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Weiter: Nur tot ist besser
Das Haus, zu welchem Kerys ihn führte, unterschied sich nicht sonderlich von den anderen. Wie alle Gebäude im oberen Teil der Stadt wirkte es sehr gepflegt und im Gegensatz zu den Häusern weiter unten platzte hier kein Verputz von den getünchten Wänden ab und keine Tür hing schräg in den Angeln. Die bunten Blumen, die sich an den Fassaden emporrankten, waren hier wirklich nur zur Dekoration gepflanzt worden und dienten nicht dazu, die weiter unten in der Stadt so offensichtlichen Zeichen der Armut zu überdecken.
Tavoran warf einen Blick zu Kerys, die geschmeidig ein paar entgegenkommenden Händlern auswich und auf den Eingang des Innenhofes zuging, dessen Tor offen stand. Er konnte sich nicht erklären, woher Kerys einen Stadtmagier kannte, geschweige denn wie sie auf die Idee kam, ihn um Hilfe zu bitten. Gerne hätte er sie danach gefragt, aber sie wirkte in sich gekehrt und konzentriert, so als müsste sie sich auf das Treffen vorbereiten, und er wollte sie nicht stören. Wahrscheinlich würde er früh genug erfahren, woher sie ihn kannte.
Insgeheim fragte er sich, warum er sie überhaupt begleitete. Der Stadtmagier mochte wohl mächtig sein, und vielleicht konnte dieser tatsächlich etwas gegen den Fluch unternehmen. Aber er bezweifelte, dass sich dieser darauf einlassen würde, ihm bei der Angelegenheit mit Lyndia zu helfen. Zwar war auch ein Stadtmagier im Grunde ein Mensch wie jeder andere, und aus Erfahrung wusste Tavoran, dass ein gut gefüllter Beutel voller Münzen manche Einstellungen und Überzeugungen ins Wanken bringen konnte. Doch er würde Vorsicht walten lassen und erst in Erfahrung bringen müssen, wie sehr der Magier an seinen Prinzipien und seinem Eid gegenüber der Zwillingsherrscher festhielt.
Sie betraten den Innenhof, in dem eine angenehme Kühle herrschte und der noch ganz im Schatten lag. In der Mitte plätscherte ein kleiner Brunnen in einem flachen, quadratischen Wasserbecken, in dem ein paar Fische langsame Kreise zogen. Eine Gestalt kauerte auf der gegenüberliegenden Seite des Hofs vor einem Blumenbeet. Auf ihrer rechten Seite lagen ein kleiner Haufen Unkraut und auf der linken ein braun gefleckter Hund, der sich im selben Augenblick erhob, als Kerys und Tavoran das Tor zum Innenhof durchschritten hatten.
Der Hund rannte bellend auf die beiden zu. Zu Tavorans Verwunderung jedoch klang er weder aggressiv noch drohend, sondern er schien sich vielmehr an dem unerwarteten Besuch zu freuen. Kerys ließ sich in die Hocke sinken, begrüßte den Hund mit ausgiebigen Streicheleinheiten und versuchte, ihr Gesicht aus seiner Reichweite zu halten, während dieser schwanzwedelnd und beinahe außer sich vor Freude über ihre Arme leckte.
In der Zwischenzeit hatte sich die Gestalt erhoben und kam nun ebenfalls auf die beiden zu. Der schlichten weißen Leinenkleidung nach zu urteilen handelte es sich bei der Frau um eine Bedienstete. Über dem Kleid trug sie eine dunkle Schürze, an der sie nun ihre schmutzigen Finger abwischte, während ihr fragender Blick zwischen dem Hund, Kerys und Tavoran hin und her wanderte.
»So früh schon Besuch? Mit wem habe ich die Ehre?«
Der Hund hatte sich so weit beruhigt, dass er nicht mehr bellte, sondern Kerys nur noch über die Hände leckte. Sie erhob sich und warf einen Blick zu Tavoran hinüber.
»Mein Name ist Kerys Annar und das hier ist ein guter Freund von mir, Tavoran Maras. Wir sind auf der Suche nach Meister Kharmek.«
Sie warf einen Blick auf den Hund und lächelte dann Kerys an. »So, wie es aussieht, seid Ihr keine Unbekannte. Wartet, ihr werde Meister Kharmek mitteilen, dass Ihr hier seid.«
Die Bedienstete drehte sich um und ging auf die große, schwere Tür zu, die in das Innere des Hauses führte. Ein leises Knarren ertönte, als sie die Tür einen Spalt aufschob, dann verschwand sie im Inneren.
»Keine Unbekannte, wie?«, fragte Tavoran und versuchte, seine Stimme so beiläufig wie möglich klingen zu lassen, während er den Hund beobachtete, wie er spielerisch nach Kerys Finger schnappte. »Woher kennst du denn diesen Meister Kharmek?«
»Ich kenne ihn seit einigen Jahren«, antwortete sie ausweichend. »So wie viele andere mag er gute Unterhaltung zu schätzen.«
Bevor Tavoran etwas erwidern konnte, wurde die Eingangstür aufgestoßen und ein Mann mittleren Alters, gekleidet in einem wallenden Gewand aus dunkler, teurer Seide, eilte aus dem Haus und auf sie beide zu. Tavoran fand die Vorstellung absurd, dass ein Mann von solchem Stand sich in die stinkenden Tavernen und stickigen Schänken der unteren Stadt verirrte, nur um eine Gauklerin tanzen zu sehen.
»Ah, der Traum von Khaleh. Wie schön, dich zu sehen.«
»Meister Kharmek. Es ist mir eine Ehre.« Kerys lächelte.
Einen Schritt vor Kerys hielt Kharmek inne und deutete eine Verneigung an.
»So schön und grazil wie eh und je.«
Mit einer Bewegung, als würde er fürchten, sie zu zerbrechen, griff er nach Kerys’ Hand und hauchte einen Kuss auf den Handrücken. Dann hielt er in der Bewegung plötzlich inne und seine Freude verschwand schlagartig aus seinem Gesicht.
»Was hast du getan?«
Er hielt ihre Hand fest und schob mit einer schnellen Bewegung die goldenen Ringe über ihr Handgelenk, um die Narben freizulegen.
Reflexartig wollte sie ihre Hand zurückziehen, aber Kharmek hielt sie fest.
»Es blieb mir keine andere Wahl«, entgegnete Kerys, und leichter Trotz schwang in ihrer Stimme mit. Mit der freien Hand versuchte sie, die Narben zu verbergen, was aber nichts half, denn ihr anderes Handgelenk war ebenso von den Narben des Lesh’Rakha gekennzeichnet. Sie warf einen flüchtigen Blick zu Tavoran, dann hob sie den Kopf, reckte sie das Kinn und fing Kharmeks Blick auf. »Aber deswegen bin ich nicht hier.«
»So, so.« Sein Lächeln umspielte Kharmeks Mundwinkel. Seine Augen blitzen wach und aufmerksam im scharf geschnittenen Gesicht und der fein säuberlich gestutzte Bart passte zu seiner eleganten Erscheinung. Seine Finger trugen verschiedene Ringe, die vermutlich auch einiges an Wert besaßen und womöglich auch die eine oder andere magische Eigenschaft aufwiesen. Er musterte Kerys intensiv mit klaren, bernsteinfarbenen Augen, und sie hielt seinem Blick tapfer stand. Tavoran beobachtete das unsichtbare Kräftemessen mit Argwohn. Mochte dieser Kharmek ein guter Bekannter, ein Freund oder gar etwas anderes sein – Tavoran würde nicht zulassen, dass er ihr irgendetwas antat.
Aber scheinbar gab ihm Kerys keinerlei Anlass, ihr etwas Böses zu wollen, denn einen Augenblick später nickte er wohlwollend, ließ Kerys’ Hand los und richtete seine Aufmerksamkeit auf Tavoran.
»Und mit wem habe ich das Vergnügen?«
Tavoran hielt mit Mühe seinem forschenden Blick stand. Er spürte, wie der Magier in seinem Inneren nach etwas suchte, wie durchsichtige Finger jede Faser seines Körpers und jeden Gedanken durchforsteten. Instinktiv wehrte sich Tavoran gegen die fremde Macht und er benötigte alle seine Willenskraft, um seine Gedanken den unsichtbaren Fingern zu entziehen. Unwillkürlich tastete seine Hand zum Dolch an seiner Seite, der ihm das unmittelbare Gefühl von Sicherheit vermittelte. Seine Finger kribbelten, als sie den Griff der Waffe erreichten, und er spürte, wie der Dolch beinahe bereitwillig ihm seine Macht zur Verfügung stellte. Zusammen mit einiger Willensanstrengung gelang Tavoran ihm schließlich, den fremden Einfluss in seinem Inneren zurückzudrängen.
Überrascht runzelte Kharmek die Stirn. Von einem Augenblick auf den anderen spürte Tavoran, wie sich die unsichtbaren Finger zurückzogen und ein leichtes Gefühl der Leere in ihm hinterliessen.
»Ihr seid ein interessanter Mann, Tavoran Maras.«
Der Magier musterte Tavoran einen Augenblick nachdenklich, dann entspannte sich seine Haltung und er machte eine einladende Bewegung in Richtung des Hauses.
»Vielleicht sollten wir das in vertrauter Atmosphäre besprechen.« Er schickte Kerys ein wohlwollendes Lächeln zu. »Ihr hoffe, ihr seid hungrig, ich wollte nämlich gerade speisen.«
Schwungvoll drehte er sich um und betrat das Haus. Tavoran verspürte keine Lust, sich länger als nötig in der Gegenwart dieses Magiers aufzuhalten. Er wusste, wie leichtsinnig es gewesen war, den Dolch mitzunehmen, aber er hatte sich nicht überwinden können, ihn schutzlos im Lager der Gaukler zurückzulassen und ohne ihn loszugehen. Noch hatte sich Kharmek nichts anmerken lassen, obwohl er die Anwesenheit des magischen Artefakts bestimmt gespürt haben musste. Vielleicht war der Diebstahl des Dolches noch nicht aufgefallen, vielleicht wusste Kharmek auch nicht, um was für ein Artefakt es sich handelte. Trotz allem machte der Magier nicht den Anschein, als wäre er auf den Kopf gefallen, und Tavoran nahm an, dass Kharmek merkwürdig vorkommen musste, jemanden wie ihn mit einem magischen Artefakt herumlaufen zu sehen. Alles in seinem Inneren schrie danach, sich auf dem Absatz umzudrehen und auf die Hilfe des Stadtmagiers zu verzichten.
Aber er konnte es nicht.
Wenn Tavoran seinem Ziel, Lyndia wiedersehen zu können, näher kommen wollte, dann musste er das Risiko eingehen.
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