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Die Corona-Krise hat Ecuadors grösste Stadt mit voller Wucht erreicht: Die Spitäler sind genauso überfüllt wie die Leichenhallen, und das Bestattungswesen ist kollabiert. Der Präsident gibt derweil zu, dass die offizielle Todesstatistik im Zusammenhang mit dem Virus die Realität nicht abbildet.
Ein Sarg, eingewickelt in Plastik und Karton, liegt auf der Strasse von Guayaquil, Ecuador. Spitäler und Leichenhallen sind überfüllt, das Bestattungswesen ist kollabiert.
Leichen liegen auf offener Strasse und tagelang in Wohnungen herum. Verzweifelt warten Angehörige, dass die Verstorbenen aus ihren vier Wänden abgeholt werden – doch nichts passiert. Die Corona-Krise hat Ecuadors grösste Stadt mit voller Wucht erreicht und überfordert die Behörden. Aus Angst, sich anzustecken, sehen viele Familienmitglieder darum keinen anderen Ausweg, als die Leichen ihrer Liebsten im Freien auszusetzen. Die Bilder, Videos und Augenzeugenberichte aus Guayaquil, die dieser Tage in den sozialen Netzwerken kursieren, sind an Dramatik kaum zu übertreffen. «Was passiert im öffentlichen Gesundheitssystem des Landes?», fragte die an Covid-19 erkrankte Bürgermeisterin der Stadt aus ihrer Quarantäne und stellte fest: «Sie entfernen die Toten nicht aus ihren Häusern, lassen sie auf den Trottoirs und vor Spitälern, niemand will sie abholen.»
Bestattungswesen kollabiert
Die Zeitung «El Universo» berichtete am Dienstag unter Berufung auf polizeiliche Quellen, dass fast 450 Leichen auf der Warteliste zum Abtransport aus privaten Häusern standen. Das hat einen Grund: Angesichts des starken Anstiegs von Todesopfern sind die Spitäler genauso überfüllt wie die Leichenhallen, zudem ist das Bestattungswesen kollabiert. Die Abholung der Toten verzögerte sich offenbar auch wegen der weitreichenden Ausgangsbeschränkungen. Als Übergangslösung werden die vielen Toten nun in Kühlcontainern gelagert. In einer Veranstaltungshalle ist zudem ein provisorisches Spital eingerichtet worden.
Ein Arbeiter sprüht Desinfektionsmittel auf ein Fahrzeug, welches zum Betreten eines Friedhofes aufgereiht ist.
Präsident Lenín Moreno hat in den vergangenen Tagen zudem eine aus Polizisten und Militärs bestehende Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, welche die Toten einsammeln und begraben soll, die zu Hause verstorben sind. Anfangs hätten die Behörden 30 Tote pro Tag abgeholt, heute seien es täglich 150, erklärte er bei einer Fernsehansprache am Donnerstagabend. Der starke Anstieg der Sterbezahlen lässt vermuten, dass ein signifikanter Anteil der Opfer an den Folgen von Corona gestorben ist.
Moreno stützte sich am Donnerstag auf Informationen von Wissenschaftern und erklärte, dass in Ecuador Zehntausende mit dem Virus infiziert und bereits Hunderte daran gestorben seien. Die offiziellen Zahlen, so gab er zu, bildeten das reale Ausmass der Tragik bei weitem nicht ab. Ecuador verzeichnete am Freitag 120 Corona-Opfer und über 3100 Infizierte. Das Virus hat sich mittlerweile im ganzen Land ausgebreitet. Laut offiziellen Angaben wurden 77 Prozent der Fälle aber in der Provinz Guayas registriert, von der Guayaquil die Hauptstadt ist. Moreno rechnet in den kommenden Monaten mit bis zu 3500 Corona-Toten allein in Guayas. Er kündigte darum auch den Bau eines neuen Friedhofs in der Hafenstadt an.
Auch wenn die offiziellen Corona-Opfer-Zahlen weit unter der Realität liegen, sticht Ecuador im lateinamerikanischen Vergleich hervor. Nur Brasilien verzeichnet derzeit mehr Corona-Tote. Der südamerikanische Riese ist aber auch 30 Mal grösser und zählt 12 Mal so viele Einwohner wie Ecuador. Es gibt verschiedene Erklärungen dafür, weshalb Ecuador derart stark von der Pandemie betroffen ist.
Enge Verbindung zu Spanien
Zahlreiche Experten weisen dabei etwa auf die enge Verbindung zwischen Ecuador und Spanien hin. Das europäische Land ist besonders stark vom Coronavirus betroffen. Gut 420 000 Ecuadorianer leben in Spanien, sie machen die grösste lateinamerikanische Gemeinschaft in dem Land aus. Entsprechend rege ist der Flugverkehr zwischen den beiden Nationen und hoch die Anzahl von Personen, die hin- und herreisen. Der erste in Ecuador registrierte Covid-19-Fall betraf denn auch eine 71-jährige Frau, die Mitte Februar von Madrid nach Guayaquil geflogen war und dort Mitte März an den Folgen des Virus starb. Das Opfer steckte laut der Regierung rund 180 Personen aus ihrem Umfeld an.
Ecuador war eines der ersten Länder der Region, die weitreichende Massnahmen gegen die Ausbreitung des Virus verordnet hatten. Mitte März schloss die Regierung die Grenzen, suspendierte alle internationalen Flüge und schränkte das öffentliche Leben Schritt für Schritt ein. Inzwischen gilt eine Ausgangssperre zwischen 14 Uhr und 5 Uhr. Dennoch breitete sich das Virus offensichtlich ungehindert aus. Das ist einerseits darauf zurückzuführen, dass es eine hohe Zahl von symptomlosen Fällen gab. Anderseits hat sich die Bevölkerung aber offenbar zu wenig an die von der Regierung erlassenen Beschränkungen gehalten. Vor allem aus dem Ausland einreisende Personen, welche die häusliche Quarantäne nicht eingehalten haben, sollen laut Experten entscheidend zur Ausbreitung des Virus beigetragen haben.