Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03109.jsonl.gz/246

Bis jetzt wusste man nicht, wie viele Schülerinnen und Schüler in der Schweiz eine Alte Sprache lernen. Die existierende statistische Grundlage des Bundes ist mangelhaft und sogar irreführend, denn sie weist nur die Matura-Abschlüsse des Schwerpunktfaches Latein bzw. Griechisch aus; dass es daneben noch andere vollgültige Matura-Abschlüsse in den beiden Sprachen gibt (als Grundlagenfach oder als Latinumsprüfung), wird nirgends ersichtlich. Dieses Manko hat denn auch dazu geführt, dass einzelne Medien in Unkenntnis der Situation zu tiefe Zahlen publizierten und den Untergang der Alten Sprachen in naher Zukunft kommen sahen.
Die Jahresversammlung des Schweizerischen Altphilologenverbandes SAV beschloss daher im November 2012, eine gesamtschweizerische Übersicht zu schaffen. Die Organisationsform des SAV erleichtert ein solches Unternehmen, da für derartige Fragen sog. Kantonskorrespondentinnen und -korrespondenten bestimmt sind, die in ihren Kantonen die einzelnen Gymnasien kontaktieren und deren Zahlen erheben lassen können.
Der Vorstand des SAV und der Unterzeichnete danken den KantonskorrespondentInnen und den KollegInnen in den einzelnen Gymnasien ganz herzlich für ihre Arbeit. Sie wird nicht ohne Echo bleiben!
Die Erhebung in den Kantonen fand von Dezember 2012 bis Anfang März 2013 statt, die Zahlen wurden vom Unterzeichneten gesammelt und ausgewertet; die Auswertung wird nun veröffentlicht.
Die Umfrage erfasst praktisch lückenlos alle öffentlichen und privaten Gymnasien der Schweiz.
Nicht erfasst sind die altsprachlichen Zahlen in den Sekundar- oder Bezirksschulen jener Kantone, die ein System mit freiwilligen Kursen zwecks Vorbereitung auf das Gymnasium haben; faktisch haben also noch mehr SchülerInnen Lateinunterricht, als die von uns erhobenen Zahlen zeigen. Gefragt wurde bei jeder Schule (a) nach der Gesamtzahl der SchülerInnen, (b) nach der Gesamtzahl derjenigen, denen der Latein- bzw. Griechisch-Unterricht überhaupt angeboten wird (effektives Wählersubstrat)1, und (c) nach der Zahl der tatsächlichen Latein- bzw. Griechisch-SchülerInnen (obligatorischer oder fakultativer Unterricht). Die Resultate der einzelnen Schulen wurden in einer kantonalen Übersicht und die 26 Kantonsübersichten in einer CH-Übersicht zusammengezogen. Alle diese Tabellen - kantonsweise die Schulen und die kantonalen Übersichten sowie die gesamtschweizerische Tabelle - werden hier publiziert. Damit erlaubt unsere Umfrage noch weitergehende Aussagen; z.B. kann man feststellen, in welchen Kantonen es nicht nur (drei- oder vierjährige) Kurzgymnasien, sondern auch Langgymnasien gibt, wie riesig die Differenzen zwischen den Kantonen rein zahlenmässig sind, und wie bunt die Schulsysteme in der Schweiz sich entwickelt haben... Auch wird offensichtlich, dass die Latein- und Griechischzahlen v.a. in Abhängigkeit vom geltenden kantonalen Schulsystem stehen; Kantone mit Langgymnasien und obligatorischem Lateinunterricht im 7./8. Schuljahr stehen natürlich ganz anders da als Kantone, die (fast) nur Kurzgymnasien mit nur fakultativem Lateinunterricht kennen. Zudem bildet sich die so verschieden durchgeführte MAR-Revision von 1994 ff. gut erkennbar ab.
Die wichtigsten Zahlen (sie beanspruchen natürlich keine absolute Genauigkeit):
Beinahe jede(r) fünfte Gymnasiast(in) in der Schweiz besucht das Fach Latein oder Altgriechisch: 18.4%, in absoluten Zahlen: 13'894 (bezogen auf die Zahl jener, denen eine alte Sprache überhaupt zugänglich ist: 75'319).1
17.2% (12'968 von 75'319) besuchen das Fach Latein, 2.1% (926 von 44'835) das Fach Altgriechisch (bezogen jeweils auf die Zahl jener, denen Latein bzw. Altgriechisch überhaupt zugänglich ist).1
Die Differenzen unter den Kantonen (Latein und Griechisch zusammen): In absoluten Zahlen bilden die Kantone Zürich und Uri die Extreme, über 6'000 altsprachliche SchülerInnen gegenüber 0; in relativen Zahlen steht Appenzell-Innerrhoden mit 49.4% an der Spitze, gefolgt von den Kantonen Graubünden und Appenzell-Ausserrhoden, Uri steht am anderen Ende mit 0%.
Der Vergleich mit den Zahlen des Bundes: Wie oben ausgeführt, weist die Bundesstatistik nur die Maturitätsabschlüsse gemäss den Schwerpunktfächern aus, in den Alten Sprachen sind es gut 1'000 gegenüber total rund 18'000 Maturitäten, d.h. rund 5.8%; unberücksichtigt in den Bundeszahlen bleiben wie gesagt die anderen, gleichwertigen Abschlussmöglichkeiten in Latein bzw. Griechisch (als Grundlagenfach oder als Latinumsprüfung). Wenn also in einzelnen Medien der Schluss suggeriert wird, die Quote der Latein- und Griechisch-SchülerInnen befinde sich auf dem gleichen tiefen Stand und Latein werde zum Exotenfach, so ist dies also falsch: Die Quote liegt mehr als dreimal höher.
Verfügbare Daten
März 2013
Theo Wirth
1 Die Unterscheidung zwischen der gesamten Schülerschaft eines Gymnasiums (in der Tabelle "Total" genannt: 76'903) und der Zahl jener, denen die Alten Sprachen überhaupt zugänglich sind (in der Tabelle "effektives Wählersubstrat" genannt: 75'319, darin enthalten 44'835 für Griechisch), ergibt sich aus dem Umstand, dass in einzelnen Kantonen die Gymnasien in einzelnen Schuljahren, z.B. im ersten, keinen Lateinunterricht anbieten (> Text)