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Schnee und Lawinen
Von Rudolf Streiff.
Seit durch die Benützung des Skis das Gebirge auch im Winter zugänglich gemacht wurde, ist das Interesse für das Wesen des Schnees und der Lawinen allgemeiner und die Lawinenkenntnis für den Berggänger zur Notwendigkeit geworden. Über die physikalischen Eigenschaften des Schnees und die Dynamik der Lawinen ist in jüngster Zeit viel geschrieben worden; dennoch ist nicht alles restlos aufgeklärt. So beschäftigt u.a. das Problem der ungleich grösseren Luftdruckwirkung einer Staublawine gegenüber einer der Masse nach gleichgrossen Grundlawine viele Fachmänner. Gute Erklärungen des Luftdruckphänomens haben .F. W. Sprecher9 ) und Max öchslingegeben. Unabhängig von ihnen gelangte ich zu ähnlichen Überlegungen, die ich nebst anderen Beobachtungen bereits schriftlich niedergelegt, aber noch nicht veröffentlicht hatte. Es soll dies hiermit geschehen, zugleich in der Absicht, zeitlich und örtlich verstreut erfolgte Veröffentlichungen anderer Autoren in einem kurzen Aufsatz zu vereinigen. Das Literaturverzeichnis am Schluss gibt Aufschluss, auf welche Arbeiten ich mich dabei gestützt habe.
1. Der Schnee.
Schnee fällt meistens bei Temperaturen um Null Grad herum, und zwar in grossen Flocken, wenn die Luft mit Wasserdampf reichlich gesättigt ist, in kleineren Flocken, wenn sie relativ trockener ist. Bei sehr tiefen Temperaturen, unter —10 Grad C, fällt der Schnee in der Regel nur in Form feiner Eisnadeln. Die Formen der Schneeflocken und einzelnen Schneekristalle sind sehr mannigfaltig 8 ). Im Tiefland kommt es auch im Winter vor, dass der Niederschlag in Form kleiner Schneekügelchen ( Graupeln ) oder gar als Regen erfolgt, während man gleichzeitig in Bodennähe noch Temperaturen unter Null misst. Das ist z.B. häufig der Fall um die Jahreswende, wenn ozeanisch-warme Luft sich auf kalte Bodenschichten aufschiebt. Die Schneekristalle aus den obersten Wolkenschichten ballen sich beim Fall durch die Warmluftschicht zu Graupeln oder schmelzen zu Regentropfen, welche in der seichten Kaltschicht am Boden glatteisbildend erstarren. Umgekehrt kann Schneefall bei Temperaturen erheblich über Null, sogar bis +10 Grad C, beobachtet werden. Dies kommt bei uns am häufigsten im April vor, wenn die schon kräftig wirkende Sonne den Erdboden erwärmt und über diesem eine seichte Warmluftschicht bildet. Streicht nun in geringer Höhe darüber eine Kaltluft mit Schneeschauern hinweg, so haben die Flocken zum Schmelzen nicht Zeit genug, sie tanzen in der aufsteigenden Bodenluft, vermögen aber den Boden kaum zu belegen und verdunsten rasch.
Im Gebirge lässt sich leicht feststellen, dass es zwischen der obersten Wolkendecke und dem Talgrund eine Zone stärksten Schneefalls gibt, welche mit den Jahreszeiten ihre Höhenlage wechselt. Im Sommer liegt diese Zone über 3500 m, sie senkt sich im Laufe des Herbstes, um gegen Ende des Winters den tiefsten Stand etwa mit 2500 m zu erreichen. Im Hochwinter stehen die Viertausendergipfel tagelang über den Wolken im Sonnenlicht, während es in tieferen Lagen schneit10 ). Das erklärt sich einfach: je wärmer die Luft, desto mehr Wasserdampf kann sie aufnehmen bis zum Sättigungsgrad, und um so mehr Niederschlag in Schneeform wieder abgeben, sobald sie in Höhenlagen aufsteigt, wo niedrigere Temperaturen die Kondensation einleiten.
Eine sehr wichtige Rolle spielt beim Schneefall der Wind. Der ansteigende Abhang eines Gebirges erzwingt die Zusammenraffung eines anstürmenden Luftstromes auf einen kleineren Querschnitt, weshalb der Wind auf einer Grat- oder Passhöhe sein Maximum erreicht. Der schwere, mit seiner Tropfenform den Luftwiderstand gut überwindende Regen fällt auf der Stosseite ( im Luv ) eines Windes am ergiebigsten, wogegen der leichtere Schnee mit dem starken Wind bergaufwärts fliegt und erst im Windschatten ( im Lee ), wo der Luftstrom sich ausbreitet und daher an Energie verliert, in grösseren Mengen niederfällt. Ausserdem wird von starkem Wind auch früher abgelagerter Schnee von der Stosseite des Berghanges in dessen Wind- SCHNEE UND LAWINEN.
schatten getragen. Je nach der Form und Neigung des Geländes entstehen die bekannten Schneeverwehungen, welche besonders durch Paulcke und Weizenbach 1V ) wissenschaftlich studiert wurden. In ebenem Gelände gibt der Wind etwa Veranlassung zu dünenartigen Bildungen, oder er bewirkt durch Anprall und Ablenkung vor quer zum Wind stehenden Wänden von Gebäuden oder Felsen halbmondförmige Auskolkungen, sogenannte « Windkessel ».
^ WmótrichtunQ.^ Winolstoss(Luv ) Windschatten ( Lee )
( Jberwächtung eincT CLetscherspdUe.
Auf der Stosseite des Windes können am Berghang durch Anschleu-derung Pressschnee, sogenannte « Schneebretter », entstehen, im Windschatten dagegen bei schwachem Gefällsbruch « Schneeschilder », bei starkem Gefällsbruch « Schneewächten » ( Fig. 1 ). Alle diese abnormen Schneeanhäufungen können Anlass zur Lawinenbildung geben. Für den Alpinisten ist auch die Bildung von Wächten, die zu Schneebrücken über Gletscherspalten führen, von Bedeutung. Der Verfasser wurde während einer Vermessungsarbeit auf dem Claridenfirn hart am Rande einer etwa 50 cm breiten Gletscherspalte von einem Föhnsturm überrascht. Er wurde dabei Augenzeuge, wie durch SCHNEE UND LAWINEN.
den Treibschnee in wenigen Minuten die Spalte von ihren Enden her auf grosse Länge hin überbrückt wurde, so wie es Fig. 1 zeigt. Die kleinere « Gegenwächte » wuchs etwa im Verhältnis von 1: 3 der grösseren « Sturmwächte » entgegen. Frischgefallener Schnee, der das spezifische Gewicht von 0,06 bis 0,1 hat, bleibt niemals so liegen, wie er zuerst abgelagert wurde. Unter dem Einfluss des mechanischen Druckes der oberen Schichten und infolge von Umbildungen der Schneekristalle lagern sich diese dichter zusammen, der Schnee « setzt sich ». Das Verdichten des Schnees geht langsam vor sich, weil die zwischen den Eiskristallen befindliche Luft«.^ eine gewisse Zeit zum Entweichen braucht. Die Verdichtung geht vom spezifischen Gewicht 0,1 bis zu etwa 0,5, dichteren Schnee, etwa von 0,6 und mehr, nennt man Firn. Schon die blosse Verdichtung des Schnees muss auf geneigtem Gelände eine wenn auch nur geringe Abwärts- bewegung verursachen, wie es die Fig. 2 schematisch veran-
Verdichtung des Seh ne e'5
schaulicht. Entsprechend dem Kleinerwerden eines unten liegenden Schneekorns kann das nächstobere der Schwerkraft folgend nachrücken usw., je einen kleinen Druck nach unten und vorn aus-übend. Eine ruhig auf ein Dach gefallene Schneeschicht zeigt zuerst an ihrem unteren Rand eine vertikale Abschlusswand, welche sich dann allmählich Fig. 2.
hyperbolisch gekrümmt nach vorne neigt; oder eine neue Schneeschicht mit zuerst vertikal begrenztem Kubus auf einem Mauerpfosten wird nach wenigen Tagen zum pilzförmigen Kappen-überzug. Bei trockenem Schnee wird die Abwärtsbewegung durch den Widerstand der unter sich kreuz und quer verankerten Eiskristalle zurückgehalten. Wird dagegen der Schnee wasserhaltig, sei es durch Schmelzung oder Regen, dann wird die Bewegung beschleunigt, weil das Wasser als Schmiermittel wirkt, die innere und äussere Reibung vermindert und das spezifische Gewicht der Masse erhöht. Die Kohäsionsspannung zwischen dem Schnee, der abwärts sich bewegen kann, und demjenigen, der aus Reibungsursachen festgehalten wird, löst sich meistens plötzlich unter dumpfem Geräusch oder auch scharfem Knall, wie wir das bei zusammengepressten und plötzlich sich öffnenden Lippen an uns selbst wahrnehmen können. Bleibt die Bewegung des Schnees eine langsame, dann haben wir es mit sogenanntem Kriechschnee zu tun oder, wie man in Glarus sagt, mit « märtschendem Schnee », der bei Die Alpen — 1936 — hes Alpes.5 grossen Mengen bedeutenden Schaden stiften kann, indem er imstande ist, Rasenstücke, Zäune, ja Felsblöcke und kleine Ställe von ihrem Standort wegzudrücken. Grobblockige Schutthalden oder Alpboden, durch Viehtritt beim Weidgang höckerig gestaltet, vermögen oft genug Reibungswiderstände zu bilden, um den Schnee auch bei starkgeneigtem Gelände festzuhalten, wogegen Wildheuhalden mit ihren durch Frost oder Frühschnee nieder-gekämmten Grashalmen eine gefährliche Unterlage bilden. Nicht minder gefährlich ist der sogenannte « Schwimmschnee»8 ). Dieser entsteht durch Umbildung der Schneekristalle am Grunde einer hohen Schneeschicht, sei es über dem relativ warmen Geländeboden oder sei es auf der Hartschicht älteren Schnees. Infolge des die Reibung herabsetzenden Schwimmschnees kommen die oberen Schichten zum Abgleiten, wobei naturgemäss die Bewegung des losgerissenen Schnees um so beschleunigter wird, je steiler der Hang und je glatter die Unterlage ist. An den zahlreichen Hängen unserer Gebirge gehen solche Schneeschlipfe alljährlich zu Tausenden nieder. Sie erscheinen uns im Vergleich zur Masse des Gebirges belanglos und können uns kleinen Menschen doch so gefährlich werden! Wo diese Schneerutsche durch die Geländeformen oder Bewachsung des Bodens keine Hemmung erfahren, können sie zu Lawinen auswachsen, welche durch ihre gewaltigen Massen, durch ihr weithin hörbares Donnern oder ihre zerstörenden Wirkungen Aufsehen erregen, aber auch oft ein prachtvolles Schauspiel darbieten 1 ). Nicht nur der mehr oder weniger frische, sondern auch der in mehrjährigem Wandel zu Firn- und Gletschereis gewordene Schnee kann Lawinen bilden. Die stürzenden Eistürme ( Seraks ) entsprechen im Grössenverhältnis den Schneeschlipfen, die grossen Gletscherabbrüche den Schneelawinen.
Die Oberflächen der Schneeschichten nehmen je nach der Wirkung von Strahlung, Wind oder Staub verschiedenartiges Aussehen an. Der Wind erzeugt schon auf frisch gefallenem Schnee an exponierten Stellen Oberflächen mit feinen, gewellten Rippen oder von waffeiförmigem, orangen-hautartigem Aussehen. Am mannigfaltigsten sind die Oberflächenformen beim schmelzenden Schnee. Da treten die als « Schüssel^ Schalen^schnee », « Zuckerhutschnee », « Büsserschnee » ( in niederen geographischen Breiten ) oder « Rillenschnee » bekannten Bildungen auf. Wenn auch die drei Faktoren — Strahlung, Wind und Staub — mitwirkend sind, so liegt die primäre Ursache doch in der unhomogenen Struktur des Schnees. Der Schüsselschnee ( Abb. 21 ) mit scharfen, dunklen Rändern und helleren Böden tritt hauptsächlich auf Lawinenschnee auf, und zwar sowohl an dessen Oberfläche, als auch am Gewölbe des durch den Bergbach ausgehölten Tunnels, als auch an den Wänden der Randkluft gegen den Felsen; sodann am Fusse steiler Schneehalden, ja sogar im Wald, wo weder Sonne noch Wind eine wesentliche Rolle zu spielen vermögen. Es scheint die ungleiche, knollige Struktur des Schnees den Anstoss zur Schüsselbildung zu geben, indem die lockeren Zwischenräume zu Schüsselböden, die harten Durchmesser zu scharfen erhöhten Rändern werden. In der Lawine sind Schneekugeln häufig, von den Steilhängen rollen Schneeballen schon während des Schneiens ab, und im Walde rutscht der Schnee in Klumpen von den Ästen. Beim Zuckerhutschnee, der im Gegensatz zum eben SCHNEE UND LAWINEN.
genannten helle rundliche Erhöhungen zeigt, mit dunklen Vertiefungen dazwischen, mag die Grundursache in der vom Wind waffelartig gestalteten Oberfläche liegen. Das erste Schmelzwasser sickert den tieferen Stellen zu, die Strahlung besorgt nach dem Gang der Sonne die Erweiterung und Vertiefung der anfänglich kleinen Schneegruben. Zuckerhutschnee tritt auf Hochflächen auf, namentlich in Sommern mit anhaltend schönem Strahlungswetter, wie es z.B. im Sommer 1935 der Fall war ( Abb. 22, 23 ). Beim « Rillenschnee » liegt die gleiche Grundursache vor wie beim Zuckerhutschnee. Er tritt I I I
L. Druckluft. V.L-Verdünnte Luft, i = Richtung des
R.St.B.
STA ÜB-LAWINE.
an geneigten Hängen auf, weil das erste Schmelzwasser nicht nur an Ort und Stelle zur Tiefe sinkt, sondern auf einer tieferliegenden Hartschicht abfliesst und parallele Kanäle zwischen erhöhten Rippen in der Gefällsrichtung erzeugt10 ).
2. Die Lawinen.
Von den drei Haupttypen der Lawinen sei im folgenden eine knappe Charakteristik gegeben:
A. Die Staublawine ( Fig. 3 ).
Die Staublawine kommt hauptsächlich bei Temperaturen unter Null Grad vor. Es zeigt sich ein Maximum im Winter, vormittags und nach starkem Schnee mit Sturm, Schneeschild- und Wächtenbildung. Beim Abbruch einer Wächte ertönt meistens ein dumpfer, beim Losreissen eines Schneebrettes ein scharfer Knall, dann fährt leise zischend der trockene Schnee pfeilschnell zu Tal, umgeben von einer beständig anschwellenden, brodelnden Schneekumuluswolke, aus welcher, besonders beim Sturz über Felsabsätze, zuweilen raketenartig Schneepfeile nach vorn schiessen. Mit der Schneemasse und ihr voraus eilt ein Sturmwind, der zuweilen ganze Wälder und Gebäude niederlegt. Ist die Lawine zur Ruhe gekommen, so zeigt sich ihre Umgebung dicht mit Schnee bepudert, doch ist die Schneemenge am Ende der Sturzbahn im Vergleich zum angerichteten Schaden meist klein und weiss. Die Anbruchstelle der Staublawine wechselt je nach der Richtung und Stärke des Windes, der so bald hier, bald dort übermässige Schneeanhäufung hinter steilen Hängen und Gräten verursacht. Dieser Umstand macht die Staublawine so unberechenbar und gefährlich.
.; iB. Die Grundlawine ( Fig. 4 ).
Die Grundlawine kommt hauptsächlich bei Tauwetter, bei Temperaturen über Null vor. Es zeigt sich ein Maximum im Frühjahr und nachmittags Diese Lawine beginnt meistens als rutschende Tafel nassen Schnees vom spezifischen Gewicht 0,2 bis 0,5 oder mehr. Bei längerer Bahn ohne allzu-starke Gefällsbrüche löst sich die Schneetafel in dichtgedrängte einzelne Schollen auf, die sich falten, überschieben, überwälzen, zu Klumpen, ja bis zu harten Kugeln formen können. Unter Zuwachs von vorgelagerten, mitgerissenen Schneemassen rauscht das Ganze gleich einem ins Riesenhafte übersetzten Reisbrei zur Tiefe. Wenn Stücke trockenen Schnees, aus schattigen Stellen z.B., mitgerissen werden und im Fallen über hohe Felsen zerstäuben, ist die Grundlawine auch von einer Staubwolke begleitet. Die Bewegung der Grundlawine ist langsamer, der Lawinenkegel grösser als bei der Staublawine, zeigt typische Fliessformen, oft Spalten und Scherflächen und ist meistens schmutzigbraun, je nach der Menge des vom Grund ( daher der Name Grundlawine ) aufgeschürften Materials, wie Erde, Rasen, Felsschutt usw. Der Luftdruck ist nicht bedeutend und reicht wenig über den Lawinenkegel hinaus, wie auch der Schaden der Grundlawine hauptsächlich eine Folge des direkten Schneedruckes ist. Die Entstehung der Grundlawine ist in erster Linie von der Form und Neigung des Bodens abhängig23° ), deshalb ist sie auch konstanter im Erscheinen und folgt fast stets der gleichen Bahn durch Schluchten und Tobel. Beim Abreissen ertönt meist ein dumpfer Knall, dann zischt und rauscht die gleitende Masse, donnert und stürzt wasserfallähnlich über Bänder und Felsen und kommt rauschend zur Ruhe, am Fuss des Berges in Deltaform sich ausbreitend.
C. Die Gletscherlawine.
Diese Lawine kommt zu allen Jahreszeiten vor, jedoch mit einem Maximum im Sommer und nachmittags. Die Hauptursache liegt im Vorstoss des langsam fliessenden Gletschers oder Hängefirns über ein Steilbord hinaus.
SCHNEE UND LAWINEN.
r>:1, Entsprechend der zunehmenden Steilheit des Abgrundrandes nimmt auch die Zerklüftung der oberen Schichten der Gletschereismasse zu. Das Eis wird hier infolge der Schwerkraft auf Zug beansprucht, doch steht diesen Zug-kräften eine gewisse Zähigkeit ( Kohäsion ) des Eises entgegen. Es kommt der Moment, da die Schwerkraft überwiegt. Unter scharfem Knall reisst eine neue, von oben nach unten sich verengende Spalte auf. Der Fuss der sich ablösenden Masse vermag deren Gewicht nicht mehr zu tragen, explosionsartig, wie bei « Bergschlag », fliegen kleine Brocken aus dem Eisfuss heraus,
GRUND-LAWINE.
R.Si-B.
dann sinkt plötzlich die schwere Masse in sich zusammen und in einem Eis-trümmerstrom über den Abgrund zur Tiefe. Je nachdem das Gletschereis noch mit trockenem Schnee bedeckt ist oder nicht oder ob es sich mit dem Wasser eines Gletscherbaches mischt, nimmt die Gletscherlawine den Charakter einer Staub- oder Grundlawine an. Sie ist seltend zerstörend, da sie nur zu Zeiten ausserordentlich hoher Gletscherstände Kulturland erreicht. Dies war der Fall beim Biesgletscher ob Randa im Wallis in den Jahren 1735, 1819 und 1857, wobei Menschenleben, Tiere und Gebäude vernichtet wurden. Manchem älteren Zeitgenossen mag auch der zerstörende Firneisabbruch an der Alteis, 11. September 1895 in Erinnerung geblieben sein 4 ). Eislawinen des vorstossenden Glacier de Giétroz im Bagnetal haben indirekten schweren Schaden an Leben und Gütern durch Stauung der Drance, mit nachfolgender Überschwemmung am 25. Mai 1595 verursacht, wobei 140 Menschen das Leben verloren 6 ).
Einige Autoren ( 9, 12 ) befürworten eine weitere Unterteilung der Lawinentypen und prägen besondere Namen dafür. Ich bin der Auffassung, dass obige Dreiteilung genügt, denn grundlegend ist doch der Zustand des primär abrutschenden Schnees. Ist dieser vorwiegend trocken, so entsteht die Staublawine, ist er vorwiegend nass, so haben wir es mit einer Grundlawine zu tun. Die zahlreichen Zwischenformen lassen sich nicht streng nach bestimmter Schablone einteilen und benennen, denn jede Lawine hat ihre den Geländeformen entsprechende Individualität.
Die unzähligen kleinen Schnee- und Firnschlipfe, die in den Hochalpen jährlich niedergehen, haben entsprechend der Mannigfaltigkeit der Terrain-, Wind- und Schneeverhältnisse verschiedenartiges Aussehen. Sie stellen den Kindheitszustand der Lawinen dar, und nur wenige wachsen zum vollendeten Lawinentypus aus.
Wer das imposante Schauspiel einer stürzenden Lawine aus nächster Nähe mitansehen kann oder gar selbst schon in eine Lawine, geraten ist, der kann merkwürdige Beobachtungen machen. Da ist z.B. die auffallende Härte des zur Ruhe gekommenen Lawinenschnees zu erwähnen. In der strömenden Lawinenmasse steckt eine gewaltige Bewegungsenergie, die bei plötzlicher Abbremsung in Arbeit umgesetzt wird. Diese besteht darin, dass auf ein zum Stillstand gekommenes Schneeteilchen jedes nächstfolgende unter Herauspressung der dazwischen befindlichen Luft dicht angedrückt wird. Daher wird der Lawinenschnee so dicht und hart wie Zement und ein darin begrabenes Lebewesen muss den raschen Erstickungstod erleiden. Die herausgepresste Luft hatte schon im Inneren des ursprünglichen Schneelagers eine Temperatur um Null Grad herum. Bricht eine solche Schneemasse bei Tauwetter los, so kommt sie in tieferliegenden, wärmeren Lagen zur Ruhe, wo dann die herausgepresste Luft sich ausbreitet und im Vergleich zur wärmeren Umgebung auffallend kalt erscheinen muss. Ingenieur Gösset, der seinerzeit aus einer Lawine, die seinem Führer Bennen das Leben kostete, gerettet wurde, lieferte eine ausgezeichnete Beschreibung des Vorganges vom Anbruch der Lawine bis zu deren Stillstand, wobei er auch u.a. die grosse Kälte der Luft als ihm unerklärlich vermerkte 3 ). Lawinen, die eine längere, höckerige, schräge Bahn durchlaufen, liefern unregelmässige Schneekugeln. Durchschneiden wir eine solche, so fällt uns die Zwiebelschalenstruktur auf, die durch das gegenseitige Scheuern und Anpressen von Schnee entstanden sein mag. Die Schneekugeln in den Lawinen und Schneeschlipfen geben möglicherweise den Anlass zur Bildung des Schüsselschnees, wie oben bereits erwähnt. Der Verfasser stützt sich auf eine im Jahre 1929 gemachte Beobachtung. In diesem Jahre fiel auch in Zürich hoher Schnee. Dieser wurde von der Kirchenterrasse in Zürich-Fluntern mittelst Schaufeln in gleich-massigen Würfeln abgestochen, auf Karren verladen und über einen nahen Abhang gleich einem kleinen Lawinenkegel abgelagert. Während der Abschmelzung bildete sich der schönste Schüsselschnee aus, während der unberührte Schnee daneben ohne solche Bildung wegschmolz.
Auffallend ist die ungleiche Wirkung des Luftdruckes bei den verschiedenen Lawinentypen. Wer je Gelegenheit hatte, die gewaltigen, zerstörenden Wirkungen einer Staublawine mit eigenen Augen zu sehen, jedoch nach Abzug der Schneewolke als Rückstand der Lawine eine nur unbedeutende Schneemenge wahrgenommen hat, der musste sich mit Recht fragen, wieso eine schwere Grundlawine mit ihrem viel imposanteren Schneekegel oft so harmlos ist im Vergleich zu den lockeren trockenen Massen einer gleich grossen Staublawine. Über diese Eigentümlichkeit wurden schon viele Meinungen geäussert ( 2, 7 ), von denen aber die wenigsten befriedigen, weshalb sich der Verfasser erlaubt, einen weiteren Erklärungsversuch zu liefern. Wir wollen uns der oben gegebenen Charakteristik der Lawinentypen erinnern und für eine Grund-und Staublawine je eine gleich grosse Schneemenge annehmen, z.B. 50,000 Kubikmeter = 5,000,000 kg.
Wie Fig. 4 zeigt, zerlegt sich das Gewicht — Gin unserem Beispiel 5000 Tonnen ) in eine Kraft — A —, welche vertikal zum Untergrund drückt, und eine Kraft — B —, welche in der Gefällsrichtung mit einer Frontfläche — F — gegen die Luft drückt. Je nach der mehr oder weniger grossen Neigung nimmt die eine Kraft zu, die andere gleichzeitig ab oder umgekehrt. Bei der kompakten Schneemasse der Grundlawine ist die äussere Reibung am Untergrund sehr gross, weshalb die Bewegungsenergie bis zu einem gewissen Teil aufgezehrt wird. Die Grundlawine strömt deshalb langsamer als eine Staublawine. Die bewegte Masse drückt mit der Stirnfläche — F — mit einer der Neigung entsprechenden Kraft und Geschwindigkeit auf die entgegenstehende Luft. Beim freien Fall über eine Wand gestattet die ziemlich geschlossene Form der Masse ein leichteres Ausweichen der Luft, weshalb sich die Luftbewegung in massigen Grenzen hält. Ganz anders liegen die Verhältnisse bei der Staublawine, die aus lockerem, trockenem, luftreichem Schnee besteht. In ihr wird jedes einzelne Schneeteilchen nicht vom Boden, sondern von der Luft getragen. Die innere wie auch die äussere Reibung ist sehr gering, weil nur ein unbedeutender Teil des angenommenen 5000-Tonnengewichtes direkt den Untergrund, sondern zur Hauptsache die im und unter dem Schnee befindliche Luft belastet. Die Staublawine reisst deswegen fast keine Erde, keinen « Grund » mit sich und ihre Ablagerung ist meistens rein weiss. Wegen der lockeren Struktur der Staublawine ist der Querschnitt der strömenden Schneemasse zwar grösser als bei einer gleich schweren, dichteren Grundlawine, dennoch ist der Druck auf die Luft pro Flächeneinheit bei ersterer viel stärker, weil infolge der viel geringeren Reibung die Geschwindigkeit eine ganz enorme ist. In der stürzenden Masse bleiben die gröberen Schneekristalle dicht zusammengedrängt, nur an den Randpartien kann die Luft mit den feinsten Eisnadeln entweichen und die wirbelnde Schneewolkenumhüllung der Lawine bilden. An der Stirnseite wird die Luft mit dem vollen Gewicht des Schnees belastet, mit hoher Geschwindigkeit vor diesem hergestossen und dadurch komprimiert ( Fig. 3 ). Bei der grossen Geschwindigkeit und Geschlossenheit der Schneestaubmasse und infolge des Beharrungsvermögens der ausserhalb des Lawinenzuges befindlichen Luft muss hinter der stürzenden Masse ein luftverdünnter Raum ( Vakuum ) einhergehen, in welchen sukzessive die äussere Luft heftig einströmt, wie das von verschiedenen Beobachtern vermutet wird. Da wir wissen, dass in der freien Atmosphäre Druckdifferenzen im Barometerstand von nur wenigen Millimeter selbst auf kilometerweite Entfernungen hin schon genügen, um heftige Winde auszulösen, so dürfen wir uns nicht wundern, wenn bei so gewaltigen Druckdifferenzen auf so kurze Entfernungen, wie solche vor und hinter der Staublawine auftreten müssen, orkangleiche Wirkung erzeugt wird. Bei den oben erwähnten Lawinen vom Biesgletscher wurde jeweilen die merkwürdige Tatsache vermerkt, dass der Luftstrom der Lawine das Dorf Randa gleich einem rasenden Schneesturm durchbrauste und am gegenüberliegenden Berghang zurückprallend in umgekehrter Richtung nochmals durch das Dorf raste, alle dem Lawinensturz abgekehrten Gebäudewände mit Schnee überkleidend 3 ). Hier hat offenbar das hinter der Lawine einhergehende Vakuum den Rückprall des an den jenseitigen Berghang gepressten vorderen Luftkissens erleichtert und beschleunigt.
Ist die stürzende Masse trockenen Schnees nicht gross, so reicht ihre Bewegungsenergie nicht aus, um die vorstehende Luft aus dem ruhenden Zustand in rasche Bewegung zu versetzen. Die Schneeteilchen weichen seitlich auseinander und die kleine Lawine löst sich lautlos als Schneewölklein auf, wie wir das nach frischen Schneefällen dutzendfach beobachten können. Sprecher nennt diese kleinen Lawinen « Gratstäuber»9 ).
Die Lawinen haben schon viele Menschenleben vernichtet und schwere materielle Schäden verursacht. Durch geeignete Verbauungen in den Abrissgebieten der bekannten und gefürchteten Lawinen ist schon viel Schaden verhütet worden. Aufforstungen, Terrassierung und ähnliche Verbauungen im Einzugsgebiet haben sich im allgemeinen bewährt, dennoch hat der schneereiche Winter 1934/35 gezeigt, dass bei ausserordentlichen Schneemassen selbst an verbauten Orten Lawinen niedergehen können. Zuerst von J. W. Sprecher9 ), später auch von W. Paulcke X1 ) wurde die Ansicht ausgesprochen, dass die Lawinenverbauungen auch auf die Luvseite ausgedehnt werden sollten. Durch geeignete, auf Grund aerodynamischer Studien erprobte Hindernisbauten könnte schon im Luv viel Schnee zurückgehalten und somit der gefährliche Hang im Lee etwas entlastet werden.
Über das Verhalten der Berggänger an lawinengefährlichen Orten oder in der Lawine selbst ist von berufener Seite schon geschrieben worden, weshalb der Verfasser nur eine Erfahrung aus eigenem Erlebnis noch mitteilen möchte. Einer wenige Meter oberhalb dem Verfasser abbrechenden 80 cm dicken Schneetafel konnte er schnell seitlich entrinnen, während sein Kamerad, der zufällig talabwärts blickte, somit dem rutschenden Schnee den Rücken kehrte, von hinten erfasst wurde. Unterstützt durch vielleicht unbeabsichtigtes Zappeln mit hocherhobenen Armen und Beinen bot er mit seinem runden Rücken der Lawine keine Angriffspunkte, um eingewickelt und begraben zu werden. Wir schrieben es nur diesem Umstände zu, dass er einige hundert Meter tiefer unten auf der Lawine heil obenauf lag. Uralte Erfahrung lehrt den Alpenbewohner auf die Lawinengefahr zu achten. Er baut seine Häuser und Ställe möglichst ausserhalb der ihm bekannten Lawinenzüge. Wo dies aus bestimmten Gründen nicht möglich ist, schützt er die Gebäude auf der Bergseite durch Mauerwerk in Keilform ( Lawinenspaltkeil ). Am wirksamsten wäre die Form der Pflugschar, weil hierdurch die Lawine stossfreier abgelenkt würde.
Eine Chronik sämtlicher in den Alpen niedergegangener Lawinen mit zerstörender Wirkung würde ein ganzes Buch füllen, würde aber sicher eine unschätzbare Fundgrube wertvoller Erkenntnisse für den Lawinenforscher bilden.
Benützte Literatur.
J ) Ernst Buss: « Über die Lawinen. » Jahrbuch S.A.C. 1909.
2R. Campell: « Bergfahrer und Lawine. » « Die Alpen », S.A.C. 1934.
3J. Coaz: « Die Lawinen der Schweizeralpen. » Bern, 1881.
4Albert Heim: « Die Gletscherlawine an der Alteis. » Neujahrsblatt der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich, 1896.
5 ) Emil Hess: « Schneebrettlawinen. » « Die Alpen », S.A.C. 1934.
e ) O. Lütschg: Chronik im Anhang von « Über Niederschlag und Abfluss im Hochgebirge », 1926.Max Oechslin: « Lawinen und Luftdruck. » N. Z. Z. Nr. 771, 1935.
8W. Paulcke: « Der Schnee und seine Diagenese. » Zeitschrift für Gletscherkunde, 1934.
« Vom Schnee. » « Die Alpen », S.A.C. 1934.
9 ) F. W. Sprecher: « Grundlawinenstudien. » Jahrbuch S.A.C. 1902.
10 ) R. Streif f: « Aus der Gletscherwelt. » Vierteljahresschrift der Naturforschenden Gesellschaft Zürich, 1932.
" ) W. Paulcke und W. Weizenbach: « Schnee, Wächten, Lawinen. » Zeitschrift für Gletscherkunde, 1928.
12 ) Math. Zdarsky: « Elemente der Lawinenkunde. » Wien, 1916.