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Stichwort Bildung. Wir haben ja den Bildungsblog nach Ihnen und Ihrer Frau benannt, aufgrund Ihrer Arbeiten zur Bildung. Sie präsentierten Ihren nationalen Bildungsplan erstmals 1792 als Sprecher des Schulausschusses der gesetzgebenden Nationalversammlung. Dabei fällt ein Satz auf: Ziel ist der mündige Bürger, dem der Staat zu dienen hat und nicht umgekehrt!
Condorcet: In der Tat, der Staat hat dem mündigen Bürger die Bildungsmittel zur Verfügung zu stellen, die demselbigen die mündige Selbstfürsorge ermöglichen!
Aber Sie sagen auch: Das Individuum soll durch das Zur-Verfügung-Stellen der Bildung auch seine Pflichten erkennen. Das ergibt ein Spannungsverhältnis von Rechten und Pflichten.
Condorcet: Ja, die Entfaltung der eigenen Kräfte ist nicht nur als vom Staat zu gewährende Möglichkeit zu verstehen, sondern auch als gesellschaftliche Aufgabe des Bürgers, um die gesetzlich verbürgte politische Gleichheit in eine tatsächliche zu transformieren. Das Zusammenspiel und Zusammenwirken vom mündigen Bürger und staatlich zu sichernder Bildungsmöglichkeit ist ein vorrangiges Ziel eines nationalen Unterrichtswesens.
Das ist in meinen Augen ein gefährlicher Gedanke.
Condorcet: Warum? Diesem staatlich verbürgten Menschenrecht eines jeden auf allgemeine Bildung stelle ich noch eine zweite Aufgabe des nationalen Unterrichtswesen an die Seite. Dem Recht auf allgemeine Bildung steht das Recht der Allgemeinheit zur Seite, von dieser Aufklärung des Einzelnen zu profitieren.
Dahinter steckt ein Nützlichkeitsgedanke, der gerade in den heutigen Zeiten sein Unwesen treibt!
Condorcet: Klar zeigt sich das historische Dilemma von Bildung, in dem die Reformkonzepte eines öffentlichen Bildungswesens stecken. Bildungsgerechtigkeit wird grundsätzlich durch Freiheitseinbussen erkauft. Die Freiheit derjenigen wird eingeschränkt, die ein Gerechtigkeit förderndes Bildungssystem finanzieren und deshalb nicht frei über ihr Einkommen verfügen können. Aber auch bei den Empfängern von Gerechtigkeit fördernden Bildungsmassnahmen sind Freiheitseinbussen unverzichtbar, insoweit sie zum Beispiel nicht über die Verwendung ihrer Lebenszeit unbeschränkt verfügen können.
Sie unterscheiden zwischen «instruction» und «éducation». Was bedeutet für Sie der Begriff «instruction»?
Condorcet: «Instruction» ist Vermittlung von Wissen und Können, deren Aneignung die Fähigkeit des freien Urteils gegenüber jeglichem Wissen, aber auch jeglichen Gesetzen und Verfassungen ermöglicht. Nur so können die Menschen an der Kultur teilhaben, deren Ausdruck und zugleich deren Motor das Wissen ist.
Damit schliessen Sie sich den Forderungen von Humboldt an, der 1792 schrieb: «Der wahre Zweck des Menschen […] ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen.“
Condorcet: Ja, er hatte ja die Gelegenheit den von Ihnen zitierten Satz weiter zu entwickeln. So schrieb er 1807: «Alle Schulen aber, deren sich nicht ein einzelner Stand, sondern die ganze Nation oder der Staat für diese annimmt, müssen nur allgemeine Menschenbildung bezwecken.“
Und Sie trennen den Begriff «instruction» eindeutig vom Begriff «éducation» ab.
Condorcet: So ist es! Schule muss Wissen vermitteln, statt Meinungen und Doktrinen zu dozieren und die öffentliche Bildung muss sich von politischen, wirtschaftlichen, religiösen und politischen Kräften abkoppeln. Ausserdem müssen die Zuständigkeiten klar geregelt sein! «Instruction» ist Aufgabe des Staates, «éducation» die der Familie.
Was halten Sie denn vom Begriff der überfachlichen Kompetenzen, der zurzeit in den Beurteilungsmodellen so stark gewichtet wird.
Condorcet: Gesinnung zu erzeugen, Haltungen zu befehlen, quasi noch als Kompetenz messbar zu machen, kann nicht Aufgabe einer öffentlichen Schule sein. Das ist ein totalitärer Anspruch.
Zum Beispiel bei uns der Lehrplan 21. Dort steht im Kompetenzmodell Naturwissenschaft: Der Schüler „soll Interesse entwickeln“!
Condorcet: Das ist ein erzieherisches Ziel. Man kann natürlich versuchen Interesse zu wecken. Aber wichtig ist, dass die Schüler zum Beispiel das Auftriebsgesetz verstehen. Was sie damit machen, ist Ihre Sache. Es kann aber nicht ein Lernziel sein, Physikinteressierte zu produzieren.
Die Schule erzieht, sie erzieht um …
Condorcet: Dafür gibt es ja viele historische Beispiele, letztendlich führen solche Ideen in die Unmündigkeit und nicht selten in die Diktatur … Sehen Sie, auch Hannah Arendt sagte rund 150 Jahre nach meinem Tod: «In Diktaturen versuchen die Machthaber insbesondere die Kinder zu manipulieren. Wer erwachsene Menschen erziehen will, will sie in Wahrheit bevormunden und daran hindern, politisch zu handeln.» Und Kinder dürfen nicht von einem Schulsystem erzogen werden, weil man bei den Erwachsenen scheitert! Ich plädiere dafür, zu allererst einmal die Vernunft sich bilden zu lassen. Das führt zu kritischem Denken, aber das muss nicht zwangsläufig das Denken sein, von dem wir glauben, dass es kritisch ist. Das ist das Vorgehen, das das Interesse der Menschlichkeit erfordert, und der Grundsatz, auf dem der öffentliche Unterricht aufgebaut sein muss.
Das sahen Ihre Gegenspieler freilich ganz anders!
Condorcet: Ja, allen voran Jean-Jacques Rousseau, der 1750 schrieb: «Völker, wisset einmal für alle, dass die Natur euch vor der Wissenschaft bewahren wollte, wie eine Mutter dem Kind die gefährliche Waffe den Händen entreisst!»
Aber auch der Jakobiner Bouquier meinte: «Begeisterung genügt» und forderte die Abschaffung der Schule!
Condorcet (lacht): Ja, er vertrat die republikanische Erziehung, und das waren für ihn die öffentlichen Sitzungen von Gerichten und vor allem Volksgesellschaften und Bürgerfeste. Aus diesen reinen Quellen sollten junge Menschen etwas über ihre Rechte, Pflichten, Gesetze und republikanischen Sitten erfahren. Aber noch schlimmer war Mirabeau, der meinte: «Wenn die Bildung unter den gegenwärtigen Umständen nicht nach nationalen Gesichtspunkten ausgerichtet wäre, könnte dies zu mehreren schwerwiegenden und bedrohlichen Nachteilen für die Freiheit führen. Es ist deshalb angemessen, dass der allmächtige Wille der Nation die Lehrer an ihre Pläne bindet.»
Wer muss denn Ihrer Meinung nach die Schule kontrollieren?
Condorcet: Für mich bedeutete unterrichten, nichts als Wahrheiten zu lehren, so müssen die Anstalten, die die öffentliche Hand dafür bereitstellen soll, so unabhängig wie möglich von jeder politischen Autorität sein. Weder die französische Verfassung noch selbst die Erklärung der Menschenrechte sollen irgendeiner Klasse der Bürger als Tafeln hingestellt werden, die vom Himmel herabgekommen sind und die man anbeten und an die man glauben muss.
Trotzdem, die Frage der Kontrolle bleibt!
Condorcet: Die Universität bestimmt die Bildungsinhalte des Gymnasiums, das Gymnasium die der Volksschule. Zentral sind die Lehre und deren Organisation sowie die Verteilung von Ressourcen. Das können die Bildungsgelehrten der Institutionen sein.
Die Gedanken Rousseaus sind heute wieder sehr aktuell. Schon 1998 schrieb der Schriftsteller und ehemalige Lehrer Peter Bichsel: “Die Unterrichtsmethodik geht deshalb von der lächerlich falschen Voraussetzung aus, dass das Kind lernunwillig sei. Deshalb entscheidet sich der Lehrer entweder für die Verführung oder für den Zwang, also den Prügelstock. Beides sind autoritäre Massnahmen.”
Condorcet: Das ist in der Tat bewusst oder unbewusst die alte Rousseausche Vorstellung, dass man vom Kind ausgehen müsse und dass die Grenzen zwischen Kind und Erwachsenem, zwischen Schüler und Lehrer zu verschwinden habe. Die Kinder, vor allem die Kinder der unterprivilegierten Schichten, haben dabei die schlechtesten Karten. Sie sind in solchen Konstellationen vollkommen überfordert, ist doch die Tyrannei in einer Kindergruppe ab und zu viel grösser und unberechenbarer, als die unter Erwachsenen. Nein, das ist Unsinn. Es braucht den Lehrer als Autorität und es braucht vor allem seine fachliche Autorität. Das bedingt eine gute fachliche Ausbildung.
Im Moment wird die öffentliche Schule in Frage gestellt und man versucht, eine Staatsschule zu installieren. Es findet eine Reorganisation der Schule nach den Prinzipien der Messung der Ergebnisse statt. Man spricht dabei von der sogenannten Outputorientierung!
Condorcet: Ja, Bildung soll einen Nutzen erbringen. Für den Staat, für die Wirtschaft, für die Karriere. Dabei ist Bildung an und für sich zweckfrei, ein Wert an sich – wie die Liebe. Es geht um alles: um Orientierung, um Aufklärung und Selbsterkenntnis, um Fantasie und Sensibilität.
“Männer und Frauen sind nicht und sollten nicht vom gleichen Charakter oder Temperament gebildet sein, daher sollten sie nicht die gleiche Erziehung haben.” Jean-Jacques Rousseau
Und diese Bildung soll beiden Geschlechtern in gleichem Masse zukommen. Sie schrieben 1791: «Bildung muss für Frauen und Männer gleich sein»
Condorcet: Es ist nicht die Natur, es ist die Bildung, es ist die soziale Existenz, die den Unterschied zwischen Mann und Frau verursacht. Das war mir und auch Robespierre klar. Es war inakzeptabel, Frauen weiterhin den Genuss ihrer natürlichen Rechte zu verweigern! Deshalb setzten wir uns für die absolute Gleichberechtigung der Geschlechter ein.
Ihr Gegenspieler Mirabeau, war auch hier dezidiert anderer Meinung. Er schrieb zur selben Zeit von der “zarte[n] Konstitution der Frauen, die perfekt zu ihrer Hauptbestimmung, der Verewigung des Menschengeschlechts, der Pflege der gefährlichen Zeiten des ersten Zeitalters, passt!»
Condorcet: Ja, ganz in der Tradition von Rousseau, der meinte: «Männer und Frauen sind nicht und sollten nicht vom gleichen Charakter oder Temperament gebildet sein, daher sollten sie nicht die gleiche Erziehung haben.»
Wer hat das Recht auf Bildung?
Condorcet: Alle, Arm und Reich, Knaben und Mädchen, Landkinder und Stadtkinder … alle!
3. Teil des imaginären Gesprächs mit dem Mathematiker, Philosophen und Aufklärer Jean-Marie Caritat de Condorcet. Im 4. und letzten Teil geht es um seine Frau Sophie Grouchy und die tragischen Umstände seiner Verhaftung und seines Todes.