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Wie wichtig ist Finanzkompetenz und wie verbreitet ist sie in der Bevölkerung? Eine der weltweit führenden Forscherinnen, die solchen Fragen nachgeht, ist Annamaria Lusardi. In ihrer Forschung spielt auch die Frage, inwiefern Finanzkompetenz mit Bildungsprogrammen verbessert werden kann, eine zentrale Rolle. Das nachfolgende Interview mit Frau Lusardi erschien im Januar 2020 in der NZZ am Sonntag und wurde von Pierre Weill geführt. Wir geben es hier auszugsweise wieder:
Pierre Weill: Sie forschen seit 15 Jahren am Thema Finanzbildung in der Bevölkerung. Woran arbeiten Sie derzeit?
Professorin Lusardi: Unsere neuere Forschung will zeigen, dass fehlendes Wissen zu Finanzfragen sich nicht nur negativ auf die Effizienz einer Wirtschaft auswirkt, sondern auch Krisen begünstigt. Dazu kommt, dass neue Technologien neue Gefahrenherde eröffnen. So können Bankkunden jetzt per Knopfdruck eine Hypothek auslösen. Sie können sehr schnell entscheiden, sehr oft, ohne sich der langfristigen Konsequenzen bewusst zu sein.
Es scheint, dass die Welt der Finanzen immer schneller und komplizierter wird. Welche Folgen hat das?
Meine Forschung zeigt, dass man in einer solchen Welt nicht ohne ein minimales Finanzwissen bestehen kann. Wir befassen uns auch mit der Frage, welche Gruppen am wenigsten wissen.
Sehen Sie im Vergleich zu Ihren Ergebnissen der im Jahre 2004 in den USA durchgeführten «Health and Retirement Study» jetzt eine Verbesserung?
Nein. Der Anteil jener, die eine minimale Finanzkompetenz aufweisen, erhöht sich nicht. Dies bestätigt meine These, dass man in Finanzfragen nicht lernt, indem man einfach handelt oder Entscheide fällt. Man braucht eine gewisse Schulung. Die Dinge sind nicht einfach.
Verbessert sich das Wissen in der Bevölkerung, wenn sich die Volkswirtschaft entwickelt?
In einer besser entwickelten Wirtschaft besteht vermehrt der Wunsch, mehr über die Wirtschaft und die Finanzen zu wissen. Aber Wissen zu erlangen, ist anstrengend. Aus diesem Grund muss man das Lernangebot attraktiv machen.
Das heisst?
Man muss zuerst das Tabu überwinden, über Finanzen zu reden. Und dann muss man den Leuten zeigen, dass es nicht schwierig ist, gewisse Kernpunkte der Finanztheorie zu begreifen und anzuwenden. Wir wollen nicht aus allen Leuten Experten machen, aber sie sollen die Grundregeln kennen.
Wie kann man das erreichen?
Wir müssen Kurse anbieten, die speziell auf die verschiedenen Gruppen zugeschnitten sind. Die Jungen wissen wenig, weil sie noch nie mit Finanzen zu tun hatten. Frauen wissen wenig, weil sie Angst vor dem Thema haben. Und die Alten wissen wenig, weil sie das Gefühl haben, genug weise zu sein, um die Probleme verstehen und angehen zu können. Wer nichts über Finanzen weiss, wird kaum von sich aus reich. Doch geht es nicht nur darum, reich zu werden. Dank Finanzkompetenz sollen die Leute fähig sein, ihre täglichen finanziellen Entscheidungen aufgrund eines minimalen Wissens zu fällen. Und so Kosten und Gebühren zu minimieren.
Was muss sich noch ändern?
Die Einführung von Finanzfächern geht nur langsam vor sich, weil wir die falsche Frage stellten. Anstatt zu fragen: «Funktioniert die Ausbildung in Finanzfragen? », müssen wir fragen: «Wie bieten wir dieses Fach an, damit es funktioniert? » Es gibt keine Alternative. Die Welt wird komplizierter, man wechselt öfter den Job, man lebt länger, und die Rentensysteme funktionieren nicht mehr so wie geplant, so dass alle Menschen vermehrt selber Entscheidungen fällen müssen.
Annemaria Lusardi ist Professorin für Wirtschaft und Rechnungswesen an der George Washington School of Business und Gründerin sowie Leiterin des Global Financial Literacy Excellence Center (gflec.org). Sie studierte Volkswirtschaft an der Universität Bocconi in Mailand und promovierte an der Princeton University.
Die Vermittlung von Finanzkompetenz ist Iconomix ein grosses Anliegen – fast die Hälfte der Module dienen diesem Ziel. Die Online-Challenge «Finanzwissen» zum Beispiel ermöglicht den Lernenden das selbstbestimmte Erwerben von handlungsrelevantem und situationsbezogenem Finanzwissen. Und die drei Fallbeispiele im Modul «Digitale Finanzkompetenz» greifen für junge Menschen wichtige Handlungsfelder im Netz auf: Shoppen, Budgetieren und Gamen.