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In der Übersicht
Die in diesem Projekt interviewten Klarinettisten sind über zwei, teils drei Generationen mit der sogenannten Alten Französische Schule verbunden. Sie sind musikalisch die «Enkel» oder «Urenkel» der französischen Lehrer Gaston Hamelin (1884-1954), Daniel Bonade (1896-1976) oder Augustin Duquès (1899-1972). Obwohl anfangs 20. Jh. in den USA viele nationale Klarinetten-Schulen aufeinandertrafen, bleibt die Tradition der Alten Französischen Schule in den Parametern «Ansatz» und «Voicing» (übersetzt mit «Vokalisieren und Singen») heute deutlicher erkennbar als in der gegenwärtigen französischen Spiel- und Unterrichtspraxis.
Nach einer Umstellung der Ansatztechnik etablierte sich in Frankreich ca. 1950 der Ansatz mit Kontakt der oberen Zähne auf dem Mundstück. Die «neue» französische Klarinettenschule setzt sich kaum mehr mit der althergebrachten Tradition des Doppellippenansatzes (die Oberlippe bedeckt die oberen Zähne) auseinander. Dieser Ansatz löst in der Mundhöhle eine Verkettung von Muskelaktivierungen aus, welche Lage und Form der Zunge beeinflusst, den Mundboden absenkt und den weichen Gaumen anhebt. Ausserdem lässt sich eine Aktivierung der Stimmritze beobachten. Für das Artikulieren ergibt sich eine günstige Position der Zungenspitze nach vorne-oben in Richtung Blattspitze und der Rachen formt sich wie von selbst als Resonanzraum. Wird jedoch mit einfachem Ansatz (die oberen Zähne berühren das Mundstück) gespielt, stellen sich die für Klang und Artikulation relevanten Konstellationen in der Mundhöhle und im Vokaltrakt nicht automatisch ein. Sie müssen als bewusste Vokalformung und zusätzlich als fein nuancierte Bewegungen der Stimmritze, über ein «Inneres Mitsingen», realisiert werden.
Das Vermitteln der Mehrfachfunktionen, welche der Zunge zufallen – das Artikulieren am Blatt, die gleichzeitige, davon unabhängige Vokalformung und das Formen eines Resonanzraumes in der hinteren Mundhöhle – stellt eine grosse pädagogische Herausforderung dar. Viele der amerikanischen Interviewpartner empfehlen deshalb, sich mit der Doppellippenansatz-Technik auseinanderzusetzen und die Ausformung des Mundinnenraums auf den einfachen Ansatz zu übertragen. Die Interviewpartner Richard Stoltzman, Steve Hartman und Thomas Piercy wagten nach ihrem Masterabschluss sogar eine Umstellung auf die Ansatztechnik der alten Französischen Schule.
Die Forschung untersucht seit ca. 1990 die Ausformung der Mundhöhle und den Einbezug der Stimmritze bei der Tonbildung. Die Lehrmeinungen der Interviewpartner stimmen mit folgenden Forschungsresultaten überein: geeignete Vokalisierung und eine feine Aktivität in der Stimmritze erhöhen die Geschwindigkeit des Luftstromes, was die Ansprache insbesondere in den oberen Tonlagen begünstigt und ein Spiel mit geringem Ansatzdruck ermöglicht. Das Staccato- und Legato-Spiel verbessert sich, Dynamik und Intonation gewinnen an Flexibilität.