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Wenn Sie das nächste Mal durch einen Wald spazieren oder über eine Alpweide wandern, halten Sie doch kurz inne und vergewissern sich, dass Sie sich in einer Umgebung befinden, die seit vielen Jahrhunderten von Menschen gemeinsam bewirtschaftet und gepflegt wird. Die Vielfalt an Bäumen und die Wege durch blumige Wiesen sind nicht in erster Linie das Resultat von Einzelleistungen, sondern zeugen vom Wirken lokaler Organisationen. Die sogenannten Commons – Ressourcen im Eigentum von Körperschaften wie Bürgergemeinden, Korporationen, Bourgeoisies, Patriziati – sind in der Schweiz weit verbreitet. Natürlich, es gibt auch Privatwälder und -alpen, doch die kollektive Verwaltung und Bewirtschaftung ist deutlich umfangreicher, sie macht fast zwei Drittel der Wald- und Alpflächen aus.
Sie begegnen den Commons auch andernorts: Städtische und dörfliche Körperschaften, im Fachjargon Common Pool Organizations genannt, haben Spitäler gebaut, unterhalten Altersheime, haben Kirchen und Kapellen (mit)finanziert. In jüngster Zeit betreiben sie Holzschnitzelheizungen mit Fernwärmenetzen und Wasserkraftwerke, kaufen oder bauen Immobilien, sind beteiligt an touristischen Infrastrukturen wie Seilbahnen und Skianlagen oder unterstützen lokale Kulturanlässe.
Bedingungen für den Bestand
Was das alles mit Nachhaltigkeit zu tun hat? Die Commons in der Schweiz sind alte Phänomene. Sie lassen sich in den meisten Fällen bis ins Mittelalter zurückverfolgen. Wir finden in den Archiven Dokumente, in denen Dörfer oder ganze Talschaften im 14. Jahrhundert festgehalten haben, wer welches Vieh wie lange auf welche Weide treiben darf und wer zum Bezug von welchem Anteil Holz aus dem angrenzenden Wald berechtigt ist. Im Verlauf der Zeit wurden diese Regeln immer wieder von neuem aufgeschrieben und veränderten Umständen angepasst.
Man muss sich das in einer ruhigen Minute einmal vorstellen: Gruppen von Menschen schaffen es, Flächen über mehrere hundert Jahre so zu bewirtschaften, dass jede Generation davon Holz oder Gras ernten kann. Ist es nicht ein grossartiges Prinzip, sich die Reproduktionsfähigkeit natürlicher Ressourcen zunutze zu machen, gleichzeitig dafür zu sorgen, dass diese Fähigkeit erhalten bleibt, und dies alles im Bewusstsein dafür, dass eine solche Leistung nur als Gruppe vollbracht werden kann?
Auch die Ökonomin Elinor Ostrom hat sich für dieses Phänomen interessiert und es in einem Buch beschrieben, für das sie mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Damit Common-Pool-Organisationen über lange Zeit bestehen bleiben, müssen sie unter anderen folgende Bedingungen erfüllen1:
- Den Kreis der Nutzer/-innen festlegen
- Die Nutzungsberechtigten mittels klarer Organisationsstrukturen und Abläufe so organisieren, dass sie fähig sind, gemeinsame Entscheidungen zu fällen
- Bewirtschaftungsregeln aufstellen, insbesondere was Dauer, Menge und Art der Nutzung betrifft (siehe oben)
- Die Regeln durchsetzen mittels Kontrolle vor Ort und Sanktionen bei Missachtung
- Den Zustand der bewirtschafteten Ressourcen überwachen und bei Bedarf anpassen
So überblickbar diese Liste ist, so komplex ist ihre Umsetzung, und damit wären wir auch schon bei den Schwierigkeiten, die das Prinzip Nachhaltigkeit mit sich bringt.
Nachhaltigkeit hat mehrere Dimensionen
Die oben beschriebene ökologische Dimension der Nachhaltigkeit – dafür sorgen, dass eine Ressource über lange Zeit Ertrag abwirft – ist kompliziert genug. Man muss die Natur genau beobachten, um ihre Logiken zu verstehen. Welche Bewirtschaftungsformen behindern beispielsweise die Fähigkeit eines Waldes, sich selbst zu verjüngen? Wie viele Weidetiere verträgt eine Alp, damit die Grasnarbe nicht geschädigt und die Pflanzen im folgenden Sommer wieder kräftig wachsen können? Neben dem Generieren von Wissen heisst nachhaltiges Bewirtschaften immer auch, die Dynamiken natürlicher Abläufe zu handhaben. Lawinen, Steinschlag, Überschwemmungen erfordern einerseits Vorsorgen, also Schutzvorrichtungen, andererseits wiederkehrendes Reparieren von Schäden. In den Regulierungen von Common-Pool-Organisationen ist deshalb das sogenannte Gemeinwerk ein fester Bestandteil: Die Nutzerinnen und Nutzer sind verpflichtet, bei den Reparationsarbeiten und beim Instandstellen von Infrastrukturen (z.B. Schutzvorrichtungen oder Weganlagen) mitzuhelfen.
Mit dem Aufstellen und Durchsetzen von Nutzungsregeln, die der gemeinsam bewirtschafteten Ressource gerecht werden, ist es allerdings…