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Einführung
Die Schweizer Pharmaindustrie rechnet mit ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft abJessica Davis Plüss (Text), Helen James (Layout/Bildredaktion), Veronica DeVore (Redaktion)
Vom Rhein in die ganze Welt
UrsprüngeVom Rhein in die ganze Welt
Ende des 19. Jahrhunderts waren die Gesellschaft für Chemische Industrie in Basel (später bekannt als Ciba), Geigy (J.R. Geigy) und Kern & Sandoz (später Sandoz) in Basel ein Begriff. Sie alle prägten das, was heute als Novartis bekannt ist.
1896, wandte F. Hoffmann-La Roche & Co (heute Roche) einen Teil des chemischen Knowhows auf das Arzneimittel-Geschäft an und wurde das erste Unternehmen in Basel, das sich ausschliesslich auf pharmazeutische Produkte konzentrierte.
Bild: Das Geigy-Werk im deutschen Grenzach im Jahr 1924. (Novartis AG)
Ursprünge
Zudem gab es in der Schweiz bis 1907 keinen Patentschutz für chemische Verfahren, sodass die Basler Firmen problemlos ausländische Produkte herstellen konnten.
Bild: Die erste Fabrik von Kern & Sandoz in St. Johann um 1890. (Novartis AG)
UrsprüngeDie Chemie zwischen drei Giganten
Ciba, Geigy und Sandoz waren Teil des goldenen Zeitalters der Farblithographie in Europa. Bis in die 1930er-Jahre überschwemmten Farbstoff-Lieferungen mit bunten Etiketten aus Basel die asiatischen Märkte.
Bild: Abdrücke von Anilinblau aus einem Herstellungs-Kontrollregister. (Novartis AG)
Die Basler Unternehmen "schufen Kunstwerke, die den Geschmack und die Kultur einer internationalen Kundschaft widerspiegelten". Novartis Unternehmensgeschichte
UrsprüngeVon Farbstoffen zur Medizin
Die Chemieunternehmen stiegen, wenn auch nur zögerlich, in das Pharmageschäft ein. Schnell erwiesen sich diese Produkte als sehr rentabel.
1914 erwirtschaftete Sandoz nur 10 Prozent seines Umsatzes mit Arzneimitteln. 1952 hatte sich der Pharmasektor zum stärksten Umsatzträger des Unternehmens entwickelt.
Bild: Sandoz in den 1930er-Jahren. (Novartis AG)
UrsprüngeNeue Künste, neue Fähigkeiten
1996 schloss sich Sandoz mit Ciba-Geigy zusammen – es war die Geburtsstunde von Novartis. Die Firmenhochzeit ist die grösste Unternehmensfusion, die bis dato im Basler Handelsregister eingetragen wurde. Sie gilt auch heute noch als eine der grössten Fusionen der Schweizer Geschichte. Der Name Novartis ist von den lateinischen Worten "novae artes" abgeleitet, die "neue Künste oder Fähigkeiten" bedeuten.
Auch viele andere multinationale Schweizer Unternehmen wie Syngenta und Clariant haben ihre Ursprünge in der Basler Chemieindustrie.
ZEITSTRAHL
1758 Geigy
1873 Gesellschaft für Chemische Industrie (ab 1945 Ciba)
1886 Kern & Sandoz (Sandoz im Jahr 1939)
1896 Roche
1970 Zusammenschluss von Ciba und Geigy
1996 Novartis
Bild: Keystone
"Mit ihrem Zusammenschluss katapultierten sie sich nicht nur an die Spitze der chemischen Industrie: Die neue Novartis wird eines der grössten Unternehmen überhaupt sein."Neue Zürcher Zeitung (Tag nach der Gründung von Novartis, 8. März 1996)
UrsprüngeRoche bleibt in Familienbesitz
Es wurde am 1. Oktober 1896 vom damals 28-jährigen Fritz Hoffmann-La Roche gegründet. Er starb 1920, in einer Zeit, als Roche auf sehr ungewisse Jahre zusteuerte. Im Vorjahr hatten ihn die schlechten finanziellen Aussichten dazu gezwungen, die Firma in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln.
Die Gründerfamilie erwarb schliesslich eine Mehrheitsbeteiligung. Rund 125 Jahre später besitzen die Nachkommen von Fritz Hoffmann-La Roche noch immer die Mehrheit der stimmberechtigten Aktien.
Im Jahr 2001 kaufte Novartis Aktien von Roche, nachdem Gespräche über eine Fusion der beiden Unternehmen nie zustande gekommen waren. Novartis hielt ein Drittel der Aktien und wurde damit nach der Familie Roche der zweitgrösste Aktionär in Bezug auf die Stimmrechte.
Bild: Fritz und Adèle Hoffmann. (F. Hoffmann-La Roche AG, Basel)
UrsprüngeAufstieg eines Pharmazentrums
1980 lag der Anteil der Pharmaindustrie an der Bruttowertschöpfung der Schweizer Wirtschaft bei etwa 1%. Heute sind es rund 5%. Im Jahr 2020 waren fast 45% aller Schweizer Exporte Pharmazeutika.
Die EU ist der wichtigste Absatzmarkt (50%), aber die USA sind das wichtigste Einzelexportland: In den letzten 20 Jahren haben sich die Verkäufe nach Übersee von 11 auf 24% erhöht.
"Chemie und Pharma sind die einzigen Schweizer Industriezweige, die sich in den USA wirklich erfolgreich etablieren konnten."Tobias Straumann, Wirtschaftshistoriker
UrsprüngeAuf dem Weg zum Global Player
Bereits 1912 richtete Roche in Yokohama ein "wissenschaftliches Büro" ein und stand in engem Kontakt mit führenden Forschenden in Japan. Ciba folgte dem Beispiel mit einer Wissenschaftsabteilung sowie einer Verkaufsgruppe in Osaka.
Zwischen den Weltkriegen gründeten die Konzerne Niederlassungen in China, Japan, der Sowjetunion und Brasilien, um Produktions- und Transportkosten zu sparen und Importbeschränkungen zu umgehen.
Die Schweizer Neutralitätspolitik half den Unternehmen in heiklen geopolitischen Zeiten. Sie stellte die Basler Firmen aber auch auf eine harte Probe. So schlossen die Pharmariesen während des Zweiten Weltkriegs Verträge mit dem Nazi-Regime. Roche nutzte zudem die Arbeitskraft von Kriegsgefangenen. Zugleich verlegte das Unternehmen zahlreiche jüdische Wissenschaftler aus seinen Berliner Büros, um sie vor Verfolgung zu bewahren.
Bild: Gebäude der Ciba Shanghai um 1938. (Novartis AG)
UrsprüngeGrosser Auftritt in Amerika
"Amerika ist das Land der Zukunft", hielt ein Vorstandsmitglied fest. "Wenn wir jetzt nicht die Gelegenheit ergreifen, dort eine Produktion aufzubauen, werden wir in ein paar Jahren völlig leer ausgehen". Ein Jahr später kauften die Basler Firmen eine alte Farbstoff-Fabrik in Cincinnati im Bundesstaat Ohio.
Auch in Nutley in New Jersey errichtete Roche ein Werk, das sich während der beiden Weltkriege als Glücksfall erwies. Bis 1943 erwirtschaftete diese Niederlassung die Hälfte des Umsatzes der Roche-Gruppe.
Bild: Die Fabrik von Ault & Wiborg Co. in Cincinnati. Die Basler Chemieunternehmen kauften sie gemeinsam. (Novartis AG)
Ursprünge
Ursprünge
Während deutsche Unternehmen wirtschaftlich Mühe hatten, nahmen britische und US-Unternehmen deren Platz ein, angetrieben durch die Entdeckung von Penicillin und anderen Antibiotika. Die so genannte "therapeutische Revolution" Mitte des 20. Jahrhunderts kam der gesamten Branche zugute, da nun stärker in die Erforschung neuer Medikamente investiert wurde.
In den beiden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg boomten die Umsätze, und die Basler Unternehmen festigten ihre Stellung als wichtige Global Player.
Bild: Samuel Koechlin, der erste Geschäftsführer nach der Fusion von Ciba und Geigy 1970, liess sich von seiner Zeit in den USA inspirieren. Er brachte Managementtheorien mit, die das Wachstum förderten und die internen Hierarchien und Strukturen in der Schweiz aufbrachen. (Novartis AG)
Der Wettbewerb um die hellsten Köpfe
TalenteDer Wettbewerb um die hellsten Köpfe
1937 waren in den Chemie- und Pharmabetrieben in Basel rund 4300 Personen tätig. 2018 arbeiteten rund 32'000 Personen in der Basler Life-Sciences-Industrie.
Bild: Parasitologie-Labor im Forschungsinstitut von Sandoz in Österreich. (Novartis AG)
Die Arbeit in den Chemie- und Farbstoff-Fabriken galt als "zu schmutzig und gefährlich, um von Frauenhänden erledigt zu werden".Nicholas Schaffner, Historiker
TalenteDie Frauen mischen mit
Von 101 Berufsbezeichnungen bei Ciba im Jahr 1954, die von Archivar bis Zoologe reichten, wurden vier als "speziell weibliche" Stellen eingestuft. Laut einer Umfrage von 1954 waren das Rechnungsführerinnen, Sozialarbeiterinnen, Sekretärinnen und Reinigungskräfte.
Die Belegschaft war zu 89,6% männlich und zu 10,4% weiblich, wie die Umfrage ergab. Heute sind 45% der Mitarbeitenden von Novartis Frauen.
Bild: Das Dach der Sandoz-Verpackungsfabrik in Basel, 1959. (Novartis AG)
Talente
Talente
Als sie 1926 ankam, begann sie als "eine Art Freitagsmädchen", schreibt Roche. Sie war für die Bearbeitung der Korrespondenz, Überprüfung von Dokumenten und Buchhaltung zuständig.
Bild: Alice Keller. (Mit freundlicher Genehmigung der F. Hoffmann-LaRoche AG, Basel)
TalenteVideo of pharmaceuticals
Spitzenwissenschaftler wurden wie Könige behandelt – es war eine Praxis, welche die starren Hierarchien innerhalb der Unternehmen verstärkte.
Viele Führungskräfte gehörten zur sozialen und wirtschaftlichen Elite Basels, bekannt als "Daig", und waren sehr stolz auf die vielen Nobelpreise, die sie gesammelt hatten.
"Man konnte den Status der Person sogar an den Namensschildern an der Tür erkennen, die entweder aus Gold oder Silber waren."Tobias Ehrenbold, Historiker
TalentAuf der Suche nach Spitzenkräften
Das Profil eines typischen Pharmaangestellten hat sich mit der Globalisierung und Auslagerung von Produktionsbereichen verändert. Anstelle von Fabrikarbeitern und -arbeiterinnen und der Basler Elite sind schwärmen heute "Expats" durch die Korridore. In den Unternehmen und in Teilen Basels wird öfter Englisch als Schweizerdeutsch gesprochen.
Bild: Der Roche-Turm ist das höchste Gebäude der Schweiz. 2022 soll ein weiterer, noch höherer Turm hinzukommen. (Keystone)
"Die Schweiz hat einen relativ kleinen Talentpool und muss daher Forschende aus dem Ausland engagieren."Thomas Cueni, Generaldirektor der International Federation of Pharmaceutical Manufacturers & Associations und ehemaliger Leiter des Schweizer Pharmaindustrieverbands Interpharma
Die Konzerne auf der Anklagebank
SkandaleDie Konzerne auf der Anklagebank
Die Öffentlichkeit war empört und kritisierte die Unternehmen: Diese hätten zu langsam reagiert und würden sich vor Verantwortung drückten, lautete der Tenor.
Als weitere Unfälle und Affären wie der Babymilch-Boykott von Nestlé, die Chemiekatastrophe von Bhopal und natürlich der Reaktorunfall von Tschernobyl bekannt wurden, begann die Öffentlichkeit, die Macht und die Praktiken grosser Multis zu hinterfragen.
Bild: Am 10. Juli 1976 explodierte ein chemischer Reaktor im italienischen Seveso-Werk, das von einer Tochtergesellschaft von Roche betrieben wurde. (Keystone)
Schweizerhalle video
Das durch den Brand zerstörte Lager enthielt über 1000 Tonnen Insektizide und Pestizide. Der Unfall färbte den Rhein rot, tötete Tausende von Fischen und liess beissenden Rauch über die Stadt ziehen.
Wütende Anwohner und Anwohnerinnen forderten Massnahmen. Kein Mitglied des Sandoz-Managements wurde für den Unfall zur Rechenschaft gezogen. Jahre später erklärte sich Novartis bereit, der Schweiz und anderen betroffenen Staaten Schadenersatz in Höhe von 43 Millionen Franken zu zahlen.
"Diese gefährliche Art der Produktion ist seither nach Indien und China ausgelagert worden – dort finden die heutigen 'Schweizerhalles' statt."Martin Forter, Geograf und Schadstoffexperte im Jahr 2016 gegenüber dem Schweizer Fernsehen SRF
Skandale
Die meisten pharmazeutischen Wirkstoffe werden heute in China hergestellt, die Fertigprodukte in Indien. Die Entsorgung der Schadstoffe in Gewässern stellt dort ein grosses Problem dar.
Bild: Hyderabad, Indien im Jahr 2008: Das Abwasser von Fabriken, die Antibiotika und andere Chemikalien enthalten, verschmutzten ganze Landstriche. (Keystone)
Skandale Verkauf von Leben in Pillenform
Skandale Verkauf von Leben in Pillenform
1999 bekannte sich Roche schuldig, das so genannte "Vitaminkartell" angeführt zu haben, eine weltweite Verschwörung zur Erhöhung und Festsetzung der Preise für Vitamine, um die Konkurrenz auszuschalten. Roche musste in den USA eine Geldstrafe in Höhe von 500 Millionen Dollar berappen und zwei Jahre später eine ähnliche Strafe in Europa bezahlen.
Im Jahr 2020 zahlte Novartis in einem der grössten Vergleiche in der Geschichte der Pharmaindustrie umgerechnet 688 Millionen Franken an die US-Behörden. Das Unternehmen soll Ärztinnen und Ärzte bestochen haben, damit sie seine Medikamente verwenden.
Bild: Eine Abfüllstation für Vitamin-Brausetabletten am Hauptsitz von Hoffmann La Roche in Basel, 1991. (Keystone)
Scandal Kuhn
Scandal Kuhn
Einer der bekanntesten Fälle ist der des Geigy-Psychiaters Roland Kuhn, der das Medikament Tofranil zur Behandlung von Depressionen entdeckte.
Zwischen 1946 und 1980 missbrauchte er in seiner Klinik in Münsterlingen rund 3000 Menschen als "Versuchskaninchen". Nur wenige von ihnen hatten sich freiwillig für die Experimente gemeldet oder gewusst, was ihnen verabreicht wurde.
Die Erprobung von Behandlungen, selbst im Rahmen formeller klinischer Studien, wirft ernste ethische Fragen auf, vor allem in Bezug auf die Einwilligung von Seiten Patienten und Patientinnen, diskriminierende Praktiken und Geheimhaltung.
SkandaleGenerika auf dem Vormarsch
Dies spitzte sich in der HIV/Aids-Krise Ende der 90er-Jahre zu, als eine Gruppe von 39 Unternehmen, darunter Roche und Novartis, die Regierung von Südafrika verklagte, weil diese ein Gesetz erlassen hatte, das den Zugang zu billigeren Generika ermöglichen sollte. Roche war damals ein wichtiger Hersteller von HIV-Diagnostika und -Behandlungen.
Während des dreijährigen Rechtsstreits schloss die Industrie Fabriken und kürzte Investitionen im Land. In der Zwischenzeit wies Südafrika die höchste HIV-Infektionsrate weltweit auf. Angesichts des öffentlichen Aufschreis und auf Druck der Weltgesundheits-Organisation, der EU und der US-Regierung liessen die Unternehmen schliesslich die Klage fallen.
Dies ebnete den Weg für Generikahersteller, die patentierte Medikamente in grossem Umfang herstellen konnten. Die Schweizer Pharmakonzerne wehren sich auch heute noch vehement gegen Lockerungen beim Patentschutz.
Bild: Demonstrierende marschierten 2001 durch die Strassen von Pretoria, um gegen Pharmaunternehmen zu protestieren, die vom Verkauf von Aids-Medikamenten profitieren. (Reuters)
"Menschen sterben, weil sie sich die Behandlungen nicht leisten können oder diese nicht verfügbar sind. Das liegt an den hohen Preisen und den Patenten. Die Unternehmen wollen ihre Gewinne steigern und dabei die totale Kontrolle."Patrick Durisch, Experte für Gesundheitspolitik bei der NGO Public Eye
Die Suche nach neuen Heilmitteln
ProdukteDie Suche nach neuen Heilmitteln
Doch immer wieder stellte sich die Frage, ob nun die Bedürfnisse der öffentlichen Gesundheit oder jene des Aktionariats die Prioritäten der Konzerne bestimmten.
Bild: 1955 entwickelte der Roche-Chemiker Leo Sternbach das Medikament Benzodiazepin, das als Librium vermarktet wird. (Mit freundlicher Genehmigung von F. Hoffmann-LaRoche AG, Basel)
"Der Schweizer 'Geigy-Stil' ist in Wirklichkeit weder schweizerisch noch ein Stil. Man kann ihn eher als einen funktionalen Designansatz bezeichnen."Fred Troller, ehemaliger Geigy-Designer
Video der Produktion von Medizin
Doch als die Umsätze mit einstigen Bestsellern zurückgingen, mussten sich die Unternehmen schnell auf neue Produkte oder Geschäftsfelder umstellen. Sie diversifizierten in verschiedene Segmente: Von der Landwirtschaft über die Ernährung bis zur Diagnostik. Einige Bereiche wurden schnell wieder verkauft, während andere zu festen Bestandteilen des Erfolgs wurden.
Einschneidende Veränderungen ergaben sich mit den wissenschaftlichen Durchbrüchen in der Molekularbiologie und Gentechnik in den 70er-Jahren.
ProdukteInfektionskrankheiten rücken in den Hintergrund
Dies betraf auch Impfstoffe und Antibiotika. 2007 war Novartis der fünftgrösste Impfstoff-Hersteller der Welt. Das Unternehmen investierte in die Herstellung neuer Vakzine, um die Nachfrage während des Schweinegrippe-Ausbruchs im Jahr 2009 zu decken. 2014 beschloss Novartis, seine Impfstoff-Sparte zu verkaufen, um sich auf andere Behandlungen zu konzentrieren.
Niedrige Preise und die Sorge vor einem übermässigen Einsatz haben den Antibiotikamarkt seither geplagt. Es besteht dringender Bedarf an neuen Antibiotika, da die antimikrobielle Resistenz zunimmt. Beide Schweizer Pharmariesen stellten die Forschung in diesem Bereich Ende der 90er-Jahre ein. Roche hat sie vor ein paar Jahren wieder aufgenommen.
"Die pharmazeutische Industrie richtet ihre Prioritäten nicht unbedingt den Prioritäten der öffentlichen Gesundheit aus."Ellen 't Hoen, Rechtsanwältin und öffentliche Fürsprecherin bei Medicines Law and policy
Produkte Die nächste medizinische Revolution
Produkte Die nächste medizinische Revolution
Doch in der Schweiz herrschte tiefes Misstrauen gegenüber der Verwendung von genetischem Material in Therapien. Das führte 1998 zum so genannten "Biotech-Referendum". Die Schweizer Stimmberechtigten lehnten das vorgeschlagene Verbot von transgenen Tieren (bei denen eine DNA-Sequenz in eine Zelle integriert wird) jedoch ab und leiteten damit die Entstehung der Biotech-Industrie in der Schweiz ein. Die Abstimmung wurde als klares Zeichen dafür gewertet, dass das Land einen starken Biotech-Sektor wünscht.
ProdukteMillionenschwere Behandlungen
Das Streben nach Gesundheitsdaten und Analyse-Technologien bedeutet, dass Roche und Novartis nicht mehr nur mit anderen Pharma-Konzernen konkurrieren, sondern auch mit Tech-Giganten wie Google und Amazon, die in das Gesundheitsgeschäft eingestiegen sind.
Dies hat zu einem regelrechten Wettlauf um den Aufkauf kleiner, innovativer Unternehmen geführt, von denen einige mit staatlichen Mitteln gefördert wurden. Ab 2000 haben Novartis und Roche jeweils über 40 Unternehmen übernommen, von Startups im Bereich der künstlichen Intelligenz bis hin zu kleinen, auf Gentherapie spezialisierten Firmen.
2018 erwarb Novartis ein kleines US-Biotech-Startup namens Avexis, das auf Gentherapien spezialisiert ist. Im Jahr 2019 erhielten die Unternehmen die FDA-Zulassung für Zolgensma, eine einmalige Injektion zum Preis von 2,1 Millionen US-Dollar, welche die genetische Ursache der spinalen Muskelatrophie bekämpft.
ProdukteNeuausrichtung der Pharmaindustrie
Doch der Argwohn und das Misstrauen gegenüber den Konzernen lassen sich nur schwer abschütteln. Da immer mehr Medikamente zu exorbitanten Preisen verkauft werden, müssen Regierungen überlegen, wie die Produkte finanziert werden können. Das führt zu weiteren Fragen: Wie sollen die Konzerne verdienen? Wer hat bei Preisverhandlungen das Sagen?
Bild: Im Juni 2019 wurde auf den Roche-Turm das Logo des landesweiten Frauenstreiks projiziert, als Zeichen der Solidarität mit der Bewegung für die Gleichstellung der Geschlechter. (Keystone)
Wege aus der Pandemie
ZukunftWege aus der Pandemie
Bei den Impfstoffen sah die Sache anders aus. Der Schweizer Produktionspartner Lonza schloss früh einen Vertrag über die Herstellung der Wirkstoffe für den Moderna-Impfstoff ab. Novartis bot ebenfalls Produktionskapazitäten für das Vakzin von Pfizer/Biontech an. Doch an der Entwicklung eines Impfstoffs war kein Schweizer Unternehmen massgeblich beteiligt.
Anfang 2021, als die Schweiz sehnlichst auf einen Wirkstoff wartete, verstanden viele Menschen nicht, dass eine so innovative und dominante Industrie keinen Impfstoff entwickeln konnte.
Bild: Harald Borrmann von Roche Diagnostics, links, führt Bundesrat Alain Berset einen Covid-19-Schnelltest in einem Labor vor. (Keystone)
"Die aktuelle Gesundheitskrise hat uns einmal mehr vor Augen geführt, wie zentral die forschende Pharmaindustrie für die Gesundheit der Bevölkerung und die Volkswirtschaft der Schweiz ist."René Buholzer, Leiter Interpharma
Kulturwandel
Die Industrie fordert daher verstärkt den Abbau von Handelshemmnissen, einen besseren Zugang zu Talenten aus dem Ausland und mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie in Startups.
Die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie haben zusammen mit der digitalen Technologie auch kulturelle Veränderungen beschleunigt. Novartis war 2020 die erste Pharmafirma der Welt und das erste Schweizer Unternehmen, das seinen Mitarbeitern nach der Pandemie erlaubte, von überall aus zu arbeiten. Nach Angaben des Konzerns ist dies Teil des allgemeinen Wandels hin zu einem weniger von oben nach unten gerichteten Managementansatz.
Für das Jahr 2021 kündigte das Unternehmen ausserdem an, seinen Campus, der bisher nur mit einem Badge betreten werden konnte, in kleinen Schritten für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. (Bild: Novartis AG)
ZukunftEin Wendepunkt?
Basel ist zwar nach wie vor ein Zentrum der pharmazeutischen Industrie, aber die Unternehmen und Dienstleister sind mittlerweile über die ganze Schweiz und die ganze Welt verteilt. Und sie sind längst nicht mehr nur auf der Suche nach den besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, sondern auch nach den besten Leuten aus Bereichen wie Informatik, künstliche Intelligenz oder Datenanalyse.
Es gibt bereits Anzeichen dafür, dass die Unternehmen nicht mehr so wie noch vor der Pandemie aussehen werden. Im Herbst 2021 kündigte Novartis an, dass sie ihre Roche-Aktien im Wert von 21 Milliarden Dollar an Roche zurückverkaufen will, um in neue Medikamente zu investieren.
Ausserdem prüft Novartis seine Generika-Sparte Sandoz. Alle Optionen liegen auf dem Tisch, einschliesslich des Verkaufs von Sandoz – der letzte Name, der aus der Zeit vor Novartis noch übriggeblieben ist.
Ob die Pandemie ein Wendepunkt für die Branche in der Schweiz sein wird, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Entscheidend sind folgende Fragen: Wie wird die Branche sowohl den Bedürfnissen der breiten Gesellschaft als auch den Ansprüchen der Aktionäre und Aktionärinnen gerecht? Wie kann sie ihre Medikamente allen Menschen zugänglich machen, die sie benötigen? Und wird sie Innovationen vorantreiben, welche der Weltgemeinschaft wirklich nützen?
(Übertragung aus dem Englischen: Christoph Kummer)
Bild: Keystone
Quellen
Quellen
Georg Kreis, Beat von Wartburg (Hg.) Chemie und Pharma in Basel. November 2016
Tobias Ehrenbold. Samuel Koechlin und die Ciba-Geigy. 2017
T. Ehrenbold, Ch. Hatzky, Ch. Helm, W. Hochreiter, M. Rothmann, J. Salaks. Roche in the World 1896-2021: A Global History. 2021
Historische Archive Roche, F. Hoffmann-La Roche AG
Novartis: How a pharmaceutical world leader was created out of Ciba, Geigy and Sandoz. 2014
Novartis International AG, Firmenarchiv
EY. The largest pharmaceutical companies worldwide. 2020
Interpharma Health Panorama, 2020.
Interpharma. Pharmastandort Schweiz 2030; Region Basel.
Michael Grass, Simon Fry. The Importance of the Pharmaceutical Industry for Switzerland. BAK Economics. 2017.
Lukas Straumann, Daniel Wildmann. “Swiss chemical firms in the ‘Third Reich’”
US Department of Justice. Swiss Executive Agrees to Plead Guilty and Serve U.S. Jail Time. May 20, 1999.
Archive Schweizer Fernsehen SRF und Schweizer Radio International
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