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Die Geschichte einer 4 Rappen-Frankatur aus Netstal
Die Ausgabe "Sitzende Helvetia gezähnt" ist nicht nur wegen ihrer Farbenpracht beliebt, sondern auch aufgrund der Vielfalt an Frankaturmöglichkeiten im Zeitraum vor der Gründung des Weltpostvereins. Ein Blick auf den "Allgemeinen Schweizerischen Brief-Post-Tarif' vom 1. Juni 1869 belehrt uns, dass es damals "ganz unmögliche" Porti gab: 11 Rappen kostete zum Beispiel eine über Deutschland geleitete Drucksache nach den Azoren- Inseln; nach Batavia, Calcutta, Aden oder Saigon bezahlte man über Italien 17 Rappen; noch einen Rappen mehr kostete die über Triest nach Siam geleitete Drucksache. Das auf den ersten Blick harmlose Porto von 20 Rappen war nötig, um eine Drucksache nach den fernen Falkland- Inseln freizumachen, und bloss 5 Rappen kostete eine solche über Bremen nach Grönland. Bei manchen Destinationen reichte aber das vom Schweizer Absender geklebte Porto nicht bis zum Empfänger, sondern nur bis zu einer Landesgrenze oder einem Umschlagshafen; von dort weg wurde dann der Adressat mit dem Rest belastet.
Es wäre faszinierend, eine Sammlung von Belegen der "Sitzenden" einmal nicht nach Portostufen mit all den vielen Spielarten (Einschreiben, mehrfaches Gewicht, Warenmuster usw.) anzulegen, sondern nach Bestimmungsländern in nah und fern. Wahrscheinlich gibt es Sammler, die diesem Ziel mit der erforderlichen Umsicht und Ausdauer obliegen, und vielleicht präsentiert uns hier einer gelegentlich ein paar Rosinen oder eher Rubinen, die als Ausnahme und philatelistische Kostbarkeit von entlegenen Küsten wieder den Weg nach der Schweiz zurückgefunden haben.
Nur in Rom hielt sich der hier abgebildete Brief vom 21. April 1870 auf. Und dennoch ist er aus mehreren Gründen selten und bemerkenswert. In der Tat handelt es sich um das einzige tarifgerechte 4 Rappen-Porto; es ist also weder ein Rappen zuviel noch zuwenig frankiert. Dieser vier Rappen bedurfte es, um eine Drucksache in den Kirchenstaat zu versenden, ein Staatsgebilde von bescheidener Grosse, dem wenig hernach am 20. September 1870 die Truppen des jungen Königreichs Italien (gegr. 1861) mit dem Einmarsch in Rom ein jähes Ende bereiteten. Nach Rom adressierte Briefe gibt es heute noch verhältnismässig viele, aber dass eine gewöhnliche Drucksache, in der nichts stand als die Ankündigung eines Vertreterbesuchs, 110 Jahre lang aufbewahrt wurde und sogar in ihr Ursprungsland zurückkehrte, ist eher ungewöhnlich.
Unser Poststück, frankiert mit einem Pärchen der grauen 2 Räppler, verbarg sich in einem Los der letzten Rölli-Auktion in Luzern. In seiner Besonderheit wurde es weder vom Einlieferer noch vom Auktionator noch — man glaubt es kaum! — vom Ersteigerer erkannt. Es machte mich bloss stutzig, als der Preis für dieses Los, dem noch ein paar weniger belangvolle Brieflein zugehörten, von 150 bis auf 600 Franken stieg, bis endlich der ersehnte Zuschlag erfolgte. Es schien mir, ich hätte da den schwarzen P.P.-Stempel von Netstal für meine Glarner Stempelsammlung recht teuer eingekauft, denn in der Eile der Vorbesichtigung hatte ich nicht einmal realisiert, dass es sich um ein "echtes" 4 Rappen-Porto handelte. Umgekehrt wussten die ändern Bieter nichts von der Seltenheit eben dieses P.P.-Stempels. Zwar handelt es sich um die häufige Form, wie sie damals, seit Einführung der Bundespost, im IX. Postkreis üblich war. Aber dass man im Büro Netstal über einen solchen Zusatzstempel verfügte, hatte ich mangels Belegen vorher nur vermuten können. Die Abwesenheit jeglichen Transitstempels (bis auf den rückseitigen Ankunftsstempel "Roma") beweist diese Annahme: man hätte ja bei einem Weg — oder besser Umweg — über Glarus es dort nicht versäumt, sich auch mit dem Datumstempel auf dem Briefchen zu verewigen. Im übrigen kenne ich aus dem Glarnerland noch P.P.-Stempel derselben Form von Glarus (schwarz und blau), Mollis (schwarz), Niederurnen (rot) und Diesbach (schwarz), allesamt auf Briefen der Rayonzeit. Netstal scheint also recht spät mit diesem Stempel ausgerüstet worden zu sein. Viel häufiger und auch aus anderen Glarner Gemeinden nachgewiesen sind die P.D.-Stempel. Da ich an einer Stempelgeschichte des Kantons Glarus arbeite, wäre ich den Lesern dieser Zeilen sehr zu Dank verpflichtet für die Meldung von Belegen mit P.P.-Stempeln aus dem Glarnerland!
Die Absenderfirma Kubli hatte ein gewisses Postaufkommen als damals recht bedeutende Fabrik für den Zeugdruck. Hauptmann Felix Kubli pflegte intensive Geschäftsbeziehungen zu Italien, wohin schon seine Vorfahren Holz und Vieh exportierten. 1846 errichtete Felix Kubli (1815 1900) eine besonders durch ihre "Tibet-Tücher" (mit modischen Fransen) bekannte Stoffdruckerei im Langgüetli, die 1900 von einem Arbeiter böswillig in Brand gesteckt wurde (heute Seidendruckerei Schlotterbeck & Co)..
Zurückkommend auf unsern P.P.-Stempel ist festzuhalten, dass zwar mit den 4 Rappen die Gebühr bis an die Grenze des Kirchenstaates gedeckt war, aber doch nicht bis Rom selbst. Dort musste der Empfänger noch 5 Centesimi (siehe den handschriftlichen Federzug) begleichen Felix Kubli hätte zwar an sich seine Drucksache voll frankieren können - dann würde ein P.D.-Stempel seinen Brief zieren —, nämlich auf der Route über Frankreich, doch betrug das diesbezügliche Porto erkleckliche 15 Rappen, was sich ein sparsamer Glarner immerhin
zweimal überlegt.
© Schweizerische Vereinigung für Postgeschichte / SVPg