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Sie lebt in Gärten, ist weder blind noch eine Schlange, sondern eine Echse mit gespaltener Zunge: die Blindschleiche, das Reptil des Jahres 2017!
Nicht blind, sondern blendend. Die Missverständnisse beginnen schon beim Namen. Es dominiert die Vorstellung, dass die Blindschleiche ein Problem mit ihrem Sehvermögen hat. So wird sie schon im Märchen «Von der Nachtigall und der Blindschleiche» dargestellt, das von den Brüdern Grimm Anfang des 19. Jahrhunderts aus einer französischen Quelle ins Deutsche übertragen und nur in der ersten Ausgabe ihrer Märchensammlung von 1812 publiziert wurde.
In dem Märchen leben die Nachtigall und die Blindschleiche zusammen in einer Art Wohngemeinschaft. Beide haben nur je ein Auge. Einmal ist die Nachtigall zu einer Hochzeit eingeladen und leiht sich für den besonderen Anlass das Auge der Blindschleiche. Die Welt mit zwei Augen zu sehen gefällt der Nachtigall so gut, dass sie sich weigert, der Blindschleiche ihr Auge zurückzugeben. Und so ist diese von diesem Tag an blind und schwört der Nachtigall Rache.
Blind ist die Blindschleiche jedoch keinesfalls. Sie verfügt über zwei voll funktionstüchtige Augen und, im Gegensatz zu Schlangen, über bewegliche Augenlider. Ihr Name hat mit dem Wort «blind» also nichts zu tun. Nun, nicht gar nichts, denn irgendwie geht es dabei schon um das Auge – aber dasjenige des Betrachters: «Blindschleiche» geht auf das althochdeutsche Wort «plint» zurück, das «blendend» oder «blinkend» bedeutet. Ihren Namen verdankt die Blindschleiche demnach dem bleiernen Glanz ihrer Schuppen, wenn sie von der Sonne beleuchtet wird.
Weder Wurm noch Schlange. Doch beim umgangssprachlichen Namen hört die Verwirrung nicht auf. Auch «slow worm», der englische Name der Blindschleiche, ist unglücklich gewählt. Die Blindschleiche ist nämlich weder ein Wurm noch besonders langsam. Und es geht noch weiter. Sogar im wissenschaftlichen Namen «Anguis fragilis» steckt ein Missverständnis: dass die Blindschleiche eine Schlange sei, was «Anguis» bedeutet. Dieser Name ist in sich ein Widerspruch, denn «fragilis» (Lateinisch für zerbrechlich), bezeichnet gerade eine wichtige Eigenschaft, die die Blindschleiche von den Schlangen unterscheidet: dass sie in Gefahrensituationen ihren Schwanz abstösst, um Angreifer zu verwirren.
Obwohl sie den Schlangen äusserlich gleichen, sind Vertreter der Familie der Schleichen, zu der die Blindschleiche gehört, genetisch nicht mit ihnen verwandt. Die Schleichen gehören zu den Echsen. Im Gegensatz zu Schlangen verfügen Blindschleichen über ein ausgebildetes Gehör, die schon erwähnten Augenlider und kleine Knochenplättchen unter ihren Schuppen, wodurch sie sich weniger geschmeidig fortbewegen können als Schlangen. Kleine Stummel an ihrem Skelett zeugen davon, dass der beinlose «Hartwurm», wie das Reptil des Jahres einstmals genannt wurde, in einem früheren Stadium der Evolution Beine hatte.
Die Cobra boxt wie eine Blindschleiche. Dass die Blindschleiche früher für eine Schlange gehalten wurde, hat ihr nicht viel Gutes gebracht. Schliesslich gilt die Schlange in der christlichen Kultur als hinterlistig und falsch; in der Bibel erscheint sie als das Symbol des Bösen schlechthin. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden Schlangen systematisch verfolgt. Im Jura erhielt man bis 1929 etwa 50 Rappen für jeden Kopf einer Kreuzotter. In Deutschland waren solche Praktiken gar noch bis Mitte Jahrhundert üblich. Diesen staatlich geförderten Schlangentötungen sollen auch viele Blindschleichen zum Opfer gefallen sein, wie der Biologe Wolfgang Völkl in seiner Monografie über die Blindschleiche schreibt.
Die Schlange ist ein ikonisches Tier. Neben der Verkörperung des Bösen werden ihr auch positive Eigenschaften wie Anmut oder Kampfkraft zugeschrieben. Ganz im Gegensatz zur Blindschleiche, wie eine Internetanekdote veranschaulicht: Nachdem der schweizerisch-albanische Boxer Arnold Gjergjaj, der den Spitznamen «The Cobra» trägt, gegen den Briten David Haye letztes Jahr eine bittere Niederlage hat einstecken müssen, griffen mehrere Kommentarschreiber auf verschiedenen Newsportalen zu demselben Bild, um ihrer Enttäuschung Ausdruck zu verleihen: Gjergjaj möge den Spitznamen «Cobra» doch durch «Blindschleiche» ersetzen.
Die Blindschleiche im Garten
Blindschleichen ernähren sich bevorzugt von Nacktschnecken, Regenwürmern und Insekten. Für schneckengeplagte Gärtner sind sie also ein Segen. In Gärten gibt es für Blindschleichen jedoch vielerlei Gefahren: Bodenverdichtung, Gift und besonders auch Katzen. Oft werden Blindschleichen auch beim Versuch, eine Strasse zu überqueren, getötet. Der Tod eines einzelnen Individuums wiegt vergleichsweise schwer, weil sich die Blindschleiche nur langsam fortpflanzt: Sie wird erst nach fünf Jahren geschlechtsreif, kann dafür aber fünfzig Jahre alt werden – so alt wie kein anderes in der Schweiz lebendes Kriechtier.
Unscheinbar und flexibel. Die Lebensweise der Blindschleiche trägt wenig dazu bei, dass ihr Ruf als unscheinbares Tier sich verändert – obwohl sie mitten unter uns wohnt. Die meiste Zeit verbringt sie unter der Erde. Für die rund fünfmonatige Kälte- oder Winterstarre gräbt sie sich ab Oktober, spätestens November bis zu zwei Meter tief im Boden ein. Sogar gemeinsame Winterquartiere mit Fressfeinden wie Schlangen sind beobachtet worden. Das Winterquartier verlässt sie nur in Ausnahmefällen. Auch durchs Jahr lebt die Blindschleiche sehr zurückgezogen, bevorzugt an Waldrändern mit viel Unterholz, an Strassenböschungen, in Moorlandschaften, Gärten oder Streuobstwiesen. Hauptsache, es gibt viele Versteckmöglichkeiten. Wenn die Blindschleiche aus ihrem Versteck kommt, dann vorzugsweise in der Dämmerung.
Seit ihre primären Lebensräume wie Heide- und Moorlandschaften, lichte Wälder und Trockenrasen in Europa fast völlig verschwunden sind, hat die Blindschleiche Kulturland erobert: sie bewohnt Streuobstwiesen, Gärten, Parks, Strassenböschungen, Steinbrüche und Abgrabungsstätten. Auch bei den Kulturlandschaften mag es die Blindschleiche abwechslungsreich: wenn Felder durch Hecken und Mäuerchen unterteilt oder Gärten vielseitig gestaltet sind. Solche gemischten Lebensräume sind jedoch durch die zunehmende Gleichförmigkeit landwirtschaftlich genutzter Landschaften gefährdet; auch der Strassenbau schneidet Populationen voneinander ab, was langfristig die Teilpopulationen gefährden kann.
Die anpassungsfähige, versteckt lebende Art gilt in der Schweiz indes aktuell als ungefährdet. Blindschleichen sind noch fast flächendeckend verbreitet. Wie alle Reptilien sind sie dennoch unter Schutz gestellt. Allerdings ist die Blindschleiche die einzige heimische Reptilienart, für die kein Rückgang der Population belegt ist. Die Bestände scheinen aber vielerorts zurückzugehen. Zumindest warnen Experten, dass Blindschleichen bedroht sind.
Doch eben: Das Wissen darüber ist noch zu wenig detailreich. Um genau zu wissen, wie wir mit der Blindschleiche umgehen sollen, müsste sie uns weniger egal sein.
Buchtipps
• Wolfgang Völkl «Die Blindschleiche: Die vergessene Echse», Laurenti, 2007, Fr. 30.90
• Wolf Richard Günzel «Ein Garten für Eidechsen. Lebensräume schaffen im naturnahen Garten», Pala, 2014, Fr. 22.90
Fotos: istockphoto.com, Marius Luca Bast