Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03540.jsonl.gz/1101

Vom Mensch zum Objekt
Eine geschlechtskonforme Formulierung ist gefordert, wenn sie auch zum Teil eigenartige Formulierungen hervorbringt und Fragen aufwirft.
Man ist hoffentlich auf allen Ebenen von der Einstellung abgekommen, dass aus Gründen der Lesbarkeit bei Personenbezeichnungen die männliche Form gewählt wird, jedoch immer die weibliche inbegriffen ist. Dies schon aus der Überlegung heraus, welche Aufruhr es in der Männerwelt auslösen würde, wenn die weibliche Form gewählt und die männliche einfach inbegriffen ist. So macht man aus den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Teilnehmenden und aus den Lehrerinnen und Lehrern DIE Lehrerschaft. So müssten eigentlich die Bundesrätinnen und Bundesräte als DIE Bundesratschaft bezeichnet werden, denn es heisst DER Bundesrat – oder wie jetzt? Bei den Parlamentarierinnen und Parlamentariern wird das Ego aber mehr tangiert, denn es heisst DAS Parlament, also nur noch eine sachliche Bezeichnung für Frau und Mann.
Diesen kleinen sprachlichen Ausflug wurde bei mir ausgelöst, als ich in alten Büchern der von mir so geliebten alten Sprachinterpretationen las, die natürlich keinen Anspruch auf Richtigkeit haben. Aber so hielt einst ein heller Geist fest, dass Oma die Abkürzung für «Ohne mindeste Ahnung» ist und Opa für «Ohne präzise Antworten». Aus dem ersten aufkommenden Schmunzeln über diese Sprüche entstand ein innerer Protest – das ist des Guten nun wirklich zuviel.
Es ist doch der Opa, auch Grossvater oder liebevoll Opi genannt, der mit seinen Enkel*innen den ersten Sandkasten baut, die Eisenbahn in Bewegung bringt oder die Puppenstube schreinert und mit ihnen zu Fuss oder mit dem Velo in den Wald eine Wurst bräteln geht. Also einen Teil seiner verdienten Zeit des Rentnerlebens ihnen gerne zur Verfügung stellt und fast auf alle neugierigen Fragen eine Antwort hat.
Und erst die Oma, auch Grossmutter oder liebevoll Grosi genannt, die mit ihren Enkel*innen bastelt, die ersten Kochversuche anstellt, neben dem Planschbecken sitzt, Geschichten erzählt und einen herrlichen Zvieri bereit hält. Natürlich auch für den Haushalt besorgt ist, wenn die Eltern berufstätig abwesend sind, während Opa sich um den Garten kümmert.
Langsam ging es mir gedanklich besser und ich beruhigte mich und freute mich Opa sein zu dürfen. Aber es sollte nicht sein, denn jetzt «stürchelte» ich über die Bezeichnung Grossmutter. Es ist sprachlich gesehen DIE Grossmutter und daraus wird einfach DAS Grosi. Also beim erwähnten Parlament kann ich das noch locker hinnehmen, aber dass in der Formulierung in Bezug auf die Grossmutter aus einer Frau plötzlich ein Objekt wird – das ist doch wirklich des Guten zuviel.
Liebe Grosis, nehmen Sie es mit Gelassenheit, denn Ihren Enkel*innen ist es egal, ob Sie nun DIE Oma oder DAS Grosi sind, wichtig für sie ist es, dass Sie Zeit für sie haben. Ich wünsche Ihnen viele gute Momente mit Ihren Enkel*innen. Und verzeihen Sie dem Schreibenden, wenn nicht immer alles in einer geschlechtergerechten Sprache verfasst ist – konzentrieren Sie sich doch auf den Inhalt.
Richard Wurz
31. März 2021
Bild: Richard Wurz – Zeichnung von Christina Blatter