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Erfindung und Verbreitung des Schachspiels
Die Schachfiguren
Der König, die Hauptfigur, rex, ist in allen Sprachen der König geblieben. Das Wort Schah ist nur durch Übersetzung ein anderes geworden. Auch seine Gangart - er durfte stets in jeder Richtung einen Schritt tun -, der Warnungsruf, wenn er bedroht wird, und das Wort mat, als Zeichen seiner Besiegung, haben sich bis in die Gegenwart erhalten. Das Wort mat sogar völlig unverändert. Unser deutsches Adjektiv matt, obgleich dem Sinn nach nicht mehr mit dem Stammwort übereinstimmend, ist aus diesem entstanden. Im 13. Jahrhundertgestattete man ihm den Königssprung, einen Vorläufer der seit dem 15. Jahrhundert üblichen Rochade. Das Wort Rochade stammt aus dem persischen rokh, Turm. Die älteste Schilderung des Königssprungs stammt von Nicholes de Saint-Nicolai (2. Hälfte des 13. Jahrhunderts). Vor 1300 berichtet Jacobus de Cessolis in seinem Moraltraktat von den Möglichkeiten des Königssprungs: Er durfte horizontal, vertikal, diagonal und nach Springerart ins übernächste Feld springen und ins drittnächste Feld (auf das Springerfeld auf dem Damenflügel u.a.). In der Göttinger Handschrift (unvollendete Handschrift in lateinischer Sprache, um 1505 abgefasst, enthielt auf 33 Blättern Probespiele, Probleme und 12 Mustereröffnungen und zählt zu den ersten Veröffentlichungen des neueren Schachs, das durch die Gangarten von Dame und Läufer bestimmt wurde) wird das heutige König-Turm-Manöver bereits beschrieben, nur dass damals zwei Züge dabei erforderlich waren. Bei Claude Gruget (1560) wird die Rochade als ein Zug beschrieben. Die Einführung der Rochade war eine unmittelbare Auswirkung der am Ende des 15. Jahrhunderts durchgeführten Reform des Schachspiels, die aus dem einschrittigen Fers eine mächtige Dame und aus dem doppelschrittigen Fil den heutigen Läufer machte, so dass die kämpferische Bedeutung des Königs, im Urschach einst die mächtigste Figur, im neuen Schachspiel gegen die drei langschrittigen Figuren verblasste. Es ergab sich die Notwendigkeit, ihn einerseits zu schützen, anderseits aber, ihn als Verkehrshindernis aus der Mitte zu beseitigen.
Die Dame war im indischen, persischen und arabischen Schach noch nicht bekannt. Sie war damals der Fersan (Rat), der dann in Spanien, indem man dieses Wort mit seinem Artikel zusammenschmolz, in Alferza umgetauft wurde, hat jedoch in der Folge keine weitere Verbreitung gefunden. In den lateinischen Schriften wird er meistens regina genannt. Aber auch der Name fers (fercia, fierce) hat sich erhalten, hauptsächlich in den französischen und englischen Handschriften. Merkwürdigerweise findet man ihn auch auf den Diagrammen der lateinischen Manuskripte, obgleich im Text stets von der regina die Rede ist. Offenbar haben die beiden Namen eine Zeitlang nebeneinander bestanden, wobei aber regina gebräuchlicher gewesen sein mag. Eine dritte - indessen zeimlich seltene Bezeichnung - ist domina. Aus dieser ist später, gegen Ende des Mittelalters, donna, Dama, Dame geworden, wodurch die älteren Namen allmählich verdrängt worden sind. Nur im Englischen hat man an der Queen und im Russischen am Fers festgehalten. In Ungarn wird die Dame Vezér (Heerführer), in Polen Hetman (Führer der Kosaken) genannt. Um 1490 herum erhielt die Dame ihre heutige Beweglichkeit und Stärke, indem man ihr die Gangart des Turmes und des Läufers erlaubte. Bedrohte man sie, so wurde "gardez" geboten. Im 18. Jahrhundert durfte die Dame noch zusätzlich die Gangart des Springers ausführen. Über die Wandlung des Namens Fers in Dame gibt es verschiedene Auffassungen. So klingt in Frankreich Fers ähnlich wie vierge (Jungfrau). Jeanne d'Arc, die Jungfrau von Orleans, gab den Anlass dazu, als sie den König von Frankreich beschützte, bevor man sie als Hexe verbrannte. Die Königin sitzt im Palast neben dem König, auf dem Schachbrett stehen die beiden Figuren ebenfalls nebeneinander.
Der Turm war im Schattrandsch als Rukh die mächtigste Figur. Dieser Name liess sich nicht übersetzen. Man begnügte sich deshalb, ihn in roccus umzubilden. So hiess er, mit geringen Modifikationen (Roch, roc, rook, rocco usw.) fast in allen europäischen Sprachen bis ins 16. Jahrhundert hinein. Aus der um die Mitte des 16. Jahrhunderts entstandenen Rochade klingt der Name noch deutlisch heraus. Aber nur im Englischen hat man dem Rook die Treue bewahrt, in allen anderen Sprachen hat er dem Turm weichen müssen. Mit dem Wort Rochieren verhält es sich umgekehrt. Alle andern Sprachen haben es beibehalten, nur die englische nicht; da heisst es to castle. Sogar im Russischen, das doch den Roch nie gekannt hat, heisst es Rokerowka. Der Name dieser Figur könnte übrigens auf zweierlei Irrtümern beruhen. Einmal in der bildhaften Darstellung. Indische Händler verkauften nämlich in Europa Figuren, die einen Elefanten mit Turmaufsatz zeigten (die Elefanten nahmen aber in Indien den Platz der heutigen Läufer ein). Oder in der sprachlichen Verwechslung von rok (Sanskrit) und rokh (im Persischen = Kamel) über rukh (bei Firdausi) zum lateinischen roccus und dem vermeintlich gleichen rocca (italienisch = Burg). Im Ungarischen übrigens als Bàstya ebenfalls Bastei oder Bollwer.
Der Faras (Pferd, Springer), zweitstärkster Offizier im Schatrandsch, wird in den lateinischen Schriften gewöhnlich miles, manchmal auch eques genannt. In den meisten modernen Sprachen finden wir ihn als Ross oder Ritter wieder. Nur im Deutschen ist man mit dem Springer vom Stammwort abgegangen, hat es jedoch im Rösselsprung beibehalten. Wegen seiner eigentümlichen Gangart wurde er von Samuel Loyd "der unverantwortliche Komödiant" am Brett genannt. Seine Gangart erlaubt es ihm aber als einzige Figur, ungedeckt andere Figuren anzugreifen. Sein Schachgebot kann nur durch Schlagen des Springers oder Wegziehen des Königs aufgehoben werden.
Der Fil (Läufer), dieser schwächste aller Offiziere im Schatrandsch, hat sich in Europa eine gerdezu unheimliche Menge von Namen gefallen lassen müssen. Zunächst zogen die Spanier das Wort fil mit seinem Artikel zusammen und nannten ihn Alfil. Sie wussten damals noch, dass es Elefant bedeutet. Ausserhalb Spaniens scheint man dies aber nicht gewusst zu haben, denn man bildete daraus das sinnlose Wort alfin. So heisst er auf den Diagrammen der lateinischen Handschriften, in deren Text aber alfinus. Und dann hat dieser alfinus eine solche Menge von Abänderungen erfahren, dass es schier unglaublich ist. H.J.R. Murray hat deren gegen 50 gezählt, die allerdings zum grösseren Teil wohl aus orthographischer Willkür entstanden sind. Umbildungen wie Alficus, Alpheus, Africus, Arfilus, Delphinus, Orfil, Aufin, Alfir nehmen sich - neben manchen andern - Seltsam genug aus. Mit dieser Fülle von sinnlosen Namen war es noch lange nicht genug. Man wählte auch solche, die einen Sinn haben, wie curvus, calvus senex, episcopus, stultus, cornutus usw. und diese wurden dann wieder in die verschiedenen Landessprachen übersetzt. Wahrscheinlich ist der fol (fou) wegen der gekreuzten Stosszähne des symbolischen Elefanten in Frankreich als Narrenkappe angesehen worden. Und in England als Bischofsmütze, was folgerichtig zum Bishop führen musste. Der italienische alfiere aber wird wohl im alfir seinen Ursprung haben. Und unser deutsches "Läufer", das Gegenstück zum "Springer", ist ziemlich modern und vermutlich von der Gangart dieser Figur abgeleitet. Die Russen nennen den Läufer noch immer slon (Elefant). Als Langschrittler taucht er im 15. Jahrhundert auf und hat sein Vorbild in einer Figur der Kurierspiel genannten Version des Schachspiels.
Der Baiday (Bauer) ist bei seinem Übergang nach Europa der Fussgänger, als welcher er erschaffen war, geblieben. Er wird in den lateinischen Handschriften pedo (pedes) genannt. Im Italienischen heisst er noch jetzt Pedone. Auch sein altdeutscher Name Vende bedeutet Knabe, Fussgänger. Dagegen dürfte der französische Pion und der englische Pawn auf Umbildungen des Wortes pedo zurückzuführen sein. Der lombardische Predigermönch, Jacobus de Cessolis verfasste ein Werk, das zwar vom Schach handelte, es aber nicht lehrte. Es handelte sich um eine Moralschrift, zu der unser Spiel nur die volkstümliche Unterlage hergegeben hat. Von den Schachfiguren hatten aber nur der König, die Königin und der Ritter Namen, an die sich ohne weiteres moralische Betrachtungen anknüpfen liessen. Den übrigen Figuren musste Cessolis, um sie in gleicher Weise benutzen zu können, Beinamen verleihen. So machte er den Alphil zum Richter und den Rochen zum Statthalter. Den "acht Männern aus dem Volk" aber verlieh er den Beruf als Ackersmann (h2), Schmied (g2), Notar (f2), Kaufmann (e2), Arzt (d2), Wirt (c2), Stadthüter (b2) und Raufbold (a2). Von allen diesen Namen ist nur der Ackersmann ins Schachspiel eingegangen und zwar über Venden (Fussgänger) zum heutigen Bauer. Die pedati im Tschaturanga gingen nur einen Schritt vorwärts und schlugen auch so. Im arabischen Schach begannen sie dann anders zu schlagen als zu gehen, nämlich schräg nach vorn. Im Alfonsischen Codex (1283) war ihnen bereits die Möglichkeit des Doppelschrittes gegeben. Durftesich der Bauer in der Anfangszeit nur in einen Wesir verwandeln, so änderte sich dies später. Er kann sich - mit Ausnahme des Königs - in jede Figur verwandeln. Bei Lucena (15. Jahrhundert) findet man den ersten Hinweis auf das Schlagen im Vorbeigehen (En-passant-schlagen).
Auszüge aus "1889-1989 100 Jahre Schweizerischer Schachverband", geschrieben von Alex Crisovan, erschienen 1989, Zürcher AG (Zug)