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«Wie kriegt man als Frau die Verrenkung hin, Rap zu lieben und sich dabei permanent beleidigen zu lassen?» Das fragt der Klappentext von Antonia Baums Buch über Eminem.
Antonia Baum, Jahrgang 1984, ist eine gefeierte Schriftstellerin und scharfsinnige Zeitdiagnostikerin. Ihr Buch ist Teil der «Musikbibliothek», in der prominente Autorinnen und Autoren über ihre Lieblingsbands und Lieblingsmusiker schreiben.
Über Eminem schreiben bedeutet Probleme
«Bewusst wahrgenommen habe ich Eminem etwa 1999, als ‹My Name Is› bei Viva und MTV hoch und runter lief», sagt Antonia Baum. «Irgendetwas hat mich an dem sofort interessiert. Vielleicht diese anarchistische Energie.»
20 Jahre nach ihrer Initiation schreibt Antonia Baum ein Buch über Eminem. Eine komplizierte Angelegenheit, das zeigen gleich die ersten Sätze: «Will man ein Buch über Eminem schreiben, hat man im Grunde fast alle Probleme, die man sich wünschen kann: Denn er ist nicht nur der Verfasser extrem misogyner, homofeindlicher Texte, er ist auch der in Verkaufszahlen erfolgreichste Rapper eines Genres, das von Schwarzen erfunden wurde. Am unkompliziertesten für alle Beteiligten wäre es deswegen, Eminem ganz schnell verschwinden zu lassen, runter zu den anderen Leichen, die man im Keller rumliegen hat.»
Eminem, die Leiche im Keller
Leichen im Keller – das sind Künstler, deren Kunst man schätzt oder liebt, obwohl sie ihre dunklen Seiten hat. Oder Künstler, deren Kunst man mag, obwohl die Künstler selbst ihre dunklen Seiten haben. Künstler wie der Antisemit Richard Wagner oder der mutmassliche Sexualstraftäter Michael Jackson.
Noch komplizierter wird das mit den Leichen im Keller, wenn eine ausgewiesene Feministin ein Faible für einen Künstler hat, der in seinen Texten Frauen quält und umbringt. «Ich denke feministisch, ich bin Schriftstellerin, und ich komme von Eminem.»
Buchhinweis
Antonia Baum: «Eminem». Kiepenheuer & Witsch, 2020.
Ein Buch über Eninem und über Baum
Das ist so ein typischer Antonia-Baum-Satz. Denn Antonia Baums Buch über Eminem ist auch ein Buch über Antonia Baum. Das Ich in ihren Texten ist nicht zu verwechseln mit dem realen Ich der Autorin. Und, nur scheinbar paradox: Das Ich in den Texten von Antonia Baum ist nicht zu trennen vom Ich der Antonia Baum.
Zur Ich-Findung hat der Rap-Star wesentlich beigetragen: «Von Eminem habe ich vor allem die Schreibhaltung. Dieses anarchistische, auch breitbeinige und die Kompromisslosigkeit.»
Breitbeinig und kompromisslos dekliniert Baum die Widersprüche ihrer Eminem-(Hass-)Liebe durch. Vom Rapper des sogenannten White Trash fühlt sich die Bildungsbürger-Teenagerin Antonia zum Schreiben ermutigt. Und eben nicht von den amtlichen Vorbildern aus dem Kanon der deutschsprachigen Literatur.
Unikum von einem Buch
«Ich las nicht Thomas Bernhard und dachte, kann ich auch, natürlich nicht. Oder – um Gottes willen – Kafka. Oder Maxim Biller, Rainald Goetz [...]. Ich hörte Eminem und dachte, okay, es könnte gehen.»
Es ging. Antonia Baums «Eminem» ist ein Unikum von einem Buch: Coming Of Age-Geschichte, Pophit und – gibt's das? – Spiegel-Autobiografie: Die Autorin schaut auf ihr Objekt und sieht sich selbst im Spiegel. Toll.