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Wildbeobachtung und Jagd
Sepp Bertini mit Zehnender im alten Plattenberg am 6. September 2019, aufgenommen von seinem Vater Manfred Bertini. Der Hirsch wog aufgebrochen 105 Kilogramm.
Zur Konfirmation im Frühjahr 1963 erhielt ich den Jagdfeldstecher mit Blauglas, Marke Habicht, den ich mir gewünscht hatte. Ich benutze ihn wie früher heute noch, vor allem für Wildbeobachtungen in der weiteren Umgebung unseres Hauses. Auf der Freibergseite, in der Mattlaui, sind im Winter und im Frühjahr Gemsen, im Ringgen und in der Oberrüti ebenfalls Gemsen, seltener Rehe, aber häufig Hirsche, oft bis zu zehn und mehr Stück, zu sehen. Die rechte Talseite ist bekanntlich Jagdgebiet.
Noch im 19. Jahrhundert hatte jeder Glarner das Recht, die Jagd nach erreichter Volljährigkeit ohne grössere Formalitäten auszuüben.[1] Das führte zur Ausrottung der Steinböcke im 16. Jahrhundert, von Bären, Luchsen und Wölfen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die Bestände aller jagdbaren Tiere wurden im Lauf der Zeit stark dezimiert. Es entstanden Schutzgebiete, als erstes 1548 der Freiberg Kärpf. 1876 wurde im Kanton Glarus das Jagdpatent, 1964 die Jägerprüfung eingeführt.[2] In meiner Kindheit war die Jagd in der Wahrnehmung der Leute viel präsenter und stärker verankert als heute. Vor allem zu Jagdbeginn ertönten damals häufig Schüsse aus der Gegend des alten Plattenbergs. Ich hätte gerne genauer gewusst, ob das Ziel getroffen oder verfehlt wurde.
In den Schuljahren übernahm ich von den Eltern regelmässig die Aufgabe, die Post in den ‘Wald’, ins ‘Wärtligen’ und ins ‘Gfell’ auszutragen. Einmal, während ich im unteren Gfellhaus mit der dortigen Bewohnerin sprach, hörte ich einen Schuss. Kurz darauf beobachtete ich, wie ein Reh, sich überschlagend, den Hang der Oberrüti hinunterrollte, auf den Weg stürzte und dort tot liegen blieb. Auch sah ich, wie im Eiltempo ein Jäger an einer entfernten Stelle denselben Rain hinunterrannte und hinter dem Oberrütistall rasch Zuflucht suchte. Der telefonisch avisierte Polizist, dessen Eintreffen ich abwartete, liess sich über die Vorkommnisse informieren. Er stellte fest, dass das Reh unerlaubt geschossen worden war. Was weiter geschah, entzieht sich meiner Kenntnis. Jagdliches Hintergrundwissen gelangt in der Regel nicht an die Öffentlichkeit. So auch nicht die mir von einem Wilderer persönlich erzählten Geschichten über seinen Umgang mit den Wildhütern. In unserer Dorfgeschichte fehlt denn auch ein Jagdkapitel. Die Jagd ist eben nicht unumstritten, aber eine bemerkenswerte Tatsache. Heute macht zudem die Rückkehr des Wolfs, auch auf unserem Gemeindegebiet, von sich reden und erhitzt die Gemüter.
Ich erinnere mich noch, als im Mühlebachtal von einer Jägergruppe erlegte Hirschstiere im Schaufenster der Metzgerei Zürn ausgestellt wurden. Auch im Dorf führten Jäger geschossene Hirsche stolz vor. Nicht zufällig waren sie eine Sehenswürdigkeit: Denn nachdem sie lange Zeit aus unseren Wäldern verschwunden waren, konnte erstmals 1955 ein zeitlich auf nur zwei Tage befristetes Patent für die Jagd auf Hirsche bezogen werden, die sich dann bei den Jägern grosser Beliebtheit erfreute. Die Zeiten ihrer erlaubten Bejagung wurden, nicht zuletzt wegen den von ihnen verursachten Verbissschäden in den Wäldern, stark ausgedehnt und kantonal sogar Abschussziele festgesetzt. Nach wie vor werden im Gebiet der ehemaligen Gemeinde Engi verhältnismässig zahlreich Hirsche erlegt, darunter, wie das Bild von einem Jagderfolg im Jahr 2019 zeigt, auch im alten Plattenberg.
[1] Allgemeine Fakten sind der Dissertation von Elisabeth Thürer: Geschichte des Jagdwesens und der Jagdbanngebiete im Kanton Glarus. Glarus 1979, sowie der Broschüre ‘100 Jahre Kantonaler Patentjägerverein 1882‒1982’ entnommen.
[2] Thürer, Geschichte des Jagdwesens (wie Anm. 1), S. 100, legt den Beginn der Jägerprüfung auf das Jahr 1963 fest, die Jubiläumsschrift (wie Anm. 1) geht von deren Einführung 1964 (S. 19) aus.