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aus dem Kunstmuseum Hamburg
Strafe für Baumschäler:
„Item es soll niemand Bäume in der Mark schälen; wer das täte, dem soll man sein Nabel aus seinem Bauch schneiden und ihn mit demselben an den Baum negeln und denselben Baumschäler um den Baum führen, so lang bis sein Gedärm alle aus dem Bauch auf den Baum gewunden seien. (Oberurseler Weistum.)
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Der Baumkultus der Germanen und Ihrer Nachbarstämme
Mythologische Untersuchungen
Kapitel I.
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Kapitelgliederung:
§ 1. Gleichsetzung des Menschen und der Pflanze
§ 2. Mensch und Baum
§ 3. Anthropogonischer Mythus von Askr und Embla
§ 4. Der Baum als Person behandelt
§ 5. Die Holundermutter, die Eschenfrau und ihre Sippe
§ 6. Niederlitauische Waldgeister
§ 7. Baum, Menschenleib und Krankheitsdämonen
§ 8. Strafe für Baumschäler
§ 9. Miteinanderwuchs des Baumes und des Menschenleibes
§ 10. Verletzte Bäume bluten
§ 11. Freibäume
§ 12. Baum zeitweilige Hülle einer abgeschiedenen Seele
§ 13. Baum Aufenthalt des Hausgeistes
§ 14. Baum Schutzgeist oder Sitz des Schutzgeistes
§ 14a. Baum = Lebensbaum
§ 14b. Fortreisende verknüpfen ihr Leben mit einem Baume
§ 14c. Schicksals- und Geburtsbaum von Einzelnen und Familien
§ 14d. Várdträd
§ 15. Weltbaum Yggdrasill
§ 16. Erläuternde Begegnisse aus dem täglichen Leben
§ 17. Boträ
§ 18. Chronologische Zeugnisse
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§ 1. Gleichsetzung des Menschen und der Pflanze. Verschiedene Formen dieses Glaubens.
Wir wenden uns zunächst der Betrachtung einer Reihe germanischer, lettoslavischer und keltisch-romanischer Anschauungen und Bräuche zu, welche uns darüber belehren, wie und in welcher Weise der Gedanke, daß die Pflanze beseelt sei, in Bezug auf die Bäume weiter und in mannigfachen Formen bis zu so völliger Gleichstellung mit den Menschen hinausgesponnen und entwickelt wurde, daß die einen so zu sagen als vollendete Doppelgänger der andern auftreten. Schon im anthropogonischen Mythos nehmen wir eine Art solcher Gleichsetzung wahr; eine andere äußert sich in der Behandlung des Baumes als persönliches Wesen. Die Identifizierung erstreckt sich zuweilen sogar auf eine imaginäre Verschmelzung der Körperlichkeit von Mensch (oder Tier) und Pflanze und führt zu der Annahme, daß der Baum der Körper einer durch den Tod dem Menschenleibe entrückten Seele, der Wohnsitz mehrerer Elfen oder eines Schutzgeistes sei, der wiederum kaum von einem alter ego des Menschen zu unterscheiden sein möchte. Zuweilen führt die Baumseele oder der Banmgenius auch schon ein Leben außer dem Baumleibe in Sturm und Unwetter, in Wald und Feld. Da wir die in diesen Ueberlieferungen sehr scharf und deutlich zu Tage tretenden Verhältnisse später einmal vorzugsweise zum Verständniß von Korngeistern vergleichend zu nutzen gedenken, gestatten wir uns hier bereits gelegentlich von selbst aufstoßende Übereinstinmmngen der Baumsage mit dem an das Getreide geknüpften Volksglauben voranmerken. Und auch das möge den Leser nicht stören, wenn er (da sich ein anderer Platz dazu nicht eignete) in die Darlegung des Baumglaubens nordeuropäischer Stämme nicht ganz selten auch einzelne Analogien aus fernen Ländern und Weltteilen eingeflochten findet.
Es geschähe gegen unseren Willen, wenn durch Schuld dieser Einschaltungen das Bild des nordischen Baumkultus sich in einen verschwimmenden Allerweltsnebel auflösen würde. Wir stimmen vollkommen den goldenen Worten Th. Monunsens zu (Röm. Chronologie):
„das über die Kluft der Nationen hinweggerichtete Auge erfaßt nur allzuleicht der Schwindel und man vergißt den wahren und hauptsächlichsten Grundsatz aller historischen Kritik, daß die einzelne historische Erscheinung zunächst im Kreise der Nation, der sie angehört, geprüft und erklärt werden soll und erst das Resultat dieser Forschung als Grundlage der internationalen dienen darf.“
Insofern es sich aber bei unseren Zusammenstellungen zunächst noch nicht um die Darlegung irgendwelcher historischen Verwandtschaft, sondern um die Beschreibung von Typen handelt, so bedienen wir uns desselben Vorteils, den etwa der Botaniker genießt, wenn er die Coniferen Europas und Amerikas miteinander vergleichen kann. Die Beobachtung gewisser gleicher Eigenschaften bei beiden macht klar, daß dieselben zum Wesen der Gattung gehören. Gleichartigkeit der Vorstellungen über den nämlichen Gegenstand in zwei verschiedenen Zonen läßt zumeist auf eine gewisse psychologische Notwendigkeit derselben schließen und die eine erläutert die andere. Nur als ein solches die Natur und den Sinn der nordeuropäischen Traditionen durch Analogie erläuterndes Material wünscht der Verfasser Einschiebsel aus der Fremde beachtet zu sehen.
§ 2. Mensch und Baum.
Gleichniss im Háramál. Die germanische Welt hat die Gleichung Mensch und Pflanze zur mannigfachsten Entfaltung gebracht. Auch abgesehen von jeder mythischen Verkörperung war dieselbe in unserer Poesie von alters her lebendig. Wie neuerdings Schüler den von seinen Anhängern verlassenen Wallenstein einen entlaubten Stamm nennt, hatte z. B. schon ein altnorwegischer Gnomendichter, dessen Sinnspruch man später dem Odhinn in den Mund legte, gesagt:
der Baum, der einsam im Dorfe steht, stirbt ab und nicht Laub noch Rinde halten ihn fürder warm; so ist der Mann, den niemand liebt, was soll er länger leben?