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Hugo (41, Schäfer): „Der Wolf hat eines meiner Tiere brutal zerfleischt. Er ist eine Bestie, ein Killer. Tagtäglich bete ich dafür, dass er meine Herde verschont. Er tötet sogar mehr Tiere, als er fressen kann.“
Eigentlich gehören behufte Wildtiere zu der bevorzugten Beuten des Wolfes. Einem Angriff durch den Wolf entkommt das Wild zu 90%. Natürlich lässt es sich das Raubtier aber nicht nehmen, auch mal ein Schaf oder andere wehrlose Nutztiere zu reissen, wenn er diese als einfache Beute antrifft. Dass die Zahl der Nutztiere in den Berggebieten seit dem Verlust des Wolfes stetig anstieg, darf nicht ausser Acht gelassen werden. Grundsätzlich werden die Einbussen, die durch geschützte Raubtiere entstehen, vom Bund entschädigt (wie im gestrigen Beitrag bereits besprochen). Die Schäfer werden zudem bei den Schutzmassnamen für ihre Herde unterstützt. Eine effektive Abwehr bietet der Einsatz von Herdenschutzhunden, die in der Nähe der Herde keine anderen Canidae dulden. Die Beobachtung, dass Wölfe insbesondere bei Nutztierherden oft mehr reissen, als sie fressen können, liegt nach heutigem Erkenntnisstand im fehlenden Fluchtverhalten der Herdetiere begründet.
Andrin (32, Bündner Politiker): „Würdet ihr es etwa auch begrüssen und das Tier schützen, wenn es im Zürichsee einen Hai gäbe?“
Besonders in Regionen der Alpen stossen Grossraubtiere auf Widerstand, aber auch andere Bergkantone fordern mehr Handlungsfähigkeit und Unabhängigkeit im Umgang mit den Raubtieren. Einige Vereinigungen fordern sogar den Austritt aus der Berner Konvention. Die in Berggebieten ansässigen Menschen sind in der Regel bemüht, die Region zu pflegen und nachhaltig zu bewirtschaften und den Tourismus zu ermöglichen. Damit haben sie es in vielerlei Hinsicht nicht immer einfach. Dass ein Konflikt und die zusätzlichen Anstrengungen für den Herdenschutz durch diesen Teil der Bevölkerung nicht begrüsst werden, ist einsichtig. Die Bewohner der ländlichen Gegenden fühlen sich mit ihren Problemen von den Interessengruppen aus den Stadtzentren oftmals unverstanden und ungehört.
Lydia (34, Städterin, Umweltaktivistin): „Ein wunderschönes Tier. Seine Wildheit und Eleganz fasziniert mich. Es sollte wieder Platz in der Schweiz finden.“
Dem Wolf wurde in der vergangenen Zeit sicherlich Unrecht getan. Er war nie eine Bestie, ist aber auch kein Schmusekätzchen. Den harmlosen Wolf gibt es nicht und wird es auch nicht geben. Durch die Bemühungen der Politik, einen korrekten oder korrekteren Weg im Umgang mit dem Wolf einzuschlagen, entstand in vielen Köpfen ein verharmlostes Bild des Raubtieres. Im Umgang mit dem Wolf ist aber stets Vorsicht geboten und ein enges Zusammenleben von Mensch und Tier ist in der Hinsicht noch immer problematisch, da sich die wilde Seite des Wolfes nicht zähmen lassen wird – und wohl auch nicht zähmen lassen soll. Bisherige Fälle, in denen der Wolf in der Nähe des Menschen zu einfacher Beute kam – sei es durch ungeschütztes Vieh oder weil Menschen ihn gar fütterten – endeten mit Übergriffen auf den Menschen oder dessen Nutztiere und schliesslich mit dem Abschuss des Wolfes.
Auch wenn es einen selbst nicht betrifft, darf man nicht ausblenden, dass der Wolf einige Menschen vor Probleme und Herausforderung stellt. Es ist sicherlich kein einfacher Weg, den viele durch die Wiederkehr des Wolfes zu meistern haben.
Nina (12, Schülerin): „Durch den Wald darf ich nicht mehr alleine gehen. Meine Mutter sagt, es sei gefährlich und wir sind nicht mehr sicher wegen dem Wolf.“
Der Wolf breitet sich aus und wagt sich zunehmend auch in die Nähe von Siedlungsgebieten. Der Wolf verhält sich in der Regel gegenüber dem Menschen scheu und sucht bei einem Zusammentreffen das Weite. Bei Fällen, in denen dies nicht der Fall war und sich Wölfe aus unterschiedlichen Gründen an die Anwesenheit der Menschen gewöhnt haben, erteilte der Bund bereits Bewilligungen zum Abschuss. Begründet wird der Eingriff mit der Disziplinierung der Jungwölfe. Diese sollen wieder scheuer werden und bei ihre Suche nach neuen Revieren nicht immer näher an Siedlungen vorrücken.
Dass der Wolf in Gebieten lebt, wo auch der Mensch siedelt, wird mit einer Zunahme der Bestände jedoch unumgänglich sein.
Ruth (34, Hundebesitzerin): „Ich getraue mich mit meinem kleinen Schatzi nicht mehr in den Wald. Hätte ich eine Waffe würde ich sofort schiessen.“
Solche Aussagen sind sehr heikel. Teilweise haben Wilderer das Bedürfnis, den Job der Jäger zu übernehmen, oder zielen gar auf geschützte Tiere. Solche Aktionen sind illegal – auch wenn Tiere zum Abschuss freigegeben worden sind. Beim Schiessen als Disziplinierungsmassname von Jungtieren müssen spezielle Bedingungen eingehalten werden. Wilderei verhindert einen vernünftigen Dialog im Management der Grossraubtiere.
Rolf (57, Jäger): „Der Wolf reisst zu viele Rehe und Hirsche und kommt uns damit in die Quere. Wäre er nicht geschützt, würde ich ihn abknallen.“
Der Wolf ist und bleibt ein Raubtier. Er wird seine Beute nicht einfach umstellen, weil er merkt, dass er bei den Menschen damit auf mehr Wohlwollen stösst. Die bevorzugte Beute des Wolfes sind Rothirsch, Reh und Wildschwein. Im Alpenraum stehen zudem Gänse, Murmeltier und Steinbock auf dem Speiseplan des Raubtiers.
„Wo der Wolf jagt, wächst der Wald“
russisches Sprichwort
In Ökosystemen spielen Beutegreifer eine wichtige Rolle als Gegenspieler der grossen Pflanzenfresser. Damit trägt der Wolf zum Gleichgewicht zwischen Vegetation, Wild und Raubtier bei, das sich auf natürliche Weise reguliert. Geht das Wild zurück, reduziert sich auch die Rudelgrosse. Wild, das einen natürlichen Feind hat, ist umtriebiger und verbeisst weniger Baumtriebe. Damit hat es aber auch der Jäger schwerer. Der Wolf kommt ihnen in die Quere. Grundsätzlich sollte der Wolf jedoch Vorrang an der gemeinsamen Jagdbeute haben.
*Die Statements und Personen sind von der Redaktion erfunden – bzw. aus tatsächlichen Wortmeldungen zusammengesetzt. Sie stehen lediglich sinnbildlich für die verschiedenen Standpunkte in der Diskussion um den Wolf.