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Umwelt
Deutsche Flüsse
In diesem schön bebilderten Band werden elf deutsche Flüsse vorgestellt, von denen natürlich die wenigsten sowohl in Deutschland entspringen als auch hier ins Meer münden; die Donau z.B. wird dementsprechend "europäischer Fluss" genannt.
Zwar ist das Buch von verschiedenen Autoren geschrieben, doch folgen alle Aufsätze demselben Muster: Die geographische Lage mit einer Karte, bedeutende Städte entlang des Flusses, Siedlungsgeschichte, die historische Zugehörigkeit zu verschiedenen Territorien, Schifffahrt und Transport auf dem Fluss und seine wirtschaftliche Bedeutung für die durchflossenen Regionen. Soweit der Fluss in Sagen, Literatur oder Malerei eine Rolle spielt, finden sich dazu Beispiele. Die Donau wurde im 19. und 20. Jahrhundert mehrfach Thema für Kompositionen, deren bekannteste wohl der Walzer von Johann Strauß ist, der jedoch den Fluss nicht charakterisiert, sondern mythisiert oder gar verkitscht. "Und wohl noch heute sind Reisende enttäuscht, wenn sie zum ersten Mal an einem Donauufer stehen und den Fluss nicht strahlend blau, sondern trüb-grau vorfinden." (S. 158) Auch alte Stiche, Fotografien oder Werbeplakate sind dem Buch beigegeben.
Die Burgen entlang des Mittelrheins beispielsweise waren in der Romantik "Kristallisationspunkte", um die herum "ein reicher Schatz an Sagen und Legenden" entstand, "die teilweise in den Erzählungen der Einheimischen wurzelten, aber auch von den großen Dichtern der Epoche ausgeschmückt oder gar erfunden wurden" (S. 44), so z.B. die Geschichte des bösen Bischofs Hatto von Mainz, der, anstatt den Menschen während einer Hungersnot zu helfen, sie einsperren und bestrafen ließ und dafür zuletzt selbst von den Mäusen im Binger Mäuseturm bei lebendigem Leib gefressen wurde. Interessant ist, wie Flüssen eine "Persönlichkeit" zugeschrieben wurde, z.B. der Mosel von Clemens Brentano in seinem Mosel-Eisgangs-Lied der Charakter einer gefährlichen, zerstörerischen "Vogesenwölfin" (S. 111).
Vielen deutschen Flüssen ist gemeinsam, dass gerade ihre für die wirtschaftliche Entwicklung so wichtige Funktion als Verkehrsweg durch eine Vielzahl von Zöllen behindert wurde - 34 auf der Elbe -, die erst im 19. Jahrhundert aufgehoben wurden. Nicht die Förderung der Wirtschaft stand während der Frühen Neuzeit im Vordergrund, sonder die Abschöpfung der Gewinne aus Transport und Handel.
Wer heute den dichten Verkehr an Motorschiffen auf großen Flüssen wie Rhein, Donau und Elbe sieht, macht sich wohl nur selten klar, wie beschwerlich die Flussschifffahrt noch vor 150 Jahren war. Ein Segelschiff benötigte auf der Elbe von Hamburg nach Dresden etwa vier bis sechs Wochen. Bei starkem Gegenwind oder in Flussschlingen mussten die Schiffe getreidelt, also meist von Tieren gezogen werden. Mitte des 19. Jahrhunderts ersetzte man das Treideln durch die Kettenschifffahrt. "Dabei wurden in der Mitte des Flusses Ketten ausgelegt, über die ein mit Dampfkraft betriebener Schleppkahn die motorlosen Frachtkähne ziehen konnte. Die 1866 zur Probe ausgelegte Kette bei Magdeburg erwies sich als so einsatzfähig, dass sie von Melink bis nach Hamburg ausgelegt wurde - eine 730 Kilometer lange Kette mit über zwei Millionen Gliedern." (S. 14)
Auch heute noch sind die großen Flüsse günstige Transportwege. "Der Transport von Waren zu Schiff ist um ein Vielfaches wirtschaftlicher als der mit der Bahn oder gar dem Lastkraftwagen." (S. 44) Der Duisburger Hafen ist mit 1000 Hektar Grundfläche, 21 Hafenbecken und fast 100 Millionen Tonnen Ladung übrigens der größte Binnenhafen der Welt.
Flüsse waren und sind "Lebensadern", sie brachten und bringen aber auch Naturkatastrophen: Hochwasser und den früher so gefürchteten Eisgang. Eigenartigerweise finden in diesem Buch sich keine Bilder von Jahrhunderthochwassern, den allerorts aufzufindenden Hochwassermarken oder ein alter Stich von einem Eisgang.
Ein weiteres Gegensatzpaar ist das des Flusses als Verbindung, aber auch als Grenze bis hin zum Kriegsgrund. Flüsse sind relativ schwer zu überschreiten, und so beschlossen bereits die Römer "um das Jahr 14, den Rhein künftig als Grenze des römischen Reiches anzusehen und die an seinem anderen Ufer lebenden Völker, die man zusammenfassend schlicht als Germanen bezeichnete und im großen Ganzen wohl für Barbaren hielt, von nun an nicht mehr mit der römischen Zivilisation zu beglücken." (S. 47) Der Rhein war die Grenze zwischen dem ostfränkischen und dem westfränkischen Reich. Gegen Ende des 9. Jahrhunderts trafen sich die Könige der beiden Reiche auf in der Mitte des Flusses festgemachten Schiffen. Verschiedentlich versuchte Frankreich, den Rhein als Grenze zu Deutschland zu etablieren, so wurden etwa 1801 im Frieden von Lunéville die linksrheinischen deutschen Territorien Frankreich zugeschlagen. Das Ringen um den Rhein machte diesen Fluss für beide Seiten zum Symbol, was in Denkmälern und mit nationalem Pathos aufgeladenen Gedichten seinen Ausdruck fand.
Mit diesem Buch ist ein anschaulicher und lebendiger Band entstanden, der Menschen interessieren dürfte, die an einem Fluss in Deutschland leben oder als Touristen einen solchen bereisen.