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Die Edelkastaniengallwespe setzt den Kastanienbäumen zu
Die Weibchen der Edelkastaniengallwespe sind knapp 3 Millimeter gross. Sie vermehren sich ungeschlechtlich, das heisst, sie müssen sich nicht mit Männchen paaren. Sie fliegen einmal jährlich zwischen Juni und August und legen in dieser Zeit bis zu hundert Eier in frische Kastanienknospen – bis zu 12 pro Knospe. Im Spätherbst schlüpfen aus den Eiern Larven, die den Winter in der Knospe überdauern. Im nächsten Frühling bringen sie den Baum dazu, hellgrüne bis rosarote Auswüchse, sogenannte Gallen, zu produzieren. Diese Gallen dienen den Larven als Futter und als Schutzhöhle. Nach einigen Wochen des Fressens verpuppen sich die Larven. Ab Juni schlüpfen die adulten, erwachsenen Gallwespen der neuen Generation und befallen weitere Kastanienbäume.
Frisch befallenen Knospen sieht man ihren lästigen Inhalt nicht an. Erst wenn im zweiten Jahr die Gallen produziert werden, erkennt man den Befall. Je länger der Erstbefall her ist, desto schlimmer steht es um den Kastanienbaum. Das Pflanzengewebe um die Gallen trocknet nach dem Schlupf der Gallwespen ein. So wird einerseits die Astarchitektur gestört, sodass die Kronen mit der Zeit auslichten, und andererseits sind die beschädigten Pflanzenteile Eintrittspforten für Pilze und andere Krankheiten (beispielsweise Kastanienrindenkrebs). Der Kastanienbaum versucht den Verlust der Frühlingsknospen mit seinen schlafenden Knospen zu kompensieren. Da diese im Folgejahr ebenfalls befallen werden, verbraucht der Baum über die Jahre seine gesamten Reserven und geht schliesslich irgendwann ein.
Um die weitere Verbreitung der Edelkastaniengallwespe einzudämmen und die wenigen noch verschonten Regionen zu schützen, galt in der Schweiz bis 2014 ein Verschiebungsverbot. Dieses Jahr hat der Bund einen neuen Leitfaden zum Umgang mit der Edelkastaniengallwespe herausgegeben. Er schlägt je nach Befallsphase verschiedene ‘Bekämpfungsmethoden‘ vor. Wobei ‘Bekämpfung‘ hier sehr weit gefasst wird: Es geht mehrheitlich um Überwachung und Prävention. Die einzige eigentliche Bekämpfungsmethode ist, von Hand befallene Pflanzenteile mit Gallen zu entfernen und zu vernichten. Selbstverständlich sollte dies möglichst zu Beginn eines Neubefalls geschehen, bevor die Kastanienparasiten in grosser Zahl auftreten.
Die Feinde der Edelkastaniengallwespe sind unsere Freunde
In der Schweiz gibt es Erzwespen, die die Edelkastaniengallwespe parasitieren können. Legt ein Erzwespenweibchen ein Ei in die Galle, frisst die daraufhin schlüpfende Erzwespen-Larve die Edelkastaniengallwespen-Larve. Die einheimischen Erzwespen können die invasive Wespenpopulation trotzdem kaum je um mehr als 20 % reduzieren. Dies liegt daran, dass sie auf andere Wirte spezialisiert sind und deshalb pro Jahr meist zwei Generationen bilden. Wenn die zweite Generation Erzwespen schlüpft, sind nicht genügend gallbildende Insekten im geeigneten Entwicklungsstadium vorhanden, so dass ein Grossteil der zweiten Generation stirbt, ohne erfolgreich Eier gelegt zu haben.
Seit 2005 wird in Italien und Frankreich ein spezialisierter Parasit aus China zur Bekämpfung der Edelkastaniengallwespe eingesetzt. Die Schlupfwespe Torymus sinensis wurde in Japan schon in den 70er-Jahren erfolgreich zur biologischen Schädlingsbekämpfung eingesetzt und zeigte auch in Europa schnell erste Veränderungen. Die Schweiz hat aufgrund ungeklärter biologischer und umweltrelevanter Risiken die Freisetzung der betreffenden Schlupfwespe nicht bewilligt. Da sich Schlupfwespen weder um Landesgrenzen noch um Bewilligungen scheren, ist sie allerdings trotzdem in die Schweiz eingewandert. 2013 wurde sie erstmals im Tessin nachgewiesen. Die Wirkung scheint nicht auszubleiben. Kürzlich hat SRF berichtet, dass sich jetzt schon zeigt, dass die heurige Kastanienernte massiv besser ausfallen wird, als diejenigen der vergangenen Jahre.
Mögliche negative Auswirkungen der Schlupfwespe
Nach einigen negativen Erfahrungen mit absichtlich eingeführten biologischen, schädlingsbekämpfenden Insekten, ist man mit der Einführung fremder Organismen viel vorsichtiger. Der Asiatische Marienkäfer beispielsweise ist in Europa und in den USA so erfolgreich, dass er möglicherweise die zahlreichen einheimischen Arten mit der Zeit verdrängen wird. Die Folgen davon sind nicht absehbar.
Schlupfwespen sind normalerweise relativ stark spezialisiert. Nur schon ihr Legestachel – mit dem sie die Eier platzieren – ist stark angepasst. Manche Schlupfwespen legen ihre Eier unter die Rinde und durchstechen dazu Borken, andere legen ihre Eier direkt in weiche Raupen (Schmetterlingslarven) und brauchen deshalb einen anderen Legestachel. Auch das Stadium in dem sich die Beute befindet, kann entscheidend sein. Wird das Parasitenei direkt in die Beute gelegt, muss sich die Schlupfwespenlarve gegen das Immunsystem der Beute durchsetzen können. Wird das Parasitenei auf die Beute gelegt, muss die schlüpfende Larve die Beute von aussen auffressen können, bevor sich diese einen Schutzpanzer zulegt oder sich sogar aktiv wehren kann.
Dass eine eingeführte Schlupfwespe sich auf Kosten der einheimischen Fauna verbreitet, ist auf Grund der starken Spezialisierung ein relativ geringes Risiko. Um jedoch sicher genug sein zu können, dass keine der einheimischen Tierarten nach einer Einführung fremder Wespen Schaden nehmen würde, wären kostspielige Jahrzehnte dauernde Studien nötig.
Im Falle der Schlupfwespe Torymus sinensis ist Europa inzwischen zu einem riesigen Freiluftlabor geworden. Hoffen wir, dass sich Torymus sinensis an der Edelkastaniengallwespe gütlich tut und beide dann von selber wieder verschwinden, ohne weitere Schäden an der heimischen Flora und Fauna anzurichten. Die einheimischen Marroni könnten dadurch gerettet sein.