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Film.Pionierinnen 1971–1981
Bis im Jahr 1971 war Abstimmen in der Schweiz Männersache. Ähnlich verhielt es sich mit dem Filmemachen. 1970 waren schweizweit lediglich rund ein Dutzend Filme unter weiblicher Regie entstanden – zehn Jahre später hatte sich diese Zahl vervierfacht. Was passierte in diesem bewegten Jahrzehnt? Wer waren die prägenden Filmemacherinnen und welche Themen griffen sie auf? Unter welchen Bedingungen konnten sie ihre Filme realisieren und welche Wirkung hatten sie? Das Programm «Histoires du cinéma suisse» zeigt zehn Werke von sieben Filmpionierinnen, die nach der Einführung des Frauenstimmrechts Schweizer Filmgeschichte schrieben und die zum Teil lange vergessen oder nicht mehr zugänglich waren.
Zum Filmprogramm gehören zwei digitale Uraufführungen von Tula Roy – beides Konfrontationen mit dem Schweizer Wertesystem. Während an den Schulen die Sexualaufklärung tabuisiert wurde, porträtierte die Regisseurin in «Jugend und Sexualität» (1979) einen progressiven Pädagogen. Eltern und Schulbehörden reagierten heftig auf den Film – der Lehrer verlor fast seine Stelle. In «Lady Shiva oder «Die bezahlten nur meine Zeit» (1975) ist es die Edeldirne Irene Staub, die den Zuschauer seine Vorstellungen hinterfragen lässt. Der Film entstand 1975 als Teil einer Porträtserie für die Ausstellung «Frauen sehen Frauen» in welcher Lady Shiva, die später in zahlreichen weiteren Filmen Protagonistin war, ein Boudoir eingerichtet hatte und die täglichen Filmvorführungen begleitete. Mit Ausnahme einer kurzen inszenierten Nachtklubszene wurde der Film rein dokumentarisch gedreht.
Überhaupt war die erste Hälfte der 1970er-Jahre in der Schweiz dokumentarisch geprägt. Zahlenmässig dominierten Deutschschweizer Autorinnen. June Kovach beispielsweise realisiert 1974 ihren ersten Dokumentarfilm in Alleinregie. In «Wer einmal lügt oder Viktor und die Erziehung» beschäftigt sie sich mit dem Thema Erziehung und wie sie misslingen kann, wenn sie verordnet wird. Viktor B. wird von Heim zu Heim geschoben und entfremdet sich schliesslich von der Gesellschaft. Der formal komplexe Film – der Protagonist tritt visuell im Film nicht auf – ist eine Annäherung an einen «schwierigen Jugendlichen» und gleichzeitig eine kritische Auseinandersetzung mit dem «systemischen» Umgang von Individualität.
Einen «nichtsichtbare Helden» nennt Alexandra Schneider im Buch «Cut» (1995) Viktor B. – und zählt dazu auch Maria M., die Protagonistin von Getrud Pinkus’ «Il valore della donna è il suo silenzio» (1980). Denn auch hier lernt der Zuschauer, die Zuschauerin die «Heldin» des Films – eine Süditalienerin, die ihrem Ehemann in den Norden folgt und dort ihre Lebendigkeit verliert – über die Tonspur kennen. Die fiktionalen Szenen drehte die Regisseurin mit Laiendarstellern. Marias Geschichte über Entwurzelung ist auch im Kontext anderer Filme über Migration und Fremdarbeiter zu sehen, z.B. «Siamo italiani» (1964) von Alexander J. Seiler, June Kovach und Rob Gnant. Gertrud Pinkus war aber eine der ersten, die sich an eine Inszenierung wagte und darin eine Frau in den Mittelpunkt stellte.
Die gesellschaftliche Kluft zwischen dem «Normalen» und dem «Anderen» war ein prägendes Thema der Zeit und beschäftigte auch Marlies Graf Dätwyler. Sowohl in ihrem ersten Langfilm «Die Bauern von Mahembe»(1975) als auch in «Behinderte Liebe» (1979) griff sie das Thema auf. In beiden Filmen nimmt sie eine beobachtende Position ein und agiert gleichzeitig als Vermittlerin. Während den Dreharbeiten zu «Die Bauern von Mahembe» lebte sie mehrere Wochen mit dem Filmteam im tansanischen Dorf und machte den Film zu einem Gemeinschaftsprojekt mit der lokalen Bevölkerung. In «Behinderte Liebe» ist der Prozess des Filmens ebenfalls Teil der Handlung und der thematisierten Gruppenerfahrung zwischen Menschen mit und ohne Behinderung.
«Behinderte Liebe» erhielt in Solothurn und auf internationalen Festivals breite Aufmerksamkeit und Anerkennung – trotzdem konnte der Film erst 2021 digitalisiert werden. Gleiches gilt für eines der vergnüglicheren Zeitdokumente aus dem Jahrzehnt – «Cinéjournal au féminin» (1980). In dem Archivfilm, für den unter anderem Lucienne Lannaz als Co-Regisseurin und Produzentin verantwortlich zeichnete, blicken die Regisseurinnen und Regisseure zurück auf 35 Jahre Schweizer Filmwochenschau und fragen, welches Frauenbild diese audiovisuelle «Institution» prägte. Gleichzeitig ist der Film ein Beispiel für die Produktionsrealität der Filmemacherinnen zu dieser Zeit: viele Projekte entstanden in Co-Regie und unter schwierigen Bedingungen. Im Haus von Lucienne Lanaz in Grandval war deshalb 1975 der Verein «CH-Filmfrauen» gegründet worden, eine Gruppe von Regisseurinnen, die sich im Sommer in Locarno manchmal bei Isa Hesse-Rabinovich traf.
Isa Hesse-Rabinovich, die im Tessin lebte, war für die damals junge Generation der Schweizer Filmerinnen Referenzperson und Inspiration. Sie war 1975 Gründerin des Zürcher Frauenfilmfestivals gewesen, ihre Filme wurden auch im Kunstkontext auf Festivals aufgeführt. Mit «Sirenen-Eiland» (1981) schuf sie ein Schlüsselwerk des Experimentalfilms. Die kühn montierte Film-Oper zeigte die Realität als Kulisse, als Kunst- oder Scheinwelt, in der das männliche Prinzip (Yang) seine Grenze erreicht hat und der Ergänzung des Weiblichen (Yin) bedarf.
Damit schliesst sich im Programm «Histoires du cinéma suisse» der Kreis. Isa Hesse-Rabinovichs Metapher markiert 1981 das Ende eines Jahrzehnts, das 1971 mit einer neuen Zeitrechnung begonnen hatte. Am Tag der Einführung des Frauenstimmrechts war ein anderer freier Geist des Schweizer Films, die Walliserin Carole Roussopoulos, mit ihrer Videokamera unterwegs gewesen. In ihrem konservativen Heimatkanton fing sie die Stimmung ein und interviewte die Sozialdemokratin Gabrielle Nanchen, eine der elf ersten gewählten Nationalrätinnen. Als Gründerin des Centre Simone de Beauvoir in Paris und als Co-Regisseurin von «Miso et Maso vont en bateau» (1976) trug sie sich später in die Geschichte des französischen Feminismus ein.
Das diesjährige Histoires-Programm ist in Partnerschaft mit der Cinémathèque suisse und in Kooperation mit dem Schweizer Nationalmuseum in Zürich entstanden. Alle Filme des Programms wurden in den vergangenen Monaten in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse, der Edition filmo, einer Initiative der Solothurner Filmtage sowie dem Lichtspiel in Bern digitalisiert.