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Die Linea Cadorna
Noch im Jahre 1914 ist Italien mit Deutschland und Österreich-Ungarn verbündet. Bereits 1915 aber verrät Italien dieses Bündnis und greift Österreich an, um sich in den Besitz des Südtirols zu bringen. In diesem Moment fürchtet der italienische General Cadorna einen Angriff deutscher Truppen auf Italien. Um sich vor diesem Einfall, der ja durch die Schweiz erfolgen müsste, zu schützen, befiehlt Cadorna den Bau eines umfangreichen Befestigungssystem an der Grenze zum Südtessin.
Unter der Leitung des Commando della Occupazione Avanzata Frontiere Nord sind bis 1918 gebaut worden:
72 km Schützengräben
88 Artilleriestellungen, davon 11 unterirdisch
296 km Fahrstrassen
398 km Fuss- und Maultierpfade
Die Bauten erstrecken sich vom Grossen St. Bernhard bis zum Stilfserjoch. Am intensivsten ist die Bautätigkeit zwischen Lago Maggiore und dem Luganersee; die Arbeitspflichtigen werden aus ganz Italien zusammengezogen, selbst Frauen werden für Trägerdienste eingesetzt. 20‘000 bis 35'000 Arbeiter sind an der Linea Cadorna tätig, und der Bau soll 104 Millionen Lire gekostet haben (Tagesverdienst eines Arbeiters 4 bis 7 Lire). Für die Verteidigung im Ernstfall sind insgesamt 27 Bataillone vorgesehen.
An der Linea Cadorna ist nie gekämpft worden. Sie geriet in Vergessenheit und spielte auch im Zweiten Weltkrieg keine Rolle. Einzig Cadornas Fahrstrassen wurden später für den Privatverkehr ausgebaut, wobei es eine historische Pointe ist, dass bereits Cadorna riesige Schilder des italienischen Touringsclubs aufstellen liess, um allfällige Spione über den Zweck der Anlagen zu täuschen. Kommt hinzu, dass man bis vor kurzem industriellen und militärischen Bauten aus der jüngsten Vergangenheit keinen Wert beigemessen hat. Vor den Toren des Südtessins liegen so Anlagen von vielen Kilometern Länge, liegen Gräben, Depots, Kavernen, Beobachtungsposten und Stellungen, die inzwischen vergessen und überwachsen sind. Erst in den letzten Jahren ist dank einem neuen Forschungszweig, der sog. Industrie-Archäologie, das Interesse erwacht. So sind einzelne Anlagen wieder zugänglich gemacht worden, die einen Besuch verdienen.
Der Aufstieg auf den Monte Grumello
Das Postauto bringt uns nach Serpiano (Feld 62.524). Vom Kurhaus aus steigen wir in westlicher Richtung ab und erreichen nach zwanzig Minuten den italienischen Weiler Ca del Monte. Von hier aus folgen wir der geteerten Strasse Richtung Porto Ceresio und kommen nach dem Überqueren eines zweiten Baches zu einem kleinen Reservoir. Deutliche Wegweiser zeigen an, dass wir hier Richtung Süden aufsteigen müssen. Nach zehn Minuten stehen wir am Eingang zu einem ausgedehnten Labyrinth an Gräben, MG-Stellungen, Materialräumen und gedeckten Gängen. Im Zickzack, auf hervorragende Weise dem Gelände angepasst, bringt uns der Schützengraben nach oben. Wer links oder rechts abbiegt, findet sich plötzlich in ausgedehnten Kammern oder in einer geheimnisvollen unterirdischen Rotunde. Nach einer halben Stunde stehen wir auf dem Gipfel des Grumello (690 Meter) mit prächtiger Aussicht auf die Bucht von Porto Ceresio. Das System umfasst an die zwei Kilometer und kann gefahrlos begangen werden. Nötig ist einzig eine Taschenlampe.
Der Einsatz der St. Galler Studenten
Noch vor zehn Jahren war das Gebiet am Grumello eine einzige Wildnis. Dornen, eingestürzte Bäume und Erdrutsche machten ein Begehen unmöglich. Während in andern Fällen die italienischen Gemeinden aktiv wurden, ist es am Grumello der Initiative der Fachhochschule St. Gallen zu verdanken, dass die Anlagen heute freigeschaufelt und begehbar sind. Studenten und auch Studentinnen haben in Hunderten von Stunden Schutt weggeräumt, Dornen beseitigt, Äste entfernt, Stollen vermessen und Wegweiser angebracht. Statt in den Frühlingsferien Planungsrechnen zu büffeln oder Marketingkonzepte auszubrüten, hantierten die Studenten mit Säge und Axt, Messband und Kompass. Die Idee dahinter ist, Geschichte vom blossen Zahlenbüffeln zu befreien und an Ort und Stelle erlebbar zu machen. Diese Erfahrung wird jeder machen, der unserem Vorschlag folgt.