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Sterben müssen wir alle. Insofern sind wir alle gleich. Die Lebenszeitchancen allerdings sind äusserst ungleich verteilt.
Dass Lebenschancen und Lebensbedingungen die Lebenserwartung beeinflussen, ist ein zentraler Befund der Gesundheitssoziologie. So erreichten im 17. Jahrhundert etwa in Genf von 1000 Angehörigen der Oberschicht (höhere Amtsträger, Gross- und mittleres Bürgertum) immerhin 305 das 60. Lebensjahr (Perrenoud 1975). In der Unterschicht (unqualifizierte Arbeiter, Handlanger) schafften das nur 106.
Frühe Weichenstellung
Dank medizinischer Innovationen, sozialpolitischer Reformen und geringerer Versorgungsunterschiede hat sich der Effekt des sozialen Status auf die Lebenserwartung inzwischen reduziert. Dennoch sterben selbst in den wohlhabenden OECD-Staaten nach wie vor Arme und weniger Gebildete früher und beziehen folglich auch weniger lang Rente.
Neben hohem Einkommen und guter Ausbildung wirken ein weibliches Geschlecht, intakte soziale Netzwerke und in vielen Ländern eine weisse Hautfarbe lebensverlängernd. Da ein Grossteil des ökonomischen, kulturellen, aber auch sozialen Kapitals «vererbt» wird, liegt es auf der Hand, dass die Lebenszeitchancen vom Herkunftsmilieu abhängen. Besonders zeigt sich dieser Effekt bei der Säuglings- und Kindersterblichkeit (siehe etwa Human Development Report 2005). Wanner (2012) zufolge waren 2000 bis 2005 bei den Männern in der Schweiz vor allem Angestellte im Gastgewerbe, in der Metallbranche und Maschinisten vom frühen Tod bedroht. Besonders gefährdet sind auch männliche Hilfsarbeitskräfte, Arbeiter, Angestellte, Handwerker und Selbständige. Besonders spät sterben dagegen Ingenieur_innen, technische Kader sowie Freiberufliche. Bei den Frauen müssen Beschäftigte im Gastgewerbe und im Transportwesen (z.B. Post) mit einer kürzeren Lebenszeit rechnen. Gleichermassen verschont bleiben bei beiden Geschlechtern die Lehrer_innen und Professor_innen.
Moser et al. (2014) zufolge steigt in der Schweiz auf der Basis von Mortalitätsdaten von 2000 bis 2008 die Lebenserwartung von 30-Jährigen mit mehr Einkommen und Bildung an. Ein längeres Leben verspricht auch die Heirat im Vergleich zum Single-, Wittwer- oder Geschiedenendasein. Bei den Berufen wirken Topmanagementpositionen und zertifizierte Professionen eher lebensverlängernd, mangelnde Qualifikationen und vor allem Arbeitslosigkeit dagegen eher lebensverkürzend. Bei den Männern beträgt der Lebenszeitunterschied zwischen Topmanagern, Freiberuflichen und Arbeitslosen immerhin 13 Jahre.
Auch die vergleichende Forschung belegt ausnahmslos den Einfluss sozialer Faktoren auf die Lebenserwartung. Nachdem sich die Ungleichheiten in den Lebenszeitchancen im 20. Jahrhundert verringert haben, beginnen die Statuseffekte in einigen Ländern (z.B. USA, Deutschland) neuerdings wieder anzusteigen, und zwar deshalb, weil die ökonomischen und kulturellen Ungleichheiten sowie die Versorgungsungleichheiten wieder zunehmen.
Kein Geheimnis
Hauptverantwortlich dafür ist der unterschiedliche Umgang mit Gesundheitsrisiken und Krankheiten. Lebensverlängernd wirken Kenntnisse über gute Ernährung sowie der Verzicht auf ungesundes Verhalten wie etwa Bewegungsmangel, Übergewicht, Rauchen und Alkoholkonsum. Auch die Verfügbarkeit finanzieller Ressourcen und gute soziale Beziehungen sind vorteilhaft bei der Arztwahl und der Bewältigung von Krankheiten. Ein zweiter Risikofaktor sind Belastungen am Arbeits- und Wohnort. So sind einkommensschwache Menschen stärker Belastungen ausgesetzt, sei es die Unfallgefahr und toxische Risiken am Arbeitsplatz oder die Schadstoff- oder Lärmbelastung am Wohnort. Schliesslich variiert der Zugang zur medizinischen Versorgung. So sind ärmere Menschen bei uns zwar nicht bei der Grundversorgung, u.U. aber bei der teuren Spitzenmedizin benachteiligt.
Dass Gesundheit etwas mit Statusunterschieden und damit auch mit Chancenungleichheiten zu tun hat, ist politisch verantwortlichen Behörden durchaus bewusst: «We must address the conditions in which people are born, grow, live, work and age, which are the key determinants of health equity.» (WHO 2014, xviii). Auch das schweizerische Bundesamt für Gesundheit (BAG) räumt im Fact-sheet zum Handlungsfeld Chancengleichheit (BAG 2014) ein, «dass auch in der Schweiz nicht alle die gleichen Chancen für eine bestmögliche Gesundheit haben: Personen mit niedriger Bildung, tieferer beruflicher Stellung oder geringem Einkommen sterben deutlich früher als die übrige Bevölkerung.»
Kein Thema im Rentendiskurs
Wäre es daher nicht fair, die geringeren Lebenszeitchancen durch eine grosszügige Altersvorsorge zu kompensieren? Fakt ist, dass der Rentendiskurs auch in der Schweiz die ungleichen Lebenszeitchancen nicht thematisiert. Und das, obwohl in Europa und selbst in der Schweiz durchaus Rentenmodelle existieren, die gewissen Beschäftigten mit hohem Sterblichkeitsrisiko einen vorzeitigen Ruhestand einräumen, wie etwa den deutschen Bergarbeitern oder den österreichischen «Schwerarbeitern». Selbst in der Schweiz liegt inzwischen seit 2003 ein Gesamtarbeitsvertrag vor, der Bauarbeiter_innen eine Rente ab 60 Jahren ermöglicht. Als faires Kriterium bei einer flächendeckenden Flexibilisierung des Rentenalters würde sich allerdings vorab das Einkommen und die Bildung anbieten.
Unbequeme Fakten
Dass Menschen tödlich verunfallen, an einer Krankheit sterben oder Opfer von Naturkatastrophen werden, wird in der Regel als Ergebnis von menschlichem Versagen, Zufällen, Schicksal oder als Wille Gottes interpretiert. Vergleichsweise wenig Resonanz findet der empirisch fundierte Einwand, dass die Lebenszeitchancen von Menschen bereits am Start ungleich verteilt sind und im Leben eine Vielzahl sozialer Faktoren die Spanne zwischen Geburt und Tod beeinflusst.
Obwohl moderne Wohlfahrtsstaaten inzwischen tieferen sozialen Schichten den Zugang zu einer guten medizinischen Versorgung bieten, sterben Menschen mit wenig ökonomischem, kulturellem und sozialen Kapital noch immer früher. Fakt bleibt, dass Männer und Frauen, die wenig gebildet sind, sich ungesund ernähren, Drogen konsumieren, gefährliche Jobs ausüben, sozial isoliert sind und/oder in Gegenden wohnen, die stark von Schadstoffen und Gewaltkriminalität belastet sind, weniger lang leben als etwa Akademiker_innen, die sich ein gesundes Leben leisten wollen und können.
In vielen Ländern sind sich die Gesundheitsbehörden dieser Chancenungleichheiten durchaus bewusst und versuchen die Statuseffekte durch präventive Massnahmen zu verringern. Die vorherrschende Meinung, dass für die Spanne zwischen Geburt und Tod nicht ungleiche Lebenschancen und -bedingungen gelten, sondern jeder Mensch selbst verantwortlich ist, sorgt wohl auch in Zukunft dafür, dass dieses Faktum im politischen Diskurs ignoriert bleibt.
Unser Experte Michael Nollert ist Professor im Departement für Sozialarbeit, Sozialpolitik und globale Entwicklung. Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind: soziale Netzwerke, soziale Konflikte, Delinquenz, soziale Ungleichheiten und unbezahlte Arbeit.
Quellen / Literatur
Michael Nollert, Der Tod ist kein Zufall: Ungleiche Lebenszeitchancen als Herausforderung für die Sozialpolitik, sozialpolitik.ch, Vol. I, 1–14, 2017