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1856 beginnt der Kanton Freiburg mit dem Bau „seiner“ Bahnlinie. Sie sollte eines seiner grössten Unterfangen im 19. Jahrhundert werden. «Nach etlichen Auseinandersetzungen zwischen den Kantonen, bei denen der Bund schlichtend eingreifen musste, wurde die Eisenbahnstrecke Bern-Lausanne über Freiburg 1862 eingeweiht», schreibt François Walter in seinem Werk über die Geschichte der industriellen Entwicklung der Stadt Freiburg zwischen 1847 und 1880[1].
Für die grosse Hauptachse der Bahnverbindung zwischen dem Bodensee und Genf kommen zwei Linienführungen in Betracht: durch den Broyebezirk – Bern-Murten-Payerne-Lausanne – oder über Freiburg. Der Kanton kämpft erbittert darum, dass die Eisenbahnstrecke durch die Hauptstadt führt. In der Schweiz sind einige Kantone bereits industrialisiert, Freiburg hat diese Wende jedoch noch nicht vollzogen und setzt voll auf die Bahn.
Anfang des 19. Jahrhunderts gehören Grossbritannien und die Schweiz zu den am stärksten industrialisierten Ländern. Baumwolle, mechanische Spinnereien und die Textilindustrie spielen dabei eine führende Rolle. Dahinter folgen die Uhrmacherei sowie der Schwermaschinenbau für die Maschinen der Textilindustrie. Die in Flussnähe angesiedelten Betriebe nutzen die Wasserkraft. Der Nordosten und der Nordwesten der Schweiz sind am weitesten fortgeschritten. Freiburg hinkt hinterher.
Es werden grosse Hoffnungen in die Bahn gesetzt, um den Aufschwung voranzutreiben. Der Bau der Bahnstrecke «gab der ganzen Bevölkerung einen beispiellosen Auftrieb, in einer Zeit, in der die politischen Spaltungen nach dem Bürgerkrieg besonders ausgeprägt waren», schreibt Walter. 1847 gelangt das radikale Regime nach der Niederlage des Sonderbundes an die Macht und bleibt es bis zum Jahr, in dem mit dem Bau der Bahnlinie begonnen wird.
Im September 1854 titelt die Zeitung Le Confédéré: „Revolution durch die Eisenbahn“. Anlässlich der Einweihung ist am 31. August 1862 in der gleichen Zeitung zu lesen: «…der Kanton Freiburg ist eine Goldgrube. Unermessliche Schätze sind hier vergraben. Wir müssen ihn nur ausheben, fruchtbar machen, bearbeiten…»
Es wird noch einige Zeit dauern, bis diese Goldgrube gefunden wird, Walter verweist jedoch auf die Bedeutung des Ereignisses: «Die Regierung spielt eine zentrale Rolle, um die nötigen Bedingungen für die Entwicklung industrieller Aktivitäten zu schaffen. Der Aufbau einer Verkehrsinfrastruktur kann mit Fug und Recht als das wichtigste wirtschaftliche Ereignis der Jahrhundertwende betrachtet werden.»
Einheimische Arbeitskräfte unter Druck
Beim Bau der Eisenbahnstrecke zeigt sich, dass die einheimischen Arbeitskräfte keine ausreichende Ausbildung besitzen. 1858-1859 arbeiten auf der gesamten Strecke Lausanne-Bern fast 1600 Arbeiter. Die meisten davon sind Ausländer. Auf den Baustellen sind Arbeiter aus Freiburg kaum präsent. Im Februar 1860 werden die wenigen Freiburger aufgrund ständiger Streitigkeiten mit den ausländischen Arbeitern entlassen. Daraufhin wollen sie bewaffnet auf die Grandfey-Baustelle marschieren, um «die ausländischen Arbeiter mit Gewalt zu vertreiben». Die Freiburger werden schliesslich auf einer speziellen Baustelle von den übrigen Arbeitern abgesondert.
Auf der Baustelle arbeiten viele deutsche Arbeiter, die für ihr technisches Know-how bekannt sind. Ende der 1870er-Jahre gesellen sich Arbeiter aus Italien zu ihnen, die ebenfalls Druck auf das lokale Gewerbe ausüben. Diese Zuwanderung findet in der ganzen Schweiz statt. Die Armut der Freiburger Bevölkerung führt jedoch zu einer äusserst angespannten Situation.
1877 entlässt die Société suisse des eaux et forêts – auf die wir in einem späteren Kapitel näher eingehen werden – Freiburger Arbeiter. 200 Personen unterschreiben daraufhin eine Petition, in der Sorge, dass die einheimischen Arbeiter durch Italiener ersetzt werden, obschon viele Freiburger ohne Arbeit und mittellos sind.
In Freiburg ist ein grosser Teil der Bevölkerung arm. Während des ganzen 19. Jahrhunderts wird die Freiburger Elite den Verdacht nie ganz los, dass die Armen selber schuld an ihrer Armut sind, obwohl sie sich der strukturellen Gründe der Armut durchaus bewusst sind[2]. Das Gesetz vom 17. November 1869 über die Fürsorge und das Betteln weist denn auch einen repressiven Aspekt auf.
Gemäss Walter herrscht in Freiburg im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts eine „Massenarmut“. Der Kanton sucht nach Lösungen, die Zahl der Fürsorgeempfänger steigt indes in der zweiten Jahrhunderthälfte an und «belastet die Gemeindehaushalte immer stärker. Einzig die wirtschaftliche Entwicklung scheint geeignet zu sein, das brennendste soziale Problem des 19. Jahrhunderts anzugehen».
Bereits 1799 thematisiert Vizeoberamtmann P. Gendre diesen Zusammenhang in seinen «Réflexions sur les moyens d’introduire l’industrie dans la ville de Fribourg et d’en bannir la mendicité»[3].
Industrialisierung um jeden Preis
«Während des gesamten 19. Jahrhunderts wird Freiburg von einer Hauptsorge umgetrieben: Die wirtschaftliche Lage des Kantons ist katastrophal und es muss ein Weg gefunden werden, ihm wieder zu Wohlstand zu verhelfen», schreibt Walter. Man träumt von einem Neubeginn wie zur Blütezeit der Tuchherstellung im 14. und 15. Jahrhundert.
Um 1850 wird die Wirtschaft von der sich modernisierenden Landwirtschaft getragen. Viehwirtschaft und Käseherstellung sind Quellen beträchtlichen Wohlstands. Die Eisenbahn beschleunigt «die Umstellung der Freiburger Landwirtschaft auf Viehzucht, da sie eine Versorgung mit günstigem Getreide ermöglicht. Auch die Exporte nehmen zu: Holz, Vieh, Käse werden nun mit der Bahn transportiert», erläutert Walter.
Es gibt jedoch nicht genug Arbeit, um die Lebensbedingungen der gesamten Bevölkerung zu verbessern. Der Oberamtmann des Saanebezirks schreibt 1864 in seinem Bericht: «Unser Kanton ist reich, die Fortschritte in der Landwirtschaft verhelfen ihm zu immer mehr Wohlstand, allein die Industrie trägt nichts dazu bei.» Er vermerkt, dass die Bewegung der Bevölkerung vom Land in die Stadt, wo sie keine Arbeit findet, zu Tumulten führe. Diese Menschen würden zu «Tagedieben und allzu häufig auch zu Kriminellen». In einem Leserbrief vom 9. Oktober 1867 in der Zeitung Le Confédéré ist zu lesen: «Es besteht grosse Gefahr, wenn angesichts der fortschreitenden Verarmung der Arbeiterklasse noch länger zugewartet wird».
Ab 1850 werden diesbezüglich etliche Versuche unternommen. 1851 gründet Ovide Domon in Murten ein Uhrenunternehmen[4]. Ende der 1860er-Jahre beschäftigt sie 300 Personen. In den 1850er-Jahren will es die Stadt Freiburg ihm gleichtun, indem sie ebenfalls eine Uhrenfabrik gründet. Das Unterfangen scheitert.
Es werden Verbände gegründet, die sich an den Bemühungen beteiligen sollen. 1869 fusionieren der Cercle du commerce und die Société économique von Freiburg unter dem Namen Société économique et d’utilité publique. Zudem wird die Société industrielle et commerciale gegründet.
Im dritten Band der 2018 erschienenen Geschichte Freiburgs[5] schreibt Francis Python: «Unter der Elite der Stadt herrscht ein gewisser wirtschaftlicher Voluntarismus. Man ist bestrebt, die in den Städten des Schweizer Mittellands herrschende Dynamik zu erreichen…» Es «wird versucht, die oftmals mit dem Gewerbe verwechselte Industrie zu fördern.» Man wird sich bewusst, dass die landwirtschaftlichen Stärken Freiburgs genutzt und der darbenden Landbevölkerung Arbeit verschafft werden muss. Walter zitiert aus dem Bericht des Staatsrats von 1867: «Ankurbelung der Strohflechterei; Perfektionierung der Käseherstellung; Entwicklung der Gerbereien, Müllereien, der Fabrikation von landwirtschaftlichen Geräten (weil wir diesbezüglich von unserem Nachbarkanton abhängig sind), der Herstellung von Dünger… kurz: Wir müssen das Kunstgewerbe und Berufe im Zusammenhang mit der Bodenbearbeitung fördern. Dies ist die Aufgabe der Industrie in unserem Kanton.»
Der Uhrmacher Ovide Domon äussert sich 1869 in einem Bericht der Société économique. Er glaubt, dass Freiburg dank der Eisenbahn, der billigen Triebkraft und ihrer grossen Arbeiterbevölkerung ausserordentlich gute Voraussetzungen für eine bedeutsame industrielle Entwicklung mitbringe. Er relativiert seine Aussage jedoch, indem er auf den Mangel an Kapital und Kreditinstituten hinweist, um die Entwicklung zu finanzieren sowie auf die Notwendigkeit, dass die Jugend des Landes vermehrt technische Ausbildungen absolviert.
Im Bericht werden auch die Industriezweige nennt, die in Freiburg entstehen könnten: «Spinnereien, Papierindustrie, Rübenzuckerfabriken, Gerbereien, Strickereien, Handschuhfabrik, Seilfabrik, Holzhandwerk.» Es handelt sich grösstenteils um Leichtindustrie, weil man annimmt, dass Freiburg kein Kapital für grössere Vorhaben besitzt.
Im Überblick über die Freiburger Industrie des 19. Jahrhunderts im nächsten Kapitel wird ersichtlich, dass oftmals Personen von ausserhalb des Kantons in die wenigen entstandenen Industriebetriebe investiert haben. Dies ist auch 1869 der Fall, als der Neuenburger Guillaume Ritter die Stadt Freiburg überzeugt, sich auf ein industrielles Experiment einzulassen, das sich in das Gedächtnis der Freiburgerinnen und Freiburger einbrennen wird. Mit Guillaume Ritter wagt man «eine Industrialisierung im grossen Stil», schreibt Walter. Innert kurzer Zeit entstehen auf der Pérolles-Ebene 800 Arbeitsplätze in der Industrie.
Walter analysiert in seinem Werk die Schwächen der Freiburger Investitionen in die Industrie. Im 19. Jahrhundert fehlt es Freiburg trotz der Gründung einiger Banken an einem Kreditinstitut, das in der Lage ist, die Industrialisierung zu unterstützen. Die Freiburger Staatsbank, die heutige Kantonalbank, wird erst 1892 gegründet[6]. Generell sind in der Schweiz die Kreditinstitute relativ spät entstanden. Gemäss Walter zeigt die Landbevölkerung nur eine geringe Bereitschaft, ihr Vermögen in die Industrie zu investieren, die deshalb in den Händen der städtischen Elite verbleibt. Zudem hat sie Angst vor spekulativen Investitionen. Diese Zurückhaltung hat sicherlich auch mit dem Bau der Eisenbahn zu tun, denn dieser erweist sich für den Kanton als ein wahres Fass ohne Boden: Am Ende des Baus hat er sich mit 41 Millionen Franken verschuldet, dies bei nur 100’000 Einwohnerinnen und Einwohnern. 1865 entsprach die Zinslast auf den Schulden 47% des ordentlichen Budgets.
Es war jedoch weniger dem Mangel an Kapital und qualifizierten Arbeitskräften zuzuschreiben, dass das Experiment auf der Pérolles-Ebene zum Scheitern verurteilt war. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts folgt eine Wirtschaftskrise auf die andere. Die erste trifft Freiburg 1864 bis zum Ende des Deutsch-Französischen Krieges 1870. Nach drei Jahren der Stabilität stellt die grosse internationale Krise «eine Zäsur im Jahrhundert dar». Sie breitet sich in der gesamten kapitalistischen Welt aus und löst ab 1874/75 auch in der Schweiz eine grosse Eisenbahnkrise aus. Walter verweist auf eine spektakuläre Serie von Konkursen in Freiburg und einen stagnierenden Geschäftsgang, der «weit in die 1880er-Jahre hinein anhält».
Letztlich wirkt sich die Industrialisierung der 1870er-Jahre nicht auf das Ausmass der Massenarmut aus. Walter analysiert: «Vorübergehend wurden 500 bis 800 Arbeitsplätze geschaffen, aber nach dem Konkurs der meisten Betriebe sind es nur noch 250 Industriearbeitsplätze, die zwischen 1870 bis 1880 in der Stadt Freiburg entstehen. Im gleichen Zeitraum wächst die Bevölkerung der Stadt von 10’904 auf 11’456 Einwohner. Der Zuwachs an Industriearbeitsplätzen macht nur 40 % des Bevölkerungswachstum aus. Dies reicht nicht aus, um die fehlenden Beschäftigungsmöglichkeiten auszugleichen und trägt zum weit verbreiteten Bild von Freiburg als Arbeitskräftereservoir bei.»[7]
Walter fasst die wirtschaftliche Entwicklung zwischen 1850-1880 wie folgt zusammen: «Bei der Betrachtung der wirtschaftlichen Situation stechen drei wesentliche Momente ins Auge. Zwischen 1850 und 1869 ist der Kanton hauptsächlich landwirtschaftlich geprägt. Die Krisen waren in erster Linie Agrarkrisen. Es ist indes bemerkenswert, dass ein Zusammenhang zwischen der Krise und der Abwesenheit von Industrie erkennbar ist. Dieses Zusammenspiel von Phänomenen wird auch bei der künftigen Entwicklung eine Rolle spielen. Der Zeitraum von 1869-1874 ist eine Insel der Hochkonjunktur und es entstehen eine Reihe von Industriezweigen. Ab 1875 machen sich jedoch die Auswirkungen einer Krise ungeahnten Ausmasses bemerkbar. Das Risiko ist hoch, dass das Scheitern und die Unfähigkeit der Industrie, dem Kanton einen Weg aus der wirtschaftlichen Stagnation zu weisen, zum Gegenstand vieler Diskussionen werden würde.»[8]
Ein entschlossenes Engagement zugunsten einer Bildungsreform
Zu Beginn der 1880er-Jahre bleibt also noch viel zu tun, um die Wirtschaft anzukurbeln und Arbeitsplätze zu schaffen. Eines der obersten Gebote ist eine bessere Ausbildung. Francis Python fasst die Situation in seinem Werk „Histoire de Fribourg“[9] zusammen: «Der Kanton hatte einen weiten Weg vor sich, wie die pädagogischen Rekrutenprüfungen zeigten, die der Bundesstaat ab 1875 im Hinblick auf einen patriotischen Wettstreit durchführte. Der Kanton erzielt katastrophale Ergebnisse: Im ersten Jahr belegt er den 20. und 1879 sogar nur den 21. Platz.» Auf dem Land ist der Schulabsentismus hoch, denn die Kinder werden bei der Feldarbeit benötigt. Im Rahmen der Revision des Schulgesetzes von 1884 werden strenge Strafmassnahmen eingeführt und es ist fortan verboten, an der Schule Patois zu sprechen[10]. Überdies wird die Ausbildung der Lehrpersonen am Lehrerseminar von Hauterive verbessert und eine Weiterbildung für die Pädagogen angeboten. «Die Gemeinden werden ermutigt, in die schulischen Einrichtungen zu investieren. Die Ergebnisse dieses Wetteifers, zu Beginn des Jahrhunderts möglichst opulente Schulgebäude zu bauen, sind in den Dörfern immer noch zu sehen.»[11]
1886 wird Georges Python in den Staatsrat gewählt und übernimmt bis zu seinem Tod im Jahr 1927 die Leitung der Direktion für Erziehung. Als Führer der „Christlichen Republik“ drückt er dem Kanton seinen Stempel auf. Er ist allmächtig. Unter seiner Regierung erfährt der Kanton Freiburg tiefgreifende Veränderungen. «Die Regierung erweist sich in der Wirtschaft als interventionistisch (elektrische Energie) und im Bildungsbereich als unternehmerisch», schreibt Francis Python. «…Freiburg erhält von der Regierung eine Entwicklungspolitik verordnet, die die Landwirtschaft und das Gewerbe fördert. Es entsteht eine Nahrungsmittelindustrie, die ab den 1890er-Jahren einen gewissen Aufschwung erlebt. Er ist das Ergebnis einer dirigistischen Energie- und Bildungspolitik, die einen bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufholprozess in die Wege leitet.»[12]
Die Entwicklung der Universität Freiburg ist eine der ersten Errungenschaften. Francis Python erklärt: «Die Anfänge sind bescheiden. 1882 wird die Rechtsschule in eine unabhängige Fakultät umgewandelt. Seit seiner Wahl in den Staatsrat arbeitet Georges Python daran, eine finanzielle Grundlage zu schaffen, die eine internationale Ausrichtung dieser Fakultät sowie die Eröffnung einer Philosophischen Fakultät im Jahr 1889 und einer Theologischen Fakultät im Jahr 1890 erlaubt».[13]
1896 wird die Naturwissenschaftliche Fakultät neben der Kunst- und Gewerbeschule eröffnet. Es ist eine Zeit des Fortschritts. «An den Weltausstellungen, von denen die erste 1851 in London stattfand, werden die technologischen und industriellen Fortschritte der Menschheit zelebriert… Die Ausstellungen von 1855, 1867 und 1889, die alle drei in Paris stattfinden, sind wahre Hymnen an den menschlichen Fortschritt».[14]
Im Kanton Freiburg setzt sich ein Mann intensiv mit dieser Entwicklung auseinander. Er heisst Léon Genoud. In seiner Lizenziatsarbeit über Genoud[15] zeigt Alexandre Brodard die Bedeutung dieses Mannes für die Entwicklung der Berufsbildung im Kanton auf. An dieser Stelle beschränken wir uns auf seine Leistungen zwischen 1884 und 1896. Wir werden in anderen Kapiteln ausführlich auf ihn zurückkommen, da er bis 1925 das Technikum (bis Anfang des 20. Jahrhunderts die Kunst- und Gewerbeschule) leiten wird.
Als Lehrer ist Genoud schon früh bestrebt, neue Erkenntnisse weiterzugeben. Zunächst setzt er sich für die Eröffnung einer permanenten Schulausstellung im Jahr 1884 ein. Sie stellt neue Entwicklungen im Bereich der Lehre vor und soll den Berufsunterricht fördern. 1886 und 1887 absolviert er eine Ausbildung am Technikum von Winterthur und unternimmt eine Reise nach Deutschland, wo er Berufsschulen und Industrieausstellungen besucht.
Im Juli 1887 hält Georges Python auf der Jahresversammlung der Société fribourgeoise d’éducation eine Rede. Léon Genoud hält seine Worte fest: «Ich werde mich für den Fortschritt der Berufsausbildung einsetzen, die Wiederbelebung der Arbeit und der Industrie fördern, der Stadt Freiburg wieder zu dem Wohlstand verhelfen, den sie zu Zeiten der alten Industrien und später in den glorreichen Zeiten des Pensionats hatte.»[16] Genoud schickt der Zeitung La Liberté von seiner Reise mehrere Briefe. Nach seiner Rückkehr verfasst er einen Bericht für den Staatsrat, in dem er die Gründung eines Industriemuseums und eines Freiburger Handwerkerverbands empfiehlt. Der Staatsrat ist von seinen Argumenten überzeugt, veröffentlicht den Bericht und verteilt ihn in allen Gemeinden. Georges Python unterstützt die Initiativen seiner rechten Hand Léon Genoud, wie in „Former les apprentis“[17] nachzulesen ist.
1888: ein wegweisendes Jahr
In ganz Europa und auch in der Schweiz werden ab 1865-70 Industriemuseen gegründet, um die Erzeugnisse und Technologien im Zusammenhang mit der Industrialisierung zu präsentieren. 1888 beginnt die Schulausstellung von Genoud mit dem Aufbau einer Sammlung und Industrielle aus der Region schicken Fabrikate aus ihrer Produktion. Am 27. Dezember 1888 «erlässt die Freiburger Regierung einen Beschluss, mit dem das kantonale Industriemuseum offiziell in den Räumlichkeiten der Schulausstellung in der ehemaligen Kaserne an der Oberen Matte eingerichtet wird»[18]. Léon Genoud übernimmt dessen Leitung. Finanziert wird das Museum gemäss der Verordnung von 1884 über die berufliche Bildung durch kantonale und eidgenössische Subventionen. Drei Tage später wird «die Société fribourgeoise des métiers et arts industriels – die spätere Société fribourgeoise des arts et métiers – als Schweizer Premiere gegründet, um die junge Institution zu unterstützen. Genoud wird zum Sekretär ernannt.»[19]
Im Reglement des Industriemuseums vom 3. Mai 1889 steht: «Das kantonale Industriemuseum hat zum Ziel, mit permanenten oder temporären Ausstellungen zur Verbesserung und zur Entwicklung der Industrie sowie zur Ausweitung der beruflichen Bildung beizutragen, indem es junge Leute auf die Berufsausbildung vorbereitet.»
Ebenfalls im Jahr 1888 wird eine milchwirtschaftliche Station im Pérolles gegründet, um die Ausbildung in der Milchwirtschaft zu verbessern. Sie dient auch der Vorführung von Maschinen und Produktionshilfen. 1888 ist auch das Jahr, in dem der Staat die Société des eaux et forêts übernimmt und sich an der Stromerzeugung beteiligt.
Nach der Eröffnung des Industriemuseums wird Genoud in seinen Überzeugungen weiter gestärkt. Dies drückt er in einer seiner Publikationen aus: «Die Industrie ist zu einem der wichtigsten Elemente des Wohlstands der modernen Nationen geworden. Gleichzeitig hat sich die berufliche Bildung zu einem der wichtigsten Themen unserer Epoche entwickelt. Die Zukunft wird der Nation gehören, in der sich diese spezielle Bildung – eine Mischung aus reiner Wissenschaft und Anwendungen, Theorie und Praxis – am besten verbreiten kann.»[20] Dies könnten beinahe die Worte des heutigen Verantwortlichen der anwendungsorientieren Forschung der HTA-FR, Jacques Bersier, sein. Die Aussagen von Léon Genoud haben kaum an Aktualität verloren: Die HTA-FR ist heute noch an dieser Schnittstelle zwischen „reiner Wissenschaft“ und Anwendungen tätig.
Doch bevor Léon Genoud endlich die Eröffnung einer Schule feiern kann, steht er erst einmal im Zentrum eines Grossereignisses für das Freiburger Gewerbe. 1892 findet die Industrieausstellung statt, die Vorläuferin der heutigen Freiburger Messe. Die Veranstaltung wird von der Société fribourgeoise des métiers et des arts industriels ins Leben gerufen und Léon Genoud ist die treibende Kraft dahinter. «Die optimistischsten Vorhersagen wurden bei weitem übertroffen: Es werden beinahe neunhundert Aussteller erwartet… die Fläche der überdachten Hallen auf der Schützenmatte wurde auf dreitausenddreihundert Quadratmeter vergrössert… Bei der Eröffnung sind alle siebenundachtzig im Kanton erfassten Berufe vertreten, aufgeteilt in siebzehn Gruppen.»[21] «In Bezug auf die Besucherzahlen ist die Ausstellung ein voller Erfolg. Vom 31. Juli bis zum 19. September besuchen nicht weniger als fünfundsechzigtausend Menschen – etwa das Fünffache der Stadtbevölkerung – die Ausstellung, angezogen von Wettbewerben und den Konzerten der Blaskapelle der Stadt.»[22] Die Zeitungen loben die Veranstaltung in den höchsten Tönen. Die Jury, die das Schaffen der Aussteller beurteilt, freut sich über die Entdeckung «einer ungeahnten Freiburger Industrie», stellt aber auch fest, «dass in gewissen Berufen Defizite vorhanden sind und diese durch die berufliche Bildung dringend behoben werden müssen.»
Die Ausstellung trägt wesentlich zur Gründung der Schule bei. Im Herbst 1895 wird das mehrfach verschobene Projekt endlich wieder aus der Schublade geholt. «Zeitgleich mit der Verabschiedung des Gesetzes über den Lehrlings- und Arbeiterschutz (das die Subventionierung der Berufsbildungskurse ermöglicht) durch den Grossen Rat finden am 14. und 16. November in der Erziehungsdirektion Sitzungen statt, die für die Zukunft des Technikums wegweisend sind». Die Gründung der Kunst- und Gewerbeschule wird beschlossen.
Diese Schule, die Genoud viel zu verdanken hat, ist Teil einer Reihe von weiteren Initiativen, die bereits 1825 mit der Gründung einer Mittelschule für die Industrie- und Gewerbearbeiterklasse begann. 1835 wird eine zentrale Mittelschule gegründet, um Bauern, Kaufleute, Arbeiter, Architekten und Ingenieure auszubilden.
Ab 1884 bietet die Freiburger Ingenieur- und Architektengesellschaft auf Anregung von Amédée Gremaud professionelle Zeichenkurse für Arbeiter und Lehrlinge an, die 1893 von mehr als 70 Schülern besucht werden. In dieser Zeit organisieren sich mehrere Berufe in Verbänden, unter anderem, um die Ausbildung ihrer Angestellten zu verbessern. Der Bundesbeschluss betreffend die Berufsbildung vom 27. Juni 1884 fördert die Berufsbildung durch Subventionen. In Freiburg profitiert die Knabengewerbeschule der Stadt Freiburg als erste Schule von diesen Subventionen. Sie wird 1885 unter der Leitung von Amédée Gremaud eröffnet. 1888 wird eine Korbmacherschule und 1889 eine Steinmetzschule gegründet. Die Sekundarschule für Mädchen der Stadt Freiburg erhält ab 1894 eine Fachabteilung für Schneidern und Nähen.[23]
Ab 1890 wird auch das System für Lehrabschlussprüfungen entwickelt. Léon Genoud ist daran beteiligt. Nachdem er 1889 eine Ausstellung mit Arbeiten von Zürcher Lehrlingen auf die Beine gestellt hat, regt er angesichts des Erfolgs der Veranstaltung «den Vorstand der Société fribourgeoise des métiers et arts industriels an, einen einheitlichen Lehrvertrag und ein Reglement über die Zulassungsbedingungen zu den Lehrabschlussprüfungen zu erarbeiten. Die ersten nichtobligatorischen Lehrabschlussprüfungen finden im folgenden Jahr im April 1890 statt. Die ersten Prüfungen sind ausschliesslich theoretischer Art. 1892 wird ein praktischer Teil in der Werkstatt organisiert, zuerst dauern sie nur einen halben Tag, ab 1893 jedoch zweieinhalb Tage. Diese praktische Prüfung ist eine Premiere in der Schweiz und laut Léon Genoud «kamen schon bald Leute von überall her, um zu sehen, wie wir diese Prüfungen durchführen.»[24]
Für die Eröffnung der Kunst- und Gewerbeschule am 14. Januar 1896 ist nun alles bereit.
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[1] Dieses Kapitel hat viel der bemerkenswerten Arbeit von François Walter zu verdanken: Le développement industriel de la ville de Fribourg entre 1847 et 1880, une tentative de démarrage économique, Fribourg: Institut d’histoire moderne et contemporaine, 1974. Die vollständigen Quellenangaben ist in der französischen Version des Kapitels verfügbar.
[2] Charly Veuthey, Fribourg et ses vagabonds, Editions la Sarine, 2002
[3] Überlegungen, wie die Industrie in der Stadt Freiburg eingeführt und die Bettelei daraus verbannt werden kann.
[4] Im folgenden Kapitel wird ein vollständiger Überblick über die Freiburger Industrieunternehmen des 19. Jahrhunderts gegeben.
[5] Francis Python, Histoire de Fribourg. Ancrages traditionnels et renouveaux (XIXe-XXe siècle), Band 3, Editions Livreo-Alphil, 2018
[6] Wir werden darauf zurückkommen.
[7] François Walter, op. cit, S. 28
[8] François Walter, op. cit, S. 73-74
[9] Francis Python, op. cit, S. 70
[10] Diese Bemühungen sollten ihre Früchte tragen: Als 1913 die pädagogischen Rekrutenprüfungen abgeschafft wurden, «lagen die Noten der Freiburger sogar über dem Landesdurchschnitt», schreibt Francis Python, op. cit. S. 70.
[11] Francis Python, op. cit, S. 70
[12] Francis Python, op. cit, S. 63 und S. 67
[13] Francis Python, op. cit, S. 72
[14] Alain Bosson, «Allô, la modernité», in Annales fribourgeoises, N° 73, 2011
[15] Alexandre Brodard, Une tentative de développement économique du canton de Fribourg au tournant du XXe siècle, Lizenziatsarbeit, Philosophische Fakultät der Universität Freiburg, 2005
[16] Zitiert in Alexandre Brodard, op. cit., S.45.
[17] Florence Bays, Christophe Cottet, Anne Philipona, Jean Steinauer, «Former des apprentis: l’enseignement professionnel dans le canton de Fribourg», Société d’histoire du canton de Fribourg: Amt für Berufsbildung, 2016, S. 27
[18] Alexandre Brodard, op. cit., S. 49
[19] Alexandre Brodard, op. cit., S. 49
[20] Zitiert in Alexandre Brodard, op. cit., S.57
[21] Alexandre Brodard, op. cit., S. 74
[22] Alexandre Brodard, op. cit., S. 76
[23] Florence Bays, Christophe Cottet, Anne Philipona, Jean Steinauer, op. cit., S. 18-21
[24] Florence Bays, Christophe Cottet, Anne Philipona, Jean Steinauer, op. cit., S. 29-29