Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03613.jsonl.gz/3030

Es trifft gewiss zu, daß die Hoffnung eine Gnade ist.
Aber fraglos ist sie eine schwierige Gnade.
Sie fordert zuweilen unsere Bereitschaft,
auch im Scheitern eine Chance zu sehen,
in der Niederlage eine neue Möglichkeit.
Vielleicht ist die Hoffnung die letzte Weisheit der Narren.
(Siegfried Lenz)
Der Begriff „Hoffnung“ wird sowohl umgangssprachlich wie auch in Medien und Publikationen häufig und dabei in sehr allgemeiner Form verwendet. Insbesondere die umgangssprachlichen Unterscheidungen zwischen Hoffnung, Erwartung, Wunsch und Optimismus sind schwierig und werden je nach subjektivem Sprachempfinden sehr unterschiedlich und häufig auch willkürlich und situativ gemacht.
SCHNOOR (1988: 15) liefert einen kurzen Überblick über die geisteswissenschaftliche Bedeutung der Hoffnung:
- Seit Sophokles ist die Bedeutung der Hoffnung als eines vom subjektiven Interesse geleiteten Vertrauens auf positive zukünftige Möglichkeiten nachweisbar.
- Das frühe Christentum begründete die Hoffnung als optimistische Erwartungshaltungen durch den Glauben an Gott als Fundament dieser Hoffnung. Letztlich handelt es sich um ein personifiziertes Hoffen auf Gott bzw. auf Jesus Christus und steht immer in Bezug zu Ostern und Parusie[1]. Auch 2007 wurde diese Tradition durch Papst Benedikt XVI. durch die Enzyklika „Spe Salvi“ wieder aufgegriffen.
- Die bedeutendste neuzeitliche Arbeit zur Philosophie der Hoffnung ist das „Prinzip Hoffnung“ von ERNST BLOCH. Es spannt den Bogen von den fünf berühmten Fragen „“Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? Was erwarten wir? Was erwartet uns?“ im Vorwort bis hin zu den grossen Utopien einer besseren Welt im vierten Teil. Hoffnung ist dabei für Bloch nicht nur der zukunftsorientierte Erwartungsaffekt des Selbsterhaltungstriebes, diese Hoffnung verbindet sich bewusst und reflektierend mit der Ratio, um ihre Inhalte auch tatsächlich und praktisch zu realisieren. Hoffnung wird aktiv, setzt sich mit dem Problem und dem Mangel auseinander, sucht Veränderungswege und leitet Handlungsschritte ein (vgl. SCHNOOR: 78-79) Die starken Bezüge dieses Werkes zur Eschatologie und Religion hatten einen grossen Einfluss auf die Befreiungstheologen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
- Bei der psychoanalytischen Literatur fällt ein immanenter Widerspruch auf: Einerseits wird der Hoffnung in den psychosomatischen Theorien ein zentraler Stellenwert eingeräumt, andererseits ist dieser metapsychologische Begriff kaum in systematischer Weise behandelt oder definiert worden. Nur wenige Autoren haben sich explizit mit Hoffnung auseinandergesetzt. Die Psychoanalyse hat bis auf SCHNOOR (1988) keine umfassende Theorie der Hoffnung erarbeitet. In der Sozialpsychologie werden Hoffnungen seit den Sechzigerjahren erforscht – vor allem im Zusammenhang mit den Pflegewissenschaften (vgl. LIPPS/HUPPMANN 2006: 201-211).
Es kann festgehalten werden, dass die verschiedenen aktuellen Definitionsversuche sich im Kern einig sind:
Hoffnung ist
- ein positiv besetzter Begriff,
- auf eine bessere Zukunft ausgerichtet,
- und ihre Erfüllung ist in der Vorstellung des Hoffenden realistisch – auch wenn die Eintreffenswahrscheinlichkeit gering ist, sehr grosse Anstrengungen oder Hilfe von aussen erfordert.
Unterschiede bestehen bezüglich der Frage, welche Kräfte für die Erfüllung der Hoffnungen zuständig sind:
- Ist Hoffnung eher eine zwar ausdauernde aber eigentlich passive Haltung, die auf positive Veränderungen und Hilfe von aussen wartet, oder soll eigenverantwortliche Hoffnung als Selbstkompetenz die Quelle eigener grosser Anstrengungen sein soll, das heisst das Individuum soll selbst in der Lage sein – oder ist sogar dazu aufgefordert, sich selbst für die Erfüllung seiner Hoffnungen zu engagieren (im Sinne des Voluntarismus), was William James auf protestantische Mind-cure-Bewegungen zurückführt (vgl. James 1997: 110-151).
- Gründet diese Hoffnung auf Hilfe bzw. auf Verbesserung von aussen auf menschlichen Autoritätspersonen (Eltern, Vorgesetzte, Obrigkeit, etc.)?
- Oder gründet diese Hoffnung auf einer transzendenten Macht, wobei hier eine grosse Bandbreite bezüglich der Qualität dieser Mächte besteht: vom Glaubensverständnis der alten Religionen an personifizierte Götter bis zu erstaunlich konkreten Erwartungen an eigentlich abstrakte Konzepte wie Schicksal, Vorhersehung, Gerechtigkeit, Natur, Fortschritt oder die Zukunft an und für sich.
|Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm[1]||Erwartung, Hinsicht auf etwas Künftiges, das Streben nach etwas Künftigem, zu Erlangendem|
|Duden-Bedeutungswörterbuch||Vertrauen in die Zukunft, Erwartung, dass etwas Gewünschtes geschieht|
|Friedhelm Zubke, Pädagogik der Hoffnung[2]||Eine Vision von einem Ziel haben, auf ein Ziel ausgerichtet sein, ohne sich auf Dauer von nicht ausbleibenden Enttäuschungen entmutigen zu lassen.|
|Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jh.[3]||Zuversichtliche Erwartung, dass etwas geschehen wird, zuversichtliche Annahme, jemand, auf den man grosse Erwartungen setzt|
|Friedrich Kümmel||Hoffnung (ἐλπίς) meint im griechischen Altertum die menschliche Zukunftserwartung im guten wie im schlechten Sinne.|
ALEXANDER (2008: 7 und 8 ) erstellte einen umfangreichen Überblick über Hoffnungsdefinitionen (Hope) in den Sozialwissenschaften:
|Stotland 1969||An expectation greater than zero of achieving a goal|
|Gottschalk 1974||A measure of optimism that a favorable outcome is likely to occur not only in one’s personal earthly activities but also in cosmic phenomena and even in spiritual or imaginary events.|
|Erickson, Post und Paige, 1975||A combination of the importance of goals and the probability of attaining them (expectancy x value) – based on Scotland’s hope theory|
|Obayuwana und Carter, 1982||Future expectancies|
|Stoner, 1982||Probability of attaining future-oriented goals (based on Scotland’s theory)|
|…||…|
|Grimm, 1984||Future orientation, planning of goals, taking action, and relationships|
|Dufault and Martocchio, 1985||A multidimensional life force characterized by a confident yet uncertain expectation of achieving good, that, to the hoping person, is realistically possible and personally significant.|
|Miller and Powers, 1988||Characterized by an anticipation for a continued good state, an improved state, or a release from perceived entrapment|
|Staats, 2001||An interaction between particular wishes and expectations of their occurrence (i.e. expectancy x value)|
|Nowotny, 1989||A multidimensional dynamic attribute of an individual, involving: active involvement, confidence, relating to others, spiritual beliefs, comes from within, future is possible|
|Averill et al., 1990||Emotion-focused theory based on four “rules” of hope:

|Hinds and Gattuso, 1991||The degree to which an adolescent possesses a comforting or life-sustaining, reality-based belief that a positive future exists for self or others|
|Snyder et al., 1991||A reciprocally-derived sense of successful agency (goal-directed determination) and successful pathways (planning of ways to meet goals)|
|Morse and Doberneck, 1995||Seven components:

|Bruiniks and Malle, 2005||An emotion that occurs when an individual is focused on an important future outcome that allows for little personal control, so the person is unable to take much action to realize the outcome|
[2] ZUBKE FRIEDHELM (1996) Pädagogik der Hoffnung, Würzburg, S. 73
[1] Parusie ist ein Fachbegriff der christlichen Theologie und bezeichnet die noch ausstehende aber im Glauben erwartete und in der Bibel und dem apostolischen Glaubensbekenntnis thematisierte Widerkunft Jesu Christi am Jüngsten Tag.
Auch in den verschiedenen geisteswissenschaftlichen Disziplinen herrscht kein einheitliches Verständnis zur inhaltlichen Fassung des Begriffes „Hoffnung“, entsprechend vielfältig sind die Definitionen.
Hoffnung ist ein mehrdeutiger Begriff im Sinne der Polysemie.
Im Rahmen dieses Kapitels soll näherungsweise aufgezeigt werden, welche verschiedenen Definitionen bestehen und welche verschiedenen Konzepte in verschiedenen Disziplinen wie Philosophie, Theologie, Psychologie und Soziologie bestehen.