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Der Aufhänger zu meinem Blog-Beitrag ist ein NZZ Artikel vom Herbst 2019 über afrikanische Zauberei, geschrieben von dem Korrespondenten David Signer, der sich mehr oder weniger als Jux näher auf die Sache eingelassen hatte mit dem Resultat, dass er sich plötzlich weiter darin verwickelt sah als ihm lieb war. Artikel in der NZZ
Unter Freunden hatten wir per mail darüber diskutiert. Die Lektüre konnte verstörend sein. Eine Reaktion war: «Ich bin verunsichert ob der Gewalt, dem Gewalt-Potential im Menschen. Ist das spezifisch für Afrika, Afrika ist ja auch kein aufgeklärtes Land. Wenn das Beschriebene typisch ist für Afrika und einfach dorthin gehört, kann ich das so abspeichern und weiteratmen:). Ist es aber typisch für uns alle Menschen, dann habe ich ein Problem.»
Ja, wir haben ein Problem, da bin ich mir sicher. Ein Problem, das sich nicht so einfach mit den naturalistisch-lokalrealistischen Werkzeugen des normalen Mechanik-Labors angehen lässt.
Ich denke, am besten lasse ich hier ein eigenes Erlebnis einfliessen, das mich damals, und auch jetzt noch sehr, beeinflusst hat.
Das kam so: Als junger Mann zog es mich in die Fremde, mit knapp 24 war ich als Auswanderer in Australien gelandet, mit der Absicht, Englisch zu lernen. Nach etwas mehr als einem Jahr reiste ich, wie geplant, zurück nach Hause. Inzwischen konnte ich recht gut Englisch und las auch das eine und andere Buch, so zum Beispiel Kurzgeschichten von Somerset Maugham (The Trembling Leaf, daraus insbesondere Honolulu; auch auf Deutsch immer noch erhältlich, z.B. hier: Diogenes Verlag)
Ich hatte den Seeweg gewählt, um nach Hause zu fahren, denn das Angebot der "Messageries Maritimes", der staatlich französischen Schifffahrtsgesellschaft, war überzeugend. Auf dem Schiff [«Le Caledonien»][https://www.messageries-maritimes.org/caledon2.htm?target=blank], das für knapp 300 Passagiere und etwa 10000 Tonnen Fracht eingerichtet war, konnte ich mir eine einzigartige, gut zwei monatige Reise gönnen, von Sydney nach Marseille.
Also, die neun Woche Fahrt führte quer über den Pazifik und anschliessend über den Atlantik. Zu Frankreich gehören auch heute noch einige Inseln im Pazifik, und auf einigen dieser Archipele machte das Schiff jeweils einige Tage halt, um Kopra zu laden, das Fleisch der Kokosnuss. In Marseille wurde (und wird wahrscheinlich heute noch) daraus Marseiller Seife gemacht.
Aber ich weiche ab. Auf der Reise hatte ich selbstverständlich Zeit für intensive Gespräche, es war auch die Periode, in der ich ansprechendes Schach spielte. Bei dieser Gelegenheit las ich unter anderen auch die Kurzgeschichte von Somerset Maugham, in der es um einen Europäer ging, der sich irgendwo in Polynesien einen Lebensunterhalt als Schiffsführer organisiert hatte. Mit seinem Kahn fuhr er von Insel zu Insel als Kurier und Transporteur. Dabei hatte er eine lokale Jungfer, die ihm in der Kombüse und auch sonst zu Diensten war. Die Geschichte ging nun so weiter, dass der Erzähler den beiden begegnete, irgendwo in einem Hafen, und sie miteinander ins Gespräch kamen.
Der Schiffer wusste von einem Abenteuer zu erzählen, das gerade noch gut ausgegangen war: Er war mit dem Maat, einem Einheimischen in einen Streit verwickelt gewesen, und die beiden waren sich ernsthaft böse. Der Schiffer hatte den zur Handgreiflichkeit eskalierten Streit eindeutig gewonnen und dachte, die Sache wäre damit erledigt, denn unser Kapitän hatte mit seinem Sieg sozusagen das Kriegsbeil begraben und gedachte weiterzufahren wie bis anhin. Der Maat war nämlich ein guter Seemann, und der Kapitän konnte sich auf ihn verlassen. So legten sie ab zur nächsten Fahrt, die ohne besondere Vorkommnisse begann. Der Kapitän hatte den unangenehmen Streit bald vergessen. Als sie nun einige Tage auf See waren, da wurde er unerwartet krank, konnte bald nicht mehr aufstehen. Seine Begleiterin versorgte ihn, die Sache wurde aber zunehmend schlimmer. Da meinte sie, er sei verhext worden, da hülfe nur ein Gegenzauber. In eine Kalebasse füllte sie Wasser, in der Nacht spiegelte sich das Mondlicht darin. Sie hielt die Kalebasse mit dem sich spiegelnden Mond dem Maat unter die Nase und hiess ihn, den Widersacher des Kapitäns, sich darin sein Spiegelbild ansehen. Als er sich nun darin sah im Mondlicht schüttelte sie die Kalebasse, das Spiegelbild war nun ganz zerstört, der Gegenzauber war damit vollbracht. Am andern Tag ging es unserem Schiffer wieder besser, der Widersacher war tot, die Sache war ausgestanden. Der Erzähler bemerkte noch zum Schiffer, ach ja, da sei er wohl seiner Begleiterin, seiner Lebensretterin sehr dankbar, und schaute die junge Maid ehrfürchtig an. Oh nein, darauf der Kapitän, er hätte sich von ihr getrennt, dies hier sei eine andere.
Soweit meine Erinnerung an die Geschichte von Somerset Maugham.
Nun zurück zur Reise: Wir waren inzwischen wohl die vierte Woche unterwegs, irgendwo in der Südsee, Tage vom nächsten Land. Unter den Leuten, mit denen ich hauptsächlich verkehrte, war ein etwa gleichaltriger Mann, ebenfalls Chemielaborant wie ich selbst, der nach auch etwa einem Jahr wieder nach Hause fuhr, nach Westberlin. Schon das konnte ich nicht verstehen: Er sehnte sich offenbar nach der Eingeschlossenheit der damals ummauerten Stadt!? Wie kann man nur? Ich dagegen hatte das Privileg, in eine freie Heimat zurückzufahren in der es viele Gelegenheiten und einen erfreulichen Freundeskreis gab, mit erst noch der Möglichkeit, wieder zurückzufahren, denn ich hatte meine Schulden an den Australischen Staat beglichen und deshalb ein Rückkehrvisum im Pass, das mir erlaubt hätte, wieder nach Australien zurückzufahren und dort meinen Lebensweg weiterzuführen. Denn ich war ja im Bewusstsein abgereist, von nun an immer etwas von Heimweh geplagt zu sein, entweder nach der Schweiz oder nach Australien.
Meine Lebensauffassung war also eine andere als die meines Mitreisenden, der sich in der Freiheit nicht wohl gefühlt hatte. Auch in anderen Dingen unterschieden wir uns. Es war eine andere Zeit in mancher Hinsicht, damals im Frühjahr 1968. Unter anderem gab es Kofferradios, teure und grosse Dinger, mit Transistoren drin statt mit Röhren, und trotzdem konnte man damit Langwelle, Mittelwelle, UKW und auch Kurzwelle hören. Nun wiegten wir uns also auf den Wellen des Pazifiks, und ein weiterer unserer Mitpassagiere präsentierte stolz sein technisches Wunderwerk, mit dem er BBC hören konnte. Darum herum scharten sich jeweils eine ansehnliche Anzahl der Passagiere und wollten Nachrichten mithören, denn damals war ja in Europa durchaus etwas los. Einer der Passagiere, der mir in Erinnerung geblieben ist, war ein alter US-Amerikanischer Jurist, der sich einen Spass daraus machte, immer unterwegs zu sein, auf dem billigst möglichen Verkehrsmittel zu leben anstatt in einer festen Bleibe. Auch er hörte dem Radio zu.
Als man dann die letzten Neuigkeiten im Kreis der Passagiere durchkommentiert hatte, wandte sich die Aufmerksamkeit der Technik zu, und nun wurde es für mich interessant, denn der junge Chemielaborant und der alte Jurist hatten durchwegs unterschiedliche Vorstellungen, wie diese Verbindung auf lange Distanz möglich sei. „Verrückt“, meinte der Berliner, „wie die Engländer auf jeder noch so kleinen Insel eine Relaisstation haben!“ - „Blödsinn“ darauf der Amerikaner, „die Radiowellen gehen mitten durch die Erde hindurch, ich weiss das, ich war im Weltkrieg Funker auf einem Schlachtschiff!“
Ich war absolut fasziniert, denn meiner Ansicht nach hatte weder der eine noch der andere Recht. Die Radio-Kurzwellen würden in der Heaviside-Schicht der Ionosphäre reflektiert und konnten so bis weit hinter dem Horizont empfangen werden, war ich damals und bin ich auch heute noch überzeugt. Was mich aber faszinierte, war die Inbrunst, mit der jeder der beiden seine Meinung verteidigte. Ich hörte ihnen gebannt zu, ohne meine Sicht der Dinge einzubringen.
Am nächsten Tag hatte ich nochmals Gelegenheit, die beiden zusammen auf das Thema zu bringen und nochmals zuzuhören, wie sie sich in die Wolle kriegten. Ein beinahe teuflisches Vergnügen meinerseits.
Soweit also die Situation und das Verhältnis des Berliners und mir.
In der Folge hatten wir öfters Diskussionen, bei denen wir uneins waren. Die Sache steigerte sich allmählich soweit, dass wir uns gegenseitig ärgerten, wo wir nur konnten. Einmal, beim Mittagessen, sassen wir uns gegenüber und assen, durchaus mit Genuss, Reis mit Meerfrüchten darin. Ich hatte aber den Verdacht, dass der Berliner nicht genau hingeschaut hatte, was er ass, und wies ihn auf einen winzig kleinen Octopus hin, max. 1 cm lang vielleicht, und sagte zu ihm theatralisch: „Schau, da sind Kraaaken drin!“ Was ihn dermassen erschütterte, dass er nicht mehr weiter essen konnte. Dies also die Situation. Sie verschlimmerte sich insofern, als wir einander mit Verwünschungen eindeckten, dass es nicht schön war. Also das Gegenteil von „Gute Gesundheit“ etwa.
Und tatsächlich; ihn erwischte eine Unpässlichkeit, und auch ich lag prompt mit Fieber und Durchfall im Bett.
Da kam allmählich der Verdacht, dass unsere gegenseitigen Verwünschungen gewirkt haben mochten; Somerset Maughams Geschichte war mir sehr präsent.
Der Schrecken, einen richtigen Blödsinn gemacht zu haben, fuhr mir in die Glieder.
Ich zögerte nicht lange und begab mich zu unserem Berliner, um Verzeihung zu bitten, er tat es mir gleich. Zügig besserte sich unsere Gesundheit wieder. Fortan begegneten wir uns gegenseitig mit einem leicht komischen Gefühl, aber durchaus mit Respekt. Freunde sind wir nicht geworden, aber immerhin Reisegefährten. Wir sind uns nach der Schiffsreise nie mehr begegnet.