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Fortsetzung vom 16. September 2010
Wenn die Beschäftigung mit Identität und Nichtidentität sich für Irina (Schauspielerin) als nicht hilfreich erweist, dann sollte sie versuchen, über die Frage »wer bin ich« unter Einbeziehung des
Begriffs »Persona« nachzudenken. Wenn meine Identität beides bedeutet - wie ich mich selbst sehen und von anderen gesehen werden will-, ist die Persona die Möglichkeit, mit der Außenwelt eine
Beziehung aufzunehmen.
In der Literatur verweist das Wort Persona auf die Person, die die Geschichte erzählt. Vielleicht ist es der Autor, vielleicht auch nicht- Jane Eyre war nicht Charlotte Bronte. Bei Filmstars können wir sagen, daß Humphrey Bogart eine Leinwand-Persona hatte und James Dean eine andere. Jung bezeichnete mit Persona die äußere Persönlichkeit, diejenige, die mit der Außenwelt kommuniziert. Diese Persona ist abgegrenzt vom »Selbst«, das nach Jung beschreibt, wer wir wirklich sind. »Wer wir wirklich sind« mag den Psychoanalytiker interessieren, doch der Schauspieler sitzt in der Klemme.
Im Theater wirkt die Persona auf mysteriöse Weise. Genau wie der Physiker die Partikel nur anhand ihres Verhaltens beschreiben kann, läßt sich die Persona leichter anhand dessen beschreiben, was sie tut. Die Persona kann uns nur mit dem Umriß einer Figur bekannt machen, doch wieviel wir bereits über diese Person wissen, kann uns in Erstaunen versetzen. Es ist fast so, als ob wir Kenntnisse aus einem früheren Leben besitzen. Manchmal beschweren wir uns, daß wir nicht genug Material über die Welt der Figur haben; aber gelegentlich stellen wir erschrocken fest, wieviel wir über eine Welt wissen, von der wir eigentlich nichts wissen sollten.
Ein anschauliches Beispiel von Persona begegnet uns in der Commedia dell' arte, in der verschiedene archerypische Charaktere bereitstehen, um von den Darstellern angenommen, verkörpert und gespielt zu werden. Der Schauspieler muß nicht unbedingt eine Fülle spezifischer Nachforschungen über die Figur des Pantalone angestellt haben. Ein Schauspieler, der die Persona dieses törichten alten Mannes erkennt, wird in der Lage sein, die Persona dieser altbekannten Figur anzunehmen. Nebenbei bemerkt: Der Schauspieler nimmt eine Persona an; nie adaptiert der Schauspieler eine Persona. Je mehr der Darsteller in der Lage ist, sich einer Persona hinzugeben, um so mehr wird die Persona den Schauspieler annehmen oder ihn sogar adaptieren. Es ist so, als hätte die Persona selbst die Hintergrundrecherche angestellt und würde dem Schauspieler ihre 'Ergebnisse zur Verfügung stellen.
Wie ist das möglich? Nur wenige Koordinaten können eine neue Welt zum Leben erwecken. Picasso konnte ein kraftvolles und komplexes Universum mit ein paar Bleistiftstrichen andeuten. Ein junger Mann fragte den Maler einmal, wie lange er gebraucht habe, um diese paar Striche zustande zu bringen. Picasso antwortete: »Oh, ungefähr vierzig Jahre.« Diese vierzig Jahre entsprechen der unsichtbaren Arbeit des Schauspielers. Sie sind in einer Zeichnung, die in vierzig Sekunden fertig wurde, nicht ausdrücklich erkennbar; aber diese vierzig Jahre verleihen dem Kunstwerk seine Lebendigkeit, ohne sich selbst zu offenbaren. Wir können sicher sein, daß Picasso diese vierzig Jahre nicht bewußt benutzte, während er die Striche hinkritzelte; auf sonderbare Weise haben vielleicht auch die vierzig Jahre ihn benutzt.
Die Persona funktioniert ähnlich. Mit Hilfe scheinbar spärlicher Informationen kann ein Schauspieler eine Vorstellung geben, die einer Phantasiewelt von großer Komplexität entstammt.
aus
„Der Schauspieler und das Ziel“
von
Declan Donnellan
Alexander Verlag Berlin
Seite 137 - 139