Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03626.jsonl.gz/1650

„Seltsam, da kommt man ans Ende der Welt, und was findet man dort? Die jüngsten Modelle aus Paris in Satin und Seide, die neuesten Kreationen der Hutmode, direkt aus Europa importiert.“ Für die Reiseschriftstellerin und Malerin Constance Gordon Cumming, die 1876 ein Jahr in Indien verbrachte, lag dieses „seltsame Ende der Welt“ im Vorgebirge des Himalajas. Etwas genauer: in Shimla, der Sommerresidenz der britischen Vizekönige von Indien und deren Kolonialbeamten.
Spätestens im April, wenn sich im indischen Flachland die brutale Sommerhitze breit machte und das Thermometer auf weit über 40 Grad kletterte, begann der grosse Exodus. Karawanen von Kolonialbeamten, Händlern, Missionaren und britischen Offizieren samt ihren Familien machten sich aus der Hauptstadt auf: auf nach Shimla. Zuerst aus dem fast 2’000 Kilometer entfernten Kalkutta, im 20. Jahrhundert dann aus Delhi, das nur noch 300 Kilometer von Shimla entfernt lag. In ihrem Gepäck: alle zum Regieren notwendigen Akten und Unterlagen sowie der Hausrat für die Familien. Der Franzose Victor Jacquemont, der Indien 1831 besuchte, will an die 300 Elefanten, 1’300 Kamele, acht Ochsengespanne in dieser Karawane gezählt haben.
Shimla, die Kleinstadt an den bewaldeten Abhängen des Himalajas, war damals während der Sommermonate die inoffizielle und ab den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts sogar die offizielle Sommer-Hauptstadt von Britisch-Indien.
Allerdings und wie aus zahlreichen zeitgenössischen Schilderungen – unter anderem aus den „Plain Tales from the Hills“ des englischen Literatur-Nobelpreisträgers Rudyard Kipling – hervorgeht, wurde in der Sommerhauptstadt der britischen Besitzungen in Indien weniger regiert, als gefestet gefeiert und gefreit.
Nebst der Sommerhauptstadt Shimla gab es im Himalaja zahlreiche weitere Hill Stations. Ooty und Kodaikanal hiessen die Sommerfrischen im Süden Indiens.
All diesen Hill Stations war eines gemeinsam: Sie boten den weisshäutigen Briten Schutz und Zuflucht vor der unerträglichen Hitze im indischen Flachland. Aber: Diese Sommerfrischen dienten auch als ein Stück Zuhause, fernab der britischen Heimat.
Diese Sommerfrischen sahen nämlich englischen Dörfern oder Kleinstädten nicht unähnlich: Kirchen, Schulen, Spitäler, Klubs, Theater, Hotels und Pensionen, mindestens eine Brauerei, ein kleiner (meist künstlich angelegter) See sowie herrschaftliche Häuser, die oft den prunkvollen Palästen der Maharadschas in nichts nachstanden, gehörten zu diesen kleinen Paradiesen der Kolonialherren.
Hier promenierte man auf Strassen, die stolz „Malls“ genannt wurden, trank Tee und Kaffee in Coffee- und Tea-Shops, plauderte und tratschte über die jüngsten Skandale. Und deren gab es genügend: Während zu Hause – im viktorianischen England – Zucht und Ordnung angesagt waren, herrschten hier im fernen Indien weit lockerere Sitten. Sicher sei, dass die Sitten – für verheiratete (britische) Frauen – damals in Indien weniger streng gewesen seien als in ihrer Heimat, schreibt Margret McMillan in ihrem Buch über die Britinnen im kolonialen Indien: „Männer und Frauen verbrachten oft längere Zeit voneinander getrennt. Niemand konnte von ihnen erwarten, dass sie unter diesen Umständen ein klösterliches Leben führten: Flirten war ein ganz normaler Teil des Lebens im britischen Indien. In den Hill Stations führten verheiratete Frauen oft mehrere junge Männer am Gängelband.“ Und die Autorin tönt an, dass es
Allerdings und wie aus zahlreichen zeitgenössischen Schilderungen hervorgeht, wurde in der Sommerhauptstadt der britischen Besitzungen in Indien weniger regiert, als gefestet gefeiert und gefreit.
dabei wohl nicht immer bei einem harmlosen Flirt geblieben sei. In Mussoori soll es sogar ein Hotel gegeben haben, das bei Tagesanbruch eine Glocke erklingen liess. Sie sollte die Frommen zum Morgengebet einladen, die Sündigen hingegen zur Rückkehr in ihre eigenen Betten. Wie in England, fand auch in den Hill Stations eine sogenannte „Season“ statt, während der sich ein sozialer Höhepunkt nach dem anderen jagte. Jeder Haushalt, der etwas auf sich hielt, veranstaltete Bälle und
Parties. Die sogenannten „Garden Parties“ waren häufig elaborierte Picknicks, bei denen Gesellschaftspiele für Unterhaltung sorgten. Auf diesen Parties tanzte auch die „Fischerflotte“, wie die Gruppe jener jungen Damen genannt wurde, die aus England angereist kam, um in Indien eine gute Partie zu machen: sich einen höheren Kolonialbeamten mit sicherem Einkommen oder einen Offizier mit Staatspension zu angeln.
Für die in Indien niedergelassenen Briten allerdings stellte der Aufenthalt in einer Hill Station den Höhepunkt – sozusagen die Schokoladenseite – des trotz allem Luxus harten Lebens im indischen Flachland dar. Die Reisen in die Hill Stations, so beschwerlich sie auch waren, galten – nach dem echten Heimaturlaub – als nächstbeste Gelegenheit, diesem harten und gefährlichen Leben für ein paar Monate zu entfliehen. Hart und gefährlich war das Leben in Indien, weil immer wieder Epidemien ausbrachen, die unter der Bevölkerung zahlreiche Opfer forderten: Malaria, Typhus, Cholera oder andere tödliche Krankheiten. Im 18. Jahrhundert kam nur gerade einer von drei britischen Beamten und Soldaten lebend von seinem Dienst in Britisch-Indien zurück. Auf den Grabsteinen englischer Friedhöfe lassen sich heute noch Lebensgeschichten von jenen ablesen, die hier gefallen sind oder von Tropenkrankheiten hingerafft wurden.
Kein Wunder also, gab es in den meisten Sommerfrischen auch Sanatorien, in die gesundheitlich angeschlagene Soldaten, Beamte und Frauen zur Erholung geschickt wurden.
Zwar sind die Briten nach der indischen Unabhängigkeit (1947) aus den Hill Stations verschwunden; aber längst nicht alle Einrichtungen, die sie geschaffen haben. An die Stelle der Briten traten in den vergangenen Jahrzehnten wohlhabende Inder, die zu Zeiten des Raj hier kaum anzutreffen waren. Denn: In ihren Hill Stations wollten die Kolonialherren ganz unter sich sein. Heute schätzen die modernen und reicheren Inder die klimatischen Vorzüge der Sommerfrischen genauso, wie es in der Vergangenheit die Briten taten.
Der Verfasser dieses Textes ist der langjährige Background Tours-Experte, Peter Isenegger.
Er lebte und arbeitete als Auslandskorrespondent für mehrere schweizerische, deutsche und österreichische Tageszeitungen lange im Ausland. Zu seinen Berichtgebieten gehörte nebst Grossbritannien und Irland auch Indien.
Peter Isenegger begleitet im März 2023 zusammen mit Martin Bütikofer, Direktor vom Verkehrshaus der Schweiz, die Background Tours-Reise „Indien – Bahnland der Kontraste“. Alle Informationen zu dieser Tour finden Sie auf unserer Homepage unter www.background.ch/indien.