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Picasso blau und rosa
„4 Milliarden Versicherungssumme. Sie werden ohnehin fragen, da sag ich es lieber gleich sofort“. So Sam Keller, Direktor der Fondation Beyeler in Riehen vergangene Woche vor versammelten Medienleuten und vor „Ehrengast“ Claude Picasso, Sohn Pablo Picassos und Françoise Gilots, Fotograf und Filmer, offizieller Nachlassverwalter für die Familienangehörigen und Verkäufer des Namens und des Schriftzugs „Picasso“ für den Citroën Xsara.
Und Sam Keller nannte weitere Superlative: Die grösste, teuerste, zeitraubendste Schau, die Beyeler je veranstaltet hat, 75 Werke von über 40 Leihgebern aus aller Welt, viele aus Privatsammlungen und kaum je gezeigt. Superlative auf Schritt und Tritt. Zum „Kultur-Highlight 2019“ erklärt die Fondation Beyeler die Ausstellung selbstbewusst und stolz, als gäbe es keine anderen Kultursparten als die klassische Moderne und keine andern Museen.
Auch wenn all das oder einiges davon stimmen mag: Ist damit das Wichtigste über „Der junge Picasso – Blaue und Rosa Periode“ gesagt? Ist nicht überhaupt alles bereits gesagt über Picassos Kunst und Leben in den Jahren 1901 bis 1907?
Pariser Künstler-Biotop
Als Zwanzigjähriger kam er 1901 nach Paris – jünger als heute ein Student oder eine Studentin beim Eintritt in die Kunsthochschule. Und er blickte bereits auf ein Jugendwerk zurück, sofern diese Bezeichnung angemessen ist: Tatsächlich gibt es ja Zeichnungen und Ölbilder, die ihn bereits mit 15 oder 16 als „erwachsenen“, realistischer Salonmalerei verpflichteten Künstler ausweisen – zum Beispiel „Die Erste Kommunion“ (1896) und „Wissenschaft und Nächstenliebe“ (1897), beide im Picasso-Museum in Barcelona, oder, gar schon 1894 und 1895, Porträt-Zeichnungen seiner Schwester und seines Vaters. 1901 dann das „blaue“ Porträt des Dichters Sabartés (Puschkin-Museum Moskau), im gleichen Jahr zwei fulminante Selbstporträts des Zwanzigjährigen (eines im Musée Picasso Paris, das andere in Privatbesitz) und ein Jahr später „Die zwei Schwestern“ (Eremitage St. Petersburg) und „La buveuse assoupie“ (Kunstmuseum Bern).
© Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich, Foto: © RMN-Grand Palais (Musée national Picasso-Paris) / Mathieu Rabeau
Was in diesen paar Jahren in Picassos Leben geschah, ist tatsächlich fast alles fein säuberlich aufgelistet, nicht nur all die noch so kleinen und beiläufigen Zeichnungen (von oft geradezu obszöner Erotik), die vom Genie des Jungkünstlers zeugen, sondern, mindestens in Norman Mailers eher klatschsüchtigem Buch „Picasso – Porträt des Künstlers als junger Mann“ (1995), auch jeder Schritt, jeder Flirt, jede Begegnung, jede Freundschaft im Pariser Künstler-Biotop. Vor existenziellen Katastrophen wie Suiziden von Künstlerfreunden blieb dieses Milieu, in dem, wiederum gemäss Mailer, auch Opium-, Alkohol- und andere Exzesse zum Alltag gehörten, nicht verschont. Es ist die Zeit, in der Picasso – mehr als seine Zeit- und Streitgenossen – aufbrach, die europäische Kunst zu revolutionieren.
Unabdingbar: Begegnung mit dem Original
Doch auch wenn alles bereits bekannt und gesagt ist: Für das Publikum heute entscheidender als alles andere ist die Begegnung mit dem Original. Sie allein macht das Erlebnis Kunst aus. Sie macht alles Übrige zur Anekdote, auch die von der Fondation stolz und selbstverliebt vorgebrachten Hinweis auf prestigereiche Superlative, die am Ende nur das Image bestätigen: Kunst ist teuer und einzigartig. Kunst ist Luxus. Teure Kunst ist die bessere Kunst. Als ob dies die einzige Welt der Kunst wäre.
The Detroit Institute of Arts, Vermächtnis von Robert H. Tannahill
© Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich
Foto: © Bridgeman Images
Trotz allem: Die Fondation Beyeler, und das ist ihr Verdienst, ermöglicht dieses Erleben von Picassos Kunst. Sie wird es aber zugleich auch erschweren, so paradox das klingen mag: Die von perfekt funktionierender Werbestrategie angelockten Besucherinnen und Besucher werden, das ist vorauszusehen, in Massen nach Riehen pilgern, sich bei Stosszeiten gegenseitig die Sicht auf die Werke rauben und das Erlebnis Kunst erheblich beeinträchtigen.
Wenn der Andrang geringer ist, und das ist zu Randzeiten vielleicht möglich, lassen sich die Werke aber unter ausgezeichneten Bedingungen betrachten. Kurator Raphaël Bouvier schuf in den hervorragenden Lichtverhältnissen der Räume Renzo Pianos eine ruhig atmende Atmosphäre, die zum Verweilen vor den Werken und zum Aufspüren der sinnlichen Qualitäten dieser Malerei einlädt: Die perfekte Ausstellung, die persönliche Begegnung mit dem Original, in dem die Persönlichkeit des Künstlers greifbar wird – wenn nur die anderen Kunstfreudinnen und Kunstfreunde nicht so zahlreich wären.
Schubladen?
„Blau“ und „Rosa“: So einfach in Schubladen versorgen lassen sich die Werke des jungen Künstlers und Kunst-Revolutionärs nicht. In vielen, aber beileibe nicht in allen Werken zwischen 1901 bis 1904 dominiert melancholisches Blau. Zu Beginn ist die Palette vielseitig. Manches verläuft in Bahnen, die Gaugin und andere, auch Toulouse-Lautrec, vorgespurt haben. Auch Rosa gilt keineswegs für alles, was Picasso zwischen 1904 und 1907 malte. Die Grundthemen bleiben sich über die ganze Zeitspanne weitgehend gleich: Picasso widmet sich den Menschen in ihrem Umfeld und ihren Lebenssituationen.
Er malt, was er in Paris und bei kürzeren Aufenthalten in Barcelona oder im Pyrenäen-Dorf Gósol sieht. Es geht ihm um Mütter mit Kindern, um Familien, um Harlekine und Akrobaten, um Saltimbanques bei beschaulichem Spiel und Tanz. Auch der dicke melancholische Clown fehlt nicht. Die Stimmung allerdings wechselt: Bis 1904 sind die Werke mehrheitlich düster oder depressiv. Picasso wendet sich Armen, hageren Bettlern, einsam am Bartischchen schlafend eingesunkenen Trinkerinnen und Prostituierten zu. Man mag von einem sozialkritischen Unterton reden.
Später kommt Lebensfreude auf: Nach 1904 und bis „Les Demoiselles d’Avignon“ (1907), dem kapitalen Aufbruch Picassos in die neue Welt des Kubismus, frischt sich die Atmosphäre auf und wird lyrischer, mitunter auch heiter und beschwingt, eben „rosa“. Einen ausgeprägten Hang zum Sentimentalen gibt es hier wie dort, und der macht, wenigstens teilweise, Picassos Werk dieser Zeit so populär.
Moskau, Staatliches Museum für Bildende Künste A. S. Puschkin
© Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich
Die chronologische Schau setzt ein mit dem höchst selbstbewussten „Yo Picasso“ („Ich Picasso) und der künstlerischen Selbstfindung Picassos nach seiner Ankunft in Paris. Es folgen die Bilder, in denen Picasso teils mit deutlichen Rückgriffen auf El Greco den Suizid seines Freundes Charles Casagemas verarbeitet, sowie zentrale Werke der Blauen Periode mit „La Vie“ von 1903 als Höhepunkt. Unter diesen und auch unter den Malereien von 1905 bis 1907 befindet sich manches, was längst Postkarten-Berühmtheit ist.
Die emotionale Wirkung ist beträchtlich: Eine Kunst, die alle trifft. Beispiele sind manche Harlekin-Szenen, „Femme à l’eventail“, „Les deux frères“ (das Werk wurde weltberühmt, weil die Basler Stimmbürger es 1967 per Volksentscheid fürs Museum ankauften), 1906 in Gósol entstanden, wie auch das anrührend zärtliche Bild „La Toilette“, zu dem Picassos damalige Lebensgefährtin Fernande Olivier Modell stand, und „Les Adolescents“. Diese Werke sind von besonderer Leichtigkeit und Anmut. Offensichtlich erlebte Picasso in den Pyrenäen glückliche Tage. Monochromes Rot und Ocker prägen diese Malereien. Der Farbauftrag ist von betörender und zugleich verhaltener Sinnlichkeit. In ihnen zeigt sich Picassos Hang zu zärtlicher Erotik, die im Spätwerk in ungestüme Heftigkeit umschlagen wird.
Das Rätsel „La Vie“
Besondere Aufmerksamkeit verdient das Grossformat „La Vie“ (1903, Cleveland Museum of Art). Glücklich, wer trotz des Besucherandrangs die Musse findet, seine Zeit dieser rätselhaften Komposition zu widmen, die auch die malerische Meisterschaft des 22-jährigen Picasso unter Beweis stellt. Das Bild gibt seine Geheimnisse nicht restlos preis: Links ein jugendliches Paar. Die nackte Frau schmiegt sich schutzsuchend an ihren nur mit einem Lendentuch bekleideten Gefährten. Rechts steht eine hagere Frau mit straff nach hinten gekämmtem Haar und einem Säugling im Arm. Dazwischen sehen wir ein Bild im Bild; es zeigt ein nacktes Paar, hilflos existenziellem Elend ausgesetzt, und darunter die Skizze einer kauernden, wohl schlafenden Frau.
Das Werk, das Picasso mit zahlreichen Studien und Skizzen vorbereitete und dessen Konzept er mehrfach abänderte, birgt Autobiographisches. Ursprünglich wollte der Künstler im Manne links sich selber zeigen, doch gab er der Figur schliesslich das Aussehen seines zwei Jahre zuvor aus dem Leben geschiedenen Freundes Carlos Casagemas. Manche Autoren identifizieren die nackte Frau als Germaine Florentin, um die Casagemas erfolglos warb. Der junge Mann distanziert sich von der Mutter-Figur mit einer gezierten Geste, die ans Detail eines Gemäldes von Correggio erinnert. Steht rechts Picassos Mutter, auf dem Arm ihre im Kindesalter verstorbene Tochter?
Zeigt Picasso einen Lebenszyklus oder die Selbstfindung des Künstlers – hätte er dem jungen Mann seine eigenen Züge gegeben, wie ursprünglich geplant, das Wachsen seines eigenen Künstler-Egos? Vielleicht berührt „La Vie“ gerade deswegen, weil es sich abschliessenden Deutungen entzieht.
Fast der „ganze“ Picasso
Parallel zu “Der junge Picasso – Blaue und Rosa Periode“ zeigt die Fondation Beyeler bis zum 5. Mai ihre über 30 Werke umfassende Sammlung von Werken Picassos, Gemälde, Papierarbeiten und Skulpturen vom Frühkubismus bis zum Spätwerk sowie mehrere wertvolle Dauerleihgaben. In der Fondation Beyeler sind damit für die nächsten Monate ausschliesslich Werke dieses Künstlers zu sehen.
Silbergelatineabzug auf Papier, 12 x 8,9 cm
Musée national Picasso-Paris
Fondation Beyeler Riehen, bis 26. Mai
www.fondationbeyeler.ch
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