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Beide haben das gleiche gesagt über das "feindliche Universum" und die "erschreckenden Weiten des Weltalls" – der amerikanische Astrophysiker Steven Weinberg und der franzöisische Philosoph Blaise Pascal. Aber beide haben daraus völlig unterschiedliche Einsichten gezogen.
Von Aurel Schmidt
Die Unmöglichkeit, das Universum zu verstehen, ist verhältnismässig einfach. Über den Anfang gibt es verschiedene Ansichten, und über das Ende ist alles offen. Die Wissenschaft hält zur Erklärung diverse Antworten und Modelle bereit, aber alle müssen durch den Fortschritt der Forschung regelmässig revidiert und angepasst werden. Jede Antwort wirft neue Fragen auf. Nichts ist endgültig. Das ist in der Wissenschaft eine Selbstverständlichkeit. Den Anfang zu erklären, ist fast immer das Schwierigste.
Lange galt in der Kosmologie das Urknall-Modell, neuerdings wird vermehrt angenommen, dass der Beginn des Universums in einem Schwarzen Loch liegen könnte. Das ist alles höchst schwindelerregend. Was ein Schwarzes Loch ist, muss ich zuerst nachlesen, ich vergesse es immer wieder – etwas wie die Implosion einer unvorstellbaren Energiemasse, habe ich verstanden. Aber im Universum verschwindet nichts. Also muss die komprimierte Energie irgendwo und in neuer Form wieder erscheinen. Vielleicht auf der anderen Seite des Schwarzen Lochs? Es müsste dann als eine ArtDurchgangstunnel zur Kenntnis genommen werden und würde für ein zyklisches Universum sprechen. Fortwährend tauchen neue Fragen auf. Meine sind es nicht, ich suche einen anderen Ansatz. Darüber möchte ich etwas sagen.
Wahrscheinlich müssen wir uns vorstellen, dass wir in einem Kontinuum ohne Anfang und Ende leben, das einfach da ist. Das ist schwierig zu akzeptieren und noch viel schwieriger zu verstehen. Ausserdem erklärt die Kosmologie das Universum als eine Gegebenheit ohne Ort und Zeit, ohne Oben, Unten, Vorne, Hinten, also ohne Griffe, um es zu begreifen. Es ist eine Realität, die voraussetzungslos existiert und sich selbst steuert. Auch das entzieht sich dem Verständnis. Um mir dennoch eine Vorstellung davon machen zu können, versuche ich es mit einem poetischen Bild oder unter Umständen einer musikalischen Sequenz, zum Beispiel mit dem wunderbaren Adagio aus Gustav Mahlers "Zehnter". Beim Hören entsteht bei mir der Eindruck eines Schwebens in einer ortlosen Expansion, ungefähr wie ein Aufenthalt im Isolationstank von John C. Lilly – aber ganz sicher bin ich mir da noch nicht.
Genauer kann ich die Erfahrung im Raumes hier nicht in Worte fassen. Viel zu spät habe ich entdeckt, was ich im Leben verpasst habe und nicht mehr nachholen kann. Kosmologe zu werden, wäre für mich das Einzige gewesen, worin ich im Leben eine Aufgabe hätte entdecken können. Aber versuchen kann ich trotzdem, gewisse Schlüsse aus der Einsicht zu ziehen, dass das Universum den Menschen in eine manchmal paradoxe, surreale, meistens aussichtslos erscheinende Lage stösst, wenn er anfangen sollte, sich Gedanken darüber zu machen.
Ich denke an viele Nächte in der Wüste, die ich im Schlafsack auf einer Schaumgummimatratze im Sand liegend verbrachte. Wenn ich zum Nachthimmel mit der hell leuchtenden Milchstrasse emporschaute, war das, was ich sah, atemberaubend, aber auch unbeschreiblich grossartig, ohne es zu verstehen. Ein grenzenloses Staunen erfüllt mich. Ich wusste nicht, was ich von allem halten sollte, aber war in diesem Augenblick auf eine ergreifende Art ruhig, ergriffen, enthusiastisch. (1)
Die unendlichen Räume, die ich vor mir ausgebreitet sah, hatten den katholischen Philosophen Blaise Pascal (1623-1662) in Schrecken versetzt, bei mir dagegen lösten sie als Resonanz eine Befriedigung und tiefe empfundene Ruhe aus. In diesem Augenblick war ich bereit, meinen Frieden mit dem Leben zu schliessen.
Der Mensch muss
nach Jean-Paul Sartre
wählen, sich entscheiden,
wenn er frei sein will
Heute, wo ich aus der Wüste längst in die Zivilisation mit ihren Supermärkten, Energieproblemen, meteorologischen Katastrophen und seriellen Aufregungen zurückgekehrt bin, ist es nicht mehr so einfach, diese Stimmung aufrecht zu erhalten. Immer wieder wird sie (und werde ich) von den normativen Anfechtungen des Alltags herausgefordert. Im Gegenzug habe ich erfahren, wie es ist, in den Grenzbereich eines äussersten Punktes im Leben vorzudringen, wo das Essentielle nahe ist. In gewisser Weise waren es ekstatische Augenblicke gewesen, aber keine exaltierten, keine Phantasmagorien. "Das Leben ist ein Traum", sagte der spanische Dramatiker Pedro Calderon de la Barca, ja, gut. Aber das ist nichtgenau, was ich sagen wollte. Ich hatte versucht, mir die Welt so zurecht zu legen, dass ich sie in jedem neu eintretenden Moment begreifen konnte, als eine situative Gegebenheit, als eine Realität.
Eben merke ich beim Durchlesen der letzten Zeilen, dass ich beim Begriff Realität in einen Widerspruch mit mir gerate. Wenn er nichts anderes ausdrückt als alles, "was der Fall ist" (Ludwig Wittgenstein), dann meint er, wenn wir vom Universum reden, bei Pascal einen Abgrund, in den der Mensch gestossen ist, in ein "unendliches Nichts", wie er sich ausdrückte. (2) Auch bei Jean-Paul Sartre treffen wir den gleichen Gedanken an. Der Mensch ist in das Sein gestossen (sogar "geworfen"), und er muss wählen, sich entscheiden und bewähren, wenn er frei sein will. Beide gehen von der gleichen Voraussetzung aus: Fassungslosigkeit. Jedoch die Reaktionen sind diametral verschieden.
Eher als alle diese Ausdrücke möchte ich starke, bildhafte Vorstellungen vorziehen wie etwa die Fahrt des Arthur Gordon Pym in den Maelstrom am Ende des Romans über "Die denkwürdigen Erlebnisse des Arthur Gordon Pym" von Edgar Allan Poe oder das gleissende Licht, das sich am Ende des Films "Odyssee 2001" von Stanley Kubrick ausbreitet. Sind wir schon am Ziel angekommen oder stehen wird am Anfang einer neuen Zeitrechnung? Ich meine nichts Übersinnliches oder dergleichen. Wenn ich mit dem Kopf an der Schranktür anschlage, weiss ich, dass die Realität keine Fiktion ist, nichts Eingebildetes, sondern etwas, für das es Mittel der Berechnung und Beschreibung gibt. Kosmologen befassen sich damit, aber für Nichtgeschulte bleibt es etwas Undurchschaubares. Als verpasster Kosmologe habe ich keine geeignete Weltformel zur Verfügung, sondern muss eine literarisch-poetische Vision finden, einen Zustand des Einverständnisses, eine Art Just Milieu, in dem ich mich wiedererkennen kann, wenn ich darüber schreiben will.
Der Astrophysiker Steven Weinberg hat die Erfahrung, der ich hier auf die Spur zukommen versuche, in seinem Werk "Die ersten drei Minuten" auf ergreifende Weise beschrieben. Er ist von einem Kongress in San Francisco auf dem Heimflug nach Boston, sieht aus dem Kabinenfenster 10'000 Meter tief unter sich die Erde wie eine siderale Kostbarkeit und versucht, mit der Unmöglichkeit, alles zu verstehen, fertig zu werden. Denn zugleich ist das, was er sieht, in seiner grossartigen Rätselhaftigkeit auch ein Teil eines "feindlichen Universums", in dem wir unser Dasein verbringen. Als Wissenschafter arbeitet er am Versuch, das Universum ein kleines bisschen besser zu verstehen, aber zugleich muss er einsehen, dass es ein aussichtsloses Unterfangen ist. Er muss die Welt annehmen, wie sie ist, ohne in der Lage zu sein, eine abschliessende Antwort zu finden, also im Offenen, Zufälligen leben, im Vorläufigen, in einem permanenten Provisorium.
Das Universum kann
berechnet werden, aber was
bedeutet es? Warum ist es
so, wie es ist?
Von Weinberg ist der Satz überliefert, dass das Universum umso sinnloser wirkt, je verständlicher es erscheint. Der Satz, der sein ganzes Dilemma ausdrückt, hat, als das Buch 1977 erschien, in der wissenschaftlichen Community Aufsehen erregt. Heute würde Weinberg ihn gern zurücknehmen. Er hatte zeigen wollen, dass es leidlich gut möglich sei zu erklären, wie das All ist, wie es berechnet und in mathematischer Sprache dargestellt werden kann. Nur die Frage, warum es so ist, wie wir es antreffen, und was es zu bedeuten hat – auf Fragen dieser Art ist jeder Versuch einer Antwort wie ein Schwarzes Loch.
Die involvierten zerreissenden Kräfte auszuhalten, ohne Gewissheit, ohne Kapitulation, ist eine mutige, souveräne Lebenseinstellung. Pascal erkannte, dass das Universum ihn erfasst und verschlingt "wie einen Punkt", er durch Denken aber in die Lage versetzt wird, es überhaupt zu erfassen. Das sollte seine Reaktion sein auf die Erkenntnis der entsetzlichen Weiten des Weltalls sein, die ihn so sehr mit Schrecken erfüllten. Doch zum Durchhalten reichte es nicht aus, und Pascal wandte sich in seinem Elend an seinen Gott, den er bat, ihn gnädig in seine Allmacht aufzunehmen. Das war eine Niederlage für ihn.
Sieht man von dieser Seite Pascals aber ab, dann kann man in ihm ohne weiteres einen frühen Existentialphilosophen erkennen. Wie kein anderer hat er gezeigt, wie der Mensch den Spannungen der Leere und Sinnlosigkeit ausgeliefert ist und sich der Herausforderung stellen muss – wenn er in der Lage ist. Doch den Mut dazu brachte er nicht auf – anders als etwa Jean-Paul Sartre in seinem philosophischen Hauptwerk "Das Sein und das Nichts" mit dem Thema des Verhältnisses von Geworfenheit und Freiheit.
Zwischen Weinberg sowie Sartre lassen sich weitere erstaunliche Schnittmengen finden. Dass im Universum kein Sinn zu erkennen ist, sahen beide gleich. Aber in der wissenschaftlichen Erforschung des Universums wollte Weinberg für den Menschen eine kleine Ermutigung erkennen. Auf diese Weise gab er ein Beispiel, wie es geschehen könne, ohne Sinn, ohne Hoffnung, ohne Ziel auszukommen, weil am Ende es allein dieser bestandene Durchhaltewillen ist, der dem Menschen seine Menschlichkeit verleiht und ihm zum Verständnis seines Menschseins verhilft. Bei Sartre ist das, wenn der Mensch wählt, kaum anders.
Wie oft habe ich die Stelle bei Weinberg gelesen und versucht zu verstehen, dass es nichts zu verstehen gibt, dass Sinn sinnlos ist – oder etwas, das die Menschen im besten Fall erfinden, um sich Mut zu machen. Wohl kann ich für mich jederzeit definieren, was sinnvoll sein soll. Unter keinen Umständen aber kann der hier entwickelte ethische oder humanistische Nihilismus eine Rechtfertigung sein zu Niedertracht, Gemeinheit, schändlichem Verhalten gegen andere Menschen, weil dies ja dann genau so sinnlos wäre wie alles andere. Wir müssen bereit sein unser Dasein in der Welt so annehmen, wie es ist, weil erst in dieser aussichtslos erscheinende Lage sich die Grösse des Menschseins manifestiert. Es liegt ein Auftrag darin, ein "commitment", wie der treffende englische Ausdruck lautet, aufrecht und standhaft durch das Leben zu gehen: unbeugsam, unerschütterlich, widerständig, ohne Erwartung, aber mit grosser Entschlossenheit, Ausdauer und Zuversicht.
Der nächtliche Himmel,
der volle Mondschein,
die angenehme Nachtluft
nach der Tageshitze
In diesem Sinn und Geist schaute ich nachts in der Wüste zum Firmament, wie der poetische Ausdruck für den astrophysikalischen Himmel lautet, empor und war gefasst und einverstanden mit dem, was ich nicht verstehen konnte (und bis heute nicht verstanden habe). Weil ich begriffen hatte, dass es etwas wie Sinn nicht gibt, aber ich damit leben konnte, aus freier Entscheidung. In diesem Moment erfasste mich eine euphorische Stimmung. Ich erkannte eine vermannigfachte Welt voller Wunder, Überraschungen, Schönheit: den Nachthimmel, das geheimniserfüllte volle Mondlicht, die nächtliche milde Wüstenluft waren die ersten poetischen Botschaften einer neuen Einstellung. Allerdings weiss ich auch, dass diese Betrachtungsweise nicht ohne tägliches Training möglich ist. Das ist die Voraussetzung.
Auch der englische Biologe und bekennende Atheist Richard Dawkins (wie Weinberg) hat Vorschläge gemacht, mit dem Mangel an Sinn auszukommen – beziehungsweise ihm etwas entgegenzusetzen. Das soll die Schlussbemerkung werden. Er hat ähnliche Ideen zur Auseinandersetzung vorgelegt wie Weinberg und wie dieser auf die Wissenschaft gesetzt, die ihm erlaubt, die Wunder der Natur und damit das Wunderbare schlechthin zu verstehen, auch zu erleben. Das ist eine Auffassung, die von Weinberg abweicht, der in der Wissenschaft und Forschung eher eine Option gefunden hat, mit der existentiellen Ohnmacht des Menschen im Universum zu Rand zu kommen. Dass aber Wissenschaft sehr viel auch mit Schönheit zu tun hat, das haben wir bei Dawkins gelernt. Wir fangen gerade eben an, es etwas besser zu verstehen.
Anmerkungen
(1) Am 12. Juli 2022, nur wenige Tage nach Veröffentlichung dieses Beitrags, verbreitete die NASA die ersten überwältigenden Aufnahmen des James Webb Space Telescope aus dem Weltraum. Die Betrachtung des nächtlichen Sternenhimmels hat eine neue, unvorstellbare Dimension bekommen.
(2) Seitdem ich das Buch mit dem verflixten Titel „Warum es die Welt nicht gibt“ des deutschen Philosophen Markus Gabriel gelesen habe, werde ich in Zukunft mit Begriffen wie Universum, Welt, Realität, Wirklichkeit, Tatsache, Gegenstand, Wahrheit vorsichtiger sein müssen. Sie gehören nicht alle den selben Gegenstandsbereichen an und müssen daher genauer definiert werden – viel genauer. Leider war der Beitrag schon geschrieben, als ich das Buch von Markus Gabriel hervorholte, aufschlug und beschloss, mit dem Lesen anzufangen – es lag schon lange aus dem Stapel mit den Büchern, die ich die Absicht hatte zu lesen. Nachdem der kairos eingetreten ist, sieht die Welt anders aus. Ich glaube, mir bleibt nichts übrig als Gabrielianier zu werden.
05. Juli 2022, aktualisiert 16. August 2022