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Jahrelang wurde gebaut und entwickelt. Jetzt erstrahlt das King’s Cross Quartier in neuem Glanz – und schlägt ein weiteres Kapital auf in der mythischen Geschichte des Bahnhofs- und ehemaligen Industrieareals. Das nördlich an die beiden spektakulären Bahnhöfe King’s Cross (1852) und St. Pancras (1868) angrenzende Gelände mit dem ehemaligen Gaswerk, den Getreidespeichern und dem Kohleumschlagplatz war lange das pumpende Herz des viktorianischen England. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es mit dem Quartier jedoch bergab, es kamen die Drogenhändler und die Prostituierten, und das einst so geschäftige Areal verkam zur Elends- und später zur Undergroundpartymeile, sogar die Pet Shop Boys besangen den traurigen Ort.
Die ambitionierte Revitalisierung dauerte rund zehn Jahre, und es wurde alles aufgeboten, was Rang und Namen hat: Thomas Heatherwick überdachte die ehemaligen Güterhallen des Kohlenumschlageplatzes «The Coal Drops» mit zwei geschwungenen Dächern (soeben eröffnet), in das ehemalige Getreidelager zog die Central Saint Martins School of Art ein, mit Tom Dixon und Paul Smith bezogen Englands Design-Gewissen hier Quartier genauso wie Google, Facebook und Deep Mind. David Chipperfield hatte schon zuvor ein stilistisch kühles Geschäftshaus gebaut, und andere preisgekrönte Architekten restaurierten und bauten Geschäfts- und Wohnhäusern, sogar in den ehemaligen Gaskesseln. Sogar einen neuen Postcode erhielt das Quartier: N1C.
Während der Bauarbeiten spielte Kunst eine zentrale Rolle. Die städtischen Behörden knüpften an die Baubewilligung die Auflage, bis zur Fertigstellung insgesamt 1.75 Millionen Pfund für Kunst im öffentlichen Raum auszugeben, aus Marketingbudgets floss noch mehr Geld. Für verschiedene Bauphasen und Perimeter wurden vom Immobilienentwickler Argent Kunstprojekte in Auftrag gegeben, um Leute ins neue Quartier zu locken und dem Ort ein Gepräge zu geben. Die begehbare Neoninstallation von Jacques Rival, die 50 Meter lange zwischen Op Art und Minimal Art oszillierende Installation aus 30'000 Reflektoren von Rana Begum oder Tobias Rehbergs Leuchteninstallation in einem der Gasholder Apartmenthäusern gehören dazu, ephemere und permanente Kunst mischen sich. Das Programm soll nächstes Jahr fortgesetzt werden und Kunst nach dem Willen der Entwickler künftig identitätsstiftender Faktor sein. Mit Tamsin Dillon und Rebecca Heald leiteten zwei namhafte Kuratorinnen das Kunstprogramm von King’s Cross.
Welche Rolle kann, soll Kunst in einem so grossen Bauvorhaben wie King’s Cross einnehmen?
Tamsin Dillon: Kunst und Künstler bilden einen wichtigen Teil jeder Form von Gemeinschaft. Darum spielen sie auch in der Neuentwicklung dieses neuen Stadtgebiets eine wichtige Rolle und leisten ihren Beitrag an die Umgebung.
Sehen Sie auch Risiken, wenn Kunst zur Regeneration eines Quartiers eingesetzt wird?
TD: Natürlich gibt es immer das Risiko, dass Kunst für Gentrifizierung instrumentalisiert wird. Auf jeden Fall ist es wichtig, dass Künstler beauftragt werden, die an vorderster Front künstlerischer Praxis arbeiten und diese von Anbeginn einbezogen werden. Nur so kann gewährleistet werden, dass die künstlerische Perspektive gewahrt wird.
Rebecca Heald: Zentral ist, dass alle Leute, alle Parteien, die die Gebäude bewohnen und in ihnen arbeiten werden, während und nach dem Bauprozess einbezogen werden. Nur so kann ein Gefühl von Gemeinsamkeit entstehen.
Was sehen Sie als grösste Schwierigkeit bei einem Projekt dieser Grösse?
RH: Das Schwierigste ist wohl, dass es keine Möglichkeit gibt, sich zu verstecken. Man muss während des ganzen Prozesses mit allen beteiligten Parteien zu kommunizieren.
TD: Meist sind die Probleme sozialer Natur. Wie bezieht man das lokale Publikum ein, wie nähert man sich ihm überhaupt an? Dann gibt es Planungsrestriktionen, Sicherheitsvorschriften, Bauvorschriften verschiedener Behörden, angefangen von der Stadt bis zu den verschiedenen Transportbehörden. Künstler wollen ja gerne Risiken eingehen. Dafür müssen aber die verschiedenen Stakeholders sensibilisiert und gewonnen werden.
Tamsin Dillon war Kuratorin an der Tate Liverpool und der Whitechapel Gallery und leitete das Kunstprogramm der Londoner U-Bahn. Rebecca Heald war für die Bloomberg New Contemporaries, Hayward Gallery und die Tate Britain als Kuratorin tätig.