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Mehr Respekt für Tiere in der Landwirtschaft!
Die Tötung von Tieren in der Forschung wirft ethische Fragen auf. Es besteht ein Konsens darüber, dass sie zu reduzieren ist. In den vergangenen 30 Jahren hat sich die jährliche Anzahl «Versuchstiere» von rund zwei Millionen auf 600’000 verringert. In der Landwirtschaft hat sich die jährliche Anzahl «Schlachttiere» in den vergangenen zehn Jahren dagegen von von rund 45 Millionen auf 65 Millionen vergrössert. Der Forschung ist es verboten, auch nur ein gesundes Tier zu töten, wenn sie nicht nachweisen kann, dass dazu keine valablen Alternativen existieren. Die Landwirtschaft hingegen darf Millionen gesunde Tiere nach einem Bruchteil ihrer Lebenserwartung – meist weniger als 10 Prozent – töten, ohne den geringsten Nachweis erbringen zu müssen, dass keine Alternativen existieren. – Warum muss nicht auch jede Schlachtung von einer Ethikkommission bewilligt werden? Ein Widerspruch?
Weil wir Tiere nicht unnötig schädigen wollen – was Tierquälerei wäre –, schreibt das Gesetz vor, Tierversuche seien auf ein «notwendiges Minimum» zu beschränken und durch Alternativen zu ersetzen. Dieses Reduktionsziel ist sinnvoll, denn Tierversuche werfen in jedem Fall ethische Fragen auf. Eine Doktorandin führt aus, wie sie Mäusen das Genick bricht: «Es tönt erschreckend, aber es ist der natürlichste, kürzeste und am wenigsten schmerzhafte Weg, eine Maus zu euthanasieren.» Und eine Forscherin, die mit Ratten arbeitet, fügt hinzu: «Wenn sie die finale Anästhesie erhalten, damit ich ihr Gehirn untersuchen kann, ist das ein schwarzer Tag.»
Auf jedes Tier, das in der Forschung stirbt, kommen Hunderte Tiere, die in der Landwirtschaft sterben.
Die Basel Declaration vereint Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die das 3-R-Prinzip unterstützen – Refine, Reduce, Replace: Tierversuche sind weniger leidvoll auszugestalten (Refine), quantitativ zu verringern (Reduce) und – wenn Alternativen verfügbar sind – zwingend zu ersetzen (Replace). Entsprechend kennt das Tierschutzgesetz auch eine Bundespflicht zur aktiven Förderung von Tierversuchsalternativen.
Vergleichen wir dies mit der Tiertötung in der Landwirtschaft: Eine massive Reduktion der Tötungen und entsprechende Ersetzung durch Alternativen wäre unmittelbar möglich; und die Tierverwendung dient keinem wissenschaftlich-medizinischen Zweck – es geht nicht etwa um die Rettung von Menschenleben, sondern höchstens um etwas Gaumenspass. Wenn also im Forschungsbereich das 3-R-Prinzip und eine Bundespflicht angezeigt ist, die Alternativen zu fördern, dann scheinen das 3-R-Prinzip und eine entsprechende Bundespflicht im Landwirtschaftsbereich erst recht angezeigt.
Wenn wir ethische Bedenken haben, Mäusen zu medizinischen und teilweise schwer ersetzbaren Zwecken das Genick zu brechen, dann sollten wir um ein Vielfaches grössere Bedenken haben, hundertmal mehr Tieren zu kulinarischen und leicht ersetzbaren Zwecken ins Gehirn zu schiessen oder sie mit CO2 qualvoll zu ersticken (wie dies bei den «Mastschweinen» üblich ist).
Abgesehen von der Tötung: Wie steht es um den Leidensgrad? Sind «Schlachttiere» nicht einer geringeren Belastung ausgesetzt als «Versuchstiere»? Nein: 78 Prozent der Tierversuche entsprechen den Schweregraden 0 oder 1, haben also keine oder nur geringe Belastungen zur Folge. (Auch geringen Belastungen darf man Tiere in der Forschung richtigerweise nicht aussetzen, ohne die Alternativlosigkeit nachzuweisen.) 20 Prozent der Versuche sind dem Schweregrad 2 zugeordnet, 2 Prozent dem Schweregrad 3, entsprechen also mittleren bis schweren Belastungen.
Wenn man sich sich die Zustände ansieht, denen viele «Nutztiere» in Schweizer Mastanlagen ausgesetzt sind, drängt sich die Schlussfolgerung auf: Oft liegen mittlere bis schwere Belastungen vor. Bei Mastschweinen etwa sind weder Auslauf noch Einstreu gesetzlich vorgeschrieben, und es ist legal, zehn Tiere auf der Fläche eines Autoparkplatzes einzusperren. Wenn analoge Zustände bei Hunden vorliegen – wie unlängst in einer Basler Wohnung – dann betrachten dies in dann betrachten dies in Online-Umfragen über 90 Prozent der Befragten als Tierquälerei, die zu verbieten ist. (Schweine sind gemäss aktuellen Studien mindestens so intelligent wie Hunde.)
Der Widerspruch ist eklatant: Jeder einzelne Tierversuch muss von einer Tierversuchskommission bewilligt werden. Das Bundesamt für Landwirtschaft und Veterinärwesen (BLV) schreibt dazu: «Das aufwendige Verfahren hat ein Ziel: Tiere so gut wie möglich vor ungerechtfertigten Belastungen zu schützen.» Nichts dergleichen ist in der Landwirtschaft der Fall, obwohl wir es auch dort mit Tieren zu tun haben.
Auf jedes Tier, das in der Forschung stirbt, kommen mehrere Hundert Tiere, die in der Landwirtschaft sterben. Diese Tiere haben dieselben Interessen und sind nicht weniger schutzbedürftig und -berechtigt – ein Befund, der nicht nur ethisch schlüssig ist, sondern auch in den Rechtswissenschaften aufgenommen wird. Die logische Folgerung lautet: 3 R für alle Tiere!