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Gesundheit
Porträts eines sterbenden Mädchens
Elisabeth Zahnd Legnazzi, 1957 in Bern geboren, seit 1983 freischaffende Künstlerin, und ihr Mann, Remo Legnazzi, verlieren ihre Tochter Chiara, als diese im Alter von sechs Jahren an einem Hirntumor stirbt.
Das liegt jetzt achteinhalb Jahren zurück, erfährt man aus dem Tages-Anzeiger. Und dass Chiara die letzten sechs Monate mit ihren Eltern in der Ita-Wegman-Klinik in Arlesheim verbrachte, wo die Mutter in dieser Zeit über 400 Porträts von ihrer Tochter machte. 52 davon finden sich im Buch "Chiara - Eine Reise ins Licht".
Um es gleich vorweg zu nehmen: dies ist ein schönes, einfühlsames und berührendes Buch.
Die Fotos, die eine wunderbare Leichtigkeit ausstrahlen, sind teils schwarz-weiss, teils farbig und werden ohne Bildlegenden präsentiert. Sie zeigen das Hinwelken der kleinen Chiara, die fast immer alleine im Bild zu sehen ist. Diese Aufnahmen brauchen in der Tat keine Bildlegenden, sie können gut für sich alleine stehen, nicht zuletzt, da dem Band Erläuterungen zu dem, was einem die Augen zeigen, beigegeben sind.
Da ist einmal die Einführung von Nadine Olonetzky, welche u.a. anmerkt, dass die Tatsache, dass wir nicht wissen, was nach dem Tod kommt, "eine Kränkung, Zurechtweisung, ein Skandal" sei (ganz einverstanden, wenn auch nicht in der Wortwahl - "Zumutung" wäre treffender gewesen), doch dann, angesichts dieser Erkenntnis, mit dem wenig logischen und einigermassen befremdlichen Satz schliesst, "Der Tod ist auch das Leben". Und dann ist da der sehr gebildete Essay von Thomas Macho, der fleissig zusammengetragen hat, was verschiedene Geistesgrössen (Ernst Bloch etwa, oder Martin Heidegger) zum Tod gesagt haben (auch nicht viel Geistreicheres als weniger bekannte Köpfe) und u.a. den auf Charlotte Klonk zurückgehenden Begriff des "Nicht-Porträts" vorstellt. In Machos Worten: "Im Übergang zwischen Schlafen und Wachen scheint Chiara nicht zu sehen, dass sie gesehen und fotografiert wird; umgekehrt scheint sie ihrerseits zu sehen, was die Fotografin gar nicht sehen kann. Auf diese Weise entzieht sich das Gesicht des Kindes jeder Verführung zur Pose; es avanciert zum "Nicht-Porträt’". So subtil beobachtet und geschildert dies ist, ein Begriff wie "Nicht-Porträt’ drängt sich dafür nicht eigentlich auf (ausser natürlich für eine Habilitation, woher er auch stammt). Wie das mittelalterliche "Kinderzeichnen’, bemerkt Macho an anderer Stelle, ziele die Fotografie "auf Resurrektion, auf Auferstehung, aber im klaren Bewusstsein ihres eigenen Scheiterns." Wem das vielleicht etwas weit her geholt und auch nicht wirklich verständlich ist, findet Trost in einem kurzen und prägnanten Text von Elisabeth Zahnd Legazzi am Schluss des Buches, der, weil er alles Wesentliche sagt, das es zu diesem Buch zu sagen gibt, hier wiedergegeben werden soll:
"Der Anblick von Schwerkranken erinnert uns immer auch an die eigene Sterblichkeit. Doch wie der Volksmund sagt: Das einzig Sichere im Leben ist der Tod. Früher oder später sterben wir alle. Der Tod und die damit verbundene Angst vor den bevorstehenden Leiden haben allerdings in unserer modernen Leistungsgesellschaft keinen Platz und werden, so gut es geht, verdrängt. Furcht ist jedoch ein schlechter Wegbegleiter in den Tod. Befasst man sich mit dieser Angst und setzt sich frühzeitig mit dem Tod auseinander, verliert er seinen Schrecken. Genauso wichtig wie die Vorbereitung auf den eigenen Tod ist es, anderen beizustehen: So wie die Eltern mit ihrer Liebe und Fürsorge dem hilflosen Neugeborenen helfen, in der unbekannten neuen Welt Fuss zu fassen, können wir auch mit Hilfe und Mitgefühl den hilflosen Sterbenden begleiten und versuchen, ihn ein friedliches und würdevolles Sterben zu ermöglichen."