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Der Neuroökonom Paul Glimcher entscheidet schnell. Gefragt, an welchem Häuschen des Zürcher Weihnachtsdorfes er essen möchte, zögert er nicht. «Hier», sagt er und zeigt auf eins. Warum dieses? «Ich weiss es nicht, aber dieses ist es», so der Professor der New York University.
Heute, wo jeder Entscheid optimiert und das beste Angebot aus einer schier unendlichen Menge Möglichkeiten ausgewählt werden will, wirkt diese Herangehensweise fast etwas unzeitgemäss. Doch sie zeugt von Glimchers langjähriger Auseinandersetzung mit dem Thema Entscheidungsverhalten. Dabei ist für seine Forschung eine Frage leitgebend: Warum treffen Leute verrückte Entscheidungen?
Eine Antwort darauf und auf weitere Forschungsfragen lieferte der Mitbegründer des Fachs Neuroökonomie im Rahmen eines Vortrags an der UZH.
Wie fällen wir Entscheidungen?
Mitte des letzten Jahrhunderts haben Verhaltensforscher:innen mit der Vorstellung gearbeitet, dass in unseren Köpfen verschiedene Figuren mit unterschiedlichen Präferenzen miteinander ringen. Zum Beispiel eine, die ein gesundes Leben führen will, und eine andere, die im Winter lieber in der warmen Stube bleibt. Diese inneren Rangeleien sollten inkonsistentes und irrationales Verhalten erklären. Das Modell war anschaulich, hatte aber wenig Vorhersagekraft.
In den 1980er Jahren entstanden die wegweisenden Arbeiten von Daniel Kahnemann und Amos Tversky, die unser Entscheidungsverhalten anhand von individuellen Nutzenfunktionen darstellten und damit besser vorhersagen konnten. «Amos Tversky war einen der besten Psychologen seiner Zeit», betonte Glimcher. «Seine Nutzentheorie hat unser Verständnis des menschlichen Verhaltens massgeblich beeinflusst. Aber, es geht nicht nur um den Nutzen des perfekten Entscheids, sondern auch um die Kosten.»
Vollständige Rationalität ist sehr teuer
Seit der Jahrtausendwende untersucht die Neuroökonomie die biologischen und neuronalen Grundlagen des menschlichen Verhaltens. «Wir wissen heute, dass unser Verhalten zwar etwas verrückt und irrational aussehen mag, dies aber nicht, weil wir verrückt oder irrational sind, sondern weil die Kosten der perfekten Rationalität enorm wären», sagte Glimcher. Unsere geistigen Ressourcen seien beschränkt. «Unser Gehirn ist kein Supercomputer, sondern ein kleiner, effizienter Rechner mit einer Leistung von circa 10 Watt.» Wollten wir diese Leistung auf 100 Watt bringen, was einem mittelmässigen Laptop entspräche, bräuchten wir einen Kopf, so gross wie ein Rettungsring. Wir müssten laut Glimcher pro Tag etwa 7000 Kilokalorien zu uns nehmen, um dieses Gehirn am Laufen zu halten. «Das ist ein hoher Preis für ein kleines Bisschen mehr Präzision oder Rationalität in unseren Entscheidungen», argumentierte er. «Ein solches Gehirn wäre schlicht nicht effizient — weder für Tiere noch für Menschen. Wir würden verhungern, bevor wir entscheiden könnten, was wir als nächstes essen wollen.»
Kleine Auswahl, bessere Entscheide
Was bedeutet dies nun für unsere alltäglichen Entscheidungen? Paul Glimcher empfiehlt, die Auswahl – wann immer möglich – zu reduzieren. Denn mehr Auswahl heisse immer mehr Information, und diese sei mit hohen Kosten verbunden. Ausserdem führten mehr Informationen selten zu besseren Entscheidungen. Laut Glimcher ist das Gegenteil der Fall: Eine Reihe von Studien in seinem Labor haben gezeigt, dass wir schlechtere Entscheidungen treffen, wenn wir mehr Auswahl zur Verfügung haben. Wenn man auf dem Weihnachtsmarkt merke, dass die Kollegin doch die bessere Essenswahl getroffen habe, sei das nicht weiter schlimm. Wenn es aber um gesundheitspolitische Massnahmen, wie zum Beispiel der Wahl eines Covidimpfstoffs gehe, könnten die Konsequenzen einer zu grossen Auswahl für viele Menschen verheerend sein. Dann werde die «beste Wahl» zur Glückssache. Für Paul Glimcher ist daher klar: Die Politik muss die beschränkten kognitiven Ressourcen berücksichtigen und in solchen Fällen nicht zehn Alternativen zur Verfügung zu stellen, sondern nur zwei oder drei.
Paul Glimcher hielt die Keynote Lecture im Rahmen des Jahressymposiums der Marlene Porsche Graduate School auf Neuroeconomics an der Universität Zürich.