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Im Film «A Forgotten Man» geht es um den Botschafter, der in Hitler-Deutschland die Schweizer Interessen vertrat.
Michael Neuenschwander, wer ist Heinrich Zwygart?
Zwygart ist die von Laurent Nègre erdichtete Figur des Schweizer Botschafters in Berlin während des Zweiten Weltkriegs, inspiriert vom realen Hans Frölicher, der dort 1938 bis 1945 die Interessen der Schweiz vertrat. Schon vor dreissig Jahren haben Thomas Hürlimann und Urs Widmer mit ihren Theaterstücken über ihn die Geschichte unseres Landes in jener Zeit in einem neuen, weniger vorteilhaften Licht erscheinen lassen.
Wie würden Sie die Persönlichkeit des Gesandten charakterisieren?
Er ist ein Diplomat, der sich zwischen allen Stühlen und Bänken bewegen und das Beste für die Schweiz herausholen musste. Der Film beginnt, als Zwygart nach seiner Abberufung zurück nach Bern kommt. Er ist davon überzeugt, richtig gehandelt zu haben, weil er die Interessen der Schweiz erfolgreich vertreten hat. Statt wie erhofft Bundesrat wird er jedoch zur Persona non grata, da die politische Schweiz merkt, dass sie nach dem Sieg der Alliierten die Seite
wechseln muss. Zwygart wird zum Sündenbock gemacht, um von der
eigenen Schuld abzulenken.
Haben Sie persönliche Bezüge gefunden, die Ihnen halfen, die ambivalente Figur glaubhaft darzustellen?
Zwygart hat es sicher genossen, sich in den besseren Kreisen des mondänen Berlins bewegen zu können, in dem gerade Weltgeschichte geschrieben wurde. Als Schauspieler kann ich es gut nachvollziehen, dass man es liebt, sich in Szene zu setzen, obwohl ich im Privatleben inzwischen eher die Stille suche. Ausserdem gibt es Berührungspunkte zwischen Frölicher und unserer Familie. Als er Gemeindepräsident von Allmendingen war, musste er meinen Urgrossvater, der den dortigen Gesangs-, Trachten- und Theaterverein leitete, sich gekannt haben. Als Frölicher später im Schloss Ursellen in der Gemeinde Konolfingen lebte, wo meine Eltern aufgewachsen sind, wollte oder konnte man ihnen nie antworten, wenn sie sich nach den Schlossbewohnern erkundigten.
Wie war die Zusammenarbeit mit dem Genfer Regisseur und Drehbuchautor Laurent Nègre?
Beim Casting zwei Jahre vor den Dreharbeiten hat mich gleich gefesselt, dass sich Laurent an ein politisches Thema heranwagte, das sonst lieber unter den Teppich gekehrt wird. In meiner Schulzeit hatte ich nie etwas anderes gehört, als dass die Schweiz im Zweiten Weltkrieg nicht angegriffen wurde, weil sie eine so tapfere und wehrhafte Armee hatte. Erst viel später erfuhr ich, dass sie ihn wohl nur deshalb unbeschadet überstanden hat, weil sie zu 80 Prozent mit den Achsenmächten kooperiert hat.
Rechtfertigt das Resultat jedes Handeln?
Eine Sache ist, wie wir im Moment, wenn wir in Gefahr sind, handeln, die andere, wie die Realität im Nachhinein mythologisiert wird. Man könnte auch dazu stehen, wie man gehandelt hat, sich entschuldigen und allenfalls Reparationen bezahlen.
Welche Gedankenanstösse liefert der Film bezüglich dem Ukraine-Krieg?
Es war sicher eine sehr komplexe Aufgabe, die Schweiz gegenüber dem NS-Regime zu vertreten, zumal der Botschafter unter dem Einfluss von viel Propaganda und gefälschten Medienberichten stand. Unsere aktuelle Situation ist mit der damaligen nicht vergleichbar. Jedoch müssen auch wir alles daransetzen, um unsere und die demokratischen Werte überhaupt zu verteidigen.
Machte es für Sie als Schauspieler einen Unterschied, dass «A Forgotten Man» in Schwarzweiss gedreht wurde?
Nein, aber es erforderte von den anderen Abteilungen zusätzliches Know-how. Die Kostümbildnerin sagte mir beispielsweise, wir nähmen lieber einen anderen Anzug, der vielleicht farblich nicht so passt, aber in Schwarzweiss gut aussieht.
Der Film handelt in Bern. Wo genau haben Sie gedreht?
Zwygarts Ankunft am Bantiger, ausserdem am Aargauerstalden und auf der Bundesterrasse.
Sie leben seit einigen Jahren in Zürich. Was führt Sie noch nach Bern?
Ich komme sehr gerne zurück und besuche dann meine Mutter und meine ältesten Freunde, bin aber nicht sicher, ob ich noch dort leben könnte.
Auf welche Rollen Ihrer vierzigjährigen Karriere sind Sie am häufigsten angesprochen worden?
Vor der Kamera gibt es zwei verschiedene Rollenmuster, die einander abgelöst haben. Der erste Film, in dem ich eine grössere Rolle hatte, war «Nachbeben» von Stina Werenfels, wo ich einen Banker verkörperte. Danach kriegte ich eine Weile nur noch Manager angeboten, die irgendetwas abwickelten und ein Abklatsch des Originals waren. Das langweilte mich. Langsam traten dann wieder interessantere, weniger eindeutige Charaktere wie Zwygart oder der undurchsichtige Martin Jesch in «Wilder» an ihre Stelle.
War dieser Übergang Ihre schwierigste Zeit?
Ich glaube, jede Phase hat ihre Herausforderungen. Wenn du im Metier neu bist, musst du dich viel zeigen und strampeln, damit du wahrgenommen wirst und Rollen erhältst. Später musst du Erwartungen erfüllen und erleben, wie die Bekanntheit deines Gesichts das Rollenspektrum einschränkt, in dem sich Regisseure und Caster dich vorstellen können. In der Theaterwelt ist es etwas anders. Da muss man weniger Realität abbilden und kann leichter unterschiedliche Rollen spielen.
Was für eine Rolle würden Sie sich mal wünschen?
Eine kontroverse Figur, bei der man am Schluss den Eindruck hat, sie würde auf der richtigen Seite stehen. In meiner Verwandtschaft habe ich gehört, dass ich in einer Verfilmung des Kinderbuchs «Petterson und Findus» den schrulligen Petterson verkörpern könnte. Ich käme langsam in dieses Alter, trage oft Bart und im Sommer einen Strohhut. (lacht)
Reinhold Hönle