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Als ich zum ersten Mal beinahe Witwe wurde, war ich 34 Jahre alt und stand kurz vor der Hochzeit. Drei Wochen später wollten wir feiern, in einem Gartenrestaurant, mit achtzig Freund:innen und einer von der Strasse gecasteten Roma-Kapelle. Da sackte der Mann, den ich heiraten wollte, nach einem fröhlichen Schäferstündchen plötzlich über mir zusammen.
Zehn Minuten später kullerten ihm die Wörter in seltsamer Reihenfolge aus dem Mund. Ich rief den Notarzt und tauchte ein in einen Alptraum aus Blaulicht und Angst. Ich erinnere mich noch, wie die junge Ärztin in der Notaufnahme mir nicht in die Augen sehen konnte, weil die Nachricht, die sie für mich hatte, einfach zu schlimm war.
Ich erinnere mich, wie mein Mund sich vollkommen ausgedörrt anfühlte. Ich sehe den unterirdischen Gang vor mir, durch den mein Liebster von der Notaufnahme in die Neurochirurgie geschoben wurde, auf dem Laken lag eine Adrenalinspritze bereit, die man ihm ins Herz rammen würde, falls er den Fehler begehen sollte, unterwegs zu sterben. Erst spät in der Nacht begriff ich, was eigentlich passiert war, als der Neurochirurg mir einen grossen weissen Fleck auf den Röntgenbildern zeigte.
«Sechs Monate später bekam ich einen schwer behinderten Mann zurück»
Die Möglichkeit, eine so gravierende Hirnblutung zu überleben, betrage höchstens zwanzig Prozent, sagte er und liess mich in dem nach Desinfektionsmittel riechenden Gang stehen. Sechs Monate später bekam ich einen schwer behinderten Mann zurück. Er konnte kaum sprechen, kaum laufen, keinen seiner zum Verrücktwerden schönen Liebesbriefe mehr schreiben. Der rechte Arm hing leblos an ihm herab wie ein toter Ast.
Es gab vieles, um das ich trauern musste. Am meisten trauerte ich um meine Unbeschwertheit, die für immer verloren war. In meiner jugendlichen Ignoranz hatte ich mir eingebildet, unverwundbar zu sein, noch Jahrzehnte entfernt von Krankheit und Gebrechen. Nun war mir mein Mann beinahe weggestorben. Schlimmer noch: Es konnte jederzeit wieder passieren.
Schlagartig brachen mir alle Gewissheiten weg. Worauf konnte ich mich denn überhaupt noch verlassen, wenn Leben und Tod nur einen Wimpernschlag voneinander entfernt existieren? Wenn einem alles, was man liebt, jederzeit genommen werden kann? Nun wusste ich also Bescheid. Am liebsten hätte ich die Uhr zurückgedreht.
So etwas wie Alltag
Heute ist es mir ein Rätsel, woher wir den Mut nahmen, unsere neue Lebenssituation anzugehen. Wir waren wie zwei Kinder, die man ohne Taschenlampe im dunklen Wald ausgesetzt hatte. Tag für Tag irrten wir durch das Dickicht der Überforderungen. Vielleicht brach ich nur deshalb nicht zusammen, weil es so viel zu tun gab.
Ich musste meinen völlig veränderten Liebsten neu kennenlernen, seine Ein-Wort-Sätze dechiffrieren, mir einprägen, welche Teile seines durch Empfindungsstörungen gepeinigten Körpers ich anfassen durfte, ohne ihm weh zu tun. Ich musste den IV-Antrag stellen, die Wohnung behindertengerecht umbauen lassen, Arzttermine aufgleisen, Spitex-Mitarbeiter:innen engagieren, Therapeut:innen suchen, Taxis reservieren, die ihn in seine Therapien brachten, Putzhilfen anheuern, kochen lernen, denn das war vorher meistens sein Job gewesen. Nicht zu vergessen mein Achtzig-Prozent-Pensum als Ressortleiterin bei einer Frauenzeitschrift. Eine musste ja das Geld verdienen.
Als nach einem Jahr so etwas wie ein neuer Alltag einkehrte, nahm ich ein Sabbatical, und wir flogen mit einem Koffer voller Bücher nach Mauritius. Alle hatten uns davon abgeraten. Das tropische Klima! Die schlechte medizinische Versorgung! Doch wir liessen uns nicht beirren und wurden in dem kleinen, weissen Haus am Strand wieder ein Paar.
Nicht alles war verloren. Noch immer teilten wir denselben Humor. Auch sein Intellekt war unangetastet geblieben. Nach wie vor spürte er fast gedankenleserisch, was in mir vorging. Mittlerweile hatte ich gelernt, seine Einzelwörter in den richtigen Kontext zu stellen, sodass wir unsere ganz eigene Form der Unterhaltung fanden.
Die Zärtlichkeit war nie weggewesen, und in der blütenschweren Luft auf der Insel kam auch die Lust wieder zurück. Einmal überstanden wir einen Zyklon, der mit 220 Stundenkilometern an unserem Häuschen rüttelte wie eine brüllende, rasende Bestie. Mein Mann schlummerte friedlich ein, während ich bibbernd im Bett sass vor Sorge, die Mauern könnten bersten.
«In mir drin brodelte die Panik wie ein Vulkan»
Angst schien er kaum noch zu kennen. Nach unserer Rückkehr fand ich auch heraus, warum. «Sterben, schön!», eröffnete er mir eines Tages mit der ihm nun eigenen Reduktion auf das Wesentliche. Vielleicht lag es an den herrlichen Opiat-Träumen, als er im Koma lag. Vielleicht war er tatsächlich schon beinahe drüben gewesen.
Jedenfalls behandelte er den Tod nun wie einen alten Freund, der früher oder später auf ein Bier vorbeischauen würde. Ich wünschte, ich hätte das ebenso locker sehen können, doch in mir drin brodelte die Panik wie ein Vulkan, der jederzeit ausbrechen konnte. Ein Schwindelgefühl von ihm, ein Unwohlsein, ein Kopfschmerz, und die Angst ergriff in einer Heftigkeit von mir Besitz, gegen die ich mich vollkommen machtlos fühlte. Herzrasen. Mundtrockenheit. Katastrophenmodus.
War das jetzt der Beginn der nächsten Hirnblutung? Starb er? Musste ich den Krankenwagen rufen? Hing sein Leben davon ab, dass ich das Richtige tat? Unzählige Male rief ich eine Ärzt:innen-Hotline an, wo man mir mit Engelsgeduld versicherte, dass mein Mann wohl doch noch nicht akut vom Ableben bedroht sei. Davongekommen, diesmal.
Doch so konnte es nicht weitergehen. «Was würde passieren, wenn Ihr Mann tatsächlich stürbe», fragte mich ganz unverblümt der Psychiater, den ich aufsuchte, um meine Angst in den Griff zu bekommen. Ich war entsetzt!
«An seinen Tod zu denken, war, als wäre damit auch mein Leben bedroht»
Allein schon die Frage machte mich fix und fertig. An seinen Tod zu denken, war, als wäre damit auch mein Leben bedroht. Was wäre ich denn ohne ihn? Was hätte ich nach seinem Tod noch zu erwarten, abgesehen von einem Jammertal der Trauer, in dem ich für immer gefangen wäre?
Meine Dauerpanik war kein Zustand, den ich längerfristig aushalten konnte, das war klar. Ich wollte keiner dieser Angst-Zombies sein, die sich ihr Leben von der Furcht diktieren lassen. Die Angst zu verdrängen, hatte nicht geklappt. Also blieb mir bloss eine Option: Ich musste ihr ins Auge schauen.
Anfangs machte mir das noch mehr Angst. Doch schliesslich gelang es mir, vom Flucht- in den Angriffsmodus umzuschalten. Wie eine grossmäulige Boxerin forderte ich meine Panik zum Duell: Los, komm raus und zeig mir, was du draufhast, du kleine Pisserin! Wollen wir doch mal sehen, wer hier das Sagen hat, du oder ich!
Ab und zu gewann jetzt ich. Das lag daran, dass ich nun öfter auf den Friedhof ging und mir vorstellte, mein Liebster läge schon im Grab. Manchmal war meine Traurigkeit so abgrundtief, dass ich bei meiner Rückkehr fast erstaunt war, ihn quicklebendig auf dem Sofa vorzufinden. Ich übte das Trauern wie eine Fremdsprache.
Spass machte das nicht, aber ich merkte, dass selbst die schlimmsten Gedanken ihren Schrecken verloren, wenn ich mich nur traute, sie zuzulassen. Ein bisschen erinnerte es mich daran, wie gern ich nach der Sauna ins Eiswasserbecken abtauchte. Auch das war im ersten Moment unerträglich, doch dann fühlte sich das Leben ganz besonders prickelnd an.
Glück in der Misere
Seine Gesundheit wurde fragiler. Er bekam epileptische Anfälle und Probleme mit der Durchblutung, holte sich bei seinen Stürzen blutende Platzwunden und musste sich die von der spastischen Muskulatur verkrümmten Zehen operieren lassen. Jedes Mal, wenn er im Krankenhaus lag, klopfte die alte Angst bei mir an, und ich litt fürchterlich. Doch kaum hatte ich mich beruhigt, machten wir weiter mit unserem Masterplan, alles aus dem Leben herauszuholen, was ging.
Wir fuhren in das schöne alte Grandhotel am Brienzersee, in dem wir schon immer mal absteigen wollten, bewunderten bröckelnde Palazzi in Venedig und skandinavisches Design in Kopenhagen. Zu jedem seiner Geburtstage feierten wir ein Fest. Wir holten uns zwei Katzenkinder ins Haus, die unsere Möbel ramponierten und unsere Herzen entzückten. Selbst Netflix-Gucken auf dem Sofa fühlte sich toll an – weil wir es zu zweit tun konnten.
Inzwischen war ich auch eine ganz passable Köchin geworden, die täglich gegen die Misere anschnippelte, -brutzelte und -schmurgelte. Kein Tag war so beschissen, dass man ihm mit einer köstlichen Mahlzeit nicht doch noch etwas Glück abtrotzen konnte! Am Wochenende war das Haus voller Gäste, die Parmigiana und Ottolenghi-Salate verschlangen. Glücklich sass ich mittendrin und freute mich, dass uns seine Krankheit nicht einsam gemacht hatte.
«Über Petitessen regte ich mich kaum noch auf»
Zwar gab es Freund:innen, die sich aus unserem Leben verdrückt hatten, doch fanden wir glücklicherweise neue, die in meinem Mann das sahen, was auch ich sah: einen liebenswürdigen Menschen, der mit der Gelassenheit von Buddha himself seinem Schicksal trotzte.
«Was willst du eigentlich noch von dem Typ», fragte mich einmal eine Freundin, die gar nichts verstanden hatte. Ich brach die Freundschaft sofort ab. Längst hatte ich begriffen, dass der Verlust meiner Unbeschwertheit eigentlich ein Geschenk war. Denn jetzt, wo ich wusste, wie schnell alles zu Ende sein konnte, fiel es mir viel leichter, das Wichtige (die Liebe) vom Unwichtigen (dem Sand im Getriebe des Alltags) zu unterscheiden. Über Petitessen regte ich mich kaum noch auf. Streit legten wir meist innert Kürze bei. Wollten wir unsere kostbaren Jahre etwa mit Rechthabereien über das korrekte Einräumen des Geschirrspülers verschwenden?
Manchmal ertappte ich mich dabei, wie ich unwillig auf die Schwierigkeiten anderer reagierte. Dein Koffer ist nicht rechtzeitig am Ferienort angekommen, und du hältst das für ein Problem? Lass uns für fünf Minuten unsere Leben tauschen, dann weisst du, was ein Problem ist!
Diese Überheblichkeit konnte ich an mir gar nicht leiden. Zwar mochte ich recht haben damit, dass ein wenig Nonchalance gegen nahezu alle Alltagsärgernisse hilft. Doch was konnten die anderen dafür, dass es bei ihnen nicht ständig um Leben und Tod ging? Hatten sie nicht ein Anrecht auf ganz normale Probleme?
«Als ich die Sirene hörte, kroch eine dumpfe Angst in mir hoch»
Zehn Jahre nach der Hirnblutung wurde ich zum zweiten Mal beinahe Witwe. Er sei schon an der Tramhaltestelle und gleich zuhause, hatte mir mein Mann am Telefon gesagt. Doch er kam nicht. Als ich die Sirene hörte, kroch eine dumpfe Angst in mir hoch. Ich stürzte auf die Strasse und rannte auf den Krankenwagen und die kleine Menschenansammlung zu.
Von weitem sah ich, wie ein Sanitäter den anderen bei einer Herzmassage ablöste. Ich sah, dass jemand einen Infusionsbeutel hielt. Ich sah die entsetzten Gesichter der Menschen, die Gaffer sein mochten oder auch Helfer. Dann war ich endlich nahe genug, um die Schuhe des Mannes zu erkennen, der da auf dem Trottoir lag. «Das ist mein Mann», hörte ich mich mit einer gepressten, piepsigen Stimme sagen, die ich noch nicht von mir kannte.
Nun war es also wirklich passiert. Mein Liebster war tot, das konnten selbst Lai:innen erkennen. Das geliebte Gesicht: dunkelblau angelaufen. Die vereinzelten Piepstöne aus dem Monitor, den die Sanitäter an seinen Brustkorb angeschlossen hatten, klangen nicht einmal annähernd nach einem Herzrhythmus. Ich empfand bodenlose Traurigkeit – in die sich ganz leise Erleichterung mischte: Das Schlimmste war eingetreten. Damit hatte auch meine Angst um ihn ein Ende. Mehr als einmal konnte er nicht sterben. Ich hatte es endlich hinter mir.
Plötzlich stand eine junge Frau vor mir, die sehr vorsichtig, beinahe andeutungsweise, ihre Arme ausbreitete – ein Angebot, mich hineinfallen zu lassen. Hemmungslos schluchzte ich die Schulter der Wildfremden nass.
Wie sich im Spital herausstellte, war mein Mann keineswegs tot. Zwar hatte er einen Herzstillstand erlitten, doch die Fremde, in deren Armen ich gelandet war, hatte zuvor sein Leben gerettet. Nur zufällig war die junge Psychiaterin in ihrem Mini Cooper durch die Strasse gefahren, als sie ihn auf dem Trottoir zusammenbrechen sah. Zwei Passantinnen wechselten sich mit ihr bei der Wiederbelebung ab, bis der Krankenwagen eintraf.
Später erklärte mir der Stationsarzt, wie winzig die Chance war, ein solches Ereignis ohne Hirnschädigungen zu überleben. «Vorbildliche Erstversorgung», meinte er anerkennend. Als mein Liebster über den Berg war, heulte ich vor Erleichterung drei Tage lang durch.
Andere Schicksale
Diesmal bekam ich keine Panikattacken. Das lag an Helene, der jungen Psychiaterin, die erst meinem Mann das Leben gerettet hatte und nun mich durch all meine Gefühlsstürme coachte. Alle paar Tage besuchte ich sie in ihrem Büro, um meine Seele zu erleichtern und ihren eifersüchtigen Foxterrier mit Leckerli zu bestechen. Ich fühlte ein überwältigendes Bedürfnis, mich bei ihr zu bedanken.
Also lud ich sie zum Essen ein, um ihr den wunderbaren Mann vorzustellen, den sie gerettet hatte. «Schön, dich auch mal bei Bewusstsein zu erleben», sagte die Retterin zum Geretteten. Bald wurden wir ganz besondere Freunde. Mein Leben war herausfordernd, doch ich empfand es auch als reich und intensiv. Manchmal ächzte ich unter dem Joch der Verantwortung, das ich ganz alleine trug.
«Ich sehnte mich danach, mit Menschen zu sprechen, die ebenfalls schwere Dinge zu bewältigen hatten»
Hin und wieder fühlte ich mich auch einsam. Nicht im klassischen Sinne, schliesslich war ich eingewoben in einen ganzen Kokon aus Freund:innen und Familienmitgliedern, doch niemand von ihnen hatte eine ähnliche Lebensrealität wie ich. Ich sehnte mich danach, mit Menschen zu sprechen, die ebenfalls schwere Dinge zu bewältigen hatten. Ein Glück, dass mir dank meines Berufes als Reporterin ein schier unerschöpflicher Fundus an Gesprächspartner:innen zur Verfügung stand.
Ich traf eine Kindersoldatin aus Eritrea, der man mit sechs Jahren eine Kalaschnikow in die Hand gedrückt hatte. Ich traf eine Ökonomieprofessorin aus Sri Lanka, die beim Tsunami 2004 ihre gesamte Familie verlor: Kinder, Mann, Eltern – alle ertrunken. Ich traf eine Frau aus Deutschland, die während ihrer Schwangerschaft für fünf Jahre ins Koma fiel, und nach dem Aufwachen eine ihr völlig fremde fünfjährige Tochter hatte. Und eine andere Frau aus den USA, die 23 Jahre lang in der Todeszelle sass, zu Unrecht verurteilt für den Mord an ihrem eigenen Kind, den ein anderer begangen hatte.
Sie alle zeigten mir, welch unfassbare Widerstandskräfte in Menschen schlummern, selbst wenn sie viel Schlimmeres durchmachen müssen als ich. Das erfüllte mich mit Zuversicht. Könnten solche Kräfte nicht auch in mir schlummern? In ihrem Amsterdamer Grachtenhaus besuchte ich die Schriftstellerin Connie Palmen. Sie hat gleich zwei grosse Lieben an den Tod verloren, die erste an einen Herzinfarkt, die zweite an den Krebs.
Ihr «Logbuch eines unbarmherzigen Jahres», das sie 48 Tage nach dem Tod ihres zweiten Mannes Hans van Mierlo zu schreiben begann, machte mir eine Höllenangst. Aber Connie Palmen imponierte mir auch, weil sie sich mit demselben Mut in die Trauer stürzte, mit dem sie sich zuvor in die Liebe gestürzt hatte. In ihrer Bereitschaft, ihr Schicksal mit allen Sinnen zu durchleiden, sah ich etwas zutiefst Lebensbejahendes.
«Ich nahm mir vor, auch alles fühlen zu wollen, die Liebe und den Schmerz»
Anders als etwa Joan Didion, die in ihrem Trauer-Klassiker «Das Jahr des magischen Denkens» der Verzweiflung über den Tod ihres Mannes und ihrer Tochter mit den Werkzeugen des Geistes zu entkommen versuchte, mit Lesen, mit Ergründen, mit Wissen, wollte Connie Palmen vor allem eines: fühlen.
Ich nahm mir vor, auch alles fühlen zu wollen, die Liebe und den Schmerz. Das eine war ohne das andere nicht zu haben, das hatte ich von Palmen gelernt. «Die Trauer ist der Zoll, den man für die Liebe bezahlt, wenn man aus dem Land, in dem man geliebt wurde, in das Land kommt, in dem es nur noch die Erinnerung an diese Liebe gibt», erklärte sie mir ruhig und gefasst an ihrem Wohnzimmertisch. «Ich zahle diesen Zoll gern. Er kommt mir fair vor.» Mir kam er auch fair vor. Ich hoffte bloss, noch ein bisschen Zeit zu haben, bis bei mir Zahltag sein würde.
Die Pandemie hätte uns beinahe den Schneid abgekauft. Im ersten Jahr blieben wir gesund, aber dann steckte ich mich doch an, und bald erbte mein Liebster das Virus von mir. Zuerst zeigte er nur milde Symptome, doch drei Wochen später kam sein angegriffenes Herz gefährlich aus dem Takt. Schliesslich schaffte er auch die Treppe nicht mehr, und ich richtete ihm ein Bett im Wohnzimmer her. Neben meiner üblichen Yogapraxis ging ich jetzt auch ins Krafttraining, weil ich stark sein wollte für das, was auf mich zukommt. Wir beide spürten, dass das Ende nicht mehr fern ist.
Hier, heute, jetzt
«Sterben, schön!», versicherte er mir ein ums andere Mal. Unsere Freundin Helene, die Psychiaterin, kam mit selbstgebackenem Kuchen vorbei und spielte uns auf ihrem Cello vor, was meine Tränenschleusen weit öffnete. Danach fühlte ich mich leichter. Es hatte keinen Sinn, gegen das Unabänderliche anzukämpfen.
Nun bin ich 58 Jahre alt. Bin ich darauf vorbereitet, meinen Liebsten bald loslassen zu müssen? «Vergessen Sie das. Darauf kann man sich nicht vorbereiten», sagte mir die deutsche Autorin Gabriele von Arnim im Interview. Zehn Jahre lang hatte sie ihren Mann gepflegt, der nach zwei Schlaganfällen an Bett und Rollstuhl gefesselt war. Als er starb, konnte sie monatelang kaum die Wohnung verlassen. «Eine Tür abzuschliessen, hinter der keiner mehr ist, fühlte sich einfach zu schrecklich an.»
Auch der amerikanische Psychotherapeut Irvin Yalom machte mir wenig Mut. Jahrzehntelang hatte er Sterbende begleitet, Trauergruppen geleitet, Bücher für Hinterbliebene geschrieben. «Doch als meine eigene Frau starb, versank ich genauso in Trauer und Depression wie all meine Patient:innen», gestand er mir im Gespräch.
«Wenn ich noch ein Jahr zu leben hätte, dann würde ich genauso weitermachen wie bisher»
War also alles umsonst? Hätte ich mir die jahrzehntelange Auseinandersetzung besser erspart? Nein. Denn indem ich mich mit dem Tod meines Liebsten anfreundete, habe ich mein eigenes Leben besser gelebt. Intensiver, in allen Gefühlsfarben schillernd, auf die mir wichtigen Dinge fokussiert.
Das begriff ich in einer Weiterbildung bei einem Theologen und Ethiker, der gerade selbst mit einer Krebsdiagnose konfrontiert war. Zum Einstieg fragte er uns: «Was würden Sie an Ihrem Leben ändern, wenn Sie nur noch ein Jahr zu leben hätten?» Viele Teilnehmer:innen wirkten aufgewühlt. Mehr Zeit mit den Liebsten verbringen, wollten die meisten. Andere sprachen davon, ihren Job zu kündigen, sich aus einer zerrütteten Ehe zu befreien oder lang gehegte Träume in die Tat umzusetzen.
Warum erst auf eine Krebsdiagnose warten, dachte ich. Tut es doch sofort. Jetzt gleich! Wenn ich noch ein Jahr zu leben hätte, dann würde ich genauso weitermachen wie bisher. Schliesslich lebe ich schon seit 23 Jahren so, als ob jeder Tag mein letzter wäre. Der letzte mit ihm.