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Rückblick auf den 1. November
Verantwortlich: NT
In der Sitzung vom 1. November beschäftigten wir uns zunächst mit den Fragen, was eine literaturgeschichtliche Epoche überhaupt sei, was Maturand:innen darüber wissen sollten und in welcher literaturgeschichtlichen Epoche wir uns heute befinden. In einem zweiten Teil setzten wir uns mit den Epochenproblemen des Realismus auseinander. Dies führte zum Auftrag, eine Lernumgebung für eine Einführung in den Realismus zu gestalten, wobei die Präsentation des erarbeiteten Unterrichtmaterials am 15. November stattfinden soll.
Der Einstieg ins Thema bildete ein Tweet, in dem gefragt wird, ob Hölderlin der Haftbefehl seiner Zeit war. Um diese Frage beantworten zu können, muss man sich zunächst überlegen, was Hölderlin zu seiner Zeit war und was Haftbefehl heute macht. Erkennen konnten wir online, dass es zu den Lyrics von Haftbefehl eine eigene Seite gibt, die im Gestus eines kritischen Kommentares Erklärungen und Übersetzungen für die Sondersprache des Rappers anbietet. Zudem lässt sich erkennen, dass Begriffe durch Haftbefehl geprägt und in der Folge in die Jugendsprache übernommen wurden. Eine weitere Aneignung findet man durch Jan Böhmermann, der eine sehr ironische bildungsbürgerliche Antwort auf Rap und somit auch einen Metadiskurs liefert. Die Diskussion, was ein Schriftsteller und Philosoph wie Hölderlin und ein Rapper wie Haftbefehl in seiner Zeit sind, führte uns schlussendlich zur Epochenthematik.
Die Frage, in welcher literaturgeschichtlichen Epoche wir uns befinden, lässt sich aus unterschiedlichen Perspektiven beantworten. Eine solche Einordnung ist nicht erst durch eine zeitliche Distanz möglich. Man könnte heutige Texte zum Beispiel als ‘Literatur des frühen 21. Jahrhunderts’ bezeichnen. Eine weitere Möglichkeit wäre es, auf technische und soziale Entwicklungen in unserer Zeit zu achten, dann wäre ‘Literatur in einer Kultur der Digitalität’ eine passende Bezeichnung (vgl. zum Begriff Digitalität Felix Stalder). Eine andere Variante wäre es, die heutige Epoche als Kontinuum und in Abgrenzung zu früheren Epochen zu definieren. So könnte man zum Beispiel argumentieren, dass wir uns noch in der Postmoderne befinden, oder man könnte durch die vermehrt aufkommenden Autorfiktionen und das autobiografische Schreiben in unserer Zeit von einem Neuen Realismus sprechen. Wenn man den Fokus auf die Themen und Zielgruppen setzt, die in der heutigen Literatur angesprochen werden, könnte man auch von einer ‘Zeit der Diversität’ sprechen.
Von den Überlegungen zu einer aktuellen literaturgeschichtlichen Epoche kamen wir zu einigen Lehrwerken, die definieren, was Schüler:innen im literaturgeschichtlichen Unterricht erwerben sollten. Bei Ehlers (2016) heisst es dazu, dass die SuS einerseits Kenntnisse über Epochen und Epochenbezeichnungen haben sollten und andererseits auch über Epochenbegriffe und Kriterien der Zäsurbildung reflektieren können. Eine Übung, wie wir sie zur Frage nach der aktuellen literaturgeschichtlichen Epoche gemacht haben, wäre also etwas, was man passend dazu auch in einer Klasse durchführen könnte.
Ein weiteres Lehrbuch (Yomb May, 2020) zeigt Checklisten zu den Epochen der deutschsprachigen Literatur. Man findet darin nur Grundlegendes und eine Rechtfertigung, wieso die Epochenbegriffe nicht differenzierter betrachtet werden: Diese würden lediglich als Ordnungssystem herangezogen. Es handelt sich dabei um eine typische Argumentation, die auch oft im Deutschunterricht verwendet wird und problematisch ist.
Nach unseren allgemeinen Beobachtungen zur Verwendung des Epochenbegriffes betrachteten wir in der zweiten Hälfte der Sitzung die Epoche des Realismus. Auch hier sollte die Zäsurbildung thematisiert werden. Eine Recherche in unterschiedlichen literaturgeschichtlichen Übersichten zeigt, dass Vieles nicht eindeutig ist und es in den Darstellungen oft zu Überschneidungen mit anderen Epochen kommt. Konsens gibt es in einigen Punkten, zum Beispiel darin, dass der Realismus vor 1850 beginnt. Wir haben uns folgende Lehrwerke angeschaut:
- Antwort: Schlosser, dtv Atlas Deutsche Literatur
- Antwort: Schurf/ Wagener, Texte Themen Strukturen
- Antwort: Brenner, Studium: Neue Deutsche Literaturgeschichte
- Antwort: Beutin, Deutsche Literaturgeschichte
- Antwort: Meid, Das Buch der Literaturgeschichte
Insgesamt werden in den verschiedenen Lehrwerken historische Ereignisse, Abgrenzungen zu anderen Epochen oder Schriftsteller:innen, die Einbettung in einen gesamteuropäischen Kontext oder auch eine programmatische Selbstbezeichnung einiger Autoren der Zeit als ausschlaggebend gesehen, um von der Epoche des Realismus zu sprechen. Eine weitere Antwort auf die Epochenfrage gibt Hugo Augst, der ein ganzes Handbuch zum Realismus geschrieben hat. Augst spricht darin von mehreren Realismen. Er geht also davon aus, dass es im Realismus verschiedene Konzepte gibt, die sich nicht vereinen lassen. Zudem argumentiert er, dass weder Realismus noch Epoche auf Dauer festschreibbare Begriffe seien. Er betrachtet die unterschiedlichen Epochen eher als verschiedene Baumassnahmen mit verschiedenen Ebenen. Es handelt sich dabei also um etwas, was es schon gibt (die Literatur), die sich in einem stetigen Prozess befindet. Eine neue Epoche wäre im Sinne dieser ‘Umbaudidaktik’ also nie etwas völlig Neues und der Realismus nimmt dabei eine «mittlere Stellung zwischen den Nachbarepochen ein» (vgl. Augst, S. 9). Mit einem solchen Ansatz müssen wir uns die Frage stellen, auf welchen Ebenen jeweils etwas ‘umgebaut’ wird und auch, was jeweils die Ausgangslage für den Umbau bildet.
Im Plenum sammelten wir die Konsequenzen, die das Verständnis einer Epoche als ein solches Umbauprojekt mit sich zieht. (https://www.craft.do/s/4sw39eR3E6LM95)
In erster Linie ginge es darum, die mittlere Position einer Epoche darzustellen, also ihre Bezüge zu vorherigen und späteren literarischen Arbeiten herauszuarbeiten. Wichtig ist es zudem, verschiedene Ebenen zu berücksichtigen, also auch auf die ökonomischen, kulturellen und sozialen Bedingungen von Literatur und Literaturproduktion einzugehen. Dazu gehören auch historische Fragen, die zum Beispiel nach dem Markt und auch nach der Finanzierung von Büchern in der jeweiligen Zeit fragen. Das Bild des Umbauprojektes verdeutlicht zudem, dass es verschiedene Zugänge und Ansätze gibt und je nach Autor:in andere Ebenen umgebaut werden, dass aber jeweils alle Autor:innen gemeinsam am Umbau beteiligt sind. Ein Literaturunterricht ohne Bezug zur Epoche wäre schlussendlich die Konsequenz aus der Grundeinsicht, die wir erarbeitet haben, doch wie könnte man das konkret umsetzen? Man könnte im Unterricht Texte lesen, ohne diesen Bezug zur Epoche herzustellen und eher mit Bezügen zu sozialhistorischen Bedingungen arbeiten. Oder man könnte ausgehend vom Geschichtsunterricht danach fragen, wie einzelne Ereignisse in der Literatur verarbeitet wurden. Natürlich muss man sich auch fragen, wie sich literarische Repräsentationen jeweils unterscheiden und abwägen, wann ein Epochenbegriff doch nützlich sein könnte und wann eher verwirrend. Wir kommen zum Schluss, dass es durchaus als Orientierung helfen kann, die Merkmale einer Epoche zu kennen, denn sie stellen eine verdichtete Wissenstradition dar. Gleichzeitig ist es jedoch hilfreich, sich bewusst zu machen, dass diese Merkmale unvollständig, widersprüchlich und dynamisch sein können.
Es ist nun die Aufgabe, aufgrund der in der Stunde erarbeiteten Hintergründe eine Einführung in den Realismus als Unterrichtseinheit zu gestalten. Die Einheit ist für eine Klasse im 11. Schuljahr gedacht. Für die Umsetzung der Aufgabe gibt es zwei verschiedene Möglichkeiten:
- Variante: Ziel ist es, eine Einzel- oder Doppellektion mit Lernzielen, einer Auswahl der Texte und des Materials zu gestalten, Überlegungen zur Gestaltung und zum Unterrichtsgespräch aufzuschreiben, den genauen Ablauf zu dokumentieren und verschiedene Aufgaben zu sammeln.
- Variante: Hier geht es um die Arbeit mit einer Ganzschrift. Der Unterrichtsentwurf darf noch allgemeiner und weniger genau ausgearbeitet sein, dafür sollte es sich um eine längere Einheit handeln.