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Sind Amerikaner oberflächlich? Unter dem handelsüblichen Vorbehalt, dass Verallgemeinerungen dieser Art mit Vorsicht zu geniessen sind, lautet der provisorische Befund: ja. How do you do? Korrekte Antwort: How do you do. Und sicher nicht: «Ich habe eine schwere Bronchitis.» How are you? Korrekte Antwort: Fine, great, wonderful. Und sicher nicht: «Danke der Nachfrage; den Umständen entsprechend einigermassen okay.» Vermutlich würde eine solche Abweichung vom Protokoll die wenigsten stören. Die Chance jedoch, dass jemand nachfragt, was denn diese Umstände seien: zero.
Neulich entbrannte in der «New York Times» eine Leserbriefdebatte zu ebendiesem Thema. Womit bereits der Moment gekommen wäre, den provisorischen Befund zu relativieren. Wenn es Amerikaner gibt, die darüber diskutieren, ob ihr Land eine oberflächliche Kommunikationskultur pflegt, dann kann dieses Land nicht so oberflächlich sein. Diverse Leserinnen und Leser nervten sich über das How-do-you-do-How-do-you-do-Ritual. Eine New Yorkerin schrieb, sie antworte jeweils mit: «Ich weiss es noch nicht.» Ein 94-Jähriger aus Florida pflegt auf ein gedankenloses «Wie gehts?» mit nachgerade britischer Ironie zu reagieren: «Bis jetzt ganz gut.»
Gefühlte neunzig Prozent der Leserbriefe an die «New York Times» stammen von Menschen, die über einen akademischen Titel verfügen, Bücher verfasst haben, ein bedeutendes Forschungsinstitut leiten oder sonst wie Chef sind. Diese Leserbriefseite ist gewissermassen das absolute Gegenteil der Kommentarspalten von Onlineportalen. Ein Linguistikprofessor bereicherte die How-do-you-do-Debatte so: Auf Java fragen die Leute, wenn sie sich auf der Strasse begegnen, «wo gehst du hin?». Richtige Antwort: «Dorthin.» Und in Kambodscha lautet eine gängige Grussformel: «Heute schon Reis gegessen?» Und zwar auch dann, wenn man keinesfalls im Sinn hat, den anderen zu sich nachhause zum Brunch einzuladen. Man könnte demnach das Verdikt der Oberflächlichkeit so ergänzen: In der alltäglichen Kommunikation mögen die Amis nicht gerade tiefschürfend sein – andere Völker sind es auch nicht.
Die in New York häufig anzutreffende Kombination aus Unverbindlichkeit und Überschwänglichkeit ist trotzdem gewöhnungsbedürftig. Vor allem für einen seriösen Schweizer, der nur im Notfall redet. Dann aber ernsthaft. Wir leben in einem für die Upper West Side typischen, mittelgrossen Wohnhaus – zwölf Stockwerke, 108 Wohnungen. Versteht sich von selbst, dass in so einem Haus viel Lift gefahren wird, gerade wenn man, wie wir, im elften Stock wohnt. In diesem Lift wurden meine Frau und ich innerhalb weniger Wochen schon dreimal zum Essen eingeladen. Oder genauer: «eingeladen». You must come for dinner bedeutet nicht, dass jemand wirklich vorhat, den neuen Nachbarn einen Hamburger zu braten oder mashed potatoes aufzutischen. Die Phrase ist eher eine Steigerungsform des How do you do.
Solcherlei durchschaut man nach kurzer Zeit und arrangiert sich. Aber was hat es zu bedeuten, wenn ein enthusiastischer Krippenvater die lovely! Swiss! family! nach dem zweiten Smalltalk zum Thanksgiving-Familienfest nach Iowa einlädt? Und jene Frau, die nach 15 Minuten gemeinsamer Zugfahrt tränenerstickt erzählt, dass ihr Sohn mit 26 Jahren gestorben ist: Nimmt man die Unglückliche in den Arm? Manche Amerikaner sind einfach nicht oberflächlich genug.
Grüsse aus der Schweiz werden erbeten an: <email-pii>
Getreu dem Motto «Geh, wohin deine Liebste dich mitnimmt» ist Bruno Ziauddin seiner Frau für ein Jahr nach New York gefolgt. Was ihm dort besonders gefällt: der rücksichtsvolle Umgang in den ständig vollen Strassen und Läden. Die kleinste Berührung und schon kommt ein «I’m sorry»: «Das gibts in Zürich nicht.» Bruno Ziauddin ist stellvertretender Chefredaktor der annabelle, Buchautor und ab dieser Nummer «Unser Mann in New York». Die Kolumne wird von Antony Hare illustriert, der regelmässig für die Zeitschrift «The New Yorker» arbeitet.