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Geboren 1916 in Bern, Tochter eine Familie von Textilhändlern. So beginnt die Geschichte von Odette Brunschvig. «Ich muss mich wirklich anstrengen, um mich 100 Jahre zurückzuerinnern», sagte die 100-jährige Frau im Gespräch mit SRF, das Anfang 2017 stattfand. Die Geschichte von Odette Brunschvig endete im März 2017.
«Hunderte Männer vor dem Arbeitsamt»
Ihr Vater starb, als sie drei Jahre alt war. «Mein Schwager übernahm die Vaterrolle», sagte Odette Brunschvig. Das war möglich, weil ihre Schwester 16 Jahre älter war. Odette Brunschvig: «Mit meiner Schwester und ihrem Schwager ging ich in die Ferien, aber ich musste ihnen auch mein Zeugnis zeigen.»
Auch wenn ihre Erinnerungen schwammig sind: Odette Brunschvig erinnerte sich an die Zeit des Landesstreiks 1918: Die Not war gross nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Es fehlte an vielem. «Mein Schulweg führte am Arbeitsamt vorbei», sagte Odette Brunschvig. «Hunderte von Männern warteten vor dem Arbeitsamt». Die AHV oder IV gab es damals noch nicht.
Ein Leben lang Reue
«Ein Mann vor dem Arbeitsamt fragte mich, was für Zeit es sei», erzählte die betagte Dame, «ich wollte ihm eigentlich meine Uhr schenken, aber ich traute mich nicht.» Zuhause erzählte sie die Geschichte ihrer Mutter. Odette Brunschvig erinnert sich bis heute an deren Reaktion: «Hättest du sie ihm doch bloss gegeben.» Wie Odette Brunschvig erzählte, bereute sie das bis ans Lebensende.
Bis in die 1930er-Jahre spitze sich die Situation zu. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise musste ihre Mutter das Textil-Geschäft verkaufen. Und eine noch grössere Gefahr zeichnete sich ab: Das Erstarken der faschistischen Ideologie und damit einhergehend des Antisemitismus.
Liebe in Zeiten des Faschismus
Für Odette Brunschvig, Angehörige der jüdischen Glaubensgemeinschaft, eine schwierige Zeit. Sie wurde vermehrt mit Antisemitismus konfrontiert. Sie verlor in dieser Zeit Freunde. Dafür fand sie die Liebe ihres Lebens.
Als zwölfjähriges Mädchen traf sie eines Tages einen jungen Herrn. Sie war soeben aus dem Religionsunterricht nahe der Synagoge gekommen. Der Herr fragte, ob er sie auf ihrem Heimweg begleiten dürfe. Sie sagte ja, und das ungleiche Paar – er war bereits 20 – machte eine Tour durch Bern. «Wir gingen einen riesigen Umweg», erzählte Odette Brunschvig mit einem Lächeln.
Mit 12 den Traummann gefunden
Georges Brunschvig hiess der Mann. Nach dem Spaziergang telefonierten die beiden jeden Donnerstag, wenn Odettes Mutter nicht zu Hause war. Sobald Odette volljährig war, heiratete das Paar. «Georges hatte einen Brief an mich geschrieben, als ich 13 war, zeigte ihn mir aber erst als wir zusammen waren», sagte Odette, «darin stand, dass er ein Leben mit mir aufbauen möchte.»
Ihr Leben war geprägt vom Kampf gegen den Antisemitismus. Als Anwalt war ihr Mann bei dem Prozess gegen die antisemitische Schrift «Die Protokolle der Weisen von Zion» dabei. Der Prozess ist bekannt unter dem Namen «Berner Prozess».
Schöne Erinnerungen
Das Paar überstand die schwierige Zeit um den Zweiten Weltkrieg weitgehendst unbeschadet. Odette Brunschvigs Leben beinhaltete nebst der Liebe noch weitere, schöne Momente. Etwa als Flugzeugreisen für die Durchschnittsbevölkerung erschwinglich wurden. Und generell das Auto – für Odette eine wahnsinnig tolle Erfindung.
Trotz ihres langen Lebens blieb Odette auf der Höhe der Zeit. Was vermutlich an ihren beiden, heute rund 80 Jahre alten Töchtern sowie den Enkeln und Urenkeln liegt. «Das Internet ist die einzige Neuerung, auf die ich verzichten muss», sagte Odette Brunschvig. Und das nur, weil ihre Sehbehinderung die Nutzung verunmöglichte.
Odette Brunschvig schlief am 16.04.2017 friedlich ein.