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Albert Steffen: Vom Solothurner Verdingkind zum Käser in Sibirien
Über vier Jahrhunderte zogen Schweizer unterschiedlichster Herkunft aus diversen Berufen nach Russland. Ihr Leben ist weniger breit dokumentiert wie das der Auswanderer nach Nordamerika. Anfang der 1980er Jahre unterstützte der Schweizerische Nationalfonds eine erste wissenschaftliche Forschung am Historischen Seminar der Uni Zürich, welche daraus drei Werke puplizierte. Der Chronos Verlag schliesst mit diesem Buch eine weitere Lücke.
Viele Kinder in der Schweiz des ausgehenden 19. Jahrhunderts teilten ihr Schicksal mit jenem von Albert Steffen (1890-??). Als unehelich geborene schimpfte man sie Bastarde. Zunächst in fremder Obhut untergebracht, kam der kleine Albert mit vier Jahren zu den Grosseltern mütterlicherseits. Der Grossvater war Direktor der Strafanstalt Schachen bei Deitingen im Solothurner Wasseramt. Doch nach dem Tod des Grossvaters wurde Albert bei einem Bauern verdingt. Der bitteren Erfahrungen leid schnürte Albert mit 22 Jahren 1912 sein Bündel, um in Russland als gelernter Käser bessere Lebensbedingungen zu finden. In Smolensk fand er bei einem Landsmann, wahrscheinlich dem Berner Oberländer Stucki eine Stelle in der Käserei. Schon ein Jahr später ergab sich eine bessere Stelle bei einem Baron im Kurland. In seinen Erinnerungen aus den Jahren 1912 bis 1921 über den Alltag im Zarenreich hielt Albert Steffen viele Eindrücke aus dem Alltag schriftlich fest. So das elende Leben der Bauern, die miese Bezahlung, die Gewalt ihrer Herren, die prekären Hütten. Dann brach der Erste Weltkrieg aus.
Albert versuchte in die Schweiz zurückzukehren, um seiner Wehrpflicht nachzukommen. Aber er musste flüchten und fand vorübergehend eine Beschäftigung in Estland beim deutsch-baltischen Baron Ungern von Sternberg, dem späteren Weissgardistenführer, der 1921 mit seinem Kosakenregiment unter dem Namen „Blutiger Baron“ als Diktator der Mongolei von sich reden machte. Der Baron verschaffte Steffen einen gut entlöhnten Posten in der Nähe der südwestsibirischen Stadt Bijsk am Fusse des Altai, wo das Handelshaus „Stucki Käse en gros“ zwölf Käsereien besass. Nach einer wochenlangen Bahn- und Schlittenfahrt kam Steffen am Neujahr 1917 dort an. Mit den Sibirjaken freundete er sich an und war des Lobes über sie voll. Aber schon im Frühjahr 1917 kamen die Bolschewiken ins Gebiet. Steffen wurde nach ihrer Machtübernahme zum Leiter der milchwirtschaftlichen Abteilung des Gouvernements Altai ernannt. Hier erlebte er, wie die aus Moskau kommenden Kommissare sich breit machten. 1921 bekam er einen vertraulichen Parteiauftrag, eine mehrere tausend Goldrubel umfassende Sendung in die tausend Kilometer entfernte mongolische Stadt Chobdo zu bringen.
Am 15. August nahm er schweren Herzens Abschied von seinen neuen Freunden und traf nach einer abenteuerlichen Reise Mitte September am Bestimmungsort ein. Eine Rückkehr nach Sibirien war wegen der an der Grenze ausgebrochenen Unruhen inzwischen auch nicht mehr möglich. In der Gegend des Sees Dalai-Nor leistete Steffen erneut Pionierarbeit, indem er vier neue Käsereien aufbaute. Als 1927 die rote Armee in die Mongolei einmarschierte, sah Steffen sein Leben bedroht und entschloss sich, in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Mit finanzieller Hilfe mongolischer Freunde gelang ihm die Flucht nach China. Im Mai 1927 verliess er China und gelangte über Korea und Japan an die nordamerikanische Westküste. Vor ihm lag ein mehrjähriger Weg durch verschiedene US-Staaten geprägt von mehrmaligem Scheitern und wiederholten materiellen Schwierigkeiten. Er wirkte erneut am Aufbau von zahlreichen Käsereien nach Schweizer Art mit, bis er schliesslich in Arkansas Besitzer eines erfolgreichen Molkereiunternehmens wurde. Er heiratete eine Amerikanerin, wurde Vater einer Tochter. Gefühlsmässig blieb er jedoch Sibirien mit seiner unendlichen Weite, seinen Wäldern, der herrlichen Natur und den lieben Menschen verbunden.
Text: Walter Zwahlen
Eva Maeder, Peter Niederhäuser (Hg.)
Käser, Künstler, Kommunisten
Vierzig russisch-schweizerische Lebensgeschichten aus vier Jahrhunderten
Chronos Verlag 2009. 256 S., ISBN 978-3-0340-0950-8