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Melford E. Spiro (*1920), Kulturanthropologe und Psychoanalytiker, hat ab 1951 eine Langzeitstudie in Kibbuzim durchgeführt.
Ausgangslage
Die Kibbuzgründer waren davon überzeugt, dass eine wirkliche Gleichheit zwischen Mann und Frau nicht erreicht werden kann, solange Männer und Frauen noch verschieden sind – selbst wenn diese Verschiedenheit der gleiche Wert beigemessen wird. Wirkliche Gleichheit, so meinten sie, kann nur erreicht werden, wenn Männer und Frauen dieselben gesellschaftlichen Rollen innehaben und sie auch in nahezu jeder Hinsicht ‘unterschiedlos’ sind.
Anstatt aber die Ablehnung der Mutterschaft vorzuschlagen, schlugen die Gründer die Ablehnung der Ehe und der Familie vor. Zur Verwirklichung ihrer Ideen führten die Gründer ein Heiratssystem ein, bei dem jeder Ehepartner ein vom anderen völlig unabhängiger Akteur war. Sie etablierten ein Kindererziehungssystem, in dem die Kinder von Geburt an nicht bei den Eltern wohnten, assen und schliefen, sondern in Kinderhäusern. Die Kinderhäuser waren nach Altersgruppen gegliedert, die Kinder wurden dort von ausgebildeten Betreuern, Pädagogen und Erzieherinnen erzogen.
Ergebnis
Die Erwartungen der Gründer erfüllten sich nicht, im Gegenteil. Als aus ihren Kindern – den Sabras – Erwachsene wurden, verwarfen sie die Ideologie ihrer Mütter und Grossmütter. Zwar fühlten sie sich nach wie vor einer Gleichstellung von Mann und Frau im Sinne von ‘Gleichwertigkeit’ verpflichtet und setzten dies auch in der Praxis um. Eine Gleichheit im Sinne von ‘Unterschiedslosigkeit’ wie die Gründer es vorhatten, lehnten sie aber ab, sowohl in ihren Idealen als auch in der Praxis.
Die Ergebnisse stellen folgende Aussagen von Gender-Studies in Frage:
- Das soziale Geschlecht (Gender) und die Unterschiede in den Geschlechtsrollen von Mann und Frau sind gesellschaftlich konstruiert.
- Die Bindung zwischen Mutter und Kind ist kulturbedingt, nicht naturbedingt.
- Die Befreiung der Frau kann nur gelingen, wenn Familie und Kindererziehung nicht mehr im Mittelpunkt weiblicher Interessen stehen.
- Die Abschaffung jeglicher Geschlechtsrollenunterschiede ist unabdingbare Voraussetzung für die Gleichstellung von Frau und Mann.
Hier geht es zum Bericht von Melford E. Spiro.