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@thbui
Liebe thbui
Oje, beim Durchlesen Deiner Nachricht haben bei mir gleich die Alarmglocken laut geklingelt. Dein Freund/Ex-Freund scheint jetzt noch in einer SEHR labilen Phase zu sein. Er ist schlichtweg suchtkrank und kann das Ganze nicht kontrollieren, wie er das vielleicht möchte.
Ganz ehrlich: Wenn Du wirklich keine Beziehung mehr mit ihm willst, würde ich auch nicht versuchen als gute Freundin zu helfen. Da machst Du nicht nur kaputt und hängst mit dem Herzen vermutlich trotzdem noch an ihm. Aber ich denke jetzt mal, dass Du grundsätzlich gerne eine Beziehung mit ihm hättest, wenn er die Sucht im Griff hätte - kann das sein?
Du hast recht, Du kannst Deinem Freund gar nichts verbieten und das ist auch nicht Deine Aufgabe. Er ist schliesslich kein Kind und Du nicht seine Mami. Ich hatte in meiner Beziehung mit meinem Freund immer wieder Phasen, in denen ich zur Mami wurde und habe das dann immer schnellstmöglich zu ändern versucht. Was Du aber machen kannst, ist, klar zu definieren, was Du von einer Beziehung erwartest und welche Dinge ein No-Go für Dich sind (z.B. bei mir war es Geld von mir zu nehmen ohne zu fragen. Also zu stehlen). Das heisst nicht, dass Du drohen sollst ("wenn Du das und das nicht machst, mache ich Schluss..."). Solche Äusserungen führen meist zu nichts und man wird selbst unglaubwürdig, weil man es dann vielleicht doch nicht durchzieht.
Aus der Erfahrung mit meinem Freund kann ich nur sagen, was ihm geholfen hat:
- Mehrere Entzüge (zwar nur 1x während unserer Beziehung, glaube ich. Aber davor hatte er 7 Entzüge gemacht und auch wenn diese nicht direkt zum Erfolg führten, haben sie den Grundstein für sein späteres (also jetziges) drogenfreies Leben gelegt.
- Substitution durch Subutex (nicht Methadon!). Als er das Medikament vor 3 1/2 Jahren absetzte, ging es sehr schnell bis zu seinen Rückfällen und diese dauerten auch mehrere Monate. Er nimmt das Medikament jetzt immernoch, aber hat die Dosis jetzt bereits runtergeschraubt. Das Medikament hemmt den Suchtdruck auf Heroin.
- Absolut kein Kontakt mehr zu seinem alten Umfeld. Dies führte natürlich dazu, dass er zuerst gar keine Freunde mehr hatte. Seine Stützen waren sein Bruder, seine Eltern und ich. Nach und nach konnte er wieder Kontakt mit Freunden von ganz früher (diese haben keine Drogenvergangenheit) knüpfen. Auch ist er sportlich sehr aktiv und konnte durch den Verein seinen Selbstwert wieder steigern und er konnte neue Kontakte knüpfen. Mein Freund sagte mir früher übrigens öfters, dass er in unserer Stadt an jeder Ecke an seinen Drogenkonsum erinnert wird. Er dachte oft darüber nach ob wir nicht wegziehen wollen. Aber in der Schweiz gibt es nicht sooo viele Städte, die in Frage kämen. Und mittlerweile ist er auch zufrieden hier. Trotzdem: Ein Umfeldwechsel kann eine grosse Chance sein. Nur wichtig, dass man Anschluss in drogenfreien Kreisen findet. Meinem Freund haben auch Meditations- und Yogagruppen geholfen.
Mein Freund hat es geschafft, weil er es einfach WIRKLICH wollte und sein Leidensdruck sehr gross war. Er hat erkannt, dass er entweder in den nächsten Jahren an seinem Konsum sterben wird oder, dass er sein Leben um 180 Grad wenden muss.
Ein Punkt, der natürlich sicher auch geholfen hat, war, dass ich seine Finanzen kontrolliert habe und ihm bei seinem Budget helfe. Früher wohnte er bei mir, aber musste nur einen kleinen Teil an die Miete zahlen. Mittlerweile teilen wir uns alles 50/50, was für mich auch sehr schön ist und unsere Beziehung wieder in ein gesundes Gleichgewicht gebracht hat (es stärkt auch seinen Selbstwert zu erkennen, dass er wieder für einen Haushalt sorgen kann). Er hat noch Steuerschulden und ich bin unheimlich stolz, dass er nun schon fast 2/3 zusammengespart hat. Seine Ersparnisse sind auf meinem Konto sicher eingefroren. (Das hilft ihm einfach. Nicht, dass er sich Drogen holen würde (wobei das nie auszuschliessen wäre), aber, da er jahrelang verlernt hat sich um Rechnungen und seine Finanzen zu kümmern, braucht er da einfach noch Hilfe). Sobald seine Schulden bis ca. Sommer 2018 abbezahlt sind, werden wir dann schauen, dass er seine gesamten Finanzen selbst verwaltet und wir vielleicht ein gemeinsames Sparkonto anlegen. Das wird dann noch der letzte grosse Schritt für ihn sein. (Ich merke gerade, dass ich sehr abschweife - so weit seid Ihr vermutlich noch lange nicht!).
Wobei, der allerletzte Schritt wird wohl sein das Medikament abzubauen. Ehrlich, ich könnte damit leben, wenn er es bis an sein Lebensende nehmen würde. Er würde es natürlich gerne irgendwann nicht mehr nehmen müssen. Er hatte letztens einen Bluttest (da er sich Sorgen machte, ob Subutex seinen Körper nicht kaputt macht) und seine Werte waren hervorragend. Der Arzt sagte, seine Leberwerte seien so gut, da wäre manch ein Nichtsüchtiger neidisch.
Hm, weiss jetzt nicht, ob ich Dir ein wenig helfen konnte mit meinen Ausführungen. Hast Du meine neuste Nachricht eigentlich gelesen oder hattest Du noch den Stand von vor 3 Jahren, als mein Freund mich belogen und betrogen hatte?
Wie alt bis Du eigentlich, wenn ich fragen darf? Ich finde, das Alter spielt bei solchen Themen auch eine Rolle. Wie ich vorher schonmal schrieb, weiss ich nicht, ob ich jetzt, mit knapp 31 nochmals alles durchmachen wollte. Und mit 20 hätte ich noch nicht die Stärke bzw. die Lebenserfahrung gehabt um das gut zu überstehen und sinnvolle und hilfreiche Entscheidungen zu treffen. Manchmal denke ich schon, dass ich ein paar meiner besten Jahre für ihn geopfert habe (das ist ziemlich hart ausgedrückt). Aber es hält sich die Waage, da wir auch schon viel Schönes erlebt haben und viel auf Reisen waren. In 5 Wochen fliege ich für eine Woche alleine nach Malta - das gönn ich mir jetzt einfach. Er muss halt noch viel sparen und ich habe ihm natürlich auch schon viel bezahlt. Aber jetzt bin ich auch mal egoistisch und gönn mir eine Auszeit für mich.
Wenn Du noch mehr wissen möchtest oder konkrete Fragen hast: nur zu!
Ah, mir ist noch etwas eingefallen. Damals, vor 3 Jahren, hatte ich auch den grossen Wunsch ihn zu kontrollieren. Wir hatten dann vereinbart, dass er - wenn er wöchentlich sein Medikament holt - er einen Drogentest macht (das musste er damals sowieso ab und zu bei der Medikamenten-Abgabestelle). Er hat mir dann den Drogentest gebracht. Das haben wir dann aber nur 2-3x gemacht (es kostet natürlich auch etwas). Ich habe für mich einfach gemerkt, dass es auch für mich und unsere Beziehung ungesund ist, dass ich immer der Kontrolleur bin und er der Kontrollierte. ABER: Wenn das nötig ist um wieder Vertrauen zu gewinnen und es vielleicht auch ein GESUNDER Druck für den Süchtigen darstellt, dann spricht nichts dagegen es einmal für 2-3 Monate so zu machen. Aber man muss auch wissen, dass es immer Wege gibt seinen Drogenkonsum zu verwischen. Habe schon gehört, dass manch Süchtiger den sauberen Urin aufbewahrt für den Drogentest. Es muss einem einfach klar sein, dass ein Süchtiger, der noch sehr in seiner Krankheit gefangen ist, sehr kreativ und skrupellos sein kann. Und sie können SEHR gut lügen - das lernen Süchtige sehr schnell. Sie sind oft auch herzensgut, charmant und ach so hilflos und verzweifelt. (Sorry, das muss auch mal gesagt sein, auch wenn das niemand gerne hört). Aber vielleicht hast Du Glück und schaffst es durch den Lügenvorhang hindurch zu sehen und das Wahre in deinem Freund/Ex-Freund zu finden.
Wünsche Dir alles Gute auf Deinem Weg - vergiss Dich selbst nicht in dem Ganzen und schau gut zu Dir.
Liebe Grüsse
Mia