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Niemand wollte etwas von der «hässlichen kleinen Ente» wissen, die zu Beginn der Fünfzigerjahre in Frankreich Furore machte. Es war die Aufgabe von Karl Schori, den Döschwo auch in der Schweiz bekannt zu machen.
Text: Usch Vollenwyder, Foto: Markus Forte
Ein «Frögli» sei er gewesen, blickt der heute 94-jährige Zürcher Karl Schori zurück. Schon als kleiner Knirps wollte er wissen, warum die Uerikon-Bauma-Dampflok manchmal weissen und manchmal schwarzen Rauch ausstiess. Er konnte auch nicht verstehen, warum seine Lehrer auf so viele Fragen keine Antwort hatten: wie ein Radio funktioniert zum Beispiel, oder warum ein Flugzeug fliegt. Schon als Schüler zerlegte er Geräte und bastelte an Motoren. Er wollte Berufspilot werden. Doch sein Vater blieb fest: «Du kannst machen, was du willst. Aber zuerst wirst du Gärtner.» Karl Schori absolvierte die Lehre in der familieneigenen Gemüsegärtnerei.
Seine ganze Freizeit und das gesamte Sackgeld investierte der Lehrling in die Fliegerei. Wochenende für Wochenende fuhr er mit dem Velo von Küsnacht auf den Flugplatz nach Birrfeld im Aargau. Mit 17 machte er das Segelflug-, mit 19 das Motorfliegerbrevet. Auf einem Flug von Davos nach Samedan, unterhalb der Scaletta-Passhöhe, stürzte er ab – in der kältesten Januarnacht 1948. Der Fluglehrer, der die Piper selber gesteuert hatte, war tot. «Als ich erwachte, sah ich über mir den Sternenhimmel. Ich wusste, dass ich nicht mehr einschlafen durfte. Sonst wäre ich erfroren.» Nach mehr als 24 Stunden wurde Karl Schori von einem Suchtrupp gerettet. Fünf Monate blieb er im Spital. Beide Füsse und vier Finger der rechten Hand mussten amputiert werden. Als Andenken blieb ihm der Propeller, auf den Piloten einer abgestürzten Maschine damals Anrecht hatten.
Er rappelte sich auf, begrub den Traum vom Berufspiloten, begann in Zürich eine Handelsschule. Dann aber sei der grosse «Taucher» gekommen – als er wegen einer schweren Lungenerkrankung anderthalb Jahre in einem Davoser Sanatorium verbringen musste. Karl Schori richtete sich an den Worten seines Vaters auf: «Wenn ein Unwetter die Hälfte der Spinaternte zerstört, bleibt immer noch die andere Hälfte, das ist doch grossartig.» So war er zufrieden, dass er noch lesen konnte: die alten Römer und Griechen, klassische Literatur. Seinem Bettnachbarn, einem Physikstudenten, kaufte er die Lehrbücher ab und begann sie zu studieren. Als weitaus Ältester beendete er schliesslich die Handelsschule und erhielt sein kaufmännisches Diplom. Er ging nach Paris,um sein Französisch zu perfektionieren, und begegnete dort seiner ersten grossen Liebe: dem Döschwo.
«Der 2CV ist ein geniales Auto», sagt Karl Schori. «Die einfache Technik und die sichtbare Konstruktion faszinierten mich wie früher die Piper.» 1952 meldete er sich auf ein Inserat, in dem ein Verkaufsstratege zur Lancierung des Döschwo in der Schweiz gesucht wurde. Bereits am nächsten Tag kam der Direktor von Citroën Genf zu ihm nach Küsnacht, um mit ihm die Formalitäten und Aufgaben zu besprechen: «Wenn wir wüssten, wie man dieses Auto verkauft, müssten wir Sie nicht einstellen», habe er in holprigem Deutsch gesagt. Tatsächlich: Wo auch immer Karl Schori mit seinem grauen 2CV mit Genfer Nummer auftauchte, wurde er belächelt. «Niemand wollte eine solche Kiste. Bei den Mädchen war ich abgemeldet.»
Doch der Tausendsassa hatte Ideen. Er befestigte ein Plakat ans Heck seines Wagens mit der Aufschrift «Ich bin besser als du denkst». Er änderte den deutschen Namen 2PS in 2CV – Döschwo. Er redete nicht von dessen Vorzügen, sondern präsentierte sie: Er fuhr durch Zürichs Bahnhofstrasse und hatte einen Tannenbaum, ein Schiff und einmal sogar ein Klavier samt Pianisten geladen. Er entwarf Prospekte und liess sie auf eigene Kosten drucken. Er fuhr mit seinem Döschwo Autorennen, suchte mit seinem Gefährt Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und Verbindungen zu Geschäftspartnern. Er war landesweit vernetzt und kannte alle Citroën-Garagen, -Verkäufer und -Vertreter. Karl Schori wurde zum Schweizer Monsieur 2CV.
Der Döschwo brachte ihm auch privates Glück: An einem Regentag bot er einer vierköpfigen Familie eine Mitfahrgelegenheit zum nahen Restaurant an. Doch nur die jüngere Tochter Rosmarie nahm dankend an, während die restlichen Familienmitglieder ob seiner simplen Karosse die Nase rümpften. 1955 heirateten Rosmarie und Karl Schori, ein Jahr später kam Tochter Monika zur Welt. Gern erinnern sie sich an die gemeinsamen Reisen, oft mit dem Döschwo. Als Karl Schori nach achtzehn Jahren Citroën verliess und Public Relations Manager bei Chrysler Swiss wurde, gingen die Reisen auch in die USA. Und immer wieder verbrachte die Familie ihre Ferien entlang der Maginot-Linie, dem Verteidigungssystem an der französischen Ostgrenze, zu welcher der militärhistorisch interessierte Karl Schori forschte und Vorträge hielt. «Wir haben nichts verpasst», ist sich das Paar einig: «Wir hatten ein erfülltes und reiches Leben.»
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