Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03455.jsonl.gz/1752

Momoko Higuchi (27) ist Tänzerin im Ensemble von Konzert Theater Bern. Im Gespräch erzählt sie, wie sie ihren Weg als Künstlerin über Japan, Rumänien und Bern fand und hier bald von der Hölle ins Paradies tanzt.
Sie tanzte, bevor sie sprechen konnte. Daran erinnert sich zumindest die Mutter der Tänzerin Momoko Higuchi. «Im Alter von drei Jahren begann ich mit Ballettunterricht», erzählt Higuchi. «Ich wollte eine klassische Balletttänzerin werden.» Sie habe gewusst, dass sie für eine solche Karriere nach Europa gehen müsse. Nachdem sie mit 17 die Highschool in Japan abgeschlossen hatte, hielt sie nach einer passenden Tanzschule Ausschau. «Auswahlverfahren können manchmal ganz schön brutal sein.» «Deine Beine sind nicht gerade» sind etwa Kommentare, mit denen Tänzerinnen umgehen können müssen. Higuchi fand schliesslich einen Platz im Ensemble am Nationaltheater in Rumänien. «Aus dem hochtechnologischen Japan stammend, kam es mir vor, als wäre ich hundert Jahre zurück in die Vergangenheit gereist», fasst sie den anfänglichen Kulturschock zusammen. Heimweh hatte sie keines. «Ich war viel zu aufgeregt, diesen Job bekommen zu haben.» Higuchi lernte, Kritik nicht zu nahe an sich heranzulassen und sich auf Englisch verständlich zu machen. «Es gab zum Glück noch andere Japaner und Japanerinnen in der Company und wir unterstützten einander.» Das Repertoire war sehr klassisch. So stand zum Beispiel «Gisèle» auf dem Programm. Nach einem Jahr wusste Higuchi, dass sie nicht ewig in Rumänien bleiben wollte und kehrte nach Japan zurück. Sie war erschöpft und unsicher. «Meine japanische Tanzlehrerin war wie eine zweite Mutter für mich.» Sie war es, die sie ermutigte, den Traum Europa nicht aufzugeben und an weiteren Auditions teilzunehmen. «Ich nahm mir vor, innerhalb zweier Monate einen Job oder eine Ausbildungsstätte zu finden.» Sie musste meist ein Probetraining absolvieren und ein wenig improvisieren. «Meine Stärke ist sicher mein klassischer Ballett-Hintergrund.» 2014 wurde sie in Frankfurt am Main an der Hochschule für Musik für eine dreijährige Ausbildung aufgenommen. Am Theater Heidelberg absolvierte sie ein Praktikum und tanzte in Stücken der holländischen Choreografin Nanine Linning. «Eine starke Persönlichkeit», sagt Higuchi diplomatisch. «Ich mochte ihre künstlerische Vision, aber ich war mich selbst und den Platz, wo ich mich zuhause fühlen würde, noch am Suchen.»
Faulheit im Fegefeuer
Sie war gerade auf Tour, als sie die Ausschreibung in Bern sah und für Konzert Theater Bern vortanzte. «Ich kam nach einer sehr langen Reise an und war erschöpft», erinnert sie sich. Tanzchefin Estefania Miranda zeigte den Tänzerinnen und Tänzern ein Bild, das es zu interpretieren galt. Higuchi wurde genommen. Seit der Spielzeit 2018/2019 ist sie festes Mitglied des Ensembles von Konzert Theater Bern. Im Stück «Leonce und Lena» des deutschen Choreografen Felix Landerer tanzte sie die Prinzessin Lena, eine rebellische Teenagerin, die sich sogar mal vor Wut in die eigene Wade beisst. «Sie rebelliert gegen die Gesellschaft, ich hingegen bin eine ruhige, freundliche Person.» Um die Wut in sich selbst zu finden, musste Higuchi in sich gehen und hörte als Vorbereitung auf die Rolle harten Techno. Auch im neuen Stück unter der Choreografie von Estefania Miranda, der «Divina Comedia», spielt Higuchi eine wichtige Rolle, nämlich jene der Béatrice, der Geliebten von Dante, der im Stück die Hölle, das Fegefeuer und das Paradies besucht. Wie das Paradies kommt Higuchi die Stadt Bern vor. «Ich liebe diesen Ort und bin sehr dankbar, hier zu sein», schwärmt sie. Corona-bedingt musste «La Divina Comedia» verschoben werden. «Wir sind bereit», sagt Higuchi, die beeindruckt ist von Estefania Mirandas klaren Konzepten. Nebst ihrer Rolle als Béatrice stellt sie in Dante Alighieris Epos auch verschiedene Sünden dar. «Im Fegefeuer bin ich die Faulheit, in der Hölle die Wut.»
Helen Lagger