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Schimpansen sind äusserst faszinierende Geschöpfe. Sie haben ein komplexes Sozialsystem und können verschiedene Werkzeuge nutzen und herstellen. Manche Schimpansen machen sogar mit Holzspeeren Jagd auf kleinere Affen. Doch verfügen sie auch über eine Sprache oder wenigstens eine Form von Grammatik? Schliesslich gilt in der Evolutionswissenschaft die Rekonstruktion der Evolution der Sprache bis heute als ein «grosses Rätsel».3
Wissenschaftler um Cédric Girard-Buttoz vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben kürzlich fast 5000 Rufe von wildlebenden Schimpansen in der Elfenbeinküste aufgezeichnet und hinsichtlich möglicher grammatikalischer Regeln untersucht.3 In den populären Medien wurde ihre Studie begeistert aufgegriffen. Die Zeitschrift National Geographic titelte: «Komplexe Kommunikation: Schimpansen sprechen in ganzen Sätzen».2 «Welt der Wunder» sah das Bilden von Sätzen bei Schimpansen gar als «bewiesen» an,11 während «Bild der Wissenschaft» darauf verwies, dass noch unklar sei, ob «Schimpansen diese Sequenzen nutzen, um komplexe Informationen zu vermitteln»12. Existiert also tatsächlich eine Art Grammatik bei Schimpansen?
Nichts Aussergewöhnliches
Die Forscher konnten beobachten, dass die Schimpansen bis zu zehn Rufe hintereinander kombiniert haben. Mehr als fünf kombinierte Rufe traten allerdings sehr selten auf. Ungefähr ein Viertel der Rufkombinationen bestand nur aus Zweier- und Dreier-Kombinationen. Und in zwei Dritteln der Fälle verwendeten die Schimpansen lediglich Einzelrufe. Insgesamt wurden nur sieben Kombinationen aus zwei Rufen registriert, die häufiger von einer grösseren Zahl von Schimpansen verwendet wurden. Auch traten nur wenige Ruftypen bevorzugt am Anfang oder am Ende einer Ruf-Serie auf (z. B. kam «Huh!» oft am Anfang vor). Bei Dreier-Kombinationen waren häufig auftretende gleiche Reihenfolgen von bestimmten Ruftypen noch seltener.
Zuerst sei angemerkt, dass (einigermassen) flexibel miteinander kombinierbare Rufe keine ausreichenden Beweise für eine richtige Grammatik oder Sprache darstellen, wie auch Girard-Buttoz und Kollegen zugeben. Auch andere Primaten und ganz andere Tiere wie Singvögel, Fledermäuse oder Wale können verschiedene Rufe unterschiedlich flexibel miteinander kombinieren und dabei teilweise sogar bestimmte Informationen vermitteln. Meerkatzen und Erdmännchen zum Beispiel warnen durch die Kombination ihrer Rufe vor unterschiedlichen Räubern (z. B. Leopard, Adler, allgemeiner Alarm).1 Und Kohlmeisen können durch die Anzahl von Silben entweder warnen oder Artgenossen herbeirufen. Im Gegensatz dazu ist aber völlig unbekannt, ob Schimpansen – oder «singende» Arten wie zum Beispiel Vögel – überhaupt in der Lage sind, Informationen durch Rufkombinationen zu übermitteln. Dies wurde von Girard-Buttoz und Kollegen auch gar nicht erforscht. Die Wissenschaftler hatten Rufkombinationen bei Schimpansen lediglich als zeitlich eng aufeinander folgende Rufe definiert, ohne ihre (mögliche) Bedeutung zu untersuchen.
1 Welt der Kommunikation im Tierreich. Folio Verlag Wien.
2 https://www.nationalgeographic.de/tiere/2022/05/komplexe-kommunikation-schimpansen-sprechen-in-ganzen-saetzen.
3 Girard-Buttoz C et al. (2022) Chimpanzees produce diverse vocal sequences with ordered and recombinatorial properties. Commun. Biol. 5, 410.
11 https://www.weltderwunder.de/schimpansen-kommunizieren-wie-menschen-und-kennen-380-worter/.
12 https://www.wissenschaft.de/erde-umwelt/kommunikativer-struktur-auf-der-spur.
Lesen Sie den ganzen Artikel in factum 06/2023