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Sie protestierten, demonstrierten, provozierten. Später machten sich einige 68er in Wirtschaft oder Politik einen Namen. Einer von ihnen ist Andrea Hämmerle, ehemaliger Nationalrat der Sozialdemokratischen Partei (SP). Für swissinfo.ch reflektiert er, wie "1968" seinen Lebensweg geprägt hat.
1968 war ein Jahr des Umbruchs und des Aufbruchs. Es hat damals manche Jugendliche eingenommen. Heute sind die 68er plus minus 70 Jahre alt. Natürlich sind es abertausende unterschiedliche Lebensgeschichten, die zwischen 1968 und 2018 liegen. Ich vermute, dass es trotzdem Entwicklungen gibt, die vielen 68ern gemeinsam sind. Ich bin Teil dieser Generation, die 1968 (politisch) sozialisiert wurde. Deshalb ist es reizvoll, an Stelle einer wissenschaftlichen Analyse den Versuch zu wagen, anhand meiner Biographie ein paar vielleicht nicht untypische Aspekte dieser so vielfältigen Bewegung zu skizzieren.
Ich bin 1946 geboren, aufgewachsen mit Mutter und Grosseltern in einer eher grossbürgerlichen Politikerfamilie. Mein Grossvater war als Vertreter der Bündner Demokraten zwischen den 1930er- und 1950er-Jahren Nationalrat, Regierungsrat und Richter. Bei ihm genoss ich eine protestantisch-linksliberale politische Erziehung. Auch wenn er ideologisch nicht stur war, folgte sein Weltbild doch der Logik des kalten Krieges: Die USA war gut und die Sowjetunion böse. Die Dritte Welt aber war kein Thema. Ich entsprach also dem weitverbreiteten Klischee, nach welchem die 68er privilegierte Bürgersöhnchen waren.
Doch diese bürgerliche Sozialisation war nicht nachhaltig. Auf einer langen und abenteuerlichen Autostoppreise in den Nahen und Mittleren Osten (1967) verschlug es meinen Freund und mich in den Campus einer Teheraner Universität. Wir wohnten bei politisch hellwachen oppositionellen Studenten. In ihren verrauchten Buden diskutierten sie über die Politik des Schahs und der USA. Das alles war für mich völlig neu. Ich kannte den Schah und seine Soraya vielleicht aus der "Schweizer Illustrierten" als glamouröses Paar, das in meinem Heimatkanton, in St. Moritz, extravagante Ferien machte und sich auf den Skipisten von Corviglia vergnügte. Die Problematik der Entwicklungsländer, der ungerechte Welthandel, die Rolle der CIA in der Welt – all das war mir völlig fremd. Doch eines merkte ich: Die Welt war etwas komplizierter, als ich bisher glaubte.
Wenig später hielt der oppositionelle persische Intellektuelle, Bahman Nirumand, in Zürich einen brillanten Vortrag über sein Land: "Persien, Modell eines Entwicklungslandes". Die Begegnung mit den Teheraner Studenten und die Auseinandersetzung mit Nirumands Thesen waren der Beginn meiner linken politischen Sozialisation. Und die war nachhaltig! Wie viele andere 68er hatte mich die Drittweltproblematik zum Denken angeregt.
Zuerst kurz in Zürich und dann fast zehn Jahre in Basel bewegte ich mich als Student und Doktorand in der linken 68er-Szene, war POCH-Sympathisant, nahm an vielen Demos teil, gehörte aber keiner Partei an und war politisch nicht wirklich aktiv. Dazwischen unternahm ich zuerst mit Freunden und dann mit meiner Frau viele ausgedehnte Reisen in die weite Welt: Nord-, West- und Zentralafrika, Nahost, Afghanistan, Südamerika. Unvermeidlich war ein Trip nach Paris im Mai 1968. Ich wollte dort sein, wo nach meiner Überzeugung Weltgeschichte geschrieben wurde. Wie viele 68er meine ich, dass man die Welt nur versteht, wenn man sie erfährt. 1979 kehrte unsere Familie nach Graubünden zurück. In diesem kleinen Biotop experimentierten wir mit neuen Wohn- und Arbeitsformen: Wohngemeinschaft, Berufs- und Familienarbeit für Frau und Mann, biologische Landwirtschaft.
Politisch begann der Marsch durch die Institutionen, zunächst gepflastert mit saftigen Wahlniederlagen. Wer sollte im SVP-dominierten Domleschg einen langhaarigen linken Provokateur wählen, der in einer 1.-Mai-Rede mit dem berühmten Marcuse-Zitat "Nicht das Bild einer nackten Frau, die ihre Schamhaare entblösst, ist obszön, sondern das eines Generals in seinem vollen Wichs"? Unkonventionelle Experimente und Provokationen sind ein Markenzeichen mancher 68er.
Erst Ende der 1980er-Jahre gelang mir der elektorale Durchbruch: 1989 wurde ich überraschend ins Kantonsparlament gewählt und zwei Jahre später in den Nationalrat. Dort politisierte ich als eingemitteter Sozialdemokrat, ohne aber meine 68er-Vergangenheit und die vielfältigen ökologischen, pazifistischen und Drittweltideen von damals zu verleugnen. Wie manche meiner Zeitgenossen versuchte ich, die Hörner abzustossen, ohne den Kopf zu verlieren.
Andrea Hämmerle, alt Nationalrat (SP), Pratval/Domleschg (GR)