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Brasilien und Argentinien, die zwei grössten Volkswirtschaften Lateinamerikas, haben anlässlich des sozialistischen Verbrüderungsbesuchs des neugewählten brasilianischen Präsidenten Lula da Silva Ende Januar 2023 in Buenos Aires Vorbereitungsarbeiten für eine gemeinsame Währung, den Sur, angekündigt. Ein Zusammengehen würde zum zweitgrössten Währungsblock der Welt führen, zu dem Brasiliens BIP den Löwenanteil, rund drei Viertel, beitragen würde.
Bis anhin hat sich die brasilianische Notenbank gegen eine gemeinsame Währung gestemmt. Deshalb spricht man wohl auch erst von einer Parallelwährung zu den existierenden Lokalwährungen.
Weitere Länder sollen zu einer Teilnahme am Sur eingeladen werden. Damit wollen Brasilien und Argentinien ihre Abhängigkeit vom US-Dollar abschütteln.
Selbst wenn alle südamerikanischen Länder (aber ohne Mexiko) und die Karibik mitmachen würden, ständen damit nur 4,2 Prozent des Weltbruttosozialproduktes unter einem gemeinsamen Währungsdach.
Der Euro deckt immerhin 16 Prozent, der US-Dollar 25 Prozent des globalen BIP ab. In zahlreichen weiteren Ländern dient der US-Dollar als Parallelwährung, oder sie haben ihre Währung an den Dollar gekoppelt.
Es ist ja nicht das erste Mal, dass Brasilien und Argentinien eine Einheitswährung ankündigen: 1987 haben sie eine Absichtserklärung zur Lancierung des Gaucho unterzeichnet. Aus den politischen Diskussionen ging dann 1991 immerhin die Mercosur-Zollunion inklusive Uruguay und Paraguay hervor.
Der Euro ist bekanntlich deshalb ein Fehlkonstrukt, weil die angeschlossenen Länder zu unterschiedliche Strukturen und Entwicklungsniveaus aufweisen. Die wettbewerbsfähigen Länder des Nordens profitieren von einem aus ihrer Sicht relativ schwachen Euro, während die rückständigen Länder des Südens im Export unter dem für sie zu starken Euro leiden.
In Lateinamerika ist das Produktivitäts- und Wohlstandsgefälle noch extremer. Das Pro-Kopf-BIP Lateinamerikas beträgt 2023 gemäss Internationalem Währungsfonds (IWF) rund 9240 US-Dollar (Weltdurchschnitt 13.800, westliche Industrieländer 55.000 Dollar).
Das höchste Pro-Kopf-Volkseinkommen, ohne die Steuerparadiese in der Karibik, weist Uruguay mit 20.500 Dollar auf, die Schlusslichter bilden Nicaragua und Haiti mit etwas über 2500 Dollar beziehungsweise 1800 Dollar. Argentinien liegt mit 13.800 Dollar noch vor Brasilien mit 9600 Dollar.
Kaum lösbare Probleme sind die Schaffung einer gemeinsamen Notenbank für die Parallelwährung und eine allfällige unterschiedliche Geldpolitik der Lokal- und der Parallelwährungsbehörden. Ohne verpflichtende Stabilitätsregeln wäre der Sur schon von Anfang an ein Rohrkrepierer.
Wie soll man ohne Disziplinierungsregeln Inflationsraten von 95 Prozent in Argentinien und 5,8 Prozent in Brasilien oder Leitzinsen von 75 Prozent in Argentinien und 13,75 Prozent in Brasilien unter einem Hut zusammenführen?
In der Praxis ergeben sich weitere gravierende Probleme. Zu welchen Kursen sollen beispielsweise die bisherigen Staatsschulden, die Bilanzen der Banken und Unternehmen, internationale Verträge et cetera umgerechnet werden?
Profiteur eines Zusammengehens wäre derzeit klar Argentinien. Das Land ist seit seiner Insolvenz 2020 von den internationalen Kapitalmärkten abgeschnitten und schuldet dem IWF immer noch 40 Milliarden Dollar, das sind 6 Prozent des BIP, für das Rettungspaket von 2018. Und die Rückzahlung dieser Milliarden wird der IWF wohl nicht in Sur akzeptieren.
Der Dollar-Mangel Argentiniens ist wohl der Hauptgrund, warum der vor Neuwahlen (22. Oktober 2023) stehende argentinische Präsident Alberto Ángel Fernández seinen Wählern falsche Hoffnungen macht, die Zahlungsprobleme seines Landes mit einer Parallelwährung bewältigen zu können.
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