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Guillaume Ritter hat Freiburg nachhaltig geprägt. Die Staumauer Magere Au, der Stausee und der Bereich des Pérolles-Quartiers, in dem sich die HTA-FR und die Universität befinden, gehören zu den eindrücklichsten Beispielen dafür.
Seit den 1850er-Jahren setzt der Kanton Freiburg und insbesondere seine Hauptstadt alles daran, die Entstehung neuer Industrien zu fördern, der Bevölkerung Arbeit zu geben und den wirtschaftlichen Rückstand aufzuholen. 1869 will die Stadt einen Teil ihres Waldbestands verkaufen, um das wiederholte Haushaltsdefizit auszugleichen. Als sie sich daran schickt, den Wald zu versteigern, klopft Guillaume Ritter an ihre Türe und kauft ihr diesen ab.
Ritter wird 1835 in Neuenburg geboren. Er absolviert die Ecole centrale des arts et manufactures in Paris. «Der erfinderische Ritter, der gut hundert Projekte realisierte und kühne Techniken anwandte, schuf u.a. 1865 die Wasserversorgung von Neuenburg, 1869 die Wasserzufuhr der Stadt Avignon… und schliesslich 1887 die Wasserversorgung von La Chaux-de-Fonds… Das grösste visionäre Projekt, das er nicht realisieren konnte, war die Versorgung von Paris mit Trinkwasser aus dem Neuenburgersee.»[1]
Ritter kommt 1869 mit äusserst ehrgeizigen Visionen nach Freiburg, manche finden seine Pläne sogar grössenwahnsinnig. Er schlägt vor, in der Mageren Au eine Staumauer zu bauen. Das Seewasser soll dank der Kraft des Wasserfalls bis zum Guintzet gepumpt werden, um die Bevölkerung der Stadt zu versorgen, dies «zu einer Zeit, als nur wenige Städte des Mittellands ein Wasserversorgungssystem besitzen»[2]. Zudem plant er, die Pérolles-Ebene mit Energie zu versorgen, um die Ansiedelung der Industrie zu fördern und die Kanalisation der Stadt fertigzustellen. Von Beginn weiss er genau, wie die industrielle Entwicklung vorangetrieben werden soll und er hat hochfliegende Träume. Er «überlegt sogar, die zentrale Lage Freiburgs zu nutzen, um daraus ein grosses Getreidelager und einen Umschlagplatz für den Mehlhandel zu machen, ein Zwischenglied zwischen dem Getreidehandel von Marseille und dem von Zentraleuropa. Der See wird viele Ausländer anziehen: An seinen Ufern werden Ferienhäuser gebaut, eine kleine Eisenbahn fährt rund um den See. Es muss ein Casino für die 50’000 Touristen, die Freiburg jedes Jahr besuchen, geschaffen werden und eine Regionalbahn soll bis auf den Gipfel der Berra führen»[3].
So viel sei verraten: Seine tollkühnsten Träume werden nicht in Erfüllung gehen. Im Mai 1870 wird jedoch die Société générale suisse des eaux et forêts notariell beglaubigt.
1870 ist von Stromversorgung noch keine Rede. «Vorgeschlagen wurde ein System der Energieverteilung durch sogenannte teledynamische Übertragungskabel. Vorgeschlagen wurde eine Energieversorgung durch sogenannte teledynamische Übertragungskabel. Ein Wasserkraftwerk mit Turbinen sollte ein mechanisches Kabel antreiben, das als von Pfeilern getragener Treibriemen fungiert. Diese Pfeiler waren regelrechte Türme, deren Überreste noch heute zu sehen sind. Dieses Kabel soll die Industrieanlagen durch ein kompliziertes Übertragungssystem mit Triebkraft versorgen, mit der wiederum Pumpen, Motoren und verschiedene mechanische Anlagen in Bewegung gesetzt werden.»[4]
Heute können Sie auf dem Sentier de l’eau rund um den Pérolles-See auf den Spuren von Ritters Projekten wandeln.
Eine der Tafeln auf dem Weg veranschaulicht sehr gut die damals eingesetzten Technologien (Klicken Sie auf den Text).
Um sein Projekt finanziell abzusichern, plant Guillaume Ritter den Bau eines riesigen Sägewerks, um den von ihm erworbenen Wald und das von der Saane bis in den Pérolles-See getriebene Holz zu nutzen. Neben Käse, geflochtenem Stroh und Vieh ist Holz ein Pfeiler der Freiburger Wirtschaft, dessen Absatz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts u.a. dank der Eisenbahn steigt. Ab 1870 macht der Deutsch-Französische Krieg den Plänen von Ritter jedoch einen Strich durch die Rechnung. Er versucht in der Folge, Eisenbahnschwellen und Telegrafenmasten zu produzieren. Es sollte jedoch alles anders kommen, als er es sich vorgestellt hatte.
Die Bauarbeiten am Staudamm sind mit vielen Schwierigkeiten verbunden. So ereignen sich in der Saane beispielsweise «im ersten Jahr der Arbeiten nicht weniger als fünfzehn Sturzfluten»[5]. Der Bau dauert eineinhalb Jahre länger als geplant. Der See entsteht Ende Februar 1873 und im März 1874 kommt es erstmals zur Kraftübertragung zur Pérolles-Ebene. Die Freiburgerinnen und Freiburger müssen noch bis 1875 auf die Wasserversorgung warten.
Internationale Krisen und die Bauverzögerungen versetzen die Société und die mit ihr verbundenen Unternehmen – darauf kommen wir im nächsten Kapitel zurück – von Beginn weg in eine Dauerkrise. Im Juli 1875 wird der Konkurs angemeldet, zu diesem Zeitpunkt ist Ritter bereits vom Verwaltungsrat entlassen worden.
Eine Liquidationskommission verpflichtet sich, die der Stadt Freiburg versprochenen Arbeiten zu Ende zu führen. Die Kraftübertragung über Kabel wird beibehalten. Dank weiteren 12 Kilometern Rohrleitungen kann das Wasserversorgungsnetz 1878 fertiggestellt werden.
Die Liquidation der Société des eaux et forêts führt zu einem Zerwürfnis zwischen der Stadt und dem Kanton, der geheime Verhandlungen führt. «Das Ziel des Staatsrates liegt auf der Hand: Er will unter allen Umständen verhindern, dass die Stadt die Industrieanlagen der Pérolles-Ebene erwirbt.» Am Ende wird der Kanton im September 1888 Eigentümer der Société des eaux et forêts und beschliesst 1889, die teledynamische Übertragung aufzugeben und auf Elektrizität zu setzen.
Wir werden in einem gesonderten Kapitel auf die Anfänge der Stromerzeugung der Mageren Au zurückkommen.
Entdecken Sie den RTS-Bericht über den Bau des Staudamms von Guillaume Ritter (Klicken Sie auf den Text).
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[1] Historisches Lexikon der Schweiz
[2] François Walter, op. cit, S. 140
[3] François Walter, op. cit, S. 141
[4] François Walter, op. cit, S. 140
[5] François Walter, op. cit, S. 162