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Laut Bundesamt für Statistik lebten im Dezember 2012 in der Schweiz 306‘000 Ausländer, die aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens stammen. Das sind mehr als Italiener (294‘000) oder Deutsche (285‘000). Bereits 1998 überrundeten die sogenannten Ex-Jugoslawen die Italiener, seither bilden sie die grösste Ausländergruppe.
Noch vor fünfzig Jahren waren die Jugoslawen in der Schweiz eine verschwindend kleine Minderheit. Sie zählte nur etwas mehr als 1000 Personen. Unter den wenigen Exoten befand sich auch Nada Boškovskas Vater. Geschichtsprofessorin Nada Boškovska selbst wurde in Mazedonien geboren und folgte ihrem Vater später in die Schweiz.
Für die rasch wachsende Zahl der Jugoslawen in der Schweiz gibt es mehrere Gründe, wie Boškovska ausführte. Die einen liegen im Herkunftsland, die anderen im Zielland. Ab den 60er-Jahren verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage Jugoslawiens, die Arbeitslosigkeit stieg. Gleichzeitig gab es immer mehr Universitätsabgänger. Der jugoslawische Staat unterstützte anfänglich die Auswanderung arbeitsloser Menschen, auch organisatorisch, versuchte sie aber später erfolglos zu bremsen. Denn nicht nur Erwerbslose und Arme, auch viele gut Qualifizierte und Beschäftigte wanderten in der Hoffnung auf bessere Einkünfte aus. 1973 erlebte die Auswanderung ihren ersten Höhepunkt: Über eine Million jugoslawische Arbeitskräfte waren im Ausland beschäftigt, mehrheitlich in Europa, aber auch in Übersee.
Abgekapselt von der hiesigen Gesellschaft
Das Hauptziel der Auswanderer war die Bundesrepublik Deutschland. 61 Prozent von ihnen emigrierten bis 1971 dorthin, nur drei Prozent in die Schweiz. Die Schweiz warb aber in der damaligen Hochkonjunktur um Arbeitskräfte aus dem Ausland, auch in Jugoslawien. Aufgrund eines Kollektivvertrags kamen ab 1964 jährlich mehrere Hundert landwirtschaftliche Hilfskräfte aus armen ländlichen Regionen in Kosovo, Makedonien und Serbien in die Schweiz – vorwiegend ethnische Albaner. Auch jugoslawische Ärzte, Zahnärzte und Apotheker fanden hier Arbeit, der Bedarf an medizinischem Personal war gross. Sie stammten meist aus Kroatien oder Serbien.
Diese erste, zahlenmässig kleine Fremdarbeitergeneration war mehrheitlich beruflich qualifiziert und gesellschaftlich integriert. Das änderte sich nach 1980, als sich die Immigration von Jugoslawinnen und Jugoslawen in die Schweiz innerhalb von zehn Jahren verdreifachte, auf 172‘000 Personen im Jahr 1990. Die Auswanderer waren nun mehrheitlich ungelernt, ländlich geprägt und muslimisch. Insbesondere die Albaner, die heute die grösste Bevölkerungsgruppe aus dem ehemaligen Jugoslawien in der Schweiz stellen, blieben unter ihresgleichen, abgekapselt von der hiesigen Gesellschaft.
Einwanderung über Familienzusammenführung
Ab den 1980er-Jahren kamen immer mehr Familien nach. Dieser Trend verstärkte sich aufgrund der wirtschaftlichen und politischen Krisen und den Kriegen in den 1990er-Jahren. Die Schweiz versuchte die Einwanderung zu begrenzen, allerdings ohne viel Erfolg. Zahlreiche Ausnahmeregelungen und der Familiennachzug untergruben diese Bemühungen. Ausgenommen die Zeit der Weltwirtschaftskrise in den Siebzigern stieg die Anzahl Immigranten aus Jugoslawien weiter.
Dies, obwohl die Schweiz 1991 das Drei-Kreise-Modell einführte. Das Modell begrenzt die Einwanderung: Aus dem ersten Kreis (EU- und EFTA-Staaten) können die Arbeitskräfte frei in die Schweiz einwandern; aus dem zweiten Kreis (USA, Kanada, Australien, Neuseeland) werden sie eingeschränkt; aus dem dritten Kreis soll die Einwanderung grundsätzlich ausbleiben. So sind seither keine Arbeitskräfte aus dem Balkan mehr rekrutiert worden. Dasselbe gilt unter dem aktuellen Immigrationsregime. Seither läuft die Einwanderung aus dem Balkan fast nur noch über Familienzusammenführung – oder illegal, wie Nada Boškovska feststellte. Einzig Kroatien, so die Historikerin, werde als EU-Mitglied womöglich einen Immigrationsvorteil haben. Doch das müsse sich erst weisen.
Ringvorlesung «Balkannomaden» Der Vortrag von Nada Boškovska fand im Rahmen der laufenden Ringvorlesung «Balkannomaden»an der UZH statt. Die Organisatorinnen sind Sylvia Sasse, Professorin für Slavische Literaturwissenschaft und Tatjana Petzer, Oberassistentin Literaturwissenschaft am Slavischen Seminar. Ziel der Reihe ist, anhand von Beispielen aus Sozialgeschichte, Ökonomie und Politik sowie Literatur, Kunst, Film und Populärkultur mit Wissenschaftlern und zusammen mit migrierten Schriftstellern und Künstlern aus Bulgarien, Kroatien, Bosnien und Serbien Konzepte des Nomadischen als «mobile» Lebens- und Denkmodelle zu diskutieren. Die Veranstaltung findet wöchentlich dienstags von 16 bis 18 Uhr an der UZH statt (KOL-E-21) und wird am 17. Dezember mit «Thesen zu einer Nomadologie des Balkans» abgeschlossen. Am nächsten Dienstag (22.10.) referiert in Jena tätige Wissenschafter Ivan Majić über «Writing Abroad – The Novel as a Home. Post-Yugoslav Literature between Exile and Nomadism».
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