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Serse, ein persischer Herrscher aus dem 2. Jh. v. Chr. – Xerxes, wie er zu Deutsch heisst – hat ein voluminöses Paket erhalten. Vielleicht von Galaxus, von Baldur, Amazon... ? Er öffnet die große Kartonschachtel und hebt heraus: einen wohlgetrimmten Bonsai. Eine Platane. Eher ein Platänchen. Dazu singt er eine der berühmtesten Melodien der Opernliteratur, das Arioso: «Ombra mai fu di vegetabile cara ed amabile soave più.» (Nie war der Schatten eines Gewächses teurer, lieblicher und süßer.) Die Eröffnungsszene der aktuellen Produktion des Internationalen Opernstudios (IOS), die traditionsgemäß im Theater Winterthur stattfindet, macht schmunzeln. Das ist witzig und gibt bereits die Tonalität vor, die uns erwartet: Ausgerechnet ein mickriges Zwergbäumchen soll wohltuenden Schatten spenden... Also alles nicht so ernst, scheint uns die Regisseurin Nina Russi signalisieren zu wollen.
Zwischenbemerkung: Georg Friedrich Händels drittletzte Oper «Serse» wurde Mitte April 1738 im King’s Theatre am Londoner Haymarket uraufgeführt. Der Komponist hatte eine schwierige Zeit hinter sich: 1737 hatte er einen Schlaganfall mit Lähmung des rechten Arms erlitten, sich aber nach einer Badekur wider alles Erwarten erholt. Auch der ruinöse Kampf zwischen den rivalisierenden Londoner Theatern, die sich gegenseitig Opernstars und Publikum abwarben, dürften ihm zugesetzt haben. Vor allem musste er einsehen, dass die Opera seria ihren Zenit überschritten hatte. Nach zwei weiteren Opern – «Imeneo» (1740) und «Daidamia» (1741), wandte er sich von der Gattung Oper ab und endgültig dem Oratorium zu.
Die stilistische Buntscheckigkeit, die Verquickung von Ernst und Komik sowie die intrigante Leichtigkeit des «Serse» darf man gewiss als Reaktion des gewieften Theatermanns auf den gewandelten Publikumsgeschmack verstehen – Stichwort: «Beggar’s Opera» (1728) – ebenso wie das Weglassen oder zumindest die Verknappung der Rezitative und der weitgehende Verzicht auf die traditionelle Dacapo-Arie. Interessanterweise aber stützt sich Händel bei seiner Komposition auf textliche wie musikalische Vorlagen, die um Jahrzehnte zurückliegen. Händels Textbuch, von dem man nicht weiß, wer es verfasst hat, geht zum Teil auf ein Libretto des Wiener Hofpoeten Nicolò Minato zurück, das Francesco Cavalli 1654 und Giovanni Bononcini 1694 vertont hatten. Die Oper des Letzteren benutzte Händel und schuf so u. a. das «Aushängeschild» des «Serse»: Jene eingangs erwähnte Huldigung an den schattenspendenden Baum, das berühmte Largo, das eigentlich ein «Larghetto» ist, bevor es zum pseudosakralen Schlager wurde. Der damals gängigen Laxheit gegenüber geistigem Eigentum entsprechend, hatte Händel nicht nur den Text, sondern auch die Musik von Bononcini ziemlich unverfroren verwendet – oder nennen wir’s mal: weiterentwickelt. (Flössen noch Tantièmen, so hätte Bononcini mindestens zu einem Drittel Anspruch darauf!)
Die Schöpfer des «Largos von Händel»
Die Platanen-Episode verdanken wir dem Historiografen Herodot. Zusammen mit der überlieferten Tatsache des Baus einer Schiffbrücke über den Hellespont, die Meerenge zwischen Ägäis und Marmarameer, ist es jedoch die einzige Stelle, die mit der historischen Figur des offenbar ziemlich exzentrischen Perserkönigs Xerxes !. in Verbindung gebracht werden kann, wie Händel im Libretto von 1738 darlegt: «Il resto si finge – the rest is fiction.
Nach diesem beschaulichen Anfang geht es allerdings äußerst turbulent weiter. Xerxes schmachtet für die Geliebte seines Bruders, der seinerseits von deren Schwester begehrt wird. Für weitere Verwirrung und Missverständnisse sorgen Xerxes furiose Ex-Geliebte, der dusselige General und Vater der beiden Schwestern sowie ein verpeilter Diener, der virtuos zwischen allerlei Identitäten changiert. Amourös-emotionales Desaster vom Feinsten, angereichert mit Intrigen, Eifersucht, Verkleidung und natürlich dem obligaten irregeleiteten Brief. – Der geneigte Zuschauer tut gut daran, sich die Figurenkonstellation vorgängig einzuprägen, sonst dürfte er den Faden bald verlieren. Oder aber er lässt die Maschinerie abschnurren und delektiert sich an einzelnen Situationen und vor allem an der wunderbaren Musik. Händel schafft hier eine differenzierte Klangwelt, ein durch die kompositorische Straffung extrem dichtes und stringentes musikalisches Drama mit dauernd wechselnden Stimmungen, gewürzt mit abgründiger Ironie und exquisit sordinierter Tragik.
Das Musikkollegium Winterthur reizt die klanglichen Möglichkeiten mit Bravour, Spielwitz und gesteigerter Vitalität aus, woran das energetische, dezidierte Dirigat von Markellos Chryssicos einen gewichtigen Anteil hat, indem er Klangeffekte aus dem Orchester zaubert, die man von einem klassischen Klangkörper nicht erwartet: Glissandi, schränzende Trompeten und – hab’ ich richtig gehört? – im reichen Schlagwerk sogar mal kastagnettenartiges Geklapper. Ferner ein Mini-Ausflug in die Pop-Szene – na ja! Der griechische Dirigent, ursprünglich Cembalist und mittlerweile Spezialist für Alte Musik, wählt generell zügige, flüssige Tempi, was dem Ganzen unerhörten Drive verleiht und die Handlung am Laufen hält, mitunter mehr als die Regie selbst. Ob sich der Maestro die feuerrote Mèche in Anlehnung an den Farbrausch auf der Bühne extra für diese Produktion hat applizieren lassen, war nicht zu eruieren.
Der geballten Energie aus Orchestergraben entspricht das Tohuwabohu auf der Bühne. Julia Katharina Berndt hat dazu zwei übereinandergeschachtelte Wohnklötze mit Treppen, Balkonen und Nischen gebaut, die sich durch Manneskraft (in weißen Overalls) drehen und schieben lassen. Orientalischer Prunk fehlt, dafür gibt’s Einblicke in eine kunterbunte WG-Behausung mit Wohn- und Schlafräumen, Küche und sogar Badezimmer inklusive Dusche und Klo-Schüssel; dienlich für die Kotzerei eines besoffenen Matrosen (!). Die Möblierung ist WG-mäßig konfus, und so ist wohl auch die Hausordnung. Obwohl Xerxes’ verlassene Verlobte Amastre sich inkognito als Raumpflegerin ausgibt, um ihrem Idol nahe zu sein, herrscht hier ein ziemliches Durcheinander. Doch Freya Apffelstaedt verleiht der unglücklich Liebenden mit ihrer warmen Altstimme verinnerlichten Ausdruck im ansonsten recht knalligen Ambiente.
Etwas bunt und etwas beliebig
Man kann Amastres Hingabe jedoch nur halbwegs nachvollziehen, denn dieser Xerxes ist ein eher eindimensionaler blonder Schnösel. Siena Licht Miller leiht dem etwas blässlichen Herrensöhnchen ihren nuancierten, tadellosen Mezzosopran, lässt aber erotisches Fluidum und ein gefährliches Draufgängertum vermissen – der elegante, fast damenhafte weiße Hosenanzug trägt jedenfalls kaum dazu bei, der Figur wenigstens einen Hauch von Ruchlosigkeit zu vermitteln.
Vielschichtiger präsentiert sich Xerxes’ Bruder Arsamene, dargestellt von Simone McIntosh. Sie gibt den jugendlichen Rebellen zwischen Wut und Schmerz mit loderndem Mezzosopran und physischer Intensität. Ob die Aufschrift seines/ihres T-Shirts «Eat the Rich» eine Anspielung an John Rich, den damaligen Produzenten der «Bettleroper», ist, bleibt offen – Grund zur Auflehnung hat der arme Punk-Rocker allemal. Yewon Han als seine Geliebte Romilda, die trotz Xerxes’ Avancen treu zu ihm hält, besticht mit höhensicherem Sopran, der auch schärfere Nuancen annehmen kann, trefflich passend zu ihrem unzimperlichen Girlie-Outfit. Ganz mit sich, ihrem Aussehen, ihrem Bodyshaping und ihrem Handy beschäftigt ist Chelsea Zurflüh als fiese Atalanta, die ihrer Schwester Romilda den Lover ausspannen will und dazu, in Kombination mit verführerischen Posen und entsprechendem Makeup, makellose Glitzertöne einsetzt. Papa der beiden selbstbewussten jungen Damen ist der abgehalfterte General Ariodate; Benjamin Molofalean, meist im Schlafanzug, mit Birkenstock und weißen Socken und auch sonst nicht der Hellste, gibt ihn mit tragfähigem Bass. Schliesslich ist da noch der schillernde Elviro alias Gregory Feldmann, der als queeres Wesen wendig zwischen den Fronten und Geschlechtern laviert, sich stimmlich aber eindeutig als sonorer Bariton ausweist.
Für ihn, aber auch alle andern hat sich die Kostümbildnerin einen trashigen Mix an Klamotten einfallen lassen. Im zweiten Akt, wenn das Volk zum Festzug herbeieilt, wird die legendäre Brücke über den Hellespont zum Catwalk der Eitelkeiten, schrill, schräg, schreiend, während links und rechts die Wasser der Meerenge strömen – das ist nur einer von vielen Video-Einsätzen (Ruth Stofer). Hier durchaus angebracht, ansonsten hätte man auf die teilweise unvorteilhaften Projektionen von Gesichtern in Großaufnahme, die immer wieder über die Szene flimmern, verzichten können. Da hat sich der Zeitgeist, hat sich die mediale Beliebigkeit einmal mehr allzu dominant ins Bild gesetzt. Ansonsten eine gelungene, quicklebendige Produktion mit stimmlichen Glanzlichtern und musikalischen Delikatessen.
Szenenfotos: © OHZ – Herwig Prammer
12. 05. 2023
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