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Man stelle sich dies einmal vor: Ein Amerikaner bestellt einen neuen schnellen Strassen-Sportwagen, der dann in Frankreich ausgeliefert wird, gerade rechtzeitig um Start bei den 24 Stunden von Le Mans. Dort erhält der Amerikaner einen französischen Partner und gemeinsam bestreiten sie das Rennen in der Sarthe, um mit dem Cabriolet frisch ab Fabrik schliesslich nach rund 4000 km Fünfte im Gesamtklassement zu werden.
Undenkbar? Obwohl diese Geschichte sich wie ein Drehbuch zu einem Hollywood-Film anhört, hat sie sich exakt so zugetragen. Und der Hauptdarsteller war ein Ferrari 250 GT LWB California Spider von 1959, in der Nebenrolle als Fahrer überzeugte Bob Grossman, im Hintergrund zog Luigi Chinetti die Fäden.
Der Italo-Amerikaner Luigi Chinetti
Dass sich diese Geschichte so zutragen konnte, war zu einem nicht unbedeutenden Teil auf die Person Luigi Chinetti zurückzuführen. Chinetti, geboren im Jahr 1901 im Norden Mailands, begann bereits mit 16 Jahren bei Alfa Romeo als Mechaniker zu arbeiten. Schon bald zog es ihn nach Paris und im Jahr 1932 gewann er zum ersten Mal auf einem Alfa die 24 Stunden von Le Mans. 1934 siegte er dort erneut. 1940 entfloh er den Weltkriegswirren durch Umzug in die USA, 1946 wurde er amerikanischer Staatsbürger.
Stets blieb er dem Autohandel und den schnellen Sport- und Rennwagen treu. So kam er dann 1949 zurück nach Europa, um mit einem Ferrari 166 M erneut bei den 24 Stunden von Le Mans siegreich durchs Ziel zu fahren, notabene nachdem er in 23 der 24 Stunden am Lenkrad gesessen war. Dies war zugleich auch der erste Sieg eines Ferraris bei diesem Rennen.
Kein Wunder, dass es sich mit Enzo Ferrari gut vertrug und schliesslich auch USA-Importeur der Autos aus Maranello wurde. Er gründete das North American Racing Team (N.A.R.T.), das im internationalen Rennsport sehr erfolgreich war. Einige der Ferrari Sportwagen der Fünfzigerjahre und Sechzigerjahre waren durch Chinetti stark beeinflusst oder gar begründet worden, so auch der California Spider, der für den amerikanischen Markt entwickelt wurde.
Eleganter Rennwagen mit langem und kurzem Radstand
Erstmals gezeigt wurde der Prototyp des neuen Rennsportwagens (0769 GT) Ende 1958. Im Gegensatz zum 250 GT Pininfarina Spider, der als Strassensportwagen ausgelegt war, erhielt der California Spider Rennsport-Technik unter der hübschen, von Pininfarina entworfenen, aber bei Scaglietti gehämmerten Karosserie.
Eigentlich war es die offene Variante der rennsporttauglichen Berlinetta (auch Tour de France genannt), von der auch der Radstand mit 2,6 Metern Länge stammten. Die Stahlblechvariante brachte allerdings rund 100 kg mehr Gewicht auf die Wage als die Berlinetta, ein Umstand der dann mit Aluminiumkarosserien (bei acht Exemplaren) für den Rennsporteinsatz kompensiert wurde.
Im Innern zeigte sich der California Spider deutlich weniger luxuriös als die Ferrari-Sportwagen für den Boulevard.
Die Automobil Revue schrieb nach dem Besuch der Ferrari-Pressekonferenz im Dezember 1958:
“Im technischen Aufbau und in seiner Linie gleicht das neue zweisitzige Cabriolet dem im Gran-Turismo-Sport erfolgreichen Scaglietti-Coupé, das als Modell «Tour de France» auf Wunsch auch weiterhin geliefert wird. Das California-Cabriolet wird in zwei Ausführungen hergestellt, nämlich mit Stahlblechkarosserie und dem normalen 240-PS-Motor oder mit Leichtmetallkarosserie und dem frisierten 270-PS-Motor.”
Schon nach etwa sieben gebauten Exemplaren wurde die Spezifikation modifiziert. Ab Sommer 1958 kamen ein Triebwerk mit verstärkter Kurbelwelle und verbesserten Pleuelstangen zum Einsatz (128 D). Der Hubraum blieb bei 2953 cm3. Einige der Wagen wurden mit Renntriebwerken und Aluminiumkarosserien ausgestattet. Ab Ende 1959 wurden dann weitere Änderungen vorgenommen, die Zündkerzenposition änderte und Scheibenbremsen hielten Einzug in den California Spider. Insgesamt 50 dieser Spider mit langem Radstand (“LWB”) wurden zwischen 1957 und 1960 gebaut.
Dann löste eine neue Variante mit um 20 cm gekürztem Radstand den bisherigen California Spider ab, erstmals präsentiert auf dem Genfer Autosalon von 1960. Bis 1962 verliessen insgesamt noch rund 50 kurze Spider das Werk. Dann war Schluss.
Rennsport-Romantik der späten Fünfzigerjahre
Die Nachkriegsjahre im Motorsport waren geprägt durch neue aufstrebende Firmen und viele Einzelinitiativen. Der sogenannte Gentlemen-Racer konnte noch an vorderster Front mitkämpfen, wenn er über genügend Geld und Zeit, sowie natürlich Talent verfügte. Konkurrenzfähige Rennwagen konnte man ab Werk bestellen und kaufen. Und ihn ohne Modifikationen auf den grössten und berühmtesten Rennstrecken der Welt einsetzen. Selbst in Le Mans.
Der Le-Mans-Triumph
Bob Grossman hatte seinen California Spider bei Luigi Chinetti bestellt, der für Le Mans im Sommer 1959 drei Wagen organisiert hatte, einen 250 Testa Rossa, eine 250 GT Berlinetta und den 250 GT California Spider mit Chassisnummer 1451 GT, das Auto von Grossman. Obwohl es zum ersten Mal im April bereits Testtage gegeben hatte, wurden die offiziellen Qualifikationeläufe erst während der Woche vor dem 24-Stunden-Rennen durchgeführt.
Der California Spider kam gerade noch rechtzeitig an, denn er war erst fünf Tage vor dem Rennen im Werk fertiggeworden. Wobei “fertig” relativiert werden muss, denn die Lackierung war behelfsmässig und die Sitze nur notdürftig überzogen worden. Dafür aber arbeitete unter der Haube ein Zwölfzylinder des Typs 128F, der es mit Werber-Dreifachvergasern auf 262,5 PS bei 7300 Umdrehungen brachte. Im Heck sorgte ein Langstreckentank mit aussenliegendem Einlass dafür, dass auch längere Stints als die in Le Mans geforderten 30 Runden mit einem Tank möglich waren.
Der Amerikaner Bob Grossman und der Franzose Fernand Tavano waren zwar wegen sprachlichen Differenzen kaum in der Lage, ein gemeinsames Gespräch zu führen, aber hinter dem Lenkrad klappte die Zusammenarbeit tadellos. Nach 294 Runden wurden sie auf Gesamtrang 5 abgewunken, in der GT-Kategorie kamen sie damit auf den dritten Rang. Zu verdanken hatten sie dieses hervorragende Ergebnis auch der Tatsache, dass von 54 gestarteten Wagen nur deren 13 ins Ziel kam. Aber einen grossen Anteil am Erfolg hatte auch der zuverlässige Ferrari, der die beiden Privatfahrer nicht im Stich liess.
Zweijährige Rennkarriere
Nach dem Einsatz in Le Mans wurde der California Spider im Werk durchgesehen und mit seiner endgültigen Lackierung überzogen, bevor er nach New York verschifft wurde. In den Jahren 1959 und 1960 startete Grossman dann nach bei vielen Rennen in den USA, erwähnenswert sind dabei sicher die fünf Rennen, die er an einem Wochenende anlässlich der Nassau Speed Weeks bestritt. Einige erste Plätze schauten dabei heraus, nur zweimal kam der Ferrari nicht an.
Ein California Spider war zwar ein teures Auto, aber seine Zuverlässigkeit und sein Speed waren eindrücklich. Grossman jedenfalls soll gesagt haben, dass er erst später, als er nicht mehr in Ferrari-Sportwagen Rennen bestritt, herausfand, wieviel Motorsport wirklich koste.
Frühpensionierung
Als der Spider wohl nach der zweiten Saison nicht mehr ganz “state-of-the-art” war, verkaufte Grossman ihn weiter und der Wagen wechselte diverse Male den Besitzer. Im Jahr 1981 wurde 1451 GT zum ersten mal komplett restauriert, die Farbe wechselte zum angesagten “Rosso Corsa”. 1983 gewann der California Spider eine Klassenauszeichnung beim Pebble Beach Concours d’Elégance. 1990 wurde der Wagen am Bagatelle Concours in Paris gezeigt, 1994 erneut in Pebble Beach.
Zweimal restauriert und mehrfach ausgezeichnet
2007 wechselte der Spider zum letzten Mal den Besitzer. Nach einigen Auftritten an Veranstaltungen wurde er 2010 erneut komplett restauriert und im Prinzip wieder so aufgebaut, wie er 1959 in Le Mans angetreten war.
2011 erhielt der Wagen einen Platinum Award anlässlich der Cavallino Classic und 2015 wurde er Dritter in seiner Klasse am Pebble Beach Concours. Ein Jahr darauf erhielt er den mehr als passenden N.A.R.T.-Award beim jährlichen Meeting des Ferrari Clubs America.
Der teuerste Ferrari Sportwagen-Klassiker des Auktionsjahres 2017?
Am 6. Dezember 2017 erhält die internationale Ferrari-Community erneut die Chance, den Le-Mans-Teilnehmer 1451 GT, der noch immer den originalen Motor und das korrekte Getriebe hat, zu erwerben.
RM/Sotheby’s brachte den Wagen im Rahmen der “New York Icons”-Versteigerung unter den Hammer, geschätzt wurde im Vorfeld ein Marktwert von USD 14 bis 17 Millionen. Dies schaffte der California Spider, der natürlich eine “Ferrari Classiche” Zertifizierung hat, locker, USD 17,99 Millionen musste der Käufer des teuersten im Jahr 2017 an Versteigerungen gehandelten Ferrari bezahlen.
Dieser Wagen dürfte eines der wenigen Fahrzeuge sein, die bei Rennveranstaltungen wie der Le Mans Classic und auf dem Concours-Rasen mit Picknick eine gleich gute Figur abgeben.