Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03621.jsonl.gz/1001

Stuckateur und Baumeister in Eichstätt
Roveredo
Francesco de Gabrieli wird 1686 im Roveredo, einem Dorf in der Valle Mesolcina geboren.[1] Das Tal, deutsch Misox genannt, ist dem Grauen Bund des Freistaates Graubünden zugehörig. Roveredo hat um diese Zeit 600 Einwohner. Die Familie de Gabrieli wohnt im Dorteil Rugno. Vater Giovanni ist Maurermeister und arbeitet im Sommerhalbjahr in Deutschland.[2] Die Mutter Domenica Zuccalli stammt aus der weitverzweigten Sippe des Münchner Hofbaumeisters Enrico Zuccalli.[3] Wie seine Brüder Gabriele[4] und Giovanni Gaspare[5] erlernt er das Maurer- und Stuckateurhandwerk, wahrscheinlich im Umfeld seines älteren Bruders Gabriele, der um diese Zeit in der Region Wien und Ansbach tätig ist. 1702 wird er in Roveredo in die Bruderschaft (Confraternità del Santissimo Sacramento) aufgenommen.[6] 1716 ist er erstmals als Stuckateur erwähnt. Er arbeitet im Schloss Nymphenburg unter der Leitung von Joseph Effner.
Eichstätt
1717 wechselt er nach Eichstätt. Sein Bruder Gabriele ist hier seit drei Jahren Hofbaumeister und wohnt seit einem Jahr auch in der Bischofsstadt. Den ersten Auftrag erhält Francesco, der hier Franz genannt wird, von den Jesuiten. Die Schutzengelkirche des Kollegiums, eine Wandpfeilerhalle, ist nach einem Brand im Dreissigjährigen Krieg zwar wieder hergestellt, für die Ansprüche des beginnenden Spätbarocks wirkt sie aber zu nüchtern. Francesco de Gabrieli erhält den Auftrag für die Neugestaltung des Raumes. Der Akkordvertrag lautet auf 1850 Gulden. In der Zeit von April bis November 1717 stuckiert er den Raum mit einem feinen Akantusrankenwerk, die Gewölbetektonik betont er mit Girlandenbändern. Grosse Engel mit expressiver Gestik sitzen auf dem Gebälk. Die vortreffliche künstlerische Qualität der Stuckaturen zeigt, dass Gabrieli hier kein Erstlingswerk erstellt.
Leider sind seine Vorgängerwerke nicht bekannt.
Franz de Gabrieli bleibt jetzt in Eichstätt und arbeitet vor allem an den neuen Bauwerken seines Bruders. Dieser baut seit 1715 für die Augustiner-Chorherren in Rebdorf bei Eichstätt die neuen Konventbauten mit dem langen Ostflügel an der Altmühl. 1618 bis 1620 erfolgt die Stuckierung. Sie dürfte von Franz de Gabrieli stammen. Auch das Stuckporträt seines Bruders im Treppenhaus, das um 1720 angebracht wird, muss von ihm stammen.[7]
1720–1722 leitet Franz de Gabrieli auch Bauwerke seines Bruders in Augsburg, wie die Dompropstei und den Zentralbau der Marienkapelle am Dom-Langhaus. In der Marienkapelle erstellt er feine Bandelwerk-Stuckaturen der Régence.
Umstritten sind die 1720–1721 erstellten Régence-Stuckaturen der Klosterkirche Notre Dame in Eichstätt.[8] Franz de Gabrieli hat, wie die Marienkapelle im Dom von Augsburg zeigt, um diese Zeit den Wandel zum modernen Bandelwerk der Régence schon vollzogen. Das nach Berain'schen Vorlagen stuckierte Bandelwerk in Notre Dame wird heute ihm, aber auch der Nürnberger Werkstatt von Donato Polli zugeschrieben.[9]
Die Problematik von Zuschreibungen an Stuckateure des Régence in Eichstätt kann mit der grossen Bautätigkeit dieser Zeit erklärt werden. Gabriele de Gabrieli muss nebst der Werkstatt seines Bruders auch andere Stuckateur-Werkstätten beschäftigen. Deren Namen sind aber unbekannt. Aber auch Franz de Gabrieli könnte für weit mehr als die oben erwähnten Stuckaturen in Frage kommen.
Allerdings sind viele Zuschreibungen von Eichstätter Stuckaturen der Régence an Franz de Gabrieli mit Sicherheit nicht haltbar, weil ihre Erstellung in die Jahre nach seinem Tod fällt.[10] Zu ihnen zählen die Stuckaturen im Domherrenhof Dietrichstein, im Domherrenhof Schönborn, in den Obergeschossen der Residenz, in der Sommerresidenz und auch in der Klosterkirche Rebdorf.
Oettingen
Die Grafschaft Öttingen mit ihrem Kerngebiet in Nördlinger Ries liegt nur teilweise im Bistum Eichstätt. Aber die Grafen von Oettingen-Baldern sind familiär mit dem Domstift Eichstätt verbunden. Ihr Herrschaftssitz ist Hohenbaldern bei der kleinen Reichsstadt Bopfingen. Der Bauherr von Gabriele de Gabrieli, Graf Kraft Anton Wilhelm von Oettingen-Baldern-Katzenstein, hat nicht nur einen Sohn im Domkapitel von Eichstätt, er ist auch mit dem Domherr Marquard Wilhelm von Schönborn verschwägert.[11] Domherr Schönborn dürfte Gabrieli seinem Verwandten empfohlen haben. Für die jetzt folgenden grossen Aufträge des Grafen delegiert Gabriele seinen Bruder Franz in die Grafschaft Oettingen. Franz de Gabrieli ist jetzt in der Grafschaft auch bauleitend tätig.
1718 übernimmt er die Bauleitung der Wallfahrtskirche St. Maria bei Zöbingen. Der Zentralbau nach Plänen von Gabriele de Gabrieli kommt zwar 1722 unters Dach, verfällt später und wird 1783 klassizistisch erneuert. Ein Stuckaturentwurf der Decke ist erhalten, vielleicht aber nie ausgeführt worden.
Seit 1723 arbeitet er vorwiegend in der Grafschaft. Er leitet hier die umfangreichen Arbeiten zum Umbau des Stammsitzes Hohenbaldern in eine barocke Residenz. Der junge Tagebuchschreiber Giovanni Domenico Barbieri[12] beschreibt, wie er mit vier weiteren Landsleuten die Stuckaturen im Winter 1724 die Kapelle stuckiert. Hier sind auch die Altäre ein Werk von Franz de Gabrieli.
1725 plant und beginnt er auf Vermittlung seines Bruders den Neubau der Kirche St. Georg von Gnotzheim. Die Bandelwerk-Stuckaturen des Chors weisen schon ins Rokoko. Franz de Gabrieli ist jetzt nominell Hofbaumeister der Grafen von Öttingen. Für Franz Albrecht Graf von Oettingen-Spielberg baut er 1726 im französischen Garten des Schlosses Oettingen die Orangerie.[13] Gabriele de Gabrieli leistet dem Grafen für den Bau einen Vorschuss von 5000 Gulden. Giovanni Rigaglia[14] leitet ihren Bau.
Am 5. März 1726 heiratet Franz de Gabrieli in Eichstätt die Theresa Heidwig, Witwe des Deutschherren-Vogtes von Absberg.[15]
Unerwartet stirbt er schon wenige Monate später, am 27. Oktober 1726, auf Schloss Hohenbaldern an einer Ruhr-Erkrankung. Der gleichen Krankheit ist im März schon Wilhelm de Gabrieli, der auf Hohenbaldern weilende zweitjüngste Sohn von Gabriele de Gabrieli, zum Opfer gefallen.[16] Die begonnenen Bauwerke werden durch Gabriele de Gabrieli und Giovanni Rigaglia fertig gestellt.
Pius Bieri 2017

Literatur:

Barbieri, Giovanni Domenico: Brevi Nottate di mia vita andante 1720–1763, Manuskript, in: Quaderni grigionitaliani Band 65, 1996.

Mader, Felix: Die Kunstdenkmäler von Mittelfranken, Band I, Stadt Eichstätt. München 1924.

Zendralli, Arnoldo Marcelliano: Graubündner Baumeister, Zürich 1930.

Zendralli, Arnoldo Marcelliano: I Magistri Grigioni, Poschiavo 1958.

Pfister, Max: Baumeister aus Graubünden, Chur 1993.

Fiedler, Rembrant: Graubündner Bauleute im Hochstift Eichstätt, in: Graubündner Baumeister und Stukkateure, Lugano 1997.
Anmerkungen:
[1] Das Geburtsdatum 1686 nach Pfister und Fiedler. Zendralli nennt 1691.
[2] Giovanni de Gabrieli (1635/40–1716). Er ist 1675 in Fürstenzell nachgewiesen. Als Schwager von Caspare Zuccalli dürfte er um diese Zeit hauptsächlich in dessen Trupp arbeiten.
[3] Domenica Zuccalli (um 1637–1721). Ihr Bruder ist Caspare (1629–1678), Münchner Hofmaurermeister, Bruder von Hofbaumeister Enrico Zuccalli.
[5] Giovanni Gaspare de Gabrieli (†1713), Stuckateur, arbeitet vor allem an den Ansbacher Bauten seines Bruders Gabriele, stirbt aber am 3. August 1713 in Schwaningen, gemäss Zendralli mit 24 Jahren, gemäss Fiedler mit 28 Jahren.
[6] Damit ist das Geburtsdatum 1686 erhärtet, denn vor Abschluss der Lehre erfolgt keine Aufnahme in die illustre Bruderschaft.
[7] Das Stuckrelief wird auch Gerolamo Francesco Andreoli oder Andreioli (1700–1757) aus Muzzano zugeschrieben. Er ist Neffe von Donato Polli (1663–1738), seinem ebenfalls aus Muzzano stammenden Onkel und seit 1690 in Nürnberg tätigen Stuckateurs. Zuschreibung Wolfgang Jahn in: Stukkaturen des Rokoko, Sigmaringen 1990. Jahn schreibt Andreoli und Polli auch die 1720/21 erstellten Stuckaturen der Klosterkirche Notre Dame in Eichstätt zu.
[8] Kirche und Kloster Notre Dame sind ein Neubau von Gabriele de Gabrieli. Die Kirche wird 1719–1721 gebaut. Heute ist die Kirche Ausstellungsraum.
[9] Siehe Anmerkung 7. Donato Poll stuckiert bis 1618 die Egidienkirche in Nürnberg. Eine Quelle, das Polli schon 1720 in Eichstätt stuckiert, ist nicht vorhanden. Eine Zusammenarbeit beider Werkstätten ist aber durchaus möglich. Die eigentliche Einführung der Régence in der näheren Eichstätter Umgebung erfolgt allerdings 1717 im Kaisersaal der Zisterzienserabtei Kaisheim durch Peter Franz Appiani (1670−1724). Siehe zu ihm und zu Kaisheim den Beitrag in dieser Webseite.
[10] Sie stammen von Felix Mader (1924), der die Lebensdaten von Franz de Gabrieli noch nicht kennt.
[11] Graf Kraft Anton Wilhelm von Oettingen-Baldern (1684–1751). Er heiratet 1709 Johanna Maria Eleonore von Schönborn, Tochter von Melchior Friedrich und Schwester des Würzburger Fürstbischofs Johann Philipp Franz, auch Nichte des Mainzer Fürstbischofs und Erzkanzlers Lothar Franz. Ein weiterer Bruder, Marquard Wilhelm von Schönborn, ist Domherr in Eichstätt und wird 1735 Dompropst. Gabriele de Gabrieli baut ihm 1636 den Schönborn-Hof, das heutigen Bischofspalais.
[13] Die Orangerie ist seit einem Umbau der 1950er Jahre Wohnsitz des fürstlichen Hauses Oettingen-Spielberg.
[14] Giovanni Rigaglia aus Roveredo, dessen Lebensdaten unbekannt sind, ist 1714–1736 als Palier und Bauleiter für Gabriele de Gabrieli tätig.
[15] Absberg ist eine Vogtei der Deutschordenskomturei Ellingen.
[16] Wilhelm de Gabrieli wird im Zisterzienserinnenkloster Kirchheim begraben (Barbieri, Nottate 1726). Das zwei Wegstunden entfernte Kloster ist nächstgelegener katholischer Begräbnisort. Über das Begräbnis von Franz de Gabrieli schweigt sich Barbieri aus.
|Franz de Gabrieli (1686–1726)|
|Biografische Daten|
|Geburtsdatum||Geburtsort||Land|
|1686||Roveredo||Graubünden CH|
|Land 18.Jh.||Bistum 18.Jh.|
|Freistaaat Graubünden||Chur|
|Sterbedatum||Sterbeort||Land|
|27. Oktober 1726||Hohenbaldern||Baden-Württemberg D|
|Land 18. Jh.||Bistum 18. Jh.|
|Grafschaft Oettingen||Augsburg|
|Kurzbiografie|
|Francesco oder Franz de Gabrieli ist jüngerer Bruder des Eichstätter Hofbaumeisters Gabriele de Gabrieli. Seit 1717 ist er in Eichstätt tätig, wo er als erstes Werk die Schutzengelkirche des Jesuitenkollegs stuckiert. Nach 1720 sind seine Stuckaturen der Régence verpflichtet. Bis 1723 wirkt er hauptsächlich in der Bischofsstadt, vor allem in Werken seines Bruders, um dann vermehrt in der Grafschaft Oettingen tätig zu sein. Er arbeitet nicht nur als Stuckateur, sondern auch als Bauleiter für seinen Bruder. Einzelne Bauten wie die Kirche Gnotzheim oder die Orangerie in Oettingen sind eigene Werke. Seine vielversprechende Tätigkeit wird 1726 durch den frühen Tod jäh unterbrochen.|