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| Cassian († 430/35) - Sieben Bücher über die Menschwerdung Christi (De incarnatione Domini contra Nestorium)

Sechstes Buch
20. Er lehrt nun, aus dem Gesagten folge nicht, dass man behaupte, ein sterblicher oder leiblicher Gott sei vor der Zeit gewesen, obwohl es ebenderselbe [S. 577] Christus sei, der von Ewigkeit Gott war und in der Zeit Mensch wurde.
Aber du sagst vielleicht: Wenn ich lehre, dass Ebenderselbe am Ende der Zeiten aus der Jungfrau geboren worden sei, welcher vor allem aus Gott dem Vater gezeugt worden, so lehre ich auch einen leiblichen Gott vor Anfang der Welt, da ich ja sage, dass Ebenderselbe ein Mensch sei, welcher immer Gott war, und dass also jener Mensch, welcher geboren wurde, auch nachher immer sei. Ich will nicht, dass du durch diese blinde Unwissenheit und diese Nacht des Irrtums verwirrt werdest, so dass du meinest, ich stelle den Menschen, der aus Maria geboren wurde, vor den Anfang der Dinge hin und lehre einen Gott, der auch vor dem Anfang der Welt immer körperlich gewesen wäre. Nicht so, sage ich, nicht so lehre ich, dass der Mensch, ehe er geboren wurde, in Gott gewesen sei, sondern dass nachher im Menschen Gott geboren worden sei. Denn nicht war immer jenes Fleisch, welches aus dem Fleische der Jungfrau geboren wurde, sondern Gott, welcher immer war, kam aus dem Fleische der Jungfrau im Fleische des Menschen; denn das Wort, welches Fleisch geworden, hat nicht das Fleisch mit sich gebracht, sondern durch die Herablassung der Gottheit sich dem menschlichen Fleische geeint. Oder sage mir doch, wann oder wo das Wort Fleisch geworden ist, wo es sich selbst erniedrigt hat, die Knechtsgestalt annehmend, oder wo es arm wurden da es reich sein konnte, wenn nicht in jenem heiligen Schoße der Jungfrau, wo das Wort bei seiner Einleibung Fleisch geworden heißt, bei seiner Geburt in Wahrheit Knechtsgestalt annahm, bei der nach seinem menschlichen Zustande erfolgten Anheftung an den Balken dürftig wurde und arm durch das leibliche Leiden, während es durch die göttliche Majestät reich sein konnte? Sonst, wenn, wie du sagst, die Gottheit nach diesem auf ihn kam, wie auf einen der Propheten und Heiligen, so ist ja das Wort auch in jenen Fleisch geworden, in welchen es sich zu wohnen würdigte; dann hat es sich ja durch jeden derselben selbst erniedrigt [S. 577] und Knechtsgestalt angenommen. So wäre nichts Neues und Hervorragendes in Christo geschehen, nichts Besonderes, nichts Wunderbares hätte weder seine Empfängnis, noch seine Geburt, noch sein Tod gehabt.