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dem mühsam sich erholenden Wohlstand Deutschlands [* 2] geschlagen! Der Verwüstung der Pfalz durch die Franzosen folgte die Auswanderung zahlreicher Protestanten nach Amerika, [* 3] wo sie die in ihrer Heimat bedrohte Gewissensfreiheit fanden. Das ganze Rhein- und Donaugebiet hatte jahrelang unter den Greueln des Kriegs gelitten, die Unterhaltung so großer Heere ungeheure Summen verschlungen, die in dem verarmten Land nur durch den furchtbarsten Steuerdruck beschafft werden konnten.
Außer dem österreichischen Kaiserhaus hatten auch mehrere deutsche Fürstenhäuser von den politischen Verwickelungen der letzten Jahrzehnte Vorteil gezogen. Der Herzog Ernst August von Hannover [* 4] erlangte 1692 für die Stellung beträchtlicher Hilfstruppen im Türken- und im Franzosenkrieg die Kurwürde; die Anerkennung dieser neunten Kur durch die übrigen Kurfürsten und das Reich erfolgte allerdings erst 1705. Immerhin machte sie den fortwährenden Teilungen ein Ende, welche das Welfenhaus an Erwerbung größern Einflusses im Reich immer wieder gehindert hatten, und 1714 bestieg dies neue Kurhaus Hannover den britischen Thron, [* 5] mit dem seine deutschen Lande fortan durch Personalunion verbunden waren. 1697 erreichte es Kurfürst Friedrich August von Sachsen [* 6] durch seinen Übertritt zum Katholizismus und durch großartige Bestechungen, daß er zum König von Polen gewählt wurde.
Das Haus Wettin verlor damit den letzten Anspruch auf die Führerschaft der evangelischen Reichsstände, welchen es allerdings schon längst durch seine engherzige, selbstsüchtige und feige Politik verwirkt hatte. An seine Stelle trat nun Brandenburg, [* 7] dessen Kurfürst Friedrich III. ebenfalls 1700 durch eifrige Unterstützung der kaiserlichen Politik eine Rangerhöhung erreicht hatte. Am krönte er sich selbst zum König seines souveränen Landes Preußen. [* 8]
Indes wurde damit der Schwerpunkt [* 9] der brandenburgischen Macht nicht in das Ausland verlegt, wie es bei den beiden andern Rangerhöhungen zum Unsegen Deutschlands geschah. Namentlich die polnische Königskrone gereichte Sachsen und auch Deutschland [* 10] zum größten Unheil, indem sie wenige Jahre nach ihrer Erwerbung Deutschland in den Nordischen Krieg (1700-1720) verwickelte. Die Teilnahme Augusts II. an dem Angriff auf Schweden [* 11] hatte zur Folge, daß Karl XII. ihn in Polen stürzte und bis in das Innere des Reichs verfolgte, wo er ihn 1706 zum Frieden von Altranstädt zwang.
Allerdings führte der Schwedenkönig durch sein tollkühnes Unternehmen gegen Rußland und sein hartnäckiges Verweilen in der Türkei [* 12] den Untergang der Großmachtstellung, welche Schweden im Dreißigjährigen Krieg errungen, herbei. Bremen [* 13] und Verden [* 14] gingen 1720 an Hannover, Vorpommern bis zur Peene mit Stettin [* 15] und den Odermündungen an Preußen, die Ostseeprovinzen an Rußland verloren. Die baltische Seeherrschaft Schwedens war vernichtet, indes Deutschland als Ganzes gewann wenig dabei. Die Verbindung zwischen Polen und Sachsen wurde wiederhergestellt, und an Schwedens Stelle trat als nordische Großmacht Rußland.
Die Bildung wirklicher Staaten auf dem Boden des Deutschen Reichs, wie der zweite preußische König, Friedrich Wilhelm I., einen schuf, und jene Verbindung andrer bedeutender Territorien mit fremden Königreichen beförderten ihre völlige Loslösung aus dem Rahmen des Reichs und den Verfall des Reichsorganismus um so mehr, da Kaiser Karl VI. auch nach dem spanischen Erbfolgekrieg bloß dynastische Politik betrieb. Nachdem der glänzende Aufschwung der kaiserlichen Armee unter der Führung eines Eugen von Savoyen sich noch einmal in einem glorreichen Türkenkrieg bewährt und Österreich [* 16] im Frieden zu Passarowitz (1718) den Besitz Bosniens und Serbiens verschafft hatte, beschäftigte den Kaiser, der ohne männliche Erben blieb, einzig und allein die Sicherung der Erbfolge für seine älteste Tochter, Maria Theresia.
Nachdem er die Stände der kaiserlichen Erb- und Kronlande zur Anerkennung der neuen Thronfolgeordnung, der Pragmatischen Sanktion von 1723, bewogen, begann er die Verhandlungen über die Garantie dieser Sanktion mit Deutschland und Europa, [* 17] welche seine ganze weitere Regierungszeit ausfüllten. Spanien [* 18] wurde durch Abtretungen in Italien, [* 19] die Seemächte durch handelspolitische Vorteile, Rußland durch Einlenken in seine politischen Bahnen gewonnen. Preußens [* 20] Garantie erlangte Karl VI. durch Bestätigung von dessen Erbansprüchen auf Jülich-Berg und hielt sich derselben unter dem gut kaiserlich gesinnten und in seiner auswärtigen Politik ganz von Österreich abhängigen König Friedrich Wilhelm I. so fest versichert, daß er sich nicht scheute, 1738 Jülich-Berg der pfalz-sulzbachischen Linie zu versprechen.
Die übrigen Reichsfürsten wurden ohne Schwierigkeit zur Zustimmung bewogen, da ihre Interessen weniger von der Frage berührt wurden. Nur Bayern [* 21] weigerte sich, auf seine Erbansprüche zu verzichten, welche teils auf alten Verträgen, teils auf der Vermählung des Kurfürsten mit Josephs I. Tochter beruhten. Das in ähnlicher Lage befindliche Sachsen ließ sich aber zur Anerkennung herbei, als der Kaiser die Bewerbung des Kurfürsten Friedrich August III. um den polnischen Königsthron gegen den von Frankreich begünstigten Stanislaus Leszczynski unterstützte und selbst vor einem Krieg dabei nicht zurückscheute.
Dieser polnische Erbfolgekrieg (1733-38, s. d.) erweiterte sich zu einem österreichisch-französischen Krieg und ward vorzugsweise in Italien und am Rhein geführt, wodurch auch das Reich in denselben verwickelt wurde. Auf Deutschlands Kosten ward auch 1738 der Wiener Friede geschlossen; gegen die Anerkennung Augusts III. als polnischen Königs und der Pragmatischen Sanktion von seiten Frankreichs ward Lothringen an Stanislaus abgetreten, nach dessen Tod (1766) es Frankreich zufallen sollte.
Auch Neapel [* 22] und Sizilien [* 23] mußte Österreich als Sekundogenitur den spanischen Bourbonen einräumen, erhielt aber dafür Toscana für den Gemahl Maria Theresias, Herzog Franz Stephan von Lothringen. Wie sehr durch die schwächliche Friedenspolitik die militärische Kraft [* 24] Österreichs gesunken war, wurde in dem neuen Kriege gegen die Türkei klar, welchen Karl VI. auf Antrieb Rußlands und im Bündnis mit diesem unternahm, und der nach mehreren blutigen Niederlagen mit dem Frieden von Belgrad [* 25] (1739) endete, in welchem Österreich alle im Passarowitzer Frieden Gewonnene wieder verlor. So hinterließ Karl VI. bei seinem Tod mit dem die österreichische Linie der Habsburger im Mannesstamm erlosch, Österreich militärisch und finanziell geschwächt und das Thronfolgerecht seiner Tochter Maria Theresia allein durch diplomatische Traktate gesichert, welche im 18. Jahrh. weniger Wert hatten als zu irgend einer andern Zeit.
Rivalität Österreichs unter Maria Theresia und Preußens unter Friedrich II.
In dem Jahrhundert, welches seit dem Westfälischen Frieden verflossen war, hatte der Reichskörper nicht die mindeste Kräftigung erfahren, der Verfall der überlieferten Reichsinstitutionen vielmehr bedeutende Fortschritte gemacht. In der Zeit der ¶
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empörendsten Herausforderung Deutschlands durch Ludwig XIV. hatte sich zwar 1681 der Reichstag zu einer Revision der seit 1521 bestehenden Reichskriegsverfassung ermannt, welcher die Kreisverfassung zu Grunde gelegt wurde. Jeder der zehn Reichskreise, Österreich und Burgund nicht ausgenommen, war zur Stellung eines festen Kontingents zum Reichsheer, das auf eine Stärke [* 27] von 40,000 Mann normiert war, und bei einer eventuellen Erhöhung dieser Norm auf die doppelte oder dreifache Truppenzahl zu entsprechender Vermehrung seines Kontingents verpflichtet; die Kosten dieses Reichsheers sollten aus einer gemeinsamen Reichskriegskasse bestritten werden.
Aber selbst diese Teilung des Heers in Kreiskontingente war nicht im stande, die schleunige und vollzählige Aufstellung derselben herbeizuführen. In Fällen der Not pflegten die bedrohten Stände durch besondere Bündnisse, sogen. Assoziationen, ihre Streitkräfte zu ihrem Schutze zu vereinigen. Die größern Reichsfürsten stellten ihre Truppen überhaupt nicht zu den Kreiskontingenten, denn dann würden sie, wie z. B. die brandenburgischen, auf mehrere verteilt worden sein, sondern zogen es vor, sie dem Kaiser oder seinen Verbündeten als Hilfstruppen zu stellen, was ihnen zuweilen noch besondere Subsidien einbrachte.
Die Kreisheere bestanden daher meist aus einem bunten Gemisch kleinerer Kontingente und waren militärisch von geringem Werte. Das Reichskammergericht, welches von Speier [* 28] nach Einäscherung der Stadt durch die Franzosen 1693 nach Wetzlar [* 29] verlegt worden war, genoß keine Autorität. Tausende von Prozessen blieben unerledigt, nur mit den größten Opfern an Geld und Mühe war ein Ausspruch des Gerichts zu erlangen und die Ausführung desselben oft ein Ding der Unmöglichkeit.
Der Reichshofrat in Wien, [* 30] der sich allmählich zu einem mit dem obersten Reichsgericht konkurrierenden Gerichtshof herausgebildet hatte, stand in noch schlimmerm Ruf betreffs der Bestechlichkeit und Parteilichkeit seiner vom kaiserlichen Hof [* 31] beeinflußten Mitglieder als das Reichskammergericht. Die ständige Wahlkapitulation, welche bei Karls VI. Wahl 1711 durchgesetzt worden war, um ihre Rechte dem Kaiser und den Kurfürsten gegenüber genau festzustellen, machte alle Reformen der Reichsverfassung unmöglich, ohne ihren Verfall aufzuhalten.
Die unverwüstliche Lebenskraft der Nation, welche trotz der Zerstörung des Dreißigjährigen Kriegs und des Elends der französischen Raubkriege sich wieder regte, mußte sich in kleinern Kreisen bethätigen, in den Territorialstaaten und in den Städten. Auch hier traf sie auf allerlei Hemmungen. Ein selbstthätiges politisches Leben war unmöglich, seit die Fürsten in ihren Landen die Rechte der Stände, welche allerdings starr an ihren Privilegien hingen und jeden, auch den berechtigtsten Fortschritt verhinderten, unterdrückt und ein absolutes Regiment mit Günstlings- und Mätressenwirtschaft errichtet hatten.
Wie hierbei, so war auch in der Pracht und Sittenlosigkeit des Hoflebens Ludwig XIV. das bewunderte und sklavisch nachgeahmte Vorbild der meisten deutschen Fürsten, welche, französisch gebildet, auch nur französisch redeten und dachten. Der Hofhalt Augusts des Starken von Polen-Sachsen wetteiferte in verschwenderischer Prachtentfaltung mit dem von Versailles. [* 32] Die Kurfürsten von Hannover, der erste König von Preußen, aber auch die kleinern Fürsten, wie die Herzöge von Württemberg [* 33] und die Landgrafen von Hessen, [* 34] entwickelten einen übermäßigen Luxus, der die Kraft des Volkes verzehrte; die Unterthanen seufzten unter der Willkür der Beamten und unter dem Druck unerschwinglicher Steuern; auch an den geistlichen Höfen herrschten Verschwendung und Leichtfertigkeit, wenngleich der Krummstab [* 35] die Bevölkerung [* 36] nicht so rücksichtslos auszusaugen verstand wie weltliche Beamte.
Aber selbst diese Prachtliebe und Eitelkeit der Fürsten machte sich der emporstrebende Geist des Volkes zu nutze, indem bei Bau und Ausschmückung von Schlössern, Theatern und Galerien die bildenden Künste sich entwickelten und an Universitäten und Akademien Männer wie Leibniz, Thomasius, Wolf u. a. die echte, freie Wissenschaft zur Geltung brachten. Äußerte sich der fürstliche Despotismus auch mitunter noch in empörender Intoleranz gegen Andersgläubige, wie bei der Vertreibung der protestantischen Salzburger (1732), so setzten doch schon viele Fürsten ihren Stolz darein, der religiösen Aufklärung zu huldigen.
Das mildere, werkthätige, gefühlsinnige Christentum der sogen. Pietisten begann die starre Eisrinde der lutherischen und calvinistischen Orthodoxie zu zersprengen. Auch der Wohlstand hob sich, zwar langsam und oft unterbrochen, aber doch in sichtbarem Fortschritt; die deutschen Häfen füllten sich wieder mit Schiffen und entwickelten einen fruchtbaren Austausch deutscher und ausländischer Waren. Der Bürgerstand, der Kern der Nation, führte ein strenges, steifes, aber sittlich-ernstes Leben, seine Bildung war beschränkt, aber deutsch, und im innersten Kern gesund und frisch, fühlte er in sich die Kraft und den Trieb, seine geistigen und materiellen Verhältnisse zu verbessern und zu höhern Zielen emporzusteigen.
Ja, in einem Teil Deutschlands erwachte auch wieder patriotischer Sinn, der Staatsgedanke, das erhebende und tröstende Bewußtsein, einem größern Ganzen anzugehören und einem höhern Staatszweck zu dienen. Dies ist das Verdienst des brandenburgisch-preußischen Staats und seiner Herrscher, des Großen Kurfürsten, Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs II. Allerdings nahm dieser Staat, nachdem die Regierung Friedrichs I. durch ihre Verschwendung seine Entwickelung gefährdet hatte, unter Friedrich Wilhelm I. ein rauhes, spartanisches Wesen an, die Beamten, Soldaten und Unterthanen wurden in harte, fast barbarische Zucht genommen, aber es wurde kein Pfennig mehr verschwendet, durch eine ausgezeichnete Verwaltung das Land aus Elend und Verarmung befreit, der Geist religiöser Toleranz dem Staat eingeimpft, die Rechtspflege wohl geordnet und durch vortrefflich geregelte Finanzen und durch ein allein aus Landesmitteln erhaltenes, ausgezeichnet geschultes Heer der Staat auf eigne Füße gestellt. So schwer der Druck des straffen preußischen Regiments auf dem Einzelnen lasten mochte, das Heer, die Beamten, endlich auch das Volk hatten das Bewußtsein, daß ihre Dienste [* 37] und Opfer nicht umsonst dargebracht wurden, daß der so geschaffene Staat ihnen Ehre, Schutz ihres Rechts und Eigentums verbürge, und daß patriotisches Zusammenhalten dem Ganzen und dem Einzelnen Vorteil bringe. Nicht fürstliche Launen, nicht dynastische Ränke beherrschten den preußischen Hof, sondern der bewußte Staatszweck; Wohl und Größe Preußens waren die Beweggründe, welche Regierung und Volk beseelten und den jungen König Friedrich II. antrieben, in der Krisis, welche das Erlöschen des habsburgischen Mannesstamms in Deutschland 1740 herbeiführte, eine entscheidende Rolle zu spielen.
Die Erbin Karls VI., Maria Theresia, rechnete im Vertrauen auf ihres Vaters Verträge und auf die zur Gewohnheit gewordene Unterordnung des ¶