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Bei keinem anderen Sport haben rasende Reporter so viel zur Legendenbildung beigetragen wie beim Radrennsport im Allgemeinen und bei der Tour de France im Besonderen. Ein Blick zurück in eine Zeit, als die Zeitungen ihren Lesern noch jeden Bären aufbinden konnten.
Das Radio, die Wochenschauen und die ersten Fernsehbilder verschafften den Helden der Landstrasse nach dem Zweiten Weltkrieg grössere Publizität denn je. Aber die ersten TV-Bilder zeigten noch so wenig vom Rennverlauf, dass die Reporter in Hülle und Fülle Gelegenheiten hatten, diesen auf ganz eigene Weise zu kommentieren und zu glorifizieren. Bei anderen Sportarten, die in einem Stadion ausgetragen wurden, war dies nicht in diesem Masse möglich. Das Publikum sah ja, wie ein Fussballspiel oder eine Leichtathletik-Veranstaltung ablief. Raum für Phantasie gab es nur bei den grossen Radrundfahrten. Hier huschten die Helden vorbei und niemand hatte wirklich den Gesamtüberblick.
Die meisten grossen Radrennen sind zu Beginn des letzten Jahrhunderts von Zeitungen «erfunden» worden, um die Spalten füllen zu können. Die Muttergesellschaft der grossen französischen Sport-Tageszeitung «L'Équipe» ist heute noch Besitzerin der Tour de France. Verschiedene grosse Zeitungen und Zeitschriften engagierten in den späten 1940er- und frühen 1950er-Jahren für die grossen Rundfahrten Dichterinnen und Dichter, um möglichst attraktive und originelle Berichte von den Radrennen veröffentlichen zu können. So wurde der Giro von 1955 von nicht weniger als drei bekannten italienischen Schriftstellern verfolgt: Von Vasco Pratolini, Marcello Venturi und Anna Maria Ortese.
Die Aufmerksamkeit richtete sich natürlich auf die wirklich grossen Rennfahrer jener Jahre. Auf Männer wie Fausto Coppi, Rik Van Steenbergen, Gino Bartali, Ferdi Kübler, Hugo Koblet oder Louison Bobet. Sie inspirierten die Chronistinnen und Chronisten zu ihrer besten Prosa. Der italienische Romancier Dino Buzzati verglich beispielsweise den epischen Zweikampf zwischen Gino Bartali und Fausto Coppi mit dem homerischen Kampf zwischen Achilles und Hector. Der Schriftsteller Curzio Malaparte glaubte, dass kein Italiener umhin komme, Partei zu ergreifen; ihm zufolge wurde das Land durch den Kampf zwischen Coppi und Bartali in zwei Hälften geteilt. Die beiden wurden als Inkarnation der Gegensätze betrachtet, die Italien in der Nachkriegszeit beherrschten. Bartali, der Christdemokrat, stand für das traditionelle Italien und den Katholizismus. Coppi personifizierte den Modernismus, den kühlen Rationalismus und den Sozialismus.
Auch die Schweiz hatte zwei Titanen, die so gegensätzlich waren: Ferdy Kübler und Hugo Koblet. Es gab nur Kübler- oder Koblet-Anhänger. Man war entweder im einen oder im anderen Lager. Und zwischen den beiden Lagern war mehr als nur sportliche Rivalität – es herrschte teilweise gar offene Feindschaft. Ferdy Kübler und Hugo Koblet waren als Typen zu gegensätzlich. Kübler, der so sehr den «Chrampfer», den Arbeiter verkörperte, wurde von den Franzosen als «Le fou pédalant» verehrt. Der elegante Koblet errang seine Triumphe scheinbar so federleicht, dass ihn die Franzosen als «Pédaleur de charme» vergötterten.
Es gibt eine berühmte Episode über die Rivalität der beiden «K» aus der Tour de Suisse beim Aufstieg zum Gotthard-Pass. Es war mörderisch heiss und Kübler schrie nach Flüssigkeit. Da pedalte Koblet an Küblers Seite, zeigte ihm seinen vollen Bidon Tee und sagte: «Ich habe überhaupt keinen Durst» und leerte vor Küblers Augen den Bidoninhalt auf die Strasse. Das waren Szenen! Das waren Geschichten! Das waren Helden! Heute unvorstellbar.
Die Kraft der Feder (und der Phantasie) war damals ungleich grösser als heute in einer Zeit, da alles unter dem Brennglas der TV-Kameras entmystifiziert wird. Die 1999 eingestellte Fachzeitung «Sport» war in den 1950er-Jahren eine Radsport-Bibel und erhielt korbweise böse Briefe, weil sie nach Koblets Sieg bei der Tour de France 1951 einige Millimeter kleinere Buchstaben für die Schlagzeile gewählt hatte als bei Küblers Tour-Sieg ein Jahr früher.
Die Journalisten wirkten damals wahre Wunder, um die Helden der Landstrasse als exzentrische Persönlichkeiten darzustellen, die für eine pittoreske Anekdote nach der anderen sorgten. Edouard Fachleitner, Sohn eines in Frankreich eingebürgerten Österreichers, wurde 1947 bei der Tour de France hinter Jean Robic Zweiter. Er wurde als «Hirte aus Manosque» verehrt und über ihn wurde die Legende verbreitet, er telefoniere nach der Zieldurchfahrt jeden Abend nach Hause, um mit seinem Hund über die Schafe zu sprechen.
Es gab so viele authentische Champions, dass es nicht einmal nötig war, Pseudo-Stars zu schaffen, wie das im 21. Jahrhundert in Mode gekommen ist. 1951 war es Hugo Koblet, der die Chronisten zu Höchstleistungen inspirierte. Der Schweizer stieg kometengleich am Radsporthimmel auf. Er gewann 1950 als erster Nichtitaliener den Giro. Die Journalisten verkündeten sofort, dass dieser Mann «schön wie ein Gott» sei.
Hugo Koblet verwendete viel Sorgfalt auf sein Äusseres und hatte sogar einen Taschenkamm bei sich, um sofort nach der Zieldurchfahrt sein Haar in Ordnung zu bringen. 1951 erreichte er bei der Tour de France Höhen, die nach ihm nie mehr ein Schweizer erreichen sollte. Er gewann die Rundfahrt mit 22 Minuten Vorsprung. Mit einer Leistung in der 11. Etappe zwischen Brive und Agen schien er sich über die Naturgesetze des Radsportes hinwegzusetzen. Jedermann weiss, dass ein einsamer Solist auf flacher Strasse gegen ein entfesseltes Feld nicht die geringste Chance hat. Trotzdem fuhr Koblet, wohlgemerkt einer der grossen Favoriten der Tour, an jenem Tag 135 Kilometer allein vorweg und kam mit zweieinhalb Minuten Vorsprung ans Ziel. «So etwas ist eigentlich nicht möglich», schrieb mehr als ein halbes Jahrhundert später der holländische Dichter Tim Krabbé in seinem Meisterwerk «Das Rennen». «Etwas wie Brive–Agen war damals noch nie zuvor passiert, und es ist auch bei diesem einen Mal geblieben.»
Die Reporter gerieten in Verzückung. «Kein Mensch mehr, sondern ein Held, eine Art Halbgott», schrieb Abel Michéa im «Miroir du Cyclisme» über Koblet. Einer seiner Kollegen fabulierte von «einem Adler, verfolgt von einem Rudel Schakale». Und obwohl «der schöne Hugo» doch immer ein Schwämmchen dabei hatte, um sein Gesicht rechtzeitig vor der Zielankunft zu säubern, liess Pierre About die Leser von «L'Équipe» wissen, dass an diesem Tag ausnahmsweise ein paar Schweisstropfen auf Koblets Stirne zu sehen waren. Aber nicht, dass sie unangenehm gerochen hätten, denn «der Schweiss der Götter enthält kein Urea!»
War Hugo Koblet ein Gott? Wohl doch nicht. Dass er an diesem Tag eine phänomenale Leistung erbracht hatte, ist unstrittig. Doch dass er über dreieinhalb Stunden lang einem mit voller Kraft vorwärtsjagenden Peloton standgehalten hat, ist ein Märchen. Eine organisierte Verfolgung kam nie in Gang und zudem bremsten mehrere Stürze das Feld. Aber die Berichterstattung dieser Zeit, die fehlenden kompletten TV-Übertragungen machten es möglich, Heldensagen zu erzählen, Mythen zu schaffen.
Der Mythos von Koblets übermenschlichen Fähigkeiten wurde an diesem Tag von den Journalisten geschaffen, die ihrem Publikum eine wundersame Geschichte auftischen wollten und in dem «Pédaleur de charme» einen idealen Star sahen. Die Rennfahrer, die von Koblet geschlagen wurden, wussten es selbstverständlich besser, hatten jedoch kein Interesse zu protestieren. Nicht nur deshalb, weil sie damit schlechte Verlierer gewesen wären. Sondern auch, weil sie natürlich wenig Grund hatten, um auf sich selbst stolz zu sein. Die Vorstellung, dass Koblet an jenem Tag übernatürliche Kräfte hatte, war eine glänzende Ausrede.
Den Heldengeschichten, die Dichterinnen und Dichter, Chronistinnen und Chronisten in den späten 1940er- und 1950er-Jahren über die Giganten der Landstrasse schrieben, verdankt der Radrennsport zu einem schönen Teil seine bis heute anhaltende Faszination. Sie sind auch ein wichtiger Teil des «Mythos Tour de France». Die Geschichten wurden lanciert und von den Fahrern niemals dementiert und von den TV-Kameras nicht demaskiert – weil es diese noch nicht gab. Oder wie es der Soziologe Benjo Maso in seinem Werk «Der Schweiss der Götter» auf den Punkt bringt: «Dem Publikum musste man bieten, was es verlangte. Geschichten von Giganten der Landstrasse und übermenschlichem Leiden, Geschichten, die gern grösser sein durften als die Realität.» Der daraus entstandene Mythos ist ein Phänomen, von dem alle profitierten. Und bis heute profitieren.