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Vom Leben im Kloster haben wir nur diffuse Vorstellungen, vom Leben der Nonnen erst recht. Das Landesmuseum zeigt in der Ausstellung «Nonnen. Starke Frauen im Mittelalter» ein Bild von Frauen, die durch das Kloster Freiheit, Bildung und Macht erlangten und sich auch in der Politik behaupten konnten.
Nonnen stellt man sich in der Regel als asketisch lebende Frauen vor, die sich in ihrer Klostergemeinschaft von der Welt abgeschirmt einem religiös-spirituellen Dasein hingeben. Das gehört sicher dazu, aber es gibt noch eine andere Wirklichkeit. Fünfzehn Repräsentantinnen lassen uns erleben, dass für sie das Kloster eine grosse Chance war, Bildung, Freiheit und sogar politische Macht zu erlangen.
Umkreis des Bernhard Strigel, Eine Nonne bei der Betrachtung, Allgäu, um 1500, Tafelgemälde, Eichenholz. © Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg. Foto: G. Janssen.
In Europa entstanden ab dem fünften Jahrhundert Nonnenklöster. Sie boten den Frauen den Zugang zu höherer Bildung, soziale Absicherung und die Chance, sich engen familiären Normen zu entziehen. Auch ein Aufstieg innerhalb der Klostergemeinschaft zu den höchsten Ämtern war möglich: Äbtissin, Priorin oder Meisterin. Die Führung eines Klosters ist anspruchsvoll, verlangt diplomatisches Geschick und eine hohe Bildung. Religiöse Zentren hatten oft enge Verbindungen zu Politik und Wirtschaft und prägten das weltliche Geschehen mit.
Mönche und Nonnen lebten seit dem 9. Jahrhundert nach Benedikt von Nursias Regel in einem ausgewogenen Verhältnis von Arbeit und Gebet, ora et labora, und standen Armen und Kranken bei. Grössere Freiheiten hinsichtlich Lebensgestaltung und Privatbesitz tolerierte die Augustinerregel, insbesondere in Damenstiften für adelige Töchter, denn Klöster standen anfänglich nur adeligen Frauen offen. Erst mit dem Aufkommen der Bettelorden nach Franz von Assisis Armutsideal hatten auch Nichtadelige Zutritt zu Klöstern, so dass das 13. Jahrhundert als Jahrhundert der Frauenklöster bezeichnet wird. Die nach Klara von Assisi (1193/4-1253) genannten Klarissen entwickelten sich zum erfolgreichsten Frauenorden Europas mit über vierhundert Klöstern.
In dieser Zeit breitete sich auch das Beginentum aus. Beginen führten ohne feste Regeln und ohne ein Gelübde abzulegen ein frommes Leben ausserhalb des Klosters und sorgten für ihren eigenen Lebensunterhalt. Diese Bewegung ging mit den spätmittelalterlichen Städtegründungen einher. Seit den 1270er Jahren bildeten sich in Basel und Zürich Beginensiedlungen, wo sich alleinstehende Frauen, insbesondere Witwen, kleineren und grösseren Hausgemeinschaften anschlossen, doch es gab auch Beginen, die im Elternhaus verblieben. Bis weit in die Neuzeit hinein existierten relativ autarke Beginengemeinschaften.
Blick in die Ausstellung. Im Vordergrund Holzbüste der Begine Maria von Oignies (gest. 1213), 2. Hälfte 16. Jahrhundert, 45 x 38 cm, Musée Diocésain et Trésor de la Cathédrale de Namur. Foto: © Schweizerisches Nationalmuseum.
Die Ausstellung zeigt verschiedene Facetten des Lebens in einem mittelalterlichen Frauenkloster vom Eintritt als Novizin bis zum Gelübde. Je nach Orden übernahmen die Nonnen zwischen den Gebeten unterschiedliche Arbeiten: Sie kopierten und verfassten anspruchsvolle Texte, versahen Handschriften mit Miniaturen, fertigten Stickereien und textile Bildbehänge, legten Kräuter- und Blumengärten an, widmeten sich der Musik oder tauschten sich in regem Briefwechsel über kirchenpolitische Angelegenheiten aus.
Klosterbehang, Hortus conclusus, Basel, 1480, Wolle, Seide, Gold- und Silberlahn, gewirkt, Schweizerisches Nationalmuseum. Foto: © Schweizerische Nationalmuseum.
Eindrücklich ist der Werdegang der fünfzehn in der Ausstellung präsentierten Frauen, die im Kloster ihre Talente entfalten konnten. So wurde Pétronille de Chemillé (um 1080/90-1149) als erste Frau 1115 zur Äbtissin ernannt. Sie entstammte dem westfranzösischen Adel und schuf die strukturellen Voraussetzungen, dass die Abtei Fontevraud zum mächtigsten Orden für Nonnen und Mönche in Frankreich aufstieg. Als begnadete Politikerin nutzte sie ihre verwandtschaftlichen Kontakte zum Wohle des jungen Ordens. Selbstbewusst scheute sie sich nicht vor Konflikten mit einflussreichen Bischöfen und Adeligen, aus denen sie meistens als Siegerin hervorging.
Hildegard von Bingen erhält eine göttliche Inspiration und gibt sie an ihren Schreiber weiter, um 1150, Miniatur aus dem Rupertsberger Codex des Liber Scivias.
Die heute bekannteste Nonne ist Hildegard von Bingen (1098-1179). Sie war Benediktinerin, Äbtissin, Dichterin, Komponistin, Mystikerin und eine bedeutende Universalgelehrte. Als kränkliches Kind wurde sie in die Obhut von Nonnen gegeben, wo sie eine umfassende Ausbildung erhielt. 1136 wurde sie Äbtissin und liess das Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen errichten. Bereits zu Lebzeiten war sie weit über die Grenzen des Klosters hinaus bekannt, machte Predigtreisen und korrespondierte mit Bischöfen, Königen, auch mit dem Papst. Sie verfasste naturhistorische und medizinische Schriften, das Liber Scivias enthält Beschreibungen und Buchmalereien von sechsundzwanzig Visionen.
Auch in der Schweiz gibt es eindrückliche Zeugnisse von Klosterfrauen, wie etwa von der Mystikerin Elsbeth Stagel (um 1300-1360) im Kloster Töss, von der Asketin und sich selbst kasteienden Elisabeth von Oye (um 1280-um 1350) im Zürcher Kloster Oetenbach oder von der Johannes-Verehrerin Adelheid Pfefferhart (1319-1382) im Kloster St. Katharinental bei Diessenhofen.
Durch den Film über Zwingli ist heute die Benediktinerin Katharina von Zimmern (1478-1547) im Zürcher Fraumünster bekannt geworden. Sie war die letzte Äbtissin vor der Reformation und hatte das Amt achtundzwanzig Jahre inne mit weitreichenden Kompetenzen als Zürcher Stadtherrin. Als Hochgebildete verfolgte sie die Diskussionen rund um die Reformation mit grossem Interesse. 1524 übergab sie das Kloster mit allen Gütern dem Rat der Stadt. Als Gegenleistung erhielt sie eine gosszügige Abfindung. Sie heiratete ein Jahr später einen Söldnerführer und wurde Mutter. Jüngste Forschungen zeigten, dass sie schon während ihrer Amtszeit im Kloster eine Tochter geboren hatte. Bis zu ihrem Tod wurde sie in den Stadtakten als Äbtissin aufgeführt.
Das Fraumünster, Detail aus: Hans Leu d. Ä., Altartafeln mit der ältesten Ansicht von Zürich, 1497-1502, Tempera auf Holz, Schweizerisches Nationalmuseum.
Die am 20. März zur Vernissage vorbereitete Ausstellung konnte am 12. Mai endlich eröffnet werden. Als Zwischenlösung standen ein virtueller Rundgang sowie verschiedene Podcasts zur Verfügung. Doch ersetzen diese nicht den Besuch der Ausstellung, die mit der Installation der Künstlerin Annelies Štrba in Zusammenarbeit mit dem Videokünstler Jürg Egli abgerundet wird.
Beitragsbild: rv
Bis 16.8. im Landesmuseum Zürich, mehr Infos hier
Publikation zur Ausstellung: «Nonnen. Starke Frauen im Mittelalter», Hrsg. Schweizerisches Nationalmuseum, 160 S., 108 Abb., Zürich 2020, CHF 38.00. ISNB 978-3-7757-4619-9.