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Könige und Staatsoberhäupter haben seit je das Bedürfnis gehabt, die wirtschaftlichen Ressourcen ihres Landes zu ermitteln, zum Beispiel um ihre Macht zu demonstrieren oder um Steuern zu erheben. Die ersten Arbeiten, die als Vorläufer der Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) bezeichnet werden können, stammen aus dem 17. Jahrhundert: In England nahmen die Wissenschaftler William Petty und Gregory King («Politische Arithmetik») Schätzungen des Einkommens aus Arbeit und Vermögen vor. Im 18. Jahrhundert entwickelte der französische Arzt und Ökonom François Quesnay in Anlehnung an den menschlichen Blutkreislauf das Modell eines wirtschaftlichen Kreislaufs und zeigte die Interdependenzen zwischen den Wirtschaftsakteuren auf.
Die «moderne» VGR wurde in den Zwanziger- und Dreissigerjahren des 20. Jahrhunderts entwickelt. Angesichts der Grossen Depression liessen insbesondere die amerikanische und die englische Regierung die vergangene Entwicklung des «National Income» schätzen. Weiter an Bedeutung gewann die Planung und Organisation der Wirtschaft im Zweiten Weltkrieg, da nun die Rüstungsproduktion im Vordergrund stand – was umfassendes Zahlenmaterial erforderte. Im Zuge des aufkommenden Keynesianismus blieb die Wirtschaftspolitik auch nach dem Krieg eher interventionistisch ausgerichtet. Und schliesslich wuchs das Bedürfnis nach Daten aufgrund der Verbreitung empirischer Ansätze wie der Ökonometrie in der Wirtschaftswissenschaft.
Mehrere Staaten etablierten in den Dreissiger- und Vierzigerjahren statistische Teams, um das nationale Einkommen regelmässig zu schätzen. Die verschiedenen Ansätze wurden in den Nachkriegsjahren international koordiniert und harmonisiert. Eine zentrale Rolle nahm der britische Ökonom Richard Stone ein, dessen Arbeiten zur Entwicklung der modernen VGR später mit dem Nobelpreis gewürdigt wurden. Bis heute wird die nationale Buchhaltung international von der UNO, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und dem Statistischen Amt der Europäischen Union (Eurostat) weiterentwickelt.
Schweizer System ist international kompatibel
In der Schweiz wurden die ersten nationalen Einkommensschätzungen ebenfalls in den Zwanzigerjahren veröffentlicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die VGR gemäss den OECD-Richtlinien ausgebaut. Um eine bessere internationale Vergleichbarkeit innerhalb Europas zu ermöglichen, beruht die Schweizer VGR seit 1997 auf dem Europäischen System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen – welches seinerseits mit dem «System of National Accounts» der UNO kompatibel ist.
Die Ergebnisse der VGR gehören seit ihrer Entwicklung zur zentralen Datengrundlage für die Wirtschaftspolitik und die Wirtschaftswissenschaft. Die VGR misst anhand des Bruttoinlandprodukts (BIP) die gesamtwirtschaftliche Produktion bzw. das Wirtschaftswachstum. Darüber hinaus liefert sie eine Reihe von makroökonomischen Grössen wie das verfügbare Einkommen, die Ersparnis, die Finanzierungskapazität oder den Finanzierungsbedarf usw. Alle diese Transaktionen sowie die Aktiven und Passiven werden in einem nach institutionellen Sektoren gegliederten Kontensystem erfasst («Kontensequenz»).
Als wichtigste Kennzahl bildet das BIP die während einer bestimmten Periode erzeugte Wertschöpfung in der Landeswährung ab: Es quantifiziert die Grösse bzw. Produktionskraft einer Ökonomie. Entscheidend ist, dass die Daten über die Zeit hinweg und in den verschiedenen Ländern dank dem standardisierten Vorgehen vergleichbar sind. Ausserdem wird eine Preisbereinigung der Daten vorgenommen, um Volumeneffekte (reale Änderungen) von reinen Preiseffekten zu unterscheiden.
Als Mass für die Grösse einer Volkswirtschaft bietet das BIP eine Referenzgrösse, um beispielsweise die Schulden eines Landes in einen sinnvollen Kontext zu stellen. Indikatoren wie die Staats- oder Verschuldungsquote können dadurch international und über die Zeit verglichen werden. Weiter können auf der Grundlage der VGR-Aggregate wirtschaftspolitische Ziele formuliert werden – beispielsweise indem ein Prozentsatz des BIP oder des Bruttonationaleinkommens für die Entwicklungshilfe bestimmt wird. Und schliesslich ermöglicht das BIP pro Kopf Aussagen über den durchschnittlichen materiellen Wohlstand, gemessen an den produzierten Gütern und Dienstleistungen, der Landesbevölkerung.
Die Berechnung des BIP basiert auf einer Vielzahl von Basisstatistiken. Sie wird anhand des Produktions-, des Verwendungs- und des Einkommensansatzes durchgeführt. Mit dem Produktionsansatz wird die vom Produktionssystem generierte Wertschöpfung bestimmt, indem vom Produktionswert der Güter und Dienstleistungen die Vorleistungen abgezogen werden (d. h. der Wert der Güter und Dienstleistungen, die während des Produktionsprozesses verwendet wurden). Er dokumentiert beispielsweise, wie viel Wertschöpfung in den einzelnen Branchen entsteht. Der Verwendungsansatz zeigt auf, wie die generierte Wertschöpfung verwendet wird – beispielsweise für den Konsum oder Investitionen – und welche Bedeutung das Ausland bei den Güterströmen hat (Aussenhandel). Der Einkommensansatz betrachtet die Entgeltung der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital. Damit gibt er zum Beispiel darüber Auskunft, wie das Volkswirtschaftseinkommen verdient wird (Arbeitseinkommen oder Kapitaleinkommen) oder wie gross die Verflechtung mit dem Ausland bei den Einkommensströmen ist.
Während der Grossen Depression befand sich die Wirtschaftspolitik praktisch im Blindflug.
Konkret ergibt sich das BIP am Ende eines komplexen Prozesses, der zum Ausgleich zwischen dem Produktions-, dem Verwendungs- und dem Einkommensansatz führt, sodass alle drei Ansätze miteinander übereinstimmen. Das Zahlenwerk VGR ermöglicht dadurch einen detaillierten Beschrieb der Wirtschaftsstruktur. So können ökonomische Determinanten beispielsweise für den Strukturwandel, die Inflation oder das Wirtschaftswachstum untersucht werden. Weiter werden die Auswirkungen von wirtschaftspolitischen Massnahmen empirisch analysierbar. Beispielsweise lässt sich untersuchen, wie sich die Änderung der Steuerpolitik auf den Konsum oder das Wirtschaftswachstum auswirkt. Und schliesslich erlauben die Zahlen der VGR eine zeitnahe und umfassende Beurteilung der Konjunkturlage.
Es ist nicht zuletzt dieser Grundlage zu verdanken, dass die Wirtschafts- und Geldpolitik im Zuge der letzten grossen Finanz- und Wirtschaftskrise die Wirtschaftslage rechtzeitig korrekt einschätzen und angemessen reagieren konnte. Verglichen mit dem heute zur Verfügung stehenden Datenkranz befand sich die Wirtschaftspolitik in der Zwischenkriegszeit während der Grossen Depression praktisch im Blindflug. Um die Wirtschaftslage abzuschätzen, verwendeten die Regierungen damals Aktienkurse oder lückenhafte Produktionsindizes der Industrie.[1]
Die Grenzen der VGR
Trotz oder gerade wegen all ihrer Stärken ist es wichtig, zu wissen, wo die Grenzen des Zahlenmaterials liegen. So werden in der VGR mit wenigen Ausnahmen (zum Beispiel Regierungsdienste) nur Transaktionen erfasst, welche über Märkte abgewickelt werden. Nicht entgoltene Tätigkeiten wie etwa die Hausarbeit bleiben also mehrheitlich unberücksichtigt. Weiter werden diverse andere ökonomische Aspekte nicht oder nur teilweise erfasst. Insbesondere gibt die VGR keine Auskunft über die individuelle Verteilung von Einkommen und Vermögen. Auch Externalitäten wie Umweltverschmutzung werden höchstens indirekt quantifiziert, etwa dann, wenn bereits bestehende Verschmutzung durch ein Unternehmen beseitigt wird. Und schliesslich misst das BIP zwar die entstandene Wertschöpfung innerhalb einer Zeitperiode. Ob die Wertschöpfung auf nachhaltige Weise zustande gekommen ist, ist jedoch nicht ersichtlich: Beispielsweise spielt es in der BIP-Rechnung keine Rolle, ob ein höheres Wachstum auf eine höhere Produktivität oder auf eine Kreditblase zurückzuführen ist.
In den letzten Jahren wurde das BIP für seine Unfähigkeit, die allgemeine Wohlfahrt zu messen, vermehrt kritisiert. Also für etwas, wofür es nicht entwickelt wurde, was nicht sein Ziel ist und – angesichts der Komplexität der Berechnungen – auch in Zukunft nicht sein Ziel sein kann. Dass Faktoren wie politische Rechte, Sicherheit, sozialer Zusammenhalt oder Gesundheit die Lebensqualität in einem Land massgeblich mitbestimmen, ist unbestritten. Mit vielen dieser Faktoren weist das BIP zwar eine hohe Korrelation auf, genau genommen misst es aber «nur» den materiellen Wohlstand, definiert über die hergestellte Menge an Gütern und Dienstleistungen. Unter dem Strich bleibt das BIP somit eine zentrale, aber doch nur eine von vielen wirtschaftspolitisch relevanten Statistiken.
Die Wirtschaft ist einem ständigen Wandel unterworfen. Deshalb werden die VGR sowie die Konzepte und Methoden für die Berechnung des BIP laufend angepasst. Um die Vergleichbarkeit zu gewährleisten, ist eine internationale Koordination zentral. Parallel dazu müssen auch die Datengrundlagen angepasst werden – von den befragten Einheiten, über die Anpassung von Registerdaten und Erhebungsdaten bis hin zu den Berechnungsmethoden.
Digitalisierung als Herausforderung
Derzeit sind die wirtschaftlichen Umwälzungen im Zuge von Globalisierung und Digitalisierung die grössten Herausforderungen für die VGR. Um diesen Änderungen bestmöglich Rechnung zu tragen, hat die UNO – zusammen mit der OECD und Eurostat – beispielsweise bereits vor Jahren eine Expertengruppe zum Thema Globalisierung und deren Effekte auf die VGR eingesetzt.[2]
Mit der Globalisierung sind die Geschäftspraktiken von multinationalen Unternehmen komplexer geworden. Insbesondere der konzerninterne Austausch hat zugenommen: Tochtergesellschaften verrechnen beispielsweise die in Rechnung gestellten Leistungen vermehrt gegenseitig, oder sie transferieren immaterielle Vermögenswerte von einem Land in ein anderes. Da es dadurch schwieriger geworden ist, die wirtschaftliche Tätigkeit der Firmen zu erfassen, müssen grundlegende Elemente wie das Konzept der statistischen Einheit (Unternehmen) überprüft werden. Zudem ist der Austausch von Informationen und Daten zwischen den Ländern auszubauen.
Die Messkonzepte und Definitionen der Produktion und Wertschöpfung werden durch die Digitalisierung der Wirtschaft nicht grundlegend infrage gestellt. Allerdings werden die Produktionsprozesse und die Rolle der Akteure innerhalb dieser Prozesse beeinflusst. Etwa ergeben sich Fragen bei sogenannten kostenlosen Dienstleistungen und der zunehmenden Beteiligung der Haushalte am Produktionsprozess (automatische Kassen, Online-Check-in usw.). Überdies verstärkt die Digitalisierung einige bereits bestehende Messprobleme, wie dies auch ein Arbeitspapier der OECD 2016 hervorgehoben hat.[3] Namentlich wird das Geflecht an internationalen Transaktionen komplexer, beispielsweise im E-Commerce-Bereich, und der informelle Charakter bestimmter Transaktionen nimmt zu. Auch wird das korrekte Erfassen der Preisentwicklung weiter erschwert: Zwischen Qualitäts- und Preisänderungen ist insbesondere bei technologieintensiven Gütern schwer zu unterscheiden.
Bestehende Konzepte grundsätzlich adäquat
Solche Entwicklungen sind jedoch nicht neu und können meist im bestehenden Rahmen abgebildet werden. So werden viele dieser neu scheinbar kostenlosen Dienstleistungen indirekt vergütet (z. B. durch Werbeeinnahmen, Umsatzbeteiligung, oder sie sind selbst Marketingmassnahmen) und können durch die VGR erfasst werden. Beispiele sind Internetsuchmaschinen, Gratis-Apps oder Sharing-Plattformen wie Uber und Airbnb. Ob neu immer mehr über das Internet gehandelt wird oder nicht, spielt zumindest konzeptionell eine zweitrangige Rolle. Zudem kann gerade die Digitalisierung bzw. die «Zentralisierung» des Handels über das Internet Chancen für eine bessere Erfassung bieten.
Auch die stärkere Beteiligung der Haushalte am Produktionsprozess stellt die bestehenden Konzepte nicht grundlegend in Frage. Falls beispielsweise das Online-Check-in die Flughafenschalter ersetzt, gehen möglicherweise die Arbeitnehmerentgelte zurück, dafür steigen – bei unverändertem Umsatz – die Betriebsüberschüsse, und die Wertschöpfung bleibt unverändert. Sinken durch das Online-Check-in die Flugpreise, gehen Umsatz und Deflatoren zurück. In diesem Fall sinkt die nominale, aber wiederum nicht die reale Wertschöpfung. Falls die technologische Neuerung jedoch auch die Qualität der Leistung beeinflusst (geringere Warteschlangen an Flughäfen aber eventuell auch weniger Service), müsste dies ebenfalls berücksichtigt werden: Hier besteht für die VGR die grösste Herausforderung.
Interessant sind auch Fälle, bei denen sich die Produktion ganz vom Markt- in den Nichtmarktbereich verschiebt – zum Beispiel bei der Substitution von Lexika durch Wikipedia. Das Erstellen von Wikipedia-Beiträgen ist eine Freizeitaktivität von Haushalten (und verdrängt andere Freizeitaktivitäten) und taucht definitionsgemäss nicht im BIP auf. Dafür steigt die Kaufkraft der Haushalte (Lexika sind neu gratis) und es entstehen so unter Umständen andere Marktaktivitäten. Der Nettoeffekt auf das BIP ist in diesem Fall unklar. Zudem finden laufend auch Verschiebungen vom Nichtmarkt- in den Marktbereich statt, etwa wenn mehr externe Kinderbetreuung genutzt wird.
Unter dem Strich entstehen also diverse neue Herausforderungen.[4] Diese stellen die VGR aber nicht auf den Kopf. Entsprechend kommen auch die Autoren der OECD zum Schluss, dass die fortschreitende Digitalisierung kaum zu einer signifikanten Unterschätzung des BIP führt.
- Froyen, Richard (2009): Macroeconomics: Theories and Policies, London.
- Siehe UNO (2011): The Impact of Globalization on National Accounts, Genf und New York.
- Nadim Ahmad and Paul Schreyer (2016): Measuring GDP in a Digitalised Economy, OECD Statistics Working Papers, Paris.
- Ahmad und Schreyer (2016) beschreiben auf S. 7–19 die Effekte auf die VGR durch die Digitalisierung.