Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03323.jsonl.gz/2781

Kurzfassung
Das Interesse an ME/CFS ist auf gar keinen Fall eine neue Modeerscheinung. Viele Denksysteme gebarten Namen und Konzepte für chronische Erschöpfungszustände mit zahlreichen Begleitsymptomen – sie sind anzutreffen in diversen Werken aus der ganzen Welt und aus allen Zeitepochen. Manche sprechen hier sogar von der "Krankheit der Tausend Namen".
Unten wurden die sonst detaillierten Abschnitte kurz zusammengefasst zur besseren Übersicht:
Antike und Mittelalter: Umfasst die Zeitperiode bis zum Jahr 1492. Es kreisen Begriffen wie «Rheuma», «Hysterie», «Melancholie» und «Acedia» herum. Dieses vorwiegend philosophische Gedankengut ist in unterschiedlichen Formen und Überlieferungen in die späteren Epochen reingeflossen, bildete also die Grundlage für weitere Ansätze.
17. - 19. Jahrhundert (Die frühe Neuzeit): Umfasst die Zeitperiode bis zur Mitte des 19ten Jahrhunderts. Rege werden unklare Epidemien und vermehrte Einzelfälle von dauerhafter Erschöpfung untersucht. Die Abhandlungen gewinnen an medizinischem Charakter. Zu den Hauptbegriffen gehören: «Hysterie», «Febricula», «nervöse Prostration» und «Neurasthenie».
19. Jahrhundert, Fin du siecle (Die späte Neuzeit): Umfasst die letzten Dekaden des 19ten sowie die ersten Dekaden des 20ten Jahrhunderts. Hier erlebte das Interesse an chronischen Erschöpfungszuständen mit unklarer Symptomatik eine gewisse Hochkonjunktur. Begriffe wie «Hysterie», «Neurasthenie», «Lymphatizismus» und «Pithiatismus» wurden Gang und Gäbe. Aufgrund des vermehrten Auftretens solcher Zustände bei den Opfern des Ersten Weltkrieges erlebte die Traumaforschung auch einen Riesenschub mit wesentlichen Einflüssen auf die spätere Handhabung. Es ist auch in dieser Zeit, als Medizin und Psychologie vermehrt auseinander gingen und sich das Hauptfundament für spätere, hartnäckige Überzeugungen gefestigt hat - z.B. psychosomatische Genesen vieler Leiden oder ungleiche Handhabung ähnlicher Leidensbilder je nach Kulturkreis, sozialer Schicht, biologischem Alter und Geschlecht.
1910 - 2000: Hier fand die wichtigste Pionierarbeit statt, welche das heutige Verständnis von ME/CFS wesentlich geformt hat. Begriffe wie «atypische Poliomyelitis», «benigne myalgische Encephalomyleitis», «Akureyri Krankheit», «Tapanui-Grippe» kursierten vorerst in relativ kleinen Nischen, breiteten sich aber langsam aus. Obwohl bereits erste Auffälligkeiten der Epidemiologie, der Biochemie und der Gewebelehre (Histologie) zeitgemäss eindrücklich demonstriert wurden, konnten sich diese Erkenntnisse noch nicht in den Mainstream durchsetzen – die über Jahrhunderte gesammelten Betrachtungsweisen sowie die noch mangelnde, globale Vernetzung standen leider im Weg.
2000+: Zeit der Wendepunkte im Verständnis des ME/CFS. Mit Einzug des Internets kam das jahrzehntelang weitgehend noch ignorierte Fass langsam zum überlaufen. Betroffene und Interessierte tauschten sich untereinander aus, knüpften Kontakte und bildeten Organisationen - es gab ziemlich eindeutig etwas, was das bisherige Gesundheitswesen nicht nur unzureichend, sondern nahezu überhaupt nicht abdeckte. Langsam kam es zu ersehnten, wissenschaftlichen Umbrüchen und sozio-politischen Umschwünge.