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Wie hat sich in der Schweiz die gesamtwirtschaftliche Kaufkraft im Vergleich zur Arbeitsproduktivität seit 1990 entwickelt? Gab es allenfalls Zeitabschnitte, während denen die Produktivität stärker zugenommen hat als die Kaufkraft der Arbeit oder umgekehrt? Bei der Beantwortung dieser Frage geht es letztlich um den alten Konflikt um die Entlohnung der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital. Steigt nämlich die Kaufkraft stärker als die Produktivität, dehnt sich die Lohnquote (Anteil der Lohnsumme an der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung) zulasten der Entlohnung des Kapitals aus. (Dies gilt streng genommen nur, wenn sich das allgemeine Preisniveau und der Konsumdeflator parallel entwickeln, was hier tatsächlich zutrifft). Umgekehrt profitiert das Kapital, wenn das Wachstum der Lohnsumme der allgemeinen Produktivitätsentwicklung hinterherhinkt.
Produktivität und Kaufkraft langfristig im Gleichschritt
Die Grafik zeigt den Verlauf der um den Konsumdeflator und die Anzahl Erwerbstätiger bereinigten Lohnsumme, also die Kaufkraft des Lohnes einerseits und anderseits die reale Arbeitsproduktivität gerechnet als die um die Steuern und Subventionen bereinigte reale Bruttowertschöpfung pro Erwerbstätigem. Die vertikalen Balken geben die Differenz zwischen den beiden in Prozent wieder.
Es fällt auf, dass die beiden Kurven sehr eng und beinahe parallel verlaufen. Praktisch die ganzen 1990er Jahre hindurch übersteigt das Produktivitätswachstum den Kaufkraftzuwachs. Um die Jahrtausendwende folgen bis 2002 vier Jahre mit entgegengesetztem Trend. Zwischen 2005 und 2008 verlief die Entwicklung der beiden Indikatoren bemerkenswert harmonisch, bevor 2009 die Kaufkraft die Produktivität überholte und dann 2010 wieder die Produktivität stärker zulegte als die Kaufkraft.
Abweichung in Krisenzeiten
Besonders die Periode von 2009 und 2010 ist insofern aufschlussreich, als es sich dabei um Jahre handelt, in denen das Wirtschaftswachstum tendenziell schwach bzw. sogar rückläufig war und die Arbeitslosigkeit eher zunahm. Dabei haben die Unternehmen angesichts einer rückläufigen Wertschöpfung tendenziell Arbeit gehortet, was sich in einem Rückgang der Arbeitsproduktivität niederschlug. 2009 blieb somit dank der Ausweitung der Kurzarbeit die Kaufkraft erhalten, was aber klar zu Lasten der Produktivität ging. Als Folge davon ist die Lohnquote leicht gestiegen, von 62.5% (2007) auf 65.6% (2009). Der langfristige Durchschnitt der Lohnquote betrug rund 64%.
Insgesamt zeigt der Vergleich der Entwicklung von Kaufkraft und Produktivität über die vergangenen 20 Jahre für die Schweiz ein wenig konfliktgeladenes Verhältnis der beiden Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital. Es zeigt sich vor allem, dass die Sozialpartner in konjunkturellen Abschwungphasen eine höhere Beschäftigung zu Lasten der Produktivitätszuwächse bevorzugen, während sie sich im Gegenzug in konjunkturellen Aufschwungphasen hinsichtlich der Kaufkraftentwicklung eher zurückhalten und sich in Lohnmässigung üben.