Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03474.jsonl.gz/1685

Carola Jäggi
Als 1965 im Abstand von wenigen Monaten zunächst Meyer und dann – völlig unerwartet – Jedlicka aus dem Universitätsdienst ausschieden,[112] war erneut die Möglichkeit gegeben, grundsätzlich über den Zuschnitt der Zürcher Kunstgeschichte nachzudenken und etwaige Kurskorrekturen vorzunehmen. Während für die Nachfolge von Peter Meyer schon im Vorfeld geplant werden konnte, führte der Tod von Jedlicka zunächst zu einer Übergangssituation, indem «Assistenzprofessor Dr. Eduard Hüttinger und Titularprofessor Dr. Richard Zürcher einen Teil der von Jedlicka angekündigten Vorlesungen übernahmen».[113]
Als Nachfolger von Peter Meyer konnte bereits zum Sommersemester 1965 Adolf Reinle (1920–2006; Abb. 22) seinen Dienst aufnehmen.[114] Der aus dem aargauischen Fricktal stammende Reinle hatte allgemeine Geschichte, Schweizer Geschichte und Kunstgeschichte in Basel studiert und wurde ebendort 1945 mit einer Arbeit über Legende, Kult und Denkmäler der heiligen Verena von Zurzach promoviert.[115] Ab 1947 arbeitete Reinle als Kunstdenkmälerinventarisator im Kanton Luzern und verfasste die Bände Renaissance – Barock – Klassizismus und Die Kunst des 19. Jahrhunderts innerhalb der Reihe Kunstgeschichte der Schweiz; 1952–59 war er Konservator des Luzerner Kunstmuseums, danach kantonaler Denkmalpfleger von Luzern. Seine Habilitation an der Universität Basel erfolgte 1963 auf der Basis mehrerer Schriften zur Geschichte der barocken Architektur und Skulptur.
Anlässlich der Nominierung und Wahl von Reinle zum «Extraordinarius für Kunstgeschichte des Mittelalters» zum Sommersemester 1965 erinnerte die Philosophische Fakultät erneut an die Gesamtsituation der Zürcher Kunstgeschichte, vor allem daran, dass es an der Universität Zürich seit nahezu hundert Jahren zwei Lehrstühle gegeben habe, wobei sich seit der zweiten Hälfte der 1940er-Jahre die Aufteilung in ein Ordinariat für neuere und neueste Kunstgeschichte und ein Extraordinariat für Kunstgeschichte des Mittelalters und der neuen Zeit mit besonderer Berücksichtigung der Architekturgeschichte etabliert habe.[116] Nun solle die Lehrumschreibung allein auf das Mittelalter festgelegt werden, da sich die zeitliche Aufteilung bewährt habe; die Spezifizierung auf die Architekturgeschichte könne hingegen fallen gelassen werden. Stattdessen sei in letzter Zeit die Kunstdenkmälerinventarisation zu einem wichtigen Gebiet geworden, und auch eine engere Beziehung zum Schweizerischen Landesmuseum, «wie sie früher schon einmal bestanden hat», sei ausdrücklich gewünscht.
Rund zwei Jahre später, zum Sommersemester 1967, konnte Emil Maurer (1917–2011; Abb. 23) als neuer Kollege von Reinle seine Arbeit als Ordinarius für Kunstgeschichte der Neuzeit aufnehmen. Maurer war bereits bei der Diskussion um die Nachfolge Meyers im Gespräch gewesen,[117] was vor allem zeigen mag, wie ähnlich die Profile von Reinle und Maurer waren. Auch Maurer war wie Reinle ein kunsthistorischer Generalist, der sich sowohl im Mittelalter wie in der Neuzeit auskannte und gleicherweise in Architektur, Skulptur und Malerei versiert war, hatte wie Reinle (und zum Teil zusammen mit diesem) in Basel studiert und seine Sporen ebenfalls in der Kunstdenkmälerinventarisation abverdient.[118] Sein 1954 erschienener Kunstdenkmäler-Band zu Königsfelden war zugleich seine Habilitationsschrift, auf deren Basis er 1956 zum Privatdozenten an der Universität Basel ernannt wurde. Promoviert worden war er 1949 – ebenfalls in Basel – für seine Dissertation Jacob Burckhardt und Rubens. Am 8. Juli 1966 übersandte die Fakultät der Erziehungsdirektion den Antrag, Maurer, der damals seit gut einem Jahr als Extraordinarius für Neuere Kunstgeschichte an der Universität Bern wirkte, als Nachfolger von Gotthard Jedlicka zum Ordinarius für Kunstgeschichte der Neuzeit zu ernennen.[119] Gleichentags beantragte die Fakultät in einem gesonderten Schreiben beim Erziehungsdirektor die Aufwertung des Extraordinariats für Kunstgeschichte des Mittelalters zum Ordinariat sowie die Beförderung von Reinle zum ordentlichen Professor: «Bei der Prüfung der Lehrsituation im Gesamtgebiet der Kunstgeschichte im Zusammenhang mit der Regelung der Nachfolge Prof. Jedlickas musste die Fakultät sich die Frage vorlegen, ob es auf die Dauer richtig sei, den einen zeitlichen Hauptabschnitt der Gesamtkunstgeschichte immer mit einem Ordinariat [neuere Kunst], den anderen hingegen nur von einem Extraordinariat [Mittelalter] behandeln zu lassen. Eine ständige Verbindung des Ordinariates mit der neueren Kunstgeschichte, des Extraordinariats mit der älteren muss nicht nur als unbillig, sondern als wissenschaftlich unhaltbar bezeichnet werden. Ist es doch so, dass die ausreichende Betreuung des Lehrgebietes von der Spätantike bis zur Spätgotik und Renaissance eine Anzahl von Vorlesungen und Uebungen erfordert, die der Pflichtstundenzahl eines Ordinariates entspricht. […] Die Wiederbesetzung der Professur für Kunstgeschichte der Neuzeit bietet nun den höchst willkommenen Anlass, die unbefriedigende, die Studierenden geradezu fehlleitende Organisation des Faches Kunstgeschichte zu bereinigen und die Parität zwi[s]chen älterer und neuerer Kunstgeschichte herzustellen.» [120] Hinzu komme, dass der für das Ordinariat für Kunstgeschichte der Neuzeit zur Wahl empfohlene Kandidat Emil Maurer wissenschaftlich durchaus den gleichen Rang wie Adolf Reinle einnehme «und letzterem nicht zugemutet werden sollte, hinter dem Neuernannten ins zweite Glied zurückzutreten».[121] Reinle wurde daraufhin zum Wintersemester 1966/67 zum Ordinarius für Kunstgeschichte des Mittelalters befördert, Maurer begann ein Semester später als Ordinarius für Kunstgeschichte der Neuzeit.[122] In Hinblick auf die Denominationen der beiden Lehrstühle hiess es, dass sich «die Abgrenzung auf ‹Kunstgeschichte des Mittelalters› und ‹Kunstgeschichte der Neuzeit› […] bewährt» habe; «Ueberschneidungen werden sich durch die Vorliebe der einzelnen Dozenten für spezielle Kunstgattungen immer ergeben. Doch soll das Gegenstand kollegialer Absprache sein und nicht im Lehrauftrag umschrieben werden.»[123] Tatsächlich pflegten die beiden Neuberufenen ihre breiten Interessen auch weiterhin, so dass es nicht verwundert, wenn Reinle trotz seines nominellen Lehrgebiets «Mittelalter» später vor allem für seine Arbeiten zum Barock und zum 19. Jahrhundert geehrt wurde; «die faktische Aufteilung der Lehrgebiete unter den damals einzigen vollamtlichen Kunstgeschichtsdozenten Reinle und Maurer […] folgte nicht strengen Epochengrenzen, sondern den Kunstgattungen», indem Reinle vor allem die «erdnahen» Künste Architektur und Plastik vertreten habe,[124] während Maurer vornehmlich für die Malerei zuständig war.[125]
Dass diese etwas unklare Gemengelage funktionieren konnte, war dem Kooperationswillen der beiden Neugewählten zu verdanken: Sowohl Reinle als auch Maurer dachten nicht primär in den Grenzen ihres jeweiligen Lehrstuhls, sondern im Rahmen des Gesamtseminars. Hinzu kam, dass sie ähnliche Vorstellungen von guter Lehre hatten, indem beiden die Einbindung berufspraktischer Aspekte in ihre Veranstaltungen ein explizites Anliegen war.[126] (Abb. 24)