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Nietzsches Jahre im Wahn
Die geistige Umnachtung Nietzsches in seinen letzten Lebensjahren rückt sein Werk ins Zwielicht. Dass dieser grosse Geist, der wie kaum ein anderer der Philosophie des 20. Jahrhunderts seinen Stempel aufgedrückt hat, sich als junger Mensch unter banalen Umständen mit einer banalen, aber letalen Krankheit infiziert hat, wirkt weniger tragisch als vielmehr grotesk. Sind damit nicht seine grossen Worte entwertet?
Nur Aussenseiter haben Nietzsches Philosophie als Ausgeburt eines kranken Hirns diskreditiert. Der Mainstream nahm seine Philosophie bis zum Zusammenbruch im Januar 1889 in Turin zum Nennwert. Entsprechend konzentrierte man sich auf den gesunden Nietzsche und blendete die Jahre seiner Geisteskrankheit und seines Siechtums aus. Er habe an einer durch Syphilis bedingten „progressiven Paralyse“ gelitten, lautet die immer gleiche Auskunft. Nur wenige Aussenseiter stellten sie in Frage. Der kranke Nietzsche selbst war kein Thema. Dafür rückte seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche in den Blick, denn ihr warf man vor, sich der Schriften ihres Bruders bemächtigt und sie verfälscht zu haben. Hemmungslos habe sie ihrer eigenen Ruhmsucht und ihrem Antisemitismus gefrönt und damit der Vereinnahmung Nietzsches durch die Nationalsozialisten vorgearbeitet.
Verachtung der Mutter und Schwester
Der Literaturwissenschaftler Ludger Lütkehaus hat für seine auf historischen Fakten beruhende Erzählung die Perspektive der Mutter gewählt. Das ist an sich schon ungewöhnlich. Eine Pointe liegt zusätzlich darin, dass Nietzsche sich Ende Dezember 1888 mehr als deutlich über die Mutter und die Schwester geäussert hat:
„Wenn ich den tiefsten Gegensatz zu mir suche, die unausrechenbare Gemeinheit der Instinkte, so finde ich immer meine Mutter und Schwester, - mit solcher canaille mich verwandt zu glauben, wäre eine Lästerung meiner Göttlichkeit.“
Wie lassen sich die Jahre der Pflege von 1890 bis zum Tod der Mutter 1897 und danach mit der Schwester bis 1900 denken und vor allem darstellen? Schon auf den ersten Seiten gelingt Lütkehaus eine überaus genaue und packende Schilderung von Nietzsches Aufenthalt in der Psychiatrie. Lütkehaus scheut sich nicht, auch die drastischen Ausprägungen der Geisteskrankheit Nietzsches aus der mütterlichen Perspektive heraus zu schildern. Es ist, wie wenn ein Scheinwerfer anginge und ein bislang unbekanntes Schattenreich ausleuchtete.
Der "kleine Pator"
So oft es möglich ist, besucht die Mutter ihren Sohn in der Anstalt in Basel, später in Jena und unternimmt mit ihm Spaziergänge. Da er aber immer wieder Rückfälle hat und dabei auch gewalttätig werden kann, gibt es längere Zeiten, zu denen die Ärzte ihre Besuche nicht zulassen. Apropos Gewalt: Die Mutter schildert einen üblen Ausbruch während einer Bahnfahrt von Basel nach Jena, sie fürchtet sich vor seinem „flackernden Blick“ und seinem Exhibitionismus. Immer wieder zeigt Nietzsche sich nackt und fantasiert von „vielen Weibern“. Das ist für die Pastorenwitwe mindestens so unerträglich wie die Philosophie vom Tode Gottes, von der sie, wie auch von den anderen Schriften, keine einzige Zeile lesen will.
Der Zustand Nietzsches bessert sich so weit, dass die Ärzte ihr erlauben, ihren Sohn zu sich nach Hause zu holen. Nun ist die Mutter in ihrem Element und kann ihn nach allen Regeln mütterlicher Kunst verwöhnen. Ihr Sohn lässt sich das nur zu gerne gefallen, denn auch in seinen gesunden Jahren war er sehr empfänglich für Leckereien aller Art. Der „kleine Pastor“, wie sie ihren Sohn nennt, der zu ihrem Kummer eben nicht die Laufbahn eines Geistlichen eingeschlagen hat, wird in ihrer Obhut mit dem Fortschreiten der Krankheit immer mehr zum Kind. Die Schilderungen von Lütkehaus lassen einen nicht mehr los. Sie sind eine intensive Meditation über Liebe und Krankheit, Nähe und Distanz.
Spaziergänge mit Zwischenfällen
In den ersten Jahren setzt sich Nietzsche noch ans Klavier und „fantasiert“. Ab und an spielen die beiden auch vierhändig. Besondere Freude hat Nietzsche an den Weihnachtfesten, die er ganz wie ein Kind erlebt. Stundenlange Spaziergänge gehören zum Tagesablauf, aber von Jahr zu Jahr werden sie problematischer. Denn in seiner Heimatstadt Naumburg, wo sie seit Mai 1890 wieder im ehemaligen Pfarrhaus leben, sind Mutter und Sohn stadtbekannt. Sein bisweilen seltsames Betragen gibt zu Reden. Und manche fürchten sich auch vor ihm. Lütkehaus schildert eine Szene, in der Nietzsche auf einem Spaziergang einer Dame unbedingt die Hand geben will und diese fluchtartig davon eilt.
Die häusliche Pflege verlangt harte körperliche Arbeit und Überwindung. Seine Mutter muss ihn baden und waschen. Da er aufgrund seines Appetits und ihrer Küche stark zunimmt, wird diese Arbeit für sie immer beschwerlicher. Die Jahre zehren an ihren Kräften. Hinzu kommt, dass ihre Tochter seit 1893 im Hause lebt und sich ebenfalls dem Bruder zuwendet. Beide Frauen buhlen um seine Liebe, wobei die Schwester raffinierter ist. Sie verfasst eine umfangreiche Biographie ihres Bruders und nutzt diese Gelegenheit, ihre Nähe zu ihm herauszustreichen und ihre Mutter völlig in den Hintergrund zu drängen.
Göttliche Prüfungen
Die Mutter stirbt an „Unterleibskrebs“. Lütkehaus schildert die Einsamkeit und am Ende wohl auch Verbitterung dieser Frau, die ursprünglich jede Härte als göttliche Prüfung auf dem Weg zum Heil gedeutet hat. Sie musste mit ansehen, wie ihre Tochter den zunehmenden literarischen Erfolg der Schriften ihres Sohnes ausnutzte, um sich im stetig wachsenden Strom der Besucher zu sonnen. Nach dem Tod der Mutter erwarb sie - „auf Pump“, wie Lütkehaus schreibt – 1897 die Villa Silberblick in Weimar, in dem sie das Archiv aufnahm und in dem Nietzsche seine letzten Monate verbrachte.
Lütkehaus lässt dezent zentrale Figuren aus dem Leben Nietzsches auftreten. So den Basler Theologen Franz Overbeck und Peter Gast, der wie kein zweiter die Handschriften Nietzsches lesen konnte. Für Nietzsche-Kenner sind das wunderbare Erinnerungen und für diejenigen, die mit Leben und Werk Nietzsches noch nicht vertraut sind, Anregungen, die neugierig machen. Überhaupt ist Ludger Lütkehaus mit dieser kunstvollen Erzählung auch eine Hinführung zur Gedankenwelt Nietzsches gelungen.
Ludger Lütkehaus, Die Heimholung. Nietzsches Jahre im Wahn, Eine Erzählung, Schwabe reflexe 11, Basel 2011