millionen Menschen.
Dies ist ein Bericht über die Reise von Peking nach Shanghai in mehreren Teilen:
Teil 2: Peking – Stadt der Kontraste
Teil 4: Terrakotta-Armee von Xiʼan
Die ersten Spuren der Menschenkultur in der Gegend von Shanghai datieren die Wissenschaftler auf ca. 4´000 vor Christus. Seit dem 10. Jahrhundert unserer Zeit begann in Shanghai ein nicht zu stoppendes wirtschaftliches Wachstum, das das einstige Handelsdorf in eine der wichtigsten Handelsmetropolen weltweit verwandelte.
Shanghai bedeutet wortwörtlich aus dem Chinesischen übersetzt „Hinauf aufs Meer“, ein Name, der sich durch die Küstenlage der Stadt leicht erklärt. Doch entstanden im Laufe der Geschichte viele weitere Epitheta, die sehr bildhaft die Natur des facettenreichen Shanghais wiedergeben.
Tor zur Welt
Dies ist eine sehr treffende Beschreibung der Rolle, die Shanghai seit Jahrhunderten gespielt hat. Dabei kann diesem Namen zweierlei Bedeutung zugeschrieben werden. Seine Lage an der Küste des Ostchinesischen Meeres verwandelte sie in eine wichtige Hafenstadt, von der aus die Chinesen Reisen in die ganze erforschte Welt starten konnten. Andererseits war Shanghai dank seiner Lage im Mündungsgebiet des Flusses Jangtsekiang ein Tor zur chinesischen Welt für den internationalen Handel. Mehrere Flüsse, die Shanghai durchfliessen, verbinden die Stadt mit den Innenregionen Chinas und erlaubten einen bequemen Güterverkehr von der Küste aus in andere chinesische Provinzen.
Im Zuge der Globalisierung ist diese Tor-Funktion der chinesischen Metropole kaum geringer geworden, denn heute ist der Hafen Shanghais der grösste Containerhafen der Welt und die Stadt selbst ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt.
Drachenkopf-Metropole
Seit seiner Entstehung befand sich Shanghai ständig inmitten aller politischen und gesellschaftlichen Umbruchprozesse. Shanghai war die erste chinesische Stadt, in der die Bestimmungen für den Handel mit China seit der Mitte des 19. Jahrhunderts liberalisiert wurden, und wo europäische Weltmächte ihre Enklaven gründen konnten. Hier wurde auch die christliche Mission freigegeben, infolgedessen kamen zahlreiche China-Missionare nach Shanghai.
In Shanghai wurde die erste kommunistische Zeitschrift „Jugend“ herausgegeben, und hier finden sich die Wurzeln der kommunistischen Bewegung in China. Massenunruhen, Studentenproteste, Arbeiterbewegung, all das kennzeichnete die Geschichte Shanghais im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.
Während der Chinesisch-Japanischen Kriege stand Shanghai oft im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen. Vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs flohen nach Shanghai tausende Juden aus Deutschland und Österreich. Nachdem Shanghai nach dem Zweiten Weltkrieg endgültig dem kommunistischen China zurückfiel, bekamen die internationalen Handelsmächte die harte Hand von Mao Zedong zu spüren, weshalb viele von ihnen ihre Geschäfte nach Hongkong verlegen mussten. Genau hier in Shanghai begann die chinesische Kulturrevolution, und hier war der Schauplatz der Machtkämpfe nach dem Tod von Mao Zedong.
Perle des Orients
Wegen seiner relativ kleinen Fläche und der ständig wachsenden Bevölkerungszahl befindet sich Shanghai im Zustand des konstanten Umbaus sowohl in die Breite als auch in die Höhe. Viele alte Viertel werden komplett abgerissen, um neue Wohnflächen zu schaffen. Positiv ist daran, dass die aktuellen Umbauarbeiten unter den Gesichtspunkten der Ökologie und Nachhaltigkeit durchgeführt werden. Shanghai war noch vor kurzem durch sehr hohe Luftverschmutzung, verseuchte Gewässer und das Fehlen von Grünanlagen gekennzeichnet.
Im Urban Planning Centre kann man die Modelle der Stadtumbaupläne sehen, die bis 2020 durchgeführt werden müssen, und die heute schon bereits realisiert werden. Wolkenkratzer und Hochhäuser, aber auch Parks und Grünanlagen sowie hochmoderne Müllverwertungs- und Abwasseranlagen sind das Shanghai von morgen. Angestrebt von der Stadtverwaltung wird das Prädikat „die sauberste Stadt der Welt“, was angesichts der ernsthaften Umweltprobleme der Stadt ein wahrhaftig lobenswertes Vorhaben ist.
Ein Tropfen Wermut im Freudenbecher ist natürlich die Tatsache, dass solch aktive Umbauarbeiten sehr wenig vom alten Shanghai übriglassen. Dabei ähneln die Viertel, in denen man sich für Restauration der traditionellen Gebäude anstatt Abriss entschieden hat, eher einer Disney-Kulisse, in der kaum das echte China zu spüren ist.
Paris des Ostens
Shanghai ist eine sehr wichtige Kultur- und Bildungsstadt. Viele Universitäten und Forschungszentren haben hier ihre Sitze. Ein reges kulturelles Leben macht die Stadt zu einem sehr attraktiven Reiseziel. Eine hohe Zahl an Museen und Theatern, Ausstellungen und Kulturveranstaltungen locken unzählige chinesische und ausländische Besucher an. Den Facettenreichtum der Stadt runden die farbenreichen Strassenmärkte ab, auf denen man alles Mögliche und Unmögliche kaufen kann.
Einer Besichtigung wert sind die zahlreichen sakralen Bauten der Stadt: Hier findet man Tempel aller Religionen und Glaubensrichtungen. In der Stadt verstreut sieht man buddhistische, daoistische, christliche, muslimische, jüdische und sogar konfuzianistische Tempel, in denen der wichtigste aller chinesischen Philosophen verehrt wird.
Oberstes Bild: Tagesansicht von Pudong vom Bund aus (Bild: J. Patrick Fischer, Wikimedia, CC)