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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

22. Buch
28. Plato, Labeo und dazu Varro hätten sich gegenseitig zum wahren Auferstehungsglauben ergänzen können, wenn ihre Meinungen in eine einheitliche Lehre zusammengeflossen wären.
Es gibt bei uns manche, die in ihrer Vorliebe für Plato, den sie hochschätzen wegen seines hervorragenden Stiles und wegen mancher richtigen Anschauungen, ihm auch über die Auferstehung der Toten eine der unserigen ähnliche Lehrmeinung zuschreiben. Die einschlägige Stelle berührt Tullius in seinem Werk über den Staat1 , allerdings mit dem Bemerken, daß Plato den Fall nur erdichtet und nicht einen wirklichen Fall im Auge gehabt habe. Er läßt da einen Menschen wieder aufleben und Anschauungen vortragen, die mit Platos Lehren übereinstimmen. Auch Labeo erzählt von zwei Menschen, die am gleichen Tage gestorben seien und an einer Wegkreuzung sich begegnet hätten; in ihre Leiber zurückzuwandern geheißen, hätten sie dann beschlossen, fortan als Freunde zu leben, und so hätten sie es auch gehalten bis zu ihrem Tode. Allein diese Schriftsteller haben dabei eine Auferstehung im Auge, wie sie sich zugetragen hat bei solchen, die — wovon uns ja Beispiele bekannt sind — zwar auferstanden und dem irdischen Leben zurückgegeben worden sind, jedoch so, daß sie später wieder starben. Dagegen führt Marcus Varro in seinem Werk über die Abstammung des römischen Volkes eine merkwürdigere Meinung an; ich will seine eigenen Worte hersetzen: „Manche Nativitätensteller schreiben davon, daß es eine Wiedergeburt der Menschen gebe und daß dabei das stattfinde, was die Griechen paliggenesia nennen; durch diese werde nach Ablauf von vierhundertvierzig Jahren bewirkt, daß der nämliche Leib und die nämliche Seele, die einmal in einem Menschen verbunden waren, neuerdings wieder in Verbindung treten.“ Nun wird da freilich von Seiten Varros oder der unbekannten Nativitätensteller2 etwas behauptet, was unrichtig ist [denn wenn einmal die Seelen zu ihren ehemaligen Leibern zurückgekehrt sind, werden sie sie fortan nie mehr verlassen], aber es werden so gleichwohl jener Unmöglichkeit, womit man uns immer wieder kommt, viele Beweisstützen entzogen und abgebaut. Denn diese Ansicht setzt es als möglich voraus, daß Leichname, die sich aufgelöst haben in Luft, Staub, Asche, Flüssigkeit, oder als Nahrung in Tierleiber oder selbst auch in Menschenleiber übergegangen sind, wieder zurückkehren zu dem, was sie gewesen sind. Wenn sonach Plato und Porphyrius oder vielmehr ihre Verehrer von heute uns mit Plato recht geben in der Annahme einer Rückkehr der heiligen Seelen zu Leibern, und ebenso mit Porphyrius in der Ablehnung einer Rückkehr zu irgendwelchen Übeln, woraus dann von selbst folgt, daß diese Seelen Leiber erhalten werden, in denen sie ohne jegliches Übel auf ewig glückselig leben, wie es der christliche Glaube lehrt, so mögen sie nur auch noch aus Varro herübernehmen, daß die Seelen zu den Leibern wieder gelangen, worin sie vordem gelebt haben: dann ist für sie die ganze Frage über die Auferstehung des Fleisches zur Ewigkeit gelöst.
1: Cic. De republ. 6, 4.
2: er gibt ihre Namen nicht an