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Nervöse Eliten
Es ist unübersehbar: Die wirtschaftspolitischen Eliten werden angesichts der zunehmenden Globalisierungsmüdigkeit immer nervöser. Ende September sagte zum Beispiel IWF-Chefin Lagarde in Chicago: «Die Welt muss einen neuen Konjunkturrückgang mit der Öffnung der Grenzen und der Förderung des Freihandels bekämpfen.»
Hintergrund dieser Nervosität ist die Verlangsamung des Welthandels im Nachgang der Finanzkrise. Im neusten World Economic Outlook des IWF finden wir folgende Grafik:
Sie zeigt einen klaren Trendbruch seit 2012 an. Im Jahr 2015 ist der Welthandel sogar geschrumpft.
Woran liegt es?
Für viele ist klar: Der zunehmende Protektionismus ist schuld. Brexit und Trump werden als klare Belege von Abschottungsmentalität interpretiert. Doch so einfach ist die Sache nicht.
Erstens hat sich der Welthandel bereits viele Jahre vor dem Brexit verlangsamt, und die US-Wahlen haben noch gar nicht stattgefunden. Das Prinzip der Chronologie spricht klar dagegen.
Zweitens ist nicht klar, ob der Brexit tatsächlich für eine pauschale Hinwendung zum Protektionismus steht. In Grossbritannien soll ja nur die Personenfreizügigkeit eingeschränkt werden, nicht der grenzüberschreitende Güter- und Dienstleistungsverkehr.
Drittens kann man im IWF-Bericht selber nachlesen, dass vor allem das schwache Wachstum der grossen Volkswirtschaften für die Abschwächung des Welthandels verantwortlich ist und nur zu einem geringen Teil die Zunahme von protektionistischen Massnahmen.
Hier ist das Ergebnis der IWF-Berechnungen. Die erste Säule zeigt, dass der grösste Teil des Welthandelsrückgangs mit der schwächeren Nachfrage (blauer Balken links) erklärt werden kann. Die zweite Säule zeigt, dass vom unerklärten Teil (dunkelroter Balken links) nur ein geringer Teil durch Protektionismus (gelber Balken rechts) erklärt werden kann.
Die Behauptung, dass wir an der Schwelle eines protektionistischen Zeitalters stünden, steht also auf wackligen Füssen. Es stimmt zwar, dass viele Leute etwas globalisierungsmüde geworden sind. Aber im Vergleich zu früheren grossen Krisen (1870er-, 1930er-Jahre) ist der protektionistische Reflex bisher schwach geblieben.
Umgekehrt ist aber auch klar: Es ist nicht klug, die Globalisierungsmüdigkeit durch eine neue Liberalisierungsrunde zu bekämpfen. Wer Wind sät, erntet Sturm. Es reicht auch nicht zu beteuern, dass man die Verlierer einer weiteren Öffnung besser entschädigen müsse. Viel wichtiger ist heute die Frage der Demokratie, und da besteht nun mal ein Widerspruch zwischen wirtschaftlichen Interessen und dem Ideal der Selbstbestimmung.