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New Harmony, Indiana
Protestantische Strenge
Der Ort, der auf demselben Meridian liegt wie Chicago, aber gut 400 Kilometer weiter südlich am Ost-ufer des Wabash River 1814 gegründet wurde, erinnert an Träume einer vollkommenen Gemeinschaft. Ihr Gründer war ein Pietist aus Iptingen in Württemberg. Die Harmonisten, die einer Reformbewegung im kontinentaleuropäischen Protestantismus zuzuordnen sind, schafften das Privateigentum vollständig ab und förderten die sexuelle Askese, auch unter Ehepaaren. Konsequenterweise starben sie allmählich aus. Bereits 1824 zogen sie sich wieder in die früheren Siedlungsgebiete in Pennsylvania zurück und verkauften Harmony, wie der Ort damals noch hiess. Käufer war ein wichtiger Protagonist der Städtebaugeschichte: der Unternehmer Robert Owen, der zusammen mit Henri de Saint-Simon, Charles Fourier und Étienne Cabet zu den Begründern des Frühsozialismus zählt. Ursprünglich aus Wales stammend, organisierte er die Textilfabrik von New Lanark in Schottland nach seinen Ideen einer auf Kooperativen basierenden Wirtschaft und einem umfassenden Wohlfahrtswesen. Aus Harmony wurde New Harmony. Robert Owen wollte in den Weiten Indianas ein sozialistisches Gemeinwesen aufbauen, das als Vorbild für ähnliche Projekte an anderen Orten hätte dienen sollen. Mit einem weiteren wohltätigen Financier rekrutierte er namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, er entwarf auch ein utopisches Stadtmodell, das im Wesentlichen aus einem riesigen Blockrand und grossen Fabriken im Hofgelände bestand. Es wurde auch eine Stadtverfassung verabschiedet. Schnell wurde klar, dass sich die Idealisten zu viel aufgebürdet hatten. Bereits 1827 galt das Experiment als gescheitert. Das Gemeinschaftsland wurde wieder Privateigentum. Robert Owen kehrte nach Grossbritannien zurück, mehrere seiner Söhne entschieden sich für ein Leben und Berufskarrieren in New Harmony, das sich im 19. Jahrhundert zu einem bedeutenden Zentrum der Naturwissenschaften, namentlich der Geologie, entwickelte und das öffentliche Schulwesen in Indiana wesentlich mitformte.
Öl und Prozac
Mitten in der Rezession der 1970er-Jahre erhielt Richard Meier die Chance, in New Harmony ein gros-ses, markantes Bauwerk zu realisieren, das fast wie eine Fata Morgana den Gedanken an eine Utopie verkörpert. Diese Chance war weniger einer dem Ort innewohnenden Kraft zu verdanken als glücklichen äusseren Umständen; konkret Jane Blaffer Owen, Commander of The British Empire (1915 – 2010). Die Dame entstammte dem Olymp texanischer Erdöl-dynastien. Ihr Vater war Mitbegründer von Humble Oil Co., die sich zum Exxon-Mobil-Konzern entwickelte, ihre Mutter Tochter des Gründers der Texas Company, heute Texaco. 1941 heiratete sie den Geologen Kenneth Owen, einen Abkömmling des Gründers von New Harmony, und lernte die Siedlung kennen, die damals ziemlich in Vergessenheit geraten war. Dies löste die Gründung der R.L. Blaffer Foundation im Jahr 1958 aus, deren Ziel es noch heute ist, das historische und pädagogische Erbe des Ortes zu erhalten und bekannt zu machen.
Es folgte eine Serie von Interventionen am Nordrand des spärlich bebauten Strassenrasters von New Harmony, in einer Biegung des Wabash. Den Anfang machte 1960 die Roofless Church von Philip Johnson, eine von Backsteinmauern umgebene Freifläche mit einer geschindelten Haube, die eine Skulptur von Jacques Lipchitz schützt. Verschiedene Gebäude der ursprünglichen Harmonisten wurden restauriert, im Süden der Siedlung stellte man deren Heckenlabyrinth wieder her, der gemeinschaftliche Brotofen wurde wieder aufgebaut. Nach dem Tod des deutsch-amerikanischen Theologen Paul Tillich legte Jane Blaffer Owen, einst seine Studentin, einen grösseren Park mit verschiedenen Land-Art-Installationen an, in dem seine Asche verstreut wurde.
Richard Meier wurde von Jane Blaffer Owen im Namen der R.L. Blaffer Foundation für zwei Aufträge ausgesucht. Neben dem Athenaeum am Nordwestrand der Siedlung plante er auch den Sarah Campbell Blaffer Pottery Shed. Die Töpferwerkstatt ist ein eingeschossiger Kleinbau zwischen dem Athenaeum und der Roofless Church und präsentierte sich als raumgreifende Struktur in makellosem Weiss, die 1978 fertiggestellt wurde. Heute ist das Gebäude mit seiner Holzschalung kompakt und erdfarben und kaum mehr wiederzuerkennen. Es wird auf der Website des «New Harmony Clay Project» aber noch immer als Bau von Richard Meier bezeichnet. Der Sarah Campbell Blaffer Pottery Shed dient in den Sommermonaten Gastkeramikerinnen und -keramikern als Werkstatt.
Das Athenaeum am Nordwestrand der Siedlung, bei der Uferböschung zum Wabash, nahe der Strassenbrücke in den Nachbarstaat Illinois, wurde klar als neues Wahrzeichen von New Harmony geplant. Zur Finanzierung mobilisierte Jane Blaffer Owen das in Indianapolis ansässige Unternehmen Ely Lilly and Company, einen Pharmakonzern, dessen vermutlich bekanntestes Produkt das Antidepressivum Prozac ist. Diesem Mäzenatentum hat New Harmony seinen jüngsten baulichen Schub zu verdanken. Es verbindet die Utopie mit den philantropischen Aspekten des Kapitalismus. Dass das Werk von Richard Meier die Funktion eines Katalysators einnimmt, welcher protestantische Strenge, künstlerische Freiheit und finanzielle Abhängigkeiten in eine körperhafte Form bringt, ist für die internationale Architekturgeschichte von einiger Bedeutung.
A star is born
Richard Meier war ein ehemaliger Mitarbeiter von Marcel Breuer. In Fachkreisen kannte man ihn als einen der sogenannten «New York Five», einer Gruppe von nicht mehr ganz jungen Architekten, die in den 1970er-Jahren die Chance erhielten, ein Vakuum zu füllen, das durch das Hinscheiden der Autorenarchitekten aus der klassischen Moderne, Frank Lloyd Wright, Eero Saarinen, Mies van der Rohe, Le Corbusier, Alvar Aalto und Louis Kahn, entstanden war. Zusammen mit den anderen vier, Peter Eisenman, Michael Graves, Charles Gwathmey und John Hejduk, ergriff Meier die Chance, diese Moderne jenseits der um sich greifenden Corporate Architecture grosser Büros mit einer persönlichen Handschrift und einer Hinwendung zu künstlerisch-gestalterischen Anliegen weiterzuführen.
Vor den beiden Projekten für New Harmony kannte man Richard Meier in ausgewählten Kreisen vor allem für seine eleganten Wohnhäuser in der freien Natur im Nordosten der USA. 1970 hatte er seinen bisher grössten Auftrag erhalten, das Bronx Developmental Center, ein Sanatorium für 750 geistig behinderte Kinder. Es wurde 1977 in einer reduzierten Version fertiggestellt. Die elegante, doch nüchtern-funktionale Anlage in der grossen Metropole lässt ahnen, dass die Karriere Meiers ohne das Athenaeum eine ganz andere Richtung hätte nehmen können. Ob zu Recht oder nicht: Das Gebäude am Wabash River interlässt den Eindruck, hier habe ein Architekt das realisieren können, was er immer schon bauen wollte – Architektur jenseits der Erfüllung eines allzu konkreten Bauherren- oder Nutzerwunsches. Dieser Eindruck verhalf Richard Meier neben dem unbestreitbaren gestalterischen Talent anschliessend zu einer internationalen Karriere.
Das Athenaeum – es erhielt 1979 den Progressive Architecture Award und 1982 den American Institute of Architects (AIA) Honor Award – setzte für seinen Schöpfer gewissermassen den Massstab für eine «Handschrift-Architektur», wie man sie in dieser Art zuvor noch nicht gekannt hatte. Anscheinend war in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre die Zeit reif für eine skulpturale Künstlerarchitektur, befreit vom Ballast städtebaulicher oder sozialpolitischer Zielsetzungen und Absichten, wie sie vom CIAM oder vom Team 10 portiert wurden, keiner futuristischen Zukunftsvision verpflichtet, wie die Jungtalente, die sich an den Visionen von Archigram oder Superstudio orientierten und der Hightech-Architektur den Weg bereiteten. In diesem Sinn schlug in New Harmony die Geburtsstunde des makellosen, ein für allemal vollendeten modernen Bauwerks, das sich jenseits der Zweckbestimmung selbst genügt und letztlich zum bekannten Bilbao-Effekt führte.
Mumie
Dieser Effekt hat sich in New Harmony nie eingestellt. Etwas verloren steht das Athenaeum seit seiner Fertigstellung neben der Siedlung im gepflegten Rasen. Früher war seine Lage optimal, gleich nebenan führte die New Harmony Toll Bridge weiter westwärts. Seit 2012 ist die Brücke wegen ihres schlechten Zustands geschlossen, das Geld für Reparaturen fehlt, sie wird wohl langsam zerfallen. Richard Meiers Bau steht seither am Ende einer Sackgasse, da New Harmony nun ausschliesslich von Osten erschlossen wird, ist jetzt Schlusspunkt statt Auftakt. Er beherbergt gemäss en.wikipedia.org heute einen Gift Shop, das Achitekturmodell einer historischen Kirche und ein Auditorium für 200 Sitzplätze, in dem ein Film über den Ort gezeigt wird. In einem Interview, das Richard Meier 2010 mit dem Architekturpublizisten Ben Nicholson führte, meinte der Architekt: «Es geht beim Gebäude um die Fortbewegung im Inneren, um die Umgebung zu erfahren. Die Ausstellungsgüter, die wir für das Gebäude hatten, ich weiss nicht, was dort heute ist, waren ziemlich unbedeutend.»
Das Gebäude wird eine schwierige Zeit haben, wenn es für sich steht. Es muss mit einem Programm verbunden werden, beispielsweise für ein Studienzentrum.Richard Meier, 2010
Bautafel
Historic New Harmony, Indiana, USAArchitektur
Richard Meier & Partners Architects
New York, USA
Die «richtige» Darstellung
Stolz steht der Architekt Richard Meier für die Kamera vor seinem noch nicht ganz fertigen Werk am grobgezimmerten Zaun im Parkgelände. Er möchte auch heute, dass das Athenaeum mit den Fotos präsentiert wird, die der berühmte amerikanische Architekturfotograf Ezra Stoller (1915–2004) im Jahr 1979 geschossen hat, als sich das Werk in einem neuen, frischen Zustand darbot. Für ihn gehören diese Bilder zur korrekten Architekturpräsentation, wie die Pläne.
Ergänzend zeigt PHŒNIX das Werk mit Fotos des amerikanischen Architekturpublizisten John Hill, der in New York lebt und 2015 einen Sommerausflug nach New Harmony unternahm. Man stellt fest, dass das Athenaeum gut gepflegt wird und in Würde altert. Nutzungsspuren scheinen einzig die Witterung und die Natur zu hinterlassen, Zeichen eines steten Stroms von Besucherinnen und Besuchern lassen sich nicht wahrnehmen.