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«I was the midwife to modern art», sagt Peggy Guggenheim. Erst ganz spät im Film sieht man die einzigartige Kunstsammlerin das erste Mal in einer Filmaufnahme. Bis dahin haben wir nur ihre Stimme aus dem Off gehört. Die Tonaufnahmen stammen aus verschollen geglaubten Interviews, die die Biografin Jacqueline Weld mit ihrer Auftraggeberin geführt hatte und die Lisa Immordino Vreeland bei den Recherchen zu diesem Dokumentarfilm wiederentdeckte. Dank dieser körperlosen Stimme aus einer anderen Zeit transzendiert der durchweg unterhaltsame Dokumentarfilm seine eigentlich konventionelle und chronologische Konstruktion und vermittelt viel von Guggenheims Persönlichkeit – sowie ein Stück Kunstgeschichte.
Lisa Immordino Vreeland hat sich nach dem Porträt von Diana Vreeland, der Grossmutter ihres Ehemanns und legendären Chefredakteurin von «Harper’s Bazaar» und «Vogue», einer anderen starken Frau zugewandt, die ihr ganzes Leben einer grossen Leidenschaft gewidmet hat. Beide Selfmade-Frauen waren ihrer Zeit weit voraus, und beide haben für ihren Beruf Opfer gebracht: ihre Familien, in erster Linie normale Beziehungen zu ihren Kindern. Während Vreeland eine einzigarte Intuition für Mode besass und die Modezeitschriften revolutionierte, sammelte Peggy Guggenheim Kunst. Und zwar moderne Kunst, als diese noch nicht ernst genommen wurde. Seit ihrem Aufenthalt im Paris der zwanziger Jahre war sie süchtig nach Kunst. Dort lebte die Amerikanerin inmitten von Künstlern wie Man Ray, Marcel Duchamp, Salvador Dalí, Max Ernst, Samuel Beckett, Yves Tanguy und allen anderen, die damals zur Gruppe der Surrealisten, Dadaisten und überhaupt der gesamten Avantgarde inklusive der Kubisten gehörten.
In London eröffnet Peggy Guggenheim vor dem Krieg ihre erste Galerie, immer gut beraten von Marcel Duchamp. Dank ihrer Abstammung aus einer sehr reichen Familie und einer Erbschaft kann sie es sich leisten, eine nicht rentable Galerie zu führen und später in Paris massenhaft moderne Kunst einzukaufen, um ein Museum zu gründen. Während des Zweiten Weltkriegs kehrt sie nach New York zurück und rettet dabei nicht nur die Kunstwerke, sondern auch Max Ernst vor den Nazis. Mit einer radikalen Art der Präsentation moderner Kunst erregt sie in ihrer New Yorker Art of This Century Gallery Aufmerksamkeit. Ihr grösster Erfolg aber ist die Entdeckung und Förderung von Jackson Pollock.
Was nach einer steilen Karriere tönt, ist geprägt von privaten Tragödien: der frühe Tod des Vaters beim Untergang der Titanic, eine lieblose, exzentrische Mutter, eine kurze unglückliche Ehe, die äusserst schwierige Beziehung zu ihren beiden Kindern und der frühe Tod ihrer grossen Liebe. Wegen ihrer vielen Affären wird sie als «Schlampe» abgestempelt; sie selbst ist stolz und packt ihr Liebesleben in ein Buch, für alle zum Nachlesen. Sie scheint gegen die schlechte Meinung anderer immun zu sein.
Lisa Immordino Vreeland kompensiert den Mangel an Filmaufnahmen von Peggy Guggenheim mit einer Fülle von Fotografien, Ausschnitten aus Spielfilmen, die den Zeitgeist vermitteln, und von Abbildungen moderner Kunst. Viel weniger verspielt als noch in Diana Vreeland: The Eye Has to Travel, denn alles fliesst etwas zu schnell als breiter Informationsstrom an uns vorbei. Ergänzt wird die visuelle Rekonstruktion nicht nur mit Peggys lakonischen Kommentaren, sondern auch mit unzähligen Interviews mit berühmten Menschen und Experten. So fügen sich die flott montierten und in Kapitel geordneten Puzzleteile zu einem Porträt, das Peggys «hunger for life» und die tragische Seite ihres aussergewöhnlichen Lebens in einer reichen und informativen Komposition präsentiert – ohne jedoch kritisch zu sein.
Die letzten dreissig Jahre verbringt Peggy Guggenheim in ihrer Wahlheimat Venedig. Dort lebt sie mit Dutzenden von Hunden äusserst gastfreundlich und doch irgendwie einsam. Ihre Sammlung ist die meistbesuchte Sammlung moderner Kunst in Europa. Sie gehört nun zum New Yorker Solomon R. Guggenheim Museum. Danach gefragt, wie es sich anfühlt, wenn ihre lang belächelte Sammlung nun im berühmten Museum hängt, entgegnet sie trocken: «Ah, you mean in my uncle’s garage.»