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Der Roggenstroh-Anbau mit langhalmigem Stroh ist gering, weshalb nur ungenügende Mengen des für das Dachdecken geeigneten Roggenstrohs anfallen. Als Deckstroh kommen zudem nur handgedroschene Garben in Frage. Trotz einiger Vorzüge war das Strohdach stets umstritten und die Bewohner lebten in einer ständigen Angst vor Brandgefahr. Die häufigsten Ursachen waren: Blitzschlag, ungeschützter Rauchabzug und Selbstentzündung.
Das im Jahre 1865 geltende Brandversicherungsgesetz und diese seit 1874 ausgesetzten staatlichen Prämien bei der freiwilligen Beseitigung von Strohdächern im Kanton Aargau leiteten das schnelle und unaufhaltsame Sterben des Strohdaches ein.
Strohdächer werden in der Regel direkt auf einem Lattenrost eingedeckt; dies ohne Unterdach. ln den nördlichen Ländern Europas wie Norddeutschland, England und Holland werden heutzutage oft feuerhemmende Unterdachplatten (als versicherungsbedingte Auflage) verlegt.
Die Unterkonstruktion der Strohbedachung besteht aus einer Sparrenlage (früher meist Hochstudhäuser) und dem darauf montierten Lattenrost. Die Dachneigung am Sparren gemessen sollte mindestens 45 Grad betragen und die Dachlatten einen Querschnitt von 30/50mm aufweisen. Mit der Dacheindeckung beginnt man an der Traufe von rechts nach links. Die Überdeckung richtet sich nach der Schichtendicke und den jeweils eingedeckten Lagen. Man misst vom Binderuten bis zur Vorderkante der anzubinden Lage. Um die erforderliche Neigung der Halme zu erreichen und deren Beschädigung an den Enden (Storzen) vorzubeugen, flochten die alten Strohdachdecker sogenannte Büschel oder Strau-Ribeli, welche diese Funktion gewährleisten sollten. Als Ersatz dienen heute eine Doppellatte oder zwei übereinandergenagelte Dachlatten.
Für ein 30-33 cm dickes Strohdach werden ca. 2,5 Schaub Stroh mit einem Umfang von 1,20 m benötigt. Ein Strohdach wiegt zwischen 7-9 kg pro m2.
Der Traufanschluss wird mit einer Doppellatte oder den sogenannten „Strau-Ribeli“ ausgeführt. Die Strau-Ribeli werden aus einer Handvoll Roggenstroh oder Weizen gemacht. Die Strohlagen werden am Grat parallel zur Gratkante verlegt und dann kontinuierlich wieder in die richtige Lage zurückgedreht. Am Ort wird zuerst eine Lage Strau-Ribeli befestigt, bevor die Dachlagen gegen den Ort eingedeckt werden. Damit die Binderuten auch am Ort unsichtbar bleiben, werden die Dachlagen in einer ungefähren
Schräglage von 65 Grad zum Ort eingedeckt. Hier werden nun die Halme mit dem Deckerbrett in eine Richtung gebracht.
Der First wurde bei den alten Strohdächern mit extra schönen und ausgesuchten Strohschauben ausgeführt. Eine Handvoll Stroh, welches vorher ins Wasser gelegt wurde, deckte man abwechselnd von der einen zur anderen Seite, nachdem man es gegeneinander verdreht hatte, über dem First ein. Das Verdrehen des Strohs am First diente in erster Linie der Festigkeit dieser Lage und wirkte zweitens auch ästhetisch schöner. An den Walmenden formte der Strohdachdecker meist ein sogenanntes „Toggeli“ oder ein Kreuz.
1. Leitern und Hebbaum, Ringhaken
2. Dachleiter
3. Deckerbrett
4. Deckernadel
5. Deckerstecken
6. Beisszange
7. Drahtzange
8. Deckstuhl
Schilfdächer sind weit mehr verbreitet als Strohdächer und werden auch heute noch in vielen Ländern Europas erstellt. Da Schilf wesentlich widerstandsfähiger ist als Stroh, wird es als Deckmaterial bevorzugt.
Im Gegensatz zum Stroh, welches üblicherweise in einer Länge von 1,2-1,4 Metern verwendet wird, geht man bei Schilfbündeln von einer Länge von 1,6–1,8 Meter aus. Je nach Objekt und den erforderlichen Anschlüssen auf dem Dach sortiert der Fachmann das einzudeckende Material vor der Verarbeitung, damit das richtige Schilf am richtigen Ort eingedeckt wird. Ein Schilfdach wird in der Regel zwischen 29 und 32 Zentimeter eingedeckt und sollte im Minimum 25 Zentimeter aufweisen. Das Gewicht beträgt pro Quadratmeter 43 bis 45 Kilogramm. Da Schilf auch eine höhere Lebenserwartung als Stroh aufweist (ca. 40–60 Jahre), wird es bei uns in der Schweiz ebenfalls als Deckmaterial von bereits vorhandenen und unter Denkmalschutz stehenden Gebäuden verwendet.
Auch Schilfdächer werden in der Regel direkt auf die Lattung eingedeckt, wobei vorgängig eine Gleitlage oder eine sogenannte .Spreulage" verlegt wird. Die Lattung für Schilfdächer besteht aus Latten 30/50 mm oder Rundholzlatten im Durchmesser von 30- 40 mm. Die Eindeckungsart und Richtung der Schilfbündel analog Strohdach.
Der Traufanschluss wird mit einer Latte oder einem Rundholz erstellt, welches mindestens 5 cm höher ist als die Lattung. Die Ausführung am Grat und Ort sind wie beim Strohdach. Anschlüsse an Kaminen und Dachfenstern werden mit Blei abgedichtet. Bei Dachaufbauten mit geringer Neigung werden zwischen den Lagen auch Dachpappenstreifen eingebaut, was aber nicht unbedingt zu empfehlen ist. Der untere Anschluss an einem Dachaufbau wird mit einem Brustblech oder halben Firstziegeln ausgeführt.
Die Ausführung des Firstdetails beim Schilfdach ist von Land zu Land verschieden. Die bekannteste und dauerhafteste Lösung sind wohl die in Mörtel verlegten Firstziegel; diese Art wird vor allem in den Niederlanden praktiziert.
1. Leiter, Standbaum und Standbaumhaken
2. Dachstuhl oder Haltebock
3. Heckenschere
4. Messer
5. Drahtzange
6. Beisszange / Binde- oder Rödelzange
7. Schlagbrett
8. Schilf- + Stroh-Kappmesser
9. Schulterkrücke
10. Nadeleisen
11. Hohlrinneneisen
12. Knecht
Schlusswort
Ich hoffe, dass ich Ihnen mit diesen Erläuterungen ein altes, hier in der Schweiz fast vergessenes Handwerk zum einen etwas verständlich gemacht, zum andern auch in Erinnerungen gerufen habe. Die Stroh- oder Schilfdachhäuser in der Schweiz sind allesamt geschichtlich interessant und für einen Besuch sehr zu empfehlen.