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Nach dem Versagen der abstrakten Raum- und Stadtplanung ist der Städtebau, genauer: der Stadtentwurf den Planern aus der Hand genommen und von den Architekten und Landschaftsarchitekten besetzt worden. Diese haben ihm, glücklicherweise, seine konkrete und räumliche Dimension zurückgegeben, haben aber den Entwurfsansatz, den sie für Häuser und Gärten gepflegt haben, auf die Stadt angewandt. Wie bei den Häusern und Gärten haben sie begonnen, mehr oder minder grosse Stadtbereiche zu entwerfen, indem sie sich vor allem auf die Erfindung verlassen und die Regeln der Disziplin vernachlässigt haben.
Das ist bereits für die zeitgenössische Architektur und Landschaftsarchitektur ein schwerwiegendes Problem; für den Stadtentwurf ist das ein Desaster. Denn mehr noch als die Architektur, hat sich der Städtebau seit jeher auf ein Wissen gegründet, das genau und geduldig in der Zeit angesammelt wurde. Dieses Wissen übergehen heisst, die Klugheit und die Arbeit jener zu vergeuden, die die Disziplin aufgebaut haben und Fehler zu begehen, die oft unheilbar sind.
Entwerfer, Gestalter, Forscher
Die neuen Städtebauer werden zwar weiterhin eng mit den Architekten und den Landschaftsarchitekten (und mit den Ingenieuren, den Verkehrsplanern, den Soziologen, den Ökonomen) zusammenarbeiten müssen, aber als eigenständige Vertreter einer eigenständigen Disziplin. Sie werden als Entwerfer und Gestalter auftreten müssen, zuvor aber als Forscher. Städtebau ist weniger der geniale Wurf als das geduldige Aufbauen auf Grundlagen, die teilweise bestehen und teilweise geschaffen werden müssen. Nicht zufällig handelt es sich um eine Disziplin, in der die Manualistik immer schon geblüht hat: von den Traktaten der Antike bis hin zu den Handbüchern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ihnen allen ging es darum, Wissen zu sammeln und zu systematisieren, um es verfügbar zu machen. Städtebau ist, wenn auch immer und notwendigerweise kreativ, primär eine Wissenschaft, wenngleich eine Wissenschaft ohne Axiom, und sie verlangt neben dem schöpferischen Akt eine methodische Arbeit.
Gegenstand dieser Arbeit ist in erster Linie die bestehende (realisierte, aber auch nur erdachte und gezeichnete) Stadtarchitektur und ihre Geschichte. Sorgfältig und entzaubert betrachtet ist sie potenziell beides: Baumaterial und Anleitung zum kritischen Umgang mit jenem Baumaterial. Das Studium der Städte der Welt erschliesst eine Art Thesaurus von Elementen, Strassen, Plätzen, Höfen, Passagen, Parkanlagen, Flusskais und Esplanaden, die in unzähligen (und oft wunderbaren) Ausprägungen variiert nur darauf zu warten scheinen, ausgemessen, untersucht, neu erfunden und umgesetzt zu werden. Zugleich gibt es dadurch, dass es diese Elemente in Beziehung setzt zu den Voraussetzungen, aus denen sie hervorgegangen sind, und zu den Folgen, die sie gezeitigt haben, die Parameter an die Hand, um deren Neuerfindungen zu bewerten. Anders ausgedrückt: um reflektierter zu entwerfen.
Städtebauliche Kompetenz
Denn das werden die neuen Städtebauer nach wie vor und sogar mehr denn je tun müssen: Städte, Stadtteile, Stadtelemente, Stadtfragmente zeichnen. Sie sind die Einzigen, die das können. Sie sind die Einzigen, die über die Kompetenz verfügen, die zahllosen Informationen, Wünsche und Begehrlichkeiten der Stadt in eine konkrete Form zu giessen. Mit anderen Worten: die Einzigen, die aufgrund ihres disziplinären urbanistischen Wissens aus den Analysen und Datenerhebungen eine eigenständige und durchaus auch persönlich gefärbte physische städtebauliche Konfiguration zu schaffen vermögen, in denen Menschen langfristig gut leben und zusammenleben können.
Vittorio Magnago Lampugnani ist emeritierter ordentlicher Professor für Geschichte des Städtebaus an der ETH Zürich und führt ein eigenes Architekturbüro in Mailand (Studio di Architettura) sowie ein weiteres in Zürich (Baukontor Architekten). Mehr
Magnago Lampugnani, Vittorio; Albrecht, Katrin; Bihlmaier, Helene; Zurfluh, Lukas (Hrsg.) (2017): MANUALE ZUM STÄDTEBAU. Die Systematisierung des Wissens von der Stadt. Berlin: DOM publishers.