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Reportage
«Luca Wasser trinkt»
Wenn ein Kind Probleme in der Zweitsprache hat, können mehrere Ursachen eine Rolle spielen. In einer Bachelorarbeit wurde eine Website entwickelt, mit der Übertragungsfehler von der Erst- in die Zweitsprache überprüft werden können.
Özlem ist ein 6-jähriges Mädchen. Aufgewachsen ist sie in der Türkei, seit eineinhalb Jahren lebt sie mit ihren Eltern und dem jüngeren Bruder in einem Vorort von Zürich und besucht dort den Kindergarten. Sie ist zurückhaltend und schüchtern, hat aber einen wachen Blick, der jede Bewegung im Raum wahrzunehmen scheint. Dieser richtet sich nun zum Brünneli. Sie zeigt auf einen Knaben und sagt: «Luca Wasser trinkt.»
«Solche Fehler sollten nicht sofort als Störung der Sprachentwicklung bewertet werden», sagt Co-Autorin Caroline Remensberger. Es könne hier auch ein sogenannter Interferenz-Effekt vorliegen – wenn nämlich Elemente der Erstsprache (L1), hier Türkisch, auf die Zweitsprache (L2) übertragen werden, erklärt die Logopädin: «Es ist deshalb wichtig, die wichtigsten Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Erst- und der Zweitsprache zu kennen.»
Leichter gesagt als getan. Ihre Kollegin Ivana Svaco und sie haben mit ihrer Bachelorarbeit an der Hochschule für Heilpädagogik Pionierarbeit geleistet und eine Website entwickelt, mit der dieser Vergleich in niederschwelliger Art für zwölf Sprachen gemacht werden kann. Neben Türkisch sind da zum Beispiel Albanisch, Italienisch, Russisch oder auch Züritüütsch zu finden. Für alle diese Sprachen findet man in kompakter Form einen Vergleich zur deutschen Sprache – vom Gebrauch der Nomen und Verben bis hin zum Satzbau.
Wie schaut das nun bei Özlem aus? Klick auf die allgemeinen Informationen: Seit der Herrschaft Atatürks wurden viele Wörter mit arabischem Ursprung aus dem Vokabular entfernt. Schon mal interessant. Weiter zu den Nomen: Das Türkische kennt im Gegensatz zum Deutschen nur den unbestimmten Artikel: bir elma, ein Apfel. Und dann zum Satzbau, schliesslich geht es ja um den Satz von Özlem: «Luca Wasser trinkt.» Hier erfährt man, dass das Türkische einer anderen Satzstruktur als die deutsche Sprache folgt, nämlich: Subjekt-Objekt-Verb.
«Dies deutet auf eine Interferenz hin», sagt Caroline Remensberger mit Blick auf unser Fallbeispiel. Nun müsse man im nächsten Schritt schauen, wie diese Information ins Gesamtbild passe. Bei Özlem ergibt das Gespräch mit ihren Eltern, dass die Sprachentwicklung im Türkischen gut verlaufen sei. Zudem könne sie sich auditiv Sachen gut merken.
«Sie war erst im Kindergarten einem guten Deutsch-Input ausgesetzt», sagt die Logopädin. Es brauche daher vermutlich in erster Linie Übung und Zeit, um diese «Übertragungsfehler» auszumerzen. Sollten in einem halben Jahr keine Fortschritte ersichtlich sein, müsste allerdings eine vertiefte Analyse und Diagnostik vorgenommen werden. Einstweilen hat aber das Bewusstsein des Sprachvergleichs dazu beigetragen, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Die Website «Interferenzen» kann ein wichtiges Puzzlestück für das Gesamtbild sein.