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Als Kind war er Legastheniker, als Jugendlicher machte er eine Lehre in einer Pfannenfabrik. Mit einem Volontariat bei der «Bodensee-Zeitung» schaffte Bruno Bötschi den Sprung in die Medienwelt und blickt heute auf 30 Jahre im Journalismus zurück.
Von Nina Fargahi
Bötschi. Diesen Nachnamen gibt es in der Schweiz ungefähr 300 Mal. Bötschi stammt von Botsch, ein altes Wort für Kopf. Gemäss der Schweizerischen Namensforschung soll der erste Bötschi wohl einer gewesen sein, der gerne mit dem Kopf durch die Wand gegangen sei. Doch so stur ist Bruno Bötschi nicht, auch wenn er durchaus seinen eigenen Kopf hat.
Mit vier Jahren erklärt er seiner Mutter: «In Frauenfeld bleibe ich nicht. Hier ist es öde.» Diese Erkenntnis bestätigt er für sich, als er in seinen Zwanzigern zum ersten Mal nach New York geht. «Ich merkte, dass ich ein Grossstadtmensch bin.» Bötschi sitzt am Tisch in der Cafeteria der Bluewin-Redaktion. Bluewin ist das Nachrichtenportal des gleichnamigen E-Mail-Anbieters und erreicht mit 2,6 Millionen Unique Clients eine grosse Reichweite.
«Bötschi fragt». Normalerweise stellt Bötschi die Fragen, und meistens sitzt ihm gegenüber ein kleiner oder grosser Promi. «Bötschi fragt» heisst die Rubrik bei Bluewin, in der Bötschi allen möglichen Persönlichkeiten aus der Schweiz alle möglichen Fragen stellt. Die Verlegerin Ellen Ringier fragte er, ob das Erben nicht ungerecht sei. Den Musiker Bligg fragte er, ob sein Aussehen seiner Karriere hinderlich oder förderlich gewesen sei. Mit der Olympiasiegerin Michelle Gisin sprach er über Sexismus im Sport. «Egal ob eine CEO oder ein Schauspieler vor mir sitzt, mich interessieren alle Menschen. Ausser Nazis.»
Bötschi ist seit über 30 Jahren in der Medienwelt unterwegs. Dabei stand es nicht unbedingt in den Sternen, dass er einmal Journalist werden würde, denn Bötschi ist Legastheniker. «Als Schüler verwechselte ich oft die Buchstaben b und d.»
Nach der Schule macht Bötschi eine Lehre als kaufmännischer Angestellter in der Pfannenfabrik Sigg in Frauenfeld. Danach verschlägt es ihn in ein Treuhandbüro nach Zürich, wo er nach nur drei Monaten wieder kündigt. Denn er hat eine Stellenausschreibung als Sportredaktor bei der «Schweizerischen Bodensee-Zeitung» gesehen und sich beworben. «Ich durfte dort als Volontär anfangen. Seither bin ich Journalist.»
Das war 1987. Es folgen Stationen bei der «Thurgauer Volkszeitung», dann wieder zurück zur «Bodensee-Zeitung», daneben absolviert er parallel das MAZ. «Damals gab es am MAZ noch einen Numerus clausus, ich fiel beim ersten Mal durch und musste eine Runde warten.»
Irgendwann im Jahr 1990 geht Bötschi zur Gastronomie-Zeitschrift «Salz & Pfeffer», wo er dann zwölf Jahre lang bleibt. «Salz & Pfeffer» war damals ein kleiner Titel, aber gefürchtet in der Gastro-Szene. Die Journalisten gaben sich in den Restaurants nicht zu erkennen und bewerteten danach die Gerichte mit spitzer Feder. Daneben gründet Bötschi das Lifestylemagazin «Cigar» mit, das in den 90er Jahren einen Aufschwung erlebt. Für das «Cigar» sei er auch nach Havanna gefahren und habe Fidel Castro getroffen. «Ich verstand alles, was er sagte, obwohl ich kein Wort Spanisch kann.»
Eklat und Druckstopp. Als Daniel E. Eggli, der Gründer von «Salz&Pfeffer», im Jahr 2001 stirbt, berichtet auch die «Tagesschau» darüber. Bötschi, vom Tod seines Freundes schwer erschüttert, will das Gastronomie-Magazin ganz im Sinne des verstorbenen Chefs weiterführen. Doch der neue Verwaltungsratspräsident von «Salz & Pfeffer» möchte Neues ausprobieren, Dinge verändern. Zum Beispiel das Editorial hinten im «Cigar»-Heft platzieren statt vorne. Bötschi willigt vordergründig ein, organisiert jedoch hinterrücks mit der Druckerei, dass das Editorial wie gehabt vorne erscheinen würde.
«Als Journalist hat man die Legitimität, Fragen zu stellen.»
Es kommt zum Eklat: Als der Verwaltungsrat das bemerkt, gibt er den Befehl zum Druckstopp. Die Ausgabe wird eingestampft. Die Kosten der Aktion will er von Bötschi einklagen. Zum Glück habe ihm der Journalisten-Verband impressum aus der Patsche geholfen. «Ich werde ewig dankbar sein», sagt Bötschi. Er ist seit 1990 Mitglied bei impressum.
Unterschätztes Interview. Nach den Turbulenzen bei «Salz & Pfeffer» wechselt Bötschi für einige Monate ins Ressort Gesellschaft bei der «Sonntagszeitung» und landet schliesslich 2003 bei der «Schweizer Familie». Hier bleibt er wiederum zwölf Jahre lang. Und hier entdeckt er seine Liebe zu Interviews. «Dieses Genre ist völlig unterschätzt. Man vergibt Preise für grossartige Reportagen, dabei sind richtig gute Interviews wahre Goldschätze.» Er liebt die früheren Interviews des Journalisten Peer Teuwsen, die dieser damals für die «ZEIT» geführt hatte. Teuwsen habe die Kunst beherrscht, immer an den richtigen Stellen nachzufragen.
Bötschi sagt von sich, dass er ein scheuer Mensch sei. Sein Beruf erlaube ihm, nahe an die Menschen zu treten, mit ihnen ein Gespräch zu führen. «Als Journalist hat man die Legitimität, Fragen zu stellen.» Worauf es seiner Ansicht nach bei einem Interview ankommt? «Dass man gut vorbereitet ist. Und dass man eine positive Grundeinstellung zum Menschen hat.» Er sei überzeugt, dass jeder Mensch etwas Spannendes zu sagen habe.
Traumfänger. Bötschi arbeitet während seiner Zeit bei der «Schweizer Familie» auch an seinem Buch «Traumfänger», in dem er mit Persönlichkeiten aus der Schweiz über ihre Träume spricht. Dabei fängt jedes Interview mit der gleichen Frage an: «Als Kind hat man viele Träume – erinnern Sie sich?» So erfährt man, dass der Schriftsteller Pedro Lenz mit einer Harley durch die USA fahren wollte, dass die Musikerin Anna Känzig davon träumte, Astronautin zu werden, und dass Jean Ziegler gerne wie Winnetou gewesen wäre. Und was wollte Bötschi als Kind werden? «Spitzensportler oder Lehrer.» Er habe oft davon geträumt, auf einem Podest zu stehen. Weshalb er Lehrer werden wollte, könne er heute allerdings nicht mehr nachvollziehen.
Auf die Frage, warum er so gerne mit Promis spricht und nicht mit den ganz gewöhnlichen Leuten, sagt er: «Ich spreche mit allen gerne. Bei den sogenannten Promis haben die Leute oft eine vorgefertigte Meinung – mir gefällt es, diese Menschen anders zu zeigen und die Vorurteile somit aufzubrechen.» Den Begriff «Promi» mag Bötschi nicht, er spricht lieber von Persönlichkeiten. Für die interessiert er sich auch in seiner Freizeit: Am liebsten liest er Biografien von Politikerinnen und Politikern.
Blockade und Bluewin. Die Jahre bei der «Schweizer Familie» ziehen ins Land. Bötschi ist Redaktor im Ressort «Menschen und Reportagen», wechselt für vier Jahre als Ressortchef ins Reise-Ressort, kehrt dann aber wieder in sein altes Ressort zurück. Auf der Redaktion wird der Umgangston rauer, die Kritik an den Texten lauter. Die Stimmung nagt an Bötschis Selbstvertrauen. «Irgendwann hatte ich bei jedem Satz Angst, dass er nicht sitzt.» Im Jahr 2015 kündigt Bötschi. Er erinnert sich: «Ich musste am Tag nach meiner Kündigung ein Interview fertigschreiben, und plötzlich sprudelten die Worte wieder, die Blockade war weg.» Bötschi wechselt zu Bluewin ins Ressort «Leben». Die Redaktion befindet sich in Volketswil. Ob das die letzte Station ist in seinem Journalistenleben? Seine Antwort: «Es kommt darauf an, wie sich die Schweizer Medienlandschaft entwickelt.»
Bötschi. Den Namen gibt es ungefähr 300 Mal in der Schweiz, aber den Menschen nur einmal. Weltweit.
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