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Nach einem gemütlichen Frühstück im Hidden Valley B &B fahren wir heute als erstes zurück nach Whitehorse, um zu grosse Schuhe und Hosen von der gemieteten Spezial-Winterkleidung umzutauschen. Dies ist erfreulich unkompliziert möglich. Anschliessend fahren wir am Abzweig zur Boreale Ranch – unserer heutigen Übernachtung vorbei – nach Carcross. Dort tauchen wir in die Geschichte der Eisenbahnlinie über den White Pass ein und erfahren überraschend einiges über das Leben der dort ansässigen First Nations im Tagish First Nation Learning Center.
Die Welt sieht heute ohne Sonnenschein, aber mit starkem Schneefall ganz anders aus. Der glitzernde Zauber des gestrigen Tages ist verflogen. Die Eisflächen des Yukons sind jetzt zugeschneit und offene Wasserstellen sind bedrohliche schwarze Löcher.
Im weiteren Verlauf des Tages schneit es immer wieder. Die Landschaft ist in den tiefhängenden Wolken fast nicht zu erkennen. So erreichen wir Carcross.
Carcross, welches früher einmal Caribou Crossing hiess, war vor Fertigstellung der berühmten Eisenbahnstrecke, der White Pass & Yukon Route, nicht viel mehr als ein Polizeiposten und Wohnort einer First Nation Gemeinschaft. Die Eisenbahngesellschaft gründete die Stadt ursprünglich, um die Eisenbahn instand zu halten und Güter und Passagiere von Skagway nach Whitehorse zu bringen.
Im Sommer besuchen viele Touristen Carcross. Im Winter aber herrscht hier tote Hose und viele Häuser und Geschäfte sind geschlossen. Wir fangen mit einem Besuch der Tankstelle an, die im Winter daher den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens darstellt. Die Tankstelle von Carcross ist auch Restaurant und Supermarkt. Als wir ankommen ist das Restaurant voll besetzt. Wir finden jedoch noch einen Tisch bei der Tür. Die meisten der Gäste tragen Tattoos, die wir später als Stammeskennzeichen der First Nations kennenlernen.
Nach dem Aufwärmen begeben wir uns in den Ort und auf Stadterkundung. Uns wurde nahegelegt, unbedingt zum Strand des Bennett Lakes zu gehen. Nur mit all dem Schnee ist weder der Strand noch der Beginn der Wasserfläche des Lakes zu sehen.
Anstatt Gefahr zu laufen, im Eis einzubrechen, laufen wir lieber durch den Ort. Während wir ein Vogelhaus bewundern, welches eine Miniaturausgabe des eigentlichen Hauses ist, kommt die freundliche Bewohnerin des Hauses heraus und erzählt uns, was es Sehenswertes gibt.
Geschichtsträchtiger Rundgang durch Carcross
So laufen wir ungeachtet des Wetters als erstes in Richtung Post, die sogar geöffnet hat. Die Häuser lassen uns staunen. Die Jones Cabin wurde 1938 mit Baumstämmen, die von einem 1902 erbauten Haus aus Conrad City stammen, erbaut. Sie wird seitdem saisonal vermietet. Die eingeschneiten Fahrräder deuten jedoch an, dass der Schnee die Bewohner überrascht hat.
Die Watson Cabin stammt vom Anfang des 19. Jahrhunderts. Sie war eines von mehreren Häusern von Matthew Watson, dem General Store Betreiber. Auch dieses wurde vermietet, saisonal oder auch ganzjährig. Der Chevy Pickup stammt aus den 1950er Jahren.
Links neben der Post steht das Tommy Brooks Haus. Er war ein Prospektor und Dichter und lebte in diesem winzigen Haus von Ende der 1920er bis Anfang der 1960er Jahre.
Neben der alten Post führt ein weiterer Weg zum See und auf die Fussgänger-Brücke. Am See steht eine Eis-Skulptur, die erst wenige Tage alt war, wie wir später in einem Zeitungsartikel lesen können. Von der Fussgängerbrücke hat man einen guten Blick auf die alte Eisenbahnbrücke.
Die Geschichte von Carcross ist untrennbar mit der Geschichte der Eisenbahnlinie und dem Goldrausch am Yukon verbunden. 1896 wurde im Yukon Gold gefunden. In die Geschichtsbücher geht der Goldfund zudem als Goldrausch am Klondike ein. Um in das schlecht zugängliche Gebiet zu gelangen, gab es zwei Routen. Die von tausenden Goldsuchern genutzte Route führte von Skagway, welches man mit dem Dampfschiff erreichen konnte, über den Chilkoot Pass zum Lake Bennett. Am See bauten die Goldsucher dann mit Holz aus den umliegenden Wäldern Boote oder Flösse, mit denen sie im Frühling die Reise bis nach Dawson City fortsetzten. Allerdings war der parallel zum Chilkoot Pass verlaufende White Pass geeigneter für den Bau einer Eisenbahnlinie.
Am 27. Mai 1898 begann der Bau der Eisenbahn und der Kampf mit vielfältigen Problemen (Wetter, fehlende Arbeitskräfte, Terrain). Ein englisches Konsortium erhielt den Auftrag. Bereits am 22. Februar 1899 war die Strecke bis zum White Pass fertiggestellt und schon am 25. Juli 1899 erreichte die Bahnstrecke Lake Benett. Schliesslich, zwei Jahre nach Beginn der Arbeiten, im Juli 1900 wurde auch der letzte Abschnitt von Carcross nach Whitehorse fertiggestellt. Die WP&YR (White Pass and Yukon Route) baute und betrieb auch die grossen Dampfschiffe auf dem Yukon River.
Die Gesellschaft erlebte wechselhafte Jahre. Einer 17-jährigen Blütezeit folgte eine Rezession. Die US Army übernahm im Oktober 1942 die Kontrolle über die Bahn. 1946 endete das Leasing und die WP&YR übernahm wieder den Betrieb.
Da 1955 eine ganzjährig befahrbare Strasse zwischen Whitehorse und Dawson City fertiggestellt wurde, endete die Dampfschifffahrt auf Flüssen und Seen.
In den 70er Jahren boomte der Gütertransport nach Skagway, welches bis 1978 nur per Eisenbahn erreichbar war. Minenschliessungen und Strassenbau führten vorerst zur Einstellung der Eisenbahnlinie.
Zeugnisse der glorreichen Vergangenheit in Carcross
Von der Fussgängerbrücke hat man den perfekten Blick auf die 125 Meter lange Eisenbahnbrücke, welche 1900 erbaut wurde.
Ihr Erbauer hat sie so konstruiert, dass der 46 Meter lange Mittelteil um eine zentrale Achse schwenkbar war, und somit grosse Boote auf beiden Seiten passieren konnten. Da die Handelsschifffahrt nach Inbetriebnahme der Eisenbahn schrumpfte, wurde die Schwenkbrücke nur wenige Male geöffnet, bevor man sie endgültig schloss. Um danach die Belastbarkeit der Brücke zu erhöhen, wurden 1969 Pfähle unter das Mittelteil der Brücke gesetzt. Die Brücke ist immer noch in Betrieb, denn Dank des sich entwickelnden Kreuzfahrttourismus nach Skagway wurde die Eisenbahnlinie ab 1988 sukzessive wieder auf bestimmten Teilstrecken in Betrieb genommen. Insbesondere die Strecke zwischen Skagway und White Pass ist ein Besuchermagnet.
Ein weiterer Zeuge der Vergangenheit ist das Eisenbahndepot, ein Weltkulturerbe Kanadas. Dieses Eisenbahndepot der WP&YR wurde 1910, nach dem grossen Brand in Carcross, neu erbaut. Das Lager dahinter diente in späteren Jahren der Lagerung von Gütern.
Gegenüber des Eisenbahndepots befindet sich der alte General Store, der leider im Winter die Fenster vernagelt hat. In der Saison ist der Laden geöffnet und bietet von Souvenirs bis zu Erfrischungen alles an. Er gilt heute als das älteste noch in Betrieb stehende Geschäft Kanadas. Auch der General Store wurde durch den grossen Brand zerstört und im Jahr darauf etwas verändert wiederaufgebaut.
Das gleiche Schicksal erlitt auch das Caribou Hotel. Einst kam es per Schiff aus Bennett City nach Carcross. Nachdem es auf die Grundmauern niederbrannte, wurde es von den damaligen Besitzern mit Materialien, die in Conrad City geborgen wurden, wiedererrichtet und bis 1933 als Hotel weitergeführt. Danach wechselten die Besitzer. Wer bis 1972 blieb, war der berühmte Papagei Polly. Die derzeitigen Eigentümer sind mit Restaurierungsarbeiten beschäftig.
Auf dem Rückweg zum Auto
Jörg möchte dann noch die abgestellte Lok näher betrachten und verschwindet in einer Schneewehe. Da er sich im tiefen Schnee schlecht abstützen kann, kommt er kaum wieder heraus.
Ich bewundere derweil die kleine St. Saviour’s Anglican Church, die 1904 erbaut und 1917 an ihren heutigen Standort versetzt wurden.
Rund um das Visitor Informations Center ist alles geschlossen. Allerdings erregte die Bemalung der Häuser meine Aufmerksamkeit. Sie ist der Kunst der First Nations nachempfunden.
Anschliessend folgen wir dem Schild zur alten Sauerteigbäckerei. Auf dem Weg dahin bewundern wir noch die riesigen Pfannen zum Goldwaschen vor dem Souvenir Laden. Aber sowohl dieser als auch die Bäckerei sind im Winter geschlossen. Nur die Schule hat geöffnet. Wieviele Kinder es hier wohl gibt?
Schon im Auto sitzend und auf dem Weg zur Boreale Ranch, erregt noch ein modernes grosses Gebäude auf der anderen Seite des Highways unsere Aufmerksamkeit.
Wir fragen junge Männer vor dem Gebäude und erfahren, dass dies ein Learning Center für die First Nations ist. Stolz zeigen sie auf die Totems, die ihren Stamm repräsentieren und erklären uns kurz am grossen Totempfahl ihre Schöpfungsgeschichte. Schliesslich schicken sie uns ins First Nation Learning Center mit den Worten, dass dort eine kleine Ausstellung wäre und die Frau hinter dem Schalter gern all unsere Fragen beantworten würde.
Sehr interessant ist für uns, dass die First Nations bis heute im Matriarchat leben. Die Kinder bekommen also automatisch die Stammesmitgliedschaft der Mutter. Ehepartner dürfen nie im eigenen Stamm gesucht werden. Die hier lebenden Stämme sind die Krähen, Wölfe, Frösche, Killerwale, Ringwurm und der Biber mit dem gespaltenen Schwanz.
Über allem steht die «Mother of Game», die grosse Schöpferin, die alle, Mensch und Tiere, geschaffen hat. Sie wird durch ein grosses Totem vor der ersten Halle dargestellt. Rechts und links von ihr sitzen ihre beiden Ehemänner auf dem Dach.
Abschliessend stellen wir unsere Fragen und bekommen so noch ein wenig mehr zu erfahren. Die ganz grosse Halle, vor der die «Mother of Game» steht, ist die Festhalle. Das Boot, welches für die grossen Feierlichkeiten traditionell aus einem Zedern Stamm hergestellt wurde, steht im Moment in einer Ecke der Halle. Ein kurzes Video zeigt den Bau und den Einlauf des Bootes.
Die Mädels begeistern sich für die rhythmische Musik beim Bootsbau, die von den Dakhka Khwaan Dancers stammt. Wer sich für die Kultur der First Nations interessiert, bekommt auf der Website des Bill Reid Centers einen guten Einblick.
Schliesslich kommen wir doch noch auf der Boreale Ranche an. Zur Begrüssung lernen wir erst einmal das Aussengelände kennen. Ein heisses Jacuzzi lädt zum Baden in der Kälte ein. Ein Lagerfeuer wärmt abends beim Warten auf Polarlichter und eine Plattform bietet die perfekte Kulisse fürs Fotografieren. Rundwanderwege, Schneeschuhe und Fahrräder mit dicken Reifen versprechen ebenfalls Spass.
Im Inneren lädt ein grosser Raum mit gemütlicher Sofaecke und einer Bibliothek zum Verweilen, Lesen und Spielen ein.
Als wir das Gepäck ausgeladen haben, ist es bereits dunkel. Deshalb bleiben wir gleich im Wohnzimmer, wo es wenig später einen leckeren Apero gibt. Dazu treffen alle Gäste nach und nach vor dem gemeinsamen Essen ein.
In den Zimmern stehen Walkie Talkies, mit denen sich alle über Polarlichter informieren können. Bevor wir zu einer vom Wecker regelmässig unterbrochenen Nacht ins Bett fallen, machen wir noch ein paar Probe-Aufnahmen im Schnee.
Allerdings bleiben die Walkie Talkies in dieser Nacht ruhig.
Die Boreale Ranch ist zwar eine nicht ganz preiswerte Unterkunft, aber man sollte dort wenigstens zwei Tage verbringen. Nach der Buchung wird man per Mail gefragt, ob man dort auch Essen möchte. Aus der Ferne scheint der Preis fürs Essen zwar hoch, aber Lebensmittel sind selbst im grossen Supermarkt in Whitehorse für Schweizer teuer und qualitativ war es das beste Essen im ganzen Urlaub. Die anderen Gäste blieben für vier bis fünf Nächte dort.
Der Tagesanbruch am nächsten Morgen verspricht einen schönen Tag. Der Blick vom Balkon unseres Zimmers ist atemberaubend. Von den Bergen war nämlich am Vortag nichts zu sehen.