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Nach einer Hüftoperation wollte Blake Mohler ihre Profikarriere beenden, bevor diese richtig begonnen hatte. Nun spielt sie mit Volley Düdingen gegen Cheseaux um den Einzug in die Playoff-Halbfinals – und daneben auch um die Fortsetzung ihrer Karriere.
Wenn Blake Mohler zu ihrem einbeinig gesprungenen Angriff ansetzt und den Ball kraftvoll mit einem Smash im gegnerischen Feld auf den Boden hämmert, dann sind ihr die Jubelstürme auf der Tribüne sicher. Ihre Spezialität konnte die US-Amerikanerin allerdings noch nicht so oft zeigen, wie sie gerne würde. Knieprobleme hindern sie daran. Während ihre Teamkolleginnen von Volley Düdingen eine nach der anderen ausfielen, stand die Mittelangreiferin als einzige Power Cat in jedem Match und in jedem Satz auf dem Feld. Die 25-Jährige schaffte es zwar, ihre körperlichen Beschwerden immer wieder auszublenden, doch ihr volles Potenzial konnte sie bislang nicht abrufen. «Jede Volleyballerin hat im Verlauf einer Saison mit irgendwelchen Bobos zu kämpfen», sagt Mohler pragmatisch. «Meine sind zum Glück nur marginal, aber ich wäre gerne wieder beschwerdefrei, damit ich zeigen könnte, was ich sonst noch alles draufhabe.»
Alles gleichzeitig und möglichst oft
Aufgewachsen ist Mohler in Ocean Springs im amerikanischen Bundesstaat Mississippi. Der Ort mit rund 18’000 Einwohnern gilt als Künstlerstadt, er beherbergt zahlreiche Künstlergalerien und Geschäfte. «Mit Kunst habe ich allerdings nicht viel am Hut, ich habe schon immer lieber die schönen Strände genossen», erzählt Mohler und lacht. Im Jahr 2005 war Ocean Springs ins internationale Rampenlicht geraten, als Hurrikan Katrina über die Golfküste von Mississippi gefegt war und in der Stadt erhebliche Schäden angerichtet hatte. «Unser Haus und das meiner Grosseltern wurden komplett zerstört. Wir zogen nach Florida und wohnten dort in einem Strandhaus von Bekannten, bis wir wieder heimkehren konnten.»
Zurück in Ocean Springs, war Mohler an der High School sportlich sehr aktiv: Golf, Basketball, Hochsprung, Dreisprung und Fussball – am liebsten alles gleichzeitig und möglichst oft. «Jede Sportart fördert andere Fähigkeiten, und ich sagte mir, je mehr verschiedene Skills ich beherrsche, desto kompletter werde ich als Athletin.» Als ihre Kollegin keine Lust mehr auf Basketball hatte und etwas anders ausprobieren wollte, liess sich die 14-jährige Mohler zu einem Schnuppertraining im Volleyball überreden. Es war der Beginn einer neuen und bis heute andauernden grossen Leidenschaft. «Ich war schon als Kind ein Riese und habe im Volleyball schnell Fortschritte gemacht», sagt die 189 cm grosse Amerikanerin. Bald schon hatte sie mit 580 Punkten und 100 Blocks neue Schulrekorde aufgestellt.
Nach der Operation die Krise
Nach der High School zog es Mohler 2015 an die Purdue University im Bundesstaat Indiana, wo sie ein Sportstipendium erhielt. 2200 Kilometer von zu Hause entfernt studierte sie Business Management. Die Purdue University gehört nicht nur zu den angesehensten Universitäten der USA, sie ist sportlich auch Teil der Big Ten Conference, eine der ältesten und renommiertesten Ligen des Universitätssports im Mittleren Westen der USA. «Mir war es wichtig, an eine Universität zu gehen, an der Ausbildung und Sport qualitativ hochstehend sind», erzählt Mohler. «Mein Vater ist Unternehmer und hat seine eigene Firma. Geplant ist, dass ich einst in seine Fussstapfen trete.»
Bis zum Ende ihres Studiums im Jahr 2020 spielte Mohler für die Boilermakers, das Universitätsteam von Purdue. Während dieser Zeit heimste die Mittelblockerin einige sportliche Auszeichnungen ein und schaffte perfekte Voraussetzungen für die Profikarriere im Ausland. Doch Mohler überkamen Zweifel. «Wegen einer Hüftoperation, der ich mich im Januar 2020 unterziehen musste, und dem Beginn der Corona-Pandemie verbrachte ich viel Zeit zu Hause. Während meine Uni-Zeit hatte ich meine Familie höchstens sieben Wochen pro Jahr gesehen, nun merkte ich, wie sehr ich sie vermisste», erzählt die 25-Jährige. «Ein Teil von mir wollte nicht zurück ins Volleyball, sondern zu Hause bleiben.»
Starke Familienbande
Die Familie nimmt bei Blake Mohler und ihren zwei Geschwistern einen sehr grossen Stellenwert ein. «Als ich in Purdue war, haben meine Eltern und meine Grosseltern beinahe jeden meiner Matchs besucht. Sie sind immer extra aus Ocean Springs hergekommen.» 2200 Kilometer hin, 2200 Kilometer zurück – wenn sich familiäre Verbundenheit in Zahlen messen liesse, dann stünden Mohlers weit oben auf der Skala.
Blakes Vater war es denn auch, der sie überzeugen konnte, ihren Traum von der Profikarriere im Ausland nicht aufzugeben. «Drei Stunden haben wir zusammen diskutiert. Er meinte, dass es dumm wäre, wenn ich meine Fähigkeiten nicht nutzen würde.» Nur eine Woche später hatte Blake Mohler ihren ersten Profivertrag unterschrieben. Und das erst noch beim VfB Suhl, einem der Top-5-Vereine der spielerisch starken Bundesliga.
Die Premiere in Deutschland verlief allerdings nicht nach Wunsch. «Ich begann die Saison mit einer Verletzung und hörte mit einer anderen auf», erzählt die Amerikanerin. Sie habe viel gelernt in Suhl, «aber ich brauchte nach dem Jahr einen mentalen Reset.» Der Zufall wollte es, dass Mohler in Suhl zusammen mit einer ehemaligen Power Cat spielte: Danielle Harbin. «Das war unglaublich: Ich fand mich in Suhl in einer WG mit einem Mädel wieder, das nur 30 Minuten von Ocean Springs aufgewachsen war, aber wir kannten uns nicht.» Danielle habe ihr nur Gutes über Düdingen erzählt. Das eine ergab das andere, und nun trägt Blake Mohler die Trikotnummer 7 von Volley Düdingen
Gut harmonierendes Mitte-Duo
Ohne Beschwerden ist Mohler auch in dieser Saison nicht, ihre Knieprobleme sind die Folge einer Schonhaltung nach der Hüftoperation. Dennoch konnte die Amerikanerin einen grossen Teil dazu beitragen, dass Düdingen den Sprung in die Top 4 geschafft hat. Blake Mohler und Cara Cunningham ergänzen sich bei den Power Cats auf der Mitteposition bestens. Mohler übernimmt eher den offensiven Part, während ihre Landsfrau ihre Qualitäten mehr in der Defensive hat. Dass Mohlers Lieblingsangriffsschlag der Einbeiner ist, kommt nicht von ungefähr. «Der Bewegungsablauf ist ähnlich wie bei einem Korbleger im Basketball», erklärt die langjährige Basketballerin mit einem Lachen.
«Blake ist eine sehr, sehr starke Angreiferin und hat eigentlich das Potenzial für noch viel mehr», sagt Trainer Dario Bettello. «Mit 189 cm ist sie aber nicht die Grösste, weshalb sie ganz fit sein muss, um dieses Manko mit einer sehr guten Athletik wettzumachen. Es ist aber nicht möglich, sich zu entwickeln, wenn man vorsichtig sein und sich schonen muss.» Auch diese Woche konnte Mohler nicht alle Trainings mit dem Team absolvieren.
Das Beste zum Schluss
Die Wahrscheinlichkeit, dass Mohler in den Playoffs schmerzfrei und auf ihrem Top-Level aufspielen kann, sind eher klein. Dennoch will die Kämpferin versuchen, ihre Stärken, so gut es geht, auch in der Playoff-Viertelfinalserie gegen Cheseaux in die Waagschale zu werfen. «Cheseaux ist ein gutes und grossgewachsenes Team. Wir müssen gut aufschlagen und den Gegner unter Druck setzen, so können wir uns das Leben erleichtern.» Zu Beginn der Saison sei vieles nicht wie erhofft verlaufen, man habe einige Spiele unnötig aus der Hand gegeben. «Zuletzt haben wir aber sehr gut zusammen gekämpft und sind ein sehr konstantes und starkes Team geworden. Wir haben unser bestes Level noch nicht erreicht, das sparen wir uns für den Final auf.»
Playoff-Viertelfinal: «Die Tagesform wird mitentscheidend sein»
Dass es im Playoff-Viertelfinal auf ein Duell zwischen Düdingen und Cheseaux hinauslaufen würde, hatte sich schon länger abgezeichnet. Die Frage war höchstens noch, wer Heimrecht geniessen würde. Dieses haben sich die Power Cats mit einem tollen Schlussspurt gesichert. 2022 sind sie nach wie vor ungeschlagen und haben mit kraftvollem und präzisem Spiel die Waadtländerinnen noch von Rang vier verdrängen können.
Die Reifeprüfung für die inzwischen warmgelaufenen Düdingerinnen steht aber noch bevor. Cheseaux will am Samstagabend zum Auftakt der Viertelfinalserie (17.30 Uhr, Leimacker) Revanche und wird auch am Mittwochabend im zweiten Duell der Best-of-3-Serie (20 Uhr) zu Hause nichts unversucht lassen, um die Power Cats zu bezwingen. Einmal wäre dies dem Team von Doris Stierli Haemmerli beinahe gelungen, doch Düdingen konnte nach einem Zweisatzrückstand die Partie mit 15:13 im Tiebreak noch herumreissen. «Das zweite Spiel gegen Cheseaux haben wir deutlicher gewonnen (3:0), aber da haben sie nicht gut gespielt», sagt Düdingens Trainer Dario Bettello. «Wir haben den Vorteil, dass wir auf der Aussenposition mehr wechseln können. Aber unsere beiden Teams sind sehr nahe beisammen, da wird die Tagesform mitentscheidend sein.»
Cheseaux hat dank gutem Scouting vor Saisonbeginn starkes ausländisches Personal verpflichten können und so den leistungsmässigen Aufwärtstrend der letzten Jahre bestätigen können. Zumindest die Statistik spricht aber für die Power Cats: Schon in den vergangenen drei Jahren standen sich Düdingen und Cheseaux im Viertelfinal gegenüber – jedes Mal setzten sich die Freiburgerinnen durch.