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Gift in den Beziehungen
Von Beat Mazenauer, sfd
2017 ist Pascale Kramer vom Bundesamt für Kultur mit dem Grand Prix littéraire ausgezeichnet worden. Sie erhielt die Ehrung für ein Werk, das mit subtiler Raffinesse eine "Welt der Besorgnis, des Unbehagens und der Krisen" beschreibt. Der Roman "Autopsie des Vaters" veranschaulicht es mustergültig.
Väter verstehen sich besser mit ihren Töchtern, und Mütter mit den Söhnen, sagt man. Doch wenn die Mutter tot ist und die Tochter ein Einzelkind, kann das Verhältnis zum Vater gründlich misslingen. Ania hat sich jedenfalls längst von ihm losgesagt. Sie lebt in der Banlieue, allein mit einem gehörlosen Sohn.
Der erfolgreiche, souverän wirkende Vater erschien ihr immer als ein Gegenbild zu sich selbst. Sein mitleidloser Blick verunsicherte Ania schon in jungen Jahren. Sie versagte, beinahe mutwillig, in der Schule und entwickelte sich allmählich zu einer "kleinen Landpomeranze", wie er sie bald nannte.
In den Augen anderer jedoch galt der Vater als ein schillernder Intellektueller, der in den Medien auftrat und es schliesslich auch als Politiker versuchte. Ein falscher Satz vor falschem Publikum sollte allerdings seinen guten Ruf umgehend ruinieren.
In ihrem Roman "Autopsie des Vaters", der in der Übersetzung von Andrea Spingler auf Deutsch erschienen ist, zeichnet Pascale Kramer ein gleichermassen scharfes wie diffuses Bild dieses Menschen, der zum Unverständnis aller Selbstmord begeht.
Was wissen wir voneinander? Und wer ist frei von Hintergedanken und falschen Vorstellungen? Um solche Fragen kreist diese literarische Autopsie, die viele Verdachtsmomente, aber keine klaren Motive und Schuldigen ans Licht bringt.
Schuld oder Schicksal
Weil sich Ania längst nicht um ihren Vater kümmert, hat sie die hochkochende Erregung gar nicht wahrgenommen. Es ist deshalb wohl reiner Zufall, dass sie ihn am Vorabend seines Selbstmords besucht und dabei mitbekommt, wie er vergebens seine Geliebte Clara zu erreichen versucht.
Zufall oder Unabwendbarkeit, Schuld oder Schicksal? Dazwischen klaffen die Abgründe der menschlichen Psyche. Ania begegnet Clara erstmals im Haus des Vaters, um mit ihr Vorkehrungen für die Beerdigung zu treffen. Derweil brodelt es im Dorf wegen Vaters Aussagen.
Pascale Kramer erzählt haarklein, mit psychologischem Feinsinn, gerade deshalb belässt sie vieles auch im Schwebenden. Wir können nicht in die Seelen der Protagonisten hineinschauen, sondern erfahren nur, was sie tun und wie sie kommunizieren. Diese Äusserlichkeiten verbergen das Wesentliche und lassen dennoch vieles erahnen.
Selbst der skandalöse Hintergrund, bei dem es um alltäglichen Rassismus geht, erhält nie klare Konturen. Der literarisch sezierte Vater erscheint aus Anias Warte als süffisanter Machtmensch, der auf das Alter hin reaktionäre Ansichten entwickelt hat.
Präzis registrierende Prosa
Doch ist Ania zu trauen? Oder Clara, der schönen, mitfühlenden Geliebten? Alles bleibt latent, nur der Selbstmord des Vaters ist unwiderruflich wirklich. Alle Protagonisten, ausgenommen der gehörlose, unbescholtene Théo, wecken in dieser präzis registrierenden Prosa leisen Verdacht.
Subtil arbeitet Pascale Kramer, die als Teil einer geladenen Westschweizer Autorendelegation an die heute beginnende Frankfurter Buchmesse reist, die menschlichen Zwischentöne heraus, um in dem intimen Kammerspiel eine grössere Perspektive mitschwingen zu lassen. Niemand ist vor diffusen, latenten Ressentiments gefeit, die alle Beziehungen ein klein wenig vergiften.
Pascale Kramer: Autopsie des Vaters. Aus dem Franz. von Andrea Spingler. Edition Blau, Zürich 2017.174 Seiten, 25 Franken (UVP).
(10.10.2017 © sda/sfd)