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August Mahler, geboren 1856, war gelernter Mechaniker und kannte sich mit der damals aufkommenden Gasbeleuchtung besonders gut aus. Irgendwie gelangte er nach Indien. Er erleuchtete die prachtvollen Paläste der Maharadjas. Dies macht den Bauernbub aus dem Hinterthurgau reich, sagenhaft reich.
Liebe auf den ersten Blick
In Indien hörte der ledige Handwerker ein böhmisches Orchester auf Welttournee. Die Geigerin gefiel ihm so sehr, dass er sie auf der Stelle heiraten wollte. In der Konzertpause hielt er um ihre Hand an. Die angebetete Brigitte Schmidl aus Köstelwald im Sudetenland entgegnete, sie wolle ihm am Ende des Konzertes Bescheid geben. Im gleichen Monat des Jahres 1887 heirateten sie in Bombay. Nach und nach kamen drei Kinder zur Welt.
Um die Jahrhundertwende liessen sie sich Wil an der damaligen Asylstrasse, die heute Zürcherstrasse heisst, nieder. August Mahler kaufte ein Haus und liess 1906 vom Wiler Architekten Paul Truniger einen grösseren mondän wirkenden Anbau errichten. „Mahler zeigte seinen Reichtum im imperialen Baustil der Fassade“, meint Guido Bünzli. Der pensionierte Sekundarlehrer und Präsident des Quartiervereins Wil West hat die Geschichte der Liegenschaft und der Familie Mahler eingehend erforscht. Sie war damals die reichste Familie in Wil. Der gelernte Mechaniker August Mahler konnte in Wil von seinem Vermögen leben.
Stattliche Villa
In seinem äusseren und inneren Erscheinungsbild war die Immobilie von den britischen Herrschaftshäusern in Indien inspiriert. Besonders markantes Merkmal ist sein Kuppeldach sowie die in Stein gemeisselte Inschrift „India“. Den Boden der grossen Veranda soll ein prächtiges Mosaik schmücken, das jedoch irgendwann unter Steinplatten verschwand.
Im Erdgeschoss gab es einen roten und einen blauen Salon sowie einen kleinen Ballsaal. Ein glitzernder Lüster unterstrich die noble Atmosphäre. Und einige Fenster waren, passend zum Geschmack der Zeit, im Jugendstil ausgeführt. Im Weinkeller reihte sich Flasche an Flasche. Vor dem Haus bildeten Bäume eine kleine Allee, die den herrschaftlichen Eindruck des Anwesens unterstrich. In der Villa waren mehrere Hausangestellte beschäftigt.
In der Schweiz bekam das Ehepaar Mahler-Schmidl drei weitere Kinder.
Giftmord
Dann endete die Glückssträhne. August Mahler war zum Financier und Investor geworden. Zweifelhafte Berater empfahlen ihm, sein Vermögen im zaristischen Russland und in Kanada zu vermehren. Dabei übernahm er auch Bürgschaften. Die Anlagen erwiesen sich als dubios; und der erste Weltkrieg führte weltweit zu einem wirtschaftlichen Niedergang.
Hubert, der älteste Mahler-Sohn, suchte nach dem Verbleib der Investition seines Vaters. Er reiste in den Kriegsjahren unter anderem nach Odessa. Seine Nachforschungen passten den zweifelhaften Empfängern oder Vermittlern der Investitionen nicht. 1918 starb Hubert Mahler durch Gift.
Fatale Mutprobe
Sein Bruder August studierte in Bern Jurisprudenz. Dem Vernehmen nach war er mit seinen Mitstudenten häufiger in den Gaststätten als im Hörsaal anzutreffen. Nach einer feucht-fröhlichen Zechtour kamen sie auf die unheilvolle Idee einer Mutprobe: Wer wagte es, in den Bärengraben zu steigen? Dort wurde der betrunkene Student von einem Bären angefallen und so schwer verletzt, dass er wenige Tage später im Spital starb.
Ein dritter Sohn studierte in Neuenburg. Mittlerweile wurde klar, dass das Familienvermögen verloren war. Die Villa India musste verkauft werden. 1919 zog die Familie in eine Mietwohnung am Friedtalweg. Dem einst reichsten Wiler soll die Schmach des finanziellen Ruins so sehr zugesetzt haben, dass er wenig später starb.
Kinopianist
Der jüngste Sohn Paul musste sein Studium in Neuenburg aufgeben. Er begann in Wil eine Banklehre. Sein bescheidenes Einkommen reichte für den Lebensunterhalt für sich und seine Mutter nicht. Als Pianist begleitete er in einem Wiler Kino die Vorführungen der Stummfilme und kam dadurch zu einem Zusatzverdienst.
Ein weiterer Bruder wanderte nach Belgien aus. Nach einem Zwist enterbete er alle Verwandten. Eine Schwester starb im Alter von 38 Jahren an Krebs. Eine weitere Tochter schloss sich in Paris einem Zirkus an. Über ihr weiteres Schicksal konnte Guido Bünzli nichts in Erfahrung bringen.
Verkleinertes Areal
1960 wurde die Zürcherstrasse verbreitert und ein Trottoir eingerichtet. Dadurch büsste die Liegenschaft ihr repräsentatives Vorgelände weitgehend ein. Das Inventar des Hauses war nach dem 1. Weltkrieg verkauft worden. Die Kristalllüster sowie die Jugendstilfenster befinden sich heute in Privathaushalten im Toggenburg.
Heute erinnert nur noch das kuppelartige Dach und die Inschrift `India` an die glanzvolle Vergangenheit dieser Liegenschaft sowie an eine Wiler Familie, der der sagenhafte Reichtum wenig Glück brachte.