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Die ersten vier Spiele der Playoff-Viertelfinals führen zur Feststellung: Der SC Bern und die ZSC Lions bleiben klare Favoriten auf den Meistertitel. Der Sturz einer dieser beiden Titanen käme einer Götterdämmerung gleich.
Wir hatten wir in 31 Jahren Playoff-Geschichte erst eine einzige echte Sensation. Im Frühjahr 1992 warf der ZSC (7.) unter Trainer Arno Del Curto in der ersten Runde den von John Slettvoll kommandierten HC Lugano (2.) aus den Playoffs. Damals wurde noch auf drei Siege gespielt. Seit es zum Weiterkommen vier Siege braucht, hat es überhaupt noch nie eine Sensation gegeben.
Als Sensation können wir nämlich nur einen Viertelfinal-Sieg eines kleinen Teams werten. In der Vergangenheit scheiterten der SC Bern, Fribourg und Lugano als Qualifikationssieger scheinbar sensationell in der ersten Runde. Lugano, Davos und die ZSC Lions hat es in der Neuzeit auch schon als Zweite der Qualifikation erwischt.
Aber sensationell war dieses Scheitern nie. Denn der Gegner war immer ein Titan, der aufgrund einer Krise die Playoffs nur knapp erreicht hatte. Aber immer ein Gegner, der sehr wohl wusste, wie man gewinnt, und der in seiner Vergangenheit schon den Titel geholt oder mehrere Male das Finale erreicht hatte (SC Bern, Lugano, Fribourg, Kloten, Zug). Ein Gegner, der bloss vorübergehend unter seinen Möglichkeiten spielte und dem es im entscheidenden Augenblick doch noch gelang, das Potenzial abzurufen.
Der ZSC im Frühjahr 1992 ist bis heute das einzige kleine Team, das in der ersten Runde einen Titanen aus den Playoffs gekippt hat. Als Kleinen bezeichnen wir ein Team, das wegen seiner limitierten wirtschaftlichen Möglichkeiten nicht so gute Spieler wie die Titanen beschäftigen kann und daher lediglich ein weniger ausgeglichenes, ein qualitativ und quantitativ unterlegenes Team zur Verfügung hat. Die Nordamerikaner sprechen in diesem Zusammenhang von einem «Small Market Team».
Die Liga ist in den letzten Jahren ausgeglichener geworden. Die Kleinen sind ein bisschen grösser und die Grossen ein bisschen kleiner geworden. Die höchste Spielklasse ist wirtschaftlich so ausgeglichen wie noch nie. Wir verdanken diese Qualität den Superreichen. Hinter sechs Teams (ZSC Lions, Servette, Zug, Lakers, Lugano, Kloten) stehen Milliardäre. Fribourg und Ambri sind so gut mit der Politik oder der halbstaatlichen lokalen Wirtschaft vernetzt, dass bis heute jedes Defizit ausgeglichen worden ist.
Davos wird von einer Gruppe reicher Zürcher mitfinanziert. Der SCB verdient inzwischen mit dem Hockeygeschäft so viel Geld, dass er keine Millionäre braucht, sondern seine Besitzer, eine Männerrunde um SCB-General Marc Lüthi, zu Millionären macht. Im Sinne unserer Definition der eingeschränkten wirtschaftlichen und sportlichen Möglichkeiten gibt es heute nur noch zwei echte Kleine: Biel und Lausanne.
Biel (2013 gegen Fribourg) und Lausanne (2014 gegen die ZSC Lions) standen der echten Sensation in den beiden letzten Jahren sehr nahe. Nun sind es erneut Biel und Lausanne, die erfolgreich einen Titanen herausfordern. Und erneut stehen Kevin Schläpfer (Biel) und Heinz Ehlers (Lausanne) an der Bande.
Die Serien zwischen dem SC Bern und Lausanne und zwischen den ZSC Lions und Biel stehen 2:2. Die Entscheidungen sind knapp ausgefallen. Das Torverhältnis lautet sogar in beiden Serien zu Gunsten des Aussenseiters. Kommt es zu einer echten Sensation, dann erleben wir eine Zeitenwende, eine Götterdämmerung.
Die Götterdämmerung ist der Untergang der alten Götter (der alten Weltordnung) in einem Weltenbrand, aus dem eine neue Welt hervorgeht. 1992 stürzte mit Lugano der nordische Hockeygott John Slettvoll, der damals mächtigste und erfolgreichste Trainer unserer Hockeygeschichte. Er war fortan nur noch ein zorniger Clown. Für seinen Widersacher Arno Del Curto begann hingegen der unaufhaltsame Aufstieg zum erfolgreichsten Schweizer Hockeytrainer des 21. Jahrhunderts.
Wären ein Sturz der ZSC Lions oder des SC Bern auch so eine Zeitenwende, eine Götterdämmerung? Ja, in einem kleineren Rahmen schon. Für SCB-Trainer Guy Boucher und ZSC-Bandengeneral Marc Crawford müsste ein Scheitern zwar nicht gleich zu einem irreparablen Karriere-Knick führen wie einst bei John Slettvoll.
Aber aus dieser Götterdämmerung würden Kevin Schläpfer und Heinz Ehlers als künftige Meistertrainer hervorgehen. Denn mit so einem Triumph würden sie auch für die Grossklubs (ZSC Lions, SC Bern, Zug, Lugano, Davos) ein Thema. Sie würden einen Status und einen Marktwert wie Arno Del Curto bekommen. Ein oder zwei neue Arno Del Curtos – oder alles bleibt vorerst, wie es schon immer war. Auch darum geht es in diesen dramatischen Viertelfinals.
Es entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie, dass wir in diesen Tagen im Grossraum Zürich ein Hockey-Drama erleben, das ganz im medialen Windschatten der Playoffs steht. Wenn Sean Simpson, einer der grössten Trainer der Gegenwart, mit den Kloten Flyers in die Playouts stürzt, dann droht ihm ein ähnliches Schicksal wie dem grossen John Slettvoll im Frühjahr 1992 nach dem Scheitern gegen den ZSC. Götterdämmerung auch in Kloten.