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Veratrum viride
ZENTRALE BEGRIFFE
Worauf richtet sich der Fokus der inneren Aufmerksamkeit?
Alles, was er nicht weiss oder genau überblicken kann, stellt für Veratrum viride eine Herausforderung und latente Kränkung dar. Er neigt daher zu Kontrolle und Misstrauen Th 2, 7, er glaubt sehr leicht, er werde von den Mitmenschen getäuscht Th 9.
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Die Themenliste umfasst eine inhaltlich gruppierte Sammlung von Original Prüfungssymptomen
Wie zeigt sich das Leiden des Patienten? (Sekundäre Psora)
Wie kompensiert er sein Leiden? (Egotrophie, Egolyse, Alterolyse)
Wie lautet die eigentliche Hypothese „nach Masi“? (Primäre Psora)
Hier finden Sie spannende Interpretationen von einzelnen Themen oder Symptomen
1. Tod
Obwohl ich dachte ich müsse möglicherweise sterben, fühlte ich mich nicht beunruhigt. A 3
Grosse Furcht vor dem Tod. A 6
Sehr blass, mit leichenhaftem Aussehen. A 87
Erbrechen von Galle, später von Schleim und dunklem Blut; danach heftiges Würgen und Stöhnen, mit grosser Furcht vor dem Tod (...) A 169
So heftige Magenreizung, dass es eine Weile lang schien, er müsse sterben (...) A 189
Als das Erbrechen aufhörte, beklagte er ein heftiges Zusammenschnüren der Brust, mit grosser Angst; zehn oder fünfzehn Minuten lang. A 247
2. Kindbettpsychose: ruhig, misstrauisch; will ihren Arzt nicht sehen, er scheint sie zu erschrecken; befürchtet sie würde vergiftet; schlaflos, kann kaum in ihrem Schlafzimmer gehalten werden. He 1.4
3. Geschwätzigkeit, mit Exaltiertheit der Gedanken, oder einer überschwänglichen Ansicht ihrer eigenen Gedanken und Kräfte; alles scheint ihr klar zu sein; jetzt versteht sie frühere mysteriöse Geschehnisse klar; möchte keine Arznei, weil diese sie in ihren früheren Zustand zurückbringen würde; spricht und lacht von Zeit zu Zeit; lacht einige Tage ständig; spricht lange über eine Sache; hält an beim Sprechen und schenkt dem, was ihr gesagt wird, keine Aufmerksamkeit; will keine Fragen beantworten; weiss alles, was um das Haus geschieht, will nicht, dass irgendetwas gesagt wird, das sie nicht hören kann; liegt im Bett und möchte nicht einmal so lange aufstehen, um die Kleider zu wechseln; sagt, der Kopf fühle sich schlimm an; Augen rot, Sicht nicht betroffen; Appetit gering oder launenhaft; Därme träge; Glieder kalt und feucht; Puls klein und beschleunigt. Geisteskrankheit. He 1.6
4. Blutandrang zum Kopf; vom Leben auf grossem Fusse, Missbrauch von Anregungsmitteln (...) He 3.3
5. Will nicht im Bett oder Schlafzimmer bleiben
Kindbettpsychose: ruhig, misstrauisch; will ihren Arzt nicht sehen, er scheint sie zu erschrecken; befürchtet sie würde vergiftet; schlaflos, kann kaum in ihrem Schlafzimmer gehalten werden. He 1.4
Phlegmonöses Erysipel des Kopfes und Gesichtes; wütend im Delirium, Aufschreien, Heulen, Schlagen, so dass es mehrere Personen erfordert um sie im Bett zu halten (...) He 8.5
6. Sprache
Geschwätzigkeit, (...) spricht und lacht von Zeit zu Zeit; lacht einige Tage ständig; spricht lange über eine Sache; hält an beim Sprechen und schenkt dem, was ihr gesagt wird, keine Aufmerksamkeit; will keine Fragen beantworten; (...) will nicht, dass irgendetwas gesagt wird, das sie nicht hören kann (...) He 1.6
Meist sprachlos. A 114
Vollständiger Verlust des Sprechens für eine gewisse Zeit. A 115
(...) kann es nicht ertragen, mit jemandem zu sprechen oder Geräuschen ausgesetzt zu sein. Cl 2.14
7. Weiss alles, was um das Haus geschieht (...) He 1.6
8. Wasser
Schlief gut, hatte aber schreckliche Träume, auf dem Wasser zu sein (erste Nacht); hatte eine ruhelose Nacht; schreckliche Träume von ertrinkenden Menschen; schlief tief; schreckliche Träume von Wasser, wie üblich. A 451
Träumte von Wasser, und hatte sehr lebhafte Träume, in welchen er ständig heraus-gefordert und getäuscht wurde. A 452
Ein merkwürdiger Traum, in dem der Atlantik eine wesentliche Rolle spielte. A 453
Träumte von Wasser. A 455
Um Mitternacht viele Träume von Wasser, vom Fischen usw. A 456
Wasser schmeckt wie Zitronenwasser. A 113
Frau, 21 Jahre (...) befallen vor sechs Wochen mit heftigem Schmerz im Kreuz und durchs Becken; Brennen, als würde kochendes Wasser über die Teile gegossen (...) He 5.8
Hände und Füsse stark geschrumpelt, als ob sie lange Zeit im Wasser gewesen wären. A 319
9. Träumte von Wasser, und hatte sehr lebhafte Träume, in welchen er ständig herausgefordert und getäuscht wurde. A 452
10. Kleider
Die Kleider passen mir nicht richtig; sie scheinen mich überall zu kratzen und ich kann dies selber nicht lindern; ständiges Zwicken/Zupfen verschiedender Körperteile beim Versuch, die reibende Empfindung zu lindern. A 404
Meine Kleider passen nicht richtig, sie reizen überall wo sie mich berühren; möchte anhaltend zupfen und es schien fast unmöglich, ruhig zu bleiben, vor allem im Sitzen. A 406
(...) Das kalte taube Gefühl kroch meine Beine und Arme hoch, und zuletzt fühlte sich der ganze Körper an als ob er in kalte feuchte Kleider gehüllt wäre, und ich war ziemlich erschöpft. A 459
(...) liegt im Bett und möchte nicht einmal so lange aufstehen, um die Kleider zu wechseln (...) He 1.6
11. Kongestion
Blutandrang zum Kopf: von Prasserei, Missbrauch von Stimulanzien (...) He 3.3
Kongestive Kopfschmerzen von Unterdrückung der Menses; starker Blutandrang, fast apoplektisch, begleitet von starker Übelkeit und Erbrechen. He 3.6
Starke Hirnkongestion: Gefühl als ob der Kopf aufplatzen würde; mit Übelkeit und Erbrechen (...) Sonnenstich, alkoholischen Getränken, Zahnen bei Kindern und von unterdrückten Absonderungen (...) He 3.8
12. Delirium
Vorübergehendes Delirium. A 1
Streitsüchtig und delirös, schlägt und stösst mit der rechten Hand und dem rechten Fuss; manchmal scheinen diese Bewegungen unwillkürlich zu sein; wechselt in einen fröhlichen und witzigen delirösen Zustand, was 15 Stunden anhielt. A 2
13. Kopfschmerzen
Ein Hauptmittel bei Kopfschmerzen. Cl 2.10
Starke Kopfschmerzen mit heftigem Erbrechen alle 15 oder 20 Minuten. A 27
Kopfschmerz-Symptome A 11-50
Migräne seit der Kindheit, oft zu Beginn oder am Ende der Menses, mit grosser Nieder- geschlagenheit, zwei Wochen anhaltend. Cl 2.13
Bei einem 23jährigen Mädchen seit zwei Jahren Kopfschmerzen; ihr ist beim Aufstehen am Morgen sehr schwindelig und sie ist schwach auf den Beinen, stürzt auf der Strasse ohnmächtig zu Boden, (...) kann es nicht ertragen, mit jemandem zu sprechen oder Geräuschen ausgesetzt zu sein. Cl 2.14
Schmerzen im Kopf, als sei er fest umwickelt. Cl 2.17
14. Aufstehen, aufrichten
Beim Aufstehen von einem Sitz oder vom Bett, leichter Schwindel. A 13
Schwindel morgens beim Aufstehen. A 16
Muss das Bett hüten. Schwindel und Erbrechen sobald er aufsteht. A 18
Selbst wenn ich die aufrechte Lage für nur eine Minute einnahm, überwältigten mich dämmrige Sicht und kurze Aussetzer, was mich zwang, erneut eine liegende Stellung einzunehmen; die Unfähigkeit, mich aufzurichten, hielt für anderthalb Stunden an. A 70
Übelkeit und heftiges Erbrechen morgens beim Aufstehen. A 148
Hatte vor fünf Uhr früh Stuhlgang, grösser, weicher, heller in der Farbe, prompter und früher nach dem Aufstehen als üblich. A 222
A 68, 69, 301
15. Beim Fahren und Reiten
Schmerz im linken Auge, während der Fahrt in einem Omnibus. A 52
Um 13 Uhr, beim Reiten, befallen von einem plötzlichen und ängstigenden Tenesmus, welcher mich zusammenkrümmte, trotz allem was ich zu tun versuchte (...) A 213
Beim Fahren in einem Omnibus Schmerz im rechten Ellbogen, welcher zum rechten Schulterblatt ging. A 358
16. Beim Gehen
Kann nicht gehen; wenn ich es versuche, werde ich sehr schwach und vollständig blind; bin gezwungen, in einer horizontalen Lage zu bleiben, 14 Uhr 20; kann nicht durch den Raum gehen, ohne zu erblinden, 16 Uhr; kann ungefähr zehn rods* [ca. 50 Meter] gehen, als ich wieder blind werde und gezwungen bin, mich hinzusetzen, 17 Uhr. A 68
Kann ungefähr vier rods* [ca. 20 Meter] gehen, dann werde ich blind und ohnmächtig, kann aber ohne Beschwerden aufsitzen; 13 Uhr. A 69 *rod: a unit of measure (5.5 yards or 16.5 feet)
Anhaltendes Reissen in der rechten Wade, beim Gehen. A 392
A 251, 368, 394, 398
17. Sehen
Plötzlicher Sehverlust für die obere Hälfte des Sehfeldes. Cl 3.9
Trübsichtigkeit (wie Schuppen über den Augen) (...) Cl 3.11
Plötzliche Blindheit beim Gehen: A 68, 69
18. Völlegefühl über den Augenlidern, als ob er sehr viel geweint hätte, mit vermehrtem Tränenfluss. A 60
19. Dämmrige Sicht, grüne Kreise rund um das Gaslicht. A 67
20. Gefühl von galvanischen Schlägen in den Gliedern. Cl 21.2
21. Zunge
Weisse Zunge, nicht belegt; sah aus als ob gebleicht. A 96
Zunge weiss im Zentrum, mit roten Kanten und weisser Spitze; es sah nicht aus wie eine belegte Zunge, sondern als ob das Blut ausgepresst würde, morgens (dritter Tag); Kanten rot, Spitze weiss, und Mitte ein beinah reines Weiss (vierter Tag). A 97
Die Zunge fühlt sich an, als hätte er heissen Tee getrunken, wie verbrüht (...) A 102
A 103, 104
22. Geschmack leicht bitter, unangenehm, speziell, erinnert einen an den Geruch von Sperma. A 111
23. Wiederkäuen
(...) Der Mageninhalt wurde ohne Übelkeit ausgeworfen, aber mit einem Gefühl von Aufsteigen in der Speiseröhre, welches vielleicht mit dem Wiederkäuen von Tieren verglichen werden kann (...) A 147
Ein Versuch zu erbrechen nach der zweiten Dosis, aber ohne etwas aus dem Magen hochzubringen; die Versuche wiederholten sich alle paar Minuten, ohne Erfolg, bis auf ein einziges Mal, als eine kleine Menge aus dem Mund austrat. A 155
Magen süsslich [mawkish; the maw = der Labmagen] und leicht übel; (...) erleichtert durch Aufstossen von Blähungen. A 143
Beim zweiten Mal Erwachen Gefühl als ob Wellen aus dem Magen in die Brust aufsteigen würden. A 190
Gefühl als würde sich der Magen langsam über seinem Inhalt zusammeziehen und ihn in die Speiseröhre pressen, was ein Gefühl hervorruft, als würde eine Kugel bis zur Höhe der oberen Spitze des Brustbeins in die Speiseröhre aufsteigen. A 184
Zahlreiche Symptome von Aufstossen, Würgen, Erbrechen. A 140-190
24. Um 18 Uhr 30 ass ich zu Abend, obwohl das Essen mir widerwärtig war, ich ass nur wenig. Den ganzen Abend litt ich an deutlicher Dyspepsie, welche ein wenig erleichtert wurde durch ein Glas Whisky. A 174
25. Gefühl um den Anus, als ob etwas heraus- oder herumkrabbeln würde, wie ein Wurm. A 211
26. Problem, den Kopf aufrecht zu halten
Schmerz im Genick, als ob die Sehnen lose wären. A 302
Sehr starker Schmerz im Genick; es fiel mir sehr schwer, den Kopf aufrecht zu halten. A 301
27. Berührung der Beine
Leichte Krampfneigung beim Berühren der Beine. A 381
Eine unverkennbare Neigung zu Krämpfen in meinen Beinen, wenn sie berührt oder bewegt werden. A 383
28. Erbrechen
Während beinahe der ganzen Schwangerschaft heftiges Erbrechen, ständige Übelkeit mit starkem brennendem Schmerz im Magen, gänzlicher Unfähigkeit, Essen bei sich zu behalten, ausser einer geringen Menge dünner Grütze oder Rindfleischbrühe, diese lösen häufig lang hinausgezögertes Erbrechen aus (...) He 24.5
Zahlreiche Erbrechen-Symptome A 136 ff.
Wir begegnen einem Menschen, der darunter leidet, nicht genug Übersicht zu haben. Das Leben scheint ihm insgesamt verwirrend. Er kann beklagen, Dinge nie genau zu verstehen oder ständig Informationen zu verpassen. Den Mitmenschen begegnet er mit einer gehörigen Portion Misstrauen. Was reden die hinter seinem Rücken? Th 3 Vielleicht kommt er zum Homöopathen aus Angst, von "normalen" Medikamenten vergiftet zu werden Th 2.
Auch in der Anamnese kann er versuchen, möglichst wenig von sich preiszugeben, seine Antworten sind wortkarg oder er verweigert sie ganz Th 6.
Seine körperlichen Beschwerden können augenfällig darauf hinweisen, wo die tieferen Probleme liegen: Plötzliche Erblindung beim Gehen, die ihn zwingt, in einer horizontalen Lage zu bleiben – also dann, wenn er sich auf die Welt zu bewegt; er sieht die obere Hälfte der Dinge nicht oder hat das Gefühl von Schuppen über den Augen Th 16, 17. Ebenso fällt es ihm schwer aufzustehen oder sich aufzurichten Th 14, der Kopf kann nicht aufrecht gehalten werden, weil die Sehnen im Genick lose scheinen Th 26 – dies alles sind dramatische Symptome für jemanden, der den Kopf draussen behalten will.
Egotrophie
Die Vollkommenheitsvorstellung von Veratrum viride ist ausgedrückt im Symptom: Exaltiertheit der Gedanken, überschwängliche Ansicht ihrer eigenen Gedanken und Kräfte; alles scheint ihr klar zu sein; jetzt versteht sie frühere mysteriöse Geschehnisse klar Th 3.
Nicht einmal der drohende Tod vermag ihn hier zu beunruhigen Th 1. Die Stimmung ist in dieser Phase fröhlich und witzig Th 12, er lacht ständig Th 3. Er neigt zum Leben auf grossem Fusse Th 4.
Wenn er hingegen sein Nichtgenügen, den fehlenden Überblick und die Ängste kompensiert, wird Veratrum viride zum Kontrollfreak. Nichts, was ums Haus herum geschieht, darf ihm entgehen Th 7, man darf nichts sagen, was er nicht hören kann. Um verunsichernden Fragen auszuweichen, spricht er selber die ganze Zeit, ohne auf sein Gegenüber einzugehen. Am liebsten redet er dabei über eine einzige Sache, die er bis ins Detail durchschaut hat Th 3.
Egolyse
In der Resignation vor der Undurchschaubarkeit der Welt und des Lebens verliert sich Veratrum viride rasch in Delirien und psychotischen Zuständen Th 5, 12. Die Kopf-schmerzen, denen die Patientin unterworfen ist, führen zu Depressionen Th 13: Ihr Leiden betrifft den Körperteil, an den sie nebst den Augen die höchsten Anforderungen hat. Sie zieht sich zurück von der Welt, will das Bett nicht mehr verlassen Th 13 oder mit niemandem mehr reden Th 6.
Alterolyse
Das bereits vorhandene Misstrauen, von den anderen hintergangen und mutwillig getäuscht zu werden, steigert sich hier zu Streitsucht Th 12 und wütenden Beschuldigungen: Du informierst mich nicht, erzählst mit das Wichtigste nicht, lügst mich an! Wer kann unter diesen Umständen noch den Überblick behalten!
Die Steigerung der eigenen Kräfte, die in der Egotrophie aufscheint, führt hier zu einem so wütenden Delirium, dass es mehrere Personen braucht, um den Veratrum-viride-Patienten im Bett zu halten Th 5.
Welche „Conditio humana“ lehnt er ab? Wo wünscht er sich Vollkommenheit?
Veratrum viride wünscht sich den vollkommenen Überblick. Er möchte den Kopf immer draussen behalten und über das menschliche Mass hinaus verstehen, was rund um ihn geschieht. Er möchte dem Mysterium des Lebens aus eigener Kraft auf die Spur kommen Th 3.
Dabei lehnt er ab, auf dem normalen, menschlichen Weg zu Einsichten zu gelangen, nämlich durch Austausch mit anderen Menschen, durch Aneignung sinnlicher Eindrücke, z.B. über das Sehen oder das Essen Th 17, 21, 24, 28, respektive dadurch, dass er sich in der Welt bewegt Th 15, 16 und so Teil-Erkenntnisse zusammenträgt.
Wo erlebt er deshalb ein Nichtgenügen, einen Verlust?
Aufgrund seines Anspruchs, den vollkommenen Überblick zu haben, erlebt Veratrum viride im Bereich des Erkennens und des Sehens die grössten Verluste Th 14, 16, 17. Im Zwischenmenschlichen fühlt er sich leicht getäuscht und hintergangen Th 9: Will nicht, dass etwas gesagt wird, was er nicht hören kann Th 3. Die Kommunikation ist gestört, er schenkt dem, was ihm gesagt wird, keine Aufmerksamkeit, will keine Fragen beant-worten, bis hin zum vollständigen Verlust der Sprache für eine gewisse Zeit Th 6.
Was empfindet er infolge der Ablehnung als Bedrohung oder als Strafe?
Für einen Menschen, der den Kopf draussen behalten und den vollkommenen Überblick haben will, stellt das Wasser und vor allem das Ertrinken eine grosse Gefahr dar. Veratrum viride hat denn auch zahlreiche Angstträume von Wasser Th 8.
Der Arzt scheint die Veratrum-viride-Patientin zu schrecken, sie befürchtet, vergiftet zu werden Th 2. Der Arzt stellt eine Autoritätsperson mit "grösserem" Überblick dar, was Veratrum viride unliebsam an die eigene Unvollkommenheit erinnert. In einem weiteren Symptom wird noch präzisiert, dass sie keine Arznei nehmen will, um nicht in den vorherigen Zustand von Unklarheit zurückversetzt zu werden Th 3.
Die grösste Ungewissheit besteht für den Menschen im Hinblick auf den Tod, Veratrum viride ist darum auch heftigen Todesängsten ausgesetzt. Körperliche Beschwerden wie Zusammenschnüren in der Brust oder Krampfschmerzen im Magen lassen ihn das Schlimmste befürchten Th 1, 15.
Wie könnte sich ein bewusster Umgang mit der Grundproblematik darstellen?
Wenn es ihm gelingt, sein Misstrauen gegen die anderen Menschen zu überwinden, kann Veratrum viride deren Überblick anerkennen und die so gewonnenen Informationen zu seiner eigenen Orientierung nutzen. Dann ist es vielleicht nicht mehr so bedrohlich für ihn, wenn die Wellen des Lebens mal über seinem Kopf zusammenschlagen.
Wasser Th 8
Schreckliche Träume, auf dem Wasser zu sein, von ertrinkenden Menschen, schreck- liche Träume von Wasser wie üblich: Die Psyche von Veratrum viride äussert deutlich, wie verschlingend dieses Element sein kann. "Die Wasser sind Ursprung und Grab aller Dinge im Universum; sie werden gleichgesetzt mit dem Unbewussten, dem Vergessen. In das Wasser zu tauchen, bedeutet die Suche nach dem Geheimnis des Lebens, dem aller- letzten Mysterium. Auf den Wassern zu gehen, steht für das Überschreiten der Welt der Erscheinungen" LdtS. Veratrum viride bekommt in seinen Träumen den Weg gezeigt, wie der Mensch zu grösserer Einsicht kommt, nämlich durch Eintauchen ins Unbewusste, durch Anerkennung des Mysteriums. Die Träume vom Fischen weisen ihn zusätzlich darauf hin, dass dabei etwas zu gewinnen ist. Da Veratrum viride diesen Weg aber ablehnt, stellen die Träume grosse Schrecknisse dar.
Selbst Körpersymptome zeugen von diesem Urkonflikt in seinem Wesen: Hände und Füsse stark geschrumpelt, als ob sie lange Zeit im Wasser gewesen wären. Brennen im Kreuz und durch das Becken, als würde kochendes Wasser über die Teile gegossen. Wasser schmeckt ihm sauer, wie Zitronenwasser.
Der merkwürdige Traum, in dem der Atlantik eine wesentliche Rolle spielte, lässt sich in diesem Zusammenhang ebenfalls verstehen: Der Atlantik ist benannt nach dem Atlas-gebirge, letztlich nach dem griechischen Gott Atlas, der als Träger des Himmelsgewölbes durchaus einer mit Überblick ist! Und im Atlantik versunken ist jener geheimnisvolle Kontinent Atlantis, dem Platon und ägyptische Quellen paradiesische Eigenschaften zuschrieben.
Die Kleider Th 10 weisen weltweit eine vielfältige Symbolik auf DSS. Unter anderem kann der Wechsel eines Gewandes den Beginn einer völlig neuen Lebensphase bedeuten, man denke an den Eintritt in ein Kloster oder in die Armee, die Einsetzung in ein Amt usw. Auch im spirituell-symbolischen Bereich bedeutet das Ablegen des alten Kleides die Entkleidung von der Individualität und einen Schritt der Reinigung vor der eigentlichen Transformation.
Veratrum viride lehnt es ab, sich dem Mysterium des Lebens schrittweise zu nähern und sich dabei transformieren zu lassen. Entsprechend will er nicht einmal so lange aus dem Bett aufstehen, um die Kleider zu wechseln. Seine Kleider passen nicht richtig, scheinen ihn überall zu kratzen und lassen ihn nicht zur Ruhe kommen. Die äussere Hülle macht ihm bewusst, dass er sich ihrer entledigen müsste, wenn er mehr Einsicht gewinnen möchte. Zuletzt fühlte sich der ganze Körper so an, als ob er in kalte feuchte Kleider gehüllt wäre – hier ist das Eintauchen in die Wasser des Unbewussten bereits erfolgt und hinterlässt ebenfalls grosses Unbehagen.
Dass Veratrum viride nicht im Bett oder im Schlafzimmer bleiben will Th 5, ist ver- ständlich, stellen sie doch einen Rahmen dar für unbewusstes, emotionales, traumvollles Leben. Er will aber Übersicht haben und den Kopf jederzeit draussen behalten. Der Körper scheint ausserdem eine Parodie zu entwickeln: Geschmack leicht bitter, unangenehm, speziell, erinnert einen an den Geruch von Sperma Th 22.
Veratrum gilt als eines der Hauptmittel bei Kopfschmerzen. Er hat das Gefühl, als ob der Kopf aufplatzen würde oder als ob der Kopf fest umwickelt sei Th 11, 13: die Über- beanspruchung dieses Körperteils zeigt sich deutlich!
Dämmrige Sicht, grüne Kreise rund um das Gaslicht Th 19. Da Grün aus Blau und Gelb, der Verbindung von Himmel und Erde, zusammengesetzt ist, wird es zur mystischen Farbe. Es verbindet gleichermassen das kalte blaue Licht des Intellekts mit der emotionalen Wärme der gelben Sonne, um so die Weisheit der Gleichheit, Hoffnung, Erneuerung des Lebens und der Auferstehung hervorzubringen. LdtS Auch in diesem Symptom wird Veratrum viride (viride = grün!) augenfällig daran erinnert, dass der Intellekt allein nicht ausreicht, um wahre Erkenntnis zu erhalten.
Da Veratrum viride es ablehnt, sich die Welt sinnlich einzuverleiben und die Eindrücke in Erkenntnisse zu verwandeln, sind seine Verdauungsorgane vielfältig betroffen: Die Zunge ist weiss, nicht belegt, sondern wie gebleicht oder wie blutleer Th 21 – ein Organ, das wegen Nichtbenutzung abgestorben zu sein scheint. Wenn er hingegen etwas zu sich genommen hat, erbricht er es entweder wieder Th 28, oder der Mageninhalt wird ohne Übelkeit ausgeworfen, aber mit einem Gefühl von Aufsteigen in der Speiseröhre, welches vielleicht mit dem Wiederkäuen von Tieren verglichen werden kann Th 23. Im übertragenen Sinn ist das "Wiederkäuen" ein Bild dafür, wie geduldig der Mensch sich Dinge wieder und wieder ins Bewusstsein rufen muss, bis er sie geistig wirklich erkannt hat!
Veratrum album befindet sich in seinem Anspruch, Erlösung in die Welt zu bringen, in einer ähnlichen Kopf-hoch-Haltung wie Veratrum viride. Allerdings ist sein Anspruch wesentlich moralischer, er verkündet anderen Menschen seine Dogmen, predigt ihnen seine Überzeugung von gut und böse und mahnt sie zur Reue. RMM 3
Ferrum metallicum ist der "Napoleon der Materia Medica", ein ernsthafter, humorloser Herrscher. Er möchte als streitbarer Machthaber sein Umfeld kontrollieren. RMM 1 Dies kann sich ganz ähnlich darstellen wie Veratrum viride in der egotrophen Kontroll-Haltung. Allerdings geht es Ferrum wirklich um die Herrschaft über andere Menschen, während Veratrum nur deshalb so genau alles wissen und kontrollieren will, um stets den Überblick zu behalten. Ferrum strebt auch danach, sich "Saft und Kraft allen Lebens" einzuverleiben, während Veratrum viride nichts von der Welt aufnehmen möchte.
ZUR SUBSTANZ
Veratrum viride, Grüner Germer, Amerikanische Nieswurz (Ordnung: Liliales, Familie: Melanthiaceae)
ANMERKUNGEN
Ein Mann von fünfzig Jahren hatte eine Fraktur des Humerus erlitten; für eine bis zwei Wochen war sein Arm in Ordnung und heilte rasch ab, sein allgemeiner Gesundheits-zustand war vollkommen gut; sein Arzt gab ihm eine heroische Dosis von Veratrum viride, "um zu sehen, was es für ihn tun könne". Sogleich wurde der Patient von Krämpfen, Erschöpfung und einer furchtbaren Kälte befallen, sofortiges Absterben des verletzten Gliedes, gefolgt vom Tod nach ein paar Stunden. A Supplement S. 639
QUELLEN
Überarbeitung im Rahmen des internationalen form.-Treffens, Formine (I) 2009
|A

He
Cl
RMM
DDS
LdtS
Bild
|Allen, T.F., The Encyclopedia of pure Materia Medica, New Delhi 1988, Band 10|
Hering, Constantin, The Guiding Symptoms of our Materia Medica, New Delhi 1989, Band 10
Der Neue Clarke, Bielefeld 1990, Band 10
Studer, Susanne, Ostermünchner, Esther, Revidierte Materia Medica Homoeopathica Band 1-3 HIZ, Hägglingen 2002, 2005, 2008
Chevalier/Gheerbrandt, Dictionnaire des Symboles, Laffont, Paris 1982
Cooper, J.C., Illustriertes Lexikon der traditionellen Symbole, Wiesbaden 1986
Peter Barthel, D – Flögeln