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Schlechte Restaurierung, umstrittene Expertisen und eine phänomenale Wertsteigerung: Die Geschichte um das teuerste Gemälde der Welt ist der grösste Kunstkrimi der Neuzeit. Und das nächste Kapitel kommt schon bald.
Bei 400 Millionen Dollar fiel der Hammer. Der anonyme Bieter hatte soeben den «Salvator Mundi» ersteigert, ein Ölgemälde, das Leonardo da Vinci gemalt haben soll. Die Verkaufssumme – mit Gebühren und Aufgeld für das Auktionshaus Christie's 450,3 Millionen Dollar – machte das Kunstwerk am 15. November 2017 schlagartig zum teuersten Gemälde der Welt.
Seither wurde der «Salvator Mundi» nicht mehr gesehen. Möglicherweise befindet sich das Gemälde im Besitz des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman al-Saud oder des Kulturministeriums von Abu Dhabi. Im September 2018 hätte das Bild im Louvre in Abu Dhabi gezeigt werden sollen, doch die Ausstellung wurde ohne Begründung abgesagt.
Vielleicht wird sich die Frage am 24. Oktober klären – dann eröffnet der Louvre in Paris, der eine enge Kooperation mit dem gleichnamigen Kunstmuseum in Abu Dhabi pflegt, eine grosse Ausstellung zum 500. Todestag von Leonardo da Vinci. Das renommierte Museum bemüht sich, den «Salvator Mundi» als Leihgabe zu erhalten. Doch die Aussichten dafür sind eher düster, wie das Fachblatt «The Art Newspaper» schreibt.
Es wäre die nächste Episode in einem Kunstkrimi, der seinesgleichen sucht.
Der «Salvator Mundi» (der Begriff, zu Deutsch «Erlöser der Welt», ist ein Ehrentitel Christi) steht in einer Tradition der christlichen Ikonographie, die im Spätmittelalter entstand. Die meisten solcher Darstellungen zeigen Jesus Christus mit einem Reichsapfel oder einer Sphärenkugel als Insigne seiner Weltherrschaft. Das Leonardo da Vinci zugeschriebene Ölgemälde ist 65,6 x 45,4 cm gross und wird auf die Zeit um 1500 datiert.
Der genaue Zeitpunkt der Entstehung ist jedoch ebenso wenig bekannt wie der Auftraggeber. Das Gemälde war noch 2005 in einem extrem schlechten Zustand; es war früher unfachmännisch restauriert und dabei übermalt worden; erst nach einer eingehenden Restaurierung wurde es 2007 mehreren Experten zur Begutachtung vorgelegt, darunter namhafte Leonardo-Spezialisten. Die Meinungen gehen auseinander: Eine Mehrheit hält den «Salvator Mundi» für einen echten da Vinci, doch andere glauben, es handle sich eher um ein Werk eines Schülers oder Assistenten von da Vinci.
Die Fachleute, die im Gemälde einen echten da Vinci sehen, ziehen neben den Ergebnissen der materialtechnischen Untersuchungen unter anderem zwei Gewandstudien des Meisters heran, die dieser bei der Vorbereitung des Werks anfertigte und bei denen Leonardos Urheberschaft als gesichert gilt. Auch die Analyse der Änderungen, die der Künstler am Werk vornahm, weise auf da Vinci.
Kritiker hingegen monieren zum Beispiel, dass kein Zeitgenosse jemals von diesem Gemälde berichtet habe. Ferner wirke die Kristallkugel auf dem Gemälde wie eine Glasscheibe und der dahinter sichtbare Faltenwurf stehe nicht aufgrund des Linseneffekts auf dem Kopf. Da Leonardo sich damals intensiv mit Optik befasst habe, könne es sich nicht um sein Werk handeln. Und schliesslich mache die tiefgreifende Restaurierung es kaum möglich, eine seriöse Expertise vorzunehmen.
Nach seiner Entstehung verliert sich die Spur des «Salvator Mundi» eine Weile, bis er Mitte des 17. Jahrhunderts wieder auftaucht. Er soll dem englischen König Karl I. gehört haben und wurde nach dessen Hinrichtung im Jahr 1649 verkauft. Später gelangte das Gemälde in den Besitz des Herzogs von Buckingham, dessen Sohn es 1763 versteigern liess – wonach es wieder für lange Zeit verschwand.
Erst um 1900 tauchte der «Salvator Mundi» wieder auf, in der erlesenen Kunstsammlung einer englischen Textilhändlerfirma. Von dort gelangte das Gemälde 1958 in den Besitz des Amerikaners Warren Kuntz, der es für 45 Pfund ersteigerte und in seine Wohnung in New Orleans mitnahm. Dort blieb es, bis Kuntz' Neffe Basil Clovis Hendry, der es 1987 geerbt hatte, 2004 starb und seine Erben im Jahr darauf den Hausrat inklusive des Gemäldes einem Auktionshaus in New Orleans verkauften. Dieses veranschlagte den Wert des Kunstwerks auf 1200 bis 1800 Dollar.
Verkauft wurde der «Salvator Mundi» dann aber für lediglich 1175 Dollar. Die Käufer waren zwei Kunsthändler aus New York, Alexander Parish und Robert Simon. Sie behielten das Gemälde bis 2013 und verkauften es dann – für 83 Millionen Dollar. Die phänomenale Wertsteigerung beruhte darauf, dass sie das Werk restaurieren liessen und es als da Vinci identifizierten. Das Gütesiegel erhielten sie, als sie den «Salvator Mundi» in der grossen Leonardo-da-Vinci-Ausstellung in der Londoner National Gallery platzieren konnten, die im November 2011 eröffnet wurde.
Der Käufer, der Genfer Kunstberater Yves Bouvier, verkaufte das Gemälde umgehend an den Oligarchen Dmitri Rybolowlew weiter. Der schwerreiche Russe, der unter anderem den Fussballklub AS Monaco besitzt, bezahlte das hübsche Sümmchen von 127.5 Millionen Dollar für den «Salvator Mundi». Er war es, der schliesslich 2017 bei der Versteigerung des Kunstwerks 400 Millionen Dollar einstrich.
Mit diesem enormen Gewinn sollte Rybolowlew eigentlich zufrieden sein, könnte man denken. Doch der Oligarch fühlte sich betrogen: Seiner Ansicht nach hatte ihn Bouvier – der ihm zuvor bereits mehrere Gemälde vermittelt hatte – betrogen. Der Kunstberater habe ihm angegeben, er sei als Mittelmann tätig, habe dann aber den «Salvator Mundi» selber gekauft und am gleichen Tag mit mehr als 44 Millionen Dollar Gewinn an ihn weiterverkauft, berichtet die «NZZ am Sonntag» in einem ausführlichen Artikel.
Bei einer von Bouvier arrangierten Besichtigung des Gemäldes im März 2013 sagte Rybolowlew dem Kunstberater, er sei nicht bereit, mehr als 100 Millionen Dollar zu bezahlen. Bouvier soll darauf erklärt haben, die Besitzer würden nicht zu diesem Preis verkaufen – zugleich soll er aber mit ihnen hinter dem Rücken des Russen verhandelt haben, um den Preis zu drücken. Bouvier habe sowohl die Namen des Käufers wie der Verkäufer streng geheim gehalten. Doch als Rybolowlew 2014 in der «New York Times» las, Parish und Simon hätten das Gemälde für rund 80 Millionen Dollar verkauft, klingelten bei ihm die Alarmglocken – und er begann, Bouvier mit Klagen zu überziehen. Die Verfahren laufen heute noch.