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Die soziale Wärme des Kapitalismus
Die freie Marktwirtschaft fördert und begünstigt als System der Freiheit gegenseitige Sympathie, Verbundenheitsgefühle und Solidarität.
Jede liberalisierende Sozialreform sieht sich dem Vorwurf eines «sozial kalten» Neoliberalismus oder «kaltherzigen» Kapitalismus ausgesetzt. Idealtypische Begriffe wie «Kapitalismus» können jedoch weder sozial «warm» noch sozial «kalt» sein. Soziale Wärme kann sich nur aus persönlichen Beziehungen konkreter Menschen ergeben, aus der Anteilnahme am Nächsten und Gefühlsbindungen im Rahmen sozialer Gemeinschaften. Der Inbegriff sozialer Wärme findet sich in Familien (in Liebe und Solidarität). Dann auch im weiteren Kreis der Verwandtschaft und Freundschaft, der Nachbarschaft, der politischen Gemeinschaften von der Gemeinde aufwärts, aber auch spontane Hervorbringungen einer Zivilgesellschaft wie Vereine, Genossenschaften, Verbände, religiöse Assoziationen sind auf ein Mindestmass an gegenseitiger Sympathie und Verbundenheitsgefühlen angewiesen.
Wenn auch der Kapitalismus als abstrakter Begriff keine warmen Gefühle haben kann, so lässt er doch als System der Freiheit für diese Gefühle Raum, begünstigt sie, fördert sie. Zunächst dadurch, dass er ein wunderbares System der Selbsthilfe ins Leben ruft. Nicht nur die individuelle (auch unternehmerische) Selbsthilfe, sondern ebenso die gegenseitige Hilfe in den kaum übersehbaren kulturellen, caritativen, ökonomischen Initiativen, die umso ausgedehnter sein können, je weniger sie durch die sozialisierenden Aktionen des Wohlfahrtsstaates behindert sind.
Gerade der Hochkapitalismus im 19. Jahrhundert bietet dafür reiches Anschauungsmaterial: die Genossenschaften wie die Gewerkschaften, die kirchlichen Initiativen, die unübersehbaren Wohltätigkeitsveranstaltungen und Vereine bis hin zu den philanthropischen Stiftungen. Niemals gab es mehr «soziale Wärme» als in den besten Zeiten des Kapitalismus. Auch auf kaufmännischer Basis konnte sich diese Wärme zeigen: so in den Privatversicherungen, die es auch dem «sozial Schwachen» erlaubten, sich aus eigener Initiative «solidarisch» gegen die Standardrisiken des Lebens zu versichern. Eine Rechtsschutzversicherung z. B. machte auch den «kleinen Mann» (und die «kleine Frau») im Umgang mit ökonomisch Starken streitfähig.
Jede Privatversicherung ist in dem Sinne die beste Sozialversicherung. Der deutsche Sozialreformer Herrmann Schulze-Delitzsch machte beinahe jedermann auch kreditfähig. Ferner die grossartige Welt der Friendly Societies in Grossbritannien. Schliesslich: Wenn es darum geht, das Leben besonders der kleinen Leute angenehmer (und länger) zu machen und ihnen Aufstiegschancen zu geben, so ist der Beitrag des Kapitalismus durch seine Maximierung des Wohlstandes das grösste Erfolgssystem der Geschichte, davon abgesehen, dass er auch die Mittel für die genannten Systeme der Selbsthilfe bereitstellte. Wer besass im 17. Jahrhundert schon eine Kutsche? Inzwischen verfügen fast alle Erwachsenen über ein Auto. Dasselbe gilt für Reisen und Bildung und Schutz gegen Krankheiten. Der Kapitalismus ist in sich wo nicht «sozial warm», so doch wohltätig für das Glück der meisten.
Dagegen ist der zeitgenössische Wohlfahrtsstaat (wie der Sozialismus) trotz seiner aus der familiären Welt genommenen Terminologie eine Einrichtung, die soziale Wärme zurückdrängt, lähmt, entmutigt und mit ihrem «Staatsindividualismus» das gemeinschaftliche spontane Sozialband durch Behördentätigkeit auflöst. Damit züchtet er einen Egoismus, so dass sich der Einzelne nicht an den Nächsten, sondern an den anonymen Staat wendet, wenn er seine Lebenslage verbessern will. Im «Volksheim» Schweden, dem Musterland dieses «Staatsindividualismus» kann es heissen: Die institutionalisierte Fürsorge ersetzt die Bande zwischen Menschen, die vormals die Voraussetzungen für Intimität und Nähe darstellten. Hohe Scheidungsraten, Einsamkeit und seelische Krankheit werden oft als Konsequenzen aus der Allianz zwischen Staat und Individuum gegen die Familie angeführt. Das Ziel ist es, das Individuum von der Familie und den geschilderten anderen privaten kollektiven Netzwerken «frei» zu machen. Diese «Befreiung» wird nicht nur mit Staatsabhängigkeit, sondern auch mit «sozialer Kälte» erkauft, selbst wenn sich der Staatsangestellte bei der Abarbeitung von Anträgen um Freundlichkeit bemüht.
Daran ändert auch die familiäre Sprache nichts: Solidargemeinschaft, Generationenvertrag und Menschenwürde sind nicht durch freie Selbsthilfe, sondern nur durch Staatsleistungen gesichert. Man kann freie Solidarität, Mitgefühl, Sympathie und Menschenliebe nicht bürokratisieren, ohne dass sie ihre Wärme einbüssen. Es gilt also: Je mehr Kapitalismus, desto mehr soziale Wärme wird möglich; je mehr Wohlfahrtsstaat, desto mehr erkalten die Beziehungen der Menschen zueinander.
Gerd Habermann ist Wirtschaftsphilosoph und Honorarprofessor an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam. Dieser Artikel wurde in der «NZZ» veröffentlicht. Mit freundlicher Genehmigung.
Mai 2017