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|Handeln nach dem höchsten Gesetz

von Louis Ribaux
Von den Pflichten eines Freimaurers
Kennt die Gesellschaft die Freimaurerei? Wenn ja: welche Erwartungen setzt sie in einen Freimaurer? Wird man in ihm einen Mann erkennen oder über ihn den Kopf schütteln, ihn als Mitglied einer suspekten Verbindung taxieren, die das Obskurante fördert, gar als jemanden, der einer geheimen Verschwörung angehört? Jedenfalls scheint er ein Mensch zu sein, der ungewohnte Wege einschlägt...
Wenige nur wissen, dass dieses Bild falsch ist. Doch wie können wir Abhilfe schaffen? Zum Beispiel durch Aufklärung, durch "Öffentlichkeitsarbeit" - das ist der eine Schritt, der aber nicht genügt. Public Relations ("Tu Gutes und rede darüber") nützt nur, wenn die Menschen, die dahinterstehen, integer sind. Wir müssten Vorbilder sein, Leute, die schlicht und einfach ihre Pflicht tun.
Pflicht? Was ist eines Maurers Pflicht? Berufen wir uns auf die "Alten Pflichten" aus dem 18. Jahrhundert, die Gesetzbücher der Alpina und unserer Loge? Formell ist das sicher richtig, aber erfüllen wir damit unsere Pflichten im profanen Alltag und nicht nur im Tempel? Sind wir solidarischer und pflichtbewusster als andere? Pflichten werden überall im Leben formuliert. Da gibt es die Pflichtenhefte im Beruf, die Pflichten in der Familie, die Pflichten gegenüber dem Staat, die Schulpflicht, die Militärdienstpflicht, die Steuerpflicht usw.
Und manche Vereinigungen formulieren ethische Pflichten, die beachtenswert sind. So die Rotarier mit ihrer "Vier-Fragen-Probe: Ist es wahr? - Ist es fair für alle Beteiligten? - Wird es Freundschaft und guten Willen fördern? - Wird es dem Wohl aller Beteiligten dienen?" Pflichten sind also, zumindest verbal, ein alltägliches Thema unserer Gesellschaft. Doch worin unterscheiden sich unsere freimaurerischen Pflichten von anderen?
Warum bin ich Freimaurer?
Wenn wir sagen, es kommt auf den einzelnen an, auf sein Vorbild, dann müssen wir mit unserer Frage ebenfalls beim einzelnen ansetzen. Der Auftrag der "Alpina"-Redaktion lautet dementsprechend: "Pflichten eines Freimaurers". Und ich subsumiere: Es geht um die heutigen Pflichten.
Eigentlich lautet die Frage: "Warum bin ich Freimaurer?" Beginnen wir ganz vorne. Schon am Anfang unseres Lebens gibt es jenes merkwürdige, oft undefinierbare Gefühl nach etwas anderem. Ich nenne es Sehnsucht nach ganzheitlicher Erfüllung. Sie begleitet uns durch das ganze Leben und weist uns auf eine Doppelaufgabe hin: Ein wertvolles Glied unserer Gesellschaft zu sein, zugleich aber auch uns selbst, unser eigentliches Wesen zu finden. Das Dasein und das Sosein meistern. Wir sind Bürger zweier Welten, das heisst, wir leben im Spannungsfeld von inneren und äusseren Ansprüchen, und wir stehen vor der Aufgabe, diesen Spannungszustand im Diesseits zu bewältigen. Als Freimaurer wissen wir, dass dies nicht schöngeistiges Geplauder, sondern Lebensrealität ist. Freimaurerei ist eine Brücke. Dank ihr haben wir die Chance, beide Welten sinnvoll zusammenzuführen und dies bedeutet Verpflichtung!
Pflichten - Bausteine einer freimaurerischen Integrität
Das Gelübde: Bei der Aufnahme in die Loge legten wir ein Versprechen ab; wir wurden damit in die Pflicht genommen - aber eigentlich nahmen wir uns selbst in die Pflicht, denn wir kamen als freie Männer und aus eigenem Antrieb hierher.
Wir gelobten (ich halte mich an die Rituale der "Humanitas in Libertate"): Früher eingegangene Pflichten als Familienmitglied, als Bürger und als Mensch mit noch mehr Opfersinn zu erfüllen; Überzeugungen anderer Menschen zu achten; im Streben nach Wahrheit und Selbstveredelung nie zu erlahmen. Wir gelobten sodann, die Gesetze des Ordens zu achten, für das Gedeihen der Loge zu wirken, sie nie ohne triftigen Grund zu verlassen, den Brüdern in Liebe zu begegnen, Verschwiegenheit zu wahren und die Aussage "auf Maurerwort" als Eid zu betrachten. Schliesslich versprachen wir, blinde Leidenschaften zu bekämpfen, das Gute um des Guten willen zu üben, auf das Gewissen zu achten, für geistige Bildung, für Freiheit des Gedankens und für den Frieden zu wirken. - In diesem Sinne verpflichten wir uns auf die maurerischen Pflichten, "älter als die Freimaurerei selbst".
Die vier Äste der Freimaurerei
Die Freimaurerei ist ein organisch gewachsenes Gebilde. Versuchen wir deshalb anhand eines Bildes aus der Natur das Wirken unserer Pflichten zu überprüfen. Stellen wir uns vor, die Freimaurerei sei ein Baum mit vier Hauptästen. Nennen wir sie Brüderlichkeit - die freimaurerische Idee - der rauhe Stein - Handeln im Gewühle des Lebens.
Brüderlichkeit. Nicht zufällig ist die Freimaurerei in ihrer heutigen Ausprägung im 18. Jahrhundert, dem "geselligen Jahrhundert", entstanden. Damals gewannen die Geselligkeit und die Freundschaft zwischen Männern verschiedener Gesellschaftsschichten einen hohen Stellenwert. Aber für Brüderlichkeit genügt das nicht. Es braucht dazu einen geistigen Bezug zu etwas Grösserem, und es braucht den Willen eines jeden Bruders, sich in dieser Welt zu orientieren. Sich orientieren heisst, sich dem Licht der Erkenntnis zuzuwenden. Somit enthält das Postulat der Brüderlichkeit einen Auftrag, eine Verpflichtung für jeden Bruder. Denn was er für sich tut, das wirkt sich sowohl auf seine Loge wie auch auf seine Umwelt aus.
Die schöpferische Idee der Freimaurerei. Neben dem Wunsch nach Geselligkeit wohnten im Menschen - wir haben es schon angedeutet - auch das Bedürfnis nach Vertiefung und der Wunsch nach einer von Idealen geleiteten Gesellschaft. Es geht also um eine Reise mit doppeltem Ziel: eine Reise nach innen und eine Reise nach aussen. Die Freimaurerei ist eine Vereinigung von Menschen, die beides anstrebt und sich dabei von ethischen Grundsätzen leiten lässt; sie will also unser Suchen auf gute Wege leiten. Diese Ethik leitet sich wiederum von einer übergeordneten schöpferischen Instanz ab. Sie manifestiert sich zum Beispiel in unserem Gewissen. Wir nennen diese Instanz "Allmächtiger Baumeister aller Welten" (französisch: Grand Architecte de l'Univers). Wie er diese bildhafte Formulierung umsetzt, bleibt dem einzelnen Bruder überlassen. Als Freimaurer haben wir zu prüfen, ob wir nicht in Fixierungen gefangen sind, die unsere geistige Entwicklung hemmen. Damit ist der nächste Hauptast am Baume der Freimaurerei angesprochen:
Vom rauhen Stein oder der Arbeit an sich selbst. Jeder Mensch gleicht einem unbehauenen, einem rauhen Stein - und kein Stein gleicht dem anderen. In diesem Bild steckt vieles: Einmal der Glaube und die Zuversicht, dass in jedem Menschen ein "guter Kern" versteckt ist, den es zu finden gilt. Dieser gute Kern, der einem behauenen Stein gleicht, ist die eigentliche Zielvorgabe. Jeder Freimaurer hat deshalb die Pflicht, an sich selbst zu arbeiten, er soll zu seiner irdischen Existenz Sorge tragen und sich auch geistig-spirituell weiterentwickeln, selbst wenn er weiss, dass er das Ziel nie vollkommen erreichen wird. Gesucht ist eine "Balance im Leben" - ein Equilibre, das Ratio, Gefühle, Glaube, tiefere Erkenntnisse vereint. Aber es sei auch eine Warnung ausgesprochen: man soll den Stein nicht über seinen guten Kern hinaus behauen - sonst verlöre man leicht sein Selbstvertrauen, seine Selbstachtung, geriete in eine Depression. Es braucht ein Gespür für das rechte Mass: Demut, die eigenen Grenzen anzuerkennen; aber auch Grossmut, die eigenen Stärken und Begabungen anzunehmen. "Es dient der Welt nicht, wenn du dich klein machst. Dich klein zu machen, nur damit andere um dich herum sich nicht unsicher fühlen, hat nichts Erleuchtendes. Wenn wir unser Licht leuchten lassen, geben wir damit unbewusst anderen die Erlaubnis, es auch zu tun" (Nelson Mandela).
Auch gilt es den ständigen Wandel zu akzeptieren. "Alles fliesst", "alles hat seine Zeit", auch das Sterben. Dazu ein wunderbarer Text aus Nikos Kazantzakis' "Rechenschaft vor El Greco" (verfasst ganz kurz vor seinem Tod): "...Ich räume mein Werkzeug zusammen: Gehör, Gesicht, Geruch, Geschmack, Gehirn. Es ist nun Abend geworden, der Arbeitstag geht zu Ende, ich kehre wie der Maulwurf nach Hause, in die Erde zurück. Nicht, als ob ich des Arbeitens müde geworden sei, ich bin nicht müde, aber die Sonne ist untergegangen... Ich kämpfe, mein Herz zu trösten, es zu versöhnen, dass es frei das Ja sagt. Damit wir nicht weggehen von der Erde wie Sklaven, verprügelt, verweint, sondern wie Könige, die gegessen, getrunken haben, satt sind, nichts mehr begehren und vom Tische aufstehen. Aber das Herz schlägt noch in der Brust, wehrt sich, ruft: Bleib noch!..."
Handeln im "Gewühl des Lebens". Die Freimaurerei ist keine "l'art-pour-l'art"-Übung. Pflichten und Erfahrungen sollen aus der Loge in den Alltag hinübergenommen werden, im profanen Leben Anwendung finden. Wir wirken im Diesseits, und wie wir wirken, ist niemals indifferent. Es kommt auch heute auf den Einzelnen an. Wir wirken im Nahbereich, in der Familie, in der Nachbarschaft; wir wirken in der Gesellschaft, z.B. durch Mitarbeit in der Öffentlichkeit ("Freiwilligenarbeit" ist wieder gefragt!). Auch sind wir beauftragt, Erfahrungen und Wissen weiterzuvermitteln, ohne die Verschwiegenheit zu verraten. Und wir tragen in uns den Auftrag, freimaurerische Haltung auch in das Berufsleben einfliessen zu lassen. Wir müssen es - trotz Rückschlägen - immer wieder versuchen. Denken wir an die Wurzeln von Glaube, Liebe, Hoffnung. Besonders zur Hoffnung sind wir verpflichtet, dass nämlich unser Wirken trotz möglichen Fehlschlägen Spuren hinterlässt. Diese Hoffnung strahlt unwillkürlich auf unsere Umgebung aus; sie drängt den herrschenden (modischen?), bald leisen, bald lauten Pessimismus etwas beiseite. Wir dürfen als Freimaurer zuversichtlich sein.
Wo beginnen?
Eigentlich weiss das Herz Bescheid. Es weiss zum Beispiel längst, was uns der Blick in das etymologische Wörterbuch bestätigt, dass "Pflicht" von "pflegen" kommt. Pflegen bedeutet Obhut, Fürsorge, Sorgfalt, sich etwas annehmen, heisst Schonung (eine modernere Bezeichnung dafür lautet "Nachhaltigkeit"). Über dieses Wort "Schonen" lohnt sich nachzudenken. Wir haben zunächst uns selbst zu schonen, indem wir alle unsere Bedürfnisse gleichermassen beachten, auch die geistig-seelischen, indem wir zu unserem Körper und zu den Rhythmen des Lebens Sorge tragen. Schonen wir aber auch unsere Beziehungen (wir leben dialogisch, wie es Martin Buber in seinem Text "Ich und Du" so unvergesslich gesagt hat). Und Schonung heisst auch Verpflichtung gegenüber der Wirtschaft, unserer Umwelt, der Natur, heisst für Herzensbildung zu sorgen. Br. Michel Guinard hat es in der Alpina 1/2001 auf Seite 5 treffend gesagt. "...pourquoi ne pas commencer modestement à chercher à protéger le lieu de vie des hommes, la parcelle d'univers sur laquelle il est encore possible d'interférer, la protection de la planète Terre...". "Le lieu de vie des hommes": den Ort schonen, wo Menschen leben. Schonung wird ohnehin das Thema dieses Jahrhunderts sein, nachdem das 20. Jahrhundert zum Jahrhundert der Schonungslosigkeit geworden ist. (Auch im Wort "schön" steckt das Schonen!). Und warum sollten wir nicht von Anbeginn vorne mit dabei sein - so wie sich unsere freimaurerischen Vorfahren in ihrer Zeit für die demokratische und geistige Freiheit der Menschen eingesetzt haben?
Pflicht zur Lebenskunst
Der Freimaurer beschäftigt sich mit der Königlichen Kunst, der Kunst der Lebensbewältigung. Im Tafelritual der Loge "Humanitas in Libertate" wird folgende Frage gestellt: "Wie sollen Freimaurer zusammenkommen, handeln und scheiden?" Und die Antwort lautet: "Zusammenkommen in Harmonie, Handeln nach dem höchsten Gesetz, Scheiden im richtigen Verhältnis". Dieser Satz enthält in nuce den ganzen Auftrag an jeden einzelnen Freimaurer: Er hat die Pflichten nach innen zu erfüllen, damit die Loge harmonisch sei; er ist beauftragt, nachzudenken, über sich selbst und die Welt, um zu erfahren, was für ihn jenes "höchste Gesetz" sei; schliesslich soll er das, was er in der Loge und durch sein Nachdenken erfahren hat, hinaustragen in die profane Welt, es im richtigen Verhältnis weitervermitteln. Auch wenn es zuweilen Mut dazu braucht.
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Letzte Aenderung: 09:48 04/01 2007