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Stellen Sie sich an den Rand einer Autobahn. Schliessen Sie die Augen, konzentrieren Sie sich, hören Sie genau hin: Und dann nennen Sie die Automarken der vorbeiflitzenden Fahrzeuge. Sie werden feststellen: Hören ist mehr als das Wahrnehmen von Geräuschen. Hören heisst lernen, Töne in ein System einzuordnen, das mal Sprache, mal ein simples Rattern, mal Kontaktnahme und mal Hintergrundlärm bedeutet – oder manchmal auch Musik.
Elsa Bühlmann hört nicht. Ihre Gehörschädigung erlitt sie 1941, während ihrer Geburt. Es gab noch keine staatliche Invalidenversicherung, die die Kosten für eine ärztliche Abklärung und die Sonderschule übernommen hätte. Eine Zangengeburt, ein taubes Kind, das waren Schicksalsschläge, die man hinnahm wie eine Strafe Gottes.
Erst Mitte der neunziger Jahre – Elsa hatte schon 55 Jahre mit der Stille gelebt – stellte einer ihrer erwachsenen Söhne durch Zufall fest, dass sie über einen sogenannten «Hörrest» verfügte, der ihr erlaubt hätte, mit technischen Hilfsmitteln das Hören zu lernen. Sie war zur Schule gegangen, hatte geheiratet, gearbeitet und zwei Söhne grossgezogen, ohne den Klang ihrer Umwelt je wahrzunehmen. Wörter sind für sie etwas Sichtbares: Buchstaben, Gebärden oder die bewegten Lippen ihrer Kinder. Mit 55 wollte sie nicht mehr erfahren, wie man verschiedene Töne unterscheidet und mit Bedeutung versieht. Vor allem aber wollte sie ihren Mann nicht allein in der Stille zurücklassen, die sie so lange mit ihm geteilt hatte.
Elsas Eltern, die in einfachen Verhältnissen lebten, konnten ihre Tochter nicht fördern. Die Schule wusste nicht, was man ihr hätte beibringen können, und das Internat in Hohenrain LU belastete das schmale Budget der Familie bis an die Grenzen des Erträglichen. In der damals noch «Erziehungsheim» oder «Anstalt» genannten Sonderschule vermittelte man hörgeschädigten Kindern zwar eine Grundausbildung, doch man zwang ihnen auch eine «Integration» auf, die ihnen den Zugang zu einem natürlichen Spracherwerb fast verunmöglichte.
Mehr als ein Jahrhundert lang war man überzeugt gewesen, schwerhörige und taube Kinder würden den Kontakt zur hörenden Umwelt verlieren, wenn man sie auf ihre Art kommunizieren liesse: mit Handzeichen und Mimik – Gebärdensprachen, wie sie seit Menschengedenken in allen Kulturen der Welt existieren.
Mit dem Verbot der Gebärdensprache, das an Schweizer Schulen bis in die 1990er Jahre hinein galt, erreichte man aber genau das, was man hatte verhindern wollen: Die gehörgeschädigten Kinder lernten sowohl die Gebärden- als auch die Lautsprache nur mangelhaft und blieben benachteiligt. Nicht zuletzt deshalb schotteten sie sich ab von einem Umfeld, das sie nicht verstehen konnten, und pflegten fast ausschliesslich Kontakte unter ihresgleichen.
Auf Druck der Verwandtschaft sterilisiert
Elsa, die die Ferien bei ihrer Familie verbrachte, war Schneiderin geworden und besuchte in ihrer Freizeit die Angebote des Gehörlosenklubs in Luzern. Dort verliebte sie sich in den fast fünf Jahre älteren Anton Bühlmann, der seit einer Hirnhautentzündung im Alter von vier Jahren ebenfalls nichts mehr hörte. Auch er war in Hohenrain zur Schule gegangen, und auch für seine Eltern bedeutete das Internat eine grosse finanzielle Belastung. Darum war das Entsetzen in beiden Familien gross, als Elsa mit erst 19 Jahren schwanger wurde.
Anton hatte seine Lehre als Holzbildhauer mit Bestnoten abgeschlossen, aber wer würde einem Gehörlosen schon eine Stelle anbieten? Schliesslich fand er zwar Arbeit bei einem Rahmenbauer, doch sein Verdienst genügte kaum, um die Familie zu ernähren. Obwohl sein Können und seine gestalterische Begabung unbestritten waren, blieb er immer ein miserabel bezahlter Hilfsarbeiter, ausgenutzt und benachteiligt, weil er sich in der Welt der Hörenden kein Gehör verschaffen konnte.
Doch nicht nur wegen ihrer finanziellen Verhältnisse und Elsas Jugend war die Verwandtschaft entsetzt, als die beiden ein Kind erwarteten: Man war überzeugt, dass ein Kind von gehörlosen Eltern ebenfalls taub sein müsse. Vergessen war, dass der Vater als Kleinkind einst gut gehört hatte, und auch, dass in der Familie der Mutter sonst niemand gehörlos geboren war. Und zunächst sahen sich die schockierten Grosseltern sogar bestätigt: Der kleine Markus schrie nicht und machte sich mit Gebärden verständlich. Dabei hatte das Baby nur sehr schnell gelernt, dass Weinen bei seinen Eltern nichts nützte, und es verständigte sich naturgemäss zuerst in seiner Muttersprache, mit Mimik und Gesten, auch wenn es ganz hervorragend hörte.
Als Elsa Bühlmann zum zweiten Mal schwanger wurde, stieg der Druck der Verwandtschaft und der Ärzte, dass sie sich unterbinden lassen müsse. Das zweite Kind werde mit Sicherheit gehörlos sein. Und obwohl auch Charly ohne einen Gehörschaden zur Welt kam, beugte sich die Mutter dem Willen ihrer Umgebung. Sie hätte sich sehnlichst ein drittes Kind, ein Töchterchen, gewünscht. Aber man hatte sie davon überzeugt, dass sich ihr Glück nicht noch einmal wiederholen werde und ein weiteres Kind nur taub sein könne.
Markus Bühlmann, Elsas und Antons Erstgeborener, blättert in einem Fotoalbum, das ihm seine Mutter zum Geburtstag geschenkt hat: «Da sieht man doch, dass wir eine ganz normale Familie waren», sagt er, «oder jedenfalls fast.»
Hörbehinderungen sieht man nicht. Das macht die Betroffenen in der Welt der Hörenden leicht zu Aussenseitern: Statt auf ihre Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen, reagiert die Mehrheit mit Unverständnis und Ungeduld. Wer nicht verstehen und mitreden kann, gilt schnell einmal als blöd. Ihre Freizeit verbrachten die Bühlmanns deshalb im Gehörlosenklub, im Familiengarten, im Schwimmbad – überall dort, wo ihre Gehörlosigkeit keine Rolle spielte und nicht auffiel. Für die Buben war das kein Problem. Schwierigkeiten gab es immer erst, wenn die Welt der Hörenden ihren Einfluss geltend machte.
Man hatte sich in einer Parallelwelt eingerichtet. In der Wohnung der Bühlmanns gab es kein Telefon. Wozu auch? Wenn die Söhne sich mit Schulfreunden verabreden wollten, gingen sie zur Kabine auf der Strasse. Markus und Charly wuchsen ohne Radio auf, und auch Grammophon oder Kassettenrekorder waren lange Zeit tabu. Nicht zuletzt, weil der Vater alles ablehnte, was ihn an seine Benachteiligung erinnerte. Jahre nach allen anderen kauften die Bühlmanns immerhin einen Fernseher, und die Kinder erklärten den Eltern, was zu den Bildern gesprochen wurde.
Die Buben lernten früh, die Kommunikationslücken ihrer Eltern zu überbrücken. Sie übersetzten nicht nur Fernsehkommentare oder die Fragen der Nachbarn in die Gebärdensprache, sondern auch Zeitungsartikel und Verträge, Gebrauchsanweisungen und Briefe. Denn auch das Verständnis der geschriebenen Sprache fällt ihren Eltern schwerer als den Hörenden: Schrift ist das Abbild von Lauten, die sich nie ganz mit dem räumlich aufgebauten System einer Gebärdensprache in Einklang bringen lassen.
Markus, der ältere Sohn, empfand die Reaktionen der Umwelt besonders stark. Er erinnert sich noch gut an die Metzgerin, die seine Mutter jeweils so behandelte, als wäre sie schwer von Begriff. Trotzdem trug er die frühe Verantwortung ganz selbstverständlich, begleitete die Mama bei jedem Einkauf und übersetzte ihre Wünsche so, dass auch die Metzgerin verstand, was am Abend bei Bühlmanns auf den Tisch kommen sollte. In der Schule wusste niemand von der Stille im Hause Bühlmann. Markus konnte es sogar vermeiden, dass seine Lehrer die Eltern je kennenlernten. Er war ein guter, unauffälliger Schüler, genauso wie Charly.
Von Ballett wollten die Eltern nichts wissen
Kinder von gehörlosen Eltern geraten früh in die paradoxe Situation, dass sie den Erziehenden in vielerlei Hinsicht überlegen sind. Statt Hilfe zu finden, sind sie diejenigen, die unterstützen müssen. Nicht alle sind der Rolle als Vermittler immer gewachsen. Und nicht alle Eltern sind bereit, ihre Kinder in die Welt der Hörenden zu entlassen.
Als Markus zwölf war, kam es deshalb zum ersten grossen Konflikt. Er hatte seine Cousine in die Ballettstunde begleitet und war so begeistert, dass er beschloss, Tänzer zu werden. Die Eltern reagierten mit Unverständnis. Auch wenn sie selbst im Gehörlosenklub Theater gespielt hatten, lehnten sie Markus Interesse für Musik und Tanz entschieden ab. Der Junge musste sich das Geld für den Ballettunterricht selbst verdienen. Wohl nicht zuletzt, weil er von klein auf gelernt hatte, sich in zwei Welten durchzusetzen, die wenig Verständnis füreinander aufbrachten, wurde er tatsächlich Tänzer. Zunächst bei Heinz Spoerli, der damals Leiter des Basler Balletts war, dann am National Ballet in Toronto, Kanada.
Während Charly zunächst Steinbildhauer, dann Psychiatriepfleger und später Operationsassistent wurde, wechselte Markus nach ein paar Jahren zurück in die Welt, die seine Kindheit geprägt hatte: Er wurde Primarlehrer und absolvierte eine Ausbildung in Pädagogik für Hörgeschädigte. Aber die Bühne liess ihn nicht los: Heute ist Markus Bühlmann ein erfolgreicher Darsteller, Autor, Choreograph und Produzent von Musicals. Von ihm stammen die Gruppenszenen in «Ewigi Liebi», die Choreographien in «Heidi» oder auch die gesamte Inszenierung der Berner Aufführung von «Blood Brothers». In diesem Musical stand auch sein Bruder Charly neben ihm auf der Bühne. Dieser hat zwar das Musical nicht zu seinem Beruf gemacht wie Markus, doch auch er nimmt seit Jahren Gesangsstunden und spielt immer wieder in professionellen Produktionen mit.
Vieles hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Seit 1960 gibt es die Invalidenversicherung. Sie bezahlt die ärztliche Abklärung und zumindest einen Teil der zusätzlichen Ausbildungskosten gehörloser Kinder. Der Wert der Gebärdensprache ist anerkannt, und mit E-Mail und SMS wurde es für Hörgeschädigte immer einfacher, zu kommunizieren.
Für Elsa und Anton Bühlmann kam dieser Wandel fast zu spät. Doch mit Hilfe ihrer Söhne und vor allem dank der Beharrlichkeit, mit der sie sich über die zahlreichen Schwierigkeiten des Alltags hinwegsetzten, haben sie sich ihr Recht auf ein bisschen Glück erkämpft. Heute sind sie an jeder Premiere ihrer musikalischen Söhne dabei und stolz: Denn auch wenn sie ihnen das Singen nicht beibringen konnten, sind sie es doch, die den beiden die Fähigkeit in die Wiege gelegt haben, sich mittels Körpersprache und Mimik auszudrücken.