Document ID: /curiavista/filtered/00000.jsonl.gz/85427

<h2>SubmittedText<h2><p>Ist der Bundesrat nicht der Meinung, dass der Geschichtsunterricht, angesichts der Tatsache, dass Geschichte von unersetzlichem Bildungswert ist, in die Liste der Grundlagenfächer der Berufsmaturität (BM) gehört?</p><p>Im Entwurf zur revidierten Berufsmaturitätsverordnung (BMV), der zurzeit in der Vernehmlassung ist, zählt das Fach "Geschichte und Staatslehre" nicht mehr zu den Grundlagenfächern, wie dies in der aktuell gültigen BMV von 1998 noch der Fall ist. Der Geschichtsunterricht erscheint darin nur noch unter der Rubrik "interdisziplinäre Lernbereiche".</p><p>Sicher, interdisziplinäre Ansätze bieten zahlreiche Vorteile. Allerdings sind solche Ansätze nur erfolgreich, wenn sie auf einer guten, zuvor angeeigneten Beherrschung des jeweiligen Fachwissens beruhen. Diese Voraussetzung dürfte mit der vorgesehenen neuen Fächergliederung des BM-Unterrichts nicht mehr erfüllt sein.</p><p>Die Verfasserinnen und Verfasser der neuen BMV wollen die Zahl der Grundlagenfächer von sechs auf vier reduzieren, während im Jahr 2007, auf Druck der Hochschulen, in der Verordnung über die Anerkennung von gymnasialen Maturitätsausweisen diese Zahl auf zehn erhöht worden ist, wobei Fächer, die zuvor zusammengelegt wurden (unter diesen Geschichte, Geografie und Naturwissenschaften), neu nun wieder einzeln unterrichtet werden.</p><p>In der neuen BMV steht, dass "die eidgenössische Berufsmaturität ... eine gegenüber der Grundbildung erweiterte Allgemeinbildung" umfasst (Art. 2 Abs. 1 Bst. b). Kenntnisse in Geschichte sind ein entscheidender Bestandteil der Allgemeinbildung. Durch sie kann die Gegenwart verstanden und die Zukunft besser gestaltet werden. Menschen, die sich in Geschichte nicht auskennen, sind nur beschränkt urteilsfähig, weil sie gefangen sind in ihrer Zeit und nicht über den Augenblick hinaussehen. Eine Generation ohne Erinnerungen und damit ohne Kenntnis ihrer Wurzeln lässt sich leicht von Ideologien beeinflussen und gibt auch dem gefährlichsten gesellschaftlichen Druck leicht nach. Der Historiker Marc Bloch hat es sinngemäss so gesagt: Ein Mangel an Kenntnis der Geschichte beeinträchtigt nicht nur das Verständnis der Gegenwart, er beeinträchtigt darüber hinaus, in dieser Gegenwart, das Handeln ("L'ignorance du passé ne se borne pas à nuire à la connaissance du présent: elle compromet, dans le présent, l'action même."). François Mitterrand sagte einmal, dass ein Volk, das das Wissen über seine Geschichte nicht weitergibt, seine Identität verliert ("Un peuple qui n'enseigne pas son histoire est un peuple qui perd son identité.").</p><p>Laut Artikel 25 Absatz 5 des Berufsbildungsgesetzes ist für die Regelung der BM der Bundesrat zuständig. Nun würde ich vom Bundesrat aber trotzdem gerne wissen, was er davon hält, dass Geschichte nicht mehr unter den Grundlagenfächern der BM figurieren soll.</p><h2>FederalCouncilResponseText<h2><p>Die eidgenössische Berufsmaturität schafft die Voraussetzungen für ein Studium an einer Fachhochschule. Sie verbindet eine drei- oder vierjährige berufliche Grundbildung mit einer erweiterten Allgemeinbildung. Ziel des Berufsmaturitätsunterrichtes ist es, eine breitgefächerte, ausgewogene und kohärente Bildung zu vermitteln, die zu selbstständigem wissenschaftlichen Arbeiten befähigt.</p><p>Der Verordnungsentwurf über die eidgenössische Berufsmaturität trägt den Entwicklungen der Berufsbildung und der Fachhochschulen seit den Neunzigerjahren Rechnung. Insbesondere machen die Fachhochschulen geltend, dass Berufsmaturandinnen und -maturanden zwar fähig sind, Wissen aufzunehmen und wiederzugeben, aber weniger geübt sind, das Wissen zu vernetzen und zur Lösung von Aufgabenstellungen zu nutzen. </p><p>Solche Qualifikationen werden vor allem durch fachlich abgestütztes interdisziplinäres Lernen erworben. Die neu in den Verordnungsentwurf aufgenommenen "interdisziplinären Lernbereiche" bilden die Gefässe, um Kompetenzen wie selbstständiges Arbeiten, vernetztes Denken, Transferleistungen, Projektmanagement und Kommunikation aufzubauen. Dadurch ist es möglich, die verfügbare Anzahl Lernstunden optimal zu nutzen und die Studierfähigkeit der Berufsmaturandinnen und -maturanden zu erhöhen.</p><p>Auf der Basis des bereits erworbenen Wissens geht es im Berufsmaturitätsunterricht darum, ein vertieftes Geschichtsverständnis zu erlangen. Geschichte eignet sich deshalb besonders gut für den Aufbau der interdisziplinären Kompetenzen. Auf geschichtliche Themen kann aus den Blickwinkeln der Wirtschaftslage, der Politik oder des Rechtes umfassend eingegangen werden. Wenn Geschichte als "interdisziplinärer Lernbereich" vermittelt wird, heisst dies nicht, dass der Geschichte weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird, vielmehr wird ein anderer, interdisziplinärer Zugang geboten.</p>  Antwort des Bundesrates.