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Die «Big Six» haben die Spitzenplätze in den letzten zehn Jahren meist unter sich ausgemacht. Nur Leicester City durchbrach die Phalanx mit dem sensationellen Meistertitel im Jahr 2016 ernsthaft. Doch jetzt tut sich was in der erweiterten Spitze der Premier League.
Seit über 10 Jahren beherrschen die «Big Six» die Premier League. 2009 stiessen mit Manchester City und Tottenham Hotspur zwei weitere Teams zum traditionellen Spitzenquartett mit Manchester United, Arsenal, Liverpool und Chelsea dazu. Dank deutlich besseren finanziellen Möglichkeiten setzten sich diese sechs Klubs deutlich vom Rest der Liga ab.
Seit der Saison 2010/11 belegten die «Big Six» zum Saisonende meist die ersten sechs Plätze der Tabelle. Von 60 möglichen Rangierungen in den Top 6 holten sich die Herausforderer in den letzten zehn Jahren nur gerade sechs. Dreimal patzte Liverpool, einmal ManUnited, einmal Chelsea und zuletzt auch Arsenal.
Beerbt wurden sie von Newcastle United (2012), Everton (2013 und 2014), Southampton (2016) und Leicester (2016 und 2020), das vor fünf Jahren als einziges Nicht-«Big Six»-Team neben den Blackburn Rovers (1995) den Titel in der Premier League holen konnte.
Von 2017 bis 2019 waren die «Big Six» wieder eine Klasse für sich, doch seither deutet sich immer mehr an, dass ihre Dominanz langsam zu bröckeln beginnt. Zwar liegen die absoluten Topklubs für die zweite Garde immer noch ausser Reichweite, doch die Kluft zwischen Rang 6 und 7 ist sportlich wie finanziell kleiner geworden. In dieser Saison mischen mit Leicester City, West Ham United und dem FC Everton gleich drei Klubs die alten Hierarchien auf. Und so haben sie den Abstand zur Spitze verringert:
Im Vorjahr wäre West Ham United fast abgestiegen. Als die Saison Ende Februar wegen der Corona-Pandemie unterbrochen wurde, lagen die «Hammers» nur dank des Torverhältnisses auf einem Nicht-Abstiegsplatz. Am Ende betrug der Vorsprung auf die Abstiegsplätze magere fünf Punkte.
Nun ist die Gefühlslage eine völlig andere: Der viertgrösste Londoner Fussball-Klub grüsste nach zwei Dritteln der Saison von einem Champions-League-Platz. Es wäre ein Meilenstein für den Traditionsklub: In der Königsklasse stand die «graue Maus der Premier League», die noch nie Meister wurde, sich meist im Mittelfeld klassiert und seit der Jahrtausendwende schon zweimal abgestiegen ist, noch nie. Als grösster europäischer Erfolg gilt der Sieg im Cup der Cupsieger 1965 im Final gegen 1860 München.
Dass West Ham in dieser Saison plötzlich ganz oben mitmischt, hatte sich nicht angedeutet. Zwar pumpt Mehrheitseigner David Sullivan, der sein Geld einst im Sex-Business machte, seit 2010 unbeirrt Geld in den Klub, doch gefruchtet hatte das lange nicht, denn auf dem Transfermarkt griff man mit beeindruckender Konstanz daneben: Dimitri Payet, Marko Arnautovic, Chicharito, Felipe Anderson oder Sébastien Haller – sie alle erfüllten die hohen Erwartungen nur zum Teil. Hinzu kam, dass Investor Sullivan es sich mit dem Umzug vom altehrwürdigen Boleyn Ground ins überdimensionierte Olympiastadion von 2012 vor fünf Jahren auch noch mit den Fans verscherzte.
Für den momentanen Aufschwung der «Hammers» ist vor allem ein Mann verantwortlich: Trainer David Moyes. Der 57-jährige Schotte übernahm West Ham bereits im November 2017, rettete den Klub vor dem Abstieg und musste dann doch wieder gehen. Als sein Nachfolger Manuel Pellegrini im Dezember 2019 entlassen wurde, durfte Moyes dann wieder übernehmen.
Wieder mit Erfolg: Moyes, der seit seinem missglückten Abenteuer als Nachfolger von Sir Alex Ferguson bei Manchester United notorisch unterschätzt wird, sicherte mit den «Hammers» erst den Klassenerhalt und baute die Mannschaft dann Schritt für Schritt nach seinen Vorstellungen um. Tomas Soucek, Vladimir Coufal, Saïd Benrahma, Craig Dawson – seine unspektakulären Sommer-Transfers schlugen allesamt ein und so formte Moyes aus einem Haufen talentierter Individualisten eine verschworene, solidarische Truppe, die sich eng an die taktischen Vorgaben des Trainers hält.
Der Spielstil ist typisch englisch: Die Mannschaft steht meist tief und greift hauptsächlich über die Flügel an und sucht dann Stossstürmer Michail Antonio in der Mitte. Ein wichtiger Faktor ist sofort auch Winter-Neuzugang Jesse Lingard geworden, der für mehr Kreativität auf den Aussenbahnen sorgt.
Zugute kommt West Ham sicher auch, dass man bislang von schweren Verletzungen verschont geblieben ist. Die Mannschaft ist eingespielt und ausgeglichen, lässt hinten wenig zu und zeigt sich vorne effizient. Ob die «Hammers» tatsächlich mit einem Champions-League-Platz liebäugeln dürfen, wird sich in den nächsten vier Spielen zeigen: Neben Aufsteiger Leeds heissen die Gegner Manchester City, Manchester United und Arsenal.
2016 wurde Leicester City aus dem Nichts englischer Meister. Eine Eintagsfliege, waren sich damals viele sicher – prompt fielen die «Foxes» in der folgenden Saison ins hintere Mittelfeld zurück. Die besten Spieler folgten dem Lockruf der wohlhabenderen Konkurrenz: N'Golo Kanté, Danny Drinkwater, Riyad Mahrez, Harry Maguire, Ben Chilwell – sie alle drehten dem Klub den Rücken zu.
Doch mit geschickten Transfers konnte Leicester die Abgänge stets adäquat ersetzen. Bis der geeignete Nachfolger für Meistertrainer Claudio Ranieri gefunden war, dauerte es aber etwas länger. Im Februar 2019 konnte schliesslich Brendan Rodgers von Celtic Glasgow losgeeist werden und der passte zu den «Foxes» wie die Faust aufs Auge.
Der Nordire, der mit Liverpool 2014 beinahe Meister geworden wäre, lässt einen hochmodernen Fussball spielen. «Vor 10 bis 12 Jahren war ich voll auf Ballbesitz-Fussball fokussiert», erklärte Rodgers unlängst in einem Interview mit Sky Sports. «Aber heutzutage braucht du mehr als ein System und mehr als einen Weg zu gewinnen.»
Mit hohem Pressing und Gegenpressing kann Leicester Spiele gegen weniger spielstarke Teams dominieren, doch imposant ist vor allem die Bilanz der «Foxes» gegen die Topteams der Liga. ManCity, Arsenal, Tottenham, Chelsea und Liverpool hat Leicester in dieser Saison geschlagen, gegen ManUnited gab's ein Unentschieden.
Gegen diese Teams überlässt Rodgers' Mannschaft den Ball mehrheitlich dem Gegner, zieht an der Mittellinie aber ein konsequentes Pressing auf. So bleibt nach der Balleroberung genügend Raum für den schnellen Konter über Harvey Barnes oder den wieselflinken Toptorschützen Jamie Vardy.
Beim FC Everton hat seit Februar 2016 der britisch-iranische Milliardär Farhad Moshiri das Sagen. Dieser will die «Toffees» mit aller (finanzieller) Macht in die Top 4 der Premier League und damit in die Champions League führen. Über 600 Millionen Euro wurden in den letzten fünf Jahren deshalb allein für neues Spielermaterial ausgegeben. Damit liegt Everton in dieser Kategorie und dieser Zeitspanne vor Liverpool, Tottenham und Arsenal auf Rang 4.
Trotz der grossen Investitionen hat sich der zweite Traditionsverein aus Liverpool sportlich kaum verbessern können, es sprangen lediglich die Plätze 7, 8, 8 und zuletzt 12 heraus. Und immer wenn sich die Resultate nicht sofort einstellten, kriegten das umgehend die Trainer zu spüren. Seit Moshiris Klubübername haben sich acht «Manager» an der Seitenlinie versucht, doch erst Carlo Ancelotti hat schliesslich das Format gehabt, das sich Moshiri wünschte.
Mit seiner natürlichen Autorität und ruhigen Art hat der 61-jährige Italiener Milan, Chelsea, PSG und Bayern München zur Meisterschaft geführt, mit Real Madrid gewann er zudem den Champions-League-Titel. Ancelotti arbeitet nicht so akribisch wie Pep Guardiola, er ist auch nicht so ein guter Motivator wie Jürgen Klopp, aber der «Spielerflüsterer» schenkt Vertrauen, hört zu und bleibt geduldig. Mit seinem ganz eigenen Trainerstil versucht er nun auch Everton die nötige Konstanz zu verleihen, die es braucht, um ganz oben mitmischen zu können.
Der Start in Ancelottis zweite volle Saison verlief traumhaft. Nach vier Siegen und einem 2:2-Unentschieden gegen den Stadtrivalen Liverpool grüssten die «Toffees» nach fünf Spieltagen von der Tabellenspitze. Die Neuzugänge Allan, Abdoulaye Doucouré, Ben Godfey und James Rodriguez fügten sich nahtlos ins Kollektiv ein. Vor allem James blühte unter Ancelotti wieder zu alter Stärke auf und brachte neuen Schwung in die mit Richarlison, Alex Iwobi und Dominic Calvert-Lewin ohnehin schon glänzend besetzte Offensive.
Trotzdem schiesst Everton zu wenig Tore – vor allem in den Heimspielen: Nur 14 der 40 Punkte holten die «Toffees» im heimischen Goodison Park, nur vier Teams haben im eigenen Stadion eine schlechtere Bilanz. Trainer Ancelotti sprang deshalb über seinen Schatten und appellierte öffentlich an die Einstellung der Spieler, was sich sogleich auszahlte: Im letzten Liga-Spiel feierte Everton den ersten Erfolg im Anfield im neuen Jahrtausend. Folgt jetzt auch noch eine Siegesserie zuhause, gehört Everton endgültig zu den Herausforderern der «Big Six».