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Ausgerechnet in der Schweiz mit ihrem republikanischen Selbstverständnis befand sich die Aussenpolitik lange Zeit in sehr exklusiven Händen: «Es ist schon so, dass bis vor relativ kurzer Zeit die schweizerische Diplomatie in der Hauptsache ein Reservat der Angehörigen vornehmer und reicher Familien war», stellte Walter Stucki 1946 lapidar fest (dodis.ch/48337). Stucki selbst war eine Ausnahme. Der Jurist und Wirtschaftsdiplomat stammte aus bescheidenen Verhältnissen und hatte als Quereinsteiger eine glänzende Karriere bis hin an die Spitze der Schweizer Aussenpolitik gemacht. 1955 war er – mittlerweile Pensionär – an der Ausarbeitung eines Reglements beteiligt, das «der Willkür, dem Nepotismus» im Eidgenössischen Politischen Departement (EPD, heute EDA) «den Riegel stossen» sollte. Als «eines der letzten zivilisierten Länder», so Stucki, führte die Schweiz damals eine Zulassungsprüfung für den diplomatischen Dienst, den concours diplomatique, ein (dodis.ch/48340, vgl. auch das entsprechende Themenschlagwort dodis.ch/T1405).
Neurekrutierungen nach langem Personalstopp
Für Bundesrat Max Petitpierre, der 1945 an die Spitze des EPD gewählt worden war, bedeutete die Reorganisation des Departements eine vordringliche Aufgabe (dodis.ch/4820 und dodis.ch/9304). Während des Zweiten Weltkriegs war der Staatsapparat stark aufgebläht worden, weshalb die Regierung 1946 einen Personalstopp für die Bundesverwaltung erliess. Im EPD hatte dieser bis 1955 Bestand. Damals wurden die diplomatischen Vertretungen im Ausland stark ausgebaut. Da gleichzeitig das Personal zunehmend überaltert war, erschienen Neurekrutierungen unerlässlich. Mit dem Reglement von 1955, das den Zugang zum diplomatischen und konsularischen Dienst regelte (dodis.ch/34255), strebte das EPD eine Professionalisierung des eigenen Personals an: «Zweck der Prüfung ist, diejenigen Bewerber auszuwählen, die sich nach Wesen, Charakter, Wissen und Können für die Besonderheiten des auswärtigen Dienstes am besten eignen» (dodis.ch/48344).
7 von 38 Anwärtern machen das Rennen
Im Jahr 1956, vor 60 Jahren, begannen die ersten Absolventen ihre Ausbildung beim EPD. Von den 38 zur Prüfung zugelassenen Personen waren 9 für ein sogenanntes stage diplomatique vorgeschlagen worden. 7 Praktikanten dieser ersten Generation wurden schliesslich, nach zwei harten Lehrjahren, definitiv ins diplomatische oder konsularische Corps aufgenommen (dodis.ch/48346). Die Zulassungsprüfung war ein erster wichtiger Schritt in Richtung einer Demokratisierung des Corps, wie sie von Parlament und Medien gefordert wurde. In den ersten Sessionen der Prüfungskommission spielte allerdings das «Milieu» der einzelnen Kandidaten bei der Beurteilung noch eine grosse Rolle. Um den Dienst auch für Personen aus ärmeren Schichten möglich zu machen, brauchte es zuerst eine Erhöhung der Löhne und der Auslandszulagen für alle Mitarbeiter (dodis.ch/48320).
Und die Frauen?
Mit der Einführung des neuen Reglements stand prinzipiell auch Frauen die diplomatische Karriere offen. Zahlreiche Anfragen von Frauenvereinen und Mädchenschulen belegen, dass die Ausschreibung des EPD auf reges Interesse stiess. «Es ist unsere Absicht bei der Zulassung zum Examen keinerlei Diskriminierung zwischen männlichem und weiblichem Geschlecht zu machen», versicherte das Departement (dodis.ch/48341, Original Französisch). Die Realität sah dann allerdings lange Zeit anders aus: Bis 1975 befanden sich unter den 198 erfolgreichen Absolventen des Concours nur 13 Frauen. Die Mehrheit schied aufgrund einer Heirat bald wieder aus dem Dienst aus (vgl. auch das Themenschlagwort «Geschlechterfragen», dodis.ch/T904). Als Ausnahmen galten die beiden Pionierinnen der schweizerischen Diplomatie, Francesca Pometta (dodis.ch/P16364) und Marianne von Grünigen (dodis.ch/P15361).
«Ein Stück schweizerischer Zukunft»
In einer Erklärung für Radio Basel machte Aussenminister Petitpierre 1958 «die Jugend unseres Landes» auf den Diplomatenberuf aufmerksam, «der an Schönheit, Lebendigkeit und Vielgestaltigkeit nichts zu wünschen übrig lässt» und «heute jeder fähigen Schweizerin und jedem fähigen Schweizer offen steht». Die Einführung des Concours war eine wichtige Etappe auf dem Weg zu einem professionellen diplomatischen Dienst. «Durch eine sorgfältige Auslese und eine gründliche Ausbildung wird unser auswärtiger Dienst in die Lage versetzt, seine Aufgaben zum Wohl unseres Landes stets so zu erfüllen, wie es unsere Mitbürger in der Heimat und im Ausland von ihm erwarten», so Petitpierre im Radio: «Mit unserem Nachwuchs formen wir ein Stück schweizerischer Zukunft» (dodis.ch/48356).