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Sie haben als Schriftsteller unterdessen mehrere Dutzend Bücher veröffentlicht, in diesem Herbst ein autobiografisches über Ihre Kindheit und Jugend, in dem man die Anfänge dieses Schriftstellers vergeblich sucht.
Nun ja, geschrieben habe ich immer, schon als Kind: Verslein oder Theaterstücklein, die wir dann aufgeführt haben. Aber publizieren ist doch etwas anderes als einfach aufzuschreiben. Bücher zu publizieren, habe ich erst später begonnen, 1958, nachdem mich Jörg Steiner angefragt hat, ob ich in seinem Verlag «Vorstadtpresse» in Biel meine Gedichte veröffentlichen wolle, die zuvor vereinzelt im «Bund» und in der «Tat» erschienen sind. So entstand mein erster Gedichtband, «Boulevard Bikini».
Zuvor haben Sie als Pfarrer vor allem Predigten geschrieben?
Ja, wobei Predigten zu halten ein mündlicher Akt ist. Predigten kann man nicht ablesen. Ich habe sie zwar aufgeschrieben, und zwar nie nur in Stichworten. Aber es ging nur darum, einen Text zu haben, der leicht ablesbar ist; einen Text, auf den ich bloss einen Blick zu werfen brauchte, um weiterfahren zu können, und vor allem einen Text, der für die Gemeinde leicht verständlich war.
Komplizierte Zusammenhänge in einfachen Sätzen darzustellen – das ist ja auch ein hervorragendes Merkmal der über 250 Kolumnen, die sie ab 1964 für die Zeitschrift «Reformatio» verfasst haben,…
… schön, das zu hören…
… ist der Kolumnenton der weiterentwickelte Predigtton?
Das mag sein, ja. Eine solche Sprache ist einfach nötig, wenn man verstanden werden will. – Aber die Predigten waren eben doch etwas anderes, ein adressiertes Schreiben und vielleicht der Grund, weshalb ich überhaupt Lust bekam, zwischenhinein nicht für ein Publikum zu schreiben, das den Text bloss hören, aber nicht sehen und lesen kann. Ich bekam Lust auf Texte, in denen ich meine Subjektivität mehr entfalten, auch experimentieren konnte.
Der Entscheid zur Theologie ist in Ihrem neuen Buch «Ein Topf voll Zeit» als eine Art Berufung dargestellt. Wie war es denn bei der Literatur?
Das war keine Berufung. Das literarische Schreiben war eher eine Gewohnheit. Mich hat immer fasziniert, dass man mit Wörtern und Sätzen eine kleine Welt erstehen lassen kann.
Dagegen sei Ihnen der Entscheid zur Theologie quasi im Traum zugefallen, steht in Ihrem Buch. Gegenüber dem «Bund» haben sie letzthin ergänzt, das Studium sollte dazu dienen, «in einer Welt, wo alles durcheinander geht, nach einem Sinn zu suchen». Warum haben Sie nicht Philosophie studiert?
Die Philosophie kam für mich als Jugendlicher nicht in Frage, weil es niemanden gegeben hat, der für mich Philosophie repräsentiert hätte; niemand, der zu den Nazis, zum Krieg oder zur Judenverfolgung Stellung genommen hätte. Die Mitglieder der Kritischen Frankfurter Schule waren ja in die USA emigriert – Horkheimer und Adorno kannte ich nicht einmal dem Namen nach. Und Heidegger hat geschwiegen.
Bei der Theologie war das anders?
Ja, da gab es Karl Barth. Von ihm zirkulierten Vortragsbroschüren, obschon sie zum Teil von der Zensur verboten waren. Diese Broschüren haben mich interessiert: Warum war dieser Barth so klar und entschieden in seiner Haltung, dass sich der Bundesrat aufregte, wenn er sprach, und die deutsche Botschaft intervenierte? Diese aus der Theologie gespeiste Klarsicht von Barth hat mir den Ärmel hineingenommen.
Antworten auf aktuelle Fragen suchen: ein bemerkenswertes Motiv, um Theologie zu studieren.
Wobei Barth gar nicht fertige Antworten gegeben hat. Aber seine Art zu fragen, hat nahe an die Aktualität herangeführt. Er stellte für die Schweiz auch peinliche Fragen, zum Beispiel zur Flüchtlingspolitik. Oder er hat öffentlich über den Bundesrat geschimpft – was das für «Höseler» seien.
Sie erwähnen im Buch auch, dass Barth «mit Helm und Karabiner» Aktivdienst geleistet habe, und zeigen so die einzige eindeutige Vorbildfigur als wehrhaften Geistlichen. An anderer Stelle schreiben sie: «Wenn es je einen berechtigten Krieg – um nicht von einem gerechten Krieg zu reden – gegeben hatte, so war derjenige gegen Hitlerdeutschland ein solcher.» Als Nichttheologe staunt man doch ein bisschen.
Da geht es um eine uralte Frage, die während der Kirchengeschichte immer wieder verhandelt worden ist, um den «bellum justum» – wörtlich übersetzt tatsächlich um den «gerechten Krieg». Im Buch habe ich «gerecht» mit «berechtigt» ersetzt, weil das deutsche «gerecht» ein bisschen zu hoch klingt. Ich bin tatsächlich damals der Überzeugung gewesen, dass der Krieg gegen Hitler – sagen wir mal – gerechtfertigt gewesen ist. Ich weiss nicht, wo Europa heute stehen würde, wenn man Hitler hätte machen lassen.
Natürlich sehe ich, warum man Hemmungen hat, von gerechtfertigten Kriegen zu sprechen: Jeder, der einen Krieg anfängt, hält ihn ja für gerechtfertigt – ein solcher Begriff kann dem Missbrauch Tür und Tor öffnen. Aber in Bezug auf Hitler hat es objektive Kriterien gegeben: einer, der ein Volk nach dem anderen unterwirft; einer, der mit den Juden ein ganzes Volk umbringen lässt; einer, mit dem man nicht verhandeln kann und der jeden Vertrag bricht – so einer versteht nur die Sprache der Gewalt.
Sie argumentieren hier ja auch als Vertreter und zugunsten jener Aktivdienstgeneration, die 1989 die Diamantfeiern mitgemacht hat, die zum 50-Jahr-Jubiläum der Schweizer Mobilmachung staatlich verordnet worden sind.
Ich habe nicht gefeiert! Die Diamantfeiern habe ich als etwas sehr Blödes empfunden: Wie kann man den Ausbruch eines Krieges feiern? Schon nur als Christ würde ich sagen, das sei eine Zumutung, auch wenn der Krieg noch so gerechtfertigt gewesen ist.
Auf der andern Seite stelle ich fest, dass ich einer der wenigen noch Überlebenden meiner Generation bin, der sagen kann, wie es für ihn damals war. Nicht in Form einer Heldengeschichte: Der Militärdienst war ja vor allem langweilig und zum Teil urkomisch. Und daneben hat man gelebt, sogar sehr bewusst – zum Beispiel, wenn man Feste mit dem Gefühl gefeiert hat: erst recht! Das wollte ich zeigen, wie ich es empfunden habe – und auch im Nachhinein empfinde.
Das neue Buch skizziert Ihre frühen Jahre zwischen 1928 und 1948. Unterdessen haben Sie öffentlich betont, dieser Anfang sei Ihr letztes Buch.
Das ist so. – Ich habe die Lust und die Kraft nicht mehr, weiterzufahren. Und ich glaube auch nicht, dass es nötig ist. Es gibt ja einige Tagebücher, die ein Licht werfen auf spätere Lebensphasen: «Bern 1972» etwa, oder «Ruhe und Ordnung» von 1984. Ich sehe keine Notwendigkeit, noch weiterhin meiner «Memoiritis» zu frönen.
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Was bleibt? – Erinnerungen. Über seine Erinnerungen zu schreiben, ist ein Symptom der Krankheit «Memoiritis». Und wer an dieser Krankheit leidet, schreibt Kurt Marti, wende gerne den «uralten Trick» an, «sich hinter einer dritten Person Einzahl» zu verstecken und als «literarische Figur» aufzutreten. So macht es auch Marti selber in seinem neuen Buch.
Namenlos tritt er auf als siebenjähriger Sohn eines Berner Notars; durchquert seine Jugend in den Jahren «des Niedergangs und dann des blutigen Untergangs Alt-Europas», als Knabe, Jüngling, Korporal im Aktivdienst, Theologiestudent in Bern und in Basel. Wird erwachsen, lernt Frauen kennen, kommt nach Paris – und bricht die Schilderung ab in jenem Moment, in dem er zum ersten Mal öffentlich «Nein» sagt: Er weigert sich gegenüber dem zuständigen Regierungsrat, dem bernischen «Kirchendirektor», als eben ordinierter Pfarrer auf die Staatsverfassung zu schwören: Für den Staat muss ein Gelöbnis reichen. Die erste öffentliche Tat des Barthisans Marti, der zeitlebens Nonkonformist geblieben ist.
Die Darstellung seiner frühen Jahre hat er zu 54 kurzen Kapiteln verdichtet. Da redet nicht einer, der sich für dermassen wichtig hält, dass schon die Ausbreitung der standesgemässen Familienverhältnisse ein halbes Buch füllen würde. Insofern bietet Marti keine Autobiografie – dazu ist er zu wenig eitel. Was für ihn bleibt, ist anderes: Glitzerstaub im Erinnerungsstrom; zeitgeschichtlich verortete Episoden in unprätentiösen Worten; Fragmentarisches, bald scharfkantig, bald in Vergessen oder Nichtwissen übergehend; Schlaglichter auf einen jungen Mann, der sich – obgleich Theologe – aufmacht, ohne Rezept zu den Leuten zu reden: Was sind die denkbaren Antworten gegen die Fragen, die sich stellen?
Der unterdessen über 87jährige Kurt Marti vollendet sein literarisches Werk mit einem Anfang – einem «Topf voll Zeit». Das letzte Kapitel des Buchs trägt den Titel «Ins Offene». Das Offene beginnt somit nach Martis Willen hinter den Wörtern.
Kurt Marti: Ein Tropf voll Zeit 1928–1948, München (Nagel & Kimche) 2008.
In der WOZ lautete der Titel des Beitrags: «Glitzerstaub der Erinnerung».
Zur 7. Berner Aktionswoche gegen Rassismus: