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1886 als «Israelitische Cultusgenossenschaft Winterthur & Veltheim» gegründet, gehört die «Israelitische Gemeinde Winterthur» (IGW) zu den kleinen, aber traditionsreichen jüdischen Gemeinden der Schweiz und zählt heute etwas mehr als 60 Mitglieder.
Mittelalter. Die Geschichte des jüdischen Winterthurs beginnt im Mittelalter, erste Hinweise hängen mit den in Chroniken überlieferten Judenverfolgungen von 1349 und 1401 zusammen. Von Bedeutung ist die besondere Stellung der zuerst habsburgischen, später zürcherischen Landstadt. Diese war in ihren inneren Belangen weitgehend autonom, sah sich in finanzieller Hinsicht jedoch ständigen Engpässen gegenüber und förderte deshalb aus wirtschaftlichen Gründen die Ansiedlung von Juden. Gegen die Bezahlung hoher Abgaben genossen jene den Schutz des Rates und spielten als Geldverleiher im regionalen Kreditmarkt im Dreieck Zürich, Zurzach und Konstanz eine wichtige Rolle. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts lebten beispielsweise Salomon, der letzte grosse jüdische Finanzhändler der Ostschweiz, sowie Moses und sein Sohn Isaak, beide auf kleinere Kredite spezialisiert, in Winterthur. Mehr als zwei bis drei Familien wurden aber in Winterthur nicht geduldet, und das religiöse Leben muss sich weitgehend im Privatraum abgespielt haben. Bis um 1600 hielten sich regelmässig Juden in Winterthur auf - Geldhändler und Ärzte, aber auch der aus Venedig stammende Privatlehrer Aaron Levi, der sich 1565 in der Stadtkirche Winterthur taufen liess.
Neuzeit. Im Laufe der Frühen Neuzeit verschwinden jedoch die Belege für eine jüdische Anwesenheit. Sporadisch tauchen zwar Viehhändler und Hausierer auf, erst ab 1840 setzte wieder eine (bescheidene) Zuwanderung in die Region Winterthur ein. Während sich die Stadt -
oder vielmehr die städtischen Kaufleute - bis 1860 gegen jüdische Einwohner sperrte, zeigten sich die armen Vororte nicht zuletzt aus finanziellen Gründen aufgeschlossener. 1842 erlaubten Töss dem Warenhändler Hermann Bernheim aus Lengnau und Veltheim dem Handelsmann Jonas Biedermann aus Gailingen die Niederlassung. Erst die schrittweise Liberalisierung der Judenpolitik ab 1860 sprengte den engen Rahmen: 1860 zog Bernheim als erster Jude überhaupt in die Stadt Winterthur, und 1867 liess sich Biedermann als einer der ersten Juden im Kanton Zürich in Veltheim einbürgern. Die Zuwanderung blieb jedoch bescheiden, die wirtschaftlichen Möglichkeiten Winterthurs blieben anscheinend allzu begrenzt.
Gemeindegründung. Erst die Gründung der «Cultusgenossenschaft» am 15. März 1886 durch acht Männer, die Hälfte davon Angehörige der Familie Biedermann, bedeutete eine Zäsur. Nach anfänglichen Schwierigkeiten fasste die junge Institution als religiöses, soziales und kulturelles Gremium gleichermassen Fuss. Ein Kantor und Religionslehrer wurde angestellt, bald auch ein eigenes Betlokal angemietet, später ein «Verein für jüdische Geschichte und Literatur» (1902), der Bestattungsverein «Chevro Kadischo» (1908) und ein «Frauenverein» (1925) gegründet. Vor dem Hintergrund dieser Organisationen, dank dem langjährigen Wirken von Kantor Ignaz Kurzweil (im Amt von 1921 bis 1960) und angesichts einer kontinuierlichen Zuwanderung von Jüdinnen und Juden - in der Mehrheit aus dem Surbtal und dem süddeutsch- elsässischen Raum, seltener aus Osteuropa - erreichte das jüdische Winterthur in der Zwischenkriegszeit seinen Höhepunkt. 1920 lebten 144 Jüdinnen und Juden in Winterthur (2004 noch 81), und die nicht weniger als 22 jüdischen Geschäfte unterstrichen den «gewerblichen» Charakter der Gemeinschaft, die sich 1924 in «Israelitische Gemeinde Winterthur» umbenannte. Schon in den 1930er Jahren verschwand allerdings ein Grossteil dieser Familienbetriebe, während die Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs Gemeinde und Privatpersonen auf eine harte Probe stellten.
Im Schatten Zürichs. Heute mehr denn je im Schatten Zürichs stehend, finden in Winterthur seit längerem keine regelmässigen Gottesdienste statt. Mit der Eröffnung eines eigenen Friedhofs 1998 hat die kleine Gemeinde, die seit 1969 von Silvain Wyler-Neuburger präsidiert wird, aber einen wichtigen Grundstein zum Fortbestehen legen können.
Peter Niederhäuser Enable JavaScript to view protected content.
Literatur
Annette Brunschwig, Ruth Heinrichs und Karin Huser: Geschichte der Juden im Kanton Zürich. Von den Anfängen bis in die heutige Zeit. Orell Füssli, Zürich 2005. Peter Niederhäuser (Hg.): Das jüdische Winterthur. Chronos, Zürich 2006. Peter Niederhäuser: «Bis zur gegenwärtigen Stunde in da klaglos aufgehalten». Juden in der ehemaligen Gemeinde Töss, in: De Tössemer, Juni 2006, S. 1-3.
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