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Central Kalahari Game Reserve, Botswana (Dezember 2002)
"Botswana, Safari- und Naturparadies", so titelt die Überschrift zur Landeseinleitung in unserem Katalog. Mit Botswana sind automatisch bekannte Begriffe wie Okavango Delta, Moremi Wildschutzgebiet und Chobe National Park verbunden. Aber Botswana ist vielseitig und bietet einiges mehr; Zeit also, um Botswana von einer anderen, noch abenteuerlicheren Seite kennen zu lernen!
Knapp 10 Stunden dauert der angenehme Direktflug mit South African Airways von Zürich nach Johannesburg. Dass der Schalter von Air Botswana im Transitbereich des Flughafens nach Ankunft am frühen Morgen noch nicht funktionsfähig ist darf nicht beunruhigen; schliesslich bleiben noch gute 3 Stunden bis zum Weiterflug nach Maun! Beruhigend ist dann die Tatsache, dass vor dem Einsteigen in die Air Botswana Maschine nochmals ein Gepäck-Check (vor dem Flugzeug) durchgeführt wird. Nun weiss ich mit Sicherheit, dass ich auf meiner Expeditionsreise während 6 Tagen nicht nur mit dem Inhalt meines Handgepäcks auskommen muss..
Mein Ziel ist das Central Kalahari Game Reserve, welches mit einer Fläche von 52'800 km2 wesentlich grösser ist als die Schweiz. Ein unvorstellbar weites, einsames Gebiet und so erstaunt es nicht, dass ich während der ersten 3 Tage im Park - mit Ausnahme der Teilnehmer unserer Kleingruppe - keine andere Menschenseele zu Gesicht bekomme. Nur gerade 17 offizielle Campingsites gestatten derzeit das Aufstellen von Zelten und bei einer Gesamtfläche von 52'800 km2 bedeutet dies, dass pro 3'100 km2 ein Campingsite zu finden ist... Das riesige Reservat im Zentrum Botswanas zählt zu den grössten Naturschutzgebieten der Welt und besteht hauptsächlich aus einer flachen Savannen- und Halbwüstenlandschaft, in der sich Grasland, Buschsavanne, lichte Wälder, ausgedehnte Dünenformationen, mineralische Pfannen und fossile Flusstäler abwechseln. Gegründet wurde das Game Reserve im Jahre 1961 von der britischen Protektoratsverwaltung Betschuanalands mit der Absicht, die bedrohten Jagdgründe der letzten als Jäger und Sammler lebenden San der Kalahari zu schützen. Erst Mitte der 1990er Jahre wurde das Gebiet für den Individualtourismus geöffnet. Die traurige Geschichte der letzten San würde alleine einen ganzen Bericht füllen. Das Verhalten der Regierung Botswanas gegenüber den San erscheint aber höchst fragwürdig, denn seit Mitte 2002 erfolgt eine Zwangsumsiedlung der letzten San nach New Xade an der westlichen Grenze des Parks. Begründet wird dies damit, dass die San in ihrer ursprünglichen Lebensweise weder mit Bildung, Medizin noch Trinkwasser versorgt werden konnten. Erstaunlich, denn das war früher nie ein Thema und die San waren Meister im Überleben in einsamsten Gebieten unter Zuhilfenahme der natürlichen Ressourcen. Da scheint die Meldung, in ehemals von San bewohnten Gebieten gäbe es Diamantvorkommen, andere (kommerzielle) Beweggründe offen zu legen!
Die Reise führt uns von Maun zuerst in östlicher Richtung bis an die Grenze des Makgadikgadi Pan National Parks. Hier biegen wir nach Süden ab und fahren entlang der Parkgrenze bis zu unserem ersten Übernachtungsort am Boteti River. Wie staune ich doch beim Eintreffen im Camp: Alle Igluzelte stehen bereit, die kleinen Zelte für die Buschdusche und das (chemische) Busch-WC sind aufgestellt und auch das Essenszelt ist bereits errichtet. Eine erste Pirschfahrt im seit 7 Jahren ausgetrockneten Flussbett des Boteti Rivers bringt uns auf wenige Meter an eine kleine Elefantenherde heran. Einer der beiden pubertierenden Jungbullen lässt es sich natürlich nicht nehmen, uns mit einer „Mock-Charge" zu beeindrucken; für genügend Gesprächsstoff beim späteren Nachtessen war gesorgt.
Eine Fahrt in die Central Kalahari besitzt Expeditionscharakter und das Fehlen jeglicher Infrastruktur vor Ort bedingt eine seriöse Vorbereitung. Grösste Bedeutung messen wir deshalb auch unserem Vorrat an Wasser bei; jede Person hat pro Tag 3 Liter Trinkwasser zugute, dazu kommt das notwendige Wasser für die Buschdusche. Bei 8 Teilnehmern und 7(!) Mitarbeitern (Safarileiter und Hilfspersonal) ergibt das für 6 Tage gute 500 Liter Wasser; in Rakops wird deshalb der (Trink)Wasservorrat aufgestockt. Auch unsere beiden Fahrzeuge werden mit Diesel aufgefüllt, denn dieser muss ausreichen für die gesamte Reiseroute. Hatte in Rakops mein Handy sogar noch Empfang, so verlassen wir nun die Zivilisation. 45 km Fahrt auf tiefer Sandpiste bringen uns in westlicher Richtung bis zum Eingangstor zum Central Kalahari Game Reserve; nach weiteren 9 km melden wir uns beim „Matswere Game Scout Camp" (Ranger Posten) und erledigen die offiziellen Einreiseformalitäten.
Zum ersten Mal wird mir die Grösse dieses Parks so richtig bewusst und es ist bezeichnend, dass ich in den folgenden Tagen nie auch nur von weitem ein Fahrzeug bzw. eine Patrouille der Parkbehörde zu Gesicht bekomme. Wer kontrolliert hier die Einhaltung der Regeln („speed limit 40 km/h, no littering, no camping except at designated areas, no hunting, no off-road drives"), wer wäre für den Notfall zuständig? Beide Fragen sind einfach zu beantworten: Niemand, wir werden die nächsten Tage vollkommen auf uns alleine gestellt sein! Aber es ist müssig, darüber nachzudenken: Wir sind optimal vorbereitet und auch die grosse Hitze (stolze 39,6° im Schatten und 46° an der Sonne) verdirbt uns nicht den Genuss des ersten Picnics unter einer schattenspendenden Akazie bei der „Sunday Pan". Das amerikanische Ehepaar Mark und Delia Owens, bekannt durch seine Forschungsarbeit über Löwen und Braune Hyänen (und den Roman „Cry of the Kalahari"), verbrachte lange Zeit in diesem Gebiet. Den sonntäglichen Ausflügen dieses Paars verdankt die „Sunday Pan" ihren Namen!
Ein Tourist, welcher Botswana erstmals bereist und ungeduldig spannenden Tierbeobachtungen entgegenfiebert, gehört nicht zwingend ins Central Kalahari Game Reserve. Hier ist Bereitschaft gefragt, eine abenteuergeladene Atmosphäre zu erleben und auch zu geniessen. Grosse Tierherden werden nur in Zeiten guter Niederschläge gesichtet. Die zunehmende Trockenheit, verbunden mit der nördlichen Umzäunung des Parks durch den „Kuke Fence", welcher die Tierwanderungen von der zentralen Kalahari zu den Wasserquellen des Okavango-Systems im Norden (und umgekehrt) unterbindet, haben in den letzten Jahren zu einer deutlichen Reduzierung des Wildbestandes geführt. Wir haben Glück, können wir doch während der Reise regelmässig Oryxantilopen, Giraffen, Springböcke, Gnus, Schabrackenschakale, Erdhörnchen, Strausse und Honigdachse („Honeybatchers") beobachten. Eine Löwin mit 3 Jungtieren und 2 mächtige Kalahari Löwen gehören zu den Höhepunkten der Safaris. Als Vertreter der Vogelwelt seien Weissrückengeier, Gaukler, Riesentrappen und Schlangenadler stellvertretend erwähnt. Aber auch die „Cape Cobra" fehlt nicht und jeden Morgen finden wir im Camp kleine, aber nicht minder giftige Skorpione. Aber Panik ist nicht angebracht, denn diese Tiere haben alles andere im Sinn, als uns zu schaden.
Wunderschön ist die Landschaft im „Passarge Valley"; hier schlagen wir erneut unser Lager auf. Und wieder bin ich aufs Höchste erstaunt über die Vielfalt der kulinarischen Genüsse, welche uns aus der Buschküche serviert wird. Gekocht wird ausschliesslich über dem offenen Holzfeuer, denn Flaschengas wird aus Sicherheitsgründen nicht mitgeführt. Da werden gebratene Hähnchen an einer Senfsauce, garniert mit Broccoli Gemüse und Kartoffeln, dazu frischgebackenes Brot und zum Trinken südafrikanischer Rotwein und Wasser zu einem totalen Festschmaus! Und zuguter Letzt die grosse Überraschung: Ein Mitglied des Betreuungspersonals feiert Geburtstag und so kommen wir auch noch in den Genuss einer frischen Crèmetorte. Und das alles inmitten der Central Kalahari!
Wie jeden Morgen werde ich um 0530 Uhr geweckt. Eine Schüssel mit warmem Wasser vor meinem Zelt ermöglicht die morgendliche Körperpflege; der Genuss der Dusche ist jeweils auf den Abend vorprogrammiert. Das heutige Etappenziel sind die „Piper Pans". Erneut ein heisser Tag aber gegen 1500h türmen sich schnell, sehr schnell, gewaltige Wolkentürme auf. Urplötzlich kommt Wind auf und innert weniger Minuten bricht ein heftiges Gewitter über uns herein. In kurzer Zeit verwandelt sich der sonst harte Untergrund der Piste in einen parallelfliessenden Wasserlauf; ohne Geländegang hätte meine Expedition hier geendet. Oder doch nicht, denn schon nach wenigen Minuten ist der Spuk vorbei, die Wolken haben sich verzogen und die herrlichen, klaren Farben des Spätnachmittagslichtes verzaubern die Wüstenlandschaft. Ein paar dumme Spässe, ob unser Camp wohl fortgeflogen sei, entpuppen sich wenig später als brutale Wahrheit: Bei unserer Ankunft im Camp packen wir alle an, um unsere Zelte, Feldbetten und Matratzen im Busch zu suchen. Gemeinsam stellen wir das Camp nochmals auf. Belohnt werden wir dafür in der Nacht mit einem fast zweistündigen Gewitter mit Wetterleuchten, Donner und Regen, welches aber - was für ein Glück - ohne Sturmböen abläuft. Das Resultat realisieren wir erst am nächsten Morgen: Die Wüste blüht und ich habe den Eindruck, die Gräser und Pflanzen wachsen zu sehen. Plötzlich sind auch mehr Tiere zu sehen und meine Frage, wo die sich denn alle versteckt hätten, wird von einem der Einheimischen ganz einfach beantwortet: „You know, the Kalahari is big".
Unser letztes Etappenziel führt durch das „Letiahau Valley" zu den „Deception Pans" und weiter zum beeindruckenden „Deception Valley". Das Landschaftsrelief ist geprägt von ausgedehnten und bewachsenen Sanddünenformationen. Hier existierten vor 17'000 Jahren mehrere Seen, welche damals durch Flüsse in den riesigen, im Nordosten liegenden Makgadikgadi-Ursee entwässerten. Das ausgetrocknete Flussbett im „Deception Valley" ist mit Gras bewachsen, aufgelockert durch Inseln von Buschland und schattenspendenden Schirmakazien. Auch hier sind die eleganten Oryxantilopen unsere ständigen Begleiter, obwohl sie immer einen Sicherheitsabstand zu unserem Fahrzeug einhalten. Die Fluchtreflexe der Tiere sind intakt, zu jung scheinen deren Erfahrungen mit Jägern (oder Wilderern) zu sein und es wird noch Jahre dauern, bis sie sich daran gewöhnt haben, dass die Touristen nur noch mit der Fotokamera schiessen.
Der letzte Abend in der
Central Kalahari schenkt uns im „Deception Valley" einen grandiosen
Sonnenuntergang mit Farben, welche auf jeder Ansichtskarte als kitschig
bezeichnet würden. Und einmal mehr bin ich mir des Privilegs bewusst, diese
wilde, einsame und gleichzeitig unbeschreiblich schöne Gegend erkunden zu
dürfen.