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Der Schweizer Filmemacher Richard Dindo war der ausländische Ehrengast am 15. Internationalen Festival für Dokumentarfilme in Santiago (Fidocs). Patricio Guzmán, ein langjähriger Freund und Präsident von Fidocs, lud ihn zu einer Werkrückschau ein.
Guzmán stellte Dindo als einen der besten europäischen und den besten Schweizer Dokumentarfilmer vor: "Doch seine Filme kann man sich nicht auf einem bequemen Sofa anschauen. Dazu braucht es einen Holzstuhl."
Die Zuschauer würden Dindos Behauptung widerlegen, wonach dessen Filme immer weniger Interesse fänden. Die Fragen aus dem Publikum gaben Guzmán Recht.
Nicht zum ersten Mal in Lateinamerika
Zwei Dokumentarfilme drehte Dindo in Lateinamerika: "Ernesto Che Guevara, das bolivianische Tagebuch" (1994) und "Ni olvido ni perdón" (Chronologie eines mexikanischen Massakers) von 2004, seinem letzten politischen Dokumentarfilm und zugleich Vermächtnis an die besiegte 68er-Generation.
"Mir ist es wichtig, die Besiegten ins Gedächtnis zurückzuholen: Für den Film über Che Guevara bin ich seinen Tagebuchaufzeichnungen Tag für Tag und Ort für Ort gefolgt, um die Bilder zu finden. Für den anderen bin ich mit den Überlebenden des Massakers von 1000 Menschen in Tlatelolco kurz vor der Eröffnung der Olympischen Spiele in Mexiko im Oktober 1968 an den Ort des Geschehens zurückgekehrt." Aus für jedermann verständlichen Gründen wollte er diesen Film in Chile zeigen.
Hier, einem weiteren Ort der Erinnerung, sagt er gegenüber swissinfo.ch, sei er zum ersten Mal und wolle keinen Film drehen."Patricio Guzmán kann das viel besser als ich."
Junges und interessiertes Publikum
Einem vorwiegend jungen Publikum stand Dindo nach den Vorführungen Rede und Antwort. Eine Studentin dankte ihm für "Ni olvido ni perdón".
"Der Film hat mich gelehrt, wie wichtig es ist, an den Ort des Geschehens zurückzukehren. Ich stamme aus einer politisch verfolgten Familie. Mit allen Tricks konnte ich meine Eltern nie überlisten, mir ihre Geschichte zu erzählen. Schliesslich haben mir Freunde der Familie gezeigt, auf welchem Weg sie zusammen geflüchtet sind", sagte sie.
Denkmal für die Besiegten
Wiederholt stand die Frage im Raum, warum in seinen Filmen immer Aussenseiter wie Rimbaud oder Gauguin und Verlierer wie Che Guevara oder Paul Grüninger im Mittelpunkt stünden.
Für Dindo ist die Anwort klar: "Ich ziehe die Verlierer und ihre Träume den Siegern vor. Letztere bestätigen sich nur selbst und würden mich wahrscheinlich anlügen. Zudem mutieren sie dann meist zu kleinen Diktatoren. Ich kann nur Filme drehen über Personen, die mir sympathisch sind."
Dokumentarfilm versus Spielfilm
Auch warum er keine Spielfilme, sondern nur Dokumentarfilme drehe, wollte das Publikum wissen. Lachend meinte er, dass er mit seiner geringen Statur dafür nicht genügend Kraft hätte und auch nicht den notwendigen Ehrgeiz, um Schauspieler zu ertragen und fügte hinzu: "Im Gegensatz zu meinen Dokumentarfilmen ist im Spielfilm der Ort des Gedächtnisses nur eine Kulisse. Schauspieler ersetzen die Personen, d.h. zerstören sie, sodass das Publikum den Schauspieler mit der Person und deren Mythos identifiziert."
Im Dokumentarfilm bestehe die Wirklichkeit schon, die er nur rekreieren könne: "Das politische und biographische Gedächtnis greift immer auf die Autobiografie zurück, um den Toten aus der Vergessenheit zurückzuholen und sein Wesen zu verstehen. Ich identifiziere mich mit den Personen, bis ich mich ganz auslösche. So entsteht der Film als Kunstwerk."
Verzicht auf politische Dokumentarfilme
Der Bitte aus dem Publikum, nicht auf politische Dokumentarfilme zu verzichten, da es gerade in Lateinamerika noch viele Themen zu bearbeiten gebe, schlägt Dindo ab: "Meine Filme stossen auf immer weniger Interesse. So filme ich nur noch zu meinem Vergnügen und mit immer kleinerem Budget, aber ohne auf meine politischen Ideale zu verzichten."
Als Arbeitersohn könne er es nicht verantworten, das Geld des Staates zu verschleudern. Und als Schweizer würde er sich fast schämen, hier zu filmen, den Filmschaffende sollten zuerst im eigenen Land arbeiten.
Echo in der Schweiz
Wie der Film über Polizeihauptmann Paul Grüninger in der Schweiz aufgenommen wurde, wollte eine Frau wissen. Sie zeigte sich enttäuscht, dass Grüninger nach dem 2.Weltkrieg auch von den von ihm geretteten Juden kaum Unterstützung erhielt.
Dindo antwortete, dass der Film im Deutschschweizer Fernsehen gezeigt und gut aufgenommen wurde. "Doch Gelegenheit zum Gedankenaustausch wie hier hatte ich nicht. Übrigens ist dieser Film bis heute nie in Österreich gezeigt worden, woher die von Grüninger geretteten Juden stammten."
Besuch der Moneda
Dindo fand keine Zeit, um Tausende im Stadtzentrum demonstrierende Schüler und Studenten zu beobachten oder das Museum von Pablo Neruda zu besuchen: "Ich will meine Filme zeigen, mit den Zuschauern ins Gespräch kommen und auch andere Filme anschauen.
"Nur auf eines wollte er nicht verzichten, sagte er gegenüber swissinfo.ch: Den Besuch des Regierungspalasts La Moneda, der beim Militärputsch vom 11.September 1973 bombardiert wurde und wo Präsident Salvador Allende ums Leben kam.
Richard Dindo
Nach seinen eigenen Worten wurde er am Tag der Landung der Alliierten in der Normandie (6.Juni 1944) in Zürich geboren , zum zweiten Mal im Mai 1968 in Paris.
Autodidakt seit seiner Jugend, die er z.T. in einem Heim verbrachte. Das Taschengeld von 15Fr. gab er bei einem Buchantiquar aus, u.a. für einen Gedichtband von Marcel Proust.
Die Lehrjahre als Filmemacher verbrachte er an der Cinéthéque in Paris. Filmklassiker beeinflussten sein späteres Werk.
Seit 1970 hat er 30 Dokumentarfilme gedreht. Sie sind den Aussenseitern und Verlierern der Geschichte gewidmet, zu welchen er sich selbst zählt. Sie will er rehabilitieren und der Vergessenheit entreissen.
Er lebt in Zürich und Paris und arbeitet gegenwärtig an 5 Filmen, einer Trilogie über Musik und zwei über Literatur.
Swiss Films finanzierte Flug und Aufenthalt Richard Dindos.Infobox Ende
Fidocs
Vom 20. bis 26. Juni standen fast 80 Dokumentarfilme auf dem Programm nicht kommerzieller Kinos.
6 waren einer Werkrückschau Dindos gewidmet ,u.a. "Gauguin en Tahiti et aux Marquises" (2010), "The Marsdreamers" (2009), "Che Guevara, das bolivianische Tagebuch" (1994) und "Der Fall Grüninger" (1997).
Fidocs zeigte zwei weitere Schweizer Filme: "Calafate, Zoológicos Humanos" von Hans Mülchi sowie die schweizerisch-kolumbianische Koproduktion "Impunidad".Infobox Ende
swissinfo.ch