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Den grossen Klimabewegungen der letzten Jahre ist es gelungen, das Thema der Umweltzerstörung und der Klimakrise ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Gleichzeitig wurde deutlich, dass es nicht einen Umwelt- respektive Klimaschutz gibt. Zwischen den liberalen Klimaschutzpolitiken, die auf Marktmechanismen setzen, den offen rassistischen Politiken des ‚Heimatschutzes‘, wie sie Rechtsextreme vertreten, den sozialdemokratischen Forderungen nach einem Green New Deal oder den dezidiert kapitalismuskritischen Ansätzen bestimmter Teile der Klimabewegung sind die Unterschiede offensichtlich. Die Herangehensweisen unterscheiden sich vor allem dahingehend, inwiefern sie soziale Herrschaftsverhältnisse und Ungleichheiten perpetuieren oder aufbrechen.
So wird deutlich, dass Klima- und Umweltschutz grundlegende politische Fragen aufwerfen. Es geht mit anderen Worten um Klimagerechtigkeit, wie der kürzlich erschienene Bericht des Weltklimarates IPCC noch einmal deutlich aufzeigt. Das herkömmliche Bild eines politisch neutralen Umweltschutzes verliert sichtlich an Plausibilität.
Klima- und Umweltzerstörung sind somit keine isolierten Probleme. Die Frage, wie wir uns zu unseren nicht-menschlichen Umwelten verhalten, tangiert jeden einzelnen Bereich des gesellschaftlichen Lebens. Die Idee eines Umweltschutzes der 99% umfasst eine emanzipatorische Politik, die über verschiedene soziale Kämpfe den dringend nötigen „Systemwandel“ herbeiführen soll. Wie das aussehen könnte, zeigt ein eindrückliches Beispiel aus Frankreich.
Besetzen
Der Widerstand gegen den Bau des Flughafens von Notre-Dame-Des-Landes nördlich von Nantes gehört zu den prägendsten westeuropäischen Umweltbewegungen der letzten Jahrzehnte. Die Ursprünge der Bewegung reichen bis in die 1960er Jahre zurück, als die Regierung im Geist der produktivistischen Modernisierung und des nachkriegszeitlichen Wirtschaftsbooms den Bau eines Flughafens plante. Die nachfolgenden Jahrzehnte waren von breiten zivilgesellschaftlichen Widerständen von Anwohnenden, Landwirt:innen und Naturschützenden geprägt. Das Flughafenprojekt gefährdete eine artenreiche Heckenlandschaft.
Nachdem es lange Zeit auf Eis lag, nahm man das Projekt in den 2000er Jahren erneut auf. Die Konzession erhielt der Baukonzern Vinci, der 2011 mit den Arbeiten begann. Kurz darauf wurden erste Enteignungen ausgesprochen und die Widerstände und Besetzungen des Geländes intensivierten sich. Unterschiedliche Kollektive mit verschiedenen Taktiken und Forderungen – anarchistische Besetzer:innen, Landwirt:innen, Naturschützer:innen usw. – vereinigten sich in diesem territorialen Kampf. Es öffnete sich ein demokratischer Raum des Austausches und Aushandelns unterschiedlicher Vorstellungen, wie das Territorium bewohnt werden sollte. Im Zusammenhang mit der Bewegung gegen die liberale Arbeitsmarktreform durch die sozialistische Regierung von François Hollande intensivierten sich 2016 die Allianzen mit anderen gesellschaftlichen Akteuren. Schliesslich sah sich der neu gewählte Präsident Emmanuel Macron 2018 gezwungen, das Projekt einzustellen. Der Sieg der Bewegung war insofern nicht vollständig, als die Regierung im Anschluss eine „Normalisierung“ der territorialen Nutzung anstrebte und langjährige Besetzungen räumte.
Die sogenannte „ZAD“ (Zone à Défendre) von Notre-Dame-Des-Landes wurde zum Emblem der Umweltbewegung. In Frankreich entstanden zahlreiche ZADs: gegen eine Atomlagerstätte (Bure), einen Staudamm (Sivens), ein Immobilienprojekt (Roybon) oder das Zubetonieren von Stadtgärten (Aubervilliers), um nur einige zu nennen. Auch in Belgien oder der Schweiz entstanden Verteidigungszonen. Die Waldbesetzungen in Deutschland können ebenfalls in diese Tradition ökologischer Widerstandsformen gestellt werden.
Konflikt der Welten
Die Gegner:innen und Befürworter:innen des Flughafens vertraten zwei unterschiedliche Gesellschaftsprojekte, zwei inkompatible Vorstellungen der Landnutzung und des Zusammenlebens. Auf der einen Seite stand ein produktivistisches Modell, das bereit ist, artenreiche Ökosysteme und Lebensräume dem Profitstreben zu opfern. Auf der anderen Seite verteidigten die Aktivist:innen eine solidarische Form des Zusammenlebens, die auf gemeinschaftliche und ökologische Nutzformen des Landes setzt. „Es war diese Suspendierung der produktivistischen Logiken“ durch die ZAD von Notre-Dame-Des-Landes, schreibt der Historiker Christophe Bonneuil, „die das Verschwinden von Flora und Fauna verhinderte und einer ganzen Reihe von Allianzen zwischen Menschen und Nicht-Menschen das Fortbestehen oder Neuentstehen ermöglichte.“
Dieser „Konflikt der Welten“, wie die Philosoph:innen Léna Balaud und Antoine Chopot es nennen, macht deutlich, dass es sich bei der Klima- und Umweltfrage um eine „Systemfrage“ handelt. Ohne einen Bruch mit der Logik des grenzenlosen Wachstums scheint eine Lösung der Klimakrise und der Umweltzerstörung immer unwahrscheinlicher. Während Regierungen und internationale Institutionen die Lösung der Klimafrage weiterhin mehrheitlich im Rahmen der bestehenden wachstumsorientierten Institutionen suchen, fordern zahlreiche Bewegungen und Ansätze eine radikale Verschiebung der Prioritäten: Statt Wachstum um jeden Preis soll es um eine bedürfnisorientierte, solidarische, auf Fürsorge und Demokratie setzende Form des Wirtschaftens und Zusammenlebens gehen.
Dieser Konflikt der Welten macht deutlich, dass die Umweltkrise kein Einvernehmen stiftet. Im Gegenteil, das Unvernehmen gehört zu jeder Politik, auch zur ökologischen. Statt dieser Tatsache mit einem Diskurs der angeblich wissenschaftlichen Wertneutralität auszuweichen, denkt Umweltschutz der 99% Nachhaltigkeit und Solidarität als Resultat von politischen und sozialen Kämpfen.
Solidarität in Diversität
„Soziale“ Konflikte um demokratische Mitbestimmung, Geschlechtergleichheit, Antirassismus, soziale oder internationale Solidarität sind der Umweltfrage keineswegs äusserlich. Der Umweltschutz der 99% ist unweigerlich einer intersektionale Politik verschrieben, die Race, Class und Gender sowie anderen Herrschaftsverhältnisse bei der Aushandlung fürsorglicherer Weltverhältnisse ernst nimmt. Wie es die Klimagerechtigkeitsbewegung seit vielen Jahren fordert, soll Umweltschutz der 99% aus heterogenen Allianzen zwischen unterschiedlichen sozialen Akteuren und Bewegungen erwachsen, die gesellschaftliche und ökologische Missstände aus verschiedenen Seiten bekämpfen.
Eben solche Allianzen sind in der ZAD von Notre-Dame-Des-Landes entstanden. Es ergaben „unwahrscheinliche Begegnungen“, wie es die Historikerin Michelle Zancarini-Fournel nennen würde: Das Zusammentreffen von Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und mit diversen politischen Sensibilitäten. So wurde die Bewegung zu einem Ort der Aktualisierung (öko)feministischer Praktiken und Theorien. Rund um das Thema Polizeigewalt entstanden Bündnisse mit der antirassistischen Bewegung.
Insbesondere die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften möchte ich an dieser Stelle hervorheben, wird doch immer wieder von einer Unvereinbarkeit zwischen ökologischen und gewerkschaftlichen Anliegen gesprochen. Dennoch riefen die Sektionen der Confédération Générale du Travail (CGT) des Unternehmens Vinci 2016 dazu auf, das «unnütze und zerstörerische» Flughafenprojekt aufzugeben. Ein Gewerkschafter, der regelmässig an den Demonstrationen teilnahm, revidierte sein Bild von den Besetzer:innen: „Ich stellte mir euch als Menschen vor, die abseits der Gesellschaft in Wäldern leben, nicht wirklich politisch aktiv. Ich sagte mir: wenn ich hingehe, werden sie mir sagen: ‚Du bist Teil des Systems, mach es wie wir, desertiere.‘“
Damit verschwanden die Spannungen und Konflikte innerhalb der Bewegung natürlich keineswegs. Von taktischen Fragen nach der Legitimität von Gewaltanwendung bis hin zu Grundsatzdebatten über den Umgang mit Geld oder staatlichen Institutionen – so ziemlich alles stand zur Debatte. Vor allem nach der Aufgabe des Flughafenprojektes taten sich Konflikte zwischen Besetzer:innen und enteigneten Landwirt:innen rund um die Eigentümerschaft des Territoriums auf.
Die kollektiven Subjekte eines Umweltschutzes der 99% können nicht als homogene Einheit ohne politische Friktionen gedacht werden. Die Literaturwissenschaftlerin Kristin Ross spricht in Bezug auf die ZAD von Notre-Dame-Des-Landes von einer „Solidarität in Diversität“, die aus konkreten Kämpfen sowie ihren Praktiken des Teilens und Austauschens erwächst. Beim Umweltschutz der 99% geht es um ein Suchen von Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Kollektiven, ohne die Differenzen restlos zu tilgen.
Umwelt- und Klimazerstörung verändert die politischen und sozialen Konstellationen, daran besteht kein Zweifel. Doch anders als es zum Beispiel Bruno Latour suggeriert, bedeutet dies nicht das Ende traditioneller Konfliktlinien, wie sie die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts geprägt haben. Klassen- und Geschlechterbeziehungen, rassistische und neokoloniale Verhältnisse sind längst nicht Vergangenheit. Die ZAD von Notre-Dame-Des-Landes situierte sich deutlich in der Tradition linker Werte, von Kapitalismuskritik über Feminismus, soziale Gerechtigkeit und demokratische Selbstbestimmung bis hin zu internationaler Solidarität, Antirassismus und Antikolonialismus. In diesem Sinne ist Umweltschutz der 99% sowohl Wiederanknüpfung an klassisch linke Anliegen als auch Neuerfindung.
Historians in Action
Trotz ihrer Neuartigkeit und politischen Kreativität: Auch die ZAD knüpfte an die Geschichte vergangener Bewegungen für Gerechtigkeit und Solidarität an. Das bei der Besetzung aktive „Collectif Mauvaise Troupe“ etwa stellt die Bewegung in eine Beziehung zur Allmendenbewirtschaftung des Mittelalters, der Pariser Kommune von 1871 oder der „Kommune von Nantes“ im Mai 1968. „Diese Vorläufer*innen“, schreiben sie, „sind uns gleichzeitig Mittel und Sinn unseres Kampfes und wir müssen weiter an ihnen lernen.“
Historiker:innen mögen hinter diesen Erzählungen rasch eine Vereinfachung oder gar Mystifizierung der Vergangenheit wittern. Eine solche politische Mobilisierung des Vergangenen hat allerdings eine kritische Funktion, die es ernst zu nehmen gilt. Sie bricht mit der scheinbaren Alternativlosigkeit der Gegenwart und Zukunft, indem sie die Vergangenheit nach uneingelösten Versprechen befragt.
Gemeinsam mit diesen „Historians in Actions“, wie sie Massimiliano Tomba nennt, knüpft der Umweltschutz der 99% an weitgehend vergessene oder unsichtbar gemachte Erfahrungen an. Erfahrungen der Freiheit und des Knüpfens von fürsorglichen Beziehungen zwischen Menschen untereinander sowie zwischen Menschen und Nicht-Menschen. Gegenüber demobilisierenden Narrativen, wonach es im Sturm der Gegenwart alles neu zu erfinden gilt, zeigt ein kritischer Blick in die Vergangenheit, dass die aktuellen ökologischen Bewegungen durchaus in einer diskontinuierlichen Tradition emanzipatorischer Kämpfe stehen.
Erden
Der Verdienst der ZAD von Notre-Dame-Des-Landes liegt nicht nur darin, den Flughafen verhindert zu haben. Sondern den Aktivist:innen ist es auch gelungen, Alternativen zum „Business as usual“ im Hier und Jetzt vorzuleben. In diesem Sinne geht es bei einem Umweltschutz der 99% darum, den Kampf gegen Klimakrise und Umweltzerstörung sozusagen zu erden. Das meine ich einerseits wortwörtlich, im Sinne einer Territorialisierung der Kämpfe und Alternativen zu zerstörerischen Wachstumsmodellen. Andererseits ist metaphorisch zu verstehen, als Verwurzelung in konkreten Erfahrungen und kollektiven Praktiken. Nicht zuletzt soll der Klima- und Umweltschutz damit von allzu technokratischen, szientistischen und alltagsfernen Diskursen befreit werden. Statt nur Bilder von Kurven, Absenkpfaden, CO2-Budgets und Klimazielen zu produzieren, muss sich ein Umweltschutz der 99% auch darum bemühen, Alternativen ins Leben zu rufen. Denn letztendlich geht es ja genau darum: Um die kollektive Verteidigung und Neuerfindung eines solidarischen Lebens in Verbundenheit gegen die Logik der Kommodifizierung, Unterwerfung, Zurichtung und Zerstückelung.