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Das Portfolio, ein alternatives Beurteilungssystem für die Schule
Original am 18. Januar 2005 in der NZZ
Noten und Zeugnisse
Man könnte meinen, Noten seien eine klare Sache. Aber in der näheren Betrachtung zeigen sich Schwachstellen. Zwar spielen Schulzeugnisse für das spätere berufliche Fortkommen praktisch keine Rolle; kaum ein Erwachsener wird bei Stellenbewerbungen seine Schulzeugnisse vorweisen. Eine als ungerecht empfundene Zeugnisnote kann dagegen sehr wohl einen grossen Einfluss auf das Leben ausüben.
Eine Note hat auch beim objektivsten Lehrer und bei dessen bestem Willen immer eine subjektive Komponente. War die beurteilte Aufgabe angemessen, nicht zu schwer, nicht zu leicht? Waren viel-leicht einige Schüler gerade nicht so gut im Strumpf, so dass ihre Leistung nicht ihrer eigentlichen Kompetenz entsprach? Und wie steht es mit der Noten-Skala? Nehmen wir an, eine ganze Klasse zeigt in einer Arbeit eine ungenügende Leistung. Eigentlich müsste der Lehrer sich sagen: Ich habe den Stoff offenbar nicht gut vermittelt, ich versuche es besser zu machen und annulliere die Probe. Falls er sie aber stehen lässt, ist er versucht, die Skala so zu legen, dass trotzdem ein passabler Durchschnitt entsteht (mit lauter ungenügenden Noten würde er ja sich selber eine schlechte Note setzen). Zeugnisnoten, die auf Grund solcher Manipulationen zustande kommen, sind wertlos; sie dürften nicht ernstgenommen werden. Aber leider sieht man ihnen nicht an, wie sie errechnet worden sind. Es kommt dazu, dass die Note immer eine Fremdbeurteilung ist. Und wer immer nur fremdbe-urteilt und -benotet wird, wird nie lernen, sich selber zu beurteilen.
Die traditionelle Zeugnisnote hat noch weitere Nachteile: Sie bemisst sich im Grunde meistens nach den Fehlern: Fehlerfrei ergibt eine 6, zwei Fehler eine 5 und so weiter je nach Skala. Jede Note – wenn es nicht eine 6 ist – enthält damit etwas Abwertendes. Sie kann auch nicht differenzieren, son-dern nur einen allgemeinen Hinweis geben; eine 4,5 in Mathematik zum Beispiel bedeutet: mässige mathematische Fähigkeiten, und das ist ziemlich nichtssagend.
Es wäre aber sicher falsch, wegen dieser offensichtlichen Nachteile der Noten auf jede Beurteilung zu verzichten. Denn immer, wenn wir eine Leistung vollbringen, ist es für uns wichtig zu wissen, ob wir damit selber und andere mit uns zufrieden sind. Wenn wir eine Arbeit nur halbherzig gemacht haben, bleibt uns ein schlechtes Gefühl, haben wir sie gut gemacht, erfüllt uns das mit Stolz. Die eigene wie die fremde Beurteilung unserer Leistungen hat für unser Selbstwertgefühl eine grosse Bedeutung, und das gilt ganz besonders auch für junge Menschen. Sie wollen etwas leisten, sie verlangen danach, be-urteilt zu werden. Eine faire Beurteilung wäre demnach vor allem eine sinnvolle pädagogische Mass-nahme, daher muss sie in der Schule eine wichtige Rolle spielen.
Aber in den Noten steckt noch etwas Hinterhältiges: Sie dienen vor allem der Selektion. Dank der Selektion, heisst es, könnten die Begabten besser ausgebildet werden, und für die weniger Hellen bleibe mehr Zeit. Aber das Muster ist fragwürdig. Mit den Aufnahmeprüfungen in die höheren Schulen fängt es an: Sie sind einseitig auf linkshemisphärische Bereiche einge-schränkt, in denen genaues Wissen und formallogisches Denken abgefragt werden kann. Die rechte Hirn-Hemisphäre, die uns immerhin zur Hälfte bestimmt und wo Intuition, vernetztes Denken, Beziehungsfähigkeit, musische Begabungen und Kreativität zuhause sind, wird völlig ausgeblendet. So kommen die linkshemisphärisch besonders Begabten weiter; sie werden später in Wirtschaft, Politik und Kultur die wichtigen Entscheide fällen, während die rechts-hemisphärisch hoch Begabten durch das Selektionsnetz fallen, sogar als dumm gelten und in untergeordneten Stellungen landen. Und das Muster wird nach unten weitergegeben, so dass die ganze Schule von oben bis unten auf diese einseitige Selektion getrimmt ist.
Ich möchte nun ein Gegenmodell vorstellen, das Portfolio. So wie mein im Jahre 1850 geborener Grossvater sein Handwerksbuch als eine Art Pass mit den Eintragungen über seine Arbeitsorte als Ausweis seiner beruflichen Erfahrung immer bei sich hatte, würde das Portfolio positive Auskunft über die Fähigkeiten seines Trägers geben, und dieser würde es sicher gerne vorweisen. Denn im Unterschied zum herkömmlichen Zeugnis, das sich an den Defiziten orientiert, würde darin belegt, was der Schüler, die Schülerin alles kann: Sie beherrscht das Bruchrechnen, den Dreisatz, die linearen Gleichungen, die Rechtschreibung, er kennt die Geschichte der Entdeckungen, sie hat das Gewässernetz der Schweiz im Kopf, auf dem und dem level spricht und schreibt er oder sie englisch, sie oder er kann sich in der Muttersprache auf dem Niveau x kompetent ausdrücken. Das erreichte Lernziel wird klar benannt. Lehrmeister müssen also nicht mehr eigene Tests durchführen, weil die Zeugnisse zu wenig darüber Auskunft geben, was die Schulabgängerinnen und -abgänger wirklich können.
Diese Kenntnisse und Fähigkeiten werden durch standardisierte Tests (wie es sie bei den Sprachen bereits gibt), durch externe Experten, an bestimmten Test-Tagen gemessen. Die Schülerinnen und Schüler melden sich dafür an, sobald sie sich aufgrund von Probearbeiten den Anforderungen gewachsen fühlen. Das hat eine ganze Reihe von Vorteilen: Die Beurteilung wird objektiviert, sie ist viel aussagekräftiger, die Ergebnisse lassen sich in der ganzen Schweiz vergleichen, und die erfüllten Tests – lauter positive Meldungen – werden in dieses persönliche Dokument eingetragen. Während ein Zeugnis häufig das schulische Scheitern abbildet, dokumentiert das Portfolio das erworbene Können.
Damit würden die Kinder vom täglichen Noten-Stress befreit, und sie könnten ihr Lernen vermehrt selber verantworten und den Zeitpunkt der Prüfung selber wählen. Die Lehrkräfte würden von der ständigen Prüferei entlastet, sie könnten sich darauf konzentrieren, zu unterrichten, Stoffe zu vermitteln, Fähigkeiten einzuüben und die Kinder beim Lernen zu beraten. So könnte "Schule" (was eigentlich "Musse" bedeutet) wieder menschlicher und für die Kinder attraktiv werden.
Auch der Übertritt in weiterführende Schulen würde vereinfacht: Diese Schulen müssten definieren, für welche Tests der Nachweis verlangt wird, und wer die Bedingung erfüllt, kann aufgenommen werden; Übertrittsprüfungen wären nicht mehr nötig. Dabei hätte der Gesetzgeber die wunderbare Möglichkeit, der Ganzheitlichkeit und Ausgewogenheit, die in den Präambeln der Lehrpläne immer so schön beschworen wird, zum Durchbruch zu verhelfen: Er könnte nämlich bestimmen, dass etwa beim Übertritt ins Gymnasium auch die musische Seite angemessen berücksichtigt wird, indem er beispielsweise zwingend vorschriebe, musikalische und zeichnerisch/bildnerische Fähigkeiten müssten nachgewiesen werden.
Fähigkeiten, die schwerer zu testen sind, könnten auf einer besonderen Seite durch den Lehrer in Worten erfasst sein, z.B. "schreibt gute Aufsätze, kann gut formulieren, Gedichte auswendig rezitieren, spricht fast akzentfrei französisch, fliessend englisch, spielt hervorragend Theater, hat ein mathematisches Gespür beim Suchen nach Lösungswegen, liebt die Natur, engagiert sich für Nachhaltigkeit, beobachtet gut, hat den Überblick über geschichtliche Epochen und die kulturgeschichtlichen Bezüge, hat Sinn für globale Zusammenhänge und Entwicklungen, kann sich in andere einfühlen und bei Streitigkeiten vermitteln, hat die Fähigkeit, zeichnerisch und bildnerisch zu gestalten, zu singen, auf einem Instrument zu spielen, Melodien zu erfinden.
Auch schwache Schüler haben irgendwo ihre Stärken; es wäre ihnen zu gönnen, dies auch einmal schwarz auf weiss bestätigt zu sehen. Vielleicht haben sie besondere Fähigkeitenund Fertigkeiten entwickelt beim Jonglieren, in der Informatik, beim Zaubern, als Tänzer oder Akrobat, auf dem Skateboard. Auch erworbene Titel als Sportler oder erreichte Stufen im Instrumentalspiel könnten erwähnt werden.
Nicht zuletzt könnte auf alte Tugenden wie sorgfältige und zielgerichtete Arbeitsweise, Sauberkeit, Leistungsbereitschaft, Disziplin, Zuverlässigkeit, Ordnungsliebe, Rücksichtnahme, Fähigkeit zur Zusammenarbeit, Fähigkeit des Zurückstehens und Verzichtens oder der Wille zu lebenslangem Lernen hingewiesen werden.
Das Portfolio würde durch die Schule geführt und beim Abschluss der Schulzeit, gewissermassen als "Schulsack", feierlich übergeben. Nachher bliebe es im Besitz des Schülers. Schulabschlussfeiern erhielten dadurch einen ernsthaften Sinn, die Schule würde wieder besser wahrgenommen.