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Das Bahaitum ist eine relativ junge Religion. Erst im 19. Jahrhundert sind sie aus dem schiitischen Islam im damaligen Persien hervorgegangen. Heute sind die Bahai eine eigenständige pazifistische und monotheistische Religionsgemeinschaft, die verschiedene Elemente anderer Religionen in sich vereint und sich auf die Gründerfigur Baha’ullah bezieht.
In Iran, genauso wie etwa in Jemen, werden Bahai deshalb bis heute als «Abtrünnige» von der Regierung verfolgt und diskriminiert. Wiederholt werden ihre Friedhöfe und Heiligtümer verwüstet.
Seit den 1980er-Jahren sind sie auch an iranischen Universitäten nicht mehr zugelassen. Das hindert sie jedoch nicht daran, ihre Abschlüsse in Kellern oder Wohnzimmern zu machen, am BIHE, dem Bahai Institute for Higher Education, einer illegalen Untergrund-Uni.
Viele Sprachen, eine Religion
Deshalb sind die inzwischen etwa sechs Millionen Bahai laut eigenen Angaben in fast jedem Land der Welt vertreten. In der Schweiz leben ca. 1200 Gläubige. Ihre Internationalität fällt speziell auf, wenn man hierzulande eine ihrer Andachtsfeiern besucht.
«Menschen lesen hier in den verschiedensten Sprachen aus den Bahai-Schriften», sagt die 27-jährige Tanja Hotz. «Aus dem Hochheiligen Buch etwa oder auch aus Texten anderer Religionen.» Hotz ist seit ihrem 15. Lebensjahr Bahai.
Jemand, der dabei die Schriften auslegen würde, gibt es nicht. Hohe Selbstverantwortung des Gläubigen ist die Devise.
Das 19-Tage-Fest der Bahai
Bahais folgen dem Sonnenkalender. Ihr Jahr hat 19 Monate zu je 19 Tagen. Die verbleibenden 4-5 Tage sind reserviert zur gegenseitigen Fürsorge. Jeder Monat ist nach einer Eigenschaft Gottes benannt. So beginnt das Jahr mit dem Monat «Herrlichkeit», der gefolgt wird von «Ruhm» und «Schönheit».
Das Jahr endet in einem Fastenmonat. An jedem ersten Tag des Monats treffen sich die Bahai zur Andachtsfeier mit anschliessender Diskussion – dem sogenannten 19-Tage-Fest. Die Bahai haben eine eigene Zeitrechnung, die mit der Erklärung des Bab 1844 beginnt.
Ein Offenbarer pro Epoche
Doch woher rührt das Nebeneinander der heiligen Schriften? «Wir sind überzeugt: Für jede Zeitepoche sendet Gott einen Offenbarer», erklärt Tanja Hotz. «Von Krishna über Abraham, Moses, Zarathustra, Buddha, Jesus Christus, Muhammad zum Bab und Baha’ullah.»
Die Bahai glauben also an eine fortschreitende Gottesoffenbarung, ohne dass die vorhergehenden Offenbarer damit als minderwertig gelten würden.
So gilt für die Bahai einerseits Seyyed ʿAli Muhammad Schirazi, ursprünglich ein Muslim, als Wegbereiter ihrer Religion. Deshalb wird er «der Bab», das Tor, genannt. Er hatte 1844 den Anspruch auf eine neue Offenbarung.
Nicht nur für die Muslime im Iran war dies ein Affront. Zumindest gehen sie davon aus, dass Muhammad der letzte Prophet und der Koran die letzte Offenbarung ist. Schirazi wurde deshalb im Jahr 1850 hingerichtet.
Andererseits beziehen sie sich in ihrer Selbstbezeichnung auf den Religionsgründer und Bab-Anhänger Mirza Husain-ʿAli Nuri dessen Ehrentitel Baha’ullah «Herrlichkeit Gottes» bedeutet. Auch er wurde verfolgt und lebte schliesslich bis zu seinem Lebensende 1892 in Gefangenschaft.
Gebet Richtung Akko
«Man ist Bahai, wenn man Baha’ullah als die Manifestation Gottes für das gegenwärtige Zeitalter anerkennt», sagt Tanja Hotz. «Aber auch nach ihm wird es wieder neue Offenbarer geben.»
So wird auch das Bild Baha’ullahs mit allergrösstem Respekt behandelt und in der Regel nicht öffentlich zur Schau gestellt.
Die täglichen Gebete verrichten die Bahai denn auch in Richtung Akko, Israel, zumal dort Baha’ullahs Schrein steht.
Im Zentrum ihres Glaubens steht die Einheit Gottes, die Einheit aller Religionen, sowie die Einheit der Menschheit, unabhängig von Religion, Rasse, Klasse, Geschlecht oder Nation.
«Für mich widerspiegelt sich dieser Einheitsgedanke auch im Bestreben nach einem tugendhaften Leben in allen Lebensbereichen», so Hotz.