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In den Neunzehnhundertneunzigern, wahrscheinlich 1994, organisierte meine damalige Lieblingsbuchhandlung ‹Das Narrenschiff› meine wohl schönste Lesung, eine Lesung, an die ich mich nicht nur deshalb besonders gern erinnere, weil mir eine ausnehmend große Besucherinnen- und Besucherzahl beschieden war, sondern weil ich beim Lesen und am Schluss beim Diskutieren und Beantworten der Fragen aus dem Publikum das beflügelnde Gefühl hatte, den Erwartungen der Zuhörenden zu genügen und den einen oder die andere mit meinen Gedanken berührt zu haben. Ich las in der altehrwürdigen ‹Allgemeinen Lesegesellschaft› vornehmlich aus meinen ‹Erzählungen aus hundert und einer schlaflosen Nacht› und zwischendurch Gedichte, die ich demnächst im Gedichtband ‹Wo ich tausendmal nicht war› veröffentlichen werde.
Dann kamen die Fragen; zuerst die üblichen, etwas verlegenen, gewissermaßen um sich warmzulaufen: «Woher nehmen Sie die Ideen?», «Wie lange arbeiten Sie an einer Geschichte?», «Können Sie von der Schriftstellerei leben?» und ich bemühte mich, auf ungeschliffene Fragen wenigstens schneidende Antworten zu erfinden. Völlig unerwartet verblüffte mich — und vermutlich auch die meisten im Saal — der Journalist der ‹Basellandschaftlichen Zeitung› mit einer Frage, die eher wie ein merkwürdiger Vorwurf klang: «Wieso ist Ihr Deutsch so korrekt? Haben Sie immer eine Grammatik auf dem Tisch liegen?»
Sprachlos war ich nicht, aber ich musste zugeben, dass ich die Frage nicht beantworten konnte und mich damit begnügen musste, mich für diesen liebenswürdigsten aller impliziten Vorwürfe, die mir je gemacht worden waren, herzlich zu bedanken. Binnen eines Augenblicks aber ahnte ich, worauf der Mann möglicherweise hinauswollte. Ein kaum wahrnehmbarer fremder Akzent verriet nämlich meinem einschlägig sensibilisierten Ohr, dass der Kritiker wie ich (und wie man damals nicht zu sagen pflegte) Migrationshintergrund hatte — und zwar denselben wie ich: Er war Italiener. Darauf wäre ich jede Wette eingegangen.
Und der folgende Dialog, der sich sofort ergab, bestätigte meine Annahme. Er setzte nach: «Sie sind doch ein halber Italiener, oder?» — «Nein», sagte ich, «nicht ein halber, ein ganzer.» — Er ließ seinen Unterkiefer auf sein Brustbein aufschlagen und die Augenbrauen unter den Haaransatz schnellen: «Was denn? Sie… Sie sind gar nicht Schweizer? Sie sind nicht eingebürgert?» — «Doch!», entgegnete ich, «Aber ganz und nicht bloß zur Hälfte. Ich wüsste auch gar nicht, welche Hälfte von mir ich hätte einbürgern lassen wollen.» — Jetzt versuchte er sich mit der Arithmetik zu behelfen: «Das geht doch gar nicht auf. Sie sagen, Sie seien ganz Italiener und ganz Schweizer! Das ist doch ein Widerspruch! Ich spüre in Ihrer Literatur Ihre Zerrissenheit nicht! Sagen Sie doch, was Sie als Ihre Heimat empfinden und wann Sie dabei in einen inneren Konflikt geraten!» — Ich schloss das Zwiegespräch aus zwei Gründen ab. Erstens hatten andere Besucherinnen und Besucher dasselbe Recht, Fragen zu stellen, zweitens drohte, auch von meiner Seite, der bis dahin sehr angenehme Konversationston etwas zu verrohen: «Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich meine Zerrissenheit ist, die Sie interessiert. Doch wenn ich auch zur Arithmetik greife, um einen Sachverhalt zu erklären, kann ich Ihnen sagen, dass ich als meine Heimat empfinde, wo ich in meinem sprachlichen Saft mit allen Aromen, Düften und Varianten schmoren kann, wo ich sofort höre: die kommt aus Apulien, der aus Bayern, das ist eine Kärntnerin, der ein Sachse, eine Bündnerin, ein Genuese, Elsässer, Luzerner… und wenn meine Heimat von Lampedusa bis Schleswig-Holstein geht, fühlte ich mich halt eher multipliziert als dividiert.»
Mit dem Begriff Heimat meint man zumeist ein emotionales Verhältnis, das Menschen zu einem bestimmten Lebensraum haben. Im Allgemeinen versteht man unter ‹Heimat› den Ort, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die früheste Sozialisation erfolgt. Da bilden sich Charakter, Mentalität, Identifikation, Zugehörigkeitsgefühl, Weltanschauung aus. Doch die geografische und linguistische Umgebung sind nicht das Einzige, was prägt: Das Elternhaus, die Freundschaften der Eltern, die eigenen Freundschaften, die Religion, die Reisen, Reisende aus andern Ländern, die man längere oder kürzere Zeit als Gäste bei sich hat, die Literatur — all das wirkt mit sowohl beim Herausbilden der Persönlichkeit wie auch zum Herausbilden der Umgebung, in der sich besagte Persönlichkeit zu Hause fühlt.
Das alles hat sehr wenig mit Staaten und Nationen zu tun. Staaten sind durchaus nützliche Einrichtungen wie etwa die Krankenkasse oder die Feuerwehr. Und es ist richtig und wichtig, sich im Rahmen der eigenen Möglichkeiten als Bürgerin und als Bürger in demokratischer Verantwortlichkeit dafür einzusetzen und dazu beizutragen, dass der Staat sich möglichst gut und friedlich weiterentwickelt. Es ist richtig und wichtig, Steuern zu bezahlen und die Gesetze zu beachten. Diese Art von Loyalität muss eine Maxime eines jeden zivilisierten Menschen sein. Aber ein Heimatgefühl schafft nicht der Staat, sondern allenfalls die Menschen, die ihn bilden — und glücklicherweise nicht alle: Ich fühle mich trotz Salvini als Italiener und trotz Köppel als Schweizer, obwohl ich mit beiden nicht in Verbindung gebracht werden will. Der Treuebegriff, den wir mit einer gewissen Legitimität auf Liebesbeziehungen anwenden und den der Journalist der BZ offenbar auf das Heimatgefühl ausweiten wollte, würde keiner Realität entsprechen. Wie ich glaube gezeigt zu haben, sind viele verschiedene Faktoren daran beteiligt und dafür verantwortlich, dass ein Mensch zu einer Umgebung heimatliche Gefühle hegt. Und niemand käme wohl auf die Idee zu fordern: «Entscheiden Sie sich, ob Sie Katholikin oder Deutsche, Motorradfahrer oder Belgier, Positivist oder Ire, Jüdin oder Weißrussin sein wollen! — Beides zugleich, das geht nicht!»