Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03219.jsonl.gz/1085

Roger
«Mein Wunsch ist es, dass in der Schweiz bald Social-Cannabis-Clubs eingeführt werden, damit sich Betroffene legal mit Cannabis therapieren können.»
Als ich 20 Jahre alt war, habe ich erfahren, dass ich das Hepatitis-C-Virus in mir trage. Damals sagte mir der Arzt, man würde erstmal abwarten, ob es sich von alleine ausheile. Lange Jahre blieb ich gesund.
Bis der Virus 2013 anfing, meine Leber anzugreifen und zu schädigen. Es folgte ein vierjähriger Kampf. Die erste medikamentöse Behandlung führte nicht zum gewünschten Erfolg. Glücklicherweise schlug die zweite Therapie an und der Virus war nach einiger Zeit nicht mehr in meinem Körper nachweisbar. Jedoch hatte ich während der gesamten Therapie Nebenwirkungen – unter anderem Übelkeit und Appetitlosigkeit. Dagegen konsumierte ich regelmässig Cannabis, was sehr gut half.
Vom Regen in die Traufe
Kurz nachdem das Hepatitis-C-Virus nicht mehr in meinem Körper nachweisbar war und ich den Kampf scheinbar gewonnen hatte, wurde ein bösartiger Tumor in meiner Leber entdeckt. Weil das Organ durch das Hepatitis-Virus bereits angegriffen war, sahen die Ärztinnen und Ärzte in einer Lebertransplantation die einzige Überlebenschance für mich. Nach intensiven medizinischen Abklärungen im Unispital Zürich wurde ich auf die Transplantationsliste aufgenommen. Für mich folgte eine schwierige Zeit, die geprägt war von einem Wechselbad an Gefühlen.
Bange Monate des Wartens
Weil ich nicht sicher war, ob jemals ein passendes Spenderorgan für mich gefunden werden würde und es medizinisch keine andere Möglichkeit gab, versuchte ich den Tumor mit Cannabis zu therapieren. Doch meine Leber war schon so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass sie THC-Fullplant-Extrakte nicht mehr ertrug. So brach ich den Versuch wieder ab. Für mich wäre es damals sehr wichtig gewesen, dass mich eine Ärztin oder ein Arzt bei dieser Selbsttherapie kompetent beraten und begleitet hätte. Aber leider gibt es in der Schweiz noch keine entsprechend ausgebildeten Medizinerinnen und Mediziner.
Es geht weiter bergab
Im Jahr 2019 verschlechterte sich mein Gesundheitszustand. Ich hatte Wasseransammlungen im Bauch, in den Lungen und in den Beinen. Einmal musste ich deswegen ins Spital – dabei wurden meinem Körper ca. 5 Liter Wasser entzogen. Zudem musste meine Gallenblase entfernt werden. Auch mein Verdauungstrakt funktionierte nicht mehr richtig und ich vertrug immer weniger Lebensmittel. Unterdessen hatten sich weitere kleine Tumore in meiner Leber gebildet. Glücklicherweise konnten sie durch minimalinvasive Eingriffe erfolgreich zerstört werden. Trotzdem wurde mein Gesundheitszustand neu bewertet und ich «rutschte» auf der Organtransplantationsliste weiter nach oben. Wie schon während der Hepatitis-C-Therapie hat mich der Cannabis-Konsum auch in dieser Phase meiner Krankheit sehr unterstützt: Cannabis hat mir Ängste genommen, mich psychisch stabiler gemacht und hat auch meinen Appetit reguliert.
Die ersehnte Nachricht
Am 28. Februar 2020 wurde endlich ein passendes Spenderorgan für mich gefunden. Die sechsstündige Operation verlief erfolgreich. Schon nach drei Tagen konnte ich die Intensivstation verlassen und auf die normale Bettenstation wechseln. Doch ich hatte starke Schmerzen, gegen die selbst hochdosierte Schmerzmittel nicht genügend wirkten. Auch psychisch ging es mir nicht gut – unter anderem wegen der beginnenden Diskussion um Covid-19. In dieser Zeit überredete ich die Ärzte, mir die Einnahme von CBD-Tropfen zu erlauben, was sie nach einigem Hin und Her auch taten. Und ich bat eine Kollegin, mir THC-haltiges Gras ins Spital zu bringen: Dieses rauchte ich ab dem dritten Tag nach der OP auf dem Spitaldach. Mit positiven Folgen: Die Schmerzen verschwanden weitgehend, der psychische Stress liess nach und ich konnte schneller als üblich die Schmerzmittel reduzieren. Am 16. März 2020 durfte ich das Spital verlassen. Die ersten Wochen zu Hause waren schwierig, da ich nun zu einer Hochrisikogruppe gehörte, und somit die Kontakte zu anderen Menschen auf ein Minimum beschränken musste. Innerhalb kurzer Zeit konnte ich die Immunsuppressiva, die das Abstossen meiner «neuen» Leber durch mein Immunsystem verhindern sollten, um drei Viertel reduzieren – was ich auf die Einnahme von CBD-Öl und CBD-Gras zurückführe
Meine Wünsche
Dank meiner Spenderleber fühle ich mich körperlich wieder fast so fit wie vor Ausbruch des Hepatitis-C-Virus. Ich kann wieder normal ausgewogen essen und mich auch wieder regelmässig körperlich betätigen. Auch schaue ich seit der Transplantation wieder öfter bei den Medcan-Patiententreffen vorbei und möchte mich im Rahmen meiner Möglichkeiten mehr im Verein engagieren.
Was die Gesetzgebung bezüglich Cannabis angeht, hätte ich einen Vorschlag: Ich würde für Betroffene wie mich den Anbau zuhause legalisieren. Und ich wäre für die Einrichtung von Cannabis-Social-Clubs, die den Auftrag hätten, einerseits viele Cannabis-Sorten, aber auch sehr viel Wissen zu deren Wirkungsweisen anzubieten. Natürlich bräuchte so ein Club auch ein Massenspektrometer, um die Sorten bestimmen und «saubere» Medizin anbieten zu können –. Meine Hoffnung ist, dass das Know-how dieser Clubs eines Tages so sehr zugenommen haben wird, dass sie medizinisches Fachpersonal beraten könnten.