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Eine Velotour im Berner Oberland! Und dann stirbt – wie in Opern des ausgehenden 19. Jahrhunderts üblich – die Titelheldin. Natürlich auf tragische Weise, selbstverständlich nach fatalen Missverständnissen. Wie dumm sind die Menschen doch! Und wie hoffnungslos romantisch. Das ist in etwa das Universum der Oper «Fedora» Umberto Giordanos. Fedora will Ipanov, den vermeintlichen Mörder ihres Verlobten, zur Strecke bringen, entdeckt dann aber, dass ihr Beinahe-Ehemann sich an die Frau Ipanovs rangemacht hat, Ipanov ihn dabei ertappte und ihn in Notwehr erschoss. Dann verliebt sie sich auch noch in den zunächst zu Unrecht beschuldigten.
Ipanovs Tenor-Arie «Amor ti Vieta» («dein Auge sagt mir, ich liebe dich!’,/ auch wenn deine Lippen sagen: ‚ich liebe dich nicht’» - da schmilzt doch jeder) ist ein Renner. Enrico Caruso, der 1898 in Mailand die Uraufführung sang, ist in einer Aufnahme von 1902 (von Naxos vertrieben) auch heute noch damit zu hören. Und noch einmal: Plácido Domingo. Er hat «Fedora» mit Mirella Freni vor Jahren bereits eingesungen. Nun bringt die Deutsche Grammophon anlässlich seines 70. Geburtstages eine Variante mit Angela Gheorghiu als Partnerin auf den Markt. Das restliche Personal – unter anderen Nino Machaidze (Olga – eine Art Paris Hilton des Fin de Siècle), Fabio Maria Capitanucci und der Dirigent Alberto Veronesi – sind auch nicht von schlechten Eltern.
Das Orchestre symphonique und die Choeurs de la Monnaie, sprich die Hausensembles der Brüsseler Oper, gehören vielleicht nicht gerade zu den allerbekanntesten Klangkörpern. Das Orchester hat aber letztes Jahr unter Gerd Albrecht gezeigt, dass es auch Bruckner stilecht aufs Podium zu bringen vermag. Es macht auch hier einen exzellenten Eindruck.
Das mit der Velotour im Berner Oberland stimmt übrigens. Auf die begibt sich gegen Ende der Oper Olga mit einem Verehrer von der Villa Fedoras aus. Laut Regieanweisung zum dritten Akt sieht man von der Residenz aus das Schloss Thun und dahinter die Berner Alpen. Sie muss sich also im Umfeld von Heimberg oder Steffisburg befinden – nicht gerade die glamouröseste Gegend, aber was soll’s – solange keiner auf die Idee kommt, das Werk dort als «Oper am Schauplatz» aufzuführen...
Das Libretto zur Geschichte ist dramaturgisch raffiniert und effektvoll gebaut. Eine schon fast modern anmutende Schlüsselstelle ist ein Dialog, in dem Ipanov Fedora gesteht, ihren Verlobten getötet zu haben, während im Nebenraum ein modischer Pianist der Zeit, vorgestellt in eitler Aufgeregtheit von Olga, zwei Piècen zum Besten gibt («Enkel und Nachfolger Chopins, Poet des Klaviers, Prinz der Gefühle, Zauberer» – uns ertappten Musikjournalisten steigt die Schamesröte ins Gesicht).
Just zum Bekenntnis Ipanovs und zum Schwur Fedoras, ihn nicht davonkommen zu lassen, applaudiert das Publikum und man glaubt sich in die moderne Privatfernseh-, Facebook- und Youtube-Zeit der voyeuristischen Sucht nach inszenierten Bekenntnissen und Schicksalen versetzt.
Nun ist er also siebzig, der grosse Tenor, und ins Baritonfach ist er, halb gezogen, auch schon gesunken. Die vorliegende Aufnahme ist vergleichsweise jung, sie ist im Januar 2008, also vor ziemlich genau drei Jahren realisiert worden. Auch da zeigt Domingo, der Unermüdliche, wenig Verschleisserscheinungen und nach wie vor viel sängerisches Charisma. (wb)
Umberto Giordano: Fedora, mit Angela Gheorghiu, Plácido, Domingo, Nino Machaidze, Fabio Maria Capitanucci, Orchestre Symphonique et
Chœurs de la Monnaie, Alberto Veronesi (Leitung), Deutsche Grammophon/Universal, Booklet mit Libretto in franz./deutsch/ital./engl. 2 CD/Download, Best.Nr. 477 8367.