Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03167.jsonl.gz/637

feine Ueberarbeitung auf den Marmor übertrugen. Die Steifheit der Athene läßt sich dadurch erklären, daß die Darstellung dieser, als einer Göttin, an bestimmte Regeln gebunden war. Bei der Athene ist die sorgfältige Ausarbeitung des Gewandes zu beachten, dasselbe fällt in zierlichen Falten bis zu den Füßen. Allen Köpfen des Westgiebels ist der lächelnde Zug gemeinsam, welcher bei denen des Ostgiebels fast ganz verschwunden und einem der Handlung mehr entsprechenden Ausdruck gewichen ist.
Die Tyrannenmörder (Fig. 97 u. 98). Das Streben, die Körper in lebhafter Bewegung darzustellen, finden wir in einem attischen Werke, den Tyrannenmördern. (Harmodios und Aristogeiton töteten im Jahre 514 v. Chr. den Hipparch und gaben dadurch den Anstoß zur Vertreibung der Tyrannen durch die Athener). Die beiden Jünglinge muß man sich zu einer Gruppe ergänzt denken, und zwar so, daß der eine, Harmodios, der den tötlichen Streich führt, durch Aristogeiton mit dem vorgestreckten Arm gedeckt wird.
Die ursprüngliche Bronzegruppe, die ungefähr 510 v. Chr. durch Antenor geschaffen wurde, fiel in die Hände der Perser. Deshalb erhielten Kritios und Nesiotes den Auftrag, dieselbe durch eine Nachbildung zu ersetzen. Die letztgenannten Künstler gehören dem 5. Jahrhundert v. Chr. an, deshalb sind einige feinere Durchbildungen des Körpers auf diesen Umstand zurückzuführen; die Haltung dürfte jedoch genau nachgebildet worden sein. Der Kopf des Aristogeiton ist zwar antik, doch aus späterer Zeit und gehört nicht zur Figur.
Zeustempel zu Olympia. Die Zeit nach den Perserkriegen hat uns in den Resten des Zeustempels zu Olympia einen Schatz hinterlassen,
welcher es uns ermöglicht, an den ursprünglichen Werken selbst den Stand der
Kunstübung dieser Zeit
zu erkennen. Ich gebe hier (S. 98 u. 99) neben einer Gesamtansicht des Westgiebels noch ein
Bruchstück «Jungfrau und Kentaur» und eine
Metope.
Der Schmuck des Westgiebels schildert den Kampf der Lapithen gegen die Kentauren, welche bei der Hochzeit des Peirithoos und der Deidameia die Lapithenfrauen zu rauben suchen. Wie beim Giebel des Aeginatempels nimmt die Mitte eine Gottheit ein, hier Apoll, welcher in gebietender, doch ruhiger Haltung dasteht.
Der Ostgiebel schildert den Ursprung der olympischen Spiele. Im Gegensatze zu der lebhaften Bewegung am Westgiebel ist die Darstellung von größter Ruhe. Der Wettkampf zwischen Oinomaos und Pelops soll erst beginnen. Da im wesentlichen keine Stilunterschiede zu bemerken sind, habe ich von einer Abbildung dieser Bildwerke abgesehen. Die Darstellungen der zwölf Metopenreliefs sind der Heraklessage entnommen. Unsere Probe
^[Abb.: Fig. 138. Demeter von Knidos.
London, British Museum.] ¶
stellt die Uebergabe der Hesperidenäpfel durch Atlas dar. Herakles trägt die Erdkugel (nur das Kissen sichtbar), eine Nymphe sucht ihn zu unterstützen.
«Diskoswerfer» und «Marsyas»
des Myron (Fig. 102, 103). Die Stärke der myronischen
Kunst liegt in der Darstellung von Bewegungserscheinungen,
welche in Augenblicken großer Kraftentfaltung oder plötzlicher Bewegungsänderungen hervortreten. Die
beiden Werke, welche uns in Nachbildungen erhalten sind, der «Diskoswerfer»
und der «Marsyas», womit ich nun die Reihe der Werke der hohen
Kunst eröffne,
veranschaulichen uns dieses sehr deutlich. Vom Diskoswerfer sind zahlreiche Nachbildungen erhalten, die beste im Palazzo
Lanzellotti in Rom. Es ist der Augenblick gewählt kurz vor dem Fortschleudern der Wurfscheibe. Der Körper
ist zusammengezogen und alle Kraft in den rechten Arm verlegt. Die Muskeln sind deutlich und vor allem richtig gebildet.
Die Unsicherheit in der richtigen Wiedergabe, welche den Künstlern der älteren Zeit wegen der Unkenntnis der Veränderung
der Muskeln durch die Bewegung anhaftet, ist ganz überwunden.
Der Marsyas ist durch die falsche Ergänzung der Arme in einen tanzenden Faun verwandelt worden. Der wahre Sinn ist durch aufgefundene Nachbildungen auf einer Vase und Münze erkannt worden. Ursprünglich gehörte er wahrscheinlich zu einer Gruppe, welche kurz den folgenden Inhalt hatte: Marsyas, welcher im Begriff ist, die von Athene im Zorn über die Gesichtsentstellung fortgeworfene Flöte aufzunehmen, wird von der Göttin zurückgeschreckt. Die Bewegung des raschen Zugreifens wird durch das erschreckte Zurückwerfen des Körpers, in welchem noch die Nachwirkung des raschen Laufes steckt, plötzlich aufgehoben. Die Arme muß man sich zu einer nach vorn greifenden Bewegung ergänzt denken. Hier ist also der plötzliche Wechsel, von dem ich vorhin sprach, zu finden. Die Urbilder beider Werke waren in Bronze ausgeführt, die Baumstämme sind Zuthaten des Marmornachbildners.
Der «Speerträger» des Polyklet und andere Wettkämpferbilder. Den «Kanon» Polyklets (s. S. 106) glaubt man in dem folgenden Werke, dem Speerträger (Doryphoros) wieder zu erkennen. Ich eröffne damit eine Reihe Männergestalten, welche meist Wettkämpfer darstellen und das Ideal des kraftvollen ruhigen, männlichen Körpers wiedergeben sollen, im Gegensatz zu jenen später zu besprechenden, weicher gebildeten Jünglingsbildern, welche häufig weiblichen Formen stark genähert sind.
Die Nachbildungen des Speerträgers bieten sicher nicht
^[Abb.: Fig. 139. Niobe mit Tochter. Marmorgruppe. Florenz, Uffizien.] ¶