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Vergesellschaftung des Islam oder Islamisierung der Gesellschaft – Der Islam als Kontext normativer Ordnung in der islamischen Öffentlichkeit von al-Manār, 1898-1940
|Verantwortlicher||Dr. Florian Zemmin|
|Trägerschaft||Institut für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Phililogie|
|Betreuung||Prof. Dr. Reinhard Schulze|
|Finanzierung||Schweizerischer Nationalfonds|
Ziel des Projekts war die Identifizierung und Analyse arabischer Begriffe für das moderne Konzept Gesellschaft in der Zeitschrift al-Manār (Kairo, 1898-1940). Al-Manār gilt als das Sprachrohr des islamischen Reformismus, jener Strömung, deren Ziel gemeinhin mit einer Vereinbarung oder Harmonisierung von Islam und Moderne angegeben wird. Jedoch wurden die Reformbestrebungen al-Manārs bislang vorwiegend anhand von Einzelfragen betrachtet, etwa in den Bereichen von Recht, Bildung, Theologie oder Politik. Dieses Forschungsprojekt versteht sich als Beitrag, die in al-Manār abgebildeten Reformprozesse systematisch herauszuarbeiten und in breitere kulturgeschichtliche Entwicklungen der Moderne einzubetten.
Konstitutiv für ein modernes Selbstverständnis ist die Selbstsicht von Menschen als freien Individuen, die als Gesellschaft ihre sozialen Angelegenheiten autonom regeln. Dieses Selbstverständnis wird durch den dezidiert modernen und normativen Begriff „Gesellschaft“ (zu verstehen als Semantisierung der entsprechenden sozialen Vorstellungswelt) ausgedrückt. Das Projekt arbeitete heraus, inwiefern die Autoren von al-Manār das moderne Selbstverständnis von Menschen als Gesellschaft samt der im Begriff „Gesellschaft“ codierten Vorschriften teilten, und welche arabischen Termini in al-Manār als Pendant zu europäischen Gesellschaftsbegriffen ausgemacht werden können.
Die wesentliche Erkenntnis des Projekts ist, dass die zentralen Autoren al-Manārs, allen voran dessen Herausgeber Rašīd Riḍā, Termini aus der islamischen diskursiven Tradition nutzten um zentrale Aspekte des modernen Gesellschaftskonzepts wiederzugeben. Es konnte gezeigt werden, dass der heute etablierte arabische Begriff für Gesellschaft, muǧtamaʿ, entgegen früherer Annahmen bereits mit Beginn des Erscheinens al-Manārs auf Gesellschaft im modernen Sinne verwies. Er wurde in der Zeitschrift häufiger in diesem Sinne verwendet als sein vermeintlicher Vorgänger, al-hayʾa al-iǧtimāʿiyya. Jedoch wurden beide Gesellschaftsbegriffe in al-Manār vorwiegend von Autoren gebraucht, welche nicht regelmässig für die Zeitschrift schrieben. Rašīd Riḍā hielt sich in dieser Gebrauchsweise auffällig zurück, auch wenn ihm der Verweis dieser Begriffe auf Gesellschaft im modernen Sinn selbstverständlich war, das heisst, er ihn nicht für erläuterungsbedürftig befand. Dieser Befund erlaubte zwei Schlüsse: entweder Riḍā thematisierte das moderne Gesellschaftskonzept kaum oder er tat dies mit anderen arabischen Begriffen als den etablierten bzw. uns bekannten. Letztere Möglichkeit wurde schon durch die Tatsache nahegelegt, dass Riḍā soziale Angelegenheiten zentral stellte und auch für 99 der 132 Vorkommnisse von ʿilm al-iǧtimāʿ (Soziologie) in al-Manār verantwortlich zeichnet. Tatsächlich erwähnt Riḍā an zwei Stellen den islamischen Traditionsbegriff umma als Synonym zu al-hayʾa al-iǧtimāʿiyya. Die weitere Analyse erhärtete die Hypothese, dass der islamische Reformdiskurs Riḍās zentrale Stränge des modernen Gesellschaftskonzepts in den Begriff umma einschrieb. Der Begriff umma bewahrte aber zugleich seine Konnotation einer moralischen Gemeinschaft, deren Zusammenhalt durch Religion gestiftet und bewahrt wird. Bevor muǧtamaʿ als arabischer Gesellschaftsbegriff standardisiert wurde, formulierte der islamische Reformer Rašīd Riḍā mittels des islamischen Traditionsbegriffs umma seine Gesellschaftskonzeption als Alternative zu hegemonialen säkularen Gesellschaftskonzeptionen, welche sich der Begriffe muǧtamaʿ und hayʾa iǧtimāʿiyya bedienten.
Die aus dem Projekt hervorgehende Dissertationsschrift trägt den Titel „Modernity in Islamic Tradition: The Concept of ‘Society’ in the Journal al-Manar (Cairo, 1898–1940).”