Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03208.jsonl.gz/1486

Moritz schreibt Meta. Meta schreibt zurück. So geht das, monatelang. Aber es ist kompliziert. Sie lebt nicht allein und in Berlin. Er in einer kleinen Stadt in der Schweiz. Nie sehen sie sich. Nie hören sie ihre Stimmen. Irgendwann fangen sie an, sich SMS zu schreiben, in einem Monat 837 Stück. Es genügt.
Ein Jahr später hat Moritz in Berlin zu tun. Er nimmt ein Hotelzimmer, schickt ihr eine SMS mit der Zimmernummer: "2307". Eine halbe Stunde später klopft es an der Tür. Er öffnet. Sie sind wie gelähmt. Irgendwann sagt er: "Weißt du was? Wir fangen noch mal von vorne an."
Mit einem Geräusch fing es an, mit diesem eigenartigen Geräusch. Ich habe es seither nie mehr gehört. Es ist aus meinem Leben verschwunden, wie es aus unser aller Leben verschwunden ist. Ich weiß aber noch immer, wie es klang.
Es klang so, als zöge man eine widerspenstige Katze über eine Tafel, wie sie in Schulhäusern an den Wänden hängt, in den Klassenzimmern, Sie wissen schon: die Wandtafel, an der Sie auch einmal standen und mit Kreide Ihren Namen schreiben mussten oder die Lösung hinter dem Gleichheitszeichen einer einfachen Addition. Als versuche sich die Katze mit den Tatzen an der Wandtafel festzukrallen, als sei ihr klar, dass es um ihr Leben ginge. Es war ein kratzendes Kreischen oder ein kreischendes Kratzen. Und es gab da ein Piepsen und ein Rauschen. Es gab da ein Klicken. Ein Sirren. Ein Surren. Es war ein irres Geräusch, und nein, es war ganz und gar nicht angenehm. Es war das Gegenteil von etwas von Erik Satie.
Das Geräusch, es dauerte vielleicht zwanzig Sekunden. Es hatte eine Struktur, die immer gleich war und aus den gleichen Teilen bestand. Es war wie eine Miniaturkomposition eines komplett verrückten Experimentalmusikers. Zwischen den einzelnen Elementen gab es immer wieder Ruhepausen. Oh, ich könnte nun ein langes Loblied auf die Pause anstimmen. Ich denke oft, man sollte ein Monument errichten für das Nichts zwischen den Dingen. Betoniert ein Fundament und stellt das verdammte Denkmal drauf, tonnenschwer! Sie hätten beispielsweise enorme Mühe, diesen Text zu lesen, gäbe es zwischen den Wörtern keine Luft, keine Leerschläge. Aber ich schweife ab, entschuldigen Sie. Das Geräusch, damit fing es an.
Heute gibt es das Geräusch nicht mehr. Manchmal aber habe ich Sehnsucht danach; ja, ich vermisse es. Ich vermisse nicht das Geräusch als Geräusch, sondern alles, was damit verbunden war, was daran hing, was auf das Geräusch folgte.
Das Geräusch begann mit einem Summton. Es ist derselbe Summton, den man von Telefonen her kennt, wenn man über eine feste Leitung telefoniert (vielleicht mag sich noch jemand daran erinnern). Meine Güte: Früher hatten Telefonhörer Kabel! Kabel! Irgendwann wird es Menschen geben, die nicht mehr wissen, was ein Kabel ist. Nun, dieser Ton also, er sagte etwas, nämlich dass die Telefonleitung frei war. Genau das sagte dieser Ton. Er dauerte bloß eine Sekunde. Es folgten zehn kurze Töne in schneller Reihenfolge und in unterschiedlichen Tonhöhen. «Biip biip biip biip» und so weiter. Jeder dieser Töne stand für eine Nummer zwischen 0 und 9, die vorprogrammiert war und automatisch gewählt wurde. Auch das war ganz so, wie man es vom Telefon her kennt. Als würde man die Zahlen sehr schnell wählen, als hätte man verdammt flinke Finger. Zwei Sekunden Ruhe, dann vier kurz aufeinanderfolgende Töne, die klangen, als tauche man Kanarienvögel in flüssigen Stickstoff. Eine Sekunde Pause, dann wurden die Kanarienvögel – kein Erbarmen! – erneut in den flüssigen Stickstoff getaucht. Und dann kamen eben die Katzen dazu, die kratzenden Krallen, das rauschende Kreischen: eine gefriergetrocknete Kakophonie.
Ich habe mal einen getroffen, der sich mit diesen Dingen auskennt, er hatte was in der Richtung studiert, und er hat mir erklärt, dass in diesen zwanzig Sekunden ein komplexer Dialog stattfand. Ein Gespräch zwischen zwei Maschinen, die herausfinden wollten, ob sie sich verstanden, ob sie überhaupt miteinander kommunizieren konnten. Er sagte, es sei ganz so, als träfen sich zwei Menschen, die herausfinden wollen, ob sie die gleiche Sprache sprechen und die gleiche Wellenlänge haben – ob sie zueinander passen würden. Ob es weitergehen könnte mit ihnen. Ja, damit fing es an.
Wir sehen: einen Mann. Er hat eben seine Wohnung verlassen, mit dem Schlüssel abgeschlossen, einmal, zweimal, zur Sicherheit die Falle heruntergedrückt. Nun geht er die Treppe hinunter. Die Wohnung befindet sich im ersten Stock eines Hauses aus der Jahrhundertwende. Ein ziemlich unscheinbares Haus, wie es viele gibt in diesem Teil der Stadt, mit zwei Wohnungen auf jeder der fünf Etagen, Zweizimmerwohnungen, Dreizimmerwohnungen, Größere kaum. Ein Neuanstrich innert den nächsten paar Jahren wäre keine schlechte Idee. Vor dem Haus steht ein Baum, eine Birke, dürr wie ein finnisches Model. Das Haus liegt an einer ruhigen Seitenstraße, benannt nach einer Burg, die heute nur noch eine Ruine ist, zerfallenes Gemäuer, Steine, Löcher, überwachsen, überwuchert, irgendwo, ein Dutzend Kilometer vor der Stadt auf dem Land. Es ist noch nicht lange her, da feierte der Mann seinen 30. Geburtstag. Er feierte ihn so, wie man einen 30. Geburtstag feiert: in einer Bar, mit seinen fünf besten Freunden, von denen sich zwei auf dem Heimweg mehr als einmal übergeben mussten. Der Mann trägt die Haare kurz, er war, ohne zu lange zu überlegen, in ein T-Shirt mit einem ironischen Aufdruck auf der Brust geschlüpft. Es ist ein grünes T-Shirt, das er bei Urban Outfitters gekauft hatte, der weiße Aufdruck zeigt die Strichzeichnung eines für amerikanische Verhältnisse kleinen Wohnmobils, und über dem Van steht «MINI VAN» und darunter «MEGA FUN»: Ironie war die Ritterrüstung der Zeit. Des Weiteren trägt der junge Mann eine schlabbrige hellbraune Hose im Military-Look von H&M, hellbraune Turnschuhe von K-Swiss mit fünf Streifen auf der Seite und eine Faserpelzjacke von Prada, die er herabgesetzt gekauft hatte. Sie war zwar immer noch um ein Mehrfaches teurer gewesen als eine normale Faserpelzjacke, wie sie Förster trugen, von Helly Hansen beispielsweise, aber eine Faserpelzjacke von Prada, erstanden im Ausverkauf, das war ein Kleidungsstück mit einer Botschaft, und die Botschaft war: Der Typ, der es trägt, der ist einfach ziemlich cool. Nun ja, das fand er damals, als er das Teil kaufte, und er fand es, als er es eben angezogen hatte, und er findet es auch jetzt noch, als er im Hausflur steht. Hätte der Mann sich im Spiegel betrachtet, so ganz in Braun gekleidet, er hätte nichts dagegen sagen können, hätte jemand bemerkt, er sehe aus, als habe er sich in einem mächtigen Hundehaufen gewälzt.
Im Treppenhaus ist das Licht gedämpft. Es könnte heller sein, aber die Fenster sind schon lange nicht mehr richtig geputzt worden. Der Mann ist von Beruf Journalist, er schreibt für eine Zeitung, die alle nur «das Käseblatt» nennen. Auch der Mann selbst nennt die Zeitung bloß «das Käseblatt». Das hat damit zu tun, dass das Käseblatt ein richtiges Käseblatt ist. Die letzte Geschichte, die der Mann für das Käseblatt geschrieben hatte, bestand aus hundert Worten über einen Küchenbrand, den die Feuerwehr schnell unter Kontrolle gebracht hatte: Jemand wollte im Ofen sein Abendessen aufwärmen, er schaltete ihn ein und verließ die Küche, doch statt des Ofens hatte er den Herd eingeschaltet, auf dem der Wasserkocher stand. Als der Mann zurückkehrte, brannte der Wasserkocher und Teile der Küche. Es gab kaum Sachschaden, schon gar keine Ver letzten, von Toten ganz zu schweigen. Bloß die Straßen bahnen konnten vor dem Haus für kurze Zeit nicht verkehren, denn die Feuerwehr musste die Schläuche über die Gleise verlegen, wegen des Hydranten. Es geschah nicht viel in der Stadt, in der der junge Mann lebte. Vor einem Jahr hatte er ein Fixum erhalten, 2000 im Monat, davon bezahlt er die Zweizimmerwohnung sowie ein winziges Büro, das er in einer alten Wurstfabrik gemietet hat. Hier und dort verdient er dann und wann etwas dazu, mal mehr, mal weniger, mal auch nichts. Oft vergisst er, Rechnungen zu schreiben. Noch öfter vergisst er, Rechnungen zu bezahlen. Er kennt den Weg zum Betreibungs- und Konkursamt, und der Mann am Schalter dort kennt den jungen Mann mit den K-Swiss-Turnschuhen mittlerweile auch, begrüßt ihn freundlich mit Namen, wenn er am letztmöglichen Tag erscheint, um eine Rechnung bar zu begleichen, die um vieles höher ist, als sie sein müsste, wegen all der Gebühren und Spesen. Und wenn der Beamte zu seinem Schreib tisch ging, um auf einem Rechenapparat die Gesamtsumme zusammenzutippen mit hartem Zeigefinger, und der Rechenapparat mit hektischem Geräusch die weiße Papierrolle ausspuckte, Stück für Stück, herausstreckte wie eine bleiche Zunge, die immer länger wurde und länger, da dachte der Mann mit den K-Swiss-Turnschuhen: Irgendwann, irgendwann hab ich das im Griff mit den Rechnungen, dann werde ich immer pünktlich zahlen, irgendwann bestimmt, ich geh gleich danach in die Papeterie und kaufe mir Plastikmäppchen und mache To-do-Listen. Gerne hätte er das alles dem Mann hinter dem Schalter erzählt, hätte ihm berichtet, dass er sich bessern würde, sofort, aber der Mann hinter dem Schalter wollte nur den Betrag, diesen aber passend.
Der Mann, der eben die Wohnung verlassen hat, er ist auf dem Weg zum Flughafen, von wo er nach Berlin fliegen wird. In Berlin hat er zwei Dinge vor. Eines hat mit der Arbeit zu tun und ist nicht so wichtig. Ein Interview mit einer Rockband, die kaum jemand kennt. Das andere: Er wird eine Frau treffen, die er nicht kennt, aber irgendwie doch. Die Frau hat er noch nie gesehen. Seit einem Jahr aber schreiben sie sich: Sie schreiben sich Briefe, Postkarten, E-Mails, SMS, das volle Programm. Sie chatten. Und einmal haben sie auch telefoniert, aber ohne etwas zu sagen. Sie sagte nichts. Er sagte nichts. Da war bloß Vogelgezwitscher im Hintergrund auf ihrer Seite, Verkehrslärm auf der seinen, dazwischen atmosphärisches Rauschen und Zeit, die verging. In Berlin würden sie sich nun das allererste Mal treffen. Im Hotel Forum am Alexanderplatz. So hatten sie es abgemacht in einer Mail. Der Mann ist deswegen mächtig aufgeregt. Man sieht ihm das nicht an, aber er trägt es mit sich rum wie die Wechselkleider in seiner Reisetasche. Ziemlich aufgewühlt ist er sogar. Hätte er sagen müssen, auf die Schnelle, wie er sich fühlte, jetzt, in diesem Moment, er hätte wohl gesagt: «Als trete ich eine wichtige Prüfung an, die zu bestehen ich mir nicht sicher bin.»
Format:
11.6 x 18.5 cm, 288 Seiten
ISBN: 978-3-0369-6169-9
Erscheinungsdatum: 15. September 2023
Max Küng, geboren 1969 in Maisprach bei Basel, ist seit 1999 Reporter und Kolumnist beim Magazin des Tages-Anzeigers. Neben diversen Veröffentlichungen erschienen zuletzt seine Kolumnensammlung Die Rettung der Dinge und seine Romane Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück und Fremde Freunde. Wir kennen uns doch kaum ist sein Romandebüt. Max Küng lebt in Zürich.