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Ich wollte Geschäftsführer von Newcastle United werden. Damals im Juli, Jahre bevor der Verein aus Nordengland mit einer Übernahme durch den saudi-arabischen Kronprinzen liebäugelte. Ich stand mit zu grossem Schutzhelm und gelber Weste auf dem Dach des St. James’ Park und hatte soeben diesen weitreichenden Entschluss gefasst.
In meinem Kopf stellte ich mir meinen beruflichen Werdegang vor (an selber Stelle und ähnlich kometenhaft wie derjenige von Santiago Nunez im Film Goal) und romantisierte mit der Vorstellung vom eigenen Reihenhaus in der gehobenen Vorstadtsiedlung. Neben mir stand mein Klassenkamerad und guter Freund Luigi, mit dem ich meinen Sprachaufenthalt verbrachte. Wir waren die einzigen Schüler aus unserem Jahrgang, die nicht nach Nordamerika reisten. Von einer Reise nach Kanada oder in die USA schreckte uns primär die Tatsache ab, dass wir dort keinen Alkohol trinken durften (was wir in England knapp vor unserer Volljährigkeit schliesslich auch nicht konnten; dies erfuhren wir aber erst, als ich mit einem Karton Bier an der Kasse von Tesco stand und mich die Kassiererin darüber aufklärte, dass dieser erst mit 18 zu kaufen sei). Zum Glück stellte sich unsere Gastmutter, eine liebenswerte, geschiedene Frau mit beschränkten Kochkünsten und einer frühpubertierenden Tochter, als grosszügig und wenig verantwortungsbewusst heraus. Immer wieder versorgte sie uns mit Bier (Carling Extra Cold, bis heute mein Favorit), sodass wir den ganzen Sommer über zu zweit auf dem Sofa sassen, Bier schlürften, Vanilleeis assen und sämtliche noch so uninteressanten Spiele der Weltmeisterschaft schauten.
Eigentlich wollte ich nur die klassische Stadionführung machen. Mich interessierten weder die Umkleidekabinen noch der Presseraum von Newcastle United, ich wollte einfach nur im Stadion stehen. Doch Luigi – ich kenne bis heute keine andere männliche Person, die sich noch weniger für Fussball interessiert – bestand auf die teurere Variante, bei der die Besteigung des Stadiondachs als Höhepunkt inkludiert war. Wer den St. James’ Park kennt, weiss, wie hoch das Leazes End hinter dem Tor in den Himmel ragt. Schon vom Gästeblock aus überblickt der Zuschauer die ganze Stadt. Die Aussicht, die sich einem jedoch vom Dach bietet, übertrifft jene nochmals um ein Vielfaches. Weit unter uns, unmittelbar gegenüber vom Stadion, lag die Sprachschule und in der Ferne die ganze Stadt.
Unsere Gruppe zählte noch andere Teilnehmer. Ein Vater mit seinem Sohn aus Norwich (ich weiss noch, wie ich mich fragte, weshalb dieser ein Shirt der Canaries trug, lagen doch Norwich und Newcastle satte 250 Meilen und zum Zeitpunkt der Sommerpause auch eine Liga auseinander) sowie ein Ehepaar mit erwachsenem Sohn – ein Bodybuilder, was sich nicht primär an seinem trainierten Oberkörper, sondern am Fauxpas im Gesicht mit dem Selbstbräuner unschwer erkennen liess. Die ganze Führung über ass er Reiswaffeln (wegen der Kohlenhydrate versteht sich).
Es war eine gute Zeit. Ich war in der exzessiven Phase meiner Fussballsucht, vergrösserte meinen Wortschatz einzig durch die Matchanalysen von Gary Lineker in der BBC, nutzte das «Personal Study Program» (eine Zeit des Unterrichts, in der wir unsere Sprachkenntnisse individuell am Computer mit Lernprogrammen schleifen sollten) für das Durchforsten von Club-Webseiten und reiste unter der Woche – manchmal alleine, manchmal in Begleitung von Luigi – mit dem Bus oder Zug an sinnlose Testspiele von kleinen Provinzvereinen wie Willington oder Whitley Bay. An den Spielen machte ich Fotos, ass Fish & Chips, einmal sogar mit Vinegar (!) und Hotdogs mit Zwiebeln. Zusammengefasst: Ich genoss den Sommer, ohne sonderlich auf meine Lerntätigkeit zu achten. Dabei trug ich stets mein Traineroberteil von West Bromwich Albion, das mir eines Abends am Bahnhof von Sunderland beinahe ein blaues Auge einbrachte. Ich hatte es Jahre vorher im Lillywhites, einem grossen Laden mit Sportartikel am Piccadilly Circus – als Teenager mein Schlaraffenland – bei einem meiner ersten Besuche in London gekauft. Wir waren auf Konfirmandenreise und keiner meiner Kollegen konnte verstehen, wieso ich mir ausgerechnet dieses Oberteil kaufte. «West Brom» war und ist ein unscheinbarer Vorstadtclub im Schatten von Aston Villa und Birmingham City, was ihn mir sympathisch machte und mich – besonders zurück in der Schweiz – stets von den anderen Jugendlichen in Trainingsanzügen von Bayern München oder Juventus Turin abhob.
Nach zwei Monaten bekamen wir unser Diplom als Bestätigung für den Sprachaufenthalt. Wir mussten es am letzten Schultag – mitten während des Unterrichts – beim Sekretariat abholen. In unsere Klasse kehrten wir nicht mehr zurück und bis auf die Leistungsbeurteilung, die wir unserer Schule in der Schweiz zukommen lassen musste, landete sämtliches Unterrichtsmaterial im erstbesten Mülleimer vor dem Eingang. Meinen Traum vom Job als «Chairman» bei Newcastle United gab ich hingegen erst Jahre später auf, als ich Martin Bains harten und undankbaren Alltag in der Dokumentation über den AFC Sunderland sah – dem Erzrivalen von Newcastle United.
Der ausschweifende Schreibstil in diesem Beitrag ist bewusst gewählt. Inspiriert hat mich der britische Schriftsteller und Arsenal-Fan Nick Hornby, dessen bekanntes Werk «Fever Pitch» ich zurzeit lese und allen Fussballfans nur empfehlen kann.