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«Übrigens» schrieb mir an einem Donnerstag eine Kollegin in einer E-Mail: «hast Du den Leitartikel von Eric Gujer in der NZZ vom letzten Samstag über die selbstgerechten Schweizer gelesen und, wenn ja, wie findest Du ihn?»
Meine Antwort war kurz: «Sorry, letzter Samstag ist zu lange her. Und zudem: »I am what I am» Damit wollte ich, zurückgreifend auf einen Song der amerikanischen Sängerin Gloria Gaynor (1943) meine Unabhängigkeit von der wie immer gearteten Meinung eines Chefredaktors bekräftigen. Auch wenn ich mich überhaupt nicht mehr daran erinnerte, ob ich davon Kenntnis genommen hatte.
Etwas länger und vielschichtiger gestaltete sich der Erinnerungsvorgang, der an einem Sonntagmorgen in einem Restaurant beim Kaffeeschwatz mit einer Freundin seinen Anfang nahm. Ein Paar, beide mit Masken, betrat das Lokal, und ging an uns vorbei. Die Frau, die ich nicht erkannte, grüsste mich sehr vertraut, der Mann hinter ihr tat dasselbe. «Oje» dachte ich, «die beiden sollte ich kennen, und wir sind per Du». Ich schaute ihnen nach und hoffte auf einen Geistesblitz. Die Frau hängte ihren Mantel an den Stuhl, zog die Maske aus und siehe da, ihr Name schoss in mein Gedächtnis: «Margarita».
Und daran hingen Erinnerungen an Erlebnisse, die sich vor vielen Jahren abgespielt hatten. Meine mehrmalige Teilnahme an interessanten Gesprächsrunden in der Wohnung des Paares, in einer Aussengemeinde von Luzern, mit fantastischer Aussicht auf den Vierwaldstättersee, kam mir wieder in den Sinn. Ich ging in gebührendem Abstand auf den Tisch zu, natürlich mit Maske, und sagte: «jetzt weiss ich, wer Ihr seid, und erinnere mich an unsere Gesprächsrunden».
«Und Du», sagte ich zum Mann, «hast doch Bücher geschrieben. Aber ich weiss nicht mehr über Ökonomie oder Philosophie. Und Deinen Namen weiss ich auch nicht mehr». Etwas belustigt antwortete er: «Über Philosophie habe ich geschrieben. Und ich heisse Philippe». Soweit so gut, bald darauf verliess ich das Lokal. Und quälte mich auf dem ganzen Heimweg mit der Frage: «Margarita und Philippe, aber wie heissen sie mit Nachnahmen?
Warum hatte ich nicht auch noch darnach gefragt?» Ständig ging mir der Name «Mastroianni» durch den Kopf. Aber das war doch ein italienischer Filmschauspieler. Als ich die Haustür aufschloss, kam die zündende Erkenntnis: «Mastronardi» war der Name. Immerhin enthielt er ebenfalls zwei «a» und tönte ebenfalls italienisch. Und dank Internet konnte ich sofort überprüfen, ob der Treffer meines Erinnerungsvermögens wirklich ein Treffer gewesen war. Es stimmte!
Eines Abends rief mich meine 95jährige Freundin Mathilde an. Sie hatte am Sonntag zuvor in der Sternstunde Religion eine Sendung über die Offene Kirche St. Jakob, die Citykirche in Zürich, gesehen. Sofort hatte sie sich an unseren gemeinsamen Ausflug nach Zürich vor einigen Jahren erinnert. Ich hatte Mathilde und ihrer Freundin Heidi, beide in Luzern wohnhaft, angeboten, ihnen einmal «Züri by Tram» zu zeigen. Als erstes waren wir vom Hauptbahnhof zum Stauffacher gefahren. Und hatten dort die Citykirche St. Jakob besucht.
Eine freiwillige Helferin hatte uns Auskunft über das vielfältige Programm in dieser Kirche gegeben. Jahre später hatte nun meine Freundin durch eine Fernsehsendung miterleben können, was uns seinerzeit in wenigen Worten über das Leben in dieser Kirche skizziert worden war. Ihre Freude war gross. Wir schwelgten weiter in unseren Erinnerungen. Das Mittagessen hatten wir damals im Restaurant des Volkshaus eingenommen. Bei den «Sozialisten», wie Mathilde heute noch wusste. Nächste Stationen waren der Sechseläutenplatz und das Grandhotel Dolder.
Mathilde war von Beruf Ärztin. Deshalb unterhielten wir uns noch länger über das Gedächtnis, über das Erinnerungsvermögen. Sie erzählte mir, dass sie sich vor dem Einschlafen immer wieder einen anderen Ort aus der Vergangenheit vorstelle, an dem sie einmal gewohnt habe. Und meist komme ihr dann ein mit diesem Ort verbundener Mensch in den Sinn, mit dem sie damals eine positive Beziehung gehabt habe. Und damit gleite sie in einen guten Schlaf.
Mir kommt das Gedächtnis immer vor wie eine Landschaft mit vielen Höhlen, mit unterirdischen Gewölben. Erstaunlich, was da an Inhalten immer wieder an die Oberfläche drängt. Meiner Umgebung sage ich jeweils, sie sollten mich darauf hinweisen, wenn ich eine Geschichte aus der Vergangenheit schon einmal erzählt hätte. Eine gute Freundin beruhigte mich. «Wenn ich die Geschichte zum vierten Mal höre, werde ich es Dir sagen». Darauf verlasse ich mich!