Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03387.jsonl.gz/2082

Empathische und nahe Beziehung zum Kind leben
Claudia Ryter und David Kindler tauchen in die Bindungstheorie ein und betonen die Selbstverständlichkeit sorgfältiger, langsamer Übergänge für die gewählte Anschlusslösung.
Erlebt ein Kind während der ersten Monate seines Lebens eine Bezugsperson, die liebevoll und verlässlich auf seine Bedürfnisse eingeht, wirkt sich dies prägend auf die Entwicklung seines Urvertrauens und seines späteren Bindungsverhaltens aus. Neugeborene, die ausserfamiliär platziert oder zur Adoption freigegeben werden, sollten die Möglichkeit haben, das Bonding direkt nach der Geburt mit der Übergangspflegemutter und/oder dem Übergangspflegevater zu erleben.
«Bonding» kommt aus dem Englischen und bedeutet «Verbindung»: Der Säugling wird der Mutter oder dem Vater auf die nackte Brust gelegt. Durch diesen ersten Hautkontakt erlebt das Baby Schutz, Wärme und Liebe. Ihm wird so ermöglicht, sich in seinen ersten Lebensminuten geborgen und geliebt zu fühlen. Auch die folgenden Lebensmonate sind entscheidend für eine gesunde Bindungserfahrung. Ein Säugling, der nach der Geburt nicht von seiner leiblichen Familie versorgt werden kann, erfährt optimalerweise Bonding und Umsorgung während den folgenden ersten Lebensmonaten durch eine andere verlässliche, empathische primäre Bezugsperson. Bei Frühplatzierungen eignen sich dafür ausgewählte und ausgebildete Pflegemütter oder Pflegeväter.
Säuglingen, die in ihren ersten Lebensmonaten traumatische Erfahrungen in ihrer Herkunftsfamilie gemacht haben, muss man sehr rasch in einer Pflegefamilie sichere Bindungserfahrungen ermöglichen, um die belastenden Erlebnisse zu verarbeiten. Entwicklungspsychologische Theorien sowie Forschungen weisen darauf hin, dass es für Kinder, die sehr jung in einer Pflegefamilie platziert werden, einfacher ist, sich sicher zu ihren Pflegemüttern oder -vätern zu binden als beispielsweise bei einer Unterbringung in einem Kleinkinderheim, da dort die Bezugspersonen häufig wechseln.
Muss ein Kind notfallmässig fremdplatziert werden, liegt meist eine Kombination mehrerer Risikofaktoren vor. Einerseits findet durch die Platzierung ein Beziehungsabbruch statt, der per se ein traumatisierendes Ereignis ist oder eine wesentliche Beziehungsveränderung zur vorhergehenden primären Bezugsperson darstellt. In der Regel ist dies die Mutter. Andererseits ist das Kind von mindestens einem belastenden und oft ebenfalls traumatisierenden Ereignis betroffen, das zur Platzierung führt. Der wichtigste Faktor, der darüber entscheidet, ob Menschen bei schweren Belastungen später Folgestörungen entwickeln oder nicht, ist die Qualität der Bindung zu Menschen in der Zeit unmittelbar nach dem traumatisierenden Ereignis.
Ein auf heutigem Fachwissen beruhendes Angebot für Frühplatzierungen sollte also das Kriterium der Bindungsqualität als zentralen psychosozialen Entwicklungs- und Heilungsfaktor erfüllen. Was dies konkret bedeutet, ist in der Literatur – neben dem Konzept der Feinfühligkeit – auch in der Traumapädagogik oder in der 3-V-Formel (vertraut, verlässlich, verfügbar) beschrieben. Alle Konzepte haben gemeinsam, dass mindestens eine verfügbare Bezugsperson eine empathische und nahe Beziehung zum Kind lebt. Dies setzt die Bereitschaft und Fähigkeit voraus, viel Zeit für das Kind zu haben und sich emotional einzulassen.
Beziehung und Bindung
Um den für Säuglinge schwierigen Rahmenbedingungen in einer traditionellen Heimumgebung (Schichtbetrieb, Ferien, fehlende körperliche Nähe) zu entgehen, wären auf Notfallplatzierungen spezialisierte Pflegemütter und -väter sinnvoller. Sie bieten diesen Kindern die Bindungserfahrungen, die sie benötigen, um darauf ein gesundes Beziehungsverhalten aufbauen zu können. Das Bindungssystem eines Kindes ist in dieser turbulenten Krisensituation stark aktiviert, und es bedarf daher in besonderem Masse einer oder zwei Personen, an die es seine Bindungsbedürfnisse adressieren kann. Diese Konstanz ist bei einer SOS-Pflegefamilie gegeben. Der familiäre Rahmen der Pflegefamilie mit der stetigen pflegeelterlichen Präsenz bietet daher einen ruhigen und sicheren Rahmen, um Bindung zu ermöglichen.
SOS-Pflegeeltern werden sorgfältig aus- gesucht. Sie entscheiden sich bewusst für diese Platzierungsform und sind bereit, sich während einer begrenzten Zeit voll für ein Kind zu engagieren. Sie unterstützen Säuglinge und Kleinkinder dabei, ein sicheres Bindungsverhalten aufzubauen, schenken ihnen die volle Aufmerksamkeit, Zuwendung und Stabilität. Ihre Hauptmotivation ist, dem Säugling einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. SOS-Pflegeeltern sind spezialisiert und geschult im Umgang mit dieser sehr anspruchsvollen Aufgabe: Sie lassen sich emotional auf das Kind ein, können es jedoch beim Übergang «in die Anschlusslösung» trotzdem wieder loslassen. Sorgfältig, liebevoll und gleich- wohl professionell begleiten sie das Kind Schritt für Schritt zur nächsten Bezugsperson – auch diese profitiert dann von dieser empfindsamen Vorbereitung des Kindes. Dass die SOS-Pflegeeltern in diesem Prozess angemessene Begleitung und Unterstützung brauchen, ist naheliegend und entscheidend dafür, ihre Aufnahmebereitschaft und Beziehungsfähigkeit für weitere Kinder aufrechtzuerhalten.
Natürlich tun die Abschiede allen Beteiligten weh. Espoir ist aber der Überzeugung, dass die SOS-Pflegekinder vom bindungs- und bedürfnisorientierten Umgang bei den SOS-Pflegefamilien profitieren. Es stärkt die Kinder in ihrer Selbstwahrnehmung und es stärkt ihr Vertrauen in andere Menschen. Der Abschied wird durch die Tatsache abgemildert, dass sich die SOS- Pflegefamilien von Anfang an mental und emotional drauf einstellen, dass das Kind wieder geht.
Für Espoir ist ein sorgfältiger, langsamer Übergang für die gewählte Anschlusslösung selbstverständlich. Anhand eines Beispiels aus der Praxis möchten wir eine optimale Übergangssituation veranschaulichen: Die Geburt erfolgte unter tragischen Umständen, denn weder die Mutter noch ihr Umfeld bemerkten, dass sie schwanger war. Sie brachte ihr Kind allein zur Welt. Bemerkt wurde die Geburt durch den Rettungs- dienst, als eine Kollegin in der Wohngemeinschaft, in welcher die Mutter lebte, ein unbekanntes Weinen vernahm. Das Kind und die Mutter wurden sofort notfallmässig ins Spital eingeliefert. Die Mutter entschied sich, das Kind nicht zu sich zu nehmen, weil sie sich überfordert fühlte. Am vierten Tag nach der Geburt konnte unsere SOS-Pflegemutter das Baby im Spital abholen und es in ihre Obhut nehmen.
Das Kind entwickelte sich erfreulich gut, fühlte sich geborgen und sicher umsorgt. Es schien jedoch, als traute es sich zu Beginn nicht, seine Bedürfnisse zu zeigen. Mit der Zeit öffnete es sich gegenüber der Pflegemutter immer mehr und auch der Köpertonus entspannte sich. Die zuständige Behörde entschied rasch: Das Kind sollte in einer Langzeitpflegefamilie aufwachsen. Der Übergang in eine Espoir-Langzeitpflegefamilie konnte erfolgen, als das Kind vier Monate alt war. Die SOS-Pflegemutter und die Langzeitpflegeeltern gestalteten einen langsamen und stufenweisen Übergang, der durch eine unserer Fachpersonen sorgfältig begleitet wurde.
Das Kind lebt unterdessen seit einigen Monaten in der Langzeitpflegefamilie und entwickelt sich sehr positiv. Die SOS-Pflegemutter und die Pflegefamilie haben immer noch Kontakt, so ist die primäre Bindungsperson für das Kind nicht sofort verschwunden. Kindern, die in einer Langzeitpflegefamilie von Espoir leben, sehen ihre SOS-Pflegemütter/-eltern beispiels- weise am jährlichen Pflegefamilienfest, was schon oft zu berührenden Begegnungen geführt hat.
Glücklicherweise verfügen wir heute über viel psychologisches und sozialpädagogisches Wissen, das uns ermöglicht, die komplexen Auswirkungen von schweren Belastungen und Schädigungen zu verstehen und entwicklungsfördernd damit um- zugehen. Darum ist es besonders wichtig, dass die SOS-Pflegefamilien von Fachpersonen begleitet werden. Dies ist bei Espoir der Fall. Jede SOS-Platzierung wird von Beginn weg durch eine pädagogische Fachperson begleitet. Sie hält den Kontakt zur auftraggebenden Behörde, klärt die Rahmenbedingungen und Finanzen und steht in einem engen Austausch mit der Pflegefamilie. Regelmässige Hausbesuche gewährleisten ein sozialpädagogisches Coaching der SOS-Pflegeeltern vor Ort, eine weitere Vertrauens- oder Ansprechperson für das Kind sowie eine fortlaufende schriftliche Dokumentation des Platzierungsverlaufs.
Fazit
Diese Ausführungen verdeutlichen, dass bei Platzierungen von Kleinkindern der Bindungsentwicklung sehr viel Aufmerksamkeit zu schenken ist. Die Voraussetzungen dafür, dass dem Kleinkind der Aufbau eines sicheren Bindungsstils gelingt, sind in einer dafür geeigneten Pflegefamilie gegeben. Das Wissen um die Bindungstheorie und das Bewusst- sein, dass sich Säuglinge in einer äusserst sensiblen und rasanten Entwicklungsphase befinden, muss sich jedoch in der Praxis noch stärker als bisher niederschlagen. Der Entscheid der Anschlusslösung sollte nach drei bis vier Monaten gefällt sein, sodass dem Kind keine wertvolle Zeit – vor allem in Bezug auf seine Bindungserfahrung – mit seiner zukünftigen Familie (Herkunfts-, Pflege- oder Adoptivfamilie) verloren geht. Dem Übergang in die «neue Familie» muss viel Beachtung geschenkt werden, er soll sorgfältig gestaltet und durch eine Fachperson begleitet werden.
Bindungstheorie: Menschen brauchen enge emotionale Beziehungen zu Mitmenschen
«Frühe Bindung ist die Basis für ein glückliches Leben», so lautet die Aussage von Bindungsforscher Karl Heinz Brisch (www.sichere-bindung. info/wissen_fachbeitraege_Brisch). Bereits in den 1960er-Jahren hatte der englische Psychiater und Psychoanalytiker John Bowlby zu Bindung geforscht und daraus die Bindungstheorie formuliert. Ziel war es, herauszufinden, wie sich die Erfahrungen, die Kleinkinder in ihrer frühen Kindheit machen, auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirken. Bowlby postulierte «ein universelles menschliches Bedürfnis nach einer engen emotionalen Bindung», das ein Mensch sein ganzes Leben lang hat und das mit der Geburt beginnt. Bindung wird als ein affektives Band, als besondere Beziehung verstanden, die man zu einer bestimmten Person – der Bindungsperson – aufbaut.
Mitte des ersten Lebensjahres formt sich beim Säugling ein Bild von seiner primären Bindungspersonen, er ist zu festen Bindungen fähig. Deshalb findet ein Kind optimalerweise bis zum Alter von 6 Monaten in seiner Pflege- oder Adoptivfamilie seine primären Bindungspersonen. Ein Säugling entwickelt zuerst eine dyadische Beziehung zur Mutter und danach eine triadische Beziehung zu Mutter und Vater. Er ist noch nicht fähig, mehrere Bindungen zu verschiedenen Personen einzugehen.
Mary Ainsworth, eine amerikanisch-kanadische Entwicklungspsychologin, war gemeinsam mit John Bowlby Hauptvertreterin der Bindungstheorie und entwickelte das Konzept der Feinfühligkeit:
- Die Mutter/der Vater ist für das Befinden des Kindes offen, sie/er ist geistig präsent.
- Sie/er interpretiert die Äusserungen des Säuglings aus Sicht des Kindes.
- Sie/er reagiert prompt auf die Signale des Kindes. Der Säugling sieht einen wirksamen Zusammenhang zwischen seinem Verhalten und der mütterlichen/väterlichen Reaktion. Ist die Mutter/der Vater dazu nicht in der Lage, fühlt sich der Säugling hilflos. Er merkt, dass seine Signale nutzlos sind, und stellt sie im schlimmsten Fall ein.
- Die Angemessenheit der Reaktion bei Bedürfnisbefriedigung meint, dem Baby dies zu geben, was es zu einem bestimmten Moment braucht. Eine Mutter/ein Vater sollte beispielsweise er- kennen, ob das Baby im Moment Anregung oder Beruhigung benötigt, und daraufhin die richtige Antwort gegenüber dem Kind finden.