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„Niemals aufgeben!“ – Hightech-Rollstühle als Ergebnis vonKreativität, Fantasie und Beharrlichkeit
Paolo Badano, der Gründer von Genny Mobility in Sant’Antonino, erzählt von seinem unternehmerischen und technologischen Abenteuer, das nach einem Unfall begann, der eine Behinderung zur Folge hat. Projekte in Zusammenarbeit mit der SUPSI und dem Lugano Living Labvon Agnese Codignola
«Die Kreativität entspringt der Angst wie der Tag der dunklen Nacht», schrieb Albert Einstein. Mit diesem Satz könnte man die Geschichte von Paolo Badano zusammenfassen, dem Unternehmer und Gründer von Genny Mobility, einem Tessiner Unternehmen, das mit seinen revolutionären, hochtechnologischen und ästhetisch ansprechenden Rollstühlen die Mobilität von Menschen mit Behinderung grundlegend verändern könnte – und vielleicht nicht nur das. Seine Geschichte ist nämlich eine Geschichte der Emanzipation, der Kreativität und der Willenskraft. Es ist die Geschichte eines Menschen, der trotz seiner unfallbedingten Einschränkungen nicht aufgibt, sondern weiterarbeitet und darum kämpft, seinen Zustand und zugleich den von Millionen von Menschen aus aller Welt mit dem gleichen Schicksal zu verbessern.
Im Gespräch mit Ticino Scienza schildert Badano seine Lebensgeschichte: «Im Jahr 1995 hatte ich im Alter von dreissig Jahren einen Autounfall, der eine Behinderung zur Folge hatte und mich an den Rollstuhl fesselte. Nach den ersten Jahren, und nachdem ich meine Arbeit in der Baubranche wieder aufgenommen hatte und von einer körperlich sehr anstrengenden Tätigkeit zu einem Bürojob wechselte, begannen meine Schultern zu schmerzen, da sie durch das Antreiben des Rollstuhls ständiger Belastung ausgesetzt waren. Ich fragte mich, wie wohl meine Zukunft aussehen würde, wenn ich schon damals, als ich noch jung war, solche Schwierigkeiten hatte. Und so versuchte ich, herauszufinden, ob es andere, modernere Rollstühle auf dem Markt gab.»
Es handelte sich nicht nur um Überlegungen eines Querschnittsgelähmten, sondern auch um Gedanken, die an einem gewöhnlichen Tag in einem Einkaufszentrum plötzlich und zufällig einen anderen Charakter annahmen, der Züge von Besessenheit aufwies, aber auch durch Serendipität gekennzeichnet war, d. h. eine unerwartete Entdeckung, die aus einer intelligenten Beobachtung von etwas Unvorhergesehenem entsteht. «Ich beobachtete einen Wachmann, der sich mit einem Segway, einer Art elektrischem, selbstbalancierendem Zweirad, schnell und sicher durch das Einkaufszentrum fortbewegte», erinnert sich Badano. Ich fragte ihn nach dem Gerät und erfuhr, dass es in den USA hergestellt wurde und sehr teuer war, da es auf einer besonders ausgefeilten Technologie basierte.» Zu Hause angekommen, machte sich Badano an die Recherche und erkundigte sich bei der italienischen Niederlassung des Unternehmens, die ihm allerdings mitteilte, dass es keine behindertengerechten Modelle gäbe. So kam es, dass Badano, der schon immer eine Leidenschaft für Motorräder und Motoren hatte, wie in einer US-amerikanischen Story begann, in seiner heimischen Garage den gekauften Segway Stück für Stück auseinanderzunehmen, um dessen Geheimnisse zu ergründen.
«Das Ergebnis war 2013 eine erste Vereinbarung mit dem Unternehmen über den Zugang zu seinen 180 Patenten mit dem Ziel, ein behindertengerechtes Modell zu entwickeln. Während die Ingenieure an der Arbeit waren, verbrachte ich ganze sechs Jahre ausschliesslich damit, die für die Zulassung erforderlichen Unterlagen zusammenzustellen, da es keine gesetzlichen Regelungen für diese Art von Zweirad-Rollstuhl gab. Die Ausarbeitung der Richtlinien in Zusammenarbeit mit dem INAIL-Kompetenzzentrum (Istituto Nazionale Assicurazione Infortuni sul Lavoro – auf Deutsch „gesamtstaatliches Versicherungsinstitut für Arbeitsunfälle“) in Budrio, in der Nähe von Bologna, nahm ein weiteres Jahr in Anspruch. In der Zwischenzeit war ich allerdings ins Tessin, nach Sant’Antonino, übersiedelt, da ich nur dort Geldgeber fand, die an diese Idee glaubten – allen voran die Familie Wullschleger, die mich auf Schritt und Tritt unterstützte und heute zu den Aktionären des Unternehmens zählt. Wenn ich dies nicht getan hätte, gäbe es Genny Mobility heute womöglich nicht».
Im Jahr 2019 wurde die US-amerikanische Muttergesellschaft Segway von einem chinesischen Unternehmen übernommen, das beschloss, nicht mehr in die Rollstuhlforschung zu investieren: ein einschneidender Schritt, der das Ende eines Traums hätte bedeuten können, stattdessen aber in Badano den Wunsch weckte, die selbstbalancierende Plattform von Grund auf neu zu konzipieren, was zur Entwicklung von Genny Zero führte.
Das Unternehmen verfolgte von Anfang an einen ganz anderen Ansatz, als es jahrelang üblich war: Es entschied sich nämlich dafür, die Produktion der verschiedenen Komponenten nicht mehr aus Kostengründen in Tausende von Kilometern entfernt liegende Länder zu verlagern. Badano informierte sich und beschloss letztendlich, die besten Forschungs- und Entwicklungsmöglichkeiten eines der im Automobilsektor weltweit führenden Gebiete zu nutzen: Die Rede ist von den Regionen Piemont und Lombardei mit ihren Unternehmen, hochqualifizierten Arbeitskräften und technischen Hochschulen. Auf diesem Wege wählte er für jeden einzelnen Aspekt das Unternehmen aus, das ihn am meisten überzeugte. Aber das ist noch nicht alles. Badano befasste sich von Anfang an mit dem ästhetischen Aspekt, d. h. dem Design, das bisher von Rollstuhlherstellern stets vernachlässigt worden war, als ob behinderte Menschen keinen Wert auf Ästhetik legten. «Auch in dieser Hinsicht kann sowohl Italien als auch die Schweiz echte Spitzenleistungen vorweisen», kommentiert er. «Warum also sollte man sie nicht nutzen?» Das Ergebnis dieses enormen, unter anderem organisatorischen Engagements ist ein elektrischer, selbstbalancierender Rollstuhl, der auch im Hinblick auf die Ästhetik revolutionär ist und in verschiedenen Farben erhältlich ist. Dieses Ergebnis wurde dank der Zusammenarbeit mit einigen der auf dem Gebiet renommiertesten Unternehmen erzielt, die sich alle in einem Umkreis von einigen Dutzend Kilometern befinden und auf unterschiedliche Bereiche spezialisiert sind: von der Elektronik bis hin zur Herstellung von Kunststoffmatrizen, Aluminiumkomponenten und Gummiteilen. Das Endprodukt trägt das Label Swiss Made.
In wenigen Monaten soll die Produktion dieser ganz besonderen Rollstühle starten, die nicht nur die Schultern schonen, sondern auch zahlreiche ergonomische Vorteile bieten. Der Preis wird rund 14.000 Franken betragen, was einerseits auf die durch jahrelange Forschung entstandenen Kosten zurückzuführen ist und andererseits darauf, dass die Rollstühle über verschiedene Sicherheitsvorrichtungen mit Redundanzen verfügen, die denen ähneln, die in der Luftfahrt eingesetzt werden, wie beispielsweise Doppelbatterien. Der Vorteil von Doppelbatterien ist, dass, selbst wenn eine Batterie ausfällt, sich Rollstuhlfahrer auf die zweite Batterie verlassen können. Zudem besteht die Hoffnung, dass die Preise bei steigender Produktion bald sinken werden.
In der Zwischenzeit arbeitet Badano zusammen mit dem Lugano Living Lab und der SUPSI am Projekt InclusiveMicromob der Koordinationsstelle für nachhaltige Mobilität KOMO der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Dieses Projekt zielt darauf ab, ein neues, inklusives, nachhaltiges und multimodales Mobilitätsangebot zu fördern, das sich nicht nur an Menschen mit Behinderung richtet, sondern an alle. Solche Fahrzeuge könnten nämlich für die städtische Mikromobilität eine sehr interessante Lösung sein. Ausserdem gehört Badano nicht zu denen, die sich auf ihren Lorbeeren ausruhen.