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Paratexte zur gereinigten Martialausgabe
Einführung: David Amherdt (deutsche Übersetzung: Clemens Schlip). Version: 10.02.2023.
Entstehungszeitraum: terminus ad quem ist das Jahr 1544 (in dem diese Martialausgabe erschien).
Ausgaben: M. V. Martialis poetae facetissimi epigrammata, Zürich, Froschauer, 1544, fol. *2ro-*3vo (Widmungsbrief) und S. 425-426 (Auszug aus den Dialogi); H. Bullinger, Briefe des Jahres 1544, hg. von R. Bodenmann, Zürich, Theologischer Verlag, 2011, 116-119 (Heinrich Bullinger Werke, Abt. 2, Briefwechsel, Bd. 14; Auszug aus dem Widmungsbrief).
1544 besorgte Conrad Gessner bei Froschauer eine gereinigte Ausgabe des Martial, einen «kastrierten Martial» (Martialis castratus), wie es Gessners Biograph, Josias Simler, ausdrückte. Dieser Band stellt eine der ersten gereinigten Gesamtausgaben des römischen Dichters dar.
In seinem an Persönlichkeiten (des religiösen und akademischen Lebens in Zürich adressierten Widmungsbrief darunter auch Bullinger, Zwinglis Nachfolger an der Spitze der Kirche von Zürich), rechtfertigt Gessner zum einen die von ihm vorgenommene Kastration des Martial; zum anderen beschreibt er seine philologische Arbeit, wobei er das metaphorische Vokabular eines Philologen-Arztes abspult.
Die generelle Rechtfertigung des Unterfangens ist klar: Es gilt, alles in Martial zu unterdrücken, was der moralischen Gesundheit der jungen Leute abträglich sein könnte. Dafür hat Gessner alle Passagen herausgeschnitten (resecui… et abieci, voir notre texte), die er für gefährlich hielt; die obszönsten Epigramme hat er komplett eliminiert und aus anderen die indezentesten Stellen herausgenommen. Auf diese Weise wurden 352 Epigramme eliminiert und 72 gekürzt. Gessner hat die Epigramme hierauf in 85 thematischen Gruppen oder loci communes neu geordnet (Martialis de se ipso, Ad lectorem, De promissis vanis, In iconstantes, In mulieres deformes etc.). Und er hat sich darum gekümmert, jedes Gedicht mit einem Titel zu versehen, den er aus der Basler Martialausgabe von 1535 entlehnt, die der deutsche Humanist Jacob Micyllus besorgt hatte. Er hat den Text des Martial auch emendiert, das heisst korrigiert, und zwar auf Basis der älteren Editionen, die ihm vorlagen; einige Epigramme (etwa 10% der Gesamtzahl) hat er mit kritischen Anmerkungen versehen, die er zum grössten Teil aus der bereits oben erwähnten Edition des Micyllus entlehnt. Er hat auch jedes Gedicht mit einer Nummer versehen, womit er wieder dem Vorbild der Ausgabe des Micyllus folgt. Schliesslich liess er dem Text noch seine Ausgabe der Anmerkungen zu dieser Ausgabe folgen; diese kurzen Kommentare umfassen etwas weniger als 40 Seiten – ungefähr ein Drittel der von Gessner veröffentlichten Gedichte kommen in den Genuss der einen oder anderen erklärenden Anmerkung.
Auf die Martialausgabe und die sie begleitenden Paratexte folgen drei von Terenz inspirierte Dialoge, in denen Gessner auf mehr als 70 Seiten noch einmal aufs Neue die Debatte aufgreift, ob es einem Christen (und besonders jungen Leuten) zukommt, erotische oder obszöne Literatur zu lesen; diese Debatte reicht bis zum Anfang des Christentums zurück und hat schon Kirchenväter wie Hieronymus oder Augustinus interessiert.
Ihrem allgemeinen Inhalt und ihrer Form nach (die Metrik einmal beiseitegelassen) sind diese Dialoge von den Adelphoe des Terenz inspiriert. In den Adelphes ist das Hauptthema die Frage, ob eine strenge Erziehung für junge Leute besser ist als eine Erziehung, die der Freiheit und Autonomie mehr Platz einräumt. Auch das Thema von Gessners Dialogen hat mit Erziehung zu tun: Soll ein junger Mensch mit obszöner Literatur konfrontiert werden, ja oder nein?
Im ersten Dialog hört Demea zufällig ein Gespräch zwischen seinem Sohn Aeschines und dessen Erzieher Syrus und erfährt daraus zu seiner Überraschung, dass Aeschines die Epigramme des Martial liest; dieser Dialog ist sehr lebendig und amüsant und folgt damit dem Beispiel der Dialoge in den Stücken des Terenz. Im zweiten Dialog wirft Demea dem Mitio, dem Adoptivvater des Aeschines vor, dass er dem Aeschines die Lektüre des Martial gestattet. Danan schliesst sich eine Diskussion der beiden alten Männer an: Demea denkt, dass man Martial komplett verbieten sollte, weil er obszön sei, während Mitio den Standpunkt vertritt, dass man sich doch nicht selbst des schönen Lateins des Epigrammatikers berauben könne, und dass Martial keine Einführung in die Lasterhaftigkeit biete, sondern vielmehr vor schlechten Verhaltensweisen warne. Der Streit endet im dritten Dialog vor dem Richtstuhl des Rhadamanthys, wo die beiden alten Männer, die sich einen Wettkampf in Gelehrsamkeit liefern, ihre Argumente detailliert entfalten.
Ganz am Ende des dritten Dialogs (s. den von uns präsentierten Text) fasst Rhadamanthys die Debatte zusammen und fällt sein Urteil. Er stellt fest, dass es bei Martial sowohl Gutes als auch Böses gibt. Indem er sich auf den moralischen Grundsatz beruft, dass man nichts Böses tun darf, um dadurch ein gutes Resultat zu erreichen, erklärt er, dass es, wenn man dazwischen wählen müsste, Martial entweder komplett zu bewahren oder ihn vollständig zu vernichten, besser wäre, ihn zu vernichten. Am Ende schlägt er aber einen Kompromiss vor. Dieser Richtspruch wird seltsamerweise von Mitio verkündet: Besser als Martial ganz in der Versenkung verschwinden zu lassen, ist es, wenn ein erfahrener Arzt (peritus medicus) ihn kastriert (castrari) und ihn danach Glied für Glied (membratim) auseinandernimmt, um alle infizierten Partien mit Feuer verbrennen zu können. Schliesslich wird er die gesunden Partien zu einem neuen Körper zusammenfügen, «so wie man berichtet, dass Asklepios einst die von Pferden auseinandergerissenen Glieder des Hippolytos von Athen mithilfe seiner ärztlichen Kunst wieder in den früheren Zustand der Vollständigkeit zurückversetzt hat». Am Ende steht eine Drohung: «Wenn aber jemand diesem meinem Urteil verwegen widerspricht, dann will ich, dass auch er der Strafe der Kastration unterworfen werden soll.» Der Dialog endet mit den folgenden Worten, die der Herold Telboas verkündet: Actum est, ilicet; abite hinc actutum omnes: «Das ist getan, zieht euch zurück; geht alle sofort weg.».
Die Geschichte von Hippolytos und Asklepios ist wohlbekannt: Phaidra liebt Hippolytos, den Sohn des Theseus, ihren Stiefsohn. Als Hippolytos ihre Annäherungsversuche zurückweist, beschuldigt sie ihn der Vergewaltigung, und Theseus vertreibt ihn aus der Stadt und bittet Poseidon, seinen Sohn zu töten. Hippolytos reist mit seinem Wagen ab, dessen Pferde von einem aus dem Meer aufsteigenden Ungeheuer erschreckt werden; sie werden scheu und werfen den jungen Mann auf die Felsen, wo er den Tod findet. Auf Bitten der Artemis (Diana), gibt Asklepios (Äskulap) Hippolytos das Leben zurück. Dieser Mythos ist der Ursprung eines von den Humanisten oft verwendeten topos, nämlich dem des Herausgeber-Philologen-Arztes, der, wie Asklepios es für Hippolytos getan hat, die verstreuten Glieder les (discerpta membra) eines antiken Werkes zusammenfügt und ihm dadurch zur Auferstehung verhilft. Dieser Gemeinplatz wird auf verschiedene Weisen von den Humanisten bzw. Frühhumanisten durchdekliniert, darunter Petrarca, Angelo Poliziano, Boccaccio, Francesco Barbaro und Poggio Bracciolini.
Bibliographie
Amherdt, D., «Martial démembré et ressuscité: le travail philologique du Dr Conrad Gessner, nouvel Esculape», in: É. Wolff (Hg.), Influence et réception du poète Martial, de sa mort à nos jours, Bordeaux, Ausonius Éditions, 2022, 211-221.
Leu, U. B., Conrad Gessner (1516-1565): Universalgelehrter und Naturforscher der Renaissance, Zürich, Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2016.
Leu, U. B., «Moral treatment of immoral texts from classical Antiquity: Conrad Gessner’s Martial-edition of 1544», in: L. Baschera/B. Gordon/Chr. Moser (Hgg.), Following Zwingli. Applying the past in Reformation Zurich, Farnham, Ashgate, 2014, p. 197-208.
Leu, U. B., Conrad Gesner als Theologe. Ein Beitrag zur Zürcher Geistesgeschichte des 16. Jahrhunderts, Bern, Peter Lang, 1990.