Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03310.jsonl.gz/1676

Was ist eigentlich der Zweck der US-Notenbank?
Das Federal Reserve System – die amerikanische Notenbank – feiert dieser Tage seinen hundertsten Geburtstag. Momentan steht die Institution in den Schlagzeilen, weil Fed-Chef Ben Bernanke am Mittwoch das an den Finanzmärkten lange gefürchtete «Tapering» ankündigte, die Drosselung der Anleihenkäufe (Quantitative Easing) von monatlich 85 Milliarden Dollar auf neu 75 Milliarden Dollar.
Da und dort wurde geschrieben, Bernanke stehe auf die Bremse – was natürlich komplett falsch ist. Passender ist dieses Bild: Statt mit 200 km/h fährt das Fed jetzt einfach noch mit 190 km/h (mehr Details zum Tapering-Entscheid hier).
Aber das bringt uns zur Frage: Was ist eigentlich der Zweck der US-Notenbank?
Würde man heute zehn Leute nach der Raison d’être der amerikanischen Zentralbank fragen, würden wohl neun mit «Sicherung der Preisstabilität» antworten. Und viele würden vielleicht noch das duale Mandat nennen, also die Sicherung der Preisstabilität sowie der Vollbeschäftigung in der Wirtschaft.
Doch weder das eine noch das andere ist im Gründungsdokument, dem Federal Reserve Act vom 23. Dezember 1913, erwähnt. Darin ist mit keinem Wort die Rede von Preisstabilität oder Vollbeschäftigung.
Wie kommt das?
Schauen wir’s uns genauer an: Die hundertjährige Geschichte des Fed lässt sich in drei Perioden von je gut dreissig Jahren Dauer unterteilen. Und in jeder Periode folgte die Notenbank sehr unterschiedlichen Prinzipien.
Auslöser für die Gründung der amerikanischen Notenbank war die Bankenpanik von 1907, die nur dank dem beherzten Eingreifen des New Yorker Über-Bankers John Pierpont Morgan gestoppt werden konnte. Mein Kollege Tobias Straumann hat in diesem Beitrag die Gründungsgeschichte des Fed sehr lesenswert dargestellt.
Der Zweck der Notenbank ist im Federal Reserve Act wie folgt beschrieben:
An Act to provide for the establishment of Federal Reserve banks, to furnish an elastic currency, to afford means of rediscounting commercial paper, to establish a more effective supervision of banking in the United States, and for other purposes.
Der Act bildete die gesetzliche Grundlage für die Etablierung von maximal zwölf Distriktsnotenbanken, deren Zweck es war, eine «elastische Währung» und die Rediskontierung von Schuldverschreibungen sicherzustellen. Dahinter stand der Gedanke, die Stabilität des Finanzsystems zu wahren, indem es via die Geschäftsbanken mit genügend Liquidität versorgt wurde, besonders wenn nach der Erntezeit der Liquiditätsbedarf der Agrarhändler kräftig stieg. Ebenfalls festgeschrieben im Act war die Aufsichtsfunktion des Fed über die Geschäftsbanken – mit dem Ziel, neue Bankenstürme (Bank Run) zu vermeiden.
Bis in die frühen Dreissigerjahre war das Fed also einzig die Hüterin der Finanzsystemstabilität, das Aufsichtsorgan und die Kreditgeberin in letzter Not für die Geschäftsbanken. Der Goldstandard sicherte die Preisstabilität, und das Thema Vollbeschäftigung interessierte offenbar noch nicht.
Dann schlug die Grosse Depression zu. Und das Fed versagte.
Als ab 1931 in den USA die Banken reihenweise kollabierten, agierte das Fed zu zögerlich und liess es zu, dass die Geldmenge in der deflationsgeplagten Wirtschaft sogar noch schrumpfte. Rund 10’000 der ursprünglich 25’000 Banken im Land wurden ausgelöscht.
1935 unterzeichnete Präsident Roosevelt den Banking Act, der dem neu geschaffenen Offenmarktkomitee im Fed die Pflicht übertrug, die «generelle Kreditsituation im Land» im Auge zu behalten. Das war einerseits eine Ausdehnung des Mandats, andererseits wurden die Kompetenzen des Fed mit dem Banking Act aber beschnitten: Das Gesetz gründete die Einlagenversicherungs- und Aufsichtsbehörde FDIC (Federal Deposit Insurance Corporation) und die Wertpapierhandels-Aufsichtsbehörde SEC (Securities and Exchange Commission). Die Notenbank musste einen grossen Teil ihrer Aufsichtsfunktionen an die neuen Behörden abtreten.
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs begann die zweite Ära der Fed-Geschichte: die fiskalpolitische Dominanz.
Während des Krieges war die Notenbank de facto dem Schatzamt unterstellt und diente der Regierung als Finanzierungsquelle in der Ausgabe von Kriegsanleihen. Dieser Zustand endete jedoch nicht mit dem Kriegsende im Jahr 1945, sondern hielt noch viele weitere Jahre an.
Nach 1945 herrschte im Land grosse Angst vor einer Rückkehr der Massenarbeitslosigkeit, als Hunderttausende amerikanischer Soldaten nach Hause zurückkehrten. 1946 unterschrieb Präsident Truman den Employment Act: Dieser schrieb die Schaffung von Arbeitsplätzen als grundsätzliches Ziel der gesamten Bundesadministration fest. Das Fed ist im Employment Act in diesem direkten Zusammenhang zwar nicht explizit erwähnt, aber es wurde als selbstverständlich angesehen, dass die Notenbank Teil der Bundesadministration ist und es ergo auch ihre Aufgabe ist, für Vollbeschäftigung zu sorgen.
Bis 1951 blieb das Fed offiziell der verlängerte Arm des Schatzamtes. In diesem Jahr kam es zum Fed-Treasury-Accord, der der Zentralbank formell wieder politische Unabhängigkeit gewährte.
Wie die Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart in diesem Papier anlässlich des Fed-Jubiläums überzeugend schreiben, dauerte die Ära der fiskalpolitischen Dominanz allerdings noch fast drei weitere Jahrzehnte an: Von den Fünfziger- bis in die Siebzigerjahre war die Zentralbank eine willige Vollstreckerin der sogenannten finanziellen Repression. Das Fed setzte Zinsobergrenzen auf Staatsanleihen und Spardepositen durch und bewerkstelligte auf diese Weise, dass im Land jahrelang negative Realzinsen herrschten – was den Effekt hatte, dass die Staatsschulden auf Kosten der Gläubiger langsam erodierten.
Wenngleich das Fed während dieser Zeit nach 1951 nicht mehr dem Treasury gehorchen musste, stellte sich die Notenbank doch willig in den Dienst des Schatzamtes.
Die dritte Phase im bisherigen Leben des Fed begann erst 1977 – als die USA unter einer heftigen Inflation litten – mit dem Federal Reserve Reform Act. Erst darin wurde das heute gültige duale Mandat des Fed offiziell festgeschrieben:
The formulation and implementation of monetary policy under this Act shall be governed by the national policy to promote maximum employment, production, and price stability.
Die Wahrung der Preisstabilität ist also erst seit 36 Jahren der offizielle Auftrag der US-Notenbank. Die Schaffung von Vollbeschäftigung explizit ebenfalls erst seit 36 Jahren, implizit seit 67 Jahren.
Wäre die Wahrung der Preisstabilität bereits in der Gründungsakte von 1913 festgeschrieben worden, müsste man dem Fed heute einen katastrophalen Leistungsausweis ausstellen, wie folgende Grafik von Reinhart und Rogoff zeigt:
Die blaue Kurve zeigt das Niveau des Konsumentenpreisindex, die rote Linie markiert die Gründung des Fed. In den letzten hundert Jahren haben sich die Konsumentenpreise in etwa verdreissigfacht, das heisst, der Dollar hat knapp 97 Prozent seiner Kaufkraft verloren.
Hier noch ein Link zu einem verwandten Thema: Der Historiker Harold James stellt in diesem Kommentar die Frage, ob es für China oder Europa wirklich erstrebenswert ist, die Führung des globalen Finanzsystems auf sich nehmen zu wollen.