Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03301.jsonl.gz/690

Aus dem kleinen Emsy war mittlerweile ein grosser wunderschöner Kater geworden. Sein Fell war über den Winter üppiger geworden, sein Kopf und seine Pfoten bekamen Volumen. Er wog bereits fünf Kilo, hatte aber nach wie vor das Wesen eines kleinen anschmiegsamen Kätzchens. Quer über sein Gesicht verlief die Farbteilung schwarz/weiss, die ihm das Aussehen gab, als schiele er durch Vorhänge. Jedermann, der Emsy sah, war entzückt. Und dies genoss er. Er legte sich mit Vorliebe vor den Eingang des Einkaufszentrums, wo viele Leute vorbeikamen, die ihn bewunderten. Dann rollte er sich auf den Rücken und liess sich streicheln und liebkosen. Er ging im nahe gelegenen Möbelgeschäft ein und aus, als wohne er dort. Es gab dort weiche Polstergruppen in allen Farben, die man testen konnte. Und die Verkäuferin, eine Katzenfreundin, fand den Kerl allerliebste und liess ihn gewähren. Am Abend stellte sie ihn jeweils vor die Ladentür und sagte ihm, er solle nun nach Hause laufen.
Nicht immer führte ihn dieser Weg direkt nach Hause. Wenn Smokie nicht da war, langweilte er sich. Seine Neugier war unbeschreiblich gross. Als er auf dem Heimweg bei einer Katzentüre vorbeikam, beschloss er, einen Abstecher zu machen. Hinter dieser Türe gab es sicher etwas Gutes zu essen oder Leute, die ihn streichelten. Er trat ein und sah sich um. Niemand war zu Hause, weder Besitzer noch Katze. Vom Tagesgeschehen müde geworden, legte sich Emsy kurzerhand aufs Bett und schlief ein.
Wenig später kamen Frau Tucher und Sohn nach Hause und fanden Emsy im Tiefschlaf vor Ihre eigene Katze, die Emsy enorm glich, war nicht da. Sie war ihm zum Verwechseln ähnlich, in ihrer Art jedoch viel scheuer und unzugänglicher. Für Markus war Emsy ein willkommener Gast, liess sich dieser streicheln und beschmusen, was er von seiner Katze nicht gewohnt war. Er genoss den kleinen schnurrenden Kerl und gewährte ihm für eine Nacht Unterschlupf. Am nächsten Morgen ging Emsy nach Hause, als sei nichts gewesen.
Bald kannten ihn alle im kleinen Städtchen. Jedermann wusste, dass der kleine Streuner eigentlich an den Rosenweg gehörte zu seinen vier Adoptiv-Geschwistern. Und wieder wurde es Winter und Emsy blieb meistens zu Hause. Es war ja schrecklich draussen, klirrend kalt. Zudem blieben die Passanten nur noch ungern stehen, um den kleinen Kerl zu streicheln. So wurde das Möbelgeschäft ad acta gelegt.
Im nächsten Frühling versuchte Emsy sein Glück wo anders. Etwa 500 Meter entfernt gab es ein grosses Industriegelände der Firma Roche. Der Bürotrakt war klimatisiert und mit einer Drehtür versehen. Den ganzen Tag gingen Leute ein und aus und Emsy folgte ihnen so, wie er damals der kleinen Smokie gefolgt war. Er schlich sich rein und legte sich am Empfang auf die Polstergruppe, die für Besucher bereitstand. Dem Portier gefiel das überhaupt nicht, da in dieser Firma Tierhaltung verboten war. Er setzte ihn pflichtbewusst vor die Türe. Doch Emsy war hartnäckig und wartete, bis der nächste Besucher kam. Diesem folgte er, und schon war er wieder drin. Das Spiel ging den ganzen Tag hin und her und der Pförtner fragte sich langsam, wem diese Katze wohl gehörte. Auch am nächsten Tag stand Emsy wieder vor der Türe und wartete darauf, bis der erste Besucher kam. So ging das eine Woche lang und Emsy fand es sehr lustig. Die meisten Angestellten oder Besucher fanden es auch ganz amüsant, dass zur Firma Roche eine Hauskatze gehörte, die als Empfangsdame tätig war.
Das Katzenmami machte sich unterdessen grosse Sorgen, als Emsy eine ganze Woche nicht nach Hause kam. Sie hoffte sehr, dass es Emsy gut ging, war fast sicher, dass dieser wieder irgendwo sass und die Sonne und Leute genoss. Doch nach einer Woche wurde ihr doch etwas mulmig im Magen und sie fragte in der Nachbarschaft nach, ob Emsy irgendwo gesehen worden war. Die Antwort war negativ. Ihre Sorge stieg, so dass sie einmal mehr eine Suchmeldung aufsetzte und an den bereits bekannten Stellen in der Region platzierte.
Es dauerte nur zwei Tage, als eine Bekannte anrief und ihr mitteilte, dass man in der Firma, in der sie arbeite, eine etwas hartnäckige Katze habe, die das Spiel mit der Drehtüre raushatte. Dem Katzenmami war nun klar, dass es sich bei dieser Katze nur um ihren Emsy handeln konnte. Sie war glücklich und versprach, den Ausreisser nach Feierabend abzuholen. Als sie allerdings gegen 18 Uhr am Haupteingang ankam, erklärte ihr der Pförtner, die Hauskatze habe heute vermutlich ihren freien Tag, er habe sie heute überhaupt nicht gesehen. Sie deponierte sicherheitshalber ihre Anschrift und Telefonnummer.
Um das Bürogebäude erstreckte sich ein wunderbarer, naturbelassener Garten mit Hecken, Büschen und Bäumen aller Art. Für eine Katze wie Emsy wäre das ein wahres Paradies gewesen. Aus diesem Grund schlenderte sie durch die Prachtsanlage und rief nach ihrem Ausreisser. Nichts passierte, Emsy blieb spurlos verschwunden.
Und in genau diesem Bürogebäude arbeitete Herr Knut. Er lebte im angrenzenden Deutschland, am Rande des Hotzenwaldes. Zu seiner Nachbarschaft gehörten drei Katzen und ein Hund. Die Katzendamen waren schwarz/weiss, der Kater ein molliger Langhaar-Tiger. Mit diesen Tieren verstand er sich wunderbar. Jeden Morgen fuhr er mit dem Auto den weiten Weg in die Schweiz. Im Sommer, wenn es schon frühmorgens warm war, fuhr er mit offenem Schiebedach, um die warme Morgenluft einzuatmen. Es war ihm schon mehrmals passiert, dass sich die Nachbarskatze über diese Luke in sein Auto geschlichen hatte.
Als er zur Mittagszeit den Bürotrakt verliess, um zur Kantine zu gehen, musste er den Parkplatz überqueren. Es blieb ihm fast das Herz stehen, als er neben seinem Auto die Nachbarkatze sitzen sah. Sie musste durch die Dachluke eingestiegen und ungesehen mitgefahren sein. Sicher würde sie von der Nachbarin schon vermisst. Mit dem Handy konnte er die Nachbarin erreichen, die ihm versicherte, dass ihre Katze den ganzen Tag nicht gesichtet worden ist. Herr Knut war froh, dass Minusch so brav beim Auto geblieben war. Sie hätte sich ja in dieser fremden Gegend verirren können.
Am Abend nahm er den blinden Passagier wieder nach Hause mit und überreichte die Katze voller Stolz seiner Nachbarin. Wie erstaunt war er aber, als die Nachbarin sich vor Lachen bog. Was war denn jetzt wieder los? Sein Blick fiel auf die Treppe, wo drei Katzen das Treiben im Wohnzimmer verfolgten. Wer war denn das schwarz/weisse Bündel, das in seinen Armen gelassen vor sich herschnurrte?
So kam es, dass sich am folgenden Tag Herr Knut beim Katzenmami meldete und ihr erklärte, dass er vermutlich Emsy in den Hotzenwald mitgenommen habe. Dem Katzenmami war das ganze schleierhaft. Sie war einerseits erfreut, dass es Emsy gut ging, der Zusammenhang war ihr aber noch absolut unbegreiflich. Erst als ihr Herr Knut die Geschichte mit der verwechselten Nachbarskatze erzählte, begann auch sie zu lachen. Da wird Emsy aber sehr beleidigt sein, dachte sie, wenn man ihn mit einer Katzendame verwechselt und dies erst nach einer einstündigen Autofahrt merkt. Das Katzenmami wollte sich gleich auf den Weg machen, um den Ausreisser abzuholen. Doch Herr Knut beruhigte sie und erklärte, er werde sowieso am kommenden Morgen wieder in die Schweiz kommen. Der Weg zu seinem Haus sei sehr lang und schwierig zu finden, wohne er doch am Rande des Hotzenwaldes, dort wo sich Fuchs und Hase Gutenacht sagen. So einigten sich die beiden, dass Herr Knut Emsy am nächsten Morgen wieder mitbringen werde.
Bereits um 07.15 Uhr läutete das Telefon am Rosenweg und Herr Knut überbrachte die traurige Mitteilung, dass Emsy in der Nacht weggelaufen sei. Das Katzenmami bekam einen Riesenschock, wusste sie doch, dass Emsy ein Streuner war und den Weg in die Schweiz nie und nimmer finden würde. Wie konnte das nur passieren? Emsy lag die ganze Nacht neben Herrn Knut im Bett und schnurrte ihm ins Ohr. Sein Schlafzimmer lag im ersten Stock des Einfamilienhauses. Die Schlafzimmertür führte zum Balkon und stand in heissen Sommernächten immer offen. Noch keine seiner Katzen war je da runtergesprungen, weshalb er sich auch keine weiteren Gedanken über die offene Balkontüre machte. Da kannte er Emsy aber schlecht. Genau dieser Sprung war ja seine Spezialität. Und dies bewies er an diesem Morgen. Als Herr Knut aufstand, war Emsy verschwunden.
So trafen sich das Katzenmami und Herr Knut nach Feierabend und fuhren gemeinsam in den Hotzenwald, um Emsy zu suchen. Wunderschön war die Gegend dort, ein Paradies für Katzen. Doch dem Katzenmami war es nicht nach Naturgeniessen. Sie sorgte sich um das Wohl ihres Streuners. Endlich erreichten sie das kleine Dorf am Rande des Hotzenwaldes. Kaum waren sie ausgestiegen, kam ihnen die Nachbarin entgegen. Sie strahlte und überbrachte die freudige Nachricht, Emsy sei wieder da. Nach seinem morgendlichen Ausflug in den Hotzenwald überkam ihn der Hunger. Er ging zurück zu dem Haus, in dem er mittlerweile zwei Tage gewohnt hatte, stellte sich vor die Tür und brüllte drauf los. Die Nachbarin, die über Emsys Verschwinden orientiert war, liess ihn rein, fütterte ihn und wachte über ihn bis das Pseudo-Herrchen und das Katzenmami kamen.
Die Wiedersehensfreude war gross für Emsy und sein Frauchen. Emsy verabschiedete sich von Herrn Knut, der Nachbarin, den drei Katzen und dem Hund und stieg ohne Murren ins Auto ein. Dort legte er sich auf die Rückbank und schlief erschöpft ein. Zu Hause wurde er von Smokie stürmisch begrüsst, die ihn sehr vermisst hatte. Für Emsy ging ein aufregendes Abenteuer zu Ende, eine ungewollte Reise in den Hotzenwald.