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NZZ am Sonntag: Herr Kahn, Sie waren letzte Woche an der Tagung in Hongkong dabei, als der chinesische Wissenschafter He Jianku seine geheimen Experimente vorstellte. Ist seine Arbeit ein Beweis dafür, dass die Selbstregulierung der wissenschaftlichen Gemeinschaft nicht funktioniert?
Jeffrey Kahn: Ich glaube nicht, dass dies ein Versagen der Selbstregulierung ist. Es handelt sich offensichtlich um einen Verstoss gegen die Gesetze des Landes, in dem die Experimente durchgeführt wurden. Und es ist ein Verstoss gegen die wissenschaftlichen Normen.
«Die Atmosphäre im Auditorium war sehr angespannt. He wurde vorgestellt, und nach einer langen Pause betrat er die Bühne.»
Hätte die Konferenz in Europa oder den USA stattgefunden, wäre der Forscher eher im Gefängnis gelandet als auf dem Podium!
Der Vortrag war nicht der Versuch, He in den Mittelpunkt zu stellen, vielmehr wollte man verstehen, was er genau getan hat, um ihn anschliessend auch befragen und kritisieren zu können. Immerhin gab es neben den Youtube-Videos und einigen Medienberichten bis zu dem Zeitpunkt keine Informationen über das Experiment.
Wie ist He aufgetreten?
Die Atmosphäre im Auditorium war sehr angespannt. He wurde vorgestellt, und nach einer langen Pause betrat er die Bühne von einer Seitentür aus, während Hunderte von Kameras klickten. Er schien gelassen, wenn auch ein wenig überwältigt, obwohl nicht klar war, ob es am grossen Publikum und der Aufmerksamkeit oder der überwältigenden negativen Reaktionen lag, die er bereits erhalten hatte. Er schien von seinen Notizen abzulesen, war gut vorbereitet und schien sich seiner Sache sicher.
He begann seinen Vortrag mit den Worten, es tue ihm leid, dass seine Arbeit vor der Veröffentlichung in einer Wissenschaftszeitschrift durchsickerte. Plante er ursprünglich, über etwas anderes zu sprechen und seine Experimente geheim zu halten?
Auf der Tagung war man sich eigentlich einig, dass seine einleitende Entschuldigung bestenfalls unaufrichtig war. Die angeblich «durchgesickerten» Informationen waren sorgfältig inszeniert, mit Interviews von einigen Reportern und der Veröffentlichung von Youtube-Videos. Es war kein Zufall. Der Zeitpunkt war eindeutig auf den Gipfel abgestimmt.
Sie wollen damit sagen, dass He selbst hinter der Medieninszenierung steckt?
Vermutlich wollte er Aufmerksamkeit schaffen, einen «Primeur» gelandet zu haben. Mit der überwältigend negativen Reaktion hat er ganz offensichtlich nicht gerechnet.
Jeffrey Kahn
Jeffrey Kahn leitet das John Hopkins Berman Institute of Bioethics in Baltimore (USA). Der Bioethiker war Mitglied des internationalen Konsensus-Ausschusses, der sich mit Fragen der Keimbahntherapie befasste. Kahn nahm diese Woche in Hongkong am Second International Summit on Human Genome Editing teil.
He ist an die Öffentlichkeit getreten, aber was geht wohl sonst noch hinter verschlossenen Türen der Labore vor sich?
Die Antwort darauf wissen wir natürlich nicht. He wurde in der Fragerunde immer wieder gefragt, wie viele Embryonen bearbeitet wurden und ob es noch andere Frauen gibt, die schwanger sind. Er beantwortete die Frage nach den Embryonen. Auf die Frage nach anderen Frauen wollte er aber nicht antworten.
Wir leben in einem Zeitalter von Do-it-yourself-Gentechnik. Wie können Regeln, die von Regierungen aufgestellt werden, verhindern, dass irgendwo auf der Welt genmanipulierte Babys erzeugt werden?
Ich glaube nicht, dass es ein System gibt, das Schurken stoppen kann. Aber wir brauchen klare Richtlinien, die so weit wie möglich international harmonisiert sind – mit Sanktionen für Verstösse. Dies liegt in der Verantwortung der politischen Entscheidungsträger, die von der Wissenschaftsgemeinschaft und von Ethikern sowie von Patienteninteressengruppen, der Industrie und anderen relevanten Interessengruppen beraten werden müssen. Gleichzeitig denke ich aber, dass das Genom-Editieren je nach Land unterschiedlich geregelt werden wird: je nach Akzeptanz in der Öffentlichkeit, nach gesellschaftlichen Werten und politischen Prioritäten.
In seinem Vortrag an der Konferenz sagte George Daley, Dekan der Harvard Medical School, dass Crispr im Wesentlichen für den Einsatz in der Keimbahntherapie bereit sei. Auch George Church vom Broad Institute in Cambridge bei Boston verteidigte in einem Interview mit «Science» die Schaffung von gentechnisch veränderten Babys. Daley ist im Verwaltungsrat des Broad Institute, welches das Patent auf Crispr hält. Stehen hier finanzielle Interessen im Wege von ethischen Diskussionen?
Ich denke, dass die Transparenz über mögliche finanzielle und sonstige Interessen sehr wichtig sein wird, um einen verantwortungsvollen Weg in diesem Wissenschaftsbereich zu finden. Es ist klar, dass es noch viel mehr Forschung bedarf, um an einen Punkt zu gelangen, an dem über die Akzeptanz der Gen-Editierung von menschlichen Embryonen diskutiert werden kann. Die dafür noch notwendigen Schritte wurden im Bericht eines internationalen Konsensus-Komitees, dem ich angehörte, dargelegt. Diese Schritte scheinen heute wichtiger denn je zu sein.
Die Genom-Bearbeitung von Embryonen im Rahmen der assistierten Reproduktionstechnik ist in den USA heute verboten. Was wird passieren, wenn China und andere Länder diese Methoden zulassen?
Mit zunehmender Sicherheit der Methode wird die Gen-Editierung in anderen Ländern angewendet werden. Dann wird sich zeigen, ob die USA ihr Gesetz ändern und das heute bestehende Verbot aufgeben. Denn zu den Dingen, die in der amerikanischen Politik vielleicht noch wichtiger sind als der Schutz von Embryos, gehört die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit Amerikas und seine wissenschaftliche Vormachtstellung in der Welt. Auf diesen Gebieten sehen es unsere Politiker nicht gerne, dass andere Länder an uns vorbeiziehen und wir den Anschluss verlieren.