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Ist Seidenproduktion Tierquälerei?
In einem Kommentar zu meinem letzten Beitrag auf Facebook, wo ich über ein neues Produkt in meinem Seidenshop berichte, beschreibt eine Dame, wie grausam die Seidenproduktion sei. Dies bewegt mich, diesem Thema noch einmal auf den Grund zu gehen und die Relationen etwas genauer zu definieren. Ist Seidenproduktion Tierquälerei? Ist das Leben der Seidenraupen nicht lebenswert? Gibt es Leben ohne Schmerzen auf dieser Welt? Um dies schlüssig zu beantworten, müssen wir die folgenden Fragen genauer betrachten.
- Was ist Tierquälerei?
- Was ist ein Seidenspinner?
- Wie werden Seidenraupen gezüchtet und gehalten?
- Wie wird Seide gewonnen?
- Was geschieht mit den Seidenraupen?
Was ist Tierquälerei?
In der Schweiz gibt es, wie in vielen anderen Ländern ein Tierschutzgesetz (TschG). Der folgende Ausschnitt zeigt den Wortlaut von Art. 4 TschG.
Laut Gesetz bezieht sich dies allerdings nur auf Wirbeltiere. Ich denke, da hinken wir der Realität noch sehr hinterher, denn alles Lebende hängt an seinem Dasein und gerät in Not oder empfindet Schmerz, wenn sein Leben bedroht ist oder es verletzt oder getötet wird.
Das Töten an sich muss jedoch nicht unbedingt schmerzhaft sein. Es kann passieren, ohne dass das Lebewesen sich dessen bewusst ist. Wird es beispielsweise betäubt, wird es bei der Tötung keine Schmerzen erleiden.
Qual ist für ein Tier, da sind wir uns sicher alle einig, das Fehlen von geeigneter Nahrung und Lebensraum, das Zufügen oder nicht Verhindern von Schmerzen, das Behindern von natürlichen Trieben u. Ä.
Was ist ein Seidenspinner?
Der wissenschaftliche Name des Seidenspinners lautet Bombyx mori, er gehört zur Art Seidenspinner, welcher zur Gattung Bombyx gehört, seine Familie sind die Echten Spinner (Bombycidae), diese gehören zur Ordnung Schmetterlinge (Lepidoptera), die der Klasse Insekten (Insecta) untergeordnet sind.
Der Seidenspinner ist also ein Insekt. Wir Tierfreunde verfügen über grosse Empathie den Tieren gegenüber, doch bei den wenigsten von uns geht sie so weit, dass wir beispielsweise eine hungrige Bremse unbeschadet lassen, wenn sie sich an unserer Haut und unserem Blut gütlich tut. Sie wird bedenkenlos zerquetscht. Sie ist ein Insekt, genau wie der Seidenspinner. Die Bremse hat Hunger, genau wie der Seidenspinner und genau wie er, hängt auch die Bremse an ihrem Leben und tut nur, was ihr die Natur vorgibt. Was passiert im Haushalt eines Veganers mit Lebensmittelmotten? Werden sie verschont, wenn sie im Küchenschrank entdeckt werden? Ich denke nicht, auch wenn sie genau wie der Seidenspinner zu den Schmetterlingen gehören und, nicht anders als die Bremse und der Seidenspinner, sehr an ihrem Leben hängen.
Wie werden Seidenraupen gezüchtet und gehalten?
Damit Seidenraupen gut gedeihen, benötigen Sie geeigneten Lebensraum und genügend Nahrung. Ihre Leibspeise sind die Blätter des Maulbeerbaums. Sie mögen es warm und die Gesellschaft von Ihresgleichen ist willkommen, solange genügend zu fressen da ist. Nach 35 Tagen im Schlaraffenland suchen sie sich ein geeignetes Plätzchen und beginnen sich einzuspinnen. Nach einigen Tagen haben sie sich in ihrem Kokon eingesponnen und die Metamorphose, die einige weitere Tage dauern wird, beginnt.
Seidenproduzenten bieten ihren Seidenraupen optimale Bedingungen bis zum Zeitpunkt der Metamorphose. Dann sammeln sie die meisten Kokons ein und geben sie in heisses Wasser, um den Seidenfaden abzulösen und abrollen zu können. Die Seidenraupen sterben dabei mehr oder weniger schnell und damit mehr oder weniger schmerzhaft.
Doch sehen wir uns ihr Leben an bis zum Zeitpunkt ihres Todes: Sie können unbekümmert das tun, was Raupen am liebsten tun: Fressen, fressen fressen. Es gibt keinen Mangel, nur Überfluss und nichts trübt ihr Dasein. Sie wissen nicht, dass sie sterben werden. Wenige der Seidenraupen werden für die Zucht benötigt und dürfen sich verpuppen und sich danach als Schmetterling fortpflanzen.
Zum Vergleich: Die Raupe der meisten anderen Schmetterlinge draussen in der Natur steht weit oben auf dem Speiseplan der verschiedensten Kreaturen wie Vögel, kleine Säuger, Reptilien etc. Wer im Schlund eines Vogels landet, den erwartet wohl ein schlimmeres Ende als die Seidenraupe – er wird in Magensäure zersetzt – ich weiss nicht, wie lange dieser Todeskampf dauert, aber ich stelle in mir schrecklich vor.
Ich halte einen weiteren Aspekt für sehr wichtig: Ohne die Seidenproduktion könnten alle diese Seidenraupen gar nicht in die Welt kommen. Sie würden nicht existieren, könnten nicht nach Herzenslust mampfen und sich entwickeln. Wir alle erleiden Schmerzen in unserem Leben und zum Glück wissen wir, genau wie die Seidenraupen, nicht, welches Ende uns erwartet. Halten wir das Leben eines Menschen, der beispielsweise jahrelang an Krebs leidet bis er stirbt, nicht für lebenswert?
Wie wird Seide gewonnen?
Die Kokons werden ins heisse Wasser gegeben, damit sich der Kleber auflöst und der bis zu 900m lange Seidenfaden abgewickelt werden kann. Aus diesen Fäden werden etwas dickere Fäden gezwirbelt, aus welchen Seidengewebe hergestellt wird.
Was geschieht mit den Seidenraupen?
Es gibt nicht viele Produktionsketten mit Tieren, wo es weniger „Abfälle“ gibt als bei der Raupenzucht. Die toten Raupen aus den Kokons dienen als hochwertiges Fischfutter. Selbst ihr Kot wird zu Dünger weiterverarbeitet. Und die gewonnene Seide ist eines der wertvollsten Naturprodukte die es gibt. Ihre Eigenschaften sind unübertroffen.
Objektiv gesehen müssen wir uns eingestehen:
Jedes Leben auf dieser Erde hängt an seinem Dasein – übrigens auch Pflanzen, ja sogar der Corona-Virus. Wenn man niemandem und nichts Leid zufügen möchte, darf man sich nur noch von Früchten ernähren. Als Kleidung gibt es nur noch Baumwolle, doch darf sie nur wild wachsen, denn ihre Kultivierung fordert unzählige Opfer in der Tier- und Pflanzenwelt. Synthetische Gewebe schaden der Flora und Fauna, darüber muss heutzutage wohl nicht mehr diskutiert werden. Viskose wird aus Pflanzen hergestellt, die auch sehr an ihrem Leben hängen, ganz zu schweigen von der Gewässerverschmutzung und dem Energieverbrauch, der für die Herstellung nötig ist.
Selbst, wenn wir uns mit aller Kraft bemühen, niemandem und nichts Schaden zuzufügen, so müssen wir uns eingestehen, dass es nicht möglich ist. Denn um zu überleben, müssen andere sterben, seien dies Tiere, Pflanzen, Pilze oder Bakterien und Viren. Es gehört einfach zur Natur. Unser Körper braucht zum Leben biologisches Material als Nahrung.
Die Welt besteht aus Licht und Dunkel, ohne Böse gibt es kein Gut – Nichts, was lebt, ist davon ausgenommen. Also tun wir doch, was Sinn ergibt, geniessen wir die Vorteile und guten Eigenschaften, die Seide mit sich bringt und geben wir uns Mühe, alles Mitlebende auf dieser Welt so gut zu schonen, wie wir es können.
Herzlichst Eure
Daniela Feldmann