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Einmal jährlich ein Freundschaftsspiel gegen die nordkoreanische Eishockey-Nationalmannschaft. So verrückt diese Idee auch klingt, sie ist seit zwei Jahren Realität. watson hat sich mit dem Gründer dieses Projekts und einem Hockey-Touristen unterhalten. Zwei Gespräche über ein überraschend gutes Team und die Zusammenarbeit mit einem der geheimnisvollsten Länder dieser Welt.
«Ich war in Nordkorea, um Eishockey zu spielen. Doch, wirklich.» Diese Überschrift hat Alex Frecon dem Video zu seiner einzigartigen Erfahrung gegeben. Alex stammt aus Minnesota, ist ein riesiger Hockey-Fan und im Frühling dieses Jahres hat er die speziellste Reise seines Lebens absolviert. Mit der «Howe International Friendship League» flog er nach Nordkorea und spielte Eishockey gegen die dortige Nationalmannschaft.
Alex Frecon, wie kamen Sie auf die Idee, in Nordkorea Eishockey zu spielen?
Alex Frecon: Das geschah ziemlich zufällig. Ich wollte schon immer in einem fremden Land Eishockey spielen, seit ich ein Video von einem Typ sah, der in Nigeria eine Nationalmannschaft aufbaut. Auf Reddit sah ich dann einen Link, bei dem es hiess: «Willst du in Nordkorea Eishockey spielen?». Ich hielt es für einen Witz, schliesslich macht das ja niemand. Wie sich herausgestellt hat, war es kein Witz.
Und dann haben Sie sich spontan entschieden, dort mitzureisen?
Nein, überhaupt nicht. Ich wollte zuerst nicht gehen. Schliesslich ist es Nordkorea, man hat viele Vorurteile über dieses Land. Aber die Neugier hat gesiegt. Ich schickte der «Howe Friendship League» einige Emails. Sie beantworteten jede einzelne meiner Fragen. Am Ende waren es etwa 74 Mails und ich habe mich entschieden, auf diese Reise zu gehen.
Und was stand in diesen 74 Mails, dass Sie sich gesagt haben: «Das ist eine coole Sache. Ich will dorthin»?
Ich sorgte mich nie darüber, wie cool es sein würde. Meine Sorgen waren anderer Natur: Wie ist es als Amerikaner in Nordkorea? Was ist erlaubt, was nicht? Kann ich meine Kamera mitbringen? Ich glaube, es gab keinen spezifischen Punkt, an dem ich meine Meinung geändert habe. Je mehr Fragen Scott Howe, der Gründer des Projekts, mir beantwortet hat, desto überzeugter war ich. Mitentscheidend war, dass ich meine GoPro-Kamera mitnehmen und filmen durfte. Dadurch habe ich nicht nur eine einmalige Erfahrung, sondern auch noch etwas, dass ich nach Hause nehmen und meiner Familie und meinen Freunden zeigen kann.
Wie haben die Leute um Sie herum reagiert, als Sie ihnen von der Reise erzählt haben?
Ich sagte nur zwei engen Freunden vor der Reise, wo ich hingehe – aus Sicherheitsgründen. Ich habe sie informiert, was sie tun sollten, falls sie nichts mehr von mir hören. Dem Rest, auch meiner Familie, habe ich gesagt, dass ich nach China gehe, da wir sowieso zuerst nach Peking flogen.
Und wie waren die Reaktionen bei Ihrer Rückkehr?
Meine Freunde waren alle sehr überrascht und ich erhielt gemischte Reaktionen. Einige zeigten überhaupt kein Interesse und wollten nicht darüber sprechen. Andere wollten alles wissen und löcherten mich mit Fragen. Nordkorea ist ein heikles Thema, jeder hat eine Meinung dazu. Das war spürbar bei den Reaktionen meiner Freunde.
Wie hat die Familie reagiert?
Das war nochmals eine andere Geschichte. Sie sorgten sich vor allem um meine Sicherheit. Natürlich waren sie erleichtert, dass ich gesund wieder nach Hause kam. Aber sie waren nicht wirklich erfreut über die Aktion.
Wechseln wir zum Eishockey. Wie gut ist die nordkoreanische Hockey-Nationalmannschaft? Kann man sie mit irgendeiner anderen Mannschaft vergleichen?
Als ich zurückkam, habe ich mich gefragt, wie ich das am besten beschreiben kann. In den USA gibt es drei Stufen von College-Eishockey. In der obersten Stufe spielen die besten Spieler, die zukünftigen Nationalspieler. Ich ging auf eine Schule, die ein Team der dritten und untersten Stufe hatte. Das nordkoreanische Team erinnerte mich am ehesten an ein schwächeres Team aus dieser dritten Division.
Und wie haben sich die Nordkoreaner gegen Euch geschlagen?
Sie waren viel besser, als ich das zuerst angenommen habe. Sie spielten sehr organisiert und diszipliniert. Man merkte, dass sie jeden Tag trainieren. Ihr Passspiel war grossartig. Zudem spielen viele unserer Spieler – mich eingeschlossen – nur aus Spass ab und zu Eishockey. Am Ende verloren wir mit 1:16.
In Ihrem Video beschreiben Sie, wie sich die Nordkoreaner veränderten, sobald die Teams durchmischt wurden. Können Sie das genauer beschreiben?
Das war einer der besten Momente des Trips. Am Anfang waren sie noch sehr reserviert. Als wir dann zum ersten Mal in gemischten Teams spielten, lief ich von der Garderobe raus zu unserer Spielerbank. Mein Team – bestehend aus Nordkoreanern und Ausländern – begann sofort, sich abzuklatschen. Es gab sogar etwas wie Trashtalk auf Koreanisch. Zwei Spieler wollten unbedingt mit mir in einer Linie spielen. Auf dem Eis versuchten sie immer, dass wir die Tore schiessen und haben uns die ganze Zeit mit perfekten Pässen versorgt.
Hat es geklappt? Haben Sie getroffen?
Ich habe einige grossartige Pässe erhalten. Leider waren ihre Torhüter sehr stark. Ich habe kein Tor erzielt. Immerhin für einen Assist hat es gereicht.
Sprachen die Spieler Englisch?
Einige konnten ein paar Brocken. Wir kommunizierten durch Handgesten und wenige Wörter. Meistens brauchten wir aber unsere Reiseführer als Übersetzer.
Nordkorea ist ein Land, über das im Westen nicht viel bekannt ist. Was hat Sie bei Ihrer Reise am meisten überrascht?
Den grössten Teil unseres Trips verbrachten wir in der Hauptstadt. Dort war alles sehr modern. Ich weiss aber, dass der Rest des Landes bei weitem nicht gleich modern ist. Mich überraschte die Architektur der Stadt. Es war alles sehr hell und farbig. Eine solche Architektur habe ich sonst noch nirgends gesehen.
Wie verhielten sich die Einwohner Ihnen gegenüber?
Am meisten überraschte mich ihre Offenheit. Die Bewohner von Pjöngjang suchten das Gespräch – auch mit mir, einem Amerikaner. Alle waren immer höflich und interessiert. Als ich einmal nach dem Mittagessen zum Auto lief, rannte eine Gruppe von Schulkindern an mir vorbei. Sie riefen mir auf Englisch «Hello» zu, nur um dann kichernd davon zu rennen. Dieser kindliche Humor, der bei uns so alltäglich ist, hat mich dort verblüfft.
Wie reagierten die Nordkoreaner auf Sie als Amerikaner?
Ich wurde immer gefragt, ob ich von Kalifornien bin (lacht). Die Nordkoreaner waren sehr neugierig. Sie fragten mich, ob ich schon in Washington D.C. und New York war und wie diese Städte so sind. Ich durfte ihnen Hip Hop zeigen, was in Nordkorea nicht sehr bekannt ist.
Haben Sie sich je wie ein Puzzleteil in der nordkoreanischen Propagandamaschine gefühlt?
Ja, dieses Gefühl hatte ich. Wir hatten ein Kamerateam, das uns die ganze Zeit gefolgt ist. Es hiess, es war für das nationale Fernsehen. Man kann sich dann etwa vorstellen, wie der Bericht aussieht: «Diese Touristen spielten gegen unser Hockey-Team und wir haben sie gedemütigt.»
Wurde Ihnen vorgeschrieben, was Sie in ihrem Video zeigen und sagen dürfen?
Ich war extrem vorsichtig und wollte nichts riskieren. Jedes Mal, wenn ich meine Kamera hervorgeholt habe, habe ich nachgefragt, ob es wirklich in Ordnung ist, zu filmen. Es ist beispielsweise verboten, das Militär zu filmen. Auch gewisse Monumente durfte ich nicht zeigen. Aber sonst hatte ich eigentlich eine «Carte Blanche».
Hatten Sie nie Angst während der Reise?
Doch. Als wir in Pjöngjang ankamen, hatte ich Angst, weil ich Amerikaner bin. Ich hatte keine Ahnung was passieren wird, wie die Leute auf mich reagieren. Mir wurden die Vorurteile über Nordkorea praktisch in die Wiege gelegt. Aber sobald ich mich ein wenig an die Situation gewöhnt und mit unseren Reiseführern gesprochen hatte, legte sich das.
Sehen sie das Land Nordkorea jetzt mit anderen Augen?
Ja und nein. Das Land sehe ich nicht wirklich anders, dafür aber die Leute, die Nordkoreaner. Die Geschichte, die ich erzählen möchte, ist eine Geschichte der Menschen. Wie höflich und interessiert die Leute sind, das beeindruckte mich am meisten. Ich habe erwartet, dass die Leute roboterhaft und anti-amerikanisch eingestellt sind. In Wirklichkeit traf ich Menschen, mit denen ich viel gemeinsam habe. Der einzige Unterschied ist unser Geburtsland.
Welchen Einfluss hat Sport in politisch Angespannten Gebieten?
Einen riesigen Einfluss. Sport ist ein grossartiger Weg, um Menschen aus fremden Kulturen kennen zu lernen. Wenn die Präsidenten der Länder dieser Welt einfach zusammen Sport treiben würden, wäre die Welt ein freundlicherer Ort.
Diesen positiven Einfluss des Sports will auch Scott Howe nützen. Scott ist der Gründer und Geschäftsführer der «Howe International Friendship League». Einmal im Jahr veranstaltet er mit seiner Organisation Freundschaftsspiele mit und gegen die nordkoreanische Nationalmannschaft.
Scott Howe, wie kamen Sie auf die Idee, in Nordkorea ein Eishockey-Freundschaftsspiel zu veranstalten?
Scott Howe: Ich war schon in Nordkorea als Tourist. Das hat mich noch neugieriger gemacht, als ich es sonst schon war. Ich kehrte zurück mit einer Organisation aus Singapur. Bei dieser Reise kamen wir am Eisstadion von Pjöngjang vorbei – das übrigens ein sehr cooles Gebäude ist, es hat die Form eines Huts. Man erklärte mir, dass Nordkorea über ein Nationalteam verfügt. Gemeinsam mit meinen Kollegen, dachte ich, ein Eishockeyspiel wäre eine gute Gelegenheit, um eine Zusammenarbeit in die Wege zu leiten.
Sie konnten wohl kaum einfach vorbeigehen und sagen: «Hallo, ich möchte gerne gegen euer Hockey-Nationalteam spielen»?
Es war viel einfacher, als ich das erwartet habe. Ich habe eine Projektbeschreibung zusammengestellt und diese gewissen Leuten vom Sportministerium und dem Ministerium für Tourismus zukommen lassen. Sie hielten es auch für eine gute Idee.
Sie mussten niemanden bestechen?
Nein. Ich war selbst ein wenig geschockt, wie einfach der Prozess ablief und wie offen das Land gegenüber solchen Projekten ist. Wir haben nur wenige Einschränkungen. Die meisten davon betreffen die Darstellung der politischen Führung der Republik. Was das Eishockey angeht, dürfen wir alles filmen und alles genau so erzählen, wie es passiert.
Was war der nächste Schritt?
Ich musste nur noch Hockeyspieler suchen, die bei einem Freundschaftsspiel in Nordkorea mitmachen wollten. Am Ende waren es 17 Spieler – die eine Hälfte Kanadier, die andere US-Amerikaner – dann reisten wir dorthin und spielten gegen das Nationalteam Nordkoreas.
Eishockey ist aber nicht Ihre einzige Beschäftigung. Ihr Projekt unterstützt Menschen mit geistigen Behinderungen in Nordkorea. Was ist Ihr Ziel?
Wir wollen eine Zusammenarbeit, frei von Politik. Das war von Anfang an unser Ziel. So kann es uns gelingen, Gemeinsamkeiten zu finden. Nordkorea hat erst kürzlich die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben. Das Land hat damit begonnen, konkrete Schritte für die Verbesserung der Situation von Menschen mit Behinderungen zu machen.
Und Ihre Organisation hilft dabei?
Ja. Mein Vater arbeitete für die Special Olympics. Gemeinsam mit ihm habe ich überlegt, wie wir mithelfen können. Wir versuchen Sportteams aufzubauen, die irgendwann an paralympischen Wettbewerben teilnehmen können. Wenn es uns gelingt, die Talente und Fähigkeiten von Leuten mit geistigen Behinderungen hervorzuheben, dann gibt es ihnen die Möglichkeit, einen Platz in der Gesellschaft Nordkoreas zu finden.
Arbeiten sie mit den nordkoreanischen Behörden zusammen?
Ja. Wir arbeiten gemeinsam mit dem Sportministerium und dem Ministerium für Aussenpolitik. Sie sorgen dafür, dass wir die Erlaubnis haben, Orte zu besuchen und organisieren Transporte von A nach B.
Wie ist die Situation für Menschen mit geistigen Behinderungen in Nordkorea?
Es gibt mehrere internationale Organisationen, die in diesem Bereich arbeiten und Unterstützung bieten. In der koreanischen Kultur werden geistige Beeinträchtigungen oft als «karmische Strafe» angesehen. Die Leute glauben, dass behinderte Menschen in einem früheren Leben eine Untat begangen haben. Das führt dazu, dass diese Menschen oft aus dem Alltag ausgeschlossen werden.
Welche Auswirkungen hat das?
Das ist schwierig zu sagen, weil es in Nordkorea noch keine Statistiken darüber gibt. Aber als Beispiel: In Kanada lebt ein Mann mit einer geistigen Beeinträchtigung etwa 12 Jahre kürzer als einer ohne Beeinträchtigung, eine Frau gar 20 Jahre. Dies in einem Land, in dem die Gesundheitsversorgung hervorragend und gratis ist. Deshalb ist es wichtig, dass die Unterstützung in diesem Land weiter ausgebaut wird.
Wie haben die Menschen in Nordkorea auf Ihr Projekt reagiert?
Es gibt da eine Geschichte, die für mich herausragend ist. Beim ersten Besuch unserer Organisation gingen wir in eine Schule für Kinder mit geistigen Beeinträchtigungen. Und einer unserer nordkoreanischen Begleiter hatte die ganze Zeit einen seltsamen Ausdruck in seinem Gesicht. Als ich später mit ihm sprach, sagte er mir, er habe bis zu diesem Tag noch nie eine Person mit Beeinträchtigungen gesehen. Er war ein etwa 50-jähriger Regierungsarbeiter.
Ist das üblich?
Ja, das ist noch sehr verbreitet. Die Leute sind sich einfach nicht daran gewohnt. Aber wenn ich mit Bewohnern von Pjöngjang spreche, erzählen sie mir, dass sie immer mehr beeinträchtigte Personen im Alltag antreffen. Man sieht auch immer öfter Zeichensprache und ähnliche Dinge.
Gab es kein Misstrauen gegenüber Ihnen als westliche Person und Organisation?
Nein, gar nicht. Man muss einfach immer sehr transparent sein und seine Absichten offen legen. Ich hatte nie das Gefühl, dass man mir nicht traut.
Zuletzt gab es wieder politische Zwischenfälle betreffend Nordkorea und dem Westen, insbesondere den USA. Erwarten Sie, dass sich Ihre Arbeit deshalb verändert?
Eigentlich kommentieren wir mit unserer Organisation die politische Lage nicht. Das wäre kontraproduktiv. Ich glaube aber, dass wir in den nächsten Jahren viel weniger Gäste aus den USA mit auf unseren Reisen haben werden. Einige Leute, die bereits gebucht haben, sind wieder abgesprungen.
2018 findet das nächste Spiel in Nordkorea statt. Worauf freuen Sie sich am meisten?
Die Spieler wieder zu sehen. Es kommt nicht oft vor, dass man die Chance hat, eine Beziehung zu Nordkoreanern zu entwickeln. Einige Spieler brachten jeweils ihre Kinder zu den Spielen mit. Mit diesen Menschen wieder sprechen zu können, darauf freue ich mich.