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Alain Tanner ist tot. Der wichtigste und erfolgreichste Vertreter des neuen Schweizer Films der 1960er und 70er Jahre ist heute Morgen 92jährig gestorben.
Zwölf Jahre bevor Hollywood mit dem feministischen Roadmovie Thelma & Louise zwei Frauen aus den gesellschaftlichen Zwängen ausbrechen liess, hatte Alain Tanner das schon in der Schweiz durchgespielt.
Messidor hiess Tanners Film von 1979, in dem die Studentin Jeanne und die Verkäuferin Marie aufbrechen, um die Freiheitsmöglichkeiten der reichen Schweiz zu erkunden – und tödlich scheitern. „Zum Tod von Alain Tanner“ weiterlesen
Warten auf Bojangles – «En attendant Bojangles» – war der Debutroman von Olivier Bourdeaut, ein sofortiger Bestseller in Frankreich. Jetzt tanzt die leichtfüssige Geschichte einer depressionsgefährdeten grossen Liebe über die Leinwand. Der Film von Régis Roinsard ist grosses Kino, weil er den emotionalen Absturz achterbahnmässig aufbaut.
«Mr. Bojangles», der traurige Clown im Gefängnis, der mit seinen Sprüngen alle zum Lachen bringt, wurde seit den 1960er Jahren von allen Grossen besungen, von Sammy Davis jr. über Bob Dylan bis zu Nina Simone.
Bojangles steht nicht nur im Titel des Romans von Olivier Bourdeaut, er ist auch das perfekte Bild für himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt, das die Geschichte einer ganz grossen manisch-depressiven Liebe prägt. In dieser Geschichte ist die von Virginie Efira gespielte Camille eine Art Bojangles.
Régis Roinsard beginnt seinen Film auf dem absoluten manischen Höhepunkt. Der von Romain Duris gespielte Garagenbesitzer Georges Fouquet verliebt sich in Camille, als diese an einem mondänen Fest voll bekleidet ins Wasser springt. Beide lieben das Spiel mit dem Schein; sie spielen für sich gegenseitig die verrücktesten Figuren, mit den absolutesten Ansprüchen an das Leben, die Liebe und die Leidenschaft.
Vor allem Camille will nichts wissen von den banaleren Seiten des Alltags. Die beiden heiraten, bekommen einen Sohn und leben im permanenten Rausch des Feierns und Tanzens.
Natürlich geht es nicht lang, bis man sich als Zuschauer fragt, wo denn die Realität im Leben dieses Paares bleibt. Camille ist die Königin des Ausblendens, was nicht passt, wird ignoriert, seien es die Rechnungen, die sich in der Wohnungsecke stapeln oder die geregelten Ansprüche der Schule an die Erziehung des Sohnes – aus dessen Perspektive die Geschichte auch zunehmend erzählt wird.
Camilles charmante Verrücktheit ist mitreissend, nicht nur für ihren Mann und ihr Kind.
Er habe die Verrücktheit immer als etwas Fantastisches begriffen, sagt Regisseur Roinsard.
Und so präsentiert sich denn auch die erste Hälfte seines Films als mitreissende Utopie, als Feier der Liebe und der Lebensfreude. Bis Vater und Sohn bei Camille immer mehr Anzeichen heimlicher Trauer oder gar Verzweiflung bemerken.
Camille ist, nüchtern betrachtet, manisch-depressiv. Und ihre Abgründe reissen ihren Mann und ihren Sohn schliesslich genauso mit, wie ihre Höhenflüge.
Diese Gefühlsachterbahn hat nicht nur den Roman getrieben, sie eignet sich auch perfekt für das Kino. Das ist in seiner intensivsten Ausprägung als Melodram ja grundsätzlich manisch-depressiv.
Den Kontrast von himmelhochjauchzend zum Absturz fängt im Film wie im Roman der Blick des erzählenden Sohnes auf. Er nimmt uns, im Rückblick, als Erwachsener, mit auf die Reise, die er überlebt hat, indem er auch die Höhenflüge seiner Eltern in Erinnerung behält.
En attendant Bojangles ist als Film darum mindestens so stark wie das Buch, weil Regisseur Roinsard das Kino hier ganz grundsätzlich als Achterbahn der Gefühle laufen lässt. Lachen und Weinen, das eine befeuert das andere.
Die 16jährige Marusya in Moskau ist überzeugt, sie werde das Ende des Jahres 2005 nicht mehr erleben. So viele ihrer Freundinnen und Freunde sind bereits tot – Suizid wirkt unter diesen Teenagern in Putins neuem Russland wie der letzte verbliebene Akt des Widerstands.
Nachdem sein Vater gestorben war, liess Peter Entell seine Videoaufnahmen von den jährlichen Familientreffen in den USA fünfzehn Jahre in der Schublade liegen. Bis er selbst vor drei Jahren 67 wurde, das Alter, in dem sein Vater einen Herzinfarkt erlitt.
Entells Vater Marc, oder Mottl, wie er als Kind in der Ukraine genannt wurde, lebte nach dem Infarkt noch weitere fünfzehn Jahre. Und jedes Jahr zum Geburtstag besuchten ihn seine vier Kinder, Peter, der Jüngste, die zwei Schwestern und der ältere Bruder. „GETTING OLD STINKS von Peter Entell“ weiterlesen
Ende März werden wieder die Oscars verliehen. Für diese Award-Show interessieren sich immer weniger Menschen. Die meisten Zuschauer:innen wurden 1998 verzeichnet, als Titanic der grosse Abräumer war. 55 Millionen Menschen schauten damals zu. Im Pandemie-Jahr 2021 waren es weniger als zehn Millionen.
Selten hat mir ein Dokumentarfilm so schnell und direkt «den Ärmel reingenommen» wie Grossenbachers Schwarzarbeit. Diese Mannen (und die eine Frau) von der Arbeitsmarktkontrolle Bern sind schon für sich ein Makrokosmos.
Realismus ist nicht immer überzeugend auf der Leinwand. Manchmal knallt der Mut zur irren Konstruktion viel direkter ins Gemüt.
Das ist jedenfalls so bei dieser belgisch-schweizerischen Koproduktion. Die Figurenkonstellation die uns Regisseur Chautems hier auftischt, ist auf den ersten Blick so künstlich, dass es weh tun müsste.