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Im Stil des italienischen Neorealismus, ins Heute versetzt, erzählt der Mexikaner Samuel Kishi Leopo das Migrationsdrama «Los Lobos» mit einer alleinerziehenden Mutter und ihren zwei Buben. Weiterhin hoch aktuell!
«Die Geschichte entstand aus einer Übung, die ich praktiziere, wenn ich anfange, etwas Neues zu schreiben.» Mit diesen Worten führt uns Samuel Kishi Leopo an seinen Film «Los Lobos» heran. «Ich beginne jeweils mit dem Satz «Ich erinnere mich, dass …».» So auch diesmal: «Als ich fünf Jahre alt war, verliess meine Mutter meinen Vater und nahm mich und meinen dreijährigen Bruder mit in die USA. Wir überquerten die Grenze mit einem Touristenvisum, indem wir angaben, nach Disneyland zu fahren. Meine Mutter hatte weder eine Arbeit noch eine Unterkunft, sprach kein Wort Englisch und reiste mit leichtem Gepäck: Wir besassen nur ein paar Kleider, ein paar Spielsachen und einen Fisher-Price-Recorder. Der Film ist aus den verschwommenen Bildern meiner Erinnerungen entstanden, um eine Geschichte über Kindheit, Unsicherheit, Migration, die Wiedereingliederung einer Familie, die Anpassung an neue Umgebungen und die Bedeutung von Heimat zu erzählen. Es war mir sehr wichtig, die Geschichten und Erfahrungen der Migrantengemeinschaft in Albuquerque für den Film zu nutzen. Ich wollte ein Porträt gestalten, in dem fiktionale und dokumentarische Elemente ineinandergreifen, sich erfundene Charaktere mit realen Einheimischen in ihrer wahren Umgebung vermischen und den Multikulturalismus in einer gelebten Migrantengemeinschaft widerspiegeln.»
Brüder privat und im Film
Kinder, auf sich selbst gestellt
Da sind sie also, nach einer langen Reise von der mexikanischen Grenze, im ersehnten Ausland. Auf sich gestellt die zwei Buben Max und Leon, während Mutter Lucía Jobs nachläuft, um etwas zum Leben nach Hause zu bringen. Sie spricht ihren Jungen auf einen alten Rekorder Regeln, wie sie sich verhalten sollen: Nie die Wohnung verlassen; die Wohnung sauber halten; nach dem Streit umarmt ihr euch; nicht weinen; nicht lügen. Um ihrer verordneten Langeweile jedoch ein Schnippchen zu schlagen, erschaffen sich die Kinder eine eigene Welt und erfinden die Wolf-Ninjas, zwei Superhelden, die von Wolke zu Wolke fliegen. Doch das reicht nicht, sie in der Wohnung zu halten, es keimt der Wunsch nach draussen.
Diese an sich schon bewegende Geschichte der erzwungenen Isolation, die mit den Augen der Kinder erzählt wird, scheint unsere Erfahrungen mit dem Eingesperrtsein in der Zeit der Pandemie als Analogie widerzuspiegeln. Doch in «Los Lobos» geht es um mehr: Armut, Machismo, den Status der Illegalität, die fast unmögliche sprachliche Verständigung, die Heimatlosigkeit, das hilflose Danebenstehen der Kirche – letztlich eine Gratwanderung zwischen Leben und Überleben.
Samuel Kishi Leopo verankert seinen Film in einer Realität, die uns vertraut sein dürfte: in der umfassenden Grösse und Bedeutung des versteckten, unscheinbaren Kleinen. Die besonderen Qualitäten dieses Filmes sind das natürliche Spiel der beiden Kinder Max(imiliano) und Leo(nardo), im Film und im Leben Brüder, die überzeugende Performanz von Martha Reyes Arias als deren Mutter. Ihre Authentizität durchdringt den Film von Anfang bis Schluss. Inspiriert von der Kindheit des Regisseurs, zielt er auf Nüchternheit und Spontaneität, verzichtet auf Inszenierung und Ausschmückung. Die Bescheidenheit im Umgang mit formalen Mitteln lässt die Empathie, die Leopo für seine Figuren empfindet, zum Tragen kommen. Keine Bösewichte treiben hier ihr Unwesen, keine Attentate machen Action; wir begegnen Menschen, die vom Leben gezeichnet sind, mit ihren Freuden und Leiden, ihrer traurigen Vergangenheit und erwarteten besseren Zukunft.
Die Jungen, von Mrs. und Mr. Chan umsorgt
Das gelobte, ersehnte Disneyland
«We Want to Go Disney, One Ticket Please!» Sobald sie diesen Satz auswendig können, verspricht Lucía ihren Buben, machten sie einen Ausflug ins Disneyland. Denn davon träumen Max und Leo schon lange. Doch vorerst beschränkt sich ihr «Land» auf ein heruntergekommenes Appartement in Albuquerque, wo die drei mit allem, was in einen Koffer passte, notdürftig hausen. Neu von Mexiko in die USA emigriert, nimmt Lucía eine Arbeit als Wäscherin an und muss ihre Jungen tagsüber allein zu Hause lassen. Ihr seid beide starke Wölfe (Lobos), so macht sie ihnen Mut und spricht für sie ein paar Brocken Englisch und sieben Regeln auf ein altes Tonband, an die sie sich eisern zu halten haben. Regel Nummer eins, nie die Wohnung zu verlassen, ist für sie besonders einschneidend. Gegen die Langeweile lernen die beiden eifrig die fremden Wörter und erschaffen sich eine Fantasiewelt mit eigenen Superhelden, den fliegenden Ninja-Wölfen, die bald auch ihre Wände zieren. Scheu wie Welpen wagen sie sich kaum aus ihrem Bau, bis sie die Neugier triebhaft packt. Abwechslung bietet ihnen zwischendurch ein Besuch im freundlichen Wohnzimmer der Vermieterin und ihres Mannes, die in überschwänglichem Chinesisch mit den Buben Englisch und Spanisch zu plaudern versuchen. Kritisch wird es erst, als sie gegen die entscheidende Regel und gegen ihren Willen von andern Kindern in der Wohnung überrannt werden. Der Traum vom berühmten Freizeitpark scheint immer weiter in die Ferne zu rücken. Dafür wird die eigene Welt langsam etwas bunter, zwar nicht wie im Disneyland, sondern bunt und menschlicher wie in einer Familie, die erste Strahlen des Glücks zu erhaschen beginnt.
Für Halloween verkleidet
Samuel Kishi Leopo: Wir alle sind Migranten
An der Berlinale 2020 fand eine Pressekonferenz statt, deren Aufzeichnung uns helfen kann, den Regisseur und die Hauptdarstellerin mit ihren Intentionen und Erfahrungen kennenzulernen, unterhaltsam und informativ. Ins RBB Radio Eins vom Februar 2020 hineinzuhorchen lohnt sich.
Samuel Kishi Leopo wurde 1984 in Mexiko geboren, studierte audiovisuelle Kunst an der Universität von Guadalajara. Seine Arbeiten wurden weltweit auf über 100 Festivals gezeigt, darunter am Clermont-Ferrand International Short Film Festival und an der Berlinale, wo er 2014 mit seinem Spielfilmdebüt «Somos Mari Pepa» in der Sektion Generation Kplus teilnahm. Zu seinen Auszeichnungen zählen das Silberne Auge des Internationalen Filmfestivals von Morelia, der Beste Kurzfilm der Mexikanischen Akademie für Filmkunst und -wissenschaften für «Mari Pepa» sowie drei Ariel-Nominierungen für «Somos Mari Pepa». Für seinen jüngsten Spielfilm «Los Lobos» gewann er erneut zahlreiche Preise, etwa den Grand Prix du Jury International in der Generation Kplus für den Besten Film und den Friedensfilmpreis der Berlinale 2020.
Octavio Arauz hat mit seiner Kamera die innere Dramatik, wie sie Leopo liegt, mit stillen und verborgenen Zwischentönen festgehalten und Geschichten auf mehreren Ebenen, auf dem Vorder- Mittel- und Hintergrund, erzählt. Kenji, der jüngere Bruder von Samuel, hat als Musiker jeder Person ein Instrument zugeordnet, Max die Gitarre, Lucia ein Piano in Dur, Leo ein Piano in Moll; zwei Songs mit Bolero-Akkorden von Benjamin Clementine ergänzen den Sound. Die Qualitäten dieses vordergründig alltäglichen, hintergründig berührenden Dramas liegen wohl in des Regisseurs Liebe zum Detail, den Beobachtungen kleinster Regungen und Bewegungen, vor allem der Interaktionen zwischen Max, Leo und Lucía sowie zwischen den Immigranten aus den verschiedenen Nationen, der Botschaften der Sprachlosigkeit in Spanisch, Englisch und Kantonesisch und so weiter, welche die Story mit Obertönen begleitet – sowie das Warten und Schauen und immer wieder Warten und Schauen. Nirgends gibt es in «Los Lobos» etwas äusserlich Sensationelles, Action im Sinn eines Krimis – dafür aber in den nie vorhersehbaren Sequenzen immer wieder sensationelle Szenen des Alltags, Aktionen der Innerlichkeit. Bei seinen Recherchen stiess der Regisseur auf Valerie Luisellis Buch «Das Archiv der verlorenen Kinder» und stellt mit ihr zusammen fest, dass wir auf die eine oder andere Weise alle Migranten sind: eine Aussage, der nachzugehen sich lohnen dürfte.
Titelbild: Leo, Lucía und Max auf dem Weg ins gelobte Land
Regie: Samuel Kishi Leopo, Produktion: 2020, Länge: 94 min, Verleih: trigon-film