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Monika Niederberger erinnert sich noch genau an den letzten Abend mit ihrem Bruder. Es war im Januar 2000, und Bruno Manser war mit seiner Freundin zu ihr nach Aesch BL gekommen, um sich zu verabschieden. «Das hat er vor früheren Reisen nie getan», erzählt die 55-jährige Hausfrau und Mutter dreier erwachsener Kinder. «Doch diesmal machte er eine richtige Abschiedstour zu Freunden und Verwandten – als ob er geahnt hätte, dass er nicht mehr zurückkehren wird.»
Eine solche Ahnung beschlich an jenem Abend auch Mansers Mutter. «Brunos Freundin erzählte uns, dass sie schon zwei ihrer Partner verloren habe», erinnert sich Niederberger. «Als meine Mutter das hörte, dachte sie: was zweimal geschieht, geschieht auch dreimal.» Als Manser dann später im Jahr 2000 spurlos im Dschungel von Sarawak verschwand, gestand sie ihrer Tochter, dass sie sowas schon befürchtet hatte.
Es gab gute Gründe, sich um den damals 46-jährigen Basler Ökoaktivisten zu sorgen. In Malaysia galt er als Staatsfeind, die Regierung hatte in den späten 80er-Jahren sogar ein Kopfgeld von 50 000 Dollar auf ihn ausgesetzt, um seinem Kampf gegen die Holzindustrie einen Riegel zu schieben. Im Jahr 2000 konnte er nur illegal über die grüne Grenze vom indonesischen Teil Borneos aus einreisen. Versuchte seine Familie nicht, ihn davon abzuhalten? Monika Niederberger lächelt etwas wehmütig. «Nein, es war uns allen klar, dass das nichts gebracht hätte. Bruno ging immer unbeirrt seinen Weg.»
Grosses Lob für den Film
Wie es dazu kam, dass Manser sich erst auf Borneo und später von der Schweiz aus für das indigene Penan-Volk und gegen die Abholzung in Malaysia engagierte, erzählt der Film «Bruno Manser – die Stimme des Regenwaldes», der diese Woche in den Kinos anläuft. Die für Schweizer Verhältnisse äusserst aufwendige Produktion beginnt bei seiner Ankunft 1984 im Dschungel von Sarawak und endet mit seinem Verschwinden im Frühling 2000.
«Ein toller Film», sagt Monika Niederberger, die vor der Produktion mehrere Drehbuchfassungen zu lesen bekam. Besonders Hauptdarsteller Sven Schelker gefällt ihr. «Bruno ist sehr gut getroffen, in einigen Einstellungen sieht Schelker ihm sogar erstaunlich ähnlich.» Auch sonst sei der Film nahe an der Realität, findet sie. Die Liebesbeziehung mit einer Penan allerdings ist fiktiv. «Bruno hat uns gegenüber immer gesagt, dass es so etwas nie gegeben habe. Aber ich verstehe, dass das für den Film dramaturgisch hilfreich ist.»
Monika Niederberger ist das jüngste von sechs Kindern des Ehepaars Manser; ihr Bruder war der viertälteste und bereits zehn, als sie 1964 geboren wurde. «Trotzdem hatten wir ein enges Verhältnis – als Zwölfjähriger verfasste er in der Schule sogar einen Aufsatz über mich.» Im selben Jahr schrieb er in einem anderen Aufsatz, wie er sich seine Zukunft vorstellte: «Wenn ich gross bin, möchte ich einen Beruf haben, der mit der Natur zu tun hat. Zum Beispiel Naturforscher. Mein Beruf sollte ein wenig abenteuerlich sein! Könnte ich nur einmal nach Sumatra, Borneo und Afrika und dort im undurchdringlichen Dschungel zwischen Gorillas, Orang-Utans und anderen Tieren wie ein Höhlenbewohner hausen!»
Es scheint, als wäre ihm sein Engagement schon in die Wiege gelegt worden. «Bruno war immer sehr neugierig, liebte die Natur und hatte geradezu einen sechsten Sinn für Spuren im Wald oder in den Bergen. Wenn er einen Stein hochhob, fand sich darunter fast immer etwas Interessantes.» Ausserdem war er handwerklich sehr begabt, er konnte auch schlachten und käsen, kannte sich gut aus mit Heilkräutern. All das hatte er in Kursen auf Alpweiden gelernt, wo er jeweils im Sommerhalbjahr als Senn und Käser tätig war. «Ich verbrachte dort oft meine Sommerferien bei ihm.» Eine richtige Wohnung hatte er nicht – wenn er nicht in den Bergen war, kam er da und dort bei Freunden unter. «Im Grunde lebte er schon vor seiner Zeit bei den Penan ein bisschen wie ein Nomade.»
Der Reiz des unerforschten Volks
Nachdem 1984 sein Hund gestorben war, wollte Manser sich den langgehegten Traum erfüllen, auf Reisen zu gehen und zu sehen, wie ein ursprüngliches Volk lebt. «Die Penan suchte er sich aus, weil es praktisch keine Informationen über sie gab. Sie waren nahezu unerforscht.»
Als er Richtung Borneo aufbrach, rechnete die Familie nicht damit, dass er so lange wegbleiben würde, aber der Kontakt riss nie ab. «Er schickte Briefe oder besprochene Tonbandkassetten. Alle zwei, drei Monate gab es ein Lebenszeichen.» Und obwohl er als Nomade bei den Penan lebte, erreichten ihn auch die Nachrichten seiner Familie. «Es gab Leute, die die Briefe bis zu ihm in den Dschungel brachten.» Später, als die Regierung ihn zum Staatsfeind erklärt hatte, mussten sie die Briefe über einen Mittelsmann schicken.
Wie heikel die Lage dort für ihn war, begriff die Familie erst, als Manser 1990 in die Schweiz zurückkehrte. Nun versuchte er, von hier aus öffentlichen Druck für seinen Kampf um den Lebensraum der Penan aufzubauen. Er gründete den Bruno-Manser-Fonds, der seine Arbeit bis heute weiterführt. «Es war schön, ihn wieder hier zu haben, und ich half auch ab und zu beim Fonds mit.»
Aber Mansers Fokus lag so stark auf seinem Kampf, dass für anderes kaum Zeit blieb. «Wir erfuhren über die Medien mehr über ihn und seine Arbeit, als wenn wir ihn trafen», erinnert sie sich. «Bei uns war er dazu immer eher schweigsam, worüber ich mich damals auch ärgerte. Später realisierte ich, dass er im Kreis der Familie wohl einfach nicht auch noch mit diesem Thema konfrontiert sein wollte, wo er sich doch sonst mit kaum was anderem beschäftigte.»
Seine Spur verlor sich im Dschungel
Das letzte Lebenszeichen des Bruders erhielten sie im Mai 2000: eine Postkarte aus Borneo an die Mutter. Doch es dauerte einige Zeit, bis der Familie klar war, dass etwas passiert sein musste. «Er hatte vor, im August an einer grossen öffentlichen Demonstration in Sarawak teilzunehmen. Als er dort nicht auftauchte, begannen wir, mit der Hilfe des Fonds und seiner Freunde vor Ort nachzuforschen.» Auch die Penan suchten – und fanden einige Spuren: Reste eines Lagerfeuers, mit einem Buschmesser geschlagene Pfade. Aber dann verlor sich seine Spur.
Erst gegen Ende 2000 wandte sich die Familie an die Medien. Doch auch das brachte nichts – Bruno Manser blieb verschwunden. 2005 wurde er offiziell für verschollen erklärt. Man geht allgemein davon aus, dass er nicht mehr lebt. Auch Monika Niederberger hält das für sehr wahrscheinlich. «Vielleicht hat ihn die Regierung doch noch erwischt. Aber der Dschungel ist auch sonst ein gefährlicher Ort – die Penan sind dort immer mindestens zu zweit unterwegs.»
Niederberger hat den Regenwald mittlerweile selbst erlebt. Mit ihrem Mann und dem jüngsten Sohn reiste sie 2010 auf den Spuren ihres Bruders durch Sarawak, traf dabei auf Penan, die Manser gekannt hatten. «Das war schon sehr eindrücklich. Ich habe endlich verstanden, was ihn dort so sehr anzog.» Aber dafür sein Leben zu geben? War es das wirklich wert? «Ich glaube, Bruno hätte diese Frage bejaht. Er sagte mir mal: Es gibt Leute, die werden 80 und haben nicht viel vom Leben gesehen. Ich hatte ein so erfülltes Leben – wenn ich gehen muss, dann ist das halt so.»
«Bruno Manser – die Stimme des Regenwaldes» läuft ab 7. November in den Kinos.