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Bei Diskussionen über die Bevölkerungsexplosion wird oft vergessen, dass ihre zweite Phase genauso gefährlich für die Zivilisation ist wie die erste. Doch am Ende könnte daraus eine ganz andere Gesellschaft entstehen.
Dies ist alles wohlbekannt. Weniger bekannt, und weniger oft diskutiert hingegen wird die zweite Konsequenz des Bevölkerungswachstums: die Überalterung der Gesellschaft, einige Generationen nach dem eigentlichen Bevölkerungswachstum. Wenn die Menschen aus geburtenstarken Jahrgängen altern und ihrerseits weniger Kinder haben als ihre Eltern vor ihnen, hinterlassen sie geburtenschwächere Jahrgänge. Wenn sie dann aus dem Arbeitsleben ausscheiden, hängen die Renten von immer mehr alten Menschen von der Produktivität immer weniger junger Menschen ab. Erst wenn sich das Bevölkerungswachstum stabilisiert und die ersten Menschen der geburtenschwachen (bzw, bevölkerungserhaltenden) Jahrgänge ihrerseits aus dem Arbeitsleben ausscheiden, ist die Krise überwunden.
Es gibt Faktoren, die das Problem verschärfen:
– Je abrupter der Stopp des Bevölkerungswachstums, desto dramatischer fällt der Übergang in die überalterte Gesellschaft aus.
– Ein Fall der Fruchtbarkeitsrate (der Anzahl Kinder, die eine Frau in ihrem Leben durchschnittlich zur Welt bringt) unter die Erhaltungsgrenze (die bei ca. 2.1 Kinder/Frau liegt).
– Eine zunehmend höhere Lebenserwartung verschärft das Problem ebenfalls, weil mehr alte Menschen länger von den geburtenschwachen Jahrgängen erhalten werden müssen. Seit der industriellen Revolution steigt die Lebenserwartung in westlichen Ländern jährlich linear um rund drei Monate, bisher ohne Anzeichen auf einen Rückgang.
Während in Europa das Bevölkerungswachstum eher graduell zurückging, werden gerade Länder wie
Indien und China, die ihr schnelles Bevölkerungswachstum in relativ kurzer Zeit drastisch gestoppt haben, mit Problemen zu kämpfen haben. In Europa ist die Fruchtbarkeitsrate (im Gegensatz zu den USA) weit unter die Erhaltungsgrenze gefallen, so dass auch hier die Auswirkungen stärker ausfallen dürften. Die Lebenserwartung wächst weltweit, ausser vielleicht in Russland, das trotz sehr tiefer Fruchtbarkeitsrate eine geringe Lebenserwartung hat, womit das Problem der Überalterung teilweise entschärft ist (sofern die Lebenserwartung tief bleibt, natürlich).
[i]”The Man from Earth” (leider gibt es weder eine deutsche Übersetzung noch deutsche Untertitel) behandelt das Thema “Unsterblichkeit” auf spannende, unkonventionelle Weise. Der ganze Film findet praktisch nur in einem einzigen Raum statt – und vermag doch bis zum Schluss zu fesseln.[/i]
Eine überalterte Gesellschaft ist nicht per se gefährlich: Gefährlich ist diese Entwicklung nur deshalb, weil sie eine Mehrheit der Bevölkerung zu “Rentnern” macht, die durch Transferzahlungen einer Minderheit “ausgehalten” werden müssen. Diese Belastung kann soweit gehen, dass ein einzelner arbeitender Mensch mehrere Renter “aushalten” muss. Dass diese finanzielle und zeitliche Belastung nicht durchführbar ist, liegt auf der Hand (mal ganz abgesehen davon, dass so viele alte Menschen einen grossen Teil der verbleibenden arbeitenden Menschen durch ihre Pflegebedürftigkeit absorbieren – dieses Problem lässt sich vielleicht Robotik lösen, wie das heute schon in Japan versucht wird. Das löst aber nicht das Problem der Transferzahlungen). Wenn aller Wohlstand, der von einer Gesellschaft produziert wird, in die Versorgung der alten Menschen geht, stagniert die Entwicklung bis zum Punkt des Zivilisationskollapses.
Die Legitimation für das System der Renten-Transferzahlungen basiert auf der Überlegung, dass alte Menschen nicht mehr arbeiten können, weil die biologische Alterung sie nicht mehr so produktiv macht wie junge Menschen. Die einzig humane Lösung des Problems der Überalterung der Gesellschaft liegt also darin, die Produktivität der alten Menschen zu erhöhen. Üblicherweise geht man von einer höheren Lebensarbeitszeit aus, also von einer Erhöhung des Rentenalters. Doch auch dieses lässt sich – ohne weitere Massnahmen – nicht beliebig lang herausschieben.
Die biologische Alterung ist für dieses Problem zentral. Wenn Menschen länger gesund bleiben und langsamer altern (ihre biologische Alterung also verzögert werden kann, wie das schon heute geschieht), kann man die Lebensarbeitszeit auch ohne ethische Bedenken immer weiter verlängern. Gelingt es eines Tages, die biologische Alterung sogar ganz zu stoppen, kann das Rentensystem auch ganz abgeschafft werden, da es keinen Zweck mehr erfüllt.
In der nahen Zukunft werden Gesellschaften, die Medikamente und Techniken gegen die biologische Alterung entwickeln und breit anwenden, grosse Vorteile gegenüber den Gesellschaften aufweisen, die das nicht tun. Nicht nur fallen so die Transferzahlungen des Rentensystems weg, die Produktivität der Gesellschaft wird durch die (längere) Erhaltung erfahrener Arbeitskräfte auch insgesamt gesteigert. Die Staaten werden sich schon in wenigen Jahrzehnten einem starken wirtschaftlichen Zwang ausgestzt sehen, die biologische Alterung ihrer Bevölkerung stark zu bremsen und schliesslich ganz zu stoppen (wenn dann entsprechend auch die Geburten stark zurück gehen, weil immer weniger lebende Menschen noch im gebärfähigen Alter sind). Tun sie das nicht, werden sie in wenigen Jahrzehnten von Staaten überholt, die das tun. Dieser wirtschaftliche Zwang wird dazu führen, dass viel mehr Geld für die gerontolgische Forschung bereit stehen wird, als heute denkbar ist (der praktisch vollständige Wegfall des Schul- und Ausbildungssystems durch die starke Verringerung der Geburten wird zudem in jener Zeit zusätzliche Ressourcen freisetzen). Denkbar wird dann eine Art “Manhattan-Projekt” zur Verzögerung und schliesslich zum Stopp der biologischen Alterung.
[i]Cocoon ist ein Film aus den 80er Jahren, der das Thema Unsterblichkeit und hohes Alter auf interessante Weise verbindet.[/i]
Am Ende dieser Entwicklung entsteht eine ganz neue Gesellschaft, die nur noch aus “alten”, aber gesunden und produktiven Menschen besteht. Sie haben kein Bedürfnis mehr, Kinder grosszuziehen (das haben sie in ihrem Leben vermutlich schon einmal gemacht) und kein Bedarf mehr, ihre Fruchtbarkeit zu erhalten (die Erhaltung der Fruchtbarkeit ist sogar – nicht zuletzt wegen dem Krebsrisiko – gesundheitsgefährdend). Junge Menschen gibt es in dieser Welt praktisch nicht mehr, da die grosse Mehrheit der lebenden Menschen jenseits des Alters sind, in dem sie noch Kinder gebären können. Die einzigen Kinder jener Zeit kommen aus wenigen produktiven Familien, die weiterhin im alten Generationenrythmus Kinder bekommen. Die Zahl dieser weiterhin reproduktiven Familien wird jedoch langsam aber sicher abnehmen, ganz einfach dadurch, dass deren Mitglieder Teil der unreproduktiven Bevölkerung werden können (in dem sie über das reproduktive Alter hinaus keine Kinder haben), aber nicht umgekehrt.
Einmal mehr komme ich durch Analyse der Prozesse, die heute in der Welt vor sich gehen, auf einen Schluss, der mit dem Doomsday-Argument kompatibel ist: Selbst wenn die Menschheit noch für lange Zeit existiert, irgendwann im Verlauf des 3. Milleniums muss die Geburtenrate stark zurück gehen. Das limitiert unsere Fähigkeit, die Galaxis zu besiedeln (wie im Zivilisationsnester-Szenario erklärt) und erklärt somit das Fermi-Paradoxon. Der unmittelbare Auslöser dieses Transformations-Prozesses ist die rasche Bevölkerungsexplosion, die die Erde in den letzten 200 Jahren erlebt hat – dies legt nahe, dass der Übergang in diese post-reproduktive Gesellschaft noch in diesem Jahrhundert entstehen wird. Diese künftige Welt von biologisch unsterblichen Menschen wird vielleicht bereits heute bevölkert.