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Herbert Büttiker, Der Landbote (01.02.2010)
Eine Verdi-Oper als Schweizer Erstaufführung: Muss es sich da nicht um einen verstaubten Ladenhüter handeln? Die Aufführung im Theater St. Gallen zeigt das Gegenteil: ein brandheisses Stück aus der Werkstatt der Galeerenjahre.
Unter den von Giuseppe Verdi zwischen «Nabucco» (1842) und «Rigoletto» (1851) geschriebenen zwölf Opern gibt es neben den bekannten wie «Ernani» oder «Macbeth» die fast ganz vergessenen. «Alzira», 1845 für Neapel komponiert, erlebte zu ihrer Zeit nur wenige Inszenierungen und kam in neuerer Zeit erst 1967 wieder auf die Bühne zurück. Das Stadttheater St. Gallen zeigt Verdis «Indianer-Oper» jetzt zum ersten Mal in der Schweiz überhaupt und wiederholt die Überraschung mit wirkungsvoller Musik und einer Szenerie starker Konflikte und berührender Figuren, die dem Opernhaus Zürich kürzlich mit «Il Corsaro» gelang. Auch «Alzira» ist Opernkunst der heftigen und komprimierten Art, mit Ouvertüre, Prolog und zwei Akten dauert sie gerade mal neunzig Minuten.
Dabei ist der Konflikt «episch»: Die Unterwerfung der Inkas durch die Spanier im Peru des 16. Jahrhunderts ist das Thema. Während die Herrscher-Väter die Lage durch (aufgezwungene) Friedensschlüsse konsolidieren, geraten die Söhne und Nachfolger aneinander. Der rebellische Häuptling Zamoro und der junge Gusmano, der das Gouverneursamt in der Eröffnungsszene offiziell übernimmt, lieben beide Alzira, die Tochter des unterworfenen Inkaherrschers Ataliba, und das bedeutet die Ausweitung der Kampfzone für die Eroberermentalität des Spaniers und den Widerstandsgeist des Inkas, wobei Gusmano die Macht auf seiner Seite hat, Zamoro das Recht, weil Alzira zwar in der Gewalt des Rivalen ist, aber ihren Stammesgenossen liebt.
Die Verschränkung der politischen und erotischen Sphäre ist der Clou der Verdi-Dramatik. Voltaires Stück war von daher gesehen eine ideale Vorlage für die Risorgiemento-Zeit, in der eben die Italiener die Indianer waren. Dass Anselm Gerhard diesbezüglich in seinem Beitrag im Programmheft von einer deplatzierten Stoffwahl für das Italien von 1845 (Neapel unter der Herrschaft der Bourbonen) spricht und der Regisseur Denis Krief die politischen Komponenten des erotischen «Urkonflikts» als Nebensache betrachtet, ist seltsam – schon die starke Präsenz des Chors beider Lager zwischen Kampfruf und Siegesjubel spricht eine deutliche Sprache, und die Herren der St. Galler und Winterthurer Chöre setzen diesen «Zeitlärm» akustisch mit Wucht, aber auch musikalischer Präzision in Szene (die Frauen setzen liebliche Kontrapunkte), und die Regie gestattet ihm durchaus auch die expressive Manifestation an der Rampe.
Griffige Stimmen
Auch betont Krief, der die Inszenierung insgesamt verantwortet, in Kostüm und Maske des Chors den ethnischen Kontrast. Zamoro allerdings erscheint gleichsam im Allerweltsoutfit des Opernhelden, als ob seine Leidenschaften seine Privatangelegenheit wären. Der mexikanische Tenor Hector Sandoval hat aber das Format, dem repräsentativen Charakter des Helden starke Bühnenpräsenz zu verschaffen. Mit starker Impulsivität und kraftvoller Höhe zeigt er Zamoro als Draufgänger bis zur Raserei, aber nicht zu kurz kommen auch die Melancholie des Verlierers und die Emphase des Liebenden. Majellah Cullagh als Alzira an seiner Seite überrascht (auch wenn von Bronchitis bedroht) mit einem flexiblen, auch wilde Kadenzen souverän meisternden Sopran voller Wärme und griffiger Intensität. Pastos und viril, mit einem belcantistisch klar fokussierten Bariton ist Luca Grassi als Gusmano stimmlich wie darstellerisch der starke Dritte im zentralen Figurendreieck.
Alle drei Protagonisten haben ihre Kavatinen, aber ein Terzett fehlt. Alzira feiert mit Zamoro in einem kurzen, aber wunderbar überschwänglichen Duett ihre Liebe, in einem zweiten sieht sie sich der Gewalt Gusmanos gegenüber. Heftige Dramatik aller drei gibt es in den Finalszenen.
Als passivste Figur ist Alzira dabei mit spektakulären sängerischen Herausforderungen zugleich die dominierende, doch könnte der Titel der Oper auch den Rivalen die Reverenz erwisen. Zamoro rückt mit der einzigen Arienszene im Zentrum des Werks in den Fokus, und Gusmano gehört gar die Arie finale.
Der Sterbende verzeiht in ausschwingender Harfen-Hymnik seinem Mörder und vereinigt die Liebenden – ein bewegendes Stück Musik, in seiner Wahrhaftigkeit auch der Schlüssel zur Oper: als Provokation eines Ethos des Einsehens und Selbstverzichts, das allen erotisch-politischen Schlachtfeldern den Boden entzieht – allerdings, und das ist das Moment des Tragischen nicht nur in dieser Verdi-Oper, erst nach geschlagener Schlacht.
Geometrie, Licht und Gestein
Zum kompakten Eindruck eines spannenden und letztlich brisanten Opernabends trägt vieles bei. Weitere hervorragend besetzte Rollen (Till Faveyts, Andrzej Hutnik, Katja Starke und weitere) gehören dazu, ein expressives Bühnenbild, das mit geometrischen Elementen, Licht und echtem Gestein im raschen Wechsel dem schnellen Tempo von Verdis Dramatik folgt. Rasche, aber keine übereilte Tempi gibt auch der Dirigent Henrik Nánási vor; sie sitzen und überspielen auch die retardierenden Momente nicht: Staccati, Pausen, pochende Rhythmen erhalten ihre ganze Energie. Das Orchester arbeitet mit Feinschliff, das zeigt schon die Ouvertüre, dann besonders auch die malerischen Vorspiele zu Alziras Traumszene und Zamoros Auftritt in der Höhle – erstaunlich, was da in Kürze alles aufblüht und aufglüht.