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Der Verlag MDPI für Open Access Fachzeitschriften lanciert in den kommenden Monaten das neue Journal «Histories» für die Geschichtswissenschaft. Das ist nicht selbstverständlich: Die grossen Verlage konzentrieren sich stark auf den STM-Bereich (Science, Technology, Medicine) und widmen den Geistes- und Sozialwissenschaften wenig Aufmerksamkeit. Das gilt besonders für die neue Generation von Verlags- und Journalgründungen, die ganz auf Digitalisierung, Open Access und Article Processing Charges setzt, also nicht auf den Verkauf von Abonnementen, sondern auf die Bezahlung durch die AutorInnen und/oder ihre Institutionen. Auf dieses Modell scheint das akademische Verlagswesen aber allmählich hinzusteuern. Unter anderem aus wissenschaftspolitischen Gründen: Laut nationaler Strategie müssen alle in der Schweiz mit öffentlichen Geldern geförderten Publikationen bis 2024 kostenlos zugänglich sein.
Das Multidisciplinary Digital Publishing Institute MDPI gilt als Vorreiter der Open Access Bewegung. Sein Hauptquartier befindet sich in Basel. Gegründet wurde es von Dr. Shu-Kun Lin, der aus der Provinz Hubei stammt und zuerst in China und später an der ETH Zürich Chemie studierte und dann in der Basler Pharmaindustrie und an der Universität forschte. Dort lancierte er 1996 ein Internet-Projekt zur Sammlung von Molekülen und sein erstes Online-Journal «Molecules». Heute ist MDPI ein Konzern mit über zweihundert Journals und über zweitausend Mitarbeitenden, die in Büros in Basel, Beijing, Wuhan, Belgrad, Barcelona und Manchester arbeiten. Das Hauptquartier bezog 2016 einen Bau aus der klassischen Moderne in der St. Alban-Anlage in der Nähe des Rheins.
Als 229. Journal von MDPI erscheint nun also «Histories» für die Geschichtswissenschaft. Zum Managing Editor dieser Open Access Zeitschrift wurde Mila Marinkovic bestimmt, die in Belgrad Philosophie und Ökonomie studierte und mit zwei Masterarbeiten über das Geniephänomen und über wirtschaftliche Kommunikation abschloss. Sie arbeitet seit drei Jahren im dortigen Büro und befasste sich bisher vor allem mit einem wirtschaftswissenschaftlichen Journal. Ihre Aufgabe ist es, den Publikationsprozess von «Histories» zu begleiten. Nach einer Vorprüfung der eingegangenen Artikel sucht sie mit Hilfe des wissenschaftlichen Beirats nach geeigneten GutachterInnen und steuert die Korrespondenz zwischen diesen und den AutorInnen. Wenn der Artikel die wissenschaftliche Prüfung übersteht (die Ablehungsquote bei MDPI ist relativ hoch) unterstützt sie die AutorInnen beim Transfer des Manuskripts in das einheitliche Publikationsformat, in welchem das Journal erscheint.
Das Angebot des Verlags besteht in einer effizienten und offenen Infrastruktur: Der Prozess der Begutachtung und Publikation verläuft in zügigem Tempo. Das Journal strebt eine Frist von drei Monaten und weniger an (bei älteren Journals kann man manchmal ein Jahr und mehr auf die Reviews warten). Wenn es der Inhalt des Artikels erfordert, darf der Text auch sehr umfangreich sein (während herkömmliche Journals bestimmte Maximallängen vorschreiben). Für die Publikation bei «Histories» werden AutorInnen und/oder ihre Institutionen künftig eine gewisse Article Processing Gebühr zahlen müssen. In der gegenwärtigen Lancierungsphase ist die Publikation noch gratis.
Das neue Geschichtsjournal ist also ganz von der Verlagsseite und der Technologie her konzipiert. Früher waren es in der Regel Fachgesellschaften oder eine Gruppe von interessierten HistorikerInnen, die eine Zeitschrift lancierten. Man denke an die «Schweizerische Zeitschrift für Geschichte», die mit ihren Vorläuferorganen bald hundertfünfzig Jahre alt wird und an die Schweizerische Gesellschaft für Geschichte gebunden ist. Auch die «Traverse», 1994 vom Chronos Verlag ins Leben gerufen, funktioniert nach einem Modell, bei dem inhaltliche Forschungsfragen eine wichtige Rolle spielen. Bei «Histories» ist das Feld dagegen ganz offen und unbestimmt. Vorgegeben sind einzig die akademischen Ansprüche, für welche der wissenschaftliche Beirat und die Peer Reviews bürgen sollen. – Brauchen wir ein solches Journal?
Ich selber empfinde es als Chance und bin froh, dass nach den zahllosen anderen Journals endlich auch ein effizient arbeitendes Organ dieses Typs für die Geschichtswissenschaft entsteht. Es ist ein Schritt in Richtung Professionalisierung, um den wir mittel- und langfristig kaum herumkommen. Es gab und gibt natürlich eine intensive, kontroverse Debatte über die ethischen Standards der wissenschaftlichen Kommunikation. In meinen Augen hat sich der MDPI Konzern in der Regel gut geschlagen. Der Nutzen von «Histories» für die Geschichtswissenschaft wird vor allem davon abhängen, wie wir es zu nutzen wissen. Das kann auf individueller Basis geschehen. Mindestens ebenso interessant ist aber die Verwendung für eine kollektive Publikation von Beiträgen zu einem bestimmten Thema, die an einem Workshop oder einer spezialisierten Sektion einer grossen Tagung präsentiert wurden. Ich nehme an, dass die Gestaltung einer «Special Issue» in diesem neuen Online-Journal etwas leichter sein wird als das bisher der Fall war. Hoffen wir das Beste.
Mila Marinkovic ist froh für Eure Vorschläge und erreichbar unter: <email-pii>
Jon Mathieu – Conflict of Interest Statement: Ich bin für die nächsten zwei Jahre Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von «Histories».