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Die Paumari waren einst als die “Nomaden vom Purus” bekannt, wegen der beeindruckenden Mobilität ihrer lokalen Gruppen und ihrer traditionellen Behausungen, die sich auf Flössen befanden, die man “Flutuantes“ nannte. Als Fischer in den “Varzeas“ (saisonal überfluteten Tiefebenen Amazoniens), waren die Paumari eines der wenigen indigenen Völker des mittleren Rio Purus, denen es gelang, ohne bewaffnete Zusammenstösse während der beiden Gummi-Zyklen zu überleben, während andere Völker der Region, besonders in der Mitte des 19. Jahrhunderts, von eindringenden Gummisammlern dezimiert wurden.
Paumari

Andere Namen: Pamoari

Sprachfamilie: Arawá
Population: 1.559 (2010)
Region: Bundesstaat Amazonas
|INHALTSVERZEICHNIS

Name
Sprache
Lebensraum
Bevölkerung
Geschichte des Kontakts
Wirtschaftliche Aktivitäten
Gesellschaftliche und politische Organisation
Häuser und Kanus
Allianz und Heirat
Religion und Schamanismus
Soziokosmologie
Der Mensch
Rituale
Grafische Kunst
Quellenangaben
Ihre Selbstbezeichnung ist “Pamoari”, jedoch zur Kommunikation mit den Weissen und mit anderen indigenen Ethnien verwenden sie in der Regel die Bezeichnung “Paumari”. “Pamoari“ hat verschiedene Bedeutungen: “Mann – Person – Volk“ aber auch “Kunde“, letztere stammt aus der Beziehung der Paumari zu den Händlern der Region. Andere Namen, die in der Literatur über dieses Volk erscheinen, sind “Kurukurú, Palmari, Pamarí, Pammari, Purupuru, Wayai, Yja’ari“.
Nach Aussage von Colonel Labre, einem der grossen Gummi-Barone am Rio Purus im 19. Jahrhundert, nannte man die Paumari damals “Purupuru“, was “Gepunktete“ in der damals in Amazonien gebräuchlichen “Nheengatu-Sprache“ bedeutet – wegen einer Krankheit, die Flecken auf ihrer Haut entstehen liess, besonders an Armen und Beinen. Diese Krankheit wurden von verschiedenen Chronisten des 19. Jahrhunderts bemerkt (zum Beispiel von Gustav Wallis und Euclides da Cunha), sie schrieben sie den besonderen Ernährungsgewohnheiten zu, die bei den Paumari vorwiegend aus Fischen und Schildkröten bestand.
Die Paumari bezeichnen ihre Sprache als “Pamoari”. Sie gehört zu der kleinen Familie “Arawá“ des Okzidentalen Amazoniens. Bis heute hat man keine Sprachen entdeckt, die derselben Familie ähneln. Die sie betreffenden Kenntnisse basieren fast ausschliesslich auf den Studien der Missionarinnen Shirley Chapman, Mary-Anne Odmark, Meinke Salzer und Beatrice Senn von der LSI (Linguistic Society International). Fast alle diese Studien wurden im Gebiet des “Lago Marahã“ durchgeführt, aber es scheint, dass es einige Dialekt-Varianten gibt zwischen den Paumari dieser Region und denen am Rio Ituxi und Rio Tapauá. Fast alle Paumari sprechen inzwischen auch Portugiesisch und sind damit zweisprachig, allerdings wechseln sie oft, innerhalb eines Satzes, von der einen in die andere Sprache.
Der von ihnen bewohnte Lebensraum ist allein das Becken des Mittleren Purus mit seinen Zuflüssen, wie dem Ituxi, dem Sepatini und dem Tapauá, im Bundesstaat Amazonas. Die Paumari sind bekannt durch ihre “aquatische Lebensweise”, was sich in ihren traditionell bevorzugten Wohnplätzen ausdrückt: den “Várzeas“, Flüssen und Seen. Die vorherrschenden Vegetationsformen in diesen Gebieten sind dichte, ombrophile (regenliebende) Wälder, deren Boden periodische von den ansteigenden Flüssen überschwemmt wird.
Die bevorzugten ökologischen Zonen für ihre Dörfer sind Flussufer mit Flussstränden, Inseln mit festem Land innerhalb der “Várzeas“ und nicht überschwemmbare Areale zwischen den überschwemmbaren Ebenen und dem Festland (Terra firme), die in der Region “Fuss des Festlands“ genannt werden.
Historische Eintragungen belegen, dass die Region des Mittleren Purus bereits von den Paumari besiedelt war, als dort die ersten weissen Siedler auftauchten, aber die verschiedenen lokalen Gruppen führten innerhalb dieser Region in den vergangenen Jahrhunderten zahlreiche Abwanderungen und Verlegungen ihrer Dörfer durch.
Die Paumari sind die einzigen Bewohner des “IT Paumari“ am Lago Manissauá, während sie sich andere Indio-Territorien teilen mit den “Apurinã“ (in den ITs “Caititu, Paumari do Cuniuá, Paumari do Lago Marahã, Paumari do Lago Paricá“ und den “Paumari do Rio Ituxi“), den “Jamadi“ (im IT Caititu) und den “Katukina“ (in den ITs “Paumari do Cuniuá“ und “Paumari do Lago Paricá“).
Es gibt keine Daten über interethnische Ehen, ausgenommen in wenigen Kommunen.
Im Jahr 2000 schätzte Schröder, basierend auf einem Vergleich mit Daten der FUNAI, der OPAN (Operação Amazônia Nativa), der PPTAL und seiner eigenen Feld-Aufzeichnungen, die Bevölkerung der Paumari auf zirka 870 Individuen. Nach späteren Daten von Bonilla, betrug die Bevölkerung der Gebiete Marahã und Ituxi ungefähr 620 Personen im Jahr 2002, und etwa 900 Personen insgesamt in allen ITs der Paumari.
Was die Geburten- und Sterberaten betrifft, so gibt es vorläufig nur Statistiken einiger Kommunen der ITs Paumari am Lago Marahã und Manissauá. Schröder registrierte durchschnittliche Geburten pro Jahr von 2,8 bis 3,8% in den Jahren 1996 bis 2000, je nach Kommune.
Die Anthropologin Luciene Pohl, von der FUNAI, registrierte ihrerseits ein Wachstum der Paumari-Bevölkerung in der Region des Rio Tapauá von 127 auf 175 Individuen zwischen 1985 und 1997, was 37,8% in 12 Jahren entspricht. Pohl schätzte auch, dass 62,8% der Paumari-Bevölkerung dieser Territorien zwischen 0 und 20 Jahre alt sind. In unseren Zählungen repräsentieren die Individuen zwischen 0 und 19 Jahren zwischen 43,3% und 65,9% der Bevölkerung in verschiedenen Kommunen.
Nach Daten von Bonilla aus dem Jahr 2009 betrug die Summe der Paumari-Bevölkerung der Region Tapauá (ITs “Paumari do Lago Manissuã; Paumari do Lago Paricá“ und “Paumari do Rio Cuniuá“) insgesamt 204 Personen.
Die jüngsten Daten der FUNASA von 2010 schätzen die Gesamtpopulation auf 1.559 Personen, inklusive derer, die sich in den Städten des Umfeldes befinden und derer, die in Apurinã-Territorien leben.
Das traditionelle Territorium der Paumari, so berichten historische Quellen, beinhaltete Ufer von Flüssen, Seen und die Flüsse selbst: vom Mittleren Purus bis zur Mündung des Rio Jacaré, an der Mündung des Rio Tapauá und am Rio Ituxi.
Nach Autoren wie Rivet&Tastevin, sowie Métraux, sind sie Nachkommen einer Untergruppe der antiken “Purupuru“, die heute verschwunden sind und im 18. Jahrhundert die Region an der Mündung des Rio Purus bis zum Zusammenfluss mit dem Rio Ituxi bewohnten. Die letzten Nachfahren der “Purupuru“ werden in der Mitte des 19. Jahrhunderts erwähnt, zwischen dem Lago Jary (Panará-Mirim do Jary) und dem Rio Paraná-Pixuna, einem rechten Zufluss des Unteren Purus, sowie an der Mündung des Ituxi. Eine weitere antike Untergruppe der Purupuru, die “Juberi“ (Jubirí, Yuberí), wurde am Unteren Tapauá beschrieben, an den Ufern des Lago Abonini und an den Ufern des Mittleren Purus, noch vor der Mündung des Mamoriá-Açu.
Die Paumari befinden sich mindestens seit zwei Jahrhunderten in Kontakt mit den Weissen. Sie werden in historischen Quellen zum ersten Mal 1845 erwähnt. Zu jener Zeit wurden verschiedene ihrer Gruppen bereits von dem Händler Manoel Urbano dazu benutzt, die begehrten “drogas do sertão“ (wörtlich: “Drogen des Sertão“ – gemeint sind native Spezereien aus Amazonien, die damals in Europa noch nicht bekannt waren, wie Kakao, Vanille, Zimt, Paranüsse, Nelken, Guaraná, Urucum, und andere) zu beschaffen. Urbano kontrollierte damals die Region des Mittleren Purus und belieferte, unter anderen, auch den portugiesischen Königshof.
1847 beobachtete der französische Naturalist Castelnau verschiedene Paumari-Gruppen am Rio Oiday bis zum Rio Sepatini. Wie dieser Autor berichtet, lebten sie vorwiegend an den Flussstränden und kannten keinen Ackerbau. Als bevorzugte Behausungen dienten Gruppen von Flössen – ein Floss pro Familie – und zur Kommunikation zwischen ihnen dienten kleine Boote. Es gab auch Hütten auf dem festen Land. Die Paumari benutzten keine Kleidung, nur eine Körperbemalung.
1862 bemerkte der deutsche Naturalist Gustav Wallis die erste “Maloca“ (Dorf) der Paumari an der Mündung des Rio Jacaré. Am Rio Arimã beobachtete er 600 Paumari und Juberi, vereint von Manoel Urbano, die ein grosses Feld anlegten und eine Kapelle errichteten, an dem Platz, den Pater Pedro da Cerneira ausgesucht hatte, um eine Mission aufzubauen.
Die ersten detaillierteren, wissenschaftlichen Beschreibungen der Paumari stammen von dem englischen Reisenden Chandless, der sie als friedlich und fröhlich beschreibt, ein Volk, das seinen Gesängen viel Zeit widmet. Auch charakterisiert er sie als ein “aquatisches Volk“, das sich kaum dem Ackerbau widmet, nur Maniok und Bananen kultiviert, jedoch kein Maniokmehl herstellt, obwohl sie es mögen – aber sie tauschen es ein mit den Händlern. Sie waren gute Fischer und Bogenschützen, töteten Fische und Schildkröten mit den Pfeilen, waren aber schlechte Jäger. Ihre Nahrung beschränkte sich auf Fisch und Schildkröten. Bei einer Gelegenheit beobachtete Chandless mehr als sechzig Kanus, die den Fluss hinuntertrieben auf der Jagd nach Schildkröten. In jedem Boot eine Frau, die paddelte, und ein Mann am Bug stehend, der mit gespanntem Bogen auf das Auftauchen von Schildkröten wartete.
Wie derselbe Autor berichtet, lebten die Paumari während der Trockenzeit auf den Sandbänken der Flüsse, wo sie simple Hütten aus Palmblättern aufstellten, wenn sie dort längere Zeit blieben. Während der Regenzeit, der Zeit des Hochwassers, zogen sie sich auf die Wasserfläche von Seen zurück, errichteten ihre Hütten auf den Flössen, die sie in der Mitte des Sees verankerten, um der Insektenplage zu entgehen.
Die Stadt “Lábrea” wurde innerhalb des Paumari-Territoriums gegründet. Und sie selbst wurden einem Colonel Labre, dem Stadtgrüner, als Latexsammler, Fisch- und Schildkröten-Lieferanten benutzt. Während des ersten, grössten Gummi-Zyklus wurden die Städte in Amazonien von Lampen beleuchtet, die mit einem Brennstoff aus Butter und Schildkröten-Öl funktionierten – was das Interesse an den Paumari als Lieferanten dieses Produkts erklärt.
Nach den Reisen des nordamerikanischen Ethnologen Steere in der Region, zwischen 1873 und 1901, beschrieb dieser die Paumari als durch Krankheiten reduziert auf wenige hundert Individuen, die ein Nomadenleben entlang des Rio Purus führten und sich von einem Latex-Sammellager zum anderen schleppten. Und schliesslich haben wir die Texte des deutschen Ethnologen Ehrenreich, der Paumari-Gruppen in den Sammellagern des Colonel Luiz Gomes lokalisierte, und sie als verkommen und dem Alkohol ergeben beschreibt.
Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Paumari einen grossen Teil ihres traditionellen Territoriums verloren, in dem sie zu fischen und Schildkröten zu jagen pflegten, weil die Flussstrände inzwischen von den Gummisammlern kontrolliert und ausgebeutet wurden. So zogen sie in kleinen Gruppen umher und wurden als die “vagabundierenden Indios“ in der Region bekannt – der Name “Paumari“ wurde zu jener Zeit ein Synonym für Strolch und Faulheit.
Trotz dieser negativen Stereotypen gibt es keine Berichte über bewaffnete Expeditionen gegen die Paumari. Im Gegenteil, es sieht eher so aus, als ob sie in das der Versklavung ähnliche Dienstleistungssystem integriert worden sind, ohne sich dagegen zu wehren. Ihre Mobilität und ihre Unzuverlässigkeit bei der Arbeit waren vielleicht ihre einzigen friedlichen Widerstandsbewegungen, die aber keine direkten Konfrontationen provozierten.
Wir wissen sehr wenig über die Ethno-Historie der Paumari im 19. Jahrhundert, und die entsprechenden Informationen werden im 20. Jahrhundert noch spärlicher. Interethnische Beziehungen zu der sie umgebenden nationalen Gesellschaft sind geprägt von den bereits zitierten Stereotypen, die noch bis heute nachwirken, und der materiellen Abhängigkeit von den “Weissen“, die von ihnen “Jara“ genannt werden. Die negativen Stereotypen, dass sie faul und unstet seien, wenn es ums arbeiten geht, erschweren die wirtschaftlichen Beziehungen und eine eventuelle Vergabe von Arbeitsplätzen, besonders im urbanen Ambiente.
Die Beziehungen zu anderen indigenen Völkern sind im Allgemeinen friedlich, obwohl man zwischen ihnen und den “Apurinã“, hinsichtlich einer Territoriums Rivalität, ernstliche Spannungen beobachten kann – die Paumari und die Apurinã sind Nachbarn im gleichen Gebiet. Informanten der Paumari in den Dörfern Santa Rita und Crispinho, im Paumari-Territorium des Lago Marahã, haben uns berichtet, dass die Paumari in früheren Zeiten grosse Angst vor den Angriffen der Apurinã hatten und stets bereit waren, ins Wasser zu flüchten oder sich hinter ihren Flössen vor ihnen zu verstecken.
Der jährliche Wirtschaftszyklus ist geprägt von der grossen Mobilität der lokalen Gruppen und ihren saisonalen Umzügen zwischen verschiedenen Zonen ihrer unterschiedlichen Aktivitäten (dem Festland und der Várzea, den Flussstrände und den Sammelplätzen von Waldfrüchten). Und er wird bestimmt von der regionalen Niederschlagsmenge und dem korrespondierenden Wasserstand der Flüsse.
Das Fischen in den Flüssen, Bächen, Seen und Lagunen ist die Basis zur Selbsterhaltung. Die Paumari fischen das ganze Jahr über, mit verschiedenen Fangtechniken, und sie ernähren sich täglich von Fisch. Andere bevorzugte aquatische Tiere sind die Schildkröten, die es als Land- und Wassertiere gibt, und die am Mittleren Purus inzwischen nicht mehr so häufig zu finden sind. Der Fischfang war stets die am meisten beschriebene Aktivität der Paumari, wenig weiss man über ihre Nutzung des Festlandes, denn die Autoren schreiben nichts darüber, was die Paumari während der Monate Taten, in denen die Fische fehlten.
Ihr bisschen Ackerbau betreiben sie sowohl in der fruchtbaren Várzea-Ebene als auch auf dem Festland (Terra firme), und die Maniok ist ihre wichtigste kultivierte Pflanze. Der Ackerbau spielte in den antiken Texten über die Paumari eine unbedeutende Rolle, aber die Expedition der nordamerikanischen Biologen Ghillean Prance, David Campbell und Bruce Nelson in die Region des Lago Marahã enthüllte eine ganz andere Situation, denn diese Wissenschaftler entdeckten mehr als 14 Varianten der Maniok auf den Feldern, etwas, das man von einer Ethnie, die als Nomaden charakterisiert worden war, nicht erwartet hatte. Der Anthropologe Peter Schröder (Autor dieses Textes) und der Ökologe Plácido Costa Júnior, jedoch, sammelten Informationen über 28 gepflanzte Varianten! Ausser der Maniok pflanzen die Paumari bis zu 30 unterschiedliche Kulturpflanzen, wie “Macaxeira (ungiftige Maniok), Cará (Knollenfrucht), Batata-doce (Süsskartoffel), Ariá, Taioba, Milho (Mais), Maxixe, Feijão (Bohnen), Jerimum (Kürbis)“ und eine Reihe von Obstbäumen und Palmen.
Die zeitgenössischen Paumari kultivieren, neben ihrer Arbeit als Ackerbauern, auch diverse Obstbäume, Gemüse und Heilpflanzen in ihren Hinterhöfen. Und sie sammeln eine Reihe von Waldfrüchten für den Eigenverbrauch, sowie Rohmaterialien (vorwiegend Lianen und Flechtmaterial) für die Konstruktion von Häusern, Booten und die Herstellung verschiedener Objekte. Getränke stellen sie aus Palmfrüchten her (wie Açaí, Bacaba oder Patauá) und die Paranuss wird ebenfalls als Nahrungsergänzung geschätzt. Die Paumari sind als Jäger nicht besonders geschickt, obgleich man weiss, dass sie sporadisch und spontan mal auf die Jagd gehen können, besonders wenn sie unterwegs zum Fischen auf ein jagdbares Tier treffen.
Weil dieses Volk permanente Beziehungen zu der sie umgebenden nationalen Gesellschaft unterhält, und von ihren materiellen Produkten abhängig geworden ist, haben sie auch verschiedene Aktivitäten für den Kommerz entwickelt, so zum Beispiel Fischereiprodukte (Fische und Schildkröten) und Sammelprodukte (Paranüsse, Copaíbasaft, Baumharz, Latex und Edelholz) im Tausch gegen substanzielle Industriegüter (Nahrungsmittel, Textilien, Werkzeuge, Motoren, Treibstoff und andere).
Bei diesen Geschäften erhalten sie oft keinerlei Geld, sondern werden von den Händlern beim Tausch der Produkte auf skandalöse Art und Weise ausgenutzt. Im Teufelskreis jenes perfiden Tauschsystems verschulden sich viele Paumari enorm und ihre Familien gelingt es im Lauf der Jahre nicht mehr, aus diesen Schulden herauszukommen, obwohl sie mit ihrer gesamten Produktion dafür bezahlen. Aufgrund dieser Verschuldung sind verschiedene Paumari gezwungen, einem Nicht-Indio einen See oder eine Lagune zur Ausbeutung zur Verfügung zu stellen oder die Holzausbeutung in ihrem Wald zuzulassen.
Die Reisenden und andere Beobachter des 19. Jahrhunderts beschrieben die schwimmenden Behausungen auf Flössen im Wasser, während der Regenperiode, als die typischen Wohnungen der Paumari – weil sie ihnen besonders aussergewöhnlich erschienen. Jedoch zogen sich die Paumari nur während der Hochwasserperiode auf diese Flösse in der Mitte eines Sees zurück, weil sie dort vor der Moskitoplage einigermassen geschützt waren, die während der feuchten Jahreszeit enorm zunimmt.
Jedes ihrer Dörfer auf dem festen Land (Terra firme) bestand aus 8 bis 15 Hütten mit je einer oder zwei Familien. Der Platz für ein Feuer befand sich ausserhalb, am Ufer eines Sees. Andere kleinere Behausungen in der Trockenperiode konnte man glatt übersehen, die sie als unscheinbare Unterstände aus Palmblättern, halbkreisförmig ausgerichtet, an den Flussstränden zu benutzen pflegten.
Im Gegensatz zu jenem Nomadentum auf dem Wasser, berichtet Steere von permanenten Dörfern, auch besetzt während der Regenperiode, wo die Paumari lebende Schildkröten in umzäunten Gehegen hielten.
Heutzutage gehören die “Flutuantes“ (schwimmenden Flösse) zur Minorität unter den Paumari-Behausungen. Man kann zwar immer noch “Flutuantes“ im Lago Marahã und auf dem Rio Tapauá entdecken, aber die grosse Mehrheit der Paumari wohnt, wenigstens während eines Teils des Jahres, in Häusern in regionalem Baustil, wodurch die Indios den alltäglichen Insektenplagen jedoch in viel grösserem Mass ausgesetzt sind.
Die gesellschaftliche und politische Organisation der Paumari wurde bis jetzt kaum untersucht. Steere ist der einzige Autor, der die Unterteilung der Paumari in verschiedene Clans erwähnt.
Die Gruppe eines Hauses besteht entweder aus einer Kernfamilie oder einer extensiven Familiengruppe (Ehepaar, Kinder, Schwager, Schwägerin und Enkel), manchmal inklusive der Kinder, die ein Elternteil aus einer vorherigen Ehe mitgebracht hat.
Die blutsverwandten Brüder leben in der Regel nach der Heirat nicht innerhalb derselben Wohngemeinschaft, jedoch bauen sie ihr Haus in der Nähe der Andern. Diese Regel gilt nicht für die Schwestern. Erwachsene Singles pflegen bei der Familie eines Bruders zu wohnen. Jugendliche, die nur noch einen lebenden Vater haben, wohnen mit ihm zusammen.
Traditionell gab es die Regel einer Heirat zwischen „gekreuzten Cousins“. Im Gegensatz zu anderen indigenen Gesellschaften in Amazonien, arbeitet der Schwiegersohn für den zukünftigen Schwiegervater bereits vor seiner Heirat. Die Regeln der Wohngemeinschaft nach vollzogener Ehe, sind kompliziert: Mit der Familie der Ehefrau (uxorilokal) im ersten Monat, danach mit der Familie des Ehemannes (virilokal) einen weiteren Monat und, hinterher, konstante Umzüge, während zwei Jahren, zwischen den Familien der Schwiegereltern eines Ehepartners und denen des andern – bis zur Geburt des ersten Sohnes. Diese Umzüge können andauern bis zur Geburt des zweiten oder dritten Sohnes, bis das Ehepaar sich für eine eigene Wohnung entscheidet (Neolokalität).
Was die kulturell geprägten Phasen eines Lebenszyklus betrifft, ist heutzutage vor allem bei den Mädchen der Wechsel von der Kindheit in den Status einer erwachsenen Frau bemerkenswert. Wenn ihre erste Menstruation sich bemerkbar macht, müssen sich die Mädchen in eine kleine Hütte zurückziehen (Reklusion), die an der Seite des Elternhauses errichtet wird oder innerhalb des Hauses selbst. In diesem Fall besteht sie nur aus einer grossen, in konischer Zeltform aufgestellten Matte.
In diesem isolierten “Käfig“ muss das Mädchen zwischen sieben Monaten bis zu einem Jahr ausharren, und sie wird nur von ihrer Mutter oder anderen Mitgliedern ihrer Familie bedient. Im Gegensatz zu anderen indigenen Völkern dieser Region, erlauben die zeitgenössischen Paumari, dass diese Mädchen von Männern gesehen werden dürfen und sogar fotografiert werden. Die Phase der Isolation endet mit einem grossen Fest des ganzen Dorfes, das mehrere Tage dauert. Für Knaben existiert kein Übergangsritual mehr – die Veränderung der Stimmlage ist in diesem Fall das Zeichen für die Veränderung ihres Status vom Kind zum Erwachsenen.
Die politische Organisation der Paumari erfährt allerdings grosse Veränderungen. Zu historischen Zeiten kannten sie keine deutliche Führungsposition innerhalb der lokalen Gruppen gab es eine Art informelle Leitung, die von dem ältesten der verheirateten Männer übernommen wurde. Viele Kommunen der Gegenwart haben keine richtigen “Häuptlinge“ und können als führerlos bezeichnet werden. Die hochgradige Mobilität der Familien, und die leichte Auflösung, sowie die ebenso schnelle Neubesetzung der Kommunen, erschweren die Gründung einer lokalen Führung. Jedoch die wachsende Sesshaftigkeit der Kommunen auf der einen Seite, und die externen Erfordernisse, sowohl der indigenen Politik als auch der modernen Vereinszugehörigkeit, auf der anderen Seite, sind dabei, diese Situation zu verändern.
Die Häuser entsprechen der regionalen Bauweise – so wie sie die umgebende nationale Gesellschaft zu bauen pflegt – und sie stehen auf Pfählen. Um sie zu betreten, benutzt man eine Holzleiter oder einen eingekerbten Baumstamm, der an den hoch über dem periodisch ansteigenden Wasserspiegel liegenden Eingang angedockt ist. Die Häuser können in ein oder zwei Räume unterteilt sein. Im Fall von zwei Räumen werden einer zum Schlafen und der andere als Küche benutzt. Dieser Haustyp wird eher in der Hochwasserperiode benutzt, wenn man sich um die Felder kümmert, jedoch während der Trockenzeit stehen viele von ihnen leer.
Die “Flutuantes“ der Gegenwart sind Flösse mit demselben Haustyp, jedoch ohne die Stelzen. Wegen der grossen Baumstämme, von denen sie getragen werden, sind sie äusserst schwierig zu manövrieren und verbleiben deshalb über längere Perioden am Ufer der Seen, wo sie sich dem Auf und Ab des Wasserspiegels anpassen. Trotzdem können sie verlegt werden, je nach Lust und Laune ihrer Bewohner, aber dabei handelt es sich um eine anstrengende Unternehmung. Diese Art des permanenten Aufenthalts hindert seine Bewohner nicht daran, ihren Aktivitäten auf dem Festland nachzugehen.
Temporäre Wohnungen sind kleine Hütten so genannte “Tapiris“, die hauptsächlich aus Palmwedeln bestehen, um sich kurzzeitig entweder an den Flussstränden oder zum Sammeln von Paranüssen und anderen Waldprodukten im Freien aufzuhalten.
Die traditionellen Fortbewegungsmittel auf dem Wasser waren Einbäume von 3,5 bis 4,5 Metern Länge, in geschickter Handarbeit aus sorgfältig ausgewählten Baumstämmen gefertigt, vorne schräg und an den Seiten vertikal beschnitten. Die Form der Paddel war oval und nach unten spitz verlaufend. Heutige Kanus und Paddel haben diese Formen beibehalten.
Wie in Amazonien üblich, wird eine Heirat als ein riskantes, aber notwendiges, Unterfangen angesehen. Idealerweise, so sagen die Paumari, muss man sich mit einem “wahrhaftigen“ oder “legitimen“ Cousin verheiraten, das heisst, mit einem bilateral gekreuzten Cousin desselben Dorfes oder einer nahen lokalen Gruppe. Nun, das ist das gewünschte Ideal, aber die entfernten Heiraten, zwischen Paumari-Bewohnern aus unterschiedlichen Gebieten, sind sehr häufig.
Grundsätzlich gibt es bei den Paumari zwei Arten, den Prozess einer ehelichen Verbindung einzuleiten. Der erste, im Idealfall, ist eine formale Liebesbeziehung. Früher wurden die Ehen zwischen Cousins schon bei Geburt des Kindes arrangiert und dann endgültig nach dem Pubertätsritual des Mädchens besiegelt. Nach dem Ritual wohnte das junge Paar im Haus der Eltern des Ehemannes oder der Ehefrau, um dort einige Monate oder Jahre zu verbringen. Nach dieser ersten Periode wechselten sie zu den Eltern des anderen Ehepartners, und sie durften ihr eigenes Haus erst dann bauen, nach der Geburt einiger Kinder. Der jung verheiratete Ehemann schuldete seinen Schwiegereltern eine Reihe von Dienstleistungen für die ihm überlassene Tochter. Eine Heirat war, und ist es noch, ein langer Prozess, denn das junge Paar wird nicht als stabil angesehen, bevor es keine Kinder hat und der “Braut-Dienst“ vollkommen abgeleistet ist.
Heutzutage werden Ehen nicht mehr wie in der Vergangenheit arrangiert, und richten sich mehr nach den Wünschen der jungen Leute. Die beginnen eine Liebesbeziehung, indem sie sich Nachrichten zustecken und sich heimlich treffen. Wenn dann ihre Beziehung offiziell wird, fangen sie an, sich aus dem Weg zu gehen, ohne miteinander zu sprechen, ohne sich anzuschauen, und möglichst nicht in der Öffentlichkeit zusammen gesehen zu werden. Diese Zeit ist geprägt von einer grossen Spannung zwischen den beiden Familien, die von dieser Allianz betroffen sind. Das geht so weiter über einige Monate, bis das Paar sich definitiv vereint und die Spannung langsam verfliegt. Schliesslich gehen die Beiden dann dazu über, mit den einen und den andern Elternteilen zusammenzuleben – und folgen demselben, schon aus der Antike bekannten Verhaltensschema.
Eine weitere übliche Form der Heirat ist die Flucht des Paares. Sich liebende Paare, oder junge Singles, deren Eltern mit einer Vereinigung nicht einverstanden sind, fliehen aus ihrem Dorf, um bei einer anderen Gruppe weiter weg, in der Stadt oder in einer anderen Region Unterschlupf zu suchen. Solche Vereinigungen sind ziemlich häufig, aber sie werden abgelehnt und sind gefährlich, denn die Eltern der Ehefrau können die Kinder des jungen Paares als Gegenleistung verlangen, denn sie betrachten diesen Vorgang praktisch als Entführung. Fakt ist, dass in solchen Fällen es selten vorkommt, dass der “Braut-Dienst“ abgeleistet wird. Und wenn solche Ehen dann noch scheitern, werden die Kinder in der Regel von den Grosseltern mütterlicher oder väterlicherseits adoptiert.
Die Adoption der Enkel durch die Grosseltern ist eine bemerkenswerte Handlung in der gesellschaftlichen Organisation der Paumari. Dabei handelt es sich um eine zentrale Beziehung in der Kosmologie und der Mythologie der Gruppe, die fundamental für ihre interne Erneuerung ist und eine besondere Form von Umkehrung des klassischen Modells Amazoniens darstellt, in dem Kinder aus Gründen der Rache oder Gegenleistung geraubt wurden. Die paradigmatische Beziehung der Adoption ist für die Paumari die der Enkel durch die Grosseltern, aber sie prägt auch die Beziehung zwischen den Schamanen und ihren Hilfsgeistern, zwischen Paten und ihren Patenkindern, zwischen Angestellten und ihren “Patrões“ im wirtschaftlichen Kontext, zwischen Geistern und den eingefangenen Seelen im schamanistischen Kontext, etc.
Die native Religion ist einer der am wenigsten bekannten Aspekte der Paumari-Kultur. Unter dem Einfluss der Missionare ist sie im Rückzug begriffen und sogar vom Verschwinden bedroht in einer Reihe von Dörfern. Man weiss sehr wenig über die Mythologie, den Schamanismus und die Feste, obwohl viele Legenden und andere Geschichten von den Missionaren des LSI gesammelt und für den Schulgebrauch übersetzt worden sind.
Schamanistische Praktiken existieren noch in vielen Dörfern, in der Regel im Verborgenen, und man spricht nicht mehr oft über sie. In früherer Zeit jedoch, waren die Schamanen in den Kommunen hoch angesehen und pflegten Krankheiten zu kurieren, indem sie Krankheiten aus Teilen des Körpers “aussaugten“. Danach gingen sie in den Wald, wo sie Erbrechen provozierten und kamen ins Dorf zurück mit kleinen Objekten oder Tieren, von denen sie behaupteten, sie aus dem Körper des Kranken entfernt zu haben (Cf. Felix 1987).
Kurz bevor das Ritual zur Ausreibung einer Krankheit beginnt, nimmt der Schamane Schnupftabak (Rapé) zu sich. Dieses Stimulanz wird aus den Blättern einer Ranke (Tanaeciuma nocturnum) zubereitet und hat einen mandelartigen Geschmack, wenn man es kaut. Für die Zubereitung des “Rapé“ nimmt man die grünen Blätter der Pflanze und röstet sie, bis sie ausgetrocknet sind, sie sind die Basis für einen feinen Puder, der in einer Schale der Paranüsse aufbewahrt wird. Später wird dieser Puder gesiebt und mit einem Puder aus Tabak gemischt, der auf dieselbe Art hergestellt wurde. Diese Mixtur wird “Koribo-nafoni“ genannt und allein von den Schamanen zu speziellen Gelegenheiten benutzt, wie zum Beispiel vor einer Behandlung von Patienten, in Ritualen zum Schutz der Kinder und Pubertätsritualen der Mädchen.
Im Gegensatz zum Rückgang des Schamanismus, erfreut sich der “Rapé“ immer noch grosser Beliebtheit unter den Paumari. Es gibt zwei andere Arten zum täglichen Gebrauch. Die eine wird aus Tabak hergestellt, manchmal gemischt mit Asche aus Baumrinden. Die andere, sie nennen sie “Kavabo“, wird aus der Rinde der Virola elongata hergestellt. Dazu schabt man die äussere Schicht der Rinde ab, röstet das Pulver und zerstampft es zu feinem Puder.
Der “Rapé“ wurde traditionell inhaliert durch ein Paar hohler Röhrenknochen, die mittels eines Baumwollfadens parallel zueinander verbunden wurden. Ihre Extremitäten waren gleichmässig abgerundet und mit Bienenwachs geglättet, damit sie sich perfekt an die beiden Nasenlöcher anpassten. Heutzutage benutzt man die Hüllen von Kugelschreibern, aus denen die Mienen entfernt wurden.
Die Frauen benutzen in der Regel keinen Rapé, aber “Koribo“ nehmen sie zu sich, jedoch auf eine andere Art, indem sie einen Aufguss aus der Wurzel zubereiten, nachdem diese in Wasser zur Fermentation gebracht wurde. Dieser “Tee“ verursacht einen Lähmungseffekt.
Die geografische, linguistische und kulturelle Nähe zwischen den einzelnen Arawá-Gruppen ermöglichte es, diese Gruppen als zusammengehörig zu betrachten. Bis vor kurzem war diese Arawá-Gemeinschaft nur in geringem Masse von Ethnologen erforscht worden. Ein paar Monografien deuteten eine Art vergleichbarer gesellschaftlicher Konfiguration mit den Nachbarn “Katukina“ und “Pano“ an, das heisst, fliessende Formationen ohne feste Grenzen, geschaffen von abgewanderten, idealerweise endogamen Untergruppen. Dabei handelt es sich um eine soziologische Konfiguration, die von Autoren wie Rivet und Tastevin als “Clans“ beschrieben wurden, und die später, in den Ethnografien über die gesellschaftliche Organisation der Kulina besser gepasst hätten. Denn diese Form der gesellschaftlichen Organisation in Untergruppen, die nach Tier- und Pflanzennamen lokalisiert und benannt werden, ist erst durch die “Kulina“ bekannt geworden: “Madiha“.
Die ersten detaillierteren Beschreibungen, welche einige Auskünfte über die gesellschaftliche Organisation der Paumari vermittelte, sind in den Texten von Rivet, Tastevin und Steere enthalten. Diese Autoren sind die Einzigen, welche die Paumari als in Clans, mit Tiernamen unterteilt, beschreiben, mit dem Ausdruck “Ka-Paumari“ – zum Beispiel das “Volk des Fischotters“ (Sabou ka paumari) – das “Volk des Kaimans“ (Kasii ka paumari) – das “Volk des Geiers“ (Majuri ka paumari) und das “Volk des Wildschweins“ (Hirari ka paumari).
Heute gibt es keine Spuren einer solchen Organisation mehr, und die Paumari erinnern sich auch nicht an diese Untergruppen. Jedoch beschwören sie solche Unterteilungen herauf, wenn sie sich auf soziokosmologische Segmente beziehen, das heisst, auf ihre Vision der Welt und die soziologischen Unterteilungen nach denen sie organisiert ist. Alle tierischen und pflanzlichen Spezies, wie auch die Objekte, sind potenziell menschlich und besitzen eine humane Form (-kapamoahiri), unsichtbar für die Augen des Volkes, nur die Schamanen vermögen sie zu sehen. Sie sind in Gruppen und Untergruppen organisiert, die grösstenteils mit der Logik des “Madiha“ übereinstimmen.
So sind die von den ersten Ethnografen zitierten Untergruppen, das “Volk der Fischotter“ (Saba’o kapamoarihi) oder Das “Volk des Kaimans“ (Kasi’i kapamoarihi), humane Formen dieser Spezies – es sind Leute, und sie heiraten untereinander, feiern ihre Feste und bepflanzen ihre Felder, so wie es die Paumari zu tun pflegen. Wenn man dieser Logik folgt, sind alle Wesen, welche die Erde bevölkern potenziell humaner Natur, organisiert in benannte, lokalisierte Untergruppen, idealerweise endogam, die sich selbst als human betrachten und andere als nicht-human sehen und empfinden (Tiere, Pflanzen, Seelen und Objekte). Unzählige Berichte erzählen Geschichten von gescheiterten Ehen zwischen “Untergruppen“ verschiedener Spezies und zwischen Menschen und nicht-humanen Wesen.
Der Körper (Abonoi) besteht aus sichtbaren materiellen Elementen: Das Fleisch (Imani), das Blut (Amani), die Knochen (Jaroni), die Haut (Asafi). Die immateriellen Elemente sind der Schatten (Amokhini), der für alle sichtbar ist, und zwei Arten von Immaterialität: Die Seele (Aboni oder Mao’nahai) und das Spektrum (Baja’di), sichtbar, unter gewissen Voraussetzungen, für die Schamanen, die sich nach dem Tod von den materiellen Elementen und der körperlichen Hülle lösen.
Diese materiellen und immateriellen Elemente können während eines Lebens und nach dem Tod verschiedenen Transformationen ausgesetzt sein. Nach dem Tod irrt das Spektrum auf der Suche nach seinen Verwandten auf der Erde herum. Während die Seele zum See der Erneuerung strebt, die Destination der Paumari nach dem Tod, wo alle ein ideales Leben führen, dort tanzen und singen sie ununterbrochen, dort herrscht der Überfluss, dort gibt es keine Krankheiten und keinen Tod.
Die Seele der evangelisierten Paumari strebt ins christliche Paradies, während andere es noch vorziehen, mit den meteorologischen Geistern des Regens und der Sonnen zu reisen. Diese Geister befinden sich auf dem “Oberen Fluss” (der Himmel ist ein Fluss, der in Gegenrichtung zum Rio Purus zirkuliert) und kommandieren eine grosse Bootsflotte, die den Regenzyklus und die Trockenperiode auf der Erde reguliert.
Bei Geburt wird ein Paumari-Kind einer Reihe von Ritualen unterzogen, die “Ihinika“ genannt werden. In diesem Ritual wird die Kinderseele den Geistern der Nahrungsmittel vorgestellt. Nach der Entbindung dürfen Mutter und Kind keinerlei Nahrung zu sich nehmen, bevor nicht das “Ihinika“ durchgeführt worden ist, sonst werden beide mit Krankheit bestraft – denn man nimmt an, dass alle Lebensmittel in der Muttermilch enthalten sind. Tatsächlich, wenn dieses Verbot nicht respektiert wird, fängt der Nahrungsgeist sofort die Seele des Kindes ein. Das Paumari-Kind der sichtbaren Welt erkrankt und kann sterben.
Das Leben besteht aus einer unvermeidlichen Folge von Verstrickungen der Seele eines Menschen durch die verschiedensten Geistwesen. Und so haben die Rituale die Aufgabe, die Seele zu beschützen, um ihre relative Langlebigkeit zu garantieren. Die “Ihinika“ sind Vorbeugungs-Rituale, sie verhindern, dass die Einnahme eines Nahrungsmittels eine Krankheit provoziert – oder gar den Tod. Ausserdem führt die Nahrungsaufnahme während eines Lebens zur unvermeidlichen Ansammlung von Nahrungsresten in den Körpern der Lebenden, und das provoziert die Alterung und den Tod – beim einen früher, beim anderen später.
Wenn ein Kind empfangen worden ist, erhält es einen ersten Namen, der sich nach der Nahrung richtet, die von der Mutter am Tag der Empfängnis konsumiert wurde (oder ihre bevorzugte Speise während der Schwangerschaft ist).
Das Leben der Frau ist geprägt von einer extremen Ritualisierung. Ausser dem “Ihinika“ als neugeborenes Kind, muss sich die Frau diesem Ritual erneut unterziehen, jedes Mal wenn sie ein Kind bekommt. Darüber hinaus ist sie Mittelpunkt eines weiteren Rituals, des “Amamajo“, das man als einen andere Art von “hinika“ verstehen kann – es weiht ihre Rückkehr in die Öffentlichkeit nach der “Reklusion“ (Isolation beim Übergang vom Mädchen zur Frau).
Im Moment ihrer ersten Menstruation beginnt für die Paumari-Mädchen ihre “Reklusion“. Sie darf nicht mehr von Männern gesehen werden und muss den direkten Kontakt mit der Erde vermeiden. Deshalb begibt sie sich unter eine zeltähnliche Matte, die speziell für diese Gelegenheit hergestellt worden ist und stets mit derselben grafischen Zeichnung des “Jaguar-Schwanzes“ verziert ist. Wenn sie ihre Notdurft verrichten muss, wird sie von einem Familienmitglied auf dem Rücken nach draussen getragen.
Die “Reklusion“ kann einige Monate dauern, denn das Fest, mit dem das Ende der Isolation der Mädchen gefeiert wird, findet stets zur gleichen Jahreszeit statt: Am Anfang des Hochwasserabflusses, was dem Sommeranfang in Amazonien entspricht (Mai/Juni). Während dieser Tage, Wochen oder Monate kümmert sich der Schamane um das isolierte Mädchen und überwacht die entsprechenden Massnahmen ihrer Familie: Sie darf nicht irgendeine Nahrung zu sich nehmen, auch nicht allein nach draussen gehen, barfuss oder von Männern gesehen werden. Ihre Haut muss ganz weiss werden durch das fehlende Licht, deshalb muss sie stets unter der schützenden Matte bleiben. Je weisser ihre Haut wird, umso schöner wird sie am Tag ihres Festes sein.
Früher heirateten die Paumari gleich bei dieser Gelegenheit. Während der Nacht des Rituals müssen die Burschen diese Mädchen auf ihrem Rücken tragen und mit ihnen tanzen, solange sie können. Jener, der damals mit dem Mädchen auf dem Rücken die längste Zeit aushielt, hatte grosse Chancen, sie heiraten zu dürfen. Oft war eine Heirat aber auch schon im Kindesalter von den Familien arrangiert worden. Heutzutage hat man diese Praxis fallen gelassen, jedoch das Ritual wird noch praktiziert, und die Burschen tanzen noch immer die ganze Nacht durch – und tragen die neu geweihten Frauen der Kommune auf ihren Rücken huckepack.
Während des Festes machen die Männer auch kurze Ausflüge, um Fische und Schildkröten heranzuschaffen, damit es den Festteilnehmern nicht an Nahrung fehle. Und die Frauen bereiten rituelle “Beijus“ (Maniokfladen) zu, die den Gästen am Ende des Festes serviert werden.
Nach der durchtanzten Nacht ist die junge Frau definitiv von ihrer “Reklusion“ befreit. Sie setzt sich auf eine Matte ausserhalb des Ritual-Hauses. Die Teilnehmer verkleiden sich als Wildschweine (mit Blattwerk und Palmbast) und übergiessen sich mit Wasser und einer magischen Substanz, die sie gegen gefährliche Begegnungen im Wald schützen soll.
Um das Fest zu beenden, werden verschiedene “Spiele“ organisiert: Der Sonnentanz, die Ankunft der Raubtiere (Maskierte als Jaguar, Schlange, Anakonda, Rochen, Fledermaus) und des Weissen Mannes (Jara), die das Mädchen verfolgen und von den Frauen gemeinsam überwältigt und “getötet“ werden. Sie werden als “Spiele“ bezeichnet, weil sie mit Fröhlichkeit und zur Unterhaltung dargeboten werden, jedoch bilden sie einen wichtigen Abschnitt des Rituals, und ihre Durchführung verhilft der initiierten jungen Frau zu einem langen Leben. Am Ende werden alle Masken von den Männern in kleine Stücke zerteilt und dem Fluss übergeben.
So endet das Ritual “Amamajo“, das das Gleichgewicht des gesellschaftlichen Universums der Paumari repräsentiert und sichert: Fruchtbarkeit, Langlebigkeit, gesellschaftliche Harmonie und die Garantie eines regelmässigen Wechsels der Jahreszeiten, sind die Konditionen des Lebens, die man erhalten muss.
Fast wäre dieses Ritual vor einem halben Jahrhundert verschwunden. Die Paumari hatten damals bedeutende Verluste erlitten durch grassierende Krankheitsepidemien, und es war ihnen unmöglich, sich jährlich zu versammeln. Seit der Demarkation ihres Territoriums wird nun das Ritual regelmässig organisiert, wenn auch mit zeitweisen Schwierigkeiten wegen fehlender Motivation und den Problemen der Männer beim Fischen oder Jagen, um die nötigen Mengen an Nahrung für die Gäste heranzuschaffen. Im Gebiet des Rio Tapauá werden diese Rituale nicht mehr praktiziert, in erster Linie deshalb, weil es keine lebenden Schamanen mehr gibt, von denen das Fest organisiert werden könnte. Jedoch zeigen einige Jugendliche grosses Interesse an der Wiedereinführung ihrer nativen Sprache, und auch an der Wiederaufnahme der Rituale und der schamanistischen Praktiken, so wie sie in anderen Gebieten immer noch lebendig sind.
Die Motive der Körperbemalung und der rituellen Objekte für das “Amamajo“-Ritual, sind ein schönes Beispiel für die Vielfalt der grafischen Kunst der Paumari. Diese präsentiert sich auch in der kunstvollen Flechtarbeit ihrer Körbe, eine exklusive Handarbeit der Frauen.
Die Körbe (Rabahi) der Paumari werden aus dem Stroh der “Arumã“-Palme angefertigt, und die Mittelrippe aus den “Bacaba“-Palmblättern wird zum Einflechten der grafischen Motive benutzt. Auch die “Enriva“-Liane wird zum gleichen Zweck benutzt – vorher aber in der Erde eingegraben, um einen dunkleren Farbton anzunehmen und so einen schönen Kontrast zum übrigen Flechtwerk zu bilden.
Eine Besonderheit an den Pumari-Körben, neben ihren Zeichnungen, ist die Form, die von ihnen als “Anfang“ (Kamadani) des Korbes bezeichnet wird, ein quadratische Basis auf der sie dann seine runde Struktur aufbauen. Die gebräuchlichsten Zeichnungen sind die Motive “Jaguar-Schwanz“ – “Fischgräte“ – Schildkrötenrücken“ – Tambaqui-Fleisch“ – “Manati-Rückrat“ – “Hals vom Maguari-Storch“, und viele andere.
Die Frauen fertigen zum Verkauf auch Ringe aus Kokosschale an, diverse Halsketten aus Fruchtsamen, und andere Objekte aus Palmstroh, wie Fächer, Matten und Hängematten zum Verkauf und für den Eigengebrauch.
Ausser der Herstellung von Objekten des täglichen Gebrauchs, wie Paddel, Kanus, Bogen, Pfeile und Harpunen, etc. die auch verkauft werden können, sind die Männer Meister in der Kunst Holz zu bearbeiten und zu formen – sie fertigen Kanu-Miniaturen mit allen Instrumenten zum Fischen, Tiere, Vögel und Fische aus Holz an.
2007 schrieb die Ethnologin Oiara Bonilla ihre Doktorarbeit über die Paumari des Mittleren Purus (in den ITs Lago Marahã und Rio Ituxi) und führt ihre Forschungen fort bei den Paumari des Lago Marahã und in der Region des Rio Tapauá. Sie publizierte verschiedene ethnografische Artikel über die gesellschaftliche Organisation, die Kosmologie, die Konzeption des Raumes, sowie die Mobilität und die Beziehungen zu den evangelischen Missionen.
Larissa Menendez, von der “Pontifica Universidade Católica” in São Paulo, realisierte eine Feldforschung für ihre Doktorarbeit über die Korbflechterei und die Kunst der Paumari in der Tapauá-Region. 2010 begann Angélica Maia ihre Forschungsarbeit über die Beziehungen zwischen den Paumari und ihrem aquatischen Ambiente. William Chandless, Paul Ehrenreich, Gustav Wallis, und in jüngerer Zeit Gunter Kroemer, Mary Ann Odmark, Ghillian Prance, Luciene Pohl und Peter Schröder präsentieren anteilige ethnografische Informationen.
Die Paumari-Sprache jedoch wurde ausführlich erforscht, und es gibt zahlreiche Publikationen und detaillierte Analysen, begleitet von verschiedenem didaktischem Material. Darunter sind die Publikationen von Shirley Chapman, Desmond Derbyshire, Meinke Salzer und Beatrice Senn, besonders zu erwähnen.
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther