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Ökonomie ist der schwierige Versuch, das Handeln von Menschen zu verstehen. Anschauungsbeispiel ist eine kleine lesenswerte Geschichte im aktuellen Magazin (online hier noch verfügbar): Der Autor will eine ganz bestimmte Uhr kaufen. Er hat alles über diese Uhr gelesen, kennt ihre Eigenschaften – und die Bestellnummer. Er lässt sie sich mehrfach im Uhrengeschäft zeigen, zieht sie an und macht ein Foto von seinem Handgelenk. Sie kostet mehr als 20’000 Franken. Er beginnt mit eiserner Disziplin zu sparen. Mit Verzicht auf viele liebgewonnene Annehmlichkeiten schafft er es eines Tages. Seine Euphorie ist gross, seine Nervosität auch. Vor dem Uhrengeschäft beschleichen ihn aber ungeahnte Zweifel. Er fragt sich, ob sein Leben tatsächlich besser würde, wegen eines Gegenstandes. Er will nachdenken und fährt in den Jura zur Uhrenfabrik und spaziert lange durch den Grand Risoux, einen riesigen einsamen Wald.
Jetzt passiert eine freie und individuelle Nutzenabwägung. Für den Autor ist die Frage nicht, ob der Preis denn durch Material und Arbeitseinsatz irgendwie objektiv gerechtfertigt sei, sondern ob der Kauf der Uhr zum Preis mit seinen ganz persönlichen Zielen und Präferenzen übereinstimmt. Ob er dieser Uhr auch in Zukunft diesen Wert gibt und sie geeignet ist, seinen ganz persönlichen Zielen näher zu kommen.
Der österreichische Ökonom Carl Menger erkannte vor mehr als hundert Jahren, dass der Wert eines Gutes oder einer Dienstleistung nicht objektiv aufgrund von Arbeit und Material festzulegen ist, sondern individuell aufgrund von persönlichen Zielen und Überlegungen entsteht und sich in konkreten zu fällenden Entscheidungen manifestiert. Damit stürzte die sogenannte objektive Arbeitswertlehre der klassischen Ökonomie in sich zusammen. Diese hatte den Wert auf genau das reduziert, was in einem Gut drinsteckt. Und in diesem Modell muss jede Art von Gewinn als Übervorteilung des Käufers erscheinen. Menger zeigte, dass diese Theorie zwar logisch klingt, aber Preise von Gütern, Kauf- und Nichtkaufentscheide der Menschen nicht erklären kann. Marx versuchte die Arbeitswertlehre zu retten, weil sie ein Kernstück seiner Ideologie darstellt. Ohne objektive Wertlehre keinen Mehrwert des Arbeiters, der diesem in jedem Fall zusteht; und keine zentrale Planung, welche diese Werte bestellt, den Mehrwert verwaltet und zuteilt. Doch auch sein Rettungsversuch über durchschnittlich benötigten Arbeitsaufwand ist zum Scheitern verurteilt, weil auch die beste Statistik weder dem Individuum noch dessen künftigen Überlegungen und konkreten Entscheidungen gerecht werden kann. Hinzu käme noch das Problem mit dem abnehmenden Grenznutzen: Der Wert eines Gutes bildet sich in der Person des potenziellen Käufers und hat nichts mit der investierten Arbeit und dem Material zu tun.
Der Autor fährt nach dem Waldspaziergang nach Hause. Am nächsten Tag beantragt er bei seinem Arbeitgeber drei Monate unbezahlten Urlaub.
(Foto: Erich Werner / pixelio.de)