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LINGUISTISCHE AMUSE-BOUCHE Nummer 35
Ich möchte gleich vorweg etwas klarstellen: Ich will mit meinen ‹Amuse-Bouche› über das hinaus, was ich wörtlich sage, gar nichts Weiteres sagen. Ich fordere weder die Abschaffung des Grußes ‹ciao› noch die Wiedereinführung der Lateinpflicht für das Medizinstudium, noch bin ich der Ansicht, dass indoeuropäische Sprachen anderen Sprachfamilien überlegen seien, und ich will nicht belehren, vor nichts warnen, niemanden beschämen, sondern einzig und allein unterhalten, denn sonst hätte ich zumindest eine andere Überschrift für die Rubrik gewählt. Dass ich zugleich sage, was wissenschaftlich belegt ist und was bloß hübsche Geschichten sind, die von der Wissenschaft nicht anerkannt werden, hat mit meinem Verständnis von Unterhaltung zu tun. Ich möchte also — bitte! — nicht dauernd Aufschreie der Entrüstung aus dem Messenger-Chat entfernen müssen. Nicht, weil ich keine Kritik vertrage, sondern weil ich mich nicht gern für Aussagen rechtfertige, die ich nie gemacht habe.
Und bei diesem ‹Amuse-Bouche› will ich speziell, explizit und unmissverständlich vorausschicken, dass meine Überzeugung und Haltung erschöpfend und ohne Vorbehalte in den 30 Artikeln der Menschenrechtserklärung von 1948 nachzulesen sind, auch was jede Art von ‹Emanzipation› angeht.Das lateinische Wort ‹emancipatio› ist eine Zusammensetzung aus drei Wörtern: ‹e›: aus (wie in ‹aus-ziehen›, ‹aus-führen›, ‹aus-radieren›…), ‹manus›: Hand (aber eigentlich wie in ‹Handhabung›, ‹Handwechsel›, ‹Handel›), ‹capere›: nehmen. Ausgangspunkt ist das Wort ‹mancipatio›, was seit der Republik, vermutlich aber bereits unter den Königen, und weit über die Kaiserzeit hinaus in Rom einem heutigen schriftlichen Vertrag entsprach: durch Erheben der Hand wurde, in Anwesenheit von fünf Zeugen, eine Sache (Güter, Immobilien, Sklaven) in Besitz genommen. Als ‹mancipium› wurde das Wort dann zum juristischer Fachausdruck und auch auf Urkunden ausgedehnt. Die ‹e-mancipatio› war dann die Freigabe aus dem Besitz, im juristischen Sinn zunächst die Entlassung eines Sohnes (für Töchter galt ein anderes Gesetz) aus der väterlichen Gewalt in die Selbständigkeit. Später galt dieselbe Regelung für die Freilassung eines Sklaven aus dem Eigentum seines Herrn. Faktisch bedeutete dies aber keineswegs eine Missbilligung der Sklaverei. Die Befreiung bedeutete, dass sich der Sklave durch Geld oder durch eine besondere Leistung, die einer gewissen Geldmenge entsprach, vom Herrn losgekauft hatte. (Er hatte den Preis für sich selbst entrichtet). Dadurch erwarb der Sklave das Recht, seinerseits Sklaven zu kaufen, was er in der Regel tat, sobald er es sich leisten konnte.
Im Kirchenrecht wurde der Begriff von X. bis ins XVIII. Jahrhundert vornehmlich für eine partikuläre Situation verwendet: Kinder, die man der Obhut eines Ketzers gewaltsam entriss und in ein Kloster steckte, also eigentlich versklavte, wurden ‹emanzipiert›, von der Obhut des Ketzers in die Knechtschaft durch die Kirche überführt.
Die oben erwähnten Töchter wurden im Gegensatz zu den Söhnen nicht aus der väterlichen Gewalt entlassen, sondern gingen in den Besitz des Ehemannes über. Auch wenn sich in der Praxis römische Frauen in einem Maß aus den Fittichen des Vaters lösten und ihre eigenen Wege gingen, das heute sehr überrascht, stand es ihnen nicht nach dem Gesetz zu.
Der Philosoph Moses Mendelssohn erreichte im XVIII. Jahrhundert geringfügige Anerkennung einiger weniger Rechte für Juden im preußischen Staat und nannte seine mäßigen Erfolge ‹Jüdische Emanzipation›.