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Als junges Mädchen hatte Jean zwei Tannen. Tanne West, eine Eiche namens Frieda, befand sich im Westen des Oberen Hubenwaldes in einer Lichtung am Waldrand, Tanne „Ost“, Omar genannt, im unteren Hubenwald etwa Fünfhundertmeter über Jeans Wohnhaus im Herzen des Waldes. Von der Lichtung Frieda aus, hatte Jean eine schöne Panoramaussicht über die Wiesen und Felder des Berner Mittellandes. Jeden Abend sah man von diesem „Fleck“ aus bei schönem Wetter die Sonne hinter den Schneebergen des Berner Oberlandes Richtung Meer untergehen. Birke Omar hing über eine Schlucht, durch deren dichtes Gestrüpp die Kirchturmspitze des Dorfes schimmerte und war nur über einen steilen Aufstieg zu erreichen.
Friedalein West suchte Jean auf, wenn sie was zu lachen hatte und in schwatzhafter Laune war. Omarchen Ost, wenn sie weinte und sich zwischen den dick bekrönten Bäumen vor dieser Welt vergraben musste.
Diese „Welt“ beschränkte sich damals fast ausschliesslich auf dieses Dorf mit diesem schönen, Schindel bedeckten Kirchturm, einer grossen funktionalen Turnhalle mit (Hermann) burgerschem Interieur aus verrosteten Bahren und sich in Klebemasse auflösenden Ringen sowie eine braune unprätentiöse Schachtel von Schulhaus, gefüllt mit etlichen schikanierenden Lehrern. Der Pfarrer war alt und sich selbst fremd, der Dorfarzt uralt und weisshaarig. Er hatte es verstanden, den Eingesessenen mit aller Offenherzigkeit das Geld aus der Tasche zu ziehen. Selbstverständlich wohnte er in der prächtigsten Villa des Dorfes, während die Neureichen die seelenlosen Terrassenhäuser auf der ehemaligen Kuhweide, am Hügelende des unteren Hubenwaldes einnahmen. Das war gleich eine Strasse über Jeans zuhause. Neben Jean wohnte mit seiner Familie Kambli-Vertreters Baumann, der am Nationalfeiertag, dem Ersten August, jedesmal so viel Feuerwerk über die Neureichen hinweg in die Luft und Richtung Waldrand jage, dass man hätte meinen können, Gott selbst sei am Qualmen und nicht etwa der alte Brigadier, unterhalb Baumanns, ein Mann mit „Prinzipien“ und „Moral“, der nicht aufhören konnte, das ganze Dorf zu verspotten ….
Was aber hat das alles mit Jean und ihren Tannen zu tun? Nun, vielleicht, dass man den Ort, in dem man aufwächst, nicht auswählen kann. Aber dass der Einfluss, den er auf den Werdegang eines Menschen hat, nicht zu unterschätzen ist. Ein bekannter Soziologe hat mal gesagt, dass ein Kind einen einzigen Menschen haben muss, der an ihn’s glaubt; soll einmal etwas aus ihm werden. In Jeans Ort fehlte definitiv ein solcher Mensch, denn Jean war zarter, feiner und bald einmal auch verschlossener als die andern Kinder. So ging Jean verloren und öffnete sich den Tannen, weil keiner Erwachsener sich bemühte, ihr Vertrauen zu gewinnen. Jean fühlte sich wohl unter schräg gewachsenen Bäumen!
Mit Vierundzwanzig kam Jean einmal in ihren Heimatort zurück, die Kind- und Jugendzeit lag erst frisch in ihrem Rücken. Jean war jetzt selbst ein schräg gewachsener Baum, glaubte aber, dass auch die andern im Grunde schräge Bäume waren, nur, vielleicht verdeckter. So fragte sie sich: Was sind wohl aus meinen ehemaligen Schul- und Dorfkameraden für geheimnisvolle Kuriositäten geworden? Zu was für schrägen Bäumen sind sie wohl gewachsen? Vorne an der Schultafel und am Pult verhielten sie sich immer wie Ducksemäuser, doch sobald sie sich unbeobachtet fühlten, wussten sie eigentlich nichts Besseres, als zu grölen …über Hinke-Benzli, der mit seinem Anhänger die Überresten seines Mittagessen jeden Morgen in den Gasthof Bären karrte als Nachtisch für die Brat-Säue. Über die kurzsichtige Tochter des Bäckers, die mit über Vierzig noch bei ihrem Vater lebte, über Unfälle und Verunfallte, Verquere in jeder Hinsicht … über alles heimlich so offensichtlich schräg Gewachsene …
„Von keinem wurde mir während meiner Jugendzeit ein so flauschiges Ohr geliehen, wie vom Wald!“, sagte Jean damals einmal zu Till, einem gleichzeitig schräg wie gerade gewachsenen Bäumchen. Till und Jean waren zu diesem Zeitpunkt noch kein Paar – zumindest was den Leib betrifft, herrschten Ambivalenzen – aber, ohne, dass sie ihn richtig kannte, löste Jean aus Tills dick gepolsterten Ummantelung und Introvertiertheit die „delikate“ Tiefe und Fairness eines Gehörs … Er war auf einem Ohr übrigens schwerhörig, aber das störte ihn nicht. Wer weiss, vielleicht verhilft eine Schwerhörigkeit erst recht dazu, zu lauschen und zu hören, weil man dann doch auf alle Fälle besser hinhört, als wenn sich alles so selbstverstaendlich hineingiesst ins Ohr wie Soda… so Jeans Überlegung.
In einer kühlen Septembernacht zogen Jean und Till in den Hubenwald, zu spät jedoch, denn es dunkelte bereits. „Schau!“, rief Jean. „Da irgendwo ist Omar! Bei ihm habe ich mich früher jeden zweiten Tag ausgeweint!“ Jean vermutete die Bienenschlucht ganz in der Nähe, jedoch war es, wie gesagt, bereits so finster, dass sie keinen Meter weit sehen konnten. Vielleicht wegen dieser Finsternis nahmen sich Till und Jean auch an der Hand. Jean, die keuchend über ihre eigenen Füsse stolperte, hatte sogleich eine weitere famose Idee: „Komm! Ziehen wir uns bis auf die nackten Oberkörper aus! Dann fühlen wir uns ganz frei und ungebunden!“
In dieser Stimmung ging es weiter über Steine, Wurzeln, Haufen voller Moos und Laub. Till versteckte sich immer wieder hinter Bäumen, nur so zum Spiel, offenbar. Der Mond fiel durch die Lichtung und fasste die Silhouette seines knabenhaften Korpus‘, kullerte wie Konfetti über ihre Schulterblatt, als sie Tanne Frieda, die Glückstanne, erreichten. Jean wurde ganz ernst. „Schau! Hier habe ich viele schöne Momente erlebt! Frieda kennt all meine lustigen Anekdoten. Dabei hab immer zum Meer gesehen, dort drüben!“
In diesem Moment knackte etwas im Unterholz, es war nur ein leises Geräusch. Jean wollte hinter den Bäumen nachsehen, aber Till blieb vom Erdboden verschluckt! „Tiiillll!“, rief Jean durch den Wald. Dann überkam sie eine panische Angst, und sie fing an, zu laufen. Sie wollte nur noch eins; raus aus diesem grässlichen Wald… die ganze Zeit über, während sie lief, hielt sie ihr Unterhemd zu einem Knäuel gepresst in ihrer Faust. So endete das erste und einzige Versteckspiel der beiden (später stellte es sich als absolutes Missverständnis heraus. Till hatte sich sage und schreibe im unteren Häutligenwald verlaufen!!!)
Am 26. Januar 2001 fegte der Sturm Lothar über die Schweiz und fräste dem unteren Hubenwald einen kärglichen Irokesenschnitt in die Haube.
Zehn Jahre später waren die Folgen der Verwüstung immer noch sichtbar in den Schneisen. Der Himmel fiel ungefiltert hindurch und da, wo früher Tannen waren, wucherte dorniges, bodennahes Gestrüpp. Gleichzeitig hatte man Strassen in den Wald hinein gebaut, das Dickicht aufgeräumt… Wenn Jean mit der Emmentaler-Burgdorfbahn ins Dorf eintrudelte, das ihr zu diesem Zeitpunkt fremd geworden war, sah sie immer zuerst zum Wald auf der Haube (darum Hubenwald) hinauf, um dann bei sich festzustellen: „Es fehlt ihm so an Ueppigkeit, und er hat so Mangel an Nährstoff, wie alles!“
Knappe drei Monate konnte Jean im Winter fünf Jahre später und auch im Winter darauf ihr Kinder-Bett nicht verlassen, ehe es sie – zuerst gedanklich – dann physisch Ende Februar – Meter für Meter in den unteren Hubenwald zog. Obschon Jean wie eine Ente watschelte, reichte jetzt die Kraft nicht mehr bis zu Frieda, aber die Distanz zwischen ihrem Elternhaus und Tanne Ost respektive den Terrassenhäusern der (ehemaligen) Neureichen und Omar kam Jean jetzt trotz aller Gebrechlichkeit läppisch gering vor. Gepresst atmend sass sie auf seinem „abgesägten“, knospenden Stamm, baumelte mit den Beinen und lauschte den Geräuschen der Nachbarn sowie der regelmässigen Laster unten auf der Autostrasse.
Alles ist auf einen unbegreiflich nahen Fleck herangeschmolzen und gleichzeitig so fremd, weit weg und irgendwie anonym. Dachte Jean. Durch die kargen Bäume der Schlucht schimmerte der Kirchturm des ärmlichen Kaffs. Jean war in der Zwischenzeit kaum gross in der Welt herumgekommen, sah jetzt aber keinen Grund mehr, sich vor irgendetwas oder irgendwem zu vergraben.
(21.7.18)