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Brustkrebs ist das typische Frauenkarzinom – bei den Männern ist es der Prostatakrebs. Die Brustkrebstherapie habe riesige Fortschritte gemacht, beim Prostatakrebs sehe es weniger erfreulich aus, schreibt der Onkologe und frühere Tessiner SP-Nationalrat Franco Cavalli.
Brustkrebs ist hierzulande die häufigste Krebsart bei Frauen, er macht über zwanzig Prozent der Fälle aus. In vielen armen Ländern ist Gebärmutterhalskrebs hingegen häufiger als Brustkrebs. Es gibt Ökonomen, die den Moment, wenn Brustkrebs in einem Land häufiger wird als Gebärmutterhalskrebs, als Entwicklungsindikator werten. Bis vor kurzem nahm die Brustkrebshäufigkeit in den Industrieländern ständig zu. In den letzten vier bis fünf Jahren hat man eine Stabilisierung oder sogar eine leichte Abnahme festgestellt. Mittlerweile ist klar geworden, dass die Verwendung von Östrogenen zur Verzögerung der Wechseljahre oder zur Abmilderung der unangenehmen Begleiterscheinungen derselben einer der Gründe für diese ständige Zunahme war. So ist es mittlerweile zu einer beträchtlichen Verminderung des Einsatzes von Hormonen als Anti-Wechseljahre-Medikament gekommen, wodurch weniger Frauen über fünfzig an Brustkrebs erkranken. Statistisch gesehen trifft die Krankheit bei uns heute eine von zehn Frauen. (…)
Schwangerschaft senkt Brustkrebsrisiko
Hat eine Frau eine Verwandte ersten Grades, die an Brustkrebs erkrankt ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Krankheit ebenfalls entwickelt, drei- bis viermal höher als bei einer Frau ohne entsprechende Fälle in der Familie. Die Wahrscheinlichkeit steigt noch mehr, wenn es sich um zahlreiche direkte Verwandte handelt. Daneben gibt es aber auch andere Risikofaktoren für Brustkrebs. Die Tumorfrequenz steigt, je später die erste Schwangerschaft und die Wechseljahre erfolgen; je höher die Anzahl an Schwangerschaften ist, desto geringer ist das Risiko, die Krankheit zu bekommen. Daraus wird sofort klar, dass ein grosser Zusammenhang zwischen dem Hormonstoffwechsel und Brustkrebs besteht. Man sieht es auch daran, dass in beinahe zwei von drei Brustkrebstumoren in den Tumorzellen sogenannte Hormonrezeptoren sowohl für Östrogene als auch Progesterone vorhanden sind. Normalerweise ist das Vorhandensein solcher Rezeptoren umso ausgeprägter, je älter die Patientin ist. Es ist unabdingbar, den Hormonrezeptorstatus zu bestimmen, weil er dem Arzt nützliche Informationen gibt. Fehlen diese Rezeptoren oder sind sie kaum vorhanden, ist der Tumor normalerweise recht aggressiv. Umgekehrt ist er weniger aggressiv, je mehr dieser Rezeptoren in den Tumorzellen gefunden werden.
In den letzten dreissig Jahren haben sich die Resultate bei Brustkrebs klar verbessert, und zwar dank einer immer früheren Diagnose und Fortschritten in der Therapie. Man darf ruhig behaupten, dass die definitive Heilungsrate sich in den letzten dreissig Jahren mindestens verdoppelt hat und von ungefähr 30 auf mindestens 60 bis 65 Prozent gestiegen ist.
Wie bei vielen anderen Tumoren ist auch hier der erste Behandlungsschritt die Chirurgie – es sei denn, dass der Tumor bereits nicht mehr operierbar ist, was bei uns heute aber immer seltener vorkommt. Brustkrebs kann inoperabel sein, wenn er bereits Metastasen gebildet hat oder über die Grenzen der Brust hinausgewachsen ist und sich zum Beispiel in einem grossen Teil der umliegenden Haut oder der darunterliegenden Muskeln breitgemacht hat. In den letzten Jahren hat sich auch das chirurgische Vorgehen stark geändert. Zeigen die Röntgenaufnahmen, dass in der Brust mehrere Tumorknoten vorhanden sind, handelt es sich also um einen multizentrischen Tumor, und man muss auch heute noch eine vollständige Amputation der Brust, eine sogenannte Mastektomie, vornehmen.
Weniger verstümmelnde Operationen
Eine Halsted-Mastektomie (die zum ersten Mal Ende des 19. Jahrhunderts durchgeführt wurde) wird heute jedoch nicht mehr vorgenommen: Man entfernte bei dieser verstümmelnden Operation nicht nur die ganze Brust und verschiedene Lymphknoten, sondern auch einen grossen Teil der Brustmuskeln, wodurch es zu einer Deformation des Brustkorbs kam. Halsted, ein New Yorker Chirurg, stützte sich einfach aufs Prinzip «more is better» (mehr ist besser). Fast ein Jahrhundert lang sollte dieses Dogma die Krebsbehandlung beherrschen. Nach der Entdeckung, dass das Schicksal der Patientinnen vor allem davon abhing, ob Fernmikrometastasen vorhanden waren, die möglicherweise pharmakologisch vernichtet werden konnten, fragte man sich, warum diese verstümmelnde Chirurgie noch notwendig war.
In den meisten operierbaren Fällen bringt die Mammografie nämlich nur einen einzigen Tumorknoten zutage: Ist dieser, was meistens der Fall ist, kleiner als drei Zentimeter, ist ein brusterhaltender Eingriff heute möglich. Dabei wird mindestens der Tumorknoten (Tumorektomie) oder ein Viertel der Brust (Quadrantektomie) entfernt. Die Einführung dieser chirurgischen Techniken ist zu einem grossen Teil Professor Umberto Veronesi zu verdanken, dem weltbekannten italienischen Onkologen und ehemaligen Gesundheitsminister. Er war der Erste, der in einer wichtigen Studie zeigte, dass die Resultate bei der brusterhaltenden wie bei der verstümmelnden Technik langfristig gleich sind.
Das Wissen, sich unter normalen Umständen nur einem geringen chirurgischen Eingriff unterziehen zu müssen, hat fundamental dazu beigetragen, dass die Frauen die Angst vor Verstümmelung verloren haben, die sie oft dazu trieb, einen Knoten in der Brust nicht wahrhaben zu wollen. Diese Haltung hat früher oft zu verspäteten Diagnosen geführt.
Umberto Veronesi leistete noch mehr für eine weniger aggressive Chirurgie: Früher entfernte man so viele Achsellymphknoten wie möglich, da sich die ersten Metastasen des Tumors gewöhnlich dort ansiedeln, wenn dieser, was meistens über die Lymphbahnen geschieht, aus der Brust wandert. Die Gruppe um Professor Veronesi spielte eine wichtige Rolle bei der Einführung des Konzepts der Wächterlymphknoten: Dank einer Färbung mittels einer nuklearmedizinischen Methode wird der erste Lymphknoten in der Achselhöhlenkette markiert und mit einem kleinen chirurgischen Eingriff entfernt. Wenn der Lymphknoten normal ist, kann man darauf verzichten, die ganze Lymphknotenkette zu entfernen, da die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, dass andere Lymphknoten befallen sind.
Nur wenn im Wächterlymphknoten Tumorzellen nachgewiesen werden, entfernt man noch heute alle Lymphknoten der Achselhöhle. Vor allem aufgrund des grösseren Eingriffs im Bereich der Achselhöhle, der gewöhnlich auch von einer nachfolgenden Strahlentherapie begleitet wurde, kam es früher oft zu einem postoperativ geschwollenen Arm. Die Patientinnen, deren Lymphzirkulation nicht mehr gut funktionierte, litten unter einem enorm geschwollenen Arm, der nicht nur ihre Lebensqualität einschränkte, sondern oft auch wiederholt zu Infektionen führte.
Mit der Entscheidung für eine brusterhaltende Chirurgie, bei der also nur ein Teil der Brust entfernt wird, wird es aber unumgänglich, die Restbrust einer Strahlentherapie zu unterziehen. Ohne diese Massnahme käme es später bei über einem Drittel der Patientinnen zu einem Rückfall, weil sich in der übrigen Brust bereits mikroskopisch kleine, noch nicht nachweisbare Tumorherde eingenistet haben. (…)
In der Therapie geht die Tendenz im Moment klar in Richtung einer Verminderung der Aggressivität sowohl der chirurgischen Eingriffe als auch der Strahlentherapie. Das alles dient vor allem dazu, die Lebensqualität der Patientinnen zu erhöhen, während es vor allem die frühzeitigere Diagnose und die gewöhnlich nach dem chirurgischen Eingriff und der Strahlentherapie folgenden adjuvanten (sprich: zusätzlichen und prophylaktischen) Therapien sind, welche die Heilungsrate sprunghaft haben ansteigen lassen. Ziel der pharmakologischen Therapie ist hier die Vernichtung möglicher, entfernter Metastasenherde, die man mit den verfügbaren Diagnosemitteln nicht erkannt hat. Die Metastasen können auch mithilfe der modernsten Techniken (wie Computer- oder Magnetresonanztomografie oder bildgebenden Verfahren der Nuklearmedizin) erst ab einigen Hundert Millionen Tumorzellen gesehen werden. Sind es weniger, was gewöhnlich der Fall ist, entgehen sie uns.
So ist man in den achtziger Jahren dazu übergegangen, in allen Fällen, bei denen man aufgrund verschiedener Prognosefaktoren annehmen muss, dass bereits Tumorherde vorhanden sein könnten, adjuvante Behandlungen durchzuführen. Heute wird diese Therapie fast bei jeder Patientin durchgeführt: Die einzige Ausnahme sind Frauen, bei denen das Risiko für Mikrometastasen aufgrund der geringen Grösse des Tumors und besonders günstiger biologischer Prognosefaktoren als äusserst klein eingestuft wird. Die Art der adjuvanten Therapie hängt vor allem vom bereits erwähnten Hormonrezeptor-Status ab: Können solche Rezeptoren in grosser Zahl nachgewiesen werden, besteht die Therapie normalerweise in der täglichen Einnahme einer Tablette eines der verschiedenen verfügbaren Antiöstrogene, die nur selten nennenswerte Nebenwirkungen haben. In der Regel dauert diese Therapie fünf Jahre. (…)
Zusammenfassend kann man sagen, dass sich die Resultate signifikant verbessert haben. Bis vor etwa dreissig Jahren konnte man nur etwa ein Drittel der Fälle heilen. Heute werden zwei Drittel der an Brustkrebs erkrankten Frauen definitiv gesund. Diese Zahlen sage ich immer wieder den Patientinnen vor, die mich verzweifelt kontaktieren, weil man bei ihnen einen Brusttumor diagnostiziert hat. Und füge hinzu, dass die Langzeitprognose für Brustkrebs in den meisten Fällen besser ist als etwa bei manifestem Diabetes. Doch das Wort «Krebs» löst so grosse Ängste aus, dass die Diagnose auch in Situationen, in denen die Wahrscheinlichkeit einer definitiven Heilung bis zu 95 Prozent beträgt – also viel höher liegt als etwa bei einem Herzinfarkt –, immer noch für Schrecken sorgt.
Drei Prozent der Männer sterben an Prostatakrebs
Die Prostata ist eine nussförmige Drüse beim Mann, die sich unter der Harnblase befindet und die Harnröhre umgibt. Über die Hälfte der Männer über fünfzig leiden unter einer vergrösserten Prostata, einer sogenannten benignen Prostatahyperplasie. Mit zunehmendem Alter wird diese Störung häufiger, sie erschwert oft das Wasserlassen und zwingt ältere Männer meist dazu, nachts einmal oder mehrmals aufzustehen, um aufs Klo zu gehen. Leider sind die Symptome bei Prostatakrebs fast die gleichen wie bei der benignen Prostatahyperplasie. Der Tumor wurde bis vor ein paar Jahren beinahe immer durch einen Urologen diagnostiziert, der eine rektale Ertastung vornahm. Heute wird die Mehrheit der Diagnosen bei Patienten gestellt, die unter keinerlei Symptomen leiden, und zwar mittels einer Blutanalyse, bei der die Konzentration eines von der Prostata oder Vorsteherdrüse produzierten Glykoproteins gemessen wird, des sogenannten prostataspezifischen Antigens (PSA).
Es kann aber auch andere Gründe für einen erhöhten PSA-Wert geben, zum Beispiel eine chronische Entzündung der Prostata. In solchen Fällen hat der erhöhte Wert nichts mit einem Tumor zu tun. Um Gewissheit zu haben, muss meistens eine Biopsie vorgenommen werden. Ist die PSA-Konzentration im Blut aber sehr hoch, handelt es sich fast sicher um einen Tumor. Mit der Einführung des PSA-Tests kam es zu einer schwindelerregenden Zunahme der Prostatakrebsdiagnosen: In den USA haben sich die Fälle zwischen 1990 und 2000 gegenüber den achtziger Jahren fast verzehnfacht, in Europa war die Zunahme gemässigter (zwei- bis dreimal mehr).
Prostatakrebs ist nach Lungenkrebs die häufigste Tumorart bei Männern. Trotz der dramatischen Zunahme der Zahl der diagnostizierten Fälle ist die Sterblichkeit jedoch in den letzten fünfzig Jahren mehr oder weniger stabil geblieben: Damals wie heute ist dieser Tumor für etwa drei Prozent der männlichen Todesfälle verantwortlich. Dieser scheinbare Widerspruch zwischen der Anzahl der diagnostizierten Fälle und einer konstanten, relativ tiefen Sterblichkeit zeigt klar, dass sich dieser Tumor sehr oft nie weiterentwickelt oder jedenfalls nie eine echte Gefahr für das Leben des Patienten dargestellt hätte. Wir wissen also, dass diese Krankheit in vielen Fällen sehr wahrscheinlich keine Probleme bereitet hätte. Aus Autopsien an Männern, die aus anderen Gründen verstorben waren, ging hervor, dass bei mindestens einem Drittel der Fälle über fünfzig Jahre Krebszellen in der Prostata gefunden wurden. Diese Zahl nimmt proportional mit dem Alter zu und beträgt beinahe neunzig Prozent bei Männern über neunzig Jahre.
Man kann davon ausgehen, dass die Tumordiagnose dank der Einführung des PSA-Tests um etwa zehn Jahre vorverschoben wurde, aber in wie vielen Fällen das wirklich von Nutzen ist, wissen wir nicht. Vor drei Jahren wurden die Ergebnisse einer umfangreichen europäischen Studie publiziert, die an 160 000 Männern zwischen 55 und 69 Jahren durchgeführt wurde. Vor kurzem wurden diese Ergebnisse aufdatiert: Auch nach einer längeren Beobachtungszeit hat sich daran kaum etwas geändert.
Die Teilnehmer der Studie waren in zwei Gruppen von je 80 000 Männern aufgeteilt, eine Gruppe musste sich alle vier Jahre einem PSA-Test unterziehen. Zeigte dieser ein erhöhtes Resultat, wurden eine Biopsie und je nach Ergebnis eine entsprechende Behandlung vorgenommen.
In dieser Gruppe starben 299 Männer an Prostatakrebs, während es in der Kontrollgruppe ohne PSA-Test 462 waren. Einerseits kann man also sagen, dass sich dank dieses Tests die Prostatakrebssterblichkeit um zwanzig Prozent reduzieren lässt.
Zu viele Männer unnötig operiert?
Aber man kann es auch andersherum interpretieren: Um einen einzigen Krebskranken zu retten, muss man den PSA-Test an beinahe 1500 Männern durchführen. Von diesen Männern werden viele fälschlicherweise ein positives Resultat haben, andere wird man unnötigerweise operieren – aber mit unangenehmen Folgen, wie im Folgenden erläutert wird. Wenn man alle damit verbundenen Kosten berechnet, kommt man, so schätzen verschiedene Gesundheitsökonomen, auf die fast unglaubliche Summe von etwa fünf Millionen Franken, die notwendig ist, um einen einzigen Todesfall wegen Prostatakrebs zu verhindern.
Die Resultate dieser und anderer Studien sorgen seit etlichen Monaten für eine sehr lebhafte Debatte über den Nutzen eines PSA-Massenscreenings. Viele Experten sind der Meinung, dass eine Verminderung der Sterblichkeit um zwanzig Prozent eine systematische Untersuchung aller Männer über 55 rechtfertigt. Andere befürchten dagegen, dass sich zu viele Patienten einer nutzlosen Operation unterziehen müssten, allein wegen eines erhöhten PSA-Werts und ohne an einem Tumor zu leiden, der ihr Leben wirklich gefährdet.
Der Streit hat sich noch zugespitzt, seit vor kurzem in den USA die US Preventive Services Task Force von einem PSA-Massenscreening abgeraten hat. Im Oktober 2011 ist auch bei uns das noch wenig bekannte Swiss Medical Board, ein unabhängiges Expertengremium, zum Schluss gekommen, dass die seit Jahrzehnten angebotene Vorsorgeuntersuchung bei gesunden Männern ohne Risikofaktoren nicht gerechtfertigt sei. Es wurde auch ausgerechnet, dass Kosten in der Grössenordnung von 160 Millionen Franken eingespart werden könnten, wenn die Kosten von Folgeuntersuchungen und Behandlungen einbezogen würden. Vor allem bei den Schweizer Urologen löste das Expertengremium harsche Kritik aus, was zu verschiedenen Stellungnahmen in der «Schweizerischen Ärztezeitung» geführt hat.
Die Kontroverse wird weiterhin ebenfalls recht intensiv in den Medien geführt, nicht zuletzt, weil Männer am Thema Prostatakrebs früher oder später kaum vorbeikommen. Unter dem Druck dieser Auseinandersetzung hat das Swiss Medical Board letzthin seine Position weiter präzisiert: Der PSA-Test werde zwar nicht generell empfohlen, aber ein über die Vor- und Nachteile informierter Mann könne sich durchaus für die Vorsorgeuntersuchung entscheiden. Sicher ist zurzeit einzig, dass wir in den nächsten Jahren über dieses Thema noch sehr viel werden lesen und hören können. Die derzeitige Unsicherheit rührt daher, dass wir es mit zwei ungelösten Fragestellungen zu tun haben, die sich aber zum Teil gegenseitig beeinflussen.
Auf der einen Seite die Frage des Nutzens eines PSA-Massenscreenings, auf der anderen Seite die noch quälendere Frage, ob es wirklich nötig ist, einen malignen Prostatatumor, sobald er diagnostiziert wird, sofort zu behandeln, und wenn ja, wie.
Bevor ich versuche, diese wichtigen Fragen zu beantworten, muss ich ein paar Dinge über die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten sagen. Nach einer bioptischen Diagnose von Prostatakrebs muss abgeklärt werden, ob bereits Metastasen vorhanden sind, speziell in den Lymphknoten im Becken oder in den Knochen. Bei beinahe einem Drittel der Patienten findet man zum Zeitpunkt der Diagnose schon Metastasen. Sind noch keine Metastasen vorhanden, kann der Primärtumor mit einer sogenannten radikalen Prostatektomie operiert oder mit einer Strahlentherapie behandelt werden. Letzteres ist zwingend erforderlich, wenn der Tumor sich schon zu weit ausgebreitet hat, um operiert zu werden, oder wenn der Patient zu alt ist.
In vielen Krankenhäusern wird die radikale Prostatektomie heute mithilfe von Robotern ausgeführt. Es handelt sich nach wie vor um einen grossen chirurgischen Eingriff, auch wenn die Operationstechniken sich in den letzten Jahren deutlich verbessert haben, sodass die postoperative Sterblichkeit stark gesunken ist. Diese Operation bringt aber oft Inkontinenz mit sich und fast immer eine unterschiedlich ausgeprägte sexuelle Impotenz, wobei heute Medikamente wie Viagra helfen können, diese abzumildern. Die gleichen Störungen treten, vielleicht etwas weniger häufig, manchmal auch nach einer Strahlentherapie auf. Auch eine chronische Entzündung der Harnblase oder des Mastdarms kann nicht ausgeschlossen werden. Die Entscheidung zwischen diesen zwei Behandlungen – lokaler chirurgischer Eingriff oder Strahlentherapie – ist sehr schwierig, und oft muss sie letztlich vom Patienten getroffen werden.
Weist der Tumor bereits Metastasen auf, wird der Patient normalerweise mit einer Hormontherapie behandelt. Der Prostatatumor kann ein bisschen als Pendant zum Brustkrebs bei der Frau angesehen werden.
Wie vor fünfzig Jahren beim Brustkrebs
Bei den Frauen sind die Östrogene eine der grundlegenden Ursachen für das neoplastische Wachstum, bei den Männern sind es die männlichen Hormone, die Androgene. Bei den Frauen wird der Status der Östrogen- und Progesteronrezeptoren bestimmt, beim Prostatatumor spielen die Androgenrezeptoren eine grundlegende Rolle. Aus diesem Grund verabreichte man diesen Kranken früher weibliche Hormone, um so die Wirkung der Androgene zu neutralisieren. Heute verfügen wir über spezifische Medikamente, welche die Produktion der männlichen Hormone hemmen oder die Androgenrezeptoren blockieren. Deshalb ist man grösstenteils auch von der einst standardmässigen chirurgischen Kastration abgekommen – die gleichen Resultate können auch anders und ohne die psychologischen Folgen einer Kastration erzielt werden.
Oft kommt es dank dieser Hormontherapien zu langen Remissionen (der Tumor bildet sich ganz oder teilweise zurück), und es ist selbst bei Metastasen möglich, das Fortschreiten der Krankheit für viele Jahre zu stoppen. Die klassische Chemotherapie spielt bei dieser Tumorart hingegen bisher nur eine untergeordnete Rolle, und man greift im Allgemeinen erst darauf zurück, wenn die Patienten gegen Hormontherapien resistent geworden sind.
Zurück zu einer der entscheidenden Fragen von vorhin: Muss ein Patient, bei dem ein noch kleiner Prostatatumor diagnostiziert wurde, sofort mit einer der beschriebenen Therapien behandelt werden? Wie wir bereits gesehen haben, kann die Diagnose mithilfe des PSA-Tests um etwa zehn Jahre vorverschoben werden, ohne dass das die Sterblichkeitsrate wirklich beeinflusst. Es ist fast sicher, dass sich heute viele Männer einer radikalen Prostatektomie – mit allen Konsequenzen – unterziehen, bei denen es gar nicht nötig wäre. Leider können wir meistens aber noch nicht mit genügender Sicherheit sagen, bei welchen Fällen man sofort eingreifen muss und bei welchen man warten kann.
Es gibt zwar verschiedene Kriterienkataloge von onkologischen und urologischen Organisationen, aber sie sind noch zu ungenau, und es gibt zu viele Ausnahmen, als dass sie in der Mehrheit der Fälle wirklich von Nutzen wären.
Das Problem ist, dass man noch ziemlich wenig über die Prostatakrebsbiologie weiss: Die Situation ist ungefähr so wie vor fünfzig Jahren beim Brustkrebs – als man dessen Biologie noch kaum kannte, verstümmelte man die Frauen mittels Halsted-Mastektomie. Darauf wurden jahrelang grosse Summen in die Forschung investiert. Das Gleiche geschieht nun beim Prostatatumor, und ich gehe davon aus, dass wir in ein paar Jahren besser verstehen werden, wie diese Krebsform funktioniert, und dann wird man wahrscheinlich auch unter therapeutischem Gesichtspunkt angemessener reagieren können.
Franco Cavalli zum Thema Krebs
«Krebs – die grosse Herausforderung»
Der Tessiner Onkologe und ehemalige SP-Nationalrat Franco Cavalli hat ein Buch über sein Fachgebiet geschrieben – und zwar für gewöhnliche Leute, leicht verständlich, konzis und engagiert. Im Kapitel über die häufigsten Tumorarten wie zum Beispiel Brust-, Prostata- oder Darmkrebs (aus dem der hier abgedruckte Text stammt) bietet er einen Einblick in die verschiedenen Therapien.
Cavalli schreibt aber auch über die Ursachen der Krebserkrankungen, erklärt, was ein Karzinogen ist, welche Krebsarten sozialbedingt sind beziehungsweise durch Schadstoffe in der Umwelt respektive am Arbeitsplatz verursacht werden, und beleuchtet den aktuellen Stand der Krebsforschung.
Ein Kapitel seines Buchs widmet Franco Cavalli der Palliativpflege, die immer wichtiger wird: Zwar gibt es noch viele Tumore, die nicht geheilt werden können, doch dank neuer Medikamente gelingt es immer öfter, den Krebs in ein chronisches Leiden zu verwandeln. Da ist dann die Palliativmedizin gefordert, die viel mehr als reine Schmerzbekämpfung ist. Cavalli geht auch auf die Sterbehilfe ein und fordert klarere Regelungen, wie man sie beispielsweise in den Niederlanden kennt; dort ist es ÄrztInnen unter klaren Vorgaben erlaubt, direkt Sterbehilfe zu leisten.
Cavalli behandelt in seinem Buch aber auch die Situation in den Entwicklungsländern, wo sich eine eigentliche Katastrophe anbahnt, denn schon heute fordern in diesen Ländern bösartige Tumore mehr Tote als Aids, Tuberkulose und Malaria zusammen. Cavalli berichtet in diesem Zusammenhang von seinem Engagement in Nicaragua, wo er mitgeholfen hat, mit bescheidensten Mitteln eine erfolgreiche Kinderonkologie aufzubauen.
Susan Boos
Franco Cavalli: «Krebs. Die grosse Herausforderung». Rotpunktverlag. Zürich 2012. 199 Seiten. 32 Franken.
Die Buchvernissage findet am Mittwoch, 13. Juni 2012, 19.30 Uhr, in Zürich statt (Kirchgemeindehaus St. Jakob, Stauffacherstrasse 10). Dazu gibt es eine Diskussion mit Franco Cavalli und Thomas Cerny, Expräsident der Krebsliga. Moderation: Daniel Hitzig, Radio DRS.
Am Donnerstag, 14. Juni 2012, 20 Uhr, präsentiert Cavalli sein Buch in Winterthur (Nord-Süd-Haus, Steinberggasse 18).