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Eine hervorragende Website ist letras.mus.br. Praktisch sämtliche Texte der Musicá Popular Brasileira können hier abgerufen werden, häufig zusammen mit einem YouTube-Video. (Einfach den Sänger oder die Sängerin ins "buscar"-Feld tippen).
Auf der Homepage von Brazilian Sound finden sich Links zu den wesentlichen YouTube-Videos, einer Diskographie und eine Karte zur Musik Brasiliens. Die Autoren, Chris McGowan und Ricardo Pessanha, haben ein gleichnamiges auch als Kindle oder epub-ebook erhältliches Buches geschrieben. Chris McGowan twittert von Zeit zu Zeit auch (@braziliansound).
Einen YouTube-Kanal mit aktuelle brasilianischer Musik unterhält auch das Archive of Contemporary Music.
Der vom Kulturministerium unterstützte Prémio da Música Brasileira listet unvergessliche Musiker/innen auf.
Die Zeitschrift Rolling Stone geht weiter und listet die 100 wichtigsten brasilianischen Musikerinnen und Musiker auf.
Überblick
Ich fasse im Folgenden "The Brazilian Sound" (siehe oben) sehr grob zusammen.
Die brasilianische Musik hat verschiedenste Wurzelnportugiesische, afrikanische und Musik der Ureinwohner, die sich z.T. vermischt haben. Einflüsse aus Angola hat z.B. der Lundu. Um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert war Maxixe, eine Synthese aus Lundu, Polka und Habanera aus Kuba Mode und (wegen der erotischen Bewegungen) ein Skandal
Samba
|Bild Globo|
Auch das Wort „Samba“ scheint ursprünglich aus Angola gekommen zu sein. Elemente des Samba kamen aus Bahia nach Rio de Janeiro, wo sich der Tanz weiter entwickelte. Zu Beginn des 20. Jahrhundert war der Praça Onze in Rio Zentrum der Afro-Brasilianer. Hier liessen sich auch viele freigelassene Sklaven aus Bahia nieder. Lundus, Marchas, Choros, Maxixes, Batuques wurden gespielt, die Carioca-Form des Samba begann als Mischung dieser verschiedenen Richtungen zu entstehen. Man nimmt heute an, dass „Pelo Telefone“ der erste aufgenommene Samba sei.
Das Quartier „Estácio“ ganz in der Nähe wird ebenfalls als eine Wiege des Samba angesehen, hier wurde 1928 die erste Samba Schule (Deixa Falar) gegründet. Mit dem lauten, rhythmischen, während des Karnevals gespielten „Samba-de-enredo“, dem melodiöseren „Samba canção“ und dem überschwänglichen „Pagode Samba“ gab es schon damals ganz verschiedene Richtungen.
Ein legendärer Komponist von Sambas ist Ary Barroso (1903- 1964), der unter anderem das „Aquarela da Brasil“ komponierte, ein Lied, das auch wegen Carmen Miranda und dem Disney-Film „Saludos Amigos“ weltberühmt wurde. Sowohl Carmen Miranda mit ihrem exaltierten Kopfschmuck wie der Disney-Film prägten das damalige Brasilien-Bild in den USA und Europa. Carmen Miranda wurde zum Hollywood-Star und war wohl lange Zeit die berühmteste Brasilianerin.
Eine andere bis heute bekannte Persönlichkeit, die die Geschichte des Samba prägte, ist der Bahianer Dorival Caymmi, der von seiner Gitarre begleitet Sambas wie „Samba da Minha Terra“ sang.
|Die Velha Guarda da Portela (Bild TVBrasil)|
Unterdessen war das Quartier um Praça Onze weitgehend abgebrochen, das neue Rio mit der Avenida Presidente Vargas entstand. Der „klassische“ weniger kommerzialisierte Samba verlagerte sich auf die Hügel und wurde entsprechend „Samba de morro“ genannt. Diese Samba-Form wird heute mit Cartola (1908 – 1980) identifiziert, der erst sehr spät in seiner Laufbahn noch Plattenaufnahmen machen konnte. Die ganze „alte Garde“ kommt in letzter Zeit wieder zu Ehren, über die „Velha Guarda da Portela“ gibt es einen schönen Dokumentarfilm.
Es ist auch der Samba, der den Karneval wesentlich prägt. Der Bedarf nach Liedern für den Karneval hat zur Folge, dass jede Sambaschule eigene Komponisten hat, die immer wieder neue Sambas komponieren. Bekannt sind etwa Portela, Mangueira, Vila Isabel, Salgueiro, Beja-Flor, Mocidade Indepente, Unidos da Tijuca. Die Sambaschulen hatten eine wichtige soziale Funktion, waren für viele Favela-Bewohner eine Art Heimat. Unterdessen sind sie aber auch Grossunternehmen, es werden ihnen Verbindungen zum organisierten Verbrechen nachgesagt.
Paulinho da Viola ist ein Künstler, der den Samba in seiner ursprünglichen Form weiterpflegt und der mit Sinal Fechada einen der Zensur entgangenen cleveren Song gegen die Diktatur geschrieben hat. Leider an einer Krampfadernoperation viel zu früh verstorben ist Clara Nunes (1943 – 1983), die einen mitreissenden Sambastil pflegte. Sie wird oft zusammen mit Beth Carvalho, Alcione und Elza Soares (hier mit Mas Que Nada von Jorge Benjor) genannt.
Ein Vertreter des Sambas aus São Paulo ist Adoniran Barbosa, hier mit seinem O trem das onze.
In Rio spricht man ab Ende 90-er Jahre von einer „Lapa Renaissance“. Das Quartier um die Arcos da Lapa wurde zum Ausgehzentrum mit vielen Samba-Lokalen. Eine bekannte Vertreterin des Sambas aus Lapa ist die „Queen of Lapa“ Teresa Cristina. Bei den Arcos de Lapa hört gibt es verschiedene Samba-Lokale mit mitreissender Musik. zum Beispiel das Carioca da Gema mit einem eigenen YouTube-Kanal.
Bossa Nova
Bossa Nova sollte ein ganz neuer Typ Samba sein, entwickelt von Antonio Carlos (Tom) Jobim (1927 – 1994) João Gilberto und Vinicius de Moraes, in den USA auch durch Stan Getz und Charlie Byrd („Jazz Samba“) bekannt geworden.
Die Zukunft unter Kubitschek in den 50er-Jahren sah gut aus, Brasilia wurde als Hauptstadt gebaut, das Fussballteam gewann die Weltmeisterschaft und die Musiker, die den Bossa Nova entwickelten, standen auch eher auf der sonnigen Seite des Lebens, sie lebten in der Zona Sul Rio de Janeiros und hatten häufig eine gute Ausbildung und schon früh Musikunterricht erhalten oder waren wie Vinicius de Moraes, der für Bossa Nova Stücke textete arrivierte Berufsleute (Moraes war Lyriker und Diplomat).
|Die ursprüngliche Garota da Ipanema (Bild: berlinda)|
Den Durchbruch brachte der Jobim-de Moraes Song „Chega de Saudade“,. Andere Stücke, die ins kollektive Kulturgut eingegangen sind sind „Desafinado“ oder die sehr (zu) viel gespielte Garota da Ipanema. oder Corcovado. Chris McGowan erzählt die Geschichte des Girls von Ipanema in seinem Blog. Sehr bekannt wurde auch die erste Interpretin der Garota von Ipanema, Astrud Gilberto, die damalige Ehefrau von João, die beiden trennten sich aber bald darauf. Hier mit einem anderen vielfach gecoverten Song: Summer Samba.
Bossa Nova war der Boom Ende der 50-er und zu Beginn der 60-er Jahre, Rio hatte jetzt einen ganz neuen Klang.
Ein anderer Vertreter war der Gitarrist Baden Powell (sein Vater war Pfadi-Fan und taufte ihn deshalb so…). Baden Powell komponierte und spielte nicht nur Bossas (wie z.B. Samba triste), sondern mit Vinicius de Moraes zusammen auch Afro-Sambas, die Rückgriff auf afro-brasilianische Musik aus Bahia namen. Berimbau (dessen Namen vom Instrument stammt) ist eine bekannte Komposition.
Música Popular Brasileira
Nach dem Bossa-Boom begannen in Brasilien die Jahre der Militärdiktatur, viele Musiker waren mindestens zeitweise im Ausland im Exil. Allgemein begann man von MPB, Música Popular Brasileiro zu sprechen. Eine einflussreiche, kurz dauernde Richtung war auch Tropicália mit Gilberto Gil und Caetano Veloso. Die Musik wurde allgemein eklektischer, bediente sich ganz verschiedener Stilrichtungen.
Zu nennen sind neben Gil und Veloso z.B: Elis Regina, Marcos Valle (Artikel im Spiegel), Toquinho und Chico Buarque. Chico kehrte schon 1970 aus dem Exil zurück, sein mit Gilberto Gil geschriebenes Stück „Cálice“ richtete sich mit religiöser Rhetorik gegen die Diktatur.
Elis Regina gewann mit nur 20 Jahren, als sie 1965 den ersten Preis an einem damals sehr populären Musikwettbewerb gewann. Sie sang Songs vieler berühmter Komponisten und trat unter anderem mit Tom Jobim auf. Ihr Águas de Março gilt heute als die Interpretation dieses Bossa-Hits von Jobim.
|Gilberto Gil 2013(Bild PD)|
Caetano Veloso und Gilberto Gil begannen mit 1967 – 1969 mit Tropicália eine ganz neue Richtung, beeinflusst von den Beatles und Capoeira-Rhythmus und Funk. Mit ihren elektronischen Instrumenten entfernten sie sich weit von der bisherigen MPB.
Gil blieb über Jahrzehnte einer der führenden brasilianischen Musiker, er wurde während der Präsidentschaft Lulas sogar Kulturminister. Seine afrikanischen Wurzeln waren für Gil immer wichtig, sie prägen auch seine Musik (hier 2012: La Renaissance Africaine)
Auch Caetano Veloso mischte oft Rock, Bossa, Afoxé-Musik, aber auch z.B. Reggae. Hier eines seiner berühmtesten Lieder Você e linda. Seine Schwester Maria Bethânia ist ebenfalls eine der wichtigen Sängerinnen der MPB, die seit den 70-er Jahren auftritt.
In den 80-er Jahren wurde dann Marisa Monte bekannt, sie ist es bis heute geblieben. Mit Arnaldo Antunes und Carlinhos Brown zusammen nahm sie 2002 das Bestseller-Album Tribalistas auf.
Eine andere wichtige weibliche Stimme ist Joyce, die ihre Lieder häufig auch selber komponiert. Hier mit Dori Caymmi in Rio – Bahia, ihren jeweiligen Heimatstädten.
Von den jüngeren (vielen und guten) Künstlerinnen und Künstlern der MPB gefällt mir z.B. Maria Gadu.
In der MPB gibt es auch viele Künstlerinnen und Künstler, die erst daran sind, sich einen Namen zu machen. Die Sampler von Putumayo geben einen sehr guten Überblick, und erläutern die Musik auch, z.B. bei exil.de "Brazilian Café", Brazilian Lounge, Woman of Brazil.
Und um beim Kochen etwas brasilianische Musik zu hören: Radio MPB gibts als App im itunes-Shop
Minas Gerais
Anders gefärbte Musik kommt aus dem Landesinnern. In Minas Gerais prägten Milton Nascimento und sein „Clube da Esquina“ lange den dunkleren, melancholischeren Stil. Die beiden Alben Clube da Esquina I (1972) und Clube da Esquina II (1978) sind ziemlich unvergleichlich; hervorragende Musik.
Bahia
Die heutige Musik Bahias (und weit darüber hinaus) archiviert und verbreitet Sparrow Roberts, ein nach Bahia ausgewanderter Amerikaner mit viel Idealismus auf der Website MusiCodex.
Als erste Hauptstadt Brasiliens und Zentrum des Sklavenhandels hat die afro-brasilianische Musik hier ihre Wurzeln. Candomblé, die Religion, die die Schwarzen mitbrachten, ist nach wie vor verbreitet, ebenso der Kampftanz Capoeira und Musikinstrumente wie Berimbau und Agogô. Die Capoeira-Rhythmen habe die Musik Gils oder auch Baden Powells beeinflusst.
|Filhos de Gandhi am Karneval in Salvador (Bild IRDEB)|
In Bahia wird der Karneval stark durch die Blocos Afro, die Afoxés und die Trios Eléctricos geprägt. Die Afoxé bringen die Musik aus dem Candomblé auf die Strasse , die bekannteste Gruppe sind die Filhos de Gandhi. Clara Nunes und Gilberto Gil haben ihnen mit dem gleichnamigen Song ein Denkmal gesetzt.
Rhythmischer ist Frevo, ursprünglich aus Recife stammend. Sie wird am Karneval auf den Wagen der Trios eléctricos gespielt und animiert zum Mittanzen.
Auch die Blocos führen Wagen mit, auf denen bekannte Gruppen oder Sängerinnen und Sänger wie Timbalada oder Daniela Mercury auftreten.
Ilê Aiyê ist ein „bloco afro“, in dem nur Schwarze Mitglieder sein können, die kontrovers viel zu Renaissance von „African Pride“ beigetragen hat und die den Samba Afro (Samba gemischt mit Candomblé-Elementen) weiter pflegen. Sehr bekannt ist auch Olodum, die den Samba Reggae bekannt gemacht haben. Mit ihnen hat Paul Simon seine Bahia-CD „Rhythm of the Saints“ aufgenommen.
Die verschiedenen Richtungen laufen häufig unter dem Begriff „Axé-Musik“ mit Carlinhos Brown, Timbalada, Daniela Mercury und Olodum als ihre bekanntesten Vertreter.
Der brasilianischen "Volkskunst", wie sie hervorragend im Museu Casa do Pontal in Rio de Janeiro ausgestellt ist, ist ein Blog gewidmet. Die Enzyklopädie der Itaú-Bank listet die bekannten Künstlerinnen und Künstler mit einigen Werken und ihren Biografien auf.
Brasiliens Literatur ist mit dem Auftritt als Gastland an der Frankfurter Buchmesse 2013 weitherum sichtbar geworden. Ein Interview mit Jens Andermann, Professor für Iberoromanische Literaturwissenschaft an der Uni Zürich. Vincent Bevins gibt im Fohla des São Paulo einen Überblick.
2012 neu übersetzt erschienen ist die Werkstatt der Wunder, die Kultur Salvadors wird lebendig. Rezensionen bei Perlentaucher. Aber auch "Dona Flor und ihre zwei Ehemänner" oder "Die Abenteuer des Kapitän Vasco Moscoso" habe ich mit viel Spass gelesen..
Brasilien, Brasilien von João Ribeiro ist 2013 bei Suhrkamp wieder neu aufgelegt. Gemäss Verlagstext breitet Ribeiro "vor unseren Augen ein üppiges, gewaltiges Panorama aus. Brasilien, Brasilien erzählt von Menschen, ihren Taten und Untaten, ihren Leidenschaften und Kalkülen und lässt all die Kräfte und Widersprüche dieses überbordenden Landes spürbar und anschaulich werden."
Die 1997 erschzienene "Die Stadt Gottes" von Paolo Lins über das Leben in der gleichnamigen Favela von Rio hat Eingang in die Bibliothek der Metropolen der Süddeutschen Zeitung gefunden.
Hugo Lötscher, zeitlebens mit Brasilien verbunden, hat mit "Wunderwelt" ebenfalls ein Buch über das Land geschrieben. Besser gelassen hätte sein "Brasilien" wahrscheinlich John Updike.
Der mit Abstand am meisten verkaufte brasilianische Schriftsteller ist Paulo Coelho. Er äussert sich in einem Interview mit der "Welt" eher vernichtend über die Politik Brasiliens und die Delegation, die an der Frankfurter Buchmesse 2013 teilgenommen hat.