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Sie arbeiten für einen Hungerlohn, viele sind Analphabeten. Die Teearbeiterinnen und Teearbeiter in Assam, dem grössten Anbaugebiet der Welt, sind meist Ureinwohner und stehen gesellschaftlich auf der untersten Stufe.
Wellblech, ein paar Steine, eine Plane. Es ist ein erbärmlicher Anblick, den das «Haus» des Teearbeiters Subhash Sabar und seiner Mutter Lokimoni Sabar bietet. Beide sehen kränklich aus. Die Mutter ist spindeldürr. Vierzig lange Jahre rackerte sie sich in Teegärten ab. Die Unterkunft ist so klein, dass man drin nur gebückt gehen kann. Ein schäbiges Loch mit zwei Schlafpritschen und einer Feuerstelle.
Die beiden hausen im Teearbeiterdorf Murmuria, nahe der Teehochburg Jorhat, zusammen mit etwa tausend anderen Teearbeiterinnen und Teearbeitern. Tee ist der wichtigste Exportartikel des nordostindischen Bundesstaates Assam. Ein Fünftel der 32 Millionen Einwohner ist direkt oder indirekt von der Teeproduktion abhängig. In Assam liegt das grösste Teeanbaugebiet der Erde. Mehr als 2500 Teegärten produzieren jährlich 700 Millionen Tonnen Schwarztee.
Während im nahen Tempelchen ein Muschelhorn die Göttin Kali anruft, beklagt sich der 35-jährige Teearbeiter bitterlich. Die Plantage, auf der er seit einem Jahrzehnt als Tagelöhner arbeitet, ist staatlich. «Unsere Behausung ist voller Löcher, wenn es regnet, werden wir auch drin nass. Häufig haben wir nichts zu essen, es gibt auch keine medizinische Behandlung.» Andere Teearbeiter wohnen immerhin in Lehmhäusern, einige davon sind allerdings stark beschädigt. Wieder andere, so sagt uns der Dorflehrer Kiran Tanti, schlafen unter einem Baum, weil sie gar nichts haben. Die Toiletten, die der Staat einst lieferte, funktionieren nicht mehr (siehe auch Arikel "Stille Katastrophe"). Das Wasser holen die Bewohner aus einem verschmutzten Teich.
Er habe 98 Schüler in seiner Klasse, erzählt der Dorflehrer. Unmöglich, dass die Kinder so etwas lernen. Dabei sei dies schon eine Verbesserung gegenüber früher, erzählt Devabrata Sharma. Er ist nicht nur Sprachforscher, sondern auch Berater einer Teearbeiter-Organisation und hat die heutige und die historische Situation der Teearbeiterinnen und -arbeiter studiert. «Während der ersten fünf Jahrzehnte der britischen Zeit in Assam gab es überhaupt keine Schule für die Menschen. Eltern und Kinder waren ausnahmslos Analphabeten», sagt Sharma. Erst mit der Unabhängigkeit begann sich dies in einigen Plantagen langsam zu ändern.
Und heute? Die Lage habe sich nicht wesentlich verändert, sagt der Berater. Noch immer seien 80 Prozent der Teearbeiter Analphabeten. Jedes fünfte Kind besuche keine Schule. Und heute wie damals seien die Arbeiter – Angehörige verschiedener Ureinwohner-Volksgruppen – von der übrigen Bevölkerung isoliert und ausgegrenzt. Und heute wie damals seien die Löhne miserabel und lägen derzeit bei rund 72 Rupien pro Tag, was etwa 1 Franken 20 entspricht. (In einem Comestibles-Laden können 100 Gramm Assam-Tee rasch einmal über 14 Franken kosten.) Am schlimmsten dran sind die Arbeiterinnen – und es sind mehrheitlich Frauen, die auf den Teeplantagen arbeiten.
Einer der Gründe, weshalb vor allem Frauen angestellt werden, ist, dass die Plantagenbesitzer dadurch Geld sparen können. Männer zu beschäftigen ist teurer, weil der Arbeitgeber gesetzlich dazu verpflichtet sei, dann für das Essen der ganzen Familie aufzukommen. «Wenn man eine Frau anheuert, muss man für ihren Mann und die Kinder nichts bezahlen. So kann man mindestens einen Drittel der Kosten einsparen», sagt der Berater Sharma. Ein weiterer Grund für die Bevorzugung von Frauen: «Es heisst, Frauen seien fleissiger und würden weniger protestieren als Männer.»
Wegen der schlechten Ernährung, der harten Arbeit und den allgemein schlechten Lebensbedingungen haben Assams Teearbeiterinnen und -arbeiter laut der indischen Menschenrechtsorganisation Ekta Parishad eine durchschnittliche Lebenserwartung von nur 50 Jahren. Gift im wahrsten Sinne des Wortes ist für die Angestellten auch der Umgang mit Pflanzenschutzmitteln. Devabrata Sharma: «Es ist gesetzlich vorgeschrieben, dass Teearbeiter Masken, Handschuhe und Schutzkleider tragen müssen, wenn sie Chemikalien versprühen. Doch in den meisten Gärten wird ohne Maske, ohne jeglichen Schutz gespritzt.» Vor einigen Jahren gab es in Assam ein grosses Fischsterben. «Millionen von Tieren verendeten, weil Pestizid- und Insektizid-vergiftetes Wasser in die Teiche gelangte.
Das alles ist weit weg und auch vor der eigenen Haustüre gibt es zahlreiche Probleme und Ungerechtigkeiten. Doch wer beim nächsten Einkauf einfach gedankenlos ins Regal greift und seinen Morgentee in den Einkaufskorb wirft, sorgt so indirekt dafür, dass sich die Verhältnisse auf den Teeplantagen nicht bessern. Wer das nicht will, erkundigt sich im Geschäft nach der genauen Herkunft des Tees und den Arbeitsbedingungen bei der Herstellung. Oder noch besser: Man hält Ausschau nach Tee mit einem Fair Trade Label. Das Label erhalten nur Produkte, bei deren Herstellung bestimmte soziale, teilweise auch ökologische Standards ein gehalten werden.
Foto: Peter Jaeggi