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Himalaya 1937
Mit 6 Bildern. »Von Marcel Kurz.
Unsere letzte Chronik war ziemlich üppig, weil sie zwei sehr wichtige Jahre umfasste, ganz besonders 1936, das Jahr, das wegen seiner zahlreichen Erfolge als das bisher ergiebigste im Himalaya bezeichnet werden darf. 1937 brachte keinen derartigen Sieg. Im Gegenteil, wir haben von der schrecklichsten Niederlage zu berichten, die sich je im Himalaya ereignete: die zweite deutsche Katastrophe am Nanga Parbat. Dieser verhängnisvolle Berg hat bis jetzt 29 Opfer unter den besten Bergsteigern gefordert, und dies in nur drei sich steigernden Unglücksfällen.
Abgesehen von dieser Katastrophe brachte das Jahr 1937 ziemlich viel Abwechslung: keine Belagerung des Everest, hingegen eine mustergültige Erforschung im Karakoram ( Shaksgam ), eine fruchtbare Ernte in Garhwal, zahlreiche enttäuschende Versuche im Sikkim, aber wenigstens einen grossen Erfolg: die zweite Besteigung des Siniolchu. Der grösste Sieg des Jahres ist wohl die erste Besteigung der Chomolhari 7315 m durch Spencer Chapman und den Sherpa Pasang.
Ausserdem berichten wir noch von einigen kleineren Unternehmungen und bringen als Nachtrag zwei letztjährige Ereignisse: einen abenteuerlichen Versuch auf die Gurla Mandhata und die Eroberung des Nanda Kot durch die Japaner.
Die Witterung scheint ziemlich normal gewesen zu sein. Im Karakoram war der Monsun eher schwach und die Anzahl der brauchbaren Tage ganz beträchtlich. Im Sikkim hingegen brachte der Herbst ( Ende September und Anfang Oktober ) enorme Schneefälle, die den Eindruck erwecken könnten, als gäbe es zwischen dem sommerlichen Monsun-schneefall und dem Winter gar keine Unterbrechung.
Chomolhari - ).
Die Chomolhari 7315 m ist am Anfang unserer Studie reichlich illustriert und kommentiert worden8 ). Sie erhebt sich also auf dem Grenzkamm zwischen Tibet und Bhutan, gilt bei den Buddhisten als heilig und beherrscht die Lhasastrasse so imponierend, dass sie längere Zeit für den höchsten Gipfel der Welt gehalten wurde. Im Jahre 1932 wollte ich ihre Besteigung versuchen und war so naiv, die Bewilligung dazu zu verlangen, was selbstverständlich glatt abgewiesen wurde.
Gescheiter und glücklicher war F. Spencer Chapman. Wie schon berichtet, hatte er 1936 den Simvu mit Marco Pallis und The Pyramid mit Harrison versucht und schliesslich die Erstersteigung des Fluted Peak vollbracht ( « Die Alpen », 1937, 454 ). Kurz nach diesem Feldzug hatte er das seltene Glück, als Sekretär des politischen Agenten in Sikkim nach Lhasa eingeladen zu werden. Dorthin begab er sich zu Pferd über den Tang La, und wie Tausende vor ihm konnte er die wunderbare Gestalt der Chomolhari bewundern. Auch er überzeugte sich bald davon, dass die Hauptschwierigkeit mehr auf politischem Gebiet lag. Als Diplomat aber war er imstande, sie zu überwinden: In Lhasa, wo er sich sechs Monate lang aufhielt, lernte er alle Kabinettminister kennen und bekam schliesslichDiese Notizen bilden die chronologische Fortsetzung unserer letzten Studie ( Himalaya 1935/1936 ), die in « Die Alpen » von November und Dezember 1937 erschien. Wir behalten hier ordnungshalber die anfangs angenommene Reihenfolge der Beschreibung bei und schreiten von Südosten nach Nordwesten.
2 ) Siehe den Bericht von F. Spencer Chapman in Alpine Journal, November 1937, 203—209, und besonders Himalauan Journal, 1938, 126—144. Chomolhari bedeutet « die göttliche Königin der Berge ». Der Name ist also weiblich. Die umliegende Gegend ist auf Blatt Punaka 78 E der ^-Zoll-Karte ( 1:253,440 ) skizziert. Diese Topographie lässt noch sehr viel zu wünschen übrig. Dem Bericht Chapmans ist leider keine Skizze beigelegt, so dass er schwierig zu verfolgen ist.
s ) Siehe die verschiedenen Bilder in « Die Alpen » Juli 1933 und In « Alpinismus », 2. Heft 1933.
Die Alpen — 1939 — Les Alpes.1 ihre Zusage, später auch diejenige des jungen Maharaja von Bhutan. So war die Partie schon halb gewonnen.
Die telegraphische Bewilligung von Bhutan erreichte ihn in Yatung ( Chumbital ) am 19. Mai ( seinem Geburtstag ), als er schon auf dem Wege nach Phari Dzong war, mit seinem Freunde C. E. Crawford, einem 24jährigen Burschen, der allerdings kein Bergsteiger war ( er selber war damals 30jährig ). Drei Tiger aus Darjiling begleiteten sie: Nima Tandup ( einer der alten Garde ), Kikuli ( bei der Nanga Parbat-Tragödie 1934 glücklich gerettet ) und ein gewisser Pasang ( Sherpa ), der mit Bauer 1929 am Kantsch gewesen war. Chapman gibt bescheiden zu, dass er auf Nima rechnete, um die beste Route ausfindig zu machen und auf Kikuli, um Tritte zu hacken. Vor Pasang hingegen hatte er wenig Achtung.
Am 12. Mai gelangten sie nach Phari Dzong, wo sie ihre vier Maultiere gegen sechs lokale Kulis umtauschten, die das Gepäck bis zum Fusse des Berges tragen sollten. Aber die Chomolhari verhüllte sich im Nebel, als ob sie das Herannahen des Feindes ahnen würde. Chapman konnte sich kaum orientieren, und sein Bericht ist auch nicht ganz klar. Der Berg scheint auf dieser tibetischen Seite unerreichbar. Deshalb wurde die bhutanische Grenze überschritten, und zwar am Sur La, der parallel zum Tremo La liegt, aber weiter nördlich und näher zum Gipfel. Dieser Pass führt in ein tief eingeschnittenes Tal hinüber, das sich nach SE senkt. Inzwischen wurden die sechs Träger entlassen. Nach einem Biwak musste die Karawane das Tal weiter abwärts verfolgen ( sogar bis zu einer Höhe, die niedriger war als die von Phari 1 ), bevor eine Seitenmulde ermöglichte, die Richtung des Gipfels wieder einzuschlagen. Das bedeutete einen riesigen Umweg.
Schliesslich wurde der mächtige Grenzrücken an der Stelle wieder gewonnen, wo er einen Gletschersattel ca. 5600 m bildet, nördlich einer eigentümlichen Felsspitze, die zum Sattel schroff abfällt. Von hier aus muss man sich anseilen. Jeden Morgen kamen Wolken, die den Berg umhüllten und mit frischem Schnee bestreuten. Da fast kein Wind blies, häufte sich dieser Pulverschnee und erschwerte den Weitermarsch beträchtlich. Diese Verhältnisse sollten während der ganzen Expedition andauern und sind scheinbar in dieser Jahreszeit ziemlich normal.
Am 18. Mai, währenddem der alte Nima mit zwei Zelten zurückblieb, setzten die vier anderen die Besteigung fort, dem Gletscherkamm entlang, und gewannen eine Art Amphitheater, wo sie das Lager bei 6100 m aufschlugen. Infolge des tiefen Schnees wurde dieser Tagmarsch sehr ermüdend, besonders für den untrainierten Crawford und für Kikuli, der ständig Blut ausspuckte. Am folgenden Tage blieb letzterer hartnäckig liegen. Die anderen stiegen ( in 8 Stunden, so tief war der Schnee 1 ) bis zu den Séracs, kaum 300 m höher, und kehrten wieder zum Lager zurück. Crawford fühlte sich unwohl und stieg schliesslich mit Kikuli zu Nima ab. Da sein Urlaub bald zu Ende war, musste er dann heimreisen.
Am 20. Mai, nach einem nächtlichen Schneefall, verfolgten Chapman und Pasang die fast verwehten Spuren des Vortages, und diesmal gelang es ihnen, den Eisbruch zu forcieren. Zwei Stunden lang wurden sie dort vom Schneesturm und Gewitter angehalten. Der Wind hörte schliesslich auf, aber der Schnee fiel weiter. Am Fuss einer Eiswand hackten sie sich eine kleine Plattform und schlugen ihr Zelt auf. Nach einer elenden Nacht brachen sie vor Sonnenaufgang auf ( am 21. Mai um halb 5 Uhr ). Stundenlang stiegen sie, Tritte mit dem Pickel hackend — oder auch bloss mit der Fußspitze stossend —, am Rande des riesigen Abgrundes, der gegen Phari abstürzt. Das Panorama weitete sich immer mehr und wurde ganz grossartig. Weit unten, noch im Schatten, lag Phari; gerade gegenüber der strahlende Pauhunri; weiter links das enorme Massiv des Kantsch mit seinen unzähligen Trabanten, und noch weiter die zwei berühmten, ätherischen Nachbarn: Everest und Makalu. Man glaubte, fast die ganze Welt zu beherrschen. Sehr langsam, aber regelmässig spurten sie abwechselnd zur Höhe. Pasang war in der Achtung seines Herrn wieder hoch gestiegen.
Endlich waren sie auf dem Vorgipfel angekommen. « Ich schämte mich beinahe », schreibt Chapman. « ilit welchem Recht standen wir hier oben '? Hatten wir die Möglichkeit, zum höchsten Gipfel zu gelangen? » Ein luftiger, fast horizontaler Schneegrat führt zur letzten Spitze. Glücklicherweise war der Schnee fest, so dass sie die schmale Kante meiden und auf der Bhutanseite queren konnten. Um Mittag drückten sich der Sahib und sein Kuli die Hand auf dem dreikantigen Gipfel der Chomolhari. Die göttliche Königin aller Berge war bezwungen. Noch nie ist eine derart hohe und heilige Bergspitze so leicht erobert worden.
Hatten aber die buddhistischen Tibeter nicht behauptet, dass die Göttin sich grausam rächen würde, wenn Menschen so tollkühn wären, sie anzugehen? Schon zogen Nebel herbei, die sich um den Berg zerfetzten. Man musste eilig entfliehen, bevor der Wind noch stärker wurde. Seit 3 Uhr morgens hatten die zwei Gefährten nichts gegessen, sondern sich damit begnügt, etwas Gerstenzucker während des Marsches zu saugen. Aber nun fing es an zu schneien, und absteigen musste man unter allen Umständen. Im Augenblick, wo Pasang im Begriffe war, den steilen Hang zu betreten, rutschte er ab und riss seinen Herrn mit sich fort. Chapman berichtet über den Unfall folgendermassen:
« Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie der Sturz anfing. Wir waren eben im Begriff, uns für den Abstieg zu rüsten. Ich hatte gerade einige Photos aufgenommen und Pasang gesagt, er solle vorausgehen. Einen Moment später rutschte er neben mir wie ein Blitz vorbei. Ich konnte noch schnell meine Kamera in meine Windjackentasche stecken und mich auf meinen Pickel werfen, als sich das Seil spannte. Eine Sekunde später fiel ich auf den Rücken und glitt kopfvoran den Hang hinunter. Wir rutschten sehr schnell und sprangen hie und da über Eisbuckeln auf. Mehrmals kam ich dazu, meine Pickelhacke in den Firn einzuschlagen. Bevor ich aber anhalten konnte, wurde ich durch die Wucht Pasangs wieder fortgerissen. Auf seine buddhistische Seele wirkte der Zauber der Göttin so mächtig, dass er nicht einmal zu bremsen versuchte! Wir stürzten wohl 300—400 Fuss ab. Endlich bekam mein Pickel Halt, so dass ich anhielt. Ein leichter Stoss, und auch Pasang kam zum Stillstand. Als ich meine verschneiten Brillen lüftete, sah ich ihn bewegungslos liegen, gerade am Rande des Abgrundes, der Phari beherrscht. Für lange Minuten blieb ich auf dem Rücken, schnaubend, fast erstickend im Kampf wieder Atem zu finden. Ich hatte das Gefühl, wie wenn meine Lunge platzen wollte, bevor ich wieder Luft schöpfen konnte. Um 15 Uhr waren wir im Lager zurück. » Nachdem sie Tee gemacht und vergossen hatten, entschlossen sie sich, das Zelt weiter abwärts zu tragen, um besser schlafen zu können. Aber kaum waren sie hundert Meter abgestiegen, da zwang sie der Sturm wieder umzukehren. Dieser Wiederaufstieg war das Schlimmste der ganzen Expedition. Jeder Schritt wurde zur Qual. « Es ist merkwürdig », schreibt Chapman sehr richtig, « wie einen die Erschöpfung plötzlich befallen kann, besonders nach einer Enttäuschung. » Während dieser Nacht wurde alles nass, sogar die letzten Streichhölzer.
Von diesem oberen Lager gedachten sie in einem Tage nach Phari zurückzukehren; sie brauchten aber fünf Tage! Pasang schien durch seinen Sturz vollständig demoralisiert. So glänzend war er aufgestiegen, und nun lag er da wie ein träger, willenloser Lumpen. Seine Schneebrille war zerbrochen, und er litt an einer Augenentzündung. Jeden Tag musste man vor Mittag anhalten wegen des schlechten Wetters, des Schneefalls und des Nebels, der die Orientierung verunmöglichte. Feuer konnte man auch nicht anzünden, da die Streichhölzer zu Ende waren. Vier Tage lang nahmen die beiden nur Gerstenmehl zu sich, das sie mit Schnee mischten. Mehrmals musste Chapman vorangehen, um Tritte zu hacken, dann wieder zurück, um Pasang zu holen und ihn abzuseilen. Eine breite Spalte, deren Brücke faul war, musste übersprungen werden. Der Sahib schrie seinem Kuli zu, er solle ihm Seil nachgeben, aber er wurde missverstanden und fiel 10 m tief in den Schrund. Erst 3 y2 Stunden später, nach einem verzweifelten Kampf, kam er mit dem Kopf heraus, und siehe da, wer sass ruhig mitten auf der Brücke, neben dem Loch? Pasang!
Schliesslich kamen sie zu einem-kleinen See bei ca. 5400 m auf der Bhutanseite. Da blühten und dufteten schöne Primeln und Lilien, und man hörte den Kuckuck rufen... eine wahre Wiederkehr ins Leben. Etwas weiter unten kam die Rettung: eine Hirtenhütte, ein fröhlicher Lama, eine hübsche Bhutanesin, Feuer, Yakmilch, Käse und Reis. Das genügte, um sie vollständig zum Leben zu erwecken.
Am letzten Tage verliefen sie sich noch im Nebel. Ein 30 km langer Marsch führte sie über mehrere Pässe zum Tremo La und von dort nach Phari, wo sie in der Nacht vom 26./27. Mai ankamen. Die Leute hielten sie beide für tot, und jeder wollte sie antasten, um sich zu überzeugen, dass sie wirklich Männer waren und keine Geister. Ihren Sieg hatten sie wohl verdient, aber die Göttin hatte sich so grausam gezeigt wie eine Sirene.
Sikkim l ).
Wir erzählten hier ( Dezember 1937, 410—412 ), wie C. R. Cooke den Kabru 7315 m im November 1935 erstieg, um zu beweisen, dass im Himalaya die Verhaltnisse im Spätherbst günstiger sein können als im Frühling oder im Sommer. Da der November .1935 ihm recht gegeben hatte, wollte er seine Erfahrungen fortsetzen und verständigte sich mit J. Hunt für eine Expedition im Zemubecken.
Vielleicht erinnert sich der Leser, dass Hunt 1935 den Peak 36 ( oder Saltoro Kangri I 7742 m ) im Karakoram versucht hatte. Mit seinen Freunden Waller und Brotherhood kam er nahe ans Ziel, wurde aber durch schlechtes Wetter zurückgetrieben ( « Die Alpen », 1937, 406—408 ). Inzwischen hatte sich Hunt verheiratet und wollte seiner jungen Gattin die Sikkimberge vorstellen. In Cooke fand er den ersehnten, unternehmungslustigen und begeisterten Gefährten, der wie er in Kalkutta wohnte.
Die ursprüngliche Absicht dieser neuen Alhierten war, die Besteigung des P. 7780 zu versuchen, der manchmal als Kantsch Nr. I bezeichnet wird. Dieser Gipfel erhebt sich in dem Hauptkamme zwischen dem Kantsch und dem Zemu Gap. Nach Nordost entsendet er einen Sporn zu dem namenlosen Gletscher hinab, dessen Eisbrüche das Grab Hermann Schallers umgeben. Nach Süden zweigt ein anderer Grat ab, der sich zum Tongshyong senkt. Über diesen Grat sollte der Angriff losgehen. Später aber wurden die Pläne abgeändert. Man beschloss, den Zugang zum North Col 6895 m zu versuchen, der die Twins vom Kantsch trennt, in der Hoffnung, eine mögliche Route zum letzteren zu eröffnen... Nach den entscheidenden Erkundungen von Bauer in den Sommern 1929 und 1931 kommen uns die Pläne des kleinen Kleeblattes ( zwei Herren und eine Dame ) etwas kühn vor. Es scheint, dass Cooke und Hunt trotz ihren bisherigen Erfahrungen die Schwierigkeiten dieser Berge noch stark unterschätzen. Gegenwärtig bieten diese Routen gar keine Chance.
Die Expedition verliess Darjiling am 9. Oktober 1937 mit 50 Kulis. In Lachen begegnete sie der siegreichen Partie Schmaderers ( siehe weiter unten ), die sich über die fürchterlichen, seit Anfang Oktober gefallenen Schneemassen beklagte.
Das Standlager wurde am 18. Oktober dicht westlich des Greenlake ca. 4940 m aufgeschlagen. Alle Kulis wurden dann entlassen bis auf sechs tüchtige und gut trainierte Tiger. In den folgenden Tagen führte Hunt kleinere Rekognoszierungen aus und war ganz erstaunt, zu konstatieren, wie wirksam zu dieser vorgerückten Jahreszeit die Sonne noch ist. Dies ist wohl der vollständigen Klarheit der Luft nach den grossen Schneefällen zuzuschreiben. Sogar die Sherpas wurden durch die enorme Strahlung des frischen Schnees schwarz verbrannt. Schon im Herbst muss der Kontrast zwischen der täglichen Hitze und der nächtlichen Kälte grösser sein als in unseren Hochalpen mitten im Winter.
Am 23. Oktober wurde ein Lager beim Zusammenfluss der Zemu-, Twins- und Sugar-loaf-Gletscher bezogen. Von dort aus versuchten die Hunts den Sugarloaf 6440 m auf der 1931 durch Allwein und Brenner eingeschlagenen Route.Von ihrem Lager über 6000 m gelangten sie sehr nahe ans Ziel ( bis 6400 m behauptet Hunt, aber seine Höhenangaben in Fuss entsprechen nicht immer denjenigen der Karte in Meter ).
Am 26. kehrten sie zur Basis zurück. Zwei der besten Sherpas litten an einem giftigen Fieber und wurden bald kampfunfähig. Bis dahin war das Wetter sehr schön gewesen, verschlechterte sich aber beträchtlich. Trotzdem konnte man einige Erkundungen ausfuhren auf den Simvu- und Nepalgapgletscher sowie einen Ausflug zum P. 5780 des « Keil-berg ».
Anfangs November, während Mrs. Hunt die zwei kranken Kulis nach Lachen abführte, kampierten die zwei anderen am Fusse des Nepal Peak. Das Wetter sah nun besser aus, aber überall lag der Schnee in tiefem Pulver oder mit einer brechenden Kruste überdeckt, die das Vordringen äusserst erschwerte.
Am 4. November stiegen Cooke und Hunt zum Nepal Gap hinauf, wo sie einen heftigen Wind trafen. Am 5. wurde bei 6500 m auf dem Südgrat des Nepal Peak biwakiert und am 6. das obere Lager bei 6800 m bezogen. Am 7., des starken Windes wegen, konnten sie erst um Mittag fort. Cooke wurde aber krank und musste bald aufgeben. Hunt erstieg allein mit Steigeisen in 1 yt Stunden den P. 7145 des Nepal Peak. Der Grat war in tadellosem Zustand, aber der Wind so stark, dass er den Übergang zum höchsten Punkt nicht erlaubte.
Nach einer zweiten Nacht im selben Lager fühlte sich Cooke nicht besser, und der Wind war noch stärker geworden. Deshalb wurde die Rückkehr zur Basis angetreten. Sie geschah über den Pass 6075 ( Wien ), der die tiefste Einsattelung zwischen Twins und Sugarloaf bildet. Dieser Sattel wurde schon früher mehrmals von Norden durch Karawanen erreicht, die den P. 7005 der Twins versuchten, war bisher aber noch nie überschritten worden. Diese landschaftlich sehr schöne Traversierung fand am 9. November statt. Der Abstieg führte durch ein steiles Couloir zu einem namenlosen Gletscher, den Hunt « Lower Twin Glacier » taufen möchte. Dieser Gletscher bricht in Séracs ab, die man auf dem Ostufer umging.
Cooke erforschte dann mit Da Thondup ( oder Tandup ) und Pasang Kikuli den Zugang zum North Col 6895 m. Er gelangte bis ca. 200 m unterhalb des Passes, wurde aber durch Steinschlag zurückgetrieben. Er gibt übrigens zu, dass diese Route keine grosse Aussicht für den Kantsch bietet, was schon zu erwarten war ' ).
Inzwischen machten die Hunts einen zweiten Versuch auf den Sugarloaf. Nach ihrem Bericht wären sie 71 Fuss oberhalb des Gipfels angelangt, was ohne Flügel wohl unmöglich ist » ).
Der Kälte und des fürchterlichen Windes wegen gaben sie den Sugarloaf wieder auf. Hunt ging noch mit einem einzigen Kuli bis zum Zemu Gap ( 5875, Wien ). Er scheint die Tombazi-Expedition ( 1925 ) nicht zu kennen oder vergessen zu haben. Beide Seiten dieses Passes sind schon begangen worden, und seine Überschreitungsmöglichkeit ist also praktisch bewiesen, obschon sie durch die Séracs der Südseite zu gewissen Zeiten sehr kompliziert ist. Die Traversierung scheint von N nach S vorteilhafter als umgekehrt, weil man sich im Gletscherbruch dann abseilen kann.
Am 19. kehrte Hunt zur Basis zurück. Am 21. kampierte Cooke auf dem Simvu Saddle ( 5410, Wien ) und stieg über den Passanramgletscher hinunter. Er hoffte, einen Seitenpass ausfindig zu machen, zum Tongshyong-Gletscher hinüberzugehen und von dort über den Guichak La nach Dzongri zu gelangen. Aber schliesslich stieg er durchs Talungtal nach Mangen ab, genau wie die drei vorigen Expeditionen, und kehrte dann nach Darjiüng zurück, wo die Hunts am Vorabend ( 5. Dezember ) eingetroffen waren.
Eine kurze Schneeperiode ausgenommen ( Ende Oktober und anfangs November ), scheint diese Expedition durch eine relativ trockene Witterung begünstigt worden zu sein. Der Wind war aber stärker und die Kälte grösser als im Herbst 1935. Damals wählte sich Cooke ein einziges, gut bestimmtes Ziel aus ( den Kabru ), das er durchaus erreichte. Diesmal waren seine Bestrebungen viel mehr zerstreut und dürften ihm keine so restlose Befriedigung verschafft haben. Ausserdem wurde die Expedition durch den tiefen Pulverschnee, der im ganzen Zemubecken lag, sehr gestört. Hunt meint, dass der NW-Wind einen Faktor bildet, mit welchem man in dieser späten Jahreszeit ständig rechnen muss.
Am 23. September 1936, auf dem Gipfel des Siniolchu 6891 m siegreich vereinigt, hatten Karl Wien und Adolf Göttner nicht geahnt, dass schon ein Jahr später, fast auf den Tag genau, diese luftige Spitze einen zweiten Besuch empfangen würde, und zwar wieder eine Münchner Seilschaft. Diese bestand aus drei erstklassigen Bergsteigern: Ludwig Schmaderer, Ernst Grob und Herbert Paidar, die zum ersten Male im Himalaya auftraten. Schmaderer und Paidar hatten sehr schwierige Türen in den Alpen und im Kaukasus ausgeführt ( Schmaderer unter anderem die erste Begehung des ganzen Peutereygrates mit Göttner ); Grob hatte den Kilimanjaro 6010 m erstiegen.
Mit sechs Sherpas aus Darjiling schlugen sie am 28. August 1937 ihre Zelte im Bauerschen Standlager 4525 m auf, wo sie sich « wie zu Hause » fühlen sollten. In den ersten Wochen war das Wetter sehr ungünstig und brachte fast keinen einzigen niederschlagsfreien Tag. Nach vergeblichen Versuchen auf die Twins ( P. 7005, Ostgrat ) und auf Nepal Peak ( bis 7000 m ) gelang schliesslich der tapferen Seilschaft die zweite Besteigung des Siniolchu auf der Route ihrer Vorgänger. Davon nur das Wichtigste:
Aufbruch vom Standlager am 20. September bei zweifelhaftem Wetter mit Trägern und Verpflegung für 10 Tage. Wegen drohender Lawinen am Fuss der Siniolchu-Nordwand musste der Aufstieg weiter rechts durch zerklüftete Eisbrüche vollzogen werden. Lager I bei 5000 m, Lager II bei 5500 m, Lager III ( vorgeschobene Basis ) am 22. unter einer Felswand. Fünf Träger blieben hier zurück. Nur das unbedingt Notwendige mitnehmend ( ein kleines Zelt, einen Zdarskysack, einen Primuskocher und Proviant für fünf Tage ), stiegen die drei Sahibs und der Sherpa Pencyam 23. zum Sattel 6185 des NW-Grates und schlugen ihr Zelt bei 6250 m auf ( Bauer hatte bei 6400 biwakiert ). Pency blieb allein hier, um den Rückzug zu decken.
Am 24. um halb 4 Uhr schlichen sie sich aus ihrem Zelt. Fast eine volle Stunde verging, um ihre hartgefrorenen Bergschuhe anzuziehen. Riesige Wächten hemmten den Aufstieg zum Vorgipfel 6470 m. Der « 70-Meter-Turm » war ganz verschneit. Man sank bis zu den Hüften ein, und dieses Gratstückr war ganz besonders gefährlich. Zwei Stunden für zwei Seillängen 1 Nach zwölfstündigem, mühsamem Steigen war die Karawane gezwungen, in einer Eishöhle bei 6650 m zu biwakieren. Beim Morgengrauen stiegen sie weiter, überwanden die steile Wand und die Gipfelwächte und standen um 9.30 auf dem höchsten Punkt. Bis 11 Uhr genossen sie die klare Fernsicht. Der Abstieg wurde zum harten Kampf, denn ein Wettersturz drohte und spornte zur Eile an. Nach Einbruch der Dunkelheit erreichten sie das Zelt.
Von dort aus beabsichtigten sie den P. 6555 ( Klein Siniolchu ) zu ersteigen, aber neue Schneefälle zwangen sie diesen Plan aufzugeben. Nicht ohne Mühe konnten sie sich nach unten durchschlagen und die Basis am 28. noch erreichen. In der folgenden Nacht trat der Sturm ein. Es schneite 50 Stunden ohne Unterbruch. Bis zum 13. Oktober waren sie gefangen und von aller Welt abgeschnitten. Dann gingen sie nach Lachen zurück, wo sie der Karawane Cooke-Hunt begegneten, und kehrten schliesslich am 17/November nach München zurück * ).
Ungefähr zu gleicher Zeit, Anfang Oktober 1937, kehrte die Tucci-Expedition von einer neuen archäologischen Reise in Tibet nach Gangtok zurück. Vor dem Einschiffen in Bombay benutzte Fosco Maraini, einer der Teilnehmer, den übrigbleibenden Monat, um einen Ausflug in die NE-Ecke von Sikkim auszuführen. Er folgte dem Tistatal bis Tsungtang ( oder besser Chungtang ), dann dem Seitental von Lachung und kampierte eine Woche lang in Samdong, um dort herum Ski zu laufen. Wie schon gesagt, waren enorme Schneemassen gefallen, und die seit Monaten mitgeschleppten Skier kamen so endlich durch Maraini zur Verwendung.
Er vergleicht Samdong mit Breuil ( Hotels und Schwebebahn ausgenommen !) und sagt ihm die Zukunft von Sestrieres voraus. Die Schneeverhältnisse sollen ausgezeichnet gewesen sein, behauptet er ( Sulzschnee unten, Pulverschnee zuoberst ). Leider war er der einzige Skiläufer ( mit 8 Kulis ). Ganz allein stiess er bis zum Dong Kia La 5530 m vor, stieg zweimal zu einem Aussichtspunkt empor, der sein Lager im NE beherrschte und den er Samdongri ca. 5400 m taufte. Am 18. Oktober überschritt er mit zwei Engländern den Sebu La 5365 m, um das Rasthaus Tangu 3650 m zu erreichen. Von dort besuchte er noch den Lungnak La ( den er Lugnac La schreibt ) und kehrte schliesslich nach Gangtok zurück.
Dies ist ein klassischer Ausflug, der hier keine Erwähnung verdiente, wenn Maraini nicht als erster Skiläufer diese Berge besucht hätte und wenn er nicht in seinem übrigens sehr nett verfassten Bericht eine brennende toponymische Frage anschnitte, die wir hier nicht ohne weiteres entwischen lassen möchten.
Maraini behauptet, die englische Schreibweise Kangchenjunga sei falsch, und schreibt auf italienisch Cancenzonga] Aber Kangchen ( « grosser Schnee » ) ist nun ein ebenso gewöhnlicher Ortsname geworden wie Kangri ( « Schneegipfel » ). Diese tibetischen Namen werden mit oder ohne Suffix durch die Einheimischen und die Topographen angewendet für eine Anzahl von Himalayagipfeln auf der Tibetgrenze und überall, wo das Tibetische eingedrungen ist, sogar im Karakoram.
Kangchenjunga auf englisch ist viel richtiger als Cancenzonga auf italienisch. Im Englischen entspricht Kangchenjunga ziemlich genau der einheimischen Aussprache. Phonetisch ist aber Kangchendzönga noch richtiger, und das ist nun die angenommene Schreibweise meiner Karte ( das Massiv des Kangchendzönga ), derjenigen von Wien-Finsterwalder ( Zemugletscher ), Bauers, Dyhrenfurths und aller deutschen modernen Autoren, gestützt auf die Gutachten von J. van Manen ( ein Holländer ) und von Sir Charles Bell selber, die zwei besten Autoritäten. Die Italienisierung Cancenzonga ist falsch aus zwei Gründen: das Fallenlassen des ersten g ( es sollte lauten cang ) und das fehlende Trema auf dem o ( es sollte lauten zö ).
Ebenso schreibt Maraini Cancenghiau für Kangchenjhau ( man könnte, allerdings noch lange über die letzte Silbe dieses Namens streiten; ghiau soll tbärtig » heissen und die Eiskaskaden dieses Berges bezeichnen ); Ciombu für Chombu; Donchia für Dongkia. Maraini hat die starke Neigung, das K in C zu verwandeln, was für einen Italiener ziemlich natürlich ist. Warum aber schreibt er dann Kabru anstatt Cabru? Kongra anstatt Congra? Geographen wie Dainelli und Desio schreiben Karakorum und nicht Caracorum. " Warum soll man das K der türkischen und tibetischen Namen unterdrücken?
Wir rühren allerdings hier an einen brennenden Punkt der internationalen Schreibweise, und es scheint nicht gerade die Zeit dafür zu sein, eine Diskussion darüber anzutreten... Jeder sollte aber lernen, die Namen auszusprechen, wie sie durch die Einheimischen gesprochen werden, und nicht danach streben, sie jeweils in seine eigene Sprache umzuschreiben, sonst gehen wir einem neuen Babel entgegen. Kangchen sollte universal angenommen werden.
Interessanter sind die Schreibweisen Lugnac ( anstatt Lungnak ) und Chomo Yunno für Chomiomo, die Maraini ohne weitere Erklärung einführt. Diese letzte ganz besonders dürfte wohl die richtigste sein, denn es ist unleugbar, dass die Einheimischen die Wörter ankleben und dass die Toponyme schwierig aufzunehmen sind 1 ).
Garhwal 2 ).
Die Expedition von Smythe in Garhwal ist von derjenigen Shiptons im Karakoram ( siehe weiter unten ) grundverschieden. Smythe ist kein Topograph, sondern ein Idealist, der vor allem zu seinem Vergnügen reisen will. Berichterstatter aus Beruf, kann Smythe gelegentlich auch als Botaniker tätig sein. Seit seiner Kametexpedition 1931 ist er in Garhwal verliebt und kennt dort ein abgelegenes, blühendes Tälchen, hoch oben schwebend, eine Art Paradiesgarten, wo Wasserfälle rauschen und wohin er sich mit seinen Kulis zurückziehen kann. Ist das nicht reizend? Dort oben wird er beliebig träumen können, weit vom irdischen Lärm und Jammer, Blumen pflücken, Gipfel stürmen, sich vom Winde fächeln lassen, sich sammeln und sich vertiefen, die Wolken bewundern und sich an paradiesischen Düften berauschen, ohne je gestört zu werden. Kein Vergleich mit den endlosen Märschen über die kahlen und windigen tibetischen Hochplateaus, einem zweifelhaften Ziele entgegen: diesmal ist er eigener Meister, alleiniger Weisser in seiner kleinen Karawane; allein mit Gott in Gottesnatur; welch schönes Buch dürfen wir wohl erwarten1 )!
Smythes « Happy Valley » heisst Byundar ( sprich Bi-un-dar ). Dieses Tälchen ist in unserer Studie über Garhwal ( « Die Alpen », 1933, 364 ) erwähnt. Es wurde 1862 durch Oberst Edm. Smyth, 1907 durch das Kleeblatt Bruce-Mumm-Longstaff und 1910 durch Meade besucht, aber keine dieser Karawanen hatte sich dort aufgehalten. Schon 1931 verbrachte Smythe zwei schöne Tage im Byundar und bewunderte die ausserordentlich reiche Flora, die fast alle Garhwalspezies enthält. Geht man auf dem Pilgerweg von Joshimath nach Badrinath durch das Tal der Alaknanda, so sieht man rechter Hand eine bewaldete. Schlucht, die anscheinend vom Himmel nach Pandukeswar herunterzieht. Diese Schlucht führt zum Hängenden Garten hinauf, der vom Tale aus ganz ausser Sicht bleibt.
Am 5. Juni 1937 verliess Smythe Ranikhet mit vier gut trainierten Bhotias aus Darjiling und elf Dotialträger. Er überschritt den Kuaripass nach Joshimath und stieg in zwei Tagen nach Byundar, wo er sein Lager aufschlug. Dort blieb er fünf Wochen lang mit seinen Bhotias, durch die tiefe Schlucht von der Aussenwelt so abgeschnitten, dass er sich in einer neuen Shangri La ) fühlen konnte. Dort verbrachte er « die vorzüglichsten Ferien seines Lebens », indem er Blumen pflückte ( auf einer Quadratmeile fand er 200 verschiedene Spezies ) und sich durch Ausflüge in der Umgebung eintrainierte. Als er akklimatisiert war, versuchte er den Rataban 6125 m, einen vom Kuaripass aus gut sichtbaren, felsigen Doppelgipfel, wurde aber durch ein heftiges Gewitter zurückgetrieben und begnügte sich mit einem seiner Trabanten ca. 5800 m. Einige Tage später gelang es ihm und seinen zwei besten Bhotias, eine schöne, namenlose Schneekuppe ca. 5950 m zu bezwingen, die als Vorsprung der wunderbaren Gauri-Hathi-Parbat-Gruppe auffällt. Diese zwei letzteren Gipfel sehen auf dieser Seite ganz unerreichbar aus.
Am 26. Juni brach der Monsun in Garhwal los, aber das Wetter blieb trotzdem noch ziemlich günstig mit nächtlichen Regenfällen und sonnigen Tagen. Smythe erforschte sein Paradies bis in die kleinsten Ecken, dann beschloss er, den Nilgiri Parbat 6481 m zu versuchen, dessen abschreckende Wand das Lager im NE beherrschte 3 ).
Da der Nilgiri Parbat von der Byundarseite aus unerreichbar erschien, überschritt Smythe einen westlich davon gelegenen Gletschersattel und gelangte in das Becken, dessen Abfluss nördlich von Mana das Haupttal erreicht. Er biwakierte in diesem Becken und erreichte dann den NNW-Grat seines Berges. Die ganze Nordflanke ist mit einem zerklüfteten Eispanzer bedeckt, der dem Gipfel ein wunderbares Aussehen verleiht. Smythe hatte ihn sicher 1931 vom Kämet aus schon bewundert. Über den NNW-Grat gelangte er mit seinen zwei Trägern zum Fusse dieser Eisflanke und querte sie schräg aufwärts, um den weniger steilen Nordost-Schneegrat zu erreichen. Dieser Quergang ist ziemlich lang, und Smythe vergleicht die Neigung mit der Brenvaflanke am Mont Blanc. Der Sardar Wangdi löste seinen Herrn für einen Teil des Aufstieges ab. Der Gipfelgrat ist nicht schwierig, aber viel länger, als man glaubt.
Acht Stunden nach Verlassen des Biwaks erreichte die Karawane den Gipfel, « eine Eis- und Schneewelle, so dünn, dass sie an der Sonne wie eine ätherische Flamme aussah den schönsten und zerbrechlichsten Gipfel, den ich je betreten ».
Smythe kehrte zur Basis zurück, « sehr begeistert von der herrlichsten Eis- und Schnee-tur, die uns je gelungen war ».
Nach seiner persönlichen Mitteilung fand diese Besteigung am 18. Juli statt. Am 22. kam Peter Oliver an, der uns durch seine Besteigung des Trisul ( 1933 ) bekannt ist sowie durch seine Teilnahme an der 1936er Everestexpedition. Er war von zwei Tigern begleitet, selber aber noch ganz untrainiert. Trotzdem wurde der Rataban 6125 m sofort angegriffen auf der von Smythe anlässlich seines ersten Versuches rekognoszierten Route ( NW-Wand ). Diese Wand ist schwierig. Sie hatten die bösesten Stellen überwältigt, als sie zur Umkehr gezwungen wurden, und es war gut so, denn das Wetter schlug plötzlich um.
Das überflüssige Gepäck wurde dann samt einem kranken Träger nach Pandukeswar hinuntergeschickt, und die Karawane überschritt den Byundar-Pass 5090 m, um den Banke-gletscher zu erreichen jenseits der Kametkette, wo sie nun forschen wollte. Dieses Becken wurde zuerst durch die Bruce-Mumm-Longstaff-Expedition 1907 rekognosziert, dann von Smythe 1931 besucht und soeben durch Leutnant Richard Gardiner der Indian Survey topographiert. Dieser letztere konnte Smythe eine topographische Skizze übergeben, sowie wertvolle Auskunft über diese ganze Gegend x ).
Die zwei Freunde bezogen ihr Standlager bei 4300 m auf einer grasigen Terrasse am Nordufer des Bankegletschers ( zwischen Thur Udiar und Eri Udiar ). Dieses Lager wurde von Gamsali aus ( einem unterhalb Niti im Dhaolital gelegenen Dorfe ) verproviantiert. Das Bankebecken ist vom östlichen Kametgletscher durch den mächtigen Grat getrennt, der vom Mana Peak herkommt. Dieser Grat ist auf dem Panorama gut sichtbar, das in der Fussnote S. 8 kommentiert wird. Vom Mana Peak senkt er sich nach E SE, bildet zwei gut getrennte Gipfel und verlängert sich bis tief hinunter gegen Dhaoli zu. Sein nördlicher Hang fällt jäh zum östlichen Kametgletscher ab, wogegen die Bankeseite ( S ) eine Reihe von Gletscherplateaus aufweist, die einen möglichen Zugang zum Mana Peak zu bieten schienen. Vom Standlager aus stieg die Karawane direkt nördlich empor und schlug Lager II am Rande des ersten Gletscherplateaus auf. Von dort aus wurde der erste Gipfel 6523 m über den langen Ostsüdostgrat ohne Mühe bestiegen. Eindrucksvoll soll der Tiefblick ins Kametbecken gewesen sein.
Am nächsten Tage wurde südwestlich des P. 6523 kampiert und von dort aus ein zweites Gletscherplateau nach Westen tra versiert ( das Smythe mit dem Ewigschneefeld vergleicht ), bis Lager IV am Südfuss des P. 6852 bezogen wurde ( siehe Fussnote S. 8 ). Diesen Gipfel erstiegen sie am 4. August über seinen Südgrat.
Das Wetter war sehr veränderlich und meistens nebelig, wodurch der Marsch über diese riesigen Plateaus keineswegs erleichtert wurde. Wie die auf Seite 8 erwähnte Teleaufnahme bestätigt, scheint es sehr schwierig, die Gipfel 6852 und 6977 nach Süden zu umgehen. So verzichtete die Seilschaft auf die geplante Route und kehrte wieder zur Basis zurück, wo sie am 6. August eintraf. Dann verfolgte sie den Banke-Hauptgletscher aufwärts, um den Zaskar-Pass 5790 m zu gewinnen, der drei Monate früher durch Leutnant Gardiner überschritten worden war 2 ).
Drei Tage später gelangte sie auf diesen Pass ( der sich also südwestlich des Mana Peak befindet ) und richtete ihr Lager auf. Das Wetter war wieder prächtig und gestattete eine sofortige Rekognoszierung. Vom Pass aus erhebt sich der Fels- und Schneegrat gegen Norden, bildet eine Schulter und dann einen Vorgipfel ca. 6550 m, von wo aus man leicht nach links zum oberen Gletscherplateau hinübergehen kann. Von dort aus beabsichtigte Smythe, den NW- Grat des Mana Peak anzupacken. Auf den Zaskar-Pass zurückgekehrt, liess er das Lager auf den Grat bei 6100 m Höhe versetzen und schickte die Kulis sofort hinunter.
Am 12. August endlich brachen die zwei Sahibs um 5 Uhr auf. Dank ihren vortägigen Spuren erreichten sie den Vorgipfel 6550 m um 6.30. Ein leichter Abstieg führte sie zum Gletscherplateau und von dort zum Fuss der Schneehänge des NW-Grates. Dieser Grat verbindet den Gipfel mit dem Kämet und sieht leicht aus. Aber die « Schneehänge » waren aus Eis mit 15 Zentimeter Neuschnee überdeckt und hätten zwei Tage Stufenschlagen erfordert. So kehrten die Sahibs um und stiegen wieder zum Plateau ab.
Bedeutete das die definitive Niederlage? Nein! Es blieb noch eine Lösung: den zum grössten Teil felsigen und eher schwierig aussehenden Südgrat zu versuchen. Um diesen Grat zu erreichen, musste man zuerst über eine Felsrippe emporsteigen, die höher oben im Eis verlief und dann eine felsige Schulter beim Vereinigungspunkt mit dem Südgrat bildet.
Um 10.30 gelangten sie auf diese Schulter und konnten sich stärken und an der Sonne wärmen, denn bis hier lag fast der ganze Aufstieg im Schatten. Von der Schulter aus erstreckt sich der Südgrat fast horizontal auf mehrere hundert Meter, dann schwingt er sich plötzlich 300 m empor und bildet den höchsten Punkt des Mana Peak. Einige schwierige Gendarmen mussten umgangen oder überklettert werden, so dass eine volle Stunde verging, bis man zum Fusse des Aufschwungs ankam. Die Felsen sind sehr fest wie am Kämet ( eine Art rötlicher Granit ). Leider fühlte sich Oliver zu müde, um weiter zu gehen. So zog er vor, auszuruhen und die Rückkehr von Smythe abzuwarten. Dieser kletterte möglichst schnell weiter. Das Wetter war perfekt, ohne jedes Lüftchen. An einer Stelle war der First von einem riesigen Block versperrt, der weder traversiert noch seitwärts umgangen werden konnte; man musste unten durch eine Art Tunnel hindurchkriechen, ein ziemlich aufregendes Manöver.
Gegen halb 2 Uhr nachmittags endlich gelangte der fast erschöpfte Smythe auf die höchste Spitze. Er war « leider » allein, um die Aussicht und den Triumph zu geniessen. Jenseits des nahen Kämet wogten die goldenen Wellen von Tibet in die Ferne. Ein seltenes Glück war 's, bei solch windstillem Wetter auf einem so hohen Thron zu herrschen: « In meiner Seele behalte ich eine so tiefe Stille, dass das leiseste Geräusch sie scheinbar zerbrochen hätte — die Stille des Raumes und der Ewigkeit. » Der Abstieg vollzog sich leichter als der Aufstieg. Um 18.15 kehrten die beiden ins Lager zurück, das am gleichen Abend noch bis zum Zaskar-Pass versetzt wurde. « So ging die grossartigste Bergfahrt unseres Lebens zu Ende, im Gedächtnis aber unvergänglich, nicht nur unseres Wetterglücks wegen, sondern auch wegen der Besteigung selbst, die durch ihre perfekte Entwicklung wohl einzigartig bleiben wird. » Smythe empfiehlt diese Besteigung seinen Nachfolgern aufs wärmste. Am folgenden Tage führte sie ein langer, mühsamer Abstieg nach Badrinath hinunter, wo sie bei strömendem Regen ankamen und sich im Bungalow niederliessen. Smythe behauptet, dass in den fünf folgenden Wochen ein einziger Tag schön war. Deshalb rät er, während des Monsuns im Norden von Garhwal zu bleiben und das Alak-nandatal ganz zu meiden, weil es die feuchten Ströme kanalisiert.
Das nächste Ziel war die Nilakanta 6600 m, einer der schönsten Gipfel Garhwals, wenn nicht der schönste ( siehe die Telephoto in « Die Alpen », 1933, gegenüber S. 376 ). Zuerst gingen sie nach Pandukeswar hinunter, um dort Proviant und Material zu holen, dann am 17. August wieder hinauf und ins Seitentälchen namens Khiraun ( Blatt 53 N ) hinein. Dieses Tälchen öffnet sich am Südostfuss der Nilakanta und bietet schöne Weiden, wo Ziegen- und Schafherden grasten. Kein Weisser scheint früher dort eingedrungen zu sein. Von einem ca. 4500 m hohen Lager aus rekognoszierten sie den SE-Grat ihres Berges. Dieser Grat ist leicht erreichbar, stellt aber riesige Aufschwünge entgegen. Sie folgten ihm bis ca. 6000 m und mussten dann des schlechten Wetters und des Neuschnees wegen um-kehren1 ).
Abgewiesen und nass durch und durch begaben sich die beiden nach Joshimath, um ihr Glück beim Dunagiri 7065 m zu versuchen. Wie schon gesagt, wurde dieser prächtige Gipfel ( siehe die Telephoto in « Die Alpen », 1936, gegenüber S. 232 ) von Oliver und Campbell 1933 über die Tolma Naia versucht. Im Oktober 1936 gelangte Shipton über den SW- Grat sehr nahe ans Ziel. Dieser Grat bietet gewiss den besten Zugang und keine besondere Schwierigkeiten. Es ist anzunehmen, dass Oliver und Smythe den Gipfel erreicht hätten, wäre das Wetter einigermassen günstig gewesen. Aber der Monsun liess keine Hoffnung, besonders in dieser Gegend nicht.
Sie verliessen Joshimath am 31. August mit acht Lokalträgern ( ausser ihren fünf Tigern ), folgten dem Dhaoli und erreichten den Rishi über Lata und Dibrugheta — jene Alp, die Tilman spasshaft als « eine horizontale Oase in einer senkrechten Wüste » bezeichnet. Beim Zusammenfluss des Rishi und Rhamani angelangt ( siehe die obere orographische Skizze in « Die Alpen », 1936, 10 ), stiegen sie den letzteren hinauf und erreichten wie Shipton den SW-Grat. Vier Tage lang wurden sie durch den Sturm auf diesem Grate in ihren Zelten bei 6340 m festgehalten.
Am 13. September machten sie einen verzweifelten Versuch, aber die Verhältnisse waren so schlecht und der Neuschnee so tief, dass sie bei 6700 m aufgeben mussten. Shipton scheint sogar näher ans Ziel vorgedrungen zu sein, und diese Besteigung wird wohl bald vollendet werden. Am 16. September zogen sie sich, durch und durch nass, nach Durashi zurück. Das war der letzte Guss des Monsuns. Am folgenden Tage klarte das Wetter auf: alles war schneeweiss bis 4000 m, aber dann blieb der Himmel blau, wochenlang, von jenem herbstlichen, zarten Blau, das wir alle kennen und lieben. In Joshimath teilte sich die Karawane: Oliver zog nach Ranikhet hin und Smythe stieg in sein Paradies wieder auf, um dort Samen, Zwiebeln und Wurzeln zu sammeln, die er für den königlichen Botanischen Garten zu Edinburg zurückbringen sollte. Am 10. Oktober kehrte er nach Ranikhet zurück. « So gingen die glücklichsten Ferien unseres Lebens zu Ende. » PS. In Garhwal müssen wir noch den Versuch erwähnen, der in der ersten Hälfte Juni 1937 am Kämet 7755 m von vier Unteroffizieren der indischen Armee gemacht wurde. Auf der Route der Erstersteiger ( Smythe 1931, über den östlichen Kametgletscher ) stiegen sie in ihrer Uniform mit 8 Kulis zum Lager III auf und trugen dann auf eigenen Schultern die oberen Lager IV und V. Von diesem letzteren ( nur 6400 m hoch ) versuchten sie den direkten Aufstieg, während Smythe auf Meade's Col 7165 m kampiert hatte.
Die Felsen waren aber zu schwierig, um die Lasten mitzuschleppen. So gingen sie leicht beladen zum Col hinauf und stiegen noch 200 Fuss höher dem Gipfel zu. Um 16.30 mussten sie dann umkehren. Diese Leistung ist um so mehr zu bewundern, als diese vier Burschen vorher nie eine grossere Bergfahrt gemacht hatten. Sie wurden von ihrem Oberst sehr unterstützt und bekamen einen längeren Urlaub. Später sollten sie den Longstaff's Col vom Rishi zum Gori überschreiten und über den Traill's Pass zurückkommen. Wir wissen aber nicht, ob es ihnen gelungen ist ( Alpine Journal, November 1937, 239/240; Himalayan Journal, 1938, 181/182 ).
Nanga Parbat1 ).
Nach dem schrecklichen Unglück, das die Merkl-Expedition 1934 beendete und das Leben von 9 Mann ( 3 Deutsche und 6 Kulis ) kostete, hätte man annehmen dürfen, dass der Angriff von 1937 entscheidend sein würde, denn es blieb eigentlich nur noch der Gipfelgrat zu begehen. Inzwischen hatte man allerdings von einer leichten englischen, un-offiziellen Unternehmung gehört, welche die jungfräuliche Spitze des Nanga Parbat erobern sollte, doch wurde sie vernünftigerweise aufgegeben. Die Deutschen hatten dort oben ihre Toten gelassen und hatten wohl das Recht, sie zu suchen.
Diesmal schien der Sieg fast allzu gesichert, und zwar ein einsamer, einziger Sieg: keine Konkurrenz, keine andere grosse Expedition auf einem anderen Achttausender; die Deutschen waren allein auf dem Tummelplatz an jenem westlichen Ende des Himalaya, und sie hatten alle Trümpfe in ihrem Spiele. Wieder einmal schien ein Triumph der Kraft, der Energie, der Zähigkeit, der Beständigkeit bevorzustehen — aber wieder einmal ist es ganz anders gekommen, als man glaubte.Von keinem Sieg haben wir hier zu berichten, sondern von einer Niederlage, viel schlimmer noch als die vorige: von einer wirklichen Vernichtung. Wahrhaftig, das Schicksal ist unerbittlich für die Deutschen am Nanga Parbat.
Frische Kräfte hatten Merkls dezimierte Schar ersetzt. Die zwei österreichischen Überlebenden ( Aschenbrenner und Schneider ), die 1934 so nahe am Ziel gestanden hatten, wurden — als nicht genehm — einfach weggelassen, obgleich sie die Berufensten gewesen wären. Die Expedition bestand zuletzt fast ausschliesslich aus Münchnern, wie jene am Kantsch.
Da Bauer nicht fort konnte, wurde Karl Wien als Expeditionsleiter bestimmt: 1931 hatte er den Gipfel des Ostsporns 7700 m am Kantsch erreicht. Keiner kam höher als er auf jenem Berg. Nach diesem Versuch hatte er das ganze Zemubecken stereophoto-grammetrisch aufgenommen, und wir danken ihm eine vorzügliche Karte jener Gegend. 1936 schliesslich hatte er mit seiner Ersteigung des Siniolchu die alpine Welt verblüfft.
Sein inniger Freund Hans Hartmann war auch ein ehemaliger Kantschkämpfer. Mit ihm hatte er den Gipfel des Ostsporns erstiegen ( siehe sein « Kantsch-Tagebuch»)-Adolf Göttner, Mitbezwinger des Siniolchu, galt als einer der besten Münchner Bergsteiger. Im Juli 1934 hatte er mit Schmaderer den ganzen Peutereygrat am Mont Blanc erstmals begangen. Günter Hepp, der die Bauersche Sikkimexpedition 1936 begleitet hat, fungierte hier wieder als Arzt. Als einziger Kenner des Nanga Parbat kam Peter Müllritter mit, der beim Angriff 1934 tätig gewesen. Er wurde damit betraut, einen dokumentarischen Film aufzunehmen. Zwei weniger bekannte Männer kamen noch dazu: Pert Fankhauser ( ein Tiroler ) und Martin Peffer. Der Arzt Ulrich Luft sollte Hartmann in seinen physiologischen Untersuchungen unterstützen, und Karl Troll sollte sich mit botanischen und geographischen Forschungen befassen. Diese zwei letzteren, die unabhängig und jeder für sich arbeiteten, sind auch die einzigen, die dem Tode entronnen sind.
Fast alle Teilnehmer waren persönliche Freunde des Leiters, der sie selber sorgfältig ausgewählt hatte. Wiens kleine Schar war von einem absoluten Korpsgeist beseelt. Und doch stand sie nicht ganz so hoch, wie damals die Merkltruppe, die an Erfahrung und persönlichem Können doch unübertroffen geblieben ist.
Die Zugangsroute war dieselbe wie 1934, aber ein grosser Teil des Gepäcks wurde im Herbst 1936 nach Talichi, am Zusammenfluss des Astor und Indus, vorausgebracht. So wurde die Anzahl der Lasten auf ein Minimum beschränkt und damit der Expedition eine grossere Beweglichkeit gewährt. Ein Dutzend der besten Sherpas unter dem Kommando des Sardar Nursang war von Darjiling hergekommen. Srinagar am 6. Mai 1937 verlassend, gelangte die Expedition am 19. auf die Märchenwiese. Bis hierher war das Wetter glänzend gewesen, aber dann, ab Ende Mai, verschlechterte es sich immer mehr.
Am 11. Juni wurde Lager IV auf 6185 m definitiv eingerichtet und bezogen. Unterdessen waren die Verhältnisse ganz ungünstig geworden. Es schneite fast jeden Tag, und der verwehte Schnee verwischte die zwischen den Lagern mühsam geöffnete Spur. Jeden Tag musste sie neu gestampft werden. Um diese Arbeit zu erleichtern, benützten die Sahibs sehr leichte, mit Schneetellern versehene Skistöcke, die viel wertvoller sind als ein im tiefen Schnee versinkender Pickel. Trotz dem nebligen Schneewetter blieben die Nächte kalt und das Thermometer sank bis —23° Celsius. Als unter dem Lager IV sich Spalten zu öffnen schienen, wurde es 50 m höher in eine Mulde verschoben, blieb aber noch immer etwas südwestlich von der Stelle, wo es 1934 gestanden hatte.
Am 14. Juni war zufällig das Wetter relativ schön. An jenem Tage sollte der eigentliche Angriff losgehen. Der als englischer Verbindungsoffizier zugewiesene Leutnant Smart verliess das Lager mit fünf kranken Baltiträgern und stieg zur Basis ab. Die anderen fingen an, Lasten in der Richtung des Lagers V hinaufzutragen, das bis jetzt nie bezogen werden konnte. Deshalb und infolge der schlechten vorigen Tage waren am Abend des 14. Juni 16 Mann ( 7 Sahibs und 9 Sherpas ) im Lager IV vereinigt, eine ganz ungewöhnliche Konzentration. In der Nacht vom 14./15. Juni sanken diese 16 Mann in ihren letzten Schlaf. Kurz nach Mitternacht wurde das ganze Lager von einer riesigen Lawine verschüttet. Die später gefundenen Notizen hören alle am Abend des 14. Juni auf. Es bleibt also gar kein Zweifel über das Datum des Unglücks. Der Bericht von Luft lautet folgendermassen:
« Am 18. Juni bewegte sich in aller Frühe eine Kolonne über die Eisterrasse von Lager II nach Lager III. Fünf Träger führte ich mit Proviant und mit der Post, die am 16. Juni im Hauptlager eingetroffen war, nach Lager IV. Bei dem strahlenden Wetter, das nun seit dem 15. herrschte, kamen wir gut vorwärts und erreichten gegen 10 Uhr Lager III. Die Baltis klagten über Kopfschmerzen, und ich schlug ihnen vor, sie sollten hier Tee kochen und eine Stunde rasten, während ich vorauseilte, um sobald wie möglich bei den Freunden zu sein, da ich aufs äusserste gespannt war, über den Stand des Angriffs etwas zu erfahren... Ich eilte allein über die flachen Hänge vom Lager III nach Lager IV hinauf.
Unablässig streifte mein Blick zum Rakiot Peak, um an seiner Flanke das Lager V oder darüber hinaus die Spuren der vorstossenden'Kameraden zu finden, aber vergeblich. Gegen Mittag gelangte ich zum ersten Lager IV, von dem ich wusste, dass es am 10. geräumt worden war. Andeutungen einer Spur waren an den Hängen oberhalb wohl zu erkennen. Schwer schnaufend spurte ich in die Höhe in der Erwartung, in einer Viertelstunde den Freunden die stets sehnsüchtig erwartete Post verteilen zu können. Jetzt stand ich in einer flachen Mulde, von der der Blick unbehindert vom Chongra Peak über den Grat zum Rakiot Peak schweifen konnte. Bedrückende Stille herrschte ringsum. Eine verwehte Spur zog wie ins Endlose gegen den Grat im Osten. Mit unerbittlicher Wucht und Klarheit drängte sich mir die Wahrheit ins Bewusstsein: unmittelbar vor mir hatte eine Lawine von gewaltigen Ausmassen eine Fläche von etwa 400 m Länge und 150 m Breite mit gigantischen Eisblöcken überschüttet. Weit und breit keine Spur vom Lager. Tausende von Kubikmeter Eis waren darüber hingegangen.
Schon kamen meine Träger und bestätigten mir, dass hier das Lager stand, als sie am 14. abstiegen. Weit unten entdeckten wir einige Büchsen sowie drei leere Rucksäcke, die auf der Oberfläche mitgeschwemmt worden waren. Nach drei Stunden des Suchens war es mir klar, dass wir mit unseren leichten Bergpickeln nie hoffen konnten, das tief eingegrabene Lager freizulegen. Alles war zu einer starren, unbeweglichen Masse verschmolzen. Alle sieben Bergsteiger und ihre neun Scherpaträger mussten unter den Eistrümmern ruhen. Niemand konnte entkommen sein, da ich sonst längst Nachricht gehabt hätte. Da am 15. bei strahlendem Wetter eine Partie das Lager V bezogen haben würde, musste das Unglück sich in der Nacht vom 14. zum 15. ereignet haben.
Erhaben und abweisend gleissen die Hänge des Silbersattels hoch über mir in der Sonne.
Die Mannschaft ist nicht mehr. » Am gleichen Tage stieg Luft mit seinen Baltis zum Standlager ab, wo Smart ihn erwartete. Ein Eilbote wurde sofort nach Chilas geschickt, um Hilfe zu holen, und ein anderer nach Gilgit mit einem Telegramm nach München. Am 23. Juni kam Hauptmann Mackenzie mit zwei Mann und Werkzeugen an und am 25. Major Cropper mit seinen besten Scouts aus Gilgit. Alle diese guten Willen waren vereinigt, um eine Rettungskolonne zu bilden. Leider war der Gletscher viel stärker zerklüftet und schwieriger als vorausgesehen, und die Seile waren nicht genügend, um das Lager II zu erreichen. Anfangs Juli mussten dann die zwei Offiziere wieder zu ihren Posten zurück.
In München gab es grosse Bestürzung. Paul Bauer, Fritz Bechtold und Karl von Kraus eilten per Flugzeug am 25. Juni nach Indien. Sie landeten in Karachi und erreichten Lahore per Bahn. Dort stellte ihnen die Royal Air Force in zuvorkommender Weise ein Flugzeug zur Verfügung und führte sie nach Gilgit, wo sie am 5. Juli anlangten. In einem Tage wurde dann die Strecke Gilgit-Talichi ( 63 km ) zu Pferd zurückgelegt. An der Rakiot-brücke warteten Träger, mit welchen sie zum Hauptlager hinaufstiegen. Luft kam ihnen entgegen und mit ihm erreichten sie die Basis am 8. Juli. Dort befand sich ebenfalls der Botaniker Troll, der Sardar Nursang, Mambahadur und Ramona ( Köche ), Da Tandup ( einer der wenigen Überlebenden von 1934 und der einzige diesmal gerettete Sherpa ) sowie ca. 30 Baltiträger.
Wie um sie zu verspotten, war das Wetter herrlich, die Atmosphäre gewöhnlich still und die Sonne gegen Mittag fast unerträglich. Bei dieser Hitze verwandelte sich der Rakiotgletscher zusehends und der direkte Zugang zum Lager II schien nun wegen neuer, grosser Spalten ausgeschlossen ( siehe die Photo gegenüber S. 432 in « Die Alpen », November 1934 ).
Am 12. Juli brach die Kolonne auf, aber Bauer wurde durch einen Malariaanfall niedergeschmettert und musste zur Basis zurück. Mangel an Training und Akklimatisierung war bei den drei Neuangekommenen merkbar und musste schwer gebüsst werden. Bechtold musste auch bald zurück.
Am 15. Juli ( also einen Monat nach dem Unglück ) fing das Sondieren unter der Leitung von Luft an, und zwar mittels metallischer, in Lahore angefertigter Sondierstangen. Nach vier Tagen schwerer Arbeit hatte man nur einen Pickel bei 3 % m Tiefe gefunden. Dann kam das Gesicht eines Sherpa zum Vorschein. Aber Nursang als Buddhist sprach den Wunsch aus, man solle seine Sherpas dort ruhen lassen, wo sie waren. Am gleichen Abend kamen noch zwei Zelte in Sicht. Eine drei bis vier Meter dicke und feste Schneeschicht schien das ganze Lager zu decken. Dieser Schnee war mit grossen Eisblöcken vermischt. Unterdessen ging es Bauer wieder besser, und er konnte hinauf zu seinen Freunden. Im ersten Zelte lagen Pfeffer, Hartmann und Hepp, als ob sie ruhig schliefen; ihre Gesichter trugen keinerlei Angstausdruck, trotz der enormen Schneemasse, die sie bedeckte und zusammendrückte. Das andere Zelt, das Wien und Fankhauser enthielt, lag gequetscht unter einem ungeheuren Eisblock und war schwierig herauszuholen.
Jeder Sahib hatte sein eigenes Tagebuch bis zum 14. Juni geführt. Die Uhren standen alle bei 12 Uhr ( Mitternacht ). Das dritte Zelt, wo Müllritter und Göttner lagen, blieb unauffindbar. Bauer und seine Gefährten waren übrigens jetzt am Ende ihrer Kräfte. Die Nachforschungen mussten aufgegeben werden. Der Proviant ging aus, und das Wetter verschlechterte sich wiederum. Die fünf Leichen wurden in ein Eisgrab gebettet unter einem mächtigen Serak, an dessen Spitze die Sondierstangen eingesteckt wurden und worüber die deutsche Fahne flatterte. Am 22. Juli stiegen alle zur Basis ab.
Nach Bauer ist die Eislawine von einer Gletscherterrasse losgegangen, die sich 400 m südlich des Lagers befindet. Sie stürzte zuerst auf einen kurzen, steilen Hang, löste dort eine Schneelawine, rutschte 200—300 m mit diesem Pulverschnee ab und überflutete die flache Mulde, wo die Zelte aufgeschlagen waren. Dass die Lawine auf einem so schwach geneigten Hang so weit hinunterreichte, ist wahrscheinlich den speziellen Schneeverhältnissen zuzuschreiben, die damals herrschten.
Vom 10. bis zum 14. Juni blieb die Temperatur sehr tief, und der trockene Pulverschnee wurde zu einem ausgezeichneten Beförderungsmittel für die Lawine, deren grösste Blöcke das Mass von gewöhnlichen Häusern erreichten. Da jedes Zelt in einer Grube lag ( um es gegen den Wind zu schützen ) und da es jeden Tag weiter schneite, ragten die Dächer nicht mehr heraus, und so wurden die Zelte von der Lawine gar nicht mitgerissen, sondern einfach zugedeckt. Es ist sogar anzunehmen, dass die Schläfer nicht einmal aufgeweckt wurden und dass sie schmerzlos und sehr ruhig vom Schlaf in den Tod hinübergingen.
Diese gleichzeitige Vernichtung der ganzen 16 Mann starken Schar sieht fast wie ein Fatum aus. Es ist eine für den Himalaya bisher einzigartige Katastrophe, die nur in Lawinen bei der Tiroler Front ihre Ähnlichkeit findet. Vor allem wollen wir konstatieren, dass die Stelle des früheren, aus Vorsicht verlassenen Lagers IV/1 durch die Lawine nicht erreicht wurde, ebensowenig die Stelle, wo sich das Lager IV im Jahre 1934 befand. Es sieht aber so aus, als wenn man bereits 100 m weiter westlich dieser Gefahr tatsächlich ausgesetzt wäre. Die vom Winde geschützte Mulde war natürlich sehr verlockend, sonst hätte man wohl auf dem riesigen nahen Plateau kampiert, das gar keine Lawinengefahr bietet. Es scheint also, dass Lager IV/2 zu weit südwestlich unter den Séracs des Rakiot Peak aufgestellt wurde. Hat vielleicht gerade währenddem der Nebel diese Séracs verhüllt?
Andere haben in dieser Vernichtung die Rache der Götter oder sogar die Hand Gottes sehen wollen. Niemals in Friedenszeiten wurden so viele Bergsteiger augenblicklich, gleichzeitig und so friedlich ausgelöscht. Warum? Infolge des schlechten Wetters waren sie alle dort in jener Nacht und in jenem Lager vereinigt: Buddhisten, Christen, Atheisten vielleicht auch. Gott hat sie alle im Tode vermischt. Aber warum?
Der Nanga Parbat ist ein heiliger Berg der Mohammedaner. Er soll nur mit Furcht und Achtung angegangen werden, wie eine Gottheit. Vielleicht ist es gerade das, was fehlte, nicht bei den Mohammedanern, nicht bei den Buddhisten, sondern ausgerechnet bei den Europäern? Zweifellos wären diese Bergsteiger, anstatt in ihren Schlafsäcken zu erlöschen, lieber kämpfend umgekommen, durch einen glorreichen Tod, wie ihre Vorgänger Merkl, Wieland und Weizenbach, die der Berg dort oben in seinem erhabenen Schneemantel behält — aber Gottes Wege sind unergründlich...