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geb. ca. 1889 in St. Petersburg – gest. 24.11.1963 in Konstanz
Technischer Direktor der Eisenbahnbau- und Betriebsunternehmung Lenz & Co GmbH, Berlin
von Eugen Hinder (2011)
Die Angaben stammen von Frau Olena Ott-Skoropadsky, zum einen aus Gesprächen, die ich mit ihr führen durfte und zum anderen aus ihrem Buch „Familiengeschichten und Erinnerungen“. Frau Ott war mit dem Sohn von Carl Hinder verheiratet.
Carl Hinder ist der einzige Sohn von Wassili Pankratjewitsch Hinder, der Gartenbaudirektor bei General P. P. Durnowo in St. Petersburg war (vgl. sein Portrait). Seine Mutter war Talea Iggena und stammte aus Ostfriesland. Carl bzw. Carluscha wurde ca. 1889 in St. Petersburg geboren. Sein Götti könnte sein Onkel Karl gewesen sein, welcher 1879 nach St. Petersburg kam. Carl wuchs zusammen mit seinen Schwestern Marussa und Nora in feudalen Verhältnissen auf: Eigenes Haus auf der Halbinsel Wassilewsky-Insel, eigenes Personal, russisches Kindermädchen, Möglichkeit, die Kutschen von General Durnowo zu benutzen. Wohl wegen der deutschen Mutter sprachen er und seine Schwestern kein schweizerdeutsch. 1896 starb sein Vater. Die Mutter zog mit den Kindern in ihre Heimatstadt Aurich in Ostfriesland zurück. Sie erhielt von der Familie Durnowo bis Ende des 1. Weltkriegs eine gute Pension und Carl konnte in Darmstadt Ingenieurwissenschaft studieren. Er arbeitete zunächst in Stettin, wurde dann 1932 technischer Direktor der Firma Eisenbahnbau- und Betriebsunternehmung Lenz & Co GmbH am Hauptsitz in Berlin. Er heiratete Johanna Piedboeuf aus Aachen; sie wurde Aenni bzw. Müchen (von Mütterchen) genannt. Ihr Vater war Lambert Piedboeuf (* 3.2.1863 in Aachen, † 1950 in Bad Reichenhall), der als „der profilierteste Aachener Bildhauer der Jahrhundertwende“ gilt und sich fast ausschliesslich mit religiösen Themen befasste. Am 20.07.1924 wurde ihr einziger Nachkomme, Gerd, geboren (vgl. sein Portrait). Ca. 1931 zog die Familie für kürzere Zeit nach Nikolassee, das ist ein Stadtteil von Berlin. Sie bauten dann ein Haus in „Am Sandwerder“, nahe dem Bahnhof Wannsee. Am Sandwerder ist ein Villenviertel oberhalb des Ostufers des Berliner Wannsees. In den 1930er Jahren lieh Carl Hinder dem Pawlo Skoropadsky mehrmals Geld. Carl blieb immer Schweizerbürger, obwohl er wegen seiner Anstellung auf das Schweizerbürgerrecht hätte verzichten müssen. Denn, die Firma, bei der er angestellt war, war auch ein Wehrmachtsbetrieb. Er habe dann auf Drängen hin einmal seinen Pass abgegeben, aber als sich die Lage wieder beruhigt hatte, besorgte er sich auf dem Konsulat wieder einen Schweizerpass. Wie alle Auslandschweizer wurde Carl Hinder mit seiner Frau im Februar 1945 mit dem Zug von Berlin nach Kreuzlingen gefahren. Vom Tod ihres Sohnes Gerd am 10.4.1945 erfuhren Carl und seine Frau erst etwa im August 1945 von ihrer verwitweten Schwiegertochter, Olena Hinder-Skoropadsky. Im Februar 1946 kam sie in die Schweiz, lebte etwa ein halbes Jahr bei ihnen und zog dann nach Zürich. Dort lernte sie ihren heutigen Mann, Ludwig Ott, kennen und heiratete ihn. Carl und seine Frau haben Herrn Ott als Schwiegersohn akzeptiert; später durften sie jeweils ihre Zwillinge bei Hinders abgeben und alleine Ferien machen. 1949 bauten die Hinders in Konstanz ein Haus. Es war ein sehr schönes kleines Haus mit Garten und Terrasse und hatte drei Zimmer; später bauten sie im unteren Stock ein Zimmer für die Familie Ott-Skoropadsky aus. Carl hatte das Haus in Berlin-Wannsee verkauft, kaufte sich mit dem Geld eine Leibrente und so konnten er und seine Frau ganz gut leben. Carl wollte dann bei der Mittelthurgaubahn arbeiten, welche von seiner früheren Firma gebaut worden war, was aber nicht ging. Als er schon einige Jahre pensioniert war, reaktivierte ihn seine ehemalige Firma, er zog nach Hamburg, wurde für die Überwachung eines Hafenbaus in Afrika eingesetzt und war in fortgeschrittenem Alter selber in Afrika. Carl sei ein drahtiger Mensch gewesen. Am 24.11.1963 starb er an Blasenkrebs. Gleich nach seinem Tod kam seine Schwester Marussa zu den Otts nach Zürich und erklärte, dass sie die Otts und ihre beiden Cousinen im Testament als Erben einsetzen werde, weil die Skoropadskys die Einzigen gewesen wären, die den Hinders je geholfen hätten. Marussa starb 1971 in Freiburg i. Br. an zwei kurz nacheinander erfolgten Herzinfarkten. Carl Hinders Frau lebte zunächst noch einige Jahre in Konstanz, erkrankte dann an einer Demenz und verbrachte die letzten zehn Jahre in der Psychiatrischen Landesklinik Reichenau (ab 1980). Olena Ott-Skoropadsky wurde von Amts wegen als Gebrechlichkeitspflegerin (Vormündin) ernannt, betreute sie lange, bis es zuhause einfach nicht mehr ging und musste sie dann schweren Herzens in die Psychiatrische Klinik einweisen. Aus der liebenswürdigen Dame sei innert einigen Monaten eine alte psychisch schwer kranke Frau geworden, die sich mit fast ihren ganzen Umgebung verzankt und sich so sehr isoliert hatte, dass ihr einziger Umgang ihre langjährige Haushälterin, Frau Roller, blieb, welche sie regelmässig besuchte. Aber auch sie sei ihren völlig unkontrollierten Tobsuchtsanfällen ausgeliefert gewesen. In der Reichenau sei sie sehr gut aufgehoben gewesen, wusste selber nicht, wo sie war oder wie der Arzt und die Schwestern hiessen und war auf den Rollstuhl angewiesen. Frau Ott erledigte all ihre administrativen Angelegenheiten, worüber sie dem Amt gegenüber Rechenschaft ablegen musste. Das Haus habe sie hinter ihrem Rücken verkaufen müssen, da Annie das nicht verstanden hätte. Dank der damaligen hohen Zinsen von 12% konnte der Aufenthalt in der Klinik von den Zinsen und der AHV-Rente bezahlt werden und musste das Kapital aus dem Hausverkauf nicht angegriffen werden. Der Klinikaufenthalt habe sehr viel Geld gekostet und Frau Hinder musste alles selber bezahlen, weil Carl aus Überzeugung nie einer Krankenkasse beigetreten ist. Sie starb am 13.6.1991. Carl und seine Frau hatten ein gemeinschaftliches Testament gemacht, gemäss dem Olena Ott-Skoropadsky die Hälfte erbte. In der Familie wurde Carl Hinder immer nur „Paps“ genannt.
Literatur
Ott-Skoropadsky, Olena (2004). Familiengeschichten und Erinnerungen. Lviv: Verlag Litopys.