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"HÉLÈNE FAUQUET - PHENOMENA"
19.07.2023 Ausstellung im Kunsthaus Glarus, bis am 19. November 2023
Bild: Hélène Fauquet, worlds end, 2022, UV-Druck auf Holz - Alle Werke courtesy die Künstlerin und Éduard Montassut
Als sich Hélène Fauquet mit dem Ausstellungsraum genauer zu beschäftigen begann, fühlte sie sich unmittelbar an den gleichnamigen Film von Dario Argento erinnert. Dieser obskure Film veranlasste sie dazu, die Umgebung genauer dahingehend zu studieren, wie sich atmosphärische Vorlagen und die Erinnerung daran auf uns auswirken können. Mit Augenmerk auf die Fähigkeit des Auges, bestimmte Bilder einzufangen und sie in der Erinnerung abzuspeichern, stellen die "Schreine" oder "Altare", die in der Ausstellung zu sehen sind, zur Debatte, wie Informationen physisch abgespeichert werden, wie sie der oder die Betrachter:in in der Wahrnehmung verarbeitet und auch, wie ein Bild sich in einem System von Bildobjekten behauptet oder einordnet.
"Phenomena" (1985) ist der am meisten "naturbezogene" Film des Giallo-Meisters und wurde grösstenteils in der Schweiz gedreht (Säntis-Region, Thurwasserfälle, Zürichsee). Durch die regionale Nähe eröffnen sich im Film Eindrücke und Settings, die visuelle Ähnlichkeiten mit der Umgebung im Kanton Glarus aufweisen. Der Film ist durchdrungen vom Motiv des Föhns, einem Wind, der in seiner spezifischen Qualität in dieser Gegend besonders vorzufinden ist und dem nachgesagt wird, die Ursache für Lawinen und Wahnvorstellungen zu sein. Argento berichtete sogar, dass er den Föhn auf der Haut spürte, als er das Drehbuch schrieb.
Gegenstand des Filmes sind Zusammenhänge wie etwa die psychischen Kräfte von Insekten, Abweichungen und diverse Fäulnisprozesse. Während aber im Laufe des Filmes unterschiedliche Naturgewalten thematisiert werden, stilisiert sich doch der Wille zum Leben als stärkste Kraft empor. Argento gestaltet diese Natur mit Hilfe eines Heavy-Metal-Soundtracks und von Armani-Bekleidung noch weiter aus, um dadurch einen inhomogenen, traumhaften Raum abzubilden, der von Kriminalität und Geheimnissen dominiert wird. Seine Filme zeichnen sich generell durch einen gewissen auratischen Anspruch aus, in dem die Realität oft rätselhaft ist und ihre herrschenden Gesetze wie Zeichen einer gross angelegten Verschwörung wirken. Der Titel des Films ist der "Phänomena"-Ausstellung von 1984 (Zürichhorn) entnommen, einer naturwissenschaftlichen Ausstellung, die Umweltphänomene und Experimente zeigte.
In einer weiteren Übertragung bearbeitet Fauquet im Zusammenhang mit den Prozessen der Kommerzialisierung Bilder, wie sie beispielsweise bei der Herstellung von Marketingbildern für Parfüme oder andere Luxusprodukte zum Einsatz kommen. Mit manipulierten Abbildungen von "Tropfen" und "Blasen" schafft sie neue Konstellationen von Bildern, deren Erscheinung abstrakte Konzepte von Schönheit, Transparenz oder Jugend als unidentifizierte Formen darstellt. Eine Blase ist ein Gaskügelchen in einer Flüssigkeit. Das Gegenteil davon ist ein von Gas umgebenes Flüssigkeitskügelchen, das als Tröpfchen bezeichnet wird. Blasen sind sichtbar, weil sie einen anderen Brechungsindex (RI) als die sie umgebende Substanz besitzen. Bei Blasen, die nicht per se durch die Abstossung von zwei verschiedenen Medien entstehen, wie etwa Seifenblasen, ist eine dünne Membran sichtbar, die das Licht beugt und reflektiert. Diese Kügelchen sind mit anderen Worten die sichtbare Begegnung zweier homogener Volumina: ein Hohlraum in einem anderen. Die Inszenierung des "schönen" Bildes und seiner Manipulation vermischt sich mit der Anspielung auf das Paranormale in der Beschwörung sichtbarer und unsichtbarer Kräfte und der daraus resultierenden ultimativen Fremdartigkeit.
Hélène Fauquet wurde 1989 in Saint-Saulve (FR) geboren, sie lebt und arbeitet in Wien und Paris.
Kuratiert von Melanie Ohnemus
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