Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03309.jsonl.gz/2343

Zum Thema Durchfahrtshöhen
Canal du Nivernais: Was die Voies Navigables de France sagen
Erkundigt sich man bei den Voies Navigables de France (VNF) nach den Durchfahrtshöhen des Canal du Nivernais, erhält man folgende Antwort: «Pour celui qui veut effectuer le trajet complet des 174 kms du Nivernais, il doit avoir un bateau ne dépassant pas 30,00 m de long, 5,00 m de large, 1,20 m de tirant d’eau et 2,50m de tirant d’air.» Zu Deutsch: Wer die ganze Länge des Canal du Nivernais befahren will, dessen Boot darf nicht länger sein als 30,00 Meter, nicht breiter als 5,00 m, der Tiefgang darf nicht mehr als 1,20 m betragen und die lichte Höhe nicht mehr als 2,50 m».
Etwas abweichend stand es bis 2011 in der «Navicarte Nr. 19. Dort ist von Clamecy bis Decize eine maximale Durchfahrtshöhe von 2.71 m angegeben. Ist man behördengläubig, so verzichtet man demzufolge tunlichst auf eine Fahrt von Decize (genauer St-Léger-des-Vignes) nach Auxerre. Neuerdings wird in der Navicarte 19 eine Höhe von 2.71 auf den Seiten und von 3.50 m „au centre“ – was aber nach unseren Messungen wiederum reichlich optimistisch wäre. Die Brücke bei Schleuse Nr. 16 versant Saône ist jedenfalls nicht sehr viel höher als unser Suchscheinwerfer (siehe unten).
Was aber, wenn man genau weiss, dass schon Schiffe mit deutlich mehr tirant d’air als 2.50 Meter den Nivernais von Anfang bis Ende befahren haben? «Meten is weten» sagen die Holländer, also «Messen ist Wissen». Wir nehmen also den Canal du Nivernais in Angriff im Wissen, dass wir unser Steuerhaus notfalls bis auf 2.50 Meter hinunter abbauen können. Das Steuerhaus unseres Schiffes ist 2.90 Meter über Wasser und 3.22 Meter breit. Der höchste Punkt des Steuerhauses ist der Suchscheinwerfer mit 3.18 Meter.
Wir lagen einige Tage in St-Léger-des-Vignes und füllten unsere Vorräte aus dem nahe gelegenen (die Deutschen nennen das «fußläufig») Supermarkt auf. Einen Tag benützten wir für eine Radtour auf dem Treidelpfad kanalaufwärts. Die Brücke bei der Schleuse 29 «Chaumigny» schien uns besonders niedrig. Der Schleusenwärter machte grosse Augen, als wir, mit Messband und Skizzenblock bewaffnet, an der Brücke herumturnten. Das Ergebnis unserer Messungen war jedenfalls, dass wir keine Probleme mit der Durchfahrtshöhe haben würden. So war es denn auch – bis hinauf zum Scheitelpunkt bei Baye.
Nach Baye, die Schleusentreppe von Sardy hinunter zur Yonne also, gilt die Brücke bei Schleuse 16 «Sardy» als die niedrigste, auch wenn sie nicht gebogen ist.
Wir beobachteten das Hotelschiff «Art de Vivre» beim Passieren der Brücke. Da wurden Köpfe eingezogen, das Steuerhaus war ohnehin vollständig abgebaut. Was die können, können wir auch! Sozusagen aufrechten Ganges fuhren wir unter der Brücke durch.
Als eine der niedrigsten Brücken, wenn nicht die niedrigste überhaupt, gilt die Brücke von Mougny bei PK 62.
«Meten is weten» haben wir gesagt. Also wird erneut vermessen und mit den Zahlen unserer holländischen Freunde Nell und Frits van Geijtenbeek verglichen. Das Resultat ist eine Skizze. Ich bitte um Nachsicht für den Urheber, er ist nicht gelernter Tiefbauzeichner. Aber ein Metermass ablesen kann er!
Man sieht unschwer, woher die Angabe einer maximalen Höhe von 2.71 Meter stammt. Die Schreibtischtäter haben einfach die maximale Höhe verwendet, welche auf der gesamten Breite der Durchfahrt vorhanden ist. Fährt man also ein Schiff in der Form einer Schuhschachtel von 5 Meter Breite und 2.70 Meter Höhe, also ein Boot, dessen Steuerhaus 5 Meter breit ist, dann – aber nur dann! – stimmen die offiziellen Angaben. So konnten wir also den Canal du Nivernais gegen alle Theorie ohne Probleme befahren.
Der Canal de Bourgogne und die Voûte de Pouilly
Bleiben wir noch etwas im Burgund und sehen wir uns den Souterrain de Pouilly, den 3.33 km langen Tunnel auf dem Scheitelpunkt des Canal de Bourgogne an, der von Pouilly-en-Auxois nach Vandenesse (genauer gesagt nach la Lochère) führt. Es gibt ein älteres Profil des Tunnels und, soweit mir bekannt, ist seither kein Profil mehr gezeichnet worden.
Glaubt man diesem (offiziellen) Profil, so sieht es ähnlich aus wie – gemäss Navicarte – bei den Brücken des Nivernais: Die maximale Breite von 5.00 m ist nur bis 2.70 m Höhe gegeben, nachher beginnt schon der Bogen. Dennoch haben wir den Tunnel ohne Berührung und ohne das Steuerhaus abzubauen, durchquert.
Des Rätsels Lösung liegt darin, dass das Profil aus jener Zeit stammt, da der Burgunderkanal noch kommerziell genutzt wurde und zwar von (beladenen) Pénichen mit dem entsprechenden Tiefgang, gemäss Profil bis zu 2.60 m Das ist schon längst Geschichte, der Wasserstand wurde abgesenkt und damit die Durchfahrtshöhe erhöht.
Eine Besonderheit des Pouilly-Tunnels ist das Fehlen eines seitlichen Gehweges, dem entlang man einen Fender schleifen lassen und so «die Spur halten» könnte. Wir montierten deshalb bei den Bugpollern auf Steuerbord und Backbord je ein «Distanzholz»
Wären wir nämlich aus der Spur geraten, hätten wir mit grosser Wahrscheinlichkeit die Seiten des Steuerhausdachs beschädigt.
Wenn wir schon beim Burgunderkanal sind: Man sollte ihn unbedingt befahren (und sich dabei Zeit lassen!), solange er überhaupt noch befahren werden kann. Er ist neben dem Nivernais einer der schönsten Kanäle Frankreichs in einer der schönsten Landschaften Frankreichs. Wegen seiner zahlreichen Schleusen wird er von Mietbootfahrern gemieden. Sie wollen in einer Woche so weit wie möglich fahren, Urs Gysin hat einmal die gesamten jährlichen Unterhalts-, Betriebs- und Personalkosten des Burgunderkanals ausgerechnet, durch die Anzahl Schiffspassagen dividiert und ist dabei auf eine Summe von grob gerechnet 1’780 Euro gekommen. Mit anderen Worten: Jedes Boot, das sich auf dem Burgunderkanal bewegt, wird vom französischen Steuerzahler mit diesem Betrag subventioniert. «La Grande Nation», die schon lange bankrott ist, wird sich das nicht mehr lange leisten wollen.
Und wenn Ihr den Canal de Bourgogne befährt und bei der Schleuse 34 versant Saône «Moulin Banet» am Anlegequai übernachtet, werdet Ihr von unserem Mitglied Urs Gysin, der das Schleusenwärterhäuschen liebevoll renoviert und zusammen mit seiner Partnerin Doris rundherum allerlei Aktivitäten entwickelt hat, freundlich empfangen und an gewissen Tagen in der Petite Restauration bewirtet!
Der Canal du Midi und die Brücke von Capestang
Noch enger geht es unter der niedrigsten Brücke des Canal du Midi zu, der Brücke von Capestang. Wir selbst haben den Canal du Midi nie befahren. Aber unsere bereits genannten holländischen Freunde haben uns die nachstehend abgebildete Skizze mitgebracht.
Man ersieht aus diesem Profil unschwer, dass wir selbst die berüchtigte Brücke von Capestang passieren könnten, würden wir den Suchscheinwerfer abmontieren.
Fazit: Lasst Euch von den Durchfahrtshöhen, wie sie in den offiziellen Unterlagen festgehalten sind und in Schifferskreisen unbesehen kolportiert werden, nicht abschrecken! Messt Euer Schiff genau aus und vergleicht das Ergebnis mit den hier gezeigten Profilen! Dann wisst Ihr, ob Ihr diese wundervollen Kanäle befahren könnt oder ob sie Euch verwehrt bleiben!
Die angegeben Masse haben meine niederländischen Freunde (Capestang) sowie meine Frau und ich (Nivernais) nach bestem Wissen und Gewissen erhoben oder besser gesagt erturnt. Die Höhenmasse beziehen sich auf den Kanalpegel zur Zeit der Messung. Dieser Kanalpegel kann tiefer, aber auch höher sein. Selbstverständlich ist es Jedermann unbenommen, nach der Methode «Augen zu und durch» eine Brücke zu passieren. Allerdings auf eigene Verantwortung! Und wenn Ihr selbst messt und andere Zahlen erhält, so lasst es mich wissen!