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«Was Menschen, die nicht bereit sind, auf irgend eine Anwendung bewußter Lenkung zu verzichten, anscheinend nicht verstehen können, ist, daß der Verzicht auf bewußte Macht – eine Macht, die immer Macht von Menschen über andere Menschen sein muß – für die Gesellschaft als Ganzes nur ein scheinbarer Verzicht ist, eine Entsagung, die vom Einzelnen verlangt wird, um die Macht der Menschheit zu vergrößern, um die Kenntnisse und die Kräfte der zahllosen Individuen freizumachen, die in einer von oben bewußt gelenkten Gesellschaft nie nutzbar gemacht werden könnten. Das große Missgeschick unserer Generation ist, daß die Richtung, die durch den erstaunlichen Fortschritt der Naturwissenschaften ihren Jüngern vorgegeben wurde, ihnen nicht hilft, den größeren Prozeß zu verstehen, von dem wir als Einzelne bloß einen Teil bilden, oder es zu schätzen, daß wir ständig zu einer gemeinsamen Bemühung beitragen, ohne sie zu lenken, noch uns den Anordnungen anderer zu fügen. Das zu sehen erfordert eine andere Art geistiger Tätigkeit, als sie für die Handhabung materieller Dinge notwendig ist, eine Tätigkeit, für die die traditionelle humanistische Erziehung wenigstens eine gewisse Übung vermittelte, für die aber die jetzt vorherrschenden Schultypen immer weniger vorzubereiten scheinen. Je weiter unsere technische Zivilisation fortschreitet und je mehr daher das Studium der so weit vom Studium der Menschen und ihrer Ideen abgelegenen Dinge für die wichtigeren und einflußreicheren Stellungen qualifiziert, desto bedeutender wird die Kluft zwischen den beiden verschiedenen Denktypen; dem einen, der durch den Menschen repräsentiert wird, dessen höchster Ehrgeiz es ist, die ihn umgebende Welt in eine ungeheure Maschine zu verwandeln, in der sich jeder Teil seinem Entwurf gemäß bewegt, so wie er auf einen Knopf drückt, und dem anderen, dessen Repräsentant der Mensch ist, dessen Hauptinteresse die Entwicklung des menschlichen Geistes in allen seinen Aspekten ist, der im Studium der Geschichte oder Literatur, der Kunst oder des Rechts, gelernt hat, die Einzelnen als Teil eines Prozesses zu sehen, in dem sein Beitrag nicht gelenkt sondern spontan ist und in dem er zu der Aufrichtung von etwas größerem beiträgt, als er oder irgend ein anderer Einzelverstand es je planen kann. Dieses Bewußtsein, Teil eines sozialen Prozesses zu sein, zu wissen, wie die individuellen Bemühungen ineinander greifen, das ist es, was die Erziehung in den Wissenschaften oder der Technik allein in so bedauernswerter Weise nicht vermittelt. Es ist nicht verwunderlich, daß viele von den aktiveren Geistern unter den so Geschulten früher oder später heftig gegen die Mängel ihrer Erziehung reagieren und eine Leidenschaft entwickeln, der Gesellschaft die Ordnung aufzudrücken, die sie mit den Mitteln, mit denen sie vertraut sind, nicht entdecken können.»
Zitiert aus: F.A. von Hayek, «Missbrauch und Verfall der Vernunft», Frankfurt am Main: Fritz Knapp Verlag, 1959, S. 141f.