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Der Medeasarkophag - oder das Drama des Lebens
Der Medeasarkophag ist eines der bedeutendsten Meisterwerke des Basler Antikenmuseums. Geschaffen wurde der Sarkophag im letzten Jahrzehnt des 2. Jhs. n. Chr. in einer stadtrömischen Werkstatt, die auf solche mythologischen Sarkophage spezialisiert gewesen sein muss. Die Marmorarbeit ist virtuos – man achte auf die starken Unterschneidungen, dank welchen die Hauptfiguren vom Reliefgrund fast wie freistehende Skulpturen hervorzutreten scheinen. Eindrücklich ist auch die pathosgeladene Ausdruckskraft in den Gesichtern der Figuren auf dem Kastenfries, die die dramatischen Schilderungen effektvoll wiederspiegeln. Sie geben Szenen aus dem Sagenkreis um die barbarische Königstochter Medea wieder, die sich auf entsetzliche Weise am Argonautenheld Jason dafür rächt, dass er sie für eine andere Frau – die korinthische Königstochter Kreusa – verstossen hat. Der kleine Fries am unvollständig erhaltenen Sarkophagdeckel fasst – gewissermassen als Vorspann zur Hauptgeschichte – in einer losen Bilderfolge die früheren Ereignisse der Medeasage zusammen, nämlich Jasons Expedition nach Kolchis am Schwarzen Meer und die Erbeutung des goldenen Vlieses mit Medeas Komplizenschaft.
Der von links nach rechts zu lesende Hauptfries ist in vier Szenen unterteilt. Die erste spielt am Abend vor der Hochzeitsnacht im Gemach der Kreusa. Die Braut thront im Kreise ihrer Dienerinnen und bekommt Besuch von Medeas Söhnen. Die zwei Knaben überbringen ihr von ihrer Mutter Hochzeitgeschenke, einen Kopfschmuck und das Brautkleid, was bei Kreusa verständlicherweise grosse Irritation auslöst. Dennoch wird Kreusa das von Medea mit Gift getränkte Hochzeitskleid anziehen, was fatale Folgen haben wird. Wie die nächste Szene zeigt, entfaltet das Gift seine Wirkung: Die Braut fängt Feuer. Vor den Augen ihres entsetzten Vaters Kreon und ihres Gefolges versucht Kreusa vergeblich dem Tod zu entfliehen. Von der dramatischen Mittelszene leitet ein Torbogen zu einem neuen Schauplatz und damit zur nächsten, noch schrecklicheren Tat über. Um ihre Rache an Jason vollkommen zu machen, hat Medea beschlossen auch ihre und Jasons gemeinsamen Söhne zu erdolchen! Die dritte Szene gibt den Moment unmittelbar vor dem Doppelmord, auf den das (abgebrochene) Schwert in Medeas Rechten hinweist, wieder. Die Mutter steht in frontaler Vorderansicht ruhig da; vielleicht zögert sie für einen kurzen Moment. Ihre beiden Söhne stehen links von ihr, der jüngere lehnt sich noch vertrauensvoll an seine Mutter, den anderen scheint hingegen bereits eine düstere Vorahnung eingeholt zu haben. Er versucht, sein Brüderchen von der Mutter wegzuziehen. Doch damit kann er den Fortgang der schrecklichen Tragödie nicht aufhalten. In der letzten Sequenz sind die beiden Knaben bereits tot: Den Leichnam des einen trägt die Medea auf ihrer Schulter, der andere liegt auf dem Boden eines Wagens, den Medea eben bestiegen hat. Er wird von zwei geflügelten Schlangen in die Lüfte gezogen. Die Rächerin blickt zwar noch einmal auf die Ereignisse zurück, doch dem irdischen Leben ist sie bereits entschwunden. Dies veranschaulicht eine letzte Figur, die unsere Aufmerksamkeit einfordert: Es ist die Erdgöttin Gaia in der unteren Sarkophagecke, von der nur der Kopf und die angehobene rechte Hand aus der Erde hervorschauen. Die Erdgöttin scheint der Medea irgendetwas zuzurufen, doch Medea kann sie nicht mehr hören.
Man muss sich die Frage stellen, warum der Auftraggeber eine derartige Geschichte auf seinem Sarkophag anbringen liess. Einzelne ikonographische Details, wie etwa die Theatermasken und der bühnenartige Hintergrund, oder die wie zu einem Chor gruppierten Gefolgsleute könnten darauf hindeuten, dass die Ereignisse wie in einem Schauspiel zu betrachten sind, in welchem die Akteure, genau wie die belesenen Zuschauer auch, den Ausgang des Stücks bereits kennen. Im übertragenen Sinn könnte die Medea-Tragödie als Parabel für das menschliche Schicksal verstanden werden. Selbst nach den grössten Wirrnissen und schrecklichsten Ereignissen findet das Drama des menschlichen Lebens mit dem Tod seine Erlösung, so wie selbst Medea nach ihren Schreckenstaten im Himmel ihren Seelenfrieden findet. Entsprechend steuert die ganze Erzählung auf diesen Kulminationsmoment der Himmelfahrt hin: Alle Figuren bewegen sich oder blicken nach rechts, nur die Medea blickt als einzige am Schluss nochmals zurück. In der antoninischen Zeit, in welcher unser Sarkophag entstanden ist, erfreute sich der Medea-Mythos einer grossen Beliebtheit sowohl in den bildenden Künsten wie auch auf den Theaterbühnen. Gleich mehrere lateinische Autoren wie Valerius Flaccus oder wie vor ihm auch bereits Seneca und Ovid haben diesen Stoff rezipiert und dabei alle auf dieselbe klassische Urversion zurückgegriffen: Die Medea des athenischen Tragödiendichters Euripides, die dank zahllosen modernen Theateradaptionen bis in die heutige Zeit das Publikum immer wieder neu emotional berührt.
Autor:
Dr. T. Lochman, Kurator, Leiter Griechenland und Rom - Skulpturensammlung / Skulpturhalle