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Es war im Juni 2016, bei der Premiere des Films «The Truth Beneath» in Seoul, als sich Pierce Conran und Lee Kyoung-mi das erste Mal begegneten. Der Freiburger Pierce Conran, geboren und aufgewachsen im Greyerzerland, war vier Jahre zuvor nach Südkorea gezogen, um aus seiner Leidenschaft für das dortige Kino einen Beruf zu machen. Die südkoreanische Regisseurin Lee Kyoung-mi präsentierte mit «The Truth Beneath» ihren zweiten Spielfilm, der in der Folge verschiedene südkoreanische und internationale Preise gewinnen sollte.
Heute sind Pierce Conran und Lee Kyoung-mi ein Paar, und diese Woche sind sie zu Gast am Internationalen Filmfestival Freiburg: Die 43-jährige Regisseurin ist mit «The Truth Beneath» im internationalen Wettbewerb des Festivals vertreten, während der 30-jährige Filmexperte seit einigen Jahren als Berater des künstlerischen Festivalleiters Thierry Jobin amtiert. Für beide ist der Aufenthalt in Freiburg etwas Besonderes: Lee Kyoung-mi ist das erste Mal in der Heimat ihres Partners und freut sich, ihren Film hier präsentieren zu dürfen: «Es bedeutet mir viel, am Filmfestival Freiburg teilzunehmen und ‹The Truth Beneath› im Wettbewerb zu zeigen», sagt sie. «Es ist alles sehr aufregend. Ich erwarte keinen Preis, aber ich geniesse den Wettbewerb und die vielen guten Filme.» Für Pierce Conran ist das Festival eine schöne Gelegenheit, um nach Freiburg zurückzukehren. Seine irischstämmigen Eltern seien zwar vor einigen Jahren nach Irland zurückgekehrt, erzählt er, aber er habe immer noch viele Freunde hier, die er mindestens einmal pro Jahr besuche.
Ein filmverrücktes Publikum
Nicht weniger als zehn südkoreanische Filme zeigt das Filmfestival Freiburg dieses Jahr in verschiedenen Sektionen, die meisten aus den Jahren 2015 und 2016. Ein Zeichen für einen besonderen Boom? Eher eine Momentaufnahme als eine allgemeine Tendenz, meint Pierce Conran. «2016 war ein gutes Jahr für den südkoreanischen Film. Es sind mehrere gute Filme erschienen, die auch an Festivals erfolgreich waren.» Dies sei zwar nicht jedes Jahr der Fall; trotzdem könne man sagen, dass sich das südkoreanische Kino in den letzten zwanzig Jahren stark entwickelt habe. Dies habe zum einen mit der Qualität vieler Filme zu tun, zum anderen aber auch mit dem grossen Interesse des Publikums am einheimischen Filmschaffen. Es sei nicht selten, dass ein Film bei den Eintritten die Zehn-Millionen-Marke knacke – in einem Land mit fünfzig Millionen Einwohnern. Der Rekordwert liege bei 18 Millionen Zuschauern. «Südkorea liegt bei der Anzahl Kinobesuche pro Person im internationalen Vergleich auf Platz zwei, nur geschlagen von Island», so Pierce Conran. Dies liege auch daran, dass das Kino in Südkorea ein sehr günstiges Vergnügen sei, ergänzt Lee Kyoung-mi. «Die Menschen gehen oft und gern ins Kino – auch, weil sie es sich leisten können.»
Sie selbst habe von diesem «goldenen Zeitalter» des südkoreanischen Kinos profitiert, als sie die Filmschule besucht und ihre ersten Kurzfilme gedreht habe, sagt die Regisseurin. Viele wichtige Filmemacher des Landes seien ihre Lehrer und Mentoren gewesen und hätten es ihr ermöglicht, ihren Traum vom Filmemachen zu verwirklichen – in einem Land, in dem vielleicht einer von hundert Regisseuren von seiner Arbeit leben könne. 2008 erschien mit der Komödie «Crush and Blush» Lee Kyoung-mis erster Langfilm. Danach arbeitete sie während sechs Jahren am Drehbuch und an der Produktion von «The Truth Beneath», der jetzt in Freiburg im Wettbewerb steht. Der Film erzählt die Geschichte einer Frau aus einer ländlichen Gegend, die mit einem Mann verheiratet ist, der eine politische Karriere anstrebt. Kurz vor den Parlamentswahlen verschwindet die Tochter des Paares unter mysteriösen Umständen. Die Mutter setzt alles daran, um die Tochter wiederzufinden, während der Vater ganz auf seinen Wahlkampf konzentriert ist – und darauf, dass das Verschwinden seiner Tochter nicht publik wird. Trotzdem gehe es nicht wie in vielen anderen aktuellen südkoreanischen Filmen um Politik, betont Lee Kyoung-mi. «Mein Thema sind die Beziehungen zwischen den Protagonisten und die Art und Weise, wie sie miteinander umgehen.»
«Ein ganz besonderer Stil»
Die Art, wie südkoreanische Filmemacher von politischen und sozialen Problemen in ihrem Land erzählen, ist es auch, was für Pierce Conran die Faszination für dieses Kino ausmacht. «Es ist ein ganz besonderer Stil, der mich schon als Jugendlicher gepackt hat.» Zwar sei es eher eine Liebe auf den zweiten Blick gewesen, dafür eine, die bis heute anhalte. «Der erste südkoreanische Film, den ich gesehen habe, war grausam und verwirrend – ich hasste ihn. Doch irgendwie liess er mich nicht los. Ich schaute ihn mir ein zweites Mal an, und da weckte er meine Neugier.» Conran wollte mehr über dieses Kino erfahren, schaute sich immer mehr Filme an und ging schliesslich nach Südkorea, um sich noch mehr ins Thema zu vertiefen. Heute betreibt er in Seoul eine Website über das moderne koreanische Kino, veröffentlicht regelmässig Artikel zum Thema, ist Mitarbeiter des Korean Film Council und hat sogar angefangen, als Produzent zu arbeiten. Auch für ihn sei damit ein Traum in Erfüllung gegangen, sagt er. «Ich hatte zwar gehofft, im südkoreanischen Kinogeschäft Fuss zu fassen, hätte aber nie gedacht, dass es so schnell klappen würde.»
Das Filmfestival Freiburg geht heute zu Ende. Programm des letzten Tages: www.fiff.ch
«2016 war ein gutes Jahr für den südkoreanischen Film.»
Pierce Conran
Kinoexperte und Produzent
Zu den Personen
Im südkoreanischen Kino zu Hause
Der 30-jährige Pierce Conran ist im Greyerzerland geboren und aufgewachsen, als Sohn einer irischstämmigen Familie. Er studierte in Dublin französische Literatur und Film. 2012 zog er nach Südkorea, wo er zuerst als Englischlehrer arbeitete. Er lebt bis heute in Seoul und hat inzwischen verschiedene Funktionen rund ums Kino, so als Filmjournalist und als Mitarbeiter des Korean Film Council. Lee Kyoung-mi wurde 1973 in Seoul geboren. Sie studierte Film an einer staatlichen Kunsthochschule. Nach ihrem Abschluss im Jahr 2004 drehte sie Kurzfilme, mit denen sie mehrere Preise gewann. 2008 erschien ihr erster Spielfilm «Crush and Blush», 2016 der Zweitling «The Truth Beneath».
Internationaler Wettbewerb
Zwölf Filme aus zwölf Ländern stellen sich dem Urteil der Jury
«The Truth Beneath» von Lee Kyoung-mi ist einer von zwölf Filmen aus zwölf Ländern, die dieses Jahr im internationalen Langfilm-Wettbewerb des Filmfestivals Freiburg antreten. Die anderen Filme sind «Apprentice» aus Singapur, «The Cinema Travellers» aus Indien, «Dearest Sister» aus Laos, «Honeygiver Among the Dogs» aus Bhutan, «January» aus Argentinien, «Kati Kati» aus Kenia, «The Night Guard» aus Mexiko, «Obscure» aus Syrien, «Singing in Graveyards» aus Malaysia, «The Student» aus Russland und «White Sun» aus Nepal.
Heute Abend wird die internationale Jury des Festivals die Preisträger bekannt geben, darunter auch den Gewinner des mit 30 000 Franken dotierten Hauptpreises. In der Jury sitzen der französische Regisseur Ludovic Bernard, die israelische Regisseurin Yaelle Kayam, der nepalesische Schauspieler und Regisseur Subarna Thapa und die südkoreanische Schauspielerin Kang Soo-yeon. Die Landsfrau von Lee Kyoung-mi ist Leiterin des Busan International Film Festival (BIFF), das jedes Jahr in der zweitgrössten Stadt Südkoreas stattfindet. Kang Soo-yeon steht damit auch für die traditionelle Verbundenheit der beiden Filmfestivals, die sich in Freiburg bei der Schlussfeier von 2016 mit einer spontanen Solidaritätsaktion für das BIFF geäussert hatte.