Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03141.jsonl.gz/2903

Mit Vorteil weiblich?
Frauen und Männer sind verschieden. Ich widerstehe hier der Versuchung, die primären, reizvollen Unterschiede zu beschreiben. Denn es sind die ebenso typisch weiblichen, aber weniger augenfälligen Attribute, die unsere Zukunft verändern werden. Vielleicht erkläre ich das mal am Beispiel eines fiktiven Stammes irgendwo im Amazonas-Urwald. Die Männer sind Jäger und Krieger. Um erfolgreich zu sein, braucht es starke hierarchische Strukturen. In der Hitze des Gefechtes sind tiefschürfende Diskussionen über die geeignetste Jagd- oder Kriegsstrategie nicht hilfreich. Es braucht einen Anführer der befielt und Männer, die das Risiko einer Verletzung oder gar des Todes in Kauf nehmen. Nur so können Jäger und Krieger erfolgreich sein. Die Frauen bleiben derweil im Dorf, kümmern sich um den Nachwuchs und sammeln Nahrung. Innerhalb dieser Gruppen braucht es starke soziale Bindungen. Die Frauen helfen sich gegenseitig und koordinieren Ihre Arbeit.
Zum Aufbau und Erhalt dieses sozialen Netzwerks braucht es viel Kommunikation. Das Risiko von Verletzung oder Tod ist in der weiblichen Gemeinschaft unbedingt zu vermeiden, denn das würde das Fortbestehen des Dorfes gefährden. Schon unsere Höhlen bewohnenden Vorfahren lebten in ähnlichen Gemeinschaften. Zwar haben wir in den vergangenen 3000 Jahren Höhlen durch Häuser ersetzt, aber im Grunde funktionieren Männer und Frauen immer noch nach dem gleichen Prinzip. Männer sind auch heute noch bereit, Risiken in Kauf zu nehmen (UBS) und Frauen kommunizieren (Internet-Chat), um ihr soziales Netzwerk auszubauen und um ihr Beziehungsumfeld zu harmonisieren. Anfang des 20. Jahrhunderts kämpften die Suffragetten für die Rechte der Frauen. Rund 110 Jahre später sind die Frauen dabei, in vielen Bereichen das Zepter zu übernehmen. Wenn heute die Schweiz und Deutschland auf höchster Ebene verhandeln, so treffen sich die Bundespräsidentin und die Bundeskanzlerin. Zwei Frauen korrigieren das, was vorher ihre männlichen Kollegen mit der Kavallerie- und Indianerdiskussion in die Sackgasse manövriert haben.
1867 promovierte erstmals eine Frau an der medizinischen Fakultät der Universität Zürich. Heute sind die Studierenden an den Universitäten über alle Fakultäten hinweg zu 50 % weiblich. Der Frauenanteil bei den Staatsexamen in Medizin beträgt derzeit 61,5 %, Tendenz steigend. Dass aber gleichzeitig nur 9,9 % der Chefarztpositionen von Frauen besetzt sind, lässt sich damit erklären, dass Frauen weniger bereit sind, für Karriereziele jedes Mittel einzusetzen. Sie nehmen eher in Kauf, zu Gunsten anderer Lebensziele auf eine Karriere zu verzichten und beanspruchen überdurchschnittlich oft alternative Arbeitszeitmodelle.
Unsere intellektuelle Elite wird also bald einmal von Frauen dominiert. Das bedeutet, dass sich unsere erfolgsorientierte Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung in den Fundamenten ändern wird. Erfolg um jeden Preis ist nicht mehr legitim. Der Wettbewerb unter Kollegen als Karrieremotor hat ausgedient. Risiko ist zu vermeiden.
So bekommt auch der Spruch «Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin» eine ganz neue, realistische Dimension. Im Gegenzug wird die geplante und institutionalisierte Kommunikation stark an Bedeutung gewinnen.
Nun, Evolution und Geschichte lehren uns, dass die Menschheit sowohl die weiblichen wie auch die männlichen Eigenschaften in einer ausgewogenen Balance braucht. Problematisch wird es immer dann, wenn die eine oder andere Grundhaltung dominiert. Ohne risikobereite Innovatoren und ohne Wettbewerb gibt es keinen Fortschritt. Zu viel Risiko- und Kampfbereitschaft führen jedoch früher oder später zum Kollaps und vernichten wertvolle Ressourcen.
Fredy Obrecht