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Die Bildbetrachtungen von Katja Petrowskaja haben stets eine doppelte Blickrichtung: auf das jeweilige Bild und auf das, was das Bild in ihr auslöst. Das ist ein heikler Balanceakt, den sie souverän beherrscht. Und man folgt ihr gebannt.
Die Kolumnen, die ursprünglich für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung verfasst worden sind, beginnen im Juni 2015 und enden am 3. Oktober 2021. Sie sind chronologisch angeordnet. Die jeweiligen Bilder aber folgen keinerlei Ordnung. Katja Petrowskaja greift auf sie zu, wo sie sie findet. International bekannte Fotos berühmter Fotografen stehen neben Schnappschüssen von Amateuren oder Familienbildern.
Das Plattencover
Und immer weiss Petrowskaja etwas Tiefgründiges dazu zu sagen. Gekonnt und kenntnisreich analysiert sie das jeweilige Foto und schlägt die Brücke zu dem, was das Foto in ihr auslöst, wie sie überhaupt auf dieses Foto gestossen ist und was sie zusätzlich noch herausbekommen hat. Gebannt folgt man ihren Pfaden.
So erzählt sie, wie sie als junges Mädchen zahllose Male eine Aufnahme von «Der Tod und das Mädchen» von Franz Schubert gehört hat. Auf dem Plattencover war eine nackte Frau zu sehen, die unter einem Farn kauerte. «Ich habe Stunden vor diesem Bild gesessen, in die Dunkelheit gestarrt.» Besonders ihre Hände hatten es ihr angetan und überhaupt «konstruierte ihr Körper ein rätselhaftes Ornament, ein Labyrinth» in dem sich «zwischen Kinn und der Hand, zwischen den Knien, zwischen Daumen und Zeigefinger merkwürdige Dreiecke formten».
Dreissig Jahre lang war dieses Bild für sie gewissermassen verschwunden und tauchte erst mit den Resten ihrer alten Plattensammlung wieder auf. Nachdem sie die «zerkratzte Platte» wieder gehört hatte, drehte sie das Cover um und stiess auf den Namen des Fotografen, Taras Kuščynskyj. Nun fing sie an zu recherchieren und fand sogar den Namen der abgebildeten Frau. Sie nahm mit ihr Kontakt auf und erfuhr, dass sie die Muse von Taras Kuščynsky war und durch ihn in der damaligen Tschechoslowakei zum Top-Model wurde. Und das Bild auf dem Plattencover wurde mehrfach prämiert.
Das Zigarettenfoto
In der Betrachtung eines Bildes vom Schwarzen Meer schreibt sie: «Jedes Foto ist das Fragment einer Welt, aus Zeit und Raum herausgerissen. Wir können nur dieses Fragment sehen, das sich als ganze Welt darzustellen versucht oder als repräsentativer Teil – wenn nicht als Metapher, dann als Pars pro Toto. Jedes Foto birgt eine Vergänglichkeit.» In allen Bildbetrachtungen von Katja Petrowskaja schwingt die Melancholie dieser Worte mit, ohne je nostalgisch oder gar sentimental zu werden.
Ihr Sinn für die Zerbrechlichkeit des Daseins führt sie zu einer ebenso originellen wie eigenwilligen Interpretation eines Fotos aus einer Bildserie, die die Fachwelt seinerzeit vor nahezu unlösbare Rätsel gestellt hat. Dabei handelt es sich um die Fotos von Zigarettenkippen des berühmten amerikanischen Modefotografen Irving Penn. Auch grösste Bewunderer und engste Freunde von Penn waren befremdet. Als er diese Bilder 1975 in einer kleinen Einzelausstellung im MoMA präsentierte, ätzte die «New York Times» gegen das «abstossende, hässliche, ekelhafte und sehr unangenehmes Sujet». Wohlwollende Interpreten wollten in den Zigarettenkippen abstrakte Formen, die Penn fotografisch in Kunstwerke verwandelte, erkennen. Als Katja Petrowskaja eine Retrospektive besucht, ergreift sie «plötzlich ein Gefühl unsentimentaler Art, da Penns Zigaretten menschlicher wirken als die Menschen. Man sieht die Alterung, das Verderben und den Tod des Körpers». Und es folgen weitere Beobachtungen und Einsichten, die in ihrer Tiefgründigkeit allein ein ganzes Buch füllen könnten.
Familienfotos
Ganz am Anfang des Bandes beschreibt sie ein Foto, das überrascht, verwirrt und mit seiner eigentümlichen Erotik den Blick wieder und wieder auf sich lenkt. Das Kapitel ist mit «Das vorstellbare Bild» überschrieben, und Petrowskaja berichtet von den speziellen Umständen, unter denen ihr dieses Bild zugesteckt wurde. Es ist aufgebaut wie ein Familienfoto, nur dass zwischen dem schon etwas gesetzten Elternpaar und dem Sohn eine junge nackte Frau sitzt. «Sie ist so inszeniert, als würde sie überhaupt nicht posieren: Sie ist einfach da in ihrem wahren Kern, dargestellt in ihrer jungen verträumten Körperlichkeit.» 1973 gewann der ungarische Fotograf Làzló Török mit diesem Foto den «World-Press-Photo»-Wettbewerb. Petrowskaja sieht in dieser Inszenierung, das die Vorstellung in ein Bild verwandelt, einen «zu Ende gedachten Gedanken».
Ein anderes Familienbild gegen Ende des Bandes zeigt sie im Kreis ihrer eigenen Familie im Jahr 1977 in der damaligen Sowjetunion. Es ist eines jener Bilder, das über die schwierigen Lebensumstände hinwegtäuscht. So habe ihre Mutter, «die hier wie eine Königin aussieht», bis zur Erschöpfung gearbeitet, ihr Vater hatte Berufsverbot und der lächelnde Bruder «lernte damals wie ein Besessener für die Schule, um später den Wehrdienst umgehen zu können». Im Hintergrund sieht man eine Blümchentapete, die Petrowskaja mit den Worten kommentiert: «Flower Power 1977 in der Sowjetunion».
In diesem Band erstaunt nicht nur die Spannbreite in der Auswahl der Bilder. Die Autorin überrascht immer wieder neu mit ihrem Einfallsreichtum, ihrer analytischen Präzision und ihrer sprachlichen Kraft.
Katja Petrowskaja: Das Foto schaute mich an. Kolumnen. 256 Seiten, 52 Abbildungen, Bibliothek Suhrkamp, Berlin 2022, 25 Euro