Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03661.jsonl.gz/1954

Mythen und Märchen
Im Laufe der Geschichte sind rund um Pferde und ihre Hufe viele Behauptungen entstanden, die von Generation zu Generation weitererzählt werden, ohne sie zu hinterfragen.
Hier ein paar Beispiele:
“Eselhufe sind sehr hart.“
Diesen Eindruck bekommt man schnell - aber nur, wenn man von einem Eselhuf getreten wird. In Wirklichkeit sind die Hufe von Eseln im Schnitt weicher als die der Pferde. Die Hufwand ist im Verhältniss zur Sohlenfläche deutlich dicker als die der Pferde. Es ist bestimt ein evolutionärer Eseltrick.
Esel sind sehr sensible Tiere, können dies aber nicht immer zeigen. Haben sie Angst wehren sie sich gerne mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, zum Beispiel den Hufen oder durch die Fucht. Bei manchen Eseln bekommt man den Eindruck, dass das Treten bei ihnen eine unkontrollierte Reaktion ist, die sehr schnell ausgelöst wird, wärend sie sich von etwas fürchten. Zum Beispiel: von der Hufbearbeitung.
Also Vorsicht! Beim Putzen oder Bearbeiten der Hinterhufe, egal ob beim Esel oder auch beim Pferd, sollte man den Kopf immer hoch halten. So erspart man sich unter Umständen einen Besuch beim Zahnarzt und es bleibt einem erspart, plötzlich mehrere Tage lang nur flüssige Mahlzeiten zu sich zu nehmen.
„Der letzte Hufschmied hat zu eng beschlagen."
"Deshalb sind die Hufe enger und steiler.“
Ein Irrglaube. Würden Hufe durch zu engen Beschlag schmaler, bräuchte man einfach bei zu weiten Hufen eng beschlagen und schon wäre das Problem gelöst.
Die Veränderungen des Hufwinkels hängen vielmehr mit der Veränderung der Belastung und Durchblutung zusammen. So werden „normale“ oder steile Barhufe, die einige Zeit beschlagen oder ungewöhnlich belastet wurden, automatisch steiler und enger.
Flache, weite Hufe tendieren hingegen dazu, nach dem Beschlagen noch weiter und flacher zu werden. Die Trachten sind entsprechend kurz, der Strahl meist sehr kräftig ausgebildet.
„Hufe sollte man erst nass machen und erst dann fetten."
"So wird die Feuchtigkeit im Huf eingeschlossen.“
Stimmt nicht. Die Hufe haben einen eigenen Mechanismus der den Feuchtichkeitgehalt im Huf reguliert.
Feuchtigkeit kann ohne menschliche Hilfe von der Huflederhaut durch die Hufkapsel nach aussen diffundieren. Egal ob es draussen heiss oder kalt ist. Auf diese Art bleibt die Hufkapsel und die Hufsohle elastich.
Probieren Sie es selbst aus! Wickeln Sie eine Frischhaltefolie um den Huf und warten sie ab. Nach ein paar Minuten ist die Folie mit kleinen Wassertropfen benetzt. Sogar in den heissen Sommertagen.
Es beweist, dass die Hufstrukturen für den Feuchtichkeitsgehalt im Huf selber sorgen können. Ohne menschliche Hilfe.
Somit ist es nicht nötig, Feuchtigkeit im Huf „einzuschliessen“.
„Sollte man eingetretene Steinchen auskratzen oder nicht?“
Kleine Steinchen oder Sandkörner im Bereich der Weissen Linie sind ein häufiges Problem bei Barhufpferden. Die Steinchen können besonders leicht zwischen der Weissen Linie und den inneren Teil der Hufkapsel eintreten, weil dieser Bereich sehr weich ist. Bei flachen Hufwänden entsteht dieses Problem fast gar nicht. Je steiler die Wand, desto stärker aber ist der Sohlenrand mit Sand und Steinchen gefüllt.
Es gibt Leute, die behaupten, man solle diese kleinen Steinchen besser nicht ausräumen, weil sonst immer noch grössere Steinchen eindringen können. Würde das zutreffen, müsste nach einigen Wochen regelmässigen Ausräumens eine ganze Felswand in den Huf passen. Steinchen sind Fremdkörper im Pferdehuf und gehören nicht dahin. Deshalb: Immer ausräumen. Mann weiss ja nicht, was unter den eingetrettenen Steinchen noch so alles liegt. Vielleicht etwas Mist? Ungeachtet können hier Abszesse entstehen.
„Strahlfurchen sollte man sehr vorsichtig auskratzen.“
Kinder und Reitanfänger werden fast immer belehrt, dass man die Strahlfurchen nicht mit zu festem Druck auskratzen darf, weil der Strahl sehr empfindlich sei.
Doch überlegen Sie mal: ein durchschnittliches Pferd wiegt etwa 500 kg. Wäre der Strahl so empfindlich wie manche befürchten, würde er dem Pferd wohl eher am Rücken wachsen statt am Huf...
Es ist sogar sinnvoll, die Strahlfurchen mit einem gewissen Druck auszukratzen.
Denn der Strahl wächst ununterbrochen und seine Schenkel überwuchern sehr schnell die Strahlfurchen entlang der Eckstreben. In diesen Furchen wimmelt es nur so von den Bakterien. Bei wildlebenden Pferden werden die Furchen durch ständige Bewegung in Erde und Sand laufend gereinigt – für Bakterien ein unfreundliches Klima.
Bei Hauspferden ist das anders. Sie leben auf verhältnismässig kleinen Flächen, und es ist nicht immer möglich, die Ställe blitzsauber zu halten. Oft bietet sich den Bakterien so ein ideales Klima. Die in den Strahlfurchen eingeschlossenen Bakterien zersetzen dann das Strahlhorn und „fressen“ sich immer tiefer in Richtung Strahllederhaut. Die häufige Folge: Strahlfäule.
Darum: je gründlicher man die Strahlfurchen auskratzt, was mit gewissem Druck verbunden ist, desto sauberer bleiben sie.
Und ausserdem ist das kräftige Auskratzen ein guter Indikator zur Feststellung von Fäulnis. Reagiert das Pferd beim Auskratzen empfindlich, stimmt etwas nicht.
„Alte Pferde sollten nicht mehr auf Barhuf umgestellt werden.“
Es gibt Skeptiker, die behaupten, dass man alte Pferde nicht auf Barhuf umstellen sollte. Doch nur weil ein Pferd schon immer beschlagen wurde, muss das nicht so bleiben. Demnach würde es auch keinen Sinn machen, als Mensch in fortgeschrittenem Alter mit dem Rauchen aufzuhören.
Ich konnte bis heute keinen Zusammenhang zwischen Hufqualität oder Hornwachstum und dem Alter eines Pferdes beobachten. Wenn es einem Pferd an guter Hufqualität mangelt, dann hat das vielmehr mit der Haltung, einem Mangel an Hufbearbeitung und Pflege, manchmal auch mit der Rasse und selbstverständlich auch mit den negativen Auswirkungen des Beschlages zu tun.
Besonders alte Pferde haben oft Probleme mit den Gliedmassen wie Arthrosen oder anderen Verschleisserscheinungen.
Ein unbeschlagener Huf kann sich in der Bewegung vertikal verformen und wirkt so wie ein Stossdämpfer. Er minimiert Belastungen, die beim Laufen entstehen, beugt Problemen am Bewegungsapparat vor oder entlastet schmerzende Bereiche.
Ein starrer Beschlag aber verhindert die vertikale Beweglichkeit des Hufes und kann somit keine stossdämpfenden Eigenschaften erfüllen.
“Unbeschlagene Hufe können nicht gleiten.“
Diese Behauptung ist für Hufschmiede häufig ein Grund, ihren Kunden von einer Umstellung auf Barhuf abzuraten. Angeblich soll es für den Huf schädlich sein, wenn er nicht gleiten kann – die bremsende Wirkung des Bodens würde sich negativ auf Sehen und Gelenke auswirken.
Ihren Ursprung hat diese Behauptung aber erst, seit es asphaltierte Strassen gibt. Vorher glitten beschlagene Pferde auf Naturböden auch nicht bei jedem Schritt. Auf Naturboden ist dieses Argument also ohnehin bedeutungslos.
Das Gleiten der Hufe ist für das beschlagene Pferd zudem nicht sehr angenehm. Es muss beim Aufsetzten des Hufes auf rutschigem Boden schliesslich permanent darauf achten, dass der Huf nicht unkontrolliert ausrutscht. Deswegen haben beschlagene Pferde ein Laufverhalten entwickelt, bei dem sie das Gleiten bewusst - oder anders gesagt kontrolliert - provozieren. Dabei belasten sie Sehnen und Gelenke aber unnatürlich stark.