Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03634.jsonl.gz/2093

Die schwere Krise beim einst wichtigsten Handelspartner Venezuela lässt auf Kuba nicht nur Benzin und Strom knapp werden. Selbst das Gesundheitswesen, einst Stolz der Revolution, leidet.
Daten zur Lage der Wirtschaft werden in Kuba – wenn überhaupt – sehr spät und so vereinzelt veröffentlicht, dass sich nur schwer ein Gesamtbild erkennen lässt. Im Dezember hatte Staats- und Parteichef Raúl Castro die erste Rezession seit über zwanzig Jahren verkündet: Um 0,9 Prozent sei die Wirtschaftsleistung im Jahr 2016 geschrumpft, sagte er vor der Volkskammer. Ende vergangener Woche hat ihm das Nationale Büro für Statistik und Information widersprochen: 2016 sei kein Jahr der Rezession gewesen. Die Wirtschaft sei vielmehr um kaum merkliche 0,5 Prozent gewachsen.
Keine der beiden Zahlen kann unabhängig überprüft werden. Sicher ist nur eines: Kubas Wirtschaft geht es nicht gut. Das Jahr 2017, zu dem es noch keine offiziellen Zahlen gibt, dürfte kaum besser gelaufen sein als das Jahr zuvor. Und dies, obwohl Raúl Castro im Grunde alles richtig gemacht hat. Seit er 2006 die Regierungsgeschäfte übernommen hat, bemüht er sich, die Effizienz der Wirtschaft zu steigern und die Handelsbeziehungen zu diversifizieren.
Ungesunde Abhängigkeit
Am Ende der Regierungszeit von Fidel Castro hatte Venezuela für Kuba eine ähnlich entscheidende Rolle gespielt wie der Ostblock vor 1990. Als Ausgleich baute Raúl die Wirtschaftsbeziehungen zu China, Russland und Brasilien aus – zu langsam. Als 2014 der Ölpreis ein- und in Venezuela die grosse Krise ausbrach, wickelte Kuba noch immer über die Hälfte seiner Aussenwirtschaft mit der bolivarischen Republik ab. Seither geht es steil bergab. 2014 lag das Handelsvolumen zwischen den beiden Ländern bei 7,3 Milliarden US-Dollar, 2016 nur noch bei 2,2 Milliarden. Neuere Zahlen gibt es nicht. Sie dürften sich inzwischen noch einmal halbiert haben.
Aus Venezuela kam und kommt so gut wie ausschliesslich Öl ins Land. Kuba bezahlt mit der Arbeit von Ärztinnen und Krankenpflegern, Lehrern und Geheimdienstlerinnen. Lange lieferte Venezuela sogar mehr Erdöl, als Kuba verbrauchte. Der Überschuss wurde auf dem Spotmarkt in Rotterdam verkauft, was schnelle US-Dollars ins Land brachte. Diese waren dringend nötig, zum Beispiel, um Lebensmittel zu importieren. Die kubanische Landwirtschaft deckt allenfalls ein Drittel des heimischen Bedarfs. Der Einbruch der Öllieferungen aus Venezuela hatte so nicht nur ausgetrocknete Tankstellen und regelmässige Stromausfälle zur Folge, auch die Devisen wurden knapp.
Seit dem vergangenen Jahr bezieht Kuba – gegen Bezahlung in Devisen – verstärkt Erdöl aus Russland. Vergangene Woche wurde dann ein Abkommen mit Algerien bekannt gegeben. Das Öl aus dem nordafrikanischen Land kann immerhin mit der Entsendung von ÄrztInnen abgegolten werden.
Der Devisenmangel beeinträchtigt inzwischen sogar das Gesundheitswesen: Selbst einfache Arzneimittel fehlen bisweilen. Zwar kann Kuba zwei Drittel der benötigten Medikamente selbst herstellen. Etliche Pharmafabriken aber standen in den vergangenen beiden Jahren still, weil das Geld für den Import wichtiger Rohstoffe fehlte.
Trump und der Wirbelsturm
Im September vergangenen Jahres verschärfte dann Hurrikan Irma die ohnehin prekäre Lage. Er hinterliess Schäden in Höhe von 13,2 Milliarden US-Dollar. Besonders betroffen ist die Zuckerindustrie: Derzeit arbeiten nur 15 der 53 Zuckermühlen des Landes normal, im Januar wurden die gesamten Zuckerexporte eingestellt. Nicht genug damit, ist in diesem Jahr ein Ende des Booms im Tourismus zu erwarten. Zwar wuchs die Zahl der UrlauberInnen im vergangenen Jahr noch um zwanzig Prozent auf 4,7 Millionen. Im Dezember aber brach sie um zehn Prozent ein. Der Trend scheint sich fortzusetzen. Der Grund: Im November hatte US-Präsident Donald Trump einen Teil der von seinem Vorgänger Barack Obama gelockerten Reiserestriktionen wieder in Kraft gesetzt.
Ende April soll nun die Ära Castro zu Ende gehen. Die Volkskammer wird einen neuen Präsidenten des Staats- und Ministerrats wählen. Raúl Castro hat angekündigt, er werde nach zwei Amtsperioden nicht mehr zur Verfügung stehen. Er hätte sich für den lange hinausgeschobenen Generationswechsel sicher bessere Rahmenbedingungen gewünscht.