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Kapitel 30: Spezielle Kekse
Glenna schrecke hoch und wusste für einen Moment lang nicht, wo sie war. Ihr Herz raste wie verrückt und sie atmete schwer.
Sofort tastete sie links und rechts neben sich und spürte die weiche Matratze unter sich. Natürlich war sie zu Hause in ihrem Schlafzimmer, erkannte sie verwirrt. Wo sollte sie sonst sein?
Sie tastete nach der Nachttischlampe und knipste sie an. Das Licht blendete sie und sie presste die Handballen auf die Augen.
›Ist alles in Ordnung?‹
»Ich schätze schon«, murmelte Glenna, fasste sich aber an die Brust, als würde das helfen, ihr schlagendes Herz zu beruhigen.
›Du warst ganz schön unruhig. Bist du dir sicher? Deine Haut ist schweißnass.‹
Glenna brauchte noch einen Moment, um auszumachen, wie genau sie sich fühlte. Sie schwitzte und hatte einen ausgetrockneten Mund. Außerdem war ihr übel.
Sie hatte geträumt, erinnerte sich aber nicht im Ansatz daran, was sie geträumt hatte. Es musste nichts Gutes gewesen sein.
»Jamie«, fragte sie etwas atemlos. »Die Erinnerung, die ich geopfert habe für meine Magie gestern. Was war das nochmal?«
›Der 14. September 1910.‹
Glenna schob ihre zitternden Beine über die Bettkante und ließ sich Zeit mit dem Aufstehen.
›Er hat also deine Kekse gegessen?‹
»Ich hoffe schwer, dass er es war, ansonsten haben wir ein Problem.«
Glenna streifte das Nachthemd ab und fasste nach der Bluse, die sie bereitgelegt hatte.
›Was war es für eine Erinnerung, Bonnie?‹, fragte Jamie.
Sie schnaufte tief durch.
»Mein Bruder starb am 14. September 1910.«
Sie erkannte das Datum, wollte sich aber nicht an diesen Tag zurückerinnern. Sie wusste, dass es schlimm gewesen war. Dass es ihren Vater zerstört hatte. Seine Selbstvorwürfe darüber, dass er sein eigenes Kind hatte zu Grabe tragen müssen, hatten ihn aufgefressen und in eine vier Jahre andauernde Depression gestürzt. Erst als er als Soldat einberufen wurde, fand er zu seinem alten Ich zurück. Zwei Jahre später war er an der Somme umgekommen.
Es war keine schöne Erinnerung. Natürlich war es das nicht.
›Du hattest einen Bruder?‹, fragte Jamie überrascht.
Langsam tastete sie sich gedanklich näher und näher an diesen Tag, bis sie eingestehen musste, dass sie sich nicht mehr aktiv daran erinnern konnte.
»Das ist lange her«, murmelte sie.
Und trotzdem war die Erinnerung stark genug gewesen, um destilliert zu werden.
Sie ballte frustriert die Fäuste und streckte sie wieder, als ihre Finger ihre Mühe hatten mit den Knöpfen der Bluse. Früher gingen solche Dinge einfach schneller.
Als sie sich endlich fertig angezogen hatte, band sie das Foulard vom Vortag um ihre Schultern und trat aus dem Schlafzimmer.
Leicht schockiert merkte sie, dass es bereits hell war und sie blickte verwirrt auf ihre Uhr.
»Herrgott«, sagte sie außer Atem. »Ich habe so lange geschlafen?«
›Wie lange?‹
»Es ist bereits neun Uhr.«
Auch wenn sie früher eine Nachteule gewesen war, so gehörte sie heute doch eher zu der Gattung Mensch, die früh aus den Federn kam. Aber wohl nicht, wenn sie die halbe Nacht auf den Beinen gewesen war und schlussendlich auch noch Kekse gebacken hatte.
Sie packte ihre Handtasche und zögerte einen Moment vor der Badezimmertür. Sie verließ das Haus eigentlich nie, ohne sich zu frisieren und etwas Kosmetik aufzutragen. Aber die Zeit drängte und sie konnte nicht riskieren, dass Aidan aufgrund ihrer Eitelkeit etwas zustieß.
Mit einem schweren Seufzen verließ die Wohnung. Als sie im ersten Stock angekommen war, erkannte sie sofort, dass der vermeintliche Herr Judge bereits aufgestanden war. Im Gegensatz zu den beiden anderen Räumen auf dem Stock, fehlte vor seiner Tür der kleine Beutel mit den Keksen, die sie vor jeder ihrer Gästeräume platziert hatte. Natürlich waren nur seine Kekse mit ihrer Spezialzutat gebacken worden.
Sicherheitshalber trat sie doch nochmals an die Tür heran und lauschte.
Dahinter war nichts zu hören, also klopfte sie einmal an.
Nichts.
Um wirklich sicher zu gehen, schloss sie die Tür mit ihrem Ersatzschlüssel auf und spähte hinein.
Das Bett war sauber gemacht und kein Mensch lag darin.
»Er ist schon weg«, sagte sie und schloss die Tür wieder hinter sich.
›Und nun?‹
»Nun sorge ich dafür, dass der Kerl seine liebe Mühe haben wird, Aidan etwas anzutun«, knurrte sie.
›Dafür musst du ihn aber erstmal finden.‹
»Weit kann er nicht sein«, sagte sie überzeugt und ging ins Erdgeschoss.
Erst da kam ihr schlagartig in den Sinn, dass sie vollkommen vergessen hatte, das Frühstück für die anderen Gäste vorzubereiten. Der Speisesaal war leer und gemäß der Schuhe im Gang war noch niemand aufgestanden, aber das bedeutete nicht, dass nicht demnächst ihre hungrigen Gäste runterkommen würden und das Frühstück erwarteten, für das sie bezahlt hatten.
»Herrje«, fluchte Glenna und machte ein paar Schritte in Richtung Küche, überlegte es sich aber anders und trat wieder an das Schuhgestell heran.
Noch einmal verharrte sie. Dann hastete sie doch in die Küche, holte Papier und Stift hervor und schrieb eine Nachricht, welche sie auf dem Buffettisch im Speisesaal deponierte. Sie hoffte, dass die Gäste ihr verziehen, wenn sie sich ihr Frühstück heute selber zubereiten mussten.
Die Küche war eigentlich eine absolute Sperrzone für die Gäste, aber heute war eine Ausnahmesituation. Immerhin hatte sie die Küche letzte Nacht auch wieder auf Vordermann gebracht, während die Kekse gebacken hatten. Die Kobolde hatten wie erwartet ein heilloses Chaos angerichtet, aber nichts, das sich nicht durch etwas Arbeit hatte richten lassen.
Sie würde den Gästen auf jeden Fall eine Reduktion auf den Übernachtungspreis geben für diese Nacht. Das würde die schlimmsten Rückmeldungen auf TripAdvisor hoffentlich verhindern.
Sie beeilte sich, ihre Schuhe anzuziehen und nahm den Mantel vom Haken. Draußen merkte sie, wie spürbar kühler es geworden war im Vergleich zu den beiden Vortagen.
Sie schlüpfte in den Mantel und ließ den Blick einmal die Straße hoch und runter wandern.
Es waren einige Leute unterwegs, aber die meisten würden es heute langsam angehen lassen und ihren Kater von zwei Tage lang Festwirtschaft kurieren.
Unschlüssig wandte sie sich nach rechts. Das B&B befand sich nahe der Grenze von Southbank bei der Brücke, die über den Shannon nach Marlfield führte.
In die andere Richtung lagen der Rest des Dorfes und das Festgelände.
Glenna machte sich auf in den Dorfkern und hielt sich grundsätzlich an die Richtung zu Janets Haus. Es dauerte jedoch nicht lange, da erkannte sie die Gestalt mit dem breiten Hut und hochgeklapptem Kragen.
Sie hatte in ihrer Erinnerung gewühlt und sich daran erinnert, dass sein Name Sebastian lautete.
Er schien wirklich nicht zu wollen, dass die Leute ihn erkannten, was Glenna in ihrem Bestreben verstärkte. Sie wusste nicht hundertprozentig, dass er es war, der Aidan etwas antun wollte, aber sein Verhalten war mehr als nur auffällig und sie würde kein Risiko eingehen, nur weil sie etwas unsicher war. Dafür war die Zeit zu knapp und der Preis zu hoch.
Sie selbst stellte den Kragen ihres Mantels auf und zog das Foulard bis zu ihrer Nase, damit er sie nicht erkannte, sollte er sich umdrehen. Sie wollte verhindern, dass er sich beobachtet fühlte.
›Wohin geht er?‹
»Richtung Festgelände.«
Tatsächlich ging er nicht zu Janets Haus, sondern verließ das Dorf über den Trampelpfad in Richtung der Zelte.
Gewisse Aufräumarbeiten waren dort bereits im Gange, aber Glenna wusste, dass das Abbauen erst einen Tag später richtig beginnen würde.
Was also suchte er dort?
Möglicherweise war Janet bereits wieder auf dem Gelände, um zu arbeiten und hatte Aidan dabei. Als Aidans Vater seinen Schritt beschleunigte, tat es Glenna ihm nach.
Vorschau auf das Kapitel „Simple Pläne“ von nächster Woche: