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Claudie-Anne Irondelle fühlte sich lange seltsam. Sie dachte, sie sei verrückt oder von einem Dämon besessen. Doch eines Tages verstand sie, dass ihre Fähigkeit, die Seele von Menschen zu lesen, ein Geschenk war. Ihre medialen Fähigkeiten nutzt sie heute, um anderen Menschen zu helfen und Lebenskrisen zu meistern.
"Wenn ich medial mit jemandem verbunden bin, werde ich zu dieser Person. Ich kann deren Gefühle, Ängste und Leiden erleben. Es ist so, also ob man die richtige Radiofrequenz einstellt“, sagt Claudie-Anne Irondelle. Die 38-jährige Frau trägt Jeans und ein langärmeliges Hemd. Äusserlich erscheint sie vollkommen normal. Und sicherlich gibt sie nicht das klassische Bild einer Seherin beziehungsweise Hellseherin ab.
Ein enger Weg entlang einer Hecke. Dann eine Treppe nach unten. So gelangt man in das Studio von Claudie-Anne Irondelle - ein Souterrain im Dorf Collex-Bossy, einer ländlichen Gegend des Kantons Genf. Weder Kristallkugeln, noch Glücksbringer finden sich hier. Claudie-Anne Irondelle bezeichnet sich als "reines Medium". Hilfsmittel sind da nicht nötig. Ein Name oder eine Fotografie seien ausreichend, meint sie. Sie braucht nur ein Heft, um sich Notizen zu machen. "Ich schreibe alles auf, was ich wahrnehme. Personen sind wie ein offenes Buch. Ihre Energie hat keine Geheimnisse.“
Menschen helfen
Ihrer Ansicht nach ist es falsch, von einer "aussergewöhnlichen Macht“ zu sprechen. Denn diese Bezeichnung beinhalte eine Art "Überlegenheit“, die sie gar nicht besitze. Sie spricht lieber von einem "Potential“, mit dem sie die Vergangenheit und Gegenwart eine Person vergegenwärtigen kann. "Ich möchte einfach nur den Menschen helfen, in ihrem Leben vorwärts zu kommen. Ich sage aber nicht, was jemand zu tun oder zu lassen hat: Jeder hat seine Zukunft selbst in der Hand.“
Claudie-Anne Irondelle, verheiratet und zweifache Mutter, hat ihren Weg gefunden, auch wenn es ihr nicht leicht fiel. Sie entschied sich dafür, ein Medium zu werden. Sie wollte aus ihrer Gabe einen Beruf machen.
Wie ein Unglücksrabe
Geboren wurde sie in Genf, doch aufgewachsen ist sie im Kanton Waadt. Ihre Kindheit war schwierig, denn ihre Beziehungen zu Freunden und Verwandten waren für die Eltern oft peinlich. "Ich verstand auf Anhieb, mit wem ich es zu tun hatte. Ich verstand, wem ich misstrauen musste, auch wenn ich liebevoll behandelt wurde. Ich prophezeite schlechte Dinge, etwa Todesfälle oder Unfälle. So erschien ich wie ein Unglücksrabe.“
"Man sagte mir, ich sei eine schräge Person. Irgendwann fragte ich mich selbst, ob ich verrückt sei“, erinnert sich die Seherin. Die Grossmutter, eine besonders gläubige Frau, war überzeugt, die Enkelin sei vom Teufel bessessen. Sie brachte sie in die Kirche, aber das änderte nichts. Dann, eines Tages, im Alter von 12 Jahren, merkte Claudie-Anne Irondelle, dass irgendetwas Besonderes mit ihr geschah. Sie meint, es sei der Wendepunkt ihres Lebens gewesen.
"Ich war zusammen mit einer Freundin in meinem Zimmer, als wir Schritte im Nachbarzimmer hörten. Ich sagte, es seien die Schritte meines verstorbenen Grossvaters. Und ganz plötzlich spürte ich eine unglaubliche Energie, die sich aus meinem Körper löste. Meine Freundin merkte aus einer gewissen Distanz die Hitze, die sich in meinen Händen entwickelte. Sie hatte Angst. In diesem Moment kam meine Mutter ins Zimmer und fragte: 'Was habt ihr gemacht? Es ist so heiss im Raum'. Das war der Beweis, dass ich mir das alles nicht eingebildet hatte."
Wende mit 33
Nach der obligatorischen Schulzeit kehrte Claudie-Anne Irondelle nach Genf zurück, um eine Handelsschule zu besuchen. Sie absolvierte eine Ausbildung als Sprechstundenhilfe und arbeitet einige Jahre in einer Praxis für Krebsfrüherkennung, bevor sie in die Versicherungsbranche wechselte. "Ich versteckte mich in einem ganz konventionellen Beruf, um mich normal zu fühlen", erzählt sie.
Die Wende kam mit 33 Jahren, nach dem Mutterschaftsurlaub. "Ich hatte zwei Möglichkeiten: Entweder nahm ich meine normale Arbeit wieder auf oder ich wurde endlich mich Selbst." Auf Anraten ihres Ehemannes entschied sie sich für die zweite Variante und absolvierte einen Diplom-Kurs als Therapeutin in energetischen Massagen nach der Reiki-Methode. "Ich sagte mir, dass ein Diplom auf einem Blatt Papier die Kundschaft in gewisser Weise "beruhigen" würde.
Inzwischen empfängt Claudie-Anne Irondelle rund ein Dutzend Personen in der Woche. Eine Session von eineinhalb Stunden kostet 130 Franken. Sie behandelt viele Fälle von Depression und Burnout. Auch Personen mit Beziehungsproblemen oder bestimmten Krankheiten suchen ihre Hilfe. Oft müssten ihre Patienten gar nicht reden, sagt sie.
Wenn der Verstand eine Pause macht
"Ich spreche hingegen auf Grundlage eines Namens oder einer Fotografie. Ich teile meine Erkenntnisse sehr direkt mit. Das kann manchmal Irrritationen auslösen. Während der Sitzungen wird der Verstand "ausgeschaltet" und ist keinerlei Werturteilen oder Gedanken ausgesetzt. "Als Medium funktioniert man genau umgekehrt wie in der Normalität. Es ist so, als ob der Verstand eine Pause einlegt."
Claudie-Anne Irondelle beabsichtigt niemals, ihren Patienten einen Prozess zu machen. Ihre Hilfe besteht darin, Probleme zu beschreiben und die Gründe für die Probleme heraus zu finden. "Ich hole alles aus den Menschen heraus, aber ich bin nicht in der Lage, die Dinge neu zu ordnen. Daher schlage ich meinen Patienten dann vor, sich an einen Profi zu wenden, an einen Arzt oder Psychologen.“
Die Anfragen an die Seherin sind vollkommen unterschiedlich. Manche wollen die Gewinnzahlen im Lotto wissen. Aber ist das möglich? "Es ist möglich, im Lotto zu gewinnen, aber nur wenn es Teil unseres Schicksals ist", sagt sie mit einem sibyllinischen Lächeln.
Medizin und Medium: komplementäre Welten
Claudie-Anne Irondelle sieht ihre mediale Aktivität als Berufung und Leidenschaft. "Viele möchten gerne so sein wie ich", sagt sie. Natürlich gibt es auch die Kehrseite der Medaille. "Einige Personen suchen aus Eigeninteresse den Kontakt zu mir. Sie können nicht unterscheiden zwischen der Claudie-Anne, die in ihrer Praxis arbeitet, und derjenigen, die ausserhalb ihrer Praxis ein ganz normales Leben führt. Um mich vor solchen Situationen zu schützen, ziehe ich mich manchaml ganz in die Einsamkeit zurück.“
Wegen ihrer beruflichen Tätigkeit schlägt ihr auch viel Misstrauen entgegen. In der Tat ist es nicht immer einfach, zwischen echten Therapeuten und Scharlatanen zu unterscheiden. Immer mehr Menschen würden sich an Heiler wenden, meint die Sozialanthropologin Magali Jenny in einem Buch zu diesem Thema. Auch die traditionelle Medizin scheint gegenüber diesen Methoden nicht mehr ganz so skeptisch zu sein wie auch schon. In manchen Spitälern werden sogar Listen von Sehern aufgehängt.
"Die Ärzteschaft ist offener geworden, zumindest mental“, sagt Claudie-Anne Irondelle. "Aber viele trauen sich noch nicht, an unsere Türen zu klopfen. Wahrscheinlich kursieren immer noch zu viele negative Gerüchte. Das ist schade, denn ich denke, dass sich die Tätigkeiten eines Arztes und eines Mediums optimal ergänzen könnten."
Bevor wir uns verabschieden, muss ich noch eine Frage los werden. Steht in ihrem Notizblock auch etwas über den Journalisten von swissinfo.ch, der sie gerade besucht hat? Claudia-Anne Irondelle bejaht. Und ihre Antwort macht mich neugierig. Auf dem handgeschriebenen Zettel finden sich allgemeine Bemerkungen, aber auch ganz spezifische Aspekte meines Charakters. Ist das nun die Macht der Psychologie oder übersinnlicher Fähigkeiten?
Gesundbeten
Unter Gesundbeten wird die Gabe verstanden, durch Beten zu heilen. Dabei handelt es sich um eine sehr alte Praxis, die auf die christliche Antike oder sogar noch weiter zurückgeht.
Mit Hilfe von Heilsprüchen und Segensformeln ermöglicht das Gesundbeten das Heilen oder Lindern einer Vielzahl von Krankheiten und Wunden wie Verbrennungen, Warzen, Angina und Kopfschmerzen sowie von gewissen psychischen Störungen.
Sehr verbreitet ist diese Praxis im Jura. Doch das Gesundbeten wird auch in anderen Schweizer Kantonen praktiziert, insbesondere in katholischen Regionen wie den Kantonen Freiburg, Wallis und Appenzell sowie der Zentralschweiz.
Es ist schwierig abzuschätzen, welche Bedeutung die wissenschaftliche Medizin den Heilern einräumt. In den Schweizer Heimen und Spitälern liegen aber zahlreiche Listen mit den Telefonnummern von Heilern auf, geordnet nach den Leiden, die sie behandeln können.
2012 wurde die in den Kantonen Jura und Freiburg verbreitete Praxis des Gesundbetens in die Liste der lebendigen Tradition in der Schweiz aufgenommen.
Die Schweiz ist 2008 dem UNESCO-Übereinkommen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes beigetreten. Damit verpflichtete sie sich, ein Inventar der lebendigen Traditionen in der Schweiz zu erarbeiten und periodisch zu aktualisieren.
(Quelle: Bundesamt für Kultur www.lebendige-traditionen.ch)Infobox Ende
(Übersetzung aus dem Italienischen: Gerhard Lob), swissinfo.ch