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Philosophie-Unterricht in der Schweiz von Christoph Dejung
Cet article a été publié dans le numéro 4 (mars-avril 1990) de la revue française "L'enseignement philosophique" par Christophe Dejung, à l'époque professeur de didactique de la philosophie à l'université de Zürich, ainsi que maître de philosophie et d'histoire dans un gymnase de Zürich.
Wir behandeln in diesem Aufsatz die Lage des philosophischen Unterrichts in den höheren Schulen der Schweiz; dieser Unterricht (und philosophisch ausgerichteter Unterricht in der Geschichte oder der Muttersprache) hat keinen leichten Stand. Wir gehen nicht auf die universitäre Philosophie ein; es wäre aber bei anderer Gelegenheit einmal auf deren Lage einzugehen, die auch nicht bequemer erscheint als die gymnasiale.
In der Schweiz kann der Philosophieunterricht nicht von gleichartigen Verhältnissen ausgehen; es gibt sechsundzwanzig Kantone und damit mehr als sechsundzwanzig verschie-dene Konzeptionen. Neben die Schulgesetze, die in jedem Kanton verschieden sind, treten besondere Zustände in den zum teil sehr traditionsreichen Privatschulen. Das Bundesrecht, welches alle diese Regelungen zusammenhält, ist in bestimmten Punkten sehr freiheitlich. Es anerkennt (bezeichnenderweise) die Philosophie nicht als Schulfach, lässt aber den Kantonen die Freiheit, diesen Gegenstand unterrichten und sogar zur wesentliche Prüfungsmaterie werden zu lassen. Die jüngste Erneuerung der Verordnung, die die Schulen der Sekundarstufe II regelt, stellt es jetzt sogar jenen Kantonen, die das wollen, frei, Philosophie sogar ins Eidgenössische Zeugnis aufzunehmen. Selbstverständlich hat bisher von diesem Recht kein einziger Kanton Gebrauch gemacht, der der Philosophie früher skeptisch gegenüberstand.
Nun sind es selbstverständlich bei sechsundzwanzig abgestuft verschiedenartigen Regelungen für das Schulfach Philosophie eben doch gewisse Gruppen, die sich unterscheiden lassen. Die Gruppen können "regional" genannt werden, obwohl bei der geographischen Kleinräumigkeit und Zerrissenheit des Landes keine geschlossenen Regionen, sondern eher Kantonstypen zu erwarten sind.
Der erste Typus ist die Region der (traditionell) katholischen Kantone, wozu neben der Innerschweiz und Freiburg nur noch das Wallis gezählt werden darf; geschichtlich gesehen sind das die sehr entschieden der einstigen katholischen Partei zugehörigen Länder (die Kantone des borromäischen Bundes von 1571 und des "Sonderbundes" von 1847). Andere, historisch ebenfalls katholische Gebiete gehen wie in vielen politischen Fragen auch in der Schulorganisation nicht mit diesen traditionsreichen Gegenden. Der Philosophieunterricht war hier seit uralten Zeiten (und bis vor kurzem, denn bis in unser Jahrhundert gab es praktisch nur Klosterschulen als Gymnasien in dieser Region) ein wesentlicher, zentraler Unterrichtsgegenstand. Zumeist wurde er von Geistlichen unterrichtet, und nirgends wurde die enge Verbindung dieser Philosophie mit der Theologie in Frage gestellt.
Der zweite Typus ist die reformierte französischsprachige Schweiz. Sie kennt seit dem ausgehenden neunzehnten Jahrhundert überall den obligatorischen Unterricht in Philosophie, wobei dieses Fach den andern Fächern nicht gleich gestellt ist. Es wird nie mit der Maturitätsprüfung verbunden, wird also sozusagen als "höheres Freifach" betrachtet; der Lehrer ist meist der Klassenlehrer, der die Schüler in der Muttersprache unterrichtet. Oft werden keine Noten erteilt; wo solche gegeben werden, spielen sie keine Rolle. Der Philosophieunterricht hat oft Gemeinsamkeiten mit dem protestantischen Religionsunterricht: Der Schüler muss ihn über sich ergehen lassen, darf aber nicht zu irgendeiner Leistung gezwungen oder gefordert werden. Bildungsziele werden konsequent "kulturgeschichtlich" formuliert. Man betrachtet, auch heute noch, die "Einführung in die abendländische Zivilisation" - die eine philosophische sei - als unverzichtbar.
Ein dritter Typus, scheinbar ein Uebergang, in Tat und Wahrheit aber eine sehr eigene, sehr schweizerische Ausprägung der Philosophie, findet sich in katholischen und protestantischen Randregionen (wir sprechen immer von "historisch" als katholisch oder reformiert geprägten Gegenden; die Tatsache, dass alle Teile der Schweiz heute sehr stark vermischt sind, spielt eben eine viel kleinere Rolle als die historische Herkunft). In diesen Kantonen wird Philosophie ähnlich wie in der Westschweiz als obligatorisches oder in eigenständiger Weise als halbfreiwilliges Fach geführt. Schon seit dem neunzehnten Jahrhundert sind dabei sehr bemerkenswerte Persönlichkeiten mit der Philosophie beauftragt worden, so in ganz katholischen Schulen Kantianer, in rein protestantischen Gymnasien Freidenker, ja sogar Sozialisten. Nicht selten wurde der Unterricht hier auch von Naturwissenschaftlern erteilt, die mit dem Horizont ihrer Wissenschaft und ihrer Bildungsvorstellungen philosophisches Denken vermittelten.
Der vierte Typ schliesslich findet sich in den wichtigsten Zentren der evangelischen Schweiz, in Zürich, Bern und Basel: In den städtischen Schulen dieser Kantone ist Philosophie bis in allerjüngste Vergangenheit ausgeschlossen gewesen (während in ländlichen und konfessionellen Schulen der gleichen Kantone eher der dritte Typus verwirklicht wurde; im französischsprachigen Teil des Kantons Bern auch der französische zweite Typus). Die Philosophie, die früher einmal auch hier wenigstens eine marginale Bedeutung gehabt hatte, wurde im Zuge des Kulturkampfs in Frage gestellt und danach, gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts, aus positivistischen Motiven beseitigt. Es hätte nicht viel gefehlt, und auch die Hochschulphilosophie hätte dran glauben müssen. Protestanten sollten ohne jede rhetorische Verführung der Wissenschaft allein erzogen werden; jede Philosophie galt dieser Auffassung als Schwärmerei.
Ganz unabhängig von den kantonalen Verhältnissen und unabhängig von der je doch recht unterschiedlichen Zielsetzung des Philosophieunterrichts hat sich in Hochschule und Schule eine vorherrschende Abhängigkeit ergeben: Diejenige von der Pädagogik.
Dazu ist selbstverständlich von der Sache der Philosophie her, wie immer man sie versteht, Anlass genug geboten. Von Platon bis auf die schon erwähnten schweizerischen Meister Rousseau und Pestalozzi haben Philosophen erstrebt, Lehrer zu sein; wie sollte da die Schule nicht ihrerseits der Philosophie das richtige Anwendungsgebiet abgeben?
Der Philosoph Paul Häberlin war es am deutlichsten, der die Vereinigung von Schulbildung und philosophischer Reflexion erstrebte; seinen sehr schweizerischen, sehr realistischen Idealismus haben in der Zwischenkriegs- und ersten Nachkriegszeit noch viele Pädagogen weitergetragen. Viele verbanden sich in der Paul-Häberlin-Gesellschaft, die die philosophierende Pädagogik dieses Meisters weitertrug. Sie waren es auch vor allem, die immer wiederauf den Skandal hingewiesen und dagegen angekämpft haben, dass die grössten deutschschweizerischen Kantone aus dem Kulturkampf und aus dem "monistischen" Positivismus des neunzehnten Jahrhunderts nie mehr herausfanden und ihre Schüler ohne die allermindeste Belehrung in Philosophie zur Hochschulreife kommen liessen.
Aber gegen die allzu enge Verbindung einer Lehre mit der "Knabenerziehung" erheben sich auch gewichtige Bedenken. Man untersuche in dieser Hinsicht einmal, wie stark die alte Geschichte (die in fast allen Ländern den Anfängern der Sekundarstufe als Stoff unterrichtet wird) von solcher steter Verwendung mit geprägt ist: Bis in die Fragestellungen der "abstraktesten" Wissenschaft hinein findet ihre Verwendung eben ihren Niederschlag. Es gilt für alle Wissenschaften, und die Prägung anderer Wissenschaften etwa durch gewinnbringenden Gebrauch in der Wirtschaft ist gewiss nicht weniger skandalös. Aber die stete Beweisung der "Theorien" von Ethik, Politik und Wissenschaftslehre an der Schulbildung (wehrloser) Oberschüler muss sich negativ auf ihre "erwachsene Ernsthaftigkeit" auswirken.
Dies mag der Grund dafür gewesen sein (und daneben vielleicht auch Bedenken gegen politischen Missbrauch der Philosophie, den man nun von Heidegger und Sartre bis Pareto und Gentile nur allzu deutlich vor Augen hatte), dass sich der Widerstand gegen die Philosophie als Mittelschulfach sogar noch versteifte. Besonders die Hochschullehrer der deutschen Schweiz wehrten alle derartigen Forderungen immer wieder ab; Karl Jaspers etwa erklärte, Philosophie dürfte nicht einmal Erststudium sein - nur in einer Wissenschaft definitiv ausgebildete Studenten sollten sich der Philosophie überhaupt widmen dürfen; Heinrich Barth äusserte einmal, Mittelschul-Philosophieunterricht sei völlig überflüssig, da er ja doch auf nichts mehr als auf atheistischen Religionsunterricht hinauslaufe.
Dass diese Philosophieprofessoren, die das Philosophieren einer möglichst elitären und möglichst freiwilligen Ausbildungsstufe vorbehalten wollen, noch heute nicht ausgestorben sind, versteht sich - allerdings machen sie sich heute recht merkwürdig aus auf dem Hintergrund einer Bildungslandschaft, dominiert von Kräften, die die Geisteswissenschaft überhaupt aus der Mittelschule mehr und mehr verdrängen wollen, und die in bestimmten ausbildbaren und prüfbaren Kompetenzen den einzigen noch zu rechtfertigenden kognitiven Stoff neben Mathematik und Naturwissenschaft zu erblicken vermögen...
Das Klima um den höheren Philosophieunterricht verwandelte sich mit dem allgemeinen schulpolitischen Klima nach 1965; in den folgenden zehn Jahren fand auf diesem Feld wie in fast allen Bereichen der schweizerischen Politik ein eigentlicher progressiver Umschwung statt. Für die Philosophielehrer bedeutete dies zuerst einmal, auch in den traditionell philosophiefreundlichen Kantonen in Frage gestellt zu werden; aber die umgekehrte Erscheinung, dass man in den philosophiefreien Kantonen nach dem Einbau von Kursen und interdisziplinären Unternehmungen rief, war auch festzustellen.
Die Philosophielehrer verpassten indessen den Zeitpunkt, zu dem Reformen möglich und leicht waren; während die Maturitätsordnung der Schweiz 1967 und 1973 tiefgreifend verändert wurde, traten entschiedene Forderungen der Philosophielehrer erstmals 1974,
dann wieder um 1980 auf. Wie ist diese "Verspätung" zu erklären?
Der Aufbruch von "1968" hatte längere Zeit gebraucht, um unter den aktiven Lehrern (vor allem einer jüngeren Generation) zu wirken. Erst in den siebziger Jahren begannen sich die oben geschilderten "typischen" Züge zu verändern: In den traditionell philosophiestarken Kantonen traten plötzlich Lehrer auf, die die Linie des Neuthomismus konsequent mit anderen Inhalten zu ergänzen wagten. Umgekehrt waren die traditionell bürgerlich-aufklärerischen Lehrer, die die Kantone des oben erwähnten dritten Typus kennzeichneten, immer mehr bereit, der Philosophie auch eine gesellschaftliche und kulturkritische Dimension zu öffnen und die rein erkenntnistheoretisch und individualethisch ausgerichtete Unterrichtsthematik historisch und kulturell zu öffnen. Am wenigsten veränderte sich die Stimmung in der Westschweiz: heute sind da am ehesten noch traditionell sich selbst verstehende und ohne Diskussion gewissen Grundsätze zu spüren.
Aber es wäre ungerecht, der Begegnung zwischen allen Landesteilen nicht die Bedeutung zuzumessen, die sie hatte: Eine Entdeckung des gemeinsamen Anliegens "Philosophie", das eben sehr viel mehr umfasst als traditionell eingerichtete Schulprogramme und Lehrpläne. Mit den Aktivitäten des Philosophielehrervereins ab 1974, besonders mit den entschiedenen Vorstössen, die die zweisprachigen Kollegen aus Fribourg initiiert haben, ist ein neues Kapitel der Geschichte unseres Unterrichts begonnen worden. Heute ist es für die Lehrer möglich, mit gemeinsamen Dokumenten zu arbeiten, die von allen mehr oder weniger entschieden mitgetragen werden (auch wenn das für sehr konservative Kollegen der oben erwähnten ersten drei Typen noch immer schwer fällt).
Am Beispiel des Kantons Zürich, der die Philosophie von seinen Lehrplänen bis 1980 fast völlig fernzuhalten vermocht hatte, lässt sich die segensreiche Wirkung der neuen Gemeinsamkeit zeigen. Einerseits gelang es, in den Freifachbereichen mehrerer Schulen die Philosophie zu halten oder zu verstärken; erstmals wurde sogar 1988 ein Postulat im Zürcher Kantonsrat überwiesen, das die Einführung der Philosophie als wesentliches Schulfach im höheren Unterricht forderte. Das ist aber heute, unter dem Einfluss anderer (vor allem organisatorischer) Probleme nur ein frommer Wunsch. Ob es gelingt, die im internationalen Vergleich einmalige "höhere Schule absolut ohne Philosophie", wie es sie in Zürich, Basel und Bern gibt, zu reformieren, darf mit frohgemuter Skepsis, aber nicht ganz ohne Hoffnung gefragt werden.
Die Menschen der Schweiz, besser: der heute als kleiner Bundesstaat zusammengefassten schweizerischen Stadtstaaten (Kantone), haben seit dem ausgehenden sechzehnten Jahrhundert, also seit der Zeit von Descartes und Shakespeare, keine politisch-geistigen Grundsätze mehr geglaubt oder unter sich ausgestritten. Man kann die ökonomisch erfolgreichen Bewohner der Alpenrepubliken ohne weiteres als eines der pragmatischsten (und darum auch im positiven Sinn: der friedlichsten und wissenschaftlichsten) Völker bezeichnen. Was die Schweizer an den gleichsprachigen Nachbarvölkern, den Deutschen, Franzosen und Italienern, nicht akzeptieren (denn überzeugt haben sich die Schweizer dem modernen europäischen Nationalstaat verweigert), das ist deren Fähigkeit, aus allen Problemen grundsätzliche zu machen, und ihre Neigung, in systematischen Auseinandersetzungen als grosse Ueberzeugungsgruppen miteinander zu streiten. Folgerichtig schätzen die Schweizer jede "reine" Geistestätigkeit gering: Lyrik so gut wie theoretische Politik, Theologie ebenso wie Metaphysik haben in unserem Land überhaupt kein Publikum. Selbst die grössten Philosophen der Schweiz, Rousseau und Pestalozzi, hätten ohne das Ausland keine Chance gehabt, ihre Gedanken zu entfalten und zu publizieren. Die Schweiz hätte sie übergangen, wie sie es mit ungezählten ausgezeichneten Geistern tat, die sich der allgemein herrschenden "Nützlichkeit" verweigert haben. Die Abneigung gegen das abstrakte Denken geht in diesem Land so weit, dass selbst die Theologen an der Theologie nichts Bedeutendes finden, die Philosophen eigentlich der Philosophie skeptisch gegenüberstehen. Rousseaus Abneigung gegen das gesellschaftlich Gültige ist ebenso wie Pestalozzis Feindseligkeit gegen dichterische Literatur direkter Ausdruck der schweizerischen Geistferne, der sie doch selbst beinahe erlegen wären. Nur mit einem direkten Interesse an der "Verbesserung", an Politik und Erziehung, konnten diese bedeutendsten Geister der Schweiz mit ihrem Talent in Frieden leben.
Man sagt von der Schweiz, sie sei ein hölzerner Boden für die Kunst. Von der Philosophie in der Schweiz kann kaum erfreulicheres berichtet werden.