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Die Pandemie zeigt exemplarisch, wie ein einzelnes – und zunächst lokales – Ereignis eine destabilisierende Wirkung auf globale Gesellschaften und Volkswirtschaften haben und sogar geopolitische und technologische Entwicklungen verändern kann. Die Pandemie unterstreicht die Notwendigkeit einer stärkeren Vorausschau der Risiken und einer Expertenanalyse, die schwache Signale für kommende Störungen in den nächsten Jahrzehnten verstärken kann.
Die Pandemie hält derzeit die Gesellschaft und damit auch die Wirtschaft auf Trab. Das dürfte sich so schnell nicht ändern. Weiteres Ungemach ist wahrscheinlich. Es ist nicht nur der Global Risks Report des World Economic Forum WEF, der globale Risiken nach Eintretenswahrscheinlichkeit und Auswirkung einzuordnen versucht. Einen etwas anderen Ansatz wählt der Global Future Council on Frontier Risks, ein illustres internationales Gremium von Fachleuten, das auch mit dem WEF kooperiert. Geleitet wird der Council von den beiden Co-Chairs Eric Parrado und Ngaire Woods. Parrado ist Chefökonom und Manager bei der Inter-American Development Bank. Woods ist Dekanin der Blavatnik School of Government an der Universität Oxford.
Der Rat will die wichtigsten künftigen Schocks für die nächste Generation ermitteln und politische Möglichkeiten vorschlagen. Zu den Hauptthemen gehören Risikoverbindungen, blinde Flecken und die Auswirkungen von Grenzrisiken, die weniger bekannt sind, aber bei Eintreten enorme Auswirkungen haben. Der Zweck der nicht erschöpfenden Liste besteht darin, in den nächsten zehn Jahren ein umfassenderes Denken über das Universum der Risikomöglichkeiten anzuregen. Ziel ist, die Vorbereitung und nicht die Lähmung sowie die Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisen besser zu ermöglichen. Hier die neun potenziellsten Grenzrisiken:
- Unbeabsichtigter Krieg: Ein zwischenstaatliches Gefecht eskaliert zum Krieg, da die Regierungen die Massnahmen nicht kontrollieren können, wenn keine genauen Informationen vorliegen. Ein geschwächter Multilateralismus führt zu einem Versagen bei der Eindämmung.
- Anarchistischer Aufstand: Junge Aktivisten, welche Korruption, Ungleichheit und Leiden satthaben, mobilisieren gegen Eliten. KI-gestützte soziale Medien werden genutzt, um Desinformation zu verbreiten und das soziale Chaos zu schüren.
- Ausnutzung der Schnittstelle Gehirn-Maschine: Unternehmen, Regierungen oder Einzelpersonen nutzen die aufkeimende «Gedankenlesetechnologie», um Daten von Einzelpersonen für kommerzielle oder repressive Zwecke zu extrahieren.
- Zusammenbruch einer etablierten Demokratie: Ungarn, Polen, die Türkei (und beinahe auch die USA) lassen grüssen: Eine Demokratie wird autoritär durch das fortschreitende Aushöhlen von Verfassung und Gesetz. Ein legaler und kein gewalttätiger Staatsstreich untergräbt das System und wirkt sich auf andere demokratische Systeme aus.
- Geomagnetische Störung: Eine schnelle Umkehrung der geomagnetischen Pole der Erde führt zu destabilisierenden Folgen für die Biosphäre und die menschliche Aktivität.
- Gen-Editing für die menschliche Handhabung: Die Regierungen beginnen mit klassifizierten gentechnischen Programmen. Eine Klasse von Menschen wird mit genetischen Fähigkeiten geboren, die besser für das Überleben im Weltraum, in der Arktis oder in der Tiefsee geeignet sind und ein genetisches Wettrüsten zwischen geopolitischen Rivalen mit unbestimmten ethischen Konsequenzen auslösen.
- Neurochemische Kontrolle: Der böswillige Einsatz von pharmazeutischen Neurochemikalien zielt darauf ab, Gegner zu kontrollieren. Die Regierungen beginnen, diese Medikamente für Strafverfolgungsmassnahmen einzusetzen. Ein auch bei Verschwörungstheoretikern beliebtes Thema!
- Permafrostschmelze setzt alte Mikroorganismen frei: Ein sich erwärmender Planet führt in der Arktis zur Permafrostschmelze. Ein altes Virus, das in der modernen Wissenschaft unbekannt ist, wird in die Luft-, Boden- und Wassersysteme freigesetzt.
- Einsatz kleiner Atomwaffen: Neue Technologien ermöglichen die Verbreitung von Sprengköpfen mit geringer Reichweite (dirty bombs), verwischen die Abschreckungsrahmen und führen zu einem globalen Atomkrieg.
Hellseherische Fähigkeiten gefragt
Doch nicht nur der Global Future Council on Frontier Risks oder das Thinking Ahead Institute beschäftigen sich mit Emerging Risks. Auch eine Arbeitsgruppe der Fachkommission Haftpflicht des Schweizerischen Versicherungsverbandes SVV hatte sich bereits 2018 vertieft mit neuartigen, zukunftsbezogenen Risiken beschäftigt. Risiken also, die sich dynamisch entwickeln und – wenn überhaupt – nur bedingt erkennbar und kaum monetär bewertbar sind. Die Privatversicherer richten ihr Augenmerk vor allem auf folgende zwölf Bereiche:
- Industrie 4.0 / Internet of Things (IoT)
- Autonome Mobilität
- Cyber Risks
- Robotics
- Nanotechnologie: Umgang mit oder Verwendung von «engineered nanoparticles»
- 3D-Printing (Additive Manufacturing)
- Baumaterialien
- Produktefälschungen
- Elektromagnetische Felder / Elektromagnetische Interferenzen (EMF/EMI)
- Wasser und Nahrungsmittel
- Gentechnisch veränderte Organismen (GVO)
- Hormonaktive Stoffe (Endokrine Disruptoren)
Der Umgang mit Emerging Risks stellt vor allem für Underwriter insofern eine Herausforderung dar, als angesichts des sich rasch ändernden rechtlichen, gesellschaftlichen und technologischen Umfelds oft hellseherische Fähigkeiten nötig wären, um negative Entwicklungen frühzeitig erkennen zu können. Es bedarf deshalb einer zukunftsorientierten Bewältigungsstrategie, um auf spezifische Bedrohungslagen rechtzeitig und angemessen reagieren zu können. Ein solches Konzept sollte folgende Elemente beinhalten: Früherkennung und Erfassung von Emerging Risks, Analyse sowie die Umsetzung von (Underwriting-)Massnahmen. Denn Risiken beinhalten nicht nur Gefahren, sondern auch Chancen, die es zu nutzen gilt.