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Vorletzten Samstag waren Linda und ihr neuer Freund Frank bei uns zu Gast. Linda ist die beste Freundin meiner Frau Ruth, und da dieser Frank es irgendwie geschafft hatte, die attraktive und blitzgescheite Linda für sich zu gewinnen, sass er jetzt mit am Tisch und lobte Ruths Coq au Vin überschwänglich: “So einen guten Coq”, sagte er, “habe ich zuletzt bei Bocuse in Paris gegessen.” “Ist der nicht schon tot?”, fragte ich, und Frank sagte: “Nun, es wäre wahrscheinlich schwierig, es mit einem lebenden Hähnchen zu kochen.” “Ich meinte Bocuse”, sagte ich, woraufhin Ruth angestrengt lachte, während Linda darauf wartete, dass Frank Schlagfertigkeit bewies – sie wartete allerdings vergeblich.
Ich muss vielleicht noch erwähnen, dass Frank schon während der Vorspeise zweimal das Besteck abgelegt und aus der Brusttasche seines Sakkos sein vibrierendes Handy hervorgeholt hatte. Nach einem kurzen Blick aufs Display hatte er das Handy jeweils kommentarlos wieder eingesteckt: Die Anrufer waren nicht wichtig genug. Aber die Botschaft kam natürlich trotzdem bei uns an. Sie lautete: Ich, Frank, muss auch am Samstagabend während einer privaten Einladung erreichbar sein; tut mir leid, aber das ist eben das Schicksal eines Mannes, der in einem Weltkonzern eine Kaderposition bekleidet.
Frank leitete für seinen Konzern Europa, so nannte er es, “ich leite Europa”, und da es sich hierbei um einen zwar kleinen, aber geschäftstüchtigen Kontinent handelt, war es unvermeidlich, dass der dritte Anruf, den Frank noch während des Coq au Vins erhielt, nun wirklich wichtig war. “Entschuldigt mich bitte”, sagte er, “aber das ist London.” “London nimmt ihn gerade total in Beschlag”, sagte Linda, als Frank im Flur telefonierte, und anerkennend fügte sie hinzu: “Sie entscheiden nichts ohne ihn.”
Ich wünschte, mein Handy hätte auch vibriert. Ich hatte es selbstverständlich, wie Frank, vor dem Essen in die Innentasche meines Sakkos gesteckt. Aber seins hatte jetzt schon dreimal vibriert, meins noch kein einziges Mal! Als Frank sich wieder zu uns setzte, seufzte er. “Die Arbeit”, sagte er, “sie frisst mich noch auf!” Aber man sah deutlich, wie sehr er es genoss, aufgefressen zu werden, denn es gab ihm das aphrodisierende Gefühl, im Zentrum der Ereignisse zu stehen und im Licht, während andere im Dunkeln vergessen und übergangen werden.
Ohne ihn lief nichts, deshalb kriegte er beim Dessert zwei weitere Vibrationsanrufe, und da ihm natürlich nicht entgangen war, dass mein Handy sich noch kein einziges Mal geschüttelt hatte, verlor er den Respekt vor mir und fragte mich beim Kaffee, wie ich meine Freizeit verbringe. “Ich habe leider nur sehr wenig Freizeit!”, sagte ich, aber er glaubte mir nicht.
Ich war, um meine Ehre wiederherzustellen, gezwungen, mich ins Bad zurückzuziehen und einen Anrufdienst damit zu beauftragen, mich kurz hintereinander acht Mal anzurufen.
“Entschuldigt bitte”, sagte ich beim Cognac, als der erste Anruf kam, “es ist der Vorstandschef von Toyota. Er braucht meinen Rat.”