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Und nun die Schärfung. Das Regelbuch sagt, daß die Kürze des Selbstlauts überhaupt nur in betonten Silben, die nur auf einen Mitlaut ausgehen, bezeichnet wird, und zwar durch Verdoppelung dieses Mitlauts. Wenn man nur diese Regel konsequent durchführen wollte. Doch auch hier folgen auf die Regeln sofort die Ausnahmen. […] Schlimmer als die Schärfung ist die Dehnung. Zunächst sagt das Regelbuch, daß die Länge des Selbstlautes meist nicht besonders bezeichnet wird; unmittelbar dahinter aber heißt es, daß sie in zahlreichen Wörtern bezeichnet wird, und zwar, wie männiglich weiß, nicht durch ein, sondern durch drei verschiedene Zeichen. […] also für völlig gleichklingende Silben bis sechs verschiedene Schreibweisen.
Ortografische kennzeichnung der vokallänge (kürze, dehnung).
Zitate
Leo Weisgerber, Die Verantwortung für die Schrift, 1964, s. 162f.
Die hauptsächlichen „Dehnungszeichen“ (h und e in ie) haben bekanntlich wenig zu tun mit einem Primärwert „Kennzeichnung der Dauer der Vokale“, sondern gehen auf Ausweitungen von Einzelfällen zurück, in denen lautliche Veränderungen den Lautbezug einzelner Buchstaben modifiziert hatten. Es handelt sich also um typische Sekundärwerte. Nun könnte man sagen, daß diese neue Funktion als wertvoll anerkannt werden könne. Damit käme ein Sachwert ins Spiel, der durchaus positiv spräche, wenn er nicht mit dreierlei erkauft wäre: 1. diese Dehnungszeichen sind einer der folgenschwersten Einbrüche von Sekundärwirkungen in das Grundprinzip unserer Schrift, die immerhin eine Buchstabenschrift sein sollte; 2. mit den beiden Zufallsdehnzeichen ist seit Jahrhunderten der Weg versperrt, der zu einer unserer Schrift angemessenen ausreichenden Kennzeichnung der Vokalquantitäten hätte führen können; 3. darüber sind diesen ursprünglich funktionslos gewordenen Buchstaben so viele Traditionswerte zugewachsen, daß, losgelöst von allen Primär- und Sekundärwerten, die Vorstellung, daß an diesem Tertiärgebrauch sich etwas ändern könne, für einen großen Teil der Schreibgemeinschaft ein emotionales Zentrum ersten Ranges geworden ist.
Paul Eisen, Herr Professor von Raumer und die Deutsche Rechtschreibung, , s. 200
Daß die Dehnungszeichen ſelbſt bei der maßvollſten Reform unſerer maßlos verdorbenen Wortſchreibung zuerſt und vor Allem über Bord geworfen werden muſten und daß gegenüber dieſen elenden Überbleibſeln aus der wüſten Schreibweiſe vergangener Jahrhunderte zaghafte Beſcheidenheit and feige Scheu vor Eingriffen in die ſüße Gewohnheit ſehr wenig am Platze ſeien, darüber ſind außer denen, die mit beſchränktem Unterthanverſtande ſich vor dem Tyrannen uſus beugen, wohl Alle einig. Die dringend gebotene Herſtellung einer Einigung in der Deutſchen Rechtſchreibung iſt ohne Tilgung der Dehnungszeichen gar nicht denkbar.
Vokale von verſchiedener Quantität ſind zwar nicht eigentlich verſchiedene Laute; aber die Bezeichnung der Länge und Kürze gehört doch zur Genauigkeit der Schrift; manche Sprachen bez. Schriftarten haben für lange und kurze Vokale verſchiedene Buchſtaben, z. B. das Sanskrit und das Griechiſche (wenigſtens für e und o); andre bezeichnen die Länge durch den Cirkumflex (^), z. B. das Althochdeutſche und das Mittelhochdeutſche.
Theodor Vernaleken, Orthographisches Wörterbuch, 1869
Sehr erleichtert würde die Regelung der jetzigen Schriftſprache, wenn wir für die gedehnten (langen) Vokale beſondere Zeichen hätten, wie z. B. im griechiſchen ω neben ο, im mhd. æ neben ä. Grimm ſchlägt vor: „Das beſte Heilmittel ſchiene, auf Auszeichnung der Dehnung vor der Kürze zu verzichten, und ſie, wie früher, dem Leſer anheim zu geben.“
Verweise
fundsachen
de.wikipedia.org/wiki/Vokalquantität