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Neue Therapie gegen Buchstaben-Wirrwarr
Im deutschsprachigen Raum sind bis zu zehn Prozent der Schulkinder davon betroffen. Trotz intensiver Bemühungen der Betroffenen, diese Entwicklungsstörung anzugehen, bleibt eine Dyslexie meist bestehen. Erwachsene Dyslektiker berichten zwar über Fortschritte in der Leseoder Rechtschreibleistung dank Strategien wie langsames Lesen oder mühsames Auswendiglernen. Aber verglichen mit der Anzahl der Leseund Schreibfehler von Personen ohne Dyslexie zeigen sich dennoch teilweise deutliche Beeinträchtigungen. Die heutigen Korrekturprogramme erleichtern zwar den Alltag, beheben aber die Störung nicht.
Unterschiedliche Ursachen
In den 1970er-Jahren entdeckten Forscher, dass dyslektische Kinder Schwierigkeiten haben, schnell aufeinanderfolgende, kurze akustische Reize wahrzunehmen. Dyslektiker können schlechter stimmhafte von stimmlosen Konsonanten unterscheiden als Schüler mit normaler Lese- und Rechtschreibleistung. Wenige Millisekunden des akustischen Signals sind entscheidend dafür, wie der Konsonant wahrgenommen wird, z. B. ob als «da» oder «ta». Dass es sich nicht um eine rein sprachgebundene Beeinträchtigung handelt, zeigten Studien, bei denen kurze zeitliche Lücken in Tönen erkannt werden sollten. Kinder mit normaler Lese-Rechtschreib-Fähigkeit schnitten dabei besser ab.
Die Verarbeitung solcher kurzer akustischer Informationen ist eine wichtige Voraussetzung für das Verstehen von Sprache. Es ist ein Unterschied, ob «umfahren» mit langem oder kurzem «a» ausgesprochen wird; «dir» und «Tier» unterscheiden sich lautsprachlich nur darin, dass der erste Konsonant stimmlos bzw. stimmhaft ist. Dieses Defizit ist nach der «rapid auditory processing deficit hypothesis» die Basis der Lese- und Rechtschreibprobleme: Ist das Hören von Phonemen – der kleinsten bedeutungsunterscheidenden Einheit der Sprache – beeinträchtigt, erschwert sich die Umsetzung in ein Schriftzeichen. Diese Theorie wird durch Studien mit Magnetresonanztomografie unterstützt, die bei Dyslektikern unterschiedliche Aktivierungsmuster in den Gehirnbereichen zeigen, die für die Verarbeitung akustischer Informationen verantwortlich sind.
Das Zuhören trainieren
«Bereits die alten Griechen kannten die Methode und wandten sie medizinisch an.»
Katharina Rufener
In Studien mit Personen ohne Dyslexie konnten wir die vorübergehende Wirkung der tES auf die Phonemverarbeitung bereits bestätigen. Wir vermuten, dass auch bei Dyslektikern ein solcher Effekt erkennbar sein wird. Ein Wundermittel ist die tES sicher nicht. Sie könnte aber eine positive Ausgangslage erwirken. Schliesslich ermöglicht unsere Studie, einen weiteren Puzzleteil im Bauplan des Gehirns umzudrehen, und trägt so zum besseren Verständnis dieses faszinierenden Organs bei.
Katharina Rufener studierte Psychologie an der Universität Zürich und arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universitätsklinik für Neurologie in Magdeburg (D). Sie interessiert sich dafür, wie das menschliche Gehirn Sprache «versteht» und wie sich diese Prozesse mit zunehmendem Alter verändern.
Als eine der weltweit führenden gemeinnützigen Stiftungen verpflichtet sich die Jacobs Foundation seit 25 Jahren der Forschungsförderung im Bereich der Kinder- und Jugendentwicklung. Die Stiftung möchte künftige Generationen durch die Verbesserung ihrer Entwicklungsmöglichkeiten nachhaltig unterstützen.