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Die No. 1-Leseempfehlungen
Der helle Wahnsinn: «The Curious Case of Sidd Finch»
Von Mikael Krogerus – Die meisten Hobbysportlerinnen und Hobbysportler hatten als Kinder eines gemeinsam: Den Traum, so gut zu werden wie ihr Idol. In meinem Fall malte ich mir tausendfach aus, dass ich eines morgens erwache, ein leichtes Ziehen in den Beinen verspüre und plötzlich Eishockey spielen kann wie Saku Koivu. Tatsächlich konnte ich nicht mal richtig Schlittschuhlaufen, Kleinkinder überholten mich auf dem Eis. Es blieb also ein Traum – aber der Traum blieb auch! Bis heute kommt es vor, dass ich im Bett liege und mir einbilde, eine ausgefeilte Yoga-Technik könnte eine Art verborgene Energiequelle freilegen, dank der ich mich auf Schlittschuhen flinker als in Laufschuhen bewege, ein Scout der Colorado Avalanches wird auf mich aufmerksam, und im siebten Spiel des Stanley-Cup-Finals gibt mir der Coach das Signal…
Ein solcher Traum – den wohl die meisten Sportfans, wenn sie ehrlich sind, so oder ähnlich kennen – ist der Ausgangspunkt einer der irrsten und zugleich schönsten Sportreportagen: «The Curious Case of Sidd Finch», geschrieben von George Plimpton, erschienen 1985 in «Sports Illustrated».
Worum geht es? Plimpton berichtet von einem neuen Pitcher, den die New York Mets unter Vertrag genommen haben, einem gewissen Sidd Finch. Finch ist ein Buddhist, der nach Jahren des mönchischen Lebens und dank einer in Tibet erlernten Meditationstechnik imstande ist, einen Baseball mit 270 km/h zu werfen (niemand warf je schneller als 160 km/h).
Der Aprilscherz funktionierte über Erwarten: Zeitungen im ganzen Land berichteten über den jungen, medienscheuen Buddhisten, ohne ihn je zu Gesicht bekommen zu haben, Reporter und Fans belagerten das Trainingslager der Mets. Für einen wunderbaren Moment glaubte selbst das Management des Teams, es hätte den Ballkünstler unter Vertrag. Irgendwann flog der Spass natürlich auf, und es gab ein Riesengeschrei, Leser kündigten zu Hunderten ihre Abos, die journalistischen Standards von «Sports Illustrated» wurden ernsthaft hinterfragt. Es war ein Shitstorm avant la lettre. Aber viele Leserinnen und Leser, auch ich, fühlten sich bei der Lektüre auf einer fast schon spirituellen Ebene angesprochen. Denn Plimptons Text war mehr als eine brillant geschriebene Persiflage auf die innere Logik einer nach neuen Superstars gierende Sportszene. Der Text handelt von der grossen Frage, ob wir nicht auch ganz anders sein könnten, wenn wir nur unsere eigenen Begrenzungen überwinden würden, unser Yoga-Programm besser durchziehen, unsere Leben ändern, unseren Horizont erweitern – und ob wir das eigentlich wirklich wollen.
So viel Nachdenklichkeit, so leicht erzählt. In einem Sportheft. Es ist der Wahnsinn, wirklich. Aber lesen Sie selbst.
Hier der Text.
Das Ende einer Projektion: «Wo Ronaldinho ist, ist immer der Strand»
Von Benjamin Steffen – Es gibt dieses Foto auf der letzten Seite dieses Texts (öffnen Sie deshalb auch den Link mit dem PDF!), wie ein Teenager in seinem Bett sitzt, die Arme in die Höhe gestreckt, nackter Oberkörper, 19 Jahre alt, im Nachttisch kauert ein hellblauer Teddybär, wir schreiben das Jahr 1999, es ist der Teddybär von Ronaldo de Assis Moreira, kurz Ronaldinho, der später zum besten Fussballer der Welt werden sollte. 2004 und 2005 gewann Ronaldinho diese Auszeichnung, und vor der Fussball-WM 2006 unternahm der «Spiegel»-Reporter Dirk Kurbjuweit den Versuch, Ronaldinho noch einmal zu treffen, so wie 1999, als er Ronaldinho ein erstes Mal besucht hatte, weil es hiess, Ronaldinho werde der Fussballer des 21. Jahrhunderts.
Deshalb mag ich diese Reportage – weil sie ein Versuch ist; und ein Zeitzeugnis dafür, dass es Ende des letzten Jahrtausends noch möglich war, Fussballstars der Zukunft an ihrem Ursprung zu besuchen; und erst eine Andeutung, welche Auswüchse das Fussball-Business dereinst noch erfahren würde. Es war eine letzte Gelegenheit, guten Gewissens eine solche Eloge über diesen Fussballer zu schreiben, denn es kam die WM 2006, Brasilien schied im Viertelfinal aus, Ronaldinho spielte vier Mal und schoss kein Tor, es war womöglich der Anfang des Abstiegs. Ronaldinho wurde nicht zum Fussballer des 21. Jahrhunderts, offenbar hatte niemand geahnt, dass noch Lionel Messi und Cristiano Ronaldo kommen würden, besser als Neymar, der vielleicht transferiert wird für so viel Geld wie noch kein Fussballer des 21. Jahrhunderts, aber Ronaldinho gewiss nicht überflügelt.
Und ich mag diese Reportage dieses wunderbar langen Satzes wegen, 167 Wörter, ein Satz, der viel länger ist, als heute ein Tweet sein darf, aber er sagt nicht weniger aus, beileibe nicht, er sagt zum Beispiel ganz viel aus über das Scheitern von Journalisten, dass man immer wieder anrennt, immer wieder Mut fasst, immer wieder versagt; dass man immer wieder glaubt, was man suche, tauche wahrhaft auf, ein Mensch oder ein guter Satz – aber nein, es sind immer nur Bilder und Vorstellungen. Der Satz lässt kaum Zeit durchzuatmen, aber wenn wir uns festhalten, wirft er uns nicht aus der Bahn, er lautet: «Er (ein Fotograf, der dem Journalisten helfen will, Ronaldinho zu treffen) winkt, er rast los, um das Stadion herum, ins Stadion hinein, drückt einem unterwegs einen Blackberry in die Hand, der seine Fotos von Ronaldinho zeigt, er verhandelt mit Wachmännern, führt durch Lounges im Stadion, der Palm zeigt automatisch Bild um Bild, Ronaldinho beim Schuss, Ronaldinho beim Dribbling, Claudio rast eine Treppe hinunter, öffnet eine Tür, Ronaldinho mit Anzug und Krawatte, hinter der Tür ist die Tiefgarage mit den Autos der Spieler, Cayennes, Hummers, Touaregs, Ronaldinho mit Maradona, Claudio stoppt bei einem Familienvan von Seat, in dem ein schläfriger Junge sitzt, Ronaldinho mit seinen Trophäen, der Junge ist Thiago, der Fahrer und Freund von Ronaldinho, und jetzt guckt er sich die Zeitschrift von ’99 an und das Foto von Ronaldinho im Bett, und in seinem Gesicht regt sich nichts, er sagt nichts, nur Claudio redet ununterbrochen, Ronaldinho beim Schuss, beim Dribbling, im Anzug, und Claudio redet, und dann macht der Junge die Surferbewegung mit der Hand, und Claudio macht sie auch und geht und sagt nichts mehr.»
Ich mag diese Reportage, weil sie sich einem Menschen nähert – und als der Reporter Ronaldinho so nahe kommt, wie er einen Satz, eine Woche oder vielleicht sechs Jahre lang gehofft hatte, merkt er, dass zu viel Nähe bloss die geliebte Projektion zerstört. Es heisst: «Ein Gespräch mit einem Fussballspieler wie Ronaldinho hat seine Grenzen. All das, was man sich ausdenkt, was man empfindet über die Schönheit, die Magie, die Bedeutung, das spiegelt sich nicht in solchen Gesprächen, das spielt sich nur im eigenen Kopf ab, in der eigenen Seele.» So ist es – aber vielleicht nicht nur in Gesprächen mit Fussballerspielern, mit den Allerbesten und den weniger Guten, sondern ganz generell. Deshalb mag ich diese Reportage.
Und nun, gerade dieser Tage, als zu lesen war, Ronaldinho engagiere sich in Brasilien für eine ziemlich rechts gelagerte Partei, als es leicht war, Empörung zu empfinden, obwohl sein Bruder die Meldung dementierte – da merkte ich wieder, warum ich diese Reportage erst recht mag: weil man Ronaldinho nicht zu mögen lernt. Aber auch nicht, ihn nicht zu mögen.
Hier der Text. Und hier das PDF des Textes. Die Sonderausgabe «Planet Fussball» des Nachrichtenmagazins «Spiegel» erschien vor der WM 2006 in Deutschland, als die Welt zu Gast bei Freunden war. Das Magazin enthält Reportagen und Texte aus der ganzen Welt, teilweise mit erstaunlich langer Gültigkeit. Bei der Analyse über die Schweizer Fussballer hiess es: «Rund 30 Nachwuchsspieler unter 19 Jahren stehen derzeit bei ausländischen Vereinen unter Vertrag. So wundert es kaum, dass man sich in der Schweiz grosse Hoffnungen macht.»
Aus dem Leben eines Boxers: «Brownsville Bum»
Von Christof Gertsch – Es gibt eine Sportgeschichte, die ich so oft schon hervorgeholt habe, dass ich sie auswendig erzählen könnte, Wort für Wort, Satz für Satz – und doch entdecke ich bei jedem Lesen neue Feinheiten, neue Genialitäten, neue Abschnitte, in die ich mich verliebe. Die Geschichte stammt von W. C. Heinz, einem der aufregendsten Autoren von Sporttexten des letzten Jahrhunderts, und handelt von Bummy Davis, einem Boxer aus Brooklyn, den die Leute erst zu mögen begannen, als er schon gestorben war.
Gewiss – von allen Sportdisziplinen ist Boxen wahrscheinlich das dankbarste Objekt für Journalisten. Das liegt daran, dass das, was im Viereck des Rings geschieht, so verständlich und so einfach aufs Leben übertragbar ist. Zwei Menschen stehen sich gegenüber, und nur einer kann gewinnen. Dass Menschen, die im Boxen gut sind, es im Leben meistens nicht so sind, macht die Affiche für Schreiberlinge nur noch attraktiver. Es gibt auch tatsächlich viele ausgezeichnete Boxreportagen, vielleicht so viele wie von keiner anderen Sportart, aber das macht die von W. C. Heinz nicht weniger einzigartig. Im Gegenteil.
Der Einstieg in den Text geht so: «Die Menschen sind schon komisch. Da hassen sie einen Kerl sein Leben lang für das, was er ist, aber sobald er dafür stirbt, machen sie einen Helden aus ihm und erzählen der ganzen Welt, dass er wohl doch kein so schlechter Kerl war, da er ja bereit gewesen sei, für das, woran er glaubte oder was er war, bis zum Äussersten zu gehen.»
Die Geschichte von Bummy Davis ist die eines irgendwie bemitleidenswerten Kämpfers, der zu wenig lang zur Schule gegangen war, als dass er genügend Wörter zur Verfügung gehabt hätte, um angepasst auf Pöbeleien oder auch nur Beleidigungen zu reagieren. Seine Antwort war immer dieselbe: sein linker Haken. Das ging lange gut, aber als ihn vier Möchtegernbanditen eines Abends in Dudy’s Bar – einem Pub, das er eine Zeitlang besessen hatte – blöd anmachten, lief es aus dem Ruder. Den ersten Gauner vermöbelte Bummy Davis noch. Beim zweiten war er tot. Denn der trug einen Revolver bei sich und setzte ihn dummerweise ohne zu zögern ein.
Das ist die Ausgangslage des Textes von W. C. Heinz: Der Tod von einem, der bis tief nach Manhattan hinein allen bekannt war – aber eben nur für seine etwas einfältige Boxkunst. Am 22. November 1945 prangte die Meldung seines Hinschieds auf der Frontseite der «New York Times», erst 1951 erschien das Zwanzigseitenwerk von W. C. Heinz. Was doch zeigt: Es kann noch so viel Zeit zwischen dem Geschehen und der Erzählung liegen – wenn die Geschichte gut ist, bleibt sie es. Nicht nur sechs, sondern auch sechzig Jahre später.
Kurz zum Autor: W. C. Heinz hat in seinem langen Journalistenleben über alles Mögliche geschrieben, er war Kriegskorrespondent, Lokalreporter und Autor von Kurzgeschichten, aber am meisten zugetan war er dem Sport. Schon als Student hatte er die Sportseiten der Schulzeitung verantwortet, ab 1948 schrieb er für die «New York Sun» eine tägliche Sportkolumne. Dort verfasste er auch den Text, für den er fast noch bekannter ist als für «Brownsville Bum»: «Death of a Racehorse». Darin schildert er die letzten Augenblicke im Leben eines Pferdes, das sich auf der Rennbahn verletzt und vom Arzt den Gnadenschuss erhält. Der Text ist schon für sich genommen ein Meisterstück – aber wenn man noch weiss, dass W. C. Heinz drei Stunden bis Druckbeginn blieben, um ihn herunterzuschreiben, kommt man aus dem Staunen kaum noch heraus.
Zurück zu Bummy Davis. Oder aber: So viel gibt es dazu gar nicht mehr zu sagen. Besser, Sie lesen den Text einfach. Nur dies noch: Der Text beweist, dass die besten Geschichten immer noch das Leben selbst schreibt. Trotzdem ertappe ich mich jedes Mal, wenn ich ihn hervornehme, dabei, wie ich denke: Wäre mir völlig egal, wenn die Erzählung frei erfunden wäre, so gut ist sie. Geschrieben mit einer Leichtigkeit und einer Durchdringlichkeit, dass man sich in einem Buch von Ernest Hemingway wähnt (wirklich wahr!).
Hier der Text im Original. Eine deutsche Übersetzung kann im soeben erschienenen und sehr empfehlenswerten Sammelband «Die stille Saison eines Helden», herausgegeben von Dominik Fehrmann, nachgelesen werden – dort unter dem Titel «Der linke Haken von Brownsville». Und hier der Link zu «Death of a Racehorse».
Das Grosse im Kleinen: «The Thunder and the Hurricane»
Von Bänz Friedli – «They’re trying to wash us away», lautet eine Zeile in Randy Newmans Lied über die Flutkatastrophe im US-Südstaat Louisiana im Jahr 1927. Wer je gehört hat, wie Zehntausende diesen Refrain am jährlichen Jazz and Heritage Festival auf der Pferderennbahn von New Orleans wie aus einer Kehle singen, dem geht der Song fortan durch Mark und Bein: Hier fühlt sich die Bevölkerung einer ganzen Region von ihrer Regierung vernachlässigt, vom offiziellen Amerika vergessen, ja dem Untergang preisgegeben: «They’re trying to wash us away».
Die Liedzeile erhielt mit der Überflutung der Stadt nach dem Wirbelsturm «Katrina» 2005 bittere Aktualität. Nur wer ein Auto besass, konnte sich retten; über 1800 Menschen starben, und die vermeintliche Natur- erwies sich am Ende als politische Katastrophe: New Orleans’ Deiche barsten, weil das Bundesbudget für Unterhaltsarbeiten gekürzt worden war, um George W. Bushs irrwitzigen Irakfeldzug zu finanzieren. «They’re trying to wash us away».
Hier setzt die Schriftstellerin Pia Z. Ehrhardt mit der Geschichte «The Thunder and the Hurricane» an, die sie 2016 im «Oxford American» publizierte, einer Zeitschrift über die Kultur und Gesellschaft des US-Südens. Auf wenigen Seiten erzählt die Autorin, die noch immer in New Orleans lebt, von Fussballjunioren in der flutversehrten Stadt; davon, wie die Mitglieder eines Teams durch «Katrina» in alle Himmelsrichtungen versprengt wurden; wie sie allmählich wieder zusammenfanden und wie das gemeinsame Ringen ihnen half, über das Geschehene hinwegzukommen. Autorin Ehrhardt war die Mutter eines der Spieler, und dessen Team hatte im Jahr zuvor in seiner Altersklasse die Meisterschaft des Gliedstaats Louisiana errungen.
Aber in der Erzählung geht es um weit mehr als sportlichen Erfolg. Es geht um Freundschaft, Verlässlichkeit, Solidarität, darum, wie unterschiedliche Charaktere ein Team formen und wie das Team Einzelnen helfen kann, traumatisierende Geschehnisse zu überwinden. Aber nicht allen: «The Thunder and the Hurricane» hat nicht einfach ein Happy End, denn es erzählt aus dem richtigen Leben.
Über «Katrina» hatte ich viel gelesen, nie aber war es jemandem gelungen wie nun Ehrhardt, die Naturkatastrophe, die zum gesellschaftlichen Desaster geriet, so persönlich zu erzählen. Anhand einer kleinen Episode, die auf die grossen Zusammenhänge verweist und aufzeigt, was die schrecklichen Vorgänge von 2005 für die einzelnen Menschen bedeuteten. War das nun Literatur oder Journalismus? Beides. Berührend und doch erbarmungslos präzise.
Das kleine Lesestück, von dem ich so Feuer und Flamme war, dass ich die Lektüre über die Abende einer ganzen Woche künstlich in die Länge zog, ist eine mustergültige Erzählung, weil es das Unfassbare, Immense, Unbegreifliche konsequent an einer kleinen Gruppe Menschen exemplifiziert, es also das Grosse im Kleinen schildert. Gleichzeitig ist es mein liebstes sportjournalistisches Werk, weil es zwar von mehr oder weniger Namenlosen handelt, aber aufzeigt, wie ein Team sich nicht einfach hinwegspülen lässt. «They’re trying to wash us away» – aber es gelang nicht. Eine Geschichte darüber, was Sport fernab der Scheinwerfer vermag.
Hier der Text. Der «Oxford American» ist ein hervorragend gemachtes, viermal jährlich erscheinendes Magazin mit künstlerischen Fotografien sowie literarischen und journalistischen Texten über den US-Süden, in denen es um Essen, Musik, Gesellschaft, Politik und zwangsläufig auch immer wieder um Rassismus geht. Abonnemente und Geschenkabos gibt’s hier.
Ein Welt-Drama namens Fussball: «Football against the Enemy»
Von Bruno Ziauddin – Mein Lieblingstext ist ein Buch.
Im Frühjahr 2006 bin ich für eine Reportage über den iranischen Fussball nach Teheran gereist. Ein paar Monate zuvor hatte sich die Nationalmannschaft für die WM qualifiziert. Mein Fremdenführer war ein junger, sehr intelligenter, aber ziemlich depressiver Sportjournalist. Auf der Fahrt zum Lokalderby (Persepolis gegen Esteghlal, 110’000 Zuschauer) fing er unvermittelt an zu strahlen – zum ersten und letzten Mal während unserer gemeinsamen Zeit. Und alles nur, weil ich beiläufig erwähnt hatte, dass ich den Autor des Buches, über das wir uns gerade unterhielten, persönlich kannte. «Was, du bist mit Mister Simon Kuper befreundet?», stammelte der traurige Iraner ergriffen. «Bitte richte Mister Kuper aus, dass ich, wie auch sämtliche meiner Kollegen, grösste Hochachtung für ihn empfinden!»
Da wurde mir so richtig bewusst, was ich schon ahnte: Unter Sport- oder zumindest Fussballjournalisten ist Simon Kuper ein Star. Ein Weltstar. Das hat nur in zweiter Linie mit seinen Kolumnen in der «Financial Times» zu tun, so witzig, luzid, ja brillant sie sein mögen. Ausgezeichnete Sportkolumnisten gibt es noch ein paar andere. Aber keiner hat so ein Buch geschrieben wie Kuper (mit gerade mal 25 Jahren, übrigens). Das Buch ist 1994 erschienen, heisst «Football against the enemy» und ist in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt worden, 2009 in einer aktualisierten Version auch ins Deutsche.
Im Prinzip handelt es sich um eine Grossreportage in 21 Kapiteln, für die der Autor während neun Monaten fast zwei Dutzend Länder bereist hat. Die Geschichten, die Kuper erzählt, liegen fernab von Matchberichten, Resultathuberei oder dem in jüngster Zeit unter Sportbloggern besonders populären Taktikgeschwurbel. Es sind lehreiche, groteske, berührende, derbe, todernste und heitere Geschichten, die den Fussball als Welt-Drama begreifen und dadurch auch viel über die real existierende Welt aussagen – über menschliche Grösse und Niedertracht, über Ängste und Hoffnungen, historische Rivalitäten und nationale Schrulligkeiten. Über den holländischen Libero (so was gab es damals) Ronald Koeman, der nach dem gewonnenen EM-Halbfinale ein deutsches Trikot als Toilettenpapier benutzte, über die Millionenkredite der argentinischen Militärjunta an Peru kurz vor einem entscheidenden WM-Spiel (Argentinien gewann 6:0), über die Bedeutung von Muti, schwarze Magie im afrikanischen Fussball oder über den Arsenal-Fan Osama bin Laden.
Simon Kuper lesen heisst Fussball verstehen.
Die deutsche Fassung von Simon Kupers Buch ist vergriffen, die englische ist als Kindle Edition erhältlich.