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Gruppenverhalten – subtile Signale entscheiden
Von Marta Manser, 28.4.2008
Der Tag der offenen Tür der Mathematisch- naturwissenschaftlichen Fakultät war für uns VerhaltensbiologInnen ein grossartiger Anlass das Thema Gruppenentscheidungen bei Tieren einem grossen Publikum vorzustellen. Gruppenlebende Tiere müssen immer wieder Entscheidungen über ihre Aktivität treffen um als Gruppe zusammenzubleiben und dabei dennoch individuell ihren eigenen Bedürfnissen nachzukommen. Um den Besuchern die Mechanismen bei solchen Entscheidungen spannend zu vermitteln, integrierten wir sie in ein Spiel entsprechend den Anleitungen eines kürzlich publizierten Experimentes (Dyer et al. 2008). Dabei wollten wir zeigen, wie das Verhalten der Gruppe, insbesondere deren Gruppenbewegungen, durch einzelne Gruppenmitglieder mit spezifischer Information auch ohne aktives Signalisieren funktioniert.
Wir führten das Spiel mit jeweils mindestens sieben Teilnehmern auf einem mit Nummern (1-6) begrenzten Gebiet (20m x 20m) durch. Den Mitspielern wurde mitgeteilt, dass sie alle zu einer Gruppe gehörten, welche unbedingt zusammenbleiben müsse, weil ein von der Gruppe getrenntes Individum von einem Räuber gefressen werden könnte. Auf einem Zettel geschrieben erhielten anschliessend alle Teilnehmer einen spezifischen Auftrag wie sie sich im nachfolgenden Spiel verhalten sollten. Dieser Information durfte niemandem weder mit Worten noch mit Gesten mitgeteilt werden. In der ersten Runde wurde einer einzigen Person mitgeteilt zu einer der Nummern (z.B. 5) zu gehen, während alle anderen Teilnehmer die Anweisung erhielten bei der Gruppe zu bleiben. In der zweiten Runde simulierten wir eine Konfliktsituation. Einerseits wurden drei Spieler angewiesen zur gleichen Nummer (z.B. 4) zu gehen, andererseits forderten wir einen einzigen Spieler auf zu einer anderen Nummer (z.B. 2) zu gehen. Die restlichen Spieler bekamen den Auftrag stets in der Gruppe zu bleiben. Alle Spieler wurden dann in die Mitte des Platzes gebracht und das Spiel begann mit der Aufforderung: «Nun bitte alle langsam herumgehen und immer als Gruppe zusammenbleiben».
Zu unserer Überraschung entwickelte sich mehrmals eine Gruppendynamik, die wir nicht erwartet hatten. Unsere Vorhersagen waren: In Runde 1 würde jeweils der Mitspieler mit der Anweisung zu einer Nummer zu gehen, die Gruppe relativ schnell dorthin führen. Bei der zweiten Runde würde der Spieler, welcher als einziger die Aufforderung hatte zu einer anderen Nummer zu gehen, ständig im Konflikt sein, die Gruppe zu verlassen. Wir erwarteten, dass er sich immer wieder von der Gruppe entfernte, dann aber wieder zurück ging, weil die restlichen Spieler durch die drei Spieler welche die Aufforderung hatten zur gleichen Nummer zu gehen, geleitet wurden.
Während sich die einzelnen Spielgruppen in Runde 1 sehr unterschiedlich verhielten, endete die Konfliktsituation in Runde 2 immer entsprechend unseren Vorhersagen. In der ersten Runden zeigte sich, dass es nicht nur auf die Information der Teilnehmer ankam sondern auf das Verhalten der einzelnen Spieler. Alle erhielten die Aufforderung sich auf dem Platz zu bewegen und nur eine Person hatte das Ziel zu einer Nummer zu gehen. War diese Person durch ihr Auftreten überzeugend genug, folgten alle zur Nummer. Verhielt sich aber eine andere Person dominanter folgte die Gruppe dieser Person. Da diese Person aber keinen bestimmten Ort anstrebte, begann sich die Gruppe endlos im Kreis zu bewegen, bis der Spielleiter nach fünf Minuten die Runde stoppte.
Mit den gleichen Mechanismen können Entscheidungen über koordinierte Aktivitäten von gruppenlebenden Tieren erklärt werden. Bei Fischen zeigte man z.B., dass ein über eine Futterquelle informiertes Tier eine Gruppe von Fischen welche diese Information über den Fütterungsort und –zeit nicht hatten, zu diesem Platz führen konnte (Reebs 2000). Dies bedingt allerdings, dass der informierte Fisch zum Fütterungszeitpunkt ein auffälligeres Verhalten zeigt und grösser war als die nicht informierten Fische. An Mangusten-Arten mit unterschiedlichem Sozialsystem (Zebramangusten als eher «egalitär» lebend mit keinem klar dominanten Tier und den «despotischen» Erdmännchen mit einem klar dominanten Paar) testen wir, ob sie sich bedingt durch die verschiedenen Dominanzverhältnisse in Gruppenentscheidungen unterscheiden.
Den Lesern empfehlen wir beim nächsten Anlass mit vielen Leuten das Spiel der Gruppenentscheidungen durchzuführen. Sie werden leicht erkennen, wer von ihren Bekannten eher dominant ist, wer eher unauffällig und zurückhaltend ist und wie sich dies auf die ganze Gruppendynamik auswirkt. Für uns zeigt das Spiel, wie unser eigenes soziales Verhalten auf vielen Mechanismen basiert, welche wir bereits in Tiergesellschaften unabhängig von einem komplexen Kommunikationssystems, wie der menschlichen Sprache, finden. Subtile Signale spielen bei vielen unserer Entscheidungen in der Gruppe eine Rolle, was wir viel zu wenig beachten.
Referenzen:
Dyer et al. (2008) Consensus decision making in human crowds. Animal Behaviour 75, 461-470.
Reebs SG (2000) Can a minority of informed leaders determine the foraging movements of a fish shoal? Animal Behaviour 59, 403-409.