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Ein Text von Ina Boesch (Audio folgt bald...)
Über den Häusern rund um das Grossmünster muss im 17. Jahrhundert ein Hauch von kirchlicher Rechtschaffenheit geschwebt haben. Im Schatten der grossen Kirche mit ihren damals noch schlanken Türmen wohnte nämlich eine ganze Reihe von Kirchenleuten. So residierte etwa in der oberen Kirchgasse im Haus “Zum kleinen Paradies” zeitweise der Pfarrer des Grossmünsters, im daran angrenzenden Konstanzerhaus lebte der Verwalter des ausserstädtischen Besitzes des Domkapitels von Konstanz.
In den Achtziger- und Neunzigerjahren des 17. Jahrhunderts war es der Kaufmann Johann Heinrich Gessner, der das mehrstöckige Haus in der Kirchgasse 32 mit seiner Frau Anna Margaretha Kitt und Angestellten bewohnte. Während er auf dem Land von den Bauern den Zehnten einholte und den Bodenzins von Lehenshöfen einzog, führte sie das Hauspersonal und sorgte für das Wohl ihres Mannes und von Gästen. Sie stammte aus einer angesehenen Kaufmannsfamilie, die seit 1535 in Zürich eingebürgert und schon früh “globalisiert” war. So boten ihr Urgrossvater und ihr Grossvater in ihrem Laden unter anderem Gewürze an. In ihrem Geschäft am Münsterplatz war um 1600 sozusagen der ganze Globus vertreten: neben Textilien aus Europa verkauften sie Ingwer aus der Karibik, Zucker vermutlich aus Brasilien, Nelken, Muskat und Zimt aus Asien und Gummiarabikum aus Afrika.
Im Alltag von Anna Margaretha Kitt spielten Würzmittel ebenfalls eine wichtige Rolle. In der Küche verwendete sie nämlich – alles andere als protestantisch bescheiden – eine Unmenge davon. Im Gegensatz zur Zeit ihrer Vorfahren kamen die Gewürze jedoch nicht mehr aus der ganzen Welt und von verschiedenen Händlern, sondern vorwiegend aus Asien und exklusiv von einem Händler. Es war die Niederländische Ostindien-Kompanie, die in ihren Kolonien die Produktion und den Handel mit eiserner Faust kontrollierte: Als sich beispielsweise 1621 die Bewohner:innen der Banda-Inseln weigerten, Handelsverträge mit ihnen einzugehen, tötete die Ostindien-Kompanie schätzungsweise 2’800 Bandanes:innen. Unzählige weitere wurden versklavt und verschleppt oder starben an den Folgen des Krieges.
Ihre Vorliebe für koloniale Gewürze dokumentierte Anna Margaretha Kitt 1699 in einem Kochbuch, einem dicken Wälzer mit rund 470 Rezepten. In vier von fünf Rezepten taucht mindestens ein Gewürz auf, den Zucker mitgezählt. Ingwer war ihr Favorit, gefolgt von Pfeffer und Zimt, aber auch der Geschmack von Nelken und Muskat gefiel ihr. So riet sie etwa, eine Rinderzunge mit Zimt und Nelken zu spicken. Oder ein Fleischmus mit Muskatblüten und Safran zu würzen. Unzählig sind die Ideen, die sie für die Zubereitung ihrer Speisen entwickelte. Einmalig etwa der «Käss mit Wein», wahrscheinlich das erste Fonduerezept im deutschsprachigen Raum. Extravagant der Mandelpudding mit Goldlasur.
Selbstverständlich konnten sich damals viele Zürcher:innen Gold nicht leisten. Aber auch Gewürze waren sehr kostspielig. Indem Anna Margaretha Kitt diese Ingredienzen verschwenderisch gebrauchte, konnte sie sich von den unteren Schichten abheben. Das Konstanzerhaus markiert also den Ort, wo sich reiche Leute durch den Konsum von Kolonialgütern von ihren Zeitgenoss:innen distanzieren konnten.
Quellenverzeichnis:
Weiterführende Literatur: