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Angeblich zahlte man im alten China seinem Arzt dann und so lange ein Honorar, als man bei guter Gesundheit war – eine Erfolgsprämie. Der Arzt war also in erster Linie Berater für einen gesunden Lebensstil und trat nur im Notfall als Experte für die Behandlung von Krankheiten in Erscheinung. Richtschnur für jegliche Massnahmen zum Erhalt der Gesundheit waren, gut daoistisch, die Erkenntnisse über Gesetzmässigkeiten in der Natur, von denen alle Lebewesen und selbstverständlich auch die Menschen abhängig sind. Die Weisen richteten ihr Augenmerk auf die zyklischen Veränderungen in der Natur, den Wechsel von Tag und Nacht, den Wechsel der Mondphasen, der Jahreszeiten, der Witterungsverhältnisse und der Vegetationsperioden, sie erkannten darin das unablässige Zusammenspiel der kosmischen Urkräfte Yin und Yang und erforschten den Zusammenhang zwischen diesen Rhythmen und den wechselnden Zuständen des Qi, der Lebensenergie, im menschlichen Organismus. Dadurch waren sie in der Lage, den Menschen detaillierte Hinweise für ein der Gesundheit dienliches Leben im Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten zu geben.
Hauptquelle dieses alten Wissens ist das bis heute autoritative Grundlagenwerk der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), das Huangdi Nei Jing („Klassiker des Gelben Kaisers über das Innere“), welches die Tradition dem mythischen Kaiser Huangdi (angeblich um 2600 v.Chr.) zuschreibt, während es tatsächlich wohl erst in der frühen Han-Dynastie (um 200 v.Chr.) aus älteren medizinischen Traktaten kompiliert wurde. In dessen erstem Teil, dem in Dialogform abgefassten Su Wen („Einfache Fragen“), erörtert Huangdi mit seinem Leibarzt Qi Bo die Prinzipien gesunder Lebensführung. Im Eingangskapitel heisst es:
In der Vergangenheit praktizierten die Menschen das Dao, den Weg des Lebens. Sie entwickelten Praktiken, um den Fluss der Energie zu unterstützen. Sie übten sich in Meditation, um in Einklang mit dem Universum zu kommen. Sie assen ausgewogen und regelmässig, sie vermieden jede geistige und körperliche Überanstrengung, sie standen zu bestimmten Zeiten auf und gingen zu bestimmten Zeiten zu Bett und waren in jeder Hinsicht massvoll. (…) Da sie ein schlichtes Leben führten, kannten sie auch Zufriedenheit. Sie begnügten sich mit einfachem, aber nahrhaftem Essen, und ihre Kleidung war den Erfordernissen der Jahreszeiten angepasst. Es kam nie vor, dass sie in Luxus schwelgten. Zufrieden mit ihrem Platz im Leben, waren sie frei von Eifersucht oder Neid. Sie verspürten Mitleid mit anderen Menschen und standen ihnen hilfreich zur Seite, sie waren ehrlich und frei von zerstörerischen Neigungen. Nichts konnte sie verführen, sie blieben unerschütterlich, auch wenn Schwierigkeiten auf sie zukamen.
(Zitiert nach Maoshing Ni: Der Gelbe Kaiser. Das Grundlagenwerk der Traditionellen Chinesischen Medizin. Frankfurt a.M. 1998.)
Soweit das Ideal. Doch was hilft im Alltag, wenn man sich in diese Richtung entwickeln möchte? Ein bekannter Dao-Meister unserer Zeit gibt u.a. folgende Ratschläge:
Lächeln Sie den Stress weg. Vergessen Sie nie, Ihr Herz mit Liebe und die Augen mit einem echten Lächeln zu füllen. Dies ist die beste vorbeugende Medizin. (…) Sie sollten mit Bedacht reden; überlegen Sie gut, was Sie sagen und wann und wie Sie es sagen wollen. Eine solche Rede ist ein Segen für alle, und Sie bewahren Ihr Qi, wenn Sie weniger reden. (…) Überessen Sie sich nicht. Hören Sie auf zu essen, bevor Sie satt werden, und gehen Sie dann spazieren. Vor dem Zubettgehen sollten Sie überhaupt nichts essen. (…) Für die Daoisten ist Masslosigkeit in jeder Form von Übel: Zorn, Kummer, übertriebenes Mitleid und Melancholie sind schädlich, aber ebenso ein Übermass an Freude oder Vergnügen. Schonen Sie Ihre Sinneswerkzeuge, vor allem Augen und Ohren: Überbeanspruchung der Sinne verwirrt den Geist und kann zu Krankheiten führen.
(Mantak Chia: Tao Yoga des Heilens. Die Kraft des Inneren Lächelns und die Sechs Heilenden Laute. München 1987.)
Äusserst wertvolle Hinweise für die tägliche Praxis enthält schliesslich das folgende schöne alte daoistische Gedicht (zitiert nach Stuart Olson: Das Qi pflegen. Die geheimen Trainingsdokumente der Familie Yang. Bielefeld 2005):
Das Lauschen auf das Fliessen des Wassers tut den Ohren wohl.
Das Betrachten des Grüns von Bäumen und Pflanzen unterstützt die Augen.
Das Studium der Bücher, welche die Prinzipien darlegen, nährt den Geist.
Das Spiel der Laute und das Üben der Schrift nützt den Fingern.
Das Wandern mit dem Stock kräftigt die Füsse.
Die Ruhe des Geistes und das Sitzen in Meditation bringt die Persönlichkeit weiter.
Das Harmonisieren von Atem und Qi stärkt die Muskeln und Sehnen.