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Der Vagusnerv und die Interozeption
1/3/2022
Gerade beschäftige ich mich sehr intensiv mit dem autonomen Nervensystem und bin einmal mehr fasziniert davon, wie viel wir über Bewegung lernen und in welchem Masse wir unsere Gesundheit damit beeinflussen können.
Der Vagusnerv ist der grösste und wichtigste Nerv des parasympathischen Systems und einer der Hauptinformationsgeber für die Inselrinde, eine Gehirnregion, welche die autonomen Funktionen des vegetativen Nervensystems reguliert. Über die Information des Vagusnervs erschafft sich unser Gehirn ein Bild davon, was genau in den unbewusst ablaufenden Prozessen im Inneren des Körpers geschieht. Der Vagusnerv liefert zum Beispiel Information über die Atmung, die Veränderung der Blutgase, den Herzschlag, den Blutdruck sowie Tätigkeit und Zustand der Organe. Die Wahrnehmung dieser Informationen im Gehirn nennt sich Interozeption.
Die Interozeption beinhaltet nicht nur die rein körperlichen Informationen, sondern auch die psychischen, mentalen und emotionalen Komponenten. Haben wir ein gesundes Nervensystem, funktioniert die Informationsaufnahme, Verarbeitung und die darauf folgenden Regulationsprozesse zur Erhaltung des Gleichgewichts im Körper. Ist die Wahrnehmung des inneren Zustands jedoch nicht eindeutig und genau, so ist auch die Reaktion darauf, der Output des Gehirns, nicht optimal und der Situation angemessen. Folgen einer Dysfunktion von Inselrinde und innerer Wahrnehmung können zum Beispiel Verdauungsprobleme, Essstörungen, übermässige Ängstlichkeit, depressive Verstimmungen, Schwierigkeiten beim Einordnen von Schmerz, motorische Schwierigkeiten, Schwindel/Gleichgewichtsstörungen, ADHS oder Aufmerksamkeitsstörungen, Beckenbodenprobleme, etc. sein. So hat zum Beispiel auch die Fähigkeit mit Stressfaktoren gut umzugehen (Resilienz) mit der Interozeption zu tun.
Es gibt einen Zusammenhang zwischen Resilienz und der Fähigkeit, Informationen aus dem Körperinnern gut zu interpretieren. Das bedeutet, dass Menschen, die in der Lage sind, ihren Körper und dessen inneren Zustand besser und akkurater wahrzunehmen und zu deuten, eine grössere Resilienz haben und auf äussere Stressfaktoren besser reagieren können. Das Gehirn und das Nervensystem können sich andauernd und bis ins hohe Alter an neue Bedingungen anpassen, sich verändern und sich optimieren - und das ist die gute Botschaft!
Mit Yoga beeinflussen wir die Innenwahrnehmung und die autonomen Regulationsprozesse auf verschiedene Arten positiv. Dazu gehören Atemübungen, Gleichgewichtsübungen, Wahrnehmungsübungen, Dehnung der Muskulatur, etc.
Quellen:
Myers, Thomas W. (2014): Anatomy Trains. Myofascial Meridians for Manual and Movement Therapists. Churchill Livingstone, London
Porges, Stephen W. (2017): The Pocket Guide to the Polyvagal Theory, the Transformative Power of Feeling Save. W. W. Norton & Company, New York
Rosenberg, Stanley (2017): Accessing the Healing Power of the Vagus Nerv. North Atlantic Books
Lienhard, Lars/Schmid-Fetzer, Ulla (2021): Neurone Heilung. Riva Verlag