Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03165.jsonl.gz/2147

Der Filmregisseur Franz Schnyder wäre am 5. März 100 Jahre alt geworden. Der erfolgreichste Schweizer Filmemacher aller Zeiten versuchte mehrmals, vom Heimatfilmer-Image wegzukommen – vergeblich. Sein Leben endete tragisch. Ein Weggefährte erinnert sich.
Wenn Sonntagnacht die diesjährigen Oscars verliehen werden, wird US-Starregisseur James Cameron ("Titanic", "Avatar") seiner Sammlung wohl das eine oder andere Goldmännchen hinzufügen können. Kein anderer hat es je geschafft, so viele Menschen ins Kino zu locken.
Kein anderer? Nein, ein Schweizer hat ihn geschlagen, wenn auch nur im eigenen Land: Mit der Verfilmung von Jeremias Gotthelfs "Geld und Geist" hat Franz Schnyder es 1964 geschafft, über 2,5 Millionen Schweizerinnen und Schweizer in die Lichtspiele zu bringen, mehr als "Titanic" anziehen konnte.
Obwohl die Schaffensjahre des Regisseurs von "Gilberte de Courgenay" und "Ueli, der Knecht" schon lange zurückliegen, gilt der vor 100 Jahren geborene Burgdorfer auch heute noch als ungeschlagener König des Schweizer Kinos.
Bereits mit seinem ersten Werk, "Gilberte de Courgenay", hatte "der Mann mit der Zipfelmütze" 1941 mitten im Zweiten Weltkrieg einen Grosserfolg verbuchen können. Über eine Million Menschen sahen den Film über die couragierte junge Frau, der einen wesentlichen Beitrag zur geistigen Landesverteidigung leistete.
Langjährige Freundschaft
Mit "Ueli, der Knecht" drehte Schnyder 1954 seinen heute wohl bekanntesten Film. Der Berner Musiker und Schauspieler Pierre Tagmann, alias Peter Markus, spielte damals den bösen Melker. Eigentlich war er zuerst als Hauptfigur Ueli vorgesehen, doch neben Heinrich Gretler war er bei Probeaufnahmen schlicht zu gross.
"Schnyder und ich sind bei den Dreharbeiten aneinandergeraten", sagt Tagmann im Gespräch mit swissinfo.ch. "Er hat sich nicht ganz vertragskonform verhalten (lacht)."
Der Melker sollte bei einer Schlägerei in einen Brunnentrog geworfen werden. Doch der Dreh zögerte sich hinaus, es wurde nach Mitternacht, bis Tagmann in den eiskalten Trog getaucht wurde. "Das war dann der Beginn unserer Freundschaft. Sie endete in der letzten Woche seines Lebens."
Der heute 86-jährige Musikgeschichts-Professor wirkte seit "Ueli" in fast allen Schnyder-Filmen in diversen wichtigen Nebenrollen und einer Hauptrolle im Film "Der Sittlichkeitsverbrecher" mit. Franz Schnyders "Bösewicht vom Dienst" erinnert sich, dass es auf dem Set nicht immer einfach war.
"Er hatte schon etwas sado-masochistisches, extrem gesprochen. Er hat einen gern ein bisschen in die Ecke getrieben oder sich lustig gemacht. Aber das war nie bösartig gemeint."
Doch Tagmann stellt klar, dass Schnyder als Filmer ein Vollprofi war: "Er war ein sehr guter Regisseur, der allerdings ein bisschen zum Extrem tendierte, immer so ein bisschen einen verführt hat zu extremen Formulierungen, zu Grimassen. Das ist der Einfluss des expressionistischen Theaters der 20er-Jahre. Das hat er nie ganz abgelegt."
Erfolglos mit Politischem
Der Erfolg sollte ihm Recht geben. Ein Erfolg allerdings, der ihm in der Schweiz nicht überall gegönnt wurde. Für viele galt er als rückständiger Heimatfilmer. Pierre Tagmann verteidigt ihn: "Er hat ja immer sehr aufgepasst, dass man diese Gotthelf-Filme nicht in die Nähe der kitschigen deutschen Heimatfilme bringt. Das wollte er unter keinen Umständen."
Schnyder hatte auch versucht, andere, politisch provokativere Filme zu realisieren. So hatte er mitten in den grössten Kriegswirren 1943 den Film "Wilder Urlaub" über einen Deserteur gedreht. Doch der Film fand sein Publikum nicht – und Schnyder 10 Jahre lang keine Produktionsfirma mehr.
Auch ein zweiter "Ausbruchsversuch" aus dem Emmentaler Genre, "Der 10. Mai" (1957), der sich kritisch mit der Schweizer Haltung im Zweiten Weltkrieg auseinandersetzte, sollte floppen. Tagmann spielte in diesem Film eine kleinere Nebenrolle. "Das war ein ausgezeichneter Film, fand aber hier einfach kein Publikum", erzählt er.
Das liebe Geld
Schnyder wandte sich wieder der Heimatbühne zu, mit der er beim Publikum erfolgreicher war. Im Dokumentarfilm "FRS – Das Kino der Nation" von Christoph Kühn (1984) analysierte er lakonisch: "Das Kino muss die gesamte Bevölkerung der Schweiz erfassen. Sonst sind diese Filme in der Schweiz kein Erfolg. Danach muss man sich richten. Sie können den Leuten doch nicht eine homosexuelle oder lesbische Geschichte vorlegen und erwarten, dass die Bauern den Film anschauen gehen. Das ist ausgeschlossen."
Trotzdem glaubt Tagmann nicht, dass Schnyder ein Gefangener dieses Genres geworden ist, "weil er eigentlich nie Geld gemacht hat mit diesen Filmen. Das ist eigentlich das Traurige".
Die Suche nach Geldgebern setzte Schnyder auch immer mehr zu. "Er hat immer darunter gelitten, dass man ihm zu wenig Geld gegeben hat für seine Filme. Er kam sich immer benachteiligt vor", so Tagmann.
Nach der 13-teiligen TV-Serie "Die 6 Kummerbuben" 1968 wird Schnyder nie mehr filmen. Zu gross ist der Groll auf Filmförderer und jüngere Filmer. Vor der Kamera hat er 1984 im erwähnten Dokumentarfilm seinen letzten grossen Auftritt.
Zudem lebt er auf zu grossem Fuss. "Dieses etwas Hochfahrende kam erst zum Schluss seines Lebens", sagt Tagmann. "Er war eigentlich ein bescheidener Mensch." Schliesslich sei er "in den Schulden fast erstickt" und sein Zwillingsbruder Felix habe ihm unter die Arme greifen müssen.
Nachdem er in Burgdorf wegen einer ihm verkauften Rembrandt-Fälschung mit geladener Pistole in der betroffenen Galerie erschienen war, wurde er in die psychiatrische Klinik Münsingen eingeliefert. "Die Polizei hat gesehen, dass er ein kranker Mann war", erklärt Pierre Tagmann.
Sein letztes grosses Projekt, ein Film über Pestalozzi, den er in Münsingen fertig skizziert, wird nie realisiert. Zwar waren die Japaner interessiert; sie bestanden aber darauf, dass ein Japaner Pestalozzi spielen sollte. Das kam für Schnyder nicht in Frage. Er starb 1993 mit 82 Jahren an einer Lungenembolie.
Christian Raaflaub, swissinfo.ch
Franz Schnyder
Geboren am 5. März 1910 in Burgdorf, zusammen mit Zwillingsbruder Felix
Schauspielausbildung und erste Auftritte und Regiearbeit in Deutschland
1939 Rückkehr in die Schweiz aus politischen Gründen
Regie an Schauspielhäusern in Zürich, Bern, Basel
Seit 1941 im Filmgeschäft tätig
1968 Rückzug aus dem Film
1993 stirbt er 82-jährig in Münsingen an einer Lungenembolie
Bekannteste Filme
1941: Gilberte de Courgenay
1942: Das Gespensterhaus
1943: Wilder Urlaub
1954: Ueli, der Knecht
1955: Heidi und Peter
1955: Ueli, der Pächter
1956: Zwischen uns die Berge
1957: Der 10. Mai
1958: Die Käserei in der Vehfreude
1960/62: Annebäbi Jowäger, Teil I und II
1963: Sittlichkeitsverbrecher
1964: Geld und Geist
1968: Die 6 Kummerbuben
(Quelle: IMDB)