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Halbwertszeit von 30 Jahren
30. Jahrestag der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl
Zum Jahrestag des Super-GAUs: Wie steht die Welt heute zur Kernenergie, und wie zeigt sich das Sperrgebiet heute? Fotos von Roland Verant zeigen die örtliche Situation in der Ukraine.
Vor drei Jahrzehnten geschah in Tschernobyl, unweit der ukrainischen Stadt Pripjat, das Unfassbare: Am 26. April 1986 explodierte Reaktor 4 des Kernkraftwerks, es kam zur Kernschmelze, und innerhalb der ersten zehn Tage nach der Explosion wurden mehrere Trillionen Becquerel an radioaktiver Strahlung freigesetzt. Die Aufräumarbeiter vor Ort waren pro Tag einer Strahlendosis ausgesetzt, welche dem 200- bis 2000-fachen der natürlichen Lebenszeitdosis eines Menschen entspricht.
Radioaktive Isotope wie z. B. Cäsium 137 (mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren, der radioaktive Zerfall erfolgt exponentiell) gelangten in die Erdatmosphäre und kontaminierten infolge radioaktiven Niederschlags nicht nur die Region um Tschernobyl, sondern viele Länder in ganz Europa. Nach Aufnahme des Cäsiums durch Pilze und Pflanzen gelangte es auch in die menschliche Nahrungskette.
Keine genauen Angaben über die Anzahl der Toten
Mehr als 30 Menschen starben unmittelbar nach dem Unglück vor Ort. Viele Menschen erkrankten zudem schwer aufgrund der hohen Strahlenbelastung. Über die Gesamtzahl der Toten infolge der Katastrophe gibt es bis heute keine genaue Auskunft, die Angaben schwanken zwischen 10 000 und mehr als 100 000 Todesopfern. Die Stadt Pripjat ist bis heute eine Geisterstadt, ihre 50 000 Einwohner wurden erst am Folgetag nach der Explosion evakuiert. Es vergingen weitere neun Tage bis zur Räumung aller Orte in einer 30-km-Sperrzone. Insgesamt mussten ca. 400 000 Menschen ihre Heimat verlassen. Auch heute noch ist die 30-km-Todeszone rund um Tschernobyl bis auf ein paar vereinzelte Heimkehrer weitgehend menschenleer.
Der Super-GAU (grösster anzunehmender Unfall) im Kernkraftwerk von Tschernobyl erschütterte Gegner wie Befürworter des sogenannten goldenen Atomzeitalters. Er führte deutlich vor Augen, wie hilflos der Mensch im Grund genommen dem «entfesselten Atom» gegenüber steht. Herrschte bereits zuvor vielerorts Skepsis gegenüber der Atomenergie, wurde durch die Geschehnisse in Tschernobyl in vielen Ländern Europas die Forderung nach einem Atomausstieg laut. So legte Italien 1987 seine Kernkraftwerke still, und Polen brach 1989 seinen Atomkraft-Einstieg ab.
Atomausstieg in der Schwebe
Vielerorts verlief die Diskussion um das Für und Wider eines Atomausstiegs in Wellen, gekoppelt an bestimmte prägende Ereignisse. So führte in Deutschland nach dem Tschernobyl-Schock dann der Super-GAU im japanischen Fukushima 2011 zu einer politischen Kehrtwende. Der Atomausstieg soll dort nun sukzessive bis zum Jahr 2022 abgeschlossen werden.
Auch in der Schweiz beschloss der Bundesrat 2011 nach Fukushima den Ausstieg aus der Kernenergie und verfasste hierzu die Energiestrategie 2050 zum Ausbau erneuerbarer Energiequellen. Eine endgültige Entscheidung zum Atomausstieg und zu den Maximallaufzeiten der bestehenden fünf Schweizer Kernreaktoren wird mit der Volksabstimmung Ende 2016 erwartet. In anderen Ländern wie Frankreich, Grossbritannien, Russland und den USA wird weiterhin auf Atomkraft gesetzt, und insbesondere China plant zukünftig neue Atomkraftwerke in Betrieb zu nehmen.
Vor diesem Hintergrund stellt sich angesichts des 30. Jahrestags des Super-GAUs von Tschernobyl heute die Frage, ob es sich lohnt, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Die Vergangenheit hat eindrücklich gezeigt, dass die Euphorie gegenüber der Atomkraft unangebracht ist und dass in der Energiefrage neue Wege beschritten werden müssen. Es bleibt zu hoffen, dass die Zeitspanne bis zum Atomausstieg nicht von ähnlicher Dauer sein wird wie jene bis zum vollständigen Zerfall von Cäsium 137.
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