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Den Wandel dokumentiert Fotos auf den Spuren des Urgrossvaters
Der Neuenburger Gilles Renaud begab sich in den Walliser Alpen auf die Spuren seines Urgrossvaters. Dabei ist eine umfangreiche Fotodokumentation entstanden, die den Wandel im Hochgebirge zeigt.
Zwei Fotoalben bilden den Ausgangspunkt für das Projekt von Gilles Renaud. Sie stammen aus dem frühen 20. Jahrhundert und wurden von seinem Urgrossvater Charles Renaud angelegt, der in Vevey zur Welt kam und ein begeisterter Bergsteiger und Fotograf war. 1918 brachen Charles und seine Seilschaft von Visp auf, um die Dufourspitze zu besteigen und anschliessend in einem langen Abstieg nach Sion zu gelangen. Auf der Tour entstanden rund 100 Fotos, die fein säuberlich auf dickes Papier geklebt und mit einer Legende versehen wurden; zusammengehalten wurden die Albumblätter mit einem Seidenfaden. Sie waren auf diese Weise so gut konserviert, dass es schien, als ob sie durch die Jahre nicht den geringsten Schaden genommen hätten.
«Ich blätterte oft darin, ohne mir bewusst zu werden, dass sie so alt waren. Diese Alben liessen mich träumen, weil sie mich in eine andere Epoche versetzten», erzählt Gilles Renaud. Bis zu dem Tag als er, ermutigt durch seinen Vater, die Herausforderung annahm, in die Fussstapfen seines Vorfahren zu treten und die gleichen Fotos zu machen, vom exakt gleichen Standort aus.
Eine andere Beziehung zu Zeit und Raum
Im Sommer 2013 nimmt Gilles zwei Freunde, Manu und Josep, mit auf sein Abenteuer. Seine Schwester Véronique stösst erst später dazu. Zusammen studieren sie sorgfältig die Route, die Charles Renaud und seine Seilschaft genommen haben. Erste Erkenntnis: Zahlreiche Etappen macht man heute nicht mehr zu Fuss. 1918 hatte die Gruppe Täsch von Visp aus auf Schusters Rappen erreicht, bevor sie nach Zermatt weiterging, zum Gornergrat, und schliesslich zur Dufourspitze aufstieg. Hinunter gings zunächst zur Monte-Rosa-Hütte und weiter zur Gandegghütte, dann zur Schönbielhütte und zur Cabane de Bertol, um schliesslich über Arolla und Evolène nach Sion zu gelangen. «Die Annäherung an den Berg hat sich stark verändert. Der Begriff von Raum und Zeit wurde ein anderer. Ich nehme an, dass die Tour 1918 fünf Tage bis eine ganze Woche gedauert hat», merkt Gilles an. Um die gleichen Standpunkte zu finden, brauchte er insgesamt zwei Wochen in den Bergen. «Ich musste manchmal mehrmals hingehen, denn ich wollte gutes Wetter haben. Zum Beispiel stieg ich dreimal zur Cabane de Bertol auf, bis ich die Fotos von der Terrasse aus machen konnte.»
Gegenüberstellung der Fotos
Von seinen zahlreichen Ausflügen ins Monte-Rosa-Massiv in den Jahren 2013 und 2014 brachte Gilles Renaud rund 70 Fotos zurück, die er in einem Buch präsentiert. Wenn man sie mit den Aufnahmen seines Urgrossvater vergleicht, fallen verschiedene Aspekte auf, zum Beispiel die Entwicklung der Bekleidung, des Materials und der Hütten, aber auch das Abschmelzen der Gletscher. Auf dem Gornergrat etwa steht man 150 Meter tiefer als 1918.
«Die Fotos stellen die moderne Herangehensweise an die Berge infrage», sagt Renaud. «Wir haben auch versucht, herauszufinden, wie unsere Vorfahren das machten. Wie haben sie sich verpflegt? Haben sie alles Essen mit sich getragen oder sind sie jeweils abgestiegen? Haben sie die Tour in einem Stück gemacht oder in mehreren Etappen?» So viele Fragen, auf die Gilles Renaud und seine Kameraden nur ansatzweise Antworten fanden, denn der Fokus ihres Unternehmens war weder historisch noch wissenschaftlich. «Es sind die Bilder, die im Zentrum dieses Projekts stehen, und diese sprechen für sich», erklärt der Neuenburger.
Ein Familienabenteuer
Auf den Fotos von Charles Renaud ist eine Frau ganz deutlich zu erkennen, denn sie trägt auf den Gletschern und Graten Rock und Hut. «Gemäss den Informationen, die wir im Archiv der Cabane de Bertol gefunden haben, handelt es sich um die Ehefrau eines Bergsteigers der Gruppe, der Lehrer in Château-d’Œx war», erzählt Véronique Renaud, die sich um die Reproduktion der Fotos kümmerte. «Ich sagte zu, in der Seilschaft mitzugehen, ohne dass mir bewusst war, was es hiess, einen Berg im Monte-Rosa-Massiv zu besteigen», sagt sie. Das Familienabenteuer motiviert sie, und das Projekt ihres Bruders nimmt sie so ein, dass sie wenige Tage vor der Tour auf dem Pollux zum ersten Mal in ihrem Leben Steigeisen anschnallt. Die von Josep, dem Bergführer, geplante und geführte Tour verläuft ohne Zwischenfall. Für Véronique ist sie eine Offenbarung: «Ich erlebte sehr starke Gefühle beim Sonnenaufgang, als alle Gipfel ins rosa Licht des Morgens getaucht waren.» Gilles seinerseits hat eine neue Beziehung zu den Orten zwischen Visp und dem Val d’Hérens. Er ist das Bindeglied zwischen seinen Vorfahren und seinen Kindern und hofft, dass sich in 100 Jahren jemand findet, der das Abenteuer wiederholt.