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Von 1983 bis 1987 war Thomas Sankara Präsident von Obervolta respektive Burkina Faso. Über ihn drehte Christophe Cupelin einen wichtigen, informativen und anregenden Dokumentarfilm.
Am 4. August 1983 wird Thomas Sankara nach einem Staatsstreich Präsident von Obervolta. Ein Jahr später gibt er seinem Land eine neue Identität und tauft es Burkina Faso, was «Das Land der Integren» bedeutet. Über die Grenzen des Landes hinaus wird er zum Hoffnungsträger für einen Grossteil der afrikanischen Jugend. Er macht eine «demokratische und volksnahe» Revolution und bringt der Bevölkerung während seiner Präsidentschaft mehr Fortschritt als die französische Kolonisation während eines halben Jahrhunderts. Mit seiner Politik zielt er auf die landwirtschaftliche Selbstversorgung, nimmt Stellung gegen Imperialismus und kritisiert die Mächtigen seiner Zeit. Sankara will die burkinische Gesellschaft grundsätzlich reformieren, die er als fest im Feudalismus verankert sieht. So kämpft er gegen soziale Ungleichheit von Mann und Frau, Analphabetismus, Korruption und Privilegierung der Beamten. Er ermutigt die Menschen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und bezieht sie ein in seinen Kampf gegen Hunger, Durst und Seuchen. Trotz Erfolg und Popularität der Revolution ist Sankara hinter den Kulissen umstritten. Am 15. Oktober 1987 wird er bei einem Putsch umgebracht. Man schreibt diesen Blaise Compaoré zu, dem Mann, den Sankara als seinen Bruder betrachtete und der anschliessend bis 2014 Präsident von Burkina Faso war. Das neue Regime bemühte sich, das Vermächtnis Sankaras auszulöschen.
Der Film «Capitaine Thomas Sankara» über die vierjährige Präsidentschaft besteht aus einem klugen Zusammenschnitt von sorgfältig ausgesuchtem, rarem Archivmaterial. Er kommt mit der Energie eines zwischen Idealismus und Ironie schwankenden Punk-Manifests daher und rekonstruiert die Person von Sankara, der durch seine Taten und Worte Impulse gab, aber auch Anstoss erregte. 25 Jahre nach seinem tragischen Verschwinden, das bis heute ungeklärt ist, gibt dieser Film ihm, einem der wichtigsten afrikanischen Führer des zwanzigsten Jahrhunderts, das Wort.
Der Regisseur Christophe Cupelin wurde 1966 in der Schweiz geboren und hat an der Kunsthochschule Genf Film studiert. Von 1991 bis 1994 war er Verantwortlicher im dortigen Cinéma Spoutnik und bis 1998 zuständig für die Programmation. 1993 war er Mitbegründer der Produktionsfirma Laïka Films. Seit 1985 reist er regelmässig nach Burkina Faso. «Capitaine Thomas Sankara» ist sein erster langer Dokumentarfilm.
Der Capitaine, umgeben von seiner rein weiblichen Leibgarde
Aus einem Interview mit dem Regisseur
Woher kommt Ihr Interesse für Burkina Faso und Thomas Sankara?
Ich war im Jahre 1985 das erste Mal in Burkina Faso. Die burkinische Revolution war für mich als 19-jährigen Mann ein Schock, aber auch eine Offenbarung. Für alle Menschen meiner Generation, ob Afrikaner oder nicht, die Thomas Sankara gekannt haben, repräsentierte er nicht nur die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft in Burkina Faso, sondern auch eine bessere Welt für alle. Dieser innovative Präsident, der mit Humor und Elan ernsthafte Probleme ansprach, insbesondere im burkinischen Radio, hat in meinem Gedächtnis unauslöschliche Spuren hinterlassen.
Inwiefern war Sankara ein atypischer Präsident?
Sankaras Ruf ging über die Grenzen seines Landes, ja sogar über die Grenzen Afrikas. Man sah ihn als Präsident der Armen und Wortführer der Unterprivilegierten. Er war ein unangepasster Revolutionär, auch in seinem eigenen Lager. Mit seiner Ehrlichkeit, seiner Integrität und seinem Charisma hat er «gewagt, die Zukunft neu zu erfinden». Sankara gehörte als junger und revolutionärer Militärangehöriger der neuen afrikanischen Generation der 1980er Jahre an, die nach Integrität und Freiheit strebte: «Ohne politische Ausbildung ist ein Militär ein potenzieller Krimineller», hat er gesagt und ist damit selbstverständlich angeeckt.
Wie hat sich die Geschichte Ihres Films rund um das Archivmaterial entwickelt?
Diese Aufnahmen sind für die Geschichte wichtig, denn sie erlauben uns, das Werk, das Charisma und die Bedeutung Sankaras für Afrika zu erfahren. Wenn er mit Eloquenz und Humor versucht, die Leute von der Richtigkeit seiner Revolution zu überzeugen, ist er eine imposante Persönlichkeit. Die Aufnahmen zeigen auch, wie er in den 80er Jahren von den Medien, vor allem den französischen, wahrgenommen wurde: Er wird abwechselnd als Marxist, Gaddafi-Anhänger, Frankreich-Gegner oder als Diktator dargestellt.
Der Film thematisiert natürlich auch die ungeklärten Umstände rund um seinen Tod ...
Es gab nie eine Untersuchung über Thomas Sankaras Verschwinden. In der offiziellen Sterbeurkunde, die drei Monate nach seinem Tod ausgestellt wurde, stand nur, dass er eines natürlichen Todes gestorben sei. Der Hauptverdächtige im Mordfall Sankaras ist sein bester Freund, Blaise Compaoré, die Nummer zwei während der Revolution von 1983 bis 1987. Diese Tragödie zwischen zwei Waffenbrüdern bekommt geradezu eine mythologische Dimension: «Man kann einen Mann töten, aber nicht seine Ideen.» In gewisser Weise ist der Einfluss Sankaras seit seinem Tod noch grösser als zu Lebzeiten.
Bei Fidel Castro
Zum Nach- und Weiterdenken
Fünfundzwanzig Jahre nach dem Tode von Thomas Sankara macht Cupelins Film diesen Staatschef wieder hör- und sichtbar. Der Genfer Regisseur hat keinen einfachen Weg gewählt, als er sich entschieden hat, einen Montagefilm nur mit Archivmaterial zu drehen. Das Resultat ist erstaunlich.
Der Film enthält eine Menge schriftlicher und mündlicher Informationen, die zu lesen und zu hören, gerade uns Westlern eine Nachhilfestunde in Geschichte bedeuten können. Denn immer noch meinen viele, Weltgeschichte sei Europa-Geschichte. Auf diese Weise schafft er Gegenöffentlichkeit.
«Capitaine Thomas Sankara» postuliert keine Thesen, er breiten Informationen aus, so viele, dass man notgedrungen seine subjektive Auswahl treffen und sein persönliches Bild dieser für Burkina Faso und Afrika wichtigen Persönlichkeit schaffen muss.
Der Film stellt Fragen: Revolution oder Evolution? Radikale Abkehr oder diplomatische Zusammenarbeit? Zeit und Umstände, die Veränderung begünstigen oder behindern? Die ideologischen und ethnischen Hintergründe? Die Einflüsse der Nachbarländer?
Interessant könnte auch ein Vergleich sein mit dem gegenwärtig ebenfalls noch in den Kinos gezeigten Dokumentarfilm «Pepe Mujica - El Presidente», das Porträt des ärmsten Präsidenten eines Landes, von Heidi Specogna.