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Chapeau
Der Rücktritt des russischen Top-Diplomaten Boris Bondarew kam mit einem Paukenschlag und löste im diplomatischen Genf ein Erdbeben aus. Grund für die Unruhe war Bondarews langes Rücktrittsschreiben, das sich wie eine Abrechnung mit dem Kreml und dem russischen Krieg in der Ukraine liest. Darin heisst es etwa: «Ich habe mich noch nie so für mein Land geschämt wie am 24. Februar dieses Jahres.»
Sein Text war zunächst nur an rund 40 Diplomatinnen und Diplomaten verschickt worden. Er verbreitete sich jedoch innert Minuten wie ein Lauffeuer durch die diplomatischen Gänge in Genf, womit auch die Öffentlichkeit ziemlich schnell Wind davon bekam. Die Nichtregierungsorganisation «UN Watch» veröffentlichte den Text als erstes, ein Journalist der Nachrichtenagentur «Associated Press» erhielt von Bondarew eine Bestätigung für den Inhalt des Schreibens.
Im Gespräch mit dem Journalisten äussert sich Bondarew auch zu möglichen Reaktionen vom Kreml: Er habe zwar noch nichts aus Moskau gehört. Selbstironisch sagt er jedoch gegenüber der Nachrichtenagentur: «Bin ich besorgt über eine mögliche Reaktion aus Moskau? Ich muss darüber besorgt sein.»
Bondarews Rücktritt löste auf dem internationalen Parkett grosse Bewunderung aus. Auch aus der Schweizer Politik sind bereits erste Reaktionen zu hören: «Sein Entscheid ist sehr mutig und darf nicht dazu führen, dass er in Gefahr gebracht wird», sagt etwa der Schweizer Aussenpolitiker und SP-Nationalrat Fabian Molina. Er fordert deshalb die offizielle Schweiz auf, ihm Asyl zu gewähren. «Der Grund der drohenden politischen Verfolgung ist gegeben, deshalb gebe ich einem solchen Gesuch gute Chancen», sagt Molina weiter.
Bondarew konnte für eine Stellungnahme nicht erreicht werden. Er erklärte aber gegenüber der «Associated Press», dass er Genf nicht verlassen wolle. Er äusserte sich auch zu einer möglichen strafrechtlichen Verfolgung in Russland, dies jedoch nur im Zusammenhang mit möglichen Nachahmern: «Wenn mein Fall strafrechtlich verfolgt wird, werden andere Leute nicht nachziehen.»
Molinas Ratskollege auf der bürgerlichen Seite, SVP-Nationalrat Roland Rino Büchel, äussert sich vorsichtiger: «Wenn die Gefahr einer politischen Verfolgung gegeben ist, dann kann es sein, dass Herr Bondarew Asyl braucht. Das entscheidet aber nicht die Politik, sondern ein sorgfältiges Asylverfahren mit den notwendigen Abklärungen.»
Büchel erklärt im Gespräch mit watson seine Vorsicht: «Man muss bei solchen Fällen, wo ein Diplomat eine 180-Grad-Wende macht, immer sehr genau hinschauen. Da wird sich auch der Nachrichtendienst des Bundes dazu äussern müssen. Ich gehe davon aus, dass Herr Bondarew dort bekannt ist. Daher sollte es nicht allzu lange dauern, bis eine Entscheidgrundlage vorliegt.»
Büchels Aussagen sind eine Anspielung an die Erkenntnisse des Nachrichtendiensts: 2019 sagte der frühere NDB-Chef Jean-Philippe Gaudin, dass etwa ein Drittel der russischen Diplomaten «Spione» seien. Im April 2022 erklärte das NDB: «Der NDB stellt seit Beginn des Ukraine-Kriegs keine Veränderung der Bedrohung durch verbotenen Nachrichtendienst in der Schweiz ausgehend von Russland fest.» Man verfolge «die Lageentwicklung in der Ukraine und allfällige Konsequenzen auf die Schweiz laufend und gemäss gesetzlichen Auftrags».
Das mit ukrainischem Getreide beladene Frachtschiff «Razoni» hat unerwartet vor dem türkischen Hafen in Mersin geankert. Das zeigten die Schiffsortungsdienste vesselfinder.com und marinetraffic.com am Dienstag. Eigentlich sollten die 26 000 Tonnen Mais in den libanesischen Hafen Tripoli und von dort nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur weiter ins benachbarte Syrien transportiert werden. Etwa einen Tag vor Ankunft änderte das Schiff dann seinen Kurs.