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London, im Frühwinter 1890. Nach einer Diskussion über sozialistische Prinzipien geht der namenlose Ich-Erzähler zu Bett. Wie er am nächsten Morgen erwacht, muss er feststellen, dass es unterdessen Sommer geworden ist. Nicht nur das – er ist offenbar auch weit in der Zukunft erwacht. Sorgfältige Nachfragen weisen ihn ins erste Viertel des 21. Jahrhunderts – es könnte also 2016 sein.
London (und ganz Grossbritannien) haben sich verändert. Das Land funktioniert sozialistisch-kommunistisch, d.h., die einzelnen, kleinen und übersichtlichen Kommunen regieren sich selber durch regelmässige ‘Mitgliederversammlungen’. Eine Aussenpolitik scheint abgeschafft zu sein, ebenso die Armee. Alles gehört allen, und alle arbeiten daran, dass der Anteil der einzelnen Kommunen erhalten bleibt. Das Geld ist abgeschafft, man treibt allenfalls Tauschhandel. Ein sozialistisches Paradies also.
Diese besondere Form eines utopischen Romans kennen wir als Uchronie, und wir kennen auch den, der sie in der Literatur eingeführt hat: Louis-Sébastien Mercier. Im Gegensatz zum Franzosen gibt der Engländer allerdings sehr präzise an, wie dieser utopische Zustand herbeigeführt wurde – die Ereignisse der blutigen Revolution von 1952 werden dem Leser im Detail geschildert. Schon vager bleibt Morris da, wo es darum geht, die ‘neue’ Gesellschaft zu beschreiben. Offenbar wurde die industrielle Revolution rückgängig gemacht. Die Eisenbahnlinien wurden eingestellt und rückgebaut, ihre alten, hässlichen Brücken aus Stahl wurden durch welche aus Holz und Eisen ersetzt. Man reist mit Pferd und Wagen oder auf Flossen auf der Themse. Im Übrigen haben wir eine rural-handwerkliche Gesellschaft vor uns. Die Frauen sind zwar nicht offiziell diskriminiert, aber sie haben eingesehen, dass es ihr natürlicher Platz ist, zu kochen und das Essen aufzutragen. Da die ganze Gesetzgebung aufgegeben worden ist, gibt es keine Ehen mehr und deshalb keine Scheidungen. Auch Frauen können, wenn sie das Gefühl haben, ein anderer Partner gebe ihnen mehr, jederzeit eine Beziehung beenden. (Dass es etwas anderes als Zweierbeziehungen, und diese zwischen zwei verschiedengeschlechtlichen Menschen, geben könne, kommt allerdings auch Morris nicht in den Sinn.)
Wichtig an Morris’ Utopie ist die Stellung der Arbeit. Wie sollen, wurden die Sozialisten immer wieder gefragt, notwendige Arbeiten ausgeführt werden, wenn kein Zwang auf die Arbeiter ausgeübt werden kann? Morris’ Antwort ist: Die Liebe zur Arbeit, die aus meiner Arbeit eine Kunst macht, in der ich mich immer weiter perfektionieren will. (Er selber lebte durchaus so. Eine andere Arbeit als Handwerk gab es nicht für ihn, in seinen Handwerken versuchte er aber, sich immer weiter zu verbessern. Er stellte selber Möbel her und knüpfte Teppiche.) News from Nowhere ist in Morris’ eigener Handpresse erschienen, für die er eigene Lettern goss, die er einem venezianischen Drucker der Renaissance nachempfand. Jedes Kapitel beginnt mit einer eigenen, nur für dieses Kapitel verwendeten Initiale. Anmerkungen und die Seitenheader sind in Rot gedruckt. (Meine Ausgabe, ein Nachdruck der Folio Society, ist in Leder gebunden und mit Goldschnitt versehen.) Kein Wunder, musste Morris feststellen, dass sich die Arbeiter, für die er so gerne gewirkt hätte, seine Produkte gar nicht leisten konnten.
Im Übrigen ist neben der reinen Utopie noch ein zweiter Erzählstrang in News from Nowhere verwoben, eine Art Sagenwelt. Wir haben den alten Mann, der – sozusagen Merlin unter den seinen – nicht nur die ‘Sagen’ der Vergangenheit kennt (von ihm erfahren wir die Geschichte der Revolution von 1952), sondern offenbar auch durch die dünne Verstellung des Ich-Erzählers als Fremder aus einem fremden Land hindurchsieht. Er prophezeit ihm auch, dass er eines Tages in seine eigene Zeit zurück kehren müsse – was denn auch geschieht. Selbst die gute Fee darf nicht fehlen – in Gestalt eines jungen Mädchens, in das sich der alte Gast sogar verliebt. Diese Figur, mit ihren roten Haaren, ist ganz eindeutig Morris’ eigener Frau nachgebildet.
Der Titel dieser 1890 erschienen Utopie (ein Titel, der 1900 mit Kunde von Nirgendwo, ein Jahr später mit Neues aus Nirgendland. Ein Zukunftsroman übersetzt worden ist – und seither nicht mehr(?)) ist natürlich an Samuel Butlers Erewhon von 1872 angelehnt; inhaltlich – inklusive der Idee, dass der Held der Geschichte im 19. Jahrhundert einschläft, um im 21. wieder zu erwachen – ist es eine Antwort auf Looking Backward von Edward Bellamy, wo ebenfalls eine sozialistische Utopie, allerdings in den USA, geschildert wird.
Alles in allem: Eine seltsame Mischung aus Queste und Utopie, über weite Strecken nur didaktisch belehrend, aber mit einer berührenden kleinen Liebesgeschichte. Und, in der Aufmachung der Folio Society, dem Bibliophilen nur zu empfehlen.