Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03156.jsonl.gz/916

Die Redaktion des Tamedia-Konzern übernahm einen Artikel der «Süddeutschen Zeitung» (SZ) und verbreitete ihn in der halben Deutschschweiz. Es ging um einen angeblich ausserordentlich grossen Nutzen der Covid-Impfung: Zwei Impfdosen würden das Risiko von Langzeitfolgen einer Corona-Infektion «um etwa 40 Prozent reduzieren».
Irreführende und wertlose Information
Diese Information ist krass irreführend, weil praktisch alle Leserinnen und Leser die Schlagzeile so verstehen, dass sie ihr persönliches Risiko, an Long-Covid zu erkranken, mit zwei Impfdosen um 40 Prozent verringern können. Das wäre die absolute Reduktion des Risikos: Dank der Impfung erkranken von 10’000 Geimpften 4000 nicht an Long-Covid. Die Impfung wäre enorm nützlich und enorm wirksam.
Doch mit den «40 Prozent» ist etwas ganz anderes gemeint, nämlich nur der «relative» Nutzen von zwei Impfdosen. Wenn man die absoluten Zahlen verschweigt, ist die Information «reduziert das Risiko um 40 Prozent» wertlos. Zwar können die relativen 40 Prozent tatsächlich einen grossen Nutzen bedeuten, aber auch nur einen verschwindend kleinen. Es sei an zwei Beispielen erläutert:
- Leiden von 10’000 Personen dank der doppelten Impfdosis nur 600 an Long-Covid anstatt 1’000 ohne Impfung, dann erkranken dank der Impfung 40 Prozent weniger Menschen an Long-Covid. Verständlich mit absoluten Zahlen ausgedrückt: Es müssen sich 25 Personen impfen lassen, damit eine Person weniger an Long-Covid erkrankt (10’000/400). Man nennt dies die Number Needed to Vaccinate NNV). Oder anders, ebenfalls verständlich ausgedrückt: Die Impfung reduziert das persönliche Risiko, an Long-Covid zu erkranken, um 4 Prozent (1/25).
- Erkranken von 10’000 Personen dank der doppelten Impfdosis nur 6 an Long-Covid anstatt 10 ohne Impfung, dann erkranken dank der Impfung ebenfalls 40 Prozent weniger Menschen an Long-Covid. Verständlich mit absoluten Zahlen ausgedrückt: Es müssen sich 2500 Personen impfen lassen, damit eine Person weniger an Long-Covid erkrankt (Number needed to vaccinate). Oder anders, ebenfalls verständlich ausgedrückt: Die Impfung reduziert das persönliche Risiko, an Long-Covid zu erkranken, um 0,04 Prozent (1/2500).
Es muss deshalb einleuchten, dass die alleinige Angabe der relativen Risikoreduktion («reduziert das Risiko um 40 Prozent») eine wertlose und irreführende Information ist.
Um den Wert und die Glaubwürdigkeit der Schlagzeile «Impfung reduziert das Risiko um 40 Prozent» zu erhöhen, schrieb die Autorin, es handle sich um eine Metaanalyse britischer Forscher, die «41 Studien aus verschiedenen Ländern mit insgesamt 860’000 Patienten ausgewertet» hätten. Das stimmt nicht. Um den Nutzen der Impfung zu bewerten, um den es im SZ- und Tamedia-Artikel ging, haben die Forscher von den 41 durchgesehenen Studien lediglich vier brauchbare ausgewertet.
Die Redaktorin zitierte die Autoren, dass die berücksichtigten Studien «nicht alle von sehr hoher Qualität» seien und «nicht sicher sei, ob tatsächlich alle eingeschlossenen Patienten an Post-Covid litten». Sie verschwieg allerdings, dass die absoluten Zahlen des Nutzens nicht offengelegt wurden. Um die «40 Prozent» relativen Nutzen auszurechnen, müssen die Autoren absolute Zahlen zur Verfügung gehabt haben.
Wenn eine Studie ausschliesslich den relativen Nutzen angibt, sollten seriöse Medien diese Studie gar nicht zitieren.
In der Risikokommunikation gilt schon lange der Grundsatz, das relative Risiko oder den relativen Nutzen nur dann anzugeben, wenn gleichzeitig mit absoluten Zahlen informiert wird.
Auf Anfrage von Infosperber schrieb Studien-Autor Vassilios S. Vassiliou, dass sich nur zwei Personen impfen lassen müssen, damit eine von ihnen nicht an Long-Covid erkrankt. Die absoluten Zahlen dazu lieferte er nicht. Diese Antwort ist schlicht falsch. Die auf Evidenced Based Medicine spezialisierte Professorin Ingrid Mühlhauser hält eine solche Aussage des Studien-Autors für «bedenklich».
Fragen an die Redaktorin
Die Autorin aller dieser Artikel, welche die «Süddeutsche Zeitung» in Deutschland und Tamedia in der halben Deutschschweiz verbreiteten, war die SZ-Wissens-Redaktorin Berit Uhlmann. Infosperber fragte sie unter anderem:
Wie sehen die absoluten Zahlen aus? Wie die Number Needed to Treat?
Uhlmann beantwortete diese Fragen nicht, sondern verwies auf die Metastudie: «Damit sollte sich Ihre Frage klären lassen.» Das tat die Studie jedoch nicht. Offensichtlich kannte und kennt die Autorin die absoluten Zahlen nicht. Sie konnte sie gar nicht kennen. Deshalb die Nachfragen:
1) Warum verwiesen Sie auf die Studie, aus der die Antworten auf die gestellten Fragen gar nicht ersichtlich sind?
2) Warum informieren Sie die Leserschaft über einen relativen Nutzen, ohne dass Sie die absoluten Nutzen-Zahlen kennen, welche als Grundlage dienen?
Weder auf die eine noch auf die andere Frage ging Uhlmann ein, sondern meinte: «Damit würde ich es jetzt gerne bewenden lassen.»
Worauf die «Süddeutsche» und die Tamedia-Zeitungen auch nicht hinwiesen: Das grösste Risiko, Long Covid (beziehungsweise Post Covid Condition, wie es in der Studie heisst) zu bekommen, hatten in der zitierten Meta-Analyse Personen mit vorbestehenden Erkrankungen, vorangehender Hospitalisation oder Intensivbehandlung. Das ist wenig überraschend und trifft auch bei anderen Erkrankungen zu: Viele hospitalisierte Patienten oder Intensivbehandelte haben noch länger gesundheitliche Probleme. Die Impfung kann schwere Verläufe mit Hospitalisationen reduzieren, so dass es zwangsläufig auch zu weniger Langzeitfolgen kommt.
Tamedia informiert wie andere Medien immer wieder mit relativem Nutzen
Wie manch andere Medien geben auch die Tamedia-Zeitungen Risiken und Nutzen immer wieder mal wieder ausschliesslich mit relativen Zahlen an, ohne über den absoluten Nutzen oder das absolute Risiko zu informieren. Im Sommer 2022 verbreitete beispielsweise der «Tages-Anzeiger», das Medikament Paxlovid könne «das Risiko, an der Infektion zu sterben, um 75 Prozent senken». Dies sei «eine sehr gute Wirksamkeit».
Viele Leserinnen und Leser verstanden das fälschlicherweise so, dass sie dank Paxlovid ihr persönliches Sterberisiko um 75 Prozent senken könnten.
Auf die Frage, weshalb die Zeitung den absoluten Nutzen nicht angegeben habe, teilte Wissen-Redaktor Nik Walter mit, es müssten 180 Kranke das Medikament schlucken, damit eine Person dank Paxlovid nicht stirbt. Von 180 Personen, die Paxlovid einnehmen, hätte also nur eine Person einen Nutzen davon. Daraus lässt sich für einen Patienten der absolute Nutzen ausrechnen: Paxlovid verringert sein Sterberisiko um 0,56 Prozent (1/180). Nicht alle Patientinnen und Patienten werden diese tatsächliche Risikoreduktion als «sehr wirksam» betrachten.
Long-Covid trotz dreifacher Impfung
Vor über einem Jahr wurde Ex-Skiprofi Marco Büchel auf Covid-19 positiv getestet, obwohl er dreifach geimpft war. Lange litt er an Long-Covid. Auf seinem Instagram-Account schrieb er am 25. Mai: «Ich hatte oft Kopfschmerzen, konnte auch kaum mal klare Gedanken fassen. Einen Artikel lesen oder auf E-Mails antworten wurden beinahe zu unüberwindbaren Herausforderungen.» Seine physische Leistungsfähigkeit sei immer noch nicht topp.
Spitzensportler sind von Long-Covid überdurchschnittlich betroffen, weil sie nach einer Covid-Erkrankung zu schnell versuchen, wieder in Form zu kommen. Davon rieten Fachärzte schon bald ab. Unter den Betroffenen ist Marathonläuferin Chantal Britt, Präsidentin des Vereins «Long Covid Schweiz». Der «Blick» berichtete über den GC-Fussballprofi Petar Pusic und die Schweizer 800-Meter-Rekordhalterin Selina Rutz-Büchel, die beide an Long-Covid litten.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.