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Die Auskunftsperson musste wegen Aktivitäten für Menschenrechte aus ihrem Herkunftsland flüchten. Sie möchte anonym bleiben, um ihre Familie und Angehörigen nicht zu gefährden.
Wie haben Sie das neue Asylverfahren in der Schweiz grundsätzlich erlebt?
Einerseits ist es gut, dass man theoretisch nach 140 Tagen weiss, ob man in der Schweiz bleiben kann oder nicht. Wenn der Asylentscheid jedoch negativ ausfällt, sind 140 Tage eher kurz, um eine Alternative zu organisieren. Denn man kann nicht mehr zurück in sein Herkunftsland, das man verlassen musste, weil man dort nicht mehr sicher war.
Aber leider gab es für mich und viele andere auch schwierige Situationen: Man sollte sich wie in einem Gefängnis fühlen, die Unterbringung zusammen mit zwölf anderen Personen aus verschiedenen Ländern, und natürlich unterschiedlichen Kulturen, Temperamenten und Charakteren in einem Raum von 16 oder 20 Meter bedeutete keine Privatsphäre. Ist man so untergebracht, ist auch die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es unter den Leuten Streit gibt. Die Badezimmer waren ohne Türen und man konnte nur zu fixen Zeiten duschen – einmal abends und einmal morgens innerhalb einer Stunde. Die Meisten mochten das Essen nicht, aber selber etwas zu bringen war verboten. Sogar Süssigkeiten für Kinder waren verboten. Manche Angestellten verhielten sich sehr grenzwertig und gaben den Menschen das Gefühl, sie seien nicht geduldet und kriminell. Weil Boudry abseits liegt, wollten Viele am Wochenende aus dem Zentrum gehen. Sie brauchten also Fahrscheine, doch man erhielt nur alle zwei Wochen ein Ticket, was ungenügend war. Einige brauchten einen Doktor oder einen Spitalaufenthalt, aber das wurde nicht akzeptiert. Es gab keine Unterhaltungsmöglichkeiten, keine Ablenkung. Viele Menschen waren depressiv.
Alles, was mit hängigen Asylverfahren zu tun hatte, wurde geheim gehalten und diskret behandelt, das empfand ich als sehr positiv. Auch die guten Beziehungen mit den meisten Mitarbeitenden und Verantwortlichen während des Verfahrens waren hilfreich und angenehm.
Für mich war es wirklich positiv, dass mein Verfahren alles in allem nur 70 Tage gedauert hat. Nachdem ich mit einem humanitären Visum in die Schweiz einreisen konnte, habe ich am 22. Januar 2019 in Vallorbe mein Asylgesuch eingereicht und am 15. Mai 2019 erhielt ich im Kanton Waadt den definitiven Asylentscheid, Gott-sei-Dank einen positiven! Zwei Tage nach dem ersten kurzen Interview in Vallorbe wurde ich zusammen mit anderen Asylsuchenden in einem kleinen Bus in das Bundesasylzentrum Boudry transferiert. Ein paar Tage später wurde ich über die rechtliche Unterstützung durch einen Anwalt oder eine Anwältin aufgeklärt und durfte zwischen einem Mann oder einer Frau wählen. Schon nach dem ersten Treffen mit meiner Rechtsvertretung fühlte ich mich sicher und wusste, dass ich ihr vertrauen kann. Das war eine positive und wichtige Erfahrung, Die Rechtsvertretung half mir enorm bei der Vorbereitung für die langen Anhörungen, wo man die Fluchtgründe dokumentieren und beweisen muss. Wir haben zusammen am 15. Februar die erste Anhörung vorbereitet, die drei Tage später, am 19. Februar 2019 stattfand, und am 18. März die zweite Anhörung, die zwei Tage später, am 20. März 2019 auch in Boudry abgehalten wurde.
Für die Belegdokumente und das Beweismaterial war ich auf eine funktionierende Internetverbindung angewiesen. Im Bundesasylzentrum gab es zwar Internet, allerdings war die Verbindung sehr langsam, unzuverlässig und häufig unterbrochen. Das kostete viel Zeit an Computerplätzen, die allen zur Verfügung stehen. Aber das grösste Problem ist meiner Ansicht nach die fehlende Privatsphäre. Wenn du ein Asylgesuch gestellt hast, brauchst du eine ruhige, konzentrierte Atmosphäre. Du musst dich vorbereiten auf die Interviews, musst Beweismaterial recherchieren, du solltest über deine aktuelle Situation aber auch über deine Zukunftsperspektiven reflektieren können. Aber in allen Asylzentren herrschte eine unruhige, oft traurige Stimmung und du bist ständig unter fremden Menschen. Sogar im Schlafraum gibt es nichts Privates; ich teilte den Raum mit elf anderen Frauen.
Die Qualität und das Verhalten der Übersetzerinnen war in meinem Fall sehr unterschiedlich: Die erste Person war barsch und dominant; die zweite Person war so jung, dass ich ehrlich gesagt ihre berufliche Qualität zunächst in Zweifel zog; die dritte Übersetzerin schliesslich empfand ich als eine kompetente Persönlichkeit, was mir wiederum mehr Sicherheit gab.
Am schlimmsten aber war für mich der Rechtsvertretungswechsel…
Am 28. März eröffnete mir meine Rechtsvertretung, dass zwar immer noch kein Asylentscheid eingetroffen sei, dass das aber nicht grundsätzlich negativ sein müsse. Vielleicht würden die Behörden in meinem Fall noch etwas genauer abklären; nun, die Befragerin des Staatssekretariats für Migration (SEM) war sehr jung und wohl noch etwas unerfahren, dachte ich. Es gab zudem noch kaum Erfahrungswerte mit dem neuen Verfahren. Sollte bis in acht Tagen vom SEM keine Antwort eintreffen, so sagte mir meine Rechtsvertretung, dann so würde ich einem Kanton zugeteilt. Genau so war es dann auch: Meine Rechtsvertretung gab mir am 2. April 2019 mein Dossier in die Hand und ich musste mit dem Zug nach Lausanne fahren.
Als mir meine Rechtsvertretung eröffnete, dass von jetzt an eine neue Person für mich zuständig sei, war das ein grosser Schock für mich. Sie hat mir die Gründe dafür genau erklärt, dass nun der Kanton Waadt für meinen Fall verantwortlich sei und so weiter. Ich konnte das zwar verstehen, trotzdem war ich zutiefst schockiert; Gefühle der Unsicherheit und des Zweifels kamen hoch, ich hatte Angst und konnte mir überhaupt nicht vorstellen, Vertrauen zu einer neuen Rechtsvertretung aufbauen zu können. Ich habe die neue Rechtsvertretung dann gar nie getroffen, bei Fragen rief ich immer meine ehemalige Rechtsvertretung an.
Uff, das war schwierig für mich. In Boudry teilte ich das Zimmer mit elf anderen Frauen, alle aus verschiedenen Ländern mit einem anderen Hintergrund und unterschiedlichem Verhalten. Einige waren aggressiv und unruhig, andere depressiv und krank, viele hatten psychische Probleme.
Die sanitären Anlagen für Frauen waren ungenügend geschützt, es gab keine Türen und man hatte bloss einen Duschvorhang als Schutz, wie schon gesagt. Ich fühlte mich sehr unwohl und hatte auch ein wenig Angst. Es gab nur eine Waschmaschine für alle und dazu einen unflexiblen Zeitplan: Du bekamst einen Tag zugeteilt, wenn du aber genau dann ein Interview oder einen anderen Termin hattest, war es vorbei und du musstest wieder eine Woche warten. Alles in allem vermisste ich in allen Zentren die Möglichkeit, sich an einen ruhigen Ort alleine zurückziehen zu können.
Im Kanton Waadt lebte ich zusammen mit einer Afrikanerin in einem kleinen Raum wiederum ohne Privatsphäre. Es war jedoch besser als die Situation in Boudry mit elf anderen Frauen. Als ich dann den definitiven Asylentscheid erhielt, sagten mir viele, jetzt beginnen auch viele Probleme: zum Beispiel eine Wohnung zu finden, wenn man neu ist in der Schweiz und nicht Französisch spricht.
In Boudry fühlte ich mich gut informiert und sicher mit meiner Rechtsvertretung. Nach dem Transfer in den Kanton kam ein Gefühl der Unsicherheit auf, bis ich dann wieder Vertrauen fand in die Leitung des neuen Asylzentrums.
Die meisten SEM-Behörden waren recht jung. Ich fragte mich manchmal schon, wie sie eine solche verantwortungsvolle Aufgabe meistern können. Wie auch immer, die Behörden haben sich stets korrekt verhalten und ihre Arbeit professionell gemacht.
Ich denke, schnelle Verfahren sind gut. Man weiss rasch, wie die Situation im eigenen Fall aussieht. Für mich bedeutete es ein Ende der Stresssituation und der Ereignisse, denen ich ausgesetzt war. Natürlich führt das Tempo eigentlich zu mehr Stress wegen des intensiven Verfahrens. Aber es ermöglichte mir eben auch, früh mit dem neuen Leben zu beginnen, mich in der neuen Gemeinschaft zu engagieren und gleichzeitig das schwierige Leben in den Asylzentren hinter mich zu lassen, wie gesagt, ein Leben ohne Privatsphäre und ohne Komfort.
Als meine Anhörungen vorbei waren, ging es trotzdem länger als die gesetzlich vorgesehenen acht Tage bis zu einem Entscheid. Also wurde ich in den Kanton Waadt transferiert um zu warten. Schlimm war für mich, nicht zu wissen, auf was ich zu warten hatte. Auf eine Entscheidung? Auf einen neuen Termin für eine weitere Befragung? Ich wusste es nicht und niemand wusste es, weil es ein neues Gesetz ist und weil wir uns in einer Testphase für diese neuen Verfahren befanden. Andererseits sah ich viele Fälle, die sehr rasch bearbeitet wurden, weil die Personen aus Kriegsländern kamen.
Ich empfand sie als fair und sehr gut. Ich vertraute meiner Rechtsvertretung von Anfang an und fühlte mich sicher. Wie auch immer, eine Rechtsvertretung mitten in einem laufenden Verfahren wechseln zu müssen, finde ich grundsätzlich eine schwierige Situation für eine asylsuchende Person. Du fühlst dich in dieser Situation ja bereits unter Druck, unsicher und brauchst eine Perspektive. Die Rechtsvertretung ist auch deshalb eine wichtige Person für einen Asylsuchenden. Du baust eine Vertrauensbeziehung auf, du bist abhängig von ihrer Kompetenz, sie ist eine Art Pilot für dich in einem System, das du nicht kennst.
Vor allem die Unterkünfte! In einem Zentrum zu leben ohne Privatheit, weggeschlossen und isoliert von der Schweizer Bevölkerung mit Strukturen wie in einem Militärcamp! Die guten Absichten und die gewollten positiven Effekte des neuen Verfahrens gehen wegen dieser negativen Aspekten aber auch dem Wechsel der Rechtsvertretung während des laufenden Verfahrens verloren, das ist schade.
Neben der Rechtsvertretung war es wichtig, dass die Behörden und die meisten Personen der beteiligten Organisationen freundlich und kompetent waren. Ich werde nie mehr vergessen, wie warm mich die Rezeptionistin in Vallorbe empfangen hat: Sie sah meinen Pass, lächelte und erklärte mir dann alles in meiner Muttersprache. Ein paar Monate später traf ich sie zufällig in Lausanne und es war ein so gutes Gefühl, dass sie sich auch noch an mich gut erinnern konnte.
Menschen im Asylverfahren brauchen mehr Privatsphäre. Sie befinden sich in einer stressigen Situation, sie brauchen einen ruhigen, ungestörten Ort um über ihre aktuelle Situation zu reflektieren, um ihre Zukunft zu planen, um sich auf die Interviews vorzubereiten, um die fremde Sprache zu lernen. Es wäre hilfreich, in kleineren Zimmern untergebracht zu sein, wenn möglich auch alleine. Die Sanitäranlagen für alleinstehende Frauen und Familien waren zu diesem Zeitpunkt inakzeptabel, würdelos und gefährlich. Zudem wäre es sicher hilfreich, der Schweizer Bevölkerung darunter den vielen Freiwilligen, mehr Zugang in die Zentren zu erlauben. Es gibt viel pensionierte Lehrkräfte oder Engagierte in den Kirchen, die Asylsuchende gerne mit Sprachkursen, bei der Kinderbetreuung und bei vielem mehr unterstützen möchten.
Interview: Barbara Graf Mousa, Redaktorin Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH)