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Das Märchen
Der alte Grossvater und der Enkel von den Gebrüdern Grimm (1857)¹
Es war einmal ein steinalter Mann, der trübe Augen, taube Ohren und zittrige Knie hatte. Wenn er am Tisch sass und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch.
Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor – deswegen musste sich der alte Grossvater hinter den Ofen in die Ecke setzen, wo er sein Essen aus einer Tonschüssel löffeln musste. Einmal konnten seine zitterigen Hände die Schüssel nicht festhalten, sie fiel zu Boden und zerbrach.
Die junge Frau schimpfte, der junge Mann sagte nichts und seufzte nur. Da kauften sie ihm eine hölzerne Schüssel, aus der er nun hinter dem Ofen essen musste.
Als sie so da sassen, trug ihr kleiner vierjährige Sohn auf der Erde kleine Brettlein zusammen. «Was machst du da?», fragte der Vater. «Ich mache eine Schüssel», antwortete das Kind. «Daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich gross bin.» Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an, fingen an zu weinen, holten den alten Grossvater an den Tisch und liessen ihn von nun an immer mitessen und sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete.
Lernen am Modell
Jeder der Charaktere in dem Märchen durchläuft einen eigenen Entwicklungsprozess und lernt hinzu: Das Kind nimmt seine Eltern als Vorbild wahr und orientiert sich an ihrem Verhalten, die Eltern wiederum werden durch ihren Sohn zur Selbstreflexion angeregt, und der Grossvater erhält seinen Platz am Tisch zurück. Anhand von psychologischen Phänomenen lassen sich diese Prozesse detailliert beschreiben und daraus Implikationen für unser heutiges Leben ableiten.
Im Märchen sehen wir am Verhalten des Enkels ein schönes Beispiel für das von Albert Bandura erforschte Beobachtungslernen, auch Lernen am Modell genannt². Der Enkel möchte für seine Eltern, entsprechend ihrem Vorbild, auch eine hölzerne Schüssel machen, aus der er ihnen später zu Essen geben kann. Dieses Verhalten ist das Ergebnis eines Lernprozesses, der auf der Beobachtung und Nachahmung des Verhaltens eines Modells –in diesem Fall die Eltern – beruht. Auf diese Weise können Menschen und insbesondere Kinder komplexere (soziale) Verhaltensweisen erlernen.
Der Enkel sammelt die Brettlein in jenem Moment wohl schon zusammen, weil er seinen Eltern damit zeigen möchte, dass er sich um sie sorgt. Er begreift nicht, dass der Austausch der irdenen durch die hölzerne Schüssel keine fürsorgliche Geste ist, sondern die geringe Wertschätzung der Eltern gegenüber dem Grossvater ausdrückt.
Kritische Auseinandersetzung mit uns selbst
Nachdem der Enkel seinen Eltern offenbart hat, wofür er die Brettlein zusammen sucht, sehen sich diese eine Weile an und lassen den Grossvater von da an wieder mit bei sich am Tisch essen. Doch was ist passiert, während sich die Eltern angesehen haben? Was hat sie zu der Einsicht gebracht, dass ihr Handeln nicht angemessen war?
Man spricht hier von Selbstreflexion. Als Selbstreflexion bezeichnet man die Fähigkeit, über die eigenen Gefühle, Gedanken und Einstellungen sowie das eigene Handeln nachzudenken. Dabei wird Selbstreflexion von vielen Wissenschaftlern als mehrstufiger Prozess gesehen, der sich im Wesentlichen in folgende Stufen gliedert:
- Bewusstsein über unangenehme Gefühle und Gedanken
- Kritische Analyse der Gefühle und Situation
- Entwicklung einer neuen Perspektive
Anstoss zur Selbstreflexion ist meist eine Erfahrung, die uns bewusst werden lässt, dass etwas nicht stimmt. Sie löst unangenehme Gefühle und Gedanken in uns aus. Daraufhin erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit unseren Gefühlen und der vorherrschenden Situation, indem wir Gedanken assoziieren, integrieren und validieren und auf die gegebene Situation anwenden. Abschliessend entwickeln wir auf dieser Basis eine neue Perspektive auf die Situation. Dies spiegelt sich sowohl in einer kognitiven als auch affektiven Veränderung wider, die wiederum zu einer Veränderung im Verhalten führen können, aber nicht müssen³.
Selbstreflexion ist also ein Lernprozess, den auch die Eltern des Enkels durchlaufen haben. Die Erfahrung, dass ihr Sohn auch für sie eine hölzerne Schüssel anfertigen möchte, bringt beide zum Nachdenken. Die Gefühle und Gedanken, die sie dabei haben, sind für sie so unangenehm, dass sie sogar anfangen zu weinen. Wahrscheinlich haben beide noch einmal rekapituliert, wie sie mit dem Grossvater umgegangen sind und ob dieses Verhalten gerechtfertigt war. Letztendlich kommen beide zu dem Schluss, dass sie den Grossvater wieder zurück an den Tisch holen möchten. Sie haben also eine neue Perspektive auf die Situation entwickelt, die es ihnen nun erlaubt, über das unappetitliche Verhalten des Grossvaters hinwegzusehen.
Damit stellt Selbstreflexion auch immer eine Chance dar, aus falschen Entscheidungen oder Krisen zu lernen. Durch Selbstreflexion erlangen wir Wissen über uns selbst und die Welt auf einer Metaebene. Solches Metawissen ermöglicht es uns, Erkenntnisse auch auf andere Kontexte und Problemstellungen anzuwenden⁴.
Generationenproblematik und selbsterfüllende Prophezeiungen
Welche Rolle übernehmen ältere Menschen wie der Grossvater im Märchen? In früheren Gesellschaften, als die Menschen noch nicht so alt wurden wie heute, wurden ältere Menschen besonders geachtet. Sie übernahmen häufig die Rolle des Ratgebers, waren Übermittler der Traditionen und wurden aufgrund ihrer Erfahrung geschätzt. Ausserdem waren die Grosseltern meist für die Kinderbetreuung zuständig, während die Eltern die Arbeit verrichteten. Dieses Rollenverständnis gilt in unserer Zeit schon lange nicht mehr. Die Weitergabe von Wissen und Informationen wird heutzutage weitgehend durch moderne Technologien bewerkstelligt und durch den Strukturwandel der Familie sind familiäre Funktionen wie die Kinderbetreuung auf andere gesellschaftliche Systeme übergegangen⁵.
Erfüllen alte Menschen in unserer Gesellschaft also keine Aufgabe mehr? Kommt ihnen keine Rolle mehr zu? Tatsächlich kann man in Anbetracht der Tatsachen von einer Art Rollenverlust alter Menschen sprechen. Produktive Effizienz und Fortschritt bilden das neue Leitbild unserer Gesellschaft, dem der alte Mensch zum Opfer fällt. Ungeachtet der bisher im Leben erbrachten Leistungen verliert er seinen Platz in der Gesellschaft und wird aus dem gesellschaftlichen Leben herausgedrängt.
Damit einher geht ein negativer Altersstereotyp vom gebrechlichen, abhängigen und hilfsbedürftigen alten Menschen, so wie ihn der Grossvater im Märchen verkörpert. Diese Verallgemeinerungen führen dazu, dass ältere Menschen sich selbst in ihrem Lebensraum beschränken und vielfach Dinge nicht mehr tun, die sie noch tun könnten und die ihnen Spass machen würden, aus Angst davor, von anderen dafür belächelt zu werden.
Das bedeutet, die Erwartungen anderer Menschen an das Verhalten alter Menschen bringt diese erst dazu, «altersgemässe» Verhaltensweisen zu zeigen⁶. In der Sozialpsychologie bezeichnet man dieses Phänomen als selbsterfüllende Prophezeiung⁷. Den Satz «Man ist so alt, wie man sich fühlt» müsste man demnach abändern in «Man ist so alt, wie man sich aufgrund der Einstellungen und Erwartungen der Gesellschaft an einen selbst fühlt»⁸.
Und die Moral ...
Besonders für Führungskräfte ist Selbstreflexion essentiell, um das eigene Führungsverhalten zu verbessern. Es ist wichtig, sich selbst, den eigenen Führungsstil und Entscheidungen regelmässig zu hinterfragen.
360-Grad-Feedback kann ein geeignetes Instrument sein, um einen Anstoss zur Selbstreflexion zu geben. Mit dieser Methode zur Einschätzung der Fähigkeit und Leistung einer Führungs- oder Fachkraft aus unterschiedlichen Perspektiven lässt sich das Feedback sowohl von Mitarbeitern, Vorgesetzten und Kunden einholen. Eine Führungskraft erhält somit einen vielgestaltigen Überblick zu ihrer Aussenwirkung, die sie wiederum mit ihrem eigenen Selbstbild abgleichen kann – stimmen beide gut überein, führt sie erfolgreicher.
Aber auch ausserhalb solch institutionalisierter Formen sollten Führungskräfte Feedback von Mitarbeitenden einholen, indem sie beispielsweise fragen: «Wie haben Sie mich heute in dieser Situation erlebt?»
Als Führungskraft fällt einem darüber hinaus die Aufgabe zu, andere zum Nachdenken zu bringen und eventuell sogar Verhaltens- oder Einstellungsänderungen bei Mitarbeitern zu erzielen. Ihnen schonungslos den Spiegel vorzuhalten, wie es der Enkel mit seinen Eltern getan hat, ist dabei nicht das geeignete Vorgehen. Stattdessen kann man als Führungskraft zur Selbstreflexion anregen beziehungsweise eine Hilfestellung geben, indem man als eine Art «Sparringspartner» die richtigen Fragen stellt – «Wieso haben Sie in dieser bestimmten Situation so reagiert?» «Wie haben Sie das Verhalten Ihres Kollegen wahrgenommen?» «Wie hat Sie anders herum wohl der Kollege wahrgenommen?» – und den Mitarbeiter aus neutraler Sicht bei seiner Reflexion begleitet. Weitergreifend könnte man diese Vier-Augen- Gespräche auch auf das ganze Team ausweiten. Denn eine gemeinsame Reflexion kann sowohl der Führungskraft also auch den Mitarbeitenden neue Perspektiven eröffnen, die ihnen möglicherweise sonst verborgen blieben. Ganz grundsätzlich geht es auch bei der Teamreflexion darum, sowohl auf der Sach- als auch auf der Beziehungsebene im Team darüber zu sprechen, was gut oder schlecht läuft. Dabei sollte besonders die Reflexion von gemeinsamen Zielen, Strategien, Prozessen sowie der eigenen Leistung im Mittelpunkt stehen⁹.
Auch im Selbstmanagement kann es von Vorteil sein, öfter einmal ein «Learning by Doing» durch ein «Learning by Thinking» zu ersetzen – damit wäre manchem Fehltritt womöglich vorgeschützt¹⁰. Gönnen Sie sich öfters eine Auszeit und denken Sie über sich selbst nach. Selbstreflexion kann für uns eine Chance sein, Probleme und Ansatzpunkte für Veränderungen, aber auch eigene Stärken zu erkennen.
Um negative Altersstereotype abzubauen und die damit einhergehenden Effekte von selbsterfüllenden Prophezeiungen zu reduzieren, müssen wir wieder mehr mit alten Menschen in Kontakt treten, sie als vollwertigen Teil der Gesellschaft sehen und vor allem auch wieder wertschätzen lernen. Wir dürfen die Lebensleistung älterer Menschen nicht ignorieren, denn wir bauen auf dem auf, was sie erarbeitet haben.
Gleichzeitig geht es neben dem Respekt, den die Gesellschaft den älteren Menschen entgegenbringen sollte, aber auch darum, dass die ältere Generation sich selbst respektieren lernen muss. Sie dürfen die von der Gesellschaft hoch gehaltenen Altersstereotype nicht einfach übernehmen und sich von diesen nicht einschränken lassen. Stattdessen braucht es eine ältere Generation, die sich dagegen zur Wehr setzt und für sich den nötigen Selbstrespekt aufbringt. Denn nicht das Alter an sich ist ein Problem, sondern unser aller Einstellung dazu.
Es war einmal ...
Quellen:
- ¹Grimm, J., & Grimm, W. (1857). Kinder- und Haus-Märchen, gesammelt durch die Brüder Grimm: Grosse Ausgabe (Bd. 1, 7. Aufl.). Göttingen: Verlag der Dieterichschen Buchhandlung.
- ²Bandura A. (1977). Social learning theory. Englewood Cliffs, N.J.: Prentice Hall.
- ³Atkins, S., & Murphy, K. (1993). Reflection: A review of the literature. Journal of Advanced Nursing 18, 1188–1192.
- ⁴Staudinger, U. M., & Baltes, P. B. (1996). Weisheit als Gegenstand psychologischer Forschung. Psychologische Rundschau 47, 57–77.
- ⁵Lehr, U. (2007). Psychologie des Alterns. Wiebelsheim: Quelle & Meyer.
- ⁶Harwood, J., Giles, H., & Ryan, E. B. (1995). Aging, communication, and intergroup theory: Social identity and intergenerational communication. In: J. F. Nussbaum & J. Coupland (Ed.), Handbook of communication and aging research (S. 133–160). Hillsdale: Erlbaum.
- ⁷Jussim, L. (1986). Self-fulfilling prophecies: A theoretical and integrative review. Psychological Review 93, 429–445.
- ⁸Lehr, U. (2007). Psychologie des Alterns. Wiebelsheim: Quelle & Meyer.
- ⁹West, M. (2012). Effective teamwork: Practical lessons from organizational research. Hoboken, NJ: Wiley.
- ¹⁰Di Stefano, G., Gino, F., Pisano, G., & Staats, B. (2015). Learning by thinking: Overcoming the bias for action through reflection. Cambridge, MA, USA: Harvard Business School.
Buchtipp
Dieter Frey (Hrsg.): Psychologie der Märchen. 41 Märchen wissenschaftlich analysiert – und was wir heute aus ihnen lernen können.