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Bananen, Kaffee, Schokolade: «Max Havelaar» ist in der Schweiz als Fairtrade-Label bekannt. Was viele nicht wissen: Max Havelaar ist auch eine Romanfigur im gleichnamigen Buch des Niederländers Eduard Douwes Dekker, der heute vor 200 Jahren geboren wurde.
Der Kampf gegen krumme Kolonialismusgeschäfte: Literatur- und Sprachwissenschaftler Jelle Stegeman über den bedeutenden Roman «Max Havelaar oder die Kaffeeversteigerungen der Niederländischen Handels-Gesellschaft», der nichts von seiner Aktualität eingebüsst hat.
Jelle Stegeman
Jelle Stegeman ist emeritierter Titularprofessor für Niederlandistik an der Universität Zürich. Seine Forschungsschwerpunkte sind Übersetzungstheorie, Niederländisch als Fremdsprache und Geschichte des Niederländischen.
SRF: «Max Havelaar oder die Kaffeeversteigerungen der Niederländischen Handels-Gesellschaft» gehört zu den wichtigsten Romanen in der niederländischen Literatur. Weshalb?
Jelle Stegeman: Erstens ist der Roman der erste literarische Protest gegen die Ausbeutung der lokalen Bevölkerung in einer niederländischen Kolonie. Zweitens zeichnet das Buch ein sehr gewagte, moderne Struktur aus.
Der Roman des Niederländers Eduard Douwes Dekker erschien im Jahr 1860. Wofür steht die Romanfigur Max Havelaar?
Für eine Person, die sich in der Kolonie für die lokale Bevölkerung einsetzt und es nicht hinnimmt, dass die Kolonialmacht Niederlande die Bevölkerung restlos ausbeutet.
Eduard Douwes Dekker quittierte den Dienst, weil es ihm nicht gelang, die Zustände zu verbessern.
Eduard Douwes Dekker schrieb seinen Roman aus Frust. Als Kolonialbeamtem gelang es ihm nicht, die Ausbeutung der einheimischen Bevölkerung in Südostasien auf der Insel Java zu bekämpfen. Eine Art Autobiografie?
Das kann man so sehen. Die Hauptperson Max Havelaar ähnelt schon dem Verfasser Eduard Douwes Dekker, der sich übrigens Multatuli nennt. Einen also, der vieles erträgt.
Eduard Douwes Dekker quittierte den Dienst, weil es ihm nicht gelang, die Zustände zu verbessern. Er kehrte verarmt zurück nach Europa und schrieb 1859 in Brüssel dieses Meisterwerk – in nur wenigen Wochen.
Wogegen wehrt sich die Romanfigur Max Havelaar genau?
Die Kolonialbeamten hatten ein System, das sie «Kultursystem» nannten. Die Bevölkerung musste 20 Prozent der Ernte abtreten und wurde gezwungen, Gratisarbeit zu leisten. Die Kolonialbehörde hat das in Zusammenarbeit mit den lokalen Fürsten durchgeführt.
Das Buch ist auch politisch völlig aktuell.
Ein harter Angriff also auf das Kolonialsystem von damals?
Ein äusserst harter Angriff. Das Buch schliesst mit einem Aufruf an den niederländischen König. Er fragt: «Ist es dein Wille, dass da drüben deine mehr als 30 Millionen Untertanen misshandelt und ausgebeutet werden?» Das ist natürlich dicke Post für ein Buch, das im Jahr 1860 publiziert wird.
Wer sollte dieses Buch heute noch lesen?
Jeder und jede. Denn «Max Havelaar» ist als Roman faszinierend. Diese Struktur, die schöne Sprache mit allen möglichen Geschichten, die ich am liebsten vorlesen würde.
Aber das Buch ist auch politisch völlig aktuell. Seit seinem Erscheinen hat sich die Welt nur wenig verändert. In den Niederlanden hat man damals schon nach einigen Jahren die Politik angepasst. Aber mit dem Kaffee hat es noch bis ins 20. Jahrhundert gedauert, bis es besser wurde.
Das Gespräch führte Norbert Bischofberger.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 2.3.2020, 07:20 Uhr.