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Ein Fotoalbum von 1945 in der Sammlung Winterthur gibt unerwartete Einblicke in das Leben der internierten Soldaten in Winterthur. Die Tochter des Fotografen lebt seit 1991 in der Schweiz und wusste bis vor kurzem nichts von diesem Album
Es ist eines der Schätze in der Sammlung Winterthur: Das Fotoalbum, das der polnische Offizier 1945 Leszek Bialy der Gönnerin Clary Schoellhorn, der Gattin des Haldengut-Direktors Kurt Schoellhorn geschenkt hat. Bis vor kurzem wusste man sehr wenig über diese Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg. Winterthur unterhielt zusammen mit Freiburg ein Hochschullager. Hier konnten die polnischen Soldaten ihre Studien fortsetzen; zunächst in Winterthur, später auch an Uni und ETH in Zürich
Die Fotos von Leszek Bialy dokumentieren den Unterricht, der zunächst in verschiedenen Räumen in Winterthur stattfand, so zum Beispiel im heutigen Gewerbemuseum. Dort erinnert auch eine Tafel an diese wichtige Zeit. Gut dokumentiert sind die zivilen und militärischen Verantwortlichen jener Zeit: Wir sehen den polnischen General Bronisław Prugar-Ketling bei einem Rapport mit der Truppe, den polnischen Oberst Reder, dann diverse Schweizer Persönlichkeiten wie etwa Major Hermann Siegrist, der als wichtiger Architekt des ‘Neuen Bauen’ bekannt wurde.
Als Rektor dieser temporären Hochschule amtete der pensionierten ETH-Rektor Charles Andreae, der selber Tunnelbauingenieur war. Dokumentiert sind auch die Arbeitseinsätze während der Semesterferien im Kanton Graubünden.
Das Album ist einer gewissen Clary Schoellhorn gewidmet. Sie und ihr Gatte Kurt Schoellhorn-Dreyer engagierten sich für die Internierten, lesen wir in den Memoiren von Wiktor Stefaniak, der ebenfalls in Winterthur interniert war: «Wöchentlich bekam unsere Soldatenstube Besuch von Herrn und Frau Sch. Das genannte Ehepaar gehörte zu den eher wenigen Winterthurern, die für das geistige Leben und für die kulturelle Tätigkeit der Internierten im Soldatenfoyer Interesse zeigten». Das Ehepaar stellte den Soldaten und Offizieren auch Räume für die Freizeitgestaltung zur Verfügung. An den Wänden wurden grossformatige Bilder mit Szenen aus der polnischen Geschichte gemalt, wie man auf einigen Fotos gut erkennen kann.
Zu Ostern hatte sich Clary Schoellhorn ein besonderes Geschenk ausgedacht, sie überraschte die Soldaten mit einer riesigen Pyramide von Eiern. «Wir dachten zuerst an einen originellen Einfall der lieben, etwas zur Exzentrik neigenden Frau Sch, der das Symbol der Osterzeit so eindrücklich darstellen sollte. Erst als uns die freigiebige Spenderin zum Eiertütschen animierte, stellten wir zu unserer Überraschung fest, dass die hohe Pyramide nicht nur ein Symbol der Osterzeit war, (immerhin lebte damals das Schweizer Volk in einer strengen Rationierungszeit!), sondern dass sie aus wirklich essbaren Hühnereiern bestand.»
Wenig war bis vor kurzem über den Fotografen Leszek Bialy bekannt. 2020 veröffentlichte die Zuger Journalistin Marie-Isabell Bill ein Buch mit polnisch-schweizerischen Familiengeschichten, die aus Verbindungen jener Zeit hervorgegangen sind. Darin ist auch das Leben von Leszek Bialy beschrieben. Er fotografierte in seinem Chemiestudium in Lemberg, dem heutigen Lviv und schloss sich nach dem deutschen Einmarsch in Polen dem Widerstand an – so kam er in die Schweiz und nach Winterthur. Hier traf er seine später Frau Berti Baumeler. Sie stammte aus einer armen Luzerner Bauernfamilie und war als Hausmädchen bei der Winterthurer Arztfamilie Roth an der Schaffhauserstrasse 1 beschäftigt. Das Paar ging nach dem Krieg zurück nach Polen – Schweizerinnen verloren damals bei einer Heirat mit einem Ausländer ihr Bürgerrecht. In Polen kam 1959 Tochter Zofia zur Welt. Sie erhielt 1986 ihr Schweizer Bürgerrecht zurück und zog nach ihrer Scheidung 1991 in die Schweiz. Natürlich wusste sie von der Fotografen-Tätigkeit ihres Vaters, aber das Album in der Sammlung Winterthur hatte sie bis vor kurzem noch nie gesehen. Fast umgehend reiste sie deshalb 2021 nach Winterthur. Im Gepäck 200 grossformatige Negative, die sie ebenfalls der Sammlung Winterthur überliess. Und im April 2022 folgte noch mehr Material: Fotos von ihrem Vater Leszek aus Winterthur, aber auch aus Polen. Er starb am 2.Oktober 1974. Zofia Berset-Bialy bleibt mit der Stadt Winterthur verbunden: am 14.Mai wird sie an einem Treffen der Nachkommen polnischer Internierten in Winterthur dabei sein und am 27.Mai wird sie mit ihrem Kinderchor ‘Petits Chanteurs de Montreux Est’ am 8. Schweizer Kinder- und Jugendchorfestival ebenfalls in Winterthur teilnehmen.
Marie-Isabelle Bill: Interniert. Polnisch-schweizerische Familiengeschichten. Zürich. Chronos Verlag 2020.
Gibt es Parallelen zu heute?
Wir erinnern uns: Im Sommer 1940 kamen 12 500 polnische Soldaten in die Schweiz. Sie wurden hier bis zum Ende des Krieges 1945 interniert und auf rund 1000 Ortschaften in der Schweiz aufgeteilt. Heute leben bereits 45 000 ukrainische Flüchtlinge in der Schweiz, jeden Monat kommen 1000 neue dazu. Die Frage nach den Parallelen zwischen 1940 und 2022 drängen sich auf. Es gibt Gemeinsamkeiten und Unterschiede: In beiden Fällen hat die Schweiz schnell und grosszügig gehandelt. Damals ging es aber um eine Internierung, alle geflüchteten Soldaten waren Männer und sie mussten in Lagern leben und durften keine Arbeit erledigen, welche Gewerbe und Wirtschaft konkurrenzierten. Grundlage der Aufnahme war das Kriegsvölkerrecht. Heute geht es um Flüchtlinge im engeren Sinn, zudem sind fast alle der Geflüchteten Frauen. Gesetzliche Grundlage für die Aufnahme der Flüchtlinge ist das Asylrecht. Die Flüchtlinge erhalten den Schutzstatus S und dürfen am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben der Schweiz teilnehmen, sie dürfen arbeiten, sich frei bewegen, Kinos, Konzerte und Restaurants besuchen. Sie leben nicht in Lagern sondern in der Regel bei Gastfamilien. Die polnischen Soldaten lebten nicht nur in Lagern, ihnen war auch der Kontakt mit den Einheimischen verboten. Das hat natürlich nicht geklappt und nach dem Krieg zählte man mehr als 500 Kinder aus solchen Verbindungen, viele der Paare haben danach geheiratet. Zofia Berset-Bialy ist eines dieser 500 Kinder.
Der Text erschien am 12.Mai 2022 als Bildseite im Winterthurer Landbote.