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Vom 2. Jh. v.Chr. bis 13 v.Chr. wurde das Gebiet der heutigen Schweiz etappenweise in das R. eingegliedert (der Ausdruck R. wird hier weit gefasst und schliesst die Republik mit ein), zu dem es bis ins 6. Jh. zählte. Es stellte aber nie eine geschlossene Verwaltungseinheit dar, vielmehr gehörten seine Teile jeweils versch. Provinzen (Provincia) an. Der Einfluss der Römer auf die Völker der Kelten und der Räter bedeutete für diese nicht nur Fremdherrschaft, sondern auch die Integration in eine grössere Welt und die Einbettung in eine sehr reiche und vielfältige Kultur, die den Nährboden für die Entwicklung Europas bildete. Durch die Verbindung der gall. mit der mediterranen Tradition entstand die galloröm. Kultur (Galloromanen). Die von Provinzstatthaltern und Armee garantierte Pax romana bot den Bewohnern Schutz und ermöglichte den einheim. Eliten den Zugang zu den führenden Gesellschaftsschichten (Romanisierung). Im kulturellen Bereich fanden die religiösen Strömungen bis ins 4. Jh. n.Chr. rasche Verbreitung; 312 anerkannte Ks. Konstantin der Grosse das Christentum und Theodosius I. (379-395) erhob dieses endgültig zur Staatsreligion (Christianisierung). Bezüglich der räuml. Struktur sind gegenüber der heutigen Schweiz zwei bedeutende Unterschiede zu verzeichnen: Während das Territorium der Civitas der Helvetier bereits als Drehscheibe für den Strassen- und Flussverkehr diente, war es in röm. Zeit der Gr. St. Bernhard und nicht der Gotthard, der die rascheste Verbindung vom Rhein nach Rom gewährleistete. Die unbewohnbaren Zonen waren damals viel grösser und zahlreicher, die Talböden (Rhein, Rhone, Aare und das Gebiet zwischen Zürich- und Walensee) sumpfig und ganze Regionen (Appenzell, St. Gallen, Glarus, Teile der Innerschweiz) dicht bewaldet.
Autorin/Autor: Regula Frei-Stolba / GL
Das im Süden des heutigen Kt. Tessin gelegene Sottoceneri gehörte zum Siedlungsgebiet der Insubrer, eines gall. Stammes, dessen Hauptort Mediolanum (Mailand) war und der Anfang des 2. Jh. v.Chr. unterworfen und der Gallia Cisalpina zugeteilt wurde. Nach mehreren Zwischenetappen wurde den Bewohnern die röm. Staatsbürgerschaft 49 v.Chr. gewährt und ihr Gebiet Italien eingegliedert (regio XI, sog. Transpadana). Die im Tessin gefundenen Inschriften bezeugen Verbindungen zu Como und Mailand.
Die Allobroger, deren nördlichstes Oppidum das am linken Rhoneufer gelegene Genf war, wurden gegen Ende des 2. Jh. v.Chr. unterworfen und ihr Gebiet der Gallia Narbonensis einverleibt. Sie erhielten die röm. Staatsbürgerschaft in mehreren Etappen. Ihre Civitas wurde als latin. Kolonie (Colonia) unter Julius Caesar (Colonia Iulia Vienna) neu gegründet, wobei der autochthone Adel seine gesellschaftl. Stellung bewahrte. Der von Vienne abhängige Vicus Genf stieg Ende des 3. Jh. zu einer Civitas (hier in der spätantiken Wortbedeutung von Stadt) auf und wurde im 4. Jh. Sitz einer Diözese, später die erste Hauptstadt des Königreichs Burgund (Burgunder).
Das Gebiet der Helvetier, die sich spätestens im 2. Jh. v.Chr. im Schweiz. Mittelland angesiedelt hatten, war durch die Rhone, den Genfersee, den Jura und den Rhein begrenzt und erstreckte sich bis zum Bodensee. Nach der Niederlage in der Schlacht bei Bibracte gegen Julius Caesar 58 v.Chr. wurden die Helvetier gezwungen, dorthin zurückzukehren. Die Frage, ob sie - wie Cicero berichtet - mit Caesar einen Vertrag abschlossen, muss offen bleiben. Ihre Gesellschaft war in Adlige, Druiden und Volk unterteilt, wobei der Adelsstand grosses Prestige im wirtschaftl., polit. und sozialen Bereich genoss. Diese soziale Schichtung bestand unter röm. Herrschaft fort (mit Ausnahme der Gruppe der Druiden). 57/56 v.Chr. versuchte ein Legat Caesars, Walliser Gebiete entlang der Route über den Gr. St. Bernhard zu erobern, doch schlug das Unternehmen fehl.
45/44 v.Chr. errichtete Caesar südlich des Territoriums der Helvetier auf von diesen konfisziertem Gebiet eine Kolonie für ausgediente Kavalleristen, die Colonia Iulia Equestris (heute Nyon), um dem Keltenvolk den Zugang zur Gallia Narbonensis zu verwehren. 44 v.Chr. gründete der General Lucius Munatius Plancus nach einem Sieg über die Rätier wohl am Ufer des Rheins die Kolonie Raurica, die von Augustus neu organisiert wurde (Augusta Raurica, heute Augst). Diese beiden Kolonien wirkten als Triebfedern der Romanisierung.
Augustus liess durch seine Adoptivsöhne Tiberius und Drusus die Alpen erobern. Der von langer Hand - u.a. durch Vorstösse 25 und 16 v.Chr. - vorbereitete Feldzug begann 15 v.Chr. mit einem Zangenangriff, indem Tiberius von Lyon her anrückte, Drusus das Etschtal hochmarschierte und weitere Truppen in die Bündner Täler eindrangen. Die militär. Anlagen Basel-Münsterhügel und Zürich-Lindenhof sowie drei Wachtürme am Walensee (Stralegg, Voremwald und Biberlikopf) sind Zeugen dieses Kriegs. Die Bewohner des Sopraceneri (Lepontier) und die vier Völker des Wallis (Nantuaten, Veragrer, Seduner und Uberer) ergaben sich ebenfalls den Römern. Danach wurden die ersten Verwaltungsstrukturen eingerichtet. Die Helvetier und die Rauracher sowie die beiden Kolonien Nyon und Augst wurden zunächst der Gallia Lugdunensis, später der kaiserl. Provinz Gallia Belgica, die von einem in Trier ansässigen Senator verwaltet wurde, zugewiesen. Die Bergregionen im Wallis, in der Leventina und Graubünden wurden in einer grossen "Passprovinz" vereint, die einem Statthalter aus dem Ritterstand anvertraut wurde.
Autorin/Autor: Regula Frei-Stolba / GL
Die Anlage der vici (Kleinstädte) im nordostschweiz. Gebiet (Oberwinterthur, Zürich-Lindenhof) nach der Eroberung dürfte Interessen des röm. Militärs gedient haben. Nachdem Varus 9 n.Chr. im Teutoburger Wald besiegt worden war, errichteten die Römer 14 n.Chr. das Legionslager Vindonissa (heute Windisch). Dieser Umstand führte wohl zu einer Neuordnung des Gebiets der Helvetier, deren Civitas wiederhergestellt wurde. Nach einer neueren Hypothese hätte sich deren Territorium bis zur Limmat erstreckt und das heutige Avenches (Aventicum) den Namen Forum Tiberii erhalten. Die östlich der Limmat gelegenen Gebiete wurden wahrscheinlich direkt von den röm. Behörden verwaltet. Die Anwesenheit einer Legion und der diese begleitenden Hilfstruppen belebte die Wirtschaft im 1. Jh. n.Chr. Der unter Ks. Augustus begonnene Prozess der Romanisierung setzte sich unter der jul.-claud. Dynastie rasch fort. Ks. Claudius (41-54) führte die Organisation der Verwaltung zu Ende. Nachdem der Transit über den Gr. St. Bernhard-Pass neu organisiert worden war, gründete er in Octodurus (heute Martigny) das Forum Claudii Vallensium und fasste die vier Civitates des Wallis zu einer einzigen - der Civitas Vallensium - zusammen. Diese erhielt das latin. Bürgerrecht (ius Latii), das es den einheim. Eliten ermöglichte, aufgrund der Ausübung eines Amts das röm. Bürgerrecht zu erwerben. Das Wallis wurde von der Provinz Raetia abgetrennt und wohl mit der Tarentaise zur Provinz Alpes Graiae et Poeninae vereinigt. Die Integration der Helvetier schritt weiter voran; Berichte über ihre Mitwirkung in den Hilfstruppen und kaiserl. Garden zeugen von ihrer Eingliederung in die röm. Armee.
Die Ereignisse des Bürgerkriegs von 69 n.Chr. blieben nicht ohne Auswirkungen auf die Civitas der Helvetier. Viele moderne Autoren haben - in einer allzu nationalist. Sicht der Dinge - in diesem Krieg ein letztes Aufbäumen der Helvetier gegen das röm. Joch gesehen, eine Revolte, die Vespasian, der erste Kaiser der flav. Dynastie, mit der Gründung der röm. Kolonie Avenches, der späteren colonia Pia Flavia Constans Emerita Helvetiorum Foederata, bestraft habe. Diese Interpretation ist zu revidieren. Die Helvetier nahmen als Anhänger von Galba an den Bürgerkriegen teil, was zu Zusammenstössen mit Truppen des Vitellius führte, in deren Verlauf sie bei Bözberg geschlagen wurden und ihre Hauptstadt beinahe zerstört worden wäre. Der später siegreiche Vespasian, den persönl. Beziehungen mit den Helvetiern verbanden - sein Sohn Titus hatte einen Teil seiner Jugend in Avenches verbracht -, erhob die Civitas Helvetiorum in den Rang einer latin. Kolonie. Dadurch stärkte er die einflussreichen Eliten. Er führte den Helvetiern wohl auch neue Siedler zu, um die in den Bürgerkriegen erlittenen Verluste an Menschenleben auszugleichen. Die sozial niedriger gestellten Helvetier blieben peregrin, was die Aufstellung der Cohors I Helvetiorum, einer Hilfstruppeneinheit, vor der Mitte des 2. Jh. n.Chr. beweist. 72 verschob der Kaiser die Grenze nach der Eroberung des Dekumatenlandes weiter nach Norden. Um 85 trennte Domitian die ehem. Militärbezirke von der Gallia Belgica ab, um die beiden germ. Provinzen zu bilden, wobei er Helvetier, Rauriker und die beiden röm. Kolonien der Germania Superior einverleibte. 101 wurde die Legio XI Claudia Pia Fidelis in den Donauraum verschoben und das Legionslager Vindonissa aufgelöst; das Mittelland und die übrigen Regionen wurden damit zum Hinterland abseits der Front.
Das 2. Jh. unter der Dynastie der Antoniner war für die Bewohner des R.s ein Zeitalter des Friedens. Trotz der langen Transportwege nahm der Fernhandel einen starken Aufschwung. Die städt. Zentren und Landregionen genossen einen zunehmenden Wohlstand. Bemerkenswert sind versch. luxuriöse Herrenhäuser von Römischen Gutshöfen, die mit Mosaiken und Wandfresken geschmückt und mit Badezimmern und heizbaren Räumen ausgestattet waren, so in Orbe-Boscéaz, Pully und Colombier (NE). Die griech.-röm. Kultur erreichte damals ihren Höhepunkt. Die Alphabetisierung der Bevölkerung machte vermutlich grosse Fortschritte. Das Gerichtswesen wurde hierarchisch ausgestaltet und die Möglichkeit, Berufung einzulegen, eingeführt. 212 erhielten alle freien Bewohner des R. das röm. Bürgerrecht. Die röm. Gesellschaftsstruktur wurde übernommen, einschliesslich der röm. Form der Sklaverei, die allerdings für die meisten Betroffenen nur ein vorübergehender Zustand war, da Sklaven in der Regel nach dem 30. Altersjahr freigelassen wurden. Die röm. Verwaltung setzte auch den Kaiserkult durch, von dem etwa die Büste von Marc Aurel in Avenches zeugt.
Autorin/Autor: Regula Frei-Stolba / GL
Die Bürgerkriege Ende des 2. Jh. und der Kampf von Septimius Severus um die Macht beeinträchtigten die Pax Romana (197 Schlacht bei Lyon), doch normalisierte sich die Situation wieder. 213 wurde erstmals über einen Alemanneneinfall in der Mainregion berichtet (Völkerwanderung). Die Krise erreichte um die Mitte des 3. Jh. ihren Höhepunkt; das R. war im Norden und Osten bedroht. 260 wurde Ks. Valerian in Persien gefangen genommen. Auch im Innern war das R. wegen wiederholten Usurpationen instabil. Die Alemannen fielen in die germ. Provinzen und Rätien ein. Gallienus befestigte Vindonissa, doch überfielen die Barbarenheere vermutlich damals das Mittelland nicht, sondern drangen weiter westlich und weiter östlich vor. Gallienus brachte ihnen in der Nähe von Mailand eine Niederlage bei. Die Kolonien Augst und Avenches wurden wohl erst in den Jahren 275-277 geplündert und teilweise zerstört. Der obergerm.-rät. Limes wurde aufgegeben, so dass erneut der Rhein die Reichsgrenze bildete.
Diokletian (284-305), der die Tetrarchie einführte, reorganisierte das R., indem er vier Präfekturen errichtete, die in Diözesen unterteilt waren. Letztere wiederum zerfielen in Provinzen, deren territoriale Ausdehnung verkleinert wurde. Die Grenze zwischen den Präfekturen Gallien und Italien verlief durch das Gebiet der heutigen Schweiz. Diokletian und Konstantin (306-337) befestigten auch die Reichsgrenze durch den Bau von Kastellen, so z.B. Vitudurum (heute Oberwintherthur), Tasgaetium (heute Burg, Gem. Stein am Rhein) und insbesondere die grosse Festungsanlage des Castrum Rauracense (heute Kaiseraugst), in der die Legio I Martia stationiert war. Entlang der Hauptverkehrsachsen errichtete Festungen vervollständigten das Verteidigungssystem. Die Alemannen versuchten erneut in das R. einzufallen, doch schlug sie Constantius Chlorus 302 in einer blutigen Schlacht bei Vindonissa. Nach einem halben Jahrhundert des Friedens setzten sie 352, von Constantius II. im Kampf gegen den Usurpator Magnentius zum Einfall aufgefordert, das Castrum Rauracense in Brand (damals wurde der Schatz von Kaiseraugst vergraben). 357 besiegte Julian Apostata schliesslich die Alemannen bei Strassburg.
Julian und später Valentinian I. (364-375) befestigten den Limes mittels Wachttürmen (burgi), die sie entlang dem Rhein errichteten. Stilicho, der Italien gegen Alarich - dieser sollte 410 Rom plündern - verteidigte, zog jedoch 400 die Truppen von der Rheinfront ab, um sie gegen die Westgoten einzusetzen (402). Der Truppenabzug bedeutete aber keineswegs den formellen Verzicht des R.s auf die nördlich der Alpen gelegenen Territorien. Vielmehr wurden ganze Gebiete Volksstämmen anvertraut, die sich im Gegenzug vertraglich verpflichteten, das Imperium gegen Eindringlinge zu verteidigen. So siedelte Aëtius, der gall. Heermeister unter Valentinian III. (425-455), die Burgunder 443 in Savoyen und in der Westschweiz an (Sapaudia). Mit der Absetzung des letzten weström. Kaisers 476 ging dessen Macht auf den oström. Kaiser in Konstantinopel über. Nachdem die nördlich der Alpen gelegenen Teile des R.s nunmehr sich selbst überlassen waren, wanderten Alemannen und einige Franken im folgenden Jahrhundert nach und nach ins schweiz. Gebiet ein. Erst gegen Ende des 6. Jh. trennten sich die nördl. Provinzen endgültig von Rom.
Autorin/Autor: Regula Frei-Stolba / GL
Autorin/Autor: Regula Frei-Stolba / GL