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Sollten Designer und Entwickler Usability machen?
Am besten ist es, eine Usability-Fachkraft zu haben, aber kleinere Design-Teams können auch davon profitieren, wenn Designer ihre eigenen Nutzer-Tests und andere Usability-Arbeiten durchführen.
by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 25.06.2007
Während meiner Seminare werde ich häufig danach gefragt, ob Designer und Entwickler Usability-Tätigkeiten durchführen können, oder ob man solche Aufgaben lieber ausgewiesenen Usability-Spezialisten überlässt. Die Antwort hängt von Ihren gegebenen Umständen ab; es spricht manches dafür und manches dagegen, dass sich Designer und Entwickler in die Usability-Branche vortasten.
Contra: Spezialisierung treibt die Leistung voran
Seit Adam Smith ist bekannt, dass spezialisierte Arbeiter produktiver sind, als Leute, die versuchen, alles zu erledigen. Dieses gilt für den Bereich der Nutzer-Praxis genauso. Man kann noch nicht einmal von "Designern" als einer einzigen Gruppe sprechen. Es gibt Grafiker, Interaktions-Designer, Daten-Architekten, Texter und viele andere Profis, von denen jeder darauf spezialisiert ist, einen bestimmten Aspekt des gesamten Nutzer-Praxis zu gestalten. Natürlich kann eine einzige Person sowohl das Visuelle als auch die Informationsarchitektur erledigen. Aber solche Bemühungen werden kaum der Arbeitsqualität eines ausgewählten Spezialisten gleichkommen.
Allerdings spezialisieren sich auch Usability-Profis oft auf eine Unterkategorie der Usability, wie z. B. schnelle qualitative Studien, formale quantitative Studien, Feldstudien, vergleichende Studien, Seiten-Analysen, Gutachten, Richtlinien und Standards usw.
Je verschiedener die Aufgaben sind, die Sie zu erledigen haben, umso weniger Zeit werden Sie darauf verwenden, um die Feinheiten jeder einzelnen davon zu erlernen - und umso weniger Erfahrungen werden Sie mit jeder einzelnen Aufgabe machen. Fehlende Übung ist besonders für die Usability problematisch, denn die Fähigkeit, das Nutzer-Verhalten korrekt zu analysieren beruht vor allem auf der Erfahrung, vorher schon eine beträchtliche Anzahl an Verhaltensweisen beobachtet zu haben.
Das Argument für Spezialisierung ist besonders zwingend im Streit zwischen Design und Usability, weil verschiedene Persönlichkeitstypen dazu neigen, mal die eine, mal die andere Disziplin besonders wichtig zu nehmen. Design beeindruckt offensichtlich Leute, die dazu neigen, die Dinge als Ganzes zu betrachten, wohingegen Usability analytisches Denken und die Fähigkeit zum Konzeptualisieren erfordert.
Es gibt viele andere Gebiete, bei denen die Leute ihre Branche in verschiedene Kategorien einteilen. In der Filmbranche z. B. kann ein Hauptdarsteller ein Drehbuch schreiben, aber normalerweise ist es besser, wenn dies ein erfahrener Drehbuchautor tut.
Pro: Es wird weniger Personal benötigt
Es wäre fantastisch, wenn in jedem Projektteam 10 Designer wären, die jeweils Experten auf verschiedenen Gebieten der Gestaltung des Nutzererlebnisses wären. Und es wäre grossartig, wenn man einen Haufen Usability-Profis hätte, die dieses Design unterstützten, indem sie mit verschiedenen Formen von Nutzer-Tests und anderen Usability-Methoden arbeiteten.
Eine grosse Firma hat im Normalfall eine Abteilung für User Experience mit Dutzenden oder vielleicht sogar Hunderten solch ausgewiesener Spezialisten- wenn sie einmal die Reife-Skala erklommen und angemessen in das Nutzererlebnis investiert haben. Ein kleine Firma (oder eine unreife grosse Firma) wird jedoch kaum so ein grosses Team haben.
In vielen Firmen sind die User-Experience-Teams zu klein, um einen ausgewiesenen Usability-Profi zu rechtfertigen. In Wirklichkeit bestehen viele Projekt-"Teams" aus einer einzigen Person. Glücklicherweise sind Usability-Grundsätze einfach genug zu erlernen: Wir bringen Team-Mitglieder in einem Drei-Tage-Workshop einen einfachen Nutzer-Test mit ihrem eigenen Design bei.
Dass man keine Usability-Leute hat, ist kein Grund dafür, keine Usability zu haben. Ihr Team wird davon profitieren, wenn es selbst einige der simpleren Usability-Aufgaben bearbeitet. Günstige Nutzer-Tests können mit minimalen Hilfsmitteln durchgeführt werden.
Contra: Fehlende Objektivität
Wenn Sie jedoch Ihr eigenes Design testen, könnten Sie weniger gewillt sein, seine Defizite einzugestehen. Designer können dazu neigen, Nutzer-Beschwerden oder Probleme als unwichtig oder nicht repräsentativ abzuwerten, wenn die Tests in Wirklichkeit auf ein komplettes Neudesign hinweisen. Designer können auch so sehr in ihren eigenen Theorien aufgehen, wie Nutzer sich zu verhalten haben, dass sie vergessen, Fälle zu testen, in denen sich die Leute anders verhalten.
Eine der Schlüsselthematik, die wir in unseren Nutzertest-Kursen lehren, ist, wie man gute Test-Aufgaben stellt, denn die meisten neuen Test-Moderatoren verwenden die falschen Aufgaben und erhalten dürftige Daten als Ergebnis. Designer sind dafür anfällig, Aufgaben zu verwenden, die sich fast ausschliesslich auf ihr eigenes Haus-Feature beziehen, als auf Ziele, die die Nutzer wirklich erreichen wollen.
Natürlich können Sie aktiv etwas dafür tun, dieses Defizit zu bewältigen, wenn Sie wissen, dass es ihnen an Objektivität mangelt. Zum Beispiel können Sie sich dazu zwingen, Test-Aufgaben mit einzubeziehen, die über die Dinge hinausgehen, mit denen Sie sich persönlich beschäftigen.
Designer können ihre Test-Objektivität auch dadurch erhöhen, dass sie ihre Kollegen darum bitten, sich die Test-Pläne durchzusehen oder sie sich in ein oder zwei Sitzungen anzuhören.
Pro: Höhere Glaubwürdigkeit, einfachere Kommunikation
Wenn dieselbe Person beides macht, Design und Usability, müssen Sie sich nicht darum sorgen, dass der Designer die Ergebnisse der Usability-Personen nicht beachtet. Die Leute neigen dazu, an ihre eigene Arbeit zu glauben!
Wenn sich verschiedene Leute auf unterschiedliche Projekt-Aspekte fokussieren, müssen sie miteinander kommunizieren, was Zeit für Meetings und für das Schreiben von Berichten in Anspruch nimmt. Dagegen weiss ein Designer, der einen Test veranstaltet, was passiert und kann sofort damit beginnen, an dem Problem zu arbeiten, das durch den Test aufgefallen ist. Kein Treffen, kein Ergebnisbericht, keine Kommunikation ist erforderlich, so lange die Information in einem einzelnen Gedächtnis existiert.
Der Nachteil der fehlenden Treffen und Berichte ist, dass die Ergebnisse der Usability nicht verfeinert und diskutiert werden, was wiederum zu weniger tiefen Erkenntnissen und weniger grossen Neukonzeptionen der Nutzeroberfläche führt. Auch wenn Usability-Berichte oberflächlich sind, sie sind ein gutes Mittel, um institutionelle Datenspeicher aufzubauen, die neuen Designern in zukünftigen Projekten hilfreich sein werden.
Jeder Test ist besser als gar kein Test
Wenn Sie es sich leisten können, ist es besser, geschulten Usability-Profis die Usability-Aktivitäten Ihres Projektes zu überlassen. Aber die Alternative ist nicht: Ideal oder Nichtstun. Für viele Projekte gibt es einen Mittelweg: Lassen Sie die Designer oder die Entwickler doppelte Aufgaben erledigen und ein wenig Usability-Arbeit leisten. Das ist viel besser, als gar keine Usability zu haben.
© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.