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Akron und sein Templum Baphomae
Carl-Friedrich Frey (1948-2017) aus St. Gallen, besser bekannt unter seinem Pseudonym Akron, galt in den Medien als einer der Vorzeige-Okkultisten des deutschen Sprachraums. Für dieses Image war nicht nur Akrons beachtlicher Erfolg auf dem Buchmarkt verantwortlich. Es waren vielmehr seine Gewandtheit im Umgang und seine in esoterischen Kreisen leider nicht selbstverständliche historische und philologische Bildung, die ihn zum gefragten Gesprächspartner in Medienproduktionen zu okkulten Themen machen.
Carl-Friedrich Frey wurde am 1. Mai 1948 in Münsterlingen als Sohn eines Zollbeamten geboren. Nach Abschluss der Sekundarschule strebte er eine Laufbahn in der Wirtschaft an und machte eine kaufmännische Ausbildung, allerdings gewann die musische Richtung schliesslich die Oberhand. Frey wurde mit 19 Jahren Schlagzeuger in der Band Amondüül, die durch die Nähe zum Okkultismus von sich reden machte. Daneben stieg er in den Journalismus ein und schrieb in verschiedenen Ostschweizer-Tageszeitungen über kulturelle Ereignisse, mit einigem Erfolg, nicht zuletzt wegen seiner hohen sprachlichen Begabung.
In den 80er Jahren eröffnete sich Akron ein neues Feld: der Esoterik-Buchmarkt. Akron legte verschiedene Bücher zur Astrologie und zum Tarot vor. Sein meistverkauftes Buch, das Werk über den Crowley-Tarot, erreichte bis heute eine Auflage von 200 000 Exemplaren. Die Liegenschaft, auf der er sein astrologisch-okkultistisches Zentrum einrichtete, nannte Frey «Akron». Ein Versehen des Verlegers beförderte bei der Edition eines Buches diesen Namen an die Position des Autors. Seither trug Frey diesen Namen selbst.
Etymologisch leitete Akron seinen Namen von «achronos» = zeitlos ab. Der Zeitlose, Unzeitgemässe oder Überzeitliche zu sein, dies ist es, was Akron in seinem Namen programmatisch vorgegeben sah.
Akrons eigener Orden, das Templum Baphomae, der Tempel der Baphoma, entsprang der Idee, Leser seiner Werke an ihren jeweiligen Wohnorten zusammenzuführen, damit diese sich gegenseitig kostenlos unterstützen können, statt auf u.U. lange Anreisen und kostenpflichtige Beratung Akrons angewiesen zu sein.
Der Name Baphoma geht zurück auf Baphomet, das angebliche Kultobjekt der mittelalterlichen Tempelritter, Akrons liebstes Schatten-Symbol. Baphoma stellt eine feminine Wendung des zwar androgyn gedachten, aber doch grammatikalisch maskulin bezeichneten Baphomet dar.
Das Publikum des Templum Baphomae bestand zu einem grossen Teil aus Akademikern, mit einem deutlichen Schwergewicht bei in therapeutischen Berufen Tätigen. Junge Menschen waren nur spärlich vertreten, was Akron auch nicht allzu sehr bedauerte. Tatsächlich passt Akrons binnenpsychisches Verständnis des Bösen nicht zum typischen jugendlichen Satanisten, und der theoretische Hintergrund seiner Schattenarbeit mögen ihm zu komplex sein.
Akron war ein Autodidakt. Sein beachtliches philosophisches, psychologisches und historisches Wissen hat er sich angelesen. Dies gilt auch für den Bereich des Okkultismus: Akron ist nirgendwo spirituell «in die Schule gegangen», er kennt keinen Lehrer oder Vorläufer.
Wahrheit ist, so wurde Akron klar, relativ. Sie hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. Der Beobachter projiziert sich und seine Voraussetzungen in die Welt hinaus. Was er dort sieht, ist somit nur das Spiegelbild dessen, was er in sich selber trägt. Damit wird objektive Wahrheit unmöglich.
Hinter den relativen Weltanschauungen steht als ihr Grund das Geschehen in der menschlichen Psyche, das Akron unter Uebernahme der Begrifflichkeit von C.G. Jung fasste. Es war insbesondere die Figur des Schattens, der verdrängten Seelenteile, die Akron am Modell C. G. Jungs faszinierte. Das Verdrängte fordert im Schatten sein Recht. Es kann zugelassen und integriert werden, oder aber bekämpft, als das Böse, in der Welt und in anderen. Hier machte Akron das Okkulte fest. Das Okkulte wurde zum Symbol für den Schatten, den die Gesellschaft ausgrenzt und verdrängt und als „Böses“ „verteufelt“. Diese „Verteufelung“ geschehe, so Akron, nun nicht nur im Christentum, sondern auch in weiten Teilen der Esoterik, die Akron mit beissender Häme darstellen konnte. Jedes Projekt der Läuterung des Menschen ist zum Scheitern verurteilt. Ziel muss es vielmehr sein, das Okkulte zu integrieren, um die „Ganzheit des Selbst“ zu ermöglichen. Der Weg hierzu geht über die „Schattenarbeit“, wie sie das Templum Baphomae anbot.
Die „Ganzheit des Selbst“ bringt nicht die Wahrheit, aber ein Menschsein, das auf Projektionen zwar nicht verzichten, aber diese doch als solche durchschauen kann. Der sich seiner Projektionen bewusste Mensch ist in der Lage, seine Weltanschauung selbst zu setzen, z.B. im Bereich der Ethik. Akrons konkrete Hinweise in dieser Richtung sind wiederum stark an psychologistischen Modellen orientiert: Aggressionen gilt es etwa binnenpsychisch zu bewältigen, wozu Hinweise aus Transaktionsanalyse und Psychodrama zur Anwendung kommen.
Der sich seiner Projektionen bewusste Mensch kann von vorgegebenen Symbolsystemen Gebrauch machen, aus ihnen heuristisch Erkenntnisgewinn schöpfen, aber muss sie dann transzendieren, bevor sie sich verabsolutieren. So war die Astrologie, die Akron ja geschäftsmässig betrieb, für ihn kein absolutes System, sondern bedarf ihrer Ueberschreitung, nachdem sie ihren Dienst zur Erkenntnis geleistet hat. Dass Akrons Kundschaft diesen letzten Schritt meist nicht zu leisten bereit war, sondern in der Zusage grosser Chancen und Verheissungen durch exzeptionelle Sternkonstellationen verweilen wollte, war Akron schmerzlich bewusst.
Der sich seiner Projektionen bewusste und mit seinem Schatten versöhnte Mensch benötigt keinen Lehrer, keinen Guru. Deshalb möchte Akron wie Krishnamurti, den er als sein Vorbild nennt, sich als Guru unnötig machen. Aber wie Krishnamurti scheint dies Akron nicht recht zu gelingen, wie die Verehrung belegt, die er durch manche Schülerinnen und Schüler heute noch erfährt.