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Geschäft mit der Untreue
Auch die Kommunisten denken hie und da ans Geschäft. Die kubanische Zeitung «Trabajadores» schrieb kürzlich, es gebe eigentlich nur zwei garantiert rentable Geschäfte: der Tod und die Liebe, also Beerdigungsinstitute und Stundenhotels. Erstere gibt es in Kuba zuhauf, alle sind staatlich und hoch subventioniert, heisst: Der Tod lohnt sich in Kuba nicht. Vielleicht hat sich der für Havanna zuständige Staatsbetrieb für Unterkünfte deshalb entschieden, erneut ins Geschäft der Stundenhotels einzusteigen.
Schäferstündchen mit Concierge
Die «posadas», Häuser mit Zimmern, die Liebespärchen stundenweise mieten können, gehörten schon so lange zu Kuba wie die Rum-Kneipen und Zuckermühlen. Die erste «posada» wurde Ende des 19. Jahrhunderts im verrufenen Stadtteil Centro Habana eröffnet, ein dreistöckiges Kolonialhaus mit 22 Zimmern. Das Geschäft muss derart gebrummt haben, dass danach Dutzende neue Stundenhotels ihre Türen öffneten, zuerst in der Hauptstadt, dann schon bald auf der ganzen Insel. Die bekanntesten in Havanna trugen Namen wie Eden Oben, Eden Unten oder La Monumental. Viele Kubaner erinnern sich mit nostalgischer Wehmut an ihre erste Liebesnacht in einer «posada» und wie diese auch danach die einzigen Orte waren, wo sie für kurze Zeit die Zweisamkeit leben konnten. Warteschlangen vor den Stundenhotels waren üblich – schon vor dem Sozialismus. Die Herren meldeten sich an der Réception, und wenn dann ein Zimmer frei wurde, holten sie ihre Dame, die diskret in einer Strasse um die Ecke wartete. Wenn die Liebeszeit abgelaufen war, klopfte der Concierge diskret an die Zimmertür.
Aus zwei Gründen waren die Stundenhotels ein gutes Geschäft: die chronische Wohnungsnot in Kuba und die notorische Untreue der Kubaner. Wo soll man Liebe machen, wenn im gleichen Haus noch der halbe Familienclan lebt und man das Schlafzimmer mit anderen teilen muss?
Geschäft mit Stundenhotels
Nach der Revolution 1959 wurden nach und nach alle Stundenhotels verstaatlicht. Weil sich der Mangel an Wohnraum unter der sozialistischen Regierung dramatisch verschärfte, funktionierte sie diese zu Herbergen um für Menschen, die ihr Dach über dem Kopf wegen eines Hurrikans verloren hatten oder weil das baufällige Kolonialhaus eingestürzt war. Die letzten «posadas» verschwanden in den 90er-Jahren, als Kuba nach dem Tod des Kommunismus in Europa in eine tiefe Krise stürzte.
Wie so vieles in Kuba ist es ein Rätsel, weshalb der Staat gerade jetzt wieder in das Geschäft der Stundenhotels einsteigt und die Privaten konkurrenzieren will. Diese sind längst in die Bresche gesprungen und vermieten Zimmer stundenweise und mit allem Komfort: Klimaanlage, Warmwasserdusche, Minibar. Drei Stunden kosten 5 Franken oder mehr, Erfrischungsgetränke und Snacks nicht inbegriffen – bei einem staatlichen Durchschnittslohn von 30 Franken ein hoher Preis, wie «Trabajadores» findet. Den Liebespaaren, die sich das nicht leisten könnten, blieben als Alternative heute nur die dunklen Treppenhäuser, Flure, Pärke und die jede Nacht von Tausenden bevölkerte Uferpromenade Malecón (wo sich die Menschen auch nicht an das Badeverbot halten).
Die Kubaner sollen sich jetzt also wieder zu erschwinglichen und sozialen Preisen ungestört lieben können. Die Nachfrage sei gewaltig, schreibt die Zeitung. Das kleine Hotel Vento in Havanna, das zurzeit noch viele Angestellte, aber praktisch nie Gäste hat, wird nun zum ersten Stundenhotel aufgeppt. Weitere sollen folgen.