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3750 Franken im Monat. So viel verdienen Universitätsabsolventen der Geisteswissenschaften in der Schweiz im Durchschnitt tatsächlich. Im Jahr 2017 noch etwas höher angesetzt, musste die Schweizerische Berufsberatung nach den Resultaten der Absolventenbefragung 2019 das Einkommen abermals korrigierend etwas tiefer ansetzen. Damit erzielen und versteuern Philosophen oder Kunsthistorikerinnen im Durchschnitt weniger Einkommen als Pflegehelferinnen (4102 Franken), Polymechaniker (5090 Franken) oder Tramchauffeure in Zürich, die bereits ab Stellenantritt einen Monatslohn von 5221 Franken einkassieren. Bei Ausklammerung der Sekundarlehrerlöhne würde das tatsächliche Durchschnittseinkommen der Geisteswissenschafter und somit deren Steuerbeitrag nochmals dramatisch sinken. Geisteswissenschafter werden nicht öfters als andere Akademiker arbeitslos. Sie arbeiten einfach wenig oder gar nicht. Im Fachjargon des Bundesamts für Statistik wird dies als «überqualifiziert unterbeschäftigt» oder «Erwerbsverzicht» bezeichnet. In Beispiele übersetzt bedeutet dies, dass etwa eine promovierte Germanistin einige Stunden Deutsch für Ausländer gibt, eine Kunsthistorikerin im Museum das Telefon abnimmt oder ein Philosoph sein Erbe vorbezieht, um sich einem Kulturprojekt zu widmen. Nun, wo liegt das Problem?
Kürzere Lebensarbeitszeit
Wenn Philosophen, Soziologinnen oder Kunsthistoriker ein tieferes Einkommen als Anwälte, Ärzte oder Ingenieure aufweisen, kräht kein Hahn danach. Wenn sie aber weniger als Pflegehilfen, Elektromonteure oder KV-Angestellte verdienen und entsprechend weniger Steuern bezahlen und zudem Subventionen für Krankenkassenprämien oder Krippenplätze ihrer Kinder beziehen, dann findet eine Umverteilung von Arbeitern zu Akademikern statt. Dies umso mehr, als Geisteswissenschafter im Vergleich mit Absolventen anderer Studienfächer nicht nur länger studieren, sondern auch öfter promovieren. Im Fach Philosophie verschieben ein Drittel der Absolventen den Eintritt in den Arbeitsmarkt, indem sie eine Doktorarbeit anhängen. Mit einem späten Eintritt in den Arbeitsmarkt verkürzt sich die Lebensarbeitszeit und damit nicht nur der Steuerbeitrag, sondern auch der Beitrag an die AHV. Zum Vergleich: In den Wirtschaftswissenschaften promovieren nur wenige Prozent der Absolventen. Dafür steigen Ökonomen Mitte zwanzig mit einer Vollzeitstelle und einem Anfangslohn von durchschnittlich 7000 Franken im Monat in den Arbeitsmarkt ein. Sie liegen damit allerdings immer noch hinter den Ärztinnen, die nach einem etwas längeren Studium 7500 Franken monatlich erhalten. Sowohl Ökonomen wie Ärztinnen können zudem mit einem bedeutenden Lohnanstieg rechnen, der die längere akademische Ausbildung finanziell wieder wettmacht. Geisteswissenschafter hingegen sind als gesellschaftliche Gruppe darauf angewiesen, dass andere Leute Steuern und AHV-Beiträge zahlen; darunter nicht nur andere Akademiker, sondern auch die Arbeiterklasse.
Fragen für die Geisteswissenschafter
Die Umverteilung von der Arbeiterklasse zu Geisteswissenschaftern ist auch daher stossend, da die Anzahl der Geisteswissenschafter in der Schweiz massiv zunimmt. Von 1980 bis 2012 stieg die Zahl der Absolventen der Geistes- und Sozialwissenschaften (wobei Psychologen mitgerechnet werden) in der Schweiz um 190 Prozent an und spülte Tausende Historikerinnen, Ethnologen und Soziologen auf den Arbeitsmarkt. Heute machen die Geistes- und Sozialwissenschaften weiterhin einen Drittel aller Studierenden aus, trotz sinkendem Einkommen und übersättigtem Arbeitsmarkt. Leisten all diese Tausenden Geisteswissenschafter einen nicht durch Geld zu beziffernden Beitrag an die Gesellschaft, der die Quersubventionierung durch Pflegefachfrauen, Elektromonteure und KV-Angestellte legitimieren würde? Genau solche Fragen fallen eigentlich in den Kompetenzbereich der Geisteswissenschafter.
Die in diesem Beitrag verwendeten Zahlen entstammen den Arbeitsmarktanalysen des Bundesamts für Statistik. Mehr dazu unter www.berufsberatung.ch/dyn/show/8804.