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Inflation der Rohstoffpreise 26.06.2009 23:23

Wie wir gewarnt haben, schreibt »Strategic Alert« diesen Juni, schafft die Entscheidung der G-20, die Politik der »Konjunkturankurbelung« auszuweiten und weitere Billionen in das Finanzsystem zu pumpen, keinen Aufschwung, sondern eine Hyperinflation.
Der Anstieg der Erdöl- und anderer Rohstoffpreise seit Februar 2009 ist ein Alarmsignal und sollte die Regierungen dazu veranlassen, diese Politik aufzugeben und stattdessen Derivate zu verbieten und das Finanzsystem einer Konkurssanierung zu unterziehen. Hedge-Fonds und Banken verwenden die staatlichen Stützungsgelder nicht für Kredite in die Realwirtschaft, die weiter schrumpft, sondern für Spekulation mit Waren und Rohstoffen. In den letzten fünf Monaten hat sich der Ölpreis mehr als verdoppelt und stieg in der Woche vom 8. 6. 09 auf über 73$ je Faß. Eine wirtschaftliche Erklärung dafür gibt es nicht: Das Angebot ist reichlich, die Lager sind voll und die Nachfrage liegt auch nach der Revision der Zahlen für 2009 durch die Internationale Energieagentur (IEA) 2,9 % unter dem Vorjahr. Das Bankhaus Goldman Sachs gab am 4. 6. der Ölpreisspekulation weiteren Auftrieb, als es ankündigte, auf einen Preis von 85$ zum Jahresende zu wetten. Italiens Wirtschafts- und Finanzminister Giulio Tremonti hatte den Punkt beim Treffen der G-8-Finanzminister am 13.6. im italienischen Lecce angesprochen, aber nur sehr wenig erreicht - nur einen Satz im Abschlußkommuniqué und einen Beschluß zur Gründung einer IWF-Kommission. Die britische und US-Regierung verwarfen seinen Vorschlag, an den Öl- und Rohstoffmärkten keine Derivate mehr zuzulassen. Auf Drängen der USA und Großbritanniens entschieden die Finanzminister der G-8 in Lecce, nichts gegen die Hyperinflation zu unternehmen, sondern die Geldmenge weiter auszuweiten. Bei der abschließenden Pressekonferenz in Lecce sagte Tremonti, die zusätzliche Liquidität im Finanzsystem habe »eine mechanische Tendenz, in Derivate zu fließen« anstatt in die Realwirtschaft. »Die Spekulation ist wieder da, gewisse Finanzen erheben wieder ihr Haupt. Sie tun das Gleiche, was sie im Juni letzten Jahres getan haben. Die Rohstoff-Derivate sind wieder da.« 1
Der nachfolgende Artikel geht dasselbe Thema an:
Rückkehr der Spekulanten - Hedge-Fonds entern Rohstoffmarkt - Von Tobias Bayer
Sie sind wieder zurück: Hedge-Fonds haben in den vergangenen Monaten ihre Positionen auf dem Rohstoffmarkt deutlich ausgeweitet. Ihr Engagement ist derzeit so groß wie zu den Hochzeiten des Booms 2008. Die Aufsicht ist beunruhigt: Hedge-Fonds haben ihr Rohstoffengagement in den vergangenen Wochen enorm ausgebaut. Laut Barclays Capital halten die Fonds inzwischen 13 % der offenen Positionen an den amerikanischen Rohstoffmärkten. Das ist der höchste Anteil seit Mitte Juli 2008, als die Notierungen Rekordstände erreichten, und doppelt so viel wie seit Mitte März. Einher geht das mit den steigenden Preisen: Der Rohstoffindex S&P GSCI kletterte seit Februar um mehr als 40 %. Die Umtriebe der Hedge-Fonds dürfte Diskussionen um die Rolle der Spekulanten anheizen. Für Aufsehen sorgten diese Woche Kommentare des neuen Chefs der US-Terminbörsenaufsicht ›Commodity Futures Trading Commission‹ (CFTC), Gary Gensler, der am 2.6.09 vor einem Senatsausschuß die Rohstoffrally 2008 als ›Preisblase‹ bezeichnet und eine härtere Gangart gegenüber Finanzinvestoren angekündigt hatte. Gensler fordert mehr Transparenz, setzt sich für schärfere Positionslimits ein und befürwortet Clearinglösungen.
Dollarverfall und Risikoappetit treiben Notierungen
Den Boom der Rohstoffpreise beäugen die Analysten skeptisch. Laut Standard & Poor's (S&P) verzeichnete der Rohstoffindex S&P GSCI im Mai mit einem Plus von 19,7 % den stärksten Anstieg seit September 1990, als der Irak in Kuwait einmarschierte - und das trotz schwacher Fundamentaldaten. Im Fall des Öls beispielsweise sei die Nachfrage nach wie vor nicht sonderlich hoch, die Lager dagegen erstaunlich gut gefüllt, argumentieren Experten. Am 5. 6. 09 kletterte der Ölpreis in New York auf über 70 $ je Barrel (159 Liter). Das Plus diese Woche (vom 2. Juni) liegt bei 5 % . Im Dezember hatte das Faß noch 32 $ gekostet.
Mehrheitlich begründen die Experten die Preisanstiege mit dem Dollarverfall und dem wiederkehrenden Risikoappetit der Anleger. Die Strategen von Credit Suisse schreiben in einem Researchbericht: »Die aktuelle Ölmarktrally ist unseres Erachtens sehr instabil. Preisanstiege basieren vor allem auf Investmentkäufen. Der physische Markt bleibt schwach.« Sven Streitmayer, Analyst der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), spricht von ›Hot Money‹. Seit Beginn des laufenden Quartals seien wieder massive Kapitalzuflüsse in den Rohstoffsektor zu registrieren. Gegenüber dem Jahresbeginn habe sich die von Großanlegern wie Hedge-Fonds an den US-Rohstoffbörsen gehaltenen Kaufkontrakte mehr als verdreifacht, sagt Streitmayer. Das Netto-Investitionsvolumen der spekulativen Marktakteure sei im selben Zeitraum um rund 30 Mrd. $ auf das höchste Niveau seit dem Spätsommer 2008 gestiegen.
Als Haupttreiber der jüngsten Rohstoff-Rally berge der gewaltige Aufbau von spekulativen Kaufpositionen aber zugleich auch eine enorme Rückschlagsgefahr mit sich. »Brenzlig wird es für die Preise von Öl, Kupfer und Co. vor allem dann, wenn die Hoffnung der Investoren auf eine schnelle Verbesserung der realen Angebots-Nachfrage-Situation enttäuscht werden sollte«, sagt Streitmayer. Ähnlich fällt das Urteil von Eugen Weinberg, Rohstoffanalyst der Commerzbank, aus: »Der Ölpreis stieg vor allem wegen dem größeren Risikoappetit. Er steht in keinem Verhältnis zu dem leichten Rückgang der Vorräte. In den USA beispielsweise sprechen nur die Benzinbestände für einen höheren Preis. Bei Rohöl und anderen Produkten sind die Puffer auf hohen Niveaus.« Weinberg sieht einen Zusammenhang mit der lockeren Geldpolitik der Notenbanken: Seit die Zentralbanken Wertpapiere aufkaufen - die Praxis wird Quantitative Easing genannt - hätten sich die Kosten der Ölkäufe für die Verbraucherländer weltweit um 340 Mrd. $ erhöht.
Haben Anleger die Ölpreisrally verpaßt?
Umstritten ist dennoch, wie groß der Einfluß der Finanzgemeinde auf die Rohstoffpreise tatsächlich ist. Barclays Capital bezweifelt, daß er groß ist. Zwischen Dezember und Februar hätten Hedge-Fonds ihr Engagement deutlich ausgeweitet, der S&P GSCI sei aber gefallen. Bei Öl wiederum hätten Anleger in den vergangenen 3 Monaten aus börsennotierten Produkten 2,5 Mrd. $ abgezogen. »Investoren haben den Großteil der jüngsten Ölpreisrally verpaßt«, führen die Barclays-Capital-Analysten aus. Ihre These lautet: »Die Kausalität läuft momentan anders herum, als es die Spekulationsblasen-Apologeten behaupten. Die Hedge-Fonds engagieren sich, weil die Rohstoffmärkte gut aussehen, und die Preise steigen.« 2
1 Strategic Alert, Jahrg. 23, Nr. 25 vom 17. Juni 2009
2 http://www.ftd.de/boersen_maerkte/aktien/rohstoffe/:R%FCckkehr-der-Spekulanten-Hedge-Fonds-entern-Rohstoffmarkt/523072.html 6. 6. 09; alle Hervorhebungen durch politonline