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1974
2. Boldern-Tagung
Nur Wiederholung
Mit einem Brief vom 4. März meldete sich Boldern bei den Präsidenten von HAZ (Homosexuelle Arbeitsgruppen Zürich) und SOH (Schweizerische Organisation der Homophilen), also bei Michael Bermann und Guido Heuberger (alle Unterlagen sind im sas, Schwulenarchiv Schweiz):
"In der Beilage erhalten Sie Programme unserer Wiederholungstagung 'Probleme der Homosexualität' [...]. Wir haben beschlossen, den zwei Gruppen HAZ und SOH je 15 Plätze zu reservieren. Sollten wider Erwarten wenig Anmeldungen eingehen, würden wir Sie benachrichtigen, damit Sie noch mehr Teilnehmer anmelden können. [...]"
In der Einleitung zum Programm hiess es:
"Wenn wir die Tagung von Ende Januar mit leicht abgeändertem Programm wiederholen müssen, so bedeutet das, dass wir ein brennendes Problem aufgegriffen haben."
Dann folgten die im "Boldern-Bericht 25" zitierten Sätze von Siegfrid Meurer. Das Programm selber enthielt zu Beginn des ersten Tages die kritisierte Tonbildschau mit neu einer Aussprache dazu, die Gruppenarbeiten vom Anfang der ersten Tagung waren gestrichen und durch Gruppengespräche am Abend ersetzt. Das erste Referat (zur Synode 72) blieb im Programm für den zweiten Tag stehen, während ein anderer Referent den zweiten Vortrag halten sollte, Pfr. Ernst-Ulrich Katzenstein aus Basel. Offenbar konnte der bei Homosexuellen anerkannte Van de Spijker dem vorgesehenen Termin nicht Folge leisten.
Dieses Programm zeigte, dass die Veranstalter lediglich eine Wiederholung der ersten Tagung anboten ohne auf Kritik und Vorschläge der Homosexuellen einzugehen. Die aus ihrer Sicht verletzend einseitigen Formulierungen Siegfrid Meurers - in der Einleitung sozusagen als Leitsätze zitiert - bestätigten eine Haltung, die nicht akzeptierbar war. Formulierungen wie: "unverschuldete Homosexualität", "sogenannt sozialpsychologische Homosexualität" müsse verstanden und, "sofern sie unkorrigierbar ist, akzeptiert werden" - das wirkte so, als hätten die Organisatoren aus der Begegnung mit Homosexuellen und den Diskussionen während der ersten Tagung nichts gelernt. Dieser Eindruck verstärkte sich, weil die Tonbildschau mit ihrem verzerrten Clichébild beibehalten war und eine vorgängige Mitwirkung am definitiven Programm nicht angeboten wurde. Man fühlte sich missverstanden und hintergangen.
Ernst Ostertag, November 2006