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Hyperbel 2
Darf und kann im Zeitalter von ‹Hyper› und ‹Hype› ein Gedicht noch treffend übertreiben?
(Die Modernität der (Kinder)Witze, in denen jedes dieser ‹Enfant-Hyperboliker› von seinem Über-Vater stetig sich steigernde unglaubliche Dinge erzählt… ‹Und mein Dad kann mit einer Hand zehn Elefanten hochheben…›-ist wohl vorbei?)
Dem etymologisch-altgriechischen ‹hyperballein › – über das Ziel hinaus werfen – kann lyrisch in einer Welt der Megalomanie und der globalisierten Unendlichkeit oft nur in einer Form der Ironie begegnet werden.
Wenn man den mathematischen Vergleich heranzieht, bei dem eine Hyperbel eine Kurve mit zwei symmetrischen Ästen darstellt, die sich ins Unendliche erstrecken, dann erhält man eine schöne (‹paralleluniversumistische›) Metapher für den rhetorischen Sachverhalt konstruiert: Zwei Äste eines Ausdrucks, die sich in ihren Scheitelpunkten am Nächsten sind und sich spiegelbildlich zeigen - jedoch einen steten Abstand bewahren…
Als ein Tropus (das Ersetzen eines Ausdrucks durch einen anderen nicht bedeutungsgleichen) tritt/trat die Form der Übertreibung sprachlich/bildlich in Versen (oder Prosa) hervor. Diese Substitution ermöglicht Autor (und Leser) den Sachverhalt künstlerisch zu gestalten/wahrzunehmen und ihn metaphorisch zu interpolieren. Anschaulichkeit oder/und Emotionalität sind ge- und erwünschte Effekte dabei.
Wer kennt sie nicht, die biblische Hyperbel vom Splitter im Auge des Bruders und dem Balken im eigenen. Viele dieser Übertreibjagden haben ihre überraschende und aufmerkende Bedeutung verloren und sind als Items erstarrt oder versteinert im Sprachfluss ausgehöhlt. Trotzdem könnte man die conditio humana, das persönliche Ego unserer Ontologie ohne den Hang zur Übertreibung nicht zureichend beschreiben. Als zeitgemäßer Gegenpol zur Hyperbel könnte die Litotes angeführt werden, die das Gesagte in einer Verneinung seiner Opposition äußert und damit zur auffälligen Untertreibung (der ‹Hypobel›) wird.
(http://hyperbel.info/ und ‹Arbeitsbuch Lyrik› K. Felsner ua. Akademie Verlag) JW