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Anstatt, dass Rafael Nadal nach dem Masters-1000-Turnier in Montreal wieder auf den Tennis-Thron klettert, leckt er die Wunden nach einem überraschenden Out. Nadal scheiterte gegen den kanadischen Youngster Denis Shapovalov – ein Supertalent, das bislang vor allem wegen eines Eklats aufgefallen war.
«Ein Star ist geboren», titelt die «Montreal Gazette» und leitet ihren Artikel mit den schwärmenden Worten ein: «Vergesst das Gerede darüber, dass Denis Shapovalov die Zukunft des kanadischen Tennis ist. Er ist schon angekommen.»
Klar, nach dem Dreisatz-Sieg (4:6, 6:3, 7:6) beim Masters-1000-Turnier «Rogers Cup» in Montreal über Rafael Nadal gehören die Schlagzeilen dem Teenager.
Der Linkshänder ist aktuell die Nummer 143 der Welt – und er ist der jüngste Spieler in den Top 200. Dank dem Sieg über Nadal wird Shapovalov weiter nach oben stürmen, er klopft an die Türe der Top 100. Mit dem 19-jährigen Russen Andrej Rublev (ATP 53) und dem gleichaltrigen Amerikaner Frances Tiafoe (ATP 84) sind dort momentan nur zwei Spieler, die noch keine 20 Jahre alt sind.
Shapovalov wurde 1999 in Tel Aviv geboren, als Sohn eines ehemaligen Volleyballspielers und einer Tennistrainerin. Die russische Familie war jedoch von Israel nach Kanada gezogen, noch bevor der kleine Denis seinen ersten Geburtstag feierte. In der neuen Heimat lernte er schon früh Tennis spielen, nach wie vor ist Mutter Tessa Shapovalova sein Coach.
Gegen Rafael Nadal zeigte er erstmals vor einem Weltpublikum, was in ihm steckt. Gegen den «Stier aus Manacor» schlug er 49 Winner, auch der Matchball war ein Gewinnschlag mit der Vorhand.
«Nur schon mit Nadal, mit dessen Spielen ich am TV aufgewachsen bin, auf dem Platz zu stehen, war grossartig», sagte Shapovalov. «Für mich geht ein Traum in Erfüllung, dass ich das Spiel sogar gewinnen konnte.» Der unterlegene Nadal sprach hingegen von seiner «schlimmsten Niederlage der Saison» und lobte den Gegner: «Er hat gut gespielt, ich dagegen sehr schlecht.»
Der Sieg über Nadal ist der grösste in Shapovalovs Karriere. Deren Höhepunkte bilden bislang zwei Titelgewinne an Challenger-Turnieren in der kanadischen Heimat. Im März siegte er in Drummondville, vor zwei Wochen in Gatineau. Zuvor war der 18-Jährige bei den Junioren eines der grössten Talente der Welt, er triumphierte im vergangenen Sommer in Wimbledon und stiess an den French Open bis in die Halbfinals vor.
Doch am meisten im Fokus stand Shapovalov nicht nach einem Sieg, sondern nach einer Disqualifikation. In der Davis-Cup-Partie gegen Grossbritannien kassierte er im Februar nach einem Fehler ein Break, verärgert knallte er deshalb einen Ball weg. Weil er dabei den Schiedsrichter mitten ins Gesicht traf, wurde Shapovalov disqualifiziert.
Schiedsrichter Arnaud Gabas musste sich nach einem Augenhöhlenbruch operieren lassen und Denis Shapovalov sprach mit etwas Abstand von einem Prozess, den er durchgemacht habe. «Es kommt mir vor, dass der Vorfall wahrscheinlich die grösste Lernerfahrung für mich war, seitdem ich Profi geworden war», sagte er in einem Portrait der ATP. «Sie hat mich auf mein Spiel fokussieren lassen und auf den mentalen Aspekt des Sports.» Mit seinem Opfer Gabas sei er seither in Kontakt: «Ich denke, dass wir nach diesem fürchterlichen Unfall Freunde geworden sind.»
Denis Shapovalov könnte in ferner Zukunft vielleicht selber einmal um die Tennis-Krone kämpfen. Doch in der Gegenwart hat er nun vor allem seinem grossen Idol Roger Federer geholfen mit dem Sieg gegen Nadal.
Denn für den Spanier stellt die Niederlage gegen Shapovalov einen herben Rückschlag dar im Kampf um die Weltranglisten-Position 1. Sollte Federer nun in Montreal das Turnier gewinnen, spitzt sich dieser noch weiter zu. Der Führende, der zurzeit verletzte Schotte Andy Murray, hat 7750 Punkte auf dem Konto, Nadal 7555 und Federer im Falle des Turniersiegs 7545.
Der Schweizer spielt heute Abend ab ca. 20.30 Uhr im Viertelfinal gegen Roberto Bautista Agut. Den Spanier kennt er natürlich und er liegt ihm, Federer hat alle sechs bisherigen Duelle gewonnen. Er kennt aber auch Shapovalov schon, schaute ihm im letzten Jahr in Wimbledon zu. Roger Federer trainierte sogar schon mit dem Youngster, vor einigen Jahren in Toronto, als er Praxis gegen einen Linkshänder benötigte. «Ich bin ein grosser Fan von ihm und bin mir sicher, dass wir in der Zukunft viel von Denis sehen werden», prophezeite Federer.
Vielleicht bleibt der 19-fache Grand-Slam-Sieger nach seiner eigenen Partie im Stadion, um sich Shapovalov live anzusehen. Denn der junge Kanadier spielt direkt nach dem «Maestro», er trifft im Viertelfinal auf Adrian Mannarino. Der erfahrene Franzose ist zwar ebenfalls ungesetzt, als Weltnummer 42 aber trotzdem der klare Favorit. Doch vielleicht setzt Denis Shapovalov nach seinem Coup gegen Nadal ja noch einen drauf.