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Während dem Fin de siècle gab es zahlreiche ambitionierte Bauprojekte, darunter den Gotthardtunnel oder den Suezkanal. Ein Bündner Projekt könnte aber das kühnste gewesen sein: Ein Kanal über den Splügenpass.
Mit einem Frachtschiff von der Nordsee bis ins Mittelmeer? Kein Problem. Man fährt einfach durch die Strasse von Gibraltar. Vor etwa hundert Jahren gab es aber andere Pläne: Die maritime Route sollte mitten durch Graubünden führen. Der Bündner Ingenieur Pietro Caminada entwarf das Kanalprojekt um 1907, nachdem er in den 1890er Jahren erfolgreich Verkehrsprojekte in Brasilien realisiert hatte. Nun nahm sich Caminada aber ein Projekt etwas grösseren Kalibers vor: Die transalpine Wasserstrasse, wie sie genannt wurde, sollte es Schiffen ermöglichen den 2’113 Meter hohen Splügenpass zu überqueren. Die Route sollte nicht nur den Zugang Süddeutschlands zum Mittelmeer massiv verkürzen, Caminada versprach sich für seine Heimat auch einen wirtschaftlichen Aufschwung durch die Schaffung unzähliger Arbeitsplätze. Der Kanal sollte in Genua beginnen und von dort in den Po führen. Eine Verbindung zum Comersee bestand mit der Adda ja schon, und von da war es nicht mehr weit bis zur Bündner Grenze. Könnte man meinen.
Aber nur schon die Verbindung zwischen Genua und dem Po wäre eine Meisterleistung der Ingenieurskunst gewesen. Schon kurz nach Genua hätte der Kanal den Giovipass mit einem Tunnel unterqueren sollen; dabei reichte aber nicht ein Tunnel im Gotthard-Format, sondern ein in beide Richtungen mit Frachtschiffen befahrbare Doppelröhre. Diese wäre unter den damals gegebenen Umständen wahrscheinlich sogar machbar gewesen. Beim Splügenpass sah es aber auch damals, als noch verhältnismässig günstig gebaut werden konnte, nicht allzu gut aus. Das grösste Problem eines Kanals dieser Dimension wäre die Überwindung der Höhenmeter. Wie bekommt man die Schiffe auf das Niveau des Passes? Zur Lösung liess sich Caminada etwas besonderes einfallen: Entgegen der konventionellen Variante, die Schiffe mittels Schleusen anzuheben, schlug er die Errichtung von Schrägtunneln vor. Schleusen waren zwar eine verbreitete Methode im Kanalwesen, wie beispielsweise in Panama, der Bündner Kanal konnte mit ihnen aber nicht umgesetzt werden. Allein um die Schiffe vom Comersee auf das Passniveau zu bekommen, wären etwa zweihundert Schleusen à 10 Metern Höhe nötig gewesen. Auf der kurzen Distanz zwischen See und Pass schlicht ein Ding der Unmöglichkeit. In den Schrägtunneln hingegen sollte das eingepumpte Wasser die Schiffe stetig nach oben drücken.
Das wohl ambitionierteste Projekt in der Bündner Geschichte sah aber nicht nur die Überwindung des Passes vor. In Thusis sollte ein Frachthafen entstehen, der Rhein bis zum Bodensee schiffbar gemacht werden, und von da sogar noch ein Kanal in die Donau gebaut werden. Obwohl die Pläne Caminadas nur ein Traum blieben, gab es doch ernsthaftes Interesse. Eine Schiffsverbindung zwischen Italien und Deutschland, mit Graubünden als internationalem Handelsplatz dazwischen, war so verlockend, dass Caminada seine Pläne sogar dem italienischen König vortragen durfte. Natürlich wurde das Projekt aufgrund der astronomischen Kosten und des ungewissen Nutzens nie realisiert. Die visionären Ideen des aus Vrin stammenden Caminada regen aber bis heute die Gemüter an. Im Tirol wirbt beispielsweise der ehemalige Beamte Albert Mairhofer für eine Schiffsverbindung zwischen der Adria und der Donau. Inspirieren liess sich Mairhofer aber von der Idee der alpinen Wasserstrasse von Caminada.
(Bildquelle: Wikipedia)