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Valerio Olgiati, geboren 1958 als Sohn des Bündner Architekten Rudolf Olgiati, studierte von 1980 bis 1986 Architektur an der ETH Zürich. Von 1993 bis 1995 führte er mit Frank Escher ein Architekturbüro in Los Angeles und eröffnete 1996 ein eigenes Büro in Zürich, mit dem er 2008 nach Flims umzog. Seit 2002 ist er Professor an der Università della Svizzera Italiana in Mendrisio. Zu seinen wichtigsten Bauten, die mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurden, gehören das Oberstufenschulhaus in Paspels, das Atelier Bardill in Scharans und das Besucherzentrum im Schweizerischen Nationalpark in Zernez.
von Gabrielle Boller
Das Haus sieht ein bisschen aus wie eine Erscheinung, so geisterblass und schneeweiss, wie es da mitten im Dorfkern von Flims steht – eine Erscheinung von so reiner Klarheit und ruhigem Ebenmass, dass man bei diesem Anblick unweigerlich an einen griechischen Tempel erinnert wird. Kein Wunder, denn Valerio Olgiati hat beim 1999 fertiggestellten Bau, eigentlich ein Umbau, fast mehr entfernt als hinzugefügt – ursprünglich war das heute als Museum genutzte Gebäude ein bürgerliches Wohnhaus mit Gemüseladen und heute noch namensgebendem gelbem Verputz, dem Zeitgeschmack entsprechend ein bisschen ornamentiert, aber alles in allem eher unspektakulär. Valerio Olgiatis Vater Rudolf, ebenfalls Architekt, schenkte das leerstehende Haus zusammen mit seiner Sammlung an kulturhistorischen Gegenständen der Gemeinde; dabei hinterliess er testamentarisch auch verschiedene Auflagen den Umbau betreffend – vollständig weiss gestrichen sollte es unter anderem werden; nun ist es viel mehr als das, es ist quasi eine Deklination der Bedeutung von Weiss in der Architektur, ja, man könnte das Haus auch als Ausrufezeichen verstehen, sorgsam und vielleicht ein bisschen spöttisch hinter die sogenannte weisse Bauhaus-Moderne gesetzt. Nachdem Valerio Olgiati den alten Fassadenverputz weggeschlagen hatte, vereinheitlicht der weisse Anstrich nun nicht nur die rustikal gemauerte Bruchsteinwand, die darunter zum Vorschein kam, sondern bindet auch die neuen, sichtbar belassenen Betonflicken, die von der versetzten Eingangstür, dem über dem letzten Stockwerk angefügten Mauerstreifen und den vertieften Fensterlaibungen herrühren, in den Gesamteindruck ein.
Das Haus, das sich so kubisch-kühl, modern und gleichzeitig archaisch zeigt, ist eigentlich das bis auf die Grundsubstanz entblösste Mauerskelett des vergangenen Hauses, die Essenz, bei der nun nichts mehr zu viel ist und alle Neuerungen ablesbar sind. Auch im Innern ist das vollständig entkernte Gebäude weiss, eine Tragekonstruktion aus Massivholz führt wie ein Baum durch die Stockwerke; asymmetrisch eingesetzt und im Dachgeschoss unterm Walmdach abgewinkelt, entsteht durch die eigenwillige Anordnung der Balken eine filigrane Raumskulptur. Bei einer Architektur, die sich allgemein als Kunst des Fügens von Volumen und Struktur zu metikulös durchkonstruierten Raumgebilden mit täuschend schlichter Aussenhaut beschreiben liesse, erstaunt es nicht, dass Valerio Olgiati seine Haltung bevorzugt in einer «Ikonografischen Autobiografie» dokumentiert, einem Bildatlas mit Fotos von Architektur, Interieur- oder Naturstücken, die von einer Tempelansicht über ein Flussufer bis zu einem Holztisch mit Käse, Brot und Wein reichen – man versteht, warum bei Olgiatis Bauten oft so etwas wie das ganz und gar urtümlich Anmutende im kompromisslos Heutigen aufscheint.