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29. November 2008 bis 15. Februar 2009
Luxor, 1958-59
© Fotostiftung Schweiz / ProLitteris
Elche, 1964
© Fotostiftung Schweiz / ProLitteris
Venedig, 1954-57
© Fotostiftung Schweiz / ProLitteris
In der Schweizer Fotografie des 20. Jahrhunderts gab es nur wenige Frauen, die das Medium vor allem als künstlerisches Ausdrucksmittel nutzten. Eine der ersten, die eine eigenständige lyrische Bildsprache entwickelte, war die Lausannerin Henriette Grindat (1923-1986). Sie kann jenen Fotografen der unmittelbaren Nachkriegszeit zugerechnet werden, die sich weder als Dokumentar- noch als Sachfotografen verstanden, sondern für die Fotografie den Status eines autonomen künstlerischen Mediums einforderten. Dazu gehörten etwa Vertreter der «subjektiven Fotografie» in Deutschland oder Mitglieder des «Kollegiums Schweizerischer Photographen» wie Werner Bischof, Gotthard Schuh und Jakob Tuggener, die sich ganz der «Photographie als Ausdruck» verschrieben hatten.
Nach ihrer Ausbildung bei Gertrude Fehr in Lausanne und Vevey machte Henriette Grindat schnell auf sich aufmerksam mit vielschichtigen, vom Surrealismus inspirierten und oft in Techniken wie Collage, Montage, Fotogramm, Mehrfachbelichtung oder Solarisation ausgeführten Bildern. In Paris, wo sie sich Ende der 1940er-Jahre aufhielt, fand ihre subjektive fotografische Poesie in Künstlerkreisen grosse Beachtung und beeindruckte Literaten wie René Char und Albert Camus. Grindat liess sich von literarischen Texten inspirieren und so entstanden während ihrer ganzen Karriere immer wieder Bilder in Verbindung mit Schriftstellern und Dichtern, was sich in Publikationen mit Henri Noverraz, Albert Camus, Philippe Jaccottet, Henry Bauchau, Pierre Chappuis und anderen niederschlug.
Grindat liess sich von ihrer langjährigen Freundin, der Malerin Lélo Fiaux, für das Mittelmeer und die umliegenden Länder begeistern, in denen diese schon seit den 1930er-Jahren herumreiste. Die Begegnung mit Camus und seinen Texten verstärkte zusätzlich ihr Interesse an den Landschaften und Orten rund um jenes Meer, das die Menschen verschiedener Kulturen und Erdteile miteinander verbindet und seit Jahrtausenden ihre Geschichte prägt. Nach der Erkundung der südfranzösischen Region um L'Isle-sur-la-Sorgue im Rahmen eines Buchprojekts mit Char und Camus (La Postérité du Soleil) machte sich Grindat vorerst nach Algerien auf. Dort, an der nordafrikanischen Küste, faszinierte sie das gleissende Licht «so strahlend, dass alles schwarz und weiss wird» (Camus). Es folgten Aufenthalte in Spanien, in Italien - immer wieder in Venedig - und in Ägypten, wo sie dem Nil entlang bis nach Somalia vorstiess. Auch wenn ihre Bilder von diesen zahlreichen Reisen in Zeitschriften erscheinen, war ihr Ziel doch nie die journalistische Reportage. Sie interessierte sich weniger für die Zeitgeschichte als vielmehr für die Geheimnisse der Materie und des Lichts - und ganz besonders für das Wasser in all seinen sinnlichen und metaphorischen Qualitäten. Ihre betörende fotografische Lyrik erweist sich dabei auch als eine existenzialistische Sinnsuche.
Die Ausstellung «Méditerranées» widmet sich einem zentralen Aspekt von Grindats Werk, das auch in drei Fotobildbänden der Lausanner Buchgenossenschaft «La Guilde du Livre» Verbreitung fand: Algérie (1956), Méditerranée (1957) und Le Nil (1960). 1936 von der Büchergilde Gutenberg als Zweigniederlassung in der Romandie gegründet, entwickelte sich die Guilde du Livre unter der Leitung von Albert Mermoud schnell und löste sich nach wenigen Jahren von ihrem Mutterhaus. Neben Büchern aus dem Bereich der französischen Literatur sowie Übersetzungen anderssprachiger Werke, welche den Mitgliedern zu günstigen Preisen angeboten wurden, lancierte die Guilde du Livre Ende der 1940er-Jahre eine Serie von sorgfältig gestalteten, im Kupfertiefdruck produzierten Fotobildbänden. In den 1950er-Jahren, bevor der aufwändige Kupfertiefdruck vom billigeren Offsetdruck abgelöst wurde, erlebte die Serie bezüglich Qualität und Auflagestärke ihre Blütezeit. Neben Bildbänden von Henriette Grindat gehören auch solche mit Fotografien von Robert Doisneau, Henri Cartier-Bresson, Paul Strand, oder den Schweizern Yvan Dalain und Gotthard Schuh zu den bekanntesten und erfolgreichsten.
In der Reihe von Ausstellungen, die Aspekten der Sammlung der Fotostiftung Schweiz gewidmet sind, präsentiert «Henriette Grindat - Méditerranées» viele bisher noch nie gezeigte Originalfotografien aus dem Nachlass der Fotografin. Darüber hinaus wird das grossangelegte Editionsprojekt der Guilde du Livre, das zahlreichen Fotografen der Nachkriegszeit eine Plattform bot, in der Ausstellung speziell gewürdigt und ruft damit die wichtige Rolle in Erinnerung, welche die schweizerische Verlegertätigkeit nach dem Krieg im Bereich der Fotografie- und Kunstbücher gespielt hat.
Sylvie Henguely
Ibiza, 1964
© Fotostiftung Schweiz / ProLitteris
Peniscola, 1961
© Fotostiftung Schweiz / ProLitteris