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© 1991 Markus Kappeler
Mandrill
Mandrillus (Papio) sphinx
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Ein bunter Affe
Die Regenwälder Äquatorialafrikas fallen - ebenso wie diejenigen Amazoniens und Südostasiens - auf breiter Front und mit erschreckender Geschwindigkeit der Unvernunft des Menschen zum Opfer. Mit den Pflanzen, aus denen sich diese üppigsten aller Vegetationsformen unseres Planeten zusammensetzen, verschwinden unweigerlich auch all die vielgestaltigen tierlichen Geschöpfe, denen die Regenwälder als Lebensgrundlage dienen. Hierbei müssen in der Regel die grösseren Arten zuerst weichen, da sie zur Deckung ihrer Bedürfnisse weitflächigere Wohngebiete benötigen als die kleineren Arten und da sie überdies die bevorzugte und damit häufigere Beute der menschlichen Jäger sind. Der grösste regenwaldbewohnende Affe Äquatorialafrikas ist der Mandrill, und aus dem Gesagten wird schnell klar, weshalb er auch zu den bedrohtesten afrikanischen Primaten gehört.
«Pavian» ist der Sammelname für eine ziemlich einheitliche Gruppe afrikanischer Altweltaffen: Es sind Tiere, die mit ihren stämmigen und etwa gleich langen Armen und Beinen fest auf der Erde stehen, was sie als ausgesprochene Bodenbewohner ausweist. Es sind Affenarten mit erheblichem Grössenunterschied zwischen den beiden Geschlechtern: Die ausgewachsenen Männchen sind rund doppelt so schwer wie die Weibchen. Und es sind - von den Menschenaffen abgesehen - die grössten und schwersten aller Altweltaffen.
8 Arten von Pavianen werden im allgemeinen unterschieden, und zwar: 5 Arten von Steppenpavianen (Gattung Papio
), welche in offenem Gelände leben und von denen der Gelbe Pavian (Papio cynocephalus)
wohl der bekannteste ist; ferner 2 Arten von regenwaldbewohnenden, stummelschwänzigen Backenfurchenpavianen (Gattung Mandrillus
), der Mandrill (Mandrillus sphinx)
und der Drill (Mandrillus leucophaeus)
; und schliesslich 1 Art von Blutbrustpavianen (Gattung Theropithecus
), der Dschelada (Theropithecus gelada)
, der im äthiopischen Hochgebirge zu Hause ist und einen eindrucksvollen Mähnenmantel trägt. Wie eng diese acht Arten zusammengehören, zeigt sich darin, dass manche Fachleute sie alle zu einer einzigen Gattung, Papio
, vereinigen.
Von allen Pavianen ist der Mandrill der grösste: Ausgewachsene Männchen bringen bis zu 30 Kilogramm auf die Waage. Ausserdem
gehören sie zu den buntesten Altweltaffen. Die Farbe auf der nackten Haut des Gesichts und des Gesässes sind beim Männchen so grell wie bei keinem anderen Affen, ja wohl bei keinem anderen Säugetier sonst. Interessanterweise werden diese Farben umso leuchtender, je mehr sich das Mandrillmännchen erregt. Die bunten Hautstellen dürften also zweifellos im Droh- und Imponierverhalten der Tiere - bei Auseinandersetzungen mit Rivalen um die Rangordnung - eine Rolle spielen. Der Vorteil einer wirkungsvollen Drohung liegt darin, dass in vielen Fällen der Gegner eingeschüchtert wird, noch ehe es zum Kampf kommt. So können viele ernsthafte Auseinandersetzungen vermieden werden, die einen unnötigen Kräfteverschleiss bedeuten würden und immer mit dem Risiko einer Verletzung verbunden sind.
Obschon auch viele andere Theorien über die Funktion der lebhaften Farben der männlichen Mandrills im Umlauf sind (so etwa, dass sie den Sichtkontakt im Dämmerlicht des Regenwalds erleichtern), dürften sie in erster Linie eine Art «Kriegsbemalung» sein. Für diese Ansicht spricht auch, dass die erwachsenen Weibchen, welche ja ebenfalls mit ihrem Nachwuchs Sichtkontakt halten müssen, viel unscheinbarer gefärbt sind als die Männchen.
In der Vergangenheit wurde von verschiedenen Verfassern festgehalten, Mandrills würden mit den Drills zusammen dieselben Waldgebiete bewohnen. Heute weiss man, dass das nicht stimmt, sondern dass der Sanaga-Fluss in Kamerun eine natürliche Grenze bildet, welche die Verbreitungsgebiete der beiden Arten trennt: Der Mandrill kommt südöstlich dieses grossen Fliessgewässers vor, der Drill nordwestlich. Der Mandrill ist im übrigen deutlich weiter verbreitet als der Drill: Er kommt in Gabun und Äquatorial-Guinea so wie in einigen Bereichen Kameruns und des Kongos vor, während der Drill einzig in Kamerun, möglicherweise an einer Stelle im südöstlichen Nigeria und wahrscheinlich noch auf der zu Äquatorial-Guinea gehörenden Insel Bioko zu finden ist.
Die Tatsache, dass diese beiden nah verwandten, stummelschwänzigen Pavianarten nicht nur in ihrer Körpergrösse sehr stark übereinstimmen, sondern sich auch in Verhalten und Ökologie weitgehend gleichen, spricht ohnehin dafür, dass sie gar nicht Seite an Seite existieren könnten.
Hin und wieder ein Frosch als «Beilage»
Bislang gab es kaum längerfristige Studien über die Lebensweise des Mandrills in freier Wildbahn. Unser diesbezügliches Wissen basiert hauptsächlich auf Zufallsbeobachtungen, welche beispielsweise lokale Jäger, Tierfänger oder mit anderen Tierarten beschäftigte Zoologen machten. Dieses Mosaik von Kurzberichten ergibt nichtsdestotrotz ein einigermassen vollständiges Bild über die Lebensgewohnheiten dieses grossen Altweltaffen, das wir im folgenden kurz skizzieren wollen.
Der Mandrill lebt vorzugsweise in dichtem, hohem Primärwald, unternimmt aber hin und wieder auch Streifzüge in benachbarten, niedrigwüchsigen Sekundärwald und in lichtes Buschland, und mitunter wagt er sich sogar in Maniok- und andere Pflanzungen vor, wo diese an Waldgebiete grenzen. Plünderungen menschlicher Pflanzungen erfolgen vorwiegend während der von Juni bis August währenden Trockenzeit, weil dann das Nahrungsangebot im Waldinnern eher mager und Feldfrüchte daher besonders verlockend sind. Es versteht sich von selbst, dass sich der Mandrill mit diesen «Diebestouren» bei der ansässigen Bevölkerung nicht sonderlich beliebt macht.
Obschon der Mandrill ein Waldbewohner ist, hält er sich meistens am Waldboden oder doch in den unteren Waldetagen auf und besucht den Kronenbereich eher selten. Wahrscheinlich gehen die leichteren Weibchen und Jungtiere im Mittel höher oben und in dünnerem Geäst auf Nahrungssuche als die schwergewichtigen Männchen. Auf diese Weise wird der Nahrungswettstreit zwischen den Geschlechtern stark vermindert, werden unnötige Konflikte vermieden.
Die Nahrung der Mandrills besteht hauptsächlich aus allerlei Waldfrüchten und anderen nährstoffreichen Pflanzenteilen. Beispielsweise graben die Tiere gerne oberflächennahe Speicherwurzeln aus und verzehren diese. Der Speisezettel umfasst aber durchaus auch tierliche Stoffe. So drehen Mandrills auf Nahrungssuche häufig Steine um und verzehren die darunter befindlichen Insekten und anderen Kleintiere. Auch mit kleineren Nagetieren, Jungvögeln, Fröschen, Echsen, Schildkröten, Fischen und Krabben reichern sie ihre Kost an, wenn sich Gelegenheit dazu bietet. Und sie konnten sogar schon dabei beobachtet werden, wie sie einen Afrikanischen Quastenstachler (Atherurus africanus)
und einen jungen Schwarzrückenducker (Cephalophus dorsalis)
, also beachtlich grosse Wirbeltiere, erlegten und assen.
Haremsgruppen und Grossverbände
Die Gesellschaftsform des Mandrills gab früher grössere Rätsel auf und ist auch heute noch nicht vollständig geklärt. Häufig findet man Mandrills in Gruppen von 15 bis 50 Individuen. Mitunter begegnet man aber auch weit umfangreicheren Verbänden. So wurden einmal in Gabun mindestens 344 Individuen friedlich beisammen gesehen. Man glaubt heute, dass sich Mandrillpopulationen aus einer Vielzahl kleiner Gruppen zusammensetzen, welche jeweils ein ranghohes erwachsenes Männchen und eine Anzahl Weibchen mit ihrem Nachwuchs umfassen, und dass sich diese «Haremsgruppen» unter gewissen Bedingungen zu grösseren Verbänden zusammenschliessen. Sowohl der Zusammenschluss von Haremsgruppen zu einem Verband als auch die Abspaltung von Haremsgruppen aus einem Verband konnten schon beobachtet werden. Auch lässt sich innerhalb von Grossverbänden jeweils eine deutliche Gliederung in stärker zusammenhaltende Gruppen feststellen.
Mandrills bekunden demnach eine ausgeprägte Geselligkeit. Dafür spricht nicht zuletzt auch das grosse Spektrum verschiedenartiger Laute, über das sie verfügen und das der gruppeninternen Verständigung dient. Während der Fresswanderungen im Regenwald werden ständig von sämtlichen Tieren die unterschiedlichsten Töne erzeugt, um den Kontakt mit den übrigen Gruppenmitgliedern aufrechtzuerhalten. Die Begegnung mit einem Mandrillverband, der hundertstimmig bellend, krächzend, muhend und grunzend durchs Unterholz zieht, gehört sicherlich zu den eindrücklichsten Erlebnissen, die man im afrikanischen Regenwald haben kann.
Innerhalb der Mandrillgruppen bildet das «schwache» Geschlecht den stabilen Kern, da die Weibchen gewöhnlich zeitlebens in ihrer Geburtsgruppe bleiben und da zwischen den Müttern und ihren Töchtern enge Bande bestehen. Die Männchen sind sozial weniger stark eingebunden: Sie verlassen ihre Geburtsgruppe beim Erreichen der Geschlechtsreife und verbringen dann ziemlich einsame «Lern- und Wanderjahre», bis es ihnen eines Tages gelingt, Herr eines Harems zu werden. Aber auch diese gesellschaftliche Bindung ist nur vorübergehend. Früher oder später werden sie nämlich von einem Rivalen abgelöst und streifen in der Folge wiederum als Einzelgänger durch die Wälder.
Auch selektive Holznutzung birgt Gefahren
Als natürliche Feinde des Mandrills kommen hauptsächlich der Leopard (Panthera pardus)
und der Kronenadler (Stephanoaetus coronatus)
, ferner der Felsenpython (Python sebae)
und andere grosse Schlangen sowie möglicherweise der Schimpanse (Pan troglodytes)
in Frage. In keinem Fall konnte zwar bisher die Tötung eines Mandrills durch einen natürlichen Feind direkt mitverfolgt werden. Indizien sprechen aber mitunter eine deutliche Sprache. So stieben Mandrills, welche einen Leoparden in ihrer Nähe entdecken, unverzüglich und laut schreiend auseinander und klettern eiligst auf hohe Bäume, von wo aus sie den offensichtlich gefürchteten Fressfeind aufmerksam im Auge behalten.
Wie bei vielen anderen Säugetieren ist der ärgste Feind des Mandrills aber zweifellos der Mensch. Das Fleisch des grossen Affen wird in vielen Bereichen seines Verbreitungsgebiets sehr geschätzt. Die Jagd auf Mandrills erfolgt häufig passiv mit Hilfe von Drahtschlingen, wie sie auch für Waldantilopen und andere bodenlebende Säugetiere ausgelegt werden. Teils werden die Mandrills aber auch mit Gewehren gezielt bejagt. Dabei kommen vielfach Hunde als Jagdhelfer zum Einsatz. Als typische Reaktion auf Jagdhunde flüchten sich die Mandrills nämlich in die Baumkronen, wo sie dann wegen ihrer Grösse und beschränkten Beweglichkeit ein leichtes Ziel für die mit Schusswaffen aus gerüsteten Jäger abgeben.
Eine noch schwerwiegendere Gefahr als die Bejagung stellt für die Mandrills jedoch die Zerstörung ihres Lebensraums, der äquatorialen Regenwälder, dar. Zwar wird in den meisten Bereichen des Mandrill-Verbreitungsgebiets lediglich «selektive Holznutzung» betrieben, bei der dem Wald sehr gezielt nur einzelne, besonders wertvolle Edelhölzer ab einer bestimmten Stammdicke entnommen werden (dies kann mitunter ein einziger Baum je Hektar sein) und der restliche Wald unangetastet bleibt. Aber auch für den Abtransport dieser einzelnen Hölzer müssen Strassen gebaut und Schneisen geschnitten werden, und so wird Jägern und landhungrigen Siedlern der Zugang in zuvor unwegsame Regenwaldregionen gleichwohl ermöglicht. Die selektiv genutzten Waldgebiete und ihre tierlichen Bewohner werden deshalb häufig hinterher doch noch schwer geschädigt, und was in der Theorie durchaus überzeugt, ist in der Praxis fragwürdig bis unannehmbar.
Niemand weiss genau, wie gross die heutige Gesamtpopulation des Mandrills ist. Dass die Bestände aber rückläufig sind, ist unbestritten. In dem von der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) herausgegebenen «Rotbuch der bedrohten Primatenarten Afrikas» wird die Art dementsprechend als «gefährdet» eingestuft.
Tatsächlich ist die heutige Situation des Mandrills keineswegs befriedigend:
In Äquatorial-Guinea
ist der Mandrill bis heute nicht gesetzlich geschützt. Ausserdem wurden erst in jüngster Zeit die ersten Schutzgebiete im Land geschaffen, und es dürfte noch geraume Zeit verstreichen, bis deren Bewachung zufriedenstellend funktioniert.
In Gabun
gibt es mehrere Waldschutzgebiete, in denen Mandrills vorkommen. Mit dem Vollzug der Naturschutzgesetze hapert es allerdings: Weiterhin wird in den betreffenden Gebieten illegal abgeholzt und Jagd auf den Mandrill und andere waldlebende Säugetiere gemacht. Im Lope-Reservat, wo sich eine Forschungsstation befindet, welche unter anderem vom Welt Natur Fonds (WWF) finanziell unterstützt wird, sind grössere Mandrillbestände heimisch. Leider hat die Regierung Gabuns jedoch für fast das gesamte Reservat Lizenzen an Holzfällerfirmen für die selektive Nutzung des Waldes vergeben. Was hierbei herauskommt, ist ungewiss.
In Kamerun
existiert erst ein einziges Naturschutzgebiet innerhalb des Verbreitungsgebiets des Mandrills, und hier wie überall sonst im Land werden illegal Bäume gefällt und Tiere abgeschossen. Der WWF setzt sich bei Kameruns Regierung seit längerer Zeit dafür ein, dass sich die Naturschutzsituation im Land bessert und die kamerunische Flora und Fauna ausreichenden Schutz erhält. Noch steckt der Naturschutz in Kamerun aber in den Kinderschuhen.
Ob im Kongo
überlebensfähige Mandrillbestände in einem Schutzgebiet des Landes vorkommen, ist nicht bekannt. Sicher ist nur, dass die regenwaldbewohnenden Säugetiere des Kongos durch Lebensraumzerstörung und Bejagung arg bedrängt sind.
Sollen der Mandrill - und mit ihm all die anderen einzigartigen Tier- und Pflanzenarten Äquatorialafrikas - auf lange Sicht eine Chance zum Überleben haben, so muss es möglichst rasch gelingen, die globalen ökologischen Interessen des Regenwaldschutzes mit den lokalen ökonomischen Interessen der Regenwaldnutzung in Einklang zu bringen. Dringend benötigt werden also vernünftige, für alle Seiten akzeptable und auf die jeweiligen lokalen Bedingungen abgestimmte Schutz-/Nutzungsprogramme, wie sie der WWF und andere internationale Naturschutzorgani sationen seit geraumer Zeit mit grossem Aufwand zu entwickeln suchen.
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