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Der Mensch hat die Landschaft stark umgestaltet. Europa war einmal fast vollständig bewaldet, doch die Waldflächen wichen nach und nach landwirtschaftlichen Nutzflächen und Siedlungen. Strassen zerschneiden die Landschaft. Wildtiere wurden aus ihren Lebensräumen vertrieben, Wälder wurden bewirtschaftet, Gewässer korrigiert und Böden entwässert. Aus der Naturlandschaft wurde Kulturlandschaft.
Wildnis – ein breiter Begriff
Ob es noch völlig wilde, vom Menschen unbeeinflusste Ökosysteme gibt, ist umstritten. Streng genommen haben wir auch auf die abgelegensten Landschaften Einfluss, weil sich der Klimawandel und globale Stoffkreisläufe auf den ganzen Planeten auswirken. Dennoch würden wir auch Biotope in unserer Umgebung als „wild“ bezeichnen.
Wegen der verschiedenen Auffassungen von Wildnis ist eine Definition des Begriffs schwierig. Die Internationale Naturschutzunion IUCN definiert Wildnisgebiete wie folgt:
„Ein großräumiges Gebiet, das seinen ursprünglichen Charakter bewahrt hat, eine weitgehend ungestörte Lebensraumdynamik und biologische Vielfalt (Biodiversität) aufweist, in dem keine ständigen Siedlungen sowie sonstige Infrastrukturen mit gravierenden Einfluss existieren und dessen Schutz und Management dazu dienen, seinen ursprünglichen Charakter zu erhalten.“
– IUCN (übersetzt aus dem Englischen)
Diese Definition steht allerdings in der Kritik, kleinere oder siedlungsnahe Gebiete, die der Natur überlassen werden, nicht als Wildnis zu betrachten. Wildnisgebiete sind nach dem IUCN vielmehr grossflächige und abgelegene Räume. Wildnis sollte ausserdem nicht nur erhalten werden, sondern kann aus verlassenen Kulturlandschaften wieder neu entstehen (Sekundärwildnis).
Warum Wildnis wichtig ist
Wildnis zu erhalten und zu fördern ist für uns unverzichtbar. In der Wildnis kann sich die Natur frei und ungehindert entfalten. So ist sie Rückzugsort für zahlreiche Tiere und Pflanzen; die Biodiversität ist in der Wildnis besonders hoch. Teilweise wird argumentiert, dass in menschengemachten Ökosysteme mehr Arten leben und in der Wildnis dominante Arten überwiegen. Dies mag kurzfristig der Fall sein. Tatsache ist jedoch, dass die Forschung nie alles vorhersehen kann und ein vollständiges, komplexes Ökosystem nicht nachzustellen vermag.
Wildnis ist jedoch mehr als ein natürlicher Lebensraum: Auch für uns stellt sie einen Mehrwert dar. Der Mensch ist sowohl Natur- als auch Kulturwesen. Unberührte Natur berührt uns, lässt uns abschalten, innehalten und reflektieren.
Hat Wildnis in der Schweiz eine Chance?
Natur, die noch frei ist von menschlichen Tätigkeiten, gibt es in der Schweiz vorwiegend in den Alpen. Doch der Druck auf das Gebirge nimmt zu: Über 70% der Berufstätigen arbeiten im Dienstleistungssektor. Dadurch werden die Alpen als Erholungs- und Freizeitraum immer wichtiger. Gleichzeitig gibt es zunehmend verwildernde Fläche; häufig aufgrund von Tälern oder Alpen, die verlassen werden. Dort bestünde grosses Potenzial, Wildnis-Schutzgebiete einzurichten. In der Schweiz ist die Wildnis-Thematik jedoch wenig verankert. Wildnis wird oft mit Verlust, Chaos und Gefahr assoziiert; ihr Wert wird häufig unterschätzt. So ist die Einrichtung von Naturschutzgebieten politisch schwierig umzusetzen.
In Deutschland und Österreich wurde Wildnis jedoch bereits zum Thema gemacht und es konnten erste Erfolge erzielt werden. So gibt es in Österreich mehrere IUCN-zertifizierte Wildnis-Schutzgebiete. In Deutschland schlossen sich fast alle bekannten Naturschutzorganisationen der Initiative „Wildnis in Deutschland“ an. Ziel ist, die Natürlichkeit in einigen Gebieten wiederherzustellen, ebenfalls in Form von Schutzgebieten. Die Akzeptanz für diese Projekte ist vergleichsweise hoch, sie werden von der Bundesregierung finanziell unterstützt.
In der Schweiz gab es bis anhin dagegen kein vergleichbares Projekt, das sich explizit für Wildnis einsetzte. Die Alpenschutzorganisation Mountain Wilderness Schweiz nahm sich deshalb dem Problem an und möchte eine Wildnis-Strategie für die Schweiz lancieren.
Die Vision von Moutain Wilderness Schweiz:
„Es gibt mehr grossflächige, von Infrastruktur nicht erschlossene Wildnis und Gebirgsräume, in welchen Menschen (eigenverantwortlich, kompetent und respektvoll) die Natur frei erleben können.“
Die Organisation bezweckt, die Bevölkerung für Wildnis zu sensibilisieren. Möglichst viel freie Natur soll erhalten sowie gefördert werden. Dafür haben aber Daten und Fakten gefehlt: Wo gibt es noch Wildnis in der Schweiz, und wo könnte zusätzliche entstehen? Mountain Wilderness erarbeitete dafür gemeinsam mit der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL die Studie „Das Potenzial von Wildnis in der Schweiz“.
Studie „Das Potenzial von Wildnis in der Schweiz“
An der Tagung „Wildnis finden und fördern“ am 30. und 31. Oktober in Langnau am Albis (ZH) wurde die Studie zahlreichen Fachpersonen und Interessierten vorgestellt und die Wildnis-Strategie diskutiert. Publiziert wird die Studie zwischen Ende 2018 bis Anfang 2019.
Es wurde eine Karte erstellt, welche zeigt, an welchen Stellen in der Schweiz Wildnisqualität vorhanden ist. Dies ist vor allem im Gebirge im Alpenraum und im Tessin der Fall. Zusammenhängende, grössere Gebiete mit hoher Wildnisqualität machen rund 17% der Landesfläche aus.
Damit ist eine Grundlage geschaffen, die darstellt, wo sich Wildnis-Schutzgebiete realisieren liessen. Dies ist aber nicht möglich ohne die Zustimmung der lokalen Bevölkerung. Ein zweiter Teil der Forschung drehte sich deshalb um die gesellschaftliche Dimension in der Wildnis-Debatte. Es zeigte sich, dass Einheimische meist kritisch gegenüber Wildnis eingestellt sind.
Wildnis bekannt machen
Mit der Wildnis-Strategie soll das Verhältnis der Menschen zur Wildnis verbessert werden. Nur so hat die Naturlandschaft in der Schweiz eine Chance. Wildnis darf nicht als Verlust von Kulturlandschaft und Sicherheit gesehen werden, sondern als Gewinn für Mensch und Natur. Es braucht viel Aufklärungsarbeit, die bereits mit der Bildung im Grundschulalter anfängt. Die Schweiz muss sich etwas von ihrem Ordungsdenken lösen: Wälder sollten nicht überall beforstet, Bäche nicht korrigiert, Land nicht entsumpft sein. Wildnis zuzulassen bedeutet, die Kontrolle loszulassen – und zu beobachten, was passiert.