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«Der Koran definiert eine neue ethische Ordnung zwischen Arm und Reich»
Safia Boudaoui (37) widmet ihre Doktorarbeit am SZIG der Darstellung von Reichtum und Armut im Korantext. Ihrer Meinung nach scheint der Koran eine neue ethische Ordnung einzuführen, weil er eine Umverteilung des Reichtums befürwortet, ohne die Armen in die Lage der Untergebenen zu versetzen, wie es bei der Almosenvergabe vor dem Islam der Fall war.
Interview von Katja Remane
Frau Boudaoui, Sie haben Ihre akademische und berufliche Laufbahn in mehreren Ländern absolviert. Welches sind die wesentlichen Etappen?
Nach einem Studium der Wirtschafts- und Politikwissenschaften in Frankreich arbeitete ich mehrere Jahre als Lehrerin für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Religiöse, ethische und identitätsbezogene Fragen haben mich schon immer besonders interessiert. So habe ich mich 2013 in das Studienprogramm Arabische Sprache, Literatur und Zivilisation an der Universität Genf eingeschrieben, mit einem Ergänzungsstudium in Arabisch, da ich zu der Zeit kein Arabisch sprach. Im Rahmen meiner Masterarbeit führte ich eine rhetorische Analyse der Sura 'abasa, der 80. Sura des Korans, durch. Danach habe ich ein Intensivprogramm für Arabisch in Marokko besucht.
Woher stammt Ihr Interesse an religiösen Fragen?
Ich war schon immer von religiösen Fragestellungen fasziniert. Bereits in der Schule hat mich der Geschichtsunterricht gefesselt. Die Grundlagen der Religionen und ihrer Texte sprechen mich an: Vor allem der Nahe Osten, der Islam und somit der Koran wie auch andere monotheistische Religionen. Ich wollte zudem dicht am Koran arbeiten.
Was hat Sie motiviert, Ihre Doktorarbeit am Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG) zu machen?
Ich habe dieses Projekt schon seit 3-4 Jahren im Sinn. Meine Masterabschlussarbeit war ein erster Schritt. Ich musste meine akademische Ausbildung vertiefen, insbesondere im Hinblick auf muslimische Geistes- und Ideengeschichte. Die Forschungsliteratur ist sehr umfangreich und hauptsächlich auf Arabisch. Also ging ich nach Rabat, um Arabisch zu studieren. Und ich habe eine Studie über Philanthropie in Marokko durchgeführt, die ebenso Aspekte der Frage nach Vermögensverteilung berührte.
Ich habe das SZIG 2016 anlässlich eines Symposiums über Muslimische Wohlfahrt entdeckt (« Bien-être et charité musulmans - discours et pratiques »). Als ich aus Marokko zurückkehrte, habe ich mich als Doktorandin beworben. Ich war in der Lage, das Thema vorzuschlagen, was mich interessierte. Es erscheint mir relevant, meine Dissertation in das Doktoratsprogramm «Islam und Gesellschaft: Islamisch-theologische Studien» einzubetten, da meine Forschung an der Schnittstelle von Textanalyse und Ethik liegt.
Ihr Dissertationsthema ist die Analyse von Armut und Reichtum im Koran. Wie werden diese im Korantext und in muslimischen Gesellschaften definiert?
Das Ziel meiner Forschung ist, die Darstellung von Reichtum und Armut im Koran zu definieren und vor allem zu schauen, wie die Idee des Teilens und Gebens im koranischen Text integriert ist. Es ist spannend festzustellen, dass vertiefte Studien zu diesem Thema in der Forschung fehlen. Mir scheint das Konzept von Reichtum und Armut jedoch von zentraler Bedeutung für das Verständnis des ursprünglichen Islams. So besteht der Koran seit den allerersten Offenbarungen, d. h. in den sogenannten Mekka-Suren, auf der Notwendigkeit, die Armen fairer als bisher zu behandeln.
Die Tradition zu spenden ist selbst älter als der Koran. Allerdings ist die vorislamische Almosenvergabe Teil eines Abhängigkeitsverhältnisses zwischen dem Spender und dem Empfänger. Sie führt zu einer Herrscher-Beherrschten Beziehung, die mit jeder Gabe erneuert wird. Vorislamische Almosen sind persönlich, jeder Spender hat seine Begünstigten, die ihm Loyalität schulden. Ich finde, dass diese Almosenvergabe einen negativen Beigeschmack hat, weil sie demütigend ist.
Die koranische Almosengabe hat hingegen eine zweifache Dimension: eine horizontale mit der Umverteilung von Reichtum in unpersönlichen Beziehungen und eine vertikale in einer Beziehung zu Gott, das heisst, dass die Gabe zu einem Akt der Frömmigkeit und Anerkennung wird. Gott gab den Reichen, damit sie umverteilen. Reichtum zu besitzen heisst, Verantwortung zu haben, und arm zu sein, bedeutet nicht, von Gott verlassen zu werden. Ich habe den Eindruck, dass es eine Veränderung in den sozialen Beziehungen gab. Tatsächlich bringt der Koran eine neue ethische Ordnung.
Es stellt sich die Frage, warum sich der Koran für Reichtum und Armut interessiert und warum er diesen neuen ethischen Rahmen bietet. Das Ziel meiner Arbeit ist, diese verschiedenen Dimensionen des Reichtums zu analysieren, insbesondere im Hinblick auf den koranischen Begriff der Selbstreinigung.
Können Sie bereits vorläufige Forschungsergebnisse mit uns teilen?
Eine meiner ersten zu verifizierenden Annahmen ist die Hypothese, dass diese Umverteilung des Reichtums ein Mittel sein könnte, um eine gewisse Gerechtigkeit zwischen Reich und Arm wiederherzustellen. So ist nach Auffassung des Korans nur Gott reich.
Das Wertesystem des Korans ist um mehrere grundlegende Konzepte herum organisiert, wie die göttliche Einheit, die Auferstehung und die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit. So scheint die koranische Offenbarung einen grundlegenden Paradigmenwechsel darzustellen, da Abhängigkeit, Rechte und Pflichten nicht mehr als Teil einer ungleichen Beziehung zwischen Menschen dargestellt werden, sondern von einer Beziehung zu Gott hergedacht werden.
Welchen Beitrag leistet Ihre Arbeit für die islamisch-theologischen Studien?
Mein Beitrag betrifft ein Merkmal des koranischen Textes, der stark von einem Handels- oder sogar Wirtschaftswortschatz geprägt ist. Einige Autoren gehen sogar so weit, von «einer wahren koranischen Lehre zu sprechen, die darauf abzielt, das wirtschaftliche Handeln im Lichte einer vollständigen und kohärenten Reihe ethischer und religiöser Normen zu gestalten», um Eric Chaumont zu zitieren.
Mein Ziel ist es, zu analysieren, wie diese verschiedenen Vorstellungen von Reichtum und Armut im Koran dargestellt werden, was sie an Verständnissen aufzeigen und zu ermitteln, inwiefern Reichtum und Armut wichtige Elemente für das Verstehen der Anfänge des Islam bilden. Meine Forschung wird die aktuelle Literatur über die Darstellung von Armut und Reichtum in den kanonischen Quellen des Islams bereichern. Ziel meiner Arbeit ist es, einen systematischeren Beitrag zu diesem noch wenig erforschten Thema zu leisten.