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Geologische Uebersieht der Windgällen-Tödigruppe
Von Albert Heim.
Es gibt Gebirge, die in ihrer Mitte aus krystallinischen Gesteinen, aus Urgebirge bestehen, um welches Tingsum vom Kerne nach aussen sanft abfallend die jüngeren oder die Schichtgesteine liegen. Diese Gebirge sind meist nicht so himmelhoch; ihre Form ist das Plateaugebirge. Beispiele dafür sind das skandinavische Gebirge, der Schwarzwald, das sächsische Erzgebirge. Eine andere Gruppe von Gebirgen bestehen nicht aus einer buckelartigen Erhebung der Erdkruste, sondern aus einer Menge von Falten, welche die Erdkruste bildet. Wenn wir solche Gebirge im grossen Ganzen überschauen, so erinnern sie uns in der Anordnung( ihrer Falten an die Falten, welche ein grosses Tuch wirft, wenn wir es seitlich zusammenschieben. Die einzelnen Falten tauchen auf und verschwinden nach längerem oder kürzerem Verlauf wieder, und neue erheben sich in ihrer direkten oder verschobenen Fortsetzung, und gewöhnlich laufen immer
Schweizer Alpenclub.25
mehrere, oft viele Falten parallel nebeneinander. Die Form der Faltengebirge ist das Kettengebirge, und die höchsten Gebirge zählen zu dieser Rubrik. Die Alpen sind ein solches Kettengebirge; jede einzelne Gruppe der Alpen können wir in ihrem Bau nur verstehen, wenn wir bedenken, dass sie nur ein einzelnes. Stück aus dem ganzen Faltensystem ist, das allein für sich, so wie es ist, nie hätte entstehen können; und umgekehrt können wir einen klaren Einblick in den ganzen Bau und die Entstehungsweise der Alpen nur dadurch erhalten, dass wir jede einzelne Falte genau nach ihrem Bau kennen lernen. Aber schon ohne geologische Reflexionen, schon der Bergwanderer,, der bloss des hohen reinen Genusses wegen in die Alpen steigt, muss zu diesem Schlüsse kommen: Denken wir uns, wir nähern uns von Norden oder von Süden* kommend den Alpen und ersteigen bei reinem Himmel einen ihrer Vorgipfel mit freier Aussicht. Da steht vor uns eine unzählige Masse von einzelnen Gräten und Kämmen und Spitzen, die alle hinter einander sich drängen. Wenn unser Standpunkt beherrschend genug ist, wird uns sergleieh auffallen, dass trotz; aller scheinbaren Selbstständigkeit, die ein einzelner Gipfel zeigt $ wenn wir ihn in der Nähe betrachten, doch alle diese Gipfel ein gewisses allgemeines. Niveau einnehmen.* ) Nennt man eine Gruppe der Alpen, so werden wir gleich sagen können, wie hoch höchstens dort die Gipfel sein können. Die Gipfel
* ) Vergl. Heim Panorama vom Sentis 1872; auch Panorama vom Mythen und Glärnisch zeigen das ( bleiche.
der inneren Kämme sind die höchsten, nach den äusseren Ketten zu nehmen die Höhen stufenweise ab. Warum ist es unmöglich, dass der Sentis 3000 Meter hoch sei, und warum kann kein Kulminationspunkt der inneren Alpenkämme sich mit etwa 1000 Metern begnügen? Wir sehen, es muss die Hebung der Alpen eine einheitliche gewesen sein. Die gleiche Ursache muss etwa zur gleichen Zeit den Sentis wie das Finsteraarhorn aufgethürmt haben. Die einzelnen Gebirgsgruppen, die wir unterscheiden mögen, sind nicht genetisch unabhängig von einander entstanden, das ist auch hier der Schluss, und wir können schon weitergehen und sagen, die hebende Kraft hatte hauptsächlich da ihren Sitz, wo die Erhebung die stärkste geworden ist, in den Centralkämmen.
Die Centralkämme der Alpen bestehen aus krystallinischen Felsarten. Ueber diesen sollten von Rechts wegen die versteinerungsftihrenden Schichten liegen. Sie haben wohl ursprünglich vor der Erhebung der Alpen eine zusammenhängende Decke über alles, was jetzt Alßengebiet ist, gebildet, sind aber vielfach zerrissen und von der Erosion aus den inneren Alpengebieten allmälig entfernt worden. Nur zwischen den einzelnen Centralmassen liegen noch muldenförmig eingeklemmt einzelne Fetzen von Sedimentgesteinen.
Die Gebirgsgruppe, die uns zur näheren Betrachtung vorliegt, ist die Windgällen-Tödi-Gruppe. Das aus krystallinischen Gesteinen bestehende Centralmassiv des Finsteraarhorns taucht unter dem Tödi nach Osten unter die Sedimentdecke. Die Windgällen-Tödi-Kette bildet den Band der Sedimentdecke. Weiter gegen das Innere der Alpen folgt keine Kette mehr, die zusammenhängend aus Sedimentgesteinen bestünde;
unsere Gruppe enthält den südlichsten Kalkalpenkamm, der im Kampf um 's Dasein, im Kampf gegen Zerreissung und Verwitterung noch bis heute mächtig Stand gehalten hat. Freilich auch er zeigt schon manche tiefe Wunde. Die Sedimentdecke, die Decke von geschichteten, versteinerungsführenden Schichten, die gegen die Höhe der krystallinischen Masse aufsteigt, hat einen ausgefetzten Rand und noch weiter drinnen mehrere Löcher. Zu den mächtigsten südlich reichenden Fetzen gehört der obere auf den Sandgrat und die Bifertenalp aufgesetzte mächtige Klotz des Tödi, dann der Stock Gron, Stock Pintga, Piz Urlaun, der Bifertenstock, Piz Frisai und in gewisser Beziehung die Brigelserhörner, westlich vom Tödi der Kleine Tödi, der Catscharauls ( 3063 und 3115 ) und ein ganz einzelnes losgetrenntes Fetzchen von Röthikalk endlich sitzt auf dem nördlichen Gipfel des Piz Cambrioles ( 3208 ) und zwei etwas weniger kleine ob dem Dorf Schlans. Umgekehrt sind Einbuchtungen oder Löcher in der Sedimentdecke der Grund des Sandgletschers, der Thalkessel der Bifertenalp und Untersandalp, der Limmernboden, der Frisalboden. Ueberall in diesen Löchern kommt die krystallinische Grundlage zum Vorschein. Die Schichten oder Schiefer derselben stehen steil, sie fallen mit etwa 70° bis 80° gegen Südosten ein. Siestehen also fast senkrecht zu den Schichtgesteinen, die Petrefacten führen. Dieser Umstand setzt die Alpengeologen von Fach selbst in Verlegenheit, und wir Alpenclubisten müssen uns einstweilen mit der Thatsache ohne Er- klärung begnügen.
Doch darf der sonderbare Umstand nicht unerwähnt bleiben, dass die kristallinischen Platten oben oft etwas bogenförmig unter die Sedimente hinuntergeknickt sind. Auch die Lagerungsverhältnisse des krystallinischen Gebirges lassen sich nach den Ansichten der einen Geologen als Falten auffassen und in solche auflösen; andere wollen ihre Zustimmung nicht geben. Solch problematischen Punkt lassen wir aus unserer kurzen Besprechung weg und werden nur- die Falten im Sedimentgestein, wo wir sie unmittelbar sehen können, betrachten.
Vorher müssen wir von der Beschaffenheit der Sedimentdecke selbst noch ein schematisches Bild uns entwerfen.
Sie besteht aus verschiedenen Lagen, den bekannten Sedimentformationen. Die einzelnen Lagen sind theils durch die Gesteinsbeschaffenheit, theils durch bestimmte Versteinerungen charakterisirt. Es ist nicht nöthig, dass an jedem Ort alle Formationen in allen ihren Unterabtheilungen sich vorfinden. Dazwischen können auf gewisse Erstreckungen einzelne Lagen, sogar eine ganze mächtige Formation fehlen. Auf frühere Arbeiten, die von andern in den Jahrbüchern des S.A.C. sich finden, kann ich zurückweisen und ohne viel Erläuterungen einfach in den Hauptstufen die hier in Betracht fallenden Formationen aufzählen. Sie sind, von unten nach oben vorschreitend; die folgenden:
1 ) Kohlenschiefer, schwarze Schiefer mit dünnen Bändern von Anthraeitkohle. " Sie streichen vom Ochsenstock unter dem Tödi durch bis unter den oberen Kopf des Stockgron; am mächtigsten sind sie im Vorder-Bifertengrätli.
Dann kommen sie, wenn auch schwach vertreten, wieder vor im « Furggeli » ( südlich der grossen Windgälle zwischen Stäfelgletscher und der oberen Eisengrube von Ober-Käseren ).
2 ) Röthikalk und Dolomit ( Triasformation der Westalpen ) etwa 200 Fuss mächtig. Diese Stufe hat ihren Namen von der Röthialp am Nordhang des Tödi, und die Röthialp den ihrigen von der gelbrothen, schon aus grösser Ferne auffallenden Farbe dieser festen Ealkbänke. Wo die Kohlenforanation fehlt, ist der Röthikalk nur durch für unsern Zweck kaum der Hervorhebung werthe Zwischenlagen vom krystallinischen Gestein getrennt. In der eigentlichen Tödigruppe umsäumt er, als meist unterste Sedimentlage, getreu den zackig zerrissenen Rand der Sedimentdecke und die Löcher in derselben. Steht man z.B. auf dem Ochsenstock, so kann man sehr schön rings herum an den wilden Abhängen den Verlauf dieses auffallenden Felsbandes sehen; aber selbst vom Gipfel des Pizzo Centrale aus kann sein Verlauf an den Westhängen des Tödi genau von freiem Auge bei einigermassen günstiger Beleuchtung verfolgt werden. Westlich von der grossen Firnmulde des Hüfigletschers fehlt der Röthikalk meist vollständig, nur in der Gegend von Erstfeld ist er wieder entwickelt.
3 ) Es folgt, was die Geologen Lias und braunen Jura nennen, zusammen etwa 500, manchmal aber auch blos 100 Fuss mächtig. Es treten hier uns wieder dunklere Farbentöne, entgegen, das Dunkelbraune ist vorherrschend. Dahin gehören nahezu schwarze Schiefer, dann ein Gestein, das zusammen- gesetzt ist aus lauter Trümmern von Seeigeln und Seelilien ( Eehinodermenbreccie ), dann wieder Lagen, die dicht erfüllt sind mit kleinen rundlichen, stark eisenhaltenden Körnern, Eisenoolith, in welchem oft sehr zahlreich und schön erhalten Meerthierversteinerungen sich finden ( besonders Belemniten, verschiedene Pecten, Limse und Austern ).
Stellenweise ist dieser Eisenoolith so stark eisenschüssig, dass man versucht hat ihn abzubauen. In der Alp Oberkäsern, südlich der beiden Windgällen, sind zwei Orubeîi angelegt und mit Energie eine'Zeit lang betrieben worden. Jetzt liegen sie verlassen. In den meisten Schutthalden unserer Gruppe liegen in Menge die in der Sonne so lebhaft flimmernden Eisenoolith-stücke. Der Eisenoolith ist vielerorts nur 1 oder 2 Fuss mächtig. Lias und brauner Jura ziehen sich liberall an den Wänden als dunkelbraunes Band über dem Röthikalk hin.
Es folgen nun als Uebergang zur folgenden Stufe dunkle bis hellgraue oder gelbe fleckige, oft glimmerige, dünnblätterige Kalkschiefer, ihr oberster Theil gehört ohne Zweifel schon zum weissen Jura.
4 ) Der weisse Jura oder Hochgebirgskalk ist ein dunkel- bis hellblau-grauer dichter Kalk. Unterabtheilungen können nicht überall unterschieden werden. Die Gesammtmächtigkeit ist sehr konstant etwa 1600 Fuss. Er enthält nur wenig Versteinerungen; in seinen oberen Theilen sind die einzig häufige in unserer Gebirgsgruppe Koralle ». Hie und da findet man auch etwa einen Amihaniten. Die mächtigen Wände, die der Tödi der schweizerischen Hochebene zukehrt, der Piz Urlaun, der Piz Frisalr die Hauptmasse des Selbsanft, die Wand des Vorderselbsanft vom Limmerntobel bis hart unter den Gipfel, die Hauptwände, die der Zutreibistock und seine Nachbarn der Untersandalp zukehren, die Spitz-älplistöcke, der ganze wilde und auf lange Strecken unzugängliche Grat vom kleinen Rüchen Über den grossen Rüchen und die grosse Windgälle, sie alle bestehen aus Hochgebirgskalk.
Unter ihnen ist die Nordwand des grossen Rüchen hervorzuheben als vielleicht die mächtigste Felswand der östlichen Schweizeralpen. Ohne irgendwelche Terrasse fällt sie fast 5000 Fuss ununterbrochen gegen das Brunnitobel abr dann nach einem Unterbruch durch eine schmale Terrasse nochmals einige hundert Fuss.
5Die Kreideformation, die in den äusseren. Alpenkämmen so mächtig entwickelt ist, ist in der Windgällen - Xödigruppe mager geblieben. An den Windgällen selbst fehlt sie ganz. Weiter nordöstlich bezeugt sie durch schöne, für sie charakteristische: Versteinerungen ( Thurmschnecken, Turriliten, Seeigel und Ammoniten ) ihre Anwesenheit; auf dem Hochplateau des Selbsanfts und am Kistenpass ebenso, aber ihre Mächtigkeit ist doch eine nur geringe, wenn 's hoch kommt 50 Fuss.. '.
6folgt die Eo c e n formation. Im ganzen wohl über 1500 Fuss mächtig. Sie ist die oberste Lage der Sedimentdecke der Alpen mit Meeresversteinerungen. Gegen Ende der Eocenzeit haben die inneren Theile der Alpen ohne Zweifel schon ein Festland gebildet.
Geologische üebersicht..395
Eocene Schichten mit Meerthierversteinerungen krönen den Bifertenstock, den Claridenstock, das Scheerhorn. " Was jetzt 10,000 Fuss. über dem Meerspiegel liegt, hat sich über denselben erst in der Mitteltertiärzeit gehoben. Die Haupthebung der Alpen geschah erst in der Spättertiärzeit, die nur noch durch die Eiszeit von der Gegenwart getrennt ist,« also in einer der letzten und kürzesten Perioden der Erdgeschichte überhaupt. Die Alpen sind ein junges Gebirge.
Der untere Theil der Eocenformation besteht aus Kalkbänken mit Nummuliten ( « Batzensteinen » ), jenen flachen runden, im Innern fein schneckenartig gewundenen Schalen von Meerbewohnern, die zu einer der einfachsten Gruppen von lebenden Wesen gehören — die meisten Wesen dieser Gruppe sind zu ^einfach, auch nur eine Haut zu besitzen. Ihre nächsten Verwandten leben gegenwärtig besonders tief am Grund der Oceane. Häufig kommen einige Meermusehein, besonders mächtige Austern, in den gleichen Schichten oder in darüber und dazwischen liegenden Bänken vor ( Gipfel des Selb sanft, Geissbützi-, Zutreibi- und Vorder - Spitzälplistoekes ). Ueber den Nummuliten-kalken, die meist rauh anwitternde braune dünnplat-tige Kalkbänke sind, folgen eocene Schiefer, die Vertreter der bekannten Tafelschiefer aus dem Sernfthal, nur ohne dass darin Fischabdrücke bis jetzt gefunden wären. Und der dritte Bestandtheil der Eocenformation ist ein zäher, dunkelgrüner, etwas fleckiger Quarzit-Sandstein ( Tavigliana^Sandstein ). In unserer Gruppe findet er sich nur westlich vom Claridenstock. Er bildet die Wand des Stäuberfalles bei 391Heim.
Aesch, dann die Sittliserhörner, den Rothgrat, Rinderstock und Schwarzstock ( nördlich der Windgällen ).
Die Eocenformation bildet den Hausstock in seinem Grundgestell und sendet über den Kistenpass und das JKistenstöckli ein Gratriff bis in den Bifertenstock. Sie nimmt dann die Hauptmasse nördlich des Altenoren-Windgällenkammes ein. Aus eocenem Gebirge bestehen die Gemsfayren, die Clariden, der Kammlistoek, das Scheerhorn grösstenteils.
Die krystallinischen Gesteine unserer Gruppe sind meist bâlbkrystallinische Schiefer ( Casatfna und Verrucano ), dann Gneisse, Glimmerschiefer, Hornblend-gneisse. Besondere Beachtung verdient das bekannte granitische Gestein vom Val Puntaiglas und dem Val Frisai, dann das schöne dioritische Gestein vom Piz Her 3070 und Metahorn 2861, und endlich der rothe, grüne und hellgraue Porphyr vom Gipfel der kleinen Windgälle und den Stöcken südlich der grossen Windgälle. Auf diesen kommen wir zurück.
Nun betrachten wir einmal die Faltenformen unserer Gruppe.
Da muss ich einen anderen Weg einschlagen, als den der Beschreibung in Worten allein. In der beigegebenen Tafel musste bildliche Darstellung zu Hülfe kommen.
Das Faltenschema unserer Gebirgsgruppe übersichtlich dargestellt ist mit der nördlichen Kette beginnend folgendes*
I. im Norden reicht in unsere Gruppe auf der Linie vom Kammstock über den Klausen zum Griesstock ein Stück jener weit ausgedehnteren, liegenden,
südlich übergelegten Falte hinein, die vom Walensee bis an die Surenen reicht und die grauen Hörner, den Kärpfstock und andere mit alten Gebilden ( Verru-eäno ) krönt, während ihr Grundgestell aus jungen Gebilden ( Eocen ) besteht. Dies ist, beiläufig gesagt, die mächtigste und am meisten in Staunen setzende Ge-birgsfalte, die bis jetzt auf der ganzen Erde überhaupt bekannt geworden ist.
I. Die gegen den krystallinischen Finsteraar-Centralmassivrücken naeh Süden aufsteigenden Sedimente sind nach Norden über sich selbst zurückgeschlagen, in dem westlichen Theil der Gruppe ( Windgällen-Scheerhorn ) in einer grossen, indem östlichen ( Scheerhorn - Pantenbrücke - Baumgartenalpen ) in mehre renkleineren Falten.
I. Die Sedimentschichten bilden im östlichen Theil unserer Gruppe ein schönes Gewölbe über der Nordhälfte des gegabelt untertauchenden Finsteraar-Centralmassivs. Viele quere Einschnitte in dasselbe machen es der Beobachtung schön zugänglich. Solche sind: Oberster Theil von.Val Rusein, Thal des Bifertengletschers, Limmernboden. Erhaltene Stücke des Sedimentgewölbes sind: Tödi und Selbsanft.
IV. Weiter südlich schmiegt sich an das Gewölbe eine diesem parallele sanfte Mulde an. Durch diese wird das Encte des Centralmassivs zweitheilig gemacht. Im Westen tritt sie zuerst im Stock Pintga ( zwischen Stöckgron und Piz Avat ) auf, bildet mit Juraformation aufgefüllt den Piz Urlaun, setzt sich durch Piz Frisai und Bifertenstock, in welch letzterem auch noch « ocene Schichten erhalten sind, unter den Kistenstock und Piz Dartjes fort.
V. Im Süden reicht in unsere Gruppe in dem Piz Dartjes und den Brigelserhörnern der westliche Ausläufer jener No. I symmetrisch ergänzenden, weit ausgedehnten, nördlich übergelegten Falte hinein, welche den Eingelkopf, die Sardonagruppe, den Vorab, den Hausstock etc. mit Yerrueano krönt, während ihre Nordgehänge aus Eocen bestehen. Zum Theil schon im Piz Dartjes, besonders aber in den Brigelserhörnern, löst sie sich in zwei bis vier kleinere Falten auf und hat in diesen ihr westliches Ende in noch näherer Untersuchung wartender Weise erreicht.
In den beigegebenen Profilen sind alle diese fünf Faltentheile mit den entsprechenden Nummern versehen. Die Profile sowie die kleine Karte der Windgällen sind im Massstab 1: 100,000. Höhen und Längen in den Profilen sind genau im gleichen Verhältniss konstruirt, und in einer Richtung: Nord bis 20 " gegen West, also senkrecht auf das Streichen der Ketten durch das Gebirge geschnitten gedacht. Die Grundlinien deuten die Höhe des Meeresniveau an; die linke ist die Südseite, die rechte die Nordseite. Die Profile folgen von West nach Ost in der Reihenfolge, in der sie nummerirt sind.
Fig. 1 bis und mit 7 führt uns immer wieder die gleiche grosse Falte II vor, die nach 7 hin allmälig sich etwas abwickelt und in den verschiedenen Profilen an der Oberfläche verschieden von der Yerwitterung und Erosion blosgelegt ist. So gibt ein Profil die Erklärung für das andere.
Geologische Uebersicht.397.
In Profil 1 durch den Gipfel der kleinen Windgälle gehend, sieht man die doppelte Reihenfolge der Schichten: erst normal, dann umgekehrt, und der Gipfel besteht aus einer Krone von Porphyr. Yon den Gehängen der Seewlialp aus ( Fig. 1, 2 u. 3, 3 ) kann man auf einem Nummulitenband. ( siehe die Karte der Windgällen ) ohne Unterbruch an der nach West gekehrten Wand rings um die kleine Windgälle herum zur Oberkäsernalp ( Fig. 2, 5 ) ob dem Golzerberg ( Fig. 2, 7 ) gelangen.
Jede liegende Falte hat zwei Biegungen in entgegengesetztem Sinn. In unserem Fall hat die untere erste Biegung ihre Convexität nach Süd, die obere oder zweite nach Kord gekehrt.
In-'Profil 1 sind beide Umbiegungen durch die Yerwitterung verschwunden. In 2 ( Profil durch die Mitte des Grates zwischen beiden Windgällen ) und 3 ( durch den Gipfel der grossen Windgälle ) liegt die erste noch in der Tiefe, und da sieht man bei 2, 5 und 3, 7 denn auch die Ecchinodermenbreccie unter das Krystallinische einfallen; die zweite ist für den Hjpchgebirgskalk eben blosgelegt.
In Fig. 4 ( Profil durch den westliehen Theil des grossen Rüchen ) ist die erste Biegung ganz unter der Oberfläche. Eine zweite kleinere Falte, die sich schon in 1, 2 und 3 vorbereitet hat, bildet in 4, 2 das Wyssstöckli. Naeh Osten sinkt diese sekundäre Falte wieder. Merkwürdig ist. nun, dass, während wie fast überall auch hier die krystaHiriiscfeen Schiefer, discordant zu den Sedimenten steil aufgerichtet sind, sie diesen parallel werden im zurückgekippten Theil der Falte;
die im Maderanerthal steil stehenden ( 80 ° Sttdfall ) krystallinischen Schiefer nehmen bei den Staffel-alpen allmälig eine geringere Steilheit an ( bis auf blos 15a Südfall sinkt sie in den sogenannten Alpnoverplatten ( Fig. 4, 5 ) am Fuss des grossen Rüchen ). Bevor man noch weiter nördlich steigend an die Sedimente gelangt, findet man sie diesen parallel wieder steil aufwärts geknickt.
Denken wir uns auf die Alpnoverplatten ( Fig. 4, 5 ). Sie sind in ununterbrochenem Zusammenhang mit den krystallinischen Massen der Tiefe des Maderanerthals. Nun gehen wir auf der Karte geradlinig dem Gipfel der kleinen Windgälle zu, so bleiben wir ununterbrochen an der Concavität der oberen Biegung, und ferner bleiben wir dadurch ununterbrochen auf Alp-noverplattengestein, stellenweise Deckung durch kleine Gletscher abgerechnet ( siehe Kärtchen ). Das Gestein finden wir bei diesem .westlichen Vorgehen allmälig dichter und durchscheinender, dann porphyrisch und es verliert die Schichtung, und endlich stehen wir auf den sogenannten Porphyrstöcken am Südfuss der grossen oder auf dem Gipfel der kleinen Windgälle. Der Windgällenporphyr gehört also jedenfalls in die krystallinischen Schiefer. Ob er ein Eruptivgestein in denselben oder blos petrographisch eine Varietät derselben sei, darüber hab'ich noch keine sicheren Anhaltspunkte. Nirgends durchbricht der Windgällenporphyr die Sedimente, sondern verdankt es unserer grossen Falte, dass er über jurassischen und sogar über eocenen Sedimenten thront. Er zeigt aus der Ferne gesehen Stockformen, weil er nicht horizontal abschiefert, wie die Alpnoverplatten, son^ dem in scharfkantige, von ebenen Flächen begrenzte rauhe Blöcke zerklüftet ist.
Sehr vielfach, besonders schön aber z.B. nahe der Mitte des Grates zwischen beiden WindgäUen ( am Rothhorn ), der von den For« mationsgrenzen schief geschnitten wird, ist der Contrast zwischen Porphyr und Unterjura zu beobachten. Der versteinerungsreiche Eisenoolith, der hier unmittelbar an den Porphyr gränzt, enthält eingeschlossen eine Menge bis 2 Fuss grösser runder Gerolle von " Windgällenporphyr — ein unwiderleglicher Beweis dafür, dass in jedem Fall dieser Porphyr älter als der braune Jura sein muss ( das eingeschlossene Bruchstück muss ja immer älter als das umhüllende Gestein sein ) und somit kann er mit der Hebung der Alpen nichts zu schaffen gehabt haben, diese sind ja erst spättertiär aufgethürmt worden, er könnte höchstens einem älteren Gebirge an gleicher Stelle ursprünglich ange
Der obere Theil des Mäderanerthales, und beson* dèrs die untere Hälfte des Hûfigletscherthales schneiden, sich schief in die untere Biegung der Falte II ein, und entblössen dadurch dieselbe sehr schön. Profil f » ist an einer Stelle durchgezogen, wo die untere Bie~ gung des Jura ganz in die Thalweite fiele. Da ( Fig. & unter 4 ) treten aber in dünner Bank genau wie ob der Käserehalp ( nahe Fig. 2, 5 und 3, 7 ) auf eine gewisse Strecke die Nummuliten an die Aussenfläche des Gebirges. Ist der Gletscher nicht allzu zerrissen,
so kann man sie über denselben erreichen. In ihrem Längsverlauf sinkt unsere Falte II von West nach Ost: unter der kleinen Windgälle durch gehen die ÎTummuliten in etwa 2300 Meter Höhe, hier am Httfi-gletseher stehen sie nur bei etwa 1700 Meter. Die untere Jiiegung der Schichten des weissen Jura kann man vom Gletscher aus unmittelbar neben dem grossteil der Gletscherstürze sehr schön entblösst sehen an der nördlich in den Hüfigletscher vorspringenden Ecke kurz ob der Hüfialp. Die obere Biegung aller Juraschichten sieht man von der Hüfialp aus besonders schön an der gegenüberliegenden Schwärze. Das sind fast Profilansichten, weil das Gletscherthal schief zum Streichen des Gebirges geht. Jeden Nichtgeologen, der über die Hüfialp schreitet, wird die enorme durch 4ie verschiedenen Farben der daran betheiligten Gesteine so auffallend in die Augen springende Biegung an, der « Schwärze » staunen machen.
In der Umgebung des unteren Hüfigletschers fängt. unsere Falte II an, sich mehr und mehr abzuwickeln; sie greift nicht mehr so weit nach Norden über {Fig. 6 und ,7 ). In einer Menge von kleinen Schluchten im Kesselgebiet der Sandalp kann man sehenr dass sie unter dem Hüfigletscher sich in eine Keihe kleinerer Falten aufgelöst hat. Da wo das Linththal {in der Gegend der Pantenbrücke ) den Windgällen-Glariden-Kamm durchschneidet, sind diese Fältchen am schönsten entblösst ( Altenoren ). Jenseits setzen * sie sich an den Gehängen der Baumgartenalpen ( Fig. 10, 2—6 ) weiter gegen Osten fort,-wie weit, das freilich können wir nicht sagen, denn nun reicht weiter « stlich keine Entblössung mehr bis auf den Grund der Eocenformation hinab.
Die kleinen Falten bewirken natürlich eine Vervielfachung der Mächtigkeit der Schichten. Der Hochgebirgskalk, der gewöhnlich nur 460 Meter dick ist, bildet unter dem Vorder-Spitzälpli eine fast 850 Meter hohe, am Vorder-Selbsanft sogar eine gegen 1800 M. hohe Wand. Im Limmerntobel können wir direct sehen, wie die 3 bis 4 Falten diese abnorme Mächtigkeit erzeugen.
Der Erwähnung werth ist noch, dass einzelne tiefe Spalten die Juraschichten da durchsetzen, wo sie zur ersten und schärferen Biegung im westlichen Theil der Falte II gekrümmt sind. In solche Spalten verschwinden brausend ( südöstlich der grossen Wihdgälle auf dem Ortliboden ) einige Bäche des kleinen Stäfelgletschers, und umgekehrt treten in Gestalt von starken Wasserfällen an den Wänden unter der Schwärze und ^uch gegenüber Quellen hervor.
Das Aufsteigende im weissen Jura der oberen Falte bildet den gewaltigen, schwindeligen, vielfach unzugänglichen Rüchen - Grosswindgällen - Kamm. In ihm stehen die Schichten senkrecht oder neigen sich schon zu steilem Nordfall, Die normale nach dar oberen Biegung wieder südliche flache Fortsetzung des Jura, wie sie wohl über der ganzen Centralmasse des Finsteraar horns vor der Alpenerhebung gelegen hat, ist überall östlich des Scheerhorns wieder zerstört. Ein " Stück davon haben wir noch im Bocktschingel ( Fig. 7, 5 ), dann ( als III ) westlich im Catscharauls, vor allem aber im Tödi, im Selbsanft etc. Da freilich ist 's keine
Schweizer Alpenclub.26 Heim.
Kunst mehr, denn die Falte ist hier schon zu mehreren Fältchen aufgelöst und das krystallinische be-seheidet sich mehr in tieferer Kegion.
Am vollständigsten erhalten, und daher auch der Beobachtung am schlechtesten zugänglich ist unsere Falte unter dem Scheerhorn. Am meisten entblösst und angegriffen ist sie an beiden Windgällen, und dort auch ist mir zuerst Licht über diesen Gebirgskamm aufgegangen.
Die Falten III und IV sind so einfach, dass sie keiner weiteren Erläuterung bedürfen. Wer ein Bild sehen will, das ihm den Zusammenhang zwischen dem. malerischen Theil des Gebirges und seiner geologischen Zusammensetzung recht schön und schlagend vor Augen führt, der besuche den Limmernboden. Zu beiden Seiten zieht sich in hochgeschwungenem, mathematisch regelmässigem Bogen die hellgelbrothe Wand des-Röthikalk hin, und in einer Menge silberweisser Fäden hängen die Wässerfälle an den Gewölbebogen zu beiden Seiten. Im Hintergrund, wo beide Gewölbe sich senken und verbinden, ragt der Limmerngletscher heraus. Auf dem Röthikalkgewölbe liegen hohe dunkle Wände,, wie dieser gewölbt, aber unten, das Gewölbe stützend, stehen die kristallinischen Schiefer aufrecht gestellt und der Boden dieses herrlichen Domes ist flach.
Die Falte V bringt es hervor, dass wenn man vom Limmernboden ( 10, 7 ) über die Wände hinauf zum Pi^ Dartjes ( 10, 10 ) klettert, man alle Gesteine erst in normaler, dann in umgekehrter Lagerung antrifft. Unten am Limmernboden liegt Verrucano, höher folgt Röthikalk, Lias, brauner Jura, Hochgebirgskalk, etwas Kreide, Eôcen.
Die Nummuliten finden wir noch hart am Fusse des Piz Dartjes, darüber folgen jurassische Kalke, Röthikalk und auf dem Gipfel wieder Verrucano. Jedem, der den Piz Dartjes sieht, fällt seine sonderbare Kappe auf und diese ist Verrucano. Die verschiedenen Farben all' dieser Gesteine machen das Ganze sehr auffallend. Hierüber, sowie über den zertheilten Theil der Falte V in den Brigelserhörnern hat mein verehrter Lehrer und Vorgänger Herr Prof. Theobald in dem Jahresbericht der naturforschenden Gesellschaft Graubündens von 1868 und 1869 zwei Arbeiten publicirt. Noch heute liegt das Verhalten der Brigelserhörnerfalten am Westende der Brigelserhörner im Dunkeln und muss noch auf Aufklärung warten.
Die Falte I endlich gehört wie V nur zum geringsten Theile unserer Gruppe an. Die Verbindung des Griesstockes ( Fig. 7, 3 und 6, 2 ) mit derselben mag in Profil 7 ziemlich gewagt erscheinen, indessen weiter östlich am Klausen kann man den directen Zusammenhang des Hochgebirgskalkes am Griesstock mit demjenigen unter den Schächenthaler WindgäÜen unmittelbar sehen. Aehnlich wie das Schächenthal ( Fig. 7, 2 ) ist der Urnerboden in diese Falte I ein1 geschnitten, und am Kammerstock zieht sich eine Bank weisser^Jura dem Griesstock entsprechend bis nahe zu dessen Gipfel. " Weiter auf die Falte I eintreten und ihr ganzes Wesen in 's Auge fassen, Messe eine Stratigraphie des ganzen Gebietes zwischen Walensee und Rhein schreiben..
Das sind so kurz als möglich gefasst die Erläuterungen, die mit Httlfe einer Karte und cler beigegebenen Tafel ein Bild von der geologischen Zusammensetzung dei* Windgällen-Tödi-Gruppe geben können.
Soll das geologische Bild einer solchen Hochgebirgs-masse sich der Vollständigkeit nähern, so gehören noch einige Worte hin über die Bildungen der Gegenwart. Hier haben wir in erster Linie Schnee und Eis.
Auch hier in der Tödigruppe hat sich sehr stark das allgemeine Schwinden von Firn^ und Gletscher im letzten Jahrzehnt geltend gemacht. 200 bis 600 Fuss entfernt vom unteren Ende der jetzigen Gletscher finden sich Endmoränen, die vor noch nicht einem Jahrzehnt vom Gletscher verlassen worden sind. Einige Beispiele:
Der kleine Gletscher am Kistenpass bildete früher regelmässig an bestimmter Stelle eine weite Spalte, und nie ging man vom Linththal weg dem Kistenpass zu, ohne dass man « vor ein grosse Chlagg » gewarnt wurde. Jetzt ist der Gletscher so klein, dass der « grosse Chlagg > nie mehr gefahrdrohend ist.
Der Limmerngletscher reicht nach Ansichten aus dem Anfang der Vierzigerjahre, und nach dem eidgenössischen Atlas über die Böthikalkwand herunter bis auf den Limmernboden, wo die Höhe seines Endes zu 1843 Meter gemessen worden ist. Jetzt ist er etwa 1 Kilometer weiter zurückgewichen und reicht nur noch bis an den oberen Rand der Felswand im Hintergrund des Limmei'nbodens, bis in etwa 2100 M. Abgesehen von einer verlassenen Endmoräne des Bifertengletschers aus den Jahren 1818-— 20 reichte derselbe 186S noch fast bis zu dem Punkt 1606 M. der Karten.
Der ganze Theil unterhalb seinem unteren Sturz ist jetzt ( Sommer 1871 ) nur noch stückweise unter Trümmern erhalten, und aus der Mitte des Sturzes selbst treten ( über 1800 Meter ) Felsen zwischen dem Eis zu Tage. Fbenso tritt seit 1868 am Fuss des Bündnertödi die Röthikalkwand aus dem Bifertea-gletscher hervor, während 1865 sie noch ganz von demselben verdeckt war.
Der Geissbützifirn ( zwischen Vorder-Spitzälplistock und Geissbützistock ) reicht jetzt um eine ganze Terrasse weniger tief in 's Thal herunter, als zur Zeit der Aufnahmen dieser Gegenden für die eidgenössische Karte. Ebenso ist der kleine regenerirte Gletscher, den die Karten unmittelbar unter, dem Spitzälplifirn und durch diesen entstanden angeben, seit 1865 verschwunden.
Der Sandfirn zeigte noch 1868 nahe an seinem Ende einen steilen Absturz ganz aus Eis gebildet. Im Spätsommer 1871 waren die Felsen des Thalgrundes yielfach durch Unterbrechungen in der mehr und mehr schwindenden Eiskruste sichtbar.
Zur Zeit der Kartenaufnajime war der Catscharauls auf seiner Nordseite gänzlich mit Firnmantel umhüllt, jetzt sind grosse Partien des Gehänges kahler Fels.
Der Arm, den der Tschingelgletscher ( südlich des Düssistockes ) gegen die Waltersfirnalp hinunter sandte, ist seit etwa 5 Jahren auf ein unbedeutendes Maass zusammengeschwunden.
Das untere Ende des Brunnigletschers \yar vor etwa 6 Jahren noch so aufgeschwollen und von so steilem Abfall, dass unmittelbar am Ende nicht über dasselbe hinaufzukommen war. Jetzt steht der Gletscher etwa 400 Fuss hinter seiner Moräne aus den Fünfzigerjahren; der Bach entströmt dem Glescher nicht mehr wie damals an der linken Thalseite, sondern ziemlich in der Mitte, und ohne Fussèisen und Beil kann man jetzt an jeder Stelle über das Gletscherende mühelos emporsteigen.
Die kleinen Gletscher zweiter Ordnung im Hintergrund auf der rechten Seite des Maderanerthals ( Hälsifirn, Tschingelgletscher ) sind nicht mehr 2/3'so gross, wie der eidgenössische Atlas oder die erste Clubkarte sie angeben, wie dies für frühere Zeiten nach den Angaben der besten Führer des Maderanerthales richtig gewesen sein soll.
Der Griesstoek hat sich im Jahr 1871 fast ganz in seinem oberen Theile von Schnee entblösst.
Der Hüfigletscher selbst, als der grösste, hat natürlich auf dieses warme Jahrzehnt nicht gar so lebhaft und schnell reagirt, wie die kleineren Gletscher, indessen ist doch tiberall seine Oberfläche, seit einigen Jahren stark gesunken. Auf dem Weg in 's Maderaner-tüal bei Griessern hat man zum Theil noch in den Fünfzigerjahren den Gletscher sehen können, jetzt sieht man ihn auf dem gewöhnlichen Wege nicht mehr, bis man in unmittelbarer Nähe ist.
An den unteren Enden dieser Gletscher sind denn auch die schönsten Gletscherschliffflächen fast überall zu Tage getreten, und diese Wirkung der Gletscher kann jetzt schön und leicht studirt werden.
Ausser den jetzt verlassenen Endmoränen dieses Jahrhunderts weist unsere Gebirgsgruppe noch eine Menge schöner Moränen aus vergangenen Jahrhunderten und aus vorgeschichtlichen Zeiten auf. Zu den schönsten gehören:
Viele erratische Blöcke auf dem « Aueli ». Eine schöne Endmoräne quer durch den Sandbach nahe dessen Zusammenfluss mit dem Bifertenbach. Eine Moräne hei den Hütten der Alp Eusein, Eine Doppelmoräne bei der Hütte der Alp Cavrein. Eine solche bei Urnerboden Kapel. Mächtige Schutthalden, die sich oft in erschreckender Weise vergrössern, andere, über welche die Vegetation siegreich wieder von unten und von den Seiten vordringt; wilde Erosionsschluchten etc. zeigt unsere Gebirgsgruppe ihren Höhen und ihrer Wildheit entsprechend in oft sehr ausgezeichneter Weise. Besonderer Erwähnung dürften werth sein: Die bekannte Erosionsschlucht der Linth, über welche die Pantenbrücke führt, dann die nur selten zugängliche unvergleichlich wilde Schlucht des Limmernbaehes und etwa die Schlucht des Kärstelenbaches bei Bristen, dann die prächtigen runden Erosionskessel, die in den festen Fels der Ausfluss des Hüfigletschers nahe dessen Ende früher gehöhlt hat. Dieses merkwürdige Bachbett ist jetzt verlassen, der Fluss tritt jetzt tiefer im Thalgrund und etwas südlicher aus. Der Steinthalstock ( zwischen Brunnigletscher und Maderanerthal ) hat besonders ausgezeichnete Lauincnzüge;, sie bleiben.
freilich hinter denjenigen des Bristenstockes, die " viel-1 leicht zu den mächtigsten der Alpen gehören, noch weit zurück.
Trotz des Rückzuges der Gletscher sind auch im letzten Jahrzehnt einige der Alpen unserer Gebirgsgruppe mehr und mehr verwildert, so besonders die Limmernalp durch Ueberhandnahme jener Alchemilla mit den auf der Unterseite silberglänzenden und bis auf den Grund gespaltenen Blättern, welche vom Vieh nur in Folge starken Hungers gefressen wird und dann schädlich wirkt.Andere stehen sehr gut.
Die Lage der Schichten, die Gesteinsarten « tc beeinflussen die Formen, welche die Verwitterung allmälig den Stöcken, Gräten und Hörnern der Gebirge und den Abhängen, Thälern und Schluchten gibt. Es wäre somit auch Geologie, wenn ich die Formen der Gipfel und der Thäler, überhaupt das Relief der Tödi-Windgällen-Gruppe beschreiben würde, wenn ich das System der Gewässer mit all seinen vielen und herrlichen Wasserquellen darzustellen versuchte. Aber diese Arbeit könnte nur Befriedigung und Nutzen bringen, wenn sie durch eine grosse Zahl von Darstellungen aller Art, durch Ansichten, Karten, Reliefs könnte unterstützt werden. Jeder Alpenclubist hat die Karte und hat ein Auge, das er durch Gläser noch schärfen kann, und so will ich denn jeden diesen Theil der geologischen Beschreibung für sich selbst machen lassen. Wer Gelegenheit hat, sich diese Mühe zu nehmen, der wird aus einer Menge von Formverhältnissen der Bergstöcke die Lagerungsverhältnisse, die ich so gut es-ging vorzuführen versuchte, in ihrer Wirkung neben derjenigen der Verwitterung erkennen.
Schon aus der Karte allein sieht man ja so manches. Nur ein Beispiel: Wem würde nicht bei einem Blick auf Blatt XIV der Dufourkarte auffallen, dass die Thäler der Nordseite des Oberalpstock-Calanda-Kammes viel tiefer eingeschnitten sind als diejenigen auf der Südseite und gar südlich vom Vorderrhein. Dort sind die Gehänge terrassenförmig; saftiges Grasband wechselt mit kahler Felswand; wir sind im Kalkgebirge. Hier ist das Gefälle der Gehänge ein mehr gleich-massiges, diese sind vom Thal bis zum Gipfel bewachsen; wir sind im krystallinischen und Schiefergebirge.
Je vollkommener eine Karte ist, desto mehr Geologie können wir aus derselben herauslesen.
Die Bergfahrten, die der Alpengeologe machen muss, um das Gebirge verstehen zu lernen, um gewissermassen in einem Blick im Geiste nicht nur die Oberfläche, sondern auch den inneren Verlauf der Felsschichten übersehen zu können, und sich nicht mehr von der Grosse der zunächst vor ihm liegenden Einzelerscheinungen überwältigen und täuschen zu lassen, sind freilich oft sehr verschiedener Natur von denen, die ein kühner Bergsteiger nach einer einzelnen hoch ragenden Spitze oder über einen wilden Pass macht. Es wird z.B. leicht der Fall sein, dass der beste Kenner einer Gebirgsgruppe auf deren allerhöchstem von Bergsteigern nicht selten besuchtem Gipfel nie gewesen ist und nie getrachtet hat, hinauf zu kommen.
Dafür hat er aber manchen wilden Abhang, manchen schwindeligen Grat erklettert, ist manchem Felsband nachgegangen und in hundert Schluchten und Winkel hinaufgedrungen, die noch nie eines Menschen Fuss betreten hat. Und wenn demjenigen, der eine weite Aussicht gemessen will, die Nebelballen an den Bergen zu dicht sind und er zweifelnd den Kopf schüttelt, so ist dem Geologen das Wetter zu mancher Untersuchung noch lange gut genug. Sein Weg ist nicht der kürzeste und beste; er muss immer beobachtend links und rechts abgehen und braucht mehr Zeit als andere. Entweder kommt er erst bei dunkler Nacht in 's Thal oder er übernachtet in den oberen Alpen bei einem Schäfer oder auch irgendwo ganz im Freien zwischen Felsblöcken, und es kann Tage und sogar Wochen gehen, bis er, in seiner Erscheinung halb ein Wilder geworden, wieder in 's Thal, in die Dörfer kommt. Mancher schwer auf die Schultern und den Rücken drückende Fund muss mitgenommen werden. Für die beliebten « Flaschen » mancher Alpensteiger und den daran haftenden unerschöpflichen Born von sogenannter « Poesie », und für noch manch andere Weitläufigkeiten, von denen gar Viele nicht zu ahnen im Stande sind, dass man sie auch entbehren könne, ist im Tornister des Geologen kein Baum mehr, und er ist nicht der Mann dazu, mit solcher « Poesie » Führer zu belasten, auch wenn er Führer mit sich hätte.
„ Das ist des Stromes Mutterhaus,
Ich trink'ihn frisch vom Stein " heraus "
ist seine Trinkpoesie, fetter Käs, etwas Brot und in den Alpen Milch seine Nahrung.
" Wenn aber nach Mitternacht am wolkenlosen Himmel die Sterne flimmern und im Osten der erste grünliche Schimmer erscheint, dann ergreift ihn unendliche Lust nach der Höhe. Immer hat er darnach gestrebt, im Geiste sich höher und höher zu heben, um den Zusammenhang aller seiner Einzelbeobachtungen zu übersehen, und nun, ^da er alles aus der Nähe genau kennt, so versteht und überschaut er diesmal das herrliche Bild, das zu seinen Fussen liegt. Auch hier ist keine geistverwirrende willkürliche Durcheinander-würflung, auch hier ist Gesetz und Ordnung, nur sind sie, wie in den Vorgängen des Menschenlebens, oft verborgen, ihr Zusammenhang verdeckt; aber wir müssen überall erst die Einzelerscheinungen genau beobachten, und dann uns, im Geiste, wo wir es nicht mit dem Körperauge thun können, hoch emporschwingen, um das Allgemeine im Einzelnen erkennen zu können. Nur das Allgemeine befriedigt den strebenden Menschengeist; im täglichen Leben sucht er meist unbewusst darnach, in der Wissenschaft bewusst, und so oft er wieder in einer Zahl Einzelerscheinungen den allgemeinen Gedanken gefunden hat, der sie bindet, so darf eine Welle heiliger Freude seine Brust durchdringen, und hoch jauchzt er auf, und wird das stolze Glück nimmer satt — das Glück, von der Höhe aus zu überschauen.
Erklärung der Tafel.
Fig.
1.
Profil durch den Gipfel der kleinen Windgälle:
1.
Hohe Faulen.
2.
Rinderstock.
3.
Seewelialp.
4.
Kleine Windgälle ( Gipfel ).
5.
Maderanertbal.
Fig.
2.
Profil durch den Grat zwischen beiden Windgällen:
1.
Hohe Faulen.
2.
Rothgrat.
3.
Seewelialp.
4.
Mitte des Grates zwischen beiden Windgällen.
5.
Gegend der Oberkäserenalp.
6.
Obere Eisengrube von Käseren.
7.
Golzerberg.
Fig.
3.
Profil durch den Gipfel der grossen Windgälle:
1.
Griesthal.
2.
Schwarzstock.
3.
Seewelifurke.
4.
Gipfel der grossen Windgälle.
5.
Küssli ( Porphyrstock ).
6.
Furggeli.
7.
Gegend von Bernetsmatt.
Fig.
4.
Profil durch den westlichen Theil des grösser
Rüchen:
1.
Sittliseralp.
2.
Wyssstöckli.
3.
Firrenband.
4.
Gross-Ruchen.
5.
Alpnoverplatten.
6.
Mäderanerthal bei Gufferen.
Fig. 5.Profil durch den Tschingelgletscher:
1.Oher-Lammerhach ( Wespenstock ).
2.Westlicher Flügel des Klein-Ruchen. 2 his 3. Tschingelgletscher.
3.Alpnoverstock.
4.Schwärze..
5.Htifigletscher.
Fig. 6.Profil vom Griesstock durch die Hüfiegg:
1.Terrasse der Oberalp.
2.Griesstock.
3.Ostflügel des Klein-Euchen.
4.Kalkschyn ( Tschingelstock ).
5.Hüfigletscher.
6.Hüfiegg.
7.Düssistock.
Fig. 7.Profil durch 's Scheerhorn und Schächenthal:
1.Schächenthaler Windgälle.
2.Schächenthal zwischen Aesch und Unterschächen.
3.Griesstock.
4. Scheerhorn.
5.Bocktschingel.
6.Hüfigletscher.
, 7. Piz Cambriales.
Fig. 8.Profil durch den Tödi.
1.Gehänge des Urnerboden.
2.Teufelsstock.
v 3. Vorder-Spitzälplistock.
4.Oberhalb der Obersandalp.
5.Tödi.
6.Firnmulde des Bifertengletschers.
7.Piz Urlaun.
8.Piz Ner.
Fig. 9. Profil vom Gemsfayrenstoek zu den Brigelserhörnern mit Hintergrundansicht gegen Westen:
1.Gemsfayrenstoek.
2.Zutreibistock.
3.Catseharauls.
4.Sandgrat.
5.Klein-Tödi.
6.Unter-Sandalp.
7.Ober-Sandalp.
8.Ochsenstock und Yorder-ßifertengrätU.
9.Bifertengletseher.
10.Tödi.
11.Hinter-Bifertengrätli.
12.Piz Urlaungrat.
13.Bifertenstock.
14.Piz Prisai.
15.Val Frisai und Barcun Puntaiglas.
16.Brigelser- ( Tumbif- ) Hörner.
17.Schlans.
18.Vorderrhein.
Fig. " 10. Profil durch die Baumgartenalpen:
1.Thierfehd.
2.TJnter-Baumgartenalp. 4. Ober-Baumgartenalp.
6.Nüscheneck.
7.Limmernboden.
8.Selbsanft ( westlich vom Profil ).
9.Kistenstöckli.
. 10. Piz Dartjes ( östlich vom Profil ).
Um nicht die Klarheit gänzlich stören zu müssen, konnten keine Namen oder Nummern dem kleinen Kärtchen der Windgällen ( Fig. 11 ) beigegeben werden. Der Leser, der ohne Zweifel die Dufourkarte besitzt, vergleiche, um sich zu orientiren, mit dieser.