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Indien überholt Nigeria
Kaum eine Zeitung hat darüber berichtet, aber die Meldung hat es in sich: Seit kurzem gibt es in Indien weniger Einwohner, die in extremer Armut leben, als in Nigeria. Gemäss dem amerikanischen Thinktank Brookings Institution sind es etwa 73 Millionen in Indien und 87 Millionen in Nigeria (Quelle).
Die Brisanz dieser Meldung wird deutlich, sobald man die Bevölkerungszahlen berücksichtigt: Indien hat rund 1300 Millionen Einwohner, Nigeria 186 Millionen. Das heisst, in Nigeria ist fast jeder zweite Einwohner extrem arm. Seit 2015 spricht die Weltbank von extremer Armut, wenn pro Tag weniger als 1,9 US-Dollar zur Verfügung stehen (basierend auf dem Wert des US-Dollars von 2011).
Hier ist die Grafik, welche die Berechnungen der Brookings Institution dokumentiert. Die prognostizierten Zahlen sind mit Vorsicht zu geniessen, aber die Dynamik seit 2016 spricht eine deutliche Sprache: In Indien sank die Armut in den letzten beiden Jahren in schnellem Tempo, in Nigeria stieg sie in kontinuierlichem Mass. Dasselbe gilt für die Demokratische Republik Kongo.
Zum Teil lässt sich die Misere in Nigeria und der DRK damit erklären, dass grosse Länder mit bedeutenden Rohstoffvorkommen oft ein hohes Mass an Ungleichheit aufweisen, nicht nur in Afrika, sondern fast überall auf der Welt. Rohstoffeinkommen lassen sich leicht über eine autoritäre Politik monopolisieren. In Russland und Saudiarabien lässt sich der gleiche Mechanismus beobachten. Zu Recht wird von einem «Rohstoff-Fluch» gesprochen.
Länder mit grossen Rohstoffeinkommen sind zudem immer starken Einflüssen der Grossmächte unterworfen. Der Irak wäre 2003 kaum angegriffen worden, wenn das Land nicht grosse Ölvorkommen hätte. Politische Stabilität ist entscheidend für Wohlstandsvermehrung. In Rohstoffländern ist dies phasenweise kaum zu erreichen.
Aber vollständig lässt sich die Misere damit nicht erklären. Die Probleme sind viel tiefgreifender. Nigeria fällt ja nicht nur gegenüber Indien zurück, sondern wird bald auch von einem Land wie Bangladesh eingeholt, das lange Zeit zu den ärmsten der armen Länder zählte.
Botswana ist ein anderes Kontrastbeispiel. 1950 war das kleine Land mit den grossen Diamantenvorkommen deutlich ärmer als Nigeria. Seit den 1980er-Jahren geht es aber deutlich aufwärts. Die Grafik zeigt die Veränderung der Wachstumsraten in ausgewählten Ländern, darunter Botswana und Nigeria.
Die Grafik stammt aus dem neuen Lehrbuch «CORE Econ», das im Anschluss an die Finanzkrise von einer Gruppe von kritischen Ökonominnen und Ökonomen entwickelt wurde. Diese Gruppe ist davon überzeugt, dass der entscheidende Unterschied zwischen Botswana und Nigeria die Rolle des Staates ist. In Botswana verwandelte sich die Verwaltung in eine Entwicklungsagentur, die es der Elite verunmöglichte, die Einnahmen aus dem Rohstoffgeschäft an sich zu reissen, und das Kapital gezielt in produktive Sektoren lenkte.
Das Vorbild ist ein Land wie Südkorea, wo der «Developmental State» besonders erfolgreich operierte. Die Grafik zeigt, wie spektakulär der Erfolg Südkoreas seit 1950 ist. Damals war der Lebensstandard im vom Krieg versehrten Land auf demselben Niveau wie in Nigeria.