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Ohnmacht eines Tyrannen: Chabrier’s Opera buffa mit Hintersinn
Mit der Oper L'étoile (dt. Der Stern oder Das Horoskop des Königs) schrieb Emmanuel Chabrier ein inhaltlich bemerkenswert schräges Werk (Libretto: E. Leterrier, A. Vanloo):
Der tyrannische König Ouf I. erfährt von seinem Hofastrologen, dass sein letztes Stündlein schlagen wird, sobald der Mann, den er zum Tode verurteilt hat, stirbt. Der Verurteilte liebt wiederum die Prinzessin, die der König heiraten will. Die Grundlage für ein grosses, komödiantisches Durcheinander und für raffinierte, witzige Musik ist gegeben.
Die selten gespielte Oper (uraufgeführt 1877 in Paris) kann der Offenbach-Tradition zugerechnet werden; eine mit Akribie und Akkuratesse ausgearbeitete Partitur prägt das schwungvolle Werk.
Emmanuel Chabrier (1841-1894) war ein Meister der feinfühligen und komplizierten Kunst der musikalischen Komödie, ein Gebiet, auf dem er mit Offenbach, Rossini und Mozart verglichen werden kann.
Bezugsrahmen
Solist:innen
König Ouf der Erste (Spieltenor) Patacha, Zalzal, zwei Männer aus dem Volk (Bariton) Aloés, Frau von Porc-Epic und Vertraute der Prinzessin Laoula (Lyrischer Mezzosopran) Prinzessin Laoula (Lyrischer Koloratursopran) Hérisson de Porc-Epic (Igel von Stachelschwein, Tenorbuffo) Tapioca, Sekretär von Porc-Epic (Spieltenor) Lazuli, Strassenhändler (Lyrischer Mezzosopran) Siroco, Hofastrologe (Spielbass) Polizist (Sprechrolle) Chor: Hommes du peuple (Volk) - Gardes (Wachen) - Hommes et dames de la cour (Damen und Herren des Hofes) (m. Chp.).
Ort
Ort: Ein unbestimmtes orientalisches Königreich. Schauplätze: Öffentlicher Platz mit Planetarium und Plattform - Der Thronsaal (mit Aussicht auf einen See) - Gartenpavillon.
Musik
Orchester: 2 Fl. (auch Picc.), Ob., 2 Kl., Fag., 2 Hr., 2 Trp., Pos., P., Schl., Glsp., Str. Gliederung: 19 Musiknummern, die durch gesprochenen Dialog verbunden sind; mit Ouvertüre und zwei Entr'actes. Spieldauer: 2½ Stunden.
Handlung
Akt I
König Ouf, Herrscher über 36 Königreiche, sucht noch ein Opfer für eine alljährlich stattfindende Zeremonie, eine Hinrichtung zu seinem Geburtstag. Inkognito hat er sich deshalb unter sein Volk gemischt, doch es gelingt ihm nicht, eine Königsbeleidigung zu provozieren, überall hört er nur «Vive Ouf!« Der König berichtet seinem Hofastrologen Siroco, er wolle ihn in seinem Testament bedenken. Dort solle festgehalten werden, dass sein Schicksal an das des Königs gebunden sei: Siroco werde dem König innerhalb einer Viertelstunde ins Grab folgen. Siroco soll ihm außerdem ein Horoskop erstellen, denn er gedenke, die Prinzessin Laoula aus einem benachbarten Königreich zu heiraten. Vier Geschäftsreisende treten auf: die verkleidete Prinzessin Laoula in Begleitung des Hofbeamten Herisson de Porc_Epic (Igel von Stachelschwein), dessen Gattin Aloes, die mit Laoula die Rollen getauscht hat und als Prinzessin verkleidet ist, und der Sekretär Tapioca. Sie steigen in ihrer Herberge ab; danach Auftritt des jungen Gewerbetreibenden Lazuli, der einen Bauchladen mit Damenkosmetik besitzt. Er hatte Laoula unterwegs bereits getroffen und sich unsterblich verliebt. Siroco will ihm unbedingt seine Zukunft vorhersagen. Die Damen Laoula und Aloes wecken den hübschen jungen Mann. Lazuli bietet seine Waren feil. Der zurückkehrende Porc-Epic behauptet, Laoulas Gemahl zu sein. Lazuli ist enttäuscht, da tritt Ouf auf. Lazuli, der nur seine Ruhe haben will, gibt dem verkleideten König wunschgemäss erst eine, dann eine zweite Ohrfeige. Ouf ist begeistert, endlich ein Opfer gefunden zu haben, und ruft seine Wachen. Von allen Seiten läuft man herbei. Der König führt den Pfahl vor, einen goldenen, mit Samt bezogenen Folterstuhl, doch Siroco erklärt, das Schicksal Lazulis sei mit demjenigen des Königs verbunden: Sterbe der eine, folge innerhalb eines Tages der andere. Lazuli wird begnadigt.
Akt II
Die Damen des Hofes sorgen im Thronsaal für Lazulis Unterhaltung. Auch Ouf und Siroco kümmern sich um sein Wohlergehen, prüfen seinen Gesundheitszustand und schreiben ihm eine geregeltere Lebensführung vor. Lazuli will durch das Fenster entkommen, doch der zurückkehrende Siroco hindert ihn daran. Ouf verspricht ihm die Freiheit und die Frau, die er liebt, zur Gattin. Lazuli will sich mit dem Gemahl seiner Geliebten duellieren, doch um größeren Schaden abzuwenden, fordert Ouf Porc-Epic heraus und verliert. Die Gäste treten zur Audienz ein. Porc-Epic befiehlt Laoula, den König zu heiraten, die daraufhin in Ohnmacht fällt. Siroco verhaftet Porc-Epic. Laoula wird von Lazuli mit Küssen aufgeweckt, und auch Tapioca und Aloes sind zärtlich miteinander. Laoula enthüllt Lazuli, sie sei zwar nicht verheiratet, solle aber nun den König heiraten. Ouf hält die Verhältnisse für geklärt und Aloes für seine künftige Braut, er freut sich am Glück Lazulis. Er bereitet die Flucht der Liebenden in einem Boot über den See vor. Vor versammelter Hofgesellschaft wird Ouf vom wieder freigesetzten Porc-Epic über die vertauschte Identität der Frauen in Kenntnis gesetzt. Wachen verfolgen die Flüchtigen, ein Schuss fällt, die Hofgesellschaft ist bestürzt. Laoula kehrt zurück und berichtet, Lazuli sei untergegangen, während sie sich retten konnte. Ouf und Siroco befürchten, nun bald zu sterben.
Akt III
Ouf und Siroco hadern mit ihrem Schicksal. Der Polizeichef kommt mit Hut und Mantel Lazulis. Ouf und Siroco sind am Boden zerstört. Lazuli aber hält sich derweil im Schilf verborgen und verfolgt von dort aus einen Streit zwischen Ouf und Porc-Epic: Ouf solle in Erwartung seines baldigen Todes auf die Heirat mit Laoula verzichten. Anschließend genehmigen Ouf und Siroco sich ein Gläschen Chartreuse. Die trauernde Laoula und Aloes, die sie als unvernünftig tadelt, treffen Lazuli, der sich aber sofort versteckt, als Ouf auftritt. Betrunken, verliebt er sich plötzlich in Laoula und will sie nun doch schnellstens heiraten und so noch vor seinem nahen Tod die Thronfolge sichern. Der Bürgermeister und die Hofgesellschaft treten auf, um Oufs Hochzeit und Ableben beizuwohnen. Siroco versucht noch, eine Änderung der ihn betreffenden Klausel im Testament zu bewirken, doch die Stunde schlägt - und Ouf lebt. Nun will er Siroco, da er ihn betrogen hat, dennoch töten, da tritt der Polizeichef wieder auf: Lazuli ist gefunden, Ouf ernennt ihn zu seinem Thronfolger und verspricht ihm die Prinzessin.
Stilistische Stellung
Als Chabrier L’Etoile komponierte, war er 39 Jahre alt und arbeitete als Jurist im Innenministerium. Er hatte, im Unterschied zu fast allen seinen Kollegen, nicht das Pariser Conservatoire durchlaufen, sondern seine musikalischen Kenntnisse privat ausgebildet. Als Komponist widmete er sich nicht den komplexen rein instrumentalen Formen, sondern vornehmlich der Klaviermusik, dem Lied und dem Theater. Sein populärstes Werk ist sicher das kurze Orchesterstück L’Espana.
L’Etoile, Chabriers erster durchschlagender Erfolg, ist eine typische Opera bouffe in Nummernform mit langen gesprochenen Dialogen, wobei die Absurdität der Handlung mit ihrem rabenschwarzen Humor nicht untypisch ist für die Zeit des späten Second Empire. Das Libretto parliert auf hohem Niveau und bietet Anlass zu äusserst eingängigen musikalischen Nummern. Brillante Solo-Couplets, zuweilen unter Beteiligung des Chores, stehen neben sanglichen Ensembles. Fast durchweg handelt es sich dabei um rhythmisch-musikalische Delikatessen in stets ausgefeilter Instrumentation mit zahlreichen parodistischen Anklängen und gespickt mit Wortspielen. Vielfältig sind die Bezüge zu Chabriers zuvor entstandener und nie öffentlich aufgeführten Operette Fisch-Ton-Kan, (1873 war sie auf ein Libretto von Paul Verlaine entstanden und mit dem Komponisten am Klavier im Cercle de l'Union artistique aufgeführt worden), aus der er mehrere Nummern in L’Etoile übernahm. Wie seine befreundeten Malerkollegen Edouard Manet und Edgar Degas bevorzugt er lichte, klare Farben. Hinzu kommen seine spezifisch musikalischen Qualitäten: der gekonnte Einsatz von Humor in der Musik, harmonisch dissonante Wagnisse und polyrhythmische Finessen.
Textdichtung
Die mit Chabrier befreundeten Maler Alphonse Hirsch und Edouard Manet brachten Chabrier mit den bereits im komischen Genre erfolgreichen Librettisten Eugene Leterrier (1843-1884) und Albert Vanloo (1846-1920) zusammen. Leterrier und Vanloo hatten jüngst zu drei Stücken von Charles Lecocq (1832-1918) das Libretto geschrieben. Chabrier schlug ihnen die Thematik vor und spielte zwei bereits komponierte Nummern vor (die Romance 6 petit etoile sowie die Couplets du pal). Die Librettisten waren begeistert und schufen für Chabrier die raffiniert konstruierte, possenhafte Handlung. Ihre Verortung in einer orientalischen Phantasiewelt erscheint in der Schwärze ihres Humors höchst absurd und gestaltet in ausgedehnten Dialogen, die in rapider Auftrittsfolge die Aktion quasi sprunghaft vorantreiben, den Raum für die zauberhaften musikalischen Nummern.
Geschichtliches
Chabrier komponierte die Oper im Sommer 1877 in quasi einem Zug. Charles Comte, Schwiegersohn von Jacques Offenbach und Direktor am Theatre des Bouffes-Parisiens in Paris, nahm sie in sein Programm auf. Die Uraufführung erfolgte unter der Leitung von Leon Roques, der auch der Autor des damals verwendeten Klavierauszugs war, bereits am 28. November desselben Jahres. Während der Orchesterproben kam es zu einem Aufstand, denn den an einfache Operettenbegleitungen gewöhnten Musikern genügte die Anzahl der Proben nicht. Bis zum Januar 1878 fanden 48 Aufführungen statt; doch trotz der dichten Aufführungsfolge und einer sehr positiven Aufnahme durch die Presse kann man nicht von einem echten Erfolg sprechen: Zur ersten Wiederaufnahme in Paris kam es erst nach Chabriers Tod: 1925 am Theatre de l'Exposition (unter der musikalischen Leitung von Albert Wolff) sowie 1941 an der Opera-Comique (musikalische Leitung: Roger Desarmiere). Die erste deutsche Aufführung fand bald nach der französischen Uraufführung unter dem Titel Sein Stern am 4. Februar 1878 am Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater in Berlin statt, im selben Jahr folgte in Budapest eine Produktion in ungarischer Sprache. Produktionen in Brüssel, Tours und Toulouse verblieben aber in der Planungsphase. Erst eine Realisierung 1977 am Opernstudio in Brüssel war Auslöser für den weltweiten Durchbruch und hatte zahlreiche weitere Aufführungen zur Folge. Grossen Anteil daran hatte auch die Einspielung von John Eliot Gardiner mit der Opera de Lyon, die 1984 erschien.