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Die Wirtschaftskrise und der steigende Goldpreis haben auch die linke rumänische Regierung überzeugt: Sie befürwortet neuerdings das grösste Goldabbauprojekt Europas in der siebenbürgischen Gemeinde Rosia Montana. Einige DorfbewohnerInnen organisieren den Widerstand.
Eugen David zieht seine blauen Gummistiefel aus, stellt die Schaufel hinter die Tür und schüttelt die eisigen Flocken von seinem runden Filzhut. Auf dem langen Küchentisch steht ein Brocken eines weissen, leicht pikanten Käses, der in vielen rumänischen Haushalten gerne zum Frühstück oder Abendessen verspeist wird. «Im Sommer immer mit frischen Tomaten, im Winter mit rohen Zwiebeln», empfiehlt der gross gewachsene Mann und lächelt, während er den Grossstädtern das Unverzichtbare der siebenbürgischen Bauernküche erklärt. Durch die Küchenfenster blickt David über die Dächer der kleinen Häuser auf die schneebedeckten Berge.
Seine Frau Maria schneidet grosszügige Scheiben von einem knusprigen Weissbrot. «Sie ist die Einzige auf der Welt, die mich von hier vertreiben kann. Dieser Hügel gehört ja ihr», witzelt der Landwirt, den mittlerweile viele in Rumänien kennen. Maria David ist der Grund, warum Eugen 1996 von seinem Geburtsort Bucium ins Nachbardorf Rosia Montana zog. Kurz danach fing bereits die Geschichte an, die das Ehepaar zu einem ausserordentlichen politischen Engagement bewegte.
Vor fünfzehn Jahren kündigte der kanadische Bergbaukonzern Gabriel Resources an, an eine alte lokale Wirtschaftstradition anzuknüpfen und hier, mitten im Apuseni-Gebirge, wieder Gold abzubauen. Der Plan spaltet seitdem wie nur wenige andere die rumänische Öffentlichkeit. Das Projekt wäre der grösste Goldabbau in Europa. Nach Abschluss der Explorationsphase versuchte das Unternehmen, Grundstücke in Rosia Montana zu erwerben, um mit dem Abbau beginnen zu können. Insgesamt sollen in der Gemeinde, in der 3500 Menschen leben, rund 800 Häuser mit den dazugehörigen landwirtschaftlichen Einrichtungen abgerissen werden. Dies auf einem Gebiet von zwölf Quadratkilometern, das sich auf «vier Bergen» erstreckt, wie die DorfbewohnerInnen sagen.
Sperrige Minderheit
Fast achtzig Prozent der Betroffenen gaben dem Druck des Konzerns nach, schliesslich zahlten dessen Vertreterinnen und Mittelsmänner als Schadenersatz Summen, die weit über den üblichen Marktpreisen der Häuser liegen. Zusätzlich wurden in vielen Fällen auch die Umzugskosten übernommen. Doch einige wenige BewohnerInnen weigerten sich, «ihre Hügel» zu verlassen – darunter auch die Familie David. Langsam bildete sich im Dorf eine sperrige Minderheit, die sich politisch organisierte und durch ihren Protest im ganzen Land berühmt wurde.
Maria und Eugen David gehören mit ihrem Grundstück von rund zehn Hektaren, «dazu noch ein bisschen Wald», zu einer Art Mittelschicht von Rosia Montana. Sie verkaufen Milch und Käse, manchmal auch ins europäische Ausland, und können davon leben. Pro Hektare bekommen sie im Moment umgerechnet knapp 300 Franken im Jahr an EU-Subventionen. Bald wird es mehr geben, weil die Reform der gemeinsamen Landwirtschaftspolitik osteuropäische BäuerInnen mit ihren westeuropäischen KollegInnen gleichstellt. «Darum kümmert sich Dacian, das hat er mir mehrmals versprochen», gibt sich Eugen David beruhigt. Damit meint er den EU-Landwirtschaftskommissar Dacian Ciolos, der ein Rumäne ist und eine grünere und gerechtere europäische Agrarpolitik anstrebt.
David und seine Frau sprechen keine Fremdsprachen, ihr Rumänisch hat den schaukelnden, langsamen Klang aus dem tiefen Siebenbürgen, über den sich die weltoffenen und schnell redenden BukaresterInnen gerne lustig machen. «Jetzt nennen sie uns landwirtschaftliche Unternehmer, aber wir bleiben letztlich Bauern wie unsere Eltern und Grosseltern. Und wir bleiben hier, das habe ich auch dem Präsidenten gesagt», erzählt der 48-Jährige amüsiert. In der Tat hatten Davids Aussagen beim Staatspräsidenten Traian Basescu einen Wutausbruch ausgelöst: Als der wirtschaftsliberale Politiker, ein bekannter Anhänger des Bergbauprojekts, das Dorf besuchte, riet ihm David, die Vertreibung der widerspenstigen Bauern am besten als Oberbefehlshaber der Armee anzuordnen. Daraufhin beschimpfte ihn Basescu vor laufenden Kameras als «Bolschewik».
Gewichtige Staatseinnahmen
Genau wie der Präsident sind die meisten PolitikerInnen in Bukarest fest davon überzeugt, dass das Vorhaben von Gabriel Resources sowohl für den betroffenen Landkreis Alba als auch und vor allem für die rumänische Wirtschaft vorteilhaft ist. Gemäss Schätzungen des Unternehmens könnten innerhalb von siebzehn Jahren rund 300 Tonnen Gold und 1600 Tonnen Silber abgebaut werden. Spätestens seit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise, die in Rumänien weiterhin andauert, gilt Rohstoffabbau unter den Führungseliten des Landes als eine attraktive Einnahmequelle. In einer Studie des Beratungsunternehmens Oxford Policy Management aus dem Jahr 2009 wird die Gesamtauswirkung des Projekts in diesen siebzehn Jahren auf das rumänische Bruttoinlandsprodukt auf knapp 15 Milliarden Euro (18 Milliarden Franken) geschätzt – jährlich und im Durchschnitt fast 0,5 Prozent der wirtschaftlichen Leistung des Landes.
Die direkten Staatseinnahmen bezifferten die britischen ExpertInnen auf 1,35 Milliarden Euro (1,65 Milliarden Franken), die vor allem auf die Beteiligung der öffentlichen Hand am Projekt zurückzuführen sind: Das Wirtschaftsministerium in Bukarest besitzt knapp 20 Prozent der Aktien der Rosia Montana Gold Corporation (RMGC), des rumänischen Tochterunternehmens von Gabriel Resources, das die Bergbautätigkeiten vor Ort betreiben soll. «Die zu erwartenden Gesamteinnahmen lägen beim heutigen Goldpreis bei ungefähr 19 Milliarden Euro (23 Milliarden Franken)», schätzt Catalin Hossu, Pressesprecher der Firma, gegenüber der WOZ: «Das wäre so viel wie der Notkredit, den Rumänien zuletzt beim Internationalen Währungsfonds aufnahm.» Darüber hinaus verspricht der Konzern 800 langfristige Arbeitsplätze und 1500 weitere während der baulich intensiven Anfangsphase.
Solche Zahlen genügten, um die hiesigen Politiker fürs Projekt zu motivieren, und zwar egal wie hoch die Kosten seien, kommentiert Costi Rogozanu. Der linke Bukarester Publizist und Blogger ist ein Gegner der Privatisierungen von Bodenschätzen und Industrieanlagen, die in den letzten fünfzehn Jahren rumänische Regierungen aller Couleur vorgenommen haben: «Die wirtschaftsliberale Story des politischen Mainstreams ist ziemlich einfach gestrickt: Die Entwicklung und Modernisierung des Landes sind in dieser Optik nur möglich, wenn sich der Staat komplett heraushält und den Konzernen aus Westeuropa und Nordamerika alles erlaubt. Wer Kritik äussert, weil etwa die Förderabgaben mit 4 Prozent des Umsatzes im internationalen Vergleich lächerlich gering sind, gilt gleich als rückständig – oder eben als Kommunist, der sich an die neue Marktwirtschaft nicht angepasst hat», sagt Rogozanu. In der Tat wird in den letzten Jahren immer heftiger darüber debattiert, ob die Bukarester Regierungen grossen ausländischen Unternehmen nicht viel zu oft unübliche Vorteile und Begünstigungen gewährt hätten, um sie nach Rumänien zu locken.
Abbau mit Zyanid
Doch im Vergleich zu den grossen Nachteilen für die Umwelt und die traditionelle Lebensweise, die die Goldgräber von Rosia Montana in Kauf nehmen, erweist sich die Frage nach der angemessenen Höhe der Steuern und Abgaben als das kleinere Problem. Sorin Jurca ist hier geboren, für ihn persönlich erzählt jede Strassenecke eine Geschichte, genau wie jedes der Arbeiterhäuser aus weissem Stein und Holz, die im Lauf des 18. und 19. Jahrhunderts im Dorfkern gebaut wurden. «Dieser Ort hatte immer zwei Standbeine: die Milchviehzucht und den Bergbau. Das eine wie das andere Element hat die Kultur und die Landschaft geprägt. Und es kann jetzt nicht sein, dass der Bergbau alles zerstört», erklärt der ausgebildete Bergbautechniker, der mittlerweile zu den wichtigsten KämpferInnen für den Erhalt der traditionellen Dorfstruktur zählt.
Jurca hat bis in die achtziger Jahre für das alte Bergwerk in Rosia Montana gearbeitet. Damals gehörte alles einem staatlichen Unternehmen. Das machte allerdings seit langem Verluste, blutete ähnlich wie viele industrielle Einrichtungen nach dem Kollaps des Staatssozialismus langsam aus und musste kurz vor dem EU-Beitritt des Lands endgültig schliessen, weil die Subventionspolitik der Regierung durch die Regeln der Wirtschaftsunion eingeschränkt wurde. «Der Goldabbau war bereits vor der Wende mit der uns damals zur Verfügung stehenden Technologie dermassen ineffizient, dass wir uns laut fragten, was der wirtschaftliche Sinn dieser Tätigkeit überhaupt ist», erinnert sich der heutige Aktivist. «Viele Kollegen erschienen nur noch sporadisch am Arbeitsplatz und widmeten sich der lukrativeren Landwirtschaft.»
Um das Gold unter den siebenbürgischen Bergen effizient zu fördern, plant Gabriel Resources den Einsatz einer umstrittenen Technologie, die auf Zyanid basiert und bereits in Entwicklungsländern verwendet wird. Umweltschutzorganisationen in Bukarest kritisieren vor allem den Plan, die hochgiftige Chemikalie in aussergewöhnlichem Umfang einzusetzen. Die vier Berge rund um Rosia sollen komplett weggesprengt, die Trümmer in den Betrieb gefahren, zerkleinert und gemahlen, sodann in die riesige Zyanidsuppe von 400 Hektaren geworfen werden, wo sich das Gold und das Silber heraustrennen. Das tote Gesteinspulver mit dem verbrauchten Zyanid will das Unternehmen ins Nachbartal pumpen. Das Risiko einer fatalen Kontamination des Grundwassers und der Flüsse im gesamten Becken der Westkarpaten und damit einer Umweltkatastrophe europäischen Ausmasses sei nicht glaubhaft auszuschliessen, so die Einschätzung von Greenpeace Rumänien.
Es gab auch schon einen ähnlichen Präzedenzfall: In der Nähe der nordwestlichen Stadt Baia Mare brach 2000 ein Damm; die 100 Tonnen Zyanid, die ein australisches Unternehmen zur Goldförderung einsetzte, gelangten schnell in die Theiss und später in die Donau. Ergebnis: Fische im Gesamtgewicht von 1500 Tonnen starben, und das Wasser in Rumänien, Ungarn und Serbien war mehrere Wochen lang stark verschmutzt. Trotzdem lässt ein europaweites Zyanidverbot noch auf sich warten, die Zuständigen bei der EU-Kommission finden die Argumente dafür nicht überzeugend.
Touristisches Potenzial
Dass solche Umweltrisiken für die Region der Apuseni-Gebirge besser nicht in Kauf genommen werden sollten, ist vielleicht der wichtigste Grund, warum das Thema nicht nur vor Ort, sondern auch in Bukarest für heftige Debatten sorgt. Die Gegend gilt, neben dem Donaudelta, als eine der natürlichsten Ecken des Landes, die sich noch intakter Wälder, Braunbären und einer Vielzahl an Vogelarten rühmen kann. Im Winter können die BesucherInnen Ski fahren, im Sommer sind Wandern und Agrotourismus sehr beliebt. Doch weil die Dörfer nur schwer zugänglich sind und über wenig moderne Infrastruktur verfügen, bleibt der Massentourismus der Gegend zumindest mittelfristig erspart.
Sorin Jurca wünscht sich für sein Heimatdorf einen sanfteren, umweltbewussten Kulturtourismus, der für ein bestimmtes Publikum attraktiv sein könnte und mit den Mitteln aus den EU-Strukturfonds für ländliche Entwicklung denkbar ist. Seine Kulturstiftung Rosia Montana will die ersten Schritte in diese Richtung unternehmen und so «eine Alternative zum Bergbau» anbieten. So sollen etwa die historischen Häuser im Dorfkern zum Weltkulturerbe der Unesco erklärt werden. Das jährliche alternative Musikfestival Fanfest, das die BergbaugegnerInnen organisieren, soll erweitert werden. «Doch als Erstes muss das Projekt von Gabriel Resources verhindert werden», sagt Jurca.
Die Sonne verschwindet hinter Marias Hügel, Eugen David hat die Kühe gemolken. Um den Küchentisch sammeln sich, neben der Familie David, auch Jurca und Pfarrer Arpad Palfi zur Lagebesprechung. Der protestantische Geistliche gehört zur ungarischen Minderheit in Siebenbürgen, die heute noch eine wesentliche Rolle in der rumänischen Gesellschaft und Politik spielt. Eugen David holt eine Flasche Pflaumenschnaps aus dem Schrank und giesst in kleine traditionelle Keramiktassen. «Nur einen Schluck mit dem guten Käse», sagt er und lacht.
Pfarrer Palfi hat blaue Augen und trägt einen gepflegten grauen Bart. Er gilt als einer der radikalsten Gegner des Bergbauprojekts, obwohl seine lutherisch-calvinistische Kirche einen hohen Preis dafür zahlt. Gabriel Resources finanzierte nämlich die Renovierung ausgewählter Denkmäler, die nicht auf dem betroffenen Gebiet stehen. So wurde etwa die orthodoxe Kirche, in die die mehrheitlich rumänischen DorfbewohnerInnen gehen, gründlich saniert. Der orthodoxe Priester Vasile Oprisa hatte zuvor seine Grundstücke an das Unternehmen verkauft, jetzt lehnt er jedes Gespräch darüber ab. Weil Palfi Nein gesagt hatte, muss er jetzt mühsam das Geld für die fällige Renovierung seiner Einheitskirche aus Spenden zusammenkratzen.
Umkehr der SozialdemokratInnen
Ethnische UngarInnen wie Palfi wählen in der Regel ihre eigene Partei, die UDMR, die bei allen Parlamentswahlen seit der Wende um die sieben Prozent bekommt, genau so viel, wie der Anteil dieser Minderheit an der Gesamtbevölkerung ausmacht. Im sehr wahrscheinlichen Fall, dass bei der Regierungsbildung die Sitze einer der Grossparteien für eine stabile Parlamentsmehrheit nicht reichen, springt die UDMR gerne ein. Im Gegenzug bekommen die UngarInnen zwei oder drei Ministerposten. So war es auch in den Basescu-nahen wirtschaftsliberalen Regierungen, die Rumänien bis vor einem Jahr führten. Der prominente Abgeordnete Laszlo Borbely hatte das Umweltressort inne und damit den Schlüssel zum umstrittenen Bergbauprojekt: Die Umweltgenehmigung ist die letzte offizielle Erlaubnis, die dem Konzern noch fehlt.
Zum Entsetzen der Bukarester Koalitionspartner, die einen schnellen Start bevorzugt hätten, taktierte der Minister jahrelang: Zu umstritten war das Vorhaben unter seiner siebenbürgischen Wählerschaft, zu gross die Gefährdung für eine Lebenswelt, die genauso zum ungarischen wie zum rumänischen Kulturerbe gehört. Die Parlamentswahlen vom Dezember 2012 brachten einen Erdrutschsieg für das linksliberale Bündnis USL, das mit dem heutigen Ministerpräsidenten Victor Ponta allein regiert. Der Sozialdemokrat sprach sich wiederholt aus Umweltschutzgründen gegen das Projekt von Rosia Montana aus. Während seiner Zeit in der Opposition gewann er so die Sympathie und die Stimmen der wenigen, aber wichtigen umweltbewussten RumänInnen, die im studentischen, alternativen und intellektuellen Milieu vor allem in den Grossstädten vertreten sind.
«Am Anfang hatten wir uns über das Wahlergebnis gefreut, auch wenn die UDMR jetzt nicht mehr in der Regierung vertreten ist», erzählt Pfarrer Palfi. «Doch kurz darauf wurde klar, dass Victor Pontas Sorgen um die Umwelt nur Wahlkampfrhetorik gewesen waren.» In der Tat signalisierte der Ministerpräsident vor kurzem eine mögliche Kehrtwende in Sachen Rosia Montana. Das hat vor allem mit der ausweglosen Situation zu tun, in der sich die Wirtschaft des Landes derzeit befindet. Zum einen gewann das linke Lager die Wahl mit dem Versprechen, den drastischen Sparkurs ihrer VorgängerInnen, der zu einem Abbau des Sozialstaats führte, rückgängig zu machen. Zum anderen muss aber auf Druck der EU und des Internationalen Währungsfonds eine rigorose Fiskaldisziplin eingehalten werden.
Zufriedene Gewerkschaft
Innerhalb des linksliberalen Bündnisses USL gehen die Meinungen weit auseinander, wenn es um Rosia Montana geht. Falls in Zukunft eine etwas höhere Beteiligung des Staats und der Beschäftigten an den Einnahmen ausgehandelt werden könnte, tendieren die zuständigen Ressorts dazu, dem Projekt grünes Licht zu geben. Ähnlich sieht es Cristian Alexandru Albu, Vorsitzender der Gewerkschaft Zukunft des Bergbaus, die rund 300 der insgesamt 500 Angestellten der Rosia Montana Gold Corporation vertritt. «Ich bin mit unserem Verhältnis zum Arbeitgeber sehr zufrieden, die Arbeitsatmosphäre ist westeuropäisch. Das ist auch der Hauptgrund, warum ich für dieses Projekt bin: Es werden viele Arbeitsplätze geschaffen in einem modernen Unternehmen, das wie im Westen funktioniert», sagt der Mann. Mit umgerechnet 500 Franken im Monat verdienen die ausgebildeten ArbeiterInnen bei RMGC überdurchschnittlich im Vergleich zu ihren KollegInnen bei anderen Unternehmen im Landkreis Alba.
Unweit von den schlichten Räumen der Gewerkschaft steht das Bergbaumuseum, ein Ort, der gleichzeitig die lange Geschichte des Dorfs veranschaulicht. Der Hausherr, Bauingenieur Dorin Rus, kann stundenlang leidenschaftlich über die Entwicklung der Technologie im Laufe der Jahrhunderte erzählen. Er ist, neben dem Direktor und dem Pförtner, der einzige übrig gebliebene Angestellte der alten staatlichen Mine, die geschlossen wurde. «Ich komme aus einer Bergarbeiterfamilie und wünsche mir, dass die Tradition, die wir hier haben, fortgeführt wird», sagt Rus, der heute hauptsächlich als Touristenführer arbeitet. «Schon die Römer haben hier vor 2000 Jahren Gold abgebaut, später die Österreicher.»
In den kilometerlangen Stollen der alten Mine, von denen aus Sicherheitsgründen nur ein Bruchteil besichtigt werden kann, mischt sich die Feuchtigkeit mit dem säuerlichen Geruch von Metalloxid. An den groben Wänden zeigt der Ingenieur auf die Gold- und Silberadern im Gestein. «Nach zwei Jahrtausenden Förderung ist es einfach zu wenig geworden, um mit traditionellen Methoden ranzukommen. Ausserdem wird heute überall mit chemischen Prozeduren gearbeitet. Man braucht keine Angst zu haben», versichert Rus. Ob er auch zu denjenigen zählt, die ihre Grundstücke an Gabriel Resources verkauft haben? «Sicher, das war ein lukratives Geschäft.» Doch der Mann in blauen Arbeitskleidern glaubt wirklich an das «fortschrittliche» Projekt: Er setzt darauf, dass er bald wieder seinen eigentlichen Beruf ausüben kann – hier in Rosia Montana, bei RMGC.
«Es stimmt zwar, dass eine vernünftige Industriepolitik anders als die heutige aussehen muss», kommentiert Publizist Costi Rogozanu: «Es kann nicht sein, dass wir sämtliche vorhandenen Anlagen als Altmetall zum Recyclinghof fahren und zurückkehren zu einer Agrargesellschaft. Aber wenn wir alles privatisieren und den Unternehmen überhaupt keine Umweltschutz- und sozialen Auflagen machen, haben wir auch nichts erreicht. Dann müssen wir uns nicht wundern, wenn wir als Europäer zweiter Klasse behandelt werden.»
Vor allem in Bukarest bildet sich langsam eine kleine Bewegung, die eine Kehrtwende in der offiziellen Wirtschaftspolitik fordert. Bei den Demonstrationen, die vor einem Jahr auf dem Universitätsplatz stattgefunden haben, protestierten die TeilnehmerInnen nicht nur gegen die beispiellosen Sparmassnahmen, sondern auch gegen die zahlreichen Privatisierungen, die mit dem Internationalen Währungsfonds vereinbart wurden. Das Thema «Rosia Montana» stand ebenfalls oben auf der Agenda. Letzten Herbst, kurz vor der Parlamentswahl, demonstrierten Hunderte AnhängerInnen der Initiative Salvati Rosia Montana gegen das Projekt und für die Rettung des Dorfs. Beim lokalen Volksentscheid, den der Landkreisrat gleichzeitig mit den Wahlen im Dezember organisierte, sprachen sich trotzdem über sechzig Prozent der Wahlbeteiligten für das Bergbauprojekt aus. Weil aber weniger als die Hälfte der Wahlberechtigten an die Urnen ging, wurde das Referendum für ungültig erklärt.
«Das politische Engagement vieler Landwirte zeigt, dass die Vorurteile, die die liberale, moderne Mittelschicht aus Bukarest gegen den Bauern hat, revidiert werden müssen. In einem osteuropäischen Land wie unserem, das weder eine Umweltbewegung noch die westliche Protesttradition der sechziger und siebziger Jahre kennt, haben wir jedoch noch einen langen Weg vor uns», sagt Rogozanu. «Aber es ist kein schlechter Anfang.»
Rumäniens schwacher Staat
Wenn das Land ausgehöhlt wird
Der Fall Rosia Montana ist zwar der grösste, aber bei weitem nicht der einzige seiner Art in Rumänien. Kontroverse Rohstoffabbauprojekte, die von Umweltschutzorganisationen oder lokalen Initiativen kritisiert werden, werden seit der Wende von den EntscheidungsträgerInnen immer wieder forciert. Nur wenige Kilometer von Rosia Montana entfernt liegt Rosia Poieni, ein Dorf, in dem heute nur noch neun Familien leben. Das staatliche Unternehmen Cuprumin betreibt hier seit den siebziger Jahren die zweitgrösste Kupfermine Europas. Die surreale Mondlandschaft mit den roten Kratern vermittelt einen Eindruck davon, wie Rosia Montana aussehen könnte, falls das dortige Goldförderprojekt umgesetzt wird. In den neunziger Jahren geriet Cuprumin ähnlich wie viele andere Staatsunternehmen in finanzielle Schwierigkeiten. Die Zerstörung und Verschmutzung der Umwelt wurden zwar in der Öffentlichkeit thematisiert, für die nötigen Investitionen in eine umweltschonende Technologie fehlte jedoch das Geld. Die Privatisierung der schwer verschuldeten und maroden Firma scheiterte letztes Jahr, ihr Schicksal bleibt ungewiss.
Ähnlich problematisch sind die neuen Projekte zur Förderung von Erdgasvorräten durch hydraulische Frakturierung, das sogenannte Fracking. In der nordöstlichen Stadt Barlad protestierten letztes Jahr die AnwohnerInnen gegen ein Vorhaben des US-amerikanischen Energiekonzerns Chevron, das die Hügellandschaft der Gegend zerstören würde. Auch hier signalisierte Ministerpräsident Victor Ponta, dass er das Projekt entgegen früheren Versprechen gutheissen könnte. Anfang April fanden landesweite Demonstrationen gegen den Einsatz von Fracking statt. Hintergrund vieler kontroverser Projekte ist die Schwäche des rumänischen Staats, der, ähnlich wie in anderen Ländern der Region, seit den neunziger Jahren nicht mehr in der Lage ist, den Grossunternehmen soziale und ökologische Auflagen zu machen. Viel mehr als in Westeuropa befinden sich die Regierungen hier in einer schlechten Verhandlungsposition, weil die kleinen, offenen osteuropäischen Volkswirtschaften neoliberalen Prinzipien unterworfen werden und die staatlichen Ressourcen entsprechend knapp sind.
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