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Der Bericht von Justin Wickham von "Learning Planet" über den Weg nach Dhawa und der kleine Film von Studenten aus Singapur, den wir auf Youtube gefunden haben, gaben uns einen ungefähren Eindruck des ersten Arbeitsortes bei unserem achten Einsatz als Lehrertrainer in Nepal. Zum Glück wussten wir vorher nicht, dass die Realität dann viel ungemütlicher sein würde, als man sich das überhaupt vorstellen kann.
Doch nun von Anfang an! Bei unserem Treffen in Kathmandu versprachen Giri, der Schulleiter von Dhawa, und Justin, unser Arbeitgeber von Learning Planet, fast alles, was wir uns für unseren Aufenthalt wünschten: Eine saubere Unterkunft (auf die eigene Toilette und auf die morgendliche warme Dusche müssten wir wahrscheinlich verzichten), einen privaten Transport in einem Jeep, eventuell eine Internetverbindung usw. Dann wurde erst einmal die Abreise aus Kathmandu aus verschiedenen Gründen um einen Tag verschoben, und dank Justin's Überredungskünsten reisten wir in einem öffentlichen Bus nach Gorkha.
In Gorkha's bestem Hotel genossen wir (Giri, Justin, unsere Kollegin und Übersetzerin Indira und wir zwei vom Senior Expert Corps) unsere "Henkersmahlzeit" und trafen dann noch den District Education Officer. Von ihm vernahmen wir, dass das von Giri am Mittagstisch geschriebene Gesuch für Schulausfälle infolge Lehrertrainings zwar genehmigt wurde, dass aber die Trainings am frühen Morgen stattfinden sollten. Schliesslich liess sich der DEO erweichen, den Zeitplan dem Schulkomitee zu überlassen, weil doch einige der Teilnehmer zwei Stunden zu Fuss den Berg hinauf zum Training kommen würden.
Am späteren Nachmittag fuhren wir dann endlich per Jeep von Gorkha nach Dhawa. Es begann schon bald langsam einzudunkeln, als wir auf der steinig-lehmigen und rutschigen Strasse den steilen Abhängen entlang durch die Reisterrassen kurvten. Justin, auf der Ladefläche auf unserem Gepäck sitzend, wurde arg durchgeschüttelt und mit einer gelb-roten Staubschicht eingedeckt.
Als wir nach mehreren haarsträubenden Kreuzungsmanövern und dreieinhalb Stunden "Schüttelbecher" endlich todmüde in Dhawa ankamen, war es wegen des allabendlichen Stromausfalls überall stockdunkel. Justin führte uns mit seiner Taschenlampe den engen und steilen Weg zu unserem neuen Zuhause hinunter und zeigte uns unsere Unterkunft: Ein schmutzig-staubiges Lehmzimmer, mit einem vergitterten Fenster ohne Scheiben, einem schmutzigen, mit Schulsachen belegten Pult, zwei an den Deckenbalken befestigten Drähten, übervoll mit den Kleidern der drei Töchter behängt, einem mit bereits gebrauchten Leintüchern bezogenen Bett mit einer dünnen Matratze, intensivem Stallgeruch von den beiden Büffeln im direkt angrenzenden Stall und überall Staub und Schmutz! Nichts war für unseren Empfang vorbereitet! Wir fühlten uns nicht gerade willkommen. An ein Auspacken unserer Koffer war nicht zu denken.
Wir verzichteten auf das Dahl Baht (Reis, Curry-Gemüse und Linsen-Sauce), das Giri's Frau Susilla am offenen Feuer zubereitet hatte. Der beissende Rauch in der Küche (ohne Abzug!) und das Essen mit den Fingern aus Blechtellern, auf Strohmatten auf dem Lehmboden sitzend, wirkten nicht gerade appetitanregend. Damals wussten wir zum Glück noch nicht, dass dies nun für 10 Tage am Morgen und am Abend unser Menü sein würde. Der Magen wurde durch den Reis wenigstens nicht überstrapaziert (ich verzichtete meist ganz auf das Gemüse und die Linsensauce), im Gegensatz zu den frisch vom Baum gepflückten Papayas, welche Dorly ein paar Tage Bauchweh bescherten.
Die Nacht war kalt, die Decke dünn, die Matratze hart, und der Wind zog durch das offene Fenster und die Ritzen in den Wänden. Die kleine Maus, die ich schlaftrunken von der Bettdecke scheuchte, war wohl mehr schockiert als ich selber. Sie liess uns fortan in Ruhe und trippelte nachts nur noch den Deckenbalken entlang. Auch die drei grossen Spinnen konnten uns nichts anhaben, und vom grossen Tausendfüssler in Indira's Bett hörten wir glücklicherweise erst am letzten Tag. Kaum ausgeruht und gerädert von der harten Unterlage warteten wir nun jeden Morgen auf die ersten Sonnenstrahlen (oder den dichten Nebel!).
Für die Morgentoilette mussten wir jeden Tag gut zehn Minuten auf einem glitschigen Weg den steilen Hang hinunter steigen. Das Wasser aus dem rostigen Rohr der öffentlichen Quelle war zwar erstaunlicherweise nicht ganz kalt. Angenehm waren das Duschen im Freien, das Rasieren ohne Spiegel und die häufigen Zuschauer aber nicht. Als morgendliches Fitnesstraining eignete sich aber der anschliessende Aufstieg recht gut.
Unsere Lehrertrainings starteten dann zwar nicht frühmorgens (das Schulkomitee fand andere Kompensationsmöglichkeiten für die Schulausfälle), aber auch nicht zum vereinbarten Zeitpunkt und nicht immer an den geplanten Tagen. Immer wieder mussten wir uns auf neue Termine und veränderte Zeitpläne umstellen: Zuerst war der District Education Officer schuld, dann war es ein plötzlich angekündigter offizieller Feiertag, dann eine Parteiversammlung der Gewerkschaftsmitglieder, der weite Schulweg, der Unterrichtsbesuche verunmöglichte, und zuletzt ein Veto der Schulkomiteemitglieder gegen unsere Verschiebungspläne. Im grossen Ganzen aber waren wir mit der Beteiligung der Lehrpersonen an unseren Workshops zufrieden. Diese äusserten sich auch sehr positiv bei Justin und Giri oder bei den täglichen schriftlichen Rückmeldungen. Bei den unteren Klassen wurden vor allem die praktischen Arbeiten geschätzt, und bei der Oberstufe wirkte der aus dem College von Gorkha engagierte Übersetzer als wirksames Bindeglied zwischen der anspruchsvollen Materie und den zum Teil überforderten Teilnehmern. Mit der Umsetzung des Gelernten dürfte es dann mehr Probleme geben.
Bei den abschliessenden Unterrichtsbesuchen zeigte sich einmal mehr, dass nur wenige Lehrpersonen bereit, fähig und willig sind, theoretisch Gelerntes in die Praxis umzusetzen: Praktisch alle hatten nur für die erste Lektion einen "Lesson Plan" geschrieben (das war eine Hausaufgabe im Training gewesen!), von Schüleraktivitäten sah man wenig oder dann bloss genau die behandelten Beispiele, an allem war die fehlende Infrastruktur schuld, und Dorly musste auch wegen der schreienden Stimme eines Lehrers eingreifen. Dass mich Giri trotz aller Versprechen nicht auf meiner Besuchstour begleitete (er hatte mal wieder ein wichtiges Meeting), zeigte wohl, dass er sich auch in Zukunft kaum gegen die Lethargie der Lehrpersonen, die Macht der Gewerkschaften und die mittelalterlichen Vorstellungen der Eltern wird durchsetzen können.
Was bleibt denn wohl von unserem zehntägigen Einsatz an den steilen Hängen des Gorkha-Distrikts? Bei den meisten Lehrkräften wohl ein Hauch von Schul-Exotik mit
wenig Nachhaltigkeit, bei einigen Wenigen ein hoffentlich spriessendes Samenkorn von kindsgerechtem Unterricht; bei Giri eventuell die Erkenntnis, dass er nicht für alles gleichzeitig verantwortlich sein muss; bei Babu, dem Kleinsten der Familie Giri, die Erinnerung an Erwachsene, die sich Zeit für ihn nehmen, und bei Justin die vergebliche Hoffnung auf einen nächsten Einsatz: Neeraj, der Vertreter von Swisscontact in Nepal, würde einen solchen Einsatz nicht mehr erlauben.
Und für uns? Ein Abenteuer, aus naivem Vertrauen eingegangen, das uns psychisch und physisch an unsere Grenzen gebracht hat, das wir aber aus Stolz nicht abbrechen wollten; mehr Verständnis für den Fatalismus der Einheimischen gege
nüber der Natur (als Giri's älteste Tochter Sujanna starke Kopfschmerzen und epileptische Anfälle hatte, sassen Eltern, Verwandte und Nachbarn einfach während Stunden im Kreis um sie herum und warteten auf das Abklingen der Symptome: What can we do?); eine Bestätigung der Erkenntnis, dass Menschen in schwierigen Situationen gerne Zuflucht nehmen zu oft unglaublichen Vorstellungen und Ansichten; immer wieder die leicht vorwurfsvolle Frage, warum sich die Leute nicht mehr bemühen, sich selber das Leben angenehmer einzurichten, statt einfach herumzusitzen und auf den reichen Onkel aus dem Westen zu warten; und natürlich die erneute Einsicht, wie gut wir es in der reichen und wohlorganisierten Schweiz haben. Aber dafür hätten wir Dhawa nicht unbedingt gebraucht!
UF