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Aktuell
Chinesisch übersetzen
Für Eva Lüdi Kong ist Chinesisch «sowohl eine leichte als auch eine schwierige Sprache». Die preisgekrönte Übersetzerin lebte 25 Jahre in China und sieht es heute als ihre Aufgabe, zwischen verschiedenen Kulturen zu vermitteln.
Von Eva Lüdi Kong
Chinesisch ist eine sehr einfache Sprache. Im Vergleich zum Deutschen kennt sie nahezu keine Grammatik. Alle Wörter bleiben unverändert in der Grundform; Verben werden nicht konjugiert, Zeitformen bleiben aus, Nomen kennen weder verschiedene Fälle noch einen Unterschied zwischen Einzahl und Mehrzahl, Maskulin oder Feminin. Und oft werden nicht einmal die Wortarten voneinander unterschieden. Ein Eldorado für alle, die sich mit dem Erlernen von Sprachen schwertun?
Wo wir im Deutschen die Wörter nach grammatischen Regeln unmissverständlich zueinander setzen, bleibt das Chinesische oft unbestimmt, anpassungsfähig und offen für jeden Kontext. So steht etwa ein Wort wie jiàoshòu 教授 nicht nur unverändert für «Professor, Professorin, Professoren, Professorinnen», sondern kann auch «unterrichten» bedeuten. Entscheidend ist der Kontext. Genderfragen und Sternchendiskussionen bleiben vollkommen erspart; das Wort ist Singular und Plural, maskulin und feminin, Nomen und Verb zugleich. Aus chinesischem Blickwinkel kann das Deutsche schon mal unnötig kompliziert und unflexibel wirken.
Ja warum machen wir es uns eigentlich so schwer, könnte man sich fragen. Wir würden uns doch auch verstehen, wenn wir auf chinesische Weise kommunizierten: «Ich trinken Tee», «du trinken Tee», «er gestern trinken Tee», «wir zukünftig trinken Tee» …
Übersetzen und Tee trinken
Natürlich hat das Chinesische seine eigenen Tücken und Schwierigkeiten. So hat sich etwa zum Ausdruck «Tee trinken» (hē chá) in den letzten Jahren eine ungewöhnliche Passivform eingebürgert – dies nachdem immer mehr Blogger*innen von der Zensurbehörde «zum Tee» vorgeladen wurden. «Tee getrunken werden» (bèi hē chá) heisst im Klartext: von der Zensurbehörde zu einem Treffen beordert und dabei gemassregelt und unter Druck gesetzt werden. Wörtliches Übersetzen führt in einem solchen Fall nicht weit. Man muss mit dem sprachlichen und kulturellen Umfeld vertraut sein.
Beim Übersetzen aus dem Chinesischen ins Deutsche müssen offene Begriffe konkretisiert, Ungesagtes und Selbstredendes klar ausformuliert werden. Sind genügend Informationen über den Sprecher und seine Lebensumstände bekannt, kann man entsprechend «ausdeutschen», ob es sich bei seinem jiàoshòu um einen Professor oder eine Professorin handelt. Ansonsten können auch mal Rückfragen nötig sein: Mann oder Frau? Eine Person oder mehrere?
In der Regel halten sich solche Verständnisfragen aber in Grenzen, denn das moderne Chinesisch, wie es heute gesprochen und geschrieben wird, hat weitgehend westliche Sprachgewohnheiten adaptiert. Dies aufgrund der regen Übersetzungstätigkeit, die in China seit über einem Jahrhundert im Gange ist. Gerade die hohe Präzision des Deutschen erfuhr im Laufe der traditionskritischen Neuorientierung im frühen 20. Jahrhundert eine gewisse Bewunderung, wohingegen das Chinesische als diffus, missverständlich und veraltet abgewertet wurde. Die Bemühungen um eine moderne und exakte Ausdrucksweise gingen teilweise so weit, dass man geradezu von einem «Übersetzungschinesisch» sprechen könnte.
Schrift als Differenz
Nun liegt aber der grösste Unterschied zwischen dem Deutschen und dem Chinesischen in der Schrift – und diese Schrift ist es auch, die die These, das Chinesische sei eine leichte Sprache, letztlich doch widerlegt. Oder, auf chinesische Art ausgedrückt: Chinesisch ist sowohl eine leichte als auch eine schwierige Sprache.
In der Schrift weist das Chinesische eine hohe Informationsdichte auf, die sich kaum übersetzen lässt. Ausschlaggebend ist der piktografische Gehalt der Schriftzeichen. Im Gegensatz zur Alphabetschrift, deren Buchstaben eine rein lautliche Existenz pflegen, beinhalten chinesische Schriftzeichen stark visuelle Elemente, die meist auf jahrtausendealte piktografische Frühformen zurückgehen. Freilich werden diese beim Lesen nicht immer wahrgenommen, doch bilden sie ein kulturelles Fundament, das in der Sprache latent mitschwingt.
Bilder und Begriffe
Im oben erwähnten Begriff jiàoshòu 教授 (Professor*innen) enthält das erste Zeichen 教 (jiào «lehren») links den Bestandteil xiào 孝 für «Kindespflicht», also die Pflicht der jüngeren Generation, die Elterngeneration zu achten und zu unterstützen. Diese Idee bildet sich im Zeichen darin ab, dass xiào 孝 seinerseits aus zwei Piktogrammen besteht: einem für «Kind» (子) und einem für «alter Mensch» (耂). Es zeigt das Bild eines Kindes, das einen alten Menschen stützt. Doch damit nicht genug: rechterhand enthält 教 (jiào «lehren») auch noch das Piktogramm einer Hand, die einen Stock schwingt (攵), stellvertretend für die Autorität der Lehrperson.
Wer schon in China unterrichtet hat, weiss, wie realitätsnah die impliziten Inhalte dieses Schriftzeichens noch heute sind: als Lehrperson geniesst man in China unhinterfragte Autorität, und die Schüler wissen, dass sie dienstfertig und folgsam sein müssen. Wenn nun ein derart komplexes und von kulturellen Informationen geradezu überladenes Wortgebilde wie jiào 教 mit dem deutschen Wort «lehren» übersetzt wird, fällt nahezu alles weg.
Freilich werden diese Inhalte auch im Chinesischen meist nicht bewusst wahrgenommen. Dennoch prägt die Bildlichkeit der Schrift seit dem Altertum das chinesische Denken. Nicht die Worte seien es, worauf es ankomme, erklärte bereits der Philosoph Zhuangzi (4. Jh. v. Chr.), sondern der Vorstellungsgehalt, die Idee. Worte seien nur ein Instrument, ähnlich wie eine Reuse, mit der man Fische fängt. Es gehe darum, «den Fisch zu fangen und die Reuse zu lassen» (dé yú wàng quán 得魚忘筌), will heissen «die Idee zu erfassen und die Worte zu vergessen» (dé yì wàng yán 得意忘言).
Schriftzeichen und ihr Kontext
Die bildhafte Rhetorik kommt auch in der chinesischen Poesie zum Tragen. Das Gedicht «Die Pflaumenblüte», das die Doktorandin Wang Anqi anlässlich der ersten Veranstaltung des Forums für Universität und Gesellschaft vortrug, zeugt bereits im Titel davon. Die chinesische Winterpflaume, deren kleine, wohlriechende Blüten der strengen Winterkälte trotzen, war in der chinesischen Dichtung ein Sinnbild für die hohe geistige Haltung eines integren Menschen. Das bekannte Gedicht aus dem 12. Jahrhundert bringt in der Schilderung einer einsamen Blüte die schwierigen Lebensumstände einer verkannten Persönlichkeit zur Sprache, mit Nachdruck darauf, dass am Ende doch der «Duft» ihrer hohen Geisteshaltung von Bestand ist.
Das Gedicht ist hier im Original und in deutscher Übersetzung abgebildet. Die Wort-für-Wort-Übersetzung über den chinesischen Schriftzeichen zeigt deutlich, wie die Begriffe, die scheinbar verbindungslos aneinander gereiht sind, eine anschauliche Prägnanz entfalten, die sich zu einem poetischen Gesamtbild fügt.
Man ist geneigt, die kontextbezogene und flexible Weise, wie die Schriftzeichen sich fast ohne grammatisches Regelwerk verbinden, mit der anpassungsfähigen, kommunikativen Lebensweise der Chinesen in Bezug zu setzen. Freilich wäre es übertrieben, daraus verallgemeinernd auf ein «chinesisches Wesen» schliessen zu wollen. Dass wir aber alle in unserem Denken auch von der Struktur unserer Sprache geprägt sind, wird gerade dann besonders deutlich bewusst, wenn wir uns auf eine Sprache wie das Chinesische einlassen. Und hier setzt auch die schöpferische Auseinandersetzung zwischen den Kulturen an.
Zur Autorin
Die Sinologin Eva Lüdi Kong arbeitet als Übersetzerin und Kulturvermittlerin.
Themenheft «Der Aufstieg Chinas und die Neuordnung der Welt»
Dieser Text ist ein Auszug aus unserem neusten Themenheft «Der Aufstieg Chinas und die Neuordnung der Welt». Das Heft ist elektronisch verfügbar, Sie finden darin die Berichte zu den drei Veranstaltungen, ergänzt mit weiteren Texten und Illustrationen zur Vertiefung. Alle Referate sind im Lesetool als Videos eingebettet und direkt abrufbar. Mitt einem Klick auf den blauen Balken können Sie das Lesetool öffnen: