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Nachdem sich der Nationalrat in der Herbstsession 2010 mit zahlreichen Vorstössen zu den Grossraubtieren befasste, war es Mitte Januar an der Umweltkommission des Ständerats (UREK-S), die vom Nationalrat überwiesenen Vorstösse zu beraten. Die UREK-S befürwortet das Ansinnen, die Grossraubtiere regulieren zu können, wenn sie grosse Schäden an Viehherden anrichten. Sie lehnt jedoch die indirekte Forderung der Jäger auf Entschädigung ab, wenn diese Einbussen bei der Jagd hinnehmen müssen. Damit haben die Jäger nach Ansicht der UREK-S keinen Anspruch auf eine bestimmte Anzahl Tiere.
Weiter nahm die Kommission eine Motion an, die ein Grossraubtiermanagement des Bundes verlangt. Auch soll der Bundesrat beauftragt werden, in einem Bericht Lösungswege zur längerfristigen Finanzierung der Herdenschutzmassnahmen aufzuzeigen. Unverändert bleibt die Forderung nach Einführung eines Monitorings für Herdenschutzhunde.
Der Nationalrat hat Ende September 2010 mehrere Vorstösse angenommen, die zum Ziel haben, den Schutz der Grossraubtiere wie Wolf, Luchs oder Bär zu schwächen. So gab er dem Bundesrat den Auftrag, in der Berner Konvention einen Vorbehalt anzubringen oder die Konvention gar zu kündigen. Ziel ist es, den internationalen Schutzstatus des Wolfs herabzusetzen, damit die seltene Art gejagt werden kann. Weiter nahm der Nationalrat mehrere Motionen an, die verlangen, dass geschützte Tiere wie der Wolf oder der Luchs «reguliert», sprich abgeschossen werden dürfen, wenn sie «grosse Schäden» anrichten. Zudem möchte der Nationalrat beim Herdenschutz sparen.
Unmittelbare Folgen für den Schutz des Wolfs haben diese Entscheide nicht: Ob die Schweiz bei der Berner Konvention überhaupt einen Vorbehalt anbringen kann, muss erst in Strassburg abgeklärt werden, was mehrere Jahre dauern dürfte. Zudem beabsichtigt das Bundesamt für Umwelt (Bafu) trotz den Entscheiden nicht, den Wolfsschutz aufzuweichen: Eine Regulierung der Wolfbestände komme erst in Frage, wenn sich in der Schweiz ein Bestand von mindestens 100 Tieren gebildet habe, erklärte Reinhard Schnidrig vom Bafu gegenüber dem Tages-Anzeiger. Die Vorstösse kommen nun noch in den Ständerat.
Der Feind kommt aus Süden. Auf leisen Pfoten schleicht er sich nachts über einsame Alpenpässe in unser Land. Doch wo er sich niederlässt, droht Unheil. Denn der Räuber schlägt seine Reisszähne in unschuldige Nutztiere und macht sich bei den Viehhaltern verhasst.
Der Wolf ist mittlerweile ein nationales Thema – obwohl derzeit nur zehn bis 15 Exemplare durchs Land streifen. 14 Motionen und andere Vorstösse sind derzeit im Parlament hängig, um dem Raubtier den Garaus zu machen. Pro Wolf ein Vorstoss: Das hat noch kein Tier geschafft in der Geschichte dieses Landes.
Einer der grössten Wolfsgegner ist Roberto Schmidt, Walliser CVP-Nationalrat und Stadtpräsident von Leuk. Sein Slogan «Heute die Rinder, morgen die Kinder!» hat es im Tal der Rhone bereits zum geflügelten Wort gebracht. Nun verlangt Schmidt per Motion, dass Wölfe auch dann abgeschossen werden können, wenn sie nach Meinung der Jäger zu viele Rehe und Hirsche fressen.
Die Wolfsgegner haben Rückenwind
Die Idee kommt an in Bern. Sie floss auch in eine Motion der Umweltkommission des Nationalrats ein und wird gar vom Bundesrat unterstützt. Roberto Schmidt fordert weiter, dass Bauern ihre Schafherden künftig nur noch dort schützen müssen, wo es «sinnvoll» erscheint. Ansonsten müsse der Wolf «erleichtert reguliert» werden können. Und mehrere SVP- und CVP-Politiker arbeiten gerade am Austritt der Schweiz aus der Berner Konvention von 1979. Diese haben unterdessen rund 50 Staaten unterzeichnet, um die gefährdeten Arten Europas zu erhalten – auch den Wolf. Falls die Schweiz nicht austrete, fordern die Wolfsgegner, müsse der internationale Schutzstatus des Wolfs herabgesetzt werden.
«Es ist ein richtiges Kesseltreiben gegen den Wolf im Gang», sagt David Gerke, Präsident der Gruppe Wolf Schweiz. Der Solothurner ist ein profunder Kenner der europäischen Wolfspolitik. «In keinem anderen Land stösst das Tier auf derart grossen Widerstand.» Dabei könne die hiesige Politik schon jetzt keineswegs als nachhaltig bezeichnet werden. «Wenn nicht dauernd Wölfe einwandern würden, könnte sich die Population nicht lange halten.»
Was hierzulande gilt, steht in einem 16-seitigen Papier: im «Konzept Wolf», verfasst vom Bundesamt für Umwelt (Bafu). Kein Wort darin, wie der Wolf zu schützen ist, wo und wie er sich wieder ansiedeln darf. Dafür regelt das Papier, wie bei einem «Wolfsschaden» vorzugehen ist – und wann ein Wolf geschossen werden darf. Elf Abschüsse wurden in den letzten Jahren bewilligt, sechs Tiere gerieten letztlich vor die Flinte – obwohl der Wolf eine international und national streng geschützte Art ist.
«Und jetzt soll der Schutz noch weiter verwässert werden», kritisiert Mirjam Ballmer, Projektleiterin Naturschutzpolitik bei Pro Natura. Dabei sei das Wolfskonzept schon jetzt eine Farce. «Schauen Sie doch mal genau hin, was im August im Wallis geschehen ist – alles im Rahmen des Konzepts.» Wölfe töteten im Gebiet von Montana ein Rind, verletzten ein zweites. Das genügte für die Interkantonale Kommission (IKK) bereits, eines der beiden Raubtiere zum Abschuss freizugeben. Wie konnte das geschehen?
«Das ist doch nicht ausgewogen»
«Schauen Sie doch, wer genau diesen Beschluss gefasst hat», sagt Mirjam Ballmer, und zählt auf: der Walliser Jagdinspektor, kein Freund des Wolfs; der oberste Jäger des Bafu, Reinhard Schnidrig, selber Walliser und Jäger; dazu in beratender Funktion: ein Schafzüchter und bekennender Wolfsgegner als Vertreter der Landwirtschaft. Und: die Zuständige für Herdenschutz im Wallis, ebenfalls keine Wolfsfreundin. «Das ist doch nicht ausgewogen», meint Ballmer. «Wo bleiben da die Stimmen der anderen Kantone, der Wissenschaft, des Naturschutzes?»
«Alle Abschussbewilligungen entsprechen dem Gesetz und sind im Rahmen von Ausnahmen auch in der Berner Konvention vorgesehen», verteidigte Reinhard Schnidrig, Chef der Sektion Jagd, Wildtiere und Waldbiodiversität beim Bafu, den Abschussentscheid.
Grossen Handlungsbedarf beim Wolfskonzept ortet indes auch Kurt Eichenberger, Projektleiter beim WWF Schweiz. «Dem Konzept fehlt es an Weitblick», sagt er. Für Eichenberger ist auch klar, dass der Fokus viel stärker auf der Prävention liegen müsste. «Warum soll bei uns kein besserer Schutz für die Nutztiere möglich sein, wenn es doch im nahen Ausland auch funktioniert?»
Beispiel Italien: Grosse Schafherden ziehen durch den Apennin und die Westalpen. Gleichzeitig streifen mindestens 500 Wölfe durch dasselbe Gebiet. Der Herdenschutz funktioniert, zu Angriffen kommt es selten. Und wenn, dann zahlt der Staat den Ausfall. Abschüsse von Wölfen sind in Italien ein Tabu – der Wolf steht unter Totalschutz.
Beispiel Frankreich: Ein ausgeklügeltes Wolfskonzept regelt den Umgang mit den rund 150 Wölfen im Land. Das Ziel ist ausdrücklich, dass sich der Wolf vermehren und ausbreiten darf. Abschüsse kommen nur in zuvor festgelegten Regionen in Frage, in denen der Wolfsbestand ungefährdet ist. Die Grundlagen dazu liefert ein Wolfsmonitoring. Zurzeit dürfen nicht mehr als sechs Wölfe jährlich erlegt werden, damit die Population keinen Schaden nimmt. Daneben können einzelne Hirten beantragen, dass sie die Wölfe mit Schrot vergrämen, also abschrecken dürfen.
Für tote Schafe zahlt der Staat
Und in der Schweiz? Auch da wird den Bauern jedes tote Schaf bezahlt. 130'000 Franken kostete letztes Jahr deren Abgeltung. Weitere 830'000 Franken stellt der Bund jährlich für die Herdenschutzmassnahmen zur Verfügung – für die Schutzhunde wie auch für die notwendigen Zäune. Und die ersten Notfallmassnahmen bei einem Wolfsriss organisiert der Bund auch, stellt Herdenschutzhunde und Hirten zur Verfügung. Trotzdem haben die meisten Wölfe kein langes Leben vor sich, wenn sie sich entscheiden, in die Schweiz zu kommen.
Für die grüne Nationalrätin Franziska Teuscher ist dies ein unhaltbarer Zustand: «Die Wölfe werden ganz einfach viel zu rasch zum Abschuss freigegeben, statt dass man die Herden im Voraus besser schützt.» Nach Ansicht von Roberto Schmidt wäre das allerdings viel zu teuer. Die Schafhaltung sei schon jetzt ein teures Hobby, und es gehe den Schäfern auch gar nicht in erster Linie um die Produktion von Fleisch, sondern um die Zucht und um die Liebe zum Tier, zur Berglandwirtschaft und zur Heimat. «Ich frage mich, ob all die grünen Wolfsheuler, die über die Schäfer böse Sprüche klopfen, bereit wären, dieselbe Zucht- und Landschaftsarbeit zu leisten und dafür auch noch zu bezahlen.» Er wolle einen Schutz der Haus- und Nutztiere und nicht der Raubtiere.
Da ist er wieder, der Feind aus dem Süden. Und das Kesseltreiben gegen ihn weitet sich immer mehr zur eigentlichen Hetzjagd aus. Schmidt gibt sich kämpferisch: «Ich bin zuversichtlich, dass das Parlament einer Regulierung der Wölfe zustimmt», sagt er. Allenfalls habe auch die Senkung des Schutzstatus eine Chance. Eine Einschätzung, die Schmidt mit den Naturfreunden teilt: «Bei der derzeitigen Stimmung im Parlament ist leider alles möglich», befürchtet WWF-Projektleiter Eichenberger. Es tönt fast schon resigniert.
Grenzgänger: Der Wolf kehrt langsam zurück
Der Wolf – Canis lupus lupus – ist eng verwandt mit Canis lupus domesticus, dem Hund. Er ist auf der Nordhalbkugel von Osteuropa über Russland bis nach Kanada noch immer weit verbreitet. Doch sein Verbreitungsgebiet ist in den letzten Jahrhunderten um rund die Hälfte geschrumpft. Beinahe ausgestorben ist die Art in Mitteleuropa, weshalb sie heute überall streng geschützt ist. Die Schweizer Wölfe stammen alle aus dem Grenzgebiet Frankreich/Italien, wo sie sich dank Schutzmassnahmen wieder ausbreiten.