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Von einem Moment auf den andern fällt der Hund zu Boden, sein Körper versteift sich, Kopf und Glieder zucken unkontrolliert. Starre oder verdrehte Augen, Unter- und Ober-Kiefer, die aufeinanderschlagen. Alles typische Symptome für einen Epilepsie-Anfall beim Hund, der einige Sekunden bis einige Minuten dauern kann.
Hinzu können Erbrechen, unwillkürliches Absetzen von Urin und Kot sowie Speichelschaum vor dem Mund kommen. «Während eines Anfalls ist das Tier nicht bei Bewusstsein», beruhigt Alexandra Durrer vom Cabinet vétérinaire in Lausanne. «Deshalb spürt es kaum Schmerzen. Erst in der Phase nach dem Anfall, wenn es wieder zu Bewusstsein kommt, fühlt es Nachwirkungen wie etwa ein Würgen, Desorientiertheit, Erschöpfung oder seinen erhitzten Körper.»
Ein epileptischer Anfall wird in vier Phasen unterteilt: Die Prodromalphase, die dem Anfall mehrere Stunden oder gar Tage vorausgeht und sich durch vermehrte Unruhe, Bewegungsdrang oder ängstliches Verhalten zeigt. Dann folgt die «Aura», die Zeit kurz vor dem Anfall, in der die Hunde oft abnorme Verhaltensweisen zeigen, sich verkriechen oder die Nähe des Menschen suchen. «Iktus» ist der eigentliche Krampfanfall. Die «postiktale Phase» ist die Zeit der Erholung, die einige Minuten bis mehrere Tage dauert und neben den oben bereits erwähnten Symptomen mit Bewusstseinstrübungen und Verhaltensstörungen einhergehen kann.
Den Hund schützen vor scharfen Kanten
Es gibt auch leichte Formen von Anfällen. Dabei verliert der Hund das Bewusstsein nicht. Zusätzlich kommt es aber zu Krämpfen, Angstzuständen und Raserei, zum Beispiel sich in den Schwanz beissen. Die Erholungsphase ist hier nur kurz und der Hund zeigt eine leichte Verwirrung.
Ein Anfall kann zur Folge haben, dass dem Hund Hirnzellen absterben. Die grösste Gefahr besteht aber darin, dass sich das Tier während des Anfalls selber verletzt. Deshalb darf keine Möglichkeit bestehen, dass der Hund irgendwo herunterfällt oder sich an scharfen Kanten und anderen verletzenden Dingen anschlägt.
Tierärzte unterscheiden zwischen primärer und sekundärer Epilepsie. Die erste Form, die vererbte Epilepsie tritt besonders bei Hunderassen wie Retrievern, Deutschen Schäfern, Pudeln oder Boxern auf. Die primäre Art kann neben den Anfällen Folgen wie Tumore, Leber- und Nierenleiden oder Meningitis haben. Meist hat der Hund seinen ersten Anfall im Alter von etwa fünf Jahren. Bis heute gibt es keine einfachen Gentests, mit denen man diesen Defekt identifizieren könnte. Laut Durrer wird aber daran gearbeitet.
Mit dem Alter wächst das Risiko für die sekundäre Epilepsie. Sie wird verursacht durch andere Krankheiten, ist also eine Nachwirkung von Traumata des Hirns, Thrombosen, Tumoren, Infektionskrankheiten oder Diabetes. Aber auch die Aufnahme von Giften kann zu sekundären Epilepsien führen. Deshalb ist es wichtig, dass der Halter dem Hund verbietet, Abfälle am Wegrand zu fressen. Und Schokolade ist für den Vierbeiner tabu, denn ihr Inhaltsstoff Theobromin ist für Hunde tatsächlich giftig. Jeder Hund kann zu einem sekundären Epileptiker werden.
Rund ein Anfall pro zwei Monate ist laut Durrer kein Grund, jedes Mal einen Tierarzt aufzusuchen. «Sollten sich jedoch die Anfälle häufen und einmal pro Monat auftauchen, muss etwas getan werden.» Das heisst, der Hund erhält eine medikamentöse Therapie. Deren Ziel es ist, die Häufigkeit der Anfälle so niedrig wie möglich zu halten.
Epilepsie ist kein Todesurteil
Ein Medikament ist Phenobarbital, ein Barbiturat. Das waren die Vorgänger der heutigen Schlafmittel für Menschen. Sie haben jedoch Nachteile: So wurden sie als Schlafhilfen vom Markt genommen wegen ihres hohen Suchtpotenzials sowie der Gefahr einer tödlichen Überdosierung. Das ist der Grund, weshalb Phenobarbital heute bei Sterbehilfeorganisationen zum Einsatz kommt und auch, um Tiere einzuschläfern. Zudem besteht laut Durrer bei den Barbituraten ein Problem mit der wachsenden Toleranz. «Das heisst, das Tier braucht immer höhere Dosen.» Daneben kann Phenobarbital Leberschäden verursachen.
«Es gibt jetzt auch neue Mittel, welche eine Alternative zu Phenobarbital darstellen», sagt Durrer. Sind neben Epilepsie noch andere Krankheiten im Spiel, wie dies oft bei der sekundären Epilepsie der Fall ist, kommt es vor, dass Hunde nicht mehr auf Epilepsie-Therapien ansprechen. Laut Durrer hat die Epilepsie grundsätzlich aber keinen direkten Einfluss auf die Lebenserwartung.