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| Chrysostomus († 407) - Reden

Ueber das Almosen
Text
3.
Wer also diese Heiligen sind, und weßhalb er für sie ganz vorzüglich besorgt ist, Das habe ich nun genugsam erörtert. Jetzt aber ist zu untersuchen, warum er die Galater erwähnt. Warum sagt er nicht so: „Was die Sammlung für die Heiligen betrifft, machet es also: je am ersten Wochentage lege Jeder von euch bei sich zurück, aufsparend“ u. s. w.? Warum erinnert er nach den Worten: „Was die Sammlung für die Heiligen betrifft“, an die Galater, indem er fortfährt: „Wie ich angeordnet habe bei den Kirchen Galatiens, also machet es auch ihr“? Warum thut er Das, und warum erwähnt er nicht eine Stadt oder zwei oder drei Städte, sondern ein ganzes Volk? Damit die Angeredeten zum Geben williger, und damit die Belobung der Andern ihnen ein Sporn zur Nacheiferung wurde. Dann gibt er auch näher hin das Verfahren an, das er angeordnet hat. „Je am ersten Wochentage,“ sagt er, „lege ein Jeder von euch bei sich zurück, aufsparend, was ihn leicht ankömmt, damit nicht, wenn ich gekommen sein werde, erst dann Sammlungen veranstaltet werden.“ Also am ersten Wochentage — darunter versteht er den Sonntag. Warum bestimmt er gerade diesen Tag für die Sammlungen? Warum sagt er nicht: am zweiten oder am dritten Wochentag oder am Samstag? Nicht zufällig, nicht ohne Grund. Er wollte sich auch durch die Wahl des Tages ein Mittel schaffen, um die Geber willfähriger zu machen. Und es kommt wirklich bei allen Dingen viel darauf an, daß sie zur gelegenen Zeit geschehen. Aber ihr denkt vielleicht: was bietet denn der Sonntag, um Jemand zum Almosengeben willig zu machen? Dazu trägt schon die Enthaltung von aller Arbeit an diesem Tage bei und die fröhlichere Stimmung, die aus der Ruhe und Erholung [S. 248] hervorgeht, am allermeisten aber die Erinnerung, daß uns an diesem Tage zahllose Wohlthaten zu Theil geworden sind. Denn an diesem Tage ist der Tod zu nichte gemacht, der Fluch hinweggenommen, die Sünde getilgt, das Höllenthor zerschmettert, der Teufel gefesselt, der lange, lange Krieg beendigt, das Menschengeschlecht mit Gott versöhnt und zu der frühern oder vielmehr zu einer weit höhern Würde erhoben worden, und an diesem Tage hat die Sonne — o wunderbarer, staunenswerther Anblick! — einen unsterblich gewordenen Menschen gesehen. Das alles und Ähnliches will Paulus von uns beherzigt wissen; darum bestimmt er den Tag, darum unterstützt er seine Aufforderung durch die Wahl dieses Tages und ruft gleichsam einem Jeden zu: Bedenke doch, o Mensch, wie groß und zahlreich die Gnaden sind, die du an diesem Tage empfangen hast, wie groß das Verderben, dem du an diesem Tage bist entrissen worden; bedenke, was du früher gewesen, und was du darnach geworden bist. Wenn nun aber viele Leute ihren Geburtstag, viele gewesene Sklaven überdieß den Tag ihrer Freilassung mit besonderer Auszeichnung begehen, wenn Jene zur Verherrlichung des Tages Gastmähler veranstalten, Diese auch Geschenke vertheilen: dann müssen wir den Sonntag noch weit mehr ehren; denn diesen Tag kann man mit guten Grund den Geburtstag des ganzen Menschengeschlechtes nennen. Wir waren verloren und sind wieder gefunden, waren todt und sind zu neuem Leben erweckt, waren Feinde und sind versöhnt worden. Darum ziemt es sich auch, daß wir diesen Tag in wahrhaft christlicher Weise ehren, nicht durch Gastgelage und Weingenuß, nicht durch Trunkenheit und Tänze, sondern durch reichliche Spenden an unsere mittellosen Brüder. Indem ich Das sage, will ich nicht euer Lob, sondern, daß ihr darnach thut. Denn ihr müßt nicht glauben, daß jene Worte nur an die Korinther gerichtet waren; nein, sie gelten auch uns und Allen, die nach uns kommen werden. Thun wir denn auch, was Paulus angeordnet hat: Jeder lege des Sonntags Geld für Gott den Herrn zurück. Das macht [S. 249] euch zur Regel, zur unabänderlichen Gewohnheit; dann haben wir keine Ermahnung und Aneiferung mehr nothwendig; denn besser als mahnende Worte vermag eine durch die Zeit erstarkte Gewohnheit so ein gutes Werk zu Stande zu bringen. Wenn wir uns Das zum Gesetze machen, des Sonntags Etwas zur Unterstützung der Armen zurückzulegen, dann werden wir selbst in Zeiten großer Noth dieser Regel nicht untreu werden.
Nach den Worten: „Je am ersten Wochentage“ fährt Paulus fort: „lege Jeder von euch“ u. s. w. Nicht zu den Reichen allein rede ich, will er sagen, sondern auch zu den Armen; nicht zu den Freien allein, sondern auch zu den Knechten; nicht zu den Männern allein, sondern auch zu den Weibern; Keiner sei von dieser Abgabe frei, Keiner gehe dieses Gewinnes verlustig, Jeder ohne Ausnahme gebe seinen Beitrag. Denn auch die Armuth ist für die Entrichtung einer solchen Gabe kein Hinderniß.1 Wenn du noch so arm bist, ärmer bist du nicht als jene Wittwe, die sich ihrer ganzen Habe entäussert hat. Wenn du noch so dürftig bist, dürftiger bist du nicht als jenes sidonische Weib, das nur eine Hand voll Mehl besaß und trotzdem nicht zögerte, dem Propheten mitzutheilen.2 Diese Frau sah ihren Vorrath erschöpft, sah ihre Kinder rings umherstehen, sah die Hungersnoth hereinbrechen, — und gleichwohl hat sie den Propheten mit großer Bereitwilligkeit aufgenommen.
Warum sagt aber Paulus weiter: „Jeder lege bei sich zurück, aufsparend“? Weil Mancher sich vielleicht sehr geschämt hätte, mit einer geringen Gabe heranzukommen; darum sagt er: Verwahre, lege zurück, und wenn die vielen einzelnen Beiträge das Wenige zu einem Viel gemacht haben, dann tritt damit hervor! Und dann redet er hier nicht einfach von Sammeln, sondern von Aufsparen, eigent- [S. 250] ich von Ansammlung eines Schatzes.3 Daraus sollen wir lernen, daß dieser Beitrag ein Schatz, diese Auslage ein Gewinn ist. Ja, es ist sogar ein ganz unvergleichlich werthvoller Schatz. Denn ein Schatz von Erdengütern kann angefochten und vermindert werden und hat schon manchmal den Besitzer unglücklich gemacht; aber ganz anders verhält es sich mit dem Schatz im Himmel: der kann nie verbraucht, nie angefochten werden und gereicht Allen zum Heile, die ihn besitzen oder davon empfangen. Denn an diesem Schatze zehrt nicht die Länge der Zeit; er ist der Mißgunst nicht unterworfen, ist solchen feindlichen Angriffen überhaupt unerreichbar; und er bringt Denen, die ihn sammeln, unendlichen Segen.
1: Luk. 21, 2.
2: III. Kön. 17, 10.
3: Θησαυρίζων von θησαυρός, Schatzkammer oder Schatz. Die genauere Uebersetzung würde also etwa lauten: Jeder lege zurück, indem er zu einem Schatze anhäuft u. s. w. Der Einfachheit wegen ist (nach Reischl) θησαυρίζων durch „aufsparend“ wiedergegeben.