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| Athanasius (295-373) - Abhandlung über die Worte: „Mir sind alle Dinge von meinem Vater übergeben worden.“ (In illud: »Omnia mihi tradita sunt«)

4.
Wie also diejenigen, welche einen gesunden Verstand haben, unmöglich denken können, daß das Licht der Sonne, welches den ganzen Erdkreis beleuchtet, ohne dieselbe leuchten könne, weil das Licht der Sonne mit der Natur derselben vereint ist; und wie, wenn das Licht sagen würde: „Ich habe von der Sonne die Macht erhalten, Alles zu beleuchten, und durch die in mir liegende Wärme Allem Wachsthum und Kraft zu verleihen; Niemand so wahnsinnig seyn würde, daß er glaubte, der Name der Sonne werde durch diese Worte von der Natur, welche aus ihr hervorgeht, und welche das Licht ist, getrennt: eben so gebietet die Frömmigkeit zu denken, daß die göttliche Wesenheit des Wortes mit dem Vater desselben von Natur vereint sey. Denn über diese Untersuchung werden [S. 38] die gegenwärtigen Worte den deutlichsten Aufschluß geben, indem der Heiland sagt: „Alles, was der Vater hat, ist mein,“ woraus erhellet, daß er immer bei dem Vater ist. Denn die Worte: „Was er hat,“ bezeichnen die Herrschaft des Vaters; jene aber „ist mein,“ deuten die untheilbare Einheit beider an. Wir müssen also annehmen, daß in dem Vater die Unendlichkeit, die Ewigkeit und die Unsterblichkeit sey; daß sie aber in ihm seyen, nicht wie von ihm verschiedene Dinge, sondern daß sie in ihm und in dem Sohne wie in einer „Quelle“ wohnen. Wenn du also über den Sohn nachdenken willst, so lerne zuvor, was im Vater ist, und glaube, daß dasselbe auch in dem Sohne sey. Ist also der Vater etwas Geschaffenes oder Gemachtes, so ist dieses auch bei dem Sohne der Fall; und darf man von dem Vater sagen, es war einmal eine Zeit, wo er nicht war, oder er ist aus Nichts, so sage man dieses auch von dem Sohne. Ist es aber gottlos, zu sagen, daß dieses bei dem Vater Statt finde, so halte man es auch für gottlos, dieses bei dem Sohne anzunehmen. Denn die Eigenschaften des Vaters sind auch Eigenschaften des Sohnes. Denn wer den Sohn ehrt, der ehrt auch den Vater, welcher ihn gesandt hat; und wer den Sohn aufnimmt, der nimmt mit demselben auch den Vater auf; denn wer den Sohn sieht, der sieht auch den Vater. Wie also der Vater kein Geschöpf ist, so ist auch der Sohn keines; und wie man von jenem nicht sagen kann, daß es einmal eine Zeit gab, in der er nicht war, oder daß er aus nichts sey; so schickt es sich auch nicht, dieses von dem Sohne zu sagen. Sondern man muß vielmehr, wie im Vater Ewigkeit und Unsterblichkeit, und wie er immer und kein Geschöpf ist; so auch von dem Sohne denken. Denn wie nach der Schrift1 der Vater das Leben in sich selbst hat, so hat er auch dem Sohne gegeben, daß Leben in sich selbst zu haben. Er hat gegeben, [S. 39] sprach er, um den gebenden Vater anzudeuten. Wie aber in dem Vater das Leben ist, so ist es auch in dem Sohne, um hiedurch die untrennbare Natur und die Ewigkeit beider zu bezeichnen. Denn deßwegen drückte er sich genau so aus: „Alles, was der Vater hat,“ damit er, indem er so den Vater nannte, nicht selbst für den Vater gehalten werden möchte. Denn er sagte nicht: Ich bin der Vater, sondern: „Was der Vater hat.“
1: Joh. V, 26.