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Nach dem Krieg war die Stadt Mailand stark zerstört. Von deutschen und deutschtreuen Truppen besetzt, wurde sie von den Alliierten schwer bombardiert. Viele Menschen verloren Hab und Gut, vor allem ihr Zuhause. Nach dem Krieg sprang die Mailänder Schweizerkolonie ein und ermöglichte, wenn auch im Juli, eine kleine Adventsgeschichte.
Gibt es Krieg, leidet immer die Bevölkerung. Auch nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine bezahlen unschuldige Menschen in den Städten und auf dem Land den sinnlos hohen Preis für despotische Machtgelüste. Und müssen ihre Existenz nach dem Krieg neu aufbauen.
Vor über siebzig Jahren war das nicht anders. Europa lag in Trümmern und die Menschen versuchten, eine neue Normalität zu finden. Auch Mailand war schwer beschädigt. Wer in der Kriegszeit aus der Stadt fliehen konnte, versteckte sich irgendwo im lombardischen Hinterland. Von Freunden oder Familienmitgliedern erfuhren die Evakuierten im eigenen Land, was nach einem erneuten Flugangriff zuhause noch übrig war. Als der Krieg vorbei war, blieben die Zeiten zuerst noch dunkel und schwierig.
Traditionsreiche Schweizer Kolonie in Mailand
Auch zu dieser Zeit war die Schweizerkolonie in Mailand gross und traditionsreich. Schon 1798 eröffnete die Eidgenossenschaft in der lombardischen Hauptstadt eine ihrer ersten Repräsentanzen überhaupt auf der Welt. Im 1816 wandelte sie sie in ein Generalkonsulat um. Dies erleichterte Handels- und Produktionsmöglichkeiten und zog, insbesondere nach der Eröffnung des Gotthardtunnels 1882, zahlreiche Schweizer Familien an. Sie liessen sich in Mailand nieder, arbeiteten und schufen sich eine eigene Infrastruktur: ein Haus der Begegnung, eine Handelskammer, eine Schule, eine Kirche, ein Spital und weitere Institutionen. Über die Jahrzehnte integrierten sich die Mailandschweizer immer mehr in ihre Gaststadt, die ihnen Entfaltungsmöglichkeiten und eine Existenz ermöglichte, und wurden ein Teil von ihr. Die Verbindungen zur Heimat blieben, unterstützt von der räumlichen Nähe, stets eng.
Während des 2. Weltkriegs waren auch viele Schweizer Familien in Italien geblieben, um ihre Arbeit fortzusetzen und ihren Besitz soweit als möglich zu schützen. Viele erlitten ebenfalls Schäden und erduldeten den beschwerlichen Alltag zusammen mit der einheimischen Bevölkerung. Und beteiligten sich später am Wiederaufbau der Stadt.
Das Projekt für ein Schweizer Dorf in Mailand
Noch während des Krieges hatte die Schweiz nämlich einen Fonds eingerichtet, die «Schweizer Spende für Kriegsgeschädigte». Aus diesem Fonds sollten Projekte mitfinanziert werden, um Menschen in befreiten Gebieten wieder eine Existenz zu ermöglichen. In der ganzen Schweiz wurde Geld gesammelt. Mit Hilfe von Verbindungspersonen in Lugano wurden auch Vertreter der Schweizerkolonie Mailand bei den Fondsverwaltern vorstellig. Ziel war die Errichtung eines kleinen Dorfes im Stadtquartier Baggio, in welches Familien ohne Obdach provisorisch zurückkehren konnten, um vor dort ihre Existenz wieder aufzubauen.
Am 16. August 1945 wurde der zuständige Architekt beim Mailänder Bürgermeister vorstellig. Er kündigte ihm das Projekt eines Villaggio svizzero an, das von der Caritas Lugano zusammen mit der «Schweizer Spende» unterstützt und finanziert werden sollte. Vorgesehen war ein Dorf aus Holzbaracken, die alle gleich waren und in regemässigen Abständen aneinandergereiht wurden. Die Miete wurde auf 1 symbolische Lira festgesetzt.
In einem Bericht beschrieb die «Schweizer Spende» im Jahr 1949 das Projekt: «In Mailand errichtete die Schweizer Spende aus 40 Baracken zu je 3 Wohnungen ein eigenes Dorf, das 120 Familien der lombardischen Hautstadt Obdach bot». Und fährt fort: «Vom November 1945 bis Juli 1946 wurden in Mailand 40 Baracken aufgestellt und mit Notzimmergarnituren und allem weiteren Material für die Innenausstattung versehen».
In Italien herrschten auch administrativ schwierige Bedingungen und Vorgänge zogen sich in die Länge. Der damalige Schweizer Generalkonsul, dem zusammen mit seiner Gattin das Projekt ein wichtiges Anliegen war, musste mehrmals auf verschiedene Seiten intervenieren. Die Bauzeit verzögerte sich, da nicht nur die Häuser erstellt, sondern auch die Infrastruktur saniert werden musste. Zudem gab sich Italien eine neue Regierungsform und entschied sich im Juni 1946 für die Republik und gegen die Monarchie. Am 20. Juli 1946 wurde das Villaggio svizzero unter Beteiligung von zahlreichen Würdenträgern feierlich eröffnet und seiner Zweckbestimmung übergeben. Aufgenommen wurden ausgebombte und obdachlose Familien, rund 500 Personen.
Kaum mehr etwas erinnert daran
Nun ist das villaggio svizzero schon lange verschwunden. Heute sieht man davon kaum mehr etwas. Es hatte seine Funktion erfüllt und wurde Ende der Fünfzigerjahre abgebaut. Im Quartier Baggio wurden neue, komfortablere Bauten erstellt. Vor Ort selbst erinnert nichts an die Existenz dieses kleinen Dorfes. Wären da nicht noch ein paar Strassennamen, die geblieben sind.
In der Metrostation «Inganni» kann man beispielsweise auswählen, ob man jetzt nach Bern oder eher nach Zürich möchte oder doch lieber…
… an die Via Lucerna. Auch Gewerbebetriebe haben sich der Schweizer Namen bedient. So gibt es…
… die Zahnpraxis «Zurigo»…
…und die gleichnamige Bar…
… und schräg gegenüber die Autowerkstätte «Zurigo».
Geblieben ist an der via Berna immerhin ein kleiner Park, der inzwischen zwar nach dem italienischen Schriftsteller Alberto Moravia benannt ist, doch das «Berna» im Titel nicht ganz abgeben musste.
In die aktuelle Aufmerksamkeit kam das Schweizer Dorf dank eines Buches, das kürzlich beim Verlag Hoepli erschien und in dem die Geschichte sorgfältig aufgearbeitet ist. Es ist aufwendig gemacht und ein Fundus von Informationen, Dokumenten und Plänen über das Projekt, seine Entstehung und Zeit, die Schweizerkolonie und die Personen, die sie prägten.
Im Villaggio svizzero gab es auch einen Kindergarten und eine kleine Kapelle. Wer sich noch daran erinnern kann, erzählt, wie dank der Hilfe aus der Schweiz rasch und unkompliziert eine Infrastruktur mit sozialen Verbindungen entstand, wo, trotz Schutt und Asche rundherum, ein fast normales Leben möglich war. Bestimmt auch mit fröhlichen Weihnachten.
In der Weihnachtsserie «Feiern in dunklen Zeiten» bereits erschienen:
Bernadette Reichlin: So viele düstere Wolken
Peter Steiger: Chic oder Schock – Christbaum verkehrt herum
Maja Petzold: Licht im Dunkel
Peter Schibli: Vom Himmel hoch…..
Sibylle Ehrismann: Verluste
Josef Ritler: Christkindli-Briefkasten
Ruth Vuilleumier: Goshas Hilfsprojekt
Beat Steiger: Befreiungswege aus dem Leiden
Eva Caflisch: Singen macht glücklich