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Direktor Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz; Research Fellow ISPM Bern; SSPH+ Fellow
Das neue Tabakproduktegesetz (TPG), welches derzeit vom Parlament ausgearbeitet wird, ist ein Gesetz, das alle tabak- und nikotinhaltigen Produkte regulieren soll. Hier gilt es hervorzuheben, dass elektronische Zigaretten (electronic nicotine delivery systems oder ENDS) in der Schweiz in keiner Weise reguliert sind. In seiner heutigen Form wird das TPG nicht viel an dieser Situation ändern und ist im Wesentlichen ein zahnloser Tiger.
Neue Nikotinprodukte: Risiken und Gefahren für Jugendliche
Angesichts zunehmend wirksamer Tabakpräventionsmassnahmen in vielen Ländern und des daraus resultierenden Rückgangs des Konsums hat die Tabakindustrie, die Gewinneinbussen befürchtet, mit der Einführung mehrerer Alternativen zu herkömmlichen Zigaretten reagiert. 2008/09 kamen die ersten ENDS auf den Markt, und seither hat sich der Tabak- und Nikotinkonsum dramatisch verändert. Diese neuen Produkte haben den Schweizer Markt erobert, obwohl die Schweiz im internationalen Vergleich weiterhin einen der letzten Ränge belegt bezüglich Tabakpräventionsmassnahmen [1]. Darüber hinaus explodiert der ENDS-Konsum unter Jugendlichen: Laut einer aktuellen Studie konsumieren 74% der jugendlichen Raucher (13–17 Jahre) ebenfalls ENDS [2].
ENDS: von den grossen Tanks zu den Puff Bars
Hunderte von Marken und Modellen sind heute im Angebot, entweder in Vape-Shops oder auf Websites mit Tausenden von verschiedenen Geschmacksrichtungen. Diese Produkte werden nicht besteuert, da sie keinen Tabak enthalten, und die Industrie bewirbt sie mit dem Argument der «Risikominderung», obwohl ihre Wirksamkeit bei der Reduzierung des Rauchens aus Sicht der öffentlichen Gesundheit weithin umstritten ist. Die Risiken, die diese Produkte für die Entwicklung einer langfristigen Nikotinabhängigkeit bei jungen Menschen darstellen, sind eindeutig nachgewiesen. In den USA zum Beispiel, wo Massnahmen zur Reduzierung des Rauchens in Schulen sehr erfolgreich waren, ist der ENDS-Konsum zwischen 2011 und 2019 um 1800% explodiert [3].
ENDS gibt es in verschiedenen Ausführungen. Die häufigste Form unter Erwachsenen ist die der «Mods», die oft gross und nicht sehr elegant sind, aber die es ihnen erlauben, aus tausenden von verfügbaren Aromen zu wählen oder sogar ihre eigene Mischung und Flüssigkeit zu komponieren und auch wie ein kleiner Chemiker mit der Dosierung von Nikotin zu spielen.
Eine andere Art von ENDS, die sehr beliebt ist, sind die «Pods» oder kleinen Einwegkapseln mit verschiedenen Geschmacksrichtungen. Eine grosse und bekannte Pod-Marke, die aber in der Schweiz und in Europa ein echter kommerzieller Misserfolg war, ist Juul. Es sind jedoch noch viele andere ähnliche Marken erhältlich. Wie bei einer bekannten Kaffeemaschine können die Kapseln nur mit der spezifischen Marke der Maschine funktionieren, um den Verbraucher zu binden.
Die tückischste und immer noch wenig bekannte Version der ENDS ist eine neue Klasse von Einweggeräten, wie zum Beispiel die Produkte der Marke Puff Bar. Dabei handelt es sich um eine Aluminiumbox, die bereits eine Batterie und eine aromatisierte Flüssigkeit enthält, sie ermöglicht die Aufnahme einer Nikotinmenge, welche einer Zigarettenschachtel entspricht, d.h. 800 Zügen. Sobald das Gerät leer ist, wird es entsorgt. Es sieht aus wie ein Stabilo Boss, mit hellen Farben und einem schlanken Gehäuse, das kleiner ist als andere ENDS. Diese Geräte, zunehmend in Verkaufsstellen und auch im Internet erhältlich, sind in Schulen massiv im Umlauf. In den vielen Kantonen, die das Mindestalter für den Kauf von ENDS noch nicht angepasst haben, können diese Produkte mit grosser Leichtigkeit gekauft werden. Junge Leute kaufen sie auch, um sie an Gleichaltrige zu verkaufen.
Die neuen Produkte ermöglichen auch den versteckten (stealth) Konsum, wie es bei Snus bereits der Fall ist. Das Gerät tarnt sich nicht nur zwischen den anderen Stiften der Teenager, sondern kann im Gegensatz zu herkömmlichen Zigaretten auch unsichtbar konsumiert werden. Hat man sich früher auf den Toiletten versteckt, um in der Schule eine Zigarette zu rauchen, kann man sich heute hinten im Klassenzimmer aufhalten und unbemerkt paffen [4]. Kürzlich sind auch Filter auf dem Markt erschienen, die SLEAV (mysleav.com) genannt werden und an viele Arten von ENDS angepasst werden können, um die Dampfwolken weiter zu verbergen. Diese Gegenstände sind eindeutig dazu gedacht, diskretes und verstecktes Vaping weiter zu fördern.
Die Heated Tobacco Products (HTP): die Tabak-Toaster
Um das Jahr 2015 ist eine neue Form von Tabakprodukten aufgetaucht: Tabakprodukte zum Erhitzen (HTP, gemäss der Definition der WHO). Die Industrie bewirbt sie unter dem Namen Heat-Not-Burn, um zu betonen, dass diese Geräte im Gegensatz zu Zigaretten den Tabak nicht verbrennen. Die HTP erhitzen komprimierte Tabakstangen nur bis zu 350 °C, was uns zu der Annahme verleitet, dass dieser Prozess besser und weniger schädlich ist als die Verbrennung [5]. Die Industrie, insbesondere in der Schweiz, wirbt für dieses Produkt mit teuren Werbekampagnen und mit Publireportagen unter anderem in enger Zusammenarbeit mit einer grossen Zürcher Zeitung, um die unglaubliche technologische Entwicklung zu preisen, die diese Geräte darstellen, und den Wunsch der Industrie, zum Ziel einer «rauchfreien Welt» beizutragen. In Wirklichkeit sind HTP keine innovativen Wunderwerke; ihr technologischer Innovationsgrad lässt sich am ehesten mit dem eines Toasters vergleichen, der statt Toastscheiben komprimierte, mit Zusatzstoffen versehene Tabakstangen röstet.
Es hat sich gezeigt, dass der von HTP freigesetzte Rauch Elemente aus der Pyrolyse und dem thermischen Abbau enthält, die mit den gefährlichen Bestandteilen im herkömmlichen Zigarettenrauch identisch sind [6]. Das Interesse der Industrie besteht darin, den Markt mit einem Produkt zu besetzen, das ihrer Meinung nach weniger gefährlich ist, welches sie an einen Kundenstamm mit höherem sozioökonomischem Niveau verkauft und mit dem sie mehr Gewinn macht als mit Zigaretten [7].
Welche Auswirkungen haben diese Produkte in der Schweiz?
Das Vereinigte Königreich wird oft als Beispiel herangezogen, um zu zeigen, dass ENDS zu einer Verringerung der Zahl der Raucherinnen und Raucher führen und somit zu einer Politik der «Schadensminderung» beitragen, die von der Industrie selbst nun vehement befürwortet wird. Aber das Vereinigte Königreich hat in den letzten Jahren auch andere wichtige Schritte zur Reduzierung des Rauchens unternommen.
Vergleicht man die Schweizer mit dem Vereinigten Königreich, ergeben sich viele Zweifel und Fragen. In der Schweiz wurden seit der Einführung von ENDS keine nennenswerten Massnahmen zur Eindämmung des Tabakkonsums ergriffen, abgesehen von dem 2010 in Kraft getretenen Passivrauchgesetz, das jedoch schwach und unvollständig ist. Die Tabaksteuer wurde seit 2013 nicht mehr erhöht, und die Preise in der Schweiz sind sehr niedrig, wenn man die Kaufkraft berücksichtigt. In der Schweiz sind ENDS überall erhältlich, sie sind billig, werden nicht besteuert, es gibt keine Beschränkungen für Werbung oder den Verkauf an Minderjährige (ausser in sieben Kantonen).
Trotz der Einführung von ENDS und anderen neuen Produkten ist die Prävalenz des Rauchens in der Schweiz nicht im Geringsten zurückgegangen und liegt nach wie vor bei 27% der erwachsenen Bevölkerung. Ausserdem ist die Schweizer Bevölkerung in den letzten zwölf Jahren um eine Million Menschen gewachsen, was bedeutet, dass wir bei einer Rate von 27%, selbst wenn wir konservativ sind, in absoluten Zahlen leicht 200 000 Raucher «hinzugewonnen» haben, und dies trotz der Einführung von ENDS. Selbst wenn der Nutzen von ENDS im Rahmen der individuellen Raucherentwöhnungsberatung gesehen werden kann, scheint uns klar, dass das Schweizer Beispiel zeigt, dass ein freier, ja wilder, unregulierter und unkontrollierter Markt für ENDS im Sinne der öffentlichen Gesundheit nicht sinnvoll ist. Zudem sind die Gefahren, die ENDS für den Einstieg von Jugendlichen in die Nikotinsucht darstellen, sehr bedeutend und werden in der Schweiz völlig unterschätzt. Das neue Tabakproduktegesetz wird keine Antworten auf diese Fragen geben.
Interessenkonflikte
Der Autor erklärt, dass er keine Interessenkonflikte hat. Insbesondere haben weder AT Schweiz noch der Autor jemals finanzielle Mittel von der Tabak- und Nikotinindustrie oder von Organisationen, die von diesen Industrien abhängig sind oder ihnen nahestehen, erhalten.
Credits
Thomas Beutler/AT Schweiz
Korrespondenzadresse
Luciano.ruggia[at]at-schweiz.ch
Literatur
1 Joossens L, Feliu A, Fernandez E. The Tobacco Control Scale 2019 in Europe 2020.
2 Mozun R, Ardura-Garcia C, de Jong CCM, et al. Cigarette, shisha, and electronic smoking and respiratory symptoms in Swiss children: The LUIS study. Pediatric pulmonology. 2020. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32716136/
3 Truth Initiative. E-cigarettes: Facts, stats and regulations: Factsheet 2019. Available at: https://truthinitiative.org/research-resources/emerging-tobacco-products/e-cigarettes-facts-stats-
and-regulations
4 Dormanesh A, Allem J-P. New products that facilitate stealth vaping: the case of SLEAV. Tob Control. 2021. doi:10.1136/tobaccocontrol-2020-056408 [published Online First: 24 May 2021].
5 Barben J, Künzli N. Tabakprävention angesichts neuer Trends. Swiss Med Forum. 2019.
6 Auer R, Concha-Lozano N, Jacot-Sadowski I, et al. Heat-Not-Burn Tobacco Cigarettes: Smoke by Any Other Name. JAMA Intern Med. 2017;177(7):1050–2.
7 Ruggia L. Heated Tobacco Products: Deep Dive Switzerland: A Policy Brief 2020.
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