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Torre Fiorenzana, Gemeinde: Grono GR
Koordinaten: 731 / 123
Der Pizzo Castello

Der Pizzo Castello erhebt sich zwischen hohen Bergen des Misox und gleicht einem riesigen Schloss, das stolz auf die kleinen Dörfer des Tales niederblickt. Vor vielen Jahren wohnte im Dorf am Fusse des Pizzo Castello ein wunderschönes Mädchen. "Es ist so schön wie eine Blume", sagten die Leute, und mit der Zeit nannte man es nur Fiorenza, was in italienischer Sprache "schönste Blume" heisst.
Fiorenza war noch ein junges Mädchen, als an einem Herbstabend, wo jeweils der erste Nebel grau und kalt über den Dörfern liegt, ihre Mutter starb. Fiorenza blieb allein. Gross war ihre Trauer, kein Mensch vermochte sie zu trösten.
Eines Abends, während das junge Mädchen am Spinnrad sass, klopfte es plötzlich an die Tür. Fiorenza sprang auf und fragte sich, wer in so später Stunde noch kommen könne. Wie erschrak sie, als sie eine Schar von kleinen Männern vor sich sah. Sie waren alle alt, ja uralt wie die Zwerglein vom Märchenland. "Du brauchst keine Angst zu haben", sprach einer der Zwerge. "Wir sind gekommen, um dich aus dieser Einsamkeit zu erlösen. Wir sind die Zwerge des Berges. Dank unserer Arbeit gedeihen die Wälder und entspringen Quellen den Gletschern und den Felsen; komm mit uns und sei unsere Königin. Du wirst glücklich sein. Nur eines musst du uns versprechen: Nie darfst Du mehr zu den Menschen zurückgehen wollen."
"Ich komme gerne mit euch", antwortete Fiorenza, "denn nichts hält mich hier zurück".
Und so ging Fiorenza mit den Zwergen auf den Berg. Der Weg war lang und mühsam. Es tagte, als sie das Schloss der Zwerge erreichten. Es stand mitten in einer Lichtung, umgeben von steilen Felsen. Fiorenza konnte ihren Augen nicht trauen, ob all dem Reichtum und Glanz im Schloss. Sie war glücklich wie die Fee der schönen Sagen, die ihr einst ihre Mutter erzählte.

Eines Tages hörte man starken Lärm um den Berg. "Menschen wollen unser Schloss zerstören" riefen alle Zwergen durcheinander.
"Habt keine Angst" beruhigte Fiorenza die Zwerge und begab sich auf die Terrasse. Von dort sah sie einen jungen Ritter, der das Tor des Reiches zu öffnen versuchte.
"Wer bist du, hübsches Mädchen?" fragte er beim Anblick Fiorenzas.
"Ich bin die Königin der Bergzwerge! Ich verbiete dir, mein Königreich zu betreten!" antwortete Fiorenza und verschwand spurlos.
An jenem Abend hatte aber Fiorenza keine Ruhe. Es schien ihr auf einmal, sie hätte im Schloss zu wenig Luft, und die Zwerge fielen ihr lästig. Sie wünschte wieder unter Menschen zu sein; sie hatte Heimweh und dachte an das Grab ihrer Mutter, das sie lange vergessen hatte. Am folgenden Tag sagte Fiorenza den Zwergen, sie wolle das Grab ihrer Mutter besuchen.

Unten im Dorf sah alles ganz anders aus. Im Friedhof erkannte sie das Grab ihrer Mutter nicht mehr. Verzweifelt und unglücklich irrte das Mädchen im Kirchhof umher. Da sprach plötzlich eine Männerstimme in ihrer Nähe: "Sag mir deinen Namen, liebe Jungfrau!"
"Fiorenza" antwortete das Mädchen und ihr Herz klopfte vor Freude; denn sie hatte den jungen Ritter erkannt.
"Ich bin der Sohn der Grafen von Misox", fuhr der Ritter fort, "und wohne im Turm zu Grono. Von nun an soll der Turm zu deiner Ehre "Fiorenzana" heissen; denn er wird unser Heim sein. Du sollst meine Frau und Herrin des Tales werden!".
Aber Fiorenza hatte den Zwergen Treue versprochen. Sie verliess den Ritter, versprach ihm jedoch wiederzu kommen und lief den steilen Berg hinauf. Ihr Herz klopfte unruhig, denn sie hatte ein Versprechen gebrochen und fürchtete nun die Strafe der Zwerge.
Als es Tag wurde, wollte Fiorenza auf die Terrasse. Die Tür war zugeriegelt. Sie versuchte an einer zweiten, an einer dritten, an allen Türen: umsonst! Verzweifelt rief sie die Zwerge herbei und befahl: "ich will hinaus, macht die Türen auf!". Aber die Zwerge weigerten sich: "Nein, wir lassen dich nicht hinaus. Der junge Ritter wartet auf dich, und wir wollen dich nicht verlieren." Fiorenza senkte den Kopf. Sie hatte verstanden. Das wunderbare Schloss war nun ihr Kerker.
Tagelang weinte die Königin, und weil die Zwerge fürchteten, der junge Ritter könne sie weinen hören, bauten sie die Türme und die Mauern des Schlosses höher und höher. So wuchs der Pizzo Castello mächtig und höher als die anderen Berge. Jetzt schaut er auf den alten grauen Turm Fiorenzana. Dieser erinnert an die schöne Fiorenza und ihrer unglücklichlichen Liebe.