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Wie denken Sie über Wissen? Machen Sie einen Test und beantworten Sie die folgenden Fragen:
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Wusste man im Mittelalter, dass die Erde eine Scheibe ist?
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Ändert sich unser Wissen unter anderem deswegen immer wieder, weil Teile davon durch neues Wissen ersetzt werden?
Auflösung:
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Zweimal „Ja“: Sie verwenden einen Wissensbegriff, wie er in vielen Sozial- und Geisteswissenschaften üblich ist. Das Wissen umfasst demnach grob gesagt das, was in einer Gesellschaft akzeptiert wird, was dort als Wissen gehandelt wird. So war es im Mittelalter allgemein akzeptiert, dass die Erde eine Scheibe ist. Deshalb bezeichnen auch Sie es als Wissen, wenn Sie vom Mittelalter sprechen. Nun ändert sich aber das, was als Wissen akzeptiert wird. So gehen wir heute davon aus, dass die Erde kugelförmig ist. Daher ändert sich das Wissen, indem Teile davon ersetzt werden.
In einem solchen Sinn spricht etwa der Soziologe Niklas Luhmann vom Wissen. Er schreibt1: „Wissen ist […] nur […] das, was als Resultat direkter und indirekter struktureller Kopplungen im Gesellschaftssystem anfällt und in rekursiven Prozessen der Kondensierung und Konfirmierung von Wissen an Wisssen gegen Dauerirritation konstant gehalten oder lernend fortentwickelt wird.“ Im Klartext heisst das: Wissen ist, was in einer Gesellschaft in einer bestimmten Weise kursiert.
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Zweimal „Nein“: Sie verwenden einen Wissensbegriff, wie er etwa in der Philosophie gängig ist. Als Wissen firmiert danach nur, was wahr ist. Genauer gesagt gilt: Wir können etwas nur dann als Wissen bezeichnen, wenn wir den Inhalt für wahr halten. Daher können wir den mittelalterlichen Menschen kein Wissen über die Gestalt der Erde zuschreiben. Denn wir halten es heute nicht für wahr, dass die Erde eine Scheibe ist. Wissen in diesem Sinn kann sich auch nicht ändern, indem es ersetzt wird. Denn nehmen wir einmal an, wir seien früher von etwas überzeugt gewesen, glaubten aber nun etwas anderes. Dann können wir unsere einstmaligen Überzeugungen nicht als Wissen ausgeben, weil wir jetzt nicht mehr denken, sie seien wahr. Aus philosophischer Perspektive können wir nur sagen: Vermeintliches Wissen wurde aufgegeben. Analog können Sie sagen: Im Mittelalter glaubte man zu wissen, dass die Erde eine Scheibe ist. Aber vermeintliches Wissen ist kein echtes Wissen. Die philosophische Auffassung von Wissen finden wir etwa bei Platon. In seinem Dialog „Theaitetos“ wird die Auffassung diskutiert, Wissen sei wahre und begründete Überzeugung.2
Bemerkung: Wie in vielen psychologischen Tests erwarten Sie jetzt vielleicht einen Ratschlag, der typgerecht auf Sie eingeht. Was können Sie tun? In welche Richtung sollten Sie sich entwickeln?
Bei unserem Test sticht ins Auge, dass es zwei Arten gibt, über Wissen zu denken. Es gibt zwei Wissensbegriffe, nennen wir sie einfach den sozialwissenschaftlichen und den philosophischen. Ist einer davon richtig oder besser als der andere?
Wir könnten es uns einfach machen. Wir könnten schlicht diejenige Denkweise zur richtigen erklären, die allgemein oder wenigstens bei einer Mehrheit Verwendung findet. Aber selbständig denkende Personen wie Sie wird das nicht überzeugen. Sie wollen sich doch nicht nur an der Mehrheit orientieren. Doch vielleicht gibt es ja sachliche Gründe, den einen oder anderen Wissensbegriff zu bevorzugen.
Klar ist zunächst, worin der Unterschied besteht: Es ist die Wahrheit. Der philosophische Wissensbegriff verlangt Wahrheit, der sozialwissenschaftliche nicht. Ersterer wird daher manchmal angegriffen. Wer diesen Wissensbegriff verwendet, kann nur Dinge für Wissen erklären, die er oder sie für wahr hält. Aber wer kann schon in Anspruch nehmen, die Wahrheit zu kennen? Wir sollten daher lieber die Wahrheitsbedingung fallen lassen und alles Wissen nennen, was eben in einer Gesellschaft als Wissen angesehen wird – so wenigstens wird argumentiert.
Dieser Angriff auf den philosophischen Wissensbegriff ist aber nicht fair. Die Anwendung dieses Wissensbegriffs verlangt lediglich, dass wir nur das als Wissen bezeichnen, was wir für wahr halten. Und wir halten ja alle möglichen Dinge für wahr. Wir glauben, dass die Erde eine kugelförmige Gestalt hat, dass 2 + 2 die 4 ergibt und so weiter. Warum sollten wir das nicht berücksichtigen, wenn wir über das Wissen sprechen?
Die Wahrheitsbedingung, die zum eher philosophischen Wissensbegriff gehört, zwingt zur Stellungnahme. Wir müssen einbringen, was wir selbst für wahr halten. Wenn Wissensansprüche umstritten sind – wenn also etwas von einer Gesellschaft als Wissen anerkannt wird, und von einer anderen nicht – kann das ein Problem sein. Eine Anthropologin und ein Sozialwissenschaftler wollen Gesellschaften so beschreiben, wie sie sind. Sie wollen diese nicht bewerten oder korrigieren. Daher müssen sie ihre eigenen Überzeugungen zurückhalten. Deshalb empfiehlt sich für sie ein Wissensbegriff, der von dem absieht, was sie selbst für wahr halten.
Aber manchmal müssen wir Stellung beziehen. Nehmen wir an, eine Apothekerin sei der Überzeugung, ein bestimmtes Mittel helfe gut gegen bestimmte Krankheiten. Empfehle ich einem Patienten die Apothekerin, indem ich sage: „Sie weiss ein Mittel für Dich“? Offenbar sollte ich das nur tun, wenn ich davon überzeugt bin, dass die Apothekerin richtig liegt.
Verehrte Leserin, verehrter Leser, wir können Ihnen keinen der beiden Wissensbegriffe empfehlen. Beide sind unter gewissen Umständen angemessen. Wir können Ihnen nur raten, genau hinzuhören und herauszufinden, wie eine andere Person über Wissen denkt. Und wir können Ihnen Toleranz gegenüber Menschen nahelegen, die anders über Wissen denken als Sie.
Eine ganz klare Empfehlung haben wir aber doch: Falls Sie einmal „Ja“ und einmal „Nein“ geantwortet haben, schwankt Ihre Denkweise. Beschäftigen Sie sich mit philosophischer Literatur zum Wissensbegriff, um künftig konsistent zu denken!
Quellen
- Luhmann, N., Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1990, S. 166.
- Theaitetos 201c–d.