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Klaus Adam, Salzburger Nachrichten (30.11.2006)
Die Zürcher Oper: Spitzenklasse dank Alexander Pereira und Franz Welser-Möst
Wer den Aufstieg des Opernhauses Zürich in die Champions League der europäischen Musiktheater seit 1991 verfolgt hat, kann viele Meriten für seinen Intendanten Alexander Pereira auflisten. Er hat ein hoch qualifiziertes Ensemble von 60 Solisten aufgebaut, ständig verjüngt dank Nachwuchspflege und Talentausschau. Statt vereinzelter Stargäste bindet er illustre Sänger langfristig vertraglich ans Haus; der Tenor José Cura kommt an 20 Abenden.
Chefdirigent Franz Welser-Möst und Maestri wie Dohnànyi, Harnoncourt, Gardiner sowie eine Regisseurs- und Szeniker-Elite betreuen ein europaweit unvergleichbar breit gefächertes Repertoire.
Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der straffen Organisation und dem klugen Einsatz der Mittel, die das Theater weitgehend selbst erwirtschaften und von Sponsoren erbeten muss. Die jüngste Premiere, "L'Etoile" von Emmanuel Chabrier, subventionierte Mercedes: Bühnenbildner Johan Engels deutete einen Palast in einer Boommetropole wie Dubai an, im Zentrum ein noch gar nicht verkäufliches Coupé der CL-Klasse. Überbordend an Fantasie und augenzwinkernd arrangiert Regisseur David Pountney einen gesellschaftsironischen Tanz um dieses Goldene Kalb von heute.
Den Werkstätten des Opernhauses hat Pereira Spezialaufgaben vorbehalten, Massenarbeit wie Pilgerkutten oder Fellachenkittel delegiert er in Billiglohnländer; das sieht er nicht als Arbeitsplatzverlagerung, sondern eher als Entwicklungshilfe für die Bühnen im Osten, seine Produktionskosten sind etwa halb so hoch wie an vergleichbaren Bühnen.
Repertoire zeitnah spielen und Raritäten entdecken. Für jede Neuinszenierung sind zwölf Orchesterproben vorgesehen. Dass die Musiker nach der Premiere nicht wechseln, schätzen die Dirigenten, da solche Kontinuität andernorts kaum zu erreichen ist.
Verkrustete Strukturen bewogen Pereira beispielsweise, München und das Angebot, an die Scala in Madrid zu gehen, auszuschlagen. "Ich frage mich, ob es überhaupt ein Angebot gibt, das mich von Zürich weglockt." Ob er, als Nachfolger Ioan Holenders, je als Hausherr am Ring in Wien einziehen wird?
Zürich hält nicht, wie Häuser, die nur fünf Opern pro Saison herausbringen, notgedrungen Inszenierungen "auf Lager". Pereira will das bekannte Repertoire möglichst zeitnah spielen, und bei zwölf Premieren im Jahr (dazu drei Ballettabende) kann er sich auch Raritäten leisten, etwa die hier zu Lande sträflich vernachlässigte französische Oper.
Die Opéra-bouffe "L'Etoile" von Chabrier entstand 1877, als sich ihr Komponist noch an Beaujolais statt an Isoldes Liebestrank ergötzte. Die Musik ist voll Esprit, finessenreich instrumentiert, mit Charme und schwerelosem Raffinement, rhythmisch pikant, reich an Melodien. Den breiten Publikumserfolg verhindert wohl Chabriers Scheu vor allzu Schlagkräftigem - und das alberne Libretto.
David Pountney mit seinem englischen Sinn für schwarzen Humor inszeniert ein farbtrunkenes, fleischfreudiges Spektakel, in dem die Musik schier untergeht. So schöne Frauen in so schönen Kostümen sieht man selten, nicht oft hört man so schöne Stimmen wie die von Anne Catherine Gillet.
Chabrier gehört zu den Komponisten, die alle 36 Jahre neu entdeckt werden (diesmal von John Eliot Gardiner) und denen die Gnade der Repertoire-Ewigkeit versagt bleibt. Auch diesmal wird "L'Etoile" bald erlöschen. Aber die Oper ist eine Reise an die Limmat wert.