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Natascha betrieb nebst der Birma-Zucht eine Auffangstation für ungewollte oder überzählige Bauernhofkatzen. Die meisten von ihnen waren erst ein paar Wochen alt. Sie holte sie bei den Bauern ab, brachte sie zur Kontrolle und Impfung zum Tierarzt und nahm sie in einer speziellen Auffangstation auf. Danach wurden die Kätzchen vermittelt. Die meisten dieser Katzen waren zwischen 10 und 14 Wochen alt. Doch manchmal bekam sie auch Verzichtstiere oder erwachsene Katzen, die umgesiedelt werden sollten. Sie unterhielt diese Auffangstation schon seit fünfzehn Jahren auf privater Basis, ohne finanziellen Zuschuss von aussen. Sie hatte ein grosses Kontaktnetz aufgebaut. Die Landwirte schrieben oder telefonierten ihr, wenn wieder ungewollte Katzenkinder da waren, meist von wilden Katzen, die ihre Jungen in einer Scheune geboren hatten. Dann fuhr sie hin und holte sie ab.
Auch wenn das mit den Katzenbabies alles niedlich tönt, war das ein Knochenjob. Sie reiste fast täglich in der ganzen Region umher, holte die Kitten, brachte sie zum Tierarzt und dann ging es zurück zur Auffangstation. Viele dieser Katzen hatten Schnupfen oder Durchfall. Nicht jeder Bauer schaute zum Nachwuchs. Viele Katzen werden sich selber überlassen. Wenn die Mütter nicht entwurmt sind, haben auch die Kätzchen Würmer. Und wenn die Mutter den Katzenschnupfen hat, überträgt sie ihn auf den Nachwuchs. Im Sommer, wenn die Leute in Urlaub fahren, war die Station meist überfüllt. Wer ein Kätzchen suchte, tat das erst nach den Ferien. Für Natascha war dann Hochsaison. Sie musste die Katzen füttern und betreuen. Nach den Sommerferien wurden die Tiere fleissig vermittelt.
Es gibt Leute, die kommen, suchen sich eines der Kätzchen aus und gehen wieder. Andere verbringen Stunden in der Station und können sich einfach nicht entscheiden. Grundsätzlich ist es ja richtig, dass man die richtige Wahl trifft, denn ein Katzenleben ist lang und die Chemie muss stimmen. Doch der Zeitaufwand für Natascha war enorm. Nebst der Vermittlung musste sie ja noch die kranken Tiere versorgen.
Tina half zwei Jahre lang mit, indem sie Natascha die kranken Katzenbabies abnahm und pflegte bis sie gesund waren und bereit zur Vermittlung. Dies war am alten Wohnort noch möglich. Seit sie auf dem Lande wohnte, konnte sie diesen Dienst nicht mehr anbieten. Kranke Kätzchen brauchen mehrmals täglich Medikamente, Pflege und Futter. Das war ihr durch den langen Arbeitsweg nun nicht mehr möglich.
Tina hatte also etwas Erfahrung mit kranken Katzen. Besonders Durchfall und Katzenschnupfen waren bei so kleinen Katzen ein Problem. Wenn man zu lange wartete, könnte das der Tod des Tieres bedeuten. Auch diese Arbeit war kein Zuckerschlecken. Oft war Tina verzweifelt, wenn sie alles Mögliche und Unmögliche machte und doch keinen Erfolg sah. Sie kämpfte oft um das Leben der kleinen Schätzchen, verbrachte manche Nacht am Krankenbett. Manchmal musste sie aufgeben und das Kleine gehen lassen. Dann war sie traurig, dass ein kleines Lebewesen gestorben und ein Lichtlein erloschen war. Aber damit musste sie sich abfinden. Sie war nicht Gott, gab einfach alles, was sie konnte. Mit der Zeit bekam sie einen harten Schutzpanzer, sonst wäre sie an der elenden Situation zugrunde gegangen. Ohne diesen hätte sie die Aufgabe nicht meistern können. Trotzdem war sie jedes Mal verzweifelt, wenn sie ein Tier leiden sah.
Doch oft hatte sie Erfolg. Sie war sehr ausdauernd in ihrer Aufgabe. Gross war die Freude, wenn sie merkte, dass die Medikamente anschlugen und das Tierchen sich allmählich erholte. Eigentlich hätte sie durch das Wissen und die vielen Zimmer in ihrem Haus die Möglichkeit gehabt, auch weiterhin Krankheitsfälle aufzunehmen. Aber eben – der Arbeitsweg war zu weit. Und kranke Katzen müssen mehr als zwei Mal pro Tag gefüttert werden.
Ab und zu machte sie eine Ausnahme. So bei Mogli. Er war ein rotgetigerter Kater, erst ein paar Wochen alt. Auch er stammte vom Bauernhof. Nach der Impfung gegen Katzenschnuppen und Katzenseuche brach der Schnupfen erst recht aus. Das gibt es manchmal, dass sie Krankheit nach dem Impfen ausbricht, da man ja mit Lebendimpfstoff impft. Viele Katzen haben eine Impfreaktion, die aber innert weniger Tage abklingt.
Bei Mogli war das anders. Es war kein normaler Schnupfen mit Ausfluss aus der Nase und tränenden Augen. Mogli kämpfte um Luft. Aus seinen Bronchien pfiff es. Man hörte den Schleim in ihm, der ihm das Atmen schwer machte. Natürlich wollte er in diesem Zustand nicht mehr fressen. Er war bei einem Bekannten von Tina eingezogen. Der war mit der Situation vollkommen überfordert. Er brachte den Kleinen zum Tierarzt, wo er drei Tage stationär behandelt wurde. Danach wurde Mogli nach Hause geschickt, im Rucksack ein grosser Vorrat an Medikamenten und Spezialfutter. Doch Mogli war zu krank, um Nahrung aufzunehmen. Da er weder durch die Nase noch durch den Rachen richtig Luft bekam, verweigerte er jegliche Nahrung. Mogli wurde jeden Tag dünner und kleiner. Er musste also zwangsernährt werden.
Der Hilferuf traf an einem Feiertag bei Tina ein. Ob sie wohl helfen könne? Es war der Familie einfach nicht möglich, Mogli die Hilfe zu geben, die er dringend brauchte. Sie wussten nicht, wie man ihm das Essen und die Medikamente verabreichen sollte. Sie stellten es zwar hin und hofften, dass Mogli so stark Hunger bekam, dass er frass. Aber bei Katzen ist das leider nicht so. Sie würden lieber sterben, als etwas zu schlucken, wenn ihnen der Hals wehtat.
Zudem wollte man für die Kinder eine gesunde, keine kranke Katze. Sie konnten nicht einfach zuschauen, wie Mogli immer schwächer und schwächer wurde bis er keine Kraft mehr hatte.
Tina hörte zwischen den Worten, was Moglis Schicksal sein würde, wenn sie nicht sofort handelte. Sie fuhr umgehend dorthin. Dort fand sie ein kleines hübsches Katerli vor, das wirklich in einem besorgniserregenden Zustand war. Es war mager und schwach. Dennoch war er sehr zutraulich. Sie packte den kleinen Kerl ein und fuhr nach Hause. Daheim bezog er die Krankenstation, die in Tinas Schlafzimmer provisorisch eingerichtet war. Hier musste er so lange bleiben, bis er gesund war. Sie konnte es nicht riskieren, dass Mogli ihre anderen Katzen ansteckte. Sie war überzeugt, dass es genau der Katzenschnupfen war, der Jahre zuvor in den kleinen Kätzchen war, die sie damals betreut hatte. Dieser Virus ist sehr zäh. Kein Mittel nützt wirklich etwas dagegen. Die Katze muss selber Antikörper entwickeln. Und das ist genau die Schwierigkeit. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Babykatzen sind innert weniger Tage tot, wenn sie nichts fressen. Zudem gibt es solche, die auch das Fressen ausspucken, das man ihnen mühsam verabreicht hat. Und wenn sie nichts fressen werden sie noch schwächer, sodass sie aus eigener Kraft diesen Virus nicht mehr bekämpfen können.
Und Mogli war wirklich gefährdet, diesem Leben Ade zu sagen. Tina hatte noch nie eine Katze gesehen, die derart verschleimt war. Und sie hatte etwas Angst um ihre anderen Tiere. Diese waren zwar geimpft, doch einen Schnupfen könnten sie sich trotzdem einfangen, zwar in abgeschwächter Form, aber auch nicht lustig für die Tiere und den Besitzer. Auch wusste sie ja nicht genau, um was für eine Krankheit es sich handelte, ob es wirklich nur Katzenschnupfen war.
Mogli bekam Spezialfutter und Aufzuchtsmilch. Diese wurde als Brei mit einer Spritze verabreicht. Er wehrte sich mit seinen Krallen, wollte den Mund nicht öffnen. Aber Tina blieb hart. Das Essen musste da einfach rein. Auch die Medikamente wurden auf die gleiche Art eingegeben. Seine Gegenwehr nützte ihm nichts. Tina war stärker und erfahrener. Sie wickelte ihn in ein Frottiertuch, sodass nur noch der Kopf oben raus schaute. Dann nahm sie ihn in einen Griff, aus dem er sich nicht befreien konnte und fütterte ihn langsam. Sie schaute gut darauf, dass er das Futter auch wirklich schluckte und sich daran aber auch nicht verschluckte. Jeder kleinste Bissen tat ihm weh, das sah man gut. Halsweh, Kopfschmerzen und Feuer in der Brust. Doch Tina war unerbitterlich. Sie wusste, dass dies die einzige Möglichkeit war, Moglis Leben zu retten.
Trotz allem war Mogli ein Wonneproppen. Auch wenn er Tinas Fütterung hasste, liebte er sie innig. Er wusste genau, dass diese Frau seine letzte Hoffnung war. Ohne sie hätte man ihn von seinem Leiden erlöst. Aber er wollte leben, wollte mit den anderen Katzen spielen, wie er es als kleines Katerli mit den Geschwistern gemacht hatte. Er sehnte sich nach einem Leben ohne Schmerz. Wenn er seine Retterin sah, stellte er seinen Motor an. Eigenartigerweise konnte er Schnurren ohne Schmerzen zu haben. Zu Beginn tönte das noch, als ob ein Rasenmäher Startschwierigkeiten hätte. Doch mit der Zeit konnte der kleine Kerl ganz gut schnurren. Nachts drückte er sich ganz fest an ihren Körper und versuchte ständig, seinen Kopf auf ihr Kissen zu legen. Mit der Pfote hielt er ihr Haar fest. Es war, als hätte er Angst, sie zu verlieren und müsse immer so nahe bei ihr sein, damit er sie spüren konnte. Es ging auf und ab mit ihm. Manchmal hatte Tina die Hoffnung fast aufgegeben. Irgendwie schlugen die Medikamente nicht richtig an. Noch immer war das Katerchen total verschleimt. Es pfiff aus seinen Lungen, und er war knochendürr. Es vergingen drei Wochen, in denen Mogli in „Einzelhaft“ sass. Zwar durfte er auf der Fensterbank sitzen und durch das offene Fenster, das mit einem Fliegengitter gesichert war, in den Garten schauen. Die meiste Zeit schlief er aber. Er war viel zu schwach, um sich lange auf den Beinen zu halten.
Natascha brachte ein anderes Medikament zu Tina, mit dem sie gute Erfahrungen gemacht hatte und das Mogli retten könnte. Zwei Wochen später geschah das Wunder. Der Schleim war weg, das Pfeifen nur noch schwach zu hören. Dann hockte sich das genesende Katerchen an die Futterschüssel, in der Trockenfutter für Katzenbabies war, und nahm den ersten Bissen. Tina traute ihren Augen nicht. Mogli frass ganz alleine, zwar erst eine Mini-Portion, aber immerhin das. Am Abend, als sie nach der Arbeit zu ihm ins Zimmer kam, sprang er vom Bett herunter und ging auf sie zu. Vor drei Wochen wäre das noch undenkbar gewesen. Dann hörte sie ein Miauen. Nun wusste sie, es ging aufwärts.
Mogli blieb noch zehn Tage im Zimmer, so lange bis der Schnupfen fast weg war. Dann endlich ging die Türe auf, und er konnte sich im Haus umsehen. Die anderen Katzen begrüssten ihn etwas verwundert. Aha, er war der Grund, weshalb sie seit einigen Wochen nicht mehr zu Tina ins Bett kriechen durften. Für Mogli ging die Sonne auf, und ein neuer Lebensabschnitt begann. Mit jedem Tag wurde er kräftiger und schöner. Obwohl die Nase zu Beginn noch fast haarlos war vom langandauernden Schnupfen, erholte er sich sehr gut. Nach zwei Wochen war er kaum mehr wiederzuerkennen. Aus dem Kümmerling wurde ein stattlicher, schöner Kater. Da er einen wunderbaren Charakter besass, machte er allen viel Freude. Tina würde ihn nur hergeben, wenn sie genau wusste, zu wem er käme und dass er es dort gut hat. Er war ihr sehr ans Herz gewachsen. Sie hatte viele Stunden mit ihm verbracht, ihm gut zugeredet und mitverfolgt, wie er langsam gesund wurde. Zu solchen Tieren entwickelt man eine ganz besondere Bindung.
Doch Tinas Katzenfamilie war gross geworden. Nicht dass sie Mogli zwingend abgeben müsste, doch wünschte sie sich für den Kämpfer jemanden, der sich mit voller Hingabe um ihn kümmern würde. Selbstverständlich sollte er Freigang haben und Katzengeschwister. Auch müssten die neuen Eltern auf seine Geschichte vorbereitet werden und akzeptieren, dass Mogli immer wieder niesen und manchmal sogar leicht Schnupfen entwickeln könnte. Katzenschnupfen hinterlässt meist dauerhafte Spuren, die zwar abgeschwächter aber trotzdem vorhanden sind.
Dazu kam, dass er keine Manieren hatte. Was er als krankes Katzenkind nicht machen konnte, holte er nun nach. Er sprang in der Küche regelmässig auf die Anrichte oder den Herd und versuchte immer wieder, etwas vom Tisch zu klauen. Sein Lieblingsspiel war es, die pelzigen Weiber zu necken. Vielleicht waren das zu grosse Anforderungen an Mogli und die neuen Eltern. Tina unternahm drei Versuche, um Mogli vermitteln zu können. Alles müsste stimmen, sonst würde sie ihn nicht hergeben.
Die ersten Bewerber schreckten zurück als sie hörten, dass er ab und zu niesen würde. Nein, eine kranke Katze wollten sie nicht.
Die zweiten Bewerber erwarteten einen Kater, der aufs Wort gehorchte. Denen empfahl Tina einen Hund, den man in der Hundeschule erziehen konnte. Bei einer Katze lief das halt ganz anders. Der Stubentiger macht, was er will. Erziehung liegt nur sehr beschränkt drin.
Dann kamen die dritten Bewerber, wirklich sehr nette Leute. Sie sahen zuerst die kleine Grischa mit ihrem langen Haarkleid und verliebten sich gleich in sie. Aber Grischa gehörte Tina und sollte nicht vermittelt werden. Zudem war die Kleine behindert.
Sie betrachteten Mogli, der sich heute erstaunlicherweise von seiner besten Seite zeigte. Beide waren berufstätig, konnten Mogli aber ein Zuhause anbieten, wo er raus konnte. Tina empfahl ihnen eine Zweikatze für die Zeit, wo Mogli in der Wohnung bleiben würde. Sie wollten es sich überlegen. Zuerst gäbe es noch einen Wohnungswechsel, dann könnte man Mogli alles bieten, was er brauchte. Obwohl Tina nicht vollkommen überzeugt war, dass dies die richtigen neuen Eltern für Mogli waren, stimmte sie zu. Er sollte nach dem Umzug dort einziehen.
Als das Paar gegangen war, stellte sich Tina vor, wie es sein würde, wenn Mogli nicht mehr hier wäre. War das die richtige Entscheidung? Sie hatte nur halbherzig zugesagt, es stimmten doch einige Punkte nicht. Aber versprochen ist versprochen. Sie stellte sich vor, wie es sein würde, wenn sie Mogli in den Transportkorb setzte, in die neue Familie brachte und ihm Auf Wiedersehen sagen müsste. Sie fühlte sich dabei nicht wohl. Sie hatte einen Fehler gemacht, ihre Zustimmung gegeben zu haben. Aber nun war es zu spät. Sie konnte und wollte ihr Wort nicht zurückziehen. Sicher freute sich das Paar schon über das neue Familienmitglied. So wollte sie die verbleibende Zeit mit Mogli noch geniessen, auch wenn sie jedes Mal ein mulmiges Gefühl hatte, wenn sie ihn sah.
Eine Woche später erhielt sie einen Anruf. Das Paar hatte sich nun doch gegen Mogli entschieden. Tina fragte gar nicht viel. Die Nachricht tönte für sie wie ein Volltreffer im Lotto. Eines wusste sie nun genau, auch wenn er wild und unerzogen war, sie würde Mogli nicht mehr hergeben. Das Schicksal wollte es so, also durfte er bleiben.