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Bereits bei Kriegsbeginn übernahmen russische Truppen die Kontrolle über Tschernobyl, später folgte das grösste Atomkraftwerk Europas Saporischschja. Nun fordert Kiew von der UNO eine Schutzzone um Tschernobyl, weil Russland in der Umgebung grosse Mengen Munition lagert und es in der Nähe Wald- und Buschbrände gab. Annalisa Manera, Professorin für Kernenergiesicherheit an der ETH Zürich, ordnet die Situation ein.
Annalisa Manera
Professorin für nukleare Sicherheit ETH Zürich
Seit Sommer 2021 ist Manera Professorin an der ETH Zürich für Nuclear Engenieering.
SRF News: Muss das stillgelegte AKW Tschernobyl besser geschützt werden, wie dies Kiew jetzt von der UNO verlangt?
Annalisa Manera: Es ist nicht überraschend, dass das russische Militär die nicht bewohnte Region von Tschernobyl als Standort für die Stationierung von Truppen und Waffen ausgewählt hat. Auch wegen der strategischen Verbindung nach Kiew. Die Situation ist selbstredend nicht ideal und muss beobachtet werden. Es dürfte allerdings für die UNO schwierig sein, die Region mit eigenem Personal zu schützen.
Wie sieht es mit der Sicherheit rund um das AKW Tschernobyl aus, das nach der Katastrophe 1986 mit einem Sarkophag geschützt wird?
Der Reaktor ist seit über 35 Jahren abgeschaltet. Der Brennstoff ist hart und im Grunde auch kalt. Der Sarkophag ist eine sehr starke Konstruktion aus Stahlbeton und sicher. Natürlich kann es bei einem schweren Bombenangriff auf den Sarkophag zu einer Freisetzung von Radioaktivität kommen. Aber die radiologischen Folgen würden zuerst das dort stationierte Militär treffen. Darum gehe ich nicht davon aus, dass die Russen absichtlich einen Angriff auf den Sarkophag starten.
Im Fall eines Bombenangriffs wären die dort stationierten Truppen betroffen.
Drei weitere Meiler in Tschernobyl sind ebenfalls nicht mehr in Betrieb, aber es müssen nach wie vor Brennelemente gekühlt werden. Wie ist da die Sicherheit einzuschätzen?
Auch in diesen Fällen ist der Brennstoff über 20 Jahre alt und die Nachzerfallswärme sehr gering. Der Brennstoff liegt unter Wasser, aber auch eine Luftkühlung würde genügen. Die Möglichkeit, dass Brennstoff beschädigt wird, ist sehr klein. Auch hier wären im Fall eines Bombenangriffs die dort stationierten Truppen betroffen.
Die Ukraine hat 15 laufende Reaktorblöcke. Wo ist da die grösste Gefahr?
Das grösste Risiko für diese Atomkraftwerke ist die Zerstörung aller mit den Anlagen verbundenen Stromleitungen. In diesem Fall würden die Kernkraftwerke zwar automatisch abgeschaltet, bräuchten aber noch eine gewisse Kühlung.
Ohne Kühlung kommt es zur Kernschmelze.
Die Kühlung ist durch Dieselmotoren für eine Woche sichergestellt, dann muss Diesel nachgeliefert werden, denn ohne Kühlung würde der Brennstoff schmelzen. Wenn das Containment beschädigt wird, könnte Radioaktivität freigesetzt werden. Das hätte zuerst für die Ukraine und dann für die Länder im direkten Umfeld wie Russland grosse radiologische Konsequenzen.
Ist ein Szenario denkbar, dass weite Teile Europas radioaktiv verseucht werden könnten?
Das könnte nach meiner Einschätzung nur passieren, wenn viele Atomwaffen eingesetzt würden. Das Problem sind nicht die Kernkraftwerke der Ukraine.
Das Gespräch führte Brigitte Kramer.