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Wieso Neurowissenschaft?
Vor vielen Jahren nahm ich an einem Familientreffen teil. Wir sassen eines Abends alle zusammen und haben "Catch Phrase" gespielt. In diesem Spiel geht es darum, ein Wort mit verbalen und physischen Hinweisen zu definieren, ohne das Wort selber zu sagen. Einer der Spieler war mein 65-jähriger Grossonkel, Dave, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Als er an der Reihe war, wurde es sehr schnell klar, dass er die Spielregeln nicht verstanden hatte. Als er z.B. "Haus" definieren musste, hat er, statt "Gebäude, in dem man lebt", "oh ja, ich wohne auch in einem Haus, weit weg von hier" gesagt. Was mit einem Kichern von einem anderen Spieler angefangen hat, wurde schnell zu einem spöttischen Gelächter von allen, die sich über Dave lustig gemacht haben. Ich konnte die Verwirrung und Traurigkeit in seinem Gesicht erkennen. Das Schockierendste war aber, dass ihn seine Kinder genervt aus dem Spiel gezerrt haben, weil sie sich für ihn geschämt haben.
Was aber keiner wusste, war, dass Dave an einer aggressiven Form von Demenz litt. Er konnte die Spielregeln gar nicht verstehen, weil sein Gehirn nicht in der Lage war, die Information aufzunehmen, zu verarbeiten und als korrekte Antwort wiederzugeben.
Das war für mich der Auslöser, um mich den Neurowissenschaften zu widmen und das menschliche Gehirn zu studieren. Unser Gehirn kontrolliert jede Entscheidung, jede Bewegung, jeden Gedanken, und jede Emotion. Und wenn kleine Moleküle, die sich im Gehirn befinden – die Neurotransmitter – nicht mehr im Gleichgewicht zueinander stehen, entgleist das Gehirn und es entstehen mentale Probleme. Ein Neurowissenschaftler versucht herauszufinden, wie das Gehirn funktioniert, damit Leute wie Dave eines Tages geheilt werden können.
Hintergrund und Karriere
Bevor ich Neurowissenschaftlerin wurde, habe ich Biologie an der ETH Zürich studiert, und habe ein Austauschsemester an der Northwestern University in Chicago (USA) verbracht. Das war eine sehr spannende Zeit, weil ich unter anderem die verschiedenen Schulsysteme vergleichen konnte. Im Bachelor Studium hat man viele verschiedene Vorlesungen (nicht nur Biologie, sondern auch Mathematik, Physik, Informatik etc.), und man muss eine Bachelor Arbeit über ein spezifisches Thema/einen spezifischen Versuch schreiben. Anschliessend habe ich den Master in Neurowissenschaften gemacht. Diese Ausbildung besteht aus theoretischen Vorlesungen und einem praktischen Projekt.
Meine Masterarbeit war so spannend, dass ich mich entschieden habe, in der gleichen Forschungsgruppe zu promovieren. In meiner Doktorarbeit habe ich untersucht, wie Infektionen während der Schwangerschaft das Gehirn vom ungeborenen Kind beeinflussen können. Während einer Infektion werden Zytokine im Körper der Mutter ausgeschüttet, und sie werden über die Plazenta auf das Kind übertragen. Dort können sie an Gehirnzellen binden, und die normale Entwicklung beeinträchtigen. Das kann zu einem erhöhten Risiko verschiedener mentaler Krankheiten führen, wie z.B. Schizophrenie. Mit meiner Forschung hoffe ich nachvollziehen zu können, was im Gehirn solcher Patienten von der normalen Funktion abweicht, um neue Therapien zu entwickeln.
Nach meiner Doktorarbeit habe ich bei AC Immune gearbeitet. Dies ist eine pharmazeutische Firma, welche neue innovative Therapien gegen Alzheimer entwickelt. Das war eine sehr reiche und interessante Lernerfahrung, um die Unterschiede zwischen der universitären und industriellen Welt zu erfahren.
Forscheralltag/berufliche Aktivitäten
Ich geniesse die Vielseitigkeit meines Berufs. Mein Arbeitstag besteht aus: Versuche planen und durchführen, wissenschaftliche Artikel schreiben (fast ausschliesslich auf Englisch), und unterrichten. Wir sind ein grosses Team und ich arbeite täglich mit vielen verschiedenen Personen zusammen: Professoren, Studenten, anderen Wissenschaftlern, Labortechnikern, Tierpflegern, Tierärzten, und administrativen Mitarbeitern. Wir kollaborieren mit verschiedenen Gruppen weltweit, und ich reise auch immer wieder ins Ausland, um auf Konferenzen zu gehen.
Die Versuche, die im Labor durchgeführt werden, bestehen aus molekularbiologischen Versuchen (im Labor selber) und aus Tierversuchen. Bei uns werden Nagetiere für Verhaltenstests verwendet. Oft wird gefragt, wieso wir Nagetiere verwenden, um eine menschliche mentale Krankheit zu untersuchen. Die Antwort ist, dass Nagetiere und Menschen ein sehr ähnliches Gehirn haben.
Die Forschung im Gebiet der Neurowissenschaft wird nie langweilig. Es gibt ständig offene Fragen, die es zu beantworten gilt. Das sieht man auch an der Vielzahl verschiedener Neurobiologie-Gruppen in Zürich. Im Zentrum für Neurowissenschaft Zürich, welches aus Neurobiologie-Gruppen der ETH und Uni Zürich besteht, gibt es über 100 separate Forschungsgruppen.
Karriere & Familie, Hobbies
Neben meinem Beruf habe ich andere Aktivitäten: ich tanze sehr gerne (line dance, ball room dancing), snowboarde, übe mich zur Zeit in der Fotografie, und – was mir am meisten am Herzen liegt – ich bin Mutter zweier Kinder. Aktuell werde ich von Fördergeldern des Schweizerischen Nationalfonds finanziert, nämlich vom Marie Heim-Vögtlin Grant, welches arbeitende Mütter unterstüzt.
Wir freuen uns immer über begeisterte Jungforscher!