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Ein Blick ins Freiburger Seeland vor rund 2100 Jahren: Dörfer und Bauernhöfe liegen rund um den Murtensee verstreut. Über ihnen thront der Mont Vully, und auf ihm eine beeindruckende Festung mit hohen Mauern rundherum. Der Mont Vully war zu jener Zeit ein regionales Zentrum im Schweizer Mittelland.
Wie viele Häuser es in dieser Festung gab, können die Archäologen heute nicht mehr sagen. Aber: «Es dürfte für jene Zeit eine sehr grosse Siedlung gewesen sein, eine Stadt», sagt Archäologe Michel Mauvilly. Sie diente sicher militärischen Zwecken, aber es wurde auch gehandelt. Das zeigen die vielen Münzen und ein bronzener Münzstempel, den die Archäologen gefunden haben.
Erste schriftliche Quellen
Die Festung bestand in der jüngeren Eisenzeit, auch Latènezeit genannt (siehe Kasten), mit der Archäologen die Zeit von 450 vor Christus bis ungefähr 30 oder 15 vor Christus bezeichnen. Aus dieser Periode fanden die Archäologen im Gebiet des heutigen Kantons Freiburg erstmals Münzen. Und es gibt erstmals schriftliche Quellen zu dieser Zeit. Zwar schrieben die Kelten, wie Menschen von damals in unseren Breitengraden genannt werden, nicht selbst. Aber griechische und römische Autoren schrieben über sie. «Wir wissen dadurch mehr über diese Menschen als über vorhergehende Epochen», sagt Archäologe Michel Mauvilly. «Aber das sind indirekte Quellen, da müssen wir etwas aufpassen.»
Aufpassen müssen die Archäologen und Historiker, weil die Römer und Griechen meist nicht besonders positiv über die Kelten schrieben: Sie beschrieben sie als Barbaren und stellten ihnen ihre eigene Zivilisation als überlegen gegenüber. Von Kelten als Barbaren könne aber keine Rede sein, sagt Michel Mauvilly. «Sie erstellten grössere Siedlungen, Brücken und Strassen, die teils mit Holz, Steinen und Kies befestigt waren», erklärt er. «Die Gesellschaft war hierarchisch – es gab verschiedene Klassen wie Krieger, Druiden, freie Männer, Bauern, aber auch Sklaven.»
«Gerade für die reichen Kelten hatte Rom eine grosse Anziehungskraft. Sie importierten Luxusprodukte wie Wein oder Geschirr aus dem Römischen Reich.»
Michel Mauvilly
Archäologe
Die Kelten waren auch geschickte Handwerker: Sie verarbeiteten Holz, Koralle, Glas, Eisen, Bronze, Silber und Gold, stellten reich geschmückte Schwerter, Keramik und feine Schmuckstücke her. «Sie waren richtige Künstler und entwickelten unter Einflüssen von aussen ihren ganz eigenen Stil.» Auch Alltagsgegenstände waren reich verziert, zum Beispiel Fibeln, eine Art Sicherheitsnadeln, welche Gewänder zusammenhielten.
Komplexe Rituale
Viele dieser Artefakte haben die Archäologen in Gräbern gefunden. In der frühen Latènezeit nutzten die Menschen die Grabhügel der früheren Epoche und bestatteten ihre Toten in neu gegrabenen Gräbern in diesen bereits bestehenden Nekropolen, erklärt Michel Mauvilly. «Sie taten das aber nie im grössten Grabhügel in der Mitte der alten Nekropolen, wo in der Regel ein Herrscher begraben war. Sie schienen also um die Wichtigkeit dieser Gräber zu wissen.» Ein Beispiel für solche Gräber in einer alten Nekropole findet sich in der Nähe von Düdingen, es stammt aus der Zeit zwischen 350 und 450 vor Christus. «Wir haben in diesen Gräbern im letzten Herbst sehr schöne Tracht- und Schmuckelemente gefunden.»
Später legten die Menschen der Latènezeit Gräberfelder ausserhalb der alten Grabhügel an, und ab 150 vor Christus kam es zum Wechsel: Die Menschen kremierten ihre Toten und bestatteten die Überreste in Töpfen im Boden. «Wir glauben, dass dieser Wechsel mit dem wachsenden Einfluss der Römer zu tun hat, denn auch die Römer bestatteten ihre Toten in solchen Brandgräbern», erklärt Michel Mauvilly.
Von komplexen Ritualen zeugt jener Ort, welcher der Latènezeit ihren Namen gab, nämlich La Tène am Nordufer des Neuenburgersees. Dort gab es sehr wahrscheinlich einen wichtigen Kultort für diese Menschen. «Man hat dort rund 2500 Objekte gefunden: Waffen, Schmuck, Skelette», sagt Michel Mauvilly. «Dazu zerbrochene Schwerter im Wasser. Vielleicht war es eine Art Ritual, die Waffen zu zerstören und ins Wasser zu werfen. Wir wissen, dass Wasser für die Kelten eine wichtige Rolle spielte.»
Die Römer kommen
Das Ende der Latènezeit markierte die Ankunft der Römer in der Region. Die heutige Schweiz wurde Teil des Römischen Reiches. Wobei wohl gar nicht so viele Römerinnen und Römer tatsächlich hierher kamen – eher übernahmen die hier wohnenden Kelten die römischen Gebräuche.
«Gerade für die reichen Kelten hatte der Süden und damit Rom eine grosse Anziehungskraft. Sie importierten schon zuvor Luxusprodukte wie Wein oder Geschirr aus dem Römischen Reich», sagt Michel Mauvilly. Gleichzeitig war die römische Kultur offen, andere Kulturen in ihre zu integrieren. Viele römische Strassen und Siedlungen wurden nicht neu gebaut, sondern beruhten auf älteren keltischen Strassen und Siedlungen.
Michel Mauvilly hält fest: «Für die armen Leute änderte sich mit der Ankunft der Römer nicht so viel. Aber die reichen Kelten wurden nun zu reichen Römern.»
In einer losen Serie haben die FN mit Archäologe Michel Mauvilly zurück in die Frühgeschichte geblickt und beleuchtet, wie die Menschen damals auf dem Gebiet des heutigen Kantons Freiburg lebten. Mit der Latène-Zeit geht die Frühgeschichte und somit auch diese Serie zu Ende.
Chronologie
Die Latènezeit oder jüngere Eisenzeit
Die Eisenzeit charakterisiert sich durch den Gebrauch von Eisen und gliedert sich in zwei Epochen: die ältere Eisenzeit oder Hallstattzeit von 800 bis 450 vor Christus, die bereits in einem früheren Beitrag beschrieben wurde, und die jüngere Eisenzeit oder Latène-zeit von 450 bis ungefähr 30 oder 15 vor Christus. Der Name jener Epoche leitet sich vom Ort La Tène am Nordufer des Neuenburgersees ab. Dort wurden so viele Objekte aus jener Zeit gefunden, dass die Archäologen davon ausgehen, dass der Ort zu jener Zeit eine Art Kultplatz war. In der Latènezeit haben die Volksgruppen im Gebiet der heutigen Schweiz erstmals konkrete Namen. Man spricht von einer keltischen Kultur in Mitteleuropa, diese war aber nicht einheitlich, sondern von regionalen Unterschieden geprägt. Im Gebiet des Schweizer Mittellandes lebten die Helvetier, welche ursprünglich aus Süddeutschland eingewandert waren.