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«Ja, es gibt Frauen in dieser Industrie – und sie haben auch Ohren!» Diesen Satz schrieb Ethel Gabriel 1990 in einem offenen Brief an den Herausgeber des Billboard Magazins. Und er zeigt, dass Gabriel auch Jahrzehnte nach all ihren Erfolgen weiter für die Frauen im Musikgeschäft kämpfte, ja sogar kämpfen musste.
Vor 100 Jahren, am 16. November 1921, kam Gabriel in Pennsylvania zur Welt. Ursprünglich wollte sie Forstwirtschaft studieren, die Uni nahm jedoch keine Frauen an. So entschied sich Gabriel für ein Musikstudium.
Von der Qualitätskontrolle zur Künstlerbetreuung
Um sich das Studium zu finanzieren, nahm Gabriel einen Job beim Plattenlabel RCA an. Sie klebte die Labels auf die Platten und wurde schon bald befördert. Ihr neuer Job: Von jeden 500 gepressten Vinylscheiben musste sie zufällig eine auswählen und die Qualität kontrollieren.
Dabei stellte sich schnell heraus, dass Gabriel unglaublich musikalisch war und das A&R-Departement von RCA stellte sie als Sekretärin ein. A&R steht für «Artists and Repertoire», wo neue Künstlerinnen und Künstler unter Vertrag genommen, die Demos angehört und auch Aufnahmesessions durchgeführt werden.
Tausende Scheiben gehen auf ihr Konto
Ethel Gabriel hatte ein gutes Näschen bei der Verpflichtung neuer Talente. Sie überzeugte 1955 ihren Boss, Perez Prado unter Vertrag zu nehmen – und dieser landete mit «Cherry Pink and Apple Blossom White» einen weltweiten Hit. Im gleichen Jahr war Gabriel mit dabei, als Elvis Presley zu RCA wechselte.
Gabriel produzierte in der Folge ungezählte Scheiben. Sie selbst sprach von rund 2500 Alben, für die sie verantwortlich war, Sony, das heute das RCA-Archiv hat, geht jedoch davon aus, dass es sehr viele mehr waren. Sie brachte für RCA unter anderem Scheiben von Dolly Parton, Henry Mancini, Paul Anka oder Harry Belafonte raus.
Vom Pleiten-Label zum Millionen-Business
RCA versetzte Ethel Gabriel in den späten 1950er-Jahren zu Camden Records, der «Billiglinie» des Labels. Camden Records war zu dieser Zeit auf dem absteigenden Ast. «Ich bin mir sicher, dass sie mich so einfach loswerden wollten», sagte Gabriel 1992 in einem Interview. Doch es kam anders: «Naja, ich habe ein Multimillionen-Dollar-Business daraus gemacht.»
Gabriel lancierte die sogenannte «Living Strings»-Serie: Bekannte Klassiker in orchestralen Versionen nachgespielt. Die Serie wurde ein unglaublicher Erfolg – aber nicht ihr einziger. Weitere Serien waren «Pure Gold» und «A Legendary Performer».
Ethel Gabriel war eine Vorreiterin. Nicht nur als Frau im Musikgeschäft. Sie zeichnete sich verantwortlich für die erste kommerziell erfolgreiche Stereo-Platte oder auch für das erste digital remasterte Album. Als der damalige Produzent Warren Schatz die erste Disco-Scheibe in den 1970er-Jahren veröffentlichen wollte, besorgte sie ihm die Finanzierung.
Enge Freundschaft mit Frank Sinatra
1958 heiratete Ethel Gabriel Gus, einen Musikkritiker. Das Paar war eng mit Frank Sinatra befreundet, für den sie ebenfalls Platten produzierte. Als ihr Mann 1973 im Sterben lag, besuchte sie ihn wie jeden Tag im Spital, als sie bemerkte, dass das ganze Gesundheitspersonal in heller Aufregung war. «Ich fragte: ‹Stimmt etwas nicht?› Dabei waren nur alle aufgeregt, weil sie gerade von Frank Sinatra unterschriebene Fotos bekamen, damit sie sich besonders gut um meinen Mann kümmern.»
Für die Neu-Auflage der «The Tommy Dorsey/Frank Sinatra Sessions» gewann Gabriel 1983 ihren einzigen Grammy.
Späte Anerkennung und Bekanntheit
1984 verliess Ethel Gabriel, die in der Zwischenzeit zur Chefin mehrere Labels bei RCA befördert worden ist, das Label. Ihr Engagement für Frauen in der Musikindustrie setzte sie jedoch bis an ihr Lebensende fort. Am 23. März dieses Jahres verstarb sie im Alter von 99 Jahren.
Trotz all ihrer Erfolge machte Gabriel kaum Schlagzeilen. Die Tontechnikerin April Tucker sagte gegenüber der «New York Times» als sie mit ihren Recherchen zu den Pionierinnen der Musikindustrie begann: «Ich hatte zuvor noch nie von ihr gehört.» Aus diesen Recherchen und vielen Gesprächen mit Gabriel selbst soll noch in diesem Jahr ein Film über sie entstehen.