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Ist dieses Duo am Start, bleiben dem Rest in der Regel nur Brosamen. 28 Jahre alt sind sie, Niederländer der eine, Belgier der andere. Mathieu van der Poel und Wout van Aert sind die beiden alles dominierenden Radquer-Fahrer der Gegenwart.
Im Dreck, Sand und Schlamm gingen die Weltmeistertitel seit 2015 fast immer an einen der beiden: Vier Mal an van der Poel (2015, 2019, 2020 und 2021), drei Mal an van Aert (2016, 2017 und 2018). Bei der WM im vergangenen Jahr verzichteten beide auf die Reise in die USA, der Brite Thomas Pidcock krallte sich das Regenbogentrikot.
Nun fehlt Pidcock und die Wahrscheinlichkeit ist sehr gross, dass das blütenweisse Stück Stoff mit den farbigen Streifen an van der Poel oder van Aert zurück geht. In diesem Winter gab es zehn Rennen, bei denen beide gemeinsam antraten – und alle zehn wurden von einem der beiden gewonnen.
Neun Mal wurde der andere Zweiter, nur van der Poel leistete sich einen «Abschiffer», als er im belgischen Diegem Dritter wurde. Van Aert führt in diesem Jahres-Head-to-Head mit 6:4 Siegen, zuletzt gewann aber van der Poel den Weltcup in Benidorm im Zielsprint.
Die Rivalität der beiden Ausnahmekönner geht weit zurück. Schon bei den Junioren begegneten sie sich immer wieder: Van der Poel wuchs in Belgien auf, 40 Autominuten von van Aert entfernt. Schon damals nahmen sie die Konkurrenz oft auseinander. «Unsere Rivalität ist bald grösser als die Sportart an sich», sagte van der Poel vor zwei Jahren.
Für ihn sei es sehr gut, einen derart starken Konkurrenten zu haben. «Ich profitiere davon, denn ich muss 110 Prozent leisten, um Wout van Aert im Radquer zu schlagen. Das ist eine grosse Motivation.»
Die Situation lässt sich gut mit dem Tennis vergleichen, wo sich während Jahren Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic gegenseitig zu immer noch besseren Leistungen antrieben. Die Beziehung zwischen van der Poel und van Aert ist von Respekt geprägt. «Sie sind nicht die besten Freunde, aber sie kratzen einander auch nicht die Augen aus», beschreibt es van Aerts Ehefrau Sarah De Bie.
An der WM im niederländischen Hoogerheide, unmittelbar an der Grenze zu Belgien in der Provinz Noord-Brabant gelegen, hat Mathieu van der Poel ein Heimspiel. Schliesslich kommt Vater Adrie von hier, ebenfalls sehr erfolgreich im Sattel und wie sein Sohn ein Multitalent. Er wurde Radquer-Weltmeister, gewann Etappen an der Tour de France und die Flandern-Rundfahrt – genau wie später Mathieu. In dessen Genen steckt auch die DNA eines anderen Radsportstars: Raymond Poulidor, als «ewiger Tour-Zweiter» ein Liebling der Massen, war sein Grossvater.
Dass die Familie van der Poel aus Hoogerheide kommt, wirbelte vor der WM Staub auf. Vater Adrie soll als Parcours-Gestalter den Kurs nach Mathieus Vorlieben kreiert haben, lautete der Vorwurf. Falls dem so ist, dürfte das für Wout van Aert bei seiner Fahrt durch die «Höhle des Löwen» nur nochmals eine Extra-Motivation darstellen.
Um das Regenbogentrikot geht es beiden wahrscheinlich nur am Rande. Es geht darum, den anderen zu schlagen. So wie das immer der Fall war, wenn beide zum gleichen Rennen starteten. Mathieu van der Poel würde sich auch über eine späte Revanche freuen. 2014 fand letztmals eine WM in Hoogerheide statt, «MvdP» war Favorit in der U23-Kategorie – und musste zuschauen, wie Wout van Aert den Titel gewann.
Rivalen waren sie schon damals, Rivalen sind sie noch immer. Und wenn die Quer-Saison vorbei ist, duellieren sie sich wieder in den Strassenrennen. Dort fuhr van Aert zuletzt die besseren Resultate ein. Aber van der Poel gewann 2022 wie zwei Jahre zuvor die Flandern-Rundfahrt, ein Monument, das der Flame van Aert noch nicht gewinnen konnte. «Wenn er nie Paris – Roubaix oder die Flandern-Rundfahrt gewinnt, bin ich mir ziemlich sicher, dass er all seine Radquer-WM-Titel dafür eintauschen würde», behauptete gegenüber dem Fachportal «Wielerflits» Daam van Reeth, ein Sportökonome der Universität Leuven.
Das zeigt dann eben auch den Stellenwert, den das Radquer hat. Die Rennen mögen spannend sein, kurz und knackig. Sie sind aber vor allem in Teilen von Belgien und den Niederlanden überaus populär. Die Strassenrennen werden weltweit verfolgt.
Der 24-jährige Kevin Kuhn tritt in Hoogerheide als Schweizer Nummer 1 an. Der Zürcher Oberländer ist Profi in einem belgischen Team und schaffte es in dieser Saison bei Weltcup- und Superprestige-Veranstaltungen regelmässig in die Top Ten. Highlight war eine Woche vor Heiligabend sein dritter Rang im Schnee-Rennen von Val di Sole. Es war der erste Schweizer Podestplatz im Weltcup seit zehn Jahren.
An der WM liegen die Medaillen für Kuhn, U23-Vize-Weltmeister 2020 in Dübendorf, und für die anderen Swiss-Cycling-Vertreter (Schweizer Meister Timon Rüegg und Loris Rouiller) im Normalfall ausser Reichweite. Die drei Belgier Michael Vanthourenhout, Eli Iserbyt und Laurens Sweeck gelten als aussichtsreichste Kandidaten. Für die Bronzemedaille, das versteht sich von allein. Gold und Silber sind an der WM für Mathieu van der Poel und Wout van Aert reserviert.
Bereits am Samstag (15 Uhr) findet das Frauen-Rennen statt. Wie meistens in den vergangenen Jahren dürfte der Kampf um die Medaillen zu einer holländischen Meisterschaft werden: Als Topfavoritinnen starten Fem van Empel, Puck Pieterse und Ceylin del Carmen Alvarado. Chancen für einen Coup gibt man am ehesten der Italienerin Silvia Persico (WM-Bronze 2022) und Kata Blanka Vas aus Ungarn. Einzige Schweizer Starterin ist Zina Barhoumi.