Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03424.jsonl.gz/1003

Der Zürcher Bombenprozess vom Juni 1919 rückte das Komitee “Pro India” kurzzeitig ins Licht der Öffentlichkeit. Dem 1912 in Zürich gegründeten Komitee war kein langes Leben beschieden gewesen. Kaum hatte es 1914 endlich den Hauptzweck seiner Tätigkeit aufnehmen können und die ersten beiden Ausgaben der gleichnamigen Zeitschrift veröffentlicht, brach der Krieg aus. Der Präsident des Komitees, der junge indische Student Chempakaraman Pillai, ging nach Berlin.
Chempakaraman Pillai (1891-1934) war ein “Protégé” des exzentrischen und scharf antikolonial eingestellten Briten Sir Walter Strickland. Er stammte aus Trivandrum, einer Stadt im heutigen Bundesstaat Kerala an der Malabar-Küste, und war in jungen Jahren von Strickland nach Europa gebracht worden. Dieser finanzierte ihm das Studium an der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH in Zürich. Pillais Name gelangte einige Male in die Presse – in einem sehr positiv gehaltenen Kontext: Er wurde im Juni 1913 zum Präsidenten des neu gegründeten internationalen Studentenvereins Corda Fratres, welcher Studierende der Universität Zürich und der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH Zürich umfasste, gewählt. In dieser Funktion hielt er an der Weihnachtsfeier des Vereins die Eröffnungsrede “in perfektem Deutsch gesprochen”, wie die NZZ vermerkt.
1914 rezitierte Pillai an der 1.-Mai-Feier der Sozialisten in Zürich ein Gedicht von Rabindranath Tagore, des Trägers des Nobelpreises für Literatur von 1912, und brachte eine Resolution gegen die britische Herrschaft in Indien ein. Fast am gleichen Tag trat er im Kabarett Pantagruel im “Holländerstübli” an der Spiegelgasse auf – im gleichen Lokal, in dem kaum zwei Jahre später die Geburt von Dada über die Bühne gehen wird. Pillai sorgte dabei gemäss Ankündigung in der NZZ für “exotische Kunst”. Er wohnte an der Bolleystrasse 56, die Adresse diente gleichzeitig als Anschrift für das Pro-India-Komitee.
Nach Berlin
Die britisch-indische Polizei, das Department of Criminal Intelligence (DCI), war informiert darüber, dass Pillai kurz nach Kriegsausbruch im September 1914 mit dem deutschen Generalkonsul in Zürich Kontakt aufgenommen hatte. In dieser Unterredung sei es auch um die Frage gegangen, ob die Zeitschrift Pro India künftig in Deutschland gedruckt werden könne, da deren Druck in der Schweiz nicht mehr möglich sei. Im folgenden Monat dann sei Pillai von Zürich nach Berlin gereist und dort in den Dienst der Nachrichtenstelle für den Orient (NfO) des deutschen Aussenamtes getreten.
In diesen Monaten überwarf sich Pillai offenbar, vermutlich vorübergehend, mit Strickland. Gemäss DCI-Quellen forderte dieser von seinem Schützling Bücher und Hefte zurück, die er ihm in Obhut gegeben hätte. Pillai habe aber fünf Hefte bei sich behalten, welche den Entwurf eines Romans enthielten. Darauf habe Strickland die Filiale Genf seiner Bank angewiesen, die Zuwendung von 300 Franken pro Monat an Pillai zu stoppen. Das Druckmittel war wirkungslos, da Pillai inzwischen über genügend Geldmittel aus dem Fonds des deutschen Aussenamtes verfügte.
Abgetaucht
Pillai verbrachte Ende Mai 1915 eine Woche in der Schweiz, wo er Viendranath Chattopadhyaya (”Chatto”) sowie Shyamji Krishnavarma traf. Zudem ist er im Frühjahr 1915 auf einer Fotografie zu sehen, welche eine Gruppe von “Orientalen” (Türken, Araber, Ägypter, Perser und Inder) beim Besuch des Kriegsgefangenenlagers von Döberitz bei Berlin zeigt. Dort waren Soldaten aus diesen Ländern gefangen gehalten, welche auf Seiten der Briten und teilweise der Franzosen gekämpft hatten und in die Hände der Deutschen gefallen waren. Freilich scheint Pillai in den Berliner Zirkeln der NfO sowie der Indian National Party resp. des Indian National Committee nur noch eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben. So gehörte er nicht zu den Unterzeichnern des Vertrags zwischen dem Deutschen Reich und dem Indischen Komitee von Anfang 1915. Er tauchte wieder auf als einer der Redner, die am 10. Mai 1919 an den indischen Aufstand von 1857 erinnerten. Im gleichen Atemzug nennt die DCI-Quelle eine Pro-India Society, der Pillai angehöre und welche – in Fortsetzung des Zürcher Pro-India Komitees aus der Vorkriegszeit – den konservativen Flügel der Bewegung repräsentiere.
Nach dem Krieg lebte Pillai – wiederum gemäss DCI – weiterhin in Berlin, wo er zusammen mit einem deutschen Partner eine Galerie für indische Kunst führe. Diese diene aber in Tat und Wahrheit als konspirativer Treffpunkt für indische, türkische, ägyptische und andere Revolutionäre.
Er verbrachte offenbar den Rest seines relativ kurzen Lebens in Berlin und starb dort am 28. Mai 1934.
Legenden
Über Pillai sind einige Legenden im Umlauf, die sich aber beim näheren Betrachten in Luft auflösen. Der New Indian Express schreibt in einer kurzen Biografie, Pillai habe nach Studien in Italien und der Schweiz ein Doktorat in Politikwissenschaften und Wirtschaft erworben. Darauf habe er, bewaffnet mit einem Ingenieur-Diplom, Dienst als Offizier in der deutschen Marine angetreten und in dieser Funktion auf der SMS Emden an der Beschiessung von Madras am 22. September 1914 teilgenommen. Zudem soll er in der am 1. Dezember 1915 in Kabul proklamierten provisorischen Regierung Indiens unter dem Staatspräsidenten Mahendra Pratap und dem Premierminister Mohamed Barkatullah als Aussenminister gedient haben – eine Legende, welche auch die englischsprachige Wikipedia verbreitet. Diese Angaben sind äusserst unwahrscheinlich. Zum einen gehen sie nicht zusammen mit einigen der oben erwähnten Daten. Zum anderen wird Pillai in den überlieferten Berichten zu den beiden Ereignissen nie erwähnt. Ein aus Indien stammender Offizier auf einem deutschen Kriegsschiff wäre zudem eine Rarität gewesen, die zweifellos ihre Spuren in den Quellen hinterlassen hätte.
Quellen
- Memorandum on German literary propaganda as regards India and the Orient. [Compiled by the War Office] Home Dept., December 1916; National Archives of India (NAI)
- Neue Zürcher Zeitung, dat. 27.06.1913; 19.12.1913; 05.05.1914;
- Weekly report, Director Department of Criminal Intelligence (NAI): 26.05.1914; 20.10.1914; 17.11.1914; 29.06.1915; 27.07.1915; 17.08.1915 Supplement; 24.02.1919; 25.08.1919; 21.06.1920
- New Indian Express, 04.12.2007
- https://en.wikipedia.org/wiki/Chempakaraman_Pillai (08.08.2020)
- Hellmuth von Mücke, Emden, Boston 1917
- Werner Otto von Hentig, Meine Diplomatenfahrt ins verschlossene Land, Berlin/ Wien 1918