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Meine Eltern wollten in mir das verwirklichen, was sie selber nicht erreichen konnten, eine höhere akademische Ausbildung und Laufbahn mit einem entsprechenden Grad. Diesem Ziel haben sie alles untergeordnet, auch mich und meine Jugendzeit. Bezeichnend war, dass für mich die Nicht-Promotion (Nicht Beförderung) in die 5. Klasse des Humanistischen Gymnasiums keine Niederlage, sondern eine Befreiung von einer gewaltigen Last war..
Meine Schwester Christine hatte es ein paar Jahre später leichter. Auf ihr lastete nicht derselbe Druck. Vielleicht auch, weil sie ein Mädchen war. Ein Mädchen, das studiert, war dazumal noch undenkbar. Man verheiratete es später und dann blieb es ihr ganzes Leben Hausfrau und Mutter.
Also besuchte ich vom 20. April 1954 bis zum 2. April 1958 das Humanistische Gymnasium auf dem Münsterplatz hoch über Basel. Es war die damals berühmteste Schule in Basel. Ich sollte zu einem Humanisten ausgebildet werden, zu einem Pfarrer, Juristen oder Mediziner. Für diese Studienrichtungen waren damals noch Latein und teilweise Griechisch Voraussetzung. Mit dem alten Fahrrad meines Vater fuhr ich regelmässig vom Klingelberg auf den Münsterplatz via Bürgerspital . Schifflände und Rheinsprung, am Ort vorbei, wo mein Vater im Blauen Haus arbeitete.
Über meine Stärken und Schwächen im HG kann ich mich nicht mehr erinnern. Markus Böni erzählte mir mal später, ich sei im HG nicht nur ein ganz toller Torhüter gwesen, sondern der beste im Rechnen. Als ich dies vernahm, musste ich den Kopf schütteln. Was war denn in meine Eltern gefahren, mich ins altsprachliche Gymnasium anstatt ins Mathematisch-Naturwissenschaftliche Gymnasium (MNG) zu schicken? Aber damals gab es noch keine psychologischen Eignungs-Tests, die dies bestimmt an den Tag gebracht hätten.
Es muss damit zusammenhängen, dass ich etwas besonderes werden sollte. Sie konnten ja zu der Zeit auch nicht wissen, dass ich mich zu einem Sprachferkel entwickelte, also jemandem, der kein oder wenig Talent in Fremdsprachen aufwies. Heute weiss ich, dass ich zu der Zeit zum ersten Mal auf einen falschen Weg geschickt wurde, und deswegen eine erste Ehrenrunde machen sollte. Aber sie hat mir nicht geschadet. Vielleicht war es auch gut so, denn ich musste mich durchbeissen und lernte mit Niederlagen umzugehen.

Peter Schai (1999)
Die Schule war das A und O meiner Eltern. Bald stellte sich heraus, dass die Sprachen meine Schwäche darstellten. Im ersten Jahr Latein, dann im Zweiten Französisch und im 4. Jahr Griechisch. Oft wurde ich nur zur Probe ins nächste Semester oder Jahr befördert. In den Sprachfächern schwankten die Noten zwischen 3 und 4 (ungenügend und genügend). In den Ferien bekam ich deswegen regelmässig Nachhilfe-Unterricht durch Peter Schai.
Dieser Nachhilfe-Unterricht muss meinen Eltern viel gekostet haben, denn Peter Schai war in den Ferien fast alle 2 Tage bei mir, aber auch in der normalen Unterrichtszeit 1-2 mal die Woche. Ich erinnere mich noch gut, wie ich in den Ferien die Latein-Vokabeln durchbüffeln oder den "Bello Gallico" von Caesar übersetzen musste. Von einer Nachhilfestunde zur anderen ein paar Kapitel des Lateinbuches. Während meine Freunde draussen spielten.
Am meisten frustriert hatte mich, dass Peter Schai, er war nur etwa 8 Jahre älter als ich, ein begnadeter Humanist war. Er konnte lateinisch und griechisch alle grossen Dramen rezitieren. Ich war und blieb im Vergleich zu ihm eine kleine "Wurst".
So beschränkten sich meine Ferien auf die 3 Wochen im Sommer mit meinen Eltern, denn die übrige Ferien-Zeit im Frühling, Sommer, Herbst und über Weihnachten musste ich lernen, viel lernen. Ich durfte zwar Sport treiben, im Winter Eislaufen und im Sommer Baden in der Badeanstalt, aber der Beitritt in einen Verein wurde mir erst nach Eintritt in die Laborantenlehre mit 16 Jahren erlaubt. Es galt die Devise: Zuerst die Arbeit, sprich Hausaufgaben und Nachhilfeunterricht, und dann erst das Vergnügen ..... und dabei wäre ich doch so gerne wie meine Freunde zu den Pfadfindern gegangen und hätte im Winter Eishockey gespielt, wo ich doch auf den Schlittschuhen zu den Besten auf der Kunschti gehörte.
Ein Horror für mich war das Auswendig lernen. "Erlkönig" oder "Die Glocke". Grauenhafte Erinnerungen. Ich bekam es nie in den Griff, wie man ein Gedicht auswendig lernt. Von einer Woche auf die andere gab es jeweilen einen Vers zu lernen und ihn vorzutragen. Vor dem besagten Tag konnte ich nachts nicht schlafen. Es war grauenhaft. Wie froh war ich immer, wenn ich nicht dran kam. Aber das Unheil nahte in der Woche danach. Es gab Freunde, die konnten wie Schauspieler rezitieren. Ich hingegen hatte jeweilen eine schwarze Wand vor mir.
Es blieb Zeit meines Lebens eine Schwäche, etwas auswendig zu lernen. Ich musste den Inhalt und Zusammenhang verstehen, dann blieb es in meinem Kopf gespeichert. Leider gab es aber niemanden, der mir Tips gegeben hätte, wie man auswendig lernt. Damals gab es noch kein Internet, in dem man sich informieren konnte.
Als die Pubertät sich anbahnte, überschlug sich immer mehr meine Stimme. Wer kennt nicht diese "Quieck-Laute". Ich war einer der ersten in meiner Klasse, der "quieckte". Von älteren Schülern habe ich erfahren, dass man sich mit dem Stimmbruch vom Gesangs und Musikunterricht befreien konnte. Gesagt getan, denn Singen war nicht meine Stärke und eine Stunde frei war mir 100mal lieber.
So trabte ich beim Schularzt an, um mir eine Dispens vom Singen wegen Stimmbruchs zu holen. Ich wusste, ich muss dem Schularzt meine Bruch-Stimme vordemonstrieren. Da ich noch nicht so stark quieckte, übte ich den ganzen Tag vorher und schrie, bis ich endlich heiser war. Schlussendlich war der Schularzt zufrieden und hat mich vom Gesangsunterricht dispensiert. Diese 1 Stunde verbrachte ich von nun an auf der Pfalz beim Basler Münster hoch über dem Rhein und genoss meine neue Freiheit, bis der nächste Schulfreund mit demselben Beschwerden zu mir stiess.
Die pubertären Pausen im Schulbetrieb verbrachten ich auf der Pfalz und schaute dem Treiben auf dem Rhein zu. Wir sahen die grossen Schleppkähne vollbeladen in Richtungs Birsfelder-Hafen den Rhein hoch fahren, und leer wieder nach Rotterdam zurückkehren. In dieser Zeit wurde ich Augenzeuge zweier Unfälle auf dem Rhein.
Der Ablauf einer dieser beiden Unfälle ist immer noch wie ein Film in mir gespeichert: Bei einem mit Kohle gefüllten Schlepper, der den Rhein aufwärts fuhr, fiel der Motor unmittelbar vor der Pfalz aus. Der Kapitän versuchte das steuerlose Schiff zu ankern, aber es wurde wegen der starken Strömung in Richtung Mittlere-Brücke abgetrieben und krachte dort auf 2 der 5 Pfeiler. Es sank innert weniger Minuten und versperrte den Schiffsverkehr während Tagen. Glücklicherweise konnte sich die Besatzung unbeschadet retten.
Was macht man nicht alles, wenn man nur wenig Sackgeld erhält oder es nicht reicht? Ich wurde bestimmt kurz gehalten, auch wenn man sich immer mit denen vergleicht, die es besser haben. Ich reagierte jedoch. Um meinen Geldbeutel aufzubessern kam ich auf die Idee, Radiergummis in der Schule zu verkaufen. Ich kaufte in der EPA ein Päckchen mit 5-8 vershiedenen Radiergummis zu 25 Rappen (als Beispiel). Die einzelnen Gummis aus diesen Päckchen verkaufte ich meinen Schulkollegen zu je 10 Rappen. Dieses Geschäftsmodell funktionierte, bis einer mir auf die Schliche kam und seinen Verkaufs-Preis massiv senkte. Seine Freude war aber nur von kurzer Dauer, denn meine Schulkollegen kauften nun direkt in der EPA. so lernte ich bereits in menen jungen Jahren, wie das Business funktioniert.
Der Bazooka-Kaugummi war das erste mir bekannte amerikanische Produkt, das sich nach dem Krieg in Europa durchsetzte. In seiner blau-weiß-roten Verpackung erinnerte an die US-amerikanischen Nationalfarben. Jeder GI kaute an einem solchen Kaugummi. In Europa war das kaugummi-kauen neu. Unter uns Jungens wurde es zu einem Mode-Produkt. Wenn man Profi war, dann konnte man mit ihm Kugeln resp. Ballone blasen, und damit bei den Mädchen Eindruck und Bewunderung schinden. Dies war aber gar nicht so einfach. Wie peinlich war es jedoch, wenn einem der etwa 4-5 cm grosse Ballon zerplatzte und der Kaugummi auf der Nase kleben blieb.
Ich begann als Schüler mit wachsender Begeisterung zu lesen. In der Primarschule waren es die "SJW-Hefte" , und später war ich ständiger Gast in der Bibliothek des HG und der öffentlichen Bibliothek in Basel. Als ich dann bereits in der Ciba arbeitete wurde ich Mitglied des Ex Libris und des NSB-Buchclubs und investierte dort all mein kleines Sackgeld.
Die SJW-Hefte (=Schweizer Jugendschriftenwerk) waren eine Besonderheit der damaligen Zeit. Die SJW-Hefte waren etwa 30-50 Seiten dick und kosteten wenig. Sie behandelten hoch-interessante Themen wie "Die Pfahlbauer am Mossee". Als Schreiber wurden oft grosse Schriftsteller wie Olga Meyer, Franz Hohler oder Tomi Ungerer engagiert. Sie wurden als Gegenstück gegen die sog. "Schundliteratur" geschaffen, zu denen die Mickey-Maus-Hefte aber auch die Karl May Bücher zählten. Bei uns zu Hause, waren diese beiden ein Tabu. Dieses Verbot war ein typisches Beispiel, dass ein Verbot nichts nützt. Ich sah mir nämlich diese Comics bei Freunden an. Und Karl May erhielt ich in den Bibliotheken.
Ich las in jeder Minute meiner Freizeit, denn einen Radio oder gar Fernseher hatte ich damals noch keinen, nur einen Lautsprecher. Dieser war unter Kontrolle meiner Eltern. Sie bestimmten, was ich hören durfte. Das Lesen war aber auch ein Ersatz zu meinen unerfüllten Sport-Ambitionen. Meistens entlehnte ich mir mehrere Bücher aus der Bibliothek. Ich habe unzählige Bücher der Weltliteratur, aber auch spannende Jugendliteratur wie Karl May, Biggels und seine Freunde, Sherlock Holmes, Erich Kästner, "Mein Name ist Eugen", "Jan und die Detektive" gelesen. Es fehlten aber auch nicht die Schweizer Schriftsteller Conrad Ferdinand Meier und Gottfried Keller, oder die Griechischen Göttersagen. Jeweilen auf Weihnachten erhielt ich das Jahresbuch "Helveticus" und den "Pestalozzi-Kalender" (Schweizer Schülerkalender der Pro Juventute). Zwei spannende Bücher und Nachschlagwerke.
In der Bibliotheke meiner Eltern fand ich manch interessante Werke. So die von Honoré de Balzac. Sie hatten erotischen Einschlag und interessierten mich in meiner Pubertätszeit immens. Sie ersetzten die heutige Sex- und Porno-Literatur. Spannend waren auch die Bücher über die "Völker der Erde". Da sah man in gezeichneter Form, halbnackte Frauen. Ein wunderbares Eldorado für einen pubertierenden Jungen, der von den Eltern nicht aufgeklärt wurde.
Später in der Lehre las ich aber auch Kriminalromane wie Jerry Cotton, Agatha Christie oder Sherlock Holmes.

Die Biggels-Buchreihe vom Verlag Hallwag war eine Kultserie. Sie kam aus dem Englischen, wo der Held noch "Biggles" hiess. Die komplette Serie von Captain W.E. Johns umfasste 98 Bücher. Ich kann mich an etwa ein Dutzend Biggels-Bücher erinnern, die damals im Schweizer Hallwag Verlag erschienen sind.
Biggels in Indien
|Auf dem Bielersee|
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Sport, Sportstage und Schulausflüge waren meine Lieblingsfächer und -Tätigkeiten. Dort war ich bei den besseren und konnte mich austoben. Leider habe ich mich auf diese Tage derart gefreut, dass ich dabei kank wurde und meistens nicht dabei sein konnte. Ich musste das Bett hüten und litt unter dem "Azeton-Brechen". Mehrmals musste der Kinderarzt vorbeikommen, so schlecht ging es mir, aber es war nur der positive-Stress, der mich ins Bett warf. Mit Beginn der Pubertät war alles vorbei.
Meine Eltern reagierten bei solchen Anfällen immer richtig. Ich bekam zerdrückte Bananen und etwas Traubenzucker darüber. Ich genoss diese Zuneigung, denn nun bestand kein Druck auf mir.
An einen Ausflug im 1957 mit dem damaligen Klassenlehrer Günther Erzinger kann ich mich noch gut erinnern. Wir fuhren mit dem Zug nach Biel und von dort ging es via Magglingen - Neuveville - Petersinsel wieder zurück nach Biel. Günther Erzinger war mit seinem grossen Schäferhund dabei. Es war unser letztes grosses Erlebnis mit ihm, denn wenige Wochen später verunglückte er tödlich bei einem Flugzeugabsturz auf dem Steingletscher.
In der 3. und 4. Klasse des HG' gab es erstmals Sportferien im Winter. Damals wurden die Schüler des Hum. Gymnasiums aufgeteilt in Anfänger und in solche, die bereits Skifahren konnten. Die bereits erfahrenen Skifahrer gingen in ein Skigebiet. Ich war ein blutiger Anfänger und verbrachte meine Woche im Pfadfinderheim etwas ausserhalb von Kandersteg. Die Ski samt Schuhen konnte ich beim Basler Sportamt auf dem Münsterplatz mieten. Die meisten meiner Klassenkamereden mussten mieten, denn zu der Zeit konnten sich nur wenige Skiferien leisten. Als Ski's gab es die zu der Zeit üblichen Holzski's mit einer Kandahar-Bindung. Dabei wurde der Schuh zwischen zwei Metallbacken geklemmt, die den Ski resp. Schuh auch bei Stürzen nicht mehr freigab. Die Sicherheitsbindungen gab es erst Jahre später. Die Kanten waren aus Hartholz und als Belag diente ein Farb-Aufstrich.
In Kandersteg lernte ich auf der verschneiten Wiese rund ums Pfadiheim mit den Skiern herumrutschen. In der Nähe war ein kleiner "Idiotenhügel", auf dem ich die Grundlagen vom Skifahren übte und meine ersten Abfahrten machte. An Kandersteg erinnere ich mich vorallem an die Elmer-Citron Flaschen, die ich mit dem wenigen Sackgeld, das ich von zu Hause bekam, mir kaufte. Ich kaufte es aber nicht am Kiosk des Pfadiheimes, sondern im etwa 5 km entfernten Kandersteg im dortigen Konsum, weil es dort günstiger war. Welch Genuss, direkt aus der Flasche das eiskalte Elmer-Citro zu trinken. Zu Hause gab es dies nie!
Im Jahr darauf ging es bereits in ein besseres Skigebiet, denn ich war ja nicht mehr blutiger Anfänger. Auf dem Idiotenhügel vom Stoos, dem Sternegg-Lift unterhalb des Hausen- und Klingenstocks, lernte ich recht gut skifahren, wurde dann aber übermütig und machte am zweitletzten Tag am 13. März 1958 einen dummen Unfall. Ich stürzte, verstauchte mir die Beine und verdrehte die Knöchel. Mit einem Rettungschlitten wurde ich ins "Schwyzer Berghuus" gebracht, wo ich bei den Schulfreunden bleiben durfte, bis wir am Tag darauf mit dem Zug wieder heim nach Basel fuhren. Dort angekommen wurde ich eine ganze Woche ins Bürger-Spital zur Beobachtung gebracht ..... ohne dass irgendetwas gebrochen war.
Das HG hat nicht nur schlechtes an mir verübt, das HG hat mich geprägt. Ich habe wirklich eine humanistische Ausbildung genossen. Ich lernte die griechische, römische und auch ägyptische Geschichte und Kultur kennen und lieben.
Viel dazu beigetragen hat mein erster Klassenlehrer Johannes Baumgartner (Jahrgang 14. Oktober 1927), von seinen Lehrer-Kollegen "Möpsli" genannt, Er war ein Schweizer Spitzensportler vom Turnverein RTV. Er nahm 1952 an den Olympischen Spielen von Helsinki über 800 m teil und war auch selektioniert für Melbourne 4 Jahre später. Seine Bestzeit über 800m war 1:57.1 Aber die Schweiz boykottierte diese Spiele.
Johannes Baumgartner war nach dem tödlichen Unfall von Günther Erzinger auch mein letzter Klassenlehrer im 4. Jahr.
Er unterrichtete in Latein und Geschichte. Das Latein war für mich ein Aergernis und eine grosse schulische Belastung, aber die griechische und römische Geschichte haben mich bis zum heutigen Tag fasziniert und geprägt. Rom besuchte ich bestimt gegen 10 mal und Aegypten auch schon 2 mal. Die beiden Kulturen sind einmalig!
Eine Eigenart von Möpsli waren seine "Spickzettel", wie wir seine Stundenvorbereitungen nannten. Auf kleinen maximal 5x5cm grossen Papier-Fetzen hatte er mit einem extrem gespitzten Bleistift die wichtigsten Stichworte seiner Lektion aufgeschrieben. Auf solch kleinen Zettel waren auch die Prüfungsfragen notiert. Ob er jedes Jahr dieselben benutzte, weiss ich nicht.
Einmal die Woche Freitags oder Donnerstags gab es bei ihm eine Latein-Prüfung. Diese bestand aus gegen 10 abgefragten Wörtern und 6 zu übersetzenden Sätze. Dieser Tag war immer ein schrecklicher Tag. Am Tag davor büffelte ich wie wild, aber meistens half es nichts. In den 4 Jahren HG kam es aber 3 oder 4x vor, dass ich aussergewöhnlich gut abschnitt und von Möpsli persönlich erwähnt wurde. Einmal war ich sogar der Beste! Dies war ein Triumph! Aber ich wusste nie warum ich derart gut abgeschnitten hatte. Es war wie beim Lotto, ich hatte auf das Richtige getippt
Dr. Holliger mochte ich weniger. Er war ein typischer unnahbarer Lehrer und bereits älter. Ich kann über ihn weder gutes noch schlechtes berichten. Er war eben nur ein Lehrer. Nicht nur eine Respektsperson, er war ein Uebermensch, denn er wusste alles besser. Bei ihm hatte ich Französisch ab der 2. Klasse.
Im vierten Schuljahr bekam ich mit Günther Erzinger einen neuen jungen Klassenlehrer. Zu ihm hatte ich ein ganz besonderes Verhältnis. Ich habe ihn einmal auf dem Flugplatz Basel Mülhausen getroffen, als er für die "Schweizerische Rettungsflugwacht" einen Trainingsflug machen musste. Er nahm mich mit auf diesen Schulungsflug. Ein einmaliges Erlebnis. Ich war stolz bis zum geht nicht mehr.
Anfang Oktober 1957 geschah dann das Unfassbare: Günther Erzinger stürzte bei einer Demonstration und Uebung von Fallschimspringern mit Lawinenhunden der Rettungsflugwacht in einer Stenson P4 über dem Steingletscher ab. Es war ein grosser Schock. Es waren Herbstferien. Ueber den Klassenalarm habe ich eigenmächtig alle meine Kameraden über das Unglück und die bevorstehende Beerdigung auf dem Friedhof Hörnli informiert. Wir nahmen alle an der Beerdigung unseres Lieblingslehrers teil. Für die meisten von uns war es der erste bewusste Kontakt mit dem Tod.
Der Klassenalarm war eine tolle Erfindung und dafür vorgesehen, wichtige Mitteilungen via Telefon einander weiterzugeben. Ich war an der Spitze der Alarmliste und erhielt vom jeweiligen Klassenlehrer den Auftrag, was ich weiterzugeben hatte. Der Letzte auf der Liste musste sich bei mir wieder melden und mir berichten, was ihm zutelefoniert wurde. Meistens entsprach dies dem, was ich anfangs ausgeben hatte. Nur ein- oder zweimal musste ich den Klassenalarm wiederholen, weil etwas total falsches beim Letzten ankam.
Wir waren stolz auf unseren Klassenlehrer, denn er war Mitglied der "Schweizerischen Rettungsflugwacht", die am 3. Juli 1956 von den USA zu Hilfe gerufen wurden. Über den Rocky Mountains, im Gebiet des Grand Canyon in den USA, kollidierten am 30. Juni 1956 in der Luft zwei Verkehrsflugzeuge des Typs DC-7 und Super Constellation. Die Wrackteile der Flugzeuge lagen in einer unwegsamen, 1200 Meter tiefen Felsen-Schlucht. Zur Bergung der Leichen suchten die Amerikaner Spezialisten und fanden diese bei der "Schweizerischen Rettungsflugwacht".

Grösste Katastrophe der damaligen Luftfahrt
Die USA stand unter dem Schock der bisher grössten Katastrophe der zivilen Luftfahrt. Über den Weiten des Grand Canyons waren am 30. Juni 1956 eine «Super-Constellation» der TWA und eine DC-7 der United Arlines in 7'000 Metern Höhe kollidiert. Beim Absturz starben alle 128 Passagiere. Um die Opfer und Trümmer aus der Schlucht zu bergen, suchten die Verantwortlichen ausgewiesene Spezialisten. Sie fanden sie in der Schweiz. Die Anfrage kam über die Swissair zum damaligen Leiter der Rettungsflugwacht, Dr. med. Rudolf Bucher. In einer beispiellosen Aktion bot dieser die besten verfügbaren Retter auf und organisierte Zelte, Stahlseilgeräte, Gebirgstragen, Verbandsstoff und Fallschirme. Ja sogar Waffen, um wilde Tiere abzuwehren, gehörten dazu
insgesamt über eine Tonne Material
Ami Wisler, Lokführer der SBB, stellte zu Hause in Lausanne während der ganzen Nacht seine Ausrüstung zusammen. Am Morgen traf endlich die Dispensation von seinem SBB-Dienst ein. Die Zeit wurde knapp. Mit einem Privatflugzeug flog er von Lausanne-Blécherette nach Zürich-Kloten. Dort erwarteten ihn sieben Kameraden ungeduldig. Auf Bergen von Material sass hier auch der amerikanische Generalkonsul mit zwei Mitarbeitern. Sie erledigten die nötigen Reiseformalitäten schnell und unbürokratisch. Am 5. Juli 1956, um 16.20 Uhr - 23 Stunden nach dem Aufgebot - hob eine DC-6 der Swissair mit den acht Schweizer Rettern an Bord ab in Richtung New-York.
Eine unlösbare Aufgabe
Im Westen Amerikas herrschte Ratlosigkeit. Der 1'900 Meter tiefe Grand-Canyon - ausserhalb der Touristenpfade eines der unzugänglichsten Gebiete der USA - stellte die Rettungskräfte vor unlösbare Probleme. Auch mit modernsten Helikoptern war kein Durchkommen zu den Trümmern in den engen, kaminartigen Schlünden. Und doch mussten die Opfer so schnell als möglich geborgen werden, auch um den Angehörigen wenigstens die traurige Gewissheit zu geben. Das Eintreffen der Schweizer mit Gebirgsausrüstung sollte neue Möglichkeiten bieten.
Über eine ad-hoc Seilbahn zur Unfallstelle
«Keine Chance mit Fliegen», rief Toni Spinas, der erfahrene Bergführer aus dem Engadin, nach dem ersten Erkundungsflug aus dem Helikopter. Die Schweizer haben nach zweitägiger Reise den Grand Canyon erreicht und begannen sofort zu arbeiten. Es zeigte sich, dass hier auch ihre Fallschirme nichts taugten. Aus den mitgebrachten Stahlseilen, Rollen und Kabelbremsen entstand eine Seilbahn, an der sich die Retter über den Schlund ziehen und in die Tiefe abseilen liessen.
Mit Gummihandschuhen geschützt sammelten sie Leichenteile, Kleiderresten, Schuhe und private Habseligkeiten zusammen. Alles wird zur Identifikation der Opfer nötig sein. In der fürchterlichen Sommerglut hissten sie 19 schwarze Säcke mit traurigem Inhalt in die Höhe. Zwei Tage und zwei Nächte verbrachten die acht Schweizer in dieser Hölle. Hitze, Durst und Leichengeruch haben ihnen zugesetzt. Am Abend des 9. Juli wurde ihre Mission beendet. Geduscht und rasiert trafen sie sich im Hotel in Flagstaff. Der düstereTeil des Abenteuers lag hinter ihnen.
Triumphale Reise durch Amerika
Die amerikanischen Medien standen Kopf und die Gastgeber zeigten sich dankbar. Die Erholungsreise durch die USA wurde zu einem Triumphzug. Der Präsident der United Airlines stellte sein privates Flugzeug samt Besatzung zur Verfügung. In sieben Tagen ging es über Los Angeles, Hollywood, San Francisco, Denver und Chicago nach New York. Überall zeigten die Amerikaner an Empfängen, Banketten, Treffen mit Filmstars und Politikern ihr Interesse und die Wertschätzung für die Leistung der Schweizer Retter.
Eine Macht- und Autoritätsperson war der damalige Abwart Herr Lüthi, den wir "Schälle" nannten, was von seinem Namen abgeleitet war. Er konnte nicht mehr springen, denn er hatte ein steifes Bein. Vielleicht war er deswegen auch böse und missmutig. Unvergesslich aber die braunen "Studentenschnitten" mit der einmaligen Schockolade-Glasur, die er zur grossen Pause um 9 Uhr verkaufte. hmmm, ich würde sogar jetzt noch dazu anstehen.
Theo Gassler, Zeichenlehrer: In seiner Freizeit malte er Laternen von Fasnachts-Cliquen. Ich lernte wenig von ihm. weil mir das zeichnerische Talent fehlte. Meine beste Zeichung nach 4 Jahren war ein "Herrenschuh".
Herr Fehr: Lehrer für Mathematik: Später leitete er die Privatschule Athenäum. Es ist eigenartig, an Herrn Fehr kann ich mich wegen seiner roten Haare sehr gut erinnern, aber weniger an seinen Unterricht.
Turnen: An den Turnlehrer kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Zwischendurch könnte es Günther Erzinger gewesen sein, der uns auch in Geografie unterrichtete. Zum Turnen mussten wir mit unserem Turnsäckli quer über den Münsterplatz in die Turnhalle neben dem Kreuzgang und vis-à-vis vom Real-Gymnasium gehen. Turnen war mitten im Tag zwischen zwei Unterrichtsstunden. Es war immer ein hin- und herrennen, denn auch hier mussten wir pünktlich sein. Die Pause musste reichen, um sich umzuziehen. Duschen zum Abschluss der Turnstunde war nicht möglich, denn es gab keine Duschen! Man ging also verschwitzt in die nächste Unterrichtsstunde. Turnen gehörte, wie könnte es anders sein, zu meinen Lieblingsfächern. Ich erinnere mich gerne an die Abschluss-Viertelstunde, wenn es nach den turnerischen Uebungen zum "Völkerball" kam.
Beim "Völkerball" wird in zwei gleich grossen, durch eine Mittellinie geteilten Spielfeldern, gespielt. Jeweils ein Spieler pro Mannschaft geht in den Himmel (hinter die Grundlinie des gegnerischen Feldes). Jede Mannschaft versucht aus ihrem Spielfeld heraus, gegnerische Spieler abzuschiessen. Wer abgetroffen worden ist, muss hinter das Spielfeld der gegnerischen Partei und kann von dort aus ebenfalls versuchen, gegnerische Spieler "abzutreffen". Wer den Ball fangen kann, behält sein Leben. Ich war ein guter Fänger und meist bis zum Schluss im Spiel. Wer im Himmel ist und einen Gegner abschiesst, darf zurück ins Innenfeld. Die Partei, die zuerst keine Spieler mehr im Feld hatte, hat verloren.
Freunde hatte ich zu der Zeit keine. Meine ganze Freizeit musste ich lernen. Ich erinnere mich nur noch an die wenigsten, denn seit meinem Austritt aus dem HG hatte ich keinen Kontakt mehr zu meiner Ex-Klasse.
Conradin Conzetti aus Posciavo: Wurde am 18. Mai 2008 nach 31 Jahren als Pfarrer in Bethlehem/Bern pensioniert. Ich wohnte ein paar Jahre in Bethlehem, aber es kam mir nicht zu Ohren, dass mein Schulkamerad dort Pfarrer war.
Ruedi Messerli: Ihn traf ich am 5. Sept. 2011 im Wartezimmer bei meinem Hausarzt Dr. Frei. Nachdem er nach 4 Jahren ebenfalls das HG verlassen hatte/musste, machte er in der Handelsschule die Handelsmatura und studierte Oekonomie (lic. rer. pol). Er war Journalist (Wirtschaft, Lokales, Aviatik) in Basel (Basler Nachrichten und Basler Zeitung) bis 1987 und danach Departementssekretär der Finanzdirektion des Kantons Baselland. Von 1997 bis 2007 war Ruedi der Leiter Unternehmenskommunikation der Basellandschaftlichen Kantonalbank.
Werner Merkofer war bereits im HG ein begnadeter Künstler, aber nicht nur dies, er war auch in den schulischen Fächern Spitze. Im Zeichenunterricht aber einfach Klasse. Er wurde später ein erfolgreicher Künstler (Bild und Plastikern) in Therwil/Ettingen.
Edgar Kellenberger, er studierte und doktorierte in Theologie. Als Theologe machte er einige wissenschaftlich-theologische Veröffentlichungen. Er war unser Klassenprimus, aber damals sehr weltfremd. Ob er sich später verändert hat, bezweifle ich, nachdem ich im Internet gegoogelt habe.
Böhni Markus: Etwas mollig, oder zu klein gewachsen für sein Gewicht. Er wohnte direkt am Landhof, dem Fussballstadion des FC Basel, und konnte von seiner Terasse aus auf den Platz schauen. Ich war oft bei ihm und gemeinsam schauten wir dem Geschehen unten auf dem Platz zu. Ich war bei ihm hoch im Kurs, denn er sah in mir einen der besten Torhüter mit grossem Potential. Er war ein grosser Fussball-Fan und ist es heute noch. Ich traf ihn oft in der Stadt. Er arbeitete auf der SBV resp. später UBS.
Zwicky: War wie ich ein Flugzeug-Fan
Stefan Zurkinden: Der Sohn der berühmten Malerin Irene Zurkinden. Er starb leider in jungen Jahren. Es war jedesmal ein Ereignis, wenn am Elternbesuchstag die Irene in ihren verrückten Kleidern hereinzuschweben schien.
Ich war oft auf dem Flugplatz Blotzheim anzutreffen. Anfänglich mit meinen Eltern, dann aber auch alleine mit dem Fahrrad. Eine Zollfreistrasse führte auf den etwa 6 km ausserhalb Basels auf französischen Boden liegenden Flugplatz. Anfänglich bestanden seine Pisten und Rollwege aus speziellen Eisen-Platten mit Löchern, durch die das Gras wachsen konnte. Die beiden Landepisten wurden im 1952 und 1953 betoniert und in Betrieb genommen. Aber noch viele Jahre lang blieben auf den Rollwegen diese aufrollbaren Eisen-Platten aus dem Krieg.
An einem schönen Sommertag im 1957 war ich mit meinen Eltern wieder einmal auf dem Flugplatz. Er war nur mit einer normalen 1 m hohen Hecke umzäunt. so konnte ich dem Treiben der Privatflugzeuge zuschauen. Grosse Passagierflugzeuge wie die DC-2 oder DC-3 landeten eher selten.
Auf einmal tauchte mein damaliger Klassenlehrer Günther Erzinger auf. Ich wusste, er war bei der Schweizerischen Rettungsflugwacht als Falschirmabspringer und Pilot. Er kam auf mich zu und fragte mich, ob ich mitfliegen möchte. Er müsse ein paar Pflichtstunden absolvieren. Nach einigem Zögern, ich war noch nie geflogen, ging ich stolz mit ihm zu einem kleinen 1-motorigen Flugzeug. Er schnallte mich auf dem Sitz fest, erklärte mir den "Kotzsack" und schon gings los. Es war mir etwas mulmig zu Mute, aber schon bald startete er den Motor und ab ging es in die Lüfte. Wie klein sah doch der Flugplatz von oben aus. Es war faszinierend. Die war mein erster fliegerischer Kontakt mit 14 Jahren.
Seit dieser Zeit war ich angefressen von der Fliegerei. Ich begann Bilder von Flugzeugen zu sammeln und bekam einen tollen Fundus, denn meine Eltern hatten aus dem Krieg die Schweizer Illustrierte gesammelt. Darin fand ich unzähliges Material von deutschen und allierten Flugzeugen, aber auch Bilder der Schweizer Luftwaffe. Ordner füllten sich und ich fand in der Klasse mit dem Zwicky einen Freund mit demselben Interesse.
Mit der Zeit begann ich auch Flugzeug-Modelle zu bauen. Es gab damals die Revell-Baukasten. Es waren Spritzguss-Plastik-Einzelteile, mit denen man Flugzeuge, Schiffe oder auch Autos zusammenbauen resp -kleben konnte. Zum Schluss musste man sie noch anmalen und mit den selbstklebenden Schriftzügen, Wappen, Flugzeugnummern etc bekleben. Damit habe ich Stunden und Tage verbracht. Mein grösstes Vorhaben war der Bau eines alten Drei-Masters aus der Columbus-Zeit. Beim Recherchieren im Rahmen dieser Biografie im Internet habe ich entdeckt, dass es diese Revell-Baukästen immer noch gibt.
Diese Hobbies und mein Interesse fürs Fliegen wiesen darauf hin, dass ich einmal Pilot werden wollte. Ich war mir aber bereits damals bewusst, dass dies ein Traum bleiben wird, denn in der Primarschule hatte man meine Rot-Grün-Farbenblindheit entdeckt.

Autobiografie von Max Lehmann

Schafmattweg 13, CH-4102 Binningen
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