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Zur Geschichte der Gletscher im Kanton Graubünden
Von Oberingenieur Fried, von Salis, Präsident der Section Rhätia.
Es sind nun vier Jahre, seit ich es versucht habe,, einen Abriß über unsere Gletscher und den damaligen Bestand im Bande XVIII des Jahrbuches des S.A.C. niederzulegen. Ich möchte nun die seither gesammelten Beobachtungen über den gleichen Gegenstand anschließen.
Neben wenigen eigenen Beobachtungen verdanke ich Beiträge den Herren Bezirksingenieur Rud. von Albèr-tini in Samaden, Bezirksingenieur Carl von Peterelli in Ilanz, Telegrapheninspector Peter von Salis, Chur, den Fremdenführern Seb. Petschen in Dissentis, Hauptm. Ant. Brun in Flims, Lehrer Joh. Caviezel, Sils, Engadin, und Leonh. Guler in Klosters.
Im Allgemeinen wird noch immer ein Zurückweichen unserer Gletscher constatirt. In einzelnen wenigen, vielleicht zweifelhaften Fällen will eine Zunahme abgeleitet werden.
Lassen wir die einzelnen Daten sprechen und uns an der Oberalp beginnen ' ).
Der Medelser Gletscher, der Lavatzgletscher ( Blatt Greina, Nr. 412 ), der Cavar dir asgletscher und anderseits der Brunigletscher ( Blatt Amsteg, Nr. 407 ) sollen 25 bis 30 m zurückgegangen sein, der Hüfigletscher ( Blatt Altdorf, Nr. 403 ) sogar bis 80> ".
Im Hintergrunde des Val Nalps führt ein Weg über den Rondadurapaß ( 2714™ ) auf den Lukmanier. Nach der im Jahre 1872 revidirten Karte liegt der Gletscher ( Blatt Six Madun, Nr. 411 ) circa 200 m rückwärts von dem auf jenen Paß führenden Weg.
Im Sommer 1886 mußte Herr Ingenieur Peterelli den Gletscher betreten, um auf den Rondadurapaß zu gelangen.
Hat die Karte im Jahre 1872 die Ausdehnung des Nalpsgletschers richtig wiedergegeben, so müßte derselbe mindestens um 200 m vorgegangen sein.
Der Sutglatschègletscher ( Blatt Greina, Nr. 412 ) nördlich vom P. Vial, im Hintergrund des Val Somvix, hat wenig abgenommen, dagegen die zwei mehr südlich gelegenen Greina- und Gaglianeragletscher stark.
Der Gletscher am P. Aul ( Blatt Vrin, Nr. 413 ) hat in der Richtung von Ost nach West an Länge circa um 300 m eingebüßt, von Nord nach Süd am untern Theile um 150 m abgenommen.
Der Gletscher unter Porta Spescha ( Blatt Tödi, Nr. 404 ), ob Zahl 2696, war 1884 nur mehr ein kleiner Fleck Schnee.
Der Gletscher unter Piz de Dor ( Blatt Tödi, Nr. 404 ), ob Zahl 2579, ist auch ganz klein, aber sehr dick, was noch da ist.
Der Limmerngletscher ( Blatt Tödi, Nr. 404 ) hat nicht abgenommen, wenigstens nicht in der Länge seiner Zunge, er reicht immer noch bis zum Limmern-Tobel.
Stark abgenommen haben dagegen die Gletscher von Frisal, Puntaiglias und Glims ( Blatt Tödi, Nr. 404 ).
Von den Gletschern um den Hausstock herum verzeichnen wenig Rückgang die Meer-, Fluaz- und Cavirolasgletscher ( Blatt Tödi, Nr. 404 ).
Der Gletscher unter P. Vorab ( BlattLaax, Nr. 405 ), ob Zahl 2603, reichte früher südlich weit in 's Thal hinab zwischen Sagenser- und Setherfurka. Heute, Ende 1886, ist dieser ganz verschwunden.
Der große Vorabgletscher /BündnerfirnJ ( Blatt Laax, Nr. 405 ) ist an der Südseite um 300 m zurückgewichen. Früher war der Aufstieg auf den Gletscher ganz sanft, jetzt ist derselbe sehr steil. Durch das Zurücktreten des Bündnerfirns sind zwei kleine Seelein bloßgelegt worden.
Auf der Glarnerseite gegen die Tschingelalp hingen früher ganze Berge von Eis, die an ihrer Großartigkeit viel verloren haben.
Am 4. September 1882 war nach Hauptmann Brun der ganze Gletscher von Schnee befreit, man sah nichts Anderes als das blaue, glatte Eis mit fürchterlichen Spalten und Schrunden, von denen man früher keine Ahnung hatte.
Zur Geschichte der Gletscher im Kanton Graubünden.257 Außer obigen haben ebenfalls stark abgenommen Ober- und Unter-Segnes- und Saurengletscher ( Blatt Elm, Nr. 401 ).
Der kleine Gletscher links vom Segnespaß, da wo der Name Tschingelhorn geschrieben steht, ist verschwunden.
Der untere Segnesgletscher ist sehr stark zurückgegangen. Früher füllte derselbe das Thal zwischen Atlas, P. Segnes und Tschingelhörner-Segnespaß aus. Seit 1882 kann man den Segnespaß überschreiten, ohne den Gletscher betreten zu müssen.
Dureh diesen Gletscher war auch der Aufstieg zu -dem Martinsloch erleichtert. Jetzt, nachdem der Unter-Segnesgletsclier um 30 bis 40 m an Mächtigkeit abgenommen hat, ist der Zugang zum Martinsloch fast unmöglich gemacht. Nur die verwegensten Steiger wagen es, über ein schmales Felsband seitlich über tiefem Abgrund dahin zu gelangen.
Vom Sauren gletscher ist der Theil, der gegen Westen abfällt, verschwunden.
Der obere Segnesgletscher, von dem auch schon vor 4 Jahren die Kede war, soll um etwa 30 m an verticaler Höhe abgenommen haben, während er früher das Thal zwischen Atlas, P. Segnes, P. Dolf und Trinserhorn hoch ausfüllte.
Die Gletscher von Lavoi und Lavadinas ( Blatt Vättis, Nr. 402, ist noch nicht publicirt ) sind stark zurückgegangen.
Der Sardonagletscher ( Blatt Elm, Nr. 401 ), welcher vor Jahren mächtige Eisberge weit in 's Calfeuser-flial entsendete, machte damals ein Durchkommen 17 hinter dem Trinserhorn zur Unmöglichkeit. Am 22, August 1886 ist Brun dort durchgegangen, ohne da » Eis zu berühren.
Die östliche Zunge des Zapportgletschers ( Blatt Hinterrhein, Nr. 505 ) ist auch noch in beständiger Abnahme.
Nach Aussage des Führers Trepp in Hinterrhein hat dieser im Auftrage des Herrn Prof. Burckhardt-Merian in Basel den damaligen Fuß des Gletschers-(1884 ) mit einem Kreuz auf dem linksseitigen Felsen bezeichnet. Herr Telegrapheninspector Peter von Salis-in Chur, der am 6. October 1886 ebenfalls in Begleitung des gleichen Führers den Gletscher untersuchte, konnte jenes Kreuz finden und von diesem bis zum Gletscherrande 57 m messen. Um weitere, auch für die Zukunft sichere Anhaltspunkte zu bestimmen, wurde von obigem Kreuze des Herrn Burk-hard-Merian auch rückwärts bis an die Westseite der Clubhütte gemessen, und ergab sich nach Salis hiefür eine Entfernung von 322,5 m. Es steht daher auf Ende 1886 der östliche Band des Zapportgletschers von der dortigen Clubhütte ab 322,5 -j- 57 = 379,5 Meter. Im Jahre 1872, zur Zeit der Revision jenes Karten-Theilstückes, betrug der Abstand circa 250 m. In den letzten 14 Jahren betrug daher der mittlere Rückgang per Jahr 9,25 m. In den vier vorausgegangenen Jahren 1868—1872 zeigte sich eine Abnahme von nur 10 m, mithin per Jahr 2,5 m.
Auch von der Silvrettagruppe wird berichtet, daß allenthalben noch Abnahme der Gletscher beobachtet worden sei, die Silvrettagletscher, Pischa- und Jöri- thal- oder Weißhorngletscher ( Blatt Davos, Nr. 419 ), Sagliainsgletscher, Tiatschagletscher, Plauraigletscher, Ochsenthalgletscher, Fermontgletscher, Jamthalglet-scher, Todtfeld, Pielsthalgletscher und Seegletscher haben nach Leonhard Guler, Führer in Klosters, alle abgenommen.
Bei einer Tour auf den Suvrettagletscher im Monat September 1886 hat er bei der Rothen Furka — Klosterthalpaeine Art Schlitten, aus einem Brette verfertigt, und einen Regenschirm aufgefunden, beides durch Abschmelzen des Gletschers am obern Rande zum Vorschein gekommen.
Die Gletscher um die Berninagruppe herum zeigen ebenfalls eine Abnahme. Nach Beobachtungen des Herrn Lehrers Caviezel in Sils haben die vom Piz Corvatsch ( Blatt Bernina, Nr. 522 ) herabhängenden Gletscher in deu letzten 4 Jahren bedeutend abgenommen.
Der Fexgletscher ( Blatt Bernina, Nr. 522 ) hat an der Länge seiner Zunge nicht unwesentlich eingebüßt, so daß jetzt Felsen zum Vorschein kommen, die man früher nicht hatte sehen können.
Auch die Zunge des Fornogletschers ( Blatt Maloja, Nr. 520 ) soll sich im Jahre 1886, jedoch um Weniges, zurückgezogen haben.
Der Casnilegletscher ( Blatt Castasegna, Nr. 523 ) dagegen soll eine sehr bedeutende Abnahme zeigen.
Aus den Aufzeichnungen meines Vaters, Herrn Landammann Bapt. von Salis, über Gletscherbewegungen, welche in einem Aufsatze über die Alpen im Bergeil in das Bündnerische Volksblatt, Nr. 14 und 15 des Jahrganges 1831, eingeflochten und abge- druckt worden sind - pag. 238 — entnehme ich, daß der Albignagletscher vom Jahre 1813 bis 1829 um circa 110™ vorgerückt und sich bis gegen den Albignafall verlängert habe.
Auch der Forno- oder Sambucogletscher und der Vedretto del Baccone haben in obigem Zeitraum an räumlicher Ausdehnung bedeutend zugenommen.
Der Gletscher zwischen P. d' Agnelli, 3206 m, und Cima da Flix, 3287 » ( Blatt Bivio, Nr. 517 ), soll noch viel Schnee gehabt haben. Der Sattel zwischen diesen beiden Gipfeln war Anfangs September 1886 schneefrei.
Der vor 4 Jahren schon erwähnte kleine Gratsee auf diesem Sattel, der damals sein Wasser gegen das Oberhalbstein zu abgab, existirt noch, sein Niveau ist indessen tiefergelegt, wohl da der Gletscher gegen Val Bevers an Höhe abgenommen hat.
Der Morteratschgletscher ( Blatt St.Moritz, Nr. 518 ), der nach den Messungen des Herrn Bezirksingenieurs Kud. v. Albertini in Samaden noch immer im Rückgang begriifen ist, zeigt seit 8 Jahren eine mittlere jährliche Abnahme an der Gletscherzunge von 14™, im letzten Jahre jedoch nur 13 m. Von dem bekannten, mit schwarzer Oelfarbe bezeichneten Felsblock sind die Abstände der Gletscherstirne gemessen wie folgt:
1878 5 m 1881 ( 3 Jahre ).
46 m 1883 ( 262 m 1884 ( 1 Jahr ).
78 ni 1885 ( 1 f.101 m 1886 ( 1114 m Auch die weiter gegen Osten unseres Cantons gelegenen Gletscher weichen zurück.
Zum Schlüsse sei bemerkt, daß nach einer Notiz des Herrn Simony in den Mittheilungen des D. und Oe. A. V., Heft Nr. 22, Jahrgang 1886, der Dachsteingletscher unweit Hallstadt in den letzten zwei Jahren, 1884—1886, 6—10 m zurückgegangen ist, und daß, whrend auch die Gorner- und Theodulgletscher, überhaupt alle an der Monte Rosa-Gruppe, einen Rückgang zeigen, Führer Petschen in Disentis am Feegletscher im Saasthal eine Zunahme wahrgenommen haben will