Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03615.jsonl.gz/1469

(reload vom 28.12.05)
Kennen Sie das? Sie sind mitten im Gespräch mit einem Schweizer, weit und breit ist niemand Ihrer Familie oder Ihrer Freunde zu sehen, und plötzlich sagt der Schweizer:
„Ihr müsst das verstehen, das könnt Ihr so nicht machen..“
Ich drehe mich dann um und suche die anderen Menschen, die hier mit „Ihr“ gemeint sein könnten, denn „Ihr“ ist für mich die 2. Person Plural, die Mehrzahl von „DU“ also.
Ausserdem frage ich mich, warum ich plötzlich so plump geduzt werde von meinem Gegenüber. „Euch macht das wahrscheinlich nichts aus, aber uns ist es doch arg“ geht die Rede weiter. Das Wörtchen „arg“ kennen wir zum Glück von „Argwohn“, es bedeutet etwas Schlimmes. In der isolierten Form als Variante von „sehr“ ist es im Norden eher ungebräuchlich, aber im Süden „arg“ praktisch, also haben wir es ruckzuck in unser Vokabular aufgenommen.
In einer Gesprächssituation im nördlichen Teil Deutschlands kann man sich durch Verwendung von “arg”, “gell” und “hat’s noch Kaffee” jederzeit als hoffnungslos Süddeutsch eingefärbt zu erkennen geben, und damit auch als Deutscher vom “Jöö-Effekt” profitieren.
Die Schweizer haben diese geschickte Form der Anrede, die grammatikalisch gesehen ein Mittelding zwischen „Du“ und „Sie“ darstellt: Das „Ihrzen“. Ein kleiner Trost für die Schweizer: Sie sind mit dieser Angewohnheit nicht allein im Deutschen Sprachraum, auch im Badischen und Schwäbischen haben wir die „Ihr“ Anrede häufig gehört. So sagte mein Fahrlehrer (ein Schwabe), wenn ich etwas falsch machte:
„Ihr müsst einfach besser aufpassen, ihr schaut da beim Überholen nicht rechtzeitig in den toten Winkel“, und ich lehnte mich entspannt zurück, denn mich konnte er ja nicht gemeint haben, weil auf Du waren wir nicht.
Es ist vielleicht ein Überbleibsel aus der Zeit Napoleons? Als die Schweiz und Süddeutschland besetzt waren von Französischen Truppen? Die französische Höflichkeitsform „Vous“ = „Sie“ entspricht der 2. Person Plural, dem deutschen „Ihr“. Ob es daher kommt? Ob man zu Zeiten, als es zum guten Ton gehörte, unter Bildungsbürgern auf Französisch zu parlieren, die „Vous“ Form verwendete und dann beim Rückfall ins eigene Idiom beim „Ihr“ blieb? Bei den Russen im 19. Jahrhundert war es garantiert so, die Romane von Tolstoi hat er nicht allein auf Russisch geschrieben, sondern grosse Passagen auf Französisch, nämlich immer dann, wenn sich die russischen Herrschaften unterhielten und dabei nicht von ihren Diener verstanden werden wollten.
„Wer von Euch ist dafür zuständig? Könnt Ihr mir das sagen?“ Geschickt wird hier mit der französischen Höflichkeitsform der Mittelweg zwischen „Du“ und „Sie“ gewählt. Das ist alles gut und schön, wir empfinden das als eine wundervolle Bereicherung. Nur hütet Euch davor, dies irgendwo nördlich des „Weisswurstäquators“ zu verwenden. Das ist die Grenze, die Bayern und den Süden vom Rest Deutschlands abtrennt, das einzige Pendant, was wir in Deutschland zum „Röstigraben“ kennen.