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Beim Independent Chip Model (kurz ICM) setzt man die Spieler und deren Chip Stacks ins Verhältnis zum Preisgeldpool. Ein Beispiel dafür wäre ein Final Table mit 10 Spielern
in einem Turnier. Vielleicht fragt man sich wie viel einem jetzt vom Preisgeld gehören würde, wenn die Chips als Anteil des gesamten Preisgeldpools gewertet werden würden.
Das Wort Independent (unabhängig) steht dafür, dass man die Starthände, Spiel- und Verhaltensweisen und Fähigkeiten seiner Gegner ausser Acht lässt.
Greifen wir das Beispiel von oben auf und machen daraus ein Single-Table-SNG. Alle Spieler besitzen am Anfang 3000 Chips und die Gewinnverteilung liegt bei 50% für den 1. Platz,
30% für den 2. Platz und 20% für den 3. Platz. Alle Spieler haben als Buy-In 20$ bezahlen müssen, sodass ein Preisgeldpool von 200$ entstanden ist. Da wir noch am Anfang stehen,
hat jeder Spieler das Recht auf einen gleich grossen Anteil, nämlich seinen Einsatz.
Unabhängig vom Spielverlauf hat man es dann hoffentlich zu der ersten entscheidenden Phase im Turnier geschafft, der Bubble. So kurz vor dem ersten Geld möchte man nun nicht
mehr ausfallen. Nun analysiert man seinen Stack und die der anderen Spieler. Anhand der verbleibenden Chips kann nun berechnet werden wie viel einem, rein theoretisch,
vom Preisgeld zu steht.
Dabei gilt zu beachten, dass man niemals die Erwartungen höher schrauben kann als diese auch tatsächlich möglich sind. Wenn es für den ersten Platz 50% Beteiligung am Preisgeld
gibt, dann kann man keine Annahme mit z.B. 70% errechnen.
Das ICM soll dabei helfen, wie viele Chips man z.B. bei einer All-In Situation erwarten kann für den Fall, dass man gewinnen wird. Dazu benötigt man seine Chancen, wie man mit der
eigenen Hand gegen das Blatt seines Gegners abschneiden wird. Wer noch keine genauen Berechnungen im Kopf aufstellen kann, der sollte zur Übung einen
Odds-Rechner
benutzen.
Nehmen wir in unserem Beispiel an, dass zwei Spieler dieselben Chips übrig haben. Spieler A geht mit AA All-In und Spieler B called mit KK. Spieler A wird mit 82%iger
Wahrscheinlichkeit gewinnen. Beide Spieler besitzen noch 6.000 Chips. Nun rechnet man die 12.000 Chips x 82% und erhält 9840 Chips. Das würde im Falle eines Gewinns
einen Anstieg von mehr als 50% des Stacks bedeuten. Ein All-In ist also mehr als ratsam.
Leider lässt sich ein Gegner im Vorfeld nie genau auf eine Starthand festlegen. Hier kommt dann wieder das Spielverhalten dazu. Durch genaue Analyse kann man seinem Gegner
eine gewisse Bandbreite (Range) zuordnen mit der er für gewöhnlich spielt. Nun muss man seine schlechteste anzunehmende Hand errechnen und mit den Chancen gegen AA
addieren. Durch zwei geteilt erhält man einen Mittelwert, nachdem man sich in vielen Situationen richten kann. Erhält man nun mehr Chips als man derzeit besitzt,
dann wäre z.B. der call eines All-Ins ratsam. Bei negativer Erwartung sollte man folden und auf die nächste Chance warten.
So wie man seine zu erwartenden Chips ausrechnen kann, kann man auch den möglichen Gewinn in Dollar ausrechnen. Hier kommt dann die zuvor erwähnte Annahme ins Spiel,
dass die gewonnen Chips weniger wert sind als die Chips die man zu Beginn bekommen hat. Auch wenn man es mit einem All-In schafft zu verdoppeln, bekommt man nicht
doppelt so viel Preisgeld unterm Strich raus. Da man als Sieger nur 50% des Preisgeldes bekommt, sind die Chips am Ende auch nur halb so viel wert. Deshalb unterscheidet
sich der zu erwartende Gewinn in Chips und Dollar auch. Um es nicht all zu kompliziert machen zu müssen, helfen einem ICM-Rechner bei der Umrechnung von Chips in Dollar.
Leider ist das Independent Chip Model nicht vollständig. Es zählt zum technischen Wissen über das Pokerspiel. Dabei darf man niemals die subjektiven Beobachtungen
ausser Acht lassen. Nur wenn ich meinen Gegner genau kenne, kann ich ihm auch eine Range zuordnen. Kann ich das noch nicht genau abschätzen, dann ist das ICM bis
dahin wertlos. Deshalb zählt es auch zu den fortgeschrittenen Techniken die ein Pokerspieler beherrschen sollte, wenn er auf Dauer profitabel spielen will.