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Gewalt, Krankheit, Verwahrlosung und Elend
Die Guttempler-Bewegung ist im 19. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten von Amerika entstanden. Am 11. Juni 1851 gründete Leverett E. Coon in Utica im Staate New York als Abstinentenorganisation den «Independent Order of Good Templars», der in den protestantisch-methodistischen Kreisen des Landes rasch eine grosse Anhängerschaft fand
Bereits am 17. August 1852 vereinigten sich die einzelnen, als «Logen» bezeichneten Ortsgruppen, zu einer «Grossloge von Nordamerika». Den Höhepunkt erreichte die Guttempler-Arbeit in den USA um das Jahr 1875, als man 11'850 Logen mit insgesamt 735'000 Mitgliedern zählte. Später verlor sich die Bewegung indessen wieder bis auf wenige kleine Gemeinschaften, die wesentlich von ausgewanderten Skandinaviern getragen werden.
Die Entstehung des International Order of Good Templars in den USA geschah mit dem Hintergrund von grossem sozialem Elend und der Verarmung vieler Familien durch den Alkohol. Leverett E. Coon und seine Mitstreiter waren nicht mehr bereit, untätig zuzusehen, wie Alkohol Männer in Gewalt und Krankheit verstrickte und Familien daran zurgrunde gingen.
Rituale mit tiefem Sinn
Die Gründer des Ordens verstanden, dass ein Alkoholiker nicht von einem Tag auf den andern alle Einsichten gewinnen kann. Was heute die moderne Psychologie vertritt, begriffen die Gründer indem sie einen rituellen Prozess in Form des Gradwesens einführten. Die eigene Persönlichkeit wird langsam aufgebaut und wieder gefunden im Sinne vom Ich zum Du zum Wir.
Als erster Schritt konnte ein Mitglied den Grad der Erkenntnis oder Grad der Enthaltsamkeit ablegen. Damit bestätigte es, dass die Abstinenz eingehalten wird und es nüchtern über sein Leben nachdenken und verantwortungsvoll damit umgehen konnte. Es sollte sich zuerst auf sich selbst und auf seine Loge konzentrieren und dort mitarbeiten.
Nach einiger Zeit lernte das Mitglied über sein eigenes Leben hinaus zu sehen und konnte neben seinen eigenen Problemen erkennen, dass es sich innerhalb einer Gemeinschaft bewegte. Damit war der Zeitpunkt erreicht, den Grad der Barmherzigkeit (oder Brüderlichkeit/Nächstenliebe) zu erwerben. So wurde das Wissen und das eigene Erleben für andere Alkoholiker nutzbar gemacht, die aus der Sucht heraus geholt wurden. Dieser Grad ermöglichte die Mitarbeit innerhalb des Distriktes.
Noch war die Entfaltung der Persönlichkeit damit nicht abgeschlossen. Mit dem Grad der Gerechtigkeit öffnete sich der eigene Blickwinkel und das Mitglied sah die Notwendigkeit und die Möglichkeit innerhalb des Landes für Gesundheit und Wohlergehen einzustehen.
Seit der Gründung von IOGT umfassen die Ideale die ganze Welt. Es gibt keine Unterschiede von Herkunft, Hautfarbe oder Geschlecht. Nicht nur im Gründungsland USA war dies zu jener Zeit spektakulär mit den Sklaven, auch die volle Mitbestimmung und Beteiligung von Frauen blieb über lange Zeit hinweg vorbildlich. Ein Mitglied mit diesen hohen ethischen Ansprüchen und dem Willen diese umzusetzen, bewarb sich um den Einheitsgrad und damit den Zugang zu internationalen Ämtern.
Ausbreitung der Bewegung nach Europa
Als grosser Missionar des Guttempler Ordens in Europa gilt der Engländer Joseph Malins. Der Malergeselle Malins, Sohn eines Alkoholikers, hatte sich während eines Aufenthaltes in den USA für die brüderliche Hilfe der Guttempler zur Heilung von Trinkern begeistert, weshalb er nach seiner Heimkehr alles daran setzte, um die Guttempler Idee in Grossbritannien zu verbreiten. Schon 1873 zählte der Orden in England rund 20'000 Logen mit etwa 200'000 Mitgliedern, darunter 463 Bürgermeister, 892 Geistliche und über 100 Ärzte. Von England brachte der Kapitän Carl Reynolds den Guttempler-Orden in sein Vaterland Norwegen. Aus dem Norden drang das Gedankengut hierauf nach Deutschland vor, wo im Grenzgebiet zu Dänemark 1888 Deutschlands Grossloge Nr. I und 1889 Deutschlands Grossloge Nr. II entstanden.
Trinksitten vor 125 Jahren
Der Burghölzli Jahresbericht von 1884 erwähnt "Ausgaben für 26'317 Liter Wein und 164 Flaschen Veltliner, sowie 11'632 Liter Bier." Bei 320 Patienten und ca. 20 Pflegern liegt der jährliche Alkoholkonsum pro Person über 110 Litern.
Prof. Auguste Forel gründete die erste Loge der Schweizer Guttempler 1892 in Zürich
Auguste Forel als Waadtländer machte einen Wandel durch vom Weintrinker zum verantwortlichen Leiter des Burghölzli mit der Aufgabe, eine Lösung für die vielen Alkoholkranken zu finden. Er war einer der ersten, die überzeugt waren, dass diese Krankheit heilbar sei, und dass die wirksamste Prophylaxe die Abstinenz und das gute Vorbild war. 38-jährig entschied er sich selber abstinent zu leben.
Er suchte eine konfessionell neutrale Organisation, weil er Alkoholiker nicht als Sünder, sondern als Opfer der Blindheit und Unwissenheit der Mitmenschen betrachtete. Zitat A. Forel: "Ein vom Alkohol gänzlich befreites Volk wird allein innerlich frei und kräftig genug, um zu einer höheren socialen, ethischen und intellektuellen Stufe schliesslich gelangen zu können".
Vom Orden zur modernen Organisation
1970 löste sich IOGT von den Ritualen und der Ordensform und verwandelt sich in einer moderne Organisation. In der Schweiz ist es ein gemeinnütziger, Zewo-anerkannter Verein, der über Tätigkeiten und Finanzen öffentlich transparent informiert. Der Vorstand wird jährlich von der Mitgliederversammlung gewählt.
Was geblieben ist, ist die Erkenntnis, dass Abstinenz allein noch kein besseres Leben garantiert. Die Solidarität, der Einsatz für das Wohl von anderen und der Blick auf die Welt und die engen Verbindungen über alle Grenzen hinaus sind wichtige Bestandteile eines reichhaltigen Lebens.