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Die Beständigkeit von Usability-Richtlinien
Rund 90% der Richtlinien von 1986 sind nach wie vor gültig, wenn auch etliche Richtlinien an Bedeutung verloren haben, weil sie sich auf Design-Elemente beziehen, die heute nur noch selten Verwendung finden.
by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 17.01.2005
Der Bereich Usability kommt in die Jahre, und wir können inzwischen auf das angehäufte Wissen aus mehr als zwanzig Jahren Forschung zurückgreifen. Manche Usability Kritiker pflegen die etablierten Erkenntnisse zu diskreditieren, indem sie behaupten: "Das mag einmal richtig gewesen sein, aber jetzt ist es das nicht mehr." Weil die Computerwelt zum raschen Wandel neigt, ist es sinnvoll danach zu fragen, ob alte Usability-Einsichten tatsächlich gegenstandslos geworden sind.
Von 1984 bis 1986 hat die US Air Force das existierende Usability-Wissen zu einem einheitlichen, gut gegliederten Satz von Richtlinien für ihre Nutzeroberflächen-Designer zusammengefasst. Ich bin einer von etlichen Leuten, die das Projekt damals (in kleinem Umfang) beratend begleitet hatten, weshalb ich im August 1986 eine Kopie der Schlussfassung des 478-Seiten-Buches bekam.
Das Projekt fixierte 944 Richtlinien. Das sieht vielleicht nach einer Menge aus, verblasst aber gegenüber den 1277 Richtlinien für Web- und Intranet-Usability, die wir inzwischen fixiert haben - und wir sind noch lange nicht fertig.
Haben 20 Jahre alte Richtlinien ihr Haltbarkeitsdatum überschritten?
Die 944 Richtlinien bezogen sich auf militärische Kommando- und Steuerungssysteme, die in den 1970er und frühen 1980er Jahren entwickelt worden waren; die meisten noch auf der Basis der Zentralrechner-Technologie. Man könnte denken, dass diese alten Ergebnisse für heutige Oberflächendesigner völlig irrelevant geworden sind. Doch das ist ein Irrtum.
Ich habe mich entschlossen, den Bericht von 1986 zu benutzen, um die Langlebigkeit von Usability-Arbeit abzuschätzen. Weil es zu aufwändig wäre, alle 944 Richtlinien neu zu bewerten, habe ich eine Abkürzung genommen und aus jedem der sechs Kapitel des Berichts zehn Richtlinien herausgegriffen, hatte also insgesamt eine Stichprobe von 60 Richtlinien. (Anm. der Übersetzung: Falls Sie einen genaueren Blick in diese Richtlinien hineinwerfen wollen: diese Richtlinien sind leider nur auf Englisch zugänglich: Sixty Guidelines from 1986 revisited)
Von diesen 60 Richtlinien sind 54 heute immer noch gültig. Mit anderen Worten, 90% der alten Richtlinien stimmen nach wie vor.
Was sich geändert hat
Zehn Prozent der Richtlinien müssten zurückgezogen oder für die heutigen Umstände neu überdacht werden. Doch selbst diese fragwürdigen Richtlinien sind in den meisten Fällen noch teilweise korrekt. In der Tat, nur bei zwei Richtlinien (3%) würde ich sagen, dass sie komplett falsch sind und bei Anwendung der Usability sogar schaden würden.
Laut Richtlinie 4.2.6 sollte man für jede Seite an einem gleich bleibenden Ort oben auf jedem angezeigten Fenster eine einzigartige Identifizierung anbringen. Diese Richtlinie hat im angepeilten Umfeld der Zentralrechner gut funktioniert: Die Nutzer haben normalerweise nur wenige Bildschirmseiten angesteuert, und wenn sie eine einzigartige Identifizierungsnummer hatten, konnten sie besser verstehen, wo sie sich gerade befanden. Auch haben die ID-Nummern es einfacher gemacht, von Handbüchern oder Hilfefunktionen aus auf spezifische Bildschirmseiten zu verweisen.
Heute würden solche Seiten-Codes den Bildschirm mit irrelevanten Informationen überschütten. Heutigen Nutzern würden sie nicht helfen, da sie sich frei zwischen zahlreichen Orten hin und her bewegen.
Doch auch diese ungültig gewordene Richtlinie enthält nach wie vor einen wahren Kern: Es ist gut, wenn die Nutzer wissen, wo sie gerade sind und was sie auf jeder Bildschirmseite tun können. Die zeitgemäße Empfehlung lautet deshalb, eine Überschrift oder einen Titel anzubieten, der den Zweck jeder Bildschirmseite präzise benennt.
Richtlinie <ip-pii> besagt, dass man jeder ständig bereit stehenden Funktion eine bestimmte Funktionstaste zuordnen soll. Das hat bei den Nutzeroberflächen der Zentralrechner Sinn gemacht, weil sie oft auf Funktionstasten zurückgegriffen haben, um die Interaktion zu beschleunigen. Außerdem waren Zentralrechnersysteme so stark modifiziert, dass nur wenige Funktionen in sämtlichen Bereichen des Systems zur Verfügung standen; die wenigen, die es gab, verdienten in der Tat besondere Beachtung.
Moderne Systeme arbeiten nicht mehr nur in gewissen Modi. Viele Funktionen sind daher allgegenwärtig geworden und von überall her zugänglich. Zudem stehen Funktionstasten beim Bedienen von Computern nicht mehr im Vordergrund. Weil sich diese beiden Bedingungen geändert haben, macht es keinen Sinn mehr, permanent zugänglichen Funktionen Funktionstasten zuzuordnen.
Zu den ungültig gewordenen Richtlinien kommen nochmals etwa zwanzig Prozent hinzu, die im Wesentlichen irrelevant geworden sind, weil sie sich auf selten verwendete Oberflächenelemente beziehen.
Zum Beispiel befasste sich Richtlinie 1.4.13 damit, wie man Feldmarkierungen (normalerweise Unterstriche) überschreiben soll; Zentralrechnersysteme verwendeten solche Markierungen um anzuzeigen, wo die Nutzer ihre Eingabe eintippen sollten. Heutzutage sind fast alle Eingabefelder mit Texteingabekästchen versehen. Deshalb ist es weitgehend irrelevant zu wissen, wie man die Usability von Feldmarkierungen verbessert.
Was noch gültig ist
70% der 944 Richtlinien von 1986 sind nach wie vor sowohl gültig als auch relevant. Sie enthalten viele gute Hinweise, zum Beispiel zur Gestaltung von Eingabefeldern und Beschriftungen auf Online-Formularen, die sich seit den damals dominierenden Zentralrechnersystemen der 1970er kaum geändert haben.
Die Richtlinien zum Gebrauch von Diagrammen zwecks Veranschaulichung diverser Daten sind ebenfalls auch heute noch hoch relevant. In unserer jüngsten Untersuchung, wie Investoren und Finanz-Analysten den Investor-Relations-Bereich von Firmenwebsites nutzen, sind wir auf viele Usability-Probleme gestoßen, die von überkomplexen Diagrammen verursacht wurden. Hätte man die zwanzig Jahre alten Richtlinien über Zahlendiagramme befolgt, hätte man viele IR-Sites deutlich verbessern können.
Auch die Richtlinien für Fehlermeldungen, Rückmeldungen des Systems und den Login-Bereich haben weiterhin Bestand. Interessanterweise hat Richtlinie 6.2.1 die Ein-Schritt-Anmeldung empfohlen. Bei unseren Usability-Messungen an Intranets haben wir herausgefunden, dass Schwierigkeiten beim Login (die zumeist von mehrstufigen Anmeldeprozeduren herrührten) sich zum zweitgrößten Faktor aufaddieren, der die Mitarbeiter-Produktivität im Umgang mit nutzerunfreundlichen Intranets gegenüber den nutzerfreundlichen Intranets verringert. (Die Usability der Suchfunktionen machte den größten Unterschied zwischen guten und schlechten Intranets aus.)
Zu dumm, dass die meisten heutigen Systeme immer noch nicht die bereits 1986 empfohlene Login-Oberfläche aufweisen.
Zum Glück haben sich andere Designaspekte in Nutzeroberflächen durchaus verbessert. Etliche Richtlinien für Meldungssysteme sind zwar weiterhin gültig und relevant, aber heute kaum noch revolutionär: Fast alle E-Mail-Systeme befolgen sie buchstabengenau. Dies ist ein gutes Beispiel für Usability-Einsichten, die sich so fest verwurzelt haben, dass aus "besten Praktiken" die Art und Weise geworden ist, "wie man's immer macht". Allerdings ist es traurig, dass nur so wenige Ergebnisse von 1986 diese Verwandlung durchgemacht haben.
Warum Usability-Richtlinien so haltbar sind
Es dürfte Ihnen schwer fallen, irgendein anderes technisches Handbuch der Air Force von 1986 zu finden, das heute immer noch zu 70% korrekt und relevant ist. Egal ob es um Piloten, Luftfahrtingenieure oder Programmierer geht - die allgemeinen Lektionen der Vergangenheit passen vielleicht immer noch, aber die spezifischen Richtlinien von damals haben sich schon vor langer Zeit geändert.
Usability-Richtlinien sind haltbar, weil sie vom menschlichen Verhalten abhängen, und das ändert sich, wenn überhaupt, nur sehr langsam. Was für die Nutzer vor zwanzig Jahren schwierig war, ist heute immer noch schwierig. Die Leute können sich nur eine bestimmte Zahl von Dingen merken, und dabei werden wir nicht geschickter.
Ich habe vor kurzem meine eigenen Richtlinien analysiert, wie ich sie in den frühen Tagen des Webs in der Alertbox und anderswo publiziert habe. 78% dieser frühen Richtlinien sind nach wie vor gültig und relevant. Sicher, meine frühen Richtlinien sind erst zehn oder elf Jahre alt, deshalb ist es nicht erstaunlich, dass sie besser abschneiden als zwanzigjährige Richtlinien.
Usability-Richtlinien werden hauptsächlich dann obsolet, wenn sie eng an spezifische Techniken gebunden sind. Zum Beispiel haben sich weder die Feldmarkierungs-Richtlinien von 1986 noch meine Richtlinie von 1995 gehalten, Hypertext-Links blau anzuzeigen. (Aktuellere Richtlinien für Linkfarben geben zeitgemäße Empfehlungen.) Die zugrunde liegenden Usability-Prinzipien jedoch sind erhalten geblieben: Stellen Sie sicher, dass die Nutzer wissen, was sie tun können, und dass sie aktivierbare Oberflächenelemente erkennen.
Nachwelt oder Gegenwart
Am haltbarsten sind tendenziell die Richtlinien, die am meisten von der Technik abstrahieren. Allerdings üben meine Leser einen starken Druck aus, die Usability-Richtlinien so spezifisch zu machen wie möglich, damit sie sie leichter anwenden können. Wenn man die Spannung zwischen ewiger Wahrheit und kurzfristiger Anwendbarkeit auflösen will, ist es oft verführerisch, eher an die aktuellen als an zukünftige Leser zu denken.
Der Reiz der Gegenwart ist besonders stark, wenn man fürs Web schreibt. Wenn ich ein Buch schreibe, denke ich oft an Leser, die meinen Text erst nach zehn oder mehr Jahren lesen werden. Aber wenn ich etwas auf meine Website stelle, habe ich die Tendenz, für die heutigen Leser zu schreiben, obwohl 80% der Seitenabrufe erst stattfinden, wenn der Artikel schon ins Archiv gewandert ist. Zum Glück halten sich meine alten Analysen noch recht stramm, und zehn Jahre alte Artikel sind immer noch zu 78% relevant.
Wie verlockend die Gegenwart auch sein mag, was man fürs Web schreibt, schreibt man für die nächsten Jahre und nicht bloß für den Augenblick. (Leute zum Beispiel, die Notizen aus ihrem Bewusstseinsstrom in ihre Weblogs setzen, sollten vielleicht daran denken, dass sie auch für einen Manager schreiben, der sie zwanzig Jahre später einstellt.)
Usability-Richtlinien haben sich als sehr haltbar erwiesen und bleiben meist über die Zeit hinweg gültig. Heutige Designer sollten also alte Erkenntnisse nicht bloß wegen ihres Alters verwerfen.
© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.