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Dimitri Tiomkin Prometheus XLCD 170 CD 1: 67:54/18 Tracks CD 2: 70:23/19 Tracks
Als The Fall of the Roman Empire 1964 in die Kinos kam, läutete er das Ende einer Ära ein: Nicht nur war es der letzte große Antikfilm aus einer langen Reihe von mit Stars und prunkvollen Schauwerten glänzenden Epen, mit denen Hollywood über annähernd ein Jahrzehnt das Fernsehen als großen Konkurrenten um die Gunst des Publikums hatte ausstechen können, er bedeutetet zugleich auch das nahende Ende des unabhängigen Imperiums, das Produzent Samuel Bronston in Spanien seit Ende der 50er Jahre aufgebaut hatte, und es war im selben Atemzug auch Dimitri Tiomkins letzte wirklich überragende Filmkomposition. Enttäuscht darüber, daß er für seine Roman Empire-Partitur zwar mit einem Oscar nominiert wurde, gleichzeitig aber gegen Mary Poppins Im selben Jahr verlor, zog er sich danach mehr und mehr aus der Filmbranche zurück, abgesehen davon, daß der alten Komponistengarde Mitte der 60er Jahre durch die modischen Pop-Trends ohnehin ja der Boden unter den Füßen entzogen wurde.
The Fall of the Roman Empire erschien daher zu einer Zeit, als das Kinopublikum mit Monumentalfilmen aller Art bereits übersättigt war und spielte dementsprechend seine Kosten von rund 18 Millionen Dollar überhaupt nicht mehr ein, erwies sich als Kassenflop, der zudem von der zeitgenössischen Kritik aufgrund Drehbuchschwächen und der vor allem in der zweiten Hälfte des Films sentimental ausgebauten Liebesgeschichte zwischen dem Tribun Livius (Stephen Boyd) und Lucilla (Sophia Loren), der Tochter des Kaisers Marc Aurel, überwiegend negativ aufgenommen wurde. Im Rückblick erweist sich der Film aber vor allem dank der prächtigen Bauten und üppig ausgestatteten Interieurs – so wurde das komplette Forum Romanum in einem Zeitraum von sieben Monaten von Hunderten von Arbeitern nördlich von Madrid nachgebaut – als optisch faszinierendes Spektakel mit superben Massenszenen. Anthony Manns Regie glänzt mit malerischen Bildkompositionen und einem souveränen Umgang mit Raum und Landschaft, bei der Personen und Dekor oft in symbolträchtige Beziehung zueinander gesetzt werden. Für Martin Scorsese besitzt Manns aufwendiges Epos heutzutage sogar „the poignant beauty of a lost art“ (nachzuhören in seinem Dokumentarfilm über das US-Kino „A Personal Journey Through American Movies“).
Zeitlich im 2. Jahrhundert nach Christus angesiedelt, schildert The Fall of the Roman Empire wie das römische Reich nach der Ära des um Frieden mit allen römischen Provinzen bemühten Philosophen-Kaisers Marc Aurel (hervorragend: Alec Guinness) nicht allein von äußern Feinden, sondern von innen heraus, durch die Dekadenz von dessen machtbesessenem Sohn Commodus (Christopher Plummer) zerstört wird. Gekoppelt wird dieser historische Hintergrund mit der privaten Liebesgeschichte zwischen Livius, der ursprünglich vom Kaiser noch vor dessen Vergiftung eigentlich zum Nachfolger designiert wurde, und Commodus‘ Schwester Lucilla.
Für Dimitri Tiomkin bedeutete die Mitarbeit an diesem großen Epos seine künstlerische Apotheose, denn in der Tat handelt es sich bei diesem voll überschäumendem Enthusiasmus komponierten Werk wohl um seine allerbeste Filmmusik. Bislang waren nur 40 Minuten des annähernd 2 1/2-stündigen Scores auf dem originalen Columbia-LP-Klappalbum verfügbar gewesen, das 1989 von Varèse auch auf CD veröffentlicht wurde. Die von David Wishart an 1991 produzierte Cloud Nine-CD mit „More Music from…“ lieferte zwar noch zusätzliche knapp 30 Minuten dieser Originalaufnahme nach, leider aber fast durchweg nur in Mono erhalten und mit verschwommen-dumpfem Klangbild versehen. Für lange Zeit ging damals das von Wishart ausgestreute Gerücht um, es hätte sich beim alten offiziellen Album um eine Neuaufnahme gehalten – eine Behauptung, die allerdings einem gründlichen Vergleich mit der originalen Aufnahme vom Film nicht standhält und vermutlich nur deshalb ins Leben gerufen wurde, um bei der Veröffentlichung der teilweise selben Tracks wie auf dem früheren Album keine rechtlichen Probleme mit Sony/Columbia zu erhalten.
Da die kompletten Bänder der Originalaufnahme seit langem verschollen sind, haben viele Fans bereits seit den frühen 80er Jahren von einer aufwendigen Neueinspielung der kompletten Filmmusik geträumt. Luc Van de Ven von Prometheus und James Fitzpatrick von Tadlow haben sich nach The Alamo und Conan the Barbarian erneut zusammengetan und dieses gewaltige Projekt nun tatsächlich auf die Beine gestellt, was einem angesichts der immensen Kosten und des abzusehenden finanziellen Verlustes zunächst einmal höchsten Respekt abverlangt.
Die vorliegende Prometheus-Doppel-CD offenbart, dass Tiomkin seinen Score als große Oper konzipiert hatte, bei der die rund 8 Leitmotive, die Frank De Wald in den ausführlichen und sehr gelungenen Liner Notes detailliert ausführt, konsequent durchgezogen, zum Teil miteinander kombiniert und in allen Facetten musikalisch ausgeleuchtet werden, so dass man von richtigen Durchhängern oder Schwachstellen trotz der gewaltigen Länge der Komposition im Prinzip kaum reden kann. Hingegen entsteht ein geradezu rauschhafter Sog durch die packende Grandezza und das leidenschaftlche Pathos, die Tiomkin hier wirklich in atemberaubender Manier auf den Hörer losläßt. Im Gegensatz zu einem Rózsa ist er auch kaum an historischer Authentizität interessiert, sondern bietet im Gegenteil Alles auf, was ihm vom Sujet her recht und billig erscheint. Mandolinen oder Cembalo mögen für Puristen zunächst etwas anachronistisch wirken, sie fügen sich aber bestens in den farbigen Orchesterklang mit ein und sorgen für zusätzliches stimmungsvolles Kolorit.
So wird etwa eine wild-überbordende Tarantella mit Mandolinen gegen Ende des Scores vom tragischen Hauptthema (gesetzt für Orgel und Klavier) regelrecht kontrapunktisch überlagert, als Lucilla im Streitwagen durch die feiernde Menge fährt, um ihren Geliebten Livius innerhalb der Stadtmauern Roms zu finden. Überhaupt sind es immer wieder geschlossene musikalische Formen, die Tiomkin geradezu als Resonanzboden dienen und durch die er seiner Musik eine ungeheure Formdichte verleiht: So finden sich mehrfach in dieser ausladenden Tonschöpfung Fugen, Passacaglien, Scherzi, instrumentale barocke Choräle oder etwa mit Profundo der bewegende Trauermarsch für das Begräbnis Marc Aurels. Somit entgeht Tiomkin auch der Gefahr, dass der äußerst lange Score je bruchstückhaft auseinanderfällt, sondern er hält die Spannung und Dramatik von Anfang bis Ende durch.
Glanzstücke der Komposition sind natürlich das monumentale Opening mit großer Kirchenorgel, die klangfarblich üppig gestaltete Pax Romana-Sequenz oder der orgiastisch und mit unglaublicher Rasanz und Energiegeladenheit zelebrierte Triumphzug des Commodus durchs Forum Romanum. Hier liefert Tiomkin absolute Paradebeispiele seines enormen Könnens ab, die vom City of Prague-Orchester unter Nic Raine auch mit großer Spielfreude und Vitalität gemeistert werden.
Interessanterweise werden die dramatisch wuchtigen und zupackenden Tracks, bei denen das volle Orchester zum Tragen kommt, hervorragend von den Pragern interpretiert, beim furiosen rhythmischen Drive des sich über mehr als 5 Minuten erstreckenden Persian Battle sind sie geradezu in ihrem Element und baden im ruppigen Tiomkin-Sound, obwohl die Musik mit ihren komplexen Schichtungen der Orchesterstimmen und kaleidoskopisch wechselnden Harmonien und Rhythmen an diesen Stellen wahrlich nicht einfach zu spielen ist und eine echte Herausforderung für Orchester und Dirigent darstellt. Hier leisten die Blech- und Schlagwerksektion des Orchesters schon Großartiges.
Nicht verschwiegen werden sollen aber die Schwächen, die mir auch schon bei der Tadlow-Einspielung von The Alamo auffielen und die sich hier ebenfalls wieder vor Allem in den ruhig-melancholischen Stücken von CD 1 – und damit weniger auf CD 2, wo das Orchester mir noch mehr in Fahrt zu sein scheint – bemerkbar machen: Gerade in Cues wie Lucilla and Livius, Caesar and Lucilla oder Lucilla’s Sorrow fehlt es an schmachtender Hingabe und an innig ausgespielter Melodik sowohl bei den Streichern wie bei den Holzbläsern. Man braucht sich nur die dementsprechenden Tracks in der Originalaufnahme anhören und wird sofort den Unterschied bemerken: Es ist unter Tiomkin selbst viel mehr an Gefühl vorhanden, die Legato-Bögen werden richtiggehend ausgekostet und es ist ein sehnsuchtsvolles Drängen im Orchersterspiel herauszuhören, das den Pragern leider etwas zu oft abgeht.
Man vergleiche diesbezüglich nur mal den ersten Einsatz des Liebesthemas Fall of Love mit Cello-Solo in Lucilla and Livius. Bei den Pragern kommt das viel zu glatt und betulich und dadurch auch langweiliger daher, bei Tiomkin dagegen ist absolute Hingabe vorhanden und das Elegisch-Tragische wird in seiner ganzen Fülle vor dem Hörer ausgebreitet. Ohne diese opernhafte Melodramatik verliert der Score unweigerlich an Wirkung und fällt in solchen Passagen leider etwas auseinander, denn gerade auch die ruhigen Tracks leben in der Originalaufnahme von einer intensiv durchgehaltenen Spannung. Schade, dass es an diesen Stellen auf der ersten Prometheus-CD bei dieser ansonsten äußerst kraftvollen Neueinspielung doch ein wenig hapert.
Merkwürdig auch, wie die Streicherstimmen in der zweiten Hälfte des Prelude ab etwa 1:40 geradezu untergehen und von Orgel und Bläsern regelrecht erdrückt werden. Jeder Kenner des Originals wird hier wohl zunächst etwas zusammenzucken und sich wundern über die in dieser etwa 30-sekündigen Passage merkwürdig unausgewogene Orchesterbalance. Ein Fehler bei der Abmischung oder gewollte Neuinterpretation?
All das sind natürlich kleinere Mängel, die hauptsächlich demjenigen auffallen, der einen großen Teil des Scores bereits vom Film und von den bisherigen CDs sehr gut im Ohr hat. Ansonsten präsentiert sich diese Doppel-CD als gewaltige Tour de Force, die jedem Golden Age- und Tiomkin-Interessierten – auch aufgrund der exquisiten Präsentation sogar mit einigen Tracks, die im Film gar nicht zur Verwendung kamen – nachhaltig zur Anschaffung empfohlen werden kann.
Stefan Schlegel, 23.11.2011