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Rückversicherung ist ein grundlegendes Prinzip kapitalistischer Wirtschaftsweise. Es erweitert unternehmerische Handlungsmöglichkeiten, weil es den Eigenkapitalbedarf von Versicherern und Versicherungsnehmern senkt. Rückversicherer zeichnen Anteile der von Versicherungen in unterschiedlichen Märkten gezeichneten Risiken. Dadurch, dass sie Risiken kombinieren (und oft auch retrozedieren), leisten sie einen wichtigen Beitrag zur globalen Verteilung von Risiko.
Auf Rückversicherung spezialisierte Unternehmen waren seit Mitte des 19. Jahrhunderts bemüht, von grossen Direktversicherern, von nationalen Märkten und von staatlichen Regulatoren unabhängig zu bleiben. Die Expansion in immer neue Märkte war ein Mittel, diese Unabhängigkeit zu sichern; die Überzeugung der Regulatoren, in einem Geschäft zwischen Versicherungsspezialisten keine besondere Schutzfunktion übernehmen zu müssen, ein anderes. Rückversicherer zählten sich deshalb zu den Gralshütern der freien Marktwirtschaft. Dennoch operierten sie stets hart an der Grenze zum Kartell, ohne sie formal zu überschreiten.
Wie aber entsteht eine gut vernetzte, koordiniert agierende Branche von wechselseitig bestinformierten Rückversicherungsunternehmen, die es als Branche aus Sicht der Regulatoren nicht braucht und die es aus Sicht der Rückversicherer nicht geben soll? Wie reagieren die Rückversicherer auf gemeinsame Problemlagen (wirtschaftlicher Wandel, sinkende Rendite des technischen Resultats und steigende Bedeutung der Anlagen, komplexe Versicherungsmodelle, grosse Katastrophen)? Und wie organisieren sie verhaltenen Wettbewerb oder die diskrete Zirkulation geschäftsspezifischen Wissens?
Diese Fragen lassen sich im Rahmen einer Technikgeschichte des Wissens beantworten. Denn einerseits mussten Rückversicherer jene versicherungstechnischen Wissensbestände erwerben, pflegen und weiterentwickeln, die ihnen ein professionelles und einträgliches Verhalten gegenüber eigenen und fremden Erwartungsenttäuschung ermöglichte. Andererseits stellte die Beurteilbarkeit technischer Verhältnisse eine grundsätzliche Herausforderung des Rückversicherungswesens dar. Dafür brauchte es juristisches, mathematisches, finanzwirtschaftliches, technisches, politisches und naturwissenschafltiches Wissen in wechselnden Kombinationen. Und es mussten (immer wieder neue) Verfahren und Techniken verfügbar gemacht werden, die einen robusten Umgang mit sozialem und technischem Wandel ermöglichten.
David Gugerli, Das Risiko der Risikogesellschaft, NZZ 26. März 2013.