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«Die ständige Vernetzung zerstört das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit», sagt Bruno Mettling. Der Personalchef der französischen Telekom-Firma Orange verfasste für die französische Regierung einen Expertenbericht, in dem er das «Recht auf Abschalten» vorschlägt. «Man darf einem Angestellten nicht vorwerfen können, dass er um 23 Uhr verpasst hat, über ein Treffen am nächsten Morgen um neun Uhr informiert zu werden.»
Noch dieses Jahr soll in Frankreich ein Gesetz in Kraft treten, das es Firmen verbietet, nach Feierabend und am Wochenende E-Mails zu versenden. Firmen mit mehr als 50 Mitarbeitern sollen mit den Gewerkschaften Richtlinien aushandeln, um die Arbeitnehmer vor «Ablenkung in der Freizeit» zu schützen. Kleinere Firmen müssen selbstständig entsprechende Richtlinien veröffentlichen. Weitere Details des Gesetzes, das im Rahmen der neuen Arbeitsreform ausgearbeitet wird, sind noch nicht bekannt.
Wäre eine solche Regelung auch in der Schweiz sinnvoll? Im Arbeitsgesetz (ArG) ist die Erreichbarkeit von Angestellten in der Freizeit nicht speziell erwähnt. Claude Heini, Buchautor und Arbeitspsychologe, sagt im Interview, was er von einem solchen Vorschlag hält. Und er erklärt, warum dieses Thema in jedem Fall auf die Agenda eines Unternehmens gehört.
Zur Person
Dr. Claude Heini ist Führungsexperte und Coach mit psychologischem Hintergrund. Er war langjähriger Führungsberater für das Senior Management in einem Grosskonzern. Er ist Co-Autor des Buches «Plötzlich Chef», das vergangenes Jahr in der Beobachter-Edition erschienen ist.
Beobachter: Die Anfrage für dieses Interview haben Sie um 23 Uhr beantwortet. Sind Sie immer erreichbar?
Claude Heini: (lacht) Natürlich nicht. Aber ich bin selbständig, da gelten für mich andere Regeln als für einen Angestellten. Auch ich setze mir Zeitrahmen, in denen ich mein Handy ausschalte und nicht erreichbar bin, insbesondere am Wochenende. Es gibt Phasen, da interessieren mich Mails und News schlicht nicht.
Beobachter: Darf man von Angestellten erwarten, Mails auch nach Feierabend zu lesen?
Heini: Es ist in Ordnung, wenn es eine entsprechende Vereinbarung gibt zwischen dem Chef und dem Mitarbeiter. Das kann zum Beispiel nötig sein in der Endphase eines Projekts oder in besonders intensiven Produktionsphasen. Aber man darf keinesfalls erwarten, dass der Mitarbeiter jeden Abend vor dem Schlafengehen nochmals seine geschäftlichen E-Mails liest.
Beobachter: In der Realität gibt es kaum Chefs, die das verlangen. Meistens sind es die Mitarbeiter selbst, die in der Freizeit freiwillig ihre Mails lesen – weil sie das Gefühl haben, es sei nötig.
Heini: Das stimmt. Der Mitarbeiter denkt, es werde erwartet, dass er jederzeit übers Bürogeschehen informiert ist. Und der Chef sieht es als selbstverständlich an, dass seine Mails auch am Abend gelesen werden. Wenn sich ein Angestellter deswegen unter Druck gesetzt fühlt, dann braucht es eine Klärung mit dem Chef.
«Informiert zu sein, ist heute am Arbeitsplatz eine überaus wichtige Währung.»
Claude Heini
Beobachter: Ein Gespräch mit dem Chef ist ein Zeichen von Schwäche.
Heini: Nein. Wenn sich ein Angestellter gezwungen fühlt, alles als Erster erfahren zu müssen, dann ist eher das ein Zeichen von Schwäche. Dann muss man sich fragen: Was ist der Grund für dieses Verhalten? Hat man Angst davor, etwas zu verpassen? Oder gar, den Job zu verlieren? Meistens macht man das, um dem Vorgesetzten zu gefallen. Denn Tatsache ist: Informiert zu sein, ist heute eine überaus wichtige Währung.
Beobachter: Wichtig, aber ermüdend. Braucht es ein Gesetz, wie es in Frankreich geplant ist?
Heini: Naja... (überlegt lange) Die Firmen sollen so wohl zur Erkenntnis gezwungen werden, dass dies ein Problem darstellt. Doch mit einem neuen Gesetz wird gleich die härteste vieler möglicher Massnahmen getroffen.
Beobachter: Schweizer Unternehmen sagen, es liege in der Verantwortung jedes Einzelnen, wann und ob jemand seine Nachrichten lese.
Heini: Während die französische Lösung das eine Extrem darstellt, so ist diese Aussage das andere. Das Unternehmen impliziert mit dieser Haltung, dass man dieses proaktive Verhalten durchaus erwarte und 'als normal' erachte. Das beste Vorgehen scheint auch hier, wie so oft, in der Mitte zu liegen. Es braucht Regelungen und Anweisungen für die Angestellten – und zwar für jedes Unternehmen die jeweils passenden.