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Der Ursprung des Festes «Allerheiligen» liegt im christlichen Orient, wo es in den ersten Jahrhunderten viele Märtyrer gab. Ihnen gedachten die Gläubigen in einem gemeinsamen Gottesdienst, dessen Termin je nach Kirche am 13. Mai, am Sonntag nach Pfingsten oder am Freitag der Osteroktav war. Die zeitliche Nähe zu Ostern verdeutlicht den Zusammenhang des österlichen Heilsgeschehen mit dem Leben der Märtyrer.
Am 13. Mai 609 wandelte Papst Bonifatius IV. das «Pantheon» in Rom, ursprünglich ein «allen Göttern» geweihtes Heiligtum, in eine katholische Kirche um und weihte sie der heiligen Jungfrau und allen Märtyrern («Sancta Maria ad Martyres»). Im Jahr 731 weihte Papst Gregor III. eine Kapelle im Petersdom «zur Ehre Jesu Christi unseres Erlösers, seiner heiligen Mutter, der heiligen Apostel, Märtyrer, Bekenner und aller Gerechten, deren Gebeine auf der weiten Erde in dem Herrn ruhen». Damit erweiterte er den Gedenktag der Märtyrer um alle Heiligen. Den Gedenktag legte er für die Stadt Rom auf den 1. November. Das Gedenken der Märtyrer breitete sich im 8. und 9. Jahrhundert in der ganzen westlichen Kirche aus, aber erst im Jahr 1475 erklärte Papst Sixtus IV. Allerheiligen zum gebotenen Festtag für die ganze Kirche.
Die Neuschöpfung in Gott
Im November beginnt die Schöpfung, sich auf den Winter einzustimmen. Die Blätter wechseln ihre Farbe und schweben schliesslich mit dem Herbstwind zu Boden; Blumen und Sträucher verblühen. Die Natur kommt langsam zur Ruhe. Auch die Menschen ändern ihren Rhythmus – statt abendlicher Aktivitäten geruhsame Abende zu Hause. Während um uns herum die Natur vergeht, weist die Liturgie von Allerheiligen auf die unvergängliche Welt hin.
In der ersten Lesung aus der Offenbarung des Johannes (Offb 7,2–4.9–14) beschreibt der Seher seine Vision:
«Danach sah ich und siehe, eine grosse Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen vor dem Thron und vor dem Lamm, gekleidet in weisse Gewänder, und trugen Palmzweige in den Händen. Sie riefen mit lauter Stimme und sprachen: Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm. […] Wer sind diese, die weisse Gewänder tragen, und woher sind sie gekommen? […] Dies sind jene, die aus der grossen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiss gemacht»
Auf diesen neuen Himmel verweist auch die Präfation des Festtages: […] Denn heute schauen wir deine heilige Stadt, unsere Heimat, das himmlische Jerusalem. Dort loben dich auf ewig die verherrlichten Glieder der Kirche, unsere Brüder und Schwestern, die schon zur Vollendung gelangt sind. Dorthin pilgern auch wir im Glauben, ermutigt durch ihre Fürsprache und ihr Beispiel und gehen freudig dem Ziel der Verheissung entgegen. Darum preisen wir dich in der Gemeinschaft deiner Heiligen und singen mit den Chören der Engel das Lob deiner Herrlichkeit: Heilig …»
An Allerheiligen werden nicht nur die von der Kirche offiziell heiliggesprochenen Frauen und Männer gefeiert, sondern alle Menschen, die «schon zur Vollendung gelangt sind». Sie verdienen unseren Lobpreis, da sie Christus im Leben nachgefolgt sind und nun Zeugen der Erlösung sind. Ihr Vorbild ermutigt uns auf unserem eigenen Weg zur Vollendung.
Gleichzeitig rufen wir sie, die nun ganz in Gottes Gemeinschaft eingegangen sind, als Fürbitter an – und in der aktuellen Zeit haben wir viele Gründe, um ihren Beistand zu bitten!
Der heilige Bernhard von Clairvaux vollzieht in seiner Predigt zu Allerheiligen einen Perspektivenwechsel: «Die Gerechten warten auf uns […] Wir wollen hineilen zu denen, die uns erwarten, mit den Wünschen des Herzens wollen wir ihnen entgegeneilen, die nach uns ausschauen. Nicht nur die Gemeinschaft der Heiligen wollen wir uns wünschen, sondern auch ihr Glück.»
Neben dem Vorbild und der Fürbitte der schon Vollendeten helfen uns die Seligpreisungen Jesu, von denen wir im Fest-Evangelium hören. Sie dienen uns als Wegweiser auf unserem Pilgerweg zum ewigen Leben.
Die Texte an Allerheiligen sprechen nicht vom Tod, sondern vom Leben. Die Kirche folgt Jesus Christus, der den Tod überwunden hat und uns vorausgegangen ist in die Herrlichkeit des Vaters.
«Der Glaube sagt uns, dass die wahre Unsterblichkeit, die wir erhoffen, nicht eine Idee, eine Vorstellung ist, sondern eine Beziehung der vollkommenen Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott: Es ist das Bleiben in seinen Händen, in seiner Liebe, es ist das in ihm Einswerden mit allen Brüdern und Schwestern, die er geschaffen und erlöst hat, mit der ganzen Schöpfung. Unsere Hoffnung ist gegründet auf die Liebe Gottes, die im Kreuz Christi erstrahlt und im Herzen die Worte des guten Schächers erklingen lässt: ‹Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein› (Lk 23,43). Das ist das Leben, das zu seiner Fülle gelangt ist: Es ist das Leben in Gott; ein Leben, das wir jetzt nur erahnen können, wie man den klaren Himmel durch den Nebel erahnt.» (Papst Benedikt XVI. in seiner Predigt vom 3. November 2012)