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Wie ist es möglich, ohne Angst verschieden zu sein? Wie kann es gelingen, in vielfältigen Differenzen (der Lebensentwürfe beispielsweise) als gleichberechtigt anerkannt zu werden? Wie verändert und stabilisiert sich gleichzeitig das Geschlechterverhältnis im Berufs- und Lebensalltag?
Es sind solche Fragen, die Andrea Maihofer als kritische Intellektuelle, als Professorin für Geschlechterforschung und als Leiterin des Zentrum Gender Studies der Universität Basel aufgreift und mit ihren ForscherInnen vorantreibt. Der vorliegende Sammelband, konzipiert als unkonventionelle Festschrift zum 60. Geburtstag von Andrea Maihofer, ermöglicht einen eindrücklichen Einblick in aktuelle Themen der Geschlechterforschung und der zeitgenössischen Philosophie.
Differenz als Richtschnur Der eigentliche Rahmen des Sammelbandes sind zwei schöne Texte von Andrea Maihofer: Im Eröffnungstext «Geschlechterdifferenz – eine obsolete Kategorie?» fragte sie 2001 und zeigt sowohl biografisch-persönlich als auch philosophisch, dass die moderne, aufgeklärte Vorstellung von Gleichheit zu Angleichung und Anpassung geführt und als Legitimation für Gleichberechtigung der Geschlechter versagt hat. Was aber, wenn die Vorstellung von Gleichheit und Gerechtigkeit versagt hat? Die Anerkennung der Differenz impliziert auch eine Kritik an der Vorstellung von Gleichheit, nicht jedoch an der Utopie einer Gesellschaft, wo Menschen ohne Angst verschieden sein können (wie Maihofer in Anlehnung an Adorno formuliert).
Die Kategorie «Geschlechterdifferenz» erlaubt es, zu beschreiben und zu ergründen, wie das Geschlecht – Frau oder Mann – hergestellt, inszeniert, bewahrt, vereindeutigt, verändert und vor allem auch normiert (oder deplaziert) wird. Zentrale Bedeutung erhält diese Kategorie in der Neuen Frauenbewegung der ausgehenden achtziger Jahre, gerade weil «in der Perspektive der Differenz also die Idee der Freiheit bzw. der Autonomie von Frauen Vorrang [1].» (S. 31)
Es geht Maihofer jedoch nicht nur um den Blick auf die Herstellung der Geschlechter, also um die soziale Konstruktion von Geschlechtern, sondern um «die Analyse dessen, was diese Prozesse in den Individuen bewirken» (S. 36). Gerade weil sich die Geschlechterverhältnisse nicht nur in gesellschaftlichen Strukturen reproduzieren, sondern auch in den Individuen, ist die Kategorie «Geschlechterdifferenz» noch immer aktuell: Sie erlaubt es, die Komplexität und Vielfalt der Herstellung der Geschlechter ebenso zu reflektieren wie die subtile Hierarchisierung der verschiedenen Differenzen zu durchschauen und zu monieren, die ihrerseits Macht und Ent-wertungen installieren. Als «kritische Richtschnur bedarf es dabei aber der normativen Idee der Differenz». (S. 42).
Die Welt nicht akzeptieren, wie sie ist Maihofers Epilog «Philosophie als anti-metaphysische Haltung zur Welt» basiert auf einem Referat im Kontext eines studentisch organisierten Workshops «Feministische Philosophie?!». Hier lotet sie das Verständnis ihrer aktuellen Philosophie aus. Sie führt aus, was sie an der Philosophie anspricht: ihre kritische Reflexion, das Denken in Fragen. Sie zeigt auf, warum sie auf die Philosophie zurückkommt: Mit der Frage, ob man anders denken kann als man denkt, eröffnet Philosophie das Denken in Alternativen in einer Zeit, die stets behauptet, keine Alternativen zu kennen. Und sie erklärt, wo, beziehungsweise wie sie sich von der Philosophie distanziert: dann, wenn sich Philosophie auf universale Normen zurückzieht und metaphysisch wird – oder, als andere Variante, wenn sie sich auf ein kulturrelativistisches Normenverständnis bezieht.
Maihofer positioniert sich und ihr Denken inmitten der aktuellen Welt: «Zudem ist die Einsicht wichtig, dass wir in eine Welt, in eine Existenz hineingeworfen sind, die wir nicht gewählt haben und die wir auch nicht akzeptieren müssen, so wie sie ist.» (S. 312) Sie stellt folgende zentrale Fragen: Wie kann sie sie selber sein? Wie kann sie dem Anpassungsdruck entgehen, wie ihre Indivi-dualität leben? «Aus alldem hat sich ein thematischer Strang meines Denkens entwickelt, der bis heute in meinen Arbeiten zentral ist: die Kritik an gesellschaftlichen Herrschafts-, Disziplinierungs- und Normierungsprozessen, am Zwang zu Identität und Konformismus sowie, positiv formuliert, das Denken der Differenz, das Insistieren auf der Möglichkeit alternativer Existenzweisen.» (S. 313)
Aber lässt sich nun dieses Denken der Differenz auch als feministische Philosophie verstehen? Das Denken der Differenz ist philosophisch, da es ein Denken entlang von widerspenstigen Fragen und kritischer Reflexion ist; und es ist feministisch, wenn es «analysiert, inwiefern ‹unser› Denken, Wahrnehmen, Fühlen und handeln immer schon ein vergeschlechtlichtes und vergeschlechtendes ist und welche Bedeutung dies hat.» (S. 318)
Gelebte Akzeptanz der Bedürfnisse anderer In diesem theoretischen Rahmen nun zeigen Weggefährtinnen und ihre Schülerinnen*, die ihrerseits bereits wieder lehren und forschen, wie sie auf eigenständige Weise diese kritische Philosophie umgesetzt, erweitert, angeeignet haben. Das Buch ist in vier Themenfelder gegliedert: Gleichheit in der Differenz – Differenz der Gleichheit, Geschlechterverhältnisse in den Individuen, Geschlechterdifferenz: Weiblichkeit(en) und Männlichkeit(en) und Geschlechterordnung(en): Väter, Mütter, Familien. Diese verweisen auf die Vielfalt, auf die Aktualität und auf die kritische Annäherung an die herkömmliche soziokulturelle Ordnung.
Aus der Fülle der alltagsnahen, interessanten, diskussionswürdigen, kont-roversen, gut lesbaren Texte greife ich jenen von Elisabeth Conradi heraus – in der Hoffnung, damit die Leserinnen zur eigenen Lektüre anzuregen. Elisabeth Conradis Text trägt den Titel «Gesellschaftlicher Wandel durch Aushandeln und die politische Strategie der Differenz». Darin zeigt sie auf, dass es bei der Anerkennung der Differenz, wie es Andrea Maihofer einfordert, «um die gelebte Akzeptanz der Bedürfnisse anderer Menschen [2], die sich von den eigenen unterscheiden.» Diese gelebte Akzeptanz lässt sich in den drei zentralen Aspekten der Care-Ethik wiederfinden, nämlich in den gelebten Beziehungen (die Abhängigkeit und Verwiesensein auf den Anderen lebendig machen), in der Anteilnahme (als affektiver Teil einer Ethik) und der Berücksichtigung der Einzigartigkeit von Situationen (als Absage an allgemein gültige Regeln).
Care: Zivilgesellschaftliches Andershandeln Conradi betont nun, dass gerade die von Frauen im Berufs- und Privatalltag praktizierte Care-Ethik eine Strategie der Differenz impliziere und einen gesellschaftlichen Wandel durch «zivilgesellschaftliches Andershandeln» (S.111) bewirke. Diese Konzeption skizziert Conradi im Folgenden entlang dreier Stichworte: 1. Reflektieren, nämlich der eigenen Erfahrungen und der eigenen Praxis; 2. Erinnern, als Aktualisierung eines leiblichen ebenso wie eines kollektiven Gedächtnisses; 3. Übersetzen, als intersubjektive Vermittlung, als Zuhören und in Handlungen übersetzen. Sie folgert, dass die in der Care-Ethik angelegte Strategie der Differenz aufgrund dieses zivilgesellschaftlichen Andershandelns schliesslich ergänzt wird durch die Strategie der Gleichheit und durch die Strategie der VerUneindeutigkeit (vgl. S.115). Care-Ethik ist folglich kein Rückzug ins Private bzw. eine Wiederholung der klassisch weiblichen Praxis des Zudienens, sondern sie ist eine subversive Praxis. Sie macht gerade im Andershandeln unsichtbare Strukturen und normative Erwartungen (an Frauen) sichtbar und kann zu einem widerständigen Bewusstsein führen.
Verschieden sein – der Titel ist Programm. Es geht bei diesem äusserst lesenswerten und auch anregend-vergnüglichen Reader immer wieder um die Frage, wie man als Frau, Politikerin, Wissenschaftlerin, als Mann, Vater, als Mutter, als Subjekt anders sein kann, wie ich anders sein kann, ohne gefährdet zu werden. So wird aus der Lektüre auch eine Selbstbefragung.
|Kategorie||Buch|
|Titel||Verschieden sein: Nachdenken über Geschlecht und Differenz|
|Identifikation||ISBN 3-897-41350-7|
|Bild|
|Verlag||Ulrike Helmer Verlag|
|Art||Broschiert (332)|
|Preis||0.00|