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Der Maler, Dichter und Schauspieler Otto Nebel (1892–1973) wuchs in Berlin auf. Er besuchte das Lessinggymnasium und absolvierte ab 1909 eine Ausbildung zum Hochbaufachmann. Danach liess er sich bei Rudolf Blümner und Friedrich Kayssler an der Lessing-Bühne zum Schauspieler ausbilden. Sein erstes Engagement am Theater in Hagen konnte er nicht antreten, da er zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Im Anschluss an den Ersten Weltkrieg verbrachte Nebel vierzehn Monate in englischer Kriegsgefangenschaft, nach seiner Rückkehr nach Berlin war er als Maler und Schriftsteller tätig. Dabei machte er Bekanntschaft mit dem Kreis rund um den Expressionisten Herwarth Walden und war Mitarbeiter bei der Kunstzeitschrift Der Sturm. Ausserdem gründete er zusammen mit Hilla von Rebay und Rudolf Bauer die Künstlergruppe Der Krater. In den 1920er-Jahren begann der Wortkünstler mit seinen aus einer beschränkten Anzahl an Buchstaben bestehenden Runendichtungen, den sogenannten Runenfugen, mit den Titeln Unfeig und Das Rad der Titanen. In den Runenfahnen setzte er diese Wortgebäude und die darin angestrebte Abstraktion dann auch bildnerisch um. 1924 heiratete Nebel Hildegard Heitmeyer, die Assistentin am Bauhaus in Weimar war. Während seiner Zeit in Weimar schloss das Ehepaar Freundschaft mit Paul Klee und Wassily Kandinsky. Aus politischen Gründen emigrierte es 1933 in die Schweiz, wo Nebel von 1936 bis 1951, unterstützt von der Guggenheim Foundation New York, als Maler tätig war. 1952 erhielt der in Bern wohnhafte Künstler, der seinen Lebensunterhalt nun als Schauspieler in den Berner Kleintheatern verdiente, die Schweizer Staatsbürgerschaft. 1965 wurde ihm das Grosse Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland verliehen.
Ab 1925 unternahm der Schriftsteller und Maler verschiedene Reisen nach Ascona, Genua, Venedig und Rom. Seine Fahrten in den Süden stellten den Versuch dar, dem immer garstiger werdenden politischen Klima des Nordens zumindest vorübergehend zu entkommen. In den 1930er-Jahren hielt sich Nebel mehrmals für längere Zeit in Italien auf: 1931 unternahm er gemeinsam mit seiner Ehefrau und einem befreundeten Paar eine ausgedehnte Studien- und Bildungsreise auf den Spuren Goethes. Die Reise führte über das Tirol nach Verona, Bologna, Florenz, Siena bis Rom. Dort hielt sich die Gruppe für mehrere Wochen auf, bevor es weiterging über Neapel und Pompeji bis nach Salerno. Später folgten auch unfreiwillige Aufenthalte von mehreren Monaten: Als in der Schweiz wohnhafte Emigranten ohne dauerhafte Aufenthaltsbewilligung musste das Ehepaar Nebel das Land gemäss Auflage der Schweizer Fremdenpolizei wiederholt für eine bestimmte Zeit verlassen. Aus diesem Grund hielten sich Nebel und seine Ehefrau in den Jahren 1935 und 1937 jeweils für einige Monate in Alassio, Forte dei Marmi oder Florenz auf. In jener Zeit wurde Italien für die vorübergehend der Kontrolle der Schweizer Fremdenpolizei entkommenen Otto und Hilda Nebel erneut zu einer Art Gegenort zum ihnen selten wohlgesinnten Norden.
Diese längeren Italienaufenthalte hinterliessen zahlreiche Spuren im Werk des Malers und Dichters. In Italien schuf Nebel eine grosse Zahl von Gemälden und Zeichnungen – unter anderem den malerisch-epischen Bilderzyklus Musartaya. Die Stadt der tausend Anblicke (1937/1938) oder den Farben-Atlas von Italien (1931). In diesen Farbstudien verzeichnete er akribisch genau die Beziehung der Farben der italienischen Städte und Landschaft. Der Atlas beruht aber nicht auf exakten Vermessungen, sondern in erster Linie auf den persönlichen Farb-Empfindungen des Malers. Wie bereits auf seinen früheren Reisen, entwickelte sich Italien für Nebel auch Mitte der 1930er-Jahre rasch zu einem singulären Ort der Inspiration und Produktivität. Neben den beschriebenen Gemälden entstanden während Nebels Aufenthalten im Süden auch diverse Tagebuchaufzeichnungen, Studien zur Maltechnik der italienischen Meister des 14. bis 16. Jahrhunderts, Fotografien und Sammlungen von Mineralien und Algen. Italien war für Nebel ein künstlerisches Projekt, zu dem Wort und Bild gehörten. Die Tagebücher und Reiseprosa zeigen Nebels rauschhafte Erfahrung der Farben und Lichtverhältnisse im mediterranen Raum. Seine Aufzeichnungen knüpfen an den mythischen Status Italiens in der Literatur und Kunst an. In den 1950er- und 1960er-Jahren überarbeitete Nebel seine während der Italienaufenthalte verfassten Tagebücher gemeinsam mit anderen, seit 1924 geführten Aufzeichnungen. Er stellte diese zu einem zehnbändigen Werk zusammen, wovon der zweite und dritte Teil (Erneuerung und Firenze) edierte Versionen der italienischen Tagebücher umfassen. Weitere literarische Zeugnisse aus Nebels Zeit in Italien sind der Prosazyklus In Italien (1937/1938), mit literarischen Reiseaufzeichnungen, oder das Gedicht Venedig der Selbstbegegnung aus dem Jahr 1945.
Quellen
- Bettina Braun, Verzeichnung des inneren Südens. Italien im Werk Otto Nebels, in: Corinna Jäger-Trees und Hubert Thüring (Hg.), Blick nach Süden. Literarische Italienbilder aus der deutschsprachigen Schweiz, Schweizer Texte, Neue Folge, Band 55, Zürich: Chronos, 2019, S. 141–161.
- Eintrag zu Otto Nebel im Historischen Lexikon der Schweiz, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/022549/2007-03-06/ (4.7.2019).
- Eintrag zu Otto Nebel im SIKART. Lexikon zur Kunst in der Schweiz, http://www.sikart.ch/KuenstlerInnen.aspx?id=4000070 (4.7.2019).
- Nachlass Otto Nebel, Schweizerisches Literaturarchiv (SLA), Bern.