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Geschichten mit Zöllnern
Der Drogenverdacht (22.11.1997)
Es war im Auftakt zum Versuch, in 24 Stunden mit dem Zug durch alle 26 Kantone zu fahren. Wie meine stundenlangen Fahrplanuntersuchungen ergeben hatten, eignet es sich am besten diese Herausforderung um fünf Uhr in St.Maurice (Wallis) zu beginnen, damit man mit dem Nachtzug am nächsten Tag das Tessin erreichen kann. Der 1. Zug von St-Maurice nach Genf kam damals aus Zagreb. Um nicht die Nacht auf dem Perron verbringen zu müssen, fuhr ich am Vorabend mit dem Zug, der mit Zagreb angeschrieben war, nach Domodossola, wo ich von halb zwei bis drei Uhr nachts zwischen den Bergen des Val d’Ossola auf den nach Genf fahrenden Simplonexpress wartete. Sieben Zöllner waren in Domodossola zuständig für die Kontrolle der beiden kroatischen Nachtzüge. In der Zwischenzeit haben sie nichts zu tun. Deshalb umzingelten sie mich. Ich hatte eigentlich nicht viel dabei; vorwiegend Esswaren, darunter ein PET-Fläschchen mit weissem Pulver und der Aufschrift „C6H12O6“, denn ich war in der Phase, in der ich mich vorwiegend von Magerquark (guter Preis pro g Protein) ernährte und deshalb immer etwas Zucker und ein Löffelchen dabei hatte. Das sah für einen so suspekten, vergammelten jungen Grenzpendler mitten in der Nacht schon eher nach Drogen aus. Weil ich aber das Tabellenwerk „Formeln und Tafeln“ dabei hatte um einige physikalische Konstanten auswendig zu lernen (Zeitvertreib), glaubten sie mir, dass ich Chemiestudent sei und C6H12O6 wirklich Glucose bedeute. Im Zug selbst kam noch ein anderer Zöllner, der auch fragte, ob ich wirklich sicher sei, dass im Fläschchen nur Zucker sei. Er fragte auch nach dem Billet. Als ich das GA zeigte, behauptete er, das sei die ID. Aber er musste dann weiter und liess mich bis Genf schlafen.
Festgehalten (17.5.1998)
Im ersten Jahr, als ich das Generalabonnement hatte, wollte ich alle Eisenbahnlinien der Schweiz abfahren, dazu gehörte auch der Berninapass. Weil ich zum Umkehren in Tirano 55 Minuten Aufenthalt gehabt hätte, stieg ich schon in Campocologno, also vor der Grenze, aus und wollte in die italienische Stadt zur Endstation laufen. Um nicht der Hauptstrasse folgen zu müssen, hatte ich auf der Karte einen Wanderweg ausfindig gemacht. Dieser war aber ab einem Punkt so sehr mit Dornen überwachsen, dass ich umkehrte, später wurde mir klar, dass dieser Punkt die Grenze war. Also lief ich der Strasse entlang. Irgendein Schild am Zollgebäude deutete ich als Wegweiser für Fussgänger und lief deshalb hinter dem Gebäude durch. Ein Zöllner, der dies bemerkte, pfiff mich zurück und nahm meine ID gleich mit. Eine Viertelstunde lang forschte er im Computer über meine Hintergründe nach, bevor ich weiter durfte, aber auf den Zug auf dem hintersten Kilometer des Schweizer Eisenbahnnetzes reichte es noch.
Geweckt (30.3.2005)
Seit ich alle Eisenbahnlinien der Schweiz gefahren bin, versuche ich spezielle Gegebenheiten zu nutzen, auf den verbleibenden Schienen fahren zu können, auf denen normalerweise nur Güterverkehr herrscht. So zum Beispiel der Monte-Olimpino-Tunnel, der in Chiasso beginnt und die Stadt Como umfährt. Die regulären Personenzüge fahren aber alle via Como und deshalb nicht durch diesen Tunnel. Im Nachtzug nach Florenz hatte ich aber Glück im Umglück: Vera und ich waren bereits am schlafen, als der Zug in Chiasso von den Zöllnern mit Spürhunden durchsucht wurden. Aus irgend einem unbekannten Grund roch der Spürhund etwas, was ihn süchtig machte, an der Wagenwand, genau dort, wo mein Kopf lag. Sobald der Zollbeamte die Abteiltüre öffnete sprang der Hund zur beschriebenen Stelle und leckte die Wand ab. Meine Reaktion hatte zum Glück ausgereicht, vorher noch meinen Kopf einzuziehen. Daraufhin wurde natürlich all mein Gepäck und das halbe Abteil durchsucht. Zu finden gab es aber nichts. Ich ärgerte mich, dass ich derart grob geweckt wurde. Doch als der Zug weiterfuhr, nahm ich wahr, dass es durch einen langen Tunnel ging. Erst dann kapierte ich, dass dieser Nachtzug durch den Monte-Olimpino-Tunnel fährt, weil er mitten in der Nacht sowieso nicht in Como haltet. Vera verstand mich nicht, als ich nach diesem Hunde-Ärgernis plötzlich wieder ganz glücklich und zufrieden war und beruhigt einschafen konnte. Aber ich bin heute noch froh darüber, dass mich der Hund geweckt hatte, denn sonst wäre ich durch diesen ersehnten Tunnel gefahren und hätte es nicht einmal realisiert.
Mitgenommen (14.9.1997)
Matthias Kipfer und ich reisten auf der Slowenien-Reise mal mit dem Zug nach Kroatien ein; nur für ein paar Stunden, wir hatten auch kein kroatisches Geld dabei, auch wussten wir nicht, wie diese Währung heisst, wir wussten nicht einmal, ob man für die Einreise einen Pass brauchte. Im letzten slowenischen Bahnhof lösten wir ein beiges Kartonbillet „Zagreb retour“. Es kam auch ein slowenischer Zöllner vorbei, der nach dem Pass fragte, sich aber sofort für die Störung entschuldigte, als er das rote Büchlein von Matthias sah. So war es eben: Er hatte einen Pass dabei und ich nur die ID. Als wir auf der Weiterfahrt keine Kirchen mehr auf den Hügeln fanden, wussten wir, dass wir Slowenien verlassen haben mussten. Alsbald kam der kroatische Zöllner, der den Pass meines Kollegen stempelte und meine Identitätskarte kommentarlos mitnahm. In Zagreb stiegen wir aus; ich stieg aber gleich wieder in den Zug um darin den Zöllner mit meiner ID zu suchen; als ich ihm begegnete, winkte er mir mitzukommen: Neben dem Bahnhof hatte ich ihm ins Polizeigebäude bis in den zweiten Stock zu folgen und auf einem Stuhl im Gang eine halbe Stunde zu warten. Nebenan sass eine Frau mit apathischem Blick, im ersten Stock schrie jemand. Unterdessen wurde der Zug weggestellt, und Matthias glaubte mich nie wieder zu sehen, denn er hatte nicht sehen können, dass ich mit dem Zöllner ausgestiegen war. Als der Zöllner einen entsprechenden Zettel gefunden hatte, den er stempeln konnte, liess er mich gehen.
Grüne Grenze beim Zollamt (27.7.2000)
Ja, der Ostblock, der ehemalige, der hatte auch im workcamp auf Burg Grabštejn in der tschechischen Republik nahe der deutschen und polnischen Grenze seine Tücken. Man arbeitete im sci (service civil international) meist von zehn bis drei Uhr. Weil die Sonne aber schon um fünf Uhr aufging und die Gegend eine wunderbare Hügellandschaft war, unternahm ich jeweils Morgenwanderungen im Ausmass von 15-25 km. In der zweiten Woche wollten einige Lagerteilnehmer auch mitkommen, so fern sie früh aufzustehen vermochten. Neunmal überquerte ich dabei die tschechisch-polnische Grenze, die man am aufgeschütteten Erdwall erkennen konnte, oder daran, dass bei den tschechischen Höfen die Hunde angekettet waren und in Polen man ab und zu von kalbsgrossen, fletschenden Hunden eingekreist wurde. Die Grenzübertritte erfolgten auf der grünen Grenze, was scheinbar gar nicht erlaubt war. Denn als ich mit der Amerikanerin Tracy Parker und dem Tschechen Tomaš Balej zum Dreiländereck Deutschland-Polen-tschechische Republik wandern wollte, folgten wir der Strasse bis 200 m vor der Zollstation, wo eine Abkürzung auf der Karte eingezeichnet war. Als der polnische Zöllner uns über den Grenzbach springen sah, gab er einen grimmigen Pfiff von sich und winkte energisch. Also gingen wir über den Grenzbach zurück und passierten den Zoll ordnungsgemäss. Der tschechische Zöllner hatte eine Riesenfreude mal einen amerikanischen und einen Schweizer Pass zu sehen. Nur glaubte er uns die Antwort „just for walking“ auf seine Frage, warum wir die Grenze überquerten, nicht ganz. Er war auch verwirrt, dass ich die Karte in der Hand hatte und voranging anstatt unser Tscheche. Der polnische Zöllner grollte nur und schwieg dabei. Von der polnischen Seite her erreichten wir das Dreiländereck und peilten von dort wieder den Zoll an. Unglücklicherweise kamen wir von der tschechischen Seite des Bachs her und überquerten diesen, als wir es merkten, aus purem Anstand kurz vor dem Zoll, leider vor den Augen des polnischen Zöllners. Weil dessen einzige Fremdsprache tschechisch war, hielt er Tomaš eine lange Moralpredigt (Tracy und ich standen abseits und taten so, als wüssten wir nicht, um was es gehe). Er habe etwas von illegalem Grenzübertritt und 2 Tagen Gefängnis erzählt, übersetzte uns Tomaš später, auf dem Weg zum Frühstück, doch wir lachten uns krumm.
Terroristenverdacht (6.10.2001)
Auf meiner Reise in den Himalaya kam ich auf dem Hin- wie auch auf dem Rückweg durch Indien; beide Male als ich aus Indien ausreiste, wurde ich falsch verstanden. Als der Bus von Delhi nach Kathmandu in einem kleinen Dorf über die Grenze von Indien nach Nepal fuhr dauerte es eine Viertelstunde, bis der Zöllner glaubte, dass mein Pass noch gültig war. Dass der Pass im Frühling 2000 um weitere fünf Jahre verlängert worden war stand zwar auf englisch dort, und ein gültiges Visum war auch daneben, aber irgendwie sah man ein Problem dahinter. Aus Anstand liess man mich dann durch. Bei der Abreise kam ich am Flughafen Delhi durch die Sicherheitskontrolle. Zwei Tage vorher hatte ich mir in Nepal den Koran auf deutsch gekauft, denn seit den Flugzeugentführungen und dem Anschlag auf das World Trade Center am 11.9.2001 wollte ich den Islam besser verstehen. Zudem dachte ich, dass ich vielleicht nebst den planmässigen 16 Stunden Wartezeit in Delhi noch zusätzliche Stunden warten müsste, denn die Swissair hatte zwei Tage zuvor sämtliche Flüge eingestellt. Zum guten Glück war mein Flug der erste, den Swissair seit dem Finanzkollaps wieder flog und einer der letzten überhaupt. Wie der Bibelvers im Losungsbüchlein angekündigt hatte (Der Herr, dein Gott, wandelte dir den Fluch in Segen um), wurde mein Aufenthalt um zwei Stunden verkürzt, und Swissair spendierte mir ein Nachtessen. Als ich dann mit dem Handgepäck durch die security control ging, wollte der Zöllner kurz reinschauen. Der arabisch angeschrieben Koran lag gerade zuoberst, sodass der Beamte mich mit einem sehr verwunderten Blick anstarrte. Daraufhin musste ich alles auseinandernehmen, bis zum Inhalt des Brillenetuis und des Necessaires. Ich war froh, hatte ich das Taschenmesser im Hauptgepäck. Danach flogen wir über Südpakistan und an der Taliban-Stadt Kandahar vorbei, einen Tag bevor der Krieg begann.
Schmiergeld und Vitamin B (13.-15.2.2005)
Einen Abstecher in die Ukraine wollte ich 2005 wagen. Ich hatte eine Reise von Estland nach Polen geplant und überlegte mir, ein Visum für die Ukraine zu beantragen. Für ein reguläres Visum muss man genau dokumentieren, wo man durchreisen will und auch die Adressen der Übernachtungen im voraus angeben. Für ein Transitvisum hingegen nicht und es ist erst noch billiger. Deshalb stellte ich bei der ukrainischen Boschaft einen Antrag für ein Transitvisum für die Strecke von Polen durch die Ukraine in die Slowakei, obwohl man von Polen auch direkt in die Slowakei fahren kann. Leider funktionierte dieser Trick nicht und ich musste ein reguläres Visum bezahlen und bekam es auch, ohne dass ich je eine Adresse angegeben hatte. Das Visum war dann auch drei Monate gültig, und so weit ich den ukrainischen Text verstanden hatte, gab es auch keine Bewegungseinschränkung. So versuchte ich am 13.2.2005 mein Glück im Nachtzug Polen-Odessa. Prompt fragte die Zöllnerin nach dem Reisedomizil und der Aufenthaltsadresse und drückte mir ein Formular in die Hand. Bis auf die Adresse wusste ich für alles etwas auszufüllen. Ein Student im selben Abteil meinte, ich solle einfach Hotel Odessa schreiben, das funktionierte dann auch. Somit war die Einreise geregelt. Das Hotel Odessa sah ich dann am Tag danach tatsächlich. Aber es gefiel mir gar nicht in der Ukraine, denn bei der Ankunft im Hauptbahnhof der Millionenstadt Odessa wollte ich als erstes das nächste Ticket lösen. Offensichtlich war eigentlich nichts in einer nichtslawischen Sprache angeschrieben. Einen Bancomaten gab es auch nicht. Auch andere Umstände bewogen mich, so schnell wie möglich wieder in die EU zurück zu reisen. Mit dem Geld aus der Innenstadt und den Zugsdaten von den Abfahrtstafeln wollte ich an einem Schalter anstehen. Ich beobachtete, dass die Reihenfolge, wer bedient wurde, nicht mit der Reihenfolge der Kolonne übereinstimmte, sondern eher mit dem Grad der Uniform. Zudem sah ich, dass man den Pass zeigen musste, wenn man ein Ticket lösen wollte (darunter waren auch Sowjet-Pässe zu sehen), und im Pass waren jeweils Geldscheine beigelegt. Die Bezahlung des Tickets folgte dann aber später. Da ich keine Schmiergelder beigelegt hatte, wurde ich beim ersten Schalter auch nicht bedient. Die Beamtin stand auf und wartete zehn Minuten, bis ich gegangen war. An einem anderen Schalter versuchte ich es mit der selben korruptionsfremden Überzeugung nochmals. Diese Beamtin ging dann zuerst einen Tee holen. Nach zehn Minuten konnte ich dann aber doch noch ein Ticket nach Lviv erhalten. Am nächsten Morgen war ich zwar in Lviv, aber immer noch 50 km von der polnischen Grenze entfernt. Wiederum nahm ich den Kampf an den Schaltern auf mich, doch überall hiess es, es fahre heute kein Zug nach Polen. Ein Geschäftsmann sprach mich darauf an, und er meinte, er könne mich mit dem Auto mitnehmen. Ich realisierte, dass die Züge wohl schon nach Fahrplan fuhren, aber wenn der Geschäftsmann den Beamten mitgeteilt hat, dass sie mir kein Billet verkaufen sollen, dann habe ich keine andere Wahl. Eine alte Frau und ich fuhren also mit seinem Auto an die Grenze. Es war kalt und schneite und es hatte schon eine sehr lange Autokolonne. Der Geschäftsmann überholte alle, regelte etwas im Zollhäuschen und durfte schon den ersten Teil passieren. Beim zweiten Teil des ukrainischen Zolls mussten wir trotz allen Beziehungen 20 Minuten warten, dann durften wir die Pässe im Zollhäuschen vorweisen. Der Beamte hatte eine mittlere Krise, als er mich fragte, mit welchem Auto ich unterwegs sei, und ich auf jenes Sowjetmodell mit ukrainischer Nummer zeigte. Mein russisch war ja auch sehr mangelhaft, aber immer noch besser als das nicht existierende englisch aller übrigen Beteiligten. Der Geschäftsmann konnte dann alles regeln. Keine Beziehungen hatte er offensichtlich zu den polnischen Zöllnern. Etwa drei Stunden standen wir an, denn es wurde jedes Auto auseinander genommen. Von den drei Stangen Zigaretten, die der Geschäftsmann dabei hatte, teilte er mir und der alten Frau je eines vorübergehend zu. Als wir dann in Przemysl in Polen ankamen, verlangte er mehr Geld, als der Nachtzug gekostet hatte, aber das war mir dann egal.