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von Barbara Kopp / 11. 11. 2013: Bildergeschichten III. Laure Wyss las viel, ihr Leben lang. Sie war anfangs zwanzig, als sie für den Fotografen mit der führenden Literaturzeitschrift Frankreichs posierte. Die «Nouvelle Revue Française» hatte ihr Lieblingsschriftsteller André Gide mitbegründet, und hier publizierte, wer unter den Intellektuellen Rang und Namen hatte. Laure Wyss muss ihr Porträt gefallen haben, sie liess von der Fotografie Postkarten drucken.
In der Bibliothek der Eltern war, so die Erinnerung der älteren Schwester Hilde, sozialkritische Literatur versammelt. Da standen die Gesellschaftsdramen des Norwegers Henrik Ibsen und die Werke seines Landsmannes, des Literaturnobelpreisträgers und republikanischen Politikers Björnstjerne Björnson, und dann gab es auch eine Ausgabe von Gottfried Keller. Dies war wohl die Literatur, die den Vater geprägt hatte, der im Bieler Stadtrat und im Kanton Bern im Grossen Rat für den Freisinn politisierte. Am Ostersonntag holte er jeweils einen Band von Goethes Faust aus dem Bücherregal und las der Familie vor. Natürlich fehlten die Klassiker einer bernischen Hausbibliothek nicht. Im Regal standen die Bände von Jeremias Gotthelf mit den Illustrationen von Albert Anker und Karl Gehri.
Laure Wyss schwärmte im Gymnasium für Hermann Hesse. Als der verehrte Dichter 1946 den Nobelpreis erhielt, veröffentlichte sie in der «Davoser Revue» ein «schüchternes Bekenntnis»: «Wie sehr hatten wir einmal zu Schulzeiten einen Kameraden beneidet, der melden konnte, er habe Hermann Hesse gesehen, ganz sicher sei er es gewesen, auf dem Velo, in offenem Kragen und kurzen Hosen. Hesse, das bedeutete uns damals die Schönheit der Welt, nach der wir uns sehnten, die grosse Freiheit, die wir nach der Schulbank erwarteten. Hesse, das war der Landstreicher Knulp, es war Narziss und Goldmund, es war auch Indien mit Siddharta.» Diese ersehnte Freiheit versprach ein Dasein ausserhalb der Kontrolle der Eltern, ein Aufbruch in eine andere Stadt, in ein anderes Land – unbedingt. «Wenn wir vieles wohl falsch sahen und ganz eigenwillig in unseren jugendlichen Gesichtskreis hineinzwängten», schrieb sie weiter, «eines fühlten wir richtig und echt, nämlich die Reinheit der dichterischen Welt Hesses, die vor allem aus seinen Gedichten zu uns sprach. Wir empfanden tief die Unverfälschtheit dieser Dichtung und die Unbedingtheit ihres hohen Anspruchs.»
Sie verehrte auch die Lyrik von Rainer Maria Rilke. In seinen Gedichten fand sie Bestärkung und Lebenshilfe. «Archaischer Torso Apollos», eines seiner bekanntesten Gedichte, hatte sich verinnerlicht. Die letzte Gedichtzeile war für sie eine Ermutigung, sich von Zuhause loszusagen, die Ermahnungen und Empfehlungen in den Wind zu schlagen und das zu tun, wonach ihr war. In dieser Zeile heisst es: «denn da ist keine Stelle, die Dich nicht sieht. Du musst Dein Leben ändern.»
Hermann Hesse und Rainer Maria Rilke waren wohl Pflichtlektüre im Deutschunterricht. Die andere Lektüre aber wurde nach der Schule weitergereicht. Der Schulkollege schenkte der still Verehrten «Nourriture terrestres» von André Gide. Solche Literatur fehlte auch in der elterlichen Bibliothek. Dafür musste das ganze Taschengeld aufgewendet werden. Als endlich nach der Matura 1932 die «grosse Freiheit» begonnen hatte, sass Laure Wyss in Paris zufällig in derselben Theateraufführung wie Gide. Mit 80 Jahren notierte sie im Lebensrückblick: «André Gide im Radmantel bei einer Brecht-Aufführung gesichtet und vor Begeisterung schier ohnmächtig geworden.»
Zitate: Laure Wyss: Schüchternes Bekenntnis zu Hermann Hesse, in: Davoser Revue, 22. Jg., Nr. 4, Januar 1947.
Laure Wyss: Wie es war – war es so? Biografische Notizen, in: Corinna Caduff: Laure Wyss. Schriftstellerin und Journalistin, Zürich 1996.