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Ein Forschungsteam aus Polen und der Schweiz untersucht die Hochwasserrisiken im Süden Polens mit Fokus auf den Klimawandel. Zwei Hauptursachen für die verheerenden Überschwemmungen der letzten Jahrzehnte sind nach Ansicht von Forschern schlechte Raumplanung und Klimawandel.
Auf einer kleinen Metallplakette an der Wand eines Gebäudes in der Stadt Wroclaw im Südwesten Polens, etwa 70 Zentimeter über dem Strassenniveau, steht "13. Juli 1997 – Wasserstand bei der Überschwemmung". Die arglos aussehende Plakette, für Passanten kaum sichtbar, bringt auf den Punkt, was heute für gewisse Leute als der entscheidende Moment der Stadt an der Oder gilt.
Heftige Niederschläge in der zweiten Junihälfte 1997 – die über weiten Teilen Deutschlands und Tschechiens sowie vor allem im Süden Polens niedergingen – führten zu Überschwemmungen historischen Ausmasses. Die Wasserstände an der oberen Oder stiegen innerhalb von 12 Stunden um vier Meter, gegen 2600 Städte und Dörfer mit und ohne Hochwasserschutzeinrichtungen wurden überschwemmt.
Landesweit verursachte das traumatische Ereignis einen Sachwertschaden in Höhe von schätzungsweise etwa 2,75 Mrd. Franken – was ungefähr 1 Prozent des damaligen polnischen BIP entsprach. Rund 162'000 Menschen mussten evakuiert werden, 54 kamen ums Leben.
In Wroclaw, der viertgrössten Stadt Polens, versagte der Hochwasserschutz und etwa ein Drittel der Stadtfläche stand unter Wasser.
Nur gerade sieben Jahre nach Polens Übergang zur Demokratie war die Mobilisierung von etwa 100'000 Zivilisten und Freiwilligen ein wichtiger Moment für die Gemeinschaft. Heute erinnert ein Denkmal an der Universitäts-Brücke an die Opfer der Hochwasserkatastrophe und dient als Hommage an die gemeinsamen Bemühungen zur Rettung der Stadt.
Florist
Das Forschungsprogramm FLORIST, eine schweizerisch-polnische wissenschaftliche Zusammenarbeit, befasst sich mit der Risikoabschätzung von Überschwemmungen in der Region im Norden des Tatra-Gebirges. Im Rahmen des Projekts werden gegenwärtige Prozesse analysiert und künftige Projektionen unter verschiedenen Klimawandelszenarien entwickelt.
Die Forscher wollen untersuchen, wie sich Ausmass und Häufigkeit von Überschwemmungen sowie von heftigen Niederschlägen und sintflutartigen Katastrophen bis 2050 respektive 2100 möglicherweise verändern könnten.
Dazu werden die Forscher unter anderem Informationen aus verschiedensten Quellen zusammentragen – aus Archiven, von Beobachtungsnetzwerken und aus Feldstudien.
Ihre Analysen sollen zu einem besseren Verständnis der Mechanismen von Überschwemmungen und der unterschiedlichen Wetterbedingungen führen, die Hochwassersituationen auslösen könnten, aber auch jener Bedingungen, die in der Vergangenheit zu Überschwemmungen geführt haben.
Überschwemmungen können nicht verhindert werden, unterstreicht das Team, aber es sei möglich, die Schäden zu verringern. Die Schlussfolgerungen ihrer Studien könnten Entscheidungsträgern ein besseres Bild vermitteln, mit was zu rechnen sei, um sich besser auf solche Ereignisse vorbereiten zu können.
Die bedeutendste Naturgefahr
Hochwasser ist aber in diesem mitteleuropäischen Land nichts Unbekanntes. Überschwemmungen seien in Polen die bedeutendste Naturgefahr, erklärt Zbigniew Kundzewicz, Leiter des Departements für Klima und Wasserressourcen am Institut für Agrar- und Forstumwelt der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Poznan (Posen).
"Es ist keine Frage, Hochwasserschäden nehmen überall [in Europa] zu. Aber zu einem grossen Teil ist dies, weil wir heute mehr zu verlieren haben", sagt er.
Zum Teil haben die wirtschaftlichen Verluste aufgrund von Überschwemmungen wegen des wachsenden Wohlstandes zugenommen, aber schlechte Raumplanung hat nach Ansicht von Kundzewicz dazu geführt, dass mehr wertvolle Infrastruktur in hochwassergefährdeten Gebieten gebaut wurde.
"Regen einer bestimmten Intensität mag in der Vergangenheit keinen Schaden verursacht haben, heute tut er dies, weil das System verletzlicher geworden ist", sagt er.
Hochwasserschäden, fügt er hinzu, könnten aufgrund der Auswirkungen des Klimawandels bedeutend schlimmer werden. Während es in früheren Zeiten in Polen normalerweise im Sommer zu Überschwemmungen kam, passieren diese heute schon im Mai und Juni. Und Forschungen zeigen, dass die Häufigkeit von Sturzfluten, ausgelöst durch kurze, lokale aber intensive Regenfälle, wahrscheinlich seit 1995 zugenommen hat.
Risikoabschätzung
Seit dem Zweiten Weltkrieg kam es in Polen im Durchschnitt alle 6,5 Jahre zu "katastrophalen Flusshochwassern mit regionalem Ausmass", die meisten davon ausgelöst durch Regen, schrieb Kundzewicz in einem 2012 veröffentlichten Buch. Zu den jüngsten solchen Überschwemmungen kam es im Mai und Juni 2013.
Die Sachstandsberichte, mit deren Veröffentlichung der zwischenstaatliche Ausschusses für Klimawandel (IPCC, kurz: Weltklimarat) begonnen hat, zeigten, dass Überschwemmungen – was das Niveau von Wasser und Abflussspitzen angeht – fast auf der ganzen Welt, wenn auch nicht überall, zunähmen, sagt Kundzewicz, der auch als Überprüfungs-Redaktor für den IPCC tätig ist.
FLORIST, ein gemeinsames Projekt von Forschern aus Polen und der Schweiz unter Leitung von Kundzewicz, befasst sich mit der Abschätzung von Hochwasserrisiken in den nördlichen Ausläufern des polnischen Tatra-Gebirges, wo starke Niederschläge zur Entstehung von Überschwemmungen beitragen. Das Projekt ist Teil eines umfassenderen Zusammenarbeitsprogramms zwischen der Schweiz und Polen.
"Was uns verbindet, ist die gebirgige Umwelt, hier in Südpolen und in der Schweiz", sagt Ryszard Kaczka von der Universität Schlesien. "Die Idee ist daher, Schweizer Know-how in Polen zu nutzen, um das Hochwasserrisiko in den Bergen hier zu untersuchen."
Schweizer Sicht
Markus Stoffel und sein Team an der Universität Bern haben Hochwasser und Sturzfluten in den Schweizer Alpen untersucht. Das Projekt FLORIST biete dem Team eine Möglichkeit, Wissen und Expertise mit seinen polnischen Kollegen auszutauschen und auch in einer anderen Umgebung zu arbeiten.
"Der Nutzen für uns ist, dass die Gebirgsbäche in der Tatra nicht besonders kanalisiert sind, sondern sich in einer ungezähmten, natürlichen Umgebung befinden. Solche Umgebungen sieht man in der Schweiz nicht oft, wo viele Gebirgsbäche nicht mehr in ihrem natürlichen Bachbett verlaufen."
Und auch der übrige Kontext ist unterschiedlich, wie Stoffel erklärt. Zwar habe die Zahl der Überschwemmungen seit den späten 1970er-Jahren auch in der Schweiz zugenommen, zwischen 1920 und 1970 habe es dort aber weniger solche Ereignisse gegeben. Trotz der Unterschiede, "sehen wir in beiden Kontexten, dass der Klimawandel die Intensität von Niederschlägen beeinflussen könnte. Wir stehen vor ähnlichen Problemen."
Zu den Aussichten, wie man Hochwasserrisiken begegnen kann, erklärt Stoffel: "Man kann Hochwasser nie in den Griff bekommen, aber man kann sicherstellen, dass es nicht zu sehr ausser Kontrolle gerät, indem man die richtigen Massnahmen ergreift, bevor die Wasserfluten das Flachland erreichen. Oder wenigstens Evakuierungen für die Zukunft besser plant, indem man besser verstehen lernt, wie bestimmte Flutwellen sich ausbreiten."
Zum Beispiel könnte es "in den Bergen – und in den Ausläufern von Gebirgen – Möglichkeiten geben, den Flüssen mehr Platz zu verschaffen. Dadurch können Flutwellen abgeschwächt werden, die Abflussspitze wird weniger gross sein, wenn man den Flüssen mehr Platz einräumt."
Mahnungen
Polen ist dabei, die EU-Richtlinie zu Hochwasserrisiken umzusetzen, was dem Land helfen soll, besser vorbereitet zu sein. Das Team hofft, dass seine Studie mit Daten zum Wandel der Hochwasserrisiken zur anstehenden Entscheidfindung beigezogen werden kann.
Die kleine Plakette im Zentrum von Wroclaw könnte als Warnzeichen für die Verhandlungsführer bei der jährlichen UNO-Klimakonferenz dienen, die in der polnischen Hauptstadt Warschau stattfindet.
"Von Zeit zu Zeit brauchen wir Hochwasser, denn wir vergessen, dass sie ein Risiko darstellen", kommt Kundzewicz zum Schluss. "Daher wirken Hochwasser in allen Ländern als Mahnungen dafür, dass diese Risiken bestehen. Auch wenn es eine lange Periode ohne Überschwemmungen gibt, eines Tages wird eine Flut kommen."
EU-Direktive zu Hochwasserrisiken
Die EU-Richtlinie 2007/60/EG über die Bewertung und das Management von Hochwasserrisiken trat am 26. November 2007 in Kraft.
Die EU-Mitgliedstaaten müssen alle ihre Flussläufe und Küstengebiete einer Risikoanalyse unterziehen. Dazu gehören die Erstellung von Hochwasserrisiko- Karten für alle Gebiete mit signifikantem Hochwasserrisiko, aus denen die Ausdehnung möglicher Überschwemmungen hervorgeht sowie die Bedrohung für Menschen, Sachwerte und Umwelt. Zudem müssen Pläne zum Management von Hochwasserrisiko ausgearbeitet werden.
Die Direktive verstärkt auch das Recht der Öffentlichkeit, bei der Erstellung der Pläne für das Hochwasserrisiko-Management in geeigneter Weise miteinbezogen zu werden. Zudem müssen die Hochwasserrisiko-Karten öffentlich zugänglich sein.
Ziel der Direktive ist es, hochwasserbedingte Risiken für die menschliche Gesundheit, die Umwelt, das kulturelle Erbe, Infrastruktur, Eigentum und Wirtschaft zu verringern und zu bewältigen – insbesondere entlang von Flussläufen und in Küstengebieten.
Die Richtlinie bezieht sich auf Binnengewässer sowie auf Küstengewässer auf dem ganzen Territorium der Europäischen Union.Infobox Ende
(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch)