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Die «exotischen» Orts- und Flurnamen entstanden grösstenteils in den letzten zwei, drei Jahrhunderten – mit sehr unterschiedlichen Motiven. Auf der Hand liegt das Benennungsmotiv beim Vesuv in Heiligenschwendi BE: Mit seiner annähernd konischen Form gleicht der Hügel dem bekannten Vulkan in Süditalien.
Bei vielen anderen Flurnamen ist die Ähnlichkeit zum Original weniger augenfällig – und oft auch etwas weiter hergeholt. Die Bresilie/Le Brésil genannte Flur in Jaun FR zum Beispiel habe früher trockenen Boden gehabt und deshalb brach gelegen. Und unkultiviert stellte man sich in den letzten Jahrhunderten auch das südamerikanische Land Brasilien vor, daher also der Name.
Aus derselben Vorstellung heraus erhielten einige unzugängliche Gebiete, oder solche, die nicht zur landwirtschaftlichen Nutzung taugten, den Namen Afrika, etwa in Buchs SG oder Büren SO.
Nicht selten geschah die «exotische» Nachbenennung wohl im Scherz. Anders lässt sich der Name Himalaia für einen bescheidenen bewaldeten Hang in Salenstein TG nicht erklären. Etliche Orte, an denen es besonders kalt und schattig war und wo der Schnee länger liegen blieb als in der Umgebung, wurden nach der für ihre Kälte und Unwirtlichkeit bekannten russischen Landschaft Sibiri(e) genannt, so in Rothrist AG, Kappelen BE oder oberhalb Elm GL.
Auch zwei Häuser mit dem Namen Petersburg in Fischingen TG und Ramsen SH wurden im Witz benannt. Ersteres wurde von einem Mann mit dem Familiennamen Peter erbaut. Weil es zu gross war, erhielt es den Spottnamen Petersburg – auch in Anlehnung an die mondäne Hauptstadt des russischen Zarenreichs. Der Bauherr des zweiten war 1822 ein Peter Neidhart – das Namenmotiv ist dasselbe. In Ramsen kamen später in Analogie zu Petersburg noch die Hausnamen Moskau und Warschau hinzu.
Auch die Abgelegenheit von Gebieten wurde gerne durch passende Namen ausgedrückt. Der Grossteil der über 20 Amerikas in der Deutschschweiz und auch die beiden Kanadas (in Gams SG und Welschenrohr-Gänsbrunnen SO) liegen weitab von den nächsten Siedlungen. Diese Namen stammen aus der Zeit, als die Eroberung und Besiedlung des amerikanischen Doppelkontinents durch Europäerinnen und Europäer aktuell war.
Als ab dem 18. Jahrhundert immer mehr Schweizerinnen und Schweizer nach Nord- und Südamerika auswanderten (von 1850 bis 1930 waren es mehrere Hunderttausend), erhielt gerade der Name Amerika hierzulande ganz viele Konnotationen – zwei davon waren zweifellos «weit, weit weg» und (fälschlicherweise) «unbesiedeltes Gebiet im Westen». So dienten Amerika und Kanada auch zur Benennung abgelegener Fluren in der Deutschschweiz.
Auch die Auswanderung selbst spiegelt sich in einigen Flurnamen. Der Amerikanerblätz in Hägendorf SO erhielt seinen Namen, weil dieses ursprünglich bewaldete Gebiet gerodet wurde, um mit dem Ertrag des verkauften Holzes Gemeindeschulden zu bezahlen. Verschuldet hatte sich die Gemeinde im Jahr 1854, um 128 armen Hägendorferinnen und Hägendorfern die Reise nach Amerika zu bezahlen. Ein teures Geschäft, das sich für die Gemeinde trotzdem gelohnt haben dürfte, weil die Auswanderinnen und Auswanderer die Armenkasse nicht länger belasteten.
Eine ähnliche Geschichte steckt hinter dem Amerika-Egge in Uetendorf BE: Mit dem Verkauf dieses Gebiets finanzierte die Gemeinde die Auswanderung armer Bürgerinnen und Bürger. Und auch die Flur Argentinie in Niederweningen ZH erhielt ihren Namen vielleicht vom kommunalen Holzverkauf, der die Auswanderung finanzierte – in diesem Fall nach Südamerika.
Nicht alle Auswanderinnen und Auswanderer blieben auch in der neuen Heimat. Etliche von ihnen kehrten zurück. Einer von ihnen war ein Bauer namens Kämpfer, der sich in Wintersingen BL niederliess. Kämpfer sass der Erzählung nach oft auf einem Bänkli in der Nähe seines Hofs und soll angesichts des dortigen Weitblicks gesagt haben: «Jetz bin i wider z Amerika». Der Name Amerika blieb dann am Standort des Bänklis haften.
Einen anderen Rückkehrer wiederum erinnerte ein von wildem Gestrüpp bewachsenes Auengebiet an der Aare zwischen Heimberg und Steffisburg BE an Kalifornien, wo er einst gelebt hatte. Das Gebiet, welches heute überbaut ist, erhielt daher den «eingeberndeutschten» Namen Kaliforni.
Auch in damaligen Kolonien mischten Schweizerinnen und vor allem Schweizer mit – einige besassen dort Plantagen, zum Beispiel die Basler Familie Faesch im niederländisch besetzten Surinam in Südamerika. Die Plantage im Surinam übergaben die Faeschs ihrer Tochter Margaretha Viktoria und deren Bräutigam Johann Rudolf Ryhiner als Hochzeitgsgeschenk. Dadurch inspiriert, taufte das Paar ihr 1797 errichtetes Landgut in Kleinbasel Klein-Surinam. Heute gibt es dort noch den Strassennamen Im Surinam.
Viele Auswanderinnen und Auswanderer flohen vor Armut und Hunger, andere erhofften sich in Übersee grössere Karrierechancen. Kriege waren glücklicherweise kein Treiber für die Schweizer Auswanderung im 18. bis 20. Jahrhundert. Aber ganz frei von kriegerischen Auseinandersetzungen war die Schweiz nicht. Und diese schlugen sich auch im einen oder anderen Flurnamen nieder.
Gleich drei Schwedeschanze sind in Breitenbach SO, Beggingen SH und Pfeffingen BL belegt – dort hatte man sich angeblich vor den schwedischen Truppen verschanzt, die im Dreissigjährigen Krieg (1618-1648) unter anderem in der nördlichen Schweiz kämpften. Oder aber die Schweden selber hatten sich dort verschanzt – das ist kaum mehr zu klären.
Auch zwei Russeschanze gibt es, in Obersiggenthal AG und in Ramsen SH. In den Koalitionskriegen (1792-1815) sollen sich dort Russen verschanzt haben. Und auch die beiden Franzoseschanze in Muotathal SZ und Unterengstringen ZH dürfen in dieser Aufzählung nicht fehlen – sie sollen ebenfalls auf die Koalitionskriege zurückgehen. Allerdings kann die tatsächliche Präsenz der jeweiligen Truppen nicht an all diesen Orten belegt werden.
Auch als sie nicht mehr auf Schweizer Boden stattfanden, beeinflussten Kriege weiterhin die hiesige Flurnamenlandschaft – wohl meistens sehr situativ und einigermassen zufällig. In Busswil bei Büren BE gibt es eine Mandschurei. Diese Waldlichtung sei in der Zeit des Russisch-Japanischen Kriegs (1904-1905), in dem um die heute chinesische bzw. russische Mandschurei gekämpft wurde, gerodet worden und habe so ihren Namen erhalten.
Etwa 50 Jahre später spielte sich in derselben Gemeinde etwas Ähnliches ab. Diesmal wurde gerade im Algerienkrieg gekämpft (1954-1962) – so wurde das abgeholzte Land kurzerhand nach der algerischen Hauptstadt Algier genannt.
Zu den ältesten der «exotischen» Nachbenennungen gehören diejenigen, die aus der Bibel entnommen sind – allen voran Bethlehem. Über ein Dutzend Orte, Fluren und Häuser heissen so, teilweise seit dem Mittelalter. Die Motive sind aber sehr verschieden. So wurde das älteste Holzhaus in Schwyz Bethlehem genannt, weil es in seiner Ärmlichkeit an den Stall von Jesu Geburt erinnere. Ähnlich war es wohl beim Hof Bethlehem in Waldkirch SG. Bei diesem Motiv spielte wohl auch die Wortähnlichkeit von Bethlehem und Bettelheim eine Rolle.
Einen sogenannten Wunschnamen hat wohl der Weiler Bethlehem in Homburg TG – er wurde ursprünglich mehrheitlich von frommen freikirchlichen Berner Einwanderern bewohnt. Wie das Berner Stadtquartier Bethlehem zu seinem Namen kam, ist unklar. Wenn es nicht eines der beiden obengenannten Motive war, dann stellte der Ort ursprünglich vielleicht eine Station auf einem Pilgerweg dar, die mit dem Geburtsort Jesu in Verbindung stand.
Im Kanton Luzern gibt es ausserdem zwei Höfe, die Libanon heissen. Beide liegen an einem Abhang und wurden wohl deshalb im Witz nach dem damals aus der Bibel bekannten nahöstlichen Gebirge benannt. Auch Bäche mit dem scherzhaft-biblischen Namen Jordan gibt es mehrere in der Deutschschweiz – in Berlingen TG liegt der Jordan gleich neben dem Öölbärg.
Eine der ältesten noch existierenden «exotischen» Nachbenennungen in der Schweiz ist wohl der Ortsname Pontresina – er wird auf lateinisch «ponte saraceno» zurückgeführt, also «Brücke des Saracenus». «Saracenus» wiederum bedeutet «der Sarazene» – im Mittelalter die übliche europäische Bezeichnung für «Muslim». Dennoch war der Gründer Pontresinas wohl kein Muslim und schon gar kein Sarazene, sondern hatte seinen Namen vielleicht wegen einer etwas dunkleren Hautfarbe oder einer (angeblich) nahöstlichen Abstammung erhalten.
Zwar zogen während einiger Jahrzehnte des 10. Jahrhunderts tatsächlich muslimische Krieger immer wieder plündernd durch Graubünden, das Wallis und bis nach St. Gallen. Aber es gibt bisher keine archäologischen Hinweise darauf, dass die Sarazenen im Gebiet der heutigen Schweiz je sesshaft geworden wären oder gar Ortschaften gegründet hätten – den abenteuerlichen toponomastischen Nachweisversuchen mancher Geschichtsinteressierter zum Trotz.
In Namen wie Bisse des Sarrasins («Suone der Sarazenen») in Anniviers VS oder Le Sarrasin in Ponthaux FR verweist «Sarazenen» entweder auf ein hohes Alter (die Vorstellung, dass schon die Sarazenen die Suone erbaut haben) oder aber auf den Anbau von Buchweizen (französisch «(blé) sarrasin»), weil dieses Getreide über die muslimischen Tataren nach Europa kam.
Ganz ähnlich verhält es sich übrigens mit vielen Türkeien in der Zentral- und Ostschweiz. In der östlichen Hälfte der Deutschschweiz wurde bis ins 20. Jahrhundert der Mais «Türgg(e)» genannt – man vermutete die Herkunft des mittelamerikanischen Korns in der Türkei (vgl. auch italienisch «granoturco»).
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die vielen hundert «exotischen» Flurnamen in der Schweiz über viele Jahrhunderte hinweg und aus ganz unterschiedlichen Motiven entstanden sind. Gemeinsam ist ihnen, dass sie von der lokalen Wahrnehmung und Verarbeitung verschiedenster internationaler Ereignisse und Begebenheiten zeugen und dass sie dabei auf faszinierende Weise die Vorstellungswelten verschiedener Zeiten widerspiegeln.