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Happy?
Neulich sah ich diese Dokumentation über Diana Vreeland, liebes Publikum, und natürlich kamen darin Ausschnitte aus «Funny Face» mit Audrey Hepburn vor, von der wir in letzter Zeit wieder ziemlich viel gesehen und gehört haben, denn die bezaubernde Audrey Hepburn, ewiges Modell für Grazie und Glamour, hatte neulich Geburtstag. Und auch den 20. Todestag. «You mustn’t give your heart to a wild thing. The more you do, the stronger they get. Until they’re strong enough to run into the woods or fly into a tree. And then to a higher tree and then to the sky.» So lautet ein berühmtes Zitat einer berühmten Heldin der Fiktion, verkörpert von Audrey Hepburn: Holly Golightly, Hauptfigur aus Truman Capotes Erzählung «Breakfast at Tiffany’s» und ihrer kongenialen Verfilmung durch Blake Edwards. Über die Figur der Holly Golightly ist viel spekuliert und theoretisiert worden, ihre scheinbare leichte Verrücktheit wirkt ebenso charmant wie irritierend, sie wurde zur Heiligen und zur Hure stilisiert. Holly verbindet intuitiven Geist und körperliche Attraktivität mit einer Art von unschuldiger Sexualität, und alle möglichen und unmöglichen Damen der Gesellschaft haben damals, vor einem halben Jahrhundert, den Anspruch erhoben, das Vorbild für Holly Golightly geliefert zu haben. Gerald Clarke, Biograph von Capote, drückte das 1988 folgendermassen aus: «Half the women he knew, and a few he did not, claimed to be the model for his wacky heroine.»
Wie dem auch sei, ein mögliches Rollenvorbild für Holly Golightly wäre jedenfalls Dorian Leigh, eine Dame, die von vielen Sachverständigen als «das erste Supermodel» bezeichnet wird und die jedenfalls in den Vierziger- und Fünfzigerjahren als Mannequin (wie das damals noch hiess) zu einer stilbildenden Ikone der Populärkultur aufstieg. Dorian Leigh, mit ihren makellosen blauen Augen, geschwungenen Wimpern, wachem Geist und gleichsam subversivem Sex-Appeal, hatte etliche Gemeinsamkeiten mit Holly Golightly – nicht zuletzt in dem, was das Magazin «Vanity Fair» damals als Leighs «eigensinnigen Lebensstil und unbekümmertes Draufgängertum» apostrophierte. Ihre diversen Affären mit mehr oder weniger berühmten Leuten beschäftigten die Klatschpresse. Sie war viermal verheiratet – und befreundet (sofern das möglich war) mit Truman Capote. Der nannte sie «Happy Go-Lucky». Und daraus wurde: Holly Golightly.
Was bedeutet «Happy Go-Lucky»?
Indessen ist es auch weniger relevant, wer der literarischen Figur der Holly Golightly zugrundeliegt; es ist wichtiger, welche Haltung sie als Typ verkörpert. «Happy Go-Lucky», das wäre zu deutsch ungefähr: «unbeschwert, leichtlebig»; das, was man im Englischen «free-spirited» nennt: unkonventionell und ungezwungen, aber nicht im Sinne von «verantwortungslos», sondern als heitere Gelassenheit im Vertrauen auf die eigene Glückskindschaft. Munter unbekümmert, glückselig ohne Sorge. Der Ausdruck datiert im Englischen aus dem 19. Jahrhundert. In Herman Melvilles «Moby Dick» (1851) findet sich die Stelle: «A happy-go-lucky; neither craven nor valiant.»
Offensichtlich wird hier also mehr eine Geisteshaltung bezeichnet, als eine Eigenschaft; ein Charakterzug, der eben einen Typen ausmacht. Der berühmte amerikanische Psychologe und Philosoph William James (Bruder des Schriftstellers Henry James) unterschied vor rund hundert Jahren ontologisch zwei Bewusstseinstypen, die man grob (und nicht in Jamesscher Terminologie) kategorisieren könnte als (1) «happy go lucky» und (2) «existentially troubled». Die erstere Kategorie geht nach James zufrieden, glücklich und unbesorgt durchs Leben, mit einer Art von natürlichen Zielsicherheit. Der Dichter Voltaire, sagt James, sei eine solche Persönlichkeit gewesen. Die Gesellschaft dieser Art von Menschen ist das Beste, was man sich antun kann. Die zweite Kategorie, die der «existentially troubled», mäandert grüblerisch zwischen Hoffnungslosigkeit, Weltangst und Eskapismus. James benennt hier exemplarisch Tolstoi – und dessen Wendung zu einem kargen, christlichen Leben als Weg der Erlösung. Die Wahl von Tolstoi als Beispiel ist auch deswegen interessant, weil ebenderselbe Tolstoi im antithetischen Denken Thomas Manns wiederum als Prototyp für einen ganz anderen Charakter erscheint: In der dichotomen Bewusstseinspsychologie seines Grossessays Goethe und Tolstoi von 1925 präsentiert uns Thomas Mann den russischen Dichter nämlich an der Seite Goethes als mentalen Antipoden zu Schiller und Dostojewski. Mann fasst das in die Antithese von Plastik und Kritik: Plastik ist dabei die objektive, naturverbundene und schöpferische Anschauung, wie Goethe und Tolstoi sie vertreten; Kritik dagegen sei die moralistisch-analytische Haltung zum Leben und zur Natur, für Thomas Mann repräsentiert eben durch Schiller und Dostojewski. Letztere werden als «heilig, krank, Adel von Gnaden des Geistes» antithetisch dem gegenübergestellt, wofür Goethe und Tolstoi stehen: «göttlich, heidnisch, Adel von Gnaden der Natur». Dieser Antithese entspricht in der Goetheschen Weltsicht die Gegenüberstellung des Sentimentalischen, Pathologischen, Romantischen mit dem Naiven, Gesunden, Klassischen. Das Plastische, das sind die ungebrochenen, nicht durch den Zweifel angekränkelten Glückskinder des «Happy Go Lucky» – jedenfalls auf den ersten Blick. Thomas Mann spricht in Goethe und Tolstoi vom «Erfülltsein der Götterlieblinge von sich selbst».
Gebrochene Seligkeit
Auf den zweiten Blick jedoch ist ja schon Holly Golightly nicht eigentlich eine glückliche Person. Nun ist aber «happy go lucky» ja nicht (unbedingt) im Sinne eines kuhseligen Dauerlächelns zu verstehen. Der Aspekt der Ignoranz und Sorglosigkeit hat ja per se stets auch etwas Dümmliches. Derart glückliche Leute sind unerträglich. «Happy go lucky» ist vielmehr die gebrochene Seligkeit des Gottes Hermes, Schutzpatron der Diebe und Reisenden; die wesensmässige Neigung, die Welt als Bühne und Vorstellung zu betrachten, und in dieser Art von höherer Ironie auch vor ihren Abscheulichkeiten nicht die Augen zu verschliessen. Nein, die Welt lächelt nicht immer in dem Masse zurück, wie du sie anlächelst. Aber: Wer glücklich ist, wird Glück haben (nicht umgekehrt), das ist der philosophische Ansatz des Epikur, und das bedeutet eben auch, den Widrigkeiten des Daseins mit der Grazie einer Holly Golightly entgegenzutreten. «Happy go lucky» als Lob der Unbekümmertheit ist geradezu die ideale Haltung des Reisenden, real oder mental bzw. metaphysisch: das Auf-sich-zukommen-lassen als Lebenshaltung. Solches Nichthandeln im Sinne von «Enthaltung eines gegen die Natur gerichteten Handelns» ist ein Ideal der daoistischen Philosophie, dort «Wu Wei» genannt. Der Begriff «Wu Wei» basiert auf einer Grundauffassung des Daoismus, nämlich der Lehre vom Dao als dem umfassenden Ursprung und Wirkprinzip, das die Ordnung und Wandlung der Dinge bewirkt, so dass es nicht weise wäre, in das Walten dieses Prinzips einzugreifen. «Wu Wei» bedeutet wohlgemerkt nicht, dass man gar nicht handelt, sondern dass die Handlungen spontan in Einklang mit dem Dao entstehen und so das Notwendige getan wird, jedoch nicht in Übereifer und blindem Aktionismus, die als hinderlich betrachtet werden, sondern leicht, natürlich und mühelos. Es ist ein Zustand der inneren Stille, der zur richtigen Zeit die richtige Handlung ohne Anstrengung des Willens hervortreten lässt. Im «Happy Go Lucky» indes besteht gerade die Umkehrung einer kategorischen Leistungsethik: You can get it – if you do not want it that badly. Das würde wohl auch Diana Vreeland so sehen. Die in besagter Dokumentation übrigens auf die Frage «How important is Money?» erwiderte: «Vital. Absolutely vital.»
Im Bild oben: Audrey Hepburn als Holly Golightly in «Breakfast at Tiffany’s». (Foto: Jurow Shepherd)