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Der Arktische Ozean, der kleinste aller Ozeane, ist bisher sprichwörtlich nur am Rande erforscht worden. Doch die schnellere schmelzende Eisdecke macht auch den Weg für die Wissenschaft frei, die Treiber und ihre Auswirkungen genauer zu untersuchen. Ein internationales Forschungsteam hat nun herausgefunden, dass die in die Becken des Arktischen Ozeans einfliessenden Wassermassen aus dem Süden stärkere und tiefgreifendere Veränderungen mit sich bringen als bisher vermutet.
Die Studie, die unter finnisch-amerikanischer Leitung durchgeführt wurde, untersuchte, wie die mittlerweile wärmeren Gewässer die zwei verschiedenen Becken des Arktischen Ozeans beeinflussen und welche Einflüsse mit gemachten Beobachtungen übereinstimmen. Dabei zeigte sich, dass im eurasischen Bereich des Ozeans das wärmere, salzhaltigere Wasser des Atlantiks dafür sorgt, dass sich die bisher stabile kalte und etwas süsswasserhaltigere Oberschicht des Arktischen Ozeans langsam auflöst und ganz leicht wärmeres Tiefenwasser an die Oberfläche gelangt, wo das Meereis sich dann noch schneller abschmilzt.
«In vielerlei Hinsicht ist der Arktische Ozean jetzt schon ein neuer Typ Ozean»
Professor Igory Polyakov, Universität Alaska Fairbanks
Bild: Mit freundlicher Genehmigung der Universität Alaska Fairbanks
Auf der amerasischen Seite ist es umgekehrt, da dort das eindringende Pazifikwasser weniger salzhaltig ist als der Arktische Ozean. Zusammen mit den verstärkten Süsswassereinträgen aus Flüssen (durch mehr Regen), wird hier eine stabilere Trennschicht erstellt, die eine Durchmischung der Wassermassen aus der Tiefe verhindert und dadurch eine Reduzierung der Produktivität der Region erreicht. «In vielerlei Hinsicht ist der Arktische Ozean jetzt schon ein neuer Typ Ozean», erklärt Hauptautor Igor Polyakov, Ozeanograph an der Universität von Alaska Fairbanks.
Die Autoren der Studie konnten bei ihrer Arbeit auf Satellitendaten aus den Jahren 1981 – 2017 über die Entwicklung des Meereises zurückgreifen. Ausserdem verwendeten sie die zeitgleichen ozeanographischen Daten, die laufend im Arktischen Ozean gewonnen werden. Auch die geochemischen Daten zur Bestimmung der Produktivität konnten sie in ihre Arbeit einbauen. «Das Ziel unserer Arbeit war es, den Teil des arktischen Klimawandels zu illustrieren, der durch anormale Einströmungen von Meerwasser aus dem Atlantik und Pazifik angetrieben wird und den wir als Borealisierung bezeichnen», erklärt Igor Polyakov. Dass diese Veränderung bis in grosse Tiefen reicht, überraschte aber doch die Autoren.
Die Auswirkungen dieser Borealisierung des Arktischen Ozeans hat auch gravierende Konsequenzen auf die Artenzusammensetzung im Arktischen Ozean. Denn durch die Durchmischung entsteht eine Art biologische Pumpe mit mehr Nährstoffen aus der Tiefe und die Oberfläche wird biologisch produktiver für wärmeliebendere Organismen aus dem Süden. Diese verdrängen dann die angepassten Arktisbewohner in Gebiete, die noch nicht den Auswirkungen unterliegen. Doch diese Regionen werden zunehmend kleiner und die neuen Arten breiten sich schneller aus. Ein Beispiel dafür ist die grosse Menge an Pollack oder Köhler, die im Beringmeer und in der Tschuktschensee nun registriert worden sind. Dadurch gerät das ganze Nahrungsnetz aus dem Gefüge und Topräuber wie Robben und Eisbären verlieren nicht nur ihren Lebensraum, sondern auch ihre Nahrungsquellen. Obwohl beispielsweise Eisbären sehr anpassungsfähig sind, können solche Veränderungen zu schnell kommen und ohnehin geschwächte Populationen noch stärker gefährden. Und auch der Mensch wird sich an die neue Realität anpassen müssen.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal