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In der Altjahrswoche zeigt die Neue Oper Freiburg zwei Werke am gleichen Abend: «La voix humaine» von Francis Poulenc und «L’heure espagnole» von Maurice Ravel beleuchten die Liebe von verschiedenen Seiten.
Wie jedes Jahr präsentiert die Neue Oper Freiburg (NOF) in der Altjahrswoche eine Eigenproduktion. Dieses Jahr ist dies eine Doppelproduktion mit zwei Opern aus dem 20. Jahrhundert. Die Monooper «La voix humaine» von Francis Poulenc hat nur eine einzige Rolle: Eine Frau will telefonisch ihren Geliebten zurückgewinnen, der sie verlassen hat. Sie schwankt zwischen Nostalgie, Hoffen und Bangen. Am Ende bleibt unklar, ob sie sich das Leben nimmt.
Maurice Ravels Oper «L’heure espagnole» zeigt die Liebe von ihrer komischen Seite. «Es ist schon fast eine Operette», sagt Jérôme Kuhn, künstlerischer Leiter der NOF. Die Oper spielt in der spanischen Stadt Toledo. Uhrmacher Torquemada muss jede Woche eine Stunde lang die Uhren im Rathaus warten. Seine Frau nutzt die Abwesenheit ihres Mannes, um sich – jeweils abwechselnd – mit ihren beiden Liebhabern zu treffen. Doch eines Tages taucht im dümmsten Moment ein Kunde ihres Mannes auf, worauf das Chaos seinen Lauf nimmt.
Mehrschichtige Opern
«Gerade weil sie so unterschiedlich sind, passen diese Opern besser zusammen, als man auf den ersten Blick vermuten würde», sagt Jérôme Kuhn. «Die Tragik der ersten Oper und die Komik der zweiten Oper fügen sich zu einem Gesamtbild zusammen.» Bei aller Tragik sei auch «La voix humaine» nicht frei von komischen Momenten. «So beklagt die Hauptdarstellerin, die Erfindung des Telefons mache das Beenden einer Liebesbeziehung unpersönlich. Heute, im Zeitalter von Smartphones und Whatsapp, ist dieser Satz seltsam aktuell.» Umgekehrt habe «L’heure espagnole» eine gewisse Tragik: «Schliesslich betrügt die Ehefrau den Uhrmacher gleich mit zwei verschiedenen Männern.» Beide Werke seien fantastisch orchestriert. So arbeite etwa Poulenc die Geräusche des Telefons in die Musik ein.
Die NOF hat die Doppeloper gemeinsam mit der Oper von Maastricht produziert. Ursprünglich geplant war für dieses Jahr «Wilhelm Tell» von Gioacchino Rossini. «Als wir mit den Arbeiten für Rossini beginnen sollten, war noch nicht klar, wie sich die Corona-Situation entwickelt. Deshalb wären wir mit diesem aufwendigen Werk grosse Risiken eingegangen.» Nun soll «Wilhelm Tell» 2023 aufgeführt werden. Anstelle von Rossini greift die NOF auf die Doppelproduktion mit Poulenc und Ravel zurück, die eigentlich für letztes Jahr geplant war. «Jetzt können wir die Freiburger Aufführungen nachholen, die wir 2021 wegen der Pandemie absagen mussten.»
Eine Sängerin – zwei Rollen
Hauptdarstellerin des Abends ist Mezzosopranistin Sophie Marrilley. Sie singt im ersten Teil die Rolle der verlassenen Geliebten und im zweiten Teil die Rolle der Ehefrau. «Das ist sonst nicht unbedingt üblich und ist für die Sängerin anspruchsvoll», sagt Kuhn. Er wird das Freiburger Kammerorchester dirigieren, das Ravels Werk in einer reduzierten Besetzung spielt. Regisseurin Béatrice Lachaussée schafft mit einer zeitgenössischen Inszenierung Bezüge zur Gegenwart. So kommt etwa in «La voix humaine» ein Mobiltelefon zum Einsatz.