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Als Gemperle Uniformen schneiderte
Briefgeschichten Die Oltner Kleiderfabrik Alfred Gemperle war auch stark im Schneidern von Uniformen. So stand 1947 der Auftrag einer Harmoniemusik an, weshalb Gemperle bei der Firma Agru je 200 grosse und kleine alt-versilberte Knöpfe mit einem Musiksymbol bestellte.
Von: Urs Amacher
Die Empfängerin der Karte, die Agru-Knopffabrik, hatte im 19. Jahrhundert als «Secklerei, Kappenmacherei und Huthandlung» in Basel begonnen, bevor der Unternehmensgründer Arthur Grunauer sich auf das Geschäft mit Uniformausrüstungen spezialisierte und die Manufaktur nach St. Sulpice am Genfersee verlegte.
Die Geschichte der Firma Gemperle wiederum beginnt in den goldenen zwanziger Jahren. 1923 war eben ein guter Zeitpunkt, um eine neue Kleiderfabrik zu gründen. Nach wie vor war die Einfuhr von Kleidern kontingentiert; und durch die Revision des Schweizer Zolltarifs 1921 waren die Importzölle eben erst noch erhöht worden. Deshalb machte sich der 36-jährige Alfred Gemperle im Januar 1923 selbstständig und bezog mit seiner eigenen Firma ein Haus an der Aarburgerstrasse.
Vom Bauernknecht zum Fabrikanten
Alfred Gemperle stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Er wurde am 28. Dezember 1887 als Sohn einer neunköpfigen Bauernfamilie im Toggenburger Dorf Mogelsberg geboren. Seine Eltern waren finanziell nicht in der Lage, das Lehrgeld aufzubringen, welches nötig gewesen wäre, um ihn eine Lehre machen lassen zu können. So verdingte sich Alfred Gemperle nach der Schulzeit zuerst bei Bauern als Knecht. Er sparte sich das Lehrgeld zusammen und schaffte es nachträglich, den Beruf eines Schneiders zu erlernen. Anschliessend arbeitete er in einigen Uniformen- und Konfektionsfabriken in der Schweiz und im Ausland, zuletzt bei der Firma Kleider Frey in Wangen.
Aus jener Zeit wird eine charakteristische Geschichte erzählt. Ein junger Arbeiter hatte ein ansehnliches Stück Stoff falsch zugeschnitten, so dass es unbrauchbar war. Deshalb zog ihm die Firma Frei das Geld für den Schaden vom ohnehin kleinen Lohn ab. Alfred Gemperle fand diese Strafe ungerecht und zahlte den Betrag aus seiner Tasche. Dies wiederum brachte ihm eine scharfe Rüge von der Firmenleitung ein. Daraufhin gab es für ihn kein Halten mehr bei der Wangner Kleiderfabrik.
Auf Anfang 1923 erwarb Gemperle ein Haus an der Aarburgerstrasse 95 und begann, vorerst mit nur sechs Angestellten, auf eigene Rechnung Herrenkleider zu produzieren. Sein Optimismus wurde belohnt. Bereits zwei Jahre später errichtete er einen Anbau und erweiterte den Betrieb, so dass das Oltner Unternehmen 60 Personen beschäftigte.
Doch bald machte sich wieder Raummangel bemerkbar. Deshalb kaufte Alfred Gemperle die ehemalige Liegenschaft Schenker an der Aarauerstrasse 24 in Olten. Die vom Schuhfabrikanten Adolf Schenker 1886 erbaute Vorstadtvilla «Erica» bezog der Patron mit seiner im Toggenburg geborenen Gattin Katharina Koller sowie den vier Söhnen und zwei Töchtern. Im Garten hinter der Villa liess Gemperle 1927 durch den Architekten Constantin von Arx einen Fabrikneubau für 100 Beschäftige hochziehen. In mehreren Etappen wurde das Unternehmen von 1936 bis 1943 erweitert, sodass der Betrieb nun Platz für 200 Arbeitskräfte bot. Als Spezialität verfertigt die Firma Gemperle von jeher feine Herren-Massanzüge und Mass-Konfektion, sowie sämtliche Uniformen.
Damit zählte das Unternehmen A. Gemperle & Co. zu den grössten Mass- und Konfektions-Herrenschneidereien der Schweiz und etablierte sich – neben der 1909 durch Victor Frey in Wangen begründeten Firma Kleider Frey – als zweite wichtige Konfektionskleiderfabrik der Region.
Der von Degersheim im Kanton St. Gallen gebürtige Alfred Gemperle war ein guter Katholik. Bevor am 23. August 1953 mit der Marienkirche eine römisch-katholische Kirche auf der rechten Aareseite eingeweiht werden konnte, stellte Gemperle jahrelang Räume seiner Kleiderfabrik als Gottesdienstlokal und Kindergarten zur Verfügung.
1955 erkrankte Alfred Gemperle-Koller und verstarb am 25. Februar 1958 in seinem 71. Lebensjahr.
Abenteuer mit Migrosgründer Duttweiler
Der Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler wollte sein bekanntes Konzept von tiefen Margen und grossem Umsatz auch beim Handel mit Herrenkleider anwenden. Dazu baute er allerdings kein eigenes Ladennetz auf. Vielmehr suchte er die Kooperation von Kleiderläden und Fabrikanten in einer Genossenschaft, an welcher sich auch die Kunden mit Anteilscheinen beteiligten.
Am 4. Februar 1944 wurde die «Kleider-Gilde» offiziell gegründet. Mit dabei waren zu Beginn siebzehn Detaillisten und sieben Fabrikanten. Gottlieb Duttweiler und Alfred Gemperle waren die Zugpferde. «Dutti» übernahm das Präsidium, Alfred Gemperle amtete als Vizepräsident. Ans Genossenschaftskapital steuerte Duttweiler 4000 Franken bei, Gemperle 3800, die Firma Tschopp 1000, Alfreds Sohn Bruno Gemperle 200 Franken. Jacques Charles Klaus, der Prokurist von Gemperle, wurde Geschäftsführer der «Kleider-Gilde». Die Firma A. Gemperle Olten samt ihren zwei Ableger-Fabriken in Fischingen und Lugano wurde zum wichtigsten Fabrikanten und lieferte zu den besten Zeiten fast 50 Prozent der Ware.
Die «Kleider-Gilde» wurde von den andern heftig bekämpft; sie hatte aber auch von Anfang an mit hausgemachten Problemen zu kämpfen. Als auch noch Dutti das Interesse immer mehr verlor, waren die Tage der Genossenschaft gezählt. Am 12. November 1949 beschloss die Genossenschaft die Auflösung der «Kleider-Gilde».
Das Abenteuer ging Gemperle an die Substanz; er musste mit Banken und anderen Hauptgläubigern ein Stillhalte-Abkommen treffen, auch Umstrukturierungen vornehmen.
Nach Alfred Gemperles Tod übernahmen seine Söhne das Unternehmen. Schliesslich konnte aber auch diese Textilindustrie am Standort Olten nicht überleben. Im Sommer 1961 schloss die Fabrik ihre Tore, und am 27. August 1965, nachdem das Konkursverfahren abwickelt war, wurde Firma A. Gemperle in Olten infolge Aufgabe des Geschäfts aus dem Handelsregister gelöscht.
Bereits im Februar 1962 erwarb die Stadt Olten die Gemperle-Fabrik für 1,2 Mio. Franken und benutzte sie für die Gewerbliche Berufsschule. Das Fabrikgebäude wurde, ebenso wie die meisten Häuser der Apostelgasse, zugunsten des 1980 eingeweihten Berufsschulhauses abgerissen.