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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
Eines der bekannteren Lieder von Reinhard Mey (1974) enthielt die Vermutung, über den Wolken müsse die Freiheit wohl grenzenlos sein.
Irgendwie passt diese Metapher nicht; es bleibt offen, was er unter einer grenzenlosen Freiheit verstanden hat.
Mit ein wenig Phantasie konnte ich sie doch nachempfinden, als ich heute in einer 2-motorigen Propellermaschine von Berlin nach Warschau sass. Die Flughöhe war nicht sehr hoch. Soweit das Auge und die Sicht reichten, erstreckte sich unter uns eine von der Sonne beleuchtete Wolkendecke. Sie sah aus wie eine unendlich grosse weisse Daunendecke oder wie eine schneebedeckte Landschaft ohne Anfang und Ende. Dieser Ansicht war auch der Fluggast hinter mir, der dies zu seiner Sitznachbarin sagte.
Allerdings gab es schon einen Unterschied. Die Decke war nicht flach, aber weiss wie Daunen. Es waren leichte Erhöhungen zu sehen. Einschnitte begrenzten die Erhöhungen, sie wurden unterbrochen, waren an anderen Stellen wieder zu sehen. Ungleichmässig, als ob sie nicht ganz glatt auf einem riesigen Bett läge.
Manchmal wurde die Wolkendecke von Schleierwolken verhüllt, die sich wie Schwaden davor legten. Ich bekam den Eindruck, das Flugzeug bewege sich nur sehr langsam voran, so viel Zeit verging, ehe sich etwas änderte.
Nicht nur die Wolkendecke rief den Gedanken an Schnee hervor. Es hatte wirklich geschneit und auf den Feldern war der Schnee liegen geblieben. Zeitweise konnte ich nicht unterscheiden, sah ich jetzt Wolken oder die weisse Erde?
Dann war es wieder die weisse, ungleichmässige Decke im kleinen Steppdeckenmuster. Wer hätte sie auch glätten können? (Ich dachte an die Reportage im Fernsehen mit einer Hausfrau, die jeden Morgen ihre Bettdecke mit einer langen Latte faltenfrei machte.)
Plötzlich leuchtete ein Strich auf, schmal, gerade und langgezogen. Durch die geöffnete Wolkenschicht sah ich einen von der Sonne beschienenen Wasserlauf, der die Sonnenstrahlen reflektierte und wieder nach oben sandte. Manchmal waren es auch mehrere, nicht parallel nebeneinander, sondern hier ein Strich und dort ein Strich. Es machte den Eindruck, sie kämen nicht von der Erde, sondern sie zerschnitten die obere weisse Fläche. Dann erloschen sie wieder.
Kleine unregelmässige, eckige Spiegel tauchten auf, es waren Seen, ebenso von der Sonne beleuchtet.
Hinten in der Ferne ragte ein Wolkengebilde aus der schneeweissen Schicht heraus. Es sah aus wie ein Reiter, der auf einem Kamel sass, dessen Vorderbeine langgestreckt und Hinterbeine leicht eingeknickt waren, als habe es sich gerade aufgerichtet und stehe kurz davor, loszureiten über die schneebedeckte Landschaft. Ein seltsames Gebilde. Es verschwand hinter Wolkenschwaden. Bald tauchte es wieder auf, näher und ganz klar sichtbar, bis das Flugzeug es hinter sich gelassen hatte.
Dann war die vermeintliche Freiheit vorbei. Das Flugzeug befand sich nach etwa einer Stunde auf dem Landeanflug. Die Wolkendecke war jetzt über uns, hatte der Flieger sie wirklich durchstossen? Wieso habe ich davon nichts bemerkt?
Unter uns sah man die schneebedeckten Dächer der Häuser und die weissen Felder. Das Fahrgestell wurde ausgefahren und zusammen mit der Landeklappe erzeugten beide ein Geräusch, das sich wie ein langgezogener buddhistischer Gesang anhörte.
Bis auch dieser verging. Nur noch das gleichmässige Brummen der Propeller war vernehmbar. Langsam und ohne grösseres Rucken setzte der Flieger auf der Landebahn auf und rollte dem Bestimmungsort entgegen.
Dann schüttelte Frau Holle ganz sanft die Decke. Die Schneeflocken tanzten leicht und völlig schwerelos wie Daunenfedern durch die Luft.
Die Faszination, die auch die kleinste unscheinbare Naturerscheinung auf mich ausübt, versuche ich mir zu bewahren, sie macht das Menschsein aus!
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