Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03432.jsonl.gz/1288

|Andy
Warhol - das Spätwerk

Artikel vom 23. Mai 2003
Andy Warhol (1928-1987) gilt als einer der
Hauptvertreter der Pop Art. Ab 1960 schuf er Kunstwerke nach Komikvorlagen,
1962 gründete er die legendäre "Factory" als Kunstwerkstatt. In
jenem Jahr entstanden seine ersten Serienbilder, mit denen er das Kunstwerk
als Einzelstück in Frage stellte.
Andy Warhols Spätwerk wurde bislang vernachlässigt. Seinen letzten fünfzehn
Lebensjahren widmet das Museum Kunst Palast Düsseldorf noch bis am 31. Mai
2004 die Ausstellung Andy Warhol. The Late Work. Sie umfasst
über 100 Gemälde, Fotos, Zeichnungen, Videos und Filmstills. Ebenfalls in
die Ausstellung und den dreibändigen Katalog eingebunden sind Bücher und
Interviews des Künstlers. Vor allem die auf Gesprächen mit Pat Hackett
beruhenden Diaries (Tagebücher) ermöglichen einen authentischen
Einblick in Andy Warhols letzte Lebensjahre.
Jean-Hubert Martin, der Generaldirektor des Museums Kunst Palast in
Düsseldorf, schreibt im Vorwort des Textbandes zu
Andy Warhol. The Late Work, dass
sich Warhols Spätwerk sowohl formal als auch inhaltlich von der Factory-Ära
der 1960er Jahre unterscheide. Dabei verweist Martin insbesondere auf Warhols
Beitrag zur Zeitgeist-Ausstellung von 1982 im Gropius-Bau in Berlin.
Der Amerikaner setzte dort unter anderem Bauten von Karl Friedrich Schinkel in
einen direkten Vergleich zum Monumentalarchitektur von Albert Speer. In den Zeitgeist-Gemälden
habe Andy Warhol bewusst das Berliner Stadtbild in seiner historischen Abfolge zitiert
und so mit Nachdruck das Image des kommerziellen Künstlers entkräftet.
Unter den erstmals in einer Ausstellung präsentierten Werke von Andy Warhol
sind neben zahlreichen Kontaktbögen die Washington Monument-Wallpaper
zu nennen. Die Ausstellung Andy Warhol. The Late Work beginnt
allerdings mit Werken aus der Serie der Mao-Gemälde aus dem Jahr 1972,
die nach einer längere Malpause entstanden waren; 1968 war Warhol von
Valerie Solanas angeschossen worden, wohl weil er deren Filmdrehbuch abgelehnt
hatte. Warhol starb beinahe an den Verletzungen und war danach so traumatisiert, dass er die Factory
radikal veränderte. Dazu gehörten eine neue Einrichtung der Factory im Art-Déco- und
Emprirestil und ein neuer Look des Chefs und seiner Mitarbeiter, denn der Anzug ersetzte
nun den Bohème-Look. Mark Francis, der
Gründungsdirektor des Andy Warhol Museum in Pitsburgh, der die Ausstellung in
Düsseldort mitgestaltet hat, führt auf diese Veränderungen den (laut ihm falschen) Eindruck zurück, Warhol und seine
Mitarbeiter hätten sich nach dem Mordversuch von 1968 in eine konservative, ja
reaktionäre Welt zurückgezogen. Die Ausstellung versucht (teilweise
erfolgreich) darzulegen, dass der späte Warhol im Gegenteil innovativ war.
Warhol setzte sich nach dem Attentat künstlerisch vermehrt mit dem Tod auseinander. In
der Ausstellung zeugen davon nicht nur die Skulls (Totenschädel) von
1976, sondern auch die Guns von 1982, Siebdrucke
des Revolvertyps, den Valerie Solana bei ihrem Angriff auf Warhol benutzt hatte.
Jean-Hubert Martin sieht im Spätwerk keinen Abfall gegenüber dem Oeuvre aus
den 1960er Jahren. In der Monumentalität der Mao-Werke von
1972-74 glaubt er eine radikale Hinwendung zur Malerei, deren Folie die
Auseinandersetzung mit dem Abstrakten Expressionismus bilde, zu erkennen..
Warhol wählte gemäss Martin eine
abstrakte Bildsprache, ohne jedoch den Anspruch zu erheben, mehr als die reine
Oberfläche darzustellen.
In jenen späten Jahren entstand eine Reihe von nicht
gegenständlichen Bildzyklen, die in er Ausstellung exemplarisch vertreten
sind. So setzte Warhol in der 1978-Serie der Oxidation-Gemälde
Urinspuren anstelle des Drippings ein und unterwanderte so laut Martin die
Ästhetik des Schönen durch das skatalogische Material. Es war Warhols (ironischer oder despektierlicher?) Kommentar zu Jackson Pollocks Werken.
Danach folgten die Schattenbilder, ein weiterer Beitrag Andy Warhols zur abstrakten Kunst. In den Shadow-Bildern von 1978 begann er
Fotografien von Schattenwürfen zu verwenden, wobei das Objekt als Ursache des
Schattens als solches nicht mehr zu erkennen war. Allein der immaterielle
Hell-Dunkel-Kontrast gab der leeren Fläche eine Form, so Martin. Die Shadow-Bilder
wurden übrigens erstmals 1979 in der Lone Star Foundation (heute Dia Art
Foundation) gezeigt und damals kritisch aufgenommen. Mark Francis geht in
seinem kurzen Katalogbeitrag "Der späte Warhol" soweit, die Shadow-Bilder
als viel bemerkenswerter als alles, was Gerhard Richter und Sigmar Polke (laut
Francis die anderen grossen Maler jener Zeit) bis dahin erreicht hätten, zu
beschreiben.
In den 1980er Jahren schliesslich erreichte Warhol mit wiederholten
Fadenmustern und Tarnstoffen einen All-Over-Effekt. Bereits zuvor
experimentierten Künstler wie Alain Jacquet mit diesem Thema, doch Warhol
verwendete das Muster grossflächig, sodass die Farbflächen einen
abstrakt-malerischen Impetus erlangten. Zusätzlich zum Siebdruck setzte
Warhol nun wieder Pinsel und Farbe ein. In der Serie der Rorschach-Gemälde
von 1984 experimentierte er mit abstrakten Farbverläufen. Als Bildvorlagen
dienten ihm fortan ausschliesslich eigene Fotos. Seine Grossformate setzten
sich aus kleinen Einzelmotiven zusammen. Martin schreibt in diesem
Zusammenhang von einem geradezu kinematografischen Erleben, das sich so
einstellte: Die horizontal aneinander gereihten Einzelbilder erweckten den
Eindruck, man habe es mit Filmschlaufen zu tun, wobei sich Warhol
allerdings nicht die Bilder, sondern der Betrachter vor dem Bild bewegten.
Die Ausstellungsmacher von Andy Warhol. The Late Work
wollen den Künstler in seiner ganzen Bandbreite zeigen. Zurecht verweist
Martin darauf, dass die erste Retrospektive nach Warhols Tod aus dem Jahr 1989
den Amerikaner auf seine rein malerische Dimension reduziert habe. Erst mit
grösseren zeitlichen Abstand gewännen auch die anderen Aspekte seines Werks
an Bedeutung.
Auch im nichtmalerischen Spätwerk von Andy Warhol erkennt Martin einen
Paradigmenwechsel: In den Filmen, Interviews, dem Theaterstück Pork,
Fotos und Fernsehauftritten begegne uns der Künstler als social observer.
Die radikale Art, in der Warhol Sexualität und Erotik gezeigt habe, habe
enormen Einfluss auf den gesellschaftlichen Umgang mit diesen Themen
ausgeübt.
Warhol glaubte gegen Lebensende, dass der Film das Buch ablösen werde.
Deshalb investierte er in seinem letzten Jahrzehnt viel Energie in dieses
Mediums. Zum nichtmalerischen Werk gehören natürlich Diaries, Warhols
tägliche Telefonate mit seinem
Vertrauten Pat Hackett, die seine zwei letzten Lebensjahrzehnte dokumentieren.
Den Medienkult trieb Warhol ebenfalls weiter. 1969 hatte er die Zeitschrift Interview
gegründet. 1982 gipfelte laut Martin der vom Künstler nicht nur in den
Portraitserien sorgsam gepflegte Starkult in Andy Warhol's T.V., das
ihm eine noch grössere Medienpräsenz sicherte.
Gemäss Mark Francis wusste Warhol in seinen Video-Programmen Kunst,
Unterhaltung, Mode und Gesellschaftsklatsch miteinander zu verbinden, womit er
seinen Beitrag zur Geschichte des Geschmacks leistete.
Die Ausstellung beschliessen jedoch Gemälde, nämlich die Last Supper-Bilder von 1986, in
denen der Amerikaner Leonardo da Vincis Abendmahlszene zum Bildgegenstand erhob. Der Titel
The Last Supper - The Big C spielt auf die Krankheit Krebs an, die in
den USA auch unter dem Kürzel "Big C" bekannt ist. Diese Werke
zeugen erneut von der andauernden Auseinadersetzung des Künstler mit dem Tod.
Andy Warhol starb 1987, kurze Zeit nach der Fertigstellung dieses Bildzyklus,
allerdings nicht an Krebs, sondern an den Folgen einer Gallenoperation.
Weitere Artikel zu Kunst: deutsch +
English.

Andy Warhol. The Late Work.
Katalog in drei Bänden, Prestel Verlag. Bestellen bei Amazon.de
oder citydisc
Schweiz. Die spannendsten
Werke im dreibändigen Katalog ist der Teilband mit den Fotos: Photographs/Films/Videos/Books/Interviews.
Warhol war allerdings kein erstrangiger Fotograf, wie es Mark
Francis mit dem Vergleich mit der Strassenphotographie (Street Photography)
eines Gary Winogrand und anderer suggeriert. Am eindrücklichsten sind die Fotos aus der Maske zu den Self-portraits von
1981 (S. 110ff.). Die Selbstportraits haben den Schreibenden bereits bei der Ausstellung
in Miami im Jahr 2000 nachhaltig beeindruckt. Sie sind eine der seltenen Fälle, in denen Andy Warhol
(unfreiwillig oder bewusst) etwas von
sich selbst preisgab.
Wer sich mit den Fotos, die Christopher Makos von Andy Warhol gemacht hat und
von denen einige ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind, auseinander
setzten möchte, kann im art'otel
Berlin City Center West in Berlin übernachten. Dort hängen auf den
Gängen eine Vielzahl seiner Fotos. Laut Victor Bockris (in seiner Biografie Warhol)
gewann Christopher Makos ab 1979-80 für Andy Warhol von Bedeutung. Er dokumentierte als enger Freund dessen Leben bis zum überraschenden Tod der
Pop-Art-Ikone 1987.
Dem Thema der Selbstportraits von Andy Warhol widmet sich demnächst
die Ausstellung Andy Warhol: Self-portraits. Katalog Hatje Cantz, 2004.
Bestellen bei Amazon.de.
Ausstellung im Kunstmuseum St. Gallen vom 5.6.2004 bis 12.9.2004, Sprengel
Museum Hannover vom 3.10.2004 bis 16.1.2005.