Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03521.jsonl.gz/628

«Domine, non sum dignus»
Vorwort zu Band 7
Martha von Castelberg hat zwei Werke mit Orchesterbeteiligung geschrieben: eine Messe für Chor, Soli und Orchester und das Domine, non sum dignus für Alt-Solo und Orchester. Beide Werke wurden etwa zur selben Zeit entworfen. Es gibt ein Skizzenblatt, das sowohl Skizzen zum Domine, non sum dignus als auch zum Gloria der Messe enthält. Da Olga Kalliwoda, Martha von Castelbergs in Pécs lebende Freundin, in einem Brief vom 13. Januar 1948 die Messe erwähnt und sich anbietet, Aufführungsmöglichkeiten eruieren zu wollen, lässt sich der Entstehungszeitraum auf die späten 1940er Jahre eingrenzen.
Erst 20 Jahre später kam das Werk an die Öffentlichkeit. Am 23. März 1967 wandte sich Guido von Castelberg, der Sohn der Komponistin, an den Bassisten Derrik Olsen und übersandte ihm das Manuskript von Domine, non sum dignus an die Dienstadresse der damaligen Radio-Genossenschaft in Zürich (heute SRF) mit der Bitte um ein baldiges Treffen. Ob er Olsen als Solisten des eigentlich für Alt-Solo komponierten Werkes in Erwägung zog, lediglich seine Einschätzung einholen wollte oder aber erhoffte, Olsen als Mittelsmann für eine mögliche Rundfunkeinspielung gewinnen zu können, lässt sich dem Brief nicht entnehmen.
Tatsächlich kam es am 8. Januar 1968 zu einer Rundfunkaufnahme des Werkes im Studio 1 durch das Radio-Orchester Beromünster unter der Leitung von Otto Gerdes, der die Komposition aus dem Manuskript dirigierte. Das Orchestermaterial (33 Orchesterstimmen, 5 Lithographien für Streicherstimmen) liess Guido von Castelberg herstellen. Am 24. Januar 1968 sandte Radio Zürich dieses neben den beiden Partituren (Autograph und Fotokopie) an ihn zurück und übernahm die Kosten in Höhe von 110 Franken. Die Rechnungslegung erfolgte am 8. Februar 1968. Kompromittierende Eintragungen und Zeichnungen einiger Musiker in das Stimmenmaterial zeigen den Unwillen, sich mit dem Werk in angemessener Weise auseinanderzusetzen. Auch wenn Martha von Castelbergs Komposition vom Anspruch nicht mit den ebenfalls für dieselbe Sendung aufgenommenen Repertoirewerken von Wagner, Gluck und Mozart (siehe unten) konkurrieren konnte, dürften diese Kommentare vor allem frauenfeindlich motiviert gewesen sein. Ob Martha von Castelberg bei der Aufnahme anwesend war, ist nicht bekannt. Laut Aufnahmevertrag waren die Schneidearbeiten am 12. Januar 1968 abgeschlossen.
Die Ausstrahlung erfolgte am 7. Oktober 1969 in einer für 8.30 Uhr angesetzten Morgensendung. Das Domine, non sum dignus nahm nach Isoldes Liebestod aus Richard Wagners Tristan und Isolde den zweiten Sendeplatz ein. Es folgten Divinités du Styx, Szene und Arie aus Christoph Willibald Glucks Oper Alceste, sowie Wolfgang Amadeus Mozarts Ouvertüren zu Die Hochzeit des Figaro (KV 492) und Così fan tutte (KV 588). Suzanne Wyder vom Orchesterbüro der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft, Radio Zürich hatte Guido von Castelberg auf die Ausstrahlung aufmerksam gemacht. Dieser bedankte sich am 17. Oktober 1969 brieflich dafür:
«Sehr geehrte Frau Wyder
Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen noch herzlich zu danken für Ihren Hinweis auf die Sendung vom Dienstag, den 7. Oktober 1969, mit dem Domine, non sum dignus meiner Mutter. Wir haben mit grosser Freude die Sendung gehört.»
Solistin der Aufnahme war die mit der Familie von Castelberg eng befreundete Mezzosopranistin Elsa Cavelti. Guido von Castelberg übernahm neben seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt auch Managementaufgaben für die international an renommierten Opernhäusern engagierte Sängerin. Da Elsa Cavelti ab Ende der 1950er Jahre vornehmlich im hochdramatischen Sopranfach sang (1966 auch in Bayreuth), war die Solopartie des Domine, non sum dignus für sie eigentlich nicht perfekt. Der Aufnahme mit dem Radio-Orchester Beromünster ist dies auch anzumerken. Dem Aufnahmeprotokoll ist zu entnehmen, dass Elsa Cavelti darauf bestand, den Titel des Werkes hinsichtlich der Besetzungsangabe zu ändern, wohl, damit sie in der Anmoderation nicht fälschlich als Altistin bezeichnet wurde. Statt «Alt-Solo» sollte es «Gesang» heissen. Unter diesem Titel ist das Werk in die Kartei der Radio-Genossenschaft Zürich eingegangen.
Domine, non sum dignus, «Herr, ich bin Deiner nicht würdig», vertont einen Abschnitt aus dem Matthäus-Evangelium (Kapitel 8, Vers 8). In der biblischen Geschichte bittet ein römischer Hauptmann Jesus, seinen Knecht zu heilen, scheut sich aber aus Demut, Jesus in sein Haus mitzunehmen und vertraut stattdessen auf eine Fernheilung durch einen Segensspruch. In der Liturgie wurde der Vers mit der Demutsbezeugung «Domine, non sum dignus ut intres sub tectum meum sed tantum dic verbo, et sanabitur puer meus» («Herr, ich bin nicht wert, dass Du unter mein Dach kommst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund werden!») als gregorianisches Antiphon am Freitag nach Aschermittwoch verwendet. Mit der tridentinischen Reform gingen eine Textänderung und eine liturgische Neuverwendung einher. Statt «et sanabitur puer meus» heisst es jetzt «et sanabitur anima mea» («so wird meine Seele gesund»). Als Abendmahlsgebet verwendet, verbindet der Text nun mit der Demutsbezeugung auch das Vertrauen der Gläubigen, «dass er durch ein Wort seiner milden Macht sie von der Unwürdigkeit befreien, d. h. würdig machen könne».
In ihrem Orchesterlied hat Martha von Castelberg die spätere, auf die Seelenheilung bezogene Textvariante vertont und die entsprechende theologische Implikation durch eine «per aspera ad astra»-Dramaturgie zum Ausdruck gebracht. Der Durchbruch von der Dunkelheit zum Licht erfolgt bei der Textstelle «sed tantum dic verbo» («sondern sprich nur ein Wort»), das nachfolgende «et sanabitur anima mea» («so wird meine Seele gesund») ist als Verklärung komponiert. Insofern war in der Radiosendung die Kombination mit Isoldes Liebestod einerseits naheliegend, da Wagner hier eine vergleichbare Dramaturgie anwendet, andererseits aber auch fatal, da angesichts von Wagners Orchesteropulenz Martha von Castelbergs Domine, non sum dignus mit seinen reduzierten Mitteln kaum zur Geltung kommen konnte.
Knud Breyer (Berlin), im Oktober 2022