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Sie sehen den Euro als Fehlkonstruktion. Wird die Gemeinschaftswährung die Krise überleben?
Karl Reichmuth: Der Rettungsschirm für den Euro ist ein Aufschub, das ist keine Lösung für das Problem. Es bringt nichts, gegen Naturgewalten anzutreten. In zwei oder drei Jahren wird die Wahrheit sowieso ans Licht kommen.
Die Währungsunion zerbricht?
Reichmuth: Ja, die Währungsunion wird auseinanderbrechen. Mein Vater hat noch die Lateinische Münzunion erlebt. Damals standen die Währungseinheiten im Verhältnis von 1:1. 4 l Milch kosteten 1 Lire. Jahre später habe ich ausgerechnet, dass es für 1 Lire nicht einmal mehr einen Tropfen Milch gegeben hätte. Ich habe eine hohe Skepsis gegenüber Währungsunionen, wenn keine einheitliche Fiskalpolitik und Wirtschaftspolitik verfolgt wird.
Werden die Länder dann ihre alten Währungen einführen oder entsteht etwas ganz anderes?
Reichmuth: Ich könnte mir vorstellen, dass gewisse ähnlich gelagerte Länder wie Dänemark, Holland, Österreich und Deutschland beim Euro bleiben. Die südeuropäischen Länder werden nicht mehr dabei sein. Die Unterschiede in der Geisteshaltung zwischen den südlichen und nördlichen Ländern können nicht überwunden werden. Die Nordeuropäer leben, um zu arbeiten, und die Südeuropäer arbeiten, um zu leben. Irgendwann fällt dies auseinander. Das haben wir schon bei der Lateinischen Münzunion oder dem Ecu, dem Vorläufer des Euro, gesehen.
Hätte man im Rückblick auf die Rettungsaktion verzichten können?
Reichmuth: Es war eine politische und keine geldpolitische Angelegenheit. Eine Überlegung hinter der Rettungsaktion war, dass man sich nicht noch eine Finanzkrise leisten kann. Zuerst wurden die Banken unterstützt und jetzt die Länder. Das kann ich gut nachvollziehen. Die zweite Überlegung war eine Prestigefrage. Die Politiker, welche die Europäische Union (EU) gegründet haben, wollen nicht so schnell aufgeben.
Wird es nach einer gewissen Zeit wieder im gleichen Stil losgehen?
Reichmuth: Die sogenannten Spekulanten merken es viel früher als die Bürger, wenn irgendetwas faul ist. An den Finanzmärkten ist es wieder ruhiger geworden, weil die Gegenkräfte hoch sind. Das Spiel wird aber wieder von vorne losgehen, weil das Problem noch nicht gelöst ist. Die Frage ist nur, wann dies der Fall sein wird. Das kann ich nicht sagen.
Alle sind sich einig, dass die Staatsdefizite sinken müssen. Werden die Sparbemühungen gelingen?
Reichmuth: Irland und Lettland haben bewiesen, dass es möglich ist. Die südeuropäischen Länder haben dagegen immer ihre Währungen abgewertet, damit sie wieder weitermachen konnten. Ich glaube nicht, dass sie es schaffen werden, über Sparübungen zur Genesung zu kommen.
Die Staaten wollen Inflation, um ihre Schuldenberge loszuwerden?
Reichmuth: Es war schon immer so: Wenn die Notenbanken anfangen, Geld zu drucken, gibt es praktisch immer Inflation. Weil wir jedoch im Zuge der Globalisierung ein weltweites Warenangebot haben, wird es kaum eine Konsuminflation geben, sondern vielmehr eine Vermögenspreisinflation.
Was bedeutet dies konkret?
Reichmuth: Ich rechne mit einer Vermögenspreisinflation ähnlich wie in den 70er-Jahren. Damals sind die Börsen bis ins Jahr 1977 gut gelaufen, trotz schlechter Wirtschaftslage.
Geraten wir jetzt in eine Wirtschaftsphase wie in den 70er-Jahren?
Reichmuth: Ja, solange die Zinsen nicht erhöht werden, werden die Aktienkurse steigen. Gleichzeitig wird sich die Konjunktur ähnlich schwach entwickeln wie in den 70er-Jahren.
Die Wirtschaft läuft noch gut. Wann kommt der Einbruch?
Reichmuth: Kurzfristig sicher noch nicht. Viele Unternehmen wie etwa Swiss Steel müssen ihre Lager aufbauen. Zu einer Stagflation kommt es erst viel später. Wenn die Staaten sparen müssen, haben wir einerseits Inflation und andererseits eine schlechte Wirtschaft.
Ab wann muss man sich auf ein solches Szenario einstellen?
Reichmuth: Ich erwarte, dass dies in den Jahren 2011 und 2012 der Fall sein wird.
Wie hoch werden die Inflationsraten sein?
Reichmuth: Ähnlich wie in den 70er-Jahren. Die Schweiz hatte damals eine Inflationsrate von 8%, Deutschland von 11% und die USA von 16%. Europa wird insgesamt wahrscheinlich etwa eine doppelt so hohe Inflation haben wie die Schweiz.
Wann werden die Zinsen erhöht?
Reichmuth: Ich erwarte, dass die Leitzinsen erst im nächsten und übernächsten Jahr erhöht werden. Dabei werden die langfristigen Zinsen früher steigen als die kurzfristigen. Die kurzfristigen Zinsen werden weiterhin tief gehalten, damit die Banken saniert werden können. Und der Staat kann es sich leisten, mit kurzfristigem Geld langfristige Projekte zu finanzieren.
Was raten Sie Ihren Kunden, die in einem solchen Umfeld anlegen wollen?
Reichmuth: Wir empfehlen, in reale Werte wie zum Beispiel Gold zu investieren. Es lohnt sich sicher, 50 bis 60% in reale Werte anstatt in Obligationen anzulegen. Damit kann sich der Vermögende gegen die drohende Inflation schützen.
Was kann der einfache Sparer tun?
Reichmuth: Ich bin seit 54 Jahren im Bankgeschäft. In all diesen Jahren hat der Sparer nie einen Ausgleich für die Inflation erhalten. Er hatte immer das Nachsehen. Der Sparer muss entscheiden können, ob er nominelle Stabilität oder Werthaltigkeit will.
Das heisst?
Reichmuth: Die grosse Mehrheit strebt eine falsche Werthaltigkeit an. Viele private Anleger haben solche Angst vor Schwankungen der Vermögenswerte, dass sie ihr Vermögen lieber nominell halten. Das Traurige ist, dass die meisten das Gefühl haben, das Nominelle sei Stabilität. Doch nominelle Stabilität ist eine Illusion. Preise schwanken immer. Für das Geld, von dem Sie heute vier Tomaten kaufen, kriegen Sie morgen vielleicht nur noch drei Tomaten.
Wie erreicht der Sparer Werthaltigkeit?
Reichmuth: Der Sparer kann sich vor Inflation schützen, indem er einen RealUnit kauft. Dieser Fonds bildet das Bruttoinlandprodukt nach. Zwei Drittel werden konsumbezogen und ein Drittel investitionsbezogen investiert. Was der Wohlhabende mit einem Vermögen von 2 Mio Fr. schon lange machen kann, kann auf diese Weise - allerdings passiv und nicht aktiv umgesetzt - auch der Sparer. Ich habe selbst sieben Jahre so investiert, bevor wir das Produkt lanciert haben, und ich hatte eine bessere Performance als viele andere Fonds.
Die aktiv gemanagten Fonds von Reichmuth schneiden im Vergleich jeweils gut ab. Dann kam der Fall «Madoff» ?
Reichmuth: Wir haben einfach Pech gehabt. Wir haben nie direkt in Madoff investiert. In unserem Dach-Hedge-Fonds hatten vier der insgesamt über 60 Zielfonds Madoff als Broker benützt. Diese vier Fonds haben alles verloren, was im Gesamt-Fund Matterhorn 8,6% Verlust ausmachte.
Haben der Bank deshalb viele Kunden den Rücken gekehrt?
Reichmuth: Nein, unsere Kunden sind sehr treu. Wir müssen dankbar sein, dass wir praktisch keine Kunden verloren haben. Wir haben nicht darunter gelitten. Es ist aber sicher so: Wir hätten viel mehr Kunden gewinnen können in der Zeit, als die Grossbanken Vertrauen verloren haben, wenn wir nicht dieses «unverdiente Kläupi» gehabt hätten.
Welche Lehren hat die Bank Reichmuth daraus gezogen?
Reichmuth: Obwohl wir den Fonds liquidieren mussten, hatten wir noch eine bessere Performance als die meisten Fonds. Madoff war uns insofern eine Lehre, als dass wir unsere Fonds jetzt neu in Liechtenstein domizilieren. Dort kann man sogenannte Pockets machen, eine Art «Bad Fund». Dies ist in der Schweiz nicht erlaubt.
Ausschliessen kann man einen weiteren Betrugsfall aber nicht ...
Reichmuth: Dagegen gibt es nur ein Mittel: Diversifikation. Keiner unserer Kunden, der bei uns ein Strategiedepot hatte, hat wegen Madoff mehr als 2,2% verloren.