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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1980 von Peter Ziegler
Am 1. November 1906 − vor 75 Jahren − bezog die Kinderkrippe Wädenswil das neue Haus an der Etzelstrasse 6. Dieses Jubiläum sei Anlass, die Geschichte der Krippe aufzuzeichnen und den heutigen Betrieb kurz vorzustellen.
Gründung
Unter dem Präsidium von Fanny Steinfels-Stäubli eröffneten am 15. Mai 1898 sozial denkende Frauen an der Stegstrasse in Wädenswil eine Kinderkrippe, wie sie damals bereits in verschiedenen Gemeinden bestanden. Hier sollten gegen bescheidene Entschädigung tagsüber Kinder zwischen sechs Wochen und vier Jahren betreut werden, deren Mütter ausserhalb des Hauses einem Verdienst nachgehen mussten.
Vor der Kinderkrippe an der Stegstrasse, um 1900.
Die benötigten Räume wurden von der Seidenfirma Gessner unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Eine Leiterin mit einer Hilfe umsorgte die ersten zwei Kinder. Nachdem allerhand Misstrauen und anfängliche Schwierigkeiten überwunden waren, stieg die Zahl der Pfleglinge rasch. Bereits im August 1898 versuchte man, durch Zeitungsinserate Stubenwagen zu billigem Preis zu erwerben. Ein Legat von 2000 Franken, verschiedene Geldspenden und der Erlös eines Konzertes von Musikdirektor Fritz Stüssi bildeten die erste bescheidene Grundlage der neuen Institution. Seit 1900 kamen jährliche Passivmitgliederbeiträge hinzu. Das tägliche Kostgeld von 40 Rappen pro Kind musste der Leiterin jeden Morgen bar entrichtet werden. Die Krippe war an Werktagen geöffnet, im Sommer von 06.00 bis 19.30, im Winter von 06.30 bis 19.30 Uhr.
Krippenbetrieb einst
Zeitgenossen beschrieben den Krippenbetrieb um 1900 wie folgt: «Bis 7 Uhr rücken all die kleinen Pfleglinge allmählich an, werden ausgezogen, gebadet, gewaschen, gekämmt und von Kopf bis Fuss in die Krippenkleidchen gesteckt .... Um die Mittagszeit sitzen hübsch manierlich an einem niedriger langen Tisch mit beidseitigen Bänken über zwanzig frohe, appetitliche Kinder. Jedes hat sein Emailtellerchen vor sich, und alle graben emsig mit ihren Löffelchen von den Nahrungshügeln ab und verfehlen ihr Ziel, das Mündchen, sicher nicht. Nun folgt das tägliche Mittagschläfchen. 26 gesunde, rotwangige Kinder liegen in ihren Kleidchen in stillem Frieden kaum hörbar atmend auf den am Boden liegenden Maträtzchen oder in den Stubenwagen, die – über ein Dutzend – einen förmlichen Wagenpark bilden …» Und vom täglichen Spaziergang heisst es: «Die kleine Kinderschar sieht sich gar niedlich und sauber an, wenn sie so sittsam am Leitseil dahin watschelt.»
Die neue Krippe an der Etzelstrasse 6
Wegen stets zunehmendem Platzmangel im Gebäude an der Stegstrasse − bereits 1902 konnten von 40 angemeldeten Kindern nur deren 22 aufgenommen werden − sah sich der Vorstand nach neuen Räumen um. Zum Bau oder Kauf eines eigenen Heims fehlten die Mittel. Dass das Bauvorhaben dennoch verwirklicht werden konnte, war dem Vorstandsmitglied Frau Schnyder-Blattmann im Morgenstern zu verdanken. Sie liess auf ihre Kosten hinterhalb der katholischen Kirche an der Etzelstrasse ein neues Krippenhaus erstellen und überliess es dem Verein zum Zins von 3 Prozent. Auf den 1. November 1906 konnte der zweckmässige, weiss geschindelte Neubau bezogen werden. Er enthielt im ersten Stockwerk Schlafstube, Ess- und Spielzimmer, Badezimmer, Küche und Terrasse.
Am 1. November 1906 bezog die Kinderkrippe Wädenswil den Neubau an der Etzelstrasse 6.
Das darüber liegende Geschoss wurde als 5-Zimmerwohnung vermietet. Die Inneneinrichtung der neuen Krippe konnte aus jenen 3000 Franken gekauft werden, welche als Kollekte bei Kinderaufführungen im Engelsaal − dargeboten wurden im Dezember 1905 unter anderem Tanzlieder von Jacques Dalcroze − zusammengelegt worden waren. Grosszügige Legate erlaubten es dem Verein, das Krippengebäude im Jahre 1911 zur reduzierten Bausumme von 45‘000 Franken zu erwerben.
Inserat in den «Nachrichten vom Zürichsee», 1. Dezember 1905.
Vorstand
Der aus dem Gemeindeschwestern-Verein hervorgegangene erste Krippenvorstand bestand aus den Frauen Steinfels-Stäubli, Gessner-Heusser, Blattmann-Wehrli zum Seehof, Blattmann-Blattmann zum Grünenberg, Blattmann-Treichler im BoIler, Schnyder zum Morgenstern, Treichler im Neuhof, Fräulein Elise Rellstab und Frau Pfarrer Pfister. Zu einer Zeit, da der Krippengedanke noch neu war, leisteten diese Frauen Pionierarbeit für ein Werk, das heute nicht mehr aus Wädenswil wegzudenken wäre. Als Präsidentinnen amteten von 1898 bis 1941 Frau Fanny Steinfels-Stäubli, von 1941 bis 1974 Frau Fanny Hauser-Schwarzenbach. Seit 1974 präsidiert Frau Hanni Störi-Mathis den Krippenvorstand.
Arzt
Von Anfang an stand die Kinderkrippe Wädenswil unter ärztlicher Aufsicht. Bis zu seinem Tode im Jahre 1931 war Dr. Florian Felix der Betreuer. Während seiner Amtszeit galt es noch sehr häufig, gegen allerhand Epidemien anzukämpfen. Namentlich Scharlach war eine gefürchtete Krankheit und zwang wiederholt zu vorübergehender Schliessung und Desinfizierung der Krippenräume. Auf Dr. Felix folgte bis 1968 Fräulein Dr. Helen Wyssling. Auch sie hatte oft gegen Keuchhusten, Masern, Mumps und wilde Blattern anzukämpfen Noch 1934 wurden daher Kinder, welche der Krippe länger als 14 Tage ferngeblieben waren, nur wieder aufgenommen, wenn ein vom Arzt bestätigter Kontrollschein vorgewiesen werden konnte. Von 1969 bis 1981 war Dr. Ernst Howald Krippenarzt; sein Nachfolger ist Dr. Beat Bornhauser. Schutzimpfungen aller Art schliessen heute die früher so gefürchteten Epidemien weitgehend aus.
Krippenleben
Die Wädenswiler Kinderkrippe wurde anfänglich von Bethanien-Schwestern geleitet. Die Diakonisse Schwester Ida Hold, welche 1911 Schwester Lydia ablöste, stand der Krippe in der schweren Zeit des Ersten Weltkrieges vor. Wegen der Arbeitslosigkeit der Mütter ging zwar die Zahl der zu betreuenden Kinder in diesen Jahren zurück, dagegen galt es, mit knappen Mitteln zu haushalten. Selbst Gummisauger für Milchflaschen konnten nur gegen Ausweis bezogen werden.
Auf die Leiterinnen Tanner und Gut folgte von 1923 bis 1947 Schwester Rosa Brunner, seit 1925 unterstützt von Tante Sophie. Schwester Rosa stand der Krippe während der Zeit der Wirtschaftskrise und des Zweiten Weltkrieges vor, als wiederum Rationierungen den Betrieb trafen. Dank der Opferfreudigkeit verschiedener Gönner war es aber stets möglich, die Bedürfnisse an Nahrungsmitteln und Kleidungsstücken zu decken.
Welch begehrte Sammlerobjekte wären heute diese hochrädrigen Kinderwagen aus den 1910er Jahren!
Von 1947 bis 1966 stand Schwester Leni Grässli der Krippe vor. Damals, während der Hochkonjunktur der Nachkriegsjahre, galt es täglich bis zu 50 Kinder zu betreuen, zu pflegen, zu beschäftigen, zu erziehen. Drei Fünftel der Krippenkinder des Jahres 1960 waren Schweizer, der Rest vorwiegend Italiener. 1960 ging man auch in der Krippe zur Fünf-Tage-Woche über. 1961 waren zur Hauptsache Ausländerkinder zu betreuen. So blieb es weitgehend bis zum heutigen Tag. «Im Bestreben, den Bedürfnissen der Industrie weitgehend entgegenzukommen, sind die Pfleglinge verschiedener Nationalität.» So hiess es im Jahresbericht 1961. «Es ist manchmal bei Neueingetretenen recht schwer, sie mit unserer Sprache, Ernährungsweise und unseren Gewohnheiten vertraut zu machen.» Unter Kindern spielt aber die Nationalität glücklicherweise keine Rolle. «Es ist eine Freude» – entnimmt man dem Jahresbericht 1965 – «die Kinder beim Spiel zu beobachten. Da steht ein Turm von unglaublicher Höhe, dort sind junge Samariterinnen um ihren kleinen Patienten besorgt, und eine Schar Buben funktioniert als angehende Eisenbahner in roten Mützen mit Signalen.»
Kinderkrippe Wädenswil: Gruppenbild am Seeplatz, vor 1916.
Auf Schwester Leni Grässli folgte von 1966 bis 1974 Schwester Sophie Wichser und von 1974 bis 1977 Schwester Marlies Helfenstein. Während dieser Zeit vollzog sich wieder ein Wandel. Während die Frauen in der Gründungszeit der Krippe einer Arbeit nachgingen, weil die Familie auf den Zusatzverdienst angewiesen war, war es nun die Industrie, welche die weiblichen Arbeitskräfte dringend benötigte. Obwohl die Firma Standard AG im Jahre 1967 in der Au eine eigene Krippe eröffnet hatte, war in Wädenswil keine merkliche Entlastung zu spüren. 1971 hatte man hier zeitweise für 62 Kinder zu sorgen, die man in vier Altersgruppen aufteilte.
Seit 1977 steht Schwester Elsbeth Knabenhans der Krippe Wädenswil vor. Während ihrer Amtszeit ist − im Zusammenhang mit zurückgehender Beschäftigungslage in der Industrie, mit Arbeitsbeschränkungen für Gastarbeiter, aber auch als Folge des Pillenknicks − die Zahl der zu betreuenden Krippenkinder rückläufig. 1975 wurden der Krippe noch 38 Kinder zur Betreuung übergeben; 1980 waren es nur noch 26. Dies hat auch Auswirkungen auf die Finanzen.
Mittagessen in der Krippe, um 1910. Das Foto erinnert an Gemälde von Albert Anker.
Heutiges Krippenleben ohne Anstalts-Atmosphäre.
Finanzen
Beiträge von Institutionen, der Industrie, der Pfarrämter, der Stadt, Kranzablösungen, Legate und viele Geschenke von Privaten ergänzten bis heute die Pflegegelder und halfen die Finanzierung sichern. Tiefstände versuchte man mit Bazaren zu überbrücken. 1951 wurde das Haus letztmals einer grossen Aussenrenovation unterzogen, und schrittweise passte man auch das Innere den neuen Anforderungen an Hygiene, Wohnlichkeit und Sicherheit an. Auch all das kostete natürlich Geld.
Das tägliche Pflegegeld wurde laufend angehoben. Es betrug von 1898 bis 1921 40 Rappen, von 1922 bis 1941 60 Rappen und wurde dann wie folgt festgesetzt:
1942:
Fr. 0.70
1954:
Fr. 1.80
1943:
Fr. 0.80
1957:
Fr. 2.--
1946
Fr. 0.90
1960:
Fr. 2.30
1947
Fr. 1.10
1962:
Fr. 2.60
1951:
Fr. 1.60
1963:
Fr. 3.--
Seit 1966 wird das Pflegegeld entsprechend dem Einkommen der EItern festgesetzt. Im Jahre 1980 stand ein Pflegetag eines Kindes mit Fr. 29.20 zu Buch. Fr. 16.70 konnten durch Pflegegelder bestritten werden. Die Differenz von Fr. 12.50 pro Kind und Tag musste durch ordentliche und ausserordentliche Beiträge gedeckt werden.
Bei schönem Wetter ist der Sandhaufen im Garten der «Krippe» an der Etzelstrasse ein besonderer Anziehungspunkt.
Betriebsdefizite, nötige Anschaffungen und bauliche Reparaturen belasten die Krippe Wädenswil derzeit in hohem Masse. Soll sie ihre seit über 80 Jahren gewährte Dienstleistung zum Wohle des Kindes weiterhin anbieten können, ist sie dringend auf finanziellen Zustupf angewiesen. Neben Beiträgen der Industrie und der Öffentlichkeit sind natürlich neue Vereinsmitglieder willkommen, Männer und Frauen, welche nicht nur mit ihrem bescheidenen Jahresbeitrag das Defizit verringern helfen, sondern auch ideell eine Institution unterstützen, welche nicht ausschliesslich dem Staat zur Last fallen möchte.