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Politkarrieren

Wichtiger Hinweis:
Hochschuldiplomatie. Die Organisation internationaler Studentenaustauschprogramme als nationale Wissenschaftspolitik
Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangte eine Flut von Anfragen der unterschiedlichsten Technischen Universitäten an die ETH, die anregten, durch Stipendienprogramme bilaterale Hochschulbeziehungen aufzunehmen bzw. enger zu gestalten. Diese Initiativen wurden dem Ressort Nationale Aussenpolitik zugerechnet.
Die institutionelle Förderung und Finanzierung internationaler studentischer Austauschprogramme wurde nach 1945 zu einem wichtigen Traktandum des Schulrats. Die Zürcher Technische Hochschule hatte dabei die schweizerischen und die eigenen Interessen sehr genau im Blick. Ein "wohlüberlegter Studentenaustausch mit bestimmten Ländern" versprach natürlich Vorteile für junge schweizerische Ingenieure. Gute Studenten konnten durch die Integration in internationale Forschungszusammenhänge optimal gefördert werden. Auch wurden Kooperationen mit selbst gewählten Peers, das heisst mit Universitäten, die zur eigenen 'Liga der Besten' zählten, über die Austauschprogramme dauerhaft institutionalisiert. So fühlte sich die ETH gegenüber den kantonalen Universitäten privilegiert, weil sie seit Ende der 1920er-Jahre mit einem ständigen Freiplatz am Massachusetts Institute of Technology MIT sowie am California Institute of Technology Caltech rechnen konnte.
Nationale Staatsverträge und weltpolitische Lageeinschätzungen: Universitäre Stipendienprogramme berühren auch bundesstaatliche Politik. Die Geschichte der Etablierung des schweizerisch-amerikanischen Studentenaustauschs verdeutlicht, dass der Schweizerische Schulrat bis Anfang der 1950er-Jahre das einzige planende und ausführende Organ für Fragen einer nationalen Wissenschaftspolitik war. Dabei wurde dem Schulratspräsidenten Rohn 1927 die Koordination des Programms zunächst nur provisorisch übertragen.
Im Herbst 1926 hatte sich der Schweizer Jurist Max Habicht von der Harvard Law School - mit Unterstützung des von der Carnegie-Stiftung finanzierten New Yorker Institute of International Education - an die Rektoren der schweizerischen Hochschulen gewandt. Er schlug einen Studentenaustausch vor, der ein Programmpunkt in den "Bestrebungen für internationale geistige Zusammenarbeit" werden sollte. Habicht erläuterte die Beweggründe der Kooperationspartner auf US-amerikanischer Seite. Als Reaktion auf den ersten Weltkrieg sollte "der junge Akademiker" mit ausländischen Kommilitonen zusammengebracht werden. Man wollte ihm die Möglichkeit geben, "fremde Länder und fremde Sprachen zu studieren, neben seiner Fachausbildung die Wesensart fremder Nationen kennen zu lernen, um später die Probleme eines Volks- und Völkerlebens verstehen zu können" (Habicht 1926).
Die Schweizerischen Universitäten, einschliesslich der ETH, waren begeistert, verorteten sich 1927 in der internationalen Wissenschaftslandschaft aber noch bescheidener als 1945. Es dürfe "von einer eigentlichen Gegenseitigkeit in diesem Austausch nicht gesprochen werden" (Schulrat Varia, SR4:6:1927, Sitzung des Austauschkomites vom 12.3.1927, 2). Sie seien nicht in der Lage, den amerikanischen Studenten so hohe Stipendien zu offerieren, wie sie den schweizerischen Studierenden seitens der amerikanischen Hochschulen und des Institute of International Education in New York zur Verfügung gestellt würden. Es stand zudem ausser Frage - und wurde jedenfalls nicht näher begründet - , dass "auch in intellektueller und gesellschaftlicher Hinsicht" die eigenen Hochschulen den Amerikanern nicht das bieten könnten, woran jene "in ihrem Collegeleben" gewöhnt seien. Im Rahmen des neu etablierten Austauschprogrammes studierten ab 1927 etwa 15-20 Schweizerinnen und Schweizer pro Studienjahr an US-amerikanischen Hochschulen, etwa fünf bis zehn Amerikanerinnen und Amerikaner kamen umgekehrt in die Schweiz. Trotz der kleinen Zahl an Austauschplätzen waren die ersten Amerika-Stipendien politisch viel beachtet. Die ausgewählten Studierenden begriffen sich sogar als Teil des politisch-kulturellen Establishments. Als einige von ihnen Anfang der 1940er Jahre kriegsbedingt in den USA festsassen, engagierten sie sich als Diplomaten ihres Landes. Die meisten Studierenden, so teilte der schweizerische Generalkonsul in New York dem Schulratspräsidenten im Oktober 1945 mit, hätten sich in der Zeit den konsularischen und diplomatischen Vertretungen der Schweiz, etwa der schweizerischen Gesandtschaft in Washington oder dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes zur Verfügung gestellt (Schulrat Varia, SR4:6:1946/47, Protokoll des Austauschkomitees vom 29.10.1946, 6).
Auswahlverfahren und Komiteesitzungen, Universitätskorrespondenzen innerhalb der Schweiz und mit den Vereinigten Staaten sowie die Organisation der Überseereisen summierten sich für Rohn, der das ihm provisorisch zugewiesene Koordinatorenamt mittlerweile 20 Jahre innehatte, zu einem "recht umfangreichen" Arbeitspensum. Nach Meinung Rohns und der Universitätsrektoren läge die Federführung eigentlich am besten bei der "Schweizerischen Zentralstelle für Hochschulwesen". Tatsächlich war die Stelle als administrative Vertretung aller schweizerischen Universitäten nach aussen und als Tauschbörse für Studieninformationen konzipiert worden (Schulratsprotokolle, SR2:1941, Sitzung vom 13.02.1941, 100-101). Sie hatte sich aber seit ihrem Bestehen 1921 als wenig handlungsmächtig gezeigt, man sprach von einem Teufelskreis der Bedeutungslosigkeit: Die Zentralstelle konnte sich nicht profilieren, weil die Hochschulen, von deren Subventionen sie abhing, sie chronisch unterfinanziert hielten; ihre Autorität bröckelte so jedes Jahr nur noch mehr.
Selbstverständlich zögerten auch die Mitglieder des Austauschkomitees, die Geschäfte 1946 dorthin abzugeben. Doch auch eine dezentrale Reorganisation, nach der jede Universität selbst für Stipendienkontakte zu sorgen hätte, wurde verworfen. Schliesslich stellte der Rektor der Universität Neuchâtel darauf ab, Rohn sei "als Präsident der Verwaltungsbehörde einer Eidg. Hochschule" doch am besten in der Lage, den Studentenaustausch zu koordinieren und plädierte dafür, vorerst alles beim Alten zu lassen.
Nationale wissenschaftspolitische und -organisatorische Kompetenzen wurden Mitte der 1940er-Jahre anscheinend nur der ETH zugetraut. Vielleicht waren die Universitätsrektoren auch einfach froh, sich mit dem Argument 'Verantwortung einer eidgenössischen Hochschule' zusätzliche Aufgaben vom Leib zu halten. Dann wiederum hätten die Ansprüche der ETH, eine besondere wissenschaftliche Funktion innerhalb der Schweiz zu erfüllen, ihre Wirkung gezeigt: Nolens volens waren der Schweizerische Schulrat und sein Präsident auch in weniger reizvollen Angelegenheiten auf Initiative und Führungsrollen festgelegt.
Andrea Westermann