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Aby Warburg
Als geradezu paradigmatisch für die Wechselwirkung von Zusammenbruch und Durchbruch kann das Forscherleben des Kunsthistorikers und Kulturanthropologen Aby Warburg gelten. Nicht lang vor der Wende zum 20. Jahrhundert geboren, erforschte er die kulturellen Fundamente Europas und erlitt kurz nach dem Ersten Weltkrieg einen Nervenzusammenbruch, mit dem er in die schweizerische Klinik Bellevue eingeliefert wurde. Nach Jahren der Krankheit und einer geheimnisvollen Verwandlung, entkam er der Psychiatrie wieder, im Gepäck den Entwurf einer radikal neuen Bildtheorie.
Das Schlangenritual
Am 21. April 1923 hält Aby Warburg in der Klinik «Bellevue» seinen Vortrag über das «Schlangenritual» der Hopi Indianer. Ein Vortrag, der ihm selbst zum Schlangenritual gerät, um sich und der geladenen Zuhörerschaft aus Patienten und Ärzten zu beweisen, dass er «in die Normalität beurlaubt» werden kann. Nach dreieinhalb Jahren Aufenthalt in der Klinik hat er den Entwurf einer radikal neuen Bildtheorie im Gepäck. Sie bildet eine der Grundlagen für seinen Mnemosyne-Atlas, jenes transitorische Tafelwerk, das in der Zwischenzeit zu einem Mythos der modernen Kunstwissenschaft und zum Basisprogramm der Bildwissenschaft avanciert ist.
Warburg, Woolf, Žižek
Warburgs Passage ist uns Anlass, darüber nachzudenken, wie wir uns schöpferische Prozesse vorstellen können. Welcher Räume, Zeiten, Aufmerksamkeiten sie bedürfen. Virginia Woolf, genaueste Kennerin solch selbstgefährdender Verfahren, sagt, dass es Gegenden im menschlichen Herzen gibt, in die erst der Schmerz eintreten muss, damit sie existieren. Gegenden, von denen Slavoj Žižek sagt, dass uns aus ihnen Freiheit zuwachsen könne. Und zwar nur aus ihnen.