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Kriminelle Gier in den Stürmen des Atlantiks
Sie sind Kult, die Geschichten mit Georges Dupin, dem Kriminalkommissar in der Bretagne, und seiner kleinen Truppe. Und sie sind von einem kleinen Geheimnis umwoben, denn wir wissen, dass der Verfasser ein Deutscher ist, vermutlich ein leitender Herr im Verlagswesen, der seine Identität hinter einem Pseudonym verbirgt. Er lebt wie sein Kommissar Dupin im Süden der bretonischen Halbinsel und hat sich den Namen des kleinen Ortes Bannalec als Pseudonym zugelegt. Beide sind zugewandert: der Kommissar unfreiwillig aus Paris, weil er sich seinen unbändigen Willen zum unabhängigen Handeln nicht hat austreiben lassen, der Autor aus offenkundiger Liebe zur Bretagne mit seinen eigenwilligen Menschen. Diese Liebe zieht sich durch seine Geschichten und macht sie zu literarischen, kulturhistorischen und kulinarischen Führern durch die keltische Halbinsel, die umfangen ist vom grossen Meer.
Wer, wie wir vor etwas mehr als einem Jahr, im empfehlenswerten Hotel Ty Mad in der Bucht von Douarnenez absteigt, erfährt von der schwarzgelockten Hotelbesitzerin, dass kurz zuvor ein deutscher Herr das gleiche Zimmer bezogen habe, der Kriminalromane schreibe aus der Bretagne. Er war auch diesmal auf Recherche für seinen neuestes Buch, und er erfuhr von der Gastgeberin genauso wie ein Jahr später Kommissar Dupin mehr als nur das Wichtigste.
Am Ende der Welt
Beide, den Krimi-Autor wie den Kommissar, hat die «Bretonische Flut» in Dupins fünftem Fall also ins nördliche Finistère getrieben, das Departement am nordwestlichen Ende der eurasischen Kontinentalplatte. Der Kontinent läuft dort aus in der Felsenkette der «Chaussée de Sein», von der Festlandspitze der Pointe du Raz bis weit hinaus über die Ile de Sein. Die Meerenge des Raz de Sein zwischen beiden, der Insel und der Pointe, ist nach verheerenden Umweltschäden durch Schiffskatastrophen für die grossen Frachter gesperrt, aber sie bleibt durch die starke Flut und die gegenläufigen Strömungen bei erfahrenen Seeleuten bis heute gefürchtet. Von der steilen Küste blickt die Kirche von «Notre Dame des Naufrages» hinunter, zu der die Schiffbrüchigen ihr letztes Gebet an die Schutzpatronin richten können.
In dieser Gegend zwischen Douarnenez und der Ile de Sein, zwischen gastfreundlichen und verschlossenen Menschen, einer zauberhaften und gewalttätigen Natur, gerät Kommissar Dupin am längsten Tag des Jahres in seinen neuen Fall. Es sollte ein Kampf werden wie noch keiner zuvor. Mehr denn je nimmt ihn die Kraft der bretonischen Welt gefangen, packt ihn die Todesahnung, gespiesen aus den Mythen der bretonischen Inseln, die Todesangst, gezeugt aus der Übermacht der Natur, aber auch aus dem undurchsichtigen Netz der menschlichen Beziehungen, in dem er sich mehr noch als in seinen früheren Fällen verfängt. Da hilft ihm auch seine Ahnung nicht mehr, seine plötzliche Einsicht, der Geistesblitz, der kleine, entscheidende Hinweis aus der Natur- und Kulturgeschichte des nördlichen Finistère, der Gegend zwischen Land und Meer, die die Römer das Ende der Welt nannten. Es wurde ein Kampf bis an den Rand der Erschöpfung.
Charles Dupin ist kein Sherlock Holmes, der mit der scharfen Beobachtung arbeitet, den Mitteln der Naturwissenschaft und dem streng methodischen Intellekt. Dupin versucht, sich den Menschen über eine fast zufällige Sammlung von Daten zu nähern und eine emotionale Wahrnehmung, mit dem Blick auf ihre Stärken und Schwächen, auf die kleinen Geheimnisse der «comédie humaine», der kleineren und grösseren menschlichen Komödien und Tragödien. Das weckt auf der Suche nach dem Schlüssel zum Verbrechen so manchen Verdacht, gibt Einblick in das Leben der Meeresforscher und der Fischer, in die Menschlichkeit und die Kriminalität der kleinen Leute – was manchmal fast dasselbe ist –, den Verlust ihrer Lebensgrundlagen und das korrumpierte Netzwerk der Mächtigen.
Skrupellose Gier
Der Kommissar ist ein sinnlicher Mensch, auch in der pausenlosen Jagd nach dem Mörder noch offen für die Farben des Himmels und der See, die sich vereinen im unendlichen Blick vom Leuchtturm in die Weite des Atlantiks, nach dem Aufstieg durch die erstickende Enge einer Wendeltreppe. Und der Autor Bannalec lässt seinem Charles Dupin den Sinn für die Genüsse der Bretagne, die Austern, Muscheln, Meeresfrüchte, der Fisch im Mantel des Fleur de Sel oder das klassische Entrecôte mit Frites, mit einem ausgesuchten Wein, nach Abschluss des Falls, zusammen mit seiner geliebten Claire. Dupins Urteil ist zuverlässig und beste Werbung für die Bretagne. Auch das hat ihm einen Freundeskreis verschafft.
Diesmal hat seine Eingebung aber auf sich warten lassen, und sein moralischer Kompass hat ihn beinahe zum Scheitern gebracht. Denn mit dem Fischerkönig Charles Morin ist ihm ein mächtiger Gegenspieler erwachsen. Ein mafiöser Pate, dem Schmuggel nachgesagt wird, gesetzwidrige Fischerei, vielleicht sogar Auftrag zu Mord. Man mag sich nicht vorstellen, dass dieser Kampf bereits entschieden ist. Morin ist zwar keine unsterbliche Phantasiegestalt des Bösen wie Doktor Moriarty, so wie Charles Dupin kein Sherlock Holmes ist. Aber Morin ist die bretonische Verkörperung der globalisierten skrupellosen Geld- und Machtgier, die im Grossen wie im Kleinen die Welt bewegt und sie nach eigenen Gesetzen steuert. Das findet so schnell kein Ende.
Dupin bewegt sich in dieser Welt, und er hat in der Bretagne noch Manches zu entdecken. Nicht zuletzt das Geheimnis der bretonischen Flut. Seine Gemeinde wird ihm gerne folgen.
Jean-Luc Bannalec: «Bretonische Flut», Kommissar Dupins fünfter Fall, Kiepenheuer & Witsch 2016, 448 Seiten, CHF 21.90
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
2 Meinungen
Die Kriminalromane von Bannalec sind vor allem in den Landschaftsschilderungen unübertroffen. Dass gelegentlich auch noch Leichen vorkommen, muss ja wohl sein. Aber der Impuls beim Lesen ist immer: Koffern packen und hinfahren, in die Bretagne, um alles selbst zu sehen, zu hören und zu schmecken.0 0
Judith Stamm, Luzern
@judith stamm – So ist es, liebe Frau Stamm, und wenn man all die einschlägigen Begegnungen zählt, kann man sich nur wundern, dass die Bretagne noch nicht völlig übervölkert ist. Gute Reise also…!0 0
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