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Wer Trainspotting (1996) oder Slumdog Millionaire (2006) des englischen Drehbuchautors, Produzenten und Regisseurs Danny Boyle kennt, der wird durch seinen neuen Film sicher mehr verunsichert sein. Boyle zerbröselt seine Geschichte in eine Unzahl von Einstellungen aller Art, sodass der Zuseher selbst in eine Art Trance verfallen kann, wenn er seine Aufmerksamkeit nicht zu disziplinieren weiss. Traum und Realität gehen eine Bildsymbiose ein, die dem Geschehen eine schwer nachvollziehbare Struktur verleiht, weil diesem seine eigene Kommentierung inhärent ist. So als ob man sich mit der für die nähere Zukunft propagierten Google Glass-Brille – bei der sich reales Bild und virtuelle Einblendung überlagern – dem visuellen und auch aufdringlich tönenden Ereignis hingeben würde. Dabei ist die Introduktion des Films uns Zusehern noch gnädig und entwirft eine überschaubare Handlung: Bei einer prominenten Auktion mit millionenschweren Bildern im Angebot vernebeln plötzlich Rauchwolken das Bietgefecht und machen einen Bilderraub möglich. Ein relativ konventioneller Start für die folgende Reflexion über Bilder und die Psychoanalyse, die nicht nur die Grundlage für eine eher dem Trivialfilm zuzuordnende Story bilden: «I wanted to try and update the whole noir idea. I wanted to occupy that world but in a modern context.» (Boyle)
Das Gemälde, das der Kunstauktionator Simon mit Hilfe einer kriminellen Bande während der erwähnten Versteigerung stiehlt, ist Francisco Goyas über 27 Millionen Dollar bewerteter «Hexenflug» von 1789. Und dieses Bild ist für Boyle schon die Grundlage für seine Story, wenn er das surreale Geschehen im Bild für seinen Film in Beschlag nimmt: «Goya is thought of as the father of modern art because he stepped inside the mind. And in “Witches in the Air” we see a man hiding beneath a blanket and I felt very strongly that this was James MacAvoy’s character Simon.» Die Realität in Schöpfungen berühmter Künstler soll auch die wiederholte Analyse des Rembrandt-Gemäldes «Christus im Sturm auf dem See Genezareth» von 1633 deutlich machen, das schon 1990 in Boston gestohlen wurde und bis heute nicht mehr aufgetaucht ist. Rembrandt soll sich als Mitglied der Bootsbesatzung ein Denkmal gesetzt haben.
Doch zurück zur Handlung, deren Ausgang uns genauso überraschen wird oder soll wie zum Beispiel auch bei Steven Soderberghs Side Effects. Simon hat während des Raubs von Bandenchef Franck einen solch heftigen Schlag auf den Kopf erhalten, dass er sich nicht mehr erinnern kann, wo er das Gemälde deponiert hat. Trotz Folter – ihm werden die Fingernägel ausgerissen, was uns Zuseher selbst Schmerzen bereitet – streikt die Erinnerung. Also beschliesst Franck, Simon von einer Psychotherapeutin analysieren zu lassen, damit dieser in künstlich erzeugten Traumzuständen auf die Spur des Verstecks kommt. In den Sitzungen mit Elizabeth Lamb erleben wir Einblicke in Realitäten und Traumwelten, die uns allzu oft nicht mehr unterscheiden lassen, ob Fakten erzählt werden oder die Phantasien Oberhand gewinnen oder ob Elizabeth nicht doch die Aussagen vorgibt. Gar manches Mal meint man aus der Geschichte katapultiert zu werden und ganz andere Geschehnisse zu verfolgen, wenn wir der erotischen Zuneigung durch Simon oder Franck zu Elizabeth ansichtig werden oder diese gar in voller schöner Nacktheit bewundern dürfen, weil doch Produzent Christian Colson vermutet: «Goya was the first to paint the nude as he saw it.» Fast unglaublich, welche Assoziationen ein Gemälde auslösen kann. Drehbuchautor John Hodge: «There’s a great deal of overt violence in Goya’s work, and that was very fitting to this story.»
Die Analytikerin hat für Boyle ihren Stellenwert als Frau, die ihre Wertschätzung nicht durch einen Kerl, dem sie anhängt, gewinnt, sondern eine eigenständige Persönlichkeit ist. Und da Simon trotz handlungsträchtiger Rolle etwas farblos gerät, bleiben uns als für das Geschehen wichtige Protagonisten eher Elizabeth und Franck im Gedächtnis. Die Auseinandersetzung mit Hypnose, die spektakuläre Bildeinfälle zeitigt, sozusagen visuell herausfordert mit schnellen und assoziativen Impressionen, verdankt sich dann doch eher moderner High-Speed-Technik, beinhaltet aber trotzdem das Bewusstsein der Wende vom neunzehnten ins zwanzigste Jahrhundert. Die Mixtur, deren Bildeinfälle und erzählerische Voraussetzungen uns einen Goya in Permanenz weismachen wollen, mit der intellektuell aufgefrischten einfachen Form des Thrillers, erweist sich mehr oder weniger als Augentäuschung mit den Mitteln der Theatralik. Boyle und seine Crew können uns mit ihrem Bildlabyrinth verunsichern, und die oft rätselhafte Handlung bleibt letztlich virulent. Auch wenn Autor Hodge meint: «The protagonists are trapped in a puzzle of their own making. The challenge for them – and the fun for the audience – is to try and solve that puzzle.»
Und es bleibt auch in Erinnerung, welch bestimmende Rolle der Musik zukommt, die die Bildeinfälle manchmal mit gewaltigem Getöse unterstreicht. Boyle war ja künstlerischer Leiter der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 2012 in London, und dabei hat er mit Rick Smith des Techno-Duos Underworld zusammengearbeitet, der ihm nun auch die musikalische Untermalung mit schnellen Beats lieferte, die ebenfalls Trance genannt wird. Wie in einer Hypnosesitzung sollten uns die Personen, das Timbre ihrer Sprache und der Score in die Handlung hineinziehen. Schon ein sehr hypertrophes ästhetisches Unterfangen!