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von Dr. Johannes Ritter
Insbesondere in Zeiten der Krise – etwa der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise der letzten Jahre – sind oftmals Appelle zu hören, Menschen sollten sich wieder mehr an moralischen Werten und Normen orientieren und nicht nur auf ihren eigenen Vorteil achten. Welche Normen zählen aber in unserer Gesellschaft tatsächlich?
Der Psychologe Dale Miller veröffentlichte 1999 die provokante These, dass die effektiv geltende soziale Norm – zumindest in der westlichen Welt – Eigeninteresse ist. Danach gehen Menschen nicht nur davon aus, dass Eigeninteresse das zentrale Motiv ist, sondern auch sein sollte, und Menschen, die sich anders verhalten, werden dementsprechend als nicht rational angesehen. Dies kann die paradox anmutende Folge haben, dass Menschen ihre eigentlichen Motive verbergen, wenn sie nicht der Norm des Eigeninteresses entsprechen, und sogar von Handlungen Abstand nehmen können, die uneigennützig erscheinen.
Zusammen mit seinen Kollegen führte Miller zwei Studien durch, die zeigen sollten, dass Menschen eher zu uneigennützigem Verhalten bereit sind, wenn sie dieses als eigennütziges Verhalten «verkleiden» können. In der ersten Studie wurden Studierende um Spenden gebeten. Manche Studierenden wurden einfach um eine Spende für eine karitative Organisation gebeten. Andere wurden um Hilfe für dieselbe Organisation gebeten, aber anstatt zu spenden sollten sie Kerzen kaufen, wovon der Erlös dann an die Organisation weitergegeben würde. Innerhalb dieser unterschiedlichen Spendebedingungen wurde die Dringlichkeit einer Spende durch unterschiedlich drastische Beschreibungen der Hilfsbedürftigkeit der Spendenempfänger variiert. Die Ergebnisse zeigten, dass Personen eher bereit waren etwas zu kaufen als einfach nur zu spenden. Dies allerdings nicht aus Interesse an dem Produkt, denn sie kauften nur dann mehr, wenn auch die Bedürftigkeit hoch war. Die Autoren interpretieren das Ergebnis dahingehend, dass diese «Kauf-Fiktion» es den Leuten erlaubt, ihr uneigennütziges Handeln als Eigeninteresse zu verkleiden – vor den Augen anderer wie vor sich selbst.
In einer zweiten Studie wurden wiederum Studierende um Spenden in Form einer «Kauf-Fiktion» gebeten. Diesmal wurde die Darstellung des Verkaufspreises variiert. In einer Bedingung wurde der Preis als ein Schnäppchen dargestellt, in einer zweiten Bedingung als ein angemessener Preis und in einer dritten Bedingung als ein etwas erhöhter Preis, der um den Spendenanteil den normalen Kaufpreis übersteigt. In allen drei Bedingungen war aber der Preis und der Spendenanteil identisch (3 Dollar und 1 Dollar davon Spende). Auch in dieser Studie wurde das Notleiden derjenigen, denen die Spende zu Gute kommen sollte, unterschiedlich drastisch dargestellt. Gemäss den Ergebnissen hatten die Preisbeschreibungen keinen Einfluss auf die Spendenbereitschaft, wenn das Notleiden gering war. Wenn hingegen das Notleiden hoch war, spendeten Leute deutlich mehr bei dem Schnäppchenpreis als bei dem erhöhten Preis. Die Autoren sehen darin einen weiteren Beleg dafür, dass das Notleiden bei den Leuten uneigennützige Motive weckt und sie helfen wollen – dass sie es sich aber nur erlauben, gemäss dieser Motive zu handeln, wenn sie es gleichzeitig als Eigeninteresse rechtfertigen können.
Diese Ergebnisse regen zumindest zum Nachdenken an: Vielleicht verhalten sich Menschen manchmal deshalb eigennützig, weil sie damit den Erwartungen entsprechen.
Quellen:
Holmes, J. G., Miller, D. T., & Lerner, M. (2002). Committing altruism under the cloak of self-interest: The exchange fiction. Journal of Experimental Social Psychology, 38, 144–151.
Miller, D. T. (1999). The norm of self-interest. American Psychologist, 54, 1053–1060.
Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.