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Scheidungskinder erzählen
Paul, 36:
Ich war vierzehn Jahre alt, als das mit der Trennung losging. Meine Mutter hatte einen Freund, mein Vater wusste zwar bereits davon, aber wir Kinder waren noch nicht in ihre Probleme eingeweiht. Eines Abends suchte ich nach einem leeren Buch für eine Schularbeit und stiess dabei zufällig auf Notizen meiner Mutter, in der sie eine leidenschaftliche Liebesnacht mit ihrem Freund beschreibt. Ich war sehr schockiert und zog mich in den Garten zurück, um zu weinen. Meine Eltern waren an diesem Abend zufälligerweise in einer Paartherapie wegen der ganzen Sache gewesen und als sie mich so im Garten fanden, erzählten sie mir und meiner Schwester, was los war.
Meine Eltern versuchten dann noch zwei, drei Jahre trotzdem weiterzumachen. Vor allem mein Vater wollte die Familie nicht aufgeben, ich glaube, ohne Kinder wäre alles viel einfacher gewesen. Es gab viele Gespräche, die Eltern versuchten uns zu vermitteln, was passiert ist, so dass wir verstehen können. Für uns war es aber der absolute Horror. In dieser Zeit begann bei mir auch das Ausflippen, Saufen, Rebellieren. Das hätte ich zwar vielleicht ohnehin gemacht, aber ich fühlte mich für die ganze Sache verantwortlich. Ich fragte mich immer: Haben wir Kinder etwas falsch gemacht? Hätten wir etwas anders machen können?
Irgendwann zog mein Vater aus, wir Kinder blieben bei der Mutter. Es ging beiden Eltern sehr schlecht. Wir gingen sporadisch zum Vater essen, aber als Kind ist man da immer in so einer Mühle drin. Zu Beginn machte ich meine Mutter für das alles verantwortlich, aber mit der Zeit begriff ich, dass es immer zwei braucht, dass es zu einer Scheidung kommt. Heute habe ich ein relativ liberales Verständnis von Familie. Ich glaube nicht, dass man ums Verrecken an der Familie festhalten sollen, wenn sie nicht tragfähig ist. Dann trennt man sich lieber. Heute habe ich zu Vater und Mutter ein sehr gutes Verhältnis. Die Scheidung ist kein Thema mehr.
Jonas, 8
Ich war vier, als meine Eltern sich trennten. Die einzige Erinnerung, die ich an unser Zusammenleben hatte, ist ein Streit. Es gab einen langen Flur, der zur Küche führte und ich weiss noch, wie ich um die Ecke schaute. Sie standen in der Küche und schrien sich an. Ich fand das nicht so toll und habe mich still und leise zurückgezogen. Jetzt habe ich zwei Zuhause. Mein Vater hat eine neue Familie, zwei neue Kinder. Meine Mutter ist alleine. Ich verbringe immer jeweils die halbe Woche beim Vater und die andere Hälfte bei der Mutter. Ich bin an beiden Orten gern, nur der Wechsel ist manchmal schwierig. Also eigentlich nur der Wechsel, wenn ich vorher beim Vater war und dann zur Mutter komme. Bei der Familie meines Vaters ist immer etwas los, das Baby schreit, weil die Schwester es gehauen hat. Oder wir gehen in den Wald und veranstalten Rambazamba. Wenn ich dann zur Mutter komme, dann habe ich nicht die richtigen Manieren und sie wird wütend. Also, eigentlich wird sie nicht wütend, sie macht mich nur darauf aufmerksam und das macht mich dann wütend. Dann schliesse ich mich manchmal im Zimmer ein. Ich hätte es lieber, wenn meine Eltern noch zusammen wären, viel lieber, ausser wenn es Streit gibt. Aber das ist jetzt natürlich schwierig wegen der neuen Frau meines Vaters. Inzwischen kommen meine Eltern eigentlich gut aus, nur manchmal am Telefon werden sie hässig. Aber meistens geht das dann wieder weg.
Larissa, 16
Ich war noch sehr klein, als meine Eltern sich trennten. Ich kann mich nicht mehr an allzu viel erinnern aus dieser Zeit. Ich war damals ihr einziges Kind. Ich kann mich noch an Ausflüge zusammen erinnern, das war schön. Zu Hause gab es immer Streit, es wurde oft geschrien. Sie trennten sich, als ich in den Kindergarten kam. Ich lebte bei meiner Mutter. Ich ging sehr ungern in den Kindsgi, hatte immer Bauchschmerzen, meine Mama massierte mir dann den Bauch, aber in den Kindsgi gehen musste ich trotzdem. Ich hatte dort immerhin eine gute Freundin. Anfangs kam mein Vater in die Wohnung, in der ich mit der Mutter lebte, um mich zu hüten. Später holte er mich ab und wir unternahmen etwas zusammen. Ich mochte diese Ausflüge nicht, weil er sich nicht um meine Bedürfnisse kümmerte, sondern mich einfach mitnahm und sein eigenes Programm verfolgte. Einige Male stand zur Diskussion, mich zu sich zu nehmen, so dass ich bei ihm gewohnt hätte, aber das wollte ich nie. Die Vorstellung, dass meine Eltern immer noch zusammen wären und ich ihr einziges Kind, finde ich schrecklich. Mir gefällt es besser jetzt in meiner Familie mit meinen Halb-Geschwistern. Mein Vater hat auch eine neue Familie. So auf die Distanz kommen wir eigentlich ganz gut aus.
Aufgezeichnet von Michèle Binswanger
Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende? Rund 20’000 Scheidungen werden in der Schweiz pro Jahr ausgesprochen, Mütter Väter und Kinder müssen sich auf ein neues Leben ausrichten. Die Scheidung ist womöglich zum verlustreichsten Feld des Geschlechterkampfes geworden und mit dem Streit um das obligatorische gemeinsame Sorgerecht ist das Thema aktueller denn je. Der Mamablog widmet der Scheidung eine Themen-Woche. Am Montag konnten Sie als Einstieg den Beitrag von Ralph Pöhner «Scheidung gleich Befreiung?» lesen. Am Dienstag lasen Sie Jeanette Kusters Interview mit einem Scheidungsanwalt. Morgen folgt das Gespräch mit dem Paartherapeuten Willy Angst und zum Abschluss berichtet Shawne Fielding den Mamablog-Leserinnen und –Lesern über das Leben nach der Trennung.