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„La Belle époque des fabriques“[1]
Zwischen 1904 und 1925 erfährt das kantonale Technikum keine grösseren institutionellen Änderungen. Im Zuge der Industrialisierung von Freiburg wird das Werk von Genoud nachhaltig gefestigt. Die Fabriken florieren und die Schülerzahl nimmt stetig zu.
Im Laufe der 1890er-Jahre erreicht die Elektrizität Freiburg, wenn auch nicht ganz ohne Probleme. «Die Folgen der Wirtschaftskrise sind immer noch zu spüren»[2], ist in Fribourg, une ville aux XIXe et XXe siècles zu lesen. Die Liquidation der Société des eaux et des forêts sorgt für Spannungen zwischen der Hauptstadt und dem Kanton. 1915 werden schlussendlich die Freiburger Elektrizitätswerke (FEW) gegründet. Das Aufkommen der Elektrizität, auf das wir in einem späteren Kapitel zurückkommen werden, gibt der Freiburger Wirtschaft wichtige Impulse.
In Freiburg siedeln sich zahlreiche Fabriken an. Zwischen 1895 und 1911 verdoppelt sich ihre Zahl von 52 auf 108. Die meisten befinden sich auf der Pérolles-Ebene. Grundstücke werden unter anderem von der Eisenbahngesellschaft Jura-Simplon, der Schokoladenfabrik Villars und der Société générale de condensateurs électriques (gegründet von Ignacy Mościcki, dem späteren polnischen Staatspräsidenten) erworben.
1902 eröffnet der Deutsche Max Stephan eine Schlosserwerkstatt an der Brunnengasse. Zwei Jahre später weiht die Brauerei Cardinal ihr neues Betriebsgelände in der Nähe des Bahnhofs ein, wo sie bis zu ihrer Schliessung bleiben sollte. Zur gleichen Zeit gründen die Gebrüder Mayer eine Fabrik, die Kochherde, Heizkörper und Kühlschränke herstellt. 1908 wird sie in Zaehringia SA umbenannt. Es herrscht „La Belle époque des fabriques„, wie La Liberté am 14. November 2000 in Erinnerung an die industrielle Entwicklung der Hauptstadt titelt.
Bevor der Erste Weltkrieg das Bild trübt, arbeiten Hunderte von Arbeitern auf der Pérolles-Ebene[3]. Sie alle benötigen eine Unterkunft. Die Stadt beginnt mit dem Bau neuer Stadtviertel und legt einen grossen Boulevard an, der 1900 fertiggestellt wird. Anfänglich heisst dieser Avenue de l’Université, im August des gleichen Jahres wird er jedoch in Boulevard de Pérolles umbenannt, um eine Verwechslung mit der Rue du Musée – die heutige Rue Saint-Michel – zu vermeiden[4].
Die Einwohnerzahl der Hauptstadt nimmt laufend zu: 1910 leben bereits über 20’000 Menschen in Freiburg, gegenüber 12’195 im Jahr 1888[5]. Diese neue Dynamik spiegelt sich auch in der Zahl der Studierenden am kantonalen Technikum wider, die im Zuge der Entwicklung des sozialen und wirtschaftlichen Gefüges Freiburgs ebenfalls zunimmt.
Industrielle und institutionelle Entwicklung
1903 sieht das Gesetz über die Organisation des kantonalen Technikums zwei Abteilungen vor. Die erste Abteilung bildet in ihren Werkstätten Lehrlinge aus und ist die Vorläuferin der Berufsfachschule Freiburg (EMF). In der zweiten Abteilung werden die theoretischen Kenntnisse vertieft und mittlere Kader ausgebildet, aus ihr geht später die HTA-FR hervor. Bis zum Ausscheiden von Léon Genoud im Jahr 1925 bleibt diese Aufteilung bestehen. Es entstehen indes neue Abteilungen, einige ziehen die Studierenden in Scharen an, andere werden im Zuge der industriellen Entwicklung der Stadt schon bald wieder aufgegeben.
Die theoretischen Sektionen
Am 25. Mai 1898 schlägt das Lehrerkollegium vor, eine Geometerschule zu gründen. Es ist jedoch noch zu früh dafür. Der Grosse Rat genehmigt ihre Gründung erst am 25. November 1902 und 1903 wird die Schule offiziell eröffnet. Im Idealfall sollte sie vom Schweizerischen Geometer-Konkordat anerkannt werden… sehr zum Leidwesen der Geometer des Kantons, denen die neue Konkurrenz ein Dorn im Auge ist.
Die Erziehungsdirektion unternimmt die notwendigen Schritte, um die Anerkennung zu erhalten. Das Unterfangen scheint leicht zu sein, wurde doch das Technikum in Winterthur bereits früher anerkannt. 1909 wird jedoch der Lehrplan reformiert und vier Jahre später tritt eine eidgenössische Verordnung in Kraft. Künftig wird für das Geomatikstudium eine eidgenössische Matura benötigt.
Die Schule muss eine Lösung finden: «Es kamen drei Möglichkeiten in Betracht, um unsere Geometerschule umzugestalten: eine vollständige Ausbildung bis zur Matura durch das Technikum oder in Zusammenarbeit mit dem Kollegium St. Michael, wie von Herrn Barone vorgeschlagen, oder in Zusammenarbeit mit der Universität.»[6] Schliesslich nimmt die neue Ausbildung die Form einer Zusammenarbeit zwischen allen drei Institutionen an. Genoud findet eine «Universitätsausbildung der Geometer»[7] jedoch überflüssig. Mangels Einschreibungen wird die Schule 1923 definitiv geschlossen.
Über die Schulen für Mechanik und Elektrotechnik ist im August 1904 in der La Liberté zu lesen:
«Heute muss ein Mechaniker auch über Kenntnisse der Elektrotechnik und ein Elektriker über Kenntnisse der Mechanik verfügen. Aus diesem Grund werden die technischen Schulen für Mechanik und für Elektrotechnik ab dem 1. Oktober unter dem Namen Schule für Elektromechanik zusammengefasst.»[8]
Ab diesem Zeitpunkt wird von den Studierenden vor der Ausbildung ein einjähriges Praktikum verlangt, das in der Industrie oder am Technikum absolviert werden kann. Die praktische Ausbildung in der Werkstätte und im Laboratorium wird mit fünf Stunden pro Woche beibehalten.
Auch wenn es an der Ausstattung mangelt, nimmt die Studierendenzahl der neuen Schule ständig zu. 1904 sind es nur drei Studenten, zwanzig Jahre später bereits fünfundfünfzig. Das Aufkommen der Elektrizität in Freiburg und die Gründung der FEW im Jahr 1915 tragen ebenfalls ihren Teil zu dieser beachtlichen Zunahme bei.
1904 werden in der Ecole de construction civile Bauführer, Wasserbauleiter, Bauzeichner, Bauinspektoren usw. ausgebildet. Léon Genoud erklärt diese Ausrichtung auf den Hoch- und Tiefbau folgendermassen: «Wir sagten uns: Wenn wir gute Hoch- und Tiefbauarbeiter ausbilden, werden diese auch gute Bautechniker sein. Die Italiener hatten im Bauwesen das Monopol. Wir mussten einheimische Leute ausbilden, um die hochbezahlten Arbeitsplätze im Bausektor zu besetzen.»
Drei Jahre trennen sich die Wege der Ecole du bâtiment und der Ecole de construction civile aufgrund der spezifischen Besonderheiten der beiden Fachgebiete. Die Trennung ist jedoch nur von kurzer Dauer. 1910 wird in den Archiven eine Ecole du bâtiment et de construction civile und drei Jahre später eine Ecole du bâtiment erwähnt. 1918 gründen die Bauführer ihre eigene Schule, die Vorläuferin der Bautechnischen Schule von Freiburg (ETC).
Die Berufslehren
Im Gegensatz zu den Studierenden im vorangehenden Abschnitt, deren Unterricht hauptsächlich theoretisch ist, basiert die Ausbildung der Lehrlinge auf praktischer Arbeit. Ihre Woche besteht aus fünfzig bis sechzig Unterrichtsstunden, von denen etwa vierzig Stunden in der Werkstatt verbracht werden.
Die Mechanikerlehre dauert vier Jahre. Im ersten Jahr befasst sich der Lehrling mit grundlegenden Techniken wie Feilen, Meisseln und Polieren. Nachdem sie diese Techniken beherrschen, steht Schmieden, Hobeln oder Schweissen auf dem Stundenplan. Der Schreiner- und Tischlerlehrling lernt, wie Schreibpulte, Tische und Bibliotheken hergestellt werden. Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts bleibt die Zahl der Lehrlinge in diesen beiden Ausbildungen stabil.
Anders verhält es sich bei den Steinmetzlehrlingen, die bei der Gründung der Schule zwölf der vierzehn Lehrlinge ausmachen. Bei Ausbruch des Krieges sind es nur noch drei und 1919 wird die Ausbildung eingestellt.
Andere Zeiten, andere Sitten
Dem Lehrkörper wird rasch klar, dass es zusätzlich zum technischen auch einen allgemeineren Unterricht braucht. Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Schule meint André Simon, Pfarrer am kantonalen Technikum:
«Eine Spezialisierung ist absolut notwendig und daher gut, sofern sie nicht auf die Spitze getrieben wird. Die Spezialisierung, sei sie auch noch so ausgezeichnet, vermag aber niemals alles zu vermitteln, was sie in Bezug auf den wahren menschlichen Wert geben kann, sofern sie nicht durch eine ernsthafte Allgemeinbildung unterstützt und eingerahmt wird.»
Eine besondere Bedeutung kommt dem Religionsunterricht zu. Unter dem Einfluss der Christlichen Republik Pythons ist Freiburg zu Beginn des 20. Jahrhunderts zutiefst katholisch geprägt. Es gehe darum, sagt der Schulpfarrer «hervorragende Spezialisten auszubilden, aber auch Männer, Bürger und – scheuen wir uns nicht, es zu sagen – Christen.»[9]
Die Studierenden besuchen einmal pro Woche den Katechismusunterricht. «Dabei handelt es sich nicht um einen einfachen, etwas tiefer gehenden Katechismus, sondern um eine komplette und systematische Auslegung der gesamten katholischen Lehre»[10], sagt der Pfarrer. Jeden Sonntag müssen die Schüler zudem die Gottesdienste in der Kapelle des Bürgerspitals besuchen. Vor Ostern nehmen sie an viertägigen Exerzitien teil.
Als guter Christ begrüsst der Direktor diese sittliche Bildung. «Unsere jungen Absolventen des Technikums treffen auf ihrem Weg auf Gottlosigkeit und fehlgeleitete soziale Lehren. Die Gottlosigkeit muss in ihnen ernstzunehmende Gegner finden […]»[11]. Die Schule hat besonders in ihren Anfängen zahlreiche Probleme mit Disziplinlosigkeit:
«Die Disziplin war immer eines unserer grössten Sorgenkinder und wir hatten oft sehr grosse Schwierigkeiten, die insbesondere auf die schlechte Vorbildung vieler unserer Schüler zurückzuführen waren. 1909 wurde ein Versuch der Selbstverwaltung unternommen, um bei den Schülern Ernsthaftigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Eigeninitiative zu entwickeln. Diese Idee musste indes wieder verworfen werden.»[12]
Parallel dazu besuchen die Studierenden zwei Französischlektionen pro Woche. Dabei handelt es sich nicht um Unterricht für Fortgeschrittene, sondern um Grundkurse, da das Niveau der Schüler in Französisch katastrophal ist. Zwischen 1896 und 1921 «haben 1078 Schüler ihr Studium nicht abgeschlossen oder kein Diplom erhalten. Dies ist eine enorm hohe Zahl. Dies lässt sich dadurch erklären, dass viele Schüler nur unzureichende Französischkenntnisse haben, weshalb sie den Mut verlieren und an eine andere technische Schule wechseln oder eine Lehre beginnen.»[13]
Ein Internat stösst auf Schwierigkeiten
Bereits bei ihrer Eröffnung kümmert sich die Berufsschule darum, den Schülern, die die Geborgenheit der Familie verlassen müssen, ein Dach über dem Kopf zu bieten sowie «Lebensbedingungen, die sie vor den Gefahren der Strasse schützen», sagt Genoud. Im Oktober erklärt sich die milchwirtschaftliche Station bereit, ihnen Kost und Logis zu bieten. Die Zusammenarbeit ist von kurzer Dauer. Da die Schüler des Technikums keine Disziplin an den Tag legen, wurde ihnen der Zugang zum Internat der milchwirtschaftlichen Station wieder verwehrt.
Das Verhalten der jungen Studierenden wird trotz Drohungen der Direktion zunehmend problematisch. Ihre Disziplinlosigkeit fällt in der Freiburger Hauptstadt derart auf, dass die Klagen darüber sogar bis in den Grossen Rat dringen.
Nach dem Scheitern des Internats in der milchwirtschaftlichen Station versucht die Kongregation der Frères de Saint-Gabriel ihr Glück. Sie eröffnet 1906 ein neues Internat an der Reichengasse 24. Auch diese Zusammenarbeit ist von kurzer Dauer. Die Studierenden glänzen erneut mehr durch ihre Undiszipliniertheit als durch ihre schulischen Leistungen.
Die beiden Misserfolge belasten die Entwicklung des Technikums stark. Ein schulinternes Internat bietet den Eltern Sicherheit sowie günstige Rahmenbedingungen für das Studium, die wenig Raum für Ausgang und Freizeit lassen. Das Problem bekümmert Genoud: «1909 schlug der Landammann Wirz von Sarnen, ein grosser Freund Freiburgs, vor, uns Schüler zu schicken. Er kam wieder davon ab, als er erfuhr, dass wir kein Internat haben. Überall in der Schweiz ging man davon aus, dass eine in einem katholischen Kanton gegründete Schule über ein Internat verfügen sollte.»[14]
1915 wird im Gebäude der ehemaligen Komturei St. Johann mitten im Neustadt-Quartier ein Internat eingerichtet. Ab dem Schuljahr 1916-1917 machen sich die Internatsschüler auf den langen Weg vom Internat in der Unterstadt bis zur Schule. Davor müssen sie jeden Morgen die Messe besuchen, im Sommer um 6 Uhr und im Winter um 6.30 Uhr. Genoud sagt dazu: «Das Hauptziel des Internats ist wie gesagt die religiöse und moralische Betreuung. Die Internatsschüler sind in ihrer Freizeit beschäftigt, statt sich selber überlassen zu sein.»[15] Das Experiment in der Unterstadt findet ein schnelles Ende. Das Internat ist zu weit von der Schule entfernt.
1923 nimmt die Direktion über Professor Joye Gespräche mit der Oberin des Maison Sainte Jeanne de Chantal im Botzet auf, um zwei Häuser zu mieten. Am 1. Oktober 1923 bezieht das Internat des Technikums die neuen Räumlichkeiten und bleibt bis in die 1950er-Jahre dort.
Freizeit und Vereinsleben
Die vielen Unterrichtsstunden lassen den Studierenden nicht viel Freizeit. Die Sportlichen unter ihnen spielen Fussball beim 1901 gegründeten FC Technicum. Drei Jahre später wird daraus der FC Stella, dann der FC Fribourg, worauf wir schon bald zurückkommen werden.
Nicht nur die Sportbegeisterten geniessen einige Momente der Erholung. Als die Sonntagsmesse im Jahr 1907 eingeführt wird, wird zeitgleich auch ein Chor gegründet, um den Gottesdienst zu begleiten. 1920 kommt sogar ein kleines Orchester hinzu.
Im Jahr 1903 beantragen einige Studenten die Bildung einer Sektion des katholisch-konservativ geprägten Schweizerischen Studentenvereins, um das Studium der Sozialökonomie sowie technischer Fragen zu fördern. Gegründet wird die Sektion schliesslich erst 1917. Eine Gruppe ehemaliger Studenten gründet im Jahr 1904 die Société des anciens élèves du Technicum, um die Beziehungen zwischen den Ehemaligen sowie Freundschaften und berufliche Kontakte zu pflegen.
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[1] A.L., «La Belle Epoque des fabriques», La Liberté, 14. November 2000, S. 37.
[2] Dessonaz, Jean-Daniel, et al. Fribourg: une ville aux XIXe et XXe siècles / Freiburg: eine Stadt im 19. und 20. Jahrhundert. La Sarine, 2007.
[3] A.L., ebd., S. 37.
[4] Pache, Micheline. Un quartier de Fribourg, enjeu des rivalités entre ville et canton: naissance et développement de Pérolles entre 1850 et 1935. Unveröffentlicht, 2003, S. 42.
[5] Ebd.
[6] Genoud, Léon. Le Technicum de Fribourg: école des arts et métiers. Impr. Fragnière, 1921, S. 51.
[7] Ebd.
[8] «Technicum de Fribourg», La Liberté, 19. August 1904, S. 2-3
[9] Genoud, Léon, ebd., S. 73.
[10] Idem.
[11] Millasson, Michel. Histoire du Technicum, document de base. Unveröffentlicht, 1993, S.53.
[12] Genoud, Léon, ebd., S. 44-45.
[13] Ebd., S. 66.
[14] Ebd., S. 53.
[15] Genoud, Léon, op. cit., S. 54.