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Die Saane unterhalb der Staumauer von Rossens gehört zu den raren Auenlandschaften von nationaler Bedeutung. Sie geniesst damit den höchsten Schutzstatus für ein Biotop, den es in der Schweiz gibt. Zumindest auf dem Papier. Denn in Tat und Wahrheit sei der Fluss in einem desolaten Zustand, wie die Umweltverbände WWF und Pro Natura Freiburg, der Freiburgische Verband der Fischervereine (FVF) sowie die kleine Naturschutzorganisation La Frayère gestern vor den Medien deutlich machten. «Die Laichgebiete der Fische verschwinden, die Wasserinsekten werden selten, und seit fünf Jahren beobachten wir einen Rückgang des Fischbestands», sagte Pascal Vonlanthen, Biologe und Präsident des Vereins La Frayère.
Stromproduktion als Ursache
Der Grund für diese Entwicklung liege in der Nutzung der Saane für die Stromproduktion und dem damit einhergehenden chronischen Mangel an Hochwassern. Nicht grundlos heisst der Flussabschnitt zwischen der Staumauer von Rossens und dem Kraftwerk in Hauterive «Kleine Saane». Denn dort wird das ursprünglich wilde Fliessgewässer zu einem zahmen Flüsschen. Während vor dem Bau der Staumauer von Rossens im Jahr 1948 die Saane regelmässig grosse Hochwasser mit einem Durchfluss von 200 bis 400 Kubikmetern pro Sekunde erzeugte und periodisch bettbildende Hochwasser mit einem Durchfluss von über 600 Kubikmetern pro Sekunde auftraten, sanken Häufigkeit und Intensität der Hochwasser nach dem Bau stetig. In einem Zeitraum von 70 Jahren wurden gemäss den Umweltverbänden nur noch zwei flussbettgestaltende Hochwasser verzeichnet, in zahlreichen Jahren konnten gar keine Hochwasser mehr beobachtet werden. Nach den Hochwassern von 2005 und 2007, als Teile der Freiburger Unterstadt überschwemmt wurden, verschärfte sich die Situation weiter. 2009 beschloss das Energieunternehmen Groupe E nämlich im Einverständnis mit dem Kanton, das Maximalniveau des Greyerzersees um 1,3 Meter zu senken.
Künstliche Hochwasser
Die Folgen seien heute sichtbar, wie Pascal Vonlanthen erläuterte: «Die mit Kieselsteinen bedeckte Fläche der Aue hat sich seit 1943 um 95 Prozent verringert, der Grund der Saane verschlammt zusehends, Fadenalgen und Wasserpflanzen entwickeln sich übermässig.» Für eine funktionierende Auenlandschaft mit all ihren ökologischen Systemleistungen und für den Erhalt der Artenvielfalt in der Saane braucht es aber eine Abflussdynamik, die eine Geschiebeumlagerung ermöglicht. Darum fordern die Umweltverbände die regelmässige Erzeugung von künstlichen Hochwassern. «Und zwar sofort», sagte Pascal Vonlanthen. «Der Profit von Groupe E und dem Kanton Freiburg als Hauptaktionär wie auch die Stromerzeugung sind zwar wichtig, die Aue darf aber nicht vollständig zerstört werden.»
Zehn Jahre Kampf
Zu warten bis 2030 – bis dann müssen die Inhaber von Wasserkraftwerken gemäss dem eidgenössischen Gewässerschutzgesetz den Geschiebehaushalt in Ordnung gebracht haben –, sei keine Option, stellte auch die Geschäftsführerin des WWF Freiburg, Nicole Camponovo, klar. «Wir haben den Kanton schon 2010 auf den besorgniserregenden Zustand der Aue hingewiesen.» 2011 habe der Staatsrat die Notwenigkeit künstlicher Hochwasser zwar anerkannt. Seither sei aber kaum etwas geschehen, beklagte Bernard Jaquet vom Fischerverband. Im Gegenteil: Groupe E habe Zugeständnisse für eine zusätzliche Wassernutzung erhalten, um Studien und die Realisierung künstlicher Hochwasser zu finanzieren. Das Vorgehen wurde von den Umweltverbänden akzeptiert unter der Bedingung, dass Groupe E unter anderem Angaben zu den Verlusten macht, die dem Unternehmen durch das erste und einzige künstliche Hochwasser im Jahr 2016 entstanden. «Wir haben bis heute keine Antwort erhalten», so Camponovo.
Für Marc Vonlanthen von Pro Natura steht fest: «Der Kanton kommt seinen gesetzlichen Verpflichtungen zum Schutz der Auengebiete von nationaler Bedeutung nicht nach.»
Reaktion
Runder Tisch ist geplant
SP-Umweltdirektor Jean-François Steiert sieht es als unbestritten an, dass künstliche Hochwasser zum Schutz der Saane nötig sind. Gemäss seinen Informationen würden aktuell aber weder die gesetzlichen Vorgaben der Stromproduktion noch jene des Auenschutzes verletzt. Um den Geschiebehaushalt in Ordnung zu bringen, bleibe zudem Zeit bis 2030. «Damit wir das schaffen, gibt es im Frühling einen runden Tisch, zu dem auch die Umweltverbände eingeladen sind.» Es sei möglich, dass bis 2030 weitere künstliche Hochwasser durchgeführt würden, so Steiert. Die Finanzbilanz zum Hochwasser 2016 habe er den Umweltverbänden im Übrigen kürzlich zukommen lassen.