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Über einen Roman, den Rudolf Steiner als Autor des zweiten Mvsteriendramas gelesen hat
Manche Leute wußten es: Es gab im vorigen Jahrhundert ein Buch. in dem etwas über die sagenhafte Geschichte des Burgenlandes im Mittelalter zu lesen war, in dem der Untergang der Templer vorkam, und das Rudolf Steiner gekannt haben muß: Denn die Ähnlichkeiten von Ereignissen und Personen. die darin beschrieben waren, mit Szenen des zweiten Mvsteriendramas konnten nicht zufällig sein. Fast dreißig Jahre hat es gedauert. bis der Rezensent eine Photokopie der Ausgabe von 1870 in die Hand bekam. Und nun ist es neu gedruckt! Im Geleitwort sagt der Herausgeber Christian Peter knapp und deutlich, warum er es für so wesentlich hält.
Der literarische Wert des historischen Romans ist bestreitbar. Der Wert als Quelle für die Kulturgeschichte und für einige bisher offene Fragen aus der Geschichte der Anthroposophie ist allerdings bedeutend. Und tatsächlich enthält der Roman Personen und Handlungen. die so ähnlich im Mvsteriendrama wiedervorkommen.
«Die Kinder der Liebe» im Roman von Karl Ivelin sind ein junger Bergwerksmeister bei Bernstein im Burgenland und seine Braut. Die Verschlingungen des Schicksals führen dazu, daß beide erfahren müssen, nicht leibliche Kinder ihrer Eltern zu sein. Im 14. wie im 19. Jahrhundert ein schrecklicher Makel. Anders als im Drama ist nur der Vater der jungen Frau ein Tempelritter, der Heirat steht nach allen Verwicklungen schlußendlich nichts im Wege, und der Templerpräzeptor ist reich genug (!), für eine anständige Mitgift zu sorgen. Auch sonst gibt es erhebliche Unterschiede zu Rudolf Steiners Mysteriendrama: Von einer «Vorlage» für die Handlung kann nicht die Rede sein. Aber es finden sich manche Motive, die Rudolf Steiner angeregt haben, das Geschehen in die Gegend um Bernstein und Lockenhaus zu verlegen. Sogar der jüdische Arzt und Helfer tritt auf und bedarf auch des Schutzes gegen die vom Ortspfarrer aufgehetzten Landleute. Die Templer sind dazu weniger geeignet: Sie werden eher als Raubritter und Schürzenjäger geschildert und haben die Bergwerke längst verkauft. Aber am Ende wird doch berichtet, daß der Orden früher segensreich und bedeutend war, und die Fassung der Sage vom Untergang der Templer in Lockenhaus ist plausibler als die von der Eszterhazyschen Verwaltung überlieferte. Der innere Zusammenhang, auf den Rudolf Steiner sich auf ganz anderer künstlerischer Ebene bezieht, kommt bei Ivelin gar nicht vor, so daß, was sich im Burgenland durchaus so ähnlich zugetragen haben mag, erst im Mysteriendrama wirklich aufer-steht. Die vielfach recht genauen Schilderungen des Bergwerkswesens und der Menschen im Roman wollen auch nicht ganz ins Mittelalter passen: Man denkt eher an Georg Agricola und die frühe Neuzeit. Der Wirtschaftshistoriker wird den Unterschied nicht so wesentlich finden. Für ihn reicht das Mittelalter bis zurVerbreitung der Dampfmaschine im 18. Jahrhundert.
Der Sozialhistoriker hingegen wird den Roman geradezu als eine Pionierleistung ansehen: «Kinder der Liebe» heißt auf neuhochdeutsch «uneheliche» Kinder. Um 1870 wurden sie diskriminiert, und ein Buch, das sich zur Aufgabe machte, sie als ordentliche, begabte, liebenswerte und normale Menschen zu zeigen, muß dazumal eine Provokation gewesen sein. So trifft die Vermutung sicher zu. daß der eigentliche Verfasser sich hinter einem Pseudonym verbirgt. Ein anderes Werk unter diesem Namen ist bisher nicht bekannt geworden. Man findet ihn auch nicht in den Literaturgeschichten der Zeit. Daß der junge Rudolf Steiner das Buch gelesen hat, spricht jedenfalls für seinen Blick, das Wesentliche im Unwesentlichen zu finden.
Nun enthält das Buch noch eine andere Sensation. In der Gegend von Lockenhaus und Bernstein soll ja der «Herzberg» liegen, von dem Ita Wegman und Walter Johannes Stein im Anschluß an Rudolf Steiner Weihnachtstagungs-Vorträge berichten und den sie als die Einweihungsstätte des Gilgamesch im dritten vorchristlichen Jahrtausend beschreiben. Er konnte inzwischen mit dem Steinstückl (oberhalb von Redlschlag, wenige Kilometer nördlich Bernstein) identifiziert werden. Rätselhaft war immer noch geblieben, woher der in der Gegend ganz unbekannte Name «Herzberg» stammt, denn er ist auch auf alten Karten nicht belegt. Ivelin beginnt seinen Roman mit einer Lagebeschreibung des «Herzbergs» und schildert dann den ungewöhnlichen Fernblick von seinem Gipfel! Beides trifft vollkommen auf den Steinstückl zu. Irritieren könnte höchstens der zusätzliche Name «Redlschlager Höhe», denn das Kegelfeld, ein etwas weiter nördlich anschließender Vorberg des Steinstückel, heißt auch «Redelshöhe», aber «eine der höchsten Gebirgsspitzen des Eisenburger Komitats» kann sich nur auf den Steinstückl selbst beziehen. Man darf also vermuten, daß Rudolf Steiner auf eine Nachfrage von Ita Wegman den Namen «Herzberg» genannt hat, wie er ihn von Ivelin kannte, und die Suche nach der Mysterienstätte sich deswegen von Anfang an auf die Gegend um Bernstein konzentrierte.
Faszinierend ist der geschilderte Ausblick vom «Herzberg», unvorstellbar weit, mit genauen Ortsangaben von Städten, Schlössern und fernen Gipfeln. Sogar der Neusiedler See sei von dort aus zu sehen. Natürlich war 1870 der Himmel klarer und das mittlere Burgenland noch nicht eines der smogreichsten Gebiete auf dem Kontinent: Es begegnen sich dort heute nicht nur Steine, Pflanzen, Tiere, Menschen und Kulturen aus Ost und West, sondern auch die Industrieabgase ganz Europas. Dennoch gesteht der Rezensent anfängliche Zweifel am Adlerauge Karl lvelins. Um der Sache auf den Grund zu gehen. wurden in dietopographischen Karten längs der Sichtlinien Profile gezeichnet und die Höhenkoten der dazwischen liegenden Gebirgszüge aufgetragen. Selbst das Unwahrscheinlichste erwies sich als richtig! Auch der Südzipfel des Neusiedler Sees in Ungarn wäre bei klarer Atmosphäre zu sehen. Die einzige Ausnahme ist das Schloß Radkersburg (heute Gornja Radgona in Slowenien). Es liegt zu tief, um das Oststeirische Hügelland zu überragen. und wurde offensichtlich mit der näher gelegenen Riegersburg, auf die die Beschreibung genau zutrifft, verwechselt.
Das Buch ist schön gemacht, mit einer Skizze von Lockenhaus auf dem Deckel. und ein schönes Geschenk für Menschen, die mit den Mysteriendramen arbeiten oder das Burgenland lieben. Als Jugendbuch ist es wohl nicht geschrieben. Aber das Gute siegt, und das Böse richtet sich selbst: Ab 14 Jahren spricht soviel dafür oder dagegen wie bei Felix Dahn oder Karl May. Das falsche Templerbild muß dann der Geschichtslehrer wieder in Ordnung bringen.
Jürg-Hinrich Volkmann
in "Das Goetheanum", Jg. 1992, Seite 568