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Der Klassiker zwischen Olympique Lyon und Olympique Marseille, der «Olimpico», wie das Aufeinandertreffen der beiden Traditionsklubs in Frankreich genannt wird, hatte am Sonntag noch kaum begonnen, da war alles schon wieder vorbei - und der Fussball ganz weit weg.
Dimitri Payet wollte in der 4. Minute einen Eckball ausführen, als er von einer Wasserflasche am Kopf getroffen wurde. Der 34-Jährige sank zu Boden, wurde noch auf dem Platz betreut, ehe Schiedsrichter Ruddy Buquet die beiden Teams in die Kabine schickte.
Viele Zuschauer verliessen daraufhin das Stadion. Für sie schien klar, dass die Partie nicht weitergeführt werden würde. Später verkündete zwar der Stadion-Speaker, das Spiel würde wieder aufgenommen, worauf die Spieler Lyons und der Schweizer Nationalspieler Xherdan Shaqiri auf den Platz zurückkehrten, um sich aufzuwärmen. Für Buquet stand, wie er später sagen würde, jedoch immer fest, dass er dieses Spiel nicht wieder würde anpfeifen können.
Aulas hätte weitergespielt
Das Hin und Her und die zweistündigen Diskussionen darüber, ob und unter welchen Voraussetzungen wohl nach so einem Vorfall weitergespielt werden könnte, offenbaren eine gewisse Hilflosigkeit. Der mutmassliche Werfer der Wasserflasche wurde zwar relativ schnell identifiziert und in Gewahrsam der Polizei genommen, wo er sich nach wie vor befindet, aber das Problem, das der französische Fussball mit seinen Fans hat, wird dadurch nicht ansatzweise gelöst.
In dieser Saison ist es immer wieder zu Ausschreitungen und Spielunterbrüchen gekommen. Das Nordderby zwischen Lens und Lille wurde Mitte September nach Krawallen der Fans ebenso unterbrochen wie die Partie von Marseille in Nizza einen Monat davor, bei der Payet von einer Flasche am Rücken getroffen wurde und diese in die Ränge zurückwarf. Dieses Spiel wurde auf neutralem Terrain nachgeholt, es gab Sperren und ein Geisterspiel für Nice.
Es sind harte Sanktionen, welche die Liga in solchen Fällen ausgesprochen hat, aber scheinbar ist die abschreckende Wirkung für Wiederholungstäter doch zu gering. Sowieso scheint die Ernsthaftigkeit der Lage selbst bei den höchsten Klubvertretern noch nicht angekommen zu sein.
Jean-Michel Aulas, der Präsident von Olympique Lyon, liess jedenfalls verlauten, dass die Partie am Sonntag ohne Probleme hätte fortgesetzt werden können, da der mutmassliche Werfer ja identifiziert worden sei und von einer «individuellen Aktion» auszugehen sei. Die Häufung solcher Vorfälle suggeriert aber genau das Gegenteil. Allein in dieser Saison ist es gemäss der französischen Nachrichtenagentur AFP zu zehn Zwischenfällen mit Fans gekommen.
Das Treffen der Minister
Im Oktober hatte die französische Regierung den Verantwortlichen der Liga «harte Sanktionen» versprochen. Passiert ist nicht viel. Zumindest nicht in die Richtung der Prävention. Am Montag trafen sich Innenminister Gérald Darmanin und Sportministerin Roxana Maracineanu mit den Verantwortlichen um die Sachlage zu besprechen. Es soll kein verbales Ballgeschiebe mehr sein, bei dem sich die Beteiligten die Verantwortung zuschieben. Vielmehr soll nun nachhaltig gehandelt werden.
Die Liga gab bekannt, dass Lyon bis zum Abschluss der Untersuchungen vor leeren Rängen spielen muss. Am Dienstag wollen sich das Innen- und das Sportministerium mit Verbänden und Vereinen über Konsequenzen beraten. «Wir können es nicht zulassen, dass Spieler derart angegriffen werden. Solche Vorfälle müssen mindestens zum automatischen Abbruch der Spiele führen», sagte Maracineanu, die Dimitri Payet ihre volle Unterstützung zusicherte. Der Offensivspieler will bei der Polizei Strafanzeige gegen Unbekannt einreichen. Über die Wertung der Partie wird die Liga am 8. Dezember informieren.
Mit der Ankunft des argentinischen Superstars Lionel Messi bei Paris Saint-Germain hätte das Ansehen des französischen Fussballs und vor allem des Produkts Ligue 1 global steigen sollen. Durch die anhaltenden Probleme mit den Fans wird dieses Vorhaben gestört, das Image leidet. Maracineanu sagt: «Alle müssen begreifen, dass das Überleben des französischen Fussballs und sein ganzes wirtschaftliches System mit Millionen von Euro auf dem Spiel steht.»