Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03524.jsonl.gz/540

Groupthink
Groupthink (Gruppendenken) ist ein psychologisches Phänomen, das innerhalb einer Gruppe von Menschen auftritt, bei denen der Wunsch nach Harmonie oder Übereinstimmung in der Gruppe zu einem irrationalen oder dysfunktionalen Entscheidungsergebnis führt. Gruppenmitglieder versuchen, Konflikte zu minimieren und eine Konsensentscheidung ohne kritische Bewertung alternativer Standpunkte zu treffen, indem sie abweichende Standpunkte aktiv unterdrücken und sich von äußeren Einflüssen isolieren.
Groupthink beschreibt also die Tendenz einer Gruppe, unerwünschten Input auszufiltern, wenn eine Entscheidung getroffen werden muss. Durch dieses Ausfiltern kann ein Konsens erreicht werden.
Inhaltsverzeichnis
Symptome
Symptome, die auf Groupthink hinweisen:
Typ 1: Überbewertung/Überschätzung der Gruppe bzgl. Macht und Moral
- die Illusion von Unverwundbarkeit führt zu überzogenem Optimismus und fördert die Risikobereitschaft
- Unbestrittener Glaube an die Moral der Gruppe, der die Mitglieder dazu bringt, die Folgen ihres Handelns zu ignorieren
Typ 2: Engstirnigkeit (closed mindedness)
- Rationalisierung von Warnungen, die die Annahmen der Gruppe in Frage stellen könnten
- Stereotypisierung derjenigen, die gegen die Gruppe sind, als schwach, böse, voreingenommen, boshaft oder dumm
Typ 3: Druck zur Uniformität
- Selbstzensur von Ideen, die vom scheinbaren Gruppenkonsens abweichen
- Illusionen der Einstimmigkeit unter den Gruppenmitgliedern, Schweigen wird als Zustimmung angesehen
- extremer Konformitäts-Druck (Anpassung an die Gruppe, Zurückhalten von Zweifeln, Einwänden oder Kritik) und Stigmatisierung von „Abweichlern“
- Druck, die Gruppe vor abweichenden (als negativ oder sogar feindlich angesehenen) Ansichten zu schützen
Ursachen
Faktoren, die das Auftreten von Gruppendenken wahrscheinlich machen, sind:
Hohe Gruppenkohäsion (Nahverhältnis, Ähnlichkeit, Zusammenhalt)
In einer zusammenhängenden Gruppe vermeiden die Mitglieder, sich gegen Entscheidungen auszusprechen, vermeiden es, mit anderen zu streiten und arbeiten daran, freundschaftliche Beziehungen in der Gruppe aufrechtzuerhalten. Die Kohäsion kann so stark sein, dass es zu Deindividuation führen kann: Gruppenzusammenhalt wird wichtiger als individuelle Meinungsfreiheit
Strukturelle Mängel
Groupthink wird wahrscheinlicher, wenn die Gruppe u.a. in einer Weise organisiert ist, die die Kommunikation von Informationen stört
- Abschottung nach Aussen
- ein sehr starker, dominanter Meinungsführer im Innern: Führungskräfte können die Gruppendiskussion vollständig kontrollieren, indem sie planen, was diskutiert wird, nur bestimmte Fragen stellen lassen und nur bestimmte Personen in der Gruppe um Meinungen bitten
- fehlende Objektivität seitens der Führungskraft
- mangelhafte oder sogar fehlende Normen/ Prozesse, um systematisch Handlungsalternativen abzuwägen.
- Homogenität der sozialen Hintergründe und Ideologien der Mitglieder
Situativer Kontext
- Belastende Bedrohungen: Bestehen einer (im Gruppenempfinden) bedrohlichen Situation, die starken Stress und viel Emotionalität auslöst. Entscheidungen mit hohem Einsatz können Spannung und Angst erzeugen, und Gruppenmitglieder können dann mit dem Entscheidungsstress auf irrationale Weise umgehen. Gruppenmitglieder können ihre Entscheidung rationalisieren, indem sie die positiven Folgen übertreiben und die möglichen negativen Folgen minimieren. Um die Stresssituation zu minimieren, trifft die Gruppe eine schnelle Entscheidung mit wenig bis gar keiner Diskussion oder Meinungsverschiedenheit über die Entscheidung.
- Vergangene Misserfolge: können zu einem geringen Selbstwertgefühl führen, was zu einer Einigung mit der Gruppe führt, aus Angst, als falsch angesehen zu werden
- Starke Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung
- Zeitdruck: Die Gruppenmitglieder sind mehr an Effizienz und schnellen Ergebnissen interessiert als an Qualität und Genauigkeit. Darüber hinaus kann Zeitdruck dazu führen, dass Gruppenmitglieder wichtige Informationen übersehen.
- Moralische Dilemmata
Obwohl es möglich ist, dass Situationen entstehen, in denen alle drei dieser Faktoren auftreten, kann Groupthink auch stattfinden, wenn nicht alle vorhanden sind.
Konsequenzen
Groupthink führt dazu, dass Einzelne es vermeiden, kontroverse Themen oder alternative Lösungen anzusprechen, und es kommt zum Verlust der individuellen Kreativität, Einzigartigkeit und des unabhängigen Denkens.
Konsequenz dieses Gruppendenkens ist eine sehr stark ausgeprägte Form selektiver Wahrnehmung, die schlussendlich zu durchaus desaströsen Fehlentscheidungen führen kann:
- Betrachtung von wenigen, ausgewählten Alternativen
- Nichtbeachtung der Meinung von Experten oder Aussenstehenden
- sehr selektive Informationsbeschaffung (nur Informationen, welche in die bereits eingeschlagene Richtung passen), kein aktives Bemühen um zusätzliche Informationen (confirmation bias)
- einzelne Gruppenmitglieder bestätigen sich gegenseitig ihre Theorien
- keine Erstellung von Alternativ- oder Notfall-Plänen
Gruppenpolarisierung
Des Weiteren kann Groupthink zu Gruppenpolarisierung (group polarization) führen. Als Gruppenpolarisierung bezeichnet man die Tendenz, Entscheidungen zu treffen, die extremer sind als der Durchschnitt der ursprünglichen Positionen der Gruppenmitglieder, und zwar in Richtung, die bereits von der Gruppe favorisiert wurde.
Prävention
Es gibt zahlreiche Massnahmen um die Wahrscheinlichkeit für Groupthink zu minimieren:
- Thematisieren der Ursachen und Probleme von Groupthink
- Probleme objektiv formulieren (darauf achten, wie Probleme „geframed“ werden, dies hat einen Einfluss darauf, wie Situationen wahrgenommen und angegangen werden)
- Definition klarer Entscheidungsprozeduren
- Diversität der Gruppenmitglieder fördern (z. B. durch Einladen wichtiger Interessengruppen)
- Meinungsverschiedenheiten nicht unterschätzen
- Herstellung einer offenen Gesprächsatmosphäre (Annehmen von konstruktiver Kritik, Mitglieder dazu ermutigen, kritisch und unvoreingenommen zu denken)
- Bereitstellung relevanter objektiver Informationen und Daten
- Benennung eines Advocatus Diaboli
- Einbeziehung externer Expert*innen und Meinungen von Aussenstehenden
- Parallelarbeit in Untergruppen (mehrere Gruppen arbeiten am gleichen Problem)
- Zurückhalten der Meinung der Führungsperson
- Durchführung von Diskussionen nach einer Entscheidung (Platz für Zweifel und Überprüfung der Gruppenposition schaffen)
- Genügend Zeit für wichtige Probleme einräumen
- Geheime Abstimmungen (sollte aber nur als Zwischenschritt angewendet werden)
- Überprüfen von Alternativen
- Diskussionen nach aussen tragen (wichtige Diskussionen sollten auch ausserhalb der Gruppe geführt werden)
Quellen
- https://en.wikipedia.org/wiki/Groupthink
- https://de.wikipedia.org/wiki/Gruppendenken
- Gerrig, R. J., & Zimbardo, P. G. (2008). Psychologie. Pearson Deutschland GmbH.
- Jonas, K. (2014). Sozialpsychologie. W. Stroebe, & M. Hewstone (Eds.). Heidelberg: Springer.
- Macleod, L. (2011). Avoiding" groupthink" A manager's challenge. Nursing management, 42(10), 44-48.