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1904 kam Minna Popken (1866–1939), eine gebildete, geschiedene, protestantische Frau aus grossstädtischem norddeutschen Milieu, ins abgeschiedene, arme Ägerital, in eine streng katholische, ländliche, patriarchalische Gesellschaft, und gründete dort ein streng evangelisch ausgerichtetes Kurhaus mit fundamentalistischem Charakter.
Sie war in zweierlei Hinsicht eine Ausnahme. Bei allen anderen Heilstätten lag die Initiative zur Gründung bei teilweise akademisch gebildeten Männern. Die medizinische Betreuung lag ebenfalls in männlicher Hand, während die Betriebsführung, der Haushalt und die Pflege Frauensache waren. Anders in diesem Fall, in dem sowohl die Initiative wie auch die Leitung in Popkens Händen lag.
Vor allem aber unterschied sich ihr System der angewandten Heilmethoden grundsätzlich von den anderen. In ihrer Anstalt spielte die Religion eine viel grössere Rolle als die üblichen Therapien mit Licht, Luft und Wasser. Ihr Kurhaus mit seinem Konzept des leiblich-geistlichen Heilens durch Bäder und Gebete erhielt damit eine weit ausgreifende Anziehungskraft für eine spezielle Patientengruppe.
Minna Popken wurde am 29. August 1866 in die ehrbare Bremer Handwerkerfamilie Engelbrecht hineingeboren. 1886 heiratete sie den erheblich älteren Weinhändler Heinrich Popken. Die Ehe war unglücklich. Zwei Kinder starben, weitere konnte Minna nicht mehr haben. Sie beschäftigte sich intensiv mit Literatur, Philosophie, Naturwissenschaft, Medizin und sozialen Fragen und beschloss, Medizin zu studieren, was in Deutschland für eine Frau noch nicht möglich war. Deshalb schrieb sie sich 1898 an der Universität Zürich ein und beendete 1903 das Studium: Eine wechselvolle Zeit der Selbstbehauptung in einem von Vorurteilen gegen studierende Frauen geprägten Umfeld, erfüllt von intensiver Beschäftigung mit der Theosophie und geprägt von der 1899 erfolgten Ehescheidung. In ihrer Lebenskrise befasste sich Minna intensiv mit Mystik und der Bibel und zog sich den Ruf einer sonderbaren Heiligen zu.
1904 liess sie sich in Oberägeri nieder und baute dort einen einfachen Kurbetrieb auf, mit dem sie ihre Ideen des leiblich-seelischen Heilens im Spektrum zwischen Massagen und Morgenandachten umsetzen wollte. Ihr Konzept sprach ein grosses Bedürfnis an. Das Kurhaus war bald zu klein.
Popken warb Gleichgesinnte, die als Genossenschaft "Ländli"
das gleichnamige Gut und Wirtshaus am Ägerisee übernahmen und zu einer grossen Kuranstalt ausbauten. 1911 wurde die Anlage eröffnet und gedieh vorerst gut.
Doch schon bald geriet Popkens Lebenswerk durch Krieg und Krise in finanzielle Schwierigkeiten, die schliesslich 1925 zur Übergabe des Kurhauses an den wesensverwandten deutschen Diakonieverband Wartburg führten. Popken zog sich zurück. Am 13. August 1939 starb sie in Zürich. Bild:
Minna Popken im 70. Lebensjahr