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Impasse Ronsin – Museum Tinguely – bis 9. Mai 2021
Von Adrian Dannatt
Was also ist die Impasse Ronsin? Hundert Jahre lang war diese Sackgasse im Pariser Montparnasse- Quartier die Heimat zahlreicher Künstler*innen, deren berühmtester Vertreter, Constantin Brâncuşi, von 1916 bis zu seinem Tod im Jahre 1957 hier lebte und arbeitete. Doch fanden sich auch viele weitere, zum Teil nicht minder bekannte Kunstschaffende hier ein: Max Ernst, Isamu Noguchi, Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely, der dort mit Yves Klein Skulpturen kreierte, Julio Gonzalez, Les Lalanne, Larry Rivers, William Copley und alle von Marcel Duchamp bis Jasper Johns, die diesen Ort besuchten und hier Werke schufen. Heute existiert die Impasse Ronsin nur noch als Pariser Strassenschild im charakteristischen Weissblau. 1971 wurden die letzten Reste der Künstler*innen-Kolonie schliesslich abgerissen und durch das Hôpital Necker ersetzt.
Die Impasse war auch Schauplatz eines der berüchtigtsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts. Denn unter den 1908 hier lebenden Künstler*innen befand sich auch der mässig erfolgreiche Maler Alfred Steinheil, dessen aparte Frau nicht nur eine bekannte Gastgeberin der Pariser Gesellschaft, sondern auch die verrufene Liebhaberin des französischen Präsidenten Félix Faure war, der angeblich infolge exzessiven erotischen Vergnügens in ihren Armen verstarb. Nachdem sie möglicherweise den Präsidenten getötet hatte, beteiligte sich Madame Steinheil womöglich an der Ermordung ihres leidgeprüften Ehemanns und ihrer eigenen Mutter, die man stranguliert in der Familienvilla auffand. Eine Impasse kann auch eine Sackgasse im übertragenen Sinn sein, ein ‹totes Ende› sozusagen. In dieser versteckten Gasse schossen bereits in den 1870ern notdürftig gezimmerte, hüttenartige Kunstateliers wie Pilze aus dem Boden. Doch erst ab 1900 wurde sie zur quasi offiziellen Kolonie für Kunstschaffende, nicht zuletzt im Rahmen der Arbeit an der Weltausstellung, die auch als Quelle für Holz und andere Materialien für den Bau weiterer Ateliers diente. Die komplette Liste aller Impasse-Künstler*innen (insgesamt über 200) fasziniert aufgrund der vielfältigen Herkunftsorte und Hintergründe und birgt in sich die ganze Bandbreite von Anonymität bis Prominenz und von Bestrebung bis Vergessenheit. Da waren die Bildhauer Fidencio Lucano Nava aus Mexiko und Mahmoud Mokhtar aus Ägypten, die Malerin Hanna Ben Dov aus Israel, Marta Minujín aus Argentinien, Henryk Berlewi, eine Leitfigur des polnischen Modernismus, die Bildhauerin Juana Muller aus Chile und kurzzeitig sogar die vietnamesische Seidenmalerin Ly Hoang Bui. Dank Brâncuşi gab es auch eine Ansammlung rumänischer Künstler und vor allem Künstlerinnen, die alle von Natalia Dumitresco bis Irina Codreanu um ihn kreisten. Offenkundig waren sein Ruhm und Talent ein grosser Anziehungspunkt für die dort siedelnden Künstler*innen. Sich damit zu brüsten, im selben Atelier-Dorf wie Brâncuşi gearbeitet zu haben, erwies sich als unwiderstehlich.
Als symbolträchtiges Ende der Impasse könnte Marta Minujíns Destruction Performance gelten. Die gerade mal 20-jährige argentinische Künstlerin benutzte die Impasse für die Verbrennung all ihrer Werke, gleich einer Ein-
äscherung der gesamten hundertjährigen Geschichte dieses Ortes. Beständigstes und besonders eindrucksvolles Zeugnis der Impasse ist natürlich Brâncuşis Atelier, das heute auf dem Platz vor dem Centre Pompidou steht. Bezeichnenderweise befindet sich am gegenüberliegenden Flügel des Pompidou ein Brunnen von zwei Nachbar*innen Brâncuşis, Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle, wodurch eine schöne ‹Ronsinische› Symmetrie mit Brâncuşis Atelier entsteht.
Warum jetzt eine Ausstellung zur Impasse Ronsin in Basel? Natürlich kam Brâncuşi auf seinem langen Weg nach Paris auch durch Basel, und Tinguely selbst wie auch seine beiden Ehefrauen Eva Aeppli und Niki de Saint Phalle waren Schlüsselfiguren der Impasse. Man könnte diese Ausstellung aber auch als eine Heraufbeschwörung der Welt vor den sozialen Medien bewerben, vor Textnachrichten und Smartphones, als man beim benachbarten Atelier an die Tür klopfte oder zum Eck-Café mit dem einen Telefon und den vergnüglich Trinkenden lief, um sich mitzuteilen. Aktueller, schmerzlicher ist die Schau vielleicht eine Art Andenken an die vertraulich alltägliche Geselligkeit jeder Künstler*innen-Kolonie, ein Ideal dieses fröhlichen Bohème-Lebens vor Corona, eine rohe nostalgische Sehnsucht nach unserem präpandemischen Gemeinschaftsgefühl, nach kreativer Interaktion. Wir befinden uns derzeit in einer Impasse, mehr denn je braucht es ein Dorf. ◀