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Am Morgen sah ich meinen Nachbarn von Weitem am gegenüberliegenden Ende unserer stillen Tiefgarage. Langsamer Gang, weisse Gummihandschuhe, lud er zwei volle, blaue Müllsäcke in sein Auto. Darin – ich kann nur vermuten – wohl Hundebett, Decken, angeknabbertes Spielzeug, das restliche Futter. Als er sich umdrehte und mich sah, rieb er sich mit dem Handgelenk über die feuchte Nase. Dann kreuzte er wortlos seine Arme wie ein ausgelaugter Fussballtrainer, der vom Seitenrand aus dem Schiedsrichter klarmachen will, dass das Spiel längst vorüber sei.
In den letzten Stunden hatte der 13-jährige Labrador Jason zuerst heftig zu zittern begonnen, erbrochen und war immer wieder ohnmächtig. Die Tierärztin wurde gerufen, hatte zuerst Beruhigungsmittel gespritzt, dann lange Ratschläge gegeben. Jason war wieder aufgestanden, hatte sogar gefressen. Noch einmal mit Alex ruhig nach draussen, die kühle Limmat entlang, ohne Leine. Schritt für Schritt wie schon tausende Male zuvor. Es war der allerletzte Spaziergang der beiden. Kurz darauf wieder ein heftiger Anfall, wieder Zittern. Jason wurde auf die Couch gehoben, die Familie um ihn herum, Hände über graublondem Fell. Daneben die Ärztin, die behutsam das Gift in seine Venen gab.
Der Morgen war nass und grau und ich war so schon nachdenklich unterwegs, weil heute, weit weg von mir, meine Ex ihren dreissigsten Geburtstag ohne mich feiern würde. Die müden Augen meines Nachbarn, seine hängenden Schultern und das Ringen um die paar wenigen Worte taten das Übrige.
Ich lese gerade Michael Kunderas Welterfolg «Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins». Darin beschreibt der Autor die Beziehung zwischen der Hauptperson Teresa und dem Hund Karenin so: «Diese Liebe ist selbstlos: Teresa will nichts von Karenin. Nicht einmal Liebe fordert sie von ihm. Sie hat sich niemals die Fragen gestellt, von denen die Menschenpaare gequält werden. Liebt er mich? Hat er jemand anderes mehr geliebt als mich? Liebt er mich mehr, als ich ihn liebe? (…) Teresa hat Karenin so akzeptiert, wie er ist. Sie wollte ihn nicht nach ihrem Bilde verändern, sie war von vornherein mit seiner Hundewelt einverstanden und wollte sie ihm nicht wegnehmen, sie war nicht eifersüchtig auf seine heimlichen Neigungen.»
Ankunft im Büro. Auf den Allermeisten der vielen Fernsehgeräte dasselbe Bild. Hunderte trauern um den toten Kremlkritiker Nawalny. Kerzen, Rosen, Tränen. Was bleibt von uns übrig?
Müder Blick auf LinkedIn. Unter einem Post meines scheidenden CEOs die Worte: «Life is a series of meetings and partings.»
Bei Kundera heisst es: «Sie wollte die Moldau sehen, am Ufer stehen und lange in die Wellen schauen, weil der Blick auf fliessendes Wasser beruhigt und heilt. Seit Hunderten von Jahren fliesst der Fluss dahin, und die Geschicke der Menschen spielen sich an seinen Ufern ab. Sie spielen sich ab, um morgen schon wieder vergessen zu sein, während der Fluss weiterfliesst.» Teresa und Karenin an der Moldau. Alex und Jason an der Limmat. Wie schon tausendmal zuvor. Und dann nicht mehr. Was bleibt von uns übrig?
03. April 2024