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Vor einigen Jahren habe ich den Nothelferkurs gemacht. Seither ist die Liebe mit einem Gefühl der Vergeblichkeit verbunden. Es kann aber auch sein, dass ich mich täusche und dieses Gefühl nichts mit dem Nothelferkurs zu tun hat.
Ich war erst 25, trotzdem kam es mir vor, als wäre dies meine letzte Chance, um das Autofahren zu lernen. Für gewisse Dinge ist man sehr früh zu alt. Für das Autofahren, so denke ich heute, bin ich sogar von Anfang an zu alt gewesen.
Der Kurs fand in einer Turnhalle etwas ausserhalb statt. Der Kursleiter hiess Möckli – ein idealer Name für den Leiter eines Nothelferkurses, fand ich. Es war ein grauer, nichtssagender Tag. Mein Magen fühlte sich flau an. Am Vorabend hatte eine Bekannte für mich Spaghetti carbonara gekocht, die ihr nicht ganz gelungen waren.
«Das macht doch nichts», hatte ich gesagt. «Es gibt Wichtigeres im Leben als Spaghetti carbonara.» Dann hatte die Bekannte ihren Teller beiseite gestellt und gefragt: «Willst du eigentlich bis zum Ende deines Lebens alleine bleiben?»
«Gibt es noch Carbonara?» hatte ich geantwortet.
Niemand will bis zum Ende seines Lebens alleine bleiben, sagte ich mir auf dem Weg zum Nothelferkurs. Was war das überhaupt für eine unsinnige Frage? Genauso unsinnig, wie wenn meine Mutter sagte: «Willst du auf der Strasse leben?», als wäre das eine Option, mit der ich öfter liebäugelte.
Von Zeit zu Zeit fragte mich mein Vater: «Und? Wie läuft’s mit den Frauen?» Aus irgendeinem Grund hielt er mich für einen unverschämten Frauenhelden. Ich hatte keine Ahnung, wie er zu dieser Annahme kam. In der ganzen Familie gab es keinen einzigen Mann, von dem sich sagen liess: Der kann mit Weibern. Bei uns waren alle Männer vom selben Schlag: verknitterte Einzelgänger, die jahrzehntelang alleine blieben, bis sie irgendwann aus Gnade des Schicksals eine Frau kennenlernten, mit der sie dann bis in die Gruft zusammenblieben. Alles deutete darauf hin, dass ich keine Ausnahme war.
Mein Handy vibrierte. Die Bekannte mit der Carbonara hatte eine SMS geschrieben: «Willst du ein Blind Date mit Sara?» Ich blieb stehen. Ein leichter Wind war plötzlich aufgezogen und streichelte mein Ohrläppchen. Ich schrieb zurück: «Ich will.»
Den Rest des Weges legte ich federnden Schrittes zurück. Nie zuvor hatte ich eine Turnhalle dermassen euphorisch betreten.
«Guten Tag miteinander!» begrüsste ich die anderen Kursteilnehmer. Sie schauten mich überrascht an. Im Turnhallenlicht wirkten sie niedergeschlagen und ermattet; eine Stimmung wie nach einer Fischvergiftung. Da kam Kursleiter Möckli hinzu. Er war ein beleibter Mann, dessen ganze Sorge seinem Schnurrbart zu gelten schien. Als erstes stauchte er die anderen Teilnehmer zusammen, weil sie auf dem Boden herumsassen. Ich war als einziger stehen geblieben. Möckli gab mir die Hand. «Nehmt euch ein Vorbild an diesem attraktiven jungen Mann.»
Für den Rest des Kurses sollte ich der Liebling Möcklis bleiben. Jede Übung machte er mit mir zusammen. Gegen Ende richtete er seine Erklärungen nur noch an mich, so, als wären wir nur zu zweit. Zu meiner ursprünglichen Euphorie gesellte sich bald der Ehrgeiz des Strebers, der ich im Herzen doch bin. Am Ende klopfte mir Möckli anerkennend auf die Schultern. «Gute Fahrt.» Erst als ich zu Hause war, wurde mir bewusst, dass sich sein Wunsch auf das Autofahren bezogen hatte und nicht auf mein Blind Date.
«Sara ist sehr anspruchsvoll. Also benimm dich nicht wie ein völliger Idiot», riet die Bekannte.
«Was macht sie eigentlich so?»
«Sie ist Zahnärztin.»
Am Tag unseres Blind Dates putzte ich mir sehr lange die Zähne. Dabei musste ich an Herrn Möckli denken: «Ein attraktiver junger Mann. Und Zähne hat der, makellos!» Wir trafen uns im Zoo. Der Vorschlag war von mir. «Triff eine Frau im Zoo, und der Rest ist ein Spaziergang», hatte ich mal gelesen. Ich war fünf Minuten zu spät, weil ich vor lauter Zähneputzen die Zeit vergessen hatte. Als ich ankam, wartete Sara vor dem Eingang. Sie trug einen hellgrauen Trenchcoat und sah gelangweilt aus.
«Hallo!» Ihre Hand war kalt. Ich glaubte, in ihren Augen Ernüchterung zu erkennen. Doch glaubte ich damals, überall Ernüchterung zu wittern. «Magst du Tiere?» fragte sie mich. «Es geht. Nicht besonders.» – «Warum treffen wir uns dann im Zoo?»
Ich verwarf die Hände, als handelte es sich hierbei um ein metaphysisches Rätsel. Sie runzelte die Stirn. Es war noch kein Amour fou. Doch hatten wir ja noch Zeit. Wenn es am Ende dann Amour fou wäre, würde keiner einwenden: aber anfangs lief es ja nicht gerade rosig.
Eine Weile gingen wir schweigend durch den Zoo. In meiner Vorstellung hatte ein Wort das andere gegeben. Es war nicht das erste Mal, dass sich die Realität als schweigsamer, ja fast totenstill erwies.
«Sara liebt Jazz und thailändisches Essen», hatte mir die Bekannte mit auf den Weg gegeben.
Es war jedoch nicht so einfach, die beiden Themen auf sinnvolle Weise ins Gespräch einzuflechten. Einmal versuchte ich es aber doch. Wir standen vor dem Löwenkäfig. Sara hatte gerade «Die armen Tiere. Ich hasse den Zoo» gesagt. Da witterte ich meine Chance: «Aber wie man hört, liebst du die thailändische Küche.»
Im Elefantenhaus trafen wir einen Bekannten von ihr. Er hiess Bruno und war gerade aus Australien zurückgekehrt. Zur Begrüssung umarmten sie sich stürmisch. Danach salutierte er leicht ironisch in meine Richtung. Nun gingen wir noch einmal auf eine Runde durch den Zoo, wobei Bruno, der in Australien das wilde Leben gesehen hatte, über die Situation der Tiere schimpfte. Um nicht völlig zu verschwinden, versuchte ich, etwas zum Gespräch beizutragen, und begann, mich lauthals über den Zoo zu beschweren. Bruno hörte interessiert zu. Als er jedoch erfuhr, dass ich es war, der den Zoo vorgeschlagen hatte, schüttelte er nur den Kopf. Ich spürte, dass mein Blind Date sich dem Ende entgegenneigte.
«Du hast gute Kiefermuskeln», sagte Sara, als sie und Bruno sich beim Eingang verabschiedeten, um noch weiterzuziehen.
Ich habe gute Kiefermuskeln, dachte ich, während ich den beiden nachschaute. Also gibt es noch Hoffnung.
Das ist jetzt ein paar Jahre her. Leider kann ich noch immer nicht Auto fahren, und der Nothelferkurs dürfte längst abgelaufen sein. Doch habe ich immerhin in Sachen Liebe leichte Fortschritte gemacht.
Lukas Linder (*1984) ist ein mehrfach ausgezeichneter Schweizer Dramatiker. Sein Romandébut «Der Letzte meiner Art» ist 2018 bei Kein & Aber erschienen.