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Als der Channel Tunnel zwischen Grossbritannien und Frankreich im Jahr 1994 eröffnet wurde, dauerte die Zugreise von London nach Paris nur noch zwei Stunden und 50 Minuten. Doch sofort stellten sich Bahningeniere in Grossbritannien die Frage, wie man die Zugreise nach Paris weiter verbessern könne. Seit 2007 heisst ihre Antwort High Speed 1, eine gänzlich neu verlegte Schienentrasse von London an die Küste. Sie hat 6 Mrd. Pfund gekostet und einige Firmen in den Ruin getrieben. Viel Land musste gekauft, viele Naturschutzprojekte angeschoben werden. Die Zugfahrt nach Paris dauert jetzt nur noch zwei Stunden und 15 Minuten, sie wurde um 35 Minuten verkürzt. Ist das die Zukunft der Mobilität?
Nein, sagt beispielsweise Rory Sutherland, Werbeguru mit internationalem Renommée und Vizedirektor der Ogilvy-Gruppe. Er bezeichnet es als fantasielos, eine Reise nur dadurch zu verbessern, indem man sie verkürzt. Anstatt für 6 Mrd. Pfund eine neue Trasse zu bauen, hätte man für 3 Mrd. Pfund sämtliche Supermodels der Welt, männlich wie weiblich, anstellen können, die den Zug auf- und abflanieren und den Passagieren kostenlos Wein des Château Pétrus ausschenken. Man hätte Geld gespart und die Zugreise wahrlich verbessert. Die Passagiere würden heute darum bitten, dass der Zug langsamer fahre.
Ob in der Schweiz ein weiterer Ausbau der Bahninfrastruktur notwendig sei oder im ÖV bald hochwertiger Rotwein serviert werde, bleibe dahingestellt. Die Geschichte zeigt aber in jedem Fall eines: Nicht das Wohlbefinden des Verkehrssystems, sondern das Wohlbefinden des mobilen Menschen sollte das Mass für die Zukunft der Mobilität sein. Der Bau von neuen Strassen und Schienen war lange Zeit Treiber der Mobilität, weil die Menschen erst durch sie mobil wurden. Heute sind die meisten Menschen in der Schweiz täglich sehr mobil. Lösungen von gestern sind daher schlechte Antworten auf die Probleme von morgen. Zu fragen, wie statt dem Verkehr die Mobilität der Zukunft aussehe, bedeutet deshalb auch anzuzweifeln, ob wir immer mehr unterwegs sein sollten oder doch vielmehr einfach anders. Wagen wir einige Prognosen.
Information und Navigation
Der Reisende durch die Welt von 2025 wird sein eigenes Mobilitätsverhalten mit technischen Hilfsmitteln ganz genau beobachten können. Die Informationen helfen ihm bei Entscheidungen auf seinem Reiseweg – ob für die Wahl des Verkehrsmittels oder für die schnellste Route durch die Menschenmassen eines grossen Bahnhofs. Der Reisende wird sich nicht mehr einem vorgegebenen Fahrplan anpassen müssen, sondern wird seinem eigenen Fahrplan folgen können. Verschiedene heute getrennte Systeme werden zu einem System verschmolzen sein: ÖV und Auto, aber auch verschiedene Routenplaner oder das Gastro-Angebot am Bahnhof. Bereits vor seiner Abfahrt kann der Reisende verschiedene Verkehrsträger entlang seines Reisewegs koordinieren: Das Velo «weiss», um welche Uhrzeit der Reisende auf den Zug muss; am Bahnhof wird ihm der Weg zum Velo-Stellplatz und auf einen freien Sitzplatz im Zug gewiesen; die Läden auf dem Weg kennen seine Bedürfnisse und Präferenzen.
Sharing und Pooling
Anstatt ein Auto alleine zu benutzen, teilen die Reisenden 2025 vermehrt eines mit anderen – das eigene oder das eines Car-Sharing-Dienstes. Selbst für die Fahrt ans weit entfernte Ferienziel wird eine junge Familie mit einer anderen zusammenspannen, ein Auto teilen, Geld sparen und sich beim Fahren und bei der Kinderbetreuung abwechseln. Velos und Autos werden zum Allgemeingut; für Wartung und Instandsetzung sind die Anbieter besorgt. Der öffentliche Verkehr wird individuell, der individuelle Verkehr im Gegenzug auch öffentlich. In diesem System des Teilens dürfen weder Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit oder Qualität leiden, noch darf die Bedienung kompliziert sein. Und wir dürfen die gefühlte Kontrolle nicht verlieren. Schon heute sind diejenigen Reisenden, die einen grossen Einfluss auf ihren eigenen Reiseweg haben, die glücklichsten – nämlich die Velofahrer und Fussgänger.
Drop-off und Pick-up
Das Leben wird 2025 weiter flexibilisiert sein, das betrifft auch die Verkehrswege der Menschen. Dafür braucht es eine neue Art von Sachtransport; Gepäckstücke werden immer unabhängiger von ihren Besitzern unterwegs sein. Dazu werden Koffer, Sport- oder Einkaufstaschen mit den Reisenden und der Umgebung «kommunizieren». Das geht schon heute: Das selbstfahrende Auto von Google etwa bezieht Informationen über die Verkehrslage von anderen Verkehrsteilnehmern. Und die Alterung der Gesellschaft trägt weiter dazu bei, dass immer weniger Reisende ihr Gepäck immer selber tragen können. Beim Ausflug in die nahe gelegene Kleinstadt muss ein älteres Ehepaar beispielsweise die Möglichkeit haben, in verschiedenen Geschäften einzukaufen, dabei einige Kleinigkeiten sofort mitzunehmen und grössere Einkäufe wahlweise an den nächsten Bahnhof oder zu sich nach Hause liefern zu lassen. 2025 wird es ein Netz von Drop-off- und Pick-up-Stationen geben, die neue Reisewege von Gepäckstücken möglich machen.
Währung und Wertschätzung
Die Kosten des Unterwegsseins werden bis 2025 nicht abnehmen. Energie, Infrastruktur und Umweltbelastung kosten viel. Politik und Steuerzahler sind nicht gewillt, die Defizite zu decken; sich befördern zu lassen, wird deshalb massiv teurer werden. Sich hingegen selber zu Fuss oder mit dem Velo fortzubewegen, bleibt günstig und wird zur Senkung der Gesundheitskosten zudem gesellschaftlich gefördert werden. Mobilität wird nicht nur teurer, sondern auch wertvoller werden, und wir werden uns nicht mehr, sondern bewusster bewegen. Deshalb wird es 2025 ein Punktesystem geben: Selberbewegen wird mit Punkten belohnt, fürs Bewegenlassen muss man Punkte abgeben. Auch die Nutzung der Drop-off-Pick-up-Systeme wird kosten. Wer hingegen Gepäckstücke anderer Reisender mitnimmt, erhält Punkte. Diese Punkte werden unterwegs überall einsetzbar sein, für Billette ebenso wie für den Kaffee am Bahnhof.
Dorf-, Quartier- und Stadtzentrum
2025 werden Menschen vermehrt in Metropolregionen wohnen und anstatt zwischen mehreren Städten vor allem innerhalb dieser Regionen unterwegs sein. Dafür braucht es innerhalb der Region neue Zentren. Neben Strassen werden vor allem Bahnhöfe sowie Haltestellen und Läden im Quartier zu echten Knotenpunkten. Hier wohnen und arbeiten die Menschen, hier kaufen sie ein. Die Vielzahl solcher neuer, kleinerer Zentren hilft, den Verkehrskollaps zu verhindern. Der Langsamverkehr wird aus Umwelt- und Gesundheitsgründen aufgewertet. Reisen von einer Metropolregion in eine andere werden einfach sein, aber teuer. Auf dem Land wird das Auto seine Monopolstellung behalten und durch den Sharing-Trend weiter begünstigt. Es wird – wie der Zug oder das Velo – vollumfänglich in die persönlichen Reisewege eines jeden Einzelnen integriert sein und damit seine Funktion als Statussymbol weitgehend verloren haben.
Wohin führen all diese Entwicklungen? Zum einen zu einer Zersplitterung des Mobilitätsangebots in viele individuelle, aber vernetzte Lösungen. Zum anderen steht bei der Mobilität nicht mehr ein zentrales ÖV- oder Strassensystem im Zentrum. Entscheidend sind vielmehr die individuellen Reisewege eines jeden mobilen Menschen. Bis 2025 muss also nicht die Infrastruktur besser werden, sondern das Angebot für den Nutzer. Diejenigen Anbieter werden den Wechsel vom Verkehr zur Mobilität am besten meistern, welche die Nutzer auf der Reise durch ihren mobilen Alltag unterstützen.
Zitiervorschlag: Frerk Froboese (2013). Mobilität 2025: Vom System zum Nutzer. Die Volkswirtschaft, 01. Dezember.
Die GDI-Studie «Mobilität 2025 – unterwegs in der Zukunft» beschreibt die mobile Welt 2025 anhand acht zentraler Veränderungen. Zudem stellt sie in Form von sechs neuen Konzepten die Reisewege vor, welche durch die mobile Welt 2025 führen. Die Studie ist als Gratis-Download verfügbar auf http://www.gdi.ch/mobilitaet.
Ein Animationsfilm veranschaulicht zudem die Reisewege von Tobias, einem der Protagonisten der Studie. Er ist zu sehen auf http://www.gdi.ch/mobi2025bilder.
Mobilität wird häufig als Grundbedürfnis betrachtet. Der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur wird damit begründet, dass immer mehr Menschen immer mobiler werden – als Ausdruck von wirtschaftlichem Wohlstand. Dabei beruht Mobilität immer auf Defiziten. Sie entsteht, wenn Bedürfnisse nicht an dem Ort befriedigt werden können, an dem man sich gerade befindet: Man möchte zum Beispiel einkaufen, arbeiten oder ist neugierig auf ein neues Erlebnis. Wenn dies im eigenen Quartier nicht möglich ist, entsteht Mobilität. Sie ist daher kein Bedürfnis, sondern die Folge von Bedürfnissen. Die Kunst wird es sein, bis 2025 die Bedürfnisse der Menschen auf smarte Art und vor Ort zu bedienen, anstatt die Strecken immer schneller und so die Schweiz immer kleiner zu machen.