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Es ist mir eine große Freude, dass mir diese Gelegenheit geboten wurde Sie hier zu treffen und einige Worte zu Ihnen über meine Religion zu sprechen.
Es wird oft gesagt der Buddhismus sei keine Religion. Der westlichen Auffassung nach von dem Wort Religion ist dies vielleicht richtig. Denn der Buddhismus verneint die Existenz eines Schöpfergottes, dem wir Ehre und Anbetung schulden. Buddhismus, wird weiter gesagt, ist auch keine Philosophie, denn er berührt nur wenig die klassischen Probleme der Philosophie. Ich beabsichtige hier nicht diese Frage zu lösen, ich habe es nur mit der Tatsache zu tun, dass der Buddhismus eine Lebensweise ist, welche ich führen kann. Buddhismus ist eine Lebensweise, durch welche das Leben überschritten wird. Buddhismus im Zustand seiner Vollkommenheit ist eine Lebenshaltung, bei der ein Mensch sich inmitten des Lebens bewegend dennoch vom Leben unberührt bleibt.
Saichi, ein Quietist der Hongwanji-Schule, von dessen Werken einige durch Doktor Daisetsu Suzuki dem Westen bekannt gemacht wurden, schrieb in Beziehung hierauf:
Im 15.Jahrhundert lebte in Japan ein berühmter Zen-Meister namens Ikkyu. Er und Rennyô von Honganji waren enge Freunde und es gibt viele Geschichten von ihrer Freundschaft. Bei einer Gelegenheit hängte Ikkyu ein großes Schild an eine knorrige alte Kiefer vor dem Tore des Daitokuji-Tempels. Auf dem Anschlag stand: "Ich, Ikkyu, werde demjenigen eine Belohnung auszahlen, der diesen Baum gerade sehen kann." Viele Leute aus Kyôto kamen, um den Anschlag zu sehen. Und einige dachten natürlich Ikkyu sei verrückt geworden, andere schauten auf die verkrüppelte alte Kiefer von jedem möglichen Winkel aus, doch von keinem Winkel her erschien sie gerade.
Ein alter Mann kam zu Rennyô im Hongwanji und fragte, ob Ikkyu verrückt wäre. Rennyô lachte und sagte nein, und der Mann drängte ihn, die Lösung des Rätsels dieses seltsamen Anschlages zu sagen. Rennyô erklärte ihm den Sinn der Worte und der alte Mann eilte davon, nach dem Daitokuji um die Belohnung zu beanspruchen. Ikkyu fragte den Alten nach der Lösung und dieser sagte: "Was denn, sieh nur gerade auf den Baum!" Ikkyu zahlte die Belohnung aus und sagte lachend: "Du hast mit Rennyô gesprochen."
Dies somit ist das wahre Fundament des Buddhismus.
Wir gehen uns drehend und wendend durch unser Leben und von jeder Seite versuchen wir, das Leben richtig zu verstehen. Wir sprechen über das Rätsel des Lebens! Da ist kein Rätsel: Sieh nur gerade aus darauf hin nur von dem Standpunkt einer richtigen Lebensansicht aus können wir hoffen, selbst ein richtiges Leben zu führen.
Da gibt es solche, deren Lebensanschauung hauptsächlich um sich selbst als Zentrum schwingt. Sie scheinen zu glauben, dass das Leben dann recht ist, wenn sie glücklich, frei von Kummer sind. Für sie kreist das Universum um ihre eigenen Wünsche und Hoffnungen.
Eine völlig verschiedene Lebensanschauung wird von einer ziemlichen Menge anderer Leute vertreten, welche ihr Leben auf der Erkenntnis ihrer Abhängigkeit vom Universum gründen. Diese Leute wissen, dass sie nur durch die Anstrengungen anderer leben. Unsere Nahrung, unsere Kleider, fast alles, was wir besitzen oder benützen, ist hergestellt aus dem Rohmaterial vieler Länder und vieler Orte. Allen den Leuten, sowohl unbekannt wie bekannt, durch deren Mühe wir ein besseres Leben führen; hätten wir dankbar zu sein. Die Erkenntnis dieser Abhängigkeit bildet den Grund für diese zweite Lebensanschauung.
Innerhalb dieser beiden Lebensanschauungen gibt es viele verschiedene Positionen, und wir können über keine von diesen ein absolutes Urteil abgeben. Indessen neigt im Allgemeinen die erste Lebensanschauung dazu, die Spannungen im Leben zu vermehren. Indem man sich im Leben auf einen egoistischen Standpunkt stellt, gerät man in Konflikt mit anderen, und Angst und Leiden vermehren sich dadurch. Die letztgenannte Lebenshaltung dagegen vermindert die Reibung mit der Welt. Diese Anschauung, die sich auf ein Herz voller Dankbarkeit gründet, achtet und ehrt die Individualität anderer Menschen. Dieser Geist der Dankbarkeit erscheint im wirklichen Leben als ein dankbares Dienen und wird zur Grundlage wahren Glücks und Friedens.
Wir müssen natürlich verstehen, dass der Buddhismus nicht in erster Linie mit der Verbesserung der Welt zu tun hat. Wir erwarten nicht, dieses Leben zu einem Paradies auf Erden zu machen. Somit ist dieser Geist der Dankbarkeit nicht ein Mittel zu einem Ende. Es geschieht nicht durch Dankbarkeit. dass wir diese Leben hinter uns lassen und das Nirvana erreichen. Dankbarkeit ist eher das Anzeichen einer erreichten höheren Stufe geistigen Anstiegs.
Die medizinischen Institute Japans haben z.B. jährlich eine Gedenkfeier für die Leichen, die während des Jahres seziert werden. Sie tun dies, um ihre Dankbarkeit auszudrücken für den Fortschritt welche ihnen diese Sektionen zu machen gestatten. Diese Feiern finden nicht für die Beruhigung der Seelen dieser Verstorbenen statt, sie beabsichtigen vielmehr, den Lebenden ihre große Verpflichtung gegenüber jenen Toten in Erinnerung zu bringen, die durch ihren Tode weiter zum Fortschritt der Menschheit beigetragen haben.
In jedem Jahr halten die Frauen Japans eine buddhistische Gedenkfeier für die Nähnadeln, die sie im Laufe des Jahres zerbrochen haben. Dies ist ein festgesetzter religiöser Feiertag. Er soll die Dankbarkeit dieser frommen Frauen für die Dienste der Nadeln ausdrücken.
An vielen Orten Japans findet man Steinmäler ähnlich der Grabsteinen, die über der Begräbnisstätte von Schreibpinseln errichtet wurden. Sie wissen, dass bis in die neueste Zeit die Japaner nur mit Pinseln geschrieben haben, und selbst heute hat die Feder den Pinsel noch nicht völlig ersetzt. Die Wichtigkeit des Pinsels im Leben des Japaners kann daher nicht überschätzt werden. Wenn ein Pinsel nach langen Jahren treuen Dienstes beiseite gelegt werden muss, wird er häufig mit der Ehrung, die ihm gebührt, begraben.
Aus diesen wenigen Beispielen werden Sie schon erkannt haben, das die buddhistische Auffassung von Dankbarkeit sehr verschieden von der im Westen ist.
Der Gegenstand unserer Dankbarkeit ist keine Gottheit, auch sind wir nicht dankbar für irgendwelche besonderen Segnungen die willkürlich von einer Gottheit aus uns ausgeschüttet werden. Wir sind vielmehr direkt den Gegenständen dankbar, die uns unterstützt haben in unserem Streben nach vollständiger und vollkommener Erleuchtung, und für die Freundlichkeit derjenigen, durch deren Anstrengungen wir mit den Bedürfnissen des Lebens versorgt worden sind. Unsere Dankbarkeit sollte sich auf jedes Ding im Universum erstrecken, denn nur durch ihrer aller Hilfe sind wir imstande gewesen, die Wahrheit der Lehren Buddhas zu hören und anzunehmen.
Diese Auffassung finden wir natürlich in vielen und unbestrittenen Predigten Shakyamuni Buddhas. Shinran aber, auf dessen Lehren sich der Hongwanji gründet, legte erneut einen besonderen Nachdruck auf die Dankbarkeit im Buddhismus. Als ein Ergebnis von Shinrans Lehre über die Dankbarkeit im Buddhismus kam es in der Tat so weit, dass jetzt die Dankbarkeit einen Platz von höchster Wichtigkeit bei jeder Sekte des japanischen Buddhismus einnimmt, und dass heute in unserem Lande ein Leben der Dankbarkeit und ein Leben der Religion in Wirklichkeit Synonyme sind.
Shinran selbst bietet eines der größten Beispiele eines solchen Lebens religiöser Dankbarkeit und die Geschichten von seinem Leben illustrieren beständig das intensive Gefühl der Dankbarkeit, das der Urgrund all seiner Handlungen war.
Als Shinran etwa dreißig Jahre alt war, wurde er der Schüler Honens. Dieser große Heilige war beschuldigt worden, dass er versuche, eine gesonderte und unabhängige Sekte zu gründen, welche nicht dem Staate untertan sein werde. Die bestehenden Sekten fürchteten eine Bedrohung ihres engen Verhältnisses zur Regierung und forderten bei der ersten Gelegenheit. dass Honen bestraft werde. Die Regierung sandte Honen und seine Hauptanhänger unter dem Vorwand, dass sie die kaiserliche Würde verletzt hätten, ins Exil. Unter diesen Verbannten war auch Shinran, dem die abgelegenen Wildnisse Nordjapans zum Aufenthalt angewiesen wurden.
Wir sollten erwarten, dass Shinran sein trauriges Schicksal beklagen würde, das ihn so weit von der fröhlichen Hauptstadt verbannt hatte. Wir mögen uns die Verzweiflung Ovids oder Napoleons oder anderer Verbannter in ähnlicher Situation in Erinnerung rufen. Doch man höre Shinran:
Zur weiteren Illustration möchte ich ein oder zwei Anekdoten aus dem Leben des einfachen Volkes anfügen - von Leuten, die an sich selbst die volle Bedeutung der Shinranschen Lehren erfahren haben.
Da lebte in der Tokugawazeit ein Mann namens Kuhei, der der Raufbold des Dorfes war. Es geschah indessen, dass er bekehrt wurde und einen tiefen Glauben an Buddhas Lehre entfaltete. Die Leute seines Dorfes bezweifelten Kuheis Wesensänderung jedoch stark und glaubten nicht, dass irgendeine dauernde Besserung durch seine Bekehrung erzielt werden würde. Eines Tages begab sich Kuhei auf seine Reisfelder, doch nur um zu finden, dass jemand den Deich geöffnet hatte und alles Wasser herausfließen ließ. Sein Reis war verdorben. In früheren Tagen würde er in Wut geraten sein und hätte sich aufgemacht haben, den Frevel zu rächen. Aber diesmal eilte Kuhei geradewegs nach Hause, rief seine Familie zusammen und trat vom dem buddhistischen Altar in seinem Heim. Hier wiederholte er mehrmals den Namen Buddhas mit lauter Stimme. Jemand fragte ihn, warum er dies täte und Kuhei antwortete: "Meine vergangenen Taten waren sehr böse und ich habe eine große Schuld auf mich geladen, die ich büßen muss. Heute, als das Wasser von den Feldern gelassen war, ist diese Bürde um einen kleinen Teil geringer geworden. Ich rufe den Namen Buddhas an, um meine große Erleichterung und meine Dankbarkeit für alle Verminderung meiner Bürde zum Ausdruck zu bringen."
In dem Leben Seikuros gibt es ebenfalls ein Ereignis, das etwas von dieser tiefen und aufrichtigen Haltung der Dankbarkeit anzeigt, Seikuro war ein sehr berühmter und ernsthafter Anhänger des Hongwanji. Als er eines Tages im Tempel war und der Predigt lauschte, brach unterdessen ein Dieb in seinem Haus ein. Der Dieb stahl was sich an Geld im Hause Seikuros befand. Am nächsten Tag kamen die Nachbarn Seikuros, um ihn zu trösten. Sie tadelten den Dieb und sagten. dass er ein verabscheuungswürdiges Geschöpf sein müsse. Seikuro antwortete: "Nein, er war sicherlich in verzweifelter Notlage, sonst würde ein Mensch nicht stehlen. Gewöhnlich habe ich kein Geld in meinem Haus. Gestern aber ereignete es sich gerade, dass ich etwas Geld als Bezahlung erhielt. Ich bin sehr glücklich, dass es da war, als dieser Mann kam um nachzufragen, sonst wäre ich nicht imstande gewesen, ihm in seiner Not zu helfen."
Diese unbegrenzte Dankbarkeit eines Shinran, eines Kuhei, eines Seikuro entsteht aus ihrer tiefen, religiösen Erfahrung heraus: "Er sieht die Dinge," wie Spinoza sagt,"unter einem gewissen Aspekt der Ewigkeit." Die Dankbarkeit ist ein unmittelbarer Ausdruck seines Glaubens, seines Unegoismus und hat ihren Grund in der buddhistischen Lehre von Ursache und Wirkung und dem allesdurchdringenden Miteinander-Verhaftetsein aller Dinge.
Diese Dankbarkeit äußert sich nicht gegenüber einer Gottheit für ihre willkürlichen Segensgaben in unserem Leben; sie ist kein egozentrisches Schwelgen in den Folgen unserer eigenen guten Taten. Sie ist Ausdruck der aufrichtigen Hochachtung des Heiligen vor allen anderen: sie ist eine Manifestation seiner Liebe zu allen Dingen.
Diese absolute Dankbarkeit, Achtung und Liebe ergeben sich aus der großen religiösen Überlegenheit in einem Menschen wie Shinran. Der Ausdruck dieser religiösen Erfahrung im Geiste der Dankbarkeit macht sie zur Grundlage des wahren Glücks im Leben und des wahren Friedens in der Welt.
Es ist unsere Hoffnung als Anhänger des Buddhismus, dass wir, indem wir uns selbst vervollkommnen, zugleich die Welt vervollkommnen mögen, und dass das Leben der Dankbarkeit, wie wir es bei Shinran und anderen buddhistischen Heiligen beobachten, sich auf die ganze Menschheit ausbreiten möge.
Ich danke Ihnen!
(AMIDA, Zeitschrift für Shin-Buddhismus, Nr.2 / Winter 1998)