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Zumindest einige Schimpansinnen scheinen das zu denken. Warum bleiben sie ein Leben lang in der Gruppe, in der sie geboren wurden, während andere als Teenager in die weite Welt hinausziehen? Der aktuelle Forschungsstand.
Wilde Schimpansenmänner verbringen meist ihr ganzes Leben lang in der Gruppe, in der sie geboren wurden. Schimpansinnen hingegen ziehen in aller Regel an der Schwelle des Erwachsenwerdens – im Alter von ungefähr 12 Jahren – in eine neue Gruppe um.
Lange Zeit rüttelte niemand an der wissenschaftlichen Theorie (der sogenannten „Inzest-Vermeidungs-Theorie“), dass die Schimpansinnen auf diese Weise vermeiden, Nachkommen von ihren Vätern, Brüdern und Onkeln zu bekommen und so gewährleisten, dass ihr Nachwuchs und deren Nachwuchs möglichst gute Gene und Überlebenschancen haben.
Gremlin, die Matriarchin der G-Familie in Gombe, Tansania, mit Sohn Goodali 2019.
© JGI / Shadrack Samson
Im Gombe Nationalpark und in anderen Schimpansenwäldern tun dies aber nicht alle Schimpansinnen. Einige bleiben hartnäckig in ihrer Geburtsgruppe und pflanzen sich dort fort.
Warum entscheiden sich einige Schimpansinnen fürs Auswandern in eine neue Gruppe, und andere fürs Daheimbleiben? 45 Jahre Beobachtung von 31 Gombe-Schimpansinnen zeigen, dass es zwei Faktoren gibt, die dabei wichtig sind: Schimpansinnen, die viele Brüder haben, wandern eher ab. Die vermeidung von Inzest scheint also tatsächlich eine Rolle zu spielen. Aber: Töchter von hochrangigen Müttern neigen eher zum Bleiben.
Jenny verliess kurz nach dem Tod ihrer Mutter Joyce ihre Geburtsgruppe in Bulindi, Uganda, und benötigte drei Jahre, um Anschluss in einer neuen Gruppe zu finden.
© Bulindi Chimpanzee und Community Project
Die Heimat zu verlassen ist schwer, auch für Schimpansinnen. Wer in eine neue Gruppe einwandern will, riskiert viel. Da ist eine ungewisse und potentiell gefährliche Reise allein im Wald. Aber da sind auch die Angriffe der Frauen der neuen Gruppe, denen mehr Konkurrenz in Form von fremden Weibchen gar nicht zusagt. Die Integrationsphase in eine neue Gruppe ist ein langer, harter Prozess, der oft geprägt ist von Aggression und Entbehrungen.
Die Gegenwart einer mächtigen Mutter hingegen garantiert den Zugang zu den besten Futterbäumen im Streifgebiet. Sie bedeutet aber auch viel Unterstützung im Sozialleben. Während Weibchen, die wegziehen, in ihren neuen Gruppen ganz unten in der Rangordnung landen, profitieren Weibchen mit starken Müttern von grosser sozialer Macht. Auch Brüder können hilfreich sein.
Gaia, hier mit Sohn Google, profitiert bis heute von der Beziehung zu ihrer einflussreichen Mutter Gremlin und zu ihren Zwillingsschwestern, die ebenfalls daheim blieben. © Nick Riley
So kommt es, dass Schimpansinnen, die zuhause bleiben, ihr erstes Kind im Schnitt bereits mit 13 Jahren bekommen und die Auswanderinnen erst mit 16.
Welche Vorteile das Daheimbleiben bringen kann, sehen wir heute in Gombe: Gremlin, ihre drei erwachsenen Töchter Gaia, Golden und Glitter und deren Nachwuchs dominieren die weibliche Hierarchie der Kasakela-Gruppe. Es ist nicht ungewöhnlich, dass man zwei, drei oder sogar alle vier Schimpansinnen samt Kindern zusammen antrifft. Gemeinsam sind sie stark, und die Mitglieder der anderen Familien vermeiden es tunlichst, sich mit ihnen anzulegen.
Zumindest einige Schimpansinnen scheinen an der Schwelle zum Erwachsenwerden einen mächtigen Drang zu haben, in die Welt hinauszugehen. Wenn es zuhause jedoch so richtig bequem ist, scheinen die Teenager diesen Drang kurzerhand in den Wind zu schlagen. Vielleicht ist dies eine weitere Parallele zu uns Menschen?
Gremlin mit ihren Zwillingen Golden und Glitter im Jahr 1998 in Gombe, Tansania. Die beiden Töchter sind inzwischen erwachsen und haben eigene Kinder. Auch sie blieben zuhause und haben heute zusammen mit Mutter Gremlin und Schwester Gaia sehr viel Einfluss in der G-Familie. © Michael Neugebauer
Weiterführende Literatur:
– Walker KK, Walker CS, Goodall J, Pusey A (2017) Maturation is Prolonged and Variable in Female Chimpanzees. Journal of Human Evolution.
– Walker KK, Pusey A (2020) Inbreeding Risk and Maternal Support Have Opposite Effects on Female Chimpanzee Dispersal. Current Biology.
– Matsumoto T et al (2021) Female chimpanzees giving first birth in their natal group in Mahale: attention to incest between brothers and sisters. Primates