Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03351.jsonl.gz/1276

Wie ein Wolfsrudel wirklich funktioniert, wieso die Dominanztheorie längst veraltet ist und weshalb dein Hund nicht die Weltherrschaft an sich reissen will, wenn er auf einer Türschwelle liegt.
Um das Verhalten von Tieren zu verstehen, wurden verschiedene Theorien und Modelle entwickelt, darunter auch die Dominanztheorie. Mit ihr versuchte man Verhalten zu erklären, das Tiere derselben Art zeigen, die um dieselben Ressourcen (beispielsweise Futter) konkurrieren. Eine Rangordnung beobachteten Forscher erstmals bei Hummeln. 1922 folgte dann eine Studie an Hühnern, die eine einfache, lineare Hackordnung bilden.
Diese simple Hierarchie der Hühner wurde Mitte des 20. Jahrhunderts zur allgemeingültigen sozialen Ordnung erklärt und ohne weitere Untersuchungen auf andere Tierarten ausgedehnt. Eine Studie mit in Gefangenschaft gehaltenen Wölfen schien die Dominanztheorie zu bestätigen und 1970 wurde sie im Buch „Der Wolf: Ökologie und Verhalten einer bedrohten Art“ von David Mech einem breiten Publikum bekannt gemacht. Das Problem an dieser Studie ist, dass die beobachtete Wolfsgruppe aus wahllos zusammengewürfelten Einzeltieren verschiedener Zoos bestand. Entsprechend zeigten sie nicht ihr natürliches Verhalten (eine solche Gruppe hätte sich in freier Wildbahn gar nie zusammengefunden), sondern kämpften um die beschränkten Ressourcen im zu kleinen Gehege. Viele später erschienene Bücher und Artikel bezogen sich auf „Der Wolf“, so dass sich die Dominanztheorie und der Begriff der Alpha-Wölfe leider lange Zeit in der wissenschaftlichen Diskussion halten konnte.
Der Verhaltensforscher David Mech revidierte seine Meinung grundlegend, nachdem er freilebende Wölfe über einen längeren Zeitraum beobachtet hatte. Er stellte fest, dass sich Wolfsrudel in der Regel aus Familien zusammensetzen mit jeweils einem Elternpaar und dem Nachwuchs aus zwei bis drei Jahren. Ganz natürlich hat das Elternpaar in einem Familienverband die Führung, wie das auch in einer menschlichen Familie der Fall ist. Und ebenso haben ältere Jungwölfe eine leitende Funktion gegenüber den Welpen. Dies ergibt sich ohne Kampf und ohne Aggressivität. Im Gegenteil sind Wölfe sehr soziale Tiere, die sich innerhalb ihres Rudels umeinander kümmern. Heute spricht man aus diesem Grund auch nicht mehr von Alpha-Wolf und Alpha-Wölfin, sondern schlicht von den Elterntieren.
Obwohl die Dominanztheorie in der Verhaltensforschung mittlerweilen als veraltet und widerlegt gilt, hält sie sich als Ansatz für die Erziehung von Hunden hartnäckig. Dies liegt vor allem daran, dass „Hundetrainer“ oder „Hundeverhaltensberater“ keine geschützten Berufsbezeichnungen sind. Auch ohne Ausbildung und fundiertes Hundewissen kann jeder und jede, der oder die das will, eine Hundeschule gründen und Trainings anbieten. Dazu kommen selbsternannte Experten, die ihr „Wissen“ über Youtube, Twitter oder andere Kanäle verbreiten. Auch in beliebten Fernsehformaten wird teilweise zu Erziehungsmethoden gegriffen, die einem ausgebildeten Hundetrainer die Haare zu Berge stehen lassen.
Tragisch wird dies insbesondere dann, wenn ein Hund durch falsche Erziehungsmethoden Verhaltensauffälligkeiten entwickelt. Einige Hunde werden ängstlich und sind dauernd gestresst, andere versuchen sich zu wehren und werden dann als „aggressiv“ abgestempelt. Das Leid, das sich hinter dem auffälligen Verhalten verbirgt, wird leider oft übersehen.
In diesem Zusammenhang ein kleiner Exkurs zu Erziehungsmethoden wie Nackenschütteln, Alphawurf und Co.: Am Nacken hochgenommen und geschüttelt werden Beutetiere – und die werden nicht erzogen, sondern getötet! Damit sollte klar sein, dass ein Hund, der von seinem Halter so diszipliniert wird, Todesängste aussteht. Und Angst ist kein Gemütszustand, in dem sich gut lernen lässt.
Der Mythos vom Rudelführer Mensch, der seinem Untertanen Hund um jeden Preis und jederzeit zeigen muss, wer der Chef im Rudel ist, hat zu einigermassen speziellen Ratschlägen in der Hundeerziehung geführt:
Hört sich ziemlich emotionslos und tyrannisch an, nicht? Ist es auch! Mit solchen Erziehungsmethoden wird man keine vertrauensvolle und stabile Mensch-Hund-Beziehung aufbauen können. Und da der Hund eben gerade nicht die Weltherrschaft an sich reissen will, wird er auch überhaupt nicht verstehen, wieso sein Halter ihn wieder und wieder hart diszipliniert. Er wird Angst haben vor seinem Menschen und aus Angst eventuell sogar super im Gehorsam sein. Es kann aber auch sein, dass der Hund früher oder später in eine aggressive Verteidigungshaltung übergeht, oder in eine erlernte Hilflosigkeit verfällt (ähnlich einer Depression beim Menschen).
Dein Hund ist ein Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen. Hundeverhalten lässt sich generell in drei Funktionskreise einteilen: „Futter“ (Jagen und Sammeln), „Freund“ (Fortpflanzung und Familie) und „Feind“ (Vermeidung und Abwehr von Bedrohungen). Jeder dieser Funktionskreise bewirkt ein hochmotiviertes, angeborenes Verhalten.
Arbeite im Training MIT den Bedürfnissen deines Hundes, nicht GEGEN sie. Verstehe und akzeptiere das Verhalten deines Hundes als Reaktion auf Sinnesreize. Sprintet vor seiner Nase ein Reh davon, wird in Sekundenbruchteilen das Bedürfnis zur Jagd aktiviert. Gib deinem Hund die Möglichkeit, dieses Bedürfnis anders als mit dem Hetzen des Rehs auszuleben (z.B. mit geworfenen Futterstücken oder einem Hetzspiel mit dir).
Konzentriere dich auf das erwünschte Verhalten und belohne dieses. Sieh nicht nur Probleme, sondern versuche deinen Hund dort zu belohnen, wo er etwas richtig macht. Baue dein Training schrittweise auf und gib deinem Hund die Möglichkeit zu lernen, was genau du von ihm erwartest.
Unterbrich unerwünschtes Verhalten ohne deinen Hund zu ängstigen. Das Verhalten zu unterbrechen ist nicht dasselbe wie strafen! Hat dein Hund gelernt auf Signale wie „Stopp/Anhalten“, „Sitz“ oder „Umdrehen“ zuverlässig zu reagieren, können diese Signale als Verhaltensunterbrecher dienen.
Hunde lernen – wie wir – durch Erfolg und Misserfolg. Je öfter eine (positive) Erfahrung mit einem Erfolgserlebnis verbunden ist, desto stabiler wird die Verknüpfung zwischen Erfahrung und Erfolg im Hundehirn. Diesen Lernmechanismus kann man sich im Training ganz einfach zunutze machen. Und zwar indem man erwünschtes Verhalten durch Lob, Futter, Spielen etc. bestärkt.
Beim Aufbau des Trainings ist darauf zu achten, dass es drei Schritte braucht, damit der Hund erfolgreich lernen kann:
Mehr zum Thema „Positive Bestärkung, Belohnen und Signale“ könnt Ihr in meinem nächsten Beitrag lesen.