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Der Berner Archäologe und Restaurator Ulrich Bellwald erhält den Auslandschweizer-Preis 2008 der Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP). Er hat sich mit Ausgrabungen im jordanischen Petra grosse Verdienste erworben.
Was macht ein Berner Archäologe und Kunsthistoriker im jordanischen Wüsten-Wadi? Warum werkelt ein Restaurator, der in Bern unter anderem den Zytglogge-Turm renoviert hat, in Amman an alten Dampflokomotiven der ehemaligen Wüstenbahn "Hedjaz Railways" herum?
Wie kommt ein ehemaliger ETH-Assistent, der bei Architektur-Kapazitäten wie Luigi Snozzi arbeitete und 1977 ein eigenes Büro für Urbanistik eröffnete und der nebenbei in Sizilien alte Griechen-Tempel restaurierte, in den Nahen Osten?
"Vater der Streitaxt" oder "Vater der Steinfliesen"?
Ueli Bellwald, heute 59-jährig, ging ein Ruf als kreativer und einsatzstarker Macher voraus: Die Jordanier haben ihn 1991 geholt und es offenbar seither nicht bereut. Auch wenn ihm, dem "Berner Gring", wie er gegenüber swissinfo zugibt, "manchmal das arabische Phlegma ganz schön auf den Wecker geht".
Bellwald kombiniert typische Berner Charakteristiken wie den "Steckgring" (sturer Kopf) mit gewissen von seiner italienischen Mutter vererbten Züge wie Ungeduld und Ungestüm. Auch den Jordaniern sei das schon aufgefallen. Inzwischen werde er von ihnen - je nach Situation – freundlich als "Abu Balata" (Vater der Steinfliesen) angesprochen oder, bösartiger, als "Abu Faas" (Vater der Streitaxt) betitelt.
Petra hat ihm viel zu verdanken
Seiner Sturheit, seinem Temperament und seinem Wissen verdankt das Land offenbar die systematische Offenlegung von Petra, des jordanischen Weltkulturerbes, das jedes Jahr Tausende von Touristen anzieht.
Zu seinen Aufgaben dort gehörte es, die überwältigende Felsenstadt der Nabatäer von vier Meter hohen Geröllhalden zu säubern. Er restauriert sie derart, dass auch die gesamte, höchst intelligent durchdachte Wasser-Infrastruktur sichtbar wird.
Besonderen Wert legt Bellwald auf das Aufzeigen des nabatäischen Umgangs mit dem Stauen von Sturzbächen, wie sie nach Regengüssen in der Wüste vorkommen, der Wasserverteilung und der Abwasserbewirtschaftung im Vergleich zur heutigen Zeit.
Jordanien: Love it or leave it!
Was als nur mehrwöchiger Abstecher gedacht war, entwickelte sich zur pragmatischen Liebesgeschichte mit Petra und Jordanien.
"Selbstverständlich bin ich gerne hier, love it or leave it. Man kann nirgendwo auf der Welt gegen Land und Leute leben", sagt Bellwald, der inzwischen auch Arabisch spricht.
Aber er sehe nicht nur die positiven, sondern auch die negativen Seiten – "und ich reibe mich daran". Er habe auch kein missionarisches Interesse, sondern wolle die ihm gestellten Aufgaben mit Engagement und gemeinsam mit Partnern und Mitarbeitern lösen.
Schweizer Dampfloks aus dem 19. Jahrhundert
Ueli Bellwald ist in Jordanien vielseitig präsent: Nicht nur das Ausgraben antiker Steinplatten und das Zusammensetzen von Stuckfragmenten beschäftigen ihn, auch das Freischaufeln der alten osmanisch-deutschkaiserlichen Eisenbahn, die Hedjaz-Railways, liess ihm keine Ruhe.
Diese Bahn war vor dem ersten Weltkrieg als durchgehende Verbindung zwischen Istanbul, Damaskus bis Akaba oder Mekka gebaut und nur einige Jahre genutzt worden. 1917 zerstörten sie aufständische Araber unter der Leitung des britischen Kriegshelden "Lawrence of Arabia". Heute werden die Strecken nur noch abschnittsweise befahren.
Laut Bellwald zählt die Route von Damaskus ins Wadi Rum an der saudischen Grenze "zu den grossartigsten Bahnstrecken der Welt". Deshalb hat er ein internationales Konsortium auf die Beine gestellt, um diese Route besser zu nutzen und ihr touristisch enormes Potenzial aufzugleisen.
"Die Hedjaz-Bahn verfügt wahrscheinlich über die ältesten, noch betriebsfähigen und im Normalverkehr eingesetzten Dampflokomotiven der Welt", so Bellwald: Darunter zwei Tenderlokomotiven, Baujahr 1894 und 1896, aus Winterthur!
Die Trassees, Bahnhöfe, Anlagen, Loks und Wagen repräsentieren mehr als 60 Jahre Eisenbahngeschichte, genügen aber modernen Ansprüchen nicht mehr: Ihre Chancen als historische Bahn seien deshalb umso grösser.
Von musealen Bahnen zur Museums-Zusammenarbeit
Nabatäer-Bewässerungssysteme, Felsentempel, Dampfloks: Bellwald gab auch Impulse, als die jordanischen Behörden ihn um Support beim Aufbau eines modernen Museensystems baten.
Als Restaurator und Architekturhistoriker kennt er sich auch in diesem Bereich aus und ermöglichte entsprechende Kontakte zur Schweiz: Nun stellt der Kanton Baselland dank einer Mini-Subvention des Bundes einen Museumsexperten für die Ausbildung jordanischer Fachkräfte zur Verfügung.
Am Donnerstag hat Bellwald im Swiss Re Centre in Rüschlikon den Auslandschweizer-Preis 2008 entgegengenommen. Mit diesem Preis werden jährlich Personen geehrt, die sich ausserordentlich für die Anliegen der Schweiz im Ausland einsetzen.
Die Laudatio hielt Botschafter Paul Widmer, zur Zeit ständiger Vertreter der Schweiz beim Europarat in Strassburg. Ulrich Bellwald kennt er aus der Zeit, als er Botschafter in Jordanien war.
swissinfo und Alexander Künzle
Fatti e cifre
Die FDP International vergibt den Auslandschweizer-Preis seit 2002.
Ziel und Zweck dieses Preises ist es, bedeutende Engagements von Schweizerinnen und Schweizern im Ausland zu unterstützen.
Mit dem Preis will FDP Schweiz International auch Persönlichkeiten oder Institutionen ehren, die sich ausserordentlich für die Anliegen der Auslandschweizer einsetzen.
Gleichzeitig soll die Schweizer Bevölkerung vermehrt auf die Bedeutung der "Fünften Schweiz" aufmerksam gemacht werden.
Der Preis wird von einer siebenköpfigen Jury vergeben.
Nebst der symbolischen Auszeichnung wird ein Geldpreis in der Höhe von 10'000 Franken gesprochen.
Petra
Die Nabatäerstadt Petra, ein Weltkulturerbe, ist Jordaniens kulturelle und touristische Attraktion Nr.1.
Die aus dem Fels gehauenen antiken Tempel und Gebäude sind weltberühmt und oft fotografiert. Sie liegen in der engen Schlucht des Sik.
Petra birgt aber viel mehr: Das nabatäische Wasserbewirtschaftssystem war genial. Seither wurde in der Region nie mehr etwas Gleichwertiges erreicht.
Petra gilt deshalb auch als Vorbild für eine intelligente Wasserwirtschaft in ariden Gebieten.
Die Nabatäer wurden christianisiert, bauten hellenistisch und gelten den Arabern als Vorfahren. Sie nutzten ihre Stadt als Karawanenschnittpunkt.
106 n. Chr. wurde Petra von den Römern erobert und zerstört.
1812 entdeckte sie der Basler Orientreisende J. L. Burckhardt. Seit 1991 legt der Berner Archäologe und Architekt Ulrich Bellwald Schlucht, Stadt, Reliefs, Altäre und vor allem die Infrastrukturen (Wasserkanäle, Dämme) frei.