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Vorwort
Die folgenden Stiluntersuchungen sollen zugleich ein Stück der Lebensgeschichte des grossen Dichters bieten. Die Jugenddichtungen Shakespeares werden hier weniger vom ästhetischen, als vom psychologischen Standpunkt aus betrachtet: als Dokumente seines Geisteslebens. Wenn auch in den Geisteswerken eines Dichters sein äusseres Leben sich meist nur wenig und nur mit unsicherer Brechung widerspiegelt, so geht doch daraus sein Bildungsgang, seine Geschmacksentwicklung, bis zu einem gewissen Grade auch sein Interessenkreis, seine Gesinnung und Lebensanschauung, der Wechsel seiner Stimmungen deutlich hervor.
Wenn von früheren Biographen die Jugenddichtungen Shakespeares noch nicht in ausgiebiger Weise verwertet wurden, wenn es wohl gar als unmöglich hingestellt wurde, sie so zu verwerten, so lag das zum grossen Teil daran, dass die Echtheit dieser Dokumente vielfach angezweifelt wurde, und dass die Abfassungszeit meist ungewiss war.
Aus diesem Grunde erschien es nötig, Erörterungen über Echtheit und Abfassungszeit vorauszuschicken, welche diese beiden Punkte sicher stellten. Auch durfte ich nicht versäumen, durch möglichst vollständige Zusammenstellung charakteristischer Stileigentümlichkeiten und Ausdrucksparallelen die gleichartige stilistische Struktur, den engen
Zusammenhang der Dichtungen
der Dichtungen und die vollkommen organische und stetige Stilentwicklung darzutun. Ferner habe ich mich bemüht, mit möglichster Vollständigkeit alle litterarischen Einwirkungen anderer Dichter, die sich in Shakespeare's Jugendwerken nachweisen lassen, zu verzeichnen.
Eine einfache Sammlung von Parallelstellen giebt meines Erachtens einen objektiveren Beweis für die Echtheit, für die chronologische Reihenfolge, und für litterarische Abhängigkeit, als ästhetische Erörterungen, die doch immer einen mehr oder weniger subjektiven Charakter haben.
Dass ich mehr auf den Stil, als auf Darstellungsweise, Charakterzeichnung und Komposition eingegangen bin, dass ich das Verhältnis Shakespeares zu seinen Quellen mehr mur gestreift habe, rechtfertigt sich nicht nur durch den Umstand, dass die letzteren Punkte schon von anderen Interpreten ausführlich erörtert worden sind, sondern auch durch die Erwägung, dass die Eigenart Shakespeare's, in den Jugenddichtungen wenigstens, besser aus dem Stil als aus der dramatischen Behandlung seines Stoffes zu erkennen ist: Darstellungsweise, Charakterzeichnung, Komposition waren dem Dichter ja durch seine Quellen vielfach vorgezeichnet, besonders wo er ältere Dramen umarbeitete; ausserdem folgte er hier zunächst dem Beispiel und Muster anderer Dramatiker, die schon eine gewisse dramatische Technik und bestimmte Typen ausgebildet hatten.
Der Stil Shakespeare's ist aber, wie ich glaube nachgewiesen zu haben, gleich von den ersten Dichtungen an individuell charakteristisch, obwohl auch darin eine teilweise Einwirkung anderer Dichter sich geltend macht.
Nicht ohne Grund also habe ich statt der gewöhnlichen makroskopischen Betrachtungsweise eine mehr mikroskopische angewendet, welche den einzelnen poetischen Gedanken, das einzelne Bild gleichsam als Zelle des Dichtungsgewebes ins Auge fasst.
Vielleicht tritt auf diese Weise die Besonderheit von Shakespeares Dichtung etwas deutlicher hervor. –
Die Geschichte des Shakespeare-Kultus hat in neuerer Zeit einen tragikomischen Verlauf genommen.
Trotz aller Bemühungen vieler geistreicher, feinsinniger und gelehrter Männer, Shakespeare dem modernen Publikum verständlich zu machen, ist dies wenigstens in Bezug auf die Person des Dichters nicht gelungen. Man kann sogar sagen: je populärer Shakespeare wurde, um so mehr ist er zu einer unbekannten Grösse geworden; vielleicht gerade durch die Weihrauchwolken, die man ihm spendete, wurde seine Gestalt wie in einen Nebel eingehüllt.
Es ist für die Popularisierung Shakespeares förderlich, aber auch verhängnisvoll gewesen, dass sie besonders von Gelehrtenstuben und Salons ausging. Der Dichter sollte durchaus möglichst salonfähig gemacht werden, als ein möglichst gebildeter, korrekter, makelloser Gentleman erscheinen; alles Anstössige, allzu Derbe in seinen Dichtungen sollte möglichst getilgt oder abgeschwächt werden. Durch solche idealisierende Retouche, die gerade die charakteristischen Flecken und Male beseitigte, wurde aber das Bild des Dichters allmählich immer undeutlicher, bis zuletzt Gelehrte und Laien an Shakespeare irre wurden.
Der erste Irrtum ging besonders von englischen Gelehrten aus. Sie erkannten mit feinem Stilgefühl, dass manche Dichtungen, die unter Shakespeares Namen überliefert sind, in roherem Geschmack und zugleich in weniger originellem Stil geschrieben sind, auch dass sie mannigfache Anklänge an Dramen anderer Dichter enthalten. Sie schlossen daraus, dass diese Dramen unecht, weil des Dichters nicht würdig wären, ohne genügend in Betracht zu ziehen, dass auch das grösste Dichtergenie sich erst entwickeln muss und, in seinen Anfängen besonders, unter dem Einfluss der Vorgänger steht.
Die zweite, gröbere Verirrung grassiert besonders in
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Dilettantenkreisen. Hier wurden kurzweg alle Dichtungen für unecht erklärt, nicht weil sie des Dichters, sondern umgekehrt, weil er ihrer nicht würdig wäre, weil ein Sohn eines ungebildeten Ackerbürgers und Schlächters, ein ‘Wilddieb' und Komödiant nicht Werke geschaffen haben könnte, die eine so hohe Bildung und so vornehme Gesinnung verrieten.
Beide so verschiedenartige und so ungleichwertige Irrtümer sind auf dem Boden des Shakespeare-Enthusiasmus erwachsen: bald waren die Werke nicht gut genug für den Dichter, bald der Dichter nicht gut genug für seine Werke.
Der feinere Skepticismus der Gelehrten war gleichsam die günstige Vorfrucht der Bacon-Theorie. Nachdem gerade jene Jugendwerke dem Dichter abgesprochen waren, welche seine plebejische Herkunft, seine ursprünglich geringe Bildung, seine anfängliche Geschmacksrohheit jedem Unbefangenen dartun, war die Brücke abgebrochen, die von dem Bauernsohn zum grossen Dichter herüberleitete.
Ein dritter Irrtum kam hinzu, ebenfalls aus übertriebener Shakespeare-Verehrung erwachsen, ebenfalls von Gelehrten zuerst gepflegt und von Dilettanten weiter gezüchtet. Man hatte an einigen lyrischen Gedichten Anstoss genommen, die bei einfacher und natürlicher Deutung den Charakter des Dichters allerdings nicht makellos erscheinen liessen. Verschiedene Deutungsversuche wurden angewandt, um den Makel zu beseitigen: diese Gedichte, in welchen Shakespeare ‘sein Herz erschlossen hat, sollten nur ein tändelndes Spiel der Phantasie sein, ein Roman in Sonetten, eine erotische Etude; endlich griff man zu dem verzweifelten Auskunftsmittel, sie allegorisch zu deuten eine Idee, die von den Baconianern begeistert aufgenommen wurde, da ja Bacon gerade ein Liebhaber der allegorischen Dichtung war.
So wirkten Enthusiasmus und Prüderie, Gelehrtenskeptizismus und die Unkenntnis der Laien zusammen, um das Bild des Dichters Shakespeare zu verwischen.
Mit Vorliebe hatten Shakespeare-Enthusiasten betont, dass man einen 'irdischen und einen 'himmlischen' Shakespeare unterscheiden müsste. Wenn dieser Dualismus nun auch tiefer Gebildeten einleuchtete, die Göthe's Zwei-SeelenMenschen kannten, so ist es doch dem grossen Publikum nicht sehr zu verübeln, dass ihm Zweifel an der Identität der beiden so verschiedenen Seelen aufstiegen.
Eine Rückkehr zu mehr realistischer und mehr monistischer Auffassung scheint jetzt nötig zu sein, nachdem sich herausgestellt hat, dass die hyper-idealistische und dualistische Auffassung auf Abwege führt. Auf den folgenden Blättern soll nun gezeigt werden, dass Dichtung und Leben Shakespeares vollständig im Einklang stehen, dass bei natürlicher und unbefangener Interpretation gerade aus den Jugenddichtungen der Mensch Shakespeare deutlich zu erkennen ist: ein genialer, aber mit menschlichen Schwächen und Unvollkommenheiten behafteter Mensch; kein vom Himmel gefallener Meister, sondern einer, der eine Lehrzeit durchzumachen hatte; kein unpersönlicher UniversalGeist, kein Zwei- und kein Tausend-Seelen-Mensch, sondern trotz all seiner Empfänglichkeit und Vielseitigkeit ein Kind seiner Zeit und seines Volkes, ein Individuum mit von Hause aus beschränktem Gesichtskreis, der sich nur allmählich erweitert; ein Charakter mit bestimmt ausgeprägter Eigenart, der die bäuerliche Herkunft deutlich verrät; eine Person mit sensitivem Gefühlsleben und wechselnden Stimmungen.
Dass in den folgenden Ausführungen manches hypothetisch ist, dessen bin ich mir wohl bewusst – der Mangel zuverlässiger Nachrichten, besonders aus jener Periode, nötigt zu Mutmassungen - ich glaube aber nur Hypothesen ausgesprochen zu haben, die innerhalb der Grenzen methodischer Forschung und einer gewissen Wahrscheinlichkeit liegen.
Die chronologische Reihenfolge der Dichtungen, die ich