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Mysterium der Liebe
(über «Mutter Johanna von den Engeln», Regie: Jerzy Kawalerowicz)
in: Monatsschrift Polen, Nr. 1 (149), 1967, S. 52
Von Robert Nef (Schweiz)
Ich zitiere zwei Sätze aus einem Brief, den ich von einer Freundin aus einem katholischen Internat erhalten habe: «Jetzt läutet es zu einem Vortrag. Thema: Christliches Mitleid… Ich kann das einfach nicht mehr mitmachen, 5 Jahre lang habe ich es nämlich erfahren, dieses Mitleid… Nonnen tun nur Gutes, erstens, weil sie in ihrem Opfer Christus sehen und zweitens, weil sie in den Himmel kommen wollen. — Ich kann nur das Menschliche in einem Menschen lieben.»
Als ich diese Sätze las, wurde mir der polnische Film «Mutter Johanna von den Engeln» plötzlich wieder gegenwärtig, und ich spürte, dass eine Aussage dieses Filmes sich offenbar tief in mein Bewusstsein eingegraben hatte. Ist das nicht die beste Kritik für einen Film, wenn eine seiner Aussagen einen bleibenden Eindruck hinterlässt, vielleicht sogar ohne dass es sofort spürbar ist? Die Probleme des Films können sich dann mit den persönlichen Problemen verweben, und so wachsen individuelle Lösungen aus allgemeinen Problemen, ohne dass eine allgemeine Lösung erkannt oder kritiklos übernommen wird.
Man hat in diesem Film die Anprangerung einer kranken klösterlichen Gemeinschaft, eine Entlarvung von skandalösen Zuständen gesehen. Ich glaube, dass seine Aussage weit darüber hinausgeht. Er zeigt das Mysterium der Liebe schlechthin. Tausende von Filmen drehen sich um das Thema «Liebe». Es werden tragische oder komische Aspekte gezeigt – nur allzuoft in einer kitschigen, schmutzigen, verlogenen Art. Dieser Film hat mir die Einheit der Liebe vor Augen geführt, gerade weil er Grenzsituationen zeigt. Jahrhundertelang wurde «die reine Liebe zu Gott» allein verherrlicht, während die Liebe zu den Menschen, zum Nächsten, nur als ein Nebenprodukt oder allenfalls als eine Art der Äusserung von Gottesliebe erscheinen durfte. Nun zeigt aber der Film «Mutter Johanna von den Engeln», wie die sogenannte reine Liebe zu Gott in eine Sackgasse geraten kann, die von der wirklichen Liebe zum Mitmenschen weg in eine unwirkliche Geisterwelt führt – in eine Geisterwelt, der Menschenleben zum Opfer fallen.
Auch über den Begriff der Nächstenliebe hat mir der Film wertvolle neue Hinweise gegeben. Die Nonne Johanna und der teufelsaustreibende Priester sind sich gegenseitig zum Nächsten geworden. Der Nächste ist derjenige, den man am liebsten liebt, den man nicht nur liebt, um in den Himmel zu kommen, sondern in dem man das Menschliche im Menschen (nach den Worten meiner Freundin) liebt. Dass die Liebe in diesem Film sich nicht verwirklichen durfte, darin liegt der tragische Effekt: der Auftrag an alle, selber den Konflikt zu lösen, ohne scheitern zu müssen.
Von zwei «vornehmsten Geboten» hat Christus gesprochen: von der Liebe zu «Gott und von der Liebe zum Nächsten». Diese Gebote seien einander gleich, heisst es weiter, und das scheint man vergessen zu wollen. Man stürzt sich lieber «einseitig auf die geistige Umarmung des unbekannten Gottes» in der Hoffnung, «dass sich der Weg zum Nächsten» dann als Folgeerscheinung öffnen könne, falls dieser Gott es wünsche. Er wünscht es, wie der Film zeigt. Der Weg steht zwar nicht offen für die beiden Liebenden des Films. Sie mussten sich selber durch ein Gitter, das mit den Stricken der Religion zusammengebunden wurde, trennen. Aber für uns steht er offen, wenn wir ihn uns nicht durch ein Gitter absperren.
So bleibt uns der Auftrag, eine klosterferne Lebensform zu suchen, in welcher die Liebe zum Menschen im Vordergrund steht. Die Liebe zu Gott kann sich darin auch erfüllen, weil es dieselbe Liebe ist. Diese Liebe führt uns aber nicht vom Unfassbaren zum Nächsten (oder in den Abgrund des Unfassbaren), sondern vom Nächsten, vom Fassbaren her, kann sie uns vielleicht einen Hauch des Unfassbaren vermitteln.