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24.08.2015 - Fritz Vollenweider
24.08.2015
Fritz Vollenweider
Eingeschlossen in der eigenen Falle
Die 20. Spielzeit im Theater an der Effingerstrasse Bern beginnt mit „Geschlossene Gesellschaft“ von J.-P. Sartre
Noch während des Zweiten Weltkriegs wird 1944 Sartres „Huis Clos“ im besetzten Paris uraufgeführt. Der gegen Schluss gesprochene Satz: „Die Hölle, das sind die Anderen“ ist seither zum geflügelten Wort geworden. Der Inhalt des Stücks wird oft unbewusst auf diese eindringliche Metapher reduziert. Viel bedeutender für die Botschaft des Einakters könnte vielleicht sein, dass es im ganzen Raum keinen einzigen Spiegel gibt. Er fehlt nicht nur der etwas verführerisch eitlen Estelle, die sich ihre Lippen mit Rouge nachzeichnen will; er fehlt allen, wenn sie sicher sein möchten, dass sie so wirken, wie sie es beabsichtigen. Kein Wunder also, dass die Anderen – einmal Inès, einmal Garcin, einmal Estelle – als metaphorischer Spiegel herhalten müssen. In diesem Sinne werden die jeweils anderen zur Hölle, die mit Spott, Ironie und Sarkasmus jeden Versuch der Rechtfertigung des früheren Verhaltens geisseln und mit einem grossen Nein jeden Anspruch auf Verständnis, Vergebung oder gar Erlösung vernichten.
Von links: Katharina Paul (Estelle), Sinikka Schubert (Inès), Peter Bamler (Garcin)
Estelle, die Wohlhabende, Wohlbehütete (Katharina Paul); Inès, die einfache Postangestellte (Sinikka Schubert), und Garcin, der Journalist und Pazifist (Peter Bamler), alle drei sind auf verschiedene Arten und aus verschiedenen Gründen ums Leben gekommen. Vom Kellner (Helge Herwerth, eine eher undankbare Rolle für ihn) werden sie nacheinander in den bedrohlichen Raum geführt, wo weder Schiebetor noch Klingelknopf funktionieren. Höflich und unverbindlich, weiss-schwarz konventionell gewandet bis auf die kurz abgesägten Hosen – Attribut des Unwirklichen, Abstrusen der ganzen Situation – gibt er sich hilfsbereit, ohne wirklich helfen zu dürfen.
Eingeschlossen, vom Leben und von weiteren Personen abgesondert, beginnt das höllische Spiel des Provozierens, Ausgrenzens, sich Näherns in immer wechselnden Konstellationen. Die Falle, in welche die nicht zufällig für einander Ausgewählten geraten sind, zwingt sie zur immer tieferer und schonungsloserer Erkenntnis der eigenen Fehlbarkeit und der quälenden Gewissheit, nicht die private Heldin, der private Held zu sein, den man vorgibt. Und das kann, von je einem wechselnden Dritten als Spiegel vorgehalten, schon die Hölle bedeuten.
Der Spielraum, die Requisiten (Peter Aeschbacher) sowie die Kostüme (Sarah Bachmann) präsentieren die beängstigende äussere Atmosphäre des Stücks schon von der leeren Bühne vor Spielbeginn an. Rot, Weissgrau, Beige und gedämpfte Mischfarbe des einen Stuhls dominieren – eine Ausstattung von starker Wirkung, vor den schwarzblau dunkeln Wänden alles andere als gefällig.
Stefan Meiers Inszenierung vermittelt grosse, sich immer wieder steigernde Spannung. Nicht allein der crispen, schlagfertigen und provozierenden Dialoge Sartres wegen (neu übersetzt von Traugott König), auch nicht nur wegen des professionellen Umsetzens von in der Handlung bereits angelegten Bewegungen und Gesten. Vielmehr wirkt während des ganzen pausenlosen Handlungsablaufs, choreografisch und mimisch äusserst differenziert, eine durchdachte, vielseitige Ausdeutung des subtilen hintergründigen Kampfes zwischen den Geschlechtern und auch zwischen den in sich gebrochenen Persönlichkeiten.
Die beiden neuen Gesichter und Stimmen (Katharina Paul und Sinikka Schubert) fügen sich mit dem bewährten Pater Bamler zu einem Trio, das vielseitig, treffsicher und eindrücklich der ausweglosen Grenzsituation Gehalt verleiht.
Alle Bilder © Severin Nowacki