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Zu Hause liess Lena sich ein Bad einlaufen. Sie hatte beschlossen, zur Hoteleröffnung zu gehen. Sorgfältig legte sie die dafür ausgesuchten Kleider aufs Bett. Ein knallrotes Kleid mit einem gewagt asymmetrischen Ausschnitt, ein dunkles Strasscollier, selbstverständlich Schuhe mit hohem Absatz, zumindest höher als normalerweise, und ein schwarzes Kapuzencape. Sie hatte in der Wanne Platz genommen, da klingelte ihr Handy. «Isabelle – du hast ein wunderbares Timing.» «Und das heisst?», fragte die Freundin mit einem Schmunzeln in der Stimme. «Ich habe mich gerade zum Auftauen in die Wanne gesetzt.» «Und woher bist du gekommen? Von der Kryolipolyse im Gefrierfach?» «So ähnlich», antwortete Lena. «Heute war der Gerichtstermin für die Scheidung.» «Juhui.» Lena hörte Isabelle seufzen. «Und wie hat er sich benommen?» «Zuckersüss – wer ihn heute zum ersten Mal erlebt hat, wird sich gefragt haben, warum ich diesen Mann loswerden will.» «Macht nichts. Hauptsache, er hat nicht mehr gegen die Konvention gewettert und der Vorhang schliesst sich nach dem letzten Akt.» Die beiden Frauen schwiegen einen Moment, bevor Isabelle fortfuhr: «Und was machst du heute Abend?» «Ich gehe aus.» Mit Freude registrierte Lena, dass sie bei diesen Worten gelächelt hatte. «Das Hotel, an dessen Gestaltung Martin mitgearbeitet hat, feiert heute Eröffnung. Er hat mich eingeladen – und ich habe beschlossen, dabei zu sein.» «Das finde ich gut. Ich gratuliere dir. Deine Badewanne hat mich übrigens inspiriert», wechselte Isabelle unerwartet das Thema. «Was hältst du von einem Kurztrip nach Bad Ragaz kommenden Samstag? Charlie ist bei seinem Vater und ein bisschen Wellness könnte uns doch nicht schaden …» «Dein letzter Urlaub liegt ja auch schon mindestens ein Jahr zurück», zog Lena die Freundin auf. «Genau», Isabelle blieb spasshaft ernst. «Ich sag ja, etwas Wellness schadet bestimmt nicht. Ich ruf dich an, dann planen wir die Fahrt, okay?» «In Ordnung, machen wir. Ich freu mich auf dich.» «Ich freu mich auch auf dich. Und Lena, schön, dass du dich mit Charlie unter den Tisch gesetzt hast.» «Stimmt.» Lena betrachtete noch einen Moment ungläubig ihr schweigendes Handy. Sie seufzte, was für ein Geschenk, Menschen wie Isabelle zu kennen. Inzwischen war das Badewasser merklich kühler geworden. Lena wusch sich die Haare und duschte noch einmal heiss, bevor sie aus der Wanne stieg und sich fertig machte. Eine halbe Stunde später klingelte es an der Tür. Ein letzter Blick in den Spiegel. Lena schnappte sich Cape und Handtasche. Das Taxi stand bereit.
Schon von Weitem sah Lena den roten Teppich auf dem ansonsten düsteren Trottoir leuchten. Konnte sie ihren Augen trauen? Stand da wirklich ein livrierter Portier, der einem die Tür aufhielt? Ob sie das nach der Eröffnung beibehalten würden? Lena fand den älteren Herrn jedenfalls sehr sympathisch. In der Eingangshalle musste sie erst einmal tief Luft holen, und das nicht nur wegen der Menschenmenge, die sich da tummelte. Das Foyer glich der Bühne alter Musiksendungen im Fernsehen – von der Showtreppe bis zum Kristalllüster. Das Funkelspiel faszinierte Lena. «Ich glaube, du magst glitzernde Sachen.» «Oliver.» Lena war verblüfft. Vor ihr stand der blonde Hüne in einem schwarzen Anzug, ohne Krawatte, aber in einem herrlichen türkisfarbenen Hemd, das die Farbe seiner Augen betonte. «Was machst du denn hier?» «Jedes Hotel hat ein Computersystem. Und manche Innenausstatter haben aussergewöhnliche Ideen für den Komfort der Gäste.» «Aber du managst doch das System der Zeitschrift?» «Das beisst sich nicht, ist ein Netzwerk gut konzipiert, braucht es kein Fulltime-Management mehr. Und was machst du an der Eröffnung des neuen ‹Falken›?» «Ich kenne den Innenausstatter», antwortete Lena und lachte. «Ich sehe schon, unsere beiden Turteltauben haben sich gefunden.» Strahlend schmunzelnd kamen Martin und Marco die Treppe herunter. Lena machte zwei Schritte auf das Paar zu und legte dem Star des Abends beide Hände auf die Schultern. «Ich gratulier dir – du hast dem ‹Falken› tatsächlich Flügel verliehen.» Dann zog sie beide Männer scherzhaft an den Ohren. «Ihr hättet mir ruhig sagen können, dass ihr Oliver schon kennt.» «Wir? Wie kommst du denn auf so was. Wir bringen doch nicht Geschäft und Privatleben durcheinander.» «Gut gekontert», Lena wuschelte den Freunden durch die Haare. Marco nahm Lenas Hände in seine und küsste sie: «Bitte nicht die Frisur meines Liebsten zerstören, wir müssen nämlich noch ein paar Kontakte pflegen. Macht einen Rundgang und geniesst das Büffet. Lasst es euch gut gehen, bis später.» Kusshände werfend zogen die beiden von dannen. Lena wandte sich Oliver zu. Er hob die Schultern. «Ich wusste nicht, dass Martin ein Bekannter von dir ist.» «Warum weisst du, was ich fragen wollte?» «Du hast so ausgesehen. Wollen wir seinen Vorschlag in die Tat umsetzen?» Ganz Gentleman bot Oliver Lena seinen Arm. Sie nahm ihren Mut zusammen und hakte sich bei Oliver ein. «Los gehts.»