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Einfach gesagt: dem Westen geht es geopolitisch nicht gut. Wenn man die Tendenzen über einen längeren Zeitraum untersucht stellt man fest, dass sein Untergang eine Realität ist. Auf demografischer, wirtschaftlicher und militärischer Ebene verliert der Westen immer mehr an Gewicht, aber dagegen kann wenig unternommen werden. Gravierender ist, dass der Westen auch auf der Ebene der Kultur und des Werteexports immer weniger überzeugt. Freedom House meldet denn auch, dass die Demokratie auf internationaler Ebene seit 14 Jahren rückläufig ist[1]. Die Pandemie und der Ausbruch von Gewaltakten im amerikanischen Parlament helfen nicht.
Die Pandemie hat gezeigt, dass autoritäre Länder wie China, aufgrund der Unterdrückung der Bürgerrechte und deren Freiheiten, den Virus besser kontrollieren konnten als Europa und die USA. Die naheliegendste Antwort ist, dass eine höhere Zahl der Todesfälle und Infektionen der Preis ist, den man für die Freiheit einer demokratischen Gesellschaft bezahlen muss. Dieses Argument, auch wenn es stimmt, wird durch die Szenen einer Bananenrepublik, die gerade in Washington geschehen sind, und den Reaktionen auf die Pandemie mit Polizeistaaten in gewissen europäischen Ländern, getrübt. Unter den gegebenen Bedingungen kann man sich fragen: was kann der Westen tun, um seine Werte wieder glaubhafter und attraktiver zu machen? Kotzias hat es schön gesagt: er muss sich erneuern.
Sich zu erneuern bedeutet sich zu entwickeln, aber auch zu den Werten zu stehen, die man vorgibt zu repräsentieren. Die westlichen Demokratien sind Jahrzehnte, sogar Jahrhunderte alt, aber sie haben sich wenig geändert im Laufe der Geschichte. Das Wahlrecht wurde auf die ganze Bevölkerung ausgeweitet, aber danach gab es nur kleinere Veränderungen. Heute noch haben die Bürger in vielen Demokratien den gleichen (geringen) Einfluss auf die Politik wie zu Zeiten, als ein Drittel der Bevölkerung Analphabeten waren. Diese Argumentation gilt nicht für die Schweiz, wo die direkte Demokratie es ermöglicht hat, ihre Bürger ins System zu integrieren. Wenn es bei uns schwierig ist zu behaupten, das Volk hätte keine Möglichkeiten, zu sagen was seine Meinung ist, stellt sich diese Frage aber bei Ländern wie den USA, Frankreich oder Italien, wo zu oft zwischen zwei oder drei Kandidaten entschieden werden muss, wo nicht einmal einer überzeugend ist. Wenn dazu das Geld zu oft noch die Politik diktiert (dieses Problem ist auch in der Schweiz bekannt), ist es einfach nachvollziehbar, wie der Mythos der Demokratie an Überzeugungskraft verliert: Sogar in ihren Heimatländern gerät die Demokratie ins Taumeln. Trump und seine Gleichgesinnten Europäer sind dessen Symptome. Die westlichen Demokratien müssen sich entwickeln – die direkte Demokratie und die Transparenz sind der richtige Weg dazu.
Die andere grosse Schwäche des Westens ist dessen wirtschaftliches Modell, das sich praktisch auf der ganzen Welt ausgebreitet hat, und sich nun als irreführend herausstellt: einerseits hat es enormen Reichtum generiert, anderseits hat es jedoch diesen Reichtum völlig ungleichmässig verteilt. Dabei richtete es an unserem Ökosystem, von dem unsere Leben abhängen, schwere Schäden an. Das Märchen des rationalen und egoistischen Konsumenten, des immer fortbestehenden Marktes, ist eine Droge, die zusammen mit dem Erdöl die BIP-Kurve in die Höhe gepumpt hat. Dies kann aber nicht mehr das Licht sein, dass den Frauen und Männer des XXI. Jahrhunderts den Weg weist. Der Westen könnte wieder mehr an Wichtigkeit gewinnen, indem er ein neues ökonomisches Credo, das wirklich den Menschen und die Umwelt ins Zentrum stellt, fördert und darin eine Vorreiterrolle einnimmt, aber er muss sich beeilen. Wenn auch in diesem Bereich autoritäre Staaten wie China es schaffen, schnellere und überzeugende Antworten auf die Probleme zu geben, dann gibt es für den Westen nur noch wenig zu tun.