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Im Norden beruhigte sich die Situation nach den grossen Schneefällen zunehmend, aber gleichzeitig setzte im südlichen Wallis intensiver Schneefall ein, was dort zu sehr grosser Lawinenaktivität führte. Für die Vispertäler und das Simplongebiet wurde am Dienstag, 09.01. sehr grosse Lawinengefahr (Stufe 5) prognostiziert. Die höchste Gefahrenstufe wurde die letzte 9 Jahren nie verwendet.
In der Nacht auf Freitag endete der seit Neujahr andauernde Grossschneefall im Westen und Norden. Gesamthaft fielen seit dem Jahreswechsel oberhalb von rund 2200 m folgende Schneemengen (vgl. Abbildung 1):
Diese grossen Schneemengen verbunden mit der zum Niederschlagsende bis auf 2000 m ansteigenden Schneefallgrenze führten zu einer kritischen Lawinensituation am Donnerstag (siehe letzter Wochenbericht) und auch noch am Freitag, wobei im Wallis, am nördlichen Alpenkamm und in den meisten Gebieten Graubündens grosse Lawinengefahr herrschte (Gefahrenkarte 05.01.).
Die hohe Lawinenaktivität (vgl. Abbildung 2) bestätigte die grosse Lawinengefahr in den betreffenden Gebieten weitestgehend. Insbesondere im Wallis, in Mittelbünden und im Unterengadin gingen viele grosse Lawinen nieder. In diesen Gebieten war die Kombination der Überlast vom Neuschnee bzw. vom Regen und von der schwachen Altschneedecke am ungünstigsten. Am Alpennordhang war die Altschneedecke bereits so gut verfestigt, dass deutlich weniger grosse Lawinen nieder gingen. Dort wurden vor allem Nassschnee und Gleitschneelawinen beobachtet.
Ein Überflug von der Region Davos bis ins Unterengadin am Freitag zeigte viele grossflächige Lawinenabgänge insbesondere im Unterengadin (vgl. Abbildung 3). Am markantesten hatten sich die Südhänge entladen, was vermutlich mit dem Vorhandensein von Schwachschichten im Bereich von Krusten zusammen hing.
Am Samstag. 06.01. setzte im Süden Niederschlag ein, der bis am Sonntagabend von mittlerer Intensität war. Bis Sonntagabend fielen im Simplongebiet und im Bedrettotal rund 50 cm Schnee. Die Schneefallgrenze lag dabei bei 1500 bis 1800 m.
Am Montag griffen dann die Niederschläge weiter ins Wallis über und wurden deutlich intensiver. Die höchste Niederschlagsintensität wurde am Nachmittag und in der Nacht auf Dienstag erreicht (vgl. Abbildung 4). Zeitweise fielen bis zu 10 cm Schnee pro Stunde, was sehr hohen Intensitäten entspricht und nur recht selten beobachtet wird. Die Schneefallgrenze sank im Laufe des Niederschlags etwas ab und lag am Dienstag im Wallis im Bereich von 1300 bis 1600 m.
In diesen vier Tagen fielen in den Hauptniederschlagsgebieten in den südlichen Vispertälern und im südlichen Simplongebiet bis zu 2 m Schnee (vgl. Abbildung 5).
Aufgrund dieses Grossschneefalls, aber auch verbunden mit der Tatsache, dass der letzte Grossschneefall im Wallis erst wenige Tage alt war, stieg die Lawinengefahr markant an und erreichte am Dienstag, 09.01. in den Vispertälern und im südlichen Simplongebiet die Gefahrenstufe 5 (sehr gross). Vor allem in den Hauptniederschlagsgebieten gingen viele grosse, vereinzelt auch sehr grosse Lawinen nieder. Ein kompletter Überblick über die Lawinenaktivität dürfte allerdings erst nach Redaktionsschluss dieses Berichtes entstehen.
Die starken Niederschläge waren auf die südlichen Regionen beschränkt. Im Norden fiel kaum Schnee und deshalb stand dort der Rückgang der Lawinengefahr im Vordergrund. Bis zum Ende der Wochenberichtsperiode herrschte im Norden verbreitet geringe und mässige Lawinengefahr (vgl. Abbildung 6).
Am 10. und 11.01. fiel kaum mehr Niederschlag und auch der Wind flaute ab. Wie es nach solchen Grossschneefällen typisch ist, beruhigtes sich die Situation nach dem Ende der Niederschläge rasch. Begünstigend kam hinzu, dass die Temperaturen langsam absanken und sich damit die Schneedecke vor allem in den mittleren Lagen verfestigte. Die Lawinengefahr war am Donnerstag 11.01. in keinem Gebieten mehr auf Stufe 4 oder 5 (vgl. Abbildung 6).
An den Beobachterstationen waren die Neuschneemengen von dieser Niederschlagsperiode oder auch von der Niederschlagsperiode vom 01. bis 05.01 nicht wirklich ausserordentlich, weil es in diesen Höhenlagen häufig geregnet hatte. Anders sah es an den IMIS-Stationen aus: Die 3-, 5- oder 7-Tagessummen waren zwar ausserordentlich, aber nicht rekordmässig. Anders sah es für die 10-, 11- und 12-Tagessummen aus. An vielen Stationen hatte es seit dem Jahreswechsel fast jeden Tag geschneit. Entsprechend lagen die 12-Tages-Neuschneesumme an den Stationen im Mattertal klar auf Rang 1 (siehe Tabelle 1).
Im Gegensatz zum Mattertal zeigten die Stationen im Saastal relativ kleine Neuschneesummen. Sie waren vermutlich vom Wind beeinflusst. Die Messung auf dem Messfeld Egginer (4EG) oberhalb von Saas Fee konnte in diesen Tagen nicht durchgeführt werden. Im Simplongebiet waren die Neuschneesummen wieder ähnlich gross wie im Mattertal. Die 12-Tages Neuschneesummen der aktuellen Starkschneefallperiode zeigen Werte zwischen 350 und 500 cm. Die beiden Stationen SPN3 und BOR2 im Simplongebiet hatten schon Ereignisse mit rund 20-30 % grösseren Werten erlebt. Ein Vergleich mit den maximal gemessenen 12-Tagessummen anderer Starkschneefallereignisse am Alpennordhang zeigte, dass die Werte dort ähnlich gross waren. So wurden im Februar 1999 an der Station Gadmen (GAD2) im Sustengebiet 12-Tages Neuschneesummen von 509 cm und an der Vergleichsstation Elm (3EL) von 452 cm gemessen.
|Station||Datum||12-Tages Neuschneesumme||Schneehöhe||Schneehöhenzuwachs 12 Tage|
|Oberer Stelligletscher, Zermatt (STN2)||10.01.2018||443||227||224|
|09.02.1999||261||267||116|
|Zermatt, Triftchumme (ZER2)||10.01.2018||498||313||244|
|25.02.1999||392||327||132|
|Zermatt, Gornergrat (GOR2)||10.01.2018||345||243||161|
|30.04.2014||244||274||86|
|Bortelsee, Simplon (BOR2)||16.11.2014||581||273||259|
|10.01.2018||464||370||231|
|Wenghornd, Simplon (SPN3)||26.11.2002||555||280||260|
|10.01.2018||402||307||168|
Die Neuschneemengen an den IMIS-Stationen werden mit dem Schneedeckenmodell SNOWPACK berechnet. Weil sich die Schneedecke während und nach einem Schneefall laufend setzt, kann die Neuschneemenge an einer Station nicht einfach durch die Differenz der absoluten Schneehöhe ermittelt werden (Abb. 7, a). Die Neuschneemenge muss daher mit einer Simulation berechnet werden. Das Modell simuliert diese Setzung abhängig von der Schneemikrostruktur, dem flüssigen Wassergehalt, der Dichte und der Masse. Dabei ist der flüssige Wassergehalt abhängig von der Energiebilanz und von Regen. Das heisst, dass das Modell für Stationen mit einem Regensensor viel genauer ist (Abb. 7, b und c): mit dem Regen setzt sich die Schneedecke viel stärker als wenn das Modell ohne diese Information läuft. Daher bringen Regenmesser eine gute Verbesserung bei der Simulation der Neuschneemengen. Leider sind aber Regenmesser bei Schnee wiederum ziemlich unzuverlässig (sie können mit Schnee verstopfen, messen zu wenig Niederschlag wann es windet, usw). Immer mehr IMIS-Stationen werden mit Regenmessern ausgerüstet. Die in Tabelle 1 erwähnten Stationen (STN2, ZER2, GOR2, BOR2, SPN2) sind alle mit einem Regenmesser ausgerüstet.
Erstmals seit 2008 wurde wieder die höchste Gefahrenstufe 5 (sehr gross) verwendet. 2008 hatte sich diese hohe Gefahrenstufe nicht bestätigt (Wochenbericht). Ein Vergleich mit dem Lawinenwinter 1998/99 zeigt zudem, dass diesmal die Gefahr zeitlich und räumlich viel mehr beschränkt war. Im Februar 1999 waren folgende Gebiete und Tage mit sehr grosser Lawinengefahr betroffen:
21.2.: ganzer Alpennordhang und Oberwallis
22.2.: ganzer Alpennordhang, ganzes Wallis, Nordbünden, Samnaun
23.2.: ganzer Alpennordhang, ganzes Wallis, Nordbünden, Samnaun
24.2.: ganzer Alpennordhang, ganzes Wallis, Nordbünden, Samnaun
25.2.: ganzer Alpennordhang, ganzes Wallis, Nordbünden, Samnaun
Dementsprechend war im Februar 1999 auch die Lawinenaktivität von einer anderen Dimension (ca. 1200 registrierte Schadenlawinen). Trotzdem war diese Lawinenperiode speziell für die Vispertäler und das Simplongebiet ausserordentlich. Eine umfangreichere Analyse der Situation wird im Winterbericht gemacht.
Für die Entwicklung der Schneedecke im weiteren Winterverlauf können diese Grossschneefälle positiv gewertet werden. Am Alpennordhang war die Schneedecke günstig aufgebaut. Im Wallis wurden bodennahe Schwachschichten mit mächtigen Schneeschichten dieser Periode überschneit und Lawinen dürften nach der Verfestigung der Neu- und Triebschneeschichten kaum mehr in diesen bodennahen Schichten auslösbar sein. Den ungünstigsten Aufbau zeigte die Schneedecke in Mittelbünden, im Engadin und in den Bündner Südtälern (vgl. Abbildung 8). Dort erschienen Lawinenauslösungen in schwachen, bodennahen Schichten noch möglich.
In der Höhe ist die Schneedecke verbreitet vom Wind geprägt, in mittleren Lagen von Wärme und Regen. Unterhalb von rund 1500 m nahm das Schneewasseräquivalent durch Schneeschmelze in den Einzugsgebieten Aare, Limmat und Rhone um bis zu 40 mm ab.
Solche Lawinenperioden sind auch immer ein Bewährungstest für den Lawinenschutz. Einmal mehr zeigte sich, wie wichtig die baulichen Schutzmassnahmen sind. Sie gewährleisten einen hohen Schutz für die Infrastruktur, insbesondere für Siedlungen und Verkehrswege. In solch ausserordentlichen Lawinenperioden wie dieser, stossen aber auch die baulichen Schutzmassnahmen an ihre Grenzen (vgl. Abbildung 9 und 10).
Sehr hohe Anforderungen stellen solche Lawinensituationen auch an den temporären Lawinenschutz und die Sicherheitsverantwortlichen. Vor allem im Bereich der künstlichen Lawinenauslösung konnten im Vergleich zum Lawinenwinter 1998/99 mit vielen fixen Sprenganlagen grosse Verbesserungen erzielt werden. Dank diesen Anlagen können Lawinen nicht nur in Schönwetterperioden mit dem Helikopter, sondern bereits während des Schneefalles in kleineren Portionen ausgelöst werden (vgl. Abbildung 10 sowie Videos Lawinensprengung Schafberg und Lawinensprengung Pizol).
Dank der sehr guten Arbeit der lokalen Sicherheitsverantwortlichen, welche temporäre Massnahmen wie Sperrungen und Evakuierungen anordnen oder künstlichen Lawinenauslösungen durchführen, kam es zu keinen Personenschäden.
Eine abschliessende Beurteilung der Lawinen mit Sachschäden wird erst im Sommer möglich sein, da Schäden z.B. am Wald oder an Alphütten in abgelegenen Gebieten teilweise erst im Frühling festgestellt werden können. Bis dato wurden 8 Lawinen mit Sachschäden, alle im Kanton Wallis, registriert (vgl. Tabelle 2).
|Datum||Kanton||Ort||Schaden|
|05.01.2018||VS||Merdenson||Brücke zerstört, evtl. Waldschaden|
|05.01.2018||VS||Merdenson||Waldschaden, Strasse verschüttet|
|08.01.2018||VS||St. Niklaus||Matterhorn-Gotthard-Bahn und geschlossene Strasse verschüttet, Fahrleitung beschädigt, Waldschaden (vgl. Abbildung 8).|
|09.01.2018||VS||Merdenson||Brücke bereits zerstört, wahrscheinlich zusätzlicher Waldschaden|
|09.01.2018||VS||Ginals||Skiliftmasten weggerissen|
|09.01.2018||VS||Tufterchumme||Totalschaden der Talstation "Chumme"|
|09.01.2018||VS||Egginer||Sachschäden unbekannt (Waldschaden und/oder offene Piste)|
|09.01.2018||VS||Eisten||Sachschäden unbekannt (Waldschaden und/oder Infrastruktur)|