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Der gelernte Elektronikingenieur Miguel Díaz-Canel war vor seiner Wahl zum Ersten Vizepräsidenten Kubas weitgehend unbekannt. Er ist genau so, wie sich Raúl Castro die Zukunft des Landes wünscht.
Es gab schon ein paar andere vor ihm, aber die waren ganz anders. Sie sind schnell aufgestiegen in den engsten Zirkel der Macht, wurden als mögliche Nachfolger der Brüder Fidel und Raúl Castro gehandelt und sind Jahre später genauso schnell wieder verschwunden. Miguel Díaz-Canel dagegen kam ganz, ganz langsam nach oben und ist dabei nie gross aufgefallen. Er ist ein Mann aus dem Apparat der Kommunistischen Partei Kubas und aus der Provinz. Keiner wie der ehemalige Aussenminister Felipe Pérez Roque, erst Privatsekretär von Fidel und dann von diesem im jungen Alter von 34 Jahren zum Aussenminister erhoben. Oder Carlos Lage, der als Architekt der Wirtschaftsreformen nach dem Zusammenbruch des Sowjetreichs den Sozialismus in Kuba gerettet hat. Auch den hat Fidel schon als Student entdeckt und gleich ganz nah an sich herangezogen. 2009 wurden die beiden selbstbewussten Kronprinzen geschasst, Knall auf Fall. Sie waren sich so sicher gewesen, dass sie bei einer Strandparty Witze über die beiden alten Castros rissen. Der Geheimdienst hat sie dabei abgehört. Sie hätten, hiess es später in einer Erklärung, zu sehr «am süssen Honig der Macht» geleckt.
Die Alten treten ab
Vor ihnen waren schon Ricardo Alarcón und Roberto Robaina als Nachfolger gehandelt worden. Alarcón, bis Anfang des Jahres noch Parlamentspräsident und inoffiziell Chefdiplomat in den diffizilen Gesprächen mit den USA, ist auch schon 76 Jahre alt und wurde nun im Februar in den Ruhestand geschickt. Dass sein engster Mitarbeiter und dessen Frau im Frühjahr 2012 wegen Korruption verhaftet wurden, mag erklären, warum der Abschied so sang- und klanglos vonstattenging. Robaina, heute 57 Jahre alt, fiel schon vor vierzehn Jahren in Ungnade, auch er ein Ziehkind von Fidel. Er war der wohl charmanteste der möglichen Nachfolger, wurde 1993 Aussenminister und sechs Jahre später wieder entlassen. 2002 wurde er gar wegen «Illoyalität zur kubanischen Revolution» aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. In einer internen Begründung hiess es, er habe «unautorisierte Kontakte» zu ausländischen Geschäftsleuten gepflegt. Im Klartext: Er soll korrupt gewesen sein.
Nun also der ganz andere, Miguel Díaz-Canel. Bei der Tagung der Volkskammer im Februar dieses Jahres wurde der inzwischen 53-Jährige für Aussenstehende überraschend zum Ersten Vizepräsidenten des Staats- und Ministerrats von Kuba gewählt. Sollte der 82-jährige Raúl Castro das für 2018 vorgesehene Ende seiner Amtszeit nicht erreichen, wird Díaz-Canel damit automatisch dessen Nachfolger.
Nach seiner Wahl verzichtete er auf eine Rede, und auch ein Interview mit der Parteipresse hat es nicht gegeben. Raúl aber hatte angekündigt, mit Díaz-Canel beginne der Übergang zur nächsten Generation. Das war deutlich. Die Alten, die noch in der Guerilla in der Sierra Maestra gekämpft haben, treten langsam ab. Die Generation derer, die nach Fidels Sieg geboren wurden, soll übernehmen.
Als Miguel Díaz-Canel zum Nachfolger Raúl Castros designiert wurde, kannte ihn kaum jemand in Havanna. Seither wird er dem Volk fast täglich in der Parteizeitung «Granma» mit einem Foto präsentiert. Fast immer sieht man ihm darauf an, dass ihm das Posieren eine noch ungewohnte Übung ist. Steif steht er da und ungelenk, als wäre ihm das alles ein bisschen peinlich.
Díaz-Canel ist kein guter Redner, es gebricht ihm an Charisma. Sein erster offizieller Vortrag im Ausland, als Vertreter Kubas vor dem linken lateinamerikanischen Wirtschaftsverband Alba am 15. Dezember 2012, dauerte gerade einmal zwölf Minuten. Von Fidel Castro ist man da anderes gewohnt. Damit der Neue mehr Übung auf internationalem Parkett bekommt, schickte ihn Raúl Castro im März zur Amtseinführung von Papst Franziskus nach Rom und im Juni auf Auslandsreise nach China, Vietnam und Laos.
Zu Hause wird Díaz-Canel zum offiziellen Sprachrohr der Wirtschaftsreformen aufgebaut. Ein eigenes Profil hat er dabei noch nicht gewinnen können: Im Volk sind es immer noch Raúls Reformen. Díaz-Canel versteckt sich noch arg hinter dessen etwas formelhaften Wendungen und spricht wie der Alte von einem langsamen, aber stetigen Weg zu einem «blühenden und nachhaltigen Sozialismus». Immerhin: Er wird jeden Tag ein bisschen bekannter.
Ein braver Parteisoldat
Díaz-Canel, geboren 1960 in der Provinz Villa Clara im Zentrum von Kuba, ist gelernter Elektronikingenieur. Nach seinem Militärdienst als Funker arbeitete er als Dozent seines Fachs an der Universität von Santa Clara, der Stadt, in der die Gebeine des Revolutionshelden Ernesto Che Guevara in einem Mausoleum ruhen. Seine Parteikarriere begann er in der Kommunistischen Jugend, in den achtziger Jahren war er kurzfristig deren Vertreter im sandinistischen Nicaragua. Von 1994 bis 2003 war er Provinzchef der Kommunistischen Partei in Villa Clara, danach bis 2009 in gleicher Funktion in der Provinz Holguín. Seit 2001 gehört er zum Zentralkomitee der KP, 2003 wurde er Mitglied des Politbüros – als jüngstes Mitglied in der Geschichte dieses eigentlichen Machtzentrums von Kuba. Von 2009 bis 2012 war er Minister für höhere Bildung, seit 2012 als einer der fünf Vizepräsidenten des Staats- und Ministerrats zuständig für alle Bildungsthemen. Richtig aus dem Schatten getreten ist Díaz-Canel aber erst mit der Wahl zum Ersten Vizepräsidenten und designierten Nachfolger von Raúl Castro.
Anders als die vor ihm gehandelten möglichen Nachfolger ist Miguel Díaz-Canel kein «fidelista», kein Zögling des erratischen Alten; er ist eher einer der braven ParteisoldatInnen, die man in Kuba «raúlistas» nennt. Fidels jüngerer Bruder lobte denn auch den Gewählten: Er sei «sensibel für die Arbeit im Kollektiv», «anspruchsvoll gegenüber Untergebenen» und zudem mit einer «soliden ideologischen Standfestigkeit» ausgestattet.
In Villa Clara ist Díaz-Canel seit seiner Zeit als Provinzsekretär der Partei beliebt. Man erinnert sich an ihn als umgänglichen, bescheidenen Menschen. Oft habe man ihn im T-Shirt und in kurzen Hosen gesehen, er habe an der Pizzabude wie alle anderen in der Schlange gestanden. Zur Arbeit sei er geradelt – so lange, bis ihm die Partei das aus Sicherheitsgründen verbot. Er gilt als guter Zuhörer und anerkannter Akademiker, sei experimentierfreudig, solange alles im sozialistischen Rahmen bleibt. In Villa Clara entstand unter seiner Ägide ein für damalige Verhältnisse sehr offenes kulturelles Leben: Keine andere Stadt Kubas hatte eine so bunte lokale Rockszene. Sogar Travestiefestivals hat Díaz-Canel erlaubt.
Als Raúl Castro am 31. Juli 2006 die Macht von seinem schwerkranken Bruder übertragen worden war, sagte er, niemand werde Fidel je ersetzen können. Fidel sei einmalig in der Geschichte der Menschheit, einen zweiten werde es nie geben. Die einzige legitime Nachfolgerin sei deshalb die Partei. Mit Miguel Díaz-Canel hat Raúl Castro nun den Mann gefunden, der genau dies verkörpert. Er ist gross, stattlich, wirkt durchtrainiert. Das grau melierte Haar ist kurz geschnitten. Ein gut aussehender Mann, aber ohne jegliche Eigenheit. Er ist gebildet, intelligent und gedanklich flexibel – und doch ein strammer Marxist. So wünscht sich Raúl Castro die Zukunft Kubas.