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Schwelgen im Luxus – wer wollte das nicht! Doch Luxus ist nicht des zuvielen Geldes letzter Schluss. Wahrer Luxus ist Verzicht.
MICHAEL HUG
ALEXANDRIA. Männer führen Kriege, Frauen baden im Luxus. Manchmal hängen die beiden Dinge zusammen, manchmal aber auch nicht. Zu Kleopatras Zeiten scheint das so gewesen zu sein. Ihre Liebhaber, zwei Caesaren aus Rom, waren beide den grössten Teil ihrer Arbeitszeit damit beschäftigt, ein Weltreich zu führen, es zu vergrössern, Handel und Profit auszubauen, Reichtum zu äufnen und damit auch den Luxus. Kleopatra VII., die tragische Königin von Alexandria und auf dem Papier Herrscherin über Ägypten, verbrachte ihre Zeit damit, das Regieren den römischen Caesaren zu überlassen um stattdessen im Luxus zu schwelgen. Sich den schönen Dingen zu widmen statt zu arbeiten, Goldschmuck herumzutragen, in Kamelmilch zu baden und Honig sowie dienstfertiges Personal in hoher Zahl zu beschäftigen. Ebendas ist Luxus.
Synonym für Verschwendung
Gemäss Duden, Wikipedia oder anderer un- oder vertrauenswürdiger Quellen im weltweiten Netz ist Luxus das Synonym für Verschwendung, doch auch für Liederlichkeit (hat hierbei nichts mit Gesang zu tun) und Fruchtbarkeit. Woraus man schliessen könnte, dass es ein Luxus ist, sich fortzupflanzen, oder gar Verschwendung. Kinder sind demnach Luxus. Kleopatra leistete sich diese Art von Luxus vierfach und gebar Ptolemäus XV. Caesar, Miterzeuger war vermutlich Julius Caesar, sowie vom zweiten Miterzeuger Marcus Antonius Caesar drei Kinder, davon zwei gleiche, nämlich die Zwillinge Kleopatra Selene II. bzw. Kleopatra VIII., spätere Königin von Mauretanien und Alexander Helios, dessen weiteres Schicksal nicht überliefert ist, sowie den jüngsten Sohn Ptolemaios Philadelphos, der pro forma im Alter von zwei Jahren zum König von Phönizien, Kilikien und Syrien ernannt wurde.
Nerzfelle aus dänischer Zucht
Luxus übersteigt den normalen Rahmen der Lebenshaltung, sei nicht notwendiger, nur zum Vergnügen betriebener Aufwand, sei Pracht, verschwenderische Fülle, mehr Schein als Sein, BlingBling und Ferrari. Luxus seien Badeferien im 6-Stern-Resort auf den Malediven, Privatjet, Butler, schweres Ohr- und Halsgehänge, Bettwäsche gefüllt mit Taubendaunen, Nerzpelze aus dänischer Zucht, ein Flug aller-et-retour in der Concorde (früher). Luxusgüter sind Ausdruck von Zuvielhaben. Wenn man alles hat, beginnt der Luxus, die Verschwendung, die Liederlichkeit. Luxus steigert die Laune, hebt das Selbstwertgefühl bei denen, die noch keines haben, hilft bei Minderwertigeitskomplexen und befeuert Grössenwahn. Wer ständig das Gefühl hat, zu kurz zu kommen, geht bei Dolce&Gabbana einkaufen. «Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren», meinte Karl Lagerfeld selig, wobei der Modezar natürlich nicht Trainerhosen von Adidas meinte, sondern Modelle wie die «IT40 Lammleder mit Jerseystreifen» von Gucci für 2’500€.
Verschwendung ist relativ
Dabei ist Verschwendung frei nach Albert Einstein relativ. Für einen Armen oder eine Arme ist alles Luxus. Für jemanden, der ihn sich leisten kann (oder manchmal auch nicht und trotzdem so tut als – mehr Schein als Sein!) ist die Grenze nach oben offen. Der Eine sagt, dass es Verschwendung sei, den Anschnitt beim Brot wegzuschmeissen, der Andere meint, der Gupf sei überhaupt das beste am Brot. Jemand, der schon zwei Gulfstream G650ER hat, sieht darin den Normalzustand, für ihn wäre eventuell eine Boeing 787-8 BBJ erstrebenswert (230 Mio €, Platz für nur 40 Passagiere). Für einen Normalbürger wie mich ist ein Gratisupgrade in die Business Class auf einem Flug nach Kairo bereits das absolute Nonplusultra, also Luxus. Dauert leider nur vier Stunden, doch dafür bekommt man Drinks for free und dann nicht den billigen Drei-Sterne-Cognac imfall.
Schützt vor spontanen Neidanfällen
Luxus ist der persönlichen, subjektiven Betrachtungsweise unterworfen. «Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss» ist dabei ein gutes Rezept und schützt vor spontanen Neidanfällen. Wenn ich aber nicht mal weiss, was Luxus ist, kann er für mich auch nicht erstrebenswert sein. Ich verliere nicht einen Gedanken daran. Ein Kind in der tiefen Sahara weiss nicht, ob Wasser ein Luxus ist. Erst recht nicht ob heisses Wasser zum Duschen besser wäre als kaltes. Es kennt den Unterschied zwischen heiß und kalt nicht, für das Kind ist Wasser einfach Wasser und nichts Luxuriöses. Wenns keins hat, dann holt man sich welches oder wartet bis es regnet. Es kommt niemals auf den Gedanken, ob ein E-Bike zum Wasserholen angebrachter wäre als ein Hummer H2, der mehr Hubraum hat als die Ziegen seines Vaters pro Tag Wasser trinken.
Das Streben ist das Ziel
Ein Kind in Afrika weiss also nicht, was unnötig ist, und wir wissen es auch nicht, doch uns bleibt die Option, es auszuprobieren. Daher ist das Streben nach Luxus ein zu befürwortendes Verlangen, sofern das Streben der Weg und der Luxus das Ziel ist. Sofern der Weg einer der Erkenntnis ist, der im besten Fall das Ziel aus den Augen verlieren lässt. Denn auf dem Weg zum Luxus erreicht einen eventuell die Erkenntnis, dass es bestimmte Dinge gar nicht braucht, um glücklich zu sein. Aber vielleicht erreicht einen die Erkenntnis erst am Ende des irdischen Daseins oder gar nicht. Kleoptatra, die Bedauernswerte, schaffte es jedenfalls nicht zeit ihres kurzen Lebens. Sie war wohl viel zu sehr beschäftigt mit dem luxuriösen Gedanken, sich einen Caesar nach dem anderen zu angeln und dabei zu übersehen, das Leben wirklich zu geniessen. Denn wahrer Luxus ist der Verzicht auf ihn. Darauf muss man aber erst mal kommen.
Erschienen am 1.12.2020 im Nebelspalter