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Die Verzweiflung des Vaters war gross. Wieder einmal hatte sein Sohn schlechte Noten heimgebracht. Wieder einmal zeigte der Bub wenig Hingabe beim Erledigen der Hausaufgaben. Wieder einmal war eine ernsthafte Unterredung über die schulischen Probleme des Zwölfjährigen daran gescheitert, dass der Sohn sich dem Gespräch zunächst verweigert hatte. In seiner Hilflosigkeit fragte der Vater den Sohn, was er sich denn vorstelle. «Du zeigst keine Interessen. Du begeisterst dich für gar nichts. Du bist faul. Deine Leistungen sind ungenügend. Dein Verhalten ist negativ. Wenn du einmal einen Beruf ergreifen willst, musst du dich anstrengen, wie alle andern auch.» Und da der Bub darauf keine Antwort gab, fuhr der Vater fort: «Sag, wie stellst du dir deine Zukunft vor? Was willst du einmal werden, mit dieser Einstellung?» – «Chef!», antwortete der Sohn mit überraschender Entschlossenheit. «Chef?», fragte der Vater vollkommen überrascht. Jawohl, er werde Chef, dann müsse er sich nicht mehr ständig von allen sagen lassen, was zu tun sei.
Der Vater wollte dem Buben erklären, dass niemand von selbst Chef werde, dass jeder Chef sich zuerst in seinem Fach habe bewähren und hocharbeiten müssen, bevor er Chef geworden sei, und dass er unmöglich Chef werden könne, wenn er seine Schulleistungen nicht verbessere. Ein Chef, erklärte der Vater, werde in einer Firma nur dann zum Chef befördert, wenn sein Können und sein Charakter dies zuliessen. Sein Sohn zuckte daraufhin nur mit den Schultern und meinte: «Dann mache ich halt ein eigenes Geschäft auf, so kann ich von Anfang an Chef sein.» In welcher Branche er ein Geschäft eröffnen werde, fragte der Vater schon leicht spöttisch. Das wisse er nicht und das kümmere ihn auch noch nicht, das werde man sehen, sagte der künftige Chef und lief davon.
Die Arbeitskollegen des geplagten Vaters mussten ein bisschen schmunzeln, als er ihnen diese Geschichte erzählte. Gleichzeitig hatten sie grosses Verständnis für seinen Kummer. Einige rieten zur Geduld, andere zur Strenge, wieder andere empfahlen ihm, mit dem Sohn eine Erziehungsberatungsstelle aufzusuchen. Was freilich niemandem einfiel, war es, dem Vater zu erklären, dass die Haltung des Sohnes wohl weniger realitätsfern war, als es auf den ersten Blick aussah. Wer hin und wieder die 1. Klasse der Bahn benutzt und die vielen Chefs miterlebt, die dort vom Polstersessel aus ihre Wichtigkeit markieren, müsste den Buben zumindest verstehen. Sein vorpubertärer Glaube, Chef sei eine Berufstätigkeit, die weder spezielle Vorkenntnisse noch besondere Begabungen verlangt, lässt sich in Bahnabteilen der 1. Klasse leicht nachvollziehen.
Immer wieder und immer öfter kommt es vor, dass ein Chef im öffentlichen Raum eines Eisenbahnwagens zum Telefon greift und einer nicht näher definierten Person in autoritärem Tonfall mitteilt, er sei noch unterwegs und die Gesprächspartnerin oder der Gesprächspartner möge doch diese oder jene Unterlagen bereitstellen und diesen oder jenen Mitarbeiter zu einer Unterredung auf diese oder jene Uhrzeit bestellen. Nicht selten folgen vom Chef detaillierte Auskünfte über seine eben getätigte, erfolgreiche Geschäftsreise, über die Ziele der nächsten Sitzung und darüber, dass es «von eminenter Wichtigkeit» sei, die Zielvorgaben zu erfüllen, wenn nicht gar zu übertreffen. Wer die eitle Nummer nicht durchschaut, könnte jeweils glatt glauben, bei diesen vielen Chefs, die ihr Chefsein vor ihrer Mitwelt so offenherzig zur Schau stellen, handle es sich um tatsächliche Chefs. Da wir bisher allerdings, wie der oben erwähnte Vater, davon ausgegangen waren, Chefs müssten mehr können, als untätig herumzusitzen und sich vor einem unfreiwillig anwesenden Publikum verbal aufzuspielen, bleibt nur die Vermutung, bei den vielen Chefs, denen wir beim Bahnfahren zuhören müssen, handle es sich um mittelmässig begabte Schauspieler, deren Auftritte dazu dienen, den noch vorhandenen Glauben an die Chefs im Land zu erschüttern. Andererseits bleibt unklar, in wessen Auftrag all die vielen Schauspieler in Zügen herumplaudern und Chefs nachahmen. Wer würde einen solchen Aufwand auf sich nehmen und Heerscharen von Chefdarstellern im SBB-Streckennetz auf die Reise schicken, nur um das Chefsein der Lächerlichkeit preiszugeben?
Also bleibt zumindest theoretisch die Möglichkeit, dass es sich bei diesen Dampfplauderern tatsächlich um Chefs handelt, die täglich vom Zug aus Unterlagen anfordern, Termine hin und her schieben und stolz sind, dabei von unbeteiligten Mitpassagieren beobachtet und gehört zu werden. Dies wiederum würde freilich bedeuten, dass der Zwölfjährige, der sich mangels anderer Perspektiven dazu berufen fühlt, später selbst einmal Chef zu werden, instinktiv richtig liegt, wenn er glaubt, Chef sein sei eine Arbeitstätigkeit, die keine besonderen Anforderungen stelle. – Wir wollen weiter hoffen, der Bengel liege falsch und er lerne bald, seine Hausaufgaben so zu machen, dass seine berufliche Zukunft zumindest offen bleibt.