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Rezension | Tides
arttv Rezension: Die Hölle auf Erden
Katastrophen gehören zur (Film-)Geschichte ebenso wie Helden und Bösewichte. Es sei nur an ein biblisches Ereignis, wie die Sintflut erinnert. Im Film zieht sich die Reihe vom Stummfilm bis zu Kriegsdramen wie «Apocalypse Now» (1979) von Francis Ford Coppola über monumentale Untergangsszenarien wie in «The Day After Tomorrow» (2004) von Roland Emmerich oder Fiktionen wie jüngst «Greenland» (2020) von Ric Roman Waugh, in dem die Erde von einem Kometen existenziell bedroht wird und nur Grönland eine Überlebenschance zu haben scheint.
Der Schweizer Tim Fehlbaum, 1982 in Basel geboren, kennt sich in diesem Genre aus. Vor zehn Jahren verschaffte er sich mit dem Endzeit-Thriller «Hell» Respekt bei Publikum und unter Kritiker*innen. Damals ging es um eine verdorrte Welt, um eine Hölle auf Erden. Ein düsteres Szenarium mit Akteuren wie Lars Eidinger (der «Hamlet»-Darsteller war damals weniger bekannt) und Hannah Herzsprung (in «Monte Verità» zu sehen). Eine Vision, vielfach unterschätzt, die uns heute angesichts von Dürren und Waldbränden bedrohlich nahe scheint.
In seinem jüngsten Werk «Tides» ist die Erde Mitte des 21. Jahrhunderts unbewohnbar. Menschen sind unfruchtbar geworden und haben sich auf den Planeten Kepler geflüchtet. Nachdem eine erste Mission spurlos verschwindet, wird eine zweite von der Kepler-Kolonie zur Erde gesandt, um mögliche Lebensbedingungen zu prüfen. Die Astronautin Louise Blake (Nora Arnezeder) und Kollege Tucker (Sope Dirisu) überleben als einzige die Erdlandung und stossen auf eine wilde Horde Überlebender. Die wiederum wird von ‹zivilisierteren› Menschen überfallen, angeführt von dem zwielichtigen Gibson (Iain Glen) und seinem willfährigen Begleiter Adlatus Paling (Joel Basman). Als Louise, von Paling beargwöhnt, auf Spuren der ersten Mission ihres Vaters stösst…
«Tides – Gezeiten» hat Tim Fehlbaum sein endzeitliches Katastrophendrama genannt und beschreibt ein lebensbedrohliches Szenarium. Es geht dabei nicht nur ums Überleben, das am Ende ganz und gar nicht gesichert ist, sondern auch um Macht und Illusionen, Ausbeutung und Herrschaft, eine Vater-Tochter-Verbindung und die unsterbliche Hoffnung. Das hat Fehlbaum grandios in Szene gesetzt, in den Messehallen von Basel, im Studio Babelsberg, der Lausitz und Oberpfalz sowie im norddeutschen Wattenmeer. Das ist spektakulär, düster und stimmig, auch wenn vieles im Dunklen bleibt. Allemal ein packendes Kinoereignis, an dem auch die Schweizerin Ruth Waldburger als Produzentin beteiligt ist.
Rolf Breiner, arttv
Zum Film
Als die Erde für den Menschen unbewohnbar wurde, besiedelte die herrschende Elite den Planeten Kepler 209. Doch seine Atmosphäre macht die neuen Bewohner unfruchtbar. Zwei Generationen später soll ein Programm feststellen, ob Leben auf der Erde wieder möglich ist: Mission Ulysses II soll Gewissheit bringen. Die Raumkapsel gerät beim Eintritt in die Erdatmosphäre ausser Kontrolle. Die Astronautin Blake (Nora Arnezeder) überlebt die Landung als Einzige – doch sie muss feststellen, dass sie auf der Erde nicht alleine ist. Ein Überlebenskampf beginnt, und Blake muss Entscheidungen treffen, die das Schicksal der ganzen Menschheit bestimmen werden. Eingebettet in die Vision einer einzigartigen dystopischen Welt der nahen Zukunft finden sich brisante und relevante Themen wie Kolonialismus, Ausbeutung, das Brandschatzen der Erde, der drohende Klimakollaps, das Ende des Patriarchats und natürlich der unbändige Überlebenswille der Menschheit. (Synopsis)
Stimmen
«‹Tides› ist ein stark bebildertes und gespieltes Endzeit-Drama aus Deutschland. Hoffentlich müssen wir auf den nächsten Film von Tim Fehlbaum nicht wieder zehn Jahre warten, denn es gibt neben ihm ja kaum einen heimischen Regisseur, der sich an Sci-Fi-Kino in dieser Grössenordnung überhaupt heranwagt.» – Björn Becher, Filmstarts.de | «Schnelle Schnitte, ein volles Sounddesign und ein wunderschön nasskaltes Set-Design machen ‹Tides› zu einem handwerklichen Volltreffer. Das Szenario funktioniert, die Atmosphäre zieht in ihren Bann.» – Marius Ochs, filmpluskritik | «Die Informationsvermittlung ist behutsam dosiert und wird immer wieder gedrosselt, sodass die Charaktere bloss schrittweise an Kontur gewinnen. Auch das wirkt ebenso auf die Spannung und zieht einen tief in die Geschichte hinein. Darüber hinaus ist Tides ein dystopischer Thriller, der bewusst auf Atmosphäre und grosse Bilder setzt.» – Verena Schmöller, kinozeit.de | «Der Film ist ein gelungener Wurf – mit viel Spannung, hervorragendem Plot und einem fantastischem Schauspielerensemble – der allen Genreliebhaber empfohlen werden kann.» – Walter Rohrbach, cineman.ch
Tim Fehlbaum, 1982 in Basel geboren, ist Absolvent der Hochschule für Fernsehen und Film München. Während des Studiums führte Fehlbaum Regie bei zahlreichen Musikvideos und arbeitete nebenher auch als Kameramann. Sein, ebenfalls in dieser Zeit realisierter Kurzfilmthriller «Für Julian», gewann 2004 den Shocking Shorts Award. 2011 hatte Fehlbaums Debütfilm «Hell» Weltpremiere auf dem Filmfest München und gewann dort den Förderpreis Deutscher Film für die beste Regie (Hauptpreis). Auch von der Kritik wurde die apokalyptische filmische Vision mit ihrer starken visuellen Handschrift begeistert aufgenommen. Seine Schweizer Premiere feierte «Hell» auf der Piazza Grande in Locarno, 2011 erhielt Tim den Züricher Filmpreis «Cadrage» sowie Preise u.a. bei den Genrefestivals in Sitges (Spanien) und Porto (Portugal). 2012 wurde «Hell» in den Kategorien Bester Spielfilm und Bestes Drehbuch für den Schweizer Filmpreis und in sechs Kategorien für den Deutschen Filmpreis nominiert. Für seinen neuen Spielfilm «Tides», ein Science-Fiction-Drama mit internationalem Cast, arbeitete Tim Fehlbaum wie schon bei «Hell» mit Roland Emmerich als Executive Producer zusammen. «Tides» feiert seine Weltpremiere 2021 in der Sektion «Berlinale Special».
Tides | Regie: Tim Fehlbaum | Sci-Fi, Thriller | 104 Minuten | Deutschland, 2021 | Verleiher: VEGA Distribution, Praesens Film
Kinostart Deutschschweiz: 26. August 2021