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27.09.2022, 14:13 Uhr
Beim Übergang zur Netto-Null-Energieversorgung spielt das Engagement des privates Marktes eine entscheidende Rolle, wie Andrew McCaffery von Fidelity schreibt.Artikel lesen
Besser spät als nie: Die Welt wird sich der zunehmenden Bedrohung der biologischen Vielfalt und des Naturkapitals bewusst. Investoren müssen eine entscheidende Rolle im Kampf um den Erhalt lebenswichtiger Ökosysteme spielen - und eine grosse Chance ergreifen, sagt Velislava Dimitrova, leitende Portfoliomanagerin bei Fidelity International.
"Stellen Sie sich vor, Sie werden durch das Geräusch von schweren Maschinen geweckt, die Ihren Garten zerstören. Sie wissen, dass Sie nichts tun können, um sie aufzuhalten, also gehen Sie in die Küche, um Frühstück zu machen, und bahnen sich Ihren Weg durch den Hindernisparcours aus Kaffeebechern und Plastikflaschen, die Fremde in Ihrem Flur abgeladen haben. Nach reiflicher Überlegung beschliessen sie, das Frühstück ausfallen zu lassen, denn die Milch ist sauer geworden. Die letzte Hitzewelle hat den Motor des Kühlschranks überlastet," beschreibt Veliskava Dimitrova, Porfoliomanagerin des neu aufgelegten Sustainable Biodiversity Fund von Fidelity den Alptraum, mit dem Tiere in freier Wildbahn kämpfen, weil der Mensch der Natur immer mehr abverlangt, was nicht nachhaltig ist. Die komplexen Wechselwirkungen zwischen dem Kapital der Natur (Wasser, Boden, Luft, Wälder und Ozeane) und der biologischen Vielfalt (Fülle und Vielfalt von Arten, Genomen und Ökosystemen) bedeuten, dass das, was der Mensch anderen Lebewesen antun, letztendlich auch der Umwelt schaden kann.
Beispiel Walfang. Die Verringerung der Zahl der Wale beeinträchtigt einen der wichtigsten Prozesse der Natur zur Kohlenstoffbindung. Ein durchschnittlicher Grosswal nimmt im Laufe seines Lebens etwa 33 Tonnen Kohlendioxid auf. Wenn er auf natürliche Weise stirbt, sinkt er auf den Meeresboden und bindet diese Emissionen für Jahrhunderte. Darüber hinaus trägt der Walmist auch zur Düngung des Phytoplanktons bei, das schätzungsweise 40% der Kohlendioxidemissionen bindet. Weniger Wale bedeutet somit ein wärmerer Planet.
Die biologische Vielfalt unterstützt das Naturkapital und umgekehrt, wobei beide der Menschheit "Ökosystemleistungen" bieten: von der Klimaregulierung über den Nährstoffkreislauf bis hin zu sauberem Wasser. Da die Natur diese Leistungen jedoch kostenlos zur Verfügung stellt, haben Unternehmen wenig wirtschaftliche Anreize, sich um ihr Handeln dem Naturkapital gegenüber zu kümmern.
Das Ergebnis ist eine Naturzerstörung in mindestens so grossem Umfang wie der Klimawandel. Eine Zerstörung, die die Klimabedrohung verschlimmert und umgekehrt, eine potenziell katastrophale Rückkopplungsschleife. Zu den Folgen gehören Massenabholzung, dauerhafter Verlust von Arten, geringere Vielfalt von Kulturpflanzen aufgrund unzureichender Bestäubung, Verschlechterung der Bodenfruchtbarkeit und vieles mehr.
Der Schutz der biologischen Vielfalt benötigt somit grundlegende Veränderungen in unserem täglichen Leben. Eine Kombination aus staatlichen Massnahmen, veränderten Verbrauchergewohnheiten, Preismechanismen und der Natur selbst wird die bestehenden Geschäftsmodelle unter Druck setzen. "Zudem erwarten wir ein grösseres Prozessrisiko für Unternehmen, da die Regierungen den Schutz der biologischen Vielfalt ernster nehmen und somit Unternehmen zur Rechenschaft ziehen könnten", meint Dimintrova.
Doch neben diesen Risiken stellt der Umfang der erforderlichen Investitionen auch eine grosse Chance dar. Das UN-Umweltprogramm schätzt, dass zur Erfüllung der internationalen Verpflichtungen bis 2050 kumulative Investitionen in naturbasierte Lösungen in Höhe von USD 8 Billionen erforderlich sind. Derzeit belaufen sich die jährlichen Investitionen auf USD 133 Mrd. Darüber hinaus entfallen nur 14% der Gesamtinvestitionen auf privates Kapital. Vergleicht man dies mit der Klimafinanzierung, bei der private Quellen inzwischen mehr als die Hälfte aller Investitionen ausmachen, so ergibt sich eine erhebliche Lücke, die es zu schliessen gilt.
Unternehmen, die sich auf Lösungen für die biologische Vielfalt konzentrieren, bieten gemäss Dimitrova nicht nur eine Absicherung gegen die mit dem Verlust der biologischen Vielfalt verbundenen Risiken, sondern auch ein Engagement in einer Vielzahl von Sektoren mit Wachstumspotenzial.
Effizientere landwirtschaftliche Methoden, Innovationen wie die vertikale Landwirtschaft in Städten und Alternativen zu tierischen Proteinen sind allesamt Möglichkeiten, die negativen Auswirkungen der veränderten Landnutzung zu bekämpfen. Die Fischzucht kann dazu beitragen, die Überfischung einzudämmen, ebenso wie nachhaltiges Fischfutter und ein geringerer Einsatz von Chemikalien. Wärmeeffizientere Gebäude und ein mit erneuerbaren Energien betriebener Verkehr sind nur zwei Massnahmen zur Eindämmung des Klimawandels und damit des Naturverlusts. Weniger Verpackungen, vermehrtes Kunststoffrecycling und die Verwendung biologisch abbaubarer Materialien können zur Bekämpfung der Umweltverschmutzung beitragen, ebenso wie die Verringerung des Einsatzes von Chemikalien in Industrie und Landwirtschaft.
Neben den Lösungsanbietern können Anleger auch die besten Unternehmen identifizieren, die sich durch Forschung und Entwicklung oder durch ihre Tätigkeit mit Fragen der biologischen Vielfalt befassen.
"Ein von uns identifiziertes Beispiel ist ein Agrarchemieunternehmen, das biologisch verträgliche Pestizide entwickelt, die die Verunreinigung von Boden und Wasserquellen vermeiden und so zum Schutz wichtiger Bestäuber beitragen wie Bienen, Schmetterlinge, Motten und anderer Insekten sowie von Raubtieren, die Schädlinge jagen," sagt Dimitrova. Der weltweite Verlust aller Bestäuber würde zu einem geschätzten Rückgang der jährlichen landwirtschaftlichen Produktion um etwa USD 217 Mrd. führen. "Die derzeitigen Pestizidpraktiken müssen biologisch verträglicher werden; die Entwicklung von Lösungen sollte dazu beitragen, den Marktanteil zu vergrössern und gleichzeitig die biologische Vielfalt zu schützen."
Eine weitere Möglichkeit, dem Verlust der biologischen Vielfalt entgegenzuwirken, besteht gemäss Dimitrova darin, mit den dafür verantwortlichen Unternehmen zusammenzuarbeiten.
Als Unterzeichner des Finance for Biodiversity Pledge hat Fidelity eine Reihe von Gesprächen mit Unternehmen in stark betroffenen Sektoren geführt, um die Aktivitäten der einzelnen Unternehmen und deren Auswirkungen auf die biologische Vielfalt zu verstehen. "Ein Beispiel dafür ist unsere Zusammenarbeit mit dem spanischen Öl- und Gasproduzenten Repsol. Trotz schlechter Presse wegen einer Ölpest hat das Unternehmen eine Vorreiterrolle im Artenschutz übernommen", sagt Dimitrova. Um die Auswirkungen auf die Tierwelt rund um sein Sagari-Gasfeld in Peru zu begrenzen, hat es Orchideen umgesiedelt, wichtige Bäume erhalten und dafür gesorgt, dass Klammeraffen weiterhin über Baldachinbrücken zwischen den Ästen auf beiden Seiten der Gasleitung schwingen können.
Repsol hat seinen verschiedenen Auswirkungen auf die Umwelt auch monetäre Kosten zugeordnet, so dass die Auswirkungen verschiedener Aktivitäten auf der gleichen Ebene verglichen werden können, sowie eine nicht-monetäre Massnahme zur Minimierung der Auswirkungen auf die biologische Vielfalt auf der Grundlage von Standortbedingungen. Wir halten den Ansatz von Repsol zwar für bahnbrechend, haben aber auf einer kürzlich abgehaltenen Sitzung vorgeschlagen, dass das Unternehmen noch weiter gehen könnte, indem es beispielsweise die Messung und Offenlegung der Ausgangswerte beschleunigt, die Vergütung von Führungskräften an die mit der biologischen Vielfalt zusammenhängenden KPIs koppelt und einen zeitlich begrenzten Plan aufstellt, um die Natur positiv zu verändern und so den Verlust der Natur nicht nur zu vermeiden, sondern aktiv umzukehren.
Das Thema biologische Vielfalt gewinnt an Dynamik. Der französische Gesetzgeber hat Vorschriften erlassen, die Finanzinstitute verpflichten, ihre Risiken und Auswirkungen in Bezug auf die biologische Vielfalt ebenso offenzulegen wie die klimabezogenen. Ab 2023 müssen sie ausserdem offenlegen, welcher Anteil ihrer Investitionen mit der EU-Taxonomie übereinstimmt. Und Anfang dieses Jahres stellte die Taskforce für naturbezogene Finanzinformationen den neuesten Prototyp ihres Rahmens für naturbezogenes Risikomanagement vor.
Für Dimitrova ist die Richtung klar: In dem Masse, in dem die Welt die biologische Vielfalt als einen Wert für die Menschheit anerkennt, wird der Wert, der der Natur zugeschrieben wird, steigen. Dies führe zu einer verstärkten Überprüfung der Portfolios - und damit auch der Schäden, die die Unternehmen, in die investiert wird, in der Natur verursachen. Die gute Nachricht ist, dass dies auch eine Reihe von Anlagemöglichkeiten biete.