Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03564.jsonl.gz/15

30. Juni 2012
Am 30. Juni fand sich zur Feier eines Wärmerekords eine unerschrockene Schar von 30 Personen in Sargans ein, um per Car nach Balzers zu gelangen. Dort empfing uns der Leiter der Landesarchäologie Liechtenstein und Vizepräsident des Schweizerischen Burgenvereins, Hansjörg Frommelt. Er stellte den Burghügel von Gutenberg in den Zusammenhang mit der Landschaft und der Besiedlung des Landes und wies auf die Bedeutung des Burghügels hin, dessen Nutzung in der Jungsteinzeit und der Eisenzeit durch Funde belegt ist. Aus der Römerzeit sind Fundamentreste erhalten. In christlicher Zeit, sicher vom 9. Jh. an, diente der Hügel als Begräbnisplatz, der um eine Kapelle angelegt wurde. Die Ringmauer der mittelalterlichen Burg, die in der Zeit um 1200 errichtet wurde, kam vereinzelt auf Gräber zu stehen.
Dank der Vermittlung durch den Archäologen war es möglich, das Innere der Burg kennen zu lernen. Sie weist eine eindrückliche, wiederholt erhöhte Ringmauer auf, an die ein Turm, Wohngebäude und vermutlich weitere Holzbauten gestellt wurden. Erst im 18. Jh. schafften die Bewohner einen freien Innenhof, indem die DonatusKapelle abgerissen wurde. Hansjörg Frommelt wies auf die Problematik des Betondeckels hin, der bei einer Restaurierung in den 1980er Jahren eingebaut wurde. Heute ist der Innenhof ein begehrter Platz für Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen.
Im 19. Jh. war die Burg in einem desolaten Zustand, da ganze Wände herausgebrochen wurden. Über den senkrecht abfallenden Fels wurde das Steinmaterial zu Tal befördert und zu Bauzwecken verwendet. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts kaufte der kunstsachverständige Architekt und Bildhauer Egon Rheinberger die Burg und richtete sie mit bewundernswertem Einfühlungsvermögen nach damaligem Mittelalterverständnis als seinen Wohnsitz ein. 1979 erwarb das Land Liechtenstein den markanten Bau.
Von Gutenberg ging die Fahrt weiter zur Oberen Schellenberg, einer eindrücklichen Ruine, an der sich die Entwicklung des Burgenbaus besonders eindrücklich ablesen lässt. Zuerst stand an dieser Stelle wohl der Wohnturm allein. Bei der Ausgrabung in den 1960er Jahren wurden darin beachtliche Brandspuren und Fragmente von Malereien gefunden. Aus welcher Zeit die Fundamentreste stammen, die zum Teil unter die heutigen Mauern zu liegen kamen, ist nicht bekannt. Auf der gefährdeten Zugangsseite wurde eine Schildmauer beidseits an den Wohnturm angefügt, die den Zugang zum Felssporn sperrte. Dem gewachsenen Bedürfnis nach mehr Wohnlichkeit diente der Bau eines Palas, der sich an diese Mauer anfügte und durch den hindurch der Zugang zur Burg führte. Innerhalb des schützenden Berings entstand auf der Ostseite ein weiterer Bau. Eine Verbindungsmauer zwischen den beiden Wohnbauten grenzte den Herrschaftsbereich im Stil einer Kernburg gegenüber den Wirtschaftsbauten und der Filterzisterne an der äussersten Spitze des Felssporns ab. Im südlichen Vorfeld der Burg entstand eine vorgelagerte Ringmauer.
Möglicherweise nach Zerstörungen in den Appenzellerkriegen zu Beginn des 15. Jh. wurde die Burg nach damaligem wehrtechnischem Verständnis umgestaltet, indem der Zugang durch den Palas zugemauert und neu durch einen schmalen Zwinger zwischen Palas und Ringmauer ersetzt wurde, durch den man in den Bereich der Ökonomiebauten gelangte. In der äusseren Ringmauer entstand eine Toranlage, die später weiter nach Westen verlegt und mit Brücke, Torzwinger und zweitem Tor versehen wurde. Um diese Zeit dürfte auch der breite Graben im Süden ausgehoben worden sein, aus dem burgseits eine starke Trockenmauer aufsteigt. Die erweiterten Wehrbauten, wie sie im 15. Jh. üblich wurden, müssen in relativ rascher Folge errichtet worden sein, denn in der ersten Hälfte des 15. Jh. muss die Burg, wie aus den spärlich werdenden Funden geschlossen werden kann, aufgegeben worden sein. Gerne flohen Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den gekühlten Car zurück, um über Sargans die Heimreise anzutreten und am Abend zu vernehmen, dass in Bad Ragaz eben mit sagenhaften 35,6° ein Hitzerekord aufgestellt worden sei. Mit Stolz durften wir feststellen: Wir waren dabei!
Heinrich Boxler