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Die Schweiz als Asylland
Schweizer Jahrbuch für Musikwissenschaft
Im Oktober 1998 fand die Hauptversammlung der Schweizerischen Musikforschenden Gesellschaft in Ascona statt. Als Kolloquiumsthema hatte man, einem Genius Loci folgend, «Die Schweiz als Asylland» gewählt. Der prominenteste Musiker, der in der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs Zuflucht gefunden hatte, war der in Moskau geborene, in Deutschland vor 1933 erfolgreiche Komponist Wladimir Vogel (1896-1984). Er verbrachte sein Exil zuerst in Ascona, seit längerer Zeit ein Refugium für «unangepasste» Künstler.
Von hohem Interesse sind die das brisante Thema behandelnden Studien der eingeladenen Musikwissenschafter. Sara Imobersteg schildert die tragischen Schicksale der Komponisten Rudolf Semmler (1904-1988), Max Ettinger (1874-1951) und Will Eisenmann (1906-1992). Alarmiert durch den Verdacht, die politischen Behörden der damaligen Schweiz hätten sich nichtkorrekt verhalten, folgt man diesen Darstellungen. Imobersteg weist auch auf den wunden Punkt, «der heute noch nicht behandelt werden kann, da umfassende Forschungsergebnisse fehlen, der aber in Zukunft mit Sicherheit zu beschäftigen hat: der Widerstand, welcher der Integrationder Exilkomponisten von Seiten der schweizerischen Kulturschaffenden und Berufsverbände entgegengesetzt wurde».
Dafür gibt es in dieser und den übrigen Studien Belege. Jedoch finden sich auch Zeichen, dass die Autoren die «Isolation» der Künstler in der Schweiz etwas verschärft schildern. Ob sich alle Komponisten «durch das Exil um die Profilierung im Musikleben betrogen» sahen, bleibt fraglich. Gewiss, heute erwartet man kaum mehrWorte der Anerkennung dafür, dass die Verfolgten in der Schweiz Aufnahme fanden. Indessentrafen sie hier nicht nur Gleichgültigkeit an, sondern teilweise auch Unterstützung. Rudolf Semmlers Opus 1, Fünf Lieder für eine hohe Singstimme und Klavier, wurde zum Beispiel bei Hug in Zürich herausgegeben. Nach Semmlers 1946 erfolgter Einbürgerung «ist jedenfalls ein regelmässiges kompositorisches Schaffen verzeichnet» (Imobersteg). Auch Will Eisenmann fristete kein leichtes Emigrantendasein in der Schweiz, erhielt aber 1935 die Niederlassung und konnte Opernstudios in Zürich und Luzern gründen.
Hansjörg Pauli schreibt als Kenner über das Exil des Dirigenten Hermann Scherchen und widerlegt zahlreiche um seine Person zirkulierende Gerüchte. Der Komponist, Pianist und fürdie damalige Moderne bahnbrechende Musikästhet Ferruccio Busoni verbrachte die Jahre von 1915 bis 1919 in Zürich. «Tränenden Auges» bat er, wie Volkmar Andreae bezeugte, nach dem Kriegseintritt seines Vaterlandes Italien in der Schweiz um Hilfe. Nach Kriegsende wurde dem Kosmopoliten Zürich jedoch bald zu eng. Ein solch emotionaler Wandel hat sich, verständlicherweise, bei vielen emigrierten Künstlern eingestellt.
Über Busoni berichtet Laureto Rodoni auf Grund umfangreicher Kenntnisse; ein grosser Gewinn ist die Erstveröffentlichung von zwölf Briefen Busonis. Den wichtigsten hat dieser am 12. Oktober 1915 an Leo Kestenberg aus Zürich geschrieben: «Hier wurde ich herzlichst empfangen, man scheint meine Anwesenheit zu schätzen und ist gewillt, sie nicht unbenutzt verstreichen zu lassen. - Aber mein Leben hat einen Riss, und oft erkenne ich es kaum als das eigene.»
Sehr aufschlussreich nimmt sich Carlo Piccardis Studie über den Busoni-Schüler Wladimir Vogel aus, die sich auf die politischen Interessen des jungen Künstlers konzentriert. Piccardi legt eine Seite in Vogels Denken frei, die unter dem Eindruck des in Zürich seit 1964 besonders gepflegten Spätwerks vernachlässigt wird.
Eingeleitet werden diese Beiträge durch die in der «Exilforschung» ausgewiesene Musikwissenschafterin Claudia Maurer Zenck. Sie entwirft inihrem «Versuch einer Bilanz der musikwissenschaftlichen Exilforschung» eine Geschichte dieses zurzeit florierenden Forschungszweigs, fasst aber die «Exilforschung» sehr eng. (Sie betrachtet ihre eigene Studie, «Ernst Krenek - ein Komponist im Exil», Wien 1980, als die erste dieser Fachrichtung.) Für die Bestimmung der von ihr diskutierten Begriffe des «Exils» und der «Exilierten» wäre die Berücksichtigung früherer, weiter gefasster Interpretationen vorteilhaft. Zwei Vorschläge der Erweiterung: Da man hier die Schweiz ohnehin verlassen hat, möchte man auch das Schicksal des Wiener Komponisten und Musikwissenschafters Egon Wellesz, der 1938 nach Oxford emigrierte, einbezogen sehen. (Bereits die Studie von Robert Schollum, Wien 1963, enthält ein Kapitel «England: Eingewöhnung».) Zweiter Vorschlag: Der 1938 in die USA ausgewanderte Wiener Ernst Krenek, der 1979 seinen Briefwechsel mit Theodor W. Adorno edierte, gibt in seinem Vorwort das Stichwort «Exil», ein Thema, das seit den siebziger Jahren aktuell ist.
Es folgen im Jahrbuch «Freie Beiträge» über Josquin, Corelli, Edgar Varèse, Anton Webern und andere Komponisten. Vier Studien beziehen sich auf die Ethnomusikologie. - Joseph Willimann, der Präsident der Schweizerischen Musikforschenden Gesellschaft, hat den Band mit einem Vorwort versehen.
Andres Briner
Schweizer Jahrbuch für Musikwissenschaft 1999. Neue Folge, Bd. 19. Die Schweiz als Asylland. Verlag Peter Lang, Bern 1999. 572 S., Fr. 69.-.