Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03409.jsonl.gz/2806

Der Abenteurer und Pionier August Suter lebte in einer Zeit, in der die Menschen noch nicht zwangsläufig den prädestinierten Karriere und Business-Biografien ihrer Vorväter folgten, auch wenn diese mitunter genauso vielversprechend und lukrativ schienen wie heute im modernen Zeitalter des allgegenwärtigen Erfolges. In Europa ist die grosse Zeit des Auswanderns angebrochen. Wir schreiben das Jahr 1834, als die Hoffnung auf Innovation und die Suche nach neuen, noch nicht ausgetretenen Pfaden, viele Freigeister auf den Weg des Unbekannten in die neue Welt lockte.
Starke Persönlichkeiten mit Freiheitsdrang, Charakter und Empathie hatten es sowohl zu Suters wie auch zu Cendrars Lebzeiten nicht leicht in unserem kleinen Land. Schon damals wurden Diskretion, Disziplin und Verschwiegenheit zur obersten Maxime erklärt, um dem internationalen Kapital den nötigen Freiraum zu verschaffen. Schöngeistige Kunst und andersartige Kultur wurden im Zuge der modernen Zivilisierung auch dank des gehobenen Wohlstandes sekundär.
Die bürgerliche Schweiz ignoriert das MeisterwerkEs verwundert also nicht, dass dieser grosse Roman von Blaise Cendrars, der kurz nach seinem Erscheinen 1925 in diverse Weltsprachen übersetzt und zweimal verfilmt wurde („Suter’s Gold“ von James Cruze bei Universal Pictures und „Der Kaiser von Kalifornien“ von dem nationalsozialistischen Regisseur Luis Trenker), in der Schweiz nur von ein paar wenigen Literaturkritikern enthusiastisch gefeiert wurde. Das gutsituierte Bildungsbürgertum im Schweizer Ländle zeigte an diesem Meisterwerk kein grosses Interesse und ignorierte einmal mehr einen ihrer genialsten Künstler. Wohlwissend, dass es sich bei diesem hochtalentierten Literaten, der freiwillig das Exil in Frankreich wählte, nicht um einen gut ausgebildeten Unterhaltungsclown aus den eigenen Reihen handelte, der, wie es sich damals gehörte, Heimat und Schweizer Tugend romantisch verklärt. Vielmehr ignorierte und verspottete der Rebell und Poet schlichtweg das von der breit abgestützten Arbeiterklasse hochstilisierte helvetische Mittelmass und entlarvte es als knallhartes Kalkül der helvetischen Propagandamaschinerie - einengender, lebensfeindlicher und destruktiver Kitsch, welches allein der Leistungsoptimierung einer in den Kinderstuben steckenden Industrialisierung diente.
Global entfaltete die epochale Niederschrift und starke Prosa jedoch ungebremst seine Wirkung und hinterliess leider auch bei zweifelhaften Zeitgenossen einen grossen Eindruck: Josef Stalin liess sich beispielsweise von Cendrars Roman inspirieren und industrialisierte daraufhin einen Grossteil der im Amur-Tal in Sibirien gelegen Goldgruben. Die russische Bergbaubehörden nannten ihr bedeutendstes Schürfzentrum in Jakutien „Kolima“; in Anlehnung an Coloma, einer Mühle von General Suter, bei der 1848 der erste Goldklumpen ans Tageslicht gebracht wurde und welches damit den Goldrausch in Kalifornien ausgelöst hatte.
Familienvater, Betrüger und PleitierSuter wuchs behütet in Süddeutschland auf, schloss in Basel eine kaufmännische Lehre ab und zog dann weiter nach Burgdorf im Kanton Bern. Dort arbeitete er in diversen Fabrikationsbetrieben, heiratete seine hochschwangere Freundin und gründete eine fünfköpfige Familie. Mit 31 Jahren verliess er jedoch nach Betrugsvorwürfen von Seiten der Schweizer Justiz und dem Konkurs seiner eigenen Firma fluchtartig Frau und Kinder und floh völlig mittellos über Frankreich nach New York. Seine Familie überliess er der Schweizer Sozialfürsorge.
Fernab von Abenteuerromantik und Heldenmythos schildert Cendrars nun die Lebens- und Leidensgeschichte eines Mannes, der ohne grosse Rücksicht auf Mitmenschen seine hochgesteckten Ziele und Träume zu verwirklichen suchte. Blaise Cendrars fühlte sich magisch angezogen von der Biografie dieses Mannes. Jahrelang recherchierte er akribisch die Geschichte des Schweizer Auswanderers und fügte sie Stück für Stück zusammen. Er, der selber trotz seines Erfolges ein Leben lang Sittenstrolch und Wegelagerer blieb, konnte die Emotionen und Gefühle eines Durchgebrannten und Getriebenen genau nachvollziehen und detailliert wiedergeben.
Kolonialist und MultimillionärEntstanden ist so eine einfühlsame und zugleich unbarmherzige Analyse eines gnadenlosen Kolonialisten, der nach einer zweijährigen Durststrecke im Moloch New York in einem kleinen Treck Richtung Osten aufbrach und in Kalifornien angekommen, ganze Indianerstämme entwurzelte und rechtschaffene Arbeiter unermüdlich zu Höchstleistungen antrieb.
Blaise Cendrars lässt aber auch seine ganze Bewunderung für die Historie dieses Mannes durchblicken, jenes Johann Suters, der das fruchtbare Kalifornien für sich und die alte Welt entdeckte und agrartechnisch erschloss. Der ein kleines, wirtschaftlich prosperierendes Paradies errichtete, riesige Obst- und Gemüseplantagen anlegte, eine Holzwirtschaft mit diversen Sägereien aufbaute, Multimillionär wurde, und dann durch den Fund von Gold auf seinen Grundstücken erleben musste, wie die Gier des Menschen nach Reichtum, ausgelöst durch den Goldrausch, sein Lebenswerk zerstörte. Seine landwirtschaftlichen Betriebe wurden von erfolglosen Goldsuchern ausgeraubt und niedergetrampelt, die Gutshäuser und industriellen Anlagen von marodierenden Banden geplündert.
Der alles verschlingende GoldrauschAlles, was Suter der Natur und den Ureinwohner durch erbarmungslose Kämpfe abgerungen hatte, zerrann innerhalb eines Jahres zwischen seinen Händen. Es ist die dramatische Geschichte eines Hasardeurs, Eroberers, grossen Entdeckers, und zugleich der Leidensweg eines selbstsüchtigen Zerstörer und gewissenlosen Ausbeuters, welcher dramatisch endete.
Suter verlor nach und nach alle Besitztümer, verarmte zusehends und war am Ende wieder auf sich alleine gestellt. Mit seinem letzten Geld versuchte er mit Hilfe von Rechtsanwälten vor dem Staate Kalifornien wieder zu seinen verlorenen Ländereien zu gelangen. Vergebens. Seine Klage wurde vom kalifornischen Gericht mehrmals abgeschmettert. Letzten Endes verlor er sich in starker Verwirrtheit und verbrachte seine letzten Jahre in Washington, wo er jedem der es hören wollte auf der Strasse erzählte, das er der legendäre Kaiser von Kalifornien sei, und nur darauf wartete, zu seinen Ländereien zurückzukehren, sobald ihm die Regierung zu seinem Recht verhelfe.
Johann August Suter starb geistig Umnachtet an einem warmen Juninachmittag im Jahr 1880 auf den Stufen des Kongressgebäudes.