Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03356.jsonl.gz/406

Vom Dienstmädchen zur Anwältin
Als Mädchen wollte Elizabeth Montero Nonne werden, heute ist sie Anwältin und setzt sich als Leiterin von Sinparispa, einer Anlaufstelle für Dienstmädchen, für die Rechte von Hausangestellten in ihrer Heimat Bolivien ein. Im Januar besuchte sie die Schweiz. An einer Reihe von Veranstaltungen stellte sie ihre Arbeit vor.
Elizabeth Montero wächst mit sieben Brüdern und einer jüngeren Schwester auf dem Land auf. Sie sei gerne zur Schule gegangen, erzählt sie. «Ich glaubte, es sei am besten, wenn ich von zu Hause wegziehe und einen Beruf erlerne.» Doch in der Grossstadt La Paz plagt sie bald starkes Heimweh. Im Kloster schickt man die 13-Jährige nach drei Wochen wieder weg, weil sie zu viel weint. Sie sei rebellisch und habe einen schlechten Einfluss auf die Novizinnen, teilt ihr die Oberin mit. Daraufhin vermittelt ihr eine Bekannte den ersten Job als Dienstmädchen.
Kampf für gleiche Rechte
Nach einem Jahr verlässt sie La Paz. In der Stadt Sucre findet sie eine neue Stelle als Hausangestellte. «Bevor ich von zu Hause auszog, dachte ich wie viele junge Frauen, es ist cool, in der Stadt mein eigenes Geld zu verdienen», erinnert sich Elizabeth Montero. Doch die Realität sieht anders aus. Arbeitsbeginn ist jeden Morgen um fünf Uhr. Der Teenager wäscht, kauft ein, kocht und putzt den ganzen Tag, ohne Heizung und warmes Wasser. Von 18 bis 22 Uhr besucht das Mädchen die Schule. Bevor es sich schlafen legt, erledigt es die Hausaufgaben.
Nach Jahren besteht es die Matura und beschliesst, Rechtswissenschaften zu studieren: «Viele Dienstmädchen werden ausgenutzt. Sie kommen vom Land, sind arm, haben keine Ahnung von der Stadt und lassen sich von den Versprechungen locken. Diesen Mädchen wollte ich zu ihrem Recht und zu einem würdigen Leben verhelfen», sagt Elizabeth Montero. 1999 lernt die Bolivianerin die Reigoldswilerin Maria Magdalena Moser kennen. Die beiden träumen von einer Hilfe für die Dienstmädchen. Acht Jahre lang dauert es, bis Elizabeth Montero die Uni als Anwältin verlassen kann. Alle Zweifel, die sich einstellen, überwindet sie. Nur einmal, vor 15 Jahren, als ihr erster Sohn zur Welt kommt, ist sie nahe daran, aufzugeben: «Wie sollte ich das schaffen, Arbeit, Studium und ein Baby?» Sie schafft es. Nach zwei schwierigen Jahren macht sie weiter. «Ich konnte nicht aufhören. Ich hatte bereits zu viel Zeit investiert und zu lange gekämpft.» Zusammen mit Maria Magdalena Moser plant sie das Projekt Sinparispa, baut die Anlaufstelle mit auf und übernimmt die Leitung.
Hilfe für über tausend Mädchen
Während Elizabeth Montero ihre Geschichte erzählt, blitzt immer wieder der Schalk auf. Über vieles kann sie lachen. Dahinter spürt man ihre Energie und Entschlossenheit. Ihre Freundin sei pausenlos im Einsatz, bestätigt Maria Magdalena Moser. «Für die Mädchen, die bei Sinparispa Hilfe suchen, ist sie Mutter und Schwester.» Weit über tausend junge Frauen haben sich schon an die Anlaufstelle gewandt. Selten macht die Leiterin Urlaub. Die Reise zu den Freunden in der Schweiz, auf der sie ihr Mann und die beiden Söhne begleiten, ist gespickt mit Auftritten in den Kirchgemeinden. «Die Anlaufstelle ist das Lebenswerk von Elizabeth», sagt Maria Magdalena Moser, die sich in Reigoldswil um den Trägerverein kümmert.
«Ich bin stolz auf alles, was wir erreicht haben. Das gibt mir die Kraft zum Weitermachen», meint Elizabeth Montero, «denn es braucht noch viele, viele Jahre Arbeit, bis für die Mädchen vom Land Gerechtigkeit herrscht. Ich möchte die Schwächsten erreichen, die sich nicht wehren und schützen können. Das ist am schwierigsten.» Ein anständiger Lohn und Unabhängigkeit seien der Anfang. Doch vor allem müsse man den Mädchen eine Lebensperspektive geben und ihr Selbstwertgefühl stärken.
Sinparispa, Anlaufstelle für Dienstmädchen: Der Trägerverein des Projekts hat seinen Sitz im Kanton Baselland und wird von verschiedenen Kirchgemeinden unterstützt.
Zum Bild: Unterwegs für die Sache der bolivianischen Dienstmädchen: Elizabeth Montero am Basler Bahnhof. | Zuber
Karin Müller