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Der erste Geburtstag, an den sie sich erinnern konnte, war ihr dritter. Die Mutter weckte sie mit einem Kuss, und der Vater überraschte sie mit einer großen Stoffpuppe, die er selbst genäht hatte. Die Nachbarin kam mit einem Pflaumenkuchen, auf dem ein Brief mit einem handgeschriebenen Geburtstagsgedicht lag. Danach wurden ihr Kaffee und Kuchen ans Bett serviert, die Mutter setzte sich auf ihren Wunsch zu ihr und sang Astas Lieblingslied.
Das war am 11. September 1884. Asta Nielsen, die 1881 in Kopenhagen geboren wurde, lebte mit ihren Eltern und der viereinhalb Jahre älteren Schwester Johanne im schwedischen Malmö. Weil der arbeitslose Vater durch seinen Schwager dort Arbeit in einer Dampffabrik gefunden hatte, war die dänische Familie am 10. November 1883 mit dem Schiff von Kopenhagen über den Öresund nach Schweden in ein neues Leben gefahren. (Seit dem Jahr 2000 können Autos und Eisenbahnen dank einer Brücke den Weg übers Meer nehmen.)
Über die Situation der Familie zum Zeitpunkt ihrer Geburt schreibt Asta Nielsen in ihren Erinnerungen Den tiende muse Die zehnte Muse gut sechzig Jahre später: »In einer total hoffnungslosen Zeit voller Armut und Krankheit kam ich auf die Welt. Mein Vater war so krank und entkräftet, dass er sich nur fortbewegen konnte, wenn er sich an den Wänden abstützte. Er hatte nicht einmal die Kraft, das Neugeborene in seine Arme zu nehmen.« Die Mutter, bei der Geburt siebenunddreißig Jahre alt, hatte bis zuletzt in der Waschküche gearbeitet, um wenigstens die Hebamme bezahlen zu können. Alles, was man entbehren konnte, war ins Pfandhaus gewandert. Die Speisekammer war leer, es gab kein Brennholz für den Kachelofen.
Mit der Überfahrt nach Malmö zwei Jahre später wendete sich das Blatt zum Besseren. Die feste Arbeitsstelle brachte regelmäßig Geld ins Haus, auch wenn es anfangs eine bescheidene Summe war. Und im ersten Stock eines Hinterhauses in zwei kleinen Zimmern zu wohnen, war für eine Arbeiterfamilie nichts Besonderes. Asta, die Jüngste, kannte die harte Zeit ihrer ersten beiden Lebensjahre nur vom Hörensagen. Das Familienleben, das ihre Erinnerung an die Kindheit prägte, an die sieben Jahre in Malmö, war nicht von Entbehrungen geprägt, im Gegenteil. Sie glaube, wird sie in ihrer Autobiografie schreiben, »in Malmö verbrachten meine Eltern ihre glücklichste Zeit«.
Die Eltern: Der Vater, Jens Christian Nielsen, 1847 im nördlichen Jütland geboren, hatte kaum Erinnerungen an die eigenen, früh verstorbenen Eltern. Er besuchte keine Schule, arbeitete auf einem Bauernhof, bis er 1868 zum Militär eingezogen wurde. Er machte in der Armee als Offizier Karriere, wohl nicht zuletzt, weil er sich das Schreiben und Lesen selbst beibrachte, und wurde nach Kopenhagen versetzt.
Dort traf er bei einem Offiziersball die vier Jahre ältere Ida Frederikke Petersen, die mit Eltern und neun Geschwistern in der Hauptstadt lebte. Deren Vater war stolz auf den exotischen Titel eines »Wasseraufspürers«: Wenn ein Brand in den Städten ausbrach, war er es, der mit Erfahrung und Geschick die Stelle ausfindig machte, wo die Feuerwehr schnellstens an die größtmögliche Menge Wasser kam.
1872 wurde Jens Nielsen aus der Armee entlassen. Doch die Rückkehr in die jütländische Heimat, wo sein Bruder ihm eine Arbeit in einer Brauerei verschaffte, währte nur kurz. Am 3. Januar 1875 heirateten im lutherischen Dom zu Kopenhagen der Frue Kirke, Frauen-Kirche Ida Petersen und Jens Nielsen.
Ihr erstes Kind mussten die Eltern 1876 gleich nach der Geburt zu Grabe tragen. Am 13. Juni 1877 kam ihre Tochter Laura Johanne Marie auf die Welt, vier Jahre später die jüngste, ebenfalls im fünften Stock unterm Dach im Gammel Kongevej 9. Sie wurde vierzehn Tage nach der Geburt am 25. September 1881 in der Sankt Mathaeus Kirke auf den Namen Asta Sofie Amalie getauft; das neuneckige Taufbecken aus weißem Marmor steht dort heute noch rechts vom Altar.
Die ein Jahr zuvor eingeweihte neoromanische Backsteinkirche lag wie die Wohnung der Familie Nielsen im Arbeiterdistrikt Vesterbro. Heute geht man nur wenige Minuten vom Geburtshaus zur zentralen S-Bahn-Station Vesterbro. Die Erinnerungsplakette über der Eingangstür vom Gammel Kongevej 9, die an »ASTA NIELSEN, DÄNEMARKS ERSTEN STUMMFILMSTAR« erinnert, ist allerdings mit den Jahren verblichen und verdunkelt und hängt so hoch, dass sie niemandem auffallen kann, der vorübergeht.
Auf einem Foto von 1886 schauen die Eltern und ihre zwei Töchter Asta und Johanne uns selbstbewusst entgegen: Der Vater steht schräg nach links geneigt, schlank, dunkle Haare, große dunkle Augen in einem schmalen, weichen Gesicht, wo der auffällig breite Schnurrbart einen gewissen Gegenakzent setzt; die Mutter eher füllig, helles Haar, kantige Backenknochen, schmale Augen, aufrecht sitzend, ganz und gar nicht anlehnungsbedürftig; die deutlich kleinere Asta hält ihre Hand und steht ebenso kerzengerade wie die ältere Johanne.
Während die Handwerkerbrüder der Mutter vom Bauboom dieser Zeit, Kopenhagens Gründerjahren, profitierten, gelang es Astas Vater nicht, eine feste Arbeit zu bekommen. In der Familie dominierte ein trauriges Ereignis, wenn die Eltern ihren Töchtern von den ersten Ehejahren in Kopenhagen erzählten. Als Jens Nielsen das Bauprojekt eines Schwagers besichtigte, kam das Gerüst aus dem Lot. Er stürzte in die Tiefe, konnte aber durch ein gewagtes Manöver einen Lehrling, der mit ihm auf dem Gerüst gestanden hatte, retten. Seine Gesundheit allerdings war durch diese Kraftanstrengung so zerrüttet, dass er sein ganzes weiteres Leben lange und schwere Krankheitszeiten durchleiden musste. Es war seine Frau, die durch Putzen, Waschen und andere Hausarbeiten für die Nachbarschaft die Familie über Wasser hielt.
Vor diesem dunklen Hintergrund empfand Asta die Gegenwart in Malmö umso heller. Was die Kindheit Asta Nielsens vom November 1883 bis zum Juli 1890 prägte, war nicht nur der ausreichende materielle Besitz der Familie. Sie erlebte verschiedene Welten, offene Horizonte ebenso wie rigorose familieninterne Strukturen. Sie wuchs in zwei Sprachen auf und lernte, sich in allem, so verschieden und widersprüchlich es war, zurechtzufinden.
Die erste Malmöer Wohnung, in einem Hinterhaus in der Mårtansgatan, blieb mit einem Erlebnis verbunden, das sich vom Vergnügen blitzartig in einen Alptraum verwandelte. Eines Tages kletterte die kleine Asta mühsam die steile Treppe vom ersten Stock hinunter in den Hof. Mühsam, weil sie in einer Hand eine große Brotschnitte mit braunem Zucker hielt, die ihr die Mutter geschmiert hatte. Asta machte es sich unten gemütlich, ohne zu bedenken, dass auf dem Innenhof ein Hahn mit seinen Hühnern sein Revier hatte. Kaum hatte sie in das köstliche Brot gebissen, »kommt der Hahn mit den gelben Augen, hebt den Kamm senkrecht, gackert mit der Hühnerschar, rauscht auf mich zu wie der Führer eines Regimentes von Soldaten. Der ganze Hühnerharem stürzte sich auf mich. Er stolzierte siegesgewiss zwischen den gierigen Frauenzimmern.«
Asta ist wie gelähmt, unfähig, die Angreifer abzuwehren oder zu fliehen: »Erst als auch der letzte Krümel und die Hühner wieder weg waren, bekam ich Kraft und Mut zu heulen. Und damit hörte ich nicht auf, bis die Mutter die Treppe herunterrauschte, mich aufhob für eine Tracht Prügel, deren Intensität nichts zu wünschen übrig ließ.« So trostbedürftig das kleine Mädchen war, die Reaktion der Mutter kam nicht überraschend. ...