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Initiationsmasken der Pende: Kunst, um aus Jungen Männer zu machen
Michaela Oberhofer
17.03.2023
Hans Himmelheber hielt sich 1938/1939 gerade zu der Zeit im Kongo auf, als das nur alle zehn Jahre stattfindende mukanda-Ritual in der Pende-Region durchgeführt wurde. Die Jungen lebten getrennt von ihren Müttern und abseits der zivilisierten Welt der Dörfer im Busch, erlernten Tänze, Lieder oder handwerkliche Fähigkeiten, eigneten sich aber auch ein den Männern vorbehaltenes geheimes Wissen an [siehe Essay von Zoë S. Strother im Katalog "Fiktion Kongo"]. Am Ende der gemeinschaftlichen Erfahrungen waren die Jungen auf ihre Rolle als Männer in der Gesellschaft vorbereitet. Verschiedene Maskentypen begleiteten die Jungen während der langen Zeit der Prüfungen und Gefahren.1 Hans Himmelheber besuchte die Lager, in denen die Beschneidungen durchgeführt wurden, und fotografierte die Tänze der Maskengestalten. Da die Masken nach der Benutzung als wertlos angesehen wurden, konnte er ganze Serien der rot leuchtenden Initiationsmasken erwerben.
Bei den Pende lassen sich weibliche, männliche und hypermännliche Masken unterscheiden.2 Das Feminine wird als friedvoll, selbstkontrolliert und sozial idealisiert. Männlich sind Hitze, Kreativität und starke Emotionen – bis hin zu unkontrollierter Wut und Aggression im Fall des Hypermaskulinen. Diese Charakterzüge sind auch in den Masken erkennbar. Die weibliche Maske, die hier abgebildet ist, hat eine flache Stirn, runde Augenbrauen und vor allem den zanze genannten Blick mit den gesenkten Lidern, der als besonders schön und verführerisch galt. Im Gegensatz dazu vermittelt die männliche Maske einen aggressiven Eindruck: Das Gesicht ist eckig und kantig, die Augen lugen unter den Lidern wachsam hervor und die Lippe ist geschürzt, als ob die Maske – so die Interpretation der Pende – gleich losbrüllen wollte.
Eine Maske, vor der man sich weit mehr in Acht nehmen musste, ist die gitenga-Maske in Form einer Scheibe. Die runden, offenen Augen wurden als «gefährlich» beschrieben. Wie alle Initiationsmasken mit einer Gerte bewaffnet, hatte die gitenga-Maske neben sozialen auch polizeiliche Aufgaben und konnte die Initianden und Dorfbewohner bei Regelverstössen bestrafen. Die pumbu-Maske der östlichen Pende war besonders mächtigen Chiefs vorbehalten und wirkte aufgrund der weit aufgerissenen Augen ausserordentlich furchterregend.
Auf Fotografien ist zu erkennen, dass viele Pende-Masken wie diese männliche Maske entgegen unseren Sehgewohnheiten horizontal getragen wurden. Dies trifft auch auf die kiwoyo- beziehungsweise giwoyo-Masken zu. Von westlichen Betrachtern oftmals als Bart missverstanden, handelte es sich bei letzteren um die Darstellung eines wie zur Beerdigung horizontal aufgebahrten Leichnams. Dieser Maskentyp wurde naturgemäss mit dem Reich der Toten assoziiert.
Zu den wichtigsten Dorfmasken der östlichen Pende gehören die kipoko-Aufsatzmasken der Chiefs. Kipoko tanzte zu wichtigen Gemeinschaftsritualen wie der Ernennung eines neuen Dorfchefs und stand für die Verbindung zur Welt der Toten. Aber auch in den Beschneidungslagern spielte kipoko eine wichtige Rolle. Am Ende der Initiation mussten sich die jungen Knaben vom Rand der imposanten Maske etwas zu essen schnappen, der ultimative Test, um danach als vollwertige Männer in die Gesellschaft aufgenommen zu werden.
Quelle:
Oberhofer, Michaela: Initiationsmasken der Pende: Kunst, um aus Jungen Männer zu machen. in Nanina Guyer und Michaela Oberhofer (Hg.): Fiktion Kongo. Kunstwelten zwischen Geschichte und Gegenwart. Zürich: Museum Rietberg / Scheidegger & Spiess, 2019
1
Strother, 1988.
2
Siehe hierzu Strother, 2008, S. 23–28.