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Junge Löwen
1966 sorgte eine neue politische Gruppierung für frischen Wind im Winterthurer Parlament. Die «Jungen Löwen» sassen von 1966 bis 1974 zunächst mit zwei und dann mit vier Vertretern im Gemeinderat.
In Winterthur bestand von 1945 bis 1952 ein Jugendparlament. Es ist in Erinnerung geblieben als Ort, wo geraucht und gegessen wurde und Abfälle liegen blieben. Über hundert junge Erwachsene liessen sich zu Beginn der 60er Jahre für eine Tätigkeit im zweiten Winterthurer Jugendparlament (1960-1963) gewinnen. Mit erfrischender Selbstverständlichkeit wurde die Initiantin Verena Bischofberger für eine einjährige Amtszeit zur ersten Ratspräsidentin gewählt - im «richtigen» Parlament konnten Frauen erst zehn Jahre später Einsitz nehmen. Zudem wurden ein Exekutivchef, ein Ratsvize, ein Kassier, ein Geschäftsleiter - der einstige «Landbote»-Chefredaktor Rudolf Gerber -, ein Ratsweibel und eine GPK bestimmt.
Die Aufteilung des Jugendparlamentes in Fraktionen nach dem Vorbild der «Grossen» hatte zur Folge, dass selten echt und unmittelbar diskutiert und auf gegnerische Voten eingegangen wurde. Es war als Scheinparlament organisiert, das keinen Einfluss auf das eigentliche politische Geschehen nehmen wollte. In den starren Formen und der Folgenlosigkeit des Tuns liegen wohl auch die Gründe des Scheiterns dieses zweiten Jugendparlaments.
1966 sorgte eine neue politische Gruppierung für frischen Wind im Winterthurer Parlament. Die «Jungen Löwen» sassen von 1966 bis 1974 zunächst mit zwei und dann mit vier Vertretern im Gemeinderat. Alte Herren bestimmten damals die Politik: Das Durchschnitts-alter in der Winterthurer Ratsstube belief sich auf 55 Jahre. Die beiden ersten «Jungen Löwen» waren ein absolutes Novum. Der 24-jährige Manfred Stahel wurde der jüngste Gemeindeparlamentarier der Schweiz. Erschreckt durch den Erfolg der Newcomer, suchten alle Parteien für die 1970er-Wahlen junge Kandidaten.
Die «Jungen Löwen» verfolgten eine betont autonome Politik, liessen sich keinem politischen-Lager zuordnen. In ihren ersten Jahren bewegten sie sich als «enfants terribles» in Winterthurs eher ruhiger politischer Landschaft, später erwarben sie sich den Ruf seriöser Schaffer. Als die «Jungen Löwen» 1968 ein Aktionsprogramm für eine vollständige Zentralisierung der Stadtverwaltung vorlegten, bezeichneten sie jene, die ein schrittweises Vorgehen vorzogen als «Wurstredli-Füdlibürger». Ihre Hochhaus-Variante auf dem Strauss-Areal unterlag schliesslich vor dem Volk. Angenommen wurde der Gegenvorschlag der Behörden: Am Obertor sollte durch einen Neubau genügend Platz geschaffen werden für Ämter mit viel Publikumsverkehr.
1974 gaben die Rebellen ihre Sitze kampflos preis. Sie scheiterten an ihren eigenen Ansprüchen, hatten sie sich doch eine Altersbegrenzung für öffentliche Ämter bei 30 Jahren auferlegt. Die Gründergeneration hatte die Altersguillotine erreicht und der Nachwuchs war ausgeblieben. Bei den Jungen Löwen waren nicht nur Männer aktiv, sondern auch Frauen. Die jungen Löwinnen sassen vor allem in den Schulpflegen.
Quelle: Landbote 30.12.1999 nach einem Artikel von Christian Jossi