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Menschliches Bewusstsein zu simulieren oder gar zu überflügeln: Daran beisst sich die Erforschung künstlicher Intelligenz schon lange die Zähne aus. «Kann eine Maschine denken?», fragte der Philosoph Ludwig Wittgenstein, Link öffnet in einem neuen Fenster (1889-1951) in seinem «Blauen Buch». «Kann sie Zahnschmerzen haben?»
«Bluebook» – so heisst auch die IT-Firma, bei der der bleiche Computernerd Caleb (Domhnall Gleeson) angestellt ist. Seine Arbeitskollegen applaudieren, er selbst kann sein Glück kaum fassen: Caleb hat einen internen Wettbewerb gewonnen, der ihm einen einwöchigen Urlaub bei seinem Chef Nathan (Oscar Isaac) beschert.
Kratzspuren im Glas
Nathan gilt als Genie, ein Mozart der Programmierkunst, der zurückgezogen in der Einsamkeit seiner Bergfestung lebt und arbeitet. Nach Calebs Ankunft macht der Herr des Hochsicherheitshauses seinem Gast ein Angebot: Caleb kann sich eine Woche lang mit ihm betrinken – oder in die Geschichte eingehen.
Nathan behauptet, eine Maschine entwickelt zu haben, die tatsächlich denkt, ein weiblicher Roboter namens Ava. Caleb soll Ava einem Turing-Test unterziehen, also in Gesprächen feststellen, ob sie tatsächlich intelligent ist. Eine Plexiglasscheibe trennt die beiden Teilnehmer des Experimentes voneinander. Im bruchsicheren Glas entdeckt Caleb Kratzspuren: Ava scheint zu wissen, dass sie eingesperrt ist. Und: Sie will hinaus.
Neuronen und Netzwerke
«Ex Machina» ist das beeindruckende Regiedebüt von Alex Garland. Bisher war Garland vor allem als Autor bekannt. Er schrieb unter anderem den Roman «The Beach», der mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle verfilmt wurde. Diesmal verfilmt das britische Multitalent seinen minimalistischen Science-Fiction-Thriller gleich selbst. Mit einem nervösen elektronischen Puls in der Tonspur und philosophischen Fallstricken in den Dialogen: Wie lässt sich etwa der freie Wille behaupten, wenn dieser von Neuronen und Netzwerken bestimmt wird?
So muss Caleb feststellen, dass Nathan dem Roboter das Flirten beigebracht hat: Der Erfinder hat Ava nach Calebs Beuteschema entworfen, basierend auf dessen Online-Pornokonsum. Es ist ein treffender Seitenhieb auf das Business mit Big Data und die – realistisch betrachtet – grösste Gefahr im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz: Nicht simulierte Zwischenmenschlichkeit bringt uns in Bedrängnis, sondern unpersönliche Algorithmen, die unser naives Benutzerverhalten klassifizieren, vereinheitlichen, verkaufen.
Der «Frankenstein-Komplex»
Aber «Ex Machina» ist Fiktion und darf deshalb sein Kammerspiel mit unseren Ängsten vorantreiben. Die Schatten in Nathans modernistischem Gruselschloss vertiefen sich, der Erfinder wird zum Blaubart: Auf Videoaufzeichnungen entdeckt Caleb, wie obsessiv und skrupellos Nathan seinen Forschungen nachgeht. Wie viel von dieser Ruchlosigkeit in seiner Schöpfung Ava steckt, bleibt bis zuletzt unaufgelöst, nachdem das Experiment seine schlimmst mögliche Wendung genommen hat.
«Ex Machina» ist eine clevere Variation auf das, was der Biochemiker und Science-Fiction-Autor Isaac Asimov einst den «Frankenstein-Komplex» nannte: In der Vermessenheit, es den Göttern gleichzutun und Leben zu erschaffen, steckt immer auch die Furcht vor dem unheimlichen Doppelgänger, der die menschliche Einzigartigkeit bedroht. Wobei sich diese eben durch ihre Unberechenbarkeit auszeichnet. «Wenn niemand etwas Dummes machte, würde nichts Gescheites geschehen», bemerkte Wittgenstein dazu. Und Ava hat das kapiert.