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Die irrationalen Ängste, die vom Ebola-Virus ausgelöst wurden, haben dazu beigetragen, dass das Problem in Westafrika ausser Kontrolle geraten ist", sagt Antoine Gauge von "Ärzte ohne Grenzen" (MSF) in Genf. Nun bestehe die Gefahr, dass sich die Krankheit noch stärker verbreite.
Laut der Weltgesundheits-Organisation (WHO) handelt es sich um die "schlimmste" Ebola-Epidemie seit der Entdeckung des Virus in den 1970er-Jahren. Gemäss den neuesten, am 1. Juli, publizierten Zahlen, sind in Guinea, Liberia und Sierra Leone seit Jahresbeginn 759 Fälle des hämorrhagischen Fiebers verzeichnet worden. 467 Menschen sind bisher daran gestorben. Das sind 129 Todesfälle mehr als bei der letzten Erhebung vor einer Woche. Diese Zunahme um einen Drittel sei ein Zeichen dafür, dass die Epidemie nach einer Pause im April weitergehe, teilt die WHO mit, die letzte Woche in Genf Alarm geschlagen hat.
Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) hat - angesichts eines Virus, gegen das keine Behandlung existiert und das in den meisten Fällen fatal ist - zu einer Mobilisierung aller Akteure aus Regierungskreisen und humanitären Organisationen aufgerufen.
Virus ohne Impfstoff
Das Ebola-Virus, das "hämorrhagisches Fieber" verursacht, hat seinen Namen von einem Fluss im Norden der Demokratischen Republik Kongo (früher Zaire), wo es 1976 zum ersten Mal beobachtet wurde. Die Sterblichkeitsrate des Virus liegt beim Menschen zwischen 25 und 90%. Ebola ist eine der ansteckendsten Krankheiten überhaupt.
Das Virus gehört zur Familie der Filoviridae, die als einzige Viren eine fadenförmige (lat. Filo) Struktur haben. Es wird durch direkten Kontakt mit Blut, Körperflüssigkeit oder Gewebe einer infizierten Person oder eines infizierten Tiers übertragen. Die Begräbnis-Riten, bei welchen die Verwandten und Freunde direkten Körperkontakt mit der verstorbenen Person haben, spielen eine gefährliche Rolle bei der Verbreitung der Krankheit.
Gegen das Ebola-Fieber, das manchmal als schlimme Blutung, Erbrechen oder Diarrhöe in Erscheinung tritt, gibt es keinen zugelassenen Impfstoff.Infobox Ende
swissinfo.ch: Wie lässt sich diese starke Verbreitung des Ebola-Virus in Guinea, Liberia und Sierra Leone erklären?
Antoine Gauge: Dieses Virus war vorher in dieser Region unbekannt. Die Gesundheitsbehörden, das medizinische Personal und die Bevölkerung müssen die Krankheit zuerst kennenlernen. Dass diese jetzt – in Bezug auf die Anzahl Fälle oder Ausbruchsherde (gegenwärtig fast 60) - ausser Kontrolle geraten ist, liegt insbesondere auch an der Angst, die das Virus erzeugt hat.
Ein weiterer Grund für die Verbreitung ist die grosse Mobilität der Bevölkerung. Die Leute sind oft unterwegs, auch über die Landesgrenzen hinaus, und geben die betroffenen Fälle nicht unbedingt bekannt. Hinzu kommt, dass die Begräbnisse nicht immer mit der erforderlichen Vorsicht durchgeführt werden. Bei Ebola-verdächtigen Fällen ist es wichtig, den Körper zu waschen und zu desinfizieren.
swissinfo.ch: Muss man befürchten, dass sich die Epidemie in Westafrika noch rasanter verbreitet?
A.G.: Man kann es nicht ausschliessen. Das Risiko besteht.
swissinfo.ch: Verfügen Sie über die erforderlichen Mittel, um diese Epidemie zu bekämpfen?
A.G.: Unsere Kapazitätsgrenzen sind erreicht, vor allem die personellen. Es hat zu viele Ausbruchsherde, wir können nicht allen Bedürfnissen gerecht werden. Deshalb arbeiten wir vorwiegend in jenen Ausbruchsherden, wo wir bereits präsent sind, um Infizierungen des Pflegepersonals zu vermeiden. Wir versuchen auch, andere Akteure zu mobilisieren, zum Beispiel von der WHO oder vom Roten Kreuz, aber gegenwärtig haben wir keine angemessenen Mittel gegen die Epidemie.
swissinfo.ch: Ende April hatte Alpha Condé, der guineische Präsident, am Sitz der WHO in Genf gesagt, dass die Situation bewältigt sei. Behindert die Trägheit der lokalen Regierungen Ihre Arbeit?
A.G.: MSF äussert sich nicht zu politischen Fragen. Ich würde nicht von Trägheit sprechen, sondern von unangemessener Strategie. Die Regierungen und die humanitären Akteure sind sich der Tragweite der Epidemie noch nicht bewusst.
Epidemie während Monaten
Die schwere Ebola-Epidemie in Westafrika wird nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wahrscheinlich noch "mehrere Monate" dauern. Es sei nicht eindeutig abzusehen, wie stark sich die Epidemie noch ausbreiten werde, sagte der WHO-Vertreter Keiji Fukuda zum Abschluss einer zweitägigen Ebola-Konferenz in Ghanas Hauptstadt Accra.
Die Minister von elf afrikanischen Staaten berieten in Accra mit WHO-Vertretern und anderen Experten darüber, wie das gefährliche Ebola-Virus gestoppt werden kann. Die Teilnehmer sprachen sich unter anderem dafür aus, Dorfvorsteher für die Krankheit zu sensibilisieren, weil ihnen oft mehr vertraut werde als Vertretern der Gesundheitsdienste.
(Quelle: sda)Infobox Ende
swissinfo.ch: Was macht den Kampf gegen das Ebola-Virus so schwierig?
A.G.: Diese Krankheit erfordert sehr strenge Schutzmassnahmen. Wir kümmern uns um die Pflege der infizierten Patienten, die in Quarantäne kommen. Um Ansteckungen zu vermeiden, ist es auch sehr wichtig, jene Leute zu beobachten, die mit Kranken in Kontakt waren. Das Ziel ist, Personen möglichst schnell ausfindig zu machen, die Krankheitssymptome aufweisen. Diese Arbeit erfordert viel Durchhaltevermögen.
Wir führen auch eine grosse Sensibilisierungs- und Gesundheitsförderungs-Kampagne durch. Dass die Bevölkerung enorme Ängste aussteht, ist bei einer Epidemie normal. Aber weil diese Krankheit bisher unbekannt war, gibt es zahlreiche Widerstände. Manchmal ist es ausserordentlich schwierig, an jene Leute heranzukommen, die mit den Kranken Kontakt hatten.
Ausserdem zieht es die Bevölkerung oft vor, der traditionellen Heilmethode und Medizin zu vertrauen. Es zirkuliert die Vorstellung, dass die Weissen das Ebola-Virus hergebracht hätten, was unsere Arbeit noch komplizierter macht.
swissinfo.ch: Wenn man die Mobilität der Bevölkerung kontrollieren würde, wäre dies die Lösung, um die Epidemie zu stoppen?
A.G.: Nein, damit würde man Gefahr laufen, die Ängste und den Volksglauben noch mehr zu schüren. Wir versuchen im Gegenteil, diese Krankheit zu entmystifizieren, um möglichst schnell an die infizierten Personen und deren Umfeld heran zu kommen. Je schneller man die Betroffenen in Obhut nimmt, umso grösser sind die Heilungschancen.
swissinfo.ch: In Kinofilmen ist Ebola die Verkörperung eines pandemischen Virus geworden, das in der Lage ist, ein humanitäres Desaster auf dem Planeten Erde anzurichten. Ist das in der Realität auch so bedrohlich?
A.G.: Diese Filme haben dazu beigetragen, ein falsches Bild des Ebola-Virus zu verbreiten. Natürlich hat diese Krankheit eine sehr hohe Sterberate zwischen 25 und 90% je nach Stamm, und es gibt weder eine Behandlung noch einen Impfstoff, um sie zu bekämpfen. Aber sie verbreitet sich nicht so schnell wie zum Beispiel Cholera. Und anders als bei anderen Viren geschieht die Übertragung nur bei engem Kontakt, über die Körperflüssigkeiten der kranken Person.
swissinfo.ch: Die Ebola-Fälle blieben bisher auf Zentralafrika beschränkt. Weiss man, wie das Virus in Guinea aufgetaucht ist?
A.G.: Man weiss nicht, ob das Virus in dem Land bereits präsent war oder eingeführt wurde. Es braucht vertiefte Untersuchungen, um die genaue Herkunft zu bestimmen.
Schweizer Expertin in Guinea
Eine Expertin des Kompetenzzentrums für ABC (atomar, biologisch, chemisch) in Spiez hat in den letzten Wochen an einer Mission des mobilen, europäischen Labors (Europaen Mobile Laboratory) in Guéckédou (Guinea) teilgenommen. Sie hat zahlreiche Patientenproben untersucht, um das Virus mit Hilfe eines molekularen Diagnoseverfahrens nachzuweisen.
In der Nähe der Patienten zu arbeiten, erlaube es, rasch eine verlässliche Diagnose sicherzustellen, die als Grundlage von Massnahmen zur Bewältigung der Situation dienten, teilt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz in einem Communiqué mit.
Das mobile europäische Labor sei aufgrund einer Anfrage der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aktiv geworden, um bei der Bekämpfung der Ebola-Epidemie in Guinea, Sierra Leone und Liberia mitzuhelfen.Infobox Ende
(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch