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Höhenmedizin
Wirksamkeit homöopathischer Arzneien bei der akuten Höhenkrankheit
Sowohl anspruchsvolle Touren im Eis und Schnee bis in Höhen von 6500 m und Wanderungen zum Gipfel des Kilimanjaro mit 5893 m oder durch das Tal des Kali Gandaki bis 3000 m (Jomsom) in Nepal fallen unter den Begriff des Trekkings, wenn immer das Gepäck so angenehm von „andern“ getragen wird. Dieser verallgemeinernde Begriff verleitet Untrainierte zu Touren in hohe Gebirgsregionen ohne Kenntnis der gesundheitlichen Risiken. Bei der akuten Höhenkrankheit haben sich Nifedipin und Dexamethason bewährt. Dazu gibt es bewährte Alternativen aus der Homöopathie, die jedoch eine genaue Kenntnis der Symptome voraussetzen.
Bei der Höhenkrankheit unterscheidet man zwischen der akuten Höhenkrankheit, dem Höhenhirn- und dem Höhenlungenödem, wobei die drei Phasen gekoppelt sind. Während ich mit einem Höhenlungenödem noch nie konfrontiert wurde, konnte ich das beginnende Höhenhirnödems, bzw. die akute Höhenkrankheit mehrmals beobachten. Die Höhenkrankheit beginnt schleichend in Abhängigkeit vom Zeitfaktor der Höhenzunahme, aber auch auf Grund genetischer Faktoren und bei Leuten, die auch sonst unter häufigem Kopfweh leiden. Daneben spielt das persönliche Verhalten eine Rolle, so z.B. der Alkoholkonsum, die Sonnenexposition, die Belastung des Magens (mit ungewohnter Kost), der Schlafmittelkonsum usw. Zunächst ist unsere Aufmerksamkeit auf die Physiologie der Höhenkrankheit und auf die Prophylaxe zu richten.
Zur Physiologie der Höhenkrankheit
Der Sauerstoffpartialdruck nimmt pro 1000 Höhenmeter um 10% ab und führt zu einer intensivierten Atmung mit daraus folgender Abnahme des normalen CO2-Gehaltes im Blut (Hypokapnie: CO2 zu tief, pH zu hoch = respiratorische Alkalose). Diese Hypokapnie bremst regulatorisch die Atemfrequenz, was zur verminderten Sauerstoffaufnahme und gleichzeitig zur Erhöhung des CO2-Gehaltes führt, daraus folgt eine arteriellen Hypoxie und als Gegenregulation im Gehirn eine Vasodilatation (Weitstellung der Arterien) und erneut eine beschleunigte Atmung. Dieser Zyklus zwischen Hypoxie und Hypokapnie schaukelt sich auf, vor allem während des Schlafes. Eine allfällige Einnahme von Schlafmitteln und Alkohol würde zusätzlich eine Atemdepression und eine Vasodilatation im Gehirn bewirken.
Es ist letztlich die Hypoxie (ATP-Verlust), welche zu Kopfweh, zur Gefässerweiterung und zur Durchlässigkeit der Arterien mit Ödembildung im Gehirn, im Gesicht und peripher führt. Die Sonnenexposition und allenfalls Schlafmittel und gewisse Herzmedikamente tragen das Ihrige dazu bei. Bergsteiger, welche an die Höhe gut adaptiert sind (beachte!), weisen eine deutlich höhere Nierenleistung auf (unabhängig von der Trinkmenge!, auch unabhängig vom Hämatokrit), wodurch die Alkalose kompensiert wird. Umgekehrt ist beim Höhenhirnödem die Diurese (Urinausscheidung) vermindert. Schulmedizinisch versucht man durch die prophylaktische Ansäuerung des Blutes mit Azetazolamid ("Diamox") die Alkalose zu kompensieren.
Zur Prophylaxe und den daraus resultierenden Modalitäten
Beim Anstieg soll die regelmässige und tiefe Atmung als Richtschnur dienen, woraus folgt, dass die Schrittlänge nicht nur dem Gelände, sondern vor allem der Atemfrequenz angepasst werden muss. Die Extremitäten- und die Atemmuskulatur sollten zyklisch synchron arbeiten (z.B. im Verhältnis 1:1 bei grosser Anstrengung). Ferner: Bei geringstem Kopfschmerz sofortige Verkürzung der Schritte; niemals kopf-voran bücken (z.B. beim Binden der Schuhe); in der Kälte immer Mütze tragen (kann angeblich den Kopfschmerz verhindern), sogar nachts im Zelt; Sonnenhut (evtl. mit UV-Schutz-Einlage) konsequent tragen; Oberkörper im Schlaf leicht erhöhen; gegen den schon normalerweise ansteigenden Blutdruck tägliche Substitution von Magnesium (Magnesium geht über den Schweiss verlustig); Verzicht auf Alkohol und Schlafmittel während der Aufstiegsphase; Trinkmenge so regulieren, dass der Urin seine normale Farbe behält (nicht dunkel, auch nicht zu hell). Dabei muss berücksichtigt werden, dass vermehrt Flüssigkeit über die Haut und die verstärkte Atmung verloren geht, dass aber der Durst in der Höhe (wie der Appetit) reduziert ist und damit keine sichere Entscheidungshilfe bietet. Die prophylaktische Einnahme von synthetischen Medikamenten wie z.B. Azetazolamid (welches zu einer Leistungsverminderung führt) ist meistens nicht nötig.
Die Symptome der Höhenkrankheit
Das Höhenlungenödem mit Atemnot und rasselnder Atmung, schaumigem und blutigem Auswurf und Zyanose soll hier nicht weiter erwähnt werden, da mir damit die praktische Erfahrung fehlt. Die Höhenkrankheit beginnt mit klopfenden, bohrenden, reissenden, stechenden oder zersprengenden Kopfschmerzen besonders nachts im Liegen, kombiniert mit Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, schnellem und vollem Puls, Benommenheit mit Gähnen und Schlaflosigkeit und hie und da schon mit trockenem Reizhusten. Zunehmend stellen sich Symptome des Hirnödems ein mit Schwindel, Gangunsicherheit (Ataxie), Sehstörungen, Verwirrungszuständen, Verlangsamung von Verständnis und Gedächtnis (häufig) sowie Wahnvorstellungen. Damit und aus den Angaben zur Prophylaxe sind die wichtigsten Symptome mit den auslösenden Faktoren (Modalitäten) aufgezählt.
Die homöopathische Therapie
Wenn bei der Höhenkrankheit bei ihrem Beginn nur Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, Durstlosigkeit und Inappetenz vorherrschen, z.B. schon in Höhen von 3800 m (Horombo-Hütten am Kilimanjaro), dann wähle man Ipecacuanha, denn Ipecacuanha, welches zu den Akutmitteln gehört, deckt bereits im Wesentlichen die akuten Symptome eines gestörten cerebralen Stoffwechsels ab, nicht aber die Drucksymptomatik, den Atemrhythmus und die peripheren Ödeme. Ipecacuanha schafft auch Erleichterung für die Magenprobleme als Folge der ungewohnten Kost.
Wenn jedoch der Kopfschmerz im Vordergrund steht, mit Hämmern, Klopfen, beginnendem Schwindel und Übelkeit und allenfalls Erbrechen, und wenn die ersten Ödeme (Augenlider) erscheinen, dann hilft (heilt) sehr schnell Glonoin. Dieses deckt vollständig jene Symptomatik ab, welche auf die Gefässdilatation zurückzuführen ist, nicht aber jene, welche durch eine Funktionsstörung von Niere und Nebenniere (mit verminderter Urinausscheidung) entstehen. Glonoin ist wohl auch das beste Mittel bei Kopfschmerz infolge Sonnenexposition.
Wenn sich der Kopfschmerz verschlimmert und die Gesichtsödeme zunehmen und von den Augenlidern auf die Lippen übergreifen und gleichzeitig die Harnmenge (trotz genügender Trinkmenge) abnimmt (Niere), und wenn der Patient die Kälte im Freien sucht (die den Kopfschmerz bessert), wenn er trotzdem ein Bedürfnis nach Gesellschaft hat oder mindestens diese nicht abweist, wähle man Apis.
Selbst gut akklimatisierte Sherpas (und junge Porters) leiden in der Höhe nicht selten an Atemnot während der Schlafphasen mit häufigem Erwachen ähnlich dem Schlaf-Apnoe-Syndrom. Die Leistung lässt nach, der Druck im Kopf nimmt zu, es entwickelt sich vielleicht jetzt schon eine Gangunsicherheit (und damit steigt die Unfallgefahr) und das Denken wird eingetrübt. Lachesis und Arsenicum album zeigen das Vollbild der Höhenkrankheit und decken die rund 80 möglichen, homöopathisch verwendbaren Symptome ab. Besonders aber Lachesis wirkt schnell auf einen solchermassen gestörten Schlaf und damit auf die Atmung (ist allenfalls nach jeder Höhenetappe zu wiederholen). Eine forcierte, tiefe Atmung, also eine gezielte Hyperventilation hilft dabei dem Kranken. Auch für Lachesis spricht, wenn Zyanose auftritt, egal ob wegen Kälte oder Sauerstoffmangel, und wenn der Patient verlangt in Ruhe gelassen zu werden (ein äusserst gefährliches Symptom!).
Als letztes bleibt für fortgeschrittene Fälle nur noch Arsenicum album und der gleichzeitige Abstieg (oder Abtransport) des Kranken. Solch unruhige, angsterfüllte Kranke benötigen dringend Wärme, vor allem warme Getränke (evtl. Kaffee, aber niemals Alkohol), welche mindestens eine zeitliche Besserung versprechen (man beachte aber, dass warme Getränke wegen deren höheren Verweildauer im Magen diesen mehr belasten als kalte). Auch Frostbeulen wären in diesem Fall eine Indikation für Arsenicum.
Was ist von Arnica zu halten? Grundsätzlich hat die Arnica nicht viel gemeinsam mit der Höhenkrankheit, doch gehört sie in jede Apotheke wegen der Ermüdung durch Überanstrengung, wegen allfälliger Quetschungen oder Verstauchungen, aber vor allem auch wegen unbemerkter Zerrungen, Verhärtungen und Überdehnungen der Muskeln, besonders wenn solche im Schulter- und Nackenbereich (Rucksack) und in der überlasteten Atemhilfsmuskulatur am Hals auftreten. Diese führen ebenso zu Kopfschmerzen, welche eine Höhenkrankheit vortäuschen. Auch als Zwischenmittel bei sicherer Wahl einer der oben genannten Arzneien ist die Arnica sehr dienlich.
Homöopathische Arzneien verwende ich immer in der Potenz C30 oder C200 als Einmalgabe und je nach Verlauf in fachgerechter Wiederholung. Es sind nur 5 (der homöopathischen) Arzneien plus Arnica, die ein Trecker für das Risiko einer Höhenkrankheit kennen und bei sich führen sollte, nebst dem synthetischen Magnesium zur Prophylaxe und die vom Hausarzt verordneten Medikamente.
Verwendete Informationsquellen:
Farrington E.A. Vergleichende Arzneimittellehre, ISBN 3-930256-06-1
Hering C. Kurzgefasste Arzneimittellehre; ISBN 3-922345-03-4
Autor:
Urs Steiner, Dr. med.
Staldenstrasse 10, CH-6405 Immensee