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Eigentlich wollte ich mit einem Zitat von Mark Twain beginnen. Das Zitat hätte gelautet: «Der kälteste Winter meines Lebens war ein Sommer in San Francisco.» Leider hat meine Faktenüberprüfung ergeben, dass der Satz gar nicht, wie oft behauptet, von Mark Twain stammt. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als ohne Beistand des grossen amerikanischen Erzählers über die Stadt herzuziehen.
Ende Juli flogen wir nach San Francisco, um uns auf einen Roadtrip durch Kalifornien zu begeben. Tatsächlich war es bei unserer Ankunft 14 Grad. Ein scharfer Wind blies, der neblig-trübe Himmel verbreitete Novemberstimmung. Nach einem kurzen Spaziergang kehrten wir ins Hotelzimmer zurück und schalteten die Elektroheizung ein. Eingewickelt in die Bettdecke sah ich auf meinem Laptop nach, wie das Wetter in New York war: 29 Grad und Sonnenschein. Ach, New York! Selber schuld, hörte ich Sara sagen. Sara ist in Manhattan aufgewachsen und findet San Francisco doof. Schlimmer noch: langweilig. Eine Meinung, die anscheinend von neunzig Prozent unserer New Yorker Bekannten geteilt wird.
Statt auf Mark Twain berufe ich mich nun halt auf Sara für meine ausgewogene und konstruktive Kritik an dieser … viel zu hügeligen, viel zu properen, viel zu weissen, an einer allzu hohen Luxusautodichte leidenden, an einem kriminell kalten Gewässer gelegenen, in vielen Quartieren nach acht Uhr abends ausgestorbenen, aufgrund der erwähnten Topografie ausgesprochen fussgänger-, velofahrer- und buggystösserfeindlichen, sonderbar taxi-, feuerwehrauto- und hochhausfreien, gemessen an New Yorker Verhältnissen weder besonders herzlichen noch allzu kinderfreundlichen, abgesehen von der Golden Gate Bridge und einigen spektakulär präzis geschnittenen Hecken an einem Mangel an Sehenswürdigkeiten leidenden, kurzum:
schwer überschätzten Kleinstadt (800 000 Einwohner). Damit es nicht heisst: Typisch Schweizer, nörgeln ständig, wenn sie auf Reisen sind, werde ich, bevor ich fortfahre, einige positive Dinge über Kalifornien sagen. In der Wüstenstadt Palm Springs bei 45 Grad über einen Asphaltparkplatz zu schleichen, hat eine nahezu meditative Qualität. Die Wüste selbst (Joshua-Tree-Nationalpark) ist überwältigend. Die Weingegend um Santa Fe ist reizend, wenn man über die militärisch aufgereihten Pappeln und die Kitschsäulen vor den Villen der Reichen hinwegsieht. Von einer maximal entspannten Piratenbar in Cayucos auf den Pazifik blicken (hier nicht mehr ganz so kalt), kommt meinen Vorstellungen von gelungen Ferien ziemlich nahe. Frei lebenden See-Elefanten dabei zuzusehen, wie sie sich in der Sonne räkeln oder grunzend ihren Dreitonnenkörper ins Wasser wuchten, während draussen im Meer für einen Augenblick eine Walfluke im Gegenlicht funkelt: Awesome, man. Und San Diego: Yes.
San Francisco aber, wo Jungmultimillionäre aus dem nahen Silicon Valley alte Häuser zum doppelten Marktpreis kaufen, um sie danach abzureissen und etwas Anständiges hinzuklotzen, diese wohlhabende, gepützelte Wellnesszone für gut ausgebildete Erfolgsmenschen und Erblinge, erinnert mich irgendwie an meine Heimatstadt Zürich. Das soll jetzt keine Abrechnung mit meiner demnächst wieder aktuellen Wohnadresse sein. Es ist wohl einfach so, wie Saras stets um diplomatischen Ausgleich bemühter Mann vor unserer Abreise nach Kalifornien gesagt hat: «Nimm das Geschimpfe über San Francisco nicht so ernst. Wenn man lange genug in New York lebt, dann redet man über jede Stadt der Welt so.»
Grüsse aus der Schweiz werden erbeten an:
<email-pii>
Getreu dem Motto «Geh, wohin deine Liebste dich mitnimmt» ist Bruno Ziauddin seiner Frau für ein Jahr nach New York gefolgt. Was ihm dort besonders gefällt: der rücksichtsvolle Umgang in den ständig vollen Strassen und Läden. Die kleinste Berührung und schon kommt ein «I’m sorry»: «Das gibts in Zürich nicht.» Bruno Ziauddin ist Buchautor und «Unser Mann in New York». Die Kolumne wird von Antony Hare illustriert, der regelmässig für die Zeitschrift «The New Yorker» arbeitet.