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Es war kalt. Zu kalt für die Jahreszeit, obwohl drei bis vier Grad Anfang März gar nicht so ungewöhnlich waren.
Max schlug den Kragen seines Mantels hoch, um sich vor dem unangenehmen Wind zu schützen.
Er stand nur zwei Meter hinter Professor Bormanns Witwe und betrachtete den Hügel frisch aufgeworfener Erde neben dem gähnenden Loch, in das der Sarg mit seinem Mentor hinabgelassen worden war. Ein kalter Körper, der nichts mehr mit dem zu tun hatte, was den Menschen Bormann ausgemacht hatte. Bedeckt mit der ebenso kalten Erde, dem endgültigen Verfall preisgegeben.
Während der Priester von der Liebe Gottes predigte, löste Max den Blick vom Grab und sah sich um. Gut einhundert Menschen waren gekommen, um dem Professor die letzte Ehre zu erweisen. Sie standen rund um das Grab und lauschten den Worten des Geistlichen, verstärkt durch ein Mikrophon, so dass man sie auch in den hinteren Reihen verstehen konnte.
Max kannte kaum einen der Anwesenden, und ihm fiel auf, dass er zwar den Kontakt zu seinem ehemaligen Dozenten aufrechterhalten hatte, ihm aber so gut wie nichts über sein Umfeld bekannt war und er keinen seiner Freunde je getroffen hatte. Er wusste lediglich von Bormanns Weg vom Psychologiestudium über seine langjährige Tätigkeit für die Kripo bis hin zum Lehrstuhl an der Kölner Hochschule. Der Professor war ein Einzelkind gewesen und hatte seinen Vater früh verloren.
Max’ Blick blieb an einer Frau hängen, ihm gegenüber etwa zwanzig Meter entfernt, die ihn unverwandt ansah. Plötzlich hatte er das Gefühl, der Boden unter ihm beginne zu schwanken.
Dieses Gesicht, die dunklen, langen Haare … Bilder blitzten vor ihm auf, Szenen, Momente, und die Gefühle, die damit einhergingen, waren so tief, so schmerzhaft … Max wandte den Kopf ab, blickte angestrengt in eine andere Richtung und versuchte einzuordnen, was gerade geschah. Er hoffte, dass er einer Täuschung erlegen war, dass sein Verstand ihm einen Streich spielte. Ausgelöst vielleicht durch den Tod seines Mentors, mit dem er sich vor ein paar Jahren intensiv über diese Frau unterhalten hatte, in die er sich am Anfang seiner Karriere beimKK11 verliebt hatte und die ihm nach kurzer Zeit brutal wieder genommen worden war. Deren Ebenbild ihm – falls ihm sein Kopf nicht gerade etwas vorgaukelte – rund fünf Jahre nach ihrem Tod gegenüberstand.
Gegen seinen Willen sah er sie wieder an, betrachtete sie genauer. Das ebenmäßige Gesicht war dezent geschminkt, die dunklen Haare fielen ihr glatt auf die Schultern. Genau so, wie Jenny sie getragen hatte.
Einer der Männer neben ihr machte einen kleinen Schritt zur Seite, und Max konnte sehen, dass sie eine schwarze Jeans trug, die ihre sportliche Figur betonte. Sie mochte Anfang bis Mitte dreißig sein, so alt, wie Jenny wäre, wenn sie noch leben würde. Die Ähnlichkeit war frappierend.
Während Max die Frau betrachtete, sah auch sie ihn unablässig an, jedoch weder auf eine provokante noch auf eine abweisende Art. Eher neugierig, fragend.
Erneut wandte Max sich ab und senkte den Kopf, und plötzlich brach sein innerer Widerstand in sich zusammen, und Bilder der Erinnerung fluteten seinen Verstand, die nichts mit dem verstorbenen Professor zu tun hatten, sondern mitihr. Diese Bilder waren von grausamer Klarheit und Präzision. Er sah sich wieder in den Kellerraum kommen, sah Jenny dort sitzen …
Er betrachtet ihren Körper, der eine einzige blutige Wunde ist, und weiß nicht, wo er sie anfassen soll. Sein Blick fällt auf den Arm, in dem eine Kanüle steckt, die in einen Kanister