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Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, ein überparteiliches Volksbegehren in Zürich will sicherstellen, dass der Sechseläutenplatz höchstens 65 Tage im Jahr durch Veranstaltungen belegt wird. Ist diese Forderung nicht etwas spiessig für eine Stadt, die so gerne Weltstadt wäre?
Sie sagen: «... die so gerne Weltstadt wäre» – und bringen es damit auf den Punkt.
Was meinen Sie mit «damit»?
Zürich ist eine grosse Stadt – durch ihre Potenz als Finanzplatz. Im Weltmassstab aber wirkt sie eher dörflich. Zürich ist zu klein, um gross zu sein.
Zurück zu meiner Frage: Die Events auf dem Sechseläutenplatz beschränken oder nicht?
Ihre Frage führt zur eigentlichen Frage: Ist Zürich ein Wirtschaftsstandort? Oder eine Stadt zum Leben? Der Standort fordert Events, die Wohnstadt fordert Lebensräume. Einer davon wäre der neu gestaltete Platz zwischen Oper und Bellevue. Sein einziger Nachteil ist die vierspurige Strasse, die ihn vom Seeufer trennt. Eigentlich sollte es Zürichs Ehrgeiz sein, diese extrem befahrene Achse unter die Erde zu verlegen, wie das Neuenburg vorgemacht hat, wo man heute ungestört vom Stadtkern ans zauberhafte Ufer des Lac de Neuchâtel flanieren kann.
Ihren Ausführungen entnehme ich: Plätze in Städten gehören den Menschen. Nicht den Veranstaltern.
Genau. Was den Sechseläutenplatz anbelangt, zählen dazu sicherlich zwei Veranstaltungen: der Zirkus und die Verbrennung des Böögg. Beides gehört ja ebenfalls den Menschen. Städte sind zum Leben da, nicht zum Vermarkten.
Wie macht man das denn in Berlin, der Stadt, in der Sie leben?
Ebenso falsch wie in Zürich.
Ach ja? Erzählen Sie.
Beide Städte sind links-grün geprägt.
Dann müssten sie mit Ihnen einverstanden sein: Städte sind zum Leben da ...
... Im Prinzip schon. In Wirklichkeit sind beide Stadtregierungen aber nur noch links-grün, wenn es darum geht, die Autos aus der Stadt zu verdrängen.
Reden wir über Berlin!
Zu dem Wahrzeichen, dem Brandenburger Tor, gehören der Pariser Platz auf der einen Seite und die Strasse des 17. Juni auf der anderen. Beide werden immer wieder zugemüllt mit Events; die Strasse wird zur Fanmeile mit Public Viewing für Hunderttausende von Fussballfans; der Platz wird dem Mode-Event Fashion Week geopfert. Berlin geht schäbig um mit diesem tragisch-symbolischen Schauplatz der deutschen Geschichte. Würdelos.
Sind Städte heute nicht generell «würdelos»?
Städte waren einst Marktplätze, im alten Athen nannte man einen solchen Ort Agora. Die Agora war eine Stätte des Austauschs von Waren und Gedanken, von Gesprächen; hier begegneten sich Philosophen und Politiker und Bürger. Aus den Marktplätzen sind Orte der Vermarktung geworden, aus den Städten Profitstätten: Man kann ihren Lebensraum ausbeuten, ihre Aura kaufen, ihr Image mieten – man muss nur genügend Geld haben. Lieber Marc Walder, die Städte sind heute Citys, die den Citoyens unter der Nase wegverkauft werden.
Jetzt tönen Sie etwas altmodisch.
Dann sag ich es noch mal modern.
Bitte, gern.
Standortstädte mit Event-Appeal neigen immer auch zum Grössenwahn. Zürich nannte sich eine Zeit lang «Downtown Switzerland» – eine Anmassung sondergleichen, nur noch übertroffen vom Möchtegernbegriff für den Zürcher Flughafen: «Unique». Auch die Weihnachtsbeleuchtung wurde diesem Traum von einer Metropole für Manager angepasst. Ich erinnere Sie an die trostlos kalt-weissen Röhren, die über der adventlichen Bahnhofstrasse hingen.
Sie sind vor fast zehn Jahren von Zürich nach Berlin gezogen. Jetzt leben Sie dort mit dem gleichen Problem.
Nicht ganz.
Ach ja?
Wenn in Berlin an einer Demo Scheiben zu Bruch gehen, dann sind es die Scheiben in irgendeiner Strasse in irgendeinem Stadtteil. Wenn in Zürich an einer Demo eine Scheibe zu Bruch geht, dann ist es die Scheibe von Zürich.
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