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Liebe Leonie
Kennst du Gottfried Keller? Das war im 19. Jahrhundert ein berühmter Schweizer Schriftsteller, ohne Zweifel ein intelligenter Mann. Aber selbst der wusste nicht, warum die Muschel rauscht. Er meinte es zwar zu wissen und schrieb sogar ein hübsches Gedicht darüber - nur lag er damit völlig daneben.
In diesem Gedicht geht es eigentlich um eine andere Frage: Ein Junge will wissen, was das Leben ist. Und Gottfried Keller erzählt, wie «alle Weisen der Welt» keine Antwort haben. Deshalb rät er dem Jungen in seinen Versen über die Meermuschel: «Da halte dein Ohr dran, dann hörst du etwas.» Wie viele andere meinte nämlich auch Gottfried Keller, dass es sich beim Rauschen um das Geräusch des eigenen Blutkreislaufs handelt, das wie ein fernes Echo im Gehäuse vibriert. Falsch. Ebenso falsch ist die Vorstellung, in der Muschel halte sich das Meeresrauschen versteckt.
In einem Muschelgehäuse befindet sich, wie in einer Trompete, eine Luftsäule. Die Luft schwingt hin und her, mal ganz sachte, mal etwas schneller - je nach Grösse der Muschel. Auch bei Geräuschen schwingt die Luft in unterschiedlichen Geschwindigkeiten hin und her. Auf der Welt gibt es unzählige Geräusche, manche so leise, dass du sie gar nicht hören kannst.
Die Geräusche dringen in die Muschel und werden dort, in ihrem Hohlraum, zu einem Rauschen verstärkt - jedoch nicht alle Geräusche, sondern nur jene, die mit derselben Geschwindigkeit hin und her schwingen wie die Luftsäule der Muschel. Eine kleine Muschel verstärkt also andere Geräusche als eine grosse und klingt deshalb auch anders.
Übrigens: Auch alte Konservendosen und gebrauchte Joghurtbecher haben einen Hohlraum und eine Luftsäule - und rauschen, wenn du sie ans Ohr hältst.
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