Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03409.jsonl.gz/739

Zeinab, du bist in Afghanistan geboren und kamst mit deiner Familie in die Schweiz, als du noch klein warst. Wie war das für deine Familie?
Ich war erst drei Jahre alt und habe kaum Erinnerungen an das Herkunftsland meiner Eltern. Afghanistan kenne ich insbesondere aus den Geschichten meiner Eltern und aus Büchern. Der Fluchthintergrund meiner Eltern und die Folgen davon, haben mich in meinem Leben dennoch geprägt. Für mich stellte es eine zusätzliche Motivation dar, etwas aus meinem Leben zu machen und die Möglichkeit, die meine Eltern für mich geschaffen haben, zu nutzen.
Was für eine Rolle spielte die Religion als ihr in die Schweiz gekommen seid?
Ich denke, die Religion war gerade zu Beginn etwas, bei dem sie Halt fanden und ein Teil ihrer früheren Welt, die sie in die neue Heimat mitnehmen konnten. Entsprechend war es ihnen auch ein Anliegen, dass sie diese ihren Kindern weitergeben konnten.
Wie war die Schulzeit für dich? Gab es kulturelle und religiöse Grenzen, die zu überwinden waren?
Das war je nach gesellschaftlichen Umständen, aber auch je nach Lebensphase, unterschiedlich. Im Jugendalter habe ich angefangen, mich mit meinem «Anderssein» auseinander zu setzen, und verspürte zunehmend das Bedürfnis, die unterschiedlichen kulturellen Aspekte in mir miteinander in Einklang zu bringen. Mein kulturell und religiös durchmischter Freundeskreis war mir eine grosse Hilfe, auch weil viele Andere sich in ähnlichen Positionen wiederfanden.
Bei mir hat es dazu geführt, dass ich meine eigene dritte Mischkultur entwickelt habe, in dem ich mir aus der schweizerischen wie auch afghanischen Kultur Elemente angeeignet oder bewusst abgelegt habe. Ich habe gelernt, die von meinen Eltern geerbte Religion und die religiösen Bräuche in meinem schweizerischen Kontext einzubetten und habe dadurch meine eigene Religionspraxis entwickelt.
Warum esse ich kein Schweinefleisch? Warum trinke ich keinen Alkohol? Was bringt mir eigentlich das Fasten während des Ramadans?
Andererseits führten Fragen meiner Mitmenschen dazu, dass ich mich mit bestimmten Themen vertieft auseinandersetzen musste, weil ich sonst in Erklärungsnot geraten wäre. Warum esse ich kein Schweinefleisch? Warum trinke ich keinen Alkohol? Was bringt mir eigentlich das Fasten während des Ramadans? Solche Fragen führten auch dazu, dass ich meine Religion früh bewusst und reflektiert praktizierte.
Noch heute ist der interreligiöse Dialog bedeutend in deinem Leben. Du arbeitest im «Haus der Religionen» in Bern. Wie sieht deine Arbeit dort aus?
Meine Arbeit im Haus der Religionen ist sehr vielfältig. Ich mache selber Führungen und Workshops zu interreligiösen und interkulturellen Themen im Dialogbereich mit Gruppen aus unterschiedlichen Berufsgruppen, aber auch mit Jugendlichen und Kindern.
Wir wollen Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen ermöglichen. Es geht darum, mit diesen Personen zu sprechen und nicht über sie. Ein Schwerpunkt meiner Arbeit ist es daher, mit Vertreterinnen und Vertretern aus den verschiedenen Religionsgemeinschaften Workshops zu entwickeln, die sie danach selbstständig durchführen.
Welches Ziel verfolgst du mit deiner Arbeit?
Es geht in erster Linie darum, in einen authentischen Austausch zu kommen. Die Teilnehmenden sollen dabei eigene Erfahrungen, Anliegen und Fragen aktiv einbringen und diskutieren können. Dieser direkte Kontakt soll einen Beitrag für die Vertrauensbildung zwischen Menschen unterschiedlicher religiöser und ethnischer Herkunft leisten.
Es gibt genau so wenig «die Muslimin» wie es «die Christin» gibt.
Andererseits soll dadurch aber auch dem homogenisierenden Religionsdiskurs in der Gesellschaft ein anderes Bild gegenübergestellt werden. Es gibt genau so wenig «die Muslimin» wie es «die Christin» gibt.
Du wirst als emanzipierte Muslimin beschrieben, kannst du das vielleicht erläutern? Worin ist das ersichtlich?
Ich würde eher sagen, dass ich eine emanzipierte Frau bin, die auch Muslimin ist. In meinem persönlichen und beruflichen Umfeld kenne ich sehr viele emanzipierte Frauen, die einen muslimischen Hintergrund haben. Sie sind selbstständige, willensstarke und ehrgeizige Frauen, die sich für eine Gleichstellung in der schweizerischen Gesellschaft wie auch in den muslimischen Gemeinschaften einsetzen.
Wie beeinflusst dich deine Religion im Alltag?
Die Art und Weise wie ich meine Religion auslebe, ist davon abhängig, in welcher Lebensphase ich mich befinde. Daher bin ich auch je nach Phase unterschiedlich stark praktizierend. Grundsätzlich erachte ich meine Religion als Stütze für mein Leben. Sie kann mir ein Gefühl von Zugehörigkeit geben oder gerade in schwierigen Zeiten bietet sie mir Halt. Sie hilft mir dabei, Zeit für mich zu finden und das Wichtige im Leben vom Belanglosen zu unterscheiden. Sie stärkt das Verantwortungsgefühl, das ich gegenüber unserer Welt und meinen Mitmenschen habe und motiviert mich stets, an mir selber zu arbeiten.
Mit angstpädagogischen Ansätzen, bei denen der Fokus auf einen strafenden Gott gelegt wird, habe ich Mühe.
Manchmal ist es aber auch eine kritische Auseinandersetzung oder gar ein Hinterfragen bestimmter Glaubensinhalte und auch das gehört fest zu meiner persönlichen Religionspraxis dazu. Mir ist es ein Anliegen, mich meiner Religion zuzuwenden, weil ich es möchte und weil ich selber den Sinn dahinter sehe; mit angstpädagogischen Ansätzen, bei denen der Fokus auf einen strafenden Gott gelegt wird, habe ich Mühe. Deswegen war es für mich auch wichtig mein eigenes Gottesverständnis zu entwickeln und kontinuierlich daran weiterzuarbeiten.
«WG der Religionen»
Ein Christ, eine Muslimin, ein Jude, eine Buddhistin und ein Atheist erproben das interreligiöse Zusammenleben.
4 Folgen jeweils donnerstags. Ab 29.11.2018, 21:05 Uhr, SRF1 und nahc der Ausstrahlung bei Play SRF.
Was erhoffst du dir vom Experiment «WG der Religionen»?
Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft. Das ist verbunden mit vielen Chancen und Möglichkeiten. Ich wünsche mir, dass wir uns mit den positiven Seiten dieser Tatsache beschäftigen und uns ermutigt fühlen aufeinander zuzugehen und einander über die Grenzen von Religionen hinweg kennenzulernen. Dabei geht es nicht darum, die eigenen Meinungen oder Sichtweisen zu ändern, sondern den Anderen kennenzulernen und durch Perspektivenwechsel Verständnis für sich unterscheidende Lebensentwürfe zu entwickeln.
Eine Erfahrung, die ich auch meinen Mitmenschen wünsche.
In der WG ist dieser Prozess in der Art und Weise der Entwicklung unserer Beziehungen sehr eindrücklich zum Vorschein gekommen. Ich hoffe auch, dass die Dokuserie eine Möglichkeit bietet, Ängste und Unsicherheiten sowie die damit verbundenen Hemmungen Personen aus anderen Gemeinschaften zu begegnen, abbaut. Persönlich habe ich im Kontakt mit Andersdenkenden in kurzer Zeit viel über mich gelernt. Eine Erfahrung, die ich auch meinen Mitmenschen wünsche.