Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03181.jsonl.gz/3710

Ein Interview mit dem Veranstalter Primararzt PD Dr. Robert Winker
Herbert Manser, riskCare
Lieber Herr Winker, ganz herzlichen Dank für diesen spannenden Kongress mit dem Fokus auf Arbeit und Krebs. Schön, dass auch sehr pointierte Meinungen Platz hatten. Vielleicht lohnt es sich ein wenig zu reflektieren, was da so alles diskutiert, oder angetönt wurde, was sich da für Themen für weitere Diskussionen ergeben könnten.
Nehmen wir als Stichwort die Kausalität. Sehr viel Energie wird investiert, um Kausalitäten zwischen Stoffen und Krebsen herzustellen. Ein wesentlicher Grund dazu sind die gesetzlichen Grundlagen, die eine Kausalität zwischen Arbeit und Krankheit erfordern, um entsprechende Versicherungsleistungen auszulösen. Ist dieses monokausale Konzept aus ärztlicher Sicht ein sinnvolles Konzept?
Die Sichtweise der Monokausalität ist in Wahrheit nicht gegeben, sondern man bzw. die Gutachterin/der Gutachter kann sich nur auf Plausibilitäten stützen. Die Frage nach der Kausalität ist hier sicher oft eine Herausforderung für den Gutachter. Jedenfalls muss er entscheiden, ob die Gefährdung im konkreten Fall mit überwiegender Wahrscheinlichkeit die Krankheit ausgelöst hat. Der Gutachter entscheidet also, wenn über 50% dafür sprechen, dass dies sozialversicherungsrechtlich haftungsausfüllend kausal ist; ich denke aus Sozialversicherungssicht geht diese Vorgehensweise so in Ordnung, auch wenn die Ursache für die Erkrankung nie monokausal ist.
Paolo Boffetta zeigte in einer Folie, wie in unterschiedlichen Ländern in derselben Industrie unterschiedliche Risiken für denselben Krebs bestehen. Und er zeigte auch, dass es zwischen den Geschlechtern Unterschiede gibt. Es scheint, dass man noch viele Zusammenhänge zu erforschen hat. Bedeutet das nicht, dass wir noch mehr Energie in präventive Strategien stecken sollten?
Das ist sicherlich so: Boffetta brachte einige klassische länderspezifische Beispiele. Dass beispielsweise durch den hohen Gehalt an Polyphenolen im Hauptanbaugebiet im Süden Frankreichs und durch die Aufnahme des dortigen hohen Resveratrolgenusses (Trauben) der einheimischen Bevölkerung die Krebsprävalenz niedriger ist als in den restlichen Regionen Frankreichs. Nicht erst seit den Empfehlungen der OECD 2014 und der aktuellen Studie der London School of Economics ist bekannt, dass die Anstrengungen ganz generell in Richtung Prävention deutlich verstärkt werden müssen. Im Vergleich zu den anderen europäischen Gesundheitssystemen setzen Österreich und auch die Schweiz vergleichsweise wenig Mittel für die Gesundheitsprävention ein (rund 2%).
Marylin Fingerhut stellte die neuesten Zahlen zur globalen Last durch Krebs dar. Unglaublich, wie stark die Zahlen gestiegen sind. Das scheint auch eine der Folgen zu sein, dass die Lebenserwartung global steigt und so die Krebse auch Zeit haben, sich zu manifestieren?
Es trifft sicherlich zu, dass durch die steigende Lebenserwartung die Krebsprävalenz steigt. Grob geschätzt erlebt in der westlichen Welt jeder Dritte in seinem Leben bereits «seinen» Krebs. Bei der globalen Last von berufsbedingtem Krebs sind aber auch die langen Latenzzeiten ein Hauptgrund. Im Vortrag wurde gezeigt, dass die Inzidenz des malignen Pleuramesothelioms in Europa bei einer Latenzzeit von 40 Jahren erst heute am Ende des Plateauniveaus angekommen ist und in den nächsten Jahren weiterhin so hoch liegen wird. Interessant in diesem Zusammenhang ist sicherlich auch wie von Fingerhut gezeigt, dass die berufliche Ursache für Krebs deutlich unterschätzt wird und im Falle von Lungentumoren offensichtlich eine hohe Dunkelziffer zu den tatsächlich gemeldeten Fällen besteht.
Bisher ging man im Umweltschutz gerne davon aus, dass die Nanopartikel sich sehr schnell agglomerieren und dadurch gefährliche Eigenschaften verloren gehen. Nun hat aber Maren Beth-Hübner darüber berichtet, dass das Deagglomerieren von Nanopartikeln eine wesentliche Rolle spielt für die Toxizität von inhalierten Nanopartikeln. Hat die Erkenntnis, dass auch eine Deagglomeration stattfinden kann, nicht weitreichende Folgen?
Sicherlich sind zu diesem Phänomen noch spezifische Untersuchungen unter physiologischen Bedingungen erforderlich. Die Toxizität von Nanopartikeln ist u.U. unterbewertet. Dennoch wird es bei der Vielfalt der eingesetzten Nanomaterialien grosse Unterschiede hinsichtlich des Deaggregationsverhaltens geben. Die Folgen solcher möglichen Effekte sind derzeit aber noch gar nicht abzuschätzen.
Tee Guidotti hat aufgezeigt, dass auch Feuerwehrleute den verschiedensten Kanzerogenen ausgesetzt sind. Mein aktiver Dienst in der Feuerwehr begann, als nur die Chemiewehr Atemschutz trug. Das Schutzniveau hat sich in den letzten 30 Jahren massiv verbessert. Wie gehen wir mit der Gegenwart um, wenn sich die Ergebnisse so spät nach dem Geschehen manifestieren?
Hier kann ich Tee Giudotti nur Recht geben, dass, um auf der sicheren Seite zu sein, das Expositionsniveau durch angemessene Verhaltensprävention mittels Schulungen für den Feuerwehreinsatz sowie verbesserte persönliche Schutzausrüstung beispielsweise bessere Einsatz-Kleidung oder, wie im Referat vorgestellt, eine mit Sensoren ausgestattete Persönliche Schutzausrüstung, verringert werden soll.
Andreas Flückiger hat aufgezeigt, dass es möglich ist, für CMR-Stoffe einen Grenzwert zu setzen, wenn man dann genügend Zeit in die Forschung steckt. Nun gibt es aber gerade bei Produkten mit kleinen Produktionsvolumen noch viele Sicherheitsdatenblätter, die als Inhalt meistens «nicht bestimmt», «unbekannt» oder «keine Daten verfügbar» angeben. Öffnen sich da Parallelwelten?
Bereits jetzt sieht sich hier die Toxikologie mit schier titanischen Aufgaben konfrontiert. Bei der Zahl an neuen Produkten, die jährlich auf den Markt drängen, wird dieses Problem noch stark zunehmen. Die toxikologische Bewertung von Substanzen erfordert viel Zeit und liegt leider weit hinter dem Angebot und Einsatz von neuen Stoffen zurück.
Martin Kuster hingegen hat gezeigt, dass man auch sehr niedrige Grenzwerte durchaus erreichen kann, wenn man sich engagiert genug dafür einsetzt. Sein Erfolg ist, dass er in seinem Unternehmen seit gut fünf Jahren keine Sensibilisierung gegenüber Tierallergenen erlebt hat. Wo sehen Sie Ansätze eine solch stringente Kultur zu erreichen?
Dies wurde auch im Anschluss an den Vortrag diskutiert. Andreas Flückiger hat angemerkt, dass diesbezüglich das Geld ein entscheidender Faktor der Intervention ist. Wir beobachten in Österreich ähnliche Phänomene, dass in grösseren Firmen solche Ansätze eher erfolgreich umzusetzen sind.