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Offen gesagt, für mich ist dieser Titel, einer in diesen Tagen in den brasilianischen Medien veröffentlichten Nachricht zum Tag (27.05.) des Atlantischen Regenwaldes, der blanke Zynismus. Er hätte auch heissen können: “Die Zerstörung des Atlantischen Regenwaldes dauert jetzt ein paar Jahre länger“ (falls sie nicht wieder zunimmt), und wäre damit ein etwas deutlicher Hinweis auf das eigentliche Problem: Nämlich die kontinuierliche, anscheinend durch keinerlei gesetzliche Massnahmen aufzuhaltende Zerstörung der Natur, durch eine wirtschaftliche Expansionssucht, deren skrupellose Auftraggeber als Mitglieder in der Regierung sitzen und von dort aus die Fäden ziehen.
Der Atlantische Regenwald (brasilianisch: Mata Atlântica) – bedeckte zu Zeiten der portugiesischen Invasion, vor fünfhundert Jahren, die brasilianische Ostküste vom Bundesstaat Rio Grande do Norte bis hinunter nach Rio Grande do Sul und ins Innere des Kontinents bis nach Goiás, Mato Grosso do Sul, Argentinien und Paraguay – eine Gesamtfläche von zirka 1.290.000 Quadratkilometern, das sind 15% des brasilianischen Territoriums – von denen nach Jahrhunderte langer Abholzung zirka 1% übrig geblieben sind (95.000 km2). Von diesem kärglichen Rest sind 75% extrem gefährdet, nationale und internationale Anstrengungen bemühen sich zwar um seine Erhaltung, jedoch oppositionäre Interessen aus den eigenen Reihen sind bereit, ihn der wirtschaftlichen Expansion Brasiliens zu opfern.
Da dieser tropische Küstenurwald nicht nur die oft schmalen Ebenen der Küste bedeckte, sondern auch die steilen Abhänge des brasilianischen Hochlandes, bis weit hinein ins Inland, hat sich dort eine unvergleichliche Vielfalt an unterschiedlicher Vegetation und Tierwelt entwickelt – 8.000 Pflanzen- und Tierarten sind endemisch – die Biodiversität des Atlantischen Regenwaldes gehört zu den höchsten der Welt, und auch deshalb wurde sein Restbestand von der UNESCO 1999 zum “Reservat der Biosphäre“ erklärt.
Schutzmassnahmen und Schutzgebiete stehen in Brasilien oft nur auf dem Papier, sie dienen, wie so viele vom Volk ignorierte Gesetzesvorlagen, in erster Linie einem politischen Prestigebestreben, mit dem man den Ruf eines Dritte-Welt-Landes loswerden und den Anschluss an die internationale Elite erreichen möchte. Denn um diesen Gesetzen zum Schutz der Umwelt Nachdruck zu verschaffen, dafür sind Brasiliens geographische Dimensionen zu gross, die Zahl der schlecht bezahlten, und noch schlechter ausgerüsteten, offiziellen Umweltschützer ist viel zu klein, und die Ignoranz der Umweltzerstörer, vom einfachen Bauern und Viehzüchter bis zu den Unternehmern der Grossindustrie, ist viel zu hartnäckig.Also freut man sich – wenn auch viel zu spät – an scheinbaren Teilerfolgen wie diesem: “Die Bundesstaaten São Paulo, Rio Grande do Sul, Pernambuco, Goiás, Espírito Santo, Alagoas, Rio, Sergipe und Paraíba haben eine Waldabholzung von weniger als 100 Hektar präsentiert! Die neuen Daten des ’Atlas vom Restbestand des Atlantischen Regenwaldes’ verzeichneten einen Rückgang von 24% der Waldzerstörung in dieser Region. Basierend auf der Analyse von Satellitenfotos hat eine Studie gezeigt, dass zwischen 2013 bis 2014, innerhalb der siebzehn Bundesstaaten des Bioms, eine Waldzerstörung von insgesamt 18.267 Hektar (oder 183 km2) stattgefunden hat. Die vorhergehende Analyse (2012 – 2013) ergab 23.948 Hektar.
Unter den siebzehn Bundesstaaten mit einem Restbestand des Atlantischen Regenwaldes präsentierten neun eine Zerstörung von weniger als 100 Hektar – etwa 1 km2. São Paulo zerstörte 61 Hektar Wald, gefolgt von Rio Grande do Sul (40 Hektar), Pernambuco (32 Hektar), Goiás (25 Hektar), Espírito Santo (20 Hektar), Alagoas (14 Hektar), Rio de Janeiro (12 Hektar), Sergipe (10 Hektar) und Paraíba (6 Hektar) – das sind die “kleineren Sünder“ im Ranking der Umweltverbrechen.
Paraná, Santa Catarina und Mato Grosso do Sul, die in anderen Ausgaben jenes ‘Atlas’ bereits die Spitze der Umweltverbrecher angeführt hatten – präsentierten in der letzten Aufstellung bessere (weniger schlechte) Resultate, die aber (laut Medienmeinung) “noch Aufmerksamkeit erfordern“!
Den vierten Platz im Ranking der Waldzerstörer besetzt der Bundesstaat Paraná: Zwischen 2013/2014 wurden hier 921 Hektar abgeholzt, 57% weniger als im Vorjahr, als die Entwaldung noch 2.126 Hektar betrug. Die bedeutendsten Gebiete der Abholzung liegen im zentralen Süden und auch an der Grenze zum Bundesstaat Santa Catarina, dem fünften Platz im Ranking, mit 692 Hektar entwaldeter Fläche. Mato Grosso do Sul, bedeutender Agrarproduzent, besetzt den siebenten Platz, mit 527 Hektar zerstörten Atlantischen Regenwaldes.
Der absolute “Champion“ der Regenwaldzerstörung ist der Bundesstaat Piauí, der als Brasiliens ärmster Bundesstaat gilt, mit 5.626 Hektar. Ein einziges Munizip (Distrikt) von Piauí, Eliseu Martins, war verantwortlich für 76% der Waldzerstörung, mit 4.287 Hektar.
Für die Direktorin die Stiftung “SOS Mata Atlântica“, Marcia Hirota, Koordinatorin des “Atlas“ von der Organisation, sind diese Daten wichtig, um die Debatte über den Schutz des Atlantischen Regenwaldes – oder besser dem Rest, der noch übrig ist – in Piauí zu verstärken. “Dies ist ein Transit-Gebiet zwischen Atlantischem Regenwald, dem Cerrado und der Caatinga, unterschiedlichen Biomen, welche die Diskussionen bezüglich dem Grad des Schutzes anheizen. Aber sie sind auch Gebiete innerhalb der ’Karte zur Anwendung des Gesetzes Atlantischer Regenwald’ (Gesetz Nr. 11.428/06), das seine mit ihm verbundenen Ökosysteme schützen soll, und das muss befolgt werden“!
Im Westen Bahias liegt das Munizip mit dem höchsten Anteil der Waldzerstörung in diesem Bundesstaat – Baianópolis, mit 1.522 Hektar. Mit insgesamt 4.672 Hektar war Bahia der drittgrösste Regenwaldzerstörer zwischen 2013 und 2014. Und obwohl Minas Gerais zwischen 2013/2014 den zweiten Platz im Ranking der Waldzerstörung einnahm – mit 5.608 Hektar – hat der Bundesstaat damit die Abholzung, im Vergleich zum Vorjahr, um 34% verringert.
Fazit
Ein Ranking der “Waldzerstörungs-Verringerer”! Kein einziger Bundesstaat, der seinen Restbestand an Atlantischem Regenwald definitiv schützt und seine Schutzmassnahmen auch effektiv kontrolliert – oder wenigstens einer unter den siebzehn betroffenen Bundesstaaten, der diese Waldzerstörung ab sofort beendet hat. Kein einziger!
Stattdessen sägen sie weiter an dem Ast auf dem sie sitzen – etwas langsamer vielleicht, aber kontinuierlich. Auch in Amazonien. Aufhören werden sie erst, wenn kein Wald mehr da ist – weil dann keine Bäume mehr da sind.
“Wir Yanomami möchten, dass der Regenwald so bleibt, wie er immer war – und für immer. Wir möchten in ihm leben, in guter Gesundheit, und mit uns die Geister Xapiripë, die jagdbaren Tiere und alle Fische. Wir kultivieren nur die Pflanzen, welche uns ernähren – wir brauchen keine Fabriken, keine Löcher in der Erde und keine verschmutzten Flüsse. Wir möchten, dass der Wald ein ruhiger Ort bleibt, dass der Himmel klar über uns steht, dass sich die Dunkelheit der Nacht weiterhin und mit aller Regelmässigkeit über Mensch und Tier senkt, und dass man die Sterne sehen kann.
Die Erde der Weissen ist verdorben, sie ist bedeckt von dem epidemischen Rauch Xawara, der sich bis zum Gewölbe ihres Himmels erhebt. Dieser Rauch fliesst auch in unsere Richtung, aber noch hat er uns nicht erreicht, denn der himmlische Geist Hutukarari vertreibt ihn unermüdlich. Über unserem Wald ist der Himmel immer noch klar, weil es noch nicht lange her ist, dass sich die Weissen in unser Gebiet eingeschlichen haben. Aber eines Tages, vielleicht wenn ich schon tot bin, wird auch dieser Rauch sich so weit ausgebreitet haben, dass er die Erde verdunkelt und die Sonne zum Erlöschen bringt.
Die Weissen denken nie an diese Dinge, welche unsere Schamanen schon seit langem befürchten, und deshalb haben sie keine Angst vor den Konsequenzen. Niemals haben sie sich gefragt: “Wenn wir die Erde zerstören – ob wir wohl bis dahin in der Lage sind, eine andere zu erschaffen? “
Davi Kopenawa Yanomami – Häuptling des Yanomami-Volkes