Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03442.jsonl.gz/931

Bei meinen Besuchen in Waldorfschulen in Mittel- und Südamerika fragte ich häufig: «Warum bemühst du fünf Engel, um deinen Schülern in der 1. Klasse die Vokale nahezubringen?» Die Antwort darauf lautete jeweils: «Weil man mir gesagt hat, das macht man so.»
Etwa die gleiche Antwort bekomme ich, wenn ich frage, warum ausgerechnet vier Rechenzwerge den Erstklässlern die Rechenoperationen bringen oder warum man den Kindern sage, Elfen hätten das Bild auf der Tafel gemalt. Ich möchte wissen, woher diese Konventionen kommen. Meine Spurensuche verliert sich im weltweiten Netz digitaler Ratschläge für suchende Waldorflehrer. In den Vorschlägen Rudolf Steiners, die er seinen Zuhörern zum Schreibenlernen und zum ersten Rechenunterricht gab, keine Spur von Buchstabenengeln und Rechenzwergen. Seine Anregungen sind meist sehr real und bezogen auf die Lebensumwelt der Kinder.
Verführerischer Waldorf-Supermarkt
In eine andere Welt tauche ich ein, wenn ich solchen tradierten Anleitungen folge. Da kann ich beispielsweise lesen: «Jeder Vokal hat einen eigenen Engel, der den Menschen den Seelenlaut brachte.» Oder: «Steiner schlug vor, dass die Vokale aus einer anderen Tiefe erklingen als die Konsonanten. In der ersten Klasse der Waldorfschule werden die Vokale mit Körpergesten und Gefühlen eingeführt, und die Vokalengel bringen die Laute über die Regenbogenbrücke auf die Erde.»1
Noch bunter und kommerzieller sind die Ergebnisse für «Rechenzwerge» oder «math gnomes». Ich kann sie kaufen, nach Anleitung herstellen und auch gleich die passenden Geschichten dazu kopieren. Dieser digitale Waldorf-Supermarkt macht es den Lehrern sehr bequem. Warum soll ich mir selbst die Mühe machen etwas auszudenken? Die Figuren, die Bilder, die Geschichten sind ja schon da. Ich brauche nur zuzugreifen.
Hat es Sinn diese Elementarwesen zu Trägern der vier Rechenoperationen zu machen? Im Werk Rudolf Steiners findet man viel über die Welten der geistigen Hierarchien. Er charakterisiert Vokale und Konsonanten beispielsweise in Beziehung zu Planeten- und Tierkreiskräften. Auch spricht er von Erzengel-Hierarchien, die dem Menschen die Sprachwerkzeuge ausgebildet haben. Jedoch spricht er nicht davon, dass genau fünf Engel der menschlichen Sprache die Vokale gaben. Auch schildert Steiner in lebendiger Weise das Wesen der Zwerge in ihrer Beziehung zum Menschen,2 jedoch nicht gerade als «süsse Mathezwerge».
Resonanz aus dem Gefühl
Was ist nun der originale Gegenentwurf Rudolf Steiners? Wie charakterisiert er für die Erstklässler die Vokale, die dann zur Buchstabenform gerinnen?
«Wenn Sie also zum Beispiel versuchen, dem Kinde das A beizubringen, werden Sie ihm sagen: Nun stelle dir einmal die Sonne vor, die du morgens siehst. Kann sich keines von euch erinnern, was es da getan hat, wenn die Sonne morgens aufgegangen ist? – Nun wird sich vielleicht das eine oder andere Kind an das erinnern, was es getan hat. Wenn es nicht dazu kommt, wenn sich keines erinnert, so muss man dem Kinde in der Erinnerung etwas nachhelfen, was es getan hat, wie es sich hingestellt haben wird, gesagt haben wird, wenn der Sonnenaufgang sehr schön war: Ah! Man muss diese Wiedergabe eines Gefühls anschlagen lassen, man muss versuchen, die Resonanz, die im Selbstlaut ertönt, aus dem Gefühl herauszuholen... So kann man alle Selbstlaute herausholen aus der Gestalt des Hauches, aus der Gestalt des Atems.»3
Aus der unmittelbaren realen Erfahrungswelt der Kinder, so sein Vorschlag, könne man das Erlebnis der Vokale und ihre Umsetzung in die die Buchstabengestalt herausholen. Ebenso aus dem Leben der Schüler nimmt Rudolf Steiner seine Anregungen für den Anfangsunterricht im Rechnen.
Zwei Beispiele: «So müssen Sie überhaupt im Unterricht vorgehen: Überall von dem Ganzen ausgehen. Nehmen Sie einmal an, Sie wollen, ganz aus dem Leben heraus, folgendes machen. Die Mutter hat das Mariechen geschickt, Äpfel zu holen. Das Mariechen hat 25 Äpfel bekommen. Das hat die Kaufmannsfrau auf einen Zettel aufgeschrieben. Das Mariechen kommt nach Hause und bringt nur 10 Äpfel. Die Tatsache liegt vor, die ist aus dem Leben: Das Mariechen hat 25 Äpfel bekommen und hat nur 10 nach Hause gebracht. Das Mariechen ist ein ehrliches Mariechen, hat wirklich keinen einzigen Apfel auf dem Wege aufgegessen, hat aber doch nur 10 Äpfel nach Hause gebracht. Jetzt kommt jemand nachgelaufen, der auch ehrlich ist, und bringt alle die Äpfel nach, die das Mariechen auf dem Weg verloren hat. Jetzt wird die Frage entstehen: Wie viel bringt der nach? Man sieht ihn erst aus der Ferne kommen. Jetzt will man vorher wissen, wieviel er nachbringt. Nun, das Mariechen ist angekommen, 10 Äpfel hat es gebracht, 25 hatte es bekommen. Das sieht man auf dem Zettel, auf dem die Frau es aufgeschrieben hat. Es hat also 15 Äpfel verloren. Da kommt in die ganze Subtraktion Leben, wirkliches Leben hinein…» (...)