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Der Drang, sich durchzusetzen oder als Besserwisser aufzutrumpfen, erklärt unsere Irrationalität in öffentlichen Angelegenheiten nur zum Teil. Eine weitere Erklärung bietet sich an, wenn wir das Problem im Rahmen evidenzbasierter Politik betrachten. Senken Massnahmen zur Waffenkontrolle die Kriminalitätsrate, weil weniger Kriminelle sich Waffen beschaffen können, oder erhöhen sie sie, weil gesetzestreue Bürger sich nicht mehr schützen können?
Hier sehen Sie Daten aus einer hypothetischen Studie über Städte, in denen verdeckt getragene Handfeuerwaffen verboten wurden (erste Zeile) oder nicht (zweite Zeile). Die Spalten geben jeweils die Anzahl der Städte an, in denen die Kriminalitätsrate sank (linke Spalte) oder anstieg (rechte Spalte). Würden Sie aufgrund dieser Daten darauf schliessen, dass Waffenkontrolle ein wirksames Mittel zur Verbrechensbekämpfung ist?
|Kriminalitätsrate gesunken||Kriminalitätsrate gestiegen|
|Waffenkontrolle||223||75|
|Keine Waffenkontrolle||107||21|
De facto sprechen die (erfundenen) Daten dafür, dass Waffenkontrolle die Kriminalitätsrate erhöht. Man kommt leicht zum falschen Schluss, weil einem die hohe Zahl der Städte mit Waffenkontrolle, in denen die Kriminalität abgenommen hat, 223, ins Auge sticht. Das könnte aber auch einfach heissen, dass die Verbrechensrate im ganzen Land, Politik hin oder her, gesunken ist und dass es gemäss einem politischen Trend mehr Städte gab, die ein Waffenverbot ausgesprochen haben, als Städte, die darauf verzichteten. Was wir uns jeweils anschauen müssen, ist das Verhältnis der Zahlen. In Städten mit Waffenkontrolle beträgt es etwa drei zu eins (223 gegenüber 75), in Städten ohne hingegen rund fünf zu eins (107 gegenüber 21). Also besagen die Daten, dass eine Stadt ohne Waffenkontrolle besser dran war als mit.
Für die richtige Antwort braucht man ein gewisses Zahlenverständnis – die Fähigkeit, nicht auf den ersten Eindruck zu vertrauen und die erforderlichen Berechnungen durchzuführen. Wer in Mathe nicht so beschlagen ist, tendiert dazu, sich von der grossen Zahl blenden zu lassen und zu folgern, dass Waffenkontrolle funktioniert. Der entscheidende Punkt dieses Versuchs, der vom Rechtswissenschafter Dan Kahan und seinen Mitarbeitern entworfen wurde, waren jedoch die Antworten der mathematisch versierteren Befragten. Die Rechenkünstler unter den Republikanern gaben meist die richtige Antwort, die Rechenkünstler unter den Demokraten meist die falsche. Das liegt daran, dass die Demokraten von vornherein glauben, dass Waffenkontrolle wirksam sei, und sich nur zu gern auf Daten stützen, die zu besagen scheinen, dass sie immer schon recht hatten. Weil Republikanern der Gedanke an die Wirksamkeit von Waffenkontrollen sauer aufstösst, nehmen sie die Daten umso schärfer ins Visier und entdecken, wenn sie gut rechnen können, das richtige Muster.
«Die Myside-Verzerrung ist kein generelles
Persönlichkeitsmerkmal, sondern drückt stets die Knöpfe,
die die Identität der denkenden Person berühren.»
Vielleicht führen die Republikaner ihr gutes Abschneiden bei dem Test ja darauf zurück, dass sie objektiver sind als diese sentimentalen Liberalen, aber natürlich hatten die Forscher auch eine Versuchsvariante auf Lager, in der den Republikanern eine reflexartig falsch gegebene Antwort nahegelegt wurde. Sie tauschten die Spaltenüberschriften einfach aus, so dass die Daten nun besagten, Waffenkontrolle sei wirksam – ohne Verbote gab es fünfmal mehr Städte mit erhöhter Verbrechensrate, mit Verboten nur dreimal mehr. Dieses Mal waren die mathebegabten Republikaner die Dummköpfe und die Demokraten die Einsteins. Bei einem Kontrollexperiment wählte das Forscherteam ein Thema, das weder bei Demokraten noch bei Republikanern reflexhafte Reaktionen auslöste: Es ging um die Frage, ob sich ein Hautausschlag mit einer bestimmten Creme erfolgreich behandeln liess. Weil nun keine Fraktion ein spezielles Interesse an dem Ergebnis hatte, schnitten die mathebegabten Republikaner und Demokraten gleich gut ab. In einer jüngeren Metaanalyse von 50 Studien,…