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Sturmgeboren
Wochenlang hatte die Hitze das Land gebeutelt und die Sonne jeden grünen Zweig seines Saftes beraubt. Der auffrischende Wind, der vom Meer her hereinfegte, deutete jedoch darauf hin, dass die Trockenperiode in dieser Nacht ein Ende finden würde.
Havva spürte den kommenden Sturm in seinen Knochen und sorgte eiligst dafür, dass er genügend Holz in seinem Turm hatte. Seit Generationen war seine Familie die Hüterin des Leuchtturmes. Schon von Kindes auf hatte er gelernt, die Farbe des Wassers und die Formen der Wolken zu deuten. Wenn ihm selbst die Gebeine schmerzten, dann wusste er, dass eine gewaltige Front heranrollte.
Und wirklich, noch bevor die Sonne unterging, verdunkelte sich der Himmel. Schwarze Wolken türmten sich am Horizont und schoben sich drohend heran. Der Wind peitschte das Wasser auf, sodass es schäumend gegen die Felsen krachte.
Havva hatte Vertrauen in seinen alten Turm. Er war nicht der grösste oder der schönste, aber sein Turm stand schon seit Generationen und hatte bereits unzählige Stürme überstanden. Dieser hier würde nicht anders sein.
Im letzten schwindenden Licht erkannte der alte Mann, wie der schmale Dammweg, der den Turm mit dem Festland verband, geflutet wurde. Nun war er vollkommen von der aufgewühlten See umgeben. Die Gischt spritzte so hoch, dass sie beinahe sein Fenster erreichte.
Havva tätschelte die Mauer wie um sie zu ermuntern, stark zu bleiben. Während der Donner grollte und die ersten Blitze die Gewitterwolken aufleuchten liessen, schürte er das Feuer und legte Holz nach. Dann richtete er die Klappen und den Spiegel so aus, dass der fokussierte Lichtstrahl weit durch die Dunkelheit schnitt, einem gleißenden Schwert gleich.
Wie üblich setzte er sich einen Topf Wasser auf, um sich einen aufputschenden Kräuteraufguss zu machen. In Nächten wie diesen war es wichtig, ganz wach zu bleiben. Kurz darauf lehnte er mit dem heissen Becher gegen das Fenster und starrte in den Sturm hinaus.
Donner rollte unabläßig und Blitze erhellten eine Welt, die nach jedem Herzschlag anders aussah. Ganze Berge aus Wasser wuchsen in die Höhe, nur um sich kurz darauf in gähnende Täler zu verwandeln.
Havva spähte nach den verräterischen Anzeichen von Wrackteilen zwischen der schäumenden Gischt. Es war lange her, dass er jemandem hatte den Weg leuchten müssen. Doch die potenziellen Schiffbrüchigen waren nicht der einzige Grund, weswegen er ins Unwetter hinaus starrte. Havva wartete.
Er wusste, irgendwann würden die Götter zurückkehren und wenn sie kamen, dann bestimmt während einem riesigen Sturm; das hatte ihm sein Vater stets versprochen. Havvas Familie hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie auf die Götter warteten. Deswegen wurden sie auch gemeinhin von den anderen Bewohnern als verrückt angesehen. Für sie gehörten Göttergeschichten an Lagerfeuer und in fromme Sonntagsgebete.
Havva störte es nicht, dass er für die meisten der verschrobene Leuchtturmwärter war. Er war sich sicher, dass die Götter da draussen waren und nur auf den richtigen Moment warteten, um zurückzukehren. Die anderen würden früh genug ihren Irrtum erkennen, wenn die herrlichsten aller Geschöpfe wieder in der Welt der Sterblichen wandelten.
Ein gewaltiges Krachen riss den alten Mann aus seinen Gedanken. In letzter Zeit passierte es ihm häufiger, dass er geistig abschweifte. Er wurde langsam alt. Bald musste er einen Jungen zum Nachfolger erwählen.
Schon wieder! Havva packte seinen Becher fester und blinzelte in die Wellenbrecher hinaus. Plötzlich stutzte er. War das ein Schatten in der haushohen Wasserwand gewesen? Trieb dort draussen vielleicht ein Meerestier? Wenn es bei Verstand war, dann würde es bei solchem Wetter normalerweise nicht so nah ans Festland herankommen. Manchmal passierte es aber, dass eines wegen einer Krankheit die Orientierung verloren und gegen den Strand geschleudert wurden.
Havva musste nicht lange auf den nächsten Blitz warten. Ja, dort zeichnete sich der Schemen wieder im durchscheinenden Wasser ab. Falls es ein Wal war, dann keiner, den der alte Mann je gesehen hätte.
Er war noch damit beschäftigt, zu deuten, was er gesehen hatte, als das Wesen plötzlich aus dem Wasser brach. Metallen glänzte es in der Sturmnacht auf, ein Seeungeheuer wie aus den kühnsten Seemannsgeschichten. Es hatte hell gleissende Augen und einen Rachen mit mehreren Reihen Reißzähne.
Havva war es, als würde das Biest ihn in seinem winzigen Fenster sehen. Der Blick ging ihm durch Mark und Bein. Entfernt nahm er das Klirren war, als der Becher ihm aus den tauben Händen rutschte.
Hinter dem Ungeheuer stiegen weitere aus den Wellen. Obwohl das Wasser um sie herum tobten, erhoben sie ihre schlanken Hälse unverrückbar wie steinerne Säulen aus dem Meer, ihr Blick landeinwärts gerichtet.
«Du hast auf uns gewartet, Mensch!”, erklang eine Stimme, so alt wie das Universum und so rau wie aneinanderreibende Felsbrocken.
«Seid ihr die überlieferten Götter?”, fragte Havva ungläubig.
«Götter, Boten der Apokalypse, Titanen, nenn uns wie du willst. Namen bedeuten nichts für uns.”
«Aber was wollt ihr denn von mir?”
«Wir wollen dein Licht.”
«Mein Licht? Ihr meint, ihr wollt mich töten?”, japste Havva entsetzt.
«Nein, du Dummkopf. Wir brauchen dein Licht. du bist ja der Leuchtturmwächter, oder?”
Erleichterung durchflutete den alten Mann.
«Ach, natürlich. Wohin soll ich es ausrichten?”
«Zur Bucht.”
Havva tat eilig wie ihm geheißen. So gut geölt wie er war, glitt der Spiegel lautlos in die entsprechende Position und der Lichtstrahl pflügte durch die Nacht zum Strand.
Der Sturm flaute allmählich ab, sodass ein Teil der sandigen Fläche wieder zum Vorschein kam. Das Licht glitt über den glänzenden Körper eines der Wesen, das seinen langen Hals aus dem Wasser streckte und mit der Schnauze kurz den Sand berührte.
Havva fragte sich bereits, was die Geste zu bedeuten hatte, als er ein kleines Bündel dort liegen sah.
«Was ist das?”, wisperte er.
«Deine Nachfolgerin. Gib gut Acht auf sie.”
«Wollt ihr mir damit sagen, dass dass dort ein Kind ist, ein Mädchen?”
«Nicht irgendein Mädchen. Das ist Marina.”
«Wer ist sie? Wo habt ihr sie her?”, rief Havva und riss seinen Blick vom Bündel los. Doch als er den Strand absuchte war dieser leer. Die Wesen waren verschwunden.
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eingefleischte Fantasy-Liebhaberin; Stammautorin beim Verlagshaus el Gato; ist der Meinung, dass es nie schaden kann, sich als Autorin (und Mensch) immer wieder neu zu erfinden; ach ja und Brandon Sanderson ist der Beste.