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Nach mehr als einem halben Jahrhundert Ausgrabungen hat das Königreich Kerma (2500 bis 1500 v. Chr.) im Nordsudan noch immer nicht alle seine Geheimnisse preisgegeben. Im vergangenen Winter entdeckten Schweizer Archäologen das Grab des ersten Herrschers, der das Ägypten der Pharaonen zum Zittern brachte.
War er der erste grosse Monarch von Subsahara-Afrika? Alles deutet darauf hin. Wir kennen weder seinen Namen noch sein Alter. Sein Volk schrieb nicht, und sein Grab wurde vollständig geplündert. Doch was mehr als 4000 Jahre später davon übrigbleibt, reicht aus, um die Bedeutung dieser Pesönlichkeit zu unterstreichen.
Wir befinden uns im Jahr 2050 v. Chr., mitten in der Bronzezeit. Zu dieser Zeit ist Ägypten die grösste Macht. In Gizeh ragen die Pyramiden seit über fünf Jahrhunderten stolz in den Himmel. Pharao Mentuhotep II. hat das Reich nach einer Zeit der Unruhen wiedervereinigt. Seine Autorität erstreckt sich vom Delta bis zum zweiten Katarakt des Nils über mehr als 1400 Kilometer.
Dem Pharao ebenbürtig
Im Süden liegt Nubien, das die Ägypter das Königreich Kusch oder Ta-Sety (Land der Bogenschützen) nennen. Sein Gebiet erstreckt sich bis zum fünften Katarakt, über fast 1000 Kilometer Schwemmebene, entlang des riesigen "S", das den Flusslauf zwischen Khartum und seinem Eintritt nach Ägypten beschreibt.
Seit 500 Jahren ist Kerma die Hauptstadt von Nubien, etwas südlich des dritten Kataraktes gelegen. Eine echte Stadt, mit einem monumentalen Tempel und seinen Nebengebäuden sowie rechteckigen Häusern. Auf dem zentralen Platz, der als Empfangsraum für den König dient, befinden sich auch Rinderställe, ein Prestige-Symbol, und Hütten, darunter eine riesige mit einem Durchmesser von 14 Metern. Gerade werden dem König ägyptische Waren präsentiert, die gegen Weihrauch, Katzenfelle und andere Reichtümer aus dem Inneren Afrikas ausgetauscht wurden.
Kerma betreibt vor allem mit seinem nördlichen Nachbarn Handel. Auch wenn der Pharao aus Angst vor dem neuen König an der südlichen Grenze riesige Verteidigungsanlagen bauen lässt, ist er dennoch stark daran interessiert, mit ihm Waren auszutauschen. Nubien ist das Land der riesigen Herden, der Goldminen – und damals wahrscheinlich noch von Ebenholz und Elfenbein.
Das Klima ist ganz anders als heute. Die Nilebene ist üppig. Rund um Kerma herum erstrecken sich die Anbaugebiete über eine Breite von 15 Kilometern. Antilopen, Strausse und Elefanten leben dort in Freiheit.
Eine Kathedrale in der Wüste
Aber woher wissen wir das alles? Seit über 50 Jahren widmet ein Mann sein Leben den Ausgrabungen in der Region Kerma: Charles Bonnet. Der Genfer Archäologe begann 1965 in Ägypten und im Sudan zu arbeiten. Jedes Jahr kommt er nach Nubien zurück, um die Stadt genauestens zu untersuchen. 2002 wurde die schweizerische archäologische Mission in Kerma gegründet, die von Mathieu Honegger von der Universität Neuenburg geleitet wird.
Im Zentrum der ehemaligen Hauptstadt fällt sofort ein monumentaler Steinbau auf. Selbst noch als Ruine bleibt die "Deffufa", wie die Einheimischen sie nennen, eine imposante Anlage, so hoch wie ein fünfstöckiges Gebäude.
Der Standort Kerma wird seit 1820 in Reiseberichten erwähnt. Der Amerikaner Georges Reisnerexterner Link ist der erste, der die Stadt zwischen 1913 und 1916 erforscht. Er konzentriert sich hauptsächlich auf die Nekropole, die vier Kilometer von der Stadt entfernt liegt.
Reisner grabt den ganzen Süden der Nekropole aus, fast 1000 von den 30'000 Gräbern, die diesen Friedhof grösser als die Stadt selbst machen. Fundstücke sind rar, die Gräber wurden fast alle geplündert, oft seit der Antike. Der Archäologe liefert jedoch die erste Beschreibung der Nekropole von Kerma. Und er kommt zum Schluss, dass die Stadt eine ägyptische Kolonie gewesen sein muss.
Von der Pracht Ägyptens geblendet
Ein grosser Fehler? Damals ist die Datierungsmethode mit Kohlenstoff-14 (Radiokarbon-Datierung) noch unbekannt, aber Reisner versteht dennoch, dass die Nekropole entlang einer chronologischen Achse organisiert war.
Nur, dass sie sich in Wirklichkeit von Norden nach Süden und nicht von Süden nach Norden entwickelt hat, wie Reisner glaubt. Für den Amerikaner sind die grössten Gräber die ältesten. Er findet dort einige ägyptische Statuen, von denen er sich nicht vorstellen kann, dass sie das Produkt nubischer Überfälle in den Nachbarländern sind. Er glaubt, die Stadt habe ein ägyptisches goldenes Zeitalter erlebt und sei dann untergegangen.
Und als er die "Deffufa" sieht, sagt er sich, dass die Nubier diese niemals hätten bauen können. Auch der kluge Reisner ist vor den Vorurteilen seiner Zeit nicht gefeit: "Man dachte damals, es habe nur eine grosse Zivilisation in Afrika gegeben und das sei Ägypten gewesen", erklärt der Neuenburger Archäologe Honegger.
Das subsaharische Afrika – das die Kolonisierung und den Sklavenhandel erlebte – habe als Kontinent gegolten, der keine eigene Zivilisation hervorbringen konnte. "Nach dieser Auffassung konnte jede Spur einer hochentwickelten Gesellschaft nur durch einen Einfluss aus dem Mittelmeerraum oder Ägypten entstehen."
Geburt eines Königreichs
Heute wissen wir, dass das alles falsch ist. Wir haben ein ziemlich genaues Bild von der Entstehung dieser Zivilisation. Viele der Teile, aus denen sich dieses Puzzle zusammensetzt, wurden im Reich der Toten gefunden, auf den vielen Friedhöfen entlang des Nils.
"Um 2500 v. Chr. zeigen die ersten Gräber der Nekropole, dass die Gesellschaft relativ egalitär war", erklärt Honegger. "Es gibt wahrscheinlich Stammeshäuptlinge, aber zu dieser Zeit unterscheiden sich ihre Gräber nicht wirklich von denen anderer Mitglieder der Gesellschaft."
Kermas Macht setzt sich durch, und der Handel entwickelt sich. Allerdings scheint es noch keinen König zu geben, es gibt mehrere reiche Gräber aus derselben Zeit, als ob es konkurrierende Linien gegeben hätte.
Plötzlich ein erster König
"Das im vergangenen Winter entdeckte Grab zeigt, dass die Gesellschaft einen entscheidenden Schritt machte", so der Archäologe weiter. Während die bisher grössten Gräber einen Durchmesser von fünf Metern hatten, finden die Forscher plötzlich eine Grube von neun Metern.
"Während südlich der Gräber bisher höchstens 50 Schädel von geopferten Rindern gefunden wurden, enthielt dieses erste königliche Grab mehr als 1400!"
Die Analyse der ausgegrabenen Keramiken hat ergeben, dass um 2050 v. Chr. Ägypten begann, seinen südlichen Nachbarn zu fürchten, aber gleichzeitig der Handel zwischen den beiden Staaten explodierte, wie die noch grösseren Mengen importierter Objekte zeigen.
"Diese Dimension des Handels wird die Entstehung einer sehr hierarchischen Gesellschaft fördern", so Honegger weiter. "Und wahrscheinlich gibt es nach ägyptischem Vorbild einen starken Mann, der sich durchsetzt." Die Fülle der Waffen zeige, dass er kämpfen musste, um Ägyptens Ansprechpartner zu werden und den Handel kontrollieren zu können, die Quelle von Prestige und Reichtum.
Dieser Reichtum findet sich im Grab wieder. Zwar sind Objekte und der Körper des ersten Königs verschwunden, doch deuten die Löcher im Boden darauf hin, dass das Zentrum des Grabes von einer riesigen Hütte besetzt war, einer Nachbildung derjenigen, die den zentralen Platz der Stadt eingenommen hatte. Sie wurde aber nur zur Hälfte gebaut, um die sterblichen Überreste des Königs zu beherbergen.
Spuren von Regen auf dem Boden des nicht von der Hütte bedeckten Teils zeigen, dass das Grab mehrere Monate offen gelassen worden war, damit alle Würdenträger des Königreichs, vom zweiten bis zum fünften Katarakt, kommen konnten, um dem Verstorbenen zu huldigen und ihre Opfergaben zu bringen.
Und um den von Schädeln gebildeten Kreisbogen zu schliessen, wurde, nachdem das Grab mit seinem Grabhügel bedeckt war, im Norden eine dreifache Holzpalisade errichtet, die bisher in der Nekropole einzigartig ist. Das Ganze bildete eine Grabstätte in ovaler Form, die an ein Viehgehege erinnert – ein weiteres Zeichen der Macht und des Ansehens dieses ersten grossen Königs von Subsahara-Afrika, der eine Gesellschaft regierte, die tief von ihren Hirtentraditionen geprägt war.
Als schwarze Pharaonen Ägypten regierten
Um 1500 v. Chr. kommt in Ägypten die 18. Dynastie an die Macht. Die Pharaonen dieser Dynastie werden zu den Gründern des Neuen Reiches, das den Höhepunkt der Zivilisation an den Ufern des Nils markieren wird.
Nachdem ihre Vorgänger ihre Macht bis an die Grenzen der heutigen Türkei ausgedehnt hatten, erobern die Pharaonen Ahmose, Thutmosis I. und III. Nubien. Die Stadt Kerma wird vollständig zerstört. Die Ägypter errichten einen Kilometer nördlich die Stadt Dukki Gel.
700 Jahre später, nach einer dunklen Zeit, von der es kaum Überreste und Zeugnisse gibt, herrscht in der Region das Königreich Kusch mit seiner Hauptstadt Napata, etwa 300 Kilometer flussaufwärts von Kerma gelegen.
Von hier aus starten die neuen nubischen Könige ihre Angriffe auf ein in der Zwischenzeit geteiltes und geschwächtes Ägypten. Gegen 730 v. Chr. besteigt Pije, der König von Kusch, den Thron von Theben und begründet damit die 25. ägyptische Dynastie, bekannt als die schwarzen Pharaonen.
Seine Nachkommen regieren während etwa siebzig Jahren. Die Könige tragen ein Diadem von zwei Kobras, dem Symbol der Vereinigung von Ägypten und Nubien, und übernehmen weitgehend die ägyptischen Traditionen. Nach ihrem Fall wird die Hauptstadt von Kusch noch weiter nach Süden verlegt, nach Meroe, wo die Könige in Pyramiden begraben werden.
2003 legt die schweizerische archäologische Mission in Kerma die Statuen der sieben schwarzen Pharaonen von Dukki Gel frei. Sie waren in Stücke zerbrochen und sorgfältig in einem unterirdischen Versteck vergraben worden. Seither stehen sie als Symbol der wiederentdeckten Macht der nubischen Zivilisation im Museum von Kerma.
(Übertragung aus dem Französischen: Sibilla Bondolfi und Christian Raaflaub)