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Weniger Produkte, mehr Dienste
Erst war die Schweiz eine bäuerliche Gesellschaft, dann eine industrielle. Heute dominiert der Dienstleistungssektor die Volkswirtschaft ganz klar.
Von AKV
Einst war die Unterteilung simpel: Der primäre Sektor einer Volkswirtschaft, auch «Urproduktion» genannt, umfasst die gesamte Bereitstellung und Erzeugung von Rohstoffen: Holzschlag, Jagd, Fischfang, Landwirtschaft und so weiter.
Im Sekundärsektor werden die Rohstoffe verarbeitet. Dazu gehören also das verarbeitende Gewerbe, Industrie, Handwerk, die Energie- und Wasserversorgung, das Baugewerbe und so weiter. Der Sekundärsektor wird auch «industrieller Sektor» genannt. In der Schweiz sind starke Vertreter dieses zweiten Sektors zum Beispiel in der Nahrungsmittel-, der Maschinen- und Uhrenindustrie und in der Pharmabranche zu finden.
Charakteristisch für den Sektor ist die Weiterverarbeitung von Gütern aus dem Primärsektor. Für den Produktionsprozess sind oft hochkomplizierte Maschinen und andere Investitionsgüter sowie aufwändige Fabrikationsmethoden notwendig. Dadurch wird Sekundärsektor sowohl zum material- wie kapitalintensivsten Faktor.
Immaterielle Leistungen
Der Tertiär-, Service- oder Dienstleistungssektor umfasst alle nicht-produzierenden Leistungen, die in Unternehmen, vom Staat oder anderen Institutionen erbracht werden. Eine Dienstleistung im Sinne der Volkswirtschaftslehre ist ein ökonomisches Gut, bei dem im Unterschied zur Ware nicht die materielle Fertigung oder der materielle Wert eines Endproduktes im Vordergrund stehen, sondern eine immaterielle Leistung zur Deckung eines Bedarfs.
Dienstleistungsberufe sind also all jene, in denen keine Waren produziert werden, sondern andere Menschen beraten, gepflegt, betreut, unterrichtet oder unterhalten werden: von der Altenpflege über Coiffeure, Köche, Lehrer, Musiker, Pfarrer und Sozialarbeiter bis hin zum Verkäufer.
Zu den Dienstleistungen gehört natürlich auch die Arbeit, die unentgeltlich geleistet wird, zum Beispiel in Haushalten oder in ehrenamtlichen Funktionen. Allerdings werden diese Leistungen statistisch nicht erfasst und gewertet. Obwohl sie unbestrittenermassen eine wichtige gesellschaftliche Funktion erfüllen, werden sie von der Volkswirtschaft übergangen und nicht als Bestandteil des Bruttoinlandprodukts ausgewiesen. Nur was über Marktpreise definiert werden kann, erscheint in der Statistik.
Massive Verschiebungen
Die radikalen Verschiebungen zwischen diesen Sektoren illustrieren die rasante Entwicklung der Gesellschaft in den vergangenen zwei Jahrhunderten: Noch 1850 war die Hälfte der berufstätigen Schweizer Bevölkerung im Primärsektor tätig, vor allem in der Landwirtschaft. 1900 hatte sich deren Anteil auf knapp ein Drittel, 1950 auf knapp ein Fünftel reduziert. Und heute beträgt er noch 3,3% . Die Wertschöpfung im Primärsektor trägt sogar nur noch mickrige 0,7% zum Bruttoinlandprodukt bei.
Der industrielle Sektor beschäftigt heute 21% der Arbeitskräfte in der Schweiz, der Dienstleistungssektor mehr als 75%. An dieser Verteilung hat sich in den vergangenen zehn Jahren nur wenig verändert. Doch für die Statistiker ist der Dienstleistungs-«Klumpen» von gut drei Vierteln der Volkswirtschaft unbefriedigend. Und hier fangen die Komplikationen an: Verschiedene Ökonomen haben versucht, das Modell auszubauen. Schon ab den 1960er-Jahren versuchten Wissenschaftler, einen vierten Sektor einzuführen, den Quartär- oder Informationssektor.
Hohe intellektuelle Ansprüche
In diesen Sektor sollten Tätigkeiten aus dem Dienstleistungssektor fallen, die hohe intellektuelle Ansprüche stellen: Anwälte, Ingenieure, Medizin- und Erziehungsberufe, IT-Dienstleistungen, High Tech und Kommunikationstechnik.
Andere wollen unter dem Begriff Quartärsektor allein die Informationsdienstleistungen bündeln, die rasch expandieren. Eine dritte Definition ordnet dem Quartärsektor Dienste zu, die im Freizeit- und Unterhaltungsbereich anfallen. Und eine vierte Schule versteht unter dem quartären Sektor Leistungen, die nicht durch marktwirtschaftliche Prinzipien gelenkt, sondern politisch reguliert werden.
Um es noch komplizierter zu machen, haben findige Köpfe auch noch einen Quintärsektor für Entsorgung und Recycling erfunden: Müllabfuhr, Kläranlagen, Schrottplätze und Recyclinganlagen sollten dazu gehören. Andere hingegen wollten Tourismus und Freizeit, Wellness und Gesundheit diesem Quintären Sektor zuordnen. All diese Neuschöpfungen haben sich jedoch nicht durchgesetzt.
Quelle: Tages-Anzeiger, Beilage "BILDUNG"
(Erstellt: 21. Mai 2017)