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Hier finden wir uns in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wieder: Die Kempowskis sind eine gut betuchte Reederfamilie aus Rostock, der Vater – durch eine von seiner Frau übertragenen Geschlechtskrankheit im Rollstuhl – führt das Familienunternehmen, man gibt Empfänge, führt ein finanziell abgesichertes Leben, ist sich aber dieser fast ideal anmutenden Umstände kaum bewusst. Die Zeichnung des Vorkriegslebens mutet beinahe idylisch an, kleine Affären, ebensolche Intrigen, zwei gesunde Kinder, Kärling (Karl) und Silbi (Sylvia), ein wenig Großzügigkeit (so werden verarmte Bekannte zu Tisch gebeten) und ein ständig steigendes Renomee. Ähnlich verhält es sich mit der hamburgischen Famile de Bonsac, ein bisschen weniger gut finanziell abgesichert, aber doch auch in der Lage, ein gut bürgerliches Leben zu führen. Grethe de Bonsac (die de Bonsacs sind ein altes Hugenottengeschlecht und mindestens so patriotisch wie alle anderen Deutschen) wird später (in diesem Band reicht es nur zur Verlobung) sich mit Kärling verbinden, eine Verbindung, aus der der Autor hervorgehen wird.
Über all die Sorgenlosigkeit bricht der Erste Weltkrieg herein, zuerst noch freudig begrüßt, doch schon von Anfang an alle Grausamkeiten eines Krieges mit sich bringend. Kempowski gelingt hier in einer nüchternen, referierenden Sprache, den Übergang von einem als ewig gedachten, saturierten Vorkriegsleben zu einem Grausamkeit geprägten Kriegsalltag zu zeichnen, der Erzählduktus bleibt sich dabei gleich: Ob da nun die Feste der Anna Kempowski geschildert werden oder das Sterben in den Gräben an der Front, das Karl als Kriegsfreiwilliger miterlebt. Allüberall hinein verwoben sind Sprüche, Gedichte, Überschriften, sie verleihen dem Geschehen Tiefe und doppelten Sinn, sind brauchbar sowohl im Frieden als auch beim Massensterben. Immer wird die Distanz zu den Figuren gewahrt, sie handeln in sich stimmig, man versteht diese Art des Denkens und versteht es – sobald man sich zurücklehnt – dann doch nicht. Karl überlebt das Schlachten im Gegensatz zu seinem Freund, der noch in den letzten Wochen stirbt, aber aus dem 16jährigen Kriegsfreiwilligen ist ein gänzlich anderer geworden, einer, der sich selbst kaum wiedererkennt und über sich verwundert ist.
Mir gefällt die schnörkellose, aber doch bedachtsam eingesetzte, dokumentarisch sich gebende Sprache, sie fügt sich wunderbar zur Handlung, enthält sich gänzlich jedweder moralischer Wertungen und lässt Zeit und Denken mitempfinden. Und ich bedaure, dass die nächsten Bände noch nicht geliefert wurden: Diese Jahrhundertchronik verspricht zu einem einprägsamen Leseerlebnis zu werden.
Walter Kempowski: Aus großer Zeit. Hamburg: Albrecht Knaus 1978.