Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03512.jsonl.gz/1082

Demotivierender Wunsch nach PerfektionGolfer sind natürlich verrückt. Das hat schon Winston Churchill behauptet. Wer sonst würde stundenlang mit ungeeignetem Gerät einem kleinen Ball nachjagen? Wie besessen Golfer wirklich sind, fand Ron Garland heraus, The Head Nut und Gründer der Golf Nut Society of America. Der Verein zählt schon über 2100 Mitglieder. Unter ihnen sind Fanatiker, die selbst noch im Mondschein den perfekten Drive üben. Zu ihnen haben sich auch Golfer gesellt, die in tobendem Tornado ihre Runde beendeten, sowie Bräutigame, die wegen einer Runde Golf ihre Angebetete vor dem Traualtar haben warten lassen.Selbst Michael Jordan gehört zur Nut Society. Nachdem er in einem Tag 36 Holes in Pinehurst gespielt hatte, musste er sich verletzungshalber aus dem NBA-Slam-Dunk-Wettbewerb zurückziehen. Er war dennoch mit seinen Schlägern am nächsten Tag wieder auf dem Platz zu sehen. Ein Jahr später sagte Jordan einen Empfang im Weissen Haus ab. Seine Entschuldigung: Er habe sich mit einem Freund bereits für eine Runde Golf verabredet. Auch wenn die Bemerkung durchaus politisch interpretiert werden kann, bleibt die Tatsache bestehen, dass von allen Sportarten vor allem Golf ausgeglichenste Menschen aus dem Gleichgewicht bringen kann. Rund zehn Prozent aller Golfer sollen gemäss Statistiken Enthusiasten sein, die bei jeder Gelegenheit spielen und sehr ehrgeizig sind. Warum wird so mancher Golfer besessen und interpretiert das Spiel quasi als einen Drachen, der immer wieder besiegt werden muss? Oder liegt die Power des Spieles daran, dass wir nicht verstehen wollen, dass sich eine fabelhafte, ja fast perfekte Runde Golf, ganz ähnlich wie ein Tag im Leben, niemals wiederholen wird? Psychologen behaupten, Golf wecke den Drang nach Kontrolle und Perfektion, bewirke aber in der Praxis genau das Gegenteil. Perfektion ist gerade im Golfsport nicht möglich. Unsägliches Leiden daher für jene, die sie anstreben. Was tun in einer Kultur, die uns täglich via Medien Perfektion vorgaukelt und den Gedanken einhämmert, genug sei eben niemals genug? Vielleicht das Wort «Perfektion» durch «Leistung» ersetzen? Ein Perfektionist hat Vorstellungen, die unrealistisch sind. Er wird eher von Ängsten beherrscht als durch Freude an Vollbrachtem. Perfektionisten peinigen sich, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass Versagen durchaus eine Möglichkeit ist. Leistungsorientierte Menschen dagegen haben realistische Vorstellungen und wissen, was machbar ist. Sie werden durch Erfolg motiviert. Aber selbst Erfolg kann, wie häufig auf dem Golfplatz zu beobachten, in den Drang nach Perfektion münden. Was macht man also, um nicht der Golf Nut Society beitreten zu müssen? Amerikanische Psychologen wie Stephen Hendlin sagen, im Alltagsleben wie auf dem Golfplatz muss sich der Mensch immer daran erinnern, dass Perfektion keine Tugend ist, sondern wir selber bestimmen, welche Anforderungen wir an uns stellen. Wichtiger noch, man muss lernen, sein Selbstwertgefühl von seiner Performance und von der Zustimmung anderer zu trennen. Warum nur kann Golf nicht perfekt sein, wenn es doch den perfekten Sonnenuntergang, die perfekte Liebe gibt? «Jeder Moment geschieht zu einem richtigen Zeitpunkt.» Wem diese Erklärung zu Zen ist, der halte sich an den Ratschlag eines passionierten Golfers, der meinte, nicht das Ziel sei das Wichtigste, sondern die Reise selber.