Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03357.jsonl.gz/195

Was haben wir mitgefiebert und gelacht! Tollkühne Männer in komischen Kisten, deren Leben ein einziger Wettlauf um das grösste Abenteuer ist: Entfesslungstricks an Heissluftballons, Geschwindigkeitsrekorde in feuerspuckenden Raketen und endlich – das grosse Rennen um die Welt in archaischen Automobilen!
Das Hollywood-Epos «The Great Race» aus dem Jahr 1965 ist wie geschaffen für verregnete Sonntagnachmittage, ein zweieinhalb Stunden dauerndes, unverfängliches Slapstick-Vergnügen für die ganze Familie. Wobei: So harmlos ist die Geschlechterpolitik im Nachhinein vielleicht auch wieder nicht. Tony Curtis als strahlender, aber übergriffiger Saubermann wirkt vor der aktuellen #MeToo-Debatte jedenfalls um einiges sinistrer als sein übel gelaunter Film-Widersacher Professor Fate (Jack Lemmon).
Was das Kind im mittlerweile ausgewachsenen Manne aber wirklich verblüfft: Das grosse Rennen um die Welt fand tatsächlich statt, und es stand der Verfilmung in Sachen Wahnwitz um nichts nach.
Sechs Fahrzeuge, vier Nationen
Am 12. Februar 1908 waren auf dem Times Square in New York sechs Autos am Start, Reiseziel: der Eiffelturm, Paris. Die Zeitungen «Le Matin» und «The New York Times» hatten das Rennen ausgeschrieben, die vorgesehene Route führte nach Westen, zum Pazifik, nach Alaska, über die vereiste Beringstrasse und durch Sibirien nach Europa. Die Reisedauer wurde auf sechs Monate geschätzt, eine Viertelmillion Zuschauerinnen und Zuschauer wollten die Abfahrt nicht verpassen.
Die Teilnehmer stammten aus vier Nationen: Der Franzose G. Bourcier de Saint Chaffray hatte schon ein Motorboot-Rennen von Marseille nach Algier organisiert, bei dem alle Schiffe sanken. Sein Landsmann Charles Godard hielt einen 24-Stunden-Dauerfahrt-Rekord, der Italiener Emilio Sirtori reiste mit einem Dichter als Beifahrer an, und der deutsche Offizier Hans Koeppen wollte sich mit Ruhm bekleckern.
Publikumsliebling aber war der US-amerikanische Lokalmatador Montague «Monty» Roberts. Sein 25-jähriger Beifahrer George Schuster war ihm als Mechaniker vom Automobilwerk zur Verfügung gestellt worden, welches das US-amerikanische Gefährt gebaut hatte. Und obwohl die Zeitungen Schusters Namen konsequent falsch schrieben (falls sie ihn überhaupt erwähnten), sollte der Mechaniker das Rennen gewinnen.
Unter Wölfen
Die Fahrt war gnadenlos: Schon nach 96 Meilen blieb der erste Wagen auf der Strecke, der Mittlere Westen war komplett eingeschneit. Das Benzin mussten sich die Fahrer eimerweise in Eisenwarenhandlungen kaufen, in den Rocky Mountains wurden die Italiener von einem Wolfsrudel belagert. Hatte man sich zu Beginn noch darauf geeinigt, abwechselnd die Führungsarbeit zu übernehmen, war es mit den Nettigkeiten bald vorbei.
Saint Chaffray überwarf sich mit seinem norwegischen Mechaniker und forderte ihn zum Duell heraus, worauf dieser zu den Amerikanern überlief. Dort kündigte sich ein Fahrerwechsel an: Monty Roberts wollte aussetzen und Schuster den gefährlichsten Streckenabschnitt durch Alaska und Sibirien alleine fahren lassen, um in Europa dann frisch erholt das Steuer wieder zu übernehmen. Schuster schäumte vor Wut: Von jetzt an war es sein Rennen.
Das deutsche Fahrzeug erreichte Paris zuerst. Der Empfang war kühl, das Buffet kalt.
Mit grossem Vorsprung erreichte Schuster Alaska, nur um feststellen zu müssen, dass die Beringstrasse nicht länger befahrbar war. Für den Umweg wurde dem Amerikaner Zeit gutgeschrieben, die französische Rennleitung gab Weisung, sich via Japan nach Wladiwostok einzuschiffen.
Dort angelangt eröffnete de Chaffray den amerikanischen und italienischen Teams, dass er sämtliche Benzinvorräte aufgekauft habe. De Chaffray bot sie demjenigen an, der ihn als Sieger bis nach Paris mitfahren liesse. Die Italiener nahmen zwar den Treibstoff an, verzichteten aber auf die Begleitung. Der Franzose war raus.
Auf dem Weg durch Sibirien verfuhr sich Schuster wiederholt: Strassen gab es kaum, und die Einheimischen verstanden kein Englisch. So erreichte das deutsche Fahrzeug Paris zwar als erstes, allerdings war Koeppen eine Zeitstrafe von zwei Wochen aufgebrummt worden, weil er unterwegs sein Auto auf einen Zug verladen hatte. Der Empfang war kühl, das Buffet kalt.
«Vive le car américain!»
Am Abend des 30. Juli 1908 fuhr Schuster endlich in Paris ein, nur um von einem Polizisten gestoppt zu werden: Sein Gefährt hatte kaputte Scheinwerfer. Kurzerhand wurde ein Fahrrad mit funktionsfähiger Beleuchtung ins Auto gehievt – Problem gelöst, Rennen gewonnen. Mit «Vive le car américain!» wurde der Sieger frenetisch gefeiert.
Wieder in den USA kehrte George Schuster zu seiner Arbeit in der Autofabrik zurück, die ihm eine Anstellung auf Lebenszeit versprach. Fünf Jahre später schloss das Werk. Schuster wurde 99 Jahre alt und erlebte mit, wie sein Ruhm verblasste und 1965 von «The Great Race» überholt wurde.