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Es war die ortsübliche Choreografie des Kommen-und-Gehens, die inszenierte Übergabe der Macht. Pünktlich um 07:30 Uhr Ortszeit trat Boris Johnson zum letzten Mal aus der berühmten Tür in der Downing Street in London und hielt seine Abschiedsrede als Premierminister.
Er liess seine Erfolge noch einmal Revue passieren, sein politisches Vermächtnis, beziehungsweise wie er wohl dereinst gerne in die Geschichtsbücher eingehen möchte. Seine Regierung habe den Brexit vollzogen, die Bevölkerung schneller geimpft als jedes andere Land und Putin die Stirn geboten. Dies sei «konservative Politik vom Feinsten».
Angedachte Baustellen und Verheissungen
Johnson blühte, im Regen stehend, förmlich noch einmal auf. In einem Wort-akrobatischen Feuerwerk zählte er eine schier endlose Liste seiner wahren und vermeintlichen Verdienste als Premierminister auf. Und er ist sich dabei treu geblieben: Johnson hat übertrieben und geflunkert.
Ich fühle mich wie eine dieser grossen Antriebsraketen, die ihre Funktion erfüllt hat, nun ausgebrannt ist und sanft wieder in die Atmosphäre eintaucht.
Ob eine gigantische Brücke über die Irische See, Hochgeschwindigkeitszüge in den Norden Englands oder schnellstes Internet in alle Ecken des Landes; viele seiner Wahlversprechen blieben angedachte Baustellen und Verheissungen. Der abtretende Premierminister liess sich von solchen Details nicht beirren. Die konservative Regierung sei auf Kurs, meinte Johnson.
«Ich fühle mich wie eine dieser grossen Antriebsraketen, die ihre Funktion erfüllt hat, nun ausgebrannt ist und sanft wieder in die Atmosphäre eintaucht und irgendwo in einer einsamen und unbekannten Ecke des Pazifiks versinken wird.» Er habe seine Pflicht erfüllt und werde sich jetzt zurückziehen. Niemand will dies dem umtriebigen Boris Johnson, der als Kind König der Welt werden wollte, so recht glauben.
Wie will Truss die Energiekrise angehen?
Die Detailbotschaft dazu wird am Donnerstag verkündet. Es wird Truss’ erste grosse Botschaft sein. Es sind zwei Modelle im Umlauf, die diskutiert werden. Das sind entweder Direktzahlungen an Haushalte und Unternehmungen, für welche die Belastung untragbar wird, oder ein generelles Einfrieren der Preise auf einem bestimmten Niveau für alle.
Das Defizit würde aus der Staatskasse finanziert. Die Kosten dafür werden auf umgerechnet 80 bis 100 Milliarden Franken geschätzt. Die Idee stammt ursprünglich vom Labour und wird sich schlecht mit den Steuersenkungen vertragen, die Truss in ihrer Antrittsrede einmal mehr versprochen hat.
Konsistentes Verhalten war nie seine Stärke, ebenso wenig Einsicht in eigene Fehler. Er hat es nicht ausgesprochen, aber man meinte zu spüren, dass er immer noch nicht so recht verstehen kann, weshalb er Downing Street nun verlassen muss. Er tat es dann trotzdem.
Kurz vor 8:00 Uhr reiste Johnson mit seiner Frau Carrie nach Schottland, um sich von der Königin zu verabschieden.
Zweckoptimismus in der Antrittsrede
Doch nicht nur Johnson reiste nach Schottland, sondern auch Liz Truss. Truss wurde auf Schloss Balmoral von Queen Elizabeth II. offiziell zur Premierministerin ernannt und mit der Regierungsbildung beauftragt.
Mittlerweile ist Truss nach London zurückgekehrt und hat in Downing Street ihre erste Rede an die Nation gehalten. Fast wäre sie dabei ebenfalls im Regen gestanden. Doch im letzten Moment klarte sich der Himmel auf und sie brachte die Rede im Trockenen über die Bühne.
Sie lobte einmal mehr ihren Vorgänger. Es sei eine Ehre, von ihm das Amt zu übernehmen. Die Welt befinde sich nun mitten in einer Krise, und sie werde alles tun, um die Britinnen und Briten aus dieser Krise zu führen und sie zu unterstützen. Ihre Antrittsrede war von viel Zweckoptimismus geprägt. So sagte Truss beispielsweise am Schluss: «Egal wie heftig der Sturm ist, die Britinnen und Briten werden immer stärker sein.»