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Die weit reichende Veränderung der religiösen Landschaft der Schweiz fordert Behörden, Politik, Schulen und Religionsgemeinschaften heraus. Um ihnen bei der Bewältigung dieser Herausforderung zu helfen, hat der Bundesrat Ende 2005 das Nationale Forschungsprogramm «Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft» bewilligt. Es sollte die Veränderung der religiösen Landschaft in der Schweiz wissenschaftlich untersuchen und praktisch anwendbare Ergebnisse liefern. Die 28 Forschungsprojekte wurden zu 6 Modulen gruppiert. Im Modul 6 «Religion, Medien und Politik» ging es um die öffentliche Präsenz der Religionsthematik in Gesellschaft und Politik, besonders auch um die Rolle der Medien. Das Ergebnis dieses Forschungsvorhabens liegt jetzt in Schlussberichten, Themenheften, zusätzlichen Projekten und einem ersten Syntheseband weitgehend vor.
Wie wird über Religion berichtet?
Im Rahmen des Moduls 6 erarbeitete Carmen Koch ihre publizistische und medienwissenschaftliche Dissertation. 1 Ihre zentrale Frage war, wie in den Schweizer Medien über Religion und Religionsgemeinschaften berichtet wird. Dazu wählte sie gleichsam als Abbild der gesamten Religionsberichterstattung in der Schweiz verschiedene Medientypen aus dem Zeitraum Dezember 2007 bis Dezember 2008: Tages-, Wochen-, Gratis- und Sonntagszeitungen aus den Regionen Zürich und Lausanne sowie Hauptnachrichtensendungen und Hintergrundsendungen von Radio und Fernsehen aus Zürich; um einen zeitlichen Vergleich zu erhalten, wurden für das Jahr 1997/98 die auflagestärksten Tageszeitungen einbezogen. Diese Medien unterzog Carmen Koch einer quantitativen Inhaltsanalyse. Was das heisst und wie sie dabei vorging, ist in fünf von sechs Hauptkapiteln – die Hälfte des Buches – eingehend dargelegt. Zunächst umschreibt sie die Religionslandschaft der Schweiz, referiert Theorien zu Medieninhalten und diskutiert deren Tauglichkeit für das eigene Forschungsvorhaben. Dazu gehören der Stereotypebegriff, die Nachrichtenwerttheorie (welche Faktoren erhöhen die Publikationswahrscheinlichkeit?), das «Framing» (Deutungsmuster, die den Sinnhorizont eines Themas erfassen und hervorheben) sowie die Narration (Muster einer Geschichte). Dann fasst sie den Forschungsstand zusammen. Auf diese theoretischen folgen die methodischen Erörterungen; einerseits werden die forschungsleitenden Fragestellungen mit den entsprechenden Hypothesen dargelegt, und anderseits wird das methodische Vorgehen aufgezeigt. Auf diese theoretische und methodische Grundlegung folgt die Darstellung und Diskussion der Forschungsergebnisse. Den einzelnen deskriptiven Variablen sowie den theoretischen Ansätzen entlang werden die empirischen Daten dargestellt und ausgewertet. In den Schlussbetrachtungen werden die Ergebnisse zudem den einzelnen Religionsgemeinschaften zugeordnet, womit die Frage beantwortet wird: Welche Bilder zeichnen die Medien aus den Regionen Zürich und Lausanne von einzelnen Religionsgemeinschaften? Insgesamt muss Carmen Koch feststellen, dass die Medien einerseits sehr reaktiv und nur selten proaktiv sind, wenn es um Religion geht, und dass das Religiöse an sich keine Rolle spielt. Ein auf das Thema Religion spezialisierter und kompetenter Journalismus ist nur in sehr wenigen Schweizer Medien zu finden. So ist diese Dissertation, die einen ungewöhnlich grossen Arbeitsaufwand erforderte, nicht nur von theoretischem, sondern zumindest für die Glaubensgemeinschaften auch von erheblichem praktischem Interesse. Ihrer Publikation hätte allerdings ein erfahrenes Lektorat gutgetan; so wird unter anderem dreimal auf das Codebuch im Anhang hingewiesen, der nicht abgedruckt wurde.
Wissenslücken
So intensiv mit der Religionsberichterstattung befasst, kann Carmen Koch im «Ausblick» auch diesbezügliche Wissenslücken nennen. Eine dieser Lücken wurde im gleichen Modul «Religion, Medien und Politik»2 mit den qualitativen und quantitativen Inhaltsanalysen des Forschungsprojekts «Religion im Fernsehen» gefüllt. Dieses untersuchte die Thematisierungs- und Darstellungsmuster von Religion, Religionen und Religiosität in fünf Schweizer Fernsehprogrammen. Seine Ergebnisse mit weiterführenden Reaktionen von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen, Experten aus dem Medienbereich sowie Religionsvertretern liegen in einem Sammelband vor. Im ersten Teil findet sich ein kurzer Überblick über den theoretischen und konzeptionellen Rahmen des Projekts, wird die qualitative Inhaltsanalyse der Vorstudie zur Charakteristik der Religionsthematisierung vorgestellt und werden schliesslich Ergebnisse der quantitativen Inhaltsanalyse einer vollständigen Programmwoche vorgetragen. Interessant ist, wie in diesem Projekt kommunikationswissenschaftliche Perspektiven im Vordergrund standen. Im ersten Beitrag des zweiten Teils vergleichen Urs Dahinden, Leiter des Zürcher Medienprojekts, und die Projektmitarbeiterin Carmen Koch ihr Projekt mit dem Freiburger Fernsehprojekt, arbeiten die methodischen Unterschiede und inhaltliche Übereinstimmungen heraus. Darauf folgen Stellungnahmen bzw. vertiefende Informationen von sich beruflich mit Fernsehen befassenden Personen: von einer Redaktionsleiterin, dem Präsidenten des Publikumsrates, den Mitarbeitenden des Bundesamtes für Kommunikation sowie der Vizepräsidentin der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen. Einen Blick über die Grenzen erlaubt der Exkurs «Die Präsenz von Religionen im deutschen Fernsehen». Beschlossen wird der zweite Teil mit Überlegungen zur medialen Repräsentation und Kontextualisierung des Islams, des Judentums und des Christentums aus der Sicht von Sachkundigen bzw. Angehörigen der Religionsgemeinschaften. Wer mit Religionsjournalismus Erfahrung hat, ist über den von Urs Dahinden und Carmen Koch benannten Handlungsbedarf nicht überrascht. Mängel in diesem Bereich sind von zwei Seiten her anzugehen: Zum einen sollten die Religionsgemeinschaften nicht nur Strukturen, sondern auch Strategien der Medien- und Öffentlichkeitsarbeit entwickeln; zum andern sollte die Ausbildung der Journalisten verbessert werden, denn es fehle bei ihnen oft nicht nur an Expertenwissen über Religionen, sondern oft fehlten auch grundlegende Kenntnisse, «welche als Allgemeinwissen zu betrachten sind». Man könnte auch umgekehrt sagen: Studierenden der Theologie und der Religionswissenschaften sollte der Journalismus als mögliches Berufsfeld genehm gemacht werden können.