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Cerro San Valentin, der Unerreichte
Mit 1 Skizze.
Von Arnold Heim
( Zürich ).
Zwischen dem 46. und 47. Breitengrad der südlichen Halbkugel, so weit südlich, wie wir uns nördlich des Äquators befinden, erhebt sich auf einem Mantel von Inlandeis der gewaltigste Berg Patagoniens, der Cerro San Valentin, auch Cerro San Clemente genannt. Auf der klassischen Karte 1:500 000, die um die Jahrhundertwende von der argentinisch-chilenischen Kommission zur Festlegung ihrer Landesgrenze herausgegeben wurde, ist er mit 4058 m angegeben. Genau kann diese Zahl nicht sein, da es sich um eine Fernmessung handelt.
Der Valentin liegt etwa halbwegs zwischen dem riesigen Lago Buenos Aires, der sich von der argentinischen Pampa bis ins Hochgebirge der Kordilleren erstreckt, und dem Estero Elefantes, einem der langgestreckten Fjorde der pazifischen Küste. Pazifisch darf der Grosse Ozean wohl im allgemeinen genannt werden im Vergleich zum stürmischen Atlantik, aber gerade in diesen südlichen Breiten ist er sehr stürmisch und dafür berüchtigt. Ganz besonders in der dortigen Sommerzeit, vom Januar an, wüten die Stürme vom Ozean her. Die mit Laubwald bedeckten Inseln und Vorberge werden mit anhaltenden Regen beschüttet, während im höheren Gebirge, das fast ständig in Wolken gehüllt ist, reichlich Schnee fällt. Er nährt die Gletscher, die sich nach oben zu einem 30-40 km breiten und 200 km langen, flachen Inlandeis vereinigen. Es ist ein kleines Gegenstück zu Grönland.
Aus diesem Inlandeis heraus, das auf der genannten Karte als Inesplorado bezeichnet ist, einer Schulter von 1500-1800 m aufsitzend, erhebt sich der gewaltige Gebirgsstock des Valentin. Er ist nicht ein Vulkan wie die meisten Hochgipfel der nördlichen Kordilleren, sondern gehört zu einer mächtigen Intrusion von Granit und Diorit, die in mesozoischer Zeit aus der Tiefe der Erde emporgedrungen und nach der Erstarrung in die Höhe gehoben wurde.
Der erste, der das Inlandeis betrat, ist der deutsch-argentinische Professor Dr. Fr. Reichert. Im Jahr 1921 fand seine Expedition einen gangbaren Aufstieg von Westen her, der rechten Moräne des vom Inlandeis herabfliessenden San Rafaelgletschers folgend, der sich fächerförmig im Meerniveau der Laguna San Rafael ausbreitet.
Eine zweite chilenische Expedition, die Reichert mit Unterstützung der Regierung im Jahr 1938 vom Lago Buenos Aires im Osten unternahm, blieb am Gletschersee Lago Leon stecken. Aus Mangel eines Bootes und wegen der praktisch unübersteigbaren Felswände musste sie wieder umkehren, ohne das Eis berührt zu haben.Im folgenden Jahr, 1939/1940, wurde das Inlandeis von beiden Seiten her angegriffen. Die schweizerische Expedition Heim stess von Osten vor, querte etwa 30 mal mit Hilfe eines doppelsitzigen Faltbootes den Lago Leon CERRO SAN VALENTIN, DER UNERREICHTE.
und errichtete ein erstes Lager bei 1000 m am Gletscherrand. Trotz furchtbarer Stürme erreichte der Bergführer Hermann Hess junior, aus Engelberg, schliesslich den Ostrand des Inlandeises. Darüber wurde anhand einer Kartenskizze und Bildern in Heft 8 dieser Zeitschrift 1940 ausführlich berichtet1 ).
Fast gleichzeitig mit Heim führte Reichert eine zweite Expedition von Westen her und querte trotz anhaltender Stürme und Niederschläge das Inlandeis bis zu seinem Ostrand, aber ohne die Möglichkeit, einen Gipfel der Valentingruppe zu besteigen.
Dem begeisterten Hess liess der Berg keine Ruhe. Es gelang ihm mit Hilfe von Konsul Walter Meyer in Osorno und anderen Schweizern eine neue Expedition auszurüsten. Zum drittenmal wurde der Aufstieg am San Rafael-gletscher gewählt. Abermals wurde nach furchtbaren Strapazen und wochen- Cerro San Valentin, 4058 m, der höchste Berg Patagoniens, gesehen von Punta Carrao in Richtung S 38° E.
Im Vordergrund Lauburwald. Das ganze Gebirge besteht anscheinend aus Grano-Diorit.
Nach Photographie skizziert von A. H.
langem Verbleiben im sturmbedrohten Zelt der Fuss des Valentin erreicht, ohne die erhoffte Besteigung in Angriff nehmen zu können.
So ist der wunderbare Berg nach fünf Expeditionen noch immer unberührt. Ist er unerreichbar? Was wissen wir nun von ihm? Hat ihn ausser den paar Expeditionisten sonst noch niemand zu sehen bekommen?
Auf dem chilenischen Dämpferchen, das mich von Puerto Montt via Puerto Aysen nach dem in Arbeit stehenden Canal de Ofqui trug, befanden sich ein Dutzend chilenischer Offiziere, die das wilde Land nach eventuellen Flugplätzen auszukundschaften hatten. Sie waren ohne brauchbare Karte und frugen mich nach den Namen der Berge. Der Kapitän hatte zwar den Namen Cerro San Valentin gehört, behauptete aber, dass dieser Berg auf der Fahrt nach Ofqui nicht sichtbar sei. Das Gegenteil beweist nun die beiliegende, nach einer vergrösserten Photographie gezeichnete Skizze. Rücken und Kopf erscheinen bei klarem Himmel durch eine Lücke der Vorberge bei der Landspitze Punta Garrao, wo sich die Esteros Elefantes und Cupquelân vereinigen, in Richtung S 38° E.
Eine ähnliche Erfahrung machte ich am Lago Buenos Aires. Der Kapitän des Dämpferchens Andes sagte, der Berg sei vom See aus nicht sichtbar.
Und doch konnte ich nachher den Kopf des Valentin von der Bucht von Guadai aus erkennen, und zwar in Richtung W 25° N. Ganz deutlich steht die Gipfelpartie da von einer Höhe von 1000 m oberhalb Guadai, doch war die Luft von Waldbränden her so getrübt, dass ich keine brauchbare Abbildung zustande brachte.Von beiden Seiten, von NW und von SE, zeigt sich die charakteristische Form: ein flacher, breiter Eissattel von etwa 2 km Länge. Er bricht nach NE mit scharfer Ecke zu einer gewaltigen Felswand ab, während er südwestlich sanft ansteigt und dann die Gipfelkappe trägt. Die gewaltigsten Felsabstürze des Berges, wohl 3000 m, sind nach Osten zu den Gletscherseen gerichtet, welche von der Expedition Reichert 1938 entdeckt wurden.
Trotz dieser wilden Umrandung schien mir, mit dem Feldstecher betrachtet, ein Aufstieg möglich zu sein, und zwar von der Südseite aus. Ein Schneeband führt von dort zwischen den östlichen Felswänden mit etwa 15° Steigung nördlich hinaus zur Nordostecke.Von dort wäre der Sattel mit Ski leicht zu bewältigen, und es wäre nur noch eine Kletterpartie nötig zur Bezwingung der Gipfelkappe.
Viel leichter, vermutlich fast alles mit Ski, wäre das etwa 5 km südlich des Valentin sich erhebende Silberhorn ( ca. 3500 m ) zu besteigen ( vgl. Alpen, Tafel 99, 1940 ). Es müsste bei klarem Wetter eine Aussicht bieten, die zum Grossartigsten dieser schönen Welt gehört. Wir schauen nach Norden und drehen uns nach rechts ringsum. Da steht vor uns der Gewaltige, Unerreichte. Seine Felswände stürzen Tausende von Metern nach rechts zu den Gletscherseen ab. Im Osten, zwischen Gipfeln von 2000-2500 m hindurch sehen wir einen Streifen des Lago Buenos Aires und fern dahinter, den Horizont bildend, die öde Pampa. Im Süden steht gerade vor uns der breite Cerro Fiero und links davon, weiter weg, der Cerro Hyades, 3078 m, mit seiner eleganten, vereisten Gipfelpyramide. Noch weiter, 120 km entfernt, erhebt sich auf 3700 m der kühne Doppelgipfel des San Lorenzo. Rechts vom Cerro Fiero dehnt sich 200 km weit, in südlicher Richtung sanft abfallend, die gelblich schimmernde Fläche des Inlandeises. Nach Westen ist sie durch zackige Berge begrenzt, durch deren Lücken das Eis in die Fjorde abfliesst. Weit dahinter, in blauer Ferne, ist die Horizontlinie des Grossen Ozeans erkennbar.
Mehr als in den weiter nördlich gelegenen Anden, wo das Wetter wochenlang schön und trocken sein kann, besteht die Schwierigkeit von Gipfelbesteigungen Patagoniens in der Wetterlage. Einzelne schöne Tage inmitten von wochenlang andauernden Stürmen mit Regen und Schneefall, wie sie alle bisherigen Expeditionen erlebten, bieten keine Möglichkeit zu einer Valentinbesteigung. Es wird also eine Glücksache sein, den noch Unerreichten zu bemeistern. Eine mehrtägige Schönwetterperiode, nachdem ein Stamm-lager am Fuss des Gipfels auf dem Inlandeis errichtet wurde, ist die Hauptbedingung zum Erfolg.
Die Vereisung des Firns
Gealterter Firn ( 3 Jahre ) 4.
spez. Gewicht 0.72 ( 4.1 fach vergr. ) Dünn-schnitt durch einen Firnblock, zwischen gekreuzten Prismen. Die kommunizierenden Luftkanäle sind schwarz und abgerundet, die Firnkörner weiss oder grau und eckig.
Junges Eis ( 6 Jahre ) 5.
spez. Gewicht 0.80 ( 4.1 fach vergr. ) Die Luftkanäle sind bereits stark geschlossen Altes Eis ( fast luftfrei ) 6. spez. Gewicht 0.91 ( 3.5 fach vergr. ) 156/158 - Mikrofotografien Gerald Seligman