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Der Rosenlauigletscher in den historischen Quellen
Heinz J. Zumbühl, Bern
Mit einer Fläche von 6,20 km2 gehört der Rosenlauigletscher'eher zu den kleineren Talgletschern des Berner Oberlandes. Die maximale Länge von 5,2 km ( mittlere Länge 4,1 km ) ist etwas geringer als beim Oberen Grindelwaldgletscher ( maximale Länge 5,5 km, Fläche 10,1 km2, d.h.c.a. zwei Drittel des Oberen Grindelwaldgletschers ). Auch heute ist die mehr als 1,5 km breite Frontalzone in zwei Teile gegliedert. Während der östliche kompakte Eislappen vorstösst ( Zungenende 1986 auf ca. 1840 mschön zu sehen vom Weg auf der Seitenmoräne zur Dossenhütte -, stürzt die westliche Eisfront, lebensgefährliche Eislawinen bildend, über die steile, blank polierte Kalkfelsrutschbahn hinunter.
Glücklicherweise ist das flache Vorfeld des Gletschers ( im 19. Jahrhundert auf einer Höhe von ca. 1485-1550 m zwischen Gletscherhubel im Osten, Zungenende im Süden, Kalkfelsen der Schwarzeflue im Westen und Rosenlauischlucht im Norden gelegen ) durch Felsen relativ gut strukturiert, so dass sich auch bei geringer Qualität der Bilddarstellungen eindeutige Anhaltspunkte für eine Bestimmung der Gletscherstände ergeben.
Für unsere Untersuchung günstig ist die Tatsache, dass der Rosenlauigletscher ab 1770, vor allem aber im 19. Jahrhundert auf der klassischen Berner-Oberland-Route von Grindelwald über die Grosse Scheidegg nach Meiringen lag und der relativ bequemen Zugänglichkeit wegen ziemlich häufig besucht wurde, so dass entsprechend viel Bildmaterial, wenn auch nicht so reich wie im Falle der Grindelwaldgletscher, vorhanden ist.
Allerdings ist der Rosenlauigletscher, da nicht unmittelbar bei einer Siedlung oder einem bedeutenden Pass gelegen, doch erst Karte 6 Postglaziale Ausdehnungen und Stände des Rosenlauigletschers Kleines 200 rri "
□ 19. Jahrhundert: 1827/28 ( Hochstand 1824 ) 1846 ( Hochstand 1840750er Jahre ) und möglicherweise 16/17.Jahrhundert ( östl.Zungenlappen )
vermutlich 1969 ( 1971 ) O GrabungMoränenwall spät ins Bewusstsein der Bevölkerung bzw. der Alpenbesucher getreten, so dass Bild- und Textquellen vor 1750 fehlen.2 Zudem wurde bis in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts meistens nur das Zungenende des westlichen Gletscherlappens unterhalb des Gletscherhubels dargestellt.
Wir sind deshalb für die Zeit vor 1780 auf naturwissenschaftliche Methoden zur Rekonstruktion der Gletschergeschichte angewiesen ( Geomorphologie, fossile Böden und Hölzer bzw. 14C-Datierungen ).
2. Älteste Daten und historische Quellen Die äusserste historische Umwallung konnte mit Hilfe eines fossilen Bodens einer Grabung ( vgl. S. 264 ) an die Wende des 16./17. Jahrhunderts gestellt werden. Weitere zahlreiche Grabungen brachten leider keine Resultate, d.h. es wurden keine fossilen Böden aufgeschlossen.
Die älteste historische Darstellung des Rosenlauigletschers, ein Kupferstich ( RL 01.1* S. 238 ) von Daniel Dürringer ( 1720-1786 ) aus dem 1760 erschienenen
Die inmitten der Eispyramiden gezeichneten sechs gewaltigen Felsblöcke - teilweise wie umgekippte Gletschertische aussehend - sollen möglicherweise den ungenau beobachteten Gletscherhubel darstellen. Im Text macht GRÜNER ( 1760, 1: 64 ) auf die Zweiteilung oberhalb des Gletscherhubels in eine östliche und eine westliche Zunge aufmerksam: ( Dieser Gletscher scheint aber seinen Anwachs von beyden Seiten her zu haben. Unten ist er ziemlich ebenliegend: oben aber, sowohl an seinem mittägigen Rucke, als an seinen beyden Armen sehr steil. ) Der Hinweis, dass der Gletscher unten ( ziemlich ebenliegend ) aussehe, bedeutet wohl, dass das Eis sicher bis an den Fuss der Schwarzeflue und des Gletscherhubels reichte; wie weit aber auf dem flachen Abschnitt, bleibt offen.
Bestätigt wird diese Lage des Gletschers durch die Beschreibung seines Aussehens.
Der Berner Pfarrer und Alpenforscher Jakob Samuel Wyttenbach ( 1748-1830 ), verwöhnt durch die hohe Qualität der Gletscherdarstellungen von C. Wolf, äusserte sich zu Recht kritisch zu dem Kupferstich bei Grüner:
Noch stärker schematisiert - als Strom regelmässiger spitzer Kegel - ist das Gletschereis auf der Radierung von David Herrliberger ( RL 02 ). Das Zungenende ist von seinem Standort ( im Gebiet Rufenen am Gegenhang ) nicht einsehbar und lässt sich, allein schon wegen der starken Schematisierung, nicht genau lokalisieren. Der Text bei HERRLIBERGER ( 1774, 1:16 ) scheint in starkem Masse von Grüner beeinflusst zu sein, bestimmte Details scheinen jedoch auf eigene Beobachtungen zurückzugehen und sind genauer als bei Grüner. ( Unten ist er ziemlich eben liegend: oben aber, sowohl an seinem mittägigen Rüken, als an seinen beiden Armen sehr steil. ) Genauer ist der Hinweis auf den ( mittägigen Rüken>, d.h. die im Süden liegenden Gletscherpartien. Ob man aus dem ( unten ist er ziemlich eben liegend ) schliessen kann, die Gletscherzunge ende unterhalb des Gletscherhubels auf dem flachen, terrassenartigen Vorfeld oberhalb der Rosenlauischlucht, bilde also mehr oder weniger einen Schweif, muss offenbleiben.
Mehr Fragen als Antworten liefert eine Kreidezeichnung, die weder signiert noch datiert ist ( RL 03 ). Im Gegensatz zu den beiden vorher diskutierten Blättern ist hier die Topographie einigermassen lesbar wiedergegeben. Der weiss gehöhte, auffallende Gletscher mit dem dunkel herausragenden Gletscherhubel weist eine sehr grosse Ausdehnung auf, was auf der rechten Gletscherseite unterhalb des Wellhorns gut zu sehen ist. Die nach unten verlängerte, nur noch knapp sichtbare Eisoberfläche deutet darauf hin, dass der westliche Zungenlappen unterhalb des Gletscherhubels sehr weit vorgestossen war. Das anonyme und leider nicht datierte Blatt ist möglicherweise im 18. Jahrhundert, vielleicht sogar schon im 17. Jahrhundert entstanden.
3. Der Vorstoss des Rosenlauigletschers in den 1770er Jahren Die erste topographisch genaue Darstellung des Rosenlauigletschers gehört zu den eindrücklichsten und schönsten, die je von diesem Gletscher gemacht worden sind. Es handelt sich um ein Gemälde ( RL 04* S. 240 ) von Caspar Wolf ( 1735-1783 ), aufgenommen auf der Rufenenalp auf dem Weg zur Grossen Scheidegg am späteren Nachmittag ( Schatten der Wellhörner auf dem Gletscher ). Bei der kühnen Komposition steht im Zentrum das Wellhorn, das wie ein gewaltiger, überdimensionierter Quarzkristall emporragt und mit seiner symbolischen Kraft an einen Götterberg denken lässt. Auf der rechten Seite wird das Wellhorn flankiert vom steil aufragenden Wetterhorn, links am Horizont markieren das Gstellihorn den Rand sowie das Dossenhorn die höchsten Gebiete des Gletschers gegen die Mitte hin. Die für Wolf charakteristischen drei bizarren Wettertannen betonen noch die bereits durch das Wellhorn gegebene Mittelachse.
Der sehr mächtig wirkende Rosenlauigletscher ist wie ein steil abfallendes, weisses Pultdach dargestellt. Die am weitesten nach unten vorstossende, grüngrau bis blaugraue Der Rosenlaui Gletscher cuif dem Scheidck an Omt:Bern rlOI.1 D. Dürringer, vor 1760:
der Rosenlauigletscher Eiszunge westlich des Gletscherhubels endet auf der ca. 120 m von den Maximalstandsmoränen entfernten Felsterrasse. An den Flanken des Gletscherhubels drängen sich gut erkennbare weitere Eismassen über die an der östlichen Seite noch nicht ganz von Eis überdeckte, ca. 130 m hohe obere Felsstufe ( Höhenlage ca. 1550-1680 m ) in Richtung der noch eisfreien östlichen Felsterrasse. Das Zungenende ist also stark asymmetrisch dargestellt. Das Ölgemälde entstand sicher auf den Alpenreisen zwischen 1774 und 1778; vermutlich ist auf RL 04* S. 240 das Aussehen des Rosenlauigletschers 1774 oder 1776 dargestellt. Wolf besuchte zwar wahrscheinlich 1777 erneut das Rosenlauigebiet, doch die geringere Eismächtigkeit im Vergleich mit A. Ch. Besson ( RL 05.1 *, 05.2* S. 245 ) spricht eher gegen dieses Datum.4 Der französische Erdwissenschaftler Alexandre Charles Besson ( 1725-1809 ) besuchte 1777 das Berner Oberland und auf dieser Reise auch den Rosenlauigletscher ( RL 05.1*, 05.2* S.245 ). Besson hat den Gletscher aus einiger Entfernung auf dem Weg von der Grossen Scheidegg nach Meiringen im Bereich der Rufenenalp, d.h. fast vom selben Aufnahmestandort wie C. Wolf, gezeichnet. In der Legende benennt Besson die Berge im Hintergrund: am linken Horizont die Engelhörner ( fälschlicherweise ( Bourg-hoernen ), in der Mitte ).
Den im Bildzentrum liegenden Rosenlauigletscher beschreibt BESSON ( in ZURLAUBEN 1780, 1: LUI ) erstmals genauer:
( Ce glacier va beaucoup en pente, & forme un amphithéâtre comme s' il y avoit des marches; il s' enfonce dans son milieu, & n' a que très-peu de pyramides sur la droite, & une marême du même côté.
Un rocher qui est sur la gauche dans le haut [es handelt sich wohl um den Gletscherhubel] a interrompu sa marche où la pente du terrein le portoit, & l' a forcé de se replier à droite, où il descend, & descendra encore plus, vu la masse énorme qui le presse dans le haut, la pente rapide qu' il parcourt, & le peu d' obs qu' il trouve dans le bas; aussi n'a-t-il point d' enceinte, ou très-peu.> Besson erfasste die bedeutende Wirkung des Gletscherhubels, allerdings spricht er nicht von der östlichen Eiszunge, sondern erwähnt nur den westlichen, vorstossenden Gletscherteil. Mit den Wortendescendra encore plus ) weist Besson offenbar auf einen Vorstoss des Gletschers hin. Belegt wird ein solcher Vorstoss durch die auf der Radierung RL 05.2* S. 245 vor dem Gletscherzungenende liegende feingezeichnete Stirnmoräne mit zahlreichen grossen Felsblöcken. Der Rosenlauigletscher endete damals im Bereich der heute mehr oder weniger nackten Malmkalk-felsterrasse unterhalb des Gletscherhubels, ca. 90-140 m von der Hochstandsmoräne des 16./17. Jahrhunderts ( Brücke ) entfernt. Gegenüber dem Gemälde von C. Wolf ( RL 04* S. 240 ) ist die Eiszunge vor allem an der östlichen Seite, direkt unterhalb des Gletscherhubels, ca. 150-200 m vorgestossen und hat damit die ein bis drei Jahre vorher noch bestehende Asymmetrie der Eisfront grösstenteils aufgehoben. Interessanterweise ist die Gletscherfront auf dieser Seite aber immer noch nicht auf der Höhe der westlichen Eisfront. Dieser westliche Eislappen scheint aber nicht mehr stark vorgerückt zu sein. Die später bei S. Birmann 1827/28 ( RL 19* S. 250, RL 20* S. 250/251 ) dargestellte Ausdehnung der Eismassen wurde 1777 kaum erreicht.
Als Vorlage für die Radierung RL 05.2* S. 245 diente möglicherweise die grau lavierte, A. Ch. Besson zugeschriebene Bleistift- und Federzeichnung RL 05.1 * S. 245. Interessant ist eine Art Mittelmoräne oder Vertiefungauf der Gletscheroberfläche, die einen östlichen ( Dossenhorn ) und westlichen ( Wellhorn ) Glet-scherkeil erkennen lässt. Die Stirn ist relativ steil, was auf den Vorstoss oder auf die vermutlich gerade unter der Zunge liegende, 20-35 m hohe Felsstufe zurückzuführen ist. Die auf der Radierung liebevoll und detailliert ausgeführte Stirnmoräne ist auf der Zeichnung nur angedeutet.
Auf der Farbaquatinta 5 RL 06.1* S.243 ist der Rosenlauigletscher erstmals aus der Nähe zu sehen. Mit braunschwarzer Farbe - einem Kolorit, das in diesem Gelände bei fehlender direkter Sonnenbestrahlung sofort dominiert -sind die Strukturen der Kalkfelsen links am Gletscherhubel und rechts an der Schwarzeflue ( unterhalb des Wellhorns ) sehr schön gezeichnet. Die grauweisse Gletscherzunge, von graublauen Eisrandklüften durchzogen, endet auf dem relativ flachen, nackten Felsplateau zwischen Eissturzkegel und Rosenlauischlucht, ca. 220-240 m südlich der Hochstandsmoräne des 16./17. Jahrhunderts ( Brücke Punkt 1485 m ). Die Physiognomie des Eises gestattet keine eindeutige Aussage über die momentane Zungenaktivität, d.h. die relativ steile Stirn spricht für einen Vorstoss, die ausapernden Randpartien für ein Abschmelzen. Gekrönt wird der weisse Eisstrom vom teilweise mit Schnee bedeckten Dossenhorn. Die beiden Gletscherbäche - der linke stammt von der östlichen Eiszunge oberhalb des Gletscherhubels - sind im Vordergrund zu erkennen, d.h. der Standort des Zeichners lag unmittelbar nordöstlich des Zusammenflusses in unmittelbarer Nähe der ganz im Stil von Wolf ausgeführten Figurengruppe mit Maler und Führer. Das schöne graphische Blatt erschien erstmals in der Amsterdamer Ausgabe der ( Vues Remarquables des Montagnes de la rlO4 C. Wolf, 1774 oder 1776: das Wellhorn, flankiert vom Rosenlauigletscher und Wetterhorn Suisse> von 1785 ( in der 1780-1782 erschienenen Pariser Ausgabe fehlte diese Ansicht ).
Was Autor und Datierung angeht, sind zwei Möglichkeiten denkbar:
- Gemäss Beschriftung ( ( Rosenberg pinxit> ) stammt die Farbaquatinta von dem Danziger Landschaftsmaler Friedrich Rosenberg ( 1758-1833 ), der 1782 in der Schweiz weilte.6 Dabei entstanden die Vorlagen für 13 Blätter der Amsterdamer Ausgabe der VUES REMARQUABLES von 1785, die alle auf Rosenberg verweisen. Dies bedeutet, dass Rosenberg den Rosenlauigletscher 1782 ( oder später, sicher vor 1785 ) in einer Phase des Abschmelzens gezeichnet hat. Im Vergleich zu Besson 1777 ist die Eiszunge in etwa fünf Jahren um ca. 80-150 m zurückgeschmolzen.
- In der Literatur wird die Urheberschaft von F. Rosenberg jedoch in Frage gestellt ( was zu einer andern Datierung und Interpretation der Gletscheraktivität führt ). Nach Auffassung des Wolf-Spezialisten Raeber handelt es sich bei Rosenberg um einen ( Nachahmer und inferio-ren Kopisten ).
Die hohe topographische, aber auch künstlerische Qualität und die stilplastische Gestaltung des Blattes sowie die Anordnung der Figurengruppe im rechten Vordergrund lassen denkbar erscheinen, dass Rosenberg eine Vorlage, beispielsweise eine Ölskizze, von C. Wolf zur Verfügung hatte.7 Daraus würde sich natürlich eine andere Entstehungszeit ergeben; nicht 1782, sondern 1774 ( aufgrund des Gletscherstandes ist 1776 wenig wahrscheinlich und 1777 mit Sicherheit auszuschliessen ) hat Wolf vermutlich Rosenlaui besucht. Dass Wolf ein Sujet mehrere Male zeichnete, ist nicht aussergewöhnlich - beispielsweise hat er den Unteren Grindelwaldgletscher einmal aus der Nähe und einmal als Panorama gemalt ( vgl. ZUMBÜHL 1980 ) -, aber weder im Verzeichnis der Wolfgemälde im Wagnerschen Kabinett von 1779 noch im sogenannten Düsseldorfer Werkverzeichnis ( wo übrigens die für Wolf offenbar besonders wichtigen Gletscher an erster Stelle genannt werden ) ist von einer zweiten Rosenlauiansicht die Rede.
Dies deutet darauf hin, dass Rosenberg doch nicht auf eine Vorlage von Wolf zurückgegriffen hat.
Das Rosenberg-Blatt scheint später, d.h. wohl Anfang des 19. Jahrhunderts, als Vorlage für die kleinformatige Aquatinta RL 06.2 gedient zu haben, deren topographische Qualität gering ist.
4. Die Abschmelzphase Ende 18./Anfang 19. Jahrhundert Auf dem 1800 erschienenen Kartenblatt Nr. 11 des ( Müller fehlt ) ist am oberen linken Rand auch der Rosenlauigletscher eingetragen ( RL 07 ), allerdings fehlt der Name; einzig die Engelhörner sind bezeichnet. Die Firn- und Eisgebirge des Rosenlauigletschers sind mit einer blauen Schraffen-Signatur, zuunterst mit einer kleinen Zungenkontur, über die schwarze Gelän-detopographie eingedruckt worden. Möglicherweise stellt eine Doppellinie die markante, tektonisch bedingte und südwestlich-nordöstlich verlaufende Klamm ( zuunterst mit dem Gletscherbach des östlichen Eislappens ) dar. Dies würde bedeuten, dass das Zungenende grob geschätzt ca. 330-450 m südlich des Zusammenflusses der beiden Gletscherbäche lag.8 Der Gletscher endete vermutlich in Form eines Eiskegels am Fuss der hinteren Steilstufe, südlich der heute nackten Felsterrasse auf ca. 1580 m ( minimale Gletscherlänge bei ca. 1650 m ).
Auf dem Relief der Berner und Walliser Hochalpen im Massstab 1:108000 von J. E. Müller ( 1752-1833 ) ist der Rosenlauigletscher im Firngebiet weiss und im Zungengebiet mit einer kreisähnlichen Struktur markiert ( RL 08 ). Deutlich zu sehen sind der östliche und westliche Eislappen und dazwischen der Gletscherhubel. Im wesentlichen werden die Angaben des ATLAS SUISSE bestätigt, wonach der Rosenlauigletscher zwischen 1777 ( Besson ) und 1797 bereits stark zurückgeschmolzen war und in einer wenig attraktiven Eisfront endete.
Vom Winterthurer Kleinmeister Johann Jakob Biedermann ( 1763-1830 ) stammt das herrlich aquarellierte, grossformatige Blatt ( Le Glacier, nommé Rosilaui ) ( RL 10.2* S.246 ).
Biedermann lebte von 1778 bis 1799 in Bern, zuerst als Schüler des Landschaftsmalers H. Rieter, dann als Zeichner und Graphiker. 1799-1801 publizierte er vier Blätter in Impe-rialfolio, nämlich Wildegg, Luzern, Kandersteg und schliesslich den Rosenlauigletscher ( WEBER 1981: 308).9 Erstmals erwähnt wurden die vier kolorierten Umrissradierungen in EBELS ( Anleitung... die Schweiz zu bereisen ) ( 2. Auflage 1804 ); danach stellen die Blätter ( das Eigenthümliche der Schweiz von der Fläche bis zu den Gletschern dan. Die faszinierend hohe Qualität der Ansichten wurde schon damals erkannt, wenn EBEL ( 1804, 1: 147 ) schreibt: ( Es sind wahre Gemälde, welche zu den vortrefflichsten Arbeiten in dieser Kunstgattung gehören. Alles... ist,... unübertrefflich schön. ) Die Biographie von Biedermann sowie ein Wasserzeichen ( J Ruse 1800 ) im Papier der kolorierten Umrissradierung RL 10.3 ermöglichen eine ungefähre Datierung des Gletscherstandes auf ca. 1800/1801 ( eventuell 1799 oder vorher ).
Von einem Standort 70 auf der flachen nackten Felsterrasse in der Nähe des Zusammenflusses der beiden Gletscherbäche blicken wir auf die gelbbraun verwitterten Quarzit- und Kohlenkalkwände11 des Gletscherhubels am linken Horizont, auf das verschneite Dossenhorn fast genau im Süden, das Firngebiet des Rosenlauigletschers in der Bildmitte und auf die verfalteten und steilgestellten, gelbbraunen Kalkschichten der Schwarzeflue unterhalb des Wellhorns auf der rechten Bildseite. Ein Vergleich der Landschaft auf dem Aquarell mit der Natur zeigt die ausserordentlich hohe Genauigkeit der Biedermann-Darstellung.
Der Gletscher, dargestellt in Weiss mit einigen wenigen dunkelgraublauen Spalten und einem in Hellgrau angegebenen Eisschuttkegel auf der linken Seite ( unterhalb des Gletscherhubels ), endete als schmale Zunge am südlichen Ende der mehr oder weniger flachen Felsterrasse ca. 40-60 m vom Fuss der nächsten Steilstufe entfernt. Das Gletscherende lag also 1800/1801 in ca. 300 m Abstand von der Brücke oberhalb der Rosenlauischlucht ( also der Hochstandsmoräne des 16./17. Jahrhunderts ). Im Vergleich zu der mehr als 18 Jahre früher entstandenen Rosen-berg-Ansicht ( RL 06.1 * S. 243 ) ist das Eis mindestens 80-120 m zurückgeschmolzen. Die Frage, ob der Gletscher damals vorstiess oder abschmolz, lässt sich nicht eindeutig beantworten.
Möglicherweise hat Biedermann das Aquarell RL 10.1 mit dem unvollendet gebliebenen Vordergrund - mit einigen hell- und dunkelgrauen Pinselstrichen sind die Gewässer- bzw. Felspartien angedeutet - in der Natur angefertigt und später das Aquarell ( RL 10.2* S. 246 ) mit einer für die beginnende Zeit der Romantik typischen Vordergrundstaffage ( Jäger beim erlabenden Trunk mit einer soeben auf der Jagd erlegten Gemse ) im Atelier ausgearbeitet.
Das Aquarell diente dann als Vorlage für prächtig kolorierte grossformatige Umrissradierungen. ( Die von Biedermann selbst kolorierten Stiche zeichnen sich durch besonders frische und feine Färbung aus. Lichte graue und bläuliche Töne werden durch helle Rotak-zente delikat gehoben. ) ( Keller 1947: 16 ). Dies gilt nicht nur für das Aquarell ( RL 10.2* S.246 ), sondern in besonderem Masse auch für die Umrissradierung ( RL 10.3 ). Die Darstellung zeigt aber auch, dass ein begnadeter Künstler in der Lage ist, einen Gletscher auch bei geringer, wenig attraktiver Ausdehnung durch Einbezug der Umgebungstopographie, durch geschickte Lichtführung ( hier eine sonnige Nachmittagsstimmung ) und Schaffung von räumlicher Tiefe ( der Eisstrom reicht bis zu den fernen Eisgipfeln des Dossenhorns und wird von einem durchsichtigen Himmel überwölbt ) eindrucksvoll zu machen.
rwef/s/fi/fr/t:ft/rt/f.
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Als der Zürcher Naturforscher H. C. Escher von der Linth am 12. August 1810 den Rosenlauigletscher besuchte, scheint das Aussehen des Gletschers so unspektakulär gewesen zu sein, dass Escher nicht einmal eine Zeichnung anfertigte. In den Handschriften wird wenig Substantielles zur Ausdehnung der Gletscherzunge gesagt.
( Der Rosenlauigletscher senkt sich zwischen dem Engelhorn und den nördlichsten Vorbergen des Wetterhorns so steil herab, dass er sehr zerrissen ist und also manigfaU tige Eisformen zeigt. Seine Gletscherwälle sind wegen steilem Gebirgsabhang nicht auffallend, sondern vereinigen sich mit den allgemeinen Schutthalden: sie enthalten unter ma-nigfaltigen Kalksteinarten auch etwas Gneus.>12 Auch im Reisehandbuch von J. R. Wyss ( Reise in das Berner Oberland ) wird einzig auf die schöne Landschaft im Rosenlauigebiet hingewiesen, auswertbare Angaben zur Gletschergeschichte sucht man vergeblich. ( Der Rosen- 243 RL06.1 F. Rosenberg ( evtl. C. Wolf ), 1782 ( evtl. 1774 ): das Zungenende des Rosenlauigletschers auf dem Felsplateau westlich des Gletscherhubeis ( links ), gekrönt vom Dossenhorn lauigletscher stellt sich würdig dieser grossen Umgebungen dar. Es ist eines von jenen Fleckchen, wo man, mit Göthe zu sprechen: - Tage lang sitzen, zeichnen, herumschlei-chen, und ohne müde zu werden, sich mit sich selbst unterhalten könnte ' .) ( WYSS 1817, 2: 703 ).
Von den beiden Schriftquellen ausgehend ( Escherum 1810, Wyss wohl um 1814/1815 ), muss man annehmen, dass das Gletscherende kein besonders attraktives Aussehen aufwies, möglicherweise oberhalb der flachen Malm-kalkzone zwischen Gletscherhubel und Schwarzeflue im Bereich der Felsstufe irgendwo zwischen 1550 und 1700 m endete. Bestätigt wird dies durch eine aquarellierte Bleistift-Pinsel-Zeichnung von Ludwig Vogel ( 1788-1879 ) vom 20. August 1815 ( RL 12 ). Vom Rosenlauibad blicken wir Richtung SSE zu den himmelhoch aufragenden Engelhörnern, der Mulde zwischen Gstellihorn ( links ) und Dossenhorn ( rechts ) und schliesslich zu den Felswänden des Kleinen Wellhorns.
Mit Schwung ist auf der linken Hälfte der Gletscherhubel wie ein grosses arabisches Schriftzeichen eingetragen; anschliessend folgt im Bildmittelgrund die zackige Oberfläche des Rosenlauigletschers. Da das bei hohem Gletscherstand von hier aus sonst sichtbare Zungenende westlich des Gletscherhubels nicht eingezeichnet ist, bedeutet dies, dass der Eisstrom vermutlich stark weggeschmolzen hinter den leider alles verdeckenden Felswänden in der Bildmitte endete.
5. Der Vorstoss ( ab 1815 ?) bis 1824 und die grosse stationäre Ausdehnung mit schwachem Rückschmelzen bis 1840 Es ist leider bis jetzt nicht bekannt, wann der 1820er Vorstoss begann. Aufgrund der allerdings nur begrenzt auswertbaren Bildquellen ( RL 12 ), der Klimageschichte und der Schwankungen der Zungenlängen des Unteren und Oberen Grindelwaldgletschers ( vgl. ZUMBÜHL 1980 ) sowie des Rhonegletschers ( vgl. S. 197 ) muss dieser Vorstoss ca. 1815/1816 begonnen haben.
FOREL ( 1884,5: 301 ) schreibt nach den Informationen von Herrn N. Kohler aus Meiringen:
Die ersten und zugleich qualitativ besten Bildquellen von diesem Höchststand des Rosenlauigletschers im 19. Jahrhundert stammen von Samuel Birmann.
Auf der kleinformatigen, schwach aquarellierten Skizzenbuchzeichnung ( RL 19* S.250 ) vom September 1827 ist das auch drei Jahre nach dem Hochstand noch sehr imposante Zungenende des Rosenlauigletschers zu sehen. Die Eismassen haben die ca. 20-35 m hohe Felsstufe vollständig überfahren und enden auf dem heute grösstenteils nackten, überschliffenen Malmkalkgelände, ca. 60 m südlich der Holzbrücke 13 über die Rosenlauischlucht. Von hier aus hat vermutlich Birmann die Aquarellskizze angefertigt, und hier befinden sich auch die äussersten historischen Moränenwälle. Anhand von Birmanns Darstellung der Eiszunge - ein von blaugrauen Randspalten zerklüfteter, sonst weisser, reiner Gletscher greift mit einer gewaltigen Pranke in die Schlucht hinunter - gewinnt man den Eindruck, die steile Eisfront stosse noch vor.
Auf der grossformatigen, panoramaartigen aquarellierten Federzeichnung ( RL 20* S. 250/251 ) vom Juni 1828, gezeichnet oberhalb der Rufenenalp, mit den Engelhörnern links und dem Wellhorn rechts, ist der Rosenlauigletscher mit höchster topographischer Präzision erfasst. Durch die vormittäglichen Sonnenstrahlen wird der weissgraue Gletscher zum zentralen Bildthema.
Das Zungenende unterhalb des Gletscherhubels ist, bedingt durch die stufenartige Topographie des Felsuntergrundes, aufgeteilt in einen höheren und einen tieferen Eislappen. Eine gewaltige, in faszinierendem Blau kolorierte Randspalte trennt die beiden Zungenlappen.
Die am weitesten vorgestossene, untere Eisfront endete nahe der Rosenlauischlucht, erreichte aber die äussersten historischen Moränenwälle aus dem 16. und 17. Jahrhundert nicht. Trotzdem gibt es keine Bildquellen, die eine ähnlich grosse Ausdehnung des Gletschers festhalten, d.h. in den 1820er Jahren erreichte der Rosenlauigletscher seinen Höchststand im 19. Jahrhundert. Erstmals ist auch die Ausdehnung des Eises oberhalb des Gletscherhubels zwischen dem östlichen und dem westlichen Zungenlappen zu sehen. Möglicherweise ist beim Vorstoss Mitte der 1820er Jahre der mittlere der drei Moränenwälle oberhalb bzw. südlich des Gletscherhubels ( Höhenlage zwischen 1800 und 1830 m ) gebildet worden. Leider brachten auch mehrere Grabungen keine Klärung der Situation.
Die interessante und dekorative Eisrandstu-die RL 21 zeigt eine rocailleförmige Eisbrücke ( oder ein Gletschertor ), die zuinnerst tiefblau aquarelliert ist. Birmann hat diese Skizze möglicherweise vom östlichen, nicht mit Eis überdeckten Vorfeld aus gezeichnet.
Bei zwei auf 1829 datierten lavierten Federzeichnungen ( RL 22 und RL 23 ) handelt es sich vermutlich um Atelier- und nicht um Naturstudien. Der Rosenlauigletscher ( im Aussehen ähnlich wie auf RL 20* S. 250/251 ) endet zwischen den von Birmann bizarr überhöhten, kaum mehr realistischen Engel- und Wellhörnern. Diese verzerrte Fels- und Gipfeltopographie ist auch bei einzelnen von Birmanns ro-mantisch-dramatischen Ansichten der Grindelwaldgletscher zu beobachten.14 In der gleichen Zeit, d.h. 1828 ( eventuell 1829 ), besuchte der Solothurner Naturforscher F.J. Hugi den Gletscherhubel, von wo
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RL05.1 A.Ch.Besson, 1777: der vorstossende Rosenlauigletscher RL05.2 A. Ch. Besson, 1777: Rosenlauigletscher mit einer präzise eingezeichneten Stirnmoräne; auf der Grundlage von RL 0S.1 * entstanden aus er das Zungenende des Rosenlauigletschers beschreibt: ( Tief unter den Fussen des Beobachters bricht der Gletscher wieder über Klippen sich ab, und treibt dann den letzten Schweif hinunter in die Schatten gewaltiger Fichten... Der Rosenlauigletscher ist unter allen als der hellste bekannt. Kein Steinge-trümm belastet ihn, keine Mackel trübt sein himmelfarbenes Gewand. ) ( HUGl 1830: 134 ).
Die der
Nach den Angaben von FOREL ( 1884, 5: 302 ) bzw. seinem Informanten N. Kohler blieb der Rosenlauigletscher in den folgenden Jahren bis 1830 oder 1840 stationär oder schmolz nur leicht zurück. Die Bildquellen erlauben hier einzelne Präzisierungen.
Die detailreichen Aquarelle von S. Birmann aus den Jahren 1827-1829 bestätigen, dass der Rosenlauigletscher vorerst seine grosse Ausdehnung beibehielt. Erst eine Reihe von Zeichnungen und graphischen Blättern aus den 1830er Jahren belegen ein stärkeres Abschmelzen am Zungenende ( RL 29,30 und 34 ).
Auf der schön kolorierten Lithographie von Nicolas Marie Joseph Chapuy ( 1790-1858 ) endet der Eisstrom auf der Felsterrasse ( ca. 1500-1530 m ) beim heutigen Zusammenfluss der beiden Hauptgletscherbäche ( RL 29* S. 247).15 Verglichen mit dem Eisendstand auf den Birmann-Aquarellen von 1827/28 ist das Zungenende um ca. 50-70 m zurückgeschmolzen. Das konkave, d.h. ausapernde Zungenende mit einer stark abgesunkenen Eisoberfläche liegt auf der nun wieder sichtbaren Felsstufe nahe bei der Felskante, in ca. 120 m Distanz von der Holzbrücke bzw. der Hochstandsmoräne des 16./17. Jahrhunderts. Auffallend gross ist der Unterschied, wenn wir diese Ansicht mit der konvexen, steilen Eiszunge, die zudem auch die Felsstufe vollständig überlagert, bei Birmann 1827 ( RL 19* S.250 ) vergleichen. Die Lithographie gehört zu dem Anfang der 1830er Jahre erschienenen Ansichtenwerk
Auf der aquarellierten und teilweise goua-chierten Bleistiftzeichnung von Johann Rudolf Bühlmann ( 1802-1890 ) vom 11.Juni 1835 ( RL 30* S. 252/253 ) endet der graublau und weiss kolorierte Rosenlauigletscher südlich der bereits vorher genannten, ca. 20-30 m hohen Felsstufe, ist also erneut um ca. 10 m zurückgeschmolzen und hat sich von der Felskante entfernt. Der im Vergleich zu Chapuy grössere Blickwinkel sowie der höher liegende Standort ermöglichen eine bessere Lokalisierung des nun steiler wirkenden Eisrandes. Auf der Bühl- RL10.2 J. J. Biedermann, 1800/1801: der Rosenlauigletscher mit stark zurückgeschmolzenem Zungenende mann-Skizze liegt das Gletschertor auf der Wellhornseite, d.h. rechts im Bild, auf der Chapuy-Lithographie dagegen auf der linken Seite. Die bereits 1827 bei Birmann ( RL20* S. 250/251 ) beobachtete Teilung des Zungenendes in zwei Eislappen ist auch 1835 noch zu sehen.
Zwei Monate nach Bühlmann, im August 1835, hat der bedeutende norwegische Landschaftsmaler Thomas Fearnley ( 1802-1842 ) auf seiner Reise durch die Schweiz neben andern Eisströmen auch den Rosenlauigletscher gezeichnet ( RL 34* S. 253 ). Der Aufnamestandort lag südöstlicher und vermutlich noch etwas höher als der Bühlmanns, so dass wir mehr die nordöstlich orientierte Seite und weniger die Stirn sehen. Die Eiskalotte, in Bleistift gezeichnet, ist von mächtigen Randspalten durchzogen. Obwohl Fearnley als Zeichner ge- nauer ist als Bühlmann - gut ersichtlich am Dossenhorn im Hintergrund -, ist die Bestimmung der Zungenendlage bei Bühlmann leichter vorzunehmen, da er noch die Felsstufe eingezeichnet hat.
Im wesentlichen ist jedoch die Lage des Gletscherendes bei Fearnley kaum anders als bei Bühlmann.
Als L. Agassiz 1838 mit seinen Freunden das Vorfeld des Rosenlauigletschers besuchte, befasste er sich mit Gletscherschliffspuren, RL29 IM. M.J. Chapuy, zwischen 1830 und 1835(7 ): der Rosenlauigletscher mit einer stark vorge-stossenen Eiszunge leider aber nicht mit der Zungenaktivität; dafür rühmte er die Schönheit des Gletschers:
Also der ( ungeheure Schlund ), an dessen Rand der Gletscher endet, ist die schmale Lamm der Rosenlauischlucht. Die Beschreibung macht deutlich, dass der Eisstrom seine Endlage gegenüber 1835 kaum wesentlich verändert hat.
Ganz ähnlich wie Desor und Agassiz hatte sich Meiners bereits bei einem Besuch am 26. Juli 1782 ( 83 ?) über die Schönheit des Rosenlauigletschers geäussert ( die Zunge hatte 1782 eine etwas geringere Ausdehnung als 1838 ):
Auf der grossformatigen aquarellierten Bleistiftzeichnung ( RL 42* S. 256 ) von Johann Caspar Koller ( 1808-1887 ), dem Neffen des Tier-malers Rudolf Koller, endet die Zunge des Rosenlauigletschers auf der Felsterrasse zwischen Gletscherhubel und Wellhorn-Ostflan-ken. Das ausserordentlich detailliert und genau wiedergegebene Zungenende ist weiss, hell- und dunkelblau aquarelliert und durch zahlreiche Randspalten strukturiert. Im Vergleich zu dem Gemälde von Steffan von 1846 scheint der Gletscher ca. 20-30 m zurückgeschmolzen zu sein. Gegenüber der Rosen-berg-Darstellung von 1782 ( RL 06.1* S.243 ) hat der Eisstrom eine ca. 80-100 m grössere Ausdehnung. Die Eisfront lag wohl oberhalb des Felsbändchens beim Zusammenfluss des oberen, östlichen Gletscherbaches mit dem westlichen in der Nähe der gewaltigen Felsblöcke in der Bildmitte.
Das Blatt entstand sicher vor 1851 ( gemäss Text auf dem Umschlagkarton handelt es sich um ein 1851 überreichtes Geschenk ), möglicherweise in den Jahren 1847/48. Diese Datierung ergibt sich aus zwei weiteren Blättern von Koller mit dem Rosenlauigletscher, nämlich einem Aquarell mit Gouache, das von Koller signiert und auf 1847 datiert ist ( RL 43.1 ), sowie einer sepialavierten Bleistiftzeichnung ( RL 43.2 ) von 1848. Die beiden hochformatigen Ansichten zeigen dasselbe Motiv wie RL 42* S.256, nämlich den Rosenlauigletscher, allerdings unerklärlicherweise durch hohe Tannen grösstenteils verdeckt, so dass eine Zungenendstandsbestimmung unmöglich gemacht wird. Für den Gletscher diente wahrscheinlich im Atelier das Blatt RL 42* S. 256 als Vorlage.
Die vermutlich in den späten 1840er oder frühen 1850er Jahren entstandene Federzeichnung ( RL 49.1 ) in einem Skizzenbuch von Anton Winterlin ( 1805-1894 ) ist ebenfalls zuwenig präzise, um eine genaue Lokalisierung der Eisfront zu ermöglichen. Die Gletscherzunge endet zu Füssen des Gletscherhubels auf der Felsterrasse. Diese Ansicht ist mehrfach kopiert worden. Auf der Lithographie ( RL 49.2 ) sind die topographischen Verhältnisse fast besser erfasst als auf der Originalskizze.17 Ein Meisterwerk präraffaeliti-scher Landschaftsmalerei ist das eher kleinformatige, auf den 23. August 1856 datierte, hyperrealistische Gemälde des Rosenlauigletschers ( RL 58* S. 257 ) von John Brett ( 1830-1902).18 Der Eisstrom weist neben dem dominanten reinen Weiss eine minuziös erfasste, grau- bis violettblaue Oberflächen-und Spaltenstruktur auf. Die Eiskaskade geht farblich nahtlos in die Nebelschwaden und den von hohem Gewölk bedeckten Himmel über; von diesem violettgrauweissen Hintergrund hebt sich einzig das majestätische Dossenhorn ab.
Der Rosenlauigletscher besitzt auf diesem Gemälde kristalline Schönheit und eisige Klarheit; das Gefühl von Bedrohung oder Unzugänglichkeit wird vermieden. Der Gletscher und damit die Alpen werden - dies ist bei Brett exemplarisch zu sehen - zu einem Ort wissenschaftlicher Erforschung.
Welche Resultate liefert uns dieses einzigartige Bild für die Gletschergeschichte? Zu vergleichen ist es mit dem Aquarell von J. C. Koller ( RL 42* S. 256 ), obwohl Brett den Eisstrom aus geringerer Distanz gemalt hat. Seit 1847/48 ist der östliche Eislappen unmittelbar unterhalb des Gletscherhubels gut sichtbar um ca. 30-50 m vorgestossen. Der steile, wellenartige Eiskamm der Gletscherzunge spricht auch für einen Vorstoss. Da die westliche Eisfront gegen die Rosenlaui- oder Weissbachschlucht bei Brett nicht abgebildet ist, lassen sich für diesen Bereich keine Aussagen über die Zungenaktivität machen.
Brett hat dieses Gemälde, sein erstes in den Alpen 19, entsprechend den Maximen der Prä-raffaeliten ganz in der Natur gemalt. Die Geo- logie ist mit akribischer wissenschaftlicher Genauigkeit erfasst. Man beachte z.B. die braunbeigen Quarzit- und Kohlenkalkwände des Gletscherhubels, die blankpolierte Malm-kalkoberfläche oder die drei kantengerunde-ten Felsblöcke im Vordergrund. BENDINER ( 1984: 242 ) vermutet, dass Brett mit diesem Gemälde die damals intensiv diskutierte Gletschertheorie von L. Agassiz ( vgl. S.281 ) illustrieren wollte.
Das 1857 erstmals in der Royal Academy in London ausgestellte Gemälde wurde nicht nur von J. Ruskin uneingeschränkt gelobt, sondern von anderer Seite als ( the most true and beautiful facsimile of glacier form that the modern love for Swiss travelling has produced ) bezeichnet; Brett habe es as a geologist and a poet> gemalt.20 Vermutlich zur gleichen Zeit oder ein Jahr nach dem fotorealistischen Gemälde von Brett, also 1856 oder 1857, hat Frédéric Martens ( ca. 1809-1875 ) die gewaltig aufgetürmte weisse Eisflanke des Rosenlauigletschers mit dem Gletscherhubel und Gstellihorn im Hintergrund fotografiert ( RL 59.1 * S. 258 ). Die Gletscherzunge endet auf der Felsstufe, ca. 120 m von der Brücke ( Punkt 1485 m ) entfernt. Gut zu erkennen ist die damals auf der Felsterrasse abgelagerte, noch heute sichtbare Seitenmoräne.
Ein Vergleich mit der knapp 30 Jahre früher, 1827, entstandenen Aquarellskizze von S. Birmann ( RL 19* S.250 ) zeigt, dass der Gletscher 1856/57 zwar immer noch sehr eindrücklich wirkte, aber in seinen Ausmassen, schön zu sehen an der Eishöhe unterhalb des Gletscherhubels, deutlich kleiner geworden war.
Auf der später von E. Ciceri lithographierten Ansicht, publiziert 1859 im grossformatigen Tafelwerk
Auf der kleinformatigen Ansicht
Kartographisch erstmals genauer erfasst ist der Rosenlauigletscher auf dem Originalmesstischblatt 34 Meiringen im Massstab 1:50000 aus dem Jahr 1860 ( RL 66* S.259 ). Erstmals zu sehen ist auf dem Blatt die durch den Gletscherhubel bedingte Zweiteilung der Gletscherzunge. Die westliche Zunge ( ca. 590 m lang ) stirnte im blanken Felsterrassenbereich, ca. 65 m südlich vom Zusammenfluss der beiden Gletscherbäche, und der östliche Gletscherarm ( ca. 400 m lang ) ca. 280 m vor der Gletscherhubelwegbrücke.
Das westliche Zungenende lag also 1860 ca. 170 m von der Hochstandsmoräne des 16./17. Jahrhunderts bzw. der Brücke ( Punkt 1485 m ) entfernt. Ein Vergleich mit der Fotografie von Martens oder der Lithographie von Sabatier zeigt, dass das Zungenende in der Zwischenzeit ( in ca. vier Jahren ) um etwa 50 m abgeschmolzen war. Der östliche Zungenlappen, zu Fussen der Engelhörner, stirnte ca. 50-60 m vor der 1824er Moräne. Diese an sich realistischen Werte für 1860 werden einzig durch die oft ungenaue ( vgl. S.213 ) Arbeitsweise J. Anselmiers relativiert.21 Drei Fotos aus den Jahren 1863-1867 belegen das rasche Rückschmelzen des westlichen Zungenlappens; sie wurden vom neuerbauten Pavillon ( nordöstlich des Zusammenflusses der beiden Gletscherbäche ) aus aufgenommen.
Bei der Stereofotografie von W. England ( RL 67* S.260 ), vermutlich aus dem Jahr 1863, ist die Gletscherzunge gegenüber 1860 wieder um 110 bis 120 m zurückgeschmolzen ( ca. 280-290 m von der Brücke ). Ein Jahr später, RL30 J. R. Bühlmann, 11. Juni 1835: die Eiszunge zwischen Gletscherhubel ( links ) und Wellhornflan-ken ( rechts ) 1864, hat Adolphe Braun ( 1811-1877 ) die immer kleiner werdende Eiszunge fast vom gleichen Standort aus, ebenfalls mit Touristen im Vordergrund, fotografiert ( RL 72* S. 261 ). An den rasch grösser werdenden Randklüften ist das Abschmelzen und damit die Veränderung des Klimas gut zu erkennen. Die Eiszunge am Fuss der Steilstufe hat nun beinahe wieder das Aussehen wie auf der Umrissradierung von J. J. Biedermann von 1799-1801 ( RL 10.2* S.246 ).
Braun besuchte den Rosenlauigletscher drei Jahre später noch einmal ( RL 74* S. 261 ). Nun war vom Eislappen nur noch ein kläglicher Rest geblieben. Gegenüber 1860 war die Eisstirn um nochmals 190 m zurückgeschmolzen und lag nun ca. 360 m hinter bzw. südlich der Brücke ( Punkt 1485 m ). Nach weiteren sieben Jahren, 1874, endete der Gletscher, wie die Erstausgabe des Siegfriedatlas, Blatt 397, Guttannen ( RL 77 ), ausweist, ca. 550 m südlich der Brücke.
Die Rekonstruktion der jüngsten Gletschergeschichte ist relativ schwierig, da für den Zeitraum von 1880 bis 1988 keine regelmässigen Messwerte vorliegen; für 36 Jahre sind gar keine Angaben bekannt, und in 33 Jahren hat man nur festgehalten, ob der Gletscher vorstiess oder abschmolz. Hauptgrund für die geringe Zahl von Messwerten ( 39 ) ist die instabile westliche Abbruchfront auf der Wellhornseite, die wegen der häufigen Eislawinen jede Vermessung zu einem lebensgefährlichen Unternehmen werden lässt. Gesamthaft gesehen ist diese Zeit jedoch von einem sehr markanten Gletscherschwund geprägt. Von 1846/56 bis heute schmolz der Rosenlauigletscher um ca. 840-860 m zurück ( gemessen in der Westachse ); die heutige westliche Abbruchfront auf der Wellhornseite liegt ca. 960 m von der Hochstandsmoräne des 16./17. Jahrhunderts ( Brücke, Punkt 1485 m ) entfernt.
Im gleichen Zeitraum konnten vier kleinere Vorstösse beobachtet werden ( vgl. Fig. 5, Falttafel ): 1881-1886 ( und 1891 ) ca. + 115 m ( interpolierter Wert ca. + 170 m ); 1919-1923 Wert unbekannt ( interpolierter Wert ca. + 130-140 m ); 1961-1972 ca. + 89 m ( inter- r134 T. Fearnley, Juli/August 1835: der Rosenlauigletscher polierter Wert ca. + 120-130 m ). Wie 1959 der benachbarte Obere Grindelwaldgletscher, so hat 1960 der Rosenlauigletscher seine geringste Ausdehnung erreicht ( ca. 1100-1120 m von den Hochstandsmoränen des 16./W.Jahrhun-derts entfernt ). Der jüngste Vorstoss von 1979-1986 ( interpolierter Wert mindestens + 60-80 m ) führte auf der östlichen Seite, unterhalb des Dossenweges, zu einer gut erkennbaren Eiszunge22 ( hier seit 1969 schätzungsweise mindestens + 120-200 m ).
8. Der Rosenlauigletscher als Teilmotiv der Well- und Wetterhörner-Ansichten im 19. Jahrhundert Häufiger als aus der Nähe wurde der Rosenlauigletscher aus grösserer Entfernung ( von NNE her gesehen ) als Teil der Berglandschaft dargestellt, die vom Dossenhorn und den Well- und Wetterhörnern dominiert wird. Aufnahmestandort war häufig das Gebiet Gschwantenmad/Schönenboden/Schwand mit dem Reichenbach im Vordergrund ( ca. 1,5-2,5 km nordöstlich von Rosenlaui auf dem Weg nach Meiringen ). Bei all diesen Ansichten ist meistens das Zungenende des Rosenlauigletschers verdeckt, so dass kaum zuverlässige Angaben über die Ausdehnung des Eisstromes gemacht werden können. Aus-wertbar ist meistens nur die unterschiedlich genau gezeichnete Wellhornseite des Eisstromes. Hinweise auf den Gletscherstand ermöglicht auch die Malmkalkfelsstufe auf ca.
r141 G. Steffan. 1846: die vorstossende Zunge des Rosenlauigletschers, ca. 120 m von den Maximalstandsmoränen entfernt 2200-2400 m inmitten des Gletschers ( unterhalb des Dossenhorns ), die je nach Eishöhe mehr oder weniger deutlich hervortrat.
Quantitativ ( mehr als die Hälfte der Nummern in unserem Katalog gehören dazu ) und qualitativ, d.h. kunsthistorisch, sind diese Ro-senlauidarstellungen sehr wichtig. Am Beginn des 19. Jahrhunderts stehen die Ansichten der Kleinmeister ( Lafond, Lory ); in den 1840/50er Jahren beeindrucken die Werke der grossen Landschaftsmaler ( Diday, Calarne, Castan ); diese werden schliesslich von den ersten Fotografien abgelöst ( Martens, Braun, Soulier, Bisson ).
Ein erstes wichtiges Werk stammt von Simon Daniel Lafond ( 1763-1831 ). Die grossformatige Umrissradierung ( RL 13 ) zeigt im Vordergrund den Reichenbach, hinter dem die dunklen Wellhörner aufsteigen, die ihrerseits von den Wetterhörnern und dem Rosenlauigletscher flankiert werden. Da der Eisstrom nur in den mittleren und oberen Partien sichtbar ist, lassen sich kaum Aussagen über den Gletscherstand machen.
Vermutlich ganz in der Nähe ( zwischen Schwand und Gschwantenmad ) hat Gabriel Lory Vater ( 1763-1840 ) mit Blick nach SSW/SW die gewaltige Gebirgsarchitektur mit den Wellhörnern in der Mitte, dem weissen Rosen- horn links und dem Wetterhorn rechts sowie ( ganz klein ) dem Eiger gezeichnet ( RL 14.1 ). Das attraktive Gipfeldiadem ist im Gegensatz zum nur in Bleistift skizzierten Vordergrund duftig grünblau laviert. Von dieser wohl in freier Natur entstandenen Zeichnung hat Lory im Atelier ein grossformatiges, vollständig ausgeführtes Aquarell angefertigt ( RL 14.2 ). Eine Reisegruppe und eine Ziegenherde beleben als genrehafte Staffage den Vordergrund. Heute ist von diesem Standort aus die Eisab-bruchfront auf der Wellhornseite mit den unterhalb liegenden nackten überschliffenen Kalkfelsen zu sehen. Zur Zeit von Lory ( Datierung von RL 14.2:
Von einem etwas näher beim Rosenlaui-bach liegenden Standort aus hat vermutlich Gabriel Lory Sohn ( 1787-1846 ) später fast die gleiche Ansicht wie sein Vater gezeichnet ( RL 15.1* S.262 ). Das Hochformat betont noch die einzigartig schöne Hochgebirgsarchitektur; die Wellhörner ( in der Mitte ), flankiert vom Rosenlauigletscher, dem angeschnittenen Dossenhorn und dem Wetterhorn mit dem Hengsterengletscher wirken mit ihren Spitzen und Gratpartien wie eine extrem überdimensionierte Quarzkristallgruppe. Unterhalb der beigegrünen Kalkwände des Kleinen Wellhorns sind, graublauweiss getönt, die Randpartien des Gletschers zu erkennen. Auffällig ist bei den Lory-Darstellungen ( sowohl RL 14.1 wie auch RL 15.1 ) die gegenüber heute bedeutend stärkere Schneebedeckung des Grossen Wellhorns sowie des Wetterhorns.
Die fein aquarellierte Zeichnung RL 15.1* S. 262 diente als Vorlage für das Aquarell RL 15.2. Die querformatige Federzeichnung RL 16.1 wiederum war die Grundlage für die Aquatinta RL 16.2, welche 1822 als Nr. 21 im bibliophilen Ansichtenwerk ( Voyage pittoresque de rOberland Bernois ) in Paris publiziert wurde.23 Neben solchen im genrehaften steckengebliebenen Beispielen romantischer Malerei, bei denen die Natur nicht topographisch-reali-stisch, sondern spirituell erfasst ist, existieren auch bedeutende Werke grosser Landschaftskunst. Dazu gehört etwa eine aquarellierte Tuschzeichnung ( RL 18.1 ) des in Dresden geborenen Ernst Ferdinand Oehme ( 1797-1855)24, die der kühlen Präzision eines Architekturplanes nahekommt. Die schöne Naturansicht des gewaltigen Dossenhorn-Wellhorn-Wetterhorn-Massivs hat Oehme auf der Rückreise von seinem dreijährigen Italienaufenthalt am 6./7. September 1825 im Tal der Scheidegg gezeichnet ( NEIDHARDT 1985 b: 231, Abb. 146, 328 ). Vom weiss bis dunkelgrau kolorierten Rosenlauigletscher ist nur gerade der wellhornseitige Eisrand zu sehen. Oehme scheint sehr stark von der majestätischen Grösse und Herbheit der Alpenwelt, in der er sein eigenes Element erkannte, beeindruckt gewesen zu sein. Das vier Jahre später, also 1829, für seinen Gönner Prinz Friedrich August nach dieser Vorlage geschaffene grossformatige Wetterhorngemälde ( RL 18.2; NEIDHARDT 1985a: Abb. 6, 13 ) bedeutet den RL42 C. Koller. 1847/1848: Zunge des Rosenlauigletschers RL66 J. Anselmier, 1860: das als Vorlage für die Dufourkarte verwendete Messtischblatt im Massstab 1:50000 mit dem damals noch deutlich aus zwei Lappen bestehenden Zungenende des Rosenlauigletschers ( Teilung durch den Gletscherhubel bedingt ) Höhepunkt der Hochgebirgslandschaften von Oehme.
Die vom Reichenbach durchflossene Ebene des Gschwantenmad bildet einen grossräumigen, weiten Vordergrund und verschiebt die hart hineingesetzten Berggipfel in die Tiefe des Bildes ( die Kappung des Wellhorns auf Aquarell und Gemälde ist allerdings kaum verständlich ). Die lichtüberflutete, intensiv begrünte, durch die Anwesenheit von Mensch und Tier, Holzsteg und Sennhütte als bewohnte Region charakterisierte Alp kontrastiert zur unbetretenen Einsamkeit der majestätisch aufragenden Bergriesen, deren vereiste Gipfel sich in gestochener Klarheit vom blauen Himmel abzeichnen. Mehr noch als auf dem Aquarell ist der Rosenlauigletscher ( auf dem Gemälde oben links ) nur eine Randnotiz. Gerade dieses Gemälde zeigt jedoch deutlich, dass es Oehme nicht um Expressivität und existentielle Symbolik im Sinne seines Lehrers C. D. Friedrich ging, sondern um einen malerischen Realismus mit einer der poetischen Romantik verpflichteten Stimmung.
Ein Jahr später, 1830 ( diese Datierung ist allerdings nicht gesichert ), hat der Neuenburger Maximilien de Meuron ( 1785-1868 ) fast vom gleichen Standort aus wie Oehme ebenfalls die klassische Rosenlaui-Wellhorn-Wetter-horn-Ansicht, allerdings in kleinem Format, gemalt ( RL 28 ). Der recht detailliert gezeichnete Gletscher scheint aufgrund der Seitenmoräne unterhalb des Wellhorns ( im Bild rechts ) nicht den Höchststand vom 16./17. Jahrhundert erreicht zu haben.
Kaum auswertbar für unsere Thematik ist das auf 1840 datierte Gemälde des Dichters Gottfried Keller ( 1819-1890 ). Den Vordergrund bildet eine wohl kaum an Ort und Stelle anzutreffende, üppige Bergsturzlandschaft; im Hintergrund ist der Rosenlauigletscher schwach angetönt und sind die topographisch stark vereinfachten Pyramiden des Grossen und Kleinen Wellhorns sowie die allzu steile, weisse Wetterhornspitze zu sehen ( RL 36 ). Der damals 21jährige Keller hat das Gemälde vermutlich nicht nach der Natur, sondern nach einer Vorlage, wohl einem graphischen Blatt ( denkbar wäre eine Aquatinta von F. Meyer ), angefertigt.
Besser gelingt es Keller, die sich damals zwischen Romantik und Realismus hin und her bewegenden Maximen der Landschaftsmalerei mit Worten zu chrakterisieren, wenn er im ( Grünen Heinrich ) schreibt: ( Sie besteht nicht darin, dass man merkwürdige und berühmte Orte aufsucht und nachmacht, sondern darin, dass man die stille Herrlichkeit und Schönheit der Natur betrachtet und abzubilden sucht, manchmal eine ganze Aussicht wie diesen See mit den Wäldern und Bergen, manchmal einen einzigen Baum, ja nur ein Stücklein Wasser und Himmel. ) ( zit. nach Keller 1958, 1:215 ).
In dem einer pathetischen Spätromantik zu-zuordnenden Werk des Genfers François Diday ( 1802-1877)25, Gründer der ( école suisse de paysage ), finden sich auch mehrere, zumeist grossformatige Rosenlaui-Ansichten.
Das Gemälde RL 38* S. 263 zeigt den von einer morgendlichen Sonne hell beschienenen weissen bis blaugrauen Rosenlauigletscher neben dem zentral aufragenden Wellhorn. Der Gletscher, eigentlich nur das Eiskliff über der Steilstufe, ist topographisch nicht allzu genau erfasst und gehört eindeutig zum fernen, von Diday nicht besuchten Hochgebirgshinter-grund.
Die unterschiedliche Licht-Schatten-Vertei-lung - vom hellen Vordergrund ( mit aufschäu-mendem Reichenbach und entwurzeltem Baum ) geht der Blick über den dunklen Mittelgrund ( mit den hochaufragenden Tannen ) zum wiederum hellen Hintergrund ( mit den umwölkten Gipfeln des Dossen- und Wetter-hornsbewirkt eine für Diday charakteristische, dramatisch-bewegte, düstere und wildromantische Stimmung.
Die übrigen Rosenlauigemälde von Diday ( vor allem RL 45 und RL 46 ) unterscheiden sich kaum wesentlich voneinander ( leichte Änderungen sind möglich beim Bildwinkel, der Lichtführung, dem Vordergrund ). Deshalb spielt auch die Chronologie kaum eine entscheidende Rolle. Allen Bildern gemeinsam ist die düstere Stimmung. Im einen Fall ( RL 45 ) ist der im Schatten liegende wellhornseitige Eisrand wohl allzu mächtig und dramatisch dargestellt. Auf der Zeichnung RL 44 ist der Gletscher mit weisser Kreide angetönt; wegen der Tannen im Vordergrund ist eine genauere Zungenendstandsbestimmung unmöglich.
Didays Gemälde ( wie auch die Naturstudien von A. Calarne ) erfüllen zu einem wesentlichen Teil das von D. Hess 1822 in seinem Aufsatz durch den sächsischen Professor Wahrmund geforderte Programm der Alpenmalerei: ( Hess 1822: 139ff.,zit. in ZELGER 1977: 124 ).
Auch der Diday-Schüler Alexandre Calarne ( 1810-1864)26 schuf eine Reihe ausserordentlich schöner, mehrheitlich hochformatiger Gemälde mit der mehrstufigen Kristallgruppe von Wellhorn und Wetterhorn im Hintergrund und dem Reichenbach im Vordergrund, wobei sich die einzelnen Bilder im Detail allerdings voneinander unterscheiden ( RL 37, 40, 54, 55, 56 und RL 53* S. 265 ). Die Stimmung auf den Gemälden ist anders als bei Diday: hell, glasig RL67 W. England, 1863( ?): der nach 1856 stark zurückschmelzende Rosenlauigletscher klar, topographisch präziser, da im Atelier entstanden aber oft akademisch wirkend ( ZELGER 1977: 121 ). Mehr zufällig, nur als Teil der Landschaft, wurde auch der Rosenlauigletscher abgebildet. Von Calarne ist keine Nah- oder Detailansicht eines Gletschers bekannt. Dies mag auch damit zusammenhängen, dass er aus gesundheitlichen Gründen die eigentliche Hochgebirgszone nicht ertrug ( ANKER 1987: 108 ).
Am besten gelungen ist der Rosenlauigletscher auf einer hoch- und eher kleinformatigen, zwischen 1850 und 1854 entstandenen Ölstudie ( RL 53* S. 265 ). Die intensive Besonnung ( ganz anders als bei Diday ) zeigt einen schönen, vor allem auf der Wellhornseite realistisch differenzierten, weisshellgrau bis beigen Rosenlauigletscher.27 Deutlich zu erkennen ist, dass der Gletscher bis auf die Felsterrasse nordwestlich des Gletscherhubels reicht. An der relativ grossen, eisfreien, deshalb braunviolett kolorierten Felsstufe inmitten des Gletschers ist zu erkennen, dass der RL72 A. Braun, 1864: der Rosenlauigletscher Gletscher nicht seine grösste Ausdehnung im 19. Jahrhundert erreicht hat.
Calarne hatte wie Diday28 in den 1850er Jahren mit seinen Gemälden in ganz Europa grossen Erfolg. Dies ist im wesentlichen darauf zurückzuführen, dass er der romantischen Naturverbundenheit der damaligen vermögenden Reisenden und ihrer Bewunderung der Schweizer Berge entgegenkam, aber auch die Malerei in den Dienst des im 19. Jahrhundert voll erwachten Patriotismus stellte.
Als wellenartig hinunterstürzende Sérac-Spalten-Kaskade präsentiert sich der hell- bis dunkelblaugrau aquarellierte Rosenlauigletscher ( RL 47.1 ) auf einer Bleistiftzeichnung von Georg Meyer ( 1814-1895 ) vom August 1849. Gut erkennbar ist auf dieser Ansicht der östliche Gletscherlappen, der damals unterhalb Dossenpletschen den Felsuntergrund im Gegensatz zu heute noch vollständig mit Eis bedeckte. Einzig mitten im Gletscher auf einer Höhe von ca. 2200-2300 m ist als grauer Fleck eine Felswand sichtbar.
RL74 A. Braun, 1867: der Rosenlauigletscher, an dessen Eiszunge von 1863 bis 1867 ca. 70-80 m abschmolzen Ein Jahr später, im September 1850, hat J. G. Steffan ( vgl. RL 41 * S.254/255 ) eine sich im strahlenden Sonnenlicht präsentierende klassische Rosenlauilandschaft gemalt. Kompositionen besteht eine vollkommene Ausgewogenheit zwischen dem Dossenhorn ( links ), dem zentral aufragenden Doppelgipfel der Wellhörner und dem Wetterhorn ( rechts ) mit seinen steil abfallenden Felswänden. Der helle Vordergrund ( NE-Teil des Gschwantenmads ), der dunkle Mittelgrund ( Silhouette Gletscherhubel, Fusszone der Engelhörner ) sowie das imposante, hell strahlende Hochgebirgsdia-dem des Hintergrundes ( Dossen-, Well-, Wetterhorn und unten ganz klein die Eigerspitze ) bewirken eine räumliche Tiefe. Der grell besonnte, intensiv weissgrau leuchtende Rosenlauigletscher ist topographisch sehr genau bei hohem Eisstand gemalt. Über der prächtigen Hochgebirgslandschaft wölbt sich ein dunkelblauer, teilweise von hellen Zirrenschleiern überzogener Spätsommerhimmel. Gerade dieses Gemälde beweist mit Motiv und künstlerischer Gestaltung, dass Steffan verdienter- RL15.1 G. M. Lory Sohn, zwischen 1817 und 1821: Rosenlauigletscher, Well- und Wetterhorn von ne weise als ( deutscher Calarne)29 bezeichnet wurde.
In die Kategorie kleinmeisterlicher Ansich-tenfabrikate gehören die von Ferdinand Sommer ( 1822-1901 ) und seinem Schüler Ferdinand Hodler ( 1853-1918 ). Es sind Werke eines
9. 14C-Daten Rosenlauigletscher Hanspeter Holzhauser, Zürich Östlich der Brücke über die Rosenlauischlucht ( Punkt 1485 m ) folgt der Weg einem Moränenwall, auf dem schon hochstämmige Bäume wurzeln. Der Wall begrenzt an dieser Stelle das Vorfeld der westlichen Gletscherzunge und wurde vor den Hochständen im 19. Jahrhundert abgelagert ( vgl. S.244, 252 ). Mit dem Ziel, einen fossilen Boden unter der Moränenablagerung zu finden, wurde ein Profil an der Wallaussenseite gegraben ( RL Al, Karte 6 S. 235 ). Es zeigte sich, dass der Wall direkt dem anstehenden Fels aufliegt. An der Basis kam zudem ein fossiler Bodenhorizont zum Vorschein, der kleinere Holzstücke und einzelne Nadeln von Fichten enthielt. Zu Da-tierungszwecken sind Bodenmaterial und Holzsplitter entnommen worden.
Die 14C-Analyse des Bodens ergab folgende Alter:
organische Restsubstanz:
51070yBP(UZ-1037 ) Huminsäure:
22075yBP(UZ-1038 ) Die Holzprobenmenge war für eine konventionelle 14C-Altersbestimmung zu gering, und die Datierung musste deshalb auf dem AMS-Tandem-Beschleuniger ( ETHZ ) durchgeführt werden. Das resultierende Alter der Probe von 51590 yBP ( UZ-2178 ) entspricht dem Alter der organischen Restsubstanz. Die Bodenbildung setzte um 510 yBP ein und dürfte vor 220 yBP abgeschlossen gewesen sein. Das Huminsäurealter ist wahrscheinlich zu jung ausgefallen: Da der Boden nicht allzu tief unter der Oberfläche liegt und von lockerem Moränenmaterial überdeckt ist, wird Kontamination durch jüngeres Material aus dem rezenten Boden vermutet. Der Vorstoss des Rosen- lauigletschers ereignete sich jedenfalls zwischen 51070 yBP und 22075 yBP, und die Annahme, dass der Wall während des ersten neuzeitlichen Hochstandes aufgeschüttet wurde, d.h. an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert, dürfte am ehesten zutreffen. Die Datierung bestätigt den Befund seitens der Auswertung historischer Quellen, dass die Bildung des Walles vor den Hochständen des 19. Jahrhunderts stattfinden musste.
Auf der westlichen Seite der Rosenlauischlucht ist dasselbe Gletschervorfeld ebenfalls von einem Moränenwall begrenzt, der als westliche Fortsetzung des oben beschriebenen Walles angesehen werden darf. An seiner Aussenseite liegen oberflächlich Reste diverser Bäume, welche offensichtlich Opfer von Lawinen geworden sind. Vereinzelt ragen aus dem Wall auch Stammstücke hervor, die Anlass zu der Hoffnung gaben, den Wall datieren zu können. Deshalb wurde an einem Stammstück eine Probe für eine 14C-Datierung entnommen. Im Innern des Vorfeldes, wenige Meter von diesem äussersten Wall entfernt, konnte zusätzlich aus einer Felsritze eine Wurzel in situ geborgen werden.
Beide Holzproben wurden datiert, die Alter entsprechen jedoch nicht den Erwartungen: Sowohl das Holz von der Wallaussenseite als auch das intramorän gelegene weisen ein 14C-Alter von modern auf ( UZ-1023 und UZ-1024 ). Die Bäume starben demnach erst im 19. Jahrhundert oder gar erst im 20. Jahrhundert, und ihr Absterben kann nicht mit einem Gletschervorstoss in Zusammenhang gebracht werden.
RL53 A. Calarne, zwischen 1850 und 1854(7 ): Well- und Wetterhorn mit dem Rosenlauigletscher
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