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Das im Theologischen Verlag Zürich vor kurzem erschienene Grundlagenwerk mit 623 Textseiten bietet mit ausführlichen Abbildungs- und Kartennachweisen, dem umfangreichen Verzeichnis von Primär- und Sekundärliteratur sowie einem wertvollen Register rechtzeitig vor den kommenden Gedenkjahren zu den Reformationen in der Schweiz einen sehr gut lesbaren, interessanten und abgerundeten Einblick in die Reformation(en) der Schweiz des 16. Jahrhunderts. Kurz nach dem Erscheinen des gewichtigen Handbuches sei hier nicht eine vertiefte Kritik vorgelegt. Mit ersten Einblicken soll die SKZ-Leserschaft ermuntert werden, das gewichtige Werk selbst in die Hand zu nehmen.
Die Vorgeschichte
Das Handbuch ist in drei Teile gegliedert: Im ersten Teil gibt Regula Schmid einen prägnanten Einblick in die Schweizer Eidgenossenschaft vor der Reformation (27–68). So wird deutlich, dass ohne diese «Vorgeschichte» die frühen reformatorischen Bewegungen nicht verstanden werden können. Die Verläufe der erfolgreichen und erfolglosen Reformationen in der Schweiz waren durch das komplizierte Geflecht der dreizehnörtigen Eidgenossenschaft mit ihren Untertanengebieten, durch die wirtschaftliche Entwicklung, Abhängigkeiten vom Ausland und geistigen und religiösen Entwicklungen im Spätmittelalter beeinflusst. Die Eidgenossenschaft war ein wichtiger Faktor in der europäischen Machtpolitik – mit dem Militärdienst als dem grössten und umstrittensten Exportartikel (58). Es entwickelte sich eine Gedächtniskultur im Sinne eines von Gott auserwählten Volkes: «Die Ziele und Programme der führenden Reformatoren waren erheblich von der rechtlichen Entwicklung und den ideengeschichtlichen Hintergründen der Eidgenossenschaft geprägt» (68).
Die Reformation(en) in der Schweiz
Im zweiten und umfangreichsten Teil (69–446) geben zwei Autorinnen und sechs Autoren Einblicke in die verschiedenen Reformationen in einzelnen Kantonen und von mit den Eidgenossen verbündeten Drei Bünden und französischsprachigen Gebieten, aber auch über die gescheiterten Reformationen in Stadtstaaten, Länderorten und zugewandten Orten. Abgerundet wird dieser Überblick durch ein Sonderkapitel über die Schweizer Wiedertäufer.
Die Kirche war in Zürich wie in allen eidgenössischen Ständen allgegenwärtig, in der Stadt Zürich lebten vor der Reformation rund 200 Geistliche. Mit dem Bündnis von 1512 galten die Zürcher Ratsherren als treue Verbündete des Papstes. In einer Stadt ohne Bischof griff der Kleine Rat in die Gewalt des Konstanzer Bischofs ein. 1519 wurde Huldrych Zwingli, seit Marignano 1515 ein Gegner des Solddienstes und seit 1518 Leutpriester von Zürich, zum Reformator, ohne dass Emidio Campi ihn als Schüler und Nachfolger Martin Luthers sieht.
1522 legte Zwingli sein Leutpriesteramt nieder, distanzierte sich vom römischen Amtsverständnis und übernahm die vom Rat neu geschaffene Predigerstelle. Da der Rat letztlich das «ius in sacris» in Anspruch nahm, wurden die entscheidenden zwei Disputationen des Jahres 1523 möglich, 1524 gefolgt von Bilderstürmen und Klosteraufhebungen und 1525 von der Abschaffung der Messe. Auch wenn Zürich isoliert war, konnte es sich nach der Badener Disputation von 1526 halten, weil Bern, Basel und Schaffhausen sich einer Verurteilung Zürichs verweigerten. Der Tod Zwinglis und der zweite Kappeler Frieden isolierten Zürich weiter, aber Heinrich Bullinger, der sich mit anderen Reformatoren in vielem einigte, konnte die Zürcher Kirche langfristig organisieren.
In Bern war noch mehr als in Zürich die weltliche Obrigkeit massgebend, die noch 1524 den alten Glauben beibehielt, sich aber 1526 von der Badener Disputation distanzierte und 1528 eine eigene Disputation abhielt, was zur Reformation führte. Mit der Eroberung der Waadt 1536 und Genfs exportierte Bern die Reformation in die heutige Westschweiz.
Die Entwicklung der Reformation in Basel, erst seit 1501 eidgenössisch und in einer Randlage, unterschied sich markant von derjenigen anderer reformierter Städte. Der Basler Bischof wurde bereits vor der Reformation marginalisiert, und die vielen Druckereien waren für die Produktion reformatorischer Schriften wichtig. In der faktisch nach 1525 bikonfessionellen Stadt fand der reformatorische Durchbruch erst 1529, etwa zeitgleich mit Schaffhausen, statt. Erst gegen 1600 fand eine Angleichung mit den übrigen Schweizer Reformierten statt.
St. Gallen hatte die Reformation bereits 1525 als zweite Stadt nach Zürich angenommen. Mit dem Zweiten Kappeler Landfrieden von 1531 konnten Abt und Mönche 1532 wieder ins Kloster zurückkehren, was zwischen Stadt und Abtei zu einem eigenartigen Mit- und Gegeneinander führte. Appenzell war nach der Badener Disputation von 1526 ein konfessionell gemischter Ort mit einem äusserst frühen Toleranzbeschluss, wie das anderswo so noch nicht möglich war.
Gescheiterte Reformationen, zugewandte Orte und die Täufer
Besonders interessant und abgesehen von Spezialveröffentlichungen auch neu ist das Unterkapitel «Gescheiterte Reformationen». Lange Zeit nämlich wurde die Reformationsgeschichte nur als Erfolgsgeschichte geschrieben. Das Fazit: Es können kaum allgemeingültige Aussagen über die gescheiterten Reformationsversuche in den katholisch gebliebenen Ständen gemacht werden. An Le Landeron wird zum Beispiel deutlich, dass das schwächere katholische Solothurn dort mehr Einfluss hatte als das starke Bern, da Bern seine politischen Ambitionen nicht durch die religiöse Mission aufs Spiel setzen wollte.
Zwei längere Abschnitte richten den Blick über die dreizehnörtige Eidgenossen hinaus auf deren zugewandten Orte (Graubünden, Waadt und Genf) (301–394), deren Reformationen hier nicht an sich, sondern im Bezug zur Eidgenossenschaft dargestellt werden.
Ein längeres Kapitel über das Täufertum verdeutlicht, dass in den reformatorischen Anfängen Zürichs schon früh eine Pluralisierung Einzug hielt, was zu Verfolgung und Totschlag führte. Das autonome Gemeindeverständnis der Täufer war nicht kompatibel mit der engen Verflechtung von weltlicher und kirchlicher Gewalt in reformierten Ständen.
Wirkungen
In einem dritten Teil werden die Wirkungen der Reformationen näher beschrieben (447–623), so von Emidio Campi das theologische Profil der Reformation in der Schweiz, das noch keineswegs abschliessend bestimmt werden kann. Klar ist, dass eine gesamtschweizerische Kirche, wie sie Zwingli vorschwebte, nie Realität wurde. Ausserdem sieht Campi die schweizerische Reformation als Teil einer grösseren Reformationsbewegung. Bruce Gordon untersucht die Gemeinsamkeiten der verschiedenen reformierten Kirchen im 16. Jahrhundert, die vor allem im Bereich von Gottesdienst, Predigt und den Sakramenten Taufe und Abendmahl gross waren.
Die Reformation(en) war(en) auch ein Treiber für das Schul- und Bildungswesen (Karin Maag). Kaspar von Greyerz untersucht die Schweizer Gesellschaft im 16. Jahrhundert bezüglich Familie, Geschlechterrollen und Armut, wo die reformierten Kantone die frühere kirchliche Armenfürsorge verstaatlichten und die Sittenzucht in Kooperation angingen. Irene Backus zeigt erste Aspekte der Zürcher Reformationskultur auf, die bisher erstaunlicherweise noch nicht genauer dargestellt wurde.
Thomas Maissen schliesslich stellt die Auswirkungen der Schweizer Reformation(en) auf die Eidgenossenschaft als Ganzes dar. Die Reformationen führten zum Ende der territorialen Expansion der Eidgenossenschaft, um so das labile politisch-konfessionelle Gleichgewicht wahren zu können. Das Gleiche gilt für die zugewandten Orte. Mit der Einführung des «cuius regio–eius religio»-Prinzips fanden die Schweizer sich de facto schon 1531 mit der religiösen Pluralität ab und konnten sich so bis 1798 aus internationalen Konflikten heraushalten. Trotz allen konfessionellen Differenzen gab es mehr gemeinsame Interessen. Thomas Maissen, der die Reaktion der Katholiken etwas zu einseitig nur als Gegenreformation sieht und den Aspekt der katholischen Reform etwas unterschlägt, folgert am Schluss: «Letztlich profitierten die Eidgenossen (…) von dieser Pluralität: So uneins sie untereinander über die ewige, göttliche Wahrheit waren, so erlaubte gerade diese Uneinigkeit ihnen, sich aus den zerstörerischen Kriegen herauszuhalten, die im übrigen Europa über diese Fragen geführt wurden» (623).
Fazit
Das einzigartige Handbuch zeichnet spannend nach, wie es zwischen Boden- und Genfersee «von einer diffusen Bewegung zu einer konsolidierten Kirchengemeinschaft mit wohldefinierten Glaubenssätzen und Praktiken» kam (26). Als Faktoren, die der Bewegung ein eigenes Profil gaben, nennen die Mitherausgeber Amy Nelson Burnett und Emidio Campi den starken «Einfluss des Humanismus von Erasmus, die schnelle Verbreitung der Werke Luthers, die lange Tradition der Selbstverwaltung der Mitglieder der Eidgenossenschaft, die ausgewogenen Machtverhältnisse innerhalb der Städte und die religiöse Autonomie vieler Landgemeinden» (17).
Mit der nun vorliegenden deutschsprachigen Übersetzung des 2016 veröffentlichten englischen Originals ist das Handbuch, welches neben der Kirchengeschichte auch politische und soziale Fragestellungen einbezieht und sich nicht nur auf deutschsprachige, sondern auch auf französisch-und englischsprachige Forschungsergebnisse abstützt, bequem zugänglich. Das vorliegende Handbuch ist, um es auf den Punkt zu bringen, zweifellos ab sofort das Standardwerk zur Geschichte der schweizerischen Reformation(en).