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Im ersten Teil dieser Serie, der in der «Bulletin»-Ausgabe 7 im Oktober 2022 erschienen ist, haben wir gelernt, dass die Faszien eine verkannte Körperstruktur sind – beim Pferd genauso wie beim Menschen –, die aber eine wichtige Rolle spielen bei der Arbeit von Muskeln und Organen, bei der Wahrnehmung von Schmerz und bei der Orientierung im Raum. Die Frage ist also: Wann sind Faszien in schlechtem Zustand und welche Folgen kann das haben?
In diesem Artikel werden Bindegewebserkrankungen wie die rheumatoide Arthritis oder die Sklerodermie nicht angesprochen. Der Fokus liegt vielmehr auf Faszienschädigungen wie Narben, Verklebungen oder Fixierungen aufgrund eines Traumas oder eines unpassenden Umfelds.
Werden Faszien beschädigt, verändert sich ihre Struktur. Die Flüssigkeit, die in grossen Mengen in den Faszien enthalten ist, wird sauer und dickflüssiger. Der Nährstofftransport wird dadurch verlangsamt und ineffizient. Das Gewebe verliert seine Elastizität, verhärtet und zieht sich zusammen. Es können Nervenendigungen, die Blutzirkulation, Organe oder Gelenke eingeengt werden, was unter Umständen Schmerzen verursacht und Körperfunktionen stört.
Wird dem Körper nicht genügend Ruhezeit für die Erholung gegönnt, wird es für den Organismus schwierig, die Zellen mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen – ein Teufelskreis nimmt seinen Lauf. Dasselbe passiert im Übrigen auch bei emotionalem Stress. Die Zellen des faszialen Bindegewebes ziehen sich zusammen. In der Folge ist das Gewebe weniger durchlässig, die Stoffwechselabfallprodukte werden nicht mehr richtig abtransportiert und die Flüssigkeit, welche die Zellen umgibt (extrazelluläre Matrix), wird dickflüssig wie Honig. Somit beeinträchtig dieser Mechanismus den gesamten Körper.
Vereinfacht gesagt, sind Faszien in schlechtem Zustand vergleichbar mit einem zu kleinen Taucheranzug. Wenn Sie (oder Ihr Pferd) in einem XXS-Anzug stecken, obwohl Sie sonst die Grösse M tragen, werden Sie Mühe haben mit der Atmung, die Beweglichkeit und die Verdauung sind beeinträchtigt, Sie erholen sich schlecht und können kaum klare Gedanken fassen. Angenehm ist das nicht!
Faszienschädigungen können zu Verletzungen, Entzündungen, Narbenverklebungen, Muskelrissen, Leistungseinbussen, einem eingeschränkten Bewegungsumfang, reduzierter Erholungsfähigkeit, Kompensationshaltungen oder sonstigen Erkrankungen führen. Sind die Faszien nicht fit, hat das aber auch Auswirkungen auf das Verhalten des Pferdes oder des Menschen: Es können dadurch ängstliche, apathische oder aggressive Verstimmungen auftreten.
Acht Tipps für geschmeidige und elastische Faszien
Die Prävention im Alltag ist das beste Mittel, um Faszien gesund zu halten. Dazu brauchen sie Bewegung, wobei die Tagesform, das Alter und allfällige körperliche Einschränkungen des Pferdes immer berücksichtigt werden müssen. Um optimale Resultate zu erzielen, sollte das Training regelmässig, progressiv und vielfältig gestaltet werden und dadurch eine harmonische Entwicklung gewährleisten. Ob bei der Bodenarbeit, beim Reiten oder beim Massieren – was zählt, ist die genaue und sorgfältige Ausführung der Übungen. Werden Bewegungen zu heftig oder ungenau ausgeführt, werden die Faszien gereizt und verhärten sich. Zeigt ein Pferd Abwehrverhalten, sollte man es unbedingt von einem Profi anschauen lassen.
Die folgenden Punkte begünstigen geschmeidige und elastische Faszien:
- Ein progressives Arbeitsprogramm und ein passendes Ziel (SMART) unter Berücksichtigung der Möglichkeiten des Pferdes festlegen. Dabei macht es Sinn, sich mit Fachleuten zu umgeben, die einen bei der Erreichung dieses Ziels unterstützen. Letzteres kann darin bestehen, die Beziehung zum Pferd zu vertiefen, seine Ausbildung zu fördern, es in einer Reha-Phase zu unterstützen oder die Resultate im Leistungssport zu verbessern.
- Erholungsphasen einplanen. Kurz gesagt: Machen Sie Pausen! Es ist wichtig zu wissen, dass Muskeln und Faszien sich während den Pausen erholen. Bauen Sie auch während der Trainingseinheit Pausen ein. Nach einem intensiven Training wird eine Erholungsphase von mindestens 48 Stunden empfohlen. In dieser Zeit kann das Pferd auf die Weide, ins Karussell oder auf den Paddock.
- Trainingseinheiten abwechslungsreich gestalten, Eintönigkeit vermeiden: ausserhalb des Zirkels longieren, Bahnfiguren variieren, regelmässige Wechsel von Tempo, Gangart und Halshaltung (z. B. von der Arbeitshaltung in die Dehnungshaltung). Wann haben Sie zuletzt am Schulterherein gearbeitet? Denken Sie an diese Übung! Der portugiesische Reitmeister Nuno Oliveira pflegte zu sagen: «Das Schulterherein ist das Aspirin der Reiterei: es heilt alles.»
- Vielseitig trainieren. Gymnastik- und Bodenarbeitseinheiten einbauen. Das trägt zu einer korrekten Körperhaltung bei und schult die Propriozeption, d. h. das Körpersystem, das für die Wahrnehmung der Position und der Bewegung der einzelnen Körperteile im Raum zuständig ist.
- Auf verschiedenen Untergründen und Neigungen arbeiten (Fläche, Hang usw.).
- Den Stresslevel in seinem Lebensumfeld und während dem Training so tief wie möglich halten. Das gilt nicht nur für das Pferd, sondern auch für den Menschen.
- Das Pferd stets in Lockerheit und Ruhe arbeiten.
- Gleichwertig auf rechte und auf linke Hand arbeiten.
Die Faszien der Reiterin bzw. des Reiters lösen und mobilisieren
Nicht nur beim Pferd kann es zu Spannungen in den Faszien kommen. Fühlen Sie sich steif und haben Sie Schmerzen? Hier verschaffen Bewegung, Stretching und die Mobilisierung der Faszien Linderung. So lösen Sie Ihre «hintere Kette» (Rücken- und Nackenschmerzen, mangelnde Beweglichkeit):
- Physiotherapeutische Übungen:
Setzen Sie sich auf den Boden, die Knie gegen die Brust gezogen. Lassen Sie Ihre Knie nach aussen fallen und halten Sie Ihre Füsse mit den Händen am Aussenrist fest. Rollen Sie nun langsam nach hinten ab und schwingen Sie sogleich in die sitzende Ausgangsposition zurück. Wiederholen Sie diese wiegende Bewegung während zwei bis drei Minuten.
- Massage mit dem Igelball:
Rollen Sie den Igelball unter Ihren Füssen ohne viel Druck von vorne nach hinten. Da alle Faszien miteinander verbunden sind, hat eine Fussmassage Auswirkungen auf den ganzen Körper. In diesem Fall wirken Sie direkt auf die gesamte hintere myofasziale Kette ein.
- Faszienrolle:
Die Faszienrolle fördert die Regeneration der Muskulatur und der Faszien. In kurzer Zeit können Sie so die Elastizität Ihrer Faszien erhöhen. Massieren Sie damit beispielsweise die Waden und die Oberschenkel von vorne nach hinten und nutzen Sie dabei Ihr eigenes Körpergewicht.
Faszienverklebungen beim Pferd mit einer schonenden Massage lösen
Wir alle können mit spezifischen und gezielten Massagetechniken dazu beitragen, dass die Faszien unserer Pferde geschmeidig und elastisch bleiben.
- Übung 1: Lösen der Nackenplatte und der oberflächlichen Faszie
Den Mähnenkamm sorgfältig nach oben ziehen, 10 bis 15 Sekunden warten, langsam zurückführen.
Diese Übung löst Gewebeverklebungen und nimmt Spannung aus dem Gewebe, die aufgrund von allfälligen Halswirbelproblemen entstehen kann, und verbessert zudem die Geschmeidigkeit und Mobilität des Halses.
© Tierklinik AREDA/Suzanne Maibach, Faszientherapeutin
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Übung 2: Lösen der oberflächlichen Halsfaszie
Vorsichtig an einer Hautfalte ziehen bis ein gewisser Widerstand spürbar ist, 10 bis 45 Sekunden warten, langsam zurückführen. Die Übung von der Schulter bis zum Nacken wiederholen.
Diese Übung verbessert die Geschmeidigkeit und die Mobilität des Halses, löst Gewebeverklebungen.
© Tierklinik AREDA/Suzanne Maibach, Faszientherapeutin
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Übung 3: Lösen der Brust-Lenden-Faszie und der Kruppenmuskel-Faszie
Mit einem weichen Ball Kreisbewegungen auf dem Rücken und der Kruppe ausführen (2 Sek. pro Bereich), leichten bis mittleren Druck ausüben, niemals direkt auf der Wirbelsäule arbeiten.
Diese Übung führt zu mehr Wohlbefinden im Rücken und löst Gewebespannungen, was sich wiederum positiv auswirkt auf den lumbosakralen Übergang und die Iliosakralgelenke.
© Tierklinik AREDA/Suzanne Maibach, Faszientherapeutin
Das Fasziensystem braucht einen guten Lebensstil und viel Abwechslung, um gesund zu bleiben. Verschiedene Faktoren spielen eine Rolle, wenn es darum geht, das Fasziensystem zu pflegen: die Ernährung, die Bewegung, die Lebensumstände und der mentale Zustand. Die Gesunderhaltung des Pferdes im weitesten Sinne erfordert vielfältige Fähigkeiten. Deshalb: Umgeben Sie sich mit einem Team aus Tierarzt, Trainer, Hufschmied, Sattler, Therapeut usw. und lassen Sie sich von diesen Fachleuten beraten. Und vernachlässigen Sie dabei Ihre eigene Gesundheit nicht!
Kurz gesagt: Egal, in welcher Beziehung wir zu den Pferden stehen, ob sie im Leistungssport oder im Breitensport oder aber in der Zucht eingesetzt werden – wir tragen die Verantwortung für unsere vierbeinigen Partner. Wir sollten die Zeit, die wir mit ihnen verbringen dürfen, geniessen und die Beschäftigung mit ihnen abwechslungsreich gestalten. Und über all dem muss stets ein konsequenter und respektvoller Umgang mit dem Pferd unter Berücksichtigung seiner Bedürfnisse und Fähigkeiten stehen.
Suzanne Maibach