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In einem Hotellift begegnen sich zwei Männer: Ein 36jähriger Herr aus München und ein 11jähriger Junge aus Polen. Der kleine Pole ist über alle Massen hübsch und der schnauzbärtige Deutsche mit der eindrucksvollen Nase ist dafür sehr empfänglich. Seine stille Bewunderung bleibt nicht unbemerkt. Beim Verlassen des Fahrstuhls spricht die Gouvernante des Jungen ihren Schützling darauf an. Dieser erwidert: „Das ist doch bloss einer dieser Herren, denen ich gefalle.“
Das alles ereignete sich 1911 im Grand Hotel des Bains auf dem Lido von Venedig. Der Herr aus München war ein gewisser Thomas Mann, der polnische Adonis hiess Wladyslaw Moes und hörte auf den Spitznamen Adzio. Thomas Mann war entzückt und schrieb, inspiriert von dieser Begegnung, wenig später im heimischen Bayern eines seiner bekanntesten und erfolgreichsten Werke: Tod in Venedig. Adzio sollte erst über zehn Jahre später erfahren, welche literarischen Folgen sein Urlaub hatte.
Der Autor Gilbert Adair ist in seinem Buch „Adzio und Tadzio“ der Frage nachgegangen, wer der polnische Baron Wladyslaw Moes (1900-1986) eigentlich war und was aus ihm geworden ist. Das ist hochinteressant. Der in Reichtum aufgewachsene Dandy, adliger Erbe einer Papierfabrik, verarmte durch den Kommunismus und hatte jahrzehntelang Mühe, seine Familie durchzubringen. 1971 sah er in Paris den Film Death in Venice (dessen Regisseur ihm geschrieben hatte, sich aber nicht mit ihm treffen wollte) und hörte in einer Szene dieses Films sogar klar und deutlich seinen Familiennamen.
Die Baronin Moes war übrigens entrüstet über Silvana Manganos filmische Darstellung ihrer Schwiegermutter…