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Kürzlich wurde ich auf einen Beichtbrief Zwinglis aus dem Jahr 1518 hingewiesen. Der Kirchenhistoriker Alfred Schindler (1934-2012) fasst Anlass und Inhalt zusammen (in: “Zwinglis ‘Fehltritt’ in Einsiedeln und die Überlieferung dieses Ereignisses”, Zwingliana, 36, 49–57):
Der Name des Briefes rührt daher, dass Zwingli in ihm gegenüber Heinrich Utinger seinen sexuellen Seitensprung zugibt, und dies vor allem wegen der Verleumdungen im Zusammenhang mit seinem Geschlechtsleben, die seine erhoffte Berufung nach Zürich verhindern sollten. In diesem Brief bekundet er Reue über seinen Fehltritt und betont, dass er nicht etwa, wie behauptet wurde, eine Jungfrau geschwängert oder sonstwie gegen die geltende Sexualmoral verstossen habe. Es sei ja «nur» eine Weibsperson gewesen, deren Lebenswandel sattsam bekannt sei.
Schindler gibt eine mündliche Überlieferung weiter, nach welcher der Entdecker des Briefes, Johannes Schulthess (1763-1836),
Eines Abends besuchte der junge Alexander Schweizer seinen Lehrer Schulthess. Er fand ihn im Archiv des Antistitiums mit den Originalen der Briefe Zwinglis beschäftigt. … «Sie kennen den Inhalt dieses Briefes», bemerkte Schulthess zu seinem Schüler, indem er das Blatt der Kerzenflamme näherte: «Was meinen Sie? Ausser Ihnen und mir kennt heute niemand diesen Brief [. . .]» Dann, mit einem Ruck, legte er den Brief zu den anderen. «Nein, der Protestantismus ist die Wahrheit, Wahrheit unter allen Umständen.»
Der Wortlaut des Briefes wird wiedergegeben.
Zuerst also soll Dir nicht verborgen sein, dass ich vor ungefähr drei Jahren den festen Vorsatz gefasst hatte, kein Weib mehr zu berühren, weil ja Paulus gesagt hat, es sei gut, wenn man kein Weib berühre. Aber es ist nicht gut gelungen. In Glarus blieb ich allerdings von da an ein halbes Jahr meinem Vorsatz treu, in Einsiedeln aber nicht mehr länger als ein Jahr, da ich eben in Einsiedeln niemanden fand, der diese Lebensweise mit mir teilte, wohl aber nicht wenige, die mich verführten – ach! da bin ich gefallen und dem Hunde gleich geworden, der sich zu seinem Auswurf wendet, wie der Apostel Petrus sagt. Oh, mit tiefer Beschämung (Gott weiss es) hole ich dies aus den Tiefen meines Herzens herauf, sogar vor Dir, vor welchem ich mich doch auch mündlich weniger als vor sonst irgend einem sterblichen Menschen auszusprechen scheuen würde.