Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03281.jsonl.gz/543

"Wir müssen unseren Bauern helfen, uns zu ernähren! Kamerun verliert die Ernährungssouveränität!" Bernard Njonga redet eindringlich und gestikuliert. Der Präsident einer kamerunesischen Bürgerrechtsbewegung kämpft seit zwanzig Jahren in seinem Land für die Bauern und gegen die staatliche Korruption. Und dafür, dass die Menschen in Kamerun essen, was in ihrem Land produziert wird. Njonga stellte am Samstag, 18. November an der Herbsttagung der Fachstelle Ökumene Mission Entwicklung (siehe Kasten) seine Organisation vor. 1995 wurde Kamerun Mitglied der Welthandelsorganisation WTO und verpflichtete sich, Zölle zu senken und landwirtschaftliche Importe zuzulassen. "Damit kamen Importe ins Land, die die lokalen Märkte zerstörten", sagt Njonga.
Gefährlich: Importierte Geflügeltiere im Offenverkauf auf
einem kamerunesischen Markt. (ACDIC/EED)
Importierte Pouletteile
Etwa beim Poulet. "Geforerene Poulets bedrohen unsere Bauern, sie bedrohen unsere Gesundheit und unsere Volkswirtschaft", schmipft Njonga. Frankreich, Belgien, Holland, Spanien und immer mehr auch Brasilien exportieren gefrorene Hühnerteile nach Kamerun. Diese sind billig und deshalb auch für die ärmeren Kameruner erschwinglich. Aber sie sind gefährlich. "Wir haben vom Louis-Pasteur-Institut in Yaoundé (Hauptstadt Kameruns, d.A.) die Pouletteile untersuchen lassen: ein Viertel davon war mit Salmonellen verseucht, ein Viertel mit Campylobacter-Bakterien. Vier Fünftel des Fleisches war nicht zum Essen geeignet", sagt Njonga. Das liegt daran, dass die Ware von schlechter Qualität ist. Dazu kommt, dass die Gefrierkette in Kamerun meist nicht gewährleistet werden kann. Das Fleisch taut auf, wird wieder eingefroren und letztlich auf den Märkten auf Tischen unter offenem Himmel verkauft, oft direkt neben dem Fisch.
Kampagne gegen "poulet congelés"
Viel hygienischer ist da die traditionelle Art des Geflügelhandels: Die Hühner werden auf dem Markt lebendig verkauft und an Ort und Stelle getötet und gerupft. Das ist zwar etwas teurer, garantiert aber einer ganzen Reihe von Leuten Lohn und Arbeit: Den Kükenzüchtern, den Mästern – meist Kleinbetriebe mit ein paar hundert Hühnern –, dem Gross- und Kleinhandel und den Hühnerrupfern.
Diese ganze Wertschöpfungskette brach wegen den Pouletimporten zusammen. Dazu kam, dass Hühnerkot fehlte, der als Dünger für die Pflanzenproduktion verwendet wird. Und die Pouletimporte stiegen immer mehr an: 1998 waren es knapp 1,000 Tonnen, im Jahr 2004 bereits 24,000 Tonnen.
2003 trat Njongas Organisation in Aktion, die "Association Citoyenne de Défense des Intérêts Collectifs", kurz ACDIC. Sie begann zu recherchieren, zu informieren, mit Flugblättern die Bevölkerung vor der Gefahr der "poulets congelés" zu warnen. Und sie wurde beim Minister für Tierzucht vorstellig. "Man hat uns gewarnt: Das ist eine grosse, gefährliche Sache, an die ihr euch da heranwagt", erzählt Njonga. Denn der Minister für Tierzucht vergibt die Importbewilligungen und eine ganze Reihe von europäischen Exporteuren und kamerunischen Händlern haben ein Interesse, dass er die "richtigen" Entscheide trifft. Ein Interesse, dessen Gewicht auch mal mit Barem noch erhöht wird.
Und doch, angesichts der Tatsache, dass es um die Gesundheit der Menschen ging, zeigte der Minister sich bereit, die Importe zu beschränken und die Zölle zu erhöhen. Er erwartete aber, dass die einheimische Geflügelproduktion die entsprechenden Mengen selber liefern könne. "Das hat nicht funktioniert", sagt Njonga. Zu stark war die Produktion schon geschwächt. So waren trotzdem höhere Importe nötig.
Direktzahlungen werden gefordert
Die gefrorenen Poulets sind für Njonga nur ein Beispiel dafür, wie Kameruns Bauern zum Spielball der Globalisierung werden. Kamerun importiert zum Beispiel 87 Prozent des konsumierten Reises und 100 Prozent des Weizens. Dieser wird immer wichtiger, weil sich die Ernährungsgewohnheiten ändern. Auch von Mais, Milch, Tomaten, Zwiebeln werden grosse Mengen importiert, die die einheimischen Produkte konkurrenzieren.
Bei den Bauern, die mit den tiefen Preisen der Importe nicht mithalten können, geht es nicht um eine kleine Minderheit: 70 Prozent der Erwerbstätigen in Kamerun arbeiten in der Landwirtschaft. Deshalb sei auch klar, dass die wirtschaftliche Entwicklung Kameruns nur über die Landwirtschaft gehe, sagt Njonga. Das heisst für ACDIC: Die Bauern müssen unterstützt, die Konsumenten sensibilisiert werden.
Im Frühling lancierte ACDIC deshalb eine Petition, die von der Regierung verlangt, dass die Bauern mit Direktzahlungen unterstützt werden. Logistisch war das eine riesige Herausforderung, umso mehr, als viele Kameruner sich schwer tun, mit Name, Adresse und Unterschrift von der Regierung etwas zu verlangen. ACDIC schaffte es, 500,000 Stimmen zusammenzubringen und der Regierung zu übergeben. Diese habe bisher nicht offiziell darauf reagiert, sagt Njonga, es sei das erste Mal, dass aus der Bevölkerung eine derart breite Bewegung entstehe.
Die Petition war auch ein gutes Instrument, um die Konsumenten für die Vorteile von einheimischen Produkten zu sensibilisieren: Das Geld bleibt im Land und trägt zur Entwicklung von Kamerun bei. Dazu ist auch Werbung nötig, unterstützt vom Staat, wie Njonga findet. Denn die ausländischen Firmen machen offensiv Werbung für ihre Produkte. "Die ausländische Produkte haben oft einen besseren Ruf als die einheimischen, wegen der Werbung", sagt Njonga.
Kirche und Dritte Welt
wy. Unter dem Titel "Bauern - Spielball der Globalisierung" beschäftigte sich die Ökumene Mission Entwicklung (OeMe) am 18. November im Inforama Rütti in Zollikofen BE mit der globalisierten Landwirtschaft.
OeMe ist eine Arbeitsgemeinschaft, die die Zusammenarbeit zwischen der reformierten Kirche und den Hilfswerken Brot für alle, HEKS und mission 21 fördert.
Rückschlag beim Geflügel
Njonga ist optimistisch. "Die Leute beginnen zu realisieren, was es bedeutet, einheimische Lebensmittel zu kaufen", ist er überzeugt. Dank der Petition habe man einen Druck aufbauen können, den die Regierung nicht einfach so beseite schieben könne.
Doch gibt es auch Rückschläge, etwa für die einheimische Geflügelwirtschaft. Nachdem im Frühjahr im Norden des Landes mit Vogelgrippe infizierte Wildvögel gefunden worden waren, brach der Geflügelkonsum ein. Die Regierung habe die Vogelgrippe-Fälle nur deshalb öffentlich bekannt gegeben, weil die Welternährungsorganisation WTO erklärt hatte, die afrikanischen Ländern bei der Bekämpfung der Vogelgrippe finanziell zu unterstützen, mutmasst Njonga. "Es war für die Regierung eine Gelegenheit, zu Geld zu kommen. Und die Geflügelbranche musste wieder bei Null beginnen."
siehe auch: www.eed.de