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«Ich fiel fast in Ohnmacht»
Unvergessen 15 Jahre, sechs Monate und 18 Tage alt war er, als er in der höchsten Schweizer Fussballliga debütierte – und das als Goalie. Der Gunzger Sascha Studer ist bis heute der jüngste je in der Super League eingesetzte Spieler. Am 1. April 2007 hütete er 90 Minuten lang das Tor des FC Aarau.
Von: Achim Günter
Sascha Studer wuchs als Sohn eines Schweizer Vaters und einer bosnischen Mutter in Kappel auf. Als er zehn Jahre alt war, zog die Familie nach Gunzgen. In jenem Jahr kam auch sein jüngerer Bruder Luca zur Welt. Bereits im Kindergartenalter schloss sich Sascha Studer den F-Junioren des FC Kappel an. Als D-Junior wechselte er zu einer regionalen Auswahlmannschaft in Wangen, danach zur U15 der Rivo Olten-Gäu. Bald schon zog es den talentierten Nachwuchsgoalie weiter in die U15 des FC Aarau. Nach einer Saison wurde er im Sommer 2006 Goalie der U16 des FCA. Er zeigte überzeugende Leistungen – und machte dann im Frühjahr 2007 unverhofft und völlig unvorbereitet national von sich reden.
«Joel Mall und ich wechselten uns damals in der U16 auf der Goalieposition ab. Zu jener Zeit hatte ich die Nase aber wohl ein wenig vorne. Ich durfte ein paar Spiele mehr bestreiten als er. Stammgoalie der ersten Mannschaft war zu jener Zeit Massimo Colomba, der Ersatzgoalie hiess Demetrio Greco. Beide verletzten sich im Frühling 2007 und fielen wochenlang aus. Goalie der U18-Mannschaft war damals Astrit Rrustemaj. Wegen der Verletzungen der beiden Torhüter holten die Klubverantwortlichen Ivan Benito aus Italien zurück. Er musste jedoch auf seine Spielberechtigung warten. Das Auswärtsspiel in Sion am 1. April rückte näher.
Zwei Tage vor dem Spiel fand in Aarau eine Art Abschlusstraining statt. Mit dabei waren auch Joel Mall und ich. Danach wurde entschieden, dass der FC Aarau einen Tag vor dem Spiel mit drei Goalies ins Wallis fahren würde, mit Benito, mit Rrustemaj und mit mir. Der Verein hoffte darauf, dass die Spielberechtigung für Benito rechtzeitig fürs Spiel eintreffen würde, vielleicht auch erst kurz vor dem Spiel. Ich freute mich natürlich, dass ich mal in der Super League auf der Ersatzbank würde Platz nehmen dürfen – mit 15 Jahren.
Am Spieltag fand ein kurzes Footing statt, ein gemeinsamer Spaziergang. Anschliessend gab es im Hotel in Sion eine kurze Unterredung des Trainerduos Ruedi Zahner und Ryszard Komornicki mit uns drei Torhütern. Das war etwa drei Stunden vor Abfahrt des Busses zum Stadion. Die Trainer gingen auf die Trainingsleistungen und -eindrücke ein und schauten währenddessen die ganze Zeit mich an. Ich dachte mir, das könne ja nicht wahr sein, am Ende würden sie bestimmt sagen, dass Astrit im Tor stehen würde. Aber dann sagten sie: ‹Sascha, wir haben uns für dich entschieden und haben vollstes Vertrauen in dich.› Ich fiel fast in Ohnmacht, konnte es kaum glauben. Ich freute mich enorm, war allerdings auch unheimlich nervös.
Viele meiner Teamkollegen aus der U16 schrieben mir am Spieltag und fragten, wie es denn nun aussehe. Ich schrieb ihnen zurück, dass ich im Tor stehen würde. Sie glaubten mir nicht. Auch weil ja der 1. April war. Mein Vater konnte es ebenfalls nicht glauben. Als er sich schliesslich von der Wahrheit überzeugen liess, fuhr er mit einem Kollegen mit dem Auto nach Sion.
Irgendwann legte ich das Natel zur Seite, versuchte mich zu konzentrieren. Im Car bereitete ich mich vor wie immer, mit Musik und allem Drum und Dran. In der Garderobe redeten mir die Mitspieler gut zu, sagten, ich solle ruhig bleiben und hätte nichts zu verlieren. Wir steckten damals mitten im Abstiegskampf. Die paar Spiele davor waren die Aarauer ohne Punkte geblieben. Sinngemäss lauteten die Worte etwa: «Wenn wir heute mit dir keine Punkte holen, ist es nicht schlimm. Mit den anderen Goalies haben wir das auch nicht geschafft.» Es war das Beste, was sie mir sagen konnten, denn sonst wäre der Druck viel höher gewesen. Sandro Burki, Gürkan Sermeter, Ivan Benito oder Admir Bilibani kümmerten sich hauptsächlich um mich. An erster Stelle aber Massimo Colomba, ihn sah ich innerhalb der Mannschaft immer so als eine Art Papi für mich.
Unmittelbar vor dem Spiel schüttelte ich in den Katakomben dem Sion-Goalie Germano Vailati die Hand. Er wünschte mir viel Glück und sagte, ich würde es schon gut machen. Das berührte mich sehr. Ich hatte ihn immer einen coolen Goalie gefunden, und dann durfte ich ihm plötzlich die Hand schütteln. Das war ein ultracooles Gefühl.
Als ich aufs Spielfeld lief und dann mein Tor aufsuchte, dachte ich mir: Wow, krass, was erwartet mich nun hier? Die erste Halbzeit bestritt ich vor den Sion-Fans. Sie empfingen mich mit Rauchpetarden und versuchten mich zum Beispiel bei den Abstössen nervös zu machen. Aber sobald der Match angepfiffen war, war es quasi genau gleich wie bei einem U16-Spiel. Alles darum herum habe ich vergessen. Die erste Halbzeit verlief tipptopp, überraschend gut. In der zweiten Halbzeit unterlief mir in der 76. Minute ein folgenschwerer Patzer. Ich war eine Sekunde lang nicht konzentriert beziehungsweise dachte bereits an die nächste Spielauslösung. Denn der Ball, den ich hätte abfangen müssen, war eigentlich ultraeinfach, eine einfache Flanke aus dem Halbfeld. Wir führten zu diesem Zeitpunkt nach einem Tor von Goran Antic mit 1:0 und waren auf dem Weg zu einer grossen Sensation. Ich verfehlte den Ball, und der Sion-Stürmer brauchte den Ball bloss noch einzunicken.
In der Folge hoffte ich einfach, dass ich nicht noch ein weiteres Tor kassieren würde. Ich wäre der Depp gewesen. Doch der war ich eigentlich schon so, schliesslich hatte ich zwei Punkte verspielt. Es passierte aber danach zum Glück nichts mehr, das Spiel endete mit 1:1. Nach dem Spiel wollten die Fernsehanstalten natürlich mich vor der Kamera haben, ein 15-jähriger Goalie war ja eine kleine Sensation. Und bei dieser Gelegenheit gab ich wohl das peinlichste und schlechteste Interview meiner ganzen Karriere. Auf die Frage, ob ich mit meiner Leistung zufrieden sei, gab ich zur Antwort: ‹Ja, ich bin zufrieden.› Und das, obwohl mir ein Riesenpatzer unterlaufen war. Dabei bin ich eigentlich ein enorm selbstkritischer Typ, fast schon zu selbstkritisch. Ich weiss nicht, was mich geritten hat, zu sagen, ich sei zufrieden. Ich ärgerte mich sehr über dieses Interview.
Aber das Spiel an sich war eine Riesenerfahrung für mich – wahrscheinlich die schönste, die ich im Fussball je machen durfte. Nicht aufgrund der vielen Zuschauer im Tourbillon, sondern weil die Situation eine ganz spezielle war. Und die Atmosphäre habe ich natürlich aufgesogen, etwa beim Gang in die Kabine.
Mir ist bewusst, dass ich damals nicht nur aufgrund meiner Qualitäten gespielt habe, sondern weil ich ultraviel Glück hatte und es ultraviele Zufälle gab. Es wird wohl noch ein paar Jahre dauern, bis ich als jüngster Super-League-Spieler oder sogar als jüngster Super-League-Goalie aller Zeiten abgelöst werde.
Was ganz besonders ist: Vor jenem Spiel betete ich jede Nacht – zwei, drei Jahre lang –, dass ich mit 15 Jahren ein Super-League-Spiel absolvieren dürfte. Ich habe immer dafür gebetet, jeden Abend vor dem Einschlafen. Und so kam es. Ich glaube schon, dass es höhere Mächte gibt.»
Vor dem folgenden Spiel erhielt Ivan Benito die Spielberechtigung. Studers Platz war fortan auf der Ersatzbank. Sascha Studer stand in den nächsten Jahren weiterhin beim FC Aarau unter Vertrag, spielte in der U21 und später nach deren Abstieg in die Challenge League 2010 auch in der ersten Mannschaft. Nach einer Degradierung durch den Trainer wechselte er im Herbst 2011 zum Ligakonkurrenten Winterthur. Der Sprung zum längerfristigen Stammgoalie gelang ihm aber auch dort nicht. Er wurde für ein halbes Jahr nach Berlin an den Drittligisten Babelsberg ausgeliehen, später bestritt er eine Saison in der vierthöchsten englischen Liga bei Mansfield, ehe er sich 2015 mit erst 23 Jahren zum Rücktritt entschloss. Inzwischen ist Studer 30-jährig und geht beim 3.-Liga-Aufsteiger Härkingen II als Stürmer auf Torejagd - im gleichen Team spielt auch sein zehn Jahre jüngerer Bruder Luca. Ins Tor zieht es ihn nicht mehr. «Im schlimmsten Fall würde ich vielleicht mal ein Spiel im Tor bestreiten. Aber darauf habe ich gar keine Lust.» Sascha Studer, gelernter Kaufmann, arbeitet momentan als Autoverkäufer und wohnt in Roggwil BE. Für nächstes Jahr plant er die Rückkehr nach Gunzgen, wo er mit seinem Bruder und seiner Freundin ein Haus bauen lässt.