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Gedankenexperiment
Kaninchen!
Professor Lapin und sein Assistent freuten sich, ein Wörterbuch für eine bis dato bekannte Sprache zusammenzustellen. Erst vor kurzem hatten sie den Stamm der Leporiden entdeckt, und nun wollten sie die Bedeutungen der Wörter in deren Sprache aufzeichnen.
Das erste zu definierende Wort lautete „gavagai“. Lapin und sein Assistent hatten es immer dann gehört, wenn ein Kaninchen sich in der Nähe befand, und so wollte Lapin „gavagai = Kaninchen“ niederschreiben. Doch sein Assistent widersprach. Konnte „gavagai“ nicht etwas anderes heissen, zum Beispiel „Teil eines Kaninches“ oder „Schau, ein Kaninchen“? Vielleicht stellten die Leporiden sich die Tiere in vier Dimensionen einschliesslich einer zeitlichen vor, so dass „gavagai“ um anwesende Kaninchen, und abwesende hatten eine völlig andere Bezeichnung?
Lapin musste zugeben, dass diese Thesen ihren bisher gemachten Beobachtungen nicht widersprachen. Woher sollten sie wissen, welche der Bedeutungen stimmte? Sie konnten natürlich weitere Beobachtungen anstellen, aber um sämtliche Eventualitäten abzuklären, müssten sie so gut wie alles über den Stamm erfahren, wie er lebte und welche anderen Ausdrücke er benutzte. Wie sollte man unter solchen Umständen ein Wörterbuch erstellen?
(Quelle : Wort und Gegenstand von W.V.O. Quine (1960))
Zur Frage "Verstehen wir einander?"
Verstehen wir einander? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst definieren, wer der Andere ist. Der Andere ist unser Alter Ego. Er ist die Gesamtheit der Individuen, mit denen wir in der Gesellschaft leben. Der Andere ist unser Freund, unsere Eltern, aber auch unsere Mitbürger. Egal, ob der Andere einer unserer engen Freunde oder ein entfernter Bekannter ist: Es scheint, dass es im Interesse aller liegt, einander zu verstehen, um das Zusammenleben zu erleichtern. Aber ist dieses Verständnis, selbst wenn es sich als notwendig erweist, nur möglich?
Dies bringt uns zu einer zweiten Frage: Was bedeutet es, jemanden oder etwas zu verstehen? Das Verständnis kann intellektueller Natur sein, d.h. ein Appell an die Vernunft und die Wissenschaft. An der Schule zum Beispiel lernen wir zu verstehen, wie eine Gleichung gelöst wird. Zu diesem wissenschaftlichen Verständnis gehört auch wissenschaftliches Wissen, das mathematische Phänomene durch einen Ursache-Wirkung-Zusammenhang erklärt. Es scheint jedoch, dass das Wissen oder Verstehen von einem Objekt nicht mit dem Verständnis für oder Wissen über ein Individuum verglichen werden kann. Es nämlich nicht möglich, einen anderen Menschen allein durch äußere Sichtweise, d.h. anhand einer einfachen Erklärung, zu verstehen. Der Andere kann nicht so erklärt werden, wie man eine mathematische Formel erklären würde: Es würde uns dann eine Menge Informationen fehlen, die zu einem tiefen Verständnis notwendig sind. Der Andere besitzt nämlich, im Gegensatz zu einem Objekt, eine eigene Persönlichkeit, die man Ipseität nennt. Lassen sich mathematische Formeln systematisch nach einem gemeinsamen und stabilen Prinzip erklären, so hängt die Entwicklung eines Individuums mit seinem persönlichen Weg, mit seinen eigenen Begegnungen Erfahrungen zusammen. So wird mein Verständnis für Andere nicht nur bei jedem neuen Austausch in Frage gestellt und überdacht, sondern es muss auch an jeden Einzelnen, dem ich begegne, angepasst werden. Man kann das Verhalten oder die Ideen Anderer nicht vorhersagen. Eine Person S zum Zeitpunkt T in einer Situation X verstanden zu haben, bedeutet also nicht, dass ich eine Person A in der gleichen Situation oder S in einer anderen Situation zu einem anderen Zeitpunkt verstehen werde. Im Gegensatz zu den Naturwissenschaften funktioniert das Verständnis und die Kenntnis des Anderen weder nach einem Beweis- noch nach einem Vorhersagbarkeitsprinzip, und umso weniger ist die Wahrheit einer solchen Kenntnis allgemeingültig.
Das Individuum ist ein freies Subjekt, ein Wille und ein Gewissen. Daher kann niemand die Handlungen Anderer wissenschaftlich vorhersagen. Dies ist das Geheimnis des Menschen. Da wir jedoch nicht in der Lage sind, den Anderen zu erklären, versuchen wir ihn zu verstehen, indem wir seine Absichten und Motivationen analysieren. Um zu verstehen, versetzen wir uns in die Lage des Anderen: wir versuchen zu fühlen, was der Andere fühlt. Es ist daher unsere emotionale Bindung, die Fähigkeit, die Freuden und Schmerzen Anderer zu spüren, die unser Urteil und das Verständnis ihrer Handlungen und Ideen erleichtert. Wir versetzen uns subjektiv in die Lage des anderen Menschen, um uns vorzustellen, was er oder sie fühlt. Wir stützen uns also auf eine Projektion der Gefühle, die wir in der gleichen Situation empfinden würden, auf den anderen Menschen. „Wäre ich an deiner Stelle gewesen, hätte ich dieses oder jenes getan“, wird oft gesagt, um einen Freund oder Verwandten zu beraten. Es ist daher durch uns selbst, dass wir das Verhalten Anderer analysieren und versuchen, es zu verstehen. Wenn ein Freund oder Verwandter auf eine Weise handelt, die unseren Erwartungen zuwiderläuft, reagieren wir mit Unverständnis.
Aber ist eine Projektion nicht riskant? Können wir wirklich den Anderen durch unser eigenes Analyseraster verstehen, ohne uns grundsätzlich zu irren? Der Vergleich zwischen mir und dem Anderen ist nicht immer zuverlässig, da die Erfahrungen meines persönlichen Lebens nicht auf jeden zutreffen. Der Andere stellt trotz seiner Nähe eine Innerlichkeit dar, die mir völlig unzugänglich ist. Selbst wenn man versuchen kann, den Anderen durch Projektion oder durch Zuneigung zu verstehen, so kann man das Geheimnis der Innerlichkeit und des Bewusstseins des Anderen nicht durchbrechen. Diese unüberwindbare Grenze zwischen dem Anderen und mir stellt ein echtes Hindernis für unser gegenseitiges Verständnis dar. Und selbst wenn sich der Andere entscheidet, sich mir zu öffnen, damit ich ihn besser verstehen kann, ist er im Gebrauch der Sprache eingeschränkt. Darüber hinaus, wie wir bereits gesagt haben, verändern sich seine inneren Zustände und Verhaltensweisen ständig. Seine Innerlichkeit hängt von seiner Kultur, seinem sozialen Umfeld, seinen Beziehungen und seinen Erfahrungen ab. In der Tat ist das Bild, das ich mir von Anderen mache, nie genau gleichwertig mit ihrer inneren Realität. Die Projektion unserer Wünsche und unseres Willens auf die des Anderen ist daher paradoxerweise sowohl ein Mittel zum als auch ein Hindernis für das Verständnis des Anderen.
Es scheint jedoch, dass wir die Menschen, die uns nahestehen, besser und schneller verstehen, weil wir sie besser kennen und eine intimere Beziehung sowie stärkere emotionale Bindung zu ihnen haben. An den Grenzen des Verstehens durch rationales Urteilsvermögen versuchen wir, Andere durch Zuneigung und Gefühl zu verstehen. Dies scheint einfacher zu sein, nicht nur mit denen, die uns nahestehen, sondern auch mit Individuen, die unsere Realität teilen, z.B. der gleichen kulturellen oder religiösen Gruppe angehören. Das Verständnis des Anderen ist jedoch nie vollständig oder endgültig, da es sich in einem Prozess der Instabilität, der potentiellen Tarnung (durch Lügen) und der persönlichen Einschränkungen befindet. Wir können sogar gegenüber jemandem, der uns nahesteht, Unverständnis erzeigen. Selbst wenn die Gefahr des Unverständnisses nie weit weg ist, hindert dies den Menschen nicht daran, in der Sorge um das Zusammenleben nach dem Verständnis seiner Mitmenschen zu suchen. Hier beginnt vielleicht das Verständnis des Anderen: in dem Wunsch, die Herausforderung anzunehmen, indem wir zunächst erkennen, dass der Andere tatsächlich ein Anderer ist und dass diese Andersartigkeit unsere Begegnungen bereichert.
nach Professor E. Wahib's Lehre