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Zeit = Geld ist eine völlig falsche Formel. Wie kamen die Menschen nur auf die Idee, ihre Zeit dem Gelde gleichzusetzen? Aus welcher Quelle hat dieser Irrglaube nur seine Macht geschöpft? Ein Grossteil der Menschheit verhält sich aber tatsächlich so, als würde die Formel stimmen. Spielen wir also vorerst mit. Wenn Zeit also Geld ist, darf ich Dir die Zeit für das Lesen dieses Artikels nicht stehlen, das wäre strafbar. Du musst mir die Zeit also schenken. Du kannst hier aber auch abbrechen und die Zeit anderswie verwenden. Andernfalls verlieren wir keine Zeit mehr und schauen mal, was mit der Zeit aus der Zeit geworden ist. Dazu machen wir eine Zeitreise, die über 2’000 Jahre zurückgeht und inklusive Rückreise erst endet, wenn ich das Wort Zeit 45 x verwendet habe. Bis jetzt sind es 11 Erwähnungen. Es bleibt also genügend Zeit für unsere Reise.
Und so landen wir ohne Zeitstress schon nach kurzer Zeit im Olivenhain von Platon (428-348 v. Chr.) Olivenhaine und Gärten haben schon seit Urzeiten zum Philosophieren verführt bzw. eingeladen. Platons berühmte Philosophenschule lag in einem Olivenhain vor den Toren Athens, den er dem Heros Akademos widmete. Schon bald nannte man die Schule Akademie. Natürlich wurde auch über die Zeit philosophiert. Platon beschrieb die Zeit als «bewegtes Bild der Ewigkeit» und die Ewigkeit als stehendes Jetzt (nunc stans). Im alten Griechenland hatte der Mensch Zeit in Hülle und Fülle.
Die Zeit blieb aber nicht still, sondern bewegte sich weiter. «Philosophische Gärten» blieben in Mode. In einem solchen philosophierte auch Epikur (341 – 271 v. Chr.) mit seinen Gefolgsleuten. In seiner Schule, die er Kepos (griechisch für Garten) nannte, befasste er sich mit seiner hedonistischen Lehre aber eher mit dem Zeitvertreib als mit der Zeitdefinition. Auch der römische Dichter Horaz 65 – 8 v. Chr. empfahl, die Zeit zu nutzen, da das Leben nicht ewig dauert. Sein Apell, den Tag zu nutzen «carpe diem» ist zeitlos. Und bald endete die «v. Chr.-Zeit» und es startete die «n. Chr.-Zeit». Das Christentum hatte eigene Zeitvorstellungen. Weit in der Vergangenheit spielte die Schöpfungsgeschichte, in der Gott auch die Zeit erschuf.
Ein wenig später mussten Adam und Eva den Garten Eden verlassen. Sie hatten verbotenerweise vom Baum der Erkenntnis genascht. Seit der Vertreibung aus dem Paradies sind die Menschen dazu verurteilt, möglichst brav ein Erdendasein zu fristen, um nach dem weit in der Zukunft liegenden jüngsten Gericht wiederum ins Paradies eingelassen zu werden. Für das Erdendasein hielten Gott und die Natur lange das Monopol als Zeitgeber. Währen dieser Zeit gab es genügend Zeit und keine Eile. Dies änderte sich erst im Zeitalter der Vernunft mit der Einführung der mechanischen Uhr und mit der Industrialisierung. Es entstanden neue Zeitvorstellungen und die Naturordnung und die religiösen Bindungen verloren an Bedeutung. Die neuen Zeitgeber, das Geld und der Maschinentakt betraten die Bühne. Zeit=Geld wurde Trumpf. Zeit=Geld. Die Formel aus Amerika wirkte sich anfangs durchwegs positiv aus. Das Leben wurde schneller, nahm Tempo auf. Wohlstand stellte sich ein.
Es zeigten sich aber schnell die Schattenseiten dieser neuen Geld- und Zeittyrannei. Auf die Produktion von Extra-Vergine-Olivenöl wirkte sich die Formel verheerend aus. Unter der Fuchtel dieser Formel rentiert sie nicht mehr. In unserem Olivenhain sind die ältesten Bäume so um 200 – 300 jährig. In der Region stehen Exemplare, die seit weit über 5 Jahrhunderten Oliven produzieren. Geduldig haben die Bäume die Machtablösung der Zeitgeber mitverfolgt. Im Wissen, dass die Natur nicht rentieren muss, wurden sie unrentabel. Nach ökonomischen Massstäben müssten die Olivenbäume gefällt werden, da der Kapitalismus bekanntlich Unrentables beseitigt. Der Homo Oeconomicus erkannte aber den Wert einer über Jahrhunderte gewachsenen Marke und fand eine Möglichkeit, um mit Olivenöl Geld zu verdienen. Die grossen Konzerne produzieren für Marketingzwecke, Wettbewerbe, Lebensmittelkontrollen etc. wenige Prozente echtes Extra-Vergine-Olivenöl. Der Rest ist Öl mieser Qualität, das durch Raffination geniessbar gemacht wird. Der Grosshandelspreis dieses falschen Extra-Vergine beläuft sich auf weniger als 5 Euro pro Liter. In diesem Öl stecken pro Liter also nur wenige Minuten Zeit, während in einem echten Extra-Vergine-Liter einige Stunden stecken. In der Güter- und Lebensmittelproduktion steckt aber immer noch viel zu viel Zeit.
Die Formel Zeit=Geld kennt kein Masshalten. Das Tempo ist ungezügelt und nicht mehr zu bremsen. Die verursachten Schäden sind unübersehbar und die Denaturalisierung ist fast abgeschlossen. Man ahnt das Ende des aktuellen Zeit– und Geldsystems und wünscht sich neue Zeitgeber. Schwer zu sagen, wer und wie die sein werden. Ein Baum der Erkenntnis wäre da hilfreich, aber die wachsen bekanntlich nur im Paradies. So muss es die Zeit richten, denn kommt Zeit kommt Rat.
Nachdem ich das Wort Zeit nun 44 x verwendet habe, bleibt noch eine letzte Erwähnung:
Ich wünsche Dir eine gute und schöne Zeit.
Meinrad
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