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Der Scheidstock
Der Scheidstock ( 2811 Meter. ) Bericht über die offizielle Excursion der Section Tödi S.A.C.
Ton J. Becker-Becker.
( 28./29. August 1875. ) Das Comité der Section Tödi beschloss in seiner Sitzung vom 20: Dezember 1872, unter die der Sectionsversammlung Vorzuschlagenden offiziellen Excursionen pro 1873 die Besteigung des noch jungfräulichen Gipfels Scheidstock mit Aufstieg von Baumgarten und Abstieg durch den sogenannten blauen Pfad über den Hintersulzgletscher durch 's Durnachthal nach Linththal aufzunehmen.
Die Sectionsversammlung genehmigte diesen sowie die übrigen Vorschläge; für die genannte Excursion wurde meine Wenigkeit als Chef bezeichnet und ich gebe hiemit meinen Bericht über den Verlauf dieser Tour ab.
.Scheidstöckli der Excursionskarte. Anm. d. Red.
Im Jahr 1872, bei einer anfänglich resultatlosen Jagdpartie, sah ich zum ersten Mal den schroffen Kalk-steinkegel, aus dem weitläufigen Schiefertrümmerfeld emporgewachsen, herausfordernd gen Himmel ragen. Meine damaligen Gefährten bezeichneten den Gipfel des Bestimmtesten als noch nie bestiegen und diese Aussage bewog mich, da jungfräuliche Berge im Glarnerlande nachgerade selten geworden sind, den Scheidstock als Ziel einer Clubtour vorzuschlagen.
Während zweier Campagnen hatten verschiedene hindernde Umstände die Ausführung der Reise unmöglich gemacht; der Sommer 1875 greulichen Angedenkens machte noch üblere Miene als seine beiden Vorgänger. Die Ersteigung musste wegen der Steilheit des Gebirges auf den Spätsommer verlegt werden; sollte somit das Vorhaben nicht in das gewöhnliche Fahrwasser der frommen Wünsche und der guten Vorsätze gerathen, so musste ohne die sonst gebührende-Rücksicht auf die Beständigkeit des Wetters zur Ausführung geschritten werden. Meine damaligen Ansichten über die Möglichkeit der Besteigung schwankten zwischen Ja und Nein, liessen jedoch einen Versuch als sehr wünschenswerth und als der Aufgabe der Section Tödi entsprechend erscheinen.
Die zu dieser Partie geneigte Reisegesellschaft konnte niemals zahlreich werden, das verbot schon die Gestalt des Gipfels, ganz abgesehen von der geringen Lust zu Bergfahrten, die sich damals in unserer Section zeigte.
Die Einladung zu einer Besprechung der Betheiligung und Ausführung blieb erfolglos; durch spätere Besprechungen bildete sich alsdann eine Gesellschaft, wie ich sie mir nicht besser hätte wünschen können. Zufolge fester Abrede fanden sich nun Samstag den -28. August 1875 im Bären in Linththal zur Reise bereit die Herren Gabriel Freuler-Becker von Ennenda, Jakob Brunner von Glarus, Jakob Schiesser von Linththal und Julius Becker von Ennenda. Als Chef und Führer war Joachim Zweifel und als zweiter Führer Salomon Zweifel engagirt. Um 3 Uhr zog die kleine Karawane vom Bären ab und erhielt schon beim Raben von den dortigen Gästen das tröstliche Prognostikon auf den Weg: die Reise sei unnütz, weil der Berg nicht ersteigbar sei!
Herr Brunner machte bei der meteorologischen Station im Auenschulhaus noch seine Beobachtung hinsichtlich seines Aeneroidbarometer's; dann ging es weiter bei brennender Nachmittagssonne und gegen halb 6 Uhr rückten wir auf Baumgarten-Unterstaffel an und fanden bei dem dortigen Pächter, Heinrich Zweifel; freund- schaftlichste Aufnahme und billige Rechnung. Vor dem Abendessen genossen wir die Aussicht in die Gebirge und auf das tief unter uns liegende Thierfehd. Der Abend war nicht hell und gegen 7 Uhr stellte sich plötzlich ein herabströmender Landregen ein und unter schweren Zweifeln am Gelingen unseres Planes begaben wir uns nach dem Nachtessen zur Ruhe.
Gegen 4 Uhr Morgens besserte sich das Wetter, ohne gerade für unser Vorhaben tröstlich zu sein. Bald kam die Karawane auf die Beine und zum kräftigen Frühstück. Nun grosser Kriegsrath: « Vorrücken « der Abziehen? » Der Befund der Thatsachen war: die Aussichten auf Erfolg sind nicht günstig, dagegen lässt sich immer poch kurze Zeit nach dem Abmarsch je nach der Witterung der Rückzug antreten. Entscheid: « Es wird probiert »! Halb 6 Uhr wurde abmarschirt, den Oberstaffel rechts lassend; der Weg zog sich längere Zeit im Steigen von Süd nach Nord über mässig steile Grasplanken. Bei einem Steinsignal wurde der erste Halt auf einer Höhe von circa 2200 m gemacht, und dem Magen eine kleine Stärkung gegeben. Verwundert schaute eine junge Gemse einige Zeit unserm Treiben zu, um nachher in wilden Sätzen aus unserem Bereich zu kommen.
Von hier aus starb die Vegetation immer mehr aus und machte dem Schiefertrümmerfeld immer mehr Platz. In ziemlich kurzen Abständen liefen steil abfallende Kinnen zu Thale. Oefters waren die zur Passage dieser Rinnen nöthigen Couloirs mit hartgefrornem Schnee und Schieferschlamm trügerisch bedeckt, so dass da » Begehen derselben sehr zeitraubend und gefährlich war. Um 9 Uhr passirten wir unter dem kleinen Rüchi ( 2851 m ) eine kleine Furkel, durch wrelche wir um 9 Uhr 40 Min. auf den Kamm zwischen Rüchi und Scheidstock gelangten. Nach kurzem Rathe wurde der Angriff auf den letztern von der Südseite vorgenommen.
Die meisten von uns liessen die Stöcke zurück. Der Aufstieg von hier aus war enorm steil, das Gestein, klingelharter Kalk, sehr ungemüthlich scharfkantig und zerrissen, unter dem.Fusse sich in kleinere Theile trennend. Mit Hülfe -von Seil, Händen und Knieen gelangten wir in 50 Minuten auf einen Grat, Der Scheidsiock.63.
sahen aber zu unserm Missbehagen vor uns gegen Norden einen andern Grat, unsern Standpunkt um circa 25 m überragend. Das direkte Erreichen dieses höhern Grates wurde von Herrn Jakob Schiesser mit lobens-werthester Kaltblütigkeit versucht, dagegen auf allseitiges Abmahnen wegen der zu grossen Gefahr wieder aufgegeben. Nachdem wir wieder 200 Meter rückwärts geklettert, wurde die Ostseite des Stockes betreten, und wenn auch die glatten Platten und die starke Steigung den spärlichsten Anhalt für Hand und Fuss gewährten, auch trotz aller Vorsicht gegen rollende Steine Joachim Zweifel sich nur durch rasches Ausweichen vor sicherem Tode retten konnte, so war doch die höchste Spitze um halb 11 Uhr erreicht. Und was habt ihr nun als Dank für euere Kletterei gesehen? ist die geflügelte Frage der Thalphilister. Ja — gesehen hätten wir in dem engen Kahmen der uns umgebenden grossartigen Gebirgswelt Vieles, wenn nicht der leidige Nebel, dieser üble Kamerad so mancher Bergreise, uns den grössern Theil der Aussicht benommen hätte. Die grossen Herren, wie Tödi, Selbsanft, grosser Rüchi, Glärnisch, Claridenstock, waren alle sichtbar, währenddem die bescheidenem Grossen mehr oder weniger im Nebel Stacken.
Die Temperatur war mild9° C. ) und gestattete längeres Verweilen; der Himmel trübe und grau. Der Grat des Stockes stürzt als circa 450 m hohe überhängende Wand gegen Westen ab; gegen Süden sowie gegen Norden zeigen sich mehrere niedrigere scharfe Zacken und Gräte, direkt von einander kaum erreichbar. Gegen Osten fallen steile glatte Platten, 64J. Becker-Becker.
auch einzelne Köpfe, gebildet durch erfolgte Ablösung einzelner Plattengruppen. Nicht weit vom östlichen Fusse des Stockes liegt der wunderschöne smaragdgrüne Muttsee in geisterhafter Ruhe. Kaum wird eine aridere Gebirgsgegend des Kantons Glarus einen grossartigern und nachhaltigem Eindruck erzeugen, als diejenige des Scheidstöckli, Rüchi, Nüschen und Mutt-stock's. Auf einer verhältnissmässig bedeutenden Höhe -vergönnen hier Sturm und Wind den sich ablagernden Schneemassen nur eine kurze Ruhe. Der Kessel des TVTuttseethales, anscheinend zur Bildung eines Gletschers sehr geeignet, weist nur spärliche Rudimente ewigen Schnee's auf; die ihn umgebenden wilden und sämmtlich schroffen Gebirgsstöcke sind beinahe aller Eis-Gebilde baar. Die Naturkräfte, welche hier oben ihr Scepter führen, arbeiten mit schreckenerregender, unerbittlicher Macht, und ihre Parole ist Zerstörung.. Soweit ein scharfes Auge einzelne Steinmassen unterscheiden kann, ist die Zerklüftung und die Zersplitterung eminent, auffallend rapider vorschreitend als auf allen andern Bergen nämlicher Höhe und Umgebung.
Wir waren da oben die einzigen lebenden Wesen weit und breit. Still, zauberhaft schön lag der Alpsee zu unsern Fussen; keift Vogel, kein Schmetterling, kein flüchtiges Gratthier zeigte sich, um alle diese der langsamen Zerstörung geweihten Bergriesen zu beleben.
Die Formation und die Höhe des Scheidstockes sind in Wirklichkeit bedeutend anders, als dies die Angaben der Dufourkarte nachweisen. Erstens ist der Absturz gegen Westen nicht allmälig, sondern bildet, wie bereits bemerkt, eine kolossale überhängende Wand. Zweitens ist der Scheidstock niedriger als der kleine Rüchi, währenddem die Karte für den Scheidstock 2968 m und für den Rüchi 2852 m angibt* ). Nachdem wir vergebens auf eine Flasche zur Bergung des Wahrzettels gewartet hatten, weil die damit beladenen Träger wegen den sehr zahlreich abstürzenden Steinen am Fusse des Stockes warteten, wurde der Abstieg angetreten und mit grösster Vorsicht, Mann für Mann, ohne Unfall, jedoch mit zerkratzten Händen und zerrissenen Hosen.ausgeführt. Nun allgemeine Feststimmung. Es war also doch gelungen, was uns Tags zuvor als Unmöglichkeit erklärt worden. So hatten wir also doch das Vergnügen, die Aufgabe, einen noch nie erstiegenen Gipfel zu erreichen, erfüllt zu habenNun durfte mit Fug und Recht an 's Mittagessen gedacht werden.
In wirklich sehr kurzer Zeit war in dem Steintrümmerfeld ein kleiner, vor den grössten Windstössen geschützter Feuerherd aufgeführt, der Schnellkoch-apparat aufgepflanzt, mit alten Zeitungen, in Oel getränkt und nachher ausgepresst, die nöthige Feuerung erstellt, und nach einigen Minuten schon konnten wir dem schwer zu befriedigenden Senior ein Beefsteak serviren, welches von diesem, o Wunder! mit Beifall-brummen angenommen wurde! Die Leibköche des Taikun konnten nicht stolzer auf ihr bestes Reisgericht sein, als wir Hochgebirgsköche auf das Lob unseres sachAuf der Excursionskarte korrigirt: Scheidstöckli 281 lm, kl. Rüchi 2851°.Anm. der Red.
kundigen Gastronomen! Nun nach allseitiger Befriedigung des Magens stiegen Herrn Brunner und Herrn Schiesser die schwersten Bedenken auf, es möchte der Umstand, dass die Flasche mit dem Wahrzettel nicht auf der höchsten Spitze, sondern am Fusse des Scheidstockes deponirt wurde, zu freventlichem Zweifel an der ausgeführten Ersteigung Anlass geben. Trotz aller Einrede geschah das Unerhörte! Eine Flasche mit dem Wahrzettel wurde von den beiden Herren in Begleitung von Salomon Zweifel auf einem andern, nach ihrer Aussage günstigem Wege auf die höchste Spitze getragen, gebührend placirt, und, was eine bedeutende Leistung genannt zu werden verdient, der Aufstieg und der Abstieg zusammen in weniger als 1V2 Stunden ausgeführt.
Die übrige Gesellschaft wartete inzwischen nicht ohne einiges Bangen auf die drei Heisssporne, weil ziemlich dichte Bisnebel die nächste Umgebung einzuhüllen begannen. Der wahrscheinlich schwierigste Theil der Excursion, der Abstieg durch den sogenannten blauen Pfad auf den Hintersulzgletscher des Durnachthaies wurde durch diese fatale Aenderung des Wetters nun stark in Frage gestellt. Soweit sich der Weg durch den blauen Pfad vom Scheidstock aus beurtheilen lässt, ist dessen Begehung nur bei gutem Wetter und in kleinerer Gesellschaft rathsam und wird immerhin selten ausgeführt werden. Nach Zurückkunft der drei Mann wurde Rath gehalten und darauf hin der Abstieg nach der sogenannten Windigegg ( 1749 m ) angetreten.
Abends halb 6 Uhr kamen wir über Obort zum Wirthshaus im Hütten, allwo für den ersten Schrecken eine kleine Anfeuchtung des innern Menschen vorgenommen wurde. Hierauf Schlussmarsch nach Stachelberg, dort gründliche Abwaschung des äussern Menschen, ebenso sauberer Ueberzug desselben mit frischer Wäsche, gründliche Vertilgung eines flotten Nachtessens, der Flüssigkeiten nicht zu vergessen. Resultat: Allgemeine Heiterkeit und Zufriedenheit mit dem Erfolg des Tages. Ein freundlichst angebotener Wagen beförderte die Gesellschaft noch am gleichen Abend nach Hause.
Die Besteigung des Scheidstock kann bei einiger Vorsicht als sehr geeignete vorläufige Uebungstour für grössere Partien bezeichnet werden.
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