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Seema ist 24 Jahre alt und arbeitet für SOS-Kinderdorf Nepal als Community Mobilizer für unser gemeindebasiertes Familienstärkungsprogramm in Vyas. Sie hat mit 15 Jahren geheiratet und wurde mit 16 Mutter.
Nach schwierigen Jahren mit psychischen und physischen Qualen hat sie sich 2019 scheiden lassen. Ihre Tochter lebt seither bei der Familie ihres Ex-Mannes. Seemas grösster Wunsch ist es, das Sorgerecht für ihre Tochter zu erhalten und ihr eine Schulbildung zu ermöglichen.
Eine Liebesheirat
Als Seema 13 Jahre alt war, verliebte sie sich in einen drei Jahre älteren Jungen. Die beiden führten während 1,5 Jahren mit Wissen der Eltern eine Beziehung. Eines Tages kamen die Eltern des Jungen bei der Familie von Seema vorbei und man besprach, dass die Kinder heiraten sollten, damit „Schaden“ verhindert werden könne. Es gab eine kleine Hochzeitsfeier und später ein grösseres Fest im Dorf. Seema war damals 15 Jahre alt, ihr Mann 18. Nach der Hochzeit zog sie ins Haus der Schwiegereltern. Sie schloss die zehnte Klasse ab, danach wurde sie schwanger. Im Alter von 16 Jahren brachte sie ihre Tochter zur Welt. Sie wäre gerne weiter zur Schule gegangen, aber die Familie ihres Mannes erlaubte das nicht. Ihr Mann verdiente selbst zu wenig, deshalb waren sie von seinen Eltern abhängig.
Schwierige Jahre
Kurz nach der Geburt ihrer Tochter ging ihr Mann nach Kathmandu, der Haupstadt Nepals, um einen Hotelmanagementkurs zu absolvieren. Seema hatte damals kein Handy und konnte ihn nicht kontaktieren. Sie arbeitete täglich auf dem Feld oder pflückte Orangen im Garten. Wenn sie spätabends nach der Arbeit nach Hause kam, sorgte sie für ihr Kind. Währenddessen hatte ihr Mann eine Affäre mit einer anderen Frau. Die Familie wusste davon. Seema wollte es nicht wahrhaben. Sie hoffte, dass ihr Kind in einer guten Familie aufwachsen und sich alles zum Guten wenden würde. Und sie hatte die Hoffnung, dass ihr Mann seine Ausbildung abschliessen und ihnen ein Einkommen ermöglichen würde. Doch es kam anders. Die Schwiegereltern begannen, sie zu quälen. Der Schwiegervater war oft betrunken und rief sie abends zu sich, um sie zu beschimpfen und sie laut anzuschreien. Als Seema einen Schneider-Kurs absolvierte, um anschliessend Geld mit Näharbeiten verdienen zu können, verkauften die Schwiegereltern extra die Nähmaschine. So nützte ihr die Ausbildung nichts. Sie war verzweifelt, als sie realisierte, dass sie keine finanziellen oder materiellen Ressourcen, keinen höheren Schulabschluss und keine Aussicht auf ein eigenes Einkommen hatte. Sie war ihren Schwiegereltern ausgeliefert und konnte sich nicht wehren. Ihr wurde schmerzlich bewusst, was es für ein Fehler war, so jung zu heiraten.
Verlust des Sorgerechts
Weil Seema sich schämte, als Verheiratete ins Elternhaus zurückkehren zu müssen, wehrte sie sich lange dagegen. Aber irgendwann wurde es ihr zu viel und sie zog wieder bei ihren Eltern ein. 2019 kam es zur Scheidung. Ihr Ex-Mann erhielt das Sorgerecht für die Tochter, obwohl er kaum Kontakt zu ihr hatte. Wie es dazu kam? Die Schwiegereltern köderten das Kind mit Spielsachen und Süssigkeiten, sodass sie vor Gericht aussagte, dass sie beim Vater bleiben wolle. Zudem hatte Seema keine gute wirtschaftliche Grundlage, um für das Kind zu sorgen. Seema darf ihre Tochter seither nicht mehr sehen. Vor ein paar Wochen hat sich das Mädchen davongeschlichen und Seema besucht. Anscheinend wird sie von den Grosseltern schlecht behandelt. Seema bricht es das Herz, dies von ihrer Tochter zu hören und ihr nicht helfen zu können.
Neue Ziele
Während Corona und kurz nach der Scheidung starb Seemas Vater. Ihre Mutter zog daraufhin zum Bruder, um ihm und seiner Frau zu helfen. Seema lebt nun allein im Elternhaus. Sie arbeitet seit dem Sommer als Community Mobilizer für unser gemeindebasiertes Familienstärkungsprogramm in Vyas und besucht nebenbei die Schule im Fernunterricht. Sie will unbedingt ihren Bachelor machen und Lehrerin werden. In der Gemeinde gilt sie als Vorbild, weil sie ihre Geschichte offen erzählt und auf die Folgen der Kinderehe aufmerksam macht. Sie hat sie schon in vielen Kinderclubs erzählt und will dafür sorgen, dass anderen Mädchen ein ähnliches Schicksal erspart bleibt. Ihr grösster Wunsch ist allerdings, dass ihre Tochter, die heute acht Jahre alt ist, bei ihr leben darf und eine Schulbildung erhält.