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Eine klassische Nilkreuzfahrt, schwimmen im Roten Meer oder ein Besuch Kairos und ihrer berühmten Pyramiden steht bei fast jedem Ägyptenreisenden ganz oben auf der Liste. Das Land hat aber auch abseits dieser ausgetretenen Pfade einiges zu bieten. Vor über 200 Jahren befahl Alexander der Grosse am Nildelta den Bau einer Stadt. Schnell wurde diese zu einer berühmten Metropole, berühmt vor allem wegen ihrer Bibliothek. Die Hafenmetropole Alexandria zeigt im Gegensatz zur orientalischen Hauptstadt Kairo ein mediterran geprägtes Gesicht. Zu Zeiten Kleopatras galt sie als schönste Stadt Ägyptens und als geistiger Mittelpunkt des Hellenismus. Heute ist Alexandria eine moderne Grossstadt mit über fünf Millionen Einwohnern. Kolonialarchitektur, breite Strassen und begrünte Plätze mit grossen Denkmälern bestimmen das Bild an der Uferfront. Noch immer erahnt man die einstige Schönheit Alexandrias, wenn man entlang der Corniche oder dem Rala-Platz flaniert. Einer der schönsten Orte Alexandrias ist sicherlich die Corniche. Wunderschön geschwungen ist die halbkreisförmige Bucht, die den Osthafen von Alexandria bildet. Beherrschend ragt am westlichen Ende das mächtige Fort Qait Bey auf, am östlichen die moderne Bibliotheca Alexandria.
Das Wissen der Menschheit
Kommt man auf das antike Alexandria zu sprechen, so fällt den meisten auf Anhieb die berühmte Bibliothek der Stadt ein, die rund 600 000 Schriftrollen in ihrem Bestand hatte und damit das gesamte menschliche Wissen jener Epoche speicherte und – so heisst es – beim Einmarsch von Cäsars Truppen 40 vor Christus in Flammen aufging. Die alte Bibliothek wurde im Jahr 288 v. Chr. von Ptolemäus gegründet. Sie war als Treffpunkt für die Weisen und grossen Geister gedacht. Gelehrte, Intellektuelle, Wissenschaftler und Schüler fanden hier ein Umfeld, um über das damalige Wissen zu diskutieren und zu lernen. Die Bibliothek ist legendär, weil die Griechen in ihr zum ersten Mal versuchten, die gesamte Literatur ihrer Sprache zu sammeln. Das bedeutet jedoch auch, dass der Verlust der Bibliothek von Alexandria von der damaligen Welt auch als Verlust des «kollektiven Gedächtnisses» empfunden wurde. 1191 beschloss die ägyptische Regierung, eine neue, alle Aspekte des Lebens und der Wissenschaft umfassende Bibliothek zu gründen, um damit dem Ruf des Landes als «Wiege der Zivilisation» alle Ehre zu machen.
Für den Bau zeichnete das norwegische Architektenteam Snøhetta verantwortlich. Das schräg geneigte kreisrunde Gebäude symbolisiert die Sonnenscheibe und schafft damit Assoziationen zur pharaonischen Zeit. In der Aussenfassade sind Buchstaben von jedem Alphabet dieser Welt eingelassen, um den kosmopolitischen Anspruch von Wissen der Menschheit zu symbolisieren. Vom Foyer aus werden täglich geführte Touren in englischer Sprache angeboten. Aber natürlich kann man das Gebäude auch völlig frei durchstreifen, etwa durch die Lesesäle, die eine Kaskade von verschiedenen Ebenen bilden und von Stahlsäulen getragen werden, die an jene der ägyptischen Tempel erinnern sollen. Acht Millionen Bücher kann die Bibliothek fassen, derzeit stehen jedoch noch viele Regale leer, da der Bestand momentan knapp 300 000 Bücher umfasst. Architektonisch gilt die Bibliothek aber heute schon als ein echtes Pilgerziel.
Das Treffen der Stämme
Wer an Ägypten denkt, denkt an Gräber, Tempel, Moscheen und Pyramiden. Doch Ägypten bietet weit mehr. Bei dem jährlich stattfindenden Festival «Charakters of Egypt» im Fustat Wadu El General National Park haben Besucher die Möglichkeit, die verschiedenen Stämme Ägyptens kennen zu lernen. Die unterschiedlichen Menschen eines Landes zu besuchen und dabei ihre Traditionen hautnah mitzuerleben, ist eine fantastische Möglichkeit, mehr über ein Land und seine Kulturen zu erfahren. Auf dem Programm stehen Kamelrennen, Wettbewerbe unter den einzelnen Stämmen, Gesangs- und Tanzvorführungen sowie Vorträge über die verschiedenen Volksgruppen Ägyptens. Am Festival nehmen bereits über zwanzig verschiedene Stämme teil. Und so ähnlich sie für Nordeuropäer auf den ersten Blick sein mögen, so unterschiedlich zeigen sie sich bei näherem Hinsehen in ihren Traditionen, Gesängen und im alltäglichen Leben.
Sieben Teams repräsentierten im letzten Jahr 21 Stämme aus elf Gebieten in sechs verschiedenen Wüstengebieten: Aus Siwa, Matrouh, Farafra, Assuan, Araish, Nubeia, St. Kathrin, Dahab, Sharm El Sheikh, den Bergen des Roten Meeres und Marsa Alam werden die Teilnehmer anreisen und damit die westliche, östliche und südliche Wüste sowie Nord- und Süd-Sinai und das Niltal abdecken. Die verschiedenen Stämme dieser Territorien präsentieren den Besuchern des Festivals diverse Aspekte ihres Lebens. Schon allein um die Gesänge der Nubier miterleben zu dürfen, lohnt sich die Anreise aus dem 45 Kilometer entfernten Marsa Alam. Die Nubier sind der einzige Stamm, der regelmässig seine Frauen mit ans Festival bringt und sie an den Vorführungen teilhaben lässt. Gäste können mit Shutteln zum Festival gefahren werden oder gar eine ganze Nacht in Gemeinschaft mit den Stämmen in der Wüste verbringen. Was ein lohnenswertes Ereignis darstellt, denn wer hat sonst schon die Möglichkeit, eine Nacht in der Wüste zu verbringen und dabei in Kontakt mit den verschiedenen Stämmen Ägyptens zu kommen.
Von Kamelrennen bis Lesungen
Die Stämme feiern Ägyptens Vielfalt in einem dreitägigen, unvergleichlichen Kulturfestival. Traditionelle Künste und Wissenschaften werden präsentiert, umweltfreundliche Wettrennen und traditionelle Spiele dargeboten und den Gästen wird ein unvergesslicher Eindruck des authentischen Lebens in den verschiedenen Gegenden Ägyptens weitreichender Wüsten vermittelt. Fustat Wadi El-Gemal wird wieder einmal das Forum eines vielseitigen Festes der Sinne mit Musik, Poesie, Tanz und Geschichtenerzählung. Gäste haben die Möglichkeit, Orientierung in der Wüste, Schattenlesen, Kamelreiten, Bergläufe, Hochseilspringen und hochdotierte Kamelrennen zu erleben, Wissen über Fauna und Flora der Wüste zu sammeln und Stammeskleidung und -schmuck sowie traditionelles Essen kennen zu lernen. Eine der wichtigsten Komponenten des Projektes ist der Aufbau eines Museums, das die Kultur und Lebensart der Stämme feiert. Schon letztes Jahr wurden erste Schritte eingeleitet, indem Ausstellungsstücke gesammelt und erstellt, sorgfältig dokumentiert und beschriftet wurden – von filigranem Schmuck, Gewändern sowie Exponaten zur Tier- und Pflanzenwelt der Wüste. Dieses Jahr wird ausserdem eine Foto-Ausstellung rund um die Wüste Ägyptens die besten Bilder von Profi- und Amateur-Fotografen präsentieren.
Das Festival findet jeweils im Oktober statt.
Shortcut
Alexandria-Quartett
Wer sich literarisch auf die Besichtigung Alexandrias einstimmen möchte, dem sei unbedingt die Lektüre «Das Alexandria-Quartett. Justine, Balthasar, Mountolive, Clea» von Lawrence Durrell empfohlen, in dem vier Liebesgeschichten aus dem Blick vier verschiedener Personen erzählt werden. Diesem literarischen Ansatz folgt auch der ägyptische Nobelpreisträger Nagib Machfuschs in seinem Roman «Miramer» aus dem Jahre 1967.