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Die Kunst des Herbert Mandolf
30. Oktober 1995
von Patrick Armbruster
Ein neuer Tag, ein neues Leben! Das war das Motto von Herbert Mandolf. Er versuchte, an jedem Morgen zu vergessen, was gestern war, an jedem Tag mit frischer Unvoreingenommenheit an die Menschen und an die Arbeit zu gehen und am Abend den Tag wie vor dem Tod Revue passieren zu lassen.
Herbert Mandolf war Künstler. Manchmal malte er, manchmal schrieb er. Gedichte schrieb er selten, doch wenn er welche schrieb, hatten sie immer das gewisse Etwas, das den Leser in eine fremde, schöne Welt entführt.
Dass er jeden Tag aufs Neue unvoreingenommen der Welt begegnete, führte dazu, dass seine Kunst äusserst positiv und optimistisch ausfiel. Er malte der Menschheit ein neues Paradies, schrieb die Regeln für ein Utopia nieder und schrieb ein Gedicht, das, wenn alle Menschen sich danach gerichtet hätten, die Welt verändert hätte.
Aber die Menschen taten es nicht. Sie lasen wohl seine Werke, bewunderten sie, sagten staunend "Oh!" und "Aaah!", aber die Kunst des Herbert Mandolf war eben Kunst und hatte mit dem Leben nichts zu tun. Dem Künstler hingegen war egal, was die Leute über seine Werke dachten, denn, wenn sie sie lasen, betrachteten oder hörten, dann war nicht er es, der sie geschrieben oder gemalt hatte. Das war der Herbert Mandolf aus einem früheren Leben gewesen.
Die Zeilen, die ich jetzt hier verfasst habe, sind - meiner Ansicht nach - äusserst wichtig zum Verständnis für Herbert Mandolfs seltsamen Tod. Ich war, als ich davon hörte, dass er gestorben sei, ein Verehrer seiner Kunst, und auch sein Wesen hatte etwas Betrachtenswertes, wie ich fand. Ich erkannte, wie Mandolf den Tag anging, wie er ihn erlebte und wie er ihn beendete.
Es war nachmittags um drei Uhr an einem schönen Frühlingstag, als mich meine Sekretärin auf einen Zeitungsartikel aufmerksam machte, der über den Tod des Künstlers geschrieben worden war. Ich las erstaunt, vielleicht auch ein wenig verwundert, von seinem Tod, der am Abend davor stattgefunden hatte.
Die Todesursache konnte nicht genau festgelegt werden. Das Herz hatte einfach aufgehört zu schlagen.
Er war nicht krank gewesen, das wusste ich, hatte ich ihn doch drei Tage vor seinem Tod noch besucht. Er war fröhlich wie immer gewesen, zeigte mir freudig seine neuen Gemälde und zwei Texte und hörte sich dankbar meine Kommentare an. Herbert Mandolf war überhaupt nie krank gewesen.
Ich nahm mir den Rest des Tages frei und ging den Weg zu Mandolfs Wohnung zu Fuss. Er lebte in einem Quartier, wo man einen so berühmten Künstler nicht erwarten würde, ein Quartier von Arbeiterfamilien der unteren Schicht, eine Wohnung war dort recht billig. Allerdings war sie auch nicht schön gelegen und nicht sehr geräumig. Herbert Mandolf hatte sich nie um Geld gekümmert. Er hatte sich irgendwann seine Philosophie zurechtgelegt, angefangen zu schreiben und einen Verlag gefunden, der seine Geschichten und Gedichte druckte und auch seine Bilder zu Ausstellungen brachte und verkaufte. Er hatte sich nie pro Werk bezahlen lassen, man sollte ihm einfach genügend Geld geben, dass er seine Wohnung bezahlen und sich drei Mahlzeiten pro Tag leisten konnte. So war es geschehen, zum guten Profit des Verlags.
Ich erreichte seine Wohnung um halb vier Uhr, klopfte an, aber wie erwartet öffnete niemand.
Die Tür war nicht verschlossen, das war sie nie. Herbert Mandolf hätte gelacht, wenn ihm jemand gesagt hätte, dass auch in solche Wohnungen schon eingebrochen worden sei.
Und er hätte damit vielleicht sogar recht gehabt. Ich stellte mir vor, wie ein Räuber in Mandolfs Wohnung erschien und sagte: "Hände hoch!"
Herbert Mandolf hätte nur gelächelt, die Hände unten gelassen und ihm alles freiwillig gegeben, was der Räuber haben wollte. Er besass nicht viel, und er wurde von seinem Verlag unterhalten.
Die Wohnung war jetzt anders als noch vor ein paar Tagen. Es war dunkel, die Rollos waren heruntergelassen, so dass nur ein paar vereinzelte Lichtstrahlen den Staub in der Luft beleuchteten. Die Wohnung war leer und tot. Sie war nicht mehr vollständig ohne ihren Bewohner.
Herbert Mandolf fehlte der Wohnung sehr. Ich nahm die letzten drei Bilder in Augenschein, die er gemalt hatte. Zwei waren Bilder, die er im Park eingefangen hatte. Ein Teich mit zwei Enten. Ein Baum in voller Blüte. Das dritte jedoch zeigte eine dunkle, ja schwarze Stadt. Grosse Türme ragten in ihrem Zentrum auf, irgendwie schräg und verzogen. Die Häuser rundherum waren klein, gedrungen, als fürchteten sie sich. Auch bei ihnen stimmten die Proportionen nicht. Überall sah man in den Details unmögliche Windungen, wie im berühmten Eulerschen Dreieck, das sich in sich selbst schliesst, oder dem Wasserfall, der immer hinunterfliesst und trotzdem einen Kreis schliesst. Aber anders als bei jenen Darstellungen entwickelte dieses Bild Ekel, Abscheu, Übelkeit geradezu.
Alles war irgendwie falsch, verkehrt, in sich verdreht.
Das Bild konnte nicht von Herbert Mandolf sein, es durfte nicht! Und doch, in den winzigen Details konnte man ihn heraushören. Man erkannte den Pinselstrich hier und dort wieder. Und plötzlich der Gedanke: Trägt dieses Bild die Schuld an Mandolfs Tod?
Und dann der innerliche Schrei: "Ja!"
Mit ungetrübter Gewissheit.
Dieses Bild stammte von Herbert Mandolf und es war verantwortlich für seinen Tod. Es zeigte eine Erkenntnis auf, die Erkenntnis, dass die Welt nicht so war, wie er sie in jedem seiner Leben gesehen hatte. Eine Umkehr von Allem, was Mandolf kannte. Eine Abwendung vom Hellen ins Dunkel, vom Leben in den Tod. Und wie er sonst jeden Morgen auferstanden war, um neu ins Leben zu starten, war er in jener Nacht verstorben, um am neuen Tag in den Tod zu starten.
Ich verliess die Wohnung verwirrt, verwundert, unfähig, das Bild der dunklen Stadt zu vergessen.
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