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Titel
Geschlechtsorgane
(Genitalien, Sexualorgane, Fortpflanzungsorgane, Organa genitalia), diejenigen Teile eines Organismus, in welchen sich die zur Fortpflanzung dienenden Stoffe bilden, im männlichen Geschlecht also die Hoden, im weiblichen die Eierstöcke. Im einfachsten Fall gelangen die Produkte dieser auch als Keimdrüsen bezeichneten Organe (Same, resp. Eier) [* 2] ohne weiteres nach außen oder in den Darm [* 3] oder in die Leibeshöhle (so bei manchen niedern Tieren), gewöhnlich jedoch werden sie mittels besonderer Kanäle (Samenleiter, resp. Eileiter) an den Ort ihrer Verwendung gebracht.
Dazu gesellen sich noch vielerlei Drüsen, welche Säfte zur Vermischung mit dem Samen [* 4] oder zur Einhüllung des Eies (Schalendrüsen) oder zur Versorgung des Embryos mit Nahrung (Eiweißdrüsen, Dotterstöcke) etc. absondern, ferner Säckchen zur einstweiligen Aufbewahrung des reifen Samens innerhalb des männlichen (Samenblasen) oder weiblichen Körpers (Samenbehälter) etc. In vielen Fällen sind auch besondere Begattungsorgane (Rute, resp. Scheide) zur sichern Übertragung des Samens in die Nähe des Eies vorhanden. - Werden Samen und Eier in derselben Keimdrüse produziert (bei manchen Mollusken), [* 5] so heißt diese eine Zwitterdrüse. Gebiert ein Tier lebendige Junge, so entwickeln sich die Eier in einer besondern Erweiterung des Eileiters, der Gebärmutter. [* 6] - Was die Wirbeltiere betrifft, so sind sie mit vereinzelten Ausnahmen getrennten Geschlechts.
Hode (s. d.) und
Eierstock (s. d.) sind stets paarig und liegen fast bei allen in der
Leibeshöhle als mehr oder minder langgestreckte
Organe. Bei den
Leptokardiern,
Cyklostomen und manchen
Fischen fallen
Same und
Eier aus ihnen in die
Leibeshöhle und
werden durch den sogen. Bauchporus ins
Wasser entleert, wo die
Befruchtung
[* 7] erfolgt. Dagegen sind bei den meisten
Fischen und
in sämtlichen höhern
Gruppen besondere Einrichtungen zur Fortleitung der
Geschlechtsstoffe getroffen und zwar in der Art,
daß Teile der
Urniere, resp. des Urnierenganges dazu verwendet werden.
Der Urnierengang (s.
Niere) beginnt nämlich mit einer trichterförmigen Öffnung in der
Leibeshöhle,
kann also die in ihr befindlichen
Stoffe
(Same, resp.
Eier) aufnehmen und mit dem
Harn der
Urniere nach außen befördern. Er
spaltet sich aber gewöhnlich in zwei
Zweige, von denen der eine in beiden
Geschlechtern den
Harn und außerdem beim Männchen
noch den
Samen ableitet, der andre (sogen. Müllersche
Gang)
[* 8] beim Weibchen als
Eileiter fungiert, dagegen
beim Männchen bedeutungslos und meist auch verkümmert ist.
Damit aber der
Same auf demselben Weg wie der
Harn entleert werden könne, muß er von der
Hode aus erst durch den vordern Teil
der
Urniere selbst hindurchtreten; indem sich dieser vom Reste der
Urniere ablöst, wird er zur sogen.
Nebenhode (s.
Hode) und der betreffende
Zweig des Urnierenganges zum
Samenleiter; im weiblichen
Geschlecht verkümmert letzterer
mit dem Auftreten der definitiven
Niere und besteht als sogen. Gartnerscher
Kanal
[* 9] fort. Die
Urniere selbst erhält sich bei
den
Amphibien in Wirksamkeit, hat aber bei den höhern
Wirbeltieren der definitiven
Niere Platz gemacht
und kommt daher nur noch beim
Embryo als sogen.
Wolffscher Körper zum Vorschein. Reste von ihr bleiben jedoch selbst bei den
Säugetieren als sogen. Giraldèssches
Organ des Männchens, resp. als Nebeneierstock des Weibchens zeitlebens bestehen. -
Wie aus dieser
Darstellung ersichtlich, sind am
Geschlechtsapparat der
Wirbeltiere außer den
¶
mehr
Keimdrüsen noch die Urniere und ihre Gänge beteiligt; nur durch das Verhalten der letztern ist der eigentümliche Umstand erklärbar, daß (abgesehen von einigen Fischen) der Same stets in einem zusammenhängenden Kanal befördert wird, die Eier hingegen bei ihrer Loslösung vom Eierstock in die Leibeshöhle geraten und von ihr in die trichterförmige Öffnung des Eileiters eintreten müssen, um nach außen geführt zu werden. Doch ist bei Säugetieren jene Öffnung (die sogen. Muttertrompete) dem Eierstock so nahe gerückt und von Falten des Bauchfelles so umgeben, daß die Eier unter normalen Umständen stets direkt in den Eileiter hineinfallen. (Geraten sie dennoch in die Leibeshöhle, so geben sie häufig zu Bauchschwangerschaften Veranlassung.) - Die Mündung der Geschlechts- und Harnorgane nach außen liegt bei den meisten Fischen hinter dem After, bei den übrigen Wirbeltieren fast immer mit dem After zusammen (neben oder vor ihm) in einer Vertiefung, der sogen. Kloake.
Aus der Wand der letztern können sich alsdann besondere Vorsprünge erheben und als Begattungsorgane
Verwendung finden; so bei Eidechsen
[* 11] und Schlangen,
[* 12] wo sie aus der Hinterwand, so bei den übrigen Reptilien, den Vögeln und
Säugetieren, wo sie aus der Vorderwand der Kloake hervorwachsen. Bei den Säugetieren, wo die Kloake gewöhnlich nur während
des Embryonallebens besteht, im erwachsenen Tier hingegen meist zwei besondern Öffnungen (After und Mündung
der Harnröhre) Platz macht, schließt das Begattungsorgan im männlichen Geschlecht sogar die Harnröhre ein und stellt so den
Penis (s. Rute) dar, während es im weiblichen Geschlecht als sogen. Klitoris die hinter ihr gelegene Harnröhre freiläßt. -
In weiterer Beziehung zu den
Geschlechtsorganen stehen bei den Säugetieren noch die Milchdrüsen. - Beim
Menschen gehören zu den männlichen
Geschlechtsorgane (vgl. Tafel »Eingeweide
[* 13] II«,
[* 10]
Fig. 2 u. 3) der Hodensack (scrotum, s. Hode), der die Hoden
mit den Samengängen enthält, die Samenleiter (s. d.), Samenbläschen, die Vorsteherdrüse (s. d.) und die Rute (s. d.).
Die weiblichen
Geschlechtsorgane sind die Eierstöcke (s. d.), Eileiter (s. d.), Gebärmutter (s. d.) und Scheide (s. d.) mit der äußern Scham.
Wegen der Einzelheiten vgl. die bezeichneten Artikel.
Geschlechtsorgane der Pflanzen.
Bei den Pflanzen lassen sich die
Geschlechtsorgane auf einen einzigen Typus zurückführen, der bei den Gefäßkryptogamen am
klarsten ausgeprägt ist, und welcher auch bei den Blütenpflanzen in reduzierter Form auftritt. Als männliche
Sexualorgane finden sich bei allen Gefäßkryptogamen und Moosen sowie bei vielen Algen
[* 14] und einigen Pilzen verschieden gebaute
Zellbehälter, die Antheridien, welche die männlichen Befruchtungselemente (Zoospermien) erzeugen, während die weiblichen
Geschlechtsorgane, die Archegonien oder Oogonien, eine für die Aufnahme des männlichen Befruchtungsstoffs
bestimmte Zelle,
[* 15] die Eizelle, enthalten, die nach der Befruchtung zu einer neuen dem Mutterorganismus gleichen Pflanze, dem Keim
oder Embryo, auswächst.
Die später aus dem Embryo hervorgehende Pflanze entwickelt als ungeschlechtliche Vermehrungsorgane die Sporangien, welche
ungeschlechtliche Fortpflanzungszellen oder Sporen enthalten. Durch Keimung derselben entsteht bei den Farnen eine besonders
organisierte Zellgeneration, das Prothallium, an welchem männliche und weibliche
Geschlechtsorgane auftreten. Bei gewissen
Formen der Gefäßkryptogamen (Salvinia,
[* 16] Marsilia,
[* 17] Isoëtes,
[* 18] Selaginella)
entwickeln sich nun zweierlei Sporen, von denen die einen,
die kleinern Mikrosporen, nur Prothallien mit männlichen Sexualorganen erzeugen, während die größern Makrosporen weibliche,
d. h. Archegonien tragende, Prothallien durch Keimung hervorgehen lassen.
Bleibt das Prothallium innerhalb der sich nicht öffnenden Makrospore eingeschlossen, während aus den Eizellen sich Embryonen bilden, so entsteht der Fall, der bei der ersten Abteilung der Blütenpflanzen, den Gymnospermen, stattfindet. Bei ihnen erscheinen die Mikrosporen als Pollenkörner, [* 19] die Makrosporen aber als eine im Innern eines massigen Sporangiums, der sogen. Samenknospe, eingeschlossene Zelle, die bei allen Blütenpflanzen als Embryosack [* 20] bezeichnet wird. In diesem entsteht ein saftiges Zellgewebe (Endosperm), das dem weiblichen Prothallium entspricht, und an dessen Rand nach längerer Zeit einfach gebaute große Archegonien (die corpuscula der ältern Botanik) mit befruchtungsfähigen Eizellen auftreten.
Die Mikrosporen oder Pollenkörner bilden in ihrem Innern ebenfalls einen kleinen, zelligen Körper als Andeutung des männlichen Prothalliums aus und treiben bei der Keimung, welche hier nur an der Mündung der Samenknospe (der Mikropyle) stattzufinden vermag, einen Schlauch (Pollenschlauch), dessen Ausstülpungen bis zu den Zentralzellen der Archegonien vordringen. Bewegliche männliche Befruchtungskörper (Zoospermien) werden in diesem Fall nicht gebildet, sondern die Befruchtungssubstanz dringt wahrscheinlich bei geschlossen bleibender Haut [* 21] des Pollenschlauchs in Form einer Lösung bis zu den Eizellen.
Die den Gymnospermen gegenüberstehenden übrigen Blütenpflanzen (Angiospermen), deren Samenknospen in einem besondern Gehäuse,
dem Fruchtknoten, eingeschlossen sind, unterscheiden sich in ihren
Geschlechtsorganen nur dadurch von den nacktsamigen Gewächsen,
daß bei ihnen die Prothalliumbildung im Embryosack bis auf die Bildung sehr weniger (gewöhnlich drei)
Zellen (Gegenfüßlerinnen oder Antipoden) am hintern Ende desselben reduziert erscheint, während am vordern Ende drei andre
Zellen, die eigentliche Eizelle nebst zwei Gehilfinnen (Synergiden), die Aufnahme des Befruchtungsstoffs aus dem Pollenschlauch
übernehmen.
Letzterer entsteht durch Keimung der Mikrosporen oder Pollenkörner auf der Narbe des Fruchtknotens, von der
er bis zur Mündung einer Samenknospe weiter wächst. Auch im Pollenkorn der Angiospermen wird zuweilen eine die Prothalliumbildung
andeutende, vorübergehende Zellteilung beobachtet. Auf diese Weise sind die
Geschlechtsorgane der Sporen- und der Blütenpflanzen
durch eine Kette von Übergängen verbunden; alle übrigen Unterschiede, wie die Ausbildung der Samenknospen
zu reifen, einen Embryo bergenden Samen, das Auswachsen des Fruchtknotens zur Frucht, die Umbildung der die Mikrosporen tragenden
Blätter zu beutelförmigen Antheren, die Umhüllung der Bestäubungsorgane mit besonders gestalteten und gefärbten Kelch-
und Blumenblättern, erscheinen nur als nebensächliche, durch Anpassung an besondere Lebensverhältnisse
erworbene Momente. -
Vgl. die Spezialartikel Algen, Pilze, [* 22] Moose, [* 23] Farne, [* 24] Staubgefäß, Embryosack, Samenknospe.