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An einer Hauswand in der Nähe des Stadelhofer Bahnhofes prangt in grossen Lettern das Wort: Dichtungen. Dass dort nicht ein verkanntes Genie haust, entnimmt man der darüber angebrachten Reklame für Asbest. Es gibt also Dichtungen, die keine sind, von der Gemeinsprache aus betrachtet; umgekehrt lehnt vielleicht der betreffende Techniker unsere Dichtungen ab. Innerhalb einer Nationalsprache gibt es eine ganze Reihe von Sondersprachen der Gewerbe, der Künste, des Handels, der Seefahrt, des Militärs, usw. Ihre Vertreter brauchen Geräte, verrichten Arbeiten, befinden sich in Situationen, die einen eigenen, scharf geprägten Ausdruck erfordern. Die geschäftliche Notwendigkeit ist es nicht allein, die zur Spezialisierung des Wortschatzes treibt: auch das tägliche Zusammensein, die Wiederkehr derselben Dinge, bildet Eigenheiten aus. Man kann das sogar in Familien beobachten.
Diese Einzelvokabularien stehen in den verschiedensten Verhältnissen zur Gemeinsprache, aber sie hängen alle von ihr ab. Keine, und mag sie noch so reich sein, vermag sich zu genügen. Vossler hat sie jüngst zutreffend "terminologische Anhängsel an eine Nationalsprache" genannt. Er sagt auch: "Die Fachsprachen sind auf die Poesie ihres Faches angewiesen", das heisst auf ihre schöpferischen Möglichkeiten. Einige sind sehr geringen Umfanges. Diejenige der Marmorarbeiter von Carrara, die ich letzthin zu hören bekam, ist sehr begrenzt. Teilweise wird noch in primitivster Weise, wie zur Zeit der Römer, der Block durch weisse Ochsen vom Berg zum Meer geschleift. Anderseits hat natürlich die Elektrizität dort längst ihren Einzug gehalten. Ist
diese Sprache auch nicht reich, so ist sie doch höchst eindrucksvoll, besonders wenn die unsäglich schweren Verrichtungen durch uralte Melodien rhythmisiert werden. Würde man die Allgemeinsprache durch einen grossen Kreis darstellen, und die Sondersprachen durch kleinere Kreise, so würden sich diese zum grössten Teil mit dem Hauptkreis decken, und nur in Segmenten von verschiedener Ausdehnung darüber hinausragen.
Die Fachsprachen erschaffen nichts aus der blauen Luft. Sie behalten etwa, was die Alltagssprache als unnötig abstösst, meist aber nehmen sie ihre Elemente, wo sie sie finden, und modem sie nach ihren Bedürfnissen um.
Die Studentensprache nun ist dank dem Bildungsgrad derer, die sich ihrer bedienen, der Selbständigkeit ihrer Träger gegenüber dem Staat und dem Leben, unter den Sondersprachen eine der umfangreichsten, originellsten und wirkungsvollsten. Man kann sie geradezu eine Kastensprache nennen. Es soll zunächst nur von der deutschen die Rede sein. Sie konnte sich erst entwickeln, als der Student, durch die Reformation von der mittelalterlich-klerikalen Erziehung befreit, auf sich selber gestellt wurde. Ihre Wurzeln gehen also auf das 16. Jahrhundert zurück. Sie entfaltete sich mächtiger, als, etwa um 1700, die lateinische Unterrichtssprache durch die deutsche ersetzt wurde. Ihre Blütezeit fällt ins 18. Jahrhundert. Nach der Schweiz wurde sie erst als Ganzes, mitsamt den studentischen Sitten, durch Studierende, die einige Semester im Ausland zugebracht hatten, verpflanzt; zuerst nach Zürich, etwa um 1830-40.
Wer die deutsche Studentensprache, oder die Burschensprache, wie sie bis 1850 noch hiess, in ihren Einzelheiten studieren will, greife nach dem köstlichen Buche über diesen Gegenstand des Altmeisters deutscher Etymologie, Friedrich Kluge, 1895. Es weckt im Benützer nicht nur wissenschaftliches Interesse, sondern, wie sein hervorragendster Kritiker, Erich Schmidt, schreibt "halb frohe, halb wehmütige Gedanken an den hoffnungsvollen Hochsinn wie an den vergnügten Unsinn entschwundener Jugend". Es setzt sich zusammen aus einigen Abschnitten über Wesen und Ursprung der Studentensprache und einem 52 Seiten umfassenden Wörterverzeichnis, dem vollständigsten,
das wir besitzen. Ein Jahr zuvor hatte John Meier auf das 200jährige Jubiläum der Universität Halle, 1894, eine Schrift über die hallische Studentensprache veröffentlicht, die als willkommene Ergänzung und Bestätigung von Kluge dient. Zwar weckt der Titel Meiers die irrige Meinung, dass es eine hallische Studentensprache gebe. Das ist nicht der Fall. Obwohl jede Hochschule ursprünglich ihre sprachlichen Sonderlichkeiten besass, war offenbar rasch zwischen Jena-Halle-Giessen und den andern Universitäten durch Austausch eine entstanden. Zum selben Jubiläum von Halle hatte Konrad Burdach eines der ältesten Glossare der Studentensprache, von 1795, das einen Theologen namens Augustin zum Verfasser hat, und schon "328 ächte Burschenausdrücke" liefert, neu herausgegeben. Es ist das noch ältere Vokabular von Kindleben, 1781, hineinverarbeitet und das Ganze mit Bemerkungen über die Vitalität der Wörter nach 100 Jahren versehen, die bequem über die Verluste und Gewinne in diesem Zeitraum orientieren. Viele Wörter, die 1894 als in Halle veraltet oder veralternd angegeben werden, haben sich in der Schweiz länger gehalten, so honorig, Rappier, pro poena trinken, usw. John Meier regte später als Professor in Basel eine systematische Sammlung der dort üblichen studentischen Ausdrücke an, die 1910, als stattliches Büchlein, mit einem Vorwort. von ihm herauskam. Auf gewisse Zutaten der Schweiz komme ich später zu reden; doch sei die Bemerkung vorausgeschickt, dass sie nicht beträchtlich sind und uns auch da wieder die bekannte entgegentritt. Die Sammlung, in der ich allerlei vermisse, scheint nicht vollständig zum Abschluss gediehen zu sein. Hier in Zürich liegen Ansätze zu einer Untersuchung vor. Über Bern bin ich nicht orientiert, doch trage ich das dort Übliche lebendig in mir herum. Um den Anteil der Schweiz an dieser Forschung zu vervollständigen, muss ich noch das nützliche, aber wüste Sammelsurium, genannt Burschicoses Woerterbuch, usw. von Joh. Grässli erwähnen, das 1846 in Ragaz unter dem ominösen Pseudonym J. Vollmann, Dr. rei cneip. herauskam.
Wie sieht nun die Studentensprache aus, die sich uns in den genannten und andern Werken, sowie in eigener Erfahrung
offenbart? Aus welchen Elementen setzt sie sich zusammen? Welcher Mittel bedient sie sich bei ihrer Entwicklung? Welche Lebensgebiete betrifft sie? Welches ist ihr Umfang und Charakter? Wie hat sie auf die Sprache des Volkes, der Literatur gewirkt? Das sind die Probleme, auf die hier in aller Kürze eingegangen werden soll, mehr skizzierend als ausführend, da vielfach die Vorarbeiten noch fehlen, besonders was das Psychologische anbelangt.
Laute, Flexionen und Syntax sind allgemein deutsch und bieten wenig Auffallendes. Wie bei den andern Sondersprachen liegt das Hauptinteresse im Lexikologischen. Natürlich wird der aus Deutschland bezogene Wortschatz in der Schweiz stark alemannisiert. Viele Wörter sind dabei refraktär. Schnuppe behält seinen niederdeutschen Klang; befriedricht für "befriedigt" ginge seines Witzes verlustig, wenn die Endsilbe -igt gesprochen würde; moin war unser Gruss in Bern, wie in Mitteldeutschland, und zwar ohne Rücksicht auf die Tageszeit. Munihung, "Tabaksaft in der Pfeife", bei den Basler Studenten, verrät deutlich den bernischen Ursprung. Der Ausdruck ist ursprünglich nicht studentisch. Von den Mundarten bezogen oder auch willkürliche Entstehungen sind Partizipia, wie geschumpfen, gemorken, überzogen für "überzeugt" und andere, die beim Studenten wegen ihrer komischen Wirkung beliebt sind. Wir werden noch mehr solcher Spielereien antreffen.
Die Elemente, aus denen sich die Studentensprache zusammensetzt, kann man in drei Gruppen einteilen: Entlehnungen aus andern Sprachen, Umbildung eigener Wörter, Verwendung des Deutschen in neuem Sinne. Urschöpfung ist, wie schon gesagt, nicht im Spiel.
Die Studentensprache scheint ein grosses Stück von der Gaunersprache geerbt zu haben. Hierin ist uns wiederum Friedrich Kluge, der sich intensiv mit dem deutschen Rotwelsch in seinen verschiedenen Abarten befasst hat, ein zuverlässiger Führer. Die Gaunersprache ist eine Geheimsprache, deren sich schon im Mittelalter — man kann sie über 500 Jahre zurückverfolgen —die Diebe, Räuber, Vagabunden, Bettler, aber auch niedere Gewerbe: Hausierer, Handwerksburschen, Spielleute,
Gaukler, Alchimisten, Scharfrichter, Abdecker, Totengräber, Dirnen, Zuhälter bedienten, vielfach auch die nach der damaligen Gesellschaftsordnung verfehmten Juden. Das Rotwelsch, das sich zum Jargon der heutigen Grossstädte entwickelt hat, setzt sich aus den heterogensten Elementen zusammen und hat in der Regel sehr weiten Umfang. Die gewöhnlichsten Dinge des Lebens werden darin so bezeichnet, dass Uneingeweihte sie nicht erkennen. Rotwelsch erlaubt, wie mir einmal beim Tramfahren in Barcelona deutlich bewusst wurde, ganz laut ins Ohr zu reden. Diesen Abwehr-Charakter besitzt die Studentensprache nicht, obwohl sie natürlich auch Wörter umfasst, die zur Verschleierung gewisser Begriffe dienen. Die Pennälersprache, die nah verwandt, teilweise nur übernommene Studentensprache ist, —etwas Grosshanserei und etwas Sehnsucht nach Freiheit — besitzt noch teilweise Geheim-Charakter. Ausdrücke wie Bestie, Spick sind erschaffen, um von unerlaubten Heimlichkeiten zu reden. Man darf annehmen, dass der mittelalterliche Student sich in ähnlicher Lage befand, dass die clerici vagantes sich gerne unter allerlei anderes fahrendes Volk mischten, dass sie sich deren Sprache angeeignet hatten. Als typischen Vertreter möchte ich den Pariser Studenten, ersten modernen Lyriker und Galgenvogel François Villon nennen. Das Bild, das Gaston Paris in seiner lebendigen Biographie dieses Dichters, den wir trotz seiner Bubenstücke lieben, von der damaligen Studentenschaft entwirft, zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Studenten und Gaunern. Von Villon besitzen wir nicht nur französische Lieder, wie die tief wehmütige Ballade des Dames du temps jadis, sondern Gedichte im Jargon des Coquillards, die nur mit Mühe entziffert werden konnten. Es ist nicht zu verwegen, wenn wir die Studentensprache als ein später zivilisiertes Rotwelsch betrachten, das noch in Wörtern wie foppen, Blech für "Geld" pumpen und vielen andern Spuren seines Ursprungs zeigt. Kluge möchte nicht so weit gehen und nimmt nur Beeinflussung von aussen an. Dieser Zusammenhang muss noch weiter erforscht werden. Die gegenwärtig in mehreren Ländern blühenden Rotwelsch-Studien werden vermutlich Aufschlüsse bringen. Jedenfalls ist auch in ihrer spätem Entwicklung die Studentensprache
rotwelschen Brocken durchaus nicht abgeneigt. Das zeigt sich beim grossen Einfluss, den eine Abart der Gaunersprache, die sich im Mattenviertel von Bern erhielt, das sogenannte Mattenenglisch, durch den Berner Schülerjargon hindurch auf die dortige und übrige schweizerische Studentensprache gewann. So sind in Basel unter den Studenten mattenenglische Wörter wie nobis (nein), pfuse (schlafen), Beiz (Schenke), schnorz (egal), zibele (Uhr) usw. aufgezeichnet worden. Dem Berner Studenten ist dieses Idiom ganz geläufig.
Auch die in den Gaunersprachen beliebten Entstellungen der Wörter durch Einschub von Lauten oder Silben oder einförmigen Ersatz des Wortendes fanden in der Studentensprache leichten Eingang: ein Beweis, dass sie ihrer Natur nicht widerstreben. Die Berner machen noch oder machten früher eine Zeitlang Gebrauch von der komplizierten J-E-sprache: Jebele Jrhee Jpreisserfe, das heisst: "Liebe Heer Profässer." In Deutschland ist die Eosprache tief ins Burschikose eingedrungen und hat darin Wörter wie Beo (Bier), Kneo (Kneipe), schleo (schlecht) usw. abgesetzt, die zwar heute nur noch in dürftigen Bruchstücken vorhanden sind. Die psychologische Einstellung des Studenten gegenüber solchen Elementen ist wohl die, dass er sie wegen ihrer Fremdartigkeit und ihrem derben Beigeschmack annimmt. Er ist nicht, wie ein Handwerker, an die Benennung seines Werkzeugs und seiner Hantierungen gebunden; er ist frei in der Ausgestaltung seines Vokabulars und nützt dieses Privileg reichlich aus.
Ein zweiter, alter Bestandteil der Studentensprache stammt aus dem Latein, das ehemals Unterrichtssprache der Universität und Weltsprache der Gebildeten war. Aber nicht jedes lateinische Wort, das der Bursche spricht, stellt alte Tradition dar: viele sind frische Reiser auf altem Stamm. Weist der Karzer auf älteste Zeiten zurück, so ist die filia hospitalis, die Wirtstochter, die früher gelegentlich Philine hiess, eine neue Errungenschaft. Noch moderner tönt's, wenn ein Basler seine Brissagines erwähnt. Wie stark das Latein hineinspielt, möge folgende Aufzählung dartun: Zum Kommerse begibt man sich in corpore. Das Praesidium schickt die Anwesenden ad loca, gebietet silentium und lässt durch den Kantusmagister ein Lied anstimmen, z. B.
Gaudeamus igitur. Nach dem letzten Vers ruft der magister cantus ex und die cantatores stärken sich pro laude. Die corona freut sich, wenn initium fidelitatis kommandiert wird. Aber wie mit den übrigen Bestandteilen seiner Sprache, springt der Bursch auch mit dem Latein sehr frei um. Seine Selbstherrlichkeit gestattet ihm, es makaronisch zuzustutzen. Er sagt Moneten, Freundus; er schreibt in die alten Stammbücher: semper lustig, nunquam traurig; er bildet Monstra wie Pfiffikus, Schwachmatikus, oder, mit lateinischem Rüssel und Schwanz das Wort Konkneipant. Dieser Art sind auch pernoktieren, Schwulität, Grobian, Schlendrian und Wörter, die, aller etymologischen Kunst zum Trotz, ihre Herkunft nicht verrieten, wie Schmollis und Fidibus.
Das Griechische hat auffallend wenig beigesteuert. Vergessen wir aber nicht das Suffix das in älterer Zeit noch mit griechischen Lettern geschrieben wurde, und das in Bildungen wie burschikos, studentikos, erscheint. Die beiden Ausdrücke, die heute promiscue verwendet werden, waren einmal differenziert: ein Eintrag in ein Jenaer Studentenalbum von 1732 lautet:
Immer sitzen, meditieren Und die ganze Nacht studieren Dieses heisst student; Aber raufen, balgen, saufen Und beständig Dorf zu laufen, Dieses heisset .
Aus den Zeiten, wo die Theologie noch im Studium die Oberhand hatte, stammen Wörter wie Oberjehu, Manichäer für "Gläubiger", mit Anklang an mahnen, vor allem aber Philister. Über dieses Wort ist viel disputiert worden. Es haben sich daran etymologische Legenden geheftet. John Meier erklärt es so, dass die Studenten sich als das Volk Gottes betrachteten, dessen Erzfeinde die Philister waren. Gustav Krüger glaubt den Ursprung in einer Homilie des christlichen Philosophen Origenes gefunden zu haben, wo man liest: "Wer ein Philister ist und nach Irdischem trachtet, der weiss auf der ganzen Erde kein Wasser zu finden, noch auch verständigen Sinn". Von da wäre
der Begriff in die Schriften des Papstes Gregor und von diesen in die Lehre Abälards geflossen, der ihn seinen Hörern vermittelte (Germ.-rom. Monatsschr., III, 116). Auf jeden Fall hat Philister seit seinem ersten Auftreten, 1706, die Bedeutung "Nicht-Akademiker, Bürger".
Die hebräischen Bestandteile, wie Moos (Geld), mogeln, schofel usw. werden wohl durch den Kanal der Gaunersprache zugeflossen sein. Immerhin musste sich der Bruder Studio des öftern an jüdische Wucherer wenden, von denen er auch Sprachliches borgen konnte.
Aus dem 18. Jahrhundert, der Zeit, da Europa französisch parlierte, da Friedrich der Grosse Voltaire zu sich berief, stammen zumeist die französischen Entlehnungen: Komment, Korps, Chargen, Couleur, die vielen Wörter mit fremden Endungen, wie Kneipier, Blamage, schauderös, philiströs. Das Französische grassierte besonders an den Universitäten Leipzig und Göttingen, wo der Student sich modisch geberdete, was ihm den Schimpfnamen Renommist eintrug. Italien lieferte vielleicht a tempo, mit der verschobenen Bedeutung "sofort", Spanien die Dulcinea, wie seit Ende des 18. Jahrhunderts die Angeschwärmte hiess, England boy (Student), das speziell schweizerisch ist. So floss aus den verschiedensten Quellen ein auserlesenes Material zusammen.
Aber die genannten fremden Bestandteile erreichen bei weitem nicht den Umfang der deutschen. Diese erhielten ihr burschikoses Gepräge, indem sie sich allerlei formale Verdrehungen oder bildhafte Bedeutungsschübe gefallen lassen mussten. Pamfilie, Dienstlamm, Komet für "Kommers", die Liabe, Schlangenzug für "Zungenschlag", Profax, Kanapumm, fitriol für fidel, und viel dergleichen. Nur das Rotwelsch kann in diesem Spielen mit dem Worte mit der Studentensprache wetteifern. Sie liebt es, alte Wörter mit frischem Inhalt zu füllen, indem sie sie komisch aufputzt. Für den Studio ist es eine Lust, zu leben und zu sprechen. Dieser Lust geben diese Entartungen Ausdruck.
Auch die Mode der gewaltsamen Kürzungen oder der Reduktion auf Initialen teilt die Studentensprache und hat sie vielleicht mitbestimmt: Dies., Labor., Prope., A. H., B. C., B. V.
Das Eigenartigste jedoch sind die metaphorischen Verwendungen gewöhnlicher Wörter, in denen viel Humor und Lebensüberschwang sich kundgeben. So entsteht eine lustige Sprache, in der Füchse schwänzen, Maulesel getauft, Salamander gerieben werden, Polypen auf Gummisohlen herumschleichen, Blumen getrunken werden, alte Häuser lachen, Besen sich mopsen, Natur gekneipt wird, usw. Bier heisst Stoff, ein mit zu wenig Schaum eingeschenktes Glas nennt man Kutscher, der Hut ist ein Filz, grüssen ist filzen, der Hering wird zur Primarlehrerforelle, ein Wischtuch ist ein Bierhobel, hartnäckiger Husten wir kaustisch Totenhofjodel genannt. Ich könnte lange fortfahren. Alles, was den Studenten berührt, Kollegia und Examina, Geldnot und Krankheit, das wird alles in den Schmelztiegel des Witzes geworfen und steigt daraus als Geschmeide hervor. Von den Sachen, die der Student hat versetzen müssen, sagt er lächelnd, dass sie hebräisch lernen oder die Anfangsgründe des Syrischen. Gesegnete Jugend! Alle diese Bedeutungsveränderungen wurden bisher mehr konstatiert als erklärt, und es ist noch viel Dunkles darunter. Wie Fuchs und Salamander zu ihrer studentischen Bedeutung kamen, entzieht sich noch unserer Kenntnis. Unklar ist ebenso, wie der spezifisch burschikose Ausdruck fidel aus lateinisch fidelis oder französisch fidèle von der Bedeutung "getreu" zu der von "heiter" gelangte. Die Devise des Crambambuli-Liedes toujours fidèle et sans souci hat wohl viel zur Verbreitung dieses Sinnes beigetragen. Der Forschung bleibt da noch viel zu tun. Aus allem geht hervor, dass der Student den plastischen, gefühlsbetonten Ausdruck, die starken Akzente liebt. Der Fuchsmajor verdonnert, verknurrt seine Untergebenen. Nicht selten entschlüpft dem Munde eine Grobität. Die Studentensprache hat auch ihre moralische Seite. Frühe schon sind Satiren nicht nur gegen die Trink- und Duellsitten, sondern auch gegen das sprachliche Gehaben laut geworden, wie diejenigen von Laukhard im 18. Jahrhundert. Aber der sehr verbummelte Schriftsteller hat vielfach sich selber in seine Satire projiziert. Immerhin tut der Student gut, seine krassesten Wörter im Philisterium abzulegen.
Über den Umfang der Studentensprache darf man sich keine
falschen Vorstellungen machen. Er wäre leicht, ein Bild aus dem Leben eines Studenten mit lauter burschikosen Wörtern zu entwerfen. Ein solches Kauderwelsch spricht aber niemand. Der Student redet deutsch, mit gelegentlichen, für ihn charakteristischen Einsprengseln. Ein Glossar von der Fülle des Klugeschen, das alle Jahrhunderte mischt und einen hohen Prozentsatz von längst Vergessenem enthält, täuscht über die Wirklichkeit. Eher gewährt die alte Augustinsche Sammlung von 1795, die auf den Sprachgebrauch der Universität Halle allein gegründet ist, einen richtigen Überblick. Sein Verfasser, ein Theologe, klagt darüber, dass in dieser Sprache garnicht oder nur verächtlich von Fleiss, Sparsamkeit, Tugend, Religiosität die Rede sei. Der heutige Philologe, der weiss, wie alle Sondersprachen an spezielle Anlässe gebunden sind, wiederholt diese Klage nicht. Der Student benennt nach seiner Art nur, was ihn im Universitätsleben in steter Wiederholung tangiert. In seinen Sitten und Gebräuchen liegt seine Sprache begründet. Alles andere sagt er auf deutsch, wie jedermann. Daher hat er ein ganzes Vokabular für sein Studium, sein Trinken, Duellieren, seine Geldverhältnisse usw. In keinem dieser Gebiete gehört sein Vokabular nur ihm. Die Mischung allein ist ihm eigentümlich. Man praktizierte ein Jus potandi, bevor es einen Bierkomment gab; ein grosser Teil der Mensursprache ist allgemeine Fechtersprache. Die unzähligen Synonyma für Geld: Moos, Steine, Knöpfe, Kies, Kümmel, Spiesse, Draht, Heu usw. entstammen den verschiedensten Quellen und sind nicht alle zugleich im selben Munde gebräuchlich.
Wie bei andern Sondersprachen ist der Anstoss zur Bildung der Studentensprache durch die mehrere Jahre andauernde Absonderung von der übrigen Gesellschaft gegeben. Die früheren Landsmannschaften, aus denen die Korps, Burschenschaften und Verbindungen hervorgingen, verstärkten den Anreiz. Dieses Verschliessen nach aussen ist vielfach gewollt, wie bei den preziösen Pariserdamen des 17. Jahrhunderts, mit deren Sprache, besonders in der Richtung der Bildhaftigkeit, die Studentensprache viele Analogien zeigt. Die Marquise de Rambouillet verschmähte sogar ihren bürgerlichen Namen Catherine, drehte ihn
um und gab sich das Cerevis Arthénice. In der Abkehr vom Philisterhaften liegt auch ein Stück Vornehmtun, Sichbesserwähnen, etwas Preziöses.
Der Höhepunkt der Studentensprache ist längst überschritten. Einiges ist mit den Realien untergegangen, wie Fidibus. Manches sagen und singen wir, ohne es mehr zu verstehen. Wer denkt daran, dass der breite Stein, von dem die Burschen nicht wankten und nicht wichen, eine Art von Bürgersteig auf den hallischen Strassen war, den die Studenten für sich beanspruchten. Augustin erzählt, dass ein berühmter Theologieprofessor immer lächelte, wenn er in seinen Vorlesungen über Kirchengeschichte auf die Manichäer kam. Das wird kaum mehr der Fall sein. Der moderne Student denkt bürgerlicher, allgemeiner; er sondert sich weniger ab; er schliesst sich andern Einheiten an, wie dem Sport. Der Bierkomment hat an Bedeutung verloren. So erklärt sich, dass die Studentensprache mehr und mehr in die Gemeinsprache einlenkt. Sie hat ihr aber im Lauf ihrer Existenz ihr köstlichstes Gut abgetreten, so dass sie niemals spurlos verschwinden kann.
Bevor ich näher darauf eingehe, möchte ich einen raschen Seitenblick nach Frankreich werfen. Man denkt wohl, dass in diesem Mutterlande des Individualismus und in Paris, wo der einzelne Student im Getriebe der Grossstadt untergeht, so etwas wie Studentensprache nicht entstehen kann. Weit gefehlt! Sobald ein gewisser Abschluss von der Öffentlichkeit stattfindet, besonders wenn ein Internat dazukommt, sind wieder die Bedingungen vorhanden, die in Deutschland zur Sondersprache führten. Das ist z. B. der Fall in der Offiziersschule von St. Cyr oder im Polytechnikum. Am besten informiert sind wir über le langage X, die Sprache der Polytechniker. Der Name stammt aus der Algebra. Es ist wirklich auffallend, wie wesensgleich die X-Sprache und die Studentensprache sind. Wiederum sehen wir sie auf eine Gruppe mit ausgesprochenem Korpsgeist und auf die Dinge und Handlungen, die im Leben dieser Gruppe regelmässig wiederkehren, beschränkt. "Un groupement aussi bien constitué devait se créer un langage particulier", sagt ihr Beschreiber Cohen in den Mémoires de la Société de linguistique de Paris
(Bd. 15). Aber dadurch unterscheidet sich auch diese Sprache von den Fachsprachen, dass sie über das streng Fachliche hinausgreift und Begriffe neu benennt, die damit nichts zu schaffen haben, wie "lachen, Vorhang, Papierkorb". Die Ähnlichkeit der Situation reizt den Franzosen zu denselben Schöpfungen, wie den Deutschen. Vieles kann direkt übersetzt werden. Der Altersskala: krasser Fuchs, Brandfuchs, Jungbursch, Altbursch, bemoostes Haupt, entspricht für die 5 Studienjahre conscrit, carré, cube, bicarré, penta. Der alte Herr heisst antique, der Philister fumiste, d. h. "Ofenbauer", ein Philisterberuf pantoufle, ins Philisterium treten pantoufler. Wiederum sind die Laute, Formen und Syntax die der Nationalsprache, mit wenigen Ausnahmen. So wird nach dem Vorbild plur. chevaux, sing. cheval zu chapeaux ein chapal gebildet, analog haricots zu harical, etwa wie nach sterben — gestorben das studentische gemorken entstand. Die X-Sprache entlehnt ebenfalls sehr viel aus dem argot; so boulot (Mahlzeit), chameau (Frau, ohne schlimme Nebenbedeutung), piquer (fassen), z. B. piquer une sale note. Die Stelle des Lateins vertritt die Mathematik; sie liefert z. B. das X, tangente für den Degen, den der Polytechniker früher trug, monôme, eigentlich "eingliedriger Ausdruck" für "Gänsemarsch". Dieses Wort wurde dann auch von den Basler Studenten übernommen. Wie wir französisches Lehngut bei den deutschen Studenten sahen, so besitzen die Pariser schicksaler in der Bedeutung "das Los ziehen". In der Hauptsache sind es auch hier französische Wörter mit Bedeutungsverschiebung, wie zinc (graue Arbeitshose), désert (Stelle des Arbeitssaales, wo man sich der Aufsicht entzieht), rat (zu spät Kommender, der hinter dem Gitter wartet, bis man ihm auftut und aussieht wie eine Ratte in der Falle). Auch die Abkürzungsmethode ist sehr beliebt: archi(tecture), colo(nel), mili(taire), labo(ratoire), réfec(toire). Oder blosse Initialen: C. M. =Commissariat de marine. Dass hier wie bei uns die Komik oder Drastik einem Ausdruck den Stempel aufdrückt und ihn propagiert, zeigt unter anderm zèbre für Pferd, das dann noch gelegentlich zu zoubre entstellt wird. Ein Wortbildungsmittel, das wir in Deutschland nicht trafen, besteht in der Benennung der Gegenstände nach den
Namen der Professoren: so hiess der Deutschunterricht bacha nach seinem Vertreter Bacharach, oder der Papierkorb crapouillat, weil er durch einen Major dieses Namens eingeführt wurde; ein Vorhang zurlin nach dem General Zurlinden. Vielleicht findet sich derartiges in der deutschen Studentensprache, ohne dass wir es wissen. Die X-Sprache ist neueren Datums und daher etymologisch durchsichtiger. Endlich fanden auch französische Polytechnikerworte in der Gemeinsprache Aufnahme, wie laius (discours).
Bei vielen erwähnten deutschen Studentenausdrücken haben Sie im Stillen gedacht, dass sie längst Allgemeingut geworden sind. So sehr, dass man an ihrem studentischen Ursprung zweifeln könnte, wenn nicht der Fachmann sie zuerst in burschikoser Literatur nachwiese. Solche Wörter sind, um nur wenige zu nennen: flott, krass, kommun, läppisch, Grobian, Schlendrian, Backfisch, Fachsimpel, Philister, Kerl, Jux, Pech, Kneipe, Fersengeld, aufschneiden, ausreissen, duzen, schmausen. Sie haben gewöhnlich eine burschikose Gefühlsnote behalten. Man darf nicht zu jedermann sagen: "Können Sie mir etwas pumpen'?" Eine Bank pumpt nicht, sie leiht. In einem Jahresbericht der Höhern Töchterschule wird nicht von Backfischen gesprochen.
Das Studentische ist auch in die Mundart gedrungen, und das Schweizerische Idiotikon hat oftmals Veranlassung, darüber Auskunft zu geben. Die Studentensprache hat auch die schöne Literatur bereichert. Nicht nur die Stürmer und Dränger haben natürlicherweise burschikose Elemente. Goethe schreibt in seinem Urfaust: "Lasst sie einmal fidel werden", Philister hat er oft verwendet. Heines Harzreise ist voll von Derartigem. Kluges Werke und besonders die Nachträge von Erich Schmidt bringen eine Unmenge von Nachweisen; wir warten aber noch auf eine sorgfältige, vollständige Zusammenstellung. Es ist der höchste Ruhmestitel der Studentensprache, eine Schulung vornehmer Geister gewesen zu sein und die Literatur mit neuen Prägungen und Feinheiten des Ausdrucks beschenkt zu haben.