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Der Entwicklungspsychologe Ulrich Orth erforscht das Selbstwertgefühl. Er erklärt, weshalb im Erwachsenenalter der Selbstwert typischerweise am höchsten ist – und wie die Selbstliebe Kindern und Jugendlichen hilft, sich in der Schule und im Freundeskreis wohlzufühlen.
Herr Orth, viele Menschen glauben, dass der Selbstwert angeboren ist. Stimmt das?
Das Selbstwertgefühl ist tatsächlich zu einem Teil angeboren. Allerdings spielen Umweltfaktoren eine etwas grössere Rolle als die Gene. So haben insbesondere soziale Erfahrungen einen prägenden Einfluss, beispielsweise die Beziehungen eines Kindes zu seinen Eltern und Peers oder später im Erwachsenenalter die Qualität von Partnerschaften, Freundschaften und die allgemeine soziale Einbindung der Person.
Es gibt also kein Selbstwert-Gen?
Nein. Bestimmte menschliche Eigenschaften wie Persönlichkeit, Aussehen und Gesundheit werden von einer Vielzahl genetischer Faktoren beeinflusst. Solche genetisch bedingten Eigenschaften entscheiden dann mit über die vielen Erfahrungen, die eine Person in ihrem Leben macht. Verträgliche, kluge und sozial kompetente Menschen werden von anderen eher wertgeschätzt und entwickeln in der Folge ein besseres Selbstwertgefühl als Menschen, die weniger gemocht werden.
Sie haben kürzlich eine Studie zum Einfluss der Eltern auf das Selbstwertgefühl veröffentlicht. Wie lauten die wichtigsten Ergebnisse?
Für diese Arbeit habe ich Daten aus einer bevölkerungsrepräsentativen Langzeitstudie aus den USA verwendet, in der mehrere Tausend Kinder von der Geburt bis ins Erwachsenenalter begleitet wurden. Die Ergebnisse zeigten, dass sich anhand der Qualität des Erziehungsverhaltens das spätere Selbstwertgefühl der Kinder am besten vorhersagen liess. Zudem legten die Analysen nahe, dass die frühe familiäre Umwelt einen langfristigen Effekt hat. Der Einfluss wurde zwar im Verlauf der Entwicklung etwas kleiner, aber er verschwand nicht, sondern war auch noch im Erwachsenenalter beobachtbar.
Die Erfahrungen aus der frühen Kindheit können das Selbstwertgefühl eines Menschen also über die gesamte Lebensspanne hinweg prägen?
Richtig. Allerdings ist der Einfluss der frühen Kindheit nicht deterministisch: Eine positive Entwicklung ist auch bei ungünstigen familiären Verhältnissen möglich, wie umgekehrt eine problematische Entwicklung trotz guten familiären Verhältnissen.
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Man hat als Eltern oft das Gefühl, jüngere Kinder hätten ein grosses Selbstvertrauen. Stimmt das?
Lange wurde vermutet, dass die Selbstwahrnehmung im Alter von vier, fünf Jahren tendenziell übertrieben positiv ist, dass das Selbstbild ungefähr ab dem Schuleintritt realistischer zu werden beginnt und dass dies bei vielen Kindern zu Verlusten im Selbstwertgefühl führt. Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass dies nicht der Fall ist. Typischerweise steigt das Selbstwertgefühl vom Vorschulalter bis zum Alter von etwa zehn bis zwölf Jahren an und bleibt dann auf diesem Niveau in den Jahren der Pubertät.
Die Pubertät ist also keine Krisenzeit für das Selbstwertgefühl?
Natürlich gibt es Jugendliche, deren Selbstwertgefühl in der Pubertät einen Tiefpunkt erreicht. Gleichzeitig gibt es aber auch Jugendliche, die in diesem Alter mehr Selbstakzeptanz entwickeln. Das Wohlbefinden von Teenagern ist häufig gar nicht so schlecht wie vermutet. Die Vorstellung, dass das Selbstwertgefühl in der Pubertät einen Tiefpunkt erreicht, könnte damit zusammenhängen, dass es in diesem Alter von Tag zu Tag stärker schwankt, als das im Erwachsenenalter der Fall ist. Bei Teenagern ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Streit mit Freunden oder eine missglückte Prüfung vorübergehend starke Selbstzweifel hervorruft.
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