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Juliane Kästner: Sie beziehen sich auf das „Empowered Individuum“ in Ihren Studien Technology as en enabler of sustainable well-being in the modern society. Warum sind wir als Individuen heute mehr empowered?
Risto Linturi: Wir sind empowered als Kunden, als Bürger. Als Kunden sind wir sehr massgebend, weil wir Preise vergleichen und nach den Produktmerkmalen suchen, die wir wünschen. Wir sind aber auch sehr einflussreich als Bürger. Ich hörte von einem Teenager aus London. Sie schrieb eine Software, um all die Menschen in New York und London zu befähigen, die mit einer Geldstrafe für falsches Parken belegt wurden. 250’000 Menschen nutzen diese Software in den zurückliegenden drei Jahren, um ihre Parktickets anzufechten. Und in 160’000 Fällen gewannen sie vor Gericht.
Viele Produkte, Prozesse und Dienstleistungen werden nutzlos. Ich las über ein kleines Gerät, welches imstande ist, Medikamente zu produzieren, biologische Substanzen wie Insulin zu synthetisieren. Andere günstige Geräte analysieren Lebensmittel. Warum würden wir dann noch landes- und Europaweite Organisationen benötigen, die dies für uns tun, wenn es so viel billiger ist, diese Analysen zu Hause durchzuführen?
Geräte zur Blut- oder DNA-Analyse oder für medizinische Selbstdiagnosen werden immer günstiger. Wir Menschen müssen für diese Dienstleistungen keinen Arzt mehr konsultieren.
Derartige Entwicklungen verändern die Beziehung zwischen Individuum und Arzt. Selbst die Erforschung seltener Krankheiten ändert sich. Patienten schliessen sich einem Netzwerk an, analysieren sich selbst, experimentieren an sich selbst und teilen dann ihre Informationen mit dem Netzwerk. Sie scheinen Resultate zu erzielen, die denen von Laboratorien gleichkommen.
Sie erwähnen die Veränderung von Beziehungen. Was denken Sie über die Beziehungen in traditionell geführten Grossunternehmen, zwischen Mitarbeiter und Vorgesetztem oder zwischen Gleichgestellten?
Ich denke, dass eine Internet-Strategiespiel-Umgebung so viel besser ist als ein ERP-System in grossen Unternehmen. Weil ein solches aufzeigt, wie ein Mitglied einer Gruppe die Anderen beeinflusst, wo jeder am hilfreichsten ist und zu welchen Resultaten das eigene Verhalten und die eigenen Handlungen gegenüber Personal und Kunden führen. So wären sie in der Lage zu kommunizieren und voneinander zu lernen.
Sie können dies mit der Selbstorganisation von Ameisen in einem Ameisenhügel vergleichen. Grossunternehmen erreichen diesen Grad der Flexibilität und des Empowerments ihrer Mitarbeiter nicht. Sie nutzen nicht den Verstand ihrer Mitarbeiter; sie benutzen sie als Roboter. Sie verfügen einfach nicht über Software, die für eine Strategiespiel-Umgebung ausgereift genug ist. Sie haben keine Vision und sie verstehen nicht, wie ein Ameisenhaufen funktioniert. Ich denke, dass die Mehrzahl der Manager nicht einmal versteht, dass ein Ameisenhaufen selbstorganisiert ist, dass er keinen Boss hat und dass er sich dennoch rascher und ökonomisch effizienter organisiert als eine Armee.
Aber die Frage bleibt bestehen: Wer ist für die Unternehmung verantwortlich, für Bilanzierungszwecke und für das Management der Verantwortlichkeiten? Die Ameisen haben in ihrem DNA-Bauplan positive Summenspiele verankert. Die Summe der Ergebnisse ihrer negativen und positiven Entscheidungen und ihres Verhaltens ist am Ende positiv.
Vielleicht ist es keine natürliche Entwicklung, sich von einem Dinosaurier- zu einem Netzwerksystem zu verändern. Und vielleicht ist es für Grossunternehmen auch sehr schwierig, ihre Produktionslinien und Kulturen zu ändern, um sich an das neue Paradigma anzupassen.
Wenn der Wechsel zum neuen Paradigma für grosse Unternehmen so schwierig ist, denken Sie, dass diese dann langfristig überleben werden können?
Nun, was bedeutet überleben? Vergleichen wir ein Grossunternehmen mit einem Auto. Man kann alle inneren Bestandteile herausnehmen, so dass nur die Hülle, die Karosserie bestehen bleibt. Und dann packt man einen neuen Motor und neue Komponenten hinein und sagt, dass es dasselbe Auto ist. Die grossen Unternehmen mögen als Brands überleben. Aber die Paradigmen und Strukturen müssten sich ändern, wie dies IBM tat.
Ich danke, dass sich die meisten Unternehmen wieder erfinden müssen. Lassen Sie uns einen Automobilhersteller nehmen. In 20 Jahren wird er schliesslich seine Autos pro Stunde vermieten, anstatt diese zu verkaufen. Und er wird sich selbst versichern. Wenn man eine Million Automobile besitzt, dann teilt man bereits die Risiken. Da benötigt es keine Versicherungsgesellschaft mehr.
Die Geschäftsmodelle verändern sich und die Regierungen finden es zunehmend schwerer, mit derartigen Entwicklungen umzugehen.
Sie erklären in Ihren Studien auch, dass die Technologien es uns ermöglichen werden, Energie, Nahrungsmittel, Kleider oder Maschinen lokal mit Hilfe von Robotern selbst herzustellen.
Da wir zunehmend empowered sind, werden wir Dinge für unsere Nachbarn und für uns selbst tun, zu denen wir zuvor nicht fähig waren, da uns dazu das Wissen und die Werkzeuge fehlten. Und nun werden diese Werkzeuge zahlreich zur Verfügung stehen wie 3D-Drucker oder Roboter, die Mahlzeiten vorbereiten.
Wenn ich einen Roboter hätte, der Das Abendmahl malen könnte, könnte ich ihn meinen Nachbarn leihen und er malt ihnen grosse Kunst auf ihre Wände oder ihr Auto. Und einer meiner Nachbarn würde mir dann seinen Roboter ausleihen, dazu ausgerichtet zu mauern und mir eine Garage zu bauen. Wir werden Experten für Duzende von Jobs aufgrund unserer Roboter. Und wenn wir diese miteinander teilen, kann ein kleines Dorf alles herstellen.
Und dazu wird nicht einmal viel Geld benötigt, da die Roboter relativ billig sind und ihr Gebrauch keine Grenzkosten verursacht. Die einzigen Kosten, die anfallen, sind jene für die Rohmaterialien.
Dieses Null-Grenzkosten-Gesellschaft, geprägt durch Jeremy Rifkin, ist wahrhaft mächtig. Die Herausforderung für die Regierungen wird dabei sein, dass sie aus einer solchen Gesellschaft kein Einkommen erzielen, keine Steuern: Die Roboter werden untereinander geteilt und es findet keine finanzielle Transaktion statt. Die Regierungen werden ihre finanziellen Mittel lediglich noch von den alten Dinosauriern erhalten.
Welche anderen Einflüsse könnte diese Entwicklung auf die heutige Globalisierung haben?
Roboter werden zunehmend fähiger und flexibler. Sie ermöglichen es kleinen Gemeinschaften, Produkte lokal herzustellen mit niedrigen oder keinen Transportkosten. Die hohe Leistungsfähigkeit und Flexibilität der Roboter resultiert auch in kürzere Produktionsläufe. Produkte können an die sich verändernden Bedürfnisse im Markt sehr einfach, schnell und preiswert angepasst werden. Gemeinschaften innerhalb einer Nation spezialisieren sich; ihre Produkte sind auf die lokalen Bedürfnisse zugeschnitten.
Der physische Handel mit Produkten zwischen Nationen wird zurückgehen. Der Handel mit Rohmaterialien hingegen wird weiterbestehen, jedoch auf einem sehr viel geringeren Niveau als heute.
Zusammenfassend wird die Entwicklung der Technologien es Gemeinschaften ermöglichen, lokal zu produzieren und Schwerpunkte auf kulturelle Unterschiede und eine lokale Identität zu legen. Die Sharing Economy beruht auf Vertrauen und wird die Zusammenarbeit und damit auch den sozialen Zusammenhalt kleiner Gemeinschaften stärken.
Herzlichen Dank, Herr Linturi, für dieses Interview.