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Heute oder in zehn Jahren
Lang- versus kurzfristige Orientierung als Kulturdimension nach Hofstede
Leben, als gäbe es kein Morgen oder lieber heute auf etwas verzichten, um später zu profitieren? Geert Hofstede fand heraus, dass diese Frage je nach Kultur unterschiedlich beantwortet wird. Was bedeutet es, wenn eine Kultur langfristig orientiert ist? In welchen Bereichen spielt dies eine Rolle?
Von Isabelle Bartholomä
Lektoriert von Anja Blaser und Berit Barthelmes
Illustriert von Holly Vuarnoz
Der niederländische Sozialpsychologe Geert Hofstede analysierte Daten einer Mitarbeitendenbefragung der International Business Machines Corporation (IBM) und fand vier Faktoren, welche 1980 als Kulturdimensionen nach Hofstede bekannt wurden (Hofstede & Minkov, 2010). Mit diesen vier Dimensionen – Machtdistanz, Unsicherheitsvermeidung, Individualismus vs. Kollektivismus und Maskulinität vs. Femininität – konnten die Kulturen der Mitarbeitenden verglichen werden. Später traf Hofstede den ursprünglich kanadischen Sozialpsychologen Michael Bond von der Universität Hongkong (Hofstede, n.d.). Die beiden stellten fest, dass bei einem von asiatischen Studierenden ausgefüllten Fragebogen ähnliche Faktoren gefunden werden konnten (Hofstede & Minkov, 2010). Doch beide Wissenschaftler kamen aus dem Westen und entsprechend waren ihre Methoden westlich geprägt. So baten sie chinesische Kolleg*innen, einen neuen Fragebogen zu grundlegenden Werten zu erstellen, den Chinese Value Survey (CVS). Bei der Auswertung von mit dem CVS generierten Daten zeigten sich erneut vier Dimensionen, jedoch liessen sich dieses Mal nur drei davon den Kulturdimensionen nach Hofstede zuordnen.
Einen Überblick über die Ausprägungen der Kulturdimensionen nach Hofstede bei verschiedenen Ländern kann man sich auf http://www.hofstede-insights.com/compare-countries/ verschaffen. Die Seite ermöglicht den direkten Vergleich von jeweils bis zu vier Ländern gleichzeitig. Die Daten für die LTO stammen aus der Forschung von Michael Minkov (Hofstede, Hofstede & Minkov, 2010) und wurden mit dem World Values Survey (WVS) erhoben.
Konfuzius oder die langfristige Orientierung
Die zusätzliche Dimension wurde von Items abgebildet, welche in den von Hofstede und Bond verwendeten Fragebogen nicht vorkamen (Hofstede & Minkov, 2010). Ein Pol der Dimension beinhaltet die Werte Beharrlichkeit, Sparsamkeit, Sinn für Scham und das Ordnen der Beziehungen nach Status. Am anderen Ende finden sich das Erwidern von Grüssen, Respekt für Tradition, Wahrung des «Gesichtes» und persönliche Stabilität. Der erste Pol spiegelt zu einem gewissen Grad die Lehren des Konfuzius wider und wurde 1991 von Hofstede als «Langfristige Orientierung», beziehungsweise «Long-term Orientation» (LTO), als fünfte Kulturdimension eingeführt. Entsprechend wird der andere Pol der Dimension als «Kurzfristige Orientierung» bezeichnet.
«The new dimension is not ‹Confucianism› per se. Some very Confucian values were not related to it – for example, ‹filial piety›, which in the CVS was associated with collectivism»Hofstede & Minkov, 2010, S. 295
Basierend auf dem CVS erzielen China, Hong Kong, Taiwan, Japan und Südkorea die höchsten Werte auf der LTO-Skala, was auf eine langfristige Orientierung dieser Kulturen hindeutet (Hofstede & Minkov, 2010). Zimbabwe, Kanada, die Philippinen, Nigeria und Pakistan befinden sich am anderen Ende des Spektrums. Für die Schweiz wird ein Wert von 74 berichtet, China liegt bei 87, und die USA bei 26. Doch wie unterscheiden sich lang- und kurzfristig orientierte Kulturen konkret?
Langfristige Zukunftsplanung vs. kurzfristiges Leben im Hier und Jetzt
Ein Bereich, in dem sich die zeitliche Orientierung zeigt, ist das familiäre Leben. In langfristig orientierten Kulturen wird Familie hauptsächlich als pragmatisches Arrangement gesehen, welches jedoch auf echter emotionaler Zuneigung beruht (Hofstede & Minkov, 2010). Den Kindern wird viel Aufmerksamkeit gewidmet und sie lernen Sparsamkeit, sowie dass ihre Bedürfnisse nicht sofort erfüllt werden. Kinder in Kulturen mit kurzfristiger Orientierung lernen einerseits, soziale Codes zu respektieren, andererseits sofortige Bedürfnisbefriedigung zu erwarten und soziale Konsumtrends wahrzunehmen.
Eine besonders wichtige Rolle spielen Hofstedes Kulturdimensionen ausserdem im interkulturellen Management (Towers & Peppler, 2017). So planen Führungspersonen aus Kulturen mit hoher LTO langfristiger und zeigen grosse Beharrlichkeit bei der Zielverfolgung. Ausserdem schreiben sie Traditionen einen hohen Stellenwert zu. Manager*innen in kurzfristig orientierten Kulturen rechnen schon in naher Zukunft mit Gewinnen, neigen zu Konsum und vermeiden Gesichtsverlust. Zusammen mit den Unterschieden zwischen Kulturen auf den anderen Dimensionen können diese Differenzen zu erheblichen Schwierigkeiten in der internationalen Zusammenarbeit von Firmen führen.
Hofstede, Hofstede und Minkov stellten 2010 auf Basis der CVS-Daten weitere Unterschiede in der Denkweise zeitlich unterschiedlich orientierter Kulturen zusammen. So spielt bei Kulturen mit hoher LTO Freizeit eine geringere Rolle und soziale oder ökonomische Unterschiede gelten nicht als erstrebenswert. Gut und Böse sind nicht universell festgelegt, sondern hängen von den Umständen ab und Uneinigkeiten stellen kein Problem für Beziehungen dar. Kurzfristig orientierte Kulturen streben eine Meritokratie an, also eine Hierarchie gemäss erbrachter Leistung, betonen die Wichtigkeit des Profits des aktuellen Jahres statt desselben in zehn Jahren und bevorzugen abstrakte Rationalität gegenüber dem gesunden Menschenverstand. Demnach gibt es kulturelle Unterschiede hinsichtlich mancher Denk- und Verhaltensweisen, die der Dimension der lang- vs. kurzfristigen Orientierung nach Hofstede zugeordnet werden können. Welche Zusammenhänge finden sich zu anderen Lebensbereichen?
LTO, Wirtschaft und Schule
Zur Überraschung der beiden Wissenschaftler Hofstede und Bond korrelierte die neu entdeckte Dimension mit kürzlichem ökonomischem Wachstum und sagte diesen auch zukünftig voraus (Hofstede & Minkov, 2010). Auch im schulischen Kontext finden sich Unterschiede je nach zeitlicher Orientierung einer Kultur. Die Trends in International Mathematics and Science Study (TIMSS) berichtete positive Korrelationen zwischen der LTO und Leistungen in Mathematik (von Saldern, 1999). In anderen Worten: Je langfristiger eine Kultur orientiert ist, desto besser fallen mathematische Leistungen aus. Das gilt auch dann, wenn bei der Auswertung die besonders langfristig orientierten asiatischen Länder nicht berücksichtigt werden. Hofstede und Minkov (2010) verweisen darauf, dass asiatische Schüler*innen Erfolg und Misserfolg eher auf Anstrengungen zurückführen als westliche Lernende. Der Grund für die bessere mathematische Leistung in asiatischen Ländern findet sich laut den beiden Autoren einerseits in einem kulturellen Talent für Mathematik und andererseits in ihrer härteren Arbeitsweise. Doch die LTO einer Kultur weist noch weitere Zusammenhänge mit schulischer Leistung auf. In ihrer Studie mit immigrierten Schüler*innen beobachteten Figlio, Giuliano, Özek und Sapienza (2019) bei Personen aus Kulturen mit hoher LTO schon zu Beginn eine bessere Leistung bei standardisierten Tests. Ausserdem machten sie grössere Fortschritte, fehlten weniger in der Schule und mussten seltener ein Jahr wiederholen. Die Autor*innen begründen dies damit, dass Kinder aus diesen Kulturen besser mit verzögerter Belohnung umgehen können und dass ihre Eltern mehr Wert auf Bildung legen.
Doch auch in anderen Bereichen spielt die zeitliche Orientierung eine Rolle. Park und Lemaire (2011) fanden beispielsweise einen starken positiven Zusammenhang zwischen der LTO von Kulturen und der Nachfrage nach Lebensversicherungen. Sie schlussfolgern, dass westliche Versicherungsanbieter ihre Produkte nicht ohne kulturelle Anpassungen exportieren können und neben anderen Einflussfaktoren insbesondere die zeitliche Orientierung der Zielländer beachten müssen.
Schlussendlich ist die langfristige Orientierung nur eine der inzwischen sechs Kulturdimensionen nach Hofstede. Und auch diese Klassifizierung ist nur eine der verschiedenen Möglichkeiten, Kulturen mit ihren Ähnlichkeiten und Unterschieden zu erfassen. Doch anhand dieses einzelnen Beispiels lässt sich erkennen, dass Kultur einen Einfluss auf unser tägliches Leben hat und insbesondere in der internationalen Kommunikation jeglicher Art von grosser Bedeutung ist.
Geert Hofstede, geboren 1928, arbeitete in der Abteilung für Personalforschung bei IBM international (Hofstede, n.d.). Ende der 60er Jahre begann er, die Daten einer organisationsweiten Befragung auszuwerten. Das Manuskript für seine daraus resultierende Theorie der Kulturdimensionen wurde von 17 Verlagen abgelehnt, bis Sage es 1980 schliesslich publizierte. Seitdem entwickelte Hofstede mit seinen Kollegen M. Bond, M. Minkov und G. J. Hofstede die Theorie weiter, bis er im Februar 2020 verstarb.
Zum Weiterlesen
Hofstede, G., & Minkov, M. (2010). Long- versus short-term orientation: New perspectives. Asia Pacific Business Review, 16(4), 493-504. https://doi.org/10.1080/13602381003637609
Hofstede, G., Hofstede G. J., Minkov, M. (2019). Cultures and Organizations: Software of the Mind (3rd ed.). McGraw-Hill.
Literatur
Figlio, D., Giuliano, P., Özek, U., & Sapienza, P. (2019). Long-Term Orientation and Educational Performance. American Economic Journal: Economic Policy, 11(4), 272-309. https://doi.org/10.1257/pol.20180374
Hofstede, G. J. (n.d.). About Geert Hofstede: Biography. Geert Hofstede. Retrieved January 22, 2021, from https://geerthofstede.com/geert-hofstede-biography/
Hofstede, G. J. (n.d.). Related Scientists: Michael Harris Bond. Geert Hofstede. Retrieved January 22, 2021, from https://geerthofstede.com/related-scientists/michael-harris-bond/
Park, S., & Lemaire, J. (2011). Culture Matters: Long-Term Orientation and the Demand for Life Insurance. Asia-Pacific Journal of Risk and Insurance, 5(2), Article 1. https://doi.org/10.2202/2153-3792.1105
Towers, I., Peppler, A. (2017). Geert Hofstede und die Dimensionen der Kultur. In Ternès, A., & Towers, I. (Eds.), Interkulturelle Kommunikation: Länderportäts – Kulturunterschiede – Unternehmensbeispiele (pp. 15-20). Springer Gabler. https://doi.org/10.1007/978-3-658-10237-1
Von Saldern, M. (1999). TIMSS – kulturell interpretiert. Die Deutsche Schule, 2, 188-203.