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Melitta Breznik
Geboren 1961 im steiermärkischen Kapfenberg (Österreich). Studium der Medizin (Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie). Sie ist Autorin von Romanen und Erzählungen und lebt in Zürich und Basel. (2015)
Werke (Auswahl)
Figuren.
Luchterhand Literaturverlag, 1999
Nachtdienst. Eine Erzählung.
S. Fischer Verlag, 1995
Figuren
Luchterhand Literaturverlag, 1999
Aus: Melitta Breznik. Figuren. Luchterhand Literaturverlag, 1999
Licht, grelles Licht, Grau, eine Betonwand, man kann den Abdruck, das Muster der Schalungsbretter noch erkennen. Weit weg hörst du ein Blubbern, Blasen im Wasser, ein sattes Geräusch, grobblasig, dann siehst du die Umrisse eines aluminiumgerahmten Fensters, eine Schattenlinie an der kaltglatten Hausmauer gegenüber, die Sonne scheint, muss scheinen, warum sonst der Schatten, du kannst den Rand des Fensters nicht ausmachen, über der Mauer der Himmel, es muss der Himmel sein, das hier ist die Erde. Du liegst mit nach hinten überstrecktem Kopf da, versuchst dich zu orientieren. Ein Piepston, regelmässig, dann langsamer werdend, im Hintergrund ein tieferer Ton, im Takt, wie der Takt des Weckers auf deinem Nachttisch, auf den du immer gelauscht hast, mitten in der Nacht, wenn die Sekunden länger waren als sonst, weil du nicht einschlafen konntest. Dein Hals schmerzt, dein Nacken, es ist jemand anderer im Zimmer, du hörst schnarchenden Atem, wendest den Kopf, das Fenster hinter deinem Bett scheint über die ganze Wandbreite zu reichen, dein suchender Blick erreicht die Ecke, dort ein mit weissem Plastikband verkleidetes Steigrohr, an der Decke Neonlampen, hell erleuchtet, das Rohr geht am unteren Rand des Bildes in ein Metallgestell über, du siehst alles schneller, als du begreifen kannst, lange tiefe Dunkelheit. Dann wieder das Metallgestell, Kopfende eines Bettes, du siehst die Knick-stelle der Metallstange, daran befestigt die mit Kunststoff überzogene Halterung für die Hände, drehst den Kopf zurück und entdeckst über dir eine weitere Stange, es hängt keine Halterung daran, sie haben dich richtig eingeschätzt, du könntest sie nicht einmal benützen…
So, 04.06.00, 13:30
Nachtdienst. Eine Erzählung
S. Fischer Verlag, 1995
Aus: Melitta Breznik. Nachtdienst. Eine Erzählung. S. Fischer Verlag, 1995
An den weissen verfliesten Wänden der Obduktionskammer bricht sich das Geräusch des aus der Brause kommenden Wasserstrahls, der vom Gehilfen in schnellen kurzen Schwüngen über dem blutverschmierten Korkbrett hin- und herbewegt wird, wo zuvor die Organe des alten eingefallenen Körpers seziert wurden. Der geöffnete Brustkorb ist gefüllt mit einem Durcheinander von Innerei-Resten, das Hirn, gelblich zerfliessend, neben dem muskatnussfarbenen Halbmond der Leber. Ich habe dem Obduzenten die Daten des Patienten mitgeteilt, die vermutete Todesursache. Mit knappen Bemerkungen über jedes inspizierte Organ zieht er sich dir viel zu lange Fleischerschürze über den Kopf, streift die bräunlich verkrusteten Gummihandschuhe ab, ordnet pedantisch das Besteck, Fleischermesser in allen Grössen Scheren in mehreren Variationen, Schöpflöffel, zwei an der Zahl, ein mittelgrosser Fuchsschwanz, die handliche kleine Kreissäge für die Schädeleröffnung, Sonden jeder Länge, Hammer und Stemmeisen. Man muss genügend Abstand nehmen, um nicht an den Alten aus Abteilung A mit seinem Schmerz denken zu müssen, hier gilt die Aufmerksamkeit einzig und allein der Kunst des Zerlegens, nach Schule, in ästhetischer Manier, mit verschiedensten Schnittechniken, nach altösterreichischen Medizingrössen benannt. Todesursache Herzversagen, Grundleiden schwere dekompensierte Leberzirrhose mit Stauungsorganen und Oesophagusvarizen, fortgeschrittene Arteriosklerose.