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Die U. umfasst die Herstellung von Instrumenten zur Zeitmessung sowie den Handel damit. Da der Bau von Instrumenten zur Zeitmessung die Kenntnis von Zeitsystemen voraussetzt, ist die Uhrmacherei eine exakte Wissenschaft, wird aber auch als Kunst bezeichnet. Sie entwickelte sich in vier Phasen: In einer ersten entstanden nur einfache Instrumente. Ende des 13. Jh. begann mit der mechan. Zeitmessung die zweite Phase, ab 1650 mit der exakten Zeitmessung die dritte und ab 1750 mit der wissenschaftl. Zeitmessung die vierte Phase.
Im MA benutzten die Mönche und Nonnen Glocken, Sanduhren und Stundenkerzen, um ihren Tagesablauf einzuteilen. An die Aussenwand der Klöster gemalte Sonnenuhren gaben die Tageszeit an. Im 14. Jh. kamen in ganz Europa zuerst in den Städten öffentl. Uhren mit mechan. Uhrwerken auf, die oft auch Repräsentationszwecken dienten. Die Menschen richteten sich immer stärker nach dieser mechan. Zeit aus, die sich nicht wie die Kirche dem Wechsel der Jahreszeiten anpasste, sondern unveränderlich blieb. Dass sich im 15. Jh. die Zeitwahrnehmung änderte, belegen auch der Gebrauch von Kalendern und die durch Inventare nachgewiesene Verbreitung von Standuhren in den Haushalten ab 1400.
Mit dem Aufkommen von tragbaren Zeitmessern (Uhren) ab 1650 liessen sich erste Uhrmacher in allen Teilen der heutigen Schweiz nieder, von Basel bis ins Tessin, von Genf bis nach Graubünden. Zwischen Winterthur und Zürich waren die Mechaniker für den Unterhalt der Turmuhrwerke zuständig. In Bern gehörten die Uhrmacher der Gesellschaft zu Schmieden an. Die Uhrmechaniker von Luzern, Zug, St. Gallen, Chur und Schaffhausen zogen im 18. Jh. aufs Land, wo sie Pendeluhren aus Holz oder Eisen bauten, deren Stil je nach Region unterschiedlich war. Die Uhrmacher in Genf und im Jurabogen spezialisierten sich dagegen ganz auf die Anfertigung von tragbaren Kleinuhren.
Autorin/Autor: Estelle Fallet, Béatrice Veyrassat / ANS
Die hugenott. Glaubensflüchtlinge, die ab 1550 nach Genf kamen, brachten ein grosses Fachwissen insbesondere über tragbare Uhren mit. Dieses verband sich auf fruchtbare Weise mit der städt. Gold- und Silberschmiedekunst, sodass Genf zum Zentrum der Zeitmessung aufstieg.
Ab 1660 begannen sich Gehäusemacher und Graveure zu spezialisieren. Die Trennung in zwei separate Berufe war mit der Gründung einer je eigenen Meisterschaft 1698 bzw. 1716 vollbracht. Die Frauen, denen der Zugang zu diesen Handwerken bis 1785 verwehrt blieb, arbeiteten als Kettchenmacherinnen und schlossen sich 1690 der 1601 gegr. Uhrmacherzunft an. Ab dem Ende des 17. Jh. beschränkten sich die Genfer Uhrmacher auf die Endbearbeitung der Uhren und vergaben die Herstellung der Rohwerke in die benachbarten Juratäler oder ins Pays de Gex und ins Faucigny. Die sog. Cabinotiers, so wurden die Genfer Uhrenarbeiter, die in kleinen Räumen tätig waren, genannt, waren mit den übrigen Kunsthandwerkern und Arbeitern der Uhren- und Schmuckbranche in der sog. Fabrique zusammengeschlossen. Ihrem fleissigen Schaffen und den guten Handelsbeziehungen hatte Genf die Blütezeit seiner Uhrmacherei um 1770-86 zu verdanken. Die Genfer Uhren wurden bis in den Orient und in die amerikan. Kolonien geliefert. Als Frankreich 1798 Genf annektierte, wurden die Meisterschaften abgeschafft. Die Branche stürzte in eine Krise mit hoher Arbeitslosigkeit.
Anfang des 18. Jh. liessen sich Genfer Uhrmacher im Waadtland nieder und brachten so ihr Können in diese Region. Die Meisterschaften von Rolle, Nyon, Coppet und Moudon wurden jedoch schon 1776 wieder aufgehoben, jene von Vevey 1802. Übrig blieben nur die Uhrmacher im Vallée de Joux, die sich auf komplizierte Mechanismen und die Uhrensteinproduktion spezialisiert hatten. In den Montagnes neuchâteloises breitete sich die Uhrmacherei ab dem 17. Jh. aus und holte jene von Genf allmählich ein, die ihrerseits einer starken engl. Konkurrenz ausgesetzt war. In Neuenburg gab es keine Zünfte und es herrschte Produktions- und Handelsfreiheit, was viele Genfer Uhrmacher dazu bewog, dort produzieren zu lassen. Die Neuenburger Arbeiter verfügten über Wissen aus der Metallverarbeitung (Schlosserei, Waffen-, Werkzeug- und Nagelschmiede). Die ersten Uhrmacher bauten mittelgrosse bis grosse Zeitmesser, wechselten dann aber zur Herstellung von Taschenuhren und Uhrmacherwerkzeugen. Die Neuenburger Pendulen fanden ab dem 18. Jh. guten Absatz auf den Messen und standen zwischen 1750 und 1810 der Pariser Konkurrenz in nichts nach. Die Uhrmacher beschäftigten oft sämtl. Familienmitglieder, gaben ihr Wissen an Lehrlinge weiter, schlossen sich mit anderen Berufsleuten zusammen und gingen gezielte Heiratsverbindungen ein. Aus den Montagnes neuchâteloises drang die Uhrmacherei in das Vallon de Saint-Imier und in die westl. Freiberge vor. Nach dem Anschluss des Fürstbistums Basel an Frankreich kam der Handel zwischen den Arbeitern aus den jurass. Dörfern im Dep. Mont-Terrible und den Neuenburger Uhrmachern zum Erliegen. Die Uhrmacherei erholte sich aber nach 1815 wieder und breitete sich zwischen Tavannes und der Ajoie aus.
Ab der Mitte des 19. Jh. entwickelte sich die U. v.a. in den Kt. Bern (Vallon de Saint-Imier, Freiberge, Ajoie, Stadt Biel) und Solothurn (Region Grenchen). Um 1890 kam rund die Hälfte aller für den Export bestimmten Uhren und Uhrwerke aus Berner Uhrmacherwerkstätten. Bern war die neue Hochburg einer sich rasch modernisierenden U. Mit der kontinuierl. Mechanisierung Ende des 19. Jh. erreichte die U. auch Gebiete ausserhalb des Jurabogens, so Basel und Schaffhausen. Im 20. Jh. konzentrierte sich die U. im Jurabogen, wo sie 90% der in dieser Branche Tätigen beschäftigte.
Autorin/Autor: Estelle Fallet, Béatrice Veyrassat / ANS
Wie die Uhr selbst war auch die Schweizer U. komplex aufgebaut, insbesondere durch die fortschreitende Arbeitsteilung, die zu einer Ausdifferenzierung der Berufe führte: Eine Genfer Berufsstatistik von 1788 nennt mehr als 30 versch. in der Fabrique vereinte Berufe, eine Fabrikzählung von 1867 in La Chaux-de-Fonds unterscheidet 54 Uhrmacherberufe. Die ersten Uhrmacher stellten die Uhrenbestandteile (Uhrwerk und Gehäuse) selbst her und montierten sie zum fertigen Produkt. Ab dem 17. Jh. wurde der Herstellungsprozess in einzelne Arbeitsschritte zerlegt, die von jeweils anderen Spezialisten in Heimarbeit ausgeführt wurden. Ein Verleger verteilte die Arbeit, lieferte die Rohstoffe, liess die Einzelteile in seinem Atelier zusammenfügen und richtig einstellen (Verlagssystem). Ein Händler oder ein Handelshaus verkaufte die Uhren grösstenteils ins Ausland. Diese Arbeitsteilung ermöglichte eine höhere Produktivität. Auf die lang anhaltende protoindustrielle, hauptsächlich auf Heimarbeit beruhende Wachstumsphase folgte in den 1870er und 80er Jahren eine Übergangszeit, bevor technolog. Wandel und professionelle Forschung der U. erneut zu einem Wachstumsschub verhalfen. Weiterentwicklungen und Verbesserungen spielten schon früh eine wichtige Rolle, so war die Idee der Austauschbarkeit von Einzelteilen in der jurass. Uhrmacherei ab den 1770er Jahren bekannt, noch bevor sie in der US-Industrie angewandt wurde. Damals kamen die ersten Werkzeugmaschinen zur Herstellung von standardisierten Rohwerken zum Einsatz. Geistiger Vater der maschinellen Produktion war Frédéric Japy aus Beaucourt im franz. Jura. Trotzdem ging die Standardisierung und Normierung der Uhrenbestandteile und damit die Umstellung auf die industrielle Fertigung in den damals gegr. Schweizer Rohwerkfabriken, wie jener von Fontainemelon (1793), nur langsam voran. Erfinder wie der Bieler Ingenieur Pierre-Frédéric Ingold und der Genfer Georges Leschot versuchten im 19. Jh. unermüdlich, aber mit bescheidenem Erfolg, austauschbare Bestandteile zu entwickeln.
Erst Ende des 19. Jh. führte die Umgestaltung des Produktionsprozesses in der U. auch zu Veränderungen der regionalen wirtschaftl. und sozialen Strukturen. Die Standardisierung, maschinelle Fertigung von Einzelteilen und Serienproduktion von billigen Uhren in den USA ab der Jahrhundertmitte zwang die Schweizer U., von der Handarbeit zur industriellen Produktion überzugehen. Der techn. Fortschritt verschaffte den USA einen Konkurrenzvorsprung, der fast zum Zusammenbruch der Schweizer U. führte. Der Export von Schweizer Uhren in die USA sank von 18,3 Mio. Fr. 1872 auf 3,5-4 Mio. Fr. 1877-78. Die techn. und organisator. Voraussetzungen für die Massenproduktion von Uhren entstanden schliesslich im Berner Jura und am Jurafuss, wo grosse Manufakturen neue Zentren der U. bildeten. Sie beschäftigten Hunderte von ungelernten und unqualifizierten Arbeitern und Arbeiterinnen, die meist aus der ländl. Bevölkerung stammten. Von den 97 Uhrenfabriken, die 1883 dem eidg. Fabrikgesetz unterstellt waren, befanden sich 46 im Kt. Bern und elf im Kt. Solothurn.
Die Umstellung auf die maschinelle Serienproduktion hatte grosse Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Um ihre Rechte zu verteidigen, griffen die Arbeiter zwischen 1884 und 1914 193-mal zum Mittel des Streiks. Sie organisierten sich 1912 als Gewerkschaft im Dachverband der Uhrenarbeiter (Vorläufer des Schweiz. Metall- und Uhrenarbeiterverbands, ab 1992 Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen (Smuv), seit 2005 Unia), der 17'000 Mitglieder zählte, also rund ein Drittel der Beschäftigten.
Die Schweizer U. reagierte flexibel auf die US-Konkurrenz, indem sie eine Doppelstrategie verfolgte. Sie setzte einerseits weiter auf die Uhrmacherei im Bereich der Luxusuhren, der speziellen oder manuellen Endbearbeitungen, der sog. Komplikationen und Präzisionsteile in den traditionellen Zentren der U., andererseits auf die industrielle Serienproduktion für Uhren der mittleren Preisklasse und des Billigpreissegments in Fabrikkomplexen. Die Krise von 1921-23, der weltweite Konjunkturrückgang der 1930er Jahre und der aufkommende Protektionismus stellten diese Flexibilität auf die Probe und beschleunigten die Kartellisierung, die sich mit der Gründung erster Holdings wie der Ebauches oder der Société suisse pour l'industrie horlogère Ende der 1920er Jahre abgezeichnet hatte. Das Resultat dieser tief greifenden Neuorganisation auf nationaler Ebene war die Konzentration des Kapitals und der Betriebe im Uhrensektor. 1928 wurde die Treuhandstelle der Schweiz. U. (Fidhor) gegründet, welche die Beziehungen zwischen den Banken und den Uhrmachern regelte. Von nun an bestimmten Tarifverträge die Produktion, die Preisgestaltung und die Exportpolitik. Die 1931 gegründete privatwirtschaftl. Allgemeine Schweiz. U. AG (Asuag) war eine Superholding, die praktisch ein Monopol auf die Produktion von Uhrrohwerken und Gangreglern besass. Die vertragl. Absprachen zwischen den Produktionszweigen wurden von den eidg. Behörden als Mittel im Kampf gegen die ausländ. Konkurrenz unterstützt.
Der Einzug der Elektronik in die U. löste in der Branche eine strukturelle Krise mit schwerwiegenden Folgen für den Jurabogen aus. Die Zahl der Angestellten schrumpfte von etwa 70'000 Mitte der 1960er Jahre auf 30'000-35'000 in den 1980er Jahren. Obwohl die Quarzuhr in der Schweiz bekannt war, glaubte hier niemand an ihren Erfolg. Anders in Japan, das die Schweiz in der Produktion elektron. Uhren bald überholte. Nun war die Schweizer U. gezwungen, sich der Mikroelektronik zuzuwenden. Die ersten Prototypen einer Quarzarmbanduhr kamen 1968 aus dem Neuenburger Forschungslabor des Centre électronique horloger SA. 1979-80 hielt sich die Produktion mechan. und elektron. Uhren die Waage.
Im 20. Jh. setzte sich der Produktionsprozess noch aus drei grossen Arbeitsschritten zusammen, nämlich der Herstellung der Teile, dem Zusammensetzen der Uhr und den Abschlussarbeiten. Zu Beginn des 21. Jh. verfügen die wenigsten Schweizer Uhrenfabrikanten und -marken über eine eigentl. Produktionsstätte, sondern bauen die Uhren aus zugekauften, z.T. in Asien hergestellten Bestandteilen zusammen (mechan. Uhrwerke, Quarzuhrwerke sowie Gehäuse, Zifferblätter, Zeiger und Armbänder für die Uhrenausstattung). Sie stehen unter der Kontrolle einiger grosser Gesellschaften (Swatch Group, Movado Groupe Inc., Richemond, LVMH etc.), vergeben die Montage des Uhrwerks, das Einsetzen ins Gehäuse und das Zusammenfügen der Uhrenausstattung an Zulieferer oder beschränken sich auf die Prüfung dieser Arbeitsschritte und konzentrieren sich auf das Marketing und den Vertrieb. Die wenigen Hersteller, die sämtl. Arbeitsschritte beherrschen, befinden sich im Luxussegment. Die meisten Uhrenfabriken sind kleinere und mittlere Betriebe mit durchschnittlich 60 Anstellten. Das Verhältnis zwischen männl. und weibl. Angestellten hält sich in etwa die Waage.
Autorin/Autor: Estelle Fallet, Béatrice Veyrassat / ANS
Trotz schwerer Krisen, in deren Folge sich die Schweizer U. neu ausrichten musste, behielten Schweizer Uhren ihren hohen Stellenwert auf dem Weltmarkt. Um 1870 produzierte die Schweiz weltweit etwa drei Viertel aller Uhren und erzielte damit zwei Drittel des weltweiten Branchenumsatzes. Zu Beginn des 21. Jh. war die Schweiz immer noch die wertmässig grösste Exporteurin von Uhren: 2010 belief sich der Schweizer Uhrenexport auf 16,2 Mrd. Fr., also auf mehr als die Hälfte des Weltuhrenexports von geschätzten 30 Mrd. Fr. Von den 1,2 Mrd. Uhren, die 2010 hergestellt wurden, stammen 1,1 Mrd. aus China und Hongkong und nur gerade 26,2 Mio. aus der Schweiz. Schweizer Uhren gehören also zum Hochpreissegment und kosten durchschnittlich bedeutend mehr als solche anderer Produzenten. Die U. zählte 2010 rund 600 Unternehmen und war damit hinter der Maschinen- und der chem. Industrie die drittgrösste Exportbranche der Schweiz.
Diesen Erfolg verdankte die U. ihrer unermüdl. Anpassung an die Nachfrageentwicklung und der Erschliessung von Absatzmärkten, die sich in Abhängigkeit vom Weltmarkt in jeweils anderen Ländern auftaten. 2010 waren Asien mit 53% und Europa mit 31% die grössten Abnehmer von Schweizer Uhren. Obwohl die Schweizer U. die unangefochtene Führungsposition im Luxussegment innehielt, sahen sich die Uhrmacher ab Mitte des 19. Jh. gezwungen, sich an gewisse mit dem Massenkonsum verbundene Zeitströmungen und an die Kriegszeiten anzupassen. Im 1. Weltkrieg machte die U. mit der Herstellung von Fahrtmessern für Flugzeuge und Zeitzündern für Granaten Gewinne, ab 1914 ermöglichte die fortschreitende Mechanisierung die Produktion von Munition.
Im 19. Jh. gelangten immer mehr Menschen in den Besitz einer Uhr. Das Aufkommen der Eisenbahn und die Fortschritte in der Fabrikarbeit mit ihren geregelten Arbeitszeiten förderten den allg. Gebrauch. Dank der Hebung des Lebensstandards verbreitete sich die Uhr bis in die unteren sozialen Schichten, v.a. die 1867 geschaffene Roskopfuhr, auch "Uhr des Arbeiters" genannt. Sie war billig, aber tadellos gefertigt. Zahlreiche techn. Neuerungen im Bereich der Hemmung, des Materials oder der Zusammensetzung sprachen weitere Kunden an. Die Armbanduhr, die zuerst zu militär. Zwecken verwendet wurde, eroberte in den 1920er Jahren den Markt und verdrängte die Taschenuhr. 1926 wurde in Grenchen ein automat. Kaliber hergestellt, 1952 tauchten erste elektron. Modelle auf. Die Oris, eine Uhr mit Stiftenhemmung, kam 1938 auf den Markt, die Plastikuhr Fortis 1969. Die zwischen 1979 und 1982 entworfene Swatch, eine kleine elektron. Uhr aus Spritzplastik, wurde zu einem Hightech-Massenprodukt.
Autorin/Autor: Estelle Fallet, Béatrice Veyrassat / ANS
Schon für die traditionellen Uhrmacher war die Suche nach der präzisen Messung der Zeit ein erstrangiges Ziel. Die Uhren gingen dank der Erfindungen einzelner Gelehrter immer genauer. Der Physiker Charles-Edouard Guillaume entwickelte z.B. die Legierung Invar, die sich bei steigenden Temperaturen kaum ausdehnt. Es wurden immer dünnere Kaliber und feinere sog. Komplikationen hergestellt und die Uhren wasserdicht, druckfest, feuchtigkeitsbeständig und magnetresistent gemacht. Wissenschaftl. Institutionen nahmen entscheidenden Einfluss auf die Forschung: Das Observatorium in Genf (1772 gegr.) trug zur Kontrolle der Uhrenfeineinstellung bei, jenes in Neuenburg (1858 gegr.) gab allen Uhrmacherwerkstätten des Kantons die genaue Zeit bekannt. Zur Feineinstellung von Uhren fanden ab 1866 jährlich Regulierungswettbewerbe statt, die später international ausgetragen wurden.
Auf Initiative der Univ. Neuenburg entstand 1931 das privatwirtschaftl. und gemeinschaftl. Versuchs- und Forschungslabor Laboratoire de recherches horologères, das für die gesamte Schweizer U. arbeitete und eine neue Etappe in der Industrieforschung des 20. Jh. einläutete. Der Aufstieg der Elektronik und die Aussicht auf die Verwendung von Quarz führten 1962 zur Gründung des Centre électronique horloger SA. Es fusionierte 1984 mit der 1978 gegr. Schweiz. Stiftung für mikrotechn. Forschung zum Centre suisse d'électronique et de microtechnique. Die öffentl. Hand kurbelte nach der Krise Mitte der 1970er Jahre die regionale und nationale U. wieder an. Der Bund gab den Anstoss zur Diversifizierung, indem er Projekte zur Miniaturisierung elektron. Bestandteile und zur Anpassung von Transistoren und integrierten Schaltkreisen finanzierte. Ende des 20. Jh. zeigte sich, dass der Entscheid zur Restrukturierung der U. in den 1970er und 80er Jahren richtig gewesen war, um diese konkurrenzfähig zu erhalten. Ein Drittel der Uhrenfabriken war ganz oder teilweise in einem Bereich tätig, der nicht direkt mit der U. zusammenhing.
Autorin/Autor: Estelle Fallet, Béatrice Veyrassat / ANS
Die häufigen und schweren Krisen der U. hatten teils konjunkturelle Gründe, teils gingen sie von einer Überproduktion oder einem Paradigmenwechsel in der Technologie aus. Sie riefen eine Vielzahl von privatwirtschaftl., subventionierten oder von der öffentl. Hand finanzierten Massnahmen hervor. Einige strebten indirekt die Förderung und Verbesserung der Industrie an, so der Ausbau der berufl. und techn. Bildung, die Gründung zahlreicher lokaler Fördervereine und einer Fachpresse (das 1876 gegr. "Journal suisse d'horlogerie"), die Teilnahme an den Weltausstellungen ab 1850, internat. Werbekampagnen seit 1950 sowie Messen und Ausstellungen seit den 1960er Jahren (Montres & Bijoux in Genf 1963; Europ. Uhren- und Schmuckmesse in Basel 1973, die aus dem 1931 im Rahmen der Mustermesse gegr. Schweizer Uhrensalon hervorgegangen ist; Salon international de la haute horlogerie in Genf, 1991). Andere Mittel dienten direkt der Festlegung von Qualitäts- und Präzisionsnormen wie die Ausweitung der Dienstleistungen der Observatorien oder die Kontrolle und die Garantie der Edelmetalle. Die Normung der Schweiz. U. wurde 1958 institutionalisiert, die Association pour le contrôle officiel suisse des chronomètres 1972 gegründet und 1994 vom Bundesamt für Metrologie anerkannt.
Der Bundesrat griff mehrmals ein, insbesondere leistete er finanzielle Hilfe zur Gründung der Asuag. Während der Weltwirtschaftskrise, die 1932 ihren Höhepunkt erreichte, ging er gegen die um sich greifenden Missstände in der U. vor. Der Bundesbeschluss vom 12.3.1934 brachte die Bewilligungspflicht für die Eröffnung und Vergrösserung von Unternehmen sowie für den Export von Uhrenbestandteilen, Rohwerken und Schablonen. Dieser Beschluss und die weiteren bis 1937 folgenden rechtl. Massnahmen sind unter der Bezeichnung Uhrenstatut bekannt. Der sog. Bonny-Beschluss von 1978 bot jenen Uhrenindustrieregionen Hilfe, die von der schweren Strukturkrise von 1975 betroffen waren. Er wurde 1994 und 2000 erneuert. Die eidg. Gesetzgebung wandte sich jedoch immer mehr vom einstigen Protektionismus ab. Im Vordergrund stand nicht länger der Kartellgedanke, sondern das Bemühen um die Vermarktung der Schweizer Uhren unter dem Label Swiss Made, dessen Qualitätskriterien in einer 1971 erlassenen und 1992 revidierten Verordnung festgehalten sind. Als Schweizer Uhr gilt eine Uhr mit einem Uhrwerk, das in der Schweiz zusammengesetzt wurde und dessen in der Schweiz hergestellte Bestandteile mindestens 50% seines Werts ausmachen.
Autorin/Autor: Estelle Fallet, Béatrice Veyrassat / ANS
Autorin/Autor: Estelle Fallet, Béatrice Veyrassat / ANS