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Aussprengverfahren
Das Aussprengverfahren (Reversage, Tiefdruck) stellt als Tiefdruckverfahren einerseits eine Erweiterung der von Jean Baptiste Leprince entwickelten Aquatinta dar, während sie andererseits auch im Flachdruck anwendbar ist und dort als Variation der Lithografie oder des Metallplattendrucks zum Tragen kommt.
Das Aussprengverfahren beruht auf der Idee der Flächenätzung. Als Tiefdruck angewendet trägt der Künstler seine Zeichnung in deckenden Wasserfarben (oder Tusche, Zucker und wenig Wasser) mit dem Pinsel auf die geschliffene, glattpolierte Metallplatte auf, lässt sie trocknen und bedeckt dann die ganze Platte mit dem gewöhnlichen Ätzgrund (säurefeste Schicht) oder Asphaltlack. In ein Wasserbad gelegt, springt der Ätzgrund genau dort ab, wo er wegen der darunterliegenden Farbschicht nicht am Metall haften kann. Die wasserlöslichen Farben (oder das Zucker-Farbgemisch) lösen sich auf und hinterlassen dabei präzise ihre Form auf dem blanken Metall. Behandelt man nun die Platte mit dem Aquatintaprozess, entsteht jeder Pinselstrich der Darstellung exakt als druckfähiger Ton.
Die Stellen werden gleichmässig mit dem Asphalt- oder Kolophoniumpuder bestreut, entweder von Hand mit einem Sieb, oder in einem Staubkasten. In diesem geschlossenen Kasten wird Staub aufgewirbelt, danach wird die Platte eingeschoben und fängt den sich setzenden Staub mit der Oberfläche auf. Die Platte wird nun von unten her so lange erhitzt bis die Pulverschicht schmilzt. Dabei bestimmt die Dauer der Erwärmung die Dichte des Korns. Das «Korn» nennt man den porösen Grund, der sich aus den geschmolzenen, sich berührenden Körnchen ergibt, die wie ein Netz über die Oberfläche bilden. Im Säurebad werden die unbedeckten Stellen aufgerauht, indem das freiliegende Metall zwischen den Körnchen weggeätzt wird, während jedes einzelne Korn das unter ihm befindliche Metall schützt, und so als mikroskopisch kleine Metallsäule auf der Oberfläche bestehen bleibt. In kleinen Punkten ergibt nun das Korn den Flächenton. Die Dauer der Säureeinwirkung bestimmt die Tiefe der Ätzung, die wiederum die Tönung auf der fertigen Grafik beeinflusst.
Vor dem Druck wird die Platte unter Erwärmen eingefärbt und vorsichtig ausgewischt. Während die Druckerschwärze in den Vertiefungen sitzenbleibt, wird die Oberfläche der Metallplatte wieder völlig blank, damit nur die eingeätzte Darstellung in der Tiefdruckpresse gedruckt wird.
Das Aussprengverfahren als Flachdruck beruht auf der abstossenden Kraft zwischen Fett und Wasser und ergibt ein helles Bild auf dunklem Grund. Die Zeichnung wird spiegelkehrt mit gefärbter Gummi- oder Zuckerwasser -Lösung auf den Stein oder die Metallplatte aufgetragen. Wenn die Darstellung trocken ist, wird die Platte mit fetthaltiger Tusche, Kreide oder Druckerschwärze eingewalzt. (Hier wird klar, weshalb das Verfahren auch Reversage genannt wird: die Reihenfolge im Vorgehen ist genau gegenteilig zu jener der Lithografie, bei der erst mit fetthaltiger Farbe gemalt und anschliessend die Platte gummiert wird.) Die fetthaltige Farbe springt beim Trocknen an den bezeichneten Stellen von der Plattenoberfläche ab, da sie auf der Gummischicht nicht haften kann.
Beim Druck wird also die fetthaltige Druckerschwärze den Hintergrund drucken, während die gummierten Stellen auf dem Abzug weiss bleiben. Nach der Reinigung der gummierten Stellen und abermaligem Einfärben wird die Platte auf der Handpresse wie Lithografien gedruckt.
Ähnlich funktioniert auch die Pinselätzung, bei der die Säure direkt auf die Platte aufgetragen wird, um die malerischen Halbtöne zu erhalten. Die Tiefenätzung ist jedoch gering und durch den hohen Druck meist bereits nach wenigen Abzügen nicht mehr in ihrer ursprünglichen Formgebung erhalten. Eine tiefere Ätzung wird mit dem Auftrag einer Mischung von Salzen, den sog. Mordrants, unter Erwärmung der Platte erreicht. Die Pinselätzung wird auch in Kombination mit der Aquatinta angewendet.
Die Aussprengtechnik als Tiefdruck erweitert die Aquatintamöglichkeiten beträchtlich, und zwar v.a. dort, wo der Künstler einzelne Pinselstriche oder breite Federstriche nicht als Linien sondern in den gleichmässigen Halbtönen der Aquatinta wiedergeben will. Da die erwirkten Effekte den Pinselstrich besonders echt wiedergeben, überrascht es nicht, dass die Technik dazu prädestiniert war, Faksimiles von Aquarellen und Pinselzeichnungen herzustellen.
Die ursprünglichen Staubkörner der bearbeiteten Stellen sind auf dem Papier als sog. «Korn» erkennbar (ev. mit Lupe). Die Abnutzung der Platte ist sehr hoch; es können kaum mehr als 100 gute Abdrucke produziert werden.
Durch den hohen Druck, mit dem die Platte auf das befeuchtete Papier gepresst wird, ergibt sich auf der fertigen Grafik eine deutlich erkennbare Prägung und gleichzeitig ein feiner Plattenton, der von einem nicht ganz vollständigen Auswischen der Druckplatte herrührt und den grellen Kontrast zwischen Druckerschwärze und weissem im Papier entschärft. Die Farbe haftet noch in trockenem Zustand erhöht auf dem Papier und die gedruckten Linien weisen scharfe Ränder auf, weil die Farbe seitlich nicht aus den Furchen herausquellen kann.
Im Flachdruckverfahren unterscheidet sich die Reversage von klassischen Lithografien sowie von der Tiefdruck-Aussprengtechnik durch die helle Darstellung auf dunklerem Grund. Wenn man den Abzug schräg gegen das Licht hält, sieht man den sog. Reiberansatz: dort wo der Druckarm der Handpresse über den Papierbogen schleift, wird die raue Papieroberfläche etwas geglättet. Die Verschmelzung von Farbe und Papier ist an jenen Stellen besonders intensiv. Je nach Beschaffenheit des Steins, ergibt der Farbauftrag des Hintergrunds eine flächige oder körnige, auf dem Papier etwas fettig wirkende Struktur.
Pablo Picasso schuf die wahrscheinlich variationenreichsten Beispiele der Aussprengtechnik. In der modernen Malerei ist das Verfahren von vielen anderen Künstlern in ihr grafisches Schaffen integriert worden.