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Überblick über die Forschung zu Walter Nigg
"Zu dem Zeitpunkt, da ich mich der Hagiographie zuwandte,
lag sie im katholischen Raum arg darnieder,
und von den Protestanten wurde ihre Bedeutung überhaupt nicht wahrgenommen.
Die Heiligenbücher des 19. Jahrhunderts kamen mir mit ihrer Süßlichkeit
wie ranzige Butter vor.
Es war für mich oft eine Bussübung sie zu lesen."
Walter Nigg
aus: Ein Wörtlein über meine Bücher und weitere autobiographische Texte,
Fribourg 2010 (= Epiphania Egregia 3), S. 78.
Diskrepanzen
"Kein anderer evangelischer Theologe des 20. Jahrhunderts hat sich so intensiv mit der Hagiographie befasst wie der Zürcher reformierte Kirchenhistoriker Walter Nigg."[1] Nigg (1903-1988) bildet eine Generation mit Karl Rahner (1904-1984), Yves Congar (1904-1995), Hans Urs von Balthasar (1905-1988) und Dietrich Bonhoeffer (1906-1945). Der außerordentlichen Wirkung seiner Bücher auf breite Leserkreise, der Würdigung seines Lebenswerkes in populären Enzyklopädien[2] und seiner Verbreitung in hohen Auflagen und zahlreichen Übersetzungen steht die merkwürdige Tatsache gegenüber, dass seine Arbeiten seitens der Wissenschaft lange keine angemessene Darstellung und Deutung gefunden haben. Der Forschungsstand zu Walter Niggs Person und seinem Werk entsprach in keiner Weise seiner bemerkenswerten Ausstrahlung.
Nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges[3] befand sich eine junge Generation von Theologen in Deutschland und der Schweiz auf der Suche nach einer neuen religiösen Sprache. Nigg gehörte zu ihnen. Als Autor besaß er ein Gespür für den rechten Zeitpunkt einer Veröffentlichung. So kam nach zahlreichen wissenschaftlichen Forschungsbeiträgen[4] die Stunde seines Durchbruchs. "Große Heilige" (1946) eröffnete eine stete Folge von umfangreichen Büchern, Bildbänden, Quellenwerken und kleinen Schriften. Mit "Große Heilige" hat Nigg nicht nur den "Markstein einer neuen Sicht der Heiligen"[5]gesetzt, sondern ein Epoche machendes Werk geschrieben, das 60 Jahre nach Erscheinen der Erstausgabe durch den Zürcher Diogenes Verlag[6] mit einer Sonderausgabe gewürdigt und unter die Klassiker der Wissenschaftsliteratur gereiht wurde. Kein Theologe des 20. Jahrhunderts hat eine vergleichbare Breitenwirkung erzielt und wurde zugleich von der Fachwissenschaft so wenig zur Kenntnis genommen. Die Auflagenhöhe seiner Werke wurde nicht veröffentlicht, wie dies noch heute bei Bestsellern ab einer gewissen Größe durchaus üblich ist. Viele seiner Werke wurden zudem in hohen Sonderauflagen über Buchclubs vertrieben. Die Gesamtauflage[7] kann daher nur geschätzt werden. Sie dürfte mehr als zwei Millionen Exemplare betragen.
Walter Nigg hat unter Wissenschaftlern den Ruf eines Einzelgängers und Außenseiters. Doch keineswegs stand er im Abseits der Theologiegeschichte seiner Zeit. Zu den Diskrepanzen zwischen Niggs Bedeutung und seiner Wahrnehmung in der Wissenschaft gehört auch die Tatsache, dass er in außerordentlicher Weise von den großen Fragen der Theologie seiner Zeit bewegt war. In vielen Bereichen der Forschung entwickelte er neue interdisziplinäre Fragestellungen und gab mit seinen Büchern zahlreiche Anregungen für deren Bearbeitung: Er führte einen Dialog mit dem Judentum und hob die Bedeutung von Literatur und Kunst für die Vermittlung von Glaubenserfahrungen hervor. Er fragte nach Möglichkeiten und Grenzen historisch-kritischer Forschung im Bereich der Kirchengeschichte, der neutestamentlichen Exegese und der religiösen Anthropologie. Er reflektierte die Ergebnisse theologischer Forschung im Blick auf ihre Implikationen für das Gemeindeleben und die Spiritualität des Einzelnen und stellte die Bedeutung von glaubwürdigen Vorbildern für die religiöse Erziehung heraus. Nigg erforschte die Geschichte der Mystik im Blick auf eine erfahrungsbezogene Spiritualität, durch die er neue Zugänge zur Tradition eröffnen wollte. Seine hagiographischen Arbeiten reflektierten auch Möglichkeiten und Grenzen religiöser Sprache und Symbolik. Nicht zuletzt richtete Nigg seinen Blick als Hagiograph weit über die konfessionellen Horizonte seiner Zeit hinaus.
So wird heute sichtbar, wie zeitgemäß der unzeitgemäße Zürcher Wissenschaftler inzwischen geworden ist. Mit seinem Werk hat er den historischen Rahmen biographisch orientierter Kirchengeschichtsschreibung bewusst überschritten. Er war Wissenschaftler und zugleich über vier Jahrzehnte (1929-1970) Seelsorger und Religionspädagoge in zwei kleinen Schweizer Pfarrgemeinden (Stein und Dällikon). Über historische Quellen wollte er Zugang zu Identifikationsgestalten finden und somit nicht nur Forschung und Lehre, sondern vor allen Dingen Forschung und Leben, Wissen und Glauben sowie Bildung und Erziehung miteinander verbinden. Für die Grundlegung einer kirchenhistorischen Hermeneutik und Didaktik hat Walter Nigg daher eine herausragende Bedeutung. Sein Lebenswerk zeigt zudem die christlichen Quellen und den Traditionsstrom, dem Europa seine herausragenden Ideen verdankt. Das Wissen um die eigene Herkunft ist gerade in einer offenen Gesellschaft eine notwendige Voraussetzung für Identitätsbildung, Dialogfähigkeit und interkulturelle Kompetenz. Walter Niggs Werk zeigt mit seinen ethischen Implikationen auch, dass die Vermittlung von Werten an nachfolgende Generationen nur über authentische Vorbilder gelebten Lebens gelingen kann.
Weiterlesen über Walter Nigg im Spiegel der Forschung:
Hans Urs von Balthasar (1947)
Walter Nigg im Rahmen einzelner Forschungsbereiche:
[1] Bernd Jaspert. Mönchtum und Protestantismus. Probleme und Wege der Forschung seit 1877. Band 2. Von Karl Heussi bis Karl Barth. (=Regulae Benedicti Studia. Supplementa. Band 15) Eos Verlag. Erzabtei St. Ottilien 2006. S. 801.
[2] Meyers Enzyklopädisches Lexikon urteilt in dem Artikel "Walter Nigg" (Lexikonverlag. Mannheim 1976. Band 17. Seite 268): "Nigg betont gegenüber einer säkular orientierten Kirchengeschichte die transzendente Dimension. Er machte die Kirchengeschichte weiten Kreisen zugänglich."
[3] Vgl. dazu auch die Erinnerung von Adolf Köberle: "Die Jugend, die aus dem ersten Weltkrieg zurückkehrte, um an den deutschen Hochschulen mit dem Studium zu beginnen, befand sich in einer nicht geringen Ratlosigkeit. Wie viele alte Werte waren zerbrochen! Der Weg einer alsbald wieder einsetzenden politischen und theologischen Restauration war für alle, die gemerkt hatten, was für eine Stunde in der Weltgeschichte geschlagen hatte, nicht mehr gangbar." Adolf Köberle. Geleitwort. In: Wilhelm Stählin. Symbolon. Vom gleichnishaften Denken. Zum 75. Geburtstag im Auftrag der evangelischen Michaelsbruderschaft mit einem Geleitwort herausgegeben von Adolf Köberle. Evangelisches Verlagswerk. Stuttgart 1958. S. 7.
[4] Walter Nigg. Die Kirchengeschichtsschreibung. Grundzüge ihrer historischen Entwicklung. Beck'sche Verlagsbuchhandlung. München 1934; Walter Nigg. Geschichte des religiösen Liberalismus. Entstehung, Blütezeit, Ausklang. Max Niehans Verlag. Zürich und Leipzig 1937; Walter Nigg. Kirchliche Reaktion. Dargestellt an Michael Baumgartens Lebensschicksal. Verlag Paul Haupt. Bern und Leipzig 1939; Walter Nigg. Martin Bubers Weg in unserer Zeit. Verlag Paul Haupt. Bern 1940. (=Religiöse Fragen der Gegenwart. Bausteine zu einem kommenden Protestantismus. Herausgegeben von Josef Böni und Walter Nigg. Heft 1); Walter Nigg. Hermann Kutters Vermächtnis. Verlag Paul Haupt. Bern 1941. (=Religiöse Fragen der Gegenwart. Bausteine zu einem kommenden Protestantismus. Herausgegeben von Josef Böni und Walter Nigg. Heft 3)
[5] Ekkart Sauser. Artikel "Walter Nigg". In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Band XVI. Spalten 1139-1140. 01. Juli 2006. www.bautz.de.
[6] Walter Nigg. Große Heilige. Diogenes Verlag 2006. Die Erstausgabe erschien 1946 bei Artemis und nicht, wie auch in der Diogenes-Ausgabe falsch angegeben, im Jahr 1947.
[7] Im Familienarchiv befinden sich sämtliche Verträge über Niggs Bücher. Allerdings sind nur wenige Abrechnungen erhalten geblieben. Sie erlauben jedoch punktuelle Einsichten in die Auflagenhöhe einzelner Werke. Verkaufszahlen der großen Werke, mit denen Niggs Name verbunden bleibt, wie "Große Heilige" oder "Das Buch der Ketzer", sind nicht mehr zu ermitteln. Niggs Engelbuch "Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir..." erschien im Juli 1978 in einer Auflagenhöhe von 10.000 Exemplaren. Am 31. Dezember 1996 waren 51.557 Exemplare verkauft. Niggs Bildband "Der Mann aus Assisi. Franziskus und seine Welt" erschien im Jahre 1975. Am 5. Oktober 1976 waren 54.400 Exemplare verkauft. Nigg hat im Herder Verlag zwischen 1975 und 1981 elf Bildbände veröffentlicht, die innerhalb von sechs Jahren zusammen eine Auflage von über 400.000 Exemplaren erreichten. (Vgl. dazu Brief von Gertrud Nigg vom 10. August 1992 an Monika Schlitzer, Herder Verlag.)