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Wie auch immer die Volksabstimmungen über die Agrarinitiativen ausgehen mögen, es bleibt und wächst ein augenfälliges anderes Strukturproblem der Schweizer Landwirtschaft: die fortschreitende Zersiedelung und die Verschandelung der Landschaft durch die ungehemmte bäuerliche Bautätigkeit ausserhalb der Bauzonen.
Als die Ställe und Scheunen der alten Bauernhäuser in den Dörfern zu eng wurden, begannen die Bauern ab den Sechzigerjahren auf dem Kulturland ausserhalb der Dörfer sogenannte landwirtschaftliche Siedlungen zu errichten mit grosser Stall- und Scheunenhalle, Futtersilo, separater Wohnbaute und Altenteil. Für Planung und Bau zeichneten die Architekten zum Beispiel im Auftrag der Schweizerischen Vereinigung mit dem sprechenden Namen «für Innenkolonisation und industrielle Landwirtschaft (SVIL)».
Unter dem Radar
Mit der fortschreitenden Industrialisierung und Mechanisierung der Landwirtschaft wuchsen und wachsen diese ursprünglich durchaus mit architektonischem Anspruch konzipierten Siedlungen raumgreifend und ohne grosse Rücksicht in die Landschaft hinein. Hier ein grösseres Stallgebäude, da eine weitere Maschinenhalle, dort ein höherer Silo. Fährt oder wandert man durchs Land, kann man jedes Mal wieder solche neuen agrarindustriellen Erweiterungsbauten entdecken. Zu einem Grossteil werden diese finanziert durch staatliche Beiträge für Strukturverbesserungen (sprich: Subventionen) und staatliche Investitionskredite.
Während private Bauvorhaben innerhalb der Bauzonen von den Nachbarn mit höchstem Misstrauen beäugt und ins Fegefeuer von Baueinsprachen und -prozessen geschickt werden, bleibt das weitgehend regelfreie Bauen ausserhalb der Bauzonen unter dem Radar. Da das Bauen ausserhalb der Bauzonen im schweizerischen Raumplanungskonzept eigentlich nicht vorgesehen ist, ist die Regeldichte für landwirtschaftliche Bauten viel weitmaschiger als in den feinziselierten Bau- und Zonenordnungen für die restliche Bevölkerung. Auf diese Weise sind im Laufe der Zeit aus landwirtschaftlichen Siedlungen in die Landschaft gestreute Industriekomplexe gewachsen.
Silowürste statt Bauernstolz
Mit der Auswanderung der Bauern aus den Dörfern in die Siedlungen scheint ihnen nach und nach die ästhetische Empfindsamkeit abhandengekommen zu sein. Wo früher ein gezöpfelter Miststock und ein aufgeräumter Hof zum Bauernstolz gehörten, verschandeln heute sogenannte Silowürste aus weissem Plastik und wilde Maschinenparks im Freien vormals intakte Landschaften. Während die Baupolizisten jedem Gartenhäuschen nachstiefeln, haben sie jedoch Hemmungen, etwas zu unternehmen gegen diese um sich greifende bäuerliche Unsitte. Die aufgetürmten Siloballen werden unverständlicherweise oft als bewilligungsfreie Fahrnisbauten behandelt, obschon die Lagerplätze jahraus jahrein bestehen.
Unterminierte Raumplanung
Zur Lenkung des Baubooms führte die Schweiz 1972 die raumplanerische Trennung von Baugebiet und Nichtbaugebiet ein. Heute stehen 24 Prozent der Bauten ausserhalb der Bauzonen. Als Reaktion darauf wurde im letzten Herbst die zweite Landschaftsinitiative eingereicht. Die Politik verkauft nun ihre Teilrevision des Raumplanungsgesetzes zum Bauen ausserhalb der Bauzonen als indirekten Gegenvorschlag dazu. Offenbar sind die darin vorgesehenen Normen derart gummig, dass der Staatsrechtler Alain Griffel – eine Eminenz im Raumplanungsrecht – in der NZZ (01.06.2021) vor einem trojanischen Pferd für das Bauen ausserhalb der Bauzonen warnt: «Sollte das, was sie (die ständerätliche Kommission) nun vorlegt, Gesetz werden, so dürften wir bald wieder dort sein, wo wir 1969 waren.»