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Die Erleuchtung traf mich auf einer Geburtstagsparty. Ich traf einen ehemaligen Arbeitskollegen und wir kamen ins Gespräch über – ja, Diversity. Er sagte: „Frauen wollen Dich als Mann immer testen. Du, Esther, konntest das besonders gut!“ Ich? Testen? Was denn? „Schauen, ob Du als Chef was taugst, sie fordern ständig Deine Autorität heraus.“
Zuerst widersprach ich vehement, doch dann dämmerte es mir. Unsere Geschichte liegt zwanzig Jahre zurück. Ich hätte vor einem grossen Gremium etwas rapportieren sollen, das faktisch falsch war – ein Fehler im Algorithmus. Ich hatte mich geweigert, dies zu tun, mehr noch, ich hatte ihm angekündigt, falls er nicht vorgängig die Formel nachbessere, den Fehler offenzulegen und eine Korrektur zu unterbreiten mit dem Vorschlag, alle anderen 25 Subprojekte überprüfen zu lassen. Es ging immerhin um ein 150-Millionen-Franken-Sparprojekt einer Grossfirma. Er drohte: „wenn Du das tust, bringe ich dich um“.
Männer wollen zuerst die Hackordnung klären
Meine Antwort: „watch me!“ Es war von mir – auf der Sachebene – als Angebot zur Fehlerbehebung gemeint, er fühlte sich aber in seiner Autorität herausgefordert. Klassisches Missverständnis? Oder ein Geschlechterthema? Er sah sich als Projektleiter als Ranghöherer und ich hätte mich unterordnen sollen. Ich sah mich in einem Sachdiskurs unter Fachleuten. Beide Perspektiven hatten ihre Berechtigung – er war nicht mein Linienvorgesetzter.
Ein Freund mit Armee-Vergangenheit sagt immer: „Männer wollen zuerst die Hackordnung klären – Frauen wollen sich auf Augenhöhe treffen„, und erklärt damit meine Herausforderungen, die ich mit ihm rund um den Tanz der Geschlechter im Geschäftsalltag diskutiere. Einleuchtend, nicht wahr? Die Verhaltensforschung untermauert die Formel.
Mein früherer Arbeitskollege und ich sind inzwischen zwanzig Jahre reifer. Gut ist, dass er seine Drohung nicht wahr machte. Dumm: die Firma ging bankrott. Ich weiss nicht, ob es daran lag, dass die Formel nicht korrigiert wurde. Die Geschichte macht ansonsten für beide Sinn: Auch bei gegenseitiger Wertschätzung erklärt sie die grundsätzlichen Spannungen zwischen Mann und Frau im beruflichen Kontext. So viel zum Party-Small-Talk.
PS: habe mich dabei unfreiwillig mit fremden Federn geschmückt: Das Foto ist von Riccarda Mecklenburg – sehr schmeichelhaft für mich 🙂