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Im hinteren Teil des Kastenwagens turnt Verena Saladin auf den niederen Hocker vor das Arbeitstischchen. Aus dem Nistkasten, den sie eben von einer Buche gehängt hat, hebt sie eine kleine Kohlmeise, acht Tage alt, leicht beflaumt, Flügelchen mit Ansätzen von Federn, ein riesiger Schnabel, der aufgesperrt zum orangen Loch wird. Saladin weist auf ein krabbelndes Etwas am Bauch des Vogels: «Eine blutsaugende Fliegenmade.»
Während sie mit einer Schublehre die Schnabelbreite, dann mit einem Massstab die Flügellänge misst und die Ergebnisse notiert, sagt sie: «Parasiten verzögern Gewichtszunahme und Wachstum.» Vorsichtig setzt sie das Tier auf die Waage: 6,3 Gramm. «Deutlich leichter als der Durchschnitt.» Mit einer Spritzenkanüle ritzt sie vorsichtig die Fussvene des Tiers, saugt das Bluttröpfchen mit einer Mikrokapillare ab und gibt es in ein kleines verschliessbares Plastikgefäss. Der Ring, den sie danach mit einer Zange um das Beinchen des Tiers schliesst, trägt die Prägung «N386023, Sempach, Helvetia».
Feldsaison ist Hochsaison
Neben fünf lebenden findet Saladin in diesem Brutkasten drei tote Jungtiere, und alle lebenden sind zu leicht, unterkühlt, hungrig, und ausgetrocknet – «dehydriert», sagt sie. Ein schlechter Start ins Leben: «Vermutlich überleben sie nicht.» In ihren Unterlagen verzeichnet sie den Tod der Jungtiere 4, 7 und 8. Identifizierbar sind sie, weil ihnen am zweiten Lebenstag eine Arbeitskollegin Saladins nach einem bestimmten System an Rücken und Kopf Flaumfederchen ausgezupft hat.
Während Saladin über Waldwege den Kastenwagen zum nächsten Gelege steuert, erzählt sie von ihrer Arbeit: «Für mich hat eben die Feldsaison begonnen.» In den kommenden sechs Wochen arbeitet sie im Team einer Doktorandin für deren Forschungsarbeit. Arbeitsort ist der Forst zwischen Laupen und Bümpliz (BE) mit seinen 270 Nistkästen, in denen zumeist Kohlmeisen hausen. Hier besucht sie die Jungtiere, führt die Messungen durch und entnimmt ihnen Blut. Für die statistische Auswertung der Daten muss sie das überall genau am neunten Tag nach dem Schlüpfen tun. Eine strenge Zeit, denn der Zeugungsrhythmus der Kohlmeisen kennt keine Fünftagewoche. «Pro Kasten rechne ich im Schnitt eine halbe Stunde Arbeit. An Spitzentagen habe ich rund zwanzig Kästen auf dem Programm.»
Am Ende der Feldsaison werden sich im Tiefkühler des Zoologischen Instituts der Universität Bern mehrere Tausend Blutproben stapeln, auch die der Jungtiereltern. Gegen Ende Juni wird dann die Laborarbeit beginnen. In Reihenuntersuchungen von je 96 Blutproben wird Saladin mittels genetischer Analysen das Geschlecht – bei Jungtieren von aussen nicht erkennbar – bestimmen und testen, ob der soziale Vater der Nestlinge auch ihr genetischer Vater ist.
Neue Antworten – neue Fragen
Unterdessen hat Verena Saladin ihre Leiter wieder an einen Baum gestellt und holt den Brutkasten 444 herunter. «Sturz von der Leiter, Zecken- und Flohbisse, ein Autounfall im Wald – wir haben schon einige Berufsrisiken», sagt sie. «Nur Vogelgrippe ist keines. Singvögel sind nicht vom H5N1-Virus betroffen.» Auch in diesem Kasten sitzen acht Jungtiere, alle leben, Durchschnittsgewicht über zehn Gramm und kaum Parasiten. Ein besserer Start ins Leben. Aber sie relativiert: «In einem Jahr werden von den diesjährigen Nestlingen erfahrungsgemäss noch maximal zehn Prozent leben.»
Während sie am Arbeitstischchen im Kastenwagen arbeitet, beantwortet sie die Laienfrage, wozu denn die ganze Arbeit gut sei. «Wir betrieben Grundlagenforschung. Was aus dem Wissen wird, das wir zusammentragen, wird sich zeigen», sagt sie und erklärt das Projekt: Bei den Kohlmeisen teilten sich beide Elternteile in die Brutpflege, wobei das Männchen für die Futterbeschaffung zuständig sei und das Weibchen zusätzlich für das Wärmen der Brut. Diese Vorstellung von Partnerschaftlichkeit sei nun aber relativiert worden, seit man Vaterschaftstests machen könne. «Wir wissen nun, dass rund fünfzehn Prozent der jungen Meisen nicht vom sozialen Vater gezeugt worden sind.»
Das wirft neue Fragen auf: Warum gehen die Weibchen, die während der Brutzeit mit einem bestimmten Partner ihr Nest gebaut haben, fremd? Welche Männchen sind für sie sexy? Spielt ihr Gesang eine Rolle, dessen Dauer, dert Umfasng des Repertoires? Oder ist der richtige Gelbton der Brustfedern entscheidend?
Mit ihren DNS-Analysen kann Verena Saladin Fragen naturwissenschaftlich exakt beantworten, die noch vor wenigen Jahren nicht beantwortbar gewesen wären. Aber hinter jeder Antwort öffnet sich ein neuer Fächer von Fragen, die die Forschung weitertreiben. Und jede Forschung bedeutet Arbeit. Wenn es sein muss sieben Tage pro Woche.
[Kasten]
Von Projekt zu Projekt
Aufgewachsen ist Verena Saladin (* 1972) in Gelterkinden (BL). Nach dem Gymnasium in Liestal und einem kurzen Praktikum bei Roche in Basel studierte sie an der Universität Bern Zoologie. Lizenziatsarbeit über den Lebensraum des «Schneiders», eines kleinen, karpfenartigen Fisches, der auch in schweizerischen Flüssen vorkommt. Ab 1998 hangelt sie sich dann zwischen kleinen Aufträgen und Arbeitslosigkeit vorwärts. Bei den Projekten, in denen sie mitarbeiten kann, geht es um biologische Schädlingsbekämpfung, um molekularbiologische Untersuchungen an Schlupfwespen oder um die geisttötende Auszählung von tiefgefrorenen Flohpopulationen.
Ab der Feldsaison 1999 findet sie nach und nach Anschluss an die Kohlmeisenforschung. Drei Jahre später hilft sie im Labor des Zoologischen Instituts der Universität Bern die Vaterschaftstests für Meisenmännchen aufzubauen. Heute ist sie hier mit einem Dreijahresvertrag zu achtzig Prozent bei Jahresarbeitszeit angestellt. Sie verdient brutto knapp Fr. 4440.- und gehört keiner Gewerkschaft an.