Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03473.jsonl.gz/1099

(Steuer- und Wirtschaftsreformer), polit. Partei in Deutschland, welche die Standesinteressen der Landwirte
im politischen Leben vertritt. Die ersten Anfänge der Partei sind zurückzuführen auf eine Versammlung,
welche auf Anregung von M. Agrarier Niendorf (gest. 1878) und Elsner v. Gronow im Mai 1869 zu Breslau während der dortigen Wanderversammlung
deutscher Land- und Forstwirte stattfand und zunächst das Erscheinen der von Niendorf redigierten »Deutschen Landeszeitung«
zur Folge hatte.
Der agrarische Gedanke ist der früher schon von Rodbertus theoretisch formulierte, daß die neuere Gesetzgebung
überwiegend dem Kapital, d. h. zunächst dem Geldkapital, zu gute komme und der Grundbesitz oder die Landwirtschaft demselben
gegenüber benachteiligt sei. Der Kongreß norddeutscher, später deutscher Landwirte war ein Sammelpunkt der agrarischen
Gesinnungsgenossen, die dort von Jahr zu Jahr größern Einfluß errangen. Der Gründungsschwindel und
der darauf folgende Krach schafften den Gegnern der modernen Wirtschaftspolitik und den Feinden der zunehmenden Bedeutung des
beweglichen Kapitals größern Spielraum, und in den Tagen vom 22. bis 24. Febr. 1876 fand in Berlin eine konstituierende Versammlung
»deutscher Steuer- und Wirtschaftsreformer« statt, welchen Namen die Agrarier seitdem offiziell angenommen haben.
Das Programm bezeichnete namentlich die Beseitigung der Grund-, Gebäude- und Gewerbesteuer als ein Ziel der Vereinigung. Die
ursprünglich stark betonte freihändlerische Richtung ist mehr und mehr zurückgetreten, und 1879 billigte sogar die Mehrzahl
der Agrarier, besonders die schlesischen Grundbesitzer, im Reichstag gegen das Zugeständnis der Getreide- und Holzzölle den neuen
schutzzöllnerischen Tarif.
Vgl. Wilmanns, Die goldene Internationale und die Notwendigkeit einer sozialen Reformpartei (Berl.
1876).
polit. Partei in Deutschland, die die Interessen der Landwirte im öffentlichen Leben vertritt. Die Agrarier behaupten,
daß die neuere Gesetzgebung überwiegend dem Geldkapital zu gute gekommen sei, den Grundbesitz und die Landwirtschaft dagegen
geschädigt habe. Sie traten zuerst bei den Wahlkämpfen 1874, jedoch noch ohne Erfolg hervor. Die in
Berlin 22. bis 24. Febr. 1870 tagende konstituierende Versammlung «Deutscher Steuer- und Wirtschaftsreformer» nahm ein Programm
in neun Punkten an, in dem namentlich gefordert wurde: Beseitigung der Doppelbesteuerung, die in der Grund-, Gebäude- und
Gewerbesteuer liege;
Börsensteuer;
Freihandelspolitik;
Staatsbahnsystem und Aufhebung aller Differentialzölle (s. d.);
Ausgabe
von Reichspapiergeld unter Beseitigung der Bankvorrechte;
Umgestaltung der Aktiengesetzgebung, der Gewerbeordnung,
des Gesetzes über den Unterstützungswohnsitz;
Beschränkungen des Erbrechts und der Verschuldungsform des Grundbesitzes. In
polit.
Hinsicht schlossen sich die der konservativen Partei an; die frühere freihändlerische Richtung wich Ende der siebziger
Jahre schutzzöllnerischen Neigungen. Der Einfluß der Agrarier machte sich besonders 1879, 1885 und 1887 bei
der Einführung und Erhöhung der Getreide-, Vieh- und Holzzölle geltend. In letzter Zeit ist der Bund der Landwirte (s. Landwirtschaftliche Vereine)
der Mittelpunkt der agrarischen Bestrebungen geworden, die sich neuerdings besonders gegen die Politik der Handelsverträge
und auf Verstaatlichung des Getreidehandels richten.
Die Fortdauer des landwirtschaftlichen Notstandes hat den Einfluß der Agrarier wesentlich verstärkt. In neuester
Zeit findet die Partei ihre Hauptvertretung in dem 1893 gegründeten Bund der Landwirte (s. d.).
In dem Verbot des
Getreideterminhandels haben die Agrarier 1896 einen bedeutsamen Sieg errungen, während der Antrag Kanitz (s. d.) mehrmals im Reichstag
abgelehnt wurde.