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Seit Jahren habe er einen Film bauen wollen aus dem Material, das hunderttausende von Überwachungskameras in China permanent aufzeichnen, verkündet Xu Bing im Vorspann.
Aber erst seit drei Jahren sei das alles über eine zentrale Internetdatenbank abrufbar und frei zugänglich.
Also hat Xu Bing mit seinem Team tausende von Stunden von Überwachungs-Footage zusammen getragen, einzelne Standorte ausgesondert und schliesslich mit zwei Drehbuchautoren einen Geschichte geschrieben, die dem Material zwei Hauptfiguren, eine tragische Liebesgeschichte und einen roten Faden gibt.
Quing Ting wollte Nonne werden, aber schliesslich verlässt sie das buddhistishe Kloster und beginnt in einer industriellen Milchfabrikationsanlage zu arbeiten. Ihr Job da ist die Reinigung der Euter der hunderten von Kühen, die sich den ganzen Tag auf das riesige Melkkarusell in einer grossen Halle einreihen.
Ke Fan, der in der Fabrikationsüberwachung arbeitet, verliebt sich in die junge Frau und verhilft schliesslich einer Kuh zur Flucht, um sie zu beeindrucken. Das kostet beide den Job und nun begibt sich der Film auf eine Odyssee durch den chinesischen Alltag.
Beide suchen Arbeit, Ke Fan sucht Quing Ting, er hilft ihr, sie will seine Hilfe und Gesellschaft nicht, und schliesslich landet er im Gefängnis, weil er Ungerechtigkeiten ihr gegenüber von Dritten nicht duldet und auf dem Highway ein Auto rammt.
Das alles ist zum Teil recht amüsant, dann auch wieder verblüffend, weil sich die «found footage» der Überwachungskameras für fast alles zu eignen scheint. Das wird natürlich erleichtert durch den Umstand, dass das alles stumme Aufnahmen sind.
Mit Ton und gelegentlicher Erzählerstimme lassen sich Lücken füllen und Zusammenhänge herstellen. Und mit gelegentlichen spektakulären Aufnahmen von Unfällen oder zusammenstürzenden Gebäuden oder auch mal einer von einer ungerührten Kamera aufgezeichneten Schlägerei erzeugt der Film einen gewissen Sog.
Gleichzeitig muss Xu Bing das zentrale Manko ausgleichen, dass seine zwei Hauptfiguren weitgehend gesichtslos bleiben. Jede junge Frau mit langen schwarzen Haaren, welche von Überwachungskameras bei passender Tätigkeit gefilmt wurde, kann für Quing Ting stehen. Das macht eine klassische emotionale Bindung an die Figuren fast unmöglich.
Ein Twist gegen Ende des Films spielt dann auch noch genau damit und mit den Möglichkeiten der plastischen und der virtuellen Persönlichkeitsveränderung, und hebt den Film damit auch noch ein wenig über die blosse Spielerei hinaus.
Nun ist allerdings das Konzept des Überwachungskamerafilms nicht so neu, wie Xu Bing einen glauben machen möchte.
Schon 2007 drehte die Österreichische Künstlerin Manu Luksch in England den Spielfilm Faceless vollständig mit Hilfe der öffentlichen Überwachungskameras. Ihre Aktivistengruppe Ambient TV machte sich dabei den Data Protection Act von 1998 zu Nutze, der unter anderem das Recht jeden Bürgers auf die Videoaufnahmen mit seinem Gesicht festlegte.
Indem Luksch und ihre Truppe über fünf Jahre hinweg ihre Szenen vor öffentlichen Überwachungskameras spielten und danach mit genauer Zeitangabe die Herausgabe der Bänder forderten, kamen sie an ganz eigenwilliges Material heran. Denn die Behörden waren gezwungen, die Aufnahmen herauszugeben, gleichzeitig aber mussten alle Gesichter ausser dasjenige der anfordernden Manu Luksch abgedeckt werden. Das passierte damals in den VHS-Zeiten noch mit einfachen Flachen Kreisen über den Gesichtsflächen.
Luksch hatte also schliesslich die von ihr inszenierten Gruppenszenen mit lauter abgedeckten Köpfen und ihrer eigenen, Ma Nu genannten Figur, die als einzige ein sichtbares Gesicht hatte. Daraus baute das Kollektiv die dystopische Geschichte von Faceless.
Xu Bings vollständig aus echter «found footage» gebauter Film hat dagegen zwar ein paar überraschende Momente und zwei drei Aufnahmen, die wahrhaft spektakulär sind. Aber solche finden sich natürlich auf YouTube zuhauf, allein schon die tausenden von via Dashcam gefilmten Unfälle und Zwischenfälle aus aller Welt bilden da eine ganz eigene Videothek.
Damit ist Quing Ting zhi yan vor allem ein «proof of concept» und ein medientheoretisch und gesellschaftsphilosophisch unendlich ergiebiges Sujet. Aber kein wirklich starker Spielfilm.