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(Schweizer Monatshefte – Heft 1, 1992 – Seite 65-66)
DAS BUCH
Der Autor, Gerald Schneider, hat für seine in englischer Sprache ahgefasste politologische Dissertation ein höchst anspruchsvolles Thema gewählt: er ist nämlich dem Verhältnis von Zeit und Politik nachgegangen und hat sich mit den Begriffen «Planung» und «Policy-making» auseinandergesetzt1. Planung ist heute ein eigentliches «Unthema». vor allem nach dem Zusammenbruch der Planwirtschaft in Osteuropa und – noch zu wenig beachtet und erforscht – in der Dritten Welt. Darum ist ein solches Unterfangen höchst verdienstvoll, vor allem, wenn es in jenem Geist der gesunden Skepsis und der hochentwikkelten Selbstkritik angegangen wird, welche den Autor in hohem Mass auszeichnet. «In writing this study. I discovered that I am continuing a story which has to a large extent already been told» heisst es in der Einleitung (und sollte es eigentlich in noch so mancher anderen wissenschaftlichen Abhandlung auch heissen…). In vier Abschnitten wird dann doch viel Wissenswertes übersichtlich abgehandelt und anhand von Beispielen dargestellt: eine rationale Theorie der politischen Zeit, das Verhältnis von Zeit und «Policy-making» (politische Planung) sowie der Stellenwert der Zeit in der Politik. Die aufgestellten Hypothesen werden aufgrund von Dokumenten entweder verifiziert oder falsifiziert. Die qualifizierenden und quantifizierenden Kriterien hiefür sind allerdings schwierig zu formulieren. Wie kann beispielsweise die Planungsintensität in der Aussenpolitik mit der Planungsintensität der Wirtschaftspolitik von 40 Regierungen verglichen werden, wenn nur die höchst vielfältigen «planning papers» Gegenstand der Analyse sind? Der Autor ist sich der Schwierigkeiten bewusst. und es ist ihm beizupflichten, dass eine vergleichende Lektüre solcher Unterlagen und der Versuch einer systematischen Auswertung eben doch mehr Ergebnisse zeitigt als Faustregeln und Pauschalurteile bzw. -vorurteile. Die Schwierigkeit, dass die Realität doch häufig nur im Licht der vorhandenen Publikationen und Vorschriften gesehen werden kann, und dass letztlich Dokumente mit Dokumenten verglichen werden, ohne empirisch zu den dadurch ausgelösten, bzw. nicht ausgelösten tatsächlichen Wirkungen und Nebenwirkungen vorzudringen, ist keine spezifische Schwäche dieser Monographie, sondern ein Problem der geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung schlechthin.
Die zahlreichen, nach verschiedensten Indikatoren gruppierten «Ranglisten» der untersuchten Nationalstaaten beurteilt Schneider selber sehr zurückhaltend, und der daraus resultierende Gewinn an theoretischen und praktischen Einsichten ist auch für den Leser durchaus ernüchternd.
Der Autor handelt im dritten Abschnitt seiner Arbeit in einem ganzen Kapitel die Schwierigkeiten ab. die mit der Evaluation der Auswirkungen politischer Planung zusammenhängen: «Many words, many deeds: but do they correspond?» fragt er. Verschiedentlich zitiert er den grossen Planungsskeptiker Aron Wildalsky, der schon 1973 in «Policy Sciences» 4. 127ff.., einen Aufsatz publiziert hat mit dem bemerkenswerten Titel: If planning is Everything, Maybe It’s Nothing.
Politische Planung kann weder das entscheidende «Zu spät» noch das «Zu früh» und auch nicht das «Zu-langsam» bzw. das «Zu-schnell» verhüten. Sie kann auch nie den «Kairos», den optimalen Zeitpunkt für politisches Entscheiden, Handeln oder Unterlassen determinieren. Wie der Autor in seinen abschliessenden vorsichtigen Empfehlungen aufzeigt – kann aber durch politische Planung der gemeinsame bewegliche Umgang mit der Zeit doch immer wieder verbessert werden.
Robert Nef
1 Gerald Schneider. Time. Planning and Policy-Making. An Evaluation of a Complex Relationship. Diss. Universität Zürich. Peter Lang. Bern etc. 1991.