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Karte
Kaum ein Tag, an dem uns nicht irgendwelche "Karten" in die Hand oder unter die Augen kommen: Fahrkarten oder Flugkarten, Kreditkarten, Eintrittskarten, Ausweiskarten, Landkarten, Ansichtskarten, Speisekarten, Weinkarten, Spielkarten und wer weiss, welche noch. Früher gab es auch einmal gelochte und ungelochte Karteikarten; in so einer Kartei waren die Karten ganz unter sich, bis die elektronischen Dateidaten den papierenen Karteikarten einmal die rote Karte gezeigt haben. So weitgefächert die Bedeutungsvielfalt, so geradlinig ist die Lautgeschichte unserer "Karte": Dahinter steht zunächst eine mittelhochdeutsche karte, dahinter wieder eine altfranzösische carte, dahinter wieder eine lateinische c(h)arta, dahinter wieder ein griechischer - und übrigens männlicher - chártes, und dahinter schliesslich verliert sich die Spur des Wortes in den unüberschaubaren Papyrusdickichten des ägyptischen Nildeltas.
Wo in grossem Stil interessante Waren exportiert und importiert werden, fahren in der Regel ein paar interessante Wörter als blinde Passagiere mit. So ist mit den unzähligen Schiffsladungen von Papyrusballen, die von Aegypten in die ganze Mittelmeerwelt hinausgingen, neben dem "Papyrus" auch die "Karte" aus Aegypten ins Griechische und Lateinische gekommen und schliesslich in die neuen Sprachen eingegangen: Aus dem griechischen pápyros ist am Ende unser "Papier", aus dem chártes unsere "Karte" geworden.
Der pápyros bezeichnete die übermannshohe, üppig wuchernde Papyrusstaude, der chártes das daraus gefertigte Papyrusblatt oder die Papyrusrolle. Der ältere Plinius hat die Verarbeitung in seiner enzyklopädischen "Naturgeschichte" beschrieben: Das fasrige, saftige Mark der Papyrusstauden wurde in dünne, lange Streifen geschnitten; die Streifen wurden in einer senkrechten und einer waagerechten Lage übereinandergelegt, die Lagen aufeinandergepresst und so mit dem eigenen Saft verklebt; die einzelnen rechteckigen Blätter wurden getrocknet und geglättet und allenfalls zu langen Rollen aneinandergeklebt.
In der Spätantike ist der stete Zustrom dieser feineren und gröberen, kleineren und grösseren Papyrusblätter und -rollen allmählich versiegt. An ihre Stelle trat das aus Schafs- oder Ziegenhäuten hergestellte, nach der Bibliotheksstadt Pergamon benannte Pergament. Die beiden blinden Passagiere sind erfolgreich mit der Zeit gegangen: Der pápyros, lateinisch papyrus, bezeichnet seit dem Mittelalter das von den Chinesen aus Lumpen gewonnene, von den Arabern an den Westen vermittelte Papier; der chártes, lateinisch c(h)arta, hat sich nach Papyrus, Pergament und Papier jüngst noch auf den Kunststoff eingelassen, und auf alle Formate vom Kreditkartenformat aufwärts: Es gibt Landkarten, die gehen auf keine Kuhhaut.
Und auf keine Kuhhaut geht auch, was da sonst noch alles dranhängt: Die Verwandtschaft von "Karte" & "Karton" reichte bei den alten Artilleristen über italienisch cartuccia, cartoccio, französisch cartouche zur pulvergefüllten Karton-"Kartusche", über italienisch cartaccia zur bleigefüllten Karton-"Kartätsche", und sie reicht heute zur pergamentenen "Charta der Vereinten Nationen", zu den papierenen "Charter"-Frachtbriefen und im Anschluss daran zu den "Charter"-Flugreisen und schliesslich über italienisch cartello, französisch cartel bis zum marktbeherrschenden, preistreiberischen "Kartell". Auch das ist eigentlich nur ein "Kärtchen" mit ein paar Buchstaben und Zahlen darauf, sagen wir: das Visitenkärtchen, auf dessen Rückseite die Mineralöl-Mega-Multis beim Apéro im Séparée den Benzinpreis akkordieren.
Klaus Bartels
Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster