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Kirchgemeindehaus Stadt
Kongress- und Kirchgemeindehaus Liebestrasse
Liebestrasse 3
8400 Winterthur
Das reformierte Kirchgemeindehaus wurde 1911-1913 von den Architekten Bridler & Völki erstellt. Im zweigeschossigen Konzertsaal ist eine bedeutende Orgel installiert. Das Kirchgemeindehaus erfüllt neben kirchlichen Funktionen speziell auch soziale und kulturelle Aufgaben. So ist es heute vielseitig nutzbar und ist vor allem mit Schulungen und Kongresse gut belegt.
Das Kirchgemeindehaus Stadt hat eine längere Entstehungsgeschichte. Als infolge der stark wachsenden Stadt gegen Ende des 19. Jhdt. die kirchlichen Bedürfnisse ebenso anstiegen, dachte man 1896 erstmals an den Bau eines Kirchgemeindehauses. Das Architekturbüro Jung & Bridler machte einen ersten Entwurf. Aus verschiedenen Gründen, insbesondere aber auch, weil die Stadtregierung kein Musikgehör dafür hatte, verliefen die Bemühungen vorerst im Sande. Die Platznot in der Kirche nahm weiter zu. Der Unterricht musste zu gestaffelten Zeiten durchgeführt werden. 1906 wurde ein neuer Anlauf genommen. Die Architekten Rittmeyer und Furrer legten eigene Entwürfe vor. 1909 wurde dann aber ein öffentlicher Wettbewerb durchgeführt, den das Gespann Bridler und Völki aus 46 Entwürfen gewann. 1913 wurde das Gebäude als erst zweites Kirchgemeindehaus im Kanton bezogen und es fand sofort ein reger Betrieb statt. Gestritten wurde dabei noch, ob nun auch andere Religionen als nur reformierte Kreise Räume belegen durften. Das wurde schliesslich bejaht.
Das Kirchgemeindehaus Stadt an der Liebestrasse 3 ist ein majestätisches Gebäude, das etwas versteckt direkt neben dem Kunstmuseum steht. Trotzdem hat es eine religiöse und repräsentative Bedeutung. Das überhöhte Hauptgebäude gliedert sich in sieben gleichwertigen Fensterachsen und wird mit einem Walmdach abgeschlossen. Die beiden seitlichen Eingangsflügel sind zurückgesetzt. Somit wird die Monumentalität etwas gemildert. Im innern des Gebäudes dominiert der grosse, zweigeschossige Konzertsaal. Er ist von einer Kassettendecke überspannt und in seiner Farbigkeit noch heute erhalten.
Diese Saalkirche, Fassungsvermögen bis 900 Personen, ist mit einer zeittypischen Orgel ausgerüstet. Sie dominiert den Raum, entsprechend waren die Bänke im halbrund um sie gruppiert. Die Orgel wurde für dieses Haus gebaut und mit ihm in Betrieb genommen. 1976 wurde sie restauriert. Sie ist im pneumatischen System gebaut. Das heisst, die Impulse des Organisten am Spieltisch werden über Luftkanäle zu den Pfeifen befördert. Übrigens die sichtbaren Pfeifen sind reine Dekoration, die echten 1500 Pfeifen sind unsichtbar. Dieses System baut man heute nicht mehr, da es stark störungsanfällig ist. Diese Orgelart ermöglicht aber, Werke jener Zeit authentisch interpretieren zu können.
Im Parterre liegt der kleinere Saal, der etwa 200 Leute aufnehmen kann. Auch er wirkt noch heute sehr gediegen. Ein grosses Gemälde aus dem Symbolismus von Eugène Burnard mit dem Titel „Einladung zum Abendmahl“ prägt den Raum. Es wurde 1905 gemalt und vom Kunstverein für 20'000 Franken angekauft. Seit 1917 ist es im Kirchgemeindehaus als Dauerleihgabe platziert.
Die Nutzung der willkommenen Räume diente in erster Linie dem Raumbedarf für die Bedürfnisse der reformierten Kirchgemeinde Stadt Winterthur. Aber viele andere, zum Teil grossangelegte Nutzungen kamen in der Folge zum Zuge. Ab dem 8. Juli 1914 wurde im KGH die erste Säuglingsfürsorgestelle eingerichtet und betrieben. Man wollte damit ankämpfen, dass zu jener Zeit jeder vierte Säugling starb. Noch heute werden an der Liebestrasse einmal pro Woche Mütter und Väter in dieser Sache beraten.
Nach dem Ausbruch des 1. Weltkrieges als die Lebensmittel teuer und knapp wurden, richtete die Stadt im Untergeschoss einen Laden ein, um die wichtigsten Lebensmittel und Brennmaterial zu verbilligten Preisen zu verkaufen. Bereits ab dem November 1913 hat die Hülfsgesellschaft ihre Suppenküche von der alten Kaserne ins KGH verlegt. Täglich wurde 600 bis 1000 Portionen Suppen à 7 dl für jeweils 5 bis 15 Rappen abgegeben. Erst 1921 liess die Nachfrage nach und der Dienst wurde eingestellt.
Die Vielfältigkeit der Nutzung zeigt die Vertreter der Benutzer die zum 25-Jahr-Jubiläum eingeladen waren: Abstinentenverband, Arbeiterunion, Demokratische Partei, EVP, SP, Heilsarmee, Kaufmännischer Verein, Literarische Vereinigung, Musikkollegium, Jugendgemeinschaft „Nie wieder Krieg“, Ortsgruppe der Nationalen Front, Ornithologische Gesellschaft, Püntenpächterverein, Stadtrat, Schw. Vereinigung der Freunde der Sowjetunion, Alpenclub, Vereinigung Winterthurer Handharmonikaspieler, Verein für Pilzkunde, Zürcher Bauernsekretariat und noch viele mehr.
Eine weitere spezielle Nutzung des KGH fand in den Jahren von 1940 bis 1946 statt. Der Saal im Untergeschoss wurde zum Speisesaal des polnischen Internierten-Hochschullagers. Täglich dreimal wurden die Internierten verpflegt. Gekocht wurde ebenfalls im Kirchgemeindehaus, wo eine spezielle polnische Küchenmannschaft im Einsatz war. Die lange Dauer dieser Belegung war der Kirchenpflege nicht sehr angenehm, da sie doch einige Einschränkungen des eigenen Bedarfs mit sich brachte. So war man froh, obwohl keinerlei Unregelmässigkeiten zu verzeichnen waren, als 1946 das Hochschullager aufgelöst wurde und die polnischen Studenten wieder in ihre Heimat zurückkehrten.
Eine weitere Einrichtung hat Geschichte geschrieben. Auf private Initiative wurde ab Februar 1992 eine erste Notschlafstelle für obdachlose Drogenkonsumenten in der Stadt Winterthur eingerichtet. Sie war nötig geworden, da nach Auflösung der Drogenszene am Plattspitz die Süchtigen in die Heimatgemeinde zurückgeführt wurden. Die Stadt hatte sich sehr zurückhaltend gegeben, sodass diese Aktion pionierhaften Charakter bekam. Die Notschlafstelle wurde im Untergeschoss eingerichtet, wo sich sonst der Jugendtreff befand. Es wurden Massenlager für Männer und Frauen eingerichtet. Die Räumlichkeiten konnten ab 22 Uhr bis 9 Uhr am Morgen für 2 Franken inkl. eines einfachen Frühstücks genutzt werden. Am 1. Mai 1992 wurde diese Notschlafstelle nach zehn Wochen Betrieb wieder geschlossen. Die Stadt übernahm nach einer Volksabstimmung vom 17. Mai 1992 über das „Massnahmenpaket Drogen“ mit der Anlaufstelle für Drogenabhängige diese Aufgabe.
Das Kirchgemeindehaus Stadt an der Liebestrasse ist auch im zweiten Jahrhundert seines Bestehens ein Haus der offenen Begegnung. Ein aktives Team bemüht sich darum. Es wurde ein öffentliches Restaurant eingeführt, das zu besten Konditionen tägliche Menus anbietet. Viele Belegungen von der einfachen Sitzungen über Tagungen und Banketten aller Art bis zum Grosskonzert sind im Veranstaltungskalender aufzufinden.
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