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Häusliche Gewalt aus Sicht von Kindern und Jugendlichen
Zusammenfassung der Resultate
Im Kanton Zürich wurden im Jahr 2004 insgesamt 1405 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 9 und 17 Jahren mit zwei altersgerechten Fragebogen schriftlich befragt. Zudem wurden 29 von häuslicher Gewalt betroffene Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 8 und 18 Jahren und deren Mütter interviewt sowie Mitarbeiterinnen von Frauenhäusern und Opferhilfestellen in den Kantonen Bern, Luzern und Zürich.
Teil 1: Ergebnisse der schriftlichen Befragung im Kanton Zürich
Wissen und Vorstellungen über häusliche Gewalt: Kinder und Jugendliche wissen mehr über häusliche Gewalt als Erwachsene denken. 80% der SchülerInnen gaben an, schon einmal von Gewalt in Elternbeziehungen gehört zu haben. Es fällt auf, dass Mädchen auf allen Altersstufen ein grösseres Bewusstsein für die Problematik haben als Jungen. Medien führen die Hitliste der Informationsquellen an, gefolgt von Informationen aus dem näheren sozialen Umfeld, den FreundInnen und der Mutter. Die Rolle der Schule als Wissensvermittlerin ist marginal: sie rangiert bei den Schweizer SchülerInnen an zweitletzter Stelle, während sie bei den englischen SchülerInnen an zweiter Stelle steht. Das Wissen der SchülerInnen beschränkt sich nicht auf abstraktes Nachrichtenwissen: fast ein Viertel wusste von einer von betroffenen Frau. Frappant sind die Geschlechterunterschiede: jedes dritte Mädchen, aber nur jeder sechste Junge kannte eine gewaltbetroffene Frau. Mit zunehmendem Alter geht die Schere zwischen Mädchen und Jungen immer weiter auf. Obwohl Fragen zur eigenen Betroffenheit von der Bildungsbehörde nicht erlaubt waren, gaben 2% der Befragten an, die Problematik selbst zu kennen.
Wissen und Vorstellungen der befragten SchülerInnen über häusliche Gewalt sind wenig kohärent. Es ist ein Nebeneinander von traditionellen und modernen, an Geschlechtergleichheit orientierten Sichtweisen festzustellen. Mit grosser Mehrheit lehnten die Jugendlichen Gewalt in Geschlechterbeziehungen legitimierende Aussagen ab. Jedoch betrachtete eine Minderheit Gewalt als legitimes Mittel gegenüber Frauen (jeder fünfte Junge und jedes achte Mädchen). Fehlendes Wissen über und falsche Vorstellungen von häuslicher Gewalt können geschlechterdifferente Konsequenzen haben: für junge Frauen kann dies zu einem Risiko werden, weil sie Verhaltensweisen von Jungen/Männern möglicherweise falsch interpretieren oder entschuldigen; Jungen geraten in Gefahr, traditionelle und opferbeschuldigende Vorstellungen zu teilen und zur Bestätigung hegemonialer Männlichkeitsmuster beizutragen.
Zugang zu Hilfe und Barrieren: Die Frage, welche Konsequenzen die Thematisierung der familiären Probleme haben könnte, wiegt für die befragten SchülerInnen schwer. Fast die Hälfte äusserte beträchtliche Bedenken. Mädchen sind skeptischer als Jungen. Die Entscheidung, mit anderen über die missliche Lage zu Hause zu sprechen und Hilfe zu holen, würden die meisten Kinder und Jugendlichen an verschiedene Bedingungen knüpfen. Jede/r siebte SchülerIn war der Ansicht, dass andere davon nichts erfahren sollten. Mädchen vertraten eine offenere Haltung, während Jungen grössere Zurückhaltung bekundeten. Die grössten Barrieren stellen Zweifel an der vertraulichen Behandlung der Informationen, Sorge um das Image der Familie und die Vorstellung, dass es sich bei häuslicher Gewalt um ein privates Problem handelt, dar. Die Bedenken von Jungen und Mädchen sind nicht immer gleich gelagert. Während Jungen eindeutig häufiger einen Imageverlust der Familie befürchten und sie das Problem stärker als familieninterne Angelegenheit betrachten, stehen bei Mädchen deutlich häufiger Ängste vor der Unberechenbarkeit der Reaktionen Dritter im Vordergrund, dass die ins Vertrauen gezogene Person das Problem nicht versteht oder dem Kind nicht geglaubt würde.
Wem kann man trauen? Viele würden LehrerInnen gerne vertrauen, aber Erwartungsunsicherheit sowie die Angst vor drastischen, aber wenig realistische Konsequenzen (wie etwa Heimunterbringung, Entzug des Sorgerechts der Eltern, Gefängnis für den Vater) stellen gewichtige Hindernisse dar. Kinder und Jugendliche würden ihre Sorgen am ehesten mit ihren Geschwistern, FreundInnen, Grosseltern und Müttern teilen. Neben informellen Netzwerken ist auch das Sorgentelefon eine wichtige Adresse.
Empfehlungen
Information und Sensibilisierung sollte nicht den Medien überlassen werden; Schule und Jugendhilfe sollten im Hinblick auf die Prävention von Gewalt in Geschlechterbeziehungen steuernd einwirken und das Thema in die Lehrpläne und die pädagogische Arbeit aufnehmen. Immerhin sechs von zehn der befragten SchülerInnen würden es begrüssen, wenn sie in der Schule über die Problematik umfassend aufgeklärt würden. Inhaltlich interessieren sich die Befragten für Ursachen und Häufigkeit von häuslicher Gewalt, für Möglichkeiten von Prävention und Intervention und wie man betroffene Kinder und Jugendliche unterstützen könnte. Zur Unterstützung der von häuslicher Gewalt betroffenen Kinder und Jugendlichen sollten pro-aktive Massnahmen ergriffen und Strategien zur Verbesserung der Erwartungssicherheit entwickelt werden.
Teil 2: Aufwachsen im Kontext von häuslicher Gewalt – die Perspektive der betroffenen Kinder und Mütter
Häusliche Gewalt, wenn es sich um ein Muster von Macht, Kontrolle und Gewalt handelt, strukturiert das Familienleben und das Verhältnis der Generationen und Geschlechter durch alltägliche Praktiken von Dominanz und Macht. Mitbetroffenheit von häuslicher Gewalt heisst empirisch gesehen meist, dass Kinder und Jugendliche Zeugen von Gewalt des Vaters oder des Partners an der Mutter werden. Die Mehrheit der Kinder hatte klare Vorstellungen von der Problematik in der Familie bzw. über den Grund der Trennung, vor allem, wenn sie Zeugen körperlicher Gewalt waren, wenn sie mit der Mutter im Frauenhaus Zuflucht gesucht hatten und/oder im sozialen Umfeld offen über häusliche Gewalt gesprochen wurde. Manche hatten kaum Erinnerungen an entsprechende Ereignisse, weil sie zum Zeitpunkt der Vorfälle noch sehr klein waren und/oder es den Müttern gelungen war, die Kinder vor schwerer Gewalt zu schützen. Bei einzelnen Kindern waren Hinweise auf Umdeutungen zu beobachten, die im Zusammenhang mit Manipulationsversuchen des Vaters und Tabuisierungen der Gewalt durch die Mutter standen.
Art und Ausmass der Mitbetroffenheit wie auch die Auswirkungen von häuslicher Gewalt variierten zum Teil beträchtlich. Die Erfahrungen der interviewten Kinder und Jugendlichen, die im Kontext von häuslicher Gewalt aufwuchsen, untermauern komplexe Konzeptionalisierungen von häuslicher Gewalt und bestätigen, dass häusliche Gewalt nicht auf physische Gewalt oder andere im Strafrecht codierte Übergriffe reduziert werden kann, sondern häusliche Gewalt vielfältige Formen der Macht- und Kontrollausübung umfasst. Im Leben der Kinder sind die verschiedenen Formen von Macht, Dominanz und Gewalt meist miteinander verquickt. Ein Teil der Kinder war nicht nur Zeuge von häuslicher Gewalt, sondern erlebte selbst auch Gewalt, wobei es keinen direkten Zusammenhang zwischen der Gewalt in der Partnerschaft und Misshandlung der Kinder gibt. Die bisherige Forschungslage legt eine Überschneidung in 30 bis 60 Prozent der Fälle nahe (Edleson, 2001); bei Fällen von institutionell erkannter Kindsmisshandlung und/oder sexueller Ausbeutung fällt die Überschneidungsquoten mit häuslicher Gewalt erwartungsgemäss höher aus. Wie die Mitbetroffenheit gelagert ist, muss deshalb im Einzelfall diagnostiziert werden, auch wie stark Kinder und Jugendliche belastet sind. Die hauptsächlich in den USA durchgeführten Studien und Metaanalysen legen den Schluss nahe, dass zwischen 35 und 45 Prozent der Kinder, die Zeugen und/oder Opfer von häuslicher Gewalt werden, klinische Auffälligkeiten zeigen (Hughes et al., 2001). Inwieweit Kinder Auffälligkeiten entwickeln und ob es zu einer Chronifizierung von Störungen kommen kann, hängt entscheidend vom Schutz und von der Unterstützung ab, die Behörden und Fachstellen bieten.
Empfehlungen
Die Mitbetroffenheit von Kindern und Jugendlichen von häuslicher Gewalt und deren Gefährdung, insbesondere im Prozess des Aufbrechens von Machtstrukturen im Geschlechter- und Generationenverhältnis, wurde lange von Behörden und Fachstellen unterschätzt. Es ergeben sich folgende Implikationen für die Sicherheits- und Hilfeplanung:
(1) Die Sicherheit und das Wohl der von häuslicher Gewalt mitbetroffenen Kinder ist eng mit der Sicherheit der Mütter verknüpft; aus diesem Grund sollten Interventionen sich am Grundsatz orientieren, dass der Schutz der Mütter der beste Kinderschutz ist.
(2) Die Situation der Kinder und Jugendlichen sollte zeitnah und systematisch abgeklärt werden, möglichst parallel zur Beratung der Mütter.
(3) Es sind spezifische Unterstützungsangebote zur Bearbeitung der Erlebnisse zu entwickeln, die den individuellen Problemlagen und dem Alter der Kinder und Jugendlichen gerecht werden.
Weitere Informationen zum Projekt
Im deutschsprachigen Raum ist eine intensivierte Auseinandersetzung mit häuslicher Gewalt zu beobachten, aber über die Situation von Kindern und Jugendlichen, die im Kontext von Gewalt zwischen Eltern aufwachsen, ist wenig bekannt. Noch weniger erforscht ist das Wissen der allgemeinen Population von Kindern und Jugendlichen über häusliche Gewalt und ihre Sichtweise der Problematik. Diesen Fragen widmet sich die multimethodologisch
angelegte Untersuchung, die im deutschsprachigen Raum eine Forschungslücke schliessen wird.
Hintergrund
Erkenntnisse aus Forschung und Praxis über Gewalt in Ehe und Partnerschaft kontrastieren mit gängigen Vorstellungen von Familie als sicherer Hafen in einer sich wandelnden Gesellschaft. Konzeptionen wie die «glückliche Kindheit», das «unwissende Kind» oder das «passive Opfer» werden im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt kritisch beleuchtet. Im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention werden Kinder und Jugendliche als kompetente soziale Akteure betrachtet und ihre Sichtweisen ins Zentrum gerückt.
Ziele
Das Ziel der Untersuchung besteht darin:
– Auf der Basis von quantitativen und qualitativen Daten neue Erkenntnisse zum Verständnis von Kindern und Jugendlichen zu häuslicher Gewalt zu generieren.
– Zu analysieren, was Aufwachsen im Kontext von Gewalt zwischen Eltern für Kinder und Jugendliche bedeutet und welche Bewältigungsstrategien sie entwickeln.
– Die Bedürfnislage von Kindern und Jugendlichen herauszuarbeiten und Klarheit darüber zu gewinnen, inwieweit soziale Netze und Professionelle als Hilfsmöglichkeiten oder als Barrieren wahrgenommen werden.
– Methoden zu entwickeln und zu verfeinern, um Kinder und Jugendliche zu sensitiven und komplexen sozialen Prozessen zu befragen.
– Einen Beitrag zur kritischen Reflexion von häuslicher Gewalt als spezifische Bedingung des Aufwachsens und Erziehens zu leisten.
Methoden/Vorgehen
Die multimethodologisch angelegte Studie umfasst (1) qualitative Interviews mit Kindern und Jugendlichen, die häusliche Gewalt aus eigener Erfahrung kennen. Zudem werden Interviews mit dem nichtgewalttätigen Elternteil sowie mit Professionellen geführt. (2) Im Rahmen einer gross angelegten schriftlichen Befragung wird eine allgemeine Population von 9- bis 16-jährigen Schülerinnen und Schülern befragt: Im Zentrum stehen Wissens-, Definitions- und Einstellungsfragen zu häuslicher Gewalt.
Bedeutung
Die Fachöffentlichkeit soll über die Sichtweise von Kindern und Jugendlichen informiert und für die Situation von Kindern und Jugendlichen, die im Kontext von Gewalt zwischen den Eltern aufwachsen, sensibilisiert werden. Während bislang vor allem Hilfsangebote für Frauen, Polizei und Justiz im Mittelpunkt standen, fokussiert diese Untersuchung die Kinderarena und wird Grundlagen zur kritischen Reflexion der schulischen und ausserschulischen Präventions- und Interventionsarbeit im Hinblick auf häusliche Gewalt liefern.
Projektdauer: 01.07.03–31.03.06
Bewilligtes Projekt: CHF 259 647
Proposal no.: 405240-68971
Anschrift des Hauptgesuchstellers:
Dr. Corinna Seith
Pädagogisches Institut, Fachbereich Allgemeine Pädagogik
Universität Zürich
Freiestr. 36
8032 Zürich
Tel. 044 634 27 57
Fax 044 634 43 52
E-Mail <email-pii>
Third party funding
Federal office for Social Security, Family questions CHF 100 000
Publikation
Seith, C. (2008a), Gewalt: Ursachen von Gewalt in der Erziehung, Formen der Gewalt und Möglichkeiten der Prävention. In: Oelkers, J. et al. (Hg.): Handwörterbuch Pädagogik der Gegenwart. Weinheim: Beltz.
Seith, C. (2008b), "Und dann wollte ich etwas finden, was für mein Kind gut ist." – Gewaltbelastung und Unter-stützungsbedarf von Kinder und Eltern bei häuslicher Gewalt im Kontext von Gewaltschutzgesetzen. In: Dokumentation zur internationalen Tagung „Zehn Jahre österreichische Gewaltschutzgesetze" vom 5.-7.11.2007 in Wien.
Seith, C (2008c), „Und dann wollte ich etwas finden, was für mein Kind gut ist." – Gewaltbelastung und Unter-stützungsbedarf von Kinder und Eltern bei häuslicher Gewalt im Kontext von Gewaltschutzgesetzen. In: Dokumentation zu, 6. Schweizer AGAVA-Kongress „Wenn Kinder Opfer von Gewalt sind…" am 26./27.11.2007 in Zürich.
Seith, Corinna (2006): „Weil Sie dann vielleicht etwas Falsches tun" – Zur Rolle von Schule und Verwandten für von häuslicher Gewalt betroffene Kinder aus Sicht von 9 bis 17 Jährigen. In: Kavemann, Barbara & Kreyssig, Ulrike (Hg.): Handbuch Kinder und häusliche Gewalt. Wiesbaden: VS Verlag, 103-124;
Seith, C (2006): Kinder und häusliche Gewalt – Herausforderungen an Behörden und Fachstellen. Soziale Sicherheit CHSS, 5, 249-254.
Seith, C (2007): Hilfesuche bei häuslicher Gewalt aus Sicht von Kindern und Jugendlichen – Ergebnisse einer quantitativen Befragung unter Berücksichtigung von Geschlecht, Alter und kultureller Herkunft. AJS Informationen, Aktion Jugendschutz Landesarbeitsstelle Baden-Württemberg, 2, 4-12.
Seith, C (2007): Fluchtgrund Familie – Forschungen zu Gewalt zwischen den Geschlechtern und Generationen. In: Verein Mädchenhaus Zürich (Hrsg): Mädchen sind unschlagbar - Eine Dokumentation zum Thema Gewalt an Mädchen und jungen Frauen, Zürich/Luzern, 15-18.
Seith, C & Kavemann, B (2007): "Es ist ganz wichtig, die Kinder da nicht alleine zu lassen" – Unterstützungsangebote für Kinder als Zeugen und Opfer häuslicher Gewalt. Evaluationsstudie des Aktionsprogramms Kinder als Zeugen und Opfer häuslicher Gewalt der Landesstiftung Baden-Württemberg 2004-2006. Landesstiftung Baden-Württemberg, Soziale Verantwortung & Kultur Nr. 3, Stuttgart, 97 Seiten.
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Dokumente:

||Summary Projekt Seith

NFP52_Seith_summary_d.pdf (91KB)
|17.10.2006

||Download >|

||Artikel Soziale Sicherheit 5/2006

NFP52_Seith_Artikel0506.pdf (83KB)
|10.11.2006

||Download >|

||Artikel im Handbuch Kinder und häusliche Gewalt

Zur Rolle von Schule und Verwandten für von häuslicher Gewalt betroffene Kinder aus Sicht von 9-17 Jährigen
Seith_Artikel.pdf (164KB)
|08.05.2007

||Download >|

||Artikel Unimagazin, Universität Zürich, Mai 2007

Steith_unimagazin_200702.pdf (325KB)
|24.05.2007

||Download >|

||Interview Horizonte, September 2007

Horizonte_Interview0709_d.pdf (95KB)
|24.09.2007

||Download >|
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