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Amerikanische Solar-Visionen und der Freiheitswille der Medienkunst
Am 20. Juni läuft im Zürcher Kino Riffraff der Dokumentarfilm „A Road Not Taken“ des Zürcher Künstler-Duos Christina Hemauer und Roman Keller an: Der Film, der sich mit Jimmy Carters Solarenergie-Visionen der späten 70er Jahre auseinandersetzt, wurde vom Schweizer Fernsehen zum Film der Woche erklärt. Und ist eigentlich trotzdem weniger ein Film als eine Installation, wie die WOZ in ihrer aktuellen Ausgabe nachweist. Wir erlauben uns zu ergänzen: eine Installation mit Verwurzelung in der Medienkunst. Und den Hinweis: Premiere am Sonntag, 13 Uhr, mit Anwesenheit der Regisseure!
„A Road Not Taken“, der es trotz seiner Eigenwilligkeit fast ins reguläre Kinoprogramm schafft (Sonntagsmatinee, 13 Uhr), lehnt sich an Michael Moores Technik der inszenierten Recherche an: Er handelt davon, wie die zwei Zürcher Künstler Christina Hemauer und Roman Keller sich nach Amerika aufmachen, um zwei der einst 1979 von Jimmy Carter installierten Solar-Panels in einem Lagerschuppen in einem nordamerikanischen College aufzustöbern und in das Jimmy-Carter-Museum nach Atlanta zu transportieren. Dabei befragen sie einige damalige Akteure, unter ihnen auch Jimmy Carter selbst, oder interviewen Passanten, denen sie auf ihrer Odyssee durch Amerika begegnen.
Diesen Sonntag, am 20. Juni 2010, wird Hemauer und Kellers filmisches Memorial und Wiedererweckung von Carters Energie-Vision im Zürcher Kino anlaufen – exakt 31 Jahre früher, am 20. Juni 1979, hielt Carter auf dem Dach des Weissen Hauses die Festrede zur Einweihung der Solar-Anlage, die Reagan zwei Jahre später, ein Jahr nach der Abwahl Carters, so sang- und klanglos abmontieren liess, wie er die zahlreichen energiepolitischen Massnahmen Carters in der Schublade verschwinden oder ganze Datenbanken vernichten liess, so die zwei Regisseure im Gespräch.
Barack Obamas erste Oval-Office-Rede ans amerikanische Volk vom Dienstag, 15. Juni, bestätigt die Aktualität und Brisanz des Films „A Road Not Taken“: Obama ist in einer vergleichbaren Situation, derjenigen von Carter Ende der 70er Jahre nicht unähnlich, und kommt zu ähnlichen Schlüssen: dass wir in einer fundamentalen Energie-Krise stecken und der Umstieg auf erneuerbare Energien vorangetrieben werden muss. Hemauer und Keller rekonstruieren jedoch auch eindrücklich, wie Carter sich wegen seines energiepolitischen Engagements Sympathien verscherzt und nicht zuletzt deswegen vom amerikanischen Volk 1981 abgewählt und durch Ronald Reagan ersetzt wird – gefährliche Aussichten für Obama! (Doch selbst der Schweizer Boulevard nimmt zur Kenntnis, dass die Krise da ist.)
In der Ausstellung «A Curiosity, a Museum Piece and an Example of a Road not taken» präsentierten Hemauer und Keller im Fribourger Museum „Fri-Art“ 2007 zum ersten Mal die Ergebnisse ihrer Solar-Recherchen. Eine Art Rohfassung des am Sonntag anlaufenden Filmes war schon damals zu sehen, doch das dramaturgische Zentrum der Ausstellung bildete die Inszenierung von Carters Einweihungs-Rede der Solaranlage durch einen Schauspieler; dieses Revival fand nur gerade einmal und zwar an der Vernissage der Fribourger Ausstellung statt. Mit anderen Worten war die Ausstellung mit der Vernissage im Wesentlichen auch schon gelaufen!
Und damit sind wir beim Freiheitswillen der Medienkunst: Sich so radikal nicht zu scheren um das Funktionieren des Kunstmarktes, der vermarktbare Objekte verlangt, ist ein Markenzeichen der Medienkunst der 90er Jahre. Viele frühere Arbeiten von Keller verbinden Umweltthemen mit technischen Medien wie dem Internet. Doch es ist weniger der Einsatz technischer Medien, sondern dieser erstaunliche Wille, ausserhalb der Regeln des Kunstbetriebs zu agieren, der Keller zum Medienkünstler macht. Oder genauer: Keller und Hemauer würden wohl gerne in einem finanziell gut abgestützten Rahmen agieren, aber es gelingt ihnen (noch) nicht, weil sie ihre Prioritäten anders setzen: Nicht der institutionelle Rahmen, sondern die Sache steht im Vordergrund.
Der am Sonntag im Riffraff anlaufende Film „A Road Not Taken“ zeugt von genau diesem Freiheitswillen: Er ist entstanden ohne die Produktionsmaschinerie der Filmbranche und vor allem ohne deren Finanzierungskanäle. Und eben weil „A Road not taken“ mit bescheidensten Mitteln produziert wurde – nicht mit einem niedrigen, sondern mit einer Art No-Budget – kann es gar kein richtiger Film sein, wie Franziska Meister, Redaktorin der WOZ in ihrem aktuellen Artikel zu Recht feststellt. Dass der „Film“ nun, nach Barack Obamas First Oval Office Speech vom 15. Juni, von gespenstischer Aktualität ist, hat vielleicht damit zu tun, dass sich die zwei Macher alle Freiheit nahmen, die sie brauchten, um ihre Visionen zu realisieren.
Beitrag der Sendung Box office des Schweizer Fernsehens, in welchem „A Road Not Taken“ zum Film der Woche erklärt wird.
Informationen der Macher zum Film: www.roadnottaken.info.
Christina Hemauers und Roman Kellers Manifest des Postpetrolismus.
Bericht auf clickhere.ch zur Fribourger Ausstellung «A Curiosity, a Museum Piece and an Example of a Road not taken» von 2007.
Keywords: [Medienkunst] [Video]