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| Hieronymus († 420) - Briefe

II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
130. An Demetrias
[Vorwort]
Dreißig Jahre liegen zwischen dem Briefe an Eustochium über die Bewahrung der Jungfräulichkeit 1 und dem für Demetrias bestimmten Schreiben gleichen Inhalts. Die einstige Gegnerschaft war stiller geworden. Die von Hieronymus vertretene Lebensauffassung hatte sich durchgesetzt, als er zum letzten Male in seinem Leben in einem längeren Briefe für sie eine Lanze brach.
Demetrias war der vornehmen römischen Familie der Anicier entsprossen. Ihr Großvater war der unermeßlich reiche ehemalige Konsul Sextus Petronius Gracchus, 2 der mit Anicia Proba Falconia vermählt war. Dessen Sohn Olybrius, der bereits 409, also vor der Zerstörung Roms durch die Goten, das Zeitliche gesegnet hatte, war mit Juliana, der Mutter der Demetrias, verheiratet. Die drei Frauen standen allein, als die Katastrophe über Rom hereinbrach. Sie mußten rasch den ganzen Besitz verkaufen und nach Afrika fliehen, weil sie der Goten Rückkehr fürchteten. Dort wurden sie von dem kaiserlichen Vertreter Heraklian aufs schmählichste ausgebeutet. Hieronymus versteht es hier, in blendender Rhetorik an einem Einzelbeispiel plastisch die Tragik des untergehenden Rom zu schildern. Er setzt aber auch dem Heldenmut dreier Frauen, die drei Generationen angehören, ihrer Frömmigkeit und ihrem Wohltun ein unvergängliches Denkmal. Rom konnte untergehen, aber nicht das Christentum, das solche Frauen hervorbrachte.
Zur allgemeinen Überraschung, selbst ihrer nächsten Angehörigen, nimmt Demetrias kurz vor der schon angesetzten Hochzeit aus der Hand des Bischofs Aurelian von Karthago den Schleier. Mutter und Großmutter baten die berühmtesten Theologen, 3 darunter auch Hieronymus, der jungen Nonne Ratschläge zu erteilen, [S. 240] wie sie ihr Leben gestalten sollte. Dieser Bitte verdankt der vorliegende Brief sein Entstehen. Es sind im großen und ganzen die Anweisungen, denen wir schon öfters begegnet sind, wobei allerdings die besonderen Verhältnisse der reichen Aristokratin Abwechslung ins gewohnte Bild bringen. Mit einer Warnung vor dem Gift der heimlich wuchernden Irrlehren — es kommen die Heterodoxien des Origenes und vielleicht auch schon die Häresie des Pelagius in Frage — endet der Brief.
Abgesehen von seinem geschichtlichen Interesse, kommt ihm als rhetorischem Meisterwerk und als dialektischer Glanzleistung besondere Bedeutung zu. Als ästhetische Leistung verdient er unter den Briefen des Heiligen einen ersten Platz.
Verschiedene Anhaltspunkte erleichtern die zeitliche Festlegung. Er ist dreißig Jahre nach dem Brief an Eustochium (384) verfaßt, mitten während der Niederschrift des Ezechielkommentars, der 415 vollendet wurde. Außerdem setzt er den Tod Heraklians voraus, der im Spätsommer 413 hingerichtet worden war. Alle diese Angaben weisen auf das Jahr 414 als Jahr der Niederschrift hin.
1: Ep. 22 ad Eustochium.
2: Über die Familie s. S. 148 f.
3: Augustin (ep. 150 ad Probam et Julianam s. CSEL XLIV [Goldbacher] 380 ff.) und Pelagius (M PL XXX 16—45). Der letztere Brief freilich veranlaßte Augustinus, seine warnende Stimme zu erheben. (Aug. et Alypius ep. 188 ad Julianam s. CSEL LVII [Goldbacher] 119 ff.).