Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03340.jsonl.gz/2698

Einmal mehr hat der EU-Gipfel nicht das gebracht, was man sich von ihm versprochen hatte. Entsprechend begann am Montag die Rendite der italienischen Staatsanleihen wieder zu klettern. Die negative Wende kommt keineswegs überraschend, denn der Optimismus der letzten Woche war nicht nachvollziehbar. Viele Anleger glaubten, die Europäische Zentralbank (EZB) werde nach dem EU-Gipfel als Garant aller Staatsanleihen der Eurozone auftreten, obwohl die EZB mehrmals deutlich gemacht hatte, dass sie das nicht tun will. So nimmt die Krise weiter ihren Lauf.
Warum weigert sich die EZB, stärker einzuschreiten? Erstens darf sie aus juristischen Gründen nicht Staatsanleihen direkt aufkaufen. Zweitens sind die Deutschen gegen ein Anwerfen der Notenpresse, weil sie im 20. Jahrhundert besonders schlechte Erfahrungen mit Inflation gemacht haben. Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg haben die meisten von ihnen ihr Erspartes verloren, weil der deutsche Staat seine Schulden mit einer massiven Geldentwertung zum Verschwinden brachte.
Manche Kommentatoren gehen davon aus, dass die Inflationsangst nicht nur historisch bedingt sei, sondern auch dem deutschen «Nationalcharakter» entspreche. Möglicherweise stimmt das, aber wenn man noch etwas weiter in die Geschichte zurückblickt, entdeckt man bald, dass nicht nur die Deutschen, sondern auch andere Nationen von Inflationsangst gepeinigt wurden – insbesondere und ausgerechnet die Franzosen, die heute unbedingt eine aktive EZB sehen möchten.
Im 18. Jahrhundert machten sie gleich zweimal derart schlechte Erfahrungen mit Inflation, dass die französische Zentralbank bis ins 20. Jahrhundert alles unternahm, um einen möglichst grossen Goldschatz anzuhäufen. Ein anderes Relikt aus jener Zeit ist die Tatsache, dass die meisten französischen Banken nicht als «banques», sondern als «crédits» firmieren (Crédit Lyonnais, Crédit Agricole etc.). Denn zu Beginn des 18. Jahrhunderts war es eine Bank («Banque Royale») gewesen, die für die grosse Inflation verantwortlich war. Die Gründer der modernen Geschäftsbanken im 19. Jahrhundert taten alles, um nicht mit jener Katastrophe in Verbindung gebracht zu werden.
Es war der berühmte John Law, ein professioneller Spieler aus Schottland, gewesen, der die Inflation verursacht hatte. Er war in die Niederlande geflohen, weil er wegen der Tötung eines Duellanten zum Tod verurteilt worden war. In Amsterdam bewunderte er die neuen Finanztechniken, sah aber weitere Entwicklungsmöglichkeiten und suchte sich Frankreich aus, um seine Pläne zu verwirklichen. Es gelang ihm, das Vertrauen des Regenten Philippe von Orléans zu gewinnen und innerhalb weniger Jahre die staatliche Kolonialgesellschaft («Compagnie des Indes»), die Notenbank und das gesamte Steuersystem zu kontrollieren. Der Regent ernannte schliesslich John Law zum Finanzminister.
Zur Notenpresse griff Law, als er versuchte, die Aktien der Compagnie des Indes zu stabilisieren. Es hatte sich herumgesprochen, dass die neu gegründeten Kolonien entlang des Mississippi – darunter «La Nouvelle-Orléans» (später New Orleans) zu Ehren des Regenten Philippe von Orléans – nur Verluste brachten. Vom Dezember 1718 bis April 1720 stieg die Notenbankgeldmenge von 18 Millionen auf 2,6 Milliarden Livres. Am Schluss brachen die Kurse dennoch ein, und John Law musste Hals über Kopf Frankreich verlassen. Er starb 1728 als armer Mann in Venedig.
Bleibt noch die Frage, warum Philippe von Orléans dem zweifelhaften Finanzgenie aus Schottland so grosses Vertrauen entgegenbrachte? Frankreich war zu jenem Zeitpunkt wieder einmal über alle Ohren verschuldet, weil es sich im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-14) verkalkuliert hatte. Die Verzweiflung war so gross, dass man um jede Idee froh war, um den Staatsbankrott zu verhindern.
Die zweite grosse Inflation Frankreichs ereignete sich während der Französischen Revolution. Die Revolutionsregierung hatte zu wenig Einnahmen und begann deshalb Papiergeld (Assignaten) zu drucken. Das Experiment endete ebenfalls im Fiasko. Erst Napoleon machte reinen Tisch, indem er die französische Zentralbank gründete und das Steuersystem reformierte. Mit geordneten monetären und finanziellen Verhältnissen liess sich Europa besser erobern.