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Das Freidorf feiert im 2019 ein grosses Jubiläum: Seit 100 Jahren existiert die in Muttenz ansässige Siedlungsgenossenschaft. Einer, der das Freidorf wie kein zweiter kennt, ist Philipp Potocki. Er war viele Jahre Vorstand und Präsident der Genossenschaft – und amtet heute als deren Archivar. Seit über dreissig Jahren wohnt Potocki in seinem Reiheneinfamilienhaus im Freidorf. Wir haben mit ihm über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieser baukulturell bedeutenden Siedlung, die von Architekt Hannes Meyer zwischen 1919 und 1921 erbaut wurde, gesprochen.
Architektur Basel: Herr Potocki, Sie kennen das Freidorf als langjähriger Bewohner, Vorstandsmitglied und Präsident wie kein zweiter. Doch fangen wir ganz am Anfang an: Was ist ihre erste Erinnerung ans Freidorf?
Philipp Potocki: „Das wird wohl 1975 gewesen sein. Während meiner Ausbildung zum Programmierer bei Coop Schweiz musste ich meine neuen Programme nachts im Rechenzentrum testen, das sich damals im Genossenschaftshaus befand. Ab 1976 hatte ich dann meinen Arbeitsplatz im Genossenschaftshaus. Etliche meiner Arbeitskollegen wohnten im Freidorf und so wusste ich bald, dass die Häuschen schon allein wegen der Mietpreise bei den Angestellten der Coop sehr beliebt waren…“
Das können wir uns gut vorstellen. Die Häuser bieten ja in vielerlei Hinsicht grosse Vorzüge. Aber nochmals zurück zum Anfang: Was muss man sich unter der ursprünglichen Idee der „Vollgenossenschaft“ vorstellen? Wie hat das funktioniert?
„Der Begriff stammt aus dem neunzehnten Jahrhundert. In seiner damals sehr radikalen Form wurde darunter ein Gesellschaftsplan verstanden, nach welchem die Arbeiter sowohl am Gewinn der Produktionsgenossenschaften als auch an dem der Konsumgenossenschaften zu beteiligen waren. Bei der Gründung des Freidorfs im Jahr 1919 wurde der Begriff bereits weniger radikal aufgefasst.“
Das heisst?
„Man verstand darunter eine Kombination von Konsum- und Wohnbaugenossenschaft: eine Konsumgenossenschaft, die ihren Mitgliedern auch Wohnraum anbietet sozusagen, wobei der Laden bei weitem der bedeutendere Geschäftszweig war. Er erzielte etwa vier mal mehr Umsatz als das Liegenschaftsgeschäft.
„Von den Mitgliedern wurden auch erhebliche Arbeitsleistungen zum Wohl der Genossenschaft und der Allgemeinheit erwartet.“
In der Konsumgenossenschaft wurden sowohl die Ladeneinrichtung als auch ein grosser Teil der Handelswaren durch die Mitglieder vorfinanziert. Sie kauften im Laden gegen Barzahlung so genannte „Wertmarken“ und bezahlten später die im Laden bezogenen Waren damit. Am Ende des Jahres wurde der Gewinn nach einem festgelegten Schlüssel zwischen der Genossenschaft und den Mitgliedern aufgeteilt. Die Rückerstattung an die Mitglieder erfolgte im Verhältnis zu ihrem Umsatz bei der Genossenschaft. Von den Mitgliedern wurden auch erhebliche Arbeitsleistungen zum Wohl der Genossenschaft und der Allgemeinheit erwartet. Das Gedankengut von Pestalozzi und Zschokke wurde der ganzen genossenschaftlichen Arbeit zugrunde gelegt und die Entwicklung und Förderung der Mitglieder und ihrer Familien war Teil des Programms.“
Und woher kam das Startkapital, wie wurde der Bau des Freidorfs finanziert?
„Die Finanzierung der ganzen Siedlung Freidorf kam nicht auf dem Weg einer Wohnbaugenossenschaft mit Anteilsscheinen als Eigenkapital zustande. Zwar hatten die Mitglieder Anteilscheine zu beziehen, aber dabei handelte es sich symbolische Beträge. Den 7,5 Millionen Schweizer Franken, welche vom Verein Schweizerischer Konsumgenossenschaften (VSK) gestiftet wurden, stand Ende 1920 ein einbezahltes Anteilscheinkapital von lediglich 25’000 Franken gegenüber.“
Früher wurde auf dem Genossenschaftsplatz Schlittschuh gelaufen, es gab Feste und kulturelle Anlässe. Wie war das gemeinschaftliche Zusammenleben in den 1920er und 1930er-Jahren ausgeprägt?
„Die Gründer haben dem Zusammenleben einen hohen Wert beigemessen. Wichtig waren beispielsweise die Kommissionen: Erziehungs-, Gesundheits-, Betriebs-, Bau-, Finanz-, Unterhaltungs- und Sicherheitskommission. Die Siedler wurden den Kommissionen zugeteilt und es gab etliche Haushalte, die in mehr als einer Kommission vertreten waren. Jeder Kommission war ein Mitglied des Vorstands als Kontaktperson zugeteilt und jede Kommission hatte jährlich über die Tätigkeiten Bericht zu erstatten.
Stimmt es, dass es viele Freidorf-interne Vereine und sogar ein Orchester gab?
„Ja, ebenfalls sehr früh in der Geschichte wurden der Volkschor und das Freidorf-Orchester gegründet. In loser Folge enstanden weitere Vereine: drei Turnvereine, ein Tennisclub, ein Kleintierzuchtverein, sogar ein Radioclub, in welchem der Bau von Radioempfängern erlernt werden konnte. Einige Vereine organisierten ein- oder gar mehrmal im Jahr Feste mit Tombola, Theateraufführungen oder Tanz.
„In loser Folge enstanden weitere Vereine: drei Turnvereine, ein Tennisclub, ein Kleintierzuchtverein, sogar ein Radioclub, wo der Bau von Radioempfängern erlernt werden konnte.“
Viele Entscheide mit Auswirkungen auf die Gemeinschaft wurden an den Generalversammlungen ausführlich besprochen und entschieden. Die Generalversammlung immer auch ein Fixpunkt im Gemeinschaftsleben der Genossenschaft, die auch mit Musik, Tanz, Speis und Trank verbunden war. Zur Förderung des Gemeinschaftsgeistes wurden weitere Feste in die jährliche Agenda aufgenommen: der Internationale Genossenschaftstag, das Gründungsfest der Genossenschaft mit Kinderfest, die Weihnachtsfeier mit Produktionen der Schüler der Freidorfschule oder die Feier der Schuleröffnung. In den Wintermonaten führte die Erziehungskommission zusammen mit dem genossenschaftlichen Seminar im Genossenschaftshaus kulturelle Veranstaltungen durch: Vorträge mit und ohne Lichtbilder, Filmvorführungen, Konzerte.
Daneben dienten auch die nächtliche Bewachung der Siedlung in den ersten Jahren und die Batzensparkasse mit den Kindern, welche die Spareinlagen wöchentlich in den Haushaltungen einsammelten, dem Zusammenhalt der Siedler. Das Mitteilungsblatt schliesslich wurde auch bewusst zur Bildung eingesetzt. Neben zahlreichen genossenschaftstheoretischen Artikeln verwendeten die Vereine und einzelne Siedler dieses Organ für ihre eigenen Mitteilungen.“
Eindrücklich, wie vielfältig und aktiv das Zusammenleben im Freidorf früher war. Wie steht es heute um die Gemeinschaft? In welcher Form wird diese gelebt?
„Die ursprünglichen Kommissionen existieren nicht mehr. Die Vereine haben sich aufgelöst. Die Leute organisieren ihr Sozialleben und ihre Freizeit nicht mehr auf diese Weise. Die Generalversammlungen werden von siebzig Prozent der Mitglieder besucht. Hier werden weiterhin engagiert Geschäfte verhandelt und entschieden, welche die Gemeinschaft betreffen.
Es haben sich neue Arbeitsgruppen oder „Kommissionen“ gebildet, die das interne Mitteilungsblatt herausgeben, die Geräte auf dem Spielplatz unterhalten und ersetzen oder den jährlichen Flohmarkt organisieren. Für die Organisation von Anlässen finden sich meist genug freiwillige Helfer, obwohl zu sagen ist, dass es meist dieselben Leute sind, die helfen. Auch der siebenköpfige Vorstand der Genossenschaft konnte bisher immer voll besetzt werden. Es tut gut zu sehen, wie Mitglieder dort in Aufgaben hineinwachsen, die ihnen anfänglich ganz und gar unvertraut waren.
An viele der Arbeiten, die in einer Wohnbaugenossenschaft anfallen, werden heute wesentlich höhere Anforderungen gestellt als vor hundert oder fünfzig Jahren. Auch können berufstätige Mitglieder der Genossenschaft nicht mehr annähernd so viel Zeit für die Genossenschaft aufbringen als das früher der Fall war. So kommt es, dass heute mehr Arbeiten als früher extern vergeben werden müssen: das Rechnungswesen, die eigentliche Liegenschaftsverwaltung oder die Revision können schon länger nicht mehr von der Milizorganisation des Vorstands oder seiner Delegierten abgedeckt werden.“
Was ist eigentlich aus der legendären Kegelbahn im Untergeschoss des Genossenschaftshauses geworden?
„Die Kegelbahn wurde 1984 in zwei Räume aufgeteilt. Der hintere Raum diente ab Ende 1984 als Archiv. Die Wahl des Lokals war nicht so glücklich: der Raum ist voller Wasserleitungen und das Raumklima ist für ein Archiv ungeeignet. Dieser Raum steht jetzt leer. Am Fussboden sind die Markierungen noch sichtbar, an denen die Kegel aufzustellen waren. Der vordere Raum heisst „Keigelstübli“ und dient als kleines Versammlungslokal. Ich weiss nicht, wann zuletzt in der Kegelbahn noch gekelt worden war.“
„Die Auslegung der Räume hat fast alle Änderungen zugelassen, die wir uns vorstellen konnten, und trotzdem sind die Räume alles andere als charakterlos.“
Sprechen wir über die Architektur: Für Architekt Hannes Meyer war das Freidorf ein Schlüsselwerk, auch wenn er sich später davon distanziert hatte. Welche architektonischen Ideen würden Sie mit der Erfahrung des langjährigen Bewohners als besonders gelungen bezeichnen?
„In den dreissig Jahren, die wir hier schon wohnen, haben wir die Räume öfter anders eingerichtet und auch verschiedentlich genutzt. Die Auslegung der Räume hat fast alle Änderungen zugelassen, die wir uns vorstellen konnten, und trotzdem sind die Räume alles andere als charakterlos.
Der Sitzplatz unter dem Glasdach auf der Gartenseite des Hauses kann während eines überraschend langen Teils des Jahres genutzt werden. Es ist vielleicht nicht so sehr eine „architektonische Idee“, aber der frühe Einbezug der Bauherrschaft in so viele verschiedene Entscheide hat sicherlich auch dazu geführt, dass diese Häuser so gut bewohnbar sind.“
Welche besonderen Qualitäten zeichnen in Ihren Augen die Architektur und der Städtebau des Freidorfs aus?
„Die einfache und fast vollständig symmetrische Geometrie der Strassen und Wege macht es den Bewohnern einfach, sich in der Siedlung zu orientieren. Anstelle von ausdrücklich vorgegebenen Bezeichnungen für Strassen und Plätze haben sich bald Begriffe eingeführt, die sich auf die sichtbaren Merkmale der Orte beziehen, wie „obere Strasse“ oder „Promenade“. Ich denke, dass mit einem solchen Vokabular die Bewohner viel eher von der Siedlung Besitz ergreifen.
Die grosszügigen Gärten und die damit verbundenen reichlichen Abstände zwischen den Häuserzeilen schaffen einen geborgenen Raum, in welchem sich auch sehr kleine Kinder frei bewegen und begegnen können, während die Wohnstrassen trotz des gelegentlichen Autoverkehrs von Kindern gut bespielt werden können. Hier sind mit Kreide bemalte Strassen noch an der Tagesordnung.
Trotz der grossen Einheitlichkeit der Haustypen ist es gelungen, dass sich die Häuser durch ihre verschiedenen Orientierungen und der Lage in der Siedlung voneinander zu unterscheiden. Fast jeder Siedler glaubt, dass sein Haus gegenüber den anderen unverwechselbare Vorzüge aufweist.“
Sie bewohnen ein Baudenkmal von hoher kultureller Bedeutung. Was bedeutet das für den baulichen Erhalt und die Entwicklung der Siedlung?
„Ganz offensichtlich ist die Entwicklung der Siedlung stark eingeschränkt. Für das Freidorf war das eine bittere Erkenntnis, als es 1972 für neue Alterswohnungen das Genossenschaftshaus durch ein Gebäude ähnlicher Grösse ersetzen wollte und nicht durfte. Der Streit, welchen das Projekt verursachte, war ziemlich hässlich. Seither sind wir froh, dass wir das noch immer stolze Genossenschaftshaus und nicht den einen 70er-Jahre-Bau in der Mitte unserer Siedlung stehen haben. Diskussionen über Gewächshäuser in den Gärten und „Dekorationen“ an den Häusern sind vom Tisch, aber auch Diskussionen über Verdichtungen.
Die Führung der Genossenschaft ist eine Miliz-Organisation und es ist nicht immer möglich, die für Baufragen verantwortlichen Stellen mit Leuten zu besetzen, welche sowohl in den technischen Belangen als auch in den Fragen der Denkmalpflege beschlagen sind. Auf der anderen Seite werden viele Vorhaben durch den Sachverhalt vereinfacht, dass die Häuser einheitlich auszusehen haben. Dadurch, dass die Sanierungen im Regelfall flächendeckend für die ganze Siedlung durchgeführt werden, bleibt der Wartungszustand der Siedlung homogen und wir können die Skalenvorteile nutzen.
Es ist nicht nur die Siedlungsgenossenschaft Freidorf, welche dazu gelernt hat. Auch die kantonalen Behörden haben gelernt, wie eine sinnvolle Denkmalpflege funktionieren kann, und die fachliche und finanzielle Unterstützung durch den Kanton gewinnt an Wirksamkeit. Die Abwägung zwischen den Bedürfnissen der Mieter und Bewohner und den Ansprüchen der Denkmalpflege bleibt anspruchsvoll. Sie erzeugt aber eine Denkhaltung, die sich auch auf andere Unterhaltsprojekte auswirkt. Wir sind das Freidorf und wir bestehen auf einer angemessenen Qualität der Ausstattung und Arbeiten.“
Die Siedlungsgenossenschaft Freidorf feiert 2019 einen runden Geburtstag: Vor 100 Jahren wurden sie gegründet. In welcher Form werden Sie dieses Jubiläum feiern?
„Das gibt im September ein grosses Fest mit Festzelt, Festwein und Festakt . Es ist sogar eine eigene Theaterproduktion geplant. Die Architekturabteilung der Fachhochschule in Muttenz hat das Jubiläum zum Anlass genommen, mit den Studierenden das Freidorf in den Arbeiten eines ganzen Semesters zu thematisieren. Um unsere Freude mit unseren Freunden und Bekannten zu teilen, werden wir im Jubiläumsjahr auch ein Buch herausgeben, welche das Phänomen „Freidorf“ aus ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten kommentiert.
Zum Schluss eine persönliche Frage: Wo ist ihr Lieblingsort im Freidorf?
[lacht]„Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich glaube nicht, dass ich so etwas habe. Von der schieren Zeit, die ich dort verbracht habe, müsste das eigentlich der Keller des Genossenschaftshauses sein, in dem ich das Archiv der Genossenschaft zur Übergabe an das Staatsarchiv aufbereitet habe.
Oder vielleicht mein Arbeitszimmer. Ich kann von dort den Garten meines Hauses und den Pflanzplatz überblicken. So kann ich nicht nur meinen Freunden und Mitgenossen bei der Gartenarbeit zusehen, ich kann auch zusehen, wie die Krähen den Milan vertreiben oder wie der Turm zu St. Jakob je nach Tageszeit das Licht unterschiedlich reflektiert.
Das Versammlungslokal im Genossenschaftshaus liebe ich sehr. Dort hängen die herrlichen Zeichnungen von Fritz Zbinden von 1924, in welchen er das Leben in der mustergültigen Vollgenossenschaft karikiert. Das ist ein wunderbares Mittel gegen die gelegentlich mit etwas sehr grossem Ernst zelebrierten Genossenschaftsgedanken der Freidorfgründer.“
Herzlichen Dank Herr Potocki für das spannende Gespräch. Wir freuen uns auf das „Freidorfjahr“ zu begleiten. Das Freidorf bietet als herausragendes Baudenkmal in vieler Hinsicht beispielhaften Anschauungsunterricht in Sachen Städte- und Wohnungsbau.
Interview: Lukas Gruntz / Architektur Basel
Philipp Potocki ist Beauftragter der Siedlungsgenossenschaft Freidorf für das Archiv. Sein gegenwärtiges Projekt besteht darin, Teile des Archivs der Öffentlichkeit in digitaler Form zugänglich zu machen. 2015-2016 hat er das Archiv der Genossenschaft erschlossen und ins Staatsarchiv des Kantons Basel-Landschaft überführt. 2009 bis 2012 war er als Präsident und von 2003 bis 2009 als Mitglied des Vorstands für die Finanzen der Genossenschaft zuständig. Er ist 1987 mit seiner Frau und einem Sohn im Freidorf eingezogen. Beruflich war er seit 1974 in der Informatik tätig, zuerst bei Coop Schweiz und ab 1998 beim Kanton Basel-Stadt.