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Bergengruen

|Werner Max Oskar Paul
Bergengruen (1892 - 1964) war ein deutschbaltischer Schriftsteller.
Er wurde als zweiter Sohn des Paul Bergengruen, schwedischer
Abstammung und Angehöriger der aristokratisch-patrizischen
Oberschicht, und seiner Frau Helene v. Boetticher in Riga geboren.
Zur Schulausbildung wurde der Junge von seinem Vater wegen der
Russifizierungspolitik des Zarenreiches im Baltikum nach Deutschland
geschickt. Er blieb aber dennoch seiner alten Heimat zeitlebens
verbunden.
Bergengruen schrieb in der Nachfolge der großen
Autoren des 19. Jahrhunderts Romane, Erzählungen und
Übersetzungen, die sich durch geschliffene Sprache und
klassischen, spannungsreichen Aufbau auszeichnen. Er war ein
Erzähler, der sein christlich-humanistisches Weltbild
in große Fabeln und Parabeln verpackte, und dabei sowohl
in weit ausgesponnenen Romanen (wie z. B. Am Himmel wie auf
Erden), wie auch in teilweise durch Rahmenerzählungen
zusammengehaltenen kleinen, oft anekdotenhaften Formen
brillierte. Speziell dieser Hang zum Anekdotenhaften
ist sicherlich auch für seine posthume Geringschätzung
durch die Literaturkritik seit den 1960er-Jahren verantwortlich.
Hier wird jedoch übersehen, dass Bergengruen nicht (wie
z. B. Friedrich Sacher) in der behaglichen Wiedergabe origineller
Ereignisse und verblüffender Änderungen sein Genügen
findet, sondern gerade mit seinen Anekdoten stets
die grundlegenden Eigenschaften des Menschen in unnachahmlicher
Weise auf den Punkt bringt. Die novellistischen
Erzählungen machen einen Schwerpunkt im Werk von Bergengruen
aus.

.

Briefdokument, datiert Zürich, 15. Juni 1946
(Erstveröffentlichung)

Als der alte Ruhelose,
Segelmacher, Seebefahrer
früh am Sankt Josephitag
auf dem letzten Bette lag,
und die junge Krankenschwester
mit der weissen Flügelhaube
sich zu ihm herniederbeugte,
fuhr erschrocken sie zurück.
Von den Bartumstarrten Lippen
sprang ihrs wie ein Stoss entgegen,
und der Haube weisse Flügel
flatterten wie Schneegewölk.
Wars ein Aufschrei, dem die Laute
nicht mehr sich gefügig zeigten?
Wars ein Seufzer, wars ein Hauch?
Schreie nicht noch Seufzer haben
solche Kraft und solche Wildheit.
Nein, die ruhelose Seele
schied sich ungestüm vom Leibe,
und die Schwester schlug ein Kreuz.
Schloss ihm mit geübten Händen
sanft die wasserblauen Augen,
öffnete den Fensterspalt.
| Oben stehendes Gedicht
wurde entnommen:

Werner Bergengruen, Ballade vom Wind und Die Geisse Gaugeloren.
Druck der Vereinigung Oltner Bücherfreunde, Olten MCMXLVIII