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Sollen wir uns freuen, wenn das Berggebiet verwildert? Der Alpenforscher Werner Bätzing meint: Nein.
WOZ: Werner Bätzing, Sie erforschen seit 25 Jahren in den piemontesischen Alpen Gebiete, aus denen sich die Menschen immer mehr zurückziehen. Wie beurteilen Sie die Verwilderung der Alpen?
Werner Bätzing: Die Verwilderung schafft grosse Probleme. Erstens nimmt die Gefährdung durch Naturprozesse zu: Auf steilen Hängen treten vermehrt Lawinen auf, es gibt mehr Bodenerosion und Hochwasser. In Bergbächen verkeilen sich oft Äste und Baumstämme, die das Wasser stauen und Flutwellen auslösen können. Früher wurden solche Bäche regelmässig kontrolliert, heute macht das niemand mehr. Das gefährdet auch die tiefen Lagen unterhalb der Wildnisgebiete. Diese Gebiete sind in der Regel noch besiedelt, oder da verlaufen wichtige Transitachsen.
Ein zweites Problem ist der Verlust der Artenvielfalt und der Landschaftsvielfalt. Die europäische Landschaft ist von Natur aus nicht besonders artenreich, weil die Landschaft im Naturzustand fast überall von Wald bedeckt wäre. Die Auflichtung der Wälder durch die Menschen hat die Artenvielfalt signifikant erhöht. Sie war in den Alpen um 1850 am höchsten, seither sinkt sie. Ein Grund dafür ist, dass gut erreichbare Flächen zu intensiv, die anderen gar nicht mehr genutzt werden. Wenn grosse Flächen zuwachsen, verlieren die Pflanzen und Tiere dieser Biotope ihre Lebensgrundlage.
Und die Menschen?
In den Alpen geht eine ganze Kultur verloren - und damit die Erinnerung an die Auseinandersetzung mit Natur, die fürs Hochgebirge typisch ist. Die Menschen in diesen Regionen reagieren mit Trauer auf den Verlust dieser Landschaft.
Zum Teil empfinden sie die Entwicklung als persönlichen Vorwurf und versuchen, bis zum Umfallen zu arbeiten, um das zu kompensieren. Aber sie können es trotzdem nicht. Jeder, der solche Gebiete und ihre Bewohner auch nur ein bisschen kennt, weiss von der unglaublichen Melancholie, die von ihnen ausgeht.
Der Rückzug der Menschen müsste ja nicht für immer sein.
Das ist ein Vorschlag, der im «Städtebaulichen Portrait» gemacht wird. Dort steht, die alpinen Gebiete würden einer späteren Nutzung zugänglich gehalten, wenn man sie brach fallen lasse. Diese Aussage halte ich für vollkommen falsch, denn die Landschaft entzieht sich dem Menschen, wenn sie verwildert. Verwilderte Landschaften neu zu erschliessen, ist unvorstellbar aufwendig und teuer.
Dazu kommt noch etwas ganz Wichtiges: Wir sind in den Alpen in Mitteleuropa, in guter Erreichbarkeit der grossen Agglomerationen. Da ist die Gefahr extrem gross, dass Wildnis Spekulanten für Projekte aller Art anlockt. Seien es Riesenstauseen, weil die europäische Wirtschaft und Landwirtschaft immer mehr Wasser braucht, seien es Freizeitparks, Tourismuszentren, Windparks oder atomare Endlager. Solche Pläne gab es ja in der Schweiz für den Wellenberg. Aber auch in den französischen Seealpen wollte man auf dem Höhepunkt der Energiekrise Uran abbauen und Endlager einrichten.
Und wenn man die verwilderten Gebiete grossflächig unter Schutz stellen würde?
Unterschutzstellung ist nur möglich, wenn die Betroffenen mitmachen. Das ist die Erkenntnis aus den ganzen letzten Jahrzehnten Naturschutz. Und in diesem Fall ist ganz klar: Die Betroffenen sind gegen Schutzgebiete, in denen sie nicht mehr leben dürfen. Sie wollen diesen Raum als Lebens- und als Wirtschaftsraum erhalten und nicht umgesiedelt werden. Wenn man diesen ganzen Prozess demokratisch gestalten würde, wäre das sowieso nicht machbar. Das sind die ganz konkreten Punkte. Man kann natürlich sagen: «Macht doch alles nichts. Es gibt technische Lösungen: Vor jedes Bergtal stellen wir eine Staumauer gegen Hochwasser. Gefährdete Arten können wir in Genbanken erhalten.» Und so weiter. Aber es geht um mehr.
Nämlich?
Man glaubt, das ganze moderne Wirtschaften und Leben könne sich auf die Städte zurückziehen, auf diese Metropolregionen, die global konkurrenzfähig sind. Und den übrigen Raum braucht man nicht mehr. Das halte ich für eine schwachsinnige Idee. Ich habe das Gefühl, die Leute erkennen ihre eigenen Grundlagen nicht mehr. Wirtschaften hat ausserwirtschaftliche Voraussetzungen. Erstens ist und bleibt die Natur die Lebensgrundlage der Menschen. Eine Umwelt, die dem Menschen nicht feindlich wird, ist Voraussetzung des Wirtschaftens. Wenn der Mensch mit der Umwelt nicht pfleglich umgeht, sind die Folgekosten so hoch, dass die Wirtschaft kaputtgeht.
Zweitens wird der gesamte Lebensprozess von Werten und Normen bestimmt, die nicht aus der Wirtschaft kommen. Wenn die Wirtschaft alle anderen Lebensbereiche dominiert, sind die Menschen nach zwanzig Jahren Arbeitsleben total verbraucht. Da werden die kulturellen Voraussetzungen wirtschaftlichen Handelns zerstört. Deshalb braucht es Reproduktion, sowohl im Bereich der Umwelt als auch im Bereich der Kultur. Blosser wirtschaftlicher Erfolg ist kein kultureller Wert. Aus Geld mehr Geld zu machen, ist eine Unendlichkeit, in der die reine Form dominiert. Das ist selbstzerstörerisch.
Kann man in den Alpen eine Alternative zu diesem selbstzerstörerischen Wirtschaften erkennen?
Die Alpen halten in diesem stark von Städten geprägten Europa das Wissen offen, dass man mit der Natur nicht technisch umgehen kann. Dass Natur auch immer eine Gefährdung, eine Bedrohung des Menschen ist, dass man sie nicht im Griff hat. Gleichzeitig bewahren die alpinen Kulturen die Erinnerung, dass es viele Kulturen gegeben hat, die die Alpen nutzen konnten, ohne sie zu zerstören. Man kann nicht mehr so weitermachen wie in den letzten Jahrzehnten, aber die Kenntnisse dieser Kulturen können Hinweise geben, in welche Richtung man die Probleme lösen muss. Deswegen bin ich dagegen, die Alpen als Lebens- und Wirtschaftsraum grossflächig aufzugeben. Es gibt im Einzelfall vielleicht einige kleine Regionen, wo eine Nutzungsaufgabe sinnvoll ist. Darüber kann und muss man mit den Betroffenen auch diskutieren. Aber da geht es um kleine Flächen.
Was ist denn Ihr Vorschlag für abgelegene Alpengebiete? Wovon sollen die Menschen dort leben?
Ich propagiere eine dezentral-flächenhafte Aufwertung durch stärkere Nutzung der alpinen Ressourcen. Die Landwirtschaft ist die Basis und stellt Qualitätsprodukte her, die gezielt aufgewertet, teilweise neu erfunden werden müssen. Diese Produkte werden mit einem gemeinsamen Label europaweit vermarktet und eng mit dem Tourismus und den europäischen Städten als Absatzmärkten vernetzt. Daneben sollten Qualitätsprodukte im Handwerk aufgewertet werden. Menschen, die aus dem Berggebiet kommen und in der Stadt studiert haben, sollten die Möglichkeit haben, wieder zurückzugehen und sich mithilfe des Internets Arbeitsplätze aufzubauen. Zusätzlich braucht es Funktionen für die europäischen Zentren, das heisst Wasserkraftnutzung, Tourismus, Abgaben für Transitverkehr, für ökologische Sicherung.
Halten Sie das im Kapitalismus für möglich?
(lacht) Es würde gewisse kapitalistische Strukturen letztlich sprengen, wenn man das konsequent umsetzte. Es würde die Marktwirtschaft zurückdrängen, müsste sie aber keineswegs vollständig in Frage stellen. Heute gibt es wichtige Ansätze in diese Richtung. Eine ganze Reihe von erfolgreichen Akteuren vor Ort zeigen, dass die Spielräume grösser sind, als man glaubt. Es wäre nötig, Netzwerke aufzubauen, die die Menschen ermutigen, selber aktiv zu werden, Qualitätsprodukte neu zu erfinden und zu vermarkten. Wobei ich da immer automatisch an Genossenschaften als «Dach» denke und nicht an einzelbetriebliche Vermarktungsstrukturen.
Werner Bätzing, geboren 1949, ist Professor für Kulturgeografie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Er hat mehrere Bücher über die Alpen publiziert, darunter das Standardwerk «Die Alpen» und den «Bildatlas Alpen» (siehe WOZ Nr. 1/06). Zusammen mit seiner Frau, der Philosophin und Psychologin Evelyn Hanzig Bätzing, hat er das Buch «Entgrenzte Welten» (siehe WOZ Nr. 24/05) geschrieben. Es analysiert die Probleme in der Dienstleistungsgesellschaft, darunter die Veränderung der Raumnutzung. Bätzing ist wissenschaftlicher Berater der internationalen Alpenschutzkommission CIPRA und im Fachbeirat des deutschen Alpenvereins.