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Ich habe die Angewohnheit, Abkürzungen von zweiten Vornamen, gemeinhin als «akademische Titel für Arme» verschrien, als Anglizismen zu lesen. Mag es an John «Eff» Kennedy oder dem Helden meiner Kindheit, Michael «Jay» Fox, liegen: die Zweitinitialen klingen bedeutungsvoll mit – und verleihen Gewicht. Das Englische assoziiert, zumindest im Jung’schen Ohr, Gefahr und Abenteuer, wie bei William «Billy The Kid» Bonney, Cassius «Muhammad Ali» Clay oder Shawn «Jay-Z» Carter, und so scheint es mir folgerichtig, dem Autor des kleinen Bandes mit Auto-Nacherzählungen früher Werke ein kindheitsheldisches «Jay» beizugeben. Denn Clemens «Jay, formerly known as Johann» Setz, Österreicher, jung und wahnsinnig gut, hat sich eines durchaus gefährlichen Unternehmens angenommen: er hat sich in «Glücklich wie Blei im Getreide» einem Stapel Erzählungen, die er in den Jahren 2001–2003 jeweils frühmorgens und in weissem Sakko verfasst hat, gestellt und getan, «wofür die meisten dieser Texte gewiss nie gedacht waren»: er hat sie «sinnerfassend [ge]lesen» und zusammenfassend wiedergegeben. Das Resultat sind fünfundvierzig Kondensate, die verstören – zuweilen bis ins Glücksgefühl über das Nichtvorliegen der Erzählung in toto.
Der Autor selbst scheint in seinen kommentierenden Worten um eine gewisse Sachlichkeit bemüht, der Ton wirkt nüchtern, nacherzählt wird knapp und den wichtigsten Fakten entlang wie in der Geschichte «Ich habe so Angst vor grossen Behältern»: «Eine sehr kurze Erzählung. Ein Mann ist bei einem Psychotherapeuten in Behandlung; er erklärt ihm, was sein Problem sei (siehe Titel), und fragt, ob der Therapeut ihm helfen könne. ‹Nein›, sagt der Therapeut.» Die Geschichte endet damit, dass die beiden als «alte Freunde» auseinandergehen, anders als in der Geschichte «Warum ich niemals Vater werde». Darin liegt die Figurenkonstellation ähnlich, am Ende aber der Patient tot am Fusse der Therapeutentreppe. Nicht selten übrigens finden die Protagonisten der frühen Setzgeschichten den Tod. Dreifach hart trifft es «Klara», die zunächst im Fussballtor buchstäblich erschossen wird, dann angekettet an einem Gartenzaun vor sich hindarbt, um sich in einer anderen Erzählung schliesslich – und eben nicht endgültig – vor der Stadt zu erhängen. Und ja, auch anderen ergeht es schlecht. Es geht aber auch mal gut, etwa in «Fleischmanns Trauer um einen verrückt gewordenen Kirschbaum», indem letzterer sich als Apfelbaum herausstellt und ersterer dank seiner Ignoranz die Stadt vor der Wut des Allmächtigen schützt.
Der Blick des heutigen Setz auf seinen 19jährigen Vorgänger und Schriftstellerkollegen ist bei aller Verpflichtung auf eine gewisse Nüchternheit doch unverhohlen mitleidig – womit nicht grossherziges Erbarmen, sondern wortwörtliches, aktives Mit-Leiden bei der Lektüre gemeint ist: «Eine schwer verständliche Geschichte», «Nur zwei Wörter entfernt vom Schüleraufsatz-Deutsch», «Eine völlig zusammenhanglose Geschichte», kommentiert Setz der Ältere. Fremdschämen heisst der seit 2009 im Duden festgehaltene Terminus technicus dieser Regung, «douche chills» lautet er im Englischen. Den entsprechenden Eintrag unter urbandictionary.com erhebt Setz denn auch zum Motto des ganzen Bändchens: «An overwhelming feel-ing of uncomfortable embarrassment brought on by watching someone make a fool of himself.»
Man darf das durchaus als Koketterie deuten. Denn die Skizzen dieser Geschichten sind äusserst amüsant und lesen sich wie das Programm eines Verlags, um dessen Zukunft man sich keine Sorgen zu machen braucht, der, ganz im Gegenteil, mit der Herausgabe der neuen Bücher geizt wie amerikanische Produktionsfirmen mit den neuen Staffeln ihrer Se-rien. Erfreulicherweise entnehmen wir dem Herbstprogramm des Suhrkamp-Verlags, dass der gegenwärtige Clemens «Jay» Setz im September seinen neuen Roman veröffentlicht: «Die Stunde zwischen Frau und Gitarre». Der Kurzbeschrieb hebt abenteuerlich an und man meint eine Spur der Nacherzählung «Das Rätsel bestimmter Besuchszeiten» herauszulesen. Dass alles noch viel wilder, schöner, brutaler und wahnwitziger sein wird, dessen sei man versichert, denn: die «Gefahr» ist nur Clemens J. Setzens dritter Vorname.