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Manche Bilder verlocken richtiggehend dazu, reproduziert zu werden. “Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer” (span. “El sueño de la razón produce monstruos”) des spanischen Malers Francisco de Goya ist so ein Bild. Es gehört zu den bedeutendsten und meist interpretierten Werken der Kunstgeschichte. Angeregt durch die verschiedenen Interpretationen, fertigte der britisch-nigerianische Künstler Yinka Shonibare eine Fotomontage des Originalmotivs an. Darauf sind kleine Details verdreht oder intensiviert dargestellt. So öffnen die Kleidung und die Glatze des Träumers neue Interpretationsmöglichkeiten. Ist das ein Clown? Ein Schauspieler? Und weshalb erscheint die Vernunft in knalligen Farben?
Shonibares Bild ist Teil der aktuellen Ausstellung “Déjà -vu” in der Kunsthalle Karlsruhe. Viele weitere Künstler haben hierfür mit Formen des Kopierens experimentiert. Der deutsche Grafiker Florian Freier zum Beispiel gestaltete mithilfe von Google Earth eine Kopie des Werkes “Bahrain I” von Andreas Gursky neu. In einem Internetvideo lässt sich der Entstehungsprozess mitverfolgen.
Auch die Grossen kopierten
Das Handwerk des Kopierens war schon immer ein wertvoller Bestandteil der Ausbildung junger Künstler. Selbst die Grossen wie Albrecht Dürer und Vincent van Gogh machten sich andere Werke zu eigen, und oftmals führte die Kopie zu grösserem Erfolg als das Original. Allgemein war es bis ins 15. Jahrhundert wichtiger, ein Werk handwerklich einwandfrei auszuführen, als neue Bilder zu erfinden. Die Künstler griffen oft auf andere Werke zurück, um ihr eigenes Repertoire zu erweitern. Berühmte Vertreter des Impressionismus wie Eugène Delacroix oder Edgar Degas kopierten zu Beginn ihrer Karriere ältere Werke in naturalistischem Stil.
Lange Zeit war der Besitz von Kunstwerken vorwiegend adeligen und wohlhabenden Oberschichten vorbehalten. Der Maler Peter Paul Rubens (1577-1640) legte grossen Wert auf die kontrollierte Verbreitung seiner Werke. Er beschäftigte eine grosse Anzahl von Kupferstechern, die seine Bildern breiteren Bevölkerungsschichten bekannt machten. Dieses Verfahren wurde später auch von anderen Künstlern benutzt. Dadurch wurde aus einer Kunst für wenige ein Schritt gemacht in Richtung Kunst für alle.
Heute ermöglicht das Internet das Kopieren von Bildern oder sonstigen Inhalten und macht es zur alltäglichen Praxis. Verschiedene Bilder werden als allgemein verfügbares Gut angesehen, das der User für den Eigengebrauch verwenden kann. In der Epoche der neuen Medien ist Kopieren nicht mehr wochen-, monate- oder jahrelange Arbeit, sondern “Copy & Paste”: zwei einfache Tastenkombinationen. Gleichwohl ist auch im heutigen Zeitalter das Wiederholen und Nachahmen eines Werkes ein fester Bestandteil der Kunst und Kunstvermittlung.
Wo beginnt die Fälschung?
Mit informativen, spannenden Texten sowie einer grossen Vielfalt an Bildern von berühmten Maler und Grafikern überzeugt die Ausstellung “Déjà -vu”. Die einzelnen Werke kommen gut zur Geltung. Positiv ist auch, dass die Besucherinnen und Besucher mit einer ungewöhnlichen Ausstellungsoptik konfrontiert werden. Hier hat man sich nicht auf eine normale Werkschau beschränkt, sondern den Fokus auf das Reproduzieren gelegt. Für Kunstlaien ist es manchmal zumindest auf den ersten Blick schwierig zu erkennen, welches Bild das Original ist.
Das Thema Fälschungen wird ganz ausgeklammert. Gerade beim Besuch könnte man sich aber fragen, was ist eine Fälschung und wo beginnt sie? Dem Besucher wird klar, dass es bei dem Problemkreis Kunstfälschung weniger um den künstlerischen Prozess sondern vielmehr um die bewusste Täuschung eines potenziellen Käufers geht.
Info
Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe zeigt noch bis am 5. August 2012 in Kooperation mit der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe die Ausstellung “Déjà -Vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis Youtube”. Für Kinder, Jugendliche und Erwachsene werden in der Jungen Kunsthalle Karlsruhe verschiedene Workshops angeboten. Kinder können etwa Szenen nachspielen oder gehen wie Joseph Beuys bzw. stehen wie Cindy Sherman.