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Die französische Abwehr krankt, hatte die Zeitung “Le Monde” nach dem EM-Testspiel Frankreichs Ende Mai gegen Kamerun (3:2) geschrieben. Nach den Ausfällen von Abwehrchef Raphaël Varane, Mathieu Debuchy und Jérémy Mathieu (alle verletzt) sowie Mamadou Sakho, der wegen einer Dopingsperre an der EM fehlt, schien die Verteidigung der “Equipe tricolore” den Plan vom dritten Heim-Triumph in Serie nach der EM 1984 und der WM 1998 am meisten zu gefährden.
Die Angst erwies sich im bisherigen Turnierverlauf als unbegründet, auch wenn sich die französische Defensive nicht immer sattelfest präsentierte und Routinier Patrice Evra auf der linken Seite gelegentlich Schwächen zeigte. Nur zwei Gegentreffer kassierten “Les bleus” in den vier Spielen, beide auf Penalty. Ernsthaft in Schwierigkeiten geriet die neu formierte Viererkette mit Bacary Sagna, Adil Rami, Laurent Koscielny und Evra gegen Rumänien (2:1), Albanien (2:0), die Schweiz (0:0) und Irland (2:1) nicht. Noch fehlte bisher allerdings der grosse Prüfstein.
Auch Island verfügt nicht über Stürmer des Prädikats Weltklasse, spätestens nach dem Sensationssieg gegen England (2:1) wird im Hexagon aber niemand mehr die Kampfkraft des nordländischen Kollektivs unterschätzen. Dass in den Tagen vor der Partie dennoch die französische Abwehr das grosse Thema ist, liegt an der Sperre von Rami, der beim 2:1 gegen Irland die zweite Verwarnung kassiert hat.
Wer wird den physisch robusten Innenverteidiger ersetzen, der selbst erst nach den Ausfällen von Varane und Sakho in die Stammformation nachgerückt ist? Es ist eines der Themen, welches in diesen Tagen rund um das französische Trainingscamp in Clairefontaine für Diskussionsstoff sorgt. Nach den Eindrücken im Training deutet vieles daraufhin hin, dass Deschamps nicht den erfahreneren Eliaquim Mangala (25) von Manchester City (7 Länderspiele), sondern den erst 22-jährigen Samuel Umtiti von Olympique Lyon nominieren wird.
Wer ist dieser Samuel Umtiti, der als Einziger im französischen Kader noch kein Länderspiel bestritten hat? In der kamerunischen Hauptstadt Yaoundé geboren, wuchs Umtiti in einem Quartier von Lyon auf, wo er bereits als kleiner Junge den Weg zu Olympique Lyon fand. 2012 debütierte er bei den Profis, für die er 131 Spiele in der Ligue 1 absolvierte. Bei der “Fédération Française de Football” durchlief er alle Nachwuchs-Auswahlen, 2013 wurde er in der Türkei an den Seite von Paul Pogba (Juventus Turin) und Lucas Digne (Paris Saint-Germain), die beide in Frankreich ebenfalls dabei sind, U20-Weltmeister.
Die Fähigkeit, ein Spiel zu lesen, die Schnelligkeit sowie die Spielauslösung sind die Stärken Umtitis, der als impulsiv gilt. Eric Abidal, der ebenfalls bei Lyon und Barcelona spielte, war in den Jugendjahren eines seiner Vorbilder. Die Qualitäten des 22-Jährigen, der nach schwachen Leistungen in der Champions League eine starke zweite Saisonhälfte in der Ligue 1 gespielt hat, sind dem FC Barcelona nicht verborgen geblieben. Die Katalanen bestätigten in diesen Tagen, dass sie sich mit Lyon über die Transfermodalitäten und die Ablösesumme von 25 Millionen einig sind.
In den Überlegungen von Didier Deschamps hatte Umtiti bis im Frühjahr kaum eine Rolle gespielt. Dies hat sich in den letzten Tagen geändert. Dass Umtiti in Frankreich überhaupt dem Kader angehört, verdankt er nur dem verletzungsbedingten Forfait von Mathieu kurz vor Beginn der EM. Nun steht der U20-Weltmeister vor seinem Länderspiel-Debüt – und dies in einem EM-Viertelfinal im Stade de France in Saint-Denis. Der Ersatz des Ersatzes ist zum französischen Hoffnungsträger geworden.
(SDA)