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Die psychologische Lücke
Wir alle kennen das Problem: Der Gehweg ist frisch verschneit oder über Nacht hat sich dort eine rutschige Eisfläche gebildet. Je mehr wir versuchen, nicht auszugleiten, desto eher fallen wir hin. Es wirkt fast wie eine selbsterfüllende Prophezeiung, spiegelt aber eine ganz andere Problematik wieder.
Die Rede wird hier von der sogenannten psychologischen Lücke sein. Diese wirkt oftmals auch dann, wenn Autolenker die Gewalt über ihr Fahrzeug verlieren und wie von fremder Hand geleitet vor Bäume oder andere Hindernisse fahren, selbst wenn genügend Ausweichmöglichkeiten vorhanden gewesen wären.
Die psychologische Lücke – was ist das?
Mit der psychologischen Lücke ist an dieser Stelle weder ein Gedächtnisverlust, noch die empfundene Leere nach einer Trennung von einer geliebten Person gemeint. Eine Lücke beschreibt zunächst immer das Fehlen eines Bindegliedes zwischen mindestens zwei zusammengehörenden Dingen. Unter der psychologischen Lücke verstehen wir bezogen auf die Gefahrenabwendung im Verkehr das Erkennen einer Alternative zur Abwendung grösserer Folgen, beispielsweise in der Entstehung eines Unfalls.
Bekannt ist folgende Situation: Beim Befahren einer Allee verliert ein Fahrzeuglenker plötzlich die Kontrolle über sein Fahrzeug. Der drohende Zusammenstoss mit einem der zahlreichen Alleebäume scheint unvermeidbar. Wie ein von der sprichwörtlichen Schlange hypnotisiertes Kaninchen geht der Blick des Lenkers unabwendbar auf den Baum, mit dem der Zusammenstoss droht. Aufgrund dieser einseitigen Orientierung auf das gefährliche Hindernis konzentriert sich das gesamte (jetzt fast unbewusste) Handeln des Autofahrers nur noch auf diesen Baum. In der Folge ist der Zusammenstoss fast unvermeidbar.
Was dem Autofahrer hier fehlt, ist die psychologische Fähigkeit, die Lücke zwischen den Bäumen zu erkennen und das Handeln auf das Erreichen dieser Lücke auszurichten. Dabei sind die Lücken zwischen den Bäumen grösser als der Platz, den die Stämme der Bäume tatsächlich einnehmen. Ein Vermeiden des Zusammenstosses wäre also durchaus möglich. Dabei sind die Chancen, an einem Baumstamm unbeschadet vorbeizukommen grösser, als die realen Möglichkeiten des Zusammenstosses.
Die psychologische Lücke ist also der Abstand in der Wahrnehmung der Gefahr bis hin zum Vermeiden der Gefahr. Ausschlaggebend für das Nicht-Nutzen der realistischen Gegebenheiten ist im Regelfall die Angst vor der Unvermeidlichkeit des wahrscheinlichen Zusammenstosses.
Wie kann der Mut zur psychologischen Lücke antrainiert werden?
Das richtige Verhalten in solchen und ähnlichen Situationen kann antrainiert werden. Grundlage dafür ist die Erkenntnis, dass es in unterschiedlichen Situationen solche Lücken gibt. So muss der Autofahrer nicht nur erkennen, dass die Abstände zwischen den Bäumen grösser sind, als die Fläche der Baumstämme selbst. Eine andere Situation stellt sich dar, wenn der Gegenverkehr beispielsweise eine Kurve schneidet und damit den Aufprall provoziert. Hier wäre die psychologische Lücke die momentan freie Gegenfahrbahn, sofern dort kein weiterer Gegenverkehr besteht. Alternativ kann das auch der Randstreifen sein. Das Beharren auf die eigene Fahrbahn führt jedoch oftmals dazu, dass der Zusammenstoss unvermeidlich erscheint.
Üben Sie sich also zunächst darin, solche Lücken zu erkennen. Am besten in unterschiedlichsten Situationen. Nach der Erkenntnis kommt die praktische Übung. Diese kann am besten und am sichersten in speziellen Fahrtrainings wie zum Beispiel einem Fahrsicherheitstraining auf extra vorbereitetem Parcours erfolgen. Diese Strecken sind von Seiten der Veranstalter schon so gestaltet, dass Sie hier üben können, mit unterschiedlichsten gefährlichen Situationen umzugehen. Dazu gehört das Verhalten bei Aquaplaning genauso wie das richtige Gefahrenbremsen oder die Möglichkeiten des abrupten Ausweichens in Gefährdungssituationen. Solche fahrpraktischen Übungen erweitern Ihre Fähigkeiten beim Erkennen und richtigen Reagieren auf Gefahrensituationen und helfen damit auch, die wichtige psychologische Lücke zu finden. Die Fahrausbildung für den Führerausweis reicht dazu in aller Regel nicht aus.
Persönliche Barrieren vermeiden
Letztlich ist die psychologische Lücke immer auch mit einer persönlichen Barriere verbunden. Diese Barriere verhindert, dass Sie logisch handeln und genau das tun, was gerade wichtig, wenn nicht gar lebensrettend wäre. Die Fokussierung auf die Gefahr verhindert, dass Sie die Möglichkeiten der Vermeidung nutzen. Aus diesem Grund ist es wichtig, solche persönlichen Barrieren zu verhindern, indem Sie offen für auch ungewöhnliche Möglichkeiten sind. Diese weichen in aller Regel von dem ab, was Sie selbst als richtig und vernünftig betrachten, beispielsweise das Wechseln auf die Gegenfahrbahn, wenn Ihre Fahrbahn selbst von einem Hindernis blockiert wird.
Wie viele Unfälle lassen sich durch Nutzung der psychologischen Lücke vermeiden?
Dazu gibt es leider keine verlässlichen Zahlen. Fest steht jedoch, dass so mancher tödliche Unfall durch den Zusammenstoss mit Hindernissen vermieden werden könnte, wenn der betroffene Autofahrer den Mut zur Lücke aufbringen würde. Konzentrieren Sie sich also nicht auf die unmittelbar bevorstehende Gefahr, sondern vielmehr auf die Möglichkeiten des Ausweichens vor dem Hindernis. Dass das am besten mit einer vorausschauenden und zurückhaltenden Fahrweise geht, liegt auf der Hand. Gefährliche Selbstüberschätzung und das Ausblenden der Regeln der Physik sind ein Nährboden für viele Unfälle, die sich beim Vorhandensein des gesunden Menschenverstandes ausschliessen liessen.
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