Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03340.jsonl.gz/2825

Mathematikmanie und die Krise der Ökonomik von Viktor Vanberg
Im Juni 2000 traten Ökonomikstudenten in Frankreich mit einer Internet-Petition an die Öffentlichkeit, in der sie die Realitätsferne der ihnen in der Lehre vermittelten Wirtschaftswissenschaft anprangerten. Sie seien nicht länger gewillt, so ihre Klage, sich eine „autistische Ökonomik“ aufzwingen zu lassen, in der mathematische Formalisierung zum Selbstzweck geworden sei und imaginäre Welten modelliert würden, die mit der Welt der Erfahrungswirklichkeit wenig oder nichts gemeinsam haben. Der Protest fand in Frankreich und darüber hinaus außerordentliche Aufmerksamkeit,[1] und er veranlaßte Vertreter der Orthodoxie, mit einem prominent in Le Monde veröffentlichten „Gegen-Appell zur Bewahrung der Wissenschaftlichkeit der Ökonomik“ zu reagieren.
Der Vorgang wirft ein bezeichnendes Schlaglicht auf die Lage, in der sich die Ökonomik (im Englischen als „economics“ und im Deutschen traditionell als „Volkswirtschaftslehre“ bezeichnet) als akademische Disziplin befindet. Spiegelt der Protest der Studenten ein innerhalb und außerhalb des Faches verbreitetes und wachsendes Unbehagen mit dem Formalismus des vorherrschenden „neoklassischen“ Paradigmas wider, so illustriert der Gegen-Appell in der Art, in der er vorgetragen wurde, die unter Vertretern der Orthodoxie beliebte Strategie, Kritik mit dem Argument abzuwehren, sie stelle den Nutzen mathematischer Formalisierung in Frage und wende sich damit gegen das Projekt einer „wissenschaftlichen“ Ökonomik. Im Falle des studentischen Protests war dies eine offenkundige Mißdeutung, hatten die Autoren doch ausdrücklich betont, ihre Kritik richte sich keineswegs gegen den „instrumentellen Gebrauch der Mathematik“ sondern allein gegen eine zum „Selbstzweck“ gewordene und von realweltlichen Problemen losgelöste mathematische Formalisierung.
Die Auseinandersetzung um den Erkenntniswert ihres formalen analytischen Instrumentariums hat das neoklassische Paradigma bereits seit seinen Anfängen begleitet, also jene Theorietradition, die entscheidend durch Léon Walras geprägt worden ist, der mit seinen Elements d’economie politique pur (1874) das ausdrückliche Ziel verfolgte, eine reine theoretische Ökonomik „als naturwissenschaftlich-mathematische Disziplin wie die Mechanik oder die Hydrodynamik“ zu entwickeln (Vanberg 2003: 118). Als Walras 1873 seinen Entwurf einer mathematischen Ökonomik erstmals an der Académie des Sciences Morales et Politiques vorstellte, hielt ihm der Wirtschaftshistoriker Levasseur entgegen, er versuche Methoden, die sich für die physikalischen Wissenschaften hervorragend eignen mögen, auf Phänomene zu übertragen, deren Ursachen höchst variabel und komplex seien und vor allem eine eminent variable Ursache einschließen, die sich keinesfalls auf algebraische Formeln reduzieren lasse: Menschliche Freiheit (Lawson 2003: 270).
Seinen entscheidenden Durchbruch zur das Fach beherrschenden Theorierichtung erzielte das Walrassche Projekt einer mathematischen Ökonomik in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg. Gerard Debreu, der zusammen mit P.A. Samuelson und K.J. Arrow, zur Symbolfigur für die Mathematisierung der modernen Ökonomik geworden ist, hat die Entwicklung rückblickend am Beispiel der führenden Fachzeitschrift, der American Economic Review, illustriert. Während man 1940 auf weniger als drei Prozent der Seiten des betreffenden Jahrganges rudimentäre mathematische Ausdrücke hätte finden können, finde man, so Debreu, fünf Jahrzehnte später auf nahezu vierzig Prozent der Seiten des 1990er Jahrgangs Mathematik komplexerer Art (Lawson 2003: 343). Der Princeton Ökonom Alan Blinder spricht von einem „Mathematik Rennen“, das mit den Beiträgen von Samuelson, Arrow und Debreu in Gang gekommen sei, und stellt fest: „Um die 1960er oder 1970er Jahre herum hatte sich die Ökonomik vollständig in eine technische Disziplin verwandelt. … Heutzutage sind alle wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschriften voll von Theoremen und Beweisen. … In der Tat, manche behaupten, die Ökonomik sei inzwischen mathematischer als die Physik“ (Blinder 1999: 2).
Wenn sich auch die überwiegende Mehrzahl der Fachvertreter ohne sonderliche Bedenken mit dem allgemeinen Trend arrangiert zu haben scheint, so mehren sich doch kritische Stimmen mit der Frage, ob sich das Fach nicht auf einem Irrweg befinde. Irgendwo entlang des Weges, so meint etwa A. Blinder (1999: 4), sei die „Umarmung der Mathematik erst in Anbetung und dann in eine Manie umgeschlagen.“ Große Teile der Ökonomik seien, so seine Einschätzung, „kopfüber durch die wissenschaftliche Phase hindurchgestürmt und am anderen Ende als Zweige der angewandten, oder sogar der reinen, Mathematik herausgekommen – elegant und gewiß schwierig, aber allzu selbst-bezogen, zu a priori, und zu wenig auf Beobachtungen gestützt“ (ebd.: 8). Viele prominente Fachvertreter, Nobelpreisträger eingeschlossen, haben sich ähnlich kritisch geäußert. So stellt etwa der Nobelpreisträger R. Coase fest: „Die heutige Ökonomik ist ein theoretisches System, das in der Luft schwebt und kaum Bezug zu dem hat, was in der realen Welt geschieht“ (zitiert nach Lawson 2003: 10). Und W. Leontief, ebenfalls Nobelpreisträger und selbst formaler Analyse keineswegs abhold, kommentiert den Mathematisierungstrend mit den Worten: „Die ökonomischen Fachzeitschriften sind Seite für Seite mit mathematischen Formeln gefüllt, die den Leser von einem Satz mehr oder minder plausibler aber völlig willkürlicher Annahmen zu präzise formulierten aber irrelevanten theoretischen Schlußfolgerungen führen. … Jahr für Jahr fahren theoretische Ökonomen fort, Unmengen von mathematischen Modellen zu produzieren und deren formale Eigenschaften in allen Einzelheiten zu untersuchen, und die Ökonometriker passen algebraische Funktionen aller denkbaren Gestalt an im wesentlichen gleiche Datensätze an, ohne daß sie in der Lage wären, in irgendeiner wahrnehmbaren Weise das systematisches Verständnis der Struktur und Funktionsweise eines realen Wirtschaftssystems voranzubringen“ (zitiert nach Lawson 2003: 9).
Der renommierte ökonomische Theoriegeschichtler Marc Blaug stellte unlängst zur Lage des Faches schlicht fest: „Die moderne Ökonomik ist krank. Ökonomik ist zunehmend zu einem intellektuellen Spiel geworden, das um seiner selbst willen gespielt wird und nicht wegen seiner praktischen Bedeutung für unser Verständnis der wirtschaftlichen Welt. Die Ökonomen haben die Disziplin in eine Art sozialer Mathematik verwandelt, in der analytische Schärfe alles und praktische Bedeutung nichts zählt“ (zitiert nach Lawson 2003: 10). Mit ähnlichen Worten hat sich auch der bekannte Schweizer Ökonom Bruno S. Frey geäußert, der beklagt, daß die Volkswirtschaftslehre „sich immer stärker zu einer Analyse formaler und selbst definierter Probleme“ entwickle und auf dem besten Wege sei, eine „Unterabteilung der angewandten Mathematik“ zu werden, ein „rein internes Spiel der eng definierten Ökonomenzunft“, das mit der ökonomischen Realität wenig zu tun habe (zitiert nach K.-P. Schmid 2001). Eine aus zwölf herausragenden Ökonomen zusammengesetzte Commission on Graduate Education in Economics kam 1991 gar zu der Schlußfolgerung, es sei zu befürchten, daß die amerikanischen Universitäten eine Generation von Fachidioten produzierten, die technisch versiert seien, aber keinerlei Kenntnis realer ökonomischer Probleme besitzen (Cassidy 1996: 60).
weiter lesen @: http://www.btinternet.com/~pae_news/German/Vanberg1.htm
Veröffentlicht unter: Finanzapokalypse · Etiketten: Académie des Sciences, Arrow, Debreu, economics, Fachidioten, Krise der Ökonomik, Manie, Mathematik Rennen, Mathematikmanie, mathematische Formalisierung, Ökonomenzunft, Ökonomik, Samuelson, technische Disziplin, theoretisches System, Viktor Vanberg, Volkswirtschaftslehre, Wirtschaftshistoriker, Wirtschaftswissenschaft, Wissenschaftlichkeit