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Der genialische deutsche Maler Albrecht Dürer (1471 — 1528) muss und darf hier nicht vorgestellt werden. Wer den gottbegnadeten Künstler noch nicht hinreichend kennt und verehrt, hat noch viel aufzuarbeiten und wird den Mangel nicht durch einen Facebook-Post tilgen können.
Da es hier wie immer um Sprache geht, nehme ich den abgebildeten Holzschnitt Dürers bloß als Ausgangspunkt für meine heutigen Überlegungen. Im Jahr 1515 landete ein Nashorn in Lissabon. Es war der bis dahin ungewöhnlichste Import über den erst seit Kurzem bestehenden Seeweg nach Indien. Um sich das Wohlwollen Papst Leo X zu sichern, ließ König Manuel I von Portugal das Tier erneut auf ein Schiff bringen und als Geschenk für den Pontifex nach Rom verfrachten. Das Nashorn von Lissabon war in Rom schon vor seiner zweiten Reise bekannt. Der Florentiner Dichter Giovanni Giacomo Penni hatte bereits kurz nach dem Eintreffen des Tiers in Lissabon einen Traktat in Versen mit dem Titel ‹Forma e natura e costumi de lo Rinoceronthe› verfasst und veröffentlicht. (Man beachte nebenbei, dass im Titel der Schrift das ‹h› in ‹Rinoceronte› erstens im Italienischen überflüssig ist und zweitens, wenn schon, an der falschen Stelle steht. Darüber hinaus bedeutete ‹costume›, von dem sich das deutsche ‹Kostüm› ableitet, bereits im 16. Jahrhundert ‹Sitte› im heutigen Sinn. Und es war schon damals ziemlich schräg, bei einem Tier von Sitte zu reden, ganz zu schweigen von der Anmaßung, dessen ‹Sitten› an einem angeketteten Exemplar, das eine qualvolle Seereise von 120 Tagen hinter sich hatte, ablesen zu wollen.) In einem Sturm zerschellte das Segelschiff, welches das päpstliche Geschenk hätte überbringen sollen, an der Küste nördlich von La Spezia, und das ans Deck gefesselte Nashorn ertrank.
Dürer hatte das Tier selbst nie gesehen. Sein berühmter Holzschnitt entstand rein nach Giovanni Pennis poetisch-wissenschaftlicher Schrift und möglicherweise nach einer Skizze, die allerdings nicht bezeugt und schon gar nicht erhalten ist. Gerade diese Umstände der Entstehung machen aber aus dem Bild etwas höchst Erstaunliches. Für uns, die wir mehrere Nashörner in Zoos, in unzähligen hochauflösenden Fotografien und Dokumentarfilmen gesehen haben, ist es kaum fassbar, wie Dürer eine so beeindruckend genaue, detaillierte Vorstellung des exotischen Tieres allein aufgrund sprachlich vermittelter Informationen gewinnen konnte.
Dürers Illustration wurde bis ins 18. Jahrhundert in ganz Europa, Süd- und Nord-Amerika in Lehrbüchern der Zoologie und in wissenschaftlichen Publikationen übernommen, was nicht ohne Folgen blieb. Der deutsche Gattungsname ist wörtlich aus dem Griechischen übernommen und übersetzt: ‹ῥινόκερως› [Rhinókeros] aus ‹ῥινο› [rhino] (Nase) und ‹κέρας› [kèras] (Horn). Aber der Name der Art, nämlich ‹Panzernashorn›, konnte nur aufgrund des falschen Eindrucks geprägt worden sein, den Dürers Bild tatsächlich erweckt. Die dicken, schweren, aber durchaus biegsamen, weichen Hautfalten dieser Nashorn-Art wirken in der hier betrachteten Darstellung in der Tat eher wie die Blechplatten einer Ritterrüstung; daher und folglich die Assoziation mit einem Panzer. — In der Zoologie vermeidet man heute den Ausdruck ‹Panzernashorn› und verwendet lieber die sinnvollere Bezeichnung ‹indisches Nashorn›, doch aus der Umgangssprache ist der unpassende Name der Art wohl nicht mehr zu verbannen.
Das Panzernashorn ist jedoch kein Einzelfall. Unwissenheit hat in allen Sprachen Myriaden von falschen Tiernamen generiert, die nunmehr — obwohl wir’s inzwischen besser wissen — so stark verwurzelt sind, dass sie aus dem Sprachgebrauch nicht mehr eliminiert werden können: Flusspferde sind keine Pferde, der Beutelwolf war kein Wolf, die Fledermaus ist keine Maus und der Tintenfisch kein Fisch, der Zitteraal zittert nicht, sondern bringt allenfalls sein Opfer zum Zittern, und er ist kein Aal, ein Seehund und ein Seelöwe haben mit Hund und Löwen so wenig zu tun wie ein Kormoran (Provenzalisch ‹corp mareng› = Meerrabe) mit einem Raben und ein Koalabär mit einem Bären. Beim Koala ist wenigsten der ‹-bär› allmählich am Verschwinden wie glücklicherweise beim Wal der ‹-fisch› und beim Ren das ‹-tier›. — Beim ‹Rentier› handelt es sich sogar um eine andere Fehlerkategorie: Selbstverständlich ist das Ren ein Tier. Doch hier hat man das nordische Wort ‹dádýr› (Hirsch), also ‹rendádýr› (Ren-Hirsch) volksetymologisch, also fälschlicherweise, als Ren-Tier gedeutet. So ist auch der Vielfraß, der nicht mehr frisst als andere Raubtiere seiner Größe und seines dem Lebensraum angepassten Stoffwechsels, aus dem Altnorwegischen ‹fjeldfross› (Felskatze) missgedeutet worden — wobei das altnorwegische Wort schon falsch war, da der Vielfraß ein Marder ist und keine Katze. Man könnte die Liste beliebig fortsetzen; so sind Kaninchen keine Hasen und keine Häschen und mit diesen nicht einmal nahe verwandt, Meerkatzen sind Affen und leben im Wald und nicht am Meer und der Ameisenigel ist kein Igel; verschmäht zwar Ameisen und Termiten nicht, ernährt sich aber vorwiegend von Würmern und Schnecken.
Ein schwacher Trost: in anderen Sprachen ist es um die Tiernomenklatur nicht besser bestellt. So heißen die Fledermäuse auf Französisch ‹chauves-souris› und sind auch im Land von Wortkünstlerinnen und Wortkünstlern wie Molière, Comtesse de La Fayette, Jean Racine, Pierre Corneille, Victor Hugo und George Sand keine Mäuse! — Doch was an ihnen auch noch ‹kahl› sein soll, außer den Flügeln, die Mäuse ja sowieso nicht haben, bleibt so schleierhaft oder sogar grotesk wie die italienische Bezeichnung ‹pescecane› (Hundfisch) für einen Hai und die englische ‹Spermwale› (Sperma-Wal) für den Pottwal.