Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03419.jsonl.gz/737

mehr
Monopolverpachtungen, welche böses Blut machten. Indessen ging die Kurie unter dem ihr von Napoleon gewährten Schutz wieder mit scharfen Maßregeln gegen nationale Aufwiegelungen in dem ihr gebliebenen Gebiete vor und an dieser Deckung Roms durch Frankreich scheiterte auch, obwohl I.s Beziehungen zu Preußen [* 2] sich nach dem Kriege von 1866 alsbald sehr gelockert hatten, die Verwirklichung des geplanten Bundes zwischen Österreich, [* 3] Frankreich und I. Das Kabinett Menabreas, ohnedem mißliebig geworden durch seine Unnachsichtigkeit republikanischen Umtrieben gegenüber, trat schließlich Ende März 1869 zurück, da Frankreich zu einer gutwilligen Entfernung seiner Truppen aus Rom [* 4] nicht zu bewegen war. An seine Stelle kam der liberale Lanza, unter welchem sich Sella [* 5] mit neuer Kraft [* 6] an die Ebnung der finanziellen Lage machte, auf die auch jetzt das Hauptaugenmerk der Regierung gerichtet blieb. Da brach der Deutsch-Französische Krieg aus und eröffnete Victor Emanuel mit einem Male den Weg nach Rom Nachdem die Volksabstimmung vom 2. Okt. auch hier mit ungeheurer Mehrheit für den Anschluß an Victor Emanuels Reich entschieden hatte, zog der König in Rom ein und nahm dann daselbst gemäß dem Beschluß der Kammer dauernd seinen Sitz. Zuvor aber war die souveräne Stellung des Papstes und eine äußerst freie und günstige Stellung der Kirche im Staat, Cavours Vermächtnis entsprechend, durch das Garantiegesetz (s. d.) gewährleistet worden. Der Papst verharrte jedoch in seiner Unversöhnlichkeit (S. Historische Karten von Italien [* 7] 4.)
12) Von der Einigung (1870) bis zur Gegenwart. Während die Beziehungen zu Frankreich alsbald nach dem Kriege erkalteten und die schroff ablehnende Haltung, in der Pius IX. verharrte, nur dazu beitragen konnte, ein von Jesuiten geleitetes Papsttum als den gefährlichsten Gegner der endlich errungenen Einigkeit ganz I.s immer wieder in Erinnerung zu bringen, begann sich die Anschauung Bahn zu brechen, daß man diesen beiden Mächten gegenüber an dem neuen Deutschen Reiche den natürlichen Bundesgenossen habe.
Die Kammer, welche zum erstenmal auf Montecitorio in Rom zu tagen begann, hatte denn auch bereits die von der Regierung vorgeschlagene Armeereform gebilligt, welche die allgemeine Wehrpflicht, wenn auch nur in abgeschwächter Form, einführte. Unmittelbar darauf bestätigte der Senat das Gesetz über die Gotthardbahn, zu welcher I. trotz der schwierigen Finanzlage 45 Mill. Frs. beizutragen übernahm. In Beantwortung der Feindseligkeit Pius' IX. wurde dann 1873 das Klostergesetz von Kammer und Senat genehmigt; Ende Oktober erfolgte die Aufhebung der Ordenshäuser in Rom.
Dagegen wurde Mancinis Antrag auf Ausweisung der Jesuiten von der Kammer verworfen. Schwierigkeiten bot nun aber die Neuordnung des Unterrichtswesens; wegen Ablehnung seiner Anträge nahm Correnti, dann Scialoja seine Entlassung. Die Bewegung für das allgemeine Stimmrecht, welche von der Linken schon 1872 in Fluß gebracht worden war, führte zunächst nur zu kleinern Störungen der Ordnung. Bedenklicher war, daß seit 1871 neben der übermäßigen Verfolgung nur örtlicher Interessen sich der Streit der Parteien in der Kammer zu einem Kampf der leitenden Persönlichkeiten um die Macht umzubilden begonnen hatte.
Dieser zwang das verdiente Ministerium Lanza-Sella zum Rücktritt, da die Kammer ihm großen Aufwand für die Landesverteidigung zumutete, ohne ihm doch neue Einnahmen zu eröffnen. Minghetti trat an seine Stelle als Ministerpräsident. Ein Erfolg dieses Kabinetts war die Herstellung innigerer Beziehungen zu Österreich und Deutschland [* 8] vermittelst eines Besuches, den Victor Emanuel in Wien [* 9] und Berlin [* 10] 17. bez. machte, und der ihm von beiden Kaisern 5. April bez. in Venedig [* 11] und Mailand [* 12] zurückgegeben wurde.
Aber auch Minghettis Kabinett erfreute sich bei seinen Vorschlägen zur Herstellung der Finanzen und zur Einführung des Staatsbetriebes der Eisenbahnen nicht der vollen Unterstützung der Kammer, sodaß es einer parlamentarischen Koalition gelang, im März 1876 seinen Sturz herbeizuführen. Das Kabinett Depretis trat an seine Stelle. Bei den Wahlen im Nov. 1874 hatte die Rechte gesiegt; aber die Neuwahlen nach Auflösung der Kammer Ende Nov. 1876 verminderten dieselbe auf kaum 100 Mitglieder gegenüber mehr als 400 der Linken. Das Gesetz gegen staatsfeindliche Mißbräuche der Kultusbeamten in Ausübung ihres Amtes verwarf zwar der Senat dagegen kam im Juli ein Gesetz über die Volksschule zu stande, welches die Teilnahme am Religionsunterricht freigab, ebenso wurde die Unvereinbarkeit des Abgeordnetenmandats mit einer großen Zahl von Ämtern beschlossen und festgesetzt, daß nur 40 Abgeordnete Beamte statt der frühern 104 im aktiven Dienst sein könnten.
Nachdem kurz vor Pius' IX. Tod, Victor Emanuel II. verschieden war und sein Sohn als Humbert I. den Thron [* 13] bestiegen hatte, übernahm es der radikale Cairoli, Depretis' Nachfolger (März 1878), die Reformzusagen Humberts betreffs des Wahlrechts, der Ministerverantwortlichkeit, der Gewährung größerer Selbständigkeit der Gemeinden und Provinzen u. s. w. einzulösen. Nachdem der Handelsvertrag mit Frankreich an der Ablehnung der franz. Kammer gescheitert war, riefen die Beschlüsse des Berliner [* 14] Kongresses (s. d.), die Österreich Bosnien [* 15] und die Herzegowina, England Cypern [* 16] überließen, während I. leer ausging, große Erbitterung hervor. Cairoli versäumte jedes feste Auftreten, womit er nur die gewaltthätigen Elemente und das republikanische Klubwesen ermunterte. Als sein Minister des Innern, Zanardelli, nach dem Mordversuch Passanantes auf den König erklärte, er bleibe bei seiner Politik, brach sein Kabinett Dez. 1878 zusammen. An seine Stelle trat wieder Depretis.
Auch dieses Ministerium erreichte aber das längst angekündigte Gleichgewicht [* 17] im Staatshaushalt ebensowenig, als es die Steuer- und Wahlreform zu verwirklichen vermochte, da der persönliche Kampf der einzelnen Fraktionsführer der Linken einer gedeihlichen Arbeit im Wege stand. So führten auch die Verhandlungen über den Berliner Vertrag zu keinem Ergebnis; dagegen kamen die Handelsverträge mit Österreich, Deutschland, Frankreich, England, Belgien [* 18] und Serbien [* 19] zum Abschluß sowie die Gesetze über I.s weitern Beitrag von 10 Mill. zur Gotthardbahn und seine Beteiligung an der Monte-Cenerebahn. Während Depretis und Biancheri Frankreich durch unvorsichtige Äußerungen reizten, erschienen die «Italicae res» des österr. Militärattachés in I., Baron Haymerle, welche eine scharfe, wenn auch vom ¶
mehr
Kaiserstaate selbst verleugnete Drohung gegen ein irredentistisches I. enthielten. Trotz der Höhe der Staatsschuld, welche sich bereits auf 8445 Mill. Frs. belief, wurde Florenz, [* 21] das für seine vorübergehende Stellung als Hauptstadt große Ausgaben gemacht hatte und tief in Schulden geraten war, eine staatliche Beihilfe bewilligt. Als es sich aber um eine Steuererhöhung behufs Aufhebung der Mahlsteuer handelte, kam das Kabinett Depretis zu Fall; die Leitung übernahm wieder Cairoli (Juli 1879), mußte jedoch schon Ende November Depretis sich wieder beigesellen.
Das Ministerium Cairoli-Depretis erlangte die Zustimmung der Kammer für seine auswärtige Politik, stieß aber dann bei der Budgetberatung auf solche Feindseligkeit, daß die Kammer aufgelöst werden mußte. Die Neuwahlen ergaben eine kleine Verstärkung [* 22] der Rechten. Ganz zu Gunsten dieser und der Klerikalen fielen auch die Provinzial- und Kommunalwahlen in Rom aus. Die Abänderung des Wahlgesetzes, durch welche das Wahlrecht von 650000 auf mehr als 2½ Mill. Köpfe ausgedehnt wurde, indem der Census auf 19,80 Frs. direkte Steuern und das nötige Alter auf 21 Jahre zurückgesetzt wurde, erhielt ebenso wie das Listenscrutinium erst 1881 bez. 1882 die Zustimmung des Senats; die Verlängerung [* 23] der Handelsverträge mit Belgien, Frankreich, Deutschland, England und der Schweiz [* 24] wurde noch 1880 von der Kammer genehmigt.
Dem Einmarsch franz. Truppen in Tunis [* 25] März 1881) folgte der Vertrag von Bardo, durch welchen das von vielen Italienern bewohnte Tunis dem Protektorat Frankreichs unterstellt wurde. Das Kabinett Cairoli, welches sich in seiner Vertrauensseligkeit hatte täuschen lassen, mußte nun zurücktreten. Dennoch verblieb die Staatsleitung der Linken; Depretis, der wieder an Cairolis Stelle trat, nahm aber in sein Ministerium Mancini auf, der, von der öffentlichen Erbitterung über Frankreichs Vordringen in Nordafrika getragen, nun I. dem Bunde Deutschlands [* 26] und Österreichs zuzuführen unternahm.
Ein erster Schritt hierzu war König Humberts Reise nach Wien Ende Okt. 1881, welcher scharfe Maßregeln gegen die Irredenta und eine Verstärkung des Heers von 330000 Mann Linie und Reserve und 150000 Mann Landwehr auf 430000 bez. 200000 Mann folgten. Trotz der Mehrausgaben von 128 Mill. Frs. für Armee und Befestigungen, namentlich der Umgebung von Rom, gestalteten sich aber die Finanzen immer günstiger; 1875 war zuerst ein Überschuß von 14 Mill. Frs. erzielt worden, 1881 ergab sich ein solcher von 50 Mill. Frs. Das Gesetz vom April 1881 verordnete die Aufhebung des Zwangskurses; zugleich konnte I. mit der Erwerbung von Assab in Afrika [* 27] Fuß fassen. Der Tod Garibaldis, war namentlich ein Schlag für die Radikalen, die jedoch nach Auflösung der Kammer bei den Neuwahlen vom sich von 30 auf 50 Köpfe vermehrten. Dies hatte eine stärkere Anlehnung Depretis' an die Rechte zur Folge.
Schwierigkeiten brachte aber die ital. Politik in Afrika, wo man sich 1885 den König Johannes von Abessinien (s. d., Bd. 1, S. 38 b) durch Besetzung von Massaua [* 28] zum Feinde machte. Die ital. Truppen erlitten die Niederlage bei Saati in der Nähe von Dogali Aus der infolge dieser Niederlage entstandenen Ministerkrise ging Depretis nochmals als Präsident hervor; doch hatte er von der Linken Crispi als Minister des Innern und Zanardelli als Justizminister aufnehmen müssen.
Als aber Depretis schon starb, übernahm Crispi das Auswärtige und das Präsidium im Kabinett. Am erklärte er der erstaunten Kammer, daß er keine Parlamentsregierung dulden, sondern fest für eine konstitutionelle Regierung eintreten werde. Nachdem I. einen Teil der Verstärkungen wieder aus Afrika zurückgenommen hatte, traf die zurückgebliebenen zwei Freiwilligenregimenter bei Saganeiti eine zweite schwere Niederlage durch den Neffen des Negus, Debeb.
Mit diesen Mißerfolgen am Roten Meer hing es zusammen, daß der neue Sultan von Sansibar, [* 29] Said Chalifa, die von seinem Vorgänger, Said Bargasch, zugesagte Abtretung des Kismaju-Gebietes an der Mündung des Jubaflusses ablehnte; daraufhin schloß sich I. der deutsch-engl. Blockade der Insel an. Ihrer afrik. Verlegenheiten wurde die ital. Regierung dadurch enthoben, daß König Johannes in einer Schlacht gegen die Derwische fiel und nun ein Thronfolgestreit zwischen seinem Neffen Debeb und Mongascha und seinem Schwiegersohn Menilek von Schoa ausbrach.
Nachdem Menilek in Adua, der Hauptstadt des Tigre, Febr. 1890 eingezogen, in Antoto als Menilek II. zum Negus Nagast von Äthiopien gekrönt worden war, kam ein Vertrag mit Menilek zu stande, demzufolge sich I. und Abessinien gegenseitige Handelsfreiheit zusprachen, letzteres sich zur Unterdrückung des Sklavenhandels und zur Benutzung ital. Vermittelung bei allen Verhandlungen mit auswärtigen Mächten verpflichtete; ferner erhielt I. gegen Verbürgung einer Anleihe von 4 Mill. Frs. die Zolleinnahmen von Harrar zugesichert und seine Souveränität in seinen Besitzungen am Roten Meer bestätigt, wofür es Menilek als Kaiser von Äthiopien anerkannte.
Die afrik. Erwerbungen hatten allmählich eine ziemliche Ausdehnung [* 30] gewonnen, da I. Febr. 1889 die Schutzherrschaft über das Sultanat von Opia und Nov. 1889 die Schutzherrschaft über diejenigen Teile von Ostafrika übernommen hatte, welche zwischen den 1886 dem Sultan von Sansibar zuerkannten Ortschaften liegen. (S. Erythräa.) Crispis Ausdauer in diesem von ihm ursprünglich nicht gebilligten Unternehmen belohnte ein von Menotti Garibaldi beantragtes Vertrauensvotum der Kammer und seine Nachfolger Rudim und Giolitti schreckten zwar vor weiterm Aufwand für die neue Kolonie und deren Vergrößerung zurück, bestanden aber auf Erhaltung des Erworbenen.
Die Stellung zum Ausland und zum Vatikan [* 31] änderte sich nicht, seit die Ausbreitungsbestrebungen Frankreichs in Nordafrika und die Rußlands in der Balkanhalbinsel [* 32] sowie die immer klarer hervortretenden Bemühungen auch Leos XIII. für die Wiederherstellung der weltlichen Macht der Kurie I. bewogen hatten, dem Deutsch-Österreichischen Bunde beizutreten. Crispis Erklärung vom er halte ein friedliches Zusammenleben von Frankreich und I. für notwendig, hinderte nicht, daß nach vielen Verhandlungen dennoch ein unnachsichtiger Zollkrieg zwischen Frankreich und I. ausbrach, durch welchen dieses schon im ersten Jahr die Hälfte seiner Ausfuhr nach Frankreich, im Betrag von 173 Mill. Frs., einbüßte, während die franz. Einfuhr nach I. nur um ein Drittel (62 Mill. Frs.) zurückging. Weitere Schwierigkeiten suchte ¶