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Nandu
Rhea americana
© 1993 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Vögel sind Flugwesen, und die meisten ihrer körperlichen Besonderheiten - so etwa das Federkleid - lassen sich nur in Zusammenhang mit ihrem Flugvermögen verstehen. Doch es gibt auch flugunfähige Vögel. Unter ihnen sind - neben den Pinguinen - sicher die Laufvögel die bekanntesten.
In manchen ihrer Merkmale sind die Laufvögel urtümlicher als die anderen heute lebenden Vögel. Früher dachte man deshalb, sie seien «Überbleibsel» aus einer Zeit, da die Vögel das Fliegen noch nicht «erfunden» hatten. Das stimmt jedoch nicht: Ihre Flügel unterscheiden sich hinsichtlich ihres Baus nicht grundsätzlich von dem der flugfähigen Vögel, sondern stellen lediglich verkümmerte «Flugwerkzeuge» dar. Ausserdem weisen ihre Flügel Schwung- und Deckfedern auf wie bei den «normalen» Vögeln. Die Laufvögel stammen deshalb ohne Zweifel von flugfähigen Ahnen ab. Wahrscheinlich haben sie ihr Flugvermögen im Zusammenhang mit ihrer zunehmenden Körpergrösse verloren. Flugfähige Vögel dürfen nämlich aufgrund physikalischer Gesetzmässigkeiten höchstens ungefähr zwanzig Kilogramm wiegen - eine Gewichtsgrenze, die beispielsweise beim Höckerschwan (Cygnus olor)
oder bei der Grosstrappe (Otis tarda)
erreicht ist.
Sozusagen um den Verlust der Flugfähigkeit wettzumachen, haben sich die Laufvögel - der Name sagt es - im Laufe ihrer Stammesgeschichte zu Rennläufern entwickelt mit langen und sehr kräftigen Beinen, die sie in Notfällen mit grosser Geschwindigkeit aus dem Gefahrenbereich zu tragen vermögen. Interessanterweise haben sie zur Erhöhung der Renngeschwindigkeit die Zehenzahl auf drei oder gar zwei Zehen je Gliedmasse reduziert - genauso, wie es die Rennläufer unter den Säugetieren, die Huftiere, getan haben. Solch gleichgerichtete Entwicklung bei miteinander nicht verwandten Tiergruppen heisst «Konvergenz» - und hat die früheren Wissenschaftler bei der verwandtschaftlichen Gliederung des Tierreichs mehr als einmal irregeführt...
Grösster Vogel Südamerikas
Die Ordnung der Laufvögel wird gewöhnlich in fünf Familien gegliedert: erstens die Strausse mit nur einer Art, dem in Afrika heimischen Strauss (Struthio camelus)
, zweitens die Emus mit ebenfalls nur einer Art, dem in Australien lebenden Emu (Dromaius novaehollandiae)
, drittens die Kasuare mit drei Arten (Casuarius spp.)
auf Neuguinea und in Australien, viertens die Kiwis mit ebenfalls drei Arten (Apteryx spp.)
auf Neuseeland, und fünftens die Nandus mit zwei Arten in Südamerika, dem Darwin-Nandu (Pterocnemia pennata)
und dem «gewöhnlichen» Nandu (Rhea americana)
, von dem hier die Rede sein soll.
Der Nandu ist mit einer Scheitelhöhe von 130 bis 150 Zentimetern, einer Rückenhöhe von ungefähr 100 Zentimetern und einem Gewicht von 20 bis 25 Kilogramm zwar deutlich kleiner als sein afrikanischer Vetter, der Strauss (bei dem die männlichen Tiere gewöhnlich etwa 250 Zentimeter hoch und ungefähr 110 Kilogramm schwer sind). Er übertrifft aber seinerseits klar sowohl den Darwin-Nandu als auch den Anden-Kondor (Vultur gryphus)
und ist damit unbestritten der grösste Vogel der Neuen Welt. Wobei diese «Ehre» vor allem den Männchen zukommt, denn wie beim Strauss sind auch beim Nandu die Hähne im Durchschnitt etwas grösser als die Hennen.
Das Federkleid des Nandus ist sehr «flauschig», da die beiderseits des Federschafts abzweigenden Federästchen nicht durch Häkchen miteinander verbunden sind und somit keine festen Fahnen bilden, wie es bei den flugfähigen Vögeln der Fall ist. Für einen fluguntüchtigen Vogel sind die Flügel aber überraschend lang und erreichen eine Spannweite von bis zu 250 Zentimetern. Gewöhnlich trägt sie der Nandu wie einen Umhang über den Rumpf gefaltet. Während der Balz stellt er sie aber bei seinen komplexen «Tanzdarbietungen» imposant zur Schau. Und bei Gefahr setzt er sie ein, um erstaunlich kurze Haken zu schlagen: Dazu hebt er in vollem Lauf den einen Flügel und senkt den anderen, wodurch eine ähnliche Steuerwirkung entsteht wie die der Querruder eines Flugzeugs. Der grosse Vogel kann auf diese Weise plötzliche und extreme Richtungswechsel vornehmen.
In den Pampas zu Hause
Die Heimat des Nandus sind zur Hauptsache die «Pampas», das heisst die offenen, weiten Grasländer Südamerikas - vom nordöstlichen Brasilien südwärts bis ins zentrale Argentinien, und von Meereshöhe bis in Höhen von 2000 Metern ü.M. Aber auch in Waldrandzonen und buschdurchsetzten Regionen trifft man ihn an. Hingegen meidet er dichte Wälder sowie das Gebirge. Hierin unterscheidet er sich deutlich von seinem kleineren Bruder, dem Darwin-Nandu: Als ein Bewohner kälterer Gebiete kommt dieser nicht nur in den Pampas-Grasländern Patagoniens vor (wo der Nandu fehlt), sondern auch in den Puna-Hochsteppen der peruanischen und chilenischen Anden in Höhen von teilweise bis zu 4000 Meter ü.M.
Hinsichtlich seiner Ernährung erweist sich der Nandu als echter «Generalist»: Gräser und Kräuter aller Art, welche zwischen den hohen Pampasgräsern reichlich wachsen, bilden seine bevorzugte Nahrung. Er verschmäht aber auch Früchte und Samen nicht. Und er verspeist ferner gern Heuschrecken und andere grosse Insekten sowie Frösche, Eidechsen und Nagetiere, sofern er ihrer habhaft werden kann.
Bei der Nahrungssuche schreitet der grosse Vogel gemächlich durch sein Wohngebiet und pickt während des Gehens ständig mit seinem Schnabel nach irgendwelchen Futterdingen. Kleintiere packt er jeweils mit einem blitzschnellen Vorwärtsruck seines langen, gebogenen Halses.
Hähne sind Alleinerzieher
Lockere, mehr oder weniger sesshafte Trupps von gewöhnlich 10 bis 30, manchmal auch bis zu 100 Vögeln bilden die Nandus ausserhalb der Fortpflanzungszeit. Während der Brutzeit, welche in die Monate September bis Dezember fällt, splittern sich diese Trupps dann in Kleingruppen auf, die gewöhnlich aus einem Hahn und fünf bis zehn Hennen bestehen. Denn sobald die Brutsaison beginnt, werden die Männchen territorial und vertreiben alle Nebenbuhler aus ihrem Revier, während sie gleichzeitig mittels vielfältiger Balzrituale versuchen, einen möglichst grossen «Harem» von Weibchen um sich zu scharen. Verwegene Laufspiele mit gesträubtem Gefieder, elegantes Hin- und Herpendeln des Halses und vieles mehr ist dann zu sehen. Zu dieser Zeit lassen die balzenden Männchen auch häufig den tiefen, weittragenden Ruf «nan-du»
verlauten, dem die Vögel ihren Namen verdanken.
In der Folge zeigt sich, dass die Nandumännchen «aufopfernde» Väter sind, denn ihnen ganz allein obliegt nicht nur der Nestbau, sondern auch das Ausbrüten der Eier und die Aufzucht der Jungen - eine in der Tierwelt nicht allzu häufige Sache.
Nach Abschluss der Balzrituale und nach erfolgter Paarung mit seinen «Haremsdamen» legt der Hahn an einer vor unerwünschten Blicken gut geschützten Stelle sein Nest an: Es handelt sich um eine flache Mulde im Erdboden mit einem Durchmesser von etwa einem Meter, die er mit trockenem Pflanzenmaterial auslegt und umrandet. Dann führt er die legebereiten Hennen zum Nest, wo nun jede von ihnen während eines Zeitraums von ein bis zwei Wochen ungefähr jeden zweiten Tag ein Ei legt. Befinden sich vier oder fünf Eier im Nest, so beginnt der Hahn mit der Brut. Die jeweils zum Eierlegen bereiten Weibchen kommen weiterhin zum Nest und legen ihr Ei kurzerhand neben dem Männchen ab, das es dann sofort sorgfältig mit dem Schnabel in sein Nest rollt. So sammeln sich gewöhnlich um die 20 Eier an, doch sind auch schon Grossgelege mit bis zu 80 Eiern entdeckt worden. Selbstverständlich kann der Hahn beim Brüten nicht so viele Eier bedecken und somit nicht alle ausbrüten. Deshalb bleibt stets ein gewisser Prozentsatz übrig, in dem sich keine Küken entwickeln. Warum sich die Nandus diesen «Überfluss» an Eiern leisten, ist nicht geklärt.
Wenn die Küken nach einer Brutzeit von gut fünf Wochen aus ihren dickschaligen Eiern schlüpfen, so unterstützt sie das pflichtbewusste Männchen tatkräftig dabei. Die Jungvögel tragen anfänglich ein hellbraunes Federkleid mit dunklen Längsstreifen auf dem Rücken, das sie in ihrem Lebenraum ausgezeichnet tarnt. Davon abgesehen sind sie kleine Ebenbilder ihrer Eltern, können sogleich auf ihren Beinchen umherrennen und picken von Anfang an selbständig nach Nahrung. Während der ersten Lebenstage ernähren sich die Kleinen überwiegend von Insekten, und der Hahn führt sie zu entsprechenden Nahrungsquellen. Doch allmählich folgen sie dem Beispiel ihres Vaters und nehmen ebenfalls Pflanzennahrung zu sich.
Das Nandumännchen verteidigt seinen Nachwuchs entschieden gegen alle Eindringlinge und hält selbst die eigenen Weibchen auf Distanz. Nanduhähne mit Jungen haben im Übereifer auch schon berittene Viehhirten angegriffen, ja in einem Fall sogar ein Kleinflugzeug.
Zuverlässige Wächter
Nach einem halben Jahr haben die jungen Nandus die Grösse ihrer Eltern erreicht, und wenn der südliche Sommer zu Ende geht, sammeln sich die Altvögel mitsamt den Jungen wieder zu grösseren Trupps. Dann vermischen sie sich auch oft mit Rudeln von Pampashirschen (Ozotoceros bezoarticus)
, wobei in erster Linie die Hirsche von dieser Vergesellschaftung zu profitieren scheinen: Das überaus scharfe Sehvermögen der Nandus, gekoppelt mit ihrem hervorragenden Gehör und der Möglichkeit, dank ihres langen Halses und der langen Beine das Pampasgras zu überblicken, machen die Laufvögel nämlich ungewollt zu äusserst zuverlässigen «Wächtern» auch für andere Pampasbewohner. Schon auf grosse Entfernung nehmen sie jeden Feind sofort wahr.
Bei Gefahr vermögen sich die Nandu dank ihrer kräftigen Beine mit den drei grossen, weit spreizbaren Zehen mühelos in kurzer Zeit in Sicherheit zu bringen. Sie «fliegen» dann förmlich mit Geschwindigkeiten von bis zu 50 Stundenkilometern in weichen, «hüpfenden» Zwei-Meter-Sätzen durch die Graslandschaft.
Von Staubwedeln, Brieftaschen und Heiltränken
Wache Sinne und hohe Fluchtgeschwindigkeiten bewirken, dass erwachsene Nandus kaum natürliche Feinde haben. Die einzigen Tiere, welche Nandus schon angegriffen und überwältigt haben, sind der Jaguar (Pathera onca)
und der Puma (Felis concolor)
. Die beiden grossen Raubkatzen sind aber in den südamerikanischen Pampas von Natur aus selten und haben überdies unter der Bejagung durch den Menschen arg gelitten. Unbeaufsichtige Jungnandus fallen etwaigen Raubsäugern und Greifvögeln eher zum Opfer, doch in der Obhut des Hahns sind auch sie weitgehend sicher. So ist der einzige ernstliche Feind des Nandus der Mensch.
Von alters her wird der grosse Laufvogel in seinem ganzen Verbreitungsgebiet vom Menschen bejagt. Früher geschah dies gewöhnlich mit dem südamerikanischen Kugellasso, der boleadora
, in neuerer Zeit mit weitreichenden und zielgenauen Gewehren. Dabei stand und steht keineswegs nur die Jagdleidenschaft des Menschen im Vordergrund: Das Fleisch wird von der ländlichen Bevölkerung gern verzehrt, und auch die Eier, deren Inhalt dem von zwölf Hühnereiern entspricht, werden als Speise geschätzt. Aus den Federn werden überall in Südamerika praktische Staubwedel gefertigt. Und verschiedene Körperteile spielen in der Volksmedizin eine wichtige Rolle. So soll zum Beispiel ein aus getrockneten Teilen des Nandumagens gebrauter Sud gegen Verdauungsstörungen helfen. In jüngerer Zeit hat sich zudem die Nanduhaut zu einer begehrten Ware entwickelt: Als «Straussenleder» dient es zur Herstellung attraktiv genarbter Brieftaschen, Uhrenarmbänder und Damenhandtaschen. Zu diesem Zweck wurden allein aus Argentinien in der ersten Hälfte der achtziger Jahre zwischen 100 000 und 150 000 Nanduhäute exportiert.
Schwer geschädigt hat der Mensch den südamerikanischen Laufvogel ferner durch die fortwährende Erschliessung der südamerikanischen Grasländer für den Anbau verschiedener Kulturpflanzen und die Beweidung mit Rindern, Schafen und anderen Nutztieren. Zum einen wurde dadurch sein Lebensraum immer weiter eingeengt. Zum anderen wurde er als «Nahrungskonkurrent» der Nutztiere verfolgt und aus vielen Gebieten vollständig verdrängt.
Glücklicherweise hat der massive Rückgang der Nandubestände dazu geführt, dass in seinen südamerikanischen Heimatländern diverse Jagd- sowie Ein- und Ausfuhrbeschränkungen - teils im Rahmen des Washingtoner Artenschutzabkommens (WA) - erlassen wurden. Letztere haben den schwunghaften Handel mit Nandufedern und Nanduhäuten auf internationaler Ebene beträchtlich zurückgehen lassen. Grössere Bestände des Nandus kommen im übrigen in einer Reihe grossflächiger Naturschutzgebiete vor, und zudem gibt es insbesondere in Uruguay, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, manchen Grossgrundbesitzer, welcher dem eindrucksvollen Laufvogel wohlwollend gegenüber steht und ihn auf seinen Ländereien in Ruhe leben lässt.
So gilt der «Pampasstrauss» - obschon keine neueren Erhebungen über Grösse und Entwicklung seines Gesamtbestands vorliegen - in Fachkreisen als nicht unmittelbar gefährdet und ist denn auch nicht in der Roten Liste der bedrohten Vogelarten aufgeführt. Unbestrittenermassen verliert der Nandu aber durch die Umwandlung der südamerikanischen Grasländer in Kultur- und Weideland Jahr für Jahr weiteren Lebensraum einbüsst und könnte deshalb längerfristig gesehen durchaus in arge Bedrängnis geraten. Es ist höchste Zeit, dass nebst der verheerenden Zerstörung der südamerikanischen Tropenwälder endlich auch der grossflächigen Vernichtung der Pampas energisch entgegengetreten wird - der Heimat des Nandus und vieler anderer einzigartiger Lebewesen.
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