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Rabbi Borat aus Kolumbien
Am Sonntag bin ich zu einer interreligiösen Adventsfeier gegangen. Hauptredner war «Rabbi Richard G.». Vielleicht ein Rabbiner, der Deutsch spricht und ein guter Redner ist, hoffte ich. Denn damit ist Zürich nicht gesegnet. Veranstalterin war die Scientology-Kirche Zürich.
Ich bin da hingegangen und wurde komisch beäugt. Jemand fragte mich: «Was machst du beruflich?» Zuerst wollte ich «Kolumnist beim ‹Tages-Anzeiger›» antworten. Aus sicherheitspolitischen Überlegungen sagte ich dann: «Garagist.» Ein anderer wollte wissen, warum ich gekommen bin. Ich erklärte ihm, dass ich in der Vorweihnachtszeit immer unter Depressionen leide. Seine Frau nickte mir freundlich zu. Noch eine Frage: «Hast du jüdischen Hintergrund?» Ich nickte.
Wenn mich Roger Schawinski einmal fragen wird: «Wer bist du?», werde ich ihm antworten: «Ein jüdischer Garagist, der an Weihnachten unter Depressionen leidet.»
Ich setzte mich ganz hinten im Saal hin. Der Geistliche sprach ein Scientology-Gebet und kündigte eine Sängerin an. Die sah sexy aus und erinnerte mich an Monika Kaelin von 1988.
Wann kommt endlich der Rabbi? Der Geistliche zitierte aus allen möglichen Büchern und kündigte ein Mitglied an, das eine Weihnachtsgeschichte vorlas. Die Leute im Saal fanden die Geschichte sehr lustig. Dann, endlich, wurde der Rabbi vorgestellt. Es handelte sich um einen Rabbi Richard Gamboa aus Kolumbien. Er hüllte sich in einen Gebetsmantel und sprach ein hebräisches Gebet. Ein bisschen sah er aus wie Borat. Er machte viele Fehler. Aber in einer Scientology-Kirche fällt das nicht auf.
Am Ende übersetzte er das Gebet auf Englisch. Es hörte sich aber eher Spanisch an. Der erste Dolmetscher gab auf. Dann wurde eine Frau nach vorne gebeten, die ein bisschen Spanisch kann. Der Rabbi Borat übersetzte sein hebräisches Gebet auf Spanisch mit russischem Akzent. Die Spanisch-Übersetzerin guckte ihn entgeistert an: «Ich glaube, das ist Spanisch für Fortgeschrittene.» Der Rabbiner sprach nun ganz langsam. Die Dolmetscherin stand hilflos vorne und übersetzte: «Irgendetwas an die Stirn binden, Amen!»
Ich stand auf. Da sind ja sogar unsere Rabbiner besser. Draussen hielt mich eine Frau auf. Ob ich wiederkomme, wollte sie wissen. «Auf jeden Fall», sagte ich. Sie sah mich glücklich an.