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Sieben Millionen Franken im Jahr 2012 kassierte letztes Jahr Hariolf Kottmann, Chef des Chemiekonzerns Clariant. Sein Gehalt ist damit über hundert Mal höher als die tiefsten Löhne der Clariant-Angestellten. Das sei «an der oberen Grenze dessen, was ich mir selber geben würde», sagte Kottmann dem «Tages-Anzeiger». Nachfrage des kritischen Interviewers: «Sind Arbeiterinnen, die hundert Mal weniger wert sind als Sie, Herr Kottmann, für Clariant gut genug?» Mehr dazu später.
Mit nur 700 Franken pro Jahr oder weniger müssen sich zwei Milliarden Menschen begnügen. Frage an die Tieflohn-Arbeiterinnen bei Clariant: Müssten sie nicht dankbar sein, hundert Mal mehr zu verdienen als ein Viertel aller Menschen? Für Zahlenmuffel: Hundert mal 700 gibt 70 000 Franken. Zehntausend mal 700 gibt sieben Millionen Franken.
Themenwechsel. Ein Skandal erschütterte die Schweiz und umliegende Staaten: Statt Rindfleisch steckte Pferdefleisch in der Lasagne. 93 Mal konnte man in den letzten vier Wochen das Wort «Pferdefleisch-Skandal» in den Schweizer Medien lesen.
870 Millionen Menschen, so meldete kürzlich die Uno, leiden an Hunger. Ihr Trost: Sie werden kaum mit pferdefleischdurchsetzter Lasagne betrogen. «Hunger ist ein Skandal», schrieb 1979 die «Erklärung von Bern». Das Wort «Hunger-Skandal» fand man in den letzten zwölf Monaten in keiner von der Schweizer Mediendatenbank erfassten Zeitung.
Das Schweigegeld, das Novartis-Pensionär Daniel Vasella in den nächsten sechs Jahren kassieren wird, ist zehn Mal höher als das Arbeitsgehalt von Clariant-Chef Kottmann im Jahr 2012. Die Volksseele kocht. Dem Chefredaktor der «Basler Zeitung» sagte Vasella, er wolle das Geld für wohltätige Zwecke spenden. «Abzockerei» schreien Befürworter der Minder-Initiative, die lieber hätten, wenn die 72 Millionen in die Taschen der Novartis-Aktionäre flössen.
Soweit einige Relationen zu Hunger und Geld. Ach ja, da ist noch eine Frage offen: Warum leistet sich Clariant-Chef Kottmann Angestellte, die hundert Mal weniger wert sind als er sich selber bewertet? Leider hat der Interviewer des «Tages-Anzeigers» diese Frage nicht gestellt.
Nachtrag: Die Empörung zeigte Wirkung. Der abtretende Novartis-Präsident Daniel Vasella gab am 19. Februar bekannt, er verzichte auf die Entschädigung von 72 Millionen Franken. Damit verliert der gemeinnützig spendende Mann die Chance, zum Ehrenpräsidenten von Caritas, Helvetas oder Brot für Brüder gewählt zu werden. Dafür werden ihn die dankbaren Novartis-Aktionäre am Freitag voraussichtlich zum Novartis-Ehrenpräsidenten küren.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
keine