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Erstaunlich, dass dieser Film in Locarno nicht im Rahmen der Kritikerwoche gezeigt wurde – vielleicht lag das vor allem daran, dass Heidi Specogna schon im Jahr davor mit Das Schiff des Torjägers im Programm war. Carte blanche hat auf jeden Fall alles, was Specognas sorgfältige Arbeiten auszeichnet: Ein genauer Blick, hartnäckige Recherche, filmische eher als journalistische Aufbereitung und ein Thema, das alle etwas angeht: Das Verfahren des Internationalen Weltgerichtshofs gegen Jean-Pierre Bemba, den Mann, der seine Truppen im Jahr 2002 aus dem Kongo in die zentralafrikanische Republik schickte und sie dort plündern, morden und systematisch vergewaltigen liess.
Die ursprüngliche Idee war, eine Art Gerichtsfilm zu machen, auch wenn die Verfahren des Menschenrechtshofes langwierig und frustrierend sein können, wie wir spätestens seit Hans-Christian Schmids Spielfilm Sturm aus dem Jahr 2009 wissen. Dazu wollte Specogna auch und vor allem die Arbeit der Aufklärungsteams und Spurensicherung vor Ort begleiten, den Forensiker, die ehemalige Staatsanwältin, welche Zeugen und Zeuginnen unter strengster Geheimhaltung interviewte. Das alles erwies sich zunächst als beinahe unmöglich. Vor allem darum, weil bei der Arbeit des internationalen Strafgerichtshofs der Zeugenschutz absolut zentral ist. Bei Verfahren gegen ehemalige und aktuelle Diktatoren und Machtträger sind alle möglichen Zeugen enorm gefährdet.
Der fertige Film enthält ein paar absolut bemerkenswerte Elemente, Elemente zumal, welche in früheren, ethikbezogenenen Diskussionen hier in Duisburg wahrscheinlich ins Kreuzfeuer geraten wären, für den Film aber absolut schlüssig sind:
Eingerahmt wird der Film von Aufnahmen eines Jungen (siehe Foto oben), der auf der Strasse steht und ein selbstgebautes Instrument spielt, überaus trotzig im beginnenden Regen. Das Bild wird am Ende des Films wieder aufgenommen und der Junge im wörtlichen Sinne im Regen stehen gelassen.
Specogna zeigt ein Mädchen, dessen Schusswunde am Knie sechs Jahre nach den Ereignissen noch immer nicht verheilt ist. Sie zeigt, wie die Mutter die Wunde mit einem Kräutersud wäscht, während das Kind schreit wie am Spiess und mit dem Arm aus dem Frame heraus greift. Das ist zugleich ein unendlich starkes Bild, das mich als Zuschauer wunschgemäss überwältigt – und ein dokumentarisch extrem heikler Moment, weil das Leiden des Kindes für diese filmische Überwältigung instrumentalisiert wird. Dass Specogna den Mut aufbrachte, das so im Film zu lassen, spricht für ihre Sorgfalt, hätte ihr aber noch vor ein paar Jahren hier in Duisburg massive Prügel eingetragen.
Kontrovers angekommen ist ausserdem Specognas Entscheidung, die Familie des Angeklagten bei Waterloo in der Weihnachtszeit zu besuchen. Die Frau zeigt tapfer Keramikarbeiten, welche Bemba im Gefängnis gemacht hat, während ein Sohn im Teenageralter die Tränen nicht nicht zurückhalten kann. Ob das Tränen über die Abwesenheit des Vaters sind oder über die Verbrechen, die ihm zur Last gelegt werden, lässt der Film offen.
Der Titel Carte blanche bezieht sich im Übrigen auf das „Signal“ (im Gegensatz zum justiziablen Befehl), das Bemba seinen Truppen gegeben haben soll. Die Erkenntnis, dass die reine Existenz des Internationalen Gerichtshofes solche Spitzfindigkeiten provoziert, zeigt zumindest, dass er nicht wirkungslos geblieben ist. Und Specognas Film ist damit ein weiteres Beispiel für die extreme Wichtigkeit dieser Art dokumentarischer Arbeit. Denn wir wissen um die Greuel dieser Welt, lesen immer wieder einschlägige Artikel, aber nur der Film bringt uns das Leiden und unsere eigene Verantwortung innerhalb des globalisierten Systems so nahe, dass es nachhaltig weh tut.
Nachtrag vom 13. Nov. : Der Duisburger 3sat-Dokumentarfilmpreis für den besten deutschsprachigen Dokumentarfilm, dotiert mit 6.000 Euro, geht an Heidi Specogna.