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Stephanie Tuggener ist Geografin und Kopräsidentin des Vereins Lares, der sich für «gender- und alltagsgerechtes Planen und Bauen» einsetzt. Sie wünscht sich eine Stadt, die nicht nur auf einen gesunden, dreissigjährigen, erwerbstätigen Mann ausgerichtet ist.
WOZ: Stephanie Tuggener, feministische und gendergerechte Planung, ist das das Gleiche?
Stephanie Tuggener: Im weitesten Sinne, ja. Gendergerechte Planung ist aber nicht in erster Linie frauengerechte Planung. Beim sozialen Geschlecht, von dem wir bei Gender sprechen, geht es um die sozialen Rollen, die ein Mensch ausfüllt. Die können männlich oder weiblich konnotiert sein, müssen aber nicht mit dem biologischen Geschlecht deckungsgleich sein. Eine gendergerechte Planung nimmt alle sozialen Rollen in den Blick und gewichtet deren Bedürfnisse an den Raum gleichwertig.
Wie sieht eine solche Planung aus?
Für mich bedeutet das, in jeder Planungsphase das Geschlechterverhältnis im Blick zu behalten und sich zu überlegen, welche Auswirkungen die Planung auf die Nutzenden hat. Bisher wurde die Stadtplanung auf einen gesunden, rund dreissigjährigen, erwerbstätigen Mann ausgerichtet, ohne Rücksicht etwa auf eine doppelbelastete Person, die zusätzlich zur Erwerbsarbeit unbezahlte Betreuungsarbeit leistet, und schon gar nicht auf eine, die körperlich oder psychisch beeinträchtigt ist. Es geht darum, sich verschiedene Brillen aufzusetzen und sich zu überlegen: Welchen Einfluss hat diese Planung auf Personen mit verschiedenen Lebensmodellen? Mit dem Begriff «alltagsgerecht» versuchen wir, diesen Ansatz über den Genderaspekt hinaus zu öffnen.
Zementiert eine gendergerechte Planung herkömmliche Geschlechterrollen nicht noch zusätzlich?
Die Gefahr besteht natürlich. Ich argumentiere jeweils so, dass Gender-Mainstreaming-Massnahmen allen Menschen zugutekommen sollen, die sich ausserhalb der anerkannten Norm bewegen. Im Idealfall begünstigen sie die Akzeptanz und Wertschätzung von verschiedenen Arbeits- und Lebensformen, unabhängig vom Geschlecht.
Wie gendergerecht sind Schweizer Städte?
Die Schweiz hat einen sehr hohen Planungsstandard. Genderanliegen werden nicht unbedingt explizit benannt, aber häufig doch mitgedacht. Es gibt aber noch viel Luft nach oben. Vorbild in Sachen gendergerechte Planung ist beispielsweise Wien, wo Genderüberlegungen seit fünfzehn Jahren in allen Bereichen der Verwaltung verankert sind. Dadurch kann die Stadt erfolgreiche Beispiele auf verschiedensten Planungsstufen vorweisen – von der Freiraumgestaltung und Verkehrsplanung bis hin zu alltags- und frauengerechtem Wohnbau. An Wien wird ersichtlich, wie wichtig es ist, dass dem Thema auf politischer Ebene Relevanz zugesprochen und es institutionalisiert wird. Bis es so weit ist, hängt die Berücksichtigung von Genderaspekten stark vom Engagement der jeweiligen Planenden ab.
Geht es um geschlechtersensible Stadtplanung, denken viele zuerst einmal an die Angst von Frauen vor Übergriffen. Ist das ein Problem?
Das Thema Angsträume war in den neunziger Jahren tatsächlich ein Türöffner für den Diskurs über Frauen in der Stadt. Sicherheit ist für viele verständlich und greifbar und dadurch viel einfacher zu vermitteln als Konzepte wie Geschlechterrollen und Care-Arbeit. Ich sehe darin aber auch eine Gefahr, die Frau in die Opferrolle zu drängen. Trotzdem ist das Thema nach wie vor wichtig.
Wie lässt sich die Sicherheit von Frauen in der Stadt verbessern?
Indem beispielsweise dunkle Unterführungen und tote Winkel vermieden werden. So wurde etwa die Umsetzung des Masterplans für den Bahnhof Bern 1998 von Fachfrauen aus Architektur und Planung begleitet, die sich für diverse gestalterische Sicherheitsmassnahmen einsetzten: einen Lift aus Glas, Treppenaufgänge mit direktem Sichtbezug ins Freie oder öffentliche Toiletten an gut zugänglichen und einsehbaren Lagen. Das blieb aber eine Pionierleistung. Es gibt bis heute keine standardisierte Checkliste mit gendersensiblen Punkten, die in der Planung von öffentlichen Bauten und Räumen berücksichtigt werden müssen – und wo solche Hilfsmittel doch existieren, werden sie nicht konsequent eingesetzt.
Können Sie ein positives Beispiel nennen?
Wir konnten mit dem Verein Lares die Planung und Umsetzung des Pfingstweidparks in Zürich begleiten. Schon für den Wettbewerb erstellten wir einen Katalog an Genderkriterien, die die Projektteams in ihren Entwürfen berücksichtigen mussten. Dazu gehörten die Durchlässigkeit, die Zugänglichkeit für verschiedene Bevölkerungsgruppen sowie Raum für Begegnung und Austausch. Es geht nicht darum, dass jeder Teil des Parks für alle zugänglich sein muss, sondern dass eine Bandbreite an verschiedenen Nutzungsarten möglich ist. Entstanden ist ein attraktiver Park mit breiten Hauptachsen, die den idealen Lauflinien entsprechen und gut beleuchtet und einsehbar sind, sowie mit Spielräumen, Treffpunkten, Rückzugsorten und ruhigen Aufenthaltsräumen.
Welche Rolle spielt das Auto für eine gendersensible Stadtplanung?
Auf jeden Fall eine weniger dominante. Gerade im städtischen Kontext stellt sich die Frage, wer überhaupt Zugang zu einem Auto hat. Es gibt einen Anteil der Bevölkerung, der zu jung oder zu alt ist für den Führerschein, wegen einer Beeinträchtigung nicht fahren darf oder die finanziellen Mittel für den Erwerb und Unterhalt eines Autos nicht hat. Sie profitieren nicht von einer autozentrischen Planung. Interessanterweise gibt es zwischen ökologischen und Genderaspekten Überschneidungen: In beiden Fällen geht es darum, Lebensqualität zu erhalten und auszubauen. In Paris etwa treibt Bürgermeisterin Anne Hidalgo das Modell der «Stadt der Viertelstunde» voran. Dessen Ziel ist es, dass vom Wohnort aus alle nötigen Dienstleistungen wie Einkaufsmöglichkeiten, Schulen, Gesundheitsinfrastruktur, Grünraum und idealerweise auch Arbeit und Kultur innerhalb einer Viertelstunde zu Fuss oder mit dem Velo erreicht werden können.
Wie sähe eine gendergerechte Stadt aus?
Sie wäre der Abdruck einer veränderten Gesellschaft. Alle Menschen könnten ihre Rolle frei wählen. Es wäre eine Stadt, in der die klassische Trennung von Wohnen und Arbeiten wegfällt, in der Erwerbsarbeit einfach eine von vielen Arten von Arbeit ist, die alle gleichermassen wertgeschätzt werden. Die Vision von Lares ist ein Kulturwandel: Es soll in der Planung wie in der ganzen Gesellschaft selbstverständlich werden, dass Anliegen von nicht dominanten Bevölkerungsgruppen integriert werden, zum Beispiel durch partizipative Planungsprozesse. Die Genderperspektive kann einen Lösungsansatz bieten, um Ungleichheiten abzubauen, die unterschiedliche Menschen betreffen.