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Wenn die Kulturredaktion des „Tagi“ die „Bestenliste Sachbuch“ der „Süddeutsche Zeitung“ und des Norddeutschen Rundfunks übernimmt, wie gerade heute wieder geschehen (S. 42), haben Schweizer Sachbücher keine Chance mehr. Wer in Deutschland kennt Schweizer Sachbücher? Diese Globalisierung der Kultur beim „Tagi“ führt, wie andernorts auch, zur Kannibalisierung der eigenen Leistungen.
Diese „Bestenlisten“, wie sie auch die „Schweizer Illustrierte“ bringt, sind ohnehin sehr fragwürdige Einrichtungen. Wer entscheidet denn mit welcher Kompetenz über die Einstufung? „Cash“ hat die Beurteilungskompetenz gleich ganz an getabstract delegiert. Ich frage mich, welchen Originalgedanken kaufe ich denn noch?
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Tagesarchiv für 2. August 2005
Wenn die Kulturredaktion des „Tagi“ die „Bestenliste Sachbuch“ der „Süddeutsche Zeitung“ und des Norddeutschen Rundfunks übernimmt, wie gerade heute wieder geschehen (S. 42), haben Schweizer Sachbücher keine Chance mehr. Wer in Deutschland kennt Schweizer Sachbücher? Diese Globalisierung der Kultur beim „Tagi“ führt, wie andernorts auch, zur Kannibalisierung der eigenen Leistungen.
Die renommierte „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, die einen sehr guten Wirtschaftsteil hat, veranstaltet zusammen mit der Universität St. Gallen, „CNN“ und einigen anderen am 13. und 14. Dezember 05 in München einen Kongress „Leaders in Europe“. Wer sind diese Leaders? Helmut Kohl vertritt Deutschland, ein Schweizer ist nicht dabei. Dafür Michail Gorbatschow, den seine eigenen Landsleute hassen, William J. Clinton, der nur deshalb heute einen guten Ruf hat, weil der seines Nachfolgers noch viel schlechter ist, Madeleine Albright und Donald Trump.
Wenn das Europas „Leaders“ sind, dürfen wir unsere Unternehmer vergessen. Nun ja, Deutsche Bank, Siemens und DaimlerChrysler sind keine Glanzlichter, Nokia steckt in der Krise, aber Berlusconi (als Privatmann) verdient immer besser, während Italien pleite geht. Aber Peter Brabeck-Letmathé, der Chef von Nestlé, die Herren von Glencore, Richmond, UBS, Novartis? Kann Lou Gerstner ihr Vorbild sein? Dann heisst dies viel Schlimmes für die Europäer.
Haben Sie den kräftigen Mann schon gesehen, der in Boxershorts vor seinem Haus auf dem Rasen steht, mit der Hand ekstatisch nach links oben zeigt und einen Wasserschlauch wie ein Mikrofon vor den Mund hält? Es ist ein Kunde der amerikanischen Citibank, wie er in deren neuem Inserat präsentiert wird mit dem Satz „Leben, als ob es kein Morgen gäbe. Sparen, als ob noch viele davon kämen.“ Was soll ich jetzt tun, liebe Citibanker? Wie ein Idiot im Garten singen? Hören die Citibanker mir zu, wenn ich mein Konto einmal überziehe? Ehrlich, die Welt spinnt.
Der obige Satz stammt von der Zürcher Regierungsrätin Rita Fuhrer; sie sprach ihn am 1. August aus. Frau Fuhrer ist eine nahezu perfekte Kommunikatorin von grossem persönlichem Charme, die ich sehr schätze. Sie hat eine unlösbare Aufgabe: Den Flughafen zufrieden stellen, die grossen Konzerne zufrieden stellen, den Tourismus zufrieden stellen und die lärmbetroffenen Anlieger auch.
Frau Regierungsrätin, Sie haben Pech. Ich werde jeden Morgen um 06.02 Uhr vom ersten Flugzeug geweckt, kann samstags und sonntags nicht mehr ausschlafen, habe immer wieder auch abends Lärm über der Terrasse. Ich sage, Ihr Fluglärm zerstört meine Lebensqualität, und zwar ganz erheblich. Als guter Steuerzahler fühle ich mich betrogen.
Wenn ich das Inserat des „NZZ“ Buchverlags richtig verstehe, stellt er das Buch von Elio Pellin und Elisabeth Ryter über die Geschichte des Schweizer Kreuzes unter dem Titel „Das Schweizer Kreuz: Vom National-Emblem zum Lifestyle-Logo“ zustimmend vor.
Kürzer könnte man es nicht sagen: Der Schweizer Nationalstaat ist am Ende; was übrig bleibt, ist Lifestyle. Wie es schon der Name sagt, ein international-globalisierter Zustand unter amerikanischer Vorherrschaft, mindestens sprachlich.
Ich bin kein Nationalist, kann ich gar nicht sein, aber niemand soll sich wundern, wenn man den Staat kritisch beurteilt, wenn auch die „NZZ“ der Meinung ist, dieser Nationalstaat sei vorbei. Lifestyle zählt.
Zur grossen Überraschung vieler kann hinzugefügt werden: Ich kenne im Westen keinen nationaleren Staat als die USA. Was sagt die „NZZ“ dazu? Wir übernehmen deren Lifestyle und lösen unseren Staat auf. Die Handelsverträge als erster Schritt. Ja, warum eigentlich nicht: George W. Bush for President, auch in der Schweiz.
Der neue Sprecher des Bundesrats, Oswald Sigg, verspricht vor Amtsantritt „offene Kommunikation“. Wir werden ihn beim Wort nehmen. Ich habe zwar noch nie von einer Regierung gehört, die wirklich offen kommunizierte. Das Wort „offen“ ist so dehnbar, wie die kirchliche Bitte „Friede mit Euch“. Erst spät lernte ich, dass sich dieser Wunsch nicht auf den irdischen Frieden bezieht, sondern alleine auf den religiösen.
Was soll nun „offen“ heissen? Wahrscheinlich auch nur leere Versprechungen eines glänzend bezahlten Chefbeamten. Seine früheren Vorgesetzten waren auf keinen Fall immer offen in der Kommunikation: Willi Ritschard war ein kluges Schlitzohr, das ich schätzte, Dölf Ogi ein kommunikatives Naturtalent, aber nie offen, und Moritz Leuenberger? Wir Zürcher wissen, was wir von ihm zu halten haben.
Präzise: Über einen uneinigen Bundesrat kann man allerlei kommunizieren, aber sicher nicht „offen“, Herr Bundesratssprecher.
Organisierte Kultur ist, wenn keiner hinschaut: So auch beim Projekt www.kulturministerium.ch, welches laut eigenen Aussagen mit verschiedenen Kunstverbänden der Schweiz zusammenarbeitet und als „virtuelles Kompetenz- und Diskussionszentrum für Fragen der Kultur und Kulturpolitik“ dient. Im Kulturkuchen bleibt man gerne unter sich.
Dies dürfte sich ändern, seit der Berner Christian P. Leu, seines Zeichens hervorragend vernetzter Weblogger (www.atleu.ch) und Internetaktivist, entdeckt hat, dass dort ein „Kulturminister“ gesucht wird. Seit dem 1. August führt Leu in einer konzertierten Aktion auf www.leumund.ch die Wahl ad absurdum: „Ich bin der ideale Kandidat für diesen Job. Politisch und kulturell unbekannt, kann ich dafür einstehen, dass ich der wohl sauberste Kulturminister aller Zeiten werde!“
Wir sind gespannt auf den Ausgang der Wahl.
Wer heute clever ist und eine Stelle, eine Wohnung oder ein Auto sucht, geht ins Internet. Hier kann man sich dank Suchfunktionen ein auf seine spezifischen Bedürfnisse zugeschnittenes Angebot aussuchen. Kein Wunder, wandern die Inserenten ab in die digitale Welt – die immer dünner werdenden Rubriken-Seiten der Zeitungen sind beredtes Zeugnis dieser Entwicklung. Nicht alle scheinen diese Entwicklung in gleichem Masse mitgekriegt zu haben: Beim „Tages-Anzeiger“ vertraut man immer noch auf längst verlorene Stärken und schlägt alle Warnungen in den Wind: „Eine strukturelle Abwanderung im hohen Ausmass findet nicht statt“, so „Tages-Anzeiger“-Chefredaktor Peter Hartmeier in der „SonntagsZeitung“