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| Theodor Schermann, Einleitung: Die griechische Chrysostomusliturgie. In: Griechische Liturgien. Übers. von Remigius Storf ; mit Einl. versehen von Theodor Schermann. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 5) München 1912.

Einleitung: Die griechische Chrysostomusliturgie
Die griechische Chrysostomusliturgie
Die heute im Orient gebräuchlichste und am weitesten verbreitete Liturgie ist jene, welche den Namen des Johannes Chrysostomus trägt. Als im Jahre 1907 der fünfzehnhundertste Todestag des Goldmundes gefeiert wurde, hatte sich eine Reihe von Gelehrten zusammengetan, um in „studi e ricerche“ den Heiligen zu preisen. Der zweite Faszikel dieses Χρυσοστομικά 1 betitelten Sammelwerkes ist ganz Untersuchungen der sogenannten Chrysostomus-Liturgie gewidmet, und enthält in diesem Teile Beiträge von P. Placidus de Meester O.S.B., von dem Mechitaristen Giov. Aucher, von dem Basilianermönche P. Constantin Bacha, von P. Cyrille Charon 2, ehemaligen Professor am melkitischen Kolleg S. Joh. Chrysostomus in Beyrouth, von H. W. Codrington, von dem Professor am katholischen Seminar in Bukarest Ch. Auner, von A. Baumstark, P. AIexander Petrovski und Jos. Bocian, Namen, von denen manche in der liturgischen Forschung einen hervorragenden Klang haben. Dieser Abschnitt umfaßt nicht weniger als fast 1000 Seiten, so daß wir bereits aus dem Umfang auf die Mannigfaltigkeit des Inhalts und der Betrachtungsweise der zu behandelnden Liturgie schließen können.
Es ist zunächst unsere Aufgabe, die Authentizität der Chrysostomus-Liturgie zu untersuchen. Nach den Gesetzen liturgischer Entwicklung ist es unmöglich, daß ein Aufbau, wie ihn unsere Liturgie aufweist, dem vierten Jahrhundert angehören kann. Aber auch nicht als Neuredaktor einer Liturgie, welche später Umbildungen erfuhr, kommt Chrysostomus in Betracht. Wie wir bereits erwähnten, hat all das, was sich in seinen Werken, Predigten und Kommentaren an liturgischen Anspielungen und Notizen findet, weder die Bedeutung einer von Chrysostomus ausgehenden Neuredaktion, noch einer eigenartigen byzantinischen Messe, welche etwa aus dem Typus gleichzeitiger Liturgien hinausfiele. So sehr seine uns bekannten liturgischen Zitate sich mit Formeln oder mit der Reihenfolge von Gebeten der Chryostomus-Liturgie berühren, so sind sie doch nicht mehr als Zeugen einer damals in Syrien, Kleinasien und Byzanz gleichmäßig verbreiteten, vielleicht im Wortlaut etwas verschiedenen Grundliturgie. Auch die Nachricht, die durch einen pseudonymen Traktat [Proklus] verbreitet war, daß in Konstantinopel im vierten Jahrhundert eine Liturgie den Namen des hl. Basilius getragen habe, hat keinerlei Anspruch auf Glaubwürdigkeit 3. Leontius von Byzanz erwähnt noch, die byzantinische Liturgie habe den Titel „Liturgie der Apostel“ gehabt, womit der Fingerzeig nach Syrien gegeben ist [cf. AK VIII] 4.
Wir stehen am ausgehenden fünften Jahrhundert, wo auf Grund geringer Neuerungen, die wir bereits skizzierten, da und dort Verschiebungen eintraten, bis im sechsten Jahrhundert eine gewaltige Umformung nach der mehr äußerlichen Seite eintrat. Von einer ausschließlich byzantinischen Liturgie haben wir bis dahin keine Spur, ja sie hat überhaupt nicht im Gefüge der orientalischen Liturgien Platz.
Diese Lücke suchte Baumstark 5 auszufüllen. Eine später auftretende und sicherlich unglaubwürdige Notiz, nach welcher Nestorius mit der Liturgie Konstantinopels in Verbindung gebracht wird, als habe er dogmatisch verbessernd oder ändernd eingegriffen, gibt Baumstark die Handhabe, eine Reihe von Hypothesen über die ursprüngliche Form der Chrysostomus-Liturgie aufzustellen. Er will die uns syrisch überlieferte Nestorius-Liturgie, welche wenn auch mit Überarbeitungen auf ihn selbst zurückgehe, als die der Chrysostomus-Liturgie zugrunde liegende Form dartun. Der Versuch, das griechische Original danach zu rekonstruieren, spiegelt uns nicht mehr als ein Trugbild vor, dessen geschichtliche Grundlagen — Aussagen des spätsyrischen Schriftstellers Ebed-Jesu [+ 1318] — bereits leerer Schein sind. Das wüste Chaos von Hypothesen 6, welches Baumstark an seine orientalische Quelle knüpft, macht keinen überzeugenden Eindruck.
Eine andere scheinbare Quelle zur Kenntnis der Chrysostomus-Liturgie liegt in einem späten Traktat vor, der aber Proklus 7 beigelegt wurde. Leider wurde er bis in die neueste Zeit für des Patriarchen echtes Werk gehalten und hat dadurch großes Unheil unter den Forschern angerichtet 8. Da dieser Traktat ausgibt, die Überlieferung der göttlichen Liturgien behandeln zu wollen, so wurden seine Angaben zum Ausgangspunkt einer Reihe liturgiegeschichtlicher Fragen gemacht. Der Verfasser kennt eine sogenannte klementinische Liturgie, jene des Jakobus, des Basilius, der die zu seiner Zeit gebräuchliche Liturgie kürzte, des Chrysostomus, der die ihm von Basilius überlassene noch mehr zustutzte. Welch ungeheure Verwirrung die kritiklose Hinnahme dieses Zeugnisses verursachte, erhellt daraus, daß man schloß, im vierten Jahrhundert sei in Konstantinopel die Basilius-Liturgie im Gebrauche gewesen, und daß man nachforschte, wo Chrysostomus gekürzt haben mochte. Offenbar setzt die Aussage des Traktates den Gebrauch der drei Liturgien voraus, und um ihre gegenseitige Stellung in der Verwendung ins klare Licht zu setzen, griff sie zu dem absolut unpassenden Kriterium der Kürze. Weil die Chrysostomus-Liturgie die am meisten gebräuchliche war, mußte sie nach dem Verfasser auch die kürzeste sein, so daß eine Abstufung oder Zunahme in der Länge bis zu der damals nur selten verwendeten Jakobus-Liturgie erfolgte. Das ist eine populäre Erklärung einer für den Verfasser des Traktats sonst unerklärlichen Erscheinung.
Auf diese und ähnliche pseudonyme Traktate 9 dürfen wir kein Gewicht legen; sichere Zeugen sind die handschriftlichen Befunde. Ausgiebige Studien nach dieser Richtung hat Professor Krasnoseltzev am Klerikalseminar zu Kasan unternommen, denen de Meester 10 und AI. Pétrovsky ihr Material verdanken, neben Swainson und Brightman auch R. Engdahl 11.
Nach diesen Forschungen scheint die älteste Hs, cod. Barberini III 55 [aus dem Jahre 795], zwei für sich stehende Gebete der Verfasserschaft des Chrysostomus zu vindizieren; ein Gebet der Katechumenen vor der Anaphora und ein Opfergebet, nachdem die Gaben niedergestellt wurden. Alle andern Gebete der Liturgie stehen in einer Reihe und sind durchnumeriert. Wir besitzen aber auch von dieser ältesten Handschrift eine Kopie 12, welche bereits ein wesentlich verschiedenes Bild zeigt. Nicht bloß sind die in der Vorlage für sich stehenden Gebete an ihrer Stelle eingeordnet und mitgezählt [als Gebet [6] und [9]], sondern noch ein drittes Gebet erhielt den Zusatz τοῦ Χρυσοστόμου, die ἐυχὴ ὀπισθάμβωνος. Wir müssen demnach mit der Tatsache rechnen, daß Chrysostomus als Verfasser dieser zwei oder drei Gebete genannt wird; — ob mit Recht, bleibt dahingestellt; — und mit der Möglichkeit, daß der Name Χρυσοστόμου [zu Ἰοάννου oder als dessen Ersatz] erst in der Niederschrift des Codex Barberini gesetzt wurde. Denn dieser Name kommt nachweislich erst zur Zeit des Theodor von Studion [saec. VIII] vor.
Waren nun jene Gebete mit dem Namen des Goldmundes versehen, welche am Beginn der Hauptteile des Lesegottesdienstes und der Gläubigenmesse standen, so war kein weiter Schritt, die ganze ursprünglich anonyme Liturgie ihm beizulegen, d. h. unter seinem Namen auszugeben. So würde sich die Zuteilung des Namens Johannes Chrysostomus an die Liturgie als Prozeß erklären, der sich mit dem Abschreiben der Handschriften von selbst ergab.
Das Studium der zahlreichen Handschriften zeitigte aber noch andere Resultate; vor allem ließ sich stufenweise die Entwicklung 13 und Zusammenschweißung der einzelnen Teile, jene, welche der Priester sprach, oder der Rufe und Ekphonesen des Diakons oder der Partien, die dem Chore zufielen, und der Rubriken zu einem Ganzen, zum orientalischen Vollmissale beobachten. Solange die Gebete für sich aufgezeichnet waren und das Euchologium nur dem Priester diente, kam es nicht selten vor, daß Kirchenfürsten und Theologen eigene Gebete zu dieser oder jener Handlung verfaßten, welche aber nicht selten auch Kirchenvätern zugeschrieben wurden. So kam es, daß eine Auswahl von Gebeten zur Verfügung stand, aus denen die Handschriftenschreiber bei Niederschrift der ganzen Liturgie nach Gutdünken auswählten. Die Handschriften weichen daher in der Heranziehung einzelner Gebete stark voneinander ab und lassen sich je nach der Übereinstimmung in Gruppen und Klassen ordnen. Der aus einem Basilianerkloster Süditaliens stammende Codex Rossanensis [jetzt Vatic. gr. 1970, saec. XI—XII] scheint z. B. Prototyp der Handschriften zu sein, welche in Basilianerklöstern im Gebrauche waren. Der Prozeß der Vereinheitlichung ging allmählich vor sich und dauerte bis zur Zeit, wo die Liturgien im Drucke vervielfältigt wurden.
Daneben lief eine zweite Entwicklungsreihe einher, welche die Vermehrung ritueller Handlangen bezweckte; sie erstreckte sich vornehmlich auf den vorbereitenden Teil des Priesters und der Opfergaben. Nicht nur wurde jedes Kleidungsstück beim Anziehen mit Gebeten bedacht, sondern der komplizierte Vorgang der Vorbereitung der Opfergaben, welche seit dem achten bis neunten Jahrhundert von dem Beginne der Gläubigenmesse an den Anfang der ganzen Liturgie verlegt war, darunter das Zerteilen des Brotes mit der hl. Lanze, das Ausscheiden einzelner Teile wurde ebenfalls mit einer Reihe von Gebeten umgeben.
Auch diese Entwicklung nahm mit dem vierzehnten Jahrhundert ihr Ende. Die erste Druckausgabe 14 besorgte im Auftrage Papst Klemens’ VII. der Professor der griechischen Sprache Demetrius Dukas im Jahre 1526 in Rom. Die ihr zugrunde liegenden Handschriften mochten aus Cypern oder Rhodus stammen. Es folgten 1528 eine weitere Ausgabe in Venedig, 1560 eine zu Paris, welch letztere dann in die Ausgaben der griechischen Euchologien herübergenommen wurde, bis der Dominikaner Goar 15 sie nach neuen handschriftlichen Studien in seinem Euchologium veröffentlichte. H. Daniel, Swainson, Brightman, A. Dimitrievsky bemühten sich um neuere Ausgaben und Erforschung des Handschriftenbestandes. Das reichhaltigste Material scheint bisher Krasnoseltzev zu besitzen.
Die Verbreitung der Chrysostomus-Liturgie 16 erstreckt sich über den ganzen Orient bis China und Japan und teilweise auch über den Westen. Zu den lokal fixierbaren Handschriften des Orients treten eine Reihe von Übersetzungen der Liturgie, welche uns ermöglichen, deren allmähliche Verbreitung in Armenien [seit dem achten bis neunten Jahrhundert] 17, in Syrien [im zehnten Jahrhundert], in Ägypten [im dreizehnten Jahrhundert], in der russischen Kirche [elftes Jahrhundert], in Serbien, Bulgarien, Rumänien, bei den katholischen Ruthenen und anderwärts zu verfolgen. In jedem dieser Länder hatte die Chrysostomus-Liturgie ihre Geschichte erlebt.
1: Roma 1908. Libreria Pustet.
2: Pseud. C. P. Karalevsky
3: Vgl. Ferd. Probst, Liturgie des vierten Jahrhunderts und deren Reform. Münster 1893, 380ff., der diesen Traktat noch für echt hält.
4: s. Plac. De Meester, Les origines et les developpements du texte grec de la liturgie de S. Jean Chrysostome in Χρυσοστομικά 254.
5: A. Baumstark, Die Chrysostomus-Liturgie und die syrische Liturgie des Nestorius. Crusostomika 2. Fasc. S. 771—857. Derselbe, Die konstantinopolitanische Messe vor dem 9. Jahrhundert. Übersichtl. Zusammenstellung des wichtigsten Quellenmaterials [Kleine Texte für theolog, und philolog. Vorlesungen und Übungen, herausgegeben von H. Lietzmann, Heft 35] 1909. Cod. Barberini der Chrysostomus-Liturgie, darunter der aus dem Syrischen ins Griechische rückübersetzte Wortlaut der Nestorius-Liturgie.
6: Χρυσοστομικά S. 855f.; vgl. dagegen das besonnene Urteil von de Meester, Χρυσοστομικά S. 255ff., 259, 268ff. K. Lübeck arbeitet über „die Anfänge der byzantinischen Liturgie“ s. Or. christ. Neue Serie I 1911 S. 116.
7: bei Migne abgedruckt Patr. gr. 65, 849—852.
8: s. Probst, a.a.O., S. 380ff. Vgl. O. Bardenhewer, Patrologie 3. Aufl, 1910.
9: Unecht oder interpoliert scheinen auch zu sein: die Traktate unter dem Namen des Patriarchen Eutychius von Konstantinopel [552—565], unter dem Namen des Sophronius und Germanus. Über den letzteren Traktat und dessen Übersetzung durch Anastasius Bibliothecarius s. La exhghsij di S. Germano et la versione latina di Anastasia bibliotecario, Roma e l’oriente, anno 1 [vol. II] 1911, 219f. A. Petridès, Traites liturgiques de S. Maxime et de S. Germain, traduits par Anastase le bibliothécaire. Revue de l'Orient chrétien 1905, 289; vgl. de Meester, Χρυσοστομικά S. 269.
10: Χρυσοστομικά S. 270ff. AI. Pétrovski, Histoire de la rédaction slave de la liturgie de S. Jean Chrysostome, Χρυσοστομικά S. 859, 860 A. 1; die Hss zählt auch Brightman p. LXXXVIII—XCI auf. Hss der Typica [Rubrikensammlungen] s. Brightman p. LXXXI1; Χρυσοστομικά. S. 286f.
11: R. Engdahl, Beiträge zur Kenntnis der byzantin. Liturgie [Neue Studien zur Geschichte der Theologie und der Kirche, herausgegeben von N. Bonwetsch und R. Seeberg, 5. Heft]. Berlin 1908, 1—43.
12: Cod. Sebastianov, saec. XI
13: Vgl. de Meester, Crusostomika. S.297ff., 302ff., 313, 319, 329 —356
14: Ausgaben u. Drucke aufgezählt bei Brightman a.a.O. p. LXXXIIIff., de Meester, Χρυσοστομικά. S. 285f.; R. Engdahl a.a.O. S. 87.
15: s. Brightman p.XCV.
16: Derselbe p. LXXXI—LXXXVIIff. u. XCII
17: s. Joh. Aucher, Crusostomika. 2. fasc. S. 359—404. La versione armena della liturgia di S. Giovanni Crisostomo. Cyr. Charon, Le rite byzantin et la liturgie chrysostomienne dans les patriarcats melkites, Crusostomika. S. 437ff., im Patriarchat Alexandrien S. 437 ff., im Patriarchate Antiocheia und Jerusalem S. 485ff. Er zählt die arabischen Handschriften der Chrysostomus-Liturgie auf S. 524ff., während Const. Bacha einen Beitrag lieferte: Notions générales sur les versions arabes de la liturgie de S. Jean Chrysostome, suivies d’une ancienne version inédite, Χρυσοστομικά. S. 405—471. Alex. Petrovski, Histoire de la rédaction slave de la liturgie de S. Jean Chrysostome, Χρυσοστομικά. S. 859ff., Jos. Bocian, De modificationibus in textu slavico liturgiae S. Joa. Chr. apud Ruthenos subintroductis, Χρυσοστομικά. S. 929ff. Ch. Auner, Les versions roumaines de la liturgie de S. Jean Chrysostome, Χρυσοστομικά. S. 731—769. Konr. Lübeck, Die christlichen Kirchen des Orients [Sammlung Kösel 43]. Kempten 1911.