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Die orthodoxen Kirchen in der Schweiz
Interne Vielfalt orthodoxer Kirchen
Die Orthodoxen Kirchen heißen nach ihrem Ursprung im Oströmischen Reich auch "Ostkirchen", sind aber längst nicht mehr auf einen von Rom aus bestimmten "Osten" begrenzt. Die Präsenz orthodoxer Christen in der Schweiz ist nicht zu verstehen ohne Bezug zur weltweiten Orthodoxie. Die Ostkirchen teilen sich in vier verschiedene Kirchenfamilien auf:
1) Orthodoxe Kirchen östlicher (byzantinischer Tradition), die sieben ökumenische Konzilien (325 bis 787) anerkennen;
2) Die Ost-Syrische Kirche, die zwei ökumenische Konzilien (325 und 381) anerkennt;
3) Altorientalische Orthodoxe Kirchen, die drei ökumenische Konzilien (325 bis 431) anerkennen;
4) Ostkirchen in Communio ("uniert") mit Rom oder Katholische Ostkirchen, die im Laufe des zweiten christlichen Jahrtausends entstanden, indem Gruppen von Gläubigen aus den Ostkirchen sich der Katholischen Kirche anschlossen.
Zwischen diesen vier Kirchenfamilien besteht keine eucharistische Kirchengemeinschaft. Die ersten drei Kirchenfamilien haben keine Kirchengemeinschaft mit der Katholischen Kirche.
Zur ersten Gruppe gehören 16 autokephale (selbständige) Kirchen: die Patriarchate von Konstantinopel; Alexandrien; Antiochien; Jerusalem; Moskau; Serbien; Rumänien; Bulgarien; Georgien; die Orthodoxen Kirchen von Zypern; Griechenland; Albanien; Polen; Tschechei und Slowakei; Finnland und Estland. Diese Kirchen sind zwar unabhängig voneinander, bekennen aber den gleichen Glauben und stehen miteinander in eucharistischer Kirchengemeinschaft. Sie verstehen sich als die eine Orthodoxe Kirche, als die von Jesus Christus gegründete Kirche, die seine an die Apostel geoffenbarte Glaubenswahrheit unverfälscht bewahrt. "Orthodoxie" heißt wörtlich "rechtes Lob". Das Lob Gottes ist nach orthodoxem Verständnis das Ziel der ganzen Schöpfung. Alle Menschen sind berufen, am Leben Gottes teilzunehmen (Theosis, Vergöttlichung). Diese Wandlung beginnt durch den Heiligen Geist in der realen Einigung mit Jesus Christus in der Heiligen Eucharistie (Abendmahl) und den übrigen Sakramenten der Kirche.
Die Unterschiede zwischen den Östlichen Orthodoxen Kirchen untereinander sind ausschliesslich kultureller Art. Ein auffallender Unterschied besteht darin, dass diese Kirchen nicht den gleichen Kalender benutzen. Seit 1923 haben die meisten Orthodoxen Kirchen den julianischen Kalender korrigiert und halten den Kalender wie die Kirchen des Westens. Eine kleine Gruppe (Jerusalem, Rußland, Serbien, die Klöster vom Berg Athos) halten weiterhin am julianischen Kalender fest und feiern z. B. Weihnachten (25.12.) am 7. Januar. Alle Orthodoxen Kirchen feiern jedoch Ostern gemeinsam, vorläufig nach dem julianischen Kalender.
Zu den Altorientalischen Kirchen gehören: die Armenische Apostolische Kirche; die Koptische Orthodoxe Kirche (Ägypten); die Syrische Orthodoxe Kirche von Antiochien (Damaskus); die Syrische Orthodoxe Kirche von Indien; die Äthiopische Orthodoxe Kirche (Äthiopien und Eritrea). Zwischen den Orthodoxen und den Altorientalischen Kirchen fand 1985-1993 ein offizieller theologischer Dialog statt, der zu dem Ergebnis geführt hat, dass beide Kirchenfamilien trotz verschiedener Ausdrucksformen den gleichen Glauben an Jesus Christus bekennen. Das stellt einen bedeutenden Schritt auf dem Weg zur Wiederherstellung der eucharistischen Kirchengemeinschaft dar. Fast alle Ostkirchen sind ökumenisch engagiert und wirken in verschiedenen ökumenischen Organisationen mit.
Orthodoxe Kirchen in der Schweiz
Im Laufe der Jahrhunderte wanderten viele Orthodoxe nach Westeuropa aus, sei es aus wirtschaftlichen oder aus politischen Gründen. So fanden viele von ihnen in die Schweiz eine neue Heimat. Orthodoxe Christen bleiben meist auch in der Diaspora ihrer Glaubenstradition treu. Alle orthodoxen Kirchengemeinden in der Schweiz unterstehen ihren "Mutterkirchen". Sie sind nicht staatskirchenrechtlich anerkannt, sondern leben als privatrechtliche Einrichtungen. In der Schweiz wurden die orthodoxen Gemeinschaften mit ökumenischer Offenheit empfangen. Viele Kirchengebäude schweizerischer Kirchen wurden ihnen zur Verfügung gestellt.
Griechische Emigranten kamen bereits im Laufe des 18. Jahrhunderts in die Schweiz. Die erste griechische orthodoxe Kirchengemeinde wurde in Lausanne gegründet, wo im Jahre 1925 eine orthodoxe Kirche gebaut wurde. 1966 wurde das orthodoxe Zentrum des Ökumenischen Patriarchates in Chambésy bei Genf gegründet, wo später eine moderne Kathedrale errichtet wurde. 1982 erfolgte die Gründung der Metropolie des Ökumenischen Patriarchates für die Schweiz. Der Metropolit der Schweiz (Metropolit Jérémie, Stand Frühjahr 2004) ist der ranghöchste Repräsentant der Orthodoxie in diesem Land. Griechische orthodoxe Kirchengemeinden bestehen heute in fast allen Großstädten der Schweiz. In Chambésy trifft sich seit über 30 Jahren auch eine arabische orthodoxe Kirchengemeinde, die dem Patriarchat von Antiochien untersteht, zu ihren Gottesdiensten.
Die erste orthodoxe Kirchengemeinde in der Schweiz wurde 1816 in Bern von der Russischen Orthodoxen Kirche gegründet. Sie wurde 1854 nach Genf verlagert, wo 1866 eine Kirche errichtet wurde. Eine andere russische orthodoxe Kirche wurde 1878 in Vevey erbaut. Nach der Oktoberrevolution in Rußland und ihren politischen Folgen wurde die russische orthodoxe Kirche von Genf der "Russischen Orthodoxen Kirche im Exil" unterstellt. 1936 wurde eine russische orthodoxe Kirchengemeinde in Zürich, 1946 eine weitere in Genf gegründet, beide dem Moskauer Patriarchat unterstellt. Dem Moskauer Patriarchat untersteht weiterhin das Kloster der Heiligsten Dreifaltigkeit in Dompierre und eine Gemeinde in Payerne.
Die orthodoxen Serben bilden zahlenmäßig die größte orthodoxe Kirchengemeinschaft der Schweiz. Die erste serbische orthodoxe Kirchengemeinde wurde 1969 gegründet. Seitdem entstanden serbische orthodoxe Kirchengemeinden in Basel, Bern, St. Gallen und Zürich, alle der Serbischen Orthodoxen Diözese für Mitteleuropa mit dem Sitz in Deutschland unterstellt.
Die Rumänische Orthodoxe Kirche hat 1975 eine Kirchengemeinde in Chambésy gegründet und 1980 eine weitere in Lausanne. Heute besteht eine zweite rumänische Kirchengemeinde in Genf und weitere Gemeinden in Zürich und Lugano. Diese Kirchengemeinden sind der Rumänischen Orthodoxen Metropolie von West- und Südeuropa in Paris unterstellt.
Die Armenische Apostolische Gemeinde hat eine Kirche in Troinex, Genf, die 1969 gebaut wurde; von dort aus werden die Gottesdienste für die Armenier der ganzen Schweiz koordiniert. Die Gemeinde von Troinex untersteht direkt dem Katholikos von Etschmiadzin in Armenien. Die Koptische Orthodoxe Kirche verfügt über eine Kirche in Vernier, Genf. Die Äthiopische Orthodoxe Kirche hat kein eigenes Kirchengebäude und keinen ständigen Priester; äthiopische orthodoxe Gottesdienste werden in der Kapelle des ökumenischen Zentrums in Chambésy gehalten.
Die Angehörigen der katholischen Ostkirchen bilden in der Schweiz eine kleine Minderheit und kommen vor allem aus der Ukraine, dem Nahen Osten und aus Indien. Sie feiern ihre Gottesdienste in katholischen Kirchengebäuden und sind ihren jeweiligen Mutterkirchen unterstellt.
Nach der Volkszählung von 2000 leben in der Schweiz 131.851 orthodoxe Christen und Christinnen. Sie treten heutzutage immer selbstbewusster in der schweizerischen ökumenischen Landschaft auf.
Weiterführende Literatur
Baumer, Iso, "Einheit und Vielfalt der Ostkirchen in der Schweiz: Orthodoxe, alt-orientalische und ostkatholische Kirchen", in: Baumann, Martin/Stolz, Jörg, Eine Schweiz - viele Religionen, Bielefeld: transcript 2007, S. 160-174 [Kapitelbeginn hier].
Thöle, Reinhard(Hg.), Zugänge zur Orthodoxie, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1998.
Orthodoxie in der Schweiz, hg. vom Institut für Ökumenische Studien Fribourg, (Ökumenische Wegzeichen 10), 2002
Bestellung per eMail an Barbara Hallensleben
Rolf Weibel, Unierte in der Schweiz, Luzern: SKAF-Verlag 1997
© Prof. Barbara Hallensleben, Prof. Viorel Ionita
Erstellt: Frühjahr 2004 | Ergänzt: Mai 2006