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Die Gehörlosen und das sozioprofessionelle Leben
Viele Veränderungen finden in der Sozial- und Berufsgeschichte der Gehörlosen im Laufe des XX. Jahrhunderts statt.
Bis Ende des XIX. Jahrhunderts denkt man, sie seien alle stumm, manchmal schwachsinnig, oder zumindest unfähig, eine Ausbildung zu absolvieren und ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein. Sie werden oft übersehen oder als Hirten oder Hilfsarbeiter für schwere körperliche Arbeiten eingesetzt.
Um ihre Eigenständigkeit zu erlangen, müssten sie die Gebärdensprache erlernen. Leider wird diese während eines ganzen Jahrhunderts in Europa unterdrückt. Die Gebärdensprache hat ihren Ursprung 1760 in Paris, als der Abbé de l’Epée eine Sprache der « methodischen Gebärden » erfindet. Er versammelt vernachlässigte jugendliche Gehörlose und ermöglicht ihnen die Weiterentwicklung und Vervollständigung einer Sprache. Die öffentlichen Vorführungen kommen sogar vor den König.
Später benutzt ein anderer Franzose, Ferdinand Berthier, die Gebärdensprache, um junge Gehörlose zu unterrichten und setzt sich für die Anerkennung der Gebärdensprache ein. Mehrere Schulen werden daraufhin in ganz Europa und sogar in den USA gegründet. Von Deutschland her weht aber ein anderer Wind gegen die Gebärdensprache: die gesprochene Sprache. Für ihre Vertreter ist die gesprochene Sprache zur Gedankenbildung unbedingt notwendig, und muss daher vermittelt werden. 1880 findet der Kongress von Mailand statt, der ein tragisches Kapitel in der Gehörlosengeschichte bildet. Die gehörlosen Lehrer werden schlauerweise vom Kongress ausgeschlossen. Von 225 Teilnehmern sind nur drei Gehörlose anwesend und haben keinen Dolmetscher. Damit triumphiert die orale Theorie, während die Gebärdensprache in allen Teilnehmerländern verboten wird, mit Ausnahme der USA und Grossbritannien. Während eines Jahrhunderts werden Gebärden massiv bekämpft. Den meisten gehörlosen Lehrern wird der Unterricht verboten, sie werden entlassen oder pensioniert. Gehörlose Erwachsene werden manchmal von ihren Kindern getrennt, damit sie sie nicht « verseuchen ».
Erst in den siebziger Jahren, nach vielen Kämpfen, wird die Gebärdensprache wieder beachtet
und anerkannt. Es genügt jedoch, die positive Entwicklung der gehörlosen Amerikaner anzuschauen, um die Überlegenheit der Gebärdensprachmethode zu erkennen. 2005 wird die Gebärdensprache endlich als Sprache anerkannt.
Im Januar 1947 wird im Wallis die Benutzung der Gebärdensprache in der Vereinszeitschrift Ephpheta diskutiert. Einige denken, dass sie « eine schlechte Angewohnheit sei, die man abschaffen müsse » oder dass « fuchteln in der Öffentlichkeit Spott auf sich ziehe ».
Im Institut von Bouveret wird die Gebärdensprache verboten und streng unterdrückt; die Kinder werden bestraft und die Hände von Ungehorsamen manchmal auf den Rücken gebunden.
Langezeit wird noch ein anderer sozialer Druck auf die Gehörlosenwelt ausgeübt. Dieser betrifft den Wunsch gehörloser Paare nach Kindern. Während im Dritten Reich Sterilisationen an Gehörlosen systematisch vorgenommen worden sind, ist es in der Schweiz schwierig, Statistiken über die Sterilisation von Gehörlosen zu erstellen. Es scheint, dass dies bis in die sechziger Jahre bei vielen verheirateten Paaren der Fall war. Eine Studie von 1943 zeigt, dass bei fünfzig gehörlosen Ehepaaren nur in vier Fällen eine Sterilisation offiziell angegeben wird, aber fünfundzwanzig dieser Paare kinderlos geblieben sind, was auf eine vermutliche, nicht angegebene Sterilisationen schliessen lässt. In einem Brief von 1947 bezeugen zwei Berner: « Der Gemeinderat hat mir empfohlen, mich unterbinden zu lassen, sonst kriegen wir die Heiratserlaubnis nicht. Trotz unseres Protestes mussten wir dorthin gehen. Ich musste im Spital unterschreiben; wir hätten so gerne ein Kind gehabt, es wäre unser Glück gewesen... » und « Am 21. März 1946 habe ich im Spital ein Kind geboren, ich musste mich sterilisieren lassen, um keine weiteren Kinder zu bekommen. Die Gemeinde hat verlangt, dass ich ins Spital gehe. Der Gemeindepräsident ist zu uns gekommen, wir wollten warten, dann hat mir der Arzt verboten, weitere Kinder zu haben. »
Nach dem Krieg werden die Autos immer zahlreicher. Mit ihnen nehmen auch die Verkehrsunfälle zu. 1947 wird in der Ephpheta die Frage gestellt, welche Gefahren der Verkehr für die Gehörlosen bedeute. Herr Fracheboud spricht mit den Behörden und erreicht, dass das Gehörlosen- und Taubstummenzeichen in jeder Fahrschule aufgehängt wird, damit alle Fahrschüler wissen, was dieses Zeichen bedeutet. Die Gehörlosen müssen dieses Zeichen tragen wenn sie Velo fahren oder sogar wenn sie zu Fuss unterwegs sind, um Unfälle zu vermindern.
Im Januar 1948, nach Vorstössen von Befürwortern, können sich Gehörlose und Schwerhörige gegen Unfälle mit körperlichen Folgen bei der Winterthur Unfallversicherung versichern lassen.
In den fünfziger Jahren verbessert sich das soziale Leben und die beruflichen Möglichkeiten sind vielfältiger. Viele Walliser Gehörlose finden Arbeit ausserhalb des Kantons, vor allem in der Uhrenindustrie.
Im April 1952 wird in Bern die Freigabe des Führerscheins für Gehörlose beschlossen. Aufgrund von Erfahrungen in der Schweiz und im Ausland und positiven Gutachten im medizinischen Bereich, können auch weiterhin Fahrausweise für Gehörlose ausgestellt werden. Unter folgenden Bedingungen: lernen mit einem diplomierten Fahrlehrer, strenge theoretische und praktische Prüfungen, gründliche medizinische Abklärungen und der Bericht eines Facharztes über die geistige Verfassung des Kandidaten.
Im September 1955 finden in Bouveret Fortbildungskurse statt. Die Schwestern unterrichten und korrigieren praktische Übungen zu Mietverträgen, zur Eröffnung eines Postkontos, wie Zahlungen beglichen und Überweisungen gemacht werden etc. Im Januar und Februar 1958 werden für die Mitglieder des GVW in Sitten Pflegekurse mit Material, das vom Roten Kreuz zur Verfügung gestellt wird, durchgeführt. Ein Interkantonaler Westschweizer Kurs für gehörlose Lehrlinge wird 1961 organisiert.
Aufgrund einer Anfrage des Schweizerischen Taubstummen Hilfsvereins beherbergt die Berufsschule Lausanne diesen Interkantonalen Westschweizer Kurs, an dem jeden Samstagmorgen mehr als dreissig gehörlose Lehrlinge teilnehmen. Dieser Kurs wird von der Invalidenversicherung subventioniert. Viele Jugendliche bekommen so einen speziell angepassten Unterricht, dank Zeichnungen und modernen audio-visuellen Hilfsmitteln. Die Generalversammlung des Schweizerischen Taubstummenbundes findet am 9. und 10.
Mai 1970 in Brig, mit der Teilnahme eines Vertreters der kantonalen IV teil. Ungefähr fünfzig Teilnehmer beteiligen sich an den Beschlüssen. Der Bund drückt seine Dankbarkeit gegenüber der Pro Infirmis aus, die ihren Sektor Instruktion und Bildung zu Gunsten der Gehörlosen erweitert hat. Der Wunsch wird geäussert, dass das Fernsehen Programme mit Sendungen für Gehörlose vorsieht.
In Martigny findet 1972 die grosse Schweizer Premiere des « Gehörlosen-Telefons » statt, mit einer praktischen Vorführung von zwei Telefonen, die mit Schriftverkehr funktionieren: der amerikanische Fernschreiber (TTV) und das Telescrit (TMS). Jeder kann es ausprobieren. Es ist möglich, schriftlich nach Genf zu telefonieren und sich aus dieser Stadt anrufen zu lassen.
Es genügt, die gewünschte Telefonnummer auf der Drehscheibe zu wählen, den Schalthebel umzulegen und die Nachricht auf die dafür vorbereitete Fläche zu schreiben. Die Antwort kommt, sobald der Gesprächspartner von Genf aus schreibt. Wenn ein Anruf kommt, leuchtet eine Lampe auf. Sobald der Hörer abgenommen und der Schalthebel umgelegt wird, kann die Nachricht direkt Zeile für Zeile gelesen und im Anschluss sofort eine Antwort geschickt werden. Die Handhabung ist einfach und der Preis für das Gespräch ist gleich hoch wie der einer normalen Telefonverbindung. Die Installation eines TMS kostet Fr. 6'500.- und man benötigt zwei Apparate – einen Sender und einen Empfänger.
Die ersten Gebärdensprachkurse werden 1978 in verschiedenen Westschweizer Städten, darunter Sitten, organisiert. 1982 nimmt Marie-Louise Fournier drei Tage an einem Seminar in Paris teil, dann drei Wochen an der Gallaudet Universität in den USA. Diese Praktika zeigen, wie wichtig eine Ausbildung in Gebärdensprache ist. Dies führt 1983 zur Gründung des Westschweizer Vereins für den Unterricht in Gebärdensprache (ASRELS), präsidiert von Danielle Revaz. Dank Dolmetschern werden die Gehörlosen unabhängig.
1980 bekommt Michel-Alain Beney sein Jagdpatent. Er ist der erste gehörlose Walliser, der dies schafft.
Eine Ausstellung mit dem Namen « des gens comme les autres » (Menschen wie andere auch), die den gehörlosen Menschen gewidmet ist, findet vom 9. bis 14. November 1981 in der Placette in Monthey statt.
Am 16. Oktober 1982 wird endlich am Fernsehen eine Sendung für Gehörlose ausgestrahlt. Die Sendung mit dem Namen « écoutez voir » (sehen statt hören), mit einer halben Stunde Sendezeit, kommt dank vielen Vorstössen und Petitionen des ASASM und dem Schweizerischen Gehörlosenbund zustande. Stéphane Faustinelli ist der erste Moderator. Die Sendung informiert einerseits die Gehörlosen und anderseits macht sie die Gehörlosengemeinschaft bei den Hörenden sichtbar.
Die Sendung gibt es immer noch, aber sie heisst anders und die Inhalte sind angepasst worden. Sie heisst jetzt « Signes » (Gebärden) und die Moderatoren äussern sich ausschliesslich in Gebärdensprache. Die Sendung kann auch mit Untertiteln angeschaut werden und wird mit einer Synchronstimme für die Hörenden verständlich gemacht.
1983 werden für die Gehörlosen wichtige Fortschritte auf dem Gebiet der Fernsehtechnologie erzielt. In der Westschweiz werden Tests für die Installation von TELETEXT durchgeführt. Die Untertitelung der wichtigsten Informationssendungen ist für die Gehörlosen notwendig. Dank massivem Kampf ist es möglich, verständliche Fernsehsendungen für die Gehörlosengemeinschaft zu gewährleisten. So werden 1984 die ersten Sendungen in der Deutschschweiz untertitelt und 1985 auch in der Westschweiz.
In den 80ern, verbessert sich das Berufsleben, die Berufe werden vielfältiger: Schriftenmaler, Zahntechniker, Zimmermann, Schreiner, Maschinenzeichner, Kauffrau, Tapezierer, Gärtnerin, Bildhauer, Drechsler, Bodenleger, Schlosser, Laborantin, Kaufmännische Angestellte, Fliesenleger (Plättlileger), Baumaschinenführerin, Uhrmacherin, Schneiderin, Quilt-Näherin, Konditorin, Dekorateurin, Sportlehrer, Elektromonteur, Sanitärinstallateur, Kunstschmied, Informatiker, Sekretärin, Weissnäherin, Künstlerische Gestalterin...
Die erste Herztransplantation im CHUV bekommt ein gehörloser Walliser! Ciriaco Capone, 1987.
Im März 1988 wird zur Wahrnehmung der Rechte von Gehörlosen eine Arbeitsgruppe für eine erweiterte soziale Arbeit gegründet, in der verschiedene Organisationen, Stiftungen und Behindertenverbände, unter dem Präsidium von Nationalrat Vital Darbellay mitmachen. Stéphane Faustinelli wird als Vertreter der Gehörlosen in diese Gruppe gewählt.
Am 3. Dezember 1991 bilden die Dolmetscher einen Verein in Lausanne. Es handelt sich um die Association des Interprètes en Langue des Signes AILS (Berufsverband der Gebärdensprachdolmetscher BGD). Ziel dieser Gruppe ist die Förderung und die Rechtfertigung des Gebärdensprachdolmetscherberufs, die Organisation einer Weiterbildung für die Mitglieder und die Förderung des nationalen und internationalen Austauschs in Gebärdensprache.
Im Februar 1993 wird das Walliser Gesetz von 1976 durch dasjenige von 1992 ersetzt. Es enthält Verbesserungen für behinderte Steuerzahler: Teilveranlagung für Einkommen aus IV-Renten oder der Altersvorsorge.
1994 besteht Gilles Tschopp von Bluche die Wirtschafts-Matura an der Schule von Buissonets in Sitten und bekommt 1995 den Preis für berufliche Umschulung, welcher von der IV gestiftet wird.
Allerdings steht erst ab 1996 ein Sozialdienst den Walliser Gehörlosen zur Verfügung. Nach fünf Jahren Verhandlungen und Wartezeit, wird endlich, im September 1996 ein Sozialdienst für die Walliser Gehörlosen in folgenden Hauptbezirken eingerichtet: Brig, Visp, Siders, Sitten, Martigny und Monthey. Die Sozialarbeiter, welche für die Gehörlosen zuständig sind, absolvieren Gebärdensprachkurse, um den Bedürfnissen der Benutzer gerecht zu werden. Im Wallis gibt es drei Gebärdensprachkursorte: Sitten, Martigny und Saint-Maurice. Die Kurse finden einmal pro Woche während eines Schuljahres statt.
Ende 2001 führen im Wallis drei Organisationen (GVW, Schwerhörigenverein Wallis, Verein Eltern von Kindern mit Hörbehinderung) ein Projekt zur Sensibilisierung der Hörenden für Gehörlose und Schwerhörige durch. Das Resultat dieser Arbeit ist die Veröffentlichung eines Plakats, das erklärt, wie man mit der gehörlosen und schwerhörigen Bevölkerung kommunizieren soll. Dieses Plakat wird während der Weltwoche der Gehörlosen in Martigny vorgestellt und soll dann an verschiedenen öffentlichen Stellen, die einen Zusammenhang mit Gesundheit haben, ausgestellt werden, wie beispielsweise Spitäler, sozial-medizinische Zentren und Gemeindeverwaltungen im französischen Teil des Wallis.
Im April 2004 steht den Gehörlosen und Schwerhörigen ein Notruf-Formular 144 zur Verfügung, was in der Schweiz eine Premiere darstellt. Das Konzept wird vom GVW, dem Schwerhörigen Verein französischsprachiges Wallis sowie dem Verein Eltern von Kindern mit Hörbehinderung Wallis in erweiterter Zusammenarbeit mit dem kantonalen Rettungsdienst (organisation cantonale de secours OCVS) erarbeitet. Das Prinzip ist einfach; es handelt sich um ein Dokument, das ausgefüllt und per Fax an die Nummer der Zentrale geschickt werden kann. Felder können angekreuzt werden, mit dem Ort des Unfalls, der Art der Verletzungen, dem Zustand des Opfers etc. Ein Alarm informiert sie darüber, dass der Fax angekommen ist und ein Formular wird geschickt, das den Empfang des Hilferufs bestätigt und darüber informiert, welche organisatorischen Massnahmen getroffen werden, um zu helfen. Der Service ist im ganzen Kanton Wallis in Betrieb und die Formulare sind beim OCVS erhältlich.
Im Oktober 2004 besucht die Sendung Signes die Gehörlosen im Wallis, zum Thema Rebbau: Rémy und die Gebrüder Laurent und Marc-André Barras. Die Sendung wird am 24. Oktober und am 7. November 2004 ausgestrahlt.
Fanny, ein junges gehörloses Mädchen und eine Gruppe Walliser Jugendliche zeigen 2005 eine Musik- und Tanzvorstellung, in welche die Gebärdensprache einbezogen wird. Es handelt sich um die Transkription des Liedes „savoir aimer“ (wissen, wie lieben) von Florent Pagny, in Gebärdensprache umgesetzt von Marlyse Beney und Mireille Montana.
2006 wird der Film « plan-fixe » (fester Plan) in Gebärdensprache Marie-Louise Fournier gewidmet. Im selben Jahr wird der Film, am 13. Mai 2006, als grosse Premiere an der Delegiertenversammlung des SGB-FSS in Bern gezeigt; er löst bei den Zuschauern grosse Emotionen aus.
Im April 2011 widmet die Sendung Signes dem Dorf Ayent eine Reportage, in welchem mehrere Kinder von Gehörlosen wohnen. Tatsächlich sind seit 1667 in der Gemeinde 112 Gehörlose registriert. 1955 ist fast 3% der Dorfbevölkerung gehörlos. Die Zahl der Gehörlosen in der Schweiz entspricht proportional etwa derjenigen der Nachbarländer, aber der Kanton Wallis hat dreimal so viele Gehörlose wie der Nationale Durchschnitt.
Dies wegen gewissen Haushalten, besonders in Ayent, wo Gehörlosigkeit besonders häufig vorkommt (dreissig Mal mehr als der Durchschnitt). Die Blutsverwandtschaft ist nicht häufiger als anderswo und genügt nicht als Erklärung für dieses Phänomen. Es handelt sich wahrscheinlich um ein Gen, das im Laufe der Jahre mutiert ist. Die Frage beschäftigt weiterhin die Forscher.