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Rudolf Steiner unterschied klar zwischen einer Freimaurerei mit hohen, allgemein-menschlichen Zielsetzungen und solcher mit politischen Partikularinteressen. Zur Ersten werfe man einen Blick in die von Steiner erneuerten Rituale der drei ersten Grade*. Zur zweiten Form sagte er: «Eine Sache, die der ganzen Menschheit ohne Rassen- und Interessen-Unterschiede dienen sollte, wird aus einer guten eben eine schlechte, wenn sie zur Machtgrundlage einzelner Menschengruppen gemacht wird.» Diese Worte stehen im Vorwort, das Steiner zur Publikation Die Entente-Freimaurerei und Weltkrieg von Karl Heyse im Oktober 1918 beigesteuert hat.
Seit dem Ersten Weltkrieg ist fast nur noch diese Form von Maurerei verbreitet – und wirksam. Ihr Ursprung war England, wo zu Johanni 1717 die erste Londoner Großloge begründet wurde, die selbst durchaus der ersten Form angehörte. Allerdings gerieten deren Filialgründungen durch ganz Europa zunehmend in das politisch-partikulare Fahrwasser.** Insbesondere gilt das vom Pariser, von London aus begründeten «Grand Orient de France», dessen Kriegspolitik Steiner dazu bewog, das Zertifikat, das ihn ermächtigte, eigenständig Rituale durchzuführen, zu zerreißen.***
Im Jahre 1917 versammelten sich in der Albert Hall 8000 Maurer zur 200-Jahrfeier der Logengründung; in derselben Albert Hall, in der der Hochgradmaurer Churchill 1947 das wahre Ziel der von ihm betriebenen Europa-Einigung umriss: die Errichtung einer anglo-amerikanischen Weltregierung. In diesem Jahr wurde das 300-jährige Jubiläum bereits im April begangen.
Wichtigeres Jubiläum: Im Juni werden es exakt hundert Jahre sein, seitdem Steiner erstmals von der Dreigliederung gesprochen hat (Näheres in der Sommernummer).
Aktualität des Grand Orient
Der wie aus dem Nichts aufgestiegene französische Präsident Macron hielt vor einem Jahr im Grand Orient eine Art Antrittsrede, mit dem Titel «La Mondialisation peut-elle être synonyme de progrès»?**** Eine rhetorische Frage, die in Wirklichkeit die Globalisierung bewirbt. Macrons nivellierende EU-Propaganda dient den Globalisierungsinteressen der Bankwelt und hat mit den wahren Bedürfnissen der Europäer nichts zu tun.
100 Jahre nach der Geburt der Dreigliederungs-Idee soll durch Präsident Macron im Namen Europas und der als EU-Leitklang missbrauchten, von Beethoven vertonten Hymne an die Freude die Globalisierung durchgesetzt werden – die reine Karikatur der Dreigliederung, die weder Brüderlichkeit in der Wirtschaft, Gleichheit im Recht und schon gar nicht Freiheit im Geistesleben anstrebt. Es ist kein Zufall, dass Macron Russia Today, den einzigen Sender, der sich dem westlichen Medien-Monopol mit Erfolg zu widersetzen weiß, den Kampf angesagt hat.
Die wirklichen Europäer müssen sich endlich dazu entschließen, eine Politik großer Gesichtspunkte zu praktizieren, wie Steiner sie in den Memoranden vom Juli 1917 entwickelt hatte. Sonst erliegen sie endgültig den Machenschaften politisch-maurerischer Kreise, die zwar durchaus mit großen Gesichtspunkten rechnen, diese aber fortwährend «zur Machtgrundlage einzelner Menschengruppen» machen möchten.
Thomas Meyer
* Siehe Der neue Kain, Die Tempellegende und ihre Vollendung durch Rudolf Steiner, Basel 2013. ** GA 265, S. 110. *** GA 174, Vortrag vom 20. Januar 1917. **** Den Hinweis auf diesen Vortrag verdankt der Verfasser Terry Boardman.