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Nach seinem Amtsverzicht 2013 lebte der emeritierte Papst Benedikt XVI. im vatikanischen Kloster Mater Ecclesiae und empfing dort gelegentlich Gäste. Manfred Lütz und Markus Lanz wurden am 30. April 2018 dort empfangen. In einem schmalen, einfühlsam verfassten Buch berichten beide von ihrer Begegnung und porträtieren zugleich den besonders in seiner Heimat Deutschland so oft verkannten Theologen Joseph Ratzinger.
Lütz erinnert sich an den Kardinalpräfekten, den er nie "bierernst", verbittert oder resignativ erlebt habe, ein humorvoller, leiser Mensch, der regelmäßig die heilige Messe jeden Donnerstag im Campo Santo Teutonico gefeiert habe. Zu Beginn sprach er wenige geistliche Worte, "ganz unaufgeregt" und in einem "fast gesungenen Bayerisch". Seine Predigten seien nie "theologische Vorlesungen" gewesen, also verstiegene Vorträge, sondern "Einführungen in die Geheimnisse Gottes, in die Mystik".
Manfred Lütz hatte sich Ende der 1990er-Jahre unter anderem mit Kardinal Ratzinger über die Frage ausgetauscht, ob der Hirntod der Tod des Menschen sei. Ratzinger blieb "eher zurückhaltend": "Seine Schwester war hirntot gewesen, und er hatte nicht den Eindruck, dass sie da tot gewesen sei." Er blieb bei einer "hirntodskeptischen Haltung", auch als Johannes Paul II. sich hierzu in einer Ansprache im Jahr 2000 eher zustimmend geäußert hatte, dass der Hirntod der Tod des Menschen zu sein scheine. Ratzinger ermutigte Lütz, den Papst öffentlich zu kritisieren. Bei dem letzten Besuch von Lütz erklärte der emeritierte Benedikt sodann über seinen Amtsnachfolger Franziskus: "Im Übrigen sei er noch nie mit einem Papst völlig einverstanden gewesen, auch nicht mit Pius XII."
Lütz berichtet auch von der großen, ja "fast grenzenlosen" Loyalität Benedikts gegenüber seinen Mitarbeitern. Es sei ihm stets schwergefallen, "nötige Personalentscheidungen" zu treffen, zu allen Zeiten seines Lebens. Charakteristisch für ihn war auch sein phänomenales Gedächtnis. Jeglicher Personenkult war ihm unbehaglich, ja befremdlich. Markus Lanz bezeichnet Benedikt als "Mystiker auf dem Papststuhl", den eine "irritierende Aura von Heiterkeit" umgeben habe.
Berührend berichten die Gäste von ihrer Begegnung: "Benedikt begrüßte uns und lud uns ein, Platz zu nehmen. Seine Stimme klang leise, eher wie ein Wispern, wir waren anfangs kaum in der Lage, ihn genau zu verstehen. Er schien müde, unendlich müde. Immer wieder fielen ihm die Augen zu, und da wirkte er wie jemand, der gerade verglimmt, als ginge er aus wie eine Kerze." Lanz und Lütz wollten ihn nicht weiter strapazieren und den Besuch abbrechen, doch nach ein paar scherzhaften Bemerkungen rührte sich sein alter Humor, er wurde "wach und präsent", blieb leise, äußerte sich sodann tiefgehend und differenziert. Manfred Lütz sagte, er habe nachgeprüft, dass er 2005 beim Weltjugendtag überhaupt nicht über Sexualmoral gesprochen habe. Benedikt hörte aufmerksam zu. Die Presse, so Lütz, "sei damals voll von Diskussionen über Kondome" gewesen. Ob Sexualmoral als Thema so wichtig sei? Benedikt antwortete, dass ihn das Thema "nie besonders interessiert" habe: "Er finde ohnehin, dass viel zu viel über Sexualität und Sexualmoral gesprochen werde." Auf die Frage, was er für das Wichtigste in seinem Pontifikat halte, erwidert er, das wisse er nicht so genau. Ob dies die drei Jesus-Bücher, die Trilogie "Jesus von Nazareth" also, sein könne? Benedikt stimmt zu: "Das sei noch einmal eine Zusammenfassung gewesen, was ihm wichtig gewesen sei. Es sei sogar eine Art Vermächtnis gewesen, weil es alles beinhalte, was er der Welt noch zu sagen gehabt habe."
Abschließend fragt Markus Lanz "etwas sehr Intimes" – nämlich nach der Angst vor dem Tod. Benedikt denkt eine Weile darüber nach und "antwortet dann, er freue sich, bald nach Hause gehen zu dürfen, seine Schwester wiederzusehen, seine Eltern wiederzusehen und fast alle seine Freunde, die schon drüben seien". Benedikts geliebter Bruder Georg lebte 2018 noch, als Lanz und Lütz im April 2018 im Vatikan zu Gast waren, er starb am 1. Juli 2020, und so bleibt dessen Name verständlicherweise hier unerwähnt. Der emeritierte Papst sagte zudem noch, dass er sehr hoffe, bald für immer nach Hause gehen zu dürfen, "aber, ja, er habe auch ein wenig Angst vor der Pflege in der letzten Phase, so, wie sie wahrscheinlich jeder Mensch habe". Benedikt XVI. lebte noch etwa 4 ½ Jahre, ehe er dann am 31. Dezember 2022 im Alter von 95 Jahren die letzte Wegstrecke vollenden durfte.
Markus Lanz und Manfred Lütz haben ein berührendes, bewegendes Buch über den deutschen Papst vorgelegt, ein dezentes und einfühlsames Porträt.