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Im Süden Ecuadors entsteht eine der grössten Kupferminen des Landes. Gebaut wird sie von einer chinesischen Staatsfirma. Ebenfalls vor Ort sind mehrere chinesische Vertragspartner. Während einer Recherche kam es mit einem von ihnen zu einer Begegnung, die an Groteske kaum zu überbieten ist. Tundayme, Ecuador. – Der junge Mann aus Ecuador sucht Arbeit, doch die junge Frau aus China will zuerst den Stempel sehen. „Wo ist die Tetanus-Impfung?“, fragt sie auf spanisch, „Ich brauche die Originalbestätigung, sonst kann ich dich nicht arbeiten lassen“. Er habe sie bei sich im Zimmer, sagt der Mann und eilt davon. Auch Kandidat zwei fehlen an diesem Vormittag ein paar Angaben. Sein freundliches Nachfragen, ob auch eine Kopie gälte, wird abgeschmettert. Die Frau aus China, kaum älter als dreissig, ist alles andere als gut gelaunt. Breitbeinig hat sie sich vor ihren Arbeitsort gestellt, ein unverputzter Betonblock, die Haare hochgesteckt, die Bluse einwandfrei weiss und in der Hand hält sie eine gelbe Mappe, als ob’s eine Bibel wäre. Es ist kurz nach neun und im Erdgeschoss des Wohnhauses, wo sich Constructora Daobang S.A. Condau eingerichtet hat, brutzelt etwas Scharfes in der Bratpfanne. Die Küche kommt ohne Fenster aus, so dass der Dampf in die Strasse zieht. Der Regen hat nachgelassen und unten fahren ein paar riesige Lastwagen in Richtung Mine. Die Kamera an der Balkonwand scheint ausgeschaltet und hinten bei der Treppe, dort wo es zu den Büros geht, wischt eine Frau in Schürze den Staub zusammen. Auch Kandidat zwei bleibt nichts anders übrig, als das Original aufzutreiben. Der Mord an einem Einheimischen Ich war bereits am Vortag hier, wollte wissen, wie Constructora Daobang, die Zementfabrikantin aus China nach Tundayme gekommen ist, diesem abgeschlagenen Ort an der Grenze zu Peru, wo die Menschen bis vor ein paar Jahren von der Landwirtschaft lebten, ehe die Präsidenten Chinas und Ecuadors beschlossen, die BewohnerInnen zu enteignen und auf deren Land eine Kupfermine zu bauen. Mirador ist eines von fünf Minenbauprojekten Ecuadors, das von der Regierung als “strategisch wichtig” definiert wurde. Verantwortlich für den Bau ist die chinesische Staatsfirma Ecuacorriente, kurz ECSA. Ende Jahr soll die Mine in Betrieb gehen. Die Konsequenzen für Mensch und Umwelt sind bereits heute zu sehen: knapp zwanzig Quadratkilometer gerodeter Regenwald (entspricht etwa der Hälfte des Kantons Basel-Stadt), verschmutzte Gewässer und eine comunidad, die versucht, irgendwie mit den neuen Lebensumständen klarzukommen. Jene, die heute für ECSA arbeiten, schweigen. Jene, die sich gewehrt haben, wurden in den Dreck gezogen, beschattet – teilweise bis heute – und im Falle von José Tendetza sogar ermordet. Der leblose Körper des Minenbaugegners aus Tundayme, gefesselt mit einem Seil, wurde im Dezember 2014 im Fluss Chuchumbletza gefunden. Wie die Kriminalpolizei später mitteilte, ist der 47-jährige der comunidad Shuar drei bis fünf Tage zuvor erdrosselt worden. An seinem Körper hatte man Spuren von Schlägen festgestellt. Der Mord wurde bis heute nicht aufgeklärt.Ob die junge Frau mit der gelben Bibel darüber informiert ist, darf bezweifelt werden. Constructora Daobang kam im selben Jahr nach Ecuador, als Tendetza ermordet wurde und ECSA – eskortiert von der ecuadorianischen Polizei – Kirche und Schule von San Marcos abrissen, einem zu Tundayme gehörenden Weiler. Dort, wo einst Häuser standen und Kühe weideten, soll nun eine Staumauer gebaut werden. Gemäss EMIS, einem internationalen Informationsdienst zu Firmen in Schwellenländern, hat Constructora Daobang 2017 sein Nettoeinkommen um knapp 160 Prozent gesteigert – Kupfermine Mirador sei Dank. Doch zu welchem Preis? Als ich die junge Frau anspreche, will sie wissen, wo meine Papiere sind und für welchen Job ich mich bewerbe. Wie gestern versuche ich ihr zu erklären, wer ich bin und warum ich mit den Verantwortlichen von Constructora Daobang sprechen möchte. Sie blickt mich an, als ob ich vom Mond käme. Doch im Gegensatz zu gestern, kann sie mich nicht an Pablo verweisen. Denn Pablo, der misstrauische Ingenieur aus Ecuador, ist heute nicht hier. Gestern sass er in einem der provisorisch eingerichteten Büros im ersten Stock und verlangte, noch bevor ich die erste Frage stellen konnte, meinen Presseausweis. Er nuschelte etwas davon, dass der Chef nicht da sei, ich aber gerne warten könne. Das tat ich auch. Fünf Minuten, zehn, fünfzehn und als ich mich nach zwanzig Minuten erkundigte, ob und wann der Chef wiederkomme, hiess es, man könne mir nicht weiterhelfen. Da wusste ich noch nicht, dass ich bereits mit ihm gesprochen hatte, oder besser: mit ihr. „Wenn sie wollen, dann verstehen sie dich“ Inzwischen ist ein grauer Pickup vorgefahren und der Fahrer, ein grosser, schlacksiger Asiate, zündet sich eine Zigarette an. Der Rauch vermischt sich mit dem scharfen Dampf aus der Küche. Dann beginnt er die Plastikkübel und Jutesäcke von der Ladefläche zu räumen. Das muss der Chef sein, denke ich. Doch bevor ich ihn anspreche, frage ich nochmals die Frau mit der gelben Bibel. Sie hat die Situation inzwischen erkannt und wendet sich mit den Worten ab, dass sie kein Spanisch verstehe … Das machen hier alle so, wurde mir gestern gesagt. Wenn sie wollen, verstehen sie dich und wenn nicht, dann nicht. Mich wollen sie offenbar nicht verstehen und das ist verständlich. Denn in China sind sich Firmenbesitzer nicht gewohnt, Fragen von Aussenstehenden zu beantworten, geschweige denn von JournalistInnen. Eine Mentalität, die auch die Einheimischen zu spüren bekommen, etwa Santiago, der eigentlich anders heisst. „Entweder sie sagen nichts oder sie schreien dich an“. Als ecuadorianischer Vertragspartner ist Santiago das letzte Glied in der Wertschöpfungskette von Mirador. Er ist mit ein paar Lastwagen oben am Berg vertreten, hilft, die Hunderttausende von Tonnen Geröll und Erde hin – und her zu transportieren. Der Ingenieur macht das nur, weil er sonst keine Arbeit findet. Denn wirklich Freude an der Zusammenarbeit mit den Chinesen hat er nicht. „Zuerst verlangen sie alle möglichen Papiere, Impfungen und Arztzeugnisse, dann behandeln sie dich wie Tiere. Und zu alledem zahlen sie auch noch schlecht“.Ich gehe zur Treppe, von wo aus die Frau mit der Schürze unser Gespräch aufmerksam beobachtet hatte. „Wer ist denn nun der Chef“, frage ich sie. Ohne die Lippen zu bewegen weist sie mit den Augen auf die Frau mit der Bibel und den Pickup-Fahrer. Sie seien die Chefs sagt sie tonlos. Santiago, der seit zwei Jahren in Tundayme arbeitet, sollte mir das hinterher bestätigen. Das Pärchen sei verheiratet und würde den Laden hier schmeissen. Als ich ein paar Tage später auf die Angaben des Informationsdienstes EMIS stosse, finde ich die Anzahl Mitarbeiter von Constructora Daobang: vier. “Siehst du nicht, dass wir Arbeiter sind?” Ich blicke zum Pickup, wo der Mann die letzten Kübel ablädt. Als ich ihn anspreche, sagt er kopfschüttelnd no español. „Sind sie der Chef?“, will ich wissen, er antwortet „Nein“. Dann packt er die Kübel, einen links und einen rechts, und geht nach hinten zum Materiallager; es befindet sich direkt neben der Küche. Als er zurückkommt und den Rauch aus dem Mund pustet, erkläre ich ihm dasselbe wie seiner Frau. Auch sage ich, dass in Ecuador andere Regeln gälten als in China und ich deshalb froh wäre, wenn er mir nun Auskunft geben könne. „Siehst du nicht, dass wir Arbeiter sind“, antwortet er ungeduldig auf spanisch und zeigt auf die leergeräumte Ladefläche des Pickups. „Ein Chef würde das nicht tun. Wir können jedenfalls keine Auskunft geben“. mutantia.ch).