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|Jahr
||1981

|Copyright
||Daniel Corti

|Personen
||2D / 5H

|Ort der Handlung
||Auschwitz, New York

|Zeit der Handlung
||1980

Personen:
Isaak Kohn, 35
Moritz Stern, 75
Natalia Mooshaber, 72
Samuel Goldberg, 80
Der Schauspieler, 25
Miss Monika, 22
Der Leibwächter, 30
Über das Stück
Kurze Vorbemerkung zur Lektüre von Michael Zochows Stück „Sterns Stunden“: „Die genaue Struktur dieses Stückes zu entziffern bedarf einiger Anstrengung. Dies gilt, glaube ich, für die Lektüre. Auf der Bühne wird sich vieles als sinnfällig erweisen, was vorher verschlossen schien. Der Verlauf des Stückes beschreibt - sehr grob gesprochen – wie drei junge und drei alte Menschen und ein Beobachter sich langsam darauf vereinigen, dass die Jungen im Rahmen bestimmter Spielregeln gewisse Erlebnisse der Alten nachspielen sollen. Das Stück beschreibt auch die Wandlungen und den Zerfall dieser Spielregeln, den Widerstand der Doppelgänger gegen ihre Vorbilder, sowie die zunehmende Identität mit denselben. Die Jungen treten die Nachfolge der Alten an. Sie übernehmen deren Sucht des Erinnerns oder deren Sucht des Vergessens:
Erinnern, Kontinuität der Biographie, unverrückbare Identität, o d e r
Vergessen, Diskontinuität, (Biographie nicht als Lebenslinie, sondern als Reihe eng aneinanderliegender und unzusammenhängender Punkte), flüchtiges, vielfaches Ich?
Vor der Folie des Auschwitz-Erlebnisses der drei Alten verschärfen sich diese Pole paradigmatisch:
Das selektive Erinnern, mit dessen Hilfe man sich üblicherweise eine fiktive, korrigierte, erträgliche Historie (oder Autobiographie) einredet, ist durch Auschwitz ausser Kraft gesetzt. Alles Erinnern ist durch die Erinnerung an Auschwitz infiziert. Das Vergessen anderseits ist nur zum Preis der Auslöschung jeglicher Erinnerung und jeglicher Biographie denkbar. Auschwitz ist also in diesem Stück nicht Anlass zu Wiedergutmachungsdebatten oder zu reisserischen Schreckensberichten, sondern Anlass zum Nachdenken über unser Verhältnis zum Augenblick, zur Vergangenheit, zum Vergessen (sich selbst vergessen), zum Erinnern...Im Stück werden schreckliche Erlebnisse nur angedeutet. Hauptsächlich kreisen die Erinnerungen um Liebe, Untreue, Angst, Betrug etc., an sich übliche Dinge, die jedoch alle von einem schrecklichen Hintergrund infiziert sind.
Das Stück ist kein realistischer Report über ehemalige Auschwitz-Häftlinge. Es ist eine fiktive Geschichte, eine Geometrie der Gefühle, ein Ballett der Erinnerungen, nicht realistisch, aber immer ausgehend von realen Vorgängen zwischen Menschen. Seine Stärke liegt im Strukturellen Reichtum und nicht in der relativ schmucklosen, unambitionierten Sprache.
(Felix Prader)
Im ersten Stück, Sterns Stunden, wird die dramatische Konstellation noch mehr wie ein blosses Rechenexempel durchgespielt, weniger eine lockere Folge von Ereignissen und kleinen Geschichten ausgebreitet, bei der die zunehmende Verwirrung die Verdichtung begünstigt. Drei alte Leute, ehemalige Auschwitz-Häftlinge, reisen mit jeweils einem Begleiter (oder einer Begleiterin) von New York nach Auschwitz und besichtigen das zum Museum eingerichtet ehemalige Todeslager. Der zweite Teil des Stückes spielt dann in New York. Die Alten zwingen die jungen Leute, das zu erleben, was sie selber in Auschwitz erlebt haben. Die fürchterliche Wahrheit des arrangierten Spiels ist der Effekt, dass das , was sie einander näher bringen soll, sie umso weiter voneinander entfernen wird.
(Klaus Völker, Der Tagesspiegel 30.11.91)
Für sich selbst engagiert Moritz Zwei: den jungen Schauspieler für sein vergangenes Leben und, weil er selber sich als noch zu beteiligt sich fühlt, Isaak Kohn quasi als Dramaturgen, als objektiven Beobachter seines Spiels mit den zwei Gleichaltrigen (eine davon ist seine frühere Geliebte Nathalia, der andere ist ihr späterer Mann Samuel) und deren zwei jungen Vertretern, die eingeführt werden in die längst vergangenen, aber eben durch dieses inszenierte Spiel erst zu verarbeitenden Erlebnisse. Der Schauspieler vermag am Ende Moritz Sterns Leben in sich aufzunehmen, Moritz das seinige beenden. Die anderen gehen miteinander gut essen.
(Daniel Corti)
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1. Teil: Wien, Wien, nur Du allein
Eine Gaskammer in Auschwitz, als Besichtigungsareal eingerichtet. Moritz Stern, Isaak Kohn und der Schauspieler treten auf.
Moritz Stern (zu Isaak Kohn) Riechen Sie? (zum Schauspieler) Atmen Sie! Atmen Sie ein!
So tief Sie können!
Isaak Kohn Kommen Sie wirklich jedes Jahr hierher? Ich hätte mir gedacht, Sie wollen davon nichts mehr wissen, Sie wollen vergessen.
Moritz Stern Sie kennen doch die Geschichte von dem Mörder, der immer wieder zum Tatort zurückkehrt? Was, glauben Sie, würde die Leiche tun, wenn sie könnte?
Isaak Kohn Aber Sie leben noch.
Moritz Stern Betrachten Sie das als einen Kunstfehler. Mein Leben hörte hier auf, was später kam, ist nur eine Art Epilog, unselbständig, ein Rückblick, nichts Eigenes mehr. Kürzlich sah ich auf der Strasse neben dem Gehsteig eine Haarspange liegen. Im ersten Augenblick meinte ich, es sei gar keine richtige Haarspange, sondern eine Nachahmung, eine bis ins kleinste Detail ausgearbeitete Kopie d e r Haarspange, die ich hier vor Jahren hatte liegen sehen, dieser echten Haarspange zum Verwechseln ähnlich, eine Art Requisite. Hier, auf diesem Boden, hatte das Original gelegen. Ich kann keinen kalten Boden mehr betreten, ohne an d e n kalten Boden zu denken. Aber auch ein geheizter Boden oder ein Teppichboden ist für mich d e r Boden, einzig mit dem Unterschied, dass er geheizt ist oder dass Teppiche darauf liegen. Alle Böden sind nur eine Variation d e s Bodens. Es gibt in der Tat nichts, was mir nicht als eine variierte Nachahmung dessen erscheint, was ich hier angetroffen habe. Hier haftet den Dingen der bestimmte Artikel an. Sie können sich vorstellen, wie sehr ich unter den andauernden Wiederholungen leide. Wenn ich schlafen gehe, welch ein klägliches Schauspiel! Mein Bett: eine durch Laken und Kissen versuchte Vertuschung d e s Bettes, mein Schlaf: ein wiederholtes Nachspielen d e s Schlafs. Jemand will mir etwas Neues erzählen, aber ich kenne es schon, ich kann mich daran erinnern. Was die Zukunft bringt, ist schon geschehen. Andererseits erscheinen mir meine Kindheitserinnerungen als blosse Vorwegnahme meiner späteren Erlebnisse. Das tote Opossum unter dem Holunderbusch im Garten meiner Tante, die Ohrfeige, die ich von meinem Vater bekommen habe, als ich einmal zu spät aufgestanden bin, aber auch kleine Freuden wie das Feuer im Kamin an kalten Wintertagen oder die nackten Menschenkörper, die ich im Sommer am Donauufer übereinander liegen sah - das alles weist über sich hinaus in eine spätere Zeit. Ich habe überhaupt keine Kindheit gehabt. Meine ganze Vergangenheit verdichtet sich zu einem Vorspiel dessen, was damals hier geschehen ist. Aber das Hier ist überall und das Damals zeitlos. Die Zeit stürzt in sich zusammen. Was vorher geschehen war, ist nicht mehr als eine Vorbereitung, was nachher geschah, eine Wiederkehr der hier verbrachten Zeit.
Isaak Kohn Geht es allen so, die hier waren, oder sprechen Sie von Ihrem persönlichen Spleen?
Moritz Stern Mein persönlicher Spleen besteht lediglich in der besonderen Pflege dieses gemeinsamen Sachverhalts, den meine Leidensgenossen oft nicht wahrnehmen; und falls sie ihn wahrnehmen, versuchen sie ihn zu vergessen oder zu verdrängen. Sie belügen sich selbst. Sie leben im Wahn, ein neues Leben angefangen zu haben, während ihre innere Schwerkraft sie unaufhörlich hierher zurückzieht. Sie sind gar nicht mehr bei sich. Die Folgen: Identitätsschwierigkeiten, rapide Gewichtszunahme, vorzeitiges Altern, usw. Ich dagegen beziehe alles auf mich, auf die Zeit, die ich hier verbrachte, und fühle mich dabei kerngesund. - Diese Luft!
Schauspieler Nach dem Schwimmunterricht ging ich als letzter in den Duschraum, konnte im Dunkeln aber den Lichtschalter nicht finden. Ich zog die Badehose aus, und das letzte, was ich spürte, war der kalte Boden unter den Füßen.
Isaak Kohn Der kalte Boden!
Moritz Stern Ja: schon ist er da. Im übrigen gibt es hier wirklich keinen Lichtschalter. Nur die Nacktheit stimmt nicht ganz. Um die Leichen aufzusammeln, behielt ich meine Häftlingskleider an. (zum Schauspieler) Sie Lernen schnell und gründlich: sind Sie so veranlagt oder ist es die Rolle, die Sie dazu veranlasst?
Schauspieler Ich bin so veranlagt, dass die Rollen meine Veranlagungen veranlassen.
Isaak Kohn (zeigt auf den Schauspieler, zu Moritz Stern) Haben Sie keine Angst, dass er Sie missbraucht, indem er Sie darstellt?
Moritz Stern Ich missbrauche ihn. Er will es so. So lautet der Vertrag.
Isaak Kohn Wenn ich ihn beobachte, habe ich das Gefühl, einen Dieb vor mir zu haben, schlimmer noch, er macht mich, den Zuschauer, zu seinem Komplizen.
Moritz Stern (zum Schauspieler) Vorher, im Duschraum, es war doch I h r kalter Boden?
Schauspieler Mein Boden? Ja, selbstverständlich, nach dem Schwimmunterricht...
Moritz Stern (zu Isaak Kohn) Sehen Sie?
Isaak Kohn (zum Schauspieler) Aber der Duschraum! Haben Sie auch wirklich geduscht? Konnten Sie überhaupt duschen? Waren es richtige, echte Duschen, die Sie in Ihrem Duschraum vorgefunden haben, oder handelte es sich dabei eher um Nachahmungen von Duschen, um Duschattrappen?
Moritz Stern Wie könnte er es wissen? Er wurde doch ohnmächtig. Er hat sich beim Schwimmen etwas übernommen. (zum Schauspieler) Sie sind zu schnell geschwommen, nicht wahr?
Schauspieler Auf einmal bekam ich keine Luft.
lsaak Kohn (zu Moritz Stern) Merken Sie es nicht? Er macht sich Ihr Leiden zu eigen. Haben Sie etwa für ihn gelitten?
Moritz Stern Im Gegenteil: er leidet für mich. (zum Schauspieler) Gab es denn in dem Duschraum vielleicht keine Lüftung?
Schauspieler Ich möchte nicht über mich sprechen.
Moritz Stern Warum nicht? Über sich weiß man immer am spannendsten zu erzählen: man braucht sich nicht zu schonen und kommt doch nie schlecht weg. Über andere zu sprechen ist eine grobe Unhöflichkeit gegenüber den Zuhörern: entweder man ist fad oder man klatscht. Ich bitte Sie, sprechen Sie weiter über sich! Genieren Sie sich nicht!
Schauspieler Bevor ich das Heiligtum betreten durfte, hatte ich auf Anweisung der Ordnungshüter das ganze Reisegepäck vor dem Eingangstor zurücklassen müssen. Drinnen konnte man sich kaum bewegen, die Leute starrten regungslos auf die kleine Öffnung an der Decke, durch welche etwas Tageslicht hereindrang, das den einzigen Gegenstand in dem sonst kahlen Raum erhellte: ein im Fußboden eingelassenes waschbeckenartiges Gefäß, gefüllt mit einer sich rasch verflüchtigenden Flüssigkeit, welche einen schweren süßbitteren Duft verströmte. Unwillkürlich, nach Jahren des Vergessens, befand ich mich wieder in der Backstube meines Großvaters, der, während draußen der Schnee fiel, von einer großen Marzipanmasse kleine Stücke abbrach und sie zu winzigen lustigem Menschen knetete.
Isaak Kohn Ich dachte, es war ein Duschraum, und Sie waren allein.
Schauspieler Ein Duschraum? Warum ein Duschraum?
Moritz Stern Ist es nicht gleich, was es war? Es muss doch nicht immer ein Duschraum sein. Es gibt unzählige Varianten d e s Duschraums. Auch das Schlafzimmer des Sonnenkönigs kann auf d e n Duschraum vorbereiten, wenn Sie so wollen. (zum Schauspieler) Erzählen Sie doch weiter!
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|Skizze zum Bühnenbild (M.Z.)