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An einem Freitagnachmittag im vergangenen August sassen David Guetta und Martin Garrix neben Jean-Claude Biver am Pool einer Finca in Ibiza vor vielleicht hundert Uhrenhändlern, ein paar ehemaligen spanischen Fussballstars und anderen Gästen. Ein TV-Moderator stellte wohlmeinende Fragen – bei der Veranstaltung ging es darum, die Partnerschaft der Uhrenmarke TAG Heuer mit der Primera División, der höchsten spanischen Fussballliga, zu verkünden: «Bei welcher Gelegenheit hast du das letzte Mal Leidenschaft verspürt?» – «Als ich in der Jimmy Kimmel Live-Show meinen Track ‹In The Name Of Love› vorstellen durfte», antwortete Garrix, ein 20-jähriger Disc-jockey aus den Niederlanden. «Vor zwei Monaten, als ich im Stade de France in Paris vor dem Anpfiff des Finales Frankreich gegen Portugal meinen offiziellen EM-Song performen durfte», sagte Guetta und übertraf damit seinen 29 Jahre jüngeren Kollegen. Dann stand Biver auf und erzählte, er komme gerade aus China, wo er vor 200 hohen Offizieren aufgetreten sei. Da er keine Rede vorbereitet habe, habe er sich auf der Bühne auf den Boden gelegt, statt sich bloss vor den Militärs zu verbeugen. (Was er dann auch am Rand des Pools in Ibiza tat.) Als er wieder stand, habe er gerufen: «China fliegt zum Mars, als erste Nation – gut! Und Hublot fliegt mit, als erste Uhrenmarke – super gut!!» Und dann haben die Offiziere der Volksarmee so laut gejubelt, dass das Dach der grossen Halle fast davon geflogen sei ...
Aussergewöhnlicher Luxemburger
Es passiert nicht oft, dass ein Schweizer Manager zwei der bestverkaufenden DJs der Welt, die nebenbei Reklamebotschafter seines Unternehmens sind, die Schau stiehlt. Schon gar nicht in Ibiza, wo das Sozialprestige von Electronic-Dance-Musik-Produzenten höher ist als das von Managern. Doch Jean-Claude Biver ist wohl kein gewöhnlicher Schweizer CEO. Sondern ein aussergewöhnlicher Luxemburger Unternehmer mit Schweizer Pass, der zurzeit Angestellter ist – seit dem Verkauf von Hublot, der Marke, an der ihm zwanzig Prozent gehörten, an den Louis-Vuitton-Moët-Hennessy-Konzern im Jahr 2008, arbeitet er als Präsident des Uhrengeschäfts der französischen LVMH-Gruppe, zu dem neben Hublot auch TAG Heuer und Zenith gehören. Dieser Tage erscheint vom 67-Jährigen «Du kannst alles, wenn du nur willst», eine Mischung aus Biografie und How-To-Buch.
Die biografischen Stellen des Bands – Ergebnis von Gesprächen Bivers mit einem Journalisten aus der Romandie, der diese aufgeschrieben hat – enthalten keine News. Wer Zeitungen oder Zeitschriften liest, weiss, dass Biver als Kind nach der Scheidung seiner Eltern – dem Vater gehörten mehrere Schuhgeschäfte in Luxemburg – mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder vom Grossherzogtum an den Genfersee zog, um dort in ein Internat gesteckt zu werden. Auch von seinen Stationen und Einsätzen in der Uhrenbranche hat man schon gelesen: Audemars Piguet (Praktikant), Blancpain (Mitbesitzer und Turn-Around-Geschäftsführer), Swatch Group (Omega-Geschäftsführer, enger Mitarbeiter von Nicolas Hayek; später dessen Berater), Hublot (Mitbesitzer und Turnaround-Geschäftsführer sowie Verkäufer seines Anteils an LVMH, danach Präsident), TAG Heuer und Zenith (Präsident ebenfalls respektive operativer Chef). Die Scheidung von der ersten Frau kommt vor im Buch – knapp. Das Kennenlernen, Heiraten und Noch-ein- mal-eine-Familie-Gründen mit der zweiten, mit der er einen heute zehnjährigen Sohn hat, dito. Dass er auf seinem Weg von Audemars zu LVMH ein Vermögen, das in der Bilanz auf 150 bis 200 Millionen Franken geschätzt wird, erarbeitet hat, wird nicht erwähnt.
Lesenswert ist das Buch dennoch. Denn wenigstens so interessant wie die Antwort auf die Frage, wie er das alles geschafft habe, sind Antworten auf die Fragen, weshalb er noch immer 15 Stunden am Tag, 300 Tage im Jahr arbeitet – im Alter von 67, mit so viel Geld? Oder weshalb ihm gelingt, was andere Unternehmer und Manager meist nicht schaffen: Mehrere Unternehmen nacheinander umzudrehen und (wieder) erfolgreich zu machen. Dazu liefert er tiefere Einsichten im Buch, als man sie bisher bekam.
Was er kann: überraschen
Als Triebfeder gibt er die Liebe an. Viel Liebe in allem, was er tue. Zwischen Arbeit und Freizeit unterscheide er nicht. Weil das, was er im Geschäft tut, genau das sei, was er im Leben am liebsten tue – Liebe walten lassen. Liebe für Mitarbeiter und Kunden. Für Schweizer Uhren und, besonders, Handwerker, die die Uhrmacherkunst beherrschen. Speziell angetan hat es dem Beatles-Fan, logisch, der Song «All You Need Is Love». Er beschreibt sich im Buch als Hippie ... Ob er wirklich einer war, der sich freier Liebe, Drogen sowie dem Aufbegehren gegen die bürgerliche Ordnung hingab? Ich, bei allem Respekt, neige zu Zweifeln – aber egal, autorisierte Biografien haben den Vorteil (sowie den Nachteil), dass sie die Sicht des Beschriebenen auf sich und die Welt verbreiten. All you need is Love also. Und davon besonders die erste Zeile: «There’s nothing you can do that can’t be done.»
Möglicherweise war er doch ein Hippie – der Satz ist schwierig zu verstehen, scheint mir (möglicherweise wird’s einfacher nach dem Genuss von Drogen). Eine deutsche Übersetzung (auf www.songtexte.com) geht so: «Es gibt nichts, das du tun kannst, das nicht getan werden kann.» Das ist nicht der Satz, den viele CEOs als für ihren Weg entscheidendes Leitmotiv bezeichnen würden, denke ich. Die Aussage ist eher dämpfend als beflügelnd, passt mehr zu einem Stoner als zu einem Überflieger: Was geht, geht. Was nicht geht, schaffst auch du nicht. So lese ich es. Von einem Unternehmer und Manager, sowie von Jimmy Cliff und Roger Schawinski, würde man eher erwarten: Du kannst alles, wenn du nur willst. Ach, das ist ja der Titel des Buchs.
Was er kann, auf jeden Fall: überraschen. Und zwar nicht bloss mit Ideen, die den Verkauf seiner Uhren stärken. Auch mit seinem Körpergewicht, das von einem Treffen zum nächsten stark schwanken kann. In Gstaad im Sommer 2015 war er, sagen wir, beleibt; in Ibiza im Sommer 2016 hatte er zugenommen. Und im Januar 2017 in Genf – ein hagerer Mann. Als er ins Zimmer trat, in einem casual Jackett von Loro Piana, hielt ich ihn zuerst für seinen jüngeren, schlanken Bruder Marc, den Sportvermarkter. Gründe für die neue Leichtigkeit, sagt er, seien mehr warmer Zitronensaft und mehr Sport, Variantenskifahren vor allem.
Nachdem ich fragte, wie fleissig man sein müsse, um zu all den Aufgaben und Jobs, die er bereits hat, neu die operative Führung der Marke Zenith zu übernehmen, sagte er, er sei eigentlich ein fauler Mensch, der nicht arbeiten möge. Ich halte diese Aussage für ungefähr so zutreffend wie die, dass er ein Hippie gewesen sei; aber es ist ein Aber-Satz. «Aber wenn ich Leidenschaft spüre, bringt sie mich dazu, Höchstleistungen zu vollbringen, ohne dass es mir vorkommt wie Arbeit, sondern wie ein Vergnügen.» Und zurzeit sei er voller Leidenschaft, Zenith wieder dorthin zu bringen, wo die Marke in seinen Augen hingehöre, nach ganz oben nämlich.
Um Erfolg im Geschäft zu haben, sagt er, müsse man demütig sein. Und erkennen, dass eine Marke grösser sei als man selber. Dass sie vor einem da war und, falls man seine Aufgabe gut mache, auch nach einem noch da sein werde. Marken überdauern Menschen. Nächste Lektion: Um ein guter Chef zu sein, müsse man teilen (den Erfolg), respektieren (die Marke) und verzeihen (den Mitarbeitern) können. Sowie, ganz wichtig, Irrtümer zulassen. Das sei seine Moral. Übernommen von – den Hippies, sagt er. Und noch was: Er arbeite heute ohne Einfluss seines Egos, «das habe ich hinter mir.»
Selbstwahrnehmung ist das eine; ich habe Mitbewerber gefragt, wie sie Jean-Claude Biver wahrnehmen. «Herr Hayek ist in den nächsten Wochen sehr häufig geschäftlich auf Reisen und seine Agenda randvoll, daher wird es ihm leider nicht möglich sein, an Ihrem Artikel teilzunehmen», richtete der Sprecher der Swatch Group aus. «Leider kommentieren wir CEOs oder Marken von Dritten nicht. Es tut mir leid, aber Herr Lambert wird sich nicht äussern können», schrieb die Sprecherin von Jérôme Lambert, dem neuen Head of Operations der Richemont-Gruppe. Von Georges Kern, dem obersten Uhrenchef der gleichen Gruppe, respektive seiner Sprecherin, kam nicht einmal so wenig – keine Stellungnahme. «Der Mann hat eine Gabe: Was er anfasst, wird ein Erfolg. Er ist so gesehen ein Genie», sagt Nicholas Foulkes, Uhrenkenner und -autor der Londoner Financial Times sowie von Vanity Fair. Er kennt Biver seit Jahrzehnten. Und sagt weiter, dass der sich kaum um Dinge kümmere, die andern Managern wichtig seien, etwa wie er wahrgenommen werde. Stattdessen: «Er arbeitet viel. Und bringt sehr viel Liebe und Emotionen ein. Er ist ein Superstar [der Uhrenindustrie], hat aber auch ein Leben [ausserhalb der Branche].»
«Was werden Sie als nächstes tun?»
Die Selbstwahrnehmung und die Wahrnehmung des langjährigen Beobachters decken sich recht genau, und auch meine Einschätzung weicht davon nicht stark ab. Wenn ich auch der Meinung bin, er habe den (leichten) Hang dazu, sich überzuverkaufen in Wirklichkeit und unterzuverkaufen im Buch. Was ich meine, zeigt folgender Ausschnitt aus einem Gespräch, das wir vor knapp zwei Jahren führten: «Was werden Sie als nächstes tun?», fragte ich. «Mich mit meinen chinesischen Enkelkindern beschäftigen, hoffentlich.» Sein Sohn Loic, damals 33, ist Hublot-Markendirektor in China, lebt in Shanghai und hatte eine chinesische Freundin ... Vor wenigen Wochen fragte ich Vater Biver, ob er inzwischen Grossvater geworden sei und seinem ersten halbchinesischen Enkel beim Aufwachsen zuschauen könne. Sozusagen, sagte er. Loic habe die Chinesin geheiratet vergangenes Jahr – der oder die Nachfahr/en seien also in the making ...
Mit anderen Worten: Jean-Claude Biver sagt Dinge manchmal früher als andere. Wahrscheinlich weil er sie früher sieht als andere.
Jean-Claude Biver: Du kannst alles, wenn du nur willst. Orell Füssli. 224 S., Fr. 26.90