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Wir hatten unweit des Hafens auf einem kleinen und sehr netten Campingplatz übernachtet. Als Erstes wollten wir die Insel Anglesey erkunden, welche durch einen schmalen Meeresarm vom „Festland“ abgetrennt ist. Wir folgten der Nordküste und legten einen Zwischenhalt im Naturschutzgebiet Cemlyn. Auf zwei Inseln in der Lagune nisteten hunderte von Seeschwalben. Unablässig flogen diese auf das Meer hinaus und kehrten nach Kurzer Zeit mit einem Fisch im Schnabel zurück, um ihre Jungen zu füttern. Nachdem wir das Schauspiel eine Weile beobachtet hatten, ging es auf schmalen, zum Teil einspurigen Strassen weiter bis Amlwch Port, einem ehemaligen Ausfuhrhafen für das in der Region abgebaute Kupfer. Der bestens geschützte Naturhafen hat heute nicht einmal mehr eine Bedeutung für die Fischerei. Entsprechend ruhig geht es auch im gleichnamigen Dorf zu und her. Auch im weiter östlich gelegenen Ort Moelfre war, bis auf ein paar wenige Touristen, nicht wirklich viel los. Wir überquerten die Insel und fuhren zur Südspitze, wo wir bei Pen-Lon parkten, um eine kurze Wanderung Richtung Abermenai Point zu unternehmen. Als wir ankamen, war ein Ranger dabei, vier Pferde auszuladen und in die grasbewachsenen Dünen zu entlassen. Wie er uns erklärte, weiden diese, zusammen mit Kühen und Schafen, das Gras ab, um so die Dünenlandschaft vor der Verbuschung zu bewahren. Die Wanderung führte über dichtbewachsene und nicht allzu hohe Dünen hinaus zur Gezeitenebene. Bei Niedrigwasser ist es möglich, bis zum Abermanai Point gehen. Wir folgten dem Strand ein paar hundert Meter und drehten dann wieder Richtung Parkplatz. Um zu vermeiden, ein Stück der Strasse entlang gehen zu müssen, bogen wir auf halbem Weg vom Pfad ab und steuerten querfeldein unser Ziel an. Unterwegs begegneten wir unter andern den freigelassenen Pferden und einigen neugierigen Kühen.
Nach einer kurzen Weiterfahrt übernachteten wir auf einer Farm, zu welcher der vermutlich nordwestlichste Rebberg Europas gehört.
Bevor wir die Insel verliessen, wollten wir dem Ort mit dem angeblich längsten Ortsnamen einen Besuch abstatten: Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch. Auf Deutsch übersetzt bedeutet der Name: „Marienkirche in einer Mulde weisser Haseln in der Nähe eines schnellen Wirbels und der Thysilio Kirche bei der roten Höhle“. Nicht dass dies ein historisch bedeutsamer Ortsname wäre, nein, er wurde einzig und allein erfunden, um mit seiner Einzigartigkeit Leute aus der ganzen Welt anzulocken. Jedenfalls ist ausser auf dem Schild am Bahnhof bei fast jedem Geschäft der ganze, lange Name aufgeführt. Und es funktioniert, auch bei uns, die Touristen kommen vorbei, schiessen ein paar Bilder und geben hoffentlich ein paar Pfund aus.
Wir fuhren direkt zum Pen-y-Pass von wo aus wir zum höchsten Berg in Wales, zum Snowden Gipfel wandern wollten. Nun, es kam ein wenig anders als geplant! Als Erstes mussten wir feststellen, dass der Parkplatz auf dem Pass der Nachfrage bei weitem nicht gerecht wird. Zweitens kann man dort sowieso nur parken, wenn man online gebucht hat, was dann die Kleinigkeit von £ 18 pro Tag kostet! Zum Glück hatten wir kurz zuvor einen autostoppenden Wanderer mitgenommen. Dieser erklärte uns, dass sein Auto unweit hinter dem Pass geparkt sei und dass wir auch dort parken könnten. Zu guter Letzt überliess er uns sein gültiges Tages-Parkticket, da er ohnehin wegfuhr. Also schnürten wir die Wanderschuhe und mussten nun erstmal wieder zum Pass hochwandern. Oben angekommen, bemerkten wir eine Gruppe junger Leute, die sich zum Aufbruch bereit machten. Anhand der Ausrüstung und der brandneuen Wanderschuhe war leicht zu erkennen, dass wandern für die meisten von ihnen wohl nicht das alltägliche Hobby ist. Wir waren noch keine 500 m dem Pyg Trail entlang gegangen, als wir nach und nach von der ganzen Gruppe überholt wurden. Schnaufend und keuchend rannten sie schon fast an uns vorbei. Wir waren da bereits überzeugt, dass wir sie bald wieder einholen würden. Nach nicht einmal einer Viertelstunde mussten wir uns an den nun stehenden Jugendlichen vorbei schlängeln. Dieses Spiel wiederholte sich mehrere Male, bis wir sie schliesslich ganz abhängten, aber nur, um zur nächsten Gruppe aufzuschliessen und das Ganze ging von neuem los. Diese Art zu wandern war definitiv nicht nach unserem Geschmack und die Vorstellung, wie es auf dem Gipfel zu und hergehen würde, wo auch noch die Leute dazukamen, die mit der Bahn hochgefahren waren, war definitiv zu viel. Wir entschieden deshalb, auf den „Gipfelsturm“ zu verzichten. Auf der Höhe des höchst gelegenen Sees kürzten wir ab und stiegen über die Wiesen zum Miners Trail ab. Auf diesem wanderten wir zum Ausgangspunkt zurück. Auch so hatte sich die Wanderung absolut gelohnt. Nach unserer Erfahrung in dieser frühen Jahreszeit wollten wir uns gar nicht vorstellen, wie es auf diesen Routen im Sommer oder an Wochenenden zugehen dürfte. Auch nicht sehr beruhigend war die Tatsache, dass in der kurzen Zeit, die wir hier verbrachten, der Rettungshelikopter dreimal ausrücken musste...
Wir übernachteten in einem schönen Campingplatz, etwas ausserhalb von Beddgelert. Nach mehreren trockenen und sonnigen Tagen fielen gegen Abend wieder einmal ein paar Regentropfen, aber schon bevor die Sonne unterging, zeigte sich wieder ein blauer Himmel.
Der Südküste folgend erreichten wir die kleine Marktstadt Pwllheli. Wir hatten von einer eisenzeitlichen Festungsanlage nördlich von Lithfaen gelesen, die wir uns anschauen wollten. Von einem Parkplatz aus wanderten wir etwa eine Stunde durch die karge Landschaft und bestiegen zum Schluss einen Hügel, auf welchem die erstaunlich gut erhaltenen Fundamente einer Siedlung mit etwa 150 Rundhäusern aus Stein zu erkennen sind. Die Aussicht vom Gipfel des Hügels erlaubte eine gute Übersicht über die antike Anlage und bot zudem eine wunderbare Rundsicht auf die Umgebung.
In Caernarfon besichtigten wir die Festung, eine der bekanntesten Burganlagen Grossbritanniens. Im Jahr 1969 wurde Prinz Charles, der heutige König, hier zum Prince of Wales ernannt, was in einer umfassenden Bildergalerie zu sehen ist. Die eindrucksvolle, im Jahr 1283 erbaute Anlage wurde vor allem als abschreckende Festung errichtet. Von den einstigen Wohngebäuden sind nur noch Mauerreste übrig geblieben. Daher wirken die Innenräume nicht sehr wohnlich , sie gleichen viel eher einem Labyrinth aus Türmen und Gängen. Entsprechend führt die Besichtigung über viele Treppen hoch und runter , vor allem in kleinere Räumen und lange Verbindungsgänge.
Wir hatten mit einem ehemaligen Arbeitskollegen von Ueli Kontakt aufgenommen und uns in einem Pub nördlich von Manchester verabredet, um mit ihm zusammen den Abend zu verbringen. Da auch er mit einem Camper anreiste, konnten wir alle unbeschwert ein Bier trinken und die Nacht auf dem Parkplatz verbringen. Andy erwartete uns bereits, als wir beim „Crooke Hall Inn“ ankamen. Bei herrlichstem Wetter sassen wir im Biergarten, am Leeds-Liverpool Kanal gelegen, zusammen und freuten uns über das Wiedersehen. Zum Nachtessen konnten wir aus der Karte eines der typisch englischen Pub Angebote, wie Fish and Chips, Pies, Steaks oder Burgers auswählen. Alles schmeckte hervorragend. Später am Abend trat auf dem Parkplatz eine lokale Tanzgruppe auf, sodass wir ganz unerwartet in den Genuss englischer Folklore kamen. Als es im Garten langsam kühl wurde, setzten wir uns wieder ins Lokal, wo mehrere Musikanten aufspielten. Mandoline und Gitarre unterstützten die verschiedenen Sänger, ein anderer gab Balladen ohne musikalische Begleitung zum Besten. Wir hatten für das Treffen mit Andy wirklich eine gute Wahl und offenbar den richtigen Zeitpunkt getroffen und verbrachten einen vergnüglichen Abend zusammen.
Am nächsten Morgen genossen wir ein gemeinsames Frühstück an der Sonne, bevor wir uns von Andy verabschiedeten. Er hatte uns empfohlen, den Umweg über Formby zu fahren und den dortigen Strand zu besuchen. Nicht dass wir baden wollten, das überliessen wir lieber den Einheimischen, aber der Strand stellte sich tatsächlich als sehr sehenswert heraus. Wir ergatterten einen der letzten Parkplätze am Strandparkplatz, ehe dieser geschlossen wurde, weil er voll war. Zu Hunderten strömten die Leute von weiter entfernten Parkmöglichkeiten zu Fuss ans Meer. Der Sommer fand in England im Jahr 2022 an genau diesem Freitag statt (Spass, nicht böse sein, liebe Engländer), denn die Temperaturen waren tatsächlich bis gegen 25 °C im Schatten angestiegen. Diese Gelegenheit sollte man sich in Grossbritannien wohl besser nicht entgehen lassen, was die Heerscharen von Badegästen wohl erklärte. Bis zu Phils Haus war es anschliessend nur noch eine kurze Fahrt und wir freuten uns darauf, diesmal etwas länger mit ihnen zusammen zu sein.
Unser gemeinsamer Ausflug führte uns in die nähere Umgebung und in das schöne Dorf Great Budworth. Der historische Dorfkern ist weitgehend in Takt und beherbergt eine Anzahl schöner, alter Riegelhäuser. Sehr sehenswert ist vor allem auch der George & Dragon Pub, ein typisch englischer Traditionsbetrieb. Wir selber wären wohl kaum an diesem wunderschönen Ort vorbei gekommen, also zeigte sich einmal mehr, wie wertvoll Freunde sind, die ihre Umgebung gut kennen und ihr Wissen auch gerne weitergeben.
Ebenfalls zu diesen Insidertipps gehört der Boatlift in Anderton. Ein mehrfach umgebautes Schiffshebewerk, welches die ankommenden Kanalboote vom River Weaver auf das etwa 20m höher gelegene Niveau des Trent & Mersey Canals bringt. Die Anlage diente vor allem dem Transport des in der Region abgebauten Steinsalzes. Freiwillige erklärten uns mit Begeisterung die Funktion und Bedienung des Hebewerks, und das Museum lieferte weiter, interessante Informationen. Die Hebevorrichtung arbeitete anfangs mit einem hydraulischen Antrieb, wurde später auf Dampf umgebaut und schliesslich elektrifiziert. Unweit dieser Sehenswürdigkeit bekamen wir eine weitere Attraktion zu sehen: ein altes Dampfboot lag vor Anker. Wir kamen mit einigen älteren Herren, die Arbeiten am Schiff verrichteten, ins Gespräch und bekamen eine spontane Insiderführung. Der 1903 gebaute Kahn wurde ursprünglich als Schlepper in Betrieb gesetzt. Nach mehreren Umbauten dient er heute als Event- und Ausflugsboot, wobei die ganze Technik im Originalzustand verblieben. Speziell interessant war die Dampfkraft unterstützte Steuereinrichtung, quasi die Servolenkung von dazumal. Die Hauptmaschine wird noch heute mit Kohle betrieben. Im Unterschied zu früher muss der Heizer heute jedoch aus Gesundheitsschutzgründen mit Staubschutzmaske arbeiten.
Ganz in der Nähe besuchten wir die Überreste der Lion Salt Works, die letzte mit offenen Salzpfannen arbeitende Saline, die bis 1986 in Betrieb war. Die Sole wurde mit Wipp-Pumpen aus der Tiefe gefördert und das Wasser in grossen Becken verdunstet. Die Lage direkt am Kanal, ermöglichte einen einfachen Abtransport des gewonnen Salzes.
Um uns das bevorstehende Nachtessen zu verdienen, beendeten wir den Ausflug mit einer kleinen Wanderung dem Kanal entlang und durch ein Naturschutzgebiet.
Der folgende Tag zeigte sich meist bedeckt und zwischendurch fielen einige harmlose Tropfen vom Himmel. Das hielt uns aber nicht davon ab, eine ausgedehntere Wanderung in Angriff zu nehmen.
Wir starten beim Bickerton Poacher Pub und stiegen zum Sandstone Trail auf. Immer auf der Höhe bleibend, folgten wir diesem bis nach Bickerton. Immer wieder hatten wir Ausblicke in das umliegende Farmland. Auf einem Hügel, unweit einer eisenzeitlichen Siedlung, legten wir eine Mittagsrast ein. Viel ist von „Maiden Castle“, der Hügelfestung, welche zwischen 600 v.Chr. bis ins 1. Jahrhundert n.Chr. genutzt wurde, nicht mehr zu sehen. Der Rückweg zum Auto führte uns durch die Felder und vorbei an vielen Pferdeweiden.
Ab dem nächsten Tag waren wir bei Joan in Manchester untergebracht. Von dort unternahmen wir einen Ausflug zur nahen Quarry Bank. Der grosse Park zieht sich entlang dem River Bollin und ist ein wunderschönes Wandergebiet. Am Ende der Route besuchten wir die ehemalige Baumwollmühle, die Quarry Bank Mill, in welcher man noch heute das funktionierende, riesige Wasserrad und die alten Dampfmaschinen besichtigen kann. Die ursprüngliche Besitzerfamilie hatte direkt neben der Fabrik einen herrlichen Garten anlegen und für die Arbeiter ein eigenes Dorf errichten lassen.
Eine weitere Wanderung hatten unsere Freunde im Macclesfield Forest geplant. Wir fuhren zur Tegg’s Nose und parkten dort das Auto. Als erstes führte ein Saumpfad steil ins Tal hinunter. Dort haben wir uns tatsächlich gleich zu Beginn der Wanderung verlaufen. Wir landeten bei einem Bauernhaus. Die Besitzerin kam eilig aus dem Haus und machte genauso schnell klar, dass wir auf ihrem Land nicht erwünscht wären. Also mussten wir, anstatt nach 200 m über ihre Wiese auf die geplante Route zu gelangen, umdrehen und einen grösseren Umweg in Kauf nehmen. Wir waren offensichtlich an eine der nicht so höflichen und hilfsbereiten Engländerinnen geraten....
Der Aufstieg zum schattigen Macclesfield Forest verlief an der prallen Sonne. Unsere Freunde stöhnten unter der Hitze, während wir, zwar auch schwitzend, das endlich warme Wetter genossen. Wir aus den südlicheren Gefilden mögen eben die englische „Kälte“ nicht besonders und die Briten mögen die „Hitze“ nicht. Bei der Forest Chapel stiegen wir hinunter ins Tal und gelangten zur Ranger Station, wo wir Mittagspause machten. Am untersten der drei beieinanderliegenden Stauseen vorbei, starteten wir anschliessend zum schweisstreibenden Aufstieg zur Tegg’s Nose. Auf dem Hügel angekommen, erblickten wir die Überreste eines alten Steinbruchs und einige der ursprünglichen, dampfbetriebenen Maschinen. Nach der Anstrengung waren wir froh, dass wir nach wenigen Minuten unser Auto erreichten.
Das Nachtessen hatten wir uns heute wieder wohl verdient. Von Joans Haus aus gelangten wir in wenigen Gehminuten in ein Quartier mit vielen Bars, Pubs und Restaurants. Für diesen Abend war ein indisches Restaurant ausgewählt worden und wir wurden, wie immer, nicht enttäuscht. Ganz speziell war das von Phil und Ueli gewählte Dessert: Gajar Halwa. Die aus Karotten und Milch gekochte Süssspeise schmeckte hervorragend und beeindruckte mit einem völlig überraschenden Aroma. Der Manager war dann auch sichtlich stolz, als wir ihn nach dem Rezept fragten.
Nach dem Frühstück fuhren wir zu Phils Haus zurück, wo wir unseren Land Cruiser geparkt hatten. Wir packten unsere sieben Sachen und verabschiedeten uns von unserem Freund.
Ueli hatte schon seit längerem immer wieder über Facebook Kontakt mit einem gewissen Ian gehabt. Dieser ist ebenfalls ein begeisterter Reisender und, wie auch Ueli, öfter mit dem Motorrad unterwegs. Inzwischen ist er offenbar auch Besitzer eines Land Cruiser Campers. Die beiden hatten irgendwann vereinbart, dass wir uns treffen wollten, wenn wir in seiner Gegend sind. Ian hatte als Treffpunkt einen Campingplatz im Yorkshire Dales Nationalpark vorgeschlagen und so fuhren wir weitgehend auf Autobahnen durch den Grossraum Manchester bis an die Grenze des Nationalparks. Kurz nachdem wir eingetroffen waren, kam auch Ian angerollt. Wir verbrachten einen geselligen Abend zusammen und genossen das warme, sonnige Wetter. Nach einem gemeinsamen Frühstück machten wir uns wieder auf den Weg. Wir hatten die Route so gelegt, dass wir die einmalige Landschaft des Nationalparks nochmals geniessen konnten. Die vielen Täler, Dales genannt, werden meist von kahlen, häufig auch felsigen Hügeln begrenzt. Nur wenige kleine Dörfer befinden sich innerhalb des Nationalparks. Die Menschen leben grössten Teils von Schafzucht und zunehmend vom Tourismus. Kaum hatten wir die Parkgrenze überschritten, wurde die Landschaft flacher und Ackerbau war vorherrschend.
Masham war im Reiseführer als schöne, historische Kleinstadt beschrieben, was uns dazu bewegte, einen kurzen Zwischenhalt einzulegen. Wie so oft, waren aber die Strassen und Plätze, die tatsächlich einiges zu bieten hatten, mit Autos zugeparkt, sodass die schönen Fassaden der alten Häuser etwas in den Hintergrund gedrängt wurden.
Einen längeren Aufenthalt planten wir hingegen bei Studly Park, einem im frühen 18. Jh. angelegten Wassergarten, ein. Rund um die eindrücklichen Ruinen des dazu gehörenden, um 1132 gegründeten Klosters Fountains Abbey wurde eine riesige Gartenanlage angelegt. Das weitläufige Gelände lädt zu ausgedehnten Spaziergängen ein. So kamen schliesslich einige Kilometer Fussmarsch zusammen, bevor wir weiterfuhren. Einen nächsten Zwischenhalt legten wir in Ripon ein. Das mittelgrosse Städtchen bietet neben der schönen Altstadt eine überraschend grosse Kathedrale zum Besuch an.
Zum Übernachten wählten wir einen Campingplatz einige Kilometer ausserhalb von York.
Von diesem Übernachtungsplatz aus erreichten wir am nächsten Morgen schon recht früh die Stadt York. Wir schlenderten durch die historische Altstadt. Dem Fluss Ouse entlang, welcher beidseits dicht bebaut ist, aber doch grosszügig Platz für einen Fussweg lässt, gelangten wir ins Zentrum. Vor allem die Gassen der Shambles, einer mittelalterlichen Einkaufsstrasse, zeigen den Charme der Altstadt. Am Ende landeten wir automatisch bei der riesigen Kathedrale. Diese ist vor allem bekannt für die angeblich grössten Bleiglasfenster weltweit. Die £ 15 Eintrittsgebühr erschienen uns aber eindeutig zu teuer, nur um eine weitere der vielen eindrücklichen Kathedralen Grossbritanniens auch von innen zu besichtigen. Um uns einen letzten Überblick über die Stadt zu verschaffen, stiegen wir zum Schloss hoch. Auch dort ist der Eintritt teuer, aber es war einmal mehr eine English Heritage Liegenschaft, sodass wir als Mitglieder kostenlos eintreten konnten. Viel gibt es in diesem eigenartigen Gebäude nicht zu sehen. Es besteht eigentlich aus einem hohlen Zylinder mit sehr dicken Mauern, in welchem einige kleine, kahle Räume untergebracht sind. Die Aussicht vom höchsten Punkt des Turmes ist jedoch sehr eindrücklich.
Auf dem Weg nach Süden kamen wir fast automatisch an einer weiteren schönen Stadt vorbei. Lincoln, im Mittelalter durch Woll- und Tuchhandel zu Wohlstand gelangt, ist bedeutend weniger bekannt als York. Uns hat die Stadt, die viel weniger touristisch und dadurch authentischer ist, noch mehr angesprochen. Auch die Kathedrale von Lincoln, eines der bedeutendsten Bauwerke der englischen Gotik, beeindruckt mit wunderschönen Bleiglasfenstern. Einige gut erhaltene Strassenzüge mit Bauten teilweise aus normannischer Zeit, gehörten ebenfalls zu den Sehenswürdigkeiten.
Nach einer ziemlich langen Fahrt erreichten wir schliesslich die Ostküste, wo wir die Nacht verbrachten.
Anderntags fuhren wir zur Norfolk Coast, ein weitläufiges Naturschutzgebiet unter dem Management des National Trust. Bei einem Informationsbüro liessen wir uns über die Wandermöglichkeiten beraten. Auf der ganzen Länge der Küste führt ein Fernwanderweg entlang. Um einen Teil davon zu bewandern, fuhren wir mit dem Bus von Morsten nach Cley und starteten dort die Wanderung zurück zum Auto. Zuerst wollten wir uns aber in Cley etwas umsehen. Der Ort ist vor allem bekannt für seine guterhaltene Windmühle aus dem 18. Jh., welche heute ein schön angelegtes B&B beherbergt. Auf gut angelegten Wegen führte die Wanderung hinter den Sandstränden durch das Feuchtgebiet. Je nach Saison tummeln sich dort unzählige Vogelarten. Jetzt im Frühsommer war allerdings nicht sehr viel Betrieb. Die Route führte in einem weiten Bogen ins Landesinnere, am Dorf Blakeney vorbei. Im hübschen Küstenort herrschte Hochbetrieb, vor allem in den Restaurants und Pubs. Viele Leute, vor allem Kinder, waren mit Krabbenfischen beschäftigt. Die kleinen Krebse wurden mithilfe eines Köders in einem Stoffbeutel gefangen, später aber wieder freigelassen. Was diesen Menschen offenbar Spass machte, konnten wir nicht wirklich nachvollziehen. Nach etwa 10 km Fussmarsch waren wir beim Auto zurück und machten uns anschliessend auf den Weg, weiter nach Süden.
Auch Norwich überraschte uns positiv. Uns war die Stadt nicht bekannt gewesen, aber da sie am Weg lag, legten wir einen Zwischenhalt ein. Auch hier trafen wir wieder auf eine mächtige Kathedrale, fast schon eine Stadt in der Stadt. Immerhin nahm das Gelände des Gotteshauses früher einen Fünftel der Fläche innerhalb der Stadtmauern ein. Der hochgepriesene, permanente Markt hingegen, konnte uns mit seinem Angebot jedoch nicht wirklich überzeugen.
Nach einigem Suchen fanden wir in einem grossen Waldgebiet bei Thedford ein schönes Buschcamp in einer Waldlichtung. Die Zufahrt benötigte definitiv gute Bodenfreiheit, denn die sandige Piste wies tiefe Löcher und Wellen auf. Erst nachdem wir uns schon eingerichtet hatten, bemerkten wir, dass wir nur etwa 100 m von einer Bahnlinie entfernt standen. Zu unserem Glück dauerte jedoch der aktuelle Streik der Bahnangestellten noch an, so dass erst gegen 9 Uhr am folgenden Morgen der erste Zug vorbei fuhr.
Unser nächstes Ziel waren die Wicken Fen, eines der letzten Feuchtgebiete, wie sie vor der Industrialisierung in grossen Teilen Mittelenglands üblich waren. Die Moore wurden nach und nach flächendeckend trockengelegt, um den Boden landwirtschaftlich nutzbar zu machen. Dabei kam es auch zu skurrilen Zwischenfällen. Durch das Entwässern der Flächen senkten sich die Gebiete teils stark ab, wodurch Flussläufe so weit verändert wurden, dass diese wiederum ganze Landstriche überfluteten. Mit grossem Aufwand und mithilfe von Wind getriebenen Pumpen musste deshalb noch mehr entwässert werden. So richtig erfolgreich waren diese Aktionen jedoch erst, als man Dampfmaschinen dafür einsetzen konnte.
Um einen Eindruck der Landschaft zu erhalten, unternahmen wir eine Wanderung. Trotz der grossen Eingriffe in die Natur hat sich eine reichhaltige Flora erhalten und viele Vogelarten sind in der Region geblieben, sodass es immer wieder etwas zu sehen gab.
Als nächstes Ziel stand Cambridge auf unserem Plan. Die Stadt war jedoch dermassen überlaufen, dass wir keine Chance hatten, einen Parkplatz zu finden. Als wir schliesslich eine Park & Ride Anlage im Süden ansteuerten, um von dort mit dem Bus in die Stadt zu fahren, mussten wir feststellen, dass alle Parkplätze eine 2 m Höhenbegrenzung hatten, also auch diese Möglichkeit nicht in Frage kam. Wir verzichteten also mit Bedauern auf den Besuch dieser sicher reizvollen Stadt.
Nachdem wir wieder einmal auf einem Farmcamping übernachtet hatten, fuhren wir zum nahe gelegenen Imperial War Museum bei Duxford. Dort gibt es eine der grössten Militärflugzeugausstellungen Europas zu besichtigen. Ein Grossteil der Flugzeuge stammt aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Ebenfalls zu bestaunen war eine Concorde, welche von aussen und innen besichtigt werden konnte. Die ausgestellte Maschine war die dritte, die seinerzeit gebaut worden war. Diese stand nie für kommerzielle Passagierflüge im Einsatz, sie war eine der Concordes, welche einzig und allein dazu dienten, die unzähligen Testflüge zu absolvieren, die nötig waren, da man mit diesem Flugzeug in ganz neue Dimensionen der Luftfahrt vorgestossen war. Ein Detail, das uns auffiel, war ein Geigerzähler, welcher eingebaut wurde, um aufzuzeichnen, welchen Strahlendosen die Passagiere ausgesetzt sein würden. Auch sonst wartet das Museum mit vielen sehr exklusiven Flugzeugmodellen auf.
Im hinteren Teil des riesigen Areals ist zudem das American Air Museum untergebracht. Dort sind unter anderen legendären Maschinen eine B52 oder eine Black Bird zu sehen, das noch immer schnellste, bemannte Flugzeug, welches immerhin sogar etwas schneller als die Concorde war. Da das Flugfeld, auf welchem das Museum erbaut wurde, während dem Zweiten Weltkrieg eine entscheidende Rolle bei Bomberangriffen und der Verteidigung Englands gegen deutsche Luftangriffe gespielt hatte, ist die Original Einsatzzentrale nach wie vor intakt. Mit nachgestellten Kommentaren lässt sich der Tagesablauf und die Funktion dieser Anlage sehr gut nachvollziehen.
Da für uns auf dem Weg Richtung Dover keine wichtigen Sehenswürdigkeiten mehr lagen, legten wir eine recht lange Etappe ein und fuhren bis zur Küste. Einzig im kleinen Dorf Finchingfield machten wir einen kurzen Halt. Der Ort wurde im Reiseführer hoch gelobt, entpuppte sich jedoch als zwar hübsches, aber den Umweg kaum lohnendes Ziel. Vielleicht waren wir nach den vielen historischen und wirklich sehenswerten englischen Städten auch einfach etwas verwöhnt.
Nach einem letzten Einkauf in Dover verbrachten wir die Nacht nur ein paar Kilometer ausserhalb der Hafenstadt.
Wir hatten die Fähre für den Nachmittag des folgenden Tags reserviert, also blieb uns genügend Zeit, eine kleine Wanderung den Kreidefelsen entlang zu unternehmen und das eindrückliche Dover Castle zu besichtigen. Die Fähre brachte uns schliesslich klassisch, das heisst ohne Schnellboot oder Tunnel, in 90 Minuten nach Calais.