Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03504.jsonl.gz/474

Gegründet wurde die Ecole Polytechnique von Paris im Jahr 1794. Sie feiert derzeit ihr 225jähriges Bestehen. Als nationale Institution und auf mathematisch-naturwissenschaftlichen Grundlagen sollte sie ihre Zöglinge (élèves) für den öffentlichen Dienst vorbereiten. Dem Innenministerium unterstellt war sie ausgerichtet auf Artillerie, Festungsbau, Strassen- und Brückenbau, Bergbau, Schiffbau, Meeresbau und Topographie. 1804 wurde sie von Napoleon militarisiert und auf seine imperialen Ziele ausgerichtet.
Die Kurse dauerten zwei Jahre. Ihre Schüler waren zwischen 16 und 20jährig, hatten eine unterschiedliche Vorbildung und mussten eine Aufnahmeprüfung bestehen. Der Lehrplan enthielt auch Sprachen und vermittelte einen allgemeinen Einblick in Konstruktion, Festungsbau und Architektur. Mit der Abschlussprüfung bekam der Schüler die Qualifikation für seine weitere, spezifische Ausbildung oder Karriere.
Im Zuge der revolutionären Umwälzungen waren selbst die Universitäten geschlossen worden, denn sie gehörten zu den Symbolen des Ancien régime. Die bestehenden Ingenieurschulen hingegen wurden als Ecoles d’applications weitergeführt, ohne dass sie die Revolution stark verändert hätte. Nur waren es jetzt Absolventen von der Ecole Polytechnique, die z.B. in die Ecole d’artillerie et du génie, oder des Ponts et Chaussées oder des Mines übertraten.
Beim Sturz von Napoleon kam es an der Ecole Polytechnique zu Unruhen und Wegweisungen von Schülern. Die Schule wurde reorganisiert, erhielt zivilen Status und konnte 1817 den Betrieb wieder aufnehmen. Ihr Ziel blieb es weiterhin, an zentraler Stelle junge Menschen heranzubilden, die Verantwortung im Staat übernehmen, sei es in der Verwaltung, im Unterricht oder im öffentlichen Dienst. Diese Idee und diese Struktur der technischen Ausbildung war rasch als Vorbild in den Ländern der Habsburger Monarchie und in Deutschland übernommen worden, so in Prag (1806), Wien (1815) und dann in Karlsruhe (1825).
Die Revolution in Frankreich hatte die Schweiz grundlegend verändert. Nach dem Einmarsch von französischen Truppen wurde 1798 die Helvetische Republik als Einheitsstaat ausgerufen. Sie war nicht lebensfähig. Ihr innerer Zerfall veranlasste Napoleon bereits 1803 zur Vermittlung. Mit seiner Mediationsakte, die er den Schweizer Gesandten in Paris aushändigte, übernahm er den föderalistischen Aufbau der alten Kantone mit einem Landammann an der Spitze. Er erhob aber bisherige Untertanengebiete zu gleichberechtigten Kantonen. In dieser Zeit des Umbruchs war die Schweiz Kriegsschauplatz fremder Heere und erlitt auch mehrmals einen Durchmarsch fremder Truppen.
Als Folge der Mediation hatte Napoleon am 27. September 1803 mit der Schweiz ein Militärbündnis abgeschlossen. Demnach war die Schweiz verpflichtet, Frankreich vier Regimenter voll ausgerüstet zur Verfügung zu stellen. Dieses Bündnis enthielt zudem einen Artikel, wonach 20 junge Schweizer auf Antrag des Landammanns an die Ecole polytechnique zugelassen würden, sofern sie die vorgeschriebenen Aufnahmeprüfungen abgelegt hätten. Diese Bestimmung erwies sich als ein Privileg für die Schweiz, denn sie galt noch als ein Teil von Frankreich. Ausländische Schüler wurden nur als Hörer für ein Jahr zugelassen. In den Verträgen von 1816 waren es dann noch 10 junge Schweizer. Zudem waren sie jetzt ausdrücklich berechtigt, nach erfolgreichem Abschluss eine Ecole d’application zu besuchen.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden es insgesamt 39 élèves und 32 auditeurs. Paul Bissegger hat es in minutiöser Arbeit unternommen, die Lebensläufe dieser ersten Schweizer darzustellen. Sie kamen vorwiegend aus der Romandie und mehrheitlich aus bürgerlichen Familien. Von den élèves wurden 29 promoviert, wobei die anderen ebenfalls erfolgreiche Karriere machten. Mehr als die Hälfte blieben in Frankreich, meist als Offiziere, als Professoren oder in der Bauverwaltung. So hatte auch Frankreich von den offerierten Studienplätzen profitiert (Bissegger 1989).
Prominentester Absolvent war Guillaume-Henri Dufour, der spätere Kantonsingenieur von Genf und General im Sonderbundskrieg.
Pierre-Joseph Marguet war als Ingenieur in Frankreich tätig, gehörte dann aber 1853 zu den Gründern der Ecole spéciale in Lausanne, der heutigen EPFL, wo er noch Architekturvorlesungen hielt.
Adrien Pichard war 1818-41 Kantonsingenieur. Er baute bedeutende Strassenverbindungen des Kantons Waadt sowie die Umfahrung von Lausanne (Ceinture Pichard) mit der Grand Pont auf zwei Ebenen (1836-44). Die untere wurde 1874 aufgefüllt (vgl. Abb.).
Jean-Charles Galissard de Marignac war Professor für Chemie und Mineralogie in Genf, der für seine Entdeckungen von Elementen geehrt wurde.
Neun der élèves gehörten später als Milizoffiziere zum Eidgenössischen Generalstab. Diese Behörde hatte die Aufsicht über das neue Bundesheer, das ab 1817 aus kantonalen Kontingenten zu bilden war.