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13.03.2014 - Hanspeter Stalder
13.03.2014
Hanspeter Stalder
Geheimnisvoller Irrawaddy
Teil 1: Persönliche Notizen einer 15-tägigen Reise auf dem Irrawaddy von Rangun nach Mandalay. Ankunft in Myanmar. Teile 2 und 3 folgen.
«Mingalaba», diese Begrüssung hört man von Morgen bis Abend von der Besatzung der RV Thurgau Exotic, nach einigen Tagen auch von uns Gästen, wenn wir durch Dörfer und Städte flanieren, und schliesslich von den Burmesinnen und Burmesen uns gegenüber, stets gepaart mit einem offenen oder versteckten Lächeln.
Wir sind in Myanmar, offiziell der Republik der Union Myanmar Birma. Birma hiess das Land während der Kolonialzeit, Burma in den Jahren danach, Myanmar nannte es das Militär. Die Friedensnobelpreisträgerin und die heutige Abgeordnete Aung San Suu Kyi spricht jedoch weiter von Burma, weil das Volk bei der Namensgebung keine Mitsprache gehabt habe und Myanmar die Vielfalt der Volksgruppen des Landes nicht widerspiegle.
Das Land umfasst 676‘577 km², ist fast doppelt so gross wie Deutschland, wird begrenzt von Thailand, Laos, China, Indien und Bangladesch. Es umfasst 15 Distrikte, die sich in Grösse, Sprache, Geschichte, Kultur und Ethnien stark voneinander unterscheiden, was immer wieder zu Konflikten führt. Karen beispielsweise gibt es in Burma und in Thailand.
Die Militärherrschaft dauerte von 1962 bis 2011 und wurde von Thein Sein als erstem zivilen Präsidenten abgelöst. Offiziell gibt es heute keine politischen Gefangenen, doch das Militär beeinflusst im Hintergrund weiter die Politik. Es fällt mir jedoch auf, dass Polizei und Militär in der Öffentlichkeit weniger in Erscheinung treten als etwa bei uns die Sicherheitskräfte auf den Strassen und in den Zügen.
Die Einwohnerzahl von Myanmar beträgt gut 55 Millionen, 30 % leben in den Städten, 70 % auf dem Land. Davon sind 69 % Buddhisten, 8,5 %, Shan, 6,2°% Christen und 4,5°% Muslime. Das Land hat in der letzten Zeit grosse Schritte in Richtung Freiheit, vor allem Meinungsfreiheit, gemacht. Wenn es vor zehn Jahren noch unmöglich gewesen ist, kritische Fragen zu stellen, auf welche man vor fünf Jahren dann schon getarnt Antworten erhalten hat, so kann man heute fragen und erhält auch (selbst-)kritische Auskünfte.
So erleben wir es bei unserer Reiseführerin Ma Phyu Nu Win (im Bild mit dem landesüblichen Thanaka-Make-up) und bestätigt es mir ein viel gereister Kenner des Landes. Diese Öffnung geschieht zwar weniger aus politischen, mehr aus wirtschaftlichen Gründen: für eine verstärkte Öffnung zum Westen und eine striktere Abgrenzung gegen China.
Wir 28 Touristen schlafen und essen auf einem Schiff der Thurgau Travel, betreut von 21 Mann Besatzung. Diese bringen uns von Rangun nach Mandalay, fast tausend Kilometer auf dem Irrawaddy, dem längsten Strom des Landes. Täglich gehen wir an Land und besuchen Siedlungen, Dörfer, Städte, Pagoden (Heiligtümer, die man betreten kann) und Stupas (Gotteshäuser ohne Innenraum), Klöster, Museen, Werkstätten und eine Schule, die von unserem Reisebüro unterstützt wird. Ansonsten erleben wir das Land vom Wasser aus. Details zum Programm.
Gäste auf der Exotic II, im burmesischen Kolonialstil gebaut und mit schweizerischem Komfort versehen
Vor der Abfahrt von Rangun, wo wir via Bangkok gelandet sind, spazieren wir durch den Scott Market mit seinen Hunderten von Läden, mit Kleidern aus Seide, Gefässen aus Lack und Schmuck aus Gold und Edelsteinen sowie Küchengeräten made in China. Von irgendwoher duften Gerichte mit Reis, Rind, Schwein, Fisch und Hühnern, gekochtem Gemüse, Suppen und Salaten. Gegessen wird meist ohne Besteck mit der rechten Hand. Dieser Markt wird vor allem von Einheimischen besucht. Die meisten Strassen sind baufällig. Viele Fassaden erinnern an den Reichtum der Kolonialzeit. Der Verkehr mit Fahrrädern, Velorikschas, Motorrädern und Autos kommt ohne Ampeln und Fussgängerstreifen zeitweise zum Erliegen. Die Menschen tragen farbenfrohe, saubere Kleider und strahlen Stolz und eine einladende Freundlichkeit aus.
Auf dem Markt: farbenfroh und duftend, einladend und günstig
Die Shwedagon-Pagode
Schon auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt ist ein imposanter Bau, Burmas legendäres Nationalheiligtum, der Shwedagon, zu sehen. Vier nach allen Himmelsrichtungen weisende Treppenaufgänge führen zur Spitze des Singuttara-Hügels, wo die Pagode die Stadt überragt. Oben umgeben 15 Meter hohe Mauern eine 60‘000 m2 grosse, quadratische Terrasse, in deren Mitte die massive, vollständig mit Gold bedeckte Stupa 98 Meter in die Höhe ragt. Ihr Umfang misst an der Basis 433 Meter. An der Spitze leuchtet eine mit über 4‘000 Diamanten besetzte Goldkugel von 25 m Durchmesser mit einem riesigen Smaragd. Die Wetterfahne darunter verzieren mehrere Tausend feinste Edelsteine. Zur Basis hin löst sich der Querschnitt der Stupa in ein Oktogon auf, das an jeder Seite von kleineren Stupas flankiert wird. Wir Westler staunen, wir werden still, denn es umfängt uns eine Atmosphäre heiterer Religiosität.
Gegen Abend wird der Anker unseres Schiffes gelichtet und wir fahren langsam aus der Stadt hinaus, an hügeligen, später ebenen Uferzonen vorbei, täglich zwischen fünfzig und hundert Kilometer flussaufwärts. Rangun, das wir verlassen, hat 5,4 Millionen Einwohner (1999), ist die grösste Stadt des Landes, ihr industrielles Zentrum und war bis 2005 die Hauptstadt. Heute ist es Nay Pyi Taw. Langsam wird es an den Ufern ländlicher, sieht man kleinere Städtchen und Dörfer. Bald sind es nur noch vereinzelte Hütten und Häuser. Auf dem Fluss kreuzen wir tief im Wasser liegende Kähne, die Teakholz, Kies und Reis transportieren, oder Boote mit Fischern, die uns freundlich zuwinken. Stille umfängt uns.
Von der Pagode Tan Gyi Taung auf die Bagan-Ebene
Pagoden und Stupas
Einmalig und überwältigend in diesem Land sind die Hunderten von Pagoden links und rechts an den Ufern und im Hinterland, deren Gold in der Sonne strahlt und manchmal wie Blitze aufleuchtet. Einige davon sind wohl den gotischen Kathedralen Europas ebenbürtig. Für die Buddhisten sind es Orte der Andacht und des Gebetes. Der britische Schriftsteller Rudyard Kipling umschreibt dies wie folgt: «Kein Land in Asien bietet eine solche Fülle an buddhistischen Tempeln und Klöstern, an Pagoden und Stupas, an architektonischen Weltwundern und märchenhaften Landschaften, an zutiefst religiösen, zutiefst freundlichen Menschen, an Abgeschiedenheit und Ursprünglichkeit.»
Nachdem wir einige dieser Bauwerke besucht haben und überall jungen und alten, knienden und betenden Menschen begegnet sind, verstummen auch einzelne von uns. Die Pagoden sind alle von jemandem gestiftet, der damit ein gutes Werk vollbringen will. Ein Höhepunkt dürfte für die meisten unserer Gruppe der Blick von der Pagode von Tan Gyi Taung über die Bagan-Ebene sein, wo es von Türmen und Türmchen nur so wimmelte, die aus dem Grün der Wälder herausragen. Wenn man lauscht, hört man Beten und Singen aus den Klöstern wie das Summen eines Bienenvolkes.
Bilder: Doris und Hanspeter Stalder