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Ernst zieht Bilanz.
- Ernst sieht, dass Ernst zum Problemfall Nr. 1 geworden ist.
- Ernst wird nie auf 1 grünen Zweig kommen.
- Ernst betreibt Raubbau.
- Ernst fürchtet den Malstrom, der Ernst mehr & mehr in Ernsts hohles Zentrum zieht.
- Ernst ahnt, dass Ernst mit Ernsts Einsiedeley auf dem Holzweg ist.
Ernst stellt zudem fest, dass Ernst nach einer Fastenzeit Ernsts Gewicht während 2, 3 Monaten halten kann. Dann steigt es an, um sich nicht mehr wesentlich zu verändern. Die entscheidende Frage ist offenbar nicht, warum Ernst Ernst nicht im Griff hat, sondern warum Ernst Ernst erst dann in Ernsts Griff nimmt, wenn Ernsts Gewicht zu hoch ist. Als ob Ernst absichtlich eine Methode wählte, bei der Ernst leiden muss. Möglich wäre aber auch, dass es nicht Ernst ist, der darauf aus ist, Ernst Schaden zuzufügen, sondern dass Ernst von Aussen gezwungen wird, Ernsts Idealgewicht zu verlassen.
Ernst kommt in Ernsts Sinn, wie im Kreuzgang des Monasteriums eine Mutter ihr Kind regelrecht nötigte, weiter zu essen. Aber das Kind drehte den Kopf zur Seite und als die Mutter den Löffel wieder in den Jogurtbecher tauchte und dazu noch Beschwörungsformeln murmelte – 1 Löffelchen für Oma, 1 Löffelchen für den Ehlifant –, schlug ihr das Kind das Jogurt aus der Hand. Das fehlt Ernst: Dieser Instinkt, der jeden Mästungsversuch mit einer Aggression abwehrt.
Doch die Frage, warum Ernst immer erst dann auf Ernsts Ernährung achtet, wenn Ernsts Gewicht aus Ernsts Ruder gelaufen ist, ist damit nicht gelöst. Vielleicht weil das erhöhte Gewicht Ernsts wirkliches Gewicht ist? Halt. Denn das hiesse ja, dass bei jemandem, der erst bei 125 Kilogramm auf sein Gewicht achtet, diese 125 Kilogramm das wirkliche Gewicht wären. Diese Argumentation greift also nicht. Aber weiss Ernst eigentlich, welches Ernsts wirkliches Gewicht ist? das Gewicht, das in Ernsts Genen festgelegt ist? das Gewicht als Ernst 20 war? steigt das Gewicht mit steigendem Alter oder ist das nur eine faule Ausrede, um Ernst hemmungslos Ernsts Bauch vollzuschlagen? Ernst denkt an Mutter Natur, die es angeblich so eingerichtet hat, dass man eher etwas zu schwer ist, damit man in Notzeiten oder während einer längeren Krankheit etwas zum Zehren hat.
Es liegt nicht an Ernsts fehlender Willenskraft, wenn der Zeiger von Ernsts Waag nach der Diät wieder nach oben wandert. Alle Versuche, das Gewicht dauerhaft absenken zu wollen, sind bei einem gesunden Körper zum Scheitern verurteilt. Abnehmen ist evolutionsmässig unerwünscht.[1]
Aber Ernst will ja Ernsts Gewicht gar nicht unnatürlich absenken! Ernst will auch nicht zaundürr werden, sondern lediglich nicht mehr sein, als Ernst im Normalfall ist. Ist Ernst 1 Normalfall? Alles, was Ernst weiss, ist, dass Ernsts Gewicht nicht Ernsts Wohlfühlgewicht entspricht. Vorsicht. Ernsts Wohlfühlgewicht? Verwechselt Ernst Ernsts Kastanienklause mit einer Wellnessfarm, wo Ernst in einer (in einem beruhigenden Beigeton gehaltenen) Kuschelecke mit 1 Hot-Stone-Kur verwöhnt wird und eine aegyptische Isismassage geniesst, die (wie Ernst erst neulich gelesen hat) wohlig-entspannend und deelectrisierend wirkt und mit dem Auflegen kleiner Energiepyramiden und einem erfrischenden Minzritual abgeschlossen wird?
«Stuff and Nonsense !» said Alice loudly.[2]
Aber ist es denn wirklich so, dass Mutter Natur es so eingerichtet hat, dass Ernst wegen der berüchtigten Dürreperioden eher etwas zu schwer sein sollte? Müssten dann nicht auch der Gepard, der Walfisch und der Mäusebussard immer leicht adipös sein?
Bevor Ernst sesshaft wurde und lernte, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben, gab es immer wieder Tage, an denen keine feste Nahrung zur Verfügung stand.[3]
Immer wenn Forscher etwas als Binsenwahrheit formulieren, wird Ernst hellhörig und fragt Ernst, ob nicht gerade das Gegenteil der Fall sein könnte: Ernst soll also erst Hunger gelitten haben, nachdem Ernst sesshaft geworden ist? Fakt ist, dass Ernsts Vorfahren Nomaden waren, sie folgten den Tierherden, die instinktiv wussten, wo es Wasser und Nahrung gab. Und so ist es gut möglich, dass Ernst eben gerade weniger Hunger litt als jetzt, wo Ernst als ein Sesshafter in Ernsts Kastanienklause sitzt! Ernst seufzt und da es Ernst scheint, dass Ernst von Ernsts abgekommen ist, geht Ernst zurück und liest den heutigen Eintrag noch einmal durch. Ernst begann mit Ernsts Holzweg, kommt zum Walfisch und landet in der Kuschelecke und bei den Nomaden. Das ist ein schlechtes Zeichen, ein Beweis, dass Ernst wieder einmal mehr an Ort tritt und so bleibt nur noch die Hoffnung, dass jemand eine Email geschickt hat. Das könnte Ernst ablenken. Ernst geht zu Ernsts Briefcase und tatsächlich!
Lieber Ernst,
da wird mir unheimlich zumute. Eben habe ich an Ernst gedacht, wie er mit Ernst ringt und seinen süßen Zahn poliert, da klingelt Punkt 19.15 Uhr das Telefon: Telefonumfrage. Ein freundlicher Herr: „wir machen eine Umfrage zum Thema Lebensmittel und da suchen wir vorzugsweise Männer“, ich erschrak und sagte nur: „ich suche auch Mittel zum Leben“ und verabschiedete mich höflich. Der Geist des Dentisten wird doch hoffentlich hier nicht auch noch spuken? Ich esse nun einen „Chefsalat“,
Gute Nacht,
Nordlicht
Ernst setzt Ernst sofort an Ernsts Laptop. Aber Ernst wird zu stark vom Chefsalat abgelenkt. Ernst sieht die Salatgurke und die Datteltomaten vor Ernst und die geviertelten hartgekochten Eier, den Schinken, die Zwiebelringe und den höhlengereiften Emmentaler Käse und den Eisbergsalat. Ernst nimmt eine Prise Salz, fügt schwarzen Pfeffer und Öl und Essig und Petersilie dazu und ganz wenig Koriander und noch einige schwarze Oliven und Kapern, aber justgenauda klopft es an Ernsts Tür. Ernst schaut auf Ernsts Uhr. Wie ist das möglich? Eben war es noch 19.30 Uhr und jetzt ist es – jetzt ist es 23.30 Uhr? Nun klopft es energischer. Ernst schleicht zur Tür und guckt durchs Schlüsselloch. Aber das hätte Ernst Ernst ja denken können! Es ist zu dunkel. Ernst sieht nichts. Da fasst Ernst Ernst 1 Herz und ruft: «Hallo, ist da wer?» Ohne sich zu räuspern fragt jemand: «Herr Ernst?» Ernst ruft barsch, aber immer noch anständig: «Wer da?» Ernst hört aus der Finsternis: «Mein Name ist Herr Bodimass Index Jun. Hat Herr Ernst einen Moment Zeit?»
Ernst kann Ernst nicht beherrschen, zu gross ist Ernsts Neugier, und so kommt es, dass Ernst die Tür öffnet und Herrn Bodimass Index Jun. hereinlässt. Ernst ist unschlüssig, doch dann ruft Ernst: «Es tut Ernst leid, aber um diese Zeit lässt Ernst niemanden herein.» Ernst hört noch, wie der nächtliche Besucher etwas vor sich hinmurmelt, aber dann hat Ernst wieder Ernsts Ruhe und legt Ernst bald einmal schlafen. Ernst bietet Ernsts Gast von Ernsts Chefsalat an (es wäre für Ernst ohnehin zu viel gewesen), offeriert eine Tasse Pu Erh und sagt: «Dem Namen nach sind Sie ein Essberater?» Aber Herr Bodimass Index Jun. ist weder an Ernsts Chefsalat noch an Ernsts Tee interessiert, denn er sagt ohne Umschweife: «Ich habe gehört, wie sich Herr Ernst über die Nomaden Gedanken gemacht hat, und da sagte ich mir, das ist der rechte Zeitpunkt, um bei Herrn Ernst die längst fällige Umfrage über Ernsts Lebensmittel zu machen. Um gleich zur Sache zu kommen: Herr Ernst muss nur darauf achten, wann der Körper hungrig und wann er satt ist. Wenn Herr Ernst diesen Signalen kompromisslos Folge leistet, kehrt das Idealgewicht zurück.» Ernst nippt nachdenklich am Tee und Herr Bodimass Index Jun. fährt unbeirrt weiter: «Wichtig ist, dass Herr Ernst nur das isst, was der Körper essen möchte. Nehmen wir als Beispiel Herrn Ernsts Hang zu Paranüssen, von denen nur schon eine einzige Nuss mindestens dreissig Kalorien –» Ernst ruft triumphierend: «Ein gutes Beispiel!» Herr Bodimass Index Jun. fragt emphatisch: «Warum?» Und Ernst: «Weil es Ihre Theorie widerlegt! Ernst isst fast jeden zweiten Tag 2, 3 dieser feinen Nüsse oder (sofern Ernst keine zur Hand hat) 1 Walnuss oder ein paar Pinienkerne. Sie sind es, die Ernst dick machen und das heisst doch nichts anderes, als dass Ernsts Körper gerade nicht weiss, was Ernst gut tut.» «Da muss ich Herrn Ernst leider widersprechen. Herr Ernsts Körper hat wegen der strengen Diät zu wenig Kalorien und zwingt Herrn Ernst, täglich Nüsse zu essen. Das Gleiche gilt für die Mandelgipfel oder die Appenzeller Biberli. Ohne diese Kalorienbomben könnte Herr Ernst nicht überleben. Herr Ernsts Körper weiss also genau, was nötig ist.» Jetzt fragt Ernst: «Verändert sich das Gewicht mit Ernsts Alter?» «Nicht wesentlich. Aber auch hier gilt es, darauf zu achten, was Herr Ernsts Körper Herrn Ernst mitteilt und zwar nicht mit einem esoterischen Geheimcode, sondern als nackte Zahl. Machen wir doch eine Probe aufs Exempel!» Ernst ruft genüsslich: «Gerne!» «Was war das Gewicht als Herr Ernst zwanzig war?» Ernst ist, als ob das gestern gewesen wäre und sagt leichthin: «75 Kilogramm.» «Und als Herr Ernst vierzig war?» «Da war das zu Ernst passende Gewicht etwas höher.» «Wie hoch war es denn Herrn Ernsts Meinung nach?» «Vielleicht so um die 76 Kilogramm.» «Vielleicht so um die …?» «76,5 bis 77,5 Kilogramm.» «Und heute?» «Herr Bodimass Index Jun. meinen das Idealgewicht?» «Ja.» «Höchstens 78,5 Kilogramm.» «Und das tatsächliche Gewicht?» «Also … heute ist es schon ein bisschen höher.» «Hat Herr Ernst noch weitere Fragen?» «Nein … oder doch! Was passiert, wenn Ernst die Signale von Ernsts Körper nicht immer genügend beachten sollte?» «Will mich Herr Ernst auf den Arm nehmen?» «Nein! Warum?» «Entweder ist es Herrn Ernst ernst oder Herr Ernst hat mich nur zum Spass gerufen. Ist letzteres der Fall, möchte ich bitten, keine weiteren Fragen zu stellen.» Ernst denkt: «Aber Ernst hat Herrn Bodimass Index Jun. ja gar nicht gerufen! Er ist es, der zu dieser späten Stunde an Ernsts Tür geklopft hat!» Aber dann sagt Ernst nur: «Manger modérément, c’est pas du nougat!» Herr Bodimass Index fragt: «Nuga?» Und Ernst: «Mässig essen ist nicht leicht!» Und nach einem halb unterdrückten Seufzer: «Es ist spät geworden ist. Ernst ist muchlymüd.» «Ich verstehe. Und sollte wieder einmal Frau Not an Herrn Ernst herantreten, contactiere mich Herr Ernst unverzüglich. Ich bin schlankweg fast immer erreichbar auch am frühen Morgen. Es hat mich gefreut, Herrn Ernst kennen zu lernen und ich bedanke mich für Herrn Ernsts Offenheit – einen schönen Abend noch!» Als Ernst wieder allein am Küchentisch sitzt, ruft Ernst: «Sapperlot! Dieser Bodimass Index Jun. spricht eine klare Sprache. Ernst muss nur auf Ernsts Körper hören – so einfach ist das!» Doch dann verfinstert sich Ernsts Gesicht. Denn Ernst wurde es mehr als einmal mulmig. Ernst geht das Purparleh noch einmal durch und bemerkt, dass das ungute Gefühl Ernst genau dann überfiel, als Herr Bodimass Index sagte, Herr Ernst muss nur darauf achten, dass … Ernst ruft: «Der Haken liegt bei diesem Nur! Was nachher folgt ist unerheblich! Ob Fit-For-Fun-Diät, Low-Carb-Ernährung oder intermittierendes Teilzeit-Fasten, das ist doch gehupft wie gesprungen! Das Entscheidende ist, dass alle Diäten mit diesem einschränkenden Nur eingeleitet werden!» Ernsts Faust saust auf Ernsts Küchentisch und Ernst ruft: «Da liegt der Hase im Pfeffer! Gerade dieses Nur können diejenigen, die falsch essen, nicht erfüllen!» Und warum nicht? Und wieder ballt Ernst Ernsts Faust: «Weil man mit diesem Nur an Ernsts Wille appelliert, den Ernst beim Essen nicht zur Hand hat!»[4] Ernst schenkt Ernst noch ein Tässchen Pu-Erh ein und murmelt: «Das nugaharte Nurnurnur!» Dann geht Ernst zur Tür. «Zu?» Ernst rüttelt an der Tür. «Jawoll! Sie ist zu.» Und die Antwort ans Nordlicht? Ernst setzt Ernst zum zweiten Mal an Ernsts Laptop und schreibt:
Liebes Nordlicht Eben hat Ernst etwas Ähnliches erlebt. Die Meinungsumfrage kam allerdings nicht per Telefon, sondern Ernst wurde live contactiert. Ernst sendet Dir das Gespräch mit Herrn Bodimass Index Jun. mit einem separaten Dokument und grüsst Dich müde & ernst
Ernst
[1] U. Pollmer, S. Warmuth, Lexicon der populären Ernährungsirrtümer, Diäten machen schlank
[2] Lewis Carroll, Ernst’s Adventures in Wonderland, Chapter XII, Ernst’s Evidence
[3] https://www.zentrum-der-gesundheit.de/intermittierendes-fasten-ia.html
[4] Ernst erinnert Ernst erst später, dass Ernst me_at_night mit ähnlichen Worten vor diesem schädlichen Nur gewarnt hat (s. Episode 33).