Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03309.jsonl.gz/603

- Details
- Veröffentlicht: 17. Dezember 2015
Im 19. und 20. Jahrhundert sind vor allem zwei Künstler weit über Muttenz hinaus bekannt geworden, Karl Jauslin und Raoh Schorr.
Raoh Schorr bei der Herstellung eines Wandschmuckes: Ein Pfau aus Drahtgeflecht, dessen Rad einen Radius von 1.70 m mass.(1960)
«We did nothing but the best» vermeldet eine langjährige Mitarbeiterin der Bolton Studios.
«Ein Schweizer arbeitet für die Krönungsfeier» titelte die «Schweizer Illustrierte» einen Bericht über Raoh Schorr, der anlässlich der Krönung Elizabeths II. im Juni 1953 einen grossen Auftrag erhalten hatte.
Quelle: Heimatkunde Muttenz, Künstlerinnen und Künstler: aus Hildegard Gantner: Raoh Schorr, ein Künstlerleben, Liestal 1995
Vielseitig begabt war der Muttenzer Wirtesohn Fritz Gustav Schorr (1901 – 1991), der sich unter dem Künstlernamen Raoh Schorr einen Namen machte. Nach dem Wunsch des Vaters hätte er in vierter Generation das damals noble Hotel-Restaurant «Rössli» übernehmen sollen. Doch der einzige Sohn schlug einen künstlerischen Weg ein. Dieser führte ihn über die Allgemeine Gewerbeschule Basel nach München, Genf und 1925 nach Paris an die Académie de la Grande Chaumière.
Paris (1925 – 1934)
Während seiner neunjährigen Pariser Zeit schuf Schorr neben Gemälden vor allem kleinformatige, in Bronze gegossene Tierskulpturen. Ausserdem arbeitete er für Paul Poiret, Madeleine Vionnet und Robert Piguet, renommierte Häuser der Haute Couture. Auch entwarf er Frisuren für die internationale Kundschaft des Starcoiffeurs Antoine. In dieser schillernden Welt der Folle Epoque legte sich Schorr den Künstlernamen «Raoh» zu.
Um das vom Bankrott bedrohte «Rössli» zu retten, kehrte Schorr 1934 nach Muttenz zurück. Doch waren alle Anstrengungen umsonst.
London (1936 – 1988)
Mit 35 Jahren übersiedelte Schorr nach London, wo er bis 1988 lebte. Da er sich bereits einen Namen als «animalier » (Schöpfer von Tierskulpturen) gemacht hatte, konnte er sich rasch an Ausstellungen beteiligen und auch Käufer finden. So erwarb z. B. die Tate Gallery den in Bronze gegossenen «Bengalischen Tiger» von 1927. Noch vor Kriegsausbruch gründete Schorr die Bolton Studios, eine eigene Firma mit Werkstatt, die bis 1960 existierte. In diesen Studios entstanden vor allem Dekorationen für Schaufenster und Messen und zwei- oder dreidimensionale Werbung für Luxusartikel.
Zu den Auftraggebern gehörten so berühmte Häuser und Firmen wie Harrods, Elizabeth Arden oder Bally. Zeitweise beschäftigte Schorr bis zu 18 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. In der Familie überlieferte Fotos und Berichte in der englischen Zeitschrift «Display» bezeugen Schorrs vielfältiges und erfolgreiches Schaffen in dieser Sparte, deren Erzeugnisse der raschen Vergänglichkeit anheim gestellt sind. Nachdem Schorr seine Studios aufgegeben hatte, widmete er sich dem Töpfern und Aquarellieren. Wiederum modellierte er vor allem Tiere. In der Tradition barocker Tischdekorationen schuf er zudem Früchte oder Gemüse, die z. T. auch als Gefässe dienen können. Mit Sorgfalt und Akribie aquarellierte er Blumen im Stile botanischer Kompendien des 17./18. Jahrhunderts. Für beides, die Keramiken und die Blumenbilder, fand Schorr stets Liebhaber, entsprachen sie doch einer in England über Jahrhunderte überlieferten Vorliebe.
Brunnen SZ (1988 – 1991)
Altersbedingt hilfsbedürftig geworden, verbrachte Raoh Schorr seine letzten drei Lebensjahre in der Familie seiner Schwester Anna Gertrud in Brunnen am Vierwaldstättersee. Hier fand er auch seine letzte Ruhestätte. Nie wieder war er seit seinem Fortgang 1936 nach Muttenz zurückgekehrt. Die Erinnerung an den allmählichen Niedergang des «Rössli» war geradezu traumatisch.
Raoh Schorr aus dem «Rössli» in Muttenz hatte sich dank seiner sprühenden Fantasie, seiner künstlerischen und handwerklichen Fähigkeiten und nicht zuletzt dank seiner ausgesprochenen Liebenswürdigkeit in schwierigen Zeiten im Ausland einen Namen gemacht. In seinem Heimatort ist die Erinnerung an ihn mit dem Tod seiner Zeitgenossen so gut wie erloschen.1
aus: Muttenz zu Beginn des neuen Jahrtausends, 2009, S. 337, Hildegard Gantner-Schlee