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Younghwan ist ein alternder Dichter, der seine Frau und seine zwei Söhne schon vor vielen Jahren verlassen hat. Nun bestellt er die Brüder in das Hotel am Fluss, in dem er ein paar Wintertage verbringt, eingeladen vom Hotelier. Youngwhan hat das unbestimmte Gefühl, seine Tage seien gezählt.
Gleichzeitig lässt sich in einem Zimmer auf dem gleichen Stock eine junge Frau von ihrer besten Freundin trösten, weil sie von ihrem Freund abserviert wurde.
Draussen ist Winter, es liegt Schnee. Das Hotel am koreanischen Fluss hat einen deutschen Namen. Es heisst «Hotel Heimat». Die Frauen reden und weinen und dösen Arm in Arm im Hotelzimmer. Youngwhan ist nervös, weil er seine Söhne so lange nicht mehr gesehen hat. Der jüngere kennt ihn kaum, ist aber unterdessen ein einigermassen angesagter Filmemacher.
Eigentlich macht Hong Sangsoo, ein Stammgast in Locarno, immer den gleichen Film. Seit 1996 schon zweiundzwanzig mal. Aber die feine und oft leise komische Art, wie der Südkoreaner Melancholie und Abschied, Erinnerungen und Hoffnungen in seinen in der Regel zukunftslosen Beziehungsgeschichten zusammenbringt, ist jedes Mal neu.
Gangbyun ist ein Winterfilm in Schwarzweiss. Die Anfangstitel werden von einer Männerstimme vorgelesen: «Dieser Film wurde Ende Januar, Anfang Februar gedreht…»
Und zu Beginn hört man die eine oder andere Figur auch denken.
Die Schauplätze sind so einfach wie die Struktur. Hotelzimmer, Tische im Café unten im Hotel, ein paar Schritte im Schnee am Flussufer draussen. Eine Person. Zwei Personen. Drei Personen.
Die einen verpassen die anderen kurzfristig; die Söhne warten im Café auf den Vater, der ein paar Tische weiter hinten eingedöst ist beim Warten. Der ältere Sohn wagt es nicht, dem Vater zu sagen, dass er geschieden ist – weil der Vater ihm verkündet, was er doch für ein Glück habe, mit seiner lieben Frau.
Die grosse Kunst von Hong Sangsoo ist die Beiläufigkeit. Informationen werden unauffällig eingestreut. Die Frau, die Youngwhan seinen Kaffee bringt, bittet ihn um ein Autogramm, so erfahren wir, dass er Dichter ist, und nicht unbekannt.
Die Söhne reden über früher, und wir erfahren von der Scheidung, dem ewigen Groll der Mutter auf den einstigen Mann. Wir lernen Schwächen der Männer und Frauen kennen, Stärken, Empfindlichkeiten. Alles aus den beiläufigen, ungekünstelten, einfachen Dialogen.
Und dann brettert kurzfristig die geballte Komik aus den Sätzen, etwa wenn die eine Frau der anderen erklärt, warum sie den Filmemacher bestimmt nicht kenne: «Seine Filme sind nicht dein Ding… er ist irgendwie ambivalent… aber auch nicht so ganz ein Auteur…»
«Also macht er langweilige Filme…?» – «Nein, ambivalent…»
Byungsoo, der jüngere Sohn, ist nicht der erste Filmemacher in Hong Sangsoos Filmographie. Diese partiellen, ironischen Alter Egos schreibt er immer wieder in seine Drehbücher. Sie erlauben ihm Distanznahme und Reflexion zugleich.
Szenen beim Essen und Szenen zunehmender Betrunkenheit, vor allem der sonst gehemmten Männer, gehören ebenfalls zu den wiederkehrenden Elementen.
Aber dieses schwarzweisse, minimalistische Setting im Hotel am Fluss im Schnee, mit dem Dichter im Zentrum, das wirkt nun, als ob Hong Sangsoo eine weitere Reduktion angestrebt hätte.
Verhandelt wird, wie fast immer, das gescheiterte Familienleben, die Beziehungen. Aber nicht nur die Bilder sind karger, auch die Sätze sind einfacher. Ein paar Pinselstriche genügen, der Film ist kalligraphisch präzise, auch in seinen Wiederholungen und Haiku-ähnlich verdichteter Alltag.
Eigenartigerweise erinnert das Hotelsetting in Schwarzweiss an einen anderen Abschiedsfilm, auch wenn der in seiner manischen Redseligkeit eigentlich nicht zu vergleichen ist: Emily Atefs Abschied von Romy Schneider, Drei Tage in Quiberon mit Marie Bäumer, der im Februar an der Berlinale seine Uraufführung hatte.
Gangbyun ist eine Miniatur, ein wirklich schöner, melancholischer, leise komischer Film, der sich weder kleiner macht, noch grösser, als er ist, und gerade darum in der Erinnerung sitzen bleibt und lächelt.