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Michael Wälti
Rhetorik: Wie wir ein Zitat effektvoll einbauen (Chrie)
Aktualisiert: 25. Apr.
In diesem Blog zeige ich euch einige Ideen, wie wir Zitate in unserem Public Speaking, beim Präsentieren oder bei Keynotes einsetzen, damit sie die Gedanken eures Publikums an neue Ufer transportieren.
Als ich noch ins Gymnasium ging, war ich ziemlich ratlos, was aus mir werden sollte. Ich hatte Schwerpunktfach Biologie & Chemie gewählt, nur weil mein Vater in der Forschung im Bereich Immunologie arbeitete und mein Bruder ebenfalls die beiden Fächer studiert hatte. Ausserdem konnte ich so an das Gymnasium Hofwil, etwa 500 Meter von meinem damaligen Zuhause entfernt.
Der "Höfu", wie wir ihn nannten, lag ausserhalb von Münchenbuchsee idyllisch auf einem ländlichen Hügel, umgeben von 2 Bauernhöfen, einer alten Villa und einem noch älteren Römerbad. Die Schule war bekannt für ihre künstlerische Ausrichtung: Musik, bildnerisches Gestalten und auch Sport. Dort war ich nicht der einzige 16-Jährige auf der Suche nach Identität und Bedeutung. In gut gemeinten Sozialisierungsversuchen wechselten mein Kleidungsstil und meine Frisur alle 6 Monate radikal.
Auch im zweiten Jahr war ich nicht weiser. Ich stiess aber auf das folgende Zitat von John Lennon:
"Lift is what happens to you while you are busy making other plans."
Kennt ihr das, wenn euch ein Satz mitten ins Mark trifft? Wenn ein Zitat unmittelbar das ausdrückt, was bis anhin nur eine wortlose Ahnung war?
Dieser Satz traf meine Gefühle in mehreren Bereichen: Das Gefühl, dass man doch dem Leben aufgeliefert war, auch wenn man planen wollte. Ich wollte offen sein für das, was kommt und nicht steif an Vorstellungen festhalten. Manchmal musste man loslassen, was zuerst als eine gute Idee erschienen war. Diese und weitere Gedanken gingen mir durch den Kopf. Das Zitat gefiel mir so gut, dass ich es mit schwarzem Filzstift auf meine Schultasche aufschrieb und es stolz umherzeigte.
Sollte ich nun ein Zitat über die damalige Situation anfügen:
"Die grösste Macht hat das richtige Wort zur richtigen Zeit."
- Mark Twain, US-amerikanischer Schriftsteller (1835 – 1910)
So ein Wort kann also inspirieren, Gewohnheiten aufbrechen oder Emotionen auslösen. Genau deshalb sollten wir Zitate in unseren Präsentationen verwenden. Das richtige Zitat zur richtigen Zeit.
Weitere Gründe für Zitate
Oberflächlich wirken Zitate intellektuell. Sie zeigen, dass wir uns mit Worten oder philosophischen Themen auseinandersetzen. Da wir eine direkte Verbindung mit einer Person schaffen, welche in den meisten Fällen einen höheren Status (höheres Ansehen in der Gesellschaft) als wir selbst geniesst, erhalten wir dadurch mehr Autorität.
Wir können aber auch Mitarbeiter:innen oder jegliche andere Menschen zitieren, wenn der Zusammenhang stimmt. In jedem Fall wird dadurch unsere eigene Aussage verstärkt.
Zitate lenken ausserdem die Aufmerksamkeit von uns selbst ab. Damit ordnen wir uns unter und zeigen, dass wir nicht nur unsere eigene Meinung berücksichtigen.
Letztlich sind Zitate auch ein Mittel, wie wir die Dramaturgie und das Tempo in einer Präsentation ändern können. Nach dem wir das Zitat geteilt haben, lassen wir einige Momente in Stille verstreichen. Das kreiert Ruhe und zu gleich Spannung, was als nächstes kommt. Die Zuhörer:innen werden auf sich selbst und ihre eigenen Gedanken zurückgeworfen.
Wie wir Zitate einbauen
Wir haben dazu drei Möglichkeiten:
1. Wir lernen das Zitat auswendig und rezitieren es.
2. Wir lesen es vor einer Karte vor.
3. Wir nutzen Powerpoint und projizieren es.
Sagen wir es auswendig auf, müssen wir unsere Hausaufgaben machen und es präzise auswendig lernen, damit wir auch bei Nervosität das Zitat selbstsicher ohne ohne "ähm" und "ööö" wiedergeben können. Ich empfehle das nur bei kurzen Zitaten (max. 1 - 2 Sätze).
Längere Zitate können wir vorlesen. Leider müssen wir dabei den Augenkontakt zum Publikum brechen, weshalb ich diese Methode selten verwende.
In der dritten Variante nutzen wir Powerpoint, um das Zitat zu projizieren. Dann sollten wir es nicht vorlesen, sondern wir gehen wie folgt vor:
1. Wir blenden das Zitat ein, wenden uns selbst dem Zitat zu, lesen es durch und lassen es in uns selbst für einige Momente wirken.
2. Danach drücken wir auf "B" für Blackscreen oder wechseln zu einer schwarzen Folie und sprechen über den Inhalt (siehe unten).
Optisch wähle ich am liebsten einen schwarzen Hintergrund mit weisser Schrift. Das wirkt dann wie "das Licht im Dunkel" und spricht mich persönlich mehr an als schwarze Schrift auf weissem Hintergrund. Das sieht bei mir so aus.
Was wir über das Zitat sagen können
In der klassischen Rhetorik wird dazu das Schema der "Chrie" verwendet. Dieses sieht etwa so aus:
1. Erst loben wir der oder die Autor:in und heben deren oder seine Bedeutung hervor.
2. Wir nennen oder zeigen das Zitat.
3. Wir führen aus, wieso dieses Zitat denkwürdig ist.
4. Stellen wir die Aussage auf den Kopf (das Gegenteil der Aussage) und zeigen so die weiterführende Bedeutung.
5. Vergleichen wir die Aussage mit einer anderen Sachlage.
6. Nennen wir ein Beispiel, wie es sich mit unserer Erlebniswelt verknüpft.
7. Verwenden wir ein weiteres Zitat, welches unser erstes Zitat unterstützt.
8. Wir fassen nochmals zusammen.
Wie wir sehen, können wir mit der Chrie aus einem Zitat eine ganze Rede entstehen lassen. Dies sprengt jedoch meist den Rahmen, den wir für den Alltag benötigen. Darum hier einige Schemen für verschiedene Längen.
Kurze Version
Ich nehme ein Zitat von Albert Einstein:
"Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt."
Minimale Version:
1. Über den Autor: Wir nennen den oder die Autor:in mit Namen. Kennt unser Publikum diese Person schon, brauche ich nicht zu loben oder viel zu erzählen. Wir alle wissen, wie bedeutungsvoll Einstein war. Kennt das Publikum die Person nicht, dann sprechen wir darüber, weshalb diese Person wichtig für unser Thema oder für die Welt war. Achtung: Jedes Publikum ist anders. Wir müssen uns gut überlegen, wie viel unser Publikum wirklich über den oder die Autor:in weiss.
2. Zitat präsentieren: Wir präsentieren das Zitat mit einer der drei oben genannten Varianten: auswendig, vorlesen oder Powerpoint.
3. Begründung der Auswahl: Was ist mein persönlicher Bezug zu diesem Zitat? Wieso hat es mich bewegt? Wie hängt es mit meinem Thema zusammen?
Wir sollten darauf achten, keine allgemeinen Informationen zu erzählen, welche jede Person schon weiss. Unser persönlicher Bezug ist häufig interessanter als Allgemeinposten. Wir müssen nicht mehr hören, dass Albert Einstein ein genialer Physiker war, welcher die Relativitätstheorie begründet hat. Spannender wäre z.B., dass ich als Kind immer Atomkraftwerk gespielt habe und mein Vater dann mal ein Bild von Einstein an das Spiel-Kraftwerk gehängt hat – nur so als Beispiel. Das bietet visuellen Inhalt (aktiviert das Kopfkino der Zuhörer:innen) und emotionale Bezüge, die mehr bewegen als Wikipedia-Informationen.
Statt dem persönlichen Bezug, könnten wir alternativ noch weniger Bekannte, überraschende Informationen heraussuchen, wie beispielsweise, dass Albert Einstein an Gott geglaubt hat.
Mittlere Version
Zu Punkt 1 – 3 fügen wir folgenden Punkt an:
4. Bezug zur Erlebniswelt des Publikums: Wir wollen aufzeigen, wo, wann und wie wir das Zitat erleben. Wir nennen dazu ein Beispiel aus der Gesellschaft oder, noch besser, aus unserem persönlichen Leben.
Lange Version
Wollen wir dem Zitat noch mehr Raum geben, dann fügen wir noch drei weitere Punkte dazu:
5. Umdenken: Wir drehen das Zitat ins Gegenteil um und belegen so noch verstärkt die Bedeutung.
6. Verstärken: Wir suchen eins oder mehrere weitere Zitate von anderen Persönlichkeiten mit gleichem oder ähnlichem Inhalt.
7. Beenden: Wir fassen nochmals zusammen, weshalb uns diese Aussage so bewegt hat.
Hier ein Beispiel
Anhand des Zitats von Albert Einstein: "Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt."
1. Über den Autor sprechen: Das folgende Zitat stammt von Albert Einstein. Obwohl er als Wissenschaftler bekannt war, hat er abgestritten, dass grosse Entdeckungen alleine durch Wissen entstehen.
2. Zitat präsentieren: "Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt."
3. Begründung der Auswahl: Tatsächlich musste ich in meiner eigenen Arbeit dasselbe feststellen. Jahrelang habe ich mir Wissen angeeignet, was eine gute Rede ausmacht. Dieses Wissen kreiert aber nur ein Gerüst. Eine Rede, die nur darauf basiert, wirkt konstruiert und steril. Wissen hat noch kein Herz. Deshalb musste ich mich danach anderer Mittel bedienen, um weiterzukommen. Ich musste kreativ werden, meine Fantasie benutzen, Wissen neu zusammensetzen und umdenken. So entstanden dann aufregende Ansprachen. Dies an meine Kund:innen weiterzugeben, war die nächste Herausforderung.
4. Bezug zur Erlebniswelt des Publikums: Wer von euch hat denn eine besondere Fähigkeit auf einem Gebiet? Gibt es Ärzte unter euch? Stellen wir uns eine Hirnchirurgin vor. Diese muss jahrelang studieren, bis sie operieren darf. Wird es aber jemals eine OP geben, die genauso verläuft, wie sie im Textbuch steht? Nein. In jeder Operation muss die Chirurgin ihr Wissen kreativ an neue Herausforderungen anpassen. Mit ihrer Fantasie. Wissen ist begrenzt. Kennt ihr andere Berufe, in denen das wichtig ist?
5. Umdenken: Stellen wir uns vor, unsere Fantasie wäre begrenzt. Wie hätten wir jemals herausfinden können, dass die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Wir sehen jeden Tag, wie da eine helle Kugel aufsteigt, wie sie durch den Himmel zieht und am anderen Ende versinkt. Ohne Vorstellungskraft und Neugier wäre uns das verborgen geblieben, dass die Erde die Sonne umkreist und nicht umgekehrt, wie uns das täglich vorgetäuscht wird.
6. Verstärken: Marie von Ebner-Eschenbach sagte über die Fantasie: "Ohne Fantasie keine Güte, keine Weisheit". Ohne Fantasie ist keine Weisheit möglich. Damit stimmt sie mit Albert Einstein überein. Weisheit besteht also nicht nur aus Wissen.
7. Zusammenfassen: Wir müssen also überlegen, wie viel Zeit wir in das Anhäufen von Wissen investieren wollen und wie viel in das Spiel, das Ausprobieren und das Tagträumen. Wenn ich nun mit meinen Klient:innen arbeite, vermittle ich zwar Wissen, aber viel wichtiger ist noch, dass ich den Funken ihrer Fantasie zu zünden vermag. Dann werden ihre Ansprachen die Fantasie des Publikums ebenfalls beflügeln.
Nun hoffe ich, dass dieser Blog euch dazu beflügelt, Zitate in euren Ansprachen so einzusetzen, dass sie eine möglichst starke Wirkung entwickeln.
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