Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03462.jsonl.gz/1431

Berthold Wulf wird am 2. Juli 1926 als dritter Sohn von Bertha und Karl Wulf in Hannover geboren.
Bertha, geb. Lübke, ist eine Bauerntochter aus Mecklenburg und Karl Wulf ist Organist.
1933 zieht die Familie in den Heimatort des Vaters, Bad Salzdetfurth bei Hildesheim.
Zusammen mit seinem älteren Bruder und seinem Zwillingsbruder verlebt er eine glückliche Kindheit.
Schon als Kind beginnt er, Worte zu reimen und Verse zu schmieden, was jedoch in seiner Familie wenig Beachtung findet.
Auffälliger sind seine Tierliebe, besonders zu Pferden, die Liebe zur Natur und sein stundenlanges „Herumstromern“
im Wald mit seinem älteren Freund und Beschützer Fritz. Diese Interessen veranlassen seinen verständnisvollen Lehrer,
in sein Zeugnis zu schreiben „Mit Rücksicht auf die Eltern: noch vier“, da der Vater ja am Sonntag in der Kirche die Orgel spielt.
Diese schöne Zeit findet ihr abruptes Ende mit dem Militärdienst, zu dem er mit 17 Jahren einberufen wird.
An vorderster Front in der Normandie während der Invasion übersteht er wie durch ein Wunder die schreckliche Zeit
des Zweiten Weltkriegs. Stets erinnert er sich an das 5. Gebot, „Du sollst nicht töten“, das ihm seine Mutter mit auf den Weg gegeben hat.
Nach Kriegssende, das er an der Ostfront erlebt, beginnt sein dreimonatelanger Fussmarsch in Richtung nach Hause.
Viermal gerät er dabei in Gefangenschaft und kann immer unter abenteuerlichen Umständen entkommen.
Zu Hause findet er sein Elternhaus unversehrt, während sein älterer Bruder in Stalingrad schwer verwundet wurde und ein Bein verlor.
Sein Zwillingsbruder kommt erst ein Jahr später nach entbehrungsreicher Gefangenschaft nach Hause.
Wie soll es nun weitergehen in dieser chaotischen Nachkriegszeit? Berthold Wulf sitzt mit seinem kleinen Ziegenbock im Walde
und liest Aristoteles, Thomas von Aquin und Paracelsus. Sein treuer Freund Fritz findet, er könne beim Wiederaufbau der
Goldschmiedewerkstatt „Blume“ in Hildesheim helfen, wo Fritz selber Goldschmied ist.
So fügt es sich glücklich, dass er später einen Lehrvertrag bekommt und nach vier Jahren die Lehre als Goldschmied abschliessen kann.
Während dieser Zeit, als er 21 Jahre alt ist, hört er zum ersten Mal den Namen Rudolf Steiners.
Von nun an beginnt sein lebenslanges Studium der Anthroposophie. Er tritt in den Zweig Hildesheim ein
und in mancher Nacht liest er sechs Vorträge von Rudolf Steiner. Da er vorher den Gedanken gehegt hat, eventuell Dominikaner zu werden,
rät ihm ein Freund, nach Stuttgart zu einem Orientierungskurs der Christengemeinschaft zu fahren, da diese eine anthroposophische Kirche sei.
Er wird von dem damaligen Lehrer Gottfried Husemann gleich in das Priesterseminar aufgenommen und nach vier Jahren 1953 zum Priester geweiht.
Auf Rat seines Lehrers Diether Lauenstein besucht er während dieser Zeit Vorlesungen an der Universität Tübingen.
Er lernt mit lebendiger, herzlicher Anteilnahme, so zum Beispiel Griechisch, indem er in den Semesterferien täglich das Evangelium laut liest.
In der Stuttgarter Zeit lernt er die Eurythmistin Ingeborg Köhler kennen, die er 1954 heiratet. Die erste Pfarrstelle tritt er in Berlin 1953 an.
Es folgt Heidelberg, wo 1956 der erste Sohn Johannes geboren wird. Anschliessend ist er in Heidenheim als Pfarrer tätig,
wo 1960 der zweite Sohn Andreas zur Welt kommt. Der dritte Sohn Peter wird 1964 in Zürich, seiner längsten und gleichzeitig letzten Pfarrstelle, geboren.
In Zürich kann er endlich seinen Kindertraum, den eines eigenen Pferdes, verwirklichen, und er reitet oft. Eine Studienreise führt ihn im Winter 1981/82 nach Südindien.
Für seine Dichtung „Kalendarium der Ewigkeit“ erhält Berthold Wulf den zweiten Preis des Internationalen Bläschke-Gedächtnispreis 1983/84.
1985 wird er mit dem Lyrikpreis der Arbeitsgemeinschaft für Werbung, Markt- und Meinungsforschung AWMM ausgezeichnet.
1989 wird er in seiner eigenen Wohnung von einem Geistesgestörten überfallen, der ihn mit vielen Messerstichen schwer verletzt.
Nur dank der unmittelbaren Nähe des Universitätsspitals Zürich und dem Einsatz von vier Notfallchirurgen überlebt er dieses schlimme Ereignis.
Berthold Wulf hält unzählige Vorträge im deutschsprachigen Raum. Seine Vortragsreisen führen ihn bis Oslo,
in verschiedene Tagungszentren und auch ans Goetheanum, wo er an einer Fausttagung spricht.
Zwei Kunstreisen begleitet er mit Vorträgen nach Griechenland und eine nach Kenia.
Im Frühjahr 2008 erleidet er einen Schwächeanfall und muss sich in Spitalpflege begeben.
Als Folge zieht er mit seiner Frau zu seinen drei Söhnen nach Müllheim im Thurgau.
Er lebt immer mehr in seiner eigenen Welt; vergisst langsam, ob Morgen oder Abend, Sommer oder Winter ist.
Im Mai 2012 stürzt er und bricht sich den rechten Oberarm. Er muss erneut ins Spital und anschliessend zur Erholung in ein Pflegeheim.
Seine fröhliche Art und positive Lebenseinstellung erhalten sich bis zuletzt. Er stirbt in den frühen Nachmittagsstunden des 11. Juni 2012 in Weinfelden.
Berthold Wulf hinterlässt ein gewaltiges literarisches Werk. Die 23 Bände seiner Gesamtausgabe umfassen 95 Buchtitel:
poetische, philosophische und theologisch-christliche Werke auf Grundlage der Anthroposophie.