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Tempel des Vespasians auf dem Forum in Rom, gebaut mit der von ihm erfundenen Latrinensteuer. (Bild: CC-Lizenz, Rabax63)
«Quidquid agas, prudenter agas et respice finem.»
«Was auch immer du tust, handle klug und bedenke das Ende», ist eigentlich eine ziemlich banale Aufforderung. Die meisten von uns würden von sich behaupten, genau das andauernd zu tun. Das Problem liegt aber darin, dass sich das «Ende» in der Zukunft befindet und dem Bedenkenden nie alle Informationen vorliegen, um das Ende in all’ seinen Facetten zu bedenken. Dies trifft besonders in Krisenzeiten zu, fragen Sie einmal Bundesrat Alain Berset.
Was also tun? Man kann das Informationsdefizit mindestens teilweise beheben, indem das «Ende» nicht alleine bedacht wird, sondern zusammen mit anderen Personen. Man kann sich dazu – und das ist gemäss dem Historiker Niall Ferguson eine «Killer-App» des Westens (Link, später entstand daraus das Buch «Der Westen und der Rest der Welt») – der Wissenschaft bedienen (vorausgesetzt, die Wissenschaft schafft Wissen und nicht nur Schlagzeilen). Fast noch wichtiger ist aber, dass mehrere Bedenker unabhängig voneinander das «Ende» bedenken und aus unterschiedlichen Antworten unterschiedliche Handlungen ableiten. Auch dieses «Trial and Error» ist erfolgreicher Teil des Aufstiegs der westlichen Zivilisation. Es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass einer tatsächlich, das heisst im Rückblick, klug gehandelt hat und ein gutes «Ende» für alle herausgekommen ist, sodass sich die Handlungen kopieren lassen.
Die Überlegungen der Vielen sind den noch so wissenschaftlich berechneten Bedenken der Wenigen in jedem Falle überlegen, wie Friedrich Hayek es sehr genau wusste (beispielsweise hier). Deshalb sind Non-Zentralismus – als Wettbewerb der Kantone und Gemeinden – und eine freie, wettbewerbliche Marktwirtschaft, mit geringen Eintrittsschwellen für immer neue Bedenker, die «das Ende» besser bedenken, erfolgreicher als Zentralismus und Monopol.
Das Sprichwort selber stammt aus den Goldenen Sprüchen des Pythagoras, dem griechischen Philosophen, der im 6. Jahrhundert vor Christus lebte und griechisch sprach, nicht das unzivilisierte Latein. In seiner lateinischen Form taucht es in der in Europa weitverbreiteten Exempelsammlung «Gesta Romanorum» (dt. «Die Taten der Römer») in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts auf.
«Pecunia non olet.»
«Geld stinkt nicht», das sagte angeblich der römische Kaiser Vespasian, als er eine Latrinensteuer auf öffentliche Toiletten erhob. Sein Sohn Titus hatte sich darüber beschwert, musste dann allerdings zugeben, dass der Ertrag aus der Steuer nicht mehr nach Urin roch.
Vespasianischer Denar, 72 n. Chr. (Bild: CC-Lizenz: Classical Numismatic Group, Inc. http://www.cngcoins.com)
Das Sprichwort wird heute oft dafür gebraucht, um den neutralen Charakter von unsauber erworbenem Geld herauszustreichen. Doch nirgends trifft das Sprichwort besser zu als bei Steuern, da muss man Vespasian noch heute recht geben. Jene, die das Geld einfordern, wissen meist nicht mehr genau, woher es stammt – und schon gar nicht, was dessen Erhebung für Kollateralschäden verursacht hat.
Eines der eindrücklichsten Beispiele sind die Stempelabgaben des Bundes, insbesondere die Emissionsabgabe, über die wir im Februar abstimmen. Damit wird seit dem Ersten Weltkrieg die Aufnahme von Eigenkapital besteuert, also Unternehmertum und Entdeckergeist. Denen, die das Geld bekommen und dann wieder ausgeben, stinkt das natürlich gar nicht, wie man bei den Gegnern der Abschaffung auf der Linken unschwer erkennen kann. Denen, die es bezahlen müssen, bevor sie nur einen einzigen Franken verdient haben, stinkt es hingegen umso mehr.
Die Steuer bezog sich in Rom auf Toiletten, in denen die Gerber Roms in Amphoren Urin für die Lederbearbeitung sammelten. Vespasian besteuerte also eine frühe Form von heute wieder moderner Kreislaufwirtschaft. Sowohl auf französisch («Vespasienne») als auf italienisch («Vespasiani») blieb der Kaiser mit seiner Latrinensteuer als Bezeichnung für öffentliche Toiletten erhalten. Wir könnten die öffentlichen Toiletten in Zukunft ja auch «Emissionsabgabe» nennen, zur Erinnerung daran, wie die Steuer stinkt.
«Hic Rhodus, hic salta»
Wenn einer das Maul aufreisst und genau weiss, wie etwas zu geschehen hat, dann soll er es machen, hier und jetzt. Das Sprichwort steht zugegebenermassen in Spannung mit der Aufforderung, klug zu handeln und das Ende zu bedenken. Es wird deshalb – schon beim Griechen Aesop, auf den es zurückgeht – erst angewendet, wenn jemand zur Prahlerei neigt. Aesop berichtet, wie ein Fünfkämpfer mit seiner Leistung im Weitsprung auf der griechischen Insel Rhodos bluffte, worauf die Zuhörer ihn aufforderten, es hier und jetzt zu zeigen.
Das kommt in der Politik nicht selten vor, insbesondere bei Akteuren, die Entscheidungen gar nicht zu fällen brauchen: zum Beispiel das Parlament in der Aussenpolitik oder die Medien in der Corona-Politik.
Der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel zitiert den Satz, um darzulegen, dass die Philosophie nicht zeigen müsse, was sein sollte, sondern das, «was ist zu begreifen, ist die Aufgabe der Philosophie» (Grundlinien der Philosophie des Rechts, 1820). Hegel ersetzt «Rhodos» mit «Rose» und meint damit die Vernunft. Was für ein schöner Gedanke.
Hegel mit Berliner Studenten. Lithographie Franz Kugler, 1828 (Bild: gemeinfrei)
Doch schon Karl Marx wandelte – beispielsweise im 1. Band seines «Kapitals» – die Verwendung ab; hin zur kruden Aufforderung, nicht weiter nachzudenken und die Revolution zu beginnen. Vielleicht wäre «…respice finem» dann eben doch besser gewesen.
«Pacta sunt servanda.»
Schon Kinder lernen es: Verträge, Abmachungen und Versprechen sind einzuhalten. Wir sind in unserem tiefsten Gerechtigkeitsempfinden verletzt, wenn es jemand nicht tut.
Wenn also die EU in einem Abkommen über die technischen Handelshemmnisse vollmundig festhält (Link), dass man damit den Handel miteinander stärken wolle, dann aber ohne sachlichen Grund Restriktionen dieses Handels verfügt: Dann ist das mindestens eine Verletzung des Geistes des Vertrages. Der frühere Staatssekretär Jacques de Watteville hat dies – ganz undiplomatisch – sogar öffentlich festgehalten, bei einem Hearing vor einem Ausschuss des EU-Parlamentes in Strassburg im Februar 2017. Das Sprichwort «Pacta sunt servanda» hat er leider nicht verwendet, vermutlich wäre ihm das dann doch zu unsensibel gewesen.
Klar ist: Verträge wollen immer von jenen nicht eingehalten werden, die sich von einem vertragslosen Zustand, vom Einsatz von Macht statt Recht, Vorteile erhoffen. Im vorliegenden Fall ist dies aussenpolitischer Druck auf die Schweiz, damit sie einer politisch-juristischen Anbindung über ein institutionelles Abkommen doch noch zustimmt. Die EU nimmt mit dem Einsatz von Macht statt Recht sogar Nachteile für ihre eigenen Bürger in Kauf. Das gilt für die Handelshemmnisse bei Gütern ebenso wie bei der Weigerung, Grossbritannien in die Lugano-Konvention aufzunehmen, in der das Vereinigte Königreich schon einmal war (Link).
Der Satz selber stammt übrigens nicht aus dem römischen Recht, wie es immer heisst, sondern aus dem mittelalterlichen Kirchenrecht, das festhalten wollte, dass Abmachungen auch dann gelten, wenn sie formlos sind. Entscheidend ist die gegenseitige Übereinstimmung über die eingegangenen Verpflichtungen. Erstmals schriftlich festgehalten wurde «pacta sunt servanda» im «Liber Extra», der unter Papst Gregor IX. 1234 von Raimund von Peñafort erstellten Sammlung von päpstlichen Entscheidungen.
Dekretalen von Papst Gregor IX., circa 1290, Biblioteca Medicea Laurenziana, Florence (Bild: CC-Lizenz, Sailko)
«Vitam impendere vero!»
«Das Leben der Wahrheit weihen», das forderte ausgerechnet der römische Satirendichter Juvenal, eigentlich Decimus Iunius Iuvenalis, im 1. und 2. Jahrhundert nach Christus.
Eine Seite einer 1467 geschriebenen Abschrift von Juvenals Satiren.. London, British Library (Bild: gemeinfrei)
Das Zitat stammt aus einer Parodie Juvenals auf eine Kabinettssitzung unter Kaiser Domitian (Satire 4, Vers 92, Link). Im Kabinett sitzt auch der «liebenswerte» Quintus Crispus, römischer Senator und schon Berater von Domitians Vater Vespasian. Crispus (Link), mit seiner «sanften Seele, mit einem Charakter, der seiner Beredsamkeit entspricht», beschränkte sich gemäss Juvenal allerdings darauf, beim Kaiser gefahrlose Themen anzusprechen und verzichtete stets darauf, seine persönliche Meinung zu sagen oder gar «sein Leben der Wahrheit zu weihen». So habe er achtzig Jahre am Hof überstanden, schreibt Juvenal.
Wir kennen sie alle, diese Art Höflinge, die nie wirklich kritische Entwicklungen ansprechen und schon gar nie ihren Chefs widersprechen, denen sie ihre Existenz verdienen. Sie wissen: Von den Chefs hängt ihr Schicksal ab, also fordern sie es nicht heraus. Bundesbern kennt diesen Typus bestens. Ob im Staat oder in der Wirtschaft: Nur die wirklich starken Chefs umgeben sich mit Charakteren, die ihnen widersprechen, sie herausfordern und so noch besser machen.
Auch wenn Juvenal sich mit «vitam impendere vero» über einen lustig macht, der genau darauf verzichtete, sein Leben der Wahrheit zu weihen, um im alten Rom zu überleben, liegt in der Satire gerade die Aufforderung, es selber ganz anders zu machen. Oder es mindestens zu versuchen.
«Nunc est bibendum!»
Wenn Sie es bis hierher geschafft haben, dann ist es Zeit, etwas zu trinken. «Jetzt lasst uns trinken, jetzt mit freiem Fuss / Den Boden stampfen! Freunde, jetzt ist es Zeit», schreibt der römische Dichter Horaz in einem Gedicht um das Jahr 30 vor Christus. Er freut sich über den Tod Kleopatras und den Sieg des jungen Octavians in Ägypten.
Soweit wollen wir nicht gehen. Heute muss niemand mehr sterben, damit wir anstossen und vielleicht ein Tänzchen wagen. Es reicht der Übergang von einem Jahr zum nächsten.