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Die Ehe wurde im Gebiet der heutigen Schweiz schon in den Germanischen Stammesrechten geregelt. Die Burgunderrechte (6. Jh.) und die Alemannenrechte (7. Jh.) legten Vorschriften für die Form der Kaufehe fest: Der zukünftige Ehemann erwarb die Verfügungsgewalt über seine ihm bald zugehörige Frau (mundium). Dies geschah auf Grundlage eines Realvertrages, der sog. Verlobung, zwischen den Familien. Nach der Begleichung des Kaufpreises (pretium nuptiale) wurde die zukünftige Ehefrau ihrem Ehemann übergeben (Trauung), was von einer Reihe von Ritualen begleitet war: Der Heimführung in den gemeinsamen Haushalt, dem Beschreiten des Ehebettes und dem Beischlaf. Der Vollzug der Ehe wurde mit der Morgengabe des Mannes an seine Frau bezeugt und markierte den Beginn der Lebensgemeinschaft. In den German. Stammesrechten sind auch Überreste der Raubehe zu fassen, an die heute noch gewisse Traditionen erinnern. So ist z.B. im Gewohnheitsrecht von La Neuveville oder in den statuti von Locarno und des Maggiatals der Brauch verankert, den Hochzeitszug mit einer Sperre aufzuhalten.
Unter dem Einfluss der Kirche wich die Kaufehe bald der Ehe im gegenseitigen Einverständnis (Konsensualvertrag). Mit der Verlobung verpflichteten sich Mann und Frau wechselseitig, sich zu Eheleuten zu nehmen. Vollzogen wurde das Versprechen mit der Trauung, zu der das Geleiten in den gemeinsamen Haushalt und der ehel. Beischlaf gehörten. Die Kirche beschränkte sich zuerst darauf, diese Verbindung zu segnen. Die sakramentale Auffassung der Ehe als Vereinigung von Christus mit der Kirche stand im Widerspruch zum Eheverständnis der Germanen, das auch Polygamie, Inzest und Ehescheidung beinhaltete. Im Kampf gegen diese Praktiken konnte die Kirche die rechtl. Kontrolle über die Ehe schrittweise an sich ziehen. In karoling. Zeit erwirkte sie zuerst die Zuständigkeit für die Bereiche Inzest (Ehehindernisse) und Ehebruch, später für die Scheidung. Nach und nach gelangte sie auch in den Besitz von legislativen Kompetenzen, die sie im 11. Jh. definitiv übernahm. Ab dem 11. und 12. Jh. unterstand die Ehe also auch im Gebiet der Schweiz dem kanon. Recht (Kirchenrecht) und den bischöfl. Gerichten (Offizialat). Deren Zuständigkeit wurde 1370 im Pfaffenbrief zwar anerkannt, doch war dieser bezüglich der geistl. Gerichtsbarkeit sehr restriktiv. Unter Papst Alexander III. (1159-81) setzte sich die Konsensehe durch: Die Ehe galt von nun an bereits durch die frei ausgesprochene Einwilligung beider anwesenden Gatten als geschlossen, weshalb sich die Praxis einbürgerte, Ehen heimlich einzugehen. Dagegen ergriff die Kirche ab dem 13. Jh. Massnahmen, durch die der Eheschluss an gewisse Formalitäten geknüpft werden sollte, wie die öffentliche Bekanntmachung, das öffentlich ausgesprochene gegenseitige Einverständnis und die kirchl. Trauung. Diese Vorschriften erlangten jedoch als Voraussetzungen für die Rechtsmässigkeit des Eheschlusses noch keine allg. Gültigkeit.
Mit der Reformation änderte sich die Situation. Die Kritik der Reformatoren führte zu Neuerungen: Die Ehegesetzgebungen der ref. Staaten erhoben die kirchl. Trauung zum Obligatorium und schrieben die Führung von Eheregistern (Bern, 1528; Genf, 1541 und 1543) vor. Die kath. Kirche legte 1563 auf dem Konzil von Trient mit dem Dekret "Tametsi" die Bedingungen für die Gültigkeit des Eheschlusses fest: Trauung durch einen Pfarrer in Anwesenheit von Zeugen, die vorgängige öffentl. Verkündigung und der Eintrag im Eheregister (Zivilstandswesen). Wurden diese Regelungen missachtet, so war die Ehe nichtig. Diese Reglementierung wurde von den meisten kath. Staaten Europas und in der Schweiz von den meisten kath. Kantonen übernommen. Diese anerkannten weiterhin das kanon. Recht, was bedeutete, dass es keine Möglichkeit zur Scheidung gab. In den ref. Kantonen wurde die Scheidung institutionalisiert, denn hier galt - entsprechend den Thesen der Reformatoren - die Ehe als ein "weltlich Ding". Die Sittengerichte waren mit dieser spezifischen Rechtssprechung betraut.
Die Ehe war also je nach Konfessionszugehörigkeit der Kantone und ihrer Verbündeten verschieden geregelt. Hingegen erfolgte die Trauung in der alten Eidgenossenschaft - von einigen Ausnahmen abgesehen - in einer religiösen Form. Die Oberaufsicht über die Kontrolle der Ehe durch die Landeskirchen überlebte die Franz. Revolution, die das Eherecht säkularisierte, sowie das Zwischenspiel der Helvet. Republik und bestand bis zum Bundesgesetz über die Feststellung und Beurkundung des Zivilstandes und die Ehe vom 24.12.1874 fort (in Kraft ab 1876). Nur Genf (1821), Neuenburg (1853), das Tessin (1855) und Basel-Stadt (1871) kannten schon die obligator. Ziviltrauung, als die eidg. Räte in Anwendung der neuen Bundesverfassung von 1874 (Art. 54 und 60) die Vereinheitlichung und die Verweltlichung des Zivilstandswesens und der Ehe für die ganze Schweiz beschlossen. Das einheitl. Eherecht, gegen das das Referendum ergriffen worden war, wurde 1875 angenommen. Es führte die obligator. Zivilehe ein und liess die Ehescheidung in der ganzen Schweiz zu. Seine wichtigsten Grundsätze wurden in das Schweiz. Zivilgesetzbuch (ZGB) von 1907 aufgenommen. Die Bestimmungen des Zivilgesetzbuches wurden erst 1984 substanziell verändert (Bundesgesetz vom 5.10.1984): Das neue Eherecht, das im Zuge der Revision des Familienrechts drei Jahre nach der Volksabstimmung von 1985 in Kraft trat, ersetzte das patriarchal. Modell durch das partnerschaftl. und führte die Gleichberechtigung der Ehepartner ein. Damit setzten sich endlich auch im E. die Prinzipien durch, die im Naturrecht des 18. Jh. formuliert und durch die Menschenrechte im 20. Jh. verbreitet worden waren.
Literatur
– P. Jäggi, Das verweltlichte E., 1955
– HRG 1, 809-836
– A. Dufour, Le mariage dans l'école romande du droit naturel moderne au XVIIIe siècle, 1976
– A. Lefebvre-Teillard, Introduction historique au droit des personnes et de la famille, 1996
– A. Dufour, Mariage et société moderne, 1997
– J.-F. Poudret, Le mariage et la famille, 2002
Autorin/Autor: Alfred Dufour / CN