Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03644.jsonl.gz/157

Das Faszinierende an der (leider unvollendet gebliebenen) Autobiographie ist die schon erwähnte Nähe zu den maßgeblichen politischen Entscheidungsträgern, eine Nähe, die aber keineswegs die Objektivität oder Beobachtungsgabe Kesslers einschränkt. Auf diese Weise kommt es zu einer fast schon intimen Darstellung der politischen Entscheidungen im Zeitraum zwischen 1880 und 1900, was etwa die Auseinandersetzung zwischen Bismarck und dem jungen Kaiser Wilhelm II. betrifft. Man erfährt ein wenig mehr als sonst über persönliche Eitelkeiten, über bismarcksche Machtpolitik als auch darüber, wie sich genau diese Machtpolitik in Bismarck überlebt, die neuen Zeiten aber von kaum jemanden unter dem jungen Kaiser erkannt werden (der sich offenbar mit Höflingen und Speichelleckern zu umgeben pflegte und im Gegensatz zu Wilhelm I. die charakterlichen Eigenschaften für das Kaiseramt vermissen ließ). Erwähnenswert in diesem Abschnitt ist auch die Darstellung seiner Mutter, einer (nach den Bildern zu urteilen) ausnehmend attraktiven Dame, deren Klugheit ihr aber im Intrigenspiel teilweise zum Verhängnis wird.
Der für mich beeindruckendste Teil aber ist jener über Amerika: Ich kann mich keiner Schilderung entsinnen, in der die aufstrebende amerikanische Gesellschaft psychologisch genauer und mit größerem Feingefühl beschrieben worden wäre. Kessler arbeitet glänzend die Unterschiede zwischen dem „alten Europa“ (Europa wurde also schon damals mit diesem Epitheton versehen) und den USA heraus, die Wichtigkeit des Geldes, das Gefühl, einem Kontinent, einer Generation des Aufbruches anzugehören, das Eklektische in den Bemühungen um die Kunst (so wurden unzählige Einrichtungen aus europäischen Fürstenhäusern in die Etablissements der Neurreichen exportiert) oder das Bemühen der New Yorker, zu einem völlig artifiziellen „Kreis der 400“ sich zählen zu dürfen (ein Einfall eines gewissen Ward Mac Allister, ansonsten zuständig für die exquisite Ausstattung von Abendunterhaltungen, der eine solche Liste in der Zeitung publizierte und damit ungeheure Macht erlangte). Aber Kessler übt nicht nur Kritik, er ist nicht blind für den Eroberungsgeist, den frischen Wind, der in vielen elitären Zirkeln der alten Welt fehlt. Er beschreibt fasziniert, aber auch mit Unbehagen, dass er den Eindruck hatte, „einer großen Nation im Werden, ein Schauspiel, wie es die Geschichte nur alle paar Jahrhunderte bietet“, miterlebt zu haben. „Unter der smarten Oberfläche des amerikanischen, von Schacher und Profit beherrschten Lebens vollzog sich ein mystischer Vorgang […]. Die sonst in mythischen Fernen nur dunkel zu erkennende Entstehung einer Nation ließ sich hier im Alltag aus nächster Nähe beobachten.“ Und aufgrund der Beobachtungsgabe Kesslers kann auch der Leser an diesem Vorgang teilhaben.
Das Tagebuch der Mexiko-Reise war hingegen (nach der Begeisterung über das Amerika-Kapitel) eine Enttäuschung. Einerseits vermag Kessler hier nicht die Position des kulturell überlegenen Europäers ablegen (seine Ausführungen zu Rasse und Mentalität der Indios sind mehr als zweifelhaft), andererseits sind die seitenlangen Beschreibungen von Kirchen oder Tempeln mit all ihren Farben, Türmchen, Bildern und Arabesken auf Dauer unlesbar. So etwas erschlägt schon, wenn die entsprechenden Fotos mitgeliefert werden, noch weniger zugängig ist (für mich) aber diese reine Text, Beschreibungen von Lichteffekten, Schattenspielen etc. Meine visuelle Vorstellungskraft war zumeist nach wenigen Sätzen erschöpft.
Insgesamt aber ein wunderbar lesbares, sprachlich ganz ausgezeichnetes Buch mit Einblicken in die Welt der Politik, die in dieser Form Seltenheitswert haben. Wobei es vor allem das psychologische Einfühlungsvermögen und Verständnis Kesslers ist, der dem Ganzen seinen besonderen Reiz verleiht.
Harry Graf Kessler: Gesichter und Zeiten. Erinnerungen. Frankfurt a. M.: Fischer 1988.