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In theilweiser Beantwortung Ihrer geehrten, mir sehr willkommenen Depesche, für welche ich Ihnen meinen verbindlichsten Dank ausspreche, habe ich die Ehre Ihnen folgendes zu erwiedern:
In meiner confidentiellen Depesche von (Anfangs) Dez. 1870 schrieb ich Ihnen: «Was die Stimmung an massgebender Stelle in Berlin hinsichtlich einer möglichen Besetzung Savoyen’s Seitens der Schweiz in Folge des Wiener u. Pariser Vertrages betrifft, so kann ich aus neuerlichen Wahrnehmungen bestätigen, dass eine solche Besetzung hier gebilligt würde2.»
Ich allegirte damals keine speziellen Äusserungen der betreffenden Persönlichkeiten, weil ich solche Mittheilungen während der Session der Bundesversammlung, wo alle Aktenstüke auf den Kanzleitisch gelegt werden, sowohl mit Rüksicht auf die möglichen Missdeutungen in Bern, als auch mit Rüksicht auf die allgemeine Zeitlage u. die mir obliegende Diskretion nicht für angemessen hielt.
Jetzt, da Sie in Ihrer Depesche quasi den Wunsch äussern, über hierauf bezügliche unzweideutige Äusserungen Kenntniss zu erhalten, um in dieser Beziehung vollständig ins Klare zu kommen, so stehe ich in Folge einer mit Hr. v. Thile heute gepflogenen Unterhaltung nicht an, einige hierauf bezügliche Äusserungen des Hr. v. Thile selbst anzuführen, wobei ich bemerke, dass ich immerhin wünschen muss, dass über den Inhalt dieser rein persönlichen Unterhaltungen dorten das nöthige Stillschweigen bewahrt werde.
In einer Unterhaltung v. Anfangs Dezb. über die Kriegsbegebenheiten in Burgund äusserte ich meine Ansicht dahin, dass die Schweiz in den Fall kommen könnte, bei einer weiteren Verschiebung des Kriegstheaters nach Süden von ihrem Besetzungsrecht in Savoyen Gebrauch zu machen, worauf mir Hr. v. Thile erwiederte: «Faites, nous l’approuvons!» – Heute, die Situation Bourbaki’s besprechend, u. die fernen Kriegseventualitäten ins Auge fassend, erinnerte ich ihn an die angeführten Worte u. fragte ihn, ob er heute noch in der Lage sey, den
nämlichen Ausspruch zu thun. Er antwortete mir: «Jawohl, vollständig, u. zwar
nicht bloss für den Fall, dass sich der Krieg noch mehr nach dem Süden ziehe, sondern auch für jetzt sofort. Ihre Regierung steht zu uns in guten Beziehungen. Sie haben ein vertragsmässiges Recht der Besetzung, u. wenn ich Ihnen dieses sage, so brauche ich vorerst gar nicht in Versailles anzufragen.»
Sollte diese Versicherung etwas dazu beitragen können, herrschende Bedenken zu beseitigen, so wird die Zeit, eine Besetzung noch vollziehen zu können, voraussichtlich eine kurz zugemessene sein. Die in der Schweiz herrschenden politischen
Sympathien u. Antipathien verhindern nun vielleicht, einen wahrscheinlich nie wiederkehrenden Moment zur Wahrung unserer reellen nationalen Interessen u.
Rechte zu benutzen. Sympathien u. Antipathien wechseln aber mit allen politischen Zufälligkeiten, u. wenn morgen in Frankreich wieder das Kaiserreich restaurirt wird, so wechseln auch wieder unsere politische Empfindungen zur
Kriegsfrage; und wenn auch Frankreich Republik bliebe, so bliebe solches in der
Savoyerfrage doch unser Schuldner. Ob Frankreich Republik oder Monarchie,
unsere Rechte, Interessen u. Beschwerden hinsichtlich Savoyens werden durch
den Unterschied der Staatsform nicht berührt u. möge man nie sagen müssen, die
Schweizerischen Staatsmänner hätten die Interessen u. die Rechte ihres Landes
aus Sympathie für einen politischen Namen verscherzt, den sich ein fremdes Land vorübergehend beigelegt. Seit Jahrhunderten arbeitet die Schweiz schon an dieser
Savoyerfrage u. jetzt, wo sie einen Schritt vorwärts gebracht werden könnte, soll
sie wieder unwiederbringlich den Berg hinunter rollen!
Zur Ergänzung meiner heutigen Depesche dann kurz folgendes: Auf dem auswärtigen Amt wird zugegeben, dass Friedens- resp. Capitulationsunterhandlungen im Gange. Über Bedingungen verlautet noch nichts bestimmtes. Aus London
u. Brüssel jubeln die Imperialisten Restauration; die kaiserlichen berühmten
sey v. Brüssel nach Wilhelmshöhe ab. Überall die lachendste Zuversicht. Wie ich
Ihnen letzthin schon andeutete, erwahre es sich, dass Bismark die Vorlage seiner
Friedensvorschläge an die einzuberufenden, noch zu Recht bestehenden Kammern des Kaiserreichs durchsetzen wolle, es letztem überlassend, über Staatsform u. dynastische Frage zu entscheiden. Dagegen habe Gambetta in Lille Fortsetzung des Krieges auch nach dem Fall v. Paris proclamirt u. gedroht, die Regierungsdelegation v. Bordeaux würde die Einberufung dieser Kammer zu hindern
wissen etc. Vielerseits erwartet man für morgen die Nachricht der Capitulation v. Paris.
P. S. Zur Kaiserwürde hat Botschafter v. England bereits der Kaiserin gratulirt.
heute mit Hr. v. Thile hierüber u. sagte ihm, die Kaiserproklamation habe bei uns
einen guten Eindruk gemacht. Für eine weitere Kundgebung warten wir Circularnote ab, was er billigte.
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