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Der Begriff «Orthopädie», wie er 1741 von Nicolas Andry definiert wurde, verbindet die beiden griechischen Wurzeln «orthos», was «aufrecht/gerade», und «paidion», was «Kind» bedeutet. Die Voranstellung «Kinder-» oder des Adjektivs «pädiatrisch» ist daher eigentlich überflüssig.
Lange Zeit bezeichnete das Wort Orthopädie Erkrankungen und Praktiken, die den Bewegungsapparat betreffen, ohne zwischen Kindern und Erwachsenen zu unterscheiden. Erst seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts ist diese Unterteilung sowohl in der Spitalmedizin als auch auf der Ebene der praktizierenden Ärzt:innen eindeutig etabliert.
Die ersten orthopädischen Einrichtungen entstanden 1778 in Grossbritannien unter der Leitung von Robert Chessher und 1780 in der Schweiz durch Jean André Venel zur Behandlung von Skoliosen und Klumpfüssen. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde in vielen Spitälern in Europa und den Vereinigten Staaten mit dem Aufbau von Abteilungen für Kinderheilkunde und pädiatrische Chirurgie begonnen.
Die Entwicklung verlief in allen Ländern ähnlich. Zunächst bildeten sich Studiengruppen, die sich ausschliesslich mit der pädiatrischen Orthopädie befassten und durch namhafte Persönlichkeiten dieses Fachgebiets im jeweiligen Land beeinflusst wurden. Später entstanden die diversen Fachgesellschaften. 1982 wurde die EPOS (European Pediatric Orthopedic Society) gegründet, die heute mehr als 400 Mitglieder zählt. Und schliesslich hat auch die Schweiz mit der Gründung der SwissPOS (Swiss Pediatric Orthopedic Society) seit 2020 ihre eigene Gesellschaft für Pädiatrische Orthopädie. Die grossen Teilgebiete der pädiatrischen Orthopädie wurden von Ärzt:innen und Chirurg:innen geprägt, welche in die Geschichte eingegangen sind. Ambroise Paré (1510–1590) sprach 1550 wahrscheinlich als erster von den drei Dimensionen der Skoliose und schlug auch eine Behandlung vor mit «einem Eisenkorsett, das aufgebunden wird und perforiert» (also leicht) sowie «gepolstert» (für erhöhten Tragekomfort) und «häufig zu wechseln» sei.
Bei der Hüftdysplasie vermuteten bereits Hippokrates, dann Ambroise Paré und sogar Dupuytren eine gewisse Laxität des Bandapparats bei gleichzeitig defizitärer Acetabulumtiefe.
Heute deckt die pädiatrische Orthopädie ein breites Spektrum von Krankheitsbildern ab, von angeborenen Deformitäten über onkologische Erkrankungen des Bewegungsapparats, osteoartikuläre Infektionen und Wachstumsstörungen wie Skoliosen und Längenungleichheiten der unteren Extremitäten bis hin zu neuroorthopädischen Erkrankungen sowie posttraumatischen Belastungsstörungen und sonstigen Leiden.
Aus all diesen hochinteressanten und gleichermassen wichtigen Krankheitsbildern und Leiden eine Auswahl zu treffen, war nicht einfach. Schliesslich haben wir den Schwerpunkt auf Erkrankungen gelegt, mit denen Sie es in Ihrer kinderärztlichen Praxis regelmässig zu tun haben.
Frau Dr. Samara und Herr Dr. Crisinel aus Lausanne berichten über den diagnostischen Ansatz und die Behandlung von osteoartikulären Infektionen bei Kindern im Vorschulalter.
Frau Dr. Christina Steiger aus Genf klärt Sie über häufige Handverletzungen auf.
Herr Dr. Ziebarth und Frau Dr. Kocher aus Bern stellen Ihnen einen diagnostischen Ansatz bei Epiphysiolysen des Femurkopfs vor, damit diese nicht länger unerkannt bleiben.
Die orthopädischen Wirbelsäulenchirurgen Dr. Deml und Dr. Albers vermitteln Ihnen das korrekte Vorgehen zur Feststellung der idiopathischen adoleszenten Skoliose.
Dank der engen Zusammenarbeit mit unseren neurochirurgischen Kolleg:innen beschreiben Herr Dr. Messerer, Herr Dr. Harel und Frau Dr. Niederhauser aus Lausanne, wie sich kraniale Fehlbildungen bei Säuglingen erkennen lassen und wann sie zur chirurgischen Behandlung überwiesen werden sollten.
Ich selbst darf Ihnen die regionalen Unterschiede bei der Abklärung der entwicklungsbedingten Hüftdysplasie in der Schweiz und die Bedeutung der klinischen Beurteilung vorstellen.
Wir danken den Autor:innen dieser Ausgabe für ihre hochwertigen, spannenden und praxisnahen Artikel.
Wir hoffen, dass die diversen Beiträge Sie nicht nur fachlich ansprechen, sondern Ihnen auch den Praxisalltag bei der orthopädischen Untersuchung Ihrer kleinen Patient:innen erleichtern werden.
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.