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- Kategorie: V1
- Erstellt: Mittwoch, 23. Juni 2021 18:25
- Zuletzt aktualisiert: Montag, 18. Oktober 2021 09:28
Aussenstelle Im Stüh, zwei Startstellungen
2018 stiessen ehrenamtliche Mitarbeiter der Denkmalpflege bei ihrer Suche nach Überbleibseln des Ersatzflughafens Im Stüh auf Bodenrelikte die sie vorerst nicht einordnen konnten. Einheimische berichteten von aufgebauten Startrampen und dass von da auch noch V1 gestartet worden wären.
Einmal mehr gab die Gerüchteküche mehr her als die Realität. Aber wie so oft beinhalteten auch diese Gerüchte ein Körnchen Wahrheit.
Nach und nach barg man Einzelteile oder Baugruppen, die sich eindeutig der Fi 103 zuordnen liessen. Und langsam schälte sich heraus, dass da wahrscheinlich ein Versuchsgelände für die V1 lag und dass dieses wohl in Zusammenhang mit Altenwalde stand.
Möglicherweise sollte Im Stüh aber noch eine Ausbildungsstelle des Flak-Regiments 155 (W) aufgebaut werden, nachdem Zempin ebenso wie Peenemünde hatte aufgegeben werden müssen. Dies würde die zwei parallel aufgebauten Katapulte erklären, die neben der Stellung in Altenwalde für Reichweitenversuche allein wenig Sinn ergeben.
Auf diese Art der Nutzung deuten auch Fragmente von Dokumenten hin, die einen Bezug zu Zempin erkennen lassen.
Dass man keine Rumpfteile von Flugbomben fand und nur Sprengteile von Rampensegmenten lässt den Schluss zu, dass dieses Material entweder nach dem Krieg als Rohstoff weggebracht und verwertet wurde, oder in dieser Form Im Stüh gar nicht vorhanden war.
Hinweise in Dokumenten deuten darauf hin, dass das herumliegende Material von Peenemünde, den Gerhard-Fieseler-Werken und weiteren Produktionsstandorten hierher verbracht worden ist und es sich weitgehend um Komponenten und Ersatzteile für eine aufzubauende Versuchsanlage handelt. Die Anlage kam aber wegen der schnell vorrückenden Alliierten nicht mehr zum Einsatz und das Material wurde in dem Zusammenhang wohl vergraben oder durch Sprengungen zerstört.
Im Gelände südlich der Strasse Im Seegen fanden sich noch Betonkerne eines Bumskopfs und eines inerten Lastraums.
Für beide gefundenen Startstellungen wurde eine Orientierung von 5760¯ (≙ 324°) gemessen. Somit sollten die Flugbomben wie in Altenwalde selbst wohl mit Winkelschuss gestartet werden.
Diese Initial-Flugbahn führte nordöstlich des Scheinflugplatzes Midlum und südwestlich am Einsatzhafen Nordholz und der gleichnamigen Ortschaft vorbei. Kursanpassung über dem Watt auf 347°.
Wäre die Stellung zu Schulungszwecken für das Bedienungspersonal gedacht gewesen, so hätte die initiale Flugbahn etwa 9 km nördlich an Helgoland vorbeigeführt.
Die Stellung SW lag ziemlich offen zutage, die Stellung NO allerdings hätte man ohne die vordersten, offen liegenden Einzelfundamente kaum gefunden. Das Hauptfundament lag hier unter 10 bis 40 cm Erdreich und Wurzeln und zudem unter einem Stapel zusammengetragenen Astwerks, ähnlich die hinteren Einzelfundamente.
Die vereinfachten, kurzen Hauptfundamente beider Stellungen weisen kleine Unterschiede in der Bauweise auf; am südwestlichen wurden Anpassungen vorgenommen.
Für die Stellung NO mussten wegen des unebenen Geländes Erdbewegungen vorgenommen werden. Die Wege zu Richtbau und Hauptfundament liegen leicht vertieft, ebenso Richtbau und Hauptfundament. Aber weder diese Wege noch der Richtbau sind betoniert worden!
Allan Williams schreibt in seinem Buch Operation Crossbow (erstaunlicherweise im Kapitel The V2 Rocket):
[…] From photography taken during sortie 106G/4230 on 8 February 1945 the ground report identifying Altenwalde was confirmed, while another ground report the following month about two suspicious-looking square buildings at the nearby Emergency Landing Ground at Neuenwalde would similarly be confirmed by photography. […]
Wie aber ist nun der Widerspruch zu erklären, dass von den beiden Richtbauten keine Fundamente gefunden wurden? Das sind immerhin Flächen von 13 × 13 m. Ohne das erwähnte Luftbild analysieren zu können, bleibt diese Frage leider unbeantwortet.
Anhand der Bodenfunde – insbesondere der Betonfundamente für die Startrampen mit leeren Öffnungen für deren Verankerungen – lässt sich eindeutig sagen, dass am Standort Im Stüh keine aufgebauten Katapulte vorhanden und somit keine Schleuderstarts von Flugbomben möglich waren.
Und es kann mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass es sich bei der in der Zeichnung der Alliierten sichtbaren südlichen Startstellung um die sich im Aufbau befindliche Anlage der Aussenstelle Im Stüh handelt.
Die gefundenen Baugruppen und Einzelteile sind im Militärhistorischen Museum Alter Flakleitstand bei Nordenham-Grebswarden zu besichtigen.