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Die in Paris lebende Künstlerin Gabriella Zalapí hat ihr erstes literarisches Buch verfasst. Es ist eine fiktionale Geschichte mit realem Hintergrund aus den Archiven der Familie. «Antonia» liegt nun in deutscher Übersetzung vor.
Nach einer Kindheit und Jugend in unsteten Verhältnissen landet Antonia in einer bürgerlichen Ehe im Palermo der Sechzigerjahre. Sie ist knapp dreissig und könnte ein erfülltes, von materiellen Sorgen freies Leben geniessen. Aber sie ist gefangen im Korsett der besseren Gesellschaft Palermos, gefangen in der Forderung, eine perfekte Hausfrau und Gattin zu sein, eine, die ihren Mann verwöhnt und ihm verzeiht, und erst recht ist sie auch als Mutter eines Sohns frustriert, der zwar nett ist, aber von der Nurse, dem standesgemässen Kindermädchen, möglichst von ihr ferngehalten wird. So sieht sie sich als schlechte Mutter und noch schlechtere Ehefrau, die immer wieder mit entsprechenden Vorwürfen und Ermahnungen eingedeckt wird.
Gabriella Zalapí hat sich diese Figur nicht einfach so ausgedacht. Antonia gehört zu einer kosmopolitischen Familie mit jüdisch-wienerischen und britisch-sizilianischen Ahnen, welche durch die Verwerfungen des vergangenen Jahrhunderts in allen Weltgegenden gelebt hatte, aber nicht zuhause war – fast wie die Autorin, die in Genf Kunst studierte, nur eine Generation früher. Nicht dass sie einen Schlüsselroman oder eine Biographie schreiben wollte, der Autorin, die als bildende Künstlerin in Paris lebt, geht es um den Weg, wie eine Persönlichkeit sich entwickelt.
Ein Jugendbildnis der Nonna aus dem Fundus
Antonia hat ein zweites, klandestines Leben neben ihrem Dasein als Hausfrau, Gattin und Mutter, erst recht, als sie eine Truhe mit Dokumenten und Fotografien ihrer Nonna, der englischen Grossmutter väterlicherseits entdeckt, die eher zufällig in den Palermitaner Haushalt geraten ist. Die seit drei Generationen bewohnte fast fürstliche Villa Clara wird verkauft und geräumt, der Vollzug obliegt der Palermitaner Familie von Antonias Ehemann, da der einzige Sohn der Nonna, ihr Vater, längst tot ist. Antonia ärgert sich über den Wettbewerb zwischen ihrem Mann und seinen Eltern, wer sich die besseren Möbel unter den Nagel reisst. Aber so kommt diese Truhe mit Inhalt zu ihr, Rettung aus der Misere, wie sich im Lauf des Romans, der in kurzen Schnipseln erzählt daherkommt, erweist.
Die Dokumente und Briefe in der Truhe, die ihr Dasein mit neuem Sinn erfüllen, erschliessen ihr nicht nur bislang Fremdes aus dem Leben der Vorfahren. Es gelingt ihr auch, ihre Kindheit und Jugend wieder zu finden, das mehr als schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter besser zu verstehen und vor allem auch die Übergriffe klarer zu erkennen, die sie bislang verdrängte. So findet sie eine neue Selbstsicherheit, den Beginn der erfolgreichen Lösung ihrer Fesseln der Herkunft, der Ehe, der Gesellschaft.
Für diese Emanzipation bezahlt die Tagebuch-Schreiberin allerdings einen hohen Preis, gewinnt jedoch auch die Sicherheit, ohne Wenn und Aber geliebt zu werden. Am Ende bleibt vieles offen, auch wie sie ihren Sohn findet oder vielleicht auch nicht. Das alles erzählt die Autorin, die wegen einer Restitutionsanfrage im Zusammenhang mit den Gemälden ihres Wiener Urgrossvaters im Familienarchiv recherchierte, im Stil eines fiktiven Tagebuchs durch den Lauf eines Jahres.
Die Tagebuchform, sagt Gabriella Zalapí, erlaubt, in Fragmenten zu erzählen, also intuitiv und sprunghaft, wie die Erinnerung, das Gedächtnis funktionieren. Damit bleibt viel Raum für die Lesenden, für ihre eigene Imagination. In dem schmalen Band sind Fotos aus dem Familienarchiv Zeitzeugen für den realen Hintergrund des Romans. Diese Fotos ohne Legenden lassen ihrerseits wiederum viel Raum für die Fantasie der Betrachter.
Antonia ist Fiktion und Geschichte, ihr Aufbruch war ein Riesenskandal, über den sich in der Familie das Schweigen senkte. Es ist die Geschichte einer Frau, der es gelang, ihr Gefängnis aus Konvention, Familientradition, unglücklicher Ehe und immer neu enttäuschtem Muttersein zu verlassen.
Zunächst macht die Lektüre etwas Mühe, das Genre der unglücklichen Ehefrau ist hinlänglich bekannt. Hat hier eine Frau einmal mehr einen therapeutischen Roman verfasst, oder geht es um mehr? Auch hindert das Chaos der jeweils unvermittelt erwähnten Personen mit ähnlichen Bezeichnungen – Mutti und Mummy, Vati und Papa – das Weiterlesen: Bis man die Genealogie der Familie versteht, ist Blättern zum Stammbaum auf dem Vorsatzblatt mehrfach nötig. Und die Sprache ist sehr simpel, wenn auch der Figur der Tagebuchschreiberin durchaus adäquat – hier parataktisches Erzählen, da emphatische Reihung von emotionalen Wörtern, oder auch Reflektion über die Leere des Daseins im Rollenzwang.
Im Nachhinein nimmt einen die Geschichte doch noch gefangen, es bleiben Fragen und es bleibt Interesse für dieses Aufwachen eines persönlichen Feminismus, für den vor allem inneren Kampf einer Frau, die glücklos träge dahinlebt und am Ende überzeugt ist, richtig zu handeln, wenn sie ihr bisheriges Leben hinter sich lässt, um endlich zu leben.
ISBN 978-3-85869-862-9