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Umschalter drücken oder nicht? (Auf dem Bild zu sehen ist meine Remette.)
Ich habe neulich die Cold Cases der Kummerbox ausgebreitet. Eine ungelöste Frage ist mir für diesen Artikel entgangen – und zwar obwohl sie schon mehrfach gestellt wurde. Zum letzten Mal im September 2013 von Doris. Pardon: von doris:
ich schreibe meine texte alle ohne Grossbuchstaben. seit einiger zeit korrigiert bluewin meine texte automatisch aber unvollständig, wie sie selber sehen können.
doris scheint eine Anhängerin der konsequenten Kleinschreibung zu sein. Bei der werden die Grossbuchstaben als nicht-existent betrachtet. Es gibt auch die gemässigte Kleinschreibung. Bei der werden Buchstaben am Satzanfang gross geschrieben. Auch Eigennamen dürfen ihre Majuskeln behalten. So in etwa wie im Englischen.
Die Idee, weniger Anfangsbuchstaben gross zu schreiben, ist nicht neu. Laut der Taz, pardon: Laut der taz haben sich schon die Gebrüder Grimm über den «Missbrauch grosser Buchstaben» geärgert. Der Spiegel hat das Thema am 2. April 1973 behandelt, und zwar in einem Beitrag mit dem schönen Titel Busen als Beweis. Der Beweis geht wie folgt:
Das sekundäre Geschlechtsmerkmal dient den Konservativen als Beweisstück: Ob jemand Trost an einer Schönen Brust oder an einer schönen Brust suche, sei ein Unterschied, der dem Leser nur mittels Großschreibung aufgehe.
Hm. Wenn ich den Sexismus an dieser Stelle noch ein bisschen weitertreiben darf, würde ich darauf hinweisen, dass dieses Unterscheidungskriterium nur dann stimmt, wenn jemand eine schöne Frau mit einem hässlichen Busen auftreibt. Abgesehen davon ist zu diesem Beitrag nichts mehr anzufügen, ausser, dass damals kein Busen das Cover des «Spiegel» zierte, sondern ein anderer Dauerbrenner: Nämlich das Gesicht Adolf Hitlers.
Warum bloss?
Zurück zum Thema: Ich bin immer wieder verblüfft, dass sich zumindest die gemässigte Kleinschreibung im privaten Bereich gut verbreiten konnte. Ich habe Journalistenkollegen, die beruflich die Grossschreibung und privat die gemässigte Kleinschreibung verwenden – und offenbar kein Problem mit dem Wechsel haben. Diese Unterteilung hat sogar einen gewissen Sinn: Man sieht nämlich sofort, ob jemand offiziell oder inoffiziell korrespondiert. Offiziell: Normale Schreibweise. Inoffiziell: gemässigte Kleinschreibung.
Bei der Kummerbox sehe ich – und das ist eine Schätzung aus dem Bauch heraus – einen Anteil von um die fünf Prozent von Mails mit gemässigter Kleinschreibung. Die haben nun natürlich ein Problem: Die Rechtschreibkorrektur macht ihnen rote Kringel unter jedes Substantiv. Echte Fehler sind nicht mehr erkennbar. Und obwohl es ein Klacks wäre, die Rechtschreibkorrektur mit einer «Ignoriere Gross-Kleinschreibung»-Option zu versehen oder ein Wörterbuch «Deutsch mit gemässigter Kleinschreibung» auszuliefern, habe ich bislang keine Möglichkeit gefunden, dieses Problem zu lösen. Doris könnte ich immerhin folgendes empfehlen:
«Schreiben Sie Ihren Text in Word mit korrekter Grossschreibung. Korrigieren Sie ihn. Drücken Sie dann Ctrl + a und zweimal Shift + F3. Voilà.»
Funktioniert. Ist aber umständlich und nur für die konsequente Kleinschreibung brauchbar. Aber vielleicht hat jemand aus der Leserschaft Bock, entsprechende Hunspell-Wörterbücher zu basteln. Ich würde sie hier sogar verlinken, obwohl IMHO die ganze Diskussion nutzlos ist.
Weil «richtig» geschriebene Texte besser lesbar sind (so bin ich es mir halt gewöhnt) und weil mit den Computertastaturen ein wichtiges Argument für die gemässigte Kleinschreibung schlicht weggefallen ist: An der mechanischen Schreibmaschine haben die vielen Grossbuchstaben den Schreiber gebremst, weil zur Betätigung der Umschalttaste ein gewisser Kraftaufwand zu leisten war. Bei einer leichtängigen Computertastatur ist das nicht der Fall. Da passiert mir beim sehr schnellen Schreiben zwar mitunter auch Timingfehler, sodass nicht nur der erste Buchstabe eines Worts gross ist, sondern auch der zweite BUchstabe. Oder sogar nur der zweite bUchstabe. Das ist zu verkraften, weil ich in den Fällen normalerweise auch das viel gravierendere Problem habe, dass ich schneller schreibe, als ich denke…