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In der Urologie fanden die Stosswellen ihr erstes erfolgreiches Einsatzgebiet. Ab den 1980er-Jahren wurde die damals neue Behandlungsmethode zur Beseitigung von Nieren- und Harnleitersteinen eingesetzt. In der medizinischen Fachsprache ist die Methode als «Extrakorporale Stosswellenlithotripsie» (ESWL) bekannt.
Die Methode erspart Patienten mit einer Steinbildung einen operativen Eingriff oder das Einführen eines Instrumentes durch die Harnröhre. Vor der Einführung der Stosswellentherapie waren dies die üblichen Methoden der Behandlung. Die Steinzertrümmerung von aussen bedeutet einen grossen medizinischen Fortschritt. Es ist kein komplettes Operationsteam für einen chirurgischen Eingriff erforderlich. Es entfallen das Infektionsrisiko sowie die längere Wundheilung nach einer Operation. Die Behandlung ist erheblich risikoärmer und schneller.
In den ersten Jahren der Anwendung mussten sich die von einem Nieren- oder Harnwegsstein betroffenen Patienten in eine mit Wasser gefüllte Spezialwanne legen. Das Wasser war das Übertragungsmedium für die Stosswellen. Heutzutage wird eine Schallsonde direkt am Körper angesetzt. Während der Behandlung entsteht eine anhaltende knatternde Geräuschabfolge.
Die ESWL ist mittlerweile bei der Therapie von Nierensteinen zum Standard geworden und wird meist ambulant angewendet. Die eigentliche Behandlung dauert bis zu einer Stunde. In dieser Zeit werden rund 3000 Stosswellenimpulse auf die Steine abgegeben. Die Patienten erhalten ein Schmerzmittel sowie einen Gehörschutz, denn die Impulsabgabe ist laut.
In den meisten Fällen zerfallen die Steine durch die Energieeinwirkung in winzige Fragmente, die über den Urin ausgeschieden werden. Seit ihrer Anfangszeit wurde die Methode technisch verfeinert. Unter anderem sorgt Computertechnik für die optimale Position des Patienten, damit die Stosswellen fokussiert ihr Ziel erreichen, da sich der Stein während der Behandlung verschieben kann. Wenn ihn die Stosswellen verfehlen, kann es unter ungünstigen Umständen zu Verletzungen der umliegenden Strukturen kommen.
In wenigen Einzelfällen – bei ungünstiger Lage oder Grösse der Steine – ist die Zertrümmerung mit Stosswellen nicht möglich. Dann müssen sie mit einem operativen Eingriff, bei dem entsprechende Instrumente minimalinvasiv in den Körper eingeführt werden, an Ort und Stelle zerkleinert werden.
Auch Gallensteine werden mitunter durch das Einwirken von Stosswellen aufgelöst. Sie bilden sich, wenn der Gallensaft zu stark eindickt und die drei Hauptbestandteile der Gallenflüssigkeit (Gallensalze, Lecithin und Cholesterin) aus dem Gleichgewicht geraten.
Stosswellen regen den Organismus zum Abbau von erkranktem Gewebe und zur Bildung von neuen Zellen an der betroffenen Stelle an. Die Stosswellen intensivieren die Durchblutung und den Zellstoffwechsel. Damit helfen sie dem Körper, sich selbst wieder in Ordnung zu bringen. Mögliche Nebenwirkungen sind dabei Blutergüsse, Rötungen und lokale Schmerzen.
Die Stosswellentherapie wird seit einigen Jahren auch im Bereich von Gelenkschäden bei Breiten- und Spitzensportlern mit Erfolg angewendet. So wird sie beim sogenannten Tennisellenbogen sowie bei einem Fersensporn eingesetzt. Für einen Erfolg sind in der Regel zwei bis sechs Behandlungssitzungen erforderlich.
Stosswellen gelten aber auch als probate Methode gegen Verhärtungen und Entzündungen von Sehnen- und von Muskelansatzpunkten. Und auch bei schlecht heilenden Knochenbrüchen können Erfolge erzielt werden.
Bei Gelenkschäden und -abnutzungen vermögen Stosswellen jedoch kaum etwas auszurichten, diese benötigen eine andere Form der Therapie. Eine Universalbehandlungsmethode sind Stosswellen folglich nicht.
Ein weiteres Anwendungsgebiet sind sogenannte Myogelosen. Damit sind lokale Muskelverhärtungen gemeint, die sehr schmerzhaft sein können. Sie werden durch ungünstige Stoffwechselprozesse sowie durch lokale Entzündungen gefördert und können tastend durch die Haut aufgespürt werden. Durch tiefenwirksame Massagegriffe, durch Akupunktur sowie durch Stosswellen lassen sich Myogelosen auflösen.
Ein weiteres Einsatzgebiet sind Potenzstörungen bei Männern. Zur Behandlung werden an verschiedenen Stellen des Penis Stosswellen eingebracht. Sie sollen den Organismus zur Bildung von weiteren Blutgefässen und Nervenfasern veranlassen. Dieser Prozess wird ergänzend mittels Nährstoffen und Medikamenten gefördert. In der Regel sind acht Behandlungssitzungen erforderlich. Bis der Körper die erhaltenen Impulse zu einem spürbaren Erfolg umgesetzt hat, werden vier oder auch mehr Wochen veranschlagt. Allerdings ist die Behandlung nicht für jeden Patienten geeignet; eine sorgfältige Abklärung bei einem Urologen schafft Klarheit.
Nicht angewendet werden sollte die Stosswellentherapie bei einer akuten Infektion im zu behandelnden Bereich, bei Patienten, die Blutverdünnungsmedikamente (z.B. Marcumar) einnehmen, bei offenen Wachstumsfugen bei Kindern und Jugendlichen, bei einem bösartigen Tumor im Stosswellengebiet und dort, wo die Lunge im Bereich der Stosswelle liegt.
Bei der Zertrümmerung von Nieren- und von Gallensteinen ist die Stosswellentherapie mittlerweile eine anerkannte Behandlungsform. Bei anderen Einsatzgebieten liegen noch nicht ausreichend Studien vor, zudem ist der genaue Wirkmechanismus noch nicht vollständig erforscht. Die Behandlungskosten werden daher von den Krankenkassen nur zum Teil übernommen. Erkundigen Sie sich vorab.