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Als der Eisbär von seinem Aussterben in der Zeitung las, war er nicht so überrascht, wie er hätte sein sollen, das schmelzende Eis um ihn herum hatte er sich nicht nur eingebildet. Ihn erstaunte aber, wie das Schwinden der Polargebiete polarisierte, dass seine Eisscholle verschollte war doch offensichtlich, dennoch wollten manche Menschen, Politiker vorwiegend, es nicht wahrhaben. Vermutlich mehr aus Eigeninteressen, als aus Überzeugung, dachte sich der Eisbär und packte seinen Koffer (einen Samsonite, den er gekauft hatte, weil dieser ihn an den Bären Samson aus der Sesamstrasse erinnerte). Er winkte der Arktis adieu, dabei wurde ihm so kalt ums Herz, dass es selbst ihn, der arge Kälte gewohnt war, fror. Darauf sprang er ins kalte Wasser und schwamm ziellos in ein neues Leben, das er gar nicht wollte.
So wurde der Eisbär zum Schmelzbär zum Schwimmbär. Und als er irgendwo am Festland ankam, war er nur noch Bär. Ein müder, trauriger Bär. Das Einzige, was noch an seine Herkunft erinnerte, war sein weisses Fell. Er versteckte sich in einem Wald, wo er auf Braun-, Brom- und Himbären traf, die ihn wie einen Bruder aufnahmen. Er erzählte ihnen von seiner Heimat, dem weissen Paradies, und weckte in seinen Zuhörern eine Sehnsucht nach einem Ort, von dem sie nicht wussten, ob es ihn tatsächlich gab. Und dann, als wäre der Kein-Eis-mehr-Bär von einer Lawine überrollt worden, erdrückte ihn eine Erkenntnis: Irgendwann, wahrscheinlich sogar schon bald, wird man ihn und seinesgleichen nur noch aus Erzählungen kennen und ihn vom Biologie- ins Geschichtsbuch versetzen, viele werden ihn vergessen und manche, sogar, werden daran zweifeln, dass er je existierte. Von einer tausend Eisberge schweren Schwermut eingenommen, fragte sich der Bär, wie den Menschen die steigenden Temperaturen nur so kalt lassen konnten.
Kilian Ziegler, 2018, www.kilianziegler.ch