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Der Süden von Grönland wird zwar von Kreuzfahrtschiffen immer wieder mal angelaufen. Doch die meisten fahren einfach durch den pittoresken Prins-Christian-Sund und halten bei einigen Ruinen aus der Wikingerzeit. Die kleinen Ortschaften, die in den Fjorden und an den Küsten liegen, werden kaum besucht oder wenn ja, dann nur kurz und ohne grossen Einbezug der lokalen Bevölkerung. Dass es auch anders geht, zeigt der fünfte Tag und ein Besuch in Aappilatoq sehr deutlich.
Einige Tage bevor ich diese Reise in den Süden Grönlands antrat, erregte eine Meldung in der grönländischen Zeitung Sermitsiaq meine Aufmerksamkeit. Darin stand, dass Tourismusverbände in Südgrönland die Regierung in Nuuk um Hilfe bei der Entwicklung des Tourismus gebeten hatten. Ihre Aussage war, dass ausländische Gesellschaften mit ihren grösseren finanziellen Möglichkeiten die lokalen Anbieter übertrumpfen. Man wolle aber den Tourismus hier fördern und zeigen, dass es sich lohnt, im Süden touristische Aktivitäten anzubieten. Ausserdem wolle man die lokalen Interessenvertreter und die einzelnen Gemeinden mehr und besser in die touristischen Aktivitäten der ausländischen Anbieter eingebunden sehen, erklärte der Vertreter der südgrönländischen Touranbieter in dem Artikel. Das dies tatsächlich geht, zeigt sich dann bei unserem Besuch im kleinen Ort Aappilatoq, der mitten im Prins-Christian-Sund liegt. Die für Grönland typischen bunten Holzhäuser schmiegen sich relativ eng an eine Bergflanke an und liegen etwas versteckt hinter hohen Felsen auf einer Landzunge. Der Standort hat einen grossen Vorteil, nämlich einen natürlich geschützten Hafen in dem einige kleine Fischerboote am Holzpier liegen und wo wir von einigen Kindern und Erwachsenen freundlich empfangen werden. Denn Aappilattoq will sich präsentieren und nicht anstarren lassen.
Fischfang ist die Haupteinnahmequelle des Ortes, wie fast überall auf Grönland. Die tiefen Fjorde liefern guten Heilbutt und Dorsche. Daneben wird noch gejagt und etwas Arbeit für die Verwaltung durchgeführt. Ein kleiner Supermarkt, eine Kirche, eine Schule, ein Gemeindezentrum komplettieren die bauliche Infrastruktur. Strom erhält man durch einen Generator und Frischwasser aus den Bächen, die von den steilen Felsen neben dem Ort herabfallen. Strassen gibt es keine, nur Wege für die paar Quads und Mountainbikes. Die Häuser stehen typischerweise auf Holz oder Zementfundamenten, viele der Leitungen gehen dem Boden entlang, der aus Felsen oder Pflanzenflächen besteht. Alles ist so, wie in anderen kleinen grönländischen Orten auch. Und doch ist etwas anders: die Menschen beobachten uns nicht, sondern kommen auf uns zu, grüssen uns, lächeln und freuen sich über unsere Anwesenheit.
Und alles hat man für uns geöffnet, will uns zeigen, wie man hier lebt und was den kleinen Ort ausmacht. Da wäre beispielsweise Jäger Timeon, der uns mithilfe eines Dolmetschers von seinem Leben, seinen Jagderfolgen und dem Leben generell in Aappilattoq erzählt, der stolz neben einem von seinem Sohn erlegten Eisbären steht. Oder der Kirchenchor, der fast eine Stunde vor praktisch vollem Haus die Anwesenden mit Liedern über die Menschen und das Leben begeistert. Und kaum eine Person (inklusive ich selbst), die bei der Darbietung von «Amazing Grace» auf grönländisch nicht tief bewegt war; oder der traditionelle Kaffemik, bei dem sehr leckere Kuchenstücke die meisten zu einem zweiten Frühstück animierten. Auch sportlich wollte Aappilattoq seine Fähigkeiten zeigen, war man doch eben erst regionaler Fussballmeister geworden. Das sehr faire, aber intensiv geführte Spiel gegen das Team «Ultramarine» ging dann aber doch 5:2 für die Gäste aus. Gekrönt wurde der dreistündige Besuch von einem Rockkonzert einer Band aus dem nahegelegenen Nanortalik. Die vier Jungs rockten derart ab, dass sogar die ältesten Bewohnerinnen und Bewohner mittanzten und -sangen, Open Air-Feeling auf grönländisch. All dies wurde aber vor allem durch die Freude der Einwohner in den Gesichtern zu einem ganz persönlichen und warmen Erlebnis. Wir fühlten uns nicht wie Fremde oder Touristen auf Sightseeingtour, sondern wie Freunde zu Besuch. Denn Aappilattoq hatte hier seine Wünsche umgesetzt und nicht die von uns. Ein Vorgehen, dass hoffentlich Schule machen wird. So geht Tourismus!
Dr. Michael Wenger, PolarJournal