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Ersteigung des Piz Stäz im Winter 1861
Von Johann Coaz.
Es war am St. Stephanstag, den 26. Dezember 1861, morgens 5 1/2 Uhr, als vier Herren ( Ingenieur Fr. v. Salis, Ingenieur Depozzo, Professor Hiller, J. Coaz ) von Chur abfuhren, um den ob Parpan gelegenen, 2576 Meter = 8587'hohen Stäzerberg zu ersteigen. Allerdings ein seltsames Unternehmen in dieser Jahreszeit; aber der bis dahin fast schneefreie Winter und das be- Anmerkung. Walter Flaig in Schruns stellte uns in verdankenswerter Weise eine Abschrift dieses kaum bekannten Aufsatzes zur Verfügung. Er selbst fand ihn in einem Sammelband aus der Bibliothek von G. Thoma † St. Gallen. Wo der Aufsatz erstmals erschienen ist, konnte noch nicht nachgewiesen werden. Auch Carl Eggerling nennt im Bündnerführer, Bd. I, 2. Auflage, nur den Titel des Aufsatzes ohne Angabe, wo er zuerst zu lesen war. Die ganze Darstellung offenbart alle Vorzüge der Schriften von Johann Coaz ( 1822—1918 ), den wir als den bedeutendsten Pionier der Bündneralpen verehren, nämlich: naturwissenschaftliche Bildung, glänzende Beobachtungsgabe und Begeisterung für die Berge, wie sie Carl Schröter in seinem Nachruf an Coaz ( Alpina 1918, S. 109 ) gepriesen hat. Coaz nennt den Berg bald Piz Stäz, bald Stäzerberg. Der T. A. schreibt nur Stätzerhorn und gibt als Höhe 2578,9 m an. Heute ist das Stätzerhorn ein beliebtes Ziel für Skifahrer. Ein Panorama, auf dem Gipfel gezeichnet von E. Winter, ist als Beilage zum 42. Jahrbuch des S.A.C. 1907 erschienen.Redaktion.
ständige, schöne Wetter waren zu lockend, einen Versuch zu wagen und sich die Aussicht über ein Gebirgspanorama im Schneekleid und umflossen von der reinen Winteratmosphäre zu verschaffen. Im geschlossenen Wagen, mit Mänteln und Decken wohl versehen, fuhren wir langsam die Bergstrasse aufwärts nach dem Dorfe Malix. Die Nacht war ziemlich dunkel, ein dichter Nebel lag über dem Rheintal. Düster, mit weitem Brechungskreis schimmerten die Gaslampen und wenigen Morgenlichter aus der unter uns noch in tiefer Ruhe liegenden Stadt. Die Wagenfenster fingen bald an zu schwitzen und bedeckten sich mit einer Eiskruste, welche uns keinen Blick mehr hinaus in den grauenden Morgen gestattete. Erst in Churwalden, zwei Stunden ob Chur, stiegen wir aus und versahen uns durch ein wackeres Frühstück mit dem erforderlichen Stoff für die bevorstehende Wanderung. Der Thermometer zeigte —10 1/2° R.
Die Erzählung eines Jägers, der sich im Gasthof eingefunden hatte, dass er kürzlich das Gebirge durchstreift und dabei bis unter die Arme in dem mehligen, noch nicht tragenden Schnee eingesunken sei, liess unser Unternehmen zwar etwas bedenklich erscheinen, schreckte uns aber dennoch nicht ab, und in offenem Schlitten fuhren wir weiter bis auf die Anhöhe ob Parpan, zirka drei Stunden von Chur, 1551 Meter ü. M. Von dort sandten wir den Schlitten samt Decken und Mänteln nach Churwalden zurück, uns nur mit leichteren Überwürfen und etwas Proviant belastend.
Da lag nun das weite Schneefeld der sogenannten Heide und des östlichen Hanges des Stäzerberges bis zu seiner höchsten Spitze vor uns, der Himmel war wolkenrein, die Atmosphäre von der grössten Durchsichtigkeit. Nachdem wir uns gehörig marschfertig gemacht, verliessen wir die Hauptstrasse, zunächst einen gebahnten Weg nach dem eine Viertelstunde entfernten Maiensäss Sartuns benutzend. Dort stieg die Sonne hart am Lenzer Rothorn empor, ihre weissglühenden Strahlen zu einem reinen Guss in kleiner Scheibe verschmolzen. Bereits in dieser noch geringen Höhe von 1666 Meter ü. M. beleuchtete uns die Sonne eine weite Gebirgslandschaft. Das Rheintal im Norden war immer noch von einem Nebelsee erfüllt, welcher sich gegen Churwalden einbuchtete. Die Mittenberghütte ob Chur und der Hof Guscha ob der Steig lagen am rechtseitigen Ufer des Sees, dessen entgegengesetzte Uferlinie etwa 1000'unter dem Piz Alun durchging. Der Spiegel dieses Nebelsees erreichte somit eine Höhe von etwa 1100 Meter ü. M. Er setzte sich unzweifelhaft in gleichem Niveau nach dem Oberland, Domleschg und den Schyn hinauf durch das Albulatal fort, denn der Talkessel von Tiefenkastei war bis an den sogenannten Stein ebenfalls mit Nebel erfüllt, dessen Oberfläche ungefähr die gleiche Höhe erreichte wie diejenige des Rheintals. So ungefähr mochte Graubünden zu derjenigen Epoche der Tertiärzeit ausgesehen haben, zu welcher die grossen Gletscherströme seine Täler erfüllten; ja dieselben waren noch mächtiger, die Linien der Gletscherfündlinge gehen an unsern Bergwänden noch höher hinauf. Auch dehnten sich diese Gletschermassen nicht im gleichen Niveau aus, sondern hoben sich allmählich gegen ihre Quellen, die tiefen Mulden des Hochgebirges.
Mit dem Höhersteigen der Sonne fing der Nebel an, sich zu wellen, unruhig durcheinander zu fliessen, sich zu lichten und allmählich sich aufzulösen, und zwar in den obersten Buchtungen zuerst und nur allmählich nach den tiefern Gegenden fortschreitend. Sehr schön zerfloss der Nebelsee des Talkessels von Tiefenkastei in einen bläulichen Duft, ähnlich dem durchsichtigen, kristallhellen Wasser eines Alpensees. Im Rheintale zog sich der Nebel zurück bis in die Gegend von Sargans, wo er, sowie im tiefen Rheintal und gegen den Wallensee hin, den ganzen Tag liegen blieb. Aber die Spuren seines nächtlichen Lagers zeigten sich auch in den von ihm verlassenen Gegenden noch lange Zeit in dem weissen Reifen, welcher hauptsächlich die Nadelholzwaldungen bekleidete. Die Grenzlinie des Nebelstandes war hierdurch scharf bezeichnet. Die höher gelegenen Waldungen, welche die Nacht in trockener Atmosphäre verbracht, zeigten ihr gewöhnliches, tiefes Dunkelgrün und hoben sich sogar in einzelnen Stämmchen in scharfen Umrissen vom glänzendweissen Schneegrund. Es war jetzt 9 1/2 Uhr; das Quecksilber hatte sich auf —6° R gehoben.
Hier, beim Maisäss, ging der gebahnte Weg zu Ende. Um uns die mühsame, sehr entkräftende Arbeit des Schneewatens möglichst zu erleichtern, richteten wir, soweit tunlich, unsern Marsch über die Rücken des Gebirgshanges hin, von wo der Schnee vom Wind grösstenteils weggeweht worden war, doch mussten wir von Zeit zu Zeit, beim Übersetzen von einem Rücken auf den andern, in den sauren Apfel beissen und uns durch die zusammengewehten tiefen Schneemassen durcharbeiten. An schneearmen Stellen ragten hie und da Alpenrosen- und Alpenwacholdergesträuch hervor, ersteres mit bereits vorgebildeten, grossen, grünen Knospen für den nächsten Jahrestrieb und die rosige Sommerblüte, der Wacholder mit seinen grünen Beeren vom letzten Sommer, welche erst im kommenden sich bläuen und beduftet werden. Die reifen Beeren vom letzten Herbste waren grösstenteils von den Vögeln bereits weggeschmaust. Die zutage tretenden Stein- und Felstrümmer waren mit verschiedenartigen Flechten, diesen unverwüstlichen Pflanzengebilden, bunt gefärbt; vor allen prangte die hell orangerote Lecanora elegans. Vom empfindlichen Volke der Insekten fand sich keine Spur; sie lagen alle in dieser oder jener Form der Metamorphose ruhig in ihren Schlupfwinkeln, die wärmere Jahreszeit gelassen erwartend. Aber des Häsleins Spuren durchkreuzten öfter unsern Weg, und Weisshühner hoben sich schnatternd aus dem Schnee, in niederm Fluge sich um die nächste Ecke flüchtend.
So stiegen wir langsam, von Strecke zu Strecke kurzen Halt machend und die neu aufgetauchten Bergspitzen enträtselnd, dem Piz Stäz zu, der uns fast beständig in Sicht lag. Zur Bestimmung der Temperatur hatte unser Körper keinen Sinn mehr, und der von Zeit zu Zeit befragte Thermometer zeigte ziemlich konstant —3° R Sonne. Um 11 1/2 Uhr hatten wir den Hügel am Fusse des obersten Gebirgshanges erreicht und entschlossen uns sogleich, geraden Weges auf die höchste Spitze loszusteigen. Im Sommer wird dieser Hang seiner Steilheit und des losen Gesteins wegen, das ihn bedeckt, gewöhnlich links umgangen. Wenn diese Strecke auch die anregendste war, so legten wir sie dennoch in verhältnismässig kurzer Zeit zurück, 1/4 nach 12 Uhr standen wir bereits oben beim Signal. Es war auf seiner Südwestseite schneefrei, und auch der Grat war nach dieser Seite vom Winde reingefegt. Der Thermometer zeigte anfänglich bei schwachem SW-Wind —4 1/2° in der Sonne,6 1/2° im Schatten; später bei vollkommener Windstille —4° Sonne,6° Schatten; in Chur wurde zu gleicher Zeit beobachtet —3 1/2° R im Schatten; also bei einem Höhenunterschied von 6621'ein Temperaturunterschied von nur 2 1/2°. Man täuscht sich sehr in der gewöhnlichen Annahme, dass die Kältegrade auf hohen Gebirgen im Winter unerträglich hoch seien; wenigstens für die Mittagzeit ist nach obiger Beobachtung der Temperaturunterschied zwischen Berg und Tal nicht sehr bedeutend, und in der wasserreichen Atmosphäre der Taltiefen wirken niedrige Temperaturen jedenfalls weit kältender auf den Körper als dieselben Grade in der trockenen Luft höherer Gegenden. Dies ist auch der Grund, warum die an ein kaltes Klima von 6000'Meereshöhe gewöhnten Engadiner sich über Kälte beklagen, wenn sie zu uns nach dem nicht ganz 2000'hohen Chur heruntersteigen.
Doch entschuldige, werter Leser, wenn ich dich im Moment, wo das erhabene Ziel der mühsamen Reise erreicht ist und du den Ausbruch der höchsten Begeisterung über den errungenen Sieg und die glänzende Aussicht gespannt erwartest, mit trockenen meteorologischen Betrachtungen hinhalte. Wisse aber, dass auch wir, in gewiss noch weit grösserer Spannung, uns dem Hochgenuss, der nur eines Blickes wartete, nicht sogleich an die Brust warfen, sondern ruhig bedachten, dass Vorsicht nicht nur die Mutter der Tapferkeit, sondern auch der Gesundheit und langen Lebens ist, deshalb: Röcke zugeknöpft, Burnus umgeworfen und, was ebenso vorsichtig ist, Proviant heraus und gezogen in langen Zügen den wärmenden und stärkenden Saft vom Rebgelände, das dort unten Malans und Jenins umschliesst. Heizen wir unsern Magen und schüren wir unsere Kräfte, Professor! denn unser Körper hat heute eine Arbeit geleistet von wenigstens einer Million Kilo-grammeter, und eine halbe Million wartet unser noch im Hinabsteigen. Schade, dass wir uns unten in Churwalden nicht gewogen, um den Stoffverbrauch ermitteln zu können.
Erst nachdem wir alle Vorsichtsmassregeln gegen Erkältungen ergriffen hatten, liessen wir dem Blick ungezügelten Lauf in der ganzen weiten Runde des Horizonts und kreuz und quer durch die bergerfüllte Fläche, welche er in sich fasste. In diesem Panorama waren fast alle bedeutendern Bergspitzen Graubündens sichtbar und ausserdem der Kamor und Hohenkasten an der appenzellisch - st. gallischen Grenze, der Monte della Disgrazia im Veltlin, und auch das Finsteraarhorn schaute aus den Berner Alpen zu uns herüber. Am übersichtlichsten war die Kette vom Calanda bis hinauf an den Oberalpstock mit dem erhabenen, breiten, begletscherten Tödi, dem kopfförmigen, gegen Glarus zurücktretenden Hausstock, dem drei Kantonen als Marchstein dienenden Saurenstock und der scharfen Ringelspitze ob Tamins. Die grauen Hörner füllten den Hintergrund zwischen letztern und dem Calanda aus.
Vom Oberalpstock weg folgten links das Tennerhorn und wieder links vom selben, fern, aber in klaren Umrissen das Finsteraarhorn. Dann kamen die Gletscher und Spitzen im Somvixer Tale, der Piz Ault zwischen Vrin und Vals, der Weissenstein zwischen Vals und Safien, dann einige Häupter im Hintergrunde von Vals. An diese schloss sich vorspringend das Bruschghorn an und der Piz Beverin ob Thusis, mit seinen gegen das Nollatobel schroff abfallenden Felswänden. Weiter links vereinigen sich die Grau-, Gufercal- und Teurihörner ob Sufers zu einer schönen Gruppe.Von hier sprang das Profil über den Hinterrhein auf einige Spitzen des Hinterrheingletschers und die scharfe Pyramide des Tambo. Der Gebirgsstock des Suretta, Piz d' Emmet, Palü und Stellatraten aus dem Gebirgszuge hervor, welcher Avers vom Val S. Giacomo trennt. Dann kam die Reihe an die Häupter, welche die Kette zieren, die das Oberhalbstein von Schams und Avers scheidet: Piz Curver, Piz Platta, Piz Forbisch, Piz d' Arblasch. Von hier warf sich das Profil wieder in weite Ferne zurück an die felsige Gebirgswand, welche sich zwischen Bergell und Veltlin erhebt, die schroffste, zerrissenste in ganz Graubünden, mit dem Monte della Disgrazia als höchster Erhebung. Weiter links zeigten sich einige Gletscherwände, wahrscheinlich die in Val Fedoz, und dann machte sich das linkseitige Gebirge im Oberhalbstein geltend im Cima da Flix, Piz d' Err, Piz St. Michel. Zwischen diesem und dem Tinzner Horn schaute die giebelförmige Spitze des Bernina hervor, und zwischen dem Tinzner Horn und Piz d' Aela der Piz Palü, dessen Fuss den schönen Palügletscher gegen Poschiavo hinunter-schiebt. Links vom Aela ragte der felsige Kegel des Piz Languard kühn empor. Von dort nähert sich das Profil wieder und setzt sich im nahen Lenzer Rothorn und in dessen Kette nach dem Gürgaletsch fort, hinter welcher vereinzelt emporragten: der Piz d' Albula, Piz Kesch, eine Strecke weiter links der Piz Linard im Unterengadin, mit ähnlich spitzem Kegel wie derjenige des Piz Ot. Noch weiter links standen vereint die zahlreichen Gebirgserhebungen des Silvrettastockes mit der hohen Wacht der Seehörner. Aus diesen zieht sich die Rätikonkette hervor bis hinaus an den Falknis, aus welcher sich hauptsächlich hervortun: das Mädriserhorn, die fast senkrechten, breiten Kalkwände der Drusen- und Sulzfluh, Kirchlispitz, Scesaplana, Alpstein und Falknis. Zwischen diesem und dem Calanda wird das Profil durch den Kamor und Hohenkasten geschlossen.
Der Leser wird sich vielleicht etwas ermüdet finden von dieser Aufzählung von Bergspitzen, welche den Horizont begrenzten; nicht so der Beobachter im Anblicke der Mannigfaltigkeit dieser Gebirgsformen, den abwechselnden Verschiebungen der Berge hinter- und übereinander, dem Wechsel von Ferne und Nähe, von Fels, Gletscher- und Winterschnee ( welcher sich deutlich von den Gletscherflächen unterschied ). Wieder und immer wieder kehrte der Blick zurück, diese oder jene Spitzen von Berggruppen näher ins Auge fassend, sie vergleichend, sich orientierend; denn obwohl die Schönheit absoluter Natur und es dem Sinne für Schönheit gleichgültig ist, wie die verschiedenen Berge heissen, aus welchen Gegenden sie sich erheben, welche Völker zu ihren Füssen wohnen, wie weit sie von uns entfernt liegen usw., so finden wir darin doch einen besondern Genuss, dies alles zu entziffern.
Da nun aber die Bergesgipfel je nach der Himmelsgegend und dem Höhenstandpunkt der Beobachter verschiedene Umrisse zeigen, so sind sonst bekannte Gipfel oft schwierig wieder zu erkennen; daher Verschieden- heit in den Ansichten der Beobachter, was den Reiz der Orientierung aufs höchste steigert. Auch uns erging es so, aber die befragten Blätter der eidgenössischen Karte vereinten leicht die entgegenstehenden Behauptungen auf den richtigen Namen, so dass wir auch in dieser Beziehung befriedigt unsern Blick dem fesselnden Profil endlich entrissen, um ihn durch die Täler streifen zu lassen.
Gegen Norden, rechts am nahen Faulenberg vorbei, sahen wir in das Rheintal, von Jenins aufwärts bis nahe an die Stadt Chur, welche uns hinter dem Gebirgsrücken des Pizokul verdeckt blieb. Nordwestlich breiteten sich, an die Tödikette angelehnt, die geschützten, formenreichen Terrassen von Trins und Flims aus, über dem der Flimser Stein sich in senkrechten Felswänden als eine natürliche Festung erhebt, weite Alptriften auf seinem breiten Rücken tragend. Zu unsern Füssen, in westlicher Richtung, lag das an Naturschönheiten so reiche Domleschg, aus dem jenseits der Heinzenberg allmählich ansteigt. Der uralte aber ewig sich verjüngende Rhein zieht als wilder Knabe durch das Tal, ungern von seinen losen Bubenstreichen lassend. Die bei der Viamala nahe zusammentretenden Gebirgshänge des Muttner Berges und des Beverin gestatten keinen freien Blick nach der Landschaft Schams, nur wenige Dorfschaften sind durch die schmalkeilförmige Öffnung sichtbar. Dagegen überblickt man, südlich sich wendend, fast vollständig die erste Talterrasse im Oberhalbstein, in welcher Savognin liegt und welche von der diesseits der Albula in ziemlich gleicher Höhe sich ausbreitenden Terrasse von Lenz, wahrscheinlich durch Erosion, getrennt wurde.
Im ganzen sind somit 45 Ortschaften sichtbar, eine Seltenheit mitten im Hochgebirge, wo sich eine Gebirgskette kulissenartig hinter die andere schiebt und die Talschaft meist verdeckt. Es gehört der Piz Stäz zu den seltenen Aussichtspunkten, welche die reizenden Gegensätze der Grossartigkeit einer Gebirgsrundsicht, frei von den Einflüssen menschlichen Schaffens, mit dem freundlichen Eindruck bewohnter und bebauter Taltiefen und Hänge vereinigt. Kein Berg in Graubünden nimmt in dieser Beziehung eine so bevorzugte Lage ein wie unser Piz Stäz.
Das Eigentümliche der weiten Winterlandschaft, die uns heute vor Augen lag, war die grossartige Eintönigkeit im Kolorit sowohl der Erde als des Himmels und die Reinheit der Atmosphäre. Wie mit einem unendlich weiten weissen Gewande war die ganze Gegend unseres Gesichtskreises überworfen, das sich reich faltete über dem gliederreichen Körper und von den leichtesten Schattierungen ins blendendste Licht überspielte. Der Himmel war wolkenrein und nur blau, aber von einem Blau in den zartesten Übergängen vom Horizont in den Zenit. Die Sonne glänzte brillanten aus dem lichtblauen Email. In klar ausgedrückter, nirgends verwaschener Linie zog sich der Horizont zwischen Himmel und Erde in sich selbst zurücklaufend hin. Und dennoch, ungeachtet der reinen Schönheit, ungeachtet dieser Reize der Winterlandschaft, fanden wir die oft schon genossene Aussicht von dieser Spitze an einem schönen Sommertage ansprechender, befriedigender. Welche Gegensätze traten uns da entgegen zwischen dem Hochgebirge mit seinen weissen Gletschern, schwarzen Felsen und den grünen Wiesen und Reb- geländen des Rheintals, dem anorganisch Starren der Höhen und dem reich-belebten Pflanzen- und Tierleben der Taltiefen! Und dann wieder, je nach Willkür des Blickes, welcher stufenreiche Übergang von den höchsten Gebirgen durch die Alpentriften, Waldungen, Maisässe ( Voralpen ) in die bebauten tiefern Berghänge und Talsohlen! Die Dörfer und Höfe, Strassen und Gewässer traten im Sommer sichtbarer hervor, die ganze Landschaft erschien belebter, und wenn dieses Leben von da oben auch nicht so direkt wahrgenommen wurde, so lag es doch in unserm Bewusstsein und unserm Gefühl. Im Sommer umfloss uns eine wärmere Atmosphäre, die den humusarmen Boden auch dieses Grates, wenn auch nur sparsam, beblümte. Und am Himmel zogen Wolken in wechselnden Gestalten, von der Sonne die farbenreichsten Gewänder erkosend, besonders wenn abends die kreisende Erde zum Abschied drängte.
Doch, werter Leser, erinnere dich, dass es Winter ist und die vier Bergsteiger sich immer noch beim Steinmann auf dem Stäz befinden. Sie fangen an, die Arme kreuzweis übereinander zu schlagen und auf dem schneefreien Platze hin und her zu trippeln. Die innere Körperwärme zieht sich allmählich aus den äussersten Extremitäten zurück. Die Tage sind kurz, und um 5 Uhr 50 Minuten langt der Postwagen in Churwalden an, der sie nach Hause führen soll. Hast du ihnen so viel Geduld und Teilnahme geschenkt, sie bis hierher zu begleiten, so dürfen sie wohl auch annehmen, du werdest nicht beruhigt sein, bevor du sie in Sicherheit weisst.
Es war ungefähr 2 Uhr, als wir uns auf die Rückreise machten, nachdem wir übungsgemäss künftigen Besuchern des Stäz unsere Karten in einer Flasche aufbewahrt. Der erste Anlauf war nicht der glücklichste. Eine steile, glatte Schneefläche hatte einen unserer Gefährten zum Hinuntergleiten verlockt, die schwache, trügerische Schneekruste brach ein und warf ihn kopfüber den Hang hinunter. Nur seine Geistesgegenwart und Gewandtheit rettete ihn vor einem harten Zusammentreffen mit dem tieferliegenden Steingeröll. Ähnliches Überstürzen kam im Hinuntersteigen noch öfter vor, bald beim einen, bald beim andern, aber nie an so gefahrvoller Stelle. Mit einem schallenden Hallo wurde der oft in höchst komischer Stellung im Schnee Liegende zum raschen Aufstehen gereizt, das nicht immer sogleich gelang. Unser Rückzug glich einer eigentlichen Flucht, mit solcher Eile rannten wir den Hang hinunter, mit solcher Hast arbeiteten wir uns durch die Schneegwächten. Erst unten in Sartons hielten wir an zu kurzer Rast und an guter Quelle unsern Durst löschend. Ein letzter Blick ins Rheintal zeigte uns, dass der Nebel von Sargans aus sich wieder aufwärts in Bewegung setzte, um sein Lager der letzten Nacht wieder zu beziehen.
Etwas über 4 Uhr langten wir auf der Landstrasse wieder an, die wir morgens um 9 Uhr verlassen hatten, der Thermometer stand auf —6°R. Nach einer schwachen Stunde sassen wir warm im Gasthofe zu Churwalden; wir waren aber noch nicht völlig aufgetaut, als der Postwagen bereits angefahren kam, uns aufnahm und nach der rätischen Hauptstadt zurückführte.