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Das missionarische Volk Gottes muss seinen Auftrag aus der Perspektive der Inkulturation sehen. Ein Begriff, der im Grunde erst seit den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts Karriere gemacht hat und der für das Verständnis der Mission von grundlegender Bedeutung ist.
Um uns seiner Bedeutung von einem geschichtlichen Beispiel her zu nähern: Im 16. Jahrhundert meinten die Missionare, die mit den spanischen und portugiesischen Eroberern nach Südamerika kamen, den für kulturlos gehaltenen Indios den christlichen Glauben in europäischer Gestalt überstülpen zu müssen.
Padre de Las Casas war es vor allem, der gegen diese Auffassung protestierte, die Bekehrung der Ureinwohner sei ohne deren Unterwerfung nicht möglich. Er setzte sich im Licht des Evangeliums für die Wertschätzung ihrer Kultur und ihrer Lebensräume ein. So war er davon überzeugt, dass ihnen das Evangelium nicht Unterdrückung und Tod, sondern die Befreiung ihres Lebens bringen sollte.
Mit ihm erkannten noch weitere Missionare, dass die Herausforderung durch die Kultur der Indios die Chance einer neuen Sicht des Evangeliums bot, die zu einer orientierenden Grundlage des Konzils von Trient hätte werden können. Doch das Konzil folgte lieber dem auf Westeuropa und auf dessen binnenkirchliche Probleme eingeengten Blick.
Historisch verband sich die Botschaft des Evangeliums zunächst mit den kulturellen Bedingungen des antiken jüdisch-hellenistisch und lateinisch geprägten Mittelmeerraumes. In dieser Verzahnung, in dieser Amalgamierung zeitigte es eine erste Christentumsgestalt aus, wobei dieser Prozess feinteilig und in sich differenziert verlief. An dieser historischen Folie lässt sich erkennen, was die Leitidee der Inkulturation besagt.
Sie besagt, dass das Evangelium in der Begegnung mit den Kulturen und Religionen der Welt eine andere, sich von seiner (abendländischen) Erstgestalt unterscheidende Christentumsgestalt annehmen müsse, exakt aus dem Grunde, weil es sich und wenn es sich in unterschiedliche Kulturen einwurzeln will. Von daher sollte man eigentlich vom Christentum nicht im Singular sprechen, sondern von der Vielzahl seiner Inkulturationen, bei denen es sich, unter dem Beistand des Heiligen Geistes, um langwierige und unabgeschlossene Prozesse handelt, die im Status des Vorläufigen verbleiben.
Das legt sich schon von der Offenbarungskonstitution Dei verbum her nahe, die davon spricht, dass die Kirche durch die Jahrhunderte der göttlichen Wahrheit entgegenstrebe (vgl. Dei Verbum Art. 8). Wer der Wahrheit entgegenstrebt, ist noch unterwegs, unter den Bedingungen der jeweiligen Kulturen, er ist noch nicht im vollkommenen Besitz der Wahrheit.
Was wir hier unter weltkirchlicher Perspektive bedenken, gilt auch analog auf ortskirchlicher Ebene. Die deutschen Bischöfe sprachen zwar im Zusammenhang der pastoralen Strukturreformen vereinzelt davon, dass alle zu einer Ortsgemeinde zählenden Personen den „Schatz“ der Gemeinde darstellten. Aber wo wird das in ihren Überlegungen praktisch?
Und in ihrem Dokument „Allen Völkern sein Heil“ laden sie zur missionarischen Mitarbeit nicht nur jene ein, „die eher Abstand wahren wollen, die auf der Suche sind. Denn alle können auf ihre Weise das Evangelium in unserer Zeit auslegen und es den Zeitgenossen durch ihr Lebenszeugnis mitteilen.“ Daraus spricht zwar auf erfrischende Weise, dass sich das Evangelium in den Biographien der Menschen auf unterschiedliche, aber gleichbedeutsame Weise abzeichnet, eine Erfahrung, auf die das Volk Gottes nicht verzichten darf. Auf die Praxis aber wirkt sich das nicht aus.
Stefan Knobloch, Kapuziner
Ehem. Professor für Pastoraltheologie in Mainz