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Dianameerkatze
Cercopithecus diana
© 1994 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Denken wir an feuchtwarmen tropischen Urwald, so sehen wir vor unserem geistigen Auge gewöhnlich die weiten Regenwaldgebiete des südamerikanischen Amazonasbeckens, des zentralafrikanischen Kongobeckens oder des indochinesischen Halbkontinents. Es gibt aber noch eine ganze Reihe kleinerer, weniger bekannter Dschungelgebiete. Teils finden sie sich auf tropischen Inseln, etwa auf Madagaskar oder auf den Philippinen, teils aber auch in begrenzten Teilen von Festländern. Zu nennen wären beispielsweise die Atlantikküstenwälder im Südosten Brasiliens, die Regenwälder von Queensland im Nordosten Australiens oder auch die Regenwaldgebiete Westafrikas.
Viele dieser kleineren Regenwaldgebiete weisen seit vielen Jahrmillionen keine direkten Verbindungen zu Nachbarwäldern auf. Die darin heimischen Tier- und Pflanzenarten haben sich deshalb im Laufe langer Zeiträume völlig eigenständig entwickelt, und so beherbergen diese Wälder heute eine Flora und Fauna, wie es sie nirgendwo sonst auf unserem Planeten gibt.
Leider stehen fast alle diese kleineren Regenwälder unter einem enormen Erschliessungsdruck seitens des Menschen, da sie sich mehrheitlich inmitten dicht bevölkerter Regionen befinden. Dementsprechend gross ist die Gefährdung der einzigartigen Tier- und Pflanzenarten, deren Heimat diese schnell schrumpfenden Regenwaldgebiete sind. Ein typisches Beispiel einer solchermassen bedrängten Tierart ist die Dianameerkatze (Cercopithecus diana)
, welche in den Regenwäldern Westafrikas zu Hause ist.
Eine junge Affensippe
Die Dianameerkatze gehört innerhalb der Ordnung der Herrentiere (Primates) zur Familie der Meerkatzenverwandten (Cercopithecidae) und da zur Unterfamilie der Meerkatzenartigen (Cercopithecinae). Diese setzen sich aus neun verschiedenen Gattungen zusammen, von denen alle ausser einer in Afrika zu Hause sind. Die Ausnahme bildet die Gattung der Makaken (Macaca)
: Die meisten der etwa 15 Makakenarten kommen im südlichen und östlichen Asien vor; einzig der Berberaffe (Macaca sylvanus)
lebt sozusagen als «Aussenseiter» in Nordafrika und Gibraltar. Die restlichen Gattungen sind ausschliesslich in Afrika zu Hause. Es handelt sich um die Meerkatzen (Cercopithecus)
mit etwa 20 Arten, die Paviane (Papio)
mit 5 Arten, die Mangaben (Cercocebus)
mit 4 Arten, die Backenfurchenpaviane (Mandrillus)
mit 2 Arten, ferner den Dschelada (Theropithecus gelada)
, den Husarenaffen (Erythrocebus patas)
, die Zwergmeerkatze (Miopithecus talapoin)
und die Sumpfmeerkatze (Allenopithecus nigroviridis)
.
Innerhalb der Ordnung der Herrentiere, einer in entwicklungsgeschichtlicher Hinsicht recht alten Säugetiersippe, die sich schon im Paläozän, vor etwa 70 Millionen Jahren, herausbildete, stellen die Meerkatzenartigen einen recht jungen Zweig dar, der erst gegen Ende des Miozäns, vor 10 bis 12 Millionen Jahren entstanden ist. Fossilfunde zeigen, dass die frühen Meerkatzenartigen im zentralen und östlichen Afrika lebten und in ihrer Gestalt den heutigen Makaken ähnlich sahen. Diese urtümlichen Meerkatzenartigen breiteten sich in der Folge nach Norden und nach Osten aus und erreichten Nordafrika, Europa und Asien - wo ihre direkten Nachfahren, die Makaken, noch heute leben. Südlich der Sahara entwickelten sich hingegen im Laufe der Zeit modernere Formen von Meerkatzenartigen, nämlich die Paviane, Mangaben und Meerkatzen, welche ihre urtümlicheren, makakenähnlichen Verwandten vollständig verdrängten.
Die Aufspaltung der Gattung der Meerkatzen (Cercopithecus)
in die heutigen rund zwanzig Arten scheint auf die Ereignisse während der letzten grossen Eiszeit zurückzuführen zu sein. Damals hatte sich das Klima in weiten Bereichen Afrikas beträchtlich abgekühlt, und dadurch waren die einstmals ausgedehnten Regenwälder im zentralen Afrika zu kleinen, isolierten Flecken in Teilen Westafrikas, im küstennahen Zentralafrika, in der Grabenbruchregion bei Uganda, Ruanda und Burundi sowie im küstennahen Ostafrika zusammengeschrumpft. Die in diesen Regenwaldflecken «eingeschlossenen» Meerkatzen entwickelten sich in der Isolation in jeweils unterschiedlichen Richtungen und waren schliesslich deutlich von ihren Verwandten in den übrigen Waldstücken verschieden. Als dann die Eiszeit vor rund 12 000 Jahren zu Ende ging, das Klima wieder wärmer und feuchter wurde und sich die Regenwälder nach und nach ausdehnten und zusammenwuchsen, da breiteten sich auch die verschiedenen Meerkatzen wieder aus, vermischten sich aber aufgrund vielfältiger Unterschiede in Körperbau, Aussehen und Verhalten nicht mehr miteinander. So entstand letztlich das Artenspektrum und das Verteilungsmuster der Meerkatzenarten, wie wir es heute vorfinden.
Schwarzes Gesicht, weisser Spitzbart
Die Dianameerkatze ist ein verhältnismässig grosses Mitglied der Meerkatzengattung: Erwachsene Männchen weisen eine Kopfrumpflänge von 50 bis 57 Zentimetern auf und wiegen 4,5 bis 7,5 Kilogramm; die etwas kleineren Weibchen sind 40 bis 50 Zentimeter lang und wiegen gewöhnlich um 4 Kilogramm. Erheblich länger als der Körper ist der Schwanz der Dianameerkatze; er misst bei den Männchen etwa 75 Zentimeter, bei den Weibchen um 55 Zentimeter. Im übrigen ist die Dianameerkatze ein schlanker, eleganter Affe, dessen sprungkräftige Beine länger sind als die Arme mit den zum Klettern gut geeigneten Greifhänden.
Die Heimat der Dianameerkatze sind die hochwüchsigen Regenwälder Westafrikas westlich des Flusses Volta. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich vom südwestlichen Ghana über den Südteil der Republik Elfenbeinküste sowie über Liberia und Sierra Leone bis zum südwestlichen Guinea. Innerhalb dieses Areals wird die Dianameerkatze in zwei Unterarten gegliedert: Westlich des Flusses Sassandra, der durch die Republik Elfenbeinküste fliesst, findet sich die Eigentliche Dianameerkatze (Cercopithecus diana diana)
, während östlich davon die Roloway-Dianameerkatze (Cercopithecus diana roloway)
vorkommt. Die beiden Unterarten lassen sich zum einen anhand geringfügiger Färbungsunterschiede auseinanderhalten, hauptsächlich aber dadurch, dass die Roloway-Dianameerkatze einen deutlich längeren Kinnbart trägt als die Eigentliche Dianameerkatze.
Lärmende Walddachbewohner
Die Dianameerkatzen besiedeln vorzugsweise hohe, immergrüne Primärregenwälder, doch kann man ihnen auch in älteren Sekundärregenwäldern, in Galeriewäldern entlang von Flussläufen und teils sogar in saisonal laubabwerfenden Monsunwäldern begegnen. Sie sind ausschliesslich tagsüber rege und halten sich gewöhnlich in den obersten Waldetagen auf, steigen aber mitunter auch auf den Waldboden hinunter, um dort im Unterholz nach Nahrung zu suchen.
Die Dianameerkatzen sind gruppenlebende und sehr aktive - und damit keineswegs «heimlich» lebende - Waldbewohner. Im allgemeinen verraten sie ihre Anwesenheit lange, bevor man sie zu sehen bekommt, und zwar durch ihre hellen Kontaktrufe, die sie ständig vernehmen lassen, ebenso wie durch das Rauschen der Äste und Zweige, das entsteht, wenn sie sich fortbewegen.
Die Gruppen der Dianameerkatzen bestehen gwöhnlich aus 15 bis 40 Individuen. Diese setzen sich typischerweise aus einem erwachsenen Männchen, 6 bis 8 erwachsenen Weibchen und deren Jungen in verschiedenen Altersklassen zusammen. Jede Gruppe bewegt sich das ganze Jahr über in einem festen Wohngebiet umher, in welchem fremde Artgenossen nicht geduldet werden. Diese Territorien bemessen sich gewöhnlich auf 10 bis 100 Hektaren. Innerhalb des Territoriums kennt die ansässige Gruppe jeden Winkel. Sie verfügt über bevorzugte Schlafbäume und verwendet auf ihren Fresswanderungen immer wieder dieselben Routen durch das Kronendach. Der Gruppenchef äussert im übrigen immer wieder einen lauten, durchdringenden Ruf, der wie «ki-ki-ki-ki»
tönt und mit dem er allen Rivalen seinen Anspruch auf das betreffende Waldstück und auf seinen Harem kundtut.
Über die Nahrung, welche die Dianameerkatzen in freier Wildbahn zu sich nehmen, wissen wir nur wenig. Erste Untersuchungen, die im Bia-Nationalpark in Ghana gemacht wurden, deuten darauf hin, dass sie sich zur Hauptsache von Früchten aller Art ernähren. Als «Beikost» scheinen sie aber auch grössere Insekten, nestjunge Vögel, baumlebende Kleinechsen, ölhaltige Samen und verschiedene andere Nahrungsdinge, denen sie auf ihren Fresswanderungen begegnen, zu sich zu nehmen.
Wie bei vielen Regenwaldbewohnern besteht bei den Dianameerkatzen keine feste Fortpflanzungszeit. Geburten können somit zu allen Jahreszeiten erfolgen. Ungefähr sechs Monate dauert die Tragzeit, und je Geburt kommt zumeist ein einzelnes Junges zur Welt. Die jungen Dianameerkatzen sind bei der Geburt verhältnismässig weit entwickelt: Sie sind bereits in der Lage, ihre Augen zu öffnen, ihr Fell ist auf der Körperoberseite schon gut ausgebildet, und sie vermögen sich mithilfe ihrer kräftigen Händchen sofort im Bauchfell der Mutter festzuklammern.
Die Entwöhnung der jungen Dianameerkatzen erfolgt im Alter von ungefähr sechs Monaten, und die Geschlechtsreife tritt im Alter von etwa vier Jahren ein. Im Gegensatz zu den Weibchen pflanzen sich die Männchen aber im allgemeinen erst mehrere Jahre später fort. Zuerst muss es ihnen nämlich gelingen, ein eigenes Territorium zu errichten und eines oder mehrere Weibchen um sich zu scharen beziehungsweise einen älteren Gruppenchef aus dessen Territorium zu vertreiben und dessen Platz einzunehmen. Über die Lebenserwartung in freier Wildbahn ist nichts bekannt; in Menschenobhut sind Dianameerkatzen schon bis 19 Jahre alt geworden.
Leichte Beute der Jäger
Die Dianameerkatzen müssen sich vor einem ganzen Spektrum von Fressfeinden in acht nehmen, darunter beispielsweise dem auf die Affenjagd spezialisierten Kronenadler (Spizaëtus coronatus)
, dem Leoparden (Panthera pardus)
oder dem Felsenpython (Python sebae)
. Entdecken Dianameerkatzen einen solchen Fressfeind innerhalb ihres Wohngebiets, so suchen sie keineswegs blindlings das Weite. Im Gegenteil: Nach anfänglichen Alarmrufen, durch welche alle Gruppenmitglieder auf die Gefahrenquelle aufmerksam gemacht werden, beginnt die ganze Affenhorde aus voller Kehle zu schreien, Äste zu schwingen und bedrohlich mit dem Körper zu «nicken». Mithilfe dieses gemeinschaftlichen «Affentheaters» gelingt es den Dianameerkatzen zumeist, den Feind zum Rückzug aus ihrem Waldstück zu bewegen, und so können die Ausfälle durch natürliche Raubfeinde erheblich vermindert werden.
Leider sind die Dianameerkatzen weit weniger erfolgreich, wenn es darum geht, die unwillkommenen «Aufwartungen» des Menschen abzuwehren. Wie den meisten anderen Bewohnern der westafrikanischen Regenwälder droht den hübschen Affen zweierlei Gefahr durch den immer weiter vorrückenden Menschen: Zum einen zerstört er durch Abholzung ihre Waldheimat, zum anderen nimmt er vielen von ihnen durch Abschuss das Leben.
Die Nutzung von Edelhölzern, das Erzeugen von Holzkohle, das Gewinnen von Bau- und Brennholz sowie das Anlegen von Ölpalmenplantagen und anderen Kulturen haben dazu geführt, dass die Regenwälder Westafrikas in der jüngeren Vergangenheit in erschreckendem Ausmass vermindert wurden. Erstreckten sie sich einst als ein zusammenhängendes Waldgebiet von Guinea im Westen bis zur sogenannten «Dahomey-Lücke» bei Benin im Osten, so finden sich heute nur noch einige weit verstreute, klägliche Reststücke. Für Ghana wird geschätzt, dass nur noch 0,6 Prozent der ursprünglichen Urwaldfläche übrig sind, und auch für die anderen westafrikanischen Länder bewegen sich die Prozentzahlen in diesem Rahmen.
Immerhin vermögen die Dianameerkatzen in Waldstücken fortzubestehen, die nur teilweise, etwa durch selektiven Holzschlag, genutzt wurden. Sie sind also nicht strikt auf ungestörten Primärwald angewiesen. Leider nützt ihnen aber diese Anpassungsfähigkeit wenig, denn in solcherart «geöffneten», durch Strassen und Wege erschlossenen Wäldern ist die Bejagung der Wildtiere gewöhnlich sehr gross. In der Tat werden die Dianameerkatzen vielerorts ihres Fleischs wegen stark bejagt - umsomehr, als sie wegen ihrer stattlichen Körpergrösse und ihrer lärmenden, neugierigen Natur leichte Ziele für Jäger abgeben. Dies hat dazu geführt, dass die Dianameerkatzen in manchen Teilen ihres Verbreitungsgebiets vollständig oder nahezu ausgemerzt worden sind.
Eine sichere Heimat im Bia-Nationalpark?
In Ghana steht die Dianameerkatze unter striktem gesetzlichem Schutz, doch ist wie fast überall in Westafrika der Gesetzesvollzug mangelhaft. Jagd und Fang sind längst nicht vollständig zum Erliegen gekommen. Und so sieht es hier - wie in anderen westafrikanischen Ländern - so aus, als ob der längerfristige Fortbestand der mittelgrossen Affen weitgehend davon abhängt, ob es gelingt, grössere Flächen ihres Lebensraum in Form gutgeschützter Nationalparks und Reservate vor dem zerstörerischen Zugriff durch den Menschen zu schützen.
Ein solches Gebiet stellt in Ghana der 77,7 Quadratkilometer grosse, 1974 errichtete Bia-Nationalpark dar, an den im Süden eine 228 Quadratkilometer grosse «Pufferzone» angrenzt, in der nur bestimmte, naturschonende Tätigkeiten des Menschen erlaubt sind. Im Park selbst wie auch in der vorgelagerten Pufferzone kommen Dianameerkatzen in grösserer Zahl vor. Gelingt es, diese beiden Gebiete in ihrem heutigen Zustand zu erhalten, so kann eine gesunde, überlebensfähige Population der munteren Affen darin eine sichere Heimat finden.
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