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Die Sache ist die: Wäre «Spartiates» (Spartaner) kein Dok-Film, sondern ein Film-Film, wie ein deutscher Privat-TV-Sender die grossen Spielfilme immer nennt, dann würde sich in der Schweiz die Begeisterung in Grenzen halten. Dann wäre er ein Klischeefabrikat aus dem Mainstream-Segment des beliebten «Underdog Sports Movie», wie das Genre in Amerika heisst. Also Dutzendware.
Es wäre dann nämlich die Geschichte eines Mannes (oder seltener einer Frau), der (oder die) sich zwecks seiner Körperkraft hochkämpft aus den unterprivilegierten Verhältnissen, in die er geboren wurde. Und der irgendwann – im Idealfall – zum Coach eines Teams wird, dem er nicht nur Kampfgeist, sondern auch Sozialkompetenz einbläut und sie nicht nur zu starken, sondern auch zu guten Menschen macht. Kämpfe zu gewinnen ist super. Herzen zu gewinnen ist superer. Adrenalin macht's möglich.
«Rocky», «Over the Top» (beide mit Sylvester Stallone), «The Fighter», «Invincible» (beide mit Mark Wahlberg), «Foxcatcher», «The Blind Side», «Million Dollar Baby» und unendlich viele Base- und Basketball-Filme gehören dazu. Unendlich viele davon sind einer «wahren Geschichte» nachempfunden. Gerne werden sie für einen oder mehrere Oscars nominiert. Sie sind die einfachste Form des amerikanischen Traums: Zuschlagen oder Bälle werfen reichen für den Aufstieg. Die Sprache dazu: genau so martialisch wie der Sport. Slogans. Von Ehre, Respekt, Blut und Sieg. Einfache Rezepte für einfache Menschen.
Auch der Held aus «Spartiates», der 24-jährige Martial-Arts-Meister Yvan Sorel aus den benachteiligten «Quartiers Nord» von Marseille ist und redet so und gebärdet sich auch privat mit dem Bewusstsein von einem, der den Heldenstatus mit Löffeln gefressen hat.
Sorel ist der gute Mensch seines Quartiers, der Mann, den die Mütter seiner kleinen Schüler anbeten, weil er es schafft, sie mit rohen Drohungen dazu zu bringen, die Hausaufgaben endlich zu erledigen. Der Mann, der seine erwachsenen Schüler einfach mal eine Runde lang wütend in den Bauch boxt, wenn sie ihm zu faul scheinen. Der Sozialarbeiter mit der paramilitärischen Gruppendynamik, der von der Bürgermeisterin seines Bezirks die Ehrenbürgerschaft erhält. Eines immerhin kann man ihm zubilligen: Knappere, präzisere Reden gegen den Rassismus hat man selten gehört.
Alle finden das toll. Zuallererst der Genfer Dokfilm-Regisseur Nicolas Wadimoff, der über Sorel und seine Prügel-Pädagogik den Film «Spartiates» gedreht hat. Dann die Solothurner Filmtage, die Wadimoff den Prix de Soleure, also den mit 60'000 Franken höchst dotierten Filmpreis der Schweiz, überreichten. Und enorm viele Kritiker, die geradezu missionarisch beseelt von den guten Taten des Yvan Sorel berichteten.
Wie also kann es passieren, dass man das Kino trotzdem mit einem Unbehagen verlässt? Weil es sich Sorel und Wadimoff zu einfach machen mit ihrem Männer-Märchen aus Marseille. Über die einfachen Methoden, mit denen die Frustration der einfachen Leute im Zaum gehalten werden kann. Über die Erkenntnis, dass ein starker Vaterersatz gern ein bisschen mit Gewalt arbeiten darf.
Natürlich ist das unterhaltsam und auf befriedigende Art so testosteronsatt wie ein Action-Film, aber eben auch so gedankenlos wie einer der vielen fikional(isiert)en Underdog-Filme. Man wüsste gerne, wohin das alles ausserhalb des Kinos einmal führt: Die Kampfkunst, die Reden von Blut und Ehre. Die WochenZeitung nennt Sorel den «guten Fascho». Genau das ist zu befürchten.
«Spartiates» läuft jetzt im Kino.