Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03581.jsonl.gz/145

Vor hundert Jahren kam der Tango aus Argentinien nach Europa – auch in die Türkei, wo er unter Staatspräsident Mustafa Kemal Atatürk zu einem Symbol für die Öffnung nach Westen wurde. Wie das getönt haben könnte, ist nun auf einer CD-Reihe zu hören.
Eine mysteriöse Krankheit ging um in Paris im Jahr 1910. Als Symptom galt eine sonderbare fieberhafte Erregung. Bei der «Epidemie» handelte es sich um einen neuen Tanz, der Tango hiess. «Nunmehr hat der Irrsinn sich in ganz Paris verbreitet», kommentierte eine Zeitung. «Überall wird Tango getanzt: in den Salons, in den Theatern, in den Tanzveranstaltungen und in den Nachtcabarets. Fast scheint es, die eine Hälfte der Stadt reibe sich an der anderen.»
Der Tango war Ende des 19. Jahrhunderts unter entwurzelten Gauchos und gestrandeten EinwanderInnen aus Europa in den Vorstadtslums von Buenos Aires entstanden. In diesem neuartigen Tanz- und Musikstil verbanden sich verschiedene Traditionssegmente europäischer Salontänze mit afrokaribischen Tanzformen wie Habanera und Milonga.
Paris im Tangoschritt
Mit der Zeit kristallisierte sich eine typische Schrittfolge heraus, bei der die Frauen von den Männern eng am Körper geführt wurden, weshalb der Tanz von der besseren argentinischen Gesellschaft zunächst als «obszön» abgelehnt wurde. Nach einem Kommentar zum grassierenden Tanztaumel in Paris befragt, gab 1914 der argentinische Botschafter zu Protokoll: «Der Tango ist ein Tanz schlecht beleumdeter Häuser und Tavernen der übelsten Art. Niemals tanzt man ihn in anständigen Salons oder unter feinen Leuten.»
Das änderte sich fast über Nacht, als der Tango in Paris zum Dernier Cri avancierte – und plötzlich wurde er endlich auch in seinem Heimatland salonfähig.
Von Paris schwappte die Tangowelle in andere europäische Metropolen. Ob Berlin, Barcelona, Bukarest oder auch Istanbul – überall wurde jetzt nach den schmachtenden Melodien aus Lateinamerika getanzt. Tanzkapellen und Komponisten schufen neue Adaptionen, indem sie auch Elemente der jeweiligen nationalen Musiktradition mit einbezogen.
Tangoorchester aus Buenos Aires kamen für Tourneen über den Ozean. Deutsche, französische und spanische Phonounternehmen nahmen Dutzende von Schellackplatten auf. Weil sich Authentizität besser verkaufte, sprangen einheimische MusikerInnen auf den Erfolgszug auf und gaben sich als argentinische TangokünstlerInnen aus: Valentin Comero zum Beispiel hiess mit bürgerlichem Namen Valentin Thébault und war Franzose.
Exilrussen in Budapest
Neben Paris wurde auch Bukarest zu einer Hochburg der neuen Mode. Einer der Stars der dortigen Szene war der Exilrusse Pjotr Leschenko. In seinem eigenen Musiklokal «Leschenko» säuselte seine schmachtende Stimme im Tangorhythmus jeden Abend den russischen EmigrantInnen vom Heimweh. Wenn die Zeit für den Auftritt gekommen war, wurden die farbigen Tiffanylampen im Halbrund auf Schummerlicht gedämpft, und die Kellner im Frack zogen sich ins Dunkel zurück.
Dann erschien der Herzensbrecher, um seine wehmütigen Melodien von Liebe und Sehnsucht ins Publikum zu hauchen. Obwohl Leschenkos Tangolieder in der frühen Sowjetunion als «konterrevolutionär und dekadent» galten und deshalb verboten waren, gelangten sie in grösseren Mengen ins Land – als Schmuggelware. In Leschenkos Liedern gingen die «russische Seele» und die Sehnsucht des Tangos eine unnachahmliche Mischung ein.
In der Türkei des frühen 20. Jahrhunderts wurde der Tango als «westliche Musik» begrüsst; es drückte sich darin die Hoffnung auf die Befreiung aus den Klammern der Tradition aus – und wurde so von Staatspräsident Mustafa Kemal Atatürk als Zeichen seiner Politik der Öffnung propagiert.
Seinen Einstand feierte der Tango in Istanbul im Februar 1914 bei einem Ball im «Skating Palace». Im Programmheft war eine Anleitung zur Ausführung des neuen Tanzes enthalten. Anfangs jedoch wurde Tango nur von nicht muslimischen Minderheiten goutiert – von Griechinnen, Juden oder Armenierinnen.
Das änderte sich mit der Republikgründung im Jahr 1923, als verstärkt westliche Einflüsse ins Land kamen, was dem Tango zu Popularität bei jenem Teil der türkischen Bevölkerung verhalf, die sich am Westen orientierte. 1928 gastierte Eduardo Bianco in Istanbul, der die Tangoepidemie in Paris mit entfacht hatte. Seine Konzerte mit Showtanzeinlagen wurden begeistert aufgenommen. Gleichzeitig erschien die erste türkische Tangoschallplatte: Muhlis Sabahattin Ezgis «Türk Tangosu. Tango Turquie». Damit war der Tanz endgültig am Bosporus angekommen.
Tango unter Atatürk
Vielerorten entstanden nun in Istanbul Tanzschulen und Tanzsäle, in denen die Modetänze der Zeit getanzt wurden – allen voran der Tango. Im neu gegründeten Istanbul-Radio gaben Tanzlehrer in speziellen Programmen Anleitungen. Zahlreiche Tangoorchester entstanden, und auch in der neuen Tonfilmindustrie erlebte der Tanz in den dreissiger Jahren einen Boom. Komponisten mischten «östliche» Motive in ihre Stücke und schufen damit eine türkische Spielart des Tangos, der sich in Istanbul vom vorherrschenden Machogebaren in seinem Ursprungsland löste und zu einer Unterhaltungsmusik für ein bürgerliches Publikum wurde.
Anfangs wurden alle türkischen Tangos ausschliesslich von Frauen gesungen. Allerdings brauchten sie dazu die Patronage des Staatspräsidenten. Nur mit Atatürks Einverständnis konnte es etwa die Tangosängerin Seyyan Oskay Hanim wagen, eine öffentliche Bühne zu betreten. Im Osmanischen Reich war das für muslimische Frauen noch undenkbar gewesen: Vor der laizistischen Atatürk-Revolution kamen Sängerinnen oder Schauspielerinnen ausschliesslich aus der jüdischen, armenischen, griechischen oder levantinischen Bevölkerungsgruppe. Atatürk machte damit Schluss und ermöglichte so auch muslimischen Frauen eine Karriere im Showgeschäft.
Istanbul war damals eine kosmopolitische Metropole mit pulsierendem Nachtleben, in deren Clubs sich vor allem ein gut betuchtes Publikum tummelte. Zu einem der Stars wurde Ende der dreissiger Jahre Ibrahim Özgür, dessen Orchester mit aufregenden Arrangements für Furore sorgte. 1938 erschien seine erste Platte bei der Firma Odeon. Besonders die Damenwelt hing an seinen Lippen, wenn er mit samtener Stimme in seinem Club «Ates Bäcekleri» (Glühwürmchen) schmachtende Lieder sang.
Mit der CD-Reihe «Old World Tangos» hat das Berliner Oriente-Label einen wahren Schatz gehoben. Die Tangos aus Alteuropa, ursprünglich in Schellack gepresst, offenbaren eine Welt im Umbruch, die sich auf dem Weg in die Moderne mehr und mehr nach aussen öffnet, ohne dabei die eigene Identität zu verlieren.
Diverse InterpretInnen: «Echoes from Afar. Old World Tangos, Vol. 1», «Tangos alla Romanesque. Old World Tangos, Vol. 2», «Polskie Tango 1929–1939. Old World Tangos, Vol. 3», «Istanbul Tango 1927–1953. Old World Tangos Vol. 4». Alle Oriente Musik. www.oriente.de