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Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gründete eine Gruppe von Schweizern, die in Katalonien lebten, die Schweizer Schule in Barcelona. Ein Jahrhundert später ist sie die grösste Schweizer Schule Europas. Für den Direktor Pascal Affolter ist Bildung mehr als nur ein hervorragendes akademisches Ergebnis.
swissinfo.ch: Die Schweizer Schule von Barcelona (ESB) wurde 1919 in einer politisch schwierigen Zeit gegründet. Was gab den Anstoss zur Gründung?
Pascal Affolter: Schweizer Schulen sind noch nie strategisch entstanden. Sie sind seit jeher die isolierte Initiative einer Gruppe von Auslandschweizern, die ihren Kindern die Sprache und die Werte der Bildung bieten wollen, die sie zu Hause erhalten haben.
Es handelt sich um Projekte von Menschen, die eine starke Verbindung mit ihrem Land aufrechterhalten wollen. Dies hat es ermöglicht, weltliche Schulen für Mädchen und Jungen unterschiedlicher Glaubensrichtungen und Nationalitäten zu gründen.
Für Deutschland oder Frankreich sind Auslandschulen ein aussenpolitisches Instrument. In der Schweiz ist das anders. Das Netzwerk umfasst nur 18 Schulen in zehn Ländern, die meines Erachtens wahre Botschafter der Schweizer Kultur und Werte sind. Sie sind auch eine wertvolle Gelegenheit, diese "Swissness" mit den lokalen Kulturen in Einklang zu bringen.
swissinfo.ch: Gemäss Chronik der ESB gab es am Anfang nur dreizehn Schülerinnen und Schüler. Nichts zu erfahren gibt es darin aber zur Frage, wer die Schule damals leitete oder wie viele Lehrerinnen und Lehrer angestellt waren.
P.A.: Als erste Person für das Management der ESB war Olga Hoehn verantwortlich, und es gab nur eine Lehrerin: Maria Aulí. Am Anfang waren es nur dreizehn Schülerinnen und Schüler. Heute hat die grösste Schweizer Schule in Europa mehr als 70 Lehrerinnen und Lehrer (die Hälfte davon haben Schweizer Pässe) und 700 Schülerinnen und Schüler.
swissinfo.ch: Was geschah während des Spanischen Bürgerkriegs und des Zweiten Weltkriegs? Konnte die ESB ihre Aktivitäten fortsetzen?
P.A.: Nein, als der Bürgerkrieg in Spanien ausbrach, wurde die Schule aus Sicherheitsgründen geschlossen. Viele Familien aus Barcelona verliessen die Stadt wegen der Bombenanschläge und liessen sich in benachbarten Regionen nieder. Die ESB wurde in die Obhut des Schweizer Konsulats gegeben.
Die Lehrer kehrten in die Schweiz zurück, und die Schule öffnete erst im Oktober 1939 wieder.
Nach Angaben ehemaliger Schüler wohnte der damalige ESB-Direktor Jakob Schefer während der drei Kriegsjahre im obersten Stockwerk der Schule und nahm seine Arbeit nach Beendigung des Kriegs bis 1943 wieder auf.
Während des Zweiten Weltkriegs funktionierte die ESB weiter. Da sie jedoch erst im Oktober 1939 wieder geöffnet wurde, als das Reisen in Europa immer schwieriger wurde, konnten bis im Mai 1940 nicht alle Lehrer anwesend sein. Die Schweizer Gesandtschaft in Madrid wurde gebeten, Schweizer Lehrerinnen und Lehrer bei der Beschaffung von befristeten Arbeitserlaubnissen und Visa für die Ein- und Ausreise zu unterstützen.
Die deutsche Schule war in dieser Zeit geschlossen, so dass viele deutsche und spanische Schüler der Schweizer Schule beitraten.
swissinfo.ch: Geburtstage sind eine Gelegenheit, zurückzublicken. Was ist das Ergebnis dieser 100-jährigen Tätigkeit, und was bedeutet es für Sie, an der Spitze dieser jahrhundertealten Institution zu stehen?
P.A.: Die Ergebnisse sind sehr positiv; die ESB hat zur Entwicklung von Barcelona und seiner Gesellschaft beigetragen. Es ist eine moderne Schule von hoher akademischer Qualität, die Spitzenleistungen für die Schüler erbringen will. Die Schüler lernen fünf Sprachen und ihr Ziel ist es, die Matura zu erwerben, da ihnen diese die Türen zu den besten Universitäten der Welt öffnet. Ebenso wichtig ist es jedoch, dass die persönliche Entwicklung der Studierenden eine hohe Bedeutung hat.
Aus persönlicher Sicht ist es eine Ehre und ein Privileg, an der Spitze dieser Schule zu stehen.
swissinfo.ch: Die Geschichte der ESB zeigt, dass sich die Schule ab dem Jahr 2000 der emotionalen Bildung zuwandte. Warum wurde diese Entscheidung getroffen?
P.A.: Die Schweizer Bildung war schon immer eine Einheit. Aber es wurde beschlossen, den emotionalen Teil stärker in den Vordergrund zu stellen. Ich glaube, wenn die Schweiz trotz ihrer geringen Grösse in vielen Bereichen führend ist, dann deshalb, weil es etwas gibt, das sie gut kann.
Für mich ist Bildung der Schlüssel. Wir fördern die Ausbildung nach dem Prinzip "Kopf, Herz, Hand", was man mit "Geist, Emotion und Aktion" übersetzen könnte. Sie entspricht den Prinzipien der Pestalozzi-Pädagogik.
Im Laufe der Zeit haben wir auch begonnen, das Thema Kompetenzentwicklung zu vertiefen. Es gibt einen neuen Lehrplan, der in diese Richtung geht und den wir bald umsetzen werden.
An der Schweizer Schule in Barcelona werden die Schüler von klein auf mit der deutschen Sprache vertraut gemacht. (Ricard Badia)
swissinfo.ch: Was verleiht Ihrer Meinung nach der Schweizer Bildung ihren einzigartigen Charakter?
P.A.: Wir wollen die Schüler zu intelligenten jungen Menschen ausbilden, die aber auch emotional stabil, selbstbewusst, empathisch und selbstkritisch sind. Menschen, die lernen, ihre positiven Emotionen zu erkennen, zuzuhören und im Team zu arbeiten.
Ein weiteres Merkmal, welches das Schweizer Bildungssystem einzigartig macht, ist die duale Berufsausbildung, d.h. die Möglichkeit, die Ausbildung während der Lehre im Unterricht und am Arbeitsplatz zu kombinieren. Es ist ein sehr erfolgreiches Modell, das erklärt, warum nur 20% der Studenten die Hochschulreife erlangen und die restlichen 80% sich für eine professionelle technische Ausbildung entscheiden.
Die Schweizer Ausbildung ist immer von höchster Qualität, und wir sind uns der Bedeutung der Mehrsprachigkeit bewusst. Wir passen uns unseren Partnern an. Wir gehen nicht davon aus, dass sie diejenigen sind, die sich uns anpassen müssen.
Ein weiteres Merkmal ist die Suche nach Kompromissen und die Achtung der Mehrheits-Meinung, auch wenn wir nicht einverstanden sind. All dies macht die Schweizer Pädagogik anders.
swissinfo.ch: Schauen wir auch in die Zukunft. Was sind die wichtigsten Herausforderungen bei der ESB?
P.A.: Die Herausforderung besteht darin, uns ständig zu aktualisieren, einerseits in Bezug auf das Lehrpersonal. Andererseits wollen wir die Zahl der für die Schule zur Verfügung stehenden Quadratmeter erhöhen, weil neue Unterrichtsmethoden mehr Platz erfordern. Wir analysieren die Optionen, es ist keine leichte Aufgabe, da wir uns in zwei Gebäuden im Zentrum von Barcelona befinden.
Eine weitere Herausforderung besteht darin, die Schüler auf die digitale Welt vorzubereiten, dabei aber das Gleichgewicht zwischen Tradition und Innovation zu behalten.
Eine der Aufgaben der Schule besteht darin, weiterhin gute und glückliche Menschen auszubilden, denn eine glückliche Person schadet niemandem.
Ich denke, wir sollten viele weitere Schweizer Schulen in der Welt gründen!
(Übertragung ins Deutsche: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch