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Dieser Tage beim Aufräumen diverser Schubladen im Atelier die Visitenkarte meines Grossvaters J.W. Tamminga gefunden – er war Mass-Schneider im Süden der Niederlande, in der Provinzstadt Goes, und hat mit diesem Gewerbe, das ausserdem auch seiner Schwester ein Auskommen bot, immerhin sechs Kinder ernährt. Den Beruf hatte Grossvater (Jahrgang 1907) früh erlernt – bereits im Alter von 14 Jahren arbeitete er im Atelier seines Vaters, der auch in diesem Gewerbe tätig war. Noch vor dem zweiten Weltkrieg hat mein Grossvater die Verantwortung übernommen. Im zweiten Weltkrieg musste er sich allerdings ein Jahr lang vor den deutschen Besatzern verstecken, was die Familie stark belastete. Danach nahm er die Arbeit wieder auf und blieb Nadel und Faden bis ins hohe Alter treu.
Meinen Ur-Opa, von dem J.W. Tamminga sein Handwerk gelernt hat, habe ich nicht persönlich gekannt, wohl aber meinen schneidernden Grossvater, den alle liebevoll „Jo“ nannten. Er war ein eleganter, schlanker Mann, der einen streng prüfenden Blick hatte und seine Worte sehr bedacht wählte. Er hatte sein Atelier im Hause, in dem die Familie wohnte – das war früher noch ganz „normal“ so. Das Atelier befand sich oben im Hinterhaus. Die Nähmaschine war meines Wissens eine mit mechanischem Pedalantrieb – Opa sah nicht ein, warum man dieses Gerät elektrisch betreiben sollte.
Grossvater hat mir etwa 1981 in seinem Atelier gezeigt, wie man Kleider macht. Ich war damals elf Jahre jung, er war damals schon im Ruhestand, doch er zeichnete für mich ein Schnittmuster einer Weste und wir nähten sie zusammen. Von da an war mir klar, dass ich das auch machen wollte. Seine Sammlung mit Stoffen war ein toller Schatz. Ich habe dieses Berufsziel dann zügig verfolgt – im Sommer 1991 hatte ich meine Ausbildung als Modegestalter an der Hochschule für Gestaltung Zürich abgeschlossen. Opa hat dies wohl nicht mehr mitbekommen – er starb im August 1991.
Ich habe von Grossvater noch diverse Dinge behalten. Etwa einen Stapel alter Fachzeitschriften (Rundschau) und eine grosse, schwere Schneiderschere, die schon verschiedentlich als Requisit herhalten durfte und auch Teil meiner Logos wurde (Tailormade, später Studio van Rooijen). Die Schere versteckt sich auch im Logo dieses Blogs, oben in der Mitte. Es ist immer diese schwere Schere von Opa Tamminga. Die ich immer noch benutze, obwohl sie für einen Linkshänder schwer und fast schon schmerzhaft zu führen ist. Vor einem Jahr habe ich von meiner Tante Janke ausserdem einen ganzen Stapel alter Schnittmusterbücher bekommen, die sie aus Opas Atelier bewahrt hatte. Wieder ein toller Schatz! Daraus lässt sich noch vieles ableiten…
Nun also die Visitenkarte. Die nicht mal meine Mutter kannte. Als ich sie auf Facebook gepostet habe, bekam sie innert eines Tages über hundert Likes! So einfach und klar und bescheiden: „Damen- und Herrenkleidung auf Mass“ steht da. Und ein frecher Stern, den Tyler Brûlé später dann für Wallpaper kopiert hat. Die Visitenkarte dürfte aus den sechziger Jahren sein. Eine Postleitzahl war damals nicht nötig, und Internet gab’s noch nicht. In meiner eigenen beruflichen Neuordnung, die gerade geschieht, ist diese Visitenkarte eine wertvolle Trouvaille. Sie gibt mir Mut, vielleicht doch auch wieder die Schere zur Hand zu nehmen? Und statt der Tastatur die Nähmaschine zu benutzen? Und ich frage mich: Ob Opa es gut gefunden hätte, wenn man die Visitenkarte einfach so kopiert?
PS. Vom Montag, 19. Oktober: Die Episode mit Opa und der „Initialzündung“ im Atelier ist auch beschrieben in einem aktuellen Interview mit dem Magazin „Swissquote“ (auf Französisch). Hier ist es: swissquote_itv.