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Wang Xian: Die Interpretation der zehn Kräfte des Taijiquan
von David Gaffney
(Quelle: Talking Chen Newsletter 21, WWW.CHENTAIJIQUANGB.COM)
In Chen Family Taijiquan Tuishou beschreibt Wang Xian die "zehn wesentliche Kräfte des Taijiquan", die sich auf die Schiebenden Hände beziehen. Die Kräfte sind mit einer kurzen Beschreibung aufgeführt und kursiv sind einige seiner Kommentare zu jeder von ihnen:
1. Tingjin - Energie hören
Durch häufiges Üben verfeinert ein geübter Praktizierender die Schärfe seiner Körperwahrnehmungen bis zu dem Punkt, an dem er die kleinsten Veränderungen eines Gegners erkennen kann:
«Hören ist für Tuishou unerlässlich. Es erfordert die Kultivierung einer feinen Sensibilität für die Empfindungen der winzigen Körperhaare, die für die ständige Anpassung an sich häufig ändernde Umstände unerlässlich ist. Deshalb empfehlen wir die Praxis der Zhan- und Nian-Energien (kleben und anhaften) als Vorbereitung auf die Hörpraxis.
Ohne diese Vorbereitung wäre das Hören unmöglich, ganz zu schweigen von der Erlangung der Energie für den Kampf.»
2. Dongjin - Verwirklichung von Energie
Aufbauend auf seinen Hörfähigkeiten und seiner Erfahrung kann ein Praktizierender beginnen, die Aktionen und potenziellen Aktionen eines Gegners zu verstehen. Aus dem Hören erwächst die Fähigkeit, die subtilen Anfänge von Aktionen zu lesen, bevor sie sich vollständig manifestiert haben. Einfach ausgedrückt: Bewegungen sehen, bevor sie offensichtlich werden. Das Abfangen von Bewegungen an ihrem frühesten Punkt ermöglicht es, sie mühelos abzulenken, bevor sie voll entwickelt sind.
«Energie zu erkennen ist ein Schlüsselkonzept im Taijiquan und Tuishou. Es ist die Fähigkeit, gegenwärtige oder potenzielle Veränderungen in Leere und Festigkeit, Härte und Weichheit, Geschwindigkeit, Länge, Richtung, Geradheit und Krümmung, Grösse und Trefferpunkt zu erkennen. Es ist die Fähigkeit, den Gegner zu besiegen, indem man den richtigen Rhythmus und [geeignete] Techniken ... bei der passenden Gelegenheit einsetzt.»
3. Zhan-Nian -Techniken
Die vier Methoden des Zhan Nian Lian Sui sind eng miteinander verbunden und bedingen sich gegenseitig. Geschickt ausgeführt, ermöglichen sie es dem Ausführenden, an den Bewegungen des Gegners haften zu bleiben und ihn gleichzeitig in eine Kampfposition zu bringen, in der er sich stets bedrängt und nicht in seinem Zentrum fühlt. In dem Moment, in dem man mit dem Gegner Kontakt aufnimmt, muss man die Haftung während der Dreh- und Wechselaktionen ständig aufrechterhalten, um die Verbindung nicht zu verlieren.
«Zhan bedeutet wörtlich "Klebrigkeit", d.h. die adhäsive Kraft, die es einem Praktizierenden ermöglicht, sich wie ein Klebstoff an den Gegner zu heften, so dass dieser nur schwer entkommen kann. Es wird häufig in Angriffsstrategien verwendet. Umgekehrt bedeutet Nian, den Gegner zu verfolgen und ihm zu folgen. Die Energien von Zhan und Nian wirken als Paar, wobei Zhan die dominierende Kraft ist, denn ohne eine gute Beherrschung der Klebrigkeit kann man niemals ein qualitativ hochwertiges "Verfolgen" erreichen.»
4. Lian Sui Energien
Wenn das Jin des Gegners auftaucht, zum Beispiel, wenn du zurücktrittst, darfst du die Verbindung nicht unterbrechen. Die Absicht ist also, dass man auch beim Rückzug immer noch folgt:
«Lian hat eine Vielzahl von Bedeutungen, darunter Konsistenz, Kontinuität, Anhaftung, nicht pressen, nicht erzwingen, schnelle Reaktionen auf schnelle Angriffe, langsame Reaktionen auf langsame Angriffe und keine Chance zu entkommen. Sui-Technik bedeutet, auf den Gegner zu reagieren, ihm zu folgen und sich in die gleiche Richtung wie der Gegner zu bewegen, sich mühelos zwischen schnellen/langsamen und vorwärts/rückwärts gerichteten Bewegungen zu bewegen.»
5. Irreführende und transformierende Techniken
In dem Moment, in dem die Bewegungsabsicht des Gegners verstanden wurde, muss sie neutralisiert werden, bevor ein wirksamer Gegenangriff ausgeführt werden kann. Ein klassisches Sprichwort weist darauf hin, wie wichtig es ist, zu neutralisieren, bevor man den eigenen Angriff loslässt: "In die Leere führen, schliessen und loslassen."
«Yin ist die Hauptkraft, mit der man den Gegner in die Irre führt. Yin bedeutet wörtlich "ziehen" oder "führen" und ist die Fähigkeit, die Energie des Gegners unter die eigene Kontrolle zu bringen, also "in die Irre zu führen" und die Energie des Gegners zu transformieren. Hua ist die transformierende Kraft und kann nicht existieren, ohne dass zuvor Yin angewendet wird. Mit diesen sich ergänzenden Techniken zieht der Adept den Gegner in seine Domäne und neutralisiert jede Angriffsmöglichkeit.»
6. Na-Technik (Greiftechnik)
Die Qinna Techniken des Chen Taijiquan erfordert ein Bewusstsein für die anatomische Position aller reversiblen Gelenke, die Idee von Hebeln und Drehpunkten sowie die Dimensionen und Bewegungsgrenzen jedes Gelenks:
«Die Na-Technik oder 'Weg des Greifens' besteht darin, den Gegner an den Armen, Ellbogen, Handgelenken oder Händen zu ergreifen, um seine Drehung oder Bewegung zu verhindern und ihn damit hilflos zu machen. Der Gegner fühlt sich, als würden seine Sehnen und Knochen brechen, und der Schmerz dringt bis ins Mark. Auf diese Weise wird er besiegt.»
7. Öffnen und Schliessen
Äusseres Öffnen und Schliessen manifestiert sich durch das Ausstrecken und Zusammenziehen der Gliedmaßen. In der Praxis ist die Einwärtsdrehung eine Schliessung und die Auswärtsdrehung eine Öffnung, die jeweils das äussere Substanzlose und Substanzielle darstellen:
«In den Kampfkünsten bedeutet Öffnen (Kai) strecken und erreichen; Schliessen (He) bedeutet einziehen, bewahren, verwandeln, beugen und sammeln. Öffnen und Schliessen ist ein physischer Ausdruck der Yin-Yang-Qualitäten: Härte versus Weichheit; Sammeln versus Explodieren... Die Qualität der Anstrengung, die du in das Schliessen steckst, bestimmt deine Fähigkeit, dich mit Kraft und Wirkung zu öffnen.»
8. Energie-Explosion
Die flexible, federnde Kraft des Chen Taijiquan ist nur möglich, wenn die Qualitäten von Weichheit und Härte in Einklang gebracht wurden. Wie beim Hüpfen auf einem Trampolin gilt: Wenn die Federn auf den richtigen Spannungsgrad eingestellt sind, geht es umso höher hinauf, je mehr man sich nach unten drückt. Sind die Federn hingegen zu locker oder zu straff eingestellt, kann keine Rückprallenergie erzeugt werden.
«Explodierendes Doujin [vibrierende Kraft] entsteht durch die Freisetzung von Energie, die sich im Zustand der Entspannung sammelt, wenn die Energie den ganzen Körper durchdringt. Diese Energie geht von den Fusssohlen aus, wandert spiralförmig die Beine hinauf bis zum Kontrollzentrum in der Taille, dass sie dann auf die anderen Extremitäten verteilt... Um diese elastische Kraft zu beherrschen, muss man seine Muskeln in Entspannung und Sammlung trainieren und eine hohe Sensibilität und schnelle Reaktionen auf äussere Reize entwickeln. Die Übenden müssen auch ein angemessenes Mass an Muskelkraft aufbauen und dabei das Sprichwort beachten: 'Nutze Gedanken und Absicht, nicht Kraft.»
9. Ti (Hebende) Kraft
Kombination von spiralförmiger Kraft unter Beibehaltung einer aufrechten Mittelachse, um einen Gegner zu entwurzeln:
«Ti bedeutet 'spiralförmig aufsteigen'. Mit Zhan Nian Lian Sui hebst du deinen Partner mit spiralförmiger Energie an, um seinen Schwerpunkt zu destabilisieren und ihn in deine Kontrolle zu ziehen... Erinnere dich an den Rat von Meister Chen Changxing, den Oberkörper [deines Gegners] unter deiner Kontrolle zu halten, bevor du seinen Unterkörper anhebst, dann kann dein sofortiger und präziser Angriff niemals fehlschlagen.»
10. Haspelseide
Alle Aspekte des Chen Taijiquan, einschließlich der Schiebenden Hände, basieren auf dem Training einer einzigartigen spiralförmigen und rotierenden Energieform, die als Chansijin oder "Seidenfaden-wickeln-Energie" bekannt ist. Wenn diese Energie, die tief aus dem Inneren des Körpers kommt, entwickelt und gestärkt wird, ermöglicht sie es dem ganzen Körper, als eine zusammenhängende Einheit zu arbeiten, die sich mit Leichtigkeit dreht und wendet und die Anforderung erfüllt, dass "wenn sich ein Teil bewegt, sich alle Teile bewegen".
«Seidenfaden wickeln (Silk Reeling) ist eine sich spiralförmig drehende Energie, die im Inneren des Körpers entsteht und sich äusserlich manifestiert, indem sie bis zu den feinen Haaren auf der Haut vordringt... Wenn man die Energie des Seidenfaden wickeln nutzt, muss man vermeiden, zu weich oder zu hart zu sein. Übermässige Weichheit (Ruanshou oder schwache Hände) macht dich zu schwach zum Kämpfen; übermässige Härte lässt dich zu starr werden und macht dich somit unfähig, richtig zu reagieren und du kannst leicht vom Gegner manipuliert werden. Die Lösung liegt im Mittelweg: Halte die Balance zwischen Weichheit und Härte, halte das Wechselspiel zwischen Festigkeit und Leere aufrecht.»