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Das Gedankenexperiment
Irgendwo im abgelegenen Dschungel wird eine neue Tierart entdeckt. Die Wissenschaft staunt: Die Wesen zeigen ein komplexes Sozialverhalten, sie unterstützen sich gegenseitig, sammeln Vorräte, kümmern sich um schwache Artgenossen und teilen ihre Nahrung. Ausserdem können sie einfache Werkzeuge benutzen und bauen sich Behausungen. Besonders fasziniert ist man von der Art, wie die Tiere untereinander kommunizieren. Man vermutet deshalb, dass sie über eine hohe Intelligenz verfügen. Die Forschenden stellen aber auch fest, dass die neuentdeckte Art sich dermassen vermehrt, dass sie andere Arten gefährdet. Man befürchtet, dass sie das ganze Ökosystem aus dem Gleichgewicht bringt, wenn man sie weiter gewähren lässt. Was soll man tun? Soll man eingreifen und die Tiere an der weiteren Ausbreitung hindern? Soll man sie gezielt dezimieren? Darf man das?
Der Input von Silvan Imhof
Dürfen wir mit Tieren machen, was wir wollen? Die meisten Menschen werden die Frage vermutlich mit «Nein» beantworten: Wir dürfen Tiere nicht zum Spass quälen oder töten, wir befürworten eine artgerechte Haltung von Nutz-, Haus-, Zoo- und Zirkustieren, wir sind für Tier- und Artenschutz. Es gibt aber auch eine breite gesellschaftliche Akzeptanz der Nutzung von Tieren für unsere Bedürfnisse, auch solcher Arten der Nutzung, die nicht den natürlichen Bedürfnissen der Tiere entsprechen und Leid erzeugen: Massentierhaltung, Wildtiere in Gefangenschaft, Tierversuche. Unser Umgang mit Tieren ist offenbar sehr ambivalent. Das gilt auch für das Jagen von Tieren: Während wir die Jagd aus Spass (Sportjagd, Trophäenjagd) ablehnen, halten wir die Jagd zur Regelung der Wildbestände («Hege und Pflege») für grundsätzlich gerechtfertigt (auch wenn die Meinungen bei grossen Raubtieren auseinandergehen). Mit genau dieser Situation sind die Forschenden im Gedankenexperiment konfrontiert: Rechtfertigen es ökologische Gründe, das Leben einzelner Tiere zu beeinträchtigen oder sie gar zu töten?
Unsere ambivalente Haltung gegenüber Tieren zeigt vor allem: Wir gehen mit Tieren nicht gleich um wie mit Menschen. Tiere haben für uns nicht den gleichen moralischen Stellenwert wie andere Menschen. Menschen gestehen wir moralische Rechte zu, Tieren nicht. Ein Recht zu haben, heisst, einen begründeten (berechtigten) Anspruch auf etwas zu haben. Das gilt für juristische oder politische Rechte, aber auch für moralische Rechte. Ein moralisches Recht zu besitzen, heisst, einen begründeten Anspruch darauf zu haben, von anderen auf eine bestimmte Weise behandelt zu werden (oder auf eine bestimmte Weise nicht behandelt zu werden). Als Menschen haben wir solche moralischen Rechte, zum Beispiel in Form der Menschenrechte. Diese sichern unseren Anspruch auf die Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse (das Recht auf Leben, auf körperliche Unversehrtheit usw.). Jeder Mensch hat einen begründeten Anspruch darauf, dass diese Bedürfnisse erfüllt sind, und zwar deshalb, weil sie:er ein Mensch ist.
Für uns ist klar, dass alle Menschen als solche über moralische Grundrechte verfügen, und es ist ebenso klar, dass das für Tiere nicht zutrifft – deshalb reden wir von Menschenrechten. Das kommt daher, dass wir annehmen, dass wir als Menschen Eigenschaften haben, über die Tiere nicht verfügen. Einige dieser Eigenschaften führen dazu, dass wir Menschen einen anderen moralischen Status zuschreiben als Tieren. Es gibt eine ganze Reihe von Eigenschaften, die genannt wurden und werden, um den wesentlichen Unterschied zwischen Mensch und Tier zu bezeichnen: Menschen verfügen über Vernunft, sie können Werkzeuge herstellen und verwenden, sie haben die Fähigkeit zu sprechen und zu kommunizieren, sie sind zur Empathie fähig, haben Selbstbewusstsein, sie können ihr Leben und Handeln zukunftsgerichtet planen, sie haben hochentwickelte Sozialstrukturen, sie sind autonome moralische Subjekte (d.h. sie können ihr eigenes Handeln und das anderer moralisch beurteilen).
Diese Versuche, den Menschen vom Tier durch wesentliche Merkmale abzugrenzen (die man vor allem in der westlichen philosophischen und religiösen Tradition findet), wurden aber zunehmend von der Naturwissenschaft relativiert. Es stellte sich nämlich heraus, dass wir alle genannten Eigenschaften (vielleicht bis auf die letztgenannte) in einfacher Form auch bei verschiedenen Tierarten finden – so auch bei der neu entdeckten Tierart im Gedankenexperiment. Das deutet darauf hin, dass es keinen wesentlichen Unterschied zwischen Mensch und Tier gibt, sondern nur graduelle Unterschiede: Der Mensch ist eine neben anderen Arten, die sich im Lauf der biologischen Evolution mit all ihren Merkmalen auf natürliche Weise entwickelt hat.
Wenn es aber keinen wesentlichen Unterschied zwischen Mensch und Tier gibt, wie können wir die moralische Ungleichbehandlung von Menschen und Tieren rechtfertigen? Handelt es sich nicht um eine Art von Rassismus («Speziesismus»), wenn wir Tieren einfach deshalb keine Rechte zugestehen, weil sie nicht der Gattung Mensch angehören? Darauf erhält man unterschiedliche Antworten: Tiere können selbst keine moralischen Ansprüche erheben, sie können sich nicht zu Wort melden, um ihre Bedürfnisse zu äussern, so dass wir sie moralisch berücksichtigen müssten. Tiere sind zudem keine moralischen Subjekte, sie haben keinen Begriff von Gut und Böse und können über ihr Handeln weder entscheiden noch es moralisch beurteilen. Ausserdem kann man hinzufügen, dass Tiere deshalb keinen Eigenwert haben, sie besitzen eben keine «Menschenwürde».
Wie am Anfang festgestellt, würden die meisten Menschen die Frage: «Dürfen wir mit Tieren alles tun, was wir wollen?» mit «Nein» beantworten. Damit unterstellen sie, dass Tiere dennoch in irgendeiner Weise moralisch relevant sind. Diese Unterstellung kann man auf unterschiedliche Weise begründen:
1) Tiere haben zwar keinen Eigenwert wie wir Menschen, aber sie können für uns einen Wert haben. Zum Beispiel haben wir eine soziale und emotionale Bindung zu Haustieren und deshalb ein Interesse an deren Wohlergehen. Oder wir glauben, dass Wildtiere schützenswert sind, weil wir ein Interesse an einer intakten Umwelt haben. Deshalb sollten wir Tiere indirekt, d.h. abhängig von unseren eigenen Interessen, moralisch berücksichtigen.
2) Tiere stehen zwar nicht auf der gleichen Stufe wie Menschen, was ihre Fähigkeiten und Eigenschaften betrifft, aber ein grosser Teil der Tiere ist empfindungs- und leidensfähig. Wenn Tiere aber empfindungs- und leidensfähig sind, müssen wir annehmen, dass sie ein Interesse daran haben, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen und besonders Leiden zu vermeiden. Tiere können ihre Interessen zwar nicht artikulieren, wir können jedoch am Verhalten vieler Tiere klar ablesen, ob ein Tier zufrieden ist, Angst hat, Schmerzen empfindet usw. Diese Interessen der Tiere müssen wir moralisch berücksichtigen, d.h. wir sind verpflichtet, in unserem Umgang mit Tieren darauf Rücksicht zu nehmen, dass die Tiere ihre Grundbedürfnisse befriedigen können und dass wir ihnen kein unnötiges Leid zufügen. In diesem Fall kann man davon sprechen, dass Tiere moralische Rechte besitzen: Sie haben aufgrund ihrer Empfindungs- und Leidensfähigkeit einen begründeten Anspruch darauf, dass ihre individuellen Bedürfnisse berücksichtigt werden.
3) Wenn Tiere Empfindungen wie Zufriedenheit, Angst oder Schmerz haben können, bedeutet das, dass sie sich und ihre Umwelt bewusst erleben. In diesem Fall muss man empfindungsfähige Tiere als Subjekte betrachten, denn bewusstes Erleben ist subjektives Erleben. Als Subjekte mögen Tiere zwar nicht einen so weiten Erlebnishorizont haben wie menschliche Subjekte, es spricht aber nichts mehr dagegen, Tieren ebenso einen Eigenwert zuzuschreiben wie menschlichen Subjekten. Indem wir Tieren einen Eigenwert zuschreiben, haben wir auch eine moralische Verpflichtung ihnen gegenüber. Die Tiere haben einen begründeten Anspruch darauf, in ihrem Eigenwert moralisch berücksichtigt zu werden. Für nicht-menschliche Subjekte gilt ebenso wie für menschliche, dass sie individuelle moralische Grundrechte haben, die nicht verletzt werden dürfen.
Man kann sich nun überlegen, zu welchem Resultat die Forschenden im Gedankenexperiment kommen, wenn sie von einer dieser Begründungen des moralischen Stellenwerts von Tieren ausgehen.
Herwig Grimm / Markus Wild: Tierethik zur Einführung. Hamburg 2016.
Julia Kockel / Oliver Hahn: Tierethik. Der Comic zur Debatte. Paderborn 2017.