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Es war einmal im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ein Fürst, der wollte nicht nur durchlauchtig auf seiner Burg herumsitzen, sondern auch politisch mitreden. Allerdings erhielt im damaligen Reichsfürstenrat nur Sitz- und Stimmrecht, wer auch über reichsunmittelbaren Besitz verfügte. Aus diesem Grund erstand der ambitionierte Fürst von den verarmten Grafen von Hohenems 1699 kurzerhand die Herrschaft Schellenberg, wenig später folgte die Grafschaft Vaduz. Die fürstlichen Investitionen zahlten sich aus: Am 23. Januar 1719 erhob Kaiser Karl VI. das neu vereinte Gebiet am Rhein zum Reichsfürstentum. Und so durfte das Fürstentum Liechtenstein 2019 bereits seinen 300. Geburtstag feiern — doch was wissen wir eigentlich über das «Ländle» in der Mitte zwischen Österreich und der Schweiz?
Im Zentrum des europäischen Alpenbogens gelegen ist Liechtenstein im Ausland vor allem für drei Dinge bekannt: seine bescheidene Grösse, sein Fürstenhaus — und seine Briefmarken. Aber der Reihe nach. Mit einer Gesamtfläche von 160 Quadratkilometern und rund 38 100 Einwohnern ist Liechtenstein selbst für Schweizer Verhältnisse ein kleines Land: 260-mal kleiner als sein westlicher Nachbar und damit der sechstkleinste Staat der Welt. Vielleicht dauerte es deshalb fast 220 Jahre, bis sich 1938 mit Franz Josef II. der erste Fürst von Liechtenstein in dem nach seinem Geschlecht benannten Gebiet niederliess. Heute ist der Fürst nicht mehr aus dem Land wegzudenken — er gehört zu Liechtenstein wie die Queen zu England. Ein fürstliches Haupt zierte denn auch die erste liechtensteinische Briefmarke. Diese erschien 1912 und läutete so die Entwicklung des Kleinstaats zum «Land der Briefmarken» ein.
Denn die kleinen viereckigen Boten aus dem Fürstentum erfreuten sich bei Philatelisten weltweit von Anfang an grosser Beliebtheit. Insbesondere in Asien gelten die Briefmarken aus dem viertkleinsten Land Europas bis heute als das Sammlerobjekt schlechthin. Zeigten die in den Wertstufen 5, 10 und 25 Heller ausgegebenen ersten Briefmarken noch Fürst Johann II., erschienen ab 1938 erstmals Sujets ohne Bezug zur Adelsfamilie. Doch ob nun Fürsten, Komponisten oder Steinadler die Oberfläche zierten, die Liechtensteiner Postwertzeichen zeichneten sich stets durch ihre hohe Ästhetik und anspruchsvolle Technik aus. Zu bewundern sind die Kunst-Stücke im Postmuseum in Vaduz, das seit 1936 Einblicke in die berühmte Geschichte der liechtensteinischen Philatelie und Post gewährt.
Dort erfahren die Besucher zum Beispiel, dass die Produktion eigener Briefmarken im Fürstentum von Beginn weg mehr als nur eine Funktion erfüllte: Zum einen markierten die Wertzeichen gegen aussen die Souveränität Liechtensteins, für dessen Postwesen anfangs noch Österreich-Ungarn, ab 1920 dann die Schweizer Post zuständig war. Zum andern bedeuteten sie in wirtschaftlich schwierigen Zeiten eine dringend benötigte finanzielle Einnahmequelle. Schliesslich kaufen Sammler mit einer Briefmarke zwar die Dienstleistung für den Posttransport, anstatt diese aber in Anspruch zu nehmen, ordnen sie die Marke lieber ins Sammelalbum ein. Von den 1930er- bis in die 1970er-Jahre machten Briefmarkenverkäufe und Frankaturerlöse in Liechtenstein bis zu 40 Prozent der Staatseinnahmen aus.
Heute floriert die Wirtschaft im Fürstentum, doch hat dies der Begeisterung für Briefmarken im Land keinen Abbruch getan. Zu Ehren des 300-jährigen Bestehens gab die Philatelie Liechtenstein 2019 erstmals in der Geschichte ein gesticktes Wertzeichen heraus. Die Jubiläumsmarke ist selbstklebend und präsentiert sich in der schmucken Form des Fürstenhutes — in diesem Sinne: Chapeau! Happy Birthday! Und auf die nächsten 300 Jahre. (ls)