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A8660 Artilleriewerk Bäzberg
Was im Volksmund als Gotthard-Festung bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit ein System von Befestigungsanlagen. Dazu gehört als überhöhte Sicherung des Platzes Andermatt das Artilleriewerk A8660 Bäzberg. Auf 1850 Metern über Meer oberhalb des Werkes Bühl entstand diese Anlage mit weitreichender Artillerie.
Zur Entwicklung
Die Notwendigkeit einer Stellung auf dem Bäzberg wurde schon früh erkannt, jedoch war man sich nicht einig, wie stark armiert und geschützt diese sein sollte. Zur Diskussion standen allein eine Strasse für Positionsgeschütze, die Erstellung von offenen Stellungen oder doch ein richtiges Werk?
Die Befestigungskommission formulierte ein Vorprojekt mit 10-12 offenen Geschützständen mit Unterständen, einfachen Unterkünften und Munitionsmagazinen ähnlich Motta Bartola. Die konkretere Ausarbeitung (Vorprojekt I) sah fünf Stände mit je zwei 12 cm-Positionskanonen (Pivotrahmen, Lafetten-Rücklaufbremse) mit Magazinen, Unterständen, Jägergraben und 2 Fahrpanzerstände sowie 8 Steinhäusern als Truppenunterkunft vor. Die kosten wurden ohne Armierung aber mit Zufahrtsstrasse auf 350'000 Franken berechnet.
Vorprojekt mit offenen Geschützstellungen © Bar
Auch aufgrund der Kosten (inkl. dem Hauptfort Bühl) wurde nochmals geprüft. Eine Angriffsstudie auf des Werk Bühl vom 6. November 1888 ergab, dass ohne sichere Beherrschung des Plateaus Bäzberg durch den Verteidiger ein Angriff aus dem Urseren- und Unteralptal auf Andermatt erfolgreich sein könnte. Am 7. November wurde der Auftrag erteilt, Skizzen und Kostenberechnungen für ein Werk auf dem Bäzberg vorzuschlagen.
Am 31. Dezember 1888 folgte die Studie über Angriff und Verteidigung der Befestigung bei Andermatt, Befestigung Bäzberg-Bühl. Dabei wurden für den Bäzberg die Varianten «befestigt» und «permanentes, sturmfreies Werk» betrachtet. Fazit: Mit einem Werk Bäzberg könnte sich Andermatt doppelt so lange halten, nämlich 21 Tage, als wenn nur befestigte Stellungen erbaut wurden. Endlich wurde auch der Befestigungskommission die Situation klar und der Bäzberg wurde ins Konzept aufgenommen.
Im Januar 1889 schlug Oberst Affolter folgende Werke vor:
- Batterie Bühl mit 2x12 cm Kanonen in einem Panzerturm, 4 Mörser oder 2 Panzerhaubitzen und Schnellfeuerkanonen. Der Hügel sollte bis auf den Fels abgetragen werden, die Türme in ausgesprengte runde Löcher montiert und die Kampfstellungen durch Tunnels mit einem Kommandoraum verbunden werden. Dies bildete eine völlig neue und bisher unbekannte Bauform in der Schweiz. Sein Vorschlag prägte aber die weitere Entwicklung im Festungsbau massgebend.
- Batterie Bäzberg 2x 12 cm Kanonen gegen Westen, 2x12 cm Kanonen gegen Nordosten, 2x8,4 cm Kanonen gegen Südosten und 2x8,4 cm Kanonen gegen Norden sowie Schnellfeuerkanonen. Die Aufstellung sollte in Kasematten erfolgen. Es sollten zudem eine infanteristische Aussenverteidigung eingeplant werden.
Die Befestigungskommission legte in der Folge für die Armierung des Bäzberg fest, dass diese 2x12 cm Kanonen in 2 Türmen (ev. 4x 12 cm Kanonen in Kasematten) und 4x 8,4 cm Kanonen in Kasematten nebst 1-2 Schnellfeuerkanonen umfassen sollte. Eine Unterkunft für 220 Mann sollte in der Nähe des Werkes gebaut werden.
Das BBB erarbeitet daraufhin die Vorprojekte III, IV, V, VI und VII und XIII mit unterschiedlichen Bewaffnungsvarianten sowie Büro- und Magazinräumen. Die Kosten beliefen sich jeweils auf 1,2 bis 1,27 Millionen Franken.
Schliesslich wurde entschieden, dass die Variante V aus Grundlage genutzt wurde: 2 Panzertürme mit 12 cm Kanonen, 2 Panzertürme mit 8,4 cm Kanonen, 3 Versenk-Panzertürme mit 5,3 cm Kanonen und 2 Beobachtungs-Panzertürme. Kosten inkl. Armierung 1,262 Millionen Franken.
Schliesslich bildete die nochmals angepasste und umbenannte Vorprojekt-Variante VII die Grundlage für die Bauausführung. Auffällig ist die nochmals angepasste Armierung mit 3x 12 cm Kanonen in einzelnen Panzertürme und 3 5,3 cm Versenkpanzertürmen.
An Infrastruktur war vorgesehen:
- Bombensichere Hohlräume unter Fels für Büro des Kommandanten, Bereitschaftslokal für eine Ablösung der Geschützmannschaft sowie Munitions- und ein weiteres Magazin, Dampfmaschinenraum, Zisterne, Aborte, interne Verbindungsstollen und Zugangsstollen.
- Sturmfreiheit durch Kasematte zur Sicherung des Eingangs, Abskarpierung des Felsens, Annäherungshindernisse
- Elektrische Anlagen: Dampfmaschine mit Generator, Beleuchtung des Werkinnern, Beleuchtung des Vorfeldes.
- Unterkunftstunnel hinter dem Werk als Bereitschaftslokal für 400 Mann, Fahrstrasse von der Schöllenen auf das Bäzbergplateau, Observatorium mit Schirmhütte auf der Spitze des Bäzberges, Fussweg zum Observatorium.
Die Wahl der Panzertürme
Verzögerungen hatte es immer wieder wegen der Wahl der Panzerturm-Systeme und –Lieferanten gegeben. Dabei standen die deutsche Firma Gruson und die französischen Chatillon&Commentry sowie Schneider in Konkurrenz. Auch St. Chamond wurde aufgelistet, konnte jedoch nicht die Vorgaben erfüllen. Übrig blieben Gruson und Schneider (vertreten durch Escher&Wyss), die beide von der Verwaltung als «durchaus gut und annehmbar» beurteilt wurden. Gruson wollte aber die Versenkpanzertürme und Beobachtungstürme nur liefern, wenn die Firm auch die fünf grossen Panzertürme (inkl. 2x Fort Bühl) liefern könne. Die Abhängigkeit von Gruson zeigte sich in diesem Druckversuch deutlich, dem schliesslich auch Erfolg beschieden war.
Bau der Zufahrt
Allein schon die vier Kilometer lange Zufahrtsstrasse aus der Schöllenenschlucht war eine Herausforderung, diese Strasse wurde durch ein Blockhaus auf dem Brückwaldboden gesichert. Der Bau begann im Juli 1889. An drei Stellen wurden Schiessscharten in den Begrenzungsmauern der kurvenreichen und beeindruckenden Strasse eingebaut. Im November 1892 wurde Strasse der Fortverwaltung übergeben. 1919 wurde auf dem Brückwaldboden ein Munitions- und Sprengmitteldepot erstellt.
Erstes Werk
Im gleichen Zeitraum begann endlich der Bau des Werkes. Natürlich gab es während der Bauzeit laufend Anpassungen: Pritschen für zusätzlich 100 Mann, eine Küche und ein Lebensmittelmagazin. Die «Felsenkaserne» («bombensichere Unterkunft» wurde rund 250 Meter nördlich des Eingangs herausgesprengt (neben späterer Seilbahn-Bergstation). In die Kaverne wurde ein hölzernes Gebäude mit Pritschenlager gestellt. Zudem mussten die Abskarpierungen vergrössert werden und zusätzliche Hindernisgräben ausgebrochen werden. Ende April 1890 waren der Haupt- und der Querstollen sowie einige Kavernen fertig sowie die Stollen zu fünf Panzertürmen (inkl. Beobachter) teilweise ausgebrochen.
Grundlage für die Ausführung © Bar
Ende 1891 waren die schweren Panzerteile auf das Plateau hinauf befördert und die Munitionierung des Werkes begann. Für die 12 cm Kanonen waren 2250 Granaten und 2250 Schrapnells eingelagert, für die 5,3 cm Kanonen 480 Granaten, 240 Schrapnells und 1080 Kartätschen. Zur Zeit der Inbetriebnahme war folgende Bewaffnung vorhanden (entsprach der Vorprojekt-Variante VIII):
- 3x 12 cm Kanonen in drei Panzertürmen
- 3x 5,3 cm Schnellfeuerkanonen in Versenk-Panzertürmen
- 1x drehbares Beobachtungs-Panzertürmchen
Situationsplan von ca. 1910 (noch ohne Zugang von der Seilbahn und ohne die Minenwerfer)
Es folgen Verbesserungen
Schon bald wurde zusätzlich die Kaponniere im Kehlgraben erbaut, die sowohl den Graben als auch den Eingang des Werkes decken konnte. Nicht genauer belegt oder datiert werden kann die Information, dass u.a. im Bäzberg zwischen 1895-1901 die Beobachtungstürme durch zweckmässigere Opern ersetzt wurden.
In den Folgejahren wurde die mangelnde Sturmfreiheit (Kaponniere) verbessert, ebenso die prekären Unterkunftsverhältnisse und die Bewaffnung. Ausgeschrieben wurden im Bundesblatt «Erd-, Fels-, Maurer- und Steinhauerarbeiten für diverse im Fort Bäzberg bei Andermatt und in der Umgebung des Forts zu erstellende Bauten, nämlich unterirdisch auszusprengende und zu mauernde Magazine und Gänge, Panzertürme und Batteriebauten, ferner ein Beamtenwohnhaus». U.a. wurde ein Stollen zum Wachthaus gebaut. Ab 1902 wurden zwei Magazine zur Lagerung von Proviant und Wein erstellt sowie ein zweite Beobachtungs-Panzertürmchen und ein vierter Versenk-Panzerturm mit einem 5,3 cm-Geschütz gebaut. Die Aufrüstung ging gleich weiter: Nach 1903 wurde ausserhalb des Werkes eine permanente Batterie von 3x 8,4 Ringrohr-Kanonen auf Mittelpivot und mit Schutzschild sowie ein gepanzerter Beobachtungsstand aufgestellt. Bezeichnet wurde das ganze als Annexbatterie.
Plan der Annex-Batterie mit 3x8,4 cm Kanonen auf Pivot und einem Beobachtungsstand. © Bar
Skizze des Endausbaus des Werkes um 1912. Legende - A Fort Bäzberg. a Panzerturm 12 cm, b 5,3 cm Versenkpanzerturm. c Beobachtungspanzerturm d Nordgraben. e Gitter. f Kaponniere. g Portal. h Zufahrt und Graben mit Brücke. k Kaserne. l Wachthaus. m Abskarpierung. p Fahrstrasse Schöllenen-Bäzberg-Rossmettlen. B Annexbatterie 3x 8,4 cm auf Pivot/Beobachtungsstand (t). C Felsenkaserne
Querschnitt durch 12 cm-Panzerturm System Schumann von Gruson, wie er im Bäzberg montiert wurde.
1912 wurde die Felsenkaserne verlängert und im Vorbau entstanden Diensträume. Dies änderte aber nichts an der schlechten Unterbringung der Soldaten in der Kaserne selber.
Spätere Erneuerungen
Augenfällig ist vor allem die Seilbahn, die später von der Schöllenenschlucht (Eingang Teufelswand) bis auf den Bäzberg erstellt wurde. Die Bergstation liegt in unmittelbarer Nähe der Felsenkaserne und ist mittels eines langen Stollens mit dem eigentlichen Fort verbunden.
Zudem soll es eine Treppenverbindung in diese untere Anlage geben (zumindest habe ich eine verschlossene Türe mit dem Wegweiser in Erinnerung aus meiner Rekrutenzeit).
Später wurde die veraltete Artillerie und die durch Luftangriffe gefährdeten Panzertürme des Werkes Bäzberg durch in der Nähe gelegene Festungsminenwerfer ersetzt, für die Mannschaft kam eine moderne Gebirgsunterkunft dazu.
Batterie Rossmettlen und Fleuggern
Ein Fahrweg von Bäzberg nach Rossmettlen gehörte zum Ursprungsprojekt der Befestigungen um Andermatt. 1891/92 wurde dieser gebaut, war aber «nur als Feldweg zum Fortschleppen von Feldgeschützten» vorgesehen. Rossmettlen wurde dann aber rasch als Hauptstützpunkt der Aussenverteidigung bezeichnet und mit Stellungen für je zwei Geschütze auf einfachen Flächen gegen Rainbord Alp sowie gegen den Gotthard sowie Hospental versehen. Ein kleines Infanteriewerk wurde von der Befestigungskommission ebenfalls verlangt. Vorgesehen war auch eine Unterkunft für 250 Mann. 1892 übernahm das das Kommando den Weg sowie zehn «Unterkunftsräume» bei der vorderen Stellung Richtung Furka und fünf bei der hinteren Stellung Richtung Gotthard. Nach wie vor konnten aber nur zerlegte Geschütze in die Stellungen transportiert werden.
Auf Rossmettlen wurden 1911/12 zwei Stellungen mit Schussrichtung Furka erstellt: Die vordere für zwei Halbbatterien von je zwei Geschützen, die hintere für eine Halbbatterie.
Vor dem Ersten Weltkrieg wurde die Strasse ausgebaut, dann wurden auf Rossmettlen sowie Fleuggern offene Stellungen für 12 Positionsgeschütze mit Pivotrahmen und Lafetten-Rücklaufbremse erstellt. Die Anlagen waren in permanenter Weise ausgeführt worden. Zudem erhielt Rossmettlen anstelle alter Baracken sieben Unterkunftsgebäude. Konkret wurden 1911 und 1913 j
Auf Fleuggern kamen in derselben Zeit zwei Halbbatterie-Stellungen mit total vier Geschützen Richtung Gotthard zur Ausführung. Insgesamt konnten so von Rossmettlen und Fleuggern aus mit zehn 12 cm-Positionsgeschützen das Feuer der Artilleriewerke unterstützt werden.
Ausbau nach dem Zweiten Weltkrieg
Welche Aus- und Umbauten während des Zweiten Weltkrieges gemacht wurden, ist bisher kaum publik gemacht. Artilleristisch hat sicher das damals neue Werk Gütsch mit seinen 10,5 cm Panzerturmkanonen dem Bäzberg den Rang abgelaufen. Zudem ereignete sich kurz nach dem Aktivdienst ein schweres Schiessunglück im Bäzberg (Erinnerungen). Mit der Bildung der Festungsbrigade 23 übernahm die Fest Art Kp 14 (der Fest Art Abt 5) den Bäzberg. Die 12 cm-Panzertürme wurden 1951 aus dem Inventar gestrichen. Nach der Reorganisation mit der TO 61 hiess die Einheit Fest Kp II/5. Dies blieb bis zur Auflösung der Brigade so.
Artilleristisch wurde der Bäzberg modernisiert, als zwei 12 cm-Festungsminenwerfer der ersten Serie eingebaut wurden. Diese erste Serie ist seit längerem ausgemustert. Diese Werfer wurden auch nicht modernisiert, der ursprüngliche Richtvorgang mittels grossen Handrädern wurde beibehalten (Anfang der 1990-er Jahre noch selber «vermurkst»). Ob noch FARGOF-Ausrüstung benutzt wurde, ist unklar. Die Truppe wurde nicht mehr in der Anlage, sondern in der modernen Gebirgsunterkunft in der Nähe untergebracht. Bei Schnee- und Regenwetter waren zumindest die Festungsfüsel dankbar, wenn sie im langen Verbindungsstollen von der Seilbahn zum Werk nächtigen durften.... Obwohl es dort nicht viel trockener war.
Der Bäzberg wurde auch feste Basis der Artilleriewetterzuges Nord der Festungsbrigade. Ob und welche baulichen Massnahmen dazu getroffen wurden, ist nicht klar.
Aktueller Zustand
Heute ist die Anlage desarmiert, die aufgesetzten alten Panzertürme haben zuletzt noch der Infanterie ein «Dach» geboten, vieles ist ausgeräumt, die Seilbahn stillgelegt. Die ganze Region ist eigentlich vom Bund als eine Art Regionalpark für Festungsgeschichte eingestuft. Zumindest die Friedenskaserne an der Bäzbergstrasse wurde äusserlich im Jahr 2011 wieder instand gestellt, um grössere Schäden an der Substanz zu verhindern.
Der Bäzberg ist eine der faszinierendsten Anlagen der Festungsartillerie: Von den Anfängen bis zum Minenwerfer ist die ganze Baugeschichte nachvollziehbar - und Geheimnisse gibt es immer noch: In der Rekrutenschule war ich im Bäzberg einquartiert. Es gab da in einem der Verbindungsstollen eine Türe, die mit «TW» angeschrieben war , und die immer verschlossen war. Bisher habe ich weder schriftliche Belege noch verifizierbare mündliche Aussagen, dass tatsächlich ein Verbindungsstollen in die Teufelswand besteht. Die Vermutung ist aber naheliegend…
Quellen: Gotthard-Befestigung, Werner Rutschmann, NZZ, 1994. Die Bewaffnung der schweizerischen Festungsartillerie, Jean de Montet, 1984, Über dem Nebel, Aus der Geschichte des Festungsregimentes 23 1948-94, 1995. Wehrraum Urseren, GMS-Reise 1993, Baugeschichte der Eidgenössischen Befestigungswerke 1831-1860/1885-1921, Julius Rebold, Archiv und Erinnerungen des Autors.