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Stellen Sie sich vor: Eines Morgens klingelt eine Fee an Ihrer Tür und reicht Ihnen 100 Franken. Sie dürfen sich damit kaufen, was Sie wollen, müssen das Geld aber bis Sonnenuntergang ausgeben. Zum Abschied fragt die Fee, ob Sie glauben, es würde Sie glücklicher machen, das Geld zu verschenken. «Natürlich nicht», antworten Sie. Dann besucht die Fee Ihren Nachbarn. Auch er erhält 100 Franken – allerdings unter der Bedingung, dass er das Geld bis Sonnenuntergang verschenke.
Nach Einbruch der Dunkelheit klingelt Ihr Telefon. Die Fee möchte wissen, was Sie sich Schönes gekauft haben – und wie es Ihnen jetzt gehe. Die gleiche Frage muss Ihr Nachbar beantworten. Wen haben die 100 Franken glücklicher gemacht? Die Fee hat an vielen Türen geklingelt, fast überall hat sie am Morgen dieselbe Antwort gehört: Es fühle sich besser an, sich selbst einen Wunsch zu erfüllen, als das Geld zu verschenken. Am Abend waren aber stets jene in einer besseren Stimmung, die mit dem Geld anderen eine Freude bereitet hatten.
Diese Geschichte ist kein Märchen, sondern beschreibt einen Versuch, den die kanadische Psychologin Elizabeth Dunn vor ein paar Jahren durchgeführt hat. In einer anderen Untersuchung befragte die forschende Glücksfee mehr als 600 repräsentativ ausgewählte Amerikaner, welchen Teil ihres Einkommens sie für Geschenke und gute Zwecke ausgeben würden und wie glücklich sie seien. Wieder fühlten sich die Grosszügigen besser. Schliesslich interviewte Dunn Angestellte, die unerwartet einen Gehaltsbonus von mehreren Tausend Dollar bekommen und entweder für sich behalten oder verschenkt hatten – mit demselben Ergebnis.
Kann es wirklich sein, dass wir uns über unsere Bedürfnisse dermassen täuschen? Wer loszieht, um sich das Must-have-Outfit der Saison, das aktuelle Smartphone oder endlich ein vorzeigbares Auto zuzulegen, tut das selbstverständlich in der Annahme, dass der Kauf sein Leben verbessern und für gute Laune sorgen werde. Wer sieht sich nicht gerne in neuen Kleidern, hat nicht Spass daran, wenn ein elektronisches Spielzeug auf Zuruf gehorcht, freut sich nicht an den Gesichtern der Nachbarn, wenn er zum ersten Mal den neuen Wagen in der Einfahrt parkiert?
Ein Bummel durch eine beliebige Einkaufsstrasse kann allerdings nachdenklich machen. Von der Freude am Konsum ist dort wenig zu spüren. Nur in der Fernsehwerbung schreien die Konsumenten vor Glück. Wäre Wohlstand gleich Wohlbefinden, dann müsste das Glück der Menschen in den entwickelten Ländern explodieren, schliesslich leisten wir uns von Jahr zu Jahr mehr. Kleider etwa. Die Bürger Grossbritanniens besitzen heute viermal mehr Kleidung als 1980. Der durchschnittliche Amerikaner kauft über 60 Kleidungsstücke pro Jahr – mehr als eines pro Woche. 40 Kilo Textilien wirft er jedes Jahr weg. Jede Schweizerin und jeder Schweizer liessen im vorigen Jahr durchschnittlich 1370 Franken für Kleider und Schuhe in den Geschäften.
Macht es uns glücklich? 1965, als ein Minirock eine Anschaffung war und sich die Schweizer Normalfamilie zur Urlaubsfahrt an die Adria in einen VW-Käfer quetschte, liefen die ersten aussagekräftigen Umfragen zur Lebenszufriedenheit. Damals bewerteten die Schweizer ihr Glück mit 7,76 auf einer Skala von 1 bis 10, ein im internationalen Vergleich hervorragender Wert. Seither haben sich die Reallöhne beinahe verdoppelt. Heute können sich die Schweizer also doppelt so viel leisten wie ihre Eltern, doch davon ist in den neusten Erhebungen zur Lebenszufriedenheit nichts zu bemerken. Die Antworten entsprechen, bis auf eine geringe statistische Unsicherheit, exakt denen von 1965. Doppelter Wohlstand hat den Schweizern keine Spur mehr Wohlbefinden gebracht.
Genauso ernüchternd lesen sich die Daten aus allen anderen westlichen Ländern: Während der Lebensstandard steigt, verharrt die Lebenszufriedenheit seit Jahrzehnten stur auf demselben Niveau. Zugleich erkranken immer mehr Menschen an Depressionen. Junge Frauen und Männer leben heute fast überall mit einem dreimal höheren Risiko, eine schwere Depression zu erleiden, als noch vor zwanzig Jahren. In weiteren zwanzig Jahren werden Depressionen unter Frauen weltweit mehr Schäden anrichten als jede andere Krankheit, sagt die Weltgesundheitsorganisation voraus. Bei Männern werden einzig die Herz-Kreislauf-Erkrankungen noch mehr Leid bewirken.
Was dieses seelische Elend so befördert, weiss niemand genau. Die Verstädterung mag ihren Teil beitragen, die zunehmende Arbeitsbelastung, die Scheidungsrate oder die Tatsache, dass immer weniger Menschen körperlich arbeiten. Fest steht jedenfalls, dass die gespenstische Häufung der Depressionen nicht einfach dadurch zu erklären ist, dass mehr Betroffene als früher Hilfe beim Arzt suchen und bekommen. Die Depression droht zur Pest des 21. Jahrhunderts zu werden.
Einiges spricht dafür, dass exzessiver Konsum an dieser Entwicklung mitschuldig ist. Der amerikanische Sozialpsychologe Galen Bodenhausen musste zufällig ausgewählte Versuchspersonen nur Fotos von Luxusgütern betrachten lassen, schon klagten sie vermehrt über Niedergeschlagenheit, Angst und Unzufriedenheit mit sich selbst. Teuflisch treffsicher leisteten die Bilder genau das, was Marketingleute wollen: Sie weckten bei den Betrachtern das diffuse Gefühl, dass ihnen etwas fehle. Die Probanden sorgten sich unmittelbar nach dem Versuch denn auch vermehrt über ihr Einkommen, ihren Status und ihre Beliebtheit.
Ginge es den Betroffenen eigentlich besser, wenn die ersehnten Sportcoupés und Penthouses für sie Wirklichkeit würden? Dafür spricht wenig. Lottogewinner zum Beispiel schweben nur gerade so lange auf Wolken, bis sie sich daran gewöhnt haben, Millionäre zu sein. In der Regel ein halbes Jahr später ist mit ihrer Lebenszufriedenheit wieder alles beim alten. Die neuen Millionäre fühlen sich kaum wohler als vorher, seit es für sie normal geworden ist, statt Volkswagen Porsche zu fahren. Sie träumen, je nach Temperament, jetzt von einem Ferrari.
Während sich das Glück durch Konsum als Illusion herausstellt, sind allerdings die unangenehmen Folgen der Jagd nach immer schöneren und besseren Dingen allzu real. Sie bringt uns unter anderem dazu, die Mitmenschen als Gegner zu sehen. Ein einziges Wort genügt, um unseren Wettbewerbsgeist zu wecken: Teilte der Sozialpsychologe Bodenhausen seinen Versuchspersonen mit, dass sie an einer Untersuchung über das Verhalten von «Konsumenten» teilnehmen würden, zeigten sich diese weniger an anderen interessiert, weniger zur Zusammenarbeit mit Aussenstehenden bereit, als wenn sie glaubten, es handle sich um eine Studie über das Verhalten von «Individuen» oder auch einfach von «amerikanischen Bürgern».
Hunderte weitere Untersuchungen stützen diese Befunde. Sie entlarven die materialistische Lebenseinstellung und die Unzufriedenheit in den entwickelten Ländern als zwei Seiten derselben Medaille. Das Fazit: Je stärker Menschen der Aussage zustimmen, Besitz sei ihnen wichtig, umso schlechterer Stimmung sind sie. Materialismus macht traurig. Die Hirnreaktion von Jugendlichen auf eine materielle Belohnung erlaubt sogar Vorhersagen, ob sie später depressive Symptome entwickeln werden.
Das zeigten die amerikanischen Neurowissenschafterinnen Eva Telzer und Adriana Galván mit einer Variante des eingangs geschilderten Glücksfee-Experiments. Die Teenager durften entscheiden, ob sie eine bestimmte Summe lieber für sich ausgeben oder ihrer Familie abgeben wollten; dabei wurde im Kernspintomographen die Aktivität von Hirnzentren aufgezeichnet, die für Entscheidungen zuständig sind. Bei manchen Versuchspersonen reagierten diese Zentren besonders stark auf die Aussicht, das Geld für sich zu behalten. Je grösser ihre Lust an der Erfüllung eigener Wünsche war, umso häufiger zeigten die Teenager ein Jahr später Anzeichen einer Depression. Die jungen Frauen und Männer, denen es mehr Freude machte, das Geld zu verschenken, waren in der Regel ein Jahr später heiterer Stimmung.
Der Volksmund sagt nur die halbe Wahrheit, wenn er behauptet, Geld – und damit Konsum – mache nicht glücklich. In Wirklichkeit macht uns die Jagd nach immer mehr, nach immer besseren, nach immer schöneren Dingen unglücklich. Wenn wir aber für unsere materiellen Wünsche so teuer bezahlen: warum haben wir sie dann?
Das Begehren ist keine Funktion der Vernunft, es erklärt sich aus unserer von der Evolution geprägten Natur. Im Einkaufszentrum kommen einige der archaischsten Züge des Menschen zum Vorschein. Dort übernimmt ein Mechanismus die Kontrolle, der genauso Affen, Reptilien, selbst Insekten in ihren Handlungen steuert: das sogenannte Belohnungssystem. Es besteht aus einer Art Sprinkleranlage, die vom Hirnstamm ausgehend weite Teile des Gehirns mit dem Hormon Dopamin überschüttet. Es tritt automatisch in Aktion, sobald die leiseste Aussicht besteht, die eigene Situation zu verbessern. Dann sorgt das Dopamin nicht nur für Erregung und Lustgefühle, sondern es verengt auch die Aufmerksamkeit. Von Interesse ist nur noch das Objekt des Begehrens. Der ganze Organismus verhält sich wie eine Katze, die eine Maus jagt.
Tatsächlich entstand das Belohnungssystem, um Ernährung und Fortpflanzung sicherzustellen. In einer Natur mit knappen Ressourcen taten die Tiere, auch unsere menschlichen Urahnen, gut daran, jede Chance auf Futter oder einen attraktiven Geschlechtspartner zu nutzen. Deswegen war eine Hirnschaltung von Vorteil, die auf alle Reize reagierte, die einen Vorteil versprachen. Das Belohnungssystem ist, wie es der amerikanische Neuropsychologe Jaak Panksepp ausgedrückt hat, ein «Antrieb ohne Ziel».
Heute wird uns genau diese Wahllosigkeit zum Verhängnis. Wenn wir die Kaufhäuser stürmen, weil dort Waren, die wir nicht brauchen, im Preis herabgesetzt sind, stehen wir unter dem Bann des Belohnungssystems – wie ein Raubtier, das von seiner Beute nicht ablassen kann. Das vom Dopamin überschüttete Gehirn ist ausserstande, auch nur einen Moment an andere Bedürfnisse oder gar an die langfristigen Folgen seiner Entscheidungen zu denken. Die unerbittlichste Beutejagd findet heute nicht mehr in den Urwäldern, sondern an den Wühltischen statt. So erklären sich etwa die Szenen, die sich alljährlich am letzten Freitag des Novembers in amerikanischen Einkaufszentren abspielen. An diesem Tag beginnen die Geschäfte die Weihnachtssaison mit Rabatten, weshalb die Kunden versuchen, sich schon in den frühen Morgenstunden eine günstige Startposition vor den Ladentüren zu sichern. Das in den USA als «Black Friday», schwarzer Freitag, bekannte Ereignis trägt seinen Namen völlig zu Recht: Jedes Jahr werden Dutzende Menschen niedergetrampelt, oft sind sogar Tote zu beklagen.
Allerdings sollte das Belohnungssystem, das uns zu solchen Exzessen befähigt, einen anderen Namen tragen. Der Begriff ist historisch begründet, aber falsch, denn das Belohnungssystem kann uns gar keine dauerhafte Belohnung verschaffen. Es sorgt nur für ein kurzes Feuerwerk der Erregung. Sobald die Beute erlegt ist, hat es seine Schuldigkeit getan – der Kitzel lässt nach, ein Gefühl der Leere stellt sich ein.
Und so zieht man von neuem aus, um sich noch mehr, noch bessere Dinge zu beschaffen. In Wahrheit geht es freilich darum, die guten Gefühle der Beutejagd zurückzuholen. Nicht zufällig erinnert der ewige Zirkel aus Wunsch, Erfüllung, Leere und noch grösserem Wunsch an eine Sucht, denn beiden liegt derselbe Mechanismus zugrunde. Nur die Auslöser sind verschieden. Bei der Drogensucht wird das Belohnungssystem chemisch durch Alkohol, Nikotin oder Kokain stimuliert, beim Kaufrausch mit der Hoffnung auf ein schöneres Leben. Psychiater ordnen den Kaufzwang denn auch unter die Suchterkrankungen ein.
Und doch sind wir keine blossen Sklaven unseres Belohnungssystems. Die meisten Menschen werden nicht zu Alkoholikern. Obwohl in ihren Köpfen die Suchtmechanismen wirken, haben sie gelernt, den Griff zum Weinglas zu kontrollieren. Dabei helfen sowohl das Wissen um die Folgen einer Flasche zu viel als auch die Regeln, die unsere Kultur in vielen Jahrhunderten mit diesem Suchtmittel eingeübt hat. Im Umgang mit den Verlockungen des Konsums hingegen fehlt uns die Erfahrung. Erst seit den Nachkriegsjahren kann sich die Masse der Europäer mehr leisten, als sie braucht. Noch später kam jede Stadt zu ihrem Einkaufszentrum, und seit nicht einmal zwei Jahrzehnten können wir per Computer oder Handy von jedem Ort der Welt aus einkaufen. Kein Wunder, dass wir immer wieder der Versuchung erliegen: Wir haben bisher einfach nicht genug Abwehrkräfte entwickelt.
Da kann es helfen, sich an eines der hintersinnigsten Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm zu erinnern. Es erzählt von Hans, dessen Dienstherr ihn zum Abschied mit einem Stück Gold entlohnt, «das so gross wie Hansens Kopf war». Als ihm das Gold auf seinem Weg zu schwer wird, tauscht es Hans gegen ein Pferd. Weil er Durst verspürt, gibt er das Pferd für eine Milchkuh her, und so geht es weiter, bis ihm als letzter Besitz zwei Steine bleiben, die in einen Brunnen fallen. Da bricht der buchstäblich erleichterte Hans in Jubel aus. «So glücklich wie ich», ruft er, «gibt es keinen Menschen unter der Sonne.» Doppelbödig ist schon der Titel der Geschichte, der mit den zwei Bedeutungen des deutschen Worts «Glück» spielt. Zweifellos ist Hans «im Glück» insofern, als er bei jedem Handel gute Gefühle empfindet. Aber hat er auch Glück – in dem Sinne, dass es das Leben gut mit ihm meint? Er selbst scheint davon überzeugt. Die meisten Leser allerdings verstehen die Erzählung als Schwank über einen Trottel, der sich von seinen Mitmenschen ausnehmen lässt.
Doch ebenso gut kann Hans als Weiser durchgehen. Sein Chef, der ihn nach sieben Dienstjahren bestens gekannt haben muss, hatte offenbar eine hohe Meinung von ihm. Sonst hätte er ihm kaum solch ein grosszügiges Abschiedsgeschenk gemacht. Vor allem aber nimmt die Geschichte von Hans vorweg, was wir heute über den Zusammenhang von Konsum und Glück wissen.
Der Held muss gespürt haben, wie wenig Besitz zum Wohlbefinden beiträgt. Dass er immer wieder und geradezu ekstatisch seine Habe gegen Dinge eintauscht, die weniger wert sind, erscheint uns befremdlich, war aber im Mittelalter ein geläufiges Motiv. Franz von Assisi etwa, der Sohn eines reichen Tuchhändlers, gab seinem Vater die prächtigen Kleider zurück und hüllte sich in Lumpen. Ein Fresko in der Oberkirche von Assisi, gemalt von dem grossen Künstler Giotto di Bondone, zeigt Franz dabei mit selig entrücktem Gesicht. Nicht minder glücklich strahlt Elisabeth von Thüringen auf zahllosen deutschen Kirchenaltären, wenn sie ihren goldbestickten Mantel an die Bettler verschenkt. Solch überschäumende Freude kann nicht allein aus der Nächstenliebe erwachsen. Schliesslich erweist Franz auf Giottos Bild niemandem eine Wohltat. Die Euphorie hat tiefere Wurzeln: Dargestellt wird das Glück einer Befreiung. Dieses erlebt auch der volkstümliche Hans.
Und nach genau diesem Glück sehnen sich heute immer mehr Menschen. Wer sich von Terminen gejagt, vom Smartphone terrorisiert, von seiner Arbeit erdrückt fühlt, wünscht sich nichts lieber als ein paar Momente jener Unbeschwertheit, die Hans am Ende seines Weges erlebte. Doch nur die wenigsten wagen zu hoffen, ihr Wunsch könne sich erfüllen. Ein paar Urlaubstage, nach denen das Spiel fortgesetzt wird, ist alles, was wir uns erlauben. Der Grund ist natürlich, dass wir so ungern verzichten. So absurd viele Entscheidungen von Hans im Glück anmuten – er wusste, dass er nicht zugleich die Bequemlichkeit des Pferdes geniessen konnte und jederzeit ein Glas Milch, er wusste auch, dass es unmöglich sein würde, aus seiner Kuh Schweinswurst zu machen. In einer Welt lebend, die uns alles verspricht, haben wir mit dieser Haltung unsere Not. Wir wollen Nervenkitzel und Sicherheit; abenteuerliche Reisen und Geborgenheit daheim; Familie, Freunde und Erfolg; Sinn und Bequemlichkeit; Wohlbefinden und Wohlstand.
Dass wir uns gute Gefühle von der Erfüllung unserer Wünsche versprechen, ist nur natürlich: Darauf hat die Evolution unsere Vorfahren programmiert. Allerdings lebten sie in einer kargen Umgebung. Hunger war der Normalzustand, die gelegentliche Befriedigung ihrer Bedürfnisse ein Fest. Heute hingegen hängen die Trauben so tief, dass es ein Leichtes ist, sie alle zu pflücken. Umso schneller verderben wir uns den Magen.
Die Menschen in den wohlhabenden Ländern stehen vor einer neuen Herausforderung: Glück finden wir nicht länger, indem wir unseren angeborenen Drang nach mehr ausleben, sondern indem wir ihn zügeln. Wenn uns solche Zurückhaltung ungewohnt, vielleicht sogar unmöglich erscheint, dann liegt es an einer überkommenen Perspektive: Die meisten Menschen haben verinnerlicht, dass Selbstkontrolle zwar lobenswert sei, aber lustfeindlich. Doch genau das Gegenteil trifft zu: Erst wenn wir unsere Wünsche beherrschen, sind wir imstande, lustvoll zu leben.
Wünsche, Pläne und Absichten sind wie Mauern; sie trennen uns vom wirklichen Leben. Gute Gefühle erwachsen nicht daraus, dass wir etwas bekommen, sondern aus der Zuwendung zu anderen Menschen und der intensiven Wahrnehmung der Gegenwart. Jeder Wunsch, den wir aufgeben, schafft dafür Raum: Weniger ist Glück.
Stefan Klein ist Sachbuchautor; er lebt in Berlin. Im Jahr 2012 erschien bei S. Fischer die erweiterte und aktualisierte Neuausgabe seines Bestsellers «Die Glücksformel oder Wie die guten Gefühle entstehen».