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Ein dreifarbiger Rabenvogel
Ist es ihr dreifarbiger Anzug, ihre Ungenierheit oder einfach die Tatsache, dass sie uns auf Bergwanderungen begleitet, was sie uns so sympathisch macht? Meisterin des Segelfluges, von Piloten für Berglandungen nachgeahmt, Herrin der Alpenfelsen, ist die Alpendohle mit gelbem Schnabel und roten Beinen nicht zu verwechseln mit ihrer nächsten Verwandten, der Alpenkrähe mit rotem Schnabel. Diese jedoch ist so selten, dass wenig Leute Gelegenheit haben, die Unterscheidungsmerkmale im Gelände zu erkennen: roter Schnabel, eckigeres Flugbild, Auftreten in Paaren oder ihrer Seltenheit wegen in ganz kleinen Gruppen.
Inhaltsverzeichnis
Eine tägliche Wanderung
Sobald der Schnee die hochgelegenen Weiden bedeckt, wandern diese schwarzen Omen in geschlossenen und zahlreichen Gruppen in mildere Lagen hinunter. Hier durchziehen sie die noch schneefreien Hänge und picken gefallene Früchte auf. Und wenn der Schnee die Ebene erreicht hat, stürzen sie sich auf Beeren und Früchte, die noch an den Büschen und Bäumen hangen, und dringen in die Dörfer ein. Alpendohlen unternehmen tägliche Wanderungen, um die klimatischen Unterschiede zwischen Bergspitzen und Tälern auszunützen. Von September bis Oktober, je nach Jahren, treffen die ersten Gruppen in den Städten Monthey, Sitten, Siders oder Brig ein, wo nicht nistende Alpendohlen sich sogar im Sommer aufhalten. Mitten im Winter, wenn das Überleben in der Höhe nicht mehr möglich ist, kommen sie in die Nähe der Dörfer Riddes, Vex und Leytron.
Man muss bereits in den ersten Stunden des Tages auf den Beinen sein, will man die Ankunft der kleinen, stillen Staffeln erleben, die wie Regen über Dörfer und Vorstädte hereinfallen. In kleinen Schwärmen, die ohne Zweifel aus Angehörigen einer Sippe oder sonst einer Gemeinschaft bestehen, die denselben Schlafplatz teilten, segeln sie auf kürzestem Weg und in wenigen Minuten mit mehr als 100 km/Std. zu Tal.
Auf den Futterplätzen schliessen sich diese Gruppen zu mehr oder weniger grossen Verbänden zusammen, die je nach Ort von rund 2000 Vögeln in Sitten bis 1000 in Monthey, Martigny, Riddes, Vex und Siders oder weniger als 500 in Verbier, Montana, Leukerbad, Visp oder Brig zählen. Während des ganzen Tages erlebt man lärmige, kollektive Bewegungen von einer Futterstelle zur anderen. Anfangs Nachmittag bildet sich nach einigen zögernden Fehlstarts, die mit Landungen auf Dächern enden, ein grosser, kreisender Verband aller Alpendohlen. Sie steigen immer höher, um die Berge wieder zu erreichen.
Einem Flugplan folgend, der von momentanen Aufwinden abhängig ist, erreichen sie ihre Schlafplätze und fliegen den Weg, den sie frühmorgens in wenigen Minuten zurückgelegt hatten, erst in fast einer Stunde. Man muss eben viele Umwege fliegen, um die günstigsten Aufwinde zu finden und damit Energie zu sparen. Bei schönem Wetter fliegen sie über die Höhen und halten sich an exponierten Hängen auf, wo sie sich mit Wacholderbeeren vollstopfen. Bei Regenwetter hingegen müssen die Alpendohlen von Vex die Höhen über Evolène mit heftigem Flügelschlag das Eringtal hoch, im Tiefflug unter den Wolken über Euseigne, La Luette, Praz-Jean, La Villette erreichen. Bei schönem Wetter können die gleichen Vögel im Aufwind der rechten, sonnenbeschienenen Talflanke des Eringtals folgen, über Ossona, Suen, St. Martin, Tsa de Volovron. Unterwegs setzen sie sich da, wo der Schnee geschmolzen ist, nieder, besuchen die Moränenhänge La Luette gegenüber, um einige Kieselsteine zu schlucken. Über Volovron oder Daillec angekommen, teilt sich der Schwärm. Ein Teil fliegt direkt über Vouasson ins Val des Dix, ein anderer über die Kreten nach Bréonna, ein dritter Teil entfernt sich am Roc Vieux vorbei in Richtung Aroila. Je weiter sie nach Süden fliegt, desto mehr teilt sich die Schar auf und bildet kleine Gruppen, die vermutlich den Staffeln des Morgens und den Schlafgemeinschaften entsprechen. Bevor noch der Sonnenschein die Felswände verlassen hat, sind alle in den Klüften verschwunden.
Diese Flüge bedeuten reiche Nahrung für die Raubvögel, die offenbar die Flugzeiten und Routen ihrer Beutevögel kennen. Auch die Alpendohlen kennen ihr Gelände. Um Gegenden zu meiden, in denen der Wanderfalke herrscht und darum das Risiko, angegriffen zu werden, gross ist, wählen sie lange, verschlungene Bahnen. Die Energiebilanz einer Verschiebung lässt sich nicht nur aus Dauer und Flugaufwand errechnen, auch die Verluste zählen dazu!
Wanderfalken und Habichte wagen sich gelegentlich bis ins Herz unserer Städte, um Alpendohlen zu erhaschen, die jedoch nach Art der Stare fähig sind, sich mit eindrücklichen kollektiven Flugmanövern eines Angreifers zu erwehren. Wenn der Schwärm plötzlich sehr lärmig wird, sich dicht zusammenschliesst, sodass er einem schwarzen Ei gleicht, weiss man, dass sich ein Raubvogel herumtreibt, selbst wenn es die Entfernung noch nicht erlaubt, ihn zu erkennen.
Opportunisten...
Wenn diese Winterwanderung seit Urzeiten unverändert ist, muss die gegenwärtige Fülle der Alpendohlen sehr wahrscheinlich auf ihre Anpassung an die neuen Milieuverhältnisse zurückzuführen sein.
Sieht man, wie sie die Sanddornbeeren auf den Moränenhängen unterhalb von St. Martin oder Commeire oder auch auf den Rhoneufern bei Leytron picken, kann man sich vorstellen, dass die Früchte dieses Busches Hauptnahrungsmittel im Winter waren, noch bevor der Mensch das Land kultivierte. Das veranlasste die Alpendohle natürlich, sich der Obstkulturen (Äpfel, Trauben) anzunehmen. Zuerst in der Umgebung der Bergdörfer und nach der Sanierung der Rhone auch in der Ebene.
Da sie sich an die Gegenwart von Menschen gewöhnte, hat sie sich auch schnell der Konsumgesellschaft angepasst. Als "Alpenmöve" bettelt sie auf den Fensterbänken in unseren Städten um Futter! Sie profitiert jetzt auch von den Mülldeponien von Bergstationen, schnappt sich Essensreste in Berggasthäusern, sozusagen als "ins Haus gelieferte Mahlzeit". Die Nutzniesser dieser touristischen Einrichtungen verbleiben mit Beginn der Saison in der Höhe und nützen diese Ressourcen, etwa in Arolla, Pas-de Maimbrez, Crêt-du-Midi, Col des Gentianes.
...und Schmarotzer
Auch der ängstlichere Kolkrabe verwertet unsere Abfälle. Wegen seines Rufes als Aasfresser wurde er so oft vertrieben, dass er es nicht mehr wagt, sich den Terrassen der Restaurants zu nähern. Stattdessen überfliegt er die Umgebung, jagt die Alpendohlen, die zum Fressen wegfliegen, und zwingt sie, ihre Beute fallen zu lassen, um sie sofort selbst zu schnappen.
Siehe auch