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Helmut Kohl wäre es als Bundeskanzler nie in den Sinn gekommen, die Schweiz zu piesacken. Es entsprach seinen Grundsätzen, dass Deutschland mit den Nachbarn ein gutes Verhältnis pflegen müsse.
Die Flugzeuge, die in Kloten landeten, machten zwar schon damals über einem südlichen Zipfel Baden-Württembergs ein wenig Lärm, aber Kohl ging mit den Klagen der deutschen Anwohner gleich um wie mit manchen Problemen, die sich seiner Regierung stellten: Er sass sie aus. Er tat ganz einfach nichts. Er verhängte kein kompliziertes Flugregime mit nördlicher Anflugsperre ab frühmorgens 6 Uhr – er bestellte einen trockenen Riesling, ass einen Saumagen, und alles blieb, wie es war.
Wenn es ihm angezeigt schien, handelte er so lange nicht, bis sich niemand mehr daran erinnerte, warum ihn ein Teil der politischen und medialen Öffentlichkeit zum Handeln aufgefordert hatte. «Alles kommt zur rechten Zeit, wenn die Menschen lernen würden zu warten», schrieb François Rabelais.
Kanzler Kohl wäre auch nie auf den Gedanken gekommen, eine Kavallerie in Bewegung zu setzen, um die Schweiz zur Aufgabe des Bankgeheimnisses zu zwingen. Kann sich jemand Kohl auf einem Pferd vorstellen? Für die CDU, die hierzulande mehrere Schattenkonten unterhielt, wäre das Ende des Bankgeheimnisses delikat gewesen.
Statt Drohungen auszusprechen, reiste der Kanzler also ins Wallis und besuchte das Grab Rainer Maria Rilkes. Jean-Pascal Delamuraz liess Raclette servieren, und Adolf Ogi unterliess es wahrscheinlich nicht, auf die völkerverbindende Bedeutung des Sports hinzuweisen.
Die Schweizer Politiker waren naiv genug zu meinen, der ewige Kanzler werde nie abgewählt. Davon ging auch der Pfälzer aus. Als es dann doch geschah, gab es statt Riesling und Saumagen bald den Südanflug.