Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03411.jsonl.gz/739

«Abgesondert und doch nicht all zu ferne von der Stadt, auf dem sogenannten Schönhausgute, dem Uetliberge gegenüber, mitten unter grünenden Auen und blumigen Gartenanlagen, frei und erhaben, eine Zierde der Stadt und des Kantons, liegt das Kantonal-Krankenhaus zu Zürich, den Fremden von Ferne verkündend, dass hier eines der herrlichsten Denkmäler zum Wohle und zur Ehre der leidenden Menschheit aufgeführt wurde! Schwerlich dürfte das Züricher Kantonal-Krankenhaus in Bezug auf Lage und äussre Form von irgendeinem Krankenhause übertroffen werden.» Mit diesen Worten lobte Joseph Dietl, der berühmte österreichische Arzt, Pathologe, Bädertherapeut, Hochschullehrer und Politiker, das Kantonsspital Zürich im Jahr 1853. Tatsächlich kann das Zürcher Kantonsspital, das von 1837 bis 1842 errichtet wurde, als das bedeutendste Schweizer Krankenhaus der Biedermeierzeit bezeichnet werden. Es wurde schon bald zu einem Mekka der Krankenhausexperten im gesamten deutschsprachigen Raum. Wie kam es dazu, und welchen Einfluss hatte der Bau auf die Spitallandschaft der Schweiz?
Die ersten Schritte
Etwas später als in Frankreich setzte um 1810 im deutschsprachigen Raum eine für das Krankenhaus eigene bauliche und strukturelle Entwicklung ein, die sich an den in Zürich, aber auch in Bamberg und München geschaffenen Modellen orientierte. So hatte das Krankenhaus nicht nur höchste Ansprüche an räumliche Funktion und an Flexibilität zu erfüllen, sondern neben gesundheitspolitischen, gesellschaftlichen und ärztlichen Überlegungen in steigendem Masse auch hygienische Anforderungen zu erfüllen.
Zu diesem Zeitpunkt verfügte insbesondere die Abtrennung von Infektionskrankheiten bereits über eine lange Tradition. Schon im Mittelalter findet man unterschiedliche Absonderungshäuser für Lepra-, Pest- und Syphiliskranke. In Luzern beispielsweise sind in der Renaissancezeit nicht weniger als fünf Hospitaltypen nachweisbar. Neben den Absonderungsspitälern entstanden jedoch an verschiedenen Orten auch Spitäler nur für heilbare Kranke, wie etwa 1531 in Bern. Generell war der Unterhalt solcher Einrichtungen im Sinne praktizierter christlicher Barmherzigkeit grösstenteils von religiösen Ordensgemeinschaften übernommen worden, oftmals auch unterstützt durch offizielle Stadtärzte. Viele Hospitäler degenerierten jedoch mit der Zeit zu reinen Pfründneranstalten oder zu multifunktionalen Sammellagern für alle Randständigen und waren Armen- und Invalidenhaus, Kranken- und Irrenanstalt in einem. In der Bevölkerung genossen diese Einrichtungen deshalb nur wenig Vertrauen, und wer es sich irgendwie leisten konnte, liess sich privat behandeln. Als eigentliche Armenspitäler konnten sie den gewachsenen Ansprüchen je länger, desto weniger genügen. So entstand im Laufe des 18. Jahrhunderts eine Reihe von Allgemeinen Krankenhäusern, allen voran die Charité in Berlin im Jahr 1727, die u.a. vom Neubau des Inselspitals in Bern (1718–1724) inspiriert worden war. Doch auch im Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus hatten die Krankenhäuser immer noch den Charakter von Armenanstalten. Zudem wiesen sie teilweise katastrophale hygienische Verhältnisse auf, was auf den mangelnden Einfluss der Ärzte auf den Betrieb zurückzuführen war. Es brauchte also tiefgreifendere Veränderungen.
Axel Hinrich Murken, Professor und langjähriger Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin und des Krankenhauswesens am Universitätsklinikum Aachen, hat es deutlich formuliert: Zum Ende des 18. Jahrhunderts kam es zur entscheidenden Wende in der Medizin, als das Spitalwesen radikal verändert wurde und die moderne, von den ärztlichen Praxen abgekoppelte Klinik entstand. Seit der Biedermeierzeit betrieb man in den Allgemeinen Krankenhäusern stationäre Krankenpflege, diese wurde mit medizinischer Forschung und ärztlicher Ausbildung gekoppelt und der Boden für die Differenzierung der Klinischen Medizin bereitet. Im Laufe der Zeit bildeten sich neben den klinischen Hauptfächern weitere Disziplinen aus, die sich zu selbständigen klinischen Einheiten herausbildeten – wie etwa die Augenheilkunde, die chirurgische Orthopädie, die Psychiatrie, die Röntgenologie, die Tuberkulose, die Kinderheilkunde, die Dermatologie oder die Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde. Dies alles ermöglichte den überaus erfolgreichen, bis heute anhaltenden Siegeszug der Klinischen Medizin; denn ob Rückgang der Säuglingssterblichkeit oder Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung – beides lässt sich ihr in hohem Masse zuschreiben.
Bereits Ende der 1780er Jahre hatte sich…