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Ritterburg
Während das Schloss Gräpplang, die Stammburg der Tschudis, vor 200 Jahren verkauft und darauf lediglich noch als Steinbruch genutzt wurde, blieb dem Tschudischen Witwensitz die Wohnnutzung bis heute erhalten. Verständlicherweise folgten dort aber periodisch bauliche Veränderungen, die zum Teil dank einer ersten Bauuntersuchung festgestellt werden konnten. Beispielsweise wurde im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts der einst mit einer grossen Aufzugsöffnung versehene Dachstuhl zu einer Wohnung ausgebaut. Und als 1887 der Landarzt Dr. Josef Schmon durch Heirat in den Besitz des Ritterhauses kam, folgten erneut Umbauten. So wurde die Wohnung im zweiten Stock mit grossen Fenstern versehen und im Giebelfeld - vielleicht in Erinnerung an das ursprüngliche Aufzugstor - ein Balkon angebracht. Schmons dritte Frau, eine geborene Neyer, die im Oberdorf einen Laden führte, gab den Impuls für den Neubau eines modernen Wohn- und Geschäftshauses unmittelbar östlich der Liegenschaft. So entstand 1899 das spätere Rathaus, welches durch eine Passerelle mit dem Tschudischen Witwensitz verbunden war und in welchem die "Handlung Dr. Schmon" ihren Anfang nahm. Den wohl markantesten Eingriff erfuhr die Liegenschaft allerdings 1931, als ein neues Treppenhaus erstellt und für dieses der grosse Festsaal im zweiten Stock unterteilt wurde. Zugleich verwirklichte man auf der Westseite einen sehr massiv wirkenden Treppenaufgang mit einem üppig historisierenden Eingangstor. Später, in den Nachkriegsjahren vielleicht, erfolgte der Einbau eines Ladens im Parterre, anfänglich mit Türe und Fenster feingliedrig gestaltet, später zu einer Ganzglasfront erweitert. In dieser Erscheinung verblieb das Gebäude - baufällig geworden und innen in wenig belebtem Zustand - bis zur jüngsten Aussenrenovation.
Dem Haus neues Leben einzuhauchen war keine leichte Herausforderung für die Eigentümerin. In einer vorgezogenen Bauetappe ging es 2000/01 nur darum, Dach und Fassaden instand zu stellen. Dabei war klar, dass ein Rückbau auf einen früheren Zustand, falls überhaupt möglich, kaum finanzierbar wäre. Das Dach mit seinen heiklen Übergängen zum Treppengiebel musste vollständig neu eingedeckt werden. Bei dieser Gelegenheit wurden je drei kleine Schleppgauben erstellt, eine Option für eine allfällige Nutzung des grossen Estrichs. Ausnahmsweise kamen hier Biberschwanzziegel mit einer künstlich aufgebrachten Patina zur Anwendung. Die Fassaden wurden neu verputzt. Dabei wählte man eine lokal oft anzutreffende Putzmischung mit rötlichem Verrucanogestein. Diese Massnahmen entsprechen einer zurückhaltenden Erneuerung mit Beibehaltung des bisherigen Erscheinungsbildes. Eine rückführende Restaurierung bot sich nur bei der östlichen Trauffassade an. Diese war als hölzerne Bohlenständerkonstruktion zwischen die massiven Giebelfassaden eingefügt, zu sehen war davon lediglich noch der Rillenfries des Brüstungsriegels im ersten Stock. Die Ständer wurden von einer Bretterschalung verdeckt und die Fassade war verputzt. An der Fensterumrahmung im Innern war zu erkennen, dass sich hier im ersten Obergeschoss ursprünglich zwei durchlaufende Reihenfenster befanden. Auf dem Rillenfries und auf der Fenstersäule war das Baujahr 1574 angebracht, auf letzterer waren zudem die Renovationsdaten 1765, 1893 und 1931 zu finden. Und als noch ein originaler spätbarocker Fensterflügel im Tenn zum Vorschein kam, war der Entschluss für die Wiederherstellung dieser Front gefallen. Für die Rekonstruktion der Reihenfenster in den Räumen des zweiten Obergeschosses mussten Veränderungen an der Raumauskleidung, sprich die Entfernung eines Täfers von etwa 1900, in Kauf genommen werden. Renovieren bedeutet auch zerstören. Entstanden ist dort allerdings ein sehr schöner Raum, der durch die nun gewonnene Grosszügigkeit eher der einstigen Grundrissstruktur entsprechen dürfte.
Damit war die erste Etappe der Erneuerungsarbeiten abgeschlossen. Alle Schritte verfolgen das ehrgeizige Ziel, den Tschudischen Witwensitz soweit mit Leben zu füllen, als dass dies die baulichen Gegebenheiten auch ermöglichen. Dabei bewährt sich das etappenweise Vorgehen. Wichtigste Voraussetzung war immer eine neue Erschliessung, wofür auf der hofseitigen Giebelfassade anstelle der einstigen WC-Anlagen ein turmartiger Anbau mit einem Lift erstellt wurde. Es handelt sich um eine Ergänzung, die sich architektonisch unterordnet. Die schlichte Formensprache und das dem Hauptgebäude angepasste Putzkleid tragen wesentlich dazu bei, dass Alt und Neu sich vertragen. Die Wohnungen im ersten und zweiten Obergeschoss erfuhren im Bereich der ehemaligen Korridore eine willkommene Aufwertung, indem die einst abgetrennten Küchen geöffnet wurden. Erstaunlich ist zudem die Wirkung des in seiner zweiteiligen Raumgliederung wieder hergestellten Wohnbereichs im ersten Stock, wo die beiden rekonstruierten Fensterwagen besonders gut zur Geltung kommen.
Das Haus weist viel Geschichtlichkeit auf, die nun auf Schritt und Tritt zu erfahren ist.