Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03239.jsonl.gz/734

Kanada selbst ist eigentlich noch jünger, denn erst seit 1982 ist das zweitgrösste Land der Erde ein souveräner Staat. Und noch immer hat der gewaltige G7-Staat ein Oberhaupt, das nur alle paar Jahre mal zu Besuch vorbeikommt: Königin Elizabeth II. ist nach wie vor die Monarchin auch Kanadas und lächelt von jedem Kanada-Dollar herunter.
Union Jack als Hindernis bei Vermittlung
Und im ersten Jahrhundert seines Bestehens war auch die Fahne sehr britisch: Eine rote Flagge mit einem Wappen und im oberen linken Viertel sass der Union Jack, die Flagge Grossbritanniens. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem kanadische Soldaten an fast allen Fronten kämpften, wollte man eine eigene Flagge. Hinzu kam, dass die Franko-Kanadier den Union Jack, unter dem ihre Vorfahren besiegt worden waren, strikt ablehnten.
Die Lokomotive der Entwicklung hiess Lester B. Pearson. Als der in der Suez-Krise vermittelte, lehnten ihn die Ägypter zunächst ab: Schliesslich führe er auch die Fahne Grossbritanniens, eines der in die Krise verwickelten Länder. Pearson bekam für seine Vermittlung 1957 den Friedensnobelpreis, 1963 wurde er zum Premier gewählt. Ganz oben auf seiner Agenda: Eine neue Fahne.
Flagge setzte sich rasch durch
Dutzende Vorschläge gab es, viele mit britischen Elementen. Doch man einigte sich auf das rot-weiss-rote Tuch und ein Symbol, das seit drei Jahrhunderten für Kanada steht: Das Ahornblatt. Anfangs gab es Proteste und gerade Veteranen wollten die alte Fahne nicht aufgeben, unter der sie gekämpft hatten.
Doch die «Maple Leaf Flag» setzte sich rasch durch. Es gibt kaum ein Supermarkt in Kanada, in dem an der Kasse keine Souvenirs wie Flaschenöffner oder Schlüsselanhänger mit der rotweissen Fahne herumliegen. Die Kanadier lieben ihre Flagge ebenso sehr wie ihre südlichen Nachbarn in den USA die ihre.
Ahornsirup statt Krieg
«Ich bin Kanadierin. Ausserhalb Kanadas zeige ich meine Fahne», sagt die Sängerin Feist. «Aber kanadischer Nationalismus ist nicht so heimtückisch wie amerikanischer Nationalismus. Unser ist freundlich. Es dreht sich alles um Ahornsirup, nicht Krieg.»
Kanadas Flagge ist beliebt, weil das Land ein Mustermitglied in den Vereinten Nationen ist und Entwicklungshelfer und Blauhelmsoldaten das Ahornblatt in die Welt hinaustragen. Firmen bedienen sich gern des Symbols, um ihrer Wetterkleidung oder Sportausrüstung den Hauch von weitem Land zu geben. Und manche US-Amerikaner kleben sich lieber ein Ahornblatt auf ihren Koffer, wenn man im Nahen Osten unterwegs ist. Man weiss ja nie.
Und nicht zuletzt hat die Flagge geholfen, englisch- und französischsprachige Kanadier wieder etwas zusammenrücken zu lassen. Schliesslich sind beide Landesteile in ihr versteckt: Wenn man genau hinschaut, sieht man im weissen Feld von oben links und rechts zwei Silhouetten, als würden langnasige Gesichter mit geöffneten Lippen hineinschauen. Jules und Jim nennen die Kanadier die beiden. Und beide können ihre Flagge lieben.