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Die traditionelle Vertonung eines Gedichtes prägt den Text in Stimmung und Haltung und drückt ihm eine Interpretation auf. Das muss nicht, kann aber auch fatal sein. Heinrich Heines berühmtes Loreley-Gedicht von 1824 nimmt sich in der romantischen Vertonung von Friedrich Silcher aus wie ein Volkslied. Die Musik vereinnahmt das Gedicht, sie übertönt dessen kritischen Hintersinn, der die romantische, zunehmend deutsch-nationale Weltsicht mit einem fetten Fragezeichen versieht. Wobei der Schmelz der Melodie von dieser Vereinnahmung ablenkt. Musik als ästhetisches Narkotikum?
The Beat Generation
Hingegen zeigt die Form gesprochener Lyrik mit Musikbegleitung viel deutlicher ihre politischen Dimensionen. Und ist von den Künstlern oft auch in einen direkt politischen oder gesellschaftspolitischen Zusammenhang gesetzt. Zwei Bespiele:
Jack Kerouac, der grosse Exponent der sogenannten «Beat Generation» (mit Jahrgängen zwischen 1900 und den späten 1930er-Jahren), stand wie seine Künstlerkollegen in einer kritischen Distanz zu seinem gesellschaftlichen Umfeld im Nachkriegsamerika. Der Antikommunismus hatte zu einem repressiven Klima mit Gesinnungsschnüffelei, Verfolgung und Verrat geführt. Und auch nach der eigentlichen McCarthy-Ära war der American Way of Life ideologisch ziemlich eng.
Dem setzten die damals jungen Künstler eine provokativ nonchalante Haltung entgegen. Und dieser Haltung entsprachen ihre kulturellen Veranstaltungen, in denen Autoren ganz locker und begleitet von Jazzmusikern ihre Lyrik vortrugen.
Ein deutscher Dichter und der Jazz
Jazz hatte auch im Nachkriegsdeutschland einen dezidiert oppositionellen Beigeschmack. War er doch im Naziregime verboten gewesen – einmal weil er aus Amerika kam, dann aber auch, weil er seine Wurzeln in der afrikanischen Kultur hat, was den Rassisten in die Nase gestochen war.
Der deutsche Jazzjournalist und Radiomoderator Joachim Ernst Behrendt unterlegte neue Aufnahmen gesprochener Lyrik mit bereits bestehenden Jazzstücken. 1960 erschienen in dieser Aufmachung bei Philipps als Platte Gedichte von Gottfried Benn, rezitiert von Gert Westphal. Sie erregten Aufsehen und waren bald Kult. Deutsche Lyrik und Jazz, das liess aufhorchen.
Der Schriftsteller, der zu den Nazis wollte
Eine politische Implikation wurde allerdings auch hier verdrängt: Benn ist zwar ein Grossmeister des literarischen Modernismus, seine – keineswegs parteipolitischen und genialen – Gedichte sind aber teilweise von einem tiefen, ansatzmässig menschenverachtenden Zynismus geprägt, der ihn 1933 zu Loyalitätskundgebungen gegenüber den Nationalsozialisten veranlasste. Benn ist der Fall des Schriftstellers, der zu den Nazis wollte, von diesen aber nach kurzer Zeit abgelehnt wurde.
Und Behrendt, Enkel eines getauften Juden und Sohn eines Pastors, der als Mitglied der anti-nazistischen «Bekennenden Kirche» 1942 im Konzentrationslager Dachau umkam, verlieh Benns Lyrik in der Kombination mit dem Jazz eine neue Wirkungsdimension.
Schweizer Gedichte und Improvisationsmusik
Gesprochene Lyrik und Musik – eben erst entstand im SRF-Studio Basel die Sendung «Hier Himmel», in der Schweizer Gedichte von drei Meistern der Improvisation musikalisch begleitet wurden, nämlich vom Gitarristen Fred Frith, dem Klarinettisten Hans Koch und dem Perkussionisten Julian Sartorius.
Welche politische Dimension weist diese neueste Anwendung dieser Rezeptur auf? Die Sendung ist das Produkt öffentlich-rechtlicher Arbeit – von politischem Aussenseitertum, Opposition oder Unterdrückung kann damit allenfalls bei einzelnen Autorinnen und Autoren und ihren Gedichten die Rede sein, gewiss aber nicht bei den Sendungsmachern.
Zeitgestaltung als politisches Statement
Die Sprachaufnahmen waren etliche Zeit zuvor für die SRF-2-Rubrik «Lyrik am Mittag» entstanden und wurden jetzt zweitgenutzt. Ihrem Rhythmus respektive ihren Tempi galt der erste kritische Reflex der eingeladenen Musiker: «Alles zu dicht aufgenommen, viel zu wenig Pausen!»
Mit ihrer Musik gab das Trio «den armen Gedichten» einen etwas weiteren Zeitraum. Und zeigte dem Hausregisseur, der auch die früheren Sprachaufnahmen verantwortet, wie sehr er sich unbewusst einer medienspezifischen Hektik angeschlossen hatte, die jede Ruhe ausfüllt mit dem nervösen Puls von News und starken Reizen. Einer Hektik, die aussergewöhnlichen Denkanstössen und den Selbstreflexionen der Zuhörenden (und ihrer Mündigkeit) kaum noch eine Chance gibt. – Auch Zeitgestaltung kann ein Politikum sein.