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Poliomyelitis oder die Kinderlähmung war über mehrere Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts die gefürchtetste Krankheit in der Schweiz. Jedes Jahr kam es vor allem in den Sommermonaten zu neuen Infektionen, welche in vielen Fällen zu schweren bleibenden Lähmungen oder sogar zum Tod führten. Es gab bis zur Entdeckung eines wirksamen Impfstoffes keine Möglichkeit, eine Erkrankung sicher zu verhindern. Bis heute gibt es keine medikamentöse Behandlung, welche den Verlauf wesentlich beeinflussen könnte.
Dürftige Informationen fürs Volk
Gerüchte über die Anzahl neuer Infektionen breiteten sich schnell aus und führten zu Panik in der Bevölkerung. Die Gesundheitsbehörden bemühten sich dann jeweils, beruhigend auf die Menschen einzuwirken und versuchten mit verschiedenen Massnahmen, eine weitere Ausbreitung zu vermeiden. Gleichzeitig waren sie sich bewusst, dass ihre Möglichkeiten sehr beschränkt sind. Um die Bevölkerung nicht noch mehr zu beunruhigen, wurde nicht immer ganz offen über neue Erkrankungsfälle und getroffene Massnahmen orientiert. Dies blieb nicht unbemerkt und führte dazu, dass das Vertrauen in die Gesundheitsbehörden und deren Kompetenzen erschüttert wurde.
Die grossen Epidemien
Insbesondere in den Jahren 1936, 1937, 1941, 1944 und 1954 kam es in der Schweiz zu sehr grossen Epidemien mit zwischen 1'269 und 1'793 gemeldeten Neuerkrankungen. Insgesamt kam es in der Schweiz seit der Einführung der Meldepflicht im Jahr 1914 zu 20'826 gemeldeten Neuerkrankungen. Aufgrund von Problemen, Poliomyelitis sicher zu diagnostizieren, und da nicht alle Erkrankungen gemeldet wurden, ist von einer deutlich höheren Zahl auszugehen. Erst, als Ende des Jahres 1956 die ersten Impfaktionen starten konnten, nahm die Zahl der Neuerkrankungen stark ab und bewegte sich ab 1965 zwischen 0 und 2 neuen Erkrankungen pro Jahr. Im Jahr 1982 kam es in der Schweiz zur letzten Erkrankung, welche durch ein Wildvirus verursacht wurde und 1989 zur letzten, durch ein mutiertes Impfvirus verursachten Erkrankung.
Poliomyelitis kann in der Schweiz aber dennoch noch nicht in die Geschichtsbücher verschoben werden. Einerseits ist die Gefahr noch immer vorhanden, dass es in der Schweiz zu einer Neuerkrankung kommt, solange es Polio-Viren gibt. Dies zeigte sich deutlich, als 2012 in den Abwässern von Genf Polio-Viren nachgewiesen wurden. Auf der anderen Seite leben mehrere tausend Betroffene. Diese kämpfen nicht nur tagtäglich mit den Folgen der damaligen Erkrankungen, sondern sind häufig auch mit den Auswirkungen des Post-Polio-Syndroms konfrontiert.