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Die Stadt Zürich aktualisiert zurzeit ihre Hochhausrichtlinien, der Schlussbericht zur Testplanung liegt vor, die Richtlinien sind für den Herbst angekündigt. Doch braucht Zürich überhaupt noch mehr und noch höhere Hochhäuser? Warum er sich nicht viel aus Hochhäusern macht, erklärt der dänische Architekt und Stadtplaner Jan Gehl im Gespräch mit Nicole Soland.
Zur Person:
Jan Gehl, geboren 1936, ist Architekt und Stadtplaner aus Kopenhagen. Er ist Gründer von Gehl Architects sowie emeritierter Professor der Königlichen Dänischen Kunstakademie, an der er 1960 sein Studium abschloss. Bald danach heiratete er, und seine Frau Ingrid, eine Psychologin, stellte ihm eine einfache Frage, die jedoch grossen Einfluss auf seine planerische Tätigkeit haben sollte: «Warum intereressieren sich Architekten nicht für Menschen?»
Jan Gehl betreut Stadtentwicklungsprojekte auf der ganzen Welt und war auch schon in Zürich tätig. Die Strøget in Kopenhagen als längste Fussgängerzone in Europa geht auf ihn zurück. Zu Fuss gehen und Velofahren in den Städten müssten ein selbstverständliches Element der Gesundheitspolitik sein, schrieb er im bekanntesten seiner Bücher, «Städte für Menschen», wo er auch ausführt, weshalb man die Hochhäuser weglassen sollte, wenn man sich eine lebendige Stadt wünscht: «Zuerst gestalten wir die Städte, dann prägen diese uns.»
Vor einigen Jahren war im ‹brand eins›-Magazin ein Interview mit Ihnen abgedruckt. Darin findet sich folgender Satz: «Um das Leben in einer Stadt zu ersticken, gibt es keine effizienteren Mittel als Autos und Wolkenkratzer.» Inwiefern ersticken Wolkenkratzer das Leben in der Stadt?
Jan Gehl: Die menschlichen Sinne sind klar horizontal ausgerichtet, und wir sind dafür gebaut, uns auf der Erde zu bewegen. Das heisst, dass wir noch am ehesten nach unten blicken, denn dort gibt es potenzielle Gefahren, wir könnten zum Beispiel über einen Gegenstand stolpern. Wir gucken jedoch nicht in die Höhe, wenn wir zu Fuss unterwegs sind, denn oben ist nichts, wovor wir Angst zu haben brauchen. Deshalb sage ich, dass unsere Sinne «horizontal» sind, und deshalb sind hohe Gebäude genau genommen im Konflikt mit unseren eigenen Sinnen.
Der Mensch ist nicht kompatibel mit Hochhäusern?
Bis zum fünften Stockwerk können wir mit unseren Augen und unserer Stimme mitverfolgen, was in der Stadt passiert, und die Menschen in der Stadt können einigermassen mitbekommen, dass wir da sind. Weiter oben als im fünften Stock jedoch sind die Menschen nicht mehr Teil der Stadt, sondern gehören zum Luftverkehr.
Wie sind Sie denn darauf gekommen?
Wir haben es viele Male ausprobiert, alle möglichen StudentInnen waren für uns unterwegs: Wir haben ihnen gesagt, sie sollten in ein hohes Gebäude hineingehen, runterschauen und uns dann erzählen, was sie gesehen und erlebt hatten, und alle kamen mit derselben Antwort zurück: Sie berichteten, dass es oberhalb des fünften Stockwerks schwierig wird, zur Stadt dazuzugehören. Es ist ja auch kein Zufall, dass ganz Barcelona und ganz Paris sechs, sieben Stockwerke hoch gebaut sind und sehr dicht, aber ohne hohe Häuser: Es ist dort immer noch so, dass alle mitverfolgen können, was in der Stadt passiert, und am Stadtleben teilnehmen können. In Tat und Wahrheit bewirken die hohen Gebäude nämlich, dass man sich vom Stadtleben entfernt, sich isoliert und sich sagt, sollen sich doch die anderen darum kümmern, ich habe keine Lust, mitzumachen.
Warum ist das so?
Wir haben festgestellt, dass die Menschen umso weniger Lust haben, nach draussen zu gehen, je höher oben sie in solchen Gebäuden leben: Je mühsamer es ist, hinauszugehen, desto grösser sind die psychologischen und praktischen Barrieren, es zu tun, und desto weniger nimmt man am Leben in der Stadt teil. Wir haben versucht, all das richtig gründlich zu untersuchen, und wir haben eine sehr gute Dokumentation dazu, dass jene, die höher oben wohnen, viel weniger nach draussen gehen: Sie machen weniger Spaziergänge, ihre Hunde kommen zu selten raus und ihre Kinder sowieso. Denn wenn man mal in die Höhe gestiegen oder gefahren ist, dann geht man nicht gleich wieder runter. Dann wird es eine zu grosse mentale Anstrengung, hinauszugehen, nur weil es jetzt gerade schönes Wetter ist: Wohnt man tiefer unten, geht man hinaus, weil die Sonne scheint, aber wer höher oben wohnt, sagt sich bloss, na ja, die Sonne scheint…
Und wer in den unteren Stockwerken wohnt, ist demnach ständig in der Stadt unterwegs?
Ja, wir haben herausgefunden, dass jene, die tiefer unten wohnen, in den untersten Etagen, die Stadt viel mehr ‹brauchen› und mitgestalten. Wenn wir gern Leben in der Stadt haben wollen, bauen wir sie deshalb am besten so, dass es in den untersten Stockwerken gute Wohnungen gibt für jene Menschen, die am meisten hinausgehen und zum Stadtleben und zur Gemeinschaft beitragen. Kurz: Wer eine niedrige Stadt baut, hat Freude an allem, und wer eine hohe Stadt baut, hat nicht an vielem Freude.
Es kommt also nicht darauf an, ob schöne oder hässliche Hochhäuser gebaut werden, sie sind immer fehl am Platz?
Schauen wir uns das ‹schöne› Hochhaus an: Das grosse Problem mit Hochhäusern ist, dass man gezwungen wird, sie für den Rest seines Lebens anzuschauen. Ein gewöhnliches Stadthaus ist anonymer, aber ein Hochhaus, das ragt, wie der Name schon sagt, in die Höhe. Bekommt man ein Hochhaus als ‹Nachbar›, dann muss man es anschauen, jeden Tag, ein Leben lang. Und wenn das Hochhaus dann nicht grenzenlos schön ist, dann wird das grenzenlos irritierend. Es ist eine sehr grosse Verantwortung, etwas aufzustellen, was die Menschen dazu zwingt, es ständig anzuschauen.
Grenzenlos schöne Hochhäuser sind demnach in Ordnung?
Was ich sagen will, ist, dass es ganz besonders wichtig ist, dass ein Gebäude wunderschön gebaut sein muss, wenn es in den Himmel ragen soll, sodass alle gezwungen sind, es die ganze Zeit anzuschauen. Wenn Sie an alte Kirchtürme denken, dann waren diese stets mit grosser Sorgfalt für die Details gestaltet, und die Architekten gaben sich Mühe, einen schönen Abschluss des Gebäudes gegen oben, in Richtung des Herrgotts, zu gestalten. Viele der neuen Hochhäuser wirken jedoch sehr grob, die Abschlüsse nach oben sind geradezu unfreundlich gestaltet, und im Grunde genommen ist es nicht auszuhalten, sich das anzuschauen. Grosse Höhen haben zudem etwas Dominantes.
Wie meinen Sie das?
Von alters her hat es immer geheissen, wenn du nach oben kommst, kannst du die anderen kontrollieren. Höhe war stets etwas Dominantes, aber auch Nobles: Man spricht von Oben und Unten, man schaut auf jemanden herunter, man steigt auf in der Gesellschaft, man hat eine hohe Position inne – es gibt viele Referenzen zu Höhe und Tiefe, und Höhe bedeutet stets eine dominierende Platzierung. Viele Spekulanten bauen deshalb am liebsten höhere Häuser als die anderen.
Ein bekanntes Zitat von Ihnen lautet, Hochhäuser seien die Antwort des faulen Architekten auf Dichte: Was meinen Sie damit?
Es ist sehr einfach, ein hohes Gebäude zu machen, es ist architektonisch ganz simpel, man zeichnet, bildlich gesprochen, eine Etage, geht zum Kopierer, macht 27 Kopien, stapelt sie übereinander, und schon hat man ein Hochhaus. Dabei könnte man fast immer dieselbe Dichte erreichen, wenn man das Hochhaus nicht aufstellen, sondern der Länge nach auf den Boden legen würde. Doch dann müsste man viel sorgfältiger mit den Details umgehen und mit den Ecken und so weiter. Deshalb sage ich, dass Hochäuser die Antwort des faulen Architekten auf Dichte sind.
Ein ganzer Hochhaus-Cluster macht es demnach auch nicht besser?
Ich bin viel gereist und habe viele Hochhäuser gesehen, aber ich bin nie in meinem ganzen Leben in einem Hochhausgebiet gewesen, in dem ich fand, das sei jetzt wirklich ein schöner Ort, um sich aufzuhalten. Wenn ich in einem Hochhausgebiet war, habe ich stattdessen stets das Gefühl gehabt, dass einen diese Häuser überwältigen, und dass der Raum zwischen diesen Häusern nicht speziell hübsch ist: Hochhäuser sind eine sehr egozentrische Bauform, die wenige erfreut und viele stört. Die Orte, an denen sich hohe Häuser noch am besten anfühlen, sind entweder ganz zuoberst – oder dann fünf Kilometer davon entfernt, wo man sie bloss noch als Skyline wahrnimmt. Kommt man ihnen näher, hat man obendrein ein klimatisch bedingtes Problem.
Inwiefern?
Die hohen Häuser verursachen viel Wind. In Dänemark ist der Wind um Hochhäuser herum viermal so stark wie sonst schon. Wenn wir in Dänemark etwas nicht leiden können, dann ist es, beim Spazieren vom Wind zerzaust zu werden … Selbst wenn es in Zürich viel weniger stark windet, verstärkt sich der Wind vor einem Hochhaus dennoch, und dieses wirft obendrein lange Schatten. Und mal abgesehen von den klimatischen Veränderungen lohnt es sich meines Wissens nicht einmal wirtschaftlich, Hochhäuser zu bauen, es ist etwas Ideologisches, es geht um Prestige.
Es sind also nicht nur die faulen Architekten daran schuld, dass so viele Hochhäuser gebaut werden?
Nein, auch die Immobilienmakler und die Bodenspekulanten tragen ihren Teil bei, und vielleicht findet ja in Zürich die Stadt, um eine Grossstadt zu sein, brauche es einige Hochhäuser … wobei: Habt ihr einen solchen Minderwertigkeitskomplex in Zürich, dass ihr mit Dubai konkurrieren müsst? Ihr würdet besser mit Paris darum konkurrieren, eine schöne Stadt zu schaffen, oder mit Barcelona, oder mit Kopenhagen. Und wenn es Wohnungen geben soll in diesen Hochhäusern und man den Leuten sagt, sie könnten ja jederzeit auf den Balkon hinaus, dann gilt es einfach zu bedenken, dass das Klima auf den Balkonen weiter oben viel schlechter ist als das Klima unten auf der Erde: Der Wind ist wie gesagt viel stärker, womit man nie so lange draussen sein kann, wie wenn man rasch aus dem Haus und in einen kleinen Garten oder Park gehen kann. Wer an Manhattan, New York denkt, dem kommt als schönstes Gebiet dort auch nicht die 5. Avenue mit ihren Hochhäusern in den Sinn, sondern das Greenwich Village oder Tribeca oder China Town.
Wenn die Behörden den Bau von Hochhäusern zulassen, planen sie demnach über die Köpfe der Bevölkerung hinweg? Sie versuchen doch lediglich damit umzugehen, dass immer mehr Menschen in die Stadt ziehen wollen und alle irgendwo wohnen müssen.
Das kommt darauf an: In Amerika etwa gibt es vielenorts Baugesetze, die es einem erlauben, so viel zu bauen, wie man will, ohne sich um Dichte kümmern zu müssen. Aber in Dänemark haben wir ein Gesetz, das festhält, wieviel man auf einem bestimmten Grundstück bauen darf, und dann kann man selber wählen, ob man in die Höhe oder in die Breite baut.
Bei uns gibt die Ausnützungsziffer das Mass der rechtlich zulässigen Bebauung innerhalb eines Zonenplans an.
Dann ist die Behauptung, dass man Platz für mehr Menschen bekommt, wenn man in die Höhe baut, falsch: Man bekommt nicht Platz für mehr Menschen, es werden bloss mehr Menschen isoliert. Aber es wird keine bessere Stadt gebaut.
Dann ist auch die Diskussion darüber müssig, wo Hochhäuser bis 40, 80 oder 250 Meter Höhe gebaut werden dürfen?
Die ersten fünf Etagen sind interessant, der Rest gleichgültig – er bringt nur mehr Schatten.
Aber wenn man in die Höhe baut, bleibt unten mehr Platz für Grün- und Freiräume.
Ja ja, damit wird immer geworben, es stimmt aber nicht. Denken Sie an Paris, eine sehr dichte Stadt, in der es trotzdem schöne Boulevards und Pärke gibt. Was man erhält, wenn man Hochhäuser baut, sind vom Winde verwehte, zu grosse Areale.
Inwiefern zu gross?
In Neubaugebieten wird oft viel zu viel Raum für viel zu wenige Menschen bereitgestellt, und deshalb sehen diese Orte dann auch ein bisschen öde aus: Um sie zu beleben, müssten dieselben Menschen gleichzeitig auf dem Balkon und auf dem Platz und im Park sein… aber sie können nur an einem Ort aufs Mal sein. Im Übrigen hat es keine Gärten um Hochhäuser herum: Gärten haben die niedrigeren Häuser, denn dort wohnen Menschen, die nach draussen gehen und sich um den Garten kümmern. Unten vor den Hochhäusern ist es zudem oft so kalt und windig, dass gar nichts wächst.
Kurz: Sie machen sich grundsätzlich nicht viel aus Hochhäusern.
Das rührt daher, dass ich sie recht gründlich studiert habe in allen möglichen Ländern, unter anderem in Singapur, in New York, in Australien und China. Hochhäuser sind einfach keine gute Idee für Menschen, vor allem nicht für Kinder und für ältere Menschen. Und in unserer Gesellschaft hat es bekanntlich immer mehr ältere Menschen. Hochhäuser sind, wenn schon, etwas für Spekulanten. Die Debatte um Hochhäuser wird getrieben durch ökonomische und ideologische Gesichtspunkte, man will eine Metropole sein. Aber Hochhäuser sind nicht etwas, worum die Menschen als solche gebeten haben, sondern etwas, worum die Ingenieure oder Architekten oder Bauspekulanten oder Politiker gebeten haben. Hochhäuser passen nicht zum Homo sapiens.
Infobox: Hochhausrichtlinien
Die Stadt Zürich aktualisiert zurzeit ihre Hochhausrichtlinien. Der Schlussbericht zur Testplanung ist auf der Website des Amts für Städtebau verlinkt. Die Richtlinien sollen im Herbst vorliegen. Das Team um E2A/KCAP, dessen Vorschlag im Testplanungsverfahren beim Begleitgremium am besten angekommen ist, schlägt drei Typen Hochhäuser vor, solche bis ca. 40 Meter Höhe, solche bis ca. 80 Meter Höhe sowie «Metro-Hochhäuser» von 85 bis 250 Metern Höhe. Es hält dazu fest, dass Hochhäuser «stadträumlich, architektonisch und programmatisch» umso mehr «leisten» müssen, je höher sie sind, und es kann sich an besonders zentralen und gut erschlossenen Lagen in der Stadt «Clusterbildungen von Hochhäusern» vorstellen.
Zum Team gehören E2A Piet Eckert und Wim Eckert Architekten (unter ihren Referenzen findet sich das Baufeld H der Europaallee), KCAP GmbH (u.a. Masterplan Europaallee), Hager Partner AG (u.a. Quartierpark Thurgauerstrasse), Planwerkstadt AG (u.a. Projektentwicklung Zollstrasse), Barbara Emmenegger, Soziologin (u.a. Fachgremium Entwicklungsgebiet Neugasse) und Prof. Matthias Böttger, urbanegestalt PartGmbH, Köln. nic.
Das Interview wurde auf Dänisch geführt, Übersetzung ins Deutsche: Nicole Soland
Gehl, Jan: Städte für Menschen. Jovis Verlag Berlin, 4. Auflage 2015, 304 Seiten, 49.90 Franken.
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