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Er hat schon im letzten Jahrhundert bei der WM gespielt. NHL-Verteidiger Mark Streit (37) ist einer der besten und interessantesten Schweizer Spieler aller Zeiten und ein Schlüsselspieler bei der WM in Prag.
Mark Streit verkörpert den Aufstieg der Schweiz aus dem Mittelmass zur Weltklasse. Dieser Aufstieg begann 1998 mit seiner ersten WM unter Ralph Krueger in Basel und Zürich (4. Schlussrang). Nun steht er vor seiner 13. WM und seinem 100. Spiel an einem WM- oder Olympiaturnier (gegen Lettland) und ist motiviert, als sei es sein erstes WM-Abenteuer. Er hat eine Mission zu erfüllen.
Mark Streit war Schweizer Meister (mit den ZSC Lions). Er hat das NHL-All-Star-Game bestritten. Er war der erste Schweizer Feldspieler in der NHL und kein anderer Mannschaftssportler hat bis heute mehr Geld verdient als er. Er könnte auf die WM verzichten (wie Roger Federer auf den Davis Cup) und niemand würde ihn dafür kritisieren. Doch das kommt für Mark Streit nicht in Frage. Wenn er in der NHL nicht mehr gebraucht wird – das ist dann der Fall, wenn sein Team die Playoffs nicht erreicht – verteidigt Mark Streit für die Schweizer Nationalmannschaft. Das war immer so und das ist auch jetzt so. Schon im Februar, als sich abzeichnete, dass Philadelphia die Playoffs verpassen würde, war für ihn klar: Dann halt die WM. Das sagte er nicht. Weil kein NHL-Profi je von einer WM spricht, so lange es eine Chance auf die Playoffs gibt. Aber er sagte: «Ich habe sehr guten Kontakt zu Glen Hanlon.» Er ist im besten Wortsinne ein guter Sport-Patriot.
Es gibt eine schöne Geschichte aus der Berner Wirtschaft, die uns erklärt, warum Mark Streit auch als Dollar-Millionär bescheiden geblieben ist und warum es für ihn nicht in Frage kommt, die Nationalmannschaft im Stich zu lassen. Sie ist verbürgt und so lange her, dass wir sie hier und heute erzählen dürfen. Diese Geschichte hilft uns, zu verstehen, warum Mark Streit als einer der besten und interessantesten Schweizer Eishockeyspieler aller Zeiten gilt.
Eine international tätige Berner Firma – sie existiert heute nicht mehr – hatte Millionenaufträge im benachbarten Ausland, und auf ihren Druckmaschinen wurde sogar die Wahrheit gedruckt: Die «Prawda».
Ohne Schmiergeld lief in gewissen Ländern nichts. Solche Zahlungen konnten zu dieser Zeit noch als Geschäftsaufwand ganz legal verbucht werden. Ein Abgesandter dieser Firma überbringt weisungsgemäss einem hochrangigen ausländischen Firmenvertreter das Schmiergeld im Aktenköfferchen. Der honorige Herr, mit solchen Praktiken vertraut, bezahlt dem Überbringer aus Bern gleich ein Drittel bar zurück. Der aber behält das Kick-back nicht für sich, wie das sonst in der Branche Brauch ist, sondern händigt es daheim seinem Arbeitgeber bis auf den letzten Rappen aus. Der Name des ehrlichen Mannes: Hansjürg Streit, der Vater von Mark Streit.
Das sind die Werte, die Mark Streit von Haus aus kennt: Geradlinigkeit, Ehrlichkeit, keine Tricksereien. So hält er es auch als Eishockeyspieler, und deshalb wird er nicht nur ein durchschnittlicher Spieler – sondern der beste. Der erste Schweizer Feldspieler, der sich in der NHL durchsetzt, der in der NHL Captain wird (bei den New York Islanders) und als Feldspieler Dollarmillionär.
Mark Streit wächst im Berner Schosshaldequartier auf und spielt Strassenhockey, bis sich die Nachbarn beschweren und schon mal die Polizei rufen. Im Winter wird auf dem gefrorenen Egelsee gespielt. Er wird Junior beim SC Bern, wo der legendäre amerikanische Erfolgstrainer Bill Gilligan (Meister 1989, 1991 und 1992) zum Sportchef befördert worden ist. Gilligan nimmt seinen Job sehr ernst und verpasst kein Heimspiel der Elite-Junioren, um zu sehen, wer für die erste Mannschaft taugt. Mark Streit schätzt er als zu schlecht ein: Zu wenig kräftig, zu wenig talentiert.
Bereits jetzt hätte Streits Karriere zu Ende sein können. Doch er wechselt auf Anraten seiner Eltern zu den Junioren des Erzrivalen Gottéron. Hansjürg und Silvia Streit chauffieren ihren Buben nun zum Training nach Fribourg. Hansjürg erinnert sich: «Einmal kam am Abend ein Anruf vom Trainer – ob Mark am nächsten Morgen im Trainingslager in Leukerbad sein und mit der ersten Mannschaft spielen könne. Ich habe ihn natürlich hingefahren.»
Mark Streit debütiert mit Gottéron in der NLA. Von dort holt ihn Arno Del Curto nach Davos. Er hat es geschafft. Er ist in der höchsten Liga angekommen. Für alle Spieler seiner Generation wäre das die Karrierekrönung. Nun noch ein oder zwei Meistertitel gewinnen, schlaues Pokern bei den Vertragsverlängerungen – eine typische helvetische Hockeykarriere eben.
Aber Mark Streit will mehr. Er will in die nordamerikanische National Hockey League (NHL). Noch kein Schweizer Feldspieler hat es bis Ende der 1990er Jahre ins gelobte Land geschafft.
Mark Streits erster Anlauf scheitert Ende des letzten Jahrhunderts in der Saison 1999/2000 kläglich. Er kann sich nicht einmal in den zweitklassigen Farmteam-Ligen durchsetzen. Er wird sogar in die drittklassige East Coast Hockey League abgeschoben. Wenn er jetzt aufgegeben hätte und vorzeitig nach Hause zurückgekehrt wäre, hätte er es nie mehr in die NHL geschafft: Europäer, die vorzeitig abreisen, gelten als «Homies» und kommen für NHL-Verträge nicht mehr in Frage.
Mark Streit beisst sich durch und kehrt erst nach Saisonschluss in die Schweiz zurück, zu den ZSC Lions. Er ist um eine grosse Erfahrung reicher. Er weiss, dass er kräftiger werden muss, und ist einer der ersten Schweizer Spieler, die im Sommer einen Privattrainer engagieren. Im Herbst 2005 bekommt er endlich seine zweite Chance – von den Montréal Canadiens.
Mark Streit beginnt als Lückenbüsser. Fast ein Drittel aller Spiele sieht er von der Tribüne aus. Aber er reklamiert nie, macht seine Arbeit, und in seiner zweiten Saison wird er Stammspieler. Im Sommer 2008 werden die New York Islanders sein neuer Arbeitgeber. Sie machen ihn zum Dollarmillionär und zum Captain.
Dieses Amt ist in der stockkonservativen und streng hierarchisch aufgebauten NHL mit sehr viel Prestige verbunden. Streit ist der erste Schweizer, dem diese Ehre zufällt. Der Bub aus dem Berner Schosshaldequartier ist nun das Alphatier eines NHL-Teams.
Heute verteidigt Mark Streit für die Philadelphia Flyers (mit Vertrag bis 2017) und verdiente diese Saison 6,25 Millionen Dollar. Das höchste Salär, das je ein Schweizer Mannschaftssportler erzielt hat. Mit Pat Brisson handelt einer der einflussreichsten NHL-Spieleragenten seine Verträge aus.
Das Geld hat Mark Streit nicht verändert. Wenn der 37-jährige jetzt über Hockey, Gott und die Welt spricht, dann wirkt er genauso bescheiden, aufmerksam und geduldig wie im Gespräch vor 15 Jahren. Er protzt nicht mit seinem Reichtum. In Bern hat er sich an bester Lage eine Eigentumswohnung gekauft, und dass er jetzt dort einen Mercedes in der Garage stehen hat, wagt er fast nicht zu sagen.
Mark Streit ist im Laufe der Jahre ein Schlüsselspieler in der Nationalmannschaft geworden. Er verkörpert den Aufstieg der Schweizer aus den Niederungen der Zweitklassigkeit zur Weltspitze. «Ich bin stolz, Schweizer zu sein, und es ist ein Privileg, hier leben zu können», sagt er. «Es gibt so viel Not und Elend auf dieser Welt. Bei uns herrscht eher Wohlstandsverwahrlosung. Viele Leute realisieren nicht, wie gut es ihnen geht. Das stört mich.»
Mark Streit fehlte bei der WM nur, wenn er verletzt war (wie 2011, als er nach einer Schulteroperation die ganze Saison verlor) oder wenn er mit seinem NHL-Team die Playoffs erreichte – und das war ausgerechnet auch 2013 der Fall. Er verpasste so die Krönung. Die Silber-WM von 2013. Seine bisher letzte WM war jene von 2012. Da verpassten die Schweizer nicht nur die Playoffs. Dieses Turnier bescherte ihm auch erstmals und unverdient bittere Kritik. Als Captain beendete er das Turnier mit seiner schlechtesten Plus/Minus-Bilanz (-5). Was ihm auf dem Boulevard die böse Bezeichnung «Captain Minus» einbrachte.
Dieses Turnier darf nicht die letzte WM-Erinnerung bleiben. Prag 2015 soll Helsinki 2012 vergessen machen.
(2x U20-WM, 13x WM, 4x Olympia)