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Rolling Stone publiziert eine Liste der 100 besten Sängerinnen und Sänger. bluesnews.ch fragt nach, wer vom Blues darunter ist und diskutiert die Relevanz dieser Liste im Bezug auf unser Kernthema, den Blues.
Seit einigen Jahren erfreut sich in der Redaktion des Rolling Stone die Hitliste grösster Beliebtheit. Das Leitmedium des Rock‘n'Roll hatte schon die 100 besten Gitarristen, die 500 besten Songs, die 100 besten Alben etc. etc. In der aktuellen Ausgabe von Rolling Stone (Nr. 1066 vom 27.11.08) haben 189 Kenner der Materie darüber abgestimmt, wer der beste Sänger oder die beste Sängerin aller Zeiten ist.
Rolling Stone nimmt solche Listen mit einer gewissen kritischen Distanz, selbstverständlich sind dies keine absoluten und unumstösslichen Listen, aber sie vermitteln doch immer einen gewissen Eindruck oder auch Zwischenstand der Entwicklung der Popular Music. Zugleich geben sie einen Einblick ins Pantheon des Rock. Die wählbaren Musiker umfassen das gesamte Spektrum der amerikanischen Popmusik, also Rock'n'Roll, Bluesrock, Rock, Hard Rock, R&B, Soul. Reggae, Folk, Country und nicht zuletzt Blues. Wie für Rolling Stone in solchen Listen üblich, werden die Jazzer ausgeklammert.
Das mag man bedauern, weil der Jazz schliesslich ebenfalls „popular" ist, auf der anderen Seite gibt es alleine in der Jazz-Tradition so viele grossartige Sängerinnen und Sänger, dass eine Liste von 100 gut beraten ist, den Jazz aussen vor zu lassen. Rolling Stone definiert den Rock'n'Roll als Kunstform, die immer auch einen gesellschaftlichen Anspruch auf Gegenkultur erhebt, was ja tendenziell im Jazz nicht der Fall ist. Kommt als letztes Argument hinzu, dass im Jazz der Gesang eine andere Stellung einnimmt als in den genannten Musikformen. Im Jazz lässt sich jederzeit ein Sänger oder eine Sängerin durch ein Instrument ersetzen (natürlich nur vom Arrangement her, niemand und kein Instrument hätte je Ella Fitzgerald ersetzen können).
Die Jury umfasst 189 Namen, dazu solch illustre Kennerinnen und Kenner des Gesangs wie Sinéad O'Connor, Steve Cropper, Rod Steward, Sammy Hagar, Carole King, Alice Cooper, Bette Midler, Keith Richards, Yoko Ono, Ozzy Osbourne, Mavis Staples, Iggy Pop oder Bruce Springsteen. Sozusagen als Vertreter des Blues oder als langjährige Kenner des Blues sassen in der Jury Etta James, B.B. King, Ginger Baker, Solomon Burke, Mick Fleetwood, Billy Gibbons, Carlos Santana, Eric Burdon und Dr. John. An der Reihe von Juroren fielen mir zwei speziell ins Auge: Scotty Moore, der Gitarrist von Elvis Presley und mittlerweile tatsächlich ein Fossil des Rock (Geboren 1931), der wohl alles gesehen hat, was sich im Rock ereignete, und Yusuf Islam, ehemals Cat Stevens. Dass dieser bei einer solchen Liste mitmacht, spricht für seine vorsichtige Rückkehr in die Welt der Popmusik. Schliesslich spricht es auch für das Rolling Stone, denn Cat Stevens ist in den USA kaum bekannt (eine Rezension seines Albums Another Cup bezeichnet ihn als «eine Art Britischen James Taylor», was weder Taylor noch Islam gerecht wird.)
Jeder Juror sollte seine 20 liebsten Sänger aufschreiben, die Listen wurden zusammengelegt und dann ergab sich eine Hitliste der 100 besten Sängerinnen und Sänger. Wer auf der von der Buchprüfungsfirma Ernst & Young (!) entwickelten Liste auf Platz 101 stand, hatte natürlich die sprichwörtliche Arschkarte gezogen, aber das ist eben die Natur dieser Listen.
Uns interessieren natürlich die Vertreter des Blues. Und da ist zunächst mal festzustellen: Der Blues ist kaum vertreten. Zählt man Little Richard (Nr. 12) nicht zum Blues, so belegt Etta James auf Platz 22 der erste Stimme des Blues in der Liste. Dann folgt auf Rang 31 The Howlin‘ Wolf (Das ist genau ein Platz besser als Bono. Chuck Berry, den ich im Gegensatz zu Little Richard noch dem Blues zuschlagen würde, belegt Rang 41. Nr. 44 ist Bobby «Blue» Bland, Nr. 50 Bonnie Raitt und Nr. 53 Muddy Waters. Eric Burdon belegt Rang 57, Jerry Lee Lewis Rang 67, John Lee Hooker rangiert auf Platz 81 und B.B. King belegt als 96ster den höchsten Rang der Top 100 Sängerinnen und Sänger aller Zeiten.
Dann gibt es eben die Grenzfälle, Musiker, die sich eine Zeit lang mit Blues beschäftigt haben, stark vom Blues beeinflusst sind und vielleicht auch eigene Aufnahmen machten, die aber schon lange anderen Musikrichtungen zugewandt haben. Die Hitliste diesmal von hinten nach vorne: Joe Cocker (97), Solomon Burke (89), Sam Moore (vom Duo Sam & Dave, Rang 85), Tom Waits (82), John Fogerty (72), Gregg Allman (70), Paul Rodgers (von Free und seit einigen Jahren Queen, Rang 55), Jim Morrison (47), Curtis Mayfield (40), Steve Winwood (33), Janis Joplin (28) Van Morrison (Nr. 24) und Robert Plant (15).
Wie fair ist die Liste? Selbstverständlich gibt es grosse Ungerechtigkeiten: Annie Lennox auf Rang 93 und Mariah Carey auf 79? Keiner der Sänger von AC/DC (Bon Scott, Brian Johnson) taucht auf der Liste auf? Die Ränge 11 bis 14 werden belegt von Paul McCartney, Little Richard, Roy Orbison und Al Green. So gerne man Roy Orbison haben mag, Al Green ist der bessere Sänger, oder habe ich was an den Ohren? Hank Williams steht auf Rang 27, Nina Simone dagegen auf 29? Manche grosse Stimmen fehlen: Barry White, Ben E. King, Martha Reeves (von Martha and the Vandellas) Schliesslich fehlen junge Sängerinnen und Sänger, die eben noch nicht so etabliert sind wie Prince (Rang 30): Tori Amos, Eva Cassidy, Norah Jones, Justin Timberlake sucht man vergebens. Wer schliesslich vollkommen mit Abwesenheit glänzt, sind die Rap- oder Hip-Hop-Musiker. Da in dieser Form der Musik der Gesang noch viel zentraler ist als bei Rock- oder Country-Songs, erstaunt die völlige Abwesenheit von Rapstars doch etwas.
Als grösstes Versäumnis aus der Sicht des Blues erscheint der Redaktion die Tatsache, dass Big Mama Thronton gar nicht auf der Liste figuriert. Man hätte auch Albert King oder Big Joe Turner auf die Liste nehmen können, und auch im Fall von Stevie Ray Vaughan hätte ich eine Erwähnung erwartet, denn er sang wirklich gut und mit viel Leidenschaft und Authentizität. Schliesslich scheinen mir B.B. King und vor allem John Lee Hooker unterbewertet. Gerade Hooker hat mit seinem Sprechgesang den Weg bereitet für Leute wie Tom Waits und Van Morrison, die beide vor ihm auf der Liste stehen.
Kommen wir damit zu den Gewinnern. Wie gesagt, in den gesamten Top Ten der Liste gibt es keine Blueser. Niemand Es gibt vielleicht Musiker aus dem sehr weiten Umfeld des Blues, aber eben stets von jenseits der imaginären Genregrenze. Als Vierter wurde gewählt: Sam Cooke, dann kommen John Lennon (5) und Marvin Gaye (6, auch das fragwürdig: Marvin Gaye war der bessere Sänger als Lennon, rein was die Technik und den Umfang der Stimme angeht). Als Nr. 7 folgt, für gewisse vielleicht etwas überraschend, Bob Dylan. Schliesslich machen Otis Redding, Stevie Wonder und James Brown die Top Ten voll. Wer ist sonst noch dabei? Dusty Springfield, Bruce Springsteen und Neil Young (Nr. 35-37, Springsteen war als einziger dieser drei in der Jury).
Und schliesslich die Frage: Wer hat gewonnen, wer führt die Liste an? Auf die ersten drei Plätze hat die Jury die folgenden gewählt: Bronze geht an Elvis Presley, Silber an Ray Charles und Gold - tata - an Aretha Franklin.
Wie gesagt, solche Listen sind immer Anlass zur Kritik, aber wenn sie dazu dienen, sich am eigenen CD-Gestell nochmal die eine oder andere CD anzuhören, dann ist das doch eigentlich Sinn der Sache.