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Ausstellung
... in the bamboo forest ...
Zu den bekanntesten Vertretern einer seit den späten 90er Jahren aufstrebenden Künstlergeneration zählt Yang Fudong (*1971 in Peking, lebt und arbeitet in Shanghai). Als einer der talentiertesten Visionäre ist er v.a. mit seinen Videoinstallationen bekannt geworden. Fudongs Werke wurden bereits 2002 an der Documenta XI gezeigt, ebenso 2003 und 2007 an der Venedig Biennale.
Gruppenausstellungen wie „The Real Thing: Contemporary Art from China“ in der Tate Liverpool (2007) und die Asia Pacific Triennale of Contemporary Art (2006) trugen zu seinem internationalen Renommee bei. Seine wichtigsten Einzelausstellungen waren jene in der Renaissance Society Chicago (2004), in der Kunsthalle Wien (2005), im Parasol Unit London (2006) und im Phoenix Art Museum (2008). Das Kunsthaus Baselland zeigt nun erstmals in der Schweiz, die komplette fünfteilige, auf DVD transferierte Filmserie „Seven Intellectuals in Bamboo Forest“, die der Künstler zwischen 2003 und 2007 produzierte.
Yang Fudong begann seine künstlerische Ausbildung mit dem Studium der Ölmalerei an der China Academy of Arts in Hangzhou, welches er 1995 abschloss. Ein Jahr später folgte das Studium Fotografie und Film an der Fine Arts Academy in Peking. Der Einfluss der Malerei Ausbildung auf sein filmisches Werk manifestierte sich bereits in den frühen Filmen und zählt bis heute zu einem seiner filmischen Hauptcharakteristika.
Im Mittelpunkt der präsentierten Filmreihe steht die sozio-kulturelle und politische Situation der chinesischen Intellektuellen. Yang Fudong definierte die Hauptfiguren in einem Interview mit Zhang Yaxuan 2002 zunächst als „minor intellectual“ und beschrieb sie wie folgt: „[minor intellectual] means that from the writer’s point of view, there is a group of special people, who may not do anything astonishing or remarkable. They may not create masterpieces but they have their own qualities. Maybe you do not notice them on a daily base and they will never be anything special, but when you suddenly discover them they are very adorable. They can touch your heart. … The spirit of intellectuals is the dream you have for yourself and the sensation of chasing a dream in dreams. In other words, being an intellectual means imposing the status of being an intellectual upon oneself—that is the flavor. … Of course, an intellectual needs to have the spirit in himself and in his bones. … Similarily, each plant will have its own beauty, such as a wildflower. When the rain drops on its petals, or when the sun touches it, the flower is always beautiful. Maybe the flower is not very strong but it will somehow touch you one day. Such is the spirit of the intellectual.“ (Zhang Yaxuan, Yishu, p. 90f)
Yang Fudongs „Seven Intellectuals in Bamboo Forest“ bezieht sich auf die Geschichte einer Gruppe von sieben Taoisten der Wie (220–265) – und Jin Dynastie (265–420), welche sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hatte, gemeinsam im Bambuswald sang, trank und mit einer sorglosen Leidenschaft für Freiheit, Gespräche führte. In Fudongs Version besteht die Gruppe aus fünf Männern und zwei Frauen, alle um die zwanzig Jahre alt, in Stadtkleidern, welche an die Mode auf Fotografien mit Jean-Paul Sartre und den Intellektuellen jener Zeit erinnern. Der erste Teil der Filmserie (2003) wurde vor dem Hintergrund der Gipfel von Huangshan und dem Yellow Mountain aufgenommen, einer Gegend welche in der traditionellen chinesischen Landschaftsmalerei eine grosse Rolle spielt. Der Film ist in schwarzweiss gedreht, womit Yang Fudong den Bezug zu jener Epoche zum Ausdruck bringt. Die Darsteller verlieren sich in Gedanken, deren Inhalte sie nie erlebt haben, oder wie dies Molly Nesbit formuliert: „They try to grasp loss. They try to grasp death. Clouds and a soft rain hold them back.“ Aus den Bergen zurückgekehrt, interviewt der Künstler seine Freunde und Darsteller im Film und stellt ihnen Fragen über das Schicksal und die Fragilität des Lebens. Ihre Gedanken geben dem Film eine dokumentarische Note und bringen die Stimmung zurück in die Realität des Filmdrehs. Der Künstler konzipierte den ersten Teil des Filmes als Prolog, ähnlich dem Prolog eines Buches.
Im zweiten Teil (2004) wird der Ort des Geschehens und des Denkens von den Bergen in die Stadt Shanghai verlegt. Zu den sieben Intellektuellen kommt ein verheiratetes Paar hinzu, das in einem grossen Kontrast zu den Jugendlichen steht, deren Fragen sich noch mit der Bedeutung und den Spielarten von Sex beschäftigen. Indem sie darüber reden, versuchen sie das Phänomen Sex zu verstehen. Der Film lässt Zeit zur Nicht-Zeit werden und Orte sich in Nicht-Orte verwandeln. Die sieben Intellektuellen leben in einem handlungslosen Film Noir. Das Leben in der Stadt im Vergleich zum Leben in den Bergen wird leblos, doch die Berge scheinen vergessen. Am Ende ertönt ein Lied mit dem Wortlaut „Were there other ends in sight?“, welches von einem gesprochenen, erinnerten Ratschlag einer Mutter unterbrochen wird.
Die Szene am Beginn des dritten Teils erinnert an die surrealistischen Filme eines Buñuel oder Dali: ein schwarzer Ochse wird in einem Reisfeld geköpft. Auf die Träume von Yellow Mountain und die Träume der einen wahren Liebe folgt die brutale Realität. Die sieben Intellektuellen reisen aufs Land und lernen die Arbeit der Bauern kennen. Sie lernen zu pflügen, den Ochsen und Wasserbüffel zu führen, Reis und Getreide anzupflanzen. Nachts denken sie leise nach. Die physische Erfahrung führt nun über die sexuelle Existenz hinaus. Teil drei wurde in Jining, einer ärmlichen Gegend in der südlichen Provinz Zhejiang im Jahre 2005 ohne Skript gedreht. Die Szenen wurden vor Ort entwickelt und später editiert. Der Film kommt ohne gesprochene Worte aus. Die Sounds entstammen den jeweiligen Szenen und aus der Natur.
Auch Teil vier (2006) ist ohne Worte und von den Geräuschen des Fischfangs geprägt. Die sieben Intellektuellen lernen in diesem Teil die Arbeit der Fischer kennen. Sie posieren mit ihren Trophäen. Dabei scheint ein Fang den Platz eines Gedankens oder einer Gedankenspur einzunehmen. In diesem Film werden die Szenen von zwei unterschiedlichen Schauplätzen verbunden. Weihai in der Shandong Provinz und Xiangshan in der Zhejiang Provinz – beides Schauplätze am Meer – liefern die Motive für die zusammengeschnittene Fiktion. Für diesen Teil wurden unterschiedliche Schauspieler eingesetzt, welche die lose Gruppe bilden. Einzelne Charaktere werden erstmals stärker herausgeschält. Der Mann, der seine Brille niemals abnimmt, arbeitet, aber auch ausbricht in einen Zustand von Verrücktheit, indem er eine Kelle wie ein Szepter schwenkt. Auch die anderen Darsteller scheinen nunmehr Rituale zu vollführen. In Badewannen sitzend organisieren sie eine Parade und baden nackt mit einem Schwarm von Kranichen. Der Teil endet als die Protagonisten ein kleines Boot besteigen, welches abhebt und sich über Küste und See hinweg bewegt. Yang Fudong konzipierte diesen Teil als Insel des Glaubens. Am Ende wird das Boot, das die Intellektuellen zum Fliegen bringt, zur einzigen existierenden Insel.
Der Auftakt zu Teil fünf (2007) geschieht mit dem Bild eines grossen Cargo-Schiffes, dessen Hornsignale die Ankunft im Hafen von Shanghai ankündigt. Die sieben Intellektuellen betreten Shanghai am Meeresgrund über den Zugang zum alten Stadtaquarium. Sie tragen Taucheranzüge und laufen ungeschützt gegen Haie, Rochen und Fische aller Art. Sie durchlaufen im Gegensatz zu den vorigen Filmteilen exzessive Settings, Orte und Handlungen. Sie trinken Cocktails, lernen Köche zu sein, spielen ein Baseballspiel, versuchen zu tanzen und mehr. Sie „fallen“ in die Stadt und deren Möglichkeiten ein. Es gibt keine Hinweise mehr auf die Erfahrungen, die in den vorangegangenen Teilen geschildert wurden. Jede Form von Erinnerung und ein Eingebettet-Sein in Geschichte scheint verloren. Der Film präsentiert sich als Patchwork, das Auszüge aus Schanghais Geschichte des 20. Jahrhunderts vermengt. Der Verlust der Erinnerung kennzeichnet den Film ebenso wie die Rückkehr zur Realität. Yang Fudong schildert die Verbindung zwischen dem Film und dem heutigen China so: „To me, the great change that is happening today in society can be seen and perceived in various forms. … What is lost is the idea of living together, a collective search for a better way of life. … Many young people—I’m referring above all to the generation subsequent of mine—don’t take the past into consideration at all. They don’t even need to forget it, since they didn’t know it in the first place.“ Am Ende des Films kommen die sieben Intellektuellen zu einem Dinner. Eine Reihe von Küchenchefs betritt den Raum und beginnt ein immer schneller werdendes Händeklatschen, das schlussendlich in Applaus mündet. Im Hintergrund tauchen auf einer Wand zwei Videos auf, die den Teil eins der Filmserie zeigen und so einen inhärenten Loop bilden.
Von der Realität zum Traum, von der Kollision von Träumen, vom Denken und Formulieren von Empfindungen, vom Erlernen physischer Tätigkeiten bis hin zum Vergessen alles Erlernten spannt die Filmreihe einen Bogen. Yang Fudong integriert zahlreiche Verweise auf die chinesische Geschichte und nimmt stilistische Anleihen von surrealistischen Filmen, von Philosophen und Denkern ebenso wie von eigenen Erfahrungen. Die Filme sind komplex und wie er selbst sagt „für China entstanden“. Die oft gepriesene malerische und enigmatische Schönheit der Filme öffnet eine Tür, die es dem Betrachter ermöglicht, sich der Komplexität und den Erfahrungen zu nähern.
Sabine Schaschl