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Verdun (Lorraine, F) bis Lüttich (Wallonie, BE)
In Verdun wohnten wir, was einer der Vorzüge eines Kanalschiffes ist, einmal mehr an bevorzugter Lage, nämlich mitten in der Stadt mit Sicht auf den Hafen.
Verdun ist einerseits ein militärhistorisches Reiseziel, welches an eines der traurigsten Kapitel der europäischen Geschichte der jüngeren Zeit erinnert, und anderseits ist Verdun eine sehr gepflegte, lebendige Stadt.
Im Ersten Weltkrieg tobte um die Festung Douaumont bei Verdun während Monaten eine der blutigsten Schlachten der neueren Kriegsgeschichte, Über 700’000 Deutsche und Franzosen verloren hier ihr Leben. Die gesamte Gegend wurde von der Artillerie der beiden Kriegsparteien solange bombardiert, bis vormals fruchtbares Land in eine Mondlandschaft umgepflügt war. Heute, bald hundert Jahre später, kann das Land immer noch nicht genutzt werden. Es ist dermassen von Kratern übersät, dass die seither entstandenen Wälder nicht mit Traktoren, sondern nur mit Zugpferden bewirtschaftet werden können.
An einem der höchsten Punkte der ehemaligen Schlachtfelder erhebt sich ein riesiges Denkmal, das «Ossuaire», zu deutsch Beinhaus. Darin werden die Gebeine von rund hunderttausend unbekannten Soldaten aufbewahrt. Es hat uns als von Kriegen verschonte Schweizer sehr beeindruckt, dass in jedem französischen Dorf ein Denkmal steht, mit welchem der in den beiden Weltkriegen Gefallenen gedacht wird. Manchmal hat man den Eindruck, die gesamte männliche Dorfbevölkerung sei im Ersten Weltkrieg gefallen. Die Namensliste der Opfer des Zweiten Weltkriegs ist durchwegs kürzer. Allerdings trifft man immer wieder, an Hausmauern und bei Brücken, auf Gedenktafeln für von der SS oder Gestapo hingerichtete Widerstandskämpfer. Der Text auf diesen Gedenktafeln ist nicht immer politisch korrekt. So ist manchmal von den «Boches» die Rede und manchmal von den «Hordes teutoniques».
In der ganzen Gegend verstreut findet man immer wieder riesige Soldatenfriedhöfen mit endlosen Gräberreihen.
In der Stadt Verdun selbst findet man zahlreiche sorgfältig restaurierte Häuser aus dem 19. Jahrhundert. Hoch über der Stadt thront die Kathedrale, deren Ursprung auf das 4. Jahrhundert zurückgeht. Ein ganz besonderer Anblick ist Verdun bei Nacht.
Bis wir alle Sehenswürdigkeiten in und um Verdun besichtigt hatten, war eine knappe Woche vergangen, eine Woche übrigens bei prächtigstem Septemberwetter. Wäre nicht eine dreiwöchige Sperrung des Canal de l’Est wegen Unterhaltsarbeiten bevorgestanden, hätten wir es in Verdun wohl noch länger ausgehalten. So aber fuhren wir weiter nach Stenay, einem pittoresken Städtchen mir rund 3000 Einwohnern. Eines der dominantesten Gebäude ist die riesige Artilleriekaserne aus dem 18. Jahrhundert. Ihre letzte militärische Verwendung fand sie im Zweiten Weltkrieg als Hauptquartier der deutschen Besetzer. Heute wird sie als attraktive Wohn- und Geschäftsliegenschaft genutzt.
Vor allem aber beherbergt Stenay das europäische Biermuseum, das Mekka aller Bierliebhaber. Zu unserer freudigen Überraschung fanden wir sogar eine Flasche der Zürcher Löwenbräu.
Dass Reisen bildet, ist allgemein bekannt. Wie Champagner hergestellt wird, hatten wir in der Champagne ausgiebig gelernt: Im Champagnermuseum «Le Phare» in Verzenay und in einigen Champagnerkellereien. Was der Champagner für die Champagne, ist das Bier für Elsass-Lothringen. Noch 1890 gab es in diesem Departement nicht weniger als 900 Brauereien. Heute existieren nur noch einige Wenige. Dass die Biererzeugung mindestens so komplex ist wie diejenige von Champagner, lernten wir im erwähnten Biermuseum zu Stenay. Daneben sind die ausgestellten Werbeplakate höchst amüsant. Wer könnte sich heute eine solche Werbung noch vorstellen!
Eine besondere Erwähnung verdient der Hafen von Stenay, der in einem toten Seitenarm der Maas liegt. Weil er zu schmal ist, als dass wir darin hätten wenden können, mussten wir etwa 150 Meter rückwärts in diesen Maasarm hineinfahren, eine leichte Biegung inbegriffen. Drei Monate früher hätten wir uns dieses Manöver noch nicht zugetraut.
Unser nächstes Etappenziel war Sedan. Der Name dieser Stadt ist untrennbar verbunden mit der französischen Niederlage 1870, als Napoleon III. vor den Preussen kapitulierte. In der Folge belagerten die Preussen Paris, und Frankreich verlor Elsass-Lothringen. Sedan sei heute, so hatte man uns gesagt, eine schmutzige und wenig attraktive Stadt, kaum einen Aufenthalt wert. Lediglich der Hafen in einem Seitenkanal könne wegen seiner ruhigen Lage empfohlen werden. Wir erlebten Sedan von einer ganz anderen Seite. Ganz in der Nähe des Hafens fand auf einem grossen Gelände eine Landwirtschaftsschau statt, vergleichbar etwa der Olma. Zudem war die ganze Altstadt während rund einer Woche ein riesiger Marktplatz.
Eine der grössten Attraktionen von Sedan ist die riesige Festung, die mit einer bebauten Fläche von 35’000 Quadratmetern als die ausgedehnteste Festungsanlage Europas ihrer Epoche gilt. Sie umfasst nicht weniger als sieben Stockwerke. Der ganze Gebäudekomplex ist die Folge einer Serie von Bauten, die sich vom Mittelalter bis in die Renaissance erstrecken.
Die Strecke zwischen Sedan und Charleville-Mézières gilt als eine der schönsten Flusslandschaften Europas. Wir befuhren sie bei herrlichstem Spätsommerwetter, einem Altweibersommertag wie aus dem Bilderbuch. Wir genossen diese Fahrt so sehr, dass wir im Steuerhaus laut sangen. Gut hat uns niemand gehört, denn wir sangen zwar laut, aber nicht besonders schön.
Auf diesem Teilstück der Maas passierten wir die Einfahrt in den Ardennenkanal, die von weit her dank einer markanten Tanne zu erkennen ist. Hier waren wir zwei Monate zuvor abgebogen, um die Ardennen zu durchqueren. Von nun an würden wir mindestens bis Maastricht wieder die gleiche Strecke wie auf der Hinfahrt befahren.
Wir haben erwähnt, dass man uns vom Besuch von Sedan abgeraten hatte und wir diesen Rat glücklicherweise nicht befolgt hatten. Wir haben diese Erfahrung mehrfach gemacht. So war einmal, nachdem wir in Givet an einem langen Quai festgemacht hatten, ein Seebär mit Kapitänsmütze und wiegendem Gang zu uns gekommen und hatte uns erklärt, dieser Quai sei für die Berufsschifffahrt reserviert, wir müssten anderswo anlegen. Es stellte sich – nach freundlicher Rückfrage, wer er sei – heraus, dass unser Seebär Eigner einer ziemlich gewöhnlichen kleinen Yacht war und keinerlei offizielle Funktion hatte. Es kam dann noch besser. Am nächsten Tag legte ein geladenes Berufsschiff vor uns am Quai an und wir unterhielten uns angeregt mit dessen Kapitän. Selbstverständlich könne ein Schiff wie unseres an diesem Quai anlegen, wo sollten wir mit unserer Grösse denn sonst anlegen?
Ein anderes Mal hatten wir in Sclayn, einem belgischen Dörfchen am Maasufer, angelegt, um Gasflaschen zu kaufen. Vor uns hatte ein holländisches Hausboot festgemacht. Beim Wegfahren rief uns die Beatzung zu, die nächste Schleuse sei zurzeit für die Freizeitschifffahrt gesperrt. Hätten wir auf sie gehört, lägen wir wahrscheinlich heute noch in Sclayn. So aber meldeten wir uns über Funk bei der Schleuse an – und zehn Minuten später schleusten wir problemlos. Wir könnten diese Beispiele beliebig vermehren. Selbstverständlich nehmen wir nach wie vor sehr gerne Empfehlungen, Hinweise und Ratschläge entgegen, aber wir überprüfen sie hernach noch selbst.
Tatsächlich kommen bei Schleusen gelegentlich Störungen vor. Bei automatischen, vom Schiff aus mit einem Télécommandeur fernbedienten Schleusen wird dies mit zwei roten Lichtern angezeigt. Hier bestand die Störung darin, dass sich das rechte Schleusentor nicht vollständig öffnete. Wir riefen via Natel der zuständigen Zentrale in Charleville-Mézières an und keine zehn Minuten später fuhr der Pikettmonteur vor.
Die Ursache war schnell gefunden. Ein Stück Treibholz hatte sich zwischen Schleusentor und Schleusenwand verklemmt. Bereits eine Viertelstunde später konnten wir in die Schleuse einfahren.
Nicht alle Schleusenstörungen verlaufen so glimpflich. Auf unserer Rückfahrt durch Belgien sassen wir über eine Woche in Namur fest, weil maasabwärts eines der riesigen Schleusentore der Schleuse von Andenne-Seilles defekt war. Diese Reparatur dauerte insgesamt zwei Wochen. Zuerst musste nämlich anstelle des Schleusentores eine Spundwand eingebaut, die Schleuse leergepumpt und das Schleusentor mit einem riesigen Kran herausgehoben werden.
Während dieser vierzehn Tage war dieses viel befahrene Teilstück der belgischen Maas für jeglichen Schiffsverkehr gesperrt. Die Schifffahrtsbehörde orientierte über den Funk-Kanal 24 laufend über den Fortschritt der Arbeiten. Wir versuchten, aus dieser Zwangspause das Beste zu machen. Wir fuhren mit unseren Fahrrädern beinahe täglich zu Rainer und Ellen, welche wir in St. Mihiel kennen gelernt hatten, zum Nachmittagstee (mit reichlich Kuchen). Sie sassen mit ihrer Yacht «Sunflower» im sieben Kilometer entfernten Yachthafen von Beez fest. Zweimal inspizierten wir die defekte Schleuse, eine Tour von hin und zurück dreissig Kilometern.
Weil das Wetter in dieser Zeit warm und trocken war, schliffen wir das Deck und strichen es frisch. Es war wohl eine der letzten Gelegenheiten für Malarbeiten. Der Herbst kündigte sich nämlich mit dichtem Morgennebel an, der sich manchmal erst gegen Mittag lichtete.
Noch vor Namur hatten wir, kurz nach der belgisch-französischen Grenze, in Dinant ein paar Tage Station gemacht. Wie alle grösseren Städte an der oberen Maas prunkt Dinant mit einer mächtigen Festung und einer imposanten Kathedrale. Kirche und Armee scheinen im Mittelalter miteinander gewetteifert zu haben, wer der Nachwelt die eindrücklichsten Bauwerke hinterlässt. In der Regel hat die Kirche diesen Wettstreit zu ihren Gunsten entschieden. Vom Reichtum des Klerus an der Maas zeugt auch der Kirchenschatz von Lüttich. Doch davon später.
Paradoxerweise haben die Kirchen im Laufe der Geschichte aber mehr gelitten als die Festungen. Bei kriegerischen Auseinandersetzungen waren sowohl Kirchen wie auch Festungen Angriffsziele. Die übelsten Verwüstungen richtete aber die französische Revolution an, der viele Kirchen und unermessliche Kunstschätze zum Opfer fielen.
Seinen Platz in der Geschichte hat sich aber Dinant als Geburtsstadt von Adolphe Sax gesichert, dem Erfinder des Saxophons. Der Zufall wollte es, dass wir bei unserem Aufenthalt in die Vernissage einer Ausstellung über Jazz und Jazzmusiker in Bildergeschichten (Comics) gerieten. Eine Dixieformation spielte auf und zwar hervorragend, und es wurde ein köstliches belgisches Freibier gereicht, wogegen wir uns nicht ernsthaft wehrten.
Nach glücklichen Tagen in Dinant fuhren wir weiter nach Namur, wo wir unsere bereits erwähnte Zwangspause absolvierten. Auch wenn die wallonische Hauptstadt kulturell, gastronomisch und landschaftlich sehr viel zu bieten hat, fühlten wir uns diesmal nicht besonders wohl. Am Wochenende zuvor hatten nämlich die «Fêtes de Wallonie» stattgefunden, von aussen betrachtet ein gigantisches rituelles Besäufnis. Der «Service de propreté de Namur» erledigte seine Aufgabe insofern effizient, als die Abfälle zum Teil mit Hochdruckschläuchen einfach in die Sambre gespült wurden. Da wir direkt unterhalb der Einmündung der Sambre in die Maas lagen, schwammen wir buchstäblich im Kehricht. Gleichzeitig wurde durch einen unterirdischen Zufluss stinkige Chemie der übelsten Sorte direkt in die Maas entsorgt. Wir konnten es kaum erwarten, bis die Schleuse von Andenne-Seilles endlich repariert war und wir weiter fahren konnten. Schade für diese grossartige Stadt!
Nach einem kurzen Aufenthalt in Huy, über welches es nichts zu berichten gibt, machten wir am Aussenquai des Yachthafens von Lüttich fest.
Von unserem Aufenthalt in dieser faszinierenden und dem Schweizer Tourismus unbekannten Stadt werden wir im nächsten Bericht erzählen.