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Endlich mal ein herrlich anderer Film, ganz unerwartet und erfrischend. Biopics sind ja derzeit wieder modern und nach Elvis und Marilyn kommt jetzt auch eine Bildbiographie über Elisabeth genannt Sissi in die deutschen Kinos. Eine Reflexion auf die Kaiserin Elisabeth von Österreich in ihrer Midlifecrisis.
Auch Prinzessinnen werden älter. Kaiserinnen altern sogar noch schneller. Der Film spielt in den Jahren 1877/78, Elisabeth (Vicky Krieps) ist gerade 40 Jahre alt geworden und langweilt sich in ihrer Rolle als Repräsentantin eines untergehenden Reiches (Österreich-Ungarn). Denn nach dem Ausgleich von 1867, an dem sie nicht ganz unbeteiligt war, wollen auch die anderen Nationen Österreichs mehr Recht und der Kaiser, ihr Ehemann, hat alle Hände voll zu tun. Franz Joseph (Florian Teichtmeister) ist so gestresst, dass er abmagert und ab und zu privat sogar seine Bartkoteletten abnimmt. Dann kommt es auch zu sexuellen Begegnungen mit seiner Gattin, aber eher selten. Elisabeth soll in dieser politischen Krise, die auch eine Ehekrise ist, vor allem die klassische Frauenrolle übernehmen: sie soll keine Meinungen äußern, sondern für immer die schöne junge Kaiserin bleiben. Elisabeth will dieser Rolle auch irgendwie entsprechen und unterwirft sich einem rigiden Plan aus Hungern, Sporttreiben, Frisieren und täglichen Messungen der Taille. Bis sie sich eines Tages ihre meterlangen Haare abschneidet und zu ihrem Cousin nach Bayern zieht. Cousin und Cousine. Manuel Rubey als Ludwig II. macht sich gut, er ist unaufdringlich und lässt Elisabeth ihren Auftritt. Denn den braucht sie.
Ihre Tochter Valerie schämt sich des Öfteren für sie. Auch der ältere Bruder von Valerie, Rudolf, stellt seine Mutter zur Rede, da sie es mit dem Stallburschen treibt. Oder ist es eher der Reitlehrer? Nach einem Selbstmordversuch, bei dem sie sich aus dem Fenster stürzt, geht sie auf Krücken und eine Coverversionen von "help me through the night" wird eingespielt, als sie sich mit ihrem Liebhaber tröstet. Als neuestes Medikament gegen Depressionen preist ihr Arzt "harmloses" Heroin an. Die Kaiserin gibt sich den Kick manchmal selbst, findet wieder zu ihrem Mann, einem Kaiser, der in ihren Armen liegt wie ein Kind. "I have nothing to hold on to but myself" sagt sie an einer Stelle prosaisch. Sissi the Junkie sucht ihrem Ehemann eine Liebhaberin aus, weil sie auf Reisen geht. "As tears go by", die alte Hymne der Stones, von Marianne Faithfull verfasst, ertönt in einer Coverversionen bis sich Elisabeth nach Ancona einschifft und als dramaturgischer Höhepunkt eine Art Titanic-Hommage als Schlusspunkt eingesetzt wird. Elisabeth geht zum Schiffsbug, streckt ihre Arme hinauf in den tiefblauen Himmel und stürzt sich zu den Klängen von Soap and Skins "In Italy" in die ebenso tiefblauen Fluten. Es beginnt ein neuer Lebensabschnitt, der immerhin 20 weitere Jahre andauern sollte, bis sie 1898 am Genfer See von einem italienischen Anarchisten umgebracht wurde. RIP.
Corsage ist eine wohltuende Antithese zur Sissi-Trilogie der 50er-Jahre und wurde von der Wiener Regisseurin und Drehbuchautorin Marie Kreutzer mit der Luxemburgerin Vicky Krieps in der Hauptrolle umgesetzt. Der Film, der in Cannes für Aufsehen sorgte, ist eine melancholische Hommage an die Kaiserin, die durchaus auch als Ikone der modernen Frauenbewegung durchgeht. Schließlich widersetzte sie sich dem Kaiser, schrieb Gedichte, ging viel auf Reisen und ließ sich tätowieren. Über ihren Film sagt die Regisseurin: "Ich hatte nie Interesse, ein ordentliches, braves Biopic zu machen. Aber natürlich haben die Fakten – dass Elisabeth eben ab einem gewissen Alter ihr Gesicht nicht mehr gezeigt hat – erst diese Geschichte, diesen Plot in mir entstehen lassen. Es ist doch wahnsinnig spannend, dass diese Frau quasi vor aller Augen verschwunden ist." Dass sich Elisabeth auch gegenüber der neuen Technologie der "bewegten Bilder", dem Filmen, durchaus aufgeschlossen zeigt und sich sogar filmen ließ, konterkariert dabei auf wohltuende Weise einen oft viel zu eindimensional gezeigten Charakter einer Frau, die einfach nur dafür geliebt werden wollte, wie sie ist. "Dieses Leben mit einem übergroßen Bild von sich, dem man immer gerecht werden muss, weil es das einzige ist, über das man Anerkennung und Liebe bekommt – das fand ich extrem interessant und auch eine zeitlose Thematik." (Marie Kreutzer) Ein herrlich erfrischendes Biopic über eine Frau, die ganz ohne Glamour auskam.