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Das lokale Bergbauamt nannte gegenüber der «Zeit» zwei Gründe für den sinkenden Grundwasserspiegel: Erstens sickere der Regen nur sehr langsam durch die Gesteinsschichten. Zweitens gebe es eine «starke Konzentration von Entnahmen», die vor allem von Unternehmen wie Nestlé oder der örtlichen Grosskäserei «L'Ermitage» durchgeführt würden. Der Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé besitzt die Wasserrechte und zapft seit Jahren das Mineralwasser in Vittel ab, um es europaweit unter der Marke «Vittel» zu verkaufen. Mehr als 2 Millionen Liter Vittel-Wasser füllt Nestlé jeden Tag in Plastikflaschen.
Fall für die JustizDie Differenz zwischen Entnahmen und natürlichem Ausgleich durch Regenwasser beträgt Schätzungen zufolge etwa eine Million Kubikmeter pro Jahr. Das führt unter anderem dazu, dass Landwirte Wasser für ihre Tiere herbeischaffen müssen. Um das Problem der Wasserknappheit zu entschärfen, soll zudem eine rund 15 Kilometer lange Pipeline gebaut werden. Diese soll die Bevölkerung von Vittel und von Contrexéville, einer weiteren Kleinstadt, deren Mineralwasser von Nestlé vermarktet wird, mit Trinkwasser aus den Nachbargemeinden versorgen. Kostenpunkt für den Steuerzahler: 15 bis 30 Millionen Euro. Nach diesem Szenario könnte der Nestlé-Konzern weiter wie gehabt abpumpen. Zurzeit läuft noch eine technische Studie, das Projekt wurde noch nicht endgültig genehmigt.
Dieses Vorgehen ist der Vorschlag der örtlichen Wasserkommission (CLE), die aus 45 Mitgliedern besteht und 180 Kommunen, Verbraucherverbände, Wasserschutzbehörden und den Staat vertritt. Das vorrangige Ziel der Kommission ist der Schutz des Grundwassers. Allerdings gibt es Zweifel an deren Unabhängigkeit.
Aktuell ist die Staatsanwaltschaft Nancy dabei, den Termin eines Prozesses wegen «prise illégale d’intérêt», einer unzulässigen Parteinahme zugunsten von Nestlé, bekanntzugeben. Knapp drei Jahre nach Beginn des Streits um die örtliche Wasserkommission wird es nun konkret: Die konservative Politikerin Claudie Pruvost, Abgeordnete der Stadt Vittel, Vertreterin im Departemental-Rat und bis 2016 Leiterin der Wasserkommission wird in den kommenden Monaten wegen illegaler Interessenübernahme vor Gericht gestellt. Während Pruvosts Amtszeit fiel der Entscheid, das Wasserdefizit von Vittel durch Einsparungen und Substitutionen auszugleichen.
Die starke Präsenz von Nestlé in der Region um Vittel führte auch dazu, dass die Untersuchungen gegen Claudie Pruvost 2018 von Épinal nach Nancy verlegt werden mussten. Gemäss «mediapart» war die für die Ermittlungen zuständige Vizepräsidentin des Landgerichts Épinal befangen: Ihr Mann sei Manager des Schweizer Nahrungsmittelkonzerns und ehemaliger Direktor von Nestlé Waters Vosges.
Wird Pruvost schuldig gesprochen, drohen ihr bis zu fünf Jahre Haft. Es gilt die Unschuldsvermutung. Pruvost hat in der Zwischenzeit die Leitung der Wasserkommission abgeben müssen, auch an Sitzungen des Umweltausschusses darf sie nicht mehr teilnehmen.
Ein System der «Einflussnahme»Anlässlich der baldigen Prozesseröffnung veröffentlichen das französische Online-Magazin «mediapart» und sein luxemburgischer Partner «Reporter» Recherchen über das «Einflusssystem» von Nestlé, das sich der Konzern in Vittel aufgebaut haben soll. Die Nähe zwischen Politik und Wasserwirtschaft in Vittel manifestierte sich bereits früh: 1854 wurde die Firma «Vittel» als Familienunternehmen gegründet. Die Führungskräfte des Unternehmens stellten mehrfach den Bürgermeister. 1969 kaufte Nestlé erstmals Anteile der Firma, 1992 folgte die komplette Übernahme durch den Schweizer Konzern. Heute ist Nestlé vor Ort grösster Steuerzahler und grösster Arbeitgeber.
Zudem gründete oder unterstützt der Konzern zahlreiche lokale Verbände, so gehören ihm heute im Wasserschutzgebiet von Vittel zum Beispiel auch zwei Drittel der Agrarflächen. Es sind diese Verbände, die «mediapart» und sein luxemburgischer Partner «Reporter» unter die Lupe genommen haben.
Industrievertreter in KommissionDie Rundumschau beginnt mit der Wasserkommission, dem wichtigsten Akteur der örtlichen Wasserpolitik. Als hier im April 2016 entschieden wurde, der Wasserknappheit mit Einsparungen und Substitution (Bau einer Pipeline) zu begegnen, waren Vertreter von Nestlé und «L'Ermitage» anwesend. Sie folgten einer Einladung von Kommissionsleiterin Pruvost. Zusätzlich wurde bekannt, dass sich Pruvost vor der Sitzung mehrfach mit Vertretern der Industrie getroffen hatte. Anders Umweltverbände: Sie mussten ihre Treffen mit der Wasserkommission erst einfordern. Zu Treffen mit Verbraucherschützern sei es erst gar nicht gekommen. Obwohl sich Umwelt- und Verbraucherschützer gegen Pruvosts Vorschläge aussprachen, wurden diese schliesslich angenommen.
In der Vergangenheit hatte ein Sprecher von Nestlé Vorwürfe von Interessenkonflikten innerhalb der Wasserkommission zurückgewiesen: «Nestlé ist seit vielen Jahren Mitglied der lokalen Wasserkommission. Unsere Präsenz dort ist absolut legitim.» Alle Entscheidungen der Kommission würden mit der Mehrheit der Mitglieder und in grösstmöglicher Transparenz getroffen.
Claudie Pruvost war aber auch Vertreterin des Abteilungsrats im Ausschuss für Umwelt-, Gesundheits- und Technologierisiken (CODERST), wo sie über einen Antrag auf Genehmigung zusätzlicher Bohrungen für Nestlé Waters abgestimmt hat.
Ehemann arbeitete für NestléZumindest problematisch erscheinen auch die Tätigkeiten von Bernard Pruvost, dem Ehemann von Claudie Pruvost. Der ehemalige Manager von Nestlé International ist Vorsitzender des Kultur- und Umweltzentrums «Vigie de l'eau», gegen das gemäss «mediapart» ebenfalls Untersuchungen laufen. Das Zentrum, das von Nestlé finanziell unterstützt wird, war eine Zeit lang direkt für die Umsetzung der örtlichen Wasserpolitik verantwortlich, zudem sprach es sich 2014 gegen Wassereinsparungen bei der Industrie aus und empfahl, das Trinkwasser für die Bevölkerung anderswo zu beziehen. Genau so wie es die Wasserkommission unter der Leitung von Claudie Pruvost zwei Jahre später entschieden hatte. Wie «mediapart» berichtet, sieht man unter den sieben Mitgliedern des Verwaltungsrats von «Vigie de l'eau» nicht weniger als drei ehemalige Nestlé-Führungskräfte, die aufeinander gefolgt seien.
Gegenüber der «Zeit» wies Bernard Pruvost jegliche Interessenkonflikte zurück: «Vittel ist eine kleine Stadt, da kennt man sich eben. Für mich gibt es da kein Problem.»
Trotzdem ist das Ehepaar Pruvost dabei, Symbol für die Verflechtungen zwischen Wasserindustrie und Politik in Vittel zu werden.
Allgegenwärtig in Vereinen und VerbändenWie Michelle Cussenot, seit 2014 Vizepräsidentin und ehemalige politische Direktorin des Nationalen Instituts für Agronomieforschung (INRA) in einem «mediapart»-Artikel erklärte, gebe es in Vittel keine Einmischung von Nestlé in die politischen Prozesse: «In einer kleinen Stadt, in der zwei Drittel der Arbeitsplätze bei Nestlé angesiedelt sind, wie soll man Menschen finden, die sich für Wasser interessieren und nicht dort waren?»
Das Bild setzt sich bei den Wirtschaftsverbänden der Region fort. Der Verband «EcoPlaine», der sich zum Ziel gesetzt hat, Unternehmer zu vernetzen, wird ebenfalls von Bernard Pruvost geleitet und hatte bis 2018 eine weitere Führungskraft von Nestlé in seinem Büro. Gemäss den Recherchen von «mediapart» wurde «EcoPlaine» mithilfe eines «Beitrags» von Nestlé gegründet. Schliesslich sei auch der Verein «BlockChain Valley», der darauf abzielt ein «digitales und territoriales Entwicklungsprogramm aufzubauen», von einem jungen Unternehmer gegründet worden, der auch als Sekretär bei «EcoPlaine» arbeite. Weiter sei «EcoPlaine» auch Ehrenmitglied des «BlockChain Valley».
Beim Verein «Pleine de Jardins», der pestizidfreie Gartenarbeit fördert und so zur Erhaltung der Grundwasserqualität beitragen will, wiederholt sich das Szenario. Der Präsident ist ein ehemaliger leitender Angestellter von Nestlé, der Sekretär ist Stadtrat von Vittel und Mitarbeiter von «Agrivair», der Tochtergesellschaft von Nestlé Waters France, die für die Verwaltung von landwirtschaftlichen Flächen in der Region verantwortlich ist.
Das Land, auf dem der Verein «Pleine de Jardins» gegründet wurde, gehört zu «Agrivair». «mediapart» analysiert: «Eine Vereinigung, die pestizidfreie Gartenarbeit zur Erhaltung des Grundwassers fördert, die sich auf einem Grundstück befindet, das Nestlé über eine ihrer Tochtergesellschaften gehört und in dem fast die Hälfte der Mitglieder des Büros eine aktuelle oder frühere Beziehung zu Nestlé hat. Eine Art Greenwashing.»
Kontrolle über BodenDas letzte Puzzleteil des Nestlé-Einflusssystems in der Region Vittel ist die Kontrolle von 10'000 Hektar Land, einschliesslich landwirtschaftlicher Flächen. Als erstes multinationales Unternehmen in Frankreich ist es der Nestlé-Konzern, der über seine Tochtergesellschaft «Agrivair» mitentscheidet, wer das Recht hat, das Land zu nutzen, das sich im Schutz-Perimeter des hydromineralischen Grundwassers und des hydromineralischen Beckens befindet.
In diesem riesigen Gebiet müssen sich die Landwirte an Nestlé wenden und ein Abkommen unterzeichnen, das ökologisch ausgerichtet ist und sie strengen Vorgaben unterwirft.
In einer zwischen Nestlé und der öffentlichen Hand unterzeichneten Vereinbarung, die das Vorgehen des Konzerns erst möglich macht, stellt das Schweizer Unternehmen sicher, dass es sich nur um die «Natürlichkeit des Grundwassers» und seine «Reinheit des Ursprungs» kümmert und eine «verantwortungsbewusste und dynamische Landwirtschaft» erhalten will. Doch dem widersprechen einige Landwirte, berichtet «mediapart»: Sie beklagen sich über die äusserst genaue Überwachung durch das Unternehmen, das manchmal sogar umweltfreundliche Interventionen verbieten würde und damit die Lebensfähigkeit ihrer Betriebe gefährde.