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Alain Pichard hat eine Wette gegen den ehemaligen Erziehungsdirektor Pulver gewonnen, sieht aber die Karawane weiterziehen. Nach missglücktem Frühfranzösisch und fehlgeschlagener Fremdsprachendidaktik macht jetzt ein neues Mekka-Wort die Runde: der obligatorische Sprachaustausch! Bevor nun schon wieder Fachkommissionen gegründet und Geldbeträge gesprochen werden, mahnt Pichard einen Besuch des OSZ-Orpund an.
In der Berner Zeitung (2012) bot ich dem damaligen bernischen Bildungsdirektor Pulver eine Wette an. Frühfranzösisch werde ein monumentaler Flop. Ich zitierte mehrere Studien mit Quellen, und auch die Erfahrungen unseres nördlichen Nachbarlandes mit Frühenglisch («Frühenglisch ist ein Murks», Spiegel 2011) liess ich dem Magistraten zukommen. Der Bildungsdirektor ging nicht auf die Wette ein. Im Gegenteil: Mein Kanton führte zu allem Übel noch die kompetenzbasierte Mehrsprachendidaktik in Form von neuen Lehrmitteln ein. Die Passepartout-Lehrmittel-Reihe setzte auf Sprachbad, verbot uns Lehrkräften das Vokabelbüffeln und versprach uns das Erlernen der französischen Sprache ohne Stress und Arbeit, dafür mit viel Spass. Vier Jahre später empfing ich diese nach neusten zeitgemässer Sprachdidaktik unterrichteten Schülerinnen und Schüler bei mir in der 7. Klasse. Meine ersten Eindrücke veröffentlichte darauf ebenfalls in der Berner Zeitung (2015).
«Es war für mich ernüchternd, als ich feststellte, dass die Schüler nicht wussten, dass man ‹au› als ‹o› ausspricht oder ‹ou› als ‹u›. Gestaunt habe ich, dass ich mit meinen SchülerInnen zwar komplexe Texte über Erfindungen der Zukunft (‹aéolienne géante›) lesen sollte, diese aber nicht wussten, was ‹gestern›, ‹heute› und ‹morgen› auf Französisch heisst (wohlgemerkt, nicht schriftlich, sondern mündlich).»
Ich bekannte mich zu einem geordneten Aufbau der Sprache und kündigte an, der Didaktik dieses Lehrmittels nicht zu folgen. Am Schluss schrieb ich: «Ich lade die AutorInnen zu einem Unterrichtsbesuch ein und stelle mich jeder Evaluation.» Selbstredend kam es nie zu einem Unterrichtsbesuch.
Die Evaluationen kamen, knüppeldick
Die Evaluationen für Frühfranzösisch und Mehrsprachendidaktik hingegen kamen, und zwar knüppeldick. Die Lehrmittelreihe fiel in allen relevanten unabhängigen Untersuchungen völlig durch. Und Georges Lüdi, Leiter der Expertengruppe der EDK für ein Gesamtsprachenkonzept für die Volksschule in der Schweiz und glühender Vertreter des Frühfremdsprachenerwerbs, bekannte: «Internationale Studien haben in der Tat nachgewiesen, dass innerhalb des klassischen Fremdsprachenunterrichts ‹Frühstarter› am Schluss der Schulzeit ohne zusätzliche Massnahmen bezüglich ihrer Sprachkompetenzen kaum mehr messbare Vorteile haben». (Babylon, Oktober 2018).
Soeben haben die Französischlehrkräfte des Kantons Baselland dank erstrittener Lehrmittelfreiheit das Lehrmittel Clin d’Oeil zu fest 100% abbestellt (nur noch zwei (!) Lehrerinnen wollen weiterhin mit dem Buch arbeiten).
100 Millionen Franken in den Sand gesetzt
100 Millionen Franken hat uns dieser Spass gekostet. Gelder, die man in den Spracherwerb in Asylheimen, in die Ausbildung von Heilpädagoginnen oder direkt in die Bekämpfung des Illetrismus hätte investieren können. «100 Millionen Franken in den Sand gesetzt», würde es bei einer Privatinvestition eines Unternehmens heissen.
Die Verteidiger sind verstummt
Bernhard Pulver, ehem. Erziehungsdirektor des Kantons Bern: Ich möchte mich dazu nicht mehr äussern. Bild: Universität Bern
Die Protagonisten des frühen Fremdsprachenunterrichts und der Mehrsprachendidaktik wollen allerdings von ihren damaligen Voten nichts mehr wissen. «Die Verteidiger von ‹Mille feuilles› sind verstummt», schrieb der Journalist von Bergen am 20. Dezember 2019 in der Berner Zeitung. Reto Furter, bis 2018 Projektleiter für das Lehrmittel «Passepartout», ist heute Verantwortlicher für die Bereiche obligatorische Schule, Kultur und Sport bei der Erziehungsdirektorenkonferenz. Auf Anfrage erklärt er, er wolle sich in seiner neuen Funktion nicht mehr zum Lehrmittel äussern. Und Bernhard Pulver meinte gegenüber der Berner Zeitung: «Als Alt-Regierungsrat will ich heute zu aktuellen politischen Debatten nicht mehr Stellung nehmen.»
Die Karawane zieht weiter: Obligatorischer Sprachaustausch heisst das neue Zauberwort
Im Prinzip könnte das Beispiel dieser beiden Herren auch ein vorbildliches Leitmotiv für die heutigen selbsternannten Bildungspolitiker sein: Einfach mal die Klappe halten!
Doch weit gefehlt, die Karawane zieht weiter und Politiker wollen nun eben mal gestalten, und die desavouierten Dozenten, Kursanbieter und Fremdsprachenexperten suchen neue Einkommensquellen und Beschäftigungsfelder. Gestreng nach dem Sponti-Motto: «Wenn wir etwas vorschlagen und es nicht klappt, versuchen wir was Neues, vielleicht klappt es ja auch nicht,” vernimmt man aus den Politsälen des Landes beunruhigende Voten. Assistiert werden sie durch eine «newsorientierte» Presse, welche jeden Reformgedanken weiterhin aufsaugt und ihn unreflektiert wiedergibt. Schon 2014 forderte der NZZ-Journalist Andreas Diethelm einen obligatorischen Sprachaustausch für jeden Schweizer Schüler. Letztes Jahr postulierte der frühere Chefredakteur der Tribune de Lausanne, Peter Rothenbühler, in der Basellandschaftlichen Zeitung ebenfalls einen obligatorischen Sprachaustausch (Oktober 2019). Und das Migros-Magazin kürte den Studenten Christian Siegenthaler in einem Wettbewerb mit dem vielsagenden Namen «Wunschschloss» zum Preisträger 2019 für die innovativste Idee. Er forderte – dreimal dürfen Sie raten – einen obligatorischen Schüleraustausch zwischen den Landesteilen.
Natürlich darf jetzt auch die Politik nicht fehlen. Neu gewählte Nationalrätinnen aus allen Parteien wollen – keine Überraschung – einen obligatorischen Sprachaustausch der SchülerInnen unseres Landes fördern. Der Bund, so eine Nationalrätin, müsse jetzt endlich vorwärts machen. Im Dezember 2019 verlangte Martin Rufer (FDP) im Solothurner Kantonsparlament, dass die Französischkompetenzen der Volksschüler verbessert und der Sprachaustausch gefördert werden sollten. Und der Regierungsrat erklärte eilfertig, dass er sich der Wichtigkeit von Austauschprojekten bewusst sei. Es seien bereits Schritte zur Förderung solcher Aktivitäten unternommen worden. Der stets reformeuphorische und alarmistische Tagesanzeiger schliesslich beklagte: Nur 2 % der Schüler machen einen Sprachaustausch. Das Ziel müsse aber 100% sein (13.5.19).
Es bedarf wohl keiner grossen Phantasie, sich vorzustellen, wie rasch es gehen wird, bis die ersten Fachgremien gebildet, die ersten Kredite gesprochen, die ersten Grosskonzepte geschrieben sind. Doch vorher sollten die Sprachaustauschenthusiasten einmal einen Besuch im OSZ-Orpund machen. Warum, erkläre ich den Leserinnen und Lesern im 2. Teil meiner Analyse.
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