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Früher wurden Briefe nach Schweiningen verschickt und erreichten den Empfänger. (Foto: Romano Plaz)
Als er im August 1857 in den «prachtvollen, viel verzweigten Oberhalbsteiner Alpen» unterwegs war, hiessen die «heiteren Ortschaften», die dort «anmuthig» an den «hohen Flanken ranken», noch «Salux, Reams und Präsanz». «Conters» war ein «schmucker Ort», in «Schweiningen» gefielen ihm die «malerischen Steingebäude», und in «Tinzen» bildeten die Gebäude «eine fleckenartige heitere Gasse». Nach «Rofna» kam er schliesslich, «vom Himmel durchtränkt», in «Les Moulins oder Mühlen» an. Für Sigmund Kistler, Berner Kantonskassier und Verfasser der 1861 erschienenen Reiseerinnerungen «Nach Graubündten», waren die für heutige Ohren eher ungewohnten deutschen Gemeindenamen mitten in romanischem Gebiet nichts als normal. Noch war die Zeit für die Bezeichnungen Salouf, Riom und Parsonz, Cunter, Savognin und Tinizong, Rona und Mulegns nicht reif.
Das Problem der romanischen Gemeinde-Nomenklatur: Seit Jahrhunderten sei es latent, meinte der Engadiner alt Regierungsrat Robert Ganzoni Ende 1943 in einem Referat vor den Mitgliedern der Societad Retorumantscha. Als der Kanton 1851 per Gesetz in Bezirke und Kreise aufgeteilt worden sei, habe man beispielsweise alle Gemeinden mit deutschen Namen aufgelistet. Wirklich offenkundig sei das Problem aber erst geworden, als die Post gekommen sei – und das wortwörtlich: Als sie sich mit ihren Geschäftsstellen in den Dörfern der Rumantschia niederzulassen begann, benutzte sie für Filialen, Stempel und Register ebenfalls deutsche, nicht etwa romanische Ortsnamen – letztere wurden «in die Ecke gestellt», wie es Ganzoni formulierte. Noch verstärkt habe sich das Problem der Namenskonvention, als der Tourismus und die Eisenbahn die Bündner Täler eroberten: Die Bahn, so Ganzoni, habe – verständlicherweise – die inzwischen so gut wie offizielle Nomenklatur der Post übernommen. So war letztlich aus Bravuogn ein Bergün geworden, aus Schlarigna ein Celerina, aus Susch ein Süs, aus dem engadinischen Tschlin ein tirolerisches Schleins, aus Surcasti das noblere Obercastels, aus dem romanischen Surcuolm das walserische Neukirch. Wobei Bundesrat Philipp Etter, auch zitiert von Ganzoni, später schreiben sollte: «Die Verdrängung romanischer Ortsnamen durch deutsche oder verdeutschte Bezeichnungen bildete unseres Erachtens weniger die Folge künstlicher oder gar übelgesinnter staatlicher Massnahmen, als vielmehr das Ergebnis eines langsamen Prozesses fortschreitender Selbstenteignung in einer Zeit, da die Widerstandskraft des Rätoromanischen vorübergehend zu erlahmen drohte.»
«Eggen und Neukirch»: eine alte winterliche Ortsansicht mit Surcuolm im Hintergrund.
Die Erlahmung kippte in ihr Gegenteil um, die romanische Bewegung erstarkte. 1938, auch profitierend von der «geistigen Landesverteidigung», wur-
de Romanisch per Volksabstimmung zur vierten Landessprache erhoben. Und die Behörden waren bereit, «am schrittweisen Abbau dessen mitzuhelfen, was gemeinsam an dem in Ortsbezeichnungen aufgespeicherten rätoromanischen Sprachgut gesündigt worden ist».
Zwar gab es noch Widerstände zu überwinden. Ein Bundesamt beispielsweise stellte zu Ganzonis Entrüstung fest, «einen praktischen Wert hätte eine solche Neuerung nicht». Und als «Gegenspieler Nr. 1» entpuppte sich die Post, die aus praktischen Gründen vor allem keine Doppelortsnamen wie Breil/Brigels wollte. Nicht zu vergessen die 6000 Franken Kosten, die aus der Umstellung auf romanische Ortsnamen entstehen würden – bei einem Unternehmen mit Millionenbudget, wie Ganzoni bissig bemerkte. Wie auch immer, die Gegnerschaft von Ämtern und Post blieb erfolglos. Am 12. Oktober 1943 genehmigte der Bundesrat die romanische Rückbenennung von 49 Bündner Gemeinden. Conters wurde wieder zu Cunter, Furth zu Uors (Lumnezia), Igels zu Degen, Neukirch zu Surcuolm, Obercastels zu Surcasti, Präsanz zu Parsonz, Süs zu Susch und so weiter. Ganzoni: «Für uns Romanen war das eine Frage des Prinzips, diktiert vom kulturellen Wert, auf den unser Volk, so klein es auch sein mag, heutzutage in einem freien Staat zählen kann.»
Gerade in Tourismusgemeinden gab es dabei aber auch ein paar Spezialfälle. Die Orte fürchteten bei einem Namenwechsel um die Zahl ihrer Gäste – was im einen Fall dazu führte, dass der deutsche Name schon Jahrzehnte vor 1943 aufgegeben wurde, während es im anderen erst deutlich später so weit war. Die Rede ist einerseits von Schweiningen, von den echten Einheimischen sowieso immer Suagnign genannt: Die etwas unglückliche deutsche Ortsbezeichnung mit dem tierischen Beiklang wich bereits 1890 dem italienisierten Ausdruck Savognin, womit der Region auch ein Werbeslogan wie «Mein Ziel Schweiningen» erspart bleiben konnte. Fellers hingegen, weit herum bekannt unter seinem deutschen Namen, entschied sich erst 1969 für das romanische Falera. Andere Destinationen bestanden auf einem deutschromanischen Doppelnamen, Disentis zum Beispiel entschied sich für Disentis/Mustér. Wieder andere Orte wie Flims oder St. Moritz zogen eine offizielle romanische Umbenennung gar nie in Betracht.
Süs – auch der Bahnhof von Susch war prominent in Deutsch angeschrieben.
Bivio übrigens, eine Randbemerkung, hiess bis 1902 Stalla, ein Ortsname, der heute noch im Ausdruck Stallerberg für den Passübergang in Richtung Avers aufscheint. Ihren Ursprung hat die Bezeichnung natürlich in der Säumervergangenheit des Orts – sie rührt von den einst in Bivio häufigen Stallungen für Saumtiere her. Der Name ist Geschichte, und überhaupt wird über romanische Ortsbezeichnungen heute nur noch bei kommunalen Fusionen diskutiert. Trotzdem gibt es zum Thema noch eine ironische Fussnote: Ausgerechnet ein Gigant des Internetzeitalters – Google – hat vor zwei Jahren für Verwirrung bei den Bündner Gemeindenamen gesorgt. Sogar die Regierung in Chur musste intervenieren: Plötzlich waren auf der Kartenplattform Google Maps verschiedene Deutschbündner Gemeinden nur noch auf Romanisch angeschrieben. Klosters zum Beispiel wurde zu Claustra, Maienfeld zu Maiavilla, Laax zu Lags und Savognin zu Suagnign. Die überraschende Romanisierung verschwand irgendwann wieder aus der virtuellen Welt. Nicht zuletzt zur Beruhigung der Touristiker auch im Surses. Denn «mein Ziel» ist und bleibt halt eben – Savognin.