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Die Zunft zu Rebleuten

Die Zunft zu Rebleuten hat kein klares Geburtsjahr. Sicher ist, dass die Rebleute die letzten Handwerker Basels waren, die sich in einer Zunft vereinigten. Zumindest lässt sich der Zeitpunkt der Gründung dieser Zunft auf rund zwei Jahre genau festlegen.
Um 1364 ist belegt dass die zunftlosen Rebleute militärisch organisiert sind. Zwei Jahre später liegen sich die Stadt Basel und Jean de Vienne, Bischof von Basel, heftig in den Haaren. Während des Streits wurde den Baslern vorgeworfen, dass sie ohne den Segen des Bischofs Zunftmeister und Zünfte eingesetzt hätten. Es kann sich dabei nur um die Zunft zu Rebleuten handeln.
Die Kirche der Rebleute, St.Ulrich an der Rittergasse. Hier begann im 15.Jh jeweils der Bannritt zu Auffahrt bei dem die Rebleute im Gescheid eine wichtige Rolle spielten.
Ohne den Segen des Bischofs
Alle Zünfte waren folglich mit dem Einverständnis der Basler Bischöfe entstanden, ausser der Zunft zu Rebleuten. Der Rat beschloss zu Beginn der 1380er Jahre die Vereinigung der zahlreichen, sozial niedrig stehenden, Rebleute mit den weniger zahlreichen doch betuchten Grautüchern. Weinbau traf somit auf Textilhandwerk.
Die in einer "gespaltenen Zunft" vereinten Rebleute und Grautücher wurden nicht so recht froh miteinander - zu verschieden waren die Handwerke und der soziale Status. Eine Debatte voller Leidenschaft ergab sich 1397. Die Grautücher waren erbost darüber, dass ihr altes Wappentier der Wolf nun in der Pfote das Rebmesser der Rebleute hielt.
Zur Krankenvorsorge in der Zunft ist aus jenen Tagen Folgendes bekannt. Am 27 März 1398 wurde festgehalten, dass man mit den Pflegern des Basler Spitals vereinbart habe, dass für die Zunft der Grautücher und Rebleute stets eine Bettstatt mit Bettzeug unter einem eigenen Glasfenster bereitstehe. Dort sollten kranke Zunftbrüder Aufnahme finden.
Die folgenden Jahrzehnte waren immer wieder von Streit und Zank zwischen den Teilzünften geprägt. Schliesslich trennte sie der Rat und teilte die Grautücher der Zunft zum Schlüssel zu. Die Zunft war nun völlig den Rebleuten zu eigen, und das gemeinsam mit dem Grautüchern erworbene Haus "zur Glocke" an der Freienstrasse fiel ihnen auch zu.
St.Ulrich und das Gescheid
Besonders nahe stand den Rebleuten die Kirche des heiligen Ulrich an der Rittergasse (St.Ulrich war der augsburger Patron der Winzer). Hier zogen am Auffahrtsmorgen beim Bannritt die Bannwarte, Scheidleute so wie Acker- und Rebleute im Gefolge des bischöflichen Meiers vor die Stadt, um Grenzsteine und Markierungen abzuschreiten.
Die Aufsicht über den Boden der Stadt vor den Mauern oblag in der zweiten Hälfte des 15.Jh dem Gescheid. Dieses bestand gemäss einem Vergleich von 1469 aus zehn auf Lebzeit gewählte Scheidleute. Die Hälfte dieser Männer stellte die Zunft zu Rebleuten, die anderen fünf waren Leute aus anderen Zünften die sich in Feld und Bann auskannten.
Von den armen Rebleuten
Vergleicht man die Zunft zu Weinleuten mit der Zunft zu Rebleuten in jenen Tagen, dann sticht der unterschiedliche soziale Stand ins Auge. Rebleute waren vielfach als Taglöhner tätig. Sie unterhielten im Dienste anderer deren Rebberge. In der Zunft fanden sich zugewanderte Rebleute aus der näheren und ferneren Nachbarschaft.
Im Jahr 1482 definierten Bürgermeister und Rat von Basel wer sich Rebmann nennen durfte. Man musste sich bei seinem Handwerk mehr mit den Reben als mit dem mit ihnen bebauten Boden befassen, dann gehörte man zur Zunft zu Rebleuten. Wer hingegen mehr den Boden bearbeitete und nebenbei dem Rebbau nachging, der musste sich in der Zunft zu Gartnern einreihen.
Niemand wurde bei den Rebleuten reich, im Gegensatz zu den Weinleuten. Diese waren im Weinhandel daheim und beherrschten den Weinmarkt. Sie verkauften den Wein den die Rebleute anbauten, und verdienten dabei wesentlich mehr als die armen Taglöhner. Die Rebleute wohnten oft in Vorstädten, wo die Obrigkeit ihre Zwingtrotten unterhielt.
St.Urban war als Schutzheiliger der Weinbauern hoch verehrt. Links seine Statue im Zunftlokal. Rechts das Relief mit dem Wolf der Rebleute vom Umbau des Zunfthauses 1671, wohl ein Werk des Steinmetzmeisters Heinrich Frey.
Der Wappenstreit mit dem Rebhaus
Auch in Kleinbasel gab es Rebleute, die nachweislich bereits 1304 in der Gesellschaft zum Rebhaus vereinigt waren. Indes war dies keine Zunft, weshalb ihre Mitgleider nach der Vereinigung von Gross- und Kleinbasel 1392 zu Rebleuten zünftig waren. Ein Wappenstreit wie jener mit den Grautüchern ist hier übrigens auch belegt - es ging um das Rebmesser.
Die Kleinbasler Gesellschaft führte zu Beginn ein weisses Rebmesser auf rotem Grund. Da aber auch die Zunft zu Rebleuten ein Rebmesser als Wappen hatten, kam es zum Streit. Hernach führten die Kleinbasler fünf kleine Rebmesser auf grünem Grund. Als schliesslich bei den Rebleuten der Wolf der Grautücher mit dem Rebmesser aufkam, kehrte das Rebhaus wieder zu seinem Rebmesser zurück.
Die Zunft zu Rebleuten hatte nebst dem Haus zur Glocke auch Grundbesitz ausserhalb der Stadt. So etwa jenes Stück Wald welches die Zunft Anno 1460 von Ritter Konrad von Bärenfels und Junker Bernhard von Bollwyler übernahm. Die Gemeinde Münchenstein erhob in den 1490er Jahren Anspruch auf das Gehölz am Brüglinger Rain, doch der Rat befand dass der Wald rechtmässig den Rebleuten gehöre.
Zunftbruder Johann Rudolf Wettstein
Unter den zugewanderten Rebleuten finden sich 1579 die Brüder Jakob und Heinrich Wettstein aus Russikon aus dem Amt Kyburg im Kanton Zürich. Jakob wurde Kellermeister des Basler Spitals und bewarb sich 1610 mit seinem sechzehn Jahre alten Sohn Johann Rudolf um die Aufnahme in die Zunft. Beide wurden am 9. Dezember jenes Jahres in die Reihen der Rebleute aufgenommen.
Jakobs Sohn, Johann Rudolf Wettstein, brachte es nach einem harzigen Anfang sehr weit. Als Rebmann arbeitete er nicht wirklich, er wurde Notar. 1620 beriefen ihn die Rebleute zum Ratsherrn. Vier Jahre später wurde er Obervogt auf der Farnsburg und 1626 kam er ebenfalls als Obervogt nach Riehen. 1635 wurde Wettstein Oberzunftmeister und zehn Jahre später Bürgermeister Basels.
Auch Wettsteins jüngster Sohn Johann Friedrich trat der Zunft zu Rebleuten bei, wo er von 1671 bis 1691 als Zunftmeister amtete. Es zeigt sich hier, dass man mittlerweile nicht mehr im Rebbau tätig sein musste um in die Zunft aufgenommen zu werden. Nachwuchs war bei den Rebleuten im 17.Jh immer schwieriger zu finden, so öffnete sich die Zunft vermehrt berufsfremden Herren.
Der Rebbau verschwindet
Der Grund für das Ausbleiben von Nachwuchs ist auch im Rückgang des Rebbaus in der Nähe des Stadt zu suchen. 1695 untersagte das Kleinbasler Gescheid einigen Bürgern auf dem Klybeckfeld weiter neue Reben anzulegen. Vier Jahre später verbot die Obrigkeit jeden weiteren neuen Rebbau im Bann des Stadt. So verhinderte die Stadt neues Rebgelände während das alte langsam verschwand.
Es war die Zeit in der es notwendig war einer Zunft anzugehören, wenn man politische Ambitionen hatte. Der Weg in die Räte der Stadt führte über die Zünfte. So erlangten auch über die Zunft zu Rebleuten honorige Basler Bürger wichtige Ämter, obwohl sie nie ein Rebmesser in Händen gehalten hatten. Als Berufsfremde hatten sie der Zunft die doppelte Eintrittsgebühr bezahlt.
So kam es, dass sich die Reihen der Rebleute mit Herren aus den Kreisen der Kaufleute, Akademiker und Offiziere füllten - alles Berufe die kaum mit Weinbau zu tun hatten. Anno 1678 wurde mit Matthias Segenmann der letzte Rebmann Zunftmeister. Bis zur Revolution von 1798 waren Zunftbrüder dieses Berufsstandes sehr rar geworden, und um 1814 waren sie ganz verschwunden.
Das von Ernst Werdenberg eingerichtete Vorgesetztenzimmer in der Liegenschaft Freienstrasse Nummer 50. Hier hat die Zunft zu Rebleuten heute ihren Sitz.
Das Ende der Zunftherrschaft berührte die Rebleutezunft wenig, denn es gab weder Berufsleute noch ein Handwerk welche durch besondere Rechte geschützt werden mussten. Während in anderen Zünften Handwerker und Berufsgattungen ihre Privilegien und ihren Einfluss einbüssten, konnten die Angehörigen der Zunft zu Rebleuten den Neuerungen des 19.Jh gelassen entgegengehen.
Das Zunfthaus der Rebleute
Dass die Rebleute schon im 14.Jh ein eigenes Domizil zur Pflege der Geselligkeit hatten, belegt ihre Stubenordnung von 1387. Darin wird jedem mit Strafe gedroht, der im Haus der Zunft, sei es in der Stube, in der Laube oder im Garten, böse Schwüre (vulgo Fluchen) von sich gebe. Zu ihrem Sitz an der Freienstrasse kamen die Rebleute erst später.
Mit den Grautüchern kauften die Rebleute 1450 von Domherr Peter zum Luft und dessen Mutter Clara zu 320 Gulden Haus und Hofstatt "zur Glocke", zwischen der Trinkstube der Schuhmacher und dem Haus "zum blauen Mann" gelegen. Die Liegenschaft umfasste den Hauptbau an der Freienstrasse, ein Hinterhaus und Ställe zur Weissen Gasse hin.
Mit der Trennung von den Grautüchern 1453 ging das Haus ganz an die Rebleute. Die Liegenschaft erwies sich jedoch für die wenig begüterte Zunft als grosse Last, denn die darauf liegenden Zinsen konnten nur mühevoll bezahlt werden. Mit der Öffnung der Zunft für Berufsfremde kam ab dem 16.Jh Geld aus der Hand reicher neuer Zunftbrüder in die Kasse.
Kantonnement und Polizeibüros
Dies ermöglichte ab Ende des 16.Jh Umbauten und Renovationen. So bekam das Haus 1618/20 ein neues Dach, einen neuen Ofen und einen neuen Fussboden für den Saal. Ein grösserer Umbau war 1671 abgeschlossen, man hatte ihn sich 3700 Pfund kosten lassen. Von damals stammt vermutlich das Wolfsrelief das heute den Eingang zur Zunftstube ziert.
Ab 1798 nutzten französische Besatzungstruppen das Haus als Unterkunft, während sich 1813 und 1815 alliierte Soldaten darin einrichteten. Ab 1817 mietete die Central-Polizeidirektion das Haus zur Glocke für nur 35 Louisd'or pro Jahr von der Zunft. Für die Zunft blieb dann kaum mehr Platz. Die Polizei hatte hier diverse Abteilungen.
Nebst dem Büro der Polizeidirektors gab es das Büro des Aufenthaltswesens, sowie das Büro der Voruntersuchungen, des Transports und der Allgemeinen Polizei. Dazu kamen eine Wachtstube der Polizei und Zellen im Hinterhaus. Die Verhältnisse waren nicht ideal, so forderte die Polizei von der Zunft Umbauten. Die Zunft ihrerseits bot 1838 der Behörde das Haus zum Kauf an.
Der Abriss naht
Der Grosse Rat erlaubte aber den Kauf für 32'000 Franken nicht, so kündigte die Zunft der Polizei und richtete stattdessen im Erdgeschoss zwei vermietbare Ladenlokale ein. Im zweiten Stock wurde eine grosse Wohnung eingerichtet und das Zimmer der Vorgesetzten wie der Zunftsaal wurden erneuert. Zum Ende des 19.Jh musste aber das alte dreigeschossige Haus weichen.
Aus dem ältesten Zunfthaus stammt das Portal rechts, welches zuvor bereits im Zunfthaus von 1897 eingebaut wurde. Zur Zierde des neuen Zunfthauses stifteten Meister und Vorgesetzte 1897 diese Glasmalerei, die heute in den neuen Räumen hängt.
Die Verbreiterung der Freienstrasse erforderte den Abriss einiger Zunfthäuser. Auch jenes der Rebleute fiel zwischen März und Mai 1896 der Spitzhacke zum Opfer. Beim Abbruch kamen hinter dem Täfer der grossen Stube Wandmalereien zum Vorschein, die wohl aus dem ersten Drittel des 15.Jh stammten, als das Haus zur Glocke noch im Besitz der Adelsfamilie Ramstein war.
Die Architekten Emanuel La Roche und Adolf Staehelin wurden mit dem angepassten Neubau des Zunfthauses am Ort des alten Baus beauftragt. Um den wegen der neuen Baulinie verlorenen Boden auszugleichen, wurde der Zunft zu Rebleuten zusätzlicher Boden an der Weissen Gasse überlassen, wo ein ergänzender Bau errichtet werden konnte.
Ein neues Zunfthaus
Das neue Zunfthaus konnte im April 1898 eingeweiht werden. Im Erdgeschoss richtete die Aktienbrauerei ein Restaurant ein, während im ersten Stock der grosse Zunftsaal, das Zimmer der Vorgesetzten und ein Vereinslokal zu finden waren. Die Fassade zeigte sich im Stil der Neurenaissance mit Einflüssen des Historismus und des Jugenstils.
Die zur Freienstrasse gewandte Fassade des dreigeschossigen Hauses wurde von einem Erker im ersten Stock beherrscht. Im ersten und im zweiten Stock hatte Wilhelm Balmer sinnreiche Malereien angebracht. Zu sehen waren einerseits die vier Zunftmeister und Ratsherren Georg Senn und Johann Rudolf Wettstein (17.Jh) sowie Andreas Merian und Conrad Wieland (19.Jh).
Ein Stockwerk tiefer wurden durch Kindergruppen Rechte und Pflichten der Zunft dargestellt. Ganz rechts sah man die wehrpflichtige Mannschaft, gefolgt von den zum Löschen von Bränden Befohlenen und den Herren des Gescheids. Den Abschluss bildete eine Darstellung der Rebarbeiten. 1926 wurde die Fassade durch Numa Donzé mit einem Motiv zur Weinlese komplett übermalt.
Geschäftshaus mit Zunftstube
Nach der Schliessung des Restaurants im Erdgeschoss 1923 wurden die dortigen Räume zu Ladenlokalen umgebaut. Dafür hatte man das Haus jedoch nie vorgesehen, also waren die Verhältnisse für eine geschäftliche Nutzung unbefriedigend. 1954 verkaufte die Zunft das Baurecht, in der Folge wurde das Zunfthaus von 1898 abgerissen.
An der Freienstrasse 50 wurde nun durch die Globus AG ein Geschäftshaus mit fünf Geschossen erbaut, in dem eine ABM-Filiale eröffnet wurde (die heute bereits wieder Geschichte ist). Im fünften Stock hat jedoch nach wie vor die Zunft zu Rebleuten ihren Sitz. Unter der Verwendung historischen Zierrats und alter Bauelemente entstand das heutige Zimmer der Vorgesetzten.
So hat die Zunft zu Rebleuten heute nach über 450 Jahren noch immer ihre Heimat an der Freienstrasse. Das vom damaligen Vorgesetzten und späteren Meister Ernst Werdenberg eingerichtete Vorgesetztenzimmer zeugt von langer Geschichte und wohlgehegter Tradition.
Querverweise:
>> St.Ulrich - die Kirche der Basler Rebleute
Surftip zur Zunft:
> Website der Zunft zu Rebleuten
Literatur:
Paul Koelner, Die Rebleutezunft zu Basel, 1942, Verlag Helbing & Lichtenhahn Basel
Paul Koelner, Basler Zunftherrrlichkeit, 1942, Birkhäuser Verlag, Seiten 68 bis 70, 135, 138, 140 und 141
Gustav Adolf Wanner, Zunftkraft und Zunftstolz, 1976, Birkhäuser Verlag, ISBN 3-7643-0856-7, Seiten 83 bis 90
Robert Schiess, Die Zunft- und Gesellschaftshäuser der Stadt Basel, 2001 Verlag Schwabe & Co AG Basel, Herausgegeben vom Basler Heimatschutz, ISBN 3-7965-1889-3, Seiten 18 bis 19
E.Blum und Th. Nüesch, Basel Einst und Jetzt, Eine kulturhistorische Heimatkunde, 1913, Verlag Hermann Krüsi, Seite 74 bis 77