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Der Eurovision Song Contest sollte ja kein politischer Wettbewerb sein. Der ursprüngliche, eigentliche Sinn des Concours Eurovision de la chanson ist ja das Beiseitelegen von kulturellen Differenzen und die Suche nach dem künstlerisch wertvollstem Lied. Und trotzdem: Historische Allianzen, Religionszugehörigkeit, kulturelle Nähe und dergleichen spielten stets eine bedeutende Rolle bei der Punktevergabe.
Dies wird bei laufenden politischen Konflikten erst recht offenkundig. Dass sich russische Darbietungen mitunter Buhrufe und Pfiffe vom Live-Publikum gefallen lassen mussten (etwa 2013), war als direkte Quittung für die schwulenfeindliche Politik der Putin-Regierung zu verstehen.
Womit wir beim Thema wären.
Beginnen wir also mit Russland, das seit 1994 am Concours teilnimmt – und dies nicht ohne Erfolg: 2008 siegte Dima Bilan mit «Believe». Und in jenem Jahrzehnt war Russland statistisch gar das erfolgreichste Teilnehmerland, mit einem Sieg sowie je zwei 2. und 3. Plätzen.
Wie für viele osteuropäische Staaten stellte der ESC in dieser Ära für Russland viel mehr dar als nur ein Musikwettbewerb. Es war die internationale Bühne, auf der man sich der Welt präsentieren konnte. Dies führte ab und an zu etwas gar überambitionierten Darbietungen, aber auch zu einer wahren Siegesserie ehemaliger Ostblockstaaten – Estland (2001), Lettland (2002), die Ukraine (2004), Serbien (2007), Russland (2008), Aserbaidschan (2011).
Russland spielte mitunter aber auch die Rolle der beleidigten Leberwurst. 2003 bestand es auf einen Recount, nachdem Irland und das Vereinigte Königreich zero points für den russischen Beitrag t.A.T.u. vergeben hatten. Bereits anno 1998 zog es sich für ein paar Jahre vom dem Contest zurück, weil die Resultate in den Jahren zuvor weniger gut als erwartet ausfielen.
Kommen wir zur Ukraine, die erstmals 2003 am Contest teilnahm. Ein Jahr später gab es bereits den ersten Sieg mit «Wild Dances» von Ruslana.
2016 reichte es mit dem Song «1944» von Jamala (mehr dazu später) nochmals zu einem Eurovisions-Sieg. Ausserdem ist die Ukraine seit der Einführung der Halbfinalrunde im Jahr 2004 das einzige Land, das sich bei jedem Wettbewerb, an dem es teilgenommen hat, für das Finale qualifiziert hat.
Heuer ist Russland vom ESC ausgeschlossen. Als Reaktion darauf kündigten die russischen TV-Sender VGTRK und Channel One ihre Mitgliedschaft bei der Europäischen Rundfunkunion EBU, was Russland von der Teilnahme an weiteren Eurovisionsveranstaltungen ausschliesst (sofern die Mitgliedschaft nicht wieder aufgenommen wird). Derweil gilt der ukrainische Teilnehmer Kalush Orchestra, eine Band, die traditionelle ukrainische Musik mit Rap mixt, als unangefochtener Favorit für den Concours-Sieg.
Dies schon seit geraumer Zeit. Bereits im Jahr 2007 gab es ein Skandälchen, als die Ukraine mit Drag Queen Verka Serduchka und ihrem ordentliche bizarren Song «Dancing Lasha Tumbai» ins Rennen ging.
Während das Lied wohl auf die Absurdität von Performance-Konventionen und Konservatismus im Allgemeinen anspielte und somit nicht spezifisch auf Spannungen zu Russland ging, hörte sich der Chorus – zumindest phonetisch – nach «Russia goodbye» an. Der Song landete auf dem zweiten Platz und gilt heute als «bester Eurovision-Song, der nicht gewann».
2013 war ein gutes ESC-Jahr für beide Länder. Zlata Ognevich schaffte es auf den dritten Platz für die Ukraine, die Russin Dina Garipova auf die Fünf. Bei der Punktevergabe bekam Russland vier Punkte von der Ukraine, umgekehrt gab's einen Punkt von Russland für die Ukraine – etwas frostig, aber immerhin: Die kulturell tief verflochtenen Ländern gaben sich gegenseitig Punkte.
Zuhause in der Ukraine aber gab es bald einmal dringendere Probleme. Als Folge des Nichtunterzeichnens des Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union durch Präsident Janukowytsch flammten Ende November in Kiew die sogenannten Euromaidan-Proteste auf, die drei Monate später einen Regierungswechsel und die Absetzung und Flucht von Janukowytsch zur Folge hatte. Im März 2014 begann die russische Annexion der Krim und die Destabilisierung des Landes durch einen bewaffneten Konflikt in zwei östlichen Oblasten der Ukraine.
Inmitten dieser Ereignisse setzten sowohl Russland als auch die Ukraine ihre Teilnahme am Eurovision Song Contest 2014 in Kopenhagen fort. In Russland setzte man auf die Gewinnerinnen von Junior Eurovision 2006, die Tolmachevy-Zwillinge, die Ukraine schickte die Gewinnerin der nationalen Vorausscheidung, Maria Yaremchuk.
Am Finale belegte die Ukraine den sechsten Platz mit «Tick-Tock», Russland den siebten mit «Shine». Trotz des Konflikts vergab zum Erstaunen aller Beobachter die Ukraine 4 Punkte an Russland und Russland 7 Punkte an die Ukraine.
Während und nach dem Contest dauerte der bewaffnete Konflikt in der Region Donbass zwischen der ukrainischen Armee und prorussischen Separatisten an. Unter anderem führten diese Kriegshandlungen zum Abschuss eines Flugzeugs der Malaysian Airlines über der Ostukraine am 17. Juli 2014, bei dem alle 283 Passagiere an Bord ums Leben kamen. Angesichts des verlustreichen Konflikts war es kaum überraschend, dass der ukrainische Sender NTU seine Teilnahme am ESC 2015 aufgrund der «instabilen finanziellen und politischen Lage, die durch den Konflikt in der Ostukraine verursacht wurde», absagte. Russland holte sich mit Polina Gagarina und «A Million Voices» den zweiten Platz im Finale.
Als Stockholm 2016 vor der Tür stand, wollten Russland und die Ukraine den Eurovision Song Contest aus ganz unterschiedlichen Gründen gewinnen. Russland hatte gelernt, wie man das moderne Eurovision-Game spielt, und nach einer vierten Top-Ten-Platzierung in Folge musste endlich wieder ein Gewinn her. Ein hochkarätiges internationales Songwriter-Produzenten-Team wurde angemietet und mit Sänger Sergey Lazarev und dem düsteren Knaller «You Are the Only One» sah man sich siegessicher.
Die Ukraine hingegen sehnte sich etwas Nationalstolz nach zwei Jahren eines Konflikts, der die Fähigkeit des Landes, Teil der Europäischen Gemeinschaft zu werden, zunichte gemacht hatte. Jamala trat mit «1944» an, dem ersten Song beim ESC, der einen Text in Krimtatarisch enthielt und dem ersten, der die Geschichte der Deportation der Krimtataren durch Joseph Stalin im Jahr 1944 erzählte. Dies wurde von vielen Beobachtern als Anspielung auf die Annexion der Krim im Jahr 2014 interpretiert – allen voran von den Russen, die gegen den Song bei der EBU Einspruch erhoben. Doch die Union gab den Song frei.
Beide Künstler lieferten solide Auftritte ab, doch es war die Punktevergabe, die zum Krimi mutierte. 2016 war das erste Jahr mit einem neuen Abstimmungssystem: Die Punkte der Länderjurys und der Telefonabstimmung wurden separat vergeben. Im klassischen Format trugen alle Länder nacheinander die Punkte der Jury vor. Erst danach wurden alle Punkte aus dem Televoting aller Länder kombiniert. Nach der Jury-Punktevergabe hatte Australien einen komfortablen Vorsprung. Doch die Televoting-Stimmen änderten alles. Ein Krieg, der auf der anderen Seite des Kontinents mit Kanonen und Granaten geführt wurde, erlebte in Stockholm eine Stellvertreterschlacht, die von staatlichen TV-Sendern und Musikern ausgetragen wurde.
Die Ukraine gewann mit insgesamt 534 Punkten. Russland wurde Dritter hinter Australien. Die Aufschlüsselung der Stimmabgabe würde später ergeben, dass sich die beiden Jurys gegenseitig keine Punkte gaben ... doch die ukrainischen Fernsehzuschauer vergaben 12 Punkte an Russland und die russischen Fernsehzuschauer 10 Punkte an die Ukraine.
Vorhang auf für Kiew 2017 ... und der Ärger war vorprogrammiert. Hatte Russland anfänglich noch angekündigt, die Veranstaltung aus Protest vor dem «offenkundig politischen» (und deshalb regelwidrigen) Siegessongs «1944» zu boykottieren, besann man sich anders und präsentierte Julia Samoylova als Kandidatin. Gegen diese liefen alsbald Ermittlungen beim ukrainischen Geheimdienst, weil Samoylova 2015 in der Krim-Stadt Kertsch aufgetreten war, ohne über die Ukraine auf die Halbinsel eingereist zu sein. Die ukrainische Regierung hatte nämlich vor geraumer Zeit ein Gesetz erlassen, wonach jeder und jede, der die Halbinsel betritt, ohne die ukrainischen Grenzkontrollen zu passieren, mit einem Einreiseverbot in die Ukraine belegt wird. Jeder und jede. Ohne Ausnahme.
Neun Tage nach der Präsentation Samoylovas als Kandidatin wurde ihr offiziell die Einreise in die Ukraine untersagt. Die EBU zeigte sich «zutiefst enttäuscht»; Russland rief zu einem Boykott des Contests auf; Die Ukraine warf Russland vor, Samojlowa absichtlich als politische Provokation ausgewählt zu haben. Die EBU versuchte zwischen den ukrainischen Gastgebern und dem russischen TV-Sender zu vermitteln, jedoch ohne Erfolg. Letztendlich wich keiner der Kontrahenten von seinem Standpunkt ab, und Russland zog sich schliesslich vom Wettbewerb zurück.
Und der ukrainische Beitrag, «Time» von O. Torvald, erreichte auf heimischen Boden den enttäuschenden 24. Platz.
2019 gab es nochmals ordentlich Ärger – hauptsächlich in der ukrainischen nationalen Vorausscheidung. Dort wurde heftig debattiert, ob man Acts zulassen soll, die weiterhin in Russland auf Tour gingen. Die Gewinner wurden per Televoting ermittelt, doch der TV-Sender wurde nicht müde zu betonen, dass er sich das Recht ausnehme, einen Kandidaten abzulehnen.
Schlussendlich gewann die Sängerin Maruv, die darauf vom Sender aufgefordert wurde, einen Vertrag zu unterzeichnen, der akribisch regeln sollte, was sie im Vorfeld des Wettbewerbs 2019 in Tel Aviv öffentlich sagen oder tun durfte, mit happigen Geldstrafen bei Vertragsbruch. Maruv weigerte sich, diesen Vertrag zu unterzeichnen, und alle anderen Acts, die an der Vorausscheidung teilgenommen hatten, aus Solidarität ebenfalls. Die Ukraine hatte keine andere Wahl, als sich vom Contest 2019 zurückzuziehen. Russland schickte erneut Sergey Lazarev und wurde Dritter im Finale.
Über den Covid-ESC 2020/2021 in Rotterdam gibt es in Sachen Ukraine-Russland-Konflikt erstaunlich wenig zu berichten. Beide Länder schickten Kandidaten, die ordentlich gut abschnitten. Die ukrainische Band Go_A sorgte im Vorfeld mit ihrem schrägen Folk-Trance und einem wahnwitzigen Videoclip, der in Tschernobyl gedreht wurde, für Furore. Am Schluss langte es für den 5. Platz, während Russland 9. wurde.
Womit wir beim heurigen Song Contest angelangt wären. Am 12. Februar fand die ukrainische Vorausscheidung statt. Gewinnerin war die Sängerin Alina Pash ... und prompt beschuldigte das zweitplatzierte Kalush Orchestra die Organisatoren der Fälschung der Ergebnisse. Doch dies erwies sich bald als irrelevant, denn: Nach der Kontroverse um die Nationalauswahl 2019 war eine neue Regel eingeführt worden. Künstler, die seit 2014 in Russland aufgetreten waren oder die Krim «unter Verletzung der ukrainischen Gesetzgebung» betreten hatten (ergo nicht via Ukraine eingereist waren), werden von der Teilnahme am Wettbewerb ausgeschlossen.
Alina Pash wurde unterstellt, sie sei 2015 über Russland in die Krim eingereist. Mehr noch – sie habe ihre Reisedokumentation gefälscht, um am Contest teilnehmen zu dürfen, etwas, das Pash freilich bestritt. Die ukrainische Zollbehörde konnte auch nach mehrmaligem Suchen keinen gültigen Grenzübertrittsbeleg auftreiben, sei es nun, weil Frau Pash tatsächlich nie einen gültigen hatte, oder – banaler – weil solche Belege nicht länger als fünf Jahre aufbewahrt werden. Am 16. Februar 2022 wurde es Alina Pash wohl zu blöd und sie zog ihre Kandidatur zurück.
Ebenfalls am 16. Februar tauchte ein Social-Media-Post des zweitplatzierten Kalush-Orchestra-Mitglieds Tymofii Muzychuk aus dem Jahr 2015 auf, der den Musiker auf dem Roten Platz in Moskau zeigt. Das Management der Band erklärte, das Foto sei 2013 entstanden, als er letztmals das Land besucht habe. Trotzdem bekam die Band kurz darauf den Zuschlag, offizieller ESC-Kandidat 2022 zu werden. Am 24. Februar fiel Russland in die Ukraine ein.
Russland ist von der Teilnahme ausgeschlossen. Das Kalush Orchestra ist bei allen Wettbüros haushoher Favorit. Höchste Zeit, sich den Song mal reinzuziehen.
Die langjährige James-Bond-Produzentin Barbara Broccoli hat erneut klargestellt, dass die Filmreihe um den berühmten Geheimagenten fortgesetzt wird. Allerdings werde es noch mindestens zwei Jahre dauern, bis die Dreharbeiten zum nächsten 007-Abenteuer beginnen könnten, sagte Broccoli dem Online-Magazin «Deadline».