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| Athanasius (295-373) - Leben des heiligen Antonius (Vita Antonii)

55. Kapitel. Rückkehr auf den Berg. Ermahnungen des Antonius an seine Besucher.
Nach einigen Tagen ging er indes wieder zurück auf den Berg, und von jetzt an besuchten ihn viele; auch andere, die ein Leiden hatten, wagten es, zu ihm zu kommen. Für alle Mönche, die ihn aufsuchten, hatte er immer nur diese eine Ermahnung, sie sollten auf den Herrn vertrauen und ihn lieben; sie sollten sich hüten vor schmutzigen Gedanken und fleischlichen Lüsten und sich nicht, wie es in den Sprichwörtern heißt,1 verführen lassen von der Sättigung des Bauches; sie sollten die nichtige Ruhmsucht fliehen, beständig beten, Psalmen singen vor und nach dem Schlafen, sich einprägen die Gebote der Heiligen Schrift, sich erinnern der Taten der Heiligen, um durch ihre Nachahmung der Seele, [S. 742] indem sie der Gebote eingedenk bleibt, Harmonie zu verleihen. Besonders aber riet er, das Wort des Apostels beständig zu verwirklichen: "Die Sonne möge nicht untergehen über eurem Zorne";2 sie möchten bedenken, daß dies allgemein von jedem Gebote gesagt sei, damit die Sonne nicht bloß nicht über unserem Zorne, sondern auch über keiner anderen Sünde von uns untergeht. Denn es sei schön und notwendig, daß die Sonne uns nicht wegen einer Sünde bei Tage, noch der Mond wegen eines Fehltrittes bei Nacht, oder überhaupt wegen einer inneren Erregung, verurteile. Damit nun dieser Zustand uns bewahrt bleibt, ist es gut, auf den Apostel zu hören und sein Gebot zu befolgen, wenn er sagt: "Beurteilet euch selbst und prüfet euch".3 Also soll jeder täglich sich Rechenschaft geben von seinen Handlungen bei Tage und bei Nacht. Wenn er gesündigt hat, soll er aufhören; wenn er aber nicht gesündigt hat, soll er sich nicht rühmen. Er soll vielmehr im Guten verharren, nicht sorglos sein, den Nächsten nicht verurteilen noch sich selbst rechtfertigen, wie der selige Apostel Paulus sagte, bis der Herr kommt, der das Verborgene erforscht.4 Denn oft bleiben wir uns selbst in dem, was wir tun, verborgen, wir wissen es nicht, der Herr aber bemerkt alles. Ihm wollen wir das Urteil anheimstellen, wir aber wollen gemeinsam dulden und einander die Bürde tragen,5 uns selbst aber wollen wir prüfen, und wenn wir etwas versäumt haben, trachten, es zu erfüllen. Folgendes soll noch ein Schutzmittel sein, um Sicherheit vor der Sünde zu erlangen: Ein jeder von uns soll die Handlungen und Regungen der Seele bemerken und aufzeichnen, als ob wir sie einander mitteilen wollten; und seid überzeugt, daß wir, wenn wir überhaupt uns scheuen, erkannt zu werden, aufhören zu sündigen oder etwas Schlechtes nur zu denken. Denn wer will, wenn er sündigt, gesehen werden? Oder wer lügt nicht lieber, wenn er gesündigt hat, da er verborgen [S. 743] bleiben will? Wie wir, wenn wir einander sähen, nicht Unzucht treiben würden, so werden wir uns auch, wenn wir unsere Gedanken aufzeichnen, als ob wir sie einander mitteilen sollten, uns eher hüten vor schmutzigen Gesinnungen, da wir uns scheuen, erkannt zu werden. Die Aufzeichnung soll an die Stelle der Augen der Mitasketen treten, damit wir nicht einmal an Schlimmes denken, da wir beim Schreiben erröten, als ob wir gesehen würden. Wenn wir uns so bilden, können wir den Leib unterwerfen6 und dem Herrn wohlgefallen, die Listen des Feindes aber vereiteln.
1: Prov 24,15.
2: Eph 4,26.
3: 2Kor 13,5.
4: 1Kor 4,5; Röm 2,16.
5: Gal 6,2.
6: 1Kor 9,27.