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12. Sept. 2009
24 heures
J-P. Delamuraz’s Erbe ist heute ein Tessiner!
Von Andreas Gross
Gewiss ist es verständlich, wenn sich Micheline Calmy-Rey sträubt gegen die Vorstellung, sie könnte am 17. September das einzige Mitglied des Bundesrates sein, dessen Muttersprache nicht deutsch ist. Nicht nur weil dies seit 134 Jahren nie mehr der Fall gewesen ist.
Doch wer die Notwendigkeit einer angemessenen Vertretung der lateinischen Schweiz im Bundesrat auf einen Sprachenstreit reduziert, verkennt das Problem. Er verweigert sich nicht nur dem Auftrag der Bundesverfassung. Er übersieht vor allem die politisch-kulturelle Verarmung, welche dies im Bundesrat zur Folge hätte. Die Landesregierung hätte ganz unnötigerweise noch mehr Probleme, die grössten Herausforderungen der Schweiz so anzugehen, dass die meisten Schweizerinnen und Schweizer sich ihren in den bundesrätlichen Anstrengungen wieder erkennen können.
Die Sprache ist ungleich mehr als ein Kommunikationsmittel. Sprachgemeinschaften beheimaten unterschiedliche politische Kulturen und Staatsverständnisse, verschiedene Beziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft, andere Priorisierungen der causes communes und der causes public.
«Mais il ne peut y avoir de véritable liberté sans justice, sans véritables solidarités et sans mettre au centre de notre attention l’être humain avec sa dignité. Les inégalités sociales et la perte de tout sens éthique dans certains domaines de l’économie doivent nous interpeller et nous amener à réagir. (...) Une économie libérale a besoin d’un Etat fort et crédible, capable d’intervenir pour faire réspecter les règles du jeu de la libre concurrence et de la bonne gouvernance et des indispensables mécanismes de solidarité sociale.»
Solche Sätze hätte zwar ein Jean-Pascale Delamuraz 1990 ebenso unterschrieben wie Henry Druey 1848. Doch kein Zürcher Bundesparlamentarier der FDP würde heute so sprechen und auch keiner, der von diesen zum offiziellen Bundesratskandidaten gekürt werden will. Sie stammen aber von einem prominenten Freisinnigen, dem ehemaligen Staatsanwalt und Regierungsrat, Ständerat Dick Marty aus dem Tessin. Er verkörpert als Tessiner Freisinniger, was Delamuraz als radicalisme vaudois bezeichnet hat und ihn im ganzen Volk, nicht nur bei den Reichen oder dessen Eliten, verankert hat.
Ein solches Staatsverständnis, ein solcher sozialer Verantwortungsbegriff, eine solche Wertschätzung der öffentlichen Dinge ist heute im Bundesrat nötiger denn je. Ebenso wie der Mut Martis, offen zu reden, zu sagen, was er denkt - auch wenn dies einer oder mehreren Parteileitungen ungelegen kommt. Das hat er auch zu Europa gemacht, eine weitere, materielle Parallele zu Delamuraz, als er schrieb: «La voie bilatérale devient de plus en plus impraticable avec une Union Européenne qui compte bientôt 30 membres et qui nous prive progressivement de notre souveraineté. C’est vrai, aujourd’hui encore la majorité du peuple est contraire à une adhésion. Ce n’est pas une raison pour lui mentir. La politique ne peut être réduite simplement à dire ce que la majorité aimerait entendre dire.»
Entscheidend ist: Alle Schweizerinnen und Schweizer, wie sie auch immer sprechen, haben heute mehr denn je ein Interesse daran, dass ein Radikaler mit einem solchen Format sich in der Landesregierung engagieren kann. Die Romands und Tessiner würden ihn besonders vermissen, weil sie ihr im Vergleich zu vielen Deutschweizern viel republikanischeres Politikverständnis in der Formulierung der Regierungsarbeit vermissen. Das würde zusätzliche Distanz schaffen, noch mehr Abwendung von Bern und Indifferenz, an dem niemand im ganzen Land ein Interesse hat.
Dass Marty ein Tessiner ist, dessen Mutter Neuenburgerin war, dass er in Neuchâtel studiert hat und in politischen Sitzungen häufiger französisch als italienisch spricht, würde zwar Micheline Calmy-Rey eine Sorge abnehmen. Doch die ganze Schweiz braucht ihn nicht seiner Sprache wegen, sondern für das, wofür er einsteht in der besten Tradition des lateinischen Radikalismus in der Schweiz von Druey bis Delamuraz.
(Alle Zitate von Dick Marty stammen aus dem Buch «Bundesratswahlen sind keine Casting-Show!» Herausgegeben von Andreas Gross und Fredi Krebs in den Editions le Doubs, St-Ursanne, August 2009. Die Zitate sind dort auch in Deutscher Sprache nachzulesen ...)
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