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Schulwesen vor 1799
Bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts war die Schule eine Angelegenheit der Kirche. Unterricht erteilte der Pfarrer, vor dem Kirchenbau von 1613 hatten die Jugendlichen die „Unterweisung“ jeweils am Sonntag in St. Gallen (Laurenzen, später Linsebühl) zu besuchen. In Speicher selber kann erst etwa ab 1665 von einer Art Schulunterricht gesprochen werden, ist für dieses Jahr doch erstmals eine Ausgabe von 11 Batzen in der Jahresrechnung aufgeführt.
Inhaltsverzeichnis
Pfarrer und Lehrer
Pfarrer Schlumpf (von 1684 bis 1715 im Amt) war der letzte Pfarrer, welcher auch den Schuldienst versah. Als er eher etwas „übelmögend“ wurde, übertrug er die Aufgabe seiner Magd, Barbara Gschwend. Der Unterricht erfolgte im Pfarrhaus. Im Jahr 1700 wurde mit Matthias Rechsteiner der erste „ausgebildete“ Lehrer angestellt, der aber die Schulstunden noch in Privathäusern im Kalabinth und später im Moos durchführte.
Erste Schulhäuser
1705 wurde das erste gemeindeeigene Schulhaus im Moos (am Standort der heutigen Adresse Oberdorf 1) für die „Freischule“ erbaut. Das Haus wurde später versetzt und ist das heutige Wohnhaus Buchenstrasse 6.
1709 wurde die Schule in Speicherschwendi gegründet, bis 1763 in einem Raum im eigenen Haus, allerdings wurde nur während einiger Wochen Unterricht gehalten.
1734 wurde die Halbjahresschule eingeführt.
1749 Erhebung zu Jahresschulen
1763 Bau des Schulhauses Schwendi (heute Achmühlestrasse 3), welches trotz des Neubaus von 1860 noch einige Jahre weiter benutzt wurde.
Unterricht
Über den eigentlichen Unterricht ist bis 1799 wenig bekannt. Tanner schreibt: [Unterrichtsthemen waren] Kenntnis der Buchstaben, das Lesen von Gedrucktem und Geschriebenen, Schreiben, Gesang und Auswendiglernen, wobei man dem Auswendiglernen eine bedeutende Zeit einräumte. Als Lesestoff waren das Namenbüchlein, Fragstücklein, der Katechismus, das Gebetbüchlein, der Kalender, Zeitungen, Briefe und das neue Testament vorgeschrieben. Für Gedächtnisübungen wurden das Fragstücklein, der Katechismus und das „Vorbild“ verwendet. Alle Schüler mussten das „heilige Unser Vater“, die 10 Gebote und die 12 Artikel des christlichen Glaubens deutlich aufsagen können. Als „Lehrmittel“ dienten die Bibel und Gebetstexte.
„Fragstücklein“, „Katechismus“ und „Vorbild“ zeigen in etwa den gleichen dreiteiligen Aufbau: Der erste Teil ist ein Text aus Bibelzitaten. Als zweiter Teil folgt eine Frage dazu mit den anschliessenden Antworten, meist mehrere Teilantworten. Der dritte Teil ist die Erläuterung zum ganzen Thema, wieder aufgeteilt in mehrere Fragen mit den Antworten.
Die "Frage-Antwort"-Lehrmittel
Die Lese- und Abschreiblehrmittel
Erfahrungsbericht eines Schülers
Bartholome Tanner zitiert einen um 1850 noch lebenden Gemeindegenossen, der von etwa 1795 bis 1799 die Schule besuchte:
Im fünften Jahre oder noch etwas früher musste ich in die Schule gehen und bei Hause fleissig das Fragstücklein und den Katechismus auswendig lernen. Meine Mutter nahm mich in den Webkeller, setzte mich auf die Fenstermauer, liess mich da lernen und verhörte mich. Im sechsten Jahr konnte ich das Fragstücklein und den Katechismus auswendig, worauf dann das „Vorbild“ und dann die Psalmen folgten. Auch den 119. Psalm musste ich auswendig lernen; meine Eltern setzten einen grossen Werth darauf.
Damals war es Methode, dass die Kinder, erst wenn sie das Namenbüchlein und Fragstücklein durchbuchstabiert hatten, den Katechismus fertig lesen und letztere zwei Bücher auswendig hersagen konnten, schreiben lernen durften. Nachdem anfangs ganz methodisch die leichtesten Vorzüge der Buchstaben und dann diese selbst schreiben gelernt worden, folgten Vorschriften moralischen Inhalts, die alltäglich zweimal abgeschrieben werden mussten, bis die Eltern für gut fanden, das Kind aus der Schule zu ziehen. Von rechnen und Sprachlehre in der Schule war damals noch keine Rede. 1799 machte ich die vierte und letzte der jährlichen Probeschriften (Osterschriften), und nun hiess es, ich sei der Schule entlassen (ausgeschulet).
(aus: Tannerchronik, Nachträge, Seiten 675/676)