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Man nannte Mokudo Taisen Deshimaru (1914 – 1982) den „Bodhidharma von heute“. Denn er hatte eine beeindruckende Persönlichkeit, praktizierte kompromisslos Zazen und pflanzte als Pionier das Samenkorn des authentischen Zen in einem neuen Land (in diesem Fall in Europa). Genau wie schon vorher sein Meister Kodo Sawaki bestand er darauf, der sitzenden Haltung, Zazen, große Bedeutung zuzumessen. Seine Unterweisung – unmittelbar, konkret und im alltäglichen Leben verwurzelt – ermutigte Schüler über das Denken hinauszugehen, (hishiriyo) keinen persönlichen Vorteil zu suchen (mushotoku) und der kosmischen Ordnung „natürlich, automatisch und unbewusst“ zu folgen.
Er wurde als Yasuo Deshimaru am 20. November 1914 in einem kleinen Dorf in der Nähe von Saga geboren. Seine Mutter war eine inbrünstige Buddhistin, sein Vater ein Geschäftsmann. Die gegensätzliche Weltsicht der beiden hinterließ ihre Spuren: schon in jungen Jahren betrachtete es der Junge als seine Bestimmung, den Widerspruch zwischen dem Spirituellen und dem Materiellen zu lösen.
Mit 18 Jahren traf er Kodo Sawaki und zwei Jahre später begann er mit ihm Zazen zu sitzen. Er sah den Meister regelmäßig, während er weiterhin das Leben eines Geschäftsmanns führte und später das eines Ehemanns und Vaters von drei Kindern. Mit der Zeit wurde er sein Schüler und über einen Zeitraum von dreißig Jahren entwickelte sich eine intime Beziehung zwischen beiden.
Deshimaru fragte Sawaki immer wieder nach der Mönchsordination und wurde immer wieder zurückgewiesen. Er wurde aufgefordert, einfach weiterhin Zazen zu praktizieren und ein aktives Laienleben zu führen. Sawakis Widerwillen sich in einem Tempel niederzulassen machte einen starken Eindurck auf Deshimaru, der selbst nie wie ein Mönch lebte. Einen Monat bevor er starb, bestellte Sawaki Deshimaru an sein Krankenbett und sagte: „Du musst nach mir weitermachen und Bodhidharmas Unterweisung weitergeben. Morgen werde ich aufstehen, um dich als Mönch zu ordinieren.“ Ein Jahr nach seinem Tod übergab Deshimaru seine Familie in die Obhut seines Sohnes und bestieg die Transibirische Eisenbahn in Richtung Frankreich.
Er traf 1967 in Paris ein, allein, ohne Geld, ohne ein Wort Französisch und das Einzige, das er besaß war sein Zafu, sein Kesa und das Kesa und die Notizbücher seines Meisters. Er hatte sich eine Einladung zu einer Makrobiotik-Gruppe verschafft, lebte im Hinterzimmer eines Naturkostladens, praktizierte jeden Tag Zazen und hielt sich über Wasser, indem er Massagen gab. Nach und nach begannen einige mit ihm zu sitzen und sein Ansehen wuchs. 1970 gründete er die Europäische Zen Vereinigung, aus der später die Internationale Zen Vereinigung (AZI) hervorging. Er veröffentlichte sein erstes Buch, Wahres Zen (Vrai Zen), und fing an, in Frankreich und anderen europäischen Ländern Vorlesungen zu halten. Als es sich herumsprach, dass ein echter Zenmeister in der Pernety-Straße lebte, kamen immer mehr Menschen, um mit ihm zu praktizieren. 1972 eröffnete er im 14. Arrondissement sein erstes Dojo und begann Ordinationen zu geben und Sesshins zu leiten.
Er verfolgte seinen Auftrag mit einer ungeheuren, nicht nachlassenden Energie, suchte stets danach, Tradition und Moderne, Wissenschaft und Spiritualität, Ost und West zu versöhnen und kehrte immer wieder zur Essenz der Unterweisung, die er von seinem Meister erhalten hatte, zurück. Er hatte außergewöhnliches Charisma, eine große Einfachheit mit einem Sinn für Humor, die nicht nur Anhänger und Schüler anzog, sondern auch einige der interessantesten Wissenschaftler, Künstler, Philosophen und Politiker seiner Zeit.
Deshimarus engste Sangha bestand überwiegend aus freidenkenden jungen Leuten, die nicht immer leicht zu disziplinieren waren, die aber voller ungezähmtem Enthusiasmus und vom Anfängergeist beseelt waren. Sie veröffentlichten Bücher zusammen, betrieben ein Restaurant und einen Laden, organisierten Sesshins und Sommercamps und eröffneten über hundert Dojos in Europa und Nordamerika. 1980 gründete er den Zen-Tempel La Gendronnière im französischen Loire-Tal, der das Zentrum seiner Mission und ein Treffpunkt für seine Schüler wurde. Diese reiften zu richtigen Mönchen und Nonnen heran und viele wurden selber Lehrer.
Deshimaru erlebte schwierige Beziehungen zu den offiziellen Japanischen Zen-Autoritäten (Sotoshu) und den Haupt-Zenschulen in den Vereinigten Staaten. Bei den ersteren kritisierte er deren Formalismus, bei den anderen die Vermischung von Soto und Rinzai Zen. Während sein Beitrag zur Verbreitung von Zen heute in Japan anerkannt wird, ist er in den Vereinigten Staaten immer noch unpopulär oder bestenfalls unbekannt. „Man kann mich wegen vieler Dinge kritisieren,“ sagte er einmal, „ aber sie werden nie etwas über Zazen sagen können. Jeden Morgen und jeden Abend bin ich mit euch im Dojo.“
Anfang 1982 wurde bei ihm Krebs diagnostiziert. Trotzdem fuhr er fort, mit seinen Schülern im Frühling zu praktizieren. Seine letzten Worte, bevor er zur medizinischen Behandlung nach Japan zurückkehrte, waren: „Bitte macht weiter Zazen.“ Er starb am 30. April 1982.
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