Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03588.jsonl.gz/1426

Wie können die Wirtschaftswissenschaften nach der Finanzkrise von 2008 weiterhin funktionieren? Oder besser: Wie können sie zu funktionieren beginnen? Yanis Varoufakis, Joseph Halevi und Nicholas Theocarakis blicken im ersten Teil ihres Buchs „Modern Political Economics: Making Sense of the Post-2008 World“ auf einige Jahrhunderte ökonomischen Denkens zurück. Müsste man die Schlussfolgerung kürzest möglich zusammenfassen, kämen wohl die beiden Begriffe „inherent error [inhärenter Fehler]“ und „radical indeterminacy [radikale Unbestimmtheit]“ zum Zug. Sie implizieren meiner Meinung nach so zentrale Erkenntnisse, dass ich das Buch schon als Quelle nutzte und zitierte, bevor Varoufakis griechischer Finanzminister wurde. Anders als man meinen mag, müssen die geäusserten Gedanken daher nicht zwingend mit der Eurokrise zusammenhängen. Dennoch gewinnt das Buch durch die aktuellen Ereignisse an Bedeutung, da es aufzeigt, wie Varoufakis als Finanzminister den globalen Kapitalismus versteht. Als Ökonomiestudent nagte ich während der ganzen ordinären Studienzeit an für mich offenen Fragen, die der realitätsfremde Elfenbeinturm des Mainstreams nicht beantwortete. Ich las schon damals immer kritische und heterodoxe Literatur. Die grossen Mühen bestanden darin, die Grenzen der Theorien zu erkennen, verschiedene Denkschulen einander gegenüberzustellen und Sinn daraus zu gewinnen. In der Ökonomie können sich die Antworten aus verschiedenen Theorien so stark widersprechen, dass sich immer wieder die allgemeine Verwirrung einstellte. Für ein wirkliches Verständnis der wirtschaftlichen Ereignisse geht es nicht darum, Theorien zu vollenden, sondern mit den Unklarheiten umgehen zu können. Das war für mich die entscheidende Erkenntnis, die ich nicht ausschliesslich, aber massgeblich aus diesem Buch gewonnen habe. Für mich stellt es eine starke Grundlage einer progressiven ökonomischen Analyse dar, die mich bei fast allen Überlegungen begleitet.
Wir können kapitalistische Ökonomien ganz simpel wie folgt beschreiben: Es gibt Produktion, Handel, Kapitalgeber und Arbeitnehmer. Es gibt eine Dynamik über die Zeiten hinweg: Wachstum, Stagnation, Rezession und Depression. Es gibt z.B. Konsumgüter und Investitionsgüter. Es gibt Geld, Kapital, Zinsen und Schulden. Um die Komplexität dieser interagierenden Variablen zu erklären, neigen Ökonomen dazu, theoretische, in sich abgeschlossene, d.h. eindeutig lösbare Modelle zu konstruieren. Die drei Autoren stellen fest, dass alle Modelle etwas gemeinsam haben: Sie benötigen starke Annahmen.
Entweder wird in einem Modell die zeitliche Dynamik geopfert. Es gibt dann zum Beispiel kein Wirtschaftswachstum oder die Einkommensverteilung der Produktionsfaktoren wird als konstant angenommen. Oder aber die Modelle kürzen die Komplexität raus. Zwar kommt dann eine zeitliche Dynamik hinzu, aber die simultane Interaktion fällt weg, da angenommen wird, dass die ganze Wirtschaft nur aus einem homogenen Gut besteht. Es gibt sogar ein Theorem, das besagt, dass es gar nicht möglich ist, Zeitdimension und Komplexität im selben ökonomischen abgeschlossenen Modell darzustellen. Das führt dann zum sogenannten inhärenten, den Modellen innewohnenden Fehler. Er betrifft sowohl die Theorien von Smith und Ricardo wie jene von Marx und der Neoklassik. Marx’ Ehrgeiz, ein Modell zu erstellen, dass die Widersprüche des Kapitalismus endgültig beweist, endete im sogenannten Transformationsproblem. Dieses besteht darin, die Preisbildung im Kapitalismus als dynamischem Komplex zu aufzuzeigen. Viel Schweiss wurde auf die Lösung dieses Problems verwendet, ohne überzeugende Resultate hervorzubringen. Die gängigen neoklassischen Theorien und Modelle sind noch extremer: Sie gehen von einem einzigen homogenen Gut aus und vernachlässigen die Zeitdimension oft sogar komplett.
Daraus folgt, dass die Modelle und dahinter liegenden Theorien zwar nicht einfach nur falsch sein müssen, dass sie aber nicht in der Lage sind, die ökonomische Realität hinreichend zu beschreiben. Ein wirklich adäquates Modell gibt es nicht. Oder anders gesagt: Die Modelle sind letztlich untauglich als umfassende Erklärung der Ökonomie, weil sie immer eine eindeutige Lösung hervorbringen. Die Realität birgt aber gerade aufgrund der Komplexität, aufgrund des inhärenten Fehlers eine Vielzahl möglicher Lösungen. Das bringt der zweite zentrale Begriff, die radikale Unbestimmtheit, zum Ausdruck. Ein Ereignis, ein Mechanismus, ein Effekt kann in einem bestimmten historischen Kontext eine andere Wirkung haben als in einem anderen. Modelle sind nicht in der Lage, diese Unbestimmtheit zu erfassen.
Um die Welt zu verstehen, braucht es mehr. Das ist indirekt auch die Antwort auf die eingangs gestellte Frage. Nach 2008, nachdem sich zahlreiche grundlegende ökonomische Ungleichgewichte im Platzen einer Finanzblase deutlich offenbart haben, zeigt sich das Scheitern des Neoliberalismus und der zugrunde liegenden Theorie endgültig. Eine Theorie, die aus so unrealistischen Annahmen wie der Effizienzmarkthypothese besteht, die die Dynamik des Geldes ausblendet, die nur Gleichgewichte, aber keine inhärenten Widersprüche kennt und die Staatseingriffe als Störung des ansonsten perfekt funktionierenden Wettbewerbs betrachtet, ist schlicht untauglich. Die Neoklassik ist gemäss den Autoren der Gipfel der Realitätsferne im ökonomischen Denken. Es ist aber diese mathematisch verblendete Sichtweise, die die nationale und internationale Wirtschaftspolitik in den letzten Jahrzehnten dominiert hat und dies immer noch tut. Die Wirtschaftswissenschaften können deshalb nur eine nützliche Analyse bieten, wenn sie sich von geschlossenen Modellen und Denkweisen lösen. Das erfordert die Einsicht, dass jede Theorie Erkenntnisse bieten kann. Keine Theorie kann jedoch alles allein erklären. Im Buch wird das mit einem Stock verglichen, der ins Wasser gehalten wird. Die Wasseroberfläche bricht ihn optisch. Jede Perspektive erlaubt nur einen verzerrten Blick auf den im Wasser befindlichen Teil. Alle Perspektiven zusammen ermöglichen es aber, die Position des Stocks vielleicht nicht ganz exakt festzulegen, aber doch gut zu orten.
Führt dieses Resultat zu Beliebigkeit? Sind nun alle Theorien gleich zu werten, im Guten wie im Schlechten? Das nicht. Aber es erklärt vielleicht, weshalb Varoufakis sich in seinen „Confessions of an Erratic Marxist“ nicht einfach als Marxist, sondern als launischen oder unbeständigen Marxisten bezeichnet. Ein bisher noch nicht erwähnter Theoretiker, auf den sich die Autoren oft beziehen, ist Keynes. Keynes ist einer der wenigen grossen Ökonomen, der den inhärenten Fehler nicht beging, eine wirklich makroökonomische Analyse zu entwickeln, die nicht durch mathematische mikroökonomische Modelle fundiert war. Er berücksichtigte, dass die gesamte Ökonomie nicht einfach die Summe der Individuen und Firmen ist, sondern dass das Ganze komplexe Wechselwirkungen enthält, die nicht mathematisch oder statistisch aufzuschlüsseln sind. Varoufakis bezeichnet den Marxismus als scharfsinnige Wirtschafts- und Gesellschaftsanalyse mit einem würdigen Menschenbild und einer Utopie, für die es sich einzusetzen lohnt. Aber das Marx’sche Modell ist auch nicht vor dem inhärenten Fehler gefeit. Der tendenzielle Fall der Profitrate ist zwar nachvollziehbar und plausibel, aber weder linear noch beweisbar. Daher ist es notwendig oder zumindest naheliegend, auch keynesianische Argumente zu berücksichtigen, womit sich das Feld des Post-Keynesianismus öffnet, der sich nach und eigentlich auch schon vor Keynes zu entwickeln begann. Er beinhaltet heute sehr viel mehr als die Keynes-Lektüre. Insbesondere gibt es viele Verbindungen zum Marxismus.
Der zweite Teil des Buchs liefert eine Erklärung für die Entstehung der Finanzkrise und holt dafür weit aus. Die USA erzielten in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg grosse Handelsbilanzüberschüsse, die sie in Japan und Deutschland investierten, um die vom Krieg versehrten Länder wiederaufzubauen. Es war einzigartig, dass der Kriegsgewinner dem Verlierer wirtschaftlich auf die Beine half, statt ihn auszupressen. Die Situation änderte sich mit dem Vietnamkrieg und den steigenden Rüstungsausgaben in den USA. Die amerikanische Handelsbilanz wurde negativ. Statt sich nach dem Zusammenbruch von Bretton Woods 1973 um den schwierigen Ausgleich im Aussenhandel zu bemühen, vergrösserten die Vereinigten Staaten das Defizit weiter. Um die Verschuldung zu finanzieren, wurde ausländisches Kapital angezogen. Dies funktionierte, weil durch die Liberalisierung der Wirtschaft die Löhne zu stagnieren begannen und dadurch die Kapitalerträge anstiegen. Die Deregulierung des Finanzsektors bot lukrative, wenn auch riskante Anlagemöglichkeiten. Die anfänglich restriktive Geldpolitik unter Paul Volcker sowie der Ölpreisschock trugen ebenfalls dazu bei. Die USA erzielten durch diesen riesigen unablässigen Kapitalzufluss im Vergleich zu Europa stolze Wachstumszahlen, was die neoliberale Wirtschaftspolitik als effektiv erscheinen liess.
Die Liberalisierungsepoche führte zwangsläufig zu wachsender Ungleichheit. Die realen Kapitalanlagemöglichkeiten wurden knapper bzw. nur durch die Verschuldung der arbeitenden Bevölkerung in Form von Hypotheken ermöglicht. Der Rest ist bekannt.
Die Finanzkrise hat, so die Autoren, eine riesige Verwirrung ausgelöst. Die Staatsverschuldung ist in vielen Ländern durch die Bankenrettung exorbitant angestiegen. Die Handelsungleichgewichte bestehen weiter. Das gilt insbesondere auch für den Euroraum. Bisher scheinen Austerität und weitere Liberalisierung bzw. die Verhinderung einer Finanzmarktregulierung in der Tagespolitik die einzigen Antworten zu sein. Die herrschende ökonomische Theorie zeigt sich im Moment ihres grössten Versagens von ihrer dominantesten und unerbittlichsten Seite. Eigentliche Lösungen sind nicht auf der Tagesordnung. Um die Verwirrung aufzulösen und eine brauchbare ökonomische Analyse zur Hand zu haben, schlagen Varoufakis, Halevi und Theocarakis die „Moderne Politische Ökonomie“ vor. Also eine Theorie, die nicht ausschliesslich auf einzelne mathematische Modelle abstellt; die die Unbestimmtheit nicht wegabstrahiert, sondern sie berücksichtigt und einen Umgang damit findet; die nicht a priori von einem allgemeinen Gleichgewicht ausgeht, sondern die existierenden Widersprüche und Ungleichgewichte als solche betrachtet; die sich nicht in einer abstrakten, sondern in der real existierenden Welt bewegt.
Es ist eine solche Theorie, die der Politik im Gegensatz zur Neoklassik wieder Raum gibt. Sie erlaubt die Entwicklung adäquater, vom historischen Kontext abhängiger Antworten. Varoufakis hat zusammen mit Stuart Holland und James K. Galbraith den „Modest Proposal for Resolving the Eurozone Crisis“ veröffentlicht. Dieser Vorschlag steht in einer Linie mit dem Buch. Er ist eine Analyse der Eurokrise und gibt eine Antwort, welche nicht in einer abstrakten, vorgegebenen Theoriewelt, sondern im Hier und Jetzt angewendet werden kann. Dabei geht es nicht einfach um eine weitere Idee, um der gegenwärtigen Entwicklung lediglich etwas Drall zu geben, sondern um den ersten Schritt für einen Plan, wie eine progressive Politik im Euroraum wieder Oberhand gewinnen kann. Konkret dreht sich der Grundgedanke in diesem Fall um die internationalen Handelsströme, die die wirtschaftliche Prosperität erheblich beeinflussen und bei unkontrollierter Entwicklung eine riesige Gefahr für die Weltwirtschaft darstellen. Wachsende Ungleichgewichte im Handel zwischen Ländern führen zwangsläufig zu Überschüssen auf der einen und wachsenden Schulden auf der anderen Seite. Es ist die Politik, die bestimmen muss, was mit den Überschüssen und den Defiziten passiert. Das war in den Nachkriegsjahrzehnten der Fall, als die USA mit ihren Überschüssen Europa wiederaufbauten. Das funktionierte bis Ende der sechziger Jahre. Darauf folgend funktionierte es ebenfalls, die amerikanischen Defizite wurden durch entsprechende Kapitalflüsse finanziert. Aber es war ein System in Schieflage, das zwangsläufig zur Explosion führen musste. In der Eurozone funktioniert das sogenannte Überschussrecycling überhaupt nicht, die Ungleichgewichte wuchsen im vergangenen Jahrzehnt ohne dass Massnahmen dagegen ergriffen wurden. Was der „Modest Proposal“ für Europa fordert, bespricht das Buch für die Weltwirtschaft: Es braucht einen „Überschussrecyclingmechanismus“, der dazu führt, dass die Ungleichgewichte im Rahmen gehalten werden, indem die Überschüsse in den Defizitländern reinvestiert werden. Welche Elemente aus der Modernen Politischen Ökonomie lassen sich aus dieser kurzen Zusammenfassung erkennen? Erstens sind Handelsflüsse nicht einfach unproblematisch und selbstregulierend wie die Mainstream-Meinung in den letzten Jahren kundtat. Zweitens haben sie nicht in jedem Kontext das Gleiche zu bedeuten. Sie können sowohl einen kommenden Aufschwung als auch eine gefährliche Verschuldungsspirale signalisieren. Drittens darf sich eine Lösung nicht auf ein einzelnes Modell abstützen, sondern muss sich dem konkreten Problem stellen. Im vorliegenden Fall bedeutet dies, dass sich ein Überschussrecyclingmechanismus nicht auf Annahmen abstützen muss, wie sich z.B. Individuen verhalten oder Technologien entwickeln. Er berücksichtigt die Komplexität des Ganzen und lenkt lediglich Grössen, die ihrerseits das Resultat dieser komplexen Prozesse sind.
Der Ansatz zu einer Modernen Politischen Ökonomie kann als Grundlage für solche progressiven Strategien dienen. Sie ist in der Lage, die übergeordnete Theorie mit dem praktisch Politischen zu verbinden. Ich vermute, dass Varoufakis deshalb einen grossen Einfluss auf die europäische Linke haben wird – wie auch immer die Verhandlungen zwischen Griechenland und der „Troika“ ausgehen werden.
Yanis Varoufakis, mit Joseph Halevi und Nicholas J. Theocarakis: Modern Political Economics: Making sense of the post-2008 world. Routledge, 2011.