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Sie brauchten eine halbe Stunde, um Herrn Lethe einigermassen zu beruhigen. Sie hatten ihn in eine Decke gehüllt, welche die Diebe in einer Ecke hatten liegen lassen, und ihn mit einem dampfenden Becher Tee aus dem Café um die Ecke versorgt. Nun sass der alte Mann mit dem Rücken an die Wand gelehnt und atmete das Kräuteraroma ein. Riri fiel auf, dass er sich exakt an der Stelle niedergelassen hatte, wo zuvor sein Sessel gewesen war. Er musste während Jahrzehnten unverrückbar dort gestanden haben, denn er hatte ein dunkles Viereck auf den sonnengebleichten Holzdielen hinterlassen. Ansonsten war der Raum kahl. Nur die leeren Regale standen bleich und stumm wie Skelette an den Wänden oder lagen umgekippt auf dem Boden.
«Er hat alles mitgenommen», seufzte Herr Lethe.
«Das passt», sagte die Pfeffermühle. «Du siehst auch mitgenommen aus.»
«Hör auf», sagte Riri und wandte sich dann dem alten Brockenstubenbesitzer zu. «Erzählen Sie bitte: Was ist genau passiert?»
«Es war Anton», jammerte Lethe. «Er hoffte wohl, noch mehr sprechende Gegenstände zu finden.»
«Und wenn nicht, dann kann er sie trotzdem verkaufen», mutmasste Paul. «Die gesprächige Mühle wird ein gutes Werbeinstrument abgeben.» Er verstand wie immer schnell.
«Wir müssen herausfinden, wie und wo Anton seine Pfeffermühle präsentieren will», sagte Riri.
«Wäre ich Anton, ich würde zu Shike Miva gehen», sagte Herr Lehte. «Das ist der bekannteste Wahrsager des Landes mit einer eigenen Sendung. Wir brauchen einen Fernseher.» In diesem Punkt konnte Herr Lethe leider nicht weiterhelfen; gestern hatten bei ihm noch mindestens vier alte Kisten herumgestanden, wenn auch – zugegeben – alle höchstwahrscheinlich ohne Empfang. Deshalb machten sich alle drei auf zur Wohnung, in der Riri mit ihrem Vater lebte. Sie liefen, ohne die Schuhe auszuziehen, schnurstracks ins Wohnzimmer, wo der Fernseher stand. Der erstaunte Viktor streckte den Kopf aus der Küche und sah verdutzt auf die Gesellschaft. Seine bunte Kochschürze hing ihm lustig um den Hals – er hatte wieder einmal vergessen, sie zuzubinden.
Riri zappte durch alle Sender, bis der Wahrsager tatsächlich im Bild war. Shike Miva hörte mit verständnisvoller Miene einem Anrufer zu. «Ich danke Ihnen, lieber Shike», sagte die Stimme am Telefon und schien tief bewegt. «Sehr gerne», sagte Miva mit ganz viel Mitgefühl in der Stimme, während er seine Tarotkarten aufsammelte, die auf einem Tisch vor ihm ausgebreitet waren. «Und zögere nicht, wieder anzurufen, lieber Rüdiger», fügte er freundlich, aber bestimmt hinzu und wandte sich keine Sekunde später mit einem überaus freundlichen Lächeln der Kamera zu. «Ja, meine Lieben, wir machen jetzt eine Pause. Aber keine Sorge: Wir sehen uns schon in einer Stunde wieder, und dann haben wir einen ganz speziellen Gast. Sein Name ist Anton, und er hat …» – hier machte der Moderator eine etwas zu lange Kunstpause, und Riri ahnte schon, was er sagen würde – «eine magische Pfeffermühle entdeckt, die sprechen kann. Sie wird einige eurer Fragen beantworten, also ruft fleissig an. Und denkt daran: Auch unsere Ratgeber-Hotline ist rund um die Uhr für euch da.»
«Volltreffer!», schrie Paul und rückte hektisch seine Brille gerade. Das machte er immer, wenn er nervös war. Die Brille sass danach zwar noch schräger als vorher auf der Nase, aber das war wirklich gerade nicht wichtig. Viel wichtiger war, dass sie möglichst schnell zu diesem Fernsehstudio kamen. Ohne Probleme fanden sie die Adresse heraus. Es befand sich nicht allzu weit von hier in einem Aussenquartier von Bern.
Die Idee war simpel. Noch einmal besprachen sie ihren Plan, der angesichts der knappen Zeit unglaublich schnell umgesetzt werden musste. Alles, was sie brauchten, war eine Pfeffermühle, die der gestohlenen möglichst ähnlich sah. Irgendwie mussten sie es bewerkstelligen, die beiden Mühlen vor dem Fernsehauftritt zu vertauschen. Wenn Miva dann dem Publikum das Wunderwerk vorführte, würde er sehr bald feststellen müssen, dass er einfach zu einer gewöhnlichen Pfeffermühle sprach, die ausser dem Knattern und Knacken zerbrechender Pfefferkörner kein Geräusch von sich geben würde.
Herr Lethe wusste Rat. Ganz in der Nähe von Riris Zuhause befand sich die Brockenstube eines seiner Freunde. Nach kurzem Suchen wurden sie fündig. Mit einer übergrossen alten Pfeffermühle verliessen sie den Laden und nahmen sofort den nächsten Bus in Richtung Fernsehstudio. Bern ist so klein, dass die Aussenquartiere bereits nach 12 Minuten Busfahrt zu erreichen sind. Grösser hätte die Stadt auch nicht sein dürfen, denn die Stunde war bald vorüber; es war höchste Zeit, die Pfeffermühlen zu vertauschen.
Der Bus hielt haargenau vor dem Eingang des kurligen Studiobaus. «Was für ein praktischer Arbeitsweg Shike Miva hat», murmelte Lethe beim Aussteigen.
«Ich glaube, der kommt eher im teuren Sportwagen und nicht mit dem Bus», entgegnete Paul.
Das heruntergekommene Gebäude hatte grosse Glastüren. Es waren Glastüren, wie sie alle Fernsehstudios zu haben schienen, wahrscheinlich, um Transparenz zu signalisieren. Durch die Scheibe sahen sie einen Mann hinter einem Empfangsschalter sitzen. Dieser starrte sehr konzentriert auf etwas, was direkt vor ihm auf der Theke lag und von aussen nicht zu sehen war. Er ist sicher am Handy, dachte Riri, aber sie schwieg. Ohne zu zögern lief sie auf die Glastür zu und betätigte den Klingelknopf, der daneben angebracht war. Der Mann hinter der Scheibe schreckte auf, betätigte seinerseits einen Knopf, und mit einem Surren schob sich die grosse Tür zur Seite. Schon standen sie in der menschenleeren Eingangshalle.
Bevor irgendjemand etwas sagen konnte, packte Riri ihre Masche aus, die bereits bei Anton so gut funktioniert hatte.
«Hallo, wir kommen wegen des Interviews», sagte sie mit bestimmter und doch unbefangener Stimme, deren Ton sie selbst erstaunte.
«Welches Interview?», fragte der Mann verdutzt, der offenbar Mühe hatte, sich von seinem Handy zu lösen.
«Na, das mit Herrn Miva, für die Schülerzeitung. Wir haben doch angemeldet, dass wir es unbedingt noch vor der Sendung machen sollten.»
Riris Gegenüber schien unsicher. «Na gut», sagte er schliesslich und zuckte mit den Schultern. «Ihr könnt dort hinten im Vorraum des Studios warten.»
Kaum hatten sie die Tür zum Wartezimmer geöffnet, hörten sie eine unangenehm vertraute Stimme. «Na, das ist aber eine lustige Schülerzeitung mit so alten Kollegen. Aber ihr kommt sowieso zu spät», sagte Anton triumphierend, der entspannt an der Wand lehnte und mit einer überheblichen Geste auf die andere Seite des Raumes wies. An die verputzten Backsteine war ein Bildschirm geschraubt. Miva flimmerte darüber und breitete gerade selig lächelnd die Arme aus. «Willkommen zurück, meine Lieben. Es ist so weit, der grosse Moment ist da.» Und vor ihm auf dem Tisch, neben Tarotkarten und einem altmodischen Telefon, das selbstverständlich nur zur Veranschaulichung diente, stand die Pfeffermühle.
Die Zeit schien stillzustehen in diesem lieb- und leblosen Raum mit den abgewetzten Sitzmöbeln und dem Beistelltisch mit Früchteschale und Mineralwasser. Anton grinste. Riri, Herr Lethe, Viktor und Paul standen wortlos da und schauten traurig zu, wie Miva den ersten Anrufer ansagte.
«Vielleicht ist sie klug genug und hält einfach den Mund », plärrte die quäkige Stimme der elektrischen Pfeffermühle aus Riris Jackentasche. Anton zuckte zusammen, sagte aber nichts.
«Ich bin seit vielen Jahren allein», hörte man die Stimme eines Anrufers. «Werde ich jemals die grosse Liebe finden?» Riri hielt die Luft an. Aber die Pfeffermühle dachte offenbar nicht daran, zu schweigen. Im Gegenteil. «Guter Mann, hör mal!», rief sie.
«War ja klar», seufzte ihre elektrische Freundin in Riris Jackentasche.
«Du findest sicher keine Liebe wegen mir oder Miva. Du findest die Liebe, wenn du dich selber magst, wenn du für dich ein bisschen glücklich bist. Dann wirst du dein Glück – und sei es noch so klein – teilen wollen. Denn Glück ist das Einzige auf der Welt, das grösser wird, wenn man es teilt, und das ist dann Liebe. Die kostet auch nichts – im grossen Gegensatz zu diesem Anruf. Der dauert nämlich schon viel zu lange, also legst du jetzt besser sofort auf. Bye-bye, ciaociao, adieu, uf Wiederluege!», rief die Mühle vergnügt.
Miva schien empört über den viel zu kurzen Anruf, aber die Regie hatte wohl nicht ganz zugehört und stellte bereits den nächsten Anrufer durch.
«Liebe Mühle», sagte er, «werde ich jemals reich sein in meinem Leben?»
«Du bist nicht reich?», fragte die Pfeffermühle und sprach weiter, ohne die Antwort auf ihre ohnehin rhetorische Frage abzuwarten. «Ja, das ist auch kein Wunder, wenn du hier anrufst. Zeit ist Geld. Das stimmt auch bei diesem Telefongespräch, aber halt ziemlich einseitig. Da wird nur einer reich, und du wirst immer ärmer, deshalb rate ich dir dringend, SOFORT aufzulegen.»
«Aufhören!», rief Miva und fuchtelte aufgeregt mit den Armen. Doch die nächste Anruferin war bereits in der Leitung.
«Ich bin seit Jahren krank und weiss nicht mehr, was ich tun soll.»
Die Pfeffermühle sprach wieder, und man hörte deutlich das Mitgefühl in ihrer Stimme: «Zuerst einmal tut es mir leid, dass du krank bist. Gehst du denn zum Arzt?»
«Das kann ich mir nicht leisten», antwortete die Stimme.
«Du kannst es dir noch viel weniger leisten, wenn du weiter für überteuerte Telefonwahrsagerei dein Geld zum Fenster rauswirfst», antwortete die Mühle. «Kein Miva dieser Welt kann dir helfen. Leg sofort auf.»
«Das ist doch nicht zu glauben!», schrie Miva wütend und schlug auf den Tisch, sodass alle Tarotkarten herumflogen. Und in diesem Tohuwabohu hörte man schon eine weitere Anruferin: «Ich bin seit Jahren alleine und möchte von dir wissen, ob da bald jemand in mein Leben kommt.»
Noch bevor Miva eingreifen konnte, pfefferte die Pfeffermühle wieder drauflos: «Mit dem Alleinsein bist du nicht alleine. Ganz vielen Menschen geht es so. So vielen, dass man als Telefonwahrsager sehr gut davon leben kann, weil die Leute jemanden zum Reden brauchen. Aber das Mitgefühl ist nicht echt, weil du dafür zahlen musst. Drum leg auf, geh raus aus der Leitung, und ich bin sicher, du wirst die vielen anderen finden, denen es geht wie dir.»
Für einen kurzen Moment herrschte Stille im Studio. Miva sass mit hochrotem Kopf da und versuchte, irgendwie die Fassung zu bewahren. Sein Ansatz eines Lächelns misslang vollständig, als er sagte: «So, meine Lieben, das war‘s mit der Live-Sendung von heute. Ich wünsche euch allen alles Gute. Und denkt daran, unsere Hotline ist rund um die Uhr für euch da.»
Riri hielt sich vor dem Bildschirm die Hände vor den Mund. Sie wollte eigentlich loslachen, fürchtete sich aber gleichzeitig, dass Miva in seiner Wut der Pfeffermühle etwas antun könnte.
«Okay, Shike, die Kameras sind aus», hörte man jetzt eine Stimme sagen. Es war die der Aufnahmeleiterin. «Du solltest wahrscheinlich mal auf dein Handy schauen. Du hast schon über 700 neue Nachrichten. Die Leute sind nicht sehr zufrieden. Viele wollen ihr Geld zurück.»
Miva schrie auf. Riri hielt es nicht länger aus und rannte durch die Tür mit der Aufschrift «Studio». Als sie in den Raum platzte, rief Miva gerade: «Dieses elende Ding macht alles kaputt!» Er packte die Pfeffermühle am langen Hals und schleuderte sie in hohem Bogen von sich – direkt in Riris Arme. Dann stürmte er durch den Notausgang, der sich hinter dem Tisch mit den Tarotkarten befand.
Riri umarmte voller Freude die Pfeffermühle, deren Geräusche sich irgendwo zwischen Gelächter und Ächzen einordnen liessen. Als sie ins Wartezimmer zurückkam, war es leer. Sie verliess das Gebäude, und als auch dort niemand zu sehen war, lief Riri langsam aussenherum. Sie fand Viktor, Herrn Lethe und Paul auf der Rückseite des Hauses neben einem Lastwagen stehen.
Anton war nach der Ansprache der Mühle richtig kleinlaut geworden. Als die Sendung zu Ende war, hatte er dem alten Herrn den Autoschlüssel in die Hand gedrückt. Im Lastwagen fanden sie alle Gegenstände, die er ihm gestohlen hatte. Er hatte gehofft, dass Miva ihm nach der Sendung die ganze Ladung abkaufen würde. Aber die Pfeffermühle hatte ihm die Suppe deftig versalzen.
Herr Lethe war ein gutmütiger Mensch und verzichtete auf eine Anzeige. Vielleicht würde sich der gierige Anton ja bessern. Herr Lethe glaubte an zweite Chancen und an das Gute in den Menschen – und in Pfeffermühlen.