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US-Präsident Joe Biden schlägt vor, im Rahmen eines Budgets für die Infrastruktur 400 Milliarden Dollar in die häusliche Betreuung von Betagten und Menschen mit Behinderung zu investieren. Ein zweites Paket sieht Ausgaben für den Ausbau von Kindertagesstätten und Steuererleichterung für Eltern vor. Ökonomin Cecilia Rouse, Vorsitzende des Beirates der US-Regierung für Wirtschaftsfragen, sagte, Betreuungsarbeit gehöre zur Infrastruktur wie Brücken und Strassen: «Ich kann nicht zur Arbeit, wenn niemand zu meinen Eltern oder Kindern schaut.»
Ausbau des Sozialstaates
Anderer Ansicht sind Republikaner und einige Demokraten. Sie werfen der Regierung vor, unter dem Deckmantel der Infrastruktur den Sozialstaat auszubauen. Häusliche Pflege gehöre nicht zur Infrastruktur, die eine Gesellschaft brauche, damit alle ihren Job erledigen können. Dazu seien nur physische Dinge nötig wie Strassen, Brücken, Häfen, Flughäfen, Kanalisation und Datenleitungen. Wirtschaftsjournalist Jordan Weissmann twitterte: «Wir müssen nicht so tun, als wäre alles Gute Infrastruktur.» Die feministische Autorin Moira Donegan kritisierte in der Zeitschrift «Atlantic», dass für die meisten Menschen Betreuungsarbeit immer noch nicht als Arbeit gelte, sondern als Liebesdienst. Der private Raum werde als Zufluchtsort betrachtet, wo die Frauen Familienangehörige betreuen, weil dies ihrer natürlichen Bestimmung entspreche.
Präzedenzfall in Kriegszeiten
Die Gegner des Investitionspaketes haben vergessen, dass Betreuungsarbeit in den USA schon einmal als Infrastruktur galt: Als im Zweiten Weltkrieg Männer in den Krieg mussten, ersetzten Frauen sie in den Fabriken. 1941 beschloss das Parlament ein Gesetz zur Finanzierung der Infrastruktur in Kriegszeiten. Dazu gehörte auch die häusliche und ausserhäusliche Betreuungsarbeit.
Staat muss in Betreuungsarbeit investieren
Corona hat weltweit wieder sichtbar gemacht, dass traditionell weibliche Betreuungsarbeit für eine Gesellschaft systemrelevant ist. Die Politik hat die Forderung von feministischen Ökonominnen, dass der Staat auch in diese Arbeit finanziell investieren muss, jahrzehntelang mehr oder weniger ignoriert. Deshalb ist die Betreuungs-Infrastruktur vielerorts unterfinanziert und personell ausgedünnt. Bei einer bröckelnden Brücke hätten Staaten wohl schon längst investiert. Es sei kein Zufall, dass die US-Regierung jetzt umschwenke, schrieb Politologin Anne-Marie Slaughter in der «New York Times». Präsident Joe Biden habe als junger Witwer mit kleinen Kindern selber erfahren, wie wichtig Betreuungsarbeit ist. Und mit Heather Boushey sei eine feministische Ökonomin Mitglied im ökonomischen Beirat der US-Regierung.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Die Autorin ist Herausgeberin und Redaktorin der Online-Zeitschrift FrauenSicht.