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Haben Sie auch schon über Sci-Hub oder ResearchGate auf wissenschaftliche Artikel zugegriffen? Fragen Sie sich, wieso die ZHAW Hochschulbibliothek diese Plattformen in ihrem Rechercheangebot nicht bewirbt? Wir nehmen diese sogenannten Schattenbibliotheken einmal unter die Lupe.
Was sind Schattenbibliotheken?
Der Piraterie-Forscher Balázs Bodó definiert Schattenbibliotheken im Interview mit Miriam Ruhenstroth als
«Datenbanken, auf die man über das Internet zugreifen kann. Sie werden nicht von einer offiziellen Stelle oder einem Unternehmen betrieben und enthalten viele Millionen Dokumente und Bücher, die frei und umsonst zugänglich sind».
Das Problem: Die Bereitstellung der Dokumente auf diesen Plattformen ist rechtlich häufig nicht erlaubt.
Ursachenforschung
Im 20. Jahrhundert hat sich der akademische Zeitschriftenmarkt vom kleinen dezentralen Markt mit Universitäts- und Bildungsverlagen zu einem globalen Markt mit kommerziellen Verlagen entwickelt. Verlage haben fusioniert, wodurch sich zunehmend Oligopole gebildet haben.
Eine Analyse von 45 Millionen im Web of Science indexierten Dokumenten aus den Naturwissenschaften, der Medizin sowie den Geistes- und Sozialwissenschaften zeigt, dass mehr als 50% aller im Jahr 2013 erschienenen Publikationen von nur fünf Verlagen publiziert wurden. Darunter befinden sich Reed Elsevier, Wiley-Blackwell, Springer und Taylor & Francis.
Was ist an diesem System problematisch? Die Erwerbungsausgaben in amerikanischen wissenschaftlichen Bibliotheken illustrieren eindrücklich, dass die Abopreise für Zeitschriften exponentiell angestiegen sind.
Allein für Elsevier betrug dabei die Gewinnmarge 2018 laut drei Informationswissenschaftlern 36.8%.
Sie fragen sich, wieso Verlage mit fremderstellten Inhalten mehr Geld erwirtschaften können als Branchenriesen der Pharmaindustrie wie Novartis (2018: 32%)? Das erklärt Ihnen Jorge Cham in seinem kleinen Cartoon:
Die Ergebnisse wissenschaftlicher Publikationen sind häufig im Rahmen öffentlich finanzierter Forschung z.B. an Hochschulen entstanden. Die öffentliche Hand hat also bereits für die Produktion bezahlt. Ausserdem finanziert sie teils indirekt die Review- und Editionsprozesse mit, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihrer Arbeitszeit unentgeltlich für Verlage leisten. Wollen Sie als Autorin oder Autor Ihre Ergebnisse in klassischen Zeitschriften publizieren, müssen sie i.d.R. alle Nutzungs- und Verwertungsrechte exklusiv an den Verlage abtreten. Damit Sie als Autorin oder Autor aber wieder Ihre Publikation im betreffenden Journal lesen können, müssen die Bibliotheken viel Geld in die Hand nehmen und Abos halten. Sie kaufen also Ihre Publikation von den Verlagen zurück.
Bibliotheken sind aber mit ihren vorhandenen – häufig stagnierenden – Budgets nicht mehr im Stande, die notwendige Literatur für ihre Benutzenden vollumfänglich anzuschaffen. Häufig stossen Forschende deshalb in ihrer täglichen Arbeit auf verschlossene Inhalte, die nur mit Zahlung einer Gebühr zugänglich werden.
Schattenbibliotheken wie Sci-Hub (seit 2011) oder soziale Plattformen wie ResearchGate (seit 2008) entstanden auch als Reaktion auf diese verschlossenen Zugänge.
Behind the scenes
ResearchGate wurde als soziales Netzwerk für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gegründet. Diese können eigene Publikationen zum freien Download für andere Personen auf ihrem persönlichen Profil einstellen. ResearchGate geht dabei davon aus, dass die Forschenden rechtlich abgeklärt haben, ob sie das für ihre Texte machen dürfen.
Sci-Hub schafft für Forschende, die keine institutionellen Zugänge haben und die Lizenzgebühren für Zeitschriften nicht übernehmen können oder wollen, kostenfreien Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen. Von Nutzenden angefragte Dokumente werden über institutionelle Zugänge auf Verlagsplattformen beschafft, auf welche Sci-Hub über ausgespähte Logindaten von Bibliotheken zugreift. Die Publikation wird anschliessend in der Sci-Hub-Datenbank abgelegt und kann bei der nächsten Nutzeranfrage direkt bereitgestellt werden. Mehr dazu bietet das Kapitel 4 des Buchs „Wissenswelt Internet“.
Alexandra Elbakyan, die Gründerin von Sci-Hub, spricht davon, dass die Zugangsdaten freiwillig von Hochschulangehörigen überliefert wurden. Verlage behaupten, dass Sci-Hub die Logindaten über Phishing-Mails ausspäht, indem Forschende dazu aufgefordert werden, sich auf falschen Websites einzuloggen.
Die von Aaron Swartz ins Leben gerufene Guerilla Open Access-Bewegung ist ebenfalls eine rechtlich fragwürdige Antwort auf die Zeitschriftenkrise. Wissenschaftliche Informationen werden in einer Art Netzwerk ausgetauscht, z.B. mit dem Twitter-Hashtag #ICanHazPDF.
Was sagt das Schweizer Urheberrecht?
Daniel Hürlimann, Assistenzprofessor für Wirtschaftsrecht mit Schwerpunkt Informationsrecht an der Universität St. Gallen, hat die rechtliche Situation von Schattenbibliotheken unter Anwendung des Schweizer Urheberrechts betrachtet. Seine detaillierte Analyse finden Sie hier.
Da die Nutzungs- und Verwertungsrechte von konventionell publizierten Artikeln beim Verlagshaus liegen, kann dieses laut URG darüber bestimmen, wie und wo die Dokumente verwendet und zugänglich gemacht werden. Dokumente dürfen nur zugänglich gemacht werden, wenn die Schutzdauer verjährt oder die Zustimmung des Rechteinhabers vorhanden ist. Ansonsten liegt beim Upload von Volltexten – wie im Falle der beiden genannten Schattenbibliotheken – Urheberrechtsverletzung vor.
Der Download von Dokumenten ist in der Schweiz jedoch zulässig, sofern die Dokumente veröffentlicht wurden. Dies gilt somit auch für Artikel in Schattenbibliotheken.
Verlage schlagen zurück
Verlage, deren Geschäftsmodell auf dem klassischen Abomodell beruht, lassen sich das natürlich nicht gefallen. Plattformen wie researchGate, academia.edu u.a. werden häufig mit sogenannten take down notices der Verlage dazu aufgefordert, illegal hochgeladene Inhalte zu entfernen. ResearchGate wurde zusätzlich von Elsevier und ACS verklagt. In einem bereits abgeschlossenen Verfahren Sci-Hub vs. Elsevier hat das Verlagshaus zuvor Recht auf Schadensersatz in Millionenhöhe bekommen.
Klagen gegen Schattenbibliotheken zeigen aber nicht immer die gewünschte Wirkung, wie Daniel Hürlimann in seinem Skript beschreibt. Domains von Schattenbibliotheken wechseln stetig, Server liegen ausserhalb von Gerichtsbarkeiten, Urteile verpuffen. So bezahlte Sci-Hub den Schadensersatz an Elsevier nicht und missachtete die Domainsperre. Verlagen bleibt deshalb nicht viel Anderes übrig, als zu versuchen, ihre Authentifikationsmechanismen zu verbessern.
Wer nutzt Schattenbibliotheken?
Das Herunterladen von Dokumenten in Schattenbibliotheken ist nicht wie in der Schweiz überall erlaubt. Dennoch wird Sci-Hub häufig genutzt. John Bohannon analysierte über Datensets von Sci-Hub-Downloads in 2015 die geographische Verteilung der Nutzenden. Die Ergebnisse kann man sich auch als interaktive Karte anzeigen lassen.
Sci-Hub-Nutzende beschränken sich nicht nur auf Entwicklungsländer mit begrenztem Literaturangebot. Die USA belegt den 5. Platz in der Liste der häufigsten Sci-Hub-Nutzenden. Trotz gutem Literaturangebot an amerikanischen als auch europäischen Hochschulen wird die Schattenbibliothek rege genutzt. Erklärt wird das mit dem bequemeren Informationszugang, den die Schattenbibliothek gegenüber den universitären Authentifzierungsverfahren bietet.
Bastian Greshake zeigte in seiner Studie, dass 12 von den 20 am häufigsten heruntergeladenen Zeitschriften dem Fachbereich Chemie zugeordnet werden können. Auch Verlage mit einem Fokus auf Chemie und Engineering sind überrepräsentiert. Grund für den verbreiteten Zugriff auf diese beiden Fachgebiete kann sein, dass im Vergleich zu anderen Wissenschaftsdisziplinen ein Grossteil der Absolventen in die Privatwirtschaft geht, wo der Zugang zu wissenschaftlicher Literatur schlechter ist als in Bildungsinstitutionen.
Legale Alternativen
Neben den illegalen Schattenbibliotheken gibt es auch Methoden zur Informationsbeschaffung, welche rechtlich erlaubt sind. Forscherinnen und Forscher wehren sich mit Publikationsboykotts gegen die Grossverlage und greifen zudem mit legalen Werkzeugen wie dem Open Access Button oder Unpaywall auf frei verfügbare Versionen von wissenschaftlichen Publikationen zu. Bibliotheken kündigen teure Zeitschriftenabonnements und setzen auf die Verhandlungsmacht von nationalen Konsortien gegenüber den Big Playern des wissenschaftlichen Publikationsmarkts. Neue sogenannte Offsetting-Lizenzverträge für Zeitschriften (bspw. Project DEAL in Deutschland oder die neuen Schweizer Nationallizenzen) sollen einen klaren Shift vom alten Publikationsmodell hinzu Open Access bewirken, dem freien und legalen Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen für alle. Zur legalen Zweitveröffentlichung Ihrer Publikationen bieten sich hier bereits fachliche oder institutionelle Repositorien wie die ZHAW digitalcollection an.
Ein Beitrag von Julia Vöhringer.