Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03277.jsonl.gz/1992

nach Texten von J.Y. Desjardins und D. Chatton
überarbeitet von P. Gehrig
(vorläufige Entwurfsfassung/6.3.2006)
Nachdem die WHO Voraussetzungen mentaler Gesundheit definiert hatte, beauftragte sie 1974/75 zwei Kommissionen, das selbe bezüglich sexueller Gesundheit zu tun: «Sexuelle Gesundheit umfasst die Integration körperlicher, emotionaler, intellektueller und sozialer Aspekte des Sexualwesen Mensch im Sinne einer Bereicherung auf persönlicher Ebene wie auch von Kommunikation und Liebe». Diese Definition wurde seither verschiedentlich weiterentwickelt.
Die Unterscheidung der mentalen und sexuellen Gesundheit ist Basis des Sexocorporel-Konzepts. Prof. Jean-Yves Desjardins entwickelte den Sexocorporel am Département de séxologie de l’Université du Québec in Montréal, der weltweit einzigen sexologischen Fakultät, welche er 1968 gemeinsam mit Prof. Claude Crépault gründete. Auf der Basis von klinischen Beobachtungen und wissenschaftlichen Untersuchungen erarbeitete er bis 1988 ein Modell sexueller Entwicklung und Funktionalität, welches er seither in Zusammenarbeit mit Sexologinnen und Sexologen entsprechend neuer sexualwissenschaftlicher Erkenntnisse erweiterte.
Dieses Modell erlaubt eine sexologische Evaluation aller Komponenten, welche in der menschlichen Sexualentwicklung zusammenspielen. Dies ist die Voraussetzung, um KlientInnen, ausgehend von deren sexuellen Anliegen, Fähigkeiten zu vermitteln, welche ihnen eine Verbesserung der sexuellen Gesundheit ermöglichen.
Die Zweiteilung Körper–Geist ist eine künstliche Aufteilung, die es erlaubt, jeden Bereich als Teil eines untrennbaren Ganzen vertieft zu untersuchen. Aus dieser dualistischen Sichtweise entwickelte sich eine antagonistische, die den triebhaften, unreinen Körper als Widersacher des reinen Geistes verstand. Auf religiöser Ebene kam eine dritte Dimension dazu, die Seele.
Diese vertikale Sichtweise – Psyche «oben», Sexualität «unten» – durchdringt, wenn auch subtil, wertend sowohl unsere Gesellschaft als auch psychotherapeutische Modelle. So werden noch in vielen sexualtherapeutischen Schulen «sexologische Abklärungen» durchgeführt, ohne die explizite sexuelle Realität mit einzubeziehen. Sexuelle Probleme versteht man dabei primär als Symptome psychischer Konflikte oder als Beziehungsstörungen. Im Sexocorporel werden sie als indirekte Kausalitäten bezeichnet. Der Fokus liegt auf den direkten kausalen Zusammenhängen eines sexuellen Problems. So beeinflusst etwa der Erregungsmodus, also die Art, wie sich ein Mensch körperlich erregt, das sexuelle Erleben und die sexuellen Vorstellungen und Phantasien.
Der Sexocorporel betrachtet den Mensch als körperliche und seelische, untrennbare Einheit, unterscheidet jedoch aus wissenschaftlichen Gründen den expliziten Körper – den sichtbaren, bewegbaren Körper, die Sinnesempfindungen etc. – und den impliziten Körper – die Wahrnehmungen, Emotionen, Gedanken, Fantasien etc.