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E-Mails: Aus der täglichen Arbeit des Vegi-Büros
Im Sekretariat der SVV werden immer wieder E-Mails beantwortet, die zum Teil ziemlich absurde Vorurteile gegenüber der vegetarischen Ernährung der Absender erahnen lassen. Dennoch werden alle E-Mails so sachlich und korrekt wie möglich bearbeitet, auch wenn eine Behauptung oder Frage schon zum tausendsten Mal gestellt wird. Hier ein Auszug aus der elektronischen Korrespondenz (schräg gedruckt die E-Mail-Anfrage):
Wenn keine Hausschweine mehr geschlachtet werden, wird niemand mehr Hausschweine halten. Dann werden sie aussterben. Ich habe die Not der Tiere gesehen, die 1945 in «die Freiheit entlassen», ins Freie getrieben wurden, weil Bauern ihre Höfe verlassen mussten.
Hier unterstellen Sie, dass die vegetarische Bewegung
urplötzlich einen solch riesigen Zustrom erhält, dass
innert weniger Monate alle Menschen Vegetarier werden würden.
Dies trifft sicher nicht zu (ich kann mir auch nicht vorstellen, dass
Sie dies wirklich ernsthaft selber glauben). Angenommen der
Vegetarismus würde sich tatsächlich in der ganzen
Bevölkerung verbreiten, dann würde dies mit Sicherheit
länger als 3 bis 5 Monate dauern.
In diesem Fall würde es aber völlig genügen, mit der künstlichen Züchtung der Schweine aufzuhören und es müsste kein einziges Tier «in die Freiheit entlassen» werden, wie Sie es unterstellen.
Was das Aussterben bestimmter Tierarten betrifft: Ich glaube nicht, dass es ein grosser Verlust wäre, wenn die überzüchteten heutigen Schlachttierrassen aussterben würden. Aber: Da es kaum so weit kommen wird, dass ALLE Menschen vegetarisch leben, wird es immer einen Restbestand an Nutztieren geben, welche weiterhin gezüchtet würden. Diese müssten aber nicht mehr in Massentierhaltungen gequält werden, da die Nachfrage nicht mehr so immens wäre wie heute.
Hummer werden getötet, indem man sie in kochendes Wasser wirft. Ausserdem gibt es Menschen, die Lebewesen in kaltes Wasser legen und dieses langsam auf dem Herd zum Kochen bringen. Auch ich gehöre dazu, auch ich habe schon Kartoffeln gekocht.
Ich weiss zwar nicht, ob Sie Ihre Aussage ernst meinen und es
Ihnen tatsächlich nicht möglich ist, einen Unterschied
zwischen dem Töten eines Tieres (z.B. eines Hundes) und einer
Pflanze (z.B. Kartoffel oder Salat) zu sehen. Normalerweise kann man
davon ausgehen, dass jeder Mensch dies schon ohne spezielle
Begründungen sofort sieht und eher bereit ist, selbst einen
Salat zu ernten als einen Hund, ein Kalb oder ein anderes Tier
eigenhändig zu töten.
Falls Sie hierin keinen Unterschied sehen: Machen Sie doch einmal einen Ausflug mit Ihren Studenten in einen Schlachthof und danach zu einer Gemüsegärtnerei. Dann fragen Sie die Studenten, wo sie lieber arbeiten würden.
Ich esse lieber tote Tiere als lebende Pflanzen.
Falls Sie reiner Aasesser sind, wäre diese Argumentation
durchaus bedenkenswert. Da dies aber wohl kaum zutrifft, muss ich
annehmen, dass es Ihnen offenbar nicht bewusst ist (bzw. von Ihnen
verdrängt wird), dass das tote Fleisch von einem völlig
gesunden, meist jungen Tier stammt, welches man mitten im Leben
für Sie getötet hat.
Zuerst kommt es dadurch in die Leichenstarre, um anschliessend von Mikroorganismen langsam zersetzt zu werden (dadurch wird es wieder weicher). Deshalb ist Fleisch ja auch nicht so gut lagerbar, da es von unzähligen Lebewesen bevölkert ist, welche die Aufgabe haben, das Fleisch zu zersetzen (dies nur als Anmerkung, da Sie offenbar auch keinen Unterschied zwischen Bakterien und höher entwickelten Lebewesen sehen).
Als Erklärung sollte ich wohl hinzufügen, dass ich Pflanzenzüchter bin und ich Pflanzen als vollwertige Lebewesen ansehe. Als Heterotrophe sind wir nun einmal darauf angewiesen, uns von anderen Lebewesen zu ernähren.
Es freut mich, dass Sie eine solch positive Beziehung zu den
Pflanzen haben.
Allerdings scheinen Sie eine sehr starke Abneigung gegen alle Tiere zu haben, da sie es vorziehen, Kälber, Schweine, Hühner etc. für sich töten zu lassen, um danach diese tote Nahrung zu sich zu nehmen.
Sie ziehen aus der Tatsache, dass Pflanzen auch Lebewesen sind,
eine falsche Schlussfolgerung: Sie vermeiden das Töten der
Pflanzen, indem Sie auf Tiere ausweichen, und sehen nicht, dass Sie
dort Tiere töten lassen, um sie zu essen.
Falls Ihre ganze Mail wirklich ernsthaft sein sollte, wäre die einzig richtige Schlussfolgerung, dass Sie sich ausschliesslich von Nahrung ernähren würden, welche nicht getötet werden muss.
Ja, das ist durchaus möglich und wird übrigens schon von einigen praktiziert. Hauptnahrungsbestandteil sind dabei die Früchte. Für einen Apfel muss z.B. weder Tier noch Pflanze getötet werden.
An diesem Punkt merkt man, ob jemand Argumente nur als Ausrede und Rechtfertigung für seinen bisherigen Lebensstil benutzt oder ob es der Person wirklich ernst ist, ethische Probleme tatsächlich zu lösen.
Warum ahmen viele Vegetarier tierische Lebensmittel bei der Nahrung nach? Ich denke dabei an «Bratlinge» oder «Erbswurst». Haben sie eine Sehnsucht nach Fleisch?
Weshalb sollte Fleisch ein Monopol auf eine bestimmte Form der
Nahrung oder auf bestimmte Gewürze haben? Es sollte doch jedem
erlaubt sein, sich so zu ernähren, wie er es wünscht,
solange er damit niemand anderen schädigt. Ich sehe deshalb kein
Problem darin, wenn pflanzliche Nahrung dieselbe Form hat, wie
irgendein tierisches Produkt. Genauso wenig wie ich ein Problem darin
sehe, dass Hackfleischbällchen ähnlich aussehen wie die
Kichererbsenbällchen (Falafel), welche schon seit sehr langer
Zeit ein orientalisches Gericht darstellen.
Glücklicherweise kann man die Form der Nahrungsmittel nicht patentieren, so dass hier auf beiden Seiten gestalterische Freiheit besteht.
Was die Wurstform angeht ist noch anzumerken, dass diese runde Verpackungsform eine sehr effiziente und ökologische Variante ist, bestimmte Dinge abzupacken. Es würde also keinen Sinn machen, vegetarische Produkte in «Toblerone-Verpackungen» oder anderes zu stecken, bloss um nicht die Wurstform zu benutzen.
Ich selbst stehe Vegetarismus vollständig neutral gegenüber, als Landwirt ist es für mich unwichtig, ob man seine Einkommen durch die Produktion pflanzlicher oder tierischer Nahrung erwirtschaftet.
Vegetarier haben auch nicht grundsätzlich etwas gegen
Landwirte. Immerhin essen auch Vegetarier Produkte aus der
Landwirtschaft.
Allerdings ist es oft so, dass die Produktion tierischer Produkte so unwirtschaftlich ist, dass sie nur durch enorme Subventionen überhaupt rentabel gehalten werden kann und dadurch viele Bauern tierische Produkte herstellen, weil sie damit mehr verdienen können als mit dem kaum subventionierten Pflanzenanbau.
Allerdings sollte man bedenken, dass es auf der Erde riesige Flächen gibt (vor allem Halbwüsten), die nur durch Nomaden genutzt werden können.
Zu dieser Aussage könnte man einen ganzen Vortrag halten, um
es richtig zu stellen. Da mir diese Zeit fehlt, hier nur das
Wichtigste in Kürze: Viele dieser Halbwüsten wurden erst
dazu gemacht, weil man dort Nutztiere in zu grosser Anzahl weiden
liess, oder man hat es damit zumindest gefördert. Hätte man
dort mehr Pflanzenanbau betrieben, wäre es nicht so weit
gekommen. Das beste Beispiel ist das Volk der Bishnois. Sie leben am
Rande der Wüste in Rajasthan/Indien und haben sich ein Paradies
geschaffen, indem sie seit rund 500 Jahren keinen Baum mehr
gefällt haben und keine Tiere mehr töteten. Sie pflanzen
dort noch heute Getreide und andere pflanzliche Nahrung an, obwohl
rundherum sich die Wüste immer mehr ausbreitete.*
Ein weiterer Aspekt ist: Die Erde ist nicht ausschliesslich zum Nutzen der Menschen da (auch wenn dies viele glauben). Es ist also keine Katastrophe, wenn man einen Teil der Erde nicht wirtschaftlich nutzt, sondern der Natur zurückgibt. Es gibt genügend Nahrung auf der Erde, das Problem ist mehr die Verteilung dieser Nahrung. Wenn alle Menschen vegetarisch leben würden, würde man sogar noch viel mehr Nahrung produzieren können.
Haben Sie sich schon mal überlegt, dass die Tiere, die Sie
aufessen, zuerst auch viel pflanzliche Nahrung essen müssen,
bevor Sie diese wiederum aufessen können? Durch das Essen der
Tiere vermeiden Sie keinesfalls, dass Pflanzen zu Nahrungszwecken
gebraucht werden, sondern erhöhen im Gegenteil den Verbrauch an
Pflanzen für Ihre Ernährung. Immerhin sind selbst die
überzüchtetsten Nutztiere noch keine reinen
Fleischproduktionsmaschinen und brauchen deshalb einen Grossteil
ihrer Nahrung für die eigene Lebenserhaltung
(Körperwärme, Bewegung, Verdauung etc.).
Selbst wenn also Tiere überhaupt kein Empfinden hätten und die Pflanzen viel schützenswerter wären, müssten Sie vegetarisch leben, um weniger Pflanzen für Ihre Ernährung zu verbrauchen. Da es mehr Pflanzen braucht, wenn Sie Ihre Nahrungskette über das Tier künstlich verlängern.
Renato Pichler