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Eine transnationale Geschichte der ökologischen Reflexivität im Kontext der libertären Bewegung, 1870-1914
Milo Probst
Umweltzerstörung und -verschmutzung wurden bereits im 19. Jahrhundert vielfältig diskutiert und kritisiert. Dieses Projekt möchte die Entstehung und Verbreitung von Formen der ökologischen Reflexivität innerhalb der libertären Bewegung zwischen 1870 und 1920 untersuchen. Der Fokus auf die anarchistische Bewegung bietet sich nicht nur aufgrund ihrer transnationalen Struktur an. Ebenso fällt auf, dass viele Anarchisten den unvorsichtigen und zerstörerischen Umgang der modernen industrialisierten Gesellschaften mit der Natur reflektierten und vielfach Utopien entwarfen, die eine harmonische Naturbeziehung anstrebten. Hier schliesse ich auch an meine Masterarbeit an, in welcher ich das ökologische Denken beim französischen Geografen und Anarchisten Elisée Reclus (1830-1905) erforscht habe. Ich konnte zeigen, dass dieser Autor eine eigenständige Konzeption der Beziehung zwischen Mensch und Natur entwickelte, bei der in politischer Hinsicht eine freie Gesellschaft im Einklang mit den Naturgesetzen verwirklicht werden sollte.
Das Erkenntnisinteresse des vorliegenden Forschungsprojekts gilt somit der Verknüpfung von ökologischem Wissen, emanzipatorischen Praktiken und utopischen Gesellschaftsentwürfen im Kontext der anarchistischen Bewegung. Als Arbeitshypothese schlage ich vor, die ökologische Reflexivität nicht nur als spezifische Wissensform zu behandeln, sondern ebenso als Moment, in dem – im Kontext der Industrialisierung, der Globalisierung und der damit einhergehenden ökologischen Transformation – die europäische Modernisierung kritisch hinterfragt wurde und alternative Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens erprobt wurden. Die für dieses Projekt angestrebte transnationale Perspektive erlaubt es dementsprechend, ungleiche ökologische Beziehungen zwischen verschiedenen geografischen Räumen aus der Perspektive der an diesen Austauschbeziehungen beteiligten Akteure in den Blick zu nehmen. Dabei wird versucht, die vielfach diagnostizierte Kluft zwischen Umwelt- und Sozialgeschichte zu schliessen, indem untersucht wird, wie auch innerhalb der Arbeiterbewegung die Beziehungen der Menschen zur Natur reflektiert wurden und alternative Naturbeziehungen entworfen und praktiziert wurden.