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Diva mit Mutterkomplex: Xavier Dolan
28. Dezember 2016
Xavier Dolan, 26, ist der berühmteste Regisseur aus Quebec. Wäre er in Toronto geboren, hätte er nie eine so steile Karriere machen können. Von Denise Bucher
Xavier Dolan in Cannes, 2016
Manchmal verfolgen einen seine Filme bis in den Traum. Es sind Orgien aus Grossaufnahmen und Farben, pulsierender Musik und exaltierten Figuren, die einander hassen vor lauter Liebe. Das alles ist immer meisterhaft montiert zu einem Ganzen, das bunter ist als die Bilder eines Kaleidoskops und das sich anfühlt wie eine Achterbahnfahrt. Gedreht hat diese Filme, seit 2009 sind es sechs an der Zahl, Xavier Dolan, der Nationalstolz Kanadas. Sein Werk hat eine gewisse Ähnlichkeit mit demjenigen von Pedro Almodóvar; was die beiden vor allem verbindet, ist eine Schwäche für hysterische Frauen. Bei Dolan sind das die Mütter.
Sie sind wie Fixsterne, umkreist von ihrem jeweiligen Sohn, der nicht anders kann, als sie anzuschreien, obwohl er sie eigentlich umarmen möchte. Die Vermutung liegt nahe, dass Dolans Filme autobiografische Züge tragen. So kann nur einer erzählen, der es selbst erlebt hat. Jessica Chastain, die in seinem nächsten Film, «The Death and Life of John F. Donovan», mitspielen wird, hat sich mit ihm für das «Interview »-Magazin über sein Werk unterhalten.
Dolan sagt: «‹J’ai tué ma mère› ist 240 Prozent autobiografisch. Meine anderen Filme nicht.» Er verliebt sich nicht in Frauen wie sein Protagonist in «Les amours imaginaires» (2010). Von «Laurence Anyways» (2012) sei er weit entfernt: «Ich weiss nicht, was eine Geschlechtsumwandlung bedeutet.» Er sei noch nie als Geisel genommen worden wie die Hauptfigur in «Tom à la ferme» (2013). Aber es stecke trotzdem viel von ihm in seinen Figuren: «Ihr Zorn, ihre Einsamkeit, ihr Hass auf Menschen, die andere diskriminieren.»
Szene aus J'AI TUÉ MA MÈRE
Xavier Dolan wurde am 20. März 1989 in Montreal geboren. Seine Mutter ist eine französisch-kanadische Lehrerin, sein Vater ein ägyptischer Musiker und Schauspieler. Sie liessen sich früh scheiden, der Sohn wuchs bei seiner Grossmutter, seiner Tante und seiner Mutter auf, alles alleinstehende Frauen. Seine Mama habe ständig Fernsehserien geschaut, er Kinderfilme: «Matilda» und «Home Alone». Mit vier Jahren trat Dolan eine Karriere als Kinderschauspieler an und steckte, kaum erwachsen, all sein damit verdientes Geld in seinen ersten Film, «J’ai tué ma mère». Das Drama über eine schwer gestörte Mutter-Sohn-Beziehung, mit ihm und Anne Dorval in den Hauptrollen, wurde nach Cannes eingeladen, das Publikum applaudierte acht Minuten lang. Sein Debüt war der erfolgreichste Film in Kanada, er schlug sogar Denis Villeneuves Krimidrama «Polytechnique».
Das gab zu reden. Aber «J’ai tué ma mère» war nur das Vorspiel. 2014 folgte «Mommy», der vorläufige Höhepunkt seiner Karriere. Das Drama handelt wiederum von einem Knaben und seiner geliebt-gehassten Mutter, aber diesmal schöpft Dolan in Sachen Inszenierung aus dem Vollen: Er spielt mit der Kadrierung, Musik trägt die Handlung, zerstört und baut sie wieder auf. Anne Dorval verkörpert wieder die Mutter, Antoine Olivier Pilon diesmal den Sohn. «Mommy» teilte sich in Cannes den Jurypreis mit dem Essayfilm «Adieu au langage» von Jean-Luc Godard. Auf die Frage, wie er gefeiert habe, antwortete er der Zeitschrift «Les Inrockuptibles»: «Mit Drogen, wie immer.»
Szene aus JUSTE LA FIN DU MONDE
Er schreibe Geschichten, seit er neun sei, sagte Dolan in dem Interview: «Meine Tante hatte einen Computer im Keller. Dort habe ich mich hingesetzt und Geschichten über Schutzengel geschrieben, die zur Erde herabsteigen und uns Sterbliche beschützen.» Einer hiess «Pink Wings» und sei «sehr, sehr schwul gewesen». Wahrscheinlich habe er schon immer gewusst, dass er homosexuell sei. Dolan beschreibt sich als verträumtes, aber brutales Kind. Er glaubt, das Schreiben habe ihm geholfen, seine Wut zu kanalisieren.
Dolan ist zweisprachig aufgewachsen, liebt das Französische aber besonders: «Die Sprache gibt mir das Gefühl, ich könne alles zu jedem sagen. Auf Englisch sind es einfach Wörter. » Dass er Filme macht, verdanken wir James Cameron: Als Dolan acht war, nahm in seine Mutter mit in «Titanic». Der Film hat etwas in ihm entfacht: «Ich ging nach Hause und habe etwa 2000 Kostüme gezeichnet, die so aussahen wie die im Film. ‹Titanic› hat mich gelehrt, dass man grosse Träume haben kann. Andere Kinder spielten Hockey, ich verkleidete mich, zeichnete und schrieb Briefe an Leonardo DiCaprio.» Er habe nie geantwortet.
Sein neuster Film, «Juste la fin du monde», nach einem Theaterstück von Jean-Luc Lagarce, ist ein Drama um einen Mann (Gaspard Ulliel), der zu seiner zerstrittenen Familie (Nathalie Baye, Vincent Cassel, Léa Seydoux) zurückkehrt, um ihr zu sagen, dass er sterben wird. Dolan arbeitet ausschliesslich mit Closeups, von denen einem schwindlig wird. Es wird geschrien und gestritten, aber die Kraft des Films liegt im Unausgesprochenen: Nie ist sicher, wer wie viel weiss. Es kommt einem vor, als ob man Gast gewesen wäre in einer fremden Familie. Noch Stunden später denkt man darüber nach, was einem zugestossen ist. Wie immer nach einem Dolan-Film.
JUSTE LA FIN DU MONDE läuft ab 29.12.16 im Kino.
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