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Während chaotischer Krisen müssen sich die Systeme, die zur Bewältigung solcher Ereignisse eingesetzt werden, ihrer Grenzen bewusst sein. Wie die talmudischen Weisen in ihren Aggadot über die Zerstörung des Tempels lehrten, können Situationen ausser Kontrolle geraten, und nicht jede Lösung liegt in den Händen des Volkes.
von Gershon HaCohen
Die talmudischen Weisen, die die Trauerpraktiken für Tisha b’Av einführten, prägten über Tausende von Jahren die jüdische Erinnerung an die Zerstörung des Tempels. In ihren Aggadot über die Zerstörung boten sie künftigen Generationen Lektionen an, die hinausgehen über die Gestaltung eines historischen Gedächtnisses als Teil des nationalen Erbes.
Die Weisen versuchten, die Lehren aus der Zerstörung in einen konzeptionellen Rahmen zu stellen, der sowohl das individuelle als auch das kollektive Verhalten in Ausnahmezuständen lenken könnte. Sie entwickelten eine talmudische Theorie über die Realität, mit der Individuen, Gesellschaft und Staat konfrontiert sind, wenn sie mit Umwälzungen konfrontiert werden, die durch das Unvorhergesehene verursacht werden.
Die Auseinandersetzung über die Vernichtung beginnt mit einer allgemeinen Erklärung: „Rabbi Yohanan sagte: Gesegnet ist der Mann, der immer auf der Hut ist“ (Traktat Gittin). Mit diesen einleitenden Worten bot Rabbi Yohanan einen Interpretationsschlüssel für die Aggadot an. Ohne ins Detail zu gehen, wird in der Aggada von Kamsa und Bar Kamsa eine Grundidee vorgestellt, die besagt, dass Jerusalem wegen eines Fehlers in einer Einladung zu einer Feier zerstört wurde, was dazu führte, dass eine unerwünschte Person daran teilnahm. Der unerwünschte Gast wurde am Ende in Ungnade hinausgeworfen. Aber in welchem Zusammenhang steht das mit der Zerstörung Jerusalems?
Die Geschichte veranschaulicht die Art und Weise, wie unbedeutende Ereignisse – alltägliche Kleinigkeiten, die Experten im Allgemeinen nicht als beachtenswert erachten – ausser Kontrolle geraten und unvorhergesehene Folgen haben können. Diese Art von Faktoren kann eine strategische Lagebeurteilung untergraben, so dass die Situation, die sie kontrollieren sollte, ins Chaos abgleitet.
Von diesem Standpunkt aus betrachtet, passen die Aggadot zu der Vorstellung, dass Individuen und Gesellschaften inmitten eines unvorhergesehenen Ausnahmezustands die Kontrolle über die Ereignisse verlieren.
Die Umwälzungen im Nahen Osten, die zunächst als „arabischer Frühling“ bezeichnet wurden, tragen dazu bei, die von den Weisen vorgeschlagenen strategischen Perspektiven zu verdeutlichen. Im Dezember 2010 setzte sich Muhammad Bouazizi in einer kleinen, unbekannten Stadt im Süden Tunesiens in Brand, nachdem die Polizei den illegalen Gemüsestand, der seine Lebensgrundlage war, zerstört hatte.
Bouazizi, ein 26-jähriger Mann mit einem Universitätsabschluss, war arbeitslos, hungrig und verzweifelt, wie Millionen andere in der arabischen Welt. Seine Freunde veröffentlichten sein Bild und seine Geschichte auf Facebook und begannen damit einen regionalen Umbruch, der bis heute anhält.
Rabbi Yohanan hätte mit ziemlicher Sicherheit Bouazizis Geschichte in die Reihe der Aggadot über die Zerstörung des Tempels aufgenommen. Zusammengenommen machen solche Geschichten es einfacher zu erklären, wie grosse Ereignisse mit kleinen Episoden beginnen können, die Fahrt aufnehmen und zu gewaltigen Umwälzungen führen. Das Problem mit solchen Ereignissen ist, dass sie gewöhnlich unbedeutend bleiben, und es ist nur eine einzigartige und zufällige Verkettung von Umständen, die eher das eine als das andere zu einem Katalysator für grosse Unruhen macht.
Die Einzigartigkeit und Zufälligkeit solcher Ereignisse sind genau das, was Experten davon abhält, sich von Anfang an mit ihrem Fachwissen zu befassen. Wenn es den Experten tatsächlich an der Fähigkeit mangelt, katastrophale Ereignisse vorherzusagen, muss man sich fragen, worauf und auf wen sich die Bürger des modernen Staates angesichts der Zufälligkeit des Schicksals verlassen können.
Das Versprechen des Staates auf Stabilität, Wohlstand und Sicherheit basiert auf dem Glauben – der sowohl den Bürgern als auch der Führung gemeinsam ist – an das Heil, das die Vernunft und die Wissenschaft bieten. Dies lässt sich auf die einfache wesentliche Annahme reduzieren, dass es für jedes bedeutende Problem eine Lösung geben muss. Es kann sein, dass wir sie noch nicht kennen, weil wir uns noch nicht an den richtigen Experten gewandt haben, weil der richtige Experte noch nicht gefunden wurde, oder weil sich der Tor zur notwendigen Entdeckung noch nicht geöffnet hat. Doch mit der richtigen Anstrengung werden sowohl der Experte als auch die Lösung gefunden werden.
In diesem Sinne drehte sich der öffentliche israelische Diskurs über die Coronavirus-Krise in den letzten Wochen um den Wunsch, einen „Projektmanager“ zu finden – einen Retter, der weiss, wie man damit umgeht.
Aber angesichts der globalen Reichweite der Krise mit ihren wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen lohnt es sich, in aller Bescheidenheit auf die einfache Wahrheit zurückzukommen, die die Weisen gelehrt haben: Situationen können ausser Kontrolle geraten, und nicht jede Lösung liegt in unseren Händen. Dies ist nicht nur eine theologische Maxime. Wenn die Staatsoberhäupter und Bürger eines Landes die volle Komplexität einer Realität berücksichtigen und anerkennen, dass, wenn es um weltweite soziale und wirtschaftliche Phänomene geht, nicht alles unter ihrer Kontrolle ist, können sie das Geschehen aus einem anderen Blickwinkel ebtrachten. Das Verständnis, dass wir uns im Unbekannten bewegen, wird dann zu einem Ausgangspunkt für die Anpassung der Erwartungen sowohl der Regierung als auch der Bürger.
In Anbetracht des Ausmasses der Coronavirus-Krise hätte der israelische Premierminister gegenüber der Bevölkerung offen über die Notwendigkeit einer Anpassung der Erwartungen sprechen müssen. Er hätte mit Bescheidenheit erklären sollen, dass es sich nicht um eine technische Krise wie ein Zugunglück handelt, das man in die Hände von Experten legen kann, sondern um ein chaotisches und beispielloses Ereignis (wenn auch nicht ohne wichtige technische Aspekte wie Tests und Beatmungsgeräte).
Indem der Staat als Regierungssystem die Erwartungen auf diese Weise neu kalibriert, verzichtet er auf sein Image als der Fels der Rettung für die Bürger. Er hat natürlich nicht das Recht, sich seiner Verantwortung im Rahmen seiner Möglichkeiten zu entziehen, aber er muss seine Grenzen und seine Abhängigkeit von den Anstrengungen der Bürger anerkennen. Die Bürger ihrerseits müssen die illusorische Gewissheit aufgeben, dass es irgendwo in den staatlichen Institutionen jemanden gibt, der sie aus der Krise retten wird. Was stattdessen gebraucht wird, ist ein Bewusstsein der gemeinsamen Verantwortung, wobei sich die Bürger ihrer eigenen Rolle bei der kreativen Anpassung an eine neue Situation voll bewusst sein müssen.
Die Rettung der britischen Armee aus Dünkirchen Ende Mai 1940 verdeutlicht die Unverzichtbarkeit der Zusammenarbeit zwischen Staat und Bürgern angesichts einer drohenden nationalen Katastrophe. Churchills Notruf an Tausende von zivilen Booten und Freiwilligen zur Rettung der britischen Armee aus der deutschen Belagerung erzeugte eine wirksame improvisierte Reaktion. Das Geheimnis der kreativen Anpassung, das in Dünkirchen gelüftet wurde, rührte vom einzigartigen Charakter und der Kultur des britischen Volkes her.
Churchills frühere Erfahrung als Erster Lord der Admiralität und seine Vertrautheit mit der Seefahrerkultur der britischen Nation bildeten eine entscheidende Voraussetzung für die Entstehung der Idee. Hier stellt sich die große Frage nach der Art und Weise, wie die nationalen Führungspersönlichkeiten geführt werden und inwieweit sie – insbesondere in Ausnahmezuständen – auf das kulturelle Profil und die besonderen Bedürfnisse der Nationen achten, denen sie dienen.
Im israelischen Fall ist es vor dem Hintergrund der Aggadot über die Zerstörung des Tempels – die beschreiben, wie die Realität manchmal am Rande des Chaos bewältigt werden muss – interessant zu überlegen, was Rabbi Yohanan über die gegenwärtige Führungskrise gesagt hätte.
Mit dieser Aussage fasste der Talmud die Geschichte von Kamsa und Bar Kamsa zusammen: „Die Demut des Rabbiners Sacharja ben Avkolos [Oberhaupt des Sanhedrins] zerstörte unseren Tempel und verbrannte unser Heiligtum, und wir wurden aus unserem Land verbannt. Der Talmud beschuldigt also das Oberhaupt des Sanhedrins, persönlich für die Zerstörung des Tempels verantwortlich zu sein, weil er sich in einem schicksalhaften Moment zurückgehalten hat, eine Entscheidung zu treffen.
Ohne auf Einzelheiten des Dilemmas einzugehen, besteht die Anklageschrift in der Erwartung, dass eine Führungspersönlichkeit, insbesondere in einer Zeit der Not, es wagen muss, zu entscheiden und zu handeln, auch wenn sie sich irrt – und sich der Dringlichkeit einer Entscheidung nicht entziehen wird. Die talmudischen Weisen, die sich zutiefst bewusst sind, dass „der Mann [gesegnet ist], der immer auf der Hut ist“, und die das Wesen von Ausnahmezuständen verstehen, lehrten uns viel über die Pflicht von Leadership, zu entscheiden und zu führen.
Gershon HaCohen ist ein Senior Research Fellow am Begin-Sadat Center for Strategic Studies. Er diente 42 Jahre in der IDF und kommandierte Truppen in Schlachten mit Syrien und Ägypten. Er war Korpskommandant und Kommandant der IDF-Kaderausbildung. Zuerst erschienen auf Englisch beim Begin-Sadat Center. Übersetzung: Audiatur-Online.