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sich zunächst nur auf England und Wales erstrecken sollte. Mit ihr wurde dem altgeschichtlichen, aber den Ansprüchen des modernen Staates nicht mehr genügenden Selfgovernment in seiner bisherigen Form ein Ende bereitet; an Stelle der von der Regierung ernannten Friedensrichter (Justices of the Peace, s. d.) traten für Verwaltungszwecke die von den Steuerzahlern erwählten Grafschaftsräte (County Councils, s. d.), wodurch die Kommunalverwaltung der ländlichen Kreise [* 2] den städtischen Verwaltungen (s. Municipal Corporations) möglichst gleichgestellt wurde.
Die damit eingeführte Beteiligung der Landbevölkerung an der Ernennung der Kommunalverwaltungskörper bezeichnet einen weitern beträchtlichen Fortschritt in der Demokratisierung des gesamten engl. Staatslebens und der Durchbrechung des altgeschichtlichen Staatsgefüges durch modern nivellierende Formen. Am wurde das Gesetz im Unterhause, 9. Aug. im Oberhause in dritter Lesung angenommen. Am geschah dann mit einigen Abänderungen die Ausdehnung [* 3] der Verwaltungsreform auch auf Schottland. Der schon öfter unternommene Versuch, auch das engl. Oberhaus in die allgemeine Reformbewegung hineinzuziehen, scheiterte in beiden Häusern. Ebenso ging es einem von Salisbury selbst den Lords vorgelegten Entwurf, der eine beschränkte Zahl lebenslänglicher Peers schaffen und die Ausstoßung unwürdiger Mitglieder ermöglichen sollte.
Sehr viel Staub wirbelten zwei mit Irland zusammenhängende Vorgänge auf: der Erlaß einer päpstl. Encyklika und der Streit Parnells mit der «Times». Im April 1888 verurteilte der Papst durch ein Rundschreiben an die irischen Bischöfe den «neuen Feldzugsplan» und die in Verbindung damit geschehenden Gesetzlosigkeiten. Auf die irischen Führer machte der Erlaß wenig Eindruck, doch schuf er ihnen die Schwierigkeit, sich ihrer Gefolgschaft gegenüber mit dem päpstl.
Gebot so gut als möglich abzufinden. Der Streit Parnells mit der «Times» hatte im Frühling 1887 mit Veröffentlichung angeblicher Briefe Parnells begonnen, durch die seine Verbindung mit dem Phönixpark-Mord nachgewiesen werden sollte. In dem großen, Okt. 1888 vor einer besondern richterlichen Kommission eröffneten Prozeß, der sich über ein Jahr hinzog, zeigte es sich, daß die «Times» das Opfer eines Fälschers geworden war. Der Handel endete schließlich mit öffentlichem Widerruf der «Times» und einer Entschädigungszahlung an Parnell und dessen förmlicher, wenn auch etwas verklausulierter Unschuldserklärung durch das Unterhaus Febr. 1890.
Das Verhältnis Englands zu den Außenmächten wurde bezeichnet durch die guten Beziehungen zu den Festlandsstaaten. Vor allem stand die konservative Regierung im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin durch das gute Verhältnis, das sie mit Deutschland [* 4] bewahrte. Nach dem Ausbruch des Araberaufstandes (Sept. 1888) in Deutsch-Ostafrika (s. d., Bd. 5, S. 222) gingen beide Mächte durch eine gemeinsame Küstenblockade gegen den Sklavenhandel vor, und ebenso wurde gemeinschaftlich durch eine Konferenz in Berlin, [* 5] April bis Juni 1889, der Konflikt über die Samoa-Inseln geschlichtet.
Besondern Ausdruck erhielten die freundschaftlichen Beziehungen im Aug. 1889 durch den Besuch des Deutschen Kaisers in England, der vor allem durch eine große Flottenschau bei Spithead 5. Aug. gefeiert wurde. Freilich dauerten private Eifersüchteleien besonders in Kolonialfragen fort, aber äußerlich ging die engl. Regierung stets einträchtig mit Deutschland vor. Unverkennbar war eine Annäherung Englands an die friedenerhaltenden Mächte des Dreibundes, Deutschland, Österreich [* 6] und Italien, [* 7] wenn auch von einem vertragsmäßigen Anschluß und dem Eingehen fester Verpflichtungen bei der parlamentarischen Regierung Großbritanniens nicht die Rede sein konnte. Eine enge Interessenverbindung neben den allgemeinen Zielen des Bundes zur Erhaltung des europ. Friedens bestand für England mit einer der verbündeten Mächte, Italien, in ihrer Mittelmeerpolitik sowohl Frankreich wie Rußland gegenüber.
Die engere Verbindung, in die England mit der Politik der großen Festlandsmächte getreten war, machte eine Verstärkung [* 8] der Machtmittel des Reichs unerläßlich. Am wurde dem Parlament eine Marinevorlage unterbreitet, die eine Vermehrung der engl. Flotte im ganzen um 70 Schiffe [* 9] und dafür 21 Mill. Pfd. St. forderte, die aber nicht durch Anleihen, sondern binnen 7 Jahren durch Steuern aufgebracht werden sollten. Für das Landheer begnügte man sich mit geringern Ansprüchen. Am wurde die Flottenvorlage im Unterhause, 31. im Oberhause angenommen.
Bei allen wichtigen Fragen, vornehmlich natürlich den irischen, hatte die konservativ-unionistische Mehrheit fest zusammengehalten. Unerfreuliche Scenen im Parlament verursachte im Juli die Haltung der Radikalen bei der Frage einer Dotierung der Enkel der Königin. Man sah damals von besondern Apanagen ab und ersetzte sie durch eine Erhöhung des Einkommens des Prinzen von Wales um 36000 Pfd. St.
Die allseits friedlichen auswärtigen Beziehungen erlitten eine Störung durch ein Zerwürfnis mit Portugal [* 10] wegen eines Grenzstreits im Sambesigebiet in Südafrika. [* 11] In nicht sehr ehrenvoller Weise suchte England den schwächern Gegner durch schroffes und drohendes Auftreten zum Nachgeben zu zwingen. Am erreichte es ein Abkommen mit der portug. Regierung durchaus zu seinen Gunsten; es kam in Portugal darüber zu öffentlichen Tumulten, sodaß das Ministerium 17. Sept. abtreten mußte, der Vertrag nicht ratificiert und neue Verhandlungen begonnen wurden.
Erst wurde der endgültige Vertrag unterzeichnet, der auch die Zustimmung der portug. Kammern fand. Das Jahr 1890 hatte der auswärtigen Politik des konservativen Kabinetts überhaupt eine Reihe von Erfolgen gebracht. Mit Deutschland wurde 1. Juli nach längern in Berlin und London [* 12] geführten Verhandlungen ein Vertrag über die beiderseitigen Gebietsansprüche in Afrika [* 13] abgeschlossen, der die Interessensphären beider Mächte im Togogebiet und besonders in Ostafrika abgrenzte.
Deutschland erhielt Helgoland, [* 14] übertrug dafür England seine Schutzherrschaft über Witu und Somaliland und stimmte dem engl. Protektorat über Sansibar [* 15] zu. Mit Frankreich, das einen 1862 abgeschlossenen Vertrag dahin interpretierte, daß Großbritannien [* 16] nicht ohne seine Genehmigung das Protektorat über Sansibar übernehmen dürfe, wurde 5. Aug. ebenfalls ein Abkommen geschlossen, in dem dies die engl. Schutzherrschaft über Sansibar, England die französische in Madagaskar [* 17] anerkannte sowie Frankreichs Recht auf das Hinterland von Algerien [* 18] bis zum Tsadsee. Nun konnte 7. Nov. das Protektorat über Sansibar und 25. Nov. die ¶
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Besitznahme von Witu, Patta und Manda verkündet werden.
Weitere Auseinandersetzungen mit Frankreich brachte der lebhafte Widerstand der Neufundländer gegen das Frankreich zustehende Fischereirecht an der Küste Neufundlands, wobei die Regierung der Kolonie so weit ging, mit Selbsthilfe und Unabhängigkeitserklärung zu drohen. In der That kam es im Juni zu einem Zusammenstoß zwischen franz. und neufundländ. Fischern, bei dem die erstern weichen mußten. Erst ein Abkommen vom verfügte die Aufrechterhaltung des bestehenden Zustandes bis zur Regelung durch ein Schiedsgericht.
Ähnlich verlief ein Streit mit Nordamerika [* 20] über den Robbenfang im Beringmeer (s. d.), der ebenfalls durch ein Schiedsgericht geschlichtet werden soll. Ernster waren die Vorgänge in dem im Nordosten Indiens liegenden Hindustaat Manipur. Als England in die hier ausgebrochenen Thronstreitigkeiten eingriff, wurde der mit einer stattlichen Truppenmacht von Assam nach Manipur rückende J. W. ^[James Wallace] Quinton geschlagen und getötet; im Juni 1891 erfolgte dafür die Niederwerfung und Bestrafung der Manipuriten.
Im Innern hatte die Regierung manche Schwierigkeit zu bestehen. Die Finanzlage des Staates war freilich unter der Leitung des Kanzlers der Schatzkammer, Goschen, ausgezeichnet. Bei der Einbringung des Budgets konnte Goschen für das abgelaufene Finanzjahr auf einen Überschuß von 3,25 Mill. Pfd. St. hinweisen, obgleich die Staatsschuld während der letzten drei Jahre um 23 Mill. Pfd. St. verringert worden war; dagegen konnte der von der Regierung vorgelegte Gesetzentwurf, der den Ankauf ihrer Pachtgüter von seiten der Pächter durch Regierungsvorschüsse erleichtern sollte, ebenso wie ein Antrag zur Änderung der Zehntenerhebung (s. Tithes) wegen der Obstruktion der Opposition nicht erledigt werden und mußte auf das folgende Jahr verschoben werden, wo er in seiner endgültigen Form vom Parlament genehmigt wurde.
Inzwischen führten die Iren in Irland selbst den Kampf vor allem durch Boycottieren energisch weiter; doch drohte ihrer Sache schwere Gefahr durch die Verwicklung Parnells in einen skandalösen Ehescheidungsprozeß, der zu seiner Verurteilung wegen Ehebruchs führte. Die kath. Geistlichkeit Irlands erklärte sich gegen ihn, und 6. Dez. trat der offene Bruch in der irischen Nationalpartei ein, deren Mehrheit unter Führung MacCarthys sich von der bei Parnell verharrenden Minderheit trennte. Die Spaltung unter den Iren blieb bestehen, auch als Parnell gestorben war.
Diese für die Iren und ihre liberalen Freunde höchst unliebsamen Vorgänge kamen jedoch den Arbeiten des wieder eröffneten Parlaments zu statten. Es wurde ein Gesetzantrag zur Linderung des durch die Mißernte in Irland hervorgerufenen Notstandes erledigt und endlich die Zehnten- und die Landankaufsbill in dritter Lesung angenommen. Das von Goschen vorgelegte Budget wies wieder einen Überschuß von TTTTT Mill. Pfd. St. auf, der diesmal nicht für Steuerverminderung, sondern für die Durchführung des freien Schulunterrichts verwendet werden sollte.
Der Besuch des Deutschen Kaiserpaares (4. bis nahm einen äußerst glänzenden Verlauf, doch lieferte die bald darauf folgende herzliche Aufnahme der französischen, von Kronstadt [* 21] zurückkehrenden Flotte in Portsmouth [* 22] den Beweis, daß ihm eine ernstere polit. Bedeutung nicht beigelegt werden könne.
Eine besonders hervortretende Rolle im öffentlichen Leben Englands spielten seit Ende 1889 die Arbeiterausstände, die der gewaltige Streik der Londoner Dockarbeiter 15. Aug. bis einleitete. Unter Führung des socialistischen Abgeordneten Burns nahm die Bewegung einen außerordentlichen Umfang an, die Zahl der Feiernden stieg bis auf 180000 Mann, und der Londoner Handel wurde schwer und nachhaltig geschädigt. Die öffentliche Meinung stand im ganzen auf Seite der von den Dockdirektoren abgewiesenen Arbeiter, die einen Stundenlohn von 6 Pence und die Gewährleistung eines täglichen Mindestlohnes von 2 Shill. forderten.
Durch Vermittelung des Kardinals Manning, auch des Lord-Mayors und des Bischofs von London, wurde der Streit 16. Sept. beigelegt und in der Hauptsache die Forderungen der Arbeiter bewilligt. Man schätzte den durch den Ausstand verursachten Gesamtverlust auf 2 Mill. Pfd. St. Am folgten dem Beispiel der Dockarbeiter über 200000 Grubenarbeiter in Yorkshire und andern Kohlendistrikten, die sich aber nach fünf Tagen mit einer geringen Lohnerhöhung zufrieden gaben. Am 17. März kam es bei einer Versammlung der Dockarbeiter in Liverpool [* 23] zu blutigem Zusammenstoß mit der Polizei; Ende April streikten in Irland die Bahnangestellten, sodaß es zu mehrfachen Betriebseinstellungen kam, bis der Ausstand durch Vermittelung des Bischofs Walsh beigelegt wurde. Im Juni 1890 streikten in London eine Anzahl Postbeamte und Polizisten, ein Dockarbeiteraufstand zu Southampton führte im September zu Ruhestörungen und Zusammenstößen mit dem herbeigerufenen Militär, und ein Eisenbahnstreik in Schottland Anfang Jan. 1891 zu Attentaten auf die Züge.
Bedenklicher als diese Arbeiterstreiks konnte es scheinen, daß im Juli ein Gardebataillon den Gehorsam verweigerte und ein ähnlicher Fall sich in Chatham im August ereignete; das Gardebataillon wurde zur Strafe nach den Bermuda-Inseln versetzt, durfte aber schon im nächsten Jahre in die alte Garnison zurückkehren. Außer den Ausständen beeinträchtigte den engl. Handel die extrem schutzzöllnerische von den Vereinigten Staaten [* 24] Sept. 1890 erlassene MacKinley-Bill, und eine große Erschütterung des Londoner Geldmarktes drohte Nov. 1890 durch die Krisis des großen Bankhauses Baring, das sich bei den argentin. Anleihen stark beteiligt hatte; doch gelang es, das Unheil durch Liquidation der Bank abzuwenden.
Das Jahr 1892 begann mit einem Ereignis, das allgemeine Trauer erregte: dem 14. Jan. erfolgten plötzlichen Tode des Herzogs von Clarence, der als der älteste Sohn des Prinzen von Wales dereinst zum Träger [* 25] der brit. Krone berufen schien. Die Tragik seines Schicksals wurde noch dadurch erhöht, daß erst wenige Monate vorher seine Verlobung mit seiner Cousine, der Prinzessin Marie von Teck, geschlossen war.
Ein anderer für Großbritannien wichtiger Todesfall war der des ägypt. Chedivs Tewfik Pascha eines warmen Anhängers der engl. Reformpolitik in Ägypten; [* 26] doch erlitt die engl. Stellung daselbst durch die Thronbesteigung des jungen Abbas Pascha keine Änderung. ¶