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1999 war das Jahr, als man sich nirgendwo so cool fühlte wie im Kino. 1999 war das Jahr von «Fight Club» und «Matrix». Wer damals jung war oder sich jung fühlen wollte oder wem nach einem Doppelleben voller Gewalt und Romantik zumute war, verliess die beiden Filme mit einem gesteigerten Möglichkeitssinn.
Klar, dass es da im einen oder andern Fall irgendwann zu einem nostalgischen Vulkanausbruch namens Sequel kommen musste. Und logisch auch, dass der jetzt geschehen muss, zum Ende des zweiten Corona-Jahrs. In dem ja bereits die 1998 geborene Serie «Sex and the City» in die Verlängerung gegangen ist. Wir befinden uns gerade heftigst im Jahrtausendwende-Recycling-Loop. Die Frivolität, die damals die Unterhaltungsindustrie beherrschte und die am 11. September 2001 abrupt endete, scheint jetzt etwas Tröstliches zu haben. Oder wie es so schön in «Matrix Resurrections» heisst: «Nichts tröstet so gut über Ängste hinweg wie ein wenig Nostalgie.»
Und da sind wir nun also. 22 Jahre nach dem ersten und 18 Jahre nach dem zweiten und dritten Teil von «Matrix», einer Jesus-Science-Fiction aus der Zukunft. Teil eins von Lana und Lilly Wachowski war ein spektakulärer Geniestreich, der Entwurf eines postapokalyptischen Multiversums. Die Welt, wie die Menschen sie zu kennen glaubten, war nur noch eine Simulation, die Matrix eben, mit der die Psyche der Menschen ruhig gestellt wurde, während ihre Körper nichts als Biobatterien waren, mit denen ein Imperium der Maschinen betrieben wurde.
Es gab ein paar Rebellen, die Menschen befreien wollten und in einer unterirdischen Stadt namens Zion lebten. Es gab Programme, die sogenannten «Agenten», die als Menschen verkleidet Rebellen jagten, Orakel, Tentakelwesen, viele wunderschöne Stunts und Fights in schwarzer Lederkluft. Grüne Pixelströme rannen stylish über die Leinwand. Aus dem unmündigen Dämmerzustand in der Matrix aufwachen konnte man durch die Einnahme einer roten Pille. Wer eine blaue wählte, verharrte in wohliger Ausbeutung. Erstaunlich viele wollten Schafe bleiben, und alle Verschwörungstheoretiker, die glaubten, dass wir bloss ferngesteuerte Marionetten dunkler Mächte sind, hatten ihr Futter.
Rotpillenschlucker Neo (Keanu Reeves) war der Weltenretter. Trinity (Carrie-Anne Moss) seine Gefährtin. Ein Paar, so stählern und schön, dass es eigentlich nur künstlich sein konnte. Oder eben übermenschlich. Drei Filme lang starb entweder Neo oder Trinity und wurde wieder zum Leben erweckt.
Der zweite und dritte Teil blieben weit hinter dem ersten zurück. In «The Matrix Reloaded» lernte man dazu, dass in Zion gerne wollüstige Technopartys gefeiert wurden, in «The Matrix Revolutions», dass man mit der U-Bahn von einer Realitätsschicht in die andere fahren konnte, sonst nicht viel. Aber ein paar sehr schicke Szenen gab's auch da. Am Ende hielten wir Neo für richtig, richtig tot.
Was er natürlich nicht war. Sonst gäbe es jetzt nicht «Matrix Resurrections», das neue Lovechild von Lana Wachowski. Nach der zäh-esoterischen Pathos-Serie «Sense8», die sie gemeinsam mit Schwester Lilly realisiert hatte, war das Schlimmste zu befürchten gewesen. Aber: Alle Ängste waren umsonst! Es ist kaum zu fassen, aber «Matrix Resurrections» mag halb so cool sein wie seine Vorgänger, dafür ist er x-fach so amüsant. Entspannt. Selbstironisch.
Neo (Keanu Reeves) trägt jetzt wieder seinen bürgerlichen Namen Thomas Anderson und ist ein weltberühmter Game-Designer. Sein Game? «Matrix» natürlich. Eine Trilogie. Die ihn an den Rand des Wahnsinns gebracht und für immer therapiebedürftig gemacht hat. Sein Medikament? Blaue Pillen natürlich. Verschrieben von einem Analytiker, der ganz gewiss ein fieses Geheimnis haben muss, sonst würde er nicht von Neil Patrick Harris gespielt. Dessen Haustier ist übrigens die schwarze Katze aus «The Matrix Revolutions» und heisst Déjà-vu.
Abgesehen davon lebt Thomas ganz zufrieden, gilt als Held aller Nerds und sitzt gern in einem Café namens «Simulatte». Wo ihm eines Tages Tiffany (Carrie-Anne Moss), die MILF schlechthin, über den Weg läuft. Die man zum Einstieg des Films als Trinity sieht. Wie sie mit dem Rücken zur Kamera auf einem Stuhl sitzt – es ist die Schlusspose der toten Mutter aus «Psycho», ein paar Zitate dürfen bei Wachowski auch das Korsett der Selbstreferentialität sprengen.
Doch dann verlangt Warner Bros. (in Gestalt von Christina Ricci) einen vierten Teil von «Matrix». Transpolitisch soll es sein, den Kryptofaschismus thematisieren und so weiter. Thomas will nicht. Seine Schöpfung hat ihn zu sehr traumatisiert. Und sucht ihn heim. In Gestalt von Rebellenführer Morpheus (Lawrence Fishburne wurde durch Yahya Abdul-Mateen II ersetzt). Und von Agentenführer Smith (Jonathan Gross statt Hugo Weaving).
Alles geht noch einmal fast von vorne los, bloss etwas anders, denn Thomas-Neo ist jetzt 20 Jahre älter und weniger cool, kann seine Stunts nicht mehr so richtig und sollte sich auch dringend mal seinen Bart abrasieren. Bärte waren immer schon überschätzt. Tiffany baut unterdessen in ihrer Freizeit Motorräder zusammen.
Und so tauchen wir denn wieder ab. Ins menschliche Kraftwerk der Matrix; ins Erdinnere, das in den 20 Jahren ganz gute Fortschritte gemacht hat und wo Neo wie ein Popstar verehrt wird; in die endlose Fantasiewelt der Maschinentiere und in ein paar philosophischen Fragen. Ist etwas, woran wir uns erinnern, noch real oder schon eine Fiktion? Aus welcher Fiktion oder Erinnerung oder Erfahrung wurde eigentlich Thomas Andersons Game gespiesen? Was wurde da von wem und wozu genau angezapft? Oder ist das alles bloss ein auf ewig geloopter Track von einer alten Technoparty in Zion?
Tausend liebevolle Winzzitate, eine halbe Stunde Durchhängen und ein paar grossartig choreografierte Kampfszenen später stehen wir dann mit einem letzten Seufzen und Lachen erneut vor der Frage: War's das jetzt? Oder kann das immer noch mehr? Wie hässig wird Neo-Thomas sein, wenn er zu einem fünften Teil seines Games gezwungen wird oder findet Lana Wachowski dann zu einer neuen – und ebenso originellen – Schachtelrahmenhandlung? Und wie zum Teufel heisst das Ganze eigentlich? Denn dass das Liebes- und Hauptpaar eines Science-Fiction-Films Ü50 ist, das dürfte es so doch noch nie gegeben haben.
Keanu Reeves ist heute nämlich 57, Carrie-Anne Moss 54 Jahre alt. Ab 57 gilt man als Boomer. Wie soll man das jetzt also nennen, was die beiden hier – garniert von einem höchst vitalen, interessanten jungen Ensemble – aufführen? Boomer-Punk? Generation-X-Porno? Auf jeden Fall wird damit der Nostalgie-Faktor des Publikums von damals («Matrix» besuchten in der Schweiz 400'000, «The Matrix Reloaded» 532'000 Leute) aufs Schönste bedient. Und für alle anderen gibt's alle anderen.
«Matrix Resurrections» läuft ab dem 23. Dezember im Kino.
Sofort nachdem ich den Link angeklickt hatte, den mir meine Peinigerin Emily zusandte, beschlich mich ein Grauen. Denn ich wusste, um was es sich handelt: Um jene wahrlich abstruse Kombo von Zutaten, die nie und nimmer hätten zusammenfinden sollen dürfen. Ja, ich hatte das TikTok-Video bereits gesehen ... und gehofft, es nie wieder sehen zu müssen.