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Die Begriffe «Mythos» und «Gotthard» finden schnell zueinander. Das ist eigentlich erstaunlich, denn der Gotthard ist weder markant wie das Matterhorn noch lieblich wie die Rigi oder gefürchtet wie die Eigernordwand. Genau genommen ist es nicht einmal ein Berg.
Dennoch versinnbildlicht das Gotthardmassiv wohl wie keine andere Erhebung der Alpen die Schweiz. Der Journalist Helmut Stalder, der kürzlich das Buch «Gotthard. Der Pass und sein Mythos» veröffentlicht hat, bezeichnet den Gotthard als «eigentlichen Identitätsfelsen der Schweiz».
Zum einen liegt das an der zentralen Lage des Gebirgsstocks, über den die Europäische Kontinentalwasserscheide verläuft und in dem die Kultur- und Sprachräume der vielsprachigen Schweiz aneinandergrenzen. Zum andern steht das Massiv für die Unabhängigkeit und Wehrhaftigkeit der Schweiz – hier befand sich der Kern des Réduits, in dem sich das Land während des Zweiten Weltkriegs vor der Bedrohung durch die Achsenmächte einigelte.
Vor allem aber trägt die Gotthard-Saga – ähnlich wie Rütlischwur, Tell-Sage, Burgenbruch oder Schlacht von Sempach – zur patriotisch überhöhten Erzählung von der Entstehung der Schweiz bei. Der Gotthard ist in dieser Sicht gleichsam der steinerne Kern, um den herum sich die Eidgenossenschaft kristallisiert.
Die Schweiz als «Gotthardstaat» verdankt ihre Existenz indes nicht diesem zentralen Felsmassiv, sondern vielmehr dem Pass, der es durchschneidet. Die Eidgenossenschaft entstand nicht zuletzt durch den Pass und am Pass; dieser kürzesten europäischen Nord-Süd-Verbindung. Die Schweiz wäre ohne Gotthardpass wohl nicht entstanden, sagt auch Buchautor Stadler:
In der Tat gewann die Gotthardroute von Basel über den Unteren Hauenstein und den Gotthardpass nach Mailand stark an Gewicht, als die Schöllenen erschlossen wurde. Damit stieg auch die Bedeutung der Gebiete in der Zentralschweiz: Die Könige und Kaiser des Deutschen Reichs – erstmals die Staufer im Jahr 1231 – verliehen ihnen Privilegien, um die wichtige Verbindung zu den norditalienischen Reichsteilen zu sichern.
Für die Entstehung der Eidgenossenschaft dürfte der Pass auch insofern als Katalysator gewirkt haben, als er einen Anreiz zur Zusammenarbeit schuf. Die ersten Bündnisse zwischen den Kantonen der Urschweiz im 13. und 14. Jahrhundert wurden nicht zuletzt geschlossen, um den gemeinsamen Unterhalt der Gotthardroute zu regeln und die Einkünfte daraus zu sichern.
Entstehung und Aufstieg der Eidgenossenschaft, die der Gotthardroute entlang weit nach Süden in die Lombardei hinein expandierte, sind daher tatsächlich mit dem Gotthard verbunden – wenn dieser als Geburtshelfer der Schweiz auch nie die überragende Rolle spielte, die man ihm früher zumass. Die neuere Geschichtsforschung hat seine Rolle für die Entwicklung der Eidgenossenschaft relativiert.
Als zentrale Verbindung von Nord nach Süd entstand er erst mit der Zähmung der Schöllenen, und auch danach blieben die Bündner Pässe wichtiger als der neue Weg nach Süden. Mit dem Brenner konnte der Gotthard im Hinblick auf das Transportvolumen ohnehin nicht konkurrieren.
Nach einer kurzen Blütezeit im 13. Jahrhundert nahm seine Bedeutung sogar eher wieder ab, bis in den 1830er-Jahren eine durchgehende Fahrstrasse gebaut wurde. Erst mit der Eröffnung des Eisenbahntunnels 1882 dominierte der Gotthard den Schweizer Nord-Süd-Verkehr endgültig.
Der Gotthardtunnel machte die Schweiz zum Tunnelland. Der Tunnel als nationales Symbol ergänzte den Pass – wobei er noch mehr als die frühen Brückenbauten in der Schöllenen den technischen Fortschritt verkörpert. Und als internationales Gemeinschaftsprojekt – Italien und das Deutsche Reich finanzierten den Bau damals mit – versinnbildlicht er auch die europäische Zusammenarbeit, wie von Matt betont:
Im Gotthard treffen letztlich zwei Mythenstränge zusammen: das Bergmassiv als Sinnbild des Beständigen, Beharrenden und Wehrhaften und der Verkehrsweg – kulminierend in Pass und Tunnel – als Chiffre für Dynamik, Handel, Verkehr und technischen Fortschritt.
Diese Pole des Beharrens und des Fortschritts, die entweder in fruchtbarer Dialektik miteinander in Beziehung treten oder einander als Antagonismen blockieren, haben die Schweizer Mentalität geprägt. Wie es der Schriftsteller Peter von Matt formuliert: