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Sätze wie «Jedes Buch, das du gelesen hast, ist letztendlich aus nur 26 Buchstaben zusammengesetzt» mögen tiefgründig klingen, sie berücksichtigen aber nicht, wie viele Menschen nicht auf Deutsch lesen. («Aus nur 50’000+ Zeichen zusammengesetzt» klingt schon etwas anders.) Es gibt zahlreiche Varianten, die weit über unser A–Z hinausgehen.
Hier kommen ein paar interessante Beispiele, wie Sprachen ihre Schriftform entwickelt haben.
Sankt Kyrill: Vater des kyrillischen Alphabets
Ja, die etymologische Herleitung des Namens ist wirklich so einfach. Auch wenn das kyrillische Alphabet nicht das alleinige Werk des byzantinischen Mönches Sankt Kyrill war, benannten seine Studenten es nach ihm, um seinen Einfluss zu würdigen. Als er und sein Bruder im Jahr 863 in slawischsprachige Gegenden gesandt wurden, um das Christentum zu verbreiten, wollten sie liturgische Bücher in die örtliche Sprache übersetzen. Da diese Sprache jedoch über keine Schriftform verfügte, beschloss Kyrill kurzerhand, ein neues Schriftsystem zu erfinden. Er entwickelte das Glagolitische, und seine Studenten kombinierten Elemente daraus mit dem griechischen Alphabet, um die kyrillische Schrift zu schaffen.
Für manche Sprachen reicht ein Schriftsystem jedoch nicht aus. Die serbische Sprache geht auf Nummer sicher und nutzt sowohl das lateinische als auch das kyrillische Alphabet. Die meisten Serben können beides lesen und schreiben, und welche Form man nutzt, ist vor allem eine Frage persönlicher Vorlieben. In anderen Sprachen gab es noch mehr Wandel in den Schriftsystem. Das Aserbaidschanische wurde zum Beispiel in arabischen, lateinischen und kyrillischen Schriftzeichen festgehalten, bevor es wieder die lateinische Form annahm.
Hangul: Sagen, was man sieht
Ähnlich wie das Kyrillische hat sich Hangul, das koreanische Schriftsystem, nicht natürlich entwickelt. Es wurde 1443 auf Anordnung von König Sejong dem Grossen konstruiert, um Lesen und Schreiben unter der Bevölkerung, die grösstenteils aus Analphabeten bestand, zu verbreiten. Und man hat gute Arbeit geleistet; Hangul gilt als eines der effizientesten Alphabete der Welt.
Die Schreibweise eines jeden Buchstabens signalisiert, wie er ausgesprochen werden soll. Zum Beispiel wird bei der Aussprache des Buchstaben «N» die Zunge gegen die Zähne gepresst. Das schriftliche «N» entspricht in Hangul in etwa der Form der Zunge bei der Erzeugung dieses Lautes, nämlich «ㄴ». Beim «G» befindet sich die Zunge dagegen im hinteren Bereich des Mundes: ㄱ. Buchstaben, die ähnlich klingen, sehen auch ähnlich aus. So haben alle Plosive (Konsonanten, bei denen der Luftstrom unterbrochen wird, z. B. «p») einen horizontalen Strich entlang der Oberseite.
Die Koreaner sind zu Recht stolz auf ihr Schriftsystem – sowohl Süd- als auch Nordkorea ehren es mit einem eigenen Feiertag.
Kalligrafie und Technologie
Chinesisch ist eines der ältesten bis heute durchgehend verwendeten Schriftsysteme – die frühesten Beispiele stammen aus der Zeit um 1200 v. Chr. Trotz seiner langen Geschichte zeigen sich jedoch immer noch Schwierigkeiten bei der Nutzung. Seit dem 20. Jahrhundert gibt es zwei Systeme: die vereinfachte Form und die traditionelle. Durch die einfachere Version sollen die Zeichen leichter zu erlernen und zu schreiben sein.
In jüngster Zeit hat sich jedoch ein neues Problem aufgetan: Wie kann man eine Sprache mit Tausenden von Zeichen auf dem Computer umsetzen? Es gibt ein paar Umgehungslösungen. Auf einer QWERTY-Tastatur kann man Pinyin nutzen, eine phonetische Umschrift auf der Basis des lateinischen Alphabets. Wubi ist eine weniger zeitaufwendige, aber schwer zu erlernende Technik, bei der eine Tastensequenz entsprechend den Stiftbewegungen gedrückt wird. Obwohl chinesische Eingabemethoden weniger intuitiv sind, argumentieren die Programmierer von Wubi interessanterweise, dass die Chinesen dank dieser «code-bewussten» Ansätze besser in der Lage sind, die Möglichkeiten von Softwareentwicklungen und -verknüpfungen zu nutzen, als wir, die wir lateinische Buchstaben auf einer QWERTY-Tastatur tippen.
Sesamstrabe
Da wir die standardisierte Version jeden Tag verwenden, können wir leicht vergessen, dass das lateinische Alphabet auch seine Eigenheiten hat – von der Entwicklung des Buchstabens ß (der im Englischen oft fälschlicherweise durch ein b ersetzt wird, zum Beispiel «Sesamstrabe» in einem britischen Satelliten-TV-Programmheft, das auch das Programm deutscher Sender listet), bis hin zu der Tatsache, dass wir zwei parallele Sätze von Gross- und Kleinbuchstaben haben. (Vielleicht sollte mich eine Schrift mit einer mythologischen Geschichte als Ursprung, in der der römische Gott Merkur fliegende Kraniche Buchstaben formen sieht, nicht überraschen.) Womöglich brauchen wir auch einfach unseren eigenen Sankt Kyrill, um das perfekte alternative Alphabet zu finden und so die teilweise undurchsichtigen Schreibkonventionen des Deutschen zu umgehen.
Titelbild via Unsplash (CC0)