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Medien sind per se keine Dispositive. Sie als solche zu verstehen heißt, eine Analysekategorie anzuwenden, die des Dispositivs, die es erlaubt, heterogene Entitäten in einen Zusammenhang zu bringen. Aus diesem Grund handelt es sich bei ‚Dispositiv‘ nicht um einen Begriff, denn über Begriffe geben wir Merkmale an, die alle unter sie fallenden Gegenstände aufweisen müssen. Das einzige und allgemeine Merkmal von Dispositiven ist dagegen, dass die ihnen zugehörigen Komponenten disparat sind, d.h. unterschiedlichen Klassen angehören. Als Kategorie führt Dispositiv diese Elemente zu einem sinnvollen, d.h. erklärbaren Ganzen zusammen, das eine Untersuchung unter bestimmten Gesichtspunkten ermöglicht. In diesem Sinn sind Medien dann Dispositive, wir verstehen sie als solche.
Foucault entwickelte das Konzept des Dispositivs aus der theoretischen Erfahrung heraus, dass die im Rahmen seiner Archäologie und Genealogie des Wissens entwickelte einfache Unterscheidung zwischen diskursiven und nicht-diskursiven Formationen nicht ausreichte. Während unter Diskursen, vereinfacht formuliert, Gruppen von Aussagen verstanden werden, die einen Bereich des Wissens regulieren, weisen Dispositive auch nicht-sprachliche Elemente auf. An den konkreten historischen Beispielen des Gefängnisses, des Militärs, der Schule, später auch am sogenannten Sexualitätsdispositiv, analysierte Foucault Dispositive als Gesamtheiten von „geformten Materien“1, Funktionen, Reglementierungen, Gesetzen. Dies wird deutlich am Beispiel des Panoptikums, das sich in der Gefängnisarchitektur des 18. Jahrhunderts sowie an den Fabrikgebäuden der beginnenden Industrialisierung durchsetzte: hier ist es die räumliche Anordnung von Maschinen im Raum oder die architektonische Gliederung von Gefängniszellen, über die ein Regime des Sichtbarmachens institutionalisiert wurde. Die Arbeiter und Gefangenen konnten permanent bewacht und überwacht werden und mussten daher ständig mit dieser Möglichkeit rechnen, was eine bestimmte Art der Selbstdisziplinierung zur Folge hatte. Hier muss nicht gesprochen werden, weil bereits Wände und Gegenstände vorgeben, wie man sich zu verhalten hat. Gesetzliche Regelungen, die eine derartige Praxis legitimieren und regeln, stehen für die diskursive Seite des Dispositivs, architektonische Anordnungen, implizite Verhaltenscodes etc. für die nicht-diskursive.
Foucaults Analysen zielten auf „Zufälligkeit und Materialität“, auf „Brüche und Diskontinuitäten“.2 Gerade weil Dispositive Foucault zufolge auf konkrete Problemlagen reagieren, für diese strategische Lösungen anbieten sollen, unterliegen sie permanenten Anpassungsprozessen. Sie sind nicht statisch, sondern dynamisch; sie sind nicht invariant, sondern müssen in ihren konkreten Ausprägungen untersucht werden. Insofern handelt es sich um eine materiale, d.h. „real-historische Kategorie“,3 die nicht auf ein Feld deterministisch festgelegter Zusammenhänge, sondern auf „reale Möglichkeiten“4, auf „Möglichkeitsfelder“5 verweisen.
Die beiden letztgenannten Aspekte sind aus meiner Sicht wichtig. Foucaults Analysen zum Panoptikum lassen häufig die Frage aufkommen, inwiefern in diesen Zusammenhängen überhaupt Grade von Freiheit und Selbstbestimmung gedacht werden können. Seine politischen Intentionen zielten aber gerade darauf, Brüche aufzuspüren, um Eingriffsmöglichkeiten identifizieren zu können. In eine ähnliche Richtung zielt die technikphilosophische Rede von Möglichkeitsräumen. Von realen Möglichkeiten zu sprechen beinhaltet zweierlei: real sind Dispositive insofern, als sie konkrete, präzise zu identifizierende Komponenten zu unterschiedlichen Zusammenschlüssen führen; sie stiften Bündel von Beziehungen. Möglichkeiten ergeben sich dadurch, dass innerhalb derartiger Bündel die Elemente nicht in eindeutiger Weise festgelegt sind. Sie können durchaus heterogene, ja gegensätzliche Effekte erzeugen. So bieten sich in Dispositiven, verstanden als Möglichkeitsräumen, durchaus unterschiedliche Optionen zur Gestaltung.
Dies lässt sich in Hinblick auf eine kritische Analyse eines Mediums wie des Internets zeigen: Überwog anfangs ein Technikoptimismus, der vor allem die Möglichkeiten einer grenzenlosen, freien Kommunikation feierte, die flache Hierarchien unterstützte, steht die aktuelle Diskussion unter dem Vorzeichen der kritischen Analyse eines digitalen Kapitalismus und den rasant anwachsenden Möglichkeiten, personenbezogene Informationen zu sammeln. Im Unterschied zu einfachen Polarisierungen könnte unter dem Gesichtspunkt des Dispositivs das Netz zunächst als technische Infrastruktur begriffen werden, die unterschiedliche Optionen zur Gestaltung bereithält: Algorithmen sind nicht alternativlos und können darauf hin überprüft werden, ob sie Freiheitsräume eröffnen oder einschränken. Das Internet als ökonomischer Bereich kann wiederum auf seine wirtschaftlichen und sozialen Effekte hin befragt werden – hier geht es auch um die Einbindung in einen gesetzlichen Rahmen. Ähnliches gilt für das Netz als Bereich der sozialen Kommunikation. Dabei muss die Gestaltung rechtlicher Rahmenbedingungen nicht restringierend sein, sie kann auch produktiv wirken. Vor allem sollte sie von einer politischen Öffentlichkeit diskutiert werden.
Die genannten Beispiele zeigen: es ist nicht notwendig, sich medienphilosophisch lediglich auf sprachlich-visuelle Inhalte zu konzentrieren. Das Internet als Dispositiv zu verstehen bietet die Chance, sich nicht nur auf eine Dimension zu fokussieren und diese zu verabsolutieren. Darüber eröffnet sich die Perspektive nach Eingriffsmöglichkeiten und der Eröffnung kritischer Diskurse.
Quellen
- Deleuze, Gilles: Foucault. Frankfurt/M. 1992, S. 51.
- Barth, Thomas: Blick, Diskurs und Macht: Michel Foucault und das Medien-Dispositiv. In: Medienwissenschaft 1/2005, S. 10.
- Hubig, Christoph: Dispositiv als Kategorie. In: Internationale Zeitschrift für Philosophie, 1/2000, S. 35; auch unter http://sammelpunkt.philo.at/561/1/Dispositiv.pdf,
- Ebd. S. 42.
- Ebd. S. 41.
Glossar
Dispositiv:
"Der Begriff „Dispositiv“ wurde von Foucault zum Zwecke der Analyse entwickelt. Er dient dazu, ein bestimmtes Verhalten, einen Diskurs oder ein bestimmtes Selbstverhältnis zu fokussieren und nach seiner jeweiligen Akzeptanz zu fragen. Das Dispositiv koordiniert Machtbeziehungen. Es besteht aus einer Vielzahl unterschiedlicher Elemente wie Aussagen, Regeln, Praktiken, Institutionen etc. Der zentrale Effekt dieser Koordination von Machtbeziehungen ist, dass zu Diskursen angereizt wird, die ein bestimmtes Wissen erzeugen. Dieses Wissen bringt Individuen dazu, sich auf bestimmte Weise zu denken und sich auf bestimmte Weise zur Welt und zu sich selbst zu verhalten."
(Aus: Literautrtheorien im Netz, Freie Universität Berlin, Dispositiv.)
Frage an die Leserschaft
Wenn also das Internet als Dispositiv Machtbeziehungen koordiniert, welche geeigneten Beispiele gibt es dafür, um diese These zu belegen?