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Liszt à la Dupré?
Marcel Dupré verliess sich bei seiner Fassung von Franz Liszts «Variationen über ‹Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen›» eher auf dessen Klavierversion. Zu recht?
Aus dem Nachlass des grossen Pariser Orgelvirtuosen Marcel Dupré stammt diese 1948 entstandene Bearbeitung von Franz Liszts Variationen über «Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen», welche hier als Erstausgabe verlegt ist. Dupré übernimmt dazu in erster Linie einige Elemente aus der Klavierfassung von Liszt, die in der Orgelfassung fehlen. Die Idee, lisztsche Orgelwerke im Spiegel ihrer Klavierfassungen zu ergänzen, beruht auf der – vielleicht irrigen? – Annahme, Liszts Orgelstil sei nicht auf derselben Höhe anzusiedeln wie seine glänzende Klavier-Schreibweise.
Dieses Prinzip wurde z. B. auch von Jean Guillou in seiner «version syncrétique» von Präludium und Fuge über den Namen BACH angewandt, und grundsätzlich sind in älteren Liszt-Orgelausgaben (z. B. bei Straube) immer wieder Eingriffe in den originalen Notentext festzustellen. Ob bei einem so intelligenten und visionären Komponisten wie Liszt «Unvermögen» im Umgang mit dem Instrument und seinen Möglichkeiten vermutet werden darf, kann hier nicht erörtert werden, bedürfte aber in jedem Fall kritischen Hinterfragens, da im Vergleich der beiden originalen Fassungen je nach Instrument doch starke idiomatische Unterschiede in der Schreibweise feststellbar sind.
Welche der beiden originalen lisztschen Versionen zuerst entstanden ist, ist übrigens unklar; die neuere Forschung (Michael Heinemann, Martin Haselböck) setzt die Orgelfassung zuerst. Ob also Anpassungen des Notentexts, wie sie Dupré hier vollzieht, nicht den Ausführenden überlassen werden sollten, sei dahingestellt, oder anders gesagt: Wer Werke wie das hier vorliegende bewältigen kann, dürfte auch genügende Kenntnisse des Instruments und seiner Möglichkeiten haben, um nach bestem Wissen und Gewissen selbst gewisse Eingriffe vorzunehmen.
Die Problematik geht noch weiter: Dupré ergänzt selbstverständlich auch diverse Registrierungen, Manualwechsel und Artikulationen, die vor dem Hintergrund seiner – durchaus dogmatischen – Aufführungspraxis und der ihm zur Verfügung stehenden Instrumente französisch-sinfonischer Prägung zu sehen sind. Wie ist damit umzugehen? Spielen wir nun «Liszt à la Dupré»? Auf jeden Fall erlaubt diese Realisierung von Weinen, Klagen … einen interessanten Einblick in die «Küche» eines grossen Virtuosen und dürfte, vor allem im Vergleich mit den beiden Originalen, aber auch mit Duprés eigener, in den Registrierungen interessanterweise stark abweichenden Ausgabe der drei grossen Liszt-Werke (Bornemann 1941) die eine oder andere Anregung geben.
Franz Liszt: Variationen über «Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen», Orgelbearbeitung von Marcel Dupré; hg. von Jeremy Filsell, BU 2771, € 15.00, Dr. J. Butz-Musikverlag, Bonn 2016, Erstausgabe