Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03591.jsonl.gz/350

Etrit Hasler hat sich unter den Sportarten der Zukunft umgesehen
Sie kennen das Klischee: Sport ist die Übersetzung kriegerischer Rituale in einen nicht kriegerischen Kontext. Wenn zwei Mannschaften aufeinandertreffen, ist dies die halbwegs unblutige Simulation einer Schlacht zwischen zwei Armeen. Und in den Einzelsportarten geht es nur darum, Fähigkeiten vorzuzeigen, die eines «echten Kriegers» würdig sind: Speerwurf, Schnelllauf, Weitsprung – alles Dinge, die zu jeder mittelalterlichen Rekrutenschule gehören. Oder aber es geht darum, die Grenzen des menschlichen Körpers auszutesten, wie zum Beispiel beim Skispringen. Zugegeben, Tennis und Cricket mögen nicht wirklich in eine dieser Kategorien passen, aber es hat noch nie jemand bei klarem Verstand behauptet, die Engländer verstünden etwas vom Kriegshandwerk. Oder von Extremsituationen.
Entsprechend stellten sich die meisten Science-Fiction-AutorInnen die Sportarten der Zukunft vor: Wenn es überhaupt noch Sport gibt, dann in Form futuristischer Gladiatorenspiele – in der Stephen-King-Adaption «Running Man» werden verurteilte Kriminelle in eine Fernseharena geworfen. In der «Hunger Games»-Trilogie sind es hungernde Jugendliche, die geopfert werden, um den Status quo des Reichs «Panem» zu erhalten – eine Anlehnung an das römische «Brot und Spiele».
In «Death Race 2000» mit David Carradine und Sylvester Stallone organisiert eine faschistische US-Regierung ein transkontinentales Strassenrennen, um die Massen gefügig zu machen – und zu reduzieren: Die Fahrer erhalten Sonderpunkte für getötete PassantInnen. Ob auch Aldous Huxleys Hindernisgolf so brutal gewesen wäre, wissen wir leider nicht – just bevor das Spiel in «Brave New World» beginnt, wechselt die Handlung zu einer anderen Figur.
Selbst in nicht dystopischen Zukunftsvisionen gilt Sport als etwas Brutales: Im klinisch sauberen «Star Trek»-Universum von Gene Roddenberry hört man immer wieder von einer Sportart namens Parrises Squares, die lebensgefährlich ist und vielleicht gerade deswegen äusserst populär unter jungen Erwachsenen. Und Douglas Adams erfand für sein «Per Anhalter durch die Galaxis» eine futuristische Form von Cricket, die mit genau sechs Regeln auskam und darin bestand, dass zwei Mannschaften in einer von Mauern umgebenen Arena mit Gegenständen aufeinander einhauen, die ihnen von ZuschauerInnen zugeworfen wurden.
Unsere Realität sieht anders aus. Gerade weil wir uns als Gesellschaft unserer Faszination für archaische Riten bewusst sind, wird der Sport immer sauberer und reglementierter. Die Zeiten, in denen EishockeyspielerInnen ihre Handschuhe von sich schmissen und mit blossen Fäusten aufeinander losgingen, während die SchiedsrichterInnen sie gewähren liessen, sind längst vergangen – nicht zuletzt auf Druck der Fernsehanstalten. Selbst das voyeuristische Warten auf den nächsten Unfall, mit dem die letzte Generation noch den Skirennen beigewohnt hat, scheint verschwunden. Natürlich, jene «modernen Gladiatorenkämpfe», bei denen sich Menschen vor Publikum so lange auf die Rübe hauen, bis einer umfällt, gibt es immer noch, aber die Regelwerke dafür sind meist dicker als die Bibel und ähnlich bieder. Wussten sie zum Beispiel, dass Fäkalsprache beim Boxen verboten ist?
Denn es geht auch anders: In der postapokalyptischen Computerspielwelt von «Final Fantasy X» hat sich Blitzball, eine Art Unterwasserhandball, zur Volkssportart entwickelt. Dabei wird zwar auch gerempelt, was das Zeug hält, aber das Schlimmste, was den SpielerInnen widerfährt, ist ein gezerrter Muskel. Dafür muss man zwar unter Wasser atmen können, aber seien wir ehrlich: So etwas wäre heute schon machbar. Vielleicht liegen all die grausligen Zukunftsvisionen also gar nicht daran, dass die Gewalt in der Natur des Sports zu finden ist. Sondern an der mangelnden Vorstellungskraft der Science-Fiction-AutorInnen.
Etrit Hasler wäre der ideale Blitzballer. Unter Wasser ist er seiner totalen Entspanntheit wegen sauschnell.