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Dorothee Lemke-Steiner ist in Schaffhausen gemeinsam mit ihrer Schwester Regula und ihrem Bruder Conrad aufgewachsen. Sie war bereits in ihrer Kindheit und Jugend sehr aktiv, war lange Jahre Pfadfinderführerin. Als sich die Gelegenheit während der Kantonsschulzeit ergab, für ein halbes Jahr nach Südamerika zu gehen, liess sie sich diese Chance nicht entgehen. Am Familientisch wurde viel diskutiert und politisiert, was Dorothee geprägt hat. Sie lernte so, sich durchsetzen, auch innerhalb der Familie: Es war üblich – wie es damals wahrscheinlich in vielen Familien der Fall war – dass ihr Vater bei Abstimmungen nicht nur seinen eigenen Abstimmungszettel ausfüllte, sondern auch den seiner Frau und später den von Dorothee. Das liess sie sich aber nicht lange bieten, sondern wählte fortan selber. Diese selbstbewusste Art trübte aber das Verhältnis zwischen Dorothee und ihrem Vater nicht: Er war stolz auf sie und ihre Fähigkeit, strategisch denken zu können, hat ihm imponiert. Dorothee interessierte sich auch früh für Frauenanliegen: So war es für sie selbstverständlich, den Frauendienst zu machen und sie liess sogar einmal eine Maske mitgehen, weil sie diese vielleicht an einer Demonstration gebrauchen könnte.
Nach der Matura begann Dorothee mit einem Jusstudium. Aber das erfüllte sie nicht und so entschied sie sich, Theologie zu studieren. Diese Wahl hatte vielleicht auch damit zu tun, dass Dorothee immer auch eine Suchende war. Sie hatte auch immer ein Interesse an ihrem Gegenüber und versuchte nie, jemanden zu vereinnahmen oder zu schubladisieren. Das Theologiestudium eröffnete ihr so neue Räume, denn auch die Bibel erzählt Geschichten von Menschen auf der Suche nach dem Sinn, nach Gott, nach dem, was uns als Menschen ausmacht und prägt.
Während ihres Studiums entschied sich Dorothee, ein Jahr in Kiel zu studieren. Und so hat sie auch ihren zukünftigen Mann, Adolf Lemke, kennen und lieben gelernt. Nach dem Studium, dem Vikariat und der Ordination 1983 in Schaffhausen hat sie gemeinsam mit ihrem Gatten in Romanshorn-Salmsach TG ihre erste Pfarrstelle übernommen. Sie waren das erste angestellte Pfarrerehepaar im Kanton Thurgau. Und Dorothee war die erste Frau, die in Romanshorn gepredigt hat. Es kam nicht selten vor, dass sie für die «Frau des Pfarrers» und nicht für eine selbstständige Pfarrerin gehalten wurde. Aber sie war durchsetzungsfähig, humorvoll, zielstrebig und lebenslustig, alles Qualitäten, die ihr sicherlich auch in ihrem Amt geholfen haben. In Romanshorn wuchsen die beiden Kinder des Pfarrehepaars Lemke auf, Michaela und Lars, welchen Dorothee eine liebe, warmherzige und interessierte Mutter war. Sie konnte ihren beiden Kindern vieles mitgeben und war auch eine fantastische Geschichtenerzählerin.
Neben ihrer Familie pflegte sie viele Freundschaften, die für sie einen grossen Stellenwert hatten. Freundschaften können das Leben bereichern und auch in schwierigen und herausfordernden Zeiten einen Halt schenken.
Dorothee und Adolf Lemke waren über 20 Jahre im Pfarramt in Romanshorn und haben das Gemeindeleben wesentlich mitgeprägt. Dorothee entschied sich dann aber, die Stellenprozente in der Gemeinde zu reduzieren und arbeitete als Seelsorgerin in der Psychiatrie in Münsterlingen. In dieser Arbeit zeigte sich wiederum ihre Offenheit, ihr Interesse an verschiedenen Lebensentwürfen und ihre Liebe zu den Menschen, deren Lebensweg nicht immer gerade verlaufen ist. Sie ging während dieser Zeit in Romanshorn auch in die Politik und war Kantonsrätin der SP.
Im Jahre 2005 verliessen Adolf und Dorothee Lemke Romanshorn und wechselten nach Oetwil am See, wo Dorothee wiederum im Pfarramt und in der Psychiatrischen Klinik im Schlössli arbeitete. 14 Jahre haben die Beiden in Oetwil gelebt und gearbeitet und es war noch einmal eine erfüllende Lebensphase. Während dieser Zeit gingen Dorothee und Adolf viel reisen, häufig nach Schweden und sie besuchte auch ihre Kinder, die zwischendurch in Japan, Taiwan oder Australien studierten und lebten.
Mit der Pensionierung entschieden sich Dorothee und Adolf, wieder zurück an den Bodensee zu umzuziehen, denn am Wasser fühlte sich Dorothee wohl. Sie war schnell wieder integriert in der Gemeinde Romanshorn. Sie sang in der Projekt-Kantorei und arbeitete in der Oase, einer Organisation, die sich um demenzerkrankte Menschen kümmert. «Wir gehen fröhlich in den Ruhestand», sagte sie einem Journalisten, der interessiert war, warum das Ehepaar Lemke wieder zurück nach Romanshorn gekommen sei. Und fügte hinzu: «Nach 36 Jahren predigen habe ich gesagt, was es zu sagen gibt.»
Im Frühjahr 2021 bemerkte Dorothee Lähmungssymptome. Untersuchungen ergaben, dass ein Medikament, das sie aufgrund einer früheren Krebserkrankung brauchte, ein Virus aktiviert hat, der diese Krankheit ausgelöst hat. Diese Krankheit ist leider weitgehend unerforscht und niemand wusste, wie sich der Gesundheitszustand von Dorothee verändern würde. Es war eine enorm belastende und herausfordernde Zeit, eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen, Zuversicht und Enttäuschung, Vertrauen und absoluter Erschütterung. Es war eindrücklich, wie sie sich mit dieser Krankheit auseinandersetzte: Sie kämpfte, aber sie verbitterte nicht und hat sich trotz eigenem Leiden auch immer wieder nach dem Wohlergehen von anderen erkundigt.
Während dieser Zeit, in der Dorothee krank geworden war, wurde auch ihre Enkelin Zoe geboren. Das war eine grosse Erfüllung – und gleichzeitig unendlich traurig: Geburt und die Auseinandersetzung mit dem Sterben, neues Leben und schwere Krankheit, Freude und Leiden waren ganz nahe beieinander.
Der Gesundheitszustand von Dorothee verschlechterte sich sehr schnell. Leider hat keine der Therapien die erhoffte Linderung gebracht. Nach einem kurzen Aufenthalt im Pflegeheim ist Dorothee am 26. Februar 2022 verstorben.
Die Angehörigen waren und sind von der starken Hoffnung geleitet, dass Dorothee eine Schwelle überschritten hat, die sie zur Ewigkeit in Gott gebracht hat. Dass sie so durch eine Tür gegangen ist, die wir eines Tages auch durchschreiten werden – und Dorothee uns nur einen Schritt voraus ist.
Pfrn. Meret Engel; Romanshorn