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Integrale Psychologie
Von Freud und Jung über die Humanistische und Transpersonale Psychologie zur integralen Perspektive
Die Psychologie gilt allgemein als eine Wissenschaft, die sich mit dem Seelenleben des Menschen beschäftigt. Aber was ist die Seele, was ist die Psyche? Da gehen die Meinungen weit auseinander. Im Abendland finden sich die Vorstellungen einer Seele schon seit der Bronzezeit. Die Seele war ein "Hauch", eine Art Vitalseele, die mit dem Atem verbunden ist. Der griechische Philosoph Platon (428 - 348 v. Chr.) schrieb der Seele die Fähigkeit zu, unsterbliche Ideen zu erfassen und mit ihrem höheren Teil als Beobachter hinter allem Seienden zu stehen. Er fasste die Seele als ein Bindeglied zwischen der körperlichen äusseren Welt und der Welt des Geistes auf. Im alten Indien war schon lange Zeit vorher ein Seelenprinzip bekannt, das atman oder purusha genannt wurde, und von einem "Ichmacher" (ahamkara) und dem verkörperten Leib als Persönlichkeit (jiva) unterschieden wurde. Im Buddhismus wurde bereits im 3. Jh. die Gesamtheit der psychologischen Lehren im Lehrwerk Abhidharma zusammengefasst. Dort werden 52 Faktoren des Bewusstseins beschrieben, eine Differenzierung, von der unsere heutige Psychologie noch weit entfernt ist. Auch darin nimmt das erleuchtete Bewusstsein (bodhi-citta) den höchsten Stellenwert ein.
Der Wiener Arzt und Psychiater Siegmund Freud (1856 - 1939) war es, der bei uns im Westen als Entdecker des Unbewussten gilt und die Psychoanalyse begründete. Er schrieb über das Lustprinzip und die Verdrängung unerwünschter Inhalte ins Unbewusste, von wo aus sie dann doch in Fehlleistungen und körperlichen Symptomen ihren Ausdruck finden. Freud stand spirituellen Lehren skeptisch gegenüber und verbannte alle Regungen und damit verbundenen Ideen ins Pathologische, weshalb jeder, der sich damit beschäftigte als Esoteriker oder Mystiker verschrien wurde. So z.B. der Schweizer Arzt und Tiefenpsychologe C. G. Jung (1875 - 1961), der anfangs von Freuds Ideen begeistert war, sich dann aber später von ihm abwandte. Er hatte entdeckt, dass sich das Unbewusste auch über kollektive und spirituelle Inhalte (Symbole, Archetypen usw.) mitteilt, die nicht an bestimmte Kulturen gebunden sind, sondern zu allen Zeiten und bei den verschiedensten Völkern zu beobachten sind. Diese Inhalte stammen aus dem Werdegang der Menschheit. Er nannte diese Inhalte Archetypen oder Urbilder. Zu diesen gehören auch die Urbilder eines Selbst, dem er heilende transzendente Funktionen zuschrieb. Oder das Urbild des Alten Weisen, der gerne auf Gurus, Gott und andere Heilsbringer projiziert wird. Oder jene der weiblichen Bilder in der Psyche des Mannes, die er Anima nannte. Oder Bilder einer grossen Weltseele Anima mundi, die sich in vielen Schöpfungsmythen findet. Er entdeckte, dass Mandalas, geometrische Figuren in Träumen und Fantasien, Urbilder sind, um All-Einheit zu realisieren und die Zerrissenheit aufzuheben, die von den widerstreitenden Kräften der Psyche und des Ichs verursacht werden. Der Mensch findet seine Mitte und steht in harmonischer Verbindung zu den Dimensionen des Lebens.
C.G. Jung hat sich in diesem Zusammenhang mit der Alchemie und christlichen Mystik ebenso beschäftigt wie mit den östlichen Texten und Praktiken (z. B. den Yogalehren, dem chinesischen Weisheitsbuch I Ging und buddhistischen Meditationslehren). Er sah im Selbst des Menschen eine höhere Individualität als im funktionalen gewöhnlichen Ich und schrieb ihm heilende, die Gegensätze vereinende Wirkung zu (Transzendente Funktion). Damit wurde er quasi zu einem der ersten Pioniere einer Transpersonalen Psychologie, von der um diese Zeit noch keine Rede war. Seine Analytische Tiefenpsychologie fand in der offiziellen akademischen Psychologie und Psychotherapie keine Anerkennung. Diese orientierte sich mehr und mehr an der empirischen Naturwissenschaft mit ihren messbaren Ergebnissen.
Seit sich die Neurowissenschaft mit der Entstehung des Bewusstseins und dem Ich beschäftigt, ist ein weiterer Wandel eingetreten. Thomas Metzinger denkt, dass die Seele nichts anderes ist, als das von ihm präsentierte Phänomenale Selbstmodell (PSM), ein Konstrukt unseres Geistes, das nur eine virtuelle Existenz hat. Er ist aber aufgeschlossen für alle Fragen, die mit dem naturalistischen Weltbild und den dadurch erzeugten Problemen auftauchen.
Die Psychologie und Psychotherapie hatte sich schon immer wieder neu Kritiken zu stellen. Einige Aussenseiter griffen verschiedene Probleme auf, die bislang in der Psychologie keine Berücksichtigung fanden.
Zuletzt soll auch noch die Parapsychologie erwähnt werden, die sich mit aussersinnlichen Wahrnehmungen, wie Telepathie, Telekinese, Geistererscheinungen und parapsychischen Phänomenen befasst. Mit Hilfe der Neurowissenschaften konnten inzwischen viele Phänomene geklärt werden, die in der Esoterik immer noch zu den Geheimnissen gehören (z.B. Nahtoderfahrungen und sogenannte Austritte der Seele aus dem Körper, Luzides Träumen usw.). Susan Blackmore von der Universität West England hat sich jahrelang damit beschäftigt. Zu den Nahtoderfahrungen schrieb sie: "In Todesnähe zu kommen ruft die Einsicht hervor, dass das Selbst nur eine mentale Konstruktion ist; dass all die Kämpfe, alle Verwicklungen und alles Leiden von dieser künstlichen Konstruktion bedingt sind und dass diese losgelassen werden können. Da war nie ein solides Selbst und da ist auch keines, das sterben kann. Mit dieser Einsicht lässt man die Angst hinter sich und das Leben kann mehr direkt und voll gelebt werden."
Von der Humanistischen zur Transpersonalen und Integralen Psychologie
In den frühen 60er Jahren entwickelten sich von den USA ausgehend neue Psychologien, die es sich zur Aufgabe machten, nicht die Pathologien des Seelenlebens zum Ausgangspunkt ihrer Theorie und Praxis zu nehmen, sondern vor allem gesunde, im Leben erfolgreiche und kreative Menschen zum Forschungsgegenstand zu machen. Auch C. G. Jung hatte bereits entdeckt, dass es im Menschen solche Potentiale gibt. Und dass, wenn sie nicht gelebt werden, für so manche Pathologien verantwortlich sind und beim Menschen Krisen erzeugen.
Einer der ersten Gründerväter der Humanistischen Psychologie ist Abraham Maslow (1908 - 1970). Er ist auch im deutschen Sprachraum durch die von ihm entwickelte Bedürfnispyramide bekannt geworden, nach der die Grundbedürfnisse des Menschen nach oben hin hierarchisch gegliedert sind. Wenn die unteren Bedürfnisse erfüllt sind, entstehen neue Bedürfnisse, z.B. auch die höheren Bedürfnisse nach Kreativität und Selbstverwirklichung. Die Humanistische Psychologie hat ihre weltanschaulichen Wurzeln im Humanismus, im Existenzialismus (Jean-Paul Sartre, Martin Heidegger) und in der Phänomenologie (Edmund Husserl). In seinen letzten Lebensjahren hat Maslow die fünf Stufen der Bedürfnishierarchie um eine sechste Stufe ergänzt, mit dem Bedürfnis nach Transzendenz. Damit wurde er auch zu einem Mitbegründer der Transpersonalen Psychologie.
Weiter zu nennen sind Anthony Sutich (1907 - 1976) und der Psychiater und Psychotherapeut Stanislav Grof (geboren 1931 in Prag), die mit Maslow zusammen 1969 die erste Ausgabe der Zeitschrift Journal of Transpersonal Psychology lancierten. Seit 1995 gibt es auch eine deutsche Zeitschrift für dieses Forschungsgebiet. Weiterhin auch Charles Tart (geboren 1937).
Die in Europa bereits etablierte Jung’sche Psychologie, die Logotherapie von Victor Frankl (1905 - 1997), die Psychosynthese von Roberto Assagioli in Italien (1888 - 1974) und die Initiatische Therapie von Graf Dürckheim (1896 - 1988) gelten heute als europäische Vertreter der transpersonalen Richtung.
Die Transpersonale Psychologie und Psychotherapie richtet sich auf das gesamte Spektrum des Bewusstseins und umschliesst das volle Spektrum geistiger, psychischer und psychosomatischer Störungen. Als integrativer und ganzheitlicher Ansatz geht sie über die konventionellen psychotherapeutischen Ziele und Behandlungsmethoden hinaus und unterstützt besonders das Wachstum der Persönlichkeit jenseits der reifen Ich-Identität. In ihr fliessen Elemente verschiedener humanistischer Therapieverfahren, Körpertherapie, Meditation und andere spirituelle Techniken in die Grundlagenforschung und Therapie ein. Somit sind alle diese Ansätze für unser Thema GEWAHRSEIN wichtig und liefern wertvolle Beiträge.
Im deutschen Sprachraum wird zusammen mit ausländischen Kollegen versucht, die Transpersonale Psychologie zu einer Wissenschaft des Bewusstseins neu zu etablieren. Führende Vertreter sind Prof. Dr. Wilfried Belschner von der Universität Oldenburg, der das Deutsche Kollegium für Transpersonale Psychologie und Psychotherapie gründete und Frau Prof. Edith Zundel sowie Dr. Joachim Galuska, die seit 1995 die Zeitschrift Transpersonale Psychologie und Psychotherapie herausgeben.
Kritiker stossen sich am Begriff transpersonal, der soviel wie "jenseits der Person" bedeutet. Damit kann alles gemeint sein, was unter oder über dem Persönlichen liegt: unten die Steine, oben der göttliche Himmel. Und mit dem Jenseitigen wird auch wieder der Dualismus der Trennung von Materie und Geist eingeführt. Zudem wird hier wieder eine Regel aus dem Konstruktivismus verletzt, dass es nur subjektive Aussagen gibt und wir nichts über jenseits unserer Person liegende Dinge (Transzendenz) wissen können. So ist der Begriff tatsächlich etwas unglücklich gewählt.
Für mich lösen sich diese Fragen mit der ALL-EINHEIT und dem Prinzip des GEWAHRSEINS. Als Prinzip ist GEWAHRSEIN grundlegend und unpersönlich. Es ist nicht jenseits des menschlichen Bewusstseins, sondern voll gegenwärtig, also nicht einmal "nah". Man muss es als unpersönliches Prinzip auffassen und zum Gegenstand der Forschung machen.
In den letzten Jahren interessieren sich aber auch Neurobiologen für die transpersonalen Dimensionen des Bewusstseins. So wurden inzwischen schon zahlreiche Untersuchungen an Langzeitmeditierenden und Spiritualität praktizierenden Menschen (Mönche und Nonnen) durchgeführt, die von grossem Interesse sind. Für die Entwicklung einer neuen Bewusstseinskultur kommen deshalb auch erhellende Impulse aus der
Neurowissenschaft.
Es geht aber auch darum, dass alle diese Erkenntnisse interdisziplinär kommuniziert werden, um ein neues Menschenbild zu schaffen und daraus eine neue Lebenspraxis abzuleiten.
Ken Wilber war an dieser Entwicklung anfangs sehr interessiert, wandte sich später aber von dieser Richtung ab und propagierte Thesen einer Integralen Psychologie, die noch weitere Bereiche umfasste. Er zeigte auf, dass alle Psychologien und Lebensbereiche, und alle Störungen und Therapien in einem integralen Ansatz zusammengeführt werden müssen. Seiner Meinung nach widersprechen sich die verschiedenen Ansätze nicht, sondern ergänzen sich gegenseitig.
Fazit: Die Psychologie ist in Theorie und Praxis ein Hilfsmittel auf dem Weg zur Persönlichkeitsbildung und zur Therapie psychische Störungen auf dem Weg der menschlichen Entwicklung. Dabei darf es aber nicht bleiben, sondern es müssen auch die höheren Bereiche der Bewusstseinsentwicklung mit einbezogen werden. Somit sind die Humanistische-, Transpersonale- und Integrale Psychologie weitere Werkzeuge, die letztlich auch zur Realisation von GEWAHRSEIN beitragen.