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Arsenikvergiftung.
Alle Arsenverbindungen wirken in hohem
Grade giftig auf den menschlichen und tierischen Körper.
Reines metallisches
Arsen, arsenige und
Arsensäure nebst ihren
Salzen, insbesondere arsensaures Natrium und arsenigsaures Kupferoxyd
(Scheelesches
Grün), Schwefelarsen (Realgar und
Auripigment),
Arsenwasserstoff und Kakodyloxyd sind sämtlich heftige
Gifte
und wirken alle in gleicher, nur dem
Grade und der Zeit nach etwas verschiedener
Weise. Im ganzen sind
die
Arsenikvergiftung, wenigstens die absichtlichen, jetzt seltener als früher,
da man in den narkotischen
Mitteln ebenso sichere und dabei
weniger schmerzhaft wirkende
Gifte gefunden hat.
Zufällige Vergiftungen kommen indes noch häufig genug vor, namentlich mit der arsenigen Säure, dem sog. weißen Arsenik, mit den arsenikhaltigen Farben u. s. w. Die Ähnlichkeit [* 2] des weißen Arseniks mit Zucker, [* 3] seine Farbe und Geruchlosigkeit, der schwache, bei Vermischung mit Speisen ganz verschwindende Geschmack machen ihn zu einem besonders gefährlichen Gifte. Besteht aber einmal Verdacht auf eine Vergiftung, so ist kein Gift chemisch mit größerer Bestimmtheit nachzuweisen als das Arsen, und selbst Laien können dasselbe z. B. in Tapeten, Kleiderstoffen u. s. w. mit Sicherheit finden, da schon der Knoblauchgeruch beim Verbrennen das Vorhandensein des Giftes anzeigt. Die Aufnahme des Giftes geschieht in den meisten Fällen vom Magen [* 4] und Darm [* 5] aus; sie kann aber auch von der Haut [* 6] aus und durch Einatmen von Arsendämpfen und Arsenstaub von den Lungen aus erfolgen.
Auf die äußere Haut gebracht, ruft die arsenige Säure, sobald sie sich zu lösen vermag, eine heftige Entzündung und Blasenbildung hervor. Ist die Haut der schützenden Oberhaut (Epidermis) [* 7] beraubt, oder wird das Gift auf eine Geschwürsfläche gebracht, so ist die Wirkung noch heftiger, und die Entzündung steigert sich schnell zum Brand. Man benutzt daher die arsenige Säure als Ätzmittel, um krankhaft entartete Hautstellen, bösartige Geschwüre, Krebse u. s. w. gründlich zu zerstören. Im Munde verrät sich die arsenige Säure nur durch einen schwach süßlichen Geschmack.
Gelangen sehr kleine Mengen arseniger Säure (3-5 mg) in den Magen, so stellt sich meist ein leichtes brennendes Gefühl in der Magengegend ein, welches zu reichlicherm Essen [* 8] veranlaßt, daher man früher sehr irrig die arsenige Säure für ein magenstärkendes Mittel (Tonikum) gehalten hat. Wiederholt sich die Einführung kleiner Mengen des Giftes sehr oft, so tritt endlich eine dauernde Störung der Verdauung, Appetitlosigkeit, Druck und Schmerz in der Magengegend ein.
Die Mund- und Rachenschleimhaut wird trocken, es zeigt sich ein Gefühl von Trockenheit und Brennen im Halse, Heiserkeit, bisweilen Speichelfluß oder Geschwürsbildung im Munde. Die Appetitlosigkeit steigert sich allmählich zum Ekel. Erbrechen, Leibschmerz, Diarrhöe treten hinzu, und infolge der dadurch bedingten mangelhaften Ernährung wird allmählich der ganze Organismus in Mitleidenschaft gezogen. Schon vorher tritt oft ein trockner Husten, bisweilen mit blutigem Auswurf, und Atemnot hinzu.
Der Puls wird frequent, die Haut heiß und trocken, der Schlaf unruhig, mit ängstlichen Träumen, kurz alle Zeichen einer schweren, konstitutionellen Krankheit entwickeln sich. Unter fortschreitender Abmagerung bilden sich wassersüchtige Anschwellungen, Hautausschläge oder Geschwüre mit Brand, Haare [* 9] und Nägel [* 10] fallen bisweilen aus. Schon früher oder erst jetzt stellen sich Gliederschmerzen, Zittern, Zuckungen oder Lähmungen ein, das Gedächtnis und alle Geisteskräfte nehmen ab, und endlich tritt, bisweilen infolge hinzukommender Lungentuberkulose, der Tod ein.
Hört die Einführung des
Giftes noch zeitig genug auf, so kann mehr oder minder vollständige
Heilung eintreten; häufig bleiben
jedoch unheilbare Folgen zurück. In dieser chronischen Form findet sich die
Arsenikvergiftung häufig als Gewerbekrankheit
bei
Berg- und Hüttenarbeitern, bei
Feuerwerkern, Tapetenfabrikanten, bei Schneiderinnen, Putzmacherinnen, Blumenmacherinnen
und andern Gewerken, die mit arsenikhaltigen
Stoffen zu thun haben. Die Behandlung hat sich, neben der
strengsten Verhütung abermaliger Einwirkung des
Giftes, lediglich nach den eben bestehenden Krankheitserscheinungen zu richten.
Das
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forlaufend
Hauptgewicht ist aber auf Hebung [* 12] des Kräftezustandes durch reizlose, eiweiß- und fettreiche Nahrung zu legen. Auch kann man, wie bei chronischen Metallvergiftungen, warme Bäder anwenden.
Von der chronischen Form unterscheidet man die akute
Arsenikvergiftung, welche infolge von einmaliger oder rasch wiederholter
Einführung einer größern Quantität arseniger Säure auftritt. Je nachdem das Gift gelöst oder ungelöst
eingenommen wird, tritt nach einigen Minuten oder erst nach längerer Zeit heftiges Erbrechen zunächst von genossenen Speisen,
weiterhin von galliger oder selbst blutiger Flüssigkeit ein. Gleichzeitig stellt sich das Gefühl von großer Trockenheit,
Brennen und Zusammenschnüren im Schlunde nebst Schlingbeschwerden und heftiger Schmerz in der Magengegend
ein.
Der letztere verbreitet sich bald über den ganzen Leib, welcher aufgetrieben erscheint, heftige Diarrhoe, zum Teil von blutiger Flüssigkeit, gesellt sich hinzu. Dabei wird die Haut kalt und klebrig, der Puls unregelmäßig, klein und frequent, das Atmen rasch und mühsam. Bisweilen zeigen sich Harnbeschwerden und Blutharnen, kurz das ganze Krankheitsbild hat große Ähnlichkeit mit der Cholera und ist auch wiederholt mit dieser verwechselt worden. Früher oder später treten Zittern, Krämpfe, Ohnmachten hinzu. In andern Fällen treten die Erscheinungen vom Magen und Darm zurück hinter den mehr nervösen Symptomen, d. h. heftigem Kopfschmerz, Delirien, Ohnmachten, Muskelschwäche, Krämpfen, Lähmung, Unempfindlichkeit, und der Tod erfolgt weit rascher, bisweilen schon nach einigen Stunden.
Meist jedoch endet die Vergiftung erst nach zwei bis drei Tagen mit dem Tode, besonders infolge der Magen- und Darmentzündung.
Nur sehr rasche Hilfe kann bisweilen noch retten, und es ist dann vollständige Genesung möglich; bisweilen bleiben jedoch
einzelne Leiden,
[* 13] z. B. Lähmungen, zurück. Nicht immer ist der Krankheitsverlauf der
Arsenikvergiftung ein so charakteristischer,
daß derselbe nicht mit andern Krankheiten verwechselt werden könnte, und es gehört daher stets der bestimmte Nachweis des
Giftes im Erbrochenen oder in der Leiche dazu, um mit Sicherheit eine Vergiftung behaupten zu können.
Dieser Nachweis des Arseniks im Mageninhalte gelingt in der Regel leicht, wenn es in hinreichender Menge eingeführt wurde. Die kleinen, griesähnlichen, weißen Körnchen sind geradezu charakteristisch. In allen Fällen wird man sich jedoch noch des Marshschen Verfahrens (s. Arsenwasserstoff) bedienen, um das Vorhandensein von Arsenik absolut festzustellen. Mittels desselben kann Arsen in längst begrabenen Leichen mit Sicherheit noch nachgewiesen werden.
Die Behandlung der akuten
Arsenikvergiftung hat zunächst die schleunigste Wiederentfernung des Giftes aus dem Organismus und, soweit dies
nicht möglich, seine Neutralisierung durch Gegengifte, sodann die Heilung der trotz alledem eingetretenen Krankheitserscheinungen
zu bezwecken. Sobald Arsenik genommen worden ist oder wenigstens dringender Verdacht der Vergiftung besteht,
suche man vor allem Erbrechen herbeizuführen durch Kitzeln des Schlundes und reichliches Trinken von lauem Wasser, lauer Milch,
Eiweißlösung, Olivenöl oder irgend welchem schleimigem Getränke.
Zugleich reiche man Brechmittel (schwefelsaures Zinkoxyd, Ipecacuanha), oder man bediene sich, wo dies gerade möglich ist, der Magenpumpe. Um die arsenige Säure, die am häufigsten bei der akuten Vergiftung in Betracht kommt, im Magen und Darm unschädlich zu machen, giebt man Eisenoxydhydrat mit heißem Wasser gemischt in möglichst großen, oft wiederholten Gaben, oder in derselben Weise das durch Anrühren der gebrannten Magnesia mit Wasser gewonnene Magnesiahydrat so lange, bis das heftige freiwillige Erbrechen nachläßt oder man sonstwie annehmen darf, daß das Gift genügend neutralisiert sei. Bei Vergiftungen mit Arsensäure verfährt man ebenso. Das bis 1890 offizinell gewesene Gegengift der arsenigen Säure (Antidotom arsenici) der Deutschen Pharmakopöe (2. Ausg. 1882) wird dargestellt, indem 60 Teile Liquor ferri sulfurici oxydati mit 120 Teilen Wasser verdünnt, andererseits 7 Teile gebrannte Magnesia mit 120 Teilen Wasser innig verrieben und beide Flüssigkeiten gemischt werden; es wird nur zum augenblicklichen Gebrauch bereitet und alle zehn Minuten ein Eßlöffel gereicht.
Die Hauptvorschrift für den Laien ist bei diesen wie bei allen raschen Vergiftungen folgende: Man schicke sofort gleichzeitig zum Apotheker und zum Arzte und übersende, wenn noch ein Teil des angewandten Giftes vorhanden ist, dasselbe dem Apotheker, oder wenn man von dem genommenen Gifte sonstwie Kenntnis hat, melde man wenigstens dies, damit sogleich das Gegengift herbeigeschafft werden kann und der Arzt dasselbe bereits zur Anwendung vorfindet. Bis der Arzt kommt, befördere man das Brechen auf alle Weise und reiche, wenn die Ankunft des Arztes sich verzögert, das Gegengift sofort selbst. -
Vgl. Bunsen und Berthold, Eisenoxydhydrat, das Gegengift gegen arsenige Säure (2. Aufl., Gött. 1837);
Schuchardt, Untersuchungen über die Anwendung des Magnesiahydrats als Gegenmittel gegen arsenige Säure und Quecksilberchlorid (ebd. 1852);
Hirt, Die Krankheiten der Arbeiter (4 Bde., Lpz. 1871-78).