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Gemeinsam mit ihrem Ehemann setzt sich Naomi Wyss in der amerikanischen Grossstadt San Diego für obdachlose Menschen ein. Bewegt wird sie von der Liebe Gottes, der ihr in früher Kindheit eindrücklich begegnete.
Was bringt eine junge Frau aus Frutigen dazu, sich in San Diego (USA) um Obdachlose zu kümmern? Und wie kann sie es als Ehre bezeichnen, stundenlang am Boden zu sitzen und sich deren Geschichten anzuhören? Die Antwort findet sich in ihrer Lebensgeschichte.
Eine Umarmung Gottes
Die Eltern von Naomi Wyss trennten sich, als sie vier Jahre alt war. «Ich erinnere mich gut an den Schmerz, den diese Trennung mit sich brachte. Ich sass oft am Boden und weinte.» Sie war damals fünf oder sechs Jahre alt. «Da hörte ich eine Stimme zu mir sagen: ‹Naomi, ich liebe dich. Darf ich dein Vater sein?› Ich wusste, dass es Gott war.» Das war Naomis erste Begegnung mit Gott. Es war eine Umarmung von Gott! Nein, sie spürte keine physischen Arme, aber die Begegnung war real und hat ihr Leben verändert. «Von da an wollte ich zu Gott gehören.» Durch schwierige Phasen in ihrer Kindheit und Jugend war die Beziehung mit Gott prägend. «Auch heute erfahre ich, wie Gott mir nahe ist.» Über die Jahre wuchs Naomis Anliegen, dass viele Menschen Gott als ihren Vater kennenlernen dürfen.
«Da hörte ich eine Stimme zu mir sagen: ‹Naomi, ich liebe dich. Darf ich dein Vater sein?› Ich wusste, dass es Gott war.»
Wenn die USA zum Thema werden
2017 heiratete sie Eliel, einen schweizerisch-amerikanischen Doppelbürger, der grösstenteils in den USA aufgewachsen war. Nachdem Naomi ihre Ausbildung zur diplomierten Pflegefachfrau abgeschlossen hatte, beschlossen die beiden, gemeinsam eine Ausbildung in den USA zu absolvieren. Dort hatten dann beide das Gefühl, dass in Amerika ihr Platz war. Ausgelöst durch einen Traum, zogen die beiden nach Kalifornien. «Wir begleiteten Jugendliche aus schwierigen Familienverhältnissen und in herausfordernden Situationen.» Naomi arbeitete neben ihrem Theologie Studium in der Pflege und Eliel als Sozialarbeiter mit Kindern und Familien, welche sich in traumatischen Zuständen befanden.
Ein denkwürdiger Abend
Es war am Abend des 5. Juni 2020. Naomi war lange wach. «Wieder einmal spürte ich Gottes Liebe ganz stark. Ich war berührt und weinte.» Da war es, als würde ein Film vor ihren Augen ablaufen. «Wir waren in Südkalifornien und auf den Strassen einer Grossstadt mit obdachlosen Menschen unterwegs.» Sie weckte ihren Mann und erzählte ihm ihre Erfahrung. Dieser war sofort überzeugt, dass dies Gottes Reden war. Am folgenden Wochenende machten sie eine elfstündige Autofahrt nach San Diego. «Dort wussten wir beide: dies ist unser Platz.» Im Oktober packten sie Hab und Gut zusammen und zogen nach San Diego, 30 Minuten von der mexikanischen Grenze entfernt. «Bis wir ein kleines Studio fanden, lebten wir die ersten zwei Wochen im Auto.» Trotzdem waren die beiden überzeugt, dass Gott sie in dieser Stadt haben wollte.
«Wir durchziehen die Strassen, setzen uns zu den Obdachlosen und lassen uns auf ihre Geschichten ein.»
«San Diego beheimatet Tausende von obdachlosen Personen.» Naomi war erstaunt, wie viele Amerikaner keinen Bezug zu Gott haben. Gemeinsam mit Eliel macht sie wöchentlich fünf bis sechs Einsätze auf den Strassen und gründeten dazu die Arbeit «Embrace Ministries».
Naomi bezeichnet es als Ehre, Zeit mit armen Menschen zu verbringen. «Wir durchziehen die Strassen, setzen uns zu den Obdachlosen und lassen uns auf ihre Geschichten ein. Dabei treffen wir auf Drogen- oder Menschenhändler, auf Gangmitglieder und viele andere.» Das Aufbauen von Freundschaften mit Menschen auf der Strasse ist bedeutend. Es berührt Naomi und Eliel, wie Obdachlose ihre Herzen immer mehr öffnen. Punktuell organisieren sie auch mal Zelte oder Schlafsäcke. «Es gibt Angebote von der Stadt, um Obdachlosen Nahrung zu geben.» So verweisen sie Obdachlose manchmal an eine Stelle, wo beispielsweise ein Frühstück abgegeben wird.
Die Kraft der Umarmung
Die lebensverändernde Erfahrung von Naomi, als sie Gott als liebenden Vater kennenlernte, zeigt sich auch in ihrem Umgang mit Menschen. «Wir möchten die Menschen einfach in die Arme nehmen.» Das drückt auch der Name «Embrace Ministries» aus. «Wir verstehen Umarmung auf dreierlei Weise», beschreibt sie ihre Tätigkeit. Erstens sagen sie Ja zu den Menschen, zweitens begrüssen sie deren Veränderung und drittens auch ihre Bestimmung. Letztlich sollen obdachlose Menschen, die im Leben verletzt wurden, einfach Liebe erfahren. «Und es gibt keine grössere Liebe als diejenige, die Gott schenkt. Diese Liebe verändert Menschen und führt sie in ihre wahre Bestimmung.» So freut sich Naomi immer besonders, wenn sie mit Leuten beten darf und diese sich Gott zuwenden. Inzwischen gibt es viele Geschichten von Menschen, die auf der Strasse eine Begegnung mit Gott hatten. Diese Umarmung der Liebe Gottes hat in deren Leben oft eindrückliche Auswirkungen, berichtet Naomi Wyss. Oder kurz und knapp: «Eine Umarmung kann Wunder wirken!»
«Gottes Liebe verändert Menschen und führt sie in ihre wahre Bestimmung.»
Die Wurzeln nicht vergessen
«Ich bin in Frutigen aufgewachsen und habe hier viele Beziehungen», hält Naomi fest. So kommt beispielsweise mehr als die Hälfte ihrer Unterstützer von hier. «In Frutigen lernte ich auch den Wert von Treue kennen.» Viele Menschen setzen sich treu für die Gesellschaft ein. Diese Prägung hat Auswirkungen auf ihre Arbeit in San Diego. Zugehörigkeit und Verbindlichkeit ist ihr sehr wichtig. Naomi hat viele Freundinnen, die ihr auch nach vier Jahren in den USA noch sehr verbunden sind.