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Zwischensaison in Warna
Warna am Schwarzen Meer war bis 1914 eine Endstation des Orient-Express. Heute kommen Russen und Europäer zum Baden nach Bulgarien. Von einem Hügel am Stadtrand aus dominiert die ehemalige Zentrale der kommunistischen Partei die im Frühling üppig bewachsene Küste.
Die Fussgängerpassage der Innenstadt Warnas wird von einer seltsamen Kombination aus Kaufhäusern aus den 70er-Jahren und bonbonfarben gestrichenen klassizistischen Bauten gesäumt. Dazwischen verbinden Brücken über künstliche Bachläufe Blumenbeete und Spielplätze. In den Strassenzügen dahinter stehen vor bourgeoisen Wohnhäusern dicht geparkt unzählige Autos. Judasbäume, deren Blüten ohne Stiel zu Tausenden wie purpurrosafarbener Schaum direkt aus dem Stamm quellen, säumen das Trottoir. Für mein Empfinden sind sie riskant nah an die Häuser gepflanzt, was aber durchaus seinen Reiz hat. Wieso ist es in Zürich nicht möglich, aus dem Fenster im ersten Stock einen Baum zu berühren?
Am nördlichen Stadtrand erklimme ich mit Dafina Nedelcheva, die hier geboren wurde und nun in Harvard Geschichte studiert, die 320 Stufen zum Monument der sowjetisch-bulgarischen Freundschaft. Die zweiarmige, von den Künstlern Alyosha Kafedzhiiski und Eugene Barumov gestaltete ehemalige Zentrale der kommunistischen Partei Bulgariens steht düster auf ihrer Plattform. Zu Sowjetzeiten war der Betongigant nachts farbig beleuchtet, und aus Lautsprechern erklang die achte Sinfonie von Schostakowitsch. Die Skulpturen von drei bulgarischen Frauen an der Fassade des linken Trakts stehen dem um etwa 120 Grad abgedrehten rechten Arm mit vier sowjetischen Soldaten gegenüber. Die Frauen bedanken sich bei den auf sie hinabschauenden Russen, für den Schutz, den diese ihnen in der Geschichte ihres Landes mehrmals gewährten.
Obwohl sonst kaum jemand hierher kommt, liegt ein Strauss auf einem Altar, und Jugendliche sitzen auf den Stufen der Plattform. Anlass ist der Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs. Dafina setzt sich seit Langem für den Erhalt des Monuments ein. Sie und ihre Freunde spielten als Kinder im verwilderten Park und in den Innenräumen des ab 1991 stillgelegten Kolosses.
Wir zwängen uns durch ein Loch in der Abschrankung vor dem Eingang in die düstere Leere. In der ersten Halle blicken wir eine feuchte Betontreppe hinunter, die sich ganz unten in der Dunkelheit verliert. Dort, in der ehemaligen Bibliothek, habe sich Dafinas Mutter als Kind Bücher gekauft. Dafina führt mich in der Gegenrichtung über eine enge Treppe den Trakt der bulgarischen Frauen hoch. Mehrmals dringt über schiessschartenartige Fenster Licht ins Innere, und vor dem dunklen Hintergrund zeichnen sich Sprayereien, Vogeldung und Abfallhaufen ab. Obdachlose schlafen hier in den Nischen der Hallen, und Jugendliche treffen sich zum Rendezvous. Das Flattern aufgeschreckter Vögel oder Fledermäuse begleitet uns, bis wir endlich auf der Dachterrasse ankommen. Zwischen uns und den Köpfen der Soldaten erstreckt sich der Park, die Stadt mit den Hochhäusern und das Schwarze Meer, an dessen Ende die Türkei liegt. Kein Wunder, interessieren sich Investoren für die Parkfläche.
Nicht weit entfernt liegt das Roma-Getto Vladislavovo. Eigentlich wollte ich hin, tue es aber aus Respekt und Zeitmangel doch nicht. Stattdessen flaniere ich in Sveti Konstantin i Elena den hotelgesäumten, menschenleeren Strand entlang. Die Bauten scheinen direkt auf den Sand gesetzt. Ihre Fassaden sind mit goldverbrämten Säulen und pfirsichfarbenen Betonprofilen bestückt oder mit poppigen Kunststoffpaneelen bedeckt. In beiden Typen sitzen hinter grossen Glasscheiben in den Lobbys auf Plüschsesseln Engländer, Deutsche und Schweizer, die sich in einer berühmten Klinik in der Nähe die Zähne sanieren lassen. Katzen streifen gelangweilt durch die leeren Liegestuhlreihen, begleitet von den Klopfgeräuschen einer nahen Baustelle, und dahinter ragen die Zuschauertürme einer Tennisanlage aus der grünen Hangkulisse hervor – viel mehr gibt es hier in dieser Jahreszeit nicht zu sehen.