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Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten im Kanton Zürich 88 Prozent der Bevölkerung auf dem Land. Die Menschen arbeiteten in der Landwirtschaft und in den ersten Fabriken. Diese waren auf dem Land entstanden, weil es dort günstige Wasserkraft und Arbeitskräfte gab. Politisch mitreden durften die ländlichen Bevölkerungsschichten jedoch nicht. Um dies zu ändern, organisierten sie sich 1830 zum ersten Mal an einer Versammlung in Uster. Treibende Kraft waren das ländliche Bürgertum und die Fabrikanten. Sie wollten aufgrund ihrer gewachsenen wirtschaftlichen Stärke endlich eine angemessene Vertretung im Parlament haben. Ihnen schlossen sich Gewerbetreibende und Bauern an; sie forderten von der Regierung Schutz für die Zünfte sowie für Klein- und Kleinstbetriebe und eine Erleichterung bei der Ablösung ihrer Feudallasten. Über 10'000 Männer folgten 1830 dem Aufruf nach Uster. Der Grosse Rat war nachhaltig beeindruckt. Er forderte die Bürger auf, mit Petitionen ihre Anliegen zu deponieren.
Jetzt spricht das Volk
Im Kanton Zürich lösten im 19. Jahrhundert Volksversammlungen die entscheidenden politischen Veränderungsprozesse aus. Auch die Zürcher Kantonalbank entstand auf diese Weise.
Die Forderung der Heimweber wird abgewiesen
Die Bemühungen hatten Erfolg: Mit der Verfassungsrevision von 1831 wurden die Ausdehnung des allgemeinen Wahlrechts, der Schutz des Privateigentums sowie der Schutz der wichtigsten Zünfte und Gewerbe durchgesetzt. Die Heimweber und die Kleinfabrikanten gingen jedoch leer aus. 25 Mal forderten sie ein Webmaschinenverbot – aber es wurde nicht eingeführt. Ihre Erbitterung darüber war gross und wurde verstärkt durch die stetige Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Situation.
Radikalisierung in Uster
Als 1832 liberale Kräfte zu einer Gedenkveranstaltung an die Versammlung von Uster einluden, kam es abseits des Festgeländes zu einem Brandanschlag gegen die Firma Corrodi & Pfister. Die Heimweber und die Heimarbeiter, zum grössten Teil Familienväter, machten ihrem Zorn Luft. Da die Regierung nicht helfen wolle, bliebe ihnen nichts anderes übrig, als sich selbst zu helfen, war ihre Begründung. Doch sie hatten keinen Erfolg. Den Grossen Rat verängstigte dieser Übergriff auf das Privateigentum dermassen, dass er mit langjährigen Strafen reagierte. Konjunkturkrisen, Kartoffelkrankheit und religiöse Auseinandersetzungen verschärften die Situation. Die soziale Kluft wuchs weiter.
20’000 in Uster, Bülach, Winterthur und Zürich
Der im Lauf der Zeit starke Ausbau Zürichs zum Verkehrsknotenpunkt und das grosse wirtschaftliche Wachstum der Stadt führten in den 1860er Jahren erneut zu Vorwürfen, die Stadt werde gegenüber der Landschaft privilegiert. Bauern und Gewerbetreibende hatten zunehmend Mühe, Kredite zu bekommen, weil Begüterte ihr Geld neu auch in Eisenbahnaktien anlegen konnten – und dies oft Investitionen in die ländliche Wirtschaft vorzogen. Die Forderung nach einer Bank für das Volk hatte der Grosse Rat bereits mehrere Male abgelehnt. Eine Cholera-Epidemie im Sommer 1867 erhöhte den Druck auf die Bevölkerung weiter. Am 15. Dezember desselben Jahres entlud er sich schliesslich. An Volksversammlungen in Uster, Bülach, Winterthur und Zürich kamen insgesamt 20’000 Menschen zusammen und forderten die direkte politische Mitsprache sowie sozialpolitische Reformen. Die angestrebte Verfassungsrevision kam am 18. April 1869 mit 61 Prozent der Stimmen zustande und beinhaltete auch die Gründung der Kantonalbank, die am 15. Februar 1870 bereits ihre erste Filiale eröffnete. Sie wurde zu einem Stützpfeiler für die wirtschaftliche Entwicklung kleiner Leute, weil sie Kredite zu fairen Bedingungen vergab.
Das erste Kantonalbankgesetz legte fest, dass weniger begüterte Teile der Bevölkerung besonders zu berücksichtigen seien.
Titelbild: Im strömenden Regen versammelten sich am 15. Dezember 1867 in Uster, Bülach, Winterthur und Zürich im Beisein vieler Frauen gegen 18’000 stimmberechtigte Männer, um die drängenden politischen Fragen zu diskutieren.