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Am Radio mit halbem Ohr zugehört, wie jemand von Religionen gesprochen hat. Er erzählt, dass es plötzlich der Wunsch des Geistes geworden sei, auch Material zu werden, denn am Anfang sei alles geistig gewesen. Statt von Inkarnation oder Fleischwerdung hat er dann von Einfleischung gesprochen.
Zuerst herrschte Verwunderung über dieses Wort. Dann fand ich es schön, weil es so wunderbar materialistisch klang, und so den Prozess viel eher wiedergeben konnte: Ein-fleischung und Ein-Fleischung.
Schlussendlich dieses synaptische Klicken bei einfleischen: Ein direkter Verweis zum Text von Stifter, über den ich gerade arbeite, eine Erzählung, die von einem Granitblock umrahmt ist, deshalb wohl «Granit» heisst, und in der Studienfassung noch «Die Pechbrenner» betitelt war. Und eigentlich sind es ja auch gleich zwei Erzählungen in einer, denn der Grossvater beruhigt seinen Enkel mit einer Binnenerzählung von seinem Pech (in beiden Sinnen).
Nun aber zum synaptischen Klicken, zum eigentlichen Ursprung des Traumas, das durch die Pechgeschichte entsteht: «Was hat denn dieser heillose eingefleischte Sohn heute für Dinge an sich?» (S. 22) Und natürlich: Es ist Pech, was dieser Sohn an seinen Füssen hat.
Literatur: Stifter, Adalbert: Granit. In: Derselbe: Bunte Steine (hrsg. von Helmut Bachmaier). Stuttgart: Reclam, 1994.
Navid Kermani hat im vor fast zehn Jahren ein schönes Buch zu Nasr Hamid Abu Zaid herausgegeben: Ein Buch, das von einem Islamwissenschafter handelt, der einen besonders steinigen Weg zu gehen hat. Heute lehrt er an der Universität Leiden in den Niederlanden, nachdem er in Ägypten, seinem Geburtsland, nicht mehr lehren durfte und von seiner Frau zwangsgeschieden wurde.
In der Reihe «Der Islam und der Westen» der Zeit gibt es auch ein Interview mit Abu Zaid, wo er ausführt, weshalb der Koran als historischer Text gelesen werden soll: Als Text, der nicht von seinem historischen Entstehungskontext losgelöst gelesen werden kann. Eine Herangehensweise, die nicht jeden Muslim zu überzeugen vermag, weil die Offenbarungen im Koran schliesslich Gottes Wort sein sollen.
Parallelen muss man gar nicht lange suchen: Auch Gläubige anderer Religionen beharren darauf, dass ihre Glaubensgrundlagen, so sie denn geschriebene Texte sind, Einhauchungen der göttlichen Macht sind, wobei ganz einfach der Fakt der Tradition, also die Tatsache der Überlieferung, übersehen wird.
Das Buch über den Islamwissenschafter Nasr Hamid Abu Zaid ist sehr erfrischend zu lesen und zeigt einen Kontrapunkt zum Islam, der fast täglich in den westlichen Medien präsentiert wird. Kein Bild eines militanten Islams wird vertreten, denn der Protagonist ist selbst Opfer dieser Art des Islams; vielmehr ist es ein weltoffener Blick auf eine der drei Weltreligionen, die in Lessings «Nathan der Weise» eine Rolle spielen.
Das Buch: Navid Kermani (Hrsg.): Ein Leben mit dem Islam. Herder, Freiburg i. Br. u.a. 1999.
Einen schönen Text kann man in der heutigen Ausgabe des Stadtblatts lesen. Die Pfarrerin Ruth Näf Bernhard zeigt Gründe dafür auf, sonntags nicht in die Kirche zu gehen.
Im gleichen Atemzug nennt die Pfarrerin aber auch Beweggründe für den sonntäglichen Kirchengang, obwohl sie am heutigen Sonntag selbst nicht in die Kirche gehen wird, sondern die Sportferien geniessen will.
In jedem Gottesdienst besteht die Möglichkeit, dass etwas Unerwartetes mit mir passiert. Drinnen-Sein kann Draussen-Sein verändern.
Mit diesen schönen Worten weckt die Pfarrerin die Neugierde am Gottesdienst. Die Kraft der Veränderung soll den Menschen dazu bewegen, in die Kirche zu gehen und die feierliche Stimmung in den Sonntag mitzunehmen.
Der Artikel im Stadtblatt kann auch online gelesen werden, denn seit das Stadtblatt die erste Gratis-Sonntagszeitung ist, erscheint die ganze Ausgabe als PDF. Wer also keinen Briefkasten in Winterthur stehen hat, kann trotzdem in den Genuss von reflektierten Texten kommen, wie man es von Gratiszeitungen gar nicht gewohnt ist.