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Der kleine Wael verdankt sein Leben einer Horde von Viren. Als er ein Jahr alt war, litt er an einer Infektion mit Bakterien, die gegen Antibiotika resistent waren. «Tag und Nacht hat er Antibiotika bekommen», erzählt seine Mutter Khadidja Rezig: «Alles wurde ausprobiert, nichts hat geholfen.»
Wael hatte hohes Fieber, sein Bauch war aufgedunsen von Abszessen in seiner Leber. In höchster Not griffen die Ärzte zu einer exotischen Behandlung, der Phagentherapie. Sie setzt auf ein verblüffendes Prinzip: Auf spezielle Viren, die Bakterien töten, Menschen aber in Ruhe lassen. Diese Viren heissen Phagen.
Milliarden von Phagen im Blut
Milliarden von Phagen wurden Wael per Infusion direkt ins Blut gespritzt.
Phagen docken an ein Bakterium an und injizieren ihr Erbgut ins Innere. Dort überlistet es die bakterielle Zellmaschinerie, sodass diese nur noch neue Phagen produziert. Schliesslich wird die Bakterienhülle aufgelöst und die jungen Phagen können neue Beute jagen.
Ist in einem Patienten die Infektion besiegt, verschwinden die Phagen aus dem Körper der Geheilten, weil es dort keine Bakterien mehr gibt, in denen sie sich vermehren könnten.
Antibiotika verdrängte die Phagentherapie
Bald nach Beginn der Behandlung ging es Wael besser: «Er hatte keine Schwellung und kein Fieber mehr», sagt seine Mutter. Wael hat Glück gehabt: er war in Brüssel im Spital – Brüssel ist ein Hotspot der Phagentherapie, die sonst nur sehr selten eingesetzt wird.
Dabei wurde der erste Patient vor 100 Jahren mit Phagen behandelt, am 1. August 1919. In einer Zeit, in der es noch keine Antibiotika gab, war diese Therapie ein grosses Versprechen. Sie wurde in den Jahrzehnten danach in vielen Ländern eingesetzt, auch in der Schweiz.
Allerdings mit zwiespältigen Ergebnissen: Manche Ärzte setzten sie erfolgreich ein, andere nicht. Ein Grund dafür war, dass die Wissenschaft damals zu wenig über Phagen wusste. Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Antibiotika aufkamen, gerieten die Phagen in Vergessenheit.
Moderne Studien fehlen
Weil es heute immer mehr Probleme mit antibiotikaresistenten Bakterien gibt, wächst das Interesse wieder. Doch es ist nicht einfach, die Phagentherapie wiederzubeleben. Es fehlen moderne Studien, die ihre Wirksamkeit hieb- und stichfest beweisen. Und die Behörden scheuen sich, Viren als Medikamente zuzulassen.
Forscher am Königin-Astrid-Militärspital in Brüssel haben die Phagentherapie weiterentwickelt und haben mit den Behörden eine Speziallösung für die Zulassung gefunden. So können dort nun ausgewählte Patienten – besonders schwere Fälle wie Wael – mit Phagen behandelt werden.
Buchhinweis:
Thomas Häusler: «Gesund durch Viren: Ein Ausweg aus der Antibiotika-Krise», Piper 2003.
Noch einige Wissenslücken
Das klappt nicht immer. Es hat damit zu tun, dass Phagen extrem wählerisch sind: Es braucht für jede Bakterienart die passenden Phagen, um sie behandeln zu können. Gegenwärtig haben die Brüssler Forscher Phagen für drei Bakterienarten.
«Wir müssen auch noch besser herausfinden, in welchen Fällen Phagen funktionieren und in welchen nicht», sagt Jean-Paul Pirnay vom Königin-Astrid-Spital. Angesichts der Antibiotikaresistenz-Krise plädiert er trotz Wissenslücken dafür, die Phagen einzusetzen: «Wenn ein Patient im Sterben liegt, muss man ihm dann nicht helfen?»
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