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- Luchsprojekt - GGD 2020-2023
- Umsiedlungen
- Balkan Lynx Recovery Programme
- Abgeschlossene Projekte
Luchsforschung 1983-2015
Der grösste Teil der Forschungsarbeit war zu Beginn von KORA dem Luchs gewidmet, der seit 1971 in den Alpen und 1974 im Jura wieder angesiedelt wurde. Die Forschung und Überwachung der sich entwickelnden Populationen begann mit der Sendermarkierung der ersten beiden Luchse im März 1983 im Berner Oberland. Die Radiotelemetrie eröffnete neue Dimensionen der Wildtierforschung, speziell bei so heimlichen und seltenen Arten wie dem Luchs.
Von 1983 bis 2015 haben wir Luchse in verschiedenen Teilen der Schweiz und bei unterschiedlichen ökologischen Bedingungen beobachtet. Wir haben über hundert Luchse während eines Teils ihres Lebens mittels Radiotelemetrie begleitet. Bis 2015 lässt sich die Luchsforschung in der Schweiz in sechs Projekte mit unterschiedlichen Fragestellungen aufteilen:
1) 1983-88 Nordwestalpen I
2) 1985-88 Wallis
3) 1988-98 Jura
4) 1997-2001 Nordwestalpen II
5) 2001-2009 Nordostschweiz LUNO
6) 2012-2015 Nordwestalpen III
ZENTRALSCHWEIZ UND NORDWESTALPEN I 1983-1988
Die erste grössere Telemetriestudie am Eurasischen Luchs lieferte erste Ergebnisse zu Raum- und Sozialstruktur und Beutewahl von insgesamt 11 Luchsen. Die Luchs- und Beutetierpopulationen waren damals stabil und der Einfluss des Luchses auf seine Beutetiere gering.
Raumnutzung von vier residenten Luchsen in den Nordwestalpen (blau Männchen, rot Weibchen). Die Linien stellen die Streifgebiete dar, die Flächen die Wohngebiete. Von den ersten beiden sendermarkierten Tieren sind auch die Peilungen eingezeichnet.
(Abbildung aus Breitenmoser & Breitenmoser-Würsten 2008)
WALLIS 1985-1988
Im Wallis waren 1985-1988 sechs Luchse an der Ausbreitungsfront der Luchspopulation mit Sendern ausgerüstet. Die Behörden beklagten einen starken Rückgang von Reh und Gemse. Haller (1992: Zur Ökologie des Luchses Lynx lynx im Verlauf seiner Wiederansiedlung in den Walliser Alpen) dokumentierte im Jagdbanngebiet Turtmanntal eine intensive Bejagung der beiden Arten durch den Luchs. Das Reh war sogar zeitweilig verschwunden. Dies stand in einem starken Kontrast zu den bisherigen Resultaten aus den Nordwestalpen.
JURA 1988-1998
Die Untersuchungen an der wiederangesiedelten Population im Jura starteten 14 Jahre nach den Freilassungen und dauerten bis 1998. Diese erste langfristige Studie an 29 Luchsen erlaubte uns Daten zur Stabilität der Raum- und Sozialstruktur, zur Demographie und zur Abwanderung von Jungtieren zu sammeln. Der grosse Datensatz ermöglichte auch die Berechnung erster Habitatmodelle. Die Untersuchungen zur Nahrungswahl zeigten saisonale Präferenzen für unterschiedliche Beutekategorien, der Einfluss auf die Beutetiere blieb jedoch über die Jahre konstant.
NORDWESTALPEN II 1997-2001
Ab Mitte der 1990er Jahre nahmen die Übergriffe auf Haustiere durch Luchse und Beobachtungen von Luchsen stark zu. Während der Untersuchungsjahren konnten wir 44 Luchse fangen und mit Sender ausrüsten. Wir fanden eine deutlich höhere Dichte als in den 1980er Jahren. Der Einfluss auf die Beutetierpopulationen war grösser als bisher beobachtet. Die Rehpopulation war durch starke Bejagung und eine Reihe harter Winter stark unter Druck. Neben Raum- und Sozialstruktur, Dispersal und Demographie, standen die Untersuchungen rund um die Übergriffe auf die Nutztiere im Vordergrund. 1998 starteten wir mit dem Einsatz von Fotofallen für die Populationsschätzung mittels Fang-Wiederfang-Methode.
Verteilung residenter Luchse in den Nordwestalpen 1997-2000 (blau Männchen, rot Weibchen). Luchssymbole stellen Tiere dar, die nicht sendermarkiert waren, aber durch Fotos oder andere Beobachtungen nachgewiesen wurden, Pfoten aufgrund der räumlichen Struktur der Population vermutete Tiere
(Abbildung aus Breitenmoser & Breitenmoser-Würsten 2008)
NORDOSTSCHWEIZ LUNO 2001-2009
Als Folge der angespannten Situation rund um den Luchs in den Nordwestalpen Ende der 1990er Jahre, entwickelte der Bund ein neues Managementkonzept für den Umgang mit dem Luchs, das die Entfernung von schadenstiftenden Tieren erlaubte, und die Reduktion hoher Luchsdichten mittels Umsiedlung oder Abschuss vorsah. Nach einer positiven Stellungnahme der Kantonsregierung stimmte das St. Galler Parlament im November 2000 dem Postulat Trionfini zur Wiederansiedelung des Luchses im Kanton St. Gallen zu. Darauf starteten der Bund (BUWAL, heute BAFU) und die fünf Kantone Zürich, St. Gallen, Thurgau, Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden das Projekt Luchsumsiedlung Nordostschweiz LUNO. Die Luchse kamen aus den Nordwestalpen und dem Jura. KORA und das FIWI übernahmen die Luchsfänge, die Umsiedlungen und die Beobachtung der Luchse nach ihrer Freilassung in der Nordostschweiz. Die Begleitung der freigelassenen Tiere mittels Radiotelemetrie erlaubte die Untersuchung der Etablierung einer räumlichen Struktur und von Beutewahl und Jagdverhalten. Die Überwachung der Luchspopulation in der Nordostschweiz wurde 2009 in das gesamtschweizerische Luchsmonitoring überführt. Alle drei bis vier Jahre führen wir eine systematische Erhebung zur Schätzung der Luchspopulation mittels Fotofallen durch.
Methoden
Fänge und Freilassungen
Zwischen 2001 und 2008 wurden 7 Luchse aus den Nordwestalpen und 5 aus dem Jura in die Nordostschweiz umgesiedelt. Alle Tiere wurden nach dem Fang in eine Quarantänestation gebracht. Mitarbeiter des Zentrums für Fisch- und Wildtiermedizin betreuten die Luchse während der Quarantäne. Vor der Freilassung wurden sie noch einmal veterinärmedizinisch untersucht und mit einem Senderhalsband versehen.
Resultate und Publikationen
Wohngebiete und Wanderungen
Die umgesiedelten Tiere fanden sich innerhalb weniger Monate zu einer Gruppe von Nachbarn zusammen, wie es dem Raummuster einer Luchspopulation entspricht. Ein Weibchen querte die Lindtebene südwestwärts und liess sich in den Kantonen Glarus und Schwyz nieder, ein Männchen schloss sich erst nach über einem Jahr Wanderschaft der Luchspopulation in der Nordostschweiz an. Dabei drang es bis in die Stadt Zürich vor und hielt sich während vier Monaten auf dem Zürichberg auf. Die durchschnittliche Reviergrösse der Weibchen betrug 100 km², diejenigen der Männchen 172 km².
Beutetiere
Während der Überwachungsphase der Luchse, konnten wir mit Hilfe der Radiotelemetrie 206 Beutetiere dokumentieren: 150 Rehe (73 %) und 45 Gemsen (22 %). Gelegentlich erbeutete Tierarten waren Fuchs (4), Feldhase (5) und Murmeltier (2). Zufällig von Dritten gefundene und durch uns oder die Wildhut bestätigte Luchsrisse betrafen 127 Rehe, 17 Gemsen, je einen Feldhasen und Fuchs, sowie ein Murmeltier und zwei Hausziegen. Elf Kaninchen und 2 Meerschweinchen gingen auf das Konto von zwei verwaisten Jungluchsen, welche sich vor dem Hungertod durch das Reissen von leichter Beute in Menschennähe retten wollten. Mindestens eines dieser Jungen überlebte den Winter, wurde aber im folgenden Frühjahr überfahren.
Reproduktion
Zwischen der ersten Reproduktion im Umsiedlungsgebiet 2002 und dem Ende der systematischen Fotofallenüberwachung im Winter 2011/2012 beobachteten wir 16 Würfe mit mindestens 31 Jungen. Von diesen Jungtieren lebten Ende April 2012 noch 11 Tiere. Von 20 in der Nordostschweiz geborenen Luchsen fehlen uns Hinweise. Mindestens ein subadulter Luchs verliess auf der Abwanderung das Kompartiment und liess sich 200 km weiter südlich im italienischen Parco Naturale Adamello Brenta nieder. Ein anderer Jungluchs wurde 2008 bei Landquart im Kanton Graubünden überfahren. Drei in der Nordostschweiz geborene Weibchen und zwei Männchen haben sich bereits wieder fortgepflanzt. Von den 12 aus den Nordwestalpen und dem Jura umgesiedelten Luchsen hatten mit Sicherheit vier Weibchen (von drei Männchen) Junge. Ein subadultes Luchsmännchen wanderte 2011/2012 aus dem Jura über den Kanton Thurgau entlang des westlichen Ufers des Bodensees in das Rheintal und damit in die Nordostschweiz.
Schicksal der umgesiedelten Lüchse
Von den 12 umgesiedelten Luchsen kennen wir von vier Tieren das Schicksal. Anfangs 2012 lebte mit Sicherheit ALMA und möglicherweise auch NOIA noch in der Nordostschweiz. VINO starb 2003, AYLA wurde 2004 überfahren und WERO wurde 2010 tot gefunden. Die anderen sieben Luchse sind verschollen ohne Hinweis auf ihren Verbleib. AURA, BAYA, ROCO und ODIN liessen sich nach dem Ausfall der Sender nie mehr nachweisen, während TURO, NURA und AIKA auch nach dem Verlust des Senders noch drei, vier und sechs Jahre mit Fotofallen fotografiert wurden.
Beurteilung der Umsiedlung
Die Tatsache, dass wir während des Fotofallen-Monitoring 2012, 12 Jahre nach Projektbeginn, 10 selbstständige Luchse und vier Jungtiere von zwei Weibchen nachweisen konnten, stimmt optimistisch. Ein neuer Populationskern wurde gegründet. Die Population in der Nordostschweiz ist allerdings nach wie vor klein, und einzelne zufällige Ereignisse können starke Auswirkungen auf die Entwicklung der Population haben. Die längerfristigen Aussichten der Population in der Nordostschweiz hängen damit auch von den Entwicklungen in den benachbarten Regionen ab. Die Beobachtung eines jungen Luchsmännchens, welches aus dem bernischen Jura bis in die Nordostschweiz gewandert ist, sowie mindestens von zwei jungen Luchsen welche im Kanton Graubünden auftauchten, illustriert diese Abhängigkeit.
Das Projekt LUNO sollte deshalb vor einem grossräumigeren, internationalen Hintergrund betrachtet werden. In den letzten zehn Jahren konnte der Luchs im Alpenraum nur in der Nordostschweiz sein Gebiet nennenswert erweitern. Das LUNO Vorkommen kann einen Trittstein Richtung Ostalpen bilden, allerdings stehen Hinweise auf eine Abwanderung in diese Richtung noch aus.
Obwohl das Projekt LUNO als Wiederansiedlung ein bescheidenes Projekt mit nur wenigen Tieren war, gilt es als Management- und Artenschutzprojekt unter Berücksichtigung der Luchssituation in der Schweiz und in den Alpen als wertvoll. So dürften wiederholte kleine und kleinräumige Neuansiedlungen für die Zukunft des Luchses im Alpenraum entscheidend sein.
Mehr Informationen zu den Resultaten und Erkenntnissen finden Sie in den beiden Berichten:
- Ryser A., von Wattenwyl K., Ryser-Degiorgis M.-P., Willisch Ch., Zimmermann F. & Breitenmoser U. 2004. Luchsumsiedlung Nordostschweiz 2001-2003. Schlussbericht Modul Luchs des Projektes LUNO. KORA Bericht Nr. 22, 59 pp.
- Robin K. & Nigg H. 2005. Luchsumsiedlung Nordostschweiz LUNO. Bericht über die Periode 2001 bis 2003. Schriftenreihe Umwelt Nr. 377. Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft, Bern; 53 S.
Lage der Luchs Wohngebiete in der Nordostschweiz wenige Monate nach den Freilassungen. Rot Weibchen, Blau Männchen.
© KORA
NORDWESTALPEN III 2012-2015
Grundlagen für die Erhaltung und das Management der Luchspopulation in den Nordwestalpen
Die Luchspopulation in den Nordwestalpen hat sich nach den Wiederansiedlungen von Luchsen aus den slowakischen Karpaten in den Kantonen Obwalden und Waadt in den frühen 1970er Jahren entwickelt. Bis heute beheimaten das Berner Oberland und die angrenzenden Voralpen der Kantone Freiburg und Waadt das wichtigste Luchsvorkommen im gesamten Alpenbogen. Der gesetzlich geschützte Luchs ist aber nach wie vor Gegenstand einer Kontroverse mit der Jägerschaft um den Einfluss des Luchses auf Wildbestände. Diese Kontroverse behindert den Aufbau einer gesamtalpinen Population. Ausserdem haben Untersuchungen ergeben, dass die Luchspopulation in den Nordwestalpen weder gross noch genetisch divers genug ist, um langfristig überleben zu können. Die genetische Basis der vor 40 Jahren mit wenigen Tieren begründeten NW Alpen-Population ist schmal. Bei einer Zahl von damals ca. 50 residenten Tieren im Kompartiment VI Nordwestalpen wurde aufgrund des hohen Inzuchtkoeffizienten die effektive genetische Populationsgrösse nur auf 20 Tiere geschätzt. Bisher fehlen Hinweise auf eine tatsächliche Inzucht-Depression, aber die Datengrundlage seit der letzten Felduntersuchung 2001 ist schwach. Sobald sich zudem ein – aus biologischen Gründen erwünschter – Populationsanstieg abzeichnet, könnte der Konflikt namentlich mit den Jägern um die tolerierbare Zahl von Luchsen ausbrechen.
Daher wollte KORA zum dritten Mal (nach den Projektphasen1983–1986 und 1998–2001) den veterinärmedizinischen und genetischen Zustand der Luchspopulation in den Nordwestalpen untersuchen. KORA arbeitete dabei mit dem Rehprojekt der Universität Zürich zusammen, das im Untersuchungsgebiet Rehe sendermarkiert hatte, um den Einfluss des Luchses auf seine Beutetiere zu erforschen und in Kooperation mit einem Projekt der Universität Basel, welches die olfaktorische Kommunikation beim Eurasischen Luchs in den Nordwestalpen (SMEL) betrachtete, und zusätzliche Erkenntnisse über das Sozialverhalten des Luchses brachte.
Ziel(e)
Das Projekt hatte zum Ziel zur Erhaltung der Luchspopulation beizutragen, indem es mit neuesten Methoden folgende Aspekte beleuchtete:
- Demographische, genetische und veterinärmedizinische Situation
- Einfluss des Luchses auf die Rehpopulation
- Zeitlich-räumliche Aufteilung des Lebensraums mittels Duftmarken
- Verständigung verschiedener Interessenvertreter (z.B. Naturschützer, Jäger) untereinander.
Methoden
KORA benutzte einen interdisziplinären Ansatz und verwendete moderne Feld- und Labortechniken: Mittels GPS-GSM Telemetrie, Foto- und Videofallen ermittelte KORA die räumliche Verteilung der Luchse und ihr Verhalten. Genetische Proben wurden gesammelt um sowohl die Abstammung und Verwandtschaft der Luchse zueinander zu eruieren als auch ihren allgemeinen Gesundheitszustand und den Inzuchtfaktor der Population zu bestimmen.
Resultate und Publikationen
Resultate des Projektes wurden unter anderem in folgenden Arbeiten publiziert:
- Vimercati E. 2014. Predation of Eurasian lynx on roe deer fawns and chamois kids in the Northwestern Swiss Alps. Master Thesis. Zurich University of Applied Sciences ZHAW, Wädenswil, Switzerland. 25 pp.
- Vogt, K., Zimmermann, F., Kölliker, M. & Breitenmoser, U. 2014. Scent-marking behaviour and social dynamics in a wild population of Eurasian lynx Lynx lynx. Behavioural Processes, 106, 98–106. Zudem wurde sie in Form eines KORA-Berichts (Nr. 61) veröffentlicht.
- Vogt, K., Hofer, E., Ryser, A., Kölliker, M. & Breitenmoser, U. 2016. Is there a trade-off between scent marking and hunting behaviour in a stalking predator, the Eurasian lynx, Lynx lynx? Animal Behaviour, 117, 59–68.
- Vogt K., Vimercati E., Ryser A., Hofer E., Signer S., Signer C. & Breitenmoser U. 2018. Suitability of GPS telemetry for studying the predation of Eurasian lynx on small- and medium-sized prey animals in the Northwestern Swiss Alps. European Journal of Wildlife Research 64 (73), 1225-1227.
Projekt Information
Projekt Dauer: 2012-2015
Untersuchungsgebiet: Nordwestalpen
Projekt Partner:
- Rehprojekt im Simmental, Universität Zürich
- Projekt SMEL der Universität Basel & KORA
Sponsoren:
- Haldimann-Stiftung
- Stotzer-Kästli Stiftung
- Zürcher Tierschutz
- Temperatio-Stiftung
- Karl Mayer Stiftung
- Stiftung Ormella
Kontakt KORA: Kristina Vogt