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|Traudl
Junge 1920 - 2002|
Bis zur letzten Stunde.
Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben. Unter Mitarbeit von Melissa Müller.
Artikel vom 16. September 2004,
letzte Ergänzung am 24. September 2004, nachdem der Schreibende den Film Der
Untergang gesehen hat.
Die Aufzeichnungen von Traudl Junge,
Hitlers Sekretärin, sind erneut aktuell, denn heute kommt der Film Der Untergang (2004)
über das Ende der Nazi-Diktatur ins Kino. Er beruht auf dem gleichnamigen Buch von Joachim
Fest, den Erinnerungen Als Arzt in Hitlers Reichskanzlei von Ernst
Schenck sowie den Erinnerungen Bis zur letzten Stunde von Traudl Junge.
Gertraud Humps wurde 1920 in München geboren. Ihr Vater war Bierbraumeister,
ihre Mutter eine Generalstochter. Von Ende 1942 bis April 1945 war Traudl eine von mehreren Privatsekretärinnen des "Führers".
Am 19. Juni 1943 heiratete sie Hans Hermann Junge
(1914-1944), Diener und Ordonnanz Adolf Hitlers.
Traudl Junge wohnte im Sekretärinnenbunker rund 100 Metern vom Führerbunker
in der "Wolfsschanze", als am 20. Juli 1944 das Attentat auf Hitler
verübt wurde. Ihr diktierte der Diktator rund ein Jahr später im Berliner
Bunker zuerst sein "politisches", anschliessend sein privates Testament in
die Schreibmaschine.
1947 niedergeschrieben, gebührt Melissa Müller das Verdienst, die
Aufzeichnungen der Sekretärin herausgebracht und mit einer biographischen
Einführung, kompetenten Fussnoten und einem gut dreissigseitigen Schlusswort
versehen zu haben.
Im letzten Teil des Buches, 2001 aufgezeichnet, erwähnt Traudl Junge (wie
übrigens auch im sehenswerten Interview-Film Im toten Winkel von
André Heller) die 1943 hingerichtete Sophie Scholl. An deren Münchner
Gedenktafel sei sie wohl schon oft vorbeigegangen, ohne sie zu bemerken, ehe
sie realisierte, dass Sophie in jenem Jahr hingerichtet wurde, in dem sie,
Traudl, ihr Leben bei Hitler erst so richtig begonnen habe. "Sophie
Scholl war ursprünglich ja auch ein BDM-Mädchen, ein Jahr Jünger als ich,
und sie hatte sehr wohl erkannt, dass sie es mit einem Verbrecherregime zu tun
hatte. Mit einem Mal kam mir die Entschuldigung abhanden." Solche Worte
der Selbstkritik haben viel zu viele Mitläufer nie gefunden, so Kurt Waldheim
und Leni Riefenstahl, wobei für letztere der Term "Mitläuferin"
ein Euphemismus darstellt, was natürlich nichts an ihrem Status als geniale
und innovative Filmemacherin ändert.
Bis zur letzten Stunde wartet nicht mit fundamentalen Neudeutungen
Hitlers auf, sondern zeigt das tägliche Lebens in nächster Umgebung des
"Führers", Hannah Arendts These von der "Banalität des
Bösen" bestätigend (Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein
Bericht von der Banalität des Bösen. Bestellen bei Amazon.de).
Bei den Essen und Abendunterhaltungen sei Hitler "den Damen gegenüber
ein sehr liebenswürdiger und freundlicher Gastgeber" gewesen. Zudem
zeigte er sich um die Tugend der jungen Sekretärin besorgt. Als er sie bei
Amtsantritt zu sich bat, dachte sie, sie müsse sich nun zum
Nationalsozialismus bekennen, Treue schwören und Geheimhaltung geloben.
Stattdessen äusserte der Diktator, da die vielen Männer in der
"Wolfsschanze" nur selten nach Hause kämen, solle sie ein bisschen
vorsichtig und zurückhaltend sein. Sie antwortete, dass er sich in dieser
Beziehung keine Sorgen machen müsse, für seinen Schutz jedoch dankbar sei.
Nicht viel später heiratete sie allerdings wie erwähnt Hitlers Diener und Ordonnanz Hans Hermann Junge,
was er peinlich war.
Anekdoten und Beobachtungen des Alltagsleben erlauben es dem Leser, sich eine
Idee von der Lebensweise des Führers und seiner nächsten Umgebung zu machen.
In dieser abgeschotteten Welt, in die kein Gerücht und keine andersartige
politische Meinung eindrang, fehlten Traudl Junge nach eigener Ansicht die
Vergleichsmöglichkeiten. Sie entwickelte keine kritische Distanz zu Hitler
und seinem Regime. Sie sass im windstillen Auge des Tornados, während
rundherum der Weltenbrand tobte.
Die Mär von den homophilen oder gar homosexuellen Neigungen, die ein
"Skandalbuch" vor einiger Zeit bei Hitler glaubte nachweisen zu
können, widerlegen Traudl Junges Beobachtungen, denn diese wären ihr über
die Jahre kaum verborgen geblieben. So stellt im Gegenteil fest, Hitler habe
"[...] die ausgeprägt weiblichen Formen den knabenhaften
vorgezogen."
Traudl Junge beschreibt einige Anekdoten zum Thema Hitler, der Nichtraucher
und Vegetarier, der sich mit diesen Lebensauffassungen bei seinen engen
Mitarbeitern nicht durchsetzen konnte und in diesem Zusammenhang auch nichts
diktatorisch verordnen konnte und wollte.
Neben all dem Alltäglichen und Belanglosen schlägt immer wieder das Ringen
um die eigene Haltung gegenüber Hitler und seinem Verbrecherregime durch. Die
Giftkapsel, die Hitler ihr höchstpersönlich als Abschiedsgeschenk vor seinem
Selbstmord überreicht hatte, hütete sie (bis sie dann doch verloren ging)
wie einen Schatz, doch die junge Frau wollte weiterleben. Es habe "des
ganzen, restlosen Zusammenbruchs, eines bitteren Endes und vieler tiefer
Enttäuschungen bedurft", bis sie, Traudl Junge, ihre "Klarheit und
Sicherheit" zurückgewonnen habe. Lebenslang wurde sie jedoch von
Schuldgefühlen und Depressionen verfolgt. Der Film von André Heller und die
Veröffentlichung ihrer Erinnerungen kurz vor ihrem Tod gaben ihr wohl das
Gefühl, endlich mit sich selbst ins Reine gekommen zu sein und einen Beitrag
zur Aufklärung geleistet zu haben.

Traudl Junge: Bis zur letzten Stunde.
Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben. Unter Mitarbeit von Melissa Müller.
Claasen Verlag, 2002, 272 S. Taschenbuchausgabe: List, 2003, bestellen bei Amazon.de
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Schweiz.
Joachim Fest: Der Untergang. Das Filmbuch. Rowohlt, 2004 TB, September
2003, 240 S. Bestellen bei Amazon.de
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Schweiz.
Der Film Der Untergang spielt weitgehend im Führerbunker in Berlin.
Aus der "Wolfsschanze" wird lediglich gezeigt, wie Hitler nach einem
Diktat Traudl Junge als Sekretärin anstellt. Dem Film fehlt es an
historischer Tiefenschärfe. Einige Szenen sind zu konstruiert und schwach.
Goebbels und seine Rolle bleiben blass, was vor allem am Drehbuch, aber auch
am Schauspieler liegt. Dennoch ist Der Untergang sehenswert. Hitler
wird nicht als Karikatur, sondern als Mensch dargestellt. Neben dem
überragenden Bruno Ganz als Hitler überzeugen Corinna Harfouch als Magda
Goebbels, Alexandra Maria Lara als Traudl Junge und Juliane Köhler als Eva
Braun. Heino Ferchs schauspielerische Leistung als Albert Speer ist ebenfalls
tadellos, doch die Rolle vom Drehbuch her zu positiv angelegt. Ulrich Noethen
ist trotz keiner verwechselnden Ähnlichkeit mit Himmler eine gute Wahl. Der
Film kommt erstaunlicherweise ohne Hauptfigur aus. Regisseur Oliver
Hirschbiegel gelingt es, ohne alles auf Hitler zu fokussieren, den Zuschauer
zweieinhalb Stunden lang zu fesseln.
André Heller: Im toten Winkel. Englischer Titel: Blind Spot.
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Traudl Junge erzählt André Heller ihr Leben als Hitlers Sekretärin. Sie
starb nach schwerer Krankheit wenige Stunden nach der Premiere von Im toten
Winkel an den Filmfestspielen Berlin 2002.