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Eine Ehrenrettung
( Wetterhornbesteigung vom 7. Juli 1845. ) Mit 1 Zeichnung.
In der 1850 erschienenen Schrift « Das Panorama von Bern » von G. Studer, wo er sich zum erstenmal mit der Besteigungsgeschichte der von Bern aus sichtbaren Gebirge befasst, steht über das Wetterhorn, Seite 233, zu lesen, nachdem die Hasli-Jungfrau, wie er berichtet, schon am 30. August 1844 durch die aus dem Agassizkreis stammenden Führer Melchior Bannholzer und Johann Jaun von Rosenlaui aus erstmals bestiegen und auf dem Rückweg das Lauteraar joch erstmals überschritten worden war:
« Ein misslungener Versuch zur Besteigung des Wetterhorns fand am 7. Juli 1845 statt. Zwei Berner, Förster Fankhauser und Dr. Roth, unternahmen die Reise in Begleit von drei Führern von Grindelwald aus. Die Nacht wurde in einer Höhle oben am Berge zugebracht. Am folgenden Mittag wurde der Kamm, wahrscheinlich zwischen dem Mittelhorn und der Hasle-Jungfrau erstiegen, aber sodann ( ob aus Ermattung oder lokaler Schwierigkeiten wegen ist dem Verfasser unbekannt ) der Rückweg nach Grindelwald angetreten.
EINE EHRENRETTUNG.
Die Absicht dieser beiden Reisenden war, einem Engländer, Names Speer, zuvorzukommen, welcher von der Grimsel aus das nämliche Ziel zu erstreben bezweckte. Dieser Fremde unternahm am B. Juli 1845 von der Grimsel aus über den Lauteraargletscher mit drei Führern die Besteigung des Wetterhorns. Am 9. Juli nachmittags um 1 Uhr langte die Karavane auf der Spitze des Mittelhorns an und erreichte in 5 Stunden Rosenlaui. » Die gleichen Angaben enthält die durch Dr. Dübi besorgte 2. Auflage 1896 von G. Studers « Über Eis und Schnee », wo nur die Vermutung der Gründe des Rückzugs weggelassen ist. Hier wird dann im weitern auf die erste touristische Ersteigung vom 31. Juli 1845 durch Agassiz, Vogt und Bovet mit den Führern J. Währen, Joh. Jaun und M. Bannholzer vom Pavillon Dollfus über das Lauteraarjoch und auf dem gleichen Weg wieder zurück aufmerksam gemacht und mit Nachdruck die erste Besteigung der Hasli- Jungfrau von Grindelwald aus betont, die am 17. September 1854 von Sir Alfred Wills mit den Führern Balmat, Simond, Ulr. Lauener und Peter Bohren erfolgt sein soll. Es ist die durch den amüsanten Zwischenfall bekannt gewordene, dass zwei Grindelwaldner Führer, Christian Almer und Ulrich Kaufmann, die am Morgen erst aus Grindelwald aufgebrochen waren und den fremden Führern zuvorkommen wollten, ihr Tannenbäumchen neben der Blechfahne der andern auf dem Gipfel aufpflanzten, nachdem zuerst ein erregter Wortwechsel unter den Führern über den Vortritt erfolgt war. Wir finden ferner in der Monographie des W. A. B. Coolidge über Christian Almer im Jahrbuch S.A.C. 1898/99 Seite 203 folgende Dr. Gottfried Roth von Wangen a. A. ( 1845 Arzt in Interlaken. ) Gezeichnet von Erik Bohny.
Notiz:
« Etwas sicherer ist es vielleicht, dass Almer einer der zwei anderen Grindelwaldführer war, welche am 7. Juli 1845 mit Peter Bohren ( einen Tag vor Mr. Speers erster Besteigung des Mittelhorns und 24 Tage vor der ersten touristischen Besteigung der Hasli-Jungfrau durch die Partie von Agassiz ) und zwei Bernern, Dr. Gottfried Roth und Förster Fankhauser, einen Versuch auf das Wetterhorn machten und dem Gipfel bis auf weniger als 100 Meter nahe kamen. Ende 1898 schrieb Herr Fankhauser in einem Brief an Dr. Dübi, dass er neben P. Bohren zwei andere Männer von Grindelwald bei sich hatte, wovon .einer, ein besonders kräftiger und gewandter " Wildgänger, Schafhirt in Grindelwald war ,'Ausdrücke, welche auf Almer hinzudeuten scheinen. » Darin findet sich zum erstenmal die Behauptung, dass die Partie Roth-Fankhauser « bis auf weniger als 100 m dem Gipfel nahe kam », eine falsche Annahme ( der bisher als Endpunkt bezeichnete Wettersattel ist etwa 200 m tiefer als der Gipfel ), die dann die Runde durch die Literatur antrat.
Nun machte im Herbst 1938 Herr Ing. Hans Roth, der Enkel des Dr. Roth, den Redaktor der « Alpen », Dr. Jenny, aufmerksam auf zeitgenössische Zeitungsartikel, aus denen unzweifelhaft der wirkliche Sachverhalt dieser « misslungenen » Besteigung hervorgeht. Sie lauten:
« Intelligenzblatt für die Stadt Bern », Nr. 166 vom 12. Juli 1845.
« Die Besteigung des Wetterhornes. ( Eingesandt. ) Nachdem im Jahr 1811 durch die Gebrüder Meyer von Aarau die Jungfrau, im Jahre 1812 durch einen Knecht des Spitalwirths auf der Grimsel und zwei Wallisern das Finsteraarhorn zum erstenmal erstiegen worden war, so wurde letzten Montag, den 7. Juli, zum ersten Male die höchste Spitze des Wetterhorns ( 11 450'über der Meeresoberfläche ) von den Herren Förster Fankhauser und Doktor Roth erstiegen. Die beiden andern tiefer gelegenen Spitzen des Wetterhorns sind ebenfalls erstiegen, und zwar die unterste Spitze, Rosenhorn genannt, im vorigen Jahre, die mittlere ebenfalls in dieser Woche ( den 8. JuliJ ) ) von einem Engländer. Niemals aber noch hatte es gelingen wollen, die oberste Spitze zu erklimmen. Sonntag abends um 5 Uhr waren die Herren Fankhauser und Roth mit drei Führern von Grindelwald aus aufgebrochen. Erst um 10 Uhr wurde Halt gemacht und die Nacht in einer Höhle auf der Seite des obern Grindelwaldgletschers zugebracht. Morgens um 3 Uhr brachen sie wieder auf; mit unermüdlicher Ausdauer und Beharrlichkeit überwanden sie die sich Schritt für Schritt darbietenden, oft ganz unüberwindlich scheinenden Hindernisse und Gefahren. Nicht fruchtlos waren die Anstrengungen gewesen: morgens um 11 % Uhr hatten sie die höchste Spitze erreicht! Ein Bergstock mit einem daran gebundenen Nastuch wurde als Signal aufgesteckt. Auch der Heimweg lief glücklich ab. Abends um 8 % Uhr langten die kühnen Bergsteiger wohlbehalten wieder in, Grindelwald an. Nähere, interessante Nachrichten möchten einem spätem Berichte aufgespart werden. » ( Dieser in Aussicht gestellte weitere Bericht ist nie erschienen. ) « Schweizerischer Beobachter », Nr. 84. 15. Juli 1845.
« Der Sohn einer englischen Familie, die seit mehreren Wochen sich in Interlaken aufhält, hat mit drei Führern am 8. dies von der Grimsel aus die bisher für unmöglich gehaltene Besteigung der Wetterhörner mit glücklichem Erfolg unternommen. Nach einem 16stün-digen höchst beschwerlichen und gefährlichen Marsch über den Lauteraargletscher gelangten sie am 9. dies nachmittags 1 Uhr auf die höchste Spitze, wo eine Fahne aufgepflanzt wurde. Der Rückweg über das gefährliche Tosenhorn nach Rosenlaui wurde in 5 Stunden gemacht. » ( Der gleiche Artikel erschien am 14. Juli in Nr. 167 des « Berner Ver-fassungs-Freund » und am 17. Juli in Nr. 85 der « Allgemeinen Schweizer-Zeitung », Bern, wo aber die Erklärung Roth-Fankhauser vom 16. Juli keine Aufnahme fand. ) « Schweizerischer Beobachter », Nr. 85. 17. Juli 1845.
« Zu der in unserm letzten Blatte erwähnten Besteigung der Wetterhörner durch einen Engländer haben wir noch Folgendes nachträglich beizufügen. Montag, den 7. Juli nämlich Ist zum ersten Male die höchste Spitze des Wetterhornes ( 11 450'über der Meeresfläche ) von den HH. Förster Fankhauser und Dr. Roth erstiegen worden. Die beiden andern tiefer gelegenen Spitzen sind ebenfalls erstiegen worden, und zwar die unterste Spitze, Rosenhorn genannt, im vorigen Jahre, die mittlere am 8. Juli1 ) dieses Jahres von dem erwähnten Engländer. Die Herren Fankhauser und Roth brachen Sonntags den 6. Juli abends 5 Uhr mit drei Führern von Grindelwald aus auf, und des Morgens um 11 % Uhr hatten sie die höchste Spitze erreicht, wo sie einen Bergstock mit einem daran gebundenen Schnupftuch als Signal aufsteckten. Abends 8 % Uhr langten die kühnen Bergsteiger wohlbehalten in Grindelwald wieder an. So sind nun bereits die höchsten Bergspitzen des Oberlandes erstiegen worden, und zwar einige mehr als einmal. » « Schweizerischer Beobachter », Nr. 86. 19. Juli 1845.
« Zur Rechtfertigung des Einsenders des Artikels ,Besteigung des Wetterhornes'in Nr. 166 des ,Inlelligenzblal[es'und zur Berichtigung eines Artikels des ,Verfassungsfreundes'vom 14. Juli bemerken die Unterzeichneten, dass sie den 7. Juli die höchste Spitze der Wetterhörner erreichten, worauf den 8. Juli1 ) Herr Speer aus England eine andere, mehr westliche Spitze, das sogenannte Mittelhorn, bestieg. Sie geben hier einfach das Factum, ohne auf die Priorität weiter Gewicht legen zu wollen; der unermüdlichen Hülfeleistung und Vorsicht ihrer Führer, Johann Bohren, Peter Bohren und Christian Michel von Grindelwald, verdanken sie zum grossen Theil das Gelingen ihrer Unternehmung. Interlaken, den 16. Juli 1845.
Dr. Roth. F. Fankhauser, Förster. » Daraus geht hervor:
1. Die Besteigung Roth-Fankhauser ist bis zum Gipfel durchgeführt worden.
2. Sie ist die erste touristische und die erste von Grindelwald aus.
3. Die Namen der drei Führer sind nun bekannt, und die Annahme Coolidges, dass darunter Christian Almer gewesen sei, ist irrig.
Dass die Berichtigung Dr. Roths und Fankhausers nicht von der konservativen « AUg. Schweizer-Zeitung » und dem « Berner Verfassungs-Freund » angenommen wurde, will Herr Roth darin sehen, dass Dr. Roth politisch etwas exponiert gewesen sei, weil er nicht lange vorher aus der Gefangenschaft in Luzern ( Freischarenzug ) zurückgekehrt war. Auf jeden Fall ist sie Studer und Dübi entgangen, und die Rehabilitierung der ersten Besteigung der Hasli-Jungfrau ist heute endlich, nach bald hundert Jahren, auf Grund der obigen Zeugnisse gerechtfertigt.7jrecte 9. Juli. Red.