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erschienen 2008
In diesem Artikel setze ich mich mit dem Konzept von Timeout-Schulen auseinander. Dabei werde ich auf Erfolgsfaktoren und Wirkungsdimensionen eingehen. Und natürlich die Sinn-Frage stellen.
Seit einigen Jahren entstehen an verschiedenen Orten in der Schweiz und den umliegenden Ländern so genannte Time-out Schulen, besondere Integrations- oder Supportklassen. Das Interesse seitens Lehrkräfte und Schulleitungen, Schulbehörden aber auch seitens Eltern wächst, hilfreiche Informationen sind aber rar. Um fundiert über Time-out Schulen nachdenken zu können, ist es wichtig, Klarheit zu folgenden Fragen zu bekommen: Was ist der Auftrag, den sich die Schulen im Umgang mit schwierigen Schülern und Schülerinnen in schwierigen Situationen geben. Was muten sie sich zu und wo ziehen sie Grenzen. Was gibt es für Lösungsansätze einer schulischen Auszeit und was sind Erfolgsfaktoren und Wirkungsdimensionen. Auf diese Punkte gehe ich nachfolgend ein.
Kevin, 10 Jahre hängt seit Tagen in seinem Stuhl, schläft, ist apathisch präsent oder autistisch zurückgezogen. Die 14-jährige Ramona verweigert jegliche Anweisungen, schliesslich rastet sie aus und zerstört Schulmobiliar. Der 7-jährige Murat beschimpft seine Lehrerin als Schlampe, der 16-jährige Robin handelt in der Schule mit Cannabis und Koks, er schwänzt, bedroht und verprügelt jüngere und schwächere Schüler. Der 15-jährige Dani misshandelt während einem Klassenlager zusammen mit Freunden einen 8-jährigen und sperrt ihn in ein enges Gitter wo er ihn beschimpft und bespuckt. Die ganze Szenerie wird per Handy gefilmt und an die Kollegen versendet.
Es gibt Situationen und Konstellationen in Klassen und Verhaltensweisen von Schülerinnen und Schülern, die eine Weiterarbeit verunmöglichen. Für manche Krisen reichen pädagogische Massnahmen und Unterstützungsmöglichkeiten nicht aus und die Verantwortungsbereiche und Kompetenzen von Lehrkräften werden gesprengt. Die Schule ist zwar verantwortlich, dass Kinder und Jugendlichen beschult werden, doch es gibt auch Schülerinnen und Schüler, welche die Integrationsmöglichkeiten einer Regelklasse übersteigen. Es gibt Kontexte, und Schicksalsschläge, denen Regelklassen mit einem Betreuungsschlüssel von 1 : 20, bei kleineren Klassen, nicht gewachsen sind. Manchmal müssen Klassenkameraden oder die Durchführung des ordentlichen Unterrichts vor einzelnen Schülerinnen und Schülern geschützt werden. Manchmal haben Störungen schon zu lange Vorrang und sind schon fast zum Alltag geworden. Die Schule ist gezwungen zu handeln.
Kevin, Ramona, Murat, Robin und Dani gehörten zu den Kriseninterventions-Kandidaten der Time-out Schule. Bei ihnen waren sich allen Beteiligten einig, dass schnell etwas passieren und klare Zeichen gesetzt werden mussten. Sie kamen alle innerhalb weniger Tage nach einem Eklat in die Time-out Schule, so dass die Klassen und Lehrkräfte in allen Fällen unmittelbar entlastet werden konnten. Während einige davon die Auszeit als Chance wahrnehmen konnten und erfolgreich in ihre Stammklassen oder Parallelklassen reintegriert werden konnten, wurde das Time-out für Ramona und Robin lediglich zu einem Übergang. Ramona wurde an eine Institution weiter verwiesen und Robin wurde vorzeitig von der Schule ausgeschlossen.
Kriseninterventionen machten in den Anfangsjahren etwa einen Drittel der Belegschaft in der Time-out Schule Rorschach aus. Über die anderen zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen, die in die Time-out Schule kamen, gibt es keine Sensationsstories, sie kamen präventiv. Sie zeigten sich in ihren Stammklassen schulmüde, desinteressiert oder orientierungslos, versäumten Hausaufgaben über längere Zeit, verweigerten einzelne Aufträge und liessen ihre Lehrkräfte eine negative Entwicklung erahnen. Diese Schülerinnen und Schüler konnten ihr Time-out aber in den meisten Fällen sinnvoll nutzen und nachhaltig Entwicklungsschritte machen. Ihnen konnte die Time-out Schule Orientierung bieten und ihren Bedürfnissen gerecht werden.
In der Praxis scheint es mir sinnvoll zwischen schwierigen Schülerinnen und Schülern in schwierigen Situationen zu unterscheiden. Die Betrachtungsweise „schwieriger Schüler“ legt einen Fokus auf das Verhalten der Betroffenen und die Beziehungskomponente zwischen ihm und mir (als Lehrkraft, als Erziehungsperson oder als Teil der Gesellschaft). Die zweite Zuschreibung bietet sich an, die Betroffenen mit einer systemischen Brille zu betrachten und die Aufmerksamkeit auf Interaktionsmuster zwischen ihnen und ihrer Umwelt, den Klassenkameraden, dem Zuhause, Peergruppen etc. zu richten.
Schwierige Schülerinnen und Schüler sind Kinder und Jugendliche, die ich (als Lehrkraft, als Erziehungsperson oder als Teil der Gesellschaft) interventionsresistent erlebe, Kinder und Jugendliche, die ihre Energien destruktiv ausleben, Kinder und Jugendliche bei denen meine Interventionen, meine Interpretationen und meine Lösungsansätze nicht passen. Oft sind es auch einfach Kinder und Jugendliche, die nicht so sind und tun, wie ich das gerne hätte. Schwierige Schüler sind in diesem Sinne auch immer wieder ent-täuschend und horizonterweiternd, sie stellen Lernchancen und mehr oder weniger willkommene Herausforderungen für mich und die Gesellschaft dar.
Schülerinnen in schwierigen Situationen sind Teil eines Ganzen, sie dienen vielleicht als Ventil, sind das Symptom einer massiven Irritation und einer ungesunden Entwicklung. Sie können sowohl das schwächste Glied einer Kette sein als auch das kräftigste oder aber dasjenige, das in der Lage ist, auf sich aufmerksam zu machen. Ich kann mich an keinen Time-out Schüler erinnern, bei dem das gesamte Umfeld unbelastet war. Entweder gab es Mobbingkonstellationen, Ausgrenzungen u.ä. in der Stammklasse oder die Beziehung zwischen dem Schüler und seiner Lehrerin war auf irgendeine Weise gestört oder die Schülerin kam aus stark belasteten familiären Verhältnissen und nicht selten drückte der Schuh an allen Ecken und Enden. Der Vorteil einer systemischen Brille ist, dass sie weder dazu verleitet, dem Time-out Schüler die alleinige Schuld, die ganze Verantwortung und damit auch die Fähigkeit die gesamte Situation alleine zu ändern, zuzumuten, noch den Glauben an ein mechanistisches Verständnis von Auszeit-Lösungen zulässt. Zudem wird aus dieser Perspektive der Time-out Schülerin, wie jeder anderen Person des betroffenen Systems (Mitschülern, Freunden, Eltern und Geschwistern, Lehrkräften und Schulleiterinnen…), zugetraut, ihren Beitrag für eine gute Lösung leisten zu können. Schul- Biografien von Problemkids sind in der Regel lang, sie lassen sich über Jahre zurückverfolgen. Es sind mitunter traurige, bisweilen krasse und unvorstellbare Geschichten. Will nicht heissen, dass die Geschichten das Verhalten legitimieren. Auch wenn sich durch Kriegserlebnisse Aggressionen, oder durch Missbrauch Verweigerung durchaus plausibel begründen lassen. Die Schule darf ab einem gewissen Punkt Verhalten von Schülerinnen und Schülern nicht mehr entschuldigen und tolerieren.
Schüler ist unser erster Beruf und wie für jeden Job, so gibt es auch für den der Schülerin / des Schülers klare Erwartungen, Rechte und Pflichten. Was erwarte ich (als Lehrkraft, als Erziehungsperson oder als Teil der Gesellschaft) von einem jungen Menschen, wie hat er zu sein und sich zu verhalten, was hat er wie zu tun oder zu unterlassen?
Wie bei anderen Arbeitsstellen hängt auch als Schülerin das Anforderungsprofil von den Vorgesetzten, in diesem Fall von den Lehrkräften ab. Je nach Lehrerin oder Lehrer gibt es mehr oder weniger Anspruch und Freiheit betreffend Disziplin und Gehorsam, Anpassung und individueller Ausgestaltung, Selbstverantwortung, Engagement und sozialen Kompetenzen. Schulpflicht steht jedoch neben dem Recht auf Bildung. Die Schule ist für die Schüler da und nicht die Schüler für die Schule. So gilt auch die gegensätzliche Herangehensweise, die von den Lehrkräften Anpassung an die jeweiligen Schülerinnen und Schüler, ihre Fähigkeiten, Interessen und Möglichkeiten fordert. Das Recht auf Bildung kann nur eingehalten werden, wenn Lernstoff und Didaktik, Lerntempo und Atmosphäre den Schülerinnen auch entsprechen. Schulschwierigkeiten und schwierige Schüler entstehen nicht selten durch Unter- oder Überforderung, durch unangemessenes oder fehlendes Beziehungsangebot, durch einseitige Lernzugänge, durch unklare Regeln, Rahmen und Strukturen. Es ist als Schule wichtig sowohl attraktive und aktuelle „Arbeitsplätze“ für Schülerinnen anzubieten als auch klare Anforderungen und „Stellenbeschreibungen“ zu kommunizieren.
Bei der Gründung der Time-out Schulen im Kanton St. Gallen hatten sich die Probleme in den Schulen über längere Zeit angehäuft und Frust angestaut. Ein Aufschnaufen ging durch viele Lehrerzimmer als die Time-out Projekte endlich realisiert wurden. Einige Krisen konnten auch prompt entschärft werden. Die neuen Gefässe mussten sich aber zuerst definieren, profilieren und etablieren. Sie mussten erproben, abgrenzen und Klarheiten schaffen. Hoffnungen, Erwartungen und Wünsche mussten mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen und dem wirklich Machbaren abgeglichen werden.
Time-out Schulen können zum offiziellen Angebot der öffentlichen Schulen gehören, als private Institutionen oder Institutionsinterne Spezialangebote geführt werden. In der Schule fallen sie organisatorisch in den Bereich der Kleinklassen und vereinen schulische, sozialpädagogische und heilpädagogische Aufgabenbereiche.
Sie sollen helfen, präventiv kritische Schulkarrieren in gewünschte Bahnen zu lenken und akute Krisen zu deeskalieren. Der Charakter der Auszeit gilt dabei gleichermassen für die betroffene Schülerin, ihre Stammklasse und die Lehrkräfte.
Die verschiedenen Timeout Lösungen sind unterschiedlich organisiert. Konzepte und Ausgestaltung stehen und fallen mit den Lehrkräften und Sozialpädagogen und deren Besonderheiten. Sie verändern sich mit dem Standort, der pädagogischen Ausrichtung, den Konzepten von Eltern- und Umfeldarbeit, der Nähe oder Distanz zu den Stammklassen und dem Spektrum der Zielgruppe. Mal integrieren sie eher arbeitsagogische, mal spielpädagogische oder erlebnispädagogische Ansätze und ergänzen das schulische Lernen durch Alltagsgestaltung, Umfeldarbeit und soziale Lernformen.
Während präventive Konzepte davon ausgehen, dass eine Auszeit als Chance für eine Neuorientierung dienen kann und die Motivation der Schülerinnen fördert, wollen Interventionsprojekte eher Zeichen setzen. Für die Einen ist ein kürzeres Time-out in schwierigen Situationen ein verständliches Bedürfnis während neun Jahren Schulzeit, für die Anderen ist es die letzte Massnahme vor dem Schulausschluss.
Time-out Schulen versuchen, den Lehrkräften und Stammklassen eine Handlungsalternative für untragbare Situationen zu bieten. Eine anspruchsvolle Aufgabe, insbesondere auch weil viele Lehrkräfte in der Krisenbewältigung und Begleitung von Schülerinnen und Schülern selber schon sehr weit gehen und ihren Basisauftrag ausdehnen. Sie versuchen „ihre“ Probleme selber zu lösen, wenn es nur irgendwie geht. Durch diese Dynamik wird aus der Auszeit in vielen Fällen eher ein Ausschluss. Zu lange wurde gewartet und schon zuviel an Vertrauen, Beziehung und Arbeitsgrundlage zerstört.
Nach meinen Erfahrungen als Leiter und Lehrer der Time-out Schule Rorschach, als Lehrtrainer, Supervisor und Coach von Lehrkräften und Sozialpädagoginnen verschiedener Time-out Institutionen bilden folgende vier Faktoren die Grundlage erfolgreicher Time-out Schulen: Andersartigkeit, Ressourcenorientierung, lösungsorientierte Zielarbeit und Kontextarbeit.
Eine Auszeit soll einen klaren Unterschied zum normalen Schulalltag bieten. Es braucht etwas anderes, anstatt mehr desselben. Das Besuchen des Matheunterrichts beim Parallellehrer ist noch keine Auszeit. Externe Räumlichkeiten, ein anderer Tages- und Stundenplan, andere Lerninhalte und unterschiedliche pädagogische Konzepte verstärken die Deutlichkeit des Time-outs und erhöhen die Erfolgschancen. Natürlich gilt es dabei anschlussfähig zu bleiben und die Andersartigkeit in den Dienst einer Reintegration zu stellen. Doch durch den unterschiedlichen Charakter hebt sich die Auszeit vom Unterricht in der Stammklasse besser ab, was sowohl die Bedeutung der Intervention unterstreicht als auch den Time-out Schülern einen Neustart eher ermöglicht und ihnen die Chance bietet, sich von einer anderen Seite zu zeigen. Gerade bei langjährigen Schulversagern und schulischen Misserfolgskreisläufen ist es wichtig, nicht einfach noch mehr Schule und noch mehr klassische Schüler – Lehrer Beziehungen anzubieten. Als besonders wirkungsvoller Zugang im Sinne der Andersartigkeit und Anschlussfähigkeit hat sich die Erlebnispädagogik herausgestellt. Je nach Dauer der Auszeit und den Zielsetzungen der Schülerinnen haben das Lernen am konkreten Schulstoff und das Dranbleiben am Lehrplan der Stammklasse einen grösseren oder geringeren Stellenwert. So braucht es bei einem Time-out eines Mittelstufenschülers mehr Strukturgleichheit zur Stammklasse als bei einer Schülerin der Abschlussklasse.
Wirkungsvoll zeigen sich Time-out Lösungen, bei denen die Andersartigkeit durch einen ganzheitlichen, ressourcenorientierten Umgang und eine lösungsorientierte Vorgehensweise unterstützt wird. Time-out Schulen leben davon, dass sie den Schülerinnen und Schülern Möglichkeiten bieten, sich von ihren guten Seiten, mit ihren Stärken und Fähigkeiten zu zeigen. Sie ermöglichen Erfolgserlebnisse in aussichtslosen Situationen. Sie versuchen Misserfolgskreisläufe zu unterbrechen und unterschiedliche Ressourcen an den Tag zu bringen, wertzuschätzen und zu würdigen. Auf diese Weise entsteht ein emotionaler Rahmen, der die Menschen als wertvoll achtet und gesundes Selbstvertrauen fördert. Ein breites pädagogisches Angebot, verschiedene, gleichwertige Lern-, Handlungs-, und Erfahrungsfelder erlauben es, einen Menschen in unterschiedlichen Situationen zu erleben und dadurch ein erweitertes Bild von ihm zu bekommen.
Mein Erfahrungsfeld als Lehrkraft beschränkt sich dann nicht auf einzelne Kulturtechniken, auf das Verhalten in geschlossenen Räumen und leistungsorientierte Schulfächer sondern wird erweitert durch Fähigkeiten und Talente beim gemeinsamen Kochen, bei Arbeitseinsätzen oder erlebnispädagogischen Unternehmungen. Die Pädagogik eines Time-outs folgt dem Spannungsfeld zwischen Akzeptanz und Konfrontation hin zur Entwicklung. Dabei gilt es, mit der beschriebenen systemischen (ressourcen- und lösungsorientierten) Haltung und einem wertschätzenden Umgang den Menschen zu begegnen und sie bezüglich ihres (Fehl-) Verhaltes mit klaren Regeln und Grenzen zu konfrontieren. Die Auseinanderhaltung von Person (Persönlichkeit) und Verhalten hat sich dabei als hilfreich erwiesen. Während Handeln, Sprache und Umgang trainiert werden können, wird dem Gegenüber auf der Ebene der persönlichen Begegnung Zugehörigkeit und das Gefühl angenommen zu sein, vermittelt.
Weiter erachte ich die Fokussierung auf Lösungsszenarien und eine konsequente systemische Zielarbeit als wesentlich. Das Zusammenführen der individuellen Ziele der Schüler, den Aufträgen ihrer Lehrerinnen und den expliziten Erwartungen ihrer Stammklassen trägt dazu bei, dass die beteiligten Parteien ernstgenommen und wertgeschätzt werden. Dies führt weiter dazu, dass von Beginn der Auszeit an konsequent auf Lösungen hingearbeitet werden kann, anstatt viel Zeit mit Vergangenheitsbewältigung zu verbringen. Gerade in festgefahrenen Situationen bereiten ehrliche Zielsetzungen und Lösungsfoki den Boden für Vertrauen und Zusammenarbeit, und vereinen Handlungsbereitschaft und Handlungsfähigkeit zu dem Momentum der Veränderung.
Der Anspruch, schwierige Schüler auch als Schüler in schwierigen Situationen zu betrachten, führt konsequenterweise zur Forderung nach Kontextinterventionen. Was machen die Stammlehrkräfte, die Familie, die Mitschülerinnen während der Auszeit eines Einzelnen? Was können sie dazu beitragen, dass das Time-out erfolgreich gelingt? Wie können sie einen Neustart und einen nachhaltigen Erfolg unterstützen?
Ein Schüler oder eine Schülerin kann während der Auszeit in einer Time-out Schule einiges erarbeiten, kann positive, neue Erfahrungen machen, Verhalten verändern oder neu erlernen, kann unangemessene Muster unterbrechen und Entwicklungsziele erreichen und doch hängt gerade bei einer Reintegration in die Stammklasse auch Vieles vom Kontext und dem grösseren System ab. Zu stark kann der Sog des alten Fahrwassers, der Stigmata und festgefahrenen Interaktionsmuster sein. Für das Erlernen neuer Handlungsoptionen, für Neuorientierung und für das Schöpfen von Hoffnung und Mut kann die begrenzte Dauer einer Auszeit ausreichen, doch für die Implementierung dieser Neuerungen, für die Pflege der jungen, empfindlichen Setzlinge braucht es die Mithilfe aller Beteiligten und insbesondere die Nachbereitung der Stammklassenlehrkräfte.
Der erste Nutzen der Time-out Schulen ist wohl ihr Bestehen überhaupt, das Wissen der Lehrkräfte, um die Möglichkeit für den Fall der Fälle, die Time-out Schule als Ass im Ärmel und Plan B im Hinterkopf. Das Angebot schafft Beruhigung, selbst wenn es gar nicht genutzt wird. Die Lehrkräfte und Stammklassen betroffener Schüler betonen die Entlastung, die Verschnaufpausen und die Möglichkeit zur Reflexion und Standortbestimmung. Für die Schülerinnen und Schüler, die in den Genuss oder auch in den Zwang einer Auszeit kommen, sind die Erfahrungen unterschiedlich, vom totalen Versagen und Scheitern über klassische Musterunterbrechungen bis zur Neuorientierung und dem erfolgreichen Neuanfang. Ähnlich breit gestreut sind die Erfolgszahlen oder besser, die Erfolgs- und Misserfolgsgeschichten.
Weitere Nebenwirkungen der Time-out Schulen sind der Bewusstseins- und Auseinandersetzungsprozess der Schulen mit dem Thema und die Suche nach einem angemessenen Umgang damit. Ihre Einführung bedingt einen weiteren Schritt Schulentwicklung. Die Schulen, die Behörden, die Schulleitungen und Lehrerkollegien müssen sich klar darüber werden, welchen Auftrag sie sich in diesen schwierigen Situationen auferlegen, sie müssen ihre Werte und Haltungen überprüfen, ihre Rahmenbedingungen und Grenzen definieren und sie müssen schliesslich auch dazu stehen, welche Aufgaben sie nicht mehr bewältigen können.
Sie müssen ihren Standort finden im Spannungsfeld zwischen Idealen und Realitäten: Mit welchen Grenzüberschreitungen kann ich als Lehrkraft, können wir als Lehrerkollegium, als Schule noch umgehen und wo sind auch unsere Grenzen überschritten? An wen können wir uns gegebenenfalls wenden und wie? Wie viel Aufwand (persönliches Engagement, Arbeitsstunden, Sitzungen, Elterngespräche, Nerven etc.) bin ich, sind wir gewillt und auch ganz konkret in der Lage zu investieren? Wie stark und wie lang dürfen der ordentliche Unterricht, das Klassenklima, einzelne Schüler und Lehrerinnen unter der Situation leiden?
Zwischen dem Recht auf Bildung und der Schulpflicht müssen sich pädagogische Konzepte profilieren, müssen Leitbilder entstehen, die den Schülerinnen und Schülern möglichst viel Selbstverantwortung zugestehen und sie dennoch in die Pflicht nehmen, auch unattraktive und auf den ersten Blick unnötige Lernschritte zu gehen. Dabei geben gesetzliche Vorgaben, Finanzbudgets, strukturelle, räumliche und politische Richtlinien die Rahmenbedingungen vor, innerhalb derer der Schulbetrieb ausgestaltet werden kann. Schulen und damit auch die Lehrkräfte sind sich gewohnt (und auch aufgefordert), alle Kinder und Jugendlichen aufzunehmen. Und oft ist nicht nur in den unteren Niveaustufen der Schule schon der Gedanke schwierig, einen jungen Menschen wegweisen zu müssen.
Time-out Schulen stellen den Versuch dar, einen Umgang mit schwierigen Situationen und Konstellationen zu finden. Trotz dem separativen Charakter ist ihr übergeordnetes Ziel die Integration, das Ermöglichen von Drehpunkten in kritischen Schulkarrieren und die Förderung von Zugehörigkeit in auseinanderfallenden Gefügen. Auch die Möglichkeiten von Time-out Schulen sind begrenzt, sie ersetzen weder Heimeinweisungen noch Therapien und können doch, sofern sie rechtzeitig zum Einsatz kommen, Schülerinnen auffangen und wieder auf Kurs bringen oder Schülern zu persönlichen Wachstumsschritten verhelfen und neue Motivation entfachen. Time-out Schulen bieten aber auch die konkrete Gelegenheit und Lernchance, an den Grenzthemen der Gesellschaft zu wachsen.