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Wenn die Sonne über dem Strand von Kayar untergeht, beginnt Mor Mbengue seine Runde. An den Strand, um Streit zu schlichten; Streit um einen Fisch, der noch vor wenigen Jahren als wertlos galt.
Hunderte junge Männer stehen im Wasser, tragen runde Hüte aus festem Stoff, auf denen sie Kisten balancieren. Dahinter sitzen Frauen in gemusterten Gewändern im Schneidersitz, vor ihnen Bretter, Messer, Körbe. Dutzende An- und Verkäufer:innen, Händler:innen – die ganze Stadt Kayar ist hier, im zweitgrössten traditionellen Fischerhafen des Senegal.
Mor Mbengue schlängelt sich durch ein Labyrinth aus an Land gezogenen Pirogen, bemalt mit gewundenen Formen und Mustern. Er blickt aufs Meer hinaus, wo am Horizont nach und nach Pirogen auftauchen und ein Wettrennen beginnt. Die Männer werfen sich ins Wasser, schreiten auf die Boote zu. Wer zuerst mit seinen Kisten an der Piroge ankommt, darf entladen, pro Kiste gibt es 500 Francs CFA, gut 70 Rappen. Ein Träger stürzt vorwärts in eine Welle, im letzten Moment wirft er seine Kiste mit Wucht nach vorn, sie fliegt durch die Luft und landet im Bug der Piroge. Er hat gewonnen. Der junge Mann füllt seine Kiste mit Sardinellen, kleinen heringsähnlichen Fischen, Senegals Grundnahrungsmittel.
«Es gibt mehr Streit»
Dass sich die Träger um Sardinellen streiten, hätte sich Mor Mbengue vor ein paar Jahren nicht vorstellen können. Damals entluden die Träger Kisten mit verschiedenen Fischsorten am Strand, die Händler durchwühlten sie, nahmen sich guten Fisch heraus und warfen die Sardinellen in den Sand. Die Verarbeiterinnen würden sie schon nehmen, den öligen Fisch salzen und trocknen, damit der im Inland verkauft werden kann, an die Ärmsten der Armen.
Kleine pelagische – also oberflächennah lebende – Fische, vor allem Sardinellen, stellen das tierische Protein für ganz Westafrika sicher. Fleisch oder Eier sind teuer. Siebzig Prozent des Proteins der senegalesischen Bevölkerung kommt vom Fisch, selbst Hunderte Kilometer vom Meer entfernt, im bitterarmen Inland. Achtzig Prozent des dort verkauften Fischs sind Sardinellen. Ohne sie würden grosse Teile des Inlands unter Proteinunterversorgung leiden.
Doch: «Die Versorgung ist gefährdet», sagt Mor Mbengue, «es gibt mehr Streit.» Jene Sardinellen, die die Frauen früher sehr billig oder sogar umsonst bekamen, um sie zu verarbeiten und zu verkaufen, kann sich heute hier kaum mehr jemand leisten. Denn es gibt eine Konkurrentin, die hungrig auf Sardinelle ist: «Die Fabrik», sagt Mor Mbengue und zeigt auf ein graues Gebäude in der Ferne, «kauft alles.» Und deshalb hat hier plötzlich einen Preis, was einst wertlos war.
Seit einigen Jahren öffnen immer neue Fischmehlfabriken in Westafrika, in Mauretanien, im Senegal, in Gambia und Guinea-Bissau. Mittlerweile sind es über fünfzig. Und auch hier in Kayar gibt es eine. In der Fabrik wird Fischabfall zu Mehl gemahlen und zu Öl gepresst: Köpfe, Gräten, Schalentiere, Muscheln. Das sagen die Betreiber, so steht es in den Papieren: Aus Abfall wird Fischöl und Fischmehl, Nahrung für die Fischzucht.
Fischzucht ist das am schnellsten wachsende Segment der weltweiten Nahrungsmittelproduktion, mit 230 Milliarden Franken Umsatz. Die Hälfte der weltweit verzehrten Fische stammt aus Aquakultur. Zucht wird von manchen Naturschutzorganisationen als die Lösung für das Ozeansterben gesehen. Wer züchtet, fängt keine bedrohten Arten, kann nicht überfischen, es gibt keinen Beifang. Fischzucht ist regulierbar und kontrollierbar. Sie ist umweltschonender als die Zucht anderer Tiere, die Produktion von einem Kilo Fisch verursacht halb so viel CO₂ wie die von Schweinefleisch.
«Die Fischerei hat ein Problem, und Aquakultur kann eine Lösung sein», sagt Barbara Janker, General Manager beim ASC Deutschland, Schweiz und Österreich, dem Aquaculture Stewardship Council, dem wichtigsten Zertifizierer für Fischzucht. Die Lösung für das Ozeansterben, für Überfischung und für den Senegal. Und deren Basis ist die nachhaltige Produktion von Fischmehl aus Fischereiabfällen.
Mor Mbengue sagt etwas ganz anderes: In der Fischmehlfabrik wird frisch gefangene, essbare Sardinelle verarbeitet. Die Fabrik mahlt das Essen der Senegales:innen zu Fischmehl, mit dem dann das spätere Essen von Europäer:innen ernährt wird. Lachs, Tilapia, Pangasius, Fische, die bei uns im Supermarkt liegen, rauben den Verarbeiterinnen die Arbeit, den Händlern den Fisch und den Armen die Nahrung. Die Fischzucht in Europa und Asien, sagen die Fischer, sagen Aktivist:innen und mittlerweile auch europäische Politikerinnen und Wissenschaftler, gefährde die Nahrungsmittelsicherheit in Westafrika.
Als die Sonne bereits untergegangen ist, läuft Mor Mbengue durch die Verarbeitungsstation von Kayar, wenige Schritte vom Strand entfernt: Öfen zum Räuchern, Tische zum Salzen, alles ist bereit, nur die Sardinelle fehlt. «Hier arbeiteten früher 400, 500 Frauen jeden Tag», sagt er. Heute ist die Station leer.
Mor Mbengue ist vierzig Jahre alt, sein Leben lang ist er Fischer, seit 2009 Präsident des Fischerverbands von Kayar. Er hat die Schule abgebrochen, um wie sein Vater Fischer zu werden – ein Grund für Stolz im Senegal. Fischer sind die Ernährer des Landes. Bis zu einem Viertel aller Westafrikaner:innen leben direkt oder indirekt von der Fischerei. Kayar hat eine besonders starke Bindung dazu, die Stadt existiert nur, weil es Fisch gibt. Der Ort wurde 1885 als Fischerort gegründet, es ging steil bergauf. In den 1980er Jahren fingen die Fischer so viel, dass sie sich selbst Quoten auferlegten: nur drei Kisten Fisch am Tag pro Fischer. Manchmal war diese schon nach einer Stunde auf See erreicht. Kayar zog die Armen aus der Umgebung an, sie wurden Fischer, die Söhne wurden Fischer, die Ehefrauen und Töchter «transformatrices», traditionelle Verarbeiterinnen, die den Fisch salzen, einlegen, räuchern, beizen – haltbar machen, damit er den langen Transport in abgelegene Regionen übersteht.
Das Ende der goldenen Zeit begann in den nuller Jahren. 1998 waren in Kayar hundert Pirogen gemeldet. Heute sind es fünfzehnmal so viele. Fischer aus anderen Regionen des Senegal kamen in der Saison nach Kayar. Fischer fuhren nun immer weiter raus, immer länger, brachten immer mehr mit, damit sich die langen Fahrten lohnten. Die Dreikistenregel wurde abgeschafft. Und während die Überfischung den Fischern langsam bewusst wurde, verscherbelte die senegalesische Regierung Fischereilizenzen für ihre Gewässer nach Europa und China. In Kayar teilen sich immer mehr Hungrige einen immer kleineren Kuchen.
«Damals ging es um unsere Wirtschaft», sagt Mor Mbengue. «Heute geht es nicht mehr um das, womit wir unser Geld verdienen, es geht um unser Essen.»
Bestialischer Gestank
Von den acht Fabriken im Senegal ist heute eine marokkanisch, eine senegalesisch, sechs sind chinesisch. Die Fabrik vor Kayar gehörte zum Recherchezeitpunkt noch der spanischen Firma Barna. Wir durften sie besuchen unter der Voraussetzung, dass wir den Namen des Mannes nicht nennen, der uns durch die Hallen führt.
Die Fabrik liegt rund einen Kilometer ausserhalb von Kayar. Sie verbreitet einen entsetzlichen Geruch, der das Atmen durch die Nase, selbst mit Maske, unmöglich macht. Alle Mitarbeiter:innen hier sind Senegales:innen, unser Gesprächspartner ist ein Spanier, der alle zwei Monate vom Konzern nach Kayar entsandt wird.
Die Anlage ist sauber und voll mechanisiert, nur eine Handvoll Menschen arbeiten hier. In der ersten Halle wird der Fischmüll angeliefert, es riecht bestialisch, aber unverkennbar nach Thunfisch. Die Gräten, Köpfe, Blasen und Innereien liegen im Container, durchmischt und braun. Die Masse wird durch Rohre gepresst, erhitzt, Festes wird von Flüssigem getrennt, die Maische wird getrocknet und gemahlen. Aus vier Kilo Fisch wird ein Kilo Fischmehl. Wenn es auf der anderen Seite der Anlage herauskommt, ist es geruchsneutral, sieht aus wie Currypulver und hat einen Proteingehalt von mindestens sechzig Prozent. Eine Tonne Fischmehl wird für 1000 bis 1200 Franken verkauft, erst nach Spanien und von dort weiter in andere europäische Länder. Fischmehl aus dem Senegal wird in Aquakulturen in Deutschland, Spanien oder Norwegen verfüttert. Es ist im Lachs, in den Forellen, in Tilapia und landet so potenziell bei Migros, Coop und Aldi.
Rund siebzig Prozent der Betriebskosten in der Aquakultur betreffen das Tierfutter. Fischmehl ist in jedem im grossen Masse kommerziell genutzten Fischfutter enthalten. Es ist kein neues Produkt. Fischmehl – und Fischöl – wird seit Hunderten Jahren produziert.
Barna betreibt auch zwei Fischmehlfabriken in Spanien, eine in Andalusien, eine im Baskenland. Beide verarbeiten Reste aus der Konservenindustrie. Das, so sagt der Fabrikvertreter, mache Barna auch hier. In der Konservenindustrie für Thunfisch gebe es eine fünfzigprozentige Verschwendungsrate: Köpfe, Innereien, aber auch Fleisch und Flossen. Die Fischmehlfabrik nutze diesen Rest: «Barna ist in der Kreislaufwirtschaft tätig», sagt er. «Wir sind nachhaltig.»
«Aquakultur hat ein Riesenpotenzial, die wachsende Weltbevölkerung mit tierischem Protein zu versorgen», sagt Barbara Janker vom ASC. «Kein Schwein, kein Rind kann da mithalten.» Fischzucht sei im Vergleich dazu sehr ressourcenschonend. «Wenn wir tierisches Protein essen wollen, dann kann das eigentlich nur Zuchtfisch sein.» Fischmehl sei zu grossen Teilen aus Abfällen gewonnen, ressourcenschonend und nachhaltig.
Der ASC zertifiziert Lachs aus Norwegen, Garnelen aus Vietnam, Tilapia aus Chile. «Wir haben zertifizierte Betriebe auf allen Kontinenten», sagt sie. Man findet das türkise ASC-Logo auf rund siebzig Prozent der Meeresprodukte in deutschen, österreichischen und Schweizer Supermärkten. Wir haben ein Dutzend Supermarktketten angeschrieben, alle unterstützen nachhaltige Aquakultur. Und zur Prüfung verlassen sich am Ende alle auf Siegel wie jenes des ASC. Laut Janker steht es für «verantwortungsvoll gezüchteten Fisch»: «Fischmehl und Fischöl kann eine sehr nachhaltige und nachwachsende Ressource sein», sagt sie, «wenn es richtig gemanagt und gefischt wird – wie bei Holz oder Biomasse.»
Richtig, das heisst, aus Müll. Aus Resten. Im Senegal etwa gibt es mehrere Konservenfabriken für Thunfisch. Sie sind am Hafen von Dakar angesiedelt, und dort gibt es auch seit 1967 eine Fischmehlfabrik, betrieben von Senegalesen. Nun steht aber die Fabrik von Barna nicht neben der Konservenfabrik, sondern zwei Stunden entfernt davon. Aber nur fünf Minuten entfernt vom zweitgrössten traditionellen Fischereihafen des Landes.
Auf mehrmalige Nachfrage bekommen wir vom Direktor der Fischmehlfabrik eine Erklärung: Barna habe diesen Standort gewählt, weil er günstiger sei. Und weil die Fabrik auch die Abfälle der traditionellen Fischerei nutzen wolle. Müll, der sonst am Strand herumliegt, ins Meer geworfen wird: Köpfe, Gräten, Innereien. Fischer sollen einen Anreiz bekommen, den Müll zu sammeln und an die Fabrik zu verkaufen.
Es ist wahr, dass der Strand von Kayar ziemlich vermüllt ist mit Fischereiabfällen. Doch kann man allein aus diesen Abfällen ein Pulver herstellen, das sechzig Prozent Protein hat? Gräten, Knochen, Flossen haben nur rund zehn bis zwanzig Prozent Protein.
Der Direktor sagt: Die Fabrik halte sich nicht nur an alle Regeln, sie erlege sich zusätzliche Regeln auf, um vorbildlich zu sein. Barna habe eine Abwasseranlage und einen Luftfilter eingebaut. Der Gestank dieser Anlage sei nur ein Bruchteil von dem der anderen im Land. Von Umweltproblemen, Nahrungsversorgung, fehlender Arbeit sprächen nur die, die keine Ahnung hätten. «Wer etwas für die Umwelt tun möchte, muss die Fischerei regulieren», sagt er. Barna habe sich nichts vorzuwerfen: «Manchmal hat man interne Probleme und zeigt auf die Falschen.» Und die Sardinelle? Die lande ab und zu in der Fabrik, ja. Aber nur, wenn sie Müll sei. Oder Überschuss. Als «Müll» deklariert, darf alles in die Fabrik. Und was Müll oder Überschuss ist, das definiert der Fischer. Nicht die Fabrik.
97 Prozent Sardinellen
«Um das Problem mit dem Fischmehl zu verstehen, muss man global darauf blicken», sagt Karim Sall und schliesst eine Hintertür im Fischereikontor von Joal-Fadiouth auf, dem grössten Fischereihafen im Senegal, fünf Stunden südlich von Kayar. Sall ist Generalsekretär des Docks. Es stehen Hunderte Kisten Fisch auf dem Boden, edle Fische wie Thiof – Zackenbarsch –, Oktopus und immer wieder kistenweise Sardinellen. Im Senegal arbeiteten 600 000 Männer in der Fischerei, noch einmal so viele Frauen in der Verarbeitung. 430 000 Tonnen Fisch würden jährlich in den Docks im Senegal registriert, ein Drittel davon in Joal-Fadiouth. 97 Prozent von dem, was hier ans Ufer geht, sind Sardinellen, ein Prozent Tintenfischarten, die restlichen zwei Prozent Sonstiges. «Mit diesen drei Prozent wird aber fast die Hälfte des Umsatzes des Hafens gemacht», sagt Karim Sall. «Die Sardinellen hier waren nie Wirtschaftsgut für die Fischer, der Verkauf lohnte sich nicht.» Der Markt war informell, erst die Verarbeitung gab dem wertlosen Fisch einen Wert.
Bei Joal-Fadiouth liegt die grösste Fischverarbeitungsstation des Landes, über hundert Hektaren gross, vollgestellt mit Tischen, Ständen und Hütten mit trockenem Fisch darauf. Rund 500 Burkinabe leben hier. Einige Hundert Guineer:innen, ebenso viele Malier:innen. Sie holen die Sardinellen vom Dock, trocknen, salzen und fermentieren den Fisch hier für die Reise in ihre Heimatländer, wo er oft das einzige günstige tierische Protein ist. Rund 10 000 Menschen leben von der Verarbeitungsstation. Und ganze Regionen und Länder vom Produkt, das hier hergestellt wird. «Sardinellen ernähren ganz Westafrika», sagt Sall.
«Alle hier werden ihre Arbeit verlieren», sagt er, «die Burkinabe, die ihr Land von hier aus ernähren, die Guineer, die Malier – und dann auch wir.» Sall zeigt mit dem Finger und schüttelt den Kopf. «Und wieso?», fragt er. «Damit die, die schon genug zu essen haben – ihr Europäer! –, noch mehr essen können.»
Der Direktor von Barna sagte, es sei für die Fabrik nicht ökonomisch, Fische zum Marktpreis einzukaufen. Das stimmt zwar. Aber was, wenn man einfach einen neuen Markt erschafft?
Alassane Samba, der ehemalige Leiter des Ozeanografischen Instituts von Dakar, war an der Eröffnung der ersten Fischmehlfabrik im Senegal 1967 beteiligt. «Es gab strenge Auflagen», sagt er, «und die erste war: nur Fischmüll!» Bei Kontrollen sei von Anfang an aufgefallen, dass etwas nicht stimmen könne. «Wir fanden heraus, dass sie frischen Fisch direkt an den Fischereidocks kauften», sagt Samba. «Das machen sie noch heute.» Wenn aber jemand kontrolliere, könnten sie sagen, der Fisch sei schon verfault gewesen, denn so gelte er als Fischmüll. Und viele Fischer spielten mit. Sie fahren mit den grossen Pirogen raus, zwei, drei Tage, fangen fünfzehn bis zwanzig Tonnen Fisch. Wenn sie wieder am Dock ankommen, ist die Hälfte verfault. So dürfen sie offiziell an die Fabrik verkaufen, und die Fabrik darf offiziell kaufen. «Alle Fabriken betrügen», sagt Samba. «Alle Fischmehlfabriken im Senegal arbeiten mit frischem Fisch.»
Fehlende Kontrollen
Sophie Nodzenski von der NGO Changing Markets sagt: «33 Prozent der globalen Fischbestände sind überfischt, bei 60 Prozent wird auf dem Maximallevel gefangen. Aquakultur sollte das eigentlich verbessern. Aber momentan sehen wir, dass die Aquakultur das Problem nur noch verschlimmert und weltweit weiter Druck auf Fischbestände ausübt.» Überall arbeiteten Unternehmen an Lösungen, aber diese seien bisher noch nicht bereit für einen breiten Einsatz. Für jedes Kilo Aquakulturfisch verbrauchen die Farmen mehrere Kilo Fischmehl. Lachse etwa fressen in ihrer Zuchtzeit das Fünfzehnfache ihres Körpergewichts an wild gefangenem, gemahlenem Fisch. Was zur absurden Bilanz führt: Eine Fischfarm verbraucht mehr Fisch, als sie produziert.
«Die Kontrolle funktioniert nicht», sagt Nodzenski. Der grösste Zertifizierer für Fischöl und -mehl heisst Marin Trust, auch der ASC ist abhängig von dessen Zertifizierungen. Laut einer Studie, die Changing Markets 2021 veröffentlicht hat, waren mehrere von Marin Trust zertifizierte Unternehmen in Peru und anderswo an illegalem Fischfang für die Fischmehlproduktion beteiligt. Marin Trust hat auf mehrere Interviewanfragen nicht reagiert. «Wir fordern die Reduzierung von Fischmehl aus wild gefangenem Fisch auf null», sagt Nodzenski. Es sei im Moment die einzig richtige Lösung.
Darauf angesprochen, sagt Barbara Janker vom ASC: «Die Lieferketten sind sehr komplex.» Der ASC fordere in seinen Standards die Rückverfolgbarkeit bis hin zu einer Fischerei. «Da geht es um Dokumentation, um Transparenz. Das ist genau der Punkt, der schwierig ist, aber der auch nachgefragt wird.» Es brauche gesetzliche Regelungen. «Ich glaube, hier ist vor allem die Politik gefragt.»
Caroline Roose, belgische Abgeordnete im Europaparlament für die Grünen, versucht das seit Jahren, ohne Erfolg. «Wir müssen die Kontrollen endlich verbessern», sagt sie. «Der Fischereicode wird weltweit nicht respektiert.» Das aktuelle System der Fischzucht gefährde die Nahrungsmittelsicherheit einer ganzen Region. «Es wird keine nachhaltige Aquakultur geben, solange wir nicht damit aufhören, fleischfressende Fische zu züchten, denn die sind auf Fischmehl angewiesen.»
Nodzenski appelliert an die Konsument:innen: «77 Prozent der Europäer kaufen Fisch in Supermarktketten», sagt sie, «hier kann Druck ausgeübt werden.» Denn die Konsument:innen wüssten selbst nicht, was sie kauften. In einem Report von 2021 schnitten alle europäischen Supermärkte in Fragen der Transparenz ihrer Lieferketten beim Zuchtfisch schlecht ab. Und kein einziger Supermarkt setzt sich für eine Reduzierung von Fischmehl aus wild gefangenem Fisch ein.
Einige Monate nach der Recherche, am 19. September 2022, erreicht uns ein E-Mail aus Kayar. Mor Mbengue schreibt: «Wir haben gekämpft, bis die Spanier ihren Anteil an der Fischmehlfabrik verkauft haben.» Barna Senegal heisst jetzt Touba Protéine Marine und gehört einer senegalesischen Firma. Mor Mbengue hat Touba im Namen aller Einwohner:innen von Kayar verklagt. Wegen Umweltverschmutzung. Das Gerichtsverfahren wurde im Frühjahr 2023 abgewiesen. Die Fabrik läuft noch immer.
Die Recherche wurde von der Otto-Brenner-Stiftung unterstützt. Das darauf basierende Radiofeature «Fische zu Fischfutter» ist in der ARD-Audiothek zu finden.