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Diane von Furstenberg rennt in Strümpfen über den flauschigen Teppich in ihrem New Yorker Büro. «Wo sind meine Stiefel?», ruft sie ihrer Assistentin zu, die den Kopf zur Tür hereinsteckt. «Vor zwei Minuten waren sie noch da. Ich mache nichts ohne meine Stiefel.» Und zur Journalistin, die bereits fürs Interview auf dem Sofa Platz genommen hat: «Entschuldigen Sie, ich komme gleich. Aber ich will wissen, wo meine Stiefel sind.» Sie verschwindet aus dem Büro. Taucht ein paar Minuten später wieder auf, mit den Stiefeln in der Hand, und sagt, die Putzfrau hätte sie verlegt.
Dann sinkt die 61-Jährige in den Sessel und fragt, nun ganz gelassen: «All right, worüber wollen wir sprechen?»
Über das Wickelkleid, mit dem sie zweimal Karriere gemacht hat. Erfunden hat es Diane von Furstenberg für sich selbst, kurz nachdem sie von Paris nach New York gezogen war. Ein unkompliziertes Kleid wollte sie haben, eins, das sie sich einfach umbinden und darin toll aussehen konnte. Es sollte zu ihrem schnellen Leben in New York passen. Da sie nirgends etwas findet, das ihren Vorstellungen entspricht, beschliesst sie dieses Kleid selbst zu entwerfen. Inspiriert vom Kimono, schneidert sie aus T-Shirts mit Fledermausärmeln erste Modelle des Wrap, des Wickelkleids. Ein befreundeter italienischer Textilunternehmer hilft ihr, die Entwürfe umzusetzen. Die fertigen Wraps packte sie in einen Koffer und zeigte sie der damaligen Chefin der US-«Vogue», Diana Vreeland. «Ich war zwar ein unerfahrenes Mädchen, aber ich war auch eine europäische Prinzessin, die in der New Yorker Gesellschaft geschätzt wurde.»
Diane von Furstenberg erzählt mit tiefer kerniger Stimme, der Akzent ihrer Muttersprache Französisch ist ihrem Englisch noch deutlich anzuhören. «Mit dieser Legitimation konnte man sogar an der Tür der legendären Diana Vreeland anklopfen. Wenn man sich traute.» Die Chefin der «Vogue» ist begeistert.
Wickelkleider in allen Variationen
Es war das Kleid der Zeit. Anfang der Siebzigerjahre waren immer mehr Frauen berufstätig und brauchten für ihren Job im Büro ein unkompliziertes, aber hübsches Outfit. Anfangs zog Diane von Furstenberg selbst von Warenhaus zu Warenhaus, um den Amerikanerinnen persönlich zu erklären, wie sie das Wickelkleid aus weichem, dehnbarem Jersey richtig um die Hüfte binden sollten. Wie sie darin, egal ob gross, klein, dünn oder dick, stolz ihre Formen zeigen konnten. Auf den ersten Werbeplakaten sitzt Diane von Furstenberg in dem Wickelkleid auf einem weissen Kubus, auf dem steht: «Feel like a woman, wear a dress» – fühlen Sie sich wie eine Frau, tragen Sie ein Kleid.
Die Botschaft kam an. Schauspielerinnen wie Candice Bergen trugen das Wrap ebenso wie die Feministin Gloria Steinem. Karl Lagerfeld sagte: «Das Wickelkleid von Diane von Furstenberg entspricht genau dem Bedürfnis der modernen Amerikanerin.» 1976, sechs Jahre nach der Lancierung, verkaufte Diane von Furstenberg in den USA fünf Millionen Wickelkleider, die es mittlerweile in allen Farben und Prints gab. Das Wirtschaftsmagazin «Newsweek» brachte die Designerin auf dem Titel und schrieb: «Wirtschaftlich gesehen ist Diane von Furstenberg die wichtigste Designerin seit Coco Chanel.»
23 Jahre alt war Diane von Furstenberg, als sie mit dem genialen Designwurf den Grundstein zu ihrer ersten Karriere legte. Die Tochter eines russischen Unternehmers und einer Griechin war in Brüssel aufgewachsen, hatte in der Schweiz und England Internate besucht und in Madrid Spanisch studiert. In Paris arbeitete sie bei einer renommierten Fotografenagentur und befreundete sich mit dem Topmodel Marisa Berenson, der Enkelin der berühmten italienischen Modeschöpferin Elsa Schiaparelli. Das war ihr Einstieg in den Jetset.
Im Juli 1969 heiratete Diane in Paris den deutschen Adligen Egon von Furstenberg, einen angehenden Banker, der bereits in New York lebte. 500 Gäste kamen zur Hochzeit, die «Vogue» berichtete. Diane von Furstenberg, geborene Halfin und nun Prinzessin, trug ein Kleid von Christian Dior, das ihr Bäuchlein versteckte – sie war im dritten Monat schwanger. Nach der Hochzeit wanderte sie nach New York aus. Mit dem Schiff. «Ich wollte an der Freiheitsstatue vorbeifahren», sagt sie, «wie jeder Immigrant mit grossen Träumen von der Zukunft.»
«Ich will den Frauen Macht geben»
An diesem Tag in ihrem New Yorker Büro trägt Diane von Furstenberg natürlich: ein Wickelkleid. Dasselbe Modell – mit Tigerprint –, das sie auch auf dem Bild von Andy Warhol anhat. Dieses Bild hängt über dem Sofa in ihrem Büro. Ihr Blick darauf: verführerisch. Und gleichzeitig sehr selbstbewusst. «Ich wollte immer die Frau sein, die ihrem eigenen Schatten davonrennt», sagt sie. «Die Frau, die alles kann, die auf dem Fahrersitz Platz nimmt und das Gaspedal durchdrückt.» Dieses Gefühl will sie auch anderen geben. «Darin sehe ich meine Rolle als Designerin: Ich will den Frauen Macht geben. Frauen haben mich von Anfang an inspiriert.»
Sie sprechen von Ihren ersten Kundinnen, die Sie beraten haben?
Ich spreche von allen Frauen. Mich inspirieren alle Frauen, Mutter Teresa, Angelina Jolie, die Verkäuferin im Laden um die Ecke.
Was genau fasziniert Sie an Frauen?
Frauen sind stark. Ich kenne keine einzige Frau, die nicht stark ist. Vielleicht trauen sich manche nicht, ihre Stärke zu zeigen, weil sie von einem Mann oder von der Familie unterdrückt werden. Aber schauen Sie: Wenn eine Frau ihreTage hat, steht sie morgens auf, geht zur Arbeit und sagt: Alles ist bestens – dabei hat sie die schlimmsten Schmerzen. Welcher Mann könnte das?
Das Wickelkleid war nur der Anfang. Innerhalb von wenigen Jahren wurde «Diane von Furstenberg» zur globalen Marke. Der Name war auf Badeprodukten zu lesen, auf Schmuck, Sonnenbrillen, auf Bettwäsche, Diane von Furstenberg gab ein Parfum heraus, das den Namen ihrer Tochter, Tatiana, trug, lancierte eine Beautylinie und entwarf Reisegepäck. Sie verdiente viel Geld. Mitte der Achtzigerjahre war die Palette ihres Erfolgs sehr breit. Zu breit. Die Designerin verlor den Überblick, die Qualität litt, sie schloss zu viele unvorteilhafte Lizenzverträge ab. Der Name büsste an Glanz ein. Und vor allem: Das Wickelkleid verschwand von der Bildfläche.
Diane von Furstenberg zog sich aus dem Business zurück. «Das war schrecklich», sagt sie heute. «Es war, als hätte ich einen Teil meiner Identität verloren. Ich bin krank geworden. Ob Sie es glauben oder nicht, ich habe davon letztlich Zungenkrebs bekommen. Weil ich mich nicht mehr ausdrücken konnte.»
Gesellschaftlich war Diane von Furstenberg gefragt wie eh und je. Sie zählte Künstler, Designer und Intellektuelle zu ihrem Freundeskreis, galt als eine der beliebtesten Gastgeberinnen New Yorks. Paloma Picasso, Richard Gere, Fran Lebowitz gingen in ihrem Apartement ein und aus. Sie gehörte zu den Stammgästen des legendären Studio 54, feierte mit Andy Warhol, Bianca Jagger, Diana Ross, Raquel Welch. Sie freundete sich mit Henry Kissinger an, lernte Präsident Gerald Ford kennen, später Bill Clinton und Fidel Castro. Blickt sie zurück, trauert sie den wilden Zeiten nicht nach. «Ich bin dankbar, dass ich während einer lustigen Zeit jung war», sagt sie. «Und dass ich ein Leben lang immer wieder spannende Menschen kennen lernen durfte.»
Affären und Liebschaften
In der Erziehung ihrer beiden Kinder Alexandre und Tatiana war sie allerdings früh auf sich selbst gestellt. Bereits vier Jahre nach der Hochzeit hatte sie sich vom Vater, Egon von Furstenberg, getrennt. Mit Mitte zwanzig war sie allein erziehende Mutter. Sie blieb freundschaftlich mit Egon von Furstenberg verbunden – bis zu seinem Tod 2004. Selbst nach der Scheidung schickte er ihr jedes Jahr zum Hochzeitstag ein Geschenk. Sie hat nie Alimente von ihm verlangt: «Ich habe Frauen nie verstanden, die Geld von einem Mann verlangen, wenn sie es nicht brauchen.» Sie brauchte es nicht. Zum 27. Geburtstag kaufte sie sich ein 150-jähriges Landhaus in Connecticut. Dort fuhr sie an den Wochenenden mit den Kindern hin, um sich vom New Yorker Stadtstress zu erholen. Cloudwalk, das Haus, ist bis heute «der Quell meiner Gesundheit».
In ihrer Autobiografie von 1998, «Diane. A Signature Life», schreibt Diane von Furstenberg über Affären und Liebschaften, die sie nach dem Ende ihrer Ehe einging und die nicht immer «allzu einfach waren». Wie die mit dem brasilianischen Kunsthändler den sie während einer Reise nach Bali kennen lernte und der sie faszinierte, weil er ein so anderes Leben führte als sie. «Er lief den ganzen Tag mit nackten Füssen am Strand herum.» Sie erzählt auch von einem italienischen Schriftsteller, mit dem sie Mitte der Achtzigerjahre in Paris lebte. Sie erfüllte sich dort zwar einen beruflichen Traum und eröffnete einen Verlag für Belletristik- und Interieurbücher. Vor allem aber kümmerte sie sich um sein Wohl.
Diane von Furstenberg, die doch immer unabhängig sein wollte, sagt, sie hätte das ganz bewusst getan. «Eine Zeit lang wollte ich eben diese Art von Frau sein. Nun ja. Das dachte ich zumindest. In Wahrheit habe ich mir wohl eher etwas vorgemacht. Aber das kann eben auch eine Fantasie sein, die man leben will, ganz für einen Mann da zu sein. Ich habe mich einmal fünf Jahre lang für einen Mann aufgegeben. Danach nochmals fünf Jahre für einen anderen. Doch dann habe ich gesagt: Das reicht!»
Vor sechs Jahren heiratete Diane von Furstenberg den Medienmogul Barry Diller, mit dem sie seit zwanzig Jahren befreundet ist. «In dieser Beziehung kann ich die richtige Mischung aus Nähe und Distanz leben.» Ihr Ehemann hat sie auch bei ihrem Comeback unterstützt.
Neuanfang
In den späten Neunzigerjahren entdeckt Diane von Furstenberg, zurück in den USA, ihr Wickelkleid erneut: Sie sieht es an jungen Frauen auf der Strasse. In Vintage-Läden gibt es Wartelisten dafür. «Sogar meine Tochter, die in Sachen Mode immer einen guten Riecher hat, kaufte sich ein Vintage-Stück von mir.» Immer wieder sagen ihr Kollegen aus der Modebranche: «Diane, wir brauchen dich.» Sie beschliesst, die alte Idee wieder aufzunehmen, kreiert neue Designs und beschert ihrem Wickelkleid ein Aufsehen erregendes Revival. Zur Präsentation der ersten neuen Kollektion im New Yorker Nobelwarenhaus Saks Fifth Avenue kommen ehemalige Fans, vor allem aber Journalistinnen und Journalisten aller wichtigen Magazine. Das Wickelkleid zieht wieder an – Fünfzigjährige, die schon in den Siebzigern darin Nächte durchgetanzt haben. Aber ebenso Zwanzigjährige, denen Andy Warhol und Studio 54 kein Begriff mehr sind.
Ganz klein hat Diane von Furstenberg 1997 wieder angefangen, mit gerade mal drei Mitarbeitern im New Yorker West Village. Mittlerweile arbeiten über hundert Leute für sie. Sie hat ihre Kollektion vorsichtig auf Accessoires, Badekleider und Sportswear ausgedehnt. Und kreiert nicht mehr nur Wraps, sondern auch Hosen, Blusen und andere Kleider.
Vor einem Jahr ist sie in ein sechsstöckiges Gebäude im angesagten Meatpacking District eingezogen, New Yorks ehemaligem Fleischerviertel. Der historische Bau wurde komplett renoviert, in den grosszügigen Räumen hängt ein Teil ihrer privaten Kunstsammlung, überall stehen Designklassiker nach Farbe und Stil geordnet. Hier, in ihrem neuen Headquarter, arbeitet Diane von Furstenberg – und manchmal schläft sie hier auch: Auf dem Dach hat sie eine diamantförmige Kuppel bauen lassen und dort ein Penthouse eingerichtet.
Seit ihrem Comeback ist die Designerin ständig unterwegs, um neue Boutiquen zu eröffnen. 19 davon gibt es schon. Zwei Tage nach dem Interview wird Diane von Furstenberg nach London fliegen, um dort eine weitere zu eröffnen, danach folgen Brüssel, Moskau, Hong-kong, Shanghai. «Ziemlich verrückt, diese Reiserei», sagt sie. «Aber das macht mir nichts aus. Der Trick ist, mit wenig Gepäck zu reisen. Ich sage immer: Wenn du weisst, was in deine Reisetasche gehört, weisst du, was in dein Leben gehört.»
Diane von Furstenberg, welche Ihrer beiden Karrieren haben Sie mehr genossen, die erste oder die zweite?
Die erste war wunderbar. Ich habe den amerikanischen Traum gelebt. Ich war jung und schön. Ich hatte Kinder, Geld, Lover. Aber ehrlich gesagt: Die zweite ist noch besser. Sie ist so schmeichelhaft. Kürzlich hat mir an einem Anlass ein Mädchen das schönste Kompliment gemacht. Sie war 16 Jahre alt, wunderschön und sagte: «Ich liebe Ihre Kleider.»
Diane von Furstenberg über …
glückliche Momente: Ich steige gern auf Berge. Ich war zum Beispiel auf dem Machu Picchu. Nach einem harten Aufstieg oben anzukommen, ist ein glücklicher Moment.
die intensivste Erfahrung: Als meine beiden Kinder und meine drei Enkel geboren wurden. Kinder zur Welt bringen, das ist übrigens auch etwas, was die Stärke von Frauen beweist.
Schönheit: Nichts ist vergleichbar mit der Schönheit der Natur. Wenn ich draussen unterwegs bin, habe ich immer meine Kamera dabei. Die Motive, die ich finde, benutze ich für meine Stoffe.
Die Design-Prinzessin
Diane von Furstenberg wird am 31. Dezember 1946 in Brüssel geboren. Ihre Eltern sind beide in jungen Jahren nach Belgien emigriert – ihr Vater aus Russland, ihre Mutter aus Griechenland. Die Mutter, eine Jüdin, hat als Mädchen den Holocaust überlebt. Der Vater arbeitet als Unternehmer in der Elektronikbranche. Diane wächst in gehobenen Verhältnissen mit einem jüngeren Bruder auf. In Genf, wo sie kurz Wirtschaft studiert, lernt sie in einem Club Egon von Furstenberg kennen, ihren späteren Ehemann. Sie hat mit ihm zwei Kinder: Sohn Alexandre, ein Finanz unter nehmer, und Tochter Tatiana, Schriftstellerin. Im Jahr 1985 gründet Diane von Furstenberg in Paris das französische Verlagshaus Salvy mit, und verfasst Interieurbücher. 1992, zurück in den USA, steigt sie als eine Pionierin ins Teleshopping-Geschäft ein und verkauft Seidenprodukte am Fernsehen.
1997 gibt sie ihr Comeback als Designerin. Inzwischen arbeitet der britische Designer Nathan Jenden als ihr Kreativdirektor. Seit 2006 ist sie Präsidentin des amerikanischen Modedesignerverbandes CFDA. In dieser Position setzt sie sich unter anderem gegen magere Models ein.