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An dieser Stelle soll nun endlich auch einmal die Frage gestellt werden: Was eigentlich ist Kunst? Ist sie vielleicht etwas Absolutes? Die Materialisierung einer schon immer und unabhängig vom Menschen existierenden Idee? Ist sie eine besondere Art der Existenz, von der eine Ausstrahlung, eine Magie ausgeht, die uns zweifelsfrei spüren und wissen lässt: hier haben wir es mit Kunst zu tun? Oder ist der Anspruch, etwas sei Kunst, nur wenig mehr als eine blosse Behauptung oder Unterstellung? Ist er ein Übereinkommen, kontingent und willkürlich, von Mode, Markt und Machtverhältnissen abhängig? Und wenn weder das eine noch das andere wäre, gibt es dann objektive Kriterien für die Entscheidung, ob etwas Kunst sei oder nicht? Ein Kunsttest etwa, nach Art der Schwangerschaftstests aus der Apotheke?
Beginnen wir auf der Suche nach einer Antwort mit einer Geschichte. Für eine Ausstellung in einer kleineren Schweizer Stadt kreierte der Künstler Aldo Mozzini kürzlich ein Kunstwerk, das er «Ratthaus» nannte.1 Am Tag vor der Eröffnung baute er es im Ausstellungsraum auf. Er hatte dafür eine durchsichtig-bläuliche Hartplastikwanne mitgebracht, wie es sie in jedem Baumarkt zu kaufen gibt, ungefähr halb so gross wie ein Wäschekorb. In eines ihrer Kopfteile schnitt er eine halbrunde Aussparung. Dann streute er Sägemehl – es war von einer seiner anderen Installationen übriggeblieben, für die er Dachlatten zurechtgesägt hatte –, auf den Boden nahe vor einer Wand und stellte die Wanne mit der Öffnung nach unten darauf, die Seite mit der Aussparung dem Raum zugekehrt. Als letztes streute er auch noch vor die Aussparung etwas Sägemehl. Dann ging er nach Hause.
Am nächsten Tag wieder in der Ausstellung, fand er folgendes vor: die Wanne stand jetzt mit der Öffnung nach oben in einer Ecke des Raumes, in ihr ein Haufen säuberlich zusammengefegten Sägemehls. Ebenfalls Kunst? Und ist nun die namentlich leider unbekannte Reinigungsfrau, vermutliche Urheberin dieser Wandlung, genauso zu den Kunstschaffenden zu zählen wie Aldo Mozzini?
Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts fallen die Antworten auf solche Fragen nicht mehr so eindeutig aus wie in den Epochen davor. Wie in all den vielen Jahrhunderten, in denen die Kunst noch gross und schön war. In denen die Künstler Statuen meisselten oder Gegenständliches in Öl malten: Götter, Heilige, Helden, Fürsten, edle Frauen und Landschaften. In denen der Themenkanon der Kunst noch klar umrissen war und weitgehend Einigkeit herrschte, wie er malerisch umzusetzen sei. In denen nur Auserwählte solche Werke herstellten und die Museen Tempel für eine Elite waren. Damals wusste die Gesellschaft meist zweifelsfrei, was als Kunst einzuordnen sei und was nicht. Und weder Aldo Mozzini noch die unbekannte Reinigungsfrau wären wohl Kandidaten für den Ritterschlag zum Künstler gewesen.
In den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist schliesslich ein Höhepunkt der Auflösung früherer Sicherheiten erreicht. Andy Warhol hatte in einer New Yorker Galerie Kartons mit Pfirsichkonserven, Ketchupflaschen, Cornflakes- und Putzschwammpackungen gestapelt, so wie es bei uns am konsequentesten der Supermarkt Aldi vorführt – mit dem einen Unterschied, dass all diese Kartons täuschend ähnlich, unter Verwendung von Holz, Acryl und Siebdruck, per Hand angefertigt worden waren. Alles kann Kunst sein, urteilte Andy Warhol. Und Joseph Beuys, auf der anderen Seite des Atlantiks, teilte Warhols Zuversicht, indem er feststellte: «Jeder Mensch ist ein Künstler.»
Mit Warhol und Beuys war die Kunst endgültig aus der Tradition herausgetreten und hatte sich liberalisiert. Die ehemals voneinander geschiedenen Bereiche von sogenannt hoher und niedriger Kunst, von Anspruch und Unsinn, von Kunstfertigkeit und industrieller Produktion waren ineinandergefallen und hatten sich untrennbar miteinander vermengt. Die Folge ist bis heute: die Kunst ist befreit und ihr Betrachter verwirrt.
Wie beschreibt nun Aldo Mozzini selbst die zeitgenössische Kunst und sein Werk – ein Mann, der wirkt wie eine antike Statue aus Marmor, so gelassen, so zeitlos, so voller Harmonie? Mitten in seinem Atelier, dem ehemaligen Geräteschuppen einer Garage, stehen vergoldete Hocker und Stühle, fragil und krumm wie hartarbeitende Zwerge.2 In dem Regal dahinter präsentieren sich Sandalen, die Sohlen aus grobausgesägten Holzbrettchen, die breiten Riemen aus Plastik, in den Dekors Krokoleder, Migros Budget oder Birkenstock. «New Arrivals / Spring Collection» nennt er diese Sammlung 3, die dieses Jahr in der Villa du Parc im französischen Annemasse ausgestellt wurde.
Aldo Mozzini antwortet, es ginge bei der Kunst möglicherweise darum, einen Diskurs auszulösen. Wie etwa jenen unter Kindern, die seine Ausstellung in Frankreich besuchten und bemerkten: der Unterschied – auch bei den Materialkosten – war gar nicht einmal so gross, wenn sie ihre Nikes, Pumas und was es an teuren Kultmarken mehr gibt, mit den ausgestellten Sandalen des Künstlers verglichen. Heisst nun diese Beobachtung nicht auch: der Anspruch, ein Konsumgut habe Qualität, ist – ebenso wie der Anspruch, etwas sei Kunst – eine Behauptung, eine Unterstellung, ein Übereinkommen und vielleicht sogar Magie?
Kunst, profan und kurzlebig wie Konsumgüter, und doch Kunst. Konsumgüter, ästhetisch und ansprechend wie Kunst, und doch Konsumgut. Wie sehr alles ineinandergefallen ist, belegen auch Photos aus der Serie «Urbane Installationen», die Aldo Mozzini während einer Reise durch chinesische Städte aufgenommen hat.4 Der Titel «Urbane Installationen» kann hierbei in die Irre führen; denn es handelt sich nicht um künstlerisch intendierte Installationen, weder seitens des Künstlers selbst, noch seitens Dritter. Nein, es sind schlicht Wischmopps oder Reisigbesen, die in einer Ruhe- oder Arbeitspause an Wände gelehnt, zwischen Geländer gesteckt, an Absperrungen aufgehängt oder auf Podeste gestellt wurden, einzeln, paarweise, in Gruppen. Ist das nicht alles sehr schön? Braucht es noch mehr, um zu zeigen, dass die chinesischen Strassenfeger Künstler sind und Andy Warhol und Joseph Beuys bis heute recht behalten haben?