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von Renzo Dall'Ara
Wenn während eines Grand Prix der Formel 1 Schwierigkeiten auftreten, muss das Safety Car, auf die Piste bis der Ausnahmezustand behoben ist. Im Jahr 2000 wurde dieses Fahrzeug von AMG Mercedes gestellt, aber die deutschen Hersteller hatten das «Made in Italy» vorgezogen.
Es ist nur eine Einzelstory, aber hier beginnt eine Geschichte von vielen, die als besondere Meilensteine gelten und Teil des grossen bunten Mosaiks im Ausland sind. Es dreht sich um nationale Philosophien und das «italienische Wunder» in einem Elitehandwerk.
Was die Handwerkszunft insgesamt gesehen betrifft, kann man sicher nicht erahnen, dass deren Sitz in der Welt der 4 Räder bei allen bekannt ist. Wir haben unser Werk an der südwestlichen Ecke von Mantova, auf der Strasse nach Parma – auf den Hallen steht der Firmenname «Supersprint» und dann, in anderer Schrift, die stilistisch einen Galopp nach rechts andeutet «marmitte per auto collettori speciali» (Abgasanlagen für Autos, Sonderanfertigungen für Fächerkrümmer). Also: das Safety Car steht ideal am Beginn einer Geschichte, zu der auch die Brüder Amedeo und Dante Bignami gehören.
Der Meister der Fahrzeuge, Cesare De Agostini – der in Amedeo als der «Entdecker» von Juan Manuel Fangio, einem grossen Piloten der 50er Jahre, den er in Argentinien kennengelernt hatte, genannt wird – dokumentiert die Wichtigkeit der Copiloten neben Nuvolari, Chiron, Trossi, Farina wie auch Borzacchini und Varzi bei den siegreichen Mille Miglia der Jahre 1932 und 1934. Ein Genie von einem Mechaniker, das war Amedeo, der "einen Auspuff, dessen Optimierungsmöglichkeit noch nicht zu Ende ist, entwickelt und gebaut hat", so schrieb De Agostini in «Anime e motori» (Geist und Motor), einem 1958 erschienenen Buch – heute sind die technischen Daten des Auspuffs sehr wichtig, wenn es um das Leistungs- und Fahrverhalten geht.
Amedeo Bignami und sein Bruder Dante hatten in Verona eine Auspufffabrik für Autos der «Scuderia Bignami» eröffnet, einen Namen, der bis zum Ende der 50er Jahre ein Begriff war in diesem Bereich. Der junge Bruno Gilli, der Verlobte (und dann Ehemann) von Bruna, der Tochter von Dante, trat in das Unternehmen ein. Als im August 1954 Amedeo als Fünfzigjähriger verstarb, entschloss sich seine Witwe, Frau Iginia, mutig dazu, das Unternehmen nicht zu schliessen. Heute kennt man einen anderen jungen Gilli, Giuseppe (Vermesser), der jüngere Bruder von Bruno, der dagegen eine Stelle im Landwirtschaftskonsortium von Mantova gefunden hatte. Sein Schulabschluss hatte ihm nicht viel genutzt – er fuhr mit der Lambretta herum, um Abonnements für die Zeitschrift «Mantova agricola e zootecnica» (Land- und Viewirtschaft in Mantova) abzuschliessen. Er verdiente nicht viel Geld, aber er lernte so viele Leute kennen und bekam so den Anstoss und das Vertrauen eines Finanziers für das Abenteuer, das er mit Bruno und Dante Bignami angehen wollte. "Ein guter Mensch (so die Anerkennung von Giuseppe) er hat mir dreieinhalb Millionen Lire geliehen und damit konnten wir beginnen".
1955 begann die «B.D.» (Bignami Dante) in Verona mit dem erworbenen Know-how, das man im Bereich Auspuffanlagen erlangt hatte – gemeinsam mit dem Schwiegersohn Bruno, sowie den Söhnen Giorgio und Bruno. Das Unternehmen trat in den Markt ein, auf dem die «Scuderia Bignami» noch aktiv war. Es war ein schwieriges Unterfangen, ohne jegliche Anzeichen von Verbesserungen in den ersten fünf Jahren. 1961 entschied Dante sich deshalb, das Unternehmen zu schliessen, aber er hatte bereits ein Projekt, dass er in genau diesem Jahr ausführte. Als einmal die Bilanz ausgeglichen war, hat «B.D.» erneut in Mantova, in einer kleinen Halle, die hinter dem Corso gemietet worden war.
Giuseppe Gilli hatte in der Zwischenzeit die Gruppe verlassen und zwei Jahre lang eine andere Art Erfahrung gesammelt – als Hersteller bei der Automobilfirma «OM» von Rinaldo Nuvolari in Mantova. Im Jahr 1963 änderte sich das Aussehen von «B.D.». Das Unternehmen präsentierte sich wenigstens was Namen und Marketing betraf sehr forsch. Es wurde zu «Supersprint» und es waren Anstrengungen und Nerven nötig, um das Unternehmen zum Laufen zu bringen. Man lieferte die Auspuffanlagen auf Kommission mit dem Kleinlastwagen. Bruno blieb mit den Bignamis in der Werkstatt und Giuseppe musste sich um den wirtschaftlichen Bereich kümmern. Seine Erinnerungen "Ich fuhr mit einem vollen Kleinlaster ab, um unendliche Touren durch Deutschland und Österreich zu fahren. In München hatte ich zwei Italiener getroffen, die wertvolle Mitarbeiter wurden – Francesco Basciano, ein Mann aus den Abruzzen und der Mantuaner Giorgio Benzi, den die gleichaltrigen sofort aus den alten Zeiten des Restaurants Vesuvio in der via Verdi kannten, jenes sehr bekannte von Nina und Nino Nouvenne".
1966 wurden die Wachstumsprobleme mit einem Umzug an den aktuellen Standort in der Via Pisa gelöst, während der Kundenstamm weiter im Sinne der elitären Philosophie des Produktes wuchs. Diese «Overdose» aus Mantova ist ganz eng mit den Protagonisten verbunden, aber es dürfen hierdurch keine einschränkenden Bewertungen entstehen, was die Arbeit des Unternehmens betrifft.
In seinen 40 Jahren konnte das Unternehmen sich auf internationalem Niveau profilieren – von den 14'000 Produkten im Katalog bleiben nur 15% in Italien. "Die anderen 85%" fügt Federico Gilli, der vertriebsverantwortliche Familienmitarbeiter, hinzu "gehen nach Europa, die Vereinigten Staaten, Kanada, Südamerika und in den gesamten ostasiatischen Raum, von Japan bis Taiwan, von Indonesien bis Malaysia, von Singapur bis Hongkong".
Um sich bei diesen vielen Anforderungen noch darstellen zu können, benötigt man eine Website mit 150 Seiten. "Grundlage des Erfolges" so unterstreicht Alessandro aus der zweiten Gilli-Generation, der auch Präsident und im Unternehmen der Verantwortliche für Prototypen und Entwicklung ist "ist eine Reihe von Faktoren, die sich auf nur zwei Grundsätze gründen: Qualität und Leistung. Wir verwenden die fortschrittlichsten Produktionstechnologien mit CNC-Steuerung sowie Computersysteme. Alle Abgasanlagen werden auf dem Prüfstand, der Leistungen bis zu 800 PS messen kann, geprüft".
Der Spezialist spricht immer mit schwierigen Worten: Ennio, aus dem Produktionsbereich kann beim Sprachgebrauch auf das Niveau eines jeden Autofahrers kommen und macht dadurch den kleinen zusätzlichen Unterschied aus: "Die Verbesserung der Leistungen kommt vom «free-flow System» mit Dämmung der Schallwellen. Die Strömung des Abgases geht ohne Hindernisse durch ein gelochtes Edelstahlrohr, dass mit schallabsorbierendem Material ummantelt ist. Auf diese Art und Weise wird das Geräusch verringert, ohne die Geschwindigkeit des abströmenden Gases zu verringern, was zu höheren Leistung führt. Und auf diese Art und Weise erreichen wir auch den typischen Sound, der gefordert wird".
Unsere Garanten: der TÜV, eine deutsche Einrichtung, die Abgassysteme prüft und zertifiziert, sowie das Qualitätszertifikat ISO 9001. Und wer kauft diese Sonderversionen von Abgasanlagen? Direkte Ansprechpartner sind Tuningunternehmen, die Anlagen für getunte und hoch individualisierte Motoren wollen. Das bedeutet, dass Supersprint Komponenten in BMW, Mercedes, Audi, Volkswagen, Peugeot, Renault, Honda, Subaru, und dann auch in Mazda, Saab, Seat sowie den italienischen Marken Fiat, Alfa Romeo, Lancia eingebaut werden.
Der Hersteller aus Mantova ist offizieller Lieferant von Fiat und Alfa Corse. Für Rallyfahrzeuge beispielsweise gelten völlig andere Vorgaben, denn sie haben spezielle Anlagen. Sie werden mit Hochleistungs-Metallkatalysatoren ausgeliefert, die in den Rennen durch FIA-CSAI zugelassen werden. Es kommen LKW`s mit mysteriösen und komplett abgedeckten Ladungen an – Fahrzeugmodelle, die in Kleinserien hergestellt werden sollen sowie für anspruchsvolle Kunden, die mit einer Supersprint Abgasanlage ausgestattet werden. So, wie die Gillis darüber reden, könnte man den Eindruck von einer Art Klinik haben, die hoch automatisiert, komplett mit Computern und Robotern ausgestattet ist. "Das ist nicht so" reagiert Giuseppe Gilli, der Co-Gründer "denn die menschliche Komponente ist grundlegend – die handwerkliche Ausführung, mit Präzision, welche diese Anforderungen, die niemals «Serienanforderungen» sein können, berücksichtigt".
Das von Tür-zu-Tür fahren mit dem Kleinlaster für Erstbestellungen ist nun online und die Situation hat sich praktisch komplett geändert. In der Via Pisa ist das Kommen und Gehen der Journalisten zur täglichen Normalität geworden – sie kommen überwiegend aus Europa, den USA und Japan. «Supersprint: Performance, Quality and Style». Der Titel einer Reportage in der kalifornischen Zeitschrift «European car» muss nicht übersetzt werden. Der Journalist James Sly stellt Mantova nördlich von Ferrari hin, gerade einmal etwas östlich von De Tomaso und Lamborghini. Er findet, die Auspuffanlagen aus Mantova, haben «sweet sound and added power» (süssen Klang und höhere Leistung). Na ja, die Krachmacher sind halt nicht in der Via Pisa beheimatet , sondern nur diejenigen, die leistungsfähigere Motoren wollen.
Supersprint bedeutet heute 60 direkte Arbeitsplätze und dazu 50 bei Zulieferanten (das Unternehmen arbeitet mit 11 Partner-Unternehmen). Die Gesellschaftsstruktur ist familiär und deren Kontinuität wird von der zweiten Gilli-Generation gesichert. Die entfernten Wurzeln liegen in der Schweiz, zwischen Engadin und Rheinwald, im Hochtal des Rheins, in Graubünden. In Sufers wohnen noch Gillis, ein Nachname, der natürlich mit einem harten G gesprochen wird. Die Auswanderung der Graubündner nach Mantova in den Anfängen des 19. Jahrhunderts war beachtlich. Ein Familienzweig der Gillis liess sich in Borgo Angeli mit Ennio (er starb bereits jung im Jahre 1932 aufgrund der Folgen einer Verletzung aus dem ersten Weltkrieg) und seiner Frau Maria Sogliani, geboren in Brasilien, nieder. Als sie Witwe wurde, erhielt sie 1934 das Alleinrecht seitens des Dorfes und so konnte sie mit den Kindern Luciano, Diana, Bruno und Giuseppe weitermachen. Auf dem Weg des Unternehmens erschien neben Bruno für eine bestimmte Zeit auch Luciano, der aus Mailand zurückgekommen war. Im Jahr 2000 kamen Federico und Alessandro, die Söhne von Giuseppe mit Ennio, Sohn von Bruno, an die Unternehmensspitze.