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Herbert Meier
Der Mann in der roten Joppe (unveröffentlicht)
«Der neue Mensch steht weder rechts noch links - er geht. Er ist unterwegs.» Mit diesen Worten umschrieb Herbert Meier 1968 in einem denkwürdigen «Manifest» sein künstlerisches Credo. Mit seinen Theaterstücken, Romanen, Gedichten und Essays hat er die Schweizer Literatur nach Frisch und Dürrenmatt wesentlich mit geprägt. Er gehört - zusammen mit seiner Frau Yvonne Meier-Haas - auch zu den bedeutenden Übersetzern, u.a. von Paul Claudel, Luigi Pirandello und Charles Ferdinand Ramuz.
Aus: Herbert Meier. Der Mann in der roten Joppe (unveröffentlicht).
In jenen ersten Februartagen hing der Nebel tief, die Sonne war eine kalte weisse Scheibe. Durch meine drei Dachluken, unter denen ich tagelang keine Zeile mehr geschrieben hatte, drang ein graues, lähmendes Licht. Es trieb mich hinaus, ich ging ins nahe Café, als könnte ich dort der inneren Leere entfliehen, in die ich in der letzten Zeit gefallen war. Ich trank ein Kännchen grünen Tee und las in einer philosophischen Abhandlung, die mich keineswegs fesselte. In Augenblicken, wo ich aufschaute, gelangweilt von dem, was ich las, fühlte ich mich beobachtet.
Dort sass er, der ältere Herr, wie versteinert an der weissen Säule, die in der Mitte des Raumes die Decke des Rundbaus stützt. Sein Anzug war dunkelgrau und nadelgestreift. Das einzig Bunte an ihm war eine Seidenkrawatte. Er blickte zu mir herüber, als wollte er das Wort an mich richten. Dann schweifte er mit seinen Blicken umher, mit der beobachtenden Unruhe eines Raubvogels, um gleich wieder zu versteinern wie jemand, der sich längst von sich selbst verabschiedet hat.
Sa, 15.05.10, 15:00
Aus: Der Entlassene, Roman, unveröfftlicht
1989
Aus: Herbert Meier. Bei Manesse. 1989
Ich bin entlassen, aber wohin? fragte er sich nach tagelangem Schlafen und Erzählen in der Heilanstalt. Was soll ich am Ende anfangen jetzt? fragte er sich.
Noch gestern hatte er befürchtet, als er sich kämmte, plötzlich wieder im Wandspiegel, wie noch in den ersten Tagen nach seinem Eintritt, statt seines Gesichts den Hinterkopf zu sehen, den Nacken, die Haare, die Schulter, ein Teilstück seines Rückens, als wäre da einer unterwegs über tannene Bohlen zu einem Fenster, um sich hinauszustürzen. Diese verkehrte Spiegelung seiner selbst hatte ihn in der letzten Zeit nie mehr heimgesucht. Doch Rückfälle kommen vor, umso eher, wenn einer sich reif für die Entlassung glaubt. Er wäre entschlossen gewesen einen Rückfall den Aerzten zu verschweigen, aus Furcht, er könnte im letzten Augenblick seine Entlassung vereiteln.
Als er heute früh vor den Wandspiegel trat und entschieden zu seinem metallenen Taschenkamm griff, erschien wirklich sein Gesicht und blickte ihm freundlich entgegen, und nicht die geringsten Zweifel vermochten ihn zu beschleichen: dass er, Manfred Faller es war, der sich da vor ihm kämmte.