Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03166.jsonl.gz/2218

Trotz Obligatorium und Drohgebärden sinkt die Präsenz im Unterricht von Hochschulen. Eine Abschaffung des Schulzwanges könnte eine weitere Abnahme der Anwesenheit verhindern. Der Ausscheider erläutert Gründe und Folgen des Schulobligatoriums an Hochschulen.
von Reto Jehle
«Das erste Mal sag ich noch nichts, das zweite Mal gibt es eine Verwarnung von der Direktion und das dritte Mal fliegen Sie von der Schule !», das die Worte eines Dozenten, welcher an der besten Schule der Welt - der HTL Brugg-Windisch - unterrichtet. Dieser Dozent vertritt lediglich die Direktiven der Direktion; die Schule ist freiwillig, ist man jedoch für das jeweilige Semester eingeschrieben, wird der Besuch der einzelnen Stunden zum Obligatorium.
Der Ausscheider hat zum Vergleich einige weitere Schulen betrachtet: Die Primarschule und die Oberstufe sind ein Muss für jedermann. Der Besuch des Unterrichts ist obligatorisch mit der Begründung, dass viele Jugendliche den Sinn des Schulbesuches noch nicht erkannt haben und daher zu dieser Grundausbildung gezwungen werden müssen.
In der Berufsschule ist der Unterricht zum Schutze des Lehrlings verbindlich. Mancher Lehrmeister sieht seinen Lehrling lieber bei der Arbeit, statt in der Gewerbeschule. Schliesslich gibt es nur etwas zu verdienen, wenn der Lehrling arbeitet. Wie steht es aber nun mit den Hochschulen? Mit welcher Begründung soll dort der Unterricht obligatorisch sein?
Man nehme hier nochmals die HTL Brugg-Windisch als Beispiel: Man sagt von ihr, sie sei die beste Schule der Welt. Grund genug für jedermann, sich in dieser Schule einzuschreiben und jede Schulstunde bis zur letzten Minute auszukosten. Ist diese - für die Direktion - wunderbare Situation eingetreten, gibt es keinen Grund, das Unterrichts-Obligatorium noch aufrecht zu erhalten. Nach dieser etwas zynischen Betrachtung des Sachverhaltes soll das Obligatorium aus der Sicht des involvierten Studenten beurteilt werden. Fest steht, dass ein Student kaum davon abzubringen ist, in - nach seiner Meinung - unwichtigen Stunden zu fehlen. Wird er später seiner wegen Absenz gerügt, so wird der Dozent irgendeine fadenscheinige Ausrede zu hören bekommen. Eine, die er in seinen Jugendjahren selber schon dem damaligen Lehrer unter die Nase rieb und beide wussten, dass er einfach etwas Wichtigeres zu tun hatte. Hat man solche verbissene Dozenten, wie zu Beginn zitiert, so kann man sich trotz Präsenz andersweitig beschäftigen, was dieser Artikel als praktisches Beispiel illustriert. Statistiken beweisen, dass interessante und wichtige Fächer meistens bis zu 100 Prozent belegt sind, was für die Selbstständigkeit des erwachsenen und lerneifrigen Studenten spricht. Schliesslich ist er freiwillig hier und möchte etwas lernen.
Abschliessend ist festzustellen, dass kaum ein Student ein schlechtes Gewissen hat, wenn er den Unterricht nicht besucht. Vor einem grossen Problem steht jedoch der Dozent, wenn er das Klassenzimmer betritt und der Raum leer ist. Soll er nun zur Direktion rennen und die gesamte Klasse verklagen oder soll er die Ursache für das Fehlen bei sich und seinem Unterrichtsstil suchen? In diesem Moment richtig zu entscheiden, kann schwierig werden. Darum Aufruf an die Direktion: «Machen Sie den Unterricht fakultativ, den Dozenten, Studenten und der Motivation zuliebe!»