Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03180.jsonl.gz/2532

Zuweilen wird der Begriff Risiko auch um Gewinnchancen erweitert. Im chinesischen Zeichen für Risiko/Krise 危机 beispielsweise bedeutet das erste Schriftzeichen „Gefahr“, das zweite „Chance“. Der erweiterte Risikobegriff wird als „kein Risiko ohne Chance, aber auch keine Chance ohne Risiko“ definiert. Allgemein wird als Risiko die Verlustgefahr bezeichnet, die aus dem unvorhergesehenen Eintritt von künftigen Ereignissen resultieren kann. Ökonomisch betrachtet sind Verlustgefahren unerwarteter erhöhter Aufwand oder erhöhte Kosten, geminderter Ertrag oder geminderte Erlöse. Die Verlustgefahren oder wirtschaftlichen Nachteile betreffen immer den Eintritt zukünftiger Ereignisse, von denen sowohl ungewiss ist, ob sie überhaupt eintreten, als auch, mit welcher Intensität sie eintreten werden.
Wir alle sind einer Vielzahl von Risiken ausgesetzt, denen wir uns selbst bei größten eigenen und fremden Anstrengungen nicht vollständig entziehen können. Denn mit jedem Handeln geht untrennbar das Entstehen von Risiken einher. Jede Person ist deshalb ein potenzieller Risikoträger, der die Möglichkeit hat, durch die Risikowahrnehmung auftauchende Risiken zu erkennen und zu tragen oder im Rahmen der Risikobewältigung eben auch Risikovermeidung, Risikominderung, Risikodiversifikation, Risikotransfer oder Risikovorsorge zu betreiben. Ob und inwieweit wir dies tun, hängt von unserer jeweiligen Risikoeinstellung ab.
Interessanterweise ruhte die Entdeckung Amerikas auf gleich mehreren Fehlannahmen: Abgesehen von der damals noch nicht weit fortgeschrittenen Wissenschaft der Kartografie war die Grundlage für den Versuch, einen kurzen Handelsweg nach Indien zu erkunden die zu geringe Berechnung des Erdumfangs von Christoph Kolumbus, die ein Erreichen des asiatischen Kontinents mit den damaligen Möglichkeiten der Seefahrt möglich erscheinen ließ.
Auf den Kanaren angekommen, ließ er also seine Schiffe überholen und Proviant aufnehmen. Am 6. September 1492 ließ man die Inseln westwärts, auf dem vermeintlichen Weg nach Indien, hinter sich. Mit idealen Windverhältnissen kamen sie schneller voran als vorhergesehen. Nach etwa zehn Tagen entdeckten sie Tangkraut und einige Vogelschwärme und man dachte, dass das Land nicht mehr weit entfernt sein könne.
Nach einigen Tagen wurde jedoch klar, dass die Seefahrer falsch lagen. Zudem drehte nun der Wind, so dass unter den Gefährten der Wunsch nach Rückkehr immer größer wurde. Unruhe brach aus. Obwohl uns die Entscheidungspsychologie etwas anderes lehrt: Unter dem sogenannten „Sunk-Cost-Effekt“ wird die Tatsache verstanden, dass Menschen dazu neigen, an der Handlungsalternative festzuhalten, in welche bereits mehr investiert wurde. Sei es, Geld oder Zeit. Und das selbst dann, wenn deutliche Hinweise bestehen, dass die Alternative nicht funktionieren wird. Das selbe gilt übrigens auch in anderen Bereichen wie bei beruflichen Positionen oder in toxischen Beziehungen. Doch, wenn es um Leben und Tod geht, erscheint es nur verständlich, nicht weiter in ein Ziel zu investieren, wie einen kürzeren Handelsweg nach Indien zu finden. Eine Meuterei war kaum noch abzuwenden.
Am 7. Oktober nahm Kolumbus eine unvorgesehene Kursänderung nach Südwesten vor. Dies stellte sich als eine glückliche Entscheidung heraus. Ein kreativer Lösungsweg abseits des eingetretenen Muster – heutzutage auch „Outside the Box thinking“ genannt. Hoch riskant. Aber sehr lukrativ.
Ein kritischer Tag, an dem die Meuterei der Besatzung kaum noch verhindert werden konnte, war der 10. Oktober. Es war schon über ein Monat seit der Abfahrt von den Kanaren verstrichen und keiner der Anwesenden hatte je eine längere Seereise hinter sich gebracht, bei der nie Land zu sehen war. Zudem muss man bedenken, dass eine Seefahrt im 15. Jahrhundert weit höhere Risiken birgte, als heutzutage. Der Einfluss äußerer Faktoren wie Naturkräfte, Mangelernährung und Krankheiten, sowie sozialpsychologischer Dynamiken an Bord waren damals kaum kalkulierbar.
Kolumbus versuchte, die Seefahrer von den Vorteilen zu überzeugen, die sie auf dem Land erwarten würden, rief die einflussreichsten Matrosen zusammen und erreichte eine letzte Frist von drei Tagen. Eine letzte Bereitschaft von beiden Seiten, ein Risiko einzugehen.
Und eine weitere, die sich auszahlte: Am 11. Oktober kam schwere See auf, welche Blütenzweige und einen bearbeiteten Stab an den Schiffen vorbeischwemmte. Des Weiteren sahen die Mannschaften Schilfrohr, und das Verlangen umzukehren wich erwartungsvoller Spannung und Freude auf das Land. Kolumbus befahl seinen Leuten, die Nachtwachen ernst zu nehmen und versprach demjenigen, der zuerst Land sehen würde, eine besondere Prämie. Um zwei Uhr am Morgen des 12. Oktobers 1492 sichtete einer der Matrosen vor dem Bug des Schiffes Land – die Bahamas.
Nun steht niemand von uns vor der Entscheidung, ob er sein Leben für eine Überquerung des Atlantiks aufs Spiel setzen sollte, um eine neue Handelsroute für ein Könighaus zu finden und als ruhmreicher Entdecker in die Geschichtsbücher einzugehen. Unsere alltäglichen Entscheidungen beantworten eher Fragen wie „Soll ich das Risiko eingehen, Motorrad zu fahren?“ oder „Binde ich mich an ein Eigenheim oder nicht?“. Solchen Belangen treten wir in aller Regel intuitiv gegenüber und treffen Entscheidungen „aus dem Bauche heraus“. Es gibt jedoch eine wesentliche Vorraussetzung, um überhaupt vor solche Entscheidungen gestellt zu werden: Die finanzielle Situation muss uns diese Freiheiten zunächst einmal ermöglichen.
Heutzutage sind äußere Einflusse besser einschätzbar als jeh zuvor und lassen sich auch besser kalkulieren. Wir kennen die Auswirkungen der Influation oder einer Null-Zins-Politik. Dementsprechend können wir auch handeln. Die Redewendung, etwas sei „eine sichere Bank“ gilt heute nur noch bedingt. Die Zeiten, da Finanzinstitute wie Felsen in der Brandung das Geld Ihrer Kunden schützen, sind vorbei. Zwar ist das Geld in dem Tresor eines gesicherten Instituts mit Risiko-Rücklagen gut vor Raub geschützt, nicht aber vor Entwertung durch ökonomische Einflüsse.
Je nachdem, welchem Risiko-Profil jeder einzelne von uns entspricht, lässt sich durch intelligentes Anlegen eine solide Basis legen, um sich seine Wünsche in der Zukunft erfüllen zu können. Egal, ob riskante Einzelinvestments oder weniger riskante, langfristige ETF-Strategien: Wenn man sich nur an ein paar Regeln hält, lassen sich die wirklich großen Fehler umschiffen. Doch wer meint, heutzutage gar kein Risiko eingehen zu können, der geht damit in Wahrheit ein hohes Risiko ein.
Auf zu neuen Ufern.
Haftungsausschluss: Alpian hat bei der Schweizer Finanzmarktaufsicht (FINMA) einen Antrag auf eine Vollbanklizenz eingereicht. Der Inhalt dieser Publikation dient nur zu Informationszwecken. Du solltest diese Informationen nicht als Rechts-, Steuer-, Investitions-, Finanz- oder sonstige Beratung auslegen.