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Schlagen Sie eine Zeitung auf, schauen Sie sich Werbung an oder hören Sie jungen Schweizerinnen und Schweizern zu, die sich auf Deutsch unterhalten. Es wird nicht lange dauern, bis Sie ein englisches Wort hören. Ein Linguist erklärt, warum dem so ist – und ob es zu einem "Backlash" kommen wird.
Lassen Sie sich, wenn Sie wie ich englischsprachig sind, nicht von der Frontseite eines Wirtschaftsmagazins blenden. Vor einigen Jahren nahm ich am Flughafen Zürich ein solches mit Begriffen wie Manager, Deal, Branding und Know-how in den Schlagzeilen mit. Erst als ich durch die Seiten blätterte, stellte ich fest, dass die Artikel auf Deutsch geschrieben waren.
Daran musste ich kürzlich denken, als ich eine Frontschlagzeile der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) las: "Ein Cliffhanger beim Freihandel", hiess es dort. Warum hatte der Journalist diesen Begriff gewählt? Gibt es wirklich kein deutsches Wort, das er hätte benutzen können? Wissen alle Leserinnen und Leser, was genau ein "Cliffhanger" ist, oder haben sie ein Bild von Verhandlungsführern, deren Gegenspieler sich an Felswänden festkrallen müssen?
Tatsache ist: In der Schweiz liegt ein englisches Wort immer "griffbereit". Die Berichterstattung der Schweizer Zeitungen über die US-Wahlen beispielsweise strotzten nur so von Wörtern wie Lobbyist, Establishment, "Fake-News" und Rallys (man bemerke, dass im Deutschen das y am Ende des eingedeutschten Wortes im Plural zu "-ys" statt "-ies" wird, wie bei Babys und Partys).
Der Zürcher Tages-Anzeiger beobachtete, dass in New York auch "hippe Gays" und eine "elegante schwarze Lady" an die Urnen gingen. Zudem hätten viele an Donald Trumps Siegesfeier Cowboyhüte und Cowboystiefel getragen.
Sprachlicher Diebstahl
"Gegenseitige Befruchtung" – oder Diebstahl –zwischen den Sprachen gab es schon immer. Schliesslich finden sich in englischen Wörterbüchern zahlreiche deutsche Wörter wie "angst", "schadenfreude" oder "wanderlust" – und nicht zu vergessen der aus dem Schweizerdeutschen stammende "putsch".
"Um ein nützliches Instrument für die Kommunikation auf allen Ebnen und in allen Bereichen zu sein, müssen Sprachen offen bleiben und neue Wege finden, mit denen neue Konzepte ausgedrückt werden können", sagt Franz Andres Morrisseyexterner Link, Dozent für Linguistik an der Universität Bern.
Er erwähnt dabei das Beispiel des Computers, der zu Beginn, als er eine reine Rechenmaschine war, auf Deutsch einfach "Rechner" genannt wurde. Erst als man damit auch Textverarbeitung und andere nicht-mathematische Aufgaben erledigen konnte, sei aus der Maschine "der Computer" geworden.
"Das war ein typischer Fall, wo ein neues kommunikatives Bedürfnis da war, um ein Konzept auszudrücken, für das es noch kein deutsches Wort gab. Also machten Sprecher das, was sie immer tun – sie entlehnten das Wort von dort, wo es bereits existierte", so Andres Morrissey. "Sprachen bedienen sich überall und verändern sich immerwährend – würden sie es nicht tun, würden wir heute noch so Englisch reden wie Alfred der Grosse [König der Angelsachsen ab etwa 886, A.d.R.]!"
Anmassend?
Wie reagiert Andres Morrissey, ein Schweizer mit einer britischen Frau, wenn er Schlagzeilen wie "Ein Cliffhanger beim Freihandel" sieht, oder jüngste Schmuckstücke wie "Showdown der Dealmaker" im Schweizer Wirtschaftsmagazin Bilanz oder "Online Dating treibt Singles ins Burnout" in der Gratiszeitung 20 Minuten?
"Wir scheinen mehr relativ anspruchsvolle Ausdrücke auf Englisch zu benutzen als früher. Jeder weiss, was ein 'Foul' oder ein 'Goal' ist, aber ich finde es interessant, dass Worte wie 'Cliffhanger' und 'Dealbreaker' benutzt werden, bei denen doch ein relativ hohes Mass an Englischkenntnissen nötig ist, um sie zu verstehen", betont er.
"Andererseits gibt es besonders in Handel und Marketing derart viele nichtssagende Ausdrücke, die englisch verfeinert werden, so dass sie oft wenig Sinn machen, wenn wir über deren Bedeutung nachdenken."
Natürlich ist einer guten Sprachenkenntnis nichts entgegenzusetzen, doch gewisse Kreise könnten einen Deutschschweizer, der von einem "Cliffhanger" redet, etwas anmassend finden… "Vielleicht sollte ich das nicht sagen, aber es ist sogar unglaublich anmassend!", sagt Andres Morrissey.
Veränderte Spielregeln
Der Schweizer Linguist war erstmals in den 1970er-Jahren als Assistenzlehrer nach England gereist. Die sprachliche Landschaft in der Schweiz habe sich jedoch bereits davor verändert, sagt er.
"Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nahm der Einfluss des Französischen als internationale Sprache drastisch ab, sie wurde durch Englisch ersetzt – sogar in der Schweiz [in der rund 23% der Bevölkerung Französisch sprechen, A.d.R.]. Doch noch bis vor relativ kurzer Zeit, bis Mitte der 1980er-Jahre, war die Bedeutung des Französischen im Schulsystem unbestritten. Die Spielregeln veränderte der Einfluss der IT und weil alle sich an Computer gewöhnten."
Mit der Technologie kamen nicht nur englische Lehnwörter – der Browser, die E-Mail, das Cookie, surfen, chatten usw –, sondern auch der Zugang zu internationalen Inhalten.
"Englisch, vor allem gesprochenes Englisch, wurde dank Youtube, Netflix, den Sozialen Medien und so weiter viel einfacher zugänglich. Junge Menschen sind der englischen Sprache viel mehr ausgesetzt, weshalb sie über ein recht grosses passives Vokabular verfügen", sagt der Linguist.
"Ich führe seit etwa 1990 Buch über die passiven Englischkenntnisse der Studenten – Lese- und Hörverstehen –, mit den gleichen Tests seit ungefähr 25 Jahren. Und ich habe herausgefunden, dass sich eine stetige Verbesserung des Durchschnitts zeigt – besonders seit 2008/2009. In diesem Zeitraum haben die passiven Englischkenntnisse um etwa fünf Prozent zugenommen. Ich denke, das weist darauf hin, dass sie öfter mit der Sprache konfrontiert werden – nicht unbedingt, dass sie diese mehr benutzen – und damit über relativ gute passive Kenntnisse verfügen", erklärt er.
"Um zum 'Cliffhanger' zurückzukehren: Das ist vermutlich einer der Gründe, weshalb heute mehr Menschen als noch vor 30 Jahren zumindest eine leise Ahnung davon haben, was ein solches Lehnwort bedeutet."
Insider und Outsider
Leserinnen und Leser der NZZ sollten also wissen, was ein "Cliffhanger" ist? "Angesichts der Tatsache, dass das Zielpublikum der Zeitung eine bestimmte Gesellschaftsschicht ist, denke ich, dass die meisten eine Ahnung über die Bedeutung dieses Wortes haben. Und vermutlich sind sie stolz auf ihre Englischkenntnisse, wenn sie es verstanden haben."
"Das Rätoromanische hat ein eigenes Wort für Software. Doch niemand braucht es. Alle reden von Software."
Ist ein solcher Titel vielleicht sogar ein Versuch des Journalisten, eine Bindung zum Leser zu schaffen? "Das macht Sinn, besonders wenn wir an die Exklusivität der NZZ per se denken", sagt Franz Andres Morrissey.
"Es ist eine bestens bekannte linguistische Tatsache, dass Sprache identitätsstiftend sein kann. Sprache ist auch ein gutes Mittel, Insider drinnen und Outsider draussen zu lassen. Man schafft also durch den Sprachgebrauch einen gewissen Grad von Exklusivität. Deshalb macht es Sinn, dieses Augenzwinkern gegenüber der Leserschaft einzusetzen."
Natürlich gibt es noch einen anderen Grund, englische Wörter in Schlagzeilen zu benutzen: Oft sind sie schlicht kürzer oder beschreiben etwas in einem Wort, während auf Deutsch mehrere Wörter dazu nötig sind. So passte etwa die folgende Schlagzeile von 20 Minuten perfekt auf zwei Zeilen: "Digitalisierung killt bis zu 100'000 KV-Jobs". Versuchen Sie das mal mit rein deutschen Wörtern!
"Backlash"?
Wie gross künftig der Einfluss des Englischen auf die deutsche Sprache sein wird, ist laut Andres Morrissey aber "sehr unsicher": "Ich denke, momentan wird der Zustrom von Wörtern weitergehen. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass es ab einem gewissen Zeitpunkt zu einer Gegenreaktion, also einem 'Backlash', kommt und die Leute sagen werden, man müsse wieder zurück zum Ursprung der Sprache gehen. Und es kann sein, dass man dann nach deutschen Entsprechungen der Wörter suchen wird", sagt er.
"Diese Analogien könnten sich durchsetzen, falls sie attraktiv genug sind, doch wenn alle das englische Wort dafür kennen, macht das wenig Sinn. So kennt beispielsweise das Rätoromanische [die vierte Landessprache der Schweiz, A.d.R.] ein eigenes Wort für Software. Doch niemand braucht es. Alle reden von Software."
Und schliesslich noch zur Frage des "Cliffhangers": Gibt es ein deutsches Wort dafür? Andres Morrissey kommt keines in den Sinn – "auf jeden Fall nichts, was so konzis wäre". Schlagen wir das Wort deshalb im Duden Fremdwörterbuch nach. Er braucht einen ganzen Satz dafür: "Effektvoller, Spannung hervorrufender Schluss der Folge einer Fernseh- oder Rundfunkserie, der Neugier auf die Fortsetzung wecken soll."
Was halten Sie von der Menge an englischen Wörtern, die Einzug ins Deutsche gehalten hat? Haben Sie ein Lieblingsbeispiel? Lassen Sie es uns wissen!
"Swinglish"
Die Wörter, über die im Artikel geschrieben wurden, werden alle von Englischsprechenden im Alltag benutzt.
Es gibt aber auch Wörter, welche die Schweizer – und mit ihnen alle nicht Nicht-Muttersprachler auf der Welt – benutzen, die englisch tönen, vielleicht sogar Englisch sind, die aber mit einem anderen Sinn aufgeladen wurden. In der Schweiz werden solche Wörter als "Swinglish" bezeichnet.
Top-Beispiel ist das "Handy". So nennen die Deutschschweizer das Mobiltelefon, auch wenn heute die meisten ein "Smartphone" benutzen. Auf Englisch bedeutet das Verb "handy" handlich, praktisch, bequem.
Ein weiteres Beispiel ist ein "Shooting"externer Link, wobei in der Schweiz nicht eine Schiesserei gemeint ist, sondern "Fotos schiessen". Auch "Mobbing" und das Verb "mobben" werden sehr häufig benutzt (Herkunft vom Verb "to mob": schikanieren). Ein "Rowdy" schliesslich ist ein Störenfried (Herkunft vom Adjektiv "rowdy": gewalttätig, rauflustig).
Laut dem Linguisten Franz Andres Morrissey nehmen Nicht-Muttersprachler sich im Umgang mit der englischen Sprache oft gewisse Freiheiten heraus.
"Ich denke aber, dass wenn eine Sprache so weit verbreitet gesprochen wird und die überwiegende Mehrheit Zweitsprachler sind, die englische Sprache nicht mehr länger im Besitz der Englischsprechenden ist. Englisch – wie Schweizerdeutsch – hat keine zentrale Sprachplanungs-Politik. Das ist eine gute Sache, bedeutet aber auch, dass sich die Sprache in verschiedene Richtungen weiterentwickelt", sagt Andres Morrissey.
(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub), swissinfo.ch