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Kleeblätter in Stein
Die Megalithbauten im maltesischen Archipel – 23 Anlagen unterschiedlicher Erhaltung auf der Hauptinsel Malta und auf Gozo – haben an Prominenz ständig zugelegt. Zunächst stiessen neue Datierungsverfahren die Ansicht um, die in den Megalithen des atlantischen Europa und der westlichen mittelmeerischen Inseln einen Nachhall auf die „grosssen Steine“ in der Ägäis vermutete. Ihnen kommt vielmehr das Erstgeburtsrecht zu, sie sind älter als die minoischen und mykenischen Paläste, viel älter. Und dann wurde auch die Sonderstellung Maltas immer deutlicher. Seine Megalithe sind eine singuläre Schöpfung, die ältesten – erhaltenen –freistehenden Bauwerke der Menschheit.
Emigranten aus Sizilien, Bauern, Fischer, Jäger, besiedelten Malta vor mehr als 7000 Jahren. Um 4000 v. Chr. begannen sie, ihre Toten in unterirdischen Gräbern beizusetzen – der Anfang eines weitläufigen Systems von Katakomben. Es wird angenommen, dass die Heiligtümer, die sie ab 3600 v. Chr. auf und über dem Boden aus gewaltigen Steinblöcken bauten, unterirdische Grabarchitektur spiegeln. Der Komplex von Ggantija auf Gozo ist beispielhaft: eine wuchtige Aussenmauer, urspünglich an die l6 Meter hoch, legt sich um zwei Kultstätten. Die grössere und ältere, ein Kleeblatt mit zwei nachträglich angefügten Apsiden, entstand um 3600 v. Chr.; der kleinere der Zwilligstempel aus vier Apsiden und einer Nische ist um einige Jahrhunderte jünger. Blockschutt füllt den Raum zwischen Innentempeln und Aussenmauer. Kraggewölbe überdachten die Tempel, eine künstliche Grotte schaffend.
Elf Jahrhunderte lang scheuten die Tempelbauer alles Kantige und hielten an dem absidialen Grundmuster fest. Sie erweiterten es allmählich zu labyrinthischen Anlagen, die palastähnlichen Charakter annahmen. Aus den anfänglichen Stapeln ungefüger Blöcke wurde
Mauerwerk aus präzise gefügten Hausteinen. Und Steinmetzen sorgten für mehr und mehr Kunst am Bau: Friese mit Spiralen und, mutmasslich, Opfertieren. Die Ausstattung, Altäre und anderes Mobiliar für Opferrituale, räumt jeden Zweifel an der Deutung der Bauten als „Tempel“ aus. Statuenfunde weisen auf den Kult einer Fruchtbarkeits- und Erdgottheit, der Magna Mater, hin.
So autochthon und isoliert, weder angeregt noch anregend, ihre Kultur war, die Megalithbauer hatten ausgedehnte Handelsbeziehungen. Sie, die resolut in der Steinzeit verharrten, als sich ringsum bereits die Metallverarbeitung durchsetzte, importierten die benötigten Werkzeuge: Steinbeile aus Norditalien, Feuersteinklingen aus Sizilien, Obsidiankeile und –stichel aus Lipari und Pantelleria. Sie verbauten bis zu 57 Tonnen schwere Steine. Was wunder, wenn später die Tempel lange als das Werk von Riesen galten. Im Raumfahrtzeitalter entgingen die geheimnisreichen Kultbauten auch der „Dänikenisierung“ nicht, Ausserirdische sprangen nun für die Riesen ein. Dabei war ja der Transport der grossen Steine auf Steinkugeln und -walzen sowie ihre Aufrichtung mit Hilfe von Erdrampen zwar kein Kinderspiel, aber eine Schufterei, die man so genialen Planern, Organisatoren und Architekten, wie es die Megalithbauer waren, durchaus zutrauen darf.
Maltas Megalithkultur endete jäh um 2500 v.Chr.. Klima- oder Umweltkatastrophe? Hungersnot oder Seuchenzug? Überwältigung der friedfertigen neolithischen Bauern durch bronzezeitliche kriegerische Einwanderer? Darüber werden die Vorgeschichtsforscher noch lange werweissen.
1980 kam lediglich der Ggantija-Komplex von Gozo auf die Liste des Welterbes –- eine unverständliche Rumpf-Auszeichnung, die das Welterbekomitee erst 1992 korrigierte. Nachträglich würdigte es fünf weitere Anlagen auf der Hauptinsel – zwei auf halbem Weg zu megalithischer Meisterschaft und drei als Beispiele megalithischer Vollendung. – Jahr des Flugbilds: 1996 (Copyright Georg Gerster/Keystone)
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