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Susanne Kübler , Tages-Anzeiger (11.11.2008)
Das Zürcher Opernhaus zeigt Bohuslav Martinus letzte Oper «The Greek Passion» - das erste Mal seit der Zürcher Uraufführung 1961.
Das Boot ist voll: Das war die Quintessenz jener Rede, die Bundesrat Eduard von Steiger am 30. August 1942 bei einem Anlass der Jungen Kirche in Oerlikon gehalten hat. Ein Ausschnitt daraus ist im Programmheft zu Martinus «The Greek Passion» abgedruckt, denn auch in diesem Stück ist ein Boot voll. Es befindet sich in Griechenland, im Dorf Lykovrissi und im Jahr 1922; die Flüchtlinge, die hier anklopfen, sind ebenfalls Griechen, deren Dorf von den Türken geplündert worden war. Der Priester Grigoris und mit ihm die meisten Bewohner von Lykovrissi wollen nichts von ihnen wissen - nur jene, die zuvor als Protagonisten für ein Passionsspiel ausgewählt worden sind, haben sich mit ihren Rollen als Christus, Apostel oder Maria Magdalena bereits so sehr identifiziert, dass sie helfen wollen. Aber auch der Rest der Passionsgeschichte wird Realität: Der Hirte Manolios, der Christus hätte darstellen sollen, wird auf Geheiss des «Judas» gekreuzigt, die Flüchtlinge müssen weiterziehen.
Bohuslav Martinu, der das Libretto für seine Oper nach einem Roman von Nikos Kazantzakis selbst geschrieben hat, hatte eigene Erfahrungen als Flüchtling. Der Wechsel von seiner tschechischen Heimat nach Paris war noch freiwillig; aber die Flucht in die USA während des Zweiten Weltkriegs war dramatisch. 1948 verhinderte dann der kommunistische Putsch die geplante Rückkehr nach Prag, dafür wurde seine Musik zunehmend tschechischer. Martinu lebte in den USA, später in Frankreich, Italien und in der Schweiz als Gast des Mäzens und Dirigenten Paul Sacher. Sacher war es auch, der 1961, nach dem Scheitern von Londoner Uraufführungsplänen und einer Überarbeitung des Stücks, die «Griechische Passion» in Zürich zur Uraufführung brachte - mit grossem Erfolg.
47 Jahre später präsentiert der Regisseur Nicolas Brieger nun eine Mischfassung der beiden Versionen, mit englischem Text, aber ohne den ursprünglichen Erzähler. Und er tut gut daran, auf vordergründige Aktualisierungen zu verzichten: Der Stoff ist auch ohne «Tagesschau»-Zitate brisant genug. Bühnenbildner Hans-Dieter Schaal hat kein Dorf aufgebaut, sondern ein riesiges, schiefes, drehbares schwarzes Eck mit eingelassenen Ikonen. Die Kirche ist aus dem Lot geraten; gestützt wird sie nur noch von ein paar weissen Verstrebungen, die auch Hürden für die Flüchtlinge sind und - etwas gar symbollastig - an Kreuze erinnern.
Die Hauptrolle hat der Chor
Hier findet das Drama statt, vor den Augen einer Chor-Öffentlichkeit, der Bieger ganz in Martinus Sinn die Hauptrolle zuschreibt. Rechts sitzen die Bewohner von Lykovrissi, links lassen sich die Flüchtlinge nieder. Das Publikum sieht je nach Sitzplatz nur die eine Seite, aber man weiss, dass die anderen da sind: als Masse, die beobachtet, leidet, urteilt, stirbt.
«The Greek Passion» ist eine Chor-Oper, und der von Jürg Hämmerli und Ernst Raffelsberger vorbereitete Opern-Chor hat einen grossen Auftritt. Feierlich und mit leicht östlich inspiriertem Vibrato wird gesungen, oder auch ganz scharf und klar. Dieses Volk betet und hetzt, es erschrickt und schaut weg, und man sieht und hört es gleichermassen. Das «Kyrie eleison» kann tief empfunden oder auch überaus scheinheilig klingen, und der Volkszorn schlägt einem in Stücken entgegen, die kaum zufällig an die Turbae-Chöre der barocken Passionen erinnern.
Viele der luxuriös besetzten Solistenrollen treten nur gelegentlich aus dieser Masse hervor. Ruben Drole, Andreas Winkler oder Rebeca Olvera haben wenige Takte zu singen. Von den Aposteln erhält einzig der nicht besonders helle Postbote Yannakos mehr Raum, den Rudolf Schasching mit anrührender Einfachheit ausfüllt. Alfred Muff charakterisiert den zweifelhaften Priester Grigoris mit gar nicht salbungsvollem Bassbariton. Und eigentlich hätte selbst Roberto Saccà als Manolios keinen Grund zu ariosem Schwelgen - wenn der Roman und damit die Oper die Flüchtlingsthematik nicht auch noch mit einer ziemlich überflüssigen Dreiecksgeschichte angereichert hätte.
Manolios steht zwischen seiner Verlobten Lenio und der Dorfhure Katerina, die in der Passion die Maria Magdalena spielen soll. Und wenn er albträumt von dieser verzwickten Situation, so tut er das wie irgendein Heldentenor (obwohl auch noch der Priester Grigoris durch diese Träume geistert). Zwar löst er sich schliesslich von beiden - von Lenio, der Stefanie C. Braun eine frische, leicht herbe Stimme verleiht, und von Katerina, die Emily Magee mit glühendem Sopran zur vielschichtigsten Figur der Aufführung macht. Aber der Wandel vom Hirten zum Christus, vom Sünder zum Prediger verläuft doch sehr holzschnittartig. Man hätte sich diesen Manolios gerade dank der für einmal gar nicht auf Belcanto-Schmelz ausgerichteten Gestaltung Saccàs eher wortkarger vorgestellt, als ihn Martinu in der zweiten Hälfte des Stücks auftreten lässt.
Nach Manolios’ Tod erstarrt die Szene - und das Orchester der Oper mit ihr. Der junge norwegische Dirigent Eivind Gullberg Jensen setzt nicht nur auf die Sprachnähe dieser Musik, sondern mehr noch auf ihren atmosphärischen Gehalt. Sehr zart und schillernd kann sie klingen, oder auch wuchtig und brutal. Und sie ist durchaus nicht so naiv, so unreflektiert gut-tonal respektive böse-dissonant, wie es derbedeutende Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus nach der Uraufführung kritisiert hatte: Dafür hat Martinu seine Mittel zu eigenwillig kombiniert. Wenn zuletzt das volle Boot nach einem nur scheinbar versöhnlichen «Kyrie» geleert wird, geht das auch musikalisch unter die Haut. Jene auffallend vielen Premiere-Abonnenten, die ihre Plätze nicht besetzen mochten, haben einiges verpasst.