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Kammmacher/in
Der Kammmacher stellt Gebrauchs- und Schmuckkämme aller Art her. Er verarbeitet sowohl natürliche Materialien wie Horn, Elfenbein, Schildpatt oder Holz als auch Kunststoffe wie Zelluloid (eine feste Lösung von Nitrozellulose und Kampfer), Galalith (wörtl. „Milchstein“; Hauptsubstanz ist Kasein) oder Cellon (Zellulose-Acetat).
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Während billige Plastikkämme heutzutage in Fabriken vollautomatisch hergestellt werden, erfolgen viele Arbeitsprozesse des Kammmachers auch heute noch in Handarbeit – insbesondere Horn erlaubt keine automatisierte Verarbeitung. Ergänzend setzt der Kammmacher aber auch Maschinen ein, zum Beispiel Bandsäge, Kehl-, Schleif- und Zahnschneidemaschinen.
Geschichte
Kämme wurden bereits in der Steinzeit verwendet. Während die steinzeitlichen Jäger und Sammler Europas ihre Haartracht mit relativ schlichten Holz-, Knochen- und Geweihkämmen ordneten, kannte man in den Hochkulturen Ägyptens und Mesopotamiens bereits elaborierte Ziergeräte. Aus Bronze- und Eisenzeit sind Kämme aus Metall erhalten. In manchen Epochen dienten kostbare Kämme wohl auch als Statussymbol: Besser gestellten Verstorbenen wurden Kämme als Grabbeigabe mit auf den Weg gegeben. Entsprechende Funde sind unter anderem aus der römischen Zeit und dem frühen Mittelalter erhalten.
Die Herstellung von Kämmen wurde früh von spezialisierten Handwerkern übernommen, ein eigener Berufsstand bildete sich allerdings erst spät heraus. Über die Entwicklung im europäischen Frühmittelalter ist wenig bekannt; zahlreiche Funde aus dem Nord- und Ostseeraum, die auf das 9.-12. Jahrhundert datiert werden, belegen für diese Zeit dann ein bereits gut etabliertes Gewerbe. Bis in die frühe Neuzeit war die Kammmacherei ein zwar weit verbreitetes, aber in den einzelnen Städten jeweils nur von wenigen Meistern betriebenes Gewerbe. Einen Aufschwung erlebte das Handwerk, als seit Mitte des 17. Jahrhunderts die Haarmode zunehmend extravagant wurde: Perücken, Zopf- und aufwendige Hochsteckfrisuren führten zu einer stark gesteigerten Nachfrage nach Kämmen, einerseits in ihrer ursprünglichen Funktion als Ordnungs- und Reinigungsinstrumente, daneben aber auch als Hilfsmittel zum Feststecken der Haare oder als, vielfach reich verzierter, Haarschmuck. Die Zahl der in einer Stadt ansässigen Meister stieg in der Folge rasant an.
Der Kammmacher war im deutschen Sprachraum unter verschiedenen Bezeichnungen bekannt: In der Schweiz und in Süddeutschland sprach man häufig vom Streler oder Strelmacher, in anderen Regionen vom Kammenscherper, Kammenschmied oder Grempelmacher. Da die Kammmacherei mit intensiven und wenig lieblichen Gerüchen verbunden war, lagen die Werkstätten der Kammmacher für gewöhnlich am Stadtrand oder am Stadtgraben.
Wichtigstes Ausgangsmaterial für die Kammherstellung war während Jahrhunderten Horn, das entweder lokal bei Metzgern und Gerbern bezogen oder aus dem Ausland importiert wurde. Weitere häufig verwendete Materialien waren Ochsenknochen, Buchsbaum- und Ebenholz; für exklusivere Ansprüche wurde Elfenbein oder Schildpatt verarbeitet.
Horn bedurfte einiger Vorbereitung, ehe es bearbeitet werden konnte. Frisch angelieferte Hörner mussten zunächst entschlaucht, d.h. vom Knochenzapfen abgelöst werden. Hierzu wurde das Bindegewebe zwischen Knochenzapfen und Horn durch Auskochen, Ausbrennen oder Abfaulen entfernt. Die Spitzen der nun innen hohlen Hörner wurden abgesägt; für die Herstellung von Kämmen waren sie nicht geeignet, konnten aber zu kleineren Gegenständen wie Pfeifenmundstücke oder Besteckgriffe verarbeitet werden. Die Hörner sägte man in rohrförmige Stücke und schnitt diese der Länge nach auf. Die Hornstücke wurden über Feuer oder in heissem Wasser erwärmt, um sie weich und biegbar zu machen, und anschliessend zu flachen Platten gepresst. Aus der Hornplatte wurde der zukünftige Kamm zunächst in groben Umrissen ausgesägt. Nun kamen zahlreiche Spezialwerkzeuge zum Einsatz: Mit Horn-, Behau- und Bockmesser, Iler, Bestoss- und Handfeile wurde das Hornplättchen abgeschuppt, geglättet und auf die gewünschte Dicke gebracht. Nun konnten die Zähne eingeschnitten werden. Zahnlängen und Abstände zwischen den Zähnen wurden zunächst angerissen und anschliessend ausgesägt. Die Zähne wurden mit der Feile rund und glatt geschliffen. Der Kamm wurde gebeizt oder eingefärbt und abschliessend geglättet und poliert.
Im 19. Jahrhundert erhielt Horn durch neu zugängliche billige und leichter zu verarbeitende Materialien Konkurrenz: Zunächst Kautschuk, später Zelluloid, Galalith und Cellon sorgten dafür, dass Horn als Rohmaterial weitgehend verdrängt wurde.
Auch die Handarbeit wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts durch die fortschreitende Maschinisierung der Arbeitsprozesse immer stärker zurückgedrängt. Kreissägen und zunehmend präziser arbeitende Zahnschneidemaschinen erlaubten nicht nur eine grössere Produktion, sondern erwiesen sich der Handarbeit gegenüber auch in Feinheit und Ebenmässigkeit der Kammzähne als überlegen. Ende des 19. Jahrhunderts war das Kleinhandwerk bereits zur Bedeutungslosigkeit abgesunken. Aber auch die Kammfabriken waren vor Ungemach nicht gefeit: Als im 20. Jahrhundert zu verschiedenen Zeiten Kurzhaarfrisuren in Mode kamen, so zum Beispiel der Bubikopf in den 1920er Jahren, gerieten kleinere Betriebe unter Druck. Auch das Aufkommen von Plastik, das die vollautomatisierte Herstellung von Kämmen ermöglichte, die zu einem viel billigeren Preis verkauft werden konnten, brachte traditionelle Kammfabriken, bei denen nach wie vor einzelne Arbeitsschritte von Facharbeitern in Handarbeit geleistet wurden, in Bedrängnis. Heute existiert in der Schweiz nur noch eine einzige Kammfabrik, in der herkömmliche Materialien in Handarbeit verarbeitet werden: die Boltina S.A. in Riva San Vitale (Tessin).
* Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird nur die männliche Form verwendet.
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Literatur
Palla Rudi: Verschwundene Arbeit. Das Buch der untergegangenen Berufe, Wien 2014, S. 111-112.
Reith Reinhold: Kammacher, in: Reith Reinhold (Hg.): Das alte Handwerk. Von Bader bis Zinngiesser, München 2008, S. 118-120.
Spycher Albert: Kammacherei in Mümliswil, in: Hugger Paul (Hg.): Altes Handwerk, Heft 41, Basel 1977.
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