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«Was ist das für ein Bild?», fragte mich letztens mein achtjähriger Sohn auf der Strasse. Wie konnte so ein Bild, wie sein vierjähriger Bruder jeweils kritzelt, auf ein Plakat geraten, dessen beachtliche Grösse suggerierte, es müsse dabei um etwas sehr Bedeutsames gehen? «Dieses Bild, mein Sohn, kündigt eine Ausstellung in einem Museum an.» Museen sind Orte, an die wir ihn regelmässig mit bescheidenem Erfolg hineinzuschleppen versuchen und die in seinen Augen etwas ebenso Heiliges wie Langweiliges sind – also etwas für Erwachsene. Etwas, was garantiert kompliziert, ernst, ein wenig grau und prätentiös ist. Ich träume davon, ihm verständlich zu machen, dass ein Museum nicht dasselbe ist wie eine Bank oder eine Versicherungsgesellschaft. Zumal viele Museen ein cleveres Angebot an Kinder-Workshops und spielerischen pädagogischen Programmen bieten. Doch der direkteste Weg, ihm zu zeigen, dass die Grenze zwischen Kindergekritzel und Meisterwerk manchmal einzig und allein vom Standpunkt der Betrachtenden abhängt – oder der legitimierenden Handlung des Kurators, der den Künstler und sein Werk als dem System zugehörig anerkennt –, schien mir natürlich das Urinal von Duchamp. Ein Urinal? «Ah, ein Pissoir», antwortet mein Sohn nach meinen Erklärungen. Hauptsache, die Begriffe sind geklärt.
Einige Stunden nachdem ich ihm von Duchamps historischer Subversivität erzählt hatte, machte eine meiner Freundinnen, Professorin in Yale und absolut modeverrückt, ihrer Empörung über die Taschen von Balenciaga Luft, die praktisch eine Eins-zu-eins-Kopie der legendären, blauen IKEA-Plastiktaschen sind. In die man seine ersten Kerzenständer gestapelt hat, um das Studentenzimmer einzurichten. Das Original gabs zum Spottpreis, in der Version von Balenciaga kostet sie ein Vermögen. Da standen mir plötzlich die Parallelen zwischen Duchamp und Demna Gvasalia, dem Creative Director von Balenciaga und seinem eigenen Label Vetements, klar vor Augen. Demna ist einer, der die ultimative Grenzüberschreitung dessen wagt, was bisher im Luxus galt. Einer, der die Karten radikal neu mischt und mit der Punk-Attitüde eines Satyrs oder eines Kindes sämtliche Orientierungspunkte wegwischt, sodass wir uns fragen, ob sie überhaupt je existiert haben. In seinen Modeschauen arbeitet Demna Gvasalia enorm viel mit Referenzen, vor allem durch den Einsatz von Logos wie «Polizei», «DHL», «World Food Programme» und natürlich seinem eigenen, «Balenciaga», das allenthalben zur Schau getragen wird. Er war es, der dem Logotrend, wie er in den Neunzigern Kult war, zu neuen Ehren verholfen hat – auch bei allen anderen Labels. Sogar wenn er buchstäblich imitiert, bleibt Demna in der Kommentarfunktion. Im Gegensatz etwa zu Balmain, wo vor allem der Wunsch nach unverhohlenem Luxus gezeigt wird, bleibt Demna immer in einer Art ironischem Modus für die Happy Few. Und die sind natürlich entzückt, wenn sie sich in diesem Spiegel so schön (und clever) wiedererkennen. In der Ferne ertönt Demnas sardonisches Gelächter, zumal wenn er populäre Symbole in Besitz nimmt und sich nicht um geistiges Eigentum schert, sich selbst das Recht herausnimmt zu sagen, die Popkultur und ihre Symbole gehörten allen, also auch den grössten aller Snobs. (Demna, wann gibt es T-Shirts mit dem Kürzel der WIPO, der Weltorganisation für geistiges Eigentum?). Da ist Andy Warhol nicht weit. Doch Demna Gvasalia ist viel mehr als blosses Dandytum. Hinzu kommt bei ihm die ständige Zweckentfremdung der Codes, derart geschickt, ohne Snobismus, beinahe zärtlich, dass dies oft einer Hommage gleichkommt. Man denke an das Shooting der Frühling/Sommer-Kampagne 2018 von Vetements in Zürich, nachdem Demna Gvasalia den Geschäftssitz des Labels und sein Team dorthin verlegt hatte. Es gelang ihm sofort, die Tribes und charakteristischen Symbole der Stadt zu identifizieren, indem er die Spannung zwischen dem Realen und dem Künstlichen, dem Vorbild und der davon inspirierten Kreation in Szene setzte. Eine gesellschaftliche Deutung der Kleidung und ihres bildhaften Charakters – der Soziologe und Philosoph Pierre Bourdieu hätte es nicht besser machen können.
«Ich halte Eleganz nicht für relevant», erklärte Demna Gvasalia gegenüber dem «Guardian». Vielleicht lautet die Frage nicht so sehr, ob Eleganz relevant ist, sondern vielmehr, ob unsere Glaubenssätze im Hinblick auf die Eleganz immer relevant sind. Gvasalias Vorgehen besteht, ähnlich wie das von Marcel Duchamp, im radikalen Umsturz der Kategorien, aus denen sich unsere Vorstellung von Mode, Eleganz oder einem Kunstwerk zusammensetzt. Das grundsätzliche, bedingungslose und unaufhörliche Infragestellen, das uns diese beiden Künstler demonstrieren, führt zu einem meiner Meinung nach absolut notwendigen und heilsamen Gedanken: dem der Formbarkeit der Identität. Was ein Objekt ausmacht, hängt nicht mit seinen intrinsischen Eigenschaften zusammen, sondern mit den ihm zugeschriebenen – Identität als subjektives Ganzes der Überzeugungen und der physiologisch, kulturell und historisch begrenzten Wahrnehmungen. Anders ausgedrückt: Warum sollte ein Kunstwerk notwendigerweise das Ergebnis eines kreativen Prozesses sein, der die Wirklichkeit imitiert und verzerrt? Warum sollte die Eleganz auf die Konzepte Schönheit und soziale Distinktion festgelegt sein? Helfen uns diese Konzepte noch, gut zu leben und intelligent nachzudenken? Stehen sie im Einklang mit der heutigen Welt? Tragen sie dazu bei, dass wir uns möglichst dynamisch und mobil durch die Welt bewegen? Das sind die Fragen, die von den radikal subversiven Aktionen Marcel Duchamps und Demna Gvasalias aufgeworfen werden. Im Hinblick auf die Frage, was in ein Museum oder auf den Laufsteg gehört, geben uns diese beiden Künstler die Möglichkeit, unser gesamtes Wahrnehmungssystem umzukrempeln.
Doch um auf Demna zurückzukommen, muss eines klar sein: Hier geht es vor allem um Kleidung. Und um herauszufinden, ob ein Kleidungsstück mich anspricht oder nicht, lese ich persönlich weder Bourdieu noch ein kunsthistorisches Lehrbuch. Ich verlasse mich auch lieber nicht auf den Laufsteg. Nein, ich gehe shoppen. Ich betrete ein Geschäft, sehe mir die Stücke an und überlege mir, ob ich Lust hätte, etwas davon zu tragen oder kaufen. Ich gebe zu, dass ich – trotz des sehr starken Konzepts, das ich in Gvasalias Arbeit erkennen kann – nicht so sicher war, ob ich diese Sachen gern tragen würde. Um Alexander McQueen aus einer aktuellen Doku über ihn zu zitieren: «Wozu dient Kleidung letztendlich, wenn nicht dazu, sich wohlzufühlen und attraktiv zu sein?» Demna Gvasalias Formulierung zum Thema kommt dem nahe, ist aber nicht identisch: «Ob es nun ein Hoodie ist oder ein Couture-Kleid, immer geht es um die Person, die dieses Kleidungsstück trägt und sich sagt: Ich bin glücklich damit und glücklich, wie ich darin aussehe.»
Also habe ich vor dem Schreiben dieses Artikels die Tür einer Boutique aufgedrückt und bin direkt auf den Balenciaga-Ständer zugestochen. Und ich kann Ihnen gleich sagen, wäre nicht dieser Anflug von Gewissenhaftigkeit und beruflicher Experimentierfreude gewesen, hätte ich beim Anblick dieser Kleidungsstücke am Ständer kein einziges probiert. Eine Oversize-Regenjacke à la K-Way, auf der ein ebenso übergrosses Logo prangt? Eine gestreifte Baumwollbluse, ein absolutes Basic, die kurzen Ärmel verlängert mit Kimono-Ärmeln aus Seide in einem Muster wie auf den Kleidern, die sich meine Grossmutter in den Achtzigern in der Migros kaufte? Also gut, erst mal anprobieren. Von den sieben Teilen, mit denen ich in die Kabine ging, hätte ich tatsächlich sechs mit nach Hause nehmen können (leider war Monatsende und Ebbe im Budget). Das einzige, das ich nicht genommen hätte, war die gestreifte Migros-Bluse, vielleicht aus psychologischen Gründen. Was mir am besten gefallen hat? Die Regenjacke! Sie ist unglaublich gut geschnitten, und ich finde, ich sehe toll aus darin. Auch zwei Wollröcke sind, einmal angezogen, der absolute Hit: Das übergrosse Logo verschwindet und wirkt wie eine abstrakte, ultracoole Grafik. Meine Hüften geben ihnen eine Form, einen Look, und ich weiss, dass mein Gang in ihnen ein anderer wäre, ebenso wie er ihnen einen einzigartigen Dreh verleihen würde. Dann: Wahnsinnig gut geschnittene Leggings, die sogar an einer Bankangestellten nicht fehl am Platz wären. Ein ultrakurzes Lamé-Kleid erinnert mich an ein Teil, das ich einmal für zehn Franken im Schlussverkauf ergatterte (doch, doch, zehn Stutz). Ich kaufte es, weil es mich an die Kleider von Joan Collins in «Der Denver-Clan» erinnerte. Am Ende habe ich es nie getragen, weil es piekst und kratzt und ich mir einbilde, es komme aus dem Mülleimer, wenn ich es anziehe. Das Balenciaga-Kleid, vom Konzept her recht nah an Joan Collins, wirkt hingegen Wunder. Zunächst einmal ist es wie ein Couture-Kleid geschnitten: Ein innen liegendes Korsett kontrolliert den fliessenden Effekt des äusseren Stoffs. Es macht die Beine ultralang, und es verströmt einen völlig selbstsicheren Glamour, den es gleichzeitig herunterspielt. Wie lebt es sich mit dem Konzept dieser Mode? Mir scheint, dass ich mich in diesen Kleidern nicht nur anders bewegen, sondern auch anders denken, anders reden, anders essen und arbeiten, anders lieben würde, vielleicht mit jemand anderem zusammen wäre. Sie würden meine Beziehung zur Welt überhaupt transformieren. Nicht wegen der Freiheit, die mir diese Sachen an sich verschaffen würden, sondern wegen der spielerischen Freiheit, die ich mir selbst nehmen – und in mir entdecken – würde. Weil ich dann eine Seite an mir entdecken könnte, die für diese Kleider offen ist. Ich glaube, hier geht es eher um Intelligenz und Beweglichkeit als um Ästhetik, obwohl Letztere nicht von diesem Prozess ausgeschlossen ist. Der Tag, an dem ich solche Kleider kaufe und trage, ist der Tag, an dem ich keinen Therapeuten mehr brauche. Denn alles in mir und um mich herum wird sich freier bewegen. Das glaube ich wirklich. Zeit und Geld in der Therapie sparen und für Ideen wie die von Demna Gvasalia verwenden: Kann man so etwas im Museum ausstellen? Wenn Marcel Duchamp noch da wäre, würde er ohne Zweifel versuchen, diesen ebenso subversiven wie spielerischen Umsturz in Szene zu setzen.
Ilustration:
ANNA HAAS