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"Die Verfügbarkeit von sauberem Trinkwasser in jeder Wohnung und die problemlose Entsorgung des anfallenden Abwassers sind heute in Europa so allgemein verbreitet, dass wir sie als selbstverständliche Standards unseres Lebens auffassen", so beginnt Shahrooz Mohajeri sein Werk über 100 Jahre Wasserversorgung und Abwasserentsorgung in Berlin.
Er beschreibt die Wasserver- und Abwasserentsorgung beginnend bei den zeitgenössischen Hygienevorstellungen und der gewachsenen Wasser- und Abwasserentsorgung. Die Entwicklung beider Projekte verlief nicht störungsfrei und oftmals musste aus eigenen "Fehlern" gelernt werden, da noch kein großer Erfahrungsschatz vorhanden war.
In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurden die Bedingungen und Möglichkeiten einer zentralen Wasserversorgung diskutiert. Der Sinn der unterschiedlichen Projekte war allerdings nicht die Versorgung der Bevölkerung, sondern die Spülung der Rinnsteine, die "häufig einen ekelerregenden Anblick und unerträgliche Gerüche" (S. 37) verbreiteten. Eine von König Friedrich Wilhelm IV. ins Leben berufene Kommission, die von Alexander von Humboldt geleitet wurde, erarbeitete zwar mehrere Vorschläge, die aber zu keinen Ergebnis führten. Daraufhin ergriff der König im Jahre 1852 selbst die Initiative und bevollmächtigte Polizeipräsident von Hinckeldey, an den Vertretern der Stadt vorbei, ausländische Unternehmer mit der Wasserversorgung von Berlin zu beauftragen. So geschah es, eine flächendeckende Wasserversorgung für die Berliner Bevölkerung wurde allerdings nicht vereinbart. Vier Jahre später nahm die Berlin Waterworks Company das erste Wasserwerk "Stralauer Tor" in Betrieb. 1873 übernahm die Stadt das gesamte Unternehmen. Weitere Wasserwerke wurden gebaut, denn nicht nur die Bevölkerung wuchs, zunehmend wurden in den Wohnungen auch Bäder und Wasserklosetts installiert, die den Verbrauch in die Höhe trieben. Trinkwassergrenzwerte und Qualitätskontrollen gab es noch nicht. Diese kamen erst ab den 1870er Jahren in die Diskussion. Probleme wie Eisengranulat und Algen im Wasser mussten beseitigt werden. Daran wurde besonders energisch gearbeitet, nachdem sich Reichskanzler Fürst von Bismarck über die schlechte Wasserqualität beschwert hatte.
Erfahrungen mit der Förderung von Oberflächenwasser und Grundwasser wurden in den verschiedenen Wasserwerken gesammelt. Stetige Erweiterungen und Verbesserungen des Netzes folgten in den nächsten Jahrzehnten.
Die Entwicklung der Berliner Abwasserentsorgung begann einige Jahre später als die Wasserversorgung. 1865 wurde erstmals eine Sektion für Gesundheitspflege gegründet. Unter Beteiligung von Ärzten, darunter Rudolf Virchow, wurden Fragen der Gesundheit, Hygiene und Sterblichkeit aufgrund von Epidemien, unter Berücksichtung der Wasserver- und Abwasserentsorgung, diskutiert. Dies führte zur Bildung einer weiteren gemischten Deputation unter der Leitung Vrichows, in deren Auftrag erstmalig in Deutschland systematische wissenschaftliche Versuche zu verschiedenen Abwasserentsorgungverfahren durchgeführt wurden. Im "Hobrecht-Plan" wurde eine Kanalisation mit der anschließenden Reinigung der Abwässer durch Rieselfelder entwickelt. Eine erste Trennung von Grob- und Sinkstoffen erfolgte in den Abwasserpumpwerken durch Gitter im Sandfang, eine zweite Reinigung erfolgte dann auf den Rieselfeldern. Dieser mit großem Weitblick entworfene Plan blieb für viele Jahre tauglich. Im Jahre 1881 waren bereits 45% aller Berliner Grundstücke an die Abwasserentsorgung angeschlossen. Berlin entwickelte sich innerhalb von 25 Jahren von einer hygienisch rückständigen Stadt zu einer der saubersten Städte in Europa und war das Ziel vieler Studienreisen.
Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts stieß die Rieselfeldwirtschaft durch Geruchsbelästigung, Wasserverunreinigung und Versumpfung jedoch immer mehr an ihre Grenzen. Außerdem wurden immer neue Flächen notwendig. Nach der Eingemeindung war Berlin von Rieselfeldern umgeben, wie Kritiker meinten: Ein Gürtel von Gestank. Statt neue Ideen zu entwickeln, wurde zunächst noch in die Vergrößerung und Verbesserung der Rieselfelder investiert. In Wilmersdorf aber wurde 1907 die erste biologische Kläranlage mit Tropfkörpern in Deutschland gebaut - man hatte zu spät über die Abwasserentsorgung nachgedacht und konnte keine Rieselfelder mehr erwerben. Nach der Eingemeindung von Städten und Gemeinden aus dem Umland zu Groß-Berlin im Jahre 1920 entstanden neue Herausforderungen, denn die unterschiedlichen Ver- und Entsorgungsysteme mussten vereinheitlicht und auf das gesamte Stadtgebiet ausgedehnt werden.
Shahrooz Mohajeri anlaysiert in seiner Dissertation nicht nur die technischen, sondern auch gesellschaftlichen und politischen Gesichtspunkte die zur Entwicklung der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung geführt haben. Seine anschaulichen Erklärungen sind auch für den Laien gut verständlich. Sich die Arbeitsweise eines Rieselfeldes vorzustellen, verlangt vom Leser, der dies wahrscheinlich noch nie gesehen hat, trotz hervorragend detailreicher Beschreibung, schon einige Phantasie. Die chronologische Gegenüberstellung in einzelnen Kapiteln ermöglicht den direkten Vergleich der Entwicklung der Wasserversorgung und der Abwasserentsorgung.