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Ein Diplomat der «ja» sagt, meint «vielleicht», der «vielleicht» sagt, meint «nein» und der, der «nein» sagt, ist kein Diplomat. Der so etwas sagte, musste es wissen: Charles-Maurice de Talleyrand gilt als einer der grössten dieses ach so schwierigen Fachs. Diplomatie ist hohe Kunst – ein falsches Wort, ja gar ein richtiges Wort zur falschen Zeit, hat schon Kriege ausgelöst.
Um den Worten ihre Härte zu nehmen, ist Diplomatie leise. Nur: Selbst leise Worte können schon zuviel sein, wenn’s um ebenso handfeste wie heikle Interessen zweier oder mehrerer Staaten geht. Und deshalb gibt es, als eines der diplomatischen Instrumente, die so genannte «stille Diplomatie».
Stille Diplomatie ist, nun ja, noch leiser. Sie ist sogar so leise, dass die Aussenministerien der Schweiz oder Deutschlands den Begriff offiziell gar nicht kennen. Was natürlich im Reich der Diplomatie noch lange nicht heisst, dass es sie nicht gäbe: Stille Diplomatie ist ein Instrument der Vermittlung zwischen zwei Staaten. Sie spielt sich im Dunkeln ab, also weit abseits von Medien und Öffentlichkeit. Stille Diplomatie hat – wie die so genannten Guten Dienste – nicht das Verhandeln selbst zum Ziel, sondern vielmehr, ein Verhandeln überhaupt erst möglich zu machen: etwa durch das Zur-Verfügung-Stellen von Räumlichkeiten, das Erstatten von Reisekosten, das Übermitteln vertraulicher Informationen. Oder, eben, mit einem richtigen Wort zur richtigen Zeit, wie Bundesrätin Doris Leuthard sagt: «Wenn ich in China eine Fabrik besuche und dabei beiläufig nach dem Alter der sehr jungen Angestellten frage, dann hat das oft nachhaltigere Wirkung als eine geharnischte Demarche.»
Stille Diplomatie ist leise. So leise, dass die einen sie als Leisetreterei verspotten und sich die anderen fragen, ob es sie denn überhaupt je gegeben habe.
In der Antike war Rhetorik eine hoch angesehene Wissenschaft, und ohne das Beherrschen der kunstvollen Rede war eine Laufbahn als Anwalt, Politiker oder Heerführer undenkbar. In Rhetorikschulen wie der des Apollonius Molon auf Rhodos büffelten selbst Redner aus dem fernen Rom wie Marcus Tullius Cicero die Formen des geschliffenen Vortrags bis zum Umfallen. Bis heute tragen die rhetorischen Formen griechische Namen.
Eine davon ist der Euphemismus. Sein Name kommt von euphemein, «Gutes berichten». Der Euphemismus ist ein Hüllwort, eine abmildernde, oft beschönigende Umschreibung für einen schwierigen, anstössigen Sachverhalt oder gar für ein Tabu. Anzutreffen ist er besonders häufig im Bereich von Sexualität, von Krankheit und Tod. Wenn er auf dem Betriebsausflug die fette Firmenchefin «mollig» macht, dann ist der Euphemismus noch ausgesprochen nett. Wenn das Altersheim allerdings in «Seniorenresidenz» umbenannt wird, die dann nicht mehr von Putzfrauen, sondern von «Raumpflegerinnen» gereinigt wird, dann fängt das Verschleiern an. Wahre Beschönigungsvirtuosen sind die Manager und Politiker: Die einen reden von «Humankapital» und meinen damit Arbeiter, deren Ausbildung und Entlöhnung viel zuviel Geld kostet, und von «Restrukturierung», wenn sie sie am Ende in Massen entlassen. Die anderen haben Unwörter wie «Kollateralschäden» und «ethnische Säuberungen» auf dem Gewissen – und damit unschuldige Kriegsopfer bis hin zum Völkermord. Kein Wunder, dass der Euphemismus, ursprünglich ein Stilmittel der Rhetorik, derart in Verruf geraten ist.
Dabei wäre er eigentlich der hübschere – sein hässlicher Bruder nämlich ist der Dysphemismus: Dessen Ziel ist die eigentliche Schmährede, von der Abwertung einer Person oder Sache bis hin zum handfesten Schimpfwort.
«Filterblase» ist ein Wort, das 2011 der Jurist, Politologe und Aktivist Eli Pariser erfunden hat, in seinem Buch «The Filter Bubble: What the Internet is Hiding from You» – «Die Filterblase: Was das Internet vor Dir versteckt». Pariser stellte fest, dass Suchmaschinen seine Ergebnisse filtern – abhängig davon, was er davor gesucht hatte. Suchen, Teilen, Bestellen – alles wird heute gespeichert und ausgewertet, und die Algorithmen von Google, Amazon, Facebook & Co. lernen von Mal zu Mal besser, was uns gefällt. Im Einschätzen unserer Vorlieben wird das Web immer geschickter, und die Inhalte, die es uns vorsetzt, passen immer besser. Wenn wir gern fotografieren, dann werden wir mit Google bevorzugt Fotoreportagen und Kameras entdecken. Menschen mit liberaler Ausrichtung bekommen liberale Inhalte präsentiert, Inhalte, die konservative Menschen gar nicht mehr zu sehen bekommen.
Und das ist ein Problem. Nicht wir entscheiden, womit wir uns beschäftigen wollen, sondern ein Algorithmus, den wir nicht verstehen. Er setzt uns, um es mit Pariser zu sagen, das «Informations-Dessert» vor und blendet dafür das «Informations-Gemüse» aus, weil er weiss, dass wir Süsses lieber mögen.
Sich eine eigene Meinung zu bilden bedeutet, sich auch mit unbequemen Standpunkten zu befassen. Wenn wir die aber gar nicht erst finden, weil uns Google oder Facebook nur noch wissen lassen, was wir immer schon gewusst haben, dann lernen wir nichts mehr dazu. Statt dessen spitzen wir unsere eigene Sicht der Dinge immer weiter zu, bis wir im schlimmsten Fall die Fähigkeit zur Diskussion verlieren und nur noch Gift und Galle speien, wenn jemand anderer Ansicht ist.
Es ist Donnerstag, der 24. Oktober 1929. Der Börsenhandel in New York beginnt erstaunlich ruhig. Die Stimmung ist angespannt, die Polizei hat vorsorglich ganze Strassenzüge rund um die Wall Street abgesperrt. Am Dienstag und Mittwoch sind die Kurse ins Rutschen geraten, und im Grunde ist vielen Anlegern seit langem klar, dass der Rausch der goldenen Zwanzigerjahre nicht ewig weitergehen kann. «Ich habe erlebt, wie Schuhputzer Aktien im Wert von 50 000 Dollar kauften, mit nur 500 Dollar in bar», notiert ein Händler. Eine gigantische Blase aus grenzenloser Zuversicht, finanziert auf Pump.
Sie platzt kurz vor 11 Uhr – ohne erkennbaren Grund. Die Nachricht vom Bankrott eines Londoner Financiers macht die Händler nervös. Winston Churchill ist selber Spekulant und an diesem Tag als britischer Schatzkanzler an der Wall Street zu Gast. Er erlebt hautnah, wie die Panik ausbricht. In seinen Memoiren schreibt er später:
Da liefen also die Händler hin und her. Sie sahen aus wie die Zeitlupenaufnahme eines aufgeschreckten Ameisenhaufens und boten einander riesige Mengen an Papieren an, zu einem Drittel des Preises und nur um festzustellen, dass keiner den Mut fand, die einmalige Gelegenheit zu ergreifen, ein Vermögen zu machen.
Die Kurse sind im freien Fall; bis 13 Uhr sind elf Milliarden Dollar vernichtet; in zwei Stunden sind elf Milliarden Dollar vernichtet, 1,5 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung der USA. Massive Stützkäufe führender Banken können den Absturz nur verzögern, und am folgenden Tag, dem «schwarzen Freitag», erreicht die Börsenpanik Europa.
Mehr als zwei Jahre lang fällt der Dow-Jones weiter und weiter, von gegen 400 Punkten vor dem Crash auf ein Tief von nur noch 41 Punkten im Juli 1932. Sieben Jahre lang hält die Wirtschaftskrise die Welt im Griff.
Das alte Rom zu den Zeiten der Republik, den Zeiten des Marcus Tullius Cicero und des sechs Jahre jüngeren Gaius Julius Cäsar, war alles andere als eine Demokratie. Doch selbst wenn die Macht beim Adel lag: Ein Wörtchen mitzureden hatte das Volk doch. Auf dem Marsfeld vor den Toren der Stadt wählten Volksversammlungen die Ädile und die Volkstribunen, die Prätoren und die beiden höchsten Beamten der Republik, die Konsuln. Damals wie heute galt: Demokratie ist eine feine Sache, so lange es das Volk mit der Mitbestimmung nicht übertreibt. Und so erlag manch einer der Versuchung, seiner ersehnten Wahl etwas nachzuhelfen.
Dazu brauchte er einen Helfer, den sogenannten interpres. Dieser Interpret war ein Mittler zwischen Oberschicht und Untergrund. Er kontaktierte die Funktionäre der Wahlkreise und handelte mit ihnen den Preis aus – je mehr Stimmen, desto höher die Summe. Das Geld wurde dann an einen sequester übergeben, einen Treuhänder, der das Bargeld in Verwahrung nahm. Ausgezahlt wurden die Sesterzen erst nach erfolgter Wahl und durch einen weiteren Gauner, den divisor, den Verteiler.
Dieses komplizierte System hatte einen grossen Vorteil: Wurde einer der Zwischenhändler geschnappt und zum Reden gebracht, konnte er schlimmstenfalls seinen nächsten Mittelsmann nennen – von den kriminellen Auftraggebern hatte er keine Ahnung. Die blieben ebenso im Dunkeln wie ihre Mittelsmänner, die Interpreten, die im alten Rom eben keine Künstler, sondern ganz einfach Wahlfälscher waren.