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Internet der Dinge – Theorie von Gestern
Das Internet der Dinge wird als grosse Innovation gefeiert. Doch die Idee, enorme Datenmengen systematisch auszuwerten, ist nicht neu. Bereits in den 1970er-Jahren wurde mit diesem Ansatz gearbeitet. Ausgerechnet im sozialistischen Chile.
Eine Konferenz. Ihr Thema: Industrie 4.0, die vierte industrielle Revolution, die Verschmelzung von Industrie und Informatik – Robotik, Internet der Dinge, Feedback-Loops. Das Publikum: eine Mischung aus optimistisch-enthusiastischen Ungeduldigen, passiven «Ich-werde-wohl-nicht-drum-rumkommen»-Typen und Angehörigen der Generation, die insgeheim hofft, noch vor der nächsten Ära pensioniert zu werden. Sie alle waren da, um einen Blick in die Zukunft zu erhaschen. Dabei wäre ein Blick zurück genauso lehrreich gewesen.
Die neue industrielle Revolution mag erst jetzt kurz bevorstehen – die Theorie selbstgesteuerter Systeme kam aber schon vor über 40 Jahren zu ihrer ersten grossen Praxiserfahrung. Nur wurden damals die Ziele einiges höher gesteckt als selbstfahrende Autos. Damals ging es um ganze Nationen. Das besagte Projekt lief unter dem Namen «Cybersyn» und startete im Juli 1971, kurz nachdem Salvador Allende (Bild oben) in Chile an die Macht kam, die Wirtschaft verstaatlichte und nun einen Ansatz brauchte, diese Wirtschaft zu organisieren. Allende versprach den Arbeitern bessere Arbeitsbedingungen und stärkere Integration, und seine Regierung sollte das nun umsetzen. Fernando Flores, ein 28-jähriger chilenischer Beamter in der Regierung von Allende, griff zum Telefonhörer und rief Stafford Beer an. Flores bat Beer, Allendes sozialistisch geführte Wirtschaft nach kybernetischen Ansätzen zu organisieren.
Thermostat für die Wirtschaft
Flores hatte sich an den richtigen Mann gewendet. Stafford Beer, rundliche Statur, langer, grauweisser Bart, in seiner ganzen Erscheinung einem griechischen Mönch nicht unähnlich, war zwar kein Marxist. Dafür aber einer der grossen Theoretiker im Feld der Kybernetik – der Wissenschaft von der Steuerung und Regelung von Maschinen, lebenden Organismen und sozialen Organisationen.
Die Idee hinter Cybersyn war, Chiles ganze Wirtschaft über ein zentralisiertes Computernetzwerk zu steuern und so den Sozialismus ins Computerzeitalter zu hieven. Echtzeitdaten aus öffentlichen Einrichtungen, Banken und Fabriken sollten in eine Star Trek ähnliche Kommandozentrale in Santiago eingespeist werden. Dort sollten sie in einfache Signale – Pfeile nach oben, Pfeile nach unten – umgewandelt werden, anhand derer Szenarien simuliert und darauf die richtigen Zinssätze gesetzt, Produktionskontingente berechnet und der Strom optimal zugeteilt wurden.
Auch die Zufriedenheit der Bevölkerung sollte gemessen werden, um herauszufinden, ob sie die Entscheidungen der Politik goutierte. Vieles erinnert an das, was wir heute in kleineren Dimensionen sehen: Facebook misst unsere Gefühle, Google erinnert uns an Termine, Nest optimiert die Raumtemperatur nach unseren persönlichen Präferenzen, Hotels fragen uns nach dem Besuch per E-mail nach einer Bewertung. Genau wie Cybersyn wollen sie Inputs und Feedbacks, um ihre Dienste und Zukunftsprognosen zu verbessern.
Intelligenz und Komplexität
Das einfachste, immer wieder zitierte Beispiel für ein kybernetisches System ist jenes des negativen Loops eines Thermostats: Das Thermostat vergleicht die Ist-Temperatur eines Raumes mit einem vordefinierten Soll-Wert. Sind die beiden Werte unterschiedlich, reagiert das Thermostat und heizt den Raum auf oder kühlt ihn herunter. Ist das System einmal aufgesetzt, reguliert es sich autonom. Cybersyn sollte das Thermostat für die chilenische Wirtschaft sein.
Die Kybernetik sieht eine Organisation als Organismus und zieht oft Parallelen zur Biologie: Stafford Beers (Bilder links) Buchcover sind mit Hirn, Herz oder anderen Organen geschmückt und tragen Titel wie «The Brain of the Firm» oder «Diagnosing the System». Man kann sich gut vorstellen, dass Allende als promovierter Arzt eine natürliche Zuneigung zu diesem Ansatz hatte.
«Stafford Beers Ansätze und die Kybernetik im Allgemeinen werden oftmals als Planwirtschaft missverstanden», sagt Fredmund Malik (Bild unten). Malik war mit Beer, der 2002 verstarb, gut befreundet. Regelmässig diskutierten sie ihre Projekte miteinander. Maliks gleichnamiges Management-Institut mit Sitz in St. Gallen gehört zu den Unternehmen, die Beers Ansätze bis heute weiterentwickeln und in ihren Mandaten umsetzen, sowohl in privaten als auch in öffentlichen Organisationen. Professor Malik selbst hat an der Universität St. Gallen Systemorientiertes Management und Management-Kybernetik gelehrt.
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Malik könnte der braungebrannte Bruder des Kölner Tatort-Kommissaren Max Ballauf sein. Während Stafford Beer in Wollpullovern auftritt, findet man von Fredmund Malik im Internet kein Bild mit laxerem Dresscode als Business Casual. Am Telefon redet er mit ruhiger, geduldiger Stimme. Er erklärt die Grundsätze der Management-Kybernetik nicht zum ersten Mal. «Ich habe einen breiten Begriff von Management. Bei Management-Kybernetik geht es darum, ein Unternehmen oder eine Institution als System oder Organismus zu sehen, das auf der Basis von Information und Kommunikation funktioniert und sich selbst reguliert», so Malik. «Es geht nicht um Herrschaft und Kontrolle. Es geht darum, ein System zum Funktionieren zu befähigen.» Im Unterschied zu klassischen hierarchischen Top-Down-Ansätzen sei der Kybernetik-Ansatz auf den Prinzipien des Föderalismus und der Subsidiarität aufgebaut.
Von der klassischen Praxis, die Strategie eines Unternehmens auf ein paar wenige Zielwerte herunterzubrechen, hält Malik wenig. «Zielgrössen wie Shareholder Value oder ausschliesslich finanzielle Ziele, wie sie in den letzten Jahren üblich wurden, sind irreführend. Fast alle Organisationen sind heute hochkomplex, weil sie vielfältig und unauflöslich vernetzt sind. Nun glauben viele, man müsse Komplexität reduzieren. Sie verwechseln dabei aber zumeist Komplexität mit Kompliziertheit. Kompliziertheit soll man reduzieren. Komplexität jedoch ist der Rohstoff für Information, Kommunikation, Intelligenz und Kreativität», sagt Malik. «Etwas Intelligentes zu erreichen, setzt hingegen eine gewisse Komplexität voraus.» Wer an der Spitze einer Organisation thront, muss nicht allwissend sein. Der Manager ist eher vergleichbar mit demjenigen, der im selbstfahrenden Auto die Zieladresse eintippt, aber anschliessend die Hände vom Steuer nimmt und dem Auto das Fahren überlässt. Eingreifen tut er nur, wenn Warnsignale aufblinken.
Schwer beschäftigt
Cybersyn folgte dieser Philosophie, musste aber scheitern. Denn um eine Organisation kybernetisch zu führen, braucht es in einem ersten Schritt vor allem eines: Daten. «Der Steuerungscomputer sollte online mit Sensoren verknüpft sein und Ereignisse in Echtzeit melden», sagte Stafford Beer. Die Aussage stammt aus dem Jahr 1964 – Jahrzehnte vor dem Internet der Dinge. Doch genau diese zeitgerechte Datenübertragung wurde zum Knackpunkt: Im Chile der 1970er-Jahre war man noch nicht nahe genug an der Echtzeit. Der Versuch, die gesamte Wirtschaft mit einem Computer zu steuern, stellte sich als etwas zu ambitiös heraus. Der Computer, der diese Aufgabe erfüllen sollte, wird bezüglich Leistung heute von einfachsten Smartphones in den Schatten gestellt.
Die mangelnde Rechenkraft führte zu Leerläufen: So wurden beispielsweise Fabrikdirektoren von der Cybersyn-Kontrolle vor Problemen gewarnt, die sie bereits behoben hatten. Allmählich verloren die Beteiligten das Interesse am Projekt, und als Allende 1973 von Augusto Pinochet aus dem Amt geputscht wurde, wurde das Projekt begraben. Der Begriff Management-Kybernetik geriet in eine konjunkturelle Flaute, Stafford Beer zog sich nach Wales zurück.
Dank technologischer Fortschritte sind die Datenprobleme heute vom Tisch, und so könnte auch Management-Kybernetik neuen Aufwind bekommen. Schritt eins, die Daten zu sammeln, wird inzwischen überall umgesetzt. «Im momentanen zweiten Schritt ist die Aufgabe, aus Daten nützliche Informationen zu machen », sagt Malik. Was diese Informationen für die Führung und Organisation von Unternehmen bedeutet, wird bisher aber nur am Rand diskutiert. «In einem dritten Schritt wird es darum gehen, wie man von Information zu wirksamer Kommunikation kommt.»
Kommt mit der vierten industriellen Revolution auch eine neue Form von Management? Der Schub, der das Thema in den letzten Jahren erhalten hat, macht sich auch bei Malik bemerkbar. Er scheint dieser Tage schwer beschäftigt: Um ihn ans Telefon zu kriegen, brauchte es einen Monat Vorlaufzeit und drei Assistentinnen. Gut möglich, dass auch er an der nächsten Konferenz zur Industrie 4.0 vor dem Publikum steht.
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