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| Athanasius (295-373) - Gegen die Heiden (Contra Gentes)

21.
Auf ihre zweite und sicher tiefergehende Rechtfertigung ließe sich wohl füglich auch folgendes sagen: Wenn ihr Heiden diese (Bildwerke) gefertigt habt, nicht damit Gott selbst darin sich offenbare, sondern seine Boten darin gegenwärtig werden, warum erhebt ihr dann die Götzenbilder, durch die ihr die Mächte anruft weit über die angerufenen Mächte selbst? Um der Erkenntnis Gottes willen schnitzt ihr ja nach eurer Angabe die Formen, gebt aber doch den Bildwerken selbst die Ehre und den Namen Gottes und macht euch damit einer fluchwürdigen Handlung schuldig. Ihr gebt wohl zu, [S. 562] daß die Macht Gottes die Unansehnlichkeit der Götzenbilder überragt und getraut euch deshalb nicht, durch sie Gott anzurufen, sondern nur die untergeordneten Mächte; aber doch habt ihr über sie hinweg den Namen desjenigen, vor dessen Gegenwart ihr euch fürchtet, Steinen und Holzstücken beigelegt, nennt sie Götter anstatt Steine und Kunstwerke von Menschenhand und betet sie an. Denn wenn sie euch auch gleichwie Schriftzüge, wie ihr weismachen wollt, zur Betrachtung Gottes führen, so geht es doch nicht an, die Zeichen über das Bezeichnete zu stellen. Es könnte ja einer, der den Namen des Königs niederschriebe, den Namenszug auch nicht ungestraft höher werten als den König; vielmehr wird ein solcher mit dem Tod bestraft. Und doch ist der Namenszug durch die Technik des Schreibers entstanden. So hättet auch ihr bei einem gesunden Urteil das so erhabene Kennzeichen1 nicht auf den Stoff übertragen; nein, ihr hättet das Bildwerk nicht höher gewertet als den menschlichen Bildner. Denn sollten sie überhaupt nur wie Schriftzüge die Erscheinung Gottes anzeigen und eben als solche der Vergötterung würdig sein, so hätte jedenfalls der, der sie geschnitzt oder gemeißelt hat, nämlich wieder der Künstler, weit eher vergöttert werden sollen, da er doch mächtiger und göttlicher ist als jene — um so mehr, als letztere ganz nach seinem Belieben geschnitzt und gebildet wurden. Wenn also das Alphabeth Bewunderung verdient, dann weit mehr noch der, der es schreibt, — wegen seiner Kunst und geistigen Bildung. Darf man sie also auch aus diesem Grund nicht für Götter halten, so möchte man sie abermals ob ihres Götzenwahnes zur Rede stellen und sie mit Recht über die Veranlassung einer solchen Götzengestalt verhören.
1: Den Namen "Gott".