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Talentselektion im Nachwuchsleistungssport – keine einfache Angelegenheit. Trotz ihrer Bedeutung für die Spitzensportförderung werden oft nur einzelne Kriterien zur Auswahl von jungen Talenten gewählt, wie zum Beispiel die Wettkampfresultate. Aus trainingswissenschaftlicher Sicht sind aber die Anforderungen an ein wirksames Talentselektionsinstrument um einiges komplexer.
Talentförderung ist weltweit eine zentrale Komponente der Spitzensportförderung. Es besteht einhelliger Konsens darüber, dass eine frühzeitige und nachhaltige Förderung von Nachwuchsathleten die internatonale Konkurrenzfähigkeit im Spitzensport entscheidend beeinflusst (Abbott & Collins 2004).
Die Talentselektion ist ein Baustein in einem langfristigen Talentföderkonzept. Swiss Olympic, das BASPO, die Sportverbände und verschiedenste Partner setzen aus diesem Grund gezielt Ressourcen ein, um eine transparente und effiziente Selektion zu gewährleisten. Das Selektionsinstrument soll nach dem Motto «nicht die aktuell Besten, sondern die Geeignetsten» das Potenzial der Nachwuchsathleten für Erfolge im Spitzensport beurteilen.
Wer ist ein Talent?
Dabei stellt sich die Frage, welche Nachwuchsathleten speziell gefördert werden sollen? Wer soll eine Swiss Olympic Talents Card erhalten, die zu speziellen Förderleistungen berechtigt? In den Sportverbänden wurde die Talentselektion bislang häufig nur anhand von Wettkampfresultaten durchgeführt. Problematisch ist dabei, dass die Wettkämpfe im Nachwuchsbereich meist nicht auf die jeweiligen Ausbildungsetappen abgestimmt sind. Zudem sind die erzielten Wettkampfresultate im frühen Nachwuchsalter kein valider Indikator für die Leistungsfähigkeit im Elitebereich (Fraser-Thomas et al. 2008).
Hauptursache dafür ist die biologische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, die meist nicht dem chronologischen Alter entspricht. Frühentwicklte Kinder und Jugendliche werden so bevorzugt in höhere Kader selektioniert (Malina et al. 1994). Zudem zeigen Untersuchungen zum «relativen Alter» (Romann & Fuchslocher 2009), dass schon geringe Altersunterschiede von einigen Monaten erheblichen Einfluss auf die sportliche Entwicklung haben können. Aus diesen Studien geht klar hervor, dass auch in der Schweiz relativ Ältere – das heisst in der ersten Jahreshälfte geborene Kinder und Jugendliche – in höheren Kaderstufen stark überrepräsentiert sind (Romann & Fuchslocher 2010).
Fataler Doppelfehler bei der Talentselektion
Deshalb besteht die Gefahr eines «Doppelfehlers». Einerseits fallen geeignete Nachwuchsathleten aufgrund ihrer späteren biologischen Entwicklung, dem relativ jüngeren Alter und des dadurch erklärbaren momentanen tieferen Leistungsniveaus durch das Selektionsraster und kommen dem Spitzensport abhanden. Über die verschiedenen Sportverbände hinweg gesehen, gehen so viele potenzielle Nachwuchsathleten verloren. Andererseits werden frühentwickelte Nachwuchsathleten gefördert, die langfristig kaum Perspektiven haben.
Multidisziplinär und dynamisch
Aus trainingswissenschaftlicher Sicht betrachtet, sollte ein wirkungsvolles Talentselektionsinstrument die biologische Entwicklung und das relative Alter der Kinder und Jugendlichen berücksichtigen. Zusätzlich sollen hauptsächlich sportartspezifische Leistungstests, die Leistungsentwicklung (Abbott & Collins 2004), psychologische Komponenten wie Leistungsmotivation und Umgang mit Druck und die Belastbarkeit (Côté & Hay 2002) systematisch über längere Zeiträume wiederholt beurteilt werden.
Dabei sind die relevanten, sportartspezifischen, leistungsbestimmenden Faktoren zu integrieren, was wiederum eine Gesamteinschätzung des Leistungspotenzials des Nachwuchssportlers erlaubt. Dies zeigt: Die Anforderungen an ein wirksames Talentselektionsinstrument sind hoch und komplex. Ein multidisziplinärer und dynamischer Ansatz ist gefragt.
Die «Big-Five-Kriterien»
Das Selektionsinstrument PISTE (Prognostische Integrative Systematische Trainer-Einschätzung) mit den «Big-Five-Kriterien» hilft das Potenzial von Nachwuchsathleten besser einzuschätzen. Wettkampfleistung im späten Nachwuchsalter, spezifische Leistungstest, Leistungsentwicklung, Leistungsmotivation und die Belastbarkeit scheint hinsichtlich der Prognosevalidität am vielversprechendsten. Daher sollten diese Kriterien generell als prioritär betrachtet werden:
- Wettkampfleistung: Hier sollte nicht nur das Resultat, sondern auch die sportliche Leistung des Nachwuchsathleten im Wettkampf nach verschiedenen Kriterien systematisch eingeschätzt werden.
- Spezifische Leistungstest: In jeder Sportart sollten hier nach Möglichkeit die leistungsbestimmenden Faktoren möglichst standardisiert getestet werden. Generelle sportmotorische Tests können diese Tests ergänzen, sind aber in der Regel weniger voraussagekräftig.
- Leistungentwicklung: Vor allem die Entwicklung der Wettkampfleistung und der Resultate bei spezifischen Leistungstests über einen gewissen Zeitraum dient hier als Grundlage. Unter Trainern gilt dieses Kriterium als äusserst zuverlässig.
- Leistungsmotivation: Kaum einer zweifelt an der Wichtigkeit dieses Kriteriums – es besteht aber etwas Unsicherheit bei der Messmethode. Die PISTE bietet einen vereinfachten Fragebogen an, um die Leistungsmotivation einschätzen zu können.
- Belastbarkeit: Hierbei sollte in erster Linie die physische Belastbarkeit (Verletzungsanfälligkeit u.a.), aber auch die psychische Belastbarkeit eingeschätzt werden.
Bei jeder Selektion besteht dennoch das Risiko, geeignete Talente auszuschliessen. Karriereverläufe von Nachwuchsathleten sind nicht unbedingt linear, und unerwartete Leistungssprünge werden von Sportartexperten immer wieder beobachtet.
Aus diesem Grund sollte ein eher breiter Entwicklungskanal für die Nachwuchathleten definiert werden.
PISTE in der Praxis
Das heute gültige Selektionsinstrument PISTE wurde gemeinsam mit Swiss Olympic, basierend auf den in der Tabelle dargestellten Beurteilungskriterien, entwickelt. Ein spezielles Handbuch und digitale Auswertungstools wurde den Sportverbänden zur Realisierung der PISTE zur Verfügung gestellt (Manual Talentdiagnostik und -selektion, Hrsg. Swiss Olympic, 2008, siehe Link).
Für jede Sportart sollte auf dieser Basis eine sportartspezifische PISTE entwickelt werden. Eine ausführliche Sportartanalyse ist dabei notwendig, um das prognostische Anforderungsprofil der Nachwuchsathleten einschätzen zu können. Je nach Sportart müssen die einzelnen Beurteilungskriterien angepasst, gewichtet und beurteilt werden.
Durch die Kombination verschiedener Kriterien und mehrfacher Einschätzungen über einen längeren Zeitraum steigt somit die Wahrscheinlichkeit auf eine gute und gerechte Selektion. Langfristig gesehen, kann dadurch die Qualität des Schweizer Talentpools verbessert werden.
Im Vergleich zu rein auf Wettkampfresultaten basierenden Selektionen ist die PISTE ungleich aufwändiger. Swiss Olympic ist daher bemüht, den Verbänden bei der Umsetzung der PISTE vermehrt Unterstützung zu bieten und das Vorgehen weitmöglichst zu vereinfachen. Ebenso erwartet man eine Senkung der aufzuwendenden Ressourcen, welche dank der gewonnenen Erfahrung in den Verbänden zu erwarten ist.
Text: Jörg Fuchslocher, Michael Romann, Ralph Rüdisüli, Cornel Hollenstein