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Diogenes im Fass, Hieronymus in der Höhle, Montaigne im Turm, die Droste-Hülshoff auf der Meersburg, Heidegger in seiner Hütte bei Todtnauberg: Wie diese berühmten Rückzugsorte wurde auch Wittgensteins kleines Haus bei Skjolden zur Legende.
Der österreichisch-englische Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889–1951) stand vor seinem grossen Durchbruch, als er sich 1913 nach Norwegen zurückzog, um sich in einem unzugänglichen Wald bei Skjolden ein kleines Haus zu bauen. Es wurde zu seinem Rückzugsort, wo er die Einsamkeit suchte, um über die in Cambridge aufgetauchten philosophischen Probleme nachzudenken.
Ohne Kenntnis der geografischen Situierung könnte man annehmen, das Gebäude befinde sich weitab von jeglicher Zivilisation. Doch das trifft nur bedingt zu, denn lediglich ein kleiner See, der Eidsvatnet, trennt den steilen Hang mit dem Wittgenstein-Haus von der Siedlung Skjolden am Ende eines der vielen Arme des Sognfjords. Für die Versorgung mit dem Nötigsten diente dem Eremiten ein Ruderboot.
Wittgenstein soll, so wird kolportiert, mehrere Grundstücke für sein Vorhaben inspiziert und abgelehnt haben – in einem Fall, weil er Fussspuren gefunden hatte. Zufrieden war er erst, als man ihm ein winziges Plätzchen vierzig Höhenmeter über dem Eidsvatnet anbot. Wenn auch nicht weit von der nächsten Siedlung, so ist der Ort doch tatsächlich abgeschieden. Der Anstieg auf dem unwegsamen Pfad nahe einer Felskante ist nämlich nicht nur anstrengend, sondern potentiell lebensgefährlich.
Architektonisch ist das von Wittgenstein entworfene hölzerne Refugium, nimmt man die von ihm für seine Schwester projektierte avantgardistische Villa in Wien als Vergleich, wenig bemerkenswert. Über einem gemauerten, annähernd quadratischen Sockel erheben sich das Wohngeschoss mit Stube und zwei Zimmern und darüber, mit einer schmalen Treppe verbunden, der ausgebaute Estrich unter dem Satteldach mitsamt einem die ganze Seite einnehmenden Balkon zum See hin. Die Toilette, ein Plumpsklo, ist etwas abseits aufgestellt. Zwischen Bootssteg und Haus ist ein Transportseil gespannt.
Wittgenstein soll sich hier zwischen 1914 und 1950 fünfmal aufgehalten und dabei auch Vorarbeiten für den berühmten Tractatus wie für die Philosophischen Untersuchungen geleistet haben. Er war nicht immer alleine; so lebte er bei seinem ersten Aufenthalt mit seinem Geliebten David Pinset zusammen, was im prüden Cambridge gewiss nicht toleriert worden wäre.
Ist man vor Ort, muss man den Mythos vom menschenscheuen Denker, der die Abgeschiedenheit suchte, hinterfragen. Wer Norwegen bereist, wird häufig genug Kleinstsiedlungen und Hütten sehen, bei denen nicht ersichtlich ist, wie man sie erreicht, auch nicht nach Konsultation von Landkarten. So abgelegen ist das Wittgenstein-Haus jedoch nicht. Hat man die Chance, auf dem Zeltplatz am Eidsvatnet in Skjolden zu campieren, wird man sozusagen zum Nachbarn, weil man das Haus am anderen Ende des Sees ständig im Blickfeld hat.
Nach dem Tode Wittgensteins im Jahre 1951 wurde das Haus abgebrochen und im Dorf wiedererrichtet, allerdings mit einer hellen Eternitverschalung. Es sollte bis 2010 dauern, bis eine Rekonstruktion ernsthaft diskutiert wurde. Den Anstoss gab der vorgesehene Verkauf des Hauses.
Es war ein einheimischer Lehrer, der 2014 eine Stiftung gründete mit dem Ziel, die noch vorhandene originale Bausubstanz zu inventarisieren und sie für die Wiederherstellung des Denkmals über den ursprünglichen Grundmauern zu verwenden. Die 2018 begonnenen Arbeiten konnten ein Jahr später mit der feierlichen Einweihung der Erinnerungsstätte im Juni 2019 abgeschlossen werden. Beim nahe gelegenen Hotel Vassbakken kann man den Schlüssel für die Besichtigung bekommen. Zusätzlich werden Führungen angeboten und es ist sogar möglich, im Haus zu übernachten.
Skjolden schmückt sich mit dem Label Wittgentstein. Auf verschiedenen Rastplätzen mit einer guten Sicht auf das Haus sind Informationstafeln aufgestellt worden, und kurz vor dem Ortseingang ist sogar das Boot des Philosophen, das im Wasser ruht, mit entsprechenden Hinweisen zur Schau gestellt. Nun, das Boot ist nicht echt, und ob die 2017 aus dem See geborgene morsche Barke, die auf der Frankfurter Buchmesse von 2019 vom Gastland Norwegen ausgestellt wurde, tatsächlich Wittgenstein gehörte, darf ebenfalls mit Fug bezweifelt werden.
Die Bemühungen von Skjolden, Wittgenstein zu ehren, grenzen an Reliquienkult – und dies ausgerechnet bei einem schwierigen Menschen, der nur engste Freunde in seiner Nähe duldete. Trotzdem ist ein Besuch des Wittgenstein-Hauses für alle, die sich durch die schwierigen Sätze des Tractatus gekämpft haben, so etwas wie eine Begegnung mit dem Urheber – und zwar eine der verständlichen Sorte.
Alle Bilder: Fabrizio Brentini