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Titel
Bibel
[* 3] (griech.
Biblia,
»Bücher«; auch die
Schrift,
Heilige Schrift,
Wort
Gottes),
Name des Religionsbuches der
Christenheit.
Die
Bibel zerfällt naturgemäß in zwei Teile, gewöhnlich mit abgekürztem
Ausdruck das
Alte und
Neue Testament
genannt, statt des vollständigen und richtigern:
Bücher des Alten und
Neuen
Testaments. Das
Wort
Testament ist das beibehaltene
lateinische
Wort der
Vulgata, womit sie das griechische diatheke
(Bund) übersetzt, welches in der religiösen
Sprache
[* 4] der
Juden
das
Verhältnis bezeichnet, in welches sich Gott zu dem auserwählten
Volk gestellt hat.
Ordnung und Einteilung der biblischen Bücher.
Was zunächst die
Ordnung und
Einteilung des sogen. Alten
Testaments, d. h. der von dem nachexilischen
Judentum als inspirierte
Religionsurkunden gefaßten Überreste der althebräischen Litteratur, betrifft, so folgt unsre deutsche Luther
bibel darin
der
Vulgata (s. d.) und diese wieder der griechischen Übersetzung
der
Alexandriner (sogen.
Septuaginta, s. d.), nur daß hier die
Apokryphen, welche
Luther als Anhang geordnet hat, mitten unter
den kanonischen
Büchern sich befinden.
Während diese Ordnung den Inhalt berücksichtigt, so daß auf die historischen Bücher die poetischen, auf diese die prophetischen folgen, teilten die palästinischen Juden nach Ursprung und Autorität und unterschieden Thorah (Gesetz), Nebiim (Propheten) und Ketubim (Schriften), so daß sie auch, nach den beiden Hauptteilen zusammenfassend, vom Alten Testament als von Gesetz und Propheten sprachen. Die Thorah sind die fünf Bücher Mosis. Die Propheten zerfallen in die frühern, d. h. die geschichtlichen Bücher, Josua, Richter, Samuel und Könige, und in die spätern, diese wieder in drei große: Jesaias, Jeremias, Ezechiel, und in zwölf kleine.
Die Schriften (griech. Hagiographa) teilen sich in die poetischen Bücher: Hiob, Sprüche und Psalmen; die Megilloth-Rollen: Hoheslied, Ruth, Klagelieder, Prediger, Esther, und die übrigen: Daniel, Esra, Nehemia und Chronika. Da man die zwölf kleinen Propheten, ebenso die beiden Bücher der Chronika, auch Esra und Nehemia je als Ein Buch ansah, so zählt der Talmud mit den spätern Juden 24 Bücher, Josephus und die Kirchenväter aber nur 22, weil sie Ruth mit den Richtern, die Klagelieder mit Jeremias verbinden.
Was den
Inhalt der alt
testamentlichen
Bücher im allgemeinen betrifft, so enthalten die historischen nach
einer allgemeinen
Urgeschichte der Menschheit
(1. Mos. 1-11). die Geschichte des hebräischen
Volkes bis um die Mitte des 5. Jahrh.
v. Chr. und zwar so, daß jedes
Buch auf das vorhergehende Rücksicht nimmt und auf das folgende vorbereitet. Nur die
Chronik
wiederholt den
Inhalt des zweiten
Buches Samuelis und der
Bücher der
Könige von andern
Gesichtspunkten aus.
Die prophetischen
Bücher enthalten die
Reden und
Gesichte der
Propheten vom 9. oder 8. Jahrh.
v. Chr. bis in die Mitte des 5. Jahrh.
herab. Die poetischen
Bücher repräsentieren die lyrische
(Psalmen), didaktische
(Hiob), gnomische
(Sprüche Salomos) und
erotische
(Hoheslied)
Poesie. Die
Apokryphen (s. d.) des Alten
Testaments schließen sich ihrem
Inhalt nach an die kanonischen
Bücher an, z. B. das
Buch
Sirach an die
Sprüche Salomos. Dagegen artet die Geschichte in ihnen vollends zur eigentlichen
Legende
aus (so namentlich im zweiten Makkabäerbuch) und wird zur
Durchführung lehrhafter
Zwecke (wie in den
Büchern
Tobias und
Judith) benutzt. Der
Ton der
»Weisheit Salomos« sowie der prophetischen
Apokryphen
(Buch
Baruch und
Brief des
Jeremias) nähert sich bereits demjenigen der neu
testamentlichen Lehrschriften.
Der zweite Teil der
Bibel, das die ältesten Schriftdenkmäler des
Christentums enthaltende
Neue Testament, zerfiel ursprünglich
in das Evangelienbuch und in das Apostelbuch, woran sich die
Apostelgeschichte und
Apokalypse anschlossen.
Auch diese Sammlung ist aus historischen, didaktischen
Schriften und einer prophetischen
Schrift zusammengesetzt. Im Apostelbuch
schieden sich die 14 dem
Paulus beigelegten
Briefe leicht von den sieben Schreiben andrer
Apostel, welche ursprünglich eine
weniger lokal beschränkte Bestimmung hatten und darum gewöhnlich katholische, d. h.
allgemeine,
Briefe genannt wurden.
Die Bücher des Alten Testaments sind in hebräischer, einige Stücke in den Büchern Daniel und Esra in chaldäischer, das Neue Testament ist ursprünglich und ganz in griechischer (genauer: hellenistischer) Sprache geschrieben. Nur von zwei Schriften des Neuen Testaments (Matthäus und Brief an die Hebräer) haben die Alten vielfach, aber fälschlich, behauptet, sie seien ursprünglich in hebräischer, d. h. aramäischer, Sprache geschrieben gewesen. Die griechische Sprache war damals die allgemeine Verkehrssprache des Morgenlandes und seit der Bibelübersetzung der Septuaginta auch in den gottesdienstlichen Gebrauch der Juden übergegangen. Nur in dieser Sprache konnte die zukünftige Weltreligion ihren sichern Ausdruck finden.
Das erste Zeichen von dem Vorhandensein der alttestamentlichen Sammlung ist die Erwähnung derselben im Prolog des Jesus Sirach (132 v. Chr.); später führt Philo das Alte Testament als ein Ganzes an und citiert Stellen daraus, aber erst Josephus kennt nachweisbar die jetzigen alttestamentlichen Bücher. Dieselben haben sich ohne Zweifel erst allmählich zusammengefunden. Die jüdische Tradition, wonach unter Esra die »große Synagoge« (s. d.) die Sammlung zu stande gebracht haben soll, ist nachweisbar ebenso unhistorisch wie die Sage, daß Esra durch göttliche Eingebung die alttestamentlichen Bücher wiederhergestellt und zusammengefaßt habe.
Wohl aber war er an der Redaktion der ältesten der drei Sammlungen beteiligt, d. h. an der Abfassung des Gesetzes. Die Verlesung desselben an den Sabbaten nach einem feststehenden Lesekreis galt schon zu Jesu Zeiten als alte Gewohnheit, und die Samaritaner kennen noch keine andern heiligen Schriften. Erst später kam es zu einer zweiten Sammlung, welche die Propheten umschloß. Den gottesdienstlichen Gebrauch derselben ersehen wir aus Luk. 4, 16-21. Man nannte die Lesestücke aus dem Gesetz Paraschen, die aus den Propheten Haphtharen. ¶
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Die dritte, gemischte Sammlung stammt frühstens aus der Mitte des 2. Jahrh. v. Chr. und stand selbst zur neutestamentlichen Zeit noch nicht in allen ihren Teilen fest. Auf alle drei Sammlungen wurden von seiten der Kirchenväter, im schwankenden Gegensatz zu den Apokryphen (s. d.), Name und Begriff des Kanon angewandt. S. Kanonische Bücher.
Genauer können wir den Verlauf der Bildung des neutestamentlichen Kanon verfolgen. Die christliche Litteratur beginnt mit den Briefen des Apostels Paulus (53-63) und der Offenbarung des Johannes (68). Noch vor der Zerstörung Jerusalems (70) war auch schon derjenige Typus der Darstellung des Lebens Jesu zur Ausbildung gelangt, welcher den ältern, unsern drei ersten Evangelien (70-110) zu Grunde liegt. Die übrigen neutestamentlichen Schriften entstanden meist in der ersten Hälfte des 2. Jahrh. Nur sehr allmählich tritt der Gebrauch aller dieser Bücher in der Kirche hervor und zwar zunächst noch ohne irgend einen Anspruch auf gottesdienstliche Geltung oder kanonische Autorität.
Die ersten Gemeinden schöpften ihre Erbauung aus dem Alten Testament, dessen Auslegung man nach Maßgabe der neuen Offenbarung umgestaltete. Daher findet sich auch bis in die zweite Hälfte des 2. Jahrh. herab noch keine Berufung auf neutestamentliche Schriften als beweiskräftige, nur namentliche Anführungen einzelner Sentenzen, meist Sprüche Jesu. Zuerst suchten sich die häretischen Sekten für ihre abweichenden Lehrmeinungen eine sichernde Unterlage in einem Kanon zu schaffen.
Marcion (um 144) legte sich eine Sammlung an, die aus einem Evangelium (Lukas) und zehn Paulinischen Briefen bestand. In den Gemeinden empfand man dasselbe Bedürfnis um so mehr, als die lebendige Tradition erlosch, den Heidenchristen das Verständnis des Alten Testaments ferner trat und bei dem Auftreten der verschiedensten Richtungen ein Zurückgehen auf einen gemeinsam anerkannten Ausdruck des allgemeinen Glaubensbewußtseins in den Briefen und Schriften der Apostel nicht länger entbehrt werden konnte. So fanden sich am Ende des 2. Jahrh. in den Gemeinden Syriens, Kleinasiens, Nordafrikas, Italiens [* 6] und Südgalliens Sammlungen apostolischer Schriftwerke, die übereinstimmend die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, die 13 Briefe des Paulus, einen Brief des Petrus und einen des Johannes enthielten.
Die Sammlung der Evangelien war also gegen 200 schon abgeschlossen, nicht aber die der apostolischen Schriften. Aus bestimmten Zeugnissen ergibt sich aber auch, daß neben den genannten noch mancherlei später nicht mehr als apostolisch anerkannte Schriften im kirchlichen Gebrauch waren, welche erst allmählich von den kanonischen, als inspiriert angesehenen, geschieden wurden. Von großer Bedeutung für die Geschichte des Kanon ist die Angabe des Geschichtschreibers Eusebios von Cäsarea, welcher um 326 als »allgemein anerkannt« (Homologumena) nur die oben angeführten Bücher aufzählt, während er die übrigen Petrus- und Johannes- sowie die Jakobus- und Judas-Briefe unter die widersprochenen Schriften (Antilegomena) stellte, zu welchen ihm, wiewohl in untergeordneter Weise, noch die »Thaten des Paulus«, der Hirt des Hermas, die Apokalypse des Petrus, der Brief des Barnabas und die Apostolischen Konstitutionen gehören. Am längsten waren zwischen Abendland und Morgenland der Hebräerbrief und die Apokalypse des Johannes streitig; aber um 400 ließ man sich diese endlich auch im Osten, jenen auch im Westen des Reichs gefallen.
Augustinus ließ auf seinen Synoden zu Hippo (393) und zu Karthago [* 7] (397) das Neue Testament in seinem jetzigen Umfang kanonisieren, indem er zugleich dem Alten die Apokryphen einverleibte, und im Verlauf der nächsten Jahrhunderte bestätigten mehrere Päpste, 1000 Jahre später auch das Konzil von Trident diesen Kanon. Die Reformation lenkte die Blicke zwar wieder auf den Kanon hin, aber man wagte nicht, über des Hieronymus Zweifel hinauszugreifen. An sich zwar lag es im Prinzip der Reformation, eine freiere Stellung auch zum Kanon einzunehmen.
Bekannt ist Luthers sehr unabhängiges Urteil über einzelne Bücher, wie über Esther, die Apokalypse und den Brief des Jakobus. Der Grundsatz, daß zuletzt nur das Zeugnis des Heiligen Geistes die kanonische Autorität einer Schrift begründe, ließ ebenso kritischen und historischen wie dogmatischen Zweifeln Raum. Nach Luthers Vorgang unterschieden daher die ältern Lutheraner wieder zwischen kanonischen und deuterokanonischen (apokryphischen) Büchern des Neuen Testaments; leider folgten die spätern Theologen den Reformierten, welche den katholischen Kanon des Neuen Testaments festhielten, ohne daß er jedoch in den deutschen Bekenntnisschriften so, wie in einigen reformierten geschieht, symbolisch fixiert worden wäre.
Während nun im kirchlichen Gebrauch sämtliche Bücher des Alten und Neuen Testaments gleichberechtigt nebeneinander stehen, hat seit Semler (»Von der freien Untersuchung des Kanons«, Halle [* 8] 1771-75) die Wissenschaft mit immer größerm Eifer sich der Erforschung der Zeit und des Ursprungs der biblischen Schriften gewidmet, und man ist allmählich innerhalb der freilich eng gezogenen Grenzen [* 9] einer nach wissenschaftlicher Methode verfahrenden Theologie zu wirklicher Unbefangenheit bezüglich des historischen Urteils und zu in allen Hauptpunkten übereinstimmenden Resultaten gelangt.
Kapiteleinteilung. Verse. Von ihrem Ursprung bis zur Erfindung der Buchdruckerkunst erfuhren die biblischen
Bücher eine doppelte Reihe von Veränderungen, zunächst solche, welche nur teils von den Fortschritten der Schreibkunst,
[* 10] teils
von den wechselnden Versuchen, das Lesen und Verstehen zu erleichtern, abhingen; dann auch solche, welche die Worte und Gedanken,
also die wesentliche, innere Gestalt des
Bibeltextes, betrafen. Der Text des Alten Testaments wurde schon
von den Rabbinern in Verse abgeteilt; ihre Bezeichnung mit Zahlen ist aber erst spät, zuerst durch Robert Stephanus in der Vulgata
1555-58, eingeführt worden. Im hebräischen Text erschien sie vollständig erst in Athias' Bibelausgabe von 1661. Weit jünger
und christlichen Ursprungs ist die heutige Kapiteleinteilung, welche zuerst Daniel Bomberg in den gedruckten
hebräischen Text (1525) aufgenommen hat. Im Neuen Testament ist die Versabteilung noch jüngern Ursprungs als im Alten Testament.
Zum Behuf des Vorlesens teilte der alexandrinische Diakonus Euthalios in seiner um 60 veranstalteten Ausgabe der Apostelgeschichte und Briefe den Text nach Stichen oder Verszeilen ab, auf die so viel Worte kamen, als beim Vorlesen zusammen gelesen werden sollten. Diese Einteilungs- und Zahlungsart wurde Stichometrie genannt und, da sie Beifall fand, von andern auch auf die Evangelien übertragen. Um den Raum zu ersparen, setzte man später die Stichen nicht mehr ab, sondern begnügte sich, das Ende derselben durch Punkte oder andre Zeichen zu bemerken. Mit unsern heutigen Versen haben diese Lesezeilen jedoch nur entfernte Ähnlichkeit. [* 11] Eine Kapiteleinteilung wird zwar schon bei den Kirchenvätern erwähnt, doch sind ¶
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damit wahrscheinlich nur unbestimmte Abschnitte gemeint. In der Mitte des 3. Jahrh. teilte Ammonios von Alexandria zum Behuf
einer Evangelienharmonie den Text der Evangelien in viele kleinere Abschnitte ein, welche Einteilung Eusebios im 4. Jahrh. in
seinen »Canones« (einer Bearbeitung jener Harmonie) anwandte und vervollkommte. Später wurden in den Evangelien
größere Abschnitte üblich, und in der Mitte des 13. Jahrh. kam endlich eine gleichförmige, freilich
nicht tadellose Einteilung für die ganze
Bibel zu stande, welche dem Kardinal Hugo von St. Caro zugeschrieben wird, der sie zum
Behuf einer lateinischen Konkordanz unternommen haben soll.
Diese jetzigen Kapitel kamen im 15. Jahrh. in die griechischen Exemplare des Neuen Testaments. Die jetzige Verseinteilung im Neuen Testament ist der alttestamentlichen nachgebildet und findet sich zuerst in Exemplaren der Vulgata; erst 1551 brachte sie Robert Stephanus am Rande des griechischen Textes an. Ebenfalls spätere Zusätze zu den neutestamentlichen Büchern sind die Über- und Unterschriften. Die erstern rühren von den Sammlern des Kanon her, jünger und noch wertloser sind die Unterschriften, welche anfangs bloß den Titel wiederholten, später hieran auch Vermutungen über den Verfasser, über Zeit und Ort der Abfassung u. dgl. knüpften.
Textgeschichte. Ausgaben.
Der
Bibeltext, wie er uns jetzt vorliegt, ist sowohl im Alten als im Neuen Testament ein vielfach verderbter
und zwar um der vielen Abschriften willen mehr als bei irgend einem Werk des Altertums. Bei der Art und Weise, wie vor Erfindung
des Buchdrucks die Schriften vervielfältigt wurden, waren Fehler unvermeidlich, die durch die mancherlei Selbsttäuschungen
des Auges, des Ohrs, des Gedächtnisses und des Urteils veranlaßt wurden, wenn beim Lesen ähnliche Buchstaben,
Silben oder Wörter verwechselt, Zeilen oder Sätze mit gleichem Anfang oder gleichem Ende übersehen, beim Diktieren Gleichlautendes
falsch aufgefaßt, beim gedächtnismäßigen Aufschreiben in der Eile Synonymen und Sätze miteinander vertauscht, Abkürzungen
falsch aufgelöst, Randbemerkungen in den Text gezogen oder in der Wortabteilung Fehler gemacht wurden.
Anderseits veränderte man den Text mit Absicht, indem man mit unkritischer Geschäftigkeit angebliche Verbesserungen wirklicher oder vermeintlicher Fehler einschob, wo ein Wort dunkel oder anstößig schien, Konjekturen sich erlaubte etc. Besonders bezüglich des Neuen Testaments kam auch ein dogmatisches Interesse hinzu; oft haben sich die Parteien den Vorwurf absichtlicher Textfälschung gegenseitig gemacht, und anerkannt ist, daß namentlich die Stelle von den drei Zeugen im Himmel [* 13] (1. Joh. 5, 7). in der abendländischen Kirche des 5. Jahrh. entstanden ist.
Altes Testament. Die erste Periode der alttestamentlichen Textgeschichte reicht bis zur Schließung des Kanon in der neutestamentlichen Zeit. Hier wurde der Text zunächst aus der althebräischen in die sogen. Quadratschrift umgeschrieben. Da die Bücher vor ihrer Sammlung von den Abschreibern gewissermaßen als Privateigentum betrachtet zu werden pflegten, so konnte die Willkür, die damals durch keine kirchliche Autorität im Zaum gehalten wurde, am ungehinderten mit ihnen schalten.
Beweisend jedoch für die Nachlässigkeit und Willkür der Abschreiber sind die vielen Differenzen in den parallelen Abschnitten;
vgl. Ps. 14. mit Ps. 53;.
Ps. 40, 14. ff. mit Ps. 70;.
Ps. 18. mit 2. Sam. 22;.
Ps. 108. mit Ps. 57, 8-12. u. 60, 7-14;
Ps. 105. mit 1. Chron. 16, 8-22;
Ps. 116. mit 1. Chron. 16, 32-33;
Jes. 37. und 38 mit 2. Kön. 18. und 19;
Jerem. 52 mit 2. Kön. 24;.
Jes. 15. und 16 mit Jerem. 48 u. s. f. In die zweite Periode, von der Schließung des Kanon bis zur Vollendung des Talmuds um 500 n. Chr., fällt zunächst die Feststellung des Konsonantentextes nebst getreuer Fortpflanzung der (noch nicht geschriebenen) Vokalisation, endlich auch die Wort- und Versabteilung.
Die Scheu vor jeder Änderung des heiligen Textes (Chetib) rief die Sitte hervor, da, wo man aus exegetischen oder kritischen Gründen ein Wort, welches im Text stand, nicht las oder umgekehrt, oder es anders las, die Textänderung (Keri) am Rand zu bemerken. In der folgenden masoretischen (s. Masora) Periode vom 6. bis 11. Jahrh. war neben der Fortführung und Aufzeichnung der kritisch-exegetischen Studien zum Texte das Hauptsächlichste seine Vokalisation und Punktation.
Man fuhr fort, den rezipierten Text aufs sorgfältigste zu überwachen, zählte die Verse, Wörter und Konsonanten, gab den mittelsten Buchstaben an, bemerkte die ungewöhnliche Gestaltung gewisser Buchstaben (literae majusculae, minusculae, suspensae, inversae). Den Abschluß für die Geschichte des alttestamentlichen Textes bildet die Vergleichung der babylonischen und palästinischen Lesarten im 11. Jahrh. durch Aaron Ben Ascher und Mose Ben Naphtali, beide Vorsteher von Akademien, jener in Palästina, [* 14] dieser in Babylonien.
Alle auf uns gekommenen Kodices (weit über 1000) enthalten den masoretischen Text; es ist aber keiner von denen, welche das ganze Alte Testament enthalten, älter als 800 Jahre, denn die unbrauchbar gewordenen Handschriften wurden, um sie vor Profanation zu bewahren, vernichtet. Diese der vierten Periode angehörigen Handschriften sind entweder Synagogenrollen, ohne Vokale in Quadratschrift auf Pergament geschrieben, nur den Pentateuch und die Haphtharen, selten die Megilloth enthaltend, oder Privatabschriften, teils auf Pergament, teils auf Papier geschrieben und zwar meist mit Vokalen, auch in rabbinischer Schrift, häufig mit zwischengeschriebener chaldäischer Paraphrase oder mit der Masora, rabbinischen Kommentaren und Gebeten am Rande.
Die fünfte Periode umfaßt die Geschichte des gedruckten Textes. Zuerst erschienen einzelne Teile, so der Psalter mit Kimchis
Kommentar (1477). Die ältesten vollständigen Ausgaben erschienen zu Soncino 1488 und zu Brescia 1494. Einen davon unabhängigen
Text nach Handschriften gab die Complutensische Polyglotte (1514-17). Die Grundlage für die nächsten Ausgaben
wurde Bombergs rabbinische
Bibel (Venedig
[* 15] 1518; 2. Aufl. von Rabbi Jakob Ben Chajim, das. 1525-26). Aus der Amsterdamer Ausgabe des
Athias (1661) dagegen flossen die meisten jetzt im Gebrauch befindlichen, von denen wegen des Reichtums der Varianten die Kennicottsche
(Oxford
[* 16] 1776) und als Handausgaben die von Hahn
[* 17] (Leipz. 1838, neue Ausg. 1881) und von Theile (das.
1859, 4. Aufl. 1873) zu nennen sind.
Neues Testament. Weit verderbter als der alttestamentliche ist der neutestamentliche Text, denn hier wirkten in erhöhtem Maß alle die Umstände ein, aus denen Textänderungen hervorgehen, und es fehlte der sichernde Schutz, den die jüdischen Akademien dem Alten Testament gewährten. Es wird die Zahl der Lesarten und Varianten im Neuen Testament auf 30,000 angegeben. (Vgl. Tischendorf, Haben wir den echten Schrifttext? Leipz. 1873.) Die Wiederherstellung des echten Textes ist daher eine nie völlig lösbare Aufgabe. Als Mittel dazu dienen die alten Handschriften, die Übersetzungen und die Citate bei ¶