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Diese Weiten von Schneepyramiden boten in ihrer Stille einen schaurig-schönen Anblick.
Miss Jemimas Tagebuch: Mittwoch, 8. Juli 1863
Beim Öffnen der Fenster um zwei Uhr morgens wurden wir von gnadenlos beissender Kälte empfangen, als wir einen Blick auf die Majestäten des Berner Oberlands und alle ihre königlichen Verwandten werfen wollten.
Diese Weiten von Schneepyramiden, zwischen dem Ende der Nacht und dem Anbruch des Morgens aufgetürmt vor einem tiefgrauen Kessel, boten in ihrer Stille einen schaurig-schönen Anblick. Sie müssen mir glauben, dass er sonderbar emotional wirkte und einen unauslöschlichen Eindruck hinterliess.
Um drei Uhr hörten wir die gewundenen Töne des Weckhorns, das immer näher klang und in jeden Korridor hineinblies. Es war eine sehr effiziente Methode, da Hornstoss um Hornstoss, Tuten um Tuten aus dieser rindenumwundenen Wasserpfeife hervorgebracht wurde.
Mister Tom sagte, er habe den Kopf aus dem Zimmer gestreckt und den Mann der Stunde gesehen (oder dies zumindest gedacht), da er sich lebhaft an seine aufgeblasenen Backen erinnerte, ganz wie der Wind Boreas in Aesops Fabeln, in denen der Mond und die Sonne einen Wettkampf machen, der auf Kosten dieses armen ausgehungerten Reisenden in seinem Mantel geht.
In weniger als zehn Minuten verliess der Schwarm den Bienenstock und landete auf dem grasigen Hang der Kulm.
Die Gesellschaft war so zusammengewürfelt, wie es nur Reiseführer und Reisebeschreibungen fertigbringen.
Die Gesellschaft war so zusammengewürfelt, wie es nur Reiseführer und Reisebeschreibungen fertigbringen. Drei oder vier Individuen, die sich an keinerlei Konventionen hielten, erschienen als Maorihäuptlinge, eingewickelt in diese roten Decken, die Gegenstand schriftlicher Verbote an den Hotelzimmertüren sind – was die Gäste anscheinend nur daran erinnert, dass diese Decken sich seltsamerweise ebenso gut für draussen wie für drinnen eignen.
Die meisten Herren steckten in zugeknöpften Regenmänteln, kein aussergewöhnliches Kostüm, obwohl ihre Halstücher in verschiedenen Qualitäten und Farben in vollständig bekleideten Versammlungen allenfalls unzulässig sein könnten.
Aber obwohl die Damen aller Nationen in ihren Zöpfen und Hüten kein grosses Aufsehen erregten, fielen einige von ihnen (und hier spreche ich persönlich und so ehrlich, wie es sich für einen Berichterstatter gehört) derart deutlich aus dem Rahmen, dass es effektiv fraglich ist, ob unsere Eltern ihren Nachwuchs in ihrem gibeonitischen Zustand erkannt hätten.
Wenn schon der gutmütige Verehrer, der angeblich bei Frauen keinen Fehler finden konnte, sich in seinem Ordnungssinn tagtäglich durch das von Anstrengungen und Schmutz gezeichnete Gewand der «plus jolie dame» verletzt fühlte, kann man sich leicht ausmalen, welchen Hass die Damen sich an ihren Geburtsorten zugezogen hätten und welche Kritik ihre mütterlichen Ordonnanzen gegen sie erhoben hätten!
Eingebildete Männer! Dachten sie wirklich, dass sie dem Sonnenaufgang auf der Rigi Konkurrenz machen könnten?
Wir zählten rund 150 Frühaufsteher, von denen die meisten so elend aussahen, dass Dr. Watts Moralgedicht «Zu früh ward ich geweckt, ich muss noch ruh’n» perfekt auf sie gepasst hätte. Zwei fliegende Händler mit geschnitzten Nadelbüchsen und dergleichen waren sich ihres Vorteils anscheinend bewusst und boten ihre Waren an.
Eingebildete Männer! Dachten sie wirklich, dass sie dem Sonnenaufgang auf der Rigi Konkurrenz machen könnten, wenn sie ihre majestätische Bahn aus der Nebeldämmerung aufnimmt und mit einem Blick aus ihrem rubinroten Auge die aschfarbenen Antlitze der versammelten Schneeberge mit den wachsigen Rosatönen übergiesst, die als «Errötende Jungfrau» bekannt sind?
Die Weite dieses mächtigen Panoramas war eindrücklich und überwältigend, sodass wir verstummten und diese gezackte Bergkette betrachteten, während ihre fünfhundert Kilometer an Bergen, Tälern, Seen und Dörfern vom Morgenlicht geweckt wurden. «Sehnsüchtig sahen wir zu, wie die Himmel immer glänzender leuchteten, bis auf der Erde die Berggipfel in rosigen Flammen zu stehen schienen.»
Unser Sonnenaufgang auf der Rigi war, wie wir meinten, grandios, aber kaum so intensiv, wie dies die Reisenden beschreiben, die von den Berggipfeln als «riesigen Lampen in rosigem Feuer» sprechen und vom weissen, «in rosigem Pink» gebadeten Schnee.
Es war schwer zu sagen, ob die erste Glorie um drei Uhr oder die kristallene Reinheit der Sonne um sieben Uhr das eindrücklichste Erlebnis war.
Es war schwer zu sagen, ob die erste Glorie um drei Uhr oder die kristallene Reinheit der Sonne um sieben Uhr das eindrücklichste Erlebnis war. Das marmorartige Funkeln dieser bleichen Berge vor einem rein azurblauen Himmel war eher eine himmlische als eine irdische Herrlichkeit, ein würdiges Abbild der Heiligen Stadt, des Neuen Jerusalem, wie es Johannes in der Verbannung auf Patmos festhielt: «Und ich sah die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann».
Wir drehten uns zu dem überhängenden Abgrund, der aus dem See aufsteigt, und zählten die übrigen Seen, die wie flüssiges Silber unter den grasigen oder bewaldeten Hügeln in der Landschaft lagen.
Zürich konnten wir gerade noch erkennen und den Zugersee mit der berühmten Tellskapelle, welche die Männer aus Uri an seinem Ufer zu Wilhelm Tells Gedächtnis errichtet hatten und wo die Schweizer aus den vier Kantonen sich einmal jährlich versammeln, um eine Messe zu besuchen und die Fresken zu Gesslers Tod zu besichtigen.
Als wir um acht Uhr frühstückten, waren wir sozusagen alleine, denn die Herde von Touristen, die wir drei Stunden zuvor auf der Kulm getroffen hatten, hatte sich in alle vier Himmelsrichtungen auf dem Berg zerstreut und wurde erst abends durch eine neue Schar von Reisenden ersetzt.
Einmal mehr sassen wir in dem leeren Speisesaal und sahen durch seine sieben Fenster auf die Kette schneebedeckter Wachposten. Ein weiterer Blick vom Balkon, dann hiess es Adieu, Rigi Kulm.
Es lässt sich gut nachvollziehen, dass der grosse Mendelssohn «vier Stunden lang» auf diese Szene starrte, in der Hoffnung, dass «ihr grandioser Anblick einen dauerhaften und unauslöschlichen Eindruck auf ihn machen möge», wie er sagt.