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Heute wird oft der Untergang der gedruckten Bücher und des klassischen Journalismus prophezeit. Grosse Verlagshäuser stecken in Schwierigkeiten, weil ein Grossteil ihres Publikums nicht mehr bereit ist, für Qualitätsjournalismus zu bezahlen. Buchhandlungen sind vom Aufkommen von E-Books bedroht. Tiefgreifende Änderungen stehen dem Geschäft mit dem geschriebenen Wort bevor. Der Niedergang von gedruckten Informationen wird vielleicht so einschneidend sein wie einst dessen Aufstieg.
1440 hat Johannes Gutenberg die erste europäische Buchpresse mit beweglichen Lettern erfunden. Diese Erfindung hat die Reformation gefördert und somit entscheidend zu einer der grössten gesellschaftlichen Änderung in den letzten Jahrhunderten beigetragen. Dieser Auszug aus dem Geschichtsunterricht ist wohl allen bekannt. Doch wie tiefgreifend die Veränderungen – welche weit über die kirchlichen Umwälzungen des 15. und 16. Jahrhunderts hinausreichten – tatsächlich waren, lernen viele nicht.
Denn das Aufkommen der Druckerpresse mit beweglichen Lettern hat Europa verändert. Nachhaltig und wie kaum eine andere Erfindung – von der Dampfmaschine mal abgesehen.
Um 1440 war die europäische Gesellschaft noch eine feudale. Adelige besassen Land, welches von Bauern gepachtet und bestellt wurde. Könige regierten absolut. Ein Grossteil der Bevölkerung konnte weder lesen noch schreiben, nur die gesellschaftliche Elite kam in den Genuss einer schulischen Ausbildung.
Dieser Umstand änderte sich erst mit dem Aufkommen der Reformation Anfang des 16. Jahrhunderts. Während die Katholiken eine Alphabetisierung der Gesellschaft als Bedrohung ihrer kirchlichen Hoheit ansahen, trieben Protestanten die Gründung von öffentlichen Schulen voran und ermutigten ihre Anhänger, zumindest lesen zu lernen. Sie betrachteten die Lektüre der Bibel als Kern der eigenen religiösen Pflicht. Obwohl Katholiken darauf bald mit der Gründung eigener Schulen reagierten, waren Protestanten ihren Kontrahenten punkto Alphabetisierung um 1600 noch immer voraus – genau wie Männer den Frauen voraus waren und die Mittelschicht der Unterschicht. Doch trotz regionalen, geschlechtsbezogenen, konfessionellen und sozialen Unterschieden lässt sich sagen, dass um 1600 eine Bildungsrevolution stattgefunden hatte. Berufsgruppen wie jene der Juristen, Kaufleute oder Goldschmiede waren um die Jahrhundertwende praktisch komplett alphabetisiert. Handwerksgesellen und Arbeitern etwa zu einem Drittel. Bald begannen die Leute, nicht mehr nur die Bibel und christliche Literatur zu lesen, sondern auch Romane wie «Til Eulenspiegel» sowie Almanache, die Wettervorhersagen, Prophezeiungen und Kurzgeschichten beinhalteten.
Diese Alphabetisierung hatte weitreichende Folgen. So trug sie beispielsweise nicht nur zur Reformation bei, sondern auch zur Gegenreformation und leistete einen erheblichen Beitrag zur Rekatholisierung verschiedener Länder, darunter Polen. Ausserdem eröffnete sich durch die billigeren Druckmöglichkeiten erstmals den Menschen die Möglichkeit, die Herrscherklasse zu kritisieren und mit der Kritik ein grosses Publikum zu erreichen und massenweise zu mobilisieren.
Auch der russische Kommunist Wladimir Lenin hat die Alphabetisierung seines Landes als entscheidend für das Gelingen seiner kommunistischen Revolution betrachtet. Er hat deswegen kleine «Leseschulen» in ganz Russland gefördert und die Alphabetisierungsrate so in kurzer Zeit erheblich erhöht. Es liegt deswegen der Gedanke nahe, dass die Erfindung der Guttenberg’schen Druckerpresse mit beweglichen Lettern nicht nur die Reformation ermöglicht hat, sondern auch sämtliche gesellschaftliche Umwälzungen danach.
Die Bedeutung des geschriebenen Wortes begann erst wieder zu schrumpfen, als sich Radio und Fernsehgeräte zunehmend verbreiteten. Mit der sich vergrössernden Auswahl an visuellen und auditiven Informationskanälen verkleinert sich die Notwendigkeit zu lesen stets weiter.
Trotzdem lesen in der Schweiz noch immer gut 80% der Bevölkerung mindestens ein Buch pro Jahr. Die Schweiz liegt damit im europäischen Vergleich relativ weit vorne.
Doch im Bereich der klassischen Printmedien sehen die Zahlen weniger rosig aus. Die Auflage der klassischen Zeitungen sinken seit 2010 markant. Immer weniger Leute abonnieren eine gedruckte Tageszeitung, immer weniger lesen eine solche. Gedruckte Zeitungen und klassischer Journalismus spielen im Alltag der Bevölkerung eine immer kleinere Rolle. Immer öfter sind Youtube-Videos oder Posts auf sozialen Medien der Auslöser für öffentliche Debatten und nicht länger Zeitungsberichte.
Dies kann als Bedrohung für die öffentliche Debattenkultur betrachtet werden, da der Wahrheitsgehalt von Beiträgen auf sozialen Medien oft nicht oder nur schlecht überprüft werden kann. Diese Veränderung der Medienlandschaft und der Debattenkultur kann aber auch als zweite Demokratisierungswelle gesehen werden – jener ähnlich, die auf die Bildungsrevolution des 16. Jahrhunderts folgte.
Ungeachtet der Betrachtungsweise steht aber fest, dass sich unsere Medienlandschaft in den nächsten Jahrzehnten entscheidend verändern wird. Und mit ihr unsere Debattenkultur und unser Demokratieverständnis.
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