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Ein Konzert, eine Rede, ein Theaterstück ohne Applaus? Undenkbar. Er ist der Schlusspunkt des künstlerischen Glanzstücks, und ebenso der politischen Schmierenkomödie – «Applaus», so schrieb 1911 der amerikanische Autor Ambrose Bierce in seinem «Wörterbuch des Teufels» zynisch, «ist das Echo einer Plattitüde».
Applaus, «Beifall klatschen», kommt vom lateinischen applausus, und der galt lange als Gegenstück zur ebenfalls lateinischen Akklamation, dem zustimmenden Zuruf. Ganz so einfach ist es aber nicht mit dem Applaus: Wer einmal zwischen dem ersten und zweiten Satz der Sinfonie applaudiert hat, der weiss, dass Blicke töten können. Wer es umgekehrt unterlässt, das Jazz-Solo mit einem Szenenapplaus zu quittieren, fällt als Banause durch, genauso wie der klatschende Student, wo die Kommilitonen mit dem Knöchel aufs Pult klopfen. In Ungarn wird rhythmisch geklatscht, was wiederum hierzulande den Wunsch nach einer Zugabe bedeutet, und nach Belieben kann der Applaus gesteigert werden durch Hochschnellen des Publikums zur stehenden Ovation, durch jubelnde «Bravo»-Rufe oder gar durch begeistertes Trampeln mit den Füssen. Und weil Applaus nicht frei von Gruppendruck ist, gibt es sogar den bezahlten Applaus durch den claqueur.
Ob Musiker, Politiker oder Schauspieler: Nach Applaus giert ein jeder, der auf der Bühne steht, je länger und heftiger, desto besser. Einer dieser Politiker war Gaius Octavius, besser bekannt als Augustus, Verwandter und Erbe des grossen Gaius Julius Cäsar und Kaiser von 30 v. Chr. bis 14 n. Chr. Auf seinem Sterbebett soll er den traditionellen Schlusssatz römischer Komödianten gesprochen haben:
Barbaren sind Weltenbürger. Es gibt sie überall, und das Schimpfwort «Barbar» geht uns leicht von der Zunge, wenn es um unkultiviertes Verhalten geht.
Der Barbar hat eine lange Geschichte. Der Ursprung des seltsamen Worts ist Lautmalerei – in einer altindischen, über 2000 Jahre alten Grammatik steht barbaratâ für einen Sprachfehler, einer falschen Aussprache des «r». Ein paar Jahrhunderte später, in Homers «Ilias», sind βάρβαροι die unzivilisierten Stotterer aus Karien, einem Gebiet in der heutigen Südwesttürkei. Das zunehmend abschätzige βάρβαρος wurde im hellenozentrischen Weltbild zum Inbegriff des unkultivierten, weil des Griechischen nicht mächtigen Fremden, was entweder geografisch – Völker an den Rändern der bekannten Welt – oder aber weltanschaulich gemeint war: Juden, Christen, Römer und sonstige Heiden, die andere als die olympischen Götter verehrten. Das antike Rom übernahm den Begriff und spitzte ihn zu; einen Römer als barbarus zu bezeichnen, galt als grobe Beleidigung. Und der niederländische Geograf Gerard de Kremer, der sich vornehm Mercator nannte, gestaltete Anfang des 17. Jh. gar eine Karte von «Barbarien», die gleich ganz Nordafrika umfasste.
Die Abwertung blieb haften: Historiker des 18. und 19. Jh. teilten die Menschheitsgeschichte ein in die Phase der «Wilden» (Jäger und Sammler). Die darauffolgende Zeit war die der «Barbaren» (Nomaden und Bauern), und die wurde schliesslich abgelöst von der Ära der «Zivilisierten» (Kulturvölker).
Barbaren, so wissen wir heute, kommen von überall her, denn in welcher Phase wir uns auch befinden mögen: Rüpel sind ziemlich universell.
Biedermeier ist die Zeit zwischen Wiener Kongress 1815 und dem Revolutionsjahr 1848. Es sind Jahrzehnte der Unrast und der Armut im Gefolge der napoleonischen Kriege, die Europa regelrecht umgepflügt haben, und der elegante, historisierende Biedermeierstil ist Ausdruck der Flucht eines durchaus selbstbewussten, kunstsinnigen Bürgertums ins häusliche Familienidyll eines behaglichen Heims.
Der Name stammt tatsächlich aus der Kunst. Sein Ursprung ist die fiktive Figur des Gottlieb Biedermeier, anfänglich mit «ai», später dann mit «ei» geschrieben. Dieser Biedermeier war ein in seiner Freizeit dichtender Spiessbürger, dem
seine kleine Stube, sein enger Garten, sein unansehnlicher Flecken und das dürftige Los eines verachteten Dorfschulmeisters zu irdischer Glückseligkeit verhelfen.
Kurz: Biedermeier war der Inbegriff kleinbürgerlichen Miefs.
Erfunden haben ihn 1855 ein Jurist und ein Arzt, Ludwig Eichrodt und Adolf Kussmaul. Die beiden schrieben Gedichte für die Münchner Satirezeitschrift «Fliegende Blätter», in denen sie den Kleingeist der Zeit aufs Korn nahmen. Ihre Spottgedichte sind beissende Parodien auf die Pseudopoesie des realen Lehrers und Volksdichters Samuel Friedrich Sauter. Dessen Gedichte waren durchaus populär, aber kauzig und voller unfreiwilliger Komik.
Eichrodts und Kussmauls Satiren zeigten Wirkung, und ihr fiktiver Gottlieb Biedermeier begann sich zu verselbständigen. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Name erst zum Begriff der Kunst- und Architekturgeschichte, dann der Mode, und am Ende einer ganzen Epoche.
Lass einen Menschen für dich arbeiten, gib ihm ein ordentliches Gehalt, und für Extraleistungen biete ihm einen Extrabatzen. Du wirst sehen: Er arbeitet härter und besser. Dieser Batzen heisst «Bonus», lateinisch für «gut», und das Prinzip ist so etwas wie ein Axiom der Betriebswirtschaft. Im Jahr 2002 wollte es der amerikanische Verhaltensökonom Dan Ariely genau wissen und beschloss, die Wirkung von Prämien auf die erzielte Leistung präzise zu messen. Weil ein solches Experiment bei Boni in der Höhe von Tausenden, wenn nicht Millionen von Dollars aber unbezahlbar geworden wäre, verlegte er es kurzerhand in den tiefsten Süden Indiens.
Ariely und seine Studenten boten den Bewohnern kleiner Bauerndörfer bis zu 2400 Rupien für den Fall, dass sie sechs Gedächtnis- und Geschicklichkeitsaufgaben ganz besonders gut lösten, je besser das Ergebnis, desto höher der Bonus. 2400 Rupien! In einer Region, in der die Menschen ihren Lebensunterhalt mit monatlich 500 Rupien bestritten, war das ein wahres Vermögen. Doch nicht allen wurde derselbe Betrag in Aussicht gestellt. Die unterste «Gehaltsstufe» sah maximal 24 Rupien vor, die mittlere 240 Rupien. Die 2400 Rupien versprachen die Forscher nur den Versuchsteilnehmern der höchsten Klasse.
Das Ergebnis war ein Paukenschlag. Nicht die Dagobert Ducks mit dem höchsten Gewinn vor Augen erbrachten die höchsten Leistungen, sondern vielmehr die Donalds der untersten und mittleren Stufe. Der Riesenbonus der Dagoberts erwies sich als kontraproduktiv: Die Bauern hatten statt auf die Aufgabe ganz einfach viel zu sehr aufs Geld geachtet.
Papier ist geduldig, sagt man. Und das muss es auch sein: Mehr als 2,7 Milliarden Briefe hat allein die schweizerische Post letztes Jahr zugestellt. Für jede und jeden von uns heisst das ziemlich genau einen Brief pro Tag. Die meisten davon sind kurz und bündig – daher auch der Name: Brief kommt vom lateinischen brevis, kurz.
Briefe zu schreiben ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Schon 3200 vor Christus kratzten Sumerer ihre Briefe auf Tontafeln, seit 500 vor Christus Römer die ihren in Wachs. Wesentlich geeigneter war seit dem Altertum das Pergament, das viel leichter zu transportieren war, und seinen Durchbruch erzielte der Brief mit dem ums Jahr 100 nach Christus von Chinesen entwickelten Papier. Seit dem späten Mittelalter wird in Europa fast nur noch auf Papierbogen geschrieben – Bogen, deren Länge und Breite seit 1922 vom Deutschen Institut für Normung festgelegt sind. Daher auch der Name – DIN A4.
Und was findet sich seit 1922 alles im Format DIN A4! Allein die Anreden sprechen Bände – Geliebter Bruder! Geschätzter Herr! Werte Dame! Teure Schwester! Und heute leider fast nur noch Sehr geehrter Herr oder Sehr geehrte Frau. Milliardenfache Einfallslosigkeit, möchte man sagen.
Immerhin: Briefe haben eine Physis – man kann sie in Händen halten. Man kann Schleifen um sie binden, sie zu Akten bündeln – oder auch, je nach Temperament und Gemütslage, zerknüllen und zerreissen.
Allerdings: Sie bekommen starke Konkurrenz, die Briefe: die E-Mails. Jeder und jede von uns bekommt, neben dem einen Brief, heute schon drei Mails pro Tag. Und besieht man sich den Inhalt dieser E-Mails, dann wird in Zukunft nicht mehr das Papier um Geduld ringen, sondern vielmehr wir, die wir nichts lieber täten, als lästige E-Mails zu zerknüllen.