Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03445.jsonl.gz/2762

Das V. ist eine Organisationsform der dezentralen gewerbl. Produktion. In der Schweiz war es die vorherrschende Produktionsform in der Protoindustrialisierung. Unter dem V. lässt der Unternehmer in Heimarbeit produzieren. Er stellt den Heimarbeitern Rohwaren oder Halbfabrikate zur Verfügung und bezahlt für die Verarbeitung einen Lohn, meist innerhalb eines festgelegten Zeitraums. In der Textilindustrie handelte es sich bei diesem Zeitraum häufig um ein bis zwei Wochen, in der Uhrenindustrie um bis zu sechs Monate. Je nach Branche trat der Unternehmer nicht direkt mit den Arbeitskräften in Beziehung, sondern bediente sich einer Mittelsperson (Trager, visiteur). Im Unterschied zum Kaufsystem besteht beim V. seitens des Verlegers ein industrielles Umlaufkapital, im Gegensatz zur Manufaktur fehlt jedoch ein industrielles Fixkapital. Eine Branche ist selten ausschliesslich als V. organisiert.
In Europa ist das V. schon im MA bezeugt. In der Schweiz produzierte zuerst die Fleckenstein-de-Sala-Gesellschaft zu Beginn des 16. Jh. in Lugano im V. Ab dem späten 16. Jh. wurde dieses auch in Genf und in Zürich bedeutsam. Die Verbreitung des V.s ging mit zwei sozialen Veränderungen einher: Erstens musste der Widerstand der Zünfte gebrochen werden, zweitens begünstigte das System die Abhängigkeit der Produzenten vom Verleger. Besonders die Basler Seidenbandfabrikation entfaltete sich erst nach 1666 in grossem Umfang, nachdem die Kaufleute in mehreren Ratsbeschlüssen gegenüber den städt. Posamentern das Recht durchgesetzt hatten, den holländ. Seidenbandstuhl, der die Fabrikation mehrerer Bänder im selben Arbeitsgang erlaubte, einzusetzen und ländl. Posamenter zu beschäftigen. Auch für die Entfaltung des Zürcher Bombasingewerbes (Bombasin: Mischgewebe aus Baumwolle und Leinen) im späten 16. Jh. spielte die Brechung des zünft. Widerstands für den Übergang vom Zunfthandwerk zum V. eine Rolle. Das V. brachte dem Unternehmer den Vorteil, die Technologie, die Produktgestaltung und insbesondere die Arbeitskraft flexibel der Nachfrage anpassen zu können. Allerdings spielte das Zunfthandwerk im Fall von komplexen, qualitativ hochstehenden Produkten auch noch in der Protoindustrialisierung eine wichtige Rolle: Der Wandel Genfs zur Manufakturstadt in der 2. Hälfte des 16. Jh. ging mit der Bildung zahlreicher Handwerkszünfte einher.
In Zürich führte die Verbreitung des V.s im späten 16. und frühen 17. Jh. zu zunehmender Abhängigkeit kleiner städt. und ländl. Leinwand- und Baumwolltuchproduzenten von städt. Fernkaufleuten. Diese erschlossen neue Absatzmärkte und förderten neue Textilbranchen. Der Import auswärtiger Rohwaren und der Direkteinkauf von Baumwolle in Venedig oder Lyon, aber auch von Seide und Wolle, nahm zu. Das V. nahm deshalb sowohl in Zürich als auch in der Woll- und Seidentuchfabrikation in Genf zuerst die Form von Warenkreditbeziehungen zwischen Fernkaufleuten und Tüchlerinnen an. Die vermehrte Bedienung ferner Märkte, die ausserhalb der Reichweite der Produzenten lagen, sowie deren Kapitalknappheit, die eine der steigenden Nachfrage entsprechende Expansion der Produktion erschwerte, begünstigte die Abhängigkeit von den Fernkaufleuten weiter. Das V. war deshalb bis zum 18. Jh. im zentral- und ostschweiz. Baumwollrevier, also neben Zürich in der angrenzenden Innerschweiz, in Glarus, in Appenzell-Ausserrhoden, im Toggenburg und im Rheintal, allgemein verbreitet. Ähnl. Faktoren, zusammen mit Spezialisierungsgewinnen aus einer gesteigerten Arbeitsteilung, lagen dem Aufkommen der sog. Etablissage im jurass. Uhrengewerbe des späten 18. Jh. zugrunde.
Besonders weit ging die Abhängigkeit der Arbeitskräfte in der Basler Seidenbandindustrie: Hier befanden sich sowohl die Halbfabrikate wie Seidenzwirn und Floretgarn als auch die Produktionsgeräte wie die Seidenbandwebstühle im Besitz der städt. Kaufleute, und diese standen in direktem Kontakt mit den ländl. Arbeitskräften. Dies erklärt das weitgehende Fehlen eines ländl. Unternehmertums im Baselbiet noch gegen Ende des 19. Jh. Im Gegensatz dazu war das Zürcher Baumwollgewerbe bis in die 2. Hälfte des 18. Jh. formal weitgehend ein Kaufsystem. Dennoch bestanden auf mehreren Stufen verlagsmässige Abhängigkeiten. Die städt. Kaufleute besassen das alleinige Recht auf den Import von Rohmaterialien sowie auf die Endverarbeitung und den Export der Baumwollprodukte. Die ländl. Tüchlerinnen mussten daher einen Warenkredit bei den städt. Kaufleuten aufnehmen. Die Tüchlerinnen schossen wiederum den Heimweberinnen gezetteltes und gespultes Garn vor. Das Garn beschafften sie teilweise auf dem freien Markt, teilweise verlegten sie es Spinnerinnen, mitunter über von ihnen abhängige Trager. Strukturprobleme des V.s, insbesondere die Veruntreuung von Rohmaterialen durch Arbeitskräfte und die Naturalentlöhnung, führten zur Gewerbegesetzgebung.
Literatur
– U. Pfister, Die Zürcher Fabriques, 1992
– J. De Vries, The Industrious Revolution, 2008
Autorin/Autor: Ulrich Pfister