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31.03.2015, 09:44 Uhr
Warum Ihr Team in Indien niemals 'Nein' sagt
Ihr Softwareingenieur in Indien liebt es ja zu sagen, aber ein Nein kommt ihm nicht über die Lippen? So sehr, dass es Sie an den Rand der Verzweiflung treibt? Gibt es denn kein Mittel gegen die «Ja-Kultur» Indiens?
Stolpersteine des Outsourcings nach Indien. Er wollte gern wissen, warum es für Menschen aus Indien so schwer ist nein zu sagen. Er fragte mich: «Gibt es ein Mittel gegen die Ja-Kultur?» Ich habe diese Frage schon sehr oft gehört. Ich erinnere mich gut an die Zeit, als ich vor vielen Jahren als Relationship Manager bei der Swissair gearbeitet habe und für die Zusammenarbeit mit IBS Software Services , unserem Softwareentwicklungspartner in Indien, verantwortlich war. In dieser Zeit kamen die Projektmanager zu mir und wollten wissen: «Gibt es irgendeine Möglichkeit, unsere indischen Kollegen dazu zu bringen, nein zu sagen? Das wäre zur Abwechslung mal ganz nett!» Einige Jahre später vermittelte ich Softwareingenieuren bei Credit Suisse in Schulungen, wie man sich kulturell auf die Zusammenarbeit mit Fachkollegen bei Wipro und Cognizant in Indien vorbereitet. Einige Teilnehmer hatten noch nie mit Offshoring zu tun gehabt, andere hatten bereits erste Erfahrungen mit der Auslagerung nach Indien gemacht. Gerade als ich den indischen Arbeitsethos mit Hilfe einer Metapher zu Masala (einer indischen Gewürzmischung) erklären wollte, frage mich einer der Teilnehmer: «Warum sagen die indischen Kollegen immer ‚yes, no problem‘?» Er erzählte, dass er nach einer Reihe von negativen Erfahrungen inzwischen immer sehr misstrauisch wird, wenn er den besagten Satz hört. Innerlich schrillen dann bei ihm sämtliche Alarmglocken. «Kein Problem,» fügte der Herr aus der IT-Abteilung der Bank hinzu, «bedeutet, dass es ein ernsthaftes Problem gibt, welches sofortige Aufmerksamkeit erfordert.»
Sagen Sie ‘Ja’
Während ich diesen Blogbeitrag schreibe, befinde ich mich auf dem Weg nach Hause, nachdem ich bei Novartis in Basel mit 20 hochmotivierten Teilnehmern erarbeitet habe, wie man erfolgreich mit Firmen in Indien zusammenarbeitet. Und ich hatte mal wieder ein Déjà-vu-Erlebnis. Irgendwann während der Diskussion meldete sich eine Dame und fragte ganz unverblümt: «Wie kann ich meine Kollegen in Indien dazu bringen, nein zu sagen?» Es ist ein Paradox. Wir füllen unzählige Bücher damit, wie wir ein Ja bekommen. Sie können jeden fragen, der im Vertrieb arbeitet, und er wird Ihnen von seinem täglichen Streben nach Zustimmung berichten. Und vergessen Sie nicht, wir Menschen sind das unmittelbare Ergebnis der Bejahung des Lebens: Wir wurden gezeugt und haben Nahrung über die Nabelschnur aufgenommen, bis wir uns schliesslich entschieden haben, auf die Welt zu kommen und dadurch ja zum Leben gesagt haben. Indien hält sich auf ganz natürliche Weise an diese Ja-Kultur. Indische Kinder, Teenager und Erwachsene werden immer wieder daran erinnert, dass das wichtigste Ziel im Leben daraus besteht, Harmonie zwischen sich selbst und dem Rest des Universums herzustellen. Das geht offensichtlich einfacher, indem man ja sagt. Lesen Sie auf der nächsten Seite: Sagen Sie ‚Nein‘ und Sie verlieren Ihr Gesicht
Sagen Sie ‚Nein‘ und Sie verlieren Ihr Gesicht
Indien verändert sich. Die Volkswirtschaft des Landes befindet sich inmitten der Industrialisierung, was mit einer Verbesserung der Bildung, einer Steigerung des Einkommens und mehr persönlicher Freiheit für den Einzelnen verbunden ist. Die Tradition beispielsweise, sich selbst einer anderen Person unterzuordnen, weil diese mehr Autorität besitzt (weil sie älter ist, oder über mehr Wissen oder Macht verfügt), wird inzwischen von mehr und mehr Menschen hinterfragt. Aber ein Besuch in den weitläufigen Büros eines beliebigen BPO- oder Softwaredienstleisters in Indien genügt, um festzustellen, dass dieser gesellschaftliche Wandel noch einen langen Weg vor sich hat, bis man von einer egalitären Gesellschaft sprechen kann. Sie werden entdecken, dass Vorgesetzte und deren untergebene Mitarbeiter hierarchischen Prinzipien folgen. Zu führen und zu folgen, sich über- und sich unterzuordnen werden als normal, notwendig und angemessen betrachtet. Der Mitarbeiter vermeidet es seinem Vorgesetzten zu widersprechen und stellt damit sicher, dass keiner von beiden sein Gesicht verliert. Und hier sind wir, Kunden aus dem Westen, die regelrecht danach flehen, ein Nein von unserem Offshore Manager, Solutionarchitekten oder Softwareingenieur in Indien zu bekommen! Und das Heilmittel? Probieren Sie es doch mal mit mentaler Homöopathie: Jedes Mal, wenn Sie eigentlich nein sagen würden, versuchen Sie es in einen Ja-Satz zu packen.