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Wanderung in Tibet. Herbst 1941
Wanderung in Tibet
Vor etwas mehr als 50 Jahren reisten wir nach Tibet. Die Transportmittel haben sich zwar seither entwickelt, aber die grossartigen Landschaften sind die gleichen geblieben. Chronik einer Expedition.
Wir waren damals zu fünft und hatten die Idee, teilweise der klassischen Route der Karawanen zwischen Indien und der tibetischen Hauptstadt Lhasa zu folgen. Damals fuhr man mit dem Nachtzug von Kalkutta nach Siliguri und von dort im Bus oder per Taxi nach Gangtok, der Hauptstadt von Sikkim. Sikkim war in jener Zeit ein halbautonomes Gebiet Indiens, das unter den Augen eines Briten von einem Maharadscha tibetischer Herkunft regiert wurde.
Aufstieg zum Natu-la Die einzige Verbindung zwischen Gangtok und Lhasa war ein Maultierpfad. Wie in dieser Gegend üblich heuerten wir zahlreiche Helfer an: Kochpersonal, Träger, Maultiertreiber, Diener usw. Von Gangtok, 1800 m, stieg der Weg in drei Etappen zum Pass Natu-la, 4300 m, hinauf, der Grenze zwischen Sikkim und Tibet. Während der Weg vorerst durch eine hübsche Hügellandschaft mit Tiefblicken auf die im Dunst liegende Bengali-sche Ebene führte, stieg er später immer steiler und in engeren Windungen empor. Am Ende des Tages fanden wir Unterkunft im Lager der tibetischen Karawanen. « Inspection Bungalow » wurden diese Lager genannt, die von den Strassenarbeitern, die sich um den Unterhalt des Weges kümmerten, und von Reisenden mit offizieller Erlaubnis benutzt werden konnten. Sie erinnerten uns zum Teil an unsere SAC-Hütten. Am nächsten Morgen wanderten wir auf der schneebedeckten Route weiter in Richtung Pass. Alle Karawanentiere, die auf dem Weg unterwegs waren, trugen eine Glocke. Ihr Geläut verschmolz zu einer richtigen Symphonie, verstärkt durch die Felswände links und rechts.
Steinmänner und Gebetsfahnen Der Natu-la sowie sein Nachbar im Süden, der Jelep-la, waren damals bedeutende Übergänge im Verkehr mit Tibet. Markiert war der Weg wie gewohnt mit Steinhaufen. Jeder Reisende legte beim Vorbeigehen als Dank an die Götter und als Zeichen der Fürbitte für eine gute Reise einen Stein auf den Haufen. Dazu ﬂatterten unzählige farbige Fahnen, die meisten mit der Aufschrift « Om mani padme hum », dem buddhistischen Mantra, das etwa mit « mögen alle Wesen glücklich sein » übersetzt werden kann. Nach einem steilen Abstieg ins Chumbi-Tal gings weiter durch eine schöne, mit Fruchtbäumen bestandene Landschaft bis zum Dorf Chumbi, dann durch enge Schluchten, Schwemmlandschaften und über ehemalige Seen, die sich hinter natürlichen Staudämmen mit Material aus Erdrutschen und Felsstürzen gebildet hatten. Tibetische Gastfreundschaft Nachdem steil aufragende Berge von den typischen runden Hügeln des tibetischen Hochlandes abgelöst worden waren, erhaschten wir endlich einen Blick auf die hohen Gipfel des Himalaya: Rechts tauchte die Pyramide des Chomolhari auf, während im Westen die Berge von Sikkim, insbesondere der Pauhunri, 7200 m, in ihrer ganzen Schönheit thronten. Eine Gruppe tibetischer Maultiertreiber, um ein Feuer kauernd, luden uns ein und boten uns den traditionellen tibetischen Tee an, eine Mischung aus Tee, Yakbutter, Salz und Roggenmehl, die im Geschmack an eine kräftige Bouillon erinnert.
Weiter gings nach Phari-Jong auf rund 4500 m. Das Dorf verfügte über ein verlassenes Fort mit gut erhaltenen Aussenmauern und einem chaotischen schrecklichen Innern. Wir verbrachten drei Nächte im befestigten Postgebäude, der höchstgelegenen Poststelle der Welt. Die Räume waren einfach, sauber und dank einem Kaminfeuer angenehm warm. Am nächsten Tag wurden wir von den Dorfhonoratioren empfangen, die uns die traditionellen tibetischen Halstücher überreichten.
Unsere Karawane in der Ebene von Phari mit dem Chomolhari im Hintergrund Blick auf den Chomolhari, 7340 m, von der Ebene zwischen Phari-Jong und Tula aus Phari-Jong mit seinem Fort. Im Hintergrund die Gipfel des Sikkim-Himalaya DIE ALPEN 2/2003
Nächtlicher « Überfall der Postkarawane » Das Dorf Phari selber bot sich uns in einem traurigen und schmutzigen Zustand dar. Die Häuser, aus Lehmziegeln errichtet, waren mit Yakdung verputzt. Da die Bewohner alle ihre Abfälle einfach in den Strassen entsorgten, musste man bereits Stufen durch die Abfall-schicht schlagen, um zu den Hausein-gängen zu gelangen. Das verschaffte uns eine anschauliche Lektion davon, wie unsere Vorfahren im Mittelalter gelebt haben mussten! In einer der kalten, aber klaren Herbstnächte vernahmen wir, zuerst nur schwach, dann aber immer lauter, das Glockengeläut einer Karawane. Beim Näherkommen konnten wir auch Hufgetrappel von mehreren Pferden ausmachen. Als sich die Tore der Burg öffneten, ritten drei schwer bewaffnete Reiter herein, die zusätzlich drei beladene Pferde mit sich führten. Keuchend und stampfend hielten sie im Hof an – die Postreiter aus Lhasa. Rasch ver-pﬂegten sich die Reiter, während sechs frische Pferde gesattelt und beladen wurden. Nach einer halben Stunde stiegen die Reiter in den Sattel und die Karawane verschwand in der Nacht – der Spuk war vorbei. Noch lange hörten wir die Glocken in der kalten Luft bimmeln, bis sie langsam leiser wurden und dann ganz verstummten.
Letzte Etappe Tula Da drei unserer Begleiter der Höhe und der Anstrengung Tribut zollen mussten, gingen wir nur noch zu zweit weiter. Unser Ziel war Tula, jenseits des Tang-la, des « einfachen Passes ». Am frühen Morgen stiegen wir den sanften Hang empor in den Pass hinauf und dann fast unmerklich hinunter nach Tula, vor uns die ungeheuer grosse Ebene mit den sanft gerundeten Hügeln und dem rechts liegenden Chomolari-Massiv. Dieser für die Tibeter heilige Berg und Sitz einer Göttin war zwei Jahre zuvor, 1939, von Spencer Chapman in Begleitung eines einzigen Sherpas erstmals bestiegen worden. Erst 1970 erreichte übrigens eine indische Expedition zum zweiten Mal den Gipfel, wobei drei Alpinisten unter mysteriösen Umständen starben. So weit das Auge reichte, spannte sich in der Felsebene eine Telegrafenleitung, mit einem einzigen Draht auf dünnen, kurzen Masten – die damals einzige Verbindung zwischen Indien und Tibet. Kurze Zeit später wurde diese Linie dann durch Funkverbindungen zwischen den wichtigsten Orten des Landes ersetzt. Trotz des wüstenhaften Charakters der Ebene entdeckten wir zahlreiche Tiere. So erkannten wir von weitem eine kleine Herde « Khangs », wilder, sehr scheuer Esel. Die « Bhurrals », wilde Schafe, waren zahmer und näherten sich uns ziemlich zutraulich. Daneben entdeckten wir auch viele Löcher, in denen kleine Tiere hausten, die uns an unsere Murmeltiere erinnerten.
Damit war unsere Wanderung nach Tibet beendet. Am andern Morgen wanderten wir auf dem gleichen Weg zurück. Und waren dann viel zu schnell in Kalkutta, wo uns die Alltagsprobleme einholten: Wenige Tage später überﬁelen die Japaner Pearl Harbour. a
Eric Bernhardt, Kindhausen ( ü ) Blick von Yatung ins Tal von Amo Chhu Phari-Jong. Die Dorfhonoratioren beehren uns mit ihrem Besuch.
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