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Sao Paulo ist ein Moloch, 80 auf 100 Kilometer Asphalt, 21 Millionen Einwohner, 7 Millionen Autos. Nur haben die Bewohner der Riesenstadt keinesfalls das Gefühl, ein Monster zu bewohnen. Denn nicht die Stadt ist ihre Heimat, sondern das Viertel, in dem sie leben. Im Viertel gibt es einen Supermarkt, eine katholische und viele evangelische Kirchen, eine Lotterie-Annahmestelle, eine Pizzeria, ein Sushi-Laden, mehrere Apotheken und ein Tattoo-Studio.
Ineffiziente Bürokratie
Wer privilegiert ist, arbeitet auch in dem Viertel, in dem er wohnt. Wer dieses Privileg nicht kennt, verbringt viele Stunden im Verkehr. Wer am Wochenende bei Freunden eingeladen ist, und dafür sein Viertel verlässt, der besucht eine fremde Stadt. Jeder Bewohner ist auch ein Fremder in der grossen Stadt Sao Paulo, die sich rühmt, 62 verschiedene Kulturen einverleibt zu haben; aus Afrika, Italien, Japan, China, Bolivien und den eigenen Landesteilen.
Doch nicht nur in der eigenen Stadt kann man in Brasilien fremd sein. Von Sao Paulo bis nach Boa Vista im Norden Amazoniens sind es 3200 Kilometer, das entspricht etwa der Distanz von Zürich bis nach Mali in Afrika. Jeder Brasilianer ist auch ein Fremder im eigenen Land, und das hat nicht bloss mit den riesigen Entfernungen zu tun.
Es hat auch damit zu tun, dass der Staat Brasilien seinen Bürgern nicht unbedingt das Gefühl gibt, willkommen zu sein. Die Bürokratie ist häufig arrogant und ineffizient. Demokratische Grundvoraussetzungen wie Chancengleichheit, Zugang zur Justiz und ein funktionierendes Gesundheitssystem sind selten erfüllt.
Kirche oder Fussballverein als Heimat
Weil sich alle ein bisschen fremd fühlen im eigenen Land, sind die Brasilianer im Allgemeinen freundlich, tolerant und grosszügig. Das gilt auch für die Reichen und Begüterten, die sich seit jeher von armen Schluckern umgeben wissen. Niemand möchte es sich mit niemandem verscherzen.
Heimat und Zugehörigkeit finden die Brasilianer im Kleinen. Viele Frauen, alleine geblieben mit einer Kinderschar, suchen die Verbundenheit in einer evangelischen Kirche. Die Männer als Anhänger eines Fussballvereins. Die Zugehörigkeit zu Clans und Korporationen verschafft dem Einzelnen Sicherheit – und nicht der Geburtsschein.
Körperkult ersetzt Bürgersinn
Selbstbewusstsein ist in Brasilien in den Körper eingeschrieben. Deshalb gibt es viele Tattoo-Studios, Fitness-Center und Schönheitschirurgen – Körperkult ersetzt Bürgersinn. Während der Kolonialzeit war der Buchdruck verboten, Lesen ist bis heute keine beliebte Sportart.
Musik bringt die Körper in Schwung und die Menschen zusammen. Und ihre komplexen Rhythmen und raffinierten Texte, von allen mitgesungen, spiegeln das vielschichtige Zusammenleben im riesigen Land, und trösten über seine grossen sozialen Unterschiede hinweg.
Telenovelas greifen Modeströmungen auf, verstärken sie und versüssen die Einsamkeit jener Mehrheit, die in den letzten Jahren des Wirtschaftswachstums den Status der Armut verlassen hat, und zu neuen Konsumenten geworden ist.
Jüngere Generationen haben mit dem Internet einen neuen Weg gefunden, sich zu informieren und zu organisieren; in Blitzeseile brachten sie Tausende auf die Strassen, als die Polizei brutal gegen Demonstranten vorging, die sich gegen die Erhöhung der Transportpreise einsetzten. Aus diesem gemeinsamen Handeln der Demonstranten entstand plötzlich ein Gefühl einer Stärke. Vielleicht erfüllt sich ja doch noch, was die Ökonomen etwas verfrüht für Brasilien prophezeiten: das Erwachen des Riesen.
Zum Autor:
Ruedi Leuthold ist seit 30 Jahren Journalist und Dokumentarfilmer. Seit einigen Jahren lebt er in Rio de Janeiro und berichtet auf seinem Blog regelmässig über Leben und Gepflogenheiten in Brasilien und in der Schweiz. Letztes Jahr veröffentlichte er mit dem Buch «Brasilien – Der Traum vom Aufstieg» ein Porträt des Landes anhand seiner Menschen.