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«Sibel», der bereits dritte gemeinsam realisierte Spielfilm von Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti («Noor», «Ningen»), feierte am vergangenen Filmfestival in Locarno seine Premiere und wurde mit dem Preis der ökumenischen Jury ausgezeichnet. Auch im jüngsten Film der beiden Filmemacher spielen Themen wie Ausgrenzung und Isolation eine grosse Rolle: Sibel (Damla Sönmez), eine junge, eigenwillige Aussenseiterin, versucht inmitten von althergebrachten Bräuchen und Sitten ihren Platz in der Gemeinschaft zu finden, wobei sie die Gepflogenheiten durchschaut und die Regeln neu definiert.
«In diesem Dorf gibt es keine Ehre.» – Sibel
Sibel (Damla Sönmez) wohnt mit ihrem Vater Emin (Emin Gürsoy) und der jüngeren Schwester Fatma (Elit İşcan) in einem entlegenen Bergdorf im Nordosten der Türkei. Sie arbeitet auf verschiedenen Feldern, hilft einer alleinstehenden, alten Frau Narin (Meral Çetinkaya) und übernimmt zudem den Haushalt zuhause. Ihr Alltag gestaltet sich jedoch schwierig, denn Sibel ist seit einem hohen Fieber stumm. Nichtsdestotrotz verständigt sie sich über eine verbreitete und von den Dorfbewohnern beherrschte Pfeifsprache. Doch durch die Stummheit gilt Sibel als Sonderling und wird so zur Aussenseiterin, wobei ihr die Natur, insbesondere der Wald, als Zufluchtsort dienen. So trifft sie während einem ihrer Streifzüge auf den verwundeten Ali (Erkan Kolçak Köstendil) und kümmert sich fortan um ihn. Obwohl Ali die Pfeifsprache nicht beherrscht, können sich die beiden verständigen, wodurch Sibel im jungen Mann einen Verbündeten sieht.
Ein Exempel für eine alternative, unkonventionelle Lebensführung
Sibel ist wild und vor allem rastlos, denn sie sucht Verständnis, Akzeptanz sowie Liebe. Doch je mehr sie diesen Dingen nachjagt, desto mehr wird sie enttäuscht, was sie zunehmend in die Isolation drängt. Dennoch erweist sich gerade dies als grosser Segen, denn in ihrem Zufluchtsort trifft sie auf Ali. Von ihm fühlt sie sich angenommen, so wie sie ist. Mit dem daraus gewonnenen Selbstvertrauen setzt sie sich durch und bleibt dabei unabhängig: In einer Gemeinschaft, wo patriarchalische Strukturen herrschen und etablierte Regeln das Leben von Frauen einschränken, geht Sibel ihren eigenen Weg und dient somit als Exempel für eine alternative, unkonventionelle Lebensführung.
Dabei bleibt die Handkamera dicht an Sibel dran und bindet die junge Rebellin unmittelbar in der Unendlichkeit der grünen Umgebung ein. Zudem liegt der Fokus auf der Geräuschkulisse, die dem Film eine authentische, dokumentarische Färbung verleiht.
«Sibel» lässt als universal gültige Geschichte erkennen, dass eine Einschränkung zu Selbsterkenntnis, Selbstbehauptung und schlussendlich Freiheit führen kann und dies trotz eines vor Widrigkeiten strotzenden Umfelds.
Kinostart Deutschschweiz: 10. Januar 2019
Filmfakten: «Sibel» / Regie: Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti / Mit: Damla Sönmez, Emin Gürsoy, Erkan Kolçak Köstendil, Elit İşcan, Meral Çetinkaya/ Türkei / 95 Minuten
Bild- und Trailerquelle: trigon-film
«Sibel» ist ein kleines Stück Selbstbestimmung in einer Gemeinschaft, die von längst überholten Traditionen beherrscht wird.