Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03574.jsonl.gz/1207

Holzkamp, Klaus: Sinnliche Erkenntnis. Historischer Ursprung und gesellschaftliche Funktion der Wahrnehmung. Kronberg: Athenäum, 1976
Anmerkungen
In diesem Buch führt K. Holzkamp die Gegenstandsbedeutung ein, ausserdem: Phänographie,
K. Holzkamp ist sich offenbar bewusst, dass Wahrnehmung ein sehr speziell ausgewähltes Thema ist, denn er macht am Anfang des Buches eine sehr ausführliche Begründung für die Wahl des Themas. Und obwohl er explizit die Schreibweise "Für-wahr-Nehmen" (11) verwendet, scheint im - von Täuschungen abgesehen - wahr, was er wahrnimmt.
Das Grundthema Wahrnehmung ist - gemessen am Anspruch des Buches - auf der falschen Seite: rezeptiv statt konstruktiv. K. Holzkamp versteht sich selbst als tätiger Mensch, seine Psychologie behandelt aber Wahrnehmung und Motivation, also sehr spezielle Momente der Tätigkeit. Die Produktion von Gegenstandsbedeutung ist keine Wahr-nehmung, sondern eine Wahr-machung, eine Tat-Sache. Dass man danach etwas wahrnehmen kann - und sogar eine Motivation wahrnehmen kann, ist deskriptiv so richtig wie das von K. Holzkamp gegenüber K. Popper zugestandene Falsifikationsprinzip. Was K. Holzkamp schreibt, mag deskriptiv richtig sein, es aber trifft die gemeinte Sache - die tätige Erzeugung von Gegenstandsbedeutung - nicht.
K. Holzkamp betreibt Erkenntnistheorie. Er nennt sie Gnoseologie (Kap. 6 und 8).
Zitate
Aufklärung:
"Die gesellschaftliche Möglichkeit begreifender Erkenntnis des Wesens bürgerlicher Lebensverhältnisse bedeutet gleichzeitig die Notwendigkeit des Wirklichwerdens einer solchen Erkenntnis als bestimmendes Moment gesellschaftlicher Lebenstätigkeit, weil nur in von begreifender Erkenntnis geleiteter Praxis gesellschaftliche Verhältnisse gemäß dem Allgemeininteresse entwickelt und umgestaltet werden können. Die Wirklichkeit begreifender Erkenntnis, obzwar vom »Reifegrad« der objektiven gesellschaftlichen Bedingungen abhängig, stellt sich aber nicht mit wachsendem Reifegrad automatisch von selber her, sondern muß durch Vermassung der Theorien und Befunde des Wissenschafllichen Sozialismus geschaffen werden. Damit ist das Ziel von Aufklärung i. w. S. unter bürgerlichen Lebensverhältnissen umrissen. Solche Aufklärung kann je nach dem gesellschaftlichen Entwicklungsstand in unterschiedlichen Lebensbereichen als Erziehung, Ausbildung, Beratung, Information, Agitation etc. in Erscheinung treten und findet in der Schulung und Selbstschulung der organisierten Arbeiterklasse ihre höchste Ausprägung. Aller Aufklärung ist gemeinsam, daß sie als Beitrag zur Veränderung utilltaristischer Praxis in Richtung auf bewußt-kritische, von begreifender Erkenntnis geleitete gesellschaftliche Praxis selbst ein Moment der Widerspruchsentwicklung und damit tendenziell der überwindung kapitalistischer Produktionsverhältnisse ist."(S. 362)
"Sinnliche Erkenntnis" statt Wahrnehmung: "Wir können demnach die Wahrnehmung als ein bestimmtes Moment im Gesamt des Erkenntnisvollzugs, nämlich als sinnliche Erkenntnis, näher kennzeichnen" (23).