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Glattnackenibis
Geronticus calvus
© 2004 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Artwork © Owen Bell
«Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters», hielt einst Johann Wolfgang von Goethe fest und meinte damit: Schönheit ist keine Tatsache, sondern eine subjektive Einschätzung des einzelnen Menschen. So gern wir dem zustimmen würden - es stimmt nur bedingt. Unbestrittenermassen gibt es nämlich Tierarten, welche von den allermeisten Betrachtern als schön eingestuft werden, während bei anderen Arten das Gegenteil der Fall ist. Zu letzteren zählen die beiden Ibisse der Gattung Geronticus
, der Glattnackenibis (Geronticus calvus)
und der Waldrapp (Geronticus eremita)
. «Kurios», «skurril» und «grotesk» sind Adjektive, die uns bei ihrem Anblick weit näher liegen als «hübsch» oder «elegant» oder «anmutig».
Leider trifft auch das Adjektiv «gefährdet» auf die beiden Ibisse zu. Tatsächlich gilt der Waldrapp mit nur noch etwa 200 überlebenden Individuen in Marokko als einer der meistbedrohten Vögel der Welt. Dem im südlichen Afrika heimischen Glattnackenibis geht es zwar etwas besser, doch ist auch er selten geworden, weshalb er als «verwundbar» auf der Roten Liste steht.
Rund die Hälfte aller Glattnackenibisse lebt im Königreich Lesotho, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken. Lesotho, das rundherum von der Republik Südafrika umschlossen ist, weist eine Fläche von 30 355 Quadratkilometern und eine Bevölkerung von 2,1 Millionen Personen auf. Achtzig Prozent der Landesfläche befinden sich in Höhen von mehr als 1800 Metern ü.M.; der tiefste Punkt liegt auf 1400 Metern ü.M. Neben hügeligen, vielfach baumlosen Grasländern prägen schroffe, schluchtenreiche Bergzüge - darunter die Drakensberge, welche bis auf 3482 Meter ü.M. aufragen - das Antlitz Lesothos. Wie eine Festung überragt das kleine Königreich das Hochplateau («Hochveld») Südafrikas.
Ein mittelgrosser Stelzvogel
Der Glattnackenibis gehört innerhalb der Ordnung der Stelzvögel (Ciconiiformes) zur Familie der Ibisvögel (Threskiornithidae), welche rund dreissig Arten von Ibissen, Sichlern und Löfflern umfasst. Als Sippe sind die Ibisvögel über die tropischen, subtropischen und warm-gemässigten Bereiche der Alten wie der Neuen Welt verbreitet. Die meisten Arten leben im Umfeld von Feuchtgebieten und stochern bzw. «löffeln» dort mit ihren langen Schnäbeln im weichen Boden, im Schlamm oder im Seichtwasser nach Kleintieren. Ein paar Arten, darunter der Glattnackenibis, bewohnen hingegen trockene Lebensräume.
Mit einer Länge von etwa 80 Zentimetern und einem Gewicht um 1,3 Kilogramm ist der Glattnackenibis ein mittelgrosses Mitglied der Stelzvogelordnung. Seine Heimat ist das südliche Afrika. Dort kommt er in den Ländern Lesotho, Südafrika und Swasiland vor, und zwar schwergewichtig im Bereich der Drakensberge. In Lesotho ist er über fast alle Teile des Landes verbreitet. In Südafrika findet man den glatzköpfigen Vogel in Teilen der Provinzen Free State, Mpumalanga und KwaZulu-Natal; bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts kam er auch in Teilen der Provinz Eastern Cape vor. In Swasiland ist sein Vorkommen auf den Westen des Landes beschränkt.
Er isst Käfer, Schnecken und Würmer
In ihrer südafrikanischen Heimat bewohnen die Glattnackenibisse vornehmlich Regionen in Höhenlagen von 1200 bis 1900 Metern ü.M., welche mindestens siebzig Zentimeter Niederschlag im Jahr erhalten und somit eine steppenartige Vegetation aufweisen. In diesen Grasländern gehen die Vögel auf die Nahrungssuche, wobei sie Gebiete bevorzugen, in welchen ihnen das Gras nicht bis zum Bauch reicht. Im Winter und Frühling besuchen sie gerne Gegenden, wo nach einem Steppenbrand neues Gras spriesst. In den übrigen Jahreszeiten halten sie sich meistens auf Flächen auf, welche von Nutztieren extensiv beweidet werden, oder auf Feldern, welche frisch abgeerntet oder umgepflügt sind. Ihre Kost ist ziemlich abwechslungsreich und besteht aus Raupen, Käfern, Heuschrecken und anderen Insekten, ferner Schnecken und Erdwürmern sowie kleinen toten Säugetieren, Echsen und Vögeln. Ihre Beutetiere finden die Ibisse, indem sie mit ihrem sichelförmigen Schnabel im Erdreich stochern oder aber Dung, Blätter und andere Gegenstände umdrehen.
Die hoch gelegenen Grasländer, welche den Glattnackenibissen als Nahrungsgründe dienen, müssen regelmässig abbrennen und beweidet werden, sonst kommen alsbald Büsche, Sträucher und Bäume auf und es entsteht eine Pflanzendecke, welche für die Vögel genauso nutzlos ist wie für die Rinder, Schafe und Ziegen des Menschen. Tatsächlich sorgen die vom Menschen zwecks Unterdrückung der Gehölzvegetation sowie Erneuerung des Graswuchses gelegten Brände und die nachfolgende Beweidung durch seine Nutztiere für die Erhaltung der Nahrungsgründe der Ibisse. Es fragt sich, wer wohl zu Gunsten der Glattnackenibisse agierte, das heisst die Grasländer offen und den Graswuchs niedrig hielt, bevor der Mensch im südlichen Afrika Einfluss auf die Natur nahm.
Anzunehmen ist, dass die Grasländer ursprünglich das Ergebnis von Steppenbränden waren, welche durch Blitze entzündet worden waren, und dass einst Zebras und Antilopen - welche in dieser Region heute ausgerottet oder zumindest massiv zurückgedrängt sind - für die Beweidung derselben sorgten. Bei diesen Überlegungen darf man allerdings nicht vergessen, dass im südlichen Afrika der Mensch schon seit sehr langer Zeit Einfluss auf das Ökosystem nimmt: Es gibt klare Hinweise darauf, dass Vorfahren des Menschen schon vor 500 000 Jahren in Südafrika mit dem Feuer umzugehen wussten. Die Glattnackenibisse scheinen also gewissermassen seit Urzeiten auf die - unabsichtliche - Unterstützung seitens des Menschen zählen zu können.
Stumm und scheu
Die Glattnackenibisse sind keine Einzelgänger, sondern halten sich wenn immer möglich das ganze Jahr über in der Gesellschaft von ihresgleichen auf: Sie gehen im Verband auf die Nahrungssuche, sie schlafen in Gruppen, und sie brüten in Kolonien.
Ausserhalb der Brutsaison lösen sich die Glattnackenibisse von ihren Brutkolonien und streifen halbnomadisch in der näheren und weiteren Umgebung umher, ohne dabei festen Wanderrouten zu folgen. Jeweils im Juni kehren sie zu ihren Kolonien zurück, welche in den meisten Fällen zwei bis fünf, teils aber auch mehrere Dutzend Nester umfassen. Interessanterweise ist das Brutgeschehen innerhalb der Kolonien kaum synchronisiert: Die Weibchen legen ihre Eier unabhängig von den übrigen Weibchen irgendwann zwischen Anfang August und Ende September, weshalb einzelne Paare gerade erst mit dem Bebrüten ihres Geleges beginnen, während andere bereits recht grosse Nestlinge betreuen. Die erwachsenen Glattnackenibisse gehen langfristige Partnerschaften ein, und sie bleiben auch ihrem einmal gewählten Nistplatz jahrelang treu. Dies führt dazu, dass ihre Kolonien sehr lange Bestand haben. So wissen wir von einer Kolonie in Lesotho, dass sie seit mindestens vierzig Jahren ununterbrochen in Gebrauch ist.
Die Brutkolonien der Glattnackenibisse befinden sich in der Regel in Felswänden, welche in der Nähe eines Gewässers aufragen und nach Süden oder Osten ausgerichtet sind. Die Nester, welche aus einer Ansammlung von Zweigen und Ästen bestehen und einen Durchmesser von etwa fünfzig Zentimetern aufweisen, liegen zumeist auf einem Felssims oder in einer Felsspalte, manchmal auch auf einem Strauch, der aus einer Felswand heraus wächst.
Das Gelege umfasst in den meisten Fällen zwei oder drei Eier, welche vom Weibchen in Abständen von ein bis drei Tagen erzeugt werden. Die beiden Altvögel beginnen gleich nach dem Ablegen des ersten Eis mit dem Brüten. Dies führt dazu, dass die Jungvögel nach einer Keimlingsentwicklungszeit von zumeist 29 Tagen wiederum in Abständen von ein bis drei Tagen aus ihren Eiern schlüpfen.
Solch gestaffeltes Schlüpfen ist für Vogelarten typisch, bei denen das Nahrungsangebot während der Jungenaufzucht unvorhersehbar, das heisst in einem Jahr üppig, in einem anderen karg ist. Durch das gestaffelte Schlüpfen sind die Nestlinge in den ersten Lebenswochen von deutlich unterschiedlicher Grösse und Stärke. Ist das Nahrungsangebot üppig, so hat der Grössenunterschied keine Bedeutung; es werden alle Jungen satt. Ist das Nahrungsangebot hingegen karg, so führt der Wettstreit unter den Jungvögeln im Allgemeinen dazu, dass nur der kräftigste von ihnen - in der Regel der zuerst geschlüpfte - aufkommt, während seine Geschwister verhungern. Was uns hart erscheint, macht biologisch durchaus Sinn: Die Altvögel investieren ihre Zeit und Energie besser in einen einzelnen gesunden Jungvogel mit guten Überlebenschancen als in mehrere kaum überlebensfähige Kümmerlinge. Das gestaffelte Schlüpfen ist also eine Strategie, welche gewährleistet, dass bei guten wie bei schlechten Umweltbedingungen ein optimaler Nachzuchterfolg erzielt wird.
Beide Altvögel versorgen ihren Nachwuchs mit Nahrung und legen dabei mitunter Distanzen von mehr als dreissig Kilometern zwischen dem Nest und den Nahrungsplätzen zurück. Im Alter von zwei Monaten sind die jungen Glattnackenibisse flugfähig und verlassen dann in Begleitung ihrer Eltern, von denen sie weitere zwei Monate lang abhängig bleiben, den Nistplatz. Sie pflanzen sich gewöhnlich im Alter von zwei Jahren erstmals selbst fort, und sie können mindestens elf Jahre alt, wahrscheinlich sogar weit älter werden.
Während der Brutsaison schlafen die Glattnackenibisse normalerweise im Bereich ihrer Nester. Während des Rests des Jahres schlafen sie meistens auf Bäumen oder auf Felsen, und zwar vielfach in Gesellschaft von Kuhreihern (Bubulcus ibis)
, Heiligen Ibissen (Threskiornis aethiopicus)
und Kormoranen (Phalacrocorax spp.)
. Wie ihren Brutkolonien bleiben die Glattnackenibisse auch ihren Schlafplätzen viele Jahre lang treu. Tatsächlich kennen wir einen Schlafplatz in Natal, der seit über einem Jahrhundert ununterbrochen in Gebrauch ist.
Ihrer Grösse zum Trotz sind die Glattnackenibisse sehr unauffällige Vögel. Das hat einerseits damit zu tun, dass sie nur sehr selten und nur während der Brutsaison ihren charakteristischen Ruf, ein gellendes Kiiiau-kloop-kloop
, vernehmen lassen und sich ansonsten stumm verhalten. Andererseits hat es mit ihrer Scheu vor dem Menschen zu tun, welche insofern verständlich ist, als dieser sie von alters her bejagt. Wo sie nicht verfolgt werden, scheinen sich die Glattnackenibisse gut an die Nähe des Menschen zu gewöhnen. Nachdem einst im 19. Jahrhundert der Häuptling von Leribe in Lesotho die Vögel unter Jagdschutz gestellt hatte, wurden sie überraschend schnell zutraulich und gingen letzlich sogar zwischen den Hütten des Dorfs auf Nahrungssuche.
Gesamtbestand 8000 bis 10 000 Vögel
Das Verbreitungsgebiet des Glattnackenibis ist in den vergangenen zwei Jahrhunderten erheblich geschrumpft. Man vermutet, dass dieser Schwund - einschliesslich des Verschwindens der Art aus der südafrikanischen Provinz Eastern Cape - zur Hauptsache auf die Ausweitung der Karroo-Trockenbusch-vegetation als Folge der gebietsweise massiven Überweidung der Grasländer zurückzuführen ist. Während also regelmässige Buschbrände und die mässige Beweidung der Grasflächen durch Haustiere dem Glattnackenibis nutzen, erweist sich ein Übermass an Beweidung als schädlich.
Neben der Lebensraumbeeinträchtigung hat dem Glattnackenibis auch die direkte Verfolgung durch den Menschen zu schaffen gemacht. Für den Verzehr bejagt wurde er früher nicht allein durch die europäischen Siedler (insbesondere während des Burenkriegs von 1899 bis 1902). Auch die schwarze Bevölkerung stellte ihm nach und verwendete Teile seines Körpers als Nahrung, andere, denen Heilkräfte nachgesagt wurden, als Medizin. Zwar steht der Glattnackenibis heute in seinem ganzen Verbreitungsgebiet unter gesetzlichem Schutz, doch geschieht es mitunter bis zum heutigen Tag, dass Brutkolonien mutwillig zerstört oder umherstreifende Vögel aufs Korn genommen werden.
Eine grosse Gefahr droht dem Glattnackenibis im Übrigen durch die inzwischen auch im östlichen südafrikanischen Binnenland sich abzeichnende Intensivierung der Landwirtschaft. Insbesondere der Einsatz von Pestiziden erregt Besorgnis. Es scheinen nämlich genau diese Stoffe gewesen zu sein, welche den Niedergang der Waldrappenbestände im Nahen Osten und in Nordafrika verursacht haben.
Der Restbestand der Glattnackenibisse wird auf vielleicht noch 8000 bis 10 000 Individuen geschätzt, wovon rund 2000 zur Brut schreiten dürften. Knapp die Hälfte der Vögel lebt in Lesotho, wo die Bestände weiterhin leicht rückläufig sind, während die ähnlich grossen Bestände in Südafrika inzwischen stabil sind oder sogar etwas anwachsen. Über die Situation der wenigen Glattnackenibisse in Swasiland liegen keine Informationen vor.
In Lesotho kommt der Glattnackenibis unter anderem im Sehlabathebe-Nationalpark, dem einzigen Nationalpark des Landes, vor. Das am östlichen Rand des Königreichs gelegene Schutzgebiet ist einerseits von den Zuflüssen des Tsoelikana-Flusses stark zerfurcht und andererseits von offenem, extensiv genutztem Weideland umgeben. Dies bedeutet sowohl gute Nistplätze als auch reiche Nahrungsgründe für den Glattnackenibis. Sofern die landwirtschaftlichen Praktiken in dieser Region nicht erheblich geändert werden, dürfte dieses Gebiet noch lange Zeit die Heimat eines gesunden Bestands von Glattnackenibissen bleiben.
Legenden
Der Glattnackenibis (Geronticus calvus)
ist mit einer Länge von ungefähr 80 Zentimetern und einem Gewicht um 1,3 Kilogramm ein mittelgrosses Mitglied der Stelzvogelordnung. Er ernährt sich zur Hauptsache von Insekten und deren Larven sowie von Schnecken und Erdwürmern. Seine Beutetiere findet er, indem er mit seinem sichelförmigen Schnabel im Erdreich stochert oder Dung, Blätter und andere Gegenstände umdreht.
Die Heimat der Glattnackenibisse ist das südliche Afrika. Dort kommen sie in den Ländern Lesotho, Südafrika und Swasiland vor, und zwar schwergewichtig im Bereich der Drakensberge. In Felswänden legen die kahlköpfigen Vögel ihre Nester an, und in hoch liegenden Grasländern gehen sie auf die Nahrungssuche.
Die erwachsenen Glattnackenibisse gehen langfristige Partnerschaften ein, und sie bleiben ihrem einmal gewählten Nistplatz jahrelang treu. Zur Brut schreiten sie im südlichen Winter zwischen Anfang August und Ende September.
Die jungen Glattnackenibisse schlüpfen nach einer Brutdauer von 29 Tagen aus ihren Eiern. Sie sind im Alter von zwei Monaten flugfähig und verlassen dann in Begleitung ihrer Eltern den Nistplatz. Weitere zwei Monate später machen sie sich selbstständig. Mit zwei Jahren sind sie geschlechtsreif.
Die Glattnackenibisse sind keine Einzelgänger, wie die Bilder auf diesen Seiten vielleicht vermuten lassen, sondern halten sich das ganze Jahr über in der Gesellschaft von ihresgleichen auf: Sie gehen im Verband auf die Nahrungssuche, sie schlafen in Gruppen, und sie brüten in Kolonien. Der Artbestand ist im Verlauf der vergangenen zwei Jahrhunderte erheblich geschrumpft und wird heute auf vielleicht noch 8000 bis 10 000 Individuen geschätzt.
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