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Ar 155
1942-1996
1.8 m
Jost von Steiger war während rund 50 Jahren – meist in führender Funktion – Mitglied in verschiedenen sich als revolutionär verstehenden Organisationen, die einen Weg zwischen den reformerischen Sozialdemokraten und dem real existierenden Sozialismus der Länder des Ostens suchten.
Geboren wurde Jost von Steiger am 17. April 1917 in Kaiserslautern als Sohn bürgerlich-fortschrittlicher Eltern, wie er selber schreibt. Er besuchte 6 Jahre die Primarschule in Uzwil SG und anschliessend das mathematisch-naturwissenschaftliche Gymnasium in Basel bis zur Matur 1935. Bis 1938 litt er an den Folgen der Kinderlähmung. 1934/35 wandte er sich wegen der Weltwirtschaftskrise und wegen Hitlers Machtergreifung dem Kommunismus, genauer der trotzkistischen Variante des Kommunismus, zu. Ab 1939 Mitarbeit am trotzkistischen ‚Trotz alledem’. 1940 wurde er mit 13 anderen Trotzkisten wegen der Herausgabe von drei Nummern der ‚Informationsbriefe für revolutionäre Politik’, die stark armeekritische Artikel von Walter Nelz und anderen enthielten, wegen öffentlicher Aufforderung zur Meuterei, staatsgefährdender Propaganda und anderer Vergehen militärgerichtlich verurteilt. Danach Promotion und Arbeit als Gesteinsanalytiker am Mineralogischen Institut der Uni Basel. 1944-1982 Arbeit bei den Albiswerken AG (später: Siemens).
Noch während des Zweiten Weltkriegs beteiligte sich Jost von Steiger am Wiederaufbau der Marxistischen Aktion der Schweiz (MAS) als Sektion der IV. Internationale. Er übernahm führende Funktionen in der von der MAS initiierten legalen Organisation Proletarische Aktion und im späteren Sozialistischen Arbeiterbund (SAB). Öffentlich auftreten konnte er jedoch aufgrund seiner Verurteilung vor Militärgericht während zweier Jahrzehnte nicht. Sein Tarnname innerhalb der verschiedenen Organisationen war Georg Kestenholz. Mit diesem Namen zeichnete er auch die Sitzungsprotokolle, die er für die Proletarische Aktion (PA) verfasste. Am Vereinigungskongress der IV. Internationale 1963 wurde er in das Vereinigte Sekretariat gewählt (Tarnnahme: Pia Stahl). In seinen autobiographischen Fragmenten schreibt Jost von Steiger von seinem Leben als einem „fast 40-jährige[n] ‚Doppelleben’: einerseits als ‚Herr Doktor’ und geschätzter Spezialist im ‚Hause Siemens’, anderseits als ‚Genosse Georges’ in der schweizerischen Trotzkistengruppe bzw. als ‚Pia’ in der IV. Internationale.“ Rege publizistische Tätigkeit für parteieigene bzw. parteinahe Zeitschriften, vor allem über wirtschaftspolitische Themen.
Vor allem aufgrund des lang anhaltenden Wirtschaftswachstums seit den 50er Jahren, der auch den ArbeiterInnen materielle Verbesserungen brachte, nahm das Interesse an revolutionären Ideen ab. Von Steiger hielt in dieser Zeit jedoch an seiner Kapitalismuskritik fest: „Meine Fehlprognose einer ‚Todeskrise’ [des Kapitalismus, M. K.] von 1948 ging auf ein einseitiges und daher falsches Kapitalismus-Bild zurück, das ich mir während der Weltkrise ab 1929 aufgebaut hatte, das mich bis etwa Anfang der 70er Jahre begleitete und das wohl entscheidend dafür war, dass ich der revolutionären trotzkistischen Bewegung auch nach ihrem Verschwinden in der Schweiz nach 1960 treu blieb. Meine aktive Mitarbeit in der Revolutionären marxistischen Liga u. später Sozialistische Arbeiterpartei basierte jedoch nur noch schattenhaft auf der Hoffnung auf eine sozialistische Revolution, die aus einer tiefen Wirtschaftskrise herauswachsen würde. Ich sah in ihnen viel mehr eine Kraft, der ich helfen konnte, aktive Reformkämpfe zu führen und sie in dieser Richtung zu beeinflussen.“ Von Steiger war im Zuge des Wiederauflebens des revolutionären Marxismus um 1968 an der Gründung der Revolutionären Marxistische Liga (RML) unmittelbar beteiligt. Zur Zusammenarbeit mit den jüngeren Aktivisten schreibt er: „Vor allem traf ich in der RML und später SAP eine quasi-Elite junger Idealisten und Kämpfer, die dem Marxismus und einem disziplinierten Parteiaufbau verpflichtet waren und mit denen ich eine gemeinsame Sprache finden konnte, wobei ich oft auf Auseinandersetzung verzichtete, weil ich wusste, dass mit wachsender Erfahrungen meinen Auffassungen quasi automatisch näher kommen würden.“
Der Nachlass Jost von Steiger gelangte am 30.04.2007 ins Schweizerische Sozialarchiv. Die Übernahme wurde von dessen Sohn, Jürg von Steiger, betreut.
Der Bestand enthält autobiographische Unterlagen und zahlreiche Manuskripte von Jost von Steiger, Korrespondenz, Unterlagen zu den wichtigsten trotzkistischen Organisationen in der Schweiz (Marxistische Aktion, Proletarische Aktion, Sozialistischer Arbeiterbund, RML/SAP) und zur IV. Internationale, Materialien von und über diverse linkssozialistische Gruppierungen (Gewerkschaftsopposition 1948, Komitee fortschrittlicher Gewerkschafter und Linkssozialisten 1959-1961, Mouvement neuchâtelois de la nouvelle gauche socialiste 1958-1961, Fortschrittliche Gewerkschafter Zürich (FGZ) 1969), Akten antimilitaristischer und ökologischer Organisationen (Schweizerische Bewegung gegen atomare Aufrüstung 1963-1967, Ostermarsch-Bewegung, Komitee für demokratische Rechte in der Armee 1975, Oekopo Stiftung 1983-1993), zahlreiche Druckschriften (Zeitschriften, Statuten, Flugblätter).
Der Bestand ist im Lesesaal des Schweizerischen Sozialarchivs ohne Benutzungsbeschränkungen einsehbar.
David Vogelsanger, Trotzkismus in der Schweiz. Ein Beitrag zur Geschichte der Schweizer Arbeiterbewegung bis zum Zweiten Weltkrieg, Zürich 1986, Signatur: SOZARCH: 69960
Jean-François Marquis, Proletarische Aktion. Une organisation révolutionnaire en Suisse (1945-1949), Mémoire de licence, Genève 1983
Das Arbeiterwort. Hrsg. von der Proletarischen Aktion und von der Sozialistischen Arbeiterkonferenz, ab 1953 vom SAB, Zürich 1952-1969 (Redaktion: Heinrich Buchbinder), Signatur: Z 205
Jost von Steiger, Zweite Säule. Sozialwerk oder Geschäft? Vollausbau der AHV/IV als Alternative zur Dritte-Säulen-Konzeption, Zürich 1977, Signatur: 59205
Die Bearbeitung erfolgte im Mai und Juni 2007 durch Urs Kälin und Marzell Küttel.