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VON JULIETTE IRMER
Ein Arzt überweist einen Patienten wegen starker Rückenschmerzen in ein Spital. Der Patient, den seine Schmerzen seit Jahren plagen, ist überzeugt, dass ihm auch dort niemand helfen kann. Er behält recht: Keine Therapie schlägt an. Wie sehr die Wirkung eines Medikaments tatsächlich von der Erwartung eines Patienten abhängt und vor allem, was dabei im Gehirn passiert, zeigt eine Studie, die soeben in der Fachzeitschrift Science Translational Medicine veröffentlicht wurde.
Es ist ein spannender Versuch, den Ulrike Bingel, Neurologin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, und ihr Team entworfen haben. An 22 Studenten wurde die Wirkung eines Schmerzmittels getestet. Die Forscher befestigten an deren Waden Heizplatten und stellten die Temperatur so ein, dass der Schmerz als moderat bis stark schmerzhaft beschrieben wurde.
Der Schmerzreiz wurde während der Versuchsdauer konstant gehalten. Die Forscher wollten herausfinden, wie die Erwartungen der Probanden die Wirkung des Medikaments beeinflussen. Die Probanden erhielten, ohne es zu wissen, fast während der gesamten Versuchsdauer ein hochwirksames Schmerzmittel gespritzt.
Bingel untersuchte insgesamt vier Bedingungen: In der 1. Phase bekamen die Studenten nur Salzlösung injiziert, um zu sehen, wie das Gehirn auf den puren Schmerz reagiert. In der 2. Phase erhielten sie bereits das starke Schmerzmittel. Die Probanden glaubten aber, nach wie vor Salzlösung zu erhalten.
Die Forscher konnten dadurch testen, wie das Medikament wirkt, wenn die Patienten weder eine positive noch eine negative Erwartung haben. In der 3. Phase kündigte der Versuchsleiter die Injektion des Schmerzmittels an (obwohl es schon verabreicht wurde), die Patienten erwarteten also ein Nachlassen des Schmerzes. In der 4. Phase behauptete der Versuchsleiter, dass die Injektion des Wirkstoffs gestoppt wurde, was nicht stimmte. Der Patient nahm aber an, dass die Schmerzen wieder zunehmen würden.
Das Ergebnis des Experiments: Wie erwartet, empfanden die Probanden in Phase 1 mit Salzlösung intensive Schmerzen, in Phase 2 liess der Schmerz dank des Schmerzmittels nach. In Phase 3 spürten die Probanden eine doppelt so starke Erleichterung wie in Phase 2 – obwohl sich die exakt gleiche Menge Schmerzmittel im Blut befand.
Nun wussten sie aber, dass sie Schmerzmittel erhielten. In Phase 4 hob die negative Erwartung der Probanden die Wirkung des Schmerzmittels fast ganz auf: Die Schmerzen wurden als ähnlich stark empfunden wie in Phase 1, obwohl sie genau gleich viel Schmerzmittel erhielten wie zuvor. Sie dachten aber, dass das Mittel reduziert worden sei. «Wir hatten einen Effekt erwartet. Dass eine negative Erwartung die Wirkung des Medikamentes zunichtemacht, hat uns aber doch erstaunt», sagt Ulrike Bingel.
Während des Versuchs hatten die Forscher das Gehirn der Probanden mithilfe der funktionellen Kernspintomographie (fMRI) untersucht. Sie konnten zum ersten Mal zeigen, dass, je nach Erwartung der Probanden, verschiedene Gehirnregionen aktiv sind. Das bedeutet, dass diese Prozesse also tatsächlich im Gehirn stattfinden. An früheren Studien, die ohne fMRI gearbeitet hatten, waren Zweifel an der Richtigkeit der Probandenangaben geäussert worden.
«Die Arbeit von Bingel und ihrem Team ist ein bedeutendes Beispiel dafür, wie moderne bildgebende Verfahren zu einem besseren Verständnis solcher Placebo-Effekte beitragen können», schreibt Randy Gollup, Professor für Psychiatrie an der Harvard Medical School, in einem Begleitartikel. Als Placebo-Effekt wird gemeinhin die positive Wirkung eines Scheinmedikaments bezeichnet. Wie auch bei den von Bingel untersuchten Zusammenhängen spielt die Erwartung eines Patienten dabei die zentrale Rolle.
Bingel leitet aus ihrer Studie Konsequenzen für den medizinischen Alltag ab, besonders für Patienten, die an chronischen Schmerzen leiden. «Ärzte sollten bei der Wahl eines Medikamentes die Erfahrungen von Patienten stärker berücksichtigen und deren Erwartungen, wenn nötig, durch ein aufklärendes und motivierendes Gespräch verbessern», so die Neurologin.
Denn ob die Erwartungen eines Patienten positiv oder negativ sind, hängt vor allem vom Verhältnis zum Arzt ab. «Und Patienten sollten sich keine Angst vom Beipackzettel machen lassen. Das kann die Medikamentenwirkung bereits negativ beeinflussen.» Bingel: «Am besten sucht man sich einen Arzt, bei dem man sich gut informiert und aufgehoben fühlt, dann wirken Medikamente besser!
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Eine Studie konnte erstmals im Gehirn nachweisen, wie sehr die Erwartung der Patienten die Wirkung eines Schmerzmittels beeinflusst.
VON JULIETTE IRMER