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Letzten Herbst gaben wir Willi Münzenbergs „Die Dritte Front“ in Neuauflage heraus. Münzenberg schildert in dieser politischen Chronik seine persönlichen Erfahrungen des Aufbaus der sozialistischen Jugendorganisation in der Schweiz, die theoretischen Kämpfe innerhalb der ArbeiterInnenbewegung rund um die Frage des Ersten Weltkriegs und des Aufbaus einer revolutionären Jugendinternationale.
Die Dritte Front“ erschien zum ersten Mal 1929 anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des kommunistischen Jugendverbandes der Sowjetunion als Aufzeichnung der Geschichte der kommunistischen und sozialistischen Jugendbewegung. Der Autor, der selber ein Protagonist dieser Bewegung war, hatte diese Aufgabe nicht in Form einer wissenschaftlichen historischen Aufar-
beitung, sondern mittels Rückgriffen auf seine persönlichen Erinnerungen vollzogen. Dadurch nahm das Buch zwar einerseits einen autobiographischen Charakter an, gespickt mit allerlei amüsanten Anekdoten, schilderte andererseits aber auch die wichtigsten theoretischen und politischen Auseinandersetzungen innerhalb der sozialistischen ArbeiterInnen- und Jugendbewegung in der Zeit rund um den Ersten Weltkrieg.
Der ursprünglich aus Thüringen stammende Münzenberg siedelte 1910 nach Zürich über, wo er sich als Apotheker-Gehilfe den Schweizer „Jungburschen“, aus der später die „Sozialistische Jugendorganisation“ hervorgehen sollte, anschloss. Ausführlich widmet er sich in seinen Erzählungen den internen Auseinandersetzungen zu theoretischen und taktischen Fragen, aber auch dem Kampf der Jugendorganisation gegen die Ausbeutung von Lernenden und schliesslich dem schwierigen Verhältnis zum „lahmen Gaul der sozialdemokratischen Partei“. Im Gegensatz zu der Führung der Mutterpartei und den Gewerkschaftsspitzen bildete die rasant anwachsende Sozialistische Jugend einen essentiellen Bestandteil des linken Flügels der Schweizer ArbeiterInnenbewegung und verteidigte nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges insbesondere den sozialistischen Internationalismus gegen die offizielle Position der Sozialdemokratischen Partei, welche mit der Zustimmung zur Militarisierung der Aussengrenzen im Parlament die Burgfriedenspolitik ihrer europäischen Schwesterparteien de facto übernahm.
Diese hatten, mit Ausnahme der russischen und der serbischen Partei, allesamt ihre nationalen Regierungen in deren Kriegstreiberei und Militarisierungspolitik unterstützt und dabei den Klassenkampf zugunsten der „nationalen Einheit“ beerdigt. Die Konsequenz war ein faktischer Zusammenbruch der Sozialistischen Internationale – internationale Kongresse wurden ausgesetzt, die Korrespondenz zwischen den verschiedenen sozialdemokratischen Parteien kam zum Erliegen; denn diese betrachteten sich nun gegenseitig als Parteien verfeindeter Staaten. Vor diesem Hintergrund war es der riesige Verdienst Willi Münzenbergs, eine internationale Konferenz der sozialistischen Jugendorganisationen einzuberufen, welche an Ostern 1915 in Bern stattfand. Die Delegierten verabschiedeten eine Resolution, welche den Krieg als „imperialistischen Krieg“ benannte und die von der Sozialdemokratie praktizierte Burgfriedenspolitik verurteilte.
Ausserdem beschloss die Konferenz die Einrichtung eines internationalen Sekretariats unter der Führung von Münzenberg. Dies bedeutete einen wichtigen Schritt vorwärts für die Reorganisation der revolutionären Kräfte innerhalb der internationalen ArbeiterInnenbewegung. Im Zuge dieser Reorganisation, welche auch an den Konferenzen von Zimmerwald und Kiental versucht wurde, rückte Münzenberg und die Sozialistische Jugendinternationale auch näher an die Positionen Lenins und der Bolschewiki, was den Boden für einen praktisch geschlossenen Eintritt der Sozialistischen Jugendorganisationen in die 1919 gegründete „Kommunistische Internationale“ und der Formierung der „Kommunistischen Jugendinternationale“ bereitete.
Natürlich sind Münzenbergs Erzählungen nicht frei von Romantisierungen und teilweise gar pathetischen Übertreibungen. Auch seine bis 1935 doch eher kritiklose Haltung zur Stalinisierung der Komintern und ihren verhängnisvollen taktischen Wendungen, etwa zur Sozialfaschismus-These, wollen wir hier natürlich nicht unterstützen. Doch „Die Dritte Front“ ist deshalb nicht weniger ein wichtiger Beitrag zur Erinnerung an die revolutionären Traditionen der sozialistischen ArbeiterInnen- und Jugendbewegung und beinhaltet wichtige politische Lehren für die dringend notwendige Wiederbelebung einer revolutionären internationalen Jugendbewegung.
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Die Dritte Front
Verlag AdV
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