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An der ersten Sitzung im Januar 2018 überlegten wir, wie wir unser Jubiläum feiern könnten. Schnell war klar, dass wir keine Spendengelder dafür einsetzen, sondern Zeit in die Öffentlichkeitsarbeit investieren wollten.
In den Monaten Oktober und November begaben wir uns immer zu Zweit oder Dritt an einen öffentlichen Platz und suchten das Gespräch mit den Passanten. Wir stellten ihnen den Gotthelfverein vor und verteilten Flyer. Aus dieser Öffentlichkeitsarbeit zu unserem Jubiläum ergaben sich viele gute Gespräche. Zu unserer grossen Freude konnten wir in diesen Monaten einen Spendenanstieg feststellen.
Die grosse Armut und das Elend anfangs und Mitte des 19. Jahrhunderts bewog Jeremias Gotthelf – alias Pfarrer Albert Bitzius in Lützelflüh – zusammen mit anderen gleichgesinnten Männern ein Heim für verwahrloste Knaben zu eröffnen. Denn häufig wurden die Kinder, die meist am stärksten von der Not betroffen waren, verdingt, das heisst als Pflegekinder untergebracht. Im Juni 1835 konnten in einem Bauerhaus in Sumiswald 15 Knaben aufgenommen werden. Für viele Knaben gab die Zeit in diesem Heim eine hoffnungsvolle Perspektive für ihr zukünftiges Leben. Drei Jahre später wurde schon ein grösseres Haus benötigt.
Mit Gotthelfs Tod 1854 verlor das Heim sehr viel. Im März 1889 wandelte sich die Aufgabe der Arbeit „Trachselwald“ (so nannte sie sich). Hier und dort im Kanton bildeten sich Vereine, welche sich der Pflegekinder besonders annehmen wollten. Es war nur naheliegend, dass die Vereine ihren Namen mit „Gotthelfverein“ betitelten.
Das offizielle Gründungsjahr des Gotthelfverein Trachselwald findet man im Jahresbericht 1918/19. Am 14. Juli 1918 wurde der Verein auf Initiative von Pfarrer Schweizer in Sumiswald gegründet. Der Gotthelfverein Trachselwald war Mitglied des Kantonal-verbandes der bernischen Gotthelfstiftung und des kantonal-bernischen Vereins für Kinder- und Frauenschutz. Mit den biblischen Christusworten als Leitgedanken des Vereins wurde der erste Jahresbericht eröffnet:
"Gott will, dass allen Menschen geholfen werde“ und „Wer ein Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf“
Über die Jugendfürsorgekommissionen der Gemeinden wurden die Pflegekinder in die Obhut des Gotthelfverein vermittelt. Auf der ersten Etatliste findet man 6 Pflegekinder: 2 Mädchen und 4 Knaben im Alter zwischen 2 und 10 Jahren. So wurde nicht mehr nur für die Knaben geschaut, sondern auch Mädchen in Pflege gegeben.
Kinder aus misslichen Verhältnissen im Elternhaus wurden von den Jugendfürsorgeämtern den Eltern weggenommen und vom Gotthelfverein in Pflegefamilien platziert; mit dem Ziel, ihnen ein besseres Leben und eine gute, christliche Erziehung zukommen zu lassen. Damals war man der Überzeugung, dass ein guter Pflegeplatz für die Kinder besser ist, als das schlechte Elternhaus. Je nach finanzieller Lage der Eltern mussten diese das Kostgeld für ihr Kind selber bezahlen. Oft übernahm der Gotthelfverein diese Pflegekosten. Manchmal wurden Kinder in Heimen, Erziehungs- oder Taubstummenanstalten untergebracht, je nach Befindlichkeit oder Behinderung der Pfleglinge.
Auch im luzernischen Willisau, in einer reformierten Diaspora - Kirchgemeinde, entstand das Bedürfnis nach Unterstützung. So entstand eine langjährige Zusammenarbeit mit dem Gotthelfverein Trachselwald. Bis zum 10jährigen Bestehen des Vereins im Jahr 1928 war die Schar der Pfleglinge auf 29 Kinder angewachsen: 14 Mädchen und 15 Knaben. Im Vereinsvorstand befanden sich vor allem Pfarrer und Lehrer der betroffenen Gemeinden, ab und zu Gemeindekrankenschwestern oder Gewerbe betreibende Personen.
Die schlechte Wirtschaftslage wirkte sich auf die Tätigkeit der Gotthelfvereine aus. 1930 zählte man im Kanton Bern bereits 18 Sektionen. Erstmals wurden Patronate erwähnt. Jedes Pflegekind war einem Patron oder einer Patronin aus dem Vereinsvorstand zugeteilt. Diese waren verpflichtet, zu ihren Pflegekindern regen Kontakt zu unterhalten und waren verantwortlich für das Wohl ihrer Schützlinge. Im Jahr 1932 überstiegen die Jahresausgaben des Vereins erstmals die Grenze von 10‘000 Franken. 1934 konnten schon die ersten Pfleglinge entlassen werden, da sie das 20. Altersjahr erreichten, einige sogar durch Heirat. Auch jüngste Kinder kamen in die Obhut des Gotthelfverein: 1938 kamen 3 Pflegekinder mit 7, 10 und 11 Monaten neu auf die Etatliste. 1939 wurde im Jahresbericht der Beginn des 2. Weltkrieges mit folgendem Zitat nur am Rande erwähnt: „Es wird nicht dort das Grösste vollbracht, wo sich der grösste Lärm hören lässt“.
Während zwei Jahren wurden dem Verein die Staatsbeiträge gestrichen. 1943 flossen die Beiträge wieder, finanziert aus dem „Alkoholzehntel“ des Bundes.
Immer wieder wurden recht häufig Kinder aus schlimmen Verhältnissen aufgenommen, oder es starben Pfleglinge an schweren Krankheiten. Manchmal mussten Kinder auch von Pflegefamilien weggenommen und in Erziehungsanstalten geschickt werden, wenn die Situation am Pflegeplatz für alle Beteiligten unerträglich wurde. Es gab auch Fälle von ausbeuterischer Kindsver-wahrlosung und Misshandlung. Trotz der schwierigen Jahre wurde erwähnt, dass der Verein über Jahre hinweg auf mehrheitlich gute Pflegeplätze zählen konnte. 1943 befanden sich erstmals mehr Mädchen auf der Etatliste des Gotthelfverein: 14 Mädchen und 13 Knaben.
Im Jahresbericht 1942 schreibt der damalige Präsident: „Wenn der Reichste wüsste, wie der Ärmste lebt, es gäbe weniger Elend auf dieser Welt!“ Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts erleben wir, dass dem leider nicht so ist. Wir wissen sehr viel darüber, wie es den Ärmsten geht, trotzdem ist das Elend weltweit grösser als je zuvor.
In den ersten beiden Jahren nach Kriegsende äussert der Präsident im Jahresbericht Bedenken über die zunehmende Lockerung der Sittenmoral, welche durch die Vergnügungsindustrie begünstigt wurde.
Viele Kinder mussten vor allem mit neuen Kleidern ausgerüstet werden. Zum 30jährigen Jubiläum des Gotthelfverein sang an der Hauptversammlung der gemischte Chor „Eintracht“ und der Dichter Ernst Balzli las aus seinen Werken vor. Nach vielen Jahren mit um die 30 Kinder sank 1948 die Anzahl der Pfleglinge auf 21.
1955 tauchte im Jahresbericht die Frage auf, ob es eine Verschiebung der Aufgaben des Gotthelfverein geben könnte: Eher weg von erzieherischen Aufgaben mit dem Pflegekindersystem hin zur fürsorgerischen Unterstützung mit punktuellen, finanziellen Gaben in Notsituationen. Es wurde auch festgestellt, dass es für den Verein immer schwieriger wurde, gute Pflegefamilien zu finden. Dem damaligen Präsidenten gab folgendes sehr zu denken:
17,58% der Rekruten von 1955 kamen aus besonderen Familienverhältnissen: Eltern geschieden/getrennt, Voll- und Halbwaisen, unehelich geboren, Trinkerkinder, Zerwürfnis mit den Eltern, verdingt worden, aus dem Erziehungsheim, bevormundet, Eltern im fürsorgerischen Freiheitsentzug.
Ende der 50er Jahre war es immer noch das feste Ziel des Vereins, verwahrlosten, schutzbedürftigen und gefährdeten Kindern eine gute Erziehung in christlichem Sinn zu ermöglichen.
Dies war eine Zeit des Fortschritts, aufblühender Wirtschaftslage, gesellschaftlichen Umbruchs, des „Pillenknicks“, der Hippie und sexueller Revolution, der Opposition und des Aufbruchs zu Neuem. Familie, Kirche und Schule im herkömmlichen Sinn verloren an Stellenwert. Steigende Lebenskosten und Geldabwertung prägten diese Zeit. Trotzdem gab es nach wie vor viel Not in den Familien. Durch die Zerrüttung von Ehen und Familien waren die psychiatrischen Dienste zunehmend überlastet. 1960 befanden sich immer noch 20 Pflegekinder auf dem Etat. In den Jahresberichten ab 1963 wurden keine Etatlisten mehr veröffentlicht. Die Kirchgemeinden bezahlten nun merklich höhere Beiträge. So wurde fast bei allen von 20 auf neu 50 Franken erhöht.
In den Vorständen sind Pfarrer nicht mehr in der Mehrheit. Immer noch häufig sind Lehrpersonen dabei, aber auch Berufsleute oder zivile Personen. Seit 1972 sind die Vorstände ganz in zivilen Händen. Treffend in diese Zeit passt immer noch das damals über 100-jährige Gotthelfwort: „Schwer ist es namentlich, den Eltern die rechte Mitte zu treffen für das Leben, das Herz zu härten für das Leben, es weich zu halten für die Liebe.“
In den 70er Jahren wurden jeweils zwischen 17 und 20 Kinder unterstützt. Vermehrt blieben diese in ihren Familien. Vorschulpflichtige, Lehrlinge und Schüler erhielten finanzielle Hilfe. Ebenso wurden die Familien zugunsten der Kinder mit Lebens-, Kleider-, Ausbildungs- und Arztkosten unterstützt zur Entlastung des Familienbudgets. Damit kam man immer mehr weg vom Pflegekindersystem. Gegen Ende der 70er Jahre gab es auch häufiger vakante Stellen im Vorstand. Es wurde schwieriger, Leute zu finden, die bereit waren, ehrenamtlich im Gotthelfverein zu arbeiten.
In den 80er Jahren ging die Anzahl der Pflegeplätze weiterhin zurück. 1983 war nur noch ein Kind an einem Pflegeplatz. Im Durchschnitt waren es jährlich 18 Kinder und Jugendliche, die vom Verein unterstützt wurden.
Die Schere zwischen Armen, Reichen und inzwischen Superreichen öffnet sich immer mehr. Wir sind vollends in der Leistungs-gesellschaft angekommen. Das Leben wird zunehmend elektronisiert und digitalisiert. Man muss mitziehen, ob man will oder nicht. Der psychische Druck wächst, das Leben wird immer komplexer und schneller. Das Geld verliert immer mehr seinen Wert. Manche Familien können den Lebensunterhalt nicht mehr mit nur einem Einkommen bezahlen. Soziale und psychische Probleme werden drängender. Staatliche Gelder, soziale Gelder des Bundes werden in immer grösserem Mass für die Globalisierung der Wirtschaft und von der Zuwanderung von Flüchtlingen aus aller Welt benötigt. Die Gesundheitskosten steigen jedes Jahr kräftig an und belasten die Familienbudgets schwer. In unserer modernen Gesellschaft, in der Schwäche keinen Platz mehr haben darf, lebt die Armut versteckt. Man entdeckt sie jedoch überall, wenn man genau hinschaut.
Seit dem Jahr 2000 unterstützt der Gotthelfverein jedes Jahr 20 bis 25 Kinder und Jugendliche mit Beiträgen für Lager, Kleider, Schuhe, Genesungskosten, auswärtige Verpflegung, Bahnabonnemente, Ausbildung etc. Einige Kinder und Jugendliche und ihre Familien werden punktuell unterstützt. Andere werden mit regelmässigen, halbjährlich festgelegten Beiträgen entlastet. Alle vom Gotthelfverein unterstützten Kinder und Jugendlichen leben entweder bei ihren Eltern oder bei einem Elternteil.
Bis zum Jahr 2016 zierte Jeremias Gotthelfs Brustbild das Vereinslogo. Oftmals war es für die Bevölkerung nicht mehr klar, dass der Gotthelfverein nichts zu tun hat mit dem Gotthelf-Zentrum in Lützelflüh. Deshalb beschloss der Vorstand, dem öffentlichen Auftritt des Vereins ein neues Aussehen zu verleihen. Seit 2017 schmückt ein buntes Kleeblatt und der zusätzliche Schriftzug „Regionaler Kinder - und Jugendfonds“ die Dokumente des Gotthelfverein. Vier Herzen finden sich zusammen zu einem vierblättrigen Kleeblatt: Die Herzen als Symbol für Herzlichkeit und das Kleeblatt für das Glück.
Im Jahr 2018 konnte der Gotthelfverein Trachselwald sein 100-jähriges Bestehen feiern.
Im Jahr 2019 übergab der Gotthelfverein das Vereinsarchiv der letzten 100 Jahre dem Staatsarchiv in Bern als Schenkung zur dauernden Aufbewahrung. Das Staatsarchiv des Kantons Bern sammelt, erschliesst und verwahrt das archivalische Kulturgut des Kantons und sorgt für dessen Erhaltung.