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Er steht dem Bundesratszimmer im Berner Bundeshaus in nichts nach – der Verwaltungsratssaal der Suva. Hier werden seit 100 Jahren die Geschicke der Versicherungsanstalt gelenkt. Schon bei der Planung erhielt der vollständig in Holz ausgestattete neobarocke Saal die entsprechende Aufmerksamkeit.
Für die Planer gab es schon in der frühen Planungsphase keine Zweifel: Das «Regierungszentrum» der Suva muss repräsentativen Ansprüchen genügen. Und für die Gebrüder Pfister, die Architekten des Neubaus, war klar: Der Verwaltungsratssaal gehörte in das oberste Stockwerk des Turmbaus, direkt unter der Kuppel.
Klar war auch, dass sich die unmittelbar Betroffenen mit besonderer Aufmerksamkeit um die Planung und die Ausgestaltung des Saales kümmern würden. So war der Saal immer wieder Thema in den Verhandlungen des Verwaltungsrates. Man stellte die Frage, ob die Positionierung im exponierten Turmbau nicht ungünstig sei, weil es dort im Winter zu kalt und im Sommer zu heiss werde, man diskutierte über die Höhe der Fenster und das Fehlen eines Telefonanschlusses.
Und neben den Fragen der Funktionalität widmete man sich durchaus auch den Fragen nach der Aussenwirkung. Zwei Monate vor Baubeginn, im März 1914, wurden die Architekten von der Baukommission beauftragt, «in diesem Stockwerk noch eine Telephonkabine einzubauen und ausserdem die Frage zu prüfen, ob der erste Teil der vom zweiten zum dritten Stock führenden Treppe nicht freier und monumentaler gestaltet werden könnte».
Was die Telefonkabine betrifft, vermerkt das Verwaltungsratsprotokoll vom 25. Januar 1916: «Den Mitgliedern des Rates steht eine Telephonkabine im Vestibül des Saales, unter der Treppe zum Kuppelraum, zur Verfügung.» Die Instruktion für den Gebrauch des Telefons sei darin angebracht, zudem hätten die Ratsmitglieder
«die Gebühren für interurbane Gespräche» selber zu bezahlen. «Die Telephonzentrale der Anstalt wird ihnen nach dem Gespräch den Betrag der Gebühr mitteilen.»
Erst im Juni 1915, als der Bau schon weit fortgeschritten war, wurden die definitiven Pläne des Verwaltungsratssaales beraten – aber noch nicht verabschiedet. Die Ratsmitglieder sollten die Gelegenheit erhalten, ihre Wünsche anzubringen: «Sie [die Pläne] hängen im Sitzungssaale auf, und der Vorsitzende nimmt schriftliche Anregungen und Wünsche der Ratsmitglieder zuhanden der Baukommission entgegen.»
Sämtliche Details des Saales wurden von den Hauptarchitekten selber entworfen – das Täfer, die Kassettendecke und das Mobiliar. Die Gebrüder Pfister inszenierten auch den Zugang zum Saal. Von einem Vorraum führen zwei massive Türen in den Verwaltungsratssaal. Über den Türen sind Dreieckgiebel mit Figuren von Otto Münch angebracht.
Der rechteckige Saal selber ist vollständig in Holz gehalten. An der fensterlosen Rückwand sind die Sitze der Direktion und des Verwaltungsratspräsidenten angeordnet – leicht erhöht und abgestuft. Darum herum gruppieren sich die Pulte der Ratsmitglieder in einem Halbkreis.
Während über die Handwerker, die am Bau des Suva-Hauptgebäudes beteiligt waren, wenig bekannt ist, sind die Urheber der Holzbaukunst im Verwaltungsratssaal dokumentiert. Die prunkvolle Kassettendecke stammt von Robert Zemp aus Reussbühl, der in Emmenbrücke eine Möbel- und Parkettfabrik betrieb. Er war der Bruder des ersten katholisch-konservativen Bundesrates der Schweiz, Josef Zemp (Bundesrat von 1891 bis 1908) aus Entlebuch, und er war Suva-Verwaltungsrat seit der Gründung im Jahr 1912. Robert Zemp verstarb 1916, knapp ein Jahr nach der Vollendung des Neubaus; sein Sitz im Suva-Verwaltungsrat ging an seinen Sohn, der ebenfalls Robert Zemp hiess und der auch die Möbelfabrik seines Vaters übernahm.
Die Wandtäfelung wurde von J. Keller aus Zürich erstellt, das Mobiliar stammte von Hugo Wagner, Kunstschreiner aus Bern, die Leuchter von Baumann, Koelliker & Co. aus Zürich.
Augenfällig sind die in die Fenster eingelassenen Wappenscheiben. Sie waren allerdings nicht Teil der originalen Planung, sondern ein Geschenk von Gustav Siber, Seidenfabrikant aus Zürich und Suva-Verwaltungsrat von 1912 bis 1921, nach dessen Tod im Jahre 1924. Die insgesamt 16 Wappenscheiben waren Kopien der bekannten Wappenscheiben von Karl von Egeri im Rathaus von Stein am Rhein von 1542/1543. Dazu gehörten 13 Standesscheiben der eidgenössischen Orte sowie drei Städtescheiben (Rottweil, Mülhausen und Baden).
Da der Verwaltungsratssaal aber elf Fenster mit je zwei Flügeln aufwies, entschied man sich, die Zahl der Scheiben auf 22 zu erhöhen. Zuerst ging der entsprechende Auftrag an Eduard Renggli, Atelier für Glasmalereien in Luzern. Nach einem kritischen Gutachten von Hans Lehmann, Direktor des Landesmuseums in Zürich, wurde der Auftrag aber an Hans Meyer, Glasmaler aus Zürich, vergeben.
Meyer schuf sechs zusätzliche Standesscheiben mit Motiven, die sich an die Geschichte der jeweiligen Kantone anlehnen. Er verzichtete auf die traditionellen Hellebardiere und Bannerträger als Schildhalter. Die Wappenscheiben wurden im Oktober 1927 in die Fenster eingesetzt. Zürich und Bern machen den Anfang der Bilderfolge. Sie sind im mittleren Fenster auf der Ostseite des Verwaltungsratssaales platziert. Auf den Seiten wird die alte Reihenfolge der eidgenössischen Stände weitergeführt.
Titelbild: Verwaltungsratssitzung der Suva, 10.9.1948
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