Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03243.jsonl.gz/714

Die Bilder von blutrotem Wasser dürften hoffentlich allen bekannt sein. Alljährlich werden beim "Grindadráp", der traditionellen Grindwaljagd auf den Färöer-Inseln, hunderte Grindwale in ausgewählten Buchten zusammengetrieben und getötet. Jedes Jahr dieselben Bilder, jedes Mal bin ich wieder verwirrt. Warum dieses Blutbad? Zum ersten Mal habe ich mich näher mit dem Thema befasst, anstatt nur empört aufzuschreien.
Ohne Social Media hätte ich gar nicht mitgekriegt, dass just in diesen Tagen während des "Grindadráp" auf den Färöer Inseln wieder hunderte Grindwale eingekesselt und getötet werden. Davon mitgekriegt habe ich nur dank Sea Shepherd. Irgendwie bin ich beim Stöbern auf Facebook bei der berühmten Meeresschutzorganisation gelandet. 1977 von Captain Paul Watson gegründet, hat sich Sea Shepherd auf die Fahne geschrieben, mit direkten Aktionen die Weltmeere und deren Bewohner zu schützen und insbesondere Wilderei, illegale Fischerei und Tierquälerei zu bekämpfen.
Was ist ein Grindadráp?
Sea Shepherd geht natürlich gegen jegliche Art von Walfang vor, so auch gegen den traditionellen Walfang auf den wunderschönen Färöer Inseln. Diese winzige, autonom verwaltete Inselgruppe ist Teil des Königreichs von Dänemark und liegt im Nordatlantik. Fischerei und damit der Walfang ist Teil ihrer Geschichte und kulturell eng mit den Inseln und deren Bewohnern verbunden. Aufgrund der kargen Landschaften und des harschen Klimas machen Fleisch und Fisch einen grossen Teil der färischen Diät aus. So ist der Grindwalfang eine jahrhundertealte Tradition. Die erste dokumentierte Jagd fand im Jahr 1584 statt. Nicht nur Grindwale fallen dem Grindadráp zum Opfer, auch ein, zwei andere Delfinarten sind dabei. Die Jagd selbst unterliegt strengen Regeln.
Die Sichtung der Wale
Für den Grindadráp (grind = Grindwalschule dráp = Tötung/Schlachtung) auf den Färöer Inseln gibt es kein fixes Zeitfenster. Meist findet die Jagd in den Sommermonaten zwischen Juni und Oktober statt. Wird die Sichtung einer Schule von Grindwalen gemeldet, machen sich möglichst viele Schiffe zum gemeldeten Ort auf. Dann wird versucht, die Grindwale mit den Schiffen in eine Bucht zu lenken (oder treiben, je nach Quelle), wo die Tiere eingeschlossen werden. Tatsächlich darf der Grindadráp nicht in jeder willkürlich ausgesuchten Bucht stattfinden, sondern nur in einer von 23 ausgewählten Buchten (Hvalvàgir) entlang der färischen Küste.
Grindadráp - ein blutiges Spektakel
Die Grindwale werden nahe an den Strand getrieben, wo den Tieren mit speziellen Lanzen (Mønustingari) im Nacken hinter dem Blasloch das Rückenmark und die Halsschlagader durchtrennt werden. Die Tiere sind praktisch sofort tot. Es wird grossen Wert darauf gelegt, dass das Leiden der Tiere möglichst gering und die Schlachtung möglichst kurz ist. Dies ist sogar gesetzlich festgehalten. Dass viel Zeit und Forschung in eine möglichst schnelle Tötung investiert wird zeigt dieses Dokument. Die Beobachtung, dass die Walfänger im Blutrausch umher rennen, um möglichst viele Wale zu töten, dürfte somit falsch sein. Keines der Tiere soll unnötig leiden. Es darf keine Zeit vergeudet werden. Dass sich eine Bucht während dem Grindadráp blutrot färbt, ist die logische Folge. Trotzdem sind die Bilder heftig und eindrücklich.
Was passiert mit dem Walfleisch?
Ein für mich wichtiger Punkt kommt von den Walfängern selbst. Sie sagen, dass das Problem nicht die Farbe des Wassers sei, sondern dass sich die Menschheit den Anblick von Schlachtungen aufgrund der industriellen Fleisch- und Fischverarbeitung einfach nicht mehr gewöhnt sei. "Ich esse lieber Walfleisch von einem Tier, das sein Leben lang in Freiheit gelebt hat, als importiertes Hühnerfleisch aus Dänemark", sagt ein Walfänger. Glaubt man der Mehrheit der Berichte, die ich gelesen habe, wird wo immer möglich der komplette Grindwal verwertet. Das beim Grindadráp gewonnene Fleisch wird nicht verkauft, sondern verteilt, auch in den Supermärkten. Die Verteilung unterliegt einem hierarchischen System. Dieses reicht von der Person, die die Wale gesichtet hat bis zu Spitälern. Entgegen anderen Walfangnationen wie Japan oder Norwegen wird das Fleisch auch nicht exportiert, sondern bleibt auf den Färöer Inseln. Die Reste der Wale wandern wieder in den Ozean, wo sie von Meeresbewohnern verwertet werden.
Ist der Grindadráp wirklich nötig?
Die Frage ist nun – befürworte ich plötzlich den Walfang? Nein, keinesfalls. Jeglicher Walfang ist überholt. Traditionen hin oder her. Der Mensch braucht kein Walfleisch mehr. Trotzdem denke ich nach meinen Nachforschungen, dass der Grindwalfang auf den Färöer Inseln viele wichtige Punkte beinhaltet, die in der heutigen Zeit völlig vergessen gehen. Das sind der Respekt vor dem Tier und die Nachhaltigkeit. Die Menschen, die an der färischen Grindwaljagd teilnehmen oder auch nur schon als Zuschauer zugegen sind, bewegen sich viel näher an der Natur als der Endkonsument in einem Supermarkt irgendwo in Europa, der sich ein fein vorbereitetes und abgepacktes Lachsfilet aus Alaska gönnt, das bereits um die halbe Welt gereist ist. Auch für den Fisch und das Fleisch im Supermarkt ist Blut geflossen. Nur passiert es hinter verschlossenen Türen. Und viele dieser Tiere haben, im Gegensatz zu den färischen Grindwalen, keine Sekunde in Freiheit gelebt, geschweige denn Tageslicht gesehen.
Und nun?
Pati und ich gönnen uns ab und zu Meeresfrüchte von den lokalen Fischern. Das Fleisch kommt nach wie vor aus dem Regal im Supermarkt. Trotzdem – eine Frage, die ich mir immer wieder stelle ist: Kann man in der heutigen Zeit den Konsum von Fleisch und Fisch überhaupt noch rechtfertigen? Ich kann darauf keine abschliessende Antwort geben. Dies sprengt den Rahmen dieses Blogposts und sei schlussendlich jedem selbst überlassen. Aber wenn ich einen Fisch selber fange, töte, ausnehme und zubereite, denke ich: So muss das sein. So ist es nachhaltig und korrekt.
Was meinst du zu diesem Thema? Wir sind gespannt eure Meinungen zu hören. Shitstorm in 3, 2, 1…