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Die Russische Föderation steht vor einem Einbruch der Arbeitskräfte und Verbraucher und damit vor einer Schrumpfung des Innovationspotenzials. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine hat diesen Prozess mit zahlreichen Kriegstoten und der Flucht von bis zu einer Million Menschen beschleunigt.
Thomas Kunze, Christopher Hess
Die Entwicklung der russischen Bevölkerung ist ein Spiegelbild der tiefgreifenden politischen und wirtschaftlichen Veränderungen, die das Land im Laufe seiner Geschichte durchlebt hat. Von der Zarenzeit bis zur heutigen Russischen Föderation lässt sich die Demografie Russlands in verschiedene Phasen einteilen. Vor 1917 war Russland vornehmlich ein Agrarland mit einer rasch wachsenden Bevölkerung. Die Russische Revolution von 1917 und der darauffolgende Bürgerkrieg von 1917 bis 1922 führten zu einem spürbaren Bevölkerungsrückgang. Kriegsverluste, Hungersnöte und Epidemien trugen erheblich zu dieser Entwicklung bei. In der Sowjetära (1922–1991) führten Industrialisierung, Fortschritte in der medizinischen Versorgung und eine erweiterte Bildungslandschaft zu einer Zunahme der Bevölkerung. Trotz dieses Bevölkerungswachstums erlebte die Sowjetunion auch Phasen erheblichen Bevölkerungsschwunds, vor allem während des Terrors unter Stalin in den 1930er-Jahren und des Zweiten Weltkriegs.
Die Phase der 1990er-Jahre, geprägt von drohendem Staatszerfall und wirtschaftlichem Chaos, hinterliess in Russland eine tiefe demografische Narbe. Die Geburtenrate stürzte ab und führte zu alarmierenden Prognosen über ein mögliches «Aussterben der Russen». Die Statistiken waren in der Tat beunruhigend: Während die Fertilitätsrate 1987 noch bei 2,01 Kindern pro Frau lag, sank sie innerhalb von nur zehn Jahren auf 1,16 Kinder pro Frau im Jahr 1999. Parallel dazu fiel die Lebenserwartung unter den weltweiten Durchschnitt. Im Jahr 2000 äusserte Wladimir Putin seine Besorgnis und erklärte, dass das «Überleben der Nation» bedroht sei.
Mit dem Beginn des neuen Jahrtausends setzte in Russland eine demografische Veränderung ein. Die Geburtenrate begann wieder zu steigen, beeinflusst von zwei wesentlichen Faktoren: Erstens führte die Stabilisierung von Wirtschaft und politischer Ordnung zu einem verbesserten gesellschaftlichen Klima, das die Gründung von Familien begünstigte. Zweitens erreichten die geburtenstarken Jahrgänge der 1980er-Jahre das gebärfähige Alter. Zudem hatte die russische Regierung ab den 2000er-Jahren Massnahmen ergriffen, um die Geburtenrate zu fördern. Ab 2007 wurde ein System des Mutterschaftskapitals eingeführt, eine einmalige Zahlung, die Familien ab dem zweiten Kind bei Erreichen des dritten Lebensjahrs des Kindes gewährt wird. Dieses Kapital kann zur Finanzierung der Bildung, Verbesserung der Wohnbedingungen oder zur Tilgung von Krediten und Hypotheken verwendet werden. Seit seiner Einführung wurde der Betrag des Mutterschaftskapitals kontinuierlich erhöht. Seit 2014 können kinderreiche Familien in vielen Regionen auch staatlich zugeteiltes Land beanspruchen.
Diese Strategien zeigten kurzfristig positive Ergebnisse in Bezug auf die Geburtenrate. Seit 2000 ist eine Zunahme der Geburtenzahlen zu verzeichnen, mit einem Höchststand von 1,78 Kindern pro Frau im Jahr 2015. Innerhalb des Vielvölkerstaats Russland variieren diese Raten jedoch stark, abhängig von Region und ethnischer Zugehörigkeit. Es ist eine weit verbreitete Annahme, dass ausschliesslich muslimische Gemeinschaften in Russland ein Bevölkerungswachstum verzeichnen würden. Tatsächlich haben einige muslimische Völkerschaften wie die Tschetschenen und Inguschen sehr hohe Geburtenraten. Andere muslimische Völker, wie die Tataren, Baschkiren und verschiedene Tscherkessenstämme im Nordwestkaukasus, haben jedoch ähnliche Geburtenraten wie der Durchschnitt der Russen.
Durch die Geburtenrate hat sich die Gesamtbevölkerungszahl in der Russischen Föderation positiv entwickelt, sie erreichte ihren Höhepunkt 2017 mit 146,9 Millionen Menschen. Die Regierung unter Wladimir Putin legte 2014 per Erlass fest, ein System zur Förderung der körperlichen Fitness zu schaffen. Es gelang, den Alkoholkonsum pro Kopf von 2003 bis 2016 um 43 Prozent zu reduzieren. So ist das Trinken in Parks, auf der Strasse und an öffentlichen Plätzen verboten und ab 22 Uhr gilt ein Alkoholverkaufsverbot.
Trotz dieser Bemühungen zeigt die demografische Entwicklung Russlands gemischte Ergebnisse. Laut einer Studie des Lewada-Zentrums aus dem Jahr 2021 wuchs die Bevölkerung Russlands in den letzten elf Jahren um 1,4 Prozent. Dieser Zuwachs war jedoch hauptsächlich auf Einwanderung zurückzuführen, während die natürliche Bevölkerungszahl weiterhin abnimmt. Es gibt zudem deutliche regionale Unterschiede in der Bevölkerungsentwicklung.
Zwischen Januar und April 2023 wurden 3,1 Prozent weniger Kinder geboren als im Vorjahreszeitraum, was einen Negativrekord darstellt. Der Krieg in der Ukraine hat zudem zu einem Exodus, insbesondere junger Menschen, geführt. Die Gesamtbevölkerung Russlands schrumpfte im letzten Jahr um mindestens 524 000 Menschen auf rund 146,4 Millionen. Im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine schätzt die New York Times, dass bis zu 120 000 russische Soldaten im Krieg gefallen und zwischen 170 000 und 180 000 verletzt worden seien. Darüber hinaus haben im Jahr 2022, insbesondere nach der Teilmobilmachung im September, Hunderttausende Russen das Land verlassen, um dem Militärdienst zu entgehen. Ein signifikanter Verlust von rund 100 000 IT-Spezialisten im selben Jahr zeigt zudem die Abwanderung der intellektuellen Elite des Landes.
Erwartungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zufolge wird Russlands Bevölkerung bis 2050 auf 130 Millionen sinken. Der prognostizierte Bevölkerungsschwund für Russland ähnelt damit den Trends in Europa. Ein weiterer Exodus von qualifizierten Fachleuten aus Russland bedeutet einen potenziellen Verlust für Russlands Innovations- und Wirtschaftspotenzial.