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Die europäischen Staatsbahnen besassen verschiedene Spezialwagen für den Krankentransport. Solche Transporte waren nur für Gutsituierte erschwinglich. In der Schweiz bezahlten die Benützer eines Krankenwagens mindestens den Billettpreis der jeweiligen Klasse des Wagens für zwölf Personen und die befahrene Strecke. Im Jahre 1918 hatten die SBB acht zweiachsige und vier vierachsige Krankenwagen in ihrem Bestand. Von den schweizerischen Privatbahnen hatten ausser der hier erwähnten Wagen der RhB und der ChA nur noch die VZ (Visp-Zermatt Bahn) einen Krankenwagen.
Ausstattung der Wagen
Die Krankenwagen sind nicht mit den Sanitäts- oder Lazarettswagen zu verwechseln. Diese Krankenwagen waren mit einem Bett, Einrichtungen für die Betreuung des Kranken während der Fahrt, einem Abteil für den begleitenden Arzt oder die Krankenschwester, je nach Schwere der Krankheit des Patienten, und unter Umständen auch mit einem Abteil für begleitende Familienangehörige des Kranken ausgestattet. Da das Kantonsspital in Chur sehr weit von den vielen Talschaften entfernt ist und die Regionalspitäler oft für die chirurgische und medizinische Betreuung der Patienten zu wenig ausgerüstet waren, konnte der Weg nach Chur am schnellsten mit der Eisenbahn zurückgelegt werden. Hinzu kamen die verschiedenen Kliniken für Lungenkranke in Davos und Arosa, welche immer wieder Anlass für Krankentransporte mit der Bahn waren.
Der erste Krankenwagen der Landquart-Davos-Bahn
Es bestand das Bedürfnis eines Schlafwagens mit Toilette und Salon, der Davoser Gäste würdig. Im Vernehmen mit dem Ärzteverein Davos ist ein solcher Wagen in der bahneigenen Werkstätte in Davos auf dem Untergestell des K 46 aufgebaut worden. Dieser wurde noch Ende 1895 in Betrieb gesetzt. Der Kasten des K 46 ist dann im Jahre 1896 auf ein neu bestelltes Untergestell gleicher Grösse aufgebaut worden. Somit wurde innert kürzester Zeit der Ass 5 aufgebaut. Mit seiner über eine Wagenhälfte ragenden offenen Galerie, welche als Zugang zum Schlafabteil und als Durchgang zum WC und Salonabteil diente, war der Ass 5 sicher ein Unikum im Park der RhB. Der Wagen hatte vier Abteile: Ein Salonabteil mit sechs Sitzplätzen erster Klasse (Salon) und je Seite zwei bis an die Dachkante ragende Mittelfenster sowie je zwei rechts und links dieses Fensters angeordnete, in der Höhe kleinere Fenster. Eine innere Schiebetüre führte in einen Vorraum, welcher rechts zum Abort, geradeaus ins Schlafabteil und links auf die offene Plattform führte. Das Schlafabteil hatte nebst einem quer zur Fahrtrichtung liegenden Bett noch zwei Klappstühle und ein Klapptischchen, letzteres an der nach aussen mündenden, 85 cm breiten Seitentüre, welche dazu diente, aufgebahrte Patienten einzuladen. Auf der offenen Gangseite war ebenfalls eine solche nach aussen zu öffnende Türe vorhanden. Das Geländer des offenen Seitengangs konnte in diesem Fall auf Rollen, die auf eine vom Salon bis zur Plattform reichenden Schiene glitten, verschoben werden. Zur Eröffnung der Linie Landquart – Chur – Thusis verkehrte dieser Wagen eine Zeitlang ohne Bett mit speziellen, von SIG gelieferten Stühlen als 1. Klassewagen. Der Ass 5 ist dann aber vermehrt als Krankenwagen für Transporte von Tuberkulosepatienten nach Davos benutzt worden, so dass die RhB ihn dann im Jahre 1911 im Zusammenhang mit der Umnummerierung des gesamten Rollmaterials zum Dk 3501 umzeichnete, ohne seine Inneneinrichtung zu ändern. Nach Ablieferung des vierachsigen Krankenwagens Dk4 3502 im Jahre 1914 ist er nicht mehr eingesetzt worden, zumal die Transporte von Tuberkulose-Kranken nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges stark zurückgegangen sind. Als im Jahre 1924 die Konjunktur wieder anzog, entsprach dieser Wagen nicht mehr den Anforderungen eines Krankenwagens, weshalb aus dem ehemaligen A 22 von 1903 ein Ersatzwagen für den Dk 3501 entstand. Das Untergestell kam im Jahre 1925 als Kompressorwagen X 9032 für den Bau der Furka-Strecke wieder zum Einsatz, während der Kasten einige Jahre als Schulungsraum im Kinderheim Gotthilf in Zizers diente.
Als Ersatz für den ausrangierten Dk 3501 I baute die Hauptwerkstätte Landquart den ehemaligen Erstklasswagen A 22 von 1903 in einen Krankenwagen um. Sie beliess den Seitengang und ein Abteil für die Begleitpersonen und versetzte den Abort ans andere Ende des Wagens. In der Mitte entstand ein Krankenabteil mit einem Bett. Beidseitig ermöglichten zweiflüglige Seitentüren den Ein- und Auslad des Bettes.
Der vierachsige Krankenwagen Dk4 3502
Für Krankentransporte, vorwiegend nach Davos, aber auch für die längeren Strecken aus dem Engadin (Scuol – Chur, 134 km) bestellte die RhB einen zweiten Krankenwagen, welchen die Lieferfirma SIG (Schweizerische Industrie Gesellschaft Neuhausen am Rheinfall) zuerst an der Landesausstellung in Bern vorführte. Die Inneneinrichtung projektierte die RhB gemeinsam mit der Lieferfirma und zugezogenen Ärzten. Äusserlich entsprach er den gleichzeitig gelieferten Personenwagen, hatte offene Plattformen und einen Seitengang. In der Wagenmitte lagen der Krankenraum sowie die daran anstossende, zum Krankenraum gehörende Toilette. Wände, Decken und Böden sowie Möbel waren leicht abwasch- und desinfizierbar. Der Krankenraum enthielt ein vollständiges Bett mit Eisengestell und Stahlfedermatratzen mit beidseitig verstellbaren Kopfenden. Die Rosshaarmatratz war zur leichteren Desinfizierung dreiteilig. Ein eiserner, mit heller Emailfarbe gestrichener und mit Glasdecke versehener Nachttisch, ein gepolsterter, als Lehnstuhl eingerichteter Nachtstuhl mit Eisengestell, ein Betttisch mit verstellbarer Platte, zwei ledergepolsterte, elektrische Bettflaschen und ein vernickelter Krankenheber vervollständigten das Inventar des Krankenwagens. Mittels elektrischer Klingel konnte der Kranke die Bedienung herbeirufen. Die beiden elektrischen Deckenlampen waren für Hell und Dunkelstellung eingerichtet und überdies mit Stoffblenden versehen. Die Dampfheizung bestand aus regulierbaren, an den Wänden angebrachten Radiatoren. Die elektrischen Heizkörper waren an den Wänden, unter den Ecklehnstühlen und unter dem Bett angebracht. Der Zutritt zum Krankenraum erfolgte über den Seitengang. Auf beiden Längsseiten des Krankenraums, und einander gegenüber, waren Doppeltüren für den Ein- und Auslad des Kranken auf einer Tragbahre vorhanden. Auf der anderen Seite des Krankenraums, dem Abort gegenüber, befand sich die kleine Küche mit Eingang vom Krankenraum aus. Diese war mit einem Spülbecken aus Feuerton mit Wasserhahn, einem Marmortisch und, an einer Seitenwand aufgehängt, zwei elektrischen Kochgeschirren mit kardanischer Aufhängung, ausgerüstet. Die Wand gegen den Seitengang war zu einem Kasten ausgebildet, in dem die Bettwäsche für dreimaligen Wechsel, Reservehandtücher, verschiedenes Geschirr, Notleuchter usw. untergebracht waren. Ausser dem Krankenraum war ein Abteil mit sechs Sitzplätzen für die Begleitung und ein Abteil mit nur einer Polstersitzbank für den Arzt vorhanden. Alle Polster und Rücklehnen hatten Überzüge aus braunem Leder. An einem Wagenende befand sich überdies eine Toilette für den Arzt und das Begleitpersonal. Viele Jahre stand der vierachsige Krankenwagen Dk4 3502 in Landquart unbenutzt abgestellt, weil durch den Ausbau der Strassen in Graubünden die Krankentransporte per Auto erfolgten. Der Kasten ist im Jahre 1960 abgebrochen worden und auf dem guterhaltenen Untergestell entstand der Gepäckwagen F4ü 4209.
Anmerkungen der SBZ:
„Der Krankenraum befindet sich in der Mitte des mit Seitengang versehenen Wagens; auf der einen Seite schliesst sich der Krankenabort, auf der andern Seite eine kleine Küche mit elektrischer Kocheinrichtung an. Auf beiden Wagenenden befindet sich je ein Personenabteil für Arzt und für Begleitung mit besonderem Abort und Toilettenraum. Krankenraum und anstossende Toilette haben aseptische Spitaleinrichtung, die Wände und Decken sind weiss gestrichen, Boden und Mobiliar leicht wasch- und desinfizierbar. Soweit möglich sind die Gebrauchsgegenstände aus Glas, Porzellan, Marmor und vernickeltem Metall hergestellt. Das Krankenbett ist mit allem Nötigen für vollständige Ausrüstung versehen, eiserne Bettstelle mit Stahlfedermatratze, sowie einem verstellbaren Betttisch usw. Beidseitig vom Krankenraum ermöglichen breite Doppelflügeltüren das bequeme Einbringen des Kranken. In den Abteilen für Arzt und Begleitung befinden sich gepolsterte Sitze mit glattem Lederüberzug, als Schlafstellen benützbar. Im Küchenraum ist ein geräumiger Schrank und ein Marmortisch, daneben Spühlbecken mit Wasserhahn, ferner ein elektrischer Schnellkocher an eine Akkumulatoren-Batterie angeschlossen. Der Wagen hat reichliche elektrische Beleuchtung (System Brown Boveri) mit Dynamo, Akkumulatorenbatterie und Metallfadenlampen. Zur Heizung und Warmwasserbereitung in Küche und Toilette dienen Dampf und Elektrizität. Das Hauptgestell des Wagens ist aus Profileisen erstellt, mit Sprengwerk versteift und ruht auf doppelt gefederten Drehgestellen; die Kastenvekleidung ist aus Aluminiumblech. Der Wagen besitzt automatische Vakuumbremse, System Hardy, kombiniert mit der Handbremse.“
Der Krankenwagen Dk 61 der Chur-Arosa-Bahn
Durch die Fusion der Chur-Arosa-Bahn mit der Rhätischen Bahn im Jahre 1942 kam noch ein weiterer Krankenwagen in den Bestand der RhB. Für den Transport von Kranken zu den Lungensanatorien in Arosa war seit der Betriebseröffnung ein zweiachsiger Krankenwagen Dk 61 vorhanden. Im Aufbau entsprach der Wagen den BC 21–23. Auf der Seite Arosa hatte der Wagen einen Gepäckraum mit nach auswärts zu öffnenden Doppeltüren. Darin befanden sich ein Wäscheschrank, ein Wasserreservoir, die Ausgussschüssel, ein Medikamentenschrank und ein Universaltragstuhl. Vom Gepäckraum aus führte ein Seitengang zur hinteren Plattform. Eine Verbindungstüre führte in den Krankenraum, der mit einem Bett, einem Diwan, einem Lehrstuhl und einem Nachttisch ausgerüstet war. Für Begleiter standen drei Sitzplätze 2. Klasse zur Verfügung. Am unteren Ende des Krankenabteils befand sich eine nach aussen zu öffnende Doppeltüre, um bei Bedarf das Bett ein- und ausladen zu können. Zudem war im Wagen noch ein Abort vorhanden. Nach Übernahme durch die Rhätische Bahn blieb der Wagen mit der neuen Nummer 3503 weiterhin auf der Linie Chur-Arosa und erhielt 1946 die elektrische Heizung für das Stammnetz.
Anmerkungen der SBZ:
„Von zwei offenen Einsteigeplattformen gelangt man in einen, den ganzen Wagen durchlaufenden breiten Seitengang und von diesem durch je eine Schiebetüre in die zwei Räume, den Krankenraum und den Gepäckraum; der Seitengang ist mit Klappstühlen versehen und dient zum Aufenthalt für die Begleitung. In den Längswänden befinden sich doppelte Flügeltüren, durch die der Kranke von beiden Seiten her mittels Tragbahren in den Krankenraum gebracht werden kann. Der Neben- oder Gepäckraum dient zum Aufbewahren der Tragbahre und zur Unterbringung des Reisegepäcks; er enthält ausserdem einen Wäscheschrank, Waschtoilette mit Ausguss und Wasserspülung, sowie einen elektrischen Heisswasserapparat, System Hydroterm, und die Schalttafel für elektrische Beleuchtung und Heizung.
Das Untergestell besteht aus Profileisen und hängt mittels Kettengliedern und Rollen an vier Blattfedern, die auf den Achskugellagern der freien Lenkachsen ruhen; die achtklötzige Hardy-Vakuumbremse ist mit der Handspindelbremse kombiniert.“
Das Aussehen der vier Krankenwagen
Die RhB Krankenwagen waren ursprünglich wie alle Personenwagen grün. Seit 1948 hatte der Dk 3501 II den damals aktuellen creme/grünen Anstrich, den er bis zur Ausrangierung beibehielt. Der von der ChA übernommene Dk 3503 erhielt trotz seines verblichenen weissblauen Anstriches aus der Arosa-Bahn-Zeit keine Farbausbesserung und als er 1960 nach Poschiavo zum Umbau in ein Hilfswagen fuhr, war er fast weiss ausgeblichen. Anlässlich des Umbaus zum Dienstwagen erhielt er den oxydroten Anstrich, genauso wie der zum Werkzeugwagen der Sektion Sicherungs- und Fernmeldeanlagen SF umgebaute Dk 3501 I
Werkfotos
Fahrzeugfotos
Typenskizzen, Zeichnungen, Schemata
(Quelle: Rhätische Bahn AG, Info-Retica 1. Ausgabe, März 2015, Sonderabdruck schweizerische Bauzeitung, RhB-Nachrichten)