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Vor 1000 Jahren, am Abend des 28. Juni 1022, starb im Kloster St. Gallen im Beisein seiner Mitbrüder und Schüler ein Mönch, der zu den herausragendsten Gelehrten seiner Zeit zählte. Sein Name war Notker. Zur Unterscheidung von anderen Mönchen gleichen Namens gab man ihm Beinamen wie «Magister», «Tertius», «Labeo» oder «Teutonicus», «der Lehrer», «der Dritte», «der mit einer dicken Lippe» oder «der Deutsche». Der Tag endete damals mit dem Sonnenuntergang, und der Abend gehörte liturgisch zum folgenden Tag. Notkers Tod ist deshalb im Totenbuch des Gallusklosters erst am 29. Juni eingetragen, dem Gedenktag des heiligen Petrus, mit dem der Verstorbene zeitlebens in einer innigen geistigen Verbundenheit gestanden hatte.
Allein das Werk
Fast alles, was über Notkers Leben bekannt ist, wissen wir von seinem Schüler Ekkehart IV. Da Notker bei seinem Tod über siebzig Jahre alt war, muss er in der Mitte des 10. Jahrhunderts zur Welt gekommen sein. Der Sprössling aus einer Ostschweizer Adelsfamilie kam im Knabenalter in das Kloster St. Gallen, wo er sein ganzes Leben verbringen sollte. Er wirkte an der renommierten St. Galler Klosterschule als Lehrer und leitete sie viele Jahre. Zeitgenössische Stimmen heben des Magisters Gelehrtheit und Gläubigkeit hervor und geben zu erkennen, dass er schon zu Lebzeiten ein hohes Ansehen genoss.
In seinem einzigen persönlich gehaltenen Zeugnis äussert sich Notker aber weder zu seiner Person noch zu seinem Leben. Er spricht allein von seinem Werk. In einem Brief an den Bischof Hugo von Sitten erklärt Notker sein didaktisches Programm und nimmt Stellung zu seinem ungewöhnlichen Vorgehen, die lateinischen Schultexte in der althochdeutschen Muttersprache wiederzugeben und zu erläutern. Dann zählt er seine Schriften auf.
Philosophie und Logik
Es ist dieses Lebenswerk Notkers, das uns immer wieder von Neuem in Erstaunen versetzt. Nicht nur in seinem Umfang: Mindestens achtzehn Einzelwerke muss es umfasst haben, und noch fast vierzig Handschriften sind erhalten, die es überliefern. Es beeindruckt auch in seiner Vielfalt. Das Œuvre entfaltet eine reiche Palette von lateinischen, althochdeutschen und gemischtsprachlichen Schriften, von sowohl eigenständigen Texten als auch Bearbeitungen von Texten anderer Autoren. In ihrer Gesamtheit umspannen Notkers Werke den Stoffplan der damaligen Schule. Sie bedienen den damaligen Fächerkanon, die sogenannten Sieben freien Künste, und münden in das Studium der Theologie. Die Sieben freien Künste erfahren in Notkers Lehrschriften eine sehr breite Behandlung. Gleichwohl macht der Autor klar, dass er sie gegenüber der Theologie nur als Hilfsmittel zum Verständnis der kirchlichen Bücher und damit als Grundstudium betrachtet. Die Krönung des Schaffens bilden die kommentierenden Übersetzungen biblischer Bücher. Notkers Psalter ist erhalten, seine Hiob-Bearbeitung leider nicht.
Will man einen Schwerpunkt bestimmen in Notkers Auseinandersetzung mit den Sieben Freien Künsten, so liegt er auf der Philosophie und der Logik. In mehreren lateinischen Abhandlungen verarbeitet Notker die Logiklehre des Aristoteles und verbindet sie mit spätantikem und mittelalterlichem Gelehrtenwissen. Grundlage sind die Schriften des spätantiken Philosophen und Autors Boethius, der Aristoteles ins Latein übertrug und Kommentare zu dessen Logik verfasste. Mit dem Beizug einer Fülle von Sekundärliteratur erweist sich Notker als universell gebildeter Gelehrter. Neben Überblicksdarstellungen und Auslegungen bietet er auch praktische Anleitungen. Eine solche lehrt, wie man komplizierte lateinische Sätze verstehen kann, wenn man sie in Bestandteile zerlegt. Notker erschafft damit eine der ersten Lehrschriften für Lesetechnik.
Es ist nicht seine einzige Pionierleistung. Als erster mittelalterlicher Gelehrter kommentiert Notker die Logikschriften des Aristoteles. Absolut einzigartig ist, was Notker als Übersetzer leistet. Er übersetzt die ersten beiden Bücher der aristotelischen Logik in die deutsche Volkssprache. Erst siebenhundert Jahre später sollte das wieder jemand machen. Notker ist auch der einzige mittelalterliche Autor, der ein eigenes Werk in zwei Sprachen verfasst. Er schreibt eine lateinische Osterdatumsberechnung und übersetzt sie anschliessend ins Althochdeutsche.
Kunstvolle Spracharbeit
Alle diese aussergewöhnlichen Leistungen hebt Notker in seinem Brief nicht hervor. Es gibt nur eines, was er selber als ungewöhnliches Wagnis bezeichnet und als seine eigene Errungenschaft unterstreicht: die Verwendung des Althochdeutschen zur Erklärung anspruchsvoller Literatur. Blickt man in seine lateinisch-althochdeutschen Kommentarwerke, erkennt man die Tragweite dieses Unterfangens. Notker erschafft eine ganz neue Methode der Texterklärung. Mehrstufig in Gedanke und Sprache dringt er in den Ausgangstext ein. Er arbeitet ihn zuerst zu einer fasslichen Vorlage um, auf der er seine althochdeutsche Übersetzung und Erklärung erstehen lässt. Seine Spracharbeit ist äusserst kunstvoll. Das Resultat ist ein glasklarer Fliesstext, in dem Werktext, Übersetzung und Kommentar in höchster Verdichtung zusammenfinden. Die deutsche Sprache erfüllt dabei anspruchsvollste Aufgaben, und dies mit grosser Geschmeidigkeit und Eleganz. Es ist nicht verwunderlich, dass Notker in der Wissenschaft zuerst von Germanisten entdeckt wurde. Heute beschäftigen sich Forscherinnen und Forscher aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen mit seinem Werk. Und alle vermag er immer wieder zu überraschen.
Herausfordernder Didaktiker
So vielfältig seine Schriften sind, so haben sie doch alle einen gemeinsamen Fluchtpunkt, den klösterlichen Schulunterricht. Alle sind sie durchwirkt von einer kompromisslosen didaktischen Berufung. Mit seinen Aristoteleskommentaren und -übersetzungen war Notker seiner Zeit weit voraus. Mit seinen pädagogischen Grundsätzen ist er es vielleicht auch der unsrigen. Auch in Notkers Zeit ragte das Gelehrtenwissen als mächtiges Gebirge in die Höhe. Dem Lehrer Notker wäre es nie in den Sinn gekommen, dieses Gebirge auf ein tieferes Niveau abzutragen, damit seine Schüler bequem hineinspazieren konnten. Sein Vorgehen bestand vielmehr darin, ihnen im steilsten Gelände gangbare Wege zu legen. Nicht Herunterbrechen, sondern Hinaufhelfen war seine Devise. Was bei Notker wie Vereinfachung aussieht, ist in Wahrheit die Suche nach einer Letztform der Erklärung. Quer in der heutigen Bildungspolitik steht Notker auch mit seiner Forderung, um der wissenschaftlichen Präzision willen die eigene Sprache zu benützen, gleichzeitig aber kulturelle Grundpfeiler der abendländischen Bildung nicht zu ignorieren und Lateinkenntnisse nicht für verzichtbar zu halten. Sein Werk kann uns deshalb nicht nur faszinieren, sondern auch ernstlich beunruhigen.
Andreas Nievergelt