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Der zweite Teil kontrastiert stark mit dem ersten. Der erste Teil befasst sich mit lokalisierten, mehr oder weniger permanenten Orten, im zweiten geht es Bollnow in drei Kapiteln ('das Weite, Fremde und Ferne', 'Der Weg und die Strasse', 'Der Wanderpfad') um räumliche Ausdehnung und Bewegung.
Damit erscheint ein wichtiges Strukturelement in Bollnows Werk. Er stellt sein Raumkonzept in komplementären Gegensätzen dar. Offensichtlich hat das mit der Sache zu tun, die er behandelt. Auf welcher Ebene auch immer, der erfahrene Raum ist nach komplementären Prinzipien strukturiert. Bollnow beschreibt die Dynamik von "vor und zurück", die "grundlegende doppelte Bewegung von Weggehen und Zurückkommen", die menschlichen Raum gliedert. Dies führt ihn zur Beschreibung aller Arten von Pfaden, Wegen und Strassen und wie Raum entlang solcher Bewegung erfahren wird. <5> Später hören wir über den hodologischen Raum. Dies ist ein Typus von Raum, der sich absolut vom mathematischen Raum unterscheidet. Hodologischer oder Weg-Raum entspricht dem faktischen menschlichen Erleben auf dem Weg zwischen zwei Punkten auf einer Karte. Er ist absolut verschieden von der geometrischen Linie, die zwei Punkte verbindet.
Eine andere Idee, die Bollnow hervorbringt, ist von grösster Bedeutung. Raum war nicht einfach von Anfang an da, wie wir das mit dem euklidischen Verständnis veranschlagen. Raum im menschlichen Sinne, hat sich entwickelt. Als menschliche Perzeption, die eng mit der Kultur zusammenhängt, war Raum ursprünglich eng mit der Siedlung, mit der Geschichte des Wohnens verwoben und entwickelte sich in der Folge durch die Ausdehnung der räumlichen Wahrnehmung des Menschen.
Bollnow zeigt dies mit überzeugenden Argumenten. Enorme Veränderungen ereigneten sich zu Beginn der Neuzeit. Diese Veränderungen charakterisiert er mit einem historischen Schlüsselereignis. Der Dichter Petrarca besteigt 1336 die Spitze des Mont Ventoux und beschreibt die grandiose Erfahrung der endlosen Himmel. Es ist bezeichnend für die Zeit, dass Petrarca in der Beschreibung nicht den äusseren Ausdehnungen folgt, sondern vielmehr den Spiegelungen des Endlosen in seiner Seele. Reflex im Begrenzten. Bollnow bringt diese entscheidende Veränderung zusammen mit dem, was später folgt: die Entdeckung der planetarischen Mechanik, der Wechsel vom geozentrischen zum kosmischen Weltbild, der plötzliche Mut auch, die Ozeane zu überqueren, sich von der früheren Küstenschiffahrt abzuwenden, sich aufs offene Meer zu wagen. Ergebnisse dieses neuen Raum-Bewusstseins: die Entdeckung Amerikas und die seltsamen Denk-Spuren, die dies zurückliess (West-Indien), sowie auch die Entdeckung zahlreicher, ferner und exotischer Kulturen. Kurz: das Zeitalter der Entdeckungen.
Bollnow weist in diesem Zusammenhang hin auf Sedlmayers Begriff "Verlust der Mitte". Die menschliche Psyche verlor ihre naiven Wurzeln im angestammten Geburtsplatz, in dem Ort den man früher für die Mitte der Welt hielt. Die Position des Menschen in dieser Welt wurde tief in Frage gestellt und im Zuge der neuen räumlichen Dimensionen, die nun plötzlich ins Gesichtsfeld traten, vernichtet. Kopernikus' Kugelform der Erde löste das frühere ptolemäische System auf, das seit der Antike die Welt auf einer Scheibe um das Mittelmeer sah. Die Sonne wurde zum Zentrum unseres Planeten-Systems, die Himmelräume lösten sich in Unendlichkeit auf. Der berühmte Holzsschnitt des Mannes, der seinen Arm durch die himmlische Kuppel gegen die Unendlichkeit streckt, beschreibt wohl am eindrücklichsten diesen Paradigmenwechsel.
Die meisten sind heute mehr oder weniger vertraut mit diesem gewaltigen Ideenwandel, der jetzt natürlich in unser Fortschrittsdenken integriert ist. Aber kaum jemand denkt darüber nach, was dies im Hinblick auf die andere Seite der Entwicklung, jene der Voraussetzungen, bedeutet. Nämlich, dass Raumkonzepte ursprünglich offenbar auf sehr eng begrenzte Umweltbedingungen beschränkt waren. Wir haben die Konsequenz bereits angedeutet. Es würde nicht nur eine grundlegende Revision der Architekturtheorie bedeuten, vielmehr werden jene, welche die kulturellen Implikationen des Raumes etwas kennen, schnell einsehen, dass dieser Ansatz manch einen unserer berühmten Philosophen vom hohen Sockel stürzt (Platon, zum Beispiel). Sie stellt die idealistische Metaphysik und die Theologie mit ihrer primär kosmologisch begründeten Schöpfungsgeschichte fundamental in Frage.
Bollnow beschreibt diesen Wandel auch, wie er sich in der Barocken Architektur niederschlägt. Eine Ekstase von Endlosigkeit findet statt. Abschlüsse des architektonischen Raums werden mit verschiedenen Mitteln (plastische Dekorationen, Spiegel usw.) versteckt und verkleidet. Perspektiven führen durch endlose Serien von Hallen und Räumen, vermeiden klar definierte Grenzen. Raumdecken öffnen sich gegen den Himmel und wie im Fall des Petrarca ereignet sich die Perzeption unendlicher Räumlichkeit durch das Verschränken von Gegensätzen zwischen geschlossenen und offenen Räumen.
Weite ist das Gegenteil von Enge. Auch hier werden polare Gegensätze zur Illustration von Begriffen verwendet. Bollnow zeigt, dass diese Gegensätze auf ganz verschiedenen Ebenen angewendet werden. Kleider können eng sein, ebenso eine Wohnung, eine Stadt, ein Tal, eine Landschaft, ein Land und alle können mit ihrem Gegensatz, dem räumlich Weiten kontrastiert werden. Fremder, ferner Raum macht auch Sinn, wenn er im Gegensatz gesehen wird zu dem was zur Hand ist und was man kennt. Bollnow zitiert Rilke, Hesse und insbesondere Nietzsche, die alle für den Ausgleich zwischen dem Fernen und dem Nahen, zwischen dem Unbekannten und dem Bekannten, im Hinblick auf die Formation menschlicher Persönlichkeit und Charakter votiert haben.
Eine lange Diskussion widmet sich verschiedenen Typen von Pfaden, Wegen und Strassen, die auf verschiedenen Ebenen die Bewegung des Menschen voraussetzen. Auch Tiere haben Pfade, auf denen sie sich nach aussen bewegen und zurückkehren zu ihren Fixpunkten. Strassen entwickeln sich oft aus einfachen Fusswegen, manchmal über sehr kurze, manchmal über lange Zeitperioden. Strassen ziehen Verkehr an, sie entwickeln sich mit der Entwicklung der Technologie. Ursprünglich waren sie eng gebunden an die Landschaft. Die moderne Technik erlaubt einen höheren Grad von Unabhängigkeit.
Bollnows Typen von Bewegungen ausserhalb des Hauses sind sehr komplex, bringen viele wertvolle Einsichten, besonders wenn man sie mit den ärmlichen Stereotypen der Architekturliteratur vergleicht (z.B. Ch. Alexander: 'Community and Privacy'). Die fundamentale Einsicht, die Bollnow uns hier vorlegt, ist die folgende. Er beschreibt wie Mobilitätsnetzwerke unsere Raumerfahrung beeinflussen. Die Strassen einer Stadt nehmen eine gewisse Autonomie an, schaffen ihre eigenen räumlichen Bedingungen, bewirken eine homogene Landschaft eigener Art. Linschoten hat ebenfalls den Wegraum als "unkultivierten Raum", oder drastischer, als eine Art Wüste bezeichnet. Das System der Strassen ist nicht mehr direkt bezogen auf dieses oder jenes Haus, es bildet einen überindividuellen Typus von Raum. Es ist neutral, hat aber seine eigene Objektivität, insofern es das gemeinschaftliche System räumlicher Kommunikation bildet. Das Individuum verliert seine häuslichen Prägungen, wird anonym. Aehnlich verliert die Landschaft ihre Individualität, zum Beispiel wenn sie aus dem Fenster eines fahrenden Wagens betrachtet wird. Neue Prinzipien dominieren: die Bedingungen, der Zustand der Strasse, die Effizienz des Bewegungsmittels. Wegweiserzeichen, Ortsnamenschilder werden nötig, um die Orientierung dem mit der Gegend nicht vertrauten Reisenden zu ermöglichen.
"Jede Strasse führt zum Ende der Welt". Nach Linschoten steht die Strasse zum Wohnraum in exzentrischer Beziehung. Sie ist der Ausdruck einer Welt, in der der Mensch nicht mehr länger ganz zu Hause ist. Auf der anderen Seite finden wir zahlreiche symbolische und philosophische Konzepte bezüglich Pfad, Strasse, Bewegung (z.B. das Tao im alten China, in der Literatur: der Mensch als dauernder Wanderer, der nie einen dauernden Ruheort findet). Durch sein ganzes Buch hindurch betont Bollnow diese zwei Aspekte. Der Mensch ist Wohnender und Wanderer, ist zentriertes und exzentrisches Wesen. In verschiedenen folgenden Paragraphen klingt in phänomenologischen Reflexionen oder Erörterungen zu literarischen Quellen dieses Grundthema an. Doch, wir gehen hier nicht im Einzelnen darauf ein und gehen zum nächsten Teil über.
Hatte der erste Teil von der Entwicklung der engräumlichen Umgebung des Menschen eher theoretisch gehandelt, so wird Bollnow jetzt zum gleichen Thema konkret. Das Haus wird diskutiert, die Architektur kommt zur Sprache. Die Untertitel sind: 'Die Bedeutung des Hauses', 'Der sakrale Raum', 'Die Wohnlickeit', 'Tür und Fenster', 'Das Bett', 'Das Aufwachen und das Einschlafen'.
Bollnow zitiert verschiedene Autoren, die das Haus als Zentrum der Welt charakterisieren. Dieses mythische Bild einer lokalen Weltachse ist im Zuge der Entwicklung aufgegeben worden zugunsten grossräumlicher Dimensionen, wie wir es oben erwähnten, aber es bleibt weithin erhalten auf der Ebene des Hauses. Die moderne Gesellschaft wird sich heute wieder bewusst werden müssen, dass Wohnen eine grundlegende Bedingung des Menschen ist. Es bietet viel mehr als blosse Existenz. Die Argumentation versteht sich auch kritisch gegen den Existentialismus, der den Menschen als-zufällig-in-die-Welt-geworfenen, ewigen Fremden begreift. Nach Bollnow hingegen bedeutet Wohnen zu Hause sein, das heisst sich an einem besonderen Ort mit besonderen Bedingungen zu befinden. Viele aufs Haus bezogene Begriffe drücken ein Gefühl der Sicherheit und des Schutzes aus.
Bollnow geht hier sogar weiter, indem er eine "anthropologische Funktion des Hauses" im gesamten Kontext menschlichen Lebens postuliert: ein Gefühl von Sicherheit sei grundlegend für die Selbstidentifikation des Menschen. Nur als Wohnender kann er sein eigenes Wesen finden und im vollen Sinne Mensch sein. Ohne Wohnung "ist die innere Zerstörung des Menschen unvermeidbar." (:136) Er bezieht sich auf Goethe, der in seinem Faust einen seiner Wohnung beraubten Menschen als "nicht-menschliches Wesen ohne Ziel und Ruhe" bezeichnet hat. Bollnow weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die "anthropologische Funktion des Hauses" wieder neu entdeckt werden müsse. Nach dem Zusammenbruch vieler konventioneller Systeme ist jedoch jede Anspielung auf Sicherheit verdächtig geworden. Er kritisiert Schiller, der die Bedeutung des Hauses vernachlässigt und sich dafür ausspricht, man müsse sich mit der feindlichen äusseren Welt auseinandersetzen. Bollnow betont dagegen das polare Ausgewogensein zwischen exzentrischer Spannung der Aussenwelt und zentrischer Ruhe im geschützten Haus. In seinen Augen ist diese Ausgewogenheit die Voraussetzung für menschliche Gesundheit.
Die folgenden Untertitel behandeln die enge Beziehung zwischen heiligem Raum und dem geschützten Raum des Hauses. Das profane Raumkonzept von LeCorbusiers Wohnmaschine konnte dieser heiligen Bedeutung nichts anhaben. Sie kommt in der individuellen und sozialen Kontrolle über die private Sphäre zum Ausdruck. Niemand darf ohne die Einwilligung des Bewohners eine Wohnung betreten. Der Privatraum ist gesetzlich geschützt. "Haus und Tempel sind wesentlich eins." (Van der Leeuw)
Höchst bereichernd sind Bollnows Beschreibungen objektiver Elemente, die die Privatheit des Hauses garantieren. Jeder Wohnraum setzt Oeffnungen nach dem Aussen hin voraus, sonst werden Innenräume zu Gefängnissen. Die "Semipermeabilität" des Tors oder der Türe ermöglicht das Oeffnen und das Schliessen. Derjenige, welcher eine Wohnung besetzt oder besitzt, entscheidet, wann und wem er seine Türe öffnet. Dies bringt eine persönliche Freiheit mit sich, sich in die eigene Domäne zurückzuziehen. Der Wohnende unterscheidet zwischen Freunden, die Zugang haben, und Fremden, die ausgeschlossen bleiben. Schlösser und Schlüssel sind wesentlich für diesen sozialen Mechanismus vorgesehen. Auch traditionelle Vorstellungen haben aus den gleichen Gründen die Schwelle mit sehr hohen Werten belegt. Heute sind diese Werte am Verschwinden, weil die Sicherheit auf einer höheren sozialen Ebene (Stadt, Staat) garantiert werden.
Das Fenster ist nicht nur eine Vorrichtung, um Tageslicht hereinzulassen. Es ist auch das "Auge des Hauses", das uns das Beobachten der Aussenwelt erlaubt. Oft wird diese wechselseitige Beziehung gefiltert. Vorhänge erlauben eine Sicht nach aussen, ohne dass der Sehende von aussen gesehen werden kann. Bollnow weist auch auf die Bedeutung des Fensters in der Romantik und in einigen Schriften Rilkes hin. Das Fenster gilt ihm als Rahmen, der einem Ausschnitt des Aussen ein besondere Bedeutung verleiht.
Ein ausserordentlich wichtiges Element in Bollnows anthropologischer Betrachtung des Hauses ist das Bett. Der Herd hat seine Bedeutung als Zentrum des Hauses verloren, später wurde er teilweise ersetzt durch den Tisch für Familienmahlzeiten, aber selbst heute sei das Bett das wichtigste Zentrum. Am Morgen ist es der Ausgangspunkt zur Arbeit im Aussen, abends ist es der Rückkehrspunkt nach einem beschäftigten Tag. Weiter ist es die intimste Domäne des Hauses oder einer Wohnung. Im allgemeinen ist das Schlafzimmer für Besucher nicht zugänglich. Dieser tägliche Zyklus des Gehens und Kommens wiederholt sich auf der Ebene des Lebenszyklus. Der Mensch wird gewöhnlich in einem Bett geboren und in einem Bett sterben.
Das Bett hat auch eine interessante Kulturgeschichte. Sie beginnt mit einfachen Vorrichtungen, etwa einem primitiven Loch, gefüllt mit Stroh als Schlafplatz. Und sie erstreckt sich über zahlreiche Arten hin bis zu stabilen Anlagen, Möblen. Nennen wir etwa das Himmelbett, ein Haus im Haus, eine kleine Welt in der grossen Welt.
Diese kulturellen Ausrüstungsgegenstände beziehen sich auf eine physische Polarität des Menschen, die Bollnow in alle Einzelheiten und in komplexen Beziehungen beschreibt. Stehen und Liegen, physische Aktivität und Ruhe, Muskelspannung und deren Entspannung, bewusste Wahrnehmung der Umgebung und Aufgabe aller sinnlichen Beziehungen im Schlaf. Bollnow misst all diesen polaren Beziehungen Bedeutung zu und beschreibt sorgfältig auch Uebergangsstadien, so etwa das Aufwachen und das Einschlafen. Er präsentiert interessante Beobachtungen über die tägliche Rekonstruktion der persönlichen Raumwelt und deren Auflösung im unbewussten Zustand des Schlafens in der Nacht. Der Leser, der sich durch all diese überzeugenden Beschreibungen humaner Bedingungen durchgearbeitet hat, wird sich am Ende mit Schrecken der Künstlichkeit moderner Entwurfsprinzipien gewahr und wird sich wohl plötzlich auch bewusst, wie sehr die Architektur heute all diese elementaren Beziehungen von Mensch und Raum verdrängt.
Zum dritten Teil