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Im Frühjahr 1985 bestritt Jacques Lüthy, der heute in Charmey ein Sportgeschäft betreibt, sein letztes Weltcup-Rennen. Der Dritte im Slalom an den Olympischen Spielen 1980 in Lake Placid war der letzte Freiburger, der regelmässig auf Stufe Weltcup fuhr. Seither konnte sich kein Skifahrer aus dem Kanton mehr an der Weltspitze etablieren. Die letzte Fahrerin, die Weltcup-Luft schnuppern konnte, war Marine Oberson. Im Jahr 2011 ging die Greyerzerin in drei Slaloms an den Start, jedoch ohne zählbares Resultat. Zwei Jahre später trat sie zurück.
Philippe Zbinden, Präsident des Freiburger Ski-Verbandes, spricht im FN-Interview über die Entwicklungen im regionalen Skisport und darüber, was es trotz einer derart guten Basis, wie sie im Kanton vorhanden ist, so schwierig macht, um den Sprung bis ganz nach oben zu schaffen.
Philippe Zbinden, wie lange müssen wir uns noch gedulden, bis wieder ein Freiburger regelmässig im Ski-Weltcup mitfahren kann?
Regelmässig, das ist eine gute Frage. Man darf nicht vergessen, im Langlauf hatten wir Doris Trachsel, die an Olympischen Spielen teilgenommen hat. Oft spricht man von den Alpinen, aber vergisst dabei Trachsel, die lange Zeit sehr gute Resultate erzielt hat. Im alpinen Bereich hatten wir einige gute junge Frauen, die wie Andrea Thürler aufgrund von Verletzungen gestoppt wurden. Jetzt haben wir eine Noémie Kolly, die sehr gute Resultate bei den Schweizer U16-Meisterschaften realisieren konnte, oder eine Valentine Macheret. Bei den Frauen gibt es Möglichkeiten, dass es bald wieder Freiburgerinnen ins C-Kader schaffen. Man darf nicht vergessen, vor ein paar Jahren bestritt Wendy Holdener (Anm. der Red.: eine aktuelle Weltcup-Fahrerin) Fis-Rennen in Jaun und Freiburgerinnen wie Thürler waren nicht weit hinter ihr klassiert.
Was hat diesen Freiburgerinnen denn gefehlt, um mit der Entwicklung von eben einer Holdener Schritt zu halten?
Verschiedene Faktoren spielen eine Rolle. Die Gesundheit ist das Wichtigste. Ein anderer Faktor ist, dass man die guten Resultate zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort erzielt. Und dann spielt der Kopf eine entscheidende Rolle. Ich hoffe, dass eine unserer Frauen gute Ergebnisse im Europacup herausfahren kann und dann im Weltcup starten darf. Bei den Männern ist Pierre Bugnard aktuell der einzige Freiburger im C-Kader. Er hat ebenfalls eine Chance. Aber die Pyramide in den Kadern ist sehr schmal nach oben hin.
Selektioniert Swiss-Ski zu restriktiv?
Es gibt Bestrebungen, diese Pyramide etwas zu verbreitern. Das ist wichtig. Nicht alle Sportler entwickeln sich gleich schnell. Patrick Küng zum Beispiel ist 31 Jahre alt und hat einen langen Weg hinter sich, bis er Weltmeister wurde. Uns fehlt ein wenig die Geduld, und manchmal habe ich das Gefühl, dass den Athleten nur eine einzige Chance zugestanden wird. Und dann ist es vorbei. Das ist falsch. Deshalb hat nicht nur der Kanton Freiburg sehr viele talentierte Skifahrer auf dem Weg an die Spitze verloren.
Was macht es im Skisport so schwierig, zu reüssieren?
Das sehr hohe Niveau ist wohl die grösste Herausforderung. Wenn man sieht, wie im Weltcup gefahren wird, das ist Wahnsinn. Bereits im Europacup sind die Anforderungen extrem hoch. Zudem hatte ich in der Vergangenheit immer wieder Mühe zu verstehen, weshalb ausgerechnet dieser junge Fahrer im Europacup starten konnte und der andere nicht, oder warum die eine die Chance im Weltcup erhielt und die andere nie.
Trotzdem, wenn ein Talent voll auf die Karte Ski setzen will, sind im Kanton Freiburg die Voraussetzungen gegeben, damit es sich optimal entwickeln kann?
Heute gibt es wirklich klare Stufen. Alles ist besser organisiert als noch vor ein paar Jahren. Die Jungen, die jetzt in den Weltcup kommen, wie etwa der Walliser Justin Murisier, waren im Nationalen Leistungszentrum in Brig. Sie haben alle Stufen durchlaufen. Wir im Kanton Freiburg haben sogar den Vorteil, den Kinder-Cup zu haben. Anders als bei den beiden Verbänden Schneesport Mittelland (SSM) und Ski Romand können bei uns die Jüngsten bereits vor der Kategorie der Minis Rennen bestreiten und Erfahrungen sammeln. Die Besten gehen dann zu den vorhin genannten Verbänden und man sieht, dass die Freiburger dort vermehrt vorneweg fahren, weil sie früher als andere die Gelegenheit hatten, sich wettkampfmässig darauf vorzubereiten. Hinzu kommt, dass wir in Schwarzsee oder Jaun sehr gute Trainer haben und alles top organisiert ist. Die Jungen profitieren von den Skiklubs, dann folgt der Kinder-Cup und über die regionalen Verbände führt der Weg schliesslich in die Nationalen Leistungszentren (NLZ). Dort haben die Jungen wirklich die Chance, weiterzukommen.
Unabhängig von den Strukturen: Am Ende zählen nur die Resultate, und die Anforderungen an die Kinder sind gross.
Nicht nur die Eltern, auch die Kinder müssen sich deshalb sehr gut überlegen, ob sie den langen Weg wirklich gehen wollen. Aber das ist das Gleiche wie bei anderen Individualsportarten. Die Differenz zwischen Einzel- und Teamsportarten wird immer grösser. Beim Fussball oder Volleyball gibt es immer einen in der Mannschaft, der Fehler kompensieren kann. Im Skisport aber kann von einem Augenblick zum andern alles vorbei sein. Die Erwartungen an den Einzelnen sind viel höher.
Kommt hinzu, dass der Skisport sehr teuer ist.
Das ist so, trotz der Unterstützung des Kantons und der Tatsache, dass die Skistationen im Kanton faire Preise haben und den Klubs unter die Arme greifen. Trotzdem ist Skifahren teurer als Fussball oder Basketball. Aber wenn jemand an sich glaubt, soll er es versuchen. Selbst wenn das Ziel Weltcup nicht erreicht wird, konnte dank den Schulen in den NLZ eine gute Ausbildung genossen und die Persönlichkeit entwickelt werden. Das ist die beste Vorbereitung für die Zukunft, auch wenn es im Sport nicht geklappt hat.
Würden Sie sich mehr Unterstützung von der öffentlichen Hand wünschen?
Der Kanton unterstützt den Freiburger Cup und die Junioren gut. Auch hat er direkt oder indirekt in neue Ski-Installationen investiert, das ist nicht selbstverständlich. Der Skisport ist aber so organisiert, dass verschiedene Kantone zusammenarbeiten. Auf dieser Stufe sollte es eine zusätzliche Hilfe geben. Es gibt gute Vereinbarungen in Bezug auf die Schulen mit Brig und jetzt neu Bulle und eine Starthilfe wie etwa beim Fussball-Leistungszentrum in Freiburg wird bezahlt, aber man sollte eine zusätzliche Hilfe über mehrere Jahre hinaus erhalten. Ansonsten wird nur für die zukünftigen Spitzensportler investiert und nicht in die Breite, was zur Folge hat, dass es zwangsläufig auch keine Spitzensportler geben wird. Das Gleichgewicht muss bewahrt werden. Das gilt nicht nur für den Skisport, sondern für alle Sportarten.
Der Skisport ist wie kaum ein anderer vom Wetter abhängig. Inwiefern stellt dies für den Freiburger Ski-Verband ein Problem dar?
Es gibt vielerorts, wie in Jaun, Schwarzsee oder La Berra, Schneekanonen, das hilft sehr. Aber klar sind wir wetterabhängig und ich höre oft die Frage, ob der Skisport im Kanton noch Sinn macht. Es ist viel zu früh, um das zu sagen. Es liegen sicher noch viele Jahre vor uns, in welchen wir Schnee haben werden. Wie lange das sein wird, kann ich nicht sagen, ich habe keine Glaskugel. Skistationen in der Region zu haben ist aber nicht nur wichtig für unseren Sport, sondern auch für Schwarzsee, Jaun, Les Paccots oder Moléson. Die einzigen, die auch im Sommer gut leben können, sind Schwarzsee und Moléson. Ski ist für alle diese Dörfer wichtig.
Ist die Begeisterung für das Skifahren aus Sicht des Verbandes und der Klubs ungebrochen?
Im Vergleich zu den letzten drei, vier Jahren hat der Verband etwas weniger Mitglieder. Insgesamt jedoch blieben die Zahlen stabil. Es gibt zwei Gruppen. Die einen fahren nur aus Spass, die anderen wollen etwas erreichen. Bei den aktiven Skiklubs sind es einmal mehr und dann wieder weniger Mitglieder. Bei den reinen Freizeitsportlern ist die Organisation einfacher, weshalb die Zahlen dieser Klubs stabiler sind. Wir brauchen beide. Die, die Wettkämpfe für den Freiburger Cup organisieren, aber auch die anderen für die Skiorte. Für mich ist wichtig, dass weiter jede Primarschule die Möglichkeit hat, ein paar Skitage pro Jahr durchzuführen. Das ist die Basis. Ski hat im Kanton Freiburg Tradition.
Sie haben es angesprochen: Die Freiburger Skiklubs sind sehr aktiv. Sie müssen diesbezüglich ein glücklicher Präsident sein?
Tatsächlich sind unsere Vereine viel aktiver als jene in anderen Kantonen. Wenn ich sehe, was unsere Klubs im Vergleich zu anderen wie im Wallis, die alle Möglichkeiten haben, organisieren, dann sind wir sehr weit. So etwas wie der Freiburger Cup und der Kinder-Cup ist in der Schweiz einzigartig. Diese Cups gibt es lange und sie werden auch noch lange bestehen. So bringen wir viele Kinder zum Skisport. Ja, heute starten keine Freiburger im Weltcup, aber wie gesagt, wir müssen uns in Geduld üben. Das Leistungszentrum in Bulle ist wichtig, die Zusammenarbeit von Schwarzsee mit dem SSM ist wichtig, aber das gibt es nur, weil wir den Freiburger und den Kinder-Cup haben. Das ist die Basis, die uns alle zusammenbringt.
Am Wochenende finden in Jaun zwei Europacup-Slaloms statt. Welche Bedeutung hat dieser Anlass für den Freiburger Skisport?
Es zeigt auf, dass die Vereine im Kanton gut organisiert sind und dass sie an ihren Sport glauben, nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft. Im OK für den Europacup helfen Mitglieder aller Klubs mit, es ist ein Gemeinschaftswerk. Für die Fis-Rennen in Jaun erhielten wir von Swiss-Ski und von der Fis viel Lob. Jetzt können wir zeigen, dass wir zusammen auch Rennen auf einer höheren Stufe organisieren können. Obwohl wir keine Fahrer im Weltcup haben, können wir einen guten Job machen. Ich hoffe, dass viele Junge in Jaun zuschauen kommen. Das wäre wichtig für die Motivation, um ebenfalls einmal im Europacup starten zu können–nicht irgendwo, nein, sondern in Jaun.
«Die Pyramide in den Kadern ist sehr schmal nach oben hin.»
«Obwohl wir keine Fahrer im Weltcup haben, können wir einen guten Job machen.»
«Nicht nur die Eltern, auch die Kinder müssen sich deshalb sehr gut überlegen, ob sie den langen Weg wirklich gehen wollen.»
«Für mich ist wichtig, dass weiter jede Primarschule die Möglichkeit hat, ein paar Skitage pro Jahr durchzuführen. Das ist die Basis.»