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Psychoscope-Blog – Widerstand als normale Phase
Ist Widerstand ein Hindernis für die Behandlung oder ein integraler Bestandteil der Intervention? In einer neuen Studie wurde die Wahrnehmung der Therapeuten bei der Behandlung von Patienten untersucht, bei denen Hilfe angeordnet worden war. Ziel dabei war, besser zu verstehen, wie die Behandlung vereinfacht werden könnte. Hierfür wurden semistrukturierte Gespräche mit sieben Mitarbeitenden einer Organisation geführt, die männliche häusliche Gewalttäter begleiten. Die Ergebnisse zeigen, dass die Therapeuten ein Vertrauensverhältnis aufbauen, das Misstrauen und die Abwehrreaktionen reduzieren und damit eine therapeutische Beziehung aufbauen können, wenn sie sich des Problems bewusst sind und auf ihre soziale Kompetenz zurückgreifen (aktives Zuhören, Empathie, Authentizität, Kongruenz).
Was ist Widerstand?
Widerstand entsteht, wenn eine Person zum Handeln gezwungen wird. Der Prozess wird von folgenden Faktoren bestimmt: Druck von aussen (ungewollt konsultieren zu müssen, kann das Gefühl der Ungerechtigkeit hervorrufen) Männliche Sozialisierung (Männer müssen stark sein, und um Hilfe zu bitten, bedeutet abhängig zu sein, Schwäche zu zeigen und Risiken einzugehen) Soziale Repräsentation (Selbstwahrnehmung, Wertschätzung der Gesellschaft, Angst vor Verurteilung) Trauma und Bindungsstörung (die Täter sind häufig selbst traumatisiert, und mit dem Gefühl des Zwangs können diese Traumata wieder an die Oberfläche gelangen) Die Scham und die mit dem Konsultationsprozess verbundene Angst lösen Aggressivität aus (Beschuldigungen, Vorwürfe, Wahrnehmung des anderen als urteilend etc.). Dass die ausgeübte oder erlittene Gewalt angesprochen werden muss, kann auch einen dissoziativen Zustand gegenüber den erlebten Affekten auslösen, der vom Therapeuten als Verleugnung oder Mangel an Empathie ausgelegt werden kann. Laut der Studie kann der Widerstand gegen die Beratungsleistungen steigen, je mehr psychosoziale und körperliche Risikofaktoren bei den Männern vorhanden sind.
Aus den semistrukturierten Gesprächen ergab sich, dass Widerstand in verschiedenen Formen und in verschiedenen Prozessphasen auftritt: Verweigerung, Verharmlosung des Sachverhalts, Rechtfertigung, Rationalisierung, Beschuldigung des Opfers, nonverbaler Widerstand (verschränkte Arme, Augenrollen, Seufzen etc.), Arroganz usw. Es gibt auch passive Widerstandsformen (Nichterscheinen zum Termin, Verspätung, Ablehnung von Zielfestlegungen, Kritik an den Werkzeugen oder an der Kompetenz der behandelnden Person etc.). Ein weiteres wichtiges Element ist die Täterwahrnehmung der Organisation, von der «er gezwungen wird»: als eine Art rechte Hand der Justiz oder aufgrund schlechter Erfahrungen in der Vergangenheit als eine urteilende und moralisierende Instanz.
Ein Vertrauensverhältnis aufbauen
Um diesen Widerstand abzubauen, sind die Haltung und die Sicht der behandelnden Person auf das Problem ausschlaggebend. Es darf nicht vergessen werden, dass bei dem Mann ein Verantwortungsbewusstsein in Bezug auf die von ihm begangene Tat geschaffen werden soll. Aber um die Anerkennung des Täters und eine Verhaltensänderung zu erreichen, müssen zunächst mithilfe eines Vertrauensverhältnisses die Widerstände abgebaut werden. Dies ist mit den Werkzeugen der Sozialkompetenz möglich. Es wirkt unterstützend, den Rhythmus der Person zu respektieren, vorurteilsfrei mit ihr zu arbeiten, möglichst keine Veränderung aufzudrängen und zum Nachdenken anzuregen. Werden die Beobachtungen und Eindrücke ausgetauscht oder die Widerstände sogar direkt angesprochen, ohne dass das Kräfteverhältnis einfliesst, dann kann dies die Widerstandsdynamik tendenziell abschwächen, die als legitim und Teil des Prozesses anerkannt und nicht als hindernd betrachtet werden sollte.
Auch der therapeutische Rahmen beeinflusst den Aufbau der Beziehung. Die Befragten wiesen darauf hin, dass die Beziehung dem Bedarf der Männer entsprechen muss (äussere Aspekte der Einrichtung) und es wichtig ist, diesen ab dem ersten Telefonkontakt freundlich zu begegnen. Auch Informationen über die Organisation zu geben, kann den Männern die Angst nehmen. Darüber hinaus ist es wichtig, klar den Kontext der Behandlung und ihre Grenzen anzusprechen. In der Studie werden auch ein respektvoller Empfang und eine offene Haltung als grundlegende Elemente der Intervention genannt. Das aktive Zuhören muss Teil der psychosozialen Beurteilung sein. Es ist notwendig für den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses. Dasselbe gilt für die Berücksichtigung der Scham, die von den konsultierenden Männern empfunden wird. Das Gefühl der Angst davor, verurteilt und abgestempelt zu werden, kann bestimmte Reaktionen erklären und muss anerkannt werden.
Deswegen ist ist es stichhaltig, den Widerstand als normale Prozessphase zu betrachten und zum Aufbau einer therapeutischen Beziehung an dessen Abbau zu arbeiten. Erst danach kann mit der Kokonstruktion von Zielfestlegungen konkret an der Gewalt gearbeitet werden (Auslöser, Überzeugungen, Sinn, Traumata, Verständnis für die Verhaltensweisen und Veränderungen). Wenn vorher keine Beziehung aufgebaut wird, ist die Konfrontation ein kontraproduktives Mittel. Den Widerstand als integralen Bestandteil der Intervention anzusehen bedeutet, über die Praxis der Behandelnden nachzudenken, deren Haltung der Schlüssel zu einer erfolgreichen therapeutischen Begegnung ist.
Studie
- Deslauriers, J.-M., Fortin, A. & Joubert, D. (2020). Apprivoiser les résistances en intervention auprès d’hommes en contexte d’aide contrainte. Criminologie, 53(1), 367-395. https://doi.org/10.7202/1070514ar