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Der Besitzerin ist aufgefallen, dass der Hund seit einigen Tagen weniger aktiv als gewohnt scheint und nicht mehr mit dem gleichen Appetit frisst. Ansonsten sind keine Symptome vorhanden.
In der Praxis erscheint der Hund munter und verschlingt angebotenes Futter gierig. Der Untersuch des Tieres verläuft unauffällig, die Körpertemperatur ist allerdings mit 39.1 °C leicht erhöht (die normale Körpertemperatur eines Hundes beträgt 38-39 °C). Aufgrund des unauffälligen Untersuchs und des in der Praxis guten Appetits wird beschlossen, dem Hund einmalig ein fiebersenkendes Medikament zu verabreichen und danach weiter zu beobachten.
3 Tage später wird "Marou" erneut vorgestellt, weil sich der zu Hause mangelhafte Appetit nicht verbessert hat und der Hund müde erscheint. Die Besitzerin hat auch mehrmals die Körpertemperatur gemessen, welche bei einer Gelegenheit mit 40.1 °C deutlich erhöht, aber ansonsten normal war. Wiederum verläuft der Untersuch in der Praxis unauffällig, auch die Körpertemperatur ist mit 39 °C noch im Normalbereich. Jetzt wird aber eine Suche nach der Ursache der zwischenzeitlich erhöhten Körpertemperatur gestartet.
Als sogenanntes Leitsymptom wird mangels anderweitiger Symptome wie Erbrechen oder Husten das Problem "Fieber" diagnostisch verfolgt. Neben Infekten (Bakterien, Viren, Pilze) können auch Entzündungen und Geschwulste eine erhöhte Körpertemperatur bewirken. Entsprechend breit angelegt muss die Suche nach der Ursache erfolgen.
Eine Blutprobe wird entnommen, und aus der Blase wird durch eine Punktion Urin gewonnen, welcher untersucht und zur bakteriologischen Untersuchung in ein externes Labor eingeschickt wird.
Die Laborresultate liefern Hinweise, was das Problem bei "Marou" sein könnte: Einerseits ist die Zahl der roten Blutkörperchen vermindert, und die Zahl der Blutplättchen ist gefährlich tief - entweder werden die Zellen nur noch ungenügend gebildet, oder aber sie gehen irgendwo im Körper verloren. Andererseits verläuft die bakteriologische Untersuchung des Urins positiv: Es werden massenweise Fäkalbakterien gefunden.
Im Blut des Hundes werden spezifische Tests durchgeführt, welche weiteren Aufschluss über die Ursache für die Veränderungen des Blutbildes geben. Währenddem auf die Resultate gewartet wird, erhält der Hund ein Medikament gegen Ehrlichien und Anaplasmen - bakterienähnliche Organismen, welche von Zecken übertragen werden können und die Zerstörung von roten Blutkörperchen und Blutplättchen bewirken. Ausserdem erhält "Marou" ein passendes Breitspektrumantibiotikum gegen den Harnwegsinfekt. Schon 2 Tage nach Beginn der Medikamente geht es dem Hund viel besser, und es tritt kein Fieber mehr auf.
Nach einer Woche werden die weiterführenden Labortests bekannt: währenddem die Untersuchung auf Ehrlichien und Anaplasmen erstaunlicherweise negativ verlaufen (ein Infekt mit diesen Organismen wäre typisch für die beobachteten Blutveränderungen gewesen), ist der Befund bezüglich Babesien positiv. Dieser einzellige Parasit wird ebenfalls von Zecken übertragen, setzt sich in den roten Blutkörperchen fest und führt zu deren Zerstörung - ausserdem können bei diesem Prozess auch Blutplättchen zerstört werden.
Obwohl das prophylaktisch gegen Ehrlichien und Anaplasmen eingesetzte Medikament auch gegen Babesien wirksam ist, wird nun zusätzlich ein Medikament einmalig injiziert, welches den einzelligen Parasit abtötet.
Dem Hund geht es schon nach kurzer Zeit deutlich besser. Appetit und Vitalität normalisieren sich, und es tritt kein Fieber mehr auf.
1 Monat nach Behandlungsbeginn wird eine weitere Blutuntersuchung durchgeführt. Die Werte der roten Blutkörperchen und Blutplättchen haben sich in der Zwischenzeit normalisiert; eine Untersuchung auf verbleibende Babesien verläuft negativ. Eine Untersuchung des Anaplasma- und Ehrlichia-Titer zeigt aber, dass der Hund offenbar neben der Babesiose auch an einer Anaplasmose gelitten hatte - der Titer (ein Mass für die vorhandenen Abwerstoffe gegen einen Erreger) ist stark erhöht. Da die Antibiotikatherapie aber genügend lange erfolgt war, ist eine weitere Behandlung nicht notwendig, und der Fall wird abgeschlossen.
Beim Menschen sind zeckenübertragene Krankheiten ein bedeutendes Problem: Jedes Jahr erkranken ca. 3000 Personen in der Schweiz an Borreliose, über 100 Menschen infizieren sich jährlich mit der noch gefährlicheren (jedoch impfbaren), zeckenübertragenen Hirnhautentzündung (FSME).
Obwohl Hunde sehr viel häufiger von Zecken befallen werden als der Mensch, ist eine tatsächliche Erkrankung an Borreliose und insbesondere FSME vergleichsweise selten. Neben diesen beiden Erregern kommen beim Hund aber weitere Krankheiten vor, welche durch die Blutsauger übertragen werden. Historischerweise galten viele von ihnen (wie zum Beispiel die Babesiose oder die Ehrlichiose) als "Reisekrankheiten", da sie häufiger in wärmeren Gebieten (z.B. Mittelmeerregion) vorkamen. In der Zwischenzeit sind aber auch vermehrt Fälle von Babesiose in der Schweiz bekannt worden, bei denen sich die Tiere nicht in den "traditionellen" Risikogebieten aufgehalten hatten - Klimaerwärmung und Reisetätigkeit von Hundebesitzern und Hunden (welche damit die Erreger in andere Gegenden verschleppen) werden hier als Ursachen vermutet.
Wird ein Hund mit Babesien infiziert, besetzen diese die roten Blutkörperchen. Über immunologische Mechanismen werden die Blutkörperchen durch das körpereigene Immunsystem zerstört - der Hund entwickelt Fieber, eine Blutarmut (Anämie), möglicherweise einen Blutplättchenmangel (Thrombocytopenie) sowie eine Ausscheidung von Blutfarbstoff im Urin. Die Krankheit kann mittels gewisser Antibiotika (Doxycyclin) sowie einem injizierbarem Medikament geheilt werden. Ein Infekt mit der durch den in der Schweiz häufigen "Ixodes Ricinus" (Holzbock-Zecke) übertragene Anaplasmose bewirkt vor allem eine starke Abnahme der Blutplättchenzahl und eine meist nur milde Anämie.
Bei "Marou" war die PCR-Untersuchung im Blut zu Beginn positiv für Babesien und negativ für Anaplasmen. Bei dieser Untersuchung wird direkt Erbsubstanz (DNA) des Erregers nachgewiesen - sowohl fälschlicherweise positive als auch fälschlicherweise negative Ergebnisse können aber vorkommen. Der Umstand, dass der Anaplasmose-Titer von "Marou" nach einem Monat stark positiv war, unterstützt die Annahme, dass der Hund neben einer Babesiose auch gleichzeitig noch an einer Anaplasmose litt.
Zu allem Unglück hatte sich die Hündin auch noch einen Harnwegsinfekt eingefangen, welcher aber durch ein zweites Antibiotikum recht einfach therapiert werden konnte.
Weitere Informationen zur Babesiose und Reisekrankheiten beim Hund finden Sie andernorts auf unserer Website (http://lyssbachvet.ch/fileadmin/Dokumente/Reisekrankheiten_Hund.pdf und http://lyssbachvet.ch/fileadmin/Dokumente/babesiose.pdf). Es existiert eine Impfung gegen Babesiose, welche aber teuer ist und einen relativ kurzen Impfschutz bietet. Wichtig ist vor allem ein angemessener Schutz des Hundes gegen Zeckenbefall mittels spot-on-Präparaten oder Halsbändern.
Ektopische Ureteren sind eine eher seltene Missbildung bei Hunden. In 90% der Fälle sind weibliche Tiere betroffen; bei rund einem Drittel der Fälle sind beide Harnleiter missgebildet, bei zwei Dritteln nur der eine. Je nach Anatomie kann es zu einer mehr oder weniger ausgeprägten Harninkontinenz kommen. Häufig bilden sich als Folge der Missbildung Infekte des veränderten Harnapparates sowie Erweiterungen von Harnleitern und Nierenbecken. Chirurgisch haben unkomplizierte Ureteren eine nicht allzu schlechte Prognose (vollständige Kontinenz oder deutliche Verbesserung der Inkontinenz). Aufgrund der schon eingetretenen Sekundärveränderungen an der linken Niere sowie der ausgeprägten Ektopie beider Ureteren wären die Erfolgsaussichten, bei "Gipsy" eine normale Situation herstellen zu können, wohl eher gering gewesen.