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Coopzeitung: Du nennst deinen Sohn mit Downsyndrom den «kleinen Buddha». Warum?
Linard Bardill: Ein Kind mit Downsyndrom, meint man so, sei behindert. Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass nicht das Kind behindert ist, sondern mein Denken. Nämlich: Ich meine, normal sei, wenn man zwei Personen ist, diejenige, die man ist und die, über die man nachdenkt. Bin ich gut? Bin ich schön? Wer bin ich? Der kleine Buddha, der macht das nicht. Der ist einfach. Das heisst, er sucht nicht das Glück, er ist das Glück. Und in dem ist er mein Meister und mein Lehrer. Ich bin mit ihm ein Stück Weg gegangen. Es war der Weg des Glücks.
Jetzt bist du aber zwei, wie kannst du von ihm lernen?
Ich kann nicht einfach so dahin, wo er ist. Aber ich kann merken, dass die Distanz zwischen mir und, sagen wir, einem Baum gar nicht so gross ist, dass der Baum und ich nicht zwei verschiedene Sachen sind. Der kleine Buddha ist eins mit dem Baum. Er umarmt den Baum und dann ist er ein Baum. Er streckt seine Arme aus und dann ist er ein Fisch. Oder ein Vogel. Oder ein Krokodil. Wenn er in einen Maulwurfshügel taucht, dann tauche ich einfach mit hinein.
Wann hast du erfahren, dass er ein Kind ist mit Trisomie 21?
Nach der Geburt sagte die Hebamme, dass in seiner Hand die Herz- und die Kopflinie zusammenfallen. Das sei ein Zeichen für ein Downsyndrom. Ich kannte damals das Wort nicht. Sie erklärte mir, man habe dem früher «mongoloid» gesagt. Weil die Mongolen aber nichts dafür können, habe man das Syndrom nach dem Herrn Down getauft, der es zuerst beschrieben hat. «Down» gegangen bin dann ich, aber nach acht Jahren merke ich, dass es ein grosses Glück war, dieses Kind begleiten zu dürfen.
Derzeit diskutiert die Schweiz über einen Bluttest, mit dessen Hilfe Trisomie 21 ohne Fruchtwasserpunktion zuverlässig diagnostiziert werden kann.
Es ist ein unglaublich wichtiger Moment: Der Test ist ein massentaugliches Instrument, eine ganze Spezies von Menschen auszumerzen. Wenn es keine kleinen Buddhas mehr gäbe, wäre die Welt unendlich ärmer. Das wäre eine Tragödie. Da kommen mir Erinnerungen an ganz finstere Zeiten und die Zukunft wird zum Albtraum. Eine «schöne neue Welt», wie sie Aldous Huxley beschrieb. Alle Menschen sind speziell! Wenn man das Spezielle ausmerzen wollte, müsste man alle Menschen ausmerzen.
Wie alt ist der kleine Buddha heute?
Er ist acht Jahre alt.
Wo geht er zur Schule?
Er hat den normalen Kindergarten gemacht, danach war es uns klar, dass er nicht in die Regelschule geht. Die Schule ist ja schon für die anderen Kinder happig. Er könnte nicht stundenlang in einer Schulbank sitzen. Jetzt ist er mit drei anderen Downies in einer Sonderschule und die haben es gut.
Wie viel Zeit verbringst du mit ihm?
Gestern war ich den ganzen Nachmittag mit ihm und seiner Schwester in der Badi. Dann gibt es die Tagesrituale von Essen, vom Zähneputzen, vom Paratmachen, abends gibt es eine Geschichte, einmal in der Woche gibt es Eselreiten, oder wir gehen ins Maiensäss. Oder er hockt am Brunnen und ich schaue ihm von hier aus zu, wie er stundenlang Regenbogen produziert.
An was arbeitest du gerade?
Einerseits an dem Programm über das Buch mit dem kleinen Buddha, mit dem ich jetzt auf Tournee gehe. Andererseits bin ich an einer neuen Erwachsenen-CD, die nächstes Jahr kommen wird. Und dann kommt im November «Der Doppelhas wird Wirt» im Radio und auf CD.
Eine weitere Geschichte aus dem blauen Wunderland?
Ja. Im blauen Wunderland bricht die Geldgier aus bis zum Burnout des Doppelhasen. Nicht einmal Beltrametti kann ihn retten. Es wird sehr lustig und vielschichtig.
Du schreibst, der kleine Buddha lebe im Jetzt und das könnten wir von ihm lernen. Aber gehört es nicht gerade zum Leben, an die Zukunft zu denken und eine Vergangenheit zu haben?
Einerseits ist das ein Teil des Lebens, dass wir eine vermeintliche Geschichte haben. Es ist nicht gut, dass wir in einer Zeit leben, die sich der Tradition verweigert. Andererseits sind das alles Dinge, die im Kopf ablaufen. Gestern ist nur als Erinnerung im Kopf da. Darum ist das Jetzt der einzige Ort, wo man leben kann. Unseren Kindern wird ja gesagt: Wenn du dann in die Sek kommst, wenn du dann einen Beruf lernst, wenn du dann arbeitest, dann beginnt das Leben. Das Leben beginnt aber nicht irgendwann, das Leben ist. Jetzt. Das macht der kleine Buddha, ganz radikal.
Die Leser sprechen stark auf deine Geschichten über den kleinen Buddha an. Warum?
Ich glaube, weil der kleine Buddha ein Idyll ist. In unserer verrückten Welt sind Inseln einfach nötig, weil du sonst auch verrückt wirst. Darum fände ich es auch so schlimm, wenn es die Inseln bald nicht mehr geben sollte. Ich habe gelernt: Wir sind nicht fähig, so ein Kind zu erziehen oder einfach so mit ihm zusammenzuleben. Wir haben es gemeinsam miteinander gelernt und lernen noch. Darum kann man es auch nicht im Voraus beurteilen, ob man so ein Kind haben kann oder nicht.
Man muss sich von dem Kind verwandeln lassen – wie eigentlich von jedem Kind.
Du sagst es!