Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03189.jsonl.gz/2236

Die Wirkkraft psychiatrischer Gutachten auf die Biografien von fremdplatzierten Kindern und Jugendlichen 1921-1974
Im Zentrum meines Promotionsprojekts steht die Rolle kinderpsychiatrischer Expertisen der kantonalen Zürcher Kinderbeobachtungsstationen Stephansburg (1921-1944) und Brüschhalde (1945-1974) bei der Fremdplatzierung von Kindern und Jugendlichen in Heime und Pflegefamilien. Aus kulturanthropologischer Perspektive untersuche ich, welche Wirkkraft die Inhalte dieser Expertisen auf die Biografien fremdplatzierter Kinder und Jugendlicher ausübte. Wie beeinflussten die Gutachten die Gestaltung der Biografie von Betroffenen? Welche Zuschreibungen von Andersartigkeit zeigen sich in den Gutachten und wie wirkten diese auf die Selbst- und Fremdwahrnehmung von Betroffenen? Welche Bedeutung hat die Akteneinsicht für den gegenwärtigen Lebensvollzug und welche Bewältigungsstrategien helfen den Betroffenen Attribuierungen von Devianz zu verarbeiten?
Grundlage für die qualitative Analyse der Wirkkraft bilden biografisch-narrative Interviews mit Personen, die in der Kinderbeobachtungsstation Brüschhalde begutachtet wurden sowie Fallstudien anhand psychiatrischer Gutachten der Kinderbeobachtungsstationen Stephansburg und Brüschhalde. Ausgehend von der Hypothese der Forschenden, dass psychiatrische Gutachten „Weichensteller“ für den Lebensverlauf von Betroffenen darstellen, sollen die Interviews zum einen anhand des Informationswerts der lebensgeschichtlichen Erzählung, soziokulturelle Wirklichkeit beschreibbar und verstehbar machen, und zum anderen Aussagen über die Identität des Erzählers, seiner Lebenswelt und seiner Deutungsmuster ermöglichen (Fuchs 1984). Die psychiatrischen Gutachten der Kinderbeobachtungsstationen Stephansburg und Brüschhalde geben die Perspektive der ÄrztInnen wieder und können als weitere Lebensgeschichten von Betroffenen quellenkritisch interpretiert werden.
Die quantitative Analyse anhand des gesamten Aktenbestandes der erwähnten Institutionen hat zum Ziel, Muster sichtbar zu machen, wie die Zuordnung medizinisch-psychiatrischer Begriffe zu einzelnen sozialen Gruppen. Da die späteren Patientenfiles oftmals Anfragen um Einsichtnahme durch andere Institutionen enthalten, können in diesen Fällen zusätzliche Angaben über den weiteren Lebensweg der betroffenen Personen erhoben werden.
Das Forschungsprojekt versteht sich als kulturanthropologischer Beitrag zur jüngeren Psychiatriegeschichte der Schweiz. Ich erhoffe mir, dass die Forschungsresultate zu einer Sensibilisierung und einem kritischeren Umgang mit Expertisen bei begutachtenden, gesetzgeberischen und ausführenden Personen und Institutionen führt und im Sinne der Betroffenen zur Aufarbeitung vergangenen Unrechts beiträgt.
Supervisor: Eberhard Wolff
Co-Supervisor: Walter Leimgruber
Bio
Lena Künzle studierte Kulturanthropologie und Soziologie an der Universität Basel. Während ihres Studiums arbeitete sie als Hilfsassistentin am Seminar für Kulturwissenschaften und Europäische Ethnologie sowie am Institut für Soziologie. Ihr Forschungsinteresse konzentrierte sich hauptsächlich auf die Thematik sozialer Ungleichheit. Insbesondere die Fragen nach der Definition von Normalität, Stigmatisierung, In- und Exklusion, totale Institutionen sowie jene nach den darin involvierten Akteuren und deren Lebenswelten gehörten zu ihrem Forschungsfokus. So hat sie sich in ihrer Masterarbeit „The Art of the Artless? Kulturanthropologische Perspektiven zu Subjektkonstruktionen hinsichtlich der Figur des Outsider-Art-Künstlers im Kunstdiskurs“ mit sozialen Prozessen der Konstitution eines gesellschaftlich „Anderen“ und daraus resultierenden Marginalisierungen auseinandergesetzt.
Im September 2018 begann Lena Künzle ihre Anstellung an der Universität Zürich im Forschungsprojekt „Entstehung und Wirkkraft psychiatrischer Gutachten auf die Fremdplatzierung von Kindern und Jugendlichen 1921-1974“ im Rahmen des NFP 76.
Publikationen:
Lena Künzle: Abschlusstagung des Projekts: Heimerziehung in Baden-Württemberg 1949-1975. URL: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=8035 (Stand: 07.02.2019).
Links: