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Der Chemin de fer Dakar-Niger war nicht nur die erste Eisenbahn in Westafrika südlich der Sahara, sondern auch die wichtigste Eisenbahnstrecke im französischen Schwarzafrika. Ihr Bau begann im 19.Jahrhundert mit dem Ziel, auf fast 1300 Kilometern Schienen Dakar in Senegal mit Koulikoro (östlich von Bamako) in Mali zu verbinden.
1998 fuhr ich von Dakar nach Bamako. Gemäss Fahrplan in 36 Stunden. Doch die Fahrt dauerte eine Nacht länger. Wir standen, weil die Bremsen defekt waren. In der Nacht war es eisig kalt – ich hatte nicht damit gerechnet, im Sommer in Senegal und Mali eine Decke zu brauchen; tagsüber fühlten wir uns, der prallen Sonne ausgesetzt, wie Dörrobst.
Wir hatten einen Platz in der 1.Klasse mit Bett, Wagon-lit. Das war anfangs wunderbar bequem, bis wir merkten, dass es keine Sitzplätze im Abteil gab. Wir waren also zwei Tage und zwei Nächte bettlägerig. Die Landschaft war eintönig. Die Dörfer im gottvergessenen Osten des Landes trostlos.
Der Kondukteur sammelte die Pässe der Fahrgäste während der Fahrt ein; im Grenzort Kidira mussten wir aussteigen. Hunderte von Passagieren drängten sich auf einer Wiese um einen Beamten mit einem riesigen Haufen Reisedokumenten. Es dauerte Stunden, bis wir unsere Pässe wiederhatten.
Und dennoch hatte der Beamte vergessen, unsere Pässe abzustempeln. Vielleicht war es auch Absicht. In Bamako mussten wir zur Fremdenpolizei und wurden scharf zurechtgewiesen – der Stempel würde fehlen. Man drohte uns, wir müssten die 700 Kilometer zur Grenze zurückfahren, um den Stempel einzuholen. Schliesslich bezahlten wir eine Busse.
Im Laufe der Jahre ging es mit der Eisenbahnlinie bergab. Die Bahn wechselte mehrmals den Besitzer, immer wieder gab es grossspurige Ankündigungen, aber nichts geschah. 2015 wurde ein Vertrag mit einer chinesischen Firma geschlossen, die sich um Renovation und Ausbau kümmern sollte. Ende 2016 begann stattdessen der Bau einer Zweigstrecke vom Zentrum Dakars zum neuen, 55 Kilometer entfernten Flughafen. Man spricht von einer Schnellbahn mit 160 Kilometern pro Stunde. Aber jeder fragt sich, ob das angesichts der umherspazierenden Hühner, Schafe und Rinderherden eine gute Idee sei.
Das Phänomen lässt sich vielerorts in Afrika beobachten. Der Bau von Eisenbahnverbindungen war ein zentrales Interesse der Kolonialverwaltungen. Schliesslich mussten die Rohstoffe abtransportiert werden. Die Schienen wurden oft in strapaziöser, gefährlicher Fronarbeit verlegt. Aber immerhin war nach der Unabhängigkeit der Zug in vielen Ländern die verlässlichste und günstigste Transportmöglichkeit. Allerdings haperte es am Unterhalt; viele Bahnverbindungen wurden in den letzten Jahren eingestellt. Anstatt die bestehenden Netze zu sanieren, trumpfen Staatschefs lieber mit glamourösen neuen Projekten auf, die allzu oft schon während der Planung wieder versanden oder als halbfertige, teure Wracks irgendwo vor sich hin rosten.
Manchmal hat der Schlendrian allerdings auch sein Gutes. Der Bahnhof in Dakar ist ein wunderbares Gebäude im Kolonialstil, das vor ein paar Jahren abgebrochen werden sollte, um einem Prestigeprojekt des damaligen Präsidenten zu weichen. Bis vor kurzem stand es immer noch und bröckelte vor sich hin, mit der Aura einer alternden Diva.
Nun heisst es, er werde für die Schnellbahn umgebaut. Warten wir es ab.
David Signer ist Korrespondent der NZZ in Dakar, Senegal.