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Das gelobte Land trocknet aus
Statt aufs Wassersparen setzt Israel seit Jahren auf die Entsalzung von Meerwasser. Doch eine anhaltende Dürre stellt diese Strategie nun auf den Prüfstand.
Jahrelang wurden die Menschen in Israel öffentlich zum Wassersparen aufgerufen. Sie sollten kürzer duschen und ihre Gärten nicht zu viel wässern. Doch dann investierte die Regierung massiv in Entsalzungstechnologien und erklärte, durch eine Anzapfung des Mittelmeers das Problem der Wasserknappheit gelöst zu haben. Die einst allgegenwärtigen Spar-Appelle verstummten.
Doch nun stellt eine fünfjährige Dürre diese Strategie gehörig auf die Probe. Landwirte haben zu kämpfen, und die wichtigsten Gewässer Israels schrumpfen - eine irritierende Situation für ein Land, das sich an der Spitze der Entsalzungstechnologie sieht. In der trockenen Region ist Wasser von so grosser geostrategischer Bedeutung, dass es in Friedensabkommen gesondert geregelt wird.
«Niemand hat mit fünf trockenen Jahren hintereinander gerechnet», sagt Energieminister Juval Steinitz. «So befinden wir uns nun trotz unserer Entsalzungskapazität in einer sehr, sehr ernsten Situation.» Einige befürchten, dass Israel mit seinen technischen Möglichkeiten nicht gegen die Naturgewalten ankommen wird.
Eine der wasserärmsten Regionen der Erde
Das Land im Herzen des Nahen Ostens gehört zu den wasserärmsten Regionen der Erde. Es ist traditionell abhängig von einer kurzen Regenzeit im Winter, um die begrenzten Wasservorräte wieder aufzufüllen.
Ein jahrelanger Rückgang der Regenfälle liess den See Genezareth schrumpfen, die wichtigste natürliche Wasserquelle des Landes. Die Pegel sanken auf Rekordtiefststände, und Israel stoppte das Abpumpen von Wasser aus dem See.
Die derzeitige Dürre trocknete auch einige Nebenflüsse des Jordans aus. Er fliesst südlich in den See Genezareth und schlängelt sich dann über eine Länge von 360 Kilometer zum tiefstgelegenen Ort der Erde, dem Toten Meer.
Die biblischen Gewässer sind wesentlich für das Überleben und die Stabilität Israels, Jordaniens und der palästinensischen Gebiete. Doch sie dörren zunehmend aus. Gründe sind vor allem der Klimawandel, das Bevölkerungswachstum und der verstärkte Wassereinsatz in der Landwirtschaft.
Anlagen zur Mehrwasserentsalzung
Im Bemühen um eine sichere Wasserversorgung hat Israel seit 2005 fünf Anlagen zur Mehrwasserentsalzung eröffnet, weitere sind in den kommenden Jahren geplant. Heute stammen etwa 40 Prozent des israelischen Wassers in Trinkwasserqualität aus der Entsalzung. Bis zum Jahr 2050 wird der Anteil voraussichtlich auf 70 Prozent steigen.
Zu Beginn der Trockenheit hatte Israel noch gelassen reagiert und auf seine hohen Investitionen in die Entsalzung verwiesen. Doch nun hat sich der Ton geändert. Seit einigen Monaten werden die Menschen wieder per Fernsehspot zu einem sparsamen Umgang mit Wasser aufgefordert. «Israel trocknet aus», lautet wie schon früher der Slogan.
Kritiker werfen der Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vor, in den vergangenen Jahren den wichtigen Wasserschutz zugunsten der Entsalzung vernachlässigt zu haben. «Israel hat das Wassersparen definitiv zurückgestellt», sagt der Wasserexperte Sarit Caspi-Oron von der Lobbygruppe Israelische Union für Umweltverteidigung. «Solange die Entsalzungsanlagen liefen, herrschte ein falsches Gefühl von Sicherheit.»
Entsalzung sei kein Allheilmittel, betont er. «Wenn das Grundwasser und der See Genezareth unter Dürre leiden, muss man Wasser sparen.»
In der Vergangenheit verhängte Israel in Zeiten der Trockenheit Steuern auf den Wasserverbrauch und warb für Einrichtungen zum Wassersparen. Wieder auf solche Massnahmen zurückzugreifen, ist aktuell aber nicht geplant.
Ehemals rauschende Bäche wurden zu Rinnsalen
Das entsalzte Wasser erreicht israelische Haushalte in der am dichtesten bevölkerten Region an der Küste sowie einige Bewohner im Landesinneren. Doch im Norden sind die Menschen noch immer auf die schrumpfenden natürlichen Quellen angewiesen.
Ehemals rauschende Bäche im Norden Israels wurden zu Rinnsalen. Im historischen Naturreservat Tel Dan dürften die Quellen nach Angaben der Behörden innerhalb von zwei Monaten vertrocknet sein, was dem Tourismus in der Region schaden könnte.
Zu den ersten, die die Folgen der Trockenheit zu spüren bekommen, gehören die Bauern in Galiläa. Die Regierung legte für die landwirtschaftliche Wassernutzung eine Obergrenze fest, was die ohnehin wackelige Lebensgrundlage der Bauern weiter bedroht und viele zum Umdenken zwingt.
Der Landwirt Ofer Moskowitz etwa verzichtet in diesem Jahr erstmals auf den Anbau von Weizen und beschränkt sich auf Avocados. Doch selbst das stellt ihn vor Probleme. «Wenn ich die Avocadobäume einen Tag lang nicht giesse, werden sie schwach», sagt Moskowitz. «Wenn ich sie ein Jahr lang nicht giesse, gehen 20 Jahre flöten.»
Die Bauern im Norden mit entsalztem Wasser zu beliefern, ist aufgrund der derzeitigen Infrastruktur nicht möglich, wie Experte Caspi-Oron erklärt. Auch andere Gründe sprechen dagegen, allein auf Entsalzung zu setzen. Die Werke erfordern gewaltige Mengen an Energie und sind teuer in Bau und Unterhalt. Nicht zuletzt stellt die Konzentration auf diese Technologie ein Sicherheitsrisiko dar: Ein möglicher Angriff auf die Anlagen könnte weite Teile der Wasserversorgung des Landes lahmlegen.
Die Regierung hält dennoch an der Entsalzung fest und will mit einem Ausbau der Industrie den Wassermangel in den Griff bekommen. Das Problem werde ohne Zweifel gelöst werden, gibt sich Energieminister Steinitz zuversichtlich. «Das Thema ist nicht neu für uns. Wir werden einfach unsere historische Tradition wiederaufnehmen, um neue Wasserlösungen zu finden.»Zurück zur Startseite