Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03096.jsonl.gz/2360

Wo die Bücher lagern
Michael Guggenheimer
Buchorte. Das sind Bücherläden, Bibliotheken, Antiquariate, Verlage, Literaturhäuser. Und sie befinden sich in Städten, seltener in Dörfern. Zwei Orte mit einer gewaltigen Anzahl von Büchern befinden sich in der Schweiz auf dem Land. Die hochautomatisierte Kooperative Speicherbibliothek in Büron im Kanton Luzern und das Schweizer Buchzentrum in Hägendorf im Bezirk Gäu im Kanton Solothurn. Gäu ist das Gebiet zwischen Olten und Rothrist. Gäu ist gewissermassen die Lagerhalle der Schweiz. Das Gebiet wird von den zwei wichtigsten Autobahnen der Schweiz durchschnitten: der Ost-West-Achse A 1 und der Nord-Süd-Achse A 2, die sich im Autobahndreieck Härkingen kreuzen. Wer mit der Bahn zwischen Zürich und Bern unterwegs ist, der sieht zwar den Jura Höhenzug, dem fallen aber die vielen Lagerhäuser entlang der Bahnstrecke auf: An den beiden Autobahnen und der West-Ost Eisenbahnachse haben sich in den letzten Jahrzehnten eine grosse Anzahl Logistikzentren angesiedelt. Hier befinden sich in verkehrsgünstiger Lage einige der grossen Auslieferungszentren für Konsumgüter der Schweiz. Schwere Lastwagen mit ihren Anhängern laden hier ihre Produkte ab, andere verlassen die Lagerhäuser für die Feinverteilung auf dem Weg zu den Läden und Ladenzentren in der ganzen Schweiz.
Hägendorf heisst die Ortschaft westlich von Olten, deren Name jeder Buchhändlerin und jedem Buchhändler in der Deutschschweiz vertraut ist. Hier stehen zwei grosse Lagerhäuser, von denen aus die Verteilung von Büchern an den Schweizer Buchhandel erfolgt. Schweizer Buchzentrum heisst die Institution, die den Buchhandel mit Büchern versorgt. Tag für Tag entladen Lastwagen hier Paletten voller Bücher, bis zu 25 Tonnen Bücher pro Arbeitstag können es sein, von denen 80 bis 90 Prozent aus Deutschland angeliefert werden, sagt Geschäftsführer David Ryf. Dass die meisten Bücher aus Deutschland geliefert werden, hat nicht nur mit den vielen deutschen Verlagen zu tun, deren Bücher in der Schweiz gelesen werden. Die meisten Bücher, die Deutschschweizer Verlage herausgeben, werden in deutschen oder osteuropäischen Druckereien gedruckt und gebunden.
Bücher von 660 Verlagen werden von Hägendorf aus an Buchhandlungen geliefert, Unglaubliche 170 000 unterschiedliche Titel weist der zentrale Rechner der grösseren der beiden Verlagsauslieferungen der Schweiz aus, 8 Millionen Bücher befinden sich in der 21’500 m² Lagerfläche des Buchzentrums und in weiteren Lagern. Über 4000 Kunden, aus dem Sortimentsbuchhandel, dem Fachhandel, Filialisten und Onlinehändler, Warenhäuser und Medienhändler werden vom Buchzentrum aus mit Lesestoff, Ansichtskarten, Kalendern und CDs beliefert. Die Lieferungen für die Buchhandlungen in der Ostschweiz und in Graubünden verlassen nachts die Lagerhallen, die anderen frühmorgens. Dass die Transporte in die Ostschweiz mit sogenannten Frischtransporten bereits nachts unterwegs sind, hat mit den häufigen Staus der Autobahnumfahrung von Zürich zu tun. Transporteure mit Nachtfahrerlaubnis, deren Lebensmittellieferungen die Ladeflächen nicht füllen, nehmen die Büchersendungen mit in den Osten des Landes, wo sie dann morgens von anderen Vertragspartnern weiterverteilt werden. Über eine eigene Wagenflotte verfügt das Buchtzentrum nicht, vielmehr arbeitet es mit Transportunternehmen zusammen.
Gegründet wurde das Buchzentrum als Genossenschaft bereits im Jahr 1882. Damals zählte es zu den allerersten Einkaufsgenossenschaften der Schweiz. Genossenschaftler sind Buchhandlungen. Der erste Geschäftssitz des Buchzentrums, damals noch «Schweizerisches Vereinssortiment» (SVS) geheissen, befand sich in Olten, 1974 fand der Umzug nach Hägendorf statt. 150 Mitarbeitende, die im Zweischichtenbetrieb tätig sind, zählt das Buchzentrum heute, in der IT Abteilung sind es 14 Leute. «Primär sind wir Logistiker, deren Ware Bücher sind», sagt der gelernte Buchhändler David Ryf, Geschäftsführer des Buchzentrums. Bücherliebhaber, die sich in der Masse der Titel Bücher auswählen möchten, würden ihr blaues Wunder erleben, sollten sie hier zufällig mit einem Warenkorb unterwegs sein: Eine Ordnungssystematik der gelagerten Buchtitel würden sie nicht herausfinden können, sie würden zwischen den Gestellen irren und darüber rätseln, wie es dazu kommt, dass neben einem Titel eines deutschsprachigen Romans ein Sachbuch aus dem Themenbereich Gärtnern liegt und weshalb ein englischer Buchtitel verloren inmitten vieler Bücher in deutscher Sprache steht. Hauptsache, der Computer weiss, wo welche Bücher liegen, Hauptsache auch, dass die Mitarbeiter des Buchzentrums, die die Bestellungen der Buchhandlungen ausführen, auf den Displays ihrer Tablets sehen können, wo sie das jeweils verlangte Buch holen sollen.
Ein System von Förderbändern windet sich durch die grossen Lagerhallen: Graue Norm-Kunststoffbehälter rattern auf der Fahrt den Gestellen entlang von Rayon zu Rayon, den Lagerreihen folgend. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter holen von Hand aus den Gestellen Bücher heraus und legen sie in die Mehrwegboxen, die langsam durch die Hallen unterwegs sind, immer wieder anhalten, um gefüllt zu werden. In jeder dieser Kisten liegt der Bestelllzettel einer Buchhandlung, häufig reisen mehrere solcher Behälter hintereinander, die alle mit den Buchbestellungen einer Buchhandlung gefüllt werden. Denn schwerer als 20 Kilogramm darf eine Kiste gemäss Richtlinien der Schweizerischen Unfall Versicherungsanstalt (SUVA) nicht wiegen.
«Heute bestellt, morgen geliefert» lautet eine Devise des Buchzentrums: Bestellt eine Buchhandlung bis 17 Uhr per Computer ein Buch beim Buchzentrum, wird das bestellte Exemplar im Laufe des folgenden Vormittags in der Buchhandlung abgeliefert, häufig werden die bestellten Bücher sogar bereits vor Ladenöffnung gebracht. Manche Bücher werden direkt an Endkunden verschickt: Kunden bestellen sie beim Webshop einer Buchhhandlung und das Buchzentrum übernimmt die Lieferung und die Verrechnung im Namen der Buchhandlung, welche ihre Büchersendung direkt von Hägendorf aus verschicken lässt: 300 000 einzeln verpackte Postsendungen verlassen das Buchzentrum im Jahr. Das Buchzentrum liefert mehr als bloss Bücher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz aus: Bücher aus England und den USA, Spiele, Kalender, Agenden, Glückwunschkarten, Notiz- und Blankobücher, E-Reader, Hörbücher, literarische Verfilmungen und weitere DVD, eine Menge Non-Books, wie sie heute in immer mehr Buchhandlungen angeboten werden, gehören zum grossen Angebot des Buchzentrums. Als grosse Dienstleistung des Buchzentrums gelten der Bücherkatalog und die Beratung der Buchhändlerinnen und Buchhändler, sei es online oder am Telefon. 1883 erschien der erste gedruckte und gebundene Lagerkatalog des Buchzentrums mit 1665 Buchtiteln, 284 davon aus Schweizer Verlagen. Der gedruckte Bücherkatalog gehört der Vergangenheit an, zu schwer und zu schwerfällig wäre er heute angesichts der Vielzahl der lieferbaren Bücher, Die Informatik macht’s möglich: 11 Mio. lieferbare Titel weist heute die Datenbank des Buchzentrums .
Schweizer Buchzentrum
Industriestrasse Ost 10
4614 Hägendorf
T: 062 209 26 26
www.buchzentrum.ch/
Frischware
Heinz Egger
Wie kommen eigentlich die Bücher in die Buchhandlungen? Wie kann es sein, dass ein bis 17 Uhr bestelltes Buch am kommenden Morgen bereits abholbereit in der Buchhandlung ist? – Bücher haben meist einen sehr langen Weg hinter sich, bevor sie in den Gestellen der Buchhandlungen landen. Buchdruckerei, Buchbinderei, Verlag, Auslieferungszentrum, Buchhandlung könnte er lauten. In der Schweiz gibt es keine Buchdruckereien und Buchbindereien für Grossauflagen mehr. Gedruckt und gebunden wird vielleicht in Deutschland, eher aber weiter östlich oder gar in Asien. In der Schweiz gibt es zwei Auslieferungszentren: die AVA Verlagsauslieferung AG in Affoltern am Albis und das Buchzentrum in Hägendorf.
Während das erste Zentrum eine Aktiengesellschaft ist, funktioniert das zweite, viel grössere und schon über 135 Jahre alte Verteilzentrum als Genossenschaft. Genossenschafter kann nur werden, wer einen öffentlichen Buchhandel betreibt. Die Aufnahmebedingungen sind sehr streng und werden genauestens geprüft.
Hägendorf liegt im Gäu, das aus dem gleichnamigen Bezirk und dem Untergäu, der zum Bezirk Olten gehört, besteht. Im Norden begrenzt die Jurakette und im Süden die Aare das Gebiet. Darin kreuzen sich die Ost-West- und die Nord-Süd-Achse der Autobahnen. Das mag ein Grund sein, warum sich in dieser Gegend grosse Logistikzentren nicht nur der Post sondern auch von Lebensmittelgrossverteilern und Speditionsunternehmen angesiedelt haben. Und eben auch das Buchzentrum. Falls Sie einmal ein bestelltes Buch in die Hand nehmen und finden, es sei sehr kühl anzufassen, dann täuschen Sie sich nicht. Weil normales Speditionsgut nachts nicht auf Strassen befördert werden darf, Frischware hingegen schon, profitiert das Buchzentrum von den Transporten von Früchten und Gemüsen. Die Kühllastwagen dürfen bis 40% nicht frische Waren mitführen. So werden die Bücherpaletten und -kisten nach 21 Uhr auf die Strasse geschickt und erreichen nach 5 Uhr in der Frühe den Bestimmungsort. Die Feinverteilung an die Buchhandlungen geschieht mit Lieferwagen.
Für den Geschäftsleiter des Buchzentrums, David Ryf, der einst selbst Buchhändler war, sind Bücher einerseits geliebte Dinge, andererseits aber, weil in Hägendorf tonnenweise davon verschoben werden, eben auch Waren. In Hägendorf sind 170 000 Titel vorrätig, insgesamt etwa 8 Millionen Bücher. Es geht allerdings noch grösser. Der am Buchzentrum mit 20% beteiligte deutsche Grossverteiler Libri hält eine Million Titel und 14 Millionen Exemplare! Sein Logistikzentrum steht in Bad Hersfeld. Bücher von dort brauchen 48 Stunden, bis sie in der Schweiz sind.
Etwa 85% der Bücher kommen aus Deutschland in die Schweiz. Der Büchereingang im Buchzentrum wiegt täglich etwa 25 Tonnen. Nicht das ganze eingehende Material lagert im Verteilzentrum selbst. Da stapeln sich vor allem die schnell durchlaufenden Bücher mit hohen Verkaufszahlen. Da das Verteilzentrum auch ganze Auflagen von Schweizer Verlagen hält, braucht es mehr Platz. Das Buchzentrum arbeitet hier mit einem Logistikpartner zusammen.
Jede Lieferung kommt zuerst in die Eingangskontrolle. Sind die gelieferten Titel die richtigen, sind die Medien unbeschädigt und in der richtigen Anzahl eingegangen? Solche Fragen beschäftigen die Angestellten dort. Und jeder Titel, auch bei einer Neuauflage, wird gewogen und vermessen, denn das Zählen erfolgt nur mit hochpräzisen Waagen. Nach der Kontrolle gelangen die Bücher ins Hochregal- oder Aussenlager.
Spannend ist der Ort, wo die Bücher aus den Gestellen in die grauen Transportboxen kommen, die schliesslich in den Buchhandlungen landen. Natürlich läuft hier fast alles automatisch. Die Kisten enthalten die Dokumente, nach denen sie gefüllt werden. Jede hat einen Strichcode, nach dem die Anlage sie vor die richtige Gestellreihe bringt. Hier hört allerdings die automatische Konfektionierung auf. Bis jetzt gebe es keine Roboter, die ein einzelnes Buch ergreifen und unbeschädigt in die Kiste legen können, sagt David Ryf. Einzige Alternative wäre, das Lager so zu bewirtschaften, wie es beispielsweise in der Speicherbibliothek in Büron und bei Libri gemacht wird: Ein Behälter enthält das gesuchte Buch und kommt damit aus dem Lager zur Konfektionierungsstelle, wo es ebenfalls von Hand daraus entnommen werden muss. So stehen denn vor den langen Gestellreihen Mitarbeitende, die das Bestellblatt nehmen, und damit gemäss den Angaben auf dem Blatt in die Gestellflucht eintauchen, vom angegebenen Gestell auf dem bestimmten Tablar die verlangte Menge Bücher herausnehmen, in die graue Transportbox legen und die Preisschilder auf die Bücher kleben: Das Schild ist eben jenes, das Sie auf einem bestellten Buch sehen. Oft enthält es sogar Ihren Namen. Schliesslich wird der Code der Bestellung gescant. Damit wird der Auftrag im System an dieser Reihe als bearbeitet gekennzeichnet, aber auch das Inventar des Buchzentrums nachgeführt. Der Papierkram soll kleiner werden. Deshalb werden nach und nach alle Konfektionierungsplätze mit einem mobilen Lesegerät mit Bildschirm ausgerüstet.
Die Gestellreihen sind speziell gebaut. Da von sehr oft verlangten Medien auch mehr in der Reihe Platz finden müssen, sind die Tablare der ersten Gestelle am weitesten auseinander, die entferntesten am engsten beieinander. Was aktuell am besten läuft, lagert sogar auf Halbpaletten vor der Reihe. So kann effizient gearbeitet werden. Ob man hier auf die Schnelle ein bestimmtes Buch finden würde? – David Ryf verneint, meist wüssten nicht einmal die Mitarbeitenden, was wo eingereiht ist. Denn die Ordnung der Gestelle folge rein logistischen Kriterien.
Während Buchbestellungen der Buchhandlungen seit 1973 in grauen Mehrwegboxen verschickt werden, verlassen doch auch bis zu 300 000 Postpakete pro Jahr das Zentrum. Auf der Adressetikette stehen sehr oft private Namen, als Absender die bestellende Buchhandlung mit Logo. Dies ist eine Dienstleistung des Buchzentrums und nennt sich „Bookit”.
Im Büro von David Ryf hängt gegenüber von seinem Arbeitsplatz eine grosse Fotografie. Sie zeigt etwas dramatisierend das Buchzentrum, davor Fahnen des Unternehmens, die im kräftigen Wind unter dunklen Wolken flattern. Das bedrohlich Dunkle wird aber durch einen goldenen Schein auf den Fahnen und in Teilen des Himmels gebrochen. Fast symbolisch ist das Bild: Immer wieder liest man in den Zeitungen von den Verkaufsrückgängen im Bücherhandel, der grossen Konkurrenz und dem enormen Druck auf den Preisen. Und doch gibt es Licht: Das Buchzentrum ist gut aufgestellt und der Buchhandel hat einen leistungsstarken Liefer- und Vertriebskanal, der garantiert, dass Sie Ihre Bücher als „Frischware” über Nacht erhalten.