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Andreas Woyke: Überlegungen und Interpretationen zur organistischen Philosophie von Alfred North Whitehead.
Alfred North Whitehead (1861-1947)(1) gilt mit einem gewissen Recht als einer der ungewöhnlichsten und dunkelsten Denker in der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Ähnlich wie Husserl und Wittgenstein fand er seinen Weg in die Philosophie durch Reflexionen über Grundsatzfragen der Mathematik. Berühmtheit in akademischen Kreisen erlangt der studierte Mathematiker durch die in den Jahren 1911-1913 zusammen mit seinem Schüler Bertrand Russell veröffentlichten Principia Mathematica. Ab 1884 lehrt er am Trinity College in Cambridge angewandte Mathematik, von 1911 bis 1914 am University College in London, ab 1914 hat er einen Lehrstuhl für Physik in South Kensington inne, von wo er schließlich 1924 im Alter von 63 Jahren an die Harvard-Universität in Cambridge/Massachusetts wechselt, um einen Lehrstuhl für Philosophie zu übernehmen. Er besetzt diesen Lehrstuhl, bis er 1937 im Alter von 76 Jahren emeritiert wird.
Whiteheads Denken ist durch die Abstraktheit der Mathematik ebenso bestimmt wie durch ein breit angelegtes Wissen über die Natur und ein Vertrauen in den Sinngehalt der Kunst und der Religionen. Er lehnt insofern sowohl eine rein positivistische Deutung der Natur als auch eine rein konstruktivistische Theorie der Erkenntnis im Sinne Kants ab. Sein philosophisches Hauptwerk Process and Reality entstand aus zehn Vorlesungen, die er 1927/28 in Edinburgh hielt und anschließend auf 25 Kapitel erweiterte. Die Hauptschwierigkeit dabei, seine Grundaussagen zu verstehen, besteht vermutlich darin, dass Whitehead sich in konsequenter Weise sprachlich wie gedanklich von zentralen Topoi abendländischen Sprechens und Denkens zu distanzieren versucht. So weist er in seiner Begriffsbildung die Subjekt-Prädikat-Struktur der Sprache ebenso zurück wie den Dualismus zwischen Subjekt und Objekt als epistemologische Grundkategorie. Weiterhin umgeht er bewusst die scharfe Trennung zwischen den unterschiedlichen Sprachkulturen der Geistes- und Naturwissenschaften. In der Bildung von Neologismen steht er der Kreativität begriffsschöpferischer Denker wie Aristoteles oder Heidegger nicht nach, in der Radikalität seines Sprachgebrauchs überbietet er diese sogar z. T. Im Ansatz charakterisiert Whitehead seinen essay in cosmology als speculative philosophy(2), die daran orientiert ist, ein allgemeingültiges System von Ideen zu entwerfen, anhand dessen sich alle Elemente unserer Erfahrung deuten lassen.(3) Er vergleicht die Untersuchungsmethode seiner spekulativen Philosophie mit der Flugbahn eines Flugzeugs: Sie geht von einzelnen Beobachtungen aus, fliegt hinauf in die dünne Luft der Abstraktion und kehrt zurück zum Faktischen, das dann einer rationalen Interpretation unterzogen werden kann.(4) Im Blick auf die durch grundlegende Kontroversen bestimmte Geschichte der Metaphysik betont Whitehead die Schwierigkeit bzw. Unmöglichkeit, ein vollständiges und damit endgültiges metaphysisches System zu begründen, wobei er insbesondere auf das Missverhältnis zwischen metaphysischen Wahrheiten und ihrem möglichen sprachlichen Ausdruck verweist. Das Kriterium für die Beurteilung spekulativer Philosophie kann für ihn daher nicht abschließende Einsicht, sondern nur ein ernsthafter Fortschritt im Erkennen sein:
»The proper test is not that of finality, but of progress.«(5)
Den positivistisch-empiristischen Einwand, dass spekulatives Denken keinen Beitrag zur Erkenntnis der facta bruta leistet und insofern in keinem Zusammenhang mit der voranschreitenden wissenschaftlichen Welterklärung steht, weist er mit dem m. E. durchaus richtigen Argument zurück, dass es solche nackten Tatsachen gar nicht gibt und jedes Verständnis der Welt auf spezifischen metaphysischen Interpretationen der Einzeldinge und ihrer Beziehungen zum kosmischen Gesamtzusammenhang basiert:
»When thought comes upon the scene, it finds the interpretations as matters of practice. Philosophy does not initiate interpretations.«(6)
Das philosophische Bemühen um ein rationales Schema der Welterklärung ist deshalb ganz wesentlich dadurch bestimmt, bestehende lebensweltliche oder wissenschaftliche Interpretationen einer angemessenen Kritik und Begründung zu unterziehen. In einem impliziten Bezug zu Positionen der antiken Philosophie besteht für Whitehead ein enges Verhältnis zwischen der Universalität einer Weltdeutung und ihrer Moralität, da der Widerspruch zwischen Allgemeinem und Individuellem nur dadurch überwunden werden kann, dass sich ein Einklang zwischen den Interessen des Individuums und dem universell Guten ergibt.(7) An dieser Stelle wird deutlich, dass seine Konzeption von Philosophie an einer Verknüpfung zwischen den Wissenschaften und einer rational verstandenen Religion orientiert ist, wobei sein Gottesbegriff weit eher dem von Platon und Leibniz entspricht als dem der Bibel. Gott ist für ihn vor allem ein der Welt immanentes Prinzip, das deren grundsätzliche Kreativität bestimmt.(8) Die bereits darin zum Ausdruck kommende prozessuale Dimension seiner Metaphysik zeigt sich besonders deutlich im zentralen Terminus actual entity bzw. actual occasion, welcher für die letzten realen Einheiten im Aufbau der Welt steht.(9) Als wirkliche Einzelwesen oder Ereignisse übernehmen sie die Rolle einer durch und durch dynamisierten Substanz, die im Falle Gottes den Ausgangspunkt absoluten Zusammenhangs, im Falle eines bestimmten zeitlichen Ereignisses den Grund seines jeweiligen Werdens und Interagierens in sich birgt. Whiteheads actual entities haben viel mit Leibniz’ Monaden gemein, was sich in ihrer subjektiven Aufladung durch die Fähigkeit des Erfassens (prehension)(10) ebenso zeigt wie in ihrer Vermittlung zwischen einer Kausalität der Atome und einem Wirken von Zweckursachen. Sie bilden bipolare Einheiten, welche jenseits der in der neuzeitlichen Philosophie und Wissenschaft etablierten Dualismen zwischen Subjekt und Objekt, Geist und Materie stehen.
Whitehead widerspricht klar dem Bild von der toten und passiven Materie und erkennt das Wesen alles Physischen in seinem Werden, in seinem aktiven Wirken, in seinem Anderes-Erkennen und Anderes-Beeinflussen.(11) Die verschiedenen zwischen actual entities gestifteten Gemeinschaften bilden Nexus, in denen Informationen fließen und aus denen sie sich erfassen lassen; alles, was darüber hinausgeht, ist nicht mehr unmittelbar erfahrbar und führt in den Bereich abgeleiteter Abstraktionen.(12) Alle Tatsachen sind daher stets mehr als ihre abstrakten Formen und jede Form hat gleichsam Teil an der gesamten Welt der Tatsachen. Durch die jeweiligen Formen lassen sich die Fakten vom Gesamtzusammenhang separieren, das individuelle Faktum ist wirklich aber durch die ihm innewohnende Kreativität, die alle Formung übergreift:
»Self-realizing is the ultimate fact of facts. An actuality is self-realizing, and whatever is self-realizing is an actuality. An actual entity is at once the subject of self-realization, and the superject which is self-realized.«(13)
Der Neologismus superject steht dabei für Whiteheads Projekt, die klassische Substanz-Ontologie mitsamt ihrer Orientierung an der Subjekt-Prädikat-Struktur der Sprache zu überwinden. Die actual entities sind sowohl das Subjekt, welches erfährt und erfasst, als auch das Superjekt, das Gegenstand ihres Erfahrens und Erfassens ist und damit eine Chiffre für die gesamte Welt bildet.(14) Lässt die Transzendentalphilosophie Kants die Welt aus dem Subjekt hervorgehen,(15) so kann in Whiteheads organistischer Philosophie ein Subjekt als solches immer nur aus einer vorgängigen holistischen Welt auftauchen und repräsentiert insofern eher ein mit der Welt verbundenes Superjekt als ein von ihr isoliertes Subjekt.(16) Von Objekten der Erfahrung und Erkenntnis zu reden macht in diesem Zusammenhang nur mehr insofern Sinn, als man sie als Entitäten versteht, welche die Potentialität besitzen, zu einem Teil innerhalb einer prehension werden zu können. Das damit korrelierte Subjekt entspricht dann der Entität, welche im Prozess des prehending bzw. feeling konstituiert wird und zugleich diesen Prozess umfasst. Der Erfahrende und Erfassende bildet also die Einheit, die durch sein Erfahren und Erfassen von Welt entsteht. Die einzelnen Erfahrungen und Empfindungen bilden die Details dieses Prozesses, der das vermittelnde Element zwischen der Einheit des Erfassenden und ihren vielen Erscheinungsweisen bildet. Die Erscheinungsweisen spannen einen Möglichkeitsraum für prehensions auf und lassen sich insofern als Objekte ansehen. Der jeweilige Prozess schließt alle Unbestimmtheiten des Empfindens aus und ermöglicht auf diese Weise eine einheitliche Erfahrung des Subjekts. Das Wesen der actual entities kann demnach nicht im Anschluss an das Paradigma einer vorgegebenen statischen Substanz verstanden werden, sondern nur im prozessualen Zusammenhang ihres Werdens und Sich-Entfaltens. Kreativität (creativity) bildet daher den Schlüsselbegriff in Whiteheads organistischer Philosophie, sie wird zum universalen Prinzip, das die vielen actual entities zu einem wirklichen Ereignis verknüpft:
»It lies in the nature of things that the many enter into complex unity.«(17)
Die Natur ist per se schöpferisch, indem sie beständig Neues in Form neuer wirklicher Ereignisse hervorbringt, von bestehenden unterscheidet und in das allgemeine Fortschreiten integriert. Die Passage vom Getrennten zum Verbundenen repräsentiert für Whitehead ein elementares metaphysisches Prinzip, durch welches die Genese immer wieder neuer Einzelwesen eingebunden wird in die immer wieder neu generierte Einheit. Das Universum und die einzelnen Entitäten befinden sich insofern in einem permanenten fortschreitenden Prozess der Konkretisierung (concresence).(18) Die erste Kategorie der Erklärung(19) in der organistischen Philosophie besteht folglich darin, dass die wirkliche Welt als ganze ein Prozess ist, in dessen Verlauf actual entities entstehen. Jede Einzelheit in jedem Prozess des Werdens steht in einem Verhältnis zur allgemeinen Konkretisierung des Universums et vice versa; jedes Seiende birgt gleichsam in sich das Potential, Einfluss auf jedes Werdende zu nehmen (principle of relativity).(20) Das konkrete und aktuelle Sein eines wirklichen Einzelwesens kann daher nicht unabhängig davon beschrieben und gedacht werden, wie es geworden ist, in welchen Beziehungen es zu anderen Einzelwesen stand, steht und stehen wird und wie es sich im Horizont der allgemeinen Konkretisierung verändern wird (principle of process).(21) Alle Bedingungen jeglichen Werdens finden ihre Grundlage also in einem bestimmten actual entity, welches in eine Konkretion verwickelt ist, oder in dem jeweiligen Subjekt, das sich im Verlaufe dieser Konkretion verwirklicht (the ontological principle).(22) Das Wirken eines wirklichen Einzelwesens vollzieht sich im Fokus auf dieses selbst und übernimmt unterschiedliche Funktionen, ohne dass dieses dabei seine Selbstidentität verlieren würde. Es agiert selbstschöpferisch und bindet seine verschiedenen Rollen in eine kohärente Struktur ein:
»Thus ›becoming‹ is the transformation of incoherence into coherence, and in each particular instance ceases with this attainment.«(23)
Whiteheads organistische Philosophie deutet das Weltgeschehen insofern mit einer immanenten Teleologie, für die es nicht nur eine ideale Ordnung gibt, auf die hin alle Entwicklung der actual entities ausgerichtet ist, die sie erreichen sollen, aber auch verfehlen.(24) Es gibt für jeden einzelnen Prozess ein eigenes Ideal, das dem jeweiligen wirklichen Einzelwesen entspricht und seinem jeweiligen gegenwärtigen Zustand angemessen ist. Die in ihm vorherrschenden Aspekte prägen seinen Verlauf und führen zu einer ganz bestimmten Mischung von Ordnung und Unordnung(25) in seiner Konkretisierung, was durch die wechselseitige Konkurrenz zwischen Wirk- und Zweckkausalität erklärt werden kann. Das Ideal, das ein bestimmtes actual entity verwirklicht, ist kein abstrakter Zielpunkt, es ist ein Akt individueller Erfüllung (satisfaction). Diese Erfüllung führt zu einer spezifischen Objektivierung des Einzelwesens, die im Kontext seiner Relevanz für den kreativen Gesamtzusammenhang gesehen werden muss.
Die Welt ist selbstschöpferisch und dies bildet sich in der Selbsterschaffung jeder Entität ab, die als erfüllte in den Status eines Teilschöpfers der Welt eintritt. Den actual entities lassen sich folglich drei wesentliche Eigenschaften zusprechen: Sie besitzen jene Eigenschaften, die sie im Verlaufe ihrer bisherigen Entwicklung erworben haben, ihr objektiver Charakter, sie sind durch das Ziel bestimmt, das sie im Prozess ihrer Konkretisierung zu erreichen versuchen, ihr subjektiver Charakter, und sie sind dadurch ausgezeichnet, ihre Erfüllung zu finden und somit Anteil an der allgemeinen Kreativität des Universums zu gewinnen, ihr superjektiver Charakter.(26) Hieraus ergibt sich u. a., dass eine vollständige Abstraktion grundsätzlich ausgeschlossen ist, da jedes actual entity immer in seinen Verhältnissen zu anderen actual entities und letztlich in seinem Verhältnis zur gesamten Welt gesehen werden muss.(27) Eine Auslegung der wirklichen Einzelwesen im Sinne der klassischen Vorstellung eines unveränderlichen Subjekts, an dem akzidentelle Veränderungen stattfinden, steht im grundlegenden Widerspruch zu den Prämissen der organistischen Philosophie, da sie stets sowohl erfahrende Subjekte und weltbezogene Gegenstände ihrer Erfahrung, also Superjekte sind. Die permanente kreative Transformation bestehender Beziehungen macht es unmöglich, dass ein konstantes Subjekt erhalten bleiben und bezogen auf diese Konstanz immer wieder die gleichen Erfahrungen machen kann. Nicht die Subjekte bzw. Substanzen sind beständig, sondern die Formen, die in immer wieder neue Relationen verwoben werden. In subjektiver Perspektive unterliegen die actual entities einem kontinuierlichen Werden und Vergehen, in objektiver Perspektive erlangen sie jedoch Unsterblichkeit hinsichtlich ihrer formalen Konstitution, die in die voranschreitende Kreativität integriert wird, um zum Ausgangspunkt neuer Formgestaltungen werden zu können:
»Actuality in perishing acquires objectivity, while it loses subjective immediacy.«(28)
Gott steht bei Whitehead für die ursprüngliche Versammlung dieser objektiven Unsterblichkeit der wirklichen Einzelwesen.(29) In Anlehnung an die Leibnizsche Monadologie charakterisiert er ihn durch einen Drang in die Zukunft (urge towards the future), der einem Streben in der Gegenwart (appetite in the present) entspringt. Er überwindet damit klar die scharfe dualistische Trennung zwischen überzeitlich seiendem Gott und zeitlicher werdender Welt, die insbesondere durch den Einfluss des Christentums zur Abwertung alles Weltlichen und der Flucht in eine jenseitige Hinterwelt führt.(30) In seiner Folgenatur (the consequent nature of god) ist Whiteheads Gott ein werdender Gott, der in wesentlicher Hinsicht auf die Welt bezogen ist, in seiner Urnatur (the primordial nature of god) wird er zum beständigen Pol der Welt.(31) Vor diesem Hintergrund büßen die traditionellen Gegensatzpaare Sein und Werden, Einheit und Vielheit, Aktualität und Potentialität, Transzendenz und Immanenz, Schöpfer und Geschöpf im Blick auf Gott und die Welt ihre festgelegte Verteilung ein, was Whitehead in Form von sechs antithetischen Sätzen zum Ausdruck bringt.(32)
Die organistische Philosophie verwirft aber keinesfalls den metaphysischen Grundsatz der Platonischen Philosophie, dass die konkrete Wirklichkeit der Dinge und Geschehnisse als Exemplifikation anderer Dinge gedeutet werden kann, die als Potentialitäten in allem was ist und wird, zugegen sind.(33) Gott fungiert als jenes letzte Einzelwesen, das zwischen der zeitlichen Wirklichkeit und dieser zeitlosen Möglichkeit vermittelt. Diese Vermittlungsleistung Gottes ist maßgeblich dafür, dass alle derartigen eternal objects in jedem Konkretisierungsprozess relevant werden und so Ordnung generieren können. Jedes actual entity entscheidet sich für die Verwirklichung bestimmter Potentialitäten in einem ihm entsprechenden Maß, wodurch es spätere Entscheidungen anderer actual entities vorbereitet.(34) Erst eine solche Entscheidung erhebt ein Einzelwesen in den Status eines wirklichen Einzelwesens:
»›Actuality‹ is the decision amid ›potentiality‹«.(35)
Von einer wirklichen Präsenz der eternal objects kann insofern nicht in einem abstrakten Sinne gesprochen werden, sie sind gegeben immer nur in einem Konnex zu einem konkreten Verwirklichungsprozess.(36) Lediglich begrifflich sind die zeitlosen Gegenstände unabhängig von einem Bezug zu zeitlichen Gegenständen zu erfassen. Alles Werden erweist sich demnach als bipolar, da es sowohl durch die konkrete Bestimmtheit der wirklichen Welt qualifiziert wird als auch die Unbestimmtheit der eternal objects begrifflich erfassen kann.(37) Jedes actual entity hat insofern eine physische Seite in Form der spezifischen Empfindungen seiner wirklichen Welt und eine mentale Seite in Form seiner konzeptionellen Strebungen. Es steht für Whitehead fest, dass ohne die durch die zeitlosen Gegenstände repräsentierten Potentialitäten eine prozesshafte Entwicklung der wirklichen Dinge gar nicht denkbar wäre, wodurch er sich implizit mit dem Holismus der Platonischen Ontologie trifft, die weit eher durch einen organischen Zusammenhang als durch einen Dualismus der zwei Welten beschrieben werden kann.(38) Gerade die Bestimmung des Seienden durch das Vermögen (dýnamis), etwas zu bewirken bzw. zu erleiden, wie sie sich in Platons Sophistes findet,(39) hält er für ein zentrales metaphysisches Prinzip, da durch sie eine Brücke zwischen den zeitlosen eternal objects und den zeitlichen actual entities geschlagen werden kann.(40) Er interpretiert sie als einen Hinweis darauf, dass die Naturgesetze den Dingen und Vorgängen nicht von außen auferlegt sind, sondern als in ihnen immanent wirken; sie bildet gleichsam the charter of the doctrine of Immanent Law.(41) Auch das Raumkonzept aus Platons Timaios, das den Raum als Aufnehmerin des Werdens (genéseos hypodoché) ausweist,(42) kann Whitehead mit seiner organistischen Philosophie parallelisieren, da es die allgemeine Relativität ausdrückt, die das gesamte Universum bestimmt und die Gesamtheit der Dinge als Worin aller Prozesse erscheinen lässt.(43) In anderer Weise ist das Prinzip der Relativität im Aristotelischen Materiebegriff realisiert, der allerdings durch den Akzent der Passivität eine letzte Grenze prozesshafter Verflüssigung darstellt.(44) Bedenkt man jedoch den Relationismus der Aristotelischen Ontologie und deren dynamische Stufung des Seienden, in der es Materie als letztes Substrat im neuzeitlichen Sinne nicht gibt, dann zeigt sich, dass Whitehead auch dem Prozessdenken in der wirkmächtigen Aristotelischen Variante durchaus nahe steht. Seine Rede von der obvious solidarity of the world(45) kann dann durchaus als eine moderne Restitution einer holistischen und prozessualen Welt- und Naturdeutung verstanden werden, wie sie als paradigmatisch für die antike Dichtung und Philosophie gelten kann. Entgegen der Tendenz zu Aprozessualität und Substanzdenken in der abendländischen Geistesgeschichte betont Whitehead den unhintergehbaren Flusscharakter der Realität, dessen dichterische und gedankliche Beschreibung und Darstellung ebenfalls ihre Tradition besitzen.(46)
Die Kreativität gilt ihm als fundamentale und unhintergehbare Tatsache, die als Antrieb beständiger Konkretisierungsprozesse zur Grundlage jeder Beschreibung der wirklichen Welt gemacht werden muss. Die in der wirklichen Welt versammelte Kreativität, die zum Ausgangspunkt neuer Konkretionen wird, stellt einen Übergang (transition) dar. Von der actual world kann daher immer nur in einem relativen Sinne gesprochen werden, da sie stets im Horizont solcher Übergänge steht. Ein einzelnes actual entity steht für die Einheit, die im Falle einer bestimmten Konkretisierung generiert wird, welche der realen internen Konstitution des jeweiligen Einzelwesens entspricht.
Seine formale Konstitution lässt sich anhand von drei Phasen des Empfindens analysieren:(47) Der reaktiven Phase, der ergänzenden Phase und der Erfüllung. In der Erfüllung findet das actual entity zu seiner Bestimmtheit und seinem spezifischem Verhältnis zu allen Aspekten des Universums; sie steht für die zweckhafte Realisierung aller Konkretisierungsprozesse. In der reaktiven Phase nimmt es eine rezeptive Haltung gegenüber der wirklichen Welt in ihrer objektiven Gestalt ein, in der sie sich als eine Multiplizität verschiedener einzelner Zentren der Empfindung zeigt, die zu einem komplexen Nexus verkoppelt sind. Die anderen Empfindungen werden noch als rein äußerlich erlebt und nicht in die eigene vereinzelte Unmittelbarkeit integriert. In der ergänzenden Phase gewinnt das private Ideal der Erfüllung zunehmend Gestalt, so dass die fremden Empfindungen in eine Einheit des ästhetischen Genusses eingepasst werden können:
»What was received as alien, has been recreated as private.«(48)
Der Prozess gerät damit unter den Einfluss des Strebens des jeweiligen actual entity, wodurch seine vektorielle Offenheit einen skalaren Überbau (scalar superstructure) der individuellen Einheit erhält. Reine Privatheit kann dabei aber nicht verwirklicht werden, da alle Empfindungen eines actual entity auf die Potentialität bezogen sind, in eine reale Einheit mit anderen actual entities einzutreten und so der kosmischen Tendenz zum Wachstum von Komplexität zu entsprechen. In der Physik lässt sich für Whitehead dieses Prinzip darin wieder finden, dass skalare Größen sich als von vektoriellen Größen abgeleitete Konstruktionen interpretieren lassen.(49) Vertrauter und zugleich allgemeingültiger lässt sich dieser Zusammenhang dadurch fassen, dass der Begriff des Weitergebens (passing on) fundamentaler ist als der einer isolierten individuellen Tatsache. Weitergeben entspricht dabei wiederum dem metaphysischen Begriff von Kreativität, wie er sich von der Bedeutung des Verbums creare im Sinne von hervorbringen, erschaffen, erzeugen etc. ableiten lässt. Jedes Einzelwesen zeigt sich in diesem Zusammenhang zumindest als eine besondere Form, welche befähigt ist, seine spezifische Besonderheit in die umfassende Kreativität einzubringen. In seinem Streben nach Individualität und Erfüllung geht es über diese Bestimmung hinaus, doch sie gehört als notwendig zu ihm.
Die Blindheit, durch die jeder Prozessverlauf in mehr oder weniger starkem Maße bestimmt ist, rückt ihn fern einer klaren Determinierung; die begriffliche Verarbeitung der Umwelt kann zu einer affirmativen Aneignung wie einer die weitere Entwicklung beeinflussenden Negation führen. Als Negation fasst Whitehead hierbei die Zurückweisung bestimmter eternal objects und somit die Verhinderung ihrer konkreten Realisation in einem actual entity. Je umfassender diese Negation ausfällt, umso blinder wird der Prozess und umso ferner steht er einer internen Intellektualisierung:
»But if some eternal objects, in their abstract capacity, are realized as relevant to actual fact, there is an actual occasion with intellectual operations.«(50)
Die Gemeinschaft der wirklichen Dinge bildet in diesem Sinne einen durch die unterschiedlichsten Fähigkeiten ausgestatteten Organismus, der sich in einem fortwährenden und unabschließbaren Prozess der Erschaffung befindet. Prozessualität beschreibt diese Expansion des Universums im Blick auf die in ihm realisierten Dinge und die unter ihnen gebildeten Nexus. In jedem actual entity bildet sich dieser makroskopische Prozess des Universums in einem mikroskopischen Prozess der Selbstrealisation ab. Auch wenn es als erfülltes zu seiner Bestimmtheit gefunden hat, bleibt es unvollständig, da es als Superjekt Bezug zu dem universellen Flux hat.
Whitehead entwirft mit seiner Prozessphilosophie einen umfassenden ontologischen Rahmen, der als Gegenentwurf zur Verengung substantialistischer und aprozessualer Sichtweisen verstanden werden kann, wie sie sich insbesondere in der neuzeitlichen Philosophie und Wissenschaft etablieren. Er betreibt aber in keiner Weise eine Absolutsetzung seiner eigenen Position,(51) was in seiner Wertschätzung des Platonischen Idealismus ebenso Ausdruck findet wie in seiner Betonung, dass ein Verstehen von Prozessualität nur anhand beständiger Größen gelingen kann.(52) Es steht für ihn fest, dass Fluss und Beständigkeit in ihrer relationalen Verklammerung unverzichtbar für jede ernsthafte Interpretation der Wirklichkeit sind. Michelangelos vier symbolische Figuren in der Florentinischen Kapelle der Medici – Tag und Nacht, Morgen und Abend – bringen seiner Auffassung nach diese Dauer im Wechsel in die gleichsam belebte Statik großer Kunst:
»The perfect moment is fadeless in the lapse of time. Time has then lost its character of ›perpetual perishing‹; it becomes the ›moving image of eternity‹.«(53)
Whiteheads komplexes System der Philosophy of Organism, von dem an dieser Stelle nur einige zentrale Aspekte skizziert werden konnten, liefert trotz vieler begrifflicher Schwierigkeiten ein großartiges holistisches Deutungsmodell der Welt, in dem wesentliche Elemente der philosophischen Tradition mit Motiven der modernen Wissenschaften verknüpft werden.(54) Es stützt den Grundgedanken einer perspektivistischen Epistemologie, indem es die Vorstellung nackter Tatsachen zurückweist und im Zusammenhang mit der u. a. von Leibniz inspirierten Idee von einem solidarischen Universum die Interpretationsgefärbtheit aller Welterfahrung und Welterkenntnis betont. Der objektiv-idealistische Charakter von Whiteheads Philosophie bedingt zwar, dass Gott eine tragende Rolle in der schöpferischen Welt übernimmt, doch er zeigt sich vor allem als ein der Welt innewohnendes Prinzip und nicht als ein der Welt entrückter Schöpfer. Zu den entscheidenden Elementen der Wirklichkeit erhebt er nicht Statisch-Substanzhaftes oder Passives wie eine naturgesetzlich determinierte Materie, sondern die dynamischen actual entities, die als kreative Prozesse jenseits der Dualismen von Subjekt und Objekt, Geist und Materie stehen. Durch ihre prehensions und feelings stehen sie in einem gemeinschaftlichen Zusammenhang miteinander und letztlich mit der gesamten Welt. Kreativität und Prozessualität bilden daher die bestimmenden Prinzipien von Whiteheads Kosmologie, innerhalb derer beständig Neues generiert und so Ordnung und Komplexität erzeugt wird. Ganz ähnlich wie bei Aristoteles gibt es in der Philosophy of Organism zweierlei Teleologie: Zum einen durch die jedem actual entity immanente Orientierung am individuellen Ziel der Bestimmtheit und Erfüllung, zum anderen durch die Einbindung jedes einzelnen mikroskopischen Prozesses in den großen makroskopischen Prozess der universellen Kreativität. Die auf allen Ebenen der Wirklichkeit realisierte Ordnung muss in diesem Zusammenhang im Spannungsfeld zwischen Verlässlichkeit und Erstarrung gesehen werden.(55) Die Bewahrung des Alten und die Anerkennung des Neuen bilden in diesem Sinne ein ähnlich grundlegendes Komplementaritätspaar wie Beständigkeit und Fluss:
»The world is thus faced by the paradox that, at least in its higher actualities, it craves for novelty and yet is haunted by terror at the loss of the past, with its familarities and its loved ones.«(56)
Ein entscheidendes Manko einer einseitig naturwissenschaftlichen Welterschließung besteht für Whitehead gerade darin, dass die konkrete Realität mit all der Fülle der Erscheinungen, der Potentialität der Prozesse und der beständigen Gestaltung von Neuem in ein Raster vorgefasster Begrifflichkeiten und methodisch-formaler Reduktionen gepresst wird.(57) Der naturwissenschaftliche Blick auf die Natur kann kein Ziel in ihr entdecken, er gelangt nicht zur Anerkennung ihrer Kreativität und findet lediglich Gesetze für die sukzessive Abfolge ihrer Prozesse.(58) Andererseits sieht Whitehead in zentralen Begriffen der modernen Physik wie dem des elektromagnetischen Feldes auch wichtige Ansatzpunkte für eine stärkere Akzentuierung der prozessualen Dimension der Welt.(59) Wie in den großen systematischen Entwürfen idealistischer Philosophie von Descartes bis Hegel lehnt er also keinesfalls einen Bezug zum aktuellen naturwissenschaftlichen Kenntnisstand ab, doch er hält daran fest, dass dieser einer philosophischen Interpretation und einer Aufhebung in ein holistisches Bild von der Welt bedarf.
Literatur
Der Autor
Dr. Andreas Woyke, Jg. 1966, Studium der Chemie, Physik, Erziehungswissenschaft und Philosophie an der Universität Siegen, 1. und 2. Staatsexamen, 2004 Promotion, seit 2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Philosophischen Institut der TU Darmstadt, DFG-Projekt Philosophische Implikationen von Nanoforschung und Nanotechnologie.
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Texte zu Kunst und Philosophie
ISSN 1437-3777
Literatur
Der Autor
Dr. Andreas Woyke, Jg. 1966, Studium der Chemie, Physik, Erziehungswissenschaft und Philosophie an der Universität Siegen, 1. und 2. Staatsexamen, 2004 Promotion, seit 2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Philosophischen Institut der TU Darmstadt, DFG-Projekt Philosophische Implikationen von Nanoforschung und Nanotechnologie.
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