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Von CÉDRIC WEIDMANN.
Was die Bedeutung für die Spielwissenschaft angeht, gibt es nur einen, der mit Johan Huizinga mithalten kann. Roger Caillois, Philosoph und Soziologe, schreibt 1958 die zweite grosse Abhandlung zum Spiel. »Les jeux et les hommes« heisst sein Werk, das explizit auf Huizinga Bezug nimmt. Während sein Vorgänger richtig in Mode kommt, beginnt die Bedeutung von Caillois heute zu schwinden
Heute wichtige Forscher wie Albrecht Koschorke (Wahrheit und Erfindung: Grundzüge einer Allgemeinen Erzähltheorie) und Robert Pfaller (Die Illusionen der anderen) ziehen die Definition des Spiels heran, betrachten aber lediglich Huizingas Definition. Koschorke auf eine beeindruckend naive Weise, indem er die Problematik von Huizingas Definition nicht wahrnimmt und so tut, als hätte er die eine wahre Definition gefunden. Pfaller stellt Huizinga konkret über Caillois, indem er sagt, Caillois habe zwar gute Arbeit geleistet, aber das tiefere Wesen des Spiels, das Aussersichsein im Spielen nicht betrachtet. Zur Zeit ist die Spielwissenschaft also bei Kulturphilosophen wieder gross in Mode. Davon profitiert der Sanskrit-Forscher Huizinga, aber auf Kosten von Roger Caillois. Zu unrecht, wie ich glaube.
Die Spiele und die Menschen
Das zentrale Verdienst von Caillois ist, dass er versucht, den verschiedenartigen Bezeichnungen des Spiels gerecht zu werden. Huizingas Definitionen vom heiligen Ernst, vom Nichtsogemeintsein, von der abgeschlossenen Handlung des Spiels mögen zwar das Essenzielle des Spiels besser hervorheben, aber nur Caillois gelingt zum ersten Mal die Schwierigkeiten des Begriffs richtig aufzuschlüsseln. Was wir unter Spiel verstehen, ist so vielfältig und verschieden, dass diese Ergebnisse nicht unterschätzt werden sollen, die endlich zeigen, was wir alles eigentlich meinen, wenn wir von Spielen sprechen.
Vier Hauptkategorien
- Agon | Der Wettkampf. Prototyp: Olympische Spiele.
- Alea | Das Glücksspiel. Prototyp: Würfelspiel.
- Mimikry | Verstellungsspiel. Prototyp: Theater, Vater-Mutter-Kind-Spiel.
- Ilinx | Rauschhaftes Spiel, bei dem der Reiz darin besteht »dem klaren Bewusstsein eine Art wollüstiger Panik einzuflössen«. Prototyp: Achterbahn, Tanzen, Drehen.
Ich sehe zwar ein, dass »nichts garantiert, dass diese unterteilenden Bestimmungen auch als hinreichende, konstitutive Kriterien für das Vorliegen von Spielen betrachtet werden könnten« (Pfaller: Die Illusionen der anderen 2002, 101). Es ist auch möglich, gerade bei Mimikry und Ilinx, sich über die Spielhaftigkeit solcher Tätigkeiten zu streiten: Ist Theater wirklich immer ein Spiel? Und Achterbahnen?
Trotzdem sind die Merkmale erstaunlich ausgewogen und bringen zum ersten Mal alles, was Spiele sein können, in einen fassbaren Rahmen. Und schliesslich geht es Caillois nicht darum (noch weniger als Huizinga), die abschliessende Spieldefinition zu finden. Seine »multiple Definition« des Spiels ist vielmehr auf Offenheit ausgerichtet und gerade das ist der herausragende Vorteil seiner Arbeit.
Unterschiedliche Spielweisen
Auf der Y-Achse kommen nun zwei weitere Kriterien hinzu, die man an der obigen Tabelle ablesen kann. Paidia und Ludus. Das sind keine Spielkategorien, sondern Spielweisen (Caillois: 1960, 63): Paidia ist das regel- und zügellose, das freie, unarrangierte Spiel — meistens von Caillois als Kinderspiel charakterisiert. Ludus ist das formale Gegenstück dazu: Klare Regeln und eine deutliche Abgegrenztheit definieren das Spiel. Nach Caillois gäbe es im Menschen einen Reiz, sich selbst Regeln zu unterwerfen. Spiele mit der Ausprägung Ludus sind abhängig von der Mode und gehören zu den Hobbys einer Kultur. Mit dieser, auch streitbaren Unterscheidung von Spielweisen, hält wieder etwas auseinander, was viele andere missachten und auch Huizinga durcheinander bringt: Die gleichen Arten von Spiele, kann man auf unterschiedliche Art spielen. Man kann auch ein Rollenspiel nach sehr harten Regeln (Ludus) planen, wie man auch etwas eigentlich sehr geordnetes in kindliches Spiel auflösen kann. Huizinga kennt das nicht, für ihn ist jede Form des Spiels »heiliger Ernst«.
Fazit
Die Haupterkenntnisse von Caillois lassen sich an der obigen Tabelle ablesen. Sie sind wichtige und vielleicht fast die interessantesten Vermutungen zur Grundlage des Spiels, denn im Gegensatz zu Huizinga werden die widersprüchlichen Formen des Spiels, etwa Agon und Alea, auseinandergehalten. Selbstverständlich ist das Buch auch zu bemängeln. Zum Grossteil beschäftigt sich Caillois mit der »Korruption der Spiele« und bewertet die Kultur nach moralischen Massstäben: Alkohol und Drogen seien etwa eine falsche Form Ilinx zu erzeugen. Ebenso ärgerlich ist es, wie Pfaller das richtig bemäkelt, dass Caillois zu sehr auf der Unernsthaftigkeit und Abgetrenntheit des Spiels vom Leben besteht. Er lässt damit die Erkenntnis von Huizinga aus, dass das Spiel sich mit einem heiligen Ernst verbinde, der fast gewaltiger ist als im echten Leben. Aufs Ganze besehen ist Caillois der trockenere, aber genauere Betrachter der beiden Urgesteine der Spielwissenschaft. Und vielleicht wird auch seine Zeit und seine plötzliche Popularität noch anbrechen.