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Seine Sekretärin musste vor Geschäftsreisen jeweils abklären, wo und wann er zwischendurch kurz trainieren gehen konnte. Am Schluss fehlte dem passionierten Triathleten Patrik Gisel aber doch der Atem, um dem langen Schatten seines ehemaligen Chefs Pierin Vincenz zu entkommen.
Als langjähriger Vize habe er wahrscheinlich über die heiklen Geschäfte seines Chefs Bescheid gewusst. Und wenn er all die Jahre nichts bemerkt habe, sei es umso schlimmer: dann habe er seinen Job nicht im Griff. Der Neuanfang sei nur ohne ihn als Raiffeisen-CEO möglich, hiess es schliesslich.
Trotz öffentlichen Drucks hat sich Gisel lange in seinem Amt gehalten. In seinem unmittelbaren geschäftlichen Umfeld lobt man ihn auch nach der Ankündigung seines Abgangs in den höchsten Tönen. Er sei eine absolut integre Person, so heisst es. Viele mögen ihn auch heute noch als Mensch.
Darum hier ein Gedankenexperiment: Angenommen, Ihr Chef klaut Büromaterial und benutzt Informationen aus der Geschäftsleitungssitzung, um auf eigene Rechnung lukrative Geschäfte zu tätigen. Würden Sie es merken?
Er sass zu lange im Schatten von Vincenz
Nehmen wir also an, der abtretende Raiffeisen-Chef Patrik Gisel habe wirklich nicht gewusst, was sein ehemaliger Chef Vincenz alles getrieben hat. Ja, Gisel war sein Vize, aber gewisse heikle Transaktionen hat Vincenz über eine verdeckte Treuhandgesellschaft getätigt, möglicherweise, damit sein Vize es nicht merkt.
Falls es sich so zugetragen hat, könnte Gisels einziger Fehler gewesen sein, dass er so lange im Schatten von Vincenz sass.
Wenn es wahr ist, wie jetzt viele meinen, dass er nicht für einen Neuanfang stehen könne, trifft das aber auch auf andere zu, insbesondere auf Paulo Brügger. Der leitet das Departement Zentralbank. Er sorgt unter anderem dafür, dass alle Raiffeisenbanken mit Bargeld versorgt werden. Er übernimmt den Handel mit Fremdwährungen und mit «strukturierten Produkten».
Ebenfalls schon lange in der Geschäftsleitung ist Gabriele Burn, die das Departement Niederlassungen und Regionen leitet. Sie kümmert sich einerseits um die sechs Niederlassungen, die direkt zu Raiffeisen Schweiz gehören (etwa die Filiale in Zürich), um die Servicezentren in Lausanne und Bellinzona.
Auch der Leiter des Privat- und Anlagekundengeschäfts, Michael Auer, war lange im Schatten von Vincenz tätig. Ihm ist etwa das Produktmanagement und das Marketing für Hypotheken, Konti und Depots zugeordnet.
Wer lässt hier wen hinter sich?
Die anderen Geschäftsleitungsmitglieder entkommen dem Schatten von Vincenz knapp. Weit weg ist Gisels Triathlon-Kollege Rolf Olmesdahl, das schnellste Geschäftsleitungsmitglied von Raiffeisen Schweiz. Im Jahr 2009 traten sie im Zytturm Triathlon Zug an. Olmesdahl war mit 2 Stunden und 11 Minuten 27 Minuten vor Gisel im Ziel. Seit Olemsdahl bei Raiffeisen ist, hat er aber kaum mehr Zeit für Wettkämpfe – in der Datenbank Datasports sind jedenfalls keine mehr zu finden. Das könnte daran liegen, dass er bei Raiffeisen Schweiz das grösste Departement leitet. Seine IT soll alle Raiffeisenbanken auf eine Plattform bringen. Bisher hat er das für 22 von 255 Genossenschaftsbanken geschafft.
Olmesdahl hat also noch viel Arbeit vor sich, und es dürfte wohl eine Weile dauern, bis er wieder Zeit für Triathlons hat. Patrik Gisel hingegen wird bald über sehr viel Freizeit verfügen und sein Training intensivieren können – damit er seinen ehemaligen Geschäftsleitungskollegen auf diesem Feld hinter sich lassen kann.