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Thal verlor umfangreiche Berggebiete
«Kurzenberg? Das ist doch der Berg, auf dem die kurz gewachsenen Leute leben …» Lustig definiert, aber nicht ganz zutreffend. Aus dem lateinisch gefärbten Curtimberg wurde Kurzenberg, und im Gegensatz zur Erhebung «Kurzenberg» in der Nähe von Herisau wird im Vorderland mit diesem Namen kein Höhenzug, sondern die Gegend oberhalb von Thal SG bezeichnet. Der Kurzenberg wurde im Osten vom Eichenbach (Grenzgewässer zwischen Wolfhalden und Walzenhausen) und im Westen vom Krennenbach (das Bächlein trennt Wienacht von Grub SG) begrenzt. Im Bereich Bischofsberg ob Heiden verlief die südliche Grenzlinie zu Oberegg.
Kirchengenössigkeit in Thal
Innerhalb dieser Marken liegt das Gebiet der drei eingangs erwähnten Gemeinden. Die Nordgrenze war offen, gehörten doch die Leute vom Kurzenberg kirchlich zu Thal, wo bereits ums Jahr 700 ein erstes Gotteshaus entstanden war. Die Kirche war überaus wichtig und hatte damals einen ganz anderen Stellenwert als heute. Sie und die Pfarrherren als deren Vertreter dominierten fast alle Lebensbereiche, und die Mitglieder der Kirchenvorsteherschaft bildeten auch die politische Behörde.
Weite Wege nach Thal
Den Appenzeller Freiheitskriegen Anfang des 15. Jahrhunderts folgte 1445 das Gefecht an der Wolfshalden. Mit den Appenzellern wehrten sich auch die Kurzenberger an der Letzi (Schutzwall) unterhalb von Wolfhalden erfolgreich gegen die von Thal her anrückenden habsburgischen Truppen, was die politische Zugehörigkeit des Kurzenbergs zur Rhode Trogen festigte. Als Folge der zunehmend als weit und umständlich empfundenen Wege zu den Gottesdiensten wuchs der Wunsch auch nach kirchlicher Unabhängigkeit. Es kam dazu, dass das Bevölkerungswachstum am Berg mehr und mehr zu engen Platzverhältnissen in der Thaler Kirche führte.
Wo soll die Kirche stehen?
Nach der Landteilung von 1597 wollten die evangelisch gewordenen Kurzenberger mit dem Bau einer eigenen Kirche als sichtbarem Wahrzeichen der Eigenständigkeit nicht mehr länger zuwarten. Als Standorte kamen mit Wolfhalden – das alte Zentrum des Kurzenbergs – sowie das bevölkerungsmässig stark gewachsene Heiden in Frage. Leider wurde man sich punkto Baugrund nicht einig. Prominente politische Vertreter beider Lager setzten sich bei der Ausserrhoder Obrigkeit für ihre Standorte ein. Nachdem Heiden am 18. März 1651 die Baubewilligung erhalten hatte, liess Wolfhalden nicht locker, und in der Folge erteilte der am 27. Januar 1652 in Teufen tagende Grosse Rat auch Wolfhalden die Bewilligung zum Bau einer Kirche.
Kirchenbau-Wettstreit
Mit diesen Entscheiden nahm die Auflösung der Grossgemeinde Kurzenberg ihren Anfang. Am 23. März 1652 erfolgte die Grundsteinlegung in Heiden, eine Woche später war Baubeginn in Wolfhalden. Im Rahmen eines eigentlichen Wettstreits wurden nun die beiden nur einen guten Kilometer voneinander entfernten Gotteshäuser hochgezogen, und bereits am 12. September 1652 erfolgte in Heiden die Einweihung. Wolfhalden kam eine Woche später, womit das Ende der Gemeinde Kurzenberg und zugleich die kirchliche Trennung von Thal besiegelt war. Die endgültige, auch politisch verbindliche Grenzziehung erfolgte 1666/67.
Lutzenberger hielten Thal die Treue
Schlau verhielten sich die Lutzenberger. Statt sich mit einem Kirchenbau ebenfalls hohe Kosten aufzuhalsen, wurde der Thaler Mutterkirche die Treue gehalten. Daran hat sich bis heute nichts geändert, und Lutzenberg ist mit dieser Lösung gut gefahren. Trotz eigener Kirchen am Kurzenberg blieben vor allem die wirtschaftlichen Beziehungen zu Thal eng, zumal hier 1830 mit der Weberei Dufour (später Schweizerische Seidengazefabrik AG, heute Sefar AG) ein Unternehmen von Weltruf gegründet wurde, das zahlreiche Heimweber am Kurzenberg beschäftigte.
Text: Peter Eggenberger | Foto: Bibliothek Hauptpost St. Gallen – Kirchenbote SG, April 2021