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Elias Canetti, Wahlzürcher und Nobelpreisträger, hatte wie viele von uns Gottfried Keller als Vierzehnjähriger in der Schule als Festdichter kennengelernt und in seinem jugendlichen «unwissenden Hochmut» zornig gelobt, niemals ein solcher «Lokalschriftsteller» werden zu wollen. Dieses Vorurteil revidierte er 1977 reumütig. Müssen auch wir, die unsere Gipfeli mit einem «Göpf» bezahlten, der alten Zehnernote mit Kellers Abbild, unser Bild von Keller als Nationalschriftsteller revidieren?
Auch mir wurde Keller im Gymnasium verdorben, als «Die drei Kammmacher» über den Kamm des gesunden Menschenverstandes gestrählt wurden. Jetzt aber, im Jubeljahr, entdeckte ich einen Keller, der auch mich zum Jubeln brachte. Weshalb hat man uns verschwiegen, dass Keller ein ganz grosser Träumer war, kein Realist, sondern auch Surrealist, der seine Träume erkundete, die auch noch unsere Träume sind? Und weshalb wurde die schweizkritische und atheistische Seite von Keller immer unter der Maske des nationalen Dichters und Staatsschreibers versteckt?
Gleich zu Beginn des «Grünen Heinrich» gibt uns Keller einen Wink, der die subversive Fantasie dieses Dichters beschwört: Heinrich sollte in der Schule brav das Abc lernen, doch mit seinem Hang zum Fantasieren und Spintisieren nannte er damals schon das P, dessen Umrisse er brav nachzeichnen sollte, in störrischer Weise immer nur «Pumpernickel» und trieb den Lehrer zur Weissglut. Den lieben Gott identifizierte er nicht mit dem christlichen Kreuz, sondern mit dem glühenden Glänzen des Turmhahns, den er im Sonnenschein erblickte, später auch mit einem Tiger aus einem Kinderbuch. Und ein Mädchen, in das er sich verguckte, nannte er nur noch «meine weisse Wolke» – weil das Weiss der Wolken und der Berge, das er von der Zinne seines Hauses am Rindermarkt sah, für ihn der Inbegriff des Erhabenen und Schönen geworden war.
Als erster hatte der deutsche Dichter und Denker Walter Benjamin in den 1920er Jahren diesen «Bodensatz des Nonsens» entdeckt, der auf dem Grund von Kellers Werken schlummert. In ihm wetterleuchtet bereits die Moderne zwischen Dada und Surrealismus, wo der Unsinn mit dem Sinnlichen der Buchstaben verschmilzt, die die Welt als Lautgedicht umspielen: So wie Keller in seinem Liebestaumel in Berlin ganze Seiten mit dem Schriftzug B B B B überzog, weil er an Betty Tenderlin dachte und so ein «Bittibätti» an den Liebesgott stammeln konnte: «tibetti tibetti, Bbettyttybetti, Bethly, Bethely, Bettly Bettly…, Bettchen? Bettchen?…, Betty bitte!»
In seiner Jugend führte er gar ein Traumtagebuch, wo er ein schönes «buseliges» Mädchen, das sich bald verdoppelt, in seine Kammer führt, ehe die böse magere Hand alter Hexen durch die Fensterluke dringt und seine Kusslust durchkreuzt. Und so verzaubert er im «Grünen Heinrich» auch Zürich in eine surreale Szenerie mondheller Nächte: Er schwingt sich auf sein Pferd Goldfuchs, an dessen Beinen sich bald Goldstaub sammelt wie an den Beinen der Bienen, bevor er auf seinem «Bienenpferd» über Zürich fliegt, wo unter den gläsernen Terrassen zwischen See und Zürichberg je und je ein «pudelnacktes Mädchen» lockt. Davon ahnten wir damals in der Schule: nichts. Ebenso wenig von seiner Schweiz-Kritik.
In einer seiner Seldwyla-Geschichten, «Das verlorene Lachen», zeigt Keller, wie mitten in der schunkelgemütlichen Trotteligkeit der Bewohner von Seldwyla die Schweiz zur «Tapetenlandschaft» verkommen kann: Der Saal eines Wirtshauses wird mit einer Tapete von schwarzen und roten Kühen ausstaffiert. Darüber leuchtend die weiss gleissenden Gipfel der Jungfrau, aber auch des Schreckhorns, die an der Decke zusammenstossen, weil die Decke der Spelunke viel zu tief ist. Die Tapete ist kein Malerwerk, wie Keller es in seiner Jugend gern selbst von eigener Hand gepinselt hätte, sondern Fabrikware vom Fliessband, wobei die Flecken der roten Wangen neben den Gesichtern aufleuchten wie blutige Wunden unserer Profitsucht.
Und er warnte ganz aktuell: «Glücklicherweise gibt es bei uns keine ungeheuer reichen Leute, der Wohlstand ist ziemlich verteilt; lass aber einmal Kerle mit vielen Millionen entstehen, die politische Herrschsucht besitzen, und du wirst sehen, was die für Unfug treiben; dann wird es gelten dem Teufel die Zähne zu weisen.»
Nun, Gottfried Keller wurde bekanntlich Staatsschreiber. Doch schon seinen ersten Arbeitstag verschlief oder verpennte er, weil er am Abend zuvor aus Trotz zu viel getrunken hatte. Zahllos sind die Anekdoten, wie er durchs Niederdorf wankte und sich fragte, weshalb das Schlüsselloch seines Hauses nicht zu seinem Schlüssel passte. Hicks!
Im Rausch vergass er, dass er als Staatsschreiber die viel wichtigere Aufgabe des Romanschreibers fünfzehn Jahre lang verluderte. Dabei hatte er mit «Der grüne Heinrich» einen Roman von Weltformat verfasst, der sein eigenes Schicksal ins Poetische überhöhte. Von der Schule geworfen, ging Keller nach Deutschland, um Maler zu werden. Doch seine Bilder der Schweizer Landschaften bleiben blass. Zurück aus der Fremde wird Keller zum Schriftsteller, der als Schrift- und Fallensteller Bilder findet, die die Schweizer Seele in all ihrer Lächerlichkeit und Bosheit abbilden wie in «Die Leute von Seldwyla», aber auch im zarten Schmerz seiner genialen Novelle «Romeo und Julia auf dem Dorfe»: Zu Beginn lässt er die Bauern Marti und Manz den Pflug über ihre Ackerschollen im Gleichklang führen (während die dritte Scholle zwischen ihnen karg und voller Steine bleibt – sie gehört einem Randständigen, dem schwarzen Geiger, einem Inbild der Fahrenden). Die beiden Bauern verfeinden sich und verkommen, durch den schnellen Gewinn der Lotterielose verlockt, zu verlotterten Gesellen. Ihre Kinder verlieben sich gegen den Willen der Väter, doch sie stossen auf die Vorurteile der kleinen Dorfgemeinschaft. So erleben die beiden nur einen einzigen glücklichen Abend beim Tanz, bevor sie ein Schiffchen mit seinem Heu als Ehebett wählen. Auf dem Fluss des Vergessens treiben sie dahin in einer tragischen Liebesnacht unter der wunderbaren Pracht der Bäume und des Mondes, bevor sie nach ihrer geschlechtlichen Vereinigung wie blasse, leichenhafte Fische ins Wasser gleiten, um zu sterben. So führen sie Shakespeares berühmte Geschichte von «Romeo und Julia» in ihrer Provinz zu einem unseligen Ende. Eine solche Liebe ist in der engen Schweiz nicht möglich.
Kellers eigene Liebschaften waren genauso unmöglich. Immer wieder verliebt er sich in allem Unglück wie «Pankraz der Schmoller». Doch er schmollt nicht, sondern verwandelt seine Erfahrungen in zeitlose Novellen – oder in Briefe voll abgründiger Bosheit, wie an die schwangere Marie von Frisch: «Auf ihr Kindchen freue ich mich: das wird gewiss ein allerliebstes Tierchen! Wenn es ordentlich genährt ist, so wollen wir es braten und essen, wenn ich nach Wien komme, mit einem schönen Kartoffelsalat und kleinen Zwiebeln und Gewürznägelein. Auch eine halbe Zitrone tut man dran!»
Diese dunkle Seite und den schwarzen Humor unseres Staatsschreibers und Nationaldichters sollte man nicht vergessen. Denn er war nicht nur, wie die Literaturgeschichte meint, ein grosser Realist, der das Leben in der Schweiz wie kaum einer schildern konnte, sondern auch ein Träumer und Säufer, der das Surreale unseres Lebens kannte, wo sich Zartheit und Grausamkeit, Liebestraum und Schönheitsschock verschlingen wie im Umriss des Buchstabens B.