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Bergfahrten im Gebiet des Hinterrheins
Aus den Erinnerungen eines Bergpfarrers.
Mit 2 Bildern.Von R. Lejeune
( Zürich, Sektion Hinterrhein ).
Die Pizzas d' Annarosa.
Südwärts der Beverinkette, mit dieser verbunden und unmittelbar an das Gelbhorn sich anschliessend, mit ihrem gänzlich andersartigen Charakter jedoch zu den sanften Gebilden der Beveringruppe seltsam kontrastierend, erhebt sich zunächst die wilde Kette der Pizzas d' Annarosa, deren zerborstener Grat drei besondere Erhebungen aufweist — zwischen den beiden quotierten Punkten des Hauptgipfels ( 3002 m ) am westlichen Ende der Kette und des Cufercalhornes ( 2801 m ), das deren östlichen Eckpfeiler darstellt, möchte ich noch die mittlere Gruppe hervorheben, die aus einer ganzen Anzahl fast gleich hoher Gipfelchen besteht, als Ganzes aber sich sehr deutlich sowohl gegen das Massiv des Hauptgipfels wie gegen den Grat zum Cufercalhorn abhebt und auch hinsichtlich der Höhe ungefähr die Mitte zwischen diesen beiden Gipfeln einhält —, hinter welcher sich aber, von der Annarosakette durch das kleine wilde Steilertal getrennt, noch eine weitere Gruppe mächtiger Kalkberge mit den markanten Gipfeln des Alperschelli-, des Steiler- und des Teurihorns auftürmt. Diese vom alpinistischen Gesichtspunkt aus wohl interessanteste Gruppe des ganzen Gebietes scheint vor mir nur selten aufgesucht worden zu sein; meine Andeerer hielten speziell die Pizzas d' Annarosa damals noch für unbestiegen, und der wackere Schuhmacher Vaihinger, der einzige Alpinist im Dorfe, erzählte mir mit sichtlichem Grausen, wie dieser gefährliche Berg ihn und seinen Begleiter lange nicht mehr freigegeben habe, als er sich einmal zu einem ersten Besteigungsversuch an ihn herangewagt und dabei verstiegen hatte. Nun, ganz so schlimm stand es nicht: auf sämtlichen Gipfeln stiess ich auf Spuren früherer Besteigungen, ja, auf dem Hauptgipfel der Pizzas d' Annarosa war sogar ein kleines Gipfelbuch mit einigen wenigen Eintragungen deponiert, und wenn ich mich recht entsinne, hat kein Geringerer als Christian Klucker als erster diesen Gipfel bezwungen. Aber auch auf dem von einem mächtigen Stein gekrönten östlichsten Punkt der mittleren Annarosagruppe, die ich selber bis dahin für unbestiegen gehalten hatte, fand ich zu meiner Überraschung eine Büchse mit einer Notiz vor, laut welcher dieser Gipfel schon im Jahre 1907 von Sufers her durch Basler Touristen bestiegen worden war, und auch das Steilerhorn — wohl die kühnste Erhebung unter diesen Kalkbergen — wies ein kleines Steinmännchen auf, als ich erstmals im Herbst 1917 seinen Gipfel betrat. Wohl aber mögen einige der von mir gewählten Routen neu gewesen sein, und jedenfalls dürfte es sich bei der Längstraversierung der Pizzas d' Annarosa, die ich im November 1918 und im September 1919 mit meinem Freund Stephan Loringett durchführte, um das erste Unternehmen dieser Art gehandelt haben. Heute werden diese prächtigen Berge wohl häufigeren Besuch erhalten, die neuerstellte Cufercalhütte bietet ja auch für alle Besteigungen in dieser Gruppe einen geradezu idealen Ausgangspunkt, während ich fast alle meine Touren als Tagestouren von Andeer aus ausführte und mir höchstens etwa einmal eine gewisse Erleichterung durch Übernachten in den Maiensässen von Promischur oder Burgias verschaffte.
Der niedrigste Gipfel der ganzen Gruppe dieser Kalkberge ist das Cufercalhorn, 2801 m, das sich aber von Osten her noch recht imposant ausnimmt und das sich gegen den eigentlichen Annarosagrat hin durch seinen senkrechten westlichen Abbruch scharf abgrenzt. Von Andeer aus mag der Aufwand an Zeit für diesen untergeordneten Gipfel fast zu hoch erscheinen — ich benötigte dafür immerhin viereinhalb Stunden —, aber von der neuen Cufercalhütte aus ist er leicht in anderthalb Stunden zu erreichen, und ein Besuch lohnt sich in jeder Beziehung.
Ich bestieg das Cufercalhorn erstmals im Sommer 1916, als ich überhaupt meine ersten Entdeckungsfahrten in diesem Gebiete unternahm. Mit meinem Andeerer Kirchenpflegepräsidenten war ich über Burgias und den Tschaingel mellen zur Fuorcla dil Lai pintg angestiegen, und während mein Begleiter etwas der Ruhe pflegte, versuchte ich rasch noch eine Besteigung dieses die Fuorcla nur um 200 m überragenden Gipfels. Ich stieg erst direkt gegen den Gipfel an, wich dann unter den eigentlichen Gipfelfelsen auf die Südostseite des Berges aus und erreichte die Spitze durch ein breites Couloir, ohne irgendwo auf Schwierigkeiten zu stossen. Da ich meinen Begleiter nicht allzu lange warten lassen wollte, verzichtete ich auf weitere Rekognoszierungen und benützte für den Abstieg dieselbe Route, um dann in gemeinsamer Wanderung von der Fuorcla über Alp Annarosa und Promischur nach Andeer zurückzukehren.
Ein zweites Mal besuchte ich das Cufercalhorn am 1. August 1919, wobei ich von Andeer über Lai da Vons und die Cufercalalp zu dem prächtig gelegenen Plateau am südöstlichen Ende der Annarosakette wanderte, über welches man auch ins hintere Steilertal gelangt. Von hier folgte ich über Punkt 2540 m dem völlig harmlosen Südostgrat bis zu den Gipfelfelsen, die sich unschwer ersteigen lassen. Diesmal ging ich rasch noch zum zweiten, nordwestlichen, sogar um ein weniges höheren Gipfelchen hinüber und schaute mir zumal den mächtigen Abbruch gegen den Annarosagrat näher an. Ich musste mich dabei sofort überzeugen, dass dieser Abbruch sich höchstens durch eine gehörige Abseilerei mit viel Seilaufwand bezwingen liesse, weshalb ich denn auch bei der Begehung des Grates zur mittleren Gruppe der Pizzas d' Annarosa den Grat jeweils erst unterhalb des Abbruchs betrat, das Cufercalhorn auf seiner Nordseite umgehend. Für den Abstieg benützte ich wiederum die oben erwähnte Route zur Fuorcla dil Lai pintg. Da mir die Zeit noch einen kleinen Umweg erlaubte, stieg ich von der Fuorcla rasch noch zu dem dem Cufercalhorn gegenüberliegenden Punkt 2641 hinan, folgte sodann dem nordöstlichen Ausläufer dieses Gipfels, bis ich den Weg nach Promischur bei der Hütte von Era erreichte.
Erst zwanzig Jahre später sollte mich mein Weg nochmals auf diesen bei all seiner Anspruchslosigkeit doch sehr lohnenden Gipfel führen. Im August 1939 machte ich, um trotz des trüben Wetters mir etwas Bewegung zu verschaffen, einen Ausflug nach der neuen Cufercalhütte. Da sich während meines Aufenthaltes in der Hütte das Wetter unerwartet aufhellte, konnte ich es mir nicht versagen, den schönen Abend noch zu einem Sprung auf das Cufercalhorn zu benützen. Wiederum wählte ich den Anstieg über den Südostgrat, nur dass ich denselben erst etwa in der Mitte zwischen Punkt 2540 und dem Gipfel betrat. Rasch suchte ich auch diesmal noch das zweite Gipfelchen auf und tat wie einst einen Blick über die jäh abfallende Wand hinunter. Und während ich hier für einige Augenblicke die Klarheit und Einsamkeit des herrlichen Abends inmitten dieser Welt von Felsen genoss, kamen auf einmal wohl an die fünfzig Bergdohlen, die in einem Spalt direkt über dem grossen Abbruch nisteten und sich bereits zur Ruhe begeben hatten, eine nach der andern — durch den späten Gast aufgescheucht — aus ihrem Schlupfwinkel hervor und umflatterten mit aufgeregtem Gekreisch den unerwarteten Störefried. Doch die Zeit drängte zum Abstieg, durfte mich doch die wundersame Helle, die hier oben noch herrschte, nicht darüber täuschen, dass die Täler bereits in Dämmerung lagen und dass sich das Dunkel unmerklich auch über die Berge legte. Als Abstieg wählte ich das kleine, recht steile Couloir, das sich vom Sättelchen zwischen den beiden Gipfeln des Cufercalhorns hinunterzieht, das aber bei aller Eile, die mir geboten war, wegen seiner Vereisung noch rechte Vorsicht heischte. Im letzten Schimmer der Dämmerung erreichte ich die Fuorcla dil Lai pintg und kehrte so rasch, als es das Dunkel zuliess, zur Cufercalhütte zurück. Gerne wäre ich über Nacht in der heimeligen Hütte geblieben, zumal ich auf dem Gipfel des Cufercalhorns den Entschluss gefasst hatte, anderntags auch dem Steilerhorn nach mehr als zwanzig Jahre langem Fernbleiben einen Besuch zu machen. Da ich aber keinerlei Proviant bei mir hatte und meine ganze Ausrüstung in meinem treuen Pickel bestand, musste ich wohl oder übel, um mich wenigstens mit dem Allernötigsten zu versehen, noch nach Burgias hinaus wandern, was indessen unter dem klaren Sternenhimmel auch seinen Reiz hatte und mir ein nettes Zusammensein mit alten Freunden brachte. Doch das Cufercalhorn bildet ja nur den äussersten Vorposten der Pizzas d' Annarosa, und alles, was dieser bescheidene Gipfel an Reizen zu bieten vermag, bedeutet ja nur einen Vorgeschmack dessen, was die eigentlichen Pizzas d' Annarosa für den Bergfreund bereithalten. Von allem Anfang an, seitdem ich ihrer auf dem Carnusapass oben gewahr geworden, übte diese kühne Kette eine besondere Anziehungskraft auf mich aus. Um so verwunderlicher mag es erscheinen, dass ich erst im September 1918, im dritten Sommer meiner Andeerer Jahre, bis zu ihrem höchsten Gipfel vordrang. Daran waren allerlei Zufälligkeiten schuld: die steilen Schneecouloirs und Schneebänder der Nordseite lockten mich zunächst wenig; über meinen Versuchen, dem Berge von Süden und Westen beizukommen, stand aber anfänglich kein guter Stern. Als ich im September 1917 zu einer ersten Rekognoszierung aufgebrochen war und über Lai da Vons, die Cufercalalp und die bereits erwähnte Terrasse am Südostfuss der Annarosakette erstmals ins Steilertal vordrang — beim Einbiegen in dieses wilde Tal recht unfreundlich begrüsst von einem wahren Steinhagel, den ein Rudel fliehender Gemsen auf mich niedersausen liess —, entdeckte ich zwar bald eine Aufstiegsmöglichkeit: ein mit Geröll gefülltes breites Couloir führt hier hinauf in die tiefe Einsattelung östlich der mittleren Annarosagruppe, und dass der Gipfelgrat an dieser Stelle sowohl von der Steiler- wie von der Annarosaseite aus gut erstiegen werden kann, davon habe ich mich später überzeugen können, wie ich auch öfters beobachtete, dass Gemsen diese Einsattelung als Übergang vom Steilertal zum Lai grand benützten. Aber ganz abgesehen davon, dass dieser Aufstieg mich nicht zum Hauptgipfel, sondern nur auf die mittlere Gruppe geführt hätte, vermochte er mich nicht zu locken, verhiess doch die grosse Geröllhalde, die es zuerst zu überwinden galt, wie auch das Couloir selber viel Mühe und wenig Genuss. So wanderte ich denn weiter durch das einsame Steilertal hinauf, unterwegs immer wieder nach lockenderen Aufstiegsmöglichkeiten Ausschau haltend, und gelangte so schliesslich zur Steilerfurkel, 2596 m. Des besseren Überblicks wegen suchte ich gerade noch das Bodenhorn, 2699 m, auf und hielt dort meine Mittagsrast. Sofort wurde mir klar, dass hier an der Westecke der Kette der Hauptgipfel in Angriff genommen werden müsste und dass dies auch unter recht günstigen Aussichten für ein Gelingen geschehen könnte. Tatsächlich habe ich denn auch die Pizzas d' Annarosa im folgenden Jahr und später wiederholt genau an dieser Stelle erstiegen, für diesmal aber verzichtete ich auf einen Besteigungsversuch und wandte mich — einer momentanen Stimmung nachgebend — dem Alperschellihorn zu, das mit seinen 3045 m die höchste Erhebung der Kalkberge darstellt.
Nur wenige Tage später wollte ich das Versäumte nachholen und suchte neuerdings das Alperschelli auf, diesmal aber den Weg über Promischur, Era und die Fuorcla dil Lai grand wählend. Aber auch an diesem Tage sollte ich den Gipfel der Pizzas d' Annarosa nicht erreichen, sondern es nur zu einem recht ernsthaften, aber leider missglückten Besteigungsversuch bringen. Als ich nämlich in der beträchtlichen Wärme des frühen Nachmittags — ich hatte Andeer erst um 9 Uhr vormittags verlassen — das weite Geröllfeld am Westfuss der Pizzas d' Annarosa durchquerte und meine Blicke dabei mehr und mehr auf die grandiose Westwand des Berges heftete, machte ich mich in plötzlichem Entschluss an diese Wand heran, statt nach dem ursprünglichen Plane noch bis zu der erwähnten Aufstiegsstelle an der Südwestecke des Berges vorzudringen. Vier gewaltige Türme flankieren hier die Westfront der Pizzas d' Annarosa, und es wollte mir erscheinen, als könnte sowohl das Couloir zwischen dem ersten und zweiten Turm ( von rechts her gezählt ), wie ein Kamin zwischen dem zweiten und dritten gelblichen Turm eine Aufstiegsmöglichkeit bieten. Von diesen beiden Eventualitäten entschied ich mich für die zweite und kletterte durch eine Rinne, die sich bald zu einem Stemmkamin zwischen glatten, steilen Platten vertiefte, empor, erreichte auch das von unten beobachtete Kamin und gelangte durch dasselbe schliesslich nach anderthalbstündiger Kletterei in eine mächtige, durch einen eingeklemmten Felsen gebildete Höhle. Da indessen von hier aus jedes Weiterkommen unmöglich war, musste ich mich schweren Herzens — trennte mich doch nur noch ein kurzes Stück von dem Sattel zwischen den beiden Felstürmen und damit von der Schutthalde unterhalb des Annarosagipfels — zum Rückzug entschliessen, welchen ich mir durch Abseilen über die steilen Platten neben dem im Aufstieg benützten Kamin erleichterte. Bei prächtiger Abendstimmung hielt ich noch eine Rast auf einem der Wand vorgelagerten Spitzchen und kehrte dann über die Fuorcla dil Lai grand und Promischur nach Andeer zurück.
So verstrich auch dieser Sommer, ohne dass ich den Pizzas d' Annarosa den längst schuldigen Besuch abgestattet hatte, und erst am 19. September 1918 sollte es endlich zur Ausführung des alten Vorhabens kommen. Ich hatte mich für ein paar stille Tage nach Promischur zurückgezogen, wo ich einsam für mich in einer der lieben Maiensässhütten hauste. Das schlechte Wetter erlaubte zunächst keinerlei Bergfahrten, und statt auf diesen oder jenen Gipfel zu steigen, benützte ich die Ungestörtheit dieser Tage zu intensiver Lektüre und vertiefte mich in Dostojewskis grosse Romane. Auch an dem erwähnten Tage verhiess das Wetter nicht viel Gutes, doch hellte es sich im Laufe des Vormittags so weit auf, dass ich mich nach 11 Uhr noch auf den Weg machte und über die Fuorcla dil Lai grand neuerdings ins Alperschelli vordrang. Diesmal durchquerte ich das mühsame Geröllfeld, ohne mich durch allerlei problematische Möglichkeiten ablenken zu lassen, und strebte beharrlich jener Südwestecke des Berges zu, in der ich schon bei der ersten Rekognoszierung die schwache Stelle der mächtigen Festung erkannt hatte. Mich stets dicht am Fuss der Wand haltend, bog ich noch um die letzten Felsen der gewaltigen Westfront herum, stieg dann rasch über Platten und feines Geröll bergan, mich allmählich rechts haltend, bis ich ein steiles Couloir erreichte, durch das ich ohne besondere Schwierigkeiten schliesslich die grosse Schutterrasse über der Wandstufe erreichte. Nachdem sich das Wetter inzwischen zusehends verschlechtert hatte, begann es jetzt leider wieder zu regnen. Doch wollte ich die Sache so nahe dem Ziele nicht aufgeben und stürmte dem Gipfel in höchstem Eiltempo entgegen. Droben gönnte ich mir auch nicht die kleinste Rast, sondern trat unverzüglich wieder den Abstieg an, für welchen ich dieselbe Route benützte, nur dass ich mich unterhalb des Couloirs links hielt, um den Sattel zwischen der Wand und einem grossen, auch vom Steilertal her auffallenden Felsen zu gewinnen. Trotz Nebel und stets intensiverem Regen stieg ich heiteren Sinnes ins Steilertal hinab, durchquerte unverdrossen die lange Geröllhalde unter der Südflanke der Annarosakette und gelangte über die schon mehrfach erwähnte Terrasse östlich von Punkt 2540 m zur Cufercalalp, um nach genau siebenstündiger Abwesenheit wieder meine einsame Klause auf Promischur zu erreichen. Hatte auch das Wetter den Genuss dieser Tour stark beeinträchtigt, so bedeutete es für mich doch eine gewisse Genugtuung, endlich diesen Gipfel bezwungen zu haben.
Doch diese Bezwingung des Hauptgipfels der Pizzas d' Annarosa hatte für mich nur die Bedeutung einer Art von Abschlagszahlung, denn bereits lockte mich ein grösseres Problem. So oft ich vom Lai grand aus die wilde Kette betrachtete, beschäftigte mich der Gedanke, einmal eine Traversierung des ganzen Gipfelgrates zu versuchen, und bald nach der erwähnten Besteigung des Hauptgipfels machte ich mich an die Ausführung dieses Planes. Es war mir dabei eine besondere Freude, für dieses Unternehmen meinen Freund Stephan Loringett zu gewinnen, so dass ich ausnahmsweise einmal nicht allein auf solche Entdeckungsfahrten auszog. Sehr spät im Herbst, am 11. November 1918, nachdem bereits der erste grössere Schnee gefallen war, das milde Wetter aber auf der Südseite doch aperen Fels erwarten liess, verliess ich Andeer um halb 8 Uhr morgens und traf in Promischur oben mit meinem Kameraden, der von Donath herkam, zusammen Raschen Schrittes wandten wir uns dem Lai grand zu und näherten uns bald der Kette der trotzigen Gesellen, die in ihrem Winterkleid nur noch abweisender zu uns niederschauten. Wie ich vermutet hatte, gestalteten sich indessen die Schneeverhältnisse eher günstiger als im Sommer, und bald erreichten wir das grosse Schneeband, das sich von der mittleren Gruppe der Pizzas d' Annarosa durch die ganze Nordflanke des Berges hinabzieht. Ohne auf Schwierigkeiten zu stossen, erreichten wir sodann durch ein Schneecouloir, das vom grossen Band rechts zum Grat hinaufführt, die Depression zwischen der Mittelgruppe und dem Massiv des Hauptgipfels. Um bei dieser Gelegenheit auch der mittleren Gruppe der Pizzas d' Annarosa, die ich damals für noch unbestiegen hielt, einen kurzen Besuch abzustatten, stiegen wir rasch noch zu deren westlicher Erhebung an, ohne uns indessen auf diesem Gipfel aufzuhalten; denn inzwischen war es bereits %3 Uhr geworden — bei diesen kurzen Wintertagen eine bedenklich vorgerückte Stunde, und als eigentliche Aufgabe hatten wir uns ja den Übergang von der mittleren Gruppe zum Hauptgipfel gestellt. Zur erwähnten Depression zurückgekehrt, drangen wir in diesem Neuland in anregender, gar nicht schwieriger Kletterei vorwärts, bis eine erste Scharte unserem Vordringen Halt zu gebieten schien. Durch Ausweichen in die fast schneefreie, wenn auch zuweilen etwas vereiste Südflanke konnten wir den Grund der Scharte erreichen und auch den gegenüberliegenden mächtigen Gendarm erklettern. Bald aber stellte sich uns ein zweites, noch ernsthafteres Hindernis entgegen, indem der Grat neuerdings durch eine tief eingeschnittene, beidseitig von senkrechten Wänden flankierte Scharte unterbrochen wurde. Hier standen wir vor der Stelle, die mir vom Lai grand aus stets am proble-matischsten erschienen war, das bizarre Gratstück hatte mich immer an einen in seinem Brevier lesenden Mönch erinnert. Aber auch dieses Hindernis liess sich überwinden: durch einen Riss auf der Südseite gewannen wir den Grund der Scharte, und den Gratturm auf der Gegenseite konnten wir auf einem Band südlich umgehen. In teilweise recht schwieriger, zumal durch Vereisung des Felsens erschwerter Kletterei gelangten wir wieder auf den Grat und erreichten nun über denselben in wenigen Minuten den Gipfel. Da es inzwischen bereits %5 Uhr geworden war und der Tag zur Neige ging, mussten wir auch hier auf die wohlverdiente Rast verzichten und unverzüglich den Abstieg antreten. Eilig stiegen wir zur Einsattelung zwischen dem Hauptgipfel und dem mächtigen westlichen Vorgipfel ab, von wo uns das grosse Couloir rasch zum Lai grand hinunterführte. Da die Schneeverhältnisse sehr günstig waren, benötigten wir für den ganzen Abstieg lediglich eine halbe Stunde, so dass wir gerade bei Einbruch der Nacht beim See anlangten. Nachdem wir unter dem Sternenhimmel der klaren Winternacht nach Promischur hinaus gewandert waren, holten wir hier endlich die verschiedenen Rasten nach, die wir dem Zeitmangel hatten zum Opfer bringen müssen, und taten uns wenigstens nachträglich noch am mitgenommenen Proviant gütlich, bevor wir auf getrennten Wegen wieder ins Tal hinunterstiegen. Noch steht mir in lebhafter Erinnerung, wie ich mein Dorf in grosser Aufregung antraf, war doch an diesem Tage, da wir uns ahnungslos der Freude unserer Entdeckungsfahrt in der stillen, friedlichen Bergwelt hingegeben hatten, der Mobilisationsbefehl bis in unser Bergtal gekommen!
Damit war das schönste Problem, das die Pizzas d' Annarosa dem Alpinisten stellen, in der Hauptsache gelöst, und es blieb nur noch übrig, auch das Gratstück vom Cufercalhorn zur mittleren Annarosagruppe zu bezwingen. An diese Aufgabe machte ich mich — wiederum in Begleitung Loringetts — am 9. September des folgenden Jahres. Um diesmal mit der Zeit nicht derart ins Gedränge zu kommen, übernachteten wir in Promischur und machten uns schon vor Tagesanbruch auf den Weg. Über die Cufercalalp stiegen wir zur Fuorcla dil Lai pintg hinan und gewannen den Grat dicht unterhalb des grossen Abbruches des Cufercalhorns. Bei unserem Vordringen auf dem Grate umgingen wir die beiden ersten Grattürme auf der Nordseite, während wir die folgenden durchwegs überkletterten, bis wir nach vier Stunden anregender Kletterei den östlichen Gipfel der mittleren Annarosagruppe erreichten. Nach schöner Rast auf dem mächtigen Steine, den dieser Gipfel trägt, setzten wir unsere Gratwanderung noch über die ganze mittlere Gruppe der Pizzas d' Annarosa hinweg fort und gelangten schliesslich in jene Einsattelung, die diese Gruppe vom Massiv des Hauptgipfels trennt und bei der wir im Vorjahre anlässlich unserer ersten Begehung der Nordflanke den Grat erreicht hatten. Da Loringett frühzeitig in Donath zurück sein wollte und das folgende Gratstück für uns ja nicht mehr den Reiz eines erst noch zu lösenden Problems hatte, entschlossen wir uns hier zum Abstieg über unsere vorjährige Aufstiegsroute.
Zur Ergänzung dieses Berichtes über unsere erste Begehung des ganzen Gipfelgrates der Pizzas d' Annarosa sei noch erwähnt, dass Stephan Loringett und ich das zwanzigjährige Jubiläum dieser ersten Längstraversierung der Annarosakette auf gewiss würdigste Weise begingen, indem wir am 23. August 1939 miteinander jene Tour wiederholten. Von Burgias aus stiegen wir wieder zur Fuorcla dil Lai pintg hinan — unterwegs die neue Cufercalhütte zu einer Frühstücksrast benützend — und gewannen den Gipfelgrat zwischen dem Cufercalhorn und der mittleren Annarosagruppe. Nach Überkletterung der ganzen Mittelgruppe verfolgten wir den Grat weiter bis zum Hauptgipfel und fassten damit in einer Tour zusammen, was wir bei der ersten Begehung auf zwei Unternehmungen verteilt hatten. Bemerkenswert mag dabei die neue Route zur Gewinnung des Gipfelgrates sein — wir strebten von der Fuorcla aus direkt der Lücke vor der Mittelgruppe zu, die Nordflanke schräg aufwärts traversierend —, besonders aber die Varianten, deren wir uns bei der Überwindung der beiden Scharten im letzten Gratstück bedienten.
Während wir bei der ersten Begehung jeweils auf die Südseite ausgewichen waren, was uns schon durch die Schneeverhältnisse nahegelegt wurde — hatten wir doch zur Linken nahezu schneefreien Felsen, der von den Strahlen der Novembersonne immerhin noch einigermassen erwärmt wurde, während jeder Schritt zur Rechten uns in kalten, harten Winter mit tief verschneitem Gestein versetzte! —, umgingen wir jetzt die beiden kritischen Gratstellen auf der Nordseite, was sich als wesentlich leichter erwies, ja was sogar verblüffend einfache Lösungen dieser vorerst recht schwierig erscheinenden Probleme zeitigte. Erst vom Grund der zweiten Scharte aus gingen wir wie bei der früheren Besteigung in die Südwand hinaus, um dann bei jetzt aperem Felsen verhältnismässig leicht wieder den Grat zu gewinnen. Auch diesmal wählten wir für den Abstieg das grosse Nordcouloir unmittelbar vor dem westlichen Vorgipfel, und wenn wir dabei ein Vielfaches an Zeit aufwenden mussten, so lag der Grund hierfür sicher nicht einfach in der angesammelten Schwerfälligkeit der beiden Veteranen, sondern vor allem in den zur Spät-sommerszeit wesentlich ungünstigeren Verhältnissen.
Nur wenige Tage vor dieser « Jubiläumstour » hatte ich übrigens auch die Gratwanderung vom Cufercalhorn zur mittleren Gruppe der Pizzas d' Annarosa wiederholt, wobei mich aber ein Gewitter mit heftigem Regen bestimmte, die Gratwanderung kurz nach dem Ostgipfel der Mittelgruppe abzubrechen und durch ein von mir bisher nicht beachtetes, mit Schnee und Schutt angefülltes Couloir der Nordflanke abzusteigen. Dieses Couloir, das wenig westlich vom erwähnten Gipfel bis nahe an den Gipfelgrat hinaufreicht, bot keinerlei Schwierigkeiten, liess mich sogar den Abstieg zum Geröllfeld in wenigen Minuten bewerkstelligen — die unheimliche Bewegung, die allenthalben durch den Regen in der ganzen Wand der Annarosakette ausgelöst wurde, zeigte aber die besonderen Gefahren, mit denen bei schlechtem Wetter in diesen von losem Gestein übersäten steilen Flanken zu rechnen ist.
Während ich so erst verhältnismässig spät auf die Pizzas d' Annarosa kam, hatte ich bereits im September 1917 die südliche Gruppe der Kalkberge kennengelernt. Als meine erste Rekognoszierungstour vom 17. September 1917 mich zur Steilerfurkel und aufs Bodenhorn geführt hatte, wandte ich mich in Abänderung meines ursprünglichen Vorhabens dem Alperschellihorn, 3045 m, zu. Von der Steilerfurkel aus stieg ich über Geröll und Schnee zwischen den beiden gegen Norden und Osten auslaufenden Gräten zum eigentlichen Nordostgrat des Berges an und erreichte den Gipfel in leichter Kletterei über diesen Grat in anderthalb Stunden. Beim Abstieg folgte ich wiederum dem Nordostgrat bis zu der kleinen Einsattelung kurz vor der Gabelung des Grates. Durch eine kleine Rinne, die sich bald zu einem eigentlichen Couloir erweiterte, gewann ich von hier aus den östlich des Alperschellihorns gelegenen Firn und erreichte fast ohne Höhenverlust die Furkel zwischen Alperschellihorn und Steilerhorn, 2764 m. Dieser direkte Abstieg vom Grat des Alperschellihorns zur weiten Mulde zwischen Alper- schelli- und Steilerhorn ist besonders solchen zu empfehlen, die eine Besteigung dieser beiden Gipfel miteinander verbinden möchten, wird dadurch doch die Umgehung des östlichen Ausläufers des Alperschellihorns und der damit verbundene beträchtliche Zeit- und Höhenverlust vermieden. Von der Furkel traversierte ich dicht unter der Südwestwand des Steilerhorns bequem zur Einsattelung südlich dieses Gipfels ( 2775 m ) hinüber und hatte so Gelegenheit, diesen imposanten Berg, der mich schon während der Besteigung des Alperschellihorns mit seiner kühnen Form geradezu fasziniert hatte, von allen Seiten auf eine Besteigungsmöglichkeit hin zu prüfen. Wenig rechts vom Südfuss des Gipfels schien mir ein Kamin gute Aussichten für die Bezwingung der untersten Wandstufe zu bieten, doch musste ich die Inangriffnahme dieses Problems für eine spätere Gelegenheit versparen, da bei der vorgerückten Stunde nicht mehr an einen Versuch zu denken war. So machte ich mich denn rasch an den Abstieg ins Steilertal hinunter, um dann über Sufers nach Andeer zurückzukehren.
Schon kurze Zeit darauf — am 2. Oktober 1917 — suchte ich diesen Teil der Kalkberge wieder auf, nur dass ich diesmal mit meinem Unternehmen beim südlichsten Gipfel der Gruppe, dem Teurihorn, 2977 m, einsetzte. Zeitig in Andeer aufbrechend, wanderte ich auf der damals noch autofreien Poststrasse nach Sufers und stieg auf steilem Pfade zur kleinen, recht armseligen Steileralp hinan. Von der Hütte aus wandte ich mich in südwestlicher Richtung der weiten Geröllmulde zu und gewann über dieselbe ansteigend den von Punkt 2565 m zum Ostfuss des Teurihorns führenden Grat. Indem ich erst eine steile Geröllhalde überwand, weiter oben den Südostgrat benützte, gelangte ich ohne Schwierigkeiten zum Gipfel. Als eigentliches Ziel schwebte mir indessen das weit interessantere Steilerhorn, 2983 m, vor, und so stieg ich denn zu dem nordöstlich des Teurihorns gelegenen Firnfeld ab und traversierte, dicht unterhalb der Felsen mich haltend, zu jener zwischen dem Teurihorn und Steilerhorn gelegenen Einsattelung hinüber, auf der ich meine erste Unternehmung in diesem Gebiete hatte abbrechen müssen. Unverzüglich nahm ich nun jenes mächtige Kamin in Angriff, das wenig rechts vom Südfuss des Steilerhorns dessen unterste Wandstufe durchbricht und das durch einige eingeklemmte Felsblöcke gekennzeichnet ist. Mittelst dieses Kamins erreichte ich bald den eigentlichen Gipfelgrat und folgte demselben, ein kleines Sättelchen passierend und eine etwas heikle Steilstufe überwindend, bis zum Gipfel. Beim Abstieg hielt ich mich ganz an die Aufstiegsroute und stieg von der Einsattelung ins Steilertal hinunter. Halbwegs stiess ich auf zwei Jäger, die an günstigem Posten auf der Lauer lagen, während ein dritter ihnen ein Rudel Gemsen, das friedlich in der Talsohle weidete, vor die Flinten treiben sollte. Wiewohl mir die Sache aus verschiedenen Gründen sehr wenig lag, liess ich mich bei den Jägern nieder, um ihnen nicht das Spiel zu verderben, und so wurde ich denn in der Folge ungewollt Zeuge einer aufregenden Jagdszene, die zwar den Jägern — für mein Empfinden glücklicherweise — nicht den erhofften Erfolg brachte, mir aber ein ans Phantastische grenzendes Schauspiel mit geradezu unglaublichen Sprüngen der fliehenden Gemsen bot. Infolge dieses unerwarteten Intermezzos kam ich erst mit reichlicher Verspätung nach Sufers hinunter, von wo aus ich meine Angehörigen über die späte Rückkehr verständigen konnte.Von jenem Jagderlebnis her datiert eine nette Freundschaft mit einem der Jäger, der mich noch jahrelang am Churer Bahnhof, wo er als Gepäckträger tätig war, stets als erster auf Bündner Boden willkommen hiess und sich beeilte, in freundschaftlichem Gegendienst für mein Entgegenkommen bei der Gemsjagd mein Gepäck in der schönsten Wagenecke zu verstauen.
Auch in späteren Jahren suchte ich diese Gegend noch verschiedentlich auf, letztmals noch im Jahre 1939 zu einer Besteigung des Steilerhorns. Da ich mich dabei aber im allgemeinen an meine früheren Routen hielt, kann ich auf eine Beschreibung dieser Fahrten verzichten.
Schon bei meiner ersten Besteigung des Alperschellihorns hatte ich mir auch den zum Weisshorn hinüberführenden Grat prüfend angesehen und mir die Begehung dieses Grates für einen späteren Versuch vorgemerkt. Doch wollte sich nie die Gelegenheit zu diesem Unternehmen bieten, und als ich einmal mit solcher Absicht schon den Gipfel des Alperschellihorns erreicht hatte, zwang mich ein heftiges Gewitter zum schleunigen Abstieg ins Steilertal. Um aber dem Weisshorn, 2992 m, das ja auch noch zur Gruppe der Kalkberge gehört, wenigstens einen flüchtigen Besuch abzustatten, benützte ich ein paar Ferientage im Spätherbst 1940 zu einem solchen Abstecher. In mir früher unbekannter Bequemlichkeit — ich war allerdings am Abend zuvor erst spät vom Piz Grisch zurückgekehrt — fuhr ich am Vormittag des 18. Oktobers im Postauto nach Splügen und wanderte bei prächtigem Herbstwetter auf dem Löchlipassweg zur Stutzalp hinauf. Kurz hinter den Hütten der Alp verliess ich den Weg, überquerte den Bach und gewann über steile Grashänge das Plateau südlich unter dem Weisshorn. Den Gipfel erreichte ich teils über die Südwestflanke, teils über den Südgrat, wobei der weiche Neuschnee mir ordentlich zu schaffen machte. Die vorgerückte Stunde heischte rasche Rückkehr auf dem kürzesten Wege und erlaubte mir nicht, von dieser Seite her mich noch an den Grat zum Alperschellihorn zu machen. So folgte ich denn erst dem schwach ausgeprägten Westgrat, wich dann weiter unten wieder in die Südwestflanke aus und hielt auf dem bereits erwähnten Plateau bei wundervollem Sonnenuntergang noch eine kurze Rast, bevor ich wieder zur Stutzalp hinunterstieg. Ich erreichte die Hütten gerade bei Einbruch der Dunkelheit, den nicht eben in bestem Zustand befindlichen Weg nach Splügen freilich musste ich in stockfinsterer Nacht zurücklegen. Im gastlichen Pfarrhaus verbrachte ich noch einen schönen Abend mit meinem lieben Kollegen, und da das herb-liebliche Hochtal es mir in der wundersamen Herbststimmung besonders angetan hatte, entschloss ich mich anderntags beim Frühstück, die Rückkehr nach Andeer noch etwas hinauszuschieben und mich noch mehr in dem prächtigen Rheinwald zu ergehen, das ja neuerdings von einer noch weit schlimmeren Verwüstung bedroht ist, als sie schon vor Jahren während meiner Andeerer Zeit geplant worden war.
( Wird fortgesetzt. )