Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03404.jsonl.gz/161

Löwe, so tapfer, dass man ihn einen zweiten Karl den Grossen nannte und von einer Macht der Erscheinung, die ihm die Menge
unterwarf, hat ihn ein mittelalterlicher Berichterstatter geschildert". Nachdem er seinem Erbteil, dem Chablais, noch den
grössten Teil des Waadtlandes angefügt, musste ihm Chillon als ein Platz von grösster Wichtigkeit erscheinen,
der nicht nur die begangenste Strasse seiner Ländereien schützte, sondern zugleich auch als Schlüssel zum Wallis
ganz dazu geeignet
war, den Anschluss des unzufriedenen Adels der Waadt
an die stets kriegslustigen Bischöfe von Sitten zu hindern.
Der von ihm über einen fabelhaften Herzog von Coppingen, Cophingen oder Zoffingen erfochtene sogenannte
Sieg bei Chillon gab ihm um die Mitte des 13. Jahrhunderts Anlass, das Schloss bedeutend zu erweitern, und geräumige Bauten
im westlichen Abschnitt der Burganlage (Plan: P, Q, R, U1 und U2) ersetzten bald die schon zu Beginn des Jahrhunderts
erstellten Gebäulichkeiten. Auch die Verteidigungswerke der O.- und S.-Seite wurden verstärkt, aber
erst nach Graf Peters Tod (1268) von Graf Amadeus V. in derjenigen Gestalt vollendet, unter der sie - abgesehen von spätern
Zutaten - heute noch erhalten sind.
Den Nachfolgern Peters diente Chillon nur noch bei Anlass ihrer jeweiligen Besuche im Waadtlande zum vorübergehenden kurzen
Aufenthalt. Im Namen der Grafen von Savoyen hütete die Burg von jeher eine besondere Besatzung unter
dem Befehl eines Burgwartes, der zugleich Vogt über das savoyische Chablais war und stets den ausgezeichnetsten Geschlechtern
des Reiches angehörte. Vom ersten, Walcherius de Blonay, gibt uns die erwähnte Urkunde von 1150 Bericht; der letzte, Antoine
de Beaufort, verteidigte das Schloss 1536 während seiner Belagerung durch die Berner Truppen.
Zahlreiche berühmte und unberühmte Gefangene lagen während der Zeit der savoyischen Oberhoheit in den Souterrains von
Chillon. Die Namen der meisten davon sind uns nicht erhalten geblieben, blos von einigen wenigen gibt uns die Geschichte
Kunde. Während des durch die rücksichtslosen und grausamen Judenverfolgungen berüchtigten 14. Jahrhunderts
wurden z. B. 1348 vor dem Gerichtsherrn von Chillon die Juden des Chablais der Brunnenvergiftung und damit der Urheberschaft
des zu jener Zeit das Land heimsuchenden «Schwarzen Todes» beschuldigt.
In den Souterrains unterwarf man die Unglücklichen der Folter und überlieferte sie grässlichen Strafen,
die auch einigen der Gehülfenschaft angeklagten Christen nicht erspart blieben. 1384 weilte in Chillon als Gefangener Peter
Gerbais, Herr von Châteauneuf und Virieu le Grand, gewesener Grossschatzmeister von Savoyen; Guillaume Bolomier, ein Mann
aus dem Volke, der sich zum Amte eines Bittschriftenzensors aufgeschwungen
hatte und den niederträchtige
Eifersucht zu Grunde richtete, schmachtete 1445 in den Kerkern des Schlosses, um 1446 auf Befehl seines unversöhnlichsten
Feindes, François de la Palud, Herrn von Varembon, zwischen Villeneuve und Chillon im See ertränkt zu werden.
Der berühmteste Gefangene auf Chillon ist aber ohne Widerrede François Bonivard, Prior von St. Viktor in
Genf,
der seiner unverhohlenen Zuneigung zur Reformation wegen sich die Feindschaft des Herzogs von Savoyen und des Bischofs von
Genf
zugezogen hatte. Am Himmelfahrtstage 1530 lieferte ihn beim Châlet à Gobet über Lausanne ein Hinterhalt in die Hände seiner
Gegner, die ihn nach Chillon überführten, wo er zunächst in einem dem Zimmer des Burgwartes benachbarten
Raum untergebracht und gut gehalten wurde.
Ein Besuch des Herzoges Karl änderte 1532 seine Lage gänzlich. Er erzählt: «...
lors ... le cappitaine me fourra en unes croctes desquelles le fond estoit plus bas que le lac [Irrtum, da, wie früher bemerkt,
die sogen. Souterrains nie tiefer als der Wasserspiegel gelegen haben] ... ou je demeuray 4 ans et avoys
si bon loysir de me pourmener, que je empreignis un chemyn en la roche qui estoit le pavement de leans comme si on leust
faict avec un martel.» Man hat lange Zeit diese Fussspur des Gefangenen rund um den Pfeiler zu
erkennen geglaubt und sie stets als solche den Besuchern des Schlosses vorgewiesen. In Wahrheit aber musste sie in dem den
Boden des Kerkers bedeckenden Schutt sich schon längst verwischt haben. Heute ist die Halle geräumt und der nackte Felsboden
wieder blosgelegt. Mit der Einnahme des Schlosses durch die Berner 1536 erlangte auch Bonivard seine Freiheit
wieder.
Bis 1536 war Chillon im Besitz des Hauses Savoyen verblieben. Nach dem Entsatze Genfs zogen in diesem Jahre die Truppen Berns
vor das Schloss, das sie belagerten und mit Sturm nahmen. Dem letzten Burgwart, Anton von Beaufort, gelang
es, sich mit seinen Gefährten zu Schiff an das Savoyer Ufer des Genfersees hinüber zu retten. Mit der Einnahme von Chillon
war die Eroberung der Waadt
durch das alte Bern
zur vollendeten Tatsache geworden; ein bernischer Landvogt wurde unter dem Titel eines
Hauptmannes von Chillon an die Stelle der einstigen Burgwarte gesetzt, als erster Augustin von Luternau.
Im Laufe des 17. Jahrhunderts beschäftigte sich der Vogt von Chillon als Gerichtsherr häufig mit dem Verhör und der Aburteilung
von der Hexerei Beschuldigten, und die Kerker des Schlosses waren z. B. während der Zeit vom 9. Juni bis Zeugen
von nicht weniger als 27 Hinrichtungen solcher Unglücklichen. Im Jahre 1733 verlegte man den Sitz des Landvogtes nach Vevey,
wo er bis zur Loslösung der Waadt
von der bernischen Oberhoheit verblieb; das Schloss Chillon diente
¶
mehr
jedoch nach wie vor als Gefängnis, in das u. a. auch zwei Vorkämpfer der Waadtländer Unabhängigkeit, Müller de La Mothe
und Rosset, in Folge des Bankettes der Jordils in Lausanne verbracht wurden. Zu lebenslänglicher Haft verurteilt und nach Aarburg
übergeführt, entwichen beide. Das darauf in contumaciam gegen sie ergangene Todesurteil konnte niemals
vollzogen werden.
Ohne Schwertstreich fiel Chillon im Januar 1798 den durch die Männer von Montreux unterstützten Patrioten von Vevey in die
Hände. Damit ist das Schloss in die neueste Phase seiner Geschichte eingetreten. 1836 wurde es zum Artilleriedepot und Staatsgefängnis
umgewandelt, während es heute weder Zeughallen noch Gefängnisse mehr birgt, sondern unter der Obhut
eines Hauswartes vom Staate als wertvolles Architekturdenkmal vergangener Zeiten pietätvoll gepflegt und von zahlreichen
Besuchern bewundert wird.
Am hielt die westschweizerische Geschichtsforschende Gesellschaft im Rittersaale des Schlosses Chillon ihre übliche
Jahresversammlung ab und sprach bei dieser Gelegenheit den Wunsch aus, es möchte einer der Säle zu einem
Altertumsmuseum umgewandelt werden. Glücklicherweise blieb es aber beim Wunsche.
Zur Zeit des Sonderbundes endlich sah das Schloss den Bischof Marilley von Lausanne und Genf und eine Reihe von Waadtländer
Katholiken als unfreiwillige Gäste in seinen Mauern.
Der erste Schriftsteller, der die Namen Chillon und Bonivard der ganzen Welt bekannt machte, war J. J.
Rousseau in seiner NouvelleHéloïse. Ihm folgte Lord Byron, der seinen Gefangenen von Chillon in Clarens begann und 1816 in
Ouchy vollendete. Byron, Alexander Dumas, Edgar Quinet, der englische Dichter Shelley u. A. haben zum
Andenken an ihren Besuch des Schlosses ihre Namen auf einen der Pfeiler des Kerkers Bonivards eingegraben, und Victor Hugo
hat in seinem Werke Le Rhin Chillon mehrere Seiten gewidmet.
Schon lange bevor man sich mit dem Gedanken einer Restauration der Burg trug, machte Rodolphe Töpffer in seinen Voyagesenzigzag auf die schwere Frage der Erhaltung dieses Denkmals alter Zeiten aufmerksam. Eine Geschichte
und genaue architektonische und kunsthistorische Aufnahme und Beschreibung der Burg, soweit dies damals möglich war, verdankt
man dem Zürcher Kunsthistoriker Prof. J. Rud. Rahn. Heute steht Chillon unter staatlichem Schutz. 1888 bildete sich der Verein
ProChillone, der sich die vollständige Wiederherstellung der Veste zum Ziel setzte und die Arbeiten dank
seinem energischen Vorgehen und bedeutender Geldunterstützung von Seiten des Staates emsig zu fördern in der Lage war.
Bis 1892 liess man archäologische und kunsthistorische Fragen hierbei mehr oder weniger bei Seite und beschäftigte sich
hauptsächlich mit Sicherungsarbeiten; erst als der hervorragende Waadtländer Architekt Albert Næf,
ein gewiegter Fachmann für solche Fragen, vom Staate mit der Aufsicht über die Arbeiten beauftragt und seit 1897 als Schlossbaumeister
bestellt worden, hat man bedeutende Entdeckungen gemacht und zahlreiche archäologische Rätsel gelöst.
Die unserm Artikel beigegebene Tafel ausser Text zeigt die verschiedenen baulichen Entwickelungsphasen
des Schlosses in konventioneller Farbengebung und bildet das Endergebnis der bis heute unternommenen Forschungen zur Baugeschichte
von Chillon. In nächster Zeit wird Chillon zu einem Museum umgewandelt werden, das in der Ausstattung seiner verschiedenen
Räumlichkeiten ein getreues Bild aller der einzelnen Zeiträume in der Geschichte des Schlosses bieten
wird.
Bibliographie.
Rahn, J. Rud. Geschichte desSchlossesChillon in Mitt. der Antiquar. Gesellschaft inZürich.
22, 3; 1887. - Rahn, J. Rud. BeschreibungdesSchlossesChillon in Mitt. der Antiquar. Gesellschaft inZürich.
22, 4 u. 5; 1888 u. 89. - Rahn, J. Rod. Une restaurationmodèleet les dernières découvertes faites au château de Chillon.Lausanne 1898. - Naef, Alb. Guide au château de Chillon.Lausanne 1894. -
Rapports annuels und andere Veröffentlichungen der Association pour la restauration de Chillon, mit Spezialberichten des
Schlossarchitekten. Zur Geschichte vergleiche ausserdem den
sehr ins Einzelne gehenden betr. Artikel in
Martignier und de Crouzaz: Dict. histor., géograph. et statist. du cant. deVaud. Laus. 1867. Mit Supplément von Prof. Favey.
- Vulliemin, L. Chillon; étude historique.Laus. 1851. Dasselbe in 3. Aufl.; 1863. - Le Conservateur Suisse, Bd. 13 (Beschreibung
der Judenprozesse in Chillon). - Bons, Ch. L. de. Notice sur Chillon.Laus. 1849. - Chillon in Feuilledu jour de l'An.Laus. 1847. - Archiv für schweiz. Geschichte, Bd. 14; 1854 (Kritische Bemerkungen über das Datum des in
Savoyer Chroniken erwähnten Kampfes bei Chillon). - DieSchweizin ihren Ritterburgen und Bergschlössern.Bern
und Chur 1828-1839
(Artikel von Kuenlin im zweiten Band) u. a. m.
1289: Zschindun. Das Kollaturrecht auf die
über dem Dorf gelegene kleine Kirche zu St. Leonhard stand vor der Reformation der Abtei Bellelay zu.
Nach einer aus den Archiven von Bellelay stammenden Urkunde von 1572 stand auf der Lokalität Châtillon eine Burg, Eigentum
der Edeln von Chindon, die seit dem 14. Jahrhundert unter dem Namen Zerkinden in Basel
wohnten und als Helmzier
einen kleinen Knaben führten.
In den Urkunden des Bistums Basel
aus dem 13. Jahrhundert werden Pierre de Chindon und Johann Derkinden
häufig erwähnt.
Chindon ist seiner grossen Vieh-, besonders Pferdemärkte wegen weitherum bekannt, trotzdem diese eigentlich
in Reconvillier gehalten werden.
Acker- und Weinbau. Brücke über die Rhone. In der Schlucht der Navizance kleines Elektrizitätswerk, das an Siders und Umgebung
Licht abgibt.
Seit etwa 30 Jahren aufgegebene Kobalt- und Nickelmine.
Grosser Gipsbruch, ebenfalls nicht mehr im Betrieb.
Schieferbruch. In den Felswänden unterhalb Géronde (bei Siders und gegenüber Chippis) einst bewohnte,
heute nicht mehr zugängliche Höhlen.
Der zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch ganz unbedeutende Ort hatte kaum begonnen, sich
einigermassen zu entwickeln, als der Ausbruch des Zinalgletschers 1834 die ganze Gegend verwüstete und mit einer 1,5-2 m
hohen Schutt- u. Schlammschicht überführte. 19 Jahre später (1853) zerstörte eine Feuersbrunst das
neu erstandene Dorf vollständig.
Gem. und Pfarrdorf, am Ausgang des vom Ticinetto (einem rechtsseitigen Zufluss zum Tessin)
entwässerten Thales gleichen Namens und 3 km
s. der Station Lavorgo der Gotthardbahn. Postablage. Gemeinde, mit Grumo und Nivo: 248 Häuser, 855 kathol. Ew.; Dorf: 183 Häuser, 633 Ew.
Ackerbau und Viehzucht; Käse. Periodische Auswanderung. Schönes Gebirgsdorf; alte Kirche, vermutlich
aus dem 12. Jahrhundert stammend. Ganz nahe die Torre dei Pedrini, eine alte Feudalburg aus dem 14. Jahrhundert. Ausgangspunkt
für die Besteigung des Pizzo Forno.
(Val) (Kt. Tessin,
Bez. Leventina).
Eines der bedeutendsten rechtsseitigen Nebenthäler der Leventina, 9 km lang. Beginnt mit einem
vom Pizzo Forno, Pizzo Barone und Cima Bianca gebildeten Felsenzirkus, ist zunächst ziemlich breit und von zahlreichen
Wildbächen bewässert, verengt sich später schluchtartig und mündet gegenüber dem Dorf Chironico in die Leventina aus.
Der obere Abschnitt des Thales ist steinig und unfruchtbar, im Mittellauf finden sich einige Alpweiden, der rechte Steilhang
des Unterlaufes ist bewaldet und einzig der terrassierte linke Hang weist kurz vor der Mündung einige
zerstreute Weiler und Häusergruppen auf. In einer stark eingesenkten Verzweigung des Thales nach rechts liegt am N.-Fuss der
Cima Bianca in 1767 m der schöne Laghetto (kleine See).
Der Untergrund besteht der Hauptsache nach
aus leicht verwitternden tonigen, sandigen und kalkigen Schiefern, die den Thalwänden bald die Gestalt von abgerundeten
Bergrücken, bald von zerrissenen Gräten und phantastischen Gipfelformen geben und sie oft mit mächtigen Schuttmassen umkleiden.
In mächtigen Wänden brechen zum Thal der Stammerspitz und der Piz Vadret ab.
Der Boden und die Gehänge
des Thales sind derart mit Steinen und Schutt überführt, dass nur stellenweise sich eine magere Grasnarbe zu bilden vermag,
die einzig den Schafen Nahrung bieten kann.
(Kt. Wallis,
Bez. und Gem. Monthey).
594 m. Pfarrdorf, mit zerstreut gelegenen u. in dichtem Pflanzenkleid versteckten Häusern,
am Berghang sö. des FleckensMonthey und 3 km s. der Station Monthey der Linie St. Maurice-Le Bouveret.
Postablage. Es lassen sich drei Gruppen von Siedelungen unterscheiden, deren grösste, das eigentliche Choëx, sich um die
Kirche schaart, während die beiden andern als La Condémine und Les Bas Epenis unterschieden werden. 52 Häuser, 243 kathol.
Ew. Die prachtvoll auf einer Terrasse gelegene und von hundertjährigen Kastenienbäumen umrahmte Kirche
wird heute noch von einem Kanonikus aus der Abtei Saint Maurice ministriert, deren Eigentum sie lange Jahre war. An ihrer
Stelle stand früher ein einfaches Landhaus, in dem 1242 Aymo von Savoyen, ein Sohn des Grafen Thomas
I., starb und das nachher an die Abtei St. Maurice überging. In zivilrechtlicher Hinsicht bildet Choëx einen Teil der Gemeinde
Monthey. Zwei vom N.-Hang der Petite Dent oder Dent de Valerette kommende Wildbäche, der Nant de Choëx und Nant de Sepey, bewässern
den dicht bewaldeten Berghang. Im Garten einer Villa sind kürzlich von in Choëx zur Kur weilenden Fremden
mehrere angebliche Dolmen entdeckt worden, die noch der näheren Untersuchung bedürfen.
(Kt. Bern,
Amtsbez. Münster, Gem. Courrendlin). 467 m. Industriedorf des Berner Jura, zwischen Delsberg und Münster,
in einer Erweiterung oder einem Zirkus der Klus von Münster und am Fuss von 600-800 m hohen Bergen, die
im Winter der Sonne nur um die Tagesmitte kurzen Zutritt zur Thalsohle gestatten. 6 km ssö. Delsberg. Station der Linie Biel-Delsberg-Basel.
Postbureau, Telegraph, Telephon. 10 Häuser, 193 reform. und kathol. Ew. deutscher Zunge. Dieser abgelegene, wilde Bergwinkel,
der lange Zeit nicht besiedelt war, ist heute der Sitz der nach Gerlafingen grössten Eisenhüttenwerke
der Schweiz. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts unterhielt die L. v. Roll'sche Giesserei in Gerlafingen einen Hochofen bei St. Joseph
(am N.-Hang des Weissenstein), der aber der zu geringen Ausbeute von Eisenerzen und der fast völlig mangelnden Triebkraft
wegen in die Nähe der reichen Erzlager von Delsberg nach Choindez verlegt wurde, wo die Birs einen beträchtlichen
Fall bildet. 1843 begann
¶
mehr
der Betrieb des Hochofens in Choindez; bald genoss das ausgezeichnete Eisenerz von Delsberg eines grossen Rufes und wurde als
sehr geschätztes Rohmaterial sowohl zur Herstellung von Schmiedeeisen als auch später zu der von Gusseisen verwendet. 1875 baute
man den alten Hochofen neuen Bedürfnissen entsprechend um und begann, das zum Schmelzen bestimmte Erz
mit Steinkohlen (Koks), statt wie bisher mit dem - nun zu teuer gewordenen - Holz zu mischen. Der früher jährlich zwischen 1000 und 1500 Tonnen
schwankende Ertrag ist heute auf ungefähr 6000 Tonnen gestiegen.
Das Hüttenwerk liefert gewisse Spezialartikel, wie z. B. gusseiserne Röhren aller Grössen, die in Hinsicht
des ausgezeichneten Hüttenbetriebes zu den besten Erzeugnissen ihrer Art gehören. Nebenbei werden aus den Schlacken Backsteine
und Zement hergestellt, deren Ruf ebenfalls ein gemachter ist. Das Werk vergrössert sich von Jahr zu Jahr, und bereits ist
Choindez mit seinem jährlichen Güterverkehr von ca. 80000 Tonnen eine der wichtigsten Stationen der
JuraSimplon Bahn. Choindez hat eine eigene (deutsche) Schule, einen Konsumverein, eigene Feuerwehr und Samariterposten; das
aufblühende Dorf ist durchgehends elektrisch beleuchtet. Die Arbeiter und Beamten des Werkes wohnen zumeist in dem 2 km
weiter n. gelegenen Courrendlin. Choindez vom deutschen Schwende, Schwändi (vom althochdeutschen swentan = machen, dass
etwas schwindet); bezeichnet einen (meist durch Feuer) urbar gemachten Fleck Landes.
(St.) (Kt. Basel-Stadt, Gem. Bettingen). 523,3 m. Bekannte religiöse Anstalt, im Volksmund allgemein kurz
Chrischona geheissen, auf einer Erhebung der Dinkelbergplatte, 3 km sö. der Station Riehen der Wiesenthal Bahn, 7 km osö.
Basel.
Telephon. 32 ha 40 a Anstaltsgut an Wald, Wiesen und Feld. 9 Häuser, 145 reform. Ew. Die Pilgermission auf
St. Chrischona, wie sich die Anstalt nennt, nimmt Jünglinge im Alter von 20 bis 30 Jähren auf und bietet ihnen eine vierjährige
unentgeltliche Ausbildung, um sie als Evangelisten, Stadtmissionare, Bibelboten, Prediger, Heidenmissionare etc. auszusenden.
Die Zöglinge erhalten täglich Unterricht, arbeiten eine oder mehrere Stunden in den Anstaltswerkstätten
in dem Beruf, den sie früher ausübten und helfen nebenbei in der Haushaltung und Landwirtschaft mit. Ausserdem werden alljährlich
besondere Bibelkurse veranstaltet, zu denen junge Leute Aufnahme finden, die sich in der Schriftkenntnis vertiefen wollen,
ohne in den Dienst der Pilgermission zu treten. Ein besonderes Gebäude nennt
¶
mehr
sich Pilgerhütte. Sie bietet Jünglingen und Männern eine Zufluchtsstätte, um sie aus verfehlten Lebensverhältnissen
wieder auf bessere Wege zu lenken. Ausser dem grossen landwirtschaftlichen Betriebe besteht noch eine Buchdruckerei mit drei
Schnellpressen und eine Buchbinderei, wo bezahlte Arbeiter angestellt sind. Hier werden christliche Schriften und die zahlreichen
Publikationen der Anstalt gedruckt.
Das weitschauende Kirchlein, das Anlass zu der Gründung der Anstalt gegeben, wurde in seiner jetzigen Gestalt im Jahre 1516 vollendet.
Den Namen erhielt es nach der hier begrabenen heiligen Jungfrau Christiana, was der Volksmund in Chrischona verwandelte. In
dem angebauten Bruderhaus wohnte ein Eremit, dem die Pflege des Gottesdienstes und die Beratung der Wallfahrer
oblag. Das Recht, diesen zu wählen und Einnahmen zu erheben, sowie die Baupflicht gehörten der Markgrafschaft von Baden,
resp. dem Landvogt zu Röteln. 1513 erwarb die Stadt Basel die Gemeinde Bettingen, wozu das Kirchlein gehörte, und führte
die Reformation ein; gleichwohl blieb Chrischona noch längere Zeit ein Wallfahrtsort der Katholiken.
Im dreissigjährigen Krieg wurde dem Gotteshaus arg zugesetzt. 1633 plünderten die kaiserlichen Reiter in Bettingen und ruinierten
die Chrischona Kirche inwendig vollkommen. 1634 kamen die Schweden, zerschlugen die Fenster und nahmen das Blei, worin die
Scheiben gefasst waren, um daraus Kugeln zu giessen.
Der Gottesdienst scheint nie ganz aufgehört zu haben. Bis 1882 hatte der Pfarrer von Riehen, in welche
Kirchgemeinde Chrischona gehört, am Pfingstsonntag hier zu predigen; ebenso diente der Friedhof den Einwohnern von Bettingen
als Begräbnisstätte. Um die verwahrloste Kirche vor weiterer Profanierung zu schützen, nahm C. F. Spittler dieselbe im
Jahr 1840 vom Kanton Basel Stadt,
dem sie noch jetzt gehört, zur Miete und richtete darin die Pilgermission ein. Durch
Aufführung von Neubauten und Ankauf des grossen Gutes erreichte die Anstalt nach und nach die grosse Ausdehnung, die sie
jetzt besitzt. Die letzte Renovierung erfuhr die Kirche im Jahr 1901. - (Quellen: Linder. Geschichteder KirchgemeindeRiehen-Bettingen. Basel,
1884. - Rappard. Fünfzig Jahre der Pilgermission auf St. Chrischona.Basel,
1890. - Jahresberichte.Der Glaubensbote).
(Kt. Graubünden,
Bez. Plessur).
596 m. Gem. und Stadt. Hauptstadt des Kantons Graubünden
und Hauptort des Bezirkes Plessur, bildet zugleich einen der 39 Verwaltungs-
und Gerichtskreise des Kantons. Die Stadt liegt am Ausgange des Schanfiggerthales in sehr geschützter Thaleinbuchtung an
der Plessur und 2,2 km oberhalb deren Einmündung in den Rhein. Sie «wird eingeschlossen vom grossartigen
Bergrahmen des breitstirnigen Calanda, des schroff aus der Rheinebene emporsteigenden Montalins und des schön bewaldeten Pizokelberges».
Während die Vereinigten Schweizerbahnen in Chur endigen, führt die von Davos her kommende schmalspurige Rätische Bahn bis
nach Thusis; die Linien Reichenau-Ilanz und Thusis-St. Moritz derselben sind im Bau begriffen und sollen
bis im Sommer 1903 vollendet sein. Bevor die Linie Chur-Thusis der Rätischen Bahn gebaut war, bildete Chur den Ausgangspunkt
fast aller in das Innere des Kantons führenden Postkurse; heute gehen die meisten Posten von Reichenau und Thusis aus,
in Chur haben nur noch die über Churwalden nach dem Engadin (über Julier und Albula) und Davos, sowie die nach Arosa und Tschiertschen
führenden Kurse ihren Ausgangspunkt.
Immerhin ist der Postverkehr, namentlich während der Sommermonate, noch ein sehr bedeutender. Das nämliche gilt auch vom
Depeschen- u. Telephonverkehr. Chur ist der Sitz der Direktion des X. eidgen. Postkreises, des Inspektorates
des VI. Telegraphenkreises, der Direktion des III. Zollkreises und der Direktion der Rätischen Bahn. Residenz des BistumsChur (s. diesen Art.), das die Kantone Graubünden,
Uri,
Schwyz,
Unterwalden, Glarus
und Zürich,
sowie das Fürstentum Lichtenstein umfasst.
Die Häuserzahl Churs beträgt 966; davon treffen auf den bischöflichen Hof u. die alte geschlossene
Stadt 336; 630 liegen ausserhalb dieser Grenzen. Die Zahl der Einwohner beläuft sich auf 11706, wovon 7732 Ref. u. 3974 Kathol.;
ihrer Muttersprache nach scheiden sich die Einwohner in 9403 Deutsche, 1449 Romanen, 724 Italiener, 85 Franzosen u. 45 Angehörige
anderer Sprachen. Ein verhältnismässig kleiner Teil der Bevölkerung, vielleicht ca. 6%, gehört den
Landwirtschafttreibenden an; Wiesenbau und Viehzucht vermögen in Chur, wo die Milch jederzeit gut verwertet werden kann,
ihren Mann wohl zu ernähren; jedoch sind auch der Obst- und Weinbau nicht unbedeutend, wogegen der Ackerbau sich in ziemlich
engen Grenzen hält.
Der Hauptteil der Bevölkerung ist der kaufmännische; nachdem der Transithandel aufgehört hat, hat sich der Innenhandel
sehr erfreulich entwickelt; zahlreiche Vertreter zählt besonders der (Veltliner-) Weinhandel. Zwei Banken, die Graubündner
Kantonalbank, eine reine Staatsbank, und die private «Bank für Graubünden"
vermitteln
einen grossen Teil des Geldverkehrs für den ganzen Kanton Graubünden.
Das Gewerbe leistet in einzelnen Zweigen, namentlich
der Schreinerei, recht Tüchtiges; dagegen hat das Fabrikwesen bisher sich noch nicht stark entwickelt, immerhin bestehen
eine Anzahl Etablissemente, die zusammen einer grossen Zahl von Personen Brot geben; so zwei Wollspinnereien und -webereien,
die sich mit der Fabrikation des sog. Bündnertuches beschäftigen, einige Baumwollstickereien, eine
Chokoladefabrik, eine Lack- u. Farbenfabrik etc. Einige hundert Arbeiter beschäftigt die Reparaturwerkstätte der Vereinigten
Schweizer Bahnen.
Die Stadt scheidet sich in 3 verschiedene Teile: 1. den im O. derselben auf einem Plateau am Abhang des Mittenberges, eines
Ausläufers des Montalin, liegenden bischöflichen Hof;
2. die alte Stadt, die im O. an den Fuss des Mittenbergs
sich anlehnt und im S. durch die Plessur begrenzt wird und 3. die im W., hauptsächlich aber im NW. und N. der alten Stadt
aus zahlreichen zerstreuten Häusern bestehende Neustadt.