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Olivia Colman ist Englands wahre Königin
Seit sie in «The Crown» Königin Elizabeth spielt, ist Olivia Colman ein Star. Für «The Father» könnte sie einen zweiten Oscar gewinnen. Ruhm und Glamour interessieren sie trotzdem nicht.
Sie zuckt zusammen, als ob jemand neben ihr in die Luft geschossen hätte. Dabei wurde bloss ihr Name genannt: «Der Oscar als beste Hauptdarstellerin geht an Olivia Colman!» Das war 2019, die Britin wurde für ihre Rolle in «The Favourite» von Yorgos Lanthimos ausgezeichnet.
Später sagt sie in einem Fernsehinterview, sie erinnere sich nicht an den Abend, «aber mein Mann hatte die Nacht seines Lebens. Ich auch. Ich habe im letzten Jahr gleich dreimal ein Kind geboren!»
Vielleicht war Olivia Colman so erschrocken über ihren Oscar, weil sie 2019 neu war in Hollywood und sich darum keine Chancen ausmalte gegen Glenn Close, Lady Gaga oder Melissa McCarthy, die ebenfalls nominiert waren.
Oder aber, sie hat es sich einfach nicht zugetraut. Colman ist eine Frau, die ihre eigene Leistung stets herunterspielt. Sie beruft sich auf ihre Spielpartner oder noch lieber auf das Drehbuch: «Wenn das Buch gut ist, musst du einfach die Wörter richtig aufsagen, und die Arbeit ist gemacht», sagt sie in Interviews immer wieder, auch in unserem. Ihre Bescheidenheit ist echt. Man sieht ihr an, dass Lob ihr unangenehm ist: Sie zieht schnell die Schultern hoch, kichert und schaut weg wie ein ertapptes Kind.
Was Colman in der Realität offensichtlich nicht ist – glamourös, selbstverliebt oder fordernd –, spielt sie umso besser in ihren Rollen. Etwa in der Serie «Fleabag» als Stiefmutter zweier erwachsener Schwestern, die ihren Neid auf deren Verhältnis zum Vater, ihrem Liebhaber, hinter überschwänglicher Freundlichkeit verbirgt.
Die launische Queen Anne in «The Favourite» spielt Colman einmal mit trotziger Ernsthaftigkeit, dann mit diesem ihr eigenen Gespür für Komik. Sie gibt diese kaputte Königin, die an chronischen Schmerzen und am Tod ihrer 17 Kinder leidet, niemals der Lächerlichkeit preis, egal, wie daneben sie sich benimmt, weil sie sich mehr für Liebesaffären mit Zofen als für ihr Reich interessiert.
Die Tränen fliessen leicht
Ohne Komik, aber mit einem Maximum an unterkühlter Ernsthaftigkeit verkörpert Colman ihre nächste Regentin, Queen Elizabeth in der Netflix-Serie «The Crown». Wie sie diese bis zuoberst zugeknöpfte Frau spielt, die sich von Standes wegen eine quälende Kälte antrainiert hat, fasziniert einen auch als Nichtroyalistin. Gefühle zu zeigen, käme für die Queen einer Niederlage gleich.
Darin gleicht sie ihrer Widersacherin, der Premierministerin Margaret Thatcher (Gillian Anderson), die das Land mit ihrer neoliberalen Politik umpflügt. Sehr zum Missfallen der Königin, die das Wohl ihrer Untertanen bedroht sieht. Die verbalen Duelle, in die sich Queen und Thatcher deshalb verstricken, sind mit die besten Momente der ganzen Serie.
Aber sie waren fast nicht zu spielen für Colman. «Ich bin so emotional, dass sie mich in einer Szene von hinten filmen mussten, damit man meine Reaktion auf mein Gegenüber nicht sieht», erzählt sie. Es sei so schwierig gewesen, dass jemand auf die Idee kam, ihr einen Knopf ins Ohr zu stecken, über den sie den Wetterprognosen für Seeleute lauschen konnte. Nur so konnte Colman die Contenance bewahren, die ihre Queen niemals verlieren darf. Wenn Colman weint, dann richtig. Ein zum Filmheulen verzerrtes Gesicht ohne Tränen wird man von ihr nie zu sehen bekommen.
Wie es wohl nächstes Wochenende um Colmans Fassung stehen wird? Es besteht die Gefahr, dass sie wieder einen Oscar gewinnt. Diesmal als beste Nebendarstellerin im Drama «The Father» von Florian Zeller.
Darin spielt sie Anne, die Tochter des dementen Anthony (Anthony Hopkins). Anne steht vor der Entscheidung, weiterhin für ihren Vater zu sorgen oder ihn in ein Pflegeheim zu geben. «The Father» ist ein Drama über Demenz, das mit einem brillanten dramaturgischen Kniff die zunehmende Verwirrung Anthonys fürs Publikum fassbar macht. Es geht aber genauso auch um die Angehörigen, die dem langsamen Sterben von jemandem zusehen müssen, der nach und nach das Gedächtnis verliert.
Danach gefragt, was die hin- und hergerissene Anne für sie im Kern ausmache, sagt Colman: «Anthony! Es war so einfach, mit ihm zu spielen. Und das phantastische Drehbuch! Es war schon alles da. Man hätte sich anstrengen müssen, um daraus etwas Minderwertiges zu machen.» Da ist es wieder, dieses sofortige Weglenken von sich selbst. Für Colman ist Erfolg nur eine lästige Nebenwirkung ihres Berufs.
Gut für sie, dass sie nicht dabei war, als Regisseur Florian Zeller später in unserer Zoom-Interview-Runde den Versuch unternahm, ihr Talent in Worte zu fassen. Er sprach von «Magie», dass man sie liebe, sobald man sie treffe, weil sie diese enorme emotionale Intelligenz besitze. «Das geschieht auch, wenn man sie auf der Leinwand sieht. Egal, welche Figur sie spielt, man empfindet sofort Empathie für sie.» Sie sei effizient, stark und wahrhaftig und arbeite so instinktiv wie Anthony Hopkins. Er sei einer ihrer Helden, sagt sie.
Endlich kommt der Ruhm
Diese Wahrhaftigkeit, die von ihr ausgeht, muss es sein, warum man heute noch vor allem an Olivia Colman denkt, wenn man sich an die Serie «Broadchurch» (2013–2017) erinnert. Sie spielte darin eine Kleinstadtpolizistin an der Seite von David Tennant. Er, obwohl längst ein Star, blieb doch blass neben ihr. Zu unnahbar, zu klischiert seine Figur des gequälten, eigenbrötlerischen Detektivs. Colman hingegen spielte die Polizistin und Mutter mit einer solchen Offenheit, dass man mit ihr weint, wenn am Ende von Staffel 1 das Berufliche auf grausame Weise in ihr Privatleben einbricht.
Mit «Broadchurch» begann sich die jahrelange Arbeit Colmans, seit 2000 mehrheitlich für britische Fernsehproduktionen, allmählich in eine internationale Karriere zu verwandeln. Es war die Zeit, als, inspiriert von skandinavischen Krimiserien wie «Kommissarin Lund» und «The Bridge», auf einmal Ermittlerinnen populär wurden wie in «The Fall», «Happy Valley», «Marcella» oder eben «Broadchurch».
Es war auch die Zeit, als Streamingplattformen wie Netflix und HBO zur ernst zu nehmenden Konkurrenz wurden zum Kino, weil sie andere Geschichten von anderen Menschen als den üblichen weissen Helden erzählten. Olivia Colman bekam im Zug dieser Umwälzungen endlich die Gelegenheit, ihr Talent auszuspielen. Vorher gab es die Rollen nicht. Es war, als ob die Welt zufrieden gewesen wäre mit ein paar Ausnahmen wie Julianne Moore, Helen Mirren oder Judy Dench; einige wenige Frauen, die auch jenseits der dreissig regelmässig grosse Rollen spielten.
Dass Colman das genauso kann, besser sogar als Meryl Streep, die leicht affektiert wirkt, hat man in England nach «Tyrannosaur» (2011) verstanden. Darin spielt sie eine misshandelte Frau, die sich mit einem Witwer anfreundet, der auf den ersten Blick auch ein Gewalttäter zu sein scheint.
Es war ihre erste Hauptrolle und die erste in einem Drama. Sie sagte damals, solche Figuren hätte sie schon immer gern spielen wollen, aber auch gewusst, dass niemand sie sich in so einer Rolle vorstellen könnte.
Glamour liegt ihr nicht
Colman, die in Bristol Schauspiel studiert hat, nachdem sie ihre Ausbildung zur Primarlehrerin abgebrochen hatte, wurde bekannt mit der Sitcom «Peep Show». Die lief von 2003 bis 2015 im britischen Fernsehen.
Seither hatte sie fast nur in anderen Sitcoms oder Komödien mitgespielt. Sofern es denn klappte. Sie gehört zu den Schauspielerinnen, die einen Grossteil ihrer Karriere damit verbracht haben, um den nächsten Job zu bangen. Colman arbeitete als Putzfrau und machte eine Ausbildung zur Sekretärin, um zwischendurch Geld zu verdienen.
Obwohl es ihr heute, mit 47 Jahren und nach einem Oscar, drei Golden Globes und vielen weiteren wichtigen Filmpreisen aus aller Welt an Angeboten nicht mangelt, plagte Olivia Colman immer noch die Angst, dass sich nach Drehschluss für «The Crown» wiederholen könnte, woran sie sich im Lauf ihres Lebens gewöhnt hat: dass keine neuen Angebote kommen.
An ihren Selbstzweifeln würde wohl weder ein Oscar für «The Father» etwas ändern, noch werden weitere Auszeichnungen sie in einen Star mit Allüren verwandeln. «Man muss seinen Job ernst nehmen, nicht sich selbst», sagt sie.
Zuerst erschienen am 17.4.2021 in der «NZZ am Sonntag». (Bild: Getty)