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Der Höhepunkt des Jahres 2012 war für mich, als ich in einem schwierigen Moment eine ermutigende Nachricht von einem Feuerwehrmann erhielt. Er schrieb, er finde meine Ideen zum «Tail Risik», also der Annahme extremer Verluste, leicht verständlich. Seine Frage lautete: «Wie kommt es, dass Risiko-Gurus, Akademiker und Finanzmodelleure es nicht verstehen?» Die Antwort ist ganz klar und steht in der Nachricht selbst. Ein Feuerwehrmann kann es sich nicht leisten, Risiken falsch zu verstehen. Würde er einen Fehler machen, wäre er selbst geschädigt. Zudem ist er ein Ehrenmann, der sein Leben riskiert, ohne dafür einen Bonus zu erhalten.
Die Idee, mit vollem Einsatz beteiligt zu sein, ist für das Funktionieren einer komplexen Welt grundlegend. In einem undurchsichtigen System sind die Akteure leider versucht, Risiken zu verstecken, um die Rosen ohne die Dornen zu bekommen. Doch keine nur denkbare Methode zum Risikomanagement kann diese eigene Beteiligung ersetzen.
Unsere Urahnen waren sich dieser risikoverschleiernden Anreize voll bewusst und führten sehr einfache, aber wirkungsvolle Heuristiken ein. Vor etwa 3800 Jahren wurde im Hammurabis Code festgelegt, dass der Baumeister getötet werden sollte, wenn er ein Haus baut, das zusammenbricht und den Besitzer erschlägt. Dies war die beste Risikomanagement-Methode aller Zeiten. Unsere Vorfahren verstanden, dass der Baumeister das Risiko immer besser kennt als der Kunde. Deshalb versteckt er Schwachstellen und kann seinen Profit durch Sparen am falschen Ende steigern. Das beste Versteck ist das Fundament. Derjenige, der Risiko versteckt, hat verglichen mit dem, der es finden muss, einen grossen Informationsvorsprung.
Warum bin ich der Ansicht, dass eine bestimmte Gruppe von Menschen unter dem Anreiz steht, «gut dazustehen», anstatt «gut zu handeln»? Betrachten wir erstens die Politiker. In einem dezentralisierten System wie beispielsweise auf Gemeindeebene werden sie daran gehindert, anderen durch ihre Fehler zu schaden. In einem grossen, zentralisierten System ist die Fehlerquelle jedoch nicht so gut sichtbar. Die Bestrafung durch Scham und Schande ist eines von mehreren Argumenten für Dezentralisierung.
Zweitens missverstehen wir die Anreizstruktur von Unternehmensleitern. Entgegen der öffentlichen Ansicht sind Manager keine Unternehmer. Sie sind nicht das, was man Agenten des Kapitalismus nennen könnte. Seit 2000 bescherte der Aktienmarkt in den USA den Anlegern bis zu 2 Billionen Dollar an Verlusten. Also sollte man denken, Manager würden Verluste machen, da sie ja Anreizzahlungen erhalten. Keineswegs. Hier liegt eine Asymmetrie vor. Aufgrund des Optionsprinzips ihrer Berufsgruppe erhielten Manager über 400 Milliarden Dollar an Vergütungen. Manager, die Geld verlieren, geben nicht etwa ihren Bonus zurück oder bekommen einen negativen Bonus. In den Vergütungen ist eine Beliebigkeit enthalten, die nur durch die erzwungene Übernahme eines Teils der Verluste beendet werden könnte.
Drittens gibt es Probleme mit akademischen Ökonomen, Verfassern quantitativer Modelle und Regulierungsfanatikern. Dass wirtschaftliche Modelle nie mit der Wirklichkeit übereinstimmen, liegt daran, dass Ökonomen keine negativen Anreize haben und für ihre Fehler nie geradestehen müssen. Solange sie die Herausgeber der Fachzeitschriften glücklich machen, ist ihre Arbeit in Ordnung. Modelle wie die Portfoliotheorie und ähnliche Methoden verwenden wir ohne auch nur die entfernteste empirische Grundlage. Die Lösung besteht darin, Ökonomen davon abzuhalten, Praktiker belehren zu wollen. Dies bringt mich wiederum auf Dezentralisierung innerhalb eines Systems, wo politische Massnahmen durch kleinere Einheiten beschlossen und daher keine Ökonomen benötigt werden.
Viertens funktionieren in sozioökonomischen Bereichen Vorhersagen nicht. Prognostiker müssen kaum jemals selbst unter ihren Vorhersagen leiden. Trotzdem wissen wir, dass Menschen aufgrund numerischer Vorhersagen höhere Risiken eingehen. Die Lösung besteht darin, zu fragen, was der Vorhersager getan hat oder tun wird – und nur das zu berücksichtigen. Ich sage den Leuten, was ich in meinem Portfolio habe, und nicht, was ich vorhersehe. Der Erste, der zu Schaden kommt, bin ich selbst. Menschen dem Risiko auszusetzen, ohne dabei selbst Verluste zu erleiden, ist unethisch. In meinem Buch «Antifragile» sage ich den Leuten, was ich tue.
Hoffentlich werden 2013 Massnahmen ergriffen, um Heuristiken einzuführen, die persönlichen Einsatz erfordern – für eine sicherere Gesellschaft.
Nassim Nicholas Taleb ist ein ehemaliger Wertpapierhändler, Professor für Risk Engineering am Polytechnischen Institut der New York University. Dieser Essay stammt aus seinem Buch «Antifragile: Things that Gain From Disorder» (Random House und Penguin). © Project Syndicate, 2012