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Bild
Titel:
Erster Appenzeller Comic?
Thema: Kultur
Ort: Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden
Datum: --.--.1790
Masse: 16,4 x 15,8 cm
Standort: Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, KB-017177
Urheber/-in: Mathias Sturzenegger
Beschreibung:
Der «Brandtenwein Säufer» steht mit erhobenem Glas, in leichter Schräglage vor dem Wirtshaus «zum Bären» [1]; in seinem Rücken zwei Kinder, die ihn mit erhobenem Zeigefinger verspotten, währen ihm zwei Männer in der Eingangstür den Eintritt zu verwehren scheinen. Der Hintergrund des gleichen Bildes zeigt den Sturz des Trunkenboldes in eine Güllengrube als Folge seiner Alkoholausschweifungen [2].
Geschichte:
«Lustig gelebt und selig gestorben: Heisst dem Teufel die Rechnung verdorben!» Dieses alte deutsche Sprichwort stellt der Texter seinem Bildkommentar voran und lässt dann einen warnenden Appell folgen, der sehr dezidiert und nicht ohne mahnenden Warnfinger die Aussage des Sprichwortes an den Pranger stellt. Der Appenzeller Kalender setzt seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gezielt das Medium Bild ein. Über die rein illustrative und unterhaltende Wirkung hinausweisend, ermöglicht es eine Erweiterung und Präzisierung der inhaltlichen Aussage des Textes.
Die 34 in der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden in Trogen archivierten Holzschnitte sind die Originalplatten, grösstenteils hergestellt von Mathias Sturzenegger (1751–1807), die für den Druck des Appenzeller Kalenders verwendet wurden. Die Motive sind von «offensichtlicher Naivität und schlichter Ausgestaltung», was als Konzession an die Verbreitung im ländlichen Umfeld interpretiert wird. Die Abbildungen stehen nie für sich alleine, sondern immer in einem schriftlichen Kontext einer weiterführenden Erläuterung, die in den meisten Fällen dem Bild nachgestellt sind. Die künstlerische Qualität der Holzschnitte ist bescheiden, etwa im Vergleich mit den bereits im 15. Jahrhundert angefertigten Druckgraphiken der italienischen Renaissancekünstler oder eines Albrecht Dürer. Ihre Bedeutung liegt in den darin gezeigten Appellstrukturen, in bedeutungsperspektivischen Hervorhebungen zentraler Elemente, wenn auch mit flacher, wenig plastischer Ausarbeitung der Motive und Figuren, was auf den Charakter des Appenzeller Kalenders als Gebrauchsmedium für «das Volk» des 18. Jahrhunderts hinweist.
Die Schlichtheit des vorliegenden Bildes aus dem Appenzeller Kalender von 1790 mit fast plakativer Wirkung wird dazu benutzt, dem moralischen Appell gegen den übermässigen Alkoholkonsum Nachdruck zu verleihen. Die Abbildung bedarf einer im Lauftext festgehaltenen Erklärung, welche die tragischen Umstände des Trinkers erhellen kann. Der «deiktische Gestus» der beiden fremden Kinder – es sind wohl nicht jene des Trinkers, weil diese gemäss Text durch Vernachlässigung «nacket» umhergehen mussten – verspottet den «Saufjochen», während der Trinker mit erhobenem Glas auf einem Bein stehend zu verstehen geben will, dass er nicht betrunken sei. Seine Schräglage lässt allerdings etwas anderes vermuten. Daher auch der eine Mann mit erhobenem Arm, der dem Trinker den Einlass in die Wirtsstube verweigern will, während der zweite Beobachter, vom Trinker abgewendet, die Reaktion des Mannes abzuwarten scheint. Der Beobachter steht etwas dunkler gezeichnet im Hintergrund und nimmt eine ähnliche voyeuristische Perspektive ein, wie wir es als Betrachtende des Bildes tun. Im Text wird berichtet, wie der Pfarrer versucht, den «Saufjochen» vom Trinken abzubringen, wie dieser Anstrengungen unternimmt, aber dennoch rückfällig wird und elendiglich in einer Güllengrube ertrinkt.
Das Exempel des «Saufjochen» wird in einer Anmerkung noch kommentiert. Der Holzschneider findet für die visuelle Umsetzung in der Abbildung eine neuartige Lösung: Die zeitliche Abfolge der zwei dargestellten Ereignisse – der Trinker mit erhobenem Glas vor dem Wirtshaus und der Fall desselben in eine offene «Mistlache» – auf nur einem Bild. Auch wenn es etwas weit gegriffen wäre, bereits vom ersten «Appenzeller Comic» zu sprechen, so bedeutet diese Bildanlage dennoch ein Novum in der Bildsyntax des Appenzeller Kalenders.
Autor: Patrick Lipp, Trogen
Literatur:
Quellen:
KBAR, App P 10 und KB-017177 AK 1790 mit Druckstock.
Literatur:
Krejca, Ales: Die Techniken der graphischen Kunst. Handbuch der Arbeitsvorgänge und der Geschichte der Original-Druckgraphik. Hanau 1991.
Münkner, Jörn: Eingreifen und Begreifen. Handhabung und Visualisierungen in Flugblättern der Frühen Neuzeit. Berlin 2008 (Philologische Studien und Quellen, 214).
Schläpfer, Walter: Pressegeschichte des Kantons Appenzell Ausserrhoden. Das Zeitungswesen im Kanton Appenzell Ausserrhoden in seiner geschichtlichen Entwicklung. Herisau 1978.
Thürer, Georg: 250 Jahre Appenzeller Kalender. Ein Beitrag zur Literatur des kleinen Mannes. In: Rorschacher Neujahrsblatt 62 (1972), S. 125–144.
Tschui, Teresa: Wie solche Figur zeiget. Der Schweizerische Volkskalender als Bildmedium. Bremen 2009 (Presse und Geschichte, neue Beiträge, Bd. 40).
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