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Vorliegender Text besteht aus fünf Dialogen – wobei der erste mit den übrigen wenig zu tun hat, sondern eine Art Replik darstellt auf die Rezeption eines früheren Werks von Bruno. Er ist höchstens diesbezüglich interessant, als Bruno nicht sehr freundlich (um nicht zu sagen: gehässig) mit seinen Kritikern umgeht. Zwar ohne einen beim Namen zu nennen, beschimpft er sie in gröbsten Tönen. Bruno scheint kein sehr konzilianter Mensch gewesen zu sein …
Die anderen vier Dialoge aber handeln dann wirklich von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen. An den vier Gesprächen nehmen immer die gleichen vier Personen teil: Gervasio, Dicsone, Polihimnio und Teofilo. Gervasio ist dabei der muntere Bursche, zwar bereit zu lernen, aber nur in Maßen, ansonsten macht er sich gern über Polihimnio lustig. Der wiederum ist der gelehrte Pedant, wie er im Buche steht: Ständig lateinische Redewendungen im Mund und ungeheuer stolz darauf, Rektor einer Minerva-Schule zu sein – womit er nicht die in der Schweiz existierende Kette von Privatschulen jeder Stufe meint, sondern so etwas ähnliches wie eine Universität. Ansonsten ist es unklar, ob er den Ausführungen der übrigen überhaupt zu folgen vermag. Gervasio steht für den damaligen Gönner Brunos – also zwar in der Lehre des Nolaners (d.i. Giordano Brunos, der aus dem italienischen Nolano stammte) unbewandert, aber intelligent und von rascher Auffassungsgabe. Auch, natürlich, unbedingter Anhänger der nolanischen Lehre, sobald er sie vernommen hat. Last but not least Teofilo – das Alter Ego Giordano Brunos, das den andern drei Gesprächsteilnehmern dessen Lehre vorstellt. Warum Bruno die Gesprächsform als Form gewählt hat, weiß ich nicht. Die Gleichung ‘Teofilo = Bruno’ ist so eindeutig entzifferbar, dass es nicht deswegen gewesen sein kann, dass er eine unorthodoxe Meinung hinter der Verwendung verschiedener Gesprächspartner mit verschiedenen Meinungen zu verstecken suchte, wie es z.B. später dann der Engländer David Hume tat. Obwohl er ihn kaum erwähnt, ist es vielleicht doch in Anlehnung an die ‘klassischen’ Dialoge des Platon geschehen. (Abgesehen davon sind die Dialoge – vor allem in den Kabbeleien zwischen Gervasio und Polihimnio – oft nicht übel geraten. Aber natürlich kranken auch Brunos Dialoge an den üblichen Gebrechen solcher Werke: Es sind im Grunde genommen immer Vorlesungen eines, der weiß, für ein Publikum, das (bestenfalls) lernen will oder muss, die Dialogform steht dem oft im Weg und wird vernachlässigt.)
Bruno, der auch einen Ruf als Naturwissenschaftler hat, zeigt sich in diesen vier Dialogen als Metaphysiker und versucht, sein Weltbild zu erklären. Einen wichtigen Punkt darin stellt dar, dass seiner Meinung nach die Natur (das Universum) ewig und unendlich ist. Damit äußert er laut und deutlich, was die damaligen Naturwissenschaftler nur hinter vorgehaltener Hand zu flüstern wagten. Denn diese Meinung war für die katholische Kirche ketzerisch, verneinte sie doch nicht nur implizit die Schöpfung der Welt, sondern auch ihr Ende mit dem nachfolgenden Jüngsten Gericht. (Diese seine Meinung sollte Bruno im Jahre 1600 denn auch den Tod durch Verbrennen einbringen.) Dabei existierte aber Gott für Bruno durchaus; ja, er ging nicht einmal so weit wie Spinoza, den ewigen und unendlichen Gott in eins zu setzen mit der ewigen und unendlichen Natur. Brunos Gott ist auch ewig und unendlich, dennoch umfasst er die Natur – derart, dass zwar die ganze Natur in ihm ist, aber nicht der ganze Gott in der Natur. (Korrekterweise darf man ihn also nicht einen Pantheisten nennen, sondern müsste ihn als Panentheisten bezeichnen.)
Brunos Natur ist – weil ewig und unendlich – auch unteilbar. Das hindert ihn aber nicht daran, auch so etwas wie kleinste Bestandteile der Natur zu postulieren – eine Art Atome. Seine Atome sind also Teile eines Unteilbaren, und sie spiegeln in sich das Ganze wieder – so, dass jeder Teil zugleich das Ganze ist. Auf diese Weise verbindet er den antiken Atomismus eines Demokrit, eines Epikur oder eines Lukrez (in einer Wendung gegen Aristoteles und die Aristoteliker – mit denen er die Spätscholastiker des 16. Jahrhunderts meint), mittels der Coincidentia oppositorum des Nikolaus von Kues zu etwas, aus dem einige Zeit später Gottfried Wilhelm Leibniz seine Monaden formen sollte. In diesem Sinne zog er auch die medizinischen Schriften des Paracelsus denen des Aristotelikers Galen vor. Und doch: Bei alledem fühlte sich Giordano Bruno zwar als einer, der die Wahrheit über das Universum erkannt hatte – aber genau deswegen nicht als der Herätiker, den die Kirche in ihm sah. Er glaubte inbrünstig an Gott – das geht aus den vier Dialogen von Über die Ursache, das Prinzip und das Eine, besonders natürlich den Reden Teofilos, seines Sprachrohrs, ganz klar hervor.
Warum die Giordano-Bruno-Stiftung auf die Idee gekommen ist, für eine Vereinigung mit den Zielen eines evolutionären Humanismus sich ausgerechnet auf diesen heißblütigen Menschen und schriftstellerischen Raufbold als Namenspatron zu berufen – einen Menschen, der zwar ein Ketzer war, aber ein gläubiger Ketzer – ist schwer zu sagen. Man sollte ihn sicherlich auch heute noch lesen – jedenfalls, wenn man an einem Bindeglied interessiert ist zwischen der scholastischen philosophischen Tradition des Mittelalters und der Philosophie der beginnenden Neuzeit. Als ein solches Bindeglied ist Giordano Bruno ein echter Vertreter des Humanismus – allerdings nicht im Sinne dessen, wie die Giordano-Bruno-Stiftung den Begriff ‘Humanismus’ versteht. Tut nichts zur Sache: Seine Philosophie ist in ihrer Merkwürdigkeit interessant, und zumindest die Dialoge von Über die Ursache, das Prinzip und das Eine sind auch literarisch nicht übel gelungen, d.h., einigermaßen lebendig und von daher schon lesenswert.
Gelesen in der Ausgabe bei Reclam (= RUB 5113 vom 1986/2015), Übersetzung und Anmerkungen von Philipp Rippel; Zeittafel, Literaturhinweise und Nachwort von Alfred Schmidt. [Letzeres allerdings, mit einem Engels-Zitat zu Giordano Bruno einsetzend, will im gläubigen Herätiker in der Nachfolge des Kusaners einen Vertreter eines spekulativen Materialismus sehen, wie es ja eben Engels vorgab. Vielleicht waren es ja solche Interpretationen, die den Gründer der Giordano-Bruno-Stiftung dazu verleitet haben, den italienischen Priester als Patron auszusuchen? Diese Ausgabe ist nicht die einzige Reclam-Ausgabe mit einem marxistischen Nachwort, das den Autor des Textes in einem seltsamen Licht darstellt, ja, mehr oder weniger diskreditiert. Ich erinnere nur an die Ausgabe von Max Stirners Der Einzig und sein Eigentum. Der Reclam-Verlag wäre gut beraten, wenn er diesen Ausgaben aus den späten 1970ern und den 1980ern die damals in Mode gestandenen marxistischen Nachworte nun, im 21. Jahrhundert, durch ideologisch neutralere ersetzen würde.]