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Zeugnis von Berta
Berta erzählt aus ihrem Leben.
Mein Leben
Ich wurde am 29.1.1922 im St. Galler Rheintal geboren. In der Nähe war der Rheinkanal. Mit meinem zwei Jahre älteren Bruder verbrachte ich eine schöne Jugendzeit. Mein Vater bewirtschaftete eine kleine Landwirtschaft, und jeden Sommer war er als Alpmeister im Safiental (Bünderland) tätig. Meine Eltern waren, als sie jung waren, noch nicht gläubig. In meinem 2. Altersjahr haben meine Eltern gemerkt, dass mit meinem Gehör etwas nicht stimmte. Meine Eltern fingen an zu beten und gingen mit mir zu einem Zauberer, damit er mich hörend machte. Es brachte nichts. Meine Eltern haben sich entschieden nicht mehr zum Zauberer zu gehen, und liessen mich von einem Arzt untersuchen. Ich hatte eine Verwachsung im Ohr, und daher war ich taub bis resthörig. Mein Vater litt darunter und verwöhnte mich nach Strich und Faden (= sehr). Er verwöhnte mich nicht mit den Sachen, sondern mit seiner Liebe und Güte. Er sagte mir liebe Worte, wie z.B. «Du bist mein Schatz!»
Mit sieben Jahren erkrankte ich an einer schweren Mittelohrentzündung und musste ins Spital. Während dieser Zeit kam ein ganz vornehmer Mann zu Besuch. Dieser Mann berichtete über die Taubstummenanstalt St. Gallen. Meine Mutter nahm mich mit nach St. Gallen zu einem Gespräch. Direktor Bühr sagte: «Berta kann noch ein Jahr zu Hause bleiben». Mein Vater wusste nichts von dieser Sache. Meine Mutter war schon immer eine starke, strenge Frau. Nach einem Jahr musste ich in die Schule. Meine Mutter hat dies alles mit der Schule abgemacht, ohne den Vater zu informieren, weil sie wusste, dass mein Vater an der Trennung zerbrechen würde. Er würde versuchen, die Trennung zu verhindern. Meine Mutter wollte das nicht. In dieser Zeit musste ich nochmals zum Ohrenarzt, und der sagte, dass meine Mandeln weg müssten. Meine Eltern waren dagegen und haben gebetet. Ihre Gebete wurden erhört, und ich wurde ganz gesund, ohne dass ich die Mandeln wegoperieren lassen musste. GOTT SEI LOB UND DANK!
Berta mit ihrer Mutter und ihrem Bruder 1938
In meiner Klasse gab es zum grossen Teil schwache Schüler. Der Lehrer hatte grosse Mühe ihnen das Sprechen beizubringen. Die armen Schüler bekamen viele Schläge. Es war so grausam (heute frage ich mich, wie so etwas geben könnte)!
Als ich zehn Jahre alt wurde, starb mein geliebter Vater. Mit ihm habe ich so wenig Zeit zusammen verbringen dürfen (er war schon lange Zeit krank). Vor seinem Tod, im Sommer, erlebte ich die schönsten Ferien mit ihm. Sie waren wie im Paradies, und ich habe sie bis heute nie vergessen!
Im Jahre 1938, nach schlimmsten Jahren in Internat und Schule mit vielen Schlägen und Strafen, trat ich aus der Schule aus. Der Direktor fand für mich eine Lehrstelle als Haushalthilfe (damals: Magd), die ich überhaupt nicht mochte. Die Stelle war im Hause des Migros-Direktors. Ich blieb nur vier Monate dort. Morgens musste ich von 7 bis 20 Uhr nonstop (= ohne Pause) für einen Monatslohn von Fr. 20 schuften!! Meine Mutter kündigte für mich diese Stelle, weil sie einsah, dass ich dort sehr unglücklich war. Ich durfte zu Hause meiner Mutter überall helfen, und ich war glücklich, auf dem Bauernhof zu sein.
Im Jahre 1939 brach der Krieg aus. Meine Mutter bezog keine Witwerente und musste den ganzen Tag zur Arbeit als Gemeindepflegerin. Sie lief kilometerweit zu Familien und kranken Menschen. Sie putzte, wusch, pflegte und machte noch den Haushalt. Sie hatte nebenbei noch den Bauernhof zu Hause, darum war sie froh um meine Hilfe. Auch weil mein Bruder im Militär war und dort bleiben musste. In dieser Zeit war ich sehr viel allein und hatte praktisch keinen Kontakt zu Gehörlosen. Ich vermisste sie sehr oft. Während der Kriegszeit hatten wir Lebensmittel-Rationierung. Das heisst, dass wir nur wenig zu essen hatten. Wir mussten daher viel anpflanzen, z.B. Mais, Kartoffeln, Gemüse und Getreide. Milch und Butter hatten wir selber. Wenn wir einkaufen wollten, mussten wir mit der Rationierungskarte in den Laden. Auf der Karte wurden Punkte für die gekauften Lebensmittel abgezogen.
Berta, 1941
Eines Tages fragte mich eine Nachbarin, ob ich arbeiten möchte, um etwas zu verdienen. Ich sagte: «Ja!» Die Arbeit war in einer Strumpf-Fabrik. Dort gab es Akkordarbeit. Ich arbeitete dort acht Jahre lang. Das war sehr hart, und meine Augen haben besonders gelitten. Mein Arzt sagte mir, dass ich diese Stelle kündigen müsse. Dann fand ich eine neue Stelle. Gott gab mir die neue Stelle. Die Arbeit war viel besser, und ich hatte mehr Bewegung. Ich nähte viele Lampenschirme mit Stoff. Jeden Tag fuhr ich mit dem Zug nach Sevelen zur Arbeit und hatte eine ganz schöne Beziehung zu meinen Arbeitskolleginnen.
Fast jeden Sommer hatte ich Ferien. Ich durfte mit Gehörlosen zusammen in die Bibelwoche gehen. Sie wurde von Pfarrer Graf aus St. Gallen und vom Fürsorgeverein geleitet. Dort habe ich Hans kennen gelernt. Der Pfarrer sagte mir, dass Hans ein ganz flotter Bursche sei. Fünf Jahre lang passierte nichts zwischen uns. Im Jahre 1957 fand eine Tagung für Gehörlose auf dem Rosenberg in St. Gallen statt. Dort traf ich endlich nach langer Zeit Hans wieder, und ich war in ganz freudiger Stimmung. Wir beschlossen, uns nicht mehr aus den Augen zu verlieren (= den Kontakt zu behalten). Wir wechselten ab: Hans kam mich im Monat ein oder zwei Mal besuchen, oder ich ging zu ihm nach Schaffhausen. Mein Herz hatte so gehüpft (= ich war so verliebt). Schnell haben wir die Verlobung gefeiert und bereiteten uns auf die Hochzeit vor.
Von der Fürsorge von St. Gallen kam eine Einladung für uns. Wir sollen nach Nesslau ins Blaukreuzheim gehen. Ohne es mir zu sagen, hatte die Fürsorgerin zu Hans gesagt, dass er sich unterbinden lassen solle!!! Hans sagte sofort: «Nein! Kommt nicht in Frage!» Ein Glück, dass er sich gut wehren konnte. Ich konnte nicht begreifen, warum eine Christin, die Fürsorgerin war, so etwas befehlen konnte.
Hochzeit von Hans und Berta Hermann am 18. Oktober 1958
Im Oktober haben wir geheiratet. Erst nach einem Monat haben wir eine Wohnung bekommen, denn mein Schwiegervater hatte ein Haus mit zwei Wohnungen. Die obere Wohnung wurde vermietet. Die Leute wollten nicht herausgehen. Aber dann zogen wir in diese Wohnung ein und erlebten drei ruhige Jahre. Danach bekamen wir einen Sohn, Roland. Wir freuten uns so sehr. Zwei Jahre später wurde die herzige Tochter Doris geboren. Der Vater im Himmel hat uns zwei gesunde Kinder geschenkt.
Die zwei Kinder von Hans und Berta Hermann: Doris und Roland
Später mussten unsere beiden Kinder auch die Sprachheilschule (neuer Name) in St. Gallen besuchen. Sie mussten dort im Internat bleiben. Es war so schwer für mich, die Kinder herzugeben, weil auch sie viel geschlagen wurden. Wir konnten nicht viel machen. Ich ging zur Ablenkung wieder stundenweise bei Betz (Tapeziererei) arbeiten. Später gingen Roland in die Oberstufenschule nach Zürich in die Schule und Doris auf den Landenhof. Uns erstaunt es immer wieder, wie sich die heutige Bildung entwickelt hat. Heute gibt es im Gegensatz zu damals auch Dolmetscher, und wir sind sehr froh darüber.
Familie Hermann
Später, als unsere Kinder selbstständig wurden und eigene Wege gingen, machte ich viele Besuche bei einsamen Gehörlosen in Pflegeheimen oder bei ihnen zu Hause. Viele Gehörlose hatte viel Freude an meinen Besuchen, weil sie oft in hörenden Heimen unter Einsamkeit und Isolation litten.
Heute noch besuche ich eine ganz tolle 92jährige Frau, die blind und taub ist. Mit ihr verbindet uns eine schöne Freundschaft, und wir lachen oft über frühere, alte Zeiten. Ihr Gedächtnis ist immer noch so fit wie bei einer 20jährigen. Ich habe oft Taubblinde begleitet, und daher habe ich auch das Lormen schnell gelernt.
Hans und Berta, 2002
Heute wohnen wir immer noch im gleichen Haus, und zwar im Untergeschoss. Unser Sohn wohnt mit seiner Frau ganz oben. Ich habe viele Beschäftigungen und arbeite gern an meinem Blumengarten. Hans und ich gehen oft auf Reisen, besuchen Bibelstunden und Gemeinschaften. Aber mein Motto heisst jetzt «Zu Hause ist es doch am schönsten!»
Berta