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Freiheit. Hätte ich gewusst, wie viele Fragen auftauchen werden, als ich mich entschloss, über Freiheit zu schreiben, dann hätte ich es bleiben lassen.
Es ist vorstellbar, diesen Begriff zu beschreiben, außerordentlich lange und unendlich ausführlich, unendlich komplex oder aber auch simpel, jedoch wird es nicht, so scheint es mir, möglich sein, den Begriff „Freiheit“ einheitlich zu definieren, denn eine solche Definition könnte uns wegen so mancher unauflösbaren ethischen und politischen Widersprüche möglicherweise auch gleich in mehrere Sackgassen führen. Zumindest habe ich keine Einheitlichkeit gefunden.
Was ist Freiheit? Welche Arten von Freiheit gibt es? Was versteht man unter Handlungs-, was unter Willensfreiheit? Ab wann ist der Mensch frei? Ist es überhaupt möglich, vollkommen frei zu sein? Was schränkt unsere Freiheit ein? Kann ich frei sein, obwohl ich mich gewissen Regeln beugen muss? Bedeutet das beträchtlichste Maß an Freiheit automatisch das höchste Maß an Glück?
Die Freiheitlichkeit des Einen hört dort auf, wo die Freiheit des Anderen beginnt. Und das belegt, dass ein Zustand der vollkommenen Freiheit in unserer Welt und Gesellschaft nicht möglich ist, aufgrund von Moral, Ethik und Respekt anderen gegenüber. Irgendwo wird eine Grenze gezogen, sonst ist ein friedliches und langfristiges Zusammenleben nicht möglich.
Daneben wirft die bloße Tatsache, dass „Freiheit“ etwas Fragliches ist, schon per se ein Problem auf, und zwar ein ganz pragmatisches Problem. Einerseits nämlich fragen wir uns, was ein freies Leben sein und wie es aussehen könnte, was wiederum das Eingeständnis bedeutet, dass wir über kein stimmiges, umfassendes Konzept verfügen. Andererseits aber setzen wir „Freiheit“ nonchalant als einen unserer zentralen Werte, besetzen ihn mir nichts, dir nichts, ausschließlich positiv und vertreten ihn lauthals in aller Welt.[i]
So weit, so gut könntest du denken und fragen, was machen wir denn aus dieser Einleitung? Nun, ich werde nachfolgend ein paar Gedanken, die mir stimmig erscheinen, mit dir teilen. Dabei konzentriere ich mich auf jene Freiheit, die in meiner Welt jedes Individuum hat, und zwar im Sinne von Wahlmöglichkeit. Dabei bietet sich mir an, mit Anleitungen zum unfreien Leben zu beginnen.
Wege zum unfreien Leben
- Zum Wählen und Entscheiden gehört Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Einfacher ist es, wenn man folgende Hinweise beachtet:
- Lenke deine Aufmerksamkeit stets und nur auf Dinge, die du nicht beeinflussen kannst.
- Stelle klare Forderungen an dein Leben und erwarte gänzliche Sicherheit für dich.
- Deine Wünsche sind alle rechtmäßige Forderungen an das Leben.
- Konzentriere dich auf deine Schwächen und Unzulänglichkeiten.
- Denke in Zwängen und nicht in Optionen und Möglichkeiten.
- Erlaube dir erst dann glücklich zu sein, wenn du alle Ziele erreicht hast und deine Forderungen (ans Schicksal) erfüllt sind.
- Warte auf ein Geschenk vom Leben.
Forderungen
Manche Menschen haben sehr wohl konkrete Vorstellung von einem „wirklichen Leben“. Es sind Vorstellungen von mehr Sicherheit und Gesundheit, von besseren Lebensumständen (andere Partner, andere Berufe, mehr materielle Mittel usw.), von Leidensfreiheit, von der Macht zur raschen und problemlosen Durchsetzung des eigenen Willens – kurzum, es sind Vorstellungen, die um die Realisierung von Wünschen und selbst gesteckten Zielen kreisen, und oft nehmen sie den Charakter von Forderungen an.
Ihr jetziges Leben ist in den Augen dieser Menschen bestenfalls (sofern sie noch nicht resigniert haben) eine Vorstufe zum eigentlichen Leben, das hoffentlich irgendwann einmal kommen wird. Derzeit leben sie in einem Provisorium und was sie jetzt tun, ist nicht wirklich wichtig, denn ihr eigentliches Leben hat ja noch nicht begonnen.[ii]
Wählen
Wenn Menschen über Freiheit nachdenken, dann kommt naheliegenderweise die Wahlfreiheit im Alltag zur Sprache. Man kann sicherlich wählen, wo man seinen Urlaub verbringt, was es zum Abendessen gibt, was man am Wochenende machen will, mit wem man spricht und über was man redet …
Aber ist das das ganze Leben? Oder gibt es noch etwas Wesentlicheres? Wenn ich wähle und damit „Ja“ sagen kann, dann bin ich nur dann frei, wenn ich auch „Nein“ sagen könnte. Unsere Freiheit in diesem Kontext ist eine menschliche und keine absolute, also eine bedingte Freiheit, eine Freiheit mit Grenzen. Wir sind nicht allmächtig. Aber wir haben immer die Freiheit, das Wertvolle vom weniger Wertvollen zu unterscheiden:
- Was berührt mich im Leben, was spricht mich an?
- Was oder wem wende ich mich gerne und spontan zu?
- Gebe ich dem (genug) Bedeutung, was mich innerlich ergreift?
- Gibt es etwas Schönes, das in dieser Stunde in dieser Situation da ist, vielleicht einmalig ist?
- Was kann ich in der gegenwärtigen Situation Wertvolles (für mich) tun?
- Bei unabänderlichen Situationen:
- Welche Sichtweise bringt mich weiter?
- Welche Sichtweise schränkt mich ein?[iii]
Fazit
Mit der Freiheit ist es so eine Sache. In Bezug auf das Leben ist es entweder sie gestalten oder die Freiheit bestehen lassen. Die Zukunft kennt keiner. Aber im Moment haben wir die Freiheit, für uns zu entscheiden, „wofür“ ich etwas mache und „was“ ich daraus entwickle. Damit entsteht Gestaltungs- und Handlungsraum und wie ich die Sache betrachte, ist meine Freiheit.
In der Zeit, als in Chartres die Kathedrale gebaut wurde, kam ein Wanderer des Weges und sah einen Mann am Straßenrand sitzen und einen Stein behauen. Er blieb stehen, schaute ihm eine Weile zu und fragte ihn dann, was er da mache? – „Siehst du es nicht? Ich behaue Steine!“
Verständnislos ging der Mann weiter. Da stieß er nach einer Weile wieder auf einen Mann, der dasselbe tat. Auch ihn fragte er, was er da mache. – „Ich mache Ecksteine.“
Verwundert setzte er seinen Weg fort. Als er nach einigen Schritten erneut auf einen Mann traf, der auch im Staube saß und so wie die anderen Steine behaute, fragte er achselzuckend: „Machst du vielleicht auch Ecksteine?“ – Da blickte der Mann auf, wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte: „Ich baue an einer Kathedrale“.[iv]