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Die Grafik, die Trump erklärt
Donald Trump ist zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt worden.
Was wird das aus geopolitischer, aus wirtschaftlicher, aus innenpolitischer Sicht bedeuten?
Die kurze, ehrliche Antwort: Wir wissen es nicht.
Trump ist nicht mit einem klassischen politischen Programm angetreten. Er hat keine detaillierten Pläne vorgelegt, wie er seine Wirtschaftspolitik gestalten wird, er hat nie konkret dargelegt, was es genau heisst, wenn er sagt, er werde von China «einen besseren Deal» verlangen oder die nordamerikanische Freihandelszone (Nafta) neu verhandeln.
Alles, was wir von Trump haben, sind erratische Aussagen, in Reden geäusserte Wortfetzen und eine Charakterstudie. Mehr nicht.
Wir werden sehen, wie er sein Kabinett bestücken wird. Wir werden sehen, wie er agiert, wenn er sich das erste Mal mit dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping trifft. Wir werden sehen, wie er handelt und entscheidet, wenn er mit einer aussen- oder innenpolitischen Krise konfrontiert ist.
All das werden wir, die Öffentlichkeit, die Weltfinanzmärkte, in den kommenden Monaten erfahren. Daher soll es in diesem Beitrag auch nicht um diese Fragen gehen.
Kein typisch amerikanisches Phänomen
Die andere Frage lautet: Wie konnte es überhaupt so weit kommen?
Auch hier ist die Antwort extrem vielschichtig. Der Impuls im nach eigener Einschätzung oft so aufgeklärten Europa ist es, das Wahlresultat als typisch amerikanisches Phänomen abzutun. Grossspuriges, lautes Auftreten kommt in der dortigen, etwas einfältigen Bevölkerung eben an.
Eine derartig oberflächliche Erklärung wäre extrem dumm.
Doch es gibt, extrem simplifiziert und reduziert, ein Phänomen, das den Sieg Trumps erklärt. Dieses Phänomen hat bereits in der Brexit-Abstimmung in Grossbritannien eine Rolle gespielt. Dieses Phänomen geht alle westlichen, offenen Demokratien etwas an.
Und dieses Phänomen lässt sich auf eine Grafik reduzieren. In meinen Augen ist es die wichtigste Grafik unserer Zeit:
Die Grafik stammt aus einer Studie und einem Buch des an der City University of New York lehrenden, serbisch-amerikanischen Ökonomen Branko Milanovic, die er unter dem Titel «Global Inequality – a new approach for the age of globalization» publiziert hat.
Mein Kollege Markus Diem Meier hat sich in diesem Beitrag eingehend mit den Erkenntnissen von Milanovic – sowie in diesem Beitrag auch mit der Kritik daran – befasst. Ich gehe an dieser Stelle daher nicht nochmals in dieser Detailtiefe darauf ein.
Doch die Wichtigkeit dieser Erkenntnisse darf nicht unterschätzt werden, daher hier nochmals kurz die Grafik erklärt:
Sie zeigt auf der vertikalen Achse die prozentuale Veränderung der realen Einkommen der Weltbevölkerung in der Zeit von 1988 bis 2008, also der Hoch-Zeit der Globalisierung.
Auf der horizontalen Achse ist die Weltbevölkerung nach Perzentilen dargestellt: ganz links die ärmsten Schichten, ganz rechts die reichsten.
Und nun schauen wir den Verlauf der Kurve an:
- Die absolut ärmsten Menschen auf der Welt (ganz links) haben keinen Einkommenszuwachs erlebt.
- Dann steigt die Kurve deutlich an und zeigt, dass breite Schichten der Weltbevölkerung in der untersuchten Zeit reale Einkommenszuwächse von 60 bis 80 Prozent erlebt haben: Das sind die Mittelschichten in aufstrebenden Ländern wie China, Brasilien, Indonesien, Mexiko etc.
- Nun springen wir kurz an das rechte Ende der Kurve: Auch dort sind die Einkommen real um bis zu 60 Prozent gestiegen: Das sind die absolut reichsten Menschen auf der Erde, die «One Percent».
- Augenfällig ist der Absturz der Kurve im Bereich zwischen dem 70. und dem 95. Perzentil: Das sind die unteren und mittleren Schichten der westlichen Industrienationen.
Die Verlierer der Globalisierung
Das ist das brutale Fazit aus Milanovics Arbeit: Die Mittelschichten in den westlichen, demokratischen Industrienationen haben in der Hoch-Zeit der Globalisierung keine realen Einkommenszuwächse erlebt. Noch schlimmer: Sie haben real sogar an Einkommen verloren.
Das sind die Verlierer der Globalisierung.
Sie wohnen nicht in New York oder San Francisco oder Shanghai oder Singapur oder São Paulo. Aber sie wohnen in den vernachlässigten Regionen der USA, Grossbritanniens, Frankreichs, Deutschlands, Italiens und, ja, auch der Schweiz.
Sie haben in ihrem subjektiven Empfinden nichts gehabt von den offenen Grenzen, von freiem Handel, von Personenfreizügigkeit, von einem mobil-globalen Lebensstil. Im Gegenteil: Sie haben verloren.
Und wenn diese Bevölkerungsschicht ein Ventil erhält, ihre Gefühle auf demokratischem Weg – sei es eine Wahl, sei es ein Referendum – kundzutun, dann tut sie es.
Sie tat es am 23. Juni 2016 in Grossbritannien. Sie tat es am 8. November 2016 in den USA. Sie wird es möglicherweise am 4. Dezember 2016 in Italien tun, wenn Ministerpräsident Matteo Renzi seine Verfassungsreform vor das Volk bringt. Sie wird es möglicherweise im kommenden Frühjahr auch in den nationalen Wahlen in Frankreich und den Niederlanden tun. Und sie wird es möglicherweise auch im Herbst 2017 in Deutschland tun.
Deshalb ist Trump kein rein amerikanisches Phänomen. Es ist ein Phänomen, das den gesamten demokratischen Westen betrifft.