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Man kann Ziel und Inhalt des vorliegenden Buchs (auf Deutsch erschienen 2012 im Manesse-Verlag, eine bibliophile Ausgabe im Grossformat, Leinen, Fadenheftung, Kartonschuber, Illustrationen und eine Landkarte von Concord (MA) auf dem Vorsatzblatt) nicht besser charakterisieren als der Herausgeber der originalen, US-amerikanischen Ausgabe:
Kaum ein amerikanischer Autor ist so unzureichend verstanden wie Henry David Thoreau – teils weil er sein spezielles Handwerk so gut beherrschte. Lange Zeit galt er gemeinhin als streitbarer Eremit, der sein halbes Leben in einer Hütte am Rand eines Sees verbrachte, die andere Hälfte im Kampf gegen das Unrecht im Gefängnis. Kürzlich hat die Allgemeinheit umdenken und ihr Bild quasi um ein drittes halbes Leben erweitern müssen: das des intensiven Beobachters und beredten Schilderers natürlicher Phänomene – des Protoökologen Thoreau. (Bradley P. Dean, hier zitiert nach der Übersetzung: „Nachwort“, S. 257)
Nun, ob die Allgemeinheit schon umgedacht hat (immerhin erschien das Original im Jahr 2000), wage ich zu bezweifeln. (Tatsächlich haben auch wir hier – vor etwas mehr als einem Jahr nun – Thoreau hauptsächlich als Rebellen wahrgenommen.) In Tat und Wahrheit verbrachte Thoreau die letzten 4 oder 5 Jahre vor seinem frühen Tod vor allem damit, die Gewächse in seiner näheren Umgebung (Concord im US-Bundesstaat Massachusetts, wo er mittlerweile im Haus seiner Eltern bei ihnen und seiner Schwester wohnte – immer noch nur einen Steinwurf entfernt vom durch ihn zur Berühmtheit gelangten Walden Pond) aufzusuchen und zu analysieren, zu klassifizieren.
Dabei interessierten ihn vor allem – hier zeigt sich dann doch wieder der Eremit! – die essbaren wilden Früchte; er gab vor, Tafelobst weniger zu mögen als wild Gewachsenes. Allerdings nimmt er den Begriff „wild“ nicht zu 100% wörtlich, und so finden wir auch verwilderte Kulturpflanzen und sogar verschiedene kultivierte Zuchtformen (v.a. bei Äpfeln und Birnen) in seinem Katalog. Auch den Begriff „Frucht“ nimmt er in einem recht weiten Sinn; nicht nur Nüsse werden dazu gezählt, sondern auch z.B. die klettartig haftenden Samen von gewissen Bodengewächsen – oder Tannzapfen. Primär interessiert ihn also die Essbarkeit seiner Fundstücke und deren Geschmack, den er sehr differenziert und detailliert zu beschreiben weiss. Kein Wein-Degustant von Profession könnte den Unterschied zwischen dem Geschmack zweier Weine besser schildern als Thoreau den zwischen zwei Beeren – geerntet vom selben Strauch. (Und dabei ist es verblüffend, was für Früchte er als essbar erklärt. Meine Grossmutter hätte mir mindestens die Hälfte davon als „giftig“ streng verboten…)
Über mehrere Jahre hinweg hat Thoreau notiert, wann welche Frucht reif, ja, wann sie überreif ist. Er kannte versteckte Fundorte. Selbst auf dem Grundstück seines Freundes Emerson, rund um Walden Pont, kannte er solche und suchte sie jedes Jahr auf. Daneben notierte er auch das langsame Wachsen des Städtchens Concord; das sukzessive aber intensive Abholzen von Wäldern, um für Häuser Platz zu machen – aber auch, wie die Natur nicht kulturell genutzte Flächen wieder zurückeroberte. Thoreau war mit seinen Notizen und Untersuchungen auch Teil eines Forschungsprojekts der Smithsonian Institiution. Thoreau allerdings plante, seine Funde und Erkenntnisse in Buchform selber zu publizieren. Sein früher Tod hinderte ihn daran; später war das Manuskript jahrelang verschollen und ist erst vor kurzem der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden.
In den Wilden Früchten ist Thoreau weder politischer Rebell noch Transzendentalist. Oder nur ein bisschen, am Rand, da er sich nach wie vor ganz für die Natur und ganz gegen kulturelle bzw. technische Errungenschaften erklärt. Aber er tut dies vor allem, indem er die Natur beschreibt und beobachtet. Sein Hauptaugenmerk liegt auf den Pflanzen seiner näheren Umgebung, aber auch Eichhörnchen können ihn interessieren. Abgesehen von jedem ökologischen Interesse (es wäre z.B. interessant, die Reifezeiten der Beeren von heute mit der von Thoreaus Zeiten zu vergleichen), dürfen wir hier einem Prosaautor über die Schulter schauen, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Natur so präzise wie möglich zu schildern. Arno Schmidt hat dies in einem seiner Funk-Essays den absoluten Naturalismus genannt – allerdings sprach er dabei von Brockes, dem Hamburger Senator. (Der nun wiederum nicht eigentlich die Natur, sondern domestizierte Natur beschrieb – seinen Garten nämlich.) Hätte Schmidt die Wilden Früchte gekannt, er hätte Thoreau mit eben so viel, wenn nicht mit grösserem Recht einen „Naturalisten“ nennen können. Und im Unterschied zu Brockes bleibt Thoreau in seinen jeweils einer Frucht gewidmeten Abschnitten kurz genug, streut auch hin und wieder eine Erzählung ein, wo und wie er diese Früchte findet – kurz, das Interesse des Lesers schwindet eigentlich nie.