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Man nennt sie «Purity Balls». Es sind festliche Partys, in deren Zentrum junge Mädchen und deren Väter stehen. Sie finden einmal jährlich statt, wie etwa auch die zum Auftakt von <<Virgin Tales gezeigte Segnung der Kinder durch ihren Vater: In Reih und Glied knien die sieben Wilson-Kinder vor ihrem Vater. Hinter ihnen steht gross und prächtig der Weihnachtsbaum. «Du bist getauft auf den Namen …» hebt Randy Wilson dann jeweils an, legt seinen Sprösslingen der Reihe nach die Hand auf; auf einem Hocker sitzt Mutter Lisa und verdrückt Tränen der Rührung. Ähnlich ritualisiert verlaufen die «Purity Balls». Sie wurden Ende der neunziger Jahre in Colorado Springs, einer 400 000-Seelen-Stadt am Fusse der Rocky Mountains und ein Zentrum der amerikanischen Evangelikalen, von den Eltern Wilson erfunden. Die evangelikalen Christen, muss man hier anfügen, sind eine konservative Strömung des Protestantismus. Grundlage ihres Glaubens ist die persönliche Beziehung jedes Einzelnen zu Jesus Christus; die Bibel ist in ihrer Interpretation frei von jedem Irrtum.
Einer der herausragenden Köpfe der amerikanischen Evangelikalen ist der besagte Randy Wilson. Er arbeitet für den «Family Research Council» als «Field Director for Church Ministries», was konkret bedeutet, dass Wilson berufshalber durch die Vereinigten Staaten tingelt und (vor allem) Pfarrer in Familienbelangen berät. Wozu nebst Homosexualität, Abtreibung und Scheidung eben auch die Jungfräulichkeit beziehungsweise Reinheit (der Frau) gehört. Um Letztere geht es ganz zenral in den «Purity Balls», anlässlich derer evangelikale Mädchen – die jüngste «Purity Ball»-Teilnehmerin in Virgin Tales ist vier, die älteste dreiundzwanzig Jahre alt – gemeinsam mit ihren Vätern geloben, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um keusch in die Ehe zu gehen.
Mitte fünfzig sind Randy und -Lisa heute, ein Power-Couple: Er bringt das Geld heim, sie kümmert sich um Haus und Familie. Zwei von ihren sieben Kindern sind männlichen Geschlechts: Colten, ein aufgeweckter 25-Jähriger, der seit ein paar Jahren verheiratet und von zu Hause ausgeflogen ist, und Logan, sechzehn und dabei, erwachsen zu werden. Was die Wilson-Töchter betrifft, so lebt die 27-jährige Lauren mit Ehemann Brett in Idaho, irgendwann taucht beider Erstgeborenes auf. Nesthäkchen Kaalyn ist eine kecke Neunjährige und auf dem besten Weg zur Vorzeige-Jungfrau. Doch noch plappert sie munter drauflos und rückt unverblümt zurecht, was die Wilsons offiziell vielleicht lieber ein wenig anders formulieren. Doch auch Toleranz ist eine innerhalb der Familie zu pflegende Tugend.
Im Zentrum von Virgin Tales nun aber – der Titel von Mirjam von Arx’ Film erinnert nicht von ungefähr an Sofia Coppolas The Virgin Suicides (1999) – stehen die mittleren Wilson-Töchter, Khrystian (24), Jordyn (23) und Kameryn (15). Khrystian hat kurz vor Drehbeginn Chad geheiratet, einen jungen Berufssoldaten aus Alaska. Chad hat Khrystian via Freunde, Internet und mit Papa Wilsons Segen gefunden. Und für sie war es, als er das erste Mal vor ihr stand, Liebe auf den ersten Blick. «Gott wird ihn beschützen», gibt Khrystian zur Antwort, wenn man nach ihren Gefühlen während Chads Kriegseinsätzen fragt; später bläst sie auf Skype dann doch den Blues. Kameryn feiert in Virgin Tales das «Chayil-Fest», den Übertritt vom Kindesalter ins Erwachsenenleben. Sie erhält zur Feier des Tages eine riesige Truhe für die Mitgift und sagt mit einer Gelassenheit, die fast nur Teenager kennen, Sätze wie: «Ich habe für mein Leben einen hohen Standard gewählt.» Und: «Von mir wird nun erwartet, dass ich mich wie eine Erwachsene benehme. Aber es wird mir auch verziehen.» Bleibt Jordyn, eine hübsche und kluge junge Frau. Sie wurde wie ihre Geschwister zu Hause unterrichtet, hat weder Highschool noch College besucht: Evangelikale Frauen sind Stützen ihrer Männer, kümmern sich um Haus und Familie. Doch einfach nur Däumchen drehen, bis Mister Right auftaucht, mag Jordyn nicht, und so hat sie die «School of Grace» gegründet, in welcher sie jungen evangelikalen Frauen beibringt, wie man anmutig Gäste bewirtet und sich bückt, ohne den Po aufreizend in die Gegend zu strecken.
Jordyn hat von Mirjam von Arx offensichtlich eine Kamera in die Hand gedrückt bekommen. Nur, ganz so gut wie in anderen Filmen funktioniert der Film-Tagebuch-Trick in Virgin Tales nicht. Obwohl hinter den adretten Familienszenen da und dort weniger adrette Abgründe aufblitzen, Khrystian in einem Lied die Trauer einer Freundin besingt, deren Mann im Krieg fiel, und wenn es um Sexszenen auf DVDs geht, sofort von Vorspultaste die Rede ist: Direkt in die Seele blicken lassen sich die Wilsons nicht. Und schon gar nicht geben sie sich hemmungslos preis: Erzählt Jordyn zum Filmanfang noch hoffnungsvoll von ihrer Sehnsucht nach einem Mann, erklärt sie am Ende freundlich lächelnd, dass sie, so Gott ihr das bestimme, auch ohne Mann glücklich durchs Leben gehen werde.
Zwei Jahre lang hat Mirjam von Arx die Wilsons begleitet. Hat an Festen und Familienfeiern teilgenommen, sich mit den verschiedenen Familienmitgliedern unterhalten – und die letzten, brennenden Fragen dann doch nie gestellt. Was bedauerlich, aber zu akzeptieren ist, ja vielleicht gar die einzig mögliche Vorgehensweise war. Weil bei Menschen wie den Wilsons, bei denen die bewusste Selbstinszenierung derart übergross ist, stilles Beobachten manchmal weiter führt als bohrendes Nachfragen. Und weil in diesem Film, der sich bisweilen – etwa wenn die hübsch aufgebrezelten Jungfrauen am «Purity Ball» in luftig wallenden weissen Kleidern um ein riesiges Kreuz tanzen – so richtig schön Bilitis-mässig auflädt, auch ohne Worte viel gesagt wird.