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Lasst uns dieses Jahr Wort halten
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Ist es nicht seltsam, wie oft wir Dinge übersehen, die direkt vor uns liegen? Wie wenig wir das Alltägliche hinterfragen oder versuchen zu verstehen?
So ist es mit unserer Sprache. Wir lernen sie erst richtig zu betrachten, wenn wir eine neue lernen, die unserer Kultur und unserem Alltag fremd ist. So kommt es, dass wir die Wörter, die wir täglich benutzen, als Mittel zum Zweck sehen und deren Bedeutung ignorieren und oftmals gar verneinen. Wie oft hört man den Satz: „Weisst du, was ich meine?“ Wenn wir aber das Gemeinte mit dem Gesagten zum Ausdruck bringen würden, bräuchten wir diesen Satz nicht zu verwenden.
Wörter haben eine ganz besondere Kraft. Man denke an die Rede eines Politikers oder einer Politikerin, an das Gutenachtlied einer Mutter oder die letzten Worte eines geliebten Menschen. Wörter sind keine Gedanken, so wie ein Sandkorn keine Sandburg ist. Aber aus Sandkörnern werden Sandburgen gebaut. Wer weniger Sandkörner zur Verfügung hat, baut kleinere Sandburgen. Je mehr Wörter wir haben, desto klarer können wir unsere Gedanken zum Ausdruck bringen.
In unserer schnelllebigen Zeit lassen wir uns oft keine Zeit dafür, über die Sprache, die wir benutzen, nachzudenken. Sie führt also in einer gewissen Art zum Tod des Wortes. Wir vergessen oder ignorieren dabei, dass Wörter Kultur und Traditionen transportieren. Wenn wir also beginnen Wörter zu kürzen oder streichen, streichen wir damit immer ein Stück Geschichte und Kultur. Wenn wir lernen zu verstehen, welche Bedeutung sie haben, sehen wir ein, dass in gewisser Weise alles, was auf der Welt passiert, aufgrund von Wörtern passiert.
Übertreibungen
So sprechen wir beispielsweise oft hyperbolisch, das heisst, wir übertreiben. „Ich bin todmüde“, oder „Du hast ja keine Ahnung,“, oder „Wir haben schon tausend Mal darüber gesprochen.“ Wir sagen oder schreiben: „Ich liebe dich über alles.“ Das bedeutet, ich liebe dich mehr, als dass ich alles andere in meinem Leben liebe. Wie oft ist das denn der Fall? Diese Aussagen bringen im Grunde nichts zum Ausdruck, weil sie falsch sind und die Sprecherin respektive der Sprecher durch deren Verwendung unglaubwürdig werden. Oder wir sagen Dinge wie: „Du bist so dumm“. Man könnte denken, dass es gar keine Rolle spielt, was man sagt, wichtig ist bloss, was man mit seinen Worten meint. Im Französischen nennt man diese rhetorische Form „L’implicite“, was bedeutet, etwas zu sagen, ohne die Verantwortung dazu zu übernehmen, Gesagtes gesagt zu haben. Aber Sprache ist weder natürlich noch neutral: Sie kommuniziert Kultur, verfestigt Werte und Gedanken und muss deshalb auch immer wieder neu hinterfragt werden. Die Sprache kommuniziert Dinge, von denen wir glauben, dass es sie gibt. Durch die Kommunikation werden aber weitere Dinge produziert, die vor der Kommunikation gar nicht existiert haben. Wer immer zu hören bekommt, er sei dumm, wird sich irgendwann dumm fühlen und vielleicht auch dumm verhalten.
Die Kraft des Wortes
Meistens ist uns also kaum bewusst, wie einflussreich die Wörter, die wir benutzen, sind. Wörter können überzeugen, beleidigen, loben und sie haben die Kraft, zu verändern. Täglich spucken wir sie ohne zu zögern aus. Dabei sollten wir darüber nachdenken, was wir sagen, tun und kommunizieren. Darüber nachdenken, wie wir alleine mit unseren Worten Menschen und die Welt verändern können. Dass man die Art und Weise, wie Menschen denken, durch das, was man selber denkt, verändern kann, wenn man es beherrscht, die eigenen Gedanken in Worte zu fassen.
Denn letzten Endes zeigen die Worte, die wir wählen, wie wir uns fühlen. Wer auf eine positive Kommunikation achtet, motiviert sich und andere und ändert automatisch auch seinen Blick auf die Welt. Wer mit negativen Wörtern um sich wirft, andere mit negativen Wörtern bezeichnet – auch wenn er/sie denkt, es nicht so zu meinen, bewegt sich gedanklich und verbal in negativen Szenarien.
Bevor wir entscheiden, ob wir sprechen oder schweigen, sollten wir hören. Auf das, was der Mund und der Körper des Gegenübers sagen. Und auf das, was unser Gefühl verkündet. Achtsam zu reden bedeutet, öfters aufmerksam zuzuhören. Auch sich selber. Die wahre Kraft einer Sprecherin sind nicht ihre Worte, sondern die Momente, in der sie schweigt. So ist auch eine Melodie ohne Pausen keine Melodie.
Für das neue Jahr
Lasst uns dieses Mal Wort halten. Lasst uns weniger vornehmen und uns bewusst daran halten. Vielleicht reicht der Vorsatz: Achtsam mit der eigenen Sprache umzugehen. Lasst uns aufmerksam zuhören, lasst uns lästern und Tratsch vermeiden, öfters mal Danke sagen. Wie oft rufen wir jemanden an, um eine negative Botschaft zu verkünden. Warum nicht einfach mal anrufen, um Danke zu sagen. Die Art wie wir Wörter benutzen beeinflusst folglich alle Bereiche unseres Lebens. Sprechen ist Handeln und Handeln verpflichtet dazu, Verantwortung zu übernehmen. Wir müssen lernen, Worte zu respektieren, wenn wir uns selber respektieren wollen. Lernen, sie zu lieben, uns mit ihnen anzufreunden, aufmerksam zuzuhören und aufmerksam zu sprechen. Ein Vorsatz, der nicht nur die Sicht auf die eigene Welt verändern kann, sondern auch die Welt, in der wir leben.
Veröffentlicht in der Kolumne im Willisauer Bote Januar 2020