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Im Museum
von Cedric Weidmann
Bernd ass Birchermüesli. Er ass es mit einem Übermass an Verbindlichkeit, man möchte sagen, aufdringlich, indem er sich, über der Schüssel buckelnd, die Kiwimasse in den Rachen stopfte. Sein Zimmer war fast leer. Eine Mücke setzte sich auf seine Stirn und schien Luft zu holen, um mit voller Saugstärke ihren Rüssel in die Poren zu rammen, doch Bernd hatte es gesehen, klatschte sich die flache Hand auf die Stirn, während er mit der anderen den Löffel weiter in der Mundhöhle versenkte und sich vom Essen nicht aufhalten liess.
Die Menschen drehten sich mit zögernden, achtungsvollen Schritten um den Käfig. Besonders die schlanke Frau, die eine Broschüre in der Hand hielt, schien fasziniert und zeigte mit ausgestrecktem Finger auf den Essenden, als hätte sie etwas in der Art und Weise des Essens Verborgenes zu Tage fördern wollen. Ihr bebrillter Mann nickte verständig, und nahm wieder die abgewandte Haltung eines Grüblers an, der in einer tief berührenden Betrachtung versunken etwas Abstand suchte, aber dabei mit dem nötigen Mass an Aufmerksamkeit unterstützt werden wollte. Der alte Mann auf der anderen Seite beäugte missgünstig Bernd, es war schwer zu sagen, was er dachte. Vielleicht hatte er Hunger beim Anblick des Birchermüeslis oder Bernds Erscheinung erinnerte ihn an etwas, das er seit seinen neongrellen Tagen in den Gossen der Grossstadt nicht mehr gesehen hatte. Seine Schultern hingen ein bisschen unter den Ohren, absolute Vermummung durch Teilnahmslosigkeit, solcherart muss man sich die Statur vorstellen. Der war mit dem Seniorenpass reingekommen, der würde hier nicht viel verlieren, wenn er nichts entdeckte. Ganz im Gegenteil galt es für den jungen Kunststudenten, der das Gesicht an die Scheibe presste, als ob noch das Schlürfen von fragmentierten Pfirsichhäuten Bernds Inneres seinem hochempfindlichen Auge präsentieren würde.
Ausgerechnet hier musste Leo das Foto machen. Er hielt das Smartphone hoch und lächelte lässig, doch offenbar hatte er die Einstellung verwechselt. Statt sich selbst hat er die Szene der Besucher fotografiert, die wie unbändig interessierte Planetenkonstellationen um Bernds Schüssellecken rotierten. Schon wieder, es muss inzwischen viel Zeit vergangen sein, stolpert er beim Betrachten seiner Aufnahmen über das Foto und kann sich nicht überwinden, es zu löschen. Er sieht noch einen Moment die an Liebe grenzende Bezogenheit, mit der Bernd sein Birchermüesli verzehrt, und die lechzenden Augen, der um ihn stromernden Hyänen. Er seufzt tief und steckt das Handy ein.