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Indien: In den Fussstapfen der Kabaddi-Spielerinnen
«Die wichtigste Regel des Kabaddi ist die Freiheit,
die es um jeden Preis zu bewahren gilt.»
Soma Das, Leiterin des Kabaddi-Projekts von Terre des hommes, kennt ihre Aufgabe. Die Mädchen, die sie betreut, müssen frei werden. Auf dem Spielfeld, vor allem aber auch ausserhalb dessen. Und obwohl der Weg, um dieses Ziel zu erreichen, lang und beschwerlich ist, sind bereits grosse Fortschritte zu verzeichnen. Es genügt, die Mädchen in Kalkutta nacheinander aus dem Zug aussteigen zu sehen: Mit entschlossenen, aber fröhlichen Blicken und einem Lächeln auf den Lippen scherzen und lachen sie lebhaft. Sie sind aus Malda, Siliguri oder Berhampur, wo sie wohnen, angereist, um bei der Kabaddi League mitzumachen.
Sie kommen aus Gemeinschaften, die aus ländlichen Gebieten in Grossstädte abgewandert sind, und sind nicht wirklich an Reisen gewöhnt. «Diejenigen, die bereits erste Turniererfahrungen haben, helfen den anderen», erklärt Paulami De Sarkar, die Leiterin des Kinderschutzprogramms in Indien. Dies ist eine der Stärken von Kabaddi und des von Tdh mit dem indischen Partner Praajak in Zusammenarbeit mit der Regierung von Westbengalen und den Lokalbehörden initiierten Projekts: die Mädchen dazu bringen, sich als Kollektiv stark zu fühlen, sich gegenseitig zu helfen und Bindungen aufzubauen, um zu verstehen, dass es einfacher ist, sich zu mehreren zu verteidigen.
Lärm und Emotionen rund ums Spielfeld
In Kalkutta ist das Publikum zahlreich zu den Wettbewerben erschienen und während der einzelnen Spiele herrscht eine gewisse Aufregung. Die Mädchen treten in Siebener-Teams gegeneinander an und setzen Scharfsinn, Beweglichkeit, Körperkraft und taktische Disziplin ein. Jede Spieleinheit dauert dreissig Sekunden, in denen jeweils ein Team eine eigene Spielerin zum «Raiden» in die gegnerische Hälfte schickt: Sie muss versuchen, mindestens eine Gegenspielerin zu berühren und in die eigene Platzhälfte zurückzukehren, ohne gefangen zu werden, da sie sonst ausscheidet. Es geht also um das absolute Streben nach Freiheit … Gelingt es ihr, eine Gegnerin zu berühren, muss diese das Spielfeld verlassen und eine der eigenen Kameradinnen kann «wiederauferstehen». Das Team, das bei Spielende die wenigsten Ausgeschiedenen hat, gewinnt die Partie.
Nach dem Turnier werden die Mädchen von Regierungsverantwortlichen, Meisterinnen der Disziplin und Mitgliedern des nationalen Verbandes beglückwünscht. Paulami freut sich, an diesen Ehrungen teilzunehmen. «Dies bedeutet viel für die Mädchen, vor allem aber für ihre Eltern: Sie werden dadurch noch stärker ermutigt, uns ihre Töchter anzuvertrauen, was eine positive Rückwirkung auf die Gemeinschaft hat.»
Die Eltern überzeugen
Eine der grossen Herausforderungen bei Projektbeginn war es, die Eltern davon zu überzeugen, dass junge Frauen das Recht haben, Kabaddi zu spielen. «Unsere Sozialarbeitenden haben wichtige Überzeugungsarbeit geleistet, um das Vertrauen der Familien zu gewinnen», erklärt Deep Purkayastha, Direktor von Praajak. Es stellten sich viele Herausforderungen. Die erste war, die Erlaubnis zu erhalten, dass die Mädchen ausser Haus gehen dürfen. Darüber hinaus in Sportkleidung, während es ihnen normalerweise nicht gestattet ist, Shorts zu tragen.
«Seit der ersten Kabaddi League haben sich die Dinge gewandelt», erzählt Soma. Die Eltern haben nämlich schnell begriffen, was auf dem Spiel stand, wenn ein entscheidendes Argument vorgebracht wurde: die Möglichkeit, dass die Mädchen Arbeit finden können, wenn sie gut Kabaddi spielen. Deep fasst es wie folgt zusammen: «Dank den Zertifizierungen des Kabaddi-Verbands können sich die Mädchen Ordnungskräften anschliessen oder Trainerin beim Verband werden. Es ist ein Glück für die Eltern, wenn ihre Töchter Arbeit finden können.»
Die erste grosse Herausforderung für unsere Teams vor Ort besteht darin, das Vertrauen der Eltern zu gewinnen, damit sie ihre Töchter Kabaddi spielen.
Alles, was die Zukunft betrifft, bereitet den Familien nämlich grosse Sorgen. In diesen sehr armen Gemeinschaften ist das Thema Arbeit sehr wichtig. Mädchen werden früh verheiratet, um die Finanzen der Familie zu entlasten. Junge Männer, die auch nicht sehr motiviert sind, eine frühe Verbindung einzugehen, müssen die Entscheidung ihrer Eltern akzeptieren und die Schule verlassen, um für den neuen Haushalt aufzukommen. Und die Geschichte wiederholt sich von Generation zu Generation.
Diese Gemeinschaften leben oft in unerschlossenen Gebieten, in denen es kaum öffentliche Einrichtungen gibt. Viele haben Staatsgelände rund um Bahngleise besetzt und ihre behelfsmässigen Unterkünfte halten Unwetter kaum stand. Ganz abgesehen vom ständigen Geräuschpegel: Die vorbeifahrenden Züge verursachen einen ohrenbetäubenden Lärm. Aber die Mädchen, gestärkt durch das, was sie bei den BetreuerInnen von Tdh lernen, sind bereit, zu kämpfen.
Die Kabaddi-Spielerinnen beim Training: Teamgeist ist eine Lebenskompetenz, die sie hier lernen.
Ein Vorbild für andere Mädchen
Mit der Zeit akzeptierten die Eltern diese Veränderungen, und mehr als das: Sie sind sogar stolz darauf, wie Sulekha betont, Mutter der 16-jährigen Kashmira, die beim Kabaddi-Projekt in Malda mitmacht: «Ich möchte, dass meine Tochter eine gebildete und unabhängige Person wird.» Der Vater erzählt von Kashmiras Verwandlung: «Früher war sie sehr schweigsam, jetzt ist sie die gesprächigste Person im Haus geworden.» Die Hauptbetroffene ist sich ihrer Entwicklung bewusst. Sie weiss schon, wie sie reagieren muss, falls sie ihre Eltern zu einer Heirat zwingen: «Ich würde zu essen aufhören, drohen, das Haus zu verlassen, und mein zorniges Gesicht zeigen.»
Kashmira ist sich bewusst, dass es jetzt um ihre Zukunft geht. «Wenn ich ohne Anstellung heirate, bin ich nichts mehr wert. Wenn ich Arbeit habe, kann ich genauso wie mein Mann zum Lebensunterhalt der Familie beitragen und habe somit die gleichen Rechte wie er, mich zu äussern.» Eine Botschaft, die sie auch an andere Mädchen weitergeben möchte. «Ich will Mädchen, die wie ich benachteiligt sind, helfen und sicherstellen, dass kein Mädchen gefoltert oder zu einer Heirat gezwungen wird wie meine Mutter damals. Sie dürfen nicht leiden.»
Dass sich Kashmira heute so stark fühlt, verdankt sie den Lektionen, die sie beim Kabaddi und im Unterricht zur Genderthematik gelernt hat. Sie sagt auch, dass sie die Geschichte ihrer Mitspielerin Hasina inspiriert habe, die sie «verblüffend» findet. Hasina entging als 16-Jährige dank ihrer Aufnahme ins Kabaddi-Team einer Heirat. Seither ist sie für viele Jugendliche ihrer Gemeinschaft eine Ikone, da sie für die Landesauswahl aufgestellt wurde und eine Profikarriere in diesem Sport anstrebt. Wenn sie sich auf den Platz begibt, um Ratschläge zu geben, sind die Jüngeren von ihrer neuen Stellung beeindruckt. Denn darum geht es nun: um die Weitergabe.
Seit dem Beginn des Projekts sind mehr als 1400 Mädchen dank dem Sprungbrett, das ihnen Kabaddi bietet, flügge geworden. Ob sie aus Kalkutta von der Kabaddi League mit oder ohne Medaille zurückgekehrt sind, war nicht so wichtig: Diese Reise bedeutet für jede von ihnen eine weitere Etappe in ihrem Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit.
Kashmira mit der Trophäe, die ihr Team bei der Kabaddi League in der Kategorie U18 gewonnen hat.
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Bildernachweis: © Tdh/Ranita Roy