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Das süsse Gift
Solche Geschichten sollen wie erwähnt noch Thema dieses Büchleins sein, aber zuvor muss noch eine Sache geklärt werden, die zu heillosem Durcheinander und trostlosem Verharren im Modell verleitet.
Wer hat nicht schon den Satz gehört, ich hätte von Dir erwartet, dass Du Dich wenigstens meldest, aber da kann jemand unter Umständen lange warten. Warum wartet jemand auf das Eintreffen dessen, was er sich vorstellt, und denkt es könnte geschehen? Natürlich um eine verlässliche Vorstellung zu haben, was in etwa passieren könnte. Also keine bösen Überraschungen.
Wenn sich jemand wünscht, dass bei einer Abmachung, die ins Wasser fällt, der andere berichtet, dass dem so ist, kann nachvollzogen werden. Als Wunsch macht das durchaus Sinn. Aber ein Wunsch ist etwas total anderes als eine Erwartung. Ein Wunsch ist etwas, dessen Erfüllung grosse Freude bereiten könnte, aber der Wunsch muss nicht in Erfüllung gehen. Die Erfüllung des Wunsches ist an zu viele Faktoren gebunden, als dass alle günstig beeinflusst werden könnten, es sei denn andere haben den Wunsch, die Erfüllung eines Wunsches möglich zu machen. Darin steckt viel Freude und ist entsprechend des Wunsches der meisten Menschen.
Ganz anders verhält es sich mit der Erwartung. Wie das Wort schon andeutete, besteht das Kultivieren von Erwartungen hauptsächlich in warten. Warten worauf? Darauf, dass andere das erledigen, was man sich vorstellt, wäre für einem selbst von Nutzen. Das entspricht im Grunde einer Vergewaltigung der andern (und sich selbst, weil nie klar ist, was nützt) und ist nicht geeignet, die andern zu Aktivitäten zu motivieren. Erwartungen haben den Nachteil, dass sie nur in Erfüllung gehen können, wenn die andern das tun, was man von ihnen will und entsprechend wenig motiviert sind, dies zu tun. Aber die Erwartung hat den scheinbar enormen Vorteil, dass sich der Erwartende in keinerlei risikobehaftete Lage begeben muss. Die Handlung überlässt er ja den andern.
Ganz anders verhält es sich mit dem Wunsch. Wobei die Handlung im Wesentlichen darin besteht, diesen gegenüber andern zu äussern, ohne zu erwarten, dass er in Erfüllung geht. Mit anderen Worten, es steht den andern völlig frei, ob sie einen Beitrag zur Wunscherfüllung leisten wollen oder eben nicht. Es ist das Gegenteil einer Vergewaltigung. Es ist die Offenbarung der Möglichkeit, ohne die geringste Forderung.
Darin besteht exakt das Problem, warum viele Menschen von andern etwas erwarten, damit immer zwingend Schiffbruch erleiden und doch nicht anders können, also darauf verzichten, ihre Wünsche zu formulieren. ‚Man glaube nicht, dass Wünschen eine einfache Sache sei’ hat Ortega y Gasset geschrieben.
Wünschen ist eine schwierige Sache, weil die Formulierung des Wunsches nicht möglich ist, ohne sich dadurch selbst zu erkennen zu geben und das Risiko der Nichterfüllung in Kauf zu nehmen. Der Wunsch kann nur geäussert werden, wenn ein gehöriges Mass an Vertrauen in die anderen Menschen generiert werden kann. Und Vertrauen bedeutet eben genau, dass man den andern vertraut, dass sie sich dem Wunsch gegenüber wohlwollend verhalten, aber natürlich die Möglichkeit besteht, dass dieses Vertrauen missbraucht und der Wunsch entsprechend lächerlich gemacht wird. Ertragen kann dies nur jemand, der seine Wünsche als Wünsche zu formulieren vermag und dank genügend Selbstwert nicht erwartet, dass sie in Erfüllung gehen. Er muss das süsse Gift der Erwartung, die ja suggeriert, dass man das Erwartete auf sicher bekommt, mit dem Risiko tauschen, sich mit seinen Wünschen zu blamieren oder aber, was öfter der Fall sein dürfte, wie die untenstehenden Geschichten zeigen
werden, glücklich zu werden.