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51 Mal «Ausser Haus»
Zwecks Umbau findet die kommende Saison des Kurtheaters «Ausser Haus» statt. Die... Weiterlesen
von
Hans-Peter Widmer
05. April 2018
09:00
In der mondhellen Nacht zum Donnerstag, 15. April 1943, um 00.45 Uhr, schreckte das Dröhnen eines Flugzeugs die Bevölkerung von Birmenstorf aus dem Schlaf. Im nächsten Moment zerriss ein fürchterlicher Knall die Luft. Am südlichen Dorfrand stieg eine Feuer- und Rauchsäule auf. Bald waren die ersten Leute zur Stelle. Sie wurden Zeugen eines Flugzeugabsturzes. Ein Vickers-Wellington-Bomber der englischen Royal Air Force R.A.F. war nur hundert Meter vom nächsten Haus entfernt am Boden zerschellt. Der Rumpf hatte sich in die Erde gebohrt. Ausrüstungsteile, Waffen und Munition lagen weit herum verstreut. Noch stand nicht fest, ob auch Menschen unter den Trümmern begraben waren.
Der Pilot sprang zuletzt ab
Im Gegensatz zu heute, wo solche Meldungen über Smartphones, Facebook und Twitter in Sekundenschnelle verbreitet würden, dauerte es damals Stunden, bis klar war, dass sich die fünfköpfige Bomberbesatzung mit dem Fallschirm hatte retten können. Nur etwa 30 Sekunden vor dem Aufschlag sprang der erst 21-jährige Pilot James Victor Avery als Letzter ab. Er hatte den brennenden Bomber noch über die Stadt Baden Richtung Südwesten gelenkt, weil er möglicherweise das freie Birrfeld im Mondlicht vor sich sah. Wäre das Flugzeug etwas länger in der Luft geblieben, hätte es auf Mülligen abstürzen können.
Am folgenden Morgen und in den nächsten Tagen zog die Absturzstelle viele Schaulustige an. Schon am
15. April erschienen in den Zeitungen erste, kurze Berichte. Die Behörden bestätigten den Vorfall in einer knappen Mitteilung. Sie wurde in den Mittagsnachrichten am Radio Beromünster verlesen. Eine Woche später publizierte die «Schweizer Illustrierte» eine Bild-Reportage. Der Photopress-Journalist hatte die Landplätze der Besatzungsmitglieder sowie Augenzeugen ausfindig gemacht.
Von der offiziellen Absturzuntersuchung erfuhr die Öffentlichkeit nicht viel. Aber 50 Jahre nach dem Ereignis trug der Birmenstorfer Lehrer und Lokalhistoriker Max Rudolf durch minutiöse Recherchen in Archiven und bei Zeitzeugen die Fakten zusammen und veröffentlichte sie 1993 in einem seiner «Berichte zur Heimatkunde». So lässt sich der Bomberabsturz, der sich am nächsten Sonntag zum
75. Mal jährt, bis heute nachverfolgen.
Kampfauftrag und Irrflug
Die Royal Air Force plante in der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag, 14./15. April 1943, einen Grossangriff auf Stuttgart. Von mehreren Flugplätzen in Mittel- und Südengland starteten in den ersten Abendstunden 462 Flugzeuge. Nach einem ausgeklügelten Plan bildeten sie in der Luft eine geschlossene Formation, nahmen Kurs auf Karlsruhe und Heilbronn, folgten dem Neckar und erreichten von Nordosten her das Zielgebiet Stuttgart. Kurz nach Mitternacht warfen sie 424 Sprengbombern und 37 630 Brandbomben ab. 619 Menschen fielen ihnen zum Opfer.
Im R.A.F.-Geschwader befand sich auch der Wellington-Bomber X HE-375. Er hob um 21.08 Lokalzeit vom englischen Flugplatz Burn ab. An Bord waren Pilot Avery, Navigator Shields, Funker Cash, Bombenschütze Boddy und Maschinengewehrschütze Mc Evan. Nach dem Erreichen des Festlandes trat eine Motorenstörung auf, die Geschwindigkeit verlangsamte sich, und die Maschine konnte den Platz in der Staffel nicht mehr halten.
Auf der Höhe von Karlsruhe näherten sich zwei deutsche Nachtjäger der Wellington. Es kam zum Duell. Die Engländer schossen eine der JU-88 ab. Doch auch der eigene Bomber wurde an der Steuerklappe am rechten Flügel beschädigt. Dennoch setzte Pilot Avery den Kampfeinsatz fort. Aber die HE-375 wurde erneut getroffen – diesmal von einem Fliegerabwehrgeschoss. Der linke Motor fiel aus, die Maschine trudelte und verlor die Orientierung. Anstatt der Rückkehr nach England begann ein Irrflug.
«Hier Schweiz»
Die Wellington streifte bei Schaffhausen erstmals die Schweiz, kam bei Zurzach definitiv über die Landesgrenze, flog in Rheinnähe südwestwärts weiter, drehte vor Laufenburg nach Südosten ab, gelangte via Wasserschloss limmataufwärts, kehrte bei Schlieren aber wieder um, bog im Siggenthal nochmals nach Süden ab und überflog in abnehmender Höhe Baden. Zwischen Würenlos und Ennetbaden waren vier Besatzungsmitglieder auf Befehl des Bordkommandanten aus 1800 bis 1500 Meter mit dem Fallschirm abgesprungen. Zuvor hatten sie die geheimen Navigations- und Funkunterlagen vernichtet.
Pilot Avery verliess die brennende Maschine über dem damals noch nicht überbauten heutigen Badener Meierhofquartier. Er konnte seinen Fallschirm trotz defekter Reissleine mit letzter Mühe öffnen – und landete auf dem Scheunendach der Ziegelhütte. Die Bewohner rannten ins Freie, ein Nachbar griff nach dem Gewehr, postierte sich vor dem Gebäude und rief «Hände hoch!» Der Pilot verstand zum Glück so viel Deutsch und gehorchte. Er wurde mit einer Leiter heruntergeholt und von den Bauersleuten verpflegt.
Die andern Besatzungsmitglieder waren im Wettinger «Eigi», im Rebberg Ennetbaden, auf dem «Büel» bei Freienwil und dem «Ebnet» bei Obersiggenthal zu Boden gekommen. Bei ihrer Entdeckung zogen sie die R.A.F.-Plakette aus dem Overall. Ihre erste Sorge war, ob sie sich tatsächlich in der Schweiz befänden. «I am English. Here Deutsch?», fragte Bombenschütze Boddy den Freienwiler Bauer Johann Burgener. Dieser antwortete: «Nein, hier Schweiz.»
Internierung der Besatzung
Wenn Angehörige kriegführender Armeen unser Land betraten, wurden sie laut Haager Konvention interniert. Sie hatten in der Regel das Kriegsende abzuwarten. Besuche waren nur mit Bewilligung und in Begleitung der Heerespolizei gestattet, Briefe und Pakete durchliefen die Zensurstelle. Die Besatzung der HE-375 wurde neun Tage nach dem Absturz in einem Haus in Corseaux am Genfersee unter Beobachtung und mit Tagesplan untergebracht. Aber schon zwei Monate später nutzten die Behörden – um Personal zu sparen – eine Möglichkeit, die Flieger nach Grossbritannien zurückzuschaffen.
Ihr späteres Schicksal fand Chronist Max Rudolf ebenfalls heraus. Pilot James Victor Avery und Navigator William Harold Shields kamen im März 1944 ums Leben, Funker Joseph Clifford Cash und Bombenschütze Wilfried Boddy verliessen nach dem Krieg die englische Luftwaffe. Vom Maschinengewehrschützen Ronald Alexander Mc Ewan fanden sich in den Archiven keine Spuren mehr.
Zum 50. Jahrestag des Flugzeugabsturzes errichtete Birmenstorf 1993 am Unglücksort einen Gedenkstein mit Inschrift. Der Gemeinde wurde nochmals bewusst, wie knapp sie von einer Katastrophe des Zweiten Weltkriegs verschont blieb. Das Mahnmal wurde jüngst wegen des neuen Kreisels bei der Einmündung der Fislisbacher- in die Badenerstrasse leicht versetzt. Aber die Erinnerung an das schicksalshafte Ereignis vor 75 Jahren bleibt wach.
Am Samstag, 14. April, um 16 Uhr, findet an der Absturzstelle eine Erinnerungsfeier statt.