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Die Leiden der Gruppe E
Am 12. Dezember werden die Gruppen der Europameisterschaft ausgelost. Weil mathematische Grundsätze vernachlässigt werden, müssen Petkovic und die Nati vor allem eines hoffen: Bloss nicht in Gruppe E!
Das Prozedere kennen wir alle: Bevor Gianni Infantino wieder einmal die Kugeln in die Glasschalen wirft und allerlei Prominenz auf die Bühne bittet, werden die qualifizierten Mannschaften in Töpfe eingeteilt. Die Schweiz ist dank der viele Neulinge gar in Topf 2 gesetzt. Doch nicht nur das wird entscheidend sein über Erfolg und Weiterkommen, sondern auch, welchen Buchstaben die Gruppe trägt.
Man möchte annehmen, es spiele überhaupt keine Rolle, in welcher Gruppe man landet. Aber nun, da die EM erstmals mit sagenhaften 24 Mannschaften ausgetragen wird, ist dies sehr wohl der Fall. Nach dem gleichen Modus, wie die Weltmeisterschaften 1986 bis 1994 gespielt wurden, sehen die Achtelfinals nämlich so aus:
Auch die vier besten Gruppendritten erreichen die Achtelfinals. Die Sieger der Gruppen A bis D treffen auf Gruppendritte, während diejenigen der Gruppen E und F auf Zweitplatzierte treffen – ein klarer Nachteil. Darüber hinaus messen sich die Zweiten der Gruppen A, B, C und F mit anderen Zweitplatzierten, jene der Gruppen D und E allerdings mit Gruppensiegern. Ein weiterer Nachteil.
Die Gruppen A, B und C werden somit gleich doppelt belohnt. Die Gruppen D und F werden einmal bevorteilt und einmal benachteiligt. Die Gruppe E hingegen wird doppelt bestraft. Deutlich sieht man dies anhand folgender Aufstellung:
Selbst für die sicher für die zweite Runde qualifizierten Gruppenersten und -zweiten aus Gruppe E ergibt sich ein klarer Nachteil. Noch schlimmer wird es aber, wenn man auch noch die Viertelfinals anschaut. Die Sieger der Achtelfinalspiele 1 und 8 (siehe Tabelle oben) werden Gruppenzweite sein. Die Sieger der Achtefinals 2 und 7 treffen also mit Sicherheit im Viertelfinale auf einen schwächeren Gegner.
Zu erwarten sind auf dieser Stufe also die Gewinner der Gruppen A bis D, da sie in den Achtelfinals nur Gruppendritte als Gegner haben. Bis in die Halbfinals werden diese nie andere Gruppensieger als Gegner haben. Rechnet man das ganze Turnier anhand von Wahrscheinlichkeiten durch – sprich: Gruppensieger haben eine grösse Chance im Spiel gegen Gruppenzweite oder gar -dritte -, stellt man fest, dass es die Gruppe A am komfortabelsten hat.
Um diesen krassen Unterschied zu verdeutlichen, hat der Wissenschaftler Sebastian Wolsing das Turnier 800’000 Mal simuliert, stets unter der Voraussetzung, dass in der Gruppe besser klassierte Mannschaften eine grössere Wahrscheinlichkeit auf ein Weiterkommen in der K.o.-Runde haben. Die Resultate sprechen für sich:
Noch deutlicher zeigen sich die Unterschiede bis zum Endspiel. Während Teams aus Gruppe A mit einer Häufigkeit von 0.195 das Endspiel erreichen, sind es bei Gruppe E nur 0.130. Die Chance, dass ein Team aus Gruppe E Europameister wird, ist 28 Prozent kleiner als bei der Gruppe A! Hinzu kommt, dass der Gastgeber – in diesem Fall Frankreich – automatisch in Gruppe A gesetzt ist, unabhängig von der Spielstärke. Fairer Wettbewerb sieht anders aus.
Die Theorie wird von den Erfahrungen an den Weltmeisterschaften bekräftigt. Von den 9 Mannschaften aus Gruppe E, die von 1986 bis 1995 die Gruppenphase überstanden, scheiterten 7 bereits in den Achtelfinals. Zwei immerhin ereichten das Endspiel (Deutschland 1986 und Italien 1994), das beide verloren.
Die Frage drängt sich auf: Wie kann man die Voraussetzungen für alle Gruppen fairer gestalten? Die Antwort, dass eine nicht durch 8 teilbare Teilnehmerzahl keinen perfekten Modus ermöglicht, hilft nicht weiter. Die UEFA besteht auf den 24 Teilnehmern und den 6 Gruppen. Gleichzeitig soll ausgeschlossen werden, dass in der ersten K.o.-Runde bereits Gruppengegner wieder aufeinandertreffen. Und genau das macht es besonders schwierig.
Es wäre nämlich ein Leichtes, ein faires und symmetrisches K.o.-Runden-Tableau zu erstellen. Man erstellt dafür ein Ranking unter allen weitergekommenen Mannschaften. Sprich: Man ordnet die Gruppensieger nach Anzahl Punkten und ggf. Tordifferenz, dann dasselbe mit den Gruppenzweiten und -dritten. Dies würde folgende Achtelfinals ergeben, bei dem allerdings unter Umständen Gruppensieger erneut gegen die Dritten aus ihrer Gruppe antreten müssten:
Perfekt ist auch diese Lösung nicht. Denn so wissen die Mannschaft nicht, wo (und gegen wen) sie die zweite Runden spielen, bis das letzte Gruppenspiel ausgetragen wurde. Aber aus mathematischer Sicht ist dies die einzige praktikable und faire Lösung. Dies zeigt auch eine weitere Simulation nach dem neuen Modus:
Es mag einen Grund gegeben haben, weshalb die FIFA den nun für die EM vorgesehenen Modus nach nur drei Austragungen wieder verworfen hat. Zufrieden war keiner mit ihm. Die Gruppendritten miteinander zu vergleichen, ist nur schon deshalb ein zweifelhafter Ansatz, weil die Gruppen unterschiedlich stark besetzt sind. Mit diesem Modus reicht unter Umständen ein hoher Sieg gegen den inferioren Gruppenletzten für ein Weiterkommen. Ob man dann auch im weiteren Turnierverlauf Erfolg hat, hängt aber nicht nur von der eigenen Stärke ab, sondern eben auch – wie diese Aufstellungen zeigen – in welcher Gruppe man landet. Die Todesgruppe ist nämlich schon vor der Auslosung klar: Es ist die Gruppe E.
Die vollständige Analyse von Sebastian Wolsing findet sich hier.