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Kanzlerin Angela
Merkel
Die erste deutsche Kanzlerin
Artikel vom 10. Oktober 2005
[Hinzugefügt am 22. November 2005:
Angela Merkel wurde heute mit 397 von 611 gültigen Stimmen zur Bundeskanzlerin
gewählt. 202 Parlamentarier stimmten gegen sie, 12 enthielten sich, 1 Stimme war
ungültig. Da die CDU/CSU 226 und die SPD 222, die Grosse Koalition insgesamt
also 448 Stimmen vertreten, haben wohl 51 Abgeordnete der Regierungskoalition
ihrer Kanzlerin die Stimme verweigert].
Nun ist klar, Angela Merkel wird die
erste deutsche Kanzlerin. Doch wer ist diese Frau, wofür steht sie? Den meisten Deutschen und
ausländischen politischen Beobachter ist sie ein Rätsel geblieben. Gerd Langguth,
Professor für Politische Wissenschaft an der Universität Bonn, langjähriges
Mitglied des CDU-Bundesvorstandes und Mitglied des Bundestags versucht, diesem Misstand Abhilfe zu leisten.
Erstaunlich an der Merkel-Biografie dieses CDU-Insiders ist die kritische
Distanz, die der Autor zu seiner Parteichefin zu halten vermag. Das Resultat ist
die bisher aufschlussreichste Biographie der ersten Bundeskanzlerin. So
beschreibt Gerd Langguth, wie Merkel ihre Förderer de Maizière und Krause
beerbte und wie sie insbesondere beim Sturz von Krause wegen der
"Putzfrauenaffäre" stumm blieb. Sie stand loyal zum Kanzler und verbesserte so
ihre Position im System Kohl. Später "erledigte" sie Kohl, Schäuble, Stoiber und
Merz. Wobei letzterer eventuell wieder auferstehen könnte.
Die am 17. Juli 1954 in Hamburg geborene Angela Dorothea Kasner ist die Tochter
eines evangelischen Pfarrers, der kurz nach ihrer Geburt und dem Ende seines
Theologiestudiums in die DDR ging, um dem dortigen Pfarrermangel
entgegenzuwirken. Der atheistische Staat war 1952/53 mit brutaler Härte
insbesondere gegen die Jugendarbeit der beiden christlichen Kirchen vorgegangen.
Die junge Familie nahm daher einige Entbehrungen in Kauf, als sie entgegen dem
Trend von West nach Ost zog.
Angela war eine brillante Schülerin, die innere Distanz zum Regime behielt, aber
nicht als offene Kritikerin oder später als Dissidentin auffiel. Nach ihrem
Physikstudium arbeitete sie ein dutzend Jahre lang unauffällig und ohne grosse
Perspektive am Institut für physikalische Chemie der Akademie der Wissenschaften
in Ostberlin. Erst nach dem Fall der Mauer wurde sie noch 1989 im
Demokratischen Aufbruch aktiv, ehe sie zur CDU stiess und unter Kanzler Kohl
rasch als Ministerin Karriere machte.
Gerd Langguth beschreibt in seiner Biografie, der ersten, die über die normale
Zeitungslektüre hinausgeht, ihren politischen Werdegang.
Im Unterschied zu Kohl nutze Merkel die Presse nicht als Medium, sondern als
Verbündete, so Langguth. Sie suche bewusst die Nähe von Journalisten, um diese
menschlich zu gewinnen. Sie sei nicht wie Kohl gegen, sondern mit der Presse
aufgestiegen. Dabei wisse sie sehr wohl, wer ihr kritisch gegenüber stehe (Spiegel,
Stern und Zeit), pflege aber dennoch mit ihnen einen freundlichen
Umgang, während dem Kohl im Freund-Feind-Denken verhaftet blieb.
Von Helmut Kohl lernte sie jedoch den Willen zur Macht. Als der Rest der Partei
noch zögerte, setzte sie mit ihrem Artikel in der FAZ vom 22. Dezember
1999 ein Zeichen zur Abnabelung von Kohl. In neuen Ämtern erwarb sie sich zudem
immer Respekt durch ihre harte Hand. An der Parteispitze überging sie
regelmässig Parteigremien. Wie Kohl sei Merkel extrem misstrauisch. Im Stil
jedoch unterscheide sie sich vom Altkanzler, der "wolkig-verklärt" redete,
während dem die Physikerin einen prägnanten Sprachstil pflegt. Zudem habe sie in
der DDR das Täuschen und Tarnen gelernt.
Angela Merkel sei lange als Einzelkämpferin wahrgenommen worden, die es nicht
verstehe, in der Bundestagsfraktion eine aktive Unterstützung aufzubauen. Das
habe sich inzwischen stark geändert. Zur Kontaktpflege nutze sie intensiv
Telefon und SMS. Langguth widmet mehrere Seiten dem System Merkel. Den Juristen
und Abgeordneten Norbert Röttgen aus Königswinter bezeichnet der Politologe insofern als
rechte Hand Merkels, als er seit Januar 2005 als parlamentarischer
Geschäftsführer der Fraktion am nächsten an der Parteivorsitzenden dran sei.
Weitere Personen aus dem Einflussbereich Merkels seien Peter Altmaier, Eckart
von Klaeden, Ronald Pofalla, Peter Hintze, Wolfgang Bosbach, Friedbert Pflüger,
Volker Kauder ("Merkels wichtigster Mann für schwierige Fälle), Ursula von der
Leyen, Annette Schavan, Hildegard Müller, Reinhard Göhner, Tanja Gönner,
Katherina Reiche, Annette Widmann-Mauz, Beate Baumann, Eva Christiansen und
andere.
Gerd Langguth fasst seine Einschätzung der Politikerin Angela Merkel in zehn Thesen zusammen: Erstens
besitze sie den Willen zur Macht. Zweitens sei die Generalistin und
Naturwissenschaftlerin historisch nicht fixiert und unideologisch. Dabei
unterschätze sie tradierte Erfahrungen und Verhaltensmuster, die sich dem
rationalen Denken entzögen. Drittens sei sie von der Strenge und dem
Absolutheitsanspruch ihres Vaters geprägt. Ihr heutiges Leben sei "eine
politische Emanzipation von ihrem in dass DDR-System tief verstrickten Vater."
Viertens hätten ihre DDR-Erfahrungen dazu geführt, dass sie unfähig sei, sich
mitzuteilen und Einblicke ins eigene Ich zu geben, einen inneren Kompass zu
vermitteln, emotionale Bindungen entstehen zu lassen. In der DDR habe sie früh
gelernt, ihre private Gedankenwelt von der offiziösen Welt der Staatsloyalität
klar zu trennen. Fünftens seien Merkels Überzeugungen Gegenbilder, die sich "aus
der Erfahrung mit dem real existierenden Sozialismus, aus der Mangelwirtschaft
und der zur Rhetorik entarteten ideologischen Überhöhung des Lebens in der DDR
durch den Marxismus-Leninismus." Sie denke in Kategorien individueller Freiheit
und Verantwortung, daher das positive Amerikabild. Merkel sei nicht dem
rheinischen Kapitalismus mit dem Ausbau des Sozialstaates verhaftet, sondern sei
überzeugt davon, dass nur Reformen an Haupt und Gliedern die Bundesrepublik
überlebensfähig machten. Dabei habe sie sich zum Teil im Detail festgelegt (so
in der Gesundheitspolitik), um einen klaren Kurs zu vermitteln, anstatt wie Kohl
Einzelpersonen und Kommissionen mit der Ausarbeitung von Details zu beauftragen,
um erst bei gesicherten Mehrheiten zu entscheiden, kritisiert Langguth. Dabei
vergisst der Autor jedoch, dass eben gerade dies mit zum Reformstau beigetragen
hat. Sechstens stehe Merkel der Reglementierung der Gesellschaft skeptisch
gegenüber. "Im Zweifel für die Freiheit", sei ihre Devise. Damit sei sie in
gesellschaftspolitischen Fragen in der CDU vielfach in der Minderheit. Siebtens
entspräche ihr Einsatz für ihre politischen Ziele - "neben dem jeden Politiker
prägenden Kalkül von Machterwerb und Machterhalt" - mehr rationaler Einsicht als
tradierten CDU-Grundpositionen. Achtens sei die Wahrnehmung von Frauen in der
Politik schonungslos und von Vorbehalten geprägt. Merkels von der DDR geprägte Frauenbild habe Distanz zu den
westdeutschen Frauenpolitikerinnen geschaffen. Hierzu wäre anzumerken, dass laut
Untersuchungen nur 20% der Wählerinnen im ehemaligen Gebiet der DDR Merkel
wählten. Neuntens, so Langguth, verkörpere Merkel
gesamtdeutsche Geschichte "wie keiner vor ihr". Zehntens könne sie als erste Frau
deutsche Kanzlerin werden. Das wurde heute, am 10. Oktober 2005, durch die
CDU/CSU-SPD-Koalitionsverhandlungen in die Tat umgesetzt. -
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Gerd Langguth: Angela Merkel. Dtv, 2005,
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legen. Es stellt nicht nur Merkels Werdegang dar, sondern bietet auch
Einblicke ins Funktionieren der CDU.
Evelyn Roll: Das Mädchen und die Macht. Angela Merkel. Rowohlt, 2001.
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