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„Was ist der Mensch?“ – Eine traditionelle Antwort der Philosophie lautet: Der Mensch ist das vernünftige Tier.
Bevor wir uns aber mit dieser Antwort beschäftigen, sollten wir uns überlegen, wie wir die Frage beantworten würden. Denn es ist ja gerade eine Eigenheit dieser Frage, dass jede und jeder von uns in der Lage ist, darauf eine Antwort zu geben. Darin unterscheidet sich diese Frage von anderen Fragen, wie etwa, was ein Quasar, was ein Polymer oder was ein Wombat ist. Mit diesen Dingen ist man nicht unbedingt vertraut. Dagegen ist jede und jeder von uns damit vertraut, was ein Mensch ist, ganz einfach deshalb, weil wir Menschen sind.
Die Frage nach dem Menschen nimmt so eine Sonderstellung ein. Es handelt sich um eine Frage, die wir allein deshalb beantworten können, weil wir das sind, was wir sind. Wir haben also Wissen davon, was der Mensch ist, weil wir Menschen sind. Wir können die Frage danach, was etwas ist, deshalb beantworten, weil wir dies sind, wonach gefragt wird. In diesen Überlegungen zeichnet sich nun schon eine ganz allgemeine Antwort auf die Frage nach dem Menschen ab. Unabhängig davon, wie jede und jeder von uns für sich die Frage beantwortet, zeigen diese Überlegungen, dass der Mensch eben gerade das Wesen ist, das die Frage danach, was es ist, selbst beantworten kann.
Der Mensch ist das Lebewesen, das selbst weiss, was es ist. Er ist ein Lebewesen, das über sich nachdenken und sich dabei überlegen kann, wie es sich von anderen Lebewesen unterscheidet. Daher ist der Mensch ein Lebewesen, das sich selbst Fähigkeiten (oder allgemeiner: Eigenschaften) zuschreiben kann. Und wie alle unsere mündlichen oder schriftlichen Unterhaltungen zu diesem Thema zeigen, ist der Mensch eben auch das Lebewesen, das sich darüber unterhalten kann, was es ist. Nun führen uns diese Bestimmungen des Menschen zu der eingangs erwähnten traditionellen Auskunft der Philosophie, dass der Mensch das vernünftige Tier sei. Denn diese Fähigkeiten – Nachdenken, Überlegen, begriffliches Denken, Selbstwissen, Sprache – sind gemeint, wenn der Mensch als das vernünftige Tier bezeichnet wird.
Der Mensch ist das Tier, das selbst die Frage danach beantworten kann, was er ist. Ich möchte nun auf die Bedenken zu sprechen kommen, die durch diese Auskunft provoziert werden.
Es gibt zwei Arten von Einwänden: Den Einwand, dass die Definition des Menschen als vernünftiges Tier nicht allen Menschen gerecht wird, und den Einwand, dass die Definition nicht nur von Menschen erfüllt wird. Beide Einwände haben eine ethische Dimension. Im ersten Fall ist dies unmittelbar einsichtig. Hier besteht die Sorge, dass die Definition dazu dienen könnte, allen, die nicht über die erwähnten Fähigkeiten verfügen, den Status als Mensch und daher auch die entsprechenden Rechte abzuerkennen. Dies betrifft einerseits Kleinkinder, die diese Fähigkeiten noch nicht ausgebildet haben, und andererseits in ihrer kognitiven Entwicklung stark beeinträchtigte Menschen. Wer zu diesen zwei Gruppen gehört, ist nicht in der Lage, die Frage nach dem Menschen zu beantworten.
Bedeutet dies nun, dass die Bestimmung des Menschen hinfällig wird oder dass die Mitglieder dieser zwei Gruppen nicht als Menschen angesehen werden können? Weder noch. Die Definition besagt, dass es in unserer Natur liegt, vernünftig zu sein. Was aber in unserer Natur liegt, muss nicht von jedem einzelnen Menschen (immer schon) erfüllt sein. Das ist analog dazu, dass es in der Natur von Katzen liegt, vier Beine zu haben oder im Dunkeln sehen zu können. So wie diese Bestimmung ihrer Natur nicht ausschliesst, dass es Katzen mit nur drei Beinen gibt oder dass Katzenjunge blind geboren werden, schliesst die Bestimmung des Menschen nicht aus, dass einige Menschen nie und andere noch nicht in der Lage sind, die Frage nach dem Menschen selbst zu beantworten.
Der zweite Einwand betrifft die Tiere. Können wir sicher sein, dass nicht auch Tiere über die Fähigkeiten verfügen, die wir mit Vernunft in Verbindung bringen? Ist es gerechtfertigt, allen Tieren ausser uns Menschen Selbstwissen, Denken und Sprache abzusprechen? Ausserdem stellt sich hier wiederum ein ethisches Bedenken: Wenn wir uns als vernünftige Tiere verstehen, tun wir dies dann nicht bloss, um damit den Tieren alle ethisch relevanten Fähigkeiten abzusprechen und sie so nur als Sachen behandeln zu können?
Wenn wir uns aber an die Bestimmung aus dem ersten Teil halten, dass der Mensch das Lebewesen ist, das selbst die Frage danach beantworten kann, was es ist, dann stellt sich hier nur die Frage, ob nicht auch andere Tiere in der Lage sind, die Frage danach, was sie sind, zu beantworten. Soweit wir wissen, ist nur der Mensch dazu in der Lage. Was wäre aber, wenn sich ergeben sollte, das dem nicht so ist. Nehmen wir an, dass sich auch gewisse Tiere darüber unterhalten könnten, was sie sind. Dazu müssten sie über eine Sprache verfügen. Eine Sprache ist aber etwas, das von jedem sprachfähigen Wesen prinzipiell erlernt werden kann. So wäre es uns im Prinzip möglich, die Sprache dieser Tiere zu erlernen. Daher könnten wir mit diesen Tieren eine Unterhaltung führen. Folglich könnten wir mit diesen Tieren die gleiche Unterhaltung führen, die wir in diesem Text gerade eben miteinander führen. In diesem Szenario verschwindet also der Unterschied zwischen „uns“ und „ihnen“. Es ist dann nicht mehr sinnvoll, danach zu fragen, was „sie“ und was „wir“ sind; wir fragen dann nur noch, was wir alle sind. Die Antwort lautet: Menschen. Und so gilt, dass sprachbegabte Tiere, die die Frage danach beantworten können, was sie sind, Menschen sind.