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Die Brennweite ist – grob gesagt – der Abstand von der Hauptebene des Objektivs zum Sensor bzw. Film, wenn das Objektiv auf „unendlich“ fokussiert ist. Ein Objektiv hat eine fixe Brennweite oder einen Brennweitenbereich (Zoom). Die Brennweite oder eben der Brennweitenbereich steht in der Regel als Millimeterangabe auf dem Objektiv. Kurze Brennweiten sind Weitwinkelobjektive, mittlere Brennweiten werden als Normalobjektive und lange Brennweiten als Teleobjektive bezeichnet. Ausschlaggebend für diese Einstufung ist der Bildwinkel, der sich ergibt. Die Normalbrennweite hat zwar eine mathematisch exakte Definition – sie entspricht der Diagonalen des Aufnahmeformates, bei einem Kleinbildnegativformat respektive einem „Vollformatsensor“ wären das exakt 43.3mm, bei einem kleineren Sensor entsprechend weniger – aber es hat sich so eingespielt, dass man Objektive mit einer Brennweite von 50mm für das Kleinbildformat und solche mit 35mm für das APS-C-Format bzw. 25mm für das Fourthirdsformat als Normalbrennweiten bezeichnet.
Warum ist das beim Fotografieren wichtig?
Mit verschiedenen Brennweiten generiert man eine unterschiedliche Bildwirkung. Bei Normalbrennweite wird ein Bild erzeugt, das ganz ohne oder mit nur sehr wenig perspektivischem Effekt auskommen muss, weil die Grössenverhältnisse und die Tiefenwirkung dem menschlichen Auge als natürlich erscheinen. Weitwinklige Brennweiten dagegen erzeugen eine grössere Tiefenwirkung und mehr Spannung sowie eine grössere Schärfentiefe. Telebrennweiten schliesslich stauchen die Perspektive eher, alles wirkt flächiger und gleich nah. Ich kann allerdings mit einer Telebrennweite das Motiv viel besser vor einem unscharfen Hintergrund freistellen, weil die Schärfentiefe geringer ist. Wenn ich also weiss, welche Bildwirkung ich erzielen möchte, dann kann ich die Brennweiten unterstützend einsetzen. Ich muss allerdings das Aufnahmeformat meiner Kamera kennen. Habe ich eine Kamera mit Kleinbildformatsensor, wie etwa eine Canon 1D oder 5D, eine Nikon D700, D800 oder eine D3, D4, eine Leica M9, eine Sony A7 etc., dann kann ich einfach von denselben Brennweiten ausgehen wie bei den filmbasierten Kameras: Normalbrennweite ist 40-50mm, alles darunter ist Weitwinkel, alles darüber ist Tele.
Normalbrennweite, kein perspektivischer Effekt:
Habe ich eine Kamera mit APS-C- Sensor, wie etwa eine Canon 600D oder eine Nikon D3100 oder eine Fuji X, muss ich entweder alles auf diese Vergleichsbrennweiten des Kleinbildformates umrechnen, indem ich die Brennweiten mit 1.5 multipliziere, oder ich merke mir, dass die Normalbrennweite bei 35mm liegt und alles darunter Weitwinkel, alles darüber Tele ist. Objektive für Kameras mit kleineren Sensoren können kleiner gebaut werden, weil nur ein kleines Feld ausleuchten müssen. Diese Objektive erzeugen an Kameras mit grösseren Sensoren eine harte Randabschattung, weil der Sensor eben grösser ist als das ausgeleuchtete Feld. Objektive, die für die grossen Sensoren gerechnet sind, sind dagegen auch an Kameras mit kleinen Sensoren hervorragend verwendbar, aber sie erzeugen einen anderen Bildwinkel: Ein 50mm-Objektiv ist an einer Kamera mit APS-C-Sensor schon kein Normalobjektiv mehr, sondern ein Tele.
Kompaktkameras haben häufig sehr kleine Sensoren. Es ist ein ziemlicher Aufwand, bei denen herauszufinden, wo im Zoombereich die Normalbrennweite liegt.
Gehen wir von einem häufigen Fall aus: Wir haben eine Kamera mit APS-C-Sensor und ein Zoomobjektiv von 18-55mm oder von 18-105mm. Die Normalbrennweite liegt bei 35mm. Die anderen Brennweiten sind Weitwinkel oder Tele. Noch etwas zur Qualität der Objektive: Je grösser der Brennweitenbereich eines Objektiv ist, desto mehr Kompromisse muss man bei der Bildqualität oder bei der Lichtstärke und dem Gewicht eingehen. Die Objektivkonstrukteure können die Grenzen der Physik inzwischen gut ausreizen, aber halt nicht sprengen. Je kleiner der Zoombereich ist, desto besser können Objektive so gebaut werden, dass sie weniger optische Fehler produzieren. Meistens sind die Festbrennweiten die besten Objektive. Sie können sowohl scharf als auch butterweich abbilden, und das häufig bei hoher Lichstärke. Es ist absolut empfehlenswert, ein Festbrennweitenobjektiv zu verwenden, wenn man ein System mit Wechselobjektiven, also zum Beispiel eine Spiegelreflexkamera, hat. Mit einer Normabrennweite oder einem leichten Weitwinkel kann man viele fotografische Situationen bewältigen. Blende, Zeit, ISO, Licht, Blick aufs Motiv, Bildgestaltung – das sind alles so viele Entscheidungen, dass ich froh bin, wenn ich mir nicht noch überlegen muss, ob ich hinlaufe oder ob ich zoome. Ich bewege mich und kreise das Motiv ein, ich entdecke automatisch die interessantere Inszenierung des Motivs, wenn ich nicht zoomen kann.
Nicht zoomen, einfach warten, bis die Pferde in den 50mm-Rahmen trippeln. Normalbrennweite, die Proportionen bleiben natürlich:
Doch nun zum Gestalten mit den Brennweiten:
Mit Weitwinkel erzeuge ich eine besonders hohe Tiefenwirkung, vor allem wenn ich nahe ans Motiv herangehe. Die Bildgestaltung ist schwieriger als mit Normal- oder Telebrennweite, weil einfach viel mehr drauf ist und ich darauf achten muss, dass der Bildinhalt aussagekräftig bleibt.
Ein Superweitwinkelobjektiv – wie im ersten Bild des Beitrags im Ruhrmuseum in Essen verwendet – erzeugt eine besonders dramatische Perspektive. Der Vordergrund wird stark vergrössert, der Blick des Betrachters wird in die Tiefe gelenkt. Ein enger Raum kann weit erfasst und sichtbar gemacht werden. Bei der Abbildung von Innenräumen wird dieser Effekt häufig verwendet:
Immer noch dynamisch, aber mit einem schon natürlicheren Bildwinkel geben Brennweiten mit leichtem Weitwinkel die Situation wieder. 28mm am Kleinbildsensor, der Vordergrund wird immer noch deutlich vergrössert, die Tiefenwirkung betont:
35mm, schon ein bisschen schmaler im Bildwinkel, aber immer noch weitwinklig genug für eine räumliche Wirkung. Damit erfasst man Situationen und daher gilt ein 35-er als klassische Reportagebrennweite. Wir sind tiefer drin in der Szene als mit einem 50-er.
Die Normalbrennweite (40-50mm am Kleinbildformat) setzt die Proportionen und die Tiefenwirkung in eine natürliche Perspektive. Beispiele hatten wir oben.
Porträts sind zwar mit 50mm auch möglich, als ideal für eine Grossaufnahme gilt jedoch eine leichte Telebrennweite: 85-135mm (Kleinbildformat). Hier zwei Beispiele mit 85mm. Damit ist bei einem lichtstarken Objektiv ein optimales Freistellen vor unscharfem Hintergrund möglich, auch wenn man nicht ganz nah dran ist:
Tritt man ein paar Schritte zurück, ist mit derselben Brennweite auch noch eine Einbettung in eine Situation möglich:
Längere Brennweiten, also ab 135mm Kleinbildformat, brauche ich nicht nur für Porträts, sondern wenn ich etwas Entferntes heranholen muss, weil ich nicht hingehen kann, hier 135mm:
Die Bildwirkung, wenn ich nicht mit offener Blende freistelle, ist bei Tele gestaucht: Die Menschen oder Objekte wirken dichter gedrängt, eine Tiefenwirkung geht verloren, auch 135mm:
Ab 180mm, wie hier gezeigt, tritt dieser flächige Effekt besonders stark auf:
Helvetia sitzt und starrt auf den Rhein. Die Hauswand liegt 10 Meter hintendran, wirkt aber, als ob sie direkt hinter der Statue wäre. Sehr lange Brennweiten (300-600mm) werden von den Fotografen eingesetzt, welche sich auf Tiere und Sportereignisse mit grossem Spielfeld spezialisiert haben oder die in einer Klatschzeitschrift nachweisen müssen, dass irgendeine prominente Frau, in deren Nähe man nicht gelangt, eben doch Cellulite hat. Diese Objektive sind, weil sie dann auch noch möglichst lichtstark sein sollen, riesig und schwer, und ich beneide keinen Fotografen um solche Rohre.
Brennweiten gezielt einzusetzen, heisst eben, dass ich mir bewusst bin, welche Bildwirkung ich hervorbringe, wenn ich ein Objektiv wähle oder wenn ich am Zoomring drehe. Es empfiehlt sich, mit Brennweiten im unteren bis normalen Bereich nicht ganz nahe auf ein Gesicht zuzugehen, damit dieses nicht verzerrt dargestellt wird. In einer Reportagesituation können und sollen aber Menschen und Gegenstände, Gebäude, Strassen aus der Nähe mit leichtem oder stärkerem Weitwinkel fotografiert werden. Man muss einfach ausprobieren, wie sehr die Verzerrung sich auswirkt. Berühmte Streetfotografen wie Henri Cartier-Bresson haben eher die Normalbrennweite eingesetzt. Nahe Porträts, auf denen die Menschen möglichst vorteilhaft abgebildet sein sollen, nimmt man am besten mit leichtem Tele bei grosser Blende auf. Im Zusammenspiel mit Blende und Verschlusszeit muss ich darauf achten, dass bei längeren Brennweiten die Verwackelungsgefahr steigt. Ein Bildstabilisator, insofern entweder die Kamera oder das Objektiv über einen solchen verfügt, kann hier sehr gute Dienste leisten und längere Verschlusszeiten ermöglichen, etwa wenn nicht besonders viel Licht da ist. Für richtig schönes Freistellen des Motivs vor unscharfem Hintergrund öffne ich die Blende. In Kombination mit einem Normal- oder Teleobjektiv entsteht dann ein sehr schöner unscharfer Hintergrund. Will ich mehr Schärfentiefe haben, um eine ganze Situation in der Tiefe zu zeigen, wähle ich eher eine weitwinklige Brennweite, gehe nahe ran und blende etwas ab, wenn die Lichtsituation das erlaubt.