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Historische Mythen sind hilfreich für die geistige Landesverteidigung. Was im Ukraine-Konflikt gilt, war auch in der Schweiz während den beiden Weltkriegen nicht anders. Ein Besuch im Restaurant «La Petite Gilberte» im jurassischen Courgenay weckt Erinnerungen.
In jedem Krieg gibt es Helden. Im Magazin der NZZ wurden kürzlich mehrere ukrainische Zivilisten porträtiert, die aktiven Widerstand leisten und dadurch zu Ikonen wurden. Auch prominente Politiker wie der ukrainische Präsident Wolodomir Selenski oder die Gebrüder Klitschko gelten bereits als bewunderte Vertreter der geistigen Landesverteidigung.
Die berühmte Landbeiz befindet sich vis-à-vis vom Bahnhof Courgenay.
Im Restaurant «La Petite Gilberte» in Courgenay begegnen wir einer berühmten Schweizer Ikone: Gilberte de Courgenay, mit bürgerlichem Namen Gilberte Montavon (geboren am 20. März 1896 in Courgenay; gestorben am 2. Mai 1957 in Zürich) war eine Kellnerin, die zwischen 1916 und 1918 zum Soldatenidol avancierte. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges war sie 18 Jahre alt und arbeitete während der Grenzbesetzung im elterlichen «Hôtel de la Gare», der heutigen Landbeiz in Courgenay. Das nahe der französischen Grenze gelegene Dorf wurde zum Truppentreffpunkt. Zusammen mit ihrer Familie bewirtete Gilberte Tausende von Soldaten sowie Offizieren und wurde von diesen umschwärmt und verehrt.
Historisches Foto mit Gilberte und zwei Soldaten.
Zwanzig Jahre später, während des Zweiten Weltkriegs, wurde die Kellnerin zum Symbol der geistigen Landesverteidigung gemacht. Das Buch Gilberte de Courgenay (1938) von Bolo Maeglin aus Basel, gefolgt von Theaterstücken und vor allem vom gleichnamigen Film von Franz Schnyder mit Anne-Marie Blanc in der Hauptrolle (1941), trugen wesentlich zur Entwicklung und Festigung des Schweizer Wehr- und Abwehrwillens im Zweiten Weltkrieg bei. Damit wurde «La Petite Gilberte» zu einer Persönlichkeit der Schweizer Geschichte, zu einem greifbaren Symbol für die emotionale Brücke zwischen der Deutschschweiz und der Romandie, zu einer Verbindung von grundlegender Bedeutung für die Schweiz als politische Willensnation.
Speisesaal als Museum
Im Restaurant «La Petite Gilberte» erinnern heute historische Fotos, eine Holzstatue sowie Wandbilder an die Ikone. Ihr Bild findet sich auf Tischsets, Tellern, Souvenirs, die im Shop gekauft werden können, aber auch auf Ölgemälden an den Wänden. Der Ofen in der Küche, die einfach eingerichteten Zimmer, das Mobiliar erzählen aus einer Zeit, als die Schweiz vom grossen Nachbarn im Norden bedroht war.
Deutlich angenehmer liest sich die Speisekarte: Warmer Ziegenkäsesalat mit Ei, Forellenfilet mit Mandeln, Dampfkartoffeln oder Reis mit Gemüse, Lammhaxe, Kalbsfilet an einer Morchelsauce … alles, was der Gaumen begehrt. Spezialität des Hauses sind Zunge, Kutteln, Kalbskopf und Schweinsfüsschen….
Der Speisesaal im historischen Ambiente.
Verwöhnt werden die Gäste auch heute von einer charmanten Kellnerin, die nicht nur unsere kulinarischen Wünsche erfüllt, sondern auch unseren Wissensdurst. Im Dorf lebten noch Zeitgenossen, die sich an die junge Gilberte erinnerten, erzählt die Angestellte. Neben Touristen kämen auch Einheimische in die Beiz, die zu einem beliebten Treffpunkt für Jung und Alt geworden sei. Vor sieben Jahren haben ein Zürcher Anwalt und seine Frau das Restaurant ersteigert. Bruno und Evelyne Bernasconi-Mamie sorgen seither dafür, dass die Geschichte der kleinen Gilberte weiterlebt und künftigen Generationen überliefert wird.
Auch die Musik leistet hierzu einen Beitrag: Gilberte Montavons Geschichte spiegelt sich in einem berühmten Lied wider, das von Luzerner Soldaten aus dem Entlebuch kreiert wurde, insbesondere von Schlagzeuger Robert Lustenberger und von Oskar Portmann. Mit ihrer Truppe in der Nähe von Courgenay stationiert, hatten sie um die Jahreswende 1915/16 die berühmte Melodie komponiert und den Text geschrieben. An Silvester 1916 präsentierten sie das Lied im historischen Restaurant. Paul, Gilbertes kleiner Bruder, der damals erst elf Jahre alt war, schrieb die Melodie und den Text auf. Ihm ist es zu verdanken, dass die bekannte Komposition in die Hände des Musikers Hanns In der Gand gelangte, der sie verbreitete und populär machte.
Anne-Marie Blanc in der Hauptrolle: Film von 1941.
Für Béatrice Ziegler, Titularprofessorin für Geschichte an der Universität Zürich, haben Film und Lied nicht viel mit der Geschichte der berühmten Kellnerin zu tun. Die Melodie war vielmehr ein Propaganda-Produkt der Kriegszeit, das politischen Zielen diente: «Historische Mythen waren hilfreich bei der geistigen Landesverteidigung. Denn man liess es auch nicht an klaren Vorgaben für das Verhalten der Einzelnen fehlen. Modernität, etwa Frauen, die berufstätig sein wollten, hatten da nichts zu suchen. Die soziale Zerrissenheit, die das gesellschaftliche Leben und den Staat 1918 lahmzulegen drohten, wollte man in den vierziger Jahren um jeden Preis vermeiden.»
Holzstatue von Gilberte im Speisesaal des Restaurants.
Weiter erklärte die Historikerin 2014 in einem Interview: «Praktisch jeder Schweizer und jede Schweizerin sahen damals den überaus erfolgreichen Film mit Anne-Marie Blanc. Der Streifen erreichte zahllose Menschen, nicht zuletzt dank dem charmanten Auftreten der Schauspielerin. Er bot ihnen Identifikationspotenzial und gab Orientierung in einer unsicheren Zeit. Zugleich zementierte der Film männlich-hegemoniale Vorstellungen über die Rolle der Frau in der Gesellschaft.»
Ob nun politische Propaganda, historische Verklärung oder Legende: Geistige Landesverteidigung hat – auch hundert Jahre nach Gilberte Montavons Engagement – eine wichtige Funktion in Krisenszeiten. Das ist in der Ukraine nicht anders.
Titelbild: Ölgemälde mit Gilberte und einer Soldatenschar. Alle Fotos privat.
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