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06.05.2018 - Hanspeter Stalder
06.05.2018
Hanspeter Stalder
Das Korn des Lebens
Mit faszinierenden Bildern und einer mythisch-philosophischen Science-Fiction-Story entführt Semih Kaplanoğlu in «Grain» in eine Zukunft, die so fern nicht mehr scheint.
Ein abrupter Klimawandel hat das Leben auf der Erde nahezu unmöglich gemacht. Menschen leben in Ruinenstädten oder als Flüchtlinge in ländlichen Gebieten. Der Wissenschaftler Erol Erin begibt sich auf die Suche nach dem Genetiker Cemil Akman, der eine Lösung für die fortwährenden Missernten haben könnte. Doch dieser wird in einer verbotenen Zone vermutet, und so entwickelt sich Erins Suche zu einem Trip in selten mehr gesehenem Schwarzweiss. Ein Film mit Sogkraft, selbst wenn das Verstehen nicht immer mitkommt.
Was sucht er in den Dead Lands, in einer nicht näher definierten Zeit in der Zukunft? Die Weltkonzerne haben Städte und Agrarzonen in Regionen eingerichtet, in welchen das Klima relativ gut ist. Diese werden von einer Elite bewohnt, die einen genetischen Test bestanden hat und der der Zutritt gewährt wurde. Ausserhalb dieser abgeschirmten Zentren kämpfen die Menschen gegen Hunger und Epidemien. Professor Erol Erin ist ein Wissenschaftler mit Fokus auf Saatgut und Genetik; er lebt in einer Stadt, die vor Immigranten durch Militär und elektrischen Todesfallen beschützt wird. Aus unbekannten Gründen sind auch die landwirtschaftlichen Plantagen der Stadt von einer Genkrise betroffen, was zu massiven Missernten führt. Als Erol von Cemil Akman erfährt, der eine wissenschaftliche Abhandlung über eine solche Krise geschrieben hat und eine Lösung kennen könnte, versucht er, mehr über den Wissenschaftler herauszufinden, der aufgrund seiner Theorie vom Konzern, für den auch Erol gearbeitet hatte, gefeuert wurde. Er findet heraus, dass Cemil in die Dead Lands gezogen ist. Zusammen mit dem Assistenten Andrei überquert Erol, geführt von Alice, illegal die Grenze und macht sich auf die Suche nach ihm. «Wir Menschen schaffen unüberwindbare Grenzen. Wir konstgruieren diese Mauern und diese Grenzen im Namen der Sicherheit, ohne dass wir merken, dass wir damit unsere eigenen Gefängnisse errichten», meint der Filmemacher.
Auf der Flucht durch gigantische Labyrinthe
Der Regisseur …
Semih Kaplanoğlu ist einer der gefeiertsten Regisseure des zeitgenössischen türkischen Filmschaffens. Er wurde 1963 in Izmir geboren und schloss 1984 sein Studium für Kino und Fernsehen ab. Seine ersten Filme wurden zwar an Festivals gezeigt, doch erst mit seinem dritten erhielt er internationale Anerkennung: Mit «Bal» (Honig) gelang ihm 2010 der Durchbruch, er gewann den Goldenen Bären an der Berlinale. «Grain» ist sein sechster Spielfilm. Auch mit seinem neuen Film strebt der türkische Regisseur danach, «eine treue Repräsentation einer echten und existierenden Welt zu schaffen
… und seine Anmerkungen zum Film
«Es verstrichen beinahe vier Jahre, bis ich mit dem Dreh zu «Grain»begann. Während dieser vierjährigen Auszeit hatte sich die Welt scheinbar vierzig Mal geändert. Der Film erzählt eine Geschichte, die sich in einer Zeit abspielt, in der es die Menschen zu tun haben mit anhaltenden Kriegen, mit den vom Klimawandel hervorgebrachten Umweltkatastrophen, mit dem Chaos, welches das genmanipulierte Saatgut verursacht, und mit tödlichen Grenzen, die errichtet wurden, um Flüchtlinge fernzuhalten.
Vor dem Dreh, als ich noch auf der Suche nach einem Drehort im Stil der ruinierten städtischen und umgebenden Landschaft von Detroit war, traf ich mehrere Flüchtlinge aus dem Nahen Osten. Später, während der Dreharbeiten, lernte ich an verschiedenen Orten in Anatolien zahlreiche syrische Flüchtlinge kennen. In derselben Zeitspanne wurde ich auch Zeuge von verarmten Menschen, die in den Strassen von Stockholm zu überleben versuchen. Und die durch elektronische Barrieren geschützten Zonen entsprechen dem, wovor gewisse Politiker heute träumen. Die Geschichte des Films ist also durchdrungen von heutigen Realitäten.
„Grain“ handelt von der Reise zweier Menschen, die auf ihrer Suche nach dem reinen und unveränderten Weizenkorn sowohl durch ein Land reisen, das seiner lebensspendenden Qualitäten beraubt ist, als auch in ihr eigenes Selbst vordringen. Sie reisen durch Gebiete, in denen Durst und Hunger herrschen, in denen Infektionskrankheiten wüten und die Böden vergiftet sind. Und während den Pausen, die sie auf dem Weg einlegen, begegnen sie Kindern, die ihren Schicksalen überlassen wurden, und Gruppen von Menschen, die durch Erbgutveränderungen entstellt sind. Ihre innere Reise zwingt sie, die Wüsten von Egoismus, Stolz und Nihilismus zu durchqueren und sich durch die Sümpfe von Ambition und Gier zu kämpfen.»
Erol und sein Assistent angesichts eines neuen Dorfes
Filmischen Reflexion über das Leben und das Sterben
«Grain» steht für Wandel und Kontinuität im Schaffen des türkischen Filmemachers: Neu ist seine Hinwendung zur Science Fiction und die Ansiedlung in einem grösseren zeitlichen wie räumlichen Setting; geblieben sind sein Gespür für grossartige Bildern, sein langsamer Rhythmus und das Grüblerische, das hier reichlich düstere Züge hat. In der Welt der nahen Zukunft, von der der Film erzählt, haben Grosskonzerne die Herrschaft über die Menschheit übernommen. Der sich bereits in unserer Gegenwart abzeichnende Prozess des Abschieds des Politischen zugunsten des Ökonomischen ist vollzogen, ebenso wie der Klimawandel, der weite Teile der Erde zu Ödland hat werden lassen. Die Privilegierten haben sich in schwer bewachte Schutzzonen und Städte zurückgezogen, die vom Militär und von magnetischen Sperranlagen hermetisch von der Aussenwelt abgeschirmt werden, während die Unterprivilegierten durch die sogenannten Dead Lands streifen. Nun aber ist auch die Ordnung innerhalb der Schutzzonen gefährdet, immer wieder kommt es zu Missernten, weil seltsame Mutationen die normierten und gentechnisch veränderten Agrarprodukte befallen haben. «Grain» beschreibt eine Reise voller Gefahren, an deren Ende Erin mit Hilfe von Akman die wahren Ursachen und die vielfältigen Abhängigkeiten und Zusammenhänge erkennen wird.
Mit internationalen Schauspielern besetzt und mit ausdrucksstarken Schwarz-Weiss-Bildern umgesetzt, bekommt der Film eine apokalyptische Dimension. Die Kompositionen erinnern nicht nur an biblische Motive (der brennende Baum, das Kind aus dem Wasser gerettet), sondern lassen auch den Einfluss erahnen, den der russische Filmemacher Andrej Tarkovskij auf Semih Kaplanoğlus Schaffen seit jeher hatte. «Grain» erzählt nicht nur vom Hunger nach Nahrung, sondern auch vom Hunger nach Sinn in einer Welt, die Überfluss behauptet und Mangel produziert.
Mit der Figur von Professor Akman entwickelte Kaplanoğlu zusätzlich eine mystische Überlegung. Diese besteht im Geheimnis des Lebens, in welchem alles Träger eines Elements sei, das der Mensch nicht künstlich erzeugen kann, allem wissenschaftlichen Fortschritt und den Kenntnissen der Genetik zum Trotz.
Titelbild: Alice führt Erin und Andrej in die andere Welt
Regie: Semih Kaplanoğlu, Produktion: 2017, Länge: 127 min, Verleih: trigon-film