Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03255.jsonl.gz/1512

Es gibt ein bestimmtes Telefonat, das die weltweite Chef-Ökonomin von HSBC, Janet Henry, drauf hat. Es läuft so: "Sie bekommen einen Anruf von einem Headhunter", erzählt sie. Dann sagt Henry unweigerlich: "Nein, ich bin nicht interessiert".
Aber damit endet es nicht. "Sie sagen immer: 'Kennen Sie jemanden, der interessiert sein könnte?' Ich gebe ihnen die Namen von Männern, weil ich immer neugierig bin, ob sie sagen - und sie sagen es - 'Ja, aber kennen Sie irgendwelche Frauen?'"
Als eine von wenigen Frauen, die Wirtschafts-Research-Abteilungen bei globalen Banken leiten, ist Henry gut positioniert, um die jüngste Nachfrageänderung in Richtung mehr Geschlechterdiversität in ihrem Beruf zu beobachten. Wenn sie ihren eigenen Werdegang betrachtet, so war sie, als sie 1996 zu HSBC kam, die einzige Frau in ihrem globalen Wirtschaftsteam. Jetzt sind weltweit 13 Frauen in ihrer 39-köpfigen Gruppe.
Noch lange keine Gleichheit
Zwar gibt es bei weitem noch keine Zahlengleichheit zu den Männern, jedoch nehmen Frauen bei grossen Banken von der Wall Street bis zur City of London prominente Ökonomen-Rollen ein. Spitzenpositionen bekleiden auch Catherine Mann, die im Februar zur weltweiten Chefökonomin bei Citigroup wurde, und Michala Marcussen, die im letzten Jahr bei Société Générale zur Chefökonomin ernannt wurde.
In dieser Funktion geben sie wichtige Empfehlungen ab, identifizieren Trends, die Beweggründe für Entscheidungen einer Bank sein können. Henry war eine der ersten unter ihren Kollegen, die prognostizierten, dass die Europäische Zentralbank eine quantitative Lockerung einführen würde. In letzter Zeit warnte sie vor einem "dreifachen Schock" aus einer angespannteren US-Finanzlage, höheren Ölpreisen und Präsident Trumps aggressiver Handelspolitik, was die Weltwirtschaft wohl erheblich schädigen würde.
Wie andere Chefökonomen bei Banken besucht Henry auch häufig die Handelsräume, um sicherzustellen, dass ihre Ansichten an die geldmachende Seite ihres Instituts weiter gereicht werden. In einer Zeit, in der Wahrnehmungen wichtig sind und Märkte nach Erklärern verlangen, sind Chefökonominnen häufig auch das Gesicht einer Bank in der Öffentlichkeit. Sie repräsentieren die Ansichten des Instituts zu Makro-Entwicklungen in Fernsehen und Radio, ebenso wie auf Treffen wie dem jährlichen Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos.
Bereits in der Ausbildung in Unterzahl
Chefökonom-Positionen sind wichtige Jobs, und sie können eine Stufe auf der Karriereleiter sein. Bill Dudley, der ehemalige Leiter des Wirtschaftsbereichs von Goldman Sachs, wurde Präsident der New Yorker Fed. Gavyn Davies von Goldman Sachs wurde Anfang der 2000er Jahre Vorsitzender der British Broadcasting Corp. Dennoch sind diese Positionen nur selten ein Sprungbrett zu Führungspositionen im Finanzwesen. Und wenn dies doch einmal geschieht, dann Männern, wie dem ehemaligen Morgan-Stanley-Chefökonom und Asien-Vorsitzenden Stephen Roach.
Henry, Mann und Marcussen sind die ersten Frauen, die bei den Banken, für die sie arbeiten, in hohe Positionen aufgestiegen sind. Das ist ein gewisser Fortschritt, aber es unterstreicht auch, welchen Weg die Bankenbranche noch vor sich hat. Frauen sind bei der Ausbildung immer noch eine starke Minderheit in den makroökonomischen Klassen, ein potenzieller Indikator für das zukünftige Geschlechter-Ungleichgewicht.
Zwar steigen mehr Frauen in leitende Ökonomen-Positionen bei Banken auf, was eine bedeutende Veränderung in einem von Männern dominierten Beruf darstellt, jedoch ist das kein Grund für den Finanzsektor, sich selbstgefällig auf die Schulter zu klopfen.
Von den zehn grössten Banken der Welt gemessen an der Bilanzsumme hat keine einen weiblichen Chief Executive Officer. Santander Bank, die im letzten Jahr Platz 16 belegte, kommt am nächsten daran, mit Ana Botín als CEO. Frauen schneiden bei öffentlichen Institutionen und Nichtregierungsorganisationen, die vielleicht sensibler gegenüber gesellschaftlichem Druck sind, besser als bei Geschäftsbanken ab.
Christine Lagarde führt den Internationalen Währungsfonds. Laurence Boone, die in den Fussstapfen von Mann als Chefökonomin bei der OECD folgte, ist eine Frau. Im Jahr 2014, nach mehr als einem Dutzend Jahren in anderen Führungspositionen bei der Fed, wurde Janet Yellen die erste Frau, die an die Spitze der US-Notenbank berufen wurde. Etwa 40 Prozent der Fed-Manager sind weiblich, und drei von 14 geldpolitischen Entscheidungsträgern sind Frauen.
Notenbanken als schlechte Beispiele
Ausserhalb der USA sind die Zentralbanken noch weniger diversifiziert. Eines von neun Mitgliedern des geldpolitischen Ausschusses der Bank of England ist eine Frau. Das britische Schatzamt, das für Ernennungen zuständig ist, hat dieses Jahr einen weiteren weissen Mann in den geldpolitischen Ausschuss berufen, obwohl alle anderen Interviewkandidaten weiblich waren.
Zum 25-köpfigen Rat der Europäischen Zentralbank zählen zwei Frauen, eine weitere ist auf dem Weg. In Japan ist nur eines der neun Mitglieder der Notenbank eine Frau - trotz der Tatsache, dass Ministerpräsident Shinzo Abe bestrebt ist, die Vielfalt zu fördern. Die meisten grossen Zentralbanken der Welt hatten nie eine Frau an der Spitze, einschliesslich der BOE, der EZB, der BOJ und der People's Bank of China.
Im Finanzwesen, so Marcussen, ist der Mangel an weiblichen Ökonomen zum Teil auf das Problem auf der Angebotsseite zurückzuführen. Wie sie in ihren Wirtschaftskursen beobachtet hat, waren Männer den Frauen zahlenmässig weit überlegen, und das ist immer noch so. Claudia Goldin, Wirtschaftsprofessorin in Harvard, schätzt, dass in den USA auf drei männliche Undergraduate Economics Majors eine Frau kommt. Und die Lücke schrumpft nicht.
Eine bedeutungsvolle Veränderung anstreben
Auch warnt Marcussen davor, weibliche Ökonomen als Vorzeige-Frauen zu verwenden, die aus der Versenkung geholt werden, um mit ihnen anzugeben. Sie will eine bedeutungsvolle Veränderung: "Wenn Sie eine Gruppe Frauen und eine Gruppe Männer haben, die alle an der gleichen Schule waren und den gleichen sozioökonomischen Hintergrund haben, dann bekommen Sie vielleicht Vielfalt, aber ich glaube nicht, dass Sie eine Vielfalt-Maximierung bekommen werden."
Banken werden nur dann ernst machen, wenn sie sehen, dass Diversität, wie Portfolio-Diversifizierung, in ihrem Interesse liegt, sagt Marcussen. "Es ist wie der Klimawandel", sagt sie. "Solange Diversität etwas ist, das einfach nett ist, werden nur einige wenige die Ressourcen investieren, die wirklich benötigt werden, um das Problem zu lösen. Es wird vielfach nur als nette Werbung gesehen. Aber wenn die Leute anfangen zu verstehen, dass es wirklich für die Volkswirtschaft und die Unternehmen sinnvoll ist, dann passiert es. Und ich denke, hier sind wir gerade."
(Bloomberg)