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Die Selbstauslöschung des Menschen
Es gibt Ideen, die sich wie Viren nicht ausrotten lassen und uns in immer neuen Mutationen hartnäckig heimsuchen. Gerade die Corona-Pandemie bietet jetzt den Echoraum für eine solche wiederkehrende Idee: die Selbstauslöschung des Menschen, der Omnizid. Es geht dabei nicht um den Untergang allen Lebens, sondern allein des menschlichen.
Das Thema hat Konjunktur. Das rezente Endzeittrompeten setzte in Europa vor vier Jahrzehnten mit einem Buch ein, das nachgerade zum apokalyptischen Schlager wurde: «Das Untier» von Ulrich Horstmann. In eher satirischem Modus spielte der Autor mit der Idee eines menschenleeren Planeten, und er reihte sich damit ein in die Tradition der philosophischen «Menschheitsflüchter», von Schopenhauer und Nietzsche bis zu Friedrich Dürrenmatt und seiner Apokalypselust oder jüngst zur Philosophin Patricia McCormack und ihrem «Ahuman Manifesto». Man spricht im Englischen auch vom Genre der «Doomer Lit».
Die Idee der Selbstauslöschung ist in ihrem Ursprung romantisch. Ein sehr schönes Beispiel liefert Mary Shelley, die «Mutter» von Frankensteins Monster. 1826 erschien ihr Roman «The Last Man», ein geradezu beklemmend seherisches Werk. Shelley schildert darin eine futuristische Zivilisation gegen Ende des 21. Jahrhunderts. In Konstaninopel (sic) bricht eine tödliche Pest aus, die sich schliesslich über den ganzen Planeten ausbreitet. Emigrantenströme überfluten Westeuropa. Der Handel zwischen England und Amerika, Indien, Ägypten und Griechenland kollabiert. Nach und nach scheitern alle wissenschaftlichen Pläne zur Eindämmung der Seuche. Schliesslich müssen sich Regierungen und ihre Beraterstäbe eingestehen, dass sie nicht fähig sind, die zivilen Widerstandskräfte den «Konvulsionen der physischen Natur» entgegenzusetzen. Die Zivilisation implodiert.
Selbstüberwindung und Selbstabschaffung
Die Idee des Omnizids begleitet sozusagen komplementär die Idee der Macht des Menschen über den Planeten, wie sie vor allem die Aufklärung förderte. Es kann deshalb nicht erstaunen, dass Shelley in ihrer «romantischen Reserve» nicht nur die mögliche Auslöschung des Menschen in planetarischem Ausmass ins Spiel bringt, sondern auch die Ambivalenz wissenschaftlich-technischen Fortschritts. Selbst auf avanciertem Entwicklungsniveau erweist sich eine Zivilisation als nicht gefeit gegen Einbrüche des Unerwarteten und Zufälligen. Vielleicht ist sie auf einem solchen Niveau erst recht vulnerabel. Wir reden heute von der Selbstverbesserung, ja Selbstüberwindung, wie sie etwa in der Vision einer machbaren Unsterblichkeit Gestalt annimmt. Die Ironie der gegenwärtigen Pandemie liegt nicht zuletzt darin, dass sie uns brutal aus den posthumanistischen Träumen einer einäugigen Technologieelite aufschreckt.
Omnizid bezeichnet den anthropogenen Menschheitsuntergang; also nicht die Auslöschung aufgrund einer «externen» Katastrophe wie etwa eines verirrten Asteroiden, sondern aufgrund «interner» zivilisatorischer Entwicklungen. Das beschrieb der britische Science-Fiction-Autor Olaf Stapledon bereits in den 1930er Jahren. In seinem Roman «Starmaker» bereist ein fiktiver Erzähler zahlreiche Galaxien und ihre Zivilisationen, und er beschreibt deren Schicksale. Die meisten Zivilisationen würden in einer Phase der technologischen Adoleszenz ausgelöscht, berichtet er, dann also, wenn sie massive technische Machtfülle erlangt haben, aber nicht die dazu nötige Reflexionsfähigkeit über deren Folgen.
All dies ist nicht mehr Science-Fiction. In der Mitte des letzten Jahrhunderts nahm die Idee der realen globalen Menschheitsabschaffung unheimliche Gestalt an im Atompilz. In der Folge gesellte sich das Szenario des Klimawandels dazu, und nun sehen wir uns konfrontiert mit der schwer kontrollierbaren Launenhaftigkeit der ältesten, der mikrobischen Bewohner unseres Planeten. Auch wenn Pandemien nicht unbedingt omnizidal sind, ist es ratsam, alle drei Faktoren im umfassenderen Kontext des Anthropozäns zu sehen, des neuen Zeitalters also, in dem der Mensch mit seiner Technologie eine buchstäblich geophysikalische Gestaltungskraft geschaffen hat. Ihre Kehrseite ist die Zerstörungskraft. Dies meinte wohl auch Robert Oppenheimer, als er nach der Detonation der ersten Atombombe aus der hinduistischen «Bhagavad Gita» zitierte: «Jetzt bin ich Tod geworden, der Zerstörer der Welten.»
Omnizid und globale Katastrophe
Das Szenario des Omnizids wird heute wissenschaftlich erforscht, in der sogenannten Existenziellen-Risiko-Forschung – englisch «X-Risk». (1) Eine Studie des bekannten Future of Humanity Institute in Oxford (2) listete 2008 die acht grössten existenziellen Risiken auf, das heisst, die Auslöschwahrscheinlichkeit der menschlichen Spezies, falls bestimmte als riskant erachtete Ereignisse einträfen. Zuoberst auf der Liste solcher Ereignisse rangiert Nanotech-Terrorismus, es folgen künstliche Superintelligenz, Kriege (generell), künstliche Pandemien, nukleare Konflikte, Unfälle in der Nanotechnologie, natürliche Pandemien, nuklearer Terrorismus.
Selbstverständlich sind in solche Einschätzungen zahlreiche persönliche, statistische und spekulative Unwägbarkeiten der Experten eingewoben. Nichtsdestoweniger weisen sie auf einen wesentlichen Unterschied hin, den zwischen Omnizid und globaler Katastrophe. Letztere bemisst sich an der Wahrscheinlichkeit, dass das riskante Ereignis mindestens eine Million Tote verursachen würde (andere Szenarien rechnen auch mit einer Milliarde). Die Rangierung fällt dann anders aus: zuoberst Kriege (generell), dann natürliche Pandemien, künstliche Pandemien, nukleare Konflikte, Nanotech-Terror, nuklearer Terror, Superintelligenz, Unfälle in der Nanotechnologie.
Wie man sieht, sind existenzielles Risiko und globale Katastrophe nicht identisch. Machtübernahme durch Superintelligenz muss keine globale Katastrophe sein, könnte sich aber langfristig als verheerendes existenzielles Risiko herausstellen. Klimawandel dagegen ist eine globale Katastrophe, bedeutet aber nicht zwingend einen Omnizid: ein „privilegierter“ Teil der Menschheit würde wahrscheinlich überleben. Zyniker – es gibt sie durchaus – könnten sich zum Argument verleitet fühlen, dass die Erhaltung der Spezies nun halt ein paar globale Katastrophen koste.
Rechnen mit dem Ende – ein Zeichen der Reife
Gibt es ein Stadium technologischer «Hypertrophie», in der sich eine Zivilisation selbst zerstört? Der Astrophysiker Frank Adam stellte diese Frage 2008 in einem Vortrag. Vielleicht markiert das Anthropozän den Anfang eines solchen Stadiums der prekären Herrschaft über die Erde. Könnte es sein, spekulierte Adam im Besonderen, dass wir deshalb keine extraterrestrischen Zivilisationen entdecken, weil sie dieses Auslöschstadium bereits erreicht haben?
Wir sollten diesen Gedanken nicht als kindische Fantasy oder apokalyptische Prophetie abtun. Denn wir sind als globale Gemeinschaft dank moderner Technologie bereits derart dicht vernetzt, dass sich die Folgen einer lokalen Inzidenz massiv und schnell ausbreiten können. Covid-19 schärft hoffentlich jetzt den Sinn für diese Dimension unserer Prekarität. Selbst wenn wir die Pandemie mit grosser Wahrscheinlichkeit «überwinden», sollten wir den Gedanken des Omnizids nicht gleich verabschieden.
Das mögliche Ende der Menschheit zu bedenken, ist kein zivilisationskritischer Katastrophismus. Vielmehr erwächst daraus die Einsicht, das kollektive Projekt Menschheit verzichte besser auf die Idee, das Szepter über die Erde zu führen. Wir haben gelernt, mit den fundamentalen Naturkräften zu rechnen und zu spielen, aber das bringt nur unsere eigene Unberechenbarkeit ins Spiel. Freunden wir uns deshalb mit dem Gedanken der Selbstauslöschung als unserem stillen Begleiter an. Er markiert eine neue zivilisatorische Reifestufe im riskanten 21. Jahrhundert.
(1) Empfehlenswert das gerade erschienene Buch von Thomas Moynihan: X-Risk; MIT Press, 2020.
(2) Anders Sandberg, Nick Bostrom: Global Catastrophic Risks Survey. Future of Humanity Institute, 2008. www.fhi.ox.ac.ik/grc-report.pdf