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«Move on up» von Curtis Mayfield Songs und ihre Geschichten
Mit der Vokalband The Impressions schuf Curtis Mayfield in den 1960er-Jahren Hits wie «Keep on pushing» und «People get ready». Er wird zur Stimme der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Mit Songs wie «Move on up» und «Superfly» kreiert er als Solokünstler eine neue Soulmusik und prägt damit den Sound der 1970er-Jahre.
Text: Urs Musfeld
Mayfield, geboren 1942 und aufgewachsen in einer Sozialsiedlung in Chicago, singt in seiner Jugend in einem Gospelchor. Zusammen mit seinem Gesangskollegen Jerry Butler schliesst er sich 1957 der Doo-Wop Gruppe The Roosters an, die sich ein Jahr später in The Impressions umbenennt. Nach dem Ausstieg Butlers 1960 übernimmt Mayfield die Rolle des Leadsängers.
1960er-Jahre in den USA: Vietnam-Krieg, Mondlandung, Woodstock. Und: Martin Luther King führt die friedliche Protestbewegung gegen die Diskriminierung Schwarzer an. Den Soundtrack dazu liefert Curtis Mayfield mit seiner Band The Impressions. Seine Songs werden zu Hymnen der Black Power Bewegung.
Mit seiner sanften Falsettstimme, dem swingenden Klang, den Vokalharmonien und dem Gespür für die Dramaturgie von Hooklines thematisiert Mayfield Rassismus und soziale Ungerechtigkeit, plädiert für gesellschaftliche Veränderung ohne Gewalt. Der gospel-beeinflusste Hit «People get ready» (1965) begleitet den Marsch der schwarzen Demonstranten und ihrer Sympathisanten aus der weissen Mittelschicht – er holt das Kirchenlied gewissermassen auf die Strasse.
Sanfter Revolutionär
1970 verlässt Mayfield die Band, um seine erfolgreiche Solokarriere zu starten. Als Musiker, Produzent und Geschäftsmann, der die Fäden in der Hand behält, wird er auch zum Vorbild für viele afroamerikanische Stars. Mayfield gründet ein eigenes, unabhängiges Plattenlabel. Er will aber nicht nur andere schwarze Bands unter Vertrag nehmen, sondern auch seinen eigenen Sound weiterentwickeln. Als Songwriter muss er nichts mehr beweisen – jetzt will er auch den Soul revolutionieren.
Auf seinem Debut «Curtis» (1970) verabschiedet sich Curtis Mayfield weitestgehend vom eher poppigen Soul der Impressions. Stattdessen rücken Funk- und Psychedelic-Einflüsse in den Vordergrund. Perkussion, Bläsersätze und Gitarre werden zu tragenden Elementen, ebenso seine facettenreiche Stimme zwischen Tenor und Falsett.
Das Album sammelt die Stimmen und Stimmungen und verarbeitet die dramatischen Veränderungen der Nixon-Ära.
Im Auftaktstück «(Don’t worry) If there’s a hell below we’re all going to go» werden alle angesprochen: «Schwestern, Brüder und die Weissen/ Schwarze und die Cracker/ Polizei und ihre Hintermänner/ Sie alle sind politische Akteure…Beeile dich/ Menschen, die vor ihren Sorgen davonlaufen/ Während der Richter und seine Geschworenen das Gesetz diktieren, das teilweise fehlerhaft ist… Und Nixon spricht: «Mach dir keine Sorgen»…
Das beinahe neunminütige «Move on up» zeichnet sich durch seinen aufmunternden Geist und ansteckenden Optimismus aus und vermittelt eine Botschaft der Hoffnung: «Mach weiter, egal, welche Hindernisse sich dir in den Weg stellen». Diese Ansage verpackt Mayfield in einen fiktionalen Dialog mit einem Kind, quasi als Ratschläge erteilender Vater.
Hush now child
And don’t you cry
Your folks might understand you
By and by
Just move on up
Towards your destination
Though you may find, from time to time
Complication
Sei still, Kind
Und weine nicht
Deine Eltern werden dich verstehen
Nach und nach
Geh einfach vorwärts
Deinem Ziel entgegen
Auch wenn du von Zeit zu Zeit auf
Komplikationen stösst
Mayfield weist auch darauf hin, dass es manchmal besser ist, Erfahrungen zu machen, bevor man spricht:
Bite your lip
And take a trip
hough there may be wet road ahead
And you cannot slip
Just move on up
For peace you will find
Into the steeple of beautiful people
Where there’s only one kind
Beiss dir auf die Lippe
Und mach eine Reise
Auch wenn die Straße noch so nass ist
Und du kannst nicht ausrutschen
Geh einfach vorwärts
Denn Frieden wirst du finden
In den Kirchturm der schönen Menschen
Wo es nur eine Art gibt
Die letzte Zeile in der dritten Strophe erinnert an den Titel einer frühen Single der Impressions: «Keep on pushing» (1964):
Move on up
And keep on wishin`
Remember your dream is your only scheme
So keep on pushin`
Geh einfach vorwärts
Und wünsch dir weiter was
Denk daran, dass dein Traum dein einziger Plan ist
Mach weiter
Auch wenn es die Welt schwer macht, positiv zu bleiben, glaubt Mayfield, dass man es schafft: Und umso grösser ist der Triumph:
Take nothing less
Than the supreme best
Do not obey rumors people say
‹Cause you can pass the test
Just move on up
To a greater day
With just a little faith, if you put your mind to it
You can surely do it
Nimm nichts weniger
Als das Allerbeste
Befolge nicht die Gerüchte, die die Leute erzählen
Denn du kannst den Test bestehen
Geh einfach weiter vorwärts
Zu einem grösseren Tag
Mit ein wenig Vertrauen, wenn du dich anstrengst
Kannst du es sicher tun
Parallel zur Intensität der Musik widerspiegelt der Text die Botschaft von Beharrlichkeit, Widerstandskraft und Fortschritt. Er versprüht Positivität, ohne kitschig zu werden.
Die lange Albumversion mit den ausufernden Bläsern und Percussions macht die Soul-Funk Nummer für das Radio kaum schmackhaft. Aber die stark verkürzte Single-Version wird in Grossbritannien 1971 zu einem Hit. Heute gehört «Move on up» in beiden Varianten zu Mayfields bekanntesten und beliebtesten Songs.
Die LP CURTIS, eine Art «Yes we can» von 1970, belegt den ersten Platz in den amerikanischen R&B-Charts.
Zu Mayfields grösstem Erfolg – kommerziell wie auch bei den Kritikern – wird der Soundtrack zum Blaxploitation-Film «Superfly» aus dem Jahr 1972. Die Geschichte eines schwarzen Drogenhändlers, der nach einem grossen Coup aussteigen will. Für Mayfield ist es wichtig, dass die Hauptfigur am Ende nicht durch Gewalt, sondern durch seinen Intellekt gewinnt. Er schafft mit seinen Songs («Superfly», «Freddie’s dead») einen eigenen Kommentar zum Geschehen des Films, nutzt sie als Anklage gegen die Zustände der «Inner Cities» und der Situation der Schwarzen in den USA.
Das Blaxploitation-Genre sorgt in den 1970er-Jahren mit den ersten schwarzen Actionhelden für ein neues afroamerikanisches Selbstbewusstsein.
1990 wird Curtis Mayfield vor Beginn eines Konzertes in einem Park in Brooklyn von einem Beleuchtungsmast getroffen. Seitdem ist er von Hals abwärts querschnittgelähmt. Dennoch nimmt er 1995 noch ein Album auf. Vier Jahre später stirbt der grosse Soulman und sanfte Revolutionär.
- Hören Sie auch ab und zu Curtis Mayfields Songs und was mögen Sie daran besonders? Wir freuen uns über Ihren Kommentar.
- Mehr «Songs und ihre Geschichten» von Urs Musfeld finden Sie hier.
Urs Musfeld alias Musi
Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung.
Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/