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Classement thématique série 1848–1945:
I. LES RELATIONS INTERGOUVERNEMENTALES ET LA VIE DES ÉTATS
I.3. AUTRICHE-HONGRIE
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Mit Zuschrift vom 31. Juli2 abhin habe ich Ihre Aufmerksamkeit auf die Frage der Grenzregulirung zwischen Österreich und Italien hingelenkt, welche in Folge des damals vorausgesehenen und seither wirklich eingetrettenen Waffenstillstandes in ernstliche Behandlung genommen wird. Mit Zuschrift vom 3. August3 geben Sie die Gründe an, welche es Ihnen nicht opportun erscheinen Hessen, auf die angeregte Idee einzugehen, was mich veranlasst, nochmals auf die Eingangs erwähnte Zuschrift zurükzukommen.
Die Abtrettung von Südtyrol an Italien scheint, wie ich schon am 31. Juli, entgegen einer vielfach verbreiteten Meinung, angenommen habe, nicht mehr ernstlich in Frage zu kommen. Ich betrachte dieses als ein glükliches Ereignis für die Schweiz. Würde alles österreichische Land welscher Zunge vom mittelländischen u. adriatischen Meere an bis in die Tyroler Alpen hinein zu Italien kommen, so wäre der Kanton Tessin u. die ausgesezten ennetbergischen, italienisch redenden Gemeinden des Kantons Graubünden weit mehr der Gefahr preisgegeben, die sehnsüchtigen Blike Italiens auf sich zu lenken. Ich kann die optimistischen Anschauungen derjenigen nicht theilen, die da glauben, es würde Italien gar nichts daran gelegen sein, in nordwestlicher Richtung noch die lezten Reste desjenigen Gebietes, auf welchem die welsche Zunge herrscht, seinem Reiche einverleibt zu sehen. Ebensowenig könnte ich zu der Ansicht kommen, dass, wenn einmal Welschtyrol von Österreich an Italien abgetretten wäre, zwischen diesem beiden Staaten dann das Zeitalter des ewigen Friedens anbrechen würde. Es ist möglich u. sogar wahrscheinlich, dass nach dem nun zu erwartenden Friedensabschlusse für einige Zeit zwischen beiden Staaten ein gutes Verhältniss eintretten werde. Aber die Verhältnisse sind nicht dazu angethan, eine dauernde u. aufrichtige Freundschaft zwischen diesen beiden Staaten vorauszusetzen. Kann nicht schon die römische Frage möglicherweise die beiden Staaten früher od. später in Konflikte bringen? Und sollte einmal ein europäischer Krieg zwischen den Staaten des alten Systems und denjenigen der neuern Staatsideen ausbrechen, so würden Ostreich u. Italien schwerlich in dem gleichen Lager zu finden sein. Es ist natürlich nicht möglich vorauszusagen, wie sich die Dinge in der Zukunft gestalten werden, aber so viel ist doch sicher, dass ein Krieg zwischen Österreich u. Italien für die Zukunft keineswegs zu den Unmöglichkeiten gehört, auch selbst dann nicht, wenn Welschtyrol an Italien abgetretten würde.
Österreich selbst scheint solche Stellungen zu Italien ins Auge zu fassen; denn wie man vernimmt, soll man sich auf dem Ministerium des Äussern ernstlich mit der Grenzregulirungsfrage beschäftigen. Wir halten zwar nicht alle Wienerblätter, aber die Nummer der «neuen freien Presse» vom 18. August bringt unter der Aufschrift «die Grenzregulirung im Süden» einen Artikel, der offenbar aus amtlichen Kreisen stammt. In demselben findet sich unter anderm folgende Stelle: «An der Südwestgrenze, von der Schweizergrenzmarke an bis zur Etsch sind besonders drei Punkte ins Auge zu fassen: der oberste Winkel des Veltlins, der oberste Theil des Camonica Thaies und des Felsen-Fort Rocca d’Anfo. Der oberste Winkel des Veltlin, etwa von Bormio an (Linie von Dos Dé – Ceppina) bis hinauf zur Stilfser-Höhe, ist unerlässlich, wenn das Stilfser-Joch selbst u. mit ihm das Einfallthor in das Vintschgau u. das obere Etschthal endgültig gesichert werden soll. Gegenwärtig läuft dort die politische Gränze so, dass die Höhen auf der italienischen Seite die auf deutscher dominiren u. dass bei einer richtigen Benutzung dieser Terrain-Vorth eile u. bei gleichen Streitkräften die Italiener schliesslich den Übergang erzwingen können u.s.w.»
Wenn nun Österreich selbst findet, dass am Stelvio eine Grenzregulierung stattfinden sollte, so darf man füglich das Bedenken fallen lassen, eine solche Anregung würde bei der dort waltenden Verbitterung dahin gedeutet werden, man wolle einen Friedensabschluss erschweren und eigennützig Gebietserweiterungen anstreben. Die Anregung Seitens Österreichs ist so natürlich u. in den Verhältnissen begründet, dass es mich gewundert hätte, wenn es nicht von selbst darauf gefallen wäre; denn in der That können die jetzigen Grenzen keinem Staate dienen. Sowohl Österreich als Italien sind bei jedem Conflikte genöthigt, dort Truppen aufzustellen, um nicht vom Gegner im eigenen Lande plötzlich überfallen zu werden, u. die Schweiz hat bei solchen Anlässen immer die Last, das Münsterthal besetzen zu müssen. Italien wird nun allerdings höchst ungern einen auch noch so kleinen Theil italienischen Bodens abtretten, aber wenn es nur unter dieser Bedingung anderwärts einen ebenso grossen, od. vielleicht, wo keine strategische Rüksichten entgegenstehen, noch grössern Ersatz erhält, so ist ein solcher Austausch keineswegs etwas Unmögliches. Sollte aber Italien geneigt gemacht werden können, auf diese Ansicht einzugehen, so würde es gewiss diesen Zipfel lieber in den Händen der Schweiz sehen, als in denjenigen Österreichs, das wahrscheinlich mit der Cession der Landesstreke auch die Verpflichtung der Übertragung an die Schweiz übernehmen würde, wenn ihm dafür materielle Entschädigung von unserer Seite geboten würde, wozu sich bei den zwischen uns u. Österreich hängenden Fragen Gelegenheit genug finden würde.
Ich möchte ihnen, Herr Geschäftsträger, diese Anregung nochmals in reifliche Überlegung geben. Die Schweiz hat leider an vielen Orten militärisch so unvertheilhafte Grenzen, dass man keine Gelegenheit, die irgend wie günstig scheint, sollte Vorbeigehen lassen, auf bessere Änderungen hinzuwirken. Für unser Land wäre natürlich der Erwerb der Landschaft Cleven4 weit erwünschter, aber einerseits handelt es sich nicht um Yergrösserungspläne und andererseits wird dermalen von diesem Landstriche keine Rede sein können. Aber die Grenzregulirung am Stelvio kann vielleicht erreicht werden. Wie ich Ihnen lezthin schon andeutete, handelt es sich auch nicht darum, Sie zu einem bestimmten, offenen Auftretten zu veranlassen, aber bei der in Wien gegenwärtig günstigen Stimmung dürfte es doch am Plaze sein, zu sondiren. Auf welche Weise dieses am besten ohne alles und jedes Aufsehen geschehen kann, müsste ihrer Beurtheilung anheimgestellt bleiben, da Sie Personen und Verhältnisse doch einigermassen kennen gelernt haben. Vielleicht wäre Hr. Direktor Brunner eine solche geeignete Mittelsperson, er hat gute Verbindungen in massgebenden Kreisen, ist gewandt und vorsichtig; er dürfte einen solchen Gedanken, als ob er von ihm ausginge, ohne alles Bedenken im Gespräch mit geeigneten Personen hinwerfen. Sollte sich dann Aussicht zeigen, so könnten Sie ihr ferneres Verhalten darnach einrichten. Natürlich müsste dieses mit aller Beförderung geschehen, da die Unterhandlungen mit Italien nunmehr beginnen sollen.
Von einem Kongresse ist dermalen ernstlich keine Rede. Zudem würde die Schweiz an einem solchen schwerlich Theil nehmen, wenn man sie nicht einladen, oder Gegenstände behandelt würden, die unser Land angehen. Und auf welchen Titel gestüzt wollte die Schweiz, die allen Kämpfen als unbetheiligter Zuschauer fern geblieben ist, an einem Kongresse auftretten, um sich der Gefahr auszusezen, dass man dadurch Veranlassung gäbe, dass an uns Forderungen gestellt würden, und zwar von solchen Staaten, die an einem Kongresse gewichtigere Stimmen hätten, als wir. Zudem wird diese kleine Grenzabrundung in allen Beziehungen weit besser bei den Verhandlungen zwischen Italien u. Österreich zur Sprache gebracht, als an einem Kongresse.
Schliesslich erlaube ich mir, Ihnen eine historische Arbeit5 über die Landschaften Veltlin, Worms6 und Cleven zur Einsicht zu übermitteln, die Sie gewiss gerne lesen werden. Sie werden sich aus derselben überzeugen, welchen Werth man immer auf die Landschaften Worms und Cleven als militärische Schlüsselpunkte legte.7
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