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annabelle: Maria Ohisalo, Finnland war das erste Land Europas, in dem Frauen wählen durften. Wie erklären Sie sich, dass eine damals noch zum Zarenreich gehörige Region dieses Recht so früh eingeführt hat?
Maria Ohisalo: Laut allen OECD-Studien hängen Gleichstellung und Wohlstand zusammen und irgendwie scheint man das in Finnland bereits 1906 verstanden zu haben. Wir waren damals noch eine sehr kleine Gesellschaft, die sich einfach nicht leisten konnte, die Hälfte der Bevölkerung aussen vor zu lassen. Jeder sollte partizipieren können. Die Frauen wurden als Arbeitskräfte gebraucht, und man entschied, sie im Zuge dieser stärkeren Einbindung in die Gesellschaft auch an den Entscheidungsprozessen partizipieren zu lassen. Das war nicht zuletzt eine wirtschaftliche Notwendigkeit.
Zu diesem Zeitpunkt war die Schweiz, ebenfalls eine sehr kleine Gesellschaft, noch sehr weit vom Frauenstimmrecht entfernt.
Auch hierzulande müssen wir uns weiterhin für Gleichstellung engagieren. Nur weil wir einige Rechte erkämpft haben, bedeutet das noch lang nicht, dass das reicht oder dass wir diese Rechte in alle Ewigkeit behalten werden. Beispielsweise müssen wir bezüglich der Abtreibungsgesetze nachlegen. Gerade ist ein Volksbegehren eingebracht worden, diese Prozesse zu vereinfachen und zu entbürokratisieren. Unter einer vorherigen Regierung waren Bilder von einem Aussenminister aufgetaucht, der auf einer Antiabtreibungs-Demonstration im Ausland zu sehen war. Aufgrund solcher Vorkommnisse tritt zutage, dass auch Rechte, die wir als selbstverständlich angesehen hatten, immer wieder verteidigt werden müssen.
«Für mich ist Sozialpolitik die beste Sicherheitspolitik»
Ihre politische Karriere verlief ziemlich rasant. 2008 sind sie der grünen Partei als junge Sozialwissenschafterin beigetreten, knapp zehn Jahre später waren Sie Vorsitzende und Innenministerin.
Ja, ich bin sozusagen per Kopfsprung in die Politik eingetaucht. Das hat sehr gut funktioniert, weil die Grünen nicht sehr hierarchisch aufgebaut sind und man sich schnell einbringen kann.
Wachen Sie manchmal auf und denken «Huch, ich bin tatsächlich Ministerin»?
(Lacht) Oh ja. Das passiert häufig. Ich bin im Osten Helsinkis gross geworden, dem Teil der Stadt, von dem oft die Rede ist, wenn es um wirtschaftliche Ungleichheit und soziale Segregation geht. In meiner Familie hatte niemand eine akademische Ausbildung. Für meine Eltern war es nicht immer leicht, finanziell über die Runden zu kommen. Ich hatte eine schwierige Kindheit und hätte mir nicht träumen lassen, dass ich einmal promovieren, geschweige denn in die Politik gehen würde. Umso mehr sehe ich mein Amt als ein grosses Privileg.
Wie fühlt es sich an, auf internationalen Treffen hauptsächlich von männlichen Amtskollegen umringt zu sein?
Das ist ziemlich traurig, zumal das Innenministerium ein so wichtiges Amt ist. Frauen werden ja stets eher mit soften Massnahmen in Verbindung gebracht. Im Gegensatz zu handfester, harter Sicherheitspolitik. Und gerade das wollte ich infrage stellen. Für mich ist Sozialpolitik die beste Sicherheitspolitik. Damit falle ich bei internationalen Treffen immer noch auf. Und nicht nur damit. Finnland hatte ja kurz nach unserem Regierungsantritt den Ratsvorsitz in der EU inne und meine Amtskolleg:innen trafen hier nur drei Wochen, nachdem ich Ministerin geworden war, ein. In meinem Sommerkleid fiel ich ziemlich auf zwischen all den dunklen Anzügen.
Wie erklären Sie sich als Politikerin und Politologin das gute Abschneiden Finnlands in Gleichstellungsfragen?
Als das Foto von uns fünf regierenden Frauen veröffentlich wurde, rief das international grosses Staunen hervor. Die Finn:innen selbst reagierten viel gelassener, weil es hier ja schon in der Vergangenheit Frauen in höchsten Regierungspositionen gegeben hatte. Bei mir löste das Foto aber etwas anderes aus. Ich sah da fünf gut ausgebildete, heterosexuelle, weisse Frauen. Wir sind aber inzwischen ein multikulturelles Land mit einer hoher Diversität und müssen deshalb auch Menschen anderer sozialer und ethnischer Herkunft einbinden. Ebenso nonbinäre Menschen oder Menschen mit Behinderung. Das gehört als Demokratie zu unseren wichtigsten Aufgaben.
«Klar haben wir als regierende Frauen per se eine Art Vorbildfunktion, aber hauptsächlich müssen wir einfach gute Politik machen»
Gibt es in Ihren Augen eigentlich so etwas wie einen weiblichen Führungs- und Politikstil?
Ich würde das nur ungern verallgemeinern. Es gibt ja auch jede Menge rechter Parteien unter weiblicher Führung, die verfolgen ganz andere Ziele als etwa ich. Unsere Rechtspopulisten haben gerade eine Frau an die Spitze gewählt, es gab Margaret Thatcher oder Marine Le Pen.
Betrachten Sie die weibliche Führung als ein wichtiges Soft-Power-Element für Finnland?
Klar haben wir als regierende Frauen per se eine Art Vorbildfunktion, aber hauptsächlich müssen wir einfach gute Politik machen. Und natürlich finde ich es cool, wenn jemand wie die US-amerikanische Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez unser Elternzeitsystem auf Social Media lobt.
Sie haben im Sommer bekannt gegeben, dass Sie schwanger sind. Herzliche Gratulation! Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Interviews werden Sie voraussichtlich bereits in der Babypause sein.
Ja, ich werde als Ministerin zurücktreten und fünf, sechs Monate ausfallen. In diesem halben Jahr werde ich als einfache Abgeordnete tätig sein und jemand wird meinen Posten interimsmässig übernehmen. Geplant ist, dass ich ab Sommer 2022 zurückkehre, mein Mann zuhause bleibt und sich um das Kind kümmert.
Sie klingen da überraschend ruhig und entspannt.
Nun, wir hatten ja bereits einen Präzedenzfall in der Regierung. Die Bildungsministerin kam gerade aus der Babypause zurück. Und unter den grünen Parlamentarier:innen waren bereits vier von zwanzig Abgeordneten in dieser Amtszeit schwanger. Wir haben also jede Menge Übung, und wir zeigen auf diese Weise anderen Frauen, dass Mutterschaft durchaus mit dem Berufsleben vereinbar ist.
Sind die finnischen Männer bereit, die Kinderpflege zu übernehmen?
Statistisch gesehen ist es wohl noch nicht der Mainstream. Aber es gibt immer mehr Männer, die mit gutem Beispiel vorangehen, und wir sind gerade dabei, die Gesetze so zu reformieren, dass auch Männer in die bezahlte Elternzeit gehen können. Wir sind froh darüber, dass sich da etwas bewegt. Es zeigt sich ja leider auch in der Rentenstatistik, dass bisher hauptsächlich Frauen diese Verantwortung übernommen haben.
Wir haben auf unserem Roadtrip durch Finnland kaum Männer gefunden, die zugeben wollten, dass sie noch wie typische Patriarchen ticken. Wo sind die finnischen Machos?
(Lacht) Vielleicht gibt es tatsächlich nicht mehr so viele wie in anderen Ländern. Aber schauen Sie sich mein Twitter-Feedback an. Es gibt auch bei uns noch Hunderte von denen. Ich kann sie Ihnen gern vermitteln.
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