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Exzerpte
Johann Peter Hebel hat, wie wohl jeder, der viel schreibt, auch viel gelesen. Er gehörte auch zu jenen, die von ihrer Lektüre kurze Auszüge anlegen – als Gedächtnisstütze, um den Inhalt jederzeit in kurzer Form präsent zu haben. Einige „Exzerptisten“ legen – wie zum Beispiel Arno Schmidt – riesige Zettelkästen an; Hebel benutzte besonders dafür angelegte Hefte.
Diese sind – soweit sie noch aufzufinden sind – im zweiten Band der neuen Hebel-Werkausgabe transkribiert. „Soweit sie noch aufzufinden sind“: Mindestens eines fehlt, wie sich an Hand der von Hebel selber durchgeführten Nummerierung der Auszüge feststellen lässt. Die Bandbreite des gelesenen und ausgezogenen Stoffes ist dabei groß. Lyrik und Belletristik figurieren darin ebenso, wie Fachliteratur des Pädagogen und Theologen Hebel.
Vor allem der Theologe Hebel scheint in den Exzerpten in großem Stil auf. Wir finden sehr viele Auszüge aus Werken zur Kirchengeschichte im Allgemeinen, der protestantischen Kirche im Besonderen; allgemein Theologisches in etwas geringerem Ausmaß. Wenn es gilt, Predigt-Bücher auszuziehen, wird Hebel besonders genau: Die einzelne Predigt wird nicht nur thematisch zusammengefasst, ihr Aufbau wird schulmäßig vorgestellt – wohl, um diesbezügliche Muster zu haben.
Proteus-Komplex
Nein, hier handelt es sich nicht um einen vor Freud bereits aufgefundenen psychischen Komplex, den dieser dann wieder vergessen hätte. Proteus (Hebel schreibt es oft als Sigle, die dann aussieht wie der griechische Buchstabe Pi – π – nur mit drei „Beinen“ statt zwei) ist die Abkürzung für den von Hebel, Hitzig und zwei anderen Freunden um 1790 gegründeten Proteus-Orden. Proteus ist dabei die Chiffre für eine bestimmte, vom rein Rationalen abgewandten, dem ekstatischen Naturerleben zugewandten Form der Rezeption der Außenwelt. Dieser Orden ist halb Satire und Parodie der ‘ernsthaften’ Orden im Stil der Freimaurer, halb durchaus ernst gemeint. Die Chiffre Proteus steht für einen Gegenentwurf zu den (nach Hebels Meinung) übersteigerten rationalen Tendenzen der Aufklärung. Diese naturwissenschaftlich-mathematische Tendenz wiederum ist personifiziert im Vorsokratiker Parmenides, der so gewissermaßen den ‘Teufel’ des Ordens darstellt.
Der Proteus-Orden verwendete zum Teil eine eigene Sprache, deren Wörter Hebel getreulich niedergelegt hat in einem so genannten Wörterbuch des Belchismus (zum Belchen siehe gleich unten) – wohl auch in der Absicht, diesen Wortschatz für alle Mitglieder zu fixieren. Daneben figuriert in diesem Teil der Werkausgabe auch eine Hymne an die Natur. Konkreter Anlass war eine Besteigung des Belchen. Dieser, einer der höchsten Berge des Schwarzwalds (1414 m ü. M.), war zu Hebels Zeiten noch nicht so erschlossen wie heute, und eine Besteigung tatsächlich ein kleines Abenteuer, das bestanden zu haben, man durchaus mit etwas Ekstase feiern durfte:
Es säuselt und säuselt, – was säuselt so mild
Es sauset und brauset – was tobet so wild?
Wie wehender Morgenhauch flüstert
Jn Frühlings blumigen Haar
Wie steigendes Flämmchen erknistert
Auf Proteus goldnem Altar,
So flüsterts
Und knistert’s.
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[usw. auf rund 13 Seiten]
Johann Peter Hebel: Gesammelte Werke. Kommentierte Lese- und Studienausgabe in sechs Bänden. Herausgegeben von Jan Knopf, Franz Littmann und Hansgeorg Schmidt-Bergmann unter Mitarbeit von Esther Stern im Auftrag der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe. Band 2. Göttingen: Wallstein 12019

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