Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03129.jsonl.gz/1565

Wir liessen unser Auto in der Obhut von Mina auf dem RV Park Teotihuacán und setzten uns sorglos in den Bus nach Mexiko-City. Ein angenehmes Gefühl kam dabei auf, nicht auf den Verkehr achten zu müssen und die Landschaft passiv an uns vorbeiziehen zu lassen. Als der Bus die Ringstrasse verlies, und gegen das Zentrum der Stadt einlenkte, verdichtete sich der Verkehr zusehends. Schon bald drosselte der Fahrer des Mercedes Benz Busses den Motor mit seinen 200 PS und fuhr in das Terminal ein. Wir kamen in guten Absichten und wollten die Stadt erkunden!
Von derselben Himmelsrichtung kamen hier vor rund 500 Jahren ebenfalls 200 PS an: Zweihundert gerüstete Pferde, geführt vom skrupellosen Führer Hernán Cortés und seinen mit Kanonen bewaffneten Begleiter. Der Ort hiess dazumal Tenochtitlán und war eine Grossstadt der Azteken mit etwa 300’000 Einwohner. Im Gegensatz zu uns hatten die Spanier allerdings keine friedlichen Absichten, sie waren scharf auf Eroberungen, Gold und Silber und wollten durch weitere Kolonien ihre Weltmacht ausbauen. In weniger als drei Jahren zerstörten sie die Stadt und bauten auf den Trümmern eine neue, nach spanischem Muster auf. Der niedergerissene Tempel der Azteken diente als Fundament für die pompöse Kathedrale. In Anerkennung seiner «Erfolge» wurde Hernán Cortés zum Gouverneur des neuen spanischen Territoriums ernannt – dem Vizekönigreich Neuspanien. Im Gegenzug bedankte er sich beim spanischen König durch weitere skrupellose Eroberungen, die das gesamte Aztekenreich umfasste. Die Geschichte einer 300 Jahre langen Kolonialzeit fand damit den Anfang, in deren Folge fast die gesamte indigene Bevölkerung und die Kulturen der Azteken und Mayas ausgelöscht wurden. Dieser Völkermord passierte nicht ausschliesslich durch die kriegerischen Handlungen, sondern auch durch die eingeführten Krankheiten der Spanier, gegen die die Ureinwohner keine Abwehrkräfte hatten. Pocken, Masern und Grippe reduzierte die Population von geschätzt 50 Millionen auf zirka sechs Millionen. Wäre das nicht Übel genug, wurden die von Krieg und Krankheit überlebenden Indios bestohlen, entwurzelt, versklavt und missioniert. Hunderte spanische Städte (Kolonialstädte, siehe späterer Bericht) wurden in der Folge auf den Trümmern zerstörten Städten der Indianer gebaut. Kein Stein sollte die Ureinwohner an ihre eigene Kultur erinnern. Das gestohlene Gold, ich las von über 5000 Tonnen) wurde der Spanischen Krone und der Katholischen Kirche zugeführt. Einmal mehr führte sich die Katholische Kirche als Dirigent einer ganz und gar nicht christlichen Mission auf; sie brachte, wie an vielen anderen Orten auch, mehr Fluch als Segen. Uns lief jedenfalls kalter Schweiss den Rücken hinunter, als wir im Stadtzentrum die üppig mit Gold geschwängerte Kathedrale betrachteten und dabei an das vergossene Blut der indigenen Bevölkerung dachten, oder am nördlichen Stadtrand an die scheinheilige Geschichte der dunkelhäutigen Jungfrau von Guadalupe, der man 1533 eine pompöse Basilika baute.
Im Nationalen Museum für Anthropologie, es soll übrigens das bestkonzipierte Museum der Welt sein, hielten wir uns besonders lange in den Räumen auf, in denen Fundgegenstände der präkolumbischen Kulturen Mexikos ausgestellt und erklärt sind. Eine Zeitspanne von über 20’000 Jahren wird dabei abgedeckt, und beinhalten die Völkergruppen der Olmeken, Zapoteken, Mixteken, Maya und Azteken. Mit diesem Rucksack voll neu erworbenen Kenntnissen wird unsere Weiterreise durch Guatemala, Belize und ganz Südamerika bestimmt noch interessanter.
Die pulsierende Stadt faszinierte uns in vielen Aspekten, obwohl wir eigentlich nur wenige Tage dort verbrachten. Zum einen die extravaganten Jugendstilbauten, die riesigen Kolonialplätze, die noch spürbare koloniale Eleganz und das friedliche Gewimmel von Millionen Menschen in den Strassen und Gassen. Zum andern aber auch die zentrumnahen, einst verruchten, heruntergekommene Quartiere, deren alten Herrenhäuser in den neunziger Jahren von Künstler neu besiedelt wurden, und sich zu richtige Hip-Quartieren entwickelten. Zum Beispiel in Chapultepec, ein Ort, der komfortablen Wohnraum und eine vielfältige Restaurantszene beherbergt. Wir wohnten in diesem Quartier in einem Zimmer der Casa Maria Emilia, an einer grün bepflanzten Seitenstrasse, wo man wirklich nicht den Eindruck hatte, in einer der weltgrössten Megametropole zu sein. Wie auch an diesem Sonntagnachmittag, als uns ein Spaziergang im nahe gelegenen Chapulepec Park zufälligerweise in eine ruhige Waldnische führte, wo Liegestühle zum ‘Seele abhängen’ einluden. Aus vielen kleinen Lautsprechern tönte sanft Vivaldis Konzert ‘Die Vier Jahreszeiten’, welches durch natürliches Vogelgezwitscher und Blätterrascheln angereichert war. Dort liegend, in dieser Oase der Ruhe, kreisten meine Gedanken um präkolumbianische Kulturen und dem spanischen Kolonialreich. Durch den Blättervorhang konnte man noch schwach den Hügel erkennen, auf dem einst die Sommerresidenz des spanischen Vizekönigs stand. Aber auch an den guten Kaffee, den wir im Café la Habana in der Calle Morelos tranken. Dort, in diesem etwas aus der Zeit geratenden Kaffeehaus, trafen sich im Juli 1955 Fidel Castro und Ernesto ‘Che’ Guevara zu geheimen Absprachen in der Vorbereitungsphase der Kubanischen Revolution. Ich sah sie buchstäblich vor mir, wie sie die ganze Nacht, kettenrauchend über starkem Kaffee, an einem dieser runden Tische zusammensassen, die Köpfe so nahe beieinander, dass sich ihre Bärte gegenseitig kitzelten. Am folgenden Morgen, so schreibt es die Geschichte, verpflichtete sich ‘Che’ als Arzt der neuen revolutionären Expedition, so hingenommen war er von Castros Idee, den Tyrannen (Kubanischer Diktator Batista) zu stürzen. »I shared his (Fidel Castro) optimism. We needed to act, to struggle, to materialize our beliefs. Stopp whining and fight.» Ich führte mir nochmals vor Augen, wie Moni und ich im selben Raum ebenfalls eng zusammensassen, an unserem ‘weltbewegenden’ Reisefahrplan feilten und denselben starken Kaffee tranken.
Abschliessend möchte ich festhalten, dass wir diese Stadt nicht als gefährlich, voller Gedränge und schmutzig erlebten, wie ihr Ruf oft gehört wird. Im Gegenteil, diese Stadt ist uns mit einer nicht geahnten reichen Kultur, mit Weltklasse Museen und einer lebenden Kunstszene entgegengekommen. Strassenmusikanten, Tänzer und viele herzliche Begegnungen.