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Hampel B et al, HIV Medicine 2019
Chemsex drugs on the rise - so der plakative Titel einer kürzlich erschienenen Publikation einer Autorengruppe aus der Schweizerischen HIV Kohortenstudie (SHCS). Der Begriff Chemsex steht dabei für ein weltweit zunehmendes Phänomen, welches den Sexualverkehr unter dem geplanten Einfluss von psychoaktiven Substanzen beschreibt und fast ausschliesslich von Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), praktiziert wird. Besonders häufig werden dazu Substanzen wie GHB/GBL, Mephedron, Ketamin, Methamphetamin, Poppers, Kokain und Amphetamin verwendet. Die vorliegende Arbeit hat nun innerhalb der SHCS untersucht, wie und wo Chemsex stattfindet und wer davon am meisten betroffen ist.
Die Autoren haben sich für ihre Analyse die Daten zur Erfassung von Substanzengebrauch in der SHCS zu Nutze gemacht, welche bei den SHCS Teilnehmern durch Fragebögen alle sechs Monate ermittelt werden. Zu den untersuchten Chemsex Substanzen haben die Autoren GHB/GBL, Metamphetamine, Ketamin, Mephredon, Kokain, XTC/MDMA und Poppers gezählt, weitere untersuchte Substanzen beinhalteten Cannabis, Heroin, Benzodiazepine, Opioide, LSD und andere Psychotropika oder Anabolika. Zudem haben die Autoren untersucht, ob gewisse Krankheitsbilder wie Depression oder sexuell übertragbare Infektionskrankheiten mit Chemsex vergesellschaftet sind. Als Zeitraum der Analyse haben die Autoren die Jahre 2007 bis 2017 gewählt.
Insgesamt wurden die Daten von über zwölftausend SHCS Teilnehmenden ausgewertet, davon waren knapp die Hälfte MSM und die übrigen Teilnehmenden heterosexuelle Männer und Frauen. Die meisten MSM kamen aus der Region Zürich. Über alle Teilnehmenden hinweg fanden die Autoren über die Zeit einen stabilen Anteil von ca. 10 Prozent der Frauen und Männern, die im analysierten Zeitraum mindestens einmal den Konsum von Drogen angegeben hatten. Anders sah es aus, als die MSM separat ausgewertet wurden: hier zeigte sich über die Zeit eine statistisch signifikante Zunahme an Chemsex von 9% in 2007 auf 14% in 2017. Besonders eindrücklich zeigte sich diese Zunahme durch einen zwölffachen Anstieg an Metamphetamingebrauch und einen dreifachen Anstieg beim Konsum von GBH/GBL. Bei den nicht-MSM fand sich hingegen eine signifikante Abnahme an Drogenkonsum.
In einem zweiten Schritt haben die Autoren die verschiedenen Schweizer Städte unter die Lupe genommen. Hier fanden sie in den Städten Genf, Lausanne, Bern, Basel, St. Gallen und Lugano nur eine minime Zunahme an Chemsex über die Zeit. Anders sah es in Zürich aus: hier zeigte sich eine massive Zunahme an Chemsex zwischen 2007 und 2017 mit dem deutlichsten Anstieg der Kurve zwischen 2015 bis 2017.
Zuletzt gingen die Autoren der Frage nach, ob der Konsum von Chemsex mit anderen negativen Folgen vergesellschaftet war. Auch hier wurden die Autoren fündig. Es zeigte sich nämlich, dass Personen, welche Chemsex angegeben hatten, häufiger an Depressionen litten und ungeschützten Sexualverkehr mit Gelegenheitspartnern praktizierten. Letzterer Umstand zeigte sich auch daran, dass Personen, welche Chemsex konsumiert hatten, häufiger mit einer Hepatitis C oder anderen sexuell übertragbaren Infektionskrankheiten infiziert waren.
Zusammenfassend zeigt die Studie eindrücklich, dass das Phänomen Chemsex unter MSM in Zürich angekommen ist und wahrscheinlich über die kommenden Jahre zunehmen wird. Der Kollateralschaden von Chemsex zeigt sich darin, dass Männer, die Chemsex konsumieren, mehr sexuelles Risikoverhalten eingehen und sich dann häufiger mit Hepatitis C und anderen sexuell übertragbaren Infektionskrankheiten infizieren. Wichtig ist deshalb, dass Personen, welche Chemsex konsumieren, alle drei bis sechs Monate auf sexuell übertragbare Infektionskrankheiten untersucht werden sollten. Weiter zeigt die Studie einen Zusammenhang zwischen Chemsex und Depressionen. Offen bleibt dabei die Frage, ob der Konsum von Chemsex zu mehr Depressionen führt oder eine Depression zur Folge hat, dass die Männer Chemsex konsumieren. Der Schluss der Studie ist, dass diese Zusammenhänge besser untersucht werden müssen und dies dazu beitragen kann, die Fallzahlen von HIV und sexuell übertragbaren Infektionskrankheiten runterbringen zu können. Zuletzt können solche Studien wichtige Erkenntnisse erbringen, damit Programme zur Bekämpfung von Substanzengebrauch entwickelt werden können.
Kommentar Positivrat
David Haerry
Kein Zweifel: Was Ben Hampel und Kollegen hier zeigen ist sehr wichtig für die Schweiz. Eine Frage dürfen wir uns aber stellen: Wie tauglich ist der SHCS Fragebogen puncto Erfassen psychoaktiver Substanzen? Ist allen Patienten klar, was mit der etwas simplen Frage nach Drogen gemeint ist? Sind alle Patienten wirklich ehrlich? Haken die Ärzte nach, auch wenn Zeitdruck besteht? Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass wir bloss die Spitze des Eisbergs sehen…