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Neulich verbrachte ich ein paar Wochen mit meinem sechsjährigen Enkel und seinem gleichaltrigen Freund und erhielt dabei viele Beispiele dafür, wie diese Kinder versuchten, ihre Integrität zu wahren. Drei davon:
«Alex, ich gehe einkaufen und möchte, dass du mitkommst.»
«Nein, ich bin am Spielen!»
«Das sehe ich, aber ich hatte irgendwie gehofft, ein wenig Zeit mit dir zu verbringen.»
Kein Kommentar. Aber zehn Minuten später, als ich zum Auto gehe, sagt eine glückliche Stimme:
«Opa, kann ich mitkommen?»
«Sicher! Ich bin froh, dass du die Zeit dafür gefunden hast.»
«Alex, ich möchte deine Zähne putzen, bevor wir in einer halben Stunde an den Strand gehen.»
«Ich will nicht, dass meine Zähne geputzt werden, wenn ich in den Ferien bin!»
«Das ist ein guter Punkt – aber es muss getan werden. Lass mich wissen, wenn du bereit bist.»
Er läuft weg, um zu spielen. Fünf Minuten, bevor wir gehen, sagt er:
«Okay, wenn es sein muss, will ich es jetzt machen.»
Die beiden Buben geniessen das Privileg, länger aufbleiben zu dürfen und sehen sich einen Zeichentrickfilm an.
«Okay, Jungs – es wird Zeit, in die Betten zu hüpfen.»
«Können wir es nicht noch einmal schauen? Es ist so lustig Du kannst auch mitschauen!»
«Danke, ich mag nicht. Ihr dürft aber noch 15 Minuten schauen.»
15 Minuten später bin ich zurück. Beide schauen mich an und sagen:
«Was, schon?!»
«Ja, schon!»
«Okay fünf Minuten noch, bitte?»
«Nein!»
«Okay, na gut.»
Sie schalten den DVD-Player aus und planen bereits, was sie tun werden, wenn sie am nächsten Morgen aufwachen.
Antwort – auch nach fünf Minuten. Dann müssen Sie entscheiden, was zu tun ist. Sie können sagen:
«Okay, ich habe dich verstanden, aber ich will nicht warten. Ich will es jetzt machen.»
«Okay, ich habe dich verstanden, aber wir müssen gleich aus dem Haus. Gibt es eine Chance, dass du deine Meinung änderst?»
«Okay, ich will hören, warum du nicht willst.»
Dieses Prinzip hat nichts mit Demokratie oder dem Recht des Kindes zu tun, zu entscheiden, ob es Zähne putzt, in den Kindergarten oder ins Bett geht. Es ist ein viel existenzielleres Prinzip, das dem Schutz der Integrität des Kindes und seiner persönlichen Würde dient und wodurch das Kind lernt, mit Rücksicht auf andere Menschen zu handeln.
Ein Kind, das respektvoll behandelt wird, ist ein gesundes und selbstbewusstes Kind.
Das Prinzip, Kindern nicht um jeden Preis unseren Willen aufzuzwingen, basiert auch auf der Erfahrung, dass Menschen ganz allgemein viel kreativer und flexibler werden, wenn man sie ernst nimmt. Es beugt ganz einfach Machtkämpfen und endlosen Verhandlungen vor.
Aber, und hier liegt eine Falle: Es klappt nur, wenn es aus Ihrem ehrlichen Respekt für die kindliche beziehungsweise menschliche Würde und Integrität heraus kommt. Es funktioniert nicht als Methode, um zu bekommen, was man will. Wenn Kinder als Objekte behandelt werden, neigen sie dazu, sich zu wehren. Und wenn sie manipuliert werden, antworten sie mit Manipulation.
Ein Kind, das mit der Erfahrung aufwächst, ernst genommen und respektvoll behandelt zu werden, und das lernt, der Weisheit und Erfahrung seiner Eltern sowie anderer Erwachsener vertrauen zu können, ist ein gesundes Kind mit Zugang zu seinem innersten Selbst und mit Selbstdisziplin. Kurz: Es läuft weniger Gefahr, irgendwann ein Opfer von irgendetwas oder irgendjemandem zu werden.
Nehmen Sie Ihr Kind ernst – begegnen Sie ihm mit Respekt. Kinder brauchen keine Grenzen – sondern Beziehung. Eltern müssen nicht konsequent sein – sondern glaubwürdig.
Der dänische Familientherapeut Jesper Juul
hat wie kein anderer in den vergangenen Jahrzehnten Menschen mit seinen Erziehungs- und Beziehungsprinzipien geprägt. Der Gründer des Beratungsnetzwerks familylab und Autor von über 40 Büchern («Dein kompetentes Kind», «Aus Erziehung wird Beziehung») war zweimal verheiratet. Er hinterlässt einen Sohn aus erster Ehe und zwei Enkelkinder.
Jesper Juul starb am 25. Juli 2019 im Alter von 71 Jahren nach langer Krankheit in Odder, Dänemark.Die Kolumnen von Jesper Juul entstehen in Zusammenarbeit mit familylab.ch