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In der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen erhielten PatientInnen jahrzehntelang Pillen und Ampullen verabreicht, die für eine medizinische Behandlung nicht zugelassen waren.
Alles begann mit ehemaligen Heimkindern aus der Thurgauer Erziehungsanstalt St. Iddazell: Sie stiessen in ihren Krankenakten auf seltsame Medikamentennamen wie «G35 259» und berichteten von gemeinsamen Busfahrten in die Psychiatrische Klinik Münsterlingen. Wurden da fürsorgerisch Zwangsversorgte als Versuchskaninchen missbraucht?
Dafür fand das Team aus HistorikerInnen, das unter der Leitung von Marietta Meier klinische Medikamentenversuche in Münsterlingen zwischen 1940 und 1980 untersucht hat, keine Belege. Hingegen stiessen die ForscherInnen in den Krankenakten der Psychiatrischen Klinik auf über 1100 Patientinnen und Patienten, an denen ungeprüfte Medikamente getestet wurden. Die AutorInnen des am Montag veröffentlichten Berichts gehen davon aus, dass es eine Vielzahl weiterer Betroffener gibt.
Drei Millionen Einzeldosen Prüfsubstanzen schickten vor allem in Basel ansässige Pharmafirmen zwischen 1946 und 1980 nach Münsterlingen. Empfänger war Roland Kuhn, Oberarzt und später Leiter der Psychiatrischen Klinik. Kuhn bevorzugte für seine Versuche «schwere, chronische Fälle», also PatientInnen, die er gut kannte und denen er kaum Aussicht auf Heilung attestierte. Ihnen verabreichte er Präparate, um deren Substanzen zu Beginn von möglichen längeren Testreihen «etwas kennenzulernen». Dabei stand nicht nur die Wirkung im Fokus, sondern mitunter auch die Toxizität, also die Schwelle zur Vergiftung.
Substanzen in der Suppe
Kuhn schrieb nach seiner Pensionierung 1980, man habe PatientInnen «nie um ihre Einwilligung gefragt, ein Versuchspräparat einzunehmen». Obwohl genau dies spätestens seit der Verabschiedung der «Ethischen Grundsätze für die medizinische Forschung am Menschen» in Helsinki 1964 zu den ärztlichen Pflichten gehörte. In Münsterlingen wandten die ÄrztInnen und PflegerInnen vielmehr unterschiedliche Massnahmen an, um sicherzustellen, dass die Präparate möglichst zuverlässig eingenommen wurden. Trotzigen PatientInnen mischten sie die Substanzen in den Kaffee oder in die Suppe. Notfalls griffen sie zu Spezialhandgriffen und schmerzhaften Spritzen.
Von einem Patienten heisst es, er habe die Spritzen mit der Prüfsubstanz G 31 406 Rosa «herrlich» gefunden. Hans Reimann* traf 1954 mit 27 Jahren in der Klinik ein, Diagnose: Schizophrenie. Weil er «seinen Zustand plastisch beschreiben» konnte, war er ein beliebter Patient. Er arbeitete zeitweise gar in der Klinikverwaltung, bis er unerwartet Suizid beging. Solche «auskunftsfähigen Personen» waren für Kuhns Versuche elementar. Zu ihnen gehörten auch Schwester Dora* oder Pflegerin Doris Huber*. Die Angestellten erhielten kostenlose Behandlung, begaben sich damit aber in ein doppeltes Abhängigkeitsverhältnis.
Zeitlebens lehnte Kuhn für klinische Prüfungen jede Systematik, umfassende Datenerhebung und andere wissenschaftliche Methoden ab. Über mehrere Diagnosekriterien hinweg suchte er nach Wirkungen, kombinierte verschiedene Präparate oder änderte die Dosierung, wie es ihm angemessen schien. Auch nachdem erste Regulierungen für klinische Prüfungen aufgekommen waren, hielt er an seinen Praktiken fest. Für die Pharmafirmen blieb er dabei als informeller Prüfer nützlich.
Mit «ganzheitlichem Blick»?
Wie die AutorInnen des Berichts betonen, setzte in der Psychiatrie erst in den 1970er Jahren ein breiteres Umdenken ein, das auch die PatientInnenperspektive mit einbezog. Was den Fall Münsterlingen abhebt, ist die Philosophie, die hinter den Versuchen steckte: Roland Kuhn war ein begeisterter Anhänger der «Daseinsanalyse». Geprägt hatte diese psychiatrische Perspektive Ludwig Binswanger, Kuhns Lehrer und Kollege aus dem benachbarten Kreuzlingen. Wichtiger Bezugspunkt war Martin Heidegger, den Kuhn für den bedeutendsten Philosophen des Jahrhunderts hielt. Der Daseinsanalyse folgend reklamierte Kuhn für sich «einen ganzheitlichen Blick, der die Patienten nicht auf Zahlen, Kurven und Statistik reduziere, sondern den Gesamten Menschen erfasse», so die HistorikerInnen.
Dieser humanistische Anspruch erscheint im Licht der PatientInnenzahlen in Münsterlingen und der damit verbundenen Praktiken zynisch. Bereits 1954, kurz bevor Kuhn in ein eigentliches Prüffieber fiel, betreuten die sechs ÄrztInnen der Klinik im Schnitt 122 stationäre PatientInnen. Hinzu kamen das wachsende Ambulatorium und chronisch überlastetes Pflegepersonal. Kuhns «ganzheitlicher Blick» war ein zersplitterter: Oft waren es PflegerInnen, die Wirkungen und Nebenwirkungen rapportierten. Oder Angehörige ambulanter PatientInnen wurden angewiesen, die Einnahme der Prüfstoffe zu überwachen.
Seine Versuche zwischen 1947 und 1980 liess sich Kuhn von der Pharmaindustrie mit mindestens 3,5 Millionen Franken vergüten. Während dieser Zeit starben in Münsterlingen 36 PatientInnen nach der Verabreichung von Prüfsubstanzen. Ob es Todesfälle gab, die auf die Wirkung eines bestimmten Präparats zurückzuführen sind, vermochte Kuhn mit seinem «ganzheitlichem Blick» nie festzustellen. Und seit der Veröffentlichung des Berichts haben sich bereits Menschen gemeldet, die von weiteren Todesopfern berichten.
* Namen geändert.