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Gemäß Klappentext handelt es sich hier um ein Projekt von „Graz 2003 Kulturhauptstadt Europas“. Darauf, warum für dieses Projekt ausgerechnet das Thema „Toleranz“ gewählt wurde, finde ich keine Hinweise. Und warum Graz – das ja über eine eigene Universität verfügt, die auch keine schlechten Professoren ihr eigen nennt (jedenfalls war das so zu meiner Zeit) – warum Graz also einen Salzburger Professor mit dem Projekt beauftragte, wird auch nirgends erklärt. Wiederum gemäß Klappentext handelt es sich nämlich bei Heinrich Schmidinger, Prof. Dr. um einen Professor der Philosophie der Universität Salzburg. Der Klappentext unterschlägt, dass er römisch-katholische Theologe studiert hat und im Fachbereich Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Salzburg angestellt war und offenbar nach wie vor ist. Das wird wohl auch erklären, warum der Schwerpunkt dieses Lesebuchs auf der Toleranz im theologischen bzw. religiösen Bereich gelegt ist. Es besteht wohl kein Zweifel, dass man Schmidinger als „Reformtheologen“ klassifizieren könnte, dennoch hätte ich mir gewünscht, dass man eine Person für diese Anthologie gefunden hätte, die den Begriff „Toleranz“ nicht ganz so eng gesehen hätte. Auch wenn Schmidinger klar eine passive (eine simples „Laissez-faire“) von einer aktiven Toleranz unterscheidet, die sich (eben: aktiv!) für eine Akzeptanz Andersdenkender einsetzt, und letztere als die eigentliche Toleranz betrachtet: Eine Auseinandersetzung mit dem schon 2002 ubiquitären Rassismus fehlt gänzlich, ebenso eine mit nicht dem katholischen Standard entsprechender Sexualität. Frauenrechtliche Aspekte werden mit einem einzige Beitrag abgedeckt – der erst 1972 wieder entdeckten (und deshalb zeitgenössisch völlig wirkungslosen) Kontrafaktur der französischen Menschenrechtserklärung von Olympe de Gauges, die scharfsinnig erkannt hatte, dass mit den „Menschen“ in jener Erklärung im Grunde genommen immer nur Männer gemeint waren, weshalb sie eine eigene Frauenrechtserklärung formulierte. Da de Gauges kurz darauf als Opfer des revolutionären Terrors auf dem Schafott starb, verschwand das Dokument und konnte historisch gesehen keinerlei Wirkung entfalten.
Ansonsten: Was haben wir hier vor uns? Der Untertitel sagt es im Grunde bereits: eine Sammlung von Quelltexten zum Thema „Toleranz“ (genauer eben: religiöse Toleranz, oft und gerne auch einfach zwischen den verschiedenen Ausrichtungen des christlichen Glaubens), anhebend bei der Bibel, endend mit der berühmten Ringparabel in Lessings Nathan der Weise. Die meisten Texte – ganz sicher jene, die vor der eigentlichen Aufklärung entstanden sind – sind dem Thema „Toleranz“ erst nachträglich zugeordnet worden. Weder die noachitischen Gebote der Genesis, noch deren Interpretation durch Maimonides waren im Sinne einer Toleranz im heutigen Verständnis abgefasst. Solches wurde erst im Nachhinein als eine Art Rechtfertigung der eigenen Position mit einem Hinweis auf deren ehrwürdiges Alter in sie hinein gelegt – was der Herausgeber, der die Texte versammelt hat, auch zugibt. Ja, manche Texte, muss er zugeben, können auch anders gelesen werden denn als Zeugen einer toleranten Haltung. Manche Autoren, gibt er ebenfalls zu, haben sich zum Teil in anderen Texten auch sehr intolerant geäußert.
Schmidinger verfolgt mit dieser Anthologie das Ziel, weniger oder gar nicht bekannte Texte zum Thema „Toleranz“ vorzustellen. Dafür lässt er den einen oder andern Text weg, den man seiner Meinung nach problemlos in andern Anthologien zum selben Thema finden wird. (So z.B. das direkte Vorbild der Ringparabel aus Boccaccios Decamerone.) Es werden in den meisten Fällen nur Ausschnitte aus längeren Abhandlungen präsentiert. Diese Texte sind historisch geordnet in folgenden Kapiteln aufgeführt (wobei schon die Auswahl der Kapitel und deren Überschriften den Theologen verraten):
Religiöse Fundamente [sic!]
- Judentum: Bibel (Genesis, Maimonides)
- Christentum: Neues Testament (Evangelien, Apostelgeschichte)
- Kirchenväter (Tertullian, Laktanz, Salvinius von Marseille)
- Islam: Koran (aus den Suren 2, 3, 4, 5)
Theologie [sic!]
- Moses Maimonides (Parabel des Ijob; Das Kommen des Messias, 1170-1190)
- Ibn Kammuna (Untersuchung über die drei Religionen, 1280)
- Ramon Llull (Buch vom Heiden und den drei Weisen, 1273 – insofern interessant, als es sich hier um eines der wenigen mittelalterlichen Religionsgespräche handelt, bei denen zum Schluss nicht die Religion des Verfassers als die einzig logische oder natürliche obsiegt; selbst Nikolaus von Kues konnte sich nicht zu so etwas durchringen)
Literatur
Unter anderem einen Ausschnitt aus Wolfram von Eschenbachs Willehalm und die Vorformen der Ringparabel – ausser, wie gesagt, Boccaccios entsprechende Novelle.
Historik
Hier werden beschreibende Dokumente aufgeführt aus der Zeit der Kreuzzüge (die ja, so seltsam es klingen mag, den Europäern zum ersten Mal vor Augen führten, dass Muslime nicht per se Verkörperungen des Gott-sei-bei-Uns sind, sondern Menschen wie Du und Ich, die entsprechend behandelt werden könnten), sowie aus der Zeit der spanischen Eroberungen in Süd- und Mittelamerika (wo schon 1529 ein gewisser Bernhardino de Sahagún die hohe Kultur der Azteken bewunderte).
Humanismus
In diesem Kapitel verletzt Schmidinger seine selber aufgestellte Regel am gröbsten. Im Unterkapitel Platonische Akademie in Florenz bringt er zwar einen unbekannteren Text von Marsilio Ficino, kann dann aber nicht anders als beim zweiten Florentiner, Giovanni Pico della Mirandola, einen Ausschnitt aus dessen berühmter Rede über die Würde des Menschen zu bringen, und anschließend – außerhalb der Florentiner Akademie – von Thomas Morus den Abschnitt über die natürliche Religion der Utopier. Den Abschluss macht dann allerdings der weniger bekannte Spanier Juan Luis Vives.
Mystik / Spiritualität
- Meister Eckhart
- Johannes Tauler
- Sebastian Franck
- Texte von und über Spiritualisten und Wiedertäufer
Philosophie
(Besser wäre wohl „Religionsphilosophie“.)
- Averroës
- Uriel da Costa
- Herbert von Cherbury
Recht
(Besser wäre wohl „Rechtsphilosophie“.)
- Barolomé de Las Casas (zur rechtlichen Situation der Westinder – also der Indianer)
- Francisco de Vitoria (dito – Vitoria gilt gemäß Herausgeber als der Begründer des eigentlichen Völkerrechts)
- Hugo Grotius (Votum für den Frieden unter den [christlichen!] Kirchen)
Anlässe / Ereignisse
Hier finden wir Texte, die aus konkreten Anlässen heraus geschrieben wurden.
- Sebastian Castello: Über die Ketzer, ob man sie verfolgen soll (aus seinen Auseinandersetzungen mit Calvin, der den Servetus als Ketzer verbrennen ließ – ein Justizmord, wie wir heute sagen würden)
- Grimmelshausen: Ein kleiner Ausschnitt mit dem Glaubensbekenntnis des Simplicius Simplicissimus
- Gottsched: Eine Rede aus Anlass blutiger religiöser Verfolgungen innerhalb des Christentums
Politik
- Das Toleranzpatent Kaiser Josephs II (bzw. in dessen Zusammenhang entstandene Schriften)
- Die Grundrechtserklärung des Staates Virginia (bzw. je eine in deren Zusammenhang entstandene Schrift von Thomas Jefferson und Thomas Paine)
- Erklärung der Rechte des Menschen und des Bürgers der Französischen Nationalversammlung (die nie in Kraft getretene französische Verfassung von 1791) und, wie schon zu Beginn geschrieben, dazu die Erklärung der Rechte der Frau und der Bürgerin aus demselben Jahr von Olympe de Gouges
Abschluss
Lessings Ringparabel.
Viele weitere Namen und Texte werden in den die einzelnen Kapitel einführenden Statements von Heinrich Schmidinger genannt. Da sind dann auch die großen Namen zu finden, die man im Zusammenhang mit dem Thema „Toleranz“ erwarten würde: Erasmus, Spinoza, Montaigne, Montesquieu, Rousseau,Leibniz, Hobbes, Pufendorf, Herder, Schiller, Goethe – um nur einige der wichtigsten zu nennen.
Alles in allem also eine im Rahmen ihrer vom Herausgeber selbst gewählten Beschränkung brauchbare Zusammenstellung. Die Beschränkung aber macht, dass das Buch uns im Jahre 2020 einigermaßen unbefriedigt zurück lässt: Texte zu den Rechten Homosexueller oder gar transsexueller Personen dürften heute nicht fehlen. Insofern wäre eine erweiterte Neuauflage ein Desideratum.
Wege zur Toleranz. Geschichte einer europäischen Idee in Quellen. Herausgegeben, eingeleitet und erläutert von Heinrich Schmidinger. Redaktion: Dorit Wolf-Schwarz. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2002

Zum Hören: