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Gottfried Kräuchi brach in einer Midlife-Crisis auf und blieb in der Hafenstadt Jacmel hängen. Dort gedeiht sein Lebenswerk.Dieser Inhalt wurde am 19. November 2004 - 17:22 publiziert
Das Collège Suisse für mehr als 1000 Kinder und Erwachsene überlebt im politisch labilen und wirtschaftlich armen Haiti.
Die meisten Menschen kennen diese Befindlichkeit. Gegen Mitte des Lebens fragt man sich: "War es das? Kommt jetzt nichts Neues mehr dazu?" Auch Gottfried Kräuchi kam mit 40 Jahren an diesen Punkt und gab sich eine klare Antwort: Er packte seine sieben Sachen und trat eine Weltreise an. Er brauchte eine Ortsveränderung und neue Perspektiven.
Über verschiedene Stationen landete der Chemiker aus Basel in Port-au-Prince, Haiti. Die schreiende Armut, die Abfallberge und der Gestank in den Strassen der haitianischen Hauptstadt, das Elend und der Kulturschock trafen den Reisenden aus der Schweiz schwer. Gottfried Kräuchi bestieg ein Boot, das ihn in die friedliche Küstenstadt Jacmel im Südwesten der Hauptstadt brachte.
Kräuchi erinnert sich: "Jacmel war vor dreissig Jahren eine Geisterstadt. Es gab kein Leben und keinen Betrieb, der Hafen war geschlossen und eine Strassenverbindung in die Hauptstadt gab es noch nicht. Die Strassen von Jacmel waren nicht asphaltiert, und es gab fünf Autos, zwei Jeeps und drei Camions im Ort."
Schule überbrückt Isolation
Gottfried Kräuchis Ziel auf seiner Weltreise war Lateinamerika. Jacmel entwickelte sich für den Basler zum magischen Ort. Er begann sich für die Nöte und die Lebensumstände der Menschen zu interessieren.
Besonders die deplorable Schulsituation von Jacmel fand seine Aufmerksamkeit. "Als ich vor dreissig Jahren ankam, gab es bereits 25 Primarschulen, aber nur zwei Sekundarschulen", sagt Käeuchi.
"Pro Jahr beendeten 1200 Schülerinnen und Schüler die Primarschule, doch nur 200 fanden einen Platz in einer der beiden Sekundarschulen. Die anderen mussten die Schule aufgeben." Grund war die geographische Isolation von Jacmel.
Gottfried Kräuchi entdeckte in Jacmel eine neue Aufgabe, der Ort liess ihn nicht mehr los. Nach ersten Unterrichtserfahrungen gründete er zusammen mit Josef Benz, einem anderen Schweizer und vielen Sympathisanten, das Collège Suisse, die erste nichtstaatliche Sekundarschule von Jacmel. Kräuchis Weltreise fand ein vorzeitiges Ende.
Ganz unvorbereitet liess sich Kräuchi nicht auf das Schulabenteuer in Jacmel ein. In der Schweiz hatte er sich sein Studium mit Physik-, Mathematik- und Chemieunterricht an der Minerva-Schule verdient. Seine Erfahrungen als Hauptmann in der Schweizer Armee nützten ihm bei der Organisation und dem Aufbau der Schule.
"Das Collège Suisse startete mit 120 Schülerinnen und Schülern. Heute sind es rund tausend. Josef Benz unterrichtete damals Sprachen, ich übernahm die mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächer", erklärt Kräuchi.
Offiziell nicht anerkannt, trotzdem erfolgreich
Das Collège Suisse hatte nie die Chance, von den Behörden in Bern als offizielle Schweizer Schule im Ausland anerkannt zu werden. Wenn Mittel für Schweizer Lehrpersonal und Schulmaterial fliessen soll, muss ein Viertel der Schülerinnen und Schüler das Schweizer Bürgerrecht haben. So ist es im Gesetz vorgesehen.
Dafür war Jacmel nie attraktiv genug. "Wir unterrichten bis heute mit den staatlichen, haitianischen Lehrmitteln. Aus der Romandie erhalten wir literarische Bücher für unsere Bibliothek", ergänzt Kräuchi.
Der Einsatz für die Kinder von Jacmel hat sich auch ohne institutionelle Hilfe aus der Schweiz gelohnt. "Das Collège Suisse gehört heute zu den zehn besten Sekundarschulen im Land", freut sich der Gründer. "Von den Behörden kommen immer wieder 'Honneur et Mérit'. Mehr nicht."
Im Laufe der Jahrzehnte ist aus dem Collège Suisse auch eine informelle Ausbildungsstätte für Lehrerinnen und Lehrer geworden. Kräuchi und sein Team halten eine 35-köpfige Lehrerschaft didaktisch und methodisch auf dem neuesten Stand.
Was die besten Schülerinnen und Schüler am Morgen lernen, geben sie an Nachmittagskursen an Kinder armer Eltern weiter, die in so genannter "Domistizität" leben. Diese Kinder aus sehr abgelegenen Landstrichen leben in Jacmel bei Gastfamilien, arbeiten dort gratis und haben nachmittags die Möglichkeit, in die Schule zu gehen.
Unruhen und Armut trotzen
In Zeiten politischer Unruhen und Naturkatastrophen, wie sie Haiti seit Februar dieses Jahres heimsuchen, leidet das Collège Suisse an den Folgen der allgemeinen Verunsicherung.
Die wirtschaftliche Verfassung von Haiti ist katastrophal, die politische Lage labil. Die Eltern haben Mühe, die Schuldgelder aufzubringen. Die Bezahlung der Lehrerlöhne wird zum Balanceakt.
Ein Lehrer verdient am Collège Suisse rund 60 haitianische Dollar (13 Franken) pro Monat. "Pro Jahr haben wir Aufwendungen von rund 40'000 Franken, nehmen aber nur 30'000 Franken über die Schulgelder ein", erklärt Kräuchi.
Wenn die Lehrerlöhne auf dem Spiel stehen, zweigt Gottfried Kräuchi auch mal einen grösseren Batzen von seiner AHV aus der Schweiz für die Schule ab. "Wird es ganz arg, gibt es immer wieder Freunde in der Schweiz und in den USA, die dem Collège Suisse finanziell helfen."
Not macht erfinderisch. Das Collège Suisse hat im Laufe der Zeit das Angebot erweitert, bietet abends Unterricht für Erwachsene an, und übers Wochenende können Kurse für Buchhaltung, Informatik und Journalismus belegt werden. Damit erschliesst sich das Collège Suisse neue Einnahmequellen.
Geboren in der Schweiz, zuhause in Jacmel
Seit mehr als dreissig Jahren wirkt Gottfried in Jacmel. Nur viermal war er während dieser langen Zeit in der Schweiz. Das letzte Mal im April. Er besuchte Freunde und Bekannte, die er ein halbes Jahrhundert nicht mehr gesehen hatte.
Kräuchi benutzte seinen Aufenthalt in der Schweiz, um neue Sponsoren für sein Lebenswerk in Jacmel zu finden. Die grossen Hilfswerke des Landes haben jedoch andere Prioritäten bei ihren Projekten und unterstützen das Collège Suisse kaum.
"Das Komitee für Schweizerschulen im Ausland (KSA) machte eine Geste und liess dem Collège Suisse dieses Jahr über das Schweizer Generalkonsulat in Haiti 1000 Dollar zukommen", anerkennt Gottfried.
Neue Technologien und das Internet helfen der Schule aus der Isolation. "Über die Homepage des KSA kann unsere Schule mit ein paar Klicks angesteuert werden. Und so ist das Collège Suisse doch noch auf die Weltkarte gekommen."
swissinfo, Erwin Dettling, Jacmel, Haiti
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