Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03170.jsonl.gz/997

Wieso? Weshalb? Warum? Wer nicht fragt bleibt dumm...
Kennst Du noch das Lied von der Sesamstrasse?
Seit gut fünf Monaten werde ich von meiner Tochter mit der Frage "Warum?" geradezu gequält. Ich, die die Warum-Frage so sehr liebt.
Obschon ich mir versprach, meiner Tochter alles - sei es noch so offensichtlich - zu begründen und zu beantworten, ertappte ich mich vor Kurzem, nach gefühlten 100 Warums bis zur Mittagszeit, mit der leicht gereizten Antwort "EINFACH SO!". Das Ergebnis: Eine blökende Tochter, die sich während den folgenden Stunden nicht mehr wirklich kooperativ verhielt. Tage später schlug sie mich mit meinen eigenen Waffen, indem sie mir die Frage "Warum möchtest Du keinen Helm anziehen?" mit "EINFACH SO!" beantwortete. Clever!
Kinder sind von Natur aus sehr wissensdurstig und ausserordentlich geduldig und beharrlich, wenn es darum geht, neue Fähigkeiten zu erwerben. "Der Wunsch, zu lernen, ist auf jeden Fall tief in ihrem ursprünglichen Wesen verankert" (vgl. Hess 2019, S.52). Gerade in der Kindheit sähen wir Eltern den Samen, der auf den späteren Wissensdurst des Menschen und somit auf die intrinsische Motivation, stets Neues zu lernen, Auswirkungen hat. "Es ist unsere Aufgabe, diese ursprüngliche Neugierde aufrechtzuerhalten. Es gibt also keine Rechtfertigung Kindern eine Frage nach dem Warum mit "EINFACH SO!" zu beantworten.
Für Kinder ist es nicht einleuchtend...
...warum die Sonne morgens auf- und abends wieder untergeht.
...warum die meisten Automotoren hörbar sind und andere wiederum nicht.
...warum die Schiffe auf dem See abends in den Hafen steuern.
...warum der Mond bei Wolken nicht scheint.
...warum der Zug jetzt fährt.
...warum der Käfer still auf dem Blumentopf sitzt.
Nichts ist einfach so wie es ist. Selbst die Frage, warum es die Erde gibt, kann nicht mit "EINFACH SO!" beantwortet werden. Die Antwort ist uns vielleicht schlicht nicht bekannt, aber es ist bestimmt nicht "EINFACH SO!".
Mit der Haltung Kindern beibringen zu wollen, dass gewisse Sachen so sind, wie sie sind, weil es ja im späteren Leben auch so sein wird, lassen wir geradezu ja-sagende Lemmings heranwachsen. "Bei Erwachsenen machen wir uns über "Ja-Sager", die immer derselben Meinung sind wie ihr Chef, lustig - wie kommen wir dann auf den Gedanken "Ja-Sager-Kinder" wären ideal?" (Kohn 2018: S.66)
Dabei fällt mir spontan der wunderschöne Roman "Die Seele der Welt" von Frédéric Lenoir ein, der sich mit der Weisheit der Religionen befasst:
"Keine Religion kann behaupten, im allgemeinen Besitz der Wahrheit zu sein. Denn diese ist in viele Splitter zerteilt, die sich über die ganze Welt verbreitet haben." (Lenoir 2014: S.26)
Mit Ja-Sagern kultivieren wir eine Welt, die in der Illusion lebt, im allgemeinen Besitz der Wahrheiten zu sein. Wir brauchen einander, um die Erkenntnis der zersplitterten Wahrheit immer weiter vorantreiben zu können.
Allerdings steht diese Aussage stark im Kontrast zu meinem Beitrag "Autonome Kinder - selbstbestimmend und willensstark", zumal ich aufzeige, dass das Kind so ist, wie es ist und es so anzunehmen ist. Es gibt tatsächlich im Menschsein, wohl eher im Erwachsenenleben, auch Situationen und Umstände, wo das Hinterfragen nicht ratsam ist. Beispielsweise bei zwischenmenschlichen Beziehungen. Als eine ausgesprochene kritische Denkerin musste ich das Akzeptieren und das Loslassen, welche es für ein «ausgewogenes» Leben braucht, erst lernen (siehe meine Beiträge "Mein schreiendes Kind" und "Wenig Schläfer - schlaflose Eltern"). Meine Tochter zeigte mir (erneut), dass auf meine Intuition verlass ist. Das Bauchgefühl darf trotz Wissensdurst nicht fehlen.
Aber um die eigene Meinung zu bilden, sehe ich es als unentbehrlich, den Facts & Figures zuerst auf den Zahn zu fühlen und diese zu hinterfragen. Anschliessend kann mit einer guten Portion Intuition eine eigene Haltung und Einstellung gewonnen werden.
Nein, ich möchte nicht, dass meine Tochter eine Ja-Sagerin wird und die Freude am Wissen verliert. Denn Wissen ist für mich Leben. Und Wissen erweitern kann man nur, indem man Fragen stellt.
Lassen wir unsere Kinder mit Fragen die Welt ergründen und erleben dabei selbst unser inneres Kind - in Gedanken singend "Wer? Wie? Was? - Wieso? Weshalb? Warum?...".
Herzlichst
Nadine
Quellenangabe von Bücher und weiterführende Links/Bücher: