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Der 11. November: der Tag des heiligen Martin – und des unheiligen Zinses
Frieden braucht Entschuldung und die Aufhebung des Zinses
Berühmt geworden ist der heilige Martin, dessen Fest am heutigen 11. November gefeiert wird, weil er als junger römischer Soldat einem frierenden Bettler die Hälfte seines warmen Mantels schenkte.
Martinus, 316 oder 317 als Sohn eines römischen Offiziers geboren, musste die militärische Laufbahn ergreifen und wurde in Gallien stationiert. Im Alter von 14 Jahren wurde er Taufanwärter. Noch bevor er mit 18 Jahren getauft und damit Christ wurde, soll die Mantelteilung stattgefunden haben.
Als Getaufter stellte er den Antrag auf Entlassung aus seiner Legion, weil er nicht mehr dem Kaiser, sondern Gott dienen wolle. Der Antrag wurde abgelehnt und Martinus blieb bis zum Alter von 40 Jahren zuerst Soldat, dann Offizier.
Nach seiner Entlassung lebte er zunächst als Einsiedler in der Nähe von Poitier, gründete später ein Kloster und wurde von der Bevölkerung sehr geschätzt. Gegen seinen Willen wurde er später Bischof von Tours, als der er 397 starb und am 11. November begraben wurde. Soviel zum überlieferten Leben des hl. Martin. Mehr dazu hier: Sankt Martin – Geschichte und Leben des Heiligen
Interessant ist die Entwicklung des Martinstages zum Erntedankfest und Zinstag. Im Mittelalter wurden Pachtzinsen in der Regel in Naturalien entrichtet, also nach Abschluss der Ernten im Herbst. Da bot sich der 11. November an, zumal viele Namenstage von Heiligen ohnehin schon arbeitsfrei waren und gefeiert wurden.
Die Bauern lieferten den Zehnten ab und feierten die Erledigung ihrer Verpflichtungen mit einem Fest. Andere dürften den Martinstag allerdings gefürchtet haben, wie dieses geflügelte Wort zeigt: «St.Martin ist ein harter Mann, für den, der nicht bezahlen kann.»
Zum Tag des heiligen Martin am 11. November entwickelten sich verschiedene Bräuche, der bekannteste ist vermutlich die Martins-Gans.
Der abtretende Bundesrat Ueli Maurer bewies 2014 in einer Rede viel Gespür für diesen besonderen Tag. Er sagte u.a.:
Martini hat aber etwas ganz Spezielles, das diesen Anlass von andern Volksbräuchen unterscheidet. Martini hat nicht nur einen bäuerlichen und kirchlichen Hintergrund, sondern auch einen politischen: Martini war Zinstag. Nicht nur für private Darlehen. Sondern auch für den Lehenszins an den Grundherrn, für den Zehnten. Martini war also in vielen Gebieten in Westeuropa der Tag, an dem das Volk seine Steuern bezahlen musste.
Der 11. November hat als Zinstag auch Eingang in die Gesetzgebung gefunden, u.a. im Kanton Schwyz, dessen Schutzpatron übrigens der hl. Martin ist.
Traditionell liefen viele Verträge am 11. November ab, d.h. die Verpflichtungen wurden dann fällig.
Der Martinstag ist natürlich auch ein Anlass, die Bedeutung von Zins und Zinseszins zu reflektieren.
Für Albert Einstein war der Zinseszins die «stärkste Kraft im Universum»,gewissermassen das «achte Weltwunder». Zinseszins fällt an, wenn der Zinsertrag nicht herausgenommen, sondern beim verzinslichen Kapital verbleibt.
Wer zu seiner Geburt 5000 Franken erhält, das Geld bei 5 Prozent liegen lässt und nichts dazutut, vererbt nach 80 Jahren 270’000 Franken. Hier rechnen.
Weil ein solches Kapitalwachstum für die Mehrheit der Bevölkerung und die westlichen Staaten, aber auch für das Geldsystem als solches verheerend wäre, sind die Zinsen inzwischen auf Null gesunken und erst in den letzten Monaten zur Bekämpfung der Inflation wieder etwas gestiegen.
Ganz anders sieht es für die Entwicklungsländer aus. Zwei Drittel von ihnen leiden unter Zinssätzen von mehr als zehn Prozent, sagt gemäss der Zeitung «Guardian» die englische NGO «Debt Justice». Eine Schuld von 100 Mio. wächst bei zehn Prozent Zins ohne Zinszahlung innert zehn Jahren auf 270 Mio.
Entwicklungsländer, die ihre Zinsen nicht bezahlen können, werden sehr schnell von Schulden erdrückt und müssen ihre Ressourcen billig verkaufen und die staatlichen Leistungen reduzieren.
Exemplarisch die Aussage des damaligen nigerianischen Präsidenten Obansajo 2000 am G8-Gipfel:
«Alles, was wir uns bis 1985 oder 1986 ausliehen, waren ungefähr 5 Mrd. Dollar. Bis jetzt haben wir 16 Mrd. zurückbezahlt. Und trotzdem sagt man uns, wir schuldeten immer noch 28 Mrd. Dieser Betrag ist durch die Zinssätze der ausländischen Kreditgeber entstanden. Wenn Sie mich nach der schlimmsten Sache der Welt fragen, würde ich sagen, es ist der Zinseszins.»
Der Zinseszins ist also nur für Kapitalbesitzer das achte Weltwunder. Für die Mehrheit der verschuldeten Erdbevölkerung ist er das erste Weltübel.
Der Martinstag sollte uns daran erinnern, dass es erst Frieden auf der Welt gibt, wenn die Schulden erlassen und der Zins aufgehoben ist.
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