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Den Besitzern von Leo fällt wenige Tage nach der Übernahme aus einer ausländischen Zucht auf, dass er ein reduziertes Allgemeinbefinden und eine zunehmend verstärkte Atmung aufweist. Da wir unsere Praxis am betroffenen Tag wegen Renovierungsarbeiten geschlossen halten mussten, wendet sich die Besitzerin an eine nahegelegene Praxis, welche das Katerchen nach ersten Abklärungen an eine Klinik zur weiteren Diagnostik und Therapie überweist.
In der Klinik wird Blut untersucht und ein Röntgen angefertigt - hier ist ersichtlich, dass Leo Flüssigkeit im Brustkorb aufweist. Um das Atmen zu erleichtern wird die Flüssigkeit abpunktiert und zur Untersuchung eingeschickt. Im Blut finden sich Anzeichen einer Blutarmut sowie Verschiebungen in den Eiweissfraktionen (erhöhte Entzündungseiweisse und erniedrigte Albuminwerte). In der Brusthöhlenflüssigkeit finden sich mittels PCR-Untersuch Katzen-Coronaviren. Nun ist die Diagnose gestellt - Leo leidet an einer FIP (Feline Infektiöse Peritonitis).
FIP ist eine seit langem bekannte Katzenkrankheit, welche jede Katze (auch Wohnungstiere) befallen kann; Ursache ist das Katzen-Coronavirus. Als Jungtiere infizieren sich die Mehrheit aller Katzen mit dem Erreger, welcher von meist symptomlosen Tieren insbesondere im Kot ausgeschieden wird. Auch Speichel und Nasensekret kann infektiös sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Welpe mit Corona infiziert, steigt mit der Anzahl Tiere, welche auf kleinem Raum beieinander leben - entsprechend ist die Infektions-Wahrscheinlichkeit bei Rassekatzen (Zuchtstätte mit vielen Tieren auf kleinem Raum) und Katzen aus Tierheimen höher als im Durchschnitt. Die Infektion kann Durchfall auslösen, manche Tiere zeigen aber keine oder nur sehr schwache Symptome. Bei den meisten Katzenwelpen ist das Immunsystem in der Lage, den Infekt abzuwehren. Ist es dazu nur ungenügend in der Lage, steigt die Virenzahl in Körper an, wodurch die Wahrscheinlichkeit einer Mutation des Virus steigt: Es wird vom eher harmlosen felinen enteralen Coronavirus zum gefährlichen felinen infektiösen Peritonitisvirus (FIP). Die Tendenz von Coronaviren, zu mutieren und dadurch ihre Eigenschaften zu verändern, ist auch beim menschlichen COVID-19-Virus vorhanden. Die FIP-Viren vermehren sich rasant und werden vom Immunsystem massiv bekämpft, was zu Schädigung von diversen Organen (Gefässe, Nieren, Augen, Hirn etc) und durch eine Bauch- oder Brustfellentzündung allenfalls zu Flüssigkeitsbildung in Brustkorb und Bauch führt. Die Katze kann diverse Symptome wie Appetitverlust, Fieber, Augenveränderungen, Durchfall oder Atemnot aufweisen. Die Diagnosestellung erfolgt durch die Sammlung von typischen Symptomen und Blutveränderungen, allenfalls ist der Nachweis des Virus mittels PCR (Nachweis der Virus-Erbsubstanz) möglich. Ein eigentlicher, einfacher FIP-Test (entsprechend dem Leukosetest) gibt es aber leider nicht. In der Vergangenheit war die Prognose von erkrankten Tieren trotz Einsatz von diversen Medikamenten sehr schlecht - die Krankheit endete im Tod oder der Euthanasie des jungen Tieres. Der einzige "gute" Aspekt von FIP ist, dass eine Direktübertragung von Katze zu Katze nicht möglich ist.
2018 wurden Forschungsergebnisse aus den USA publiziert, welche die Wirksamkeit der Substanz "GS-441524" in FIP-Virus-infizierten Zellen und einer kleinen Gruppe von erkrankten Katzen belegte. Die Substanz bremst die Virusvermehrung; in der Folge wurden Studien mit grösseren Katzengruppen durchgeführt, bei denen das Medikament per Injektion oder in Tablettenform verabreicht wurde. Die Resultate dieser Studien sind sehr ermutigend, indem ein Grossteil der Patienten sehr schnell symptomfrei wurden und gesund erschienen. Bis zur Marktreife eines Medikamentes und dessen Zulassung im Veterinärmarkt werden aber weitere Daten und längere Beobachtungszeiten benötigt, entsprechend laufen weltweit entsprechende Studien oder werden gerade begonnen. Gegenwärtig ist der Wirkstoff nur über nicht-kontrollierte und -regulierten Quellen (z.B. Webshops in China) erhältlich.
Die Entwicklung und Zulassung eines neuen Medikamentes ist ein komplexer Vorgang, welcher in aller Regel Jahre in Anspruch nimmt. Neben der Grundlagenforschung zur Entwicklung einer neuen Substanz sind umfangreiche Studien zur Wirksamkeit und zur Abklärung von möglichen Nebenwirkungen notwendig, welche aufgrund der nötigen Beobachtungszeit lange dauern. Danach werden die Daten der Hersteller von der Arzneimittelbehörde des jeweiligen Landes analysiert (in der Schweiz ist dies die Swissmedic), danach kann die Marktzulassung des Medikamentes erfolgen. Gemäss Artikel 48 der Arzneimittel-Bewilligungsverordnung ist es für eine/n Katzenbesitzer/in zwar legal, sich ein nicht-zugelassenes Präparat zum Eigengebrauch aus einer nicht-autorisierten Quelle zu beschaffen; allerdings müssen die möglichen Risiken selbst getragen werden (zB Nebenwirkungen, allenfalls Verunreinigungen durch Fremdsubstanzen oder gar gefälschte Medikamente, welche den versprochenen Wirkstoff gar nicht enthalten). Als Tierärzte ist uns die Beschaffung und Anwendung nicht-zugelassener Medikamente verboten; entsprechend beschränkt sich unsere Tätigkeit auf die Diagnose der Krankheit und medizinische Betreuung des Patienten (zB Blutkontrollen, Schulung der Besitzer im Verabreichen von Tabletten oder Injektion von Medikamenten).
Wir sehen Leo erstmals einen Monat nach Beginn der Therapie. Dem Katerchen geht es prächtig, im Blut finden sich keine Abnormalitäten mehr, und auch im Brustkorb hat sich keine Flüssigkeit mehr gebildet. Das Medikament wird über eine längere Zeit verabreicht werden; wir hoffen, dass die Gefahr einer FIP auch danach gebannt sein wird.
Aufgrund des bisherigen Fehlens einer wirksamen Behandlungsmöglichkeit der FIP und der Häufigkeit der Erkrankung ist die Nachfrage nach der neuen Therapieform weltweit riesig. Es ist zu hoffen, dass ein zugelassenes Produkt so schnell als möglich und zu einem einigermassen erschwinglichen Preis legal für uns verfügbar wird. Es wäre ethisch schwierig zu akzeptieren, dass sonst weitere Katzen unnötigerweise an FIP sterben müssen. Die Gefahr, dass sich sonst ausserdem ein Schwarzmarkt mit all seinen negativen Seiten etablieren könnte, scheint sehr gross.
© Dr. med. vet. P. Müller / Lyssbachvet