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SRF News: 99 Jahre nach der Eröffnung des Gotthard-Bahntunnels wurde 1980 der Autobahntunnel in Betrieb genommen. Wie war es zu diesem zweiten Tunnelprojekt gekommen?
Jakob Tanner: Das war ab den 50er-Jahren eine Folge der gesamten Verkehrsmobilisierung der Nachkriegszeit. Es hatte sich so etwas wie eine Konsum- und Freizeitgesellschaft mit ganz neuen Mobilitätsmustern entwickelt. Die Anzahl der Autos stieg und als Teil des entstehenden Autobahnnetzes wollte man nun auch einen Gotthard-Strassentunnel haben, noch in den 60er-Jahren gar mit zwei Röhren. Schliesslich kam man zum Projekt, das in den 70er-Jahren realisiert und 1980 eingeweiht wurde.
Man hätte die Sache freilich auch anders lösen können: Ab den 1950er-Jahren war ein Autoverlad ab Airolo und Göschenen aufgezogen worden, der bis zu seiner Einstellung mit der Eröffnung des Strassentunnels 1980 recht gut funktionierte.
Dennoch war die Euphorie in der Bevölkerung gross, als der Tunnel eröffnet wurde?
Helmut Stalder: Ja. Man hatte ja mit dem Gotthard-Bahntunnel bereits die erste wintersichere Verkehrsverbindung durch die Alpen gebaut. Nun hatte auch der Individualverkehr eine solche. Davor hatten sich Autos, Lastwagen und Busse Stossstange an Stossstange die Schöllenenschlucht hoch und durch die engen Pass-Kurven gequält. Und der Bahnverlad war doch auch eine umständliche Sache. Der Autotunnel wurde daher als grosse Befreiung wahrgenommen, der Alpenwall war nun auch für den Individualverkehr durchbrochen.
Wie schon für den Bau des ersten Gotthard-Tunnels Ende des 19. Jahrhunderts kamen für den Bau des Autotunnels auch in den 1970er-Jahren wieder Tausende ausländische Arbeiter in die Schweiz. Wie wurden diese aufgenommen?
Jakob Tanner: Sie lebten völlig abgeschieden von der lokalen Bevölkerung in einer Art Camps. Von der schweizerischen Öffentlichkeit weithin unbeachtet gab es dort eine vollständige Versorgungsinfrastruktur, auch mit Freizeitangeboten, wo die Arbeiter völlig unter sich blieben. Seit den 50er Jahren hatte die Schweiz eine Migrationspolitik verfolgt, die man damals «Rotationsprinzip» nannte. Arbeitsmigranten sollten nur befristet in der Schweiz bleiben und man dachte, dieses Ziel besser zu erreichen, wenn man sie nicht zu stark integrierte. Allerdings funktionierte das schlecht, weil viele der Arbeiter dennoch eine Perspektive in der Schweiz sahen.
Helmut Stalder: Es gab in der Gesellschaft – wie schon zur Zeit des Bahntunnel-Baus – eine Angst vor Überfremdung. Aus der Erfahrung heraus, dass es in kleinen Berggebieten plötzlich viele Fremde gab. Nicht nur der Gotthard, sondern auch Stauseen und andere Infrastrukturprojekte wurden von Gastarbeitern gebaut.
Es tat sich gewissermassen ein gesellschaftliches Spannungsfeld auf, das sich auch heute zeigt: Dass man Einwanderer zwar als Arbeitskräfte will, nicht aber als Teil der Gesellschaft. Dieses Gefühl war in dieser Zeit sehr stark.
Das sind Jakob Tanner und Helmut Stalder
|Jakob Tanner ist emeritierter Professor für Geschichte der Neuzeit und Schweizer Geschichte an der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Zürich.|
|Der Historiker und NZZ-Journalist Helmut Stalder befasst sich seit Jahren mit dem Gotthard und der Konstruktion nationaler Mythen. Im April erschien sein neues Buch «Gotthard. Der Pass und sein Mythos».|