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Thematische Zuordung Serie 1848–1945:
I. INTERNATIONALE LAGE
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In der letzten Zeit sind mir viele Privatbriefe und Zeitungsnachrichten aus der Schweiz zugegangen, welchen zufolge in Bern, Genf und Basel eine überaus pessimistische Beurteilung der gegenwärtigen politischen Lage herrsche. Deutsche Reserve-Offiziere und Mannschaften hätten Mobilisationsordre erhalten oder wären gar zurückberufen; die Tätigkeit der deutschen Militärbehörden in Elsass-Lothringen sei gegenwärtig eine enorme und beweise, dass Deutschland den Krieg wolle, etc.
Ich habe mir zur Pflicht gemacht, auf die Spur dieser Gerüchte zu kommen, und bei meinem letzten Besuche bei Herrn Staatssekretär von Richthofen habe ich auch nicht gezögert, einen Teil der mir zugegangenen Privatnachrichten zu seiner Kenntnis zu bringen. Seine Antwort lautete ganz bestimmt dahin, dass es ihm völlig unbekannt sei, dass irgend welche militärische Anordnungen, welche einen aussergewöhnlichen Charakter hätten, getroffen worden seien; dann fügte er hinzu: «Wir beginnen das Jahr mit zuversichtlichen Friedenshoffnungen und legen den kriegerischen Meldungen eines Teils der europäischen Presse keinen Wert bei. Soeben ist mir aus Paris gemeldet worden, es heisse dort, die französischen Reserve-Offiziere seien auf Ende Februar einberufen worden. Ich glaube nicht daran und bin überzeugt, die französische Regierung weiss auch nichts davon; solche Nachrichten werden von Leuten erfunden und verbreitet, welche ein Interesse daran haben, unsere auswärtigen Beziehungen zu verdächtigen.»
Es haben sich auch, ganz zuverlässigen Nachrichten zufolge, sowohl Fürst Bülow als auch Herr von Mühlberg im gleichen friedlichen Sinne ausgesprochen; - Deutschland gehe nur mit friedlichen Absichten, avec les intentions les plus conciliantes, nach Algeciras, und Herr von Mühlberg äusserte sich einem meiner Kollegen gegenüber dahin, dass er von der Marokko-Konferenz viel Gutes, und für die Zukunft eine erspriessliche Entwicklung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Frankreich und den Beginn von relations amicales erwarte.
Diese Äusserungen bestätigen vollauf die Meldungen des Herrn Lardy vom 22. vorigen Monats2, - aber so wertvoll sie mir auch erscheinen und mit den in hiesigen diplomatischen Kreisen herrschenden Auffassungen übereinstimmen, so wollte ich dennoch zu ergründen versuchen, worauf die alarmierenden Gerüchte zurückgeführt werden können, denn es würden die Leiter der französischen und der deutschen Politik, falls sie kriegerische Absichten hegen sollten, wohl sicherlich eher alles andere, als ihre kriegerischen Pläne bekannt geben.
Von verschiedenen Seiten, und namentlich von einem mir eng befreundeten Beamten des Kriegsministeriums, welcher den gestrigen Abend ganz allein bei mir verbrachte, vernahm ich folgendes:
Die Reservisten (Offizieren und Soldaten) zugestellten Ordres haben nichts Ungewöhnliches an sich; der Mobilisationsplan werde stets im Reinen gehalten, und namentlich am Ende eines jeden Jahres ergehen an Reservisten Befehle, welche mit ihrer inzwischen veränderten Verwendung im Falle einer Mobilisation im Zusammenhang stehen. Seit zwei Jahren habe die bisherige Bereitschaft eine wesentliche Verschiebung erfahren: schon vor Beginn des russisch-japanischen Krieges (circa 4 Monate vorher) sei die gegen Russland aufgestellte Front zum Teil aufgehoben worden (woraus zu entnehmen, dass schon damals eine Wiederannäherung an Russland zur Tatsache geworden).
Dagegen sei von dieser Zeit an die gegen Frankreich gerichtete Aufstellung, ganz unabhängig von der Marokko-Frage, die damals nicht existirte, nicht unerheblich verstärkt worden, und zwar deshalb, weil Frankreich in den letzten Jahren seine Positionen an der Grenze immerwährend vermehrt habe: es seien daher auch Verschiebungen angeordnet worden, die teils effektiv vorgenommen worden, teils auch Reservisten betroffen haben, welche im Mobilisationsfalle sich bei elsässischen statt bei früher bezeichneten Sammelorten künftig zu stellen haben werden; ordres wie die, welche jetzt so sehr aufregen, seien in früheren Jahren in gleicher Weise wie jetzt erlassen worden, ohne dass man daran den geringsten Anstoss genommen hätte. Von anderer Seite habe ich auch vernommen, dass für die Kriegsbereitschaft der in Elsass-Lothringen befindlichen Truppenteile seit dem Beginn des Marokko-Anstandes ohne Unterlass gearbeitet wurde, dass Mobilisierungsübungen bei allen Regimentern stattgefunden haben und noch stattfinden; dies aber sei weniger auf die Marokko-Frage, als auf die eingegangene Meldung zurückzuführen, dass Frankreich im Falle eines Krieges beabsichtige, über Belgien nach Deutschland zu marschieren. Einen solchen Angriff würde Deutschland durch einen direkten Vorstoss von Metz aus begegnen, trotz der enormen Verluste, welche beim Angriff auf die erste französische Verteidigungslinie zu gewärtigen sein würden.
Das Unbehagen der gegenwärtigen Lage, die neuliche Äusserung des Staatsministers von Rheinhaben im Reichstage, «dass der politische Himmel nicht ganz wolkenlos sei» erklärt man dadurch, dass Kaiser Wilhelm sich noch tief gekränkt fühle, dass sein Onkel Eduard von England sich auf die Intrigen des Herrn Delcassé eingelassen habe und seit dem Rücktritt des Letztem nichts getan haben soll, um eine Annäherung mit Deutschland herbeizuführen, im Gegenteil. Kaiser Wilhelm habe seit Jahren eine Verständigung mit Frankreich erstrebt, sein Lohn dafür sei der französische-englische Vertrag gewesen; er sei jetzt ebenso verstimmt wie damals, als er im Anfänge seiner Regierung eine Verständigung mit den Polen herbeizuführen erstrebte, und seine Bemühungen fehl schlagen sah; er sei verstimmt und werde vor einem Kriege nicht zurückschrekken sollte man ihn ihm aufzwingen wollen oder ihm, wie unter Herrn Delcassé, wieder zu nahe treten. Allein bis zuletzt werde er trachten, den für Deutschlands weitere Entwicklung so notwendigen Frieden zu erhalten. In diesem Sinne spreche er sich aus und habe sich durch seine Organe wiederholt vernehmen lassen. In hiesigen diplomatischen und ziemlich in allen bürgerlichen und militärischen Kreisen ist man geneigt anzunehmen, dass die Marokko-Frage in Algeciras eine friedliche Lösung finden werde; hätte es zu einem Kriege kommen sollen, so hätte es vor dem 28. Sept. vorigen Jahres geschehen müssen; nachdem aber an jenem Tage die deutsch-französischen Abmachungen Marokko betreffend unterzeichnet worden sind, so darf angenommen werden, dass die akute Krisis überstanden sei, und dass trotz der unvermeidlichen Schwierigkeiten, welche die Frage der marokkaner Polizei verursachen wird, in Algeciras nur Detailfragen, in Gemeinschaft mit anderen Staaten, zu regeln sein werden. Sollte aber Frankreich auch, von England geholfen, in der Frage der Einrichtung der Polizei in Marokko sich intransigent erweisen, so würde man die Notwendigkeit eines unmittelbaren Krieges nicht daraus folgern.
Zum Schlüsse darf ich, Herr Bundespräsident, noch darauf hinweisen, dass wenn mitunter von höchster Stelle, auch von hohen Militärs (vom kommandierenden General des Metzer Armeecorps z.B.) manche Kraftworte gesprochen worden sind, solche Äusserungen nicht dahin ausgelegt werden dürfen, dass Deutschland oder der Kaiser den Krieg wolle, sondern dass der Krieg nicht gefürchtet werde.
In diesem Sinne sind die kaiserlichen Äusserungen über «geschliffene Säbel», «klaren Verstand» und «trockenes Pulver» hier verstanden worden. Solche Worte dürfen wohl als Einschüchterungsversuche angesehen werden, allein wenn der Kaiser mitunter ein schnelles Wort hat, so muss man es ihm lassen, dass er und sein Kanzler bisher bei Taten immer überlegt und vorsichtig gewesen sind. Hierauf baut man hier, - und daher schenkt man den Äusserungen eines Teils der kleinen französischen Presse, welche ihre alimentation russe verloren hat und aus englischen Kreisen ihre Existenzmittel zu beziehen trachtet, eine geringe Beachtung.
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