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Der Kaffee kommt im Magen an, und sofort beginnt eine allgemeine Aufregung. Ideen setzen sich in Marsch, wie die Bataillone der Grande Armée auf einem Feldzug, und die Schlacht beginnt. Erinnerungen kommen in vollem Galopp angeritten, schnell wie der Wind. Die leichte Kavallerie der Vergleiche liefert eine prächtige Attacke, die Artillerie der Logik eilt samt Train und Munition herbei, die Geschosse der Pointen schlagen ein wie aus der Hand von Scharfschützen.
Honoré de Balzac
Ach, nicht einmal auf einen Klassiker wie Balzac ist Verlass.
Als ich sechzehn war und mich für einen Dichter hielt (als ich sechzehn war, hielt sich jeder für einen Dichter, der einen schwarzen Rollkragenpullover besass und seine Gauloise ohne Filter rauchte), als ich ein pickliger, übergewichtiger Teenager war (auch wenn man das Wort noch gar nicht kannte und hoffte als revoluzzender Halbstarker zu gelten, obwohl man doch furchtbar kleinbürgerlich war), als ich, um den Satz endlich zu Ende zu bringen, in jugendlichem Grössenwahn davon überzeugt war, für die Literatur bestimmt zu sein, da kochte ich mir eines Nachts einen grossen Topf extrastarken Kaffee, legte einen Stapel Schreibpapier bereit und wartete auf die Inspiration. Ich wusste schliesslich, dass wahre Dichter nur in finsterer Nacht schreiben, von zahllosen Tassen Kaffee und mindestens zwei Packungen Zigaretten wach gehalten. Balzac, so hatte ich gelesen, trank jeden Tag so viele Tassen Espresso, dass Starbucks für ihn eine eigene Filiale eröffnet haben würde. Wobei es Starbucks damals noch gar nicht gab. Zu seiner Zeit war noch nicht einmal Schiffssteuermann Starbuck mit Käpt‘n Ahab auf die Jagd nach Moby Dick gegangen. Ich trank also eine Tasse Kaffee und noch eine, rauchte eine Zigarette und noch eine, aber die so sehnlichst erwartete Muse wollte sich einfach nicht einstellen. Als die Nacht zu Ende war, hatte ich kein unsterbliches Meisterwerk verfasst, sondern mir nur von den zu vielen Zigaretten Kopfschmerzen eingehandelt. Sowie (davon hatte bei Balzac nichts gestanden) einen gewaltigen Durchfall vom übermässigen Kaffeetrinken. „On The Loo“ statt „On The Road“. Seither versuche ich, meine Arbeit als Schriftsteller ohne Aufputschmittel zu tun. Na ja, fast immer.
Denn so ein Espresso zwischendurch tut manchmal schon gut. Oder auch zwei.
Es können ruhig auch doppelte sein.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 30. Oktober 2016,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«