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Nicht nur Karl Marx, sondern auch der bürgerliche Ökonom Joseph Schumpeter räumte dem Kapitalismus wenig Überlebenschancen ein. Auch heute muss man sich um dessen Zukunftsfähigkeit wieder Sorgen machen.
Wer glaubt, dass der Kapitalismus früher oder später zusammenbrechen werde, orientiert sich in der Regel an Karl Marx. Er prognostizierte ja vor mehr als 150 Jahren, dass die wachsende Verelendung der Arbeiter eine Revolution herbeiführen werde, die den Weg frei mache für die Überwindung der kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisse.
«Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen», schrieben Marx und Engels im «Manifest der Kommunistischen Partei» (1848). Und weil dieses Gesetz universell gelte, werde auch der gegenwärtige Kampf «mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen» enden.
Kapitalismus scheitert am eigenen Erfolg
Oft wird jedoch vergessen, dass Marx keineswegs der einzige Denker war, der dem Kapitalismus wenig Überlebenschancen einräumte. Auch ein anderer berühmter Ökonom, Joseph Schumpeter, war überzeugt, dass der Sozialismus triumphieren werde.
Der gebürtige Österreicher, der in Graz und Bonn Professor war, bevor er Anfang der 1930er Jahre einen Ruf an die Harvard University annahm, publizierte 1942 das Buch «Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie», in dem er seine kühne Prognose begründete.
Schumpeter argumentiert allerdings ganz anders als Marx. Als bürgerlicher Ökonom sieht er mit Sorge dem Ende des Kapitalismus entgegen, und bei ihm ergibt sich der Übergang zum Sozialismus nicht wegen der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus, sondern wegen seines grossen Erfolgs.
Aussterben der Unternehmerpersönlichkeiten
Entsprechend ist es nicht eine Revolution, die alles über den Haufen wirft, sondern das Zusammenspiel von drei Tendenzen, die allmählich, ja fast unmerklich den Übergang zum Sozialismus herbeiführen. Vereinfacht gesagt, untergräbt der Triumph des Kapitalismus die Grundlagen, die seinen Erfolg erst möglich gemacht haben.
Das erste Anzeichen für den Niedergang des Kapitalismus ist das schrittweise Aussterben von Unternehmerpersönlichkeiten. Der wirtschaftliche Fortschritt hat die Tendenz, «entpersönlicht und automatisiert zu werden». An die Stelle von individueller Aktion tritt immer mehr die «Bureau- und Kommissionsarbeit».
Damit fällt die wichtigste Quelle der Innovation weg. Zweitens hält er das Wirtschaftsbürgertum, das den Adel verdrängt hat, für unfähig, auf Dauer eine politische Führungsrolle auszuüben. Es fehlt ihm der «Schimmer irgendeines mystischen Glanzes, der für die Herrschaft über die Menschen so entscheidend ist».
Alles wird einem Nutzenkalkül unterworfen, aber damit lassen sich die Leute in der Politik nicht überzeugen. Und schliesslich unterhöhlt die Tendenz zu monopolistischen Grossbetrieben das Eigentum und das freie Vertragsrecht. Die kleinen und mittleren Betriebe verschwinden, so dass auch die Zahl derjenigen, die sich politisch für Eigentumsverhältnisse und liberale Rahmenbedingungen einsetzen, ständig abnimmt.
Der Kapitalismus verliert an Ansehen
Die Folge dieses Erosionsprozesses ist, dass der Kapitalismus immer mehr an Ansehen verliert, und zwar in allen Kreisen, wie Schumpeter beobachtet: «Die öffentliche Meinung ist allgemach so gründlich über ihn verstimmt, dass die Verurteilung des Kapitalismus und aller seiner Werke eine ausgemachte Sache ist – beinahe ein Erfordernis der Etikette der Diskussion.»
Geschürt wird die Feindseligkeit durch den Ausbau der höheren Bildung, der die Zahl der Intellektuellen stark ansteigen lässt, die keine Anstellung finden, die ihren Fähigkeiten entspricht, und sich deshalb in einem «Geisteszustand äusserster Unzufriedenheit» befinden. «Unzufriedenheit erzeugt Groll und redet sich oft in jene soziale Kritik hinein, die unter allen Umständen die typische Haltung des intellektuellen Zuschauers gegenüber Menschen, Klassen und Institutionen ist.»
All diese Phänomene lassen sich auch heute feststellen: die Tendenz zur Bürokratisierung und Pulverisierung der Verantwortung, das fehlende Charisma des Wirtschaftsbürgertums, der politische Abstieg des Gewerbes, das weitverbreitete Nasenrümpfen über den Kapitalismus sowie die Sinnprobleme von gut ausgebildeten und wohlsituierten Ober- und Mittelschichtskindern, die sich in Revolutionsphantasien manifestieren. Doch ist damit das Schicksal des Kapitalismus besiegelt?
Wohlweislich hat Schumpeter seine Prognose nicht mit einem Datum versehen, weil er ahnte, dass seine Analyse möglicherweise allzu pessimistisch war. Diesbezüglich ist er eng mit Marx verwandt, der das Elend der Frühindustrialisierung vorschnell zu einem Trend emporschrieb.
Seine Behauptung, dass der Kapitalismus durch seinen Erfolg an Vitalität verliert, lässt sich jedoch nicht so leicht wegwischen. Institutionen können nur funktionieren, wenn sie von einem breiten Konsens getragen werden. Fällt dieser Konsens weg, zerbröseln sie allmählich.
Tobias Straumann ist Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich