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Tour ins Tal der Maas (Meuse)
Frühere Kriegsschauplätze wie die Normandie und Verdun ziehen jeden Sommer Tausende von Touristen an. Im Herbst, wenn der Touristenstrom abklingt, ist es besonders reizvoll mit dem Töff die Gegend der Maas, den Argonner Wald und die Sehenswürdigkeiten in und um Verdun zu erkunden.
Verdun, die alte Festungsstadt, liegt im Tal der Maas (Meuse), die sich hier in mehrere Arme teilt. Die Festungen um Verdun bildeten den Eckpfeiler der französischen Front im 1. Weltkrieg. Am 21. Februar 1916 begann die Schlacht um Verdun mit Angriffen der Deutschen auf dem rechten Maas-Ufer. Panzer und Flammenwerfer kamen zu ihrem ersten Einsatz. Maschinengewehre und Artilleriegeschütze erfuhren eine rasante Entwicklung mit dem Ziel, die Schussfolge drastisch zu erhöhen. Die Deutschen beschossen die Forts, unter anderen, mit dem Eisenbahngeschütz "Dicke Berta", welche Granaten mit Kaliber 42 cm verschoss. Die Franzosen verfeuerten gar Runkeln vom Kaliber 52 cm. Die Schlacht um Verdun wurde zu einem erbitterten Ringen um jeden Meter Boden. In knapp zwei Jahren haben hier mehrere Millionen Soldaten gekämpft, die Zahl der Gefallenen wird auf 400'000 geschätzt.
Der Schreibende nutzte vier herrliche Herbsttage, um in der Nachsaison Verdun und seine Umgebung zu besuchen. Am Dienstagmorgen sollte es losgehen. Aber, oh weh! Morgens um acht präsentierte sich die Umgebung in trübsten Grau. Die Strassen seichnass! So, hatte ich mir das nach der vorabendlichen Meteo nicht vorgestellt. Immerhin, es regnete nicht mehr, ja die Strassen schienen ganz langsam zu trocknen. Um halb elf ist es soweit. Der Nebel lichtet sich und ein trockener Streifen Asphalt zeigt sich in der Strassenmitte. Auf halbem Weg nach Basel klärt es auf, eitel Sonnenschein macht sich breit. Die Reise führt zuerst westlich nach Sochaux zum Peugeot-Museum. Von dort in nordwestlicher Richtung über Neufchâteau - Commercy nach Verdun, das zwischen Reims und Metz, knapp hundert Kilometer südlich der belgischen Grenze liegt.
Kurz vor zwei Uhr treffe ich beim Peugeot-Museum ein. Nochmals die Karte studiert. Es hilft alles nichts, es ist bereits zu spät für einen Museumsbesuch. Erst sind hundertsechzig von vierhundert Kilometern abgespult. Und die Tage sind schon so kurz geworden. So bloch' ich denn weiter über die Landstrassen wie Gott in Frankreich. Wie schnell Gott in Frankreich ist? Ja, so hundertzehn, -zwanzig schon. Einige sind auch schneller. Dies sind nicht immer Junge, sondern oft ältere Semester, die sich früher gewohnt waren, ihren Simca, 403 oder Citroën ID auf jeder Landstrasse auszuwinden.
Vor dem Eindunkeln erreiche ich Saint Mihiel an der Maas, 35 km südlich von Verdun. Hier schlage ich meine Zelte in der Jugendherberge auf. Als Komfort verwöhnter Mitteleuropäer musst du halt auf ein wenig Luxus verzichten. Nur, wo sonst kann man für FF 41.- (SFR 10.25) übernachten und hat sofort Kontakt mit andern Reisenden aus allen möglichen Ländern? Den Töff kann ich mangels Garage in den Speisesaal stellen (!) und Madame gibt mir einen Schlüssel für die Herberge damit ich jederzeit ein und aus kann.
Am nächsten Morgen geht es auf Besichtigungstour nach Verdun. Die Strasse führt nordwärts der Maas entlang über leichte Erhebungen und Senken an Dörfern und Schleusen vorbei. Über dem Fluss hängen Nebelbänke, es ist recht frisch. Rechterhand erheben sich die Maashöhen, die im 1. Weltkrieg so hart umkämpft waren. Verdun, eine Stadt mit 21'000 Einwohnern, besteht aus der Oberstadt mit Kathedrale und Zitadelle sowie der Unterstadt mit den Geschäftsvierteln. Die Besichtigung von Kathedrale, Zitadelle und den wichtigsten Monumenten beansprucht einen halben Tag, auch wenn du den Töff jeweils gleich vor Ort parken kannst.
Am Nachmittag fahre ich in die Umgebung. Die bekannten Festungen von Vaux und Douaumont sind meine ersten Etappen. Die Überreste der Festungen sind in schlechtem Zustand, ein Besuch im Innern lohnt kaum. Hingegen sollte man auf die Festungen steigen, denn sie sind immer auf Hügeln angelegt von denen sich die Umgebung überblicken lässt. Zwischen Vaux und Douaumont befindet sich die Gedenkstätte von Verdun (Mémorial de Verdun) in der sich ein Museum befindet mit Sammlungen von Waffen, Uniformen, Zeitdokumenten und ähnlichem. So fahre ich an diesem Tag 120 km in und um Verdun, von einer Stätte des Grauens zur nächsten. Der Weg zu jedem Monument ist gut beschildert und problemlos zu finden. Man muss sich im klaren sein, Spuren der Kriegsereignisse sind praktisch nicht mehr zu sehen. Nach Kriegsende lagen auf jedem Hektar mehrere Tonnen Kriegsschrott, die Humusschicht war durch das Artilleriefeuer völlig zerstört. Durch systematisches Aufforsten hat man die ursprüngliche Vegetation wiederhergestellt. Gedenksteine und Tafeln erinnern an verschwundene Dörfer, Dörfer die der Gegner buchstäblich einebnete.
Verdun und seine Monumente sind mehr Gedenkstätten als Museen. Die Franzosen verstehen es an diesen Orten eine fast gespenstische Stille zu bewahren. Nicht der Ansatz einer Chilbi ist auszumachen, keine Souvenirstände, keine Würstlibars, nichts dergleichen. Nur Stille.
Die vielbesuchten Vaux und Douaumont liegen auf dem rechten Maas-Ufer. Auf dem linken Ufer liegen die Hügel Höhe 304 (Côte 304), Toter Mann (le Mort-Homme), Butte de Montfaucon und Butte de Vauquois. Toter Mann und Höhe 304 kann ich an diesem Nachmittag noch besuchen, dann mahnt der tiefe Sonnenstand an die Rückfahrt nach Saint Mihiel. Dort ist inzwischen Leben erwacht. Das Leiterehepaar ist schwer am Kochen. Eine Busladung Schüler und ihre Lehrer werden erwartet. Trotzdem kann ich den Töff in den Speisesaal stellen. Wegen der paar Tropfen Kettenfett am nächsten Morgen macht auch niemand ein Theater. Die Filles und Garçons sind sehr nett und respektvoll.
Der Donnerstag stand im Zeichen weniger Sightseeing mehr Flying. Eben, wie Gott in Frankreich. Die Ardennen-Tour findest Du an anderer Stelle.
Bereits am Donnerstagabend, anschliessend an den Ardennen-Ausflug, bin ich in südöstlicher Richtung über die D904 bis nach Pont-a-Mousson an der Mosel gefahren. Dort nächtige ich in einem günstigen, aber auch einfachen Hotel. Zum Nachtessen bleibt mir die Wahl zwischen polnischen Spezialitäten und einem halben Dutzend Arten von Cous-Cous. Als ich das Cous-Cous Maison wähle, versucht mir der Wirt mit verzweifeltem Ausdruck etwas zu erklären. Daraus werde ich aber nicht klug - so holt er tief Luft - und feuert sein bestes Schulenglisch ab: "You see, there is no meat in it!" Als Möchtegern-Vegetarier ist mir das gerade recht, doch dem Wirt schien das Fleisch sehr wichtig zu sein. Der Gute verstand die Welt nicht mehr. Ein Motard der kein Fleisch isst? Nicht in Frankreich! Cous-Cous, Salat, zwei Bier und Übernachten mit Frühstück erleichterten mein Ferienkonto um FF 300.- (SFR 75.-).
Der letzte Tag liess sich recht kalt und neblig an. "Une très belle moto", entzückt sich die Wirtin als ich mein Stahlross packe, sie will gar noch ein Foto von mir auf dem Töff schiessen. Ich düse ab Pont-a-Mousson über die Autobahn um Nancy herum und weiter in südöstlicher Richtung Saint Dié zu. Die kurvenreiche Fahrt vom Col du Bonhomme auf der Route des Crêtes durch die Vogesen soll meine Ferientage mit einem letzten "Höhenflug" beenden. Ab Saint Dié folge ich der N41 nach Fraize und Plainfaing. Dort beginnt der Aufstieg zum Col du Bonhomme auf dreispuriger, gut ausgebauter Piste. Auf der Passhöhe ist rechts abzubiegen. Hier beginnt die Route des Crêtes, welche recht holprig zum Col de la Schlucht und über Le Markstein zum Grand Ballon führt. Kurz hinter dem Col de la Schlucht noch ein Abstecher zum 1361 m hohen Hohneck. Diese Erhebung bildete bis zum 1. Weltkrieg die deutsch-französische Grenze. Die Gasse ist noch holpriger, noch enger, aber der Mutige wird belohnt mit toller Aussicht auf Vogesen, Elsass, Schwarzwald und bei klarer Sicht bis in die Alpen.
Auf dem Grand Ballon begegnen mir die ersten Töffahrer. Ich gönne mir einen kurzen Halt mit Kaffee und Wähen. Und weiter. Ein letzter Kriegsschauplatz des 1. Weltkriegs will besichtigt sein. Heute in den Karten als Vieil Armand bezeichnet, ging der 956 m hohe Hügel als Hartmannswillerkopf in die Geschichte ein. Ein erstes Scharmützel im Dezember 1914 entwickelte sich zu einer furchtbaren Schlacht. Zehntausende starben bei den Kämpfen um diesen Vogesenvorsprung. Soldatenfriedhof und Krypta nahe der D431 erinnern an die Schlacht und ihre Opfer. Auf dem Gipfel wurde ein 22 m hohes Kreuz errichtet. Rund um den Gipfel sind zahlreiche Überreste von Bunkern, Unterständen und Schützengräben zu sehen. Allerdings, der Gipfel ist nur auf Schusters Rappen erreichbar. Bei einem Felsvorsprung weitet sich die Aussicht auf die Ebene des Rheins und den Schwarzwald.
Noch ein Ecken, noch ein Bogen und schon ist Uffholtz erreicht. Die Kurvenorgie der Vogesen ist vorbei, ab auf die Bahn nach Mühlhausen und Basel. Da darf ich ja noch das neue, sündhaft teure Stückchen Autobahn Richtung Zürich befahren.
Frankreich mit seinen schönen Regionen und herrlichen Landstrassen bleibt nach wie vor ein Töffparadies erster Güte. Kaum ein Land ist so reich an Kunst, Kultur und Geschichte. Daher fällt es auch so leicht mit jeder Reise dorthin etwas zu lernen.
Touren-Info
Strecke
Rückfahrt

Sehenswürdigkeiten
Karte

Verdun sehen und verstehen

Text und Bilder Robert Pfeffer