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Mit dem schwedischsprachigen Atlantiker Alexander Stubb bekommt das nordische Land eine neue Art von Präsident. Statt mit Moskau den Dialog und Ausgleich zu suchen, gilt es für Stubb die eingegangene Lebensversicherung mit der Nato zu maximieren. Das birgt neue Risiken.
Das halbjährliche Treffen diesseits und jenseits der Grenze gehörte zum absoluten Pflichtprogramm jedes finnischen Staatsoberhauptes – und das seit vielen Jahrzehnten. Nach dem Ende der blutigen Kriege mit der Sowjetunion musste Finnland im Friedensvertrag von Paris im Jahre 1946 Teile seines Territoriums an den östlichen Nachbarn abtreten. Im Unterschied jedoch zum Baltikum konnte Finnland seine staatliche Unabhängigkeit bewahren.
Dem finnischen Präsidenten – und zwischen 2000 und 2012 mit Tarja Halonen auch einer Präsidentin – kam seither die existenzielle Aufgabe zu, diesen Frieden zu bewahren: im Dialog mit dem Amtskollegen in Moskau. Neben regelmässigen Telefonaten und einer Visite in der russischen Hauptstadt gehörte beim Gegenbesuch in Finnland stets auch ein textilloser «Off-The-Record»-Aufenthalt in einer Schwitzhütte dazu.
Aufstieg und Fall der Sauna-Ost-Diplomatie
Die legendäre finnische Sauna-Ost-Diplomatie trug unter anderem dazu bei, dass sich Moskau zum Abschluss der zwei Jahre dauernden Konferenz über die Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) 1975 zur Unterzeichnung der historischen Schlussakte durchrang. Darin bekannten sich 35 Staaten inklusive der Sowjetunion unter anderem zur «Unverletzlichkeit staatlicher Grenzen» und dem «Selbstbestimmungsrecht der Völker».
Mit dem Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine setzte Russland als Nachfolgestaat der Sowjetunion einen endgültigen Schlussstrich dieser Vereinbarung. Als Folge davon löste Finnland die seit langem bestehende Nato-Beitrittsoption aus. Ein letztes Telefongespräch zwischen dem bisherigen finnischen Staatsoberhaupt Sauli Niinistö und Russlands Langzeitherrscher Wladimir Putin im Mai brachte nichts mehr: Seit bald einem Jahr nun ist Finnland das 31. Mitglied der Nato.
Stubbs Atomwaffen-Ja sorgt für Unruhe
Fürs Überleben schaut nun Finnland nicht mehr nach Osten, sondern nach Westen. Entsprechend wählte eine knappe Mehrheit der Finninnen und Finnen am Sonntag auch erstmals keinen Ostpräsidenten, sondern eben einen Westpräsidenten. Mit seinem politischen und beruflichen Hintergrund ist der schwedischsprachige Atlantiker Stubb deshalb der Mann der Stunde im hohen Norden: Er hat das Rüstzeug, um in der Nato und der EU zu einer Schlüsselfigur für die weitere Entwicklung der Beziehungen zur Grossmacht im Osten zu werden.
Mit seinen Aussagen zur finnischen Bereitschaft, künftig auch Nato-Atomwaffen auf finnischem Territorium zuzulassen, sorgte Stubb bei vielen Finninnen und Finnen im Wahlkampf für Unruhe: Dabei zielt das neue Staatsoberhaupt, das am 1. März die Amtsgeschäfte übernimmt, darauf ab, die Lebensversicherung der Nato zu maximieren. Das birgt natürlich Risiken. Doch weil derzeit dem nordischen Land ein derart eisiger Wind aus dem Osten entgegenweht, ist Finnland bereit, sich besonders warm anzuziehen – und sich so westlich zu positionieren, wie noch nie zuvor in der Geschichte.
Bruno Kaufmann
Nordeuropa-Mitarbeiter
Bruno Kaufmann berichtet seit 1990 regelmässig für SRF über den Norden Europas, von Grönland bis Litauen. Zudem wirkt er als globaler Demokratie-Korrespondent beim internationalen Dienst der SRG mit.