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Feldforschung Draussen und im Netz
Von Michaela Schäuble
«Der Forschungsbetrieb wird bis auf bewilligte Ausnahmen vollständig geschlossen.» Diese Information verschickte das Vizerektorat Forschung am 24. März 2020 per Email an alle Beschäftigten der Universität Bern. Was bedeutet das aber für Forschung, die nicht in Laboren, Kliniken, Archiven oder Bibliotheken stattfindet und die nicht auf Experimenten, Messungen, Materialprüfungen, Textexegese, Dokumentenrecherche oder Versuchsanordnungen basiert? Für Forschung in den Sozial-und Gesellschaftswissenschaften, die empirisch angelegt ist und die eine aktive Teilhabe an den Lebenswelten derer erfordert, über die und mit denen gemeinsam geforscht wird? Wie die Lehre kann auch die Forschungstätigkeit in Zeiten einer Pandemie für Sozialanthropolog*innen nicht einfach ein-, sie muss radikal umgestellt werden.
Ich unterrichte derzeit im Bachelor-Programm Sozialanthropologie den obligatorischen Kurs «Forschungsübung I & II», der auf ein ganzes Jahr angelegt ist. Im ersten Semester, in diesem Fall also im FS 2020, sollen Bachelorstudierende allein oder in Kleingruppen von bis zu drei Personen ihr eigenes ethnographisches Forschungsprojekt konzipieren; das beinhaltet, dass sie eine Fragestellung entwickeln, relevante theoretische Debatten zum gewählten Thema identifizieren und selbständig Literatur recherchieren. Und es bedeutet auch, dass sie die methodische Durchführung der Forschung vorbereiten und erste Kontakte zu den Menschen knüpfen, deren Alltagspraktiken, Glaubensvorstellungen oder politischen Überzeugungen sie erforschen wollen. Über den Sommer, in der vorlesungsfreien Zeit sollen dann die jeweiligen Forschungen durchgeführt und im Herbstsemester 2020, im zweiten Teil der Übung (unter Anleitung) ausgewertet, analysiert und zusammengefasst werden.
Aber wie forsche ich zu Stadtbürger*innenschaft in Palermo oder zur Hausbesetzer*innenszene in Barcelona, wenn ich nicht dorthin reisen kann? Wie untersuche ich die Ausbildung von Autismusbegleithunden, wenn die Hundeschule geschlossen ist? Wie kann ich in einer Kirchengemeinde mitarbeiten und die Interaktion mit Asylsuchenden beschreiben, wenn keine Treffen mehr stattfinden? Für die Studierenden, die im Februar mit der Forschungsübung begonnen haben, stellten sich genau diese Fragen. Fast alle von ihnen mussten sich spätestens seit Mitte März entweder ein komplett neues Thema überlegen oder aber einen anderen Fokus und Zugang zu ihrem Feld erschliessen. Daraus entstehen derzeit neue Forschungsprojekte, die von Flexibilität und Experimentierfreude seitens der Studierenden geprägt sind. Ein Team untersucht das veränderte Kommunikationsverhalten in Zeiten von Corona-Restriktionen. Es lässt sich von rund zwanzig Personen verschiedenster Altersgruppen genauestens dokumentieren, wie, wann und mit wem diese kommunizieren. Dabei werden online abgehaltene Sport- und Yogaklassen ebenso erfasst wie Telefonate mit den Enkeln, virtuelle Kneipenbesuche, Gruppenchats, Musikunterricht per Whatsapp, Psychoanalysesitzungen oder andere Therapieformen per Skype u.v.m. Ohne die Frage direkt stellen zu müssen, ergeben sich so auch Einblicke in Bereiche, die ursprünglich gar nicht bedacht wurden (z.B. wie momentan religiöses Leben ohne Gemeinschaft praktiziert wird). Die Gruppe, die sich für die Autismusbegleithunde interessierte, wird nun eine andere Trainingsmethode untersuchen und mit eigenem Hund an einem Online-Training teilnehmen, um die Vor- und Nachteile dieser neuen Methode zu erproben und das Format «Online-Training für Hunde» auszuwerten. Eine weiteres Team, das ursprünglich in Graubünden kontroverse Stimmen von Wildhütern, Alpmeistern und Landwirten zum Thema Wolfsaufkommen sammeln wollte, fokussiert sich jetzt auf die dokumentierten Debatten und Gesetzesvorlagen im Zusammenhang mit der Revision des Jagdgesetzes in der Schweiz.
Mit diesem radikalen Umdenken-Müssen stehen die Bachelorstudierenden in der Forschungsübung nicht alleine da. An unserem Institut betrifft die Situation auch eine Reihe von Doktorierenden und Postdocs, die ihre Forschungen bis auf weiteres nicht antreten können oder ihr Feld überstürzt verlassen mussten. Für sie wird sich erst zu einem unbestimmten späteren Zeitpunkt zeigen, ob sie ihre Themen und Forschungsfelder anpassen oder komplett ändern müssen.
Weltweit haben Sozialanthropolog*innen sehr schnell auf die Situation reagiert. Es gibt unzählige Blogs, Foren und Online-Tagebücher («pandemic diaries»), in denen Anthropolog*innen von ihren aktuellen Forschungsbedingungen berichten, Verschwörungstheorien analysieren, die Datensicherheit kritisch beleuchten oder, angereichert mit medizinischem und mikrobiologischem Wissen, Auskunft über die biopolitische Dimension der Pandemie geben. Dazu zählen auch ökonomische Aspekte wie die Auswirkungen der Austeritätspolitik auf das Gesundheitswesen. Auch erste Methodenhandbücher und Literatursammlungen zum Thema «Doing Fieldwork in a Pandemic» (Lupton 2020) sind bereits erschienen. Diese reichen von Tipps für Online-Interviews und -Fokusgruppengespräche über den Einsatz und die Analyse von Podcasts bis hin zu Ansätzen wie «Experimenting with Online Live Action Role Play (O-LARPs)». Der Phantasie sind, vor allem was innovative und experimentelle methodische Zugänge betrifft, keine Grenzen gesetzt, so lange diese ethisch vertretbar sind und niemand zu Schaden kommt.
Und weil wir als Forscher*innen selbst in gleichem Masse von den Restriktionen betroffen sind wie die Menschen, denen wir begegnen, die wir befragen, an deren Alltag wir teilhaben und über die wir schreiben, ist es in vielen Fällen zur Zeit sogar einfacher, weniger hierarchische Beziehungen aufzubauen. Die Gruppe, die von ihren Forschungsteilnehmer*innen Kommunikationsübersichten und -tagebücher erfragt, schreibt natürlich auch selbst welche und wertet diese mit aus. Eine Masterstudentin, die die akustische Ebene des Coronavirus erfahrbar machen will, lässt sich neben eigenen Aufnahmen mittels öffentlichen Aufrufs auch Aufnahmen von Klanglandschaften schicken und hat schon Beispiele aus der ganzen Welt gesammelt. Solche partizipativen und autoethnographischen Ansätze waren auch schon «vor Corona» üblich, aber jetzt zeigt sich erst so richtig, wie zugänglich, vielseitig einsetzbar und krisenresistent sie sind. Die Kernkompetenzen unseres Faches, das genaue Hinschauen und Hinhören, sind jetzt ganz besonders gefragt, vor allem.a. wenn es darum geht, zu ermitteln, wie sich menschliche Wahrnehmung und Kommunikationsverhalten während eines «globalen Lockdowns» verändern und welche vielfältigen Strategien Menschen entwickeln, um trotz «Social Distancing» Nähe und ein Sicherheitsgefühl herzustellen.
Ich bin gespannt, welche Forschungen die Studierenden über die Sommermonate durchführen können. Und zugleich bin ich sehr zuversichtlich, dass sie kreative Zugänge finden werden, um fundierte und relevante Aussagen über ihre jeweiligen Forschungsfelder treffen zu können. Am Ende des Jahres werden zahlreiche ethnographische Studien zum veränderten Leben in Zeiten der Pandemie entstanden sein – und einige davon an der Universität Bern.