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Selbst Ryffel ist von Jonas Raess begeistert
Der für den LC Regensdorf startende Jonas Raess (29) ist der Schweizer Mittel- und Langstreckenläufer der Stunde.
Jonas Raess (mitte) zählt mittlerweile zu Europas Besten. Bild:: zvg
Der für den LC Regensdorf startende Jonas Raess (29) ist der Schweizer Mittel- und Langstreckenläufer der Stunde.
Regensdorf. Unlängst pulverisierte der LCR-Athlet Jonas Raess den 44 Jahre alten 3000-Meter-Rekord der Schweizer Läufer-Legende Markus Ryffel um fast sechs Sekunden. Die 7:35,12 Minuten sollen nicht die letzte Bestmarke von Raess gewesen sein.
Markus Ryffel (68), der Olympia-Silbermedaillengewinner von Los Angeles 1984 über die 5000 Meter, war einer der ersten Gratulanten. Raess' Coup katapultierte ihn in der europäischen Bestenliste über 3000 Meter auf den 3. Rang. Der Weg von Raess zum nun gefeierten Schweizer Top-Läufer war dabei steinig.
Als Teenager war Raess zu trainingswütig und deshalb oft verletzt. Selbst Swiss Athletics schrieb ihn seinerzeit mal ab und strich ihn aus dem Nachwuchskader. Heute verkörpert er europäisches Top-Level. Mit Wille, Eigeninitiative und einem unerschütterlichen Glauben an sich selbst verbesserte er sich Schritt für Schritt. Mittlerweile trainiert Raess mit Weltklasse-Mitstreitern vorwiegend in Boulder, Colorado, oder in St. Moritz.
Und Raess hat sich jetzt besser unter Kontrolle. Will heissen: muss nicht in jedem Training ausnahmslos ans Limit gehen, kann die Prominenz auch mal ziehen lassen. Um verletzungsfrei und damit mittel- und langfristig leistungs- und damit auch wettbewerbsfähig zu bleiben. In einem Interview mit dem «Furttaler» schildert der Olympia-Teilnehmer von Tokio 2021 und mehrfache WM-Teilnehmer seine Entwicklung.
Was passte in Zagreb vom Rennverlauf her so gut, dass Sie diesen Uralt-Rekord von Markus Ryffel über diese Distanz so deutlich unterbieten konnten?
Jonas Raess: «Man liest immer mehr von diesem fortschrittlichen Wave-Light, das bei Rekordversuchen die neue Tempomacher-Rolle einnimmt. Wir hatten kein sogenanntes Wave-Light. Ganz traditionell für ein schnelles Rennen brauchte es menschliche Tempomacher. Es hatte in diesem Rennen in Zagreb zwei Pacemaker, die zwei Kilometer lang ein sehr hohes, aber nicht zu hohes Tempo anschlugen. Und sie liefen dabei extrem konstant. Dies war das Mittel, um wirklich schnell laufen zu können. Es ist über diese Distanz auch ein zentraler Faktor. Zudem war es ein Feld mit einigen Weltklasse-Läufern und gleichzeitig auch einigen Athleten in meinem Bereich, mit denen ich auch um eine gute Klassierung kämpfte (Raess wurde Dritter in dem vom künftigen Schweizer Dominic Lobalu gewonnenen Rennen - Red.).»
Wie sind Sie zum Laufen gekommen und welchen Bezug haben Sie heute noch zum LCR?
«Durch meine Mutter bin ich zum Laufen gekommen. Es gab da einmal im Jahr einen Laufanlass für Kinder. Und da war ich eigentlich in erster Linie daran interessiert, mit der Kinderbuch-Figur Globi zu rennen. Später folgten erste Teilnahmen an Strassenläufen. Schliesslich wurde ich vom TV Unterstrass für einen Vereinsbeitritt angefragt. Dies war 2004. Da lief ich dann auch erstmals auf der Bahn. In diesem Verein fand ich unter Trainer Hansruedi Ilg Unterschlupf in einer Trainingsgruppe, die mich enorm pushte. Dann wechselte ich zum LC Regensdorf. Und wagte dann 2019 den Schritt zum Profi. Danach schloss ich mich Trainings-Gruppen im Ausland an, zunächst im englischen Manchester und letztes Jahr im amerikanischen Boulder. In der Schweiz trainiere ich unter Ruedi Meier vom LC Regensdorf, dies normalerweise zweimal pro Woche. Beim LCR habe ich immer noch sehr viele Freunde. Ich verfolge auch nach wie vor die Resultate von LCR-Athleten, was auf Gegenseitigkeit beruht.»
Seit wann sind Sie Laufprofi und können von diesem Sport wie leben? Und was machten Sie ausbildungsmässig und beruflich davor?
«Ich machte ein KV auf der Gemeindeverwaltung und holte dann noch Vollzeit die Berufsmittelschule nach. Danach begann ich ein Studium in Betriebsökonomie, das ich 2019 mit dem Bachelor abschloss. Danach sagte ich mir, dass ich jetzt Profi-Läufer werden will. Zu Beginn musste ich noch mit den Sponsoren schauen, dass ich genügend Einnahmen habe, um über die Runden zu kommen. Mittlerweile kann ich sehr gut vom Sport leben.»
Welche Rückschläge haben Sie im Verlaufe Ihrer Karriere erlitten und haben teilweise Ihre Lehren daraus gezogen?
«Es gab sehr viele Rückschläge in Form von Verletzungen. Schon als Teenager in der Wachstums-Phase hatte ich sehr viel trainiert. Und ich bin da vielfach «gegen eine Wand gerannt»., also in Verletzungen hinein, die mich immer wieder zurückwarfen. Als Laufprofi änderte sich dies. Da gewährte ich meinem Körper wirklich auch die Zeit für die Erholung. Coach Steve Vernon von der Trainingsgruppe in Manchester gab mir in diesem Zusammenhang sehr viele Inputs. Im Training ist für ihn die Konstanz der Schlüssel zum Erfolg. Extreme Steigerungen im Umfang fordern dagegen wiederkehrende Verletzungsanfälligkeit.»
Mit Ruedi Meier absolvierten Sie vor Ihrem Abflug an die WM in Budapest vor rund einem Monat noch ihr Abschlusstraining. Was beinhaltete dies?
«Nach der Rückkehr aus dem Höhentraining in St. Moritz trainierte ich die letzten zehn Tage im Flachland noch unter ihm. Das Abschlusstraining in Regensdorf beinhaltete 6 mal 800 Meter an der Schwelle sowie zwei Mal 400 Meter über dem Wettkampf-Tempo und dann noch zwei Mal 200 Meter. Es ging da nur noch darum, den Körper noch wach zu halten vor einem Grossanlass.»
Gibt es Trainingsreize, auf die Sie besonders gut ansprechen, Sie dadurch rascher in Top-Form kommen?
«Es gibt da keine Zauberformel. Wichtig ist einfach die Konstanz. Schon im Winter ohne Verletzungen oder andere Unterbrüche durchtrainieren zu können, bringt am meisten. Dann kann ich auch im Sommer in Form kommen. Prinzipiell spreche ich sicher auch auf längere Sachen gut an, die ich kontrolliert absolviere. Dies heisst, dass ich nicht zwingend immer schnell laufen muss, um schnell laufen zu können. Aber es ist nur ein Puzzle-Teil, um am Ende eine Topleistung abrufen zu können. Es muss viel zusammenpassen über extrem lange Zeit. Wenn nur schon ein halbes Prozent des Leistungsvermögens gesundheitlich nicht mehr vorhanden ist, erreicht man im Wettkampf bei weitem nicht mehr sein Rendement.»
Wie sieht die Unterteilung eines durchschnittlichen Wochen-Trainingsblocks aus?
«Eine Woche sieht so aus, dass ich im Winter einen Longrun mit bis zu 33 Kilometern absolviere im Winter. Dazu zwei bis drei Krafttrainings. Ansonsten noch Dauerläufe. Ohne Wettkampf, absolviere ich rund 160 bis 185 Kilometer wöchentlich.»
Wie viele Höhentrainingslager absolvieren sie seit wann?
«Ich absolviere schon seit einigen Jahren Höhentrainingslager. Mein Körper reagiert positiv darauf. Ich absolviere rund vier bis fünf entsprechende Camps. In den USA in Boulder, in Europa in St. Moritz. Grundsätzlich bin ich mehrheitlich in der Höhe am trainieren.»
Was sind die nächsten Ziele: kurz-, mittel- und langfristig?
«Aktuell befinde ich mich in der Saisonpause. Die Planung über den Winter werde ich noch mit dem Trainer besprechen. Aber ich werde sicher einige Strassenläufe absolvieren und wiederum in der Halle aktiv sein. Nächstes Jahr sind dann die EM in Rom und Olympia in Paris die grossen Ziele. An den EM möchte ich eine Medaille gewinnen. Und bei Olympia in den Final vorstossen. Und langfristig möchte ich mich in der absoluten Weltspitze etablieren. Über 5000 Meter will ich die Marke von 13 Minuten knacken. Wenn man auch noch in zehn oder 15 Jahren international in Erinnerung bleiben möchte, muss man die 5000 Meter unter 13 Minuten bewältigen.»
Zuerst müssen Sie aber noch diesen weiteren Uralt-Freiluftrekord von Ryffel (13:07,54) knacken. In der Halle haben Sie sich die entsprechende Bestmarke bereits geholt, obschon da ihre Bestzeit noch 41 Hundertstelsekunden über dem Outdoor-Rekord von Ryffel liegt. Wann sind Sie bereit, Ryffel auch noch den letzten Rekord zu entreissen?«Ich bin bereit. Leider ergab sich in dieser Saison noch nicht die entsprechende Rennkonstellation. Wenn ich Ryffels 3000-m-Rekord um sechs Sekunden verbessern konnte, muss diese Bestmarke auf jeden Fall machbar sein für mich.» Apropos Ryffel: Wie waren seine Reaktion auf seine in der Halle und Outdoor verlorenen verlorenen Rekorde (3000 und 5000 m Halle und nun 3000 m Freiluft) an Sie?
«Extrem positiv. Er war einer meiner ersten Gratulanten. Er schickte mir persönliche Nachrichten. Auf sozialen Medien schickte er mir sogar eine persönliche Gratulations-Botschaft per Video. Er gönnt es mir, dass es mir gut läuft. Er ist ein grosser Fan, auch wenn es ne Rekorde sind. Er freut sich mit mir.»
Früher waren die Mittel- und Langstreckenrennen am LCZ-Meeting mit Ryffel, Sebastian Coe, Steve Ovett oder Pierre Délèze Publikums-Highlights. Sie waren damals aber noch nicht gebore. Gab Ihnen beispielsweise Ruedi Meier etwas mit davon?
«So ist es. Auch mein erster Coach Ilg ist aus dieser Zeit. Ruedi Meier erzählte da sehr viele Storys aus dieser Zeit. Ich bin mir schon bewusst, dass der Mittel- und Langstreckenlauf früher noch einen höheren Stellenwert besass.
Richard Stoffel
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