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Laut Einschätzungen der Vereinten Nationen leben zur Zeit weltweit rund 232 Millionen Menschen ausserhalb ihres Heimatlandes. Davon befinden sich rund 60 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und Armut. Migration ist DAS Thema unserer Zeit. Menschen, die ihre Heimat verlassen, um zum Beispiel in der Schweiz ein neues Leben zu beginnen, werden von verschiedenen Seiten als eine Bedrohung wahrgenommen. Sabina Reich und Andreas Bürgisser von der jungen Aargauer Gruppe „Reich und Schön“ drehen in „Heimaterde“ den Spiess für einmal um, indem sie 170 Jahre zurückschauen und den Weg einer Gruppe Schweizer Wirtschaftsflüchtlinge aus dem Glarus in die USA rekonstruieren.
Sie stellen in ihrem Abend grundsätzliche Fragen, die alle Menschen betreffen, die vom Verlust der Heimat betroffen sind: Lässt sich Heimat verschieben? Wie viel kann man mitnehmen? Wie kommen sich die räumliche Verschiebung und der Wunsch nach Stabilität und dass alles gleich bleiben möge, in die Quere? Und was wird von den Erben der Verschiebung weiter getragen?
Zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert war die Wanderungsbilanz im Gebiet der heutigen Schweiz negativ: Es wanderten mehr Menschen aus als ein. Im 19. Jahrhundert schwoll die Auswanderung aus wirtschaftlichen Gründen an. Wegen einer Hungersnot, ausgelöst durch die Kartoffelfäule, und technologische Neuerungen, die vielen den Arbeitsplatz kostete, wanderten zwischen 1850 und 1890 rund 330'000 Menschen aus. Vermehrt waren die Reiseziele Russland, Brasilien, Argentinien, Chile und Nordamerika.
Nach Nordamerika wollten auch jene 300 Auswanderungswilligen aus dem damaligen „Land Glarus“, die am 16. April 1845 bei Weesen in die Biäsche stiegen. Sie reisten per Schiff über Zürich, Basel, Mannheim und Le Havre nach Baltimore, dann weiter mit der Eisenbahn und Booten westwärts ins Landesinnere. Ihr Ziel: Ein Flecken Erde in der Nähe des Orts Galena und die Gründung einer Schweizer Kolonie in Wisconsin: New Glarus. Aus Alt mach Neu: Die Glarner nahmen ihre alte Heimat mit nach Amerika, das zeigte sich nicht nur bei der Namensgebung. Die Kirche wurde möglichst nach Glarner Vorbild nachgebaut, die Strassen erhielten Namen wie „Diessbach-„ oder „Engi-Street“, die Glarner blieben unter sich. Noch heute gilt New Glarus als „America’s little Switzerland“ mit jährlichen Tellspielen, dem Gesangsfest der Schweizer Chöre Nordamerikas, noch immer Schweizer Strassennamen, Häuserbau im Chalet-Stil und Urenkeln von Schweizer Auswanderern, die sagen: „Switzerland is my home. It is where I belong.“
In „Heimaterde“ rekonstruieren Sabina Reich und Andreas Bürgisser die Auswanderung der Glarner von 1845 anhand von Dokumenten aus dieser Zeit wie Auszügen aus Reden, Tagebucheinträgen, Verträgen und Briefen. Was haben die Auswanderer aus ihrer Heimat mitgenommen, was mussten sie zurücklassen? Sie suchen das Spannungsfeld zwischen Veränderung und dem Wunsch der Glarner, das Glarnerland möglichst identisch in den USA nachzubauen, und spähen nach den Utopien der Auswanderer.
Die beschwerliche Reise der Glarner wird zu einer Reise durch den Theaterraum, bis ins heutige New Glarus, wo wir von den Nachfahren der Auswanderer erfahren, was New Glarner-Sein heute heisst.