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Editorial
Von Martina Staenke / Medicus Mundi Schweiz
Als ich während meines Ethnologiestudiums zum ersten Mal mit Arthur Kleinmanns Untersuchung „Patients and Healers in the Context of Culture“ konfrontiert wurde, war es für mich ein Aha-Erlebnis. Das also hatte ich die ganze Zeit während meiner Tätigkeit als Krankenschwester vermisst. Kleinmann unterschied „disease“ (Krankheit) und „illness“ (Kranksein) und bot mir damit ein Konzept, das mir erlaubte, den individuellen Hintergrund von PatientInnen besser zu verstehen. Während „disease“ die organischen Veränderungen im Rahmen des biomedizinischen Modells bezeichnet, zielt der „illness“-Begriff auf das subjektive Erleben, auf das Kranksein in seiner biographischen und das heisst auch kulturell konstruierten Bedeutung. Kleinmann forderte von den medizinischen ExpertInnen nichts weniger, als dass sie sich auf die subjektiven Krankheitstheorien ihrer PatientInnen einlassen mussten. Nur dann, so sein Fazit, ergibt sich ein Prozess der Verständigung, die sogenannte „compliance“, die für den Heilungsprozess grundlegend ist.
Kleinmanns Studien waren vorrangig aus der Frage heraus entstanden, warum die Biomedizin in aussereuropäischen Kulturen nicht die gleichen Erfolge erzielte. Entsprechend nahm in seinem Ansatz der Fokus auf den jeweiligen „kulturellen Kontext“ noch einen entscheidenden Raum ein - eine Sichtweise, die sich in den letzten Jahren veränderte: Kulturelle Unterschiede werden in der gegenwärtigen medizinanthropologischen Forschung nicht mehr als vorrangiges Hindernis für eine gescheiterte compliance benannt. Man erkannte zunehmend, dass eine „Kulturalisierung“ von Problemen den Blick auf politische, sozioökonomische und psychosoziale Lebensbedingungen verstellt, wie sie sich im Rahmen der sozialmedizinischen Forschung der letzten Jahrzehnte als bedeutungsvolle Determinanten im Gesundheits- und Krankheitsverhalten von Menschen herauskristallisierten. Probleme von Armut und sozialer Ungleichheit vorrangig als Ausdruck von Kultur- und Wertekonflikten darzustellen, verhindert die notwendige Auseinandersetzung mit den entscheidenden Fragestellungen.
Die Konstruktion eines dichotomen Weltbildes verfestigt Distanz und Machtgefälle in der Interaktion mit den „Fremden“. Solange nur das Andere betrachtet wird, bleibt das Eigene unbekannt und unreflektiert. Verborgen bleibt, dass auch die eigene Kultur einer Analyse bedarf, dass auch innerhalb der eigenen Kultur die Lebensumstände mitunter prägender sind als die kulturelle „Gemeinschaft“. Tatsächlich finden sich nur wenig Anknüpfungspunkte in der „Lebensweise eines siebzigjährigen kalvinistischen Bankiers aus Genf, eines jugendlichen Rollbrettfahrers aus Zürich, einer Tessiner Intellektuellen oder eines katholischen Hirtenbauern aus Uri“ (A. Wimmer).
Für alle im nationalen wie internationalen Gesundheitssektor Tätigen kann deshalb die Auseinandersetzung mit der Frage, wie das Fremde in der Begegnung konstruiert wird und wie die Grenzen zum Fremden überschritten werden können, entscheidende Impulse für ihre Arbeit vermitteln. Das vorliegende Bulletin will dazu einen Beitrag leisten.
*Martina Staenke, Ethnologin, ist Sachbearbeiterin bei Medicus Mundi Schweiz