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Gegner glauben uns zu widerlegen, wenn sie ihre Meinung wiederholen und
auf die unsrige nicht achten.
Johann Wolfgang von Goethe
Obwohl ich Patrick Stokes nicht persönlich kenne, gefallen mir einige seiner Gedanken. In seiner Lehrtätigkeit, er ist Senior Lecturer für Philosophie an der Deakan University in Australien, beginnt er mit seinen Studenten, indem er sie gleich zu Beginn als Philosophen anspricht. Danach folgert er mit:
„Sie haben sicher den Ausdruck, jeder hat ein Recht auf eine Meinung schon gehört. Vielleicht haben Sie den Ausdruck schon selbst benutzt, um ein Argument auf den Kopf zu stellen oder eine Debatte zu beenden. Nun, wann immer Sie diesen Lehrsaal betreten, ist dies nicht mehr wahr. Sie haben kein Recht auf eine Meinung – Sie haben nur das Recht, etwas zu äussern, wenn Sie dafür Argumente haben.“
Ein bisschen hart, vielleicht. Aber dann denke ich, angehende Philosophen sollten lernen, wie man Argumente konstruiert und/oder verteidigt – und sollten erkennen, wenn ein Glaubenssatz oder eine Begründung nicht auf solidem Fundament stehen.
Das Problem mit „Ich habe das Recht auf meine Meinung“ ist erstens eine Rechtfertigung, man fertigt sich ein Recht, und zweitens wird es leider viel zu häufig als Ersatz und Synonym für, „Ich kann sagen und denken, was ich will“ herangenommen – was das Gegenüber davon abhält, weiter zu argumentieren, denn dies wäre respektlos. Diese Haltung, das Recht auf eine eigene Meinung zu haben, unterstützt, so glaube ich, eine falsche Äquivalenz zwischen Experten und Laien.
Was ist eine Meinung?
Nach einer verbreiteten philosophischen Begriffsverwendung ist das Meinen ein „Für-wahr-halten“, dem sowohl subjektiv als auch objektiv eine hinreichende Begründung fehlt. Dadurch unterscheidet sich das Meinen von Glauben und Wissen. Von Glauben spricht man, wenn jemand eine Aussage für wahr hält, ihre Wahrheit also subjektiv als gesichert erscheint, obwohl der Glaubende keine objektiv zureichende Begründung dafür angeben kann. Der Unterschied zum Wissen (siehe auch Chauffeur-Wissen) besteht darin, dass der Wissende nicht nur von der Wahrheit der Aussage überzeugt ist, sondern auch über eine objektiv ausreichende Begründung dafür verfügt.
Plato hingegen unterscheidet zwischen Meinung, allgemeinem Glauben und sicherem Wissen. Damit kann man heute noch leben. Aber anders als 1+1 = 2 oder es gibt keine quadratischen Kreise, hat eine Meinung subjektiven Inhalt und ist mit einem Hauch von Ungewissheit gepaart.
Meinungen reichen von Geschmäckern oder Vorzügen bis hin zur Politik, zu Ansichten und begründeten rechtliche oder wissenschaftliche Meinungen.
Beim ersten Teil, gibt es kaum etwas zu argumentieren: Ich kann kaum darauf bestehen, zu argumentieren, dass Sie sich irren, wenn Sie Erdbeereis der Schokolade vorziehen. Das Problem ist, dass wir, häufiger als wir zugeben wollen, implizit der zweiten oder gar dritten Sorte von Meinungen unseren Geschmack zuordnen. Vielleicht ist das einer Gründe (es gibt noch andere), warum enthusiastische Amateure denken, dass sie berechtigt sind, dass ihre Meinung von Klimawissenschaftlern oder Immunologen respektiert werden.
So, was bedeutet es dann, ein Recht auf Meinung zu haben?
Wenn mit „Jedermann hat das Recht auf Meinung“ gemeint ist, dass niemand das Recht hat, jemanden davon abzuhalten, was er denkt und sagen will, dann ist die Aussage wahr, aber ziemlich trivial. Niemand kann Sie aufhalten, Ihre Meinung, dass Impfungen Autismus hervorrufen, unabhängig davon, wie oft diese Aussage widerlegt wurde, hinauszuposaunen.
Aber, wenn ‚Recht auf Meinung‘ meint, dass Ihre Ansicht als hinreichender Kandidat auf dem Weg zur Wahrheit gelten soll, dann ist diese Aussage falsch.
Also, wenn Sie das nächste Mal jemanden argumentieren hören, dass er/sie ein Recht auf seine Meinung hat, dann fragen Sie, warum er/sie das glaubt. Das erhöht die Chancen, ein etwas angenehmeres Gespräch, nämlich eine erbauende Konversation zu haben.
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