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El Silbo – eine Sprache mit Pfiff
Weltweit gibt es ungefähr 60 Pfeifsprachen. El Silbo bedeutet „der Pfiff“ und ist eine davon. 2009 wurde sie von der UNESCO auf die Liste der schützenswerten Weltkulturgüter gesetzt.
Hinweis: Wer den folgenden Text über El Silbo nicht lesen möchte und sich lieber das Video ansieht, findet dieses weiter unten.
Während einer meiner früheren Aufenthalte auf La Gomera erzählte man mir erstmals von der Pfeifsprache der Gomeros. Ich hörte mir auf Youtube ein paar Kostproben an. Während meiner Auszeit auf den Kanaren konnte ich El Silbo näher auf die Spur kommen. Eigenartigerweise hörte ich nie jemanden pfeifen. Das änderte sich jedoch im Laufe meiner Recherchen und Gespräche. Ich musste feststellen, dass ich bis dahin jeden Pfiff automatisch den vielen Vögeln auf der Insel zuordnete. Inzwischen ist mein akustischer Sinn jedoch geschärft und ich höre immer wieder Kinder und Jugendliche, die Kurzbotschaften pfeifen. Da kann das Mobiltelefon einpacken, zumal es hier in Valle Gran Rey nicht allerorts Empfang gibt.
Es dauert keine Sekunde, um den Finger in den Mund zu stecken und mithilfe der Zunge, gespitzten oder in die Länge gezogenen Lippen, und durch Ausstossen der Luft auf sich aufmerksam zu machen – eine im wahrsten Sinne des Wortes pfiffige Art zu kommunizieren. Sie ist wohl die lauteste Kommunikationsform ohne Hilfsmittel, mit einer Reichweite von mehreren Kilometern, je nach Windrichtung.
Eine ehemalige Arbeitskollegin aus der Schweiz schickte mir einen Artikel über El Silbo auf La Gomera. Dieser animierte mich, das Thema von vorne nach hinten aufzurollen. Also klopfte ich an die Türe der örtlichen Grundschule in Valle Gran Rey und fragte, ob auch hier – wie im Artikel beschrieben – El Silbo unterrichtet wird. Ja war die Antwort und man verwies mich an die Bildungsdirektion in San Sebastián.
Es folgten ein Telefonat mit dem Coordinador de Silbo, Francisco Correa, und ein Antrag an den Direktor Manuel J. Armas Herrera der Dirección Insular de Educación. Diese mussten zuerst die Zustimmung der Eltern einholen. Ausserdem musste ich eine Abmachung betreffend der Verwendung meiner Videoaufnahmen unterschreiben. Am Ende erhielt ich einen interessanten Einblick in das Schulfach El Silbo, welches dafür Sorge trägt, dass dieses wertvolle kulturelle Erbe auf La Gomera lebendig bleibt.
Francisco Correa erzählte mir, dass El Silbo von den Ureinwohnern, den Guanchen, abstammt. Diese haben zuerst in ihrer Sprache gepfiffen, bis die spanischen Eroberer kamen und sie im Laufe der Zeit die kastilische Sprache und deren Bräuche übernehmen mussten. Früher wurde El Silbo auch auf anderen kanarischen Inseln angewendet, wie zum Beispiel auf El Hierro oder La Palma. Doch einzig auf La Gomera hat die Pfeifsprache die Zeit überdauert. Das hängt sicherlich stark mit der Topografie der Insel mit den vielen Bergen und Schluchten zusammen. Mittels einer Pfeifsprache konnten die Menschen viel Zeit und Energie sparen. Sie mussten nicht zuerst eine Stunde oder länger einen barranco (Schlucht) überwinden, um mit einer anderen Person zu sprechen. Ausserdem konnten sie sich rechtzeitig warnen, wenn eine Gefahr im Anmarsch war.
In den Fünfziger- und Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts geriet El Silbo immer mehr in Vergessenheit. Diese Entwicklung ging einher mit der Abwanderung vieler Gomeros nach Südamerika, mit dem Fortschritt durch die Telekommunikation und der Modernisierung des Alltags im Allgemeinen, sowie mit dem aufkommenden Tourismus. Ende der Achtzigerjahre gab es nur noch wenige Menschen auf La Gomera, die El Silbo beherrschten und anwendeten.
Eine Elterninitiative setzte sich dafür ein, dass El Silbo in der Schule unterrichtet wird. In der Folge gingen zwei Mentoren, Isidro Ortiz aus Chipude und Lino Rodríguez aus Agulo, nachmittags in die Schulen und unterrichteten interessierte Schüler und Schülerinnen in der alten Pfeifsprache. Sie taten dies gratis und die Teilnahme am Unterricht beruhte auf freiwilliger Basis.
Dem Engagement des Parlamentariers Pedro Merina ist es zu verdanken, dass El Silbo seit Kurzem ein obligatorischer Bestandteil des Lehrplans in der Grundschule ist. Von der ersten bis sechsten Klasse wird El Silbo in einer wöchentlichen, fünfzehn- bis dreissigminütigen Unterrichtseinheit erlernt und geübt. Am Ende sollten die Schüler und Schülerinnen in der Lage sein, sich mittels El Silbo zu unterhalten und Botschaften zu verstehen – vorausgesetzt natürlich, sie haben stets auch in ihrer Freizeit fleissig trainiert.
Inzwischen praktizieren – sehr zur Freude der älteren Generation – immer mehr Kinder und Jugendliche El Silbo. Wenn man als Tourist ein bisschen die Ohren spitzt, kann man diese neu entflammte Art der Kommunikation auf den Strassen gut beobachten. Es werden Namen, Grussbotschaften oder die Frage, was man gerade im Sinn hat zu tun, in den Wind gepfiffen. Man könnte es als SMS via Zunge, Finger und Atemluft bezeichnen, wenn man so will.
Am Anfang gilt es, die Technik zu erlernen.
Wenn die Technik sitzt, geht es um das Verständnis des Gepfiffenen.
Die Schwierigkeit dieser Sprache liegt laut Francisco Correa einerseits in der Technik, die man sich aneignen muss, und andererseits im Verständnis der erhaltenen Botschaften. Spanier sind ja ohnehin bekannt für ihre Schnelligkeit beim Reden. Ausserdem gibt es im Spanischen viele Wörter mit mehreren Bedeutungen. Diese Faktoren werden in der Pfeifsprache noch zusätzlich verstärkt, da sie lediglich auf zwei Vokalen und vier Konsonanten aufgebaut ist. Mittels Tonhöhe, Lautstärke und Tonlänge kann diese knapp bemessene Grundlage erweitert werden. Trotzdem tönen einige Wörter gleich, wenn man sie pfeift. Somit muss der Empfänger häufig den Sinn des Gepfiffenen aus dem Kontext heraus verstehen.
Auf Gomera beherrschen inzwischen wieder viele Leute El Silbo, aber leider wollen nicht alle El Silbo in der Öffentlichkeit anwenden oder sich gar für einen Werbeauftritt im Fernsehen oder Radio zur Verfügung stellen, um diese alte Tradition bekannt zu machen. Francisco Correa setzt sich diesbezüglich engagiert ein. Unter anderem folgte er einer Einladung des Grazer Festivals Musikprotokoll, wo er gemeinsam mit zwei deutschen Künstlern El Silbo vorführte.
El Silbo existiert, wie eingangs erwähnt, auch an anderen Orten der Welt. Zur Zeit gibt es Bemühungen, die Pfeifsprache in einem Tal in den französischen Pyrenäen wieder zum Leben zu erwecken. Ausserdem gibt es in Griechenland, in der Türkei, Afrika und in Mexiko Gegenden, wo sich die Einheimischen mittels Pfeifsprache verständigen. Mit Senegal steht Francisco Correa in Kontakt und tauscht sich über El Silbo aus.
Im Gespräch mit Francisco Correa, dem Silbo-Lehrer Juan Manuel Chinea García und einigen seiner eifrigen Schülern und Schülerinnen bekam ich den Eindruck, dass El Silbo ein wichtiges, identitätsstiftendes Kulturgut Gomeras ist. Das engagierte Bemühen, es zu erhalten und zu pflegen, verdient ein grosses Lob! Wie könnte dies besser gelingen als über die nachwachsende Generation, für die El Silbo sogar einen praktischen Nutzen in der täglichen Kommunikation hat – SMS und WhatsApp zum Trotz.
El-Silbo-Unterricht in der ersten Klasse
Ich freue mich sehr, euch hier ein eigens angefertigtes Video über El Silbo und meinen Besuch an der Grundschule in Valle Gran Rey anbieten zu können:
Dank der Übersetzung durch María Luisa Blanco Perez ist dasselbe Video auch auf Spanisch verfügbar:
Anmerkung zu den Videos: Leider hat sich – aufgrund einer falschen Information im Internet – ein Fehler im Fliesstext eingeschlichen. El Silbo steht nicht seit 1982, sondern seit 2009 auf der UNESCO-Weltkulturgüterliste.
*** Ende ***
Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei allen bedanken, die zum Zustandekommen dieses Blogs und des Videos beigetragen haben.
Ganz herzlichen Dank gebührt Francisco Correa sowie der Dirección Insular de Educación, die dieses Video und die Aufnahmen überhaupt erst möglich gemacht haben. Ich wünsche ihnen und allen anderen engagierten El Silbo Anhängern viel Erfolg bei ihren Bemühungen, dieses geschichtsträchtige Kulturgut zu erhalten.
Ein nicht minder herzliches Dankeschön gilt den Schülern und Schülerinnen der ersten und sechsten Klasse an der Primarschule in Valle Gran Rey, sowie ihrem Silbo-Lehrer Juan Manuel Chinea García, die mir bereitwillig und mit liebenswertem Humor Einblick in das Unterrichtsfach El Silbo gewährt haben. Mögen sie noch lange den Vögeln Gomeras Konkurrenz machen und munter drauflos pfeifen!
Ausserdem verdient María Luisa Blanco Perez, Lehrkraft an der Primarschule in Valle Gran Rey, einen besonderen Dank für ihre spontane und professionelle Übersetzung des Videos.
Für die musikalische Untermalung des Videos und den technischen Support möchte ich Peter Porwoll ganz herzlich Dankeschön sagen. Das Internet ist auf La Gomera (noch) nicht überall in derselben Qualität nutzbar wie zu Hause. Ich wäre ohne seine geduldige Hilfe beim Hochladen der Videos wohl schnell an Grenzen gestossen.
*** ende ***
© Text, Fotos und Video: Barbara Sorino
Anmerkung: Die Fotos mussten aus technischen Gründen stark verkleinert werden, wodurch die Qualität teilweise etwas leidet. Ich bitte um Verständnis.