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SRF: Sie sind in der Gauck-Behörde in Berlin auf Tausende von Briefen gestossen, die Bürgerinnen und Bürger an die Staatsführung der DDR geschrieben hatten. Worum geht es in diesen Briefen?
Siegfried Suckut: An den Briefen lässt sich ein Stimmungsbild ablesen. Sie verschaffen einen Einblick in den Alltag der DDR. Aus ihnen geht etwa hervor, was auf den Tisch kam, was in den Läden fehlte, wie die Menschen ihre soziale Lage wahrnahmen oder was ihnen im Land und an der Staatsführung nicht passte.
Wünschenswert wäre, dass es eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Dokumenten gibt, im Idealfall von Historikerinnen und Historikern, die selbst noch in der DDR gelebt haben.
Was hat Sie bei der Lektüre dieser Briefe am meisten überrascht?
Überrascht haben mich zum Beispiel die Briefe, die Mitglieder der SED, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, an Erich Honecker geschrieben haben. Die Briefe werfen ein neues Licht auf die Genossen.
Was sie an die Adresse der Staatsführung vorbrachten, insbesondere in den 1980er-Jahren, ähnelt dem, was parteilose Bürger zu Papier gebracht haben. Das heisst, sie dachten nicht so ideologisch, wie man es damals im Westen meinte.
Die Genossen dachten nicht so ideologisch, wie man im Westen meinte.
Es wäre ein schönes Forschungsprojekt, im Detail zu untersuchen, was die Genossen, wirklich dachten, während sie jede Woche zu ihren Versammlungen fuhren. Welche Sorgen sie hatten, wie sie ihren Alltag sahen – bisher eine Forschungslücke.
Ende der 1980er-Jahre erhielt eine westdeutsche Forschungsgruppe die Möglichkeit, in der DDR Interviews mit Bürgerinnen und Bürgern aus unterschiedlichen Generationen und Berufen zu führen. Doch veröffentlicht wurden die Ergebnisse erst nach dem Fall der Berliner Mauer. Warum?
Dass der Band mit den Interviews erst 1991 veröffentlicht wurde, hat erstmal nichts mit einer Auflage vonseiten der DDR zu tun. Das Forschungsteam war erst dann so weit.
Aber die Bedingungen waren klar ausgemacht: Die Crew um den Historiker Lutz Niethammer konnte in der DDR frei forschen und durfte die Studie über die lebensgeschichtlichen Befragungen im Westen veröffentlichen, nicht aber im Osten.
Diese Auflage wurde nach der Wende hinfällig. Welche historische Forschung über die DDR wurde davor im Land selbst geleistet?
Es wurde viel veröffentlicht. In den 1960er-Jahren erschien ein mehrbändiges Werk zur deutschen Arbeiterbewegung. DDR-Staatschef Walter Ulbricht war einer der Mitherausgeber. Folglich war es eine parteiliche Darstellung.
Es war generell so: Was von der Partei vorgegeben war, musste von den Historikern vollzogen werden. Auch die «Deutsche Geschichte» in neun Bänden des Zentralinstituts für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR blieb ganz auf der Parteilinie. Als oberste Instanz überprüfte das Institut für Marxismus-Leninismus die Schriften – und das ist den Texten auch anzumerken.
Gab es Tabus?
Ein Tabu war etwa die Existenz des Ministeriums für Staatssicherheit oder die politische Justiz. Nicht thematisiert werden durften die vielen Ausreiseanträge und die Menschen, die aus der DDR flüchteten.
Auch das Verhältnis zur Sowjetunion durfte kein Forschungsgegenstand sein – ein Thema, das bis heute eine Forschungslücke darstellt.
Nicht thematisiert werden durften die vielen Ausreiseanträge.
Welche Themen der DDR-Geschichte werden derzeit untersucht?
Die Erforschung der Alltagsgeschichte der DDR macht Schule. Ich sehe das an der Universität in Jena, ich beobachte das im Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Die Aufarbeitung kommt in diesem Bereich nach und nach voran. Das ist eine erfreuliche Entwicklung.
Das Gespräch führte Sabine Bitter.
Zum Autor
Siegfried Suckut hat als Historiker und Politologe zur Geschichte und Politik der DDR geforscht. Nach der Wende arbeitete er in Berlin in der sogenannten Gauck-Behörde. Sie verwaltet und erforscht Akten und Dokumente des früheren DDR-Staatssicherheitsdiensts.
Die Briefe
In der Gauck-Behörde in Berlin wurden viele Akten der Stasi gesammelt. Darunter auch kritische Briefe aus der Bevölkerung, die sich direkt an die Parteileitung oder die Medien wandten. In der DDR blieben sie unbeantwortet in der Schublade liegen – Siegfried Suckut hat sie nun veröffentlicht.
Buchhinweis
Siegfried Suckut (Hg.): «Volkes Stimmen. ‹Ehrlich, aber deutlich› – Privatbriefe an die DDR-Regierung», dtv, 2016.