Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03355.jsonl.gz/489

Der erste Beitrag zum Thema Asperger-Syndrom befasst sich mit den drei Hauptsymptomen sowie weiteren störungsspezifischen Auffälligkeiten.
Das Asperger-Syndrom gehört neben dem frühkindlichen Autismus und dem Atypischen Autismus zu den so genannten tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Der Beginn der Symptomatik liegt ausnahmslos im Kleinkindalter. Im Gegensatz zum frühkindlichen Autismus wird das Asperger-Syndrom jedoch häufig erst im Vorschul- oder Schulalter sichtbar, da die Entwicklung in den ersten Lebensjahren unauffällig verlaufen kann. Oftmals fällt lediglich eine leichte Verzögerung der motorischen Entwicklung auf, bevor sich dann im Kindergarten oder der Schule erste Probleme, vor allem in der Interaktion mit anderen Kindern, zeigen. Je nach Ausprägung der Symptomatik und der Fähigkeiten, diese durch eine hohe Intelligenz oder gute kognitive Fähigkeiten auszugleichen, kann das Alter, in dem sich erstmals Einschränkungen zeigen, variieren.
Symptome eines Asperger-Syndroms
Typisch für Autismus-Spektrum-Störungen sind qualitative Auffälligkeiten in der sozialen Interaktion, Probleme in der zwischenmenschlichen Kommunikation, ein eingeschränktes Verhaltensrepertoire, ein Hang zu repetitiven stereotypen Verhaltensmustern und eine starke Fokussierung auf so genannte Spezialinteressen.
Es lassen sich folgende drei Hauptmerkmale feststellen: gestörte soziale Interaktion, Beeinträchtigung in der Kommunikation und Sprache sowie repetitive, stereotype Verhaltensweisen und Interessen.
Das erste Hauptmerkmal, die gestörte soziale Interaktion, ist geprägt durch ein mangelndes Verständnis für die Gedanken, Gefühle und Vorstellungen anderer Menschen. Dies führt oft zu Missverständnissen sowie zur Missachtung gesellschaftlicher Regeln und Normen und erschwert es Betroffenen, Beziehungen aufzubauen und zu pflegen. Sie sehen und verstehen ihre Umwelt auf eine andere Art und Weise als ihre Mitmenschen. Es zeigen sich eine Verzögerung der Imitationsfähigkeit sowie Schwierigkeiten beim „So tun als ob“- und Fantasie-Spielen. Des Weiteren zeigen Betroffene häufig ein eingeschränktes Interesse am Gegenüber und richten ihre Aufmerksamkeit lieber auf Objekte und Gegenstände. Menschen mit Asperger-Syndrom konzentrieren sich oft auf Sachverhalte und weniger auf emotionale Aspekte von Situationen. Typisch ist zudem eine eingeschränkte Fähigkeit, soziale Interaktionen durch nichtverbales Verhalten (Blickkontakt, mimischer Ausdruck, beschreibende und emotionale Gestik) zu regulieren. Die fehlende Integration bei Gleichaltrigen ist möglicherweise eine Konsequenz der Schwierigkeiten im sozialen Bereich und nicht unbedingt Ausdruck mangelnder sozialer Motivation. Oft wünschen Betroffene den Kontakt mit anderen Personen, haben jedoch Schwierigkeiten, soziale und emotionale Signale bei anderen korrekt und rechtzeitig wahrzunehmen, was zu unpassendem Verhalten und inadäquaten Bemerkungen führt. Beispielsweise haben autistische Kinder Schwierigkeiten, zu merken, wann ein Scherz oder spielerisch gemeinter Streich zu Ende ist, und verärgern durch unangepasste Reaktionen die Gruppe.
Die Beeinträchtigung der Kommunikation und Sprache zeigt sich beim Asperger-Syndrom weniger einschneidend als beim frühkindlichen Autismus. Beim Asperger-Syndrom verläuft die sprachliche Entwicklung in den ersten Lebensjahren normal. Später zeigt sich, dass Ironie, Witze und Sprichwörter nicht adäquat verstanden werden, da Betroffene das Gesagte meist wörtlich interpretieren. Zudem zeigen sich qualitative Auffälligkeiten der Sprache, wie eine auffällige Prosodie, Stimmhöhe oder Betonung sowie situationsinadäquate Lautstärke. Oft sprechen Kinder mit Asperger-Syndrom „wie kleine Professoren“, mit einem übergenauen, pedantischen und nicht altersentsprechenden Kommunikationsstil.
Das dritte Hauptsymptom basiert auf repetitiven und stereotypen Verhaltensmustern, Interessen und Aktivitäten. Motorische Manierismen wie zum Beispiel rhythmische Schaukelbewegungen sowie die Beschäftigung mit Teilobjekten und deren sensorischen Qualitäten können vorkommen. Dies tritt allerdings vor allem dann auf, wenn ein intellektuelles Niveau im Bereich einer Intelligenzminderung vorliegt. Doch auch andere Formen der Wiederholung, wie Rituale oder gleichbleibende Abläufe, empfinden Personen mit einer Autismus-Spektrum-Störung als angenehm. Betroffene leiden oft unter einer ausgeprägten Angst vor Veränderungen, selbst kleinste Abweichungen von gewohnten Abläufen können als bedrohlich empfunden werden und zu Anspannungszuständen und Wut führen. Bereits früh kann zudem die Ausbildung von eng begrenzten Spezialinteressen (Fahrzeuge, Fahrpläne, elektrische Geräte, Sammeln ungewöhnlicher Gegenstände…) beobachtet werden. Bei hochfunktionalen Autismus-Formen kann dies auch ein intensives und über das normale Mass hinausgehendes Interesse an naturwissenschaftlichem, mathematischem oder lexikalischem Wissen betreffen. Diese Spezial- oder Sonderinteressen können bei gut begabten Personen mit einer Autismus-Spektrum-Störung zwar einerseits die Aufnahme anderer Informationen stören, aber beruflich zu einer wertvollen Spezialisierung führen.
Zusätzlich zu den drei Hauptsymptomen zeigen sich weitere störungsspezifische Auffälligkeiten. So nehmen autistische Personen Sinnesempfindungen häufig viel stärker oder weniger stark als andere Menschen wahr (Hyper- oder Hyporeaktivität auf sensorische Reize). Bei einigen können bereits leichte Berührungen oder das Tragen bestimmter Stoffmaterialien ein ausgeprägtes Unwohlsein auslösen. Dies kann genauso bei Geräuschen, Gerüchen oder hellem Licht auftreten. Andere scheinen Schmerzen gar nicht zu spüren und ziehen sich Verletzungen zu, ohne es zu merken.
Die kognitiven Fähigkeiten von autistischen Personen können unterschiedlich ausgeprägt sein. Während bei einigen eine geistige Behinderung vorliegt, kann bei anderen eine gute Intelligenz festgestellt werden. In Abgrenzung zum frühkindlichen Autismus darf für die Diagnose eines Asperger-Syndroms keine Sprachentwicklungsstörung bis zum 3. Lebensjahr vorliegen, weswegen auch die Intelligenzleistungen meist höher liegen als beim frühkindlichen Autismus. Dennoch können auch Menschen mit einem Asperger-Syndrom eine unterdurchschnittliche Intelligenz aufweisen.
Psychiatrische Komorbiditäten treten häufig bereits im Kindes- und Jugendalter auf, z.B. ADHS, Angst- und Zwangsstörungen, depressive Erkrankungen oder oppositionelle Störungen des Sozialverhaltens. Für leichter betroffene Personen, die aufgrund ihrer hohen Intelligenz und guten Kompensationsstrategien im Hinblick auf ihre autistischen Eigenschaften lange unerkannt bleiben, kann es nach Ende der geregelten Schulzeit aufgrund der steigenden Anforderungen an die soziale Kommunikation zu Überforderungssituationen kommen. Dies kann zu Depressionen, Angsterkrankungen, Somatisierungsstörungen, dissoziativen Anspannungszuständen, Selbstverletzungen, Essstörungen etc. führen.
Die Ausprägung der oben genannten Symptome kann von Fall zu Fall sehr unterschiedlich sein, was immer wieder zu Kritik an den bestehenden Klassifikationen, die dieser Individualität nicht immer gerecht werden konnten, geführt hat. Dies wird in Zukunft dazu führen, dass mit der Einführung des neuen Klassifikationssystems der WHO, dem ICD-11, der Begriff Asperger-Syndrom wegfallen wird. Stattdessen werden dann alle Formen des Autismus unter dem Begriff Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst. Weiter differenziert werden diese dann anhand des Vorhandenseins bzw. Nichtvorhandenseins von intellektuellen und/oder sprachlichen Beeinträchtigungen.