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Offshore Usability
Um die Kosten zu senken, lagern einige Firmen ihre Webprojekte in Billiglohnländer aus. Leider fehlt diesen Ländern eine richtige Usability-Tradition und die Entwickler haben - wenn überhaupt - oftmals nur einen beschränkten Zugang zu guten Usability-Daten über die Nutzerzielgruppen.
by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 16.09.2002
Die Entwicklung von Webseiten und Intranetprojekten ist derzeit zu teuer, deshalb versuchen die Projektleiter auf jede erdenkliche Weise, die Kosten zu senken. Auf lange Sicht gesehen werden die Kosten wahrscheinlich ohnehin aus zweierlei Gründen sinken:
- Bessere Tools, Middleware und Plattformen sowie ein verbessertes Angebot an Webservice- und Applikationsservice-Providern. Derzeit sind zu viele selbst entwickelte oder mit ungeeigneten Tools geschriebene Softwareprogramme im Umlauf, die während der "Zeit des Goldrausches" bunt zusammengeworfen wurden.
- Standardisierte Nutzerschnittstellen, die es den Designern ersparen, alles neu erfinden zu müssen, so dass sie sich voll und ganz auf den speziellen Inhalt bzw. die Features ihrer Projekte konzentrieren können.
Für den Moment versuchen die Projektverantwortlichen jedoch Kosten einzusparen und eine Möglichkeit, die derzeit an Beliebtheit gewinnt, ist, das gesamte Projekt oder einen Teil davon Offshore realisieren zu lassen. Beispielsweise hatte einer der Gewinner des Wettbewerbs Intranet Design Annual 2002 seinen Sitz in den Vereinigten Staaten, engagierte für das Design seines Intranets jedoch eine indische Firma.
Das Designen und Entwickeln von Webseiten und Intranetanwendungen in Offshore- Ländern kann jedoch grössere Probleme für die Usability mit sich bringen. Eines dieser Probleme ist vorübergehender Art und kann langfristig beseitigt werden. Das andere hingegen ist eher grundlegender Art, kann jedoch in den Griff bekommen werden, wenn es erkannt und entsprechend angegangen wird.
Es ist ganz offensichtlich keine Lösung das Design und die Implementierung zu trennen, da, wie die Erfahrung zeigt, das Design, die Usability und die Implementierung in enger Koordination ablaufen sollten. So schadet bereits die Aufteilung der Teams auf verschiedene Stockwerke innerhalb eines Gebäudes der Qualität des Endproduktes (zum Beispiel, weil in diesem Fall weniger informelle Diskussionen über die Interpretation der Design-Spezifikationen stattfinden).
Das vorübergehende Problem: der Mangel an Interaktions-Designern und Usability-Profis
Die wichtigsten Offshore-Länder sind Indien, Russland und China. In allen drei Ländern gibt es viele unglaublich talentierte Programmierer und die Länder haben lange künstlerische Traditionen. In vielerlei Hinsicht sind typische Offshore-Länder gut geeignet, Webseiten- und Intranetprojekte für Unternehmen mit Sitz in reicheren Ländern zu übernehmen.
Leider haben Indien, Russland und China keine langjährige Tradition punkto Mensch- Computer- Interaktion und sie verfügen nur über wenige erfahrene Interaktionsdesigner und Usability-Profis. Präsentationen aus diesen Ländern auf internationalen HCI- Konferenzen sind unvermeidlich viel zu theoretisch und formell, als dass sie für praktische Entwicklungsprojekte nützlich wären. Da Universitäten dazu neigen, sich mit allzu abstrakten und formalen Themen zu beschäftigen, erlernen nur wenige Studenten das zum Konzipieren von Interface-Projekten erforderliche Know-how.
Obwohl Hongkong offiziell zu China gehört, schliesse ich es nicht mit ein, wenn ich über Chinas Mangel an Usability-Profis klage. Ganz im Gegenteil - es gibt eine wachsende Usability-Gemeinschaft in Hongkong. Interessant ist die Vorstellung, dass Hongkongs Usability-Profis China übertrumpfen könnten, wenn sie über ausreichende Ressourcen verfügen würden und die Möglichkeit hätten, Entwicklungsprojekte zu leiten und die Teams auszubilden.
Der Nationale Indische Verband der Software- und Servicefirmen geht davon aus, dass Indien bis zum Jahr 2008 4 Millionen Personen in der Off-shore-IT-Branche beschäftigen wird, die Exporteinnahmen von etwa 63 Milliarden US-Dollar erwirtschaften werden. Wenn man meine Standardfaustregel anwendet, dass nämlich 10% der Projektressourcen für Usability verwendet werden müssen, damit eine gute Produktqualität sichergestellt ist, dann muss allein Indien in den kommenden sechs Jahren 400.000 Usability-Profis ausbilden, um dieses Ziel zu erreichen.
Da es lange dauert, ein wirklich erfahrener Usability-Profi zu werden, wird die grosse Anzahl von Personen, die wir in Offshore-Ländern benötigen, in naher Zukunft kaum zur Verfügung stehen.
Das grundlegende Problem: Usability-Design aus der Ferne
Wenn lokale Behörden oder Unternehmensmanager entscheiden, in Usability zu investieren, können Experten ausgebildet werden. Beim Offshore-Design stellt sich jedoch das tiefgreifendere Problem, dass die Interaktionsdesigner und die Usability-Profis weit von den Nutzern entfernt sitzen. Nutzerorientiertes Design erfordert häufige Interaktion mit den Nutzern: je häufiger desto besser.
Eine Lösung für Offshore-Projekte liegt darin, das Gleichgewicht zwischen den beiden wichtigsten Usability-Methoden zu ändern. Das heisst, mehr heuristische Evaluation und weniger Nutzertests. Dennoch wird immer ein gewisses Mass an Nutzertests erforderlich sein, die wir irgendwie ermöglichen müssen. Eine gute heuristische Evaluation erfordert ferner, dass die Usability-Experten ein vertieftes Wissen über die Usability-Prinzipien haben, was sie nur erreichen, wenn sie eine Vielzahl von Nutzern beobachten können. Wenn die Usability-Experten also nicht vielen Nutzertests beigewohnt haben, können sie auch keine guten Design-Reviews durchführen.
Ähnliche Überlegungen gelten für Interaktionsdesigner. Professionalität in dieser Sparte erreicht man nur dann, wenn man häufig das Verhalten der Nutzer studiert, was an Offshore-Orten wohlmöglich nicht geschehen wird. Wir wissen von zahlreichen früheren Studien, dass es schwierig ist, Design für internationale Nutzer zu kreieren, kulturelle und sprachliche Unterschiede machen ein ohnehin schon schwieriges Unterfangen für Offshore-Interaktionsdesigner also noch wesentlich schwieriger.
Der Mangel an Nutzertests könnte durch Tests mit einheimischen Nutzern ausgeglichen werden, doch diese "Ersatznutzer" haben kaum dasselbe Verhalten wie die Nutzer der Zielgruppe, insbesondere was Intranet-Anwendungen und vertikale Webseiten betrifft. Es gibt immer gewisse Aspekte, die beim Test mit egal welchen Nutzern herausgefunden werden können, weil sich viele Usability-Probleme durch die mangelnde Abstimmung des Computers auf den Menschen ergeben. Viele andere Usability-Aspekte erfordern dagegen Tests mit tatsächlichen, repräsentativen Nutzern.
Die einzig sinnvolle Lösung hierfür, ist die Durchführung von Ferntests, bei denen die Offshore-Usability-Profis Nutzer der Zielgruppe in deren lokalen Labors unter die Lupe nehmen. Persönlich ziehe ich Tests vor, bei denen der Testbeobachter mit dem Nutzer im selben Raum sitzt, doch viele hervorragende Experten sitzen lieber hinter einer Spiegelglaswand in einem Beobachtungsraum. Wenn man die Tests also von einem anderen Raum aus durchführen kann, spielt es auch keine Rolle mehr, ob man 10'000 km weit entfernt ist und über einen Breitbandzugang verbunden ist. Wir werden bald über Multimediaverbindungen verfügen, die eine Sicht ermöglichen, die derjenigen der Glaswand ähnlich ist.
Diese Ferntests werden bereits in internationalen Usability-Tests eingesetzt. Für Offshore-Usability könnten sie dahingehend abgeändert werden, dass jede Testsitzung von einer grossen Gruppe von Usability-Profis beobachtet wird. Die Testsitzung könnte beispielsweise auf einen Grossbildschirm in einem Hörsaal projiziert werden. Das Ziel eines Usability-Tests ist üblicherweise die Designoptimierung. Die Vertiefung des fachlichen Know-hows des Testbeobachters ist lediglich ein positiver Nebeneffekt, der nicht einmal gemessen wird. Da die Möglichkeit Zielgruppennutzer zu beobachten bei Offshore-Projekten selten genug sein dürfte, wird man versuchen, jeden erdenklichen didaktischen Nutzen daraus zu ziehen. Weil die Usability-Profis in Offshore-Ländern auf diese Weise aber an Einsicht in das Verhalten des Zielgruppennutzers gewinnen, werden sie für Design-Reviews besser qualifiziert sein.
Das Wachstumspotential von Offshore-Webprojekten birgt Möglichkeiten für eine Nischenindustrie in den Vereinigten Staaten und Europa: Unternehmen könnten Usability-Labore einrichten, zwar ohne Beobachtungsräume bzw. Testbeobachter, dafür aber mit der Möglichkeit, Testsitzungen in Offshore-Länder zu übertragen.
© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.