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«Unser Haus hatte keine Heizung. Nur ein grosses Cheminée. Um mich warmzuhalten, bin ich einfach wie wahnsinnig herumgerannt.» Xherdan Shaqiri, 26, erzählt auf dem Onlineportal «The Tribune Players» ganz offen von seiner Kindheit, nachdem seine Familie aus dem Kosovo nach Basel geflüchtet war. Der Fussballer war damals vier Jahre alt.
Das Interview erlangte besonders nach dem WM-Spiel vom vergangenen Freitag Beachtung. Im Match gegen Serbien feierte Shaqiri sein Goal mit dem symbolischen Doppeladler. «Ist er nun Kosovare oder Schweizer?», empörten sich manche. Das Interview zeigt, wie gespalten Shaqiris Seele ist.
Er wohnte mit seiner Familie in einem alten Bauernhaus in Basel. Sein älterer Bruder habe sich immer über die Kälte beschwert. Weil dessen Zimmer weit weg vom Kamin war, musste er im Winter mit fünf Decken schlafen.
Nur am Geburtstag erhielten wir manchmal etwas Sackgeld
«Es war nicht einfach. Mein Vater sprach kein Deutsch. Er wurde Tellerwäscher in einem Restaurant. Später arbeitete er auf dem Strassenbau. Meine Mutter arbeitete als Putzfrau.» Die Schweiz sei ein teures Land, doch für Shaqiris Familie war es noch schwieriger, weil sie ihren Angehörigen im Kosovo viel Geld schickten.
Vor dem Krieg flogen die Shaqiris jedes Jahr zurück in die Heimat. Doch als der Krieg losging, wurde das unmöglich. «Es war sehr schwer für meine Angehörigen, die im Kosovo feststeckten. Das Haus meines Onkels brannte nieder, sie litten extrem. Mein Vater schickte so viel Geld, wie er konnte. Darum hatten wir nie welches übrig, um es einfach so auszugeben. Nur am Geburtstag erhielten wir manchmal etwas Sackgeld.»
Ronaldo als grosses Vorbild
Als Ronaldo sich 1998 an der Weltmeisterschaft im Final verletzte und Brasilien verlor, weinte Shaqiri aus Mitleid. Sein siebter Geburtstag rückte näher und er wünschte sich nichts, ausser das gelbe Ronaldo-Trikot. Shaqiris Eltern hatten kein Geld für ein Original. Also kauften sie dem kleinen Xherdan auf dem Markt einfach ein gelbes Shirt mit der Nummer neun darauf. «Aber das war mir egal. Es war der glücklichste Tag meines Lebens. Ich zog das Ronaldo-Shirt zehn Tage lang jeden Tag an.»
Da wurde richtiger Fussball gespielt. Da wurden Jungs verprügelt
Fussball gespielt hat Shaqiri als Kind in einem Park zusammen mit anderen Migranten. Die Mutter wollte nicht, dass er dorthin ging. Doch ihm war das egal. «Da wurde richtiger Fussball gespielt. Da wurden Jungs verprügelt. Ich kassierte nie Schläge, weil ich meinen Mund hielt.» In diesem Park zu spielen, habe Shaqiri gelerht, wie man mit Leuten umgeht, die nicht nur zum Spass spielen.
In der Schule krank geschrieben, um Fussball zu spielen
Als 14-Jähriger spielte Shaqiri für den FC Basel. Als er für einen Cup in Prag spielen sollte, bekam er von der Schule nicht frei. Seine Mutter habe ihn dann krankgeschrieben, damit er trotzdem gehen konnte. «In der Schweiz nehmen es die Lehrer sehr genau mit der Schule», meint der Profi-Fussballer.
«Ich spielte richtig gut in Prag.» Es war das erste Mal, dass andere ihm beim Spielen zusahen und sagten: Das ist das Kind aus Basel! «Das war ein tolles Gefühl.» Zurück in der Schule zeigte ihm sein Lehrer die Zeitung. Auf der Titelseite ein Foto mit Shaqiri, der einen Pokal hielt. «Du warst also krank?», fragte der Lehrer.
Das Geld war knapp
Auch als Shaqiri ein immer besserer Fussballer wurde, war das Geld ein Problem. Als er mit 16 Jahren zusammen mit seinen Brüdern, die auch für den FC Basel spielten, ins Trainingslager nach Spanien fliegen sollte, fehlte das Geld dafür. Die Reise kostete etwa 700 Franken. «Mein Vater sagte: Es ist unmöglich, dass ihr gehen könnt. Das können wir uns nicht leisten.»
Die Brüder (oben im Bild) nahmen Gelegenheitsjobs an. Shaqiri mähte den Rasen der Nachbarn. Im letzten Moment hatten die Brüder das Geld zusammen. «Meine grösste Angst war nicht, dass ich nicht ins Trainingslager konnte. Ich hatte Angst, dass die anderen herausfinden, dass wir es uns eigentlich nicht leisten konnten.» Nach dem Training gingen die anderen Kinder zum Kiosk, um Süssigkeiten zu kaufen. Der Basler hatte dafür nie Geld und erfand Ausreden, warum er nicht mitkommen könne.
Das erste WM-Aufgebot
Als Shaqiri 2010 für die WM aufgeboten wurde, sei dies ein sehr emotionaler Moment gewesen. «Ich ging nach Hause und erzählte es als Erstes meinen Eltern. Sie waren sehr glücklich.» Als die Eltern ihn an der WM spielen sahen, seien sie sehr stolz gewesen. «Sie kamen mit nichts in die Schweiz und haben so hart gearbeitet, damit ihre Kinder ein besseres Leben haben.»
«Ich habe das Gefühl, zwei Zuhause zu haben»
Die Medien würden seine Gefühle für die Schweiz oft fehlinterpretieren. «Ich habe das Gefühl, zwei Zuhause zu haben. Die Schweiz hat meiner Familie so viel ermöglicht. Und ich versuche nun, mein Möglichstes in der Schweizer Nati zurückzugeben», sagt Shaqiri. «Aber wenn ich zurück in den Kosovo fliege, habe ich sofort das Gefühl, zu Hause zu sein. Es ist nicht logisch. Es ist einfach ein Bauchgefühl.»
Nicht das erste Mal Kritik wegen des Doppeladlers
Schon im Jahr 2012 hagelte es Kritik, als Shaqiri nicht nur die Schweizer Flagge, sondern auch die kosovarische und die albanische auf seine Fussballschuhe sticken liess. Shaqiri versteht das nicht. «Das ist einfach meine Identität. Das Schöne an der Schweiz ist doch, dass das Land Menschen willkommen heisst, die aus Krieg und Armut kommen und ein besseres Leben suchen.»
Die Schweiz habe Seen und Berge. «Aber die Schweiz hat auch den Park, in dem ich mit den Türken, den Serben, den Albanern, den Afrikanern, den Mädchen und den deutschen Rappern gespielt habe. Die Schweiz ist für alle da.» Deshalb habe er an der WM nun die Schweizer Flagge, aber auch die kosovarische an seinen Schuhen.
«Nicht wegen der Politik. Aber weil die Flaggen die Geschichte meines Lebens erzählen.»