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Marie Meierhofer arbeitete im Herbst 1941 als Ärztin im Zürcher Kinderspital, als eine Krankenschwester aus dem Waisenhaus Einsiedeln einen kleinen Buben auf die Säuglingsstation brachte. «Sein mageres Körperchen war mit Eiterpusteln übersät», erinnerte sich Meierhofer später, «sein Schädel und sein Brustkorb waren deformiert, seine Beinchen angezogen und steif… Offenbar soll der Bub in einer Kiste gelegen sein, die für ihn zu klein geworden war.» Im Kinderspital lernte der anderthalbjährige Edgar sitzen und stehen und entwickelte sich unter der Obhut von Meierhofer zu einem fröhlichen Kind.
Als sich nach einem halben Jahr kein Pflegeplatz für Edgar finden liess, beschloss die 33-jährige Kinderärztin und Psychiaterin, den Jungen bei sich aufzunehmen, wie die Autoren Marco Hüttenmoser und Sabine Klein in ihrer Biographie über Marie Meierhofer schreiben.
Bereits als Teenager habe Meierhofer in einem Aufsatz mit dem Titel Mein Leben geschrieben: «Ich dachte immer daran, armen Kindern zu helfen … Ich stellte mir vor, ich hörte draussen Kindlein schreien, ich nähme sie zu uns, täte sie waschen und kleiden und ihnen zu essen geben … Ich dachte, ein Haus zu bauen mit meiner Freundin auf einer Wiese bei uns und arme Kinder aufzunehmen.»
Edgar, den Meierhofer liebevoll auch «Chläusli» nannte, war das beste Beispiel dafür, dass Zuwendung, Verständnis sowie altersgerechte Förderung durch Spiel und Kontakt mit anderen Kindern die Entwicklung eines Kleinkindes entscheidend fördern. Doch was heute als selbstverständlich gilt, fand damals kaum Gehör. «Die Pädiatrie (Anm.: Kinderheilkunde) stand unter der Fuchtel der Infektionskrankheiten, gegen welche es kaum Impfungen und noch keine Antibiotika gab», schrieb sie. «So kam es, dass die Babys möglichst von den Menschen ferngehalten, in ihrem Bett allein gelassen wurden. Dadurch entbehrten die Kinder Augen-, Hör-, Haut- und andere Kontakte und erlebten nicht Farben, Bewegung, Körperwärme, Gerüche, Geräusche, Musik, Befriedigung und Geborgenheit.»
Meierhofer bringt auf ihrer Spitalabteilung Kinder verschiedenen Alters zusammen und sorgt dafür, dass sie sich gemeinsam beschäftigen können. Sie setzt sich als Rotkreuzärztin in Frankreich für traumatisierte Kriegskinder ein und ist wesentlich an der Gründung des Kinderdorfes Pestalozzi für Kriegswaisen in Trogen beteiligt. Obwohl es dort immer wieder Streit um das Konzept gibt, engagiert sich Marie Meierhofer intensiv. In einem ersten Bericht über ihre Beobachtungen hält sie fest, dass es mehrere Jahre brauche, bis bei den Kindern die körperlichen Schäden ausgeglichen und die seelischen Traumen verarbeitet seien: «Dabei sind der länger andauernde Mangel an Liebe, Pflege und Schulung, an Sicherheit und festen Lebenskreisen schwerwiegender, als die, wenn auch im Moment schweren seelischen Erschütterungen durch Kriegserlebnisse.»
Als sie 1948 als Zürcher Stadtärztin gewählt wird, startet sie in einem Kinderheim erstmals ein Experiment, bei dem sich immer dieselbe Betreuerin um eine Gruppe von drei bis vier Kindern aus verschiedenen Altersstufen kümmert. Meierhofer beobachtet und testet diese Familiengruppen – ein erfolgreiches Experiment. Sie fordert in einem Bericht aber auch eine bessere Unterstützung berufstätiger Mütter: «Es wäre wünschenswert, in Siedlungen neben dem Kindergarten auch Krippen resp. Tageshorte für Kinder jeden Alters einzurichten.»
«Sich auf ein Kind einlassen zu können, braucht Zeit.»Heidi Simoni, Marie-Meierhofer-Institut
In der Schweiz haben solche Vorstösse geringe Chancen. Kein Wunder, nimmt Meierhofer die Einladung zu einem Studienaufenthalt in den USA begeistert an und kündigt ihre Stelle in Zürich. In Amerika kann sie unter anderem die ersten Rooming-In-Experimente beobachten, bei denen die Neugeborenen im Zimmer der Mutter und nicht mehr in Säuglingsabteilungen untergebracht werden. Als sie in die Schweiz zurückkehrt, möchte Meierhofer nach amerikanischem Vorbild ein Institut für Forschung, Aufklärung und Beratung gründen, in dem Ärzte, Erzieher und Eltern sich gemeinsam für die gesunde Entwicklung des Kindes einsetzen. Doch sie blitzt beim Zürcher Kinderspital und den Stadtbehörden ab.
Wieder kommt ein Angebot aus den USA, das verlockend klingt. Doch da ist auch noch Edgar. Der Bub ist inzwischen 13 Jahre alt. Er wächst kräftig, bleibt aber geistig behindert und hat ein unheilbares Nierenleiden. Weil sie ihren Adoptivsohn nicht in die USA mitnehmen durfte, bleibt Meierhofer in der Schweiz. Schliesslich gelingt es ihr mit privater Unterstützung 1957 doch noch, das Institut für Psychohygiene im Kindesalter zu gründen, das seit 1978 Marie-Meierhofer-Institut für das Kind heisst.
Europaweit Beachtung finden Anfang der 1960er-Jahre ein Film und ein Forschungsbericht mit dem Titel Frustration im frühen Kindesalter, in dem Marie Meierhofer die Situation in Zürcher Heimen dokumentiert: Es fehlt dort an Personal, Zeit und Zuwendung, so dass die Kleinen in ihrem emotionalen und sozialen Verhalten zurückbleiben.
«Dieses Material verwenden wir immer noch zu Ausbildungszwecken», sagt Heidi Simoni, die das Marie-Meierhofer-Institut für das Kind seit 2007 leitet. Meierhofers selbstredende Bilddokumente seien berührend und bestechend: «Man sieht und spürt unmittelbar: Das ist ein depressiver Säugling», beschreibt Simoni eine Schlüsselszene. Die Frage, wo es Situationen gebe, in denen kleine Kinder zu kurz kommen, stelle sich noch heute; zum Beispiel in der Diskussion um gute Kinderbetreuung und ihre Kosten, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gehe. «Sich auf ein Kind einlassen zu können, braucht Zeit», sagt die Psychologin. Das sei bei einem durchorganisierten Familienalltag, dem kurzen Mutterschutz und oft auch in Krippen und Horten ein brandaktuelles Thema.
Das heute vom Kanton Zürich unterstützte Institut bildet Erziehungsfachleute weiter, berät Kinder und Eltern in schwierigen Situationen, erstellt Gutachten und forscht. Meierhofer habe beispielhaft gezeigt, wie man Praxis und Wissenschaft miteinander verbinden könne, sagt Simoni: «Das ist für uns immer noch wegweisend.» So konnte das Institut im Auftrag der Bildungsdirektion des Kanton Zürich in Kurzfilmen, gedreht mit Familien, Tagesfamilien, Spielgruppen und Kindertagesstätten, zeigen, wie Kinder unter vier Jahren im Alltag lernen. Um zu beobachten, wie kleine Kinder aufeinander zugehen, richtete Marie Meierhofer bereits in den 1950er-Jahren einen Studienkindergarten ein. Von einer angrenzenden Kabine aus konnten Erzieher das Geschehen dank Einwegspiegeln unbemerkt verfolgen.
Obwohl sich Meierhofer so sehr für Kinder engagierte, blieb Edgar ihr einziger Sohn. Eine Heirat kam offenbar nie in Frage. «In unserer Familie war genug Unglück geschehen», begründet sie ihre Haltung und meinte damit Schicksalsschläge, die sie schon als Kind hart trafen: Die Achtjährige sitzt in der Schule, als ihr kleiner Bruder im Schwimmbassin zu Hause ertrinkt. Als 16-Jährige wartet sie in Paris vergeblich auf ihre Mutter, die bei einem Flugzeugunglück stirbt. Sechs Jahre später verunglückt der Vater bei einer Wildwasserfahrt im Ticino. Marie muss jetzt die Verantwortung für ihre zwei jüngeren Schwestern übernehmen. Doch nur drei Jahre später stirbt die 20-jährige Albertine in einer psychiatrischen Klinik.
«Ich glaube heute, dass dies der tiefere Grund war für die Ausrichtung meines ganzen Lebens auf die Suche nach Mitteln zur Hilfe und zur Vorbeugung für psychisch kranke und in Not geratene Kinder», schreibt Meierhofer später. «Darum wich ich trotz beglückender Beziehungen einer Ehe immer aus: denn diese bedeutete damals für uns Frauen in Europa, sich ganz dem Ehemann und der Familie zu widmen.» Auch der Adoptivsohn erliegt im Alter von 26 Jahren seinem Nierenleiden. Marie Meierhofer sucht Trost bei ihren Hunden. «Die Hunde sind eben ‹bessere Menschen›», schreibt sie. «Sie sind wunderbare Therapeuten und halfen mir oft, auch in der Praxis mit den Kindern.»
Mit 60 beginnt die Kleinkindforscherin eine Nachuntersuchung ehemaliger Heimsäuglinge, die jetzt im Teenageralter sind. Sie ist überzeugt, dass verschiedene Störungen bei den Jugendlichen eine Folge des Heimaufenthalts sind. Mit 83 sieht sie im Altersheim einen Film über Aids-Waisen in Afrika und erarbeitet umgehend einen Vorschlag für afrikanische Kinderdörfer. Die Kinder sollen in ihren Häusern oder Hütten bleiben können und möglichst viel Selbständigkeit und Vertrauen erhalten – ein Konzept, das zumindest teilweise realisiert wird.
Sie habe lange gelebt, geliebt und gelitten, schreibt Meierhofer in einem Bericht, den sie 1995, drei Jahre vor ihrem Tod, an ihre Freunde verschickt: «Wenn ich jetzt auf mein Leben zurückblicke, dann leuchtet hell das Bild von Edgar, meinem Chläusli, hervor, jenem kleinen, verlorenen Büblein aus dem Kinderspital, welcher mir bei der Arztvisite seine mageren Ärmchen entgegenstreckte. Wenn ich an sein Bettchen trat, nahm er meine Hand, legte sein Gesichtlein hinein und lachte … Trotz allen Hindernissen hatte Edgar ein glückliches Leben und hinterlässt uns unvergessliche Erinnerungen.»
Das Buch «Marie Meierhofer, 1909-1998: Ein Leben im Dienst der Kinder» von Marco Hüttenmoser kann hier bestellt werden.