Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03487.jsonl.gz/688

«Derzeit befinde ich mich in einem Spital in Österreich und versuche unter ärztlicher Aufsicht, wieder auf die Beine zu kommen – im wahrsten Sinne des Wortes: Da mich Schwäche und Schwindel plagen, bewege ich mich zur Sicherheit meist mit meinem ‹Rolli› vorwärts. Doch wie soll das im ‹realen Leben› funktionieren?
Ich habe mich im September 2020 mit dem Coronavirus infiziert. Mein Krankheitsverlauf blieb milde – wie eine leichte Erkältung. Glück gehabt, dachte ich zuerst. Falsch gedacht: Wenige Monate nach der Erkrankung traten erste gesundheitliche Beschwerden auf.
Anfangs fühlte ich mich ständig schlapp und ausgelaugt. Ich erkannte mich nicht wieder, denn ich war immer ein Energiebündel. Heute reicht meine Kraft gerade noch für die wesentlichen Dinge des Lebens, wie essen und duschen – manchmal kann ich selbst das nicht ohne Hilfe. Meine Arbeitsstelle als Kommunikationsreferentin eines Krankenhauses ruht seit Monaten.
«Brain Fog» erklärt
Der Begriff «Brain Fog» ist nicht eindeutig definierbar und unter Wissenschaftlern umstritten. Der sogenannte Gehirnnebel ist keine medizinisch anerkannte Diagnose, sondern beschreibt einen diffusen Komplex aus Symptomen. Als «Brain Fog» wird meist eine Reihe verschiedener kognitiver Ausfallerscheinungen bezeichnet.
Betroffene klagen häufig über Müdigkeit, Konzentrationsschwächen, Wortfindungsschwierigkeiten, Schwindel und Wahrnehmungsstörungen. Britische Studien legen nahe, dass der Hirnnebel vor allem junge Frauen betrifft, Männer leiden seltener an «Brain Fog».
«Brain Fog» tritt häufig in Verbindung mit Long Covid in Erscheinung. Die Ursachen für den Hirnnebel sind bislang wenig erforscht. Laut der Max-Planck-Gesellschaft führen Veränderungen der roten und weissen Blutkörperchen – unter anderem ausgelöst durch eine Infektion mit SARS-CoV-2 – zu schlechterer Blutzirkulation und einer geringeren Sauerstoffzufuhr der Organe.
Bei «Brain Fog» ist insbesondere das Gehirn von der Mangelversorgung betroffen und arbeitet entsprechend eingeschränkt. Effektive Behandlungsmöglichkeiten gibt es bislang nicht. Im Mittelpunkt der Therapieansätze stehen Gehirntraining, Rätselspiele, Physiotherapie, die Vermeidung von Stress, routinierte Tagesabläufe und ausreichend Schlaf.
Es ist hart, diese Version von mir zu leben.
Bei Plaudereien mit Freunden bleibe ich meist stumm. Ich kann meine Gedanken nicht ordnen und oft fallen mir die richtigen Worte nicht ein. Ich fühle mich oft, als hätte ich ein «Brett vor dem Kopf». Diese Wortfindungsstörungen sind mir unglaublich peinlich. Vor allem, weil ich mich so gar nicht kenne. Es ist hart, diese Version von mir zu leben.
Als Mitarbeiterin der Kommunikationsabteilung eines Spitals war ich gut darin, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bearbeiten. Ich war früher ein echtes Multitasking-Talent. Diese Zeit ist vorbei. Schon wenn ich in meiner Tasse Tee rühre, kann ich nicht zuhören und muss mein Gegenüber bitten, den Satz nochmal zu wiederholen. Das nervt.
An schlimmen Tagen finde ich mein eigenes Zimmer nicht.
An besonders schlechten Tagen verliere ich meine Orientierung. Orte, die ich bereits mehrfach besucht habe, finde ich nicht mehr oder erkenne sie nicht wieder. Manchmal stehe ich hilflos im Flur des Krankenhauses und finde mein eigenes Zimmer nicht.
Ich kann mich auf nichts mehr verlassen. Das macht mir Angst und verunsichert mich höllisch. Diese Gefühle kannte ich aus meinem früheren Leben nicht.
Um Abwechslung in mein Leben zu bringen, teile ich meinen Alltag auf TikTok. Ich will kein Mitleid, aber die Menschen sollen wissen, was nach einer Corona-Infektion passieren kann.
Das Tückische an «Brain Fog»: Ich sehe zwar fit aus, könnte den Alltag aber nicht ohne Hilfe bewältigen, sogar meine Haare zu waschen ist an manchen Tagen eine Herausforderung.
So schone ich mich im Bett, anstatt einem guten Freund zum ersten Kind zu gratulieren oder abends in eine Bar zu gehen. Gesellschaftliches Leben ist derzeit schlichtweg zu anstrengend. Die Beschwerden verwehren mir fast alles, was mich glücklich macht. Das ist der grösste Schmerz.
Ich will meine Freunde wiedersehen und arbeiten.
Kein Arzt kann mir sagen, ob mein Leben jemals wieder so wird wie vor der Covid-19-Erkrankung. Mittlerweile habe ich begriffen, dass es mich nicht weiterbringt, mich mit meinem alten Ich zu vergleichen. Aber ich arbeite an mir.
Mit Rätselaufgaben übe ich, meine Gedanken wieder klarer zu strukturieren. Und ich mache Physiotherapie, um mich wie früher bewegen zu können. Ich will meine Freunde wiedersehen und langsam zurück ins Arbeitsleben finden. Das ist aber Zukunftsmusik, so ehrlich muss ich mit mir sein.
Vor kurzem schrieb mir eine gute Freundin, die ich im Spital kennengelernt habe und die auch am Hirnnebel leidet: ‹Lohnt es sich noch zu kämpfen, wenn keine Heilung in Sicht ist?› Ich lag erschöpft im Bett, als ich ihre Nachricht las, und wusste keine Antwort.»