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Das Bildungswesen ist in drei Stufen gegliedert: in die obligatorische Schule, welche mit der Sekundarstufe I schliesst, in die Sekundarstufe II, welche die berufliche Grundbildung, die Gymnasien und Fachmittelschulen umfasst, und in die Tertiärstufe, welche im Hochschulteil aus Universitäten und den beiden ETH, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen zusammengesetzt ist und im Nichthochschulteil aus der höheren Berufsbildung. In Analogie zu den Begrifflichkeiten von Mittelstand, Unterschicht und Oberschicht kann man also Personen, die als höchsten Bildungsabschluss einen Lehrabschluss gemacht oder eine Maturität erworben haben, als den Bildungsmittelstand bezeichnen.
Dieser Mittelstand wird einerseits dadurch gestärkt, dass es dem erklärten politischen Willen entspricht, die Zahl der Personen ohne nachobligatorischen Bildungsabschluss auf maximal fünf Prozent der 25-Jährigen zu reduzieren und somit mehr Personen dem Bildungsmittelstand zuzuführen. Auf der anderen Seite haben die Bildungsreformen Anfang der Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts dazu geführt, dass heute deutlich mehr Personen den Aufstieg vom Mittelstand in die Bildungsoberschicht, d. h. in die tertiäre Bildung schaffen. Hatte 1996 von den 25- bis 36-jährigen Personen in der Schweiz die Mehrheit noch einen Sekundarstufe-II-Abschluss als höchsten Bildungsabschluss, hat die Mehrheit dieser Alterskategorie 20 Jahre später einen tertiären Bildungsabschluss (siehe Abbildung 1).
Abb. 1: Höchster Bildungsabschluss der 30- bis 39-Jährigen (1996 und 2016)
Quelle: Sake (BFS) / Die Volkswirtschaft
Aufstiegsmöglichkeiten dank kluger Reformen
Eine starke Verbreitung tertiärer Bildungsabschlüsse gehörte vor 20 Jahren in jedes bildungspolitische Arbeitsprogramm einer Bildungsministerin oder eines Bildungsministers eines OECD-Landes. Während dies praktisch alle Länder über eine Ausweitung der allgemeinbildenden Ausbildungstypen auf der Sekundarstufe II (Gymnasien) und auf der Tertiärstufe durch ein Aufblähen des Universitätssystems bewerkstelligten, differenzierte die Schweizer Bildungspolitik die Zugangswege zur tertiären Bildung über die Schaffung der Berufsmaturität, der «Passerelle Dubs», d. h. die Möglichkeit des Zugangs zu Universitäten nach der Berufsmaturität und den Fachmaturitäten.
Das Wachstum auf der Tertiärstufe in der Schweiz ist denn auch weniger die Folge einer Erhöhung der gymnasialen Maturitätsquote (die eigentlich seit Mitte der Neunzigerjahre mehr oder weniger stagniert) als vielmehr eines starken Wachstums der Berufsmaturitäten, eines noch kleinen Beitrags durch Fachmaturitäten und nicht zuletzt der höheren Berufsbildung, bei welcher eine Maturität nicht immer die Voraussetzung für einen Abschluss darstellt. Die Vorteile der Differenzierung der Zugangswege auf der Sekundarstufe II gegenüber einer simplen Ausweitung der Gymnasien waren vielfältig. Auf der einen Seite konnte dadurch die Attraktivität der Berufsbildung erhalten werden, auf der anderen Seite war sie eine Grundbedingung für eine ebensolche Differenzierung auf der Tertiärstufe mit Universitäten, Fachhochschulen und der höheren Berufsbildung. Würde der Zugang zur Tertiärstufe uniform erfolgen, dann würde es auf der Tertiärstufe weniger eine Ausdifferenzierung nach Bildungstypen geben als vielmehr eine Qualitätsdifferenzierung zwischen den Hochschulen.
Tertiär, aber mit welchem Wert?
Schon seit den Sechzigerjahren wird befürchtet, dass der Aufstieg in die Bildungsoberschicht von immer grösseren Teilen der Bevölkerung nicht nur Positives mit sich bringt. Stichwörter wie Akademikerschwemme waren ein Hinweis auf die Befürchtung, dass man bildungsmässig zwar mehr Leute formal höher qualifizieren könne, da aber die entsprechende Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt fehlt, diese höhere Qualifikation nicht mit dem erwarteten Aufstieg in die einkommensmässige Oberschicht verbunden wäre. In der Schweiz zeigen neueste Analysen, dass sich diese Befürchtung nicht bewahrheitet hat.
Die quantitativ starke Ausweitung des tertiären Sektors ist weder in absoluten noch relativen Zahlen mit einer Minderung der Einkommen der länger ausgebildeten Personen einhergegangen. Zudem zeigen die typenspezifischen Bildungsrenditen, dass der im Durchschnitt zu erwartende Einkommenszuwachs aller tertiären Ausbildungstypen ähnlich hoch ausfällt und tendenziell sogar besser in den nicht universitären Typen. Auch hier zeigt sich wiederum ein Vorteil der Ausweitung der tertiären Bildung durch die Ausbildungsdifferenzierung. In den Ländern, in denen das Wachstum durch eine Qualitätsdifferenzierung zwischen den Universitäten aufgefangen wurde, haben sich auch dementsprechende Einkommensabstufungen ergeben. Diese gehen so weit, dass man bei Institutionen minderer Qualität nicht einfach etwas tiefere Bildungsrenditen erwarten, sondern – wie neue Studien zu den «For-Profit Colleges» in den USA zeigen – mit negativen Renditen rechnen muss, d. h., hier wären die Studierenden einkommensmässig besser gefahren, wenn sie ganz auf den Bildungsaufstieg, sprich das Studium, verzichtet hätten.
Soziale Determinanten der Bildungswahl
Auch wenn es keine guten Statistiken dazu gibt, kann man davon ausgehen, dass der Bildungsaufstieg aus der Bildungsmittelschicht in den letzten drei Jahrzehnten wohl mehrheitlich durch Personen geschafft wurde, welche selbst keine tertiär gebildeten Eltern hatten. Der Anteil der Eltern mit tertiärer Bildung war in der Schweiz schlicht zu klein, um die Ausweitung durch eine bessere Ausschöpfung bei dieser Gruppe zu bedienen. Auch wenn also die fortschreitende Tertiarisierung des Bildungswesens vor allem von jenen Personen genutzt wurde, die nicht aus einer Akademikerfamilie stammten, sind die Zugänge zur tertiären Bildung und die Wahl des Bildungstyps weiterhin stark sozioökonomisch bestimmt.
Jugendliche aus Akademikerfamilien wählen selbst bei weniger guten schulischen Leistungen eher den Weg über das Gymnasium, und umgekehrt wählen Jugendliche aus Nichtakademikerfamilien eher den Weg über die berufliche Grundbildung, was sich auf der tertiären Stufe wiederum in einer unterschiedlichen Wahrscheinlichkeit ausdrückt, an einer Universität oder den anderen Hochschultypen oder der höheren Berufsbildung den Abschluss zu erzielen (siehe Abbildung 2).
Abb. 2: Anteil der Studierenden mit tertiär gebildeten Eltern nach Studienfach und Hochschultyp
Quelle: SSEE (Soziale und wirtschaftliche Lage der Studierenden, 2013); Berechnungen SKBF / Die Volkswirtschaft
Ein ähnliches Bild lässt sich im Ausland in Bezug auf das Studium an Elitehochschulen vs. anderen Hochschulen oder bei der Dauer der Ausbildung feststellen, d. h. des Bachelors, des Masters oder eines Doktorates. Während sich im Ausland der sozioökonomisch bestimmte Studienort und die Studiendauer wieder eins zu eins in den weiteren Erwerbsaussichten niederschlagen, hat die sozioökonomisch bestimmte Wahl des Ausbildungstyps diese Folgen in der Schweiz nicht.
Trotzdem sind zwei Konsequenzen der sozioökonomisch bestimmten Studienwahl auch in der Schweiz beobachtbar: Auf der einen Seite haben nicht alle Formen der Ausbildung den gleichen sozialen Status, mit einem Vorteil auf der Seite der akademischen Laufbahnen. Auf der anderen Seite haben selbst an den Universitäten nicht alle Studienfächer die gleichen Erwerbsaussichten, und es lässt sich beobachten, dass sozioökonomisch bessergestellte Studierende auch häufiger jene Fächer wählen, die bessere Arbeitsmarktchancen versprechen.