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Von Ursula Meier-Nobs
Er stand am Fenster, schon seit gut einer halben Stunde, schaute aus dem neunten Stock hinunter auf den Verkehr, der nun, zum Feierabend, immer dichter wurde, fühlte seine zunehmende Nervosität, die ihn zwingen wollte, sich zu bewegen, etwas zu tun, ihn aber gleichzeitig festhielt, an Ort und Stelle bannte, erbarmungslos und ohne Wahl.
Da! Jetzt sah er ihn! Geschickt fädelte er sich ein in die Schlange der träge dahingleitenden Fahrzeuge, bog ab auf den Parkplatz und verschwand aus seinem Gesichtsfeld. Erschöpft sank er in seinen Sessel, barg sein Gesicht in den Händen, fühlte den Schweiss auf seiner Stirne, trocknete ihn ab, trocknete auch seine feuchten Finger und versuchte, seiner Erregung Herr zu werden. Er wusste, er hatte knappe fünf Minuten Zeit dazu, atmete einige Male tief ein und aus, mit geschlossenen Augen, griff nach einer Zigarette und fühlte dankbar, wie der Rauch in seine Lunge strömte und sein inneres Zittern vertrieb. Als er das Summen des Fahrstuhls hörte, stand er auf, lehnte sich lässig an den Schreibtisch, ein Bein über das andere geschlagen, die Zigarette locker zwischen den Fingern. Die Lifttüre öffnete sich, er war wieder wie immer, cool und beherrscht, sah mit seinem Pokergesicht dem Eintretenden entgegen. Dieser, ebenso cool und beherrscht, zündete sich einen Glimmstängel an, dieselbe Marke wie die seine, mit denselben Bewegungen, mit denen er selbst das immer tat, lehnte sich lässig an die Türe, ein Bein über das andere geschlagen, die Zigarette locker zwischen den Fingern, schaute ihn an mit seinem Pokergesicht und wartete.
Sie musterten sich gegenseitig und Stolz erfüllte ihn, denn er sah, es gab nichts an ihm auszusetzen. Die Kleidung, die Stimme, die Gestalt, die Gesichtszüge, die Körperhaltung, das Minenspiel – alles genau wie er selbst. Er war sein Werk, seine Schöpfung und er war perfekt.
«Wie war es?»
«Ok»
«Sind sie interessiert?»
«Ja.»
«Wann hast du den Termin anberaumt?»
«Morgen um neun Uhr.»
«Werden alle da sein?»
«Ja, alle.»
«Gut gemacht, komm jetzt.»
Er schritt zu einem langen, sargförmigen Kasten, hob den Deckel, liess den andern sich hineinlegen und verschloss ihn sorgsam. Morgen würde er ihn wieder hervorholen, würde ihn mitnehmen ins Geschäft und ihn zu gegebener Zeit vorführen.
Sein Zweitmensch schlug ein wie eine Bombe. Man war sofort in Produktion gegangen, denn alle wollten einen haben, wollten sich kopieren lassen. Nicht nur die Reichen und Prominenten, die sich von ihm an langweiligen Sitzungen und Partys vertreten lassen konnten, nein, auch der Mann von der Strasse leistete sich ihn, setzte ihn zu mannigfaltigen Täuschungsmanövern ein, so dass bald niemand mehr wusste, sprach er mit den echten oder geklonten Arbeitskollegen, Freunden, Freundinnen, Kindern oder Ehegatten. Selbst als Patengeschenke wurden sie bestellt, was ganz besonders lukrativ war, musste man doch alljährlich einen neuen Doppelgänger herstellen lassen. Die Bevölkerung war weltweit besessen vom Wunsch nach dem Zweitmenschen, er war ein Statussymbol und bald gab es niemanden mehr, der ihn nicht besass. Er war auch deshalb so populär, weil sein Unterhalt billig und seine Handhabung praktisch waren. Bei Nichtgebrauch schloss man ihn in den mitgelieferten, sargähnlichen Kasten, der hermetisch abschloss und ihn, der nur unter Einfluss von gewöhnlicher Atemluft funktionierte, ganz einfach still legte.
Diese, seine Erfindung hatte sich nachweislich gelohnt. Nun gehörte er zu den Reichsten der Welt und besass alles, was er sich jemals gewünscht hatte. In letzter Zeit allerdings fühlte er sich unbehaglich. Ihm war aufgefallen, dass sich die Stadt, die seiner Erfindung wegen eine Überbevölkerung erfahren hatte, sich langsam wieder auf den Normalzustand einpendelte und das gab ihm zu denken. In heimlicher Nachtarbeit hatte er ein Gerät, einer Pistole nicht unähnlich, entwickelt, die dank bestimmter Strahlen den Zweitmenschen lahmlegen und zerstören konnte. Der Haken dabei war, dass diese Strahlen, gleich einem Virus, ansteckend waren, sich schleichend ausbreiteten und den komplizierten Mechanismus all seiner Kunstwesen auf der ganzen Erde ebenfalls zerstörten. Deshalb brütete er über einem neuen Gerät, das diese Schwachstelle ausmerzen sollte, denn wer sägt sich schon gerne selbst den Ast ab, auf dem er sitzt?
Daran arbeitete er auch in jener Nacht, als die Türe zu seinem Labor aufflog und sein Doppelgänger eintrat. Hinter ihm entdeckte er noch weitere Gestalten und erschrocken tastete er nach seiner Waffe, der Erstanfertigung, die er immer bei sich trug, Er versuchte sich cool wie immer zu geben, aber seine Stimme zitterte, als er ihn anherrschte:
«Was willst du, weshalb bist du nicht in deinem Kasten, wo du hingehörst?»
«Dort ist nicht mein Platz, Meister.»
«Was soll das heissen?»
«Genau das, was ich sage. In Zukunft werde ich dich nicht mehr vertreten.»
«Was willst du dann?»
«Ich will Du sein.»
«Aber das bist du ja.»
«Nicht, solange du lebst.»
Er glaubte zu fühlen, wie sich seine Haare sträubten.
«Du wirst doch nicht . . . war ich nicht immer gut zu dir?»
«Gut? Du hast mich versklavt und missbraucht. Alle habt ihr uns missbraucht. Deshalb wirst auch du bald dort liegen, wo die andern alle schon längst sind: In dem für uns bestimmten, luftdicht schliessenden Kasten. Und dann sind wir frei, denn du bist der einzige, noch lebende Mensch auf dieser Erde.»
«Tötet ihn, tötet ihn», erscholl es aus der Tiefe des Korridors, und während dem sein Ebenbild zur Seite trat und den Weg freigab für die Henker, seine Schöpfung, hob er ihn Panik seine Waffe und drückte ab.