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Sergijew Possad: Sergius von Radonesch – der graue Kardinal der alten Rus
Wenn man den Goldenen Ring entlang fährt, wird die erste Stadt, in der man unweigerlich halten wird, Sergijew Possad sein. Im Vergleich zu dem gigantisch grossen Moskau ist Sergijew Possad nicht mehr als ein kleiner Flecken. Und doch ist seine Rolle in der politischen und religiösen Geschichte Russlands so bedeutend gewesen, dass die Stadt jährlich Abertausende von Touristen lockt.
Die Geschichte von Sergijew Possad ist zutiefst und untrennbar mit der Lawra der Dreifaltigkeit und des Heiligen Sergius – einem der wichtigsten Männerklöster in Moskauer Gebiet und ganz Russland –verbunden und beginnt, als die zwei Brüder und Mönche Sergius und Bartholomäus 1340 auf dem Hügel Makovez ihre Einsiedlerhütte, oder in diesem Fall Zweisiedlerhütte, bauten. Doch war die Einsamkeit weder für den einen noch für den anderen der vorherbestimmte Glaubensweg: Bartholomäus wurde es des Waldlebens zu viel, und er kehrte in das nahe liegende Moskau zurück. Sergius blieb auf dem einsamen Hügel, umspült vom malerischen Flüsschen Kontschura, allein und baute dort eine Holzkirche. Schon bald zogen zu ihm weitere Mönche, die nach Waldeinsamkeit suchten. Doch, anstatt Abgeschiedenheit zu finden, sahen sie sich plötzlich im Zentrum der aufregendsten politischen Wirbelstürme, die um Moskau kreisten.
Das Land stand in ständiger Gefahr durch die Goldene Horde. Auch ohne klassische Ausbildung machten sich die mongolischen Khane das Prinzip „divide et impera!“ bestens zunutze, denn gekonnt förderten sie die Aufspaltung Russlands in bedeutungslose Fürstentümer. Es lag nahe, dass ein zentralisierter Staat über mehr Macht verfüge, um sich gegen die Angriffe der tatarischen Invasoren zu verteidigen. Doch, eine Koalition zwischen den verfeindeten russischen Fürstentümern zu schliessen, war keine leichte Aufgabe. In diesen Umständen wurde der ehemalige Einsiedler Sergius zu einer politisch gewichtigen Figur. Als aktiver Verfechter des Moskauer Fürsten trug er im bedeutendsten Masse zu der Aussöhnung und Vereinigung der zerstrittenen russischen Fürsten bei.
Ausserdem wurde die Holzkirche, die Sergius gebaut hatte, der Heiligen Dreieinigkeit gewidmet – eine Tatsache, die das Kloster zu einem in solchen Zeiten akut benötigten Symbol der Eintracht des russischen Volkes gemacht hatte. Die Zahl der Mönche und die grosszügigen Spenden seitens russischer Machtinhaber wuchsen ständig. 1380 segnete Sergius den Fürsten Dmitri Donskoi und die russische Armee vor der Schlacht auf dem Feld von Kulikowo. All diese Umstände führten dazu, dass das Dreifaltigkeitskloster mehr und mehr an Bekanntheit und Bedeutung gewann.
Wenn man in Sergijew Possad zu Besuch ist, merkt man gleich, wie viel hier mit den Legenden über den Gründer des Klosters Sergius verbunden ist. Der künftige Heilige bekam nach der Geburt den Namen Bartholomäus. Als Kind hatte er überhaupt kein Sitzfleisch und bekümmerte ständig seine Eltern und Kirchenschullehrer. Doch als Bartholomäus 13 Jahre alt war, ist ihm ein wundervolles Ereignis widerfahren: Alle Chroniken berichten über ein Treffen mit einem rätselhaften engelähnlichen Greis, der die Prophezeiung über die Zukunft des Jungen als grossen geistlichen Führer aussprach. Tatsächlich zog sich Bartholomäus nach dem Tod seiner Eltern vom weltlichen Leben zurück. Bald danach wurde ihm sogar das Klosterleben zu viel und er entschied sich als Einsiedler zu leben. Dort liess er sich zum Mönch scheren und nahm den Namen Sergius an, da an diesem Tag im Kirchenkalender des Märtyrers Sergius gedacht wird.
Der Hauptgrund, warum Sergius seinen eigenen Glaubensweg wählte und was ihn später zu so einer bedeutsamen Figur machte, war seine für die damalige Zeit absolut neue Vision über die Stellung der Religion. In erster Linie hingen die Mönche früher immer vom Fürsten ab, auf dessen Boden ihr Kloster stand. Das bedeutete natürlich, dass die Geistlichen sich in ständiger Abhängigkeit vom Herrscher und seinen Gunsten (oder Ungunsten) befanden. Sergius war dagegen überzeugt, dass religiöse Einrichtung unabhängig von der weltlichen Macht sein muss, und mehr noch – dass sie höher gestellt als diese war, weil ihr die Vermittlerrolle zwischen dem himmlischen Herrscher und der weltlichen Machtinhabern zustand.
Seitdem es dem Heiligen Sergius, wie keinem Geistlichen vor ihm, auf unerklärliche Weise gelungen war, die russischen Fürsten davon zu überzeugen, dass ihre weltliche Macht verglichen mit der Macht Gottes minderwertig ist, hatte dieses Konzept weitgehende Auswirkungen, denn unerwartet und unbeabsichtigt machte es ihn zum einflussreichen Politiker und Staatsmann. Der Ruhm von Sergius und des von ihm gegründeten Klosters erreichte sogar Konstantinopel: Patriarch Philotheus überreichte ihm mit einer Gesandtschaft Geschenke und eine besondere Urkunde, in der er seine Tugend hochpries. Der Kiewer Metropolit versuchte ihn zu überzeugen, sein Nachfolger zu werden, doch Sergius bevorzugte in seinem Kloster zu bleiben. Oft wird er als “der graue Kardinal“ bezeichnet, denn in vielen Fragen leitete er das Moskauer Fürstentum, ohne irgendeinen politischen Posten innezuhaben.
Seine Rolle war in der Zeit deswegen so gross, weil es bis dato im russischen religiösen Leben keinen geistigen Anführer gab. Die bekanntesten Mönche stammten aus Byzanz, was die Blicke ständig nach Westen richtete. Deswegen symbolisierte das Leben von Sergius einen entscheidenden Umbruch in der russischen Geschichte: Solche bis heute enorm wichtigen Begriffe wie Einheit, Nationalbewusstsein und –identität haben sich in der russischen Mentalität einen festen Platz geschaffen.
Oberstes Bild: Dreifaltigkeitskloster im Winter (Bild: Grachev, Wikimedia, CC)