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Alle Produkte lassen sich wiederverwerten, auch solche, die nicht rezyklierbar erscheinen. Diese Philosophie vertritt das US-Unternehmen TerraCycle, das in der Schweiz gar alte Zahnbürsten und Zigarettenstummel sammeln will. Der Recycling-Kreislauf hat aber Grenzen.
"Jeder Abfall lässt sich in irgendeiner Weise verwerten. Daher lautet unsere Mission: Die Idee von Abfall abzuschaffen." Wolfram Schnelle vertritt diese Haltung mit Überzeugung. Auch angeblich nutzlose Abfälle lassen sich seiner Meinung wiederverwerten, um neue Produkte zu schaffen oder Baurohstoffe herzustellen.
Wolfram Schnelle (34) ist verantwortlich für das Projekt TerraCycle in der Schweiz, Deutschland und Österreich. "Wir haben Interesse an jeglicher Art von Abfall, auch solche, die normalerweise auf Deponien oder in Kehrichtverbrennungsanlagen landen."
Das Prinzip der in Trenton (New Jersey) beheimateten US-Firma TerraCycle basiert auf dem freiwilligen Sammeln von Abfällen. Eine Gruppe von Personen, so genannten "Brigaden", sammelt jeweils bestimmte Abfallarten oder Verpackungen, beispielsweise leere Stifte, Chipstüten, Plastikbecher, Kaffeekapseln, Handys, Windeln oder Schuhe.
"Es reicht, in der Schule, in einer Firma oder im Büro einen entsprechenden Behälter aufzustellen. Sobald der voll ist, wird er an uns geschickt, und das gratis", sagt Wolfram Schnelle im Gespräch mit swissinfo.ch.
Zwei Rappen für einen leeren Stift
Das gesammelte Material landet im Depot von TerraCycle (in der Schweiz befindet es sich in der Nähe von Zürich) und wird dann in lokale Recycling-Stationen gebracht. "Wir können so beispielsweise Sekundärrohstoffe erzeugen und an Produzenten verkaufen. Plastik-Abfälle sind häufig sehr heterogen und beim Recycling gibt es Qualitätseinbussen. Trotzdem lassen sich bestimmte Produkte wie Sitze oder Behälter herstellen."
Zur Finanzierung ihres Systems suchte die US-Firma (110 Mitarbeitende) die Unterstützung von Partnern vor Ort. Häufig handelt es sich um multinationale Unternehmen. Diese übernehmen die Kosten für Versand und Recycling. Ausserdem geben sie etwas Geld für die Brigaden, die den Abfall einsammeln.
"Für jeden gesammelten Stift fallen so etwa 2 Rappen an", sagt Wolfram Schnelle. Doch diese Mittel können nicht einkassiert werden. Sie müssen in ökologische und gemeinnützige Zwecke fliessen. Auf diese Weise unterstützt etwa eine Schule in der Gemeinde Einigen (Kanton Bern) die Stiftung Theodora, die den Auftritt von Clowns für Kinder in Spitälern finanziert.
Für die Partnerunternehmen sei das Recycling Teil ihrer Marketing-Strategie, sagt Wolfram Schnelle. "Sie können gegenüber ihren Kunden zeigen, dass sie Verantwortung bei der Abfall-Verwertung übernehmen. Wir versuchen, die Belastung beim Recycling und Upcycling so gering wie möglich zu halten und die Solidarität zu fördern. Profit steht erst an dritter Stelle."
Sammeln von Zigarettenstummeln
Das erste Programm in der Schweiz zur Sammlung von Schreibmaterial wurde im Juli 2011 lanciert. Mittlerweile beteiligen sich mehr als 180 Schulen, Unternehmen und Institutionen, die freiwillig leere Stifte sammeln.
Im Mai wird ein Programm für alte Zahnbürsten und Zahnpastatuben lanciert. Nach entsprechenden Erfahrungen in den USA und in Kanada sollen auch Zigarettenstummel gesammelt werden. Gemäss TerraCycle werden jedes Jahr weltweit zwischen 1000 und 2000 Milliarden Zigarettenstummel weggeworfen.
Die Filter bestehen hauptsächlich aus Celluloseaceta. Und aus diesem Stoff lässt sich Plastik herstellen. "So kann aus der Kippe eine Sitzbank oder ein Aschenbecher werden", meint Wolfram Schnelle. Die Restbestände von Tabak und Asche lassen sich hingegen kompostieren.
Am Anfang waren Würmer
TerraCycle wird 2001 von Tom Szaky, einem jungen Studenten an der Universität Princeton (New Jersey), lanciert.
Mit seinen Ersparnissen kauft er 20 Millionen Würmer, um mit Nahrungsmittelresten von Universitätsmensen Dünger herzustellen. Zur Abfüllung nutzt er Flaschen, die er von Pfadfindern für zwei Rappen pro Flasche sammeln lässt.
Szaky stellt somit ein Produkt (Dünger) aus Abfällen her, das in weggeworfenen Flaschen verpackt ist. Die Idee wird weiter entwickelt, nachdem ihm ein grosser Nahrungsmittelhersteller in den USA vorgeschlagen hatte, die Verpackungen von Schokoladenriegeln wiederzuverwerten.
2006 wird Szaky von der Zeitschrift INC. als "Bester Verwaltungsratsdelegierter unter 30 Jahren" nominiert. Er ist zu diesem Zeitpunkt gerade mal 24 Jahre alt.
TerraCycle zählt inzwischen 110 Mitarbeitende und ist weltweit in 21 Ländern aktiv – in der Schweiz seit 2011. Bisher wurden Gegenstände im Gegenwert von 2,5 Milliarden Dollar gesammelt und gemeinnützige Projekte mit mehr als 5 Millionen Dollar gefördert.
Der Umsatz im Jahr 2012 betrug 14,8 Millionen Dollar.Infobox Ende
Recycling-Kreislauf nicht unbegrenzt
"Die Wiederverwertung von Abfällen ist sicherlich positiv und sollte wirtschaftlich gefördert werden", meint Sylvie Lupton, Expertin für Umweltökonomie und nachhaltige Entwicklung an der Novancia Business School von Paris. "Auf diese Weise müssen weniger Rohstoffe abgebaut werden. Das Recycling stellte einen Beitrag zur Erhaltung nicht-erneuerbarer Ressourcen dar. Zudem lassen sich Kosten reduzieren, weil die Sekundärrohstoffe in den Verarbeitungsprozess integriert werden."
Gemäss Lupton, die früher an der Universität Neuenburg als Professorin tätig war, lassen sich Materialien aber nicht ewig rezyklieren. "Nach dem zwei- oder dreimaligen Durchlaufen des Recycling-Kreislaufs geht Qualität verloren. Dann bleibt keine andere Möglichkeit, als die Materialien zu verbrennen oder in eine Deponie zu bringen."
Gemäss Sylvie Lupton ist für das Recycling in bestimmten Fällen auch eine hohe Zufuhr an Energie nötig. Zum Schmelzen von Altglas müssen beispielsweise Temperaturen von 1500 Grad erreicht werden. "Recycling kann zudem auch umweltverschmutzend sein. So benötigt man Chlor, um Tinte zu lösen. Eine Reihe von Elektrogeräten enthält gefährliche Stoffe."
Generell sei die Energiebilanz beim Recycling aber besser als bei einer Vernichtung, meint Sebastien Humbert. Er ist wissenschaftlicher Direktor bei Quantis, einer auf Umweltverträglichkeitsprüfungen spezialisierten Firma. "Doch nicht immer gilt diese Regel: Wenn ein bestimmter Abfallstoff nur in geringen Mengen vorhanden ist und es zur Sammlung einer komplizierten Logistik bedarf, lohnt sich das Recycling nicht", hält er fest.
Abfallreduktion als oberstes Ziel
Sylvie Lupton hat festgestellt, dass Wirtschaftsinteressen in der Realität häufig ökologische Anliegen dominieren. "Idealerweise müsste beim Recycling das ‚Prinzip der Nähe‘ walten. Abfälle müssten im eigenen Land wiederverwertet werden. Doch in Wirklichkeit landen viele Abfälle am anderen Ende der Welt, was entsprechende CO2-Emissionen zur Folge hat."
In der Schweiz wurden gemäss dem Bundesamt für Umwelt im Jahr 2010 beispielsweise 45 Prozent des Altpapiers (590‘000 Tonnen) ins Ausland exportiert.
Für Sylvie Lupton stellt die Abfallvermeidung daher das wichtigste Gebot dar. Um dieses Ziel zu erreichen, sollten gemäss Mirjam Hauser, die Hersteller ihren Teil beitragen. Hauser ist Mitarbeiterin des Gottlieb Duttweiler Instituts in Rüschlikon (Zürich) und hat eine Studie über die "Zukunft des Recyclings" erstellt.
"Einige Produkte wie Smartphones sind derart komplex, dass sie nicht in ihre Bestandteile zerlegt werden können." Und das sei ein Problem. Bereits bei der Produktion sollte daher überlegt werden, wie die verwendeten Materialien dereinst rezykliert werden könnten.
Ganz unabhängig von diesen Expertenmeinungen erfüllt die konsequente Wiederverwertung von Abfällen laut TerraCycle eine wichtige Aufgabe. "Wenn die Leute verstehen, dass man sogar Zigarettenstummel rezyklieren kann, werden sie verstehen, dass auch viele andere Dinge wiederverwertbar sind. Und das verändert letztlich unsere Mentalität und damit unsere Idee von Abfällen."
Abfälle und Recycling
Die Gesamtmenge der Siedlungsabfälle ist seit 1980 gestiegen und betrug im Jahr 2011 in der Schweiz knapp 5,5 Millionen Tonnen. Auch die Abfall-Recyclingquote legte seit 1970 zu und erreichte in den letzten Jahren rund 50 Prozent.
Dieser Anstieg ist zum Teil bedingt durch den schrittweisen Ausbau des Netzes von Sammelstellen wie auch durch die Einführung von verschiedenen Lenkungsabgaben, wie etwa Sackgebühren. St. Gallen führte 1975 dieses Prinzip als erste Schweizer Stadt ein.
2011 betrug der Rücklauf der Getränkeverpackungen (Aluminium, PET, Glas) 92 Prozent. Landesweit gibt es rund 60‘000 Sammelstellen.
Mehr als 85 Prozent der in der Schweiz verkauften Elektrogeräte wird an Sammelstellen abgegeben. Finanziert wird dieses System durch eine vorgezogeneRecycling-Gebühr(vRG), die beim Kauf von Elektrogeräten im Preis inbegriffen ist. (Quelle: Bundesamt für Umwelt, Swiss Recycling)Infobox Ende
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob), swissinfo.ch