Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03498.jsonl.gz/255

Wem gehört die Stadt? Die Frage ist so alt wie die Städte selber.
Das Zusammentreffen von Menschen unterschiedlicher Herkunft und das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Interessen haben Städte seit der Antike zu Laboratorien von Herrschaft und Koexistenz, von Revolte und Unterdrückung gemacht. Aus der griechischen Bezeichnung für Städte – polis – entstand das Wort „Politik“: die Kunst des Regierens, aber auch die Kunst der kollektiven Entscheidungsfindung. Doch im antiken Griechenland gehörte die Stadt nicht allen. Frauen, Fremde und Sklaven waren von den öffentlichen Angelegenheiten ausgeschlossen.
Auch in modernen demokratischen Städten haben bestimmte Interessen mehr Gewicht als andere. Das Bevölkerungswachstum verschärft die Konflikte um die Nutzung des städtischen Raums und der städtischen Ressourcen. Städte sind nicht nur politische, sondern auch wirtschaftliche Zentren, in denen die Ungleichheiten am stärksten ausgeprägt sind. Viele Menschen in städtischen Gebieten sind Opfer von Ausgrenzung, Diskriminierung und Unterdrückung.
Andererseits sind Städte als Orte der Migration und damit der Begegnung, des Austauschs und der Reibung, an denen soziale Verwerfungen am deutlichsten zutage treten, oft auch Motoren des Wandels. In städtischen Siedlungen können Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund in Konflikt geraten, aber auch neue Netzwerke der Solidarität und des Widerstands aufbauen.
Das politische Festival Tour de Lorraine, das im Jahr 2000 als Reaktion auf das WEF in Davos gegründet wurde und seit vielen Jahren ein fester Termin in der Berner Politik- und Kulturagenda ist, widmete seine diesjährige Ausgabe dem Thema „Solidarische Stadt! Wir alle sind Bern!“.
Im engeren Sinne bezieht sich das Konzept der „solidarischen Stadt“ auf die Idee einer Stadt, in der alle Einwohnenden, einschliesslich Migrant*innen, Sans-Papiers und Flüchtlinge, Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen wie medizinischer Versorgung, Bildung, Wohnraum und Sozialhilfe haben. Das Konzept entstand nach dem Jahr 2000 in Nordamerika. In Europa wurde es vor allem im Zusammenhang mit den Migrationsbewegungen des Jahres 2015 bekannt.
In Städten wie Palermo oder Neapel wehrten sich die Stadtverwaltungen gegen die nationale Abschottungspolitik und forderten die Öffnung ihrer Häfen für die Aufnahme von Seenot-Geretteten. In Bern ist das Projekt City Card, ein Stadtausweis für alle Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt, der den Zugang zu den wichtigsten städtischen Einrichtungen ermöglicht, vom gleichen Prinzip inspiriert.
Das Kollektiv der Tour de Lorraine wollte jedoch den Blick für eine umfassendere Idee einer solidarischen Stadt öffnen, die neben Organisationen und Projekten, die sich für die Rechte von Migrantinnen und Migranten einsetzen, auch Bewegungen umfasst, die sich für den Zugang zu bezahlbarem Wohnraum und die kollektive Nutzung städtischer Flächen, für Ernährungssicherheit und solidarische Landwirtschaft, für den Klimaschutz und eine nicht vom Auto dominierte Mobilität einsetzen.
Die Besonderheit und Stärke der Tour de Lorraine besteht nicht darin, theoretische Diskussionen in den Vordergrund zu stellen, sondern Projekte, Gruppen und Bewegungen bekannt zu machen und zu vernetzen, die bereits in der Stadt aktiv sind, und es neuen Initiativen zu ermöglichen, sich bekannt zu machen und zu wachsen. Die Solidaritätsparty während des Festivals zielt auch darauf ab, Mittel für die Finanzierung emanzipatorischer politischer und solidarischer Projekte zu generieren.
Während zwei Wochen mit Debatten, Filmen, Theateraufführungen, Konzerten und Workshops in verschiedenen städtischen Räumen schuf das Festival eine Art lebendigen Atlas einer Stadt, die mit neuen Formen der Gemeinschaft, der Koexistenz und der Solidarität experimentieren will, vom Güterladen bis zum Dock8, von der Reitschule bis zur Heitere Fahne, vom Stiftgarten bis zum Haus der Bewegungen.
Einer der Höhepunkte des Festivals waren die Mapping-Sitzungen (siehe Foto), die es ermöglichten, das dichte Netz von Basisinitiativen sichtbar zu machen, die an der solidarischen und ökologischen Stadt der Zukunft arbeiten. Ein Netzwerk, das schon heute an dem Projekt einer lebenswerten Stadt für alle arbeitet.