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Sommer 2006. Während diese Zeilen geschrieben werden, sind Kasabian gezeichnet vom Jetlag, aber sehr glücklich. Vor drei Tagen sind sie aus Mexiko City zurückgekehrt, wo sie von einem begeisterten Publikum wie Helden empfangen wurden. "Sie haben sogar zu den Keyboards von "Processed Beats" gesungen", berichtet Serge Pizzorno. "Und als wir dann die neuen Stücke spielten...", Pizzorno sucht nach Worten und Tom Meighan springt ein: " ...das war Wahnsinn. Ich habe noch nie eine so geballte Begeisterung gespürt."
Die rotzigen Glimmer Twins der Post-Britpop-Ära (für Spätgeborene: die echten Glimmer Twins sind Mick Jagger und Keith Richards von den Rolling Stones) haben nie einen Hehl daraus gemacht, wer und was sie für ihr selbstbetiteltes erstes Album beeinflusst hat. Meighan und Pizzorno kennen sich seit ihrer Schulzeit in Leicester. 1993 inspirierte sie Oasis, wie so viele andere musikbegeisterte Schuljungen, selbst Musik zu machen. "Kasabian", das Debütalbum der Band erschien 2004 und wurde zum Überraschungserfolg. Kasabian hatten im Handumdrehen eine riesige, begeisterte Gefolgschaft - die Fans konnten sich mit Meighan und Pizzorno hundertprozentig identifizieren. So, wie es den beiden früher selbst mit Oasis gegangen war.
Das Album "Kasabian" hat sich im Vereinigten Königreich mehr als 700.000 mal verkauft und die Band war der unbestrittene Gewinner der vergangenen Festival-Saison mit fulminanten Auftritten in Glastonbury, Reading/ Leeds und T In The Park. Das Debütalbum hat ungeniert die Einflüsse der Gruppe offengelegt. Das zweite Album "Empire" aber zeigt, wer Kasabian wirklich sind. Keine andere Band hätte eine solche Platte machen können. Und das an den Tag gelegte Selbstbewusstsein ist keineswegs unbegründet. Ein Beispiel: 8.000 Tickets für das Kasabian-Konzert im Londoner "Ally Pally" (Alexandra Palace) gingen im letzten Jahr innerhalb kürzester Zeit weg ohne dass die Band zu vorverkaufsfördernden Werbemaßnahmen hätte greifen müssen.
Vor einiger Zeit wurde Meighan gebeten zu beschreiben wie die erste Single "Empire" klingt und er antwortete: "Marc Bolan raucht Crack mit Dr. Who." "Keine andere Band außer vielleicht Radiohead hätte sich getraut, einen solchen Tempowechsel einzubauen", fügt Pizzorno hinzu. Und selbst Radiohead waren erst mit ihrem dritten Album soweit, notiert man ergänzend im Kopf, behält es aber aus Gründen der höflichen Zurückhaltung für sich. Diesmal bilden Serges elektronische Soundentwürfe den musikalischen Kern. Die Flut der Ideen hört nicht auf. Angetrieben von Handclaps und Ian Matthews "Studio 54"-Style Schlagzeug wird an "Shoot The Runner" zwischen jetzt und Weihnachten (mindestens!) kein Weg vorbeiführen. "Last Trip" ist (wenig überraschend bei dem Titel) eine klingende Postkarte von einem gepflegten Totalabsturz bis in die frühen Morgenstunden. Meighans spröder Gesang ist über ein Arrangement gelegt, das an den primitiven Elektro-Puls von Suicide erinnert. Erst drei Stücke durch und "Empire" klingt schon wie das allgemeine Rock'n'Roll-Register.
"Wie gefallen Dir die Streicher?" fragt Meighan lächelnd und streicht sich mit der Hand über seine neu erworbene Gesichtsbehaarung. Er meint "Sunrise". "Es ist schwierig, über das Lied zu sprechen, ohne arrogant zu klingen", sagt Pizzorno. "Aber es klingt ... königlich, royal. Verstehst Du, was ich meine? Stolz. Es ist etwas Besonderes. Die Streicher wären gar nicht notwendig gewesen, um den Sound abzurunden. Das Stück ist einfach schon ganz von allein riesig." Es ist nicht der erste Acid-Lobgesang in der Rockgeschichte, erwidert man, dennoch kann man sich nicht erinnern, wann indische Streicher das letzte mal so prominent in einem Rock'nRoll-Song vorkamen. "Das sind marokkanische Rai-Musiker", korrigiert er lächelnd. "Indische Streicher? Das war's, Kumpel."
Wie geht es weiter? "Die Alben "Screamadelica" von Primal Scream und "Dig Your Own Hole" von den Chemical Brothers waren wichtige Inspirationen und weisen den Weg, aber nichts kann einen wirklich auf "Empire" vorbereiten. Während "Kasabian" stark von einer sich rapide verändernden Welt beeinflusst war, ist "Empire" ein sehr viel persönlicheres Album geworden. Eine Erinnerung an zwei extreme Jahre auf Tour, in denen die Freundschaft, auf der die Band aufgebaut ist zur wichtigen Konstante wurde. Ein Gruß aus einer Parallelwelt. Und mitten drin ist "Aponea" - zwei Minuten verstörendes Presslufthammer-Getöse begleitet von einem fiebrigen Stammeln, das einen überraschenden Gegenpol bildet zu den umliegenden Songs, die sich aus einem unumstößlichen Selbstbewusstsein zu speisen scheinen. "Aponea ist ein Krankheitsbild, bei dem im Schlaf plötzlich der Atem aussetzt und du Panikattacken bekommst", erklärt Pizzorno. Wagen wir uns weiter in das Innere des Albums vor. "By My Side" und "Stuntman" versprechen, dass es auch in deiner dunkelsten Stunde die Liebe ist, die dich retten kann. Und ungefähr in der Mitte von "Stuntman" kommt die vertraute Großmäuligkeit langsam zurück - geschmeidig, rhythmisch, sexy geht der Song in White Noise über bis am Ende nichts anderes mehr zu hören ist.
Wenn es darum geht, ihr eigenes musikalisches Können zu loben, lassen sich Kasabian gewöhnlich nicht lange bitten. Dennoch betonen sie im Gespräch, wie wichtig diesmal der Input des Produzenten Jim Abbiss war, der so sagt Meighan, "es immer geschafft hat, schlimme Krisensituationen im Studio in den Griff zu bekommen." Wenn ein normalerweise perfekt eingespieltes Doppel wie Meighan und Pizzorno sich uneinig ist, kann man davon ausgehen, dass es richtig kracht, oder? "Oh ja, wir zanken uns gerne", sagt Meighan. "Aber nur, wenn wir getrunken haben. Du kennst doch bestimmt diesen Hot-Chocolate-Song "It Started With A Kiss"? Also bei uns endet es mit einem Kuss, aber es fängt an mit einer Flasche. Aber Jim hat uns regelmäßig den Kopf gewaschen, das hat uns so manche zeitraubende Streitigkeit erspart." Das könnte immerhin erklären, wieso der allergrößte Teil von "Empire" nach nur fünf Wochen fertig aufgenommen war, obwohl Kasabian manche Stücke erst kurz vorher geschrieben haben.
"British Legion" und "The Doberman" beschließen eine Platte, der Meighan bescheinigt, dass sie wirklich "von Herzen" kommt. Die Stücke fassen den Geist des Albums noch einmal zusammen. "The Doberman" glänzt dabei mit Morricone-artigen Bläsern und den dynamischen und hypnotischen Basslinien von Chris Edwards. In der Tradition alter und neuer Favoriten wie "Processed Beats" und "Shoot The Runner" ist mit Sicherheit auch "British Legion" ein Kandidat für den ultimativen Kasabian-Lieblingssong. Und wenn Pizzorno nur von einer zarten akustischen Gitarre begleitet singt (ja, er singt diesmal): "She brings the light that catches me again" dann ist nicht nur in Mexiko Gänsehaut-Alarm. Der erste Take ist der Take, der auf dem Album zu hören ist. Ein reduzierter Rhythmus begleitet die "We're gonna make it through"-Coda und es fällt nicht schwer, sich rosarote Festival-Sonnenuntergänge vorzustellen und 30.000 glückliche Background-Sänger, die das Stück in Endlosschleife mit nach Hause nehmen.
Pete Paphides, 2006