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Abt OSB in Amorbach 1727–1753
Herkunft, Bildungswege
Der spätere barocke Bauabt von Amorbach wird am 27. Februar 1692 in der Stadt Buchen im Odenwald als Sohn von Hannes Georg[1] und seiner dritten Ehefrau Dorothea Heffner[2] geboren und auf den Namen Johann Valentin getauft. Seine Geburtsstadt Buchen liegt vier Wegstunden südlich von Amorbach am Ende des Tals der Morre. Es ist ein kurmainzisches Städtchen im Oberamt Amorbach.[3] Hier wächst Johann Valentin als Sohn eines Gastwirtes auf.
Er kann das Gymnasium in Würzburg besuchen und anschliessend an der Universität in Mainz Philosophie studieren.
Konventuale in Amorbach
Im September 1711 tritt er zur Zeit der Regierung von Abt Cölestin ins Kloster Amorbach ein und leistet im November 1712 unter dem Klosternamen Engelbert Profess. Anschliessend studiert er Theologie.[4] Im März 1716 wird er zum Priester geweiht und feiert an Ostern 1712 Primiz. An der Hausschule ist er jetzt Lektor der Philosophie und Theologie. Gropp berichtet, dass er für jede Disziplin eine These öffentlich verteidigt und die eine dem 1713 gewählten Abt Sanderad Breunig, die andere aber dem Abt von Bronnbach widmet.[5] Mit Ausnahme einer späteren Tätigkeit als Pfarrer der Stadtkirche Amorbach ist von seinen Klosterämtern nichts bekannt.
Abt in Amorbach
Nach nur zweijähriger Regierung stirbt 1727 Abt Joseph Haberkorn. Als Nachfolger wird am 16. Juli 1727 Engelbert Kinbacher gewählt. Er wird in Mainz durch den Kurfürsten Lothar Franz von Schönborn geweiht. Dass der mächtige Kirchenfürst den neuen Abt anschliessend an seine Tafel zulässt, scheint dem Chronisten Gropp eine Erwähnung wert. Der Amorbacher Konvent besteht um diese Zeit aus rund 35 Mitgliedern, ein Drittel ist aber auf Aussenstellen tätig.[6] Die Abtei hat sich von den Kriegswirren des 17. Jahrhunderts erholt und ist in einer guten ökonomischen Verfassung. Vorerst lässt sich der Abt in 19 Ortschaften der Klosterherrschaft den Treueid schwören. Aus seinen ersten Regierungsjahren ist die Wiedereinrichtung der mittelalterlichen Jakobuskapelle im Kirchhof und der Bau oder Erwerb einiger Ökonomiebauten überliefert. Die Klosterlandschaft dieser Jahre ist in der Vogelschauansicht des Stechers Johann Salver in grosser Präzision festgehalten.[7] An ihr wird sich während der Regierungszeit von Abt Engelbert trotz dem Neubau der Kirche nur wenig ändern. Einzig sein 1735 erstellter Kanzleineubau anschliessend an die Schlossmühle fehlt in der Vogelschauansicht. An diesem Neubau ist auch das persönliche Wappen des Abtes angebracht.[8]
Die Tausendjahr-Feier 1734 und das Geschichtswerk von P. Ignatius Gropp
Höhepunkt des ersten Regierungsjahrzehnts sind die acht Tage dauernden Feierlichkeiten zum tausendjährigen Bestehen der Abtei im Jahr 1734. Sie werden früh vorbereitet. Schon der Vorgängerabt gibt seinem Bibliothekar P. Antonius Klug[9] den Auftrag, eine Klostergeschichte zu verfassen und in Druck zu geben. Klug kann das Werk nicht vollenden, da er 1733 stirbt. Abt Engelbert beruft jetzt P. Ignatius Gropp aus der Würzburger Benediktinerabtei St. Stephan als neuen Verfasser und Vollender der Festschrift.[10] Gropp kann sich auf die über 900 Seiten umfassende Arbeit seines Vorgängers stützen, stellt aber auch eigene Nachforschungen an. Zur Feier 1734 wird das Werk nicht fertig, erscheint aber 1736 mit dem Zusatzbeschrieb der Feierlichkeiten im Druck.[11] Übersieht man die phantasievolle Gründungsgeschichte mit dem hl. Amor, ist das Werk noch heute glaubhafte Geschichtsquelle, vor allem für die Zeit nach der Reformation. Bisher ist es auch die einzige veröffentlichte Darstellung über die Amorbacher Äbte der Barockzeit bis zum ersten Jahrzehnt der Regierung des Abtes Engelhardt.
Bauherr der Klosterkirche
Die zwei Jahrzehnte Regierungstätigkeit von Abt Engelbert nach den Feiern von 1734 sind biografisch nicht erfasst. Dies ist nebst dem allgemeinen Desinteresse der modernen Historiker auch dem Umstand zu verdanken, dass in Amorbach das Führen von Professbüchern[12] noch zur Zeit Engelberts unterlassen wird. Nur dank den Quellen zum Neubau der Klosterkirche können Ergänzungen angebracht werden.
Zu welchem Zeitpunkt und aus welchen Gründen sich Abt Engelbert mit dem Neubau der Kirche beschäftigt, bleibt weiterhin Vermutung. Der Neubau der Münsterschwarzacher Abteikirche durch Balthasar Neumann, die schon zur Zeit der Tausendjahrfeierlichkeiten Amorbachs im Bau ist, entgeht ihm nicht. Seine Kontakte zu Münsterschwarzach zeigen sich auch in der Einladung von P. Ignatius Brendan als Festprediger an den Feierlichkeiten. Aber erst sechs Jahre später nimmt der Abt ernsthafte Anläufe. Er lässt den Bamberger Hofbaumeister Justus Heinrich Dientzenhofer ein Umbauprojekt anfertigen und zieht auch Balthasar Neumann bei. Dientzenhofer erfährt aber schon 1741 bei seinem Aufenthalt in Amorbach, dass auch der Mainzer Baudirektor Maximilian von Welsch mit einem Projekt beteiligt sei und auf jeden Fall einen Auftrag erhalte.[13] Hier zeigt sich Abt Engelbert als Opportunist. Er will möglichst unkompliziert eine Genehmigung des Bauvorhabens durch den Kurfürsten erreichen und wählt deshalb gleich dessen Hofbaumeister, obwohl dieser im Gegensatz zu Neumann nicht als Kirchenarchitekt bekannt ist. Welsch plant eine mit dem Altbau fast identische Basilika, die romanischen Türme muss er beibehalten. 1743 beginnt der Neubau. Im gleichen Jahr wird in Münsterschwarzach die neue Kirche eingeweiht. Obwohl Abt Engelbert an der Einweihung nicht eingeladen ist, muss er den Neubau kennen. Denn 1744 schliesst er mit den dort noch immer tätigen Johann Michael Feichtmayr und Matthäus Günther Verträge für die Innenraumgestaltung. Damit zeigt er nun wirkliches Kunstverständnis und setzt die Grundlage für das Rokokokunstwerk Amorbach. Günther arbeitet nach einem umfangreichen Bildprogramm des Abtes.[14] Noch nach der Einweihung 1747 zieht Abt Engelbert die besten Würzburger Hofkünstler für die Vollendung der Ausstattung bei. Der grossartige Innenraum von Amorbach ist deshalb sein Verdienst.
Lebensende
Am 5. April 1753 stirbt Abt Engelbert Kinbacher 61-jährig. Die Leichenpredigt rühmt den verstorbenen Abt als dreifachen Kirchenbauer und grossen Priester.[15] Sein Epitaph in schwarzem Marmor wird an der nördlichen Querschiffwand der neuen Klosterkirche angebracht. In den Schriften des 19. Jahrhunderts noch beschrieben, wird es in neuerer Zeit entfernt. Das Grabdenkmal des Erbauers der Kirche muss offenbar moderne Gemüter gestört haben.
Pius Bieri 2018
|Literatur:

Debon, Andreas: Historisch-topografische Skizze der Stadt und des vormaligen Klosters Amorbach. Würzberg 1856.

Landmann, Franz und Springer, Bernhard: Ignatius Gropp. Historia Monesterii Amorbacensis. Die Chronik des Klosters Amorbach aus dem Jahr 1736. Aus dem Lateinischen übersetzt von Franz Landmann. Amorbach 2014.
Anmerkungen:
[1] Hannes Georg Kinbacher (1649–1705) ist Wirt der Gastwirtschaft «Zur goldenen Kanne» in Buchen. Die Gastwirtschaft wird 1841 in «Prinz Carl» umgetauft und existiert im Erscheinungsbild des 19. Jahrhunderts noch heute. Egon Eiermann baut 1965 den Gästetrakt-Anbau.
[2] Anna Dorothea Heffner aus Königheim. Heirat 1689. Sie führt nach dem Tod von Hannes Georg die Gastwirtschaft durch erneute Heirat weiter, aber auch ihr zweiter Ehemann stirbt früh. 1718 heiratet sie ihren dritten Ehemann, Franz Anton Herth (1696–1767).
[3] Später Amt Buchen (Baden), heute im Landkreis Neckar-Odenwald (Baden-Württemberg).
[4] Die Angaben zu den Studien gemäss Ignatius Gropp 1736. Kinbacher besucht wahrscheinlich das Jesuitenkolleg in Würzburg. Auch die Universität Mainz wird um 1710 von Jesuiten geleitet. Für das Studium der Theologie gibt Gropp keinen Ort an.
[5] Die Widmung der theologischen These an den Abt Joseph Hartmann der Zisterzienserabtei Bronnbach ist nicht nur durch die Nähe von Bronnbach zu erklären. Der seit 1699 regierende Abt ist bekannter Bauabt, aber auch Förderer der theologischen Wissenschaften seiner Konventualen.
[6] Die Konventliste 1734 führt 33 Patres und 2 Fratres auf. 1753 sind es 36 wahlberechtigte Patres.
[7] Gehe zum Stich Salver 1734 (Vogelschauansicht mit Legende).
[8] Es ist sprechendes Wappen: Aus dem linken Schildrand ragt ein hervorwachsender geharnischter Arm, der einen Unterkieferknochen (Kinnbacken) in der Hand hält. Siehe zum Wappen am Kanzleibau die Webseite von Bernhard Peter www.welt-der-wappen.
[9] P. Antonius Klug OSB (1680–1733) aus Seligenstadt. Konventuale in Amorbach. Prior 1713–1715, Pfarrer in Amorbach 1718–1724, anschliessend Bibliothekar. Seine umfangreiche Arbeit für die Klostergeschichte ist Nebenbeschäftigung, Archivforschung kann er nur heimlich betreiben. Er bindet die handschriftlichen Aufzeichnungen in einem Sammelwerk, der Collectanea.
[10] P. Ignatius Gropp OSB (1695–1758) aus Kissingen. Konventuale in St. Stephan, Würzburg. Er ist bedeutender Geschichtsschreiber des Bistums Würzburg. Ihm wird der Zugang ins Archiv erlaubt.
[11] Aetas mille annorum antiquissimi et regalis Monasterii B. M. V. in Amorbach. Francofurti 1736. Die darin erhaltene Klostergeschichte wird 2014 durch Franz Landmann aus dem Lateinischen übersetzt (siehe Literatur).
[12] Ein Professbuch verzeichnet alle Äbte und Mönche (Konventualen) einer Abtei, seit dem 17. Jahrhundert auch mit einem Lebenslauf und den Werken. Die Wichtigkeit des Professbuches ist den barocken Benediktinerklöstern der schwäbsichen, bayrischen und schweizerischen Kongregationen längst bewusst. Die fränkische Abtei Amorbach ist nicht Mitglied einer Kongregation. Über das fehlende Professbuch beklagt sich auch der Chronist P. Antonius Klug in seiner Collectanea.
[13] Zum Ablauf der Planung und Ausführung und zur Tätigkeit ihrer Beteiligten siehe den Werkbeschrieb «Amorbach» in dieser Webseite.
[15] «Der in Erbauung dreyfacher Kirch hoch=gerühmt=ewiger Gedächtnuß würdige Bau=Meister und Große Priester Engelbertus». Aschaffenburg 1753.
Porträt des Abtes Engelbert Kibacher
|Engelbert Kinbacher (1692–1753) Abt OSB in Amorbach 1727–1753|
|Biografische Daten||Zurück zum Bauwerk|
|Geburtsdatum||Geburtsort||Land 18. Jahrhundert|
|27. Februar 1692||Buchen im Odenwald||Kurfürstentum Mainz|
|Titel und Stellung||Regierungszeit|
|Abt der Benediktinerabtei Amorbach||1783–1732|
|Sterbedatum||Sterbeort||Land 18. Jahrhundert|
|5. April 1753||Amorbach||Kurfürstentum Mainz|
|Kurzbiografie|
|Abt Engelbert Kinbacher ist Initiant des Stiftskirchen-Neubaus mit dem berühmten Rokokoinnenraum in Amorbach. Mit der Wahl des Planers verhält er sich noch opportunistisch, indem er den Baudirektor des Mainzer Kurfürsten beizieht. Dies, weil die Abtei Amorbach im Kurfürstentum wenig Selbstständigkeit hat und auf die Genehmigung des Landesfürsten angewiesen ist. Umso wertvoller ist der Entscheid des Abtes, für die Innenraumgestaltung der Kirche die damals besten Meister des süddeutschen Rokokos nach Amorbach zu holen. Von seinem Leben ist wenig bekannt. Forschungen sind unterblieben. Im Gegenteil: Die in der Kirche angebrachten Andenken an den schöpferischen Barockprälaten werden noch in moderner Zeit bewusst entfernt.|
|PDF (nur Text)||Biografie||Porträt||Bildlegende|
|Zum Millenniumsfest von 1734 erscheint 1736 die Schrift «Aetas Mille Annorum» von Ignatius Gropp. Sie enthält auch ein Porträt des Abtes Engelbert. Der Stich ist «J. C. Pechtold pinxit / J. C. Sysang sc: Lips: 1735» signiert. Im Ovalrahmen ist der Abt in Halbfigur, das Gesicht zum Betrachter gewandt, dargestellt. In der rechten Hand hält er das Brevier. Er trägt auf dem Haupt das Scheitelkäppi, den Pileolus. Als Zeichen der Würde trägt er das Brustkreuz, im Hintergrund ist die Mitra zu sehen.

Unter dem Porträt ist der Wappenschild des Abtes dargestellt. Das gleiche Wappen prangt im 18. Jahrhundert auch am Hochaltar.[1] In den sechs Feldern des Hauptschildes[2] ist das Wappen der Abtei Amorbach zu sehen. In Feld 1 und 6 sind in Blau drei goldene oder silberne Lilien (2:1) zu sehen. Diese royalen «fleur de lys» sollen schon die Karolinger verwendet haben und stehen deshalb für die Klostergründer Karl Martell und Pippin. In Feld 3 und 4 ist in Blau ein silberner Löwe dargestellt. Er soll den Benediktinerorden vertreten. In Feld 2 und 5 stehen in Rot drei goldene Kronen (2:1) für den legendären Stifter Frankenberg. So interpretiert Abt Sanderat das Klosterwappen.[3]
Im Herzschild ist das Wappen Kinbacher zu sehen. Es ist ein sprechendes Wappen: Aus dem linken Schildrand ragt ein hervorwachsender geharnischter Arm, der einen Unterkieferknochen (Kinnbacken) in der Hand hält.

Bildquelle
[2] Gemäss Bernhard Peter eigentlich vom graphischen Standpunkt aus gespalten und je zweimal geteilt, wird aber wegen der inverssymmetrischen Anordnung in der Literatur auch als geviert aufgebaut betrachtet. Mehr dazu in welt-der-wappen.de/Heraldik/Galerien/galerie422.htm.
[3] Debon 1856 gemäss Abt Sanderat (1713–1725): «Aedificant, fundant, monstrant tria Virginis Almae Signa Domum, quae sunt: Lilia, Serta, Leo. Im Gegensatz zu Sanderat bezeichnet das Aschaffenburger Wappenbuch (1983) und Bernhard Peter die drei Lilien als Wappen des legendären Stifterhauses Frankenberg. Aber auch die drei Kronen (Serta bedeutet Kranz und Krone) die Abt Sanderat dem «Letzten» der Frankenberger zuteilt, ist reine Filtion, wie auch das fiktive und ebenfalls in Rot drei Kronen zeigende Wappen des Königs Artus! Siehe zum Wappen auch den Beitrag «Amorbach» in dieser Webseite.