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Die Anfrage der nordkoreanischen Botschaft erreichte mich über die Schaukäserei Affoltern im Emmental. Zwei Diplomaten waren dort vorstellig geworden und hatten um Hilfe bei der Einrichtung einer Käserei gebeten. Milch und Käse in einem so fremden Land wie Nordkorea das faszinierte mich sofort: Ich sagte zu.
Bereits am nächsten Morgen fuhren die beiden Diplomaten mit einem schwarzen Mercedes bei mir vor. Sie hätten die Geräte für die geplante Käserei bereits gekauft, erklärten sie. Jetzt bräuchten sie nur noch jemanden, der die Maschinen installiere und die Einheimischen in die Kunst des Käsens einführe. Als Belohnung würden sie mir die Schönheiten des Landes zeigen. Es eile aber, denn in drei Wochen, am 1. Juni 2001, müsse der erste Käse produziert sein. «Das kann ich nicht alleine», sagte ich, «nur schon wegen des Elektrischen, da habe ich einen Höllenrespekt.»
Zum Glück liess sich auch der Elektroingenieur Kurt Tanner für das Projekt begeistern. Er leistete 1960 als Funker bei den Schweizer Truppen Dienst, die die Grenze zwischen Nord- und Südkorea überwachten. In den verbleibenden vier Tagen bis zum Abflug konnte ich mir gerade noch einige Informationen über Ziegenmilch beschaffen, mit der ich im «verbotenen Land» arbeiten sollte.
In Pjöngjang, der Hauptstadt Nordkoreas, wurden wir zuerst zur gigantischen Statue des «Grossen Führers» Kim Il Sung gefahren. «Nun verbeugen wir uns vor diesem grossen Mann», sagte unser Begleiter.
Eine Irritierende Begegnung
Da fuhren mir in Sekundenschnelle die verschiedensten Gedanken durch den Kopf: «Wilhelm Tell und der Hut auf der Stange!» «Wenn ich mich als Schweizer vor einem Kommunisten verbeuge, werden mich die Schützenveteranen in Kirchlindach nicht mehr schiessen lassen!» «Ich bin hier Gast und richte mich nach den hiesigen Gebräuchen!» Es ging jedoch alles so schnell, dass wohl kaum jemand bemerkte, dass mein Bückling erst nach einem kurzen Zögern erfolgte.
Auf der Fahrt zur Kooperative in der Nähe der Stadt Wonsan am japanischen Meer durchquerten wir malerische Reisanbaugebiete, aber auch verdorrte Landstriche, die das Ausmass der Hungerkatastrophe im abgeschotteten Land erahnen liessen. «Zuerst sterben die Kinder, dann die älteren Leute und die Akademiker», sagte mir später ein Gesprächspartner. «Wieso denn die Akademiker?», erkundigte ich mich. Seine Antwort: «Die sind zu artig, um sich zu wehren.»
Befehl von ganz oben
Sobald unsere beiden schwarzen Mercedes-Limousinen auftauchten, salutierten die Soldaten, und die Schulkinder mussten sich verbeugen. Nur einmal zeigte uns einer die Faust und warf uns einen Stein hinterher, was erstaunlicherweise keine Folgen hatte. Ich sagte zu Kurt: «Wenn ig itz no ä Chäser müessti ha dä wett i!»
Die Einrichtung der Käserei kam recht gut voran. Bereits am 31. Mai, einen Tag früher als geplant, wollten wir den ersten Käse herstellen. Aber die Milch wollte einfach nicht dick werden. Für mich war das eine Blamage, und die Zuschauer um uns herum machten lange Gesichter. «Morgen müssen wir Käse haben», befahl der Direktor der Kooperative mit Nachdruck.
Und tatsächlich es gelang. Als wir die ersten zwölf Käslein fertig hatten, sangen die Frauen, und der Direktor war sichtlich erleichtert.
Wieso musste es gerade am 1. Juni 2001 sein? Die Antwort ist einfach: Genau ein Jahr zuvor hatte der heutige Machthaber Kim Jong Il verlangt, dass in einem Jahr hier Käse produziert werden müsse.
Die Tage in der Käserei verstrichen schnell. Das Verhältnis zu den Leuten in unserem Team, die anfänglich etwas scheu und misstrauisch waren, wurde rasch herzlich. Hoffentlich findet dieses gastfreundliche Volk im Frieden einen Weg in eine bessere Zukunft.