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Toto Wolff, Chef des Formel-1-Teams von Mercedes, will noch viele Weltmeistertitel holen
ERMES GALLAROTTI
In Brackley, rund 120 Kilometer nordöstlich von London, am Hauptsitz des Formel-1-Teams von Mercedes, trifft der Besucher schon bei der Reception auf die Insignien des Erfolgs. Auf der einen Seite des Eingangs glänzen, hinter Vitrinen, Siegerpokale aus der vergangenen Saison, als die beiden Mercedes-Fahrer Nico Rosberg und Lewis Hamilton 19 von 21 Rennen für sich entschieden. Auf der anderen Seite ist das Auto zu bewundern, auf dem Hamilton in der Saison 2014 den ersten Weltmeistertitel für Mercedes seit 1955 geholt hat. In den folgenden Saisons 2015 und 2016 gewann zuerst Hamilton und dann Rosberg zwei weitere Weltmeistertitel.
Eine neue Generation
Einen grossen Anteil an diesem Erfolg hat der Österreicher Torger Christian «Toto» Wolff, der im Januar 2013 als Motorsportdirektor zu Mercedes gestossen ist und die operative Führung des Formel-1-Teams übernommen hat. Mit 45 Jahren steht er für eine neue Generation von Formel-1-Chefs, die auf vielfältige unternehmerische Erfahrungen zurückblicken, mit modernen Führungsmethoden vertraut sind und es verstehen, Spezialisten aller Gattungen auf ein Ziel einzuschwören. Sie lösen die Generation der Garagisten ab, die als Einzelkämpfer gross geworden sind.
Eigentlich wollte Toto Wolff Anfang der neunziger Jahre, nach dem Ende der Schulausbildung, in den Rohstoffhandel einsteigen. Sein Traum war es damals, für den Rohstoffhändler Marc Rich zu arbeiten. Es kam anders. Wolff versuchte sich als Rennfahrer, arbeitete als Jungbanker für die Raiffeisen-Gruppe in Warschau, war für eine Stahlverarbeitungsfirma tätig, ging nach Amerika, kehrte zurück und beteiligte sich Ende der neunziger Jahre im aufkommenden Internet-Zeitalter an Startup-Firmen. Diesem Schritt verdankt Wolff, der früh seinen Vater verloren hat und in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen ist, seine finanzielle Unabhängigkeit. Heute ist er mit 30% am Formel-1-Team beteiligt, für das er die operative Verantwortung trägt.
Ende März beginnt die neue Saison, und prioritäres Ziel für den Teamchef ist es, an die Erfolgsserie der vergangenen Jahre anzuknüpfen und die Meisterschaft ein viertes Mal zu gewinnen. Vorbild ist der Konkurrent Ferrari, der von 2000 bis 2004 fünf Mal in Folge sowohl die Fahrerweltmeisterschaft als auch die Teamwertung für sich entschieden hat. Für Wolff, der seinen Mitarbeitern gerne messbare Ziele vorgibt, ist die Stoppuhr ein unbestechlicher Schiedsrichter. Sie zeigt sofort an, ob die Leistung genügt oder nicht. Werden die Erwartungen nicht erfüllt, ist das in seinem Selbstverständnis erst recht Motivation genug, um weiterzumachen und sich zu verbessern.
Zu den Vorzügen seines Jobs zählt Wolff die Kombination zwischen Büroalltag und Rennwochenende. Während der Woche mit den Besten ihres Fachs – mit Ingenieuren, Aerodynamikern, Fahrwerkspezialisten, Kommunikationsfachleuten – zusammenzuarbeiten und an den Wochenenden an der Strecke die Ergebnisse dieser Anstrengungen zu messen, ist für ihn eine grosse Motivation. Aber an der Rennstrecke sind auch starke Nerven gefragt. Zwei Mal, in der Saison 2014 und im vergangenen Jahr, haben sich die beiden Mercedes-Fahrer Hamilton und Rosberg gegenseitig aus dem Rennen geworfen. Vor allem der Zwischenfall in der Saison 2014 war für Wolff ein grosses Ärgernis. Denn zum einen hatte er das Gefühl, dass die beiden Fahrer aus purem Eigeninteresse das Teamergebnis riskierten. Zum andern war der Druck, nach langen Jahren erstmals wieder die Meisterschaft zu gewinnen, sehr gross.
Eine neue Opportunität
Um sicherzustellen, dass sich ein derart gravierender Zwischenfall nicht wiederholen würde, fiel die Reaktion von Wolff «sehr harsch» aus. Sanktionen, Emotionen, laute Worte – die beiden Fahrer mussten begreifen, dass das Team über allem steht und keinen Schaden nehmen darf. Für sie war das nicht einfach, denn als Rennfahrer sind sie, wie es Wolff ausdrückt, anders kalibriert. Obwohl es seither zu weiteren Zwischenfällen gekommen ist, haben Hamilton und Rosberg, die beiden obersten Markenbotschafter von Mercedes, laut Wolff verstanden, dass 1600 Mitarbeiter einen riesigen Aufwand betreiben, um zwei Autos konkurrenzfähig zu halten.
Und trotzdem: Zwei gleichwertige Fahrer auf gleichem Niveau transparent gegeneinander fahren zu lassen, war ein bewusster Entscheid. Wolff ist davon überzeugt, dass eine solche Rivalität zwar schwieriger unter Kontrolle zu halten ist, aber die beiden Fahrer zu noch besseren Leistungen antreibt und den Unterhaltungswert der Formel 1 erhöht. Sie polarisiert, führt zu Kontroversen und sorgt für Diskussionen am Stammtisch. Das ist laut Wolff ein willkommener Effekt, der den Kreis der Formel-1-Interessierten ausweitet.
Ein anderer schwieriger Moment in der vergangenen Saison war für Wolff, als Rosberg ihm zwei Tage nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft auf dem Rückflug von Kuala Lumpur nach Europa seinen Rücktritt eröffnete. Wolff akzeptierte zwar Rosbergs Entscheid, vom Hamsterrad der Formel 1 abzuspringen, auf Geld und Ruhm zu verzichten – auch wenn bis zum Beginn der neuen Saison wenig Zeit blieb, um einen neuen Fahrer zu finden. Aber gleichzeitig eröffnete der Rücktritt eine Opportunität – die Opportunität, einen neuen Champion zu formen, noch erfolgreicher zu werden als in der Vergangenheit. Der Rosberg-Nachfolger und neue Hoffnungsträger Valtteri Bottas ist gefordert.
Was wird sein, wenn die Erfolgsserie reisst? Wie lange wird Wolff, der gerade seinen Vertrag bis Ende 2020 verlängert hat, Teamchef bleiben? Die Antwort fällt erstaunlich nüchtern aus. «Solange mir die Arbeit Spass macht, werde ich weitermachen», sagt Wolff.