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Ein guter Muslim betet fünfmal am Tag, geht freitagmittags in die Moschee und fastet einen Monat jährlich. Lassen es die Umstände nicht zu, findet er Wege, mit sich ins Reine zu kommen.
Es ist halb fünf Uhr am Freitagnachmittag, wenn sich die Bosnische Moschee in Schlieren bis auf den letzten Platz füllt. Alle, die um 13 Uhr bei der Arbeit nicht fernbleiben konnten, haben jetzt Gelegenheit, das versäumte Gebet nachzuholen. Zeit haben sie bis 17.30 Uhr, bevor das nächste Gebet ansteht. Muslime, die die vorgeschriebenen Gebetszeiten einhalten, beten fünf mal täglich zu Allah, den Körper gegen Mekka gerichtet. In islamischen Ländern weiss jedes Kind, wo Südosten liegt, weil an jeder Strassenecke eine Moschee steht. In der Schweiz hilft ein Kompass aus, der entweder auf der Rückseite einer Armbanduhr oder direkt in den Gebetsteppich eingebaut ist. Die meisten Muslime haben auch einen Kalender mit den genauen Gebetszeiten für die verschiedenen geografischen Gebiete.
Muslime bewegen sich bei uns in einer Gesellschaft, in der die Menschen ihre religiöse Überzeugung eher
privat als öffentlich ausleben. Berufstätige mit normaler Arbeitszeit von 8 bis 17 Uhr beten jedoch mindestens zwei der fünf Pflichtgebete am Arbeitsplatz. Sie sind daher gezwungen, nach eigenen Lösungen zu suchen.
«Viele begreifen nicht, dass der Islam, was die Lebens-umstände der Gläubigen anbelangt, sehr einsichtig ist», sagt der Pädagoge Mohamed Higazy. Die Gebete können auch zu Hause nachgeholt werden, wenn die Umstände am Arbeitsplatz es nicht erlauben. Der Ort des Gebetes spielt keine Rolle, sofern er rein ist von tierischen oder menschlichen Exkrementen. Higazy hatte bei seiner letzten Tätigkeit in einem Schulheim ein eigenes Büro. Ein grosser Vorteil. Seine Tür stand immer offen, auch wenn er betete. Seine Arbeitskollegen haben mit Neugier reagiert, erzählt Higazy, der an der Universität Zürich Pädagogik und Politikwissenschaft studiert hat. Die Fragen führten zu manchen Gesprächen über den Islam. Er wurde in seiner Andersgläubigkeit respektiert. Nur einmal fragte ihn jemand, ob er ein Fundamentalist sei. Er antwortete: «Ja, wenn jemand, der betet oder fastet, für dich ein Fundamentalist ist, dann bin ich einer.»
Die gut besuchte Moschee, in der sich Higazy und seine Glaubensbrüder jeden Freitagmittag zum gemeinsamen Gebet treffen, ist für den gebürtigen Ägypter ein Zeichen, dass die Muslime in der Schweiz einen Weg finden, ihren religiösen Pflichten auch im Arbeits-alltag nachzukommen. «Ein gläubiger Muslim, der betet, ist ein Glücksfall für jeden Arbeitgeber», ist sich Higazy sicher, «denn er kann sich darauf verlassen, dass ein ehrlicher, vertrauenswürdiger und gewissenhafter Mensch für ihn arbeitet.» Ein Muslim, der in regelmässigen Abständen am Tag bete, halte die schlechten Gedanken fern. Denn er werde ständig daran erinnert: «Das nächste Gebet kommt bestimmt.»
Fasten als Verzicht schafft Platz für Gebete und Meditation
Das Pflichtgefühl eines Muslims gegenüber Allah ist gross. Jede Handlung, jeden Gedanken müssen Muslime mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Denn sie glauben an das Jenseits, ans Paradies und die Hölle und dass sie am «Tage des Gerichts» für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden. Walid Youssef haderte 16 Jahre lang mit seinem Gewissen. Als Koch in einem italienischen Restaurant bereitete er die Gerichte mit Alkohol und Schweinefleisch zu. Der Islam verbietet jedoch, Alkohol weder zu trinken noch bei sich zu tragen, geschweige denn andere Menschen damit zu bedienen. Als unrein gelten auch Schweinefleisch und Fleisch von Tieren, die nicht nach islamischen Vorschriften geschlachtet wurden. Youssef hat in Kairo Wirtschaft studiert und in Griechenland und Frankreich gelebt, ehe er in die Schweiz kam. Seit er die Stelle im Restaurant gekündigt hat, arbeitet er als Taxifahrer in Zürich. Das Schweinefleisch sei das geringere Problem gewesen, erinnert er sich, auch wenn er es nie als «richtig» empfand, den Gästen etwas «Ungesundes» anzubieten. Vom Kontakt mit Alkohol wollte er loskommen: «Ich kann nicht Geld nach Hause bringen, das unrein ist.» Der Muslim wusste, dass er nach islamischem Gesetz mit Alkohol kochen durfte, wenn es nicht anders ging. Gleichzeitig musste er sich darum bemühen, etwas an der Situation zu ändern. Als Taxifahrer verdient er zwar weniger. «Dafür bin ich bei der Arbeit entspannt.» Youssef träumt, eines Tages Limousinen einer Botschaft zu fahren. Ein Job als Koch käme auch wieder in Frage, allerdings nur für die Zubereitung von alkoholfreien Speisen, zum Beispiel für das Frühstücksbuffet eines Hotels.
Für seinen Freund Mohammed Wady war das Alkoholverbot im Islam von Anfang an der Grund, nicht in der
Gastronomie zu arbeiten. Zwar ist sein ausländisches Diplom der Sozialarbeit in der Schweiz anerkannt. Wegen der ungenügenden Deutschkenntnisse gestaltet sich die Suche nach einer entsprechenden Erwerbstätigkeit schwierig. Zurzeit arbeitet er in der Reinigungsbranche. Wady betet während des Monats Ramadan und bis zu zwei Monate danach regelmässig. Dann nehme die «Disziplin» ab, gibt er zu. Nimmt er sich die Zeit während der Arbeit nicht, holt er die Gebete am Abend nach. Im Ramadan, dem islamischen Fastenmonat, zieht er sich während der Mittagspause ins Auto zurück und liest im Koran. Manchmal begleitet ihn sein türkischer Arbeitskollege, der ebenfalls fastet. «Das Fasten ist eine Übung für Körper und Geist», erklärt Wady, «es lässt uns bewusst werden, welch materieller Reichtum uns umgibt.»
Fasten als Verzicht auf bestimmte Speisen oder Alkohol ist in vielen Kulturen und Religionen verbreitet. Es drückt die menschliche Freiheit aus, zeitweise freiwillig auf Grundbedürfnisse und auf Konsumwünsche zu verzichten. Durch den Verzicht wird Zeit frei für das Gebet zu Gott und die Meditation. Heute fasten viele Menschen nicht mehr nur aus religiösen Gründen, sondern um abzuspecken und etwas für die Gesundheit zu tun, aber auch aus Solidarität mit Hungernden. Für Muslime bedeutet Fasten, vom Morgengrauen bis zur abendlichen Dämmerung weder zu essen noch zu trinken. In islamischen Ländern wird die Arbeitszeit dem Ramadan angepasst. Statt von 8 Uhr morgens bis 3 Uhr nachmittags wird von 9 bis 12 Uhr gearbeitet. «Eine solche Umstellung ist in der Schweiz undenkbar», meint Wady. Er habe jedoch seine Chefin gebeten, während des Ramadans über Mittag arbeiten zu dürfen, um früher nach Hause gehen zu können. Sie willigte ein. Ein Auftraggeber der Firma wollte jedoch nicht so recht glauben, dass die Muslime tatsächlich über Mittag arbeiteten. Nach der Reklamation war alles wieder beim Alten. Am Arbeitsplatz Fasten durchzuhalten, ist für Wady kein Problem. Schwierig sei, «die anderen in den Pausen essen oder rauchen zu sehen».
Drittgrösste Religionsgemeinschaft der Schweiz
Die Nähe der Muslime in der Schweiz zu ihrer Religion ist sehr verschieden. Der Islamwissenschaftler Tariq
Ramadan aus Genf geht davon aus, dass sich die Mehrheit nicht regelmässig religiös betätigt. Dennoch fasten etwa 70 Prozent wie Wady während des Ramadan.
Neben den beiden Landeskirchen ist der Islam die drittgrösste Religionsgemeinschaft in der Schweiz geworden. Lebten 1970 noch 16300 Muslime hier, hatte sich die Zahl zehn Jahre später auf 56600 und 1990 auf 152200 erhöht. Gemäss der letzten eidgenössischen Volkszählung im Jahr 2000 gaben annähernd 311000 Menschen den Islam als ihre Religion an. Es sind vorwiegend Zugewanderte, die als Arbeitskräfte von der Schweizer Wirtschaft ab den Sechzigerjahren angeworben wurden, sowie Flüchtlinge und Asylsuchende, die ab den Neunzigerjahren in der Schweiz Zuflucht suchten. Die muslimischen Zuwanderer aus 105 Staaten sind keine einheitliche Gruppe, sondern unterscheiden sich nach ethnischen, nationalen, sprachlichen und politischen Merkmalen. Während die Muslime in der Deutschschweiz überwiegend türkischer und kurdischer Herkunft sind, leben in der Romandie muslimische Zuwanderer aus Nord- und Schwarzafrika, und dem Iran. In den letzten zehn Jahren hat auch die Anzahl der Muslime mit Schweizer Pass zugenommen. 40000 wurden bei der Volkszählung 2000 erfasst.
Joachim Müller ist Leiter der Katholischen Arbeitsstelle «Neue religiöse Bewegungen in der Schweiz». Er rechnet mit einer weiteren Zunahme, sei es durch Geburt, Einbürgerungen, Eheschliessungen oder Übertritte zum Islam. Ebenso vermutet Müller, dass Zehntausende von Muslimen inoffiziell in der Schweiz leben.
Religion ist Privatsache, Kopftuch tragen auch
Die starke Präsenz und die Arbeitsmigration der Muslime in der Schweiz sind ein verhältnismässig neues
Phänomen. Der erschwerte Zugang zum Arbeitsmarkt zwingt manche, einer schlecht bezahlten Arbeit nachzugehen. Niedergelassene Muslime sind dreimal mehr von der Arbeitslosigkeit betroffen als Schweizer, und die Integration in den hiesigen Arbeitsmarkt gestaltet sich oft schwierig. Probleme, die sich für praktizierende Musliminnen und Muslime im Schweizer Arbeitsalltag ergeben können, haben bisher wenig Aufmerksamkeit erfahren. Einen Grund dafür sieht Rechtsprofessorin Andrea Büchler von der Universität Zürich in der schwachen Stellung vieler muslimischer Arbeitnehmender, die sie daran hindert, sich gegen Diskriminierung zu wehren und Ansprüche auf gerichtlichem Wege durchzusetzen. Zwar enthalte das Schweizer Arbeitsrecht einen relativ guten Persönlichkeitsschutz. Büchler geht aber davon aus, dass der schwache Kündigungsschutz das grössere Problem darstellt. Einer Muslimin darf beispielsweise nicht gekündigt werden, weil sich ihre Arbeitskolleginnen am islamischen Kopftuch stören, sie ihre Gebete verrichtet oder während des Monats Ramadan fastet. Geht sie aber während der Fastenzeit nicht zur Arbeit, verletzt sie ihre Arbeitspflicht. «Heute hat sich die Situation etwas entschärft, vor allem in Bezug auf die Kopftuchfrage», ist Büchler überzeugt. In kleineren Betrieben, wo das Arbeitsverhältnis auf Vertrauen gründet, würden individuelle Lösungen gefunden, und in grossen Betrieben bestehe der Trend in der Führungsetage, die kulturelle Vielfalt als Vorteil für die Produktivität des Unternehmens zu sehen.
Bereits vor 15 Jahren schloss der Basler Religionswissenschaftler Christoph Peter Baumann aus seiner
Befragung von Arbeitgebern und Personalchefs: Religion ist Privatsache. «Solange die Religion den reibungslosen Ablauf der Betriebe nicht stört, interessiert sie auch kaum.» Daran hat sich bis heute wenig geändert. Neu ist die heftige Art und Weise, wie über Muslime und ihren Glauben in den Medien und verschiedenen Diskussionsplattformen diskutiert wird. Themen wie die Zusammenhänge von Islam und Terror oder die Ausbildung zum Imam in der Schweiz stellen die muslimische Gemeinschaft als Problemquelle dar. Das hat damit zu tun, dass heute religiöse Zeichen vermehrt als Ausdruck von Fundamentalismus gedeutet werden. Higazy ist der Ansicht, dass im hiesigen Arbeitsmarkt besonders Muslime das grosse Nachsehen haben, die schlecht qualifiziert sind, einen ausländischen Abschluss mitbringen oder die Sprache ungenügend beherrschen.
Alles, was einen kulturellen Hintergrund verrate, stelle ein Hindernis dar. Auch er beobachtet, wie sich seit den Anschlägen in New York und Europa die Wahrnehmung des Islams in der Schweizer Öffentlichkeit verändert hat: «Die Menschen haben plötzlich mehr Mut, sich dazu zu äussern und Ängste zu benennen.»