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Auch für Verrückte soll es ein Leben in Würde geben, so die These von si può fare, einem Spielfilm, der auf realen Begebenheiten basiert. Mailand 1983: Der Links-intellektuelle Nello Trebbi fordert in einem Buch die Linke auf, unter Wahrung der eigenen Werte sich dem Markt zu stellen. Der Gewerkschaft sind diese Ideen zu progressiv, während Nellos Ansichten seiner Lebenspartnerin Sara, sie ist Modedesignerin, zu altmodisch sind. (Im Verlauf der Geschichte wird sich zeigen, dass ein tieferer Zusammenhang zwischen den scheinbar so unterschiedlichen Lebensrealitäten der beiden besteht, die sich einer simplen politischen Zuordnung, wie sie Nello versucht, entziehen.) Was Nello Sara vorwirft, unterstellt ihm nun die Union: Er habe sich verkauft! Als in Ungnade Gefallener wird er kaltgestellt und zur Übernahme der Stelle eines Managers der «Co-Operative 180» verknurrt. Diese entpuppt sich als eine Einrichtung für ehemalige Insassen der Psychiatrie, die dank Paragraph 180, der die Auflösung aller psychiatrischen Anstalten in Italien verlangte, eigentlich frei sind zu gehen, wohin sie wollen. Gegründet wurde die Institution von Dottor del Vecchio, der von den Patienten zwar meint, sie heim zu ihren Familien zu schicken, mache sie nur verrückter. Doch stellt er sie mit Medikamenten ruhig, als Arbeitsbeschäftigung heisst es, stumpfsinnig Briefe zu frankieren oder Etiketten zu kleben. Hier wird Nello zusammen mit den Insassen seine These umsetzen und beweisen, dass der Weg auf den Markt nicht nur möglich, sondern für die Behinderten auch durchaus nutzbringend ist.
Kraftvoll unterstreicht die von Balkan-sound und sphärischen Western inspirierte Musik von Pivio und Aldo De Scalzi den temporeichen Anfang. Ohne jegliche musikalische Akzentuierung folgt darauf die erste Begegnung mit den psychisch Kranken, berührend werden Schicksale, Verletzungen, Phantasien angedeutet. Nello beruft die erste “Vollversammlung” ein: aus Insassen werden «soci», gleichberechtigte Mitglieder der Kooperative, die sich zwischen staatlicher Unterstützung und Markt zu entscheiden haben. Ideen für eine produktive Tätigkeit werden gesammelt – auch die unmöglichsten werden von Nello mit «si può fare» bekräftigt. Mit viel Enthusiasmus und nicht ohne Widerstände entsteht die «Antica Cooperativa 180 – Parquet e Fantasia»: im Verlegen von Parkettböden findet sie eine Dienstleistungsnische zur Sicherung ihres Lebensunterhalts. Geschickt werden aus der reichhaltigen Figurenkonstellation lustvoll und mit grosser Emotionalität Charaktere voller Widersprüche und kontrastreiche Geschichten entwickelt, ohne den Blick für’s Ganze zu verlieren. Das Spiel wird durch Persiflage und Anspielungen auf die Traumwelt des Kinos erweitert. Der stoisch stumme autistische Robby etwa, der zum Präsidenten der Genossenschaft erkoren wird, wirkt wie einem Ganovenfilm entsprungen. Die musikalische Untermalung assoziiert unterschiedliche filmische Genres.
Die Cooperative der Verrückten – ein filmisches Märchen? Ja und Nein. Den Menschen mit Funktionsstörungen wird hier zwar eine Tatkraft zugestanden, die sie sonst wohl nicht haben, ja nicht haben könnten, ohne selbst Schaden zu nehmen. Grenzen zwischen sogenannt normalen und nicht normalen Filmhelden verwischen. Doch zwischenmenschlich heikle Themen werden nicht ausgeklammert. Wird die Hälfte der Medikamentendosis abgesetzt, steigt nicht nur die Arbeitspotenz, sondern auch die gesamte Lebensenergie. Davon erzählt die Nebengeschichte um Gigio und trifft einen Nerv. Gigio gibt Nello zu Beginn mit seiner subversiven Methode des Briefmarkenklebens – der Stapel Briefe entpuppt sich als Daumenkino – den Anstoss, fest mit der Kreativität der psychisch Behinderten zu zählen. Doch Gigios eigene Kreativität, sein Geschick, auch sein Charme, helfen ihm über die Erkenntnis, dass seine Möglichkeiten eingeschränkt sind, nicht hinweg. Er erhängt sich aus seelischer Verletzung im Treppenhaus der Cooperative, zu seinen Füssen liegt ein schwarzes Notizbuch – ein von ihm gezeichnetes Daumenkino. Mit seinem Tod ist das immer wieder gefährdete Projekt an seinem Tiefpunkt angelangt. Nello verlässt voller Schuldgefühle die Co-operative und verdingt sich an Padella, seinen Erzrivalen bei seiner Geliebten. Doch ausgerechnet Dottor Del Vecchio, der den Aktivitäten Nellos gegenüber immer skeptisch bis feindlich eingestellt war, attestiert in seinem Untersuchungsbericht dem Projekt aus psychiatrischer Sicht bahnbrechenden Erfolg. Die «socis» holen sich ihren «Signor Nello» zurück, die Co-operative erhält Nachwuchs aus der Irrenanstalt und der stumme Präsident Robby hält eine wunderbare Begrüssungsrede.
Si puó fare ist den im Italien der achtziger Jahre entstandenen sozialen Cooperativen gewidmet. Etwa dem Unternehmen «Noncello» in Pordenone, das sich erfolgreich dem professionellen Verlegen von Parkettböden verschrieb. Heute soll es mehr als 2 500 Genossenschaften für fast 30 000 Beschäftigte geben. Die Tragikomödie reiht sich ein in eine lange Tradition von Filmen, die am Beispiel von Psychiatrie und Randständigen soziale, historische und emotionale Themen reflektieren und den Genossenschaftsgedanken als solidarische Unternehmensform hochhalten.