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Wenn es einen gibt, der niemals den Wunsch gehabt hat, Lourdes zu sehen, dann bin ich es.
Mit diesem Satz beginnt in meiner Ausgabe das erste Kapitel des Berichts über seinen Besuch in Lourdes – denn den Besuch hat Huysmans dann trotzdem gemacht und sogar einen Bericht im Anschluss verfasst. Der Autor gibt gleich nach diesem Satz ein paar Gründe an, warum er nie nach Lourdes wollte: Zum einen lobe er sich den, der sich außerhalb der üblichen Zeiten zur Wallfahrt auf den Weg mache, zum anderen brauche er keine Wunder zu erleben, um zu glauben, denn sein Glaube stütze sich weder auf seine Vernunft noch auf die Zeugnisse seiner Sinne.
Das beschreibt bereits Huymans’ Haltung das ganze Buch über – beschreibt sie aber nicht ganz. Denn der Autor mag noch weniger, als er zu Beginn zugibt; er mag eigentlich gar nichts an Lourdes. Und die Sache zwischen Huysmans und den Wundern scheint mir auch problematischer, als sie der Autor hier darstellt.
Er mag vieles nicht:
- Nicht das Städtchen an sich, das er mit seinen sakralen und weltlichen Neubauten einfach nur hässlich findet.
- Nicht die neu erbauten Basiliken, deren Stil er fürchterlich findet: Protzige Fassaden. Altäre, die aussehen, wie aus rohem Fleisch geschnitzt. Kreuzgänge, die keinen Sinn ergeben und gar den Strom der Wallfahrer behindern, statt für eine gute Zirkulation der Menschenmassen zu sorgen.
- Nicht die Bilder, mit denen die Marienerscheinungen gefeiert werden sollen, die im Jahre 1858 eine gewisse Bernadette Soubirous dort gehabt haben soll. Denn seiner Meinung nach sind sie ganz einfach stümperhaft.
- Nicht die Marienfigur in der Grotte von Massabielle, denn auch sie ist stümperhaft ausgeführt, in ihrer weißen Frauengestalt mit der blauen Schärpe und den fleischfarbenen Füssen (während Gesicht und Hände weiß sind!) mit den bemalten Zehennägeln.
- Nicht die Einwohner von Lourdes, die sich in dem halben Jahrhundert zwischen den Marienerscheinungen und Huysmans Besuch verwandelt haben von einfachen Bauern und Hirten zu Geschäftemachern in Form von Hoteliers oder Gastronomen. Eine Verwandlung nicht zu ihrem Vorteil. (Außer dem finanziellen natürlich!)
- Nicht die Massenprozessionen, die die engen Straßen verstopfen und mehr an einen Karneval erinnern, denn an ein religiöses Ereignis.
- Nicht die Messen, wie sie am Laufband gehalten werden, weil jede Pilgergruppe ihren eigenen Priester oder gar Bischof mitbringt, der seine eigene Messe halten will, was dazu führt, dass in den Kirchen von Lourdes im linken Teil des Kirchenschiffs der eine Priester seine Messe hält mit dem Rücken zu seinem Kollegen, der auf der rechten Seite die seine für seine Schäfchen hält.
- Nicht die Liturgie dieser Messen, die oft abgekürzt worden ist. Vor allem das Fehlen der damals noch üblichen gregorianischen Kirchenmusik bemängelt Huysmans, da nur diese in einer vollgültigen Messe verwendet werden sollte. Statt dessen höre er Volkslieder!
- Nicht die Eisenbahn, die praktisch täglich neue Pilgergruppen in Extrazügen nach Lourdes bringt, dafür alte abtransportiert. Diese Pilger sind oft mehr touristisch als religiös motiviert; und sie kommen aus aller Herren Länder: Huysmans erwähnt, neben Franzosen aus allen Provinzen des Landes, explizit Engländer, Holländer, Belgier und Spanier. Alle, alle (auch die Franzosen) bringen sie ihre eigenen Priester mit.
Diese Haltung Huysmans’ hat einen ganz einfachen Grund: Huysmans ist ein ästhetisch-religiöser Snob. Wie so viele, die im (katholischen) Glauben eine neue geistige Heimat fanden, tendiert er zur ultrakonservativen Seite seiner neu gefundenen Glaubensheimat. Die klassische Kathedrale oder auch eine kleine Landkapelle, sparsam und funktional ausgestattet, sind seine ästhetisch-religiösen Ideale. Die Messen natürlich auf Latein und mit gregorianischem Gesang. Außerdem ist er der typische französische Stadtmensch, der Pariser, der gegenüber der Provinz auch unbewusst immer Vorbehalte hat.
Und doch – bei all diesen Vorbehalten – entdeckt Huysmans in Lourdes jenseits aller kritisierten Äußerlichkeiten etwas, das er nicht erwartet hat: die Spezies Mensch. Wenn er abends im Café die belgischen oder holländischen Priester ein Bier bzw. einen Genever trinken und eine Zigarre rauchen sieht, während sie mit ihren weiblichen Schäfchen ein wenig schäkern, so will er sich zuerst empören, aber dann erinnert er sich daran, wie diese Menschen den ganzen Tag hindurch ihre Kranken oder auch fremde Kranke gepflegt haben, herumgetragen in der Prozession und ins angeblich heilende Wasser. Und die Krankheiten der Leute, die nach Lourdes kommen, sind nicht nur schmerzhaft oder tödlich. Sie sind in vielen Fällen auch welche, die den Körper entstellen, zu eiternden und stinkenden Abszessen führen – mit andern Worten für Auge und für Nase einfach nur Ekel erregend. Wenn Huysmans sich daran erinnert, mag er den Priestern auch ihre kleine Entspannung gönnen.
Das Leiden der Menschen ist es, was Huysmans beeindruckt. Hier ist für den Katholiken die ganze Leidensgeschichte der Menschheit in nuce konzentriert. Das bewegt ihn derart, dass er sich sogar vergisst und in einem ganzen Kapitel Maria und Jesus anklagt, nicht mehr Wunder zu tun. Noch schlimmer: Die beiden führen offenbar auch schon mal Spontanheilungen durch, die sie im Nachhinein, am nächsten Tag, auf dem Weg zur Bahn oder auch erst, wenn die Patienten wieder zu Hause sind, rückgängig machen. All dies wirft er den beiden vor und verlangt von ihnen mehr und nachhaltigere Wunder. (Er tut dies, glaube ich, allen Ernstes.)
Huysmans glaubt nicht nur an die theoretische Möglichkeit eines Wunders. Er findet sie auch ganz praktisch vor: Es sind seiner Meinung nach in Lourdes tatsächlich Wunder geschehen. Ja, er berichtet von selber gesehenen Spontanheilungen und führt Fälle offiziell von kirchlicher Seite bestätigter Wunderheilungen an. Schon als Huysmans in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts Lourdes besucht, wusste die Medizin um das Phänomen psychisch erregter Krankheiten (z.B. die sog. „Hysterie“), und die Kirche schloss solche Fälle bereits aus. (Hier findet Huysmans Gelegenheit, seinen ehemaligen literarischen Weggefährten Zola zu kritisieren, der in seinem Roman Lourdes alle Fälle von spontanen Wunderheilungen auf solche psychischen Erkrankungen zurückführte, wie Huysmans zumindest angibt. Tatsächlich beschäftigt ihn Zola ein wenig allzu sehr, als dass wir annehmen können, er sei in seinem Wunderglauben so gefestigt gewesen, wie er zu Beginn seines Berichts behauptet. Ich vermute daneben, dass vieles von dem, was er Zola hier entgegen hält, dadurch motiviert ist, dass sich sein ehemaliger Weggefährte für den jüdischen Offizier Dreyfus stark machte, während Huysmans – nicht als einziger in Frankreich – offen antisemitisch war. Auch in diesem Bericht hier finden wir eine solche antisemitische Passage.)
Daneben aber gibt es in diesem Buch Schilderungen von Dingen, Personen oder Handlungen, in denen sich zeigt, wie gut Huysmans seinerzeit in der Schule des Naturalismus aufgepasst hat. Seine Beschreibung der nächtlichen Prozession, gesehen von einem Hügel in der Nachbarschaft, ist grandios. Seine Verrisse von Architektur, Gemälden und Statuen oft auch. Die Menschen werden zwar nüchtern gezeichnet, aber – einige Priester und Bischöfe, die er offenbar für hochnäsig oder einfach nur dumm hält, ausgenommen – nie schlecht gemacht. Man spürt aus Huysmans Sätzen das hilflose Mitleid, und es gibt auch den Moment, wo der Beobachter einfach nicht mehr kann und sich selber eine Auszeit gönnen muss.
Fazit: Huysmans bietet einen interessanten Einblick – sowohl in die Psyche des Karl-Joris selber, wie in die der Kranken und ihrer Pfleger und Pflegerinnen, last but not least in die Maschinerie des großen Wallfahrtsortes Lourdes. Bei allen berechtigten Vorbehalten gegenüber dem fromm-mystischen Katholiken und Antisemiten lohnt sich eine Lektüre also durchaus.
Joris-Karl Huysmans: Lourdes. Mystik und Massen. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Hartmut Sommer. Düsseldorf: Lilienfeld Verlag, 2020. (= Lilienfeldiana, Band 23). Mit zahlreichen zeitgenössischen Schwarz-Weiss-Fotografien von Lourdes illustriert.
Mit bestem Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.