Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03537.jsonl.gz/749

Kapitel 23: Goldene Augen
»Du?«, wiederholte Glenna und starrte in das Gesicht, dass so absurd viel Ähnlichkeit mit menschlichen Zügen aufwies und gleichzeitig so völlig fremdartig wirkte.
»Komm mit«, sagte der Gehörnte zu ihr.
Er hielt einen ihrer Arme weiterhin fest umklammert und sie ließ zu, dass er sie mit sich zog. Sein Griff war kräftig und seine Schritte präzise.
Kein einziges Mal prallten sie mit irgendwelchen Menschen zusammen und das, obschon sein breiter Rücken dem eines Tieres glich.
Je länger Glenna ihm folgte, desto klarer wurden ihre Gedanken wieder und desto mehr verstand sie, was da vor sich ging. Keiner der Menschen um sie herum, konnte ihn sehen. Weshalb sie ihm auswichen, war unverständlich, aber genauso irrelevant.
»Wohin gehen wir?«, fragte Glenna, als sie die große Menschenmasse hinter sich gelassen hatten und auf dem Trampelpfad angekommen waren.
»An einen Ort, der sicher ist. An einen Ort, wo du nicht in Gefahr läufst, aus Versehen die wichtigste der drei Regeln zu brechen, Bonnie.«
Seine Stimme erinnerte an das Grollen eines aufziehenden Sturmes, doch alsbald er ihren Namen aussprach, wirkte er sanfter.
Sie wusste, dass sie kräftemäßig keine Chance hatte gegen ihn, trotzdem stemmte sie sich kurz gegen seinen Zug und umfasse das pelzige Handgelenk mit den Fingern ihrer freien Hand.
Etwas in ihr zuckte schmerzhaft zusammen, als sie sah, wie lächerlich ihre dürren, knochigen Finger auf dem stark behaarten Arm wirkten. Sie vermochte das Handgelenk nicht einmal im Ansatz zu umklammert, aber die Berührung genügte, um ihn innehalten zu lassen.
Sie waren alleine auf dem Trampelpfad und, noch bevor er etwas sagen konnte, übte Glenna einen leichten Druck auf seinen Arm aus und zu ihrer Überraschung ließ er sich tatsächlich von ihr lenken.
Sie führte ihn ab vom Pfad, quer über das Feld und wenn sie jemand beobachten würde, hätte er ganz bestimmt das Gefühl, dass eine arme, alte Verwirrte oder Betrunkene sich vorgenommen hatte, gleich nackt über die Herbstfelder zu tanzen.
Aber niemand rief nach ihr oder hielt sie auf, also führte sie ihn weiter hinaus, bis sie das Ufer des Shannon erreicht hatten, an welchem eine alte Sitzbank durch einige Büsche vor neugierigen Blicken geschützt war.
Dort setzten sie sich und sie wandte sich ihm zu. Er starrte auf das Wasser, so dass sie reichlich Möglichkeit hatte, ihn zu mustern.
»Du siehst genauso aus, wie in der Nacht vor 95 Jahren.«
Es war nicht einfach kitschig daher gesagt. Seine Züge waren dieselben. Dieses Gesicht, das so sehr einem Mann ähnelte, aber gleichzeitig die Züge einer Ziege aufwiesen. Die flache Nase, der schwarze, lange Backenbart und die mandelförmigen Augen. Der Haarschopf, der über seine breite Stirn nach hinten geglättet war, zwischen den beiden gebogenen Hörnern.
Er trug sogar denselben durchgehend schwarzen Anzug und in seinen menschlichen, aber sehr behaarten Händen lag derselbe, hölzerne Gehstock wie vor all den Jahren.
Er erwiderte ihren Blick.
»Du ebenso.«
Sie konnte nicht anders als bitter zu lachen.
»Natürlich.«
Der Púca lachte nicht.
»Das war sehr knapp, Bonnie.«
Sie verstummte und richtete den Blick auf das Wasser. Irgendwie hörte sie das heute nicht zum ersten Mal, aber dieses Mal schauderte ihr dabei. Genau das war der Grund, weshalb sie es vorzog, das Haus an Samhain nicht zu verlassen. Die Gefahr war einfach zu groß.
»Danke«, sagte sie leise.
Für einen Moment saßen sie schweigend nebeneinander. Sie hatte nach ihm gesucht auf dem Markt, aber ihn wirklich zu finden, fühlte sich surreal an. Die ersten paar Jahre nachdem er ihr ihre Fähigkeiten vermacht hatte, hatte sie immer wieder das Gefühl gehabt, ihn irgendwo zu erkennen. Aber je älter sie geworden war, desto überzeugter war sie gewesen, dass sie sich jeweils geirrt haben musste.
Er hatte ihr damals nicht die ganze Wahrheit zu ihren Fähigkeiten verraten. Aber es war nicht so, als hätte sie ihm im Vorfeld nicht auch übel mitgespielt.
95 Jahre lang war sie selber zu keinem Schluss gekommen, wie genau sie zu ihm stand. Ob sie ihm dankbar war, ob sie ihm Vorwürfe machte. Ob sie ihn damals wirklich geliebt hatte oder er sie.
All diese Unschlüssigkeit drückte sie nun nieder, so dass sie kein Wort heraus brachte.
Tat es ihr leid, dass sie ihn ausgenutzt und dazu gedrängt hatte, ihr die Fähigkeiten zu schenken? Hasste sie ihn, weil er sie über den Preis davon im Dunkeln gelassen hatte?
»Was tust du hier, Bonnie«, fragte er und der Bass seiner tiefen Stimme rumorte in ihrem Bauch.
Etwas war anders an ihm, fiel ihr auf. Er saß aufrecht, aber fast zu übertrieben, als versuchte er, einen Schmerz aus seinem Rücken zu vertreiben, indem er ihn durchstreckte. Seine Hände lagen auf dem Knauf des Gehstocks, aber sie waren unstet. Immer wieder fuhr er über seine eigenen Finger, als müsste er sie befühlen, um sicher zu gehen, dass sie da waren.
»Geht es dir gut?«, fragte sie und war selber überrascht, wie besorgt sie klang.
Er hob die buschigen Augenbrauen und schenkte ihr einen Blick aus seinen goldenen Augen.
»Ah«, sagte er langgezogen. »Es ist eine Weile her, seit ich diese Form angenommen habe. Es ist wie …« Er dachte für einen Moment nach. »Wie ein Fahrrad. Wenn man es nicht benutzt, rostet es.«
Es lachte heiser, aber irgendwie kaufte sie es ihm nicht ab. Da fiel ihr etwas anderes auf, dass sie verwirrte. Er war ernster als damals. Das schelmische Lächeln auf seinen Lippen fehlte, da war kein Schalk in seinen Augen.
Was war ihm während all der Jahre zugestoßen, dass ihn so gebändigt hatte?
Als seine goldenen Augen weiterhin auf ihr ruhten, wandte sie sich ab.
»Ich versuche, einen kleinen Jungen zu retten«, beantwortete sie seine Frage, obschon sie nicht ganz sicher war, ob sie darauf abgezielt gewesen war.
»Das habe ich gehört. Und natürlich ist es löblich, aber das überrascht mich nicht«, antwortete er.
»Was überrascht dich nicht?«
Er schlackerte leicht mit den abstehenden Ziegenohren und etwas mehr von seiner damaligen, verspielten Art drang zu ihr hindurch.
»Dass du helfen willst, womit auch immer du kannst. So warst du schon immer.«
Glenna beobachtete die Schwanenfamilie, die gemächlich den Fluss entlang geschwommen kam.
»So gut kennst du mich nicht.«
»Da irrst du dich«, sagte der Púca. »Ich hätte dir deine Fähigkeiten nicht vermacht, wenn ich nicht gewusst hätte, dass du sie zum Guten einsetzen wirst.«
Nun schnaubte Glenna. »Ich habe ein kleines Vermögen als Stripperin verdient. Deine Standards von Gut sind ziemlich simpel.«
Er schnalzte mit der Zunge. »Vielleicht. Aber du hast Leuten geholfen, indem sie für einen Abend ihre Sorgen vergasen.«
»Warst du einmal in Paris während der Années folles?«, fragte Glenna skeptisch. »Die Leute hatten keine Sorgen.«
»Jeder Mensch hat Sorgen. Ständig.«
Sie rümpfte die Nase, sagte aber nichts dazu, sondern warf ihm einen schrägen Blick zu.
Sie hatte ihn gesucht und er hatte sie gefunden. Und doch tat sie sich schwer damit, zu fragen, was sie fragen wollte.
Sie atmete tief durch.
Es ging hier nicht um ihren Stolz. Es ging um Aidans Leben.
»Kannst du mir helfen?«
Vorschau auf das Kapitel „Lieblingsbänke“ von nächster Woche: