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Ein Fest für die ganz in Weiss gekleidete Charlotte wird für sie zum Verhängnis, bestimmt ihr weiteres Leben wie eine Krankheit, deren Folgen jemand nie überwindet: Mit einem Beil aus der Küche wird John Mayhew zuerst die Hand, dann der Kopf abgeschlagen. Und dann steht Charlotte in ihrem blütenweissen, mit Blut getränkten Kleid vor ihrem Vater und den Gästen – hilflos, ratlos. Man hört nur das Geräusch der klirrenden Glasstäbe, die von den Decken herabhängen oder am Fenster ganz leicht gegeneinander schlagen – und die Stimme des Patriarchen. „Komm Charlotte, komm mit mir.”
Entsetzen macht sich breit. Wie zu Eis erstarrt stehen alle und schauen auf die junge Frau. Wie klirrendes, zerbrechendes Eis klingt das Glas, das gegeneinander schlägt. Verdacht macht sich breit. Nicht nur Mayhews Frau Jewel (Mary Astor) scheint sich sicher, dass Charlotte ihren Mann brutal ermordet hat, nachdem der Charlotte auf Befehl ihres Vaters die Trennung erklärt hat. Die Polizei allerdings kann weder ihr, noch sonst jemandem die schreckliche Tat nachweisen.
Abgründe tun sich auf, Irrtümer werden zu Wahrheiten, Wahrheiten bleiben verborgen, Lebensläufe beginnen, ihre Richtung zu ändern. Das Schicksal nimmt seinen Lauf.
Nur zwei Jahre nach der grossartigen Visualisierung des Romans von Henry Farrell „Was geschah wirklich mit Baby Jane?” (1962) schickte sich Robert Aldrich an, einen weiteren Roman des Schriftstellers für das Kino aufzubereiten: „Whatever Happened to Cousin Charlotte?” Und wieder war es Bette Davis, die die Hauptrolle spielte. Und es war Bette Davis, die Aldrich riet, für die Rolle der Cousine Charlottes, Miriam, die in Melodramen geübte Olivia de Havilland zu engagieren – wie sich herausstellen sollte eine gute Wahl –, obwohl Aldrich zunächst Joan Crawford für die Rolle der Charlotte eingeplant hatte, die jedoch wegen einer Lungenentzündung ausgefallen war.
„Oh, hold him darling
Please hold him tight
And brush the tear from your eye
You weep because you had a dream last night
You dreamed that he said goodbye.“ (1)
37 Jahre später, 1964, lebt Charlotte allein in dem südstaatlichen Herrschaftshaus. Der Vater ist lange schon tot. Nur eine Nachbarin, Velma Cruther (Agnes Moorehead), versorgt die einsam lebende Frau, die noch immer ausschliesslich in der Erinnerung an den toten Geliebten John lebt, ein wenig verrückt, völlig zurückgezogen und ohne jeglichen Kontakt zu anderen Menschen, ausser dem Arzt Dr. Drew Bayliss (Joseph Cotton), der alle paar Wochen nach ihr und ihrer Gesundheit schaut. Eine alte Spieluhr mit dem Lied „Hush, hush, Sweet Charlotte” und das Bild ihres Vaters sind die Dinge, an denen sich die alte Dame krampfhaft festhält. Alles andere interessiert sie nicht, ja, sie hofft, ihr John würde irgendwann wieder auftauchen und sie holen.
In dieser inneren wie äusseren Zurückgezogenheit und Zurückgeworfenheit kennt Charlotte kein Pardon gegenüber denjenigen, die sie aus dem Haus werfen wollen, weil es wegen des Baus einer Brücke abgerissen werden soll. Sie schiesst auf die Bauarbeiter, die das Haus dem Erdboden gleich machen wollen. Auch der Sheriff (Wesley Addy), der durchaus Mitleid mit Charlotte hat, kann ihr nicht helfen und setzt ihr eine letzte Frist von zehn Tagen, das Haus zu verlassen. In ihrer Not hat Charlotte ihre Cousine Miriam (Olivia de Havilland) angeschrieben, die in England lebt, damit diese ihr hilft. Und Miriam kommt und versucht mit Dr. Bayliss, Charlotte zum Auszug aus dem herrschaftlichen Sitz zu bewegen.
Diese Situation „spicken” Farrell und Aldrich mit allerlei Verwicklungen, falschen Fährten und falschen Verdächtigungen – und nicht zuletzt mit einer fein gesponnenen Intrige, die ihren Ausgangspunkt in dem lange Jahre zurückliegenden Mord an John Mayhew hat, sowie mit einer Racheaktion, die sich gewaschen hat. Zu diesen Unklarheiten und Verwicklungen zählt auch, dass ein Versicherungsdetektiv namens Harry Willis (Cecil Kellaway) auftaucht, um zu klären, warum eine seit Jahrzehnten zur Auszahlung bereite Versicherungssumme nicht abgeholt wurde.
„He held two roses within his hand
Two roses he gave to you
The red rose tells you of his passion
The white rose his love so true.” (1)
Für den Zuschauer stellen sich viele Fragen: Hat Charlotte ihren Geliebten getötet oder wer könnte es aus welchen Gründen sonst gewesen sein? Was will Miriam wirklich von Charlotte? Immerhin hält Velma Cruther Miriam für eine eigensüchtige Person, die alles andere wolle, als Charlotte zu helfen. Und was treibt Dr. Bayliss für ein Spiel, oder ist er nur das, was er vorgibt: der fürsorgliche Arzt?
Mehr zu verraten, wäre sicherlich eine Gemeinheit. Denn wer den Film noch nicht gesehen hat, wird sich an den spannenden und nur häppchenweise von Aldrich gelieferten Informationen, die Licht in das Dunkel der Geschichte bringen, ergötzen. In kleinen Portionen liefert der Meisterregisseur auch die entsprechenden Horrorszenen, nicht zu viele, und nicht zu wenige, darunter u.a. einen abgetrennten Kopf, ein unheimliches Spinettspiel und eine wandelnde Wasserleiche.
Getragen wird diese Handlung jedoch vor allem – neben dem exzellenten Einsatz von Licht und Schatten und der Musik, eben jenem Liebeslied – von den grossartigen Schauspielern, allen voran Bette Davis, die diese Charlotte als eine gelungene Mixtur aus Mitgefühl erregendem Opfer und in der Einsamkeit sonderbar gewordener alter Frau spielt. Ihr Gegenpart, Olivia de Havilland, spielt Cousine Miriam als eine vordergründig freundliche, hilfsbereite und selbstbewusste Frau, die sich im Verlauf der Handlung als eine ganz andere Art von Mensch entpuppt. Joseph Cotton als fürsorglicher Arzt zeigt sein wahres Wesen vor allem nach dem Genuss von Alkohol. Vor allem aber zu erwähnen ist die grossartige Agnes Moorehead als verschrobene, trotzige Haushälterin, die wie Pech und Schwefel zu Charlotte hält – auch wenn alles aussichtslos erscheint.
„And every night after he shall die
Yes every night when he's gone
The wind will sing to you this lullaby
Sweet Charlotte was loved by John.” (1)
Tatsächlich ist „Wiegenlied für eine Leiche” eine der besten psychologischen Thriller und Horrorfilme seiner Zeit. Und selbst vielen heutigen vergleichbaren Produktionen des Genres ist der Film haushoch überlegen. Aldrich verstand es, eine psychologisch nachvollziehbare Geschichte und ausgefeilte Charaktere in den Vordergrund zu stellen und die Horroreffekte gezielt und sparsam dieser Geschichte unterzuordnen – auch heute also noch ein sehenswerter und spannender Film.
(1) „Hush, Hush, Sweet Charlotte“: Text: Mack David; Musik: Frank De Vol, gesungen von Al Martino)
USA 1964 - 135 min.
Regie: Robert Aldrich
Drehbuch: Henry Farrell, Lukas Heller
Darsteller: Bette Davis, Olivia de Havilland, Joseph Cotten
Produktion: Robert Aldrich, Walter Blake
Musik: Frank De Vol
Kamera: Joseph F. Biroc
Schnitt: Michael Luciano