Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03532.jsonl.gz/581

Feuer lässt sich exakt erklären, aber kaum verständlich beschreiben. Vereinfacht handelt es sich laut Chemielexikon dabei «um einen chemischen Prozess, bei dem sich ein Stoff (zum Beispiel Holz) unter Entwicklung hoher Temperaturen mit Sauerstoff verbindet. Die äussere Erscheinungsform dieses Prozesses ist das Feuer. Wobei für gewöhnlich Glut, Flammen und Rauch entstehen.»
Der Mensch wird es nie ganz beherrschen. Immer wieder verschlingen Feuersbrünste Landstriche und Fabrikhallen, töten Mensch und Tier. Oder fressen sich als Schwelbrände langsam durch den Boden, wie das Feuer von Centralia. In der ehemaligen Bergbaustadt in Pennsylvania hatte die freiwillige Feuerwehr vor fünfzig Jahren auf einer Halde Abfall verbrannt. Sie versäumte es, die Glut richtig zu löschen. Das Feuer kroch in die darunter liegende verlassene Kohlemine und breitete sich mit der Zeit immer weiter aus. Der Boden unter Centralia begann zu glühen: Seit zwanzig Jahren darf dort keiner mehr wohnen. Das unterirdische Feuer ist inzwischen so gross wie 35 Fussballfelder und lässt sich nicht mehr löschen. Solche Höllenfeuer gibt es überall auf der Welt, meistens verursacht durch den Kohleabbau. Allein in China verbrennen jährlich zehn bis zwanzig Millionen Tonnen Kohle unkontrolliert und zerstören die Umwelt.
Im Alltag ist das Feuer indes zur Zierde verkommen. Wer es sich leisten kann, hat in der Stube ein Cheminée. Die Letzten, die im Alltag verzweifeln, wenn ihnen das Feuer physisch fehlt, sind die RaucherInnen. Nur noch PfadfinderInnen wissen selber Feuer zu machen. Für den Rest kommt Feuer aus dem Feuerzeug wie der Strom aus der Steckdose.
Dabei haben das Feuer und die Kunst, es zu entfachen, die Menschen Jahrtausende lang umgetrieben. Es geht mit einem Stück weichen Holz, einem zugespitzten Stock und einem simplen, gespannten Bogen. Die Schnur des Bogens wird einmal um den Stock gewickelt und waagrecht hin und her bewegt, damit sich der Stock schnell dreht und ins Holz bohrt. Dadurch entsteht Wärme, die trockenes Moos oder Holundermark zu entzünden vermag.
Schon Ötzi hatte allerdings Pyrit dabei, als er vor 5000 Jahren über die Alpen wanderte und hoch oben im Ötztal ums Leben kam. Pyrit, das sogenannte Katzengold, wirft Funken, wenn man draufschlägt, womit sich leichter Feuer machen lässt. Doch immer braucht es Zunder, einen leicht entzündlichen Stoff, in dem sich die Glut entfalten kann.
Übrigens glimmt Zunder nur und soll nicht brennen. Der berühmte Zunderschwamm weist genau diese Fähigkeit auf. Dieser Pilz wächst an abgestorbenen Bäumen, und als die Wälder noch nicht so sauber aufgeräumt waren wie heute, konnte man ihn überall finden. Im 18. und 19. Jahrhundert entstand eine eigentliche Zunderindustrie, mit Zunderfabriken, in denen die Willigkeit der trockenen Pilze, sich zu entzünden, mit diversen chemischen Substanzen verbessert wurde. Es blühte auch ein eigentlicher Zunderschwammhandel weit über die Landesgrenzen hinweg.
Später kamen Zündhölzer und Feuerzeug – seither braucht man nicht mehr viel zu können, um eine Flamme zu erzeugen. Die Wegwerffeuerzeuge sind günstig und trotzdem kleine Kunstwerke. Ein Rädchen aus einem Cer-Eisen-Gemisch wirft kleine Funken und entzündet das Gas, das durch eine feine Düse aus dem länglichen Behälterchen strömt. Die Flamme erlischt, sobald man die Klappe des Ventils, die sich unter dem Rädchen befindet, loslässt. Gute Wegwerffeuerzeuge haben eine Kindersicherung und sind getestet, bevor sie in den Handel gehen. Schlechte sind tödlich: Laut der Europäischen Kommission kommen jährlich vierzig Menschen bei Unfällen mit Feuerzeugen um, fast 2000 werden verletzt, weil man die billigen Importfeuerzeuge aus Asien kaum testet.
So wird das Feuer immer sein, meistens zahm und ein Segen, doch bei sorglosem Umgang bereit fürs Inferno.