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aus dem Kunstmuseum Hamburg
Frankreich erntet jetzt die Früchte seiner langjährigen Bemühungen um die Hebung des französischen Schulwesens in der Türkei. Unausgesetzt waren französische Beamte und Geistliche bestrebt, in den wichtigsten Städten von Kleinasien und Syrien, ebenso wie in Konstantinopel durch Errichtung von Schulen die Kenntnis der französischen Sprache zu verbreiten. Heute ist, dank diesen Bemühungen, die französische Sprache die am weitesten verbreitete fremde Sprache in der europäischen und kleinasiatischen Türkei.
Es war nun naheliegend, daß die neue türkische Regierung, als es sich darum handelte, die Kenntnis europäischer Wissenschaft im Beamtenkörper zu verbreiten, demjenigen Lande sich zuneigte, dessen Sprache zur Vermittlung der neuen Wissenszweige den türkischen Beamten am geläufigsten war. Frankreich wurde dazu ausersehen, den jungen Beamten des neuen Regimes als Bildungsstätte zu dienen.
Im vorigen Winter schon wurden von Konstantinopel aus 12 junge Beamte aus dem Finanzdepartement nach Frankreich mit dem Aufträge entsandt, sich dem Finanzstudium zu widmen. Sie haben dort ausgedehnte Reisen in die Provinzen zum Studium der Finanzverwaltung unternommen. Sie sind dazu ausersehen, nach ihrer Rückkehr die Stellen von Finanzinspektoren zu übernehmen. Acht weitere Beamte sollen jetzt folgen, die unter Leitung französischer Beamten die gleiche Ausbildung erhalten werden.
Zu den Beamten des Finanzdepartements sind noch als weitere Schüler französischer Institute die vom Justizministerium entsandten Rechtsschüler hinzugetreten, die sich in größerer Anzahl an der Pariser Universität dem Studium der Rechte widmen.
Endlich hat auch das türkische Ministerium der öffentlichen Arbeiten den gleichen Weg eingeschlagen und hat einer Anzahl von Stipendiaten Gelegenheit gegeben, sich nach Frankreich zu Studienzwecken zu begeben. Zwölf junge Leute befinden sich schon seit mehreren Monaten zu diesem Zwecke dort; jetzt werden noch weitere sieben die Fahrt nach Frankreich antreten, um an den Schulen für Brücken- und Chausseebau sowie an der Zentralschule für Kunst und Handwerk am Unterricht teilzunehmen.
Alle diese Vorgänge sind lehrreich für den, der neben dem lauten Kampfe auf der politischen Arena auch die stille Arbeit der türkischen Verwaltung auf dem Gebiet der inneren Reformen verfolgt. Man empfindet in jenen Kreisen den Mangel an geschulten, mit den neuen Anforderungen vertrauten Beamten und ist bestrebt durch Heranbildung eines Stammes junger Beamten dem Mangel allmählich abzuhelfen; dabei ist man sich darüber klar, daß eine jahrelange Arbeit erforderlich sein wird, bis der Beamtenkörper in allen seinen Teilen soweit durchgebildet sein wird, um allen den neuen, an die Beamtenschaft herantretenden Anforderungen zu genügen. Als Lehrmeister in allen den hierzu erforderlichen Wissenschaften und Künsten wird der jungen Türkei Frankreich dienen; ganz naturgemäß wird der Aufenthalt so vieler junger, türkischer Beamten nicht ohne Einfluß auf die wirtschaftlichen Beziehungen beider Länder bleiben. Mit den in Frankreich erworbenen Kenntnissen werden die angehenden Verwaltungsbeamten auch die Eindrücke in die Heimat hinüberbringen, die in Frankreich Kunst, Industrie und Handwerk auf sie ausgeübt. Auf diesem Wege wird Frankreich als Industrieland in der Türkei immer mehr bekannt werden und schließlich die Früchte ernten, die in stiller, unauffälliger Arbeit die französischen Schulen in der Türkei vorbereitet haben.
Man ging noch weiter in Frankreich und organisierte mit amtlicher Unterstützung eine Studienreise türkischer Beamten, Kaufleute und Gelehrten nach Frankreich, die im Juni 1910 vor sich ging und auch uns als Beispiel zur Nachahmung dienen könnte. Erst zu Beginn dieses Jahres hat man auch in Deutschland, wie die Zeitungen melden, den Plan aufgenommen, die in Betracht kommenden türkischen Kreise zu einer ähnlichen Studienreise nach Deutschland aufzufordern; der gleiche Gedanke findet sich schon im folgenden Artikel der „Deutschen Orient-Korrespondenz“ vom 1. April 1910 ausgeführt.
Text aus dem Buch: Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte, Verfasser: Wiedemann, Max.
aus dem Kunstmuseum Hamburg
Siehe auch:
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Vorwort
Die Türkei, Deutschland und die Westmächte.
Deutschlands Verhältnis zur Türkei
Der Verkauf deutscher Kriegsschiffe an die Türkei
Die Sorgen der türkischen Marine um ausreichende Transportschiffe
Frankreich — noch immer die „christliche Vormacht“ im Orient