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Am 12. Juli 1892 bestieg Lina Bögli, 34, in Krakau den Schnellzug, um eine Reise um die Welt anzutreten. Die Schweizerin, die als Gouvernante bei einem polnischen Grafen im Dienst war, reagierte damit auf den Heiratsantrag eines Offiziers, der aus Liebe zu ihr auf seine Karriere verzichten wollte. Vorsichtig, wie sie war, wollte Lina Bögli dieses Opfer nicht annehmen und setzte dem Verehrer zehn Jahre Bedenkfrist. Am 12. Juli 1902 würde sie wieder in Krakau zurück sein, und wenn er sie dann noch immer liebe, dann ... Mit 1400 Franken in der Tasche reiste sie los, und als sie in Sydney ankam, besass sie gerade noch 5 Pfund Sterling. Schon wenige Wochen später unterrichtete sie für gutes Geld gleichzeitig an drei australischen Privatschulen! Das Gleiche schaffte sie auch in Honolulu, in San Francisco und auf vielen weiteren Stationen ihrer Reise: Sie suchte einen Job als Lehrerin und ersparte sich das Billett zur Weiterreise. Als sie am 12. Juli 1902 in Krakau aus dem Zug stieg, stand der Verehrer, dem sie die ganze Zeit nicht eine Zeile geschrieben hatte, erwartungsvoll auf dem Perron und bekam – einen Korb! Die Unabhängigkeit, die sie sich in all den Jahren errungen hatte, wollte Lina Bögli nun nicht wieder preisgeben. Sie blieb ledig und zog in das Schloss ihrer ehemaligen polnischen Arbeitgeber, um dort unter dem Titel «Foreward» («Vorwärts») ihre Reiseerinnerungen zu schreiben. Ein Buch, das nach einem Bestseller-Erfolg in England und Amerika 1906 auch ins Deutsche übersetzt wurde und das bei allen Vorbehalten zumindest aus zwei Gründen auch heute noch lesenswert ist: weil es dem unbezwingbaren Selbstbehauptungswillen dieser draufgängerischen Frau ein lebendiges Denkmal setzt und weil es die koloniale Welt von 1900 gleichsam naiv, völlig unverstellt, unbeschönigt und mitsamt ihren fatalen Vorurteilen widerspiegelt. So fällt Lina Bögli bei der Begegnung mit den australischen Maoris etwa folgendes, ziemlich abschätziges Urteil ein: «Schön sind die Leute nicht, das kann ihnen die vorurteilsloseste Person nicht nachsagen. Die Frauen sind noch hässlicher als die Männer, meist furchtbar mager, mit solch unproportioniert langen Gliedern, dass sie Affen mehr ähnlich sehen als Menschen.» «Vorwärts» machte Lina Bögli derart berühmt, dass sie 1910 nach Japan und China aufbrach, um den Erfolg mit einer zweiten, dreijährigen Reise zu wiederholen. Als die neuen Erlebnisse 1915 unter dem Titel «Immer vorwärts» erschienen, hatte die Verfasserin sich bereits in ihr Heimatdorf Herzogenbuchsee zurückgezogen, um da, bis zuletzt als Vortragsreisende, Erzieherin und Lehrerin rastlos tätig, ihren Lebensabend zu verbringen. Schon das zweite Buch erzielte, mitten im Ersten Weltkrieg, nur noch einen Achtungserfolg, und als Lina Bögli 1941 mit 83 Jahren starb, war jene europäisch dominierte Welt, die sie beschrieben hatte, unwiderruflich zum Untergang verurteilt. Dass sie in Christoph Marthalers Theatercollage «Lina Böglis Reise» 1996 nochmals zu neuer Berühmtheit gelangen würde, hätte sich die Weltenbummlerin von 1900 jedenfalls kaum vorstellen können. Vorteilhaft war es für ihren Ruhm allerdings nicht, zeichnete Marthaler sie doch als spiessig-verklemmtes Mauerblümchen, dem kein Vorurteil fremd war und das die Sinnenfeindlichkeit und Kontaktschwäche mit dem exzentrischen Aktivismus seines «Vorwärts»-Reisefimmels kompensierte.
Bögli, Lina
*Oschwand (BE) 14.5.1858, Herzogenbuchsee (BE) 22.12.1941, Weltreisende und Schriftstellerin. B. war Gouvernante in Krakau, als sie 1892 wegen einer Liebesaffäre mit 1400 Franken in der Tasche zu einer Reise um die Welt aufbrach, die 10 Jahre dauerte und die sie anschliessend in ihrem zuerst engl. verfassten Buch »Forward« (dt. »Vorwärts«, 1906, Neuausgabe 1989 unter dem Titel »Talofa«) beschrieb, das in vielen Sprachen zum Bestseller wurde. Obwohl ebenso zwanglos und frisch erzählt, erreichte ihr zweites Buch »Immer vorwärts«, der Bericht über eine neuerl. Weltreise, den Erfolg von »Vorwärts« nicht. Der Regisseur C. Marthaler inszenierte 1996 ein Theaterstück über B. und brachte im Auftrag der Hörspielredaktion des Deutschlandradios (Berlin) 1997 eine Radiobearbeitung »L.B. Reise«, übernommen von DRS (1998), heraus. (Schweizer Lexikon CH 91)