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|Rätoromanisch Rumantsch Grischun|

Rumantsch Grischun (auf Deutsch Bündner Romanisch, nicht zu verwechseln mit Bündnerromanisch) ist die auf Initiative der Lia Rumantscha vom Sprachwissenschaftler Heinrich Schmid in den 1970er und 1980er Jahren entwickelte gemeinsame Schriftsprache für die rätoromanischen Idiome. Seit 2001 ist Rumantsch Grischun offizielle Amtsschriftsprache im Kanton Graubünden und im Bund für den Verkehr mit der romanischsprachigen Bevölkerung; in den romanischen Gemeinden dient indes nach wie vor das jeweilige Idiom als Amtssprache. Die gemeinsame Schriftsprache bezweckt die Stärkung des Romanischen und damit den Erhalt der bedrohten Sprache.
Rumantsch Grischun wurde von der Bevölkerung nicht nur freundlich aufgenommen. Viele Bündner, nicht nur Romanen, befürchten, dass eine Kunstsprache zum Totengräber des Romanischen werden könnte. Andere sind optimistischer und verweisen auf das Beispiel der Deutschen Schriftsprache, welcher es auch nicht gelungen ist, die vielfältigen Deutschschweizer Dialekte wesentlich zu beeinflussen.
Im August 2003 beschloss das Bündner Kantonsparlament, dass Rumantsch Grischun als Schriftsprache in allen romanischen Schulen eingeführt wird und dass neue Lehrmittel für die romanischsprachigen Schulen nur noch in Rumantsch Grischun herausgegeben werden. Bis dahin wurden sämtliche Lehrmittel in allen fünf traditionellen Idiomen herausgegeben. Einerseits erlaubt diese Massnahme Einsparungen bei der Produktion der Schulbücher. Vor allem in stark germanisierten Gebieten mit einem deutlich abweichenden Lokalidiom schwächt sie allerdings die Stellung des Romanischen zusätzlich, da die Kinder de facto ein zweites, ihnen fremdes Romanisch lernen müssen. Von nicht-romanischer Seite werden die Dialektunterschiede oft ungemein unterschätzt, denn sie sind viel ausgeprägter als etwa zwischen den verschiedenen Deutschschweizer Mundarten. Für die Umsetzung des Parlamentsbeschlusses gilt eine Übergangsfrist von zwanzig Jahren. Gemäss der heutigen Rechtslage kann jedoch auch später keine Gemeinde zur Einführung von Rumantsch Grischun an der Schule gezwungen werden, doch wird sich die Beschaffung geeigneter Lehrmittel in den Idiomen immer schwieriger gestalten.
Die Bündner Kantonsregierung hat verschiedene Modelle für die Umsetzung geschaffen. Das Modell „Pioniergemeinde“ sieht z.B. die sofortige Einführung von Rumantsch Grischun in passiver Form vor. D.h., während einer zweijährigen Einführungsphase lernen die Schüler Rumantsch Grischun nur mittels Hören von Texten und Liedern. Erst nach Ablauf dieser obligatorischen Phase wird Rumantsch Grischun auch aktiv gelernt.
Als erste haben sich die Schulgemeinden des Val Müstair (Münstertal) für das Pioniermodell entschieden und seit einem Jahr ist in diesen Gemeinden die Passivphase im Gange. Ab dem Schuljahr 2007/2008 werden die Schüler des Münstertales Rumantsch Grischun aktiv als Schriftsprache lernen. Dass die Gemeinden des Münstertales als erste Rumantsch Grischun als Schriftsprache einführen ist kein Zufall, wird doch im Münstertal Romanisch (in der Form des dortigen Dialektes Jauer) von 95 % der Bevölkerung aktiv gesprochen und gepflegt. Rumantsch Grischun wird von der dortigen Bevölkerung deshalb mehrheitlich nicht als Bedrohung ihrer Sprache empfunden, zumal die bis anhin verwendete Schriftsprache Vallader bereits grosse Unterschiede zur eigenen Mundart aufwies. Den Verlust der alten Schriftsprache sehen die Befürworter des Rumantsch Grischun durch den Vorteil einer einheitlichen Schriftsprache im ganzen Kanton aufgewogen.
Dem Vorbild des Münstertales sind inzwischen auch weitere Gemeinden des Kantons gefolgt, in denen dem Rumantsch Grischun relativ nahe stehende Mundarten gesprochen werden. So werden demnächst neun Gemeinden des Oberhalbsteins und die Gemeinde Trin ebenfalls die „Pionierphase“ beginnen. Lizenzhinweis