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Die Glocken der Evangelischen Stadtkirche
Glocke1 (Foto: Andreas Bänziger)
Aus einer Präsentation über die Stadtkirche von Walter Vogel, Frauenfeld (Januar 2006)
Walter Vogel
Die ersten Glocken von 1647
Obwohl die Katholiken beim Bau der reformierten Kirche von 1645 zusagen mussten, den Reformierten das Läuten der Glocken in der Nikolauskirche noch für 10 Jahre, längstens aber bis zur Erstellung eines eigenen Geläutes zu bewilligen, drängten die Reformierten auf eigene Glocken: Die vier Glocken im Bau von 1645 wurden 1646 und 1647 von Glockengiesser Peter Füssli in Zürich gegossen. Das Geläute wog 4600 kg, die grösste Glocke 2200 kg. Dazu kam das für Gottesdienste nicht verwendete und nur zur Bürgerversammlung und zur Weinlese rufende „Bürgerglöcklein“ im Gewicht von 230 kg. Weil es kein rein harmonisches Geläute war und in einem Gutachten von Glockengiesser Rüetschi in Aarau 1892 als schadhaft abgeschätzt wurde, beschloss die Vorsteherschaft die Anschaffung eines neuen Geläutes.
Welche Gefahren vom alten Geläute drohen konnten, zeigt eine kleine Geschichte aus den 1870er Jahren: An einem Ostermorgen saust beim Einläuten der Schwengel der grossen Glocke durch die Schallöffnung vom Turm auf das Strassenpflaster. Der Klöppel wird durch Sattler Meyer mit Lederriemen wieder in der Glocke befestigt.
Carl Meyer schreibt in der Thurgauer Zeitung vom 15. Januar 1938 (Samstag vor dem Bechtelistag) „Es war an einem prächtigen Ostermorgen Ende der siebziger (1870er) Jahre, da löste sich beim Einläuten in die evangelische Stadtkirche der Schwengel der grossen Glocke; er flog durch die Schallöffnung in einem weiten Bogen hinunter auf das Strassenpflaster. Glücklicherweise wurde niemand getroffen; nur wenige frühe Kirchenbesucher waren Augenzeugen dieser ersten Fliegervorstellung in unseren Mauern. Auch der Glockenschwengel war unversehrt und wurde von zwei Männern sofort wieder in den Turm hinauf getragen. Da damals noch kein Telefon zur Verfügung stand , nahm der Mesmer den Weg zu uns selbst unter die Füsse und ersuchte meinen Vater, den Schwengel, wenn möglich sofort, wieder einzubinden. Rasch wurde das Festgewand mit dem Arbeitskleid vertauscht, und versehen mit dem nötigen Werkzeug und Material begleitete ich als Lehrbub meinen Vater in den Turm hinauf. Das Befestigen des Schwengels wurde damals vermittelst schweren breiten Lederriemen auf einfache Weise bewerkstelligt. Im Turm war alles vorbereitet, und beim Ausläuten war die Glocke wieder mit den übrigen im Schwung.
Das Geläute von 1906
Die neue katholische Kirche, deren Bau 1906 vollendet wurde, erhielt auch ein neues Geläute mit fünf Glocken. Die beiden Kirchenbehörden entschlossen sich, gemeinsam zwei aufeinander abgestimmte Geläute zu planen. Im November 1905 wurde der Glockengiesserei Rüetschi der Auftrag zum Guss eines neuen Geläutes für die evangelische Kirche erteilt . Der eichene Glockenstuhl wurde durch eiserne Träger ersetzt und die vier Glocken wurden eingeschmolzen, was noch 8000 Franken einbrachte. Das Bürgerglöcklein konnte im letzten Moment gerettet werden und fand im ebenfalls neuen Rathausturm für die alte Aufgabe einen neuen Platz. An Ostern 1906 sollten die Glocken erstmals ertönen. Allerdings war auf diesen Zeitpunkt das Geläute der katholischen Kirche noch nicht aufgezogen. Darum wurde zugewartet bis zum 20. Mai, um im Zusammenklang läuten zu können. Trotz unaufhörlichen vom Wind gepeitschten Regenschauern fand an diesem Tag bei zahlreicher Beteiligung der Gemeindeglieder die Weihe der Glocken statt. Nachmittags ertönte aus verschiedenen Kombinationen einzelner
Glocken der beiden Geläute und dem Gesamtgeläute derselben ein allerdings durch Wind und Regen etwas beeinträchtigtes Glockenkonzert. Es ging also vorerst im Sturm etwas unter, was ein Expertenbericht zu den beiden Geläuten versprach: „Alle Glocken zusammen ergeben ein mächtiges imponierendes, melodisches Geläute mit Vorherrschen des Des-dur Dreiklanges und besonders des tiefen As. Es ergibt sich lauter Wohlklang und ein Tongewoge, wie man es weit und breit kaum schöner hören kann.“
Von den sechs neuen Glocken war die grösste schon schwerer als das ganze frühere Geläute zusammen. Jede Glocke trägt das Wappen der Stadt Frauenfeld und diesem gegenüber einen Spruch der Heiligen Schrift.
1. und grösste Glocke (As) „Soli deo gloria et honor“, was früher auf der kleinsten Glocke des alten Geläutes stand
2. Glocke (Des) „Des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit und O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort“
3.Glocke (es, Mittagsglocke) „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen“
4. (drittkleinste) Glocke (f, Abend- oder Betzeitglocke) „Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesu Christo“
5. (zweitkleinste) Glocke (as) „Christus ist
mein Leben und Sterben mein Gewinn“. 6. (kleinste) Glocke (des) : „Es komme dein Reich“
Das Rathausglöcklein von 1647
Neben den vier Glocken hing im alten Glockenstuhl das für Gottesdienste nicht verwendete und nur zur Bürgerversammlung und zur Weinlese rufende „Bürgerglöcklein“ im Gewicht von 230kg.
Sattler Carl Meyer erzählt in seinem Leserbrief in der Thurgauer Zeitung vom Samstag, 15. Januar 1938(17. war Bechtelistag): Etwas abseits im Glockenstuhl hing eine verstaubte kleine Glocke, der man ansah, dass sie nicht häufig gebraucht wurde. Dies war das Rebenglöcklein, Eigentum der bürgerlichen, paritätischen Rebenkorporation Frauenfeld. Mit dieser Glocke wurde der Beginn der Weinlese im Stadtbann alljährlich eingeläutet. Das war ein Klang, der bei alt und jung mächtige Freude auslöste.- Das ganze Städtchen war dann auf den Beinen, und alles zog mit Gelten, Tausen und Kübeln auf Wagen und Wägelchen nach der Stammerau und dem Lüdem hinaus, wo bald ein emsiges Treiben anhob. – Jahrzehnte sind seitdem dahin geflogen. An Stelle der Reben entstand in der Stammerau ein neues Stadtquartier, und aus den Rebhalden des Lüdem wurden grüne Wiesen. So geriet das Rebenglöcklein in Vergessenheit und wurde arbeitslos. Die Bürgergemeinde hatte inzwischen ihr Rathaus umgebaut und mit einem stattlichen Turm versehen. In derselben Zeit beschloss die Kirchgemeinde die Umschmelzung ihres Geläutes, bereits war auch der Tag des Abtransportes festgesetzt. Zufällig besuchte mich an jenem Tag mein Bruder, der Architekt des Rathausumbaus und erzählte, dass nun alles fertig, aber weder Geld noch Kredit für eine Glocke im Rathausturm vorhanden sei. Da klang plötzlich der vertraute, aber längst vergessene Ton des Rebenglöckleins aus dem Unterbewusstsein an mein Ohr: “Wir haben ja eine Glocke“ rief ich,“aber wir sind in Gefahr, sie zu verlieren“ Denn schon standen bei der Kirche die schweren Wagen zum Verladen des Geläutes bereit. Rasch entschlossen begab ich mich zum damaligen Bürgerpräsidenten Huber und klärte ihn über das Eigentumsrecht der Bürgergemeinde an dem Rebenglöcklein auf. Mit meiner Ansicht einig, verhinderte er durch sofortige Anordnungen die Wegnahme der Glocke, und anstatt in den Schmelztiegel, gelangte sie in den neuen Rathausturm. - Nach der ersten Bürgerversammlung, zu welcher sich die eherne Dame mit heller Stimme vorgestellt hatte, machte ich einen Besuch in dem Turmstübchen und fand die Bewohnerin in froher Stimmung. Wir wurden bald gute Freunde, und beim Abschiede erhielt ich zur freundlichen Erinnerung ihren Geburts- und Familienschein. Da steht auf der ersten Seite von kräftiger Hand geschrieben:
Us Hitz und Für bin ich geflossen, Peter Füssli us Zürich hat mich gossen
Und auf der zweiten Seite stand in lateinischer Sprache: Soli Deo Honor Et Gloria Dominus Tecum 1647. Auf Deutsch übersetzt:
Gott allein die Ehre und Ruhm, der Herr sei mit dir
Rathausglöcklein Beigefügte Widmung:
Zur Weinlese einst, lud die Bürger sie ein ,
Zu pressen die Reben, zu keltern den Wein.
Heut ruft sie zusammen die Bürger der Stadt
Zu ernster Beratung und freudiger Tat! C.M.-R. (Carl Meyer-Ruch, TZ 15.1.1938)
WV Januar 2006