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Frage:
Da Sie lange Zeit in Madagaskar lebten und dadurch Land, Leute und Gepflogenheiten kennen, gelange ich mit einer Frage an Sie. Unser Sohn und unsere Schwiegertochter werden in Madagaskar kirchlich heiraten und die Schwiegertochter hat etwas von Vodiondry gesagt. Laut Uebersetzung ist das die Mitgift, die wir als Eltern des Bräutigams den Eltern der Braut zahlen müssen. Was erwartet die Familie von uns?
Für eine Aufklärung bin ich Ihnen dankbar. Mit freundlichen Grüssen.
Antwort von Franz Stadelmann / PRIORI Madagaskarhaus:
Ja, das Vodiondry ist die Mitgift, die die Eltern des Sohnes den Eltern der Tochter schenken sollten. Dieses Geschenk hängt sehr ab vom Status der Familien und von getroffenen Vereinbarungen. Wortwörtlich übersetzt heisst Vodiondry ‘das Hinterteil (vody) eines Schafes (ondry)‘, also das beste Fleischstück eines Lamms, das man den Schwiegereltern seines Sohnes schenkt und mithin mit der Bedeutung: man bedankt sich bei Ihnen, dass sie ihre Tochter grossgezogen haben und versorgt sich auch mit dem besten Essensvorrat für die Zukunft.
Das bedeutet konkret: bei einer Hochzeit sind die Bräutigamseltern verpflichtet, den Brauteltern etwas zu schenken. Was das ist, wird traditionellerweise von Mittelsleuten diskret erfragt. Normalerweise wären diese Mittelsleute nahe Verwandte der Bräutigamseltern und somit auch jene, die in einem ersten Schritt im Namen des Bräutigams um die Hand der Tochter anhalten. Das Geschenk sollte nicht klein und keinesfalls nur symbolisch sein. Das Geschenk muss einen ersichtlichen Wert haben. Das Geschenk muss einen höheren Wert haben als das, was sich diese Brauteltern normalerweise leisten würden / könnten.
In der heutigen Zeit hat sich dies alles etwas vereinfacht, denn meist lernen sich die Braut und der Bräutigam direkt kennen und machen unter sich direkt aus, ob sie heiraten wollen oder nicht. Doch je mehr ruraler Herkunft die Familien sind und falls die Familien auf dem Hochland leben, umso mehr gelten die alten Regeln noch immer, zumindest für die Brauteltern. Würden die Brauteltern denken, dass die Regeln der Ahnen nicht eingehalten worden sind, dann würde ein Schatten auf der Hochzeit liegen und die Ehe allenfalls im Laufe der Jahre scheitern.
Was bedeutet dies nun im konkreten Fall? Ich würde Ihnen ganz sicher raten, ein für madagassische Verhältnisse dominantes Geschenk zu machen. Das könnte ein Fernseher sein (wobei die Fläche eine grössere Rolle spielt als die technische Leistung!) oder ein Rind / Kuh / Zebu. Heutzutage kann dies auch eine Geldsumme sein und hier ist eher an eine Tausenderkategorie zu denken als an eine Hunderterzahl. Es sollte etwas sein, von dem die Brauteltern direkt profitieren können, denn ganz bestimmt denkt der Bruder der Braut schnell an ein Motorrad für sich oder gar an ein Auto. Dies alles hängt natürlich von der ganz spezifischen Situation der Brautfamilie ab: lebt sie ländlich oder im städtischen Umfeld? Hat sie Zugang zu Strom? Was besitzt sie noch nicht?
Nicht als Vodiondry betrachtet würde folgendes Geschenk: Sie laden die Brautfamilie in die Schweiz ein zur Hochzeit oder auch später und bezahlen Flug, Aufenthalt, Winterkleider, Versicherung etc. (Dies wird spätestens mit der Geburt des ersten Kindes quasi von Ihnen erwartet, wäre dann aber kein Vodiondry.)
Ist das eine Antwort? Herzliche Grüsse aus dem Madagaskarhaus in Basel. Franz Stadelmann