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Der Konstruktivismus hat seinen Siegeszug in der Pädagogik und an den Pädagogischen Hochschulen in den 1990er Jahren begonnen. Wer sich heute zum Konstruktivismus bekennt, darf sich eines weitläufigen Kreises von Gleichgesinnten in pädagogischen Kreisen erfreuen.
Was ist der Konstruktivismus?
Der (radikale) Konstruktivismus behauptet, dass alles, was Menschen von der äusseren Realität wissen kann, eine „Konstruktion“ ist. Daraus folgt:
a) Jeder hat eine andere Sichtweise seiner eigenen Realität;
b) Die Wissenschaft ist nicht in der Lage, objektive Wahrheiten als korrekte Abbilder einer äusseren, gegebenen Welt zu liefern. Auch wissenschaftliches Wissen ist somit nur „konstruiertes Wissen“.
Diese Sichtweise hat in der Pädagogik dazu geführt, dass Wissen nicht durch Wissensvermittlung von der Lehrper-son (wie es z. Bsp. beim Frontalunterricht der Fall ist) übernommen wird, sondern selbstaktiv und individuell durch die Schüler konstruiert wird. Daraus ergeben sich konkrete Anforderungen an einen konstruktivistischen Unterricht: Eigenaktives konstruiertes Lernen, kooperatives Lernen, selbstgesteuertes und durch die Lehrperson als Coach unterstütztes Lernen. Jedoch ist weder durch Studien noch durch Wissenschaft der bessere Lernerfolg der offenen Lernumgebungen und des entdeckenden Lernens belegt.
Der konstruktivistische Unterricht und seine Folgen
Konstruktivistischer Unterricht setzt auf die Aktivität seitens der Schüler, die anhand von lebensnahen Problemschilderungen ihren eigenen Lernprozess weitgehend selber gestalten. Problemorientiertes Wissen ist zwar sinnvoll, jedoch benötigen die Schüler generalisiertes und systematisches Lernen, das sie in Beruf und Alltag anwenden können. Zudem verengt ein solcher Lernansatz den Bildungsbegriff auf eine reine Problemlösung; die Weitergabe des Denkens und das Verständnis unserer Kultur werden vernachlässigt. Er richtet sich einseitig an Nützlichkeitsüberlegungen im Sinne der Wirtschaft und des Berufsalltags aus. Statt Bildung reine Ausbildung.
Zudem ist die verstärkte Funktion der Lehrperson als Coach, welche solche Lernprozesse unterstützt, berät und anregt nicht unproblematisch:
a) Die Lehrperson ist von herausragender Bedeutung für den Lernerfolg (siehe John Hattie-Studie). Durch die Coachfunktion verliert die Lehrperson an Einfluss auf den Lernprozess.
b) Es ist zu hinterfragen, ob nicht der heute beklagte Autoritätsverlust der Lehrperson ihren Grund auch in ihrer Funktion als Coach findet.
c) Vor allem schwache Schüler leiden darunter, sind diese doch oft mit offenen Lernumgebungen überfordert und benötigen eine Lehrperson, die ihnen Lernstoff vermittelt.
Ein wesentlicher Grundpfeiler des (radikalen) Konstruktivismus ist, dass Erkennen nur Erfinden sein kann und nie entdecken, da es eine äussere erkennbare Wahrheit nicht gibt. Dies kann dazu führen, dass das zu behandelnde Sachthema in der Schule nicht mehr durchdrungen wird, weil das Produkt der Schüler als beliebig und individuell angesehen wird. Die Themen können so „entmaterialisiert“ werden, haben keinen Inhalt mehr. Statt Aneignung von Wissen und Erlernen von Begründungen steht der Lernprozess im Fokus. Der Weg wird dann zum Ziel.
Wenn der Konstruktivismus in die Beliebigkeit von richtig und falsch führt, sind auch die Beurteilungen und Bewertungen von Schülern in Frage gestellt.
Die These ist vertretbar, dass die in unserer westlichen Welt fehlenden gemeinsamen Werte und die fehlende Bereitschaft zu verbindlichen Normen in Staat und Gesellschaft mitentscheidend für die Abwendung von der Wissensvermittlung hin zur Kompetenzorientierung im Lehrplan 21 gewesen sind. Wenn Wissen beliebig und austauschbar wird, dann ist eine verbindliche Festlegung von Wissen in Lehrplänen kaum mehr möglich.
Von David Scholl