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KolumneHappy Snapping
Kolumne
Leyla Feiner, 20. Mai 2016
«Das müssen wir ins Netz stellen!» war uns allen schnell klar. Wir hatten etwas erreicht, dass niemand für möglich gehalten hatte. Nicht etwa draussen auf dem Fussballfeld oder mit einer politischen Aktion, sondern zuhause vor dem Computer – als Team im Computerspiel «Guild Wars 2». Dafür wollten wir selbstverständlich die Anerkennung der anderen Spieler.
Das sollte sich als ganz schlimmer Fehler herausstellen.
Ich wurde als «abscheulich» beschimpft und erhielt viel weniger Lob und Anerkennung, als ich mir insgeheim erhofft hatte.
Ich schrieb einige Sätze, verlinkte das Video, das unser beeindruckendes Spiel zeigte und postete das Ganze im meistbesuchten Forum. Dann ging ich zur Arbeit. Es dauerte keine 10 Minuten, bis der erste Kommentar eintrudelte: «Du bist der lebende Beweis, dass auch kacke Spieler den Boss besiegen können.» Ein paar Stunden später hatte mein Video gut 2000 Klicks, zehnmal so viele wie die anderen – und eine 70%-Dislike-Rate.
Dutzende wohlmeinende Ratschläge, wie ich mein Spielen verbessern könnte, prasselten auf mich herab. Ich wurde als «abscheulich» beschimpft und erhielt viel weniger Lob und Anerkennung, als ich mir insgeheim erhofft hatte. Die Kommentatoren konzentrierten sich mehrheitlich auf einen nebensächlichen Fehler von mir und ignorierten die grossartige Leistung unseres Teams komplett.
Das machte mich wütend. Ich hatte etwas geleistet, das die Kommentatoren alle nicht geschafft hatten, wurde aber als schlechte Spielerin beschimpft. Ich versuchte zu erklären, warum ich gewisse Dinge im Spiel so gemacht hatte, aber es wurde mir schnell klar, dass alles nach einer Ausrede tönen würde.
Sobald das Gegenüber einen kleinen Fehler macht, auch wenn er überhaupt nicht relevant ist, kann man dessen Meinung für immer ignorieren.
Es war nicht mein erster Tag im Internet und diese Art von Kommentaren entstehen aus einem menschlichen Reflex. Wer schon einmal eine Meinungsverschiedenheit mit jemandem gehabt hat, kennt das. Sobald das Gegenüber einen kleinen Fehler macht, auch wenn er überhaupt nicht relevant ist, kann man dessen Meinung für immer ignorieren. Jemand meint, Sydney sei die Hauptstadt von Australien? Ich muss seine Meinung über Programmiersprachen nicht mehr ernst nehmen, er ist eh blöd.
Am nächsten Abend erkannten mich Wildfremde im Game und machten sich über mich lustig. Monate später trat ich gegen einige Spieler an, die zur respektierten Cervelat-Prominenz des Games gehören, – und sie erinnerten sich alle an mein Video.
Ich nahm es nicht so tragisch, machte mich auch lustig über mich und hatte Spass. Und insgeheim dachte ich mir: «Wer seinen ersten Shitstorm über so ein triviales und unpersönliches Thema erleben darf, ist sicherlich privilegiert.»
Leyla Feiner wollte eigentlich Indogermanisch studieren. Jetzt lernt sie Mediamatikerin bei Swisscom. Sie berichtet über ihre digitale Freizeit und ihr Arbeitsleben bei Swisscom.