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Notunterkünfte: Architekten als Anwälte der Flüchtlinge
Der Architekt Ueli Salzmann hat weltweit über hundert Flüchtlingsunterkünfte erstellt oder saniert, im Auftrag der UNO, des Roten Kreuzes und anderer Organisationen. Im Interview erzählt er, worauf es beim Bau solcher Unterkünfte ankommt. Und welche übergeordnete Funktion ein Site Planner für Flüchtlingsunterkünfte erfüllt.
Quelle: Ueli Salzmann
Einige Flüchtlingslager bestehen schon seit Jahrzehnten und sind zu eigenen Stadtteilen geworden, wie hier im Libanon.
War der Bau von Notunterkünften und ähnlichen Gebäuden
bereits Teil Ihrer Ausbildung?
Ueli Salzmann: Nein, das war durch alle meine Ausbildungsphasen nie ein
Thema. Es gab damals keine entsprechenden Ausbildungsmöglichkeiten, unter
anderem auch deshalb, weil es in der Schweiz vordergründig kein relevantes
Problem war und ist.
Wie haben Sie Ihr Fachwissen über Notunterkünfte erworben?
Ich habe als erstes Einsätze fürs Internationale Komitee vom
Roten Kreuz (IKRK) geleistet. Dabei war ich vor allem in Flüchtlingssituationen
im Einsatz, etwa in Afghanistan, In Kambodscha, Ruanda oder Tschetschenien.
Dabei lernte ich von den erfahreneren Fachleuten, mit denen ich
zusammengearbeitet habe. Ansonsten war es vor allem ein Learning by Doing. Es
gab einzelne Dokumentationen zum Thema, etwa ein «Handbook for Emergencys»,
aber deren Inhalte waren sehr rudimentär.
Wie kamen Sie dazu, internationale Bau- und Aufbauprojekte
zu realisieren?
Ich habe mich erstmals 1991 beim IKRK beworben für Einsätze
im Ausland, nachdem ich erfahren hatte, dass man neben medizinischem Personal
auch Bauleute brauche. Beworben habe ich mich also als Architekt, zuerst für
die Sanierung von Spitälern oder die Planung und den Bau von
Orthopädiestationen, wo Betroffene operiert wurden und Prothesen erhielten. Mit
der Zeit kamen auch mehr und mehr Notunterkünfte dazu wie Flüchtlingslanger.
Hier war ich sowohl für die Planung wie die Erstellung der Unterkünfte
zuständig.
Welches war Ihre Motivation für diese Einsätze?
Einerseits wollte ich im Ausland arbeiten und einen Teil der Welt kennenlernen, den man sonst nicht so leicht zu sehen bekommt. Die Einsätze fanden ja in Orten statt, die keine Feriendestinationen sind. Daneben war es die Neugier eines 27-jährigen, der in der Fremde arbeiten und etwas machen wollte, was einem guten Zweck dient und den Leuten hilft.
Quelle: Ueli Salzmann
Zeltdorf des UNHCR in Tadschikistan: Als erste Notunterkünfte sind Zelte oft die erste Wahl, schützen aber nur wenig gegen Wind und Wetter.
Sie waren beim Bau von über hundert solcher Projekte beteiligt. Können Sie sich an ein Vorhaben speziell erinnern?
Ganz schwierig war 2001 ein Einsatz in Guinea-Conakry. Hier kamen viele Flüchtlinge aus Liberia an, und wir mussten für 50 000 Menschen Unterkünfte bauen. Wir hatten aber nur drei Wochen Zeit, um eine Infrastruktur vorzubereiten und Sofortmassnahmen bereitzustellen, damit die Leute bei ihrer Ankunft irgendwo unterkommen können. Gleichzeitig gab es vor Ort schon 20 000 Geflüchtete, die sich irgendwie ohne Planung und Struktur installiert hatten. Hier mussten wir einen Umbau unter Betrieb machen, also Leute umsiedeln, Erschliessungen bauen, Sicherheitsabstände gewährleisten. Das war extrem anspruchsvoll und rückblickend wohl eine meiner schwierigsten Missionen.
Mit welchen personellen Ressourcen konnten Sie dort arbeiten?
Die Ressourcen waren recht gross: Wir hatten viele lokale Angestellte, die auch technisch helfen konnten. Meine Aufgabe war die Planung und die Koordination auf dem Platz. Dafür hatte ich rund 200 Personen zur Verfügung, und zwar vom Bauführer bis zum Handlanger.
Wie gehen Sie damit um, Flüchtlinge in solch prekären Situationen anzutreffen?
Wenn man in einem Einsatz ist, nimmt man die persönliche, oft schlimme Situation der Leute, der Flüchtlinge gar nicht so stark war. Man ist dann viel zu sehr auf seine Aufgabe fokussiert und versucht, einfach zu funktionieren. Es geht darum, die Leute möglichst gut unterzubringen. Man sieht zwar das grosse Elend, aber um zu funktionieren, muss man das ausblenden. Das Ganze überfällt einen meist erst, wenn man wieder zu Hause ist und das Erlebte Revue passieren lässt.
Quelle: Ueli Salzmann
Notunterkünfte aus geflochtenen Kokosmatten in Sri Lanka: Wenn möglich baut man mit lokal vorhandenen Materialien und den Einheimischen bekannten Methoden.
Wie verarbeiteten Sie das Erlebte dann zu Hause?
Da ist das Umfeld sehr wichtig. Ich habe Bekannte, welche dieselbe Art von Ein-sätzen leisten, zum Beispiel meinen Geschäftspartner Rolf Grossenbacher. So können wir uns untereinander austauschen und wissen, dass der Gesprächspartner genau weiss, wovon ich rede, dass wir uns verstehen. Daneben ist der Austausch in der Familie wichtig und im Freundeskreis. Generell also hilft es mir, mit an-deren über das Erlebte zu sprechen, mit Menschen, die nachvollziehen können, was mich bewegt.
Welches sind die grössten Hindernisse bei der Umsetzung solcher Projekte?
Die sind zum einen natürlich sehr orts-spezifisch. Überall ein Hauptproblem, auch in der Schweiz, ist die Akzeptanz der Flüchtlinge durch die Menschen, die bereits an diesem Ort leben. Hier ist es wichtig, dass die lokale Bevölkerung von Anfang an in die Problematik einbezogen wird, am besten schon in der Planung. Die grössten Erfolge hatten wir deshalb, wenn wir auch etwas für die lokale Bevölkerung vor Ort bewirken konnten. Im genannten Beispiel von Guinea haben wir die Wasserverteilung in den Nachbardörfern gleich mit saniert und Instand gestellt und zwei Schulen gebaut. So konnten wir Akzeptanz bewirken. Es sind stets Ängste bei der lokalen Bevölkerung da, aber wenn wir diesen die Schärfe nehmen können, indem wir aufzeigen, dass alle von unserer Arbeit profitieren können, dann können wir diese Ängste mindern.
Sie waren unter anderem in Asien, Afrika und in der Karibik aktiv. Lassen sich überall dieselben Richtlinien für den Bau von Unterkünften anwenden?
Es gibt humanitäre Grundlagen, minimale Standards, die von verschiedenen Organisationen erarbeitet wurden. Diese wurden vor allem im Nachgang der Ruandakrise erstellt. Hierin sind minimale Ansprüche definiert: Wieviel gedeckter Raum pro Person benötigt wird, wieviel Aussenraum, aber auch Dinge wie die maximale Belegung von Toiletten und Duschen. Diese Standards sind sehr basic, aber verbindlich, und sie bilden das ab, was wir jeweils als Minimum zu erreichen versuchen. Natürlich wird je nach Klima der gedeckte Wohnraum eingehaust und ein warmes Volumen geschaffen, was daneben in der Karibik dank der vorherrschenden Wärme nicht nötig ist.
Sind Sie heute immer noch bei internationalen Aufbauprojekten beteiligt?
Ich habe nach wie vor ein Mandat für das Schweizerische Rote Kreuz (SRK), aktuell in der Ukraine. Dazu habe ich auch ein Mandat der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA): Hier bin ich in einer Arbeitsgruppe, die zuhanden der EU-Kommission minimale Standards erstellt dafür, wie man an der EU-Aussengrenze mit den Flüchtlingen umgeht, wie Unterkünfte, Verpflegung und Sanitäreinrichtungen beschaffen sein sollen. Diese Standards sind dann für die ganze EU gültig.
Quelle: Ueli Salzmann
Notdürftige Unterkunft in Pakistan: Ueli Salzmann war weltweit schon an über 100 Projekten beteiligt, für UNHCR, IKRK oder DEZA.
Welches sind die Unterschiede zu den erwähnten internationalen Standards?
Die Standards für die EU sind leicht höher, so wird zum Beispiel etwas mehr Fläche pro Flüchtling vorgeschrieben. Die Vorgaben sind auch detaillierter, weil hier noch der ganze Asylprozess abgebildet ist. Bei regulären Flüchtlingslagern ist dies nicht der Fall.
Was genau sind Ihre Aufgaben in der Ukraine?
Im Moment unterstützen wir von der Schweiz aus die Teams vor Ort. Je nach Lage ist es aber auch möglich, dass ich selber vor Ort mithelfen werde. Hier geht es vor allem darum, bestehende Massenunterkünfte wintersicher zu machen, die Unterkünfte mit Heizungen und Sanitärräumen auszurüsten. Das SRK ist eine von mehreren Organisationen, die an diesem Thema arbeiten.
In welcher Form geben Sie Ihr Fachwissen an Studierende weiter?
Es gibt mittlerweile Weiterbildungskurse, in der Regel über das Uno-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) organisiert. Hier war ich beteiligt an der Erstellung der Kursinhalte und gebe auch selber immer wieder Kurse.
Daneben gibt es wöchentliche Workshops an verschiedenen Fachhochschulen in der Schweiz, von der DEZA durchgeführt, in denen das Thema Notunterkünfte mit den Studierenden durchgespielt wird, von der Idee bis zur Erstellung der Unterkünfte.
Wie ist das Feedback der Studenten?
Es gibt inzwischen einige Studierende, die sich für das Thema interessieren und sich auch beworben haben für eine Aufnahme in die Fachgruppe Bau des SKH. Dies ist eine spezialisierte Fachgruppe, die sich mit solchen spezifischen Bauthemen befasst.
Wie genau erstellt man Notunterkünfte, mit welchen Materialien?
Das primäre Ziel ist es, mit dem Material vor Ort zu arbeiten, die Baumaterialien lokal zu beschaffen. Dadurch haben wir das Transportproblem nicht und auch der Unterhalt ist gesichert. Denn alles, was man zuführen muss, ist im Transport sehr aufwendig. In der Regel haben wir keinen Flughafen und keine Autobahn in der Nähe, über die man das Material heranbringen kann. Meistens müssen wir zuerst Strassen bauen, bis wir zum Camp kommen. Ein Vorteil der lokalen Materialien besteht auch darin, dass die Leute, welche die Unterkünfte errichten, mit diesen Materialien vertraut sind. Idealerweise wenden wir auch Techniken an, die lokal bekannt und in Gebrauch sind.
Quelle: Ueli Salzmann
Bau von Holzhäusern im italienischen Aquila, das vor einem Erdbeben weitgehend zerstört worden war.
Für welche Lebensdauer baut man solche Unterkünfte?
Ich kenne aus eigener Erfahrung kein Camp, dass innerhalb von 10 Jahren wieder geschlossen wurde, auch wenn es ursprünglich nur für diese Zeitspanne geplant war, Wir müssen also so bauen, dass die Grundstruktur und Organisation des Camps, die Verkehrsflächen und die Infrastruktur, sozusagen ewig halten. Denn aus einem Flüchtlingslager kann ein Dorf oder gar eine Stadt entstehen.
Hat man überhaupt Zeit, solide zu bauen?
Natürlich sind die Bauten von der Qualität her stark von der Zeit abhängig, die man zum Erstellen hat. Sie können zum Teil anfangs sehr provisorisch sein. Deshalb ist der erste Reflex immer, Zelte zu errichten. Die zweite Lösung sind Container. Aber auch diese Unterkünfte werden mit der Zeit einem Upgrade unterzogen, also nach und nach verbessert. Deshalb muss die Grundstruktur solide sein, damit man daran weiterbauen kann. Je länger die Flüchtlingssituation andauert, desto länger wird auch an den Unterkünften gearbeitet, bis diese zu effektiven Wohnhäusern, zu einer festen Unterkunft werden.
Wie lange müssen Flüchtlingslager überhaupt standhalten können?
50 Prozent aller Flüchtlingslager sind über 30 Jahre alt. Ich habe in Lagern gearbeitet, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet wurden und immer noch existieren, Lager für Palästinenser im Libanon oder in Syrien, aus denen heute Stadtteile von Beirut oder Aleppo geworden sind. Das sind heute Wohngebiete, aber die Grundstruktur bildete ein Flüchtlingslager. Deshalb ist es wichtig, dass die Lager in Planung und Organisation stabil sind, auch wenn fürs Erste nur ein Containerdorf geplant ist. Wir wissen, dass nach zwei Jahre Probleme entstehen, und dann ist es fast nicht mehr möglich, die Grundstruktur zu verbessern und Fehler, die am Anfang gemacht wurden, zu korrigieren.
Wieso entstehen gerade nach zwei Jahren Probleme?
Das ist ein Erfahrungswert: Anfangs sind alle Flüchtlinge froh, dass sie am Leben sind und eine Unterkunft haben. Auch bei einer vollen Auslastung des Lagers ist man anfangs tolerant im Umgang miteinander. Aber nach zwei Jahren Leben im Lager ist diese Energie aufgebraucht und die Probleme untereinander beginnen. Das ist ganz einfach menschlich.
Bauen Sie nur Unterkünfte, oder auch die dazu gehörige Infrastruktur?
Wir planen und bauen primär die Unterkünfte, aber dazu gehören auch Versorgungsmassnahmen, vor allem Wasser und Abwasser sind ein Riesenthema. Auch die Energieversorgung ist wichtig, aber in den Lagern meist nur rudimentär. Strom kommt anfangs nur aus Generatoren. In den letzten zehn Jahren kommen aber immer mehr Photovoltaik-Anlagen dazu, zum Beispiel Wasserpumpen, die autark über PV laufen, oder auch Büros und administrative Räume.
Quelle: Ueli Salzmann
Flüchtlingskinder in der syrischen Stadt Aleppo: Das menschliche Elend muss Ueli Salzmann für seine Arbeit ausblenden; es überfällt ihn aber oft nach seiner Heimkehr.
Die meisten Menschen in Lagern sind heute Kriegsflüchtlinge. Wie sehen Sie die Zukunft in Bezug auf Klimaflüchtlinge?
Es ist zu erwarten, dass vor allem die Überschwemmungen ein grosses Thema werden. Wir haben nach Überflutungen in Bangladesch Notunterkünfte für die DEZA gebaut, die in normalen Zeiten als Schulräume oder Marktplätze genutzt werden können, also hochliegende Gebäude, bei denen die Leute im Überschwemmungsfall sicher sind. Solche Einsätze werden zunehmen. Wer diese Probleme verneint, ist ganz einfach blind.
Wie gestaltet sich jeweils der Umgang mit den lokalen Behörden?
Der ist meistens nicht einfach, verständlicherweise. Stellen sie sich vor, sie bauen ein Camp für 20 000 Menschen irgendwo im Emmental. Da gibt es natürlich Widerstand. Aber die Behörden sind nicht a priori böse. Wichtig ist, dass wir jeweils die Behörden bei der Planung einbeziehen und ihnen aufzeigen, welchen Mehrwert wir schaffen. Wenn wir zum Beispiel ein Camp errichten und auch gleich die Trinkwasserversorgung für die bestehende lokale Bevölkerung sanieren, dann haben diese Leute einen konkreten Nutzen vom Flüchtlingslager. Es ist immer ein Geben und Nehmen. Dazu kommt: 20 000 Menschen an einem Ort sind auch ein Wirtschaftsfaktor. Die Menschen essen und haben weitere Bedürfnisse. Es gibt also oft einen kleinen Wirtschaftsboom aus dem Camp heraus. Die Region kann also von den Investitionen profitieren, denn meistes kommt das Geld aus dem Ausland, die Wertschöpfung bleibt aber vor Ort.
Wurden Sie auch in der Schweiz beim Aufbau von Notunterkünften oder Containersiedlungen beigezogen?
Ich bin kürzlich angefragt worden vom SRK das zuständig ist für die Unterbringung von Flüchtlingen im Kanton Uri, genauer in Altdorf. Dort unterstütze ich lokale Planer, allerdings bei der Umnutzung und Erweiterung bestehender Bauten.
Kürzlich kam die Stadt Bern unter starke Kritik, weil sie ein Containerdorf für ukrainische Flüchtlinge unter Missachtung aller bestehenden Standards errichtet hat. Hat diese Welle der Empörung bei Behörden etwas bewirkt?
Es gibt einige Fachleute mit ähnlichen Erfahrungen wie ich, ihrerseits Mitglieder der Fachgruppe Bau, die Mandate für die Planung und den Bau solcher Unterkünfte erhalten haben. Es ist auffällig, dass nach den Medienberichten über die Zustände in Bern, wo Fehler begangen wurden, einige meiner Kolleginnen und Kollegen Anfragen von Städten und Kantonen erhalten haben.
Weshalb ist es wichtig, diese Unterkünfte möglichst gut und funktional zu errichten?
Die Menschen werden ja relativ lange in diesen Siedlungen leben müssen, nicht nur ein paar Wochen. Und je länger der Krieg in der Ukraine dauert und je mehr zerstört wird, desto länger werden diese Leute in den Unterkünften bleiben müssen. Wir müssen deshalb für ein Minimum von mehreren Jahren planen. Sind es am Ende nur 2-3 Jahre, wäre das für alle schön, aber damit dürfen wir nicht rechnen.
Sind die Behörden bei uns zu optimistisch in dieser Frage?
Viele sind von der Hoffnung getragen, dass der Krieg bald zu Ende geht. Indes: Auch nach Ende der Kämpfe können die Leute nicht gleich zurückkehren, das sehen wir in Syrien, wo der militärische Konflikt schon stark zurückgegangen ist. Aber wenn die Infrastruktur zerstört ist, wenn es kein Wasser, keine Energieversorgung, kein Gesundheitswesen und keine Schulen gibt, können Familien mit Kindern nicht zurückkehren. Kinder können in einem solchen Umfeld nicht leben. Das war auch im Kosovokrieg der Fall.
Wie definieren Sie generell Ihre Aufgabe als Planer und Ersteller von Flüchtlingsunterkünften?
Unsere Rolle als Site Planner verstehe ich als Anwälte der Flüchtlinge. Es ist unsere Aufgabe, eine möglichst gute Situation für diese Menschen zu erreichen. Denn je besser und solider die Unterkünfte sind, umso weniger Konflikte gibt es in den Lagern, und umso schneller und effizienter können sich diese Leute einer anderen Aufgabe widmen, zum Beispiel eine Sprache zu lernen, sich zu integrieren, oder zu versuchen, im Arbeitsmarkt Fuss zu fassen. Das Wellbeing der Familien hat einen direkten Zusammenhang mit diesen nächsten Schritten. Wenn wir also Integration propagieren, dann müssen wir auch die Grundlage bieten, damit sich diese Menschen überhaupt integrieren können. Das verstehe ich als Quintessenz unserer Arbeit.
Wie gehen Sie innerlich an diese Aufgabe heran?
Wenn man so etwas macht, ist es wichtig, sich in die Situation der Leute zu versetzen. Stellen sie sich vor, sie haben Kinder; diese gehen in die Schule sind dort schon integriert. Nun werden sie von ihren Klassenkameraden zu Geburtstagsfeiern eingeladen und wollen dann umgekehrt selber ihre Gschpänli einladen und ein Fest organisieren können. Jetzt stellen sie sich vor, sie müssen Freunde in eine Containersiedlung einladen, wo sie pro Person 3,2 Quadratmeter Fläche zur Verfügung haben. Diese Kinder sind von dem Moment an stigmatisiert! Das Problem besteht weltweit: Je schlimmer das Camp, desto stärker die Stigmatisierung der Flüchtlinge, die schon durch ihre Erlebnisse traumatisiert sind. Wenn ich 2 Wochen in einem Zelt campen gehe, dann ist das meine freie Wahl, aber wenn ich mehrere Jahre so leben muss, dann wird das zu einem riesigen Problem.
Zur Person
Quelle: Atelier G + S Architekten
Ueli Salzmann, Architekt, Inhaber Atelier G + S Architekten
Hans-Ulrich Salzmann wurde 1963 in Belp BE geboren. Nach Ausbildungen zum Zimmermann und Hochbauzeichner, sowie dem Absolvieren der Bauleiterschule in Bern, war er Fachhörer Architektur an der ETH Lausanne. Nach fünf Jahren praktischer Arbeit in verschiedenen Schweizer Architekturbüros gründete er das Architekturbüro Atelier G + S in Burgdorf. Das Atelier realisiert Projekte für den Wohnungsbau, für Gewerbe und Industrie sowie öffentliche Bauten. Die Kernkompetenz liegt in Neubau-, Umbau- und Umnutzungsprojekten inklusive deren konzeptioneller Entwicklung. Daneben hat Salzmann international rund hundert Projekte für das IKRK, die DEZA und die UNO realisiert.