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Wenn Fragen vor den Kopf stossen
Bis in die 1990er Jahre war in Äthiopien nur eine Sprache offiziell anerkannt: Amharisch, die 1000 Jahre alte Schriftsprache, die dem Kaiserreich landesweit für alle öffentlichen Zwecke gedient hat. Wer immer in Äthiopien es zu etwas bringen wollte, musste diese Sprache lernen.
Für die meisten der heute über 120 Millionen Einwohner, die mit einer der etwa 80 Sprachen des Landes als Muttersprache aufwachsen, ist Amharisch allerdings eine Fremdsprache. Als vor 30 Jahren die kommunistische Militärregierung gestürzt wurde, kam es zur Gründung einer föderal strukturierten Bundesrepublik. In ihrer Verfassung wurde damals im 5. Artikel prominent festgeschrieben, dass alle Sprachen des Landes gleichberechtigt sind und jede Regionalverwaltung des Bundes ihre eigene Sprache offiziell verwenden kann.
In Afrika ist eine solche Sprachpolitik geradezu revolutionär. In den allermeisten Ländern des Kontinents ist im Bildungsbereich und für offizielle Benachrichtigungen die ehemalige Kolonialsprache in Verwendung, zumeist Englisch oder Französisch. In manchen anderen Ländern dient zusätzlich eine einheimische Sprache der offiziellen Verständigung, jedoch ist keine der zahlreichen anderen Sprachen im Land zum Gebrauch im Unterricht erlaubt.
Äthiopien geht nun bereits seit Jahrzehnten mutig einen für Afrika besonderen Weg, indem die Regierung auch regionalen Sprachen das Recht einräumt, im Schulunterricht und auf Ämtern verwendet zu werden. Einerseits ist das sehr fortschrittlich – und genau dies wird von Erziehungswissenschaftlern wie auch UNESCO-Fachleuten schon lange gefordert. Grundschulunterricht in der Muttersprache bringt den Schülern nämlich erhebliche Vorteile auf ihrem Bildungsweg. Andererseits ist die Umsetzung einer solchen Sprachpolitik nicht nur langwierig, sondern auch teuer und aufwändig. Denn bevor man eine lokale Sprache als Schriftsprache verwenden kann, muss viel geforscht, entwickelt und gepröbelt werden. Wenn man es falsch anfängt, ist der Erfolg keineswegs gewiss.
Für die Partner von Wycliffe in Äthiopien hat sich daraus allerdings eine einmalige Chance ergeben: Die Regierung hat schnell verstanden, dass es in der sprachwissenschaftlichen Forschung und multilingualen Erziehungsarbeit vor allem Expertise braucht – genau das, was viele unserer Mitarbeitenden mitbringen. In den vergangenen 30 Jahren haben sie in zahlreichen Projekten erfolgreich dazu beigetragen, dass Sprachgemeinschaften ihre Sprachen für den Gebrauch als Schriftsprache fit machen: Man hat jeweils das Lautsystem und die Grammatik erforscht, ein Wörterbuch erstellt, Rechtschreibregeln ausgearbeitet, Hilfsmittel für den Schulunterricht entwickelt und Lehrer ausgebildet. All dies erfolgte in enger Zusammenarbeit mit verschiedenen Regierungsstellen.
Eine solche Kooperation mit den Behörden ist in den meisten Regionen Afrikas kaum vorstellbar. Abgesehen davon hoffen wir weiterhin, dass auch in anderen Ländern des Kontinents die Erkenntnis reift, dass die Verwendung der lokalen Sprachen in der Bildung die Entwicklung im jeweilige Sprachgebiet entscheidend voranbringt. Wir erwarten, dass dank der harten Arbeit und des mutigen Vorgehens der äthiopischen Regierung bald überall in Afrika sichtbar wird, dass auch Leute, die Minderheitensprachen sprechen, einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung ihres Landes leisten. Kaum eine Nation Afrikas hat sich wirtschaftlich in den vergangenen 30 Jahren trotz mancher Rückschläge so gut entwickelt wie Äthiopien – gewiss kein Bremsklotz dabei war die ungewöhnliche Sprachpolitik.
nach Andreas Joswig: sprachwissenschaftlicher Berater mit Wycliff (D) in Äthiopien