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Nach der Fahrt durch eine nach einem schweren Unwetter mit Hagelschlag teilweise arg zerzauste Landschaft im aargauischen Surbtal wurde mit dem Doppelstock-Reisecar als erstes Ziel Lengnau angesteuert. Während mehreren Jahrhunderten durften die Deutschschweizer Juden lediglich in den beiden Nachbardörfern Lengnau und Endingen wohnen. Erst 1866 wurde ihnen die Niederlassungsfreiheit gewährt. Um 1850 waren die jüdischen Gemeinden in Endingen auf gegen 1‘000 und in Lengnau auf über 525 Personen angewachsen, was einem jüdischen Bevölkerungsanteil von rund 50 bzw. 30 Prozent entsprach. Nirgendwo in der Schweiz existiert noch heute eine derartige Dichte an jüdischer Baukultur. So werden die beiden Aargauer Dörfer als Ortsbilder von nationaler Bedeutung eingestuft. Der vorbildlich ausgeschilderte Jüdische Kulturweg macht dieses kulturelle Erbe zugänglich.
Landbesitz und Handwerkerberufe verboten
Den Schweizer Juden blieben einst sowohl der Landbesitz als auch das Ausüben eines Handwerks verwehrt. So konzentrierten sich diese zwangsläufig auf den Handel mit Waren und Geld. Weil es zu jener Zeit keine jüdischen Architekten gab, wurden die Pläne für die nach Jerusalem ausgerichteten Synagogen von Lengnau (Eröffnung 1847) und Endingen (1852) von nichtjüdischen Architekten entworfen. Mit ihrer eindrücklichen Hauptfassade dominiert die im Rundbogenstil erbaute Synagoge den Dorfplatz von Lengnau. Weil das Judentum keine Darstellung von Menschen zulässt, zeigen im dreischiffigen Innern die Wand- und Deckenmalereien im maurischen Stil Ornamente und stilisierte Pflanzenmotive.
Die seit 1963 unter kantonalem Denkmalschutz stehende Synagoge von Lengnau wird heute nur noch für Trauungen und kulturelle Anlässe genutzt, leben doch in der Gemeinde weniger als zehn Menschen mit jüdischem Glauben. Das gleiche gilt für die Synagoge von Endingen, für deren Besuch die Zeit nicht ausreichte. In der ganzen Schweiz bekennen sich heute übrigens weniger als 20‘000 Menschen zum jüdischen Glauben.
Grosszügige Spende der Guggenheim
Auf dem Rundgang durch Lengnau wurden die Kunst- und Museumsfreunde auf Schritt und Tritt mit baulichen Zeugen der jüdischen Kultur konfrontiert, so auch mit der 1848 erbauten Mikwe als rituelles Tauchbad. Dass sich viele aus Endingen und Lengnau weggewanderte Juden mit den beiden Gemeinden auch später noch stark verbunden fühlten, beweist das 1903 in Betrieb genommene Israelitische Alters- und Pflegheim Margoa. Diesen Bau ermöglicht hatten mit einer grosszügigen Spende die Nachkommen der 1848 in die USA ausgewanderten Lengnauer Familie Meyer-Guggenheim, die am Ende des 19. Jahrhunderts bereits zu den wohlhabendsten Familien der Vereinigten Staaten zählte.
Auf den Spuren der Vorfahren von Ruth Dreifuss
Zwischen Lengnau und Endingen wurde 1750 der erste jüdische Friedhof der Schweiz angelegt. Zuvor mussten die Toten auf einer immer wieder überschwemmten Rheininsel bei Koblenz begraben werden. Das Judentum kennt die ewige Totenruhe. Auf dem Spaziergang durch die weitläufige Anlage mit rund 2‘700 Gräbern stiessen die Teilnehmenden der Kulturfahrt auf typisch jüdische Namen wie etwa Dreifuss. Ja, die ehemalige Bundesrätin Ruth Dreifuss ist Bürgerin der Gemeinde Endingen. Viele ihrer Vorfahren haben im jüdischen Friedhof Endingen-Lengnau ihre letzte Ruhe gefunden. Noch heute werden Verstorbene hier bestattet.
Der Mord von Königsfelden
Nach der Begegnung mit der Geschichte und Kultur des Schweizer Judentums tauchten die Kunst- und Museumsfreunde in die Welt der Habsburger ein. In Königsfelden bei Brugg entstand im 14. Jahrhundert auf ehemals römischem Boden das Franziskanische Kloster, dessen Chorfenster aus dem Mittelalter zu den herausragendsten Werken der europäischen Glasmalerei zählen. Das 1528 im Zuge der Reformation von den Bernern im damaligen Untertanengebiet aufgehobene Kloster erinnert an den Tod des römisch-deutschen Königs Albrecht I. von Habsburg. Dieser war am 1. Mai 1308 beim nahen Flussübergang über die Reuss bei Windisch von seinem Neffen Herzog Johann von Schwaben ermordet worden. Die königliche Witwe Elisabeth stiftete 1310/1311 das franziskanisch-klarissische Doppelkloster, das unter Tochter Agnes, der verwitweten Königin von Ungarn, wirtschaftlich und künstlerisch grosse Bedeutung erlangte.
Stammschloss einer einstigen Weltmacht
Das Schloss Habsburg, das Stammschloss der Habsburger unweit von Brugg, kennt dem Namen nach wohl fast jeder Schweizer. Dass sich die Burg über einem schmucken gleichnamigen Dorf erhebt, war jedoch fast allen Teilnehmenden der Kulturfahrt unbekannt. Nach dem Dreigang-Mittagessen im Rittersaal wandelte die Reisegruppe auf den Spuren einer einstigen Weltmacht. Im Reich der Habsburger ging die Sonne nie unter, erstreckte sich doch dieses zur Blütezeit bis nach Nord- und Südamerika sowie in den Fernen Osten.
Von der einst mächtigen Burg, mit deren Bau um 1020/1030 auf dem Wülpelsberg begonnen wurde, ist noch die hintere Burg mit Palas und Turm erhalten. Von der vorderen Burg sind nur noch die Ruinen zu sehen. Ein grosser Teil der für die Errichtung der Anlage verwendeten Steine stammte aus dem ehemaligen römischen Legionslager Vindonissa (Windisch) bei Brugg. Schon um 1230 erachtete das aufstrebende Grafengeschlecht die Habsburg als nicht mehr geeignet. Die Burg wurde an Dienstadelige verliehen. Mit der Schlacht von Sempach im Jahr 1386 wurde die Macht der Habsburger in der Schweiz gebrochen. Die Verdrängung der Habsburger aus der Schweiz erstreckte sich bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts. Einzig das Fricktal verblieb bis zur Besetzung durch Napoleon im Jahr 1799 unter habsburgischer Herrschaft.
Geselligkeit im Schlossgarten
Nach den umfangreichen Streifzügen durch einen Teil der Geschichte der Schweiz und des Kulturkantons Aargau blieb vor der Rückreise nach Wil noch genügend Zeit für die Pflege der Geselligkeit im lauschigen Schlossgarten mit einem traumhaften Rundblick. Schon am 8. September werden sich die Kunst- und Museumsfreunde auf eine weitere Kulturfahrt begeben, die nach Oberschwaben jenseits des Bodensees führen wird.
Für weitere Informationen: kunst-museumsfreunde-wil.ch