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ay Carrée
„Im Schach wird weder gehauen noch gestochen. Es gibt auch kein Offside.“ „Du schwatzest einfach zu viel. Geh hin und erzähl mir morgen, was geschehen ist. Morgen kannst du mir den Spielbericht liefern. Heute muss ich weiter. Halt die Ohren steif.“ Jan Hüldermühle schlug Kabar Extas freundschaftlich auf die Schultern, bevor dieser noch etwas antworten konnte, und verschwand in der Menge.
Kabar Extas, wieder auf sich allein gestellt, beschloss, den Bus nicht zu nehmen. Er hätte bis zur nächsten Haltestelle gehen müssen und dort vermutlich den nächsten Bus verpasst, weil dieser soeben abgefahren war. Auf das nächste Gefährt hätte er möglicherweise etliche Zeit gewartet.
Also machte er rechts umkehrt und ging den Weg zurück, den er gekommen war. Dabei achtete er wiederum auf die Geräusche, die um ihn herum waren. Vielleicht hatten sich diese geändert. Man weiss ja nie, was mit der Welt geschieht, wenn man zurück geht.
Akustische Signale gab es viele. Deren Menge erwies sich als immense Fundgrube. Viele Laute entpuppten sich als Unbekannte. Sie variierten in Lautstärke und Intensität. Der Schreitende konnte sie aber meist nicht einordnen und durfte auch nicht stehen bleiben, um dem, was er hörte, auf den Grund zu gehen. Er musste sich beeilen. Laute kamen, Laute gingen. Kabar Extas schritt dahin. Jeder Schritt offenbarte neue Entdeckungen. Es waren deren so viele und unterschiedliche, dass Kabar Extas endlos hätte dahin gehen können. Der Posten stellte aber auf diesem Weg ein administratives Hindernis dar, das nicht umgangen werden konnte.
Da war das Rollen zahlreicher Fahrzeuge, das Brummen tief geschalteter Motoren, das Poltern von solchen, die einen grossen Hubraum aufwiesen, und das Fauchen der Maschinen, die mit hoher Drehzahl durch den Verkehr jagten. Der Verkehrslärm mischte sich mit dem Geschnatter von Passanten. Von Rollern, über das Trottoir gesteuert von wilden, übermütigen Jugendlichen, stammte das Gezische kleiner Räder. Auf dem Gehsteig, auf dem Kabar Extas gerade ging, vermengte sich ein ganzes Sortiment an Reizen für das Ohr zu einem Brei, dessen Konsistenz zum Teil schwierig zu bestimmen war. Die Klangvielfalt erwies sich als Zusammenstellung von Tönen, die aus verschiedenen Höhen und Tiefen an das Ohr drangen. Kabar Extas vernahm das Aufschlagen von harten Schuhsohlen, das Schlarpen von Latschen, das Tickeln von hohen Absätzen, das Stiefeln von Kindern, das Keuchen von Fahrradfahrern, das Knistern von Stoffen und Schlagen von Westen, das Rascheln von Papiertragtaschen und Schnappen von Handtaschen, die Stimmen von vielen Menschen.
Kabar Extas übte sich darin, Töne bestimmten Sohlen zuzuweisen. Das entwickelte sich zu einer ganz lustigen Angelegenheit. Es gab den spitzen Ton von Frauenschuhen, den quietschenden von Turnschuhen, tapsige Aufschläge von ungestalt gehenden Männern. Der Horchende war sich aber nicht sicher, ob er mit seiner Zuordnung jeweils auch den richtigen Schuh traf.
Die Laute des Schuhwerks wurden meist von Stimmen vieler Menschen übertönt. Diese Schwierigkeit forderte den Schachspieler heraus. Er erhöhte seine Konzentration und gab seinen Gedanken eine ganz bestimmte Richtung, nämlich jene auf den Posten zu, liess die Schuhe aber nicht für sich stehen.
Die Schuhe wiesen ihm den Weg, denn dort, wo keine Schuhe waren, da war der Weg frei.
Der solcherart Gehende musste aufmerksam sein. Er wollte nicht ein zweites Mal sein Ziel verpassen. Er wollte vor der Tür stehen bleiben, Herr seiner selbst. Er wollte wählen können: Hinein oder eben nicht hinein. Welm stehen lassen oder auch nicht. Dieser Entscheid kam allein ihm zu. Das setzte Kabar Extas fest. Dazu brauchte er wache Sinne. Das Trottoir diente ihm dazu, diese zu schärfen.
Er musste genau hinhören, wie es tönte. Über das, was er vernahm, den Verstand auf Vordermann bringen. Die ganze Kunst bestand darin, sich zuerst einmal mit dem Gehör auf die Umgebung zu fixieren. War dieser Sinn auf seine maximale Leistung gebracht, dann wirkte sich der Reiz auch auf die übrigen Sinnesorgane aus. Das gespitzte Gehör gab den Impuls an Aug, Nas und Hautnerven weiter. Jedes Härchen auf der Haut, sofern nicht durch Stoff verdeckt, wurde zu einem empfindlichen Sensor.
Mit jedem Schritt, der Blick dem Gehörten folgend, nahm Kabar Extas die Umwelt besser wahr. Sie drang mit gesteigerter Intensität in die Gedanken des Spähenden ein. Dieser blickte zu Boden. Die Gedanken, die sich dort sammelten, hoben nicht ab und flogen nicht davon. Sie waren von einer wachsenden Festigkeit, bildeten die Basis für weitere Erkenntnisse, waren der Grundstock für neue Ideen und stellten eigentlich das Wesentliche im Sein des Menschen dar: Mit beiden Füssen fest auf dem Boden stehen.
Der von der Behörde Aufgebotene durfte sein Rendez-vous nicht verpassen. Im Amt harrte seiner etwas mit Welm und damit der Grund dafür, dass Kabar Extas unterwegs war. Ohr und Aug, beide unabhängig voneinander, mussten gleichermassen dafür Gewähr bieten, dass der Bestellte den rechten Weg fand. Wenn das Aug auf der Suche nach der Quelle der Schuhgeräusche blind dem Ohr folgte, dann konnte es mit grosser Sicherheit geschehen, dass der Posten bald wieder in Kabar Extas Rücken lag.
Solange Kabar Extas mit den Augen den Boden wischte, statt den Blick hoch zu ziehen und mit ihm über die Fassaden zu schweifen, bestand immer die Gefahr, dass er dort vorbei stürmte, wo er eigentlich halten sollte.
Denn Kabar Extas wusste nicht, wie der Sockel jenes Gebäudes aussah, das den Posten beherbergte. Die Polizei pflegte zudem nicht, die Hinweisschilder für das Amt auf der Höhe der Schuhsohlen an den Gebäuden anzubringen.
Die entsprechenden Schilder hingen zudem oft hoch über den Köpfen der Passanten und waren darum von weitem sichtbar. Wer mit den Augen am Boden klebte, dem entgingen diese wichtigen Hinweistafeln. Wer zur Polizei will, muss über den Köpfen nach Orientierung suchen.
Kabar Extas hob ab. An sein Ohr drang – der Ton vermischte sich mit dem Blick – der spitze Klang fein geschnittener, hoher Absätze. Neben dem gehörten Schuhpaar ging ein weiteres. Jene Füsse steckten jedoch in bequemen Mokassins, die flach auf dem Boden auflagen. Die Schritte der beiden Frauen waren insofern im Gleichklang, als sich ihre Fersen beim Schreiten auf gleicher Höhe befanden.