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Rede an der Vernissage vom 12. September 1998 von Peter Ziegler
Vor hundert Jahren, 13. Juli 1898 ist in Zürich Ernst Denzler zur Welt gekommen. Seit 1912 lebte und arbeitete er in Wädenswil. Als eher scheuer Mensch lebte er sehr zurückgezogen, wagte sich eher selten an die Öffentlichkeit. Grösseren Einblick in sein Schaffen vermittelte die Werkmonographie, welche Hans-Peter Boesch im Jahre 1992 herausgab. Hans-Peter Boesch ist «Die Ausstellung», die heute eröffnet wird, würdigt auf schöne Weise das Lebenswerk eines Künstlers, der am 3. September 1996 im Alter von 99 Jahren gestorben ist.
Leben und das Werk
1912 ziehen die Eltern Denzler mit Ernst, seinem Bruder Emil und vier Töchtern nach Wädenswil, ins Haus Maierisli an der unteren Zugerstrasse. Der Vater führt hier ein Tuchgeschäft. In der Sekundarschule entdeckt Eugen Meier das zeichnerische Talent des Knaben und fördert ihn. Es reift der Entschluss, Kunstmaler zu werden. Zuerst betreibt er Studien im Privatatelier Böttner in Zürich. Hier entstehen erste Werke: 1917 ein aquarelliertes Stilleben mit Bibel, Totenkopf und Lämpchen, 1918 ein Selbstbildnis in brauner Tinte.
Tuchgeschäft Denzler an der Zugerstrasse.
In den Jahren 1919/20, 1922 und 1928 zieht Ernst Denzler zur Weiterbildung nach Paris. Dort wird er geprägt durch die Ambiance von Boulevards und Cafés, von Zirkus und Museen. Lithographien, Feder- und Pinselzeichnungen, Akte und Bildnisse charakterisieren diese Schaffensperiode.
Auf den ersten Aufenthalt in Paris folgt 1921 ein Studienjahr in Italien. In Rom entstehen vor allem Zeichnungen. Das Kapitol, das Standbild von Mare Aurel, Parkanlagen: das sind Bilder, Szenen und Eindrücke, die Ernst Denzler gekonnt mit Kreide oder Bleistift festhält.
Dann wechselt der Maler nach Florenz. Da sind Quartiere mit ihren Strassen und Gassen die bevorzugten Motive für Pinselzeichnungen mit Röteltusche oder für lavierte Tuschzeichnungen.
Immer wieder kehrt Ernst Denzler in den zwanziger Jahren und frühen dreissiger Jahren für einige Zeit aus der Fremde ins Elternhaus nach Wädenswil zurück. Im ehemaligen Schneiderinnen-Atelier richtet er sich ein eigenes Atelier ein. Jetzt porträtiert er Persönlichkeiten aus dem Dorf: den Rechtsanwalt Ritzmann, den Arzt Florian Felix, den Ohrenarzt Weibel, den Zahnarzt Meier, den Side-Amme und den Zigarre-Müller. Er malt die alte Wädenswiler Badanstalt, die Gasfabrik, den winterlichen Garten bei der Gerbe.
In Wädenswil lernt Ernst Denzler seine künftige Frau kennen: Alice Meier. 1934 heiraten sie. Das Ehepaar wohnt zuerst in Zürich, wo der Künstler Malstunden erteilt. 1937 ist dann das neuerstellte Haus an der heutigen alten Steinacherstrasse in der Au bezugsbereit. Da arbeitet Ernst Denzler bis 1968. Einen prächtigen Blick hat er da über die noch wenig überbaute, ländliche Au. Einen Blick auf den See von Zürich bis Rapperswil. Eine Landschaft, die er in allen Jahreszeiten zeichnet, malt oder radiert: bei Sonne, Regen, Sturm und Winterkälte. In den 1950er Jahren veröffentlicht der «Allgemeine Anzeiger vom Zürichsee» in der jährlichen Kalenderbeilage viele Federzeichnungen, welche Denzlers engere Heimat zeigen: Bauernhäuser im Unterort, die Türgass, der Blick vom Hangenmoos über das Dorf Richtung über See, den Sihlsprung, den Hüttnersee.
Schon während der Studienjahre in Paris übt sich Ernst Denzler im Akt-Zeichnen. Mitte der 30er Jahre greift er das Aktzeichnen wieder auf. Jetzt in der Technik der Federzeichnung oder der Pinselzeichnung mit verdünnter Tusche. 1935 ist Ernst Denzler auch als Buchillustrator tätig. Er schmückt das Buch «Flug mit Elsabeth» von Ernst Ackermann mit Federzeichnungen. Das Buch erscheint im Verlag Fretz + Wasmuth in Zürich. 1943 erscheint ein Bändchen mit 25 Federzeichnungen von Ernst Denzler. Diese Zeichnungen sind angeregt worden durch das Gedicht «Schläferin» seines Freundes Max Richner. Weitere Akte entstehen um 1955, dann wieder um 1970 auf Ischia. In der Kombination von Meerfischen, Krebsen, Muscheln und Schlingpflanzen leiten sie über zu den Nixenbildern der siebziger und achtziger Jahre.
Der vierjährige Ernst Denzler wird träumend aus dem Schlaf aufgeschreckt. Löwen, Tiger und Panther bedrohen ihn, greifen ihn an. Raubtiere begleiten ihn fortan durch sein ganzes Leben. Man findet ihn darum häufig im Zürcher Zoo, wo er den Stift zückt und mit sicherem Strich ein Tier aufs Papier bannt. Ob er vor den Raubtierkäfigen im Zürcher Zoo sitzt, beim Cirkus Knie oder im Kinderzoo in Rapperswil: immer ist der Künstler fasziniert von der Bewegung, gepackt von der Kraft und Spannung seines Sujets. So entstehen ausdrucksstarke Tierbilder aus tiefem Erlebnis.
Zwiesprache mit Tieren heisst auch ein eindrucksvoller Bildband mit Zeichnungen von Ernst Denzler und einem Vorwort von Max Richner. Er erscheint auf Weihnachten 1944 in einer nummerierten Auflage von 500 Exemplaren. Nur wenig später bereichert Ernst Denzler die «Dschungel-Gedichte» von Rudyard Kipling, die Ernst Helbling übertragen und nachgedichtet hat. Vom Dichter und Künstler signiert, erscheinen sie 1945 in 200 nummerierten Liebhaberdrucken. Herausgeber ist der Verein der Oltener Bücherfreunde. Neben den Haus- und Raubkatzen, die da vorkommen, gehört seit den 1970er Jahren vor allem das Pferd zu jenen Tieren, die Denzler immer wieder aufs Neue studiert und darstellt. Beliebter Ort für die Studien sind die Stallungen und die Weiden des Klosters Einsiedeln.
Im Zürcher Zoo, vor allem aber während eines Aufenthaltes in Neapel, wird Ernst Denzler von der vielfaltigen und vielfarbigen Tier- und Pflanzenwelt der Aquarien beeindruckt. Meistens in Mischtechnik – das ist eine Verbindung von Harzölfarbe und Kaseintempera – komponiert er erste Fischbilder: Er malt Rochen, rote Polypen, Rotfeuerfische, Kugelfische, Einsiedlerkrebse, Silberrosen, Seesterne und Muscheln.
Als Kombination von Fischbildern und Akten entstehen ab den 70er Jahren Ernst Denzlers geheimnisvolle Nixenbilder. Sie tragen Titel wie «Drama», «Muränenklage» oder «Nixe mit Buntbarschen». Nach meinem Eindruck zählen sie zum Schönsten, was der Künstler geschaffen hat. Sie zeugen von persönlicher Formensprache, von eigenwillig-phantastischer Vorstellungskraft. Immer wieder werden die Nixen von Seeungeheuern angegriffen. Immer wieder ereignet sich, wie es Ernst Denzler einmal selber ausgedrückt hat, «un drame sous la mer».
In dem 1950er Jahren erhält Ernst Denzler von Behörden in Wädenswil und Umgebung den Auftrag, neue öffentliche Bauten mit Wandbildern zu schmücken. An der Aussenfassade der Turnhalle des Sekundarschulhauses Berghalden in Horgen das Fresco Speerwerfer und Kugelstosser. Seit 1953 trägt auch die Giebelwand der Turnhalle Eidmatt I in Wädenswil eine Fresco-Malerei von Ernst Denzler. Im Zentrum schwingt ein Knabe eine Schweizer Fahne. Drei Buben mit einem Ball und ein Mädchen und zwei Knaben mit einem Diskus schauen dem Fahnenschwinger zu. 1954 weiht man im neuen Sekundarschulhaus Fuhr wieder ein Werk von Ernst Denzler ein: drei Fresco-Platten zum Thema Tier. Seit 1955 trägt auch der Vorraum der Turnhalle Samstagern ein Wandbild, das Ernst Denzler geschaffen hat. Als Thema hat er da «Spielende Kinder» gewählt.
Ob Öl, Aquarell, Bleistift, Feder-, Pinsel- oder Rötelzeichnung, ob Mischtechnik, Fresco oder Radierung - keine Technik macht Ernst Denzler Schwierigkeiten. Er ist ein Maler, der das Handwerk beherrscht. Meisterhaft sind seine Lasurwirkungen, die Leuchtkraft und die Schärfe des Umrisses.
Wandbild von Ernst Denzler an der Turnhalle Eidmatt I, 1953.
Souverän geht er nach eigenen Gesetzen mit dem Stoff um. Er stellt Menschen, Tiere und Sachen in eine neue Umgebung, kombiniert sie auf eine überraschende Art und schafft so Harmonie oder Dissonanz.
Soviel zum Werk von Ernst Denzler, das in dieser Ausstellung nochmals in ganzer Vielfalt zum Ausdruck kommt.
Abschliessend möchte ich Ernst Denzler noch mit ein paar persönlichen Eindrücken würdigen. Ernst Denzler stand nicht gerne im Rampenlicht. Er war eher menschenscheu und lebte zurückgezogen, von 1969 bis 1980 auf Untermosen und dann an der Grünaustrasse 18, wo die Wohnung zugleich Atelier war. Grosse Unterstützung fand er in seiner Frau Alice, was er immer wieder dankbar betonte. Bilderausstellungen wie die heutige sind zu Lebzeiten von Ernst Denzler eher selten gewesen. Freunde und Bekannte mussten ihn eher dazu drängen. Ebenso zurückhaltend war er, wenn er seine Bilder hätte verkaufen sollen. Zwei seiner Ölgemälde «Perserkatzen» und «Stilleben» sind Eigentum der Stadt Wädenswil. Sie schmücken den Bergsaal im Haus Sonne. Andere Werke sind in Privatbesitz im In- und Ausland.
Aber auch da war Ernst Denzler heikel. Er hatte genaue Vorstellungen, wie ein Bild gerahmt sein musste. Er hatte auch genaue Vorstellungen, an welcher Wand und auf welche Art der Käufer das Bild zu hängen hatte. Es soll sogar vorkommen sein, dass er beim Besitzer schauen ging, ob er das Bild richtig gehängt habe. Und war das nicht der Fall, nahm er es einfach wieder mit. Und es konnten auch gar nicht alle Leute ein Denzler-Bild kaufen, auch wenn sie noch wollten. Wenn ihm der Käufer nicht passte, wies er ihn barsch ab mit der Bemerkung: «Ihnen verkaufe ich kein Bild».
Bis man das Zutrauen von Ernst Denzler gewonnen hatte, ging es lange. Aber dann konnte man ihm nahe sein. Dann holte er Bild um Bild aus dem Nebenzimmer, erklärte Techniken, Finessen. Er holte Bücher hervor, frischte Erinnerungen auf, war heiter und gesprächig. In so guter Verfassung habe ich Ernst Denzler auch getroffen, als Herr Villiger, Herr Boesch und ich mit ihm und seiner Frau die Werkmonographie zusammenstellten.
Die Werkmonografie, 1992 erschienen, gibt mit den vielen farbigen Abbildungen einen interessanten Querschnitt durch Ernst Denzlers vielseitiges Schaffen. Das Buch ersetzt aber nicht das Original. Die Ausstellung bietet Gelegenheit, dass man noch ein originales Denzler-Bild erwerben kann. Ein Bild oder mehrere Bilder eines eigenwilligen, sensiblen Künstlers, der noch im 99. Altersjahr, bis kurz vor seinem Tod am 3. September 1996, in Wädenswil täglich tätig.