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Freischaffende Journalistin aus London
In den letzten zwei Jahren haben die Umwälzungen im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie in Grossbritannien zu Verzögerungen entlang der gesamten medizinischen Kette geführt. Manche Patientinnen und Patienten warten mehr als zwei Jahre auf eine Operation. Andere müssen mit dem Taxi zur Notaufnahme fahren. Zeugenaussagen von der Front.
Emilys Grossmutter ist über 80 Jahre alt. Sie leidet schon seit Jahren an gesundheitlichen Problemen, aber nichts konnte sie auf das Unglück in diesem Winter vorbereiten. «Sie fühlte sich schwach und ihr wurde schwindelig, also rief sie einen Krankenwagen», erzählt die junge Frau. «Aber das Krankenhaus hatte kein Bett mehr zur Verfügung. Sie wurde auf einen Stuhl in der Mitte eines Korridors gesetzt, wo sie über zehn Stunden lang verängstigt und desorientiert blieb.» Schliesslich fand man für sie einen Platz in einer kleinen Einrichtung im Südosten Englands, aber da war es schon zu spät. «Sie fiel kurz darauf ins Koma», rutscht es ihrer Enkelin heraus. «Sie wird nicht mehr lange leben.»
In den letzten Monaten, als die Omikron-Variante in Grossbritannien ihr Unwesen trieb, häuften sich solche Berichte. Tracy Nicholls, Direktorin des britischen Verbands der Rettungssanitäter, sagt: «Es ist völlig normal geworden, dass Dutzende von Krankenwagen vor den Notaufnahmen Schlange stehen. Die Patientinnen und Patienten warten regelmässig vier bis sechs Stunden auf ihre Behandlung, manche sogar bis zu zwölf Stunden, obwohl die Standardzeit für die dringendsten Fälle 15 Minuten betragen sollte. Einige Sanitäterinnen und Sanitäter haben gesehen, wie Menschen auf dem Rücksitz ihres Fahrzeugs starben.» Die Richtlinien der Regierung besagen, dass 95% der Personen, die in die Notaufnahme kommen, innerhalb von vier Stunden gesehen werden müssen, ein Standard, der vor der Pandemie meist eingehalten wurde.
Taxi statt Krankenwagen nehmen
Andere Kranke hoffen vergeblich auf die Ankunft eines Krankenwagens, wie die ältere Frau, die sieben Stunden lang mit gebrochener Hüfte und gebrochenem Handgelenk auf dem Boden lag, und der Teenager, der nach einem Sturz vom Pferd 16 Stunden lang auf die Ankunft der Rettungskräfte wartete. Über ihre Leidenswege wurde in den britischen Medien berichtet. Anfang des Jahres rief der Ambulanzdienst im Nordosten Englands, einer besonders betroffenen Region, Menschen mit einem Herzinfarkt dazu auf, mit dem Taxi ins Krankenhaus zu fahren.
Die Auswirkungen waren entlang der gesamten medizinischen Kette zu spüren. «Wir mussten eine Person mit akuter Herzinsuffizienz über vier Stunden lang in unserer Praxis an einem Beatmungsgerät festhalten, bis ein Krankenwagen eintraf», berichtet Richard Greenway, Allgemeinmediziner in Bristol. Aus Personalmangel haben einige Heime begonnen, die Pflege ihrer Bewohnerinnen und Bewohner zu rationieren und sie die meiste Zeit bettlägerig zu halten, um wichtige Dienstleistungen wie die Bereitstellung von Mahlzeiten aufrechterhalten zu können.
Doch die Probleme, die das britische Gesundheitssystem belasten, gehen viel tiefer als die Lücken, die durch die jüngste Omikron-Welle aufgedeckt wurden. Nach zwei Jahren Pandemie liegt der NHS – das staatliche Gesundheitssystem – nach Ansicht der meisten befragten Expertinnen und Experten am Boden. «Ende 2021 warteten allein in England 6 Millionen Menschen auf eine elektive Behandlung, 2019 waren es 4,4 Millionen», erläutert Max Warner, Gesundheitsökonom am Institut für Steuerstudien.
Diese beispiellosen Verzögerungen betreffen vor allem nicht dringende Operationen, wie Hüft- oder Kniegelenkersatz und Katarakte. «Es gibt aber auch Menschen, die an dringenderen Problemen wie Nierensteinen leiden», fügt er hinzu. Manche warten auf eine Diagnose, die eine Krebserkrankung bestätigt. Andere auf einen Eingriff zur Linderung einer Endometriose oder eines schmerzhaften Ischias.
In einer Reihe von Fällen verlängert sich die Wartezeit weit über die 18 Wochen hinaus, die sich die Regierung als Grenze für die Behandlung von Personen auf der Warteliste gesetzt hat. «Es gibt heute 300 000 Menschen, die seit über einem Jahr warten, im Vergleich zu den 1600 vor der Pandemie», stellt Siva Anandaciva, Experte für Gesundheitspolitik bei der NGO The King’s Fund, fest. Nach offiziellen Angaben der Regierung warteten sogar 18 500 Menschen mehr als zwei Jahre auf eine Behandlung.
Ergebnis eines «toxischen Cocktails»
Diese Situation ist das Ergebnis dessen, was Siva Anandaciva als «einen toxischen Cocktail, der durch die Pandemie verschärft wurde» beschreibt. Die Wartelisten des NHS, die in den 1990er Jahren sehr lang waren, wurden unter der Labour-Regierung schrittweise abgebaut. Ab 2010 stiegen sie jedoch wieder an. «Das fiel mit dem Amtsantritt der Konservativen zusammen, die zu wenig in das Gesundheitssystem investierten, während die Nachfrage stieg», sagt Martin Marshall, der dem britischen Dachverband der Allgemeinmediziner vorsteht.
Kurz vor der Pandemie gab es im NHS 100 000 offene Stellen. Mit 2,45 Krankenhausbetten pro 1000 Einwohner hat das Vereinigte Königreich eines der niedrigsten Verhältnisse in Europa. Die Engpässe betreffen auch nicht-stationäre Dienste, wie häusliche Pflege oder Rehabilitationsdienste. Siva Anandaciva stellt fest: «Ein Drittel der Patientinnen und Patienten benötigt keine Akutversorgung mehr, kann aber das Krankenhaus nicht verlassen, weil sie auf diese Art von Leistungen warten. Sie belegen Betten, von denen andere, kränkere Menschen profitieren könnten.»
Die Pandemie hat diese Ungleichgewichte noch verstärkt. «Während der ersten Welle im Frühjahr 2020 wurden viele nicht unbedingt notwendige Dienste drei Monate lang geschlossen», erklärt Tim Gardner, Experte der NGO The Health Foundation. «Das hat zu Verschiebungen geführt, die das System noch nicht vollständig verarbeitet hat.» Hinzu kamen die Betten, die seit Beginn der Pandemie von den 600 000 Krankenhauspatientinnen und -patienten mit Covid-19 belegt wurden.
Personal abwesend wegen Omikron
In jüngerer Zeit hat die hochansteckende Variante Omikron zu erheblichen Personalengpässen geführt. «In meiner Praxis verzeichnen wir eine Rekordabwesenheitsrate von rund 20%», sagt Richard Greenway. «Wir haben mehrere dreifach geimpfte Mitarbeitende, die im Abstand von einigen Monaten erst Delta und dann Omikron bekamen.» Jedes Mal mussten sie sich etwa zehn Tage lang isolieren. Auf dem Höhepunkt der Omikron-Welle im Januar zählte der NHS 49 941 krankgeschriebene Personen, was 4,2% der Belegschaft entspricht.
Mittelfristig könnten die langen Wartezeiten, denen die britischen Patientinnen und Patienten ausgesetzt sind, verheerende Auswirkungen auf ihre Gesundheit haben. «Einige leiden unter unerträglichen Schmerzen, andere können aufgrund ihrer Krankheit nicht mehr arbeiten», stellt Tim Gardner fest. In manchen Fällen gefährdet ein zu langer Aufschub die Heilungs- oder sogar Überlebenschancen. «Ein Patient, der ein künstliches Hüftgelenk benötigt, wird möglicherweise nie wieder mobil sein. Eine Person, die an einem grauen Star leidet, könnte ihr Augenlicht verlieren.»
«Seit 18 Monaten erhalte ich keine Behandlung mehr für meine Gelenkprobleme», berichtet ein Patient, der von der NGO Healthwatch interviewt wurde, die in einer Studie Erfahrungsberichte gesammelt hat. «Jeden Monat verliere ich mehr und mehr an Mobilität. Bald werde ich gezwungen sein, mich im Rollstuhl fortzubewegen und Hilfe brauchen, um meine Körperpflege durchzuführen.» Eine andere Frau, die 18 Monate auf ihre Hüftoperation warten musste, berichtet, dass sie unter schrecklichen Schmerzen litt. Sie sagt: «Ich konnte das Haus fast nicht verlassen. Es gab Zeiten, in denen ich dachte, dass es sich nicht mehr lohnt zu leben.»
Millionen von Kranken «fehlen»
Die Situation wird sich in den nächsten Monaten nicht verbessern, sondern möglicherweise noch verschlechtern. «Während der Pandemie haben sich viele Patientinnen und Patienten nicht in Krankenhäusern oder Praxen gemeldet, weil sie befürchteten, sich mit Covid-19 anzustecken oder weil sie auf die Appelle der Regierung hörten, die Notaufnahmen nicht zu überlasten», stellt Martin Marshall fest.
Diese «fehlenden» Kranken werden sich schliesslich melden. «Wir schätzen ihre Zahl auf etwa 8 Millionen und wissen nicht, wann sie sich melden werden und in welchem Zustand sie sein werden», sagt Max Warner. Die Warteliste des NHS könnte seinen Prognosen zufolge bis Ende 2023 auf 11 Millionen Menschen anwachsen. «Es wird Jahre dauern, sie abzubauen», schiebt er nach.
Im Falle eines Wiederaufflammens der Pandemie sogar noch mehr. Im Februar hob Premierminister Boris Johnson alle Beschränkungen zur Kontrolle der Pandemie auf, wie z.B. die Isolationspflicht bei einer Infektion und das Tragen eines Mundschutzes in öffentlichen Räumen. Das führt zu der Befürchtung, dass die Zahl der Fälle wieder ansteigen könnte, obwohl sie gerade erst begonnen hat, sich zu verringern.
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