Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03146.jsonl.gz/88

Dhaulagiri-Nordost-Col
5650 m ü. M. Von R. Pfisterer
Die an der Annapurna erfolgreiche französische Expedition im Jahre 1950 unter der Leitung von Maurice Herzog hatte ursprünglich die Absicht, den Dhaulagiri zu besteigen. Die Franzosen operierten vom Tale des Kali Gandaki, also von der Ostseite dieses Achttausenders aus. Sie erkannten gleich, dass von dieser Seite nur der Nordostgrat - sie nannten ihn Nordgrat - als Zugang zum Gipfel des Dhaulagiri in Frage kommt. Die Südflanke ist nach Lachenal so steil wie dieMatterhorn-Nordwand und zudem dreimal so hoch wie diese. Der Südost-Grat selbst ist ein scharfer und sehr langer Grat mit steilen Fels- und Eistürmen und bietet keinerlei Möglichkeit zur Errichtung von Lagern.
Um den Nordost-Grat vom Tale des Kali Gandaki aus zu erreichen, mussten die Franzosen einen Aufstieg über den steilen und sehr gefährlichen Ostgletscher zu dem 5650 m ü. M. zwischen Dhaulagiri und Tukuchaspitze gelegenen Nordost-Col suchen.
Zwar schien es noch einen anderen Zugang zu diesem Col zu geben, nämlich durch ein Seitental um die Tukuchaspitze herum. Nach der indischen Karte führt ein Tal ( Dambusch Khola ) von Tukucha ( 2500 m ü. M. ), wo die Franzosen das Ausgangslager für ihre Rekognoszierungen errichtet hatten, ellenbogenförmig auf die Nordseite des Dhaulagiri. Dieser « Ellenbogen » existiert in Wirklichkeit aber nicht, d.h. das Tal des Dambusch Khola verläuft in gerader Richtung nach Südosten. Es nimmt seinen Ursprung an einem 5100 m hohen Pass ( Ellbogenpass ), über den man in ein in nordöstlicher Richtung verlaufendes breites Hochtal gelangt, von dessen oberem Teil ein weiterer, 5200 m hoher Pass in das in südwestlicher Richtung verlaufende Gletscherbecken des Mayangdi Khola führt. Oudot und Terray haben diesen Pass auf einer viertägigen Rekognoszierung erreicht, und wir nannten ihn deshalb Franzosenpass. Von dort aus sahen diese beiden den Nordost-Grat des Dhaulagiri und bezeichneten ihn als « fürchterlich steilen Sporn, halb Gletscher, halb Fels ». Sie sahen aber auch die Nordflanke des Dhaulagiri und zu dessen Fussen « einen unermesslichen, von Spalten ganz zerrissenen Gletscher », den Mayangdi-Gletscher, von dem aus wir nun drei Jahre später unsere Aufstiegsversuche auf den Dhaulagiri unternahmen.
Es blieb der französischen Expedition deshalb nur der Aufstieg über den Ostgletscher, und es wurden vom l.ll.Mai drei ernsthafte Versuche zu dessen Bezwingung unternommen. Der letzte Vorstoss, ebenfalls von Oudot und Terray unternommen, gelang zwar bis zu einem stark zerrissenen Gletscher-Plateau unterhalb des Nordost-Col. Aber alle Aufstiegsrouten erwiesen sich als sehr schwierig. Lachenal fand, dieser Ostgletscher sei dem Nordhang der Aiguille du Plan vergleichbar, aber unvergleichlich gefährlicher. Überall sturzbereite Eisblöcke von mehreren Tonnen, riesige Spalten und alles in sehr steilem Gelände. Die französische Expedition, die aus den besten Alpinisten Frankreichs zusammengestellt war und als eine der besten Bergsteigerequipen überhaupt anzusehen ist, die je in den Himalaya zog, kam zum Schluss, dass es, auch wenn der Nordost-Col erreicht werden könnte, Irrsinn bedeuten würde, mit einer ganzen Expedition über diesen gefahrvollen Gletscher aufzusteigen. Sie hielten den Dhaulagiri - wenigstens von dieser Seite - als unbezwingbar und wandten sich der Annapurna zu, wo ihnen der Erfolg nicht versagt blieb.
So lautet die Geschichte der Besteigungsversuche des Dhaulagiri-Nordost-Col bis zum letzten Frühling, r- Doch jetzt geht die Geschichte weiter. Am 19. Mai 1953 verlassen Lauterburg, Roch und ich das Lager 1 am Fuss des Dhaulagiri-Nordwestsporns für eine Rekognoszierung des Nordost-Gletschers. Nach einer Stunde gemütlichen Marsches über den vollständig mit Schutt bedeckten, aperen und nur flach ansteigenden Mayangdi-Gletscher erreichen wir die Stelle, wo der oberste Teil dieses Gletschers, der Dhaulagiri-Nordost-Gletscher, von einem ca. 250 m höher gelegenen Plateau auf das riesige Gletscherbecken, das die ganze Dhaulagiri-Nordflanke umgibt, abstürzt. Hier kommen sich die Wände des Dhaulagiri und des weiter östlich gelegenen annähernd 7000 m hohen « Breithorns » am nächsten, so dass sich der Gletscher hier an der Stelle seines grössten Gefälles wie durch eine Klus durchzwängen muss. Von beiden Flanken mit ihren riesigen Einzugsgebieten strömen ungeheure Eismassen in den Trichter, durch den der Nordost-Gletscher fliesst. An seinem Engpass muss daher der Gletscher eine auch für Himalayaverhältnisse respektable Mächtigkeit, vor allem aber auch eine grosse Strömungsgeschwindigkeit aufweisen. Der Gletscher ist hier stark zerrissen und gleicht an dieser Stelle einem erstarrten, wild zu Tale stürzenden Bergbach. Ist es nicht wie wenn die Natur hier mit der Einwirkung auf den Gletscher gewissermassen ein Gegenstück zu der Gewalt, die zu den phantastischen Verwerfungen der Felsschichten unmittelbar neben dem Gletscherbruch geführt hat, schaffen wollte? Es ist deshalb wenig einladend, einen Weg durch die Séracs dieses Bruches zu suchen. Ganz an seinem westlichen Ufer aber sind die Klüfte von grossen Lawinenkegeln überdeckt. Hier ist eine Möglichkeit, durchzukommen. Doch für heute sind wir zu spät - denn schon längst hat die Sonne in der Dhaulagiri-Ostwand Schnee, Eis- und Felsblöcke in Bewegung gebracht, die nun in kurzen Intervallen über die fast senkrechte Flanke herunterfegen... Für heute müssen wir auf den Nordost-Gletscher verzichten und wenden uns dem Franzosenpass zu, den wir nach ca. dreieinhalb Stunden erreichen.
Am 26. Mai machen Huss und ich einen weiteren Rekognoszierungsversuch zum Nordost-Gletscher. Wir starten noch bei Dunkelheit vom Lager 1 und sind schon nach einer halben Stunde am Fusse des Gletscherabbruches. Aber schon jetzt ist es in der Ostflanke des Dhaulagiri unruhig. Wir wagen es auch diesmal nicht, die Lawinenkegel am Fusse dieser Flanke zu überschreiten, sondern entschliessen uns, einen Aufstiegsversuch mitten durch den Abbruch zu machen. Die ersten Eisbarrieren können wir mühelos umgehen und gewinnen rasch an Höhe. Doch schon bald werden die Hindernisse zahlreicher und grösser: absturzbereite Türme und riesige Eiszapfen an überhängenden Wänden, die bald nicht mehr zu umgehen sind. Nach stundenlangem Hacken kommen wir in immer grössere Schluchten und immer steilere Wände. Gegen Mittag haben wir noch kaum die Hälfte des Bruches erzwungen. An ein Durchkommen innert nützlicher Frist ist deshalb nicht zu denken - wir müssen umkehren.
3. Juni: Die Besteigungsversuche am Dhaulagiri sind abgebrochen, die Hochlager sind bereits geräumt und die Expedition ist zum grössten Teil mit Materialtransporten unterwegs ins Basislager. Lauterburg und ich, die wir den Rückweg nach Beni mit einer Rundtour um den Dhaulagiri verbinden wollen, sind im Lager 1 zurückgeblieben. Vor Antritt unseres Rückmarsches unternehmen wir aber nochmals einen Versuch, auf den oberen Teil des Nordost-Gletschers und vielleicht auf den Nordost-Col zu gelangen.
Kurz nach 2 Uhr machen wir uns vom Lager 1 aus zusammen mit Yla Tensing auf den Weg. Heller Mondschein begünstigt den Anmarsch bis zum Bruch. Im Schatten steigen wir über den ersten gefrorenen Steilhang hinauf bis dicht unter die Felsen der riesigen dreieck-förmigen Bastion der Dhaulagiri-Nordwand, von der bei Tag ständige Eis- und Steinschlaggefahr droht. Wir haben es sehr eilig, denn geheuer ist diese Passage auch bei kalter Nacht nicht. Nach einigen Seillängen ziehen wir es vor, uns nach links in die Gletscherschründe in Sicherheit zu begeben: ein phantastisches Eislabyrinth von Gräten, Schluchten und Türmen, oft mehrstöckig übereinander und alles in unglaublichen Dimensionen. So kommen wir wieder ca. 100 m wie in einem riesigen Schützengraben in Deckung voran. Bald nehmen die Eisschluchten aber ein Ende, und wir müssen uns über beschwerliche, steile Grate wieder an die Oberfläche hacken. Über schmale Eisbrücken unmittelbar am Rand der Felsen erreichen wir ca. 5 Uhr das Firnplateau oberhalb des Bruches.
Wir sehen jetzt sden Nordost-Col - wie uns scheint - aus nächster Nähe und schätzen die weitere Aufstiegszeit auf zweieinhalb Stunden. Der Anstieg sollte uns aber fast das Doppelte an Zeit kosten. Wir müssen wieder einmal mehr die Erfahrung machen, dass wir uns mit Schätzungen von Distanzen und Aufstiegszeiten im Himalaya immer wieder arg verrechnen. Es braucht wohl wesentlich längere Zeit, bis man das « Augenmass », das wir uns durch unsere Besteigungen in den Alpen angeeignet haben, auf die viel grösseren Dimensionen des Himalaya umgestellt hat.
Das Plateau wird allmählich wieder steiler. Wir erblicken nun aus nächster Nähe den Nordost-Grat. Von hier sieht er recht harmlos aus, nicht steil und nicht lang, und Yla Tensing zeigt mit einer Geste nach diesem Grat, als wollte er sagen: « Wie dumm, hier hättet ihr doch die Aufstiegsroute zum Dhaulagiri wählen sollen! » Und je näher wir dem Nordost-Col kommen, um so richtiger scheint auch uns diese unausgesprochene Meinung unseres Sherpas, und wir sind geneigt, den absolut abweisenden Eindruck, den uns dieser Grat vom Sechstausender des Dhaulagiri-Himal aus vermittelt hat, zu vergessen. In Wirklichkeit aber schwingt sich dieser Grat vom Nordost-Col aus in gerader Linie ca. 2500 m hoch empor, mit einer Steilheit in seiner oberen Hälfte von schätzungsweise 50 Grad. Auf der Nordseite felsig, auf der Südseite eis- und schneebedeckt, bietet er zwischen 6200 und cä. 7700 m ü. M. keinerlei natürliche Lagerstellen. Möglicherweise ist aber die Eisdecke irgendwo mächtig genug, um eine Plattform für ein Lager heraushacken zu können. Diese Route würde aber auch so für eine Expedition ein grosses Wagnis bedeuten, und es brauchte sehr viel Vorbereitung, um sie für die Sherpas mit ihren Lasten gangbar zu machen.
Während wir, langsam ansteigend, uns halb träumerisch mit diesem Gedanken auseinandersetzen, werden wir durch ein fürchterliches Krachen jäh wieder in die Wirklichkeit zurückversetzt. Wenig über uns ist vom oberen der zwei mindestens 30 m hohen Gletscher-anbrüche ein riesiges Stück Eis bis auf den darunterliegenden Felsen ausgebrochen und stürzt in nächster Nähe neben uns vorbei. Im Laufschritt entrinnen wir der Gefahr. Die riesige Staubwolke, die diese viele tausend Kubikmeter niederstürzenden Eises begleitet, kommt unmittelbar neben uns zum Stehen. Keuchend und ziemlich erschöpft setzen wir uns nach dieser Flucht nieder. Der Sauerstoffmangel mächt sich bei in solchen Höhen höchst ungewöhnlichen Anstrengungen doppelt unangenehm bemerkbar! Vorsichtig setzen wir nun unseren Aufstieg, den ganzen Gletscher querend, auf der linken Seite fort und erreichen nach Überwindung einiger grosser Spalten das oberste Plateau und über dieses ca. 9.30 Uhr den Col.
Der Nordost-Col erweist sich als eine nach Süden und nach Norden sehr sanft abfallende, firnbedeckte, spaltenlose Gletscherebene von einigen Quadratkilometer Fläche. Hier könnte man wohl mit einem Flugzeug landen oder wenigstens Material abwerfen lassen, wollte man einmal einen Aufstiegsversuch über den Nordostgrat unternehmen. Auf diese Weise liessen sich jedenfalls die grossen Transportschwierigkeiten durch die Schluchten des Mayangdi Khola oder über die zwei 5200 m hohen Pässe ( Ellbogen- und Franzosenpass ) und die gefährliche Route unter der Dhaulagiri-NO-Wand umgehen.
Um einen Einblick in das Tal des Kali Gandaki zu gewinnen, wandern wir noch eine gute halbe Stunde über diesen flachen Gletscher nach Süden. Doch das Tal ist durch Nebelwolken verhüllt, über denen sich majestätisch Annapurna und Nilgiri erheben - ein imposanter Anblick! Es beschleicht uns ein sonderbares Gefühl: allein auf so entlegener Höhe, viele Tage von jeder menschlichen Siedlung entfernt, auf einem riesigen Gletscherpass, den noch nie zuvor ein Mensch und vielleicht überhaupt noch nie ein Lebewesen je erreicht hat. Doch, wie wenn er sich über solche Gedanken lustig machen wollte, flattert da ein Schmetterling lustig über unsere Köpfe hinweg! Bald kommt noch einer, noch ein dritter und vierter. Sie kommen alle aus dem Tale des Kali Gandaki und überfliegen den Pass in nördlicher Richtung.
Zu unserer Rechten steigt der ca. 15 km lange Südost-Grat aus dem Nebel empor und zieht sich 2000 m über uns zum hohen Gipfelmassiv des Dhaulagiri. Er ist sehr scharf, stark vergwächtet und mit vielen Fels- und Eistürmen bewehrt. In seiner ungeheuer steilen Ostflanke über uns kleben sturzbereit zahlreiche Hängegletscher. Yla Tensing beobachtet sie dauernd mit misstrauischem Blick! Zu unserer Linken blicken wir zur Tukuchaspitze und zum Breithorn, zwei Siebentausender, deren Westflanken vollständig vergletschert sind. Diese beiden Gipfel könnten wohl vom Nordost-Gletscher aus ohne allzugrosse Mühe mit zwei bis drei Hochlagern bestiegen werden.
Gegen Mittag treten wir den Rückmarsch an. Noch war es recht warm, so dass wir im weichen Firnschnee einsinken und unsere Aufstiegsspuren nicht mehr erkennen können. Zudem dringen jetzt noch dicke Nebelwolken vom Mayangdi-Gletscher herauf und erschweren uns die Orientierung noch mehr. Wir verpassen die richtige Stelle, um auf die linke Seite des Gletschers zu traversieren, und geraten in ein unheimliches Gewirr von Spalten und Séracs. Bei dem weichen Schnee brechen wir immer wieder in verborgene Spalten ein. Einmal wird die Situation sehr kritisch, und es bedarf einer grösseren Aktion, um einen Eingebrochenen wieder an die Oberfläche zu bringen. Erschöpft setzen wir uns nieder und warten, bis der Nebel sich etwas lichtet. Dann erreichen wir nach einigen Umgehungen glücklicherweise wieder unsere Aufstiegsroute. Kurz nach 17 Uhr sind wir wieder beim Gletscherabbruch. Es ist bereits kühl geworden und die Wand zu unserer Linken verhält sich wieder ruhig. Wir können es wieder wagen, am Rande des Gletschers über die Lawinenkegel abzusteigen, aber überall finden wir auf unserer Aufstiegsroute frische Spuren von abgestürzten Fels- und Eisblöcken. Mit dem Gefühl der Erleichterung schnallen wir auf dem Mayangdi-Gletscher unsere Steigeisen ab und opfern dem Berggeist unser Seil, das wir nun ja nicht mehr brauchen. Einen Pickel haben wir ihm bereits weit oben in einer tiefen Gletscherspalte - unfreiwillig - zurückgelassen.
Wie wir das Lager 1, 17 Stunden nach unserem Aufbruch, wieder erreichen, bricht bereits die Dunkelheit herein. Wir sind froh, den mannigfachen Gefahren entronnen zu sein und glücklich, den Dhaulagiri-Nordost-Col erreicht und aufschlussreiche Beobachtungen und Photographien vom Nordostgrat, über den vielleicht einmal ein Aufstiegsversuch unternommen wird, gesammelt zu haben.