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Der Originalbeitrag ist als „Schlumpfs Grafik 90“ im Online-Nebelspalter vom 20. November 2023 zu lesen.
Egal, ob in Bauern- oder Kaiserfamilien: Während des längsten Teils der Geschichte der Menschheit haben 30 bis 60 von 100 lebendgeborenen Kindern ihre frühe Jugend nicht übererlebt. Der Schmerz und das unermessliche Leiden der Hinterbliebenen ist für uns heute kaum mehr vorstellbar. Denn mit Beginn des 19. Jahrhunderts hat eine beispiellose Entwicklung eingesetzt, die dazu geführt hat, dass heute weltweit durchschnittlich nur noch vier von 100 Neugeborenen früh sterben.
Was wichtig ist:
– Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts starben überall auf der Welt 30 bis 50 Prozent der Kinder, bevor sie fünf Jahre alt wurden.
– Heute ist diese Sterblichkeitsrate im globalen Durchschnitt auf 3,8 Prozent gesunken.
– Die Länder mit einer Kindersterblichkeit unter 0,5 Prozent weisen ein hohes Bruttoinlandsprodukt pro Kopf aus. Der Grossteil von ihnen liegt in Europa.
In seinem Bestseller «Sapiens», eine kurze Geschichte der Menschheit (siehe hier), beschreibt Yuval Noah Harari die grauenhafte Geschichte der englischen Königsgattin Eleanor – verheiratet mit Edward II. – , die in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts 10 ihrer 16 lebend geborenen Kinder noch während deren Jugendzeit wieder verlor. Das entspricht einer Sterblichkeitsrate von 62 Prozent. Und dies trotz privilegiertesten Lebensbedingungen und einer medizinischen Versorgung, die die beste der damaligen Zeit war. Edward und Eleanor mussten während 30 Jahren ihres Lebens durchschnittlich alle drei Jahre ein Kind beerdigen.
Vor 1800 starb eines von zwei Kindern, bevor es 15 Jahre alt ist
Eine so horrend hohe Rate an Kindersterblichkeit war in dieser Zeit aber keine Ausnahme: Historische Untersuchungen haben ergeben, dass es in den unterschiedlichsten Kulturen von Rom über Mexiko, China und Ägypten bis Japan eine weitgehend übereinstimmende Sterblichkeit um 50 Prozent für die ersten 15 Lebensjahre gab (siehe hier). Dasselbe gilt auch für noch frühere Jäger-und-Sammler-Gesellschaften. Bis um das Jahr 1800 herum hatten die Menschen kein einziges wirksames Mittel gegen direkte Geburtsschäden oder anschliessende Krankheitsgefahren bei den Kindern.
Im beginnenden 19. Jahrhundert ändert sich das fundamental: Die folgenden drei Grafiken von der Webseite «Our World in Data» illustrieren die fantastische Fortschrittsgeschichte, die wir punkto Kindersterblichkeit bis heute erlebt haben (siehe hier). Eine solche Fortschrittsgeschichte wäre aber nicht möglich gewesen ohne das Wirtschaftswachstum, das gleichzeitig eingesetzt und seither angehalten hat (siehe hier).
Die Grafiken zeigen die Rate der Kindersterblichkeit in allen Ländern der Welt für die Jahre 1800, 1950 und 2015. Es geht dabei um die Todesrate bis fünf Jahre – für die Zeit also, in der die Kinder besonders verletzlich sind. Beginnen wir mit der Situation um 1800:
Die Welt zeigt ein einheitliches Bild: Alle Länder sind rot eingefärbt. Das heisst, dass überall auf der Welt 30 und 60 Prozent der neugeborenen Kinder vor ihrem fünften Geburtstag gestorben sind. Bis 1800 hat sich also an den Bedingungen, unter denen Eleanor im 13. Jahrhundert gelitten hat, nichts geändert.
1950 war die Welt in Nord und Süd geteilt
Danach aber zeigte Louis Pasteur in den 1860er Jahren den ursächlichen Zusammenhang zwischen Bakterien und Krankheiten auf und lenkte damit den Fokus auf die Hygiene. 1928, als Alexander Fleming zufällig das Penicillin entdeckte, begann die Geschichte der Antibiotika. Das waren nur zwei von vielen medizinischen Durchbrüchen, die dafür verantwortlich sind, dass sich das Bild der Kindersterblichkeit 150 Jahre nach 1800 stark verändert hatte:
1950 sehen wir eine geteilte Welt: Auf der einen Seite sind es alle Länder Afrikas und Südasiens sowie einige aus Zentral- und Südamerika. Sie hatten entweder noch immer die gleich hohe Kindersterblichkeit wie 150 Jahre zuvor (rot). Oder sie hatten es erst geschafft, in den immer noch hohen Bereich der 20-Prozentzahlen zu kommen (orange). Auf der anderen Seite sehen wir eine Gruppe von sehr erfolgreichen Ländern in Nordamerika, Nordeuropa (inklusive Schweiz) und Australien/Neuseeland, deren Kindersterblichkeit bereits unter fünf Prozent gesunken war (grün). Die restlichen Länder vor allem in Zentral- und Osteuropa sowie Nordasien lagen dazwischen (hellgrün, orange).
In den letzten 200 Jahren ist die Kindersterblichkeit von 50 auf 4 Prozent gesunken
Diese Trennung in einen erfolgreichen Norden und einen zurückgebliebenen Süden löste sich in den folgenden Jahrzehnten nach und nach auf: Ein verstärktes Wirtschaftswachstum, ein globalisierter Handel und das Innovationspotenzial der Menschen, das mit der Bevölkerungszahl wuchs, haben dazu geführt, dass nun auch Schwellen- und Entwicklungsländer rasante Fortschritte bei der Kindersterblichkeit machten. 2015 sehen wir folgende Sterblichkeitsraten in den verschiedenen Ländern:
Der Unterschied ist frappant: Abgesehen von Zentralafrika lag die Sterblichkeit der Kinder unter fünf Jahren nun überall deutlich unter zehn Prozent. Die besten Bedingungen von 1950, die damals erst in einigen Ländern im Norden geherrscht hatten, galten 2015 beinahe für die ganze Welt. Es gab kein einziges Land, das nicht eine deutliche Verbesserung der Situation erlebt hätte. Denn gerade die Länder in Afrika und im Nahen Osten mit den früher schlechtesten Raten über 30 Prozent, lagen jetzt zwischen 2 und 14 Prozent.
Und wie sieht es ganz aktuell aus? Die beste Quelle zu Fragen rund um die Kindersterblichkeit findet man bei einer Spezialkommission der Vereinten Nationen (UN-IGME, siehe hier). Für das Jahr 2021 wird dort die Sterblichkeit für Kinder unter fünf Jahren global mit 3,8 Prozent angegeben. Afrika mit den schlimmsten Quoten liegt bei 6,6 Prozent, Europa, wo die Situation am besten ist, bei 0,4 Prozent.
Noch immer sterben täglich 16’000 Kinder vor ihrem 15. Geburtstag
Alle diese Zahlen belegen eindrücklich, wie wir Menschen den frühen Tod von Kindern in den letzten 200 Jahren äusserst erfolgreich bekämpft haben. Aber genügt das? Sind wir am Ziel?
Nein, in keiner Weise. Das versteht man, wenn man die aktuellen rund vier Prozent Kindersterblichkeit in absolute Zahlen umsetzt: Laut «Our World in Data» starben 2020 auf der ganzen Welt rund 6 Millionen Kinder, bevor sie 15 Jahre alt wurden (siehe hier). Jeden Tag sterben somit 16’000 Kinder – oder 11 Kinder pro Minute.
Angesichts dieser schlimmen Situation wartet also noch viel Arbeit auf uns. Aber es ist wichtig, diese Arbeit im Bewusstsein zu tun, dass bisher schon enorm viel erreicht worden ist.
200 Jahre Fortschrittsgeschichte
1820 lebte eine Milliarde Menschen in grosser Armut. Krieg, Hunger und Tod waren allgegenwärtig. Dann setzte eine beispiellose Entwicklung ein. Heute wird die Erde von acht Milliarden Menschen bevölkert. Die Wirtschaftsleistung ist um das Hundertfache gestiegen, und die Menschen leben im Schnitt so lange wie nie zuvor.
Ich gehe in einer Serie einigen zentralen Aspekten dieser Fortschrittsgeschichte nach – wie immer illustriert durch einschlägige Grafiken.
Bisher erschienen:
Reichtum und Wohlstand dank wirtschaftlichem Wachstum: siehe hier
Extreme Armut ist stark zurückgegangen: siehe hier