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Benedikt Meyer
Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.
«Die Sonne des 25. Juni beleuchtet eines der schrecklichsten Schauspiele, das sich erdenken lässt. Das Schlachtfeld ist allerorten bedeckt mit Leichen von Menschen und Pferden. In den Strassen, Gräben, Bächen, Gebüschen und Wiesen, überall liegen Tote, und die Umgebung von Solferino ist im wahren Sinn des Wortes mit Leichen übersät.» So beschrieb Henri Dunant seine Erlebnisse in Solferino, wo am Abend zuvor, am 24. Juni 1859, die Armeen Frankreichs, Sardiniens und Österreichs aufeinandergeprallt waren.
Dunant war geschockt, denn niemand kümmerte sich um Sterbende und Verwundete. Also tat er es selbst. Gemeinsam mit Hunderten Frauen und Mädchen von Solferino und Castiglione kümmerte sich Dunant um Zehntausende Verletzte. «Tutti fratelli», erklärten die Frauen und halfen jedem – unabhängig von seiner Nationalität. Der Einsatz bewirkte schmerzlich wenig. Es fehlte an Organisation, Fachwissen, Material – es fehlte an allem. Solferino war ein Grauen. Dunant kehrte zurück nach Genf, verbrachte auf Rat seiner Mutter einen Monat in einer Alphütte über Montreux und begann einen Bericht zu schreiben. Diesen ergänzte er mit einer Vision, wie Verwundete künftig zu pflegen wären. Nach drei Jahren, im September 1862 ging «Un souvenir de Solferino» in den Druck. Schon im Dezember folgte die zweite Auflage, Anfang 1863 erste Übersetzungen.
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Am 9. Februar 1863 befasste sich die Genfer Gemeinnützige Gesellschaft mit Dunants Ideen. Sie bildete ein Gremium aus fünf Personen, darunter Dunant und Dufour. Die fünf beschlossen an ihrer ersten Sitzung die Gründung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Dunant und seine Mitstreiter lobbyierten in ganz Europa. Im Oktober 1863 wurde die Basis für nationale Rotkreuzvereine gelegt und 1864 lud der Bundesrat auf Initiative des IKRK zu einer Diplomatenkonferenz nach Genf. Diese endete mit der Unterzeichnung der Genfer Konvention. Das IKRK expandierte in der Folge weltweit, trieb die Entwicklung des humanitären Völkerrechts massgeblich voran und begann, in Kriegen und bei Katastrophen unersetzliche Hilfe zu leisten.
Privat hatte Henri Dunant weniger Glück. 1865 ging er bankrott, nur mithilfe von Freunden hielt er sich über Wasser. Er warb weiter fürs IKRK, aber auch für die Abschaffung der Sklaverei oder für eine «Weltbibliothek». 1887 zog er nach Heiden im Appenzell, wo er beinahe vergessen ging, bis er 1901 den allerersten je verliehenen Friedensnobelpreis erhielt. Die Arbeit der Männer und (in der grossen Mehrheit) Frauen des Roten Kreuzes hätte seither viele weitere Nobelpreise verdient.