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Immer häufiger hört man Aussagen wie „ich glaube an die Wissenschaft“ oder „die Wissenschaft ist sich darüber einig“ und umgekehrt die Verdammung von „unwissenschaftlichen“ Dingen wie z.B. Homöopathie. Dabei ist die Aussage „ich glaube an die Wissenschaft“ die unwissenschaftlichste Aussage, die man tätigen kann und die Wissenschaft ist sich niemals über irgendetwas einig.
Es ist keineswegs der Fall, dass die Wissenschaft eindeutige, 100% bewiesene, unstrittige Feststellungen machen würde. Das ist nur die irrige Ansicht von Wissenschaftsjournalisten und anderen wissenschaftlichen Laien über die Wissenschaft. Im Gegenteil, jede wissenschaftliche Aussage ist bloß eine Hypothese, die genau und nur so lange gilt, bis sie widerlegt ist. Das wissenschaftliche Arbeiten besteht aus zwei Anstrengungen: Die erste Anstrengung ist der Versuch, die wissenschaftlichen Hypothesen zu widerlegen, die zweite Anstrengung ist das Sammeln und Ordnen der bisher nicht widerlegten Hypothesen zu einer vorläufigen Weltdeutung, dem „wissenschaftlichen Weltbild.“
Die wissenschaftliche Methode ist deshalb gegenüber religiösen, philosophischen oder ideologisch-politischen Systemen klar im Vorteil: Wird eine Säule einer Religion, Philosophie oder Ideologie widerlegt, dann hat das Auswirkungen auf das ganze Denksystem, kann dieses gar zu Fall bringen. Wir sprechen von „ideologischer Verblendung“, wenn Anhänger einer Ideologie die Realität als Störfaktor für ihre Ideologie ansehen.
Wird eine Behauptung der Wissenschaft, auch eine ihrer Säulen, widerlegt, ist das Anlass zur Freude: Da die Wissenschaft keine ideologischen Aussagen macht (bzw. machen sollte), ist das einzige Kriterium, das zählt, das der Wahrheit. Wird eine wissenschaftliche Aussage widerlegt, widerlegt das nicht die Wissenschaft, sondern gibt ihr die Möglichkeit, sich der Wahrheit weiter anzunähern. Dabei haben Wissenschaftler die Wahrheit nicht „in der Tasche“, wie der Philosoph Popper es einmal ausgedrückt hat, sondern versuchen sich durch Forschen, Widerlegen falscher Hypothesen und dem Bilden eines wissenschaftlichen Weltbildes der Wahrheit anzunähern.
Alle Versuche und Experimente müssen so aufgebaut sein, dass sie die in Frage stehende Hypothese potentiell widerlegen können (eliminative Induktion). Möchte man beweisen, dass das Sonnenlicht Einfluss auf das Wachstum von Pflanzen hat, dann muss man nicht nur einen Versuch aufbauen, in dem Pflanzen dem Sonnenlicht ausgesetzt sind, sondern den Versuch auch so gestalten, dass andere Gründe ausgeschlossen werden können. In der Naturwissenschaft und auch in der medizinischen Forschung haben sich zu diesem Zweck gewisse Methoden etabliert, wie das „Double-Blind“ Verfahren, in dem weder die Teilnehmer einer Studie noch die Überprüfenden wissen, wer ein Placebo bekommt und wer das zu testende Medikament.
Weitere wissenschaftliche Maßnahmen wie das „Peer-Review“-Verfahren (unabhängige Überprüfung von Studien durch Dritte) sollen garantieren, dass Wissenschaftler tatsächlich nur an der Wahrheit orientiert forschen. Denn natürlich gibt es im Wissenschaftsbetrieb, so wie in jedem anderen gesellschaftlichen Bereich auch, Egoismus, Narzissmus und finanzielle Interessen. Einstein soll die Quantentheorie mit den Worten „Gott würfelt nicht!“ abgelehnt haben. Auch große Denker sind nicht davor gefeit, ihre eigenen Theorien, das von ihnen entwickelte wissenschaftliche Weltbild, als absolut anzusehen, es zu einer Ideologie zu erheben.
Genau das passiert derzeit mit der Wissenschaft als Ganzes und der medizinischen Wissenschaft im Speziellen: Eine Ideologisierung der Normalwissenschaft. Statt sich bewusst zu machen, dass alle wissenschaftlichen Erkenntnisse vorläufiger Natur sind und beständig zu überprüfen sind, werden „Expertenmeinungen“ als absolut wahr, gar sakrosankt wahrgenommen.
Die Stärke der wissenschaftlichen Methode ist die ständige Infragestellung ihrer Ergebnisse. Diese Methode ist der eigentliche Grund dafür, dass wissenschaftliche Ergebnisse als besonders seriös und abgesichert gelten, warum wissenschaftlichen Aussagen das Gewicht der Autorität anhaftet: Nicht, weil ein „Experte“ dieses oder jenes behauptet, sondern weil angenommen wird, dass die anderen „Experten“ ihm genau auf die Finger schauen und er sich in der wissenschaftlichen Gemeinschaft lächerlich machen würde, wenn er etwas wahrheitswidrig in den Raum stellen würde, verschafft Aussagen von „Experten“ und Wissenschaftlern den Hauch des Erhabenen.
Wenn das wissenschaftliche Weltbild seinen Vorläufigkeitscharakter verliert, wenn es sich verhärtet, wenn abweichende Meinungen, Forschungen, die zu unerwünschten Ergebnissen führen und Experimente, welche Teile des Weltbilds widerlegen, nicht mehr wahrgenommen werden, dann ideologisiert sich Wissenschaft und eignet sich Mechanismen an, die man sonst aus dem politischen oder religiösen Diskurs kennt: Abweichler sind nicht mehr andere Wissenschaftler, die ihrer Pflicht nachkommen, Ergebnisse zu überprüfen und alternative Erklärungen zu liefern, sondern eine Gefahr für die Normwissenschaft. Ja, sie werden als „unwissenschaftlich“ wahrgenommen, als Spalter, welche Desinformation verbreiten.
Genau das passiert derzeit, von der Öffentlichkeit kaum beachtet, in der wissenschaftlichen Gemeinschaft: Wissenschaftler, die zu abweichenden Ergebnissen bezüglich der Corona-Maßnahmen wie Masken, Tests, Lockdowns und Impfungen kommen oder zur Gefährlichkeit des anthropogenen Klimawandels, zu Genderfragen oder anderen wissenschaftlichen Fragestellungen, die von politischer Brisanz sind, werden aus dem Diskurs ausgeschlossen. So wird der Eindruck erzeugt, die Wissenschaft sei sich in allem einig, indem diejenigen, die nicht übereinstimmen, als unwissenschaftlich gebrandmarkt werden, selbst wenn sie nur ihre Verantwortung als Wissenschaftler wahrnehmen, alles in Frage zu stellen und nichts ungeprüft zu glauben.
Dabei ist das allergrößte Problem im Hintergrund ein wissenschaftstheoretisches: Wie oben gezeigt gibt es keine Verifikation wissenschaftlicher Hypothesen, sondern nur eine Falsifikation. Das bedeutet, dass niemals zu 100% bewiesen werden kann, dass eine wissenschaftliche Aussage stimmt, es ist aber sehr wohl möglich dies 100%ig auszuschließen. Am einfachsten kann man das mit dem Stellen von medizinischen Diagnosen veranschaulichen: Wenn der Arzt sagt „Sie haben eine Grippe“ (oder Covid oder…), dann zieht er aufgrund der vorliegenden Symptome einen Schluss. Die Diagnose ist eine begründete Annahme aufgrund der vorliegenden Daten. In vielen Fällen mag der Patient tatsächlich Grippe (Covid, …) haben, in anderen Fällen können die vorliegenden Symptome aber von etwas ganz anderem verursacht sein. Auch Testverfahren bieten keine hundertprozentige Sicherheit, keine absolute Verifikation. Natürlich kann ein Röntgenbild, das einen gebrochenen Knochen oder einen kariösen Zahn zeigt, eine bestimmte Behandlung nahelegen oder sogar notwendig machen. Aber auch das Röntgenbild zeigt nicht, wie der Patient sich das Bein gebrochen hat, ob er Glasknochen hat oder weshalb er Karies bekam.
So ist es mit jeder einzelnen wissenschaftlichen Aussage: Der Wissenschaftler schaut sich die vorliegenden Daten an und macht eine Annahme darüber, wie diese zu bewerten sind. Dabei ordnet er die Daten selbstverständlich in das aktuell gültige wissenschaftliche Weltbild ein, was dazu führen kann, dass er blinde Flecken entwickelt, wenn die Daten nicht zu diesem Weltbild passen. In vielen wissenschaftlichen Bereichen gibt es unglaublich viele so genannte „ad hoc“ Annahmen, die „störende“ Daten erklären sollen.
Ein Beispiel dazu: Die Daten, die Forscher aus der Beobachtung des Universums über seine Frühphase gesammelt haben, passen nur dann zu einer „Urknall“-Theorie, wenn man annimmt, dass das Universum sich anfangs eine Zeit lang mit Überlichtgeschwindigkeit ausgedehnt hat (die Physiker nennen das die Phase der „Inflation“). Diese „ad hoc“ Annahme widerspricht allerdings eklatant einer der wichtigsten Annahmen von Einsteins Relativitätstheorie, nämlich, dass sich nichts schneller bewegen kann als mit Lichtgeschwindigkeit.
Ob die Annahme der Inflation gerechtfertigt ist, weil die übrigen Daten ebenso gut zu einem Universum, das mit einem Urknall entstanden ist, passen oder ob die Physiker umdenken müssen und andere Theorien zur Entstehung des Universums prüfen müssen, wäre eigentlich eine Frage, die innerhalb der Physik, innerhalb der wissenschaftstheoretischen Diskussion zu beantworten wäre. Sie wäre eigentlich eine vollkommen unpolitische Frage, denn es geht nur darum, ob die Urknalltheorie als bisher nicht widerlegte These zum wissenschaftlichen Weltbild gehört oder nicht.
Es wäre eigentlich völlig normal, dass gerade junge Physiker diese These angreifen (das passiert auch, vgl. z.B. Bojowald: „zurück vor den Urknall“) und Alternativerklärungen vorschlagen.
In der ideologisierten, der politisierten Wissenschaft allerdings gelten Angriffe auf bestimmte Thesen nicht mehr als völlig normaler und auch notwendiger wissenschaftlicher Alltag, sondern als Angriff auf „die Wissenschaft“, auf das verhärtete, ideologisierte Weltbild.
Wenn jemand also den Urknall infrage stellt, ist er angeblich „unwissenschaftlich“ unterwegs. Wer Zweifel an der Evolutionstheorie äußert, egal ob diese religiös oder wissenschaftlich begründet sind, gilt als „faktenblind“, Zweifel an den unmittelbaren Gefahren des anthropogenen Klimawandels werden gar als „Leugnung“ wissenschaftlicher Tatsachen wahrgenommen, genauso wie die sehr notwendige Debatte über die Wirksamkeit der Corona-Maßnahmen als „Coronaleugnen“ abgewertet wird, selbst wenn es nicht um die Frage geht, ob es das Coronavirus gibt oder wie gefährlich es ist, sondern lediglich darum, ob die Maßnahmen tatsächlich dazu geeignet waren, es einzudämmen (und immer mehr Studien sprechen dagegen, obwohl in der oben beschriebenen Art viel dafür getan wird, solche Studien zu unterdrücken). Ja selbst die Frage, ob es das Coronavirus oder Viren an sich überhaupt gibt, ist eine völlig legitime wissenschaftliche Frage. Nur weil eine wissenschaftliche Theorie allgemein anerkannt ist und in den Lehrbüchern steht, heißt das nicht, dass sie für alle Zeiten Gültigkeit hat. Im Gegenteil, wenn wir uns die Lehrbücher von vor 200 Jahren oder selbst von vor 20 Jahren ansehen, dann stehen da ziemlich viele Dinge drin, die heute nicht mehr gelten, weil sie wissenschaftlich widerlegt wurden.
Die Integrität einer wissenschaftlichen Aussage oder Theorie schützt man nicht, indem man Kritik daran unterdrückt, sondern nur indem man diese zulässt, ja einlädt. Die wissenschaftlichen Theorien, welche die Wirklichkeit besser erklären als andere, werden sich in diesem kritischen Prozess durchsetzen und diejenigen, welche widerlegt werden können, werden verworfen. So entsteht wissenschaftlicher Fortschritt, aber auch technische Innovation und gesellschaftliche Entwicklung hängen davon ab, dass Wissenschaft unideologisch, möglichst neutral und wahrheitsverbunden praktiziert wird.
Auf der anderen Seite ist es natürlich sehr einfach, methodisch so vorzugehen, als wenn man einen Dartpfeil auf eine nackte Wand wirft und danach eine Zielscheibe drum herum malt. Jede Aussage lässt sich „belegen“, indem man irgendeine Quelle heranzieht und jede Aussage lässt sich „widerlegen“, indem man eine andere Quelle zitiert, in welcher jemand diese Aussage angreift. Und man kann eine Arbeit so schreiben, dass man nur diejenigen Quellen beachtet, welche das, was man aussagen will, stützen und alle Quellen ignoriert, welche problematisch für das Gesagte sein könnten.
Das hat aber mit wissenschaftlichem Arbeiten nichts zu tun. Die wissenschaftliche Methode schreibt vor, sich gerade die Ergebnisse anzusehen, welche die eigene These potentiell widerlegen können. Und wenn der einzelne Wissenschaftler das nicht tut, weil sich sozusagen in die eigene These verliebt hat und sie vor der „bösen Realität“ beschützen möchte, ist es die Aufgabe seiner Wissenschaftskollegen, die These so lange abzuklopfen und zu überprüfen, bis sie zu dem Ergebnis kommen, dass sie derzeit nicht widerlegbar ist. Dann „gilt“ sie und wird in das Gebäude des wissenschaftlichen Weltbildes integriert. Und die nächste Generation Wissenschaftler hat wiederum die Aufgabe, alle Teile des Gebäudes, nicht nur einzelne Dachziegel, sondern durchaus auch das Fundament, auf Haltbarkeit zu überprüfen. So entsteht ein wissenschaftliches Gebäude, das – um in dem Bild zu bleiben – jedem Sturm standhalten kann.