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Vor 300 Jahren tauchten in den Schlafzimmern und Boudoirs der französischen Aristokratie vielfältige Spezialmöbel für die Körperhygiene auf. Zu diesen gehörte auch der «Sauberkeitstuhl» – das Bidet.
Wasser, so die herrschende Gesundheitslehre des 17. und frühen 18. Jahrhunderts, sei giftig und übertrage Krankheiten, die durch die Poren in den Körper dringen. Baden galt deshalb als schädlich für die Gesundheit. Sogar der «Sonnenkönig» Ludwig XIV. soll in seinem Leben nur zweimal ein Bad genommen haben. Lieber tupfte man sich mit trockenen bis feuchten Tüchern oder einem in Essigwasser getunkten Schwamm oberflächlich ab. Wer es sich finanziell leisten konnte, griff ordentlich zu Parfum und Puder, um unangenehme Körpergerüche zu überdecken. Die in diesem Sinne gepflegte «Sauberkeit» galt als Standesmerkmal.
Um «sauber» (proper) zu sein, startete der Tag mit einer aufwendigen «Morgentoilette». Gerade bei Frauen konnte diese aufgrund der damaligen Mode mit Korsetts, Miedern, Unter- und Reifröcken, Hüftpolstern, Perücken und Haarteilen einige Zeit in Anspruch nehmen und bedurfte oft der Hilfe von Bediensteten. Das umständliche Prozedere fand im Zeitalter vor dem fliessenden Wasser im Schlafzimmer oder im Boudoir statt.
Ausgestattet waren diese mit speziellem Mobiliar für die «lokale Körperhygiene», das französische Kunsthandwerker am Hof vom beginnenden 18. Jahrhundert an entwickelten und das in der Aristokratie schnell Verbreitung fand. Zu diesem gehörten etwa die «Poudreusen»: Frisiertische mit ausklappbaren Spiegeln und Platz für Toilettengarnituren, Schminke, Kämme, Haarnadeln, Duftwasser und Puder.
Sie gehörten fortan ebenso zur Grundausstattung der Privatgemächer vornehmster Kreise wie der bereits länger gebräuchliche «Nachtstuhl» – von Liselotte von der Pfalz (1652–1722) in ihren unverblümten Schilderungen des französischen Hoflebens mit dem aussagekräftigeren Begriff «Kackstuhl» betitelt. Die Armlehnstühle in verschiedensten Ausführungsformen wurden kunstvoll gestaltet, gepolstert und mit Stoff oder Leder bezogen. Darin konnten mobile Nachttöpfe aus Keramik integriert werden. Auch in kastenartigen, aufklappbaren Möbeln wurden Nachttöpfe gerne versteckt, wobei die wahre Funktion oft hinter einer kommodenartigen Fassade verborgen blieb.
Am französischen Hof, so wird angenommen, wurde der «Sauberkeitsstuhl» im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts entwickelt: das Bidet. Das mobile Sitzwaschbecken diente insbesondere der Frau für die Intimhygiene. Die Herkunft des Wortes leitet sich vom französischen Wort «bidet» für kleines Pferd oder Pony ab. Denn frühe Formen erinnerten in ihrem Aufbau an ein Pferdchen aus Holz. Für die Benutzung musste man aufsteigen wie auf einen Sattel. Die Waschschüssel aus Fayence oder seltener – etwa für Reisezwecke – aus Metall war in die Sitzvorrichtung eingelassen und konnte zum Füllen oder Entleeren herausgenommen werden – was freilich die Aufgabe des Dienstpersonals war.
Das Bidet war Ausdruck sozialer Distinktion, ein von Kunsthandwerkern angefertigter Luxusgegenstand. Ein 1751 aus Rosenholz gefertigtes Edelmodell für Madame de Pompadour (1721–1764), Mätresse König Ludwigs XV., sei mit geschnitzten Blumen und vergoldeten Bronzen dekoriert gewesen. Im und auf dem Aufsatz der frühen Bidetmodelle fanden diverse «Sauberkeitsutensilien» für den Waschvorgang Platz. Was sich in den Fläschchen und Döschen befinden konnte, darüber gibt ein französisches Handbuch zur weiblichen Hygiene von 1772 Auskunft: «Die Pflege der vornehmen Körperteile ist eine unumgängliche Notwendigkeit. Man muss sie jeden Tag waschen und dem zu diesem Zweck bestimmten Wasser alle Arten von aromatischen Pflanzen oder alkoholhaltigen Flüssigkeiten beimengen.»
Die besonders im 18. Jahrhundert verbreitete Verknüpfung von Körperhygiene und Erotik, in den Lebenserinnerungen des schriftstellernden Frauenhelds Giacomo Casanova (1725–1798) mit expliziten Schilderungen belegt, fand in der bildenden Kunst seit jeher Niederschlag. Da liegt es auf der Hand, dass insbesondere auch das Bidet durch seinen intimen Nutzungszweck die erotischen Männerfantasien anregte.
Besonders anschaulich kommt dies im Gemälde von Louis-Léopold Boilly (1761–1845) zur Geltung: Wir beobachten eine junge Frau, sie ist bereits halb angezogen – oder eher halb entkleidet? Das Mieder ist gebunden, die Strümpfe sind mit Bändern über den Knien fixiert und die Schuhe sind geschnürt. Die Frau sitzt «rittlings» auf ihrem Bidet mit Aufsatz, wobei die Assoziation des «Pferdchens» hier augenscheinlich wird. Die gepolsterte Abdeckung, die es erlaubt, das Bidet bei geschlossenem Zustand auch als Sitzgelegenheit zu verwenden, steht hinter ihr auf dem Boden. Mit der einen Hand rafft sie ihren Unterrock hoch.
Eine Unterhose trägt die Dame, wie im 18. Jahrhundert lange noch üblich, keine, wenn doch, ist sie knielang und zwischen den Beinen vollständig offen. Mit der freien Hand wäscht sich die Frau. Die entblätterte Rose im Bildvordergrund, ein eindeutig zweideutiges Symbol in diesem Bildzusammenhang, spricht für sich. Kombiniert mit dem einladenden Lächeln der Dame und deren direktem Blickkontakt mit dem Betrachter wird der Intimwaschszene eine erotische Komponente verliehen.
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts waren Bidets auch in Schlafzimmern des gehobenen Bürgertums vorzufinden. Um 1900 fanden sie durch die technischen und sanitären Fortschritte zunehmend in den neuen, eigens für Waschzwecke eingerichteten und von den anderen Privatgemächern abgetrennten Badezimmern ihren fest installierten Platz – zusammen mit der Toilette mit Wasserspülung, dem Lavabo, der Sitz- oder Badewanne. Neu ans Wasser angeschlossen, mit einem Wassereinlauf oder einem Wasserstrahl – der sogenannten Unterdusche – versehen oder gar mit einem Brauseschlauch ausgestattet, verbreitete sich das Bidet in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es fortan auch in vielen Wohnungen der Mittelschicht anzutreffen.
Trotz der grossen Verbreitung war das Bidet und dessen Gebrauch spätestens vom 19. Jahrhundert an auch mit Scham behaftet, dies insbesondere in Kreisen und Ländern, in der die Prüderie vorherrschte. Dies hatte neben der vermehrt tabuisierten Intimhygiene auch mit dem zusätzlichen, sexuell konnotierten Verwendungszweck zu tun. Mobile Sitzwaschbecken waren bereits in der Antike bekannt, ihre Bereitstellung für Vaginalspülungen vor und nach dem Geschlechtsverkehr wird in griechischen Eheverträgen erwähnt.
Auch das neuzeitliche Bidet diente der – freilich wenig sicheren – Empfängnisverhütung. Kataloge von Sanitärherstellern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts priesen das Bidet deshalb auch unter Produktnamen wie «Protektor» an. Ärzte empfahlen den Gebrauch des Bidets, um Geschlechtskrankheiten vorzubeugen. So liegt es nahe, dass das Bidet auch in vielen Bordellen anzutreffen war – was dessen vermeintliche Anrüchigkeit noch verstärkte.
Von Sittenwächtern angeprangert, galt das Bidet insbesondere in den USA lange als unmoralisch und wurde deshalb abgelehnt. Im Jahr 1900 soll das noble Hotel Ritz in New York die soeben neu installierten Bidets wieder entfernt haben, weil sich die Tugendwächter an deren Vorhandensein stiessen. Eine Anekdote rund um das Bidet erzählt von einer unwissenden Amerikanerin in einem französischen Hotel, die das Zimmermädchen zum Gebrauch des Bidets ansprach: «Oh, how lovely! Is it to wash the babies in?». Darauf erwiderte die Französin: «No, it is to wash the babies out». Die neu gewonnene Erkenntnis soll dem überraschten Gast die Schamröte ins Gesicht getrieben haben.
Nach Einführung der Pille und anderer verhältnismässig sicheren Verhütungsmittel in den 1960er-Jahren, aber insbesondere durch das vermehrte Aufkommen des täglichen Ganzkörperduschens, ging der Verkauf von Bidets drastisch zurück. Während sie in südlichen Ländern Europas wie Italien, Spanien, Griechenland und Portugal heute noch zum Standard vieler Badezimmerausstattungen gehören, verschwinden sie in hiesigen Gefilden zusehends. In Neubauten werden kaum mehr Bidets eingebaut. So erstaunt es nicht, dass viele dessen eigentlichen Nutzen heute nicht mehr kennen. Einigen dient das Bidet etwa zum Reinigen der Füsse oder zum Erledigen der Handwäsche. Warum eigentlich nicht?
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