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Teil 1: Erika strandet in einem Hotel am Rande Tokios. Sie verbringt ihre Nacht zwischen Neonlicht, Schiffscontainern und schwitzenden Sumo-Ringern.
Erika steigt in einer Stadt namens Okohama aus, wo sie aufs Geratewohl gelandet ist, weil hier der Shinkansen, der schnellste Zug Japans, hält. Das gedachte Fischerdorf ist eine Millionenstadt. Wolkenkratzer an Wolkenkratzer, lärmige Strassen, Tausende von Menschen schwirren durch das Geäder. Alles plärrt, jeder Kaffeeautomat singt ein Lied und aus den Regalen scheppert und klingelt alles, was man kaufen kann. Heisse Suppe und Nudeln aus dem Automaten, Vogelgezwitscher und Baby-Gebrabbel aus Lautsprechern in den Hallen der überdachten Fussgängerpassagen, durch die Erika geht und das Tourismusbüro sucht. Dort lächelt ihr eine junge Frau mit Zahnspange und steifer Bluse freundlich entgegen und schaut sie fragend an.
«Can you recommand me a hotel?», fragt Erika.
«Sorry, no english», sagt die Frau und wird rot.
Erika hält den Kopf schräg, legt die Hände an die Wange und schliesst die Augen. Die Frau nickt, zieht einen Stadtplan hervor und zeigt mit dem Finger auf einen Punkt. Willkürlich, scheint es Erika. Sie zieht die Augenbrauen hoch und schaut fragend, worauf die Frau mit der Zahnspange überzeugt nickt. Um den Punkt herum macht sie mit einem Rotstift einen Kreis und drückt Erika den Plan energisch in die Hand. Dann dreht sie ihr den Rücken zu und wendet sich demonstrativ ihrem Computer zu. Erika bleibt nichts anderes übrig, als das Tourismusbüro zu verlassen, in der Hand immerhin die Karte mit dem eingezeichneten Hotel.
«Zum Umkehren ist es zu spät.»
Die Strassen auf der Karte sind schachbrettmässig und schnurgerade angeordnet, angeschrieben mit japanischen Zeichen. Erika winkt einem Taxi, steigt ein und zeigt dem Fahrer den Plan mit dem rot markierten Punkt. Er nickt unwillig, ohne sie anzuschauen. Dann fährt er los, hinein in die Dämmerung, und verzieht keine Miene. Nach einer halben Stunde werden die Neonlichter seltener, der Lärm durchs halboffene Fenster gedämpfter. Hin und wieder schimmert eine rote Lampe, das Zeichen für ein Restaurant oder eine Bar. Riesige Kräne ragen in den Himmel, wie dunkle Äste mit Klauen vorne dran, und dazwischen türmen sich Containerberge so hoch wie Häuser. Sie sind im Hafengebiet, wo Erika zuallerletzt hinwollte, und zum Umkehren ist es zu spät. Das Taxi hält vor einem riesigen Betonbau, Stockwerk über Stockwerk türmt sich in den Himmel. Keine Balkone, kaum ein Licht hinter den Fenstern. «Joyful Noise» steht auf einer Leuchtreklame, die schräg über dem Eingang baumelt. Erika bezahlt den Taxifahrer, steigt aus und geht ins Hotel.
Im Foyer stehen ein paar Leute und mehrere Automaten herum.
«Welcome 687»
An der Rezeption drückt ihr eine Frau wortlos den Schlüssel in die Hand und zeigt in die Richtung, wo es zum Lift geht. Erika schaut auf das Plastikschildchen, das am Schlüssel baumelt: 687. Mit dem Fahrstuhl in den sechsten Stock, ein dunkler Flur mit matschgrünem Fliesenteppich erstreckt sich ins scheinbar Unendliche. Eine Tür reiht sich an die andere, alles sieht gleich aus, es ist düster wie in einem Kuhmagen. Sie sucht die Nummer ihres Zimmers, steckt den Schlüssel ein und dreht vergebens, bis sie es in die andere Richtung versucht und die Tür nachgibt.
«Welcome 687», quäkt es aus einem Lautsprecher oberhalb des Türrahmens. Das Neonlicht schaltet sich automatisch ein und beleuchtet das Zimmer. Es ist schmal wie eine Schiffskoje, der Gang zwischen Bett und TV gerade breit genug, dass man zum Fenster gelangen kann, das an der Stirnseite ist und sich nicht öffnen lässt. Erika schiebt den gelblichen Vorhang zur Seite, der schon bessere Zeiten gesehen hat, und schaut hinaus auf die wenig beleuchtete Umgebung. Tief unter ihr verzweigen sich Strassen, auf denen kein Mensch zu sehen ist, und einige Neonschilder blinken ins Dunkel. Der Parkplatz vor dem Hotel glänzt ein wenig, wahrscheinlich wurde er abgespritzt, denn geregnet hatte es nicht, seit sie in der Stadt eingetroffen ist, und sie kann weder Mond noch Sterne am Himmel ausmachen.
«Erika bleibt dann bei einem Pornostreifen hängen.»
Erika zieht den Vorhang zurück vor das Fenster, setzt sich aufs Bett. Unvermittelt startet der eingebaute Massageservice, es rüttelt und quietscht und erst nach längerem Suchen findet sie einen Knopf, mit dem sich das Gerät abschalten lässt. Sie greift nach der Fernbedienung des TV, 190 Sender und ein riesiger Bildschirm. Erika zappt sich durch, schaut dann den Sumo-Ringern zu, die einander ans Fett gehen, und bleibt dann bei einem Pornostreifen hängen.
Später packt sie ihre Tasche aus, zieht behutsam die vier Kilo schwere Batterie heraus und legt sie aufs Bett. Sie streicht über das kalte Stück Metall, das mit seinem Gewicht eine Vertiefung in die Bettdecke drückt, und legt kurz ihre Wange an die eckige Kante. Die Batterie ist ihre Erinnerung daran, dass sie irgendwo hingehört, wo so ein Teil angeschlossen werden kann und etwas zum Klingen bringt, was im besten Fall wesentlich ist. Eine Verbindung ohne Anschluss, aber mit der Möglichkeit danach.
Nicht verpassen: «Sie lässt den Lippenstift im Gesicht stehen – Teil 2» ab Mittwoch, 27. April, auf zentralplus.