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«Cry Macho» ist ein Film wie sein 91-jähriger Regisseur und Hauptdarsteller Clint Eastwood: ein bisschen ungelenk, ein bisschen eingerostet und unbeugsam unzeitgemäss. Wer dem Roadmovie die daraus resultierenden Misstöne verzeihen kann, wird mit einem anrührenden Eastwood-Spätwerk belohnt.
Clint Eastwood ist ein Phänomen – da muss man gar nicht erst darüber diskutieren: 91 Jahre alt, seit 66 Jahren Schauspieler, seit 50 Jahren Regisseur, eine politische und künstlerische Reizfigur, die immer noch nicht genug hat. Die Filme von Sergio Leone («A Fistful of Dollars», «The Good, the Bad and the Ugly») haben ihn zur Westernikone gemacht, «Dirty Harry» (1971) von Don Siegel zum kernigen Actionstar. Für seine libertären Ansichten wird er von US-Konservativen gefeiert; gleichzeitig ist er in seinen eigenen Filmen immer wieder darauf bedacht, die archetypische Männlichkeit, die er jahrzehntelang verkörperte, kritisch zu hinterfragen, von «High Plains Drifter» (1973) und «The Outlaw Josey Wales» (1976) bis «Unforgiven» (1992) und «The Bridges of Madison County» (1995).
Dieser Hintergrund allein genügt im Grunde schon, um «Cry Macho» zu einem besonders faszinierenden Projekt zu machen. Eastwoods Adaption von N. Richard Nashs gleichnamigem Roman, der ursprünglich ein Drehbuch hätte sein sollen, war schon in den Achtzigerjahren in Planung, wurde dann jedoch auf unbestimmte Zeit verschoben – weil Eastwood der Auffassung war, er wäre noch nicht alt genug, um die Hauptrolle zu spielen. Jetzt, da er wiederum wohl zu alt für die Rolle ist, ist es endlich so weit: Der 91-jährige Eastwood, einstmals der Film-Macho schlechthin, inzwischen zur lebenden Legende gereift, versucht, in einem stillen, geradezu provokant unspektakulären Hangout-Roadmovie, den amerikanischen Kult der rücksichtslosen Hypermaskulinität zu Grabe zu tragen.
«Der 91-jährige Eastwood, einstmals der Film-Macho schlechthin, inzwischen zur lebenden Legende gereift, versucht, in einem stillen, geradezu provokant unspektakulären Hangout-Roadmovie, den amerikanischen Kult der rücksichtslosen Hypermaskulinität zu Grabe zu tragen.»
Eastwood spielt Mike Milo, einen abgehalfterten, verwitweten Ex-Rodeostar, der 1980 von seinem früheren Arbeitgeber (Dwight Yoakam) den Auftrag bekommt, dessen 13-jährigen Sohn Rafael (Eduardo Minett) in Mexico City zu finden und nach Hause nach Texas zu bringen. Gesagt, getan: Nachdem er bei «Rafos» Mutter (Fernanda Urrejola) abblitzt, findet er den vorlauten Jungen beim Hahnenkampf, und ehe er sichs versieht, sitzen sowohl Rafo als auch dessen Kampfhahn Macho in seinem Auto in Richtung US-Grenze.
Im Kontext von Eastwoods ausladender Filmografie ist «Cry Macho» kein Werk der Superlative. Drehbuchautor Nick Schenk, der für Eastwood bereits die weitaus besseren «Gran Torino» (2008) und «The Mule» (2018) schrieb und hier eine frühere Skriptfassung von N. Richard Nash überarbeitet hat, lässt seine Figuren oft schmerzlich hölzerne Dialoge austauschen; die Exposition könnte fadenscheiniger kaum sein («You remember I have a son?»). Ungesagt bleibt indes sehr wenig: Die Lektionen, die Rafo von Mike lernen soll, werden beinahe ausnahmslos explizit kommuniziert.
Auch Eastwoods nachgerade sprichwörtliche Effizienz als Regisseur erweist sich hier mitunter eher als Fluch denn als Segen. Seine Angewohnheit, wann immer möglich nicht mehr als einen Take pro Einstellung zu drehen, tut weder ihm noch dem jungen Eduardo Minett einen Gefallen: Während Eastwood zwar über genug Erfahrung und natürliches Charisma verfügt, die eine oder andere verhaspelte Dialogzeile wie einen gewollten Charakterisierungsmoment wirken zu lassen, steht Minett mit seinen deklamatorischen Dialogverlesungen und seinen allzu akzentuierten Gesten schauspielerisch häufig auf verlorenem Posten.
Das sind die Hürden, die es zu nehmen gilt, wenn man zu den wahren Qualitäten von «Cry Macho» vordringen will. Denn hinter den durchzogenen darstellerischen Leistungen wartet die unübersehbare Chemie zwischen Eastwood und Minett; und so unausgegoren Schenks und Nashs Dialoge auch wirken mögen, so berührend ist die Geschichte, die sie erzählen.
«Es macht Spass, dem frechen Rafo und dem konstant vor sich hin fluchenden Mike beim obligaten Roadmovie-Geplänkel zuzusehen.»
Es macht Spass, dem frechen Rafo und dem konstant vor sich hin fluchenden Mike beim obligaten Roadmovie-Geplänkel zuzusehen; und Hahn Macho ist eine mindestens ebenso einnehmende tierische Leinwandpräsenz wie der Orang-Utan, mit dem sich Eastwood in «Every Which Way But Loose» (1978) und «Any Which Way You Can» (1980) durch den amerikanischen Westen prügelte.
Auch ist es erfrischend, mit wie wenig künstlichem Drama «Cry Macho» auskommt. Zwar geht die erzählerische Spannung hauptsächlich davon aus, dass die halbe mexikanische Bundespolizei dem Protagonistenduo auf den Fersen zu sein scheint, doch das wirkt primär wie ein Vorwand, um Mike und Rafo über weite Strecken in einem verschlafenen, einladend sommerlich fotografierten mexikanischen Nest stranden und dem Müssiggang frönen zu lassen.
Hier trifft der einsame Mike auf die verwitwete Grossmutter Marta (Natalia Traven); hier kann er sich mit Kochen, Reparaturarbeiten, Hilfe beim Pferdezähmen und dem Versorgen kranker Tiere weniger nutzlos fühlen – und dem von traditionellem Macho-Gehabe schwer beeindruckten Rafo zugleich aufzeigen, dass Fürsorglichkeit und Hilfsbereitschaft einem Mann besser zu Gesicht stehen als der verzweifelte Versuch, immer der Stärkste und Beste zu sein.
Einen anderen Film hätte dieser Aspekt wohl nicht bedeutend aufgewertet. Doch da «Cry Macho» das ganze Clint-Eastwood-Legendarium – mitsamt seiner zahlreichen filmischen Gegenentwürfe, viele davon von Eastwood selber verantwortet – im Rücken hat, wird dieses Nachdenken über Männlichkeit zur bewegenden Auseinandersetzung eines 91-Jährigen mit seinem eigenen Vermächtnis, und mit der Frage, wozu so ein Vermächtnis überhaupt gut ist.
«Da ‹Cry Macho› das ganze Clint-Eastwood-Legendarium – mitsamt seiner zahlreichen filmischen Gegenentwürfe, viele davon von Eastwood selber verantwortet – im Rücken hat, wird dieses Nachdenken über Männlichkeit zur bewegenden Auseinandersetzung eines 91-Jährigen mit seinem eigenen Vermächtnis, und mit der Frage, wozu so ein Vermächtnis überhaupt gut ist.»
«There’s no cure for old», grummelt Mike, als ihm jemand einen angeblich kranken Hund zur Untersuchung vorbeibringt. Das Beste, was man für das Tier tun könne, meint er, den Kopf des Hundes sachte tätschelnd, sei, ihn nachts am Fussende des eigenen Bettes schlafen zu lassen. Warum sich abmühen, den Lauf der Zeit beeinflussen und die eigene Härte unter Beweis stellen zu wollen, fragt einer der grössten Westernhelden der Filmgeschichte, wenn man auch einfach das Leben geniessen kann, solange es noch geht?
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Kinostart Deutschschweiz: 21.10.2021
Filmfakten: «Cry Macho» / Regie: Clint Eastwood / Mit: Clint Eastwood, Eduardo Minett, Dwight Yoakam, Natalia Traven, Fernanda Urrejola / USA / 104 Minuten
Bild- und Trailerquelle: © 2021 Warner Bros. Entertainment Inc.
Trotz markanter Drehbuch- und Schauspielschwächen unterhält «Cry Macho» gerade gut genug. Und es ist berührend, wie sich Clint Eastwood mit dem eigenen filmischen Erbe auseinandersetzt.