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Die Winterhilfe Schweiz entstand im Kontext der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre. Die Folgen dieser Weltwirtschaftskrise erreichten in der Schweiz ihren Höhepunkt im Winter 1935/36. Über 100'000 Menschen waren arbeitslos. Diese für die Bevölkerung wirtschaftlich dramatische Lage veranlasste den Bund, die damals bereits bestehende Arbeitslosenkasse auszubauen. Allerdings waren die Leistungen der Kasse nicht gesamtschweizerisch geregelt, sondern wurden regional, teilweise sogar auf Gemeindeebene mit grossen Unterschieden gehandhabt. Besonders in den Wintermonaten machte sich die finanzielle Notlage bemerkbar, wenn zusätzliche Aufwendungen für Heizmaterial, feste Schuhe, Winterbekleidung oder teureres Gemüse und Obst anfielen. Dabei ging es für die betroffenen Menschen tatsächlich ums Überleben: die Gefahr, zu erfrieren oder verhungern war gross, ebenso konnten die Menschen durch mangelhafte Ernährung bleibende Schäden erleiden. Bei Bund, Kantonen und Fürsorgestellen war man sich einig, dass eine «umfassende Aktion zur Unterstützung der Opfer der Wirtschaftskrise» dringend notwendig sei.
Namhafte Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Industrie und Politik gründeten die «Schweizerische Winterhilfe für Arbeitslose». Ursprünglich war das Ziel dieser Winterhilfe ein Organisationskomitee zu gründen, das die Durchführung einer Sammelaktion unter dem erwähnten Namen „Schweizerischen Winterhilfe für Arbeitslose“ organisieren sollte. Die Dauer der Aktion war zunächst auf sieben Tage festgesetzt, wobei Plaketten verkauft, und Naturalien und Geld gesammelt werden sollten. Der Bundesrat erhielt über die Durchführung der Aktion und deren Abrechnung einen Bericht und die Richtlinien zur Verteilung des Sammlungsergebnisses wurden zur Genehmigung ebenfalls dem Bundesrat unterbreitet. Als ein beispielloses Zeichen für die Solidarität der Bevölkerung untereinander ergab die Sammlung ein für die damaligen Verhältnisse grossartiges Ergebnis von rund 1.1 Mio Franken. Damit konnte vielen notleidenden Familien und vor allem älteren Alleinstehenden über den Winter geholfen werden. Nach dieser Aktion wollte sich das Organisationskomitee wieder auflösen. Erst am 23. Oktober wurde bei der Sitzung des Organisationskomitees vom Präsidenten dieses Komitees, Nationalrat Fritz Wüthrich, vorgeschlagen, das Organisationskomitee durch „die juristische Form eines Vereins zu ersetzen“, wobei auch Statuen erarbeitet werden sollten. Dieser parteipolitisch und konfessionell neutrale Verein wurde bei dieser Sitzung schliesslich in Zürich gegründet. Er bezweckte weitere Durchführungen einer gesamtschweizerischen Sammlung von Geld und Naturalien.
Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde die Sammlung zusammen mit der Schweizerischen Kriegsfürsorge unter der Bezeichnung «Kriegs-Winterhilfe» durchgeführt. Diese Sammlung, die erstmals in allen Kantonen stattfand, brachte 1941 das Rekordergebnis von 3.1 Mio Franken ein. Zusätzlich zur Überbrückungshilfe bei krisenbedingten Engpässen kam nun die Linderung von kriegsbedingter Not hinzu.Im Auftrag der Behörden führte die Schweizerische Winterhilfe Massnahmen der Kriegsfürsorge aus (Teuerungsbeihilfen, Verbilligungsaktionen). Das Hilfswerk konnte sich nun nicht nur mehr auf die „Winter“-Monate konzentrieren, sondern wurde ganzjährig aktiv. Das Jahresgehalt vieler Familien mit fünf und mehr Kindern betrug in den Jahren 1936 bis 1945 zwischen 1'500 bis 2'000 Franken. Mit bemerkenswerter Bescheidenheit und Sparsamkeit lebten viele von diesen teils in kärglichsten Verhältnissen, wenn ihnen nur der Gang zur Armenunterstützung (heutiges Sozialamt) erspart blieb; dieser Schritt in die Armengenössigkeit war in den Augen vieler das Schwerste und Erniedrigendste. Fiel nun der Verdienst des Vaters aus und waren keine Rücklagen vorhanden, bot die Winterhilfe Unterstützung: Heizmaterial (Kohlen, Holz und Öl) waren ein grosser Posten, ebenso Winterkleider und Stiefel. Da während dieser Zeit vor allem die Stadtbevölkerung unter den zusätzlichen Mühen des Winters zu leiden hatte, berechtigten speziell gedruckte Gutscheine zum Bezug von Brot, Milch, Kartoffeln, Obst, Salz, Zucker, Speiseöl, Brennmaterial und Textilien. Im Kanton Schwyz ermöglichte die Winterhilfe arbeitslosen Familienvätern den Bezug von Saatkartoffeln zu denselben Bedingungen, wie sie die Bergbauern mit Unterstützung von Bund und Kanton erhielten. Die Winterhilfe in Basel verteilte pro Jahr über eine Million Kilogramm Kartoffeln und 400'000 Kilogramm Obst und Dörrgemüse. Rund 21'000 Personen kamen in den Genuss dieser Aktion, das waren gut zwölf Prozent der kantonalen Bevölkerung. Zudem erhielten werdende und stillende Mütter gratis Ovomaltine und Sardinen, um den Mineralien- und Fettmangel auszugleichen. Ausserdem wurden ihnen Leintücher und Windeln vermittelt. Im Jura erhielten Milch- und Suppenküchen wesentliche Beiträge. Da die Milchabgabe infolge der Rationierung nicht immer machbar war, wurden bereits damals Vitamintabletten verteilt, um vorwiegend bei Kindern Mangelerscheinungen vorzubeugen. Während des Krieges organisierte das Eidgenössische Kriegsfürsorgeamt sogenannte Volkstuchaktionen: An die arme Bevölkerung wurden über die Winterhilfe verschiedene Stoffe für Männer- und Knabenhosen, Hemden, Betttücher, Überkleider und Wolldecken gratis oder zu einem sehr geringen Preis verteilt. In erster Linie half die Winterhilfe immer mit Naturalien, wo nötig, wurden auch finanzielle Beiträge gewährt, so etwa für Wohnungsmieten, Brillen oder Umschulungskurse.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts blieb die Haupttätigkeit der Schweizerischen Winterhilfe immer die gezielte Nothilfe in Form von Geld- oder Sachleistungen (zum Beispiel Lebensmittel, Kleider, Heizmaterial, Betten, Nähmaschinen). Berücksichtigt wurden Notlagen primär von Familien, aber auch von Einzelpersonen infolge Krankheit, Arbeitslosigkeit, ungenügendem Verdienst oder unzureichender oder nicht vorhandener Altersversorgung, Scheidung, Brand- oder Naturkatastrophen. Neben der Notüberbrückung förderten einzelne Kantonalorganisationen stellenweise auch Bildungs-, Beratungs- und Erwerbsangebote, die wiederum teilweise am Präventionsgedanken orientiert waren (Familienberatungsstellen, hauswirtschaftliche Kurse für Hausfrauen und Mütter, Vermittlung von Heimarbeit, Stipendien für alleinerziehende Mütter). Die Schweizerische Winterhilfe geht aus vom Prinzip der Subsidiarität: Nur dort soll sie eingreifen, wo die Hilfeleistungen der öffentlichen Einrichtungen oder bestehender privater Fürsorgewerke nicht beansprucht werden können oder nicht ausreichen. So hat sich die Aufgabe des Hilfswerkes im Laufe der Jahrzehnte verändert. Es geht heute selten ums nackte Überleben; in der Schweiz lebende Menschen sind gegenüber Risiken des Berufes, des Alters und der Krankheit durch obligatorische Versicherungen abgesichert. Es existiert aber nach wie vor eine grosse Bevölkerungsgruppe, die unterhalb oder knapp an der Armuts- und Existenzgrenze leben muss. Auch das 21. Jahrhundert kennt Wirtschaftskrisen mit ihren anhaltend negativen Auswirkungen, die dazu beigetragen haben, dass die Zahl der Menschen, die in Haushalten mit ungenügenden Arbeitseinkommen und in prekären Verhältnissen leben müssen, ansteigt. Diese Menschen können grundlegende Bedürfnisse nicht befriedigen und sind weitgehend vom sozialen Leben ausgeschlossen.
In Zürich richtete die Winterhilfe 1937 die erste Kleiderstube ein: innerhalb des ersten Jahres wurden an 8'230 Menschen insgesamt 44'396 Bekleidungsstücke abgegeben. Im Laufe der Jahre wurden in den meisten Kantonen die Kleiderstuben eine feste Institution der Winterhilfe, ebenso wie ihre traditionellen Kleidersammlungen. In den Kleiderstuben wurde auch genäht und geflickt, und es wurden Nähkurse abgehalten. Den Kleinbäuerinnen in Berner Oberland standen sogenannte Flick- und Störschneiderinnen während maximal zehn Tagen zur Verfügung. Sie änderten die meistens aus dem Unterland kommenden Wäsche- und Kleidungsstücke auf die Bedürfnisse der Landbevölkerung um und halfen allgemein beim Flicken und Herstellen von Arbeitskleidern. In Weiterführung dieser Tradition veranstaltete die Kleiderstube in Basel bis 1999 noch Nähabende, in denen Mütter Kleider umarbeiten und erneuern konnten. Als die Leiterin der Basler Kleiderstube in Pension ging, wurde diese Dienstleistung aufgegeben. In Zürich schloss die letzte Kleiderstube Ende 2000.
Bis heute ist die Schweizerische Winterhilfe regional breit verankert und dezentral organisiert. Die Kantonal- und Lokalkomitees beschafften während der Jahrzehnte des Bestehens unter Einsatz von Freiwilligenarbeit einen Grossteil der Mittel und verteilten diese. Seit der Statutenrevision Mitte der 1990er Jahre sind sie auch rechtlich eigenständig. Schliesslich wurde im Rahmen umfassender Reorganisationsmassnahmen Mitte der 1990er Jahre der bisherige Name „Schweizerische Winterhilfe“ zu „Winterhilfe Schweiz“ geändert. Ihre Mittel schöpft die Winterhilfe heute vor allem aus Spenden, Erlösen von Verkaufs- und Sammelaktionen (Schneestern-Abzeichen), Legaten und Schenkungen. Zudem ist die Winterhilfe bekannt für ihre Plakate, die alljährlich von einem jungen Künstler gestaltet werden. Während der Zeit der gesamtschweizerischen Sammlung jeweils Ende Oktober soll dieses auf die Arbeit des Hilfswerkes zur Linderung von Not in unserem Land aufmerksam machen und die Bevölkerung für die Thematik der Armut in der Schweiz sensibilisieren. Bis heute ist die Winterhilfe diesem Konzept treu geblieben und hat mit ihren Plakaten auch schon zahlreiche Auszeichnungen gewonnen.