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… nicht nur in Brasilien, sondern auch in Bolivien: Seit mehr als drei Wochen wüten in der Region Chiquitania im Departement Santa Cruz Waldbrände, bei denen mehr als eine Million Hektar (10’000 km2) Wald zerstört wurden – dies ist ein Viertel der Fläche der ganzen Schweiz. Allein in den ersten fünf Tagen der Katastrophe hat Bolivien mehr Wald verloren als sonst in einem ganzen Jahr – der Durchschnitt liegt bei 350’000 Hektar (3’500 km2), womit Bolivien bezüglich Abholzung im regionalen Vergleich weit vorne liegt. Noch extremer ist die Situation in Brasilien, und zwar nicht erst seit dem Amtsantritt des aktuellen Präsidenten Bolsonaro, zu dessen Wahlversprechen es gehört hat, den Amazonas für die wirtschaftliche Nutzung freizugeben, das heisst vor allem für die industrielle Landwirtschaft.
Und in dieser Situation will die Schweiz ein Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten (Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay) abschliessen, um Fleisch und Soja zu importieren. Dabei ist genau die Fleisch- und Sojaproduktion einer der Gründe, die zu den heutigen Waldbränden geführt hat.
Das Abkommen zu verhindern, kann also mittelfristig einen direkten und unmittelbaren Einfluss auf den Schutz der Regenwälder haben. > HIER PETITION UNTERSCHREIBEN!!
Einer der grossen Sojaproduzenten in der Region ist der Agra-Multi Syngenta, der seinen Hauptsitz in Basel hat. Eine von Syngenta veröffentlichte Karte zeigt dessen Hauptanbaugebiet, und der Vergleich zeigt: Es stimmt ziemlich genau mit dem Gebiet in der Chiquitania und im Amazonas überein, das heute in Flammen steht.
Um Fleisch zu produzieren und Soja anzubauen (das wiederum als Futtermittel für die Viehzucht verwendet wird), wird der Regenwald rigoros abgeholzt und gebrandrodet. In Bolivien hat ein Gesetz von 2015 die erlaubte Abholzungs-Fläche für landwirtschaftliche Zwecke von 5 auf 20 Hektar pro Familie erhöht, und ein Dekret vom 9. Juli 2019 erlaubt der Viehzucht explizit «kontrollierte Brandrodungen» im Wald. Ein Monat nach dem Erlass dieses Dekrets haben die Brände in Bolivien angefangen.
Insgesamt waren in den letzten 20 Jahren 60 Prozent der landesweit abgeholzten Flächen für die industrielle Viehzucht bestimmt, Tendenz steigend: Bolivien hat vor kurzem ein Abkommen mit China abgeschlossen und soll im zweiten Halbjahr 2019 20 Millionen Tonnen Fleisch dorthin exportieren, fünf Mal mehr als im Vorjahr. Und auch Brasilien produziert vor allem für den Export. In diesem Zusammenhang wäre beim Fleischeinkauf in der Schweiz darauf zu achten, dass weder Fleisch noch Futtermittel importierte Produkte industrieller Landwirtschaft sind. Denn letztlich wird nur weiter abgeholzt, wenn die Nachfrage bestehen bleibt.
Politisches Feuer
Doch die ganze Geschichte hat nicht nur eine ökonomische und eine ökologische, sondern auch eine politische Dimension, gerade im Wahljahr 2019. Denn viele der Landwirt_innen der Region sind Binnenmigrant_innen aus dem Hochland. Von der «urspünglich» ansässigen Bevölkerung wird ihre «Ansiedlung» als Invasion und Infiltration betrachtet, man spricht von Kolonialismus und vermutet, dass Präsident Evo Morales möglichst viele «seiner Leute» im Tiefland ansiedeln will, um die dieses Jahr anstehenden Wahlen auch in denjenigen Departementen zu gewinnen, die sich klar gegen ihn positionieren. Da man in Santa Cruz Indigenen aus dem Hochland ohnehin ablehnend gegenübersteht, verschärfen die Streitigkeiten um Territorien die Situation noch erheblich. Dies führte wiederholt zu Aufständen und Protesten in verschiedenen Gemeinden der Chiquitania, zum Beispiel in Roboré (siehe dazu meine Videodoku von Dezember 2018).
Doch unabhängig von politischem Seilziehen, gegenseitigen Schuldzuweisungen und ungeklärten Fragen zählt im Moment eigentlich nur eins: zig indigene Gemeinden und tausende von Familien in der Chiquitania sind direkt vom Feuer bedroht, ganz abgesehen vom unfassbaren Verlust von Waldflächen und Biodiversität. In der betroffenen Region befindet sich unter anderem das Naturschutzgebiet Valle Tucabaca und der Nationalpark Noel Kempf Mercado – Lebensraum von 2’700 Pflanzenarten. Zurzeit breitet sich das Feuer auf Grund der grossen Trockenheit – die auch auf die jahrelang Abholzung bedingt ist, denn Wälder sind Wasserspeicher – und der Winde weiter aus. Im Amazonasgebiet ist die Rede von mehr als 500 indigenen Völkern und tausenden von Tier- und Pflanzenarten, deren Lebensraum auf Grund der Brände direkt bedroht sind. Auf den Strassen sind verletzte und erschöpfte Wildtiere unterwegs, und Vögel wie Tucane und Papageien suchen auf Bäumen und Balkonen in Santa Cruz Zuflucht, hunderte von Kilometern weit entfernt. Es sind Flyer im Umlauf, wie mit Tieren umzugehen ist, die in der Stadt auftauchen, denn man erwartet, dass auch Wildschweine und Raubkatzen bis nach Santa Cruz kommen könnten.
An vielen Orten in der Chiquitania weigern sich die Menschen, ihre Dörfer zu verlassen. Sie versuchen, das Feuer einzudämmen, da sie sonst alles verlieren – nicht nur ihre Häuser und ihr Hab und Gut, sondern auch die Felder und Tiere, die ihre Lebensgrundlage darstellen. Das Feuer ist teilweise nur noch 50 Meter von ihnen entfernt, doch sie geben nicht auf. Es fehlt ihnen jedoch an Trinkwasser und Lebensmitteln, an Medikamenten und Verbandzeug für Verbrennungen – auch um die Tiere zu behandeln – sowie an Ausrüstung wie Stiefel, Masken, Helme etc. Während die Regierung nur langsam in die Gänge kommt, ist der Einsatz der Zivilbevölkerung unbeschreiblich. Selbst Kinder helfen mit, Feuer zu löschen und Hilfsgüter zu verteilen.
Doch auch die Städte sind in Aufruhr. Tausende von Menschen haben am Sonntag demonstriert und die Regierung aufgefordert, endlich ernsthaft Hilfe zu leisten. NGOs, Syndikate, Vereine, Organisationen und andere Gruppierungen sowie viele Privatpersonen sammeln in Eigeninitiative Geld. Die ÖV-Syndikate von Santa Cruz zum Beispiel haben heute 20 Minibusse, vollbeladen mit Wasser und Lebensmitteln, auf die mindestens 10 Stunden lange Fahrt in die Chiquitania losgeschickt, welche normalerweise im Stadtverkehr unterwegs sind.
Die in diesem Text zusammengestellten Informationen stammen aus der bolivianischen Presse sowie von persönlichen Kontakten mit Menschen in der betroffenen Region. Ich werde morgen selbst in die Chiquitania reisen und euch über meinen Facebookaccout auf dem Laufenden halten.