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Ein Gourmet ist nicht das gleiche wie ein Gourmand. Foodies sind sie beide, auch wenn sich zumindest der Gourmet eher nicht so bezeichnen würde.
Foodporn lieben sie alle. Und Foodporn für alle, das liefert Tran Anh Hùng in diesem Film en masse. Eigentlich fast ausschliesslich.
So dass die schiere Menge zum Problem werden kann.
Aber fangen wir doch dort an, wo sich die von Benoît Magimel und Juliette Binoche gespielten Protagonisten zu Beginn dieses Films befinden.
Er, Dodin Bouffant, bekannt unter dem etwas absurden Label «Napoleon der Gastronomie» lebt in seinem Schloss, mit seiner Köchin und Lebensgefährtin Eugénie.
Seit mehr als zwanzig Jahren teilen sie sich ihre Leidenschaft fürs Essen. Er komponiert die Menus, sie setzt sie kongenial um. Und eben so lange teilen sie das Leben und gelegentlich das Bett.
Eugénie ist sehr zufrieden so, er möchte sie lieber heiraten. Und als sie einen mysteriösen Schwächeanfall bekommt, umwirbt er sie erstmals, indem er für sie kocht.
Dodin Bouffant, der Star-Feinschmecker aus dem 19. Jahrhundert, ist eine Romanfigur von Marcel Rouff, einem der Gründer der «Académie des gastronomes». Der Roman hat Dodin Bouffant so bekannt gemacht, dass ihn viele für einen historischen Gastronomen halten.
Es gibt auch eine Fernsehverfilmung des Buches von 1972: La vie et la passion de Dodin-Bouffant.
Aber Tran Anh Hùng reduziert die Liebesgeschichte zwischen Bouffant und seiner Eugénie noch weiter, verzichtet auf besonders dramatische Elemente des Buches und setzt auf maximalen, nun ja, Foodporn.
Bei vielen Filmen, die sich ums Essen drehen, kommt früher oder später die Behauptung, die Zubereitung, das Kochen, ja das Essen auf der Leinwand erzeuge eine erotische Spannung.
Wenn Juliette Binoche liebevoll im Garten kniet und mit sicherer Hand und scharfem Messer einen Salatkopf dicht über der Wurzel abschneidet, kann man das schon so sehen. Wenn sie einen Fisch ausnimmt, mit der ganzen Hand und geübtem Griff in die Bauchhöhle greift, und die Innereien sauber herausflutschen, begleitet von einem schmatzendem Geräusch… ja, auch dann.
Auch wenn die Herren am grossen Tisch die aufgetragenen Speisen voller Inbrunst und mit sichtlichem Vergnügen geniessen, Anekdoten zum Besten geben und sich auf die nächste Überraschung freuen, während der Hausherr sie die Provenienz des Weines raten lässt: Das Wasser läuft einem im Mund zusammen.
Wenn allerdings Monsieur Magimel hin und wieder über ein einzelnes Gericht redet wie ein Weinkenner beim salbadern über fruchtige Noten und schöne Abgänge, dann bekommt die ganze Sache einen ernsthaft satirischen Einschlag, der nicht Teil des Konzeptes ist.
Zwei Stunden und fünfundzwanzig Minuten in schönstes Licht getauchte Küchenästhetik, das erinnert leider zwischendurch an all die unsäglichen Fernsehspots für Gourmet-Käse, Fertigpizza oder gar die elenden «Maîtres Chocolatiers de Lindt», welche ihre Industriepralinen im Kupferkessel in der Schlossküche zubereiten.
Man spürt, dass die Buchvorlage von einer gewissen Ironie getragen sein dürfte, und man spürt auch, das Tran Anh Hùng dieser lieber ausweicht in seinem multisensorischen Bemühen.
Juliette Binoche meistert die Klippen der Rolle wie immer bewundernswert, man glaubt ihr die Köchin, zumal jeder Griff sitzt und offensichtlich gut eingeübt wurde. Es ist nicht einfach, die Backofentür eines Holzherdes zu schliessen, ohne hinzuschauen.
Aber Juliette Binoche hat es ja auch seinerzeit schon geschafft, als Patissière in Lasse Hallströms Chocolat überzeugend zu wirken und sich gleichzeitig beinahe glaubwürdig in Johnny Depp zu verlieben – was, nicht zuletzt aufgrund der Miramax-Marketing-Fähigkeiten von Harvey Weinstein für einen jahrzehntelangen Strom entzückter Amerikanerinnen durch das Burgunderstädtchen Flavigny sur Ozerain geführt hat.
Benoît Magimel tut sich etwas schwerer mit seiner Rolle. Solange er ruhig bleibt, hat er seine Ausstrahlung. Wenn er mit Juliette Binoche im Bild ist, gibt er ihr die schöne Echowand für ihre unnachahmlich ironisch-liebevollen Frotzeleien. Aber wenn er mit seinem Gastro-Babble loslegt, dann könnte man das auch als Standup-Comedy auf TikTok verklippsen.
Aber eines schafft der Film unzweifelhaft: Wer ihn gesehen hat, hat Appetit bekommen. Und keine Lust auf Fast Food. Ça, quand même.