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Gemäss Wikipedia hat sich René Gardi (1909-2000), damals Sekundarlehrer in Brügg bei Biel, 1944 an Minderjährigen vergangen. Er unternahm einen Selbstmordversuch und zeigte sich noch aus dem Spital selbst an. Gardi wurde 1945 gerichtlich verurteilt, die Lehrbefähigung wurde ihm entzogen. Diese Tatsache wurde seinerzeit in den Medien bekannt; sie ging allmählich vergessen.
Die Verurteilung führte dazu, dass René Gardi eine Tätigkeit als Autor von Büchern, Radio- und Fernsehsendungen, als Fotograf, Filmer und Vortragsreisender aufnahm. Dadurch wurde er bekannt. Dafür wurde er ausgezeichnet: 1948 mit dem Literaturpreis der Stadt Bern, 1963 mit dem Schweizer Jugendbuchpreis für sein Gesamtwerk, 1967 mit dem Ehrendoktor der Universität Bern. Auf dem Strassenschild im Wankdorf steht: Reiseschriftsteller, Dokumentarfilmer und Jugendbuchautor.
«African Mirror»
Gardis dunkle Vergangenheit hat Mischa Hedinger 2010 im Dokumentarfilm African Mirror neu bekannt gemacht. Die Universität Bern prüfte daraufhin, ob sie Gardi die Ehrendoktorwürde aberkennen solle. Sie verzichtete darauf, auch weil Gardi im Jahr 2000 gestorben ist.
Das Bild von Afrika, vor allen von der Region Mandara (Kamerun), das Gardi in Filmen, Büchern und Vorträgen vermittelte, war gewiss idealisiert (die edlen Wilden) und blendete die Unterdrückung, Kontrolle und Ausbeutung der Einheimischen durch die Kolonialmacht Frankreich aus. Gardi sah in Mandara (Film von 1959) sein schwarzes Arkadien, ein ursprüngliches Paradies, von der modernen Zivilisation bedroht (Film «Die letzten Karawanen», 1967). Was er beschrieb und verteidigte, war wohl mehr eine Illusion, eine Projektion, als die Realität. Es war sein Bild von Afrika, das er in der Schweiz einer breiten Bevölkerung nahebrachte und zu «dem» Bild des Kontinents machte.
Dieses Bild stimmte nie. Es wird durch Hedigers Film weitgehend kommentarlos dekonstruiert und als zu wenig kritische Sichtweise kolonialistischer und rassistischer Färbung enthüllt. Als ein zu seiner Zeit verbreiteter Blick auf den Kontinent, der relativiert, ergänzt und korrigiert werden muss. «African Mirror» zeigt dies, aber er überlässt das Urteil den Zuschauenden. Der Film fair um mit René Gardi und mit dessen Zeit.
Unfair
Zurück in die Gegenwart. Der Gemeinderat will keine Gardistrasse mehr. Er begründet dies mit René Gardis damaliger Straftat und seiner Verurteilung. Kein Grund zu sein scheint das problematische – und heute unhaltbare – Afrikabild.
Ich finde den Beschluss des Gemeinderats falsch. Gardi hat eine Straftat begangen. Er hat sich selbst angezeigt. Er wurde verurteilt. Er hat die Strafe verbüsst und wurde nicht rückfällig. Zweck der Strafe ist die Resozialisierung. Resozialisierung bedeutet: Der Täter lebt fortan straffrei, die Gesellschaft nimmt ihn wieder auf. Als geläutertes Mitglied. Was war, ist gewesen.
Die Rechtsauffassung des Gemeinderats ist unfair und opportunistisch. Weil es Leute gibt, die sich 20 Jahre nach Gardis Tod an dessen einstigem Verhalten stossen, verbannt er den Namen vom Strassenschild. Klar: Jede und jeder hat das Recht, Gardi als Straftäter zu kritisieren. Doch: Das Gericht hat ihn verurteilt und die Rechtsordnung mutet der Bevölkerung zu, es nach der Strafverbüssung gut sein zu lassen. Wenn wir Verurteilten ihre Tat lebenslang – oder gar über den Tod hinaus – vorhalten, geben wir den Gedanken der Resozialisierung auf, der das Strafgesetzbuch prägt.
Lesen Sie hier die Gegenposition: Umbenennung der Gardistrasse? Ja!