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«Wahrheit» (1)
Über dem Postbureau liegt die Wohnung der Posthalterin, denn es ist eine Frau, die die Post im Dorf besorgt. Da das Bureau nur kurz vor Einfahrt und eine Viertelstunde nach Abfahrt des Postautos offensteht, kann die Frau das Amt gut neben ihren Hausgeschäften versehen.
Ursprünglich war es so gemeint gewesen, dass ihr Mann Posthalter zu sein habe. Doch der Mann, ein grosser, dicker und seltsam blasser Mensch, sass, man darf sagen, seit Jahren, Tag für Tag auf dem langen Holzbalkon der Wohnung, gerade über dem Eingang des Postbureaus, und das war alles, was er tat.
Er sass auf dem Balkon. Mit weit auseinandergespreizten Beinen lehnte er in einem niederen, breiten Stuhl, den Kopf zwischen die hochgezogenen Achseln versenkt. Sein Gesicht hatte dieselbe mehlige Farbe wie sein Haar, das spärlich den spitzen Schädel bedeckte. Auch sein Schnurrbart hing farblos über den Mund herunter und gab mit seiner Richtung nach abwärts den Weg an, den alles in diesem Gesicht zu nehmen hatte, bis zu den Augenlidern, die immer gesenkt und schwer über den kugeligen Augäpfeln lagen, so dass man denken konnte, der Mann schlafe.
Schlief er? Wie dem auch sei, er nahm nichts wahr von dem, was auf dem Dorfplatz geschah, obschon er auf seinem Balkon sozusagen den Logenplatz innehatte. Er sass dort mit fast geschlossenen Augen und rührte sich nicht. Man war so sehr an seinen Anblick gewöhnt, dass man ihn vergass. Er gehörte zum Dorfplatz wie die Laterne am Haus oder die Telefonleitung, die dort angebracht war.
Geduld haben und warten
Seine Frau, die Posthalterin, hatte sich lange gegrämt, dass ihr Mann zu nichts zu gebrauchen war. Es hiess, sie habe früher viel geweint und mit dem Herrgott gehadert, bis sie sich in das Unglück zu schicken vermochte, denn als sie sich, ganz jung, mit Lazzaro verlobt hatte, war er eben anders gewesen: ein grosser, hübscher Bursche und unternehmungslustig, so unternehmungslustig, dass er, um etwas Geld für den Hausstand zu verdienen, nach Amerika auswanderte, wo sein Schwager, Herr Martino, ein Malergeschäft betrieb, in welchem er mitarbeiten wollte. Die Braut würde unterdessen zu Hause auf ihn warten. Und sie wartete.
Von Zeit zu Zeit schickte er einen Brief, in dem zu lesen stand, das Geschäft des Herrn Martino gehe gut, es werde viel Geld verdient, was auch ihm zugutekomme, denn er hoffe, bald Teilhaber zu werden. Dann kehre er nach Hause zurück, um Hochzeit zu halten und seine Frau mit nach Amerika zu nehmen. Sie solle Geduld haben und warten. Das tat sie, und um sich die Zeit zu verkürzen, häkelte sie für ihre Aussteuer Spitzen. Sie hatte schon für alle Unterkleider Spitzen gehäkelt, dann für alle Leintücher breite Einsätze und grosse Vierecke zum Einnähen, später ganze Decken und Bettüberwürfe. Viele Schubladen voller Spitzen warteten mit ihr.
Ihr frisches Gesicht wurde klein und rot und sah einer Spitzmaus ähnlich, ihre Hände wurden welk, ihr blondes Haar bekam eine unschöne, strohige Farbe, aber sie wartete getreulich, bis endlich der Brief kam, in welchem die Heimkehr des Bräutigams gemeldet war. In zwei Monaten würde er da sein. Nun galt es, in Eile die vielen Spitzen und den Stoff, der schon lange zur Aussteuer gekauft worden war, zu verarbeiten. Die Aufregung war gross, ob man zur Zeit fertig würde. Aber es gelang.
In der Woche vor seiner Ankunft hingen die schönen Sachen frisch gewaschen von den Balkonen des Hauses herunter, so dass alle, die vorbeigingen, sie bewundern und die Braut beneiden konnten. Und sie wurde beneidet, denn niemand im Dorf hatte so viele und so breite Häkelspitzen an seiner Wäsche wie die gute, geduldige Lucinda.
Endlich rollte die Post, mit welcher der Langersehnte ankommen musste, auf den Platz. Das ganze Dorf war versammelt und sprach der aufgeregten Braut zu. Sie möge sich jetzt zusammennehmen, sie sei am Ende ihrer Leiden, jetzt beginne für sie die gute Zeit. Sie glaubte es und ihr rotes Mausgesicht glänzte, teils, weil sie sich so sehr gewaschen hatte, teils, weil die Erwartung ihr alles Blut in den Kopf trieb.
Dann stieg ein Mann aus. Er blieb, allein, vor dem Postbureau stehen, die anderen stumm in einiger Entfernung um ihn herum. Jemand stiess die fassungslose Lucinda in den leeren Raum zwischen dem Angekommenen und den Wartenden. Dort hielt sie sich mühsam aufrecht, bereit, in Weinen auszubrechen. Der Mann stellte sein Köfferchen neben sich auf die Erde, ging zu ihr hin, sah sie lange an und sagte: «Lucinda?» Sie hob den Kopf und fragte zurück: «Lazzaro?» Jetzt drängten die übrigen herzu und grosses Händeschütteln begann.
Einen jeden musste er begrüsst haben, bevor er in seinen Hausflur treten konnte, der neben dem Postbureau in den ersten Stock führte, wo seine Wohnung lag. Einige drängten hinter ihm drein, die andern verweilten schwatzend auf dem Platze. Alle waren sich aber einig, dass Lazzaro schwer wiederzuerkennen sei. Was war aus dem flotten Burschen in den zwölf Jahren seiner Abwesenheit geworden? Ein bleicher Mensch, aufgedunsen und schlaff, mit wässrigem Blick und schläfrigem Ausdruck.
Trost in der Kirche
Lucinda sei ja auch nicht mehr die Schönste, das mache der Kummer um die solange hinausgeschobene Hochzeit, aber mit ihm scheine etwas Besonderes geschehen zu sein, so könne man sich natürlicherweise nicht verändern. Nun, er sei ein reicher Mann und so werde Lucinda sich eben damit zufriedengeben. Man erfuhr jedoch bald im Dorf, dass es auch mit dem Reichtum eine geheimnisvolle Sache sei. Geld habe er wenig mitgebracht, zurückfahren wolle er nicht mehr, doch werde ihm Herr Martino und dessen Teilhaber jeden Monat Zinsen von dem Gelde schicken, das er dort im Geschäft angelegt habe. Davon könne er hier gut leben und seine Frau mit.
Er bestimmte, jetzt werde Hochzeit gehalten, und so wurden die schönen Leintücher und Bettdecken bald in Gebrauch genommen. Man konnte sie alle paar Wochen, wenn Lucinda waschen gegangen war, vom Balkon flattern sehen. Sie erregten immer noch den Neid der anderen Frauen. Sonst aber wurde Lucinda nicht beneidet. Eher fand man, sie sei zu bedauern und sie habe es früher besser gehabt, als Lazzaro noch in Amerika war.
Jedenfalls hatte sie jetzt nichts mehr von ihm. Er hatte sich gleich nach dem Hochzeitstage auf den Balkon gesetzt und blieb dabei, durch Wochen, Monate und Jahre. Wenn Lucinda nicht beizeiten Trost gefunden hätte in der Kirche – sie gehörte zu den Frauen, die keine Messe versäumten, die jede Woche zur Beichte gingen und lang und schmerzlich im Beichtstuhl litten – sie hätte die Enttäuschung kaum ertragen. So aber blieb sie mit Hilfe der Madonna tapfer und tat ihre Pflicht als gute Frau.
Nur eines bedrückte sie so, dass sie bisweilen, trotz guten Zuspruchs des Herrn Pfarrers, verzweifeln wollte. Und das war – es muss jetzt gesagt werden –: Lazzaro trank. Nicht dass man viel davon bemerkt hätte, zum Glück. Er sass ruhig auf seinem Balkon, die Weinflasche hinter seinem breiten Stuhl versteckt, aber er trank. Er trank viel. Und wenn er getrunken hatte … Aber davon sprach Lucinda nur mit dem Herrn Pfarrer und ihrem Bruder, dem Sindaco. Beide rieten ihr, sie solle Geduld haben.
Geduld! Gewiss, sie wusste, wie man es macht, Geduld zu haben, hatte sie es nicht lange genug geübt? Aber wenn kein Geld mehr da war – die Zahlungen aus Amerika kamen nicht regelmässig und wurden eher kleiner als grösser – wenn kein Geld mehr da war, weil Lazzaro alles seinem Durst geopfert hatte, was half da die Geduld? Um seiner Schwester beizustehen, ohne selbst helfen zu müssen, versuchte der Sindaco, die eben freigewordene Stelle auf dem Postamt Lazzaro zu verschaffen. Er dachte sich, dieses Amt würde der Heimgekehrte noch versehen können, es würde ihn in seinen Gewohnheiten nicht sehr stören und brächte doch Verdienst ins Haus.
Die Stelle wurde ihm auch gegeben, aber er bemühte sich nicht ein einziges Mal, von seinem Balkon herunterzusteigen, um die Post in Empfang zu nehmen und abzufertigen. Seine Frau musste es für ihn besorgen. Mit der Zeit wurde das Amt auf sie übertragen, und so war sie Posthalterin geworden. Es half ihr aber nicht viel, Geld zu verdienen. Hatte Lazzaro sein eigenes aufgebraucht, nahm er das ihrige aus der Schublade und vertat es im stillen übel. Sie vermochte sich nicht zu wehren, denn ging ihm der Wein aus, wurde er laut, und aus Angst, man könnte durch sein Lärmen aufmerksam werden und dahinterkommen, welches ihr Kreuz sei, gab sie nach, ja, sie holte ihm lieber selber die neuen Flaschen, nur dass auf keinen Fall ihr Unglück verraten werde.
Heimlicher Trinker
Sie schämte sich zu sehr, denn im Dorf ergaben sich nicht viele dem Trunk. Da war noch Palmiro. Auch er war lange Jahre im Ausland gewesen, wo er sich ein anständiges Vermögen erarbeitet hatte. Auch er war ins Tal zurückgekehrt, mit Frau und Kind und einem Lastwagen. Er wollte sich als Camionneur im Dorf niederlassen. Der Lastwagen wurde bestaunt und Palmiro wegen seiner Kunst, ein Auto zu lenken, bewundert. Doch bald stellte sich heraus, dass er in der Fremde noch etwas anderes gelernt hatte, und das war eben das Trinken.
Zwischen seinen breiten Schultern sass ein kugelrunder Kopf, die hintere Hälfte braun von krausem Haar, die vordere tomatenfarbig. Die kleine, runde Nase, die blauen Augen und der zu kleine Mund versanken in der roten Hälfte, die immer von einem violett gewordenen Stoffhütchen, dessen Rand kaum über die Kugel des Gesichtes hinausragte, beschirmt wurde. Schon in seinem Gesicht also stand es zu lesen, dass der Wein seine Lust war, denn es glühte von weitem.
Aber auch sonst wäre daran nichts zu verheimlichen gewesen. Sein Beruf brachte es an den Tag. Fuhr er da am Abend vom Städtchen durchs Tal zurück nach Hause, standen vor allen Wirtschaften Bekannte und Freunde, die ihn bewogen, abzusitzen und ein Glas mit ihnen zu leeren. Bei den ersten Stationen wehrte er sich, denn er wusste noch, wie lang und schwierig es war, den schmal gewundenen Weg bis ins Dorf hinauf zu fahren. Er wehrte sich, stieg aber doch ab und setzte sich zu der Gesellschaft in die Wirtsstube.
Nach jeder Einkehr hatte er mehr Mühe, sich auf seinen hohen Führersitz zu schwingen, bis es so weit war, dass man ihn hinaufstossen und ihm die Hände ums Lenkrad legen musste. Langsam kroch dann der Wagen das steile Strässchen hinan. Manchmal vergass Palmiro in der Dunkelheit die Lichter anzudrehen. Wie er seinen Weg fand und dass er nie danebengeriet und in den Abgrund stürzte, schien wunderbar.
Doch der Sindaco gab die Erklärung dafür: Jeder wisse doch, dass Betrunkene einen Extra-Schutzengel hätten, so auch Palmiro. Dem Schutzengel habe man zu vertrauen, dieser werde schon für ihn sorgen. So war die Trunksucht des Palmiro ein öffentliches, kommunales Übel, bekannt, fast dürfte man sagen: anerkannt.
Ganz anders jedoch war es mit Lazzaro. Er trieb es im Geheimen, behütet von seiner Frau, die sich als Schirm vor ihn stellte und alles tat, um die Wahrheit zu vertuschen. So hatte sie sich sogar entschlossen, seinen Wein nicht mehr im Dorfe zu beziehen, sondern in Fässern zu bestellen, die Palmiro nachts in den Keller brachte, damit niemand wissen könne, dass und wie viel der Mann trinke. Man brauchte es nicht zu wissen … und man wusste es nicht, denn man versteht es im Dorfe, sich zu benehmen.
Was Palmiro betraf, so hielt er schon aus Berufsgründen zu Lazzaro, er würde es nicht ausschwatzen. So sass Lazzaro still auf seinem Balkon, und trotzdem es keinen besseren Posten geben konnte als ebendiesen Balkon, sah er nichts von dem, was sich auf dem Dorfplatz zutrug, auf dem sich doch alles begab, was sich begeben kann. Weder sah er, dass einer auf dem letzten Wege zum Friedhof war oder dass man ein Kind zur Taufe trug, noch, dass aus den Buben, die sich vor dem Postbureau balgten, junge Burschen wurden, die in die Fremde fuhren, so wie andere nach Hause zurückkehrten, mit oder ohne Geld.
Sogar als Herr Martino, der sich aus seinem Geschäft in Amerika zurückgezogen hatte und nun wieder sein altes Häuschen im Dorf bewohnte, nach so vielen Jahren aus der Post gestiegen war, hatte Lazzaro ihm kaum zugenickt. Er sah die Frauen und Mädchen nicht, die sonntags geputzt zur Messe vor seinem Hause vorbeizogen, nicht die Händler mit ihren gefüllten Karren oder die Scherenschleifer und Kesselflicker, nicht einmal die Prozessionen oder die Herden, die im Frühling und im Herbst durch das Dorf getrieben wurden: nichts sah er. Höchstens, dass er etwa aufstand und zum Geländer des Balkons trat – man merkte dann, wie gross und ungefüge der Mann war –, wenn Palmiro am Abend seinen Wagen langsam auf den Dorfplatz einschwenken liess und mühsam vom Sitz herunterkletterte. Er nickte ihm kollernd zu, winkte mit der Hand und versank wieder in seinem Stuhl.
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- Einen anderen spannenden Fortsetzungsroman mit dem Titel «Blaues Blut. Royale Geschichten aus der Schweiz» finden Sie hier.
«Tessiner Geschichten»
Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.
Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.
Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0