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Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
Wie so viele andere Nachlässe aus Londons jüngster Vergangenheit, etwa die befensterten roten Telefonkabinen aus Eisenguss, Strassenlaternen aller Art oder der ehemals allseits geschätzte „Routemaster“-Bus (siehe Blog vom 05.01.2005: Abschied vom Londoner Routemaster
), verschwinden jetzt nach und nach auch die ausschliesslich für Taxifahrer vorbehaltenen, grün gestrichenen Schuppen aus dem Londoner Strassenbild. Dort können Sie noch immer eine kurze Pause einschalten, eine Tasse Tee oder Kaffee (50 Pence die Tasse!) trinken und ein warmes oder kaltes Snack, wenn nicht gar ein „English breakfast“, für wenig Geld geniessen.
Diese Wohlfahrtsinitiative („The Cabman’s Shelter Fund“) verdanken die Fahrer der ebenso legendären schwarzen Londoner Taxis dem „Earl of Shaftesbury“. Zwischen 1874 und 1914 wurden 61 solche Imbissecken für sie eingerichtet. Davon sind heute nur noch 13 übrig geblieben.
Darunter ist eines beim „Thurloe Square“, unweit des „Victoria-&-Albert-Museums“, an dem ich in den 60er-Jahren auf dem Weg zur South Kensington Metro-Station täglich achtlos vorbeigegangen bin. Auch dieser Schuppen gleicht einem übergrossen, langgestreckten Gartenhäuschen, worin bis zu 12 Taxifahrer Platz finden. Zeitungen liegen dort für sie auf. Ist ihnen jetzt auch ein Rauchverbot auferlegt worden? Das Fluchverbot besteht nach wie vor.
Die Londoner Taxifahrer besonders, und die Taxifahrer ganz allgemein, schätze ich sehr. Dank ihnen bleibe ich über die Politik und sonstige aktuelle Ereignisse, insbesonders Skandale, informiert. Kein Medium kann diesen unverfälschten Meinungsspiegel ersetzen.
Einer der Taxifahrer, Fred Housego, hat 1980 den anspruchsvollen BBC TV-Quiz „Mastermind“ gewonnen. Das ist kein Wunder. Jeder Taxifahrer muss „The Knowledge“-Prüfung bestehen. Während 36 Monaten muss er büffeln, um den kürzesten Weg zu 25 000 Strassen aus dem Eff-Eff zu finden – innerhalb eines 6-Meilen-Radius‘ von „Charing Cross“ – mitsamt allen Hotels, Clubs,Theater und Spitäler. Das ist eine gewaltige Gedächtnisleistung. Er ist auf keine Navigationshilfe angewiesen.
Wie sieht es in einem „Cabman’s Shelter“ aus? Der englische Ausdruck „time warp“ sagt es am treffendsten: altmodisch – unverändert seit rund 130 Jahren. Zugegebenermassen haben Mikrowellenofen und Kühlschrank dort Eingang gefunden. Sonst aber ist es beim Alten geblieben: Auf den mit weisser Ölfarbe gestrichenen Gestellen sind „Ketchup“, „HP-Sauce“, eine klassische Auswahl von Senf und Würzsaucen aus den „57 varieties of Heinz“, Sarson’s brauner Malzessig und unfehlbar auch das „Marmite“ eng aneinander gedrängt. Damit kann jeder kulinarische Wunsch erfüllt werden. Auch eine grosse Dose von „baked beans“, worauf die Engländer besonders erpicht sind, gehört mit dazu. Auf einem der Schäfte sind Pappteller und Plastikbecher platzsparend hochgestapelt; auf einem anderen das vorgeschnittene Brot, Schinken- Speckstreifen, „bangers“ (Würste) – und natürlich auch Eier, die darauf warten, Spiegeleier zu werden im guten englischen Frühstück*. Dieses Frühstück wird ganztags serviert. Dazu braucht man einander nicht einmal „Guten Appetit“ zu wünschen …
Im kleinen Küchenabteil sorgt sich die Köchin, meistens eine ältere Dame, ums leibliche Wohl ihrer Stammgäste. Dahinter sind Sitzbänke an die Wände gerückt, von einem Klapptisch unterbrochen. Ein kleines Oberlichtfenster lässt den Küchendampf ins Freie. Wie es sich gehört, sind die 3 Fensterchen im engen Essabteil mit Gardinen gesäumt. Das heisse Wasser für den Tee und Kaffee wird von einem grossen, altmodischen, verchromten Blechkanister abgezapft. Die Speisekarte ist an die Wand geheftet, gleich unter der Wanduhr. Sie zeigt jetzt genau auf 10 Uhr. Ich muss mich sputen, denn viel länger als eine halbe Stunde darf niemand in diesem Idyll verweilen.
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Wer flüstert mir zu, wann der nächste „Cabman’s Shelter“ aufgehoben wird? Ich möchte ihn in meinen Garten verpflanzen und für die Nachwelt erhalten – und gleich daneben erst noch eine der alten Telefonkabinen, vielleicht zur Toilette umfunktioniert, aufstellen. Auf die Küche im „Cabman’s Shelter“ kann ich wohl verzichten, um Schreibfläche für meine Blogs zu gewinnen.
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*P.S. Ob im „Cabman’s Shelter“ wirklich ein „English breakfast“ serviert wird, weiss ich nicht. Wenn nicht, spielt das ja keine Rolle.
Hinweise auf weitere Blogs zum Leben in England