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Chestertons spitze Feder entspringen einige treffende Bemerkungen zum Skeptizismus. Im ersten Ausschnitt zeigt er auf, weshalb der Skeptiker in Zeiten des Ichkults Hochkonjunktur hat:
Es gibt eine Form der Skepsis, die weit fürchterlicher ist als die Überzeugung, dass die Materie der Anfang von allem ist. Ich denke an den Skeptiker, der die Überzeugung hegt, dass er selbst der Anfang von allem ist. Er zweifelt nicht an der Existenz von Engeln und Teufeln, sondern daran, dass es Menschen und Kühe gibt. Für ihn sind seine eigenen Freunde Märchengestalten, die er selbst er dichtet hat. Vater und Mutter sind seine eigenen Geschöpfe. Diese schreckliche Phantasterei übt auf den geradezu mystischen Ichkult unserer Tage einen unverkennbaren Reiz aus. (59)
Einige Zeilen später beschreibt Chesterton, was die langfristigen Folgen eines solchen Denkansatzes sein können:
Wenn dann die ganze freundliche Welt, die diesen Skeptiker umgibt, als Lüge entlarvt ist, wenn die Freunde zu Gespenstern verblasst sind und die Welt bodenlos geworden ist und er, der an nichts und niemanden glaubt, allein in seinem Alptraum zurückgelassen bleibt, dann wird in rächender Ironie das grosse Motto seines Individualismus über seinem Haupt geschrieben stehen. Die Sterne werden zu blossen Leuchtpunkten in der Finsternis seines Gehirns; seine Mutter wird nichts als eine flüchtige, seinem Wahn entsprungene Erscheinung an der Wand seines Kerkers sein. Über seinem Kerker aber wird die grauenvolle Wahrheit geschrieben stehen: „Er glaubt an sich.“ (60)
In seinen Erörterungen zur Demut schreibt er von der falschen Bescheidenheit des Skeptikers:
Wir sind auf dem besten Weg, ein Geschlecht hervorzubringen, das so bescheiden ist, dass es nicht einmal mehr an das Einmaleins glaubt. Uns drohen Philosophen, die am Gravitationsgesetz zweifeln und den Verdacht hegen, es handele sich dabei um ein blosses Hirngespinst ihrer selbst. Früher waren die Spötter zu stolz, um sich überzeugen zu lassen; heute hingegen sind sie zu bescheiden, um sich eine Überzeugung zuzutrauen. (71)
Konsequent zu Ende gedacht, zielt der Skeptizismus am allermeisten auf das, was er als unbedingt schützenswert ansieht – den Verstand.
Ist man bloss Skeptiker, so drängt sich einem früher oder später die Frage auf: ‚Warum sollte irgend etwas zutreffen, empirische Beobachtung und logisches Denken eingeschlossen?Warum sollte logische Stringenz weniger irreführend sein als logische Ungereimtheit? Spielt sich doch beides im Gehirn eines verwirrten Grossaffen ab.’ Der junge Skeptiker erklärt: ‚Ich habe ein Recht darauf, selbständig zu denken.’ Der alte Skeptiker, der vollkommene Skeptiker, aber sagt: ‚Ich habe kein Recht auf selbständiges Denken. Ich habe überhaupt kein Recht auf Denken.’ (73)
G. K. Chesterton. Orthodoxie. Fe-Medienverlags GmbH: Kisslegg 2011.