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Marianne Zelger-Vogt, Neue Zürcher Zeitung (30.04.2007)
Massenets «Werther» in Luzern
«Wenn man diese Oper zum ersten Mal hört, klingeln vielleicht die Alarmglocken: Vorsicht! Sentimentalitätsfalle!» Stephan Müller, der dies im Luzerner Programmheft verlauten lässt, inszeniert Jules Massenets Goethe-Adaptation zum ersten Mal (nach dem Berner «Figaro» im letzten Herbst ist es seine zweite Arbeit im etablierten Opernrepertoire). In seinen verbalen Äusserungen deutet er die französische Musik zum deutschen Klassiker zwar positiv («keineswegs Kitsch»), auf der Bühne jedoch läuft er gerade deshalb in die «Sentimentalitätsfalle», weil er sie krampfhaft zu umgehen versucht.
Von Esther Bialas hat er sich einen holzverkleideten engen Guckkastenraum errichten lassen, der völlig unmöbliert bleibt und nur momentweise mit Videoeinspielungen - wiegende Äste, sich berührende Körper - überblendet wird. Dem leidenschaftlichen Liebesdrama wird eine kühle, nüchterne Ästhetik entgegengesetzt, die Figuren tragen formelle Fünfziger-Jahre-Kleidung (Mechthild Feuerstein) und bewegen sich steif, fast automatenhaft. Anekdotisches Beiwerk wie der Kirchgang und das Weihnachtsfest ist eliminiert, und selbst die Idylle im Haus des verwitweten Amtmanns (Gregor Dalal) erfährt eine Trübung, indem Sophie (Simone Stock), die zweitälteste der Töchter, zur Zigarette greift, sobald der Vater das Haus verlassen hat.
Realistik ist dieser Aufführung aber ebenso fremd wie Romantik, vielmehr bedient sie sich einer banalen Symbolik (der Apfel, den Charlotte gleich zu Beginn Werther zuwirft, wird quasi zum Leitmotiv), und am Schluss kippt sie ins Surreale: Charlotte, die sich aus Pflichtgefühl gegenüber ihrem Ehemann Albert (Howard Quilla Croft) zu spät zu ihrer Liebe bekennt, erlebt Werthers Selbstmord als albtraumhafte Vision. Doch nicht nur szenisch, auch musikalisch wird Massenets Oper aller Gefühlsüberschwang ausgetrieben. Da Tanja Ariane Baumgartner (Charlotte) und Jason Kim (Werther) ihre Stimmen permanent unter Hochdruck setzen, klingen sie hart und matt, und auch das Orchester kommt trotz grossem Einsatz nicht ins Schwingen. Obwohl von Müller als Kammerspiel anlegt, scheint «Werther» die Dimensionen des kleinen Luzerner Theaters zu sprengen.