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Den Auftakt zum AICA-Workshop 2019 unter dem Motto «Textanfänge, -bogen und Textabschluss» bildete Fanni Fetzers Liste von einfachen «Schreibregeln für Autoren». Unter dem Aspekt des Textanfangs wurden anschliessend ausgewählte Kunstkritiken besprochen.
Im Textanfang liegt die Würze
Ein guter Anfang ist Gold wert, denn er macht nicht nur Lust aufs Lesen, sondern hilft dem Schreibenden auch gleich in einen Fluss zu kommen. Eine Regel zum Einstieg lautet: «Welcher Satz, welches Wort macht neugierig? Möglicherweise ist es just der zweite Satz, der als erster viel spannender wäre.» Zweifellos liegt im Textanfang ein Versprechen oder eben ein«Zauber». Seine Funktion besteht zunächst darin, ein Grundthema anzuschneiden oder eine Kernaussage zu formulieren. Dabei werden die journalistischen W-Fragen – wer tut was, wann, wo, wie und warum, außerdem: woher stammt die Information – berücksichtigt.
Die Meinungen zu einem poetischen Einstieg waren gespalten. Weder wurde ein zu allgemeiner noch ein zu anmassender Einstieg geschätzt; so wenn Behauptungen ohne entsprechende Argumentationen aufgestellt würden. Auch ein technischer schätzte niemand, da erfahrungsgemäss der Autor sich dabei nicht positioniert. Einen Blick hinter die Kulissen erachteten manche Teilnehmende als verheissungsvoll, doch sollte die Erwartungshaltung eingelöst werden. Verschiedentlich wurde der Wunsch geäussert, dass sich die Kunstkritiker*innen mit einem Schreibkonzept auseinandersetzen sollten. Es stiess auf weitgehende Irritation, wenn der biografische Teil nichts mit dem Werk zu tun hat, oder wenn aus den biografischen Daten nichts gemacht wird. Allgemein schätzten die Teilnehmenden Texte, die auf die Ausstellungschoreographie eingehen.
Textbogen und Haupttext
Gemäss einer weiteren Regel wird ein «roter Faden» empfohlen, «ein Thema, eine Fragestellung, ein Wortspiel, ein sprachliches Konstrukt, einen Bogen für den Text.» Einige Teilnehmende bemängelten, dass in etlichen Artikeln zu viele Informationen verpackt seien. Sie führten weiter aus, dass additive Informationen den Text schwerfällig und nicht erzählerisch gestalten. In der Diskussion überwiegten Kritiken an der Häufung von Satzzeichen, Klammern, Doppelpunkten usw. Dies besonders, wenn zu wenig argumentiert wird und ein Fazit fehlt. Demgegenüber hielten einige Teilnehmende entgegen, sollte auf ein normales Tempo ohne solche Stolpersteine geachtet werden.
Cliffhanger
Die Pressetexte schlagen sich vielfach in der einen oder anderen Weise in den Artikeln nieder. Sie können wohl verwendet werden, wenn dabei eigenständig weitergedacht wird. Übereinstimmung herrschte darin, dass sich die beste Wirkung einstellt, wenn der Betrachtende in eine bestimmte Erzählung oder Textstelle geführt wird. In diesem Zusammenhang brachte Samuel Herzog den Begriff «Cliffhanger» in die Diskussion ein. Ähnlich wie der Teaser fungiert er als ein kurzes Textelement, das zum Weiterlesen verleiten oder als Einstieg in einen ausführlichen Beitrag dienen soll.
Eine eigene Sprache
Ein schon mehrfach beklagter Umstand ist, dass die Sprache der Kunstkritik längst von einem eigenen, oft schwer verständlichen Fachjargon geprägt ist. Dies hat zur Folge, dass diese Fachsprache die Kunst oft nicht erschliesst, sondern den Zugang zu ihr versperrt. Dazu äusserten sich Stimmen im Plenum, dass die Kunstkritik zu einer klaren, verständlichen Sprache zurückfinden müsse. Kunstkritiker*innen sollten Verständlichkeit anstreben und ihre Gedanken klären.
Verschiedentlich wurde der Wunsch nach mehr persönlicher Autorschaft geäussert. Das entsprechende Rezept sahen etliche Teilnehmende in der Ausbildung von eigenen Gedanken zu einer künstlerischen Position oder zu einer Ausstellungsdisposition. Einigkeit herrschte darüber, dass dazu eine eigene Sprache entwickelt und verwendet werden müsse. An dieser Stelle wurde von Seiten der Redaktion darauf hingewiesen, dass der übermässige Gebrauch von Adjektiven schwerfällig wirke. Doch im Gegensatz zu seiner gezielten Verwendung vermag er Nuancen und Atmosphärisches zu vermitteln, die hilfreich für Geschichten sind. Aufgrund dessen wird eine entsprechende Ausgewogenheit empfohlen.
Allerdings ist den Werken selbst nicht genüge getan, wenn der Text sprachlich gut formuliert ist. So wurde von einigen Teilnehmende eine zu ausführliche Werkbeschreibung als Ausflucht beschrieben, die falls sie gelungen ist, Wirkung erzeugen kann, doch oft droht zu langweilen. Übereinstimmend wurde eine unter Kunstkritiker*innen auffallende Tendenz festgestellt, die dem Publikum eine Rolle zuspielen, damit es darauf reagieren muss, oder eine Zuweisung an den Betrachtenden, eine bestimmte Haltung einzunehmen. Allerdings vermochte niemand zu dieser manipulativen Tendenz Stellung zu beziehen.
Textschluss und Fazit:
Der Textschluss erweist sich oft als schwierig und heikel, sollte gerade er doch besonders sorgfältig formuliert werden; zumal er wie der Einstieg gründlicher gelesen wird. Eine Schwierigkeit stellt sich ein, wenn sich keine passende, sinnträchtige Sentenz, keinen philosophischen, zeitgeistigen Bezug finden lässt oder wenn der Schluss droht, ins Allgemeine abzufallen. Einen Ausweg könnte da ein «Bezug zum Einstieg» bieten. Falls das «Rahmenerzählerische» nicht gefällt, oder sich im einen oder anderen Fall als unpassend erweist, empfiehlt es sich, bestimmte Grundthesen, respektive zentrale Aussagen nochmals zusammenzufassen. Auch eine Schlussfrage wäre möglich, die dem Ende «einen neuen Anfang» verheisst.
Wie man sieht, vermögen diese Regeln uns immer wieder aus der Bredouille zu helfen, und wir wollen sie daher gerne im Hinterkopf aufbewahren, ohne sie sklavisch zu verwenden. Andernfalls die Texte Gefahr laufen, gleichförmig und reizlos zu werden anstatt eine hinreissende Geschichte zu erzeugen.
[1] Vgl. Hermann Hesse, sämtliche Gedichte in einem Band, 1995.
[2] Vgl. Miguel de Unamuno y Yugo (1864-1936), spanischer Philosoph und Dichter: Aphorismen.
In : Schreiben über Kunst 2020, Hrsg. AICA Schweiz +Kunstbulletin + artlog.net + artlist.net/Schweizer Kunstverein, Zürich