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Arbeiten Sie im Büro und treiben nach Feierabend regelmässig Sport? Dann gibt es für Sie eine schlechte Nachricht: Sie leben wahrscheinlich nicht länger als z. B. ein Mechaniker, der keinen Sport treibt. Oder anders gefragt: Schauen Sie gerne TV, rauchen aber nicht? Dann sterben Sie vermutlich früher als wenn Sie pro Tag bis zu zehn Zigaretten rauchen, aber nie vor der Glotze hocken würden. Und Sie ahnen es schon: Die tiefste Lebenserwartung haben Menschen, die viel im Büro arbeiten, am Abend viel fernsehen und viel rauchen. Da hilft es auch nichts, wenn sie täglich eine Stunde sportlich aktiv sind.
Wie schädlich ist Sitzen?
Das Journal «Diabetologia» veröffentlichte vorige Woche die Resultate einer Metastudie des Forschungsteams um Dr. Emma Wilmot. Sie verglichen und analysierten 18 Studien, die unabhängig voneinander durchgeführt und bei denen insgesamt 794’577 Personen befragt und untersucht wurden. Im Zentrum stand die Frage, welche Gefahren das Sitzen für die Gesundheit birgt.
Im Schnitt gaben die Teilnehmer an, 50 bis 70 Prozent des Tages im Sitzen zu verbringen. Die Forscher verglichen die Sitzdauer mit der Gesundheit und fanden heraus: Jene, die am längsten sitzen, erhöhen ihr Risiko, an Diabetes und Herz-Kreislauf-Problemen zu erkranken deutlich. Das Risiko für einen frühen Tod steigt um 49 Prozent.
Sport könne das Sitzen nicht ausgleichen
Studienleiterin Dr. Emma Wilmot sagt: «Leute, die im Büro arbeiten, reduzieren ihr Risiko auch dann nicht, wenn sie sich wie empfohlen täglich 30 Minuten bewegen.» Zwar werde ein Sportler bessere Gesundheitswerte haben als sein Kollege, der nach dem Büro nach Hause fährt und fernsieht. Ein Kellner, der den ganzen Tag auf den Beinen sei, habe verglichen damit jedoch ein viel geringeres Gesundheitsrisiko.
Viele würden sich selbst einreden, einen gesunden Lebensstil zu pflegen, weil sie täglich 30 Minuten Sport machen. «Aber sie müssen an die restlichen 23,5 Stunden des Tages denken.» Immerhin fügt Wilmot an, es sei zwar nicht ganz umsonst, wenn man sich nach der Arbeit aufraffe, eine Stunde zu joggen, aber ausgleichen könne das die schädlichen Auswirkungen des langen Sitzens nicht.
Sitzen ist also Gift für die Gesundheit. Diabetes sei die häufigste Folge. Weshalb das so ist und ab wie vielen Stunden die Folgerisiken auftreten, konnten sie noch nicht wissenschaftlich belegen. Man wisse bisher einzig, dass sich das lange Verharren in der ungesunden Sitzhaltung negativ auf die Glukosewerte auswirke und die Insulinresistenz erhöhen könne.
Um die Stunden im Sitzen zu reduzieren, geben die Forscher folgende Tipps:
- Zwischendurch im Stehen arbeiten
- Meetings im Stehen abhalten (Stehung statt Sitzung)
- Während der Mittagspause herumspazieren
- Die Zeit am Abend vor dem TV reduzieren
Ganz verteufeln wollen die Wissenschaftler den Sport dann aber doch nicht: Sport sei eine grossartige Möglichkeit, ein gesundes Gewicht zu halten. Und das sei wiederum die beste Möglichkeit, das Risiko von Typ-2-Diabetes zu minimieren.
Nun, was halten wir von dieser Studie? Bereits vor einem Jahr kamen australische Forscher zu einem ähnlichen Resultat. Sie hatten zudem herausgefunden, dass jede Stunde, die man vor dem Fernseher sitzt, die Lebenserwartung um 21,8 Minuten verkürzt. Gerne hätte ich gewusst, ob die Studienteilnehmer auch gefragt wurden, welche Sendungen sie sich im Fernsehen anschauen. Macht es für den Herz-Kreislauf einen Unterschied, ob man Gruselfilme schaut oder Rosamunde Pilcher? Welche Auswirkungen haben Hypochonder züchtende Sendungen wie «Puls» auf die Gesundheit?
Und erinnern wir uns an vergangene Woche, als durch die Medien ging, Pommes frites essen in der Schwangerschaft sei genau so schädlich wie Rauchen. «Würde das stimmen, gäbe es längst keinen einzigen Belgier mehr», kommentierte mein unsportlicher, vielrauchender Bürokollege. Erforscht ist übrigens auch schon, dass eine Zigarette die Lebenserwartung um 11 Minuten verkürzt – offenbar halb so viel wie eine Stunde vor dem TV sitzen. Können Sie das glauben?