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Sind Sie schon mal mit einem Helioktober geflogen? Oder kennen Sie Frau Rümli? Eine Sprachexpertin erklärt, wie Kinder auf solche Wörter kommen.
Regula Schmidlin
Professorin an der Universität Freiburg (CH)
Die Professorin für Germanistische Linguistik hat zur Schriftsprache von Kindern doktoriert. Spracherwerb ist einer ihrer Schwerpunkte in der Lehre.
SRF: Wir haben unsere Community aufgerufen, Beispiele für lustige Kinderwörter zu schicken. Besonders oft wurde Helioktober für Helikopter genannt. Wie ist dieser «Fehler» zu erklären?
Regula Schmidlin: Besonders Wörter, die fremde Wortbestandteile enthalten oder schon eine gewisse Bildung voraussetzen, wie eben -kopter, sind für Kinder noch nicht transparent. Sie können diese Wörter dann so umbauen, dass die Einzelteile für sie verständlicher sind, eben als Heli + Oktober.
Ein weiteres Beispiel aus der Community: Ein Kind sprach seine neue Lehrerin mit Frau Rümli statt Frau Zimmerli an. Was verrät das über sprachliche Denkmuster von Kindern?
Dieses Beispiel zeigt, wie Kinder ihren Wortschatz aufbauen und wie sich dieser kognitiv zu organisieren beginnt. Die Wörter sind nicht wild durcheinander in unserem Kopf abgespeichert, sondern wir speichern die Beziehungen zwischen den Wörtern mit ab.
Die Wörter sind nicht wild durcheinander in unserem Kopf abgespeichert, sondern wir speichern die Beziehungen zwischen den Wörtern mit ab.
Diese stehen in semantischen Beziehungen zueinander, zum Beispiel als Gegenteil wie warm-kalt, als Teil-Ganzes-Beziehung wie Tag-Woche oder als Synonyme wie Raum-Zimmer. Raum und Zimmer sind also in unserem mentalen Lexikon näher beieinander als z. B. Raum und Nilpferd. Diese semantische Nähe begünstigt Verwechslungen oder Vertauschungen.
Wie erlernen Kinder überhaupt ihre Muttersprache?
Dazu gibt es verschiedene Theorien. Die einen betonen, dass jedes Kind von Geburt an ein Wissen um Grammatik hat. Dafür spräche das hohe Tempo, in dem Kinder sprechen lernen.
Andere Theorien betonen stärker den Aspekt der Imitation. Empirische Untersuchungen mit grossen Datenmengen zeigen, dass Kinder oft Sätze ihrer Eltern wiederholen und allmählich ausbauen. Kinder können nicht täglich Dutzende neue Satzkonstruktionen äussern, die sie noch nie gehört haben. Einig ist man sich darin, dass Kinder auf Input angewiesen sind, dass man also oft und auf vielfältige Weise mit ihnen spricht.
Wie können Eltern den Spracherwerb ihrer Kinder unterstützen?
Indem sie möglichst oft mit ihnen sprechen und sie als vollwertigen Gesprächspartner behandeln, auch wenn das am Anfang eine sehr asymmetrische Angelegenheit ist.
Helfen Korrekturen von Fehlern oder ist das kontraproduktiv?
Untersuchungen zur Inputsprache, – also zur Art und Weise, wie wir eigentlich sprechen, wenn wir mit Kindern sprechen, – zeigen, dass wir das Gesagte so strukturieren, dass es von Kindern leichter wahrgenommen werden kann. Wir reagieren auf fehlerhafte Strukturen in der Kindersprache meist, indem wir sie einfach in der korrekten Form wiederholen. Das ist nicht lehrerhaft, sondern ganz natürlich.
Zum Schluss noch ein Beispiel, wie kreativ Kindersprache sein kann: Der Sohn einer Kommentatorin sah einen Gleitschirmflieger und rief «Schaut, ein Luftmond!». Ein anderes Kind sagte Lochauto statt Cabriolet. Ist das typisch für den Spracherwerb?
Das sind sehr schöne Beispiele dafür, wie Kinder für Dinge oder Sachverhalte, die für sie neu sind, aus bereits bekanntem Sprachmaterial neue Wörter schöpfen.
Das Gespräch führte André Perler.
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