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Um 1800 war Thun gemäss den damaligen Reiseratgebern nicht besonders sehenswert. Gottlieb Sigmund Gruner (1717–1778) meinte 1778: «Die Stadt ist von mittelmässiger Grösse, schlecht gebaut, und schlecht bevölkert.»2 40 Jahre später gab der Berner Philosophieprofessor Johann Rudolf Wyss (1781–1830) ein ähnliches Urteil ab: «Weder gross noch hübsch, in seiner Anlage verkümmert, ist Thun in ebendemselben Falle, wie der kleinern Schweizerstädte viel.»3 Zu dieser Zeit begann sich das Stadtbild jedoch zu verändern. Neue Wohnhäuser wurden gebaut, ältere und baufällige Gebäude abgerissen und durch Neubauten ersetzt.
Die Obrigkeit förderte diesen Prozess: 1811 stellte die Stadt ein erstes Baureglement als Teil der Polizeiordnung auf, gleichzeitig kaufte sie baufällige Häuser von armen Burgern auf und setzte sie in Stand. In der Oberen Hauptgasse verlangten die Behörden von den Hausbesitzern den Abbruch der hölzernen Krambuden auf den Hochtrottoirs, wofür 1807 sogar Prämien bezahlt wurden. 1822 verschwanden die letzten Buden, gleichzeitig wurden die Hausdächer, die sich über der Hauptgasse fast berührten, zurückgestutzt. 1830 erliess die Stadt detaillierte Bauvorschriften: Der Gasse zugewandte Fassaden hatten aus Natur- oder Backstein zu bestehen, der Neubau von Scheunen war in der Stadt untersagt und Bauvorhaben brauchten eine behördliche Genehmigung. Einen besonderen Schutz erhielt die Hauptgasse. Hier sollte «die Errichtung geräuschvoller oder sonst für das Publikum widerlicher oder feuersgefährlicher Werkstätten (...) für die Zukunft möglichst vermieden»4 werden.
1905 wurde im Schwäbis das letzte Eingangstor in die Innenstadt abgebrochen.
Danach gab es in Thun nur noch das Burgtor, ein einfaches Durchlasstor auf dem Schlossberg.
Das Bälliz wies um 1850 erst zwischen der Sinne- und der Scherzligbrücke eine geschlossene, städtische Bebauung auf. Zwei weitere grosse Gebäude auf der Insel waren das burgerliche Waisenhaus, das 1786 als Seidenfabrik erstellt worden war, und die Eidgenössische Kaserne im ehemaligen Kornhaus aus dem ausgehenden 17. Jahrhundert. Ansonsten befanden sich hier viele Gärten, Scheunen, Schweineställe und kleine Gewerbebetriebe. Mit dem Bau des ersten Thuner Bahnhofs avancierte die Allmendbrücke 1859 zur städtischen Eingangspforte. Wer mit dem Zug nach Thun kam und zur Militärkaserne, zu einem Hotel in Hofstetten oder zur Dampfschiffstation beim Freienhof gehen wollte, nahm den Weg durchs Bälliz. Die kleingewerblich geprägte Insel wandelte sich in den folgenden Jahrzehnten zum eigentlichen Wirtschaftszentrum der Stadt. In den 1920er-Jahren erweiterte sich der Stadtkern mit der Verlegung des Bahnhofs gegen Süden, was allerdings die Bedeutung des Bälliz nicht schmälerte.
Obwohl die Polizeiordnung von 1830 die Beschädigung der Ringmauer verbot, erhielten die Hauseigentümer im Bälliz 1844 die Erlaubnis, die Mauer auf ihren Grundstücken bis zur halben Höhe abzubrechen. In den nächsten Jahrzehnten wurde ein grosser Teil der mittelalterlichen Befestigung Thuns abgerissen, weil sie einsturzgefährdet war oder zu viel Platz und Licht raubte. Vor allem aber verbesserten die Behörden aus damaliger Sicht die städtischen Verkehrswege, indem sie die Tore abbrachen, die Brücken erneuerten und die Strassen korrigierten. Der Gedanke, dass die Befestigungsanlagen schützenswerte Zeugen der Vergangenheit sein könnten, lag den meisten Thunerinnen und Thunern noch fern. So wurde beispielsweise das Berntor, das 1876 abgebrochen wurde, vor allem «als lästiges Verkehrshindernis»5 wahrgenommen.
1958 musste das 1699 erbaute Waaghaus, das sich an der Ecke Marktgasse / Gerberngasse befand, einem modernen Geschäftshaus mit Kino weichen.
Die Personen, die den Abbruch des Waaghauses mitverfolgen, stehen auf der Kuhbrücke, die im selben Jahr umgebaut wurde. Fotografie von Hans Dubach (1920–1986).
Nach dem Zweiten Weltkrieg behielten die Hauptgasse und der Rathausplatz ihren frühneuzeitlichen Charakter, zum einen dank besonderer Bestimmungen in den Bauordnungen, zum andern auch, weil sie etwas abseits des eigentlichen Geschäftszentrums lagen. Im übrigen Innenstadtgebiet wurden diverse ältere Gebäude umgebaut oder durch Neubauten ersetzt. Dass dies nicht immer mit der nötigen Sensibilität geschah, zeigt das Beispiel des Sternenplatzes nördlich der Kuhbrücke. In einem Gutachten aus dem Jahr 1976 heisst es dazu: «Um diesen Platz gruppieren sich Gebäude, welche sich vor allem durch ihre Beziehungslosigkeit zur Nachbarschaft auszeichnen. Das Spektrum reicht von alten Gebäuden aus dem 18. Jahrhundert bis zu Geschäftsbauten des 20. Jahrhunderts, welche den kleinteiligen Altstadtrahmen bei weitem sprengen.»6 Nach dem heftig umstrittenen Abbruch der Mühlengebäude hingegen gelang es der Stadt in den 1990er-Jahren, mitten im Zentrum einen grosszügigen Platz zu schaffen, der sich zu einem beliebten Treffpunkt entwickelte.7