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In Abwesenheit von Titelverteidiger Rafael Nadal, Roger Federer und Stan Wawrinka strebt Novak Djokovic bei den US Open seinen 18. Grand-Slam-Titel an. Er hat in New York viel zu verlieren – und fast nichts zu gewinnen.
Auf dem Platz hat Novak Djokovic in diesem Jahr noch nie verloren. Seine letzte Niederlage datiert vom 14. November 2019 gegen Roger Federer. Neben dem Platz hingegen hat Djokovic viele Sympathien verspielt und ist der grosse Verlierer der Zeit, in der nicht Tennis gespielt worden ist.
Es begann mit der Adria-Tour, einer Turnierserie in vier Balkanstaaten, die abgebrochen werden musste, nachdem zahlreiche Zuschauer und Spieler sich mit dem Coronavirus angesteckt hatten, unter ihnen Djokovic selber und seine Frau. Mit einem Schuldeingeständnis tut sich der 33-Jährige bis heute schwer. Kritik stellte er unter den Generalverdacht der Xenophobie, indem er sagte, sie komme «vor allem aus dem Westen». Er sei das Opfer einer Hexenjagd. Jüngst bekräftigte er: «Wenn ich die Gelegenheit hätte, die Adria-Tour noch einmal zu machen, würde ich es wieder tun.»
Niemand zweifelt an Novak Djokovics guter Absicht, und doch stellt sich die Frage, wie es ein Kosmopolit, ein umsichtiger Mensch, der neben dem Platz warmherzig und charmant ist, schaffen konnte, in so kurzer Zeit und mit solcher Regelmässigkeit für Kopfschütteln zu sorgen. Er sprach sich gegen eine Impfung aus, als er schrieb: «Ich persönlich bin dagegen. Ich möchte nicht, dass mich jemand zwingt, einen Impfstoff einzunehmen, um reisen zu können.» Selbst in seiner Heimat Serbien erntete er für diese Äusserung Kritik, vom obersten Epidemiologen des Landes.
Dann musste sich Djokovic auch noch rechtfertigen, weil er die damals noch geltende Ausgangssperre in Spanien gebrochen haben soll. Er hatte in der Nähe von Marbella, wo er zeitweise wohnt, unter freiem Himmel Tennisbälle geschlagen – und das gleich selber dokumentiert.
Djokovic wirkte wie einer, der die Bodenhaftung verloren hatte, als er nicht mehr im Scheinwerferlicht stand. Er suchte Halt im Übersinnlichen. Zwei Mal zeigte er sich seinen Anhängern mit dem Iraner Chervin Jafarieh, seinen «Bruder einer anderen Mutter», der sich als Alchemist bezeichnet.
Jafarieh dozierte, wie es möglich sei, die molekulare Struktur von Wasser allein durch die Kraft der Gedanken zu verändern. Aus bösem Wasser wird gutes Wasser. Djokovic nickte andächtig. Es folgte ein einstündiger Dialog, der für Djokovic und Jafarieh im spirituellen Delirium endete. Seine Mutter Dijana sagte, Djokovic fühle sich von Gott auserwählt. Der sei es auch, der ihrem Sohn geholfen habe, im Sommer 2019 im Wimbledon-Final Roger Federer zu bezwingen, nachdem er zwei Matchbälle abgewehrt hatte.
Näher an der Lebensrealität seiner Berufskollegen ist das Hin und Her um die Teilnahme bei den US Open. Erst sagte Djokovic, es sei inakzeptabel, nur von einem Betreuer begleitet zu werden. Am 13. August bestätigte er in einem einseitigen Statement voller Pathos seine Teilnahme. Es sei eine schwierige Entscheidung gewesen. Neun Tage später sagte er: «Meine Entscheidung habe ich vor Monaten getroffen.» Für seine Konkurrenten muss das wie ein Schlag ins Gesicht gewesen sein.
Djokovic ist auch einer von nur acht Spielern, die nicht im Hotel, oder einer Suite auf der Anlage logieren, sondern in einer privaten, kostspieligen Unterkunft. Das ist sein gutes Recht. Zu sagen, seine Kollegen hätten sich auch dafür entscheiden können, zeugt allerdings nicht unbedingt von grosser Empathie.
Novak Djokovic ist der beste Tennisspieler der Gegenwart, vielleicht der Geschichte. Weil er selbst dann gewinnt, wenn sich die ganze Welt gegen ihn verschworen hat. Weil er immer auch Tennis spielt, wie er als Kind im kriegsversehrten Kopaonik aufgewachsen ist – wie ein Kämpfer, ein Gladiator, im ständigen Krisen-Modus, beharrlich, unerbittlich, und mit Ausdauer.
Seine mentale Stärke ist unerreicht. Nirgendwo wurde das offenkundiger als im Wimbledon-Final 2019. Das Publikum hatte sich Roger Federer als Sieger gewünscht. Es hatte ihn angetrieben bis zum letzten Ballwechsel. Djokovic hatte später gesagt, er habe die Roger-Roger-Rufe in seinem Kopf in Novak-Novak-Rufe umgedeutet. So denkt einer, der auf einer Mission ist. Der Mission, Geschichte zu schreiben.
Ihn interessiert es nur, der Beste zu sein – der Beste der Gegenwart, der Beste der Epoche, der Beste, der je ein Tennis gespielt hat. Im Sommer 2019 sagte er: «Ich habe genug erreicht, um von einem Moment auf den anderen aufzuhören. Doch ich tue es aus zwei Gründen nicht: Erstens macht es mir Spass, und zweitens möchte ich Geschichte schreiben. Ich möchte so viele Grand-Slam-Titel holen wie möglich, und ich möchte auch den Rekord für die meisten Wochen an der Spitze der Weltrangliste.» Beide Bestwerte hält derzeit noch Roger Federer, der 20 Grand-Slam-Titel auf sich vereinigt und die Weltrangliste während 310 Wochen anführte.
Wenn Novak Djokovic auf dem Tennisplatz steht, dann hat er immer zwei Gegner: jenen auf der anderen Seite des Netzes, und die Geschichte. In New York kommt ein dritter hinzu: der lange Schatten der Abwesenden.
Bei den US Open kann Djokovic nur verlieren – selbst dann, wenn er gewinnt. Weil es ein Sieg mit Fussnote wäre. Weil mit Titelverteidiger Rafael Nadal, Roger Federer und Stan Wawrinka, der ihn in zwei Grand-Slam-Finals bezwungen hat, seine stärksten Gegner fehlen. Eingang in die Geschichtsbücher fände aber auch dieser Triumph – trotz Fussnote.
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