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Newsletter 140
August 2021
Diese Ausgabe enthält folgende Themen:
- In Memoriam Sommerferien 2
- Generalversammlung des Vereins schwulengeschichte.ch
In Memoriam Sommerferien 2
eos. Im Juli-Newsletter stellte ich einen Kameraden aus dem KREIS vor - so wie er und seine Nächsten in den Erinnerungen an helle Sommertage im Tessin lebendig geblieben sind. Es folgt nun der zweite Teil des Zurückblickens, diesmal auf sommerliche Wandertage am Nabel der Schweiz und den Anfang einer Freundschaft im Novembernebel. Es zeigt sich ein Leben einerseits in aller Öffentlichkeit, andererseits im still Verborgenen, in beiden Teilen recht erfolgreich. Also ein typisch normal-schwules Doppelleben in der damaligen Zeit.
Dieser zweite Freund hiess Fritz.
Von ihm kenne ich das Geburtsjahr: 1912, gefunden im kurzen Lebensbericht, den wir in seinem Nachlass entdeckten. Den Nachlass übergaben Röbi und ich dem Schwulenarchiv Schweiz (sas).
Fritz hatte keinen geradlinigen Werdegang. Über seine Herkunft sprach er nie. Erst lernte er Bäcker-Konditor, dann war er Bauernknecht und mit 22 erwarb er sich das Diplom als Masseur und Fusspfleger. Sechs Jahre später - 1940 - konvertierte er zum Katholizismus, weil er so (vermutlich kostengünstig) eine Internatsschule besuchen konnte. 1945 beendete er das Internat mit der Matura und ging sofort an die Universität Fribourg. Dort studierte er sieben Semester lang Neuere deutsche Literatur, Deutsche Linguistik und Schweizergeschichte. Acht Jahre nach Studienabschluss erschien 1957 die Dissertation des nun 45-Jährigen mit dem Titel "Das Einsamkeitserlebnis in der zeitgenössischen Lyrik der deutschen Schweiz". Inzwischen hatte er als Sekundarlehrer im Kanton Bern zu wirken begonnen und war Abonnent der Zeitschrift Der Kreis geworden.
Ende 1969 lernte ich ihn kennen. Der Kreis-Nachfolgezeitschrift club68 hatte er eine "Nachricht an Stefan E. Pasquo" geschickt. Das war ich. Es entwickelte sich ein sporadischer Briefverkehr, den ich gerne intensiviert hätte, denn Fritz war ein begnadeter Schilderer seiner Lebensumstände im Dorf mit den dortigen Menschen, der Schule und den Schülern samt der weiteren Umgebung, aus der sie kamen. Aber er wollte, dass Röbi und ich das alles selber sehen sollen. Deshalb sollten wir ihn besuchen. Sein Dorf Wasen mitten im Emmental würde uns bestimmt gefallen und rundum sei alles sehr, sehr schön. Es wurde schliesslich goldener Herbst 1975, bis wir uns zu einem Wochenende bei Fritz entschliessen konnten. Später bereuten wir nur, dass wir es nicht früher getan hatten. Fritz stand bereits kurz vor der Pensionierung, wollte aber noch etwas länger dranbleiben. Es herrsche Lehrermangel und er fühle sich rundum wohl.
Schon die Hinfahrt via Burgdorf und dann in Lokalbahnen über Sumiswald bis zur Endstation Wasen war ein Erlebnis. Am Bahnhof empfing uns der Herr Dr. Sekundarlehrer in hochgewachsener breiter Fülle mit glänzender Glatze und strahlendem Lachen. Beim Gang durchs Dorf wurde klar, er kannte jede und jeden. Sein Gruss wurde nicht nur erwidert, oft blieb man stehen für einen Schwatz. Derweil bewunderten wir die breit gebauten Häuser mit ihren grossen Dächern, die plätschernden Brunnen, die steilen grünen Hügel dahinter.
Vor einem hübschen kleinen Haus mit viel Garten rundum blieb er stehen und drehte den Schlüssel zum Gartentor. Sofort ertönte gellendes Geschnatter. Eine grosse weisse Gans rannte flatternd und schimpfend heran. Sie schien uns beide für ganz böse Räuber zu halten, die sie notfalls mit Schnabelbissen vertreiben würde. Fritz beschwichtigte sie, ging mit ihr zu einem Gatter und schloss es, als sie drin war, blieb dann aber stehen bis sie sich ganz beruhigt hatte. Nun sahen wir das nächste Hindernis vor uns, einen grossen Berner Sennenhund, der auf den Steinstufen vor der Haustüre lag und sich nicht bewegte. Wir hielten es für besser, dasselbe zu tun und still an Ort auf Fritz zu warten. Der kam: "Das war ‹Papi'. Der gibt immer an, wenn jemand in die Nähe kommt und verteidigt uns. Ja, ja, der Gänserich ist viel besser als mein 'Bäri', du Guter, bist halt auch nicht mehr der Jüngste". Er kraulte den Hund am Kopf. "Geh jetzt, mach Platz, wir wollen hinein." Bäri erhob sich und trollte seiner Hütte zu. Im Haus gab es zwei Katzen, die strichen bald um unsere Beine. Wir sollten ablegen, Jacken und Gepäck, und uns bequem machen, meinte Fritz. Noch sei es zu früh für den Zimmerbezug drüben im Gasthaus. Er habe uns dort einquartiert.
Es wurde ein unvergesslicher Nachmittag und Abend. Wir fanden gemeinsame Interessen, erzählten von Lieblingsbüchern, aus der Studienzeit, von Reisen. Er berichtete von Nordlandfahrten, wir vom Safari-Abenteuer des vergangenen Sommers in Kenya und Tansania. Auch der KREIS war ein Thema mit diversen Kameraden, die lange vor uns hier gastiert hatten und von denen wir einige kannten. Gleichzeitig begann er mit den Vorbereitungen zum Nachtessen und bat uns in die Küche, damit wir weiterplaudern könnten. Fritz entpuppte sich als raffinierter Koch und grosser Weinkenner. Kurz vor Mitternacht brachen wir zum Gasthof auf. Die Wirtin hatte uns alle Schlüssel mitgegeben, "denn beim Fritz, wenn der einmal in Fahrt ist, werdet ihr kaum noch heute zum Schlafen kommen".
Dorflehrer, Bauernburschen und Aktbilder
Leider brach der Morgen trübe an. Nach kurzem Spaziergang zum Dorfrand hinauf war es Zeit für das spät angesetzte Frühstück. Den schnatternden Papi hatte sein Meister bereits ins Gatter gebracht, sodass wir an Bäri vorbei unbehelligt eintreten konnten. Wir beschlossen, den geplanten Ausflug auf ein nächstes Mal zu verschieben und eingehäuselt am Schärmen zu bleiben bis zur Abreisezeit im frühen Nachmittag. Das Frühstück zog sich hin, unterbrochen durch "mein Sonderhobby", wie es Fritz nannte. Er zeigte uns Fotos und einen Bildband "Der männliche Körper", dessen perfekte Aufnahmen ihn dazu bewegt hätten, möglichst Ähnliches selber zu kreieren.
Doch der eigentliche Anstoss sei ein Bauernbursche gewesen. "Der bot sich als Gartenhilfe an und wollte so etwas Taschengeld erwerben." An heissen Tagen habe der Bursche halbnackt in kurzen Hosen gearbeitet. Da sei er auf die Foto-Idee gekommen und knipste anfänglich nur Schnappschüsse im Verborgenen. Die besseren davon zeigte er einmal dem jungen Gärtner und, da sie offensichtlich gefielen, liess er ihn im Fotoband blättern. Da habe der Bursche ganz spontan gefragt, ob er nicht auch auf solche Art posieren könnte. Also begannen sie damit, aber drinnen bei Kunstlicht. Niemand im Dorf sollte davon erfahren. Irgendeinmal seien auch die letzten Hüllen gefallen, meinte Fritz, der Bursche habe es so gewollt. Und die eigenen Aktbilder hätten ihn total fasziniert. "Mich selber natürlich auch", schmunzelte er, "das war der Anfang."
Einige der Fotos hätten im Kreis erscheinen können. Sie waren wirklich gut. Das freute Fritz. Doch was er weiter erzählte, war noch überraschender. Offenbar reichte dieser Bursche einige der Bilder weiter und berichtete, wie sie zustande kamen. Denn es meldeten sich andere Bauernburschen entweder als Gartenpfleger oder sie suchten direkt Kontakt und wollten vor die Linse stehen. Dabei sei es immer korrekt abgelaufen und meist bei normalen Aufnahmen im vollen "Tenü" oder mit nacktem Oberkörper geblieben. Doch es gab Jungs, die Freude am Ausziehen und nackt posieren hatten. Solche Bilder seien nie beim ersten Mal entstanden.
Wir staunten, was in einer so ländlich abgeschiedenen Welt geschehen konnte und ganz natürlich ablief. Der bekannte Lehrer lebte auch eine ungeahnt andere Existenz. Dies zusammen mit den übrigen Beteiligten. Ein geheimes Tun, das sie alle über Jahre hinweg unter sich beliessen - und offensichtlich dauerte es bis heute an, mit neuen Jungs.
"Gewisse Burschen sind irgendwann 'giggerig' geworden", fuhr Fritz fort, "und konnten ihren Ständer nicht verbergen." Das habe er genutzt und abgedrückt. Solche Bilder zog er aus einem speziellen Umschlag. Es waren Schnappschüsse. "Aber genau deswegen sind sie mindestens so gut, wie die schön ausgeleuchteten Akte», meinte Fritz und fügte an, "euch kann ich es ja sagen, bei einigen ist es zu mehr gekommen, als posieren, doch den Anstoss gaben sie selbst."
Sommer und der Nabel der Schweiz
Diesem ersten Wochenende folgten weitere. Es entstand eine Tradition. In den Sommerferien verbrachten wir regelmässig ein paar Tage bei Fritz im gemütlichen Wasen. Immer schliefen wir nebenan, und kaum je zogen wir uns vor Mitternacht in den behäbigen Gasthof zurück. Mit Fritz war über alles zu sprechen. Stets blitzte sein Humor erhellend auch in philosophisch oder politisch Gewichtiges und wir lachten los. Freudvoll anregende Abende waren das. An sonnigen Tagen nahmen Röbi und ich den ersten Bus hinauf zur Lüderenalp, genossen die herrliche Aussicht rund ums bekannte Gasthaus, wanderten auf der ausgeschilderten Route Richtung Napf - der oft "Nabel der Schweiz" genannt wird - oder erkundeten diverse Wege hinunter bis ins Dorf. Einmal allerdings mussten wir umkehren, weil ein grosser Hund nicht angekettet war und uns den Pfad am Hof vorbei mit Bellen und Zähne blecken unmissverständlich sperrte. Jenen Abstieg wählten wir nie wieder. Fritz blieb jeweils zu Hause. Er habe die Tiere zu versorgen und wolle ein feines Znacht herrichten. "Auf der Lüdere war ich schon hundert Mal. Aber zieht los, es ist das Schönste, was ihr weit und breit tun könnt". Und richtig, wenn ich heute an Sommer und den "Nabel der Schweiz" denke, das ist Wasen mit der lichten Alp weit oben.
Jahre ging das so. Nach seinem Fünfundsiebzigsten aber wurde Fritz stiller. Er wolle weg, näher nach Solothurn. Den eigentlichen Grund nannte er später, als er plötzlich von seinem "lieben, wunderbaren jungen Pöstler" berichtete, mit dem er seit einiger Zeit liiert sei. "Der fühlt sich erotisch von alten Männern angezogen und hat sich in mich verknallt. Ich konnte es lange nicht verstehen. Aber klar, ich nehme es an und fühle mich als Glückskind. Es ist einfach wunderschön." Den Namen nannte er uns nicht. Er wohne und arbeite bei Solothurn und sei vierzig Jahre jünger. Ein bis zwei Mal im Monat würde er bei ihm übernachten. Nun aber müsse er von Wasen weg, bevor es zum Gerede komme.
Ein Nachlass aus Fotos, Dissertation und NZZ-Beilage
Tatsächlich fand Fritz ein Altersheim im bernischen Utzensdorf zwischen Burgdorf und Solothurn. Dorthin zog er 1990. Bei einem unserer Besuche am neuen Ort zeigte er Fotos des Pöstlers, den er als seinen Neffen ausgebe, und reichte uns einen Umschlag mit Aktbildern "von jenen Bauernburschen, ihr wisst schon, die sollen nicht in falsche Hände geraten, es sind nur ein paar 'brave', die besseren, alle übrigen werde ich noch verbrennen." Dazu legte er, sozusagen als Nachlass, seine Dissertation mit Widmung und Begleitschreiben samt einer NZZ-Beilage. Als wir ihn 1998 besuchen wollten, hiess es von der Heimleitung, er sei gestorben. Niemand hatte unsere Adresse und vom Pöstler wussten wir keinen Namen. Alles, was Fritz uns übergeben hatte, lieferten wir 2015 ins Schwulenarchiv.
Es bleiben die vielen köstlichen und kostbaren Erinnerungen.
Das unsichtbare Band
Die beiden schwulen Männer, von denen im Juli und jetzt im August berichtet wurde, Walter und Fritz, waren Abonnenten der Kreis-Zeitschrift und damit auch Mitglieder des "Lesezirkels" DER KREIS. Sie kannten sich nicht persönlich und gehörten dennoch dazu. Was sie verband, war das Wissen um diese Zusammengehörigkeit. Man konnte über eine Annonce im Kleinen Blatt "Gleichgesinnte" kennen lernen. Vielleicht wohnte einer ganz in der Nähe. Dieses unsichtbare Band zu schaffen war Karl Meier / Rolfs Gedanke, als er 1942 eine Rede verfasste, in der er erstmals davon sprach. Denn mit diesem Jahr wurden Kontakte unter erwachsenen Homosexuellen straflos. Es war möglich. Fritz und Walter und wir beide nutzten dieses Mögliche. Es gab uns Einblick in ihr Leben.
Was Karl Meier damals skizzierte ist hier wörtlich nachzulesen: Aussen unsichtbar
Generalversammlung des Vereins schwulengeschichte.ch
hpw. Die Generalversammlung 2021 konnte am 6. Juli erfreulicherweise wieder vor Ort in der Helferei abgehalten werden, nachdem sie im vergangenen Jahr brieflich durchgeführt werden musste. Der Rückblick des Vorstands fiel positiv aus. Im Jahr 2020 sind drei neue Portraits auf der Website aufgeschaltet und die Zeittafeln komplett überarbeitet worden, die Benutzerfreundlichkeit wurde an einigen Stellen verbessert und finanziell steht der Verein ebenfalls besser da als auch schon.
In der Rubrik Biografien sind jetzt die besonderen Lebensgeschichten von Bernhard Vogelsanger, Fred Spillmann und René Hubert auf schwulengeschichte.ch zugänglich. Die Zeittafeln sind komplett überarbeitet und die Ereignisse mit den Inhalten der Website verlinkt worden. Auch aus den Bildergalerien heraus kann jetzt direkt auf die spannenden Geschichten von schwulengeschichte.ch zugegriffen werden.
Die Besucherstatistik entwickelt sich sehr gut. Jeden Monat besuchen zwischen 5000 und 6000 Personen unsere Website.
Das Jahr 2020 begann mit dem grossen Fest zum 90. Geburtstag von Ernst Ostertag, an dessen Organisation unser Vorstandsmitglied Peter Rubli tatkräftig mitarbeitete. Aus diesem Ereignis ergaben sich für den Verein erfreuliche zusätzliche Spendeneinnahmen, die wir hiermit nochmals ausdrücklich verdanken möchten. Im gleichen Jahr verstarb unser langjähriger Kassier Walter Gehrig. Sein Legat wird den Ausbau der Website mit ermöglichen.
Peter Rubli verabschiedete sich in Abwesenheit aus dem Vorstand. Die an der Generalversammlung anwesenden Mitglieder dankten ihm mit Applaus für seinen Einsatz. Neu in den Vorstand gewählt wurde Daniel Bruttin, der schon in den letzten anderthalb Jahren sehr viel für die Website gearbeitet hat, unter anderem an den Zeittafeln. Wiedergewählt wurden der Präsident Hans Peter Waltisberg und der Kassier Mauro Smedile.
Für die nächste Zeit sind grössere Entwicklungsarbeiten geplant. So soll einerseits der Verein weiter stabilisiert werden. Andererseits sollen die Fundamente für die inhaltliche Weiterentwicklung gelegt werden. Dafür werden einzelne, selbsttragende Projekte aufgesetzt.