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Am 2. Februar 1891 trat im Jura eine geschlagene Armee in die Schweiz über und wurde hier für mehrere Wochen interniert. An das Drama der französischen Bourbaki-Armee erinnert heute in Burgdorf noch immer ein Waldweg.
Vom Siebenwegeplatz im Burgdorfer Pleerwald zweigen, wie der Name sagt, sieben Wege ab. Einer von ihnen, ein breiter, leicht bekiester Erdweg, erklimmt in nördlicher Richtung sanft ansteigend die buchenbestandene Anhöhe. Schon bald biegt er mit einem eleganten Rechtsschwenk nach Südosten ab, folgt von nun an der Höhenkurve und führt den Spaziergänger nach zwanzig Minuten Fussmarsch auf die Rothöhe.
Von der Terrasse des Gastbetriebs aus bietet sich ein grandioser Ausblick auf Burgdorf, Oberburg und das Emmental bis hin zu den schneebedeckten Berner Alpen.
Besagter Waldweg ist jetzt 150-jährig. Seine Erbauer, die im Februar und März des Jahres 1871 mit Schaufeln, Pickeln und Schubkarren am Werk waren, trugen zumeist rote Hosen, blaue Kittel, rotschwarze Käppis und Soldatenstiefel, ein paar von ihnen auch zivile Arbeitshosen und robuste Bauernjacken.
Sie sprachen nicht Deutsch und schon gar nicht Burgdorfer Mundart; es handelte sich um Angehörige der legendären französischen Ostarmee, die unter ihrem Kommandeur, dem General Charles Denis Bourbaki, im Deutsch-Französischen Krieg eingekesselt und abgedrängt wurde.
Die Schrecken des Krieges
Zwischen dem 1. und 3. Februar 1871 passierten 87'000 demoralisierte, erschöpfte, halb erfrorene und teils verwundete «Bourbakis» im neuenburgischen und waadtländischen Jura die Schweizer Grenze. Sie wurden sogleich entwaffnet und von der Zivilbevölkerung sowie dem Roten Kreuz umsorgt. Anschliessend verteilte man sie auf verschiedene Kantone, wo sie als Internierte knapp zwei Monate verweilten und sich von den Schrecken des Krieges erholten.
Der Grenzübertritt der glücklosen Armee ist im Luzerner Bourbaki-Panorama als beeindruckendes und beklemmendes Rundgemälde des Künstlers Edouard Castres festgehalten. Zum Team der Maler gehörte auch der junge Ferdinand Hodler; er hat sich auf dem Bild als Berner Soldat verewigt.
Burgdorf, das damals 4000 Einwohner zählte, beherbergte 1000 Bourbaki-Soldaten, dazu zwei Schweizer Kompanien zur Bewachung der fremden Gäste. Es war dies eine humanitäre Aufgabe, die sich heute, gemessen an der aktuellen Einwohnerzahl von Burgdorf, mit der Aufnahme und Betreuung von 4000 afrikanischen Flüchtlingen vergleichen liesse.
Lebhaftes Treiben
Das beschauliche Landstädtchen am Eingang zum Emmental glich in jenen Tagen einer kleinen Garnisonstadt. Auf den Strassen, in den Gassen und in den Wirtshäusern wimmelte es von französischen und eidgenössischen Uniformen; es roch ein wenig nach Krieg, aber auch nach der grossen weiten Welt.
Noch lebhafter ging es an den Sonntagen zu und her, wenn Neugierige aus den umliegenden Gemeinden nach Burgdorf kamen, um die Soldaten aus dem Nachbarland zu bestaunen.
Wie in einem vom Juristen Emil Ehrsam verfassten Beitrag im Burgdorfer Jahrbuch 1972 nachzulesen ist, hatten die Bourbakis die Möglichkeit, ihren knappen Sold mit freiwilliger Arbeit aufzubessern. Davon machten 159 Mann Gebrauch, indem sie sich bei Handwerkern nützlich machten oder anderswo im Taglohn arbeiteten.
Dass sich unter den Internierten auch Angehörige der Bautruppen befanden, kam den Burgdorfern besonders gelegen, denn das Waldstrassennetz befand sich in einem schlechten Zustand. Stracks ersuchte man eine Gruppe französischer Sappeure, im Pleerwald einen neuen Fahrweg anzulegen.
Wie viele Soldaten wie lange im Wald schaufelten, ist nicht bekannt. Aktenkundig ist aber der Name des Teamleiters: Die örtliche Forstverwaltung zahlte einem gewissen «J. Tralin, internierter französischer Sappeur du Génie», und seinen Männern einen Lohn von insgesamt knapp 200 Franken (Jahresrechnung 1871, Burgerarchiv). Ein mickriges Sackgeld, könnte man aus heutiger Sicht meinen – doch gemessen am damaligen Tagessold von 25 Rappen ein willkommener Zustupf.
Die Witterung in den Monaten Februar und März ist meist nicht gerade ideal für den Strassenbau. Allerdings scheint im Jahr 1871 ein früher und sonniger Frühling für gute Bedingungen gesorgt zu haben. Laut Presseberichten herrschte bereits am 8. Februar frühlingshaftes Tauwetter, und im Burgdorfer Jahrbuch ist nachzulesen, dass sich die französischen Elitekämpfer, die Zuaven aus Nordafrika, vor den Stadtmauern «sonnten wie Eidechsen».
Ab nach Hause
Die Soldaten konnten bereits in der zweiten Märzhälfte des Jahres 1871 nach Hause zurückkehren. In Frankreich herrschte wieder Frieden, und in Burgdorf kehrte wieder die gewohnte Ruhe ein.
Zehn Bourbakis sollten das Städtchen an der Emme jedoch nie mehr verlassen: Sie starben während der Internierung an Krankheit und Schwäche. Sie wurden in Burgdorf beerdigt; noch bis in die 1990er-Jahre erinnerte im Stadtpark beim Ententeich ein Gedenkstein aus Jurakalk an die fern ihrer Heimat Verstorbenen.
Irgendwann um die Jahrtausendwende kam der Stein im Zuge von Bauarbeiten weg und blieb danach jahrelang verschollen. Im Sommer 2022 kam er in einem Lager der Burgdorfer Baudirektion wieder zum Vorschein. Nun hat er im Friedhof einen würdigen Platz gefunden: Die Erinnerung an die verstorbenen Bourbakis bleibt lebendig.
© Hans Herrmann
Geschrieben im Frühjahr 2021, ergänzt im Spätherbst 2022