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Legasthenie wird bei den meisten Betroffenen in den ersten Schuljahren diagnostiziert. Die Lese- und Schreibschwäche kann bei einer frühzeitigen Erkennung problemlos kompensiert werden. Wie beim 44-jährigen Stefan Müller* aus dem Baselbiet. In der zweiten oder dritten Klasse – Stefan weiss es nicht mehr genau – stellten Fachleute Legasthenie fest. Er blickt mit einem unguten Gefühl auf diese Zeit zurück. «Ich hatte grosse Mühe mit dem Lesen und verwechselte häufig ähnliche Buchstaben wie ’d’ und ’b’.» Auch die Mathematik ist unverständlich, weil er sich unter Wörtern wie «multiplizieren» oder «addieren» nichts vorstellen kann. «Es war für mich sehr schwierig, anders zu sein als die anderen», sagt Stefan heute. Statt seine Stärken zu fördern, wurde vielmehr auf den Schwächen herumgeritten. Seine schlimmste Phase in der Schulzeit erlebte er zwischen der vierten und sechsten Klasse, weil er sich vom Lehrpersonal und den Mitschülern alleingelassen und ausgegrenzt fühlte.
Nach der Diagnose besuchte Stefan eine zweijährige Therapie. Sie habe aber nicht wirklich etwas genützt, kommentiert er. Stefan musste sich trotz der Zusatzbehandlung durch die restliche Schulzeit kämpfen und hatte zu dieser Zeit immer das Gefühl, dass mit ihm etwas nicht stimme. Ein etwa gleichaltriger Legastheniker erklärt die damals angewandte Therapiemethode so: «Eine Sitzung dauerte etwa 45 Minuten. Es erinnerte mich eher an eine Turnstunde als an eine Therapie. Denn ich durfte auf einem Trampolin hüpfen und musste mir dabei verschiedene Gegenstände merken.» Wirklich genützt hat die Therapie auch in seinem Fall nichts. Er sagt, noch heute seien bei ihm gewisse Defizite punkto Rechtschreibung und Konzentrationsfähigkeit auszumachen.
Kneten hilft beim Verstehen
Bei Stefan Müller ist das nicht mehr der Fall. Er sagt über sich selbst, dass die Symptome der Legasthenie vollständig gelöst seien. Wie er das geschafft hat? Offen erzählt der Betroffene, dass ihm damals die Berufswahl durch seine Schwächen erschwert wurde. Erst in der neunten Klasse lernte er seine besondere Fähigkeit kennen, sehr schnell komplexe Systeme zu erfassen, und fand schliesslich eine Lehrstelle als Kältemonteur. Legastheniker blieb er allerdings auch nach seinem Berufsschulabschluss und sogar bis zu seinem 30. Lebensjahr. Erst zu diesem Zeitpunkt entdeckte er die Ron-Davis-Methode zur Überwindung der Lese- und Schreibschwäche. Diese stellt die Stärken der Legastheniker in den Vordergrund und fördert das bildliche Denken – zum Beispiel indem Betroffene das Alphabet mit Knetmasse formen. Damit lernen sie die Eigenheiten von Buchstaben kennen und werden sich bewusst, warum «ie» und «ei» anders oder «st» und «sch» gleich klingen.
Zu jedem Wort stellen sich Betroffene ausserdem ein passendes Bild vor. Das funktioniert bei «Haus», «Zug» oder «Telefon» einfach und unproblematisch. Schwieriger wird’s bei «vom», «der» oder «und». Beim Bindewort kanns zum Beispiel eine Kombination von «Wurst-Brot» oder «Huhn-Ei» sein. Um Legastheniker dabei zu unterstützen, sieht die Ron-Davis-Methode vor, dass Legastheniker ein Objekt formen, welches die Bedeutung des Worts wiedergibt. Da viele Betroffene ein enorm ausgeprägtes Vorstellungsvermögen haben, klappt das meist ganz gut. Stefan erklärt: «Ich denke in Bildern. Diese sind dreidimensional und involvieren alle Sinne und meine Gefühle.» Fehlt zu einem Wort ein Bild, fühlt sich Stefan unwohl und sieht ein schwarzes Loch vor dem geistigen Auge. Erst wenn er dieses mit einem erklärenden Objekt «füllen» kann, versteht er, und kann die Buchstaben problemlos lesen. Stefan Müller findet, die Legasthenie sei noch heute nicht in der Gesellschaft akzeptiert. Vielmehr würden in den Schulen lediglich die Symptome, statt die Ursache bekämpft. Um einem Legastheniker wirklich helfen zu können, müsse ein Lehrer optimalerweise selbst betroffen gewesen sein, ist Stefan überzeugt. «Nur so lässt sich die Denkweise von Legasthenikern wirklich nachvollzienen.»
Tipps für Eltern
Eltern von betroffenen Kindern und Jugendlichen rät der Ex-Legastheniker, die Suche nach dem richtigen Weg nicht aufzugeben. Allerdings empfiehlt Stefan dabei unbedingt auf das häufig eingesetzte Ritalin zu verzichten. «Dies untergräbt die Wahrnehmung». Legasthenikern gratuliert er zu ihrer speziellen Begabung und will ihnen so zeigen, dass sie die Legasthenie nicht als Krankheit, sondern als Fähigkeit wahrnehmen sollen. Um Betroffenen zu helfen, opfert Stefan Müller schon seit langem seine Freizeit. Er hat geholfen, das Denkforum Arlesheim aufzubauen und hilft dort noch heute aus. Gearbeitet wird mit einer Technik, die an die Ron-David-Methode angelehnt ist. Damit zeigt Legasthenikern, wie sie ihre Fähigkeiten nutzen können, und erzählt aus seinem reichen Erfahrungsschatz.
*Name geändert
Autor: Reto Vogt