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Teil 2, Hoesli Übertragung in den Raum
In Bernhard Hoeslis Kommentar erschliesst sich uns, im Vergleich zu den beiden Hauptaufsätzen, eine weitaus verräumlichtere Sicht auf die „Transparenz im übertragenen Sinn“. Im Kern seiner Auslegung des Begriffes steht der Raum als zentrale Voraussetzung:
(…vorher) „Transparenz entsteht immer dort, wo es im Raum Stellen gibt, die zwei oder mehreren Bezugssystemen zugeordnet werden können – wobei die Zuordnung unbestimmt und die Wahl einer jeweiligen Zuordnungsmöglichkeit frei bleibt.“ (1)
In dieser allgemein gehaltenen Definition lässt sich das Erkennen von Transparenz aus der Begehung der Architektur ableiten. Die Wahrnehmung des Gebäudes geschieht nicht über die frontale Ansicht, sondern beim Durchschreiten der Räume. Mit der Aufschlüsselung von verschiedenen Grundrissen in ihre unterschiedlichen, räumlichen Bereiche, zeigt Hoesli wie sich diese überlagern. Ihn interessiert also nicht die Mehrfachlesbarkeit von Flächenstaffelungen, sondern die Überlagerung des Raumes selbst. Damit wird aber das Konstrukt des untiefen Raumes gänzlich unnötig, um die Idee der „Transparenz im übertragenen Sinn“ postulieren zu können. Dass dies auch für Hoesli nicht in letzter Konsequenz klar ist, zeigt sich daran, dass er seine Erläuterungen zu den Raumzonen als Ergänzung oder Vertiefung der These von Rowe und Slutzky sieht und nicht als Weiterentwicklung oder gar als Kritik.
Ganz allgemein wird den Unterschieden zwischen den einzelnen Beispielen für Transparenz im übertragenen Sinn kaum Beachtung geschenkt: Rowe und Slutzky weiten in Part II die Transparenz im übertragenen Sinn auch auf die Mehrfachlesbarkeit von Fassadenkompositionen aus. Bei Michelangelos Kirchenfassade San Lorenzo kommen verschiedene Säulen, Halbsäulen und Simse zum Einsatz, welche in ihrem Zusammenspiel untereinander zu unterschiedlichen Flächenteilungen führen. Es handelt sich jedoch um Einteilungen für deren Funktionieren die Räumlichkeit nicht notwendig ist. Dies weisen die Autoren selbst nach, in dem sie das Phänomen lediglich mit zweidimensionalen Schemas erläutern. Folglich ist auch der Bezug zum Konzept des untiefen Raumes überflüssig. Tatsächlich handelt es sich hier um eine einfach erklärbare Mehrfachlesbarkeit.
Auch die Herleitung des Prinzips des untiefen Raumes unterliegt solchen holprigen Verbindungen. So kann das Bild L’Arsiénne von Picasso als die ineinanderkopierte Darstellung verschiedener Ansichten eines Menschen verstanden werden. In dieser Sichtweise des Bildes wird der Körper der Figur nicht verflacht, sondern in seiner extremen Räumlichkeit dargestellt. Auf einen Blick sieht man das, was ein Rundgang um die Person ergeben hätte. Es lässt sich also die Behauptung aufstellen, dass Picasso nicht das Flache sondern das Plastische gesucht hat. Natürlich finden sich auch Gründe für die Lesart von Rowe und Slutzky. In der Eindeutigkeit, in der die Autoren andere Sichtweisen ausschliessen, kann aber Picassos Werk nicht gelesen werden.
Der untiefe Raum, der nach Rowe und Slutzky in Le Corbusiers Werk ersichtlich ist, die unterschiedlichen Flächeneinteilungen in der Fassade von Michelangelo und die Überlagerungen von Raumbereichen bei Hoesli haben offensichtlicher Weise alle einen Bezug zur Mehrfachlesbarkeit, unterscheiden sich davon abgesehen jedoch wesentlich in deren Entstehung und können sinnvollerweise nicht unter einem Begriff zusammengefasst werden.
Wenn wir Rowe und Slutzky der verbildlichten Betrachtung Le Corbusiers Bauten den Namen Transparenz im Übertragenen Sinn zugestehen, dann kann das selbe Wort nicht auch noch die Überlagerung von Raumbereichen im Sinne Hoeslis bedeuten. Es darf für alle Überlegungen zu diesen Themen als zielführender angesehen werden, wenn diese unterschiedlichen Konzepte auch als solche wahrgenommen und bezeichnet werden. (Weiter bei…)
(1) Hoesli Bernhard, Transprenz, vierte erweiterte Auflage, Basel: Birhäuser Verlag, 1997, S. 61