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Ende der 1920er Jahre: Wir befinden uns irgendwo in New Jersey (USA). Ein Mann arbeitet bei seinem Vater im Geschäft, wo er Autoteile verkauft. Neben Autos liebt er noch zwei andere Dinge im Leben: Filme und seine Mutter. Die Mutter liebt ebenfalls Autos und Filme. Sie würde zusammen mit ihrem Sohn gerne öfter ins Kino gehen. Weil sie aber stark übergewichtig ist, passt sie in keinen Kinosessel – zum Frust der ganzen Familie. Also macht es sich der unternehmerische Sohn zur Mission, eine praktikable Kino-Alternative für seine übergewichtige Mutter zu finden. Dieser Sohn heisst Richard Hollingshead und das ist die Geschichte über die Erfindung des Autokinos.
Not macht erfinderisch
Richard Hollingshead steht also vor folgendem Problem: Seine übergewichtige Mutter passt in keinen Kinositz, würde sich aber gerne Filme im Kino anschauen. Sie mag Autos – nicht zuletzt, weil sie dort in der Regel genug Platz für ihre zusätzlichen Kilos findet. Hollingshead überlegt zuerst, die Wartezeiten an der Tankstelle mit einem Film zu überbrücken. Aus technischen Gründen verwirft er diesen Ansatz aber schnell wieder und überlegt weiter. Im Vorgarten seiner Eltern spannt er schliesslich ein Bettlaken zwischen zwei Bäume – die spätere Leinwand. Dann montiert er einen Filmprojektor auf der Motorhaube seines Wagens und voilà, der Prototyp des ersten, provisorischen Autokinos steht. Hollingshead ist so begeistert von seiner Idee, dass er knapp ein Jahr später, am 6. August 1932, das Patentverfahren für seine Drive-In-Kino-Konstruktion einleitet.
Nochmal ein Jahr später eröffnet er das erste offizielle Drive-In-Kino in einem Industriegebiet etwas ausserhalb von New Jersey. Auf einer rund 1,6 Quadratkilometern grossen Fläche schafft er Platz für 400 Autos, auf einer grossen, weissen Mauer wird der Film übertragen. Der erste Werbespruch für sein Kino lautet: «Die ganze Familie ist willkommen, egal wie laut die Kinder sind.»
Es ist auch die Lautstärke, die Hollingshead sehr bald schon vor neue Herausforderungen stellt. Nicht aber etwa der Lärm der Kinder, sondern die Kino-Beschallung, welche über drei grosse Lautsprecher erfolgt und die umliegenden Dörfer mitbeschallt, sorgt für Probleme. Also tauscht er die grossen Lautsprecher durch kleinere aus, welche die Besucher von einem Ständer nehmen und in ihre Autos hängen.
Die Teens übernehmen
In den späten 1950er und frühen 1960er Jahren erleben Autokinos ihren absoluten Höhepunkt an Beliebtheit. Die Menschen profitieren vom Wirtschaftsboom nach dem Krieg, sie haben wieder Geld und gründen Familien. Insbesondere in den USA wird das Auto zu jener Zeit zum wichtigen Statussymbol: Menschen geben gerne Geld für schicke Autos aus und präsentieren diese noch lieber.
Mit der Ölkrise in den 70er Jahren endet der Autokino-Boom abrupt. Viele tauschen ihre geräumigen Autos durch kleine, unbequeme Blechkästen. Ausserdem halten immer mehr Fernseher Einzug in die Wohnzimmer der Leute. An dieser Stelle hätte die Geschichte der Autokinos enden können. Hat sie aber nicht. Denn während die Eltern vermehrt die Wohnzimmer belegen, sehnen sich deren Teeniekids nach Freiheit. Danach, ungestört zu daten, Freunde zu treffen und zu knutschen. Und was bietet sich da schon besser an als ein Autokino?
Als Ende der 70er Jahre die Sommerzeit eingeführt wird, bedeutet das, dass die Filmvorstellungen frühestens um 22 Uhr beginnen können. Statt Filmklassikern flimmern jetzt immer mehr Pornos um Mitternacht über die Leinwände – der Zeitpunkt, an dem sich die Älteren endgültig von den Autokinos abwenden und das Feld einer neuen Generation überlassen.
Neuer Boom durch Corona
In den nächsten Jahrzehnten verzeichnen die Autokinos sowohl in den USA als auch in Europa einen konstanten Rückgang. Das ändert sich im Jahr 2020, dem Corona-Jahr. Reguläre Kinos müssen schliessen, Veranstaltungen werden abgesagt und sowieso ist nichts, wie es früher war. Man sehnt sich nach Normalität, nach Abwechslung vom Homeoffice und Netflix auf dem Sofa. Und wo kann man die Abstands- und Hygieneregeln schon besser einhalten als im eigenen Auto? Ganz ehrlich: Wenn sich der Abendhimmel hinter der Leinwand rot färbt, die lichtstarke Projektion Reflexe auf die vielen Gesichter hinter den Windschutzscheiben der Autos wirft, vergisst man für kurze Zeit auch den Grund für den aktuellen Boom der Autokinos.