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MANCHMAL STELLE ICH MIR VOR: Jemand geht in meine Notizbücher hinein, die plötzlich nicht mehr aus Papier sind, sondern eher einem riesigen, ungeordneten Labyrinth ähneln - einander kreuzende Gänge, die auf ganzen oder halben Plätzen enden, Sackgassen, mit doch noch einem Raum am Ende, dessen Tür halb offensteht, Treppen mit einem grossen Absatz auf halber Höhe, von dem aus man auf die Fenster von etwas blickt, was wahrscheinlich ein kleiner Saal ist.
Es gibt widersprüchliche Wegweiser mit teilweise gelöschten Beschreibungen oder Angaben in mehreren Sprachen, manchmal steht irgendwo eine Zahl, ohne dass ihr eine andere vorangegangen wäre oder folgte, der Stuhl an dem Tisch unter dem Schild INFORMATION ist leer, und da liegt ein Zettel mit den Worten BIN KURZ WEG.
Der Besucher hat das Gefühl, nicht allein zu sein, aber er kann es nicht beweisen. Er tritt in einen Saal, in dem etwas auf einer Tafel geschrieben steht, was er auf den ersten Blick nicht versteht. Er beschliesst, sich nicht weiter verwirren zu lassen, sucht, ob er irgendwo einen Lichtschalter finden kann, und als ihm das nicht gelingt, setzt er sich hin und versucht sich an das Halbdunkel zu gewöhnen, indem er angespannt auf jedes einzelne Wort des Textes starrt. Anbetung, liest er, und dann: Durch Tempera wird Maria zu einer anderen, als wäre sie wie bei einem chinesischen Bild auf Seide gemalt, Gewebe, Zartheit. Eine Krone wird der Gruppe entgegengestreckt, in den Rücken sitzt ein Knick, jetzt sind sie nicht länger anonym.
Der Besucher würde gern mehr von diesem Rätseltext lesen, aber nun sieht er nur noch, dreimal unterstrichen, das Wort Bezeichnung. Damit kann er nichts anfangen, und so geht er wieder nach draussen. Aber was ist draussen?
Noch immer derselbe lange, leicht abschüssige Gang, nur scheint es hier jetzt, nach dem düsteren Saal, heller zu sein. Er kann sogar die Aufschriften an den anderen Sälen lesen. Reading Circuit. San Clemente. Was ein Idiot dir erzählt. Hallo, Buch! Spanish Readings. Alfonso el Sabio, etc. Tokio?Kioto, Juni 92, die Zwillingsschwester. Erzählungen Ohne. Berlin Urraca. Histoires, Granada, Toledo 91.
Nun geht er denselben Gang wieder zurück, sieht, dass an dem Saal, in dem er vorher gewesen ist, ein kleines Schild hängt mit dem Wort BREUGHEL, möchte wieder hineingehen, aber jetzt ist es ihm wirklich zu dunkel. Am liebsten würde er nun den Ausgang finden, doch etwas sagt ihm, er dürfe nicht in Panik geraten, dieses müsse, wie auch immer, eine kohärente Welt mit ureigener Gesetzmässigkeit sein, ein schlüssiger Code, zu dem er lediglich den Schlüssel zu finden braucht.
Er kommt an einem Fahrstuhl vorbei und sieht, dass ein Knopf erhellt ist. Folglich muss sich jemand in diesem Gebäude befinden! Sobald der Knopf erlischt, drückt er darauf. Es ist ein alter Fahrstuhl, und er wird offenbar häufig benutzt. Auch hier sind die zu den einzelnen Stockwerken gehörenden Aufschriften nicht mehr gut zu lesen, es handelt sich aber wohl um eine geographische Einteilung, denn er entziffert Paris, New York, Macao, Bolivien, Costa Rica. Aus der Zahl der Stockwerke leitet er ab, dass er in einem Wolkenkratzer gelandet sein muss, was er beim Betreten des Gebäudes nicht gemerkt hat, doch er beschliesst, sich nicht darum zu kümmern und in Costa Rica auszusteigen.
Hier ist es heller, und obwohl er das Gefühl hat, es sei lange keiner mehr dagewesen, hat hier offenbar einst mehr Ordnung geherrscht. Das erste, was er beim Eintreten sieht, ist die amateurhafte Zeichnung einer Palme an einer der Wände. Daneben steht, diesmal deutlich lesbar: Gespräche an der Hafenmauer. Überall die zerfransten Wedel von Palmen. Träge Sinnlichkeit in den Körpern. Der Anwalt und seine Frau schaukeln auf ihrer kleinen Galerie. Ein Ibis in roter Bluse starrt aufs Meer hinaus. Alte schwarze Frau schlurft am Patrimonio Nacional de la Infancia vorbei. Funeraria Lam. Eduardo Sanchez. Feuerroter Kranz.
Ohne erklären zu können, warum, hat er doch das Gefühl, er verstehe dies besser. Er weiss, dass Funeralien etwas mit dem Tod zu tun haben, das würde also zum Kranz passen. Wer aber ist der Anwalt? Die beiden unbeholfen hingepinselten chinesischen Zeichen an der nächsten Wand werden ihn auch nicht schlauer machen, genausowenig wie die in runder Kinderschrift geschriebenen Namen Ricardo Ulloa Caray und Mauro Fernandez sowie die dann folgenden Pflanzennamen samt Zusatz: Citrus sinensis («fettes grünes Taufbecken»), Capania glabrer («von Erté entworfener Schmetterling»), nein, jetzt ist es an der Zeit, meinen Besucher mit sanfter Hand aus dem Gebäude zu führen, in dem ich mich auch schon oft verirrt habe. Ich nehme ihn mit hinauf ins zehnte Stockwerk einer Bank in Santa Monica, wo sich in diesem Jahr mein Arbeitszimmer befindet, zeige ihm die Aussicht über den Ozean und den gräulichen Schleier, der zu dieser Stunde über Los Angeles liegt, gebe ihm dann ein Dutzend kartonierter und broschierter kleiner Bücher mit der Vignette meines französischen Verlegers (Actes Sud) und lasse ihn an meinem Tisch Platz nehmen. Er schaut auf die Aufschriften, blättert, schaut auf die Spinnenhandschrift und die amateurhaften Zeichnungen, und dann wird es Zeit für mich, alles zu erklären.
Soviel hat er bereits verstanden, dass es zu dem labyrinthischen Gebäude, in dem er umhergeirrt ist, ein Gegenstück in der Wirklichkeit gibt. Es ist mein geschriebenes Gedächtnis, die teilweise rätselhaften Aufschriften an den Türen und Wänden des erfundenen Labyrinths entsprechen dem, was ich auf den Einband dieser schmalen Bücher schreibe, die ich immer bei mir habe, wenn ich auf Reisen bin. Es sind, im wahrsten Sinne des Wortes, Notizbücher, ohne das, was da hineinkommt, könnte ich keine einzige meiner Reiseerzählungen schreiben. Die Bücher, die er hier auf dem Tisch sieht, stellen nur einen kleinen Teil meiner Sammlung dar, sie enthalten den Niederschlag einiger früherer Reisen, Notizen, die ich nicht in Amsterdam gelassen habe, als ich hierher fuhr, weil ich dachte, sie in irgendeiner Weise zu brauchen.
Er schlägt eines auf und schüttelt den Kopf. «Findest du dich denn selbst noch darin zurecht?» fragt er, und das genau ist der wunde Punkt. Kurz nach einer Reise meist schon, doch später wird es nicht nur schwieriger, sondern auch immer merkwürdiger. Was da steht, sind Gedanken in statu nascendi, sich überschlagende Satzfetzen, Assoziationen, Aufschriften, Stegreifformulierungen, Ideen, Beschreibungen, manchmal so hastig oder unter solchen Bedingungen (Boote, Züge) geschrieben, dass ich sie nicht mehr oder kaum noch lesen kann. Längst nicht alles landet dann auch in einer Erzählung, und dennoch war es unerlässlich fürs Schreiben, dass das, was ich gesehen und gedacht hatte, eingepackt und mit nach Hause genommen wird, wo es auf diesen vollgekritzelten Seiten schlummern wird, bis ich mit dem Schreiben beginne; in diesen Worten auf diesen Seiten wird eine Landschaft, eine Frau, eine Atmosphäre, ein Geruch wieder lebendig - all das, was sonst vergessen worden wäre.
Letzteres ist das Halluzinatorischste. Von jeder Reise behält man einige Vorfälle im Gedächtnis, man erinnert sich noch an die Atmosphäre, man glaubt zu wissen, was mit einem geschehen ist, und wahrscheinlich ist das auch so, doch erst beim Lesen der Notizen kommt die Erinnerung wirklich in Fluss, plötzlich ist da ein Abend, ein Anwalt mit seiner Frau, zwei Schaukelstühle auf einer Galerie, und wie ein Tuch fällt dieser träge tropische Abend wieder auf dich herab, du bist in deine eigene Erinnerung zurückgekehrt. Der heilige Augustinus hat zwar gesagt, im Palast unserer Erinnerung gehe nichts verloren, aber genau das war der grosse mnemotechnische Trick der Antike, man stellte sich das Gedächtnis räumlich vor und schritt von Saal zu Saal, genauso wie ich meinen armen Besucher sich in meinen Notizbüchern habe verirren lassen.
Wir sind, wahrscheinlich gerade wegen all unserer Hilfsmittel, in der Technik des Erinnerns schlecht trainiert, und darum brauchen wir, brauche ich ein externes Gedächtnis. Zweimal habe ich es verloren, einmal auf der Insel La Gomera, als mir in einem Park die Tasche gestohlen wurde, in der es sich befand. Das zweite Mal, in Buenos Aires, war schlimmer.
Ich hatte die Nationalbibliothek besucht, deren Direktor einst Jorge Luis Borges gewesen war. Ich erinnere mich an das düstere, aus dem vorigen Jahrhundert stammende Arbeitszimmer des Mannes, für den die Welt eine unendliche Bibliothek von Babel war, ich erinnere mich auch, wie ich an all diesen Bücherregalen entlangging und Titel um Titel abschrieb. In der Reihenfolge konnte ich keinerlei Sinn und System entdecken, und eben deshalb wollte ich möglichst viele Titel von nebeneinanderstehenden Büchern, weil diese, in seiner Theorie, die Essenz des Universums als Zufall ausdrücken.
Ich stand auf einem Treppenflur, stieg lange gusseiserne Wendeltreppen (waren es wirklich Wendeltreppen? Ich weiss es nicht mehr, mein internes Gedächtnis kann mich täuschen) hinauf und hinunter und schrieb mit der Besessenheit eines Dorftrottels. Unter mir waren Soldaten dabei, Regal um Regal zu räumen, alle Bücher wurden eingepackt, um in das neue Bibliotheksgebäude gebracht zu werden, Seite um Seite füllte ich mit den merkwürdigsten, verstaubtesten, jetzt nicht mehr zu ermittelnden Titeln, ich hatte das Gefühl, gegen die Zeit anzuschreiben, am Tag darauf würden all diese Schränke leer sein, und ich wurde mir dessen bewusst, dass ich dann womöglich der Letzte gewesen war, der Borges' Bibliothek gesehen hatte. Mit meinen albernen Titelreihen wollte ich etwas beweisen, doch was das auch immer gewesen wäre, der blinde Dichter überlistete mich: Zwei Stunden später verschwand mein externes Gedächtnis in einem der überfüllten Stadtbusse von Buenos Aires.
Jetzt war ich selbst blind: All das, was ich aufgeschrieben hatte, konnte ich nicht mehr lesen. Ein Saal in dem Palast war für alle Zeiten versperrt, und für einen Moment schien es, als hörte ich hinter den verschlossenen Türen jemanden sardonisch lachen. Diese Geschichte wurde also nie geschrieben. Ad acta mit ihr.
Cees Nooteboom, Schriftsteller, lebt in Amsterdam. Zuletzt von ihm auf deutsch erschienen ist «Selbstbildnis eines anderen. Träume von der Insel und der Stadt von früher».