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Nicht erst die französischen Brüder Goncourt haben sich als exzessive Tagebuch-Schreiber hervorgetan. Lange vor ihnen hat sich der Hamburger Ferdinand Beneke sein Leben systematisch und ausführlich dokumentiert.
Mit 18 fängt er sein „richtiges“ Tagebuch an. Frühere Tagebücher, seinen Werdegang bis anhin, fasst er in einer Art Vorwort für dieses Tagebuch zusammen. Überhaupt geht Beneke äusserst systematisch vor. Nachdem er zu Beginn noch lose Blätter verwendet, lässt er schon sehr früh eine Reihe Blindbände binden, die er nach und nach zu füllen beginnt. Lange Zeit hat er auch die Paginierung bandübergreifend fortgesetzt, ist dann allerdings irgendwann einmal durcheinander geraten und hat später nur die einzelnen Bände fortgehend paginiert. Man wird den Eindruck nicht los, dass da einer auf ein grösseres Publikum spekulierte, als nur auf sich selber, und fragt sich, ob die Tagebücher wirklich Tagebücher waren, oder ob da einer heimlich an einer riesigen Autobiografie schreibt. Das liegt aber daran, dass zu Benekes Zeit die Grenzen zwischen privatem Tagebuch und öffentlicher Autobiografie fliessend waren. Der Begriff „privat“ meinte im Grunde genommen einfach „nur im engeren Freundeskreis“ – und so darf es nicht verwundern, wenn Beneke Teile seines Tagebuchs im Freundeskreis zirkulieren lässt, Teile abschreibt und in seinen Briefen verwendet.
Nicht jeder Tagebuch-Schreiber – auch nicht jener Epoche – treibt seine Systematik allerdings soweit wie Ferdindand Beneke. Praktisch von Beginn weg ist dieses Tagebuch mit einem Personenverzeichnis versehen, praktisch von Beginn weg versieht Beneke auftauchende Namen von Freunden und Bekannten mit Querverweisen auf deren früheres Auftreten im Tagebuch. Einiges mag bei späterer Lektüre der Einträge erfolgt sein – denn Beneke schreibt nicht nur Tagebuch, er liest auch immer wieder darin, vervollständigt oder expliziert. Auch sein Briefwechsel ist für ihn Teil des Projekts. Kopien seiner eigenen Briefe und die erhaltenen Briefe sowieso werden an der richtigen Stelle ins Tagebuch gelegt. Die erhaltenen Briefe werden offenbar an gewissen Stellen mit Lettern („A“, „B“, „C“ usw.) versehen, die Beneke dann im Taghebuch aufnimmt, um seine Kommentare dazu zu verfassen. (Ich schreibe „offenbar“, denn später wurden die Briefe für eine separate Veröffentlichung den Tagebüchern entnommen und nicht mehr zurückgelegt – und so das von Ferdinand Beneke intendierte Gesamtkunstwerk zerstört. Jedenfalls fehlen die Briefe und nun hängen Benekes Bemerkungen so ziemlich in der Luft.)
Was aber kann ein 18-Jähriger seinem Tagebuch Interessantes melden? Nicht viel, um ehrlich zu sein. Beneke ist zwar ein altkluger Beobachter und urteilt zum Teil recht scharf und auch selbstgerecht über die Mitwelt. Eine Liebesgeschichte finden wir ebenfalls, aber Beneke ist kühler Hanseat und lässt sich von seinen Gefühlen nicht fortreissen. Eher lässt sich Beneke zur Verzweiflung bringen, wenn er an das Schicksal seiner Eltern und seiner Schwester denkt. Der Vater, ein Bremer Kaufmann, hatte sich in den Wirren des Kriegs gegen Frankreich verspekuliert und praktisch das gesamte Vermögen verloren. Dass davon dann der Bruder seiner Frau, also Ferdinand Benekes Onkel, noch das meiste beanspruchte und in einem Prozess auch zugesprochen erhielt, hat Benekes Verzweiflung erhöht.
Beneke selber studierte Jura, ursprünglich in Halle. Schon mit 18 tritt er den Freimaurern bei. Eine Zeitlang arbeitet er für die preussische Verwaltung. Obwohl der Job als solcher nicht sehr drückend gewesen sein muss – wir finden immer wieder Einträge wie „Um 9 Uhr zum Amt, nachtische [Beneke scheint das für ein einziges Zeitadverb zu halten!] bis 4 spazieren.“ – lässt sich der junge Beneke dazu hinreissen, den Bettel hinzuwerfen. Nun hat er weder Geld noch Job. Wir erleben seine Unschlüssigkeit hautnah – fast jeden Tag macht er ein neues Projekt, deren keines zur Ausführung gelangte. Er will nach Basel, in die französische Armee (er ist glühender Anhänger der Revolution und beklagt schon 1794 Robespierres Tod auf dem Schafott heftig), er schreibt an Wieland und bietet ihm seine kostenlose Mitarbeit am Teutschen Merkur an (Wieland wird ihm nie antworten…) , usw. usw. Letztlich aber siegt die Vernunft, er geht nach Göttingen, bzw. bleibt dort, bis er sein Studium der Rechte mit einem Doktorat abgeschlossen hat. Die Göttinger Welt besteht für ihn vor allem aus seinen Mit-Studenten, viele davon kennt er bereits aus Halle. Seine Kreise sind also ziemlich engeschränkt: Unter „berühmten Göttingern“ rubriziert er vor allem die Göttinger Professoren – der Rechte. Den Physiker Lichtenberg hört er ein einziges Mal, am 4. November 1795, kurz bevor er nach Abschluss der Dissertation Göttingen verlässt.
Er geht nach Hamburg, wo er als Anwalt tätig sein will. (Die Idee ist, wie die Herausgeber des Briefwechsels im Anmerkungsband festhalten, nicht schlecht: Mit einem Doktorat in der Tasche war er – obwohl praktisch mittellos – den Hamburger Honoratioren de facto gleichgestellt, ein wichtiger Punkt, um als Anwalt Beschäftigung zu finden.)
Hier endet das Jahr 1795 und damit der erste Band. Wenden wir uns noch kurz der Ausgabe des Briefwechsels als solcher zu. Sorgfältig gemacht im Auftrag derselben Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur, die seinerzeit auch den Reprint der Wieland’schen Werkausgabe veranlasste, steht aktuell die erste Abteilung, das sind die ersten vier Bände, mit den Tagebüchern bis 1801 zur Verfügung. Der Wallstein-Verlag hat diese vier Bände, zusammen mit einem fünften Begleitband, der Personen- und Sachverzeichnis enthält, Sacherklärungen, wertvolle biografische und weitere Aufsätze über Beneke und seine Zeit, in einer schönen, auch das Auge des Bibliophilen erfreuenden Ausgabe publiziert.
Band I/1 ist gelesen; über die weiteren werde ich mich sicher hier äussern.