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09 Dez Der Weg der Wunder – Bergbau und Handwerk vor der Globalisierung
Der Weg der Wunder – Bergbau und Handwerk vor der Globalisierung
Dr. Urs Wiederkehr ist Bauingenieur und Verantwortlicher für Digitale Prozesse in der Geschäftsstelle des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA). Für diese achtteilige Kolumne aus Anlass der Eröffnung des Ceneri-Basistunnels besucht er 2020 diverse Orte im Städtedreieck Bellinzona-Lugano-Locarno.
Vier verlassene Bergwerke und eine Hammerschmiede erinnern an eine Zeit mit hohem Selbstversorgungsgrad, als der Begriff «Globalisierung» noch ein Fremdwort war. Der Weg der Wunder, ein Themenweg im Malcantone zwischen dem Monte-Ceneri-Pass und Lugano, führt an Orte, die Gefahr laufen, in Vergessenheit zu geraten.
Der Rundweg startet in Novaggio oberhalb des Lago di Lugano. Im überwiegend bewaldeten Gebiet führt der Pfad nordwärts gegen die Fliessrichtung des Flusses Magliasina und dann nach dessen Überquerung in Südrichtung zurück. Wegen der engen Verhältnisse am Flussufer muss mehrmals der Umweg über die Talhänge gewählt werden.
Regelmässig führen Abzweigungen zu Sehenswürdigkeiten, so unterhalb von Miglieglia zu den Baglioni- und Franziminen. Sie wurden ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgebeutet. Da der 1803 gegründete Kanton Tessin kein Bergbaugesetz kannte, ging er mit Konzessionen zögerlich um. So fand ein quasi illegaler Abbau statt. Die Ausbeute war aber gering: Auf eine Tonne Material wurden nur 12 Gramm Gold bzw. 38 Gramm Silber gewonnen. Kein Wunder, wurden die Minen bereits im 19. Jahrhundert wieder aufgegeben. In den Kriegszeiten des 20. Jahrhunderts wurden die Minen erneut genutzt – dies aufgrund mangelndem Ertrag jedoch nur für kurze Zeit. An verschiedenen Stellen wurde das Gebiet mit Trockenmauern terrassiert. Zum einen wurde so eine einfachere Wegführung möglich, zum anderen konnten so Roggenfelder angelegt werden.
In der Hammerschmiede (Maglio) von Aranno stellte Fedele Agostini (1888 – 1983) als letzter Schmied Sensen, Schaufeln, Spaten und Hacken für den lokalen Markt her. Der Fund einer verrosteten Sichel mit Bezeichnung «Agostini» in den 1960er-Jahren im 20 Kilometer entfernten Mendrisiotto zeigt auf, dass der Handel über die lokalen Grenzen stattgefunden hat. 1951 war in den Alpen ein Unwetterjahr, mit 265 Toten durch Lawinenniedergänge, davon 65 in der Schweiz und 15 im Tessin. Im August gab es Überschwemmungen, und sowohl die Hammerschmiede wie auch die Mühle von Aranno wurden zerstört. Agostini und seine Familie mussten flüchten. Die Stiftung «Maglio del Malcantone» rekonstruierte die Hammerschmiede ab 1979, so dass heute der einzige wasserkraftgetriebene Schwenkhammer in der Schweiz wieder in Betrieb beobachtet werden kann.
Die Burgruine des Castello di Magliasina ist wenig erforscht. Die Vermutung liegt nahe, dass sie zu einem Beobachtungsnetz gehörte, das von Ponte Tresa her bis Arosio im oberen Malcantone reichte. Eventuell diente sie bereits zur Kontrolle über eine in spätrömischer Zeit angelegte alternative Verbindung von Varese über den Monte Ceneri zu den Alpenpässen. Ein halbes Dutzend weiterer Orte mit Überresten von Anlagen deuten darauf hin, dass eine mühsamere, aber sicherere Nord-Südverbindung angestrebt wurde. Obwohl das Malcantone bereits früher Teil von globalen Routen war, musste Fedele Agostini mit seinen Werkzeugen wenigstens noch nicht mit Obi und Hornbach konkurrenzieren.
Text: Urs Wiederkehr
Tipps:
Weg der Wunder / Sentiero delle meraviglie
Novaggio ist von Lugano über Magliaso (Haltestelle an der Eisenbahn nach Ponte Tresa) per Postauto erreichbar (Novaggio, Posta).
Monte Lema
Von Miglieglia lohnt sich auch ein Abstecher mit der Luftseilbahn auf den Monte Lema. Eine vielbegangene Wanderung führt zur Alpe di Foppa (Monte Tamaro, Luftseilbahn nach Rivera) mit Mario Bottas Kirche Santa Maria degli Angeli.
Neben dem Weg der Wunder führen weitere Themenwege durchs Malcantone:
Kastanienweg (ab Arosio)
Sonnenweg (ab Arosio)
Sentiero dell'Acqua Ripensata"(ab Sessa)
Zwischen Himmel und Erde (ab Monte Lema)
Schlecht erschlossen und knappe Platzverhältnisse: Kein Wunder dass die idyllisch gelegene: Baglioni-Mine nur von 1878 und 1884 betrieben worden ist.
Noch ohne SIA-Merkblatt 2053:2020 "Trockenmauerwerk in Naturstein" gebaut: Trockenmauern zum Schutz des Wegnetzes (oben) und als Tragstruktur des Castellos di Magliasina (unten).