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Eine 15-jährige talentierte ukrainische Turnerin lebt zum Trainieren in der Schweiz, während ihre Mutter in der Heimat bleibt, wo die Maidan-Proteste wüten. Der Schweizer Filmemacher Elie Grappe hat mit seinem Spielfilm «Olga» ein hochaktuelles, spannendes Drama realisiert – das leider den aktuellen Putin-Krieg in tragischer Weise vorwegzunehmen droht.
Olga wird aus Sicherheitsgründen von der Mutter in die Heimat ihres verstorbenen Vaters in die Schweiz geschickt, wo sie in Magglingen mit dem Schweizer Nationalkader trainiert, um an der bevorstehenden Europameisterschaft zu gewinnen. Dann bricht in Kiew der Euromaidan-Aufstand aus, in dem ihre Mutter als engagierte Journalistin bedroht und schliesslich angegriffen wird. Für Olga beginnt eine fast nicht zu ertragende Situation! – Der Film «Olga» wurde an verschiedenen Festivals ausgezeichnet und hat es auf die Longlist für die Oscar-Verleihung 2022 in der Kategorie «Bester internationaler Spielfilm» gebracht.
Üben bis an die Leistungsgrenze
Persönliche Vorbemerkung
Wenn wir schon ohnmächtig sind angesichts des Irrsinns, der sich anbahnt, und des Leids, das unschuldigen Menschen droht, möchte ich Sie mit dem nachfolgenden Text ermuntern, den Film «Olga» des Schweizers Elie Grappe mit der ukrainischen Turnerin Anastasia Budiashkina anzuschauen und so wenigstens zwei Stunden lang, vielleicht auch länger, am Elend der Menschen in Ukraine zu verweilen. Am Film herumdiskutieren, scheint mir deplatziert. Den Film zu würdigen, überlasse ich jeder und jedem Einzelnen im Publikum, enthalte mich weiterer Äusserungen und verweise auf die nachfolgenden Anmerkungen des Regisseurs.
Anastasia Budiashkina ist die Turnerin und Protagonistin im Film
Anmerkungen des Regisseurs
Ende 2015 war ich an der Produktion eines Kurzfilms beteiligt, welcher durch das Medium des klassischen Tanzes dokumentarisch ein Orchester in der Welt der Konservatorien begleitete. Ich filmte eine ukrainische Geigerin, die kurz vor dem Euromaidan-Aufstand in die Schweiz gekommen war. Die Ratlosigkeit, mit welcher sie mir von der Revolution erzählte, und die Art und Weise, wie die Ereignisse sie erreicht hatten, haben mich zutiefst berührt. Darin fand ich die Ausgangslage für die verschiedenen Motive, die mich für meinen ersten Spielfilm interessierten: die Leidenschaft einer Teenagerin, Körper in Bewegung sowie die Darstellung, individuelle Herausforderungen den Kollektiven gegenüberzusetzen. Ich wollte eine Verbindung zwischen geografischen und intimen Grenzen erforschen. Zudem wollte ich einen Film über das Leben im Exil drehen, wo sich die Heldin nicht zugehörig fühlt, zwischen Loyalität zweier Nationalitäten hin- und hergerissen ist und sich mit einer geopolitischen Situation konfrontiert sieht, die sie überfordert. Wie kann sie ihre persönlichen Wünsche mit den politischen Ereignissen in Einklang bringen?
Turnen verkörpert, wie Musik oder Tanz, eine Anstrengung, die sehr junge Menschen im Namen ihrer Leidenschaft von sich selbst verlangen können. Es ist ein Sport, der sowohl individuell als auch kollektiv ist, was mit Olgas Dilemma in Resonanz steht. Geräuschintensiv und in ständiger Bewegung ist es eine durchaus cineastische Sportart. Was mich an diesem formalisierten Sport interessiert, ist auch, seine Zwischenräume zu filmen: den Atem vor einer Disziplin, den Blick, das Zögern und die Fehler. Das sind die Momente, in denen man die Verletzlichkeit der Turnerinnen und Turner, d. h. ihre Menschlichkeit, wahrnimmt. Und wo wir uns der Risiken bewusst werden, die sie permanent eingehen. Ich filme eine Disziplin, in der Worte nicht im Mittelpunkt stehen. Olga, die in das Land ihres Vaters geworfen wird, den sie kaum gekannt hat, beherrscht die französische Sprache nur schlecht. Während sie in ihrem Heimatland mit ihrer Mutter oder ihrer Freundin Sasha über Skype gesprächig ist, reiht sich gegenüber den Schweizer:innen ein Versprecher an den anderen. Olga ist ein Teenie: Es ist das Alter, in dem die Identität bis ins Fleisch hinein getrübt ist, da sich der Körper verändert. Gleichzeitig ist es der Höhepunkt einer Karriere als Turnerin.
Der Euromaidan ist für mich eine besonders interessant zu beobachtende Revolution: Die Demonstrant:innen kamen aus allen politischen Lagern und allen sozialen Schichten. Inmitten einer so zerklüfteten Gesellschaft war dies ein unerhörter Ansturm von Solidarität. Um dies darzustellen, verwendete ich ausschliesslich Videos, die von den Demonstrant:innen selbst mit ihren Handys und mitten im Geschehen aufgenommen wurden. Ich war gefangen von der Intensität, der Präsenz der Körper in diesen Bildern, die eine kollektive Dringlichkeit der Aufmerksamkeit widerspiegeln.
Von der Schweiz aus, wo Olga trainiert, wird sie von den Bildern ihrer Heimatstadt überwältigt, die sie nicht mehr wiedererkennt. Sie, die sich als überragende Sportlerin sieht, entdeckt, dass sie den Ereignissen, die das Leben ihrer Mutter und ihrer Verwandten überschatten, völlig hilflos gegenübersteht. Als diese Videos in ihren Alltag als Turnerin einbrechen, findet sich Olga in einer schwebenden Welt wieder, einem Raum zwischen zwei Welten, der in ständiger Spannung steht. Diesen Konflikt inszeniert der Film.
Die Schweiz ist der Ort, an dem Olga am sichersten ist und der gleichzeitig am weitesten von dem entfernt ist, was in ihrer Heimat passiert. Die Eidgenossenschaft, die im Zentrum Europas liegt, ohne Teil davon zu sein, beansprucht eine Neutralität und Distanz, die Olga nie haben kann. Magglingen, der eigentliche Trainingsort des Schweizer Olympiakaders, liegt oberhalb von Biel. Es handelt sich um ein kleines, sehr geschlossenes Bergplateau, eine Klausur unter freiem Himmel, wo der Winter ebenso schön wie beängstigend ist. Mit dieser gedämpften, geschützten Natur werden die Bilder von Euromaidan im Laufe des Films konfrontiert. Olga hat nur ihre Leidenschaft für das Turnen, an der sie sich festhalten kann. Sie befindet sich in der Probezeit für das Schweizer Team, und wenn sie in das Team aufgenommen werden will, muss sie dessen Nationalität annehmen. Den Ukrainischen Pass würde Olga damit verlieren, da die Ukraine keine Doppelbürgerschaft zulässt. Aber will Olga wählen?
Anastasia Budiashkina verkörpert im Film Olga. Sie ist der Schlüssel zu den Emotionen des Films. Für sie, wie auch für alle anderen Rollen der Turnerinnen, wollte ich nicht mit professionellen Schauspielerinnen arbeiten. Ich musste versuchen, die Wahrheit der Darstellerinnen einzufangen: Deshalb wählte ich junge Eliteathletinnen, die an die Risiken des Trainings, das Leben in einem Zentrum und die sich das Spektakel einer Meisterschaft gewöhnt waren. Die Dolmetscherinnen von Olga und Sasha sind Mitglieder der Reserve-Nationalmannschaft in der Ukraine. Die Coaches und mehrere Athlet:innen, insbesondere Steffi und Zoe, sind Teil der Schweizer Nationalmannschaft. Ich habe sie alle während des Schreibens getroffen. Ihre Aussagen haben das Drehbuch bereichert und präzisiert, auch wenn die Figuren fiktiv geblieben sind.
Was mich an diesen jungen Sportlerinnen interessierte, war die Diskrepanz zwischen ihrem Ideal der Perfektion und dem, was sie ausserhalb ihres Sports sind: emotionale Teenager mit ihren Stärken, ihren Ängsten und ihren widersprüchlichen Wünschen. Sie haben mir ihr Vertrauen geschenkt und die langen Dreharbeiten mit unglaublichem Mut durchgestanden. Auf der Bühne bat ich die Darstellerinnen, sich mit ihren eigenen Worten, Gefühlen und Reaktionen in die Situationen hineinzubegeben. Meine Arbeit bestand darin, den Raum anzubieten, in dem sie frei waren, mich zu überraschen und den Figuren lebhaftere und mehrdeutigere Farben zu verleihen, als ich sie mir vorgestellt hatte.
Das Filmen von Hochleistungssportlerinnen und -sportler erfordert eine besondere Anordnung, die ihre enormen körperlichen Anstrengungen respektiert. Die Dreharbeiten für die Turnszenen wurden an den Trainingsrhythmus angepasst. Die Fiktion fügte sich dann in quasi-dokumentarische Situationen ein. Das Schreiben begann 2016. Im Jahr 2020 wurden die Dreharbeiten durch die Pandemie unterbrochen und schliesslich neun Monate nach ihrem Beginn beendet. Heute endlich freue ich mich sehr, «Olga» an die Öffentlichkeit bringen zu können.
Titelbild: Training der Eliteturnerinnen in Magglingen