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Seufzend lehne ich mich in dem ungemütlichen Stuhl zurück, trommle ungeduldig mit der Kappe meines Füllers auf der vollgekritzelten Tischplatte herum und versuche, mich auf die Worte des Professors zu konzentrieren. Leider ist das nicht so leicht, wie gedacht. „Hey, Hyung…“ Plötzlich werde ich von der Seite angestupst. Mein Blick fällt auf den Aschblonden neben mir, der grinsend zu mir herab blickt. Ich kenne den Blonden schon seit der Grundschulzeit, demnach schon einige Jahre lang. Mein Blick fällt auf den hochgewachsenen Asiaten, der sich zu mir herüber gelehnt und seinen Arm, der mit Sehnen durchzogen ist, auf meiner Tischplatte abgelegt hat. Seine dunklen, fast schwarzen, mandelförmigen Augen, die mich in ihre Tiefen zu ziehen scheinen, sind mit einem dichten Wimpernkranz umrahmt und wirken auf mich, wie so häufig, hypnotisierend. Voller Schalk blitzen diese auf und ich weiß, er führt nichts Gutes im Schilde. Seine roséfarbenen Lippen sind zu einem Lächeln verzogen, was mir meine Vermutung nur bestätigt. Als er mich so anlächelt, kann ich nicht verhindern, dass mein Herz an Fahrt aufnimmt und ich bis zur Haarwurzel erröte. Rasch wende ich den Blick von ihm ab, ohne auf ihn einzugehen und sehe zum Professor vor, denn ich möchte nicht, dass er sieht, wie ich auf ihn reagiere. Nach all den Jahren, die wir schon befreundet sind, möchte ich nicht, dass sich zwischen uns etwas verändert. Obwohl es das bereits hat.
„Hyung…“ Der Aschblonde probiert es ein weiteres Mal und rammt mir leise kichernd seinen Ellenbogen in die Seite. „Taesun! Was willst du denn?“, zische ich ihm leise zu und fahre mir durch meine braunen Haare, die mir widerspenstig in die Stirn fallen. „Ah, er spricht also doch!“, kichert er wieder, beschert mir mit seiner tiefen, rauen Stimme eine Gänsehaut, die ich zu unterdrücken versuche. „Mir ist langweilig, Hyung“, murmelt er dann leise schmollend und legt seinen Kopf auf meiner Schulter ab. Angenehme Wärme strahlt er aus, die mich wohlig aufseufzen lässt. Als ich mir dessen bewusst werde, versteife ich mich und rücke ein wenig von ihm ab. „Was soll ich denn da machen?“ Ich zucke mit den Achseln und vermeide es, ihn direkt anzusehen. „Spiel mit mir…“, raunt er mir grinsend zu, kommt mit seinen Lippen meinem Ohr näher und lässt mich hochrot anlaufen. Die Zweideutigkeit seiner Wörter ist mehr als anzüglich, was mich erschrocken die Augen aufreißen lässt. Ist ihm eigentlich klar, was er mir mit diesen Worten für Gefühle beschert? Wie er mir mit seinem Verhalten nur unnötig Hoffnungen macht? „W-was?“, stammle ich leicht überfordert, blinzle ein paar Mal und versuche meinen Herzrhythmus unter Kontrolle zu bringen. Wie ein Presslufthammer pocht mein Herz gegen meinen Brustkorb, erschwert mir das Atmen. „…Galgenraten?“
Er zwinkert mir zu, vervollständigt seinen Satz und schiebt mir ein schneeweißes Blatt zu. „Ist das dein Ernst?“ Spöttisch ziehe ich meine Augenbraue in die Höhe, kann mir ein Grinsen jedoch nicht verkneifen. Taesun ist wirklich speziell, denke ich mir schmunzelnd und nehme kopfschüttelnd das Blatt Papier von ihm entgegen. Ich ziehe ein paar Linien, die ein Wort ergeben sollen und schiebe das Blatt dem Älteren zu. Grinsend nimmt er es entgegen, zieht dann konzentriert die Augenbrauen zusammen und starrt grübelnd auf die drei leeren Felder, die den Satz: Du spinnst doch ergeben sollen. Innerlich verkneife ich mir ein lauthalses Lachen und beobachte den Älteren, ehe er nach dem ersten Buchstaben fragt. „Mh…D?“, möchte er wissen, spricht gedämpft, da hinter uns ein paar Studenten leise zischend um Ruhe gebeten haben. Nickend gebe ich ihm zu verstehen, dass er richtig liegt und füge den richtigen Buchstaben an passender Stelle ein. „A?“ Ich schüttle den Kopf und murmle: “Falsch.“ Danach zeichne ich den Berg, auf dem das Strichmännchen erhängt werden soll. Schmollend schiebt Taesun die Unterlippe vor und fährt sich durch die vor kurzem erst gefärbten Haare, da sie ihm widerspenstig in die Stirn fallen. Mein Blick wandert über seinen markanten Kiefer, seine vollen Lippen und seine geraden Nase. Sein Gesicht ist geradezu perfekt symmetrisch, was mich unheimlich fasziniert und ihn länger als nötig betrachten lässt. Aus diesem Grunde bekomme ich nicht mit, dass er mich bereits nach dem nächsten Buchstaben gefragt hat. „Hyung? Ist es ein T?“ Er wedelt ungeduldig vor meinem Gesicht herum, erlangt somit meine Aufmerksamkeit und ich schüttle den Kopf, um mich wieder zu sammeln. „Mist!“, flucht der Aschblonde, doch ich meine hastig: „Nein, T ist richtig!“ Mit diesen Worten schreibe ich den Buchstaben in das vorgegebene Feld und schiebe das Blatt zurück. „Haha!“, schnaubt er da plötzlich sarkastisch und sieht mich mit funkelnden Augen an. „Du auch, du Blödmann!“ Grinsend boxt er mir gegen die Schulter, lehnt sich zurück und mustert mich dabei amüsiert. Spielerisch strecke ich ihm die Zunge entgegen, nehme ihm das Blatt aus der Hand, falte es in der Mitte und schiebe es wieder zu ihm herüber. „Jetzt bist du dran!“ Taesun beugt sich über das Blatt, beißt sich auf die volle Unterlippe und überlegt. „Mh…“, brummt er, kaut dann auf der Kappe seines Füllers herum und zieht ein paar Striche. Mit einem dicken Grinsen steckt er mir den Zettel wieder zu und meint überheblich: „Darauf kommst du nie!“ Skeptisch ziehe ich meine Augenbraue hoch, seufze und nehme ihm das Blatt ab. „Das werden wir ja sehen!“, entgegne ich, während ich mich grübelnd über die leeren Felder beuge, so wie er es zuvor getan hat. „Sag Bescheid, wenn du aufgeben willst!“
Selbstgefällig klopft er mir auf den Rücken, kichert dabei, was ich bloß schnaubend abtue. Der Kerl ist manchmal so selbstverliebt und von sich überzeugt, aber genau das macht ihn aus. Macht ihn interessant und teilweise schwer einschätzbar, was ihn nur noch interessanter macht. Mein Blick wandert über die dreizehn leeren Felder, die insgesamt einen Satz aus drei Wörtern ergeben. „T?“ Ich hebe den Blick, begegne dem von dem Älteren, der mich eingehend mustert und mich scheinbar nicht aus den Augen lassen will. Leer schlucke ich, suche einen Punkt auf seinem Hemdkragen und versuche mich nicht von seinem Blick einlullen zu lassen. „Wow, Hyung, ich habe dich unterschätzt. Gib mal her!“ Er greift nach dem Blatt und zeichnet den Buchstaben am Anfang des ersten Feldes ein und am Ende des zweiten ein. „E?“, frage ich, was er stumm einschreibt und ich bereits spöttisch die Augenbraue hebe. „Lass mich raten, dass erste Wort lautet Taesun?“ Grinsend zuckt er die Schultern und meint: „Ja und weiter?“ Er vervollständigt seinen Namen und den Rest finde ich nach einer Weile selbst heraus. „Taesun ist heiß?“, lache ich ihn aus, als der Satz vollständig auf dem Zettel steht und schupse ihn leicht gegen die Schulter. Ebenfalls lachend hebt er die Hände und meint voller ernst: „Die Wahrheit muss doch mal ausgesprochen werden!“ Über ihn bloß den Kopf schüttelnd, will ich mich wieder dem Zettel widmen, als hinter uns ein junges Mädel zischt: „Könnt ihr Trottel nicht mal die Fresse halten?“ Entschuldigend verziehe ich das Gesicht, doch das scheint sie nicht weiter zu interessieren. „Spielen wir trotzdem weiter?“, flüstert Taesun mir nach einer kurzen Weile wieder zu. Er rückt näher an mich heran, was dazu führt, dass mein Herz schneller klopft als gewöhnlich. Mein Atem wird flacher und Röte schießt mir ins Gesicht, als seine Hand sich um mein Handgelenk schließt. Seine Haut auf meiner entfacht ein Feuer, welches sich auf meinem ganzen Körper auszubreiten scheint.
In diesem Moment wird mir bewusst, dass ich es nicht länger leugnen kann, dass ich es ihm und auch mir nicht länger vorenthalten kann. Doch, wie wird er darauf reagieren? Riskiere ich damit unsere Freundschaft, die für mich bereits mehr als das ist? Sollte ich es wagen? Schon seit über einem Jahr hadere ich mit mir, stelle mir immer wieder die Frage, was wäre, wenn? Aus diesem Grunde fälle ich eine Entscheidung und nicke bestätigend, nehme ihm das Blatt ab und ziehe ohne große Überlegungen die Striche. Mein Herz klopft mir bis zum Halse, meine Finger werden so schweißnass, als hätte ich sie in einen Eimer Wasser gehalten und meine Knie zittern, als hätte ich einen Kilometerlauf hinter mir. Der Ältere nimmt grinsend den Zettel an sich, beugt sich darüber sodass ihm seine Haare ins Gesicht fallen und seine Sicht versperrt. Doch das scheint ihn nicht zu stören, denn er starrt die leeren Felder an, die für ihn bedeutungslos scheinen, für mich jedoch die ganze Welt und mich mehr Mut kosten, als er ahnt. „I?“ Nach einer Weile sieht er fragend auf und ich nicke, trage mit klopfendem Herzen die drei Buchstaben ein, die noch keinen Sinn für ihn zu ergeben scheinen. „R?“ Kopfschüttelnd zeichne ich den Berg des Galgenmännchens, was er schmollend registriert, sich jedoch nicht aus der Fassung bringen lässt und er weiter rät: „S?“ Erneut schüttle ich den Kopf, zeichne halb den Galgen, was nicht nur ihn ins Schwitzen bringt. Das ist meine Chance, ihm mein Innerstes zu offenbaren, einen weiteren Versuch würde ich mich niemals trauen. „E?“ Während ich nicke, trage ich die zwei E‘s ein und unterdrücke ein erleichtertes Seufzen. Er kommt der Lösung immer näher. Der Aschblonde lehnt sich zurück, schiebt die Unterlippe vor und betrachtet das Blatt Papier. Dreht und wendet es, als käme er so auf die Lösung. „Was zur Hölle soll das denn bedeuten?“, schmunzelt der Aschblonde, doch ich antworte ihm nicht darauf, kaue mir nervös auf der Unterlippe herum und zucke schweigend die Schultern. „Mh…A?“, will er als nächstes wissen, spricht gedämpft und blickt vor zum Professor, der uns bereits strafend mustert. Verneinend schüttle ich den Kopf und betrachte mit klopfendem Herzen, wie das Galgenmännchen sich immer mehr vervollständigt.
„Würden Sie bitte endlich leise sein?“, ertönt da die Stimme des Professors, die ich erfolgreich zu einem Hintergrundgeräusch verbannt hatte, und reißt mich somit aus meinen Gedanken, in denen sich meine Botschaft positiv auf den Aschblonden auswirkt. Dieser schaut sich gerade suchend um, wen der Professor wohl meint, was mich innerlich die Hand vor die Stirn schlagen lässt. „Ja, ich meinte Sie!“, meint dieser streng, was ein paar Studenten belustigt auflachen lässt, die Taesun dabei beobachtet haben, wie er sich voller Neugierde umsieht. Endlich bemerkt er es und sinkt peinlich berührt auf seinem Stuhl zusammen, steckt dabei den Zettel ein und ist für den Rest der Vorlesung still. Kein einziges Wort kommt mehr über seine Lippen, während er gelangweilt den Worten des Professors folgt. Ich jedoch kann mich nicht länger konzentrieren, würde am liebsten mit ihm das Rätsel zu Ende bringen.
„Bis Morgen, ich muss los, mein Bruder wartet auf mich“, verabschiedet sich Taesun am Ende der Vorlesung und schiebt sich den Riemen seiner Tasche die Schulter höher. Mit diesen Worten drückt er mich kurz an sich, was mich wieder bis zur Haarwurzel erröten lässt und wirbelt hastig herum, verschwindet aus meinem Blickfeld und geht in der Menge der Studenten unter. Schwer schluckend sehe ich ihm nach, setze mich in Bewegung und laufe der Masse nach. Mit einem ernüchternden Gefühl, welches mich bedrückt, laufe ich über den Campus zu meinem Wagen und schmeiße genervt meinen Rucksack auf die enge Rückbank. Ich werde nie wieder den Mut aufkriegen ihm die Wahrheit zu sagen. Ich habe meine Chance verspielt.
„Hey…Hyung…ich habe Langeweile! Wollen wir Galgenraten spielen?“ Der Ältere stupst mich am nächsten Tag erneut von der Seite an, während wir auf der Wiese des Campusgeländes herumlümmeln und die Sonne genießen. Bei solchen sonnigen Tagen sieht man erst einmal genau, wie viele Studenten sich tatsächlich an dieser Uni befinden. Wir sind nicht die Einzigen, die das Wetter genießen und ein bisschen Sonne tanken wollen. Mit den Jacken unter unserem Hintern haben wir uns ein wenig abseits gesetzt, denn wir wollen unsere Ruhe, bevor die nächste Veranstaltung beginnt. Taesun lehnt mit dem Rücken gegen einen Kirschbaum, dessen rosa Blüten bereits blühen und bei dem kleinsten Windstoß davon fliegen und dabei in seinen Haarsträhnen landen. Ich öffne die Augen einen Spalt breit und lunze zu ihm herüber. Unsicher kaue ich auf meiner Unterlippe herum, weiß nicht, ob ich darauf nun sonderlich Lust habe. Nicht nach meiner verpatzten Chance vom Vortag. Die Frustration deshalb sitzt noch tief in meinen Knochen, ärgert mich noch immer. Doch bei seinem Blick, der mich zu allem überreden könnte, gebe ich schließlich nach und ich setze mich auf. Im Schneidersitz hocke ich mich ihm gegenüber und nehme ein Buch als Unterlage, doch er nimmt mir den Zettel ab und meint: „Ich fange an, du hattest gestern als zuletzt deinen Satz vorgegeben.“
Mit diesen Worten, denen ich nicht widerspreche, zieht er mir das Blatt unter der Hand weg und zieht seine Linien. Wenige Sekunden später legt er mir dieses wieder auf das Buch und rückt neugierig schauend näher an mich heran. „Wenn du das errätst, bekommst du eine Überraschung!“ Verschwörerisch grinst er mir zu, berührt mit seinen Knien meine, was mich schier um den Verstand bringt. Meine Wangen beginnen zu glühen, was mich beschämt den Blick senken lässt. Ich unterdrücke ein Keuchen, kaue nachdenklich an dem Bleistift herum und überlege, was die drei Felder bedeuten sollen. Ich starte den ersten Versuch, gehe nach dem Alphabet und frage: „A?“ Nickend setzt er den ersten Buchstaben vom letzten Feld ein. „B?“ Verneinend brummt er, zeichnet den Galgenberg. „Streng dich an, Hyung!“ Er schnippt mir gegen die Stirn, was ich grummelnd hinnehme und weiter frage: „C?“ „Es geht doch!“, lobt er mich, fährt mir durch die Haare und schreibt die gegebenen Buchstaben in die Felder. In jedes von ihnen. Die Wörter scheinen bald einen Sinn zu ergeben, der sich mir jedoch noch nicht erschließt. „D?“ Wieder liege ich richtig und allmählich nimmt der Satz mehr Gestalt an. „G?“ „Gehst du ernsthaft nach dem Alphabet?“, kichert Taesun, was mir eine Gänsehaut beschert. Der raue Klang seiner Stimme ist mir schon immer unter die Haut gegangen. Die Achsel zuckend meine ich: „Es scheint mir ja etwas zu bringen!“ „Nicht mit G“, lacht der Taesun und zeichnet den Anfang des Galgen. „H?“, fahre ich fort, bin nicht ganz bei der Sache und bemerke kaum, wie er den Buchstaben dreimal einsetzt. „Und? Hast du schon eine Ahnung?“, will Taesun wissen, reißt mich somit aus meinen Gedanken. Wieso ist es dem Älteren so wichtig, dass ich diesen Satz errate? Leicht genervt starre ich zurück auf das Blatt und erkenne den Satz, die die Wörter ergeben sollen. Es ist als würden sich vor meinem inneren Auge die fehlenden Buchstaben wie von selbst einsetzen. Schon bald ergibt der unvollständige Satz für mich einen Sinn, welcher mein Herz für einige Sekunden aussetzen lässt. „Ich dich auch…“, murmle ich leise vor mich hin, fahre sanft über die Buchstaben und traue mich nicht aufzusehen. Mein Atem setzt aus, geht flach und bringt mich beinahe dazu zu hyperventilieren. Glühend heiß brennen meine Wangen, meine Gedanken sind ein einziges Durcheinander. Sie fahren regelrecht Achterbahn, aus der es so schnell kein Entkommen gibt. Da spüre ich auch schon, wie sich einer seiner schlanken Finger unter mein Kinn schiebt und dieses leicht anhebt, sodass ich ihn ansehen muss. Ich begegne seinem Blick, verliere mich wie so oft in seinen dunklen Augen und schnappe leise keuchend nach Luft. Sein Blick geht mir durch und durch.
„Möchtest du denn nicht wissen, was die Überraschung ist?“, raunt er leise, ist meinem Gesicht so nahe, dass ich mich auf nichts mehr konzentrieren kann. Ich bin nicht im Stande zu antworten, bringe bloß ein halsstarriges Nicken auf die Reihe und warte ungeduldig ab. Immer näher kommt er meinem Gesicht, sodass ich automatisch die Augen schließe und voller Vorfreude auf den nächsten Moment warte, mich bereits ihm näher entgegenstrecke. Bevor seine Lippen auf meine treffen, finden meine Finger zögerlich einen Weg in seine Haare. Als endlich seine Lippen die meinen berühren, entfleucht mir ein wohliges Seufzen. Seine warmen großen Hände umschließen sanft mein Gesicht, während seine Daumen zaghaft in kreisenden Bewegungen über meine Wangen streichen. Im Einklang bewegen sich unsere Lippen, bis er leise keuchend die seine öffnet und mit seiner warmen Zunge über meine Unterlippe leckt und somit um Einlass bittet, mich völlig um den Verstand bringt. Bereitwillig gewähre ich ihm diesen, spüre, wie seine Zunge über meine Lippen gleitet und das Feuer, welches in meinem Inneren lodert immer weiter geschürt wird. Brennend heiß fließt das Blut wie Lava durch meine Venen, heizt mich auf und erschwert mir das rationale Denken. In diesem Moment kann ich kaum realisieren, was hier geschieht, denn ich hätte mir das niemals erträumen lassen. Ich war immer der Annahme, Taesun hätte Interesse am weiblichen Geschlecht. Dass dem nicht so ist, kann ich einfach nicht glauben. Voller Leidenschaft und unschlagbarer Dominanz umkreist seine Zunge die meine, erkundet meine Mundhöhle und gewinnt die Oberhand. In jeglicher Hinsicht.
„Taesun…?“, keuche ich, als er sich nach wenigen Minuten aus Sauerstoffmangel von mir löst und seine Stirn schwer atmend gegen meine lehnt. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, mir fehlen schlichtweg die Worte. Zu viele Fragen schwirren in meinem Kopf. Dass sein Satz eine Antwort auf mein gestriges Rätsel gewesen ist, lässt mich darauf schließen, dass er es Zuhause gelöst haben muss. Immerhin hatte er den Zettel in seine Tasche gleiten lassen. „Hyung…?“, krächzt er ebenfalls und drückt mir leise kichernd einen flüchtigen Kuss auf die Lippen, was meinem Herzrhythmus eindeutig nicht gut tut. Mich erneut erröten lässt. „Wie…also…ich meine…warum?“, stammle ich nicht gerade geistreich, denn ich bin noch viel zu durcheinander. „Ist das denn nicht offensichtlich?“, grinst Taesun schelmisch auf mich herab. Noch immer umfasst er mein Gesicht, überträgt somit seine angenehme Wärme auf mich. „D-doch…aber…aber wieso habe ich es nicht früher bemerkt?“ „Weil du zu sehr damit beschäftigt gewesen bist, deine wahren Gefühle für mich zu verbergen, dass du die meinen nicht wahrgenommen hast.“ Er streicht sanft über meine Wange, lässt mich erzittern und vor Scham die Augen schließen. Dass er all die Zeit über, über meine tieferen Gefühle zu ihm Bescheid wusste, beschämt mich. „Das muss dir nicht peinlich sein, ich fand deine Bemühungen einfach zu niedlich! Ich habe eigentlich auf den richtigen Moment gewartet es dir zu sagen, doch du warst schneller.“ Wieder nähert er sich meinem glühenden Gesicht, presst diesmal etwas stürmischer seine Lippen auf meine, was mich überrascht aufkeuchen lässt. „Endlich kann ich dich so oft küssen, wie ich will“, murmelt er gegen meine Lippen, drückt mir immer und immer wieder kleine Küsse auf den Mund.
„Taesun…ich liebe dich!“, spreche ich die Worte aus, die ich ihm schon seit so langer Zeit sagen will, fühle mich befreit und bekomme dafür von ihm ein breites Grinsen. „Und ich liebe dich, mein kleiner Idiot!“ Erneut drückt er mir mehrere Küsse auf, überfällt mich damit, doch ich habe damit kein Problem. Ganz im Gegenteil. Über ihn kichernd lasse ich mich nach hinten sinken, lande mit dem Rücken im warmen Gras und ziehe ihn mit mir. Auch er beginnt zu kichern, schlingt seine Arme um mich und legt seinen Kopf auf meiner Brust ab, während ich meine Hand durch seine weichen Haare wandern lasse. Glücklich über dieses Ereignis seufze ich auf, ziehe den warmen Körper Taesuns enger an mich heran und starre gen Himmel. Starre die vorbeiziehenden Wolken an, die über uns hinweg fliegen. Noch immer scheint die Sonne, wirft ihre warmen Strahlen auf uns herab.
Dass ein albernes Ratespiel mich in diese Situation gebracht hat, mit der ich nie gerechnet hätte und immer nur davon träumen konnte, zaubert mir ein kleines Lächeln auf die Lippen. Ohne das Galgenmännchen hätte ich nie den Mut aufgebracht, ihm meine Gefühle zu gestehen. Dass das Männchen dabei beinahe sterben musste, und somit auch die Chance darauf, ihm meine Gefühle zu offenbaren, da Taesun und ich partout nicht auf die Lösung gekommen sind, hat uns nicht daran gehindert endlich zueinanderzufinden. Es sind keine weiteren Worte mehr nötig. Eine ganze Weile liegen wir schweigend im Gras und hängen unseren Gedanken nach. Mein Herzrhythmus versucht noch immer, sich zu beruhigen und mein Verstand, alles Geschehene zu ordnen. Der Aschblonde kuschelt sich fest an mich und säuselt leise: „Hätten wir mal früher Galgenraten gespielt.“
Diese Geschichte ist Teil unserer Advents-Anthologie ‚A pocket full of Love‘, welche am 27.12.2019 erscheint. Sie kann hier bereits vorbestellt werden:
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