Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03593.jsonl.gz/191

Natürlich, da gab es Louis Althusser. Ideologie und ideologische Staatsapparate, ein längerer Aufsatz, 1969 von ihm geschrieben, war auf Deutsch 1973 erschienen, in einer schlechten Übersetzung und in einer dilettantisch zusammengestellten und drucktechnisch katastrophal aufgemachten Artikelsammlung, beinahe einem Raubdruck. Darin tauchten leuchtende Gedanken auf, eher Gedankensplitter: dass Ideen, Ideologien nicht blosse Gedanken, luftige Gespinste sind, sondern eine «materielle Existenz» besitzen, da sie sich in gesellschaftlichen Institutionen, Apparaten, in Praktiken und Handlungen vollziehen. Wie sich das Subjekt in der Anrufung durch seinen Namen konstituiert. Althusser zeigte das ansatzweise an der christlichen Religion und erläuterte es am Pascal-Wort: «Falle auf die Knie nieder und beginne zu beten, und du wirst glauben» – Glauben ist nicht nur das Glaubensgebäude, sondern eine Praxis. Angesichts des Ungenügens einer marxistischen Staatstheorie postulierte Althusser zudem die Existenz «ideologischer Staatsapparate» wie Kirche, Schule, aber auch Gewerkschaften und Parteien. Komplex verdichtet wurde andeutungsweise sichtbar, wie alltägliches Verhalten differenziert und zugleich kritisch analysiert werden konnte. Der Artikel enthielt allerdings auch etliches Geraune, suggerierte mit viel Fettgedrucktem zusätzliche Bedeutung, und ein Begriff wie «ideologischer Staatsapparat» zeigte, wie das, was sich später im Gefolge von Antonio Gramsci als Zivilgesellschaft einbürgerte, noch immer vom Staat her gedacht wurde.
Ich studierte, als ich den Aufsatz ein paar Jahre später erstmals las, an der FU in Berlin, bei Wolfgang Fritz Haug und Klaus Scherpe, und 1979 erschien ein Band, der vieles zusammenfasste, was mich nach der Rückkehr nach Zürich weiterhin beschäftigte: Theorien über Ideologie. Der Band, verfasst vom Projekt Ideologie-Theorie bestehend aus neun Forscherinnen und Forschern im Umkreis der Berliner Zeitschrift Das Argument, enthielt zehn Kapitel über unterschiedliche Konzepte des Ideologischen, von Karl Marx bis Niklas Luhmann. Zwar wollte mir nicht ganz einleuchten, warum man sich in theoretischer Hinsicht mit Lenin abgeben sollte, oder mit der DDR-Philosophie – mit der DDR-Literatur verhielt es sich natürlich ganz anders. Aber die Auseinandersetzungen mit Gramsci und Althusser sowie mit der Kritischen Theorie waren erhellend, gerade auch diejenige mit Althusser, dessen Bedeutung anerkannt und zugleich seine Grenzen benannt wurden; und zum Schluss präsentierte Wolfgang Fritz Haug Umrisse zu einer Theorie des Ideologischen. Darin verband er einen genauen historischen Abriss mit einem theoretisch kohärenten Ansatz und konkreten Anwendungsversuchen: Es ging um das Verhältnis zwischen den materiellen Verhältnissen entspringenden objektiven Gedankenformen, gesellschaftlichen Institutionen und der inneren Repräsentanz in den Individuen.
In dieser Zeit war ich an der Gründung der Schweizer Theoriezeitschrift Widerspruch beteiligt, deren erste Nummer dann im März 1981 erschien. In den intensiven Redaktionsdebatten lautete meine Losung damals: Vorwärts zum Material! Hartnäckig und vielleicht auch etwas monoton argumentierte ich dafür, Theorie immer auf die Praxis anzuwenden. Das hiess, die Funktionsweise des Ideologischen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen zu studieren. In der Widerspruch-Nummer 3 vom Juni 1982 schrieb ich über die «Integrationsmechanismen der Schweizer Milizarmee». Es ging mir um die Vergesellschaftung im militärischen Alltag: Wie sich das militärische Subjekt konstituiert und was dabei mit den einzelnen Soldaten geschieht.
In der 1983 beendeten Dissertation über Robert Musil versuchte ich diesen ideologietheoretischen Ansatz auch auf die Literatur anzuwenden. Ein Abschnitt der Dissertation hiess zum Beispiel: «Ständisches Grundbesitzdenken und hegemoniales Projekt», ein anderes «Grossschriftsteller und Handelskapitalist» oder «Erfolgskontrolliertes Denken und gesellschaftskonforme Moral». Das war nicht etwa kritisch auf Musil gemünzt, sondern damit versuchte ich, dessen Romanfiguren genetisch aus sozialen Gedankenformen zu rekonstruieren und zu zeigen, welche Haltungen und Handlungen dem entsprachen. Dieses Vorgehen schien das Ästhetische brachial zu überwältigen; aber ich hielt es für gerechtfertigt, ja notwendig, weil ich bei Musil ein besonderes Verfahren am Werk sah: eine «ästhetische Ideologiekritik». Tatsächlich bildet Musil im Mann ohne Eigenschaften einige seiner Figuren realen Personen nach, oder besser: überschreibt ihnen von historischen Personen vertretene Theorien. So bezieht er sich etwa auf den Industriellen und Kulturtheoretiker Walther Rathenau, auf den Pädagogen Georg Kerschensteiner, den Ethiker Friedrich Wilhelm Foerster und den Lebensphilosophen Ludwig Klages. Diese Theorien erprobt Musil dann sozusagen in der Romanwirklichkeit und zeigt, wie sie scheitern: So übt er eben ästhetische Ideologiekritik. Der Ansatz fiel in der Musil-Forschung auf taube Ohren, und ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas heute noch gemacht würde – nicht, dass es keine politischen Interpretationen von Musils Werk mehr gäbe, aber solche sind weitgehend politphilosophisch – gehen also etwa der Darstellung der Stadt oder des Kriegs bei Musil nach – und nicht ideologietheoretisch.
Mich aber leitet der Schlachtruf dreissig Jahre später immer noch an: Vorwärts zur ideologietheoretischen Materialanalyse. Mich dünkt es weiterhin eine zentrale Aufgabe, zu erklären, wie sich objektive Gedankenformen in Handlungen ausdrücken, wie materielle Interessen in ideologische Werte umgewandelt werden, so dass sich Menschen entgegen ihren eigenen Interessen verhalten – der ewige Stachel für die Linke. Ein solcher Ansatz kämpft immer noch gegen die Priestertrugtheorie des falschen Bewusstseins, die meint, die Menschen würden verführt, durch Ideologen, Populisten, Medien. Aber diese These macht sich etwas vor: Wenn nur wir Aufklärer an die Stelle der Verführer träten, würde alles gut. Das ist eine Überschätzung der Aufklärung und eine Unterschätzung der Macht ideologischer Praktiken. Erklärungsbedürftig ist es dagegen, wie Interessen Ansatzpunkte für die Verhimmelung in Werte bilden, und wo Praktiken und Handlungen dieser Verhimmelung zuarbeiten und sie verfestigen. Der kürzlich verstorbene jamaikanisch-britische Kulturtheoretiker Stuart Hall hat immer wieder auf diesem Gebiet gearbeitet, und natürlich Wolfgang Fritz Haug. Eine genaue, zum Eingriff befähigende Theorie über Ideologie bleibt dringlich.
Projekt Ideologie-Theorie: Theorien über Ideologie. Argument-Sonderband 40. Berlin 1979. 240 S.