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Den Anfang machte – aus Anlass des eben erschienenen Romans «Das Staunen der Schlafwandler am Ende der Nacht» – das Werkstattgespräch von Alois Bischof mit Otto F. Walter (WoZ 37/1983). In der gleichen Nummer der WoZ setzte sich Corinne Schelbert mit Thomas Koerfers Film «Glut» auseinander. Dann kam Niklaus Meienberg auf die Redaktion der WochenZeitung, sagte, er habe das Buch gelesen und den Film gesehen, und er müsse unbedingt etwas schreiben: Wie man neuerdings mit Realität umgehe, das habe für ihn eine bedenkliche Dimension. Er schrieb seinen Text und brauchte darin den Begriff «Subrealismus». Damit bezeichnete er Fiktionen, die keine neue Wirklichkeit zu schaffen vermögen, «weil die Fiktionen der Wirklichkeit nicht zuerst aufs Maul geschaut und sie erst dann überhöht» hätten. Koerfer (auf Schelbert) und Walter (auf Meienberg) replizierten.
In dieser Situation setzten wir uns auf der Redaktion zusammen und diskutierten darüber, wie die entstandene Kontroverse ausgebaut werden könnte. Wir kamen überein, eine Reihe von Film- und Literaturschaffenden anzuschreiben, von denen wir vermuteten, dass sie Lust hätten, sich kritisch mit dem Begriff «Subrealismus» auseinanderzusetzen. Bei den Filmschaffenden kam unser Rundbrief an die falsche Adresse: Sich schriftlich über Kollegen zu äussern, könne man sich heutzutage in diesem Geschäft nicht leisten, und eigentlich sei ihr Ziel ja nicht, öffentlich zu debattieren, sondern Filme zu drehen. Bei den Literaturschaffenden hingegen war das Interesse an der Debatte lebhaft.
Dass wir die «Realismus-Debatte» – ergänzt um ein ausführliches Werkstattgespräch zwischen Otto F. Walter und Niklaus Meienberg – hier vollständig dokumentieren, hat mindestens zwei Gründe: Die Diskussion soll als Vorschlag zum Ausbruch aus der Öde des Feuilletonjournalismus und gleichermassen als Vorschlag zum Ausbruch aus der Öde der Vorlesekultur stehen. Die öffentliche Auseinandersetzung mit der einheimischen Literatur findet ja in doppelter Weise fast ausschliesslich auf der Ebene der Public relations statt:
• Literaturschaffende zeigen sich in der Öffentlichkeit vor allem bei Lesungen und Preisverleihungen für ihre Arbeiten. Sie sind Kleingewerbler mit dem Nachteil, dass das Bedürfnis für ihre Produkte nicht nachgewiesen ist, und – was schlimmer ist – sie verhalten sich zum grossen Teil auch so. Diese dilettantische Vorlesekultur produziert völlig unkritische Fanclubs und als entsprechendes Gegenstück missgünstige Schreiberlinge, von denen jeder darauf angewiesen ist, zugunsten seines Verlags möglichst vielen seine schönen Sätze anzudrehen.
• Feuilletonjournalismus hat in jedem Fall mit Public relations zu tun: Jede Konzert-, Film- oder Theaterbesprechung ist auch ein Veranstaltungshinweis, jede Buchbesprechung ist auch ein Gratisinserat. Literatur findet in der Presse zum grossen Teil als Aneinanderreihung von braven Einzelbesprechungen statt, die zwar den Verlagen dienlich sind, deren durchschnittliche Langweiligkeit aber alle Vorurteile bezüglich Schweizer Literatur bestätigen. Dem Argument des Dienstleistungscharakters der Einzelbesprechung – «Die Leute wollen das!» – ist entgegenzuhalten, dass gerade sie den Warencharakter des Buches pointiert und sich gleichzeitig nur mit dem inhaltlichen Aspekt der Ware «Buch» auseinandersetzt. Ein konsequenter Warenrezensent würde ebenso Druckqualität, Layout, Grafik, Schrifttyp, die Aspekte des Lektorats, Druckfehler, Papier (Reissfestigkeit!), Umschlag usw. begutachten. Wieso wird eigentlich die Arbeit eines guten Lektors geringer geachtet als jene eines Schreiberlings, der mit genügend Selbstbewusstsein von sich behauptet, er habe ein «Buch» geschrieben? Mit seiner schöngeistigen Einseitigkeit fördert der hiesige Feuilletonjournalismus noch die idealistische Einfalt gerade auch junger Autoren, die allen Ernstes meinen, ihre literarisch abgehobenen Inhalte würden sich durch die Umsetzung in Buchform und durch den Vertrieb über kommerzielle Kanäle nicht verändern.
Die vorliegende Dokumentation beweist, dass es Literaturproduzierende gibt, die sich nicht bloss als zu bevormundende KunsthandwerkerInnen, sondern als streitbare Intellektuelle verstehen, die etwas zu sagen haben. Wenn man sie fragt.
Es sind knapp zwanzig Jahre her, seit in der Schweiz eine Saison der öffentlichen Auseinandersetzung um Literatur zu verzeichnen war. Im Frühling 1966 führte die «Weltwoche» über mehrere Nummern hinweg eine Debatte um einen Aufsatz von Max Frisch mit dem Titel: «Unbewältigte schweizerische Vergangenheit». Der Aufsatz von Frisch schloss: «Ist unser Land für seine Schriftsteller kein Gegenstand mehr? Und wenn es so sein sollte: Warum? Was heisst das in Bezug auf unser Land? Literatur ist eine Wünschelrute: wo sie nicht in Bewegung gerät, da ist keine Quelle, Ist das die Antwort? ich weiss nicht.» Nach einer ausführlichen Replik von Otto F. Walter nahmen nacheinander Jean Rudolf von Salis, Peter Bichsel, Adolf Muschg und Walter Matthias Diggelmann Stellung.
Ein halbes Jahr später entbrannte der «Zürcher Literaturstreit»: Am 17. Dezember 1966 hielt der Ordinarius für Literatur an der Universität Zürich, Professor Dr. Emil Staiger, anlässlich der Entgegennahme des Literaturpreises der Stadt Zürich im Schauspielhaus seine Rede über «Literatur und Öffentlichkeit». Darin warf er der aktuellen Literatur vor, in ihr wimmle es «von Psychopathen, von gemeingefährlichen Existenzen, von Scheusslichkeiten grossen Stils und ausgeklügelten Perfidien». Staiger konstatierte «Nihilismus», der im übrigen «in erstaunlich vielen Fällen ein Luxusartikel» sei und fragte: «Gibt es denn heute etwa keine Würde und keinen Anstand mehr, nicht den Hochsinn eines selbstlos tätigen Mannes, einer Mutter, die Tag für Tag im Stillen wirkt, das Wagnis einer grossen Liebe oder die stumme Treue von Freunden? […] Versagen wir uns nicht zu wünschen, dass sie [die Literatur, fl.] sich wieder auf ihre Pflicht gegenüber der Öffentlichkeit besinne», rief er aus, um drohend zu schliessen: «Wenn uns die Dichter unserer Zeit verlassen, dann rufen wir den Beistand der Dichter vergangener Zeiten herbei und lassen uns von ihnen sagen, was der Mensch ist und vermag, was er auch heute noch vermag, sofern er stark und innig will.» An dieser Rede, die «Humanität» und «menschliche Grösse» als apolitische Wert setzte und deshalb Literatur zum blossen Instrument bürgerlich-liberaler Ideologie verkommen lassen wollte, entzündete sich eine Kontroverse, an der sich Dutzende von Autoren im In- und Ausland beteiligten und die im ganzen deutschsprachigen Raum mit Interesse verfolgt wurde. – Seither haben im publizistischen Raum kaum mehr nennenswerte Debatten um die hiesige Literatur stattgefunden.
Seit den Jahren 1966/67 hat sich in der Auseinandersetzung um Literatur vieles verändert, von den Fragestellungen bis zum Ton des Diskurses. Geändert hat sich aber auch dieses: Während sich vor knapp zwanzig Jahren noch kritische Bürger um die Wertungen von vor- und frühbürgerlichem Gedankengut stritten, scheint die vorliegende Debatte von der Denkart her weitgehend abgekoppelt von bürgerlichen Fragestellungen an die Literatur. Ich verstehe und lese sie vielmehr als Beitrag zur Diskussionskultur der Dissensbewegung, wie sie sich kurz nach dem «Zürcher Literaturstreit» auch in diesem Land zu entwickeln begann. Die vorliegenden Texte sollen – ohne dass einer am Schluss recht hätte, und ohne dass es auch nur das Ziel gewesen wäre, die Wahrheit zu finden – ein Beispiel «unserer» Art der Auseinandersetzung geben.
Pressereaktionen auf die vorliegende Debatte sind nicht ausgeblieben. Im Vergleich zu für uns wichtigen Arbeiten im Bereich Inland und Ausland wurde die «Realismus-Debatte» mit Komplimenten geradezu überschüttet. In einer Reportage, die Marco Meier im Februar über die WoZ in der «Weltwoche» machte, fragte er unter anderem den Chefredaktor des «Tages-Anzeigers», Peter Studer, was er von der WoZ halte: «An zwei, drei Waffenhandels-Geschichten erinnere er sich, sagt Studer. ‘Sehr gut’ fand er die ‘Realismus-Debatte’ […]. Aber eigentlich hält der Tagi-Chef die WoZ für eine ‘typische Szenenzeitung’ – ‘Thesenjournalismus mit anwaltschaftlicher Tendenz und sehr ausgefüllten Klischeeräumen – zum Beispiel: Militär schlecht, Wirtschaft böse, Arbeiter unterdrückt.’» Auf Deutsch könnte das heissen: Völlig inakzeptabel sei, dass die Leute der WoZ ihre eigene Meinung auch noch in die Zeitung brächten, hingegen die «Realismus-Debatte» hätte er, d.h. der «Tagi», auch abgedruckt.
Eine Frage hat Studer mit seiner Wertung nicht beantwortet: Warum ausgerechnet ein Blatt von derart einseitigen, ideologisierten Hitzköpfen zum Forum für eine «Realismus»-Debatte» werden kann. Haben «Objektivität», «Wertfreiheit» und «Ausgewogenheit», wie sie Herr Studer wenn nötig auch mit dem Rotstift vertritt, am Ende noch weniger mit Realität zu tun, als unsere Art der Parteinahme?
Ich erkläre es mir so: Die Frage, wie wir Realität überhaupt wahrnehmen können, ist uns ein Problem hier auf der Zeitung, das sich bei der Berichterstattung über «Ausland», «Inland» und «Kultur» je sehr verschieden stellt. Realismus-Debatten führen wir sozusagen täglich, auf der ganzen Redaktion. Der Entscheid, die Debatte am Beispiel des «Subrealismus»-Vorwurfs auszuweiten, wurde von einem ganzen Tisch voll Leuten getroffen. Die Abspaltung und Funktionalisierung des Ressorts «Kultur» läuft nicht.
Ich zeichne diese paar Vorbemerkungen als jener, der sich von der Redaktion her vor allem um die vorliegende Debatte zu kümmern hatte. Ich zeichne aber bloss stellvertretend: Die «Realismus-Debatte» ist für mich auch der publizistische Ausdruck für den zeitungsinternen Prozess, den man in bürgerlichen Medien als «innere Pressefreiheit» bezeichnen würde. Aber solch grosse Worte braucht es nicht. Man muss versuchen, sie zu leben.
Für die WoZ
Fredi Lerch
Mai 1984