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René Fasel - die Ausnahmeerscheinung unter den Funktionären
In Venedig startet René Fasel, der Zahnarzt aus Freiburg, am 10. Juni 1994 durch. Im vierten Wahlgang wird er zum Präsidenten des Eishockey-Weltverbandes gewählt - diesen Job hat er noch immer inne.
Damals in Venedig sprach René Fasel von «einem grossen Tag», weil «meine Wahl der Beweis ist, dass die Schweiz als Eishockey-Nation international einen grossen Stellenwert besitzt.» Mit mehr als einem Vierteljahrhundert Abstand will Fasel, mittlerweile einer der weltweit einflussreichsten Sportfunktionäre, nicht auf seine Wahl zurückschauen. Lieber spricht er von dem, was er bewirkt hat.
2019 verlängerte die IIHF den Vertrag mit Vermarkter Infront um zehn Jahre für eine halbe Milliarde Franken. «Das war ein wichtiger Schritt für die Zukunft», so Fasel. Trotz viel Geld rankten sich um den Weltverband kaum Korruptionsvorwürfe. «Ich kann die IIHF dereinst mit gutem Gewissen verlassen.»
Sein geplanter Abgang verzögert sich wegen der Coronavirus-Krise aber. Im September hätte Fasel am Halbjahreskongress in St. Petersburg das Präsidium abgegeben. Stattdessen wird ein ausserordentlicher Kongress in Form einer Videokonferenz Ende Juni voraussichtlich beschliessen, dass der neue Präsident erst im Herbst 2021 gewählt wird. Fasel versichert, dass er auch in einem Jahr nicht mehr kandidieren wird.
Fasels Laufbahn vom biederen Nationalliga-Spieler zum höchsten Eishockey-Funktionär war so nicht voraussehbar. Stets war Fasel ein Visionär, ein Macher. Er war aber auch ein Schlitzohr, und seine Worte gehörten nicht immer auf die Goldwaage. Wortspielereien mit Fasel und Gefasel wurden während der neun Jahre, in denen Fasel den Schweizer Verband präsidierte, immer wieder bemüht.
Im Frühling 1994 verspürte Fasel etwas, was es später nie mehr gab: Amtsmüdigkeit. Er demissionierte als Schweizer Verbandspräsident, weil sich innerhalb des SEHV Widerstand gegen seine Person geregt hatte. Die Nationalmannschaft befand sich in der Krise, es gab Probleme mit der Verbandsjustiz, und Fasels extrovertierte Art stiess nicht mehr überall auf Gegenliebe.
Zu dem Zeitpunkt lobbyierte Fasel aber längst an den internationalen Fronten. Im Frühjahr einigte sich Fasel in Lillehammer mit dem Österreicher Hans Dobia darauf, dass beide zugunsten des Kanadiers Gordon Renwick auf eine Präsidentschafts-Kandidatur verzichteten. Zwei Monate später in Venedig kandidierte Fasel dennoch; Dobia nicht. Im vierten Wahlgang, «in der Overtime sozusagen» (Fasel), setzte sich der Schweizer gegen den Finnen Kari Hietarinta mit 46:32 Stimmen durch. Hietarinta hatte sich im letzten Moment aufstellen lassen. In den ersten drei Wahlgängen war Fasel jeweils auf 36 Stimmen gekommen, derweil sich Hietarinta von 19 über 23 auf 28 gesteigert hatte. Die Nordamerikaner spielten letztlich das Zünglein an der Waage; zuvor hatte primär der Ostblock für Fasel gestimmt.
Mit den Russen verstand sich Fasel immer gut. Der Freiburger spricht fliessend russisch. Wladimir Putin ist sein Kumpel. Hätte Fasel, wie vorgesehen, im Herbst das IIHF-Präsidium abgegeben, hätten sich ihm in der russischen Liga KHL als Ligapräsident neue Türen geöffnet.
Denn auch mit 70 fühlt sich Fasel noch lange nicht müde. «Ich möchte weiterhin etwas machen», sagte er vor einem halben Jahr am Spengler Cup. «Ich liebe die Diplomatie, und ich denke, ich habe darin ein gewisses Geschick.»
Wenn im Juni nicht Unvorhersehbares passiert, wird Fasel aber vorerst noch ein 27. und letztes Jahr für den Internationalen Eishockeyverband arbeiten, der unter seiner Leitung von 4 auf 30 Vollzeitstellen und im Budget von 10 auf 30 Millionen angewachsen ist. Sein schönstes Erlebnis in den ersten 26 Jahren? Fasel: «Ganz klar: die erste Teilnahme der NHL an den Olympischen Spielen 1998 in Nagano.» Dieses Projekt schüttelte Fasel schon in den ersten drei Monaten nach der Wahl aus dem Ärmel.
Fasels Erfolg als Funktionär mag damit zusammen hängen, dass er nie ein Sportfunktionär im herkömmlichen Sinn war. Der Schweizer ist einer der wenigen hohen Funktionäre, der seinen Sport von der Pike auf gelernt hat. Der am 6. Februar 1950 geborene René Fasel spielte aktiv für den HC Fribourg-Gottéron in der Nationalliga. Dann wurde er ein erstklassiger Schiedsrichter (37 Länderspiel-Einsätze). Als Schweizer Eishockey-Verbandspräsident startete er mit 134 Franken in der Kasse. Später gönnte er sich beim SEHV 30'000 Franken Spesen. Wie viel verdient «Monsieur le Président» heute? Fasel: «Ich würde sagen, etwa wie ein Schweizer Bundesrat (zirka 500'000 Franken - Anm. d. Redaktion). Vielleicht etwas mehr.»