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Die Eklektik
Mit dem Beginn der Republik 1889 verlor der neoklassische Stil an Beliebtheit und Einfluss, denn schliesslich war er von und für Könige und Kaiser eingeführt worden. Ein neuer Stil machte sich breit – oder besser: eine neue Harmonie von verschiedenen Stilrichtungen wurde populär, beeinflusst von Paris und seiner „Belle Époque“. Er enthielt Elemente der Neoklassik, aber gleichzeitig auch einen Überfluss an Dekoration und Schmuck der Fassaden. Ein breiter „Boulevard“ wurde in Rio de Janeiro im Jahr 1906 angelegt – die „Avenida Central“ (heute Rio Branco), inspiriert von der Idee, ein „tropisches Paris“ zu schaffen. Auf dieser Avenida Rio Branco finden sich viele gute Beispiele für den so genannten „eklektischen Baustil“: die „Biblioteca Nacional“, das „Teátro Municipal“ (Opernhaus) und das „Museu de Belas Artes“ (Kunstmuseum) – alle errichtet im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts.
Auch in Manaus, während der Ära des „Gummi-Booms“, hat man diesen Stil auf zahlreiche Gebäude angewendet. Das berühmteste Beispiel ist sicher das „Teátro Amazonas“ (Opernhaus). Während der ersten beiden Jahrzehnte des Zwanzigsten Jahrhunderts war der eklektische Baustil tonangebend, dann verlor er an Popularität.
1922 organisierte eine Gruppe von Künstlern – Maler, Dichter und Architekten – in São Paulo die „Semana de Arte Moderna“ (Woche der Modernen Kunst), die sie auch dazu benutzten, ihrem Missfallen über den extremen Einfluss ausländischer Standards in der brasilianischen Kunst Ausdruck zu geben und prangerten die kontinuierliche Infragestellung einer rein brasilianischen Form des Ausdrucks durch die internationalen Medien an. Dieser Protest resultierte in einer Ablehnung aller importierten Standards und, im Falle der Architektur, entstanden daraus zwei bedeutende Strömungen:
Der Neokolonialismus
Die erste Strömung suchte ihren originalen brasilianischen Stil in der Vergangenheit, in der Kolonialperiode. Architekten wie Lúcio Coste studierten ihre Techniken, Materialien und Designs aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert und produzierten bald darauf Häuser mit einem „kolonialen Look“, die sie aber auch mit Elementen aus den barocken Kirchen kombinierten, wie zum Beispiel Podeste oder dekorierte Türrahmen. Diesen Stil nannte man „neokolonial“ – und seine Beliebtheit dehnte sich aus bis in die 40er Jahre, besonders in Rio de Janeiro und São Paulo.
Auf der Suche nach einer grösseren Authentizität verwendeten viele Architekten Materialien und Bruchstücke, die sie aus demolierten Kolonialbauten aufbewahrt hatten. Ein gutes Beispiel dafür findet man in Rio de Janeiro, auf dem „Largo do Boticário“ – einem antiken Platz, umgeben von neokolonialen Häuschen in hellen, auffälligen Farben, ganz in der Nähe der Bahnstation des Corcovado, im Stadtteil „Cosme Velho).
Der Modernismus
Dies ist die zweite Strömung, welche aus der „Semana de Arte Moderna“ entstand – sie schaute in die Zukunft, um dort ihre Inspiration einer brasilianischen Reinheit zu finden. Architekten wie Oscar Niemeyer, Lûcio Costa, Affonso Eduardo Reidy, der Landschafts-Designer Roberto Burle Marx und viele andere begannen funktionelle und weiträumige Gebäude zu entwerfen, mit weiten offenen Arealen und Säulen, von denen das Gebäude getragen wurde, so dass das Erdgeschoss offen blieb. Sie benutzten besonders Glas und Beton als ihre Lieblingsmaterialien, und das Meisterstück, welches aus dieser neuartigen Kreativität entstand, ist Brasîlia – eine ganze Stadt des brasilianischen Modernismus – nach einer Planskizze von Lûcio Costa und architektonisch umgesetzt von Oscar Niemeyer.
Viele Beispiele modernistischer Gebäude kann man inzwischen im ganzen Land entdecken. In Brasîlia, der Hauptstadt, sind die Kathedrale, der National-Kongress, der „Planalto“-Palast des Präsidenten – eigentlich das gesamte Stadtzentrum mit seinen superbreiten Avenidas und weiträumigen urbanen Gebäudekomplexen – gute Beispiele. In Belo Horizonte ist es die Kirche São Francisco de Assis, im Stadtteil Pampulha – in São Paulo das MASP (Museu de Arte de São Paulo), das „Memorial da Amêrica Latina“ (Denkmal) und viele andere kommerzielle Gebäude längs der Avenida Paulista – in Rio de Janeiro das „Ministêrio da Educacao e Saûde“ (Erziehungs- und Gesundheitsministerium), das „Museu de Arte Moderna“, die „Catedral Metropolitana“ (Kathedrale), das Gebäude der „Petrobrâs“ (brasilianische Ölförderungsgesellschaft), das BNDES- Gebäude (Nationalbank für Soziale und Wirtschaftliche Entwicklung) – alle im Zentrum der City.
Zeitgenössische brasilianische Architektur
Der neueste Trend geht zur Post-Moderne. Viele Geschäftszentren, Shopping Malls und auch Residenzen werden in einem Stil gehalten, der gespiegeltes Fensterglas verwendet, Granit und stilisierte Strukturen, die von klassischen Tempeln stammen.
Brasilianische Architekten haben ebenfalls einen weltweiten guten Ruf wegen ihrer besonderen Designs und kreativen technischen Umsetzungen – eine ihrer Spezialitäten sind zum Beispiel Konstruktionen für steil aufstrebende Hügellandschaften. Wenn Sie in Rio de Janeiro auf der Küstenstrasse entlang fahren, in der Gegend um die „Barra“ und „São Conrado“, werden Sie viele solcher überraschender Projekte entdecken – in der Regel Residenzen der reichen Oberschicht.