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Vignola. Zu diesem Kreise von «Theoretikern», bei denen das Lehrhafte und Berechnende die freie Erfindungsgabe einengte, gehört vor allem Giacomo Barozzi, genannt Vignola (1507-1573),
der auch als Verfasser größerer Lehrbücher von Bedeutung ist. Von Julius III. war er mit dem Bau der Villa des Papstes, die «Vigna di Papa Giulio» betraut worden. Vignola war hier jedoch mehr Ausführer, als selbständiger Erfinder, da der Plan wahrscheinlich vom Papste selbst mit Benutzung von Gedanken Bramantes, Rafaels u. a. entworfen wurde. Von bedeutenderen eigenen Bauten ist das Schloß Caprarola bei Viterbo zu nennen (Fig. 426) und in Rom die Kirche «del Gesu», welche für eine ganze Reihe von Kirchenbauten vorbildlich wurde (Fig. 427). Vignola kann als der hauptsächlichste Vermittler der Kunstweise Michelangelos betrachtet werden, da er, abgesehen von seinen Schriften, in den Bauwerken allgemeinverständlicher war, als der Hauptmeister selbst. Der kleinere Geist ist eben leichter zu erfassen als der große, und kann daher auch eher Schule machen.
Für Vignola war ausschließlich die Antike maßgebend und vor allem der römische Baumeister und Schriftsteller Vitruvius, auf dessen Schriften auch sein eigenes Lehrbuch fußte. Er hatte für das Verhältnis der einzelnen Bauglieder zu einander aus den Werken der Antike bestimmte Verhältniszahlen herausgerechnet und diese zu Regeln verwendet. Das Grundmaß war der Durchmesser eines unteren Säulenschaftes, daher denn auch für die ganze Einteilung der Baukunst die fünf Säulenordnungen (dorisch, jonisch, korinthisch, römisch, etruskisch oder toskanisch) maßgebend sind. Während Vignolas Vorgänger die Verhältnisse nach ihrem eigenen künstlerischen Gefühl regelten, hält er sich ausschließlich an das «ausgerechnete Gesetz». Dieser Mangel an künstlerischer Freiheit, die völlige Unterordnung unter die verstandesmäßige Rechenkunst prägt sich auch in den Werken Vignolas aus, welche oft ziemlich nüchtern und schwunglos erscheinen, obwohl die Einzelheiten von
^[Abb.: Fig. 446. Andrea della Robbia: Wickelkind.
Florenz. Kinderspital.]
^[Abb.: Fig. 447. Andrea della Robbia: Die Heimsuchung.
Pistoja. S. Giovanni.] ¶
großer Formschönheit sind. Nach Michelangelos Tode war er Baumeister von St. Peter geworden und führte als solcher die beiden Nebenkuppeln aus, die er abweichend von Michelangelos Plänen nicht halbkugelförmig, sondern mehr länglich gestreckt gestaltete. Die dabei angewandten Verhältnisse zwischen Tambour (Unterbau), Wölbung und Laterne wurden vorbildlich und fast stets angewendet. Bei dem vorerwähnten Kirchenbau «del Gesu» sind die Entwürfe des Grundrisses und der Stirnseite Vignolas Werk. Der Widerstand, den Michelangelos Gedanke der Centralanlage für Kirchen sowohl bei den Künstlern, wie hauptsächlich in den Kreisen der Geistlichkeit gefunden hatte, bewog Vignola, wieder auf das Langhaus-System zurückzugreifen, und in dem Plane der «del Gesu» bot er gleichfalls ein für lange Zeit hinaus geltendes Muster.
Giacomo della Porta. Der bedeutendste und geistvollste Schüler Vignolas war Giacomo della Porta (1541-1604),
der sowohl den Bau von «del Gesu», wie jenen der Kuppel von St. Peter vollendete. Daß er der letzteren eine gegenüber Michelangelos Entwurf schlankere Form gab, war ein Verdienst, denn dadurch erhielt die Umrißlinie der Kuppel ihre hohe Schönheit. Giacomo della Porta blieb der Hauptvertreter jener Richtung, welche sich strenge an die Formensprache der Antike hielt, und jede Bestrebung, selbständig neue Formen zu finden, als unkünstlerisch verwarf. Ein freieres Regen begegnet man nur in den gartenkünstlerischen Anlagen, bei denen das Malerische sein Recht behauptete.
Fontana. Unter della Portas Schülern ragt nur Martino Lunghi der Aeltere über seine Genossen hervor, welche im ganzen tüchtig in der Arbeitsfertigkeit, aber sonst ohne besondere Geisteskraft erscheinen. Einer von der Vignolaschen abweichenden Richtung gehörten die Brüder Domenico und Giovanni Fontana an, von denen der erstere Baumeister von St. Peter und mit den höchsten Ehren überhäuft wurde. Domenico Fontana (1543-1607) zeichnete sich durch eine besondere Meisterschaft in allen Dingen der Arbeitsfertigkeit aus; als Baukünstler hat er immer das Ganze im Auge, das er scharf erfaßt und klar zur Erscheinung bringt; eine starke Neigung zur Größe und Weiträumigkeit ist ihm zu eigen, und dadurch wirken seine Bauten, weil sie für übermenschliche Verhältnisse berechnet erscheinen, mehr erkältend als ansprechend. Der Mangel an schwungvoller Einbildungskraft macht sich ebenfalls fühlbar.
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Genua. Alessi. Die römische Baukunst gelangte im 16. Jahrhundert in Italien ebenso zur Vorherrschaft, wie Florenz im verflossenen. Schüler Bramantes und der übrigen Baumeister von S. Peter brachten die neuen Formen nach den oberitalienischen Landschaften, wo besonders in Genua und Venedig eine rege Bauthätigkeit herrschte. Genua erhielt in dieser Zeit seine prächtigsten Palastbauten, bei denen vor allem die Treppenanlagen bemerkenswert sind. Die Bodenverhältnisse dieser Stadt, welche an einem ziemlich steilen
^[Abb.: Fig. 448. Agostino di Duccio: Musizierende Engel.
Perugia. S. Andrea.] ¶