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Es ist ein klarer, windiger Frühlingsmorgen. Vor den ersten Besuchern geht Scott Desjardins über seinen Friedhof. Manchmal bückt er sich um einen Papierfetzen aufzunehmen, oder er deutet auf eine Lücke in einer Hecke, die es zu schliessen gilt.
Desjardins ist Perfektionist. Das gehört zum Job. «Der Rasen hier muss genau 32 Millimeter hoch sein – nicht mehr und nicht weniger», erklärt er. «Alles hier hat Symbolik», sagt der energiegeladene 60-Jährige und deutet auf eine Reihe von Bäumen: «Sogar wie diese Bäume getrimmt werden, ist vorgeschrieben. Innen sind sie auch geschnitten, fast hohl. Sie symbolisieren Fallschirme.»
«Das Portal der Freiheit»
Der Friedhof in Colleville-sur-Mer thront über «Omaha Beach», der Landungsstrand, an dem die US-Truppen am 6. Juni 1944 schreckliche Verluste hatten. Der Film «Der Soldat James Ryan» hat den Strand weltberühmt gemacht – sowie auch den eindrücklichen Friedhof mit seinen weissen Grabkreuzen und Davidsternen.
«Pearl Harbor, New York wegen dem 11. September und Omaha Beach: Kein anderer Ort hat eine so grosse Bedeutung für die Amerikaner wie diese drei». Desjardins deutet auf ein Monument und erklärt: «‹Das Portal der Freiheit›, steht dort geschrieben. Hier hat die Befreiung Westeuropas begonnen. Darum ist Omaha Beach für die Amerikaner so wichtig.»
Die grossartigste Generation
Auf den Soldatenfriedhöfen der Alliierten und der Deutschen wird deutlich, wie viel der Sieg über Hitlerdeutschland gekostet hat. Die Kämpfe in der Normandie waren brutal, auch zehntausende französische Zivilisten verloren ihr Leben. Allein auf dem US-Friedhof liegen fast 9400 Soldaten begraben, im Schnitt waren sie nur gut 23 Jahre alt, als sie fernab der Heimat ihr Leben verloren.
Desjardins selbst war in der US-Armee, auch im Irak. Heute trägt er einen breitkrempigen Hut, auf seiner Jacke prangt das Logo seines Arbeitgebers, der «American Battle Monuments Commission». Nicht umsonst nenne man jene, über die er hier wacht, Amerikas «grossartigste Generation»: «Diese Jungs, die hier liegen, waren speziell. Viele von ihnen haben in den 1930er-Jahren die Wirtschaftskrise erlebt, haben Elend gesehen. Sie waren schon ziemlich tough, als sie hier landeten. Ich bin mir nicht sicher, ob wir heute noch leisten könnten, was sie geleistet haben.»
Berührende Schicksale
Jedes dieser Grabkreuze erzähle eine berührende Geschichte. «Wir haben zum Beispiel einen Vater und seinen Sohn, die hier zusammen begraben sind. Die Mutter hat innerhalb von 45 Minuten vom Tod der beiden erfahren», erzählt Desjardins, der viele der Einzelschicksale kennt. Ausserdem zeigen die Gräber einen weiteren Aspekt der amerikanischen Geschichte: «Hier liegen etwa die Pieper-Zwillinge, deren Eltern Deutsche waren. Sie haben sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet. Die Soldaten hier kamen von überall her. Es war eine Immigranten-Armee.
Es ist verrückt, wenn nun einige in den USA sagen, man brauche keine Migranten mehr, man solle sie nicht reinlassen. Sie sind doch Teil von Amerika!» Mit Argusaugen achten Scott Desjardins und sein französisches Team darauf, dass den Gefallenen der nötige Respekt gezollt wird.
Desjardins wird etwas ungehalten, wenn er auf die sogenannten «Reenactors» angesprochen wird, also auf Touristen, die sich in historische Uniformen werfen und sich in seltenen Fällen auf dem Friedhof nicht zu benehmen wissen: «Wenn Du wirklich nacherleben willst, was diese Männer erlebt haben, dann steig da unten am Strand bei stürmischer See und Flut aus einem Kajak, kämpf dich mit einem Rucksack den Hügel hoch und lass dich mit Steinen bewerfen.»
Die Politprominenz zu Gast
Scott Desjardins erwartet in diesem Jubiläumsjahr über zwei Millionen Besucher. Und am Jahrestag kommt die Prominenz: Der Superintendent rechnet mit etwa 2000 VIPs, darunter Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und natürlich Donald Trump.
Desjardins will sich nicht äussern zum umstrittenen US-Präsidenten. Er sei weder Demokrat noch Republikaner und er versuche, die Parteipolitik von hier fernzuhalten. Ohnehin muss er sich viel mehr ums Praktische kümmern. «Wir erfahren vielleicht erst kurz vorher, wie und wann der Präsident kommt», sagt er, ohne besorgt zu wirken. Ob er nun per Helikopter, Schiff, Auto oder Velo komme – er und sein Team seien auf alles vorbereitet.
Und längst denkt Scott Desjardins an die Zeit nach dem grossen Gedenkanlass: «Wenn das alles vorbei ist, muss hier alles wieder perfekt sein. Kein Grashalm darf beschädigt sein. Das ist unsere höchste Priorität.» Scott Desjardins ist Perfektionist. Das gehört zum Job.