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Verzögerter Todeseintritt nach Einnahme von Natrium-Pentobarbital
Presentation - Sep 5, 2020
Kissling Steffen, Blum Simon, Beyer Jochen, Moosmann Björn, Hausmann Roland
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Die Sterbebegleitung und Suizidassistenz durch Exit ist in der Schweiz etabliert und die Zahlen der Vereinsmitgliedschaften sowie der „Freitodbegleitungen“ steigend. Gegenüber anderen Suizidmethoden gilt die Einnahme einer hohen Dosis Natrium-Pentobarbital (NaP), insbesondere in der Kombination mit einem Prokinetikum, als sicher.
Im vorliegenden Fall hat ein 83-jähriger Mann eine Sterbebegleitung durch Exit aufgrund von Einsamkeit und Angst vor Verlust der Autonomie in Anspruch genommen, nachdem diesbezüglich in einem psychiatrischen Gutachten die „volle Urteilsfähigkeit“ bescheinigt worden war. Gemäss Freitodprotokoll seien um 18:10 Uhr die orale Einnahme von 30 Tropfen Metoclopramid (MCP) und 12 Minuten später von 15 Gramm NaP erfolgt. Um 18:24 Uhr ist „Einschlafen“ vermerkt, wobei Lebenszeichen weiterhin bis zum Folgetag gegen 12:45 Uhr feststellbar gewesen seien. Das IRM St. Gallen wurde zunächst zur Legalinspektion aufgeboten und aufgrund der ungewöhnlich langen Latenz zwischen Medikamenteneinnahme und Todeseintritt mit der Autopsie sowie forensisch-toxikologischen Analysen beauftragt.
Im Rahmen der Legalinspektion konnten vollständig geleerte Medikamentenfläschchen, keine Hinweise auf ein Erbrechen der eingenommenen Substanzen und eine zu übrigen Todeszeitparametern diskrepant niedrige Körpertemperatur festgestellt werden. Die Autopsie ergab keine wesentlichen Verletzungen, einen mit unverdauten Speiseresten gefüllten Magen (350 ml), Herzvorerkrankungen und keine Zeichen längerer Hypoxie des Gehirns in der Histologie. In den forensisch toxikologischen Untersuchungen konnte 10 mg/L NaP und ca. 7.3 µg/L MCP im peripheren Blut und 12 mg/L NaP im Herzblut nachgewiesen werden (MCP im Herzblut nicht untersucht). Ferner wurden im Mageninhalt NaP nachgewiesen. Weitere Subtanzen mit zentral-nervöser Wirkung wurden in keinem Asservat nachgewiesen. Basierend auf den NaP-Blutkonzentration ergaben sich keine Hinweise für eine relevante postmortale Umverteilung und die nachgewiesenen Konzentrationen stehen im Einklang mit den in der Literatur bei Exit-Fällen publizierten Werten.
In Zusammenschau der Untersuchungsergebnisse liess sich eine Magenpassagestörung ohne mechanisches Hindernis, trotz Einnahme und Nachweis von MCP ableiten. Aufgrund der Analysenergebnisse gab es keine Hinweise auf eine minderwertige Arzneimittelqualität oder unvollständige Aufnahme des NaP. In der Literatur konnte ein weiterer Fall mit einer Latenzzeit von 30 Std gefunden werden, wobei ebenfalls autoptisch keine Erklärung festgestellt werde konnte. Die aussergewöhnlich lange Latenz zwischen dessen Aufnahme und Tod ist bemerkenswert und war anhand der vorab erfolgten Abklärungen durch die Sterbehilfeorganisation und Ärzte nicht vorhersehbar.