Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03250.jsonl.gz/441

Beitrag der ganzen Kirchgemeinde statt «Betteln» in der Kirche
Ein Denkanstoss zum sonntäglichen «Opferaufnehmen»
«Wenn du also deine Opfergabe zum Altar bringst und dir fällt dort ein, dass jemand dir etwas vorzuwerfen hat, dann lass dein Opfer am Altar zurück, geh zu deinem Mitmenschen und versöhne dich mit ihm. Erst danach bring Gott dein Opfer dar.» (Mt 5,23–24) Aus diesen biblischen Versen hat sich unsere heutige Praxis des «Opferaufnehmens» im Gottesdienst herausentwickelt.
Nun sind es mit abnehmendem Kirchenbesuch auch abnehmende Opfereinnahmen. Wir nehmen dabei obligatorisch gesetzte Opfer auf, zum Beispiel für das Ordinariat in Solothurn, oder frei wählbare wie etwa für die ökumenische Wegbegleitung.
Bei Besuchen in Taizé ist mir aufgefallen, dass dort nie Opfer aufgenommen werden. Allerdings gibt es in Taizé auch eine «Aktion Hoffnung», die soziale Projekte unterstützt. Die Gelder für diese Projekte kommen aus einer allgemeinen Kasse, in die alle einzahlen beziehungsweise spenden können.
Dass in unseren Gottesdiensten immer die gleichen Kirchenbesucher/innen angebettelt werden, finde ich nicht so gut. Ich fände es besser und sinnvoller, wenn alle Mitglieder einer Kirchgemeinde gemeinsam solidarisch wären mit der Caritas und vielen anderen Hilfswerken. Deshalb ist es gut, wenn wir in unseren Kirchgemeinden darüber nachdenken, ob wir nicht das sonntägliche «Opfern» bzw. «Betteln» in der Kirche abschaffen können zugunsten eines Beitrags, der aus der Kasse der ganzen Kirchgemeinde gezahlt wird.
An einem konkreten Beispiel möchte ich dies erläutern. In der Kirchgemeinde X kommen jährlich, alle Opfer zusammengerechnet, 70 000 Franken zusammen. Nun müssten diese 70 000 Franken zu einem günstigen Zeitpunkt in das Budget der Kirchgemeinde aufgenommen werden. Ein günstiger Zeitpunkt wäre aus meiner Sicht etwa, wenn es der Kirchgemeinde X möglich wäre, den Steuerfuss um 1 Prozent zu senken, oder auch in einem Jahr, in dem ein grösserer Überschuss entstanden ist. Wieviel man dann jeder Institution als Opfer ausbezahlt, auch das wäre eine spannende Diskussion an einer Kirchgemeindeversammlung.
Dass die Versöhnung mit den Mitmenschen eindeutig den Vorrang hat vor Opfern, das könnte dadurch wieder neu ins Bewusstsein kommen. In diesem Sinn wünsche ich angeregte Diskussionen und den Mut zur Veränderung.
Wolfgang Müller, Diakon, Dornach