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(Handelsfreiheit, engl. Free trade), im engern Sinn und im Gegensatz zum Zollschutz der durch Schutzzölle nicht
beengte internationale Handel. Das Schutzzollsystem will die heimische Gewerbthätigkeit gegen fremde Konkurrenz dadurch stützen,
daß es Abgaben von die Landesgrenze passierenden Waren erhebt. Das Freihandelssystem dagegen setzt sich
eine rein negative Aufgabe, welche mit der endgültigen Beseitigung vorhandener Schutzzölle gelöst ist.
Einfuhrbeschränkungen und Einfuhrverbote, welche rein polizeilicher Natur sind, insbesondere die Einschleppung von Krankheiten
verhüten sollen, militärischen Zwecken dienen etc., stehen mit demselben nicht gerade im Widerspruch.
In diesem Sinn wandte sich England dem Freihandel zu, als es 1860 die wenigen Schutzzölle, welche damals noch bestanden, aufhob und
nur Finanzzölle nebst einigen rein polizeilichen Einfuhrbeschränkungen beibehielt. Aber auch die Vereinfachung seines
Finanzzollsystems entsprach freihändlerischen, auf ungehinderte Bewegung des Verkehrs gerichteten Anforderungen.
Die Anhänger dieser Freihandelstheorie (Freihändler, engl. Free-traders) erblicken in dem Schutzzoll
eine nur unwirtschaftliche Aufwendungen veranlassende, den Zwang zu billiger und guter Produktion beseitigende einseitige Begünstigung
eines Teils der Bevölkerung
[* 4] auf Kosten eines andern, während der Freihandel die Konkurrenz verallgemeinere, die vorteilhafteste Arbeitsteilung
ermögliche und damit nicht allein zur vollständigsten Auswertung und zur Mehrung der vorhandenen Kräfte,
sondern auch zur sichern und regelmäßigen Versorgung des Marktes führe. Alle Beschränkungen des Handels, auch solche, welche
zur Vergeltung gegen eine uns nachteilige Handelspolitik fremder Länder, insbesondere in der Form der Retorsionszölle (Vergeltungszölle),
verhängt werden, werden als nachteilig bezeichnet. Sperrt der Fremde seine Thür, so schädigen wir uns selbst,
wenn wir das Gleiche thun und den Landesbewohnern verwehren, ihren Bedarf so billig wie seither zu decken (vgl. Zölle).
Der Freihandel im weitern Sinn des Wortes ist gleichbedeutend mit der Freiheit des Erwerbs wie überhaupt des wirtschaftlichen Lebens,
allerdings unter der Voraussetzung, daß die zum Schutz wohlerworbener Rechte gebotenen Schranken nicht
überschritten werden; der Freihändler in diesem Sinn verwirft alle durch Gesetz und Verwaltung geschaffenen künstlichen Beschränkungen
von Erwerb und Verkehr, wie Erschwerung der Niederlassung,
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Beschränkungen in der freien Wahl des Berufs und der beliebigen Verwertung von Arbeits- und Kapitalkräften durch Zunftverfassung,
Privilegien, Monopole, Konzessionswesen, Auflegung von Maximalsätzen (Taxen) für Warenpreise und Arbeitslöhne, Wuchergesetze,
Luxusverbote u. dgl. In ihrer extremen, aber in der
Wirklichkeit in solchem Umfang noch nie und nirgends praktisch gewordenen Ausgestaltung beruht diese Freihandelslehre
auf einer rein individualistischen Auffassung aller volkswirtschaftlichen Verhältnisse.
Nach dieser am konsequentesten von JohnPrince-Smith vertretenen Auffassung soll alles wirtschaftliche Getriebe
[* 6] aus freier individueller
Thätigkeit und aus der von freien Vereinigungen entspringen. Organ der Volkswirtschaft ist der Markt, auf welchem sich die
Interessen berühren und die Kräfte messen. Bei freier Konkurrenz werden die Kapitalien und Kräfte richtig
verteilt und am vollständigsten ausgewertet, die Preise immer eine angemessene, den Verhältnissen entsprechende Höhe, die
Gewinne ein gleiches Maß behaupten.
In der Praxis machten sich die freihändlerischen Ideen immer dann geltend, wenn herrschende Gegenströmungen
zu bekämpfen, vorhandene Schranken zu beseitigen waren. Infolgedessen nahmen die freihändlerischen Bestrebungen, auch wo
sie nicht in extremer Ausbildung aufgetreten sind, einen vorzüglich negativen Charakter an. Die Notwendigkeit des Kampfes führte
naturgemäß zur Parteibildung mit Programmaufstellung. Eine solche Freihandelspartei bildete sich in
den 20er Jahren in England, nachdem
bereits 1820 Londoner Kaufleute eine entsprechende Petition bei dem Parlament eingereicht
hatten.
Der Übergang zu einer gemäßigtern Handelspolitik, welcher seit 1860 erfolgte, war das eigenste Werk von Napoleon III.,
dessen Maßregeln auf großen Widerstand stießen. Die von ihm abgeschlossenen Handelsverträge, zumal da die Klausel der Meistbegünstigung
in dieselben aufgenommen wurde, führten mehr und mehr zu Handelserleichterungen. Nach 1870 schlug die französische Handelspolitik
unter dem Druck der Finanzlage des Staats wieder eine von Thiers besonders begünstigte protektionistische Richtung ein, die
sich auch im Tarif vom sowie in den seither aufgestellten Konventionaltarifen behauptet hat.
Als nun nach den politischen Ereignissen von 1866 und 1870 das Bedürfnis nach legislatorischen Änderungen und Neuschöpfungen
erwuchs, wußten sich die freihändlerischen Ideen, deren Träger
[* 19] auch gleichzeitig warme Vertreter der deutschnationalen Idee
waren, größere Geltung zu verschaffen (so im Zollwesen, in der Gewerbeordnung etc.). Wirksame Unterstützung
fanden sie hierbei in der Regierung selbst, welche gern förderte, was zum einheitlichen Ausbau des Reichs notwendig und ihm
dienlich war (Freizügigkeit, Münze, Maß, Gewicht etc.). Nun sind allerdings viele und selbst gemäßigtere Anhänger der Freihandelslehre
in ihrer Begeisterung früher vielfach mit ihren Forderungen über die Grenzen einer gesunden Volkswirtschaft
hinausgegangen (Bekämpfung der Patenterteilung, der Expropriationsgesetze etc.). Die Gesetzgebung, welche übrigens in kurzer
Frist für neue Verhältnisse geschaffen werden mußte, erwies sich in vielen Beziehungen als reformbedürftig.
Inzwischen hatte der Sozialismus seinen heftigen Kampf gegen die Bourgeoisökonomie eröffnet, hatte der Verein für Sozialpolitik
das Bedürfnis betont, mehr die wirklichen Gestaltungen des praktischen Lebens zu berücksichtigen, was
die abstrakte Freihandelstheorie versäumt habe. Dazu kam Ende der 70er Jahre die wirtschaftliche Notlage, welche den Wunsch
nach gesetzlicher Hilfe mehr und mehr laut werden ließ. Viele waren nur zu geneigt, die seitherige Freihandelspolitik als
Ursache der beklagten wirtschaftlichen Übelstände zu betrachten.
Folge hiervon war, daß nun andre Strömungen (Schutzzollpartei, konservative Sozialpolitiker) die Oberhand gewannen, zumal
nachdem auch der Reichskanzler mit der seitherigen Wirtschaftspolitik gebrochen und mit Vorlegung des Zolltarifs von 1879 eine
neue inauguriert hatte. Die Anhänger des Freihandels wurden nun mehr darauf hingedrängt, Errungenes zu
behaupten. Dahin sind auch im wesentlichen die Bestrebungen des Vereins zur Förderung der Handelsfreiheit gerichtet, welcher
unperiodisch kleine »Mitteilungen« in Broschürenform herausgibt.
Ebenfalls auf freihändlerischem Boden stehen die »Volkswirtschaftlichen Zeitfragen«, Vorträge und Abhandlungen, herausgegeben
von der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft in Berlin
[* 20] und der ständigen Deputation des Kongresses deutscher Volkswirte. Übrigens
ist zu betonen, daß die Zahl der Anhänger eines extremen Freihandels verschwindend klein ist. Auch
die Mitglieder des volkswirtschaftlichen Kongresses weisen dem Staat positive Aufgaben zu, wollen der individuellen FreiheitSchranken gezogen wissen.
Demnach unterscheidet sich der heutige Freihandel von andern volkswirtschaftlichen Richtungen dadurch, daß er dem Individualismus,
der individuellen Selbständigkeit und
Verantwortlichkeit, der unbeengten Privatwirtschaft u.
der freien Konkurrenz einen größern Spielraum eingeräumt, dagegen die Fürsorge, Hilfe und beschränkende Maßregeln sowie
Unternehmungen und gewerbliche Betriebe des Staats auf ein engeres Gebiet beschränkt wissen will. Aus der umfangreichen Litteratur
vgl. Lehr, Schutzzoll und Freihandel (Berl. 1877); Fawcett, Free trade, protection and reciprocity (6. Aufl., Lond.
1885; deutsch, Leipz. 1878).