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Überlegungen zu einer asymmetrischen Wehrtechnologiestrategie
Teil 10: Replik
von Christoph Grossmann*
Auf dem Blog der Schweizer Generalstabsoffiziere wurde in zehn Etappen eine „Smart Tech“ – Strategie für die Schweizer Armee dargelegt. Wie bereits nach dem ersten Beitrag zu befürchten war, orientieren sich die Überlegungen am militärpolitisch Erreichten Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts; Eine zweckmässige Perspektive für die Zukunft zu entwerfen vermögen sie nicht.
Das Scheitern der technologiestrategischen Skizze zeigt sich hauptsächlich an vier Punkten:
- Die Einbettung der Technologieüberlegungen in die Schweizer Sicherheitspolitik und das relevante Umfeld, welche heute und künftig markant anders erscheinen als vor 30-60 Jahren;
- Eine fehlende Auseinandersetzung mit Sinn und Nutzen des Technologieeinsatzes, welche zu notwendigen Funktionen, dem Leistungsprofil der Armee und damit zu den benötigten Fähigkeiten führen würde;
- Eine unvollständige Berücksichtigung der ökonomischen Aspekte der Technologieentwicklung;
- eine unbegründete Bevorzugung der nationalen, industriellen und gewerblichen Fertigung, welche sich zudem deutlich von den üblicherweise mit „smart tech“ bezeichneten Feldern der Informations- und der Biotechnologie unterscheidet.
Die vier Kritikpunkte sollen im Folgenden erläutert und der Versuch unternommen werden, einen technologiestrategischen Rahmen für die Zukunft der Schweizer Armee abzustecken.
Zu 1.
Die bewaffnete Neutralität ist ein von innen wie aussen gesehen taugliches Konzept für einen Kleinstaat zwischen mächtigen, befeindeten Nachbarn. In der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts sind jedoch zahlreiche internationale Institutionen entstanden, welche massgeblich auch Sicherheit in Europa geschaffen haben. Alle Nachbarn unternehmen seit vielen Jahren gemeinsame Sicherheitsanstrengungen, weshalb das Abseitsstehen der Schweiz immer weniger verstanden wird. Diese Beurteilung gewinnt an Gewicht, weil zudem keine Differenz in der Wahrnehmung der aktuellen und künftigen Bedrohung zwischen dem Umfeld und der Schweiz besteht. Zu Recht hat der Bundesrat in den Leitlinien zur Armee XXI deshalb festgehalten, das Interoperabilität zu gewährleisten sei, zumal seit jeher die Kooperation in einem Selbstverteidigungsfall auch dem Neutralen zusteht. In technologischer Hinsicht ist in der Gegenwart nicht mehr der Krieg der Vater aller Dinge, wie dies Heraklit vor zweieinhalb Jahrtausenden ausführte, sondern neben der wissenschaftlichen Forschung sind es vor allem die private und staatliche Nachfrage, welche aufzeigen, wo sich Investitionen und damit Fortschritt lohnen. Völlig verkehrt wäre es nun aber, quer zur globalisierten und konzentrierten Industrielogik oder zu den sicherheitspolitischen Nachfragegemeinschaften inzwischen künstliche Grenzen zu erhalten und sich in strategischer Hinsicht durch nationale, herkömmliche Industriestrukturen einschränken zu lassen. Taktgeber sind die funktionellen Möglichkeiten moderner Systeme zu Wasser, an Land, in der Luft und im Cyberspace. Die Schweiz ist deshalb gut beraten, durch eine enge Zusammenarbeit mit potenziellen Lieferanten im In- und inzwischen vor allem im Ausland zu gewährleisten, dass sie auf der Höhe der Zeit bleibt.
Zu 2.
Die technische Ausstaffierung einer Organisation ist Resultat des Faktoreinsatzes Arbeit und Kapital. Technik ist die Voraussetzung, um zu teure Arbeit zu automatisieren. Jeder Faktoreinsatz rechtfertigt sich aber nur durch den Nutzen, welche eine Organisation erbringt und den Sinn ihrer Leistungen. Grundsätzlich bewegen sich Armeen in sechs Tätigkeitsgebieten: Eroberung, nukleare Auslöschung, Vernichtung, Verteidigung, Schutz und Unterstützung. In dem jüngst vorgelegten Sicherheitspolitischen Bericht und dem Armeebericht hat es der Bundesrat verpasst, in stringenter Form Sinn und Nutzen der Armee in Zukunft aufzuzeigen. Es leuchtet sofort ein, dass eine „Molankegelarmee“ und eine breitbandige, strategische Reserve für die Handhabung des Gewaltmonopols zur staatlichen Selbstbehauptung zweierlei sind. Ebenso unterschiedlich sind der Bedarf an Arbeit und Kapital und dadurch der Technologiebedarf. Soll mittelfristig als Reaktion auf Eroberung durch einen ungewissen Gegner die Vernichtung militärischer Potenziale und die Verteidigung durch Waffeneinsatz mit Kalibern über 10mm weiterhin möglich sein, hat sich der notwendige Technologieeinsatz an den sich entwickelnden globalen technischen Möglichkeiten zu orientieren und nicht an einer eher bisher verfügbaren, arbeitsintensiven, mittleren Technologiestufe. Eine konsequente, funktionsorientierte Betrachtung wird zu einer durchaus geschickten Kombination von low, smart und high Tech führen können. Beton und Stahl werden aus preislichen Gründen moderne Verbundwerkstoffe nicht vollständig ablösen und die Bekämpfung von Punktzielen mit genau dosierter Brisanz über beliebige Distanzen geht ohne Informationstechnologien nicht. Zu meinen, man könne mit einer mittleren, gewerblich orientierten Technologie flächendeckend mit ausreichender Wirkung vor Ort sein, ist illusorisch geworden. Zu sehr hat sich die Wirkfläche und mögliche Wirkungskraft je Soldat erhöht, zu knapp sind die Finanzen.
Nochmals anders sieht die notwendige Technik einer Armee aus, welche primär schützt und unterstützt. Es sind aber nicht nur die Armeeaufgaben, welche den Technikeinsatz beeinflussen, sondern auch die Bedeutung der Mobilität, der Interoperabilität, der Entwicklungsfähigkeit, der (gewählten) Ablaufgeschwindigkeit des Sensor-to-Shooter-Loops sowie der personellen und finanziellen Verfügbarkeit, respektive des politischen Ressourcierungswillens des Souveräns.
Es braucht nun heutzutage aber schon eine sehr eigenwillige Interpretation von Nutzen und Sinn der Armee, wenn man Feuerstärke das Wort redet, die Infanterie aber schutzlos auf Fahrrädern verschieben will, Panzer befürchtet, sich aber mit Panzerabwehrlenkwaffen begnügen will, im Zeitalter von Langdistanz-Lenkwaffen bemannte Schönwetter-Tag-Flugzeugen in den Alpen befürwortet oder die Führungsinformationssysteme von Heer und Luftwaffe nach völlig verschiedenen Kriterien beurteilt, obwohl in beiden Bereichen in der Schweiz die militärische Lösung aufgrund ihrer Konfiguration und höheren Anforderungen etwa das zehnfache vergleichbarer Commercials off-the-shelf gekostet haben und an sich ihrer Aufgabe gewachsen sind. Bei der Luftwaffe ergaben sich die Kosten im wesentlichen, um nicht kooperative Flugkörper im Überschallbereich zu erfassen und wenige Elemente zu lenken, beim Heer im wesentlichen, um bewegliche Sensor-, Führungs- und Shooter-Netzwerke mit tausenden von Elementen zu konzertieren.
Welche Technologie die richtige ist, ob tiefe, hohe oder solche, welche durch Informationstechnologie oder biologische, medizinische oder spezielle materialtechnologische Effekte als smart bezeichnet werden kann, hängt massgeblich vom angestrebten Sinn und Nutzen einer Armee und damit von der zu erreichenden Wirkung ab. Vor einer spezifischen Technologiediskussion müssen diese Voraussetzungen geklärt werden. Eine solche Klärung kann einen multifunktionellen Bedarf ergeben. Dieser liesse aus analytischer Sicht und anhand von Vergleichen mit anderen technologielastigen Dienstleistern erst recht eine Kombination verschiedenartiger Technologien als optimal erscheinen.
Zu 3.
Die Absage an Hochtechnologie wird im Wesentlichen mit der überproportionalen Zunahme der Kosten bei Leistungssteigerungen begründet. Was dem Ökonomen als „abnehmender Grenzertrag“ bekannt ist, reicht nicht aus, um das notwendige Technologieniveau zu definieren. Ebenso wichtig ist das Gesetz der zunehmenden Skalenerträge, respektive das Prinzip der sogenannten Erfahrungskurve. Grösse zählt. Das heisst, die Stückkosten nehmen bei zunehmender produzierter Menge ab. Einerseits ist dies darin begründet, dass eine erhöhte Automatisierung möglich ist, andererseits resultiert eine höhere Arbeitseffizienz durch Repetition und kontinuierliche Verbesserung. Wenn das Ende einer nationalen Lastwagenproduktion durch einen Armeeauftrag verzögert wird, ist man zwar nicht in eine Hochtechnologiefalle geraten, kann aber weder an Skalenerträgen noch an der Erfahrungskurve partizipieren, geschweige denn an Weiterentwicklungsknow-how, betreibt aber unter dem Deckmantel der Sicherheitspolitik eine teure, und wie das Beispiel zeigt, erfolglose Strukturpolitik.
Der Schweizer Binnenmarkt stellt in vielerlei Hinsicht einen zu kleinen Markt dar, um ausreichende Skaleneffekte zu generieren. Gleichzeitig gibt sich das innovativste Land der Welt wohl kaum mit überholten Leistungsniveaus zufrieden, die zudem aufgrund eines hohen Arbeitsanteils heutzutage nur sehr teuer zu erbringen sind. Der hohe Anteil an Dienstleistungen zeigt zudem, dass wir es gewohnt sind, dass der Lieferant die Produkte beim Kunden zum Funktionieren bringt und eine hohe Arbeitsteilung entwickelt ist. Besonders einer Milizarmee, aber auch der Berufsseite einer Schweizerarmee, kann nicht zugemutet werden, dass museale Prozesse mit Technik aus der Vergangenheit trainiert werden. Vielmehr geht es um eine intelligente Mischung notwendiger technischer und personeller Fähigkeiten, welche mit einem zeitgemässen Ressourcenmix von Personal und Finanzen optimal auf ein gegebenenfalls breites Aufgabenspektrum abgestimmt wird. Dazu gehören nicht eine nationale Produktion von Panzern, Lastwagen, Kampflugzeugen oder Helikoptern, sehr wohl aber Nischenprodukte wie etwa Trainingsflugzeuge oder Sprengstoffe, vor allem aber Dienstleistungen wie etwa Systemintegration, Wartung oder Unterhalt, je länger je mehr auch Finanzierung und Bereitstellung. Besonders interessant wäre aber die Beteiligung an Entwicklungsaufgaben, etwa in den Bereichen Robotik, Materialtechnologie, Navigation und Ortung, Netzwerksicherheit und anderes mehr.
Zu 4.
An internationalen Rüstungskooperationen führt aufgrund der beschriebenen globalen Marktcharakteristik kein Weg vorbei und die Schweiz tut gut daran, als Abnehmer verlässlich zu bleiben. Dass dabei westliche Nachbarn Bedeutung haben, ergibt sich aus dem gesellschaftlichen Wertezusammenhang, der auch in Sicherheitsfragen Relevanz hat. Ebenso wie die NATO nach dem Einschliesslichkeitsprinzip offen für eine Zusammenarbeit mit allen Ländern ist, hat die Schweiz im zivilen Bereich hohe globale Handlungsfähigkeit erreicht. Wenn der Aviatiker von den russischen Ingenieurleistungen beeindruckt ist, so können auch die anderen drei BRIC-Länder mit ihre Stärken beurteilt werden. Und weitere Länder kämen dazu, wenn man auch im Rüstungsbereich von noch tieferen Arbeitskosten profitieren will. Sozial- und Regionalpolitik zulasten des Verteidigungsbudgets hingegen sind fehl am Platz. Ein Kompromiss könnte jedoch künftig darin liegen, dass – der generellen volkswirtschaftlichen Entwicklung entsprechend – das Dienstleistungsgeschäft für die Armee lokal ausgebaut wird. Denn eigentlich hat das staatspolitische Prinzip, wonach der Staat nicht in Feldern tätig sein soll, welche von Privaten auch ausgefüllt werden können, seine Gültigkeit nicht verloren.
Schliesslich gilt es auch klar festzuhalten, dass üblicherweise unter smart tech modernste Entwicklungen im Bereich der Informationstechnologie, der Biotechnologie und der Materialwirtschaft verstanden werden. Ihre „Smartness“ besteht darin, dass diese in höchst individuellem Ausmass auf die einzelne Anwendung ausgerichtet werden. Das gilt etwa für Keramik und Verbundstoffe, für gentechnologiebasierte Medikamente oder den Exoskeleton als Beispiel aus der Bionik, oder etwa für die Fernlenkung von Lenkwaffen und Drohnen.
Der Einsatz von Technik ist Mittel zum Zweck. Eine Technologiestrategie basiert zwingend auf den beabsichtigten Effekten einer Organisation in ihrem Umfeld. Das gilt genauso für die Schweizer Armee in ihrem relevanten sicherheitspolitischen Kontext, der keineswegs an der Landesgrenze endet. Als Eckwerte zur Entwicklung einer Technologiestrategie für die künftige Schweizer Armee könnte es angezeigt sein, folgende Thesen zu berücksichtigen.
- Staatliches Handeln muss grundsätzlich transparent sein; nur wo die Operationssicherheit es verlangt, sind verdeckte oder geschützte Verfahren notwendig. Dies ist Ausdruck der demokratischen Rechtsordnung und nützt der Vertrauensbildung und der Ausbildung.
- Despotische Regimes werden militärisch durch eine Koalition abgegrenzt, bevor sie eine ausgreifende Wucht erreichen.
- Militärisches Handeln ist immer mehr mit politischem Handeln kombiniert.
- Während militärische Kooperation Symmetrie, Dissymmetrie oder Komplementarität verlangt, nützt einem (unvollständig organisierten) Verteidiger Asymmetrie.
- Fähigkeiten und Kapazitäten sind zweierlei; während erstere vollständig vorliegen und über die Zeit weiterentwickelt werden müssen, können letztere lagegerecht verändert werden.
- Der Technologieeinsatz in Streitkräften muss mit sehr unterschiedlich langen Lebenszyklen für gleiche Produkte zurechtkommen, je nachdem ob sie viele Jahre in der Ausbildung genutzt oder in Krisen rasch defekt werden.
- Die Rüstungsindustrie ist globalisiert. Von den meisten Produktgruppen gibt es nur noch ganz wenige Anbieter. Internationale Rüstungskooperation ist der politische und ökonomische Normalfall.
- Im Inland finden sich Standorte global agierender Konzerne, globale Anbieter von Nischenprodukten, Halbfabrikatehersteller und nationale Dienstleister.
- Grundlage des Technologieeinsatzes sind ein konsistentes Leistungsprofil einer Armee, geklärte Mengengerüste und ein definierter Finanzrahmen; Mitnahmeeffekte zugunsten anderer Politikbereiche (z.B. Regionalpolitik, Beschäftigungspolitik) müssen moderat bleiben.
- Neben Luft, Land und Wasser gewinnt die Informationssphäre an Bedeutung.
- Eine höhere Informatisierung des Gefechtsfeldes oder Einsatzraumes, präzisere Fertigungsstandards, moderne Technik und lebenswegoptimiertes Design senken Investitions- und Betriebskosten, sofern die Beschaffungskriterien nicht nur auf die Leistungsmaximierung ausgerichtet sind.
- Abschreckung und/oder Abhaltewirkung basieren auf den militärischen Fähigkeiten und haben eine zunehmende Bedeutung („nicht-kinetische“ Effekte).
- Die funktionale Priorisierung hat sich bei Waffen von Feuerkraft > Führung > Schutz zu Schutz > Führung > Feuerkraft umgekehrt; das heisst, der Soldat muss wesentlich besser geschützt werden als früher.
- Beweglichkeit und Mobilität haben statische Verfahren abgelöst, weil eine flächendeckende Bereitstellung nicht mehr finanziert wird.
- Flächenfeuer haben an Bedeutung verloren; Feuer wird über beliebige Distanzen mit dosierbarer Brisanz punktgenau eingesetzt.
Nachdem der Bundesrat mit dem Sicherheitspolitischen Bericht und dem Armeebericht ein allzu unbestimmtes Feld skizziert hat, statt dem Parlament eine stringente Strategie vorzulegen, dürfte es derzeit ausserordentlich schwer fallen, eine verlässliche Technologiestrategie zu definieren. Es wäre aber grundsätzlich falsch, sich faute de mieux an frühere Zeiten anzulehnen oder sich auf allzu einfache Einzelideen zu kaprizieren. Es ist zu hoffen, dass sich die Schweiz bald eine der Aufgabe adäquate Bearbeitung dieses Themenbereichs leistet – warum nicht wieder einmal durch ein nationales Forschungsprogramm im Spannungsfeld zwischen Ingenieur-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften oder einer dafür eingesetzten, bundesrätlichen Expertenkommission?
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* Christoph Grossmann, Unternehmensberater, Dr. oec. HSG, Oberst i Gst, ausgehoben als Kan (Pz Hb), 2005-2008 SC Inf Br 7, eingeteilt im Stab Operative Schulung.
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