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Michelle Steinbeck wünscht den seelenlosen Immobilienhaien die Enteignung
Ich stehe unten an der Treppe in der Londoner U-Bahn. Ungläubig schaue ich hoch. Es gibt weder eine Rolltreppe noch einen Lift. «Wärst du im Rollstuhl, wären die Ferien hier zu Ende», wie meine Cousine in solchen Fällen jeweils sagt.
Meine Beine tragen mich noch, aber meine Hände führen leider gerade den rollenden Hausrat für ein Vierteljahr mit – was soll ich sagen, ich liebe meine kleine neapolitanische Filterkaffeekanne.
Während ich also mein doppeltes Körpergewicht in Form eines überdimensionalen Schrankkoffers die Treppe durch die Londoner Rushhour raufwuchte, gibt mir eine Plakatdame von oben herab den weisen Rat: «If you feel uncomfortable, it’s good. It means you are growing.»
Am nächsten Etappenziel angekommen, muss ich merken: St Pancras International ist kein Bahnhof; das ist ein Flughafen mit all seinen Unannehmlichkeiten, auch wenn am Ende ein Zug wartet, der unter dem Meer durchfährt. Nach der Passkontrolle mit Augenscan und einer zehntausendfüssigen Warteschlange stehe ich am Laufband des Securitychecks. Und weil das hier eben doch kein Flughafen ist, röntgen sie nicht nur das Handgepäck. Das Fliessband ist mir auf Bauchhöhe. So weit hoch muss der Schrank. Ich stemme mit allen Fingern und Zehen. Der Security schaut mir belustigt zu. «In the box», befiehlt er, «flat.» Und weiter: «Are you moving?» – «Yes.» – «Where?» – «Paris.» – «Why?» – «Because I don’t have a home anymore, because of stupid Pensionskasse, because of money eating reptilians, because I’m a writer who needs to suffer for her art!» In echt zucke ich bloss kraftlos mit den Schultern. Ihn scheint es zu touchen: «You don’t have to. You can stay here.»
Stolpernd wandere ich durch den Tränenschleier und den Bodyscanner. Ich wundere mich, dass ich da noch durchpasse; würde die Theorie der Plakatlady stimmen, wäre ich auf bestem Weg, Riesin zu werden.
Gut, dass mein Pariser Zimmer in einem grossen Haus ist. Darin leben eine Menge «Artists». Morgens wache ich auf zu den Kehlkopfklängen einer Opernsängerin. Schön. Ich habe von meiner alten Wohnung geträumt. Ich wünsche den seelenlosen Immobilienhaien die Enteignung. Die haben vor Gericht tatsächlich gesagt: «Ihr seid so undankbar. Nun haben wir euch doch eine ganze Weile wohnen lassen.»
Gelassen? Die haben die Miete kassiert, und wenn im Winter die Heizung ausfiel oder das Warmwasser, haben sie gelacht und gewartet, bis der Frühling kam. In Paris ist er da, und so versuche ich, dem Herzschmerz zu entkommen und mein unverschämtes Privileg der Schweizer Autorinnenförderung zu geniessen. Ich setze mich in ein Café zu alten Männern, die ihre Krücken an das Wackeltischchen stellen, und jungen Männern, die an mein Stuhlbein spucken. Und ich wachse und wachse, bis ich platze – weil das Wi-Fi wirklich gar nicht geht. Und ich schwitze und fiebre im Entzug meiner beruhigenden Droge: Arztserien bingewatchen.
Es bleibt mir nichts anderes übrig, als auf die pflanzliche Alternative umzustellen. Ich verschlinge Clarice Lispector und Lucia Berlin und Françoise Sagan, und irgendwann fällt mir die Rede an einem Literaturevent vor ein paar Tagen in London ein, die so begann: «In these difficult times, there is nothing as soothing as a good book …»
Michelle Steinbeck ist Autorin im Gentrifikationsexil, zurzeit in Paris.