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Frage: Wie konnte der reiche Mann (Lk 16,23.24) Lazarus im Schoss Abrahams sehen, da die Auferstehung ja noch nicht stattgefunden hatte?
Antwort: Die Seelen, die «ausheimisch von dem Leib» sind, haben Kräfte der Wahrnehmung, wenn auch ohne die gewöhnlichen physischen Organe. Aus der Erzählung des Herrn Jesus geht klar hervor, dass die Seele des reichen Mannes im abgeschiedenen Zustand immer noch die Fähigkeiten eines lebenden, bewussten Wesens besass. Ohne Zweifel hatten die Empfindungen und Eindrücke eine andere Form, entsprechend den Bedingungen der unsichtbaren Welt. Aber, nach den Worten unseres Herrn, hatte der reiche Mann nach dem Tod Kräfte des Sehvermögens, der Sprache, des Hörens, des Gedächtnisses, der Überlegung, wie auch des Empfindens von Durst und Pein. Wenn auch unser Herr in gewissem Mass in bildlicher Sprache redete, so bringen seine Worte doch die Wirklichkeiten bewusster Existenz der Abgeschiedenen zwischen dem Tod und der Auferstehung zum Ausdruck, sowohl der Gerechten als auch der Bösen.
Diese Bemerkungen, die für den ganzen Abschnitt gelten, beziehen sich auch auf die in der Frage besonders erwähnten Verse. Ob die Worte «Wasser» und «Flamme» wörtlich oder bildlich verstanden werden müssen, so bezeugen sie doch unzweifelhaft, dass im Hades, am Ort oder im Zustand der vom Leib ausheimischen Seele des reichen Mannes, ein Zustand intensiver Qualen herrscht.
Lazarus war in Abrahams Schoss, ein Begriff, der besonderes Vorrecht und auch Liebe ausdrückt; er war verbunden mit dem, der «Freund Gottes» genannt wird (Jes 41,8; Jak 2,23). Der reiche Mann hatte seine Selbstsucht und seine Vorurteile verloren; er beklagte sich nicht darüber, dass der Bettler «getröstet» wurde, noch auch, dass er selbst «Pein leiden» musste. Aber er flehte um Gnade. Als Jude wandte er sich an Abraham, den Vater seiner Nation, dem ursprünglich vom Gott der Verheissung Segen für die Welt zugesagt war. Aber es wurde ihm weder Erleichterung gegeben noch Befreiung in Aussicht gestellt. Diese Stelle ist also keinerlei Stütze für die Lehre des Fegefeuers, die in der Christenheit zirkuliert.
Die Verse 23 und 24 bezeugen hingegen die Tatsache, dass der Böse beim Tod als Strafe aus dem Leib in einen Zustand der Leiden kommt, eine Strafe, die am grossen weissen Thron vor den Augen des Universums bei der Schlussauferstehung und dem Endgericht bestätigt wird (Off 20,11-15). Dann wird der ganze Mensch, nach Leib, Seele und Geist in den Feuersee, als seiner ewigen Bestimmung, eingehen.