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An der Südostküste Australiens reicht die Spencer-Bucht weit ins Landesinnere hinein. Doch das war nicht immer so, berichten Geschichten und Mythen der Aborigines in der Gegend. «Es war ein sumpfiges Tal mit flachen Süsswasser-Seen. Dazwischen lebten Emus und Buschhühner. Aber eines Tages tauchte ein riesiges Känguru auf. Es grub mit einem magischen Knochen einen Graben in den Wall, der das Land vom Meer trennte. Donnernd stürzte das Wasser durch diese Öffnung und überflutete das Tal.»
Der Geologe Patrick Nunn erinnert sich gut daran, wie er in der Bibliothek auf die Erzählungen über die Flutung der Spencer-Bucht stiess. Nunn hielt sie zuerst für Mythen ohne historischen Kern. Trotzdem griff er zur Karte und fand darauf einen Wall am Eingang der Bucht, der heute 50 Meter unter Wasser liegt.
Die Wissenschaft kennt den zeitlichen Verlauf des Meeresanstiegs nach der letzten Eiszeit. Nunn konnte also von dieser Tiefe auf das Alter der Geschichten schliessen: 10'000 bis 12'000 Jahre alt mussten sie sein – wenn sie denn stimmen würden. Der Wissenschaftler begann, weitere Geschichten zu sammeln, die davon erzählten, wie das Meer für immer Jagdgründe überflutete oder wie Berge zu Inseln wurden.
Eine zweite Kostprobe: «Die Brüder Malgaru und Jaul wanderten durch die Wüste. Malgaru versteckte seinen Wassersack und ging jagen. Sobald er weg war, stürzte sich sein durstiger Bruder darauf. Dabei beschädigte Jaul den Sack, und das Wasser floss aus. Malgaru eilte zurück, aber er konnte das herausstürzende Wasser nicht bremsen. Es floss übers Land, ertränkte die Brüder und bildete einen neuen Teil des Meeres.»
Über 500 Generationen weitergeben?
Historiker halten es kaum für möglich, dass Ereignisse mündlich über 10'000 Jahre weitergegeben worden sein könnten. Das weiss auch Patrick Nunn. Seine Skepsis verflüchtigte sich aber, als er immer mehr uralte Geschichten fand, die vom Meer berichten, das anstieg, überflutete und blieb.
Der Historiker und Australienkenner Gerhard Leitner, der nicht an Nunns Studie beteiligt ist, findet seine These plausibel. Über maximal 800 Jahre können Informationen weitererzählt werden, postulieren Spezialisten für mündliche Geschichte. Gerhard Leitner vermutet, diese Schallgrenze gelte nur für Völker, die grosse Wanderungsbewegungen und soziale Umwälzungen erleben. Also für die meisten Völker in der Geschichte, aber wohl nicht für die Aborigines.
Patrick Nunn, der über Jahre mit Volksstämmen auf den pazifischen Inseln und in Australien zu tun hatte, glaubt, dass die überaus karge, trockene Landschaft in Australien die Weitergabe von Wissen nötig gemacht hat. Die Menschen mussten ihre Umgebung genau kennen, mussten wissen, wo es Wasser oder Wild gab, um überleben zu können.
Und dieses Wissen mussten sie über Generationen verlässlich weitergeben. Sie taten dies in Form von Geschichten und Mythen, die nur Auserwählte erzählen durften. Übernahm ein junger Nachfolger dieses Amt, wurde er von seinen Vorgängern streng geprüft. So könnte es sein, dass die Aborigines über 500 Generationen die Kunde an uns weitergeben von einer beunruhigenden Zeit, als das Meer plötzlich stark anzusteigen begann.