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Ich, Elisabeth, Königin von England
Über die Lüge in der Wahrheit und die Wahrheit in der Lüge
Habe ich nicht in meinem ersten Spinnerinnen-Text «Von Rauhnächten, Wölfen und Trickstern» behauptet, im neuen Jahr würde ich Königin von England werden? – Nun, das war natürlich eine Lüge. Ein Trickster-Trick. Es ging ja darum, sich das neue Jahr mit einer Lüge zu erschaffen.
Doch nun – surprise! – klopft es plötzlich und die Königin von England steht vor der Tür.
«Hä? Aber das hab ich doch nur so dahergesagt!»
«Nur so dahergesagt?? So etwas gibt es nicht, schon gar nicht in den Rauhnächten! Eine Lüge ist ein mächtiger Zauber, das weisst du genau. Also los!»
«Hmhum.»
Na gut.
Ich bin Elisabeth. Elisabeth R. Ja, das sind meine Initialen: E.R. Am siebten September werde ich geboren, mit der Sonne in Jungfrau und mit Lilith und Chiron in Konjunktion. Meine Kindheit verbringe ich damit, auf den Tag zu warten, an dem ich endlich selber bestimmen darf.
In der Zwischenzeit lese ich ein Buch über Königin Elisabeth I. von England mit dem Titel: «Königin Elisabeth war immer zu den Mäusen nett».
Das Buch gefällt mir. Elisabeth I. ist Jungfrau, so wie ich. Und sie wird schnell wütend, so wie ich. Und dann flucht sie wie ein Rossknecht, so wie ich.
Dann kommt endlich der Tag, an dem ich selbst bestimmen darf.
Als Erstes gehe ich auf die Schauspielschule und lerne Shakespeare kennen und lieben. Privat identifiziere ich mich als Jungfrau. Nicht im Sinne von Keuschheit – natürlich habe ich Liebhaber – sondern mit der Jungfrau im alten Sinne: keinem Manne zugehörig, nur sich selbst zur Treue verpflichtet, frei.
Eines Tages kommt ein Film über Königin Elisabeth I in die Kinos. In einer Szene wird ein Baldachin über ihr getragen, auf dem ihre Initialen stehen: E.R. – Hä? Heisst sie nicht Elizabeth Tudor? Warum also E.R., so wie ich?
Ich beginne zu recherchieren. «R» steht für Regina, auf Lateinisch «Königin». Alle offiziellen Dokumente unterschreibt sie mit Elizabeth R.
Ich bin fasziniert und wühle weiter.
Geboren am siebten September. Sonne in Jungfrau, Lilith und Chiron in Konjunktion. Sie verbringt ihre Kindheit damit, auf den Thron zu warten und wird beinahe hingerichtet, weil sie Protestantin ist. Genau wie meine Ahnen, die zur selben Zeit als Hugenotten aus Frankreich flüchten.
Elisabeth I. liebt das Theater. Shakespeare und Marlowe haben Ehrenämter an ihrem Hof, während woanders in Europa die Schauspieler noch immer etwa den Status von Prostituierten haben.
Sie hat Liebhaber und weigert sich zu heiraten, was für eine Frau ihrer Zeit, noch dazu für eine Königin, geradezu undenkbar ist. Sie muss sich also ein eigenes Image erschaffen und inszeniert sich selbst als jungfräuliche Königin, als Gloriana, als Virgin Queen. (Was natürlich eine Lüge ist).
Ich bin verwirrt.
So langsam glaube ich, ich muss gar nicht mehr Königin von England werden. Irgendwie war ich’s schon. Oder bin es. Oder: Hä?
Shakespeares’ Narr sagt zum König: Der Mittelpunkt der Welt ist da, wo mein Nabel ist.
Jetzt antwortet die Königin: «Wenn die Närrin auf dem Thron sitzt, ist sie Königin, denn dann ist ihr Nabel ja da.»
Hä???
Also gut, lieber Trickster: Bei meinem Nabel, ich bin Elisabeth, Königin von England.
(In meinem Herzen aber bin ich Närrin.)
Zufrieden?
Text und Fotos: Elisabeth Rolli
Kollage: Annette Roemer – wo ist Vera May?
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