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Über Fernauslösung der Schneebretter
Mit 1 Zeichnung.Von Max Butler.
Gemäss der Auffassung mancher Lawinenforscher und der meisten Skifahrer wurde der Grund zur Auslösung der Schneebretter in der Überlastung durch Menschen gesucht. Daneben werden auch eine Reihe anderer bekannter Ursachen genannt.
Die Überlastung durch Menschen kann, abgesehen von Schneebrettern kleinsten Formates, als Ursache ernstlich nicht in Frage kommen. Nur der letzte Anstoss wird zur Auslösung gegeben, wenn das Schneebrett schon in labiler Lage vorbereitet ist. Es ist nicht glaubhaft, dass Schneemassen im Gewicht von 100 bis 1000 Tonnen oder mehr gegenüber dem Zusatzgewicht von einigen Personen empfindlich sind in bezug auf Sohlenreibung, auf Zug-und Scherkräfte. Das Problem der Fernauslösung basiert vielmehr auf pneumatischen Vorbedingungen.
Kompetente Bergführer und Alpinisten haben die indirekte Fernauslösung von Schneebrettern auf einige 100 m Distanz, selbst von der Ebene aus, beobachtet. ( Vgl. « Die Alpen » 1934, Nr. 2, S. 47, Rud. Campell. ) Der Vorgang der Auslösung scheint zunächst rätselhaft, lässt sich aber rekonstruieren und erklären, wenn man einen plötzlichen Luftaustritt aus der « überspannten » Schneedecke voraussetzt.
Gemäss Beobachtungen entstand hangaufwärts jeweilen fast plötzlich ein Scherriss, dann blitzschnell der oberste Querriss in der Zugzone. Jene Rissbildungen sind bereits die Wirkungen unsichtbarer, erfolgter Vorgänge im Innern der Schneedecke, worüber wir nachstehend Erklärungsversuche geben.
a ) Infolge Sinterung des federleichten Wildschnees vom spezifischen Gewicht von ca. 0,01 bis 0,05 erfolgt Verdichtung der Porenluft der betreffenden Schneedecke. Es entsteht gewissermassen eine Überspannung der Porenluft unter dem Schutz der luftdichten Harschdecke, die aus Windschnee — Pressschnee entstanden sein kann. Besonders wird die Erdwärme und vielleicht auch Bestrahlung von aussen die Luftspannung erhöhen bis zum Gefahr-moment.
Beim Betreten derartig überspannter Schneehänge durch den Skifahrer oder Bergsteiger wird an der Trittstelle die Porenluft infolge des Druckgefälles plötzlich nach aussen, nach dem Ort des Unterdruckes entweichen. Der Vorgang gleicht dem Bersten einer Bombe. Es erfolgt Bersten, dann Absacken der Schneedecke über der Gleitschicht, erleichtert durch vielleicht vorhandene Hohlräume.
Das Absacken muss hangaufwärts erfolgen. Daher die seitlich nach oben aufreissenden Längsrisse — Scherrisse. Diese Scherrisse haben ihre Fortsetzung im obersten Querriss, dem Zugriss in der Abrissnische. Das allseitig ÜBER FERNAUSLÖSUNG DER SCHNEEBRETTER.
gelöste Schneebrett wird auf dem Wildschnee oder auf einer Gleitfläche bei genügend Gefälle abgleiten. Der hörbare Krach-, Knall- oder Schusseffekt, spricht für den geschilderten Vorgang und den Stärkegrad der entweichenden überspannten Porenluft in die freie Atmosphäre.
P/i'/c/schnee neu Ueòers/iannfe Poren/uft.
Wïldsc/inee gesiniert
pesinterfI un gesintert
I b ) Man kann sich auch vorstellen, dass der atmosphärische Unterdruck der Aussenluft, der sich einige Tage nach dem letzten Schneefall einstellen kann ( Föhnregime ), allein ein Schneebrett auszulösen vermag, indem die überspannte Porenluft des Schneebrettes plötzlich bei der kleinsten Gleichgewichtsstörung infolge einiger Millimeter Druckgefälle nach dem Unter-druckort, d.h. nach aussen, entweicht. Das Schneebrett platzt, reisst ab und gleitet zu Tal.
Die indirekte Fernauslösung eines Schneebrettes kann gemäss den obigen zwei Fällen nur auf dem Druckunterschied zwischen Porenluft und Aussenluft beruhen. Vielleicht gelingt es einmal, solche Druckunterschiede zu messen.
Obige Überlegungen haben ihre praktische Seite, indem man die Windbretter, im Gegensatz zum Naßschnee, künstlich abschiessen kann im Interesse von Bahnen, Strassen, Ortschaften und Menschen.
Gemäss persönlichen Mitteilungen von Prof. Dr. Paulcke sollen indirekte Fernauslösungen der Schneebretter schon auf Distanzen von 1 bis 2 km erfolgt sein.