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Am Westrand des mittelalterlichen Siedlungskerns von Locarno erheben sich auf niedrigem Hügelsporn die Überreste des Schlosses von Locarno. Die heute noch erhaltenen Bauten, 1924 bis 1929 umfassend restauriert, stellen einen weitläufigen Komplex von Wohngebäuden und Wehranlagen dar und bergen ein Museum mit bedeutenden Kunstschätzen aus zahlreichen Epochen. Obwohl das heutige Schloss noch immer eine beträchtliche Fläche einnimmt, bildet es nur einen Teil der ursprünglichen Anlage. Diese muss, nach alten Plänen, Abbildungen und Baubeschreibungen zu schliessen, ein Bauwerk von ganz ungeheuren Ausmassen gewesen sein. Dass die jeztigen Schlossbauten lediglich einen Teil der einstigen Gesamtanlage ausmachen können, zeigen die erhaltenen Wehranlagen, die zinnenbewehrte Ringmauer und der runde Eckturm, die bloss die Westseite der Gebäulichkeiten decken.
In den noch aufrechten Teilen des Schlosses sie nehmen knapp einen Fünftel des ursprünglichen Gesamtareals ein finden sich Mauern aus zahlreichen Epochen, die von einer bewegten Baugeschichte künden. Die ältesten Elemente, einzelne Abschnitte der Ringmauer, untere Partien des Wohntrakts sowie der Stumpf eines Viereckturms, mögen ins 13. oder sogar ins späte 12. Jahrhundert zurückreichen. Zur Hauptsache aber stammen die heutigen Bauten aus dem 14. und 15. Jahrhundert, als die hochmittelalterliche Burganlage in mehreren Etappen zu einer riesigen Feste erweitert wurde. Von der Wehrhaftigkeit dieser spätmittelalterlichen Burg zeugen noch die aufrechten Teile des Berings mit Schwalbenschwanzzinnen, Maschikuli und Schiessscharten. Der erhaltene Wohntrakt ist wahrscheinlich mit dem Palazzo zu identifizieren, der in spätmittelalterlichen Dokumenten wiederholt genannt wird. Mit seinen Sälen, Kaminanlagen, Wand- und Deckenmalereien stellt er ein eindrückliches Zeugnis oberitalienischer Wohnkultur dar. Besonders hübsch erweist sich der Innenhof mit seinen Fensterfronten und dem ausgemalten Bogengang. Der nordöstlich an den Hofe angrenzende Gebäudekomplex birgt einen hochmittelalterlichen Viereckturm. Es handelt sich vermutlich um den letzten Rest der Rocca, der stark befestigten Kernburg, die auf dem höchsten Plateau des Burgareals lag und wahrscheinlich den ältesten Teil der Feste bildete.
Verschwunden sind die mächtigen Verteidigungseinrichtungen im nördlichen Abschnitt des Burgareals, der gewaltige runde Eckturm und die dreieckige Bastion mit dem vorgelagerten Graben. Ebenfalls sind die seeseitigen Teile der Burg abgetragen, die starke Toranlage in der Südfront des Berings und die mit der Burg direkt verbundenen Hafenbefestigungen. Einschneidende Veränderungen erfuhr auch die nächste Umgebung des Schlosses. Wo heute eine Umfahrungsstrasse mit dichtem Autoverkehr vorbeizieht, dehnte sich einst die Randzone des Maggia-Deltas aus, was die wiederholte Gefährdung der unteren Burgteile durch Überschwemmungen und Rüfen erklärt.
Die nur teilweise erhaltene Anlage, das Fehlen gründlicher Untersuchungen und die Überlagerung der älteren Bauelemente durch die Gebäude des 14. und 15. Jahrhunderts lassen die Anfänge der Burg und ihre Entwicklung in den ersten Jahrhunderten ihres Bestehens nicht mehr erkennen. In Locarno ist zwar bereits in karolingischer Zeit ein Königshof bezeugt, erstmals 866, der als Bestandteil der Grafschaft Stazzona galt. Über diesen Standort ist jedoch nichts bekannt, und ob die urkundliche Erwähnung einer Burg zu „Leocarni“ im späten 10. Jahrhundert tatsächlich auf Locarno bezogen werden darf, bleibt sehr unsicher. Zudem bestehen auch Schwierigkeiten in der Lokalisierung der im 11. und 12. Jahrhundert im Raum von Locarno urkundlich erwähnten Burgen, gab es doch in Muralto und bei Orselina weitere Burganlagen, die sich alle in der Hand derselben Adelsgruppe befanden. Im späten 10. Jahrhundert wurde nämlich das Gebiet von Locarno vom Erzbischof von Mailand an die Herren von Besozzo verliehen, die in der Folgezeit als Capitanei von Locarno, aufgespalten in mehrere Familien und Familienzweige, das Locarnese von verschiedenen Burgen aus beherrschten. Die Feste von Locarno bildete die Stammsitz der Orelli, doch scheinen später auch andere Angehörige der Capitanei Rechte auf der Burg besessen zu haben.
Die Orelli und die übrigen Capitanei, vor allem die Muralto, erfreuten sich grosser Selbständigkeit, konnten sie sich ihren Besitz in staufischer Zeit doch von den Kaisern als Lehen bestätigen lassen. Ihre Herrschaft bauten sie nicht bloss gegen die Leventina und das Bleniotal hin aus, wo sie oberhalb Biasco eine Burg errichteten und mit Nebenlinien grundherrliche Rechte ausübten, sondern auch gegen die Seitentäler des Locarnese hin, wo sie eine erfolgreiche Kolonisationspolitik betrieben. Die Walsersiedlung Bosco-Gurin wurde von den Orelli zu Beginn des 13. Jahrhunderts angelegt.
Das Schloss gegen 1920
Ob Locarno 1156 anlässlich der Kämpfe zwischen Mailand und Como tatsächlich zerstört wurde, steht nicht mit völliger Sicherheit fest. Gewiss aber rückte Locarno im 13. Jahrhundert ins Spannungsfeld des Konflikts zwischen Guelfen und Ghibellinen. Um 1240 bildete Locarno den wichtigsten Stützpunkt der Guelfenpartei im Raum des Lago Maggiore. 1260 wurde die Burg von Locarno jedoch von den aus Mailand vertriebenen Ghibellinen erobert und zerstört, und in der Folgezeit wechselte Simon von Orelli, damals der bedeutendste Vertreter der Capitanei von Locarno, die Partei und trat zu den Ghibellinen über, für die er bis zu seinem Tod im Jahr 1290 erfolgreiche Kämpfe ausfocht. Besondere Genugtuung widerfuhr ihm, als er der die Anführer der Guelfen von Como gefangennehmen und als Rache für eine früher ausgestandene Haft jahrelang in enge Käfige sperren konnte. Das territoriale Ausgreifen Mailands unter der Herrschaft der Visconti machte auch vor dem Locarnese nicht halt. 1342 erlag die Feste Locarno einem kombinierten Angriff der Visconti vom Land und vom See her. Die Capitanei, die gefangengenommen worden waren, erhielten ihre Freiheit bald wieder zurück und wurden für den Verlust ihrer Hoheitsrechte entschädigt. In Locarno aber herrschten nun die Visconti. Sie setzten einen Podestà zur Verwaltung ihrer landesherrlichen Rechte ein, der auf dem Schloss von Locarno residierte. In diese Zeit fielen die ersten grossen Ausbauten der Anlage.
Aus nicht eindeutig geklärten Gründen verzichteten die Visconti im 15. Jahrhundert darauf, Locarno unter eigener Verwaltung zu behalten, und übertrugen die Burg 1439 dem Franchino Rusca als Lehen. Mit dieser Belehung begann für die Feste Locarno die glanzvollste Zeit. Franchino Rusca und seine Nachkommen, die bis 1500 auf Locarno sassen, erweiterten die Burg zu jenem gewaltigen Wehr- und Repräsentationsbau, von dem der heute noch erhaltene Teil auf eindrückliche Weise Zeugnis ablegt. Die späteren Jahrzehnte der Rusca-Herrschaft zu Locarno waren freilich von politischem Zwist überschattet. Der Herzog von Mailand, der seit den Burgunderkriegen mit den Eidgenossen auf schlechtem Fuss stand, hatte Grund, an der Zuverlässigkeit der Rusca zu zweifeln, weshalb er die Burg von Locarno von einem Kastellan besetzen liess. Den Rusca blieb als Wohnsitz nur noch der Palazzo, der unbefestigte Teil der Anlage, während sich der mailändische Kastellan auf der Rocca einquartierte. Die letzten Jahrzehnte des 15. Jahrhunderts zeigten dann, dass die Feste von Locarno ein zu gigantisches Bauwerk war, um dauernd in gutem Verteidigungszustand gehalten werden zu können. Wiederholt wurden Klagen der Kastellane über den verwahrlosten Zustand der Wehranlagen geäussert, über die ungenügende Ausrüstung und über die zu geringe Bemannung. Bereits 1475 schreib ein Mailänder Beamter aus Locarno, im Kriegsfall seien zweihundert Mann für die ausgedehnte Anlage eine unzureichende Besatzung. Besonderen Ärger erweckte beim Mailänder Kastellan die Bautätigkeit der Rusca, errichteten diese doch innerhalb der Burg einen schönen Palast als Wohnsitz, während der Kastellan mit der ungemütlichen Rocca vorliebnehmen musste. Zusätzliche Schwierigkeiten bereiteten die Überschwemmungen der Maggia und die Verlandung des befestigten Hafens. Letzterer musste 1485 und 1486 ausgeschürft werden, um seiner Zweckbestimmung weiterhin dienen zu können.
Das Schloss gegen 1920
Beim Einmarsch Ludwigs XII von Frankreich in die Lombardei im Jahr 1499 wurde die Burg von Locarno von französischen Truppen besetzt. Damit begann ein jahrelanges Ringen um die Zugehörigkeit des Locarnese. 1503 besetzten die Eidgenossen Locarno, der leeren Versprechungen und hinhaltenden Verhandlungstaktik Ludwigs müde geworden. Dessen Verzicht auf Bellinzona im Vertrag von Arona 1503 bewog die Eidgenossen, Locarno zurückzuerstatten. Für einige Jahre blieb die Feste in der Hand des Königs von Frankreich. Der Feldzug der Eidgenossen von 1512 führte zwar zur Besetzung des Landes, nicht aber zur Einnahme der von französischen Truppen gehaltenen Festungen, da die für eine Belagerung erforderliche Artillerie nicht zur Verfügung stand. Erst die Verhandlungen zu Beginn des Jahres 1513 brachten die Eidgenossen in den vorläufigen Besitz der Burg Locarno. Die definitive Abtretung wurde vom französischen König im Ewigen Frieden von 1516 unterzeichnet. Seit 1513 sass auf der Feste Locarno ein eidgenössischer Landvogt, der die Gemeine Herrschaft Locarno zu verwalten hatte.
Der Unterhalt der riesigen Anlage bereitete der Tagsatzung ernste Sorgen, und 1531 wurde beschlossen, die Feste bis auf den Palazzo, in dem der Landvogt residierte, abzubrechen. Die Schleifung war 1532 bereits vollzogen. Das Areal der abgebrochenen Burgpartien wurde verkauft und allmählich mit Wohnhäusern überbaut. Den unbrauchbar gewordenen Hafen musste man 1535 verlegen. An die Zeit der Landvögte erinnern Teile der Innenausstattung, einzelne Wandmalereien und die Gefängnisräume.
Bibliographie