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1. Definition
Die Homöopathie bedeutet, dass «Ähnliches mit Ähnlichem geheilt wird» («Similia similibus curentur»). Eine Substanz, die beim gesunden Menschen gewisse Krankheitssymptome hervorrufen kann, ist in der Lage, beim Kranken ein Leiden (griech.= pathos) mit den gleichen (griech.= homoios) Symptomen zu heilen. Anders als in der Schulmedizin ist die Homöopathie eine regulatorische Medizin, die auf das gesamte System des Menschen wirkt, also auch die Persönlichkeit einer Person, ja sogar ihr Seelenleben mit einbezieht.
2. Philosophie
Begründer der Homöopathie ist der Arzt Christian Friedrich Samuel Hahnemann (1755–1843). Dieser veröffentlichte 1796 erstmals Ergebnisse seiner Untersuchungen und formulierte dabei das Ähnlichkeitsgesetz «Similia similibus curentur». Das Ähnlichkeitsprinzip war schon in der Antike bekannt, wurde aber von Hahnemann wieder aufgegriffen, angewendet und weiterentwickelt. Für Homöopathen ist dieses Gesetz untrennbar mit der Arzneimittelprüfung am gesunden Menschen verbunden. Dadurch wird das Wissen bezüglich der Wirkung jedes einzelnen Arzneimittels zusammen getragen und gefestigt.
Um eine Krankheit zu heilen, wird die Arznei in minimaler, nach homöopathischen Prinzipien potenzierter Dosis verabreicht. Die Potenzierung erfolgt nach vorgeschriebenen Regeln: Die Urtinktur aus einem pflanzlichen, mineralischen, tierischen oder metallischen Rohstoff wird im Verhältnis 1:10 (D-Potenzen), 1:100 (C-Potenzen) oder 1: 50 000 (Q- oder LM-Potenzen) verdünnt und geschüttelt. Eine D1-Potenz entsteht, indem ein Teil Urtinktur mit neun Teilen Lösungsmittel (Alkohol oder Wasser) vermischt wird. Sie wird darauf in einem geschlossenen Gefäss - je nach Philosophie zwischen sieben bis dreissig Mal - so geschüttelt, dass das Gefäss bei jedem Schütteln auf einen Widerstand (etwa die Handinnenfläche oder ein Lederkissen) weich aufgeschlagen wird. Die Urtinktur verteilt sich so explosionsartig im Lösungsmittel. Die erhaltene D1-Potenz wird wieder im Verhältnis 1:9 mit Alkohol oder Wasser verdünnt und anschliessend verschüttelt. So entsteht eine D2-Potenz. Dieser Prozess wird in gleicher Art fortgeführt. Gebräuchlich sind Potenzen zwischen D4 und sehr hohen Potenzen wie C1000 oder LM. Je höher die Potenzierung (bzw. Dynamisierung), desto stärker ist die Wirkung des homöopathischen Arzneimittels.
3. Plausibilität des Konzepts
Im Gegensatz zu chemischen oder pflanzlichen Arzneimitteln wirken Homöopathika nicht dank einer bestimmten Menge eines Wirkstoffes, sondern durch immaterielle Reize. Die Arzneien sprechen den Körper auf einer feinstofflichen Ebene an, bringen dort Ungleichgewichte wieder in Balance und tragen so zur Heilung des erkrankten Organismus bei.
4. Belege für die Wirksamkeit
Nachweise über die Wirkung homöopathischer Heilmittel gibt es viele. Im Eigenversuch lässt sich beispielsweise bei Schlaflosigkeit aus Kaffee oder (Schwarz- oder Grün-)Tee das eigene homöopathische Heilmittel herstellen. Der Kaffee (oder Tee) dient als Urtinktur. Diese wird nach den beschriebenen Potenzierungsvorschriften selber bis etwa D6 potenziert. Einige Tropfen davon in Wasser gelöst und sorgfältig im Mund eingespeichelt wirken gemäss dem Drogisten Stephan Vögeli «wunderbar beruhigend».
Wissenschaftlich ist die Wirkung von Homöopathika schwieriger zu beweisen. Ein Aufsehen erregender Nachweis stammt aus dem Jahr 2006, als Dr. Heiner Frei von der Universität Bern homöopathische Mittel an hyperaktiven Kindern testete. 62 Kinder nahmen an der placebokontrollierten Doppelblindstudie teil. Das Ergebnis: Die Anzeichen des Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) hatten sich bei den homöopathisch behandelten Kindern um durchschnittlich 63 Prozent reduziert. Gemäss Heiner Frei wurde vor allem Calcium carbonicum, Lycopodium und Sulfur verabreicht. Aber auch Belladonna, Causticum, Chamomilla, Ignatia, Nux vomica, Phosphor oder Silicea kamen zum Einsatz. Die Therapie ist aber nicht für Notfallsituationen geeignet, sie muss über eine gewisse Zeit durchgeführt werden.
Weil homöopathische Heilmittel potenziert (verdünnt und verschüttelt) werden, damit sie als feinstoffliche Reize auf Störungen im Organismus oder der Lebensenergie einwirken können, sind in ihnen keine giftigen Stoffe enthalten. Auch sind keine schädlichen Nebenwirkungen bekannt, und es werden keine unerwünschten Reaktionen mit anderen Medikamenten, Genuss- oder Lebensmitteln beobachtet. Das macht sie für Menschen in allen Lebensphasen ebenso wie für Tiere geeignet.
5. Anwendung
Eigentlich können alle Krankheiten homöopathisch behandelt werden – ausser wenn dem Körper lebenswichtigen Substanzen zugeführt werden müssen oder ein chirurgischer Eingriff nötig ist.
Um das richtige Mittel zu finden, ist in der Homöopathie das genaue Beobachten der Wirkung eines Mittels wichtig. Daraus ergeben sich die passenden Einsatzfelder der jeweiligen Arzneimittel. Das Homöopathische Arzneibuch umfasst heute über 2000 pflanzliche, tierische und mineralische Substanzen, und es werden immer neue Stoffe geprüft (z.B. Diamant oder Wasserstoff).
In den Drogerien sehr gebräuchlich ist die Anwendung von so genannten Komplexmitteln. Diese bestehen aus verschiedenen homöopathischen Einzelmitteln (mit unterschiedlichen Potenzen), die aber in eine ähnliche Wirkungsrichtung zielen. «Solche Schrottschüsse wirken meist schnell und gut, können Beschwerden jedoch meist nicht auf Dauer heilen, da sie nicht speziell auf einen Menschen zugeschnitten sind», sagt Vögeli.
Homöopathische Arzneien in Form von Tropfen, Globuli (kleine Kügelchen aus Milchzucker, die mit dem Mittel übersprüht werden) oder Tabletten finden bei einer Vielzahl von chronischen und akuten Beschwerden Anwendung. Sie können dabei sowohl als eigenständige Therapie wie auch als Begleittherapie etwa zu einer medizinischen Behandlung eingesetzt werden.
6. Selbstbehandlung
Häufig verwendete Klassiker als Einzelmittel oder in Mischungen.
7. Anwender und ihre Ausbildung
Diplomierte Drogistinnen und Drogisten kennen die Wirkung der homöopathischen Heilmittel und deren therapeutische Anwendung. Sie wissen über die wichtigsten Arzneien Bescheid und können Sie bezüglich Indikationen beraten. Manche Drogisten und Drogistinnen haben eine homöopathische Zusatzausbildung durchlaufen und können vertieft beraten. (Siehe Drogeriesuche).
8. Behandlung und Ablauf
Wenn eine Krankheit homöopathisch behandelt werden soll, wird ein Homöopath konsultiert. Dieser geht wie folgt vor:
- Der Homöopath macht sich ein Bild der Krankheit
Bei der ersten Konsultation schildert der Patient das Problem. Wann verstärken oder verringern sich die Symptome? Der Homöopath ist auch an der persönlichen Familienkrankheitsgeschichte und an den Lebensgewohnheiten des Patienten interessiert. Es sollte Patienten nicht erstaunen, wenn Homöopathen nach Essensgewohnheiten, Träumen oder Beziehungen fragen. Nach dieser individuellen Diagnose bezeichnet der Homöopath das Krankheitsbild, welches zum richtigen Mittel führt.
- Der Homöopath stellt das homöopathische Mittel aus
Mit der so genannten Repertorisation gelangen viele Homöopathen vom Krankheitsbild zum Mittel. Die Repertorisation ist eine Methode mit der Homöopathen anhand von Symptomen und den passenden Mitteln an die gewünschte homöopathische Arznei gelangen. Manche Homöopathen arbeiten zusätzlich mit Fragebogen, Formularen oder Computern. Was sehr technisch klingt, ist eine Kunst. Jedes Mittel verkörpert einen bestimmten Charakter oder Stimmung, die sich nicht gut in Worten beschreiben lassen. Gespür, Intuition und Erfahrung sind die wichtigsten Eigenschaften eines Homöopathen. Die Einnahme des Mittels sollte nach den Anweisungen des Homöopathen erfolgen. Nach der Einnahme sollte der Patient die Reaktionen möglichst unvoreingenommen beobachten. Die Reaktion auf das Mittel kann entweder gar nicht auftreten, die Symptome können sich verschlechtern oder es folgt eine rasche Besserung. Es ist wichtig nicht eigenständig zu handeln. Sie sollten den Homöopathen um Rat fragen.
- Der Homöopath bestimmt den weiteren Therapieverlauf
Bei der nächsten Konsultation erzählt der Patient, in welcher Art sich seine Situation – und nicht nur das Symptom - verändert hat. Also nicht nur die Krankheit, sondern die gesamte Befindlichkeit wird berücksichtigt. Es kommt vor, dass es dem Patienten allgemein besser geht, aber die Symptome noch die gleichen sind. In diesem Fall ist die Therapie meist auf guten Wegen. Entsprechend der Reaktionen wird der Homöopath entscheiden, ob ein weiteres Mittel notwenig ist oder noch abgewartet werden kann.
9. Grenzen und Risiken
Die Homöopathie hat bei sachgerechter Anwendung keine Nebenwirkungen. Es wird davon ausgegangen, dass falsch gewählte Mittel gar nicht wirken. Wenn sich in einem Akutfall innert eines halben Tages nichts verändert, wurde vermutlich das falsche Mittel gewählt. In dieser Situation sollte eine Fachperson aufgesucht werden, damit sich der Gesundheitszustand nicht verschlimmert. Bei richtig gewählten Mitteln kann eine (Erst-)Verschlimmerung der Symptome auftreten, nach der eine deutliche Verbesserung auftreten sollte. Bei leichten Beschwerden sollte nach zweimaliger Gabe eine Besserung eintreten, bei chronischen Beschwerden kann dies deutlich länger dauern (einige Wochen oder Monate).
10. Praktische Tipps
Für akute Notfälle oder auf Reisen lässt sich eine homöopathische Hausapotheke zusammenstellen. Drogistin Ruth Nigg empfiehlt folgene Mittel: Arnika bei Unfällen, Schock, Verletzungen und Aconitum als Mittel erster Wahl bei akuter Angst. Ein Komplexmittel bei Magen-Darm-Beschwerden zum Aufbau der Darmflora; Kinder mit Magen-Darm-Beschwerden oder Fieber können auch mit Belladonna D6 behandelt werden. Nigg: «Eine Gabe in der Nacht und das Fieber ist am nächsten Morgen wie weggeblasen. Das geht deshalb so schnell, weil sich bei Kindern viel mehr Lebenskraft als bei Erwachsenen für den Heilungsprozess mobilisieren lässt.»
Selbst wenn die Mittelwahl korrekt ist, sollte man nach folgendem Grundsatz handeln: «Homöopathika sollten so oft wie nötig und so wenig wie möglich zur Anwendung kommen.»
11. Zahlt die Krankenkasse?
Seit Anfang 2012 werden die fünf komplementärmedizinischen Methoden Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie, Traditionelle chinesische Medizin (TCM) und Pflanzenheilkunde wieder von der Grundversicherung der Krankenkassen übernommen. Dies aufgrund eines Entscheids des Bundesrates. Die Regelung gilt bis Ende 2017. Bis dahin bleibt den jeweiligen Fachverbänden Zeit, die Wirksamkeit der Methoden zu beweisen bzw. wo nötig besser zu belegen.