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Die Pirahã nennen sich selbst “Hiaitsiihi” – Kategorie von Menschenwesen oder Körpern (ibiisi), die sich von den Weissen und den anderen Indianern unterscheiden. Sie verfügen über ein ausgefeiltes System der Namensgebung, welches aus ihrer Kosmologie entstanden ist. Noch bevor ein Kind geboren wird, erhält es bereits im Mutterleib seinen ersten Namen, von dem die Piraha glauben, dass er für die Schaffung des kleinen Körpers mitverantwortlich ist.
Pirahã
|Andere Namen: Mura-Pirahã

Sprache: aus der linguistischen Familie der Mura
Population: 420 (im Jahr 2010)
Region: Amazonas
|INHALTSVERZEICHNIS

Name
Sprache
Wohngebiet
Bevölkerung
Geschichte des Erstkontakts
Gesellschaftliche Organisation
Kosmologie
Ritual und Schamanentum
Die Pirahã sind direkte Abkömmlinge der Mura. Ihre Sprache, die materielle Kultur, die gesellschaftliche Organisation sowie die physischen Ähnlichkeiten lassen keinen Zweifel darüber, dass sie in der Vergangenheit ein Volk waren. Nimuendaju (1982a/1925) war es, der die Verbindung der beiden Gruppen entdeckte und die Pirahã als Mura-Pirahã bezeichnete. Von da an verbindet sich die Geschichte der beiden Gruppen unwiderruflich, und es wurde zur wissenschaftlichen Praxis, die Piraha als die modernen Nachkommen der antiken Mura-Nation zu bezeichnen, die dermaleinst die Ufer des Rio Madeira bewohnten (cf. Nimuendajú, 1948, 1982a; Rodrigues & Oliveira, 1977; Oliveira, 1978).
Apaitsiiso (“das, was aus dem Kopf kommt”) so beziehen sich die Pirahã auf ihre Sprache. Die Pirahã-Sprache wurde als zur Mura-Familie gehörig von Nimuendaju identifiziert (1982a), Henrichs (1964) klassifizierte sie als tonal. Everett analysierte sie in unzähligen Arbeiten (cf.1979, 1983, 1985a, 1985b, 1986a, 1986b). Charakteristisch für eine tonale Sprache ist die Anwendung supra-segmentaler Lautmalerei (der Relation zwischen den einzelnen Tönen) um dadurch den Worten unterschiedliche Bedeutungen zu geben. Auf diese Weise haben die Pirahã mittels der Töne ganz spezifische Kommunikationsarten geschaffen: schreiende, gepfiffene und sogar eine Kommunikationsart während sie kauen – sie nennen es “sprechend essen”. Der Schrei erlaubt eine Kommunikation auf weite Entfernungen und wird in der Regel während einer Unterhaltung zwischen verschiedenen Kanus angewandt, die sich auf dem Fluss fortbewegen. Die Kommunikation mittels Pfiffen geschieht während der Jagdausflüge im Wald oder auf dem Fluss, wenn Stimmen das Ziel des Ausflugs beeinträchtigen könnten. Everett (1983) hielt fest, das die Pfiffe bestimmten Sprach-Tonalitäten folgen, es sich also nicht um eine festgelegte Pfiffe-Kombination handelt. Somit sind die Pirahã in der Lage, Worte und sogar ganze Sätze mit ihren Pfiffen auszudrücken. Das “Sprechend-Essen” ist die dritte Möglichkeit einer Kommunikation mittels unterschiedlicher Töne – während sie kauen, können sie die Unterhaltung fortsetzen.
Dan Everett wurde durch seine kontroversen Thesen zur Pirahã-Sprache bekannt, denn die Pirahã kennen keine Vergangenheit, keine Farbwörter und keine Nebensätze. Mit seinen Erkenntnissen will er den Gegenbeweis zu Chomskys Annahme einer Universalgrammatik liefern.
Sein Buch dazu wurde 2010 veröffentlicht:
Das glücklichste Volk. Sieben Jahre bei den Pirahã-Indianern am Amazonas. Übersetzt von Sebastian Vogel. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2010, ISBN 978-3-421-04307-8.
Die Mehrheit der Männer versteht Portugiesisch, aber nicht alle sind in der Lage, sich in dieser Sprache auszudrücken. Die Frauen verstehen Portugiesisch nur schlecht und benutzen diese Sprache niemals als Unterhaltungsform. Die Männer haben eine “Kontaktsprache” entwickelt, um mit der regionalen Bevölkerung zu kommunizieren – dabei mischen sie Worte ihrer Sprache, des Portugiesisch und der amazonensischen “Lingua Geral”, die besser unter dem Namen “Nheengatu” bekannt ist).
Die Pirahã bewohnen einen Abschnitt der Ländereien, welche vom Rio Marmelos durchquert werden, sowie fast die gesamte Ausdehnung des Rio Maici, im Distrikt von Humaitá, Bundesstaat Amazonas. Der Rio Maici bildet den Rio Marmelos, einen linken Nebenfluss des Rio Madeira. Die Trocken- und die Regenperioden bringen bedeutende Unterschiede für die Bewohner dieser Region mit sich. Der Marmelos ist ein breiter Fluss, mit schwarzem Wasser, und seine Ufer sind mit dichtem Regenwald bestanden, riesigen Bäumen und einer typisch tropischen Vegetation. Während der Trockenperiode werden weisssandige Flussstrände sichtbar, unterbrochen von Felsblöcken und kleinen Inseln auf seiner gesamten Länge. Während der Regenzeit dringt das Wasser in den Wald ein und formt ausgedehnte “Igapós”, aus denen nur die Wipfel der Bäume herausragen und das höher gelegene “Festland”.
Wer den Rio Marmelos hinauffährt, erreicht einen langen, völlig gerade verlaufenden Abschnitt, den man “Estirão Grande“ nennt – der Beginn des Pirahã-Territoriums. Weiter in derselben Richtung, an der Mündung des Rio Maici, trifft man auf einen der bedeutendsten Strände des Marmelos – ein strategisches Wohngebiet, von dem aus man beide Flüsse nutzen kann. Wenn man die Mündung des Maici hinter sich gelassen hat – noch auf dem Marmelos – kommt man an unzähligen Flussstränden vorbei, an Seen, Bächen und den Mündungen der Flüsse Juqui und Sepoti. Letzterer markiert die Grenze des Pirahã-Territoriums.
Der Rio Maici verläuft gerade und ist tief. Wenn man ihn befährt entdeckt man Hunderte von Paranussbäumen entlang seines gesamten Verlaufs. Seine Ufer sind von der Mündung an bis in die Nähe seiner Quellen von Indianern bewohnt – die Brücke, welche den Fluss als Teilstück der Transamazonica kreuzt, 90 km von der Stadt Humaitá entfernt, ist auch die Grenze des Pirahã-Territoriums. Der Rio Maici ist eine hoch gelegene Region, mit strategischen Punkten zur Ausbeutung seiner 17 “Castanhais” (Paranuss-Sammellager). Im Sommer treten kleine Sandstrände im Fluss hervor, auf denen die Sammel-Camps eingerichtet werden.
Das “Pirahã-Land” wurde 1994 demarkiert – seine Grenze im Norden bildet der Rio Marmelos: vom Flüsschen Folharal bis zum Flüsschen Agua Azul, inklusive der gesamten Ausdehnung des linken Ufers dieses Flusses – die Südgrenze bildet die Brücke über den Rio Maici des Transamazonica Highways – die Ost- und Westgrenze wird von einem ausgedehnten Landstreifen gebildet, der sich von beiden Flussufern aus mehr als 8 km ins Inland erstreckt. Das Gebiet umfasst zirka 400.000 Hektar.
Die gegenwärtige Bevölkerungszahl der Pirahã beläuft sich auf rund 360 Personen. Um 1920 und später um 1970 herum wurden sie auf nur 90 Individuen geschätzt. Im Jahr 1985, dem Datum der ersten Volkszählung, registrierte die FUNAI 141 Personen – mit einem ungefähren Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern (cf. Levinho, 1986). Diese Bevölkerung verteilt sich entlang des Rio Maici und auf den Abschnitt am Rio Marmelos, wo sie in kleinen Gruppen leben, die sich in der Regenzeit dem Sammeln von Paranüssen widmen.
Während der Trockenzeit konzentrieren sie sich in grösseren Gruppen und bewohnen temporär auch einige Strände der beschriebenen Flüsse. Eine Gruppe von ungefähr 120 Individuen bewohnt die Gegend am Marmelos und die Ufer des Maici, bis zu einem Ort, der Cuatá heisst. Eine andere Gruppe, bestehend aus etwa 100 Individuen, lebt in einer Entfernung von etwa zwei Tagesreisen per Boot von diesem erwähnten Ort Cuatá aus. Sie besetzen wenigstens vier Stellen bis in die Nähe der Transamazonica. Wie die Pirahã berichten, bewohnten diese Gruppen bis in die 60er Jahre mit ihnen zusammen die Gegend rund um die Mündung des Maici. Die angegebenen Motive für die Trennung der Gruppen und den Rückzug einer grossen Zahl von Individuen ins Inland des Oberen Maici waren Konflikte durch “Frauenraub” – die zu zwei Ermordungen führten. Diese Krise zog so eine neue Konfiguration der Besetzung des Territoriums nach sich.
Die Pirahã selbst erscheinen in Chroniken und Dokumenten erstmals gegen Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Nimuendaju entdeckte im Jahr 1921 ein Dorf der Piraha im “Estirão Grande” des Rio Marmelos und ein anderes am Unterlauf des Rio Maici. Er berichtet, dass der SPI (staatlicher Indianerschutz) 1921 einen Posten am Maici eingerichtet hat, um mit diesen Indianern in Kontakt zu bleiben, die nach seiner Meinung “glücklich sind in ihrer Armut… und bis heute wenig Gebrauch von den Vorteilen der Zivilisation gemacht haben – ausgenommen ihr Interesse an Metallwerkzeugen, gibt es unter ihnen keine Anzeichen eines permanenten Kontakts mit den Zivilisierten. Sie sind aussergewöhnlich unzugänglich, jedoch friedlicher Natur, sodass ich von keinem feindlichen Zusammenstoss mit den Weissen erfahren habe, die ihrerseits in die indianischen Paranuss-Sammelstellen eindringen und sich auch sonst als unerwünschte Eindringlinge aufführen.” (Nimuendajú, 1982a:117).
Nimuendajú registrierte auch Konflikte zwischen den Pirahã, Matanawi und Parintintin im Gebiet des Oberen Maici. Aus derselben Zeit stammen die Informationen von Gondin (1938), der den Pirahã dieselbe kriegerische Haltung der Mura bescheinigt. Nach diesem Author führten die Piraha am Oberen Maici Krieg gegen die Torá und die Parintin, ein Zustand, der bis ins Jahr 1922 aufrecht erhalten wurde und sich erst legte, nachdem der SPI einen Posten im selben Gebiet gegründet hatte (cf. Gondin, 1925).
Im Jahr 1959 erscheinen Repräsentanten des Summer Institute of Linguistics (SIL) in der Region – sie bleiben bis 1980 im Indianergebiet. Ein Ehepaar war dort zwischen 1960 und 1966 tätig und ein anderes von 1967 bis 1977. Der SIL gründete Missionsniederlassungen an drei verschiedenen Orten: im Estirão Grande des Rio Marmelos, im Interior des Rio Maici, an einem Ort mit Namen “Tuxauá”, und an einer Uferböschung den “Posto Novo”, fast an der Mündung des Maici. Obwohl die Missionare über mehr als 20 Jahre mit den Pirahã in Kontakt standen, ihnen soziale und gesundheitliche Assistenz boten und versuchten, sie zu evangelisieren, kann man heutzutage kaum noch irgendwelche Spuren von ihrem Wirken unter diesen Indianern entdecken. Informationen aus den Relatorien des SIL enthüllen die Probleme bei der Installation einer Mission angesichts der Tatsache, dass “die Indianer sich in kleinen Gruppen an verschiedenen Stellen entlang der Flüsse niedergelassen” hatten – die Frauen sprachen grundsätzlich nie mit Ausländern – und, darüber hinaus gab es zahlreiche Konflikte mit regionalen Siedlern, die sich gegen jedwede Art von Kontrolle über das Territorium wehrten.
1967 sind Konflikte zwischen den Pirahã und den Weissen registriert, ausgelöst durch den Handel mit Paranüssen – ein Indianer wird getötet. 1968 dezimiert eine Masern-Epidemie 10% der indianischen Bevölkerung – 14 Todesfälle werden registriert. 1971 wieder Konflikte mit den regionalen Landbesetzern während der Paranuss-Ernte – ein Piraha wird mit dem Messer umgebracht und in den Fluss geworfen. Nach diesem Vorfall entschliessen sich die Indianer zu den Quellen der Nebenflüsse des Rio Maici abzuwandern und entziehen sich auf diese Weise weiteren Auseinandersetzungen mit der regionalen Bevölkerung.
Ein Bericht von 1979, verfasst von einem katholischen Missionars-Volontär, der 10 Monate unter den Piraha an der Mündung des Rio Maici gelebt hat, schätzte ihre Bevölkerung auf 107 Individuen, davon wohnten 56 am Unteren Maici und 51 in den Dörfern des Oberen Maici. Der Bericht informiert ausserdem, dass im Jahr 1974 in einer Gruppe Piraha durch eine Masernepidemie 30 Menschen starben.
Die Informationen dieses Jahrhunderts über die Piraha – von Nimuendaju, Missionaren des SIL, Funktionären der FUNAI und Anthropologen – stellen fest, dass diese Gruppe, obwohl inzwischen in direktem Kontakt mit den Weissen, es verstanden hat, sich ihre traditionelle Kultur und ihren eigenen Lebensstil zu erhalten. Das Gebiet des Marmelos und des Maici wird bis heute von weissen Invasoren während der Paranuss-Ernte besetzt – meistens Geschäftemacher aus Manicoré, Auxiliadora, Humaitá und Porto Velho. Unterrichtete Quellen berichten seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts von kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Piraha und kommerziellen Paranuss-Sammlern von ausserhalb.
Während der Regenzeit herrscht auf dem Rio Maici reger Bootsverkehr. Bis 1985 hielten die regionalen Siedler bestimmte Stellen entlang des Flusses besetzt, von denen aus sie die Paranuss-Baumgruppen abernteten. Heutzutage hat sich diese Situation für die Indianer bedeutend gebessert : Nach einer Intervention der FUNAI und einer Equipe des “Conselho Indigenista Missionário” (CIMI) – der in dieser Region seit 1991 agiert – sind die Piraha heute wieder die alleinigen Nutzniesser der Paranuss-Bäume. Sie sammeln das Produkt und tauschen es ein gegen Maniokmehl, Munition, Kleidung und Arbeitswerkzeuge bei den lokalen Händlern – einer Aktion, die von der CIMI-Equipe vermittelt wird.
Die Piraha begreifen die Zeit als einen Wechsel zwischen zwei deutlich markierten Jahreszeiten, definiert von der Wassermenge, welche die eine und die andere mit sich bringt: “Piaiisi” (Trockenperiode) und “Piaisai” (Regenperiode). Diese zeitlichen Abschnitte kombiniert man mit Formen der räumlichen und gesellschaftlichen Organisation. Hier eine Reihe von Gegensätzlichkeiten, die auf der Relation zwischen Zeit und Raum beruhen:
|Trockenzeit||Regenzeit|
|Strand||Festland|
|Familienhaus||Kollektivhaus|
|Konzentration||Verteilung|
|Überfluss||Mangel|
|Rituelles Leben||Alltägliches Leben|
Die Organisation des gesellschaftlichen Lebens hinsichtlich dieser beiden Jahreszeiten, wird im Raum projektiert, sodass man auf diese Weise einen “Zeitraum des Strandes” und einen “Zeitraum des Festlandes” erhält.
Die Pirahã organisieren sich in kleinen residenziellen Gruppen, deren Zahl je nach Jahreszeit unterschiedlich ausfällt. In der Trockenperiode schliessen sie sich in der Regel zu fünf bis sechs Gruppen zusammen, in der Regenperiode sind es 10 bis 13. Diese Kerngruppen konzentrieren sich auf zwei unterschiedliche Gebiete des Territoriums: am Oberen und am Unteren Maici. Die einzelnen Gruppen sind durch relativ grosse Entfernungen voneinander getrennt und praktisch autark – mit sporadischen Kontakten zwischen ihren einzelnen Mitgliedern. Daraus folgt, dass sich gesellschaftliche Verbindungen, Eheschliessungen, Tauschhandel und Rituale innerhalb der Gruppe abspielen.
In solchen residenziellen Zusammenschlüssen wird es schwierig, eine Hausgemeinschaft oder Kernfamilie als Produktions- und Konsumeinheit auszumachen. Das Ehepaar ist die erkennbarste Einheit – mittels dieser Einheit gewinnt die Fragmentierung des gesellschaftlichen Lebens an Festigkeit und System. “Kage” ist die Bezeichnung für eine Relation zwischen zwei Personen unterschiedlichen Geschlechts, von denen man aber nicht unbedingt ein sexuelles Verhältnis oder Kinder erwartet. Die Autonomie des Paares beruht auf Fischfang und Ausflügen zum Sammeln von Naturprodukten – sie sind tagelang, manchmal Wochen, alleine unterwegs und scheinen damit den Eindruck zu bestätigen, dass sie sich selbst für ein gesellschaftliches Leben genug sind. Auf der einen Seite stimuliert das Paar den autonomen Lebensstil, geprägt von einer provisorischen Art zu existieren (konstante Umzüge, primitive Unterkünfte, schwindende Güter). Auf der anderen Seite erscheint das Paar als fundamentale Einheit, fungiert als Begründer gesellschaftlicher Relationen, und es hält, wenn auch auf vielen Umwegen, das gesellschaftliche Netz zusammen.
Die Gruppe, welche die residenziellen Familien des Unteren Maici zusammenhält, ist die zahlenmässig grösste. Die Bildung solcher Gruppen und ihre zeitliche Unterhaltung hängt mit drei Faktoren zusammen: der “Vererbung des Territoriums”, der Klassifizierung der Verwandten in “nahe” und “entfernte”, sowie die Eheschliessungen, vorzugsweise innerhalb der Gruppe. Mittels der Blutsverwandtschaften und Affinitäten werden zwei Arten unterschiedlicher Klassifikation geschaffen: die entfernten Verwandten – die “Mage”, und die nahen Verwandten – die “Ahaige”. Ausgehend von diesen Klassifikationen erhält man verschiedene Zugehörigkeitsformen und folglich auch Unterschiede, die sowohl Ein- als auch Ausschlüsse hinsichtlich der Haushalts- oder der grösseren Gruppen erklären.
Die ehelichen Verbindungen sind ebenfalls dafür verantwortlich, wie man sich räumlich untereinander organisiert. Ehen können sowohl innerhalb eines residenziellen Kerns, zwischen residenziellen Kerngruppen oder auch zwischen zwei grösseren Gruppen geschlossen werden. In der Pirahã-Gesellschaft wird man höchst selten erleben, dass sich jemand einer verwandtschaftlichen Bezeichnung bedient – man gebraucht sie kaum innerhalb der persönlichen Beziehungen. Die Tatsache, dass sie nicht benutzt werden, bedeutet jedoch nicht, dass sie deshalb keine klassifizierende Bedeutung haben – oder dass sie nicht über die Art und Weise Auskunft geben, wie sich diese zwischenmenschlichen Beziehungen aufbauen.
Man kann die Existenz von vier grundsätzlichen Termini beobachten, welche einer ersten Klassifizierung der verwandtschaftlichen Verhältnisse dienen. Diese den Hauptworten vor- oder nachgesetzten Termini bezeichnen die einzelnen Beziehungsgrade der Personen untereinander. Man kann das Verwandtschaftssystem der Pirahã in einer “elementären Struktur” erfassen, wenn man von dem Terminus “ibaisi” ausgeht, der sich auf die “bilateralen gekreuzten Cousinen” (Töchter des Bruders der Mutter und Töchter der Schwester des Vaters) bezieht und von den Pirahã benutzt wird, um damit die Frau zu bezeichnen, mit der sie eine Ehe eingehen.
Ein Mann steht in Beziehung zu seiner Mutter, der Ehefrau seines Vaters, mit seiner Schwester, mit der parallelen und der gekreuzten Cousine, mit seiner Schwiegermutter, seiner Schwägerin, seiner Ehefrau und seiner Tochter. Wenn wir bedenken, dass der Mann für den Fischfang und die Feldarbeit verantwortlich ist – den bedeutendsten produktiven Aktivitäten der Pirahã-Gesellschaft – dann können wir ihn als den “Produzenten der Lebensmittel” betrachten.
Die Beziehungen zu Mutter, Schwestern, parallelen und gekreuzten Cousinen sind von Typ zu sorgen. Wenn er verheiratet ist, begreifen seine entsprechenden Aktivitäten darüber hinaus auch seine Frau, seine Töchter und die Töchter seiner Frau mit ein. Mittels seiner Ehefrau haben auch seine Schwiegermutter und Schwägerinnen Zugriff auf seine Produktion. Niemals wird dagegen ein Mann zugeben, dass er für seinen Schwiegervater oder seinen Schwager fischt – aber trotzdem haben diese ebenfalls die Möglichkeit, durch ihre Frauen, von seiner Produktion zu profitieren.
Die Felder werden als den Männern zugehörig deklariert – in der Regel Brüdern, welche sich zusammentun, um sich die Arbeit zu teilen und später auch zusammen “von diesem Feld zu essen”. Ein Mann hat Zugriff auf die Feldprodukte eines anderen Mannes mittels einer Frau – auf diese Weise kann er zum Beispiel vom Feld des Ehemannes seiner Mutter essen, oder dem des Ehemannes seiner Schwester, des Ehemannes seiner Tochter oder des Ehemannes der Tochter seiner Frau.
Die Jagd ist eine Aktivität, welche vergleichsweise wenig praktiziert – und in diesem Fall von Männern wie auch von Frauen ausgeführt wird. Die Männer jagen mit dem Karabiner (Affen, Tapire, Wildschweine, Cutias, Capivaras und Pacas), und die Frauen jagen mit Unterstützung von Hunden (Pacas, Wildschweine und Cutias). Die Ernte der Feldfrüchte ist eine tägliche Arbeit der Piraha, die sowohl in der Regen- wie in der Trockenzeit von Frauen und Männern gleichermassen ausgeführt wird.
Der Kosmos wird stratosgrafisch dargestellt: verschiedene Erdschichten, die übereinander liegen, schaffen parallele Bereiche, welche physisch nichts miteinander gemeinsam haben, es sei denn durch die Wesen, die sie bewohnen. Was diese Schichten als zur selben Klasse zugehörig identifiziert, ist ihre morphologische Basis. Jede von ihnen präsentiert sich mit einer eigenen Morphologie, welche aus Wasser, Erde, Bäumen und Tieren besteht, die sich nur in Form, Grösse und Anzahl unterscheiden. Obgleich alle Schichten als “Migi” (Erde) bezeichnet werden, sind die Unterschiede zwischen ihnen geprägt von ihren jeweiligen Inhalten und dem Platz, welchen sie in der Struktur des Kosmos einnehmen.
Die Pirahã geben zu, dass sie die Zahl der einzelnen Erdschichten nicht genau kennen. Abgesehen von dieser Ungewissheit, reduzieren sie jene komplexe Struktur auf ein einfaches Modell, in dem sie Einzelheiten und Eindrücke von lediglich fünf Schichten aufzeigen, welche sozusagen das Minimum ihrer kosmologischen Struktur repäsentieren:
____________________ abaisi und ibiisi
____________________ abaisi und ibiisi
____________________ ibiisi
____________________ abaisi, kaoaiboge, toipe und ibiisi
____________________ abaisi und ibiisi
Die Linien stellen die einzelnen Schichten ihres Kosmos dar. Jede von ihnen wird von bestimmten Wesen bewohnt (siehe deren Namen rechts neben den Linien). Die mittlere Schicht wird ausschliesslich von “Ibiisi”-Wesen bewohnt, alle anderen sowohl von “Ibiisi” als auch von “Abaisi” – ausgenommen jene Schicht unter der mittleren – sie beherbergt auch die “Kaoaiboge” und die “Toipe”. “Ibiisi” ist eine genetische Bezeichnung für “menschliche Wesen”: es werden als “Menschenwesen” die Pirahã selbst, die Weissen und auch die anderen Indianer bezeichnet. Was einen “Ibiisi” definiert, ist die Tatsache, einen Körper mit spezifischer Form zu besitzen. Die “Abaisi” (sie sind anthropomorph) weisen im Allgemeinen dieselben Formen wie die “Ibiisi” auf, jedoch in unvollendeter Art und Weise – es sind defekte oder deformierte Wesen. Die “Kaoaiboge” und die “Toipe” sind Transformationen verstorbener “Ibiisi” – sie bewohnen die Schicht direkt unter der mittleren.
Die Pirahã besitzen ein sorgfältig erarbeitetes Namenssystem, welches sich an ihre Kosmologie anlehnt. Ein Stammesmitglied erhält seinen ersten Namen bereits vor seiner Geburt, noch im Mutterleib. Der Name, den sie erhalten, steht in direktem Verhältnis zu seiner Empfängnis – er ist der Name des Körpers (ibiisi). Eine andere Namensquelle stammt von den “Abaisi-Wesen”, welche den Kosmos bevölkern. Der “Ibiisi-Name” ist der Name der Herkunft der Materie, des Körpers und seiner Entwicklung – Namen, die den “Abaisi” zugeordnet werden, sind Namen seiner Seele, Namen seines Schicksals. Den Verstorbenen kommt eine gewichtige Rolle beim Prozess der Namensgebung zu. Sie werden von den “Abaisi” verpflichtet, bei entsprechenden schamanistischen Ritualen in Erscheinung zu treten, um “Abaisi-Namen”, durch den Schamanen als Mittler, an die “Ibiisi” weiterzugeben. Die Pirahã glauben, wenn einer einen “Abaisi-Namen” besitzt, ist seine Verwandlung in “Kaoaiboge” und “Toipe” gesichert – und somit hat er ein Schicksal. Jeder “Abaisi-Name”, den ein Individuum besitzt, gibt ihm die posthume Möglichkeit, sich in zwei Wesen zu verwandeln, genannt “Kaoaiboge” und “Toipe”. “Kaoaiboge” ist ein friedliches Wesen, welches sich von Früchten und Fisch ernährt – und es ist Opfer der kanibalistischen Toipe. Wenn also jemand acht “Abaisi-Namen” besitzt, dann ist sein Schicksal gesichert durch seine Transformation in acht “Kaoaiboge”- und weitere acht “Toipe”-Wesen.
Auch die Feinde waren einst eine Namensquelle: Wie die Piraha erzählen, gab es in ihrer Gesellschaft eine Klasse von Mitmenschen, die man “Euebihiai” nannte. In ihr befanden sich die Krieger/Killer, deren Hauptaufgabe die Tötung von Feinden und das Erlegen von Wild war – sie sorgten auch für die Verpflegung während der Rituale. Vom Feind erhielt man einen Namen, vom gejagten Wild nicht – aber beide wurden während der Rituale zu ihrem Verzehr auf die gleiche Art und Weise behandelt: Die Stammeskrieger beobachteten jeden Feind aufs genaueste, bevor sie ihn töteten – der Vollstrecker gab dann seinem Feind einen Abaisi-Namen, der ihn fortan als Geistwesen begleiten würde, und er nahm selbst den Namen seines Feindes zu dessen Lebzeiten an.
Als zum rituellen Bereich gehörig haben wir jene Aktivitäten erfasst, welche die “Ibiisi” mit den “Abaisi”, den “Kaoaiboge” und “Toipe” in Verbindung bringen. Grundsätzlich sprechen wir von zwei Ritual-Arten: dem Schamanismus und dem Fest. Beide tragen sich mit der Absicht, die menschliche Gesellschaft mit der übernatürlichen in Verbindung zu bringen – während der Schamanismus ein privilegiertes Ritual innerhalb der Stammesgemeinschaft ist, sind die beiden Feste, die man als “gross” und “klein” qualifiziert, eher als komplementäre Rituale zu werten.
Der Schamanismus materialisiert einen Prozess der Interaktion zwischen den “Ibiisi” und den “Abaisi” oder auch zwischen “Ibiisi” – “Abaisi” – Kaoaiboge” und “Toipe”. Dabei kommt es auf den jeweiligen Schamanen und seine Performance an, wie dramatisch und effektiv eine Begegnung mit den Wesen einer anderen “Schicht” ausfällt. Im Verlauf der Handlung tauscht der Schamane seinen Platz mit den “Abaisi” oder den Toten und macht einen Besuch in deren “Schichten”, während jene ihrerseits auf der Erde der Pirahã zu Besuch weilen. Die jeweilige Geschicklichkeit des Schamanen bereichert den Namensvorrat seiner Gesellschaft – anlässlich seines “Besuchs” bei den Abaisi bekommt er von diesen “neue Namen” als Geschenk für seine “Ibiisi”, welche von diesen im Lauf der Zeit und anlässlich weiterer Rituale übernommen werden. Somit ist der Schamane Basis und Mittelpunkt des Rituals – der Einzige, welcher in der Lage ist, bei jeder Sitzung die gesamte Kosmologie zu repräsentieren.
Sowohl das “Grosse –“ wie auch das “Kleine Fest” haben die gleiche Existenzberechtigung und beider Ziel ist es, den Kosmos in Bewegung zu bringen. Der Auffassung der Pirahã entsprechend, werden beide Feste in der Absicht veranstaltet, durch Gesang, Tanz und viel Lärm den Halbgott “Igagei”, der in der zweiten Himmelsschicht wohnt, auf sich aufmerksam zu machen, auf ihre Existenz und den genauen Ort, an dem sie sich befinden. Die Sorge der Pirahã, von Igagei übersehen zu werden, kann man interpretieren als die sich wiederholende Angst vor der Zerstörung der Welt, wie sie in einem mündlich überlieferten mythischen Fragment beschrieben wird: Dieser Weltuntergang fand nämlich letztendlich nur deshalb statt, weil Igagei von der Existenz der Piraha nichts wusste. Und nur das Weinen der Frauen, welche allein und ohne Feuer verblieben waren, machte Igagei endlich auf die Pirahã aufmerksam, und er fing an, die Welt zu rekonstruieren. Beide festlichen Rituale werden vorzugsweise bei Vollmond veranstaltet. Der Vollmond wird von den Piraha als Feuerstelle interpretiert, an der Igagei sein Maniokmehl röstet. Und sie glauben, dass wenn sie durch den vollen Mond in der Lage sind, Igagei zu lokalisieren, so kann er beim Licht seiner Feuerstelle auch die Pirahã nicht übersehen.
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther