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Nur noch in den Western-Filmen und -Büchern wird von den Cowboys und ihren Long-horn-Trails durch die Great Plains von Texas nach Montana erzählt. Berichtet wird da vom legendären Chis-holm-Trail, dem Goodnight-Loving-Trail oder dem Shawnee- Trail.
Im Jahre 1886 fand wohl der letzte dieser Viehtriebe statt. Sie entstanden einst, um ganze Herden von Longhorns aus den noch unerschlossenen Weiten von Texas auf die Eisenbahn und in die Schlachthöfe im Osten zu bringen – oder in den Norden, wo sie für die Milchversorgung in den rasch entstandenen Goldgrä-ber- und Minenstädten von Montana gefragt waren.
Die legendären Cattle-Drives sind der Stoff, aus dem die Wildwest-Romantik ist. Aber es wer den uns fast ausschliesslich geschönte Geschichten erzählt, die in den Schreibstuben von Erfolgsautoren wie Owen Wister oder Zane Grey erdacht wurden. Das gilt auch für die zahllosen Wildwest-Filme. Die Realität war eine andere. Andy Adams, einer, der selbst Cowboy war und dann zu schreiben begann, ein echter Cowboy jener Zeit also, zog eine ernüchternde Bilanz: «Unser Wohl ergehen galt nichts; Männer waren billig zu haben, Vieh aber kostete Geld.»
Einen Einblick, wie es einst zuging, kann uns die Zürcherin Sonja Steigrad geben. Sie war beim allerletzten Memorialritt vor 25 Jahren dabei. Der begann im Frühjahr 1995 und führte über 2000 Kilometer von Forth Worth, Texas, bis nach Miles City in Montana und ging als ’Great American Cattle Drive ’95’ in die Geschichte ein. Klar, dass es vorab eine riesige logistische Vorbereitung brauchte, denn alles sollte sein wie einst. Die 250 Tiere zählende Herde kam, wie einst zu Wildwest-Zeiten in den Plains, pro Tag etwa zehn bis fünfzehn Meilen nordwärts voran. Am Ende des Trails, anfangs September, wurden die Tiere in Miles City, Montana versteigert.
Wie kam das damals 20-jährige Swiss-Cowgirl Sonja Steigrad zu diesem Abenteuer-Ritt? Im April 1995 machte ihre Mutter die SBB-Angestellte Sonja auf eine Reportage im Pferdemagazin Pegasus aufmerksam, in dem über den gerade stattfindenden Great American Cattle Drive in den USA berichtet wurde. Dabei wurde erwähnt, dass «Outrider» mit einem Leihpferd am Drive teilnehmen könnten.
Sonja Steigrad
«Das Herz des Lagers war der Chuck-Wagon mit den Kaffeeund Bohnentöpfen auf der Feuerstelle.»
Sonja konnte Ferien und etwas unbezahlten Urlaub beziehen. Nach ein paar Telefonaten mit dem Organi sator wurde kurz entschlossen gebucht – von Ende Mai bis Anfang September. Mit dem Flieger ging es für Sonja von Zürich über Cincinnati nach Denver, von dort mit dem Bus bis nach North Platte, Nebraska. Dort hoffte Sonja, um fünf Uhr morgens von Cowboy Jerry Owen an der Bushaltestelle hier draussen im Nirgendwo abgeholt zu werden. Das ging alles glatt. Schon wenig später traf sie im Camp des Cattle-Drive ein und konnte ihr Abenteuer in Oberlin, Kansas, starten.
Sonja erzählt: «Ein typischer Trail-Tag begann mit dem Frühstück am Chuck-Wagon. Danach wurde das Lager geräumt und die Pferde gesattelt. Die auf den Weiden verstreuten Rinder wurden zusammengetrieben und in Bewegung gesetzt. Die Herde marschierte oft in sogenannten ‹Ditches›, in den Senken neben den Highways. Die Tiere liessen sich vom motorisierten Verkehr oder von langen Güterzügen längst nicht mehr aus der Ruhe bringen.»
Alptraum: Eine Stampede
In den Wildwest-Romanen ist ja oft von einer «Stampede» zu lesen. Eine solche war gefürchtet, weil da die ganze Viehherde innert Sekunden in Panik gerät und durchbrennt. Gab es je eine solche?
«Und ob», sagt Sonja, «das war, als die ‹Bremse› bei meinem Pferd versagte. Ich ritt an diesem Tag ein neues Pferd, ‹Sunny›, einen bildschönen hellen Fuchs. Als Western-Pferd war er gewohnt dann zu stoppen, wenn sich der Reiter vom Sattel schwang. Als Englisch-Reiterin waren für mich die Zeichen zum Stoppen halt anders. Outriders wie ich wurden aus Sicherheitsgründen immer am Ende der Herde als ‹Drag-Rider› eingesetzt, während auf der Seite und vorne erfahrene Cowboys die Herde lenkten. Ich war etwas im Hintertreffen und liess Sunny galoppieren, um zur Herde aufzuschliessen. Doch leider achtete er weder auf die vorne langsam trottenden Longhorns, noch auf meine Hilferufe. Er lief ungebremst auf die Herde auf. Diese reagierte geschockt und plötzlich bewegten sich 250 Longhorns in wildem Galopp. Der Cow-Boss und die Flank- und Swing-Riders hatten die Situation schnell unter Kontrolle. Bald schon war die Herde beruhigt und wieder in ihrer gemächlichen alten Gangart unterwegs. Weder Tier noch Mensch war zu Schaden gekommen. Aber kurzzeitig waren mir etwas Spott und Häme seitens der Cowboys gewiss.»
Die Longhorn-Rinder sind ein robuster Schlag – marschtüchtig, zäh, mit gewaltigen Hörnern, langen Beinen und harten Hufen. Obwohl die Trail Bosse Jim Hook und Bud McCasland beizeiten am Bestimmungsort ankommen wollten, mussten sie der Herde viel Zeit an den Wasserstellen zugestehen, zum Weiden und um auszuruhen.
Wie einst: Ein wenig Cowboy-Romantik gehörte dazu
«Das Herz des Lagers war der Chuck-Wagon mit den Kaffee- und Bohnentöpfen auf der Feuerstelle», berichtet Sonja. «Wie ich mich erinnere, gab es fast immer einen grossen Topf mit roten Bohnen. Besonders in der Nähe von grösseren Ortschaften kam auch immer die lokale Bevölkerung mit Speis und Trank ins Camp und verwöhnte uns zusätzlich. Dann wurde am Lagerfeuer gesungen. Die Cowboys J.D. Blanton und J.W. Beeson stimmten ihre Lieder an – es wurde getrunken und viel gelacht.»
Sternenklare Nächte unter dem Präriehimmel
«Nach einigen durchfrorenen Nächten im Schweizer Militärschlafsack und in einem geliehenen grünen Zelt, verstaute ich beides in den Tiefen des Materialanhängers und legte mir stattdessen eine Original ‹Bedroll› zu. Das ist eine 40 cm dicke Flex-Unterlage mit einer Eikartonschaumstoffauflage. Darauf liegt ein Stoffschlafsack. Das Ganze wird in festes Leinentuch gewickelt. Ich habe nie wieder gefroren. In den anfangs noch kalten Nächten oder wenn man bei Regen keinen trockenen Unterschlupf fand, wurde dieses Bett zusätzlich in eine Abdeckplane aus Plastik gewickelt.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Nacht auf der ‹Bedroll›, direkt unter dem Himmelszelt, irgendwo in der Prärie. Ohne Mondlicht – und die nächsten Siedlungen Autostunden von unserem Standort entfernt – funkelten die Sterne am Nachthimmel aussergewöhnlich intensiv, hell und klar. Die Sternbilder Cassiopeia und Teile des Big Dipper, Grosser Wagen oder Grosser Bär, sind mir seit dieser Nacht ein Begriff. Und als besonderes Highlight schwirrten zahllose Sternschnuppen übers Firmament. Die Aussicht auf weitere Prärie nächte im Gras wurde mir allerdings am nächsten Tag vergrault – durch eine Klapperschlange, die in einem zusammengerollten Bett gefunden wurde.» Ab da zog Sonja es vor, ihr Bett auf einem Anhänger zu installieren. Aber das Fazit heute, 25 Jahre später: «Der Trail war eine unglaubliche Erfahrung – und ein Teil meiner Seele ist wohl dort geblieben. Immer wieder kommen Erinnerungen hoch – und Sehnsucht», sagt Sonja Steigrad heute.
Weitere Geschichten
Es wäre noch von vielen weiteren Abenteuern zu berichten: In Sheridan, Wyoming, ritt Sonja auf ihrem «Sunny» durch den McDrive und dann in eine volle Bar, um einen Drink zu bestellen. Der örtliche Sheriff hielt sie dann aber an und forderte sie freundlich, aber bestimmt auf, die Innenstadt zu verlassen und zurück zum Fairground-Camp zu reiten. Aber dann in Ogallala, Nebraska, wurde sie sogar selbst zum «Honorary»-Ehren-Sheriff ernannt – für das Keith County.
Draussen in der Prärie wurde Sonja von einem Pferd überrannt – und ihr gebrochener Unterarm musste im Spital von Sheridan in Wyoming eingegipst werden. Eine eher schmerzhafte Geschichte.