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ÜbersichtDas sind die Themen im Dossier
- Rechtliche Situation
- Gleichberechtigung im Arbeitsleben
- Aktuelles
Rechtliche situation
Zur Gleichberechtigung zwischen Männer und Frauen können wir in unserem Alltag zwar alle etwas beitragen, indem wir uns mit Respekt begegnen. Doch es gibt auch verschiedene gesetzliche Regelungen, die Gleichberechtigung ermöglichen.
Bundesverfassung
Seit dem Jahr 1981 ist in der Schweizer Bundesverfassung festgeschrieben, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind.
Art. 8 Abs. 3 Bundesverfassung: «Mann und Frau sind gleichberechtigt. Das Gesetz sorgt für ihre rechtliche und tatsächliche Gleichstellung, vor allem in Familie, Ausbildung und Arbeit. Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit.»
Gleichstellungsgesetz
Seit dem Jahr 1996 gibt es ein Gleichstellungsgesetz. In diesem Gesetz ist festgehalten, dass man bei der Arbeit nicht wegen seines Geschlechts diskriminiert werden darf. Man darf also z.B. nicht beim Lohn, bei der Anstellung oder bei der Kündigung anders behandelt werden, nur weil man ein Mann oder eine Frau ist.
Weitere Rechtliche Entwicklungen
In den letzten Jahrzehnten gab es verschiedene Änderungen, welche die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau verbesserten:
- 1971: Stimm- und Wahlrecht für Frauen auf eidgenössischer Ebene, bis dahin durften nur Männer abstimmen und wählen, 1981: Die Gleichberechtigung wird in der Bundesverfassung festgeschrieben, 1988: Frauen und Männer werden beim Eherecht gleichgestellt, bis dahin war der Mann laut Gesetz das Familienoberhaupt und die Frau für den Haushalt zuständig, 1990: Der Kanton Appenzell Innerrhoden führt als letzter Kanton das Stimm- und Wahlrecht für Frauen auf kantonaler Ebene ein, 1992:Vergewaltigung in der Ehe wird strafbar, 1996: Das Gleichstellungsgesetz tritt in Kraft, 2005: Der Mutterschaftsurlaub wird eingeführt, Mütter haben nach der Geburt 14 Wochen bezahlten Mutterschaftsurlaub, 2014: Nach einer Scheidung wird das gemeinsame Sorgerecht für die Kinder der Regelfall, bis dahin ging das Sorgerecht meist an die Mutter
Gleichberechtigung im Arbeitsleben
In der Schweiz verdienen Frauen im Durchschnitt fast einen Fünftel weniger als Männer. Dies sind 1 455 Franken pro Monat. Mehr als die Hälfte dieses Unterschieds kann erklärt werden. Dies z.B. durch die Berufserfahrung, die Ausbildung oder die Position im Unternehmen der Angestellten. Doch es bleibt auch ein Anteil übrig, der nicht erklärt werden kann. Dieser Teil kann also nicht durch andere Ausbildung oder weniger Berufserfahrung erklärt werden. Im Schnitt verdienen Frauen so unerklärt 7.7 Prozent weniger als Männer. Dies sind 642 Franken im Monat.
Grafik: Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau
In der Arbeitswelt gibt es verschiedene Dinge, die dazu führen, dass Frauen auch heute noch weniger verdienen als Männer:
Männerberufe und Frauenberufe
Auch heute kann man noch von typischen Männerberufen und Frauenberufen sprechen. In typischen Männerberufen arbeiten klassischerweise mehr Männer als Frauen, in typischen Frauenberufen arbeiten mehr Frauen als Männer. Typische Männerberufe sind z.B. technische Berufe oder Berufe auf dem Bau. Typische Frauenberufe sind z.B. soziale Berufe wie in der Pflege oder in der Schule. In den typischen Frauenberufen sind die Löhne meist tiefer als in den typischen Männerberufen. Das ist einer der Gründe, der dazu führt, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer.
- Gewisse Leute sind der Meinung, dies sei kein Problem. Denn jede Frau und jeder Mann könne selber entscheiden, welchen Beruf er oder sie haben will. Wollen Frauen mehr verdienen, so können sie auch technische Berufe lernen.
- Andere Leute sind der Meinung, dass die typischen Berufe gesellschaftlich anerzogen seien. Denn Frauen mit einem typischen Männerberuf oder Männer mit einem typischen Frauenberuf würden komisch angeschaut. Dieses gesellschaftliche Bild müsse korrigiert werden. Auch dass typische Frauenberufe schlechter bezahlt sind als typische Männerberufe müsse sich ändern.
Vereinbarkeit von Beruf und Familie
In der Schweiz arbeiten 57 Prozent der Frauen Teilzeit. Von den Männern arbeiten nur 12 Prozent Teilzeit. Diese unterschiedlichen Arbeitsmodelle gibt es vor allem wegen der Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen nach der Geburt eines Kindes. Ist das erste Kind geboren, arbeitet meist die Mutter gar nicht mehr oder nur noch Teilzeit. Väter hingegen arbeiten meist auch nach der Geburt von Kindern Vollzeit. Auch diese unterschiedlichen Arbeitsmodelle führen dazu, dass Frauen durchschnittlich weniger verdienen als Männer. Denn einerseits haben Frauen wegen der Kinderpause oft weniger Berufserfahrung als Männer. Anderseits gehen Frauen, die Teilzeit arbeiten, bei Lohnerhöhungen oder Beförderungen eher vergessen, als wenn sie Vollzeit arbeiten würden.
Grafik: Bundesamt für Statistik (bfs)
- Gewisse Leute sind der Meinung, dass es keine neuen Regelungen brauche. Denn Paare können selber über ihr Familien- und Arbeitsmodell entscheiden. Will ein Vater zu Hause bleiben oder eine Mutter mehr arbeiten, so sei dies bereits heute möglich. Die heutigen Familien- und Arbeitsmodelle entsprächen oft den Wünschen der Paare.
- Andere Leute sind der Meinung, dass es politische und gesellschaftliche Änderungen brauche. Einerseits bleibe heute oft die Mutter zu Hause, weil der Vater mehr verdiene. Anderseits gäbe es viel zu wenig bezahlbare Kinderbetreuung (z.B. Hort, Kindertagesstätte). Deshalb würden sich andere Arbeitsmodelle finanziell oft gar nicht lohnen.
Position im Unternehmen
In einem Unternehmen gibt es verschiedene Positionen, beispielsweise einfache Angestellte, Angestellte mit Leitungsfunktion oder Angestellte in der Unternehmensleitung. Je höher die Position im Unternehmen ist, desto mehr Verantwortung hat man und desto höher ist auch der Lohn. Frauen sind in Schweizer Unternehmen seltener in einer höheren Position als Männer. Im Jahr 2018 war etwa ein Drittel der Arbeitnehmenden in den Unternehmens-leitungen Frauen. Bei den Unternehmen, deren Aktien an der Börse gehandelt werden, waren sogar nur vier Prozent Frauen in den Unternehmensleitungen.
Grafik: Bundesamt für Statistik (bfs)
Aktuelles
Frauenstreik
Im Jahr 1991 fand in der Schweiz der erste Frauenstreik statt. Zehn Jahre nachdem die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau in der Bundesverfassung festgeschrieben wurde, waren die Frauen nach wie vor unzufrieden damit. Unter dem Motto «Wenn Frau will, steht alles still» gingen hunderttausende Frauen für mehr Gleichberechtigung auf die Strasse.
Am 14. Juni 2019 fand der zweite Frauenstreik statt. An diesem Tag gingen über eine halbe Million Frauen und Männer auf die Strasse und demonstrierten erneut für mehr Gleichberechtigung. In der ganzen Schweiz fanden zahlreiche, ganz unterschiedliche Veranstaltungen statt. So z.B. Demonstrationen, Konzerte, Vorträge oder Diskussionsrunden. Aber auch auf Social-Media wie z.B. Facebook oder Instagram machten zahlreiche Frauen, Organisationen aber auch Männer auf ihre Anliegen aufmerksam. Sogar der Nationalrat unterbrach seine Sitzung für 15 Minuten.
Mit Demonstrationen will man auf Themen und Probleme aufmerksam machen. Dadurch, dass ganz viele Menschen gleichzeitig auf die Strasse gehen, möchte man man der Politik zeige, dass viele Leute ein Problem sehen. Man schafft also Druck, dass die Politik die Anliegen der Leute aufnimmt. Es gibt Personen, die sagen, dass Demonstrationen nicht viel bringen. Doch es gibt Gegenbeispiele: So haben die Klima-Demonstrationen #FridaysForFuture durchaus zu vielen neuen Diskussionen in der Umweltpolitik geführt. Und auch der Frauenstreik von 1991 zeigte Wirkung: So gab es nach den Protesten ein neues Gleichstellungsgesetz und der Mutterschaftsurlaub wurde eingeführt.
Vaterschaftsurlaub
Nach der Geburt eines Kindes hat die Mutter Anspruch auf 14 Wochen Mutterschaftsurlaub. Sie muss also 14 Wochen nicht zu ihrer Erwerbsarbeit. In dieser Zeit bekommt sie durch die EO (Erwerbsersatzordnung) 80 Prozent ihres bisherigen Lohnes. Einen Vaterschaftsurlaub gibt es in der Schweiz nicht. Nach der Geburt eines Kindes muss der Arbeitgeber dem Vater aber mindestens einen Tag frei geben. Es gibt Unternehmen, die Vätern freiwillig länger frei geben.
Im Jahr 2016 wurde eine Initiative eingereicht, die einen Vaterschaftsurlaub fordert. Die Initiative will, dass Väter nach der Geburt eines Kindes vier Wochen Vaterschaftsurlaub haben (20 Arbeitstage). Diese 20 Arbeitstage können die Väter im ersten Lebensjahr des Kindes so verteilen, wie sie wollen. Sie können sich beispielsweise direkt nach der Geburt des Kindes 20 Arbeitstage frei nehmen. Sie können aber beispielsweise auch 20 Wochen lang jede Woche einen Tag frei nehmen. An den freien Arbeitstagen bekommen Väter wie die Mütter im Mutterschaftsurlaub 80 Prozent des bisherigen Lohnes durch die EO.
Die Initiative wird momentan in der Bundesversammlung diskutiert. Sowohl der Ständerat als auch der Nationalrat sind gegen die Initiative. Der Ständerat befürwortet jedoch einen Gegenvorschlag. Dieser will, dass es zukünftig einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub gibt. Über diesen Vorschlag muss nun auch noch der Nationalrat diskutieren. Sind die Initianten mit einem Gegenvorschlag zufrieden, können sie ihre Initiative zurückziehen und es kommt zu keiner Volksabstimmung. Die Initianten haben aber bereits gesagt, dass sie mit dem Gegenvorschlag nicht zufrieden sind. Früher oder später wird also auch die Bevölkerung über den vierwöchigen Vaterschaftsurlaub abstimmen.
Frauenquote für börsenkotierte Unternehmen
Im Juni 2019 haben Nationalrat und Ständerat beschlossen, dass es für börsenkotierte Unternehmen mit mindestens 250 Mitarbeitenden eine Frauenquote geben soll. Börsenkotiert sind Unternehmen, deren Aktien an der Börse gehandelt werden.
Im Verwaltungsrat eines börsenkotierten Unternehmens müssen in Zukunft mindestens 30 Prozent Frauen sein. Der Anteil an Frauen in der Geschäftsleitung eines solchen Unternehmens muss mindestens 20 Prozent betragen. Die Unternehmen haben nun fünf Jahre Zeit, die Frauenquote im Verwaltungsrat umzusetzen. Für die Frauenquote in der Geschäftsleitung haben sie zehn Jahre Zeit. Erfüllen sie die Frauenquote nicht, so müssen sie dies öffentlich begründen und Massnahmen dagegen ergreifen.