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Ihr Kind kommt nach einem anstrengenden Schultag nach Hause und muss sich zuerst eine Stunde hinlegen. Über eine unbedachte Bemerkung der Lehrerin denkt es tagelang nach. Ein überfüllter Bus, reger Betrieb im Schulzimmer, ein volles Einkaufszentrum, ist für Ihr Kind unerträglich. Kommt Ihnen das bekannt vor? Dann gehört Ihr Kind vielleicht zu den 20 Prozent der Menschen, die empfindsamer sind als andere.
Was ist Hochsensitivität?
Hochsensitivität ist die starke Ausprägung eines Persönlichkeitsmerkmals. Nämlich der ausgeprägten Fähigkeit, die Umwelt wahrzunehmen und Eindrücke zu verarbeiten. Jeder Mensch ist sensitiv, entscheidend ist aber die Ausprägung. Sie ist eine angeborene, meist vererbte Verhaltensform mit situationsbedingten Vor- und Nachteilen. Es ist weder eine psychische Störung noch ein Krankheit. Was zeichnet eine Hochsensitivität aus?
- Erhöhte Reizwahrnehmung
Wahrnehmen was andere nicht vermögen. Das können ganz verschiedene Dinge sein. Zum Beispiel: Das Rascheln einer Serviette im Restaurant, der Geruch von einem Tag alten Wasser in der Blumenvase, die kratzige Sockennaht, das Risotto, das heute ganz anders schmeckt, weil es eine Prise weniger Safran enthält, unausgesprochene Themen während eines Familientreffens.
Das alles hängt mit der erhöhten Reizwahrnehmung zusammen, über die hochsensitive Menschen verfügen. Eine hochsensitive Person (HSP) unterscheidet Reize in zehn Varianten, wohingegen eine weniger sensible Person etwa fünf oder vielleicht auch nur zwei Varianten wahrnimmt. HSP nehmen nicht nur äussere sondern auch innere Reize vermehrt und intensiver wahr und verarbeiten diese tiefer, länger und andauernder.
- Intensive Gefühle und hohe Empathie
Hochsensitive Personen (HSP) investieren einen Teil ihrer Kapazitäten in Dinge, die für andere zunächst nicht wahrnehmbar sind. Das geschieht automatisch und ist eine Eigenheit, die ihr Gehirn ganz ohne Zutun des Bewusstseins leistet. Verantwortlich dafür ist die vertiefte Informationsverarbeitung. Diese Tiefe ist auch der Grund dafür, dass es wenig Input von aussen braucht, um einen Punkt zu erreichen, an dem der Bereich des Wohlfühlens überschritten und die Belastungsgrenze erreicht ist. Diese Tiefe ist ein ganz entscheidendes Merkmal und gleichzeitig an Aussenstehende am schwierigsten zu vermitteln, weil es nicht sichtbar ist. Diese vertiefte Informationsverarbeitung ermöglicht intensive Gefühle und eine hohe Empathie für andere. Ob Positives oder Negatives, beides erleben HSP viel intensiver als normale Menschen – und das kann erschöpfen.
- Sensorische Sensitivität
HSP besitzen eine höhere Aktivierungs-Sensibilität des Nervensystems. Das heisst, eine niedrigere Schwelle, bei der eine physiologische Reaktion ausgelöst wird. Egal ob es sich um grelles Licht oder Disharmonien in Beziehungen handelt. Selbst wenn man an einer Situation gar nicht beteiligt war, sondern nur Zeuge, ist es, als wäre man mittendrin gewesen. HSP haben keine Mauer um sich herum, keine Abgrenzung. Die Welt dringt in sie ein. So beinhaltet ein Schulzimmer für manche HSP eine Reizflut, die nur schwer zu ertragen ist. Geräusche, Gerüche, Stimmungen und Berührungen ergeben eine Mischung, die diese Kinder erst einmal verdauen müssen, wenn sie wieder zu Hause sind. Diese Belastungen sind von Aussen nicht sichtbar und darum stossen sie häufig auf Unverständnis.
- Verhaltenshemmung
HSP warten in neuen Situationen gerne beobachtend ab, bevor sie aktiv werden. Oder sie ziehen sich zurück, wenn es sich für sie nicht sicher anfühlt. Diese ruhige Wachsamkeit, ist nichts anderes als eine Überlebensstrategie , wie wir sie auch aus der Tierwelt kennen.
Ist jedes Kind mit ADS/ADHS gleichzeitig hochsensitiv?
Strömen viele Eindrücke auf ein hochsensitives Kind ein, kann es zu einer Reizüberflutung kommen. Betroffene Kinder fühlen sich erschöpft, geraten unter Stress, können sich nicht mehr konzentrieren und sind gereizt. Entgegen ihrer sonst so ruhigen Art beginnen sie vielleicht zu quengeln, zu schreien, zu weinen oder werden aggressiv. Dieses Verhalten weist Parallelen zu ADS/ADHS auf. Doch ein ADS/ADHS betroffenes Kind kann sich auch in einem friedlichen Umfeld nur schwer oder kaum konzentrieren. Der Unterschied: Ein hochsensitives Kind kann sich unter optimalen Bedingungen ganz im Gegensatz dazu überdurchschnittlich gut konzentrieren.
Hochsensitivität nur ein Konstrukt?
In gewissen Elternkreisen muss Hochsensitivität als Erklärung für alle möglichen Schwierigkeiten herhalten. Man erzählt erleichtert, dass das unruhige, bei Aufgaben unkonzentrierte und in Prüfungen leistungsschwächere Kind einfach nur hochsensitiv ist. Ebenso wird eine tiefe Frustrationstoleranz schnell mit Unterforderung im Unterricht und Hochbegabung begründet.
Auch ein zu hoher Leistungsdruck zu Hause, in der Schule und traumatische Erlebnisse können einen anhaltenden Stress auslösen, die eine höhere Sensitivität zur Folge hat. Daher ist es überaus wichtig, ganz genau abzuklären, ob wirklich eine Hochsensitivität als Persönlichkeitsmerkmal vorliegt oder nicht.
Was hochsensitiven Kinder in der Schule Mühe bereitet
- Überstimulation im Klassenzimmer durch Lärm und Unordnung.
- Mögliche Gefahr der Langeweile durch rasche Auffassungsgabe.
- Ständige Teamarbeit, da sie eine Neigung zum stillen Beobachten haben und ihre Zeit brauchen, bis sie sich in einer Gruppe wohlfühlen.
- Ihr perfektionistischer Anspruch an sich selber.
- HSP erholen sich weniger durch Bewegung. Turnunterricht und ein Pausenplatz mit vielen Kindern sind Stressfaktoren. Erholsamer wären Rückzugsmöglichkeiten, die wichtige Regenerationsphasen bieten.
- Werkstattunterricht in grossen Gruppen: Eine strukturierte, klare Klassenführung und ein interessanter Frontalunterricht ist für viele HSP entspannter.
- Lange Unterrichtsblöcke am Stück: Besser wären kreative Stundeneinstiege und regelmässige Kurzpausen. Zum Beispiel durch eine kurze Meditation beim Ankommen, Fantasiereisen oder Rituale. Sie wirken beruhigend und sind stressreduzierend.
Stärken hochsensitiver Kinder
- Ausgeprägte Empathie
- Grosses kreatives Potential
- Feines Gespür für zwischenmenschliche Spannungen
- Fähigkeit zur genauen und tiefen Analyse von sich selbst und ihrer Umwelt
- Schnelligkeit im Aufspüren von feinsten Unterschieden (auch über die Sinne)
- Erfassen einer Thematik auf allen Ebenen ihres Seins und Erkennen kleinster Zusammenhänge und Disharmonien
- Ausgeprägte Sinneswahrnehmungen
Quintessenz
Für HSP und deren Eltern ist der Schulalltag eine tägliche Herausforderung, weil die herrschenden Bedingungen alles andere als optimal sind. Wer dann endlich herausfindet, dass sein Kind hochsensitiv ist, fühlt sich im ersten Moment erleichtert, weil man endlich weiss was los ist. Nicht man selbst mit seinem eigenen Handeln ist schuld an Schwierigkeiten, sondern ein besonderes Persönlichkeitsmerkmal. Diese anfängliche Erleichterung ist allerdings erst der Anfang eines Weges, auf dem es darum geht, sein Leben so zu gestalten, dass es sich stimmig anfühlt. Dieser Weg ist in einer schnelllebigen, lauten und leistungsorientierten Gesellschaft nicht einfach. Denn in Regel wird die Umwelt von Menschen gestaltet, die diese Veranlagung nicht haben und ganz anders funktionieren. Da in unserer Kultur Durchsetzungsvermögen, Leistungsbereitschaft und Stärke bevorzugt werden, wird das Persönlichkeitsmerkmal Hochsensitivität als etwas angesehen, mit dem es sich schwer leben lässt oder das geheilt werden muss. Das wichtigste für HSP ist im Laufe ihres Lebens die Balance zwischen Energieverlust und Energiegewinnung zu finden und sich seiner Stärken bewusst zu sein. Ausserdem empfiehlt es sich zu lernen die Ansprüche, die von Aussen an HSP herangetragen werden, besser von den eigenen Ansprüchen abzugrenzen. Es empfiehlt sich mehr auf die eigene Intuition zu hören, den eigenen stimmigen Lebensrhythmus zu finden, ihn zu akzeptieren und das Leben danach auszurichten. Denn HSP sind eine grosse Bereicherung für unsere Gesellschaft!
Wenn Sie gerne eine umfassende Beratung zum Thema Hochsensitivität und mögliche Unterstützung im Umgang damit wünschen, kontaktieren Sie mich.