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WOZ: Jyoti Guptara, Sie sind mit ihrem Fantasyroman «Die Verschwörung von Calaspia» zu einem der jüngsten Bestsellerautoren der Welt geworden, veröffentlichen Bücher in Indien und leben in Weinfelden. Passt das zusammen?
Jyoti Guptara: Ja klar, ich bin ein «Mostinder» wie aus dem Bilderbuch. Nein, im Ernst: Meine Familie zog aus England in die Schweiz, als ich sieben war, erst nach Kreuzlingen, dann zogen wir nach Weinfelden um.
War das einfach, sich hier einzuleben?
Ich kann mich erinnern, dass wir Kinder uns extrem gegen die Idee sträubten. Das lag nicht an der Schweiz, wir hätten uns genauso dagegen gewehrt, nach Indien oder Japan umzuziehen. Wir wollten nicht weg von England, von unseren Freunden und Bekannten. Aber als wir einmal hier waren, gewöhnten wir uns recht schnell an das neue Land.
Wie machten Sie das mit der Sprache? War das schwierig?
Wir haben in Kreuzlingen während sechs Monaten Intensivsprachkurse besucht, um die Sprache zu lernen. Das war auch nötig. Ich weiss noch, dass mir jemand gesagt hatte, das Alphabet sei das gleiche, also glaubte ich, die Wörter würden auch alle gleich geschrieben wie in Englisch und nur anders ausgesprochen.
Wurden Sie als Ausländer ausgegrenzt?
Ach, die meisten Schweizer waren nett. Und die anderen konnten uns ohnehin nicht platzieren, wussten nicht, ob wir nun Südamerikaner, Araber oder Inder waren. Ich kann mich auch erinnern, wie ich auch schon einmal als «Jugo» bezeichnet wurde. Da ich nicht wusste, was damit gemeint war, fragte ich mich, ob das etwas mit Joghurt zu tun habe. Es stimmt schon, dass es vor elf Jahren nicht gerade viele dunkelhäutige Menschen gab im Thurgau. Aber ich glaube nicht, dass das ein Problem war. Ich wurde in der Schule nicht mehr verprügelt, als mir das passiert wäre, wenn ich weiss gewesen wäre.
Sie haben früh die Schule abgebrochen ...
Ich war ein Jahr in Frauenfeld an der Kantonsschule und unterrichtete mich danach selbstständig zu Hause, bis ich die englischen O-Levels abschliessen konnte. Ich hatte das Gefühl, ich könne alleine mehr lernen als in der Klasse.
Was sagten Ihre Eltern dazu?
Der Vorschlag kam sogar von meinem Vater: Er fand, ich hätte ja die obligatorischen neun Jahre gemacht, und alleine könne ich vielleicht besser arbeiten. Und da ich ohnehin immer nur schreiben wollte, wäre das vielleicht einfacher für mich.
Angeblich entstand der erste Entwurf von «Calaspia», weil Ihnen in der Schule langweilig war.
Das kann man so nicht sagen. Mein Bruder Suresh und ich liebten Bücher und Geschichten. Wir lasen uns dauernd vor, spielten Szenen nach und spannen sie weiter. Irgendwann haben wir es uns zum Ziel gemacht, daraus ein Buch zu machen.
Waren Sie auch einfach unterfordert? Immerhin sind Sie der jüngste Journalist, der je beim «Wall Street Journal» abgedruckt wurde ...
Ach, so eine Riesengeschichte war das nun auch nicht. Das war einfach ein Erlebnisbericht, wie ich mich beim Casting für den vierten «Harry Potter»-Film für die Rolle des Bulgaren Viktor Krum beworben hatte.
Also sind Sie kein Genie?
Höchstens ehrgeizig. Natürlich hatte ich in der Schule das Gefühl, ich sei unterfordert, aber das allein macht wohl noch kein Genie aus. Grundsätzlich glaube ich, dass jeder Mensch das Potenzial hat, das aus sich zu machen, was er oder sie will. Intellektuell zumindest; ich bin nicht sicher, ob aus mir jemals ein guter Boxer würde. Die Schule ist allerdings nicht die Institution, die einem dabei hilft.
Sondern ...?
Meiner Meinung nach dient die Schule vor allem dazu, gute Angestellte zu machen. Man wird mit für die Arbeitswelt nötigen Informationen gefüttert, aber nicht zur Selbstständigkeit erzogen, wie das zum Beispiel in England viel mehr der Fall ist. Das hängt vielleicht mit dem Risikobewusstsein der Schweizer zusammen: Kinder dürfen vor allem nicht zur Last für die Gesellschaft werden, also brauchen sie unbedingt einen Schulabschluss. Neugier, Interesse, Kreativität, alles was man braucht, um Dinge zu hinterfragen, das hat mir in der Schule gefehlt. Vielleicht schreibe ich deswegen Bücher, um diese Dinge bei anderen Menschen wecken zu können.
Jyoti Guptara (20) ist einer der jüngsten Berufsschriftsteller der Welt. Mit sechzehn Jahren wurde sein Erstling «Die Verschwörung von Calaspia», den er mit seinem Zwillingsbruder Suresh verfasst hatte, in Indien veröffentlicht und entwickelte sich zum Bestseller. Der zweite Band «Calaspia. Der Schwertkodex» ist letzten Monat auf Deutsch erschienen. Jyoti Guptara lebt und arbeitet in Weinfelden.