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Bis zu 70 Prozent der Abwässer in der Welt sind ungeklärt. Das ist ein Problem, sowohl für die Gemeinden ohne Kanalisation als auch für benachbarte Gemeinden, die unter verunreinigtem Grundwasser leiden, das aus Senkgruben austritt. Die Dorfbewohner in Umm Batin, einem Beduinendorf in der israelischen Negev-Wüste, wollen ihr schmutziges Wasser nicht in die Erde leiten. Aber ihnen fehlen die Millionen Schekel, die der Bau eines modernen Abwassersystems kosten würde.
von Brian Blum
Clive Lipchin vom israelischen Arava Institut für Umweltstudien hat eine mobile, kostengünstige Lösung entwickelt: eine selbst betriebene Mini-Kläranlage auf Solarenergie-Basis, die nicht an das nationale Abwassersystem angeschlossen werden muss.
In Lipchins System fliesst das Abwasser aus Haushaltstoiletten, Küchen und Spülbecken in eine Klärgrube, von wo aus es in eine Reihe von Behandlungsbehältern gepumpt wird. In diesen Behältern entfernen Bakterien, Pilze und Algen die Schadstoffe. Das so aufbereitete Wasser ist nicht trinkbar, kann aber sicher in der Landwirtschaft verwendet werden.
Israel ist seit langem führend bei der Aufbereitung von Abwasser für landwirtschaftliche Zwecke.
„Das geht bis in die 1970er Jahre zurück und sendet eine starke Botschaft an die Welt, das Abwasser einen Wert hat und nicht einfach entsorgt werden sollte“, sagt Lipchin gegenüber der Nachrichtenagentur ISRAEL21c. „Es kann behandelt und wiederverwendet werden, um Wasserknappheit auszugleichen und die Abhängigkeit von Frischwasser zu verringern. Das wird angesichts der Unvorhersehbarkeit des Klimawandels noch wichtiger.“
Ungeklärtes Abwasser tötet
Kleine Beduinendörfer – wie auch die in den Gebieten der Palästinensischen Autonomiebehörde – haben bisher nicht von Israels Fachwissen im Bereich der Wasseraufbereitung profitiert.
Lipchin hofft, dass seine Erfindung dies ändern wird – zunächst lokal und dann überall auf der Welt. Die Not ist gross; ungeklärtes Abwasser tötet schätzungsweise 1,7 Millionen Menschen pro Jahr, fast die Hälfte davon sind Kinder.
„Der grösste Teil der Welt lebt wie die Beduinen“, stellt Lipchin fest. „Wir haben definitiv Pläne, über den Nahen Osten hinauszugehen.“
Lipchin hat mit seiner Erfindung die prinzipielle Durchführbarkeit belegt und den nötigen Machbarkeitsnachweis erbracht, indem er mit seiner Anlage in Umm Batin das Abwasser für einen Haushalt mit sieben bis zehn Personen aufbereitet.
Das Dorf ist in 10 Stadtviertel unterteilt, so dass letztlich, wenn genügend dieser Anlagen installiert werden, sie das gesamte Abwasser des Dorfes „ohne die Notwendigkeit eines teuren und technisch problematischen Kanalisationsnetzes“ aufbereiten können.
Das System arbeitet rund um die Uhr und speichert seine solar erzeugte Energie in einer Batterie. Die Mini-Anlage arbeitet autonom und wird über eine mobile App ferngesteuert. Wenn es ein Problem gibt -z.B. eine defekte Pumpe – erhält der Operator eine Warnung.
Diese Operatoren müssen nicht vor Ort sein. Wäre das System zum Beispiel im ländlichen Afrika installiert, könnten Meldungen „am Telefon eines ausgebildeten Ingenieurs in Nairobi erscheinen, nicht im Dorf selbst. Dann würde der Ingenieur dort hinfahren“, erklärt Lipchin.
Grenzüberschreitendes Wassermanagement
Lipchin hielt sich bezüglich der Installationskosten bedeckt, gab aber zu verstehen, dass diese eindeutig die finanziellen Möglichkeiten der Dorfbewohner übersteigen würden- und auch die der Regierung, wenn die Anlagen in grossem Stil eingesetzt würden.
„Wir bemühen uns um Zuschüsse von Entwicklungs- und Hilfsorganisationen“, äusserte Lipchin.
Ein anderes Finanzierungsmodell könnte folgendermassen aussehen: den Bauern wird eine kleine Gebühr für den Erhalt von landwirtschaftlichem Wasser berechnet. „Dies wird bereits auf der ganzen Welt so gehandhabt. Wasserdienstleistungen sind nicht kostenlos. Sonst ist man eine Wohltätigkeitsorganisation. Und das ist nicht nachhaltig.“
Als Direktor des Zentrums für grenzüberschreitendes Wassermanagement am Arava-Institut entwickelt Lipchin Infrastrukturprojekte und erleichtert die Kommunikation rund um Wasserfragen zwischen Israel und Jordanien sowie Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde.
Ursprünglich aus Südafrika stammend, interessierte sich Lipchin bereits während seiner Promotion an der School of Natural Resources and Environment an der Universität Michigan für grenzüberschreitende Wasserarbeit.
„Michigan liegt an den Grossen Seen, so dass wir grenzüberschreitend zwischen den USA und Kanada und zwischen US-Bundesstaaten gearbeitet haben“, erklärt er.
Er kam 2003 als leitender Forscher für ein Projekt der Europäischen Union über die nachhaltige Bewirtschaftung des Toten Meeres zum Arava Institut – einer Tochtergesellschaft des Jewish National Fund-USA. Im Anschluss an eine von der NATO gesponserte Konferenz über Wissenschaft und Sicherheit, die im Kibbutz Ein Gedi stattfand, veröffentlichte Lipchin ein Buch mit dem Titel The Jordan River and Dead Sea Basin: Cooperation amid Conflict.
„Wasser kennt keine Grenzen“, so Lipchin, „und man kann die drängenden ökologischen Probleme, mit denen das Tote Meer konfrontiert ist, nicht nur von der israelischen Seite aus angehen. „
Dasselbe gilt für die Abwässer auf der westlichen Seite des Jordans. „Israel teilt unser gesamtes frisches Grundwasser mit den Palästinensern“, erklärte er. „Wir müssen dies auf bilateraler Ebene regeln, sei es das Grundwassersystem in den Bergen im Westjordanland oder das Grundwassersystem an der Küste, das in Israel und im Gazastreifen entlang des Mittelmeers verläuft. „
Wenn Abwasser zum Beispiel in einem Dorf in der Nähe von Hebron ungeklärt in den Boden geleitet wird, versickert es in die Abwassersysteme der nahe gelegenen israelischen Gemeinden.
Ein dezentralisierter Ansatz
Das Problem ist, dass die beiden Gemeinschaften nicht immer miteinander reden. Ausserdem haben sie unterschiedliche politische Perspektiven in Bezug auf Landnutzung und Landbesitz.
Lipchin verfolgt einen dezentralen Ansatz, um den Gemeinden zu helfen, mehr Wasser für die Landwirtschaft zu bekommen: „Wir arbeiten auf einer sehr lokalen Ebene. Oftmals haben die Gemeinden nie in Betracht gezogen, dass sie keinen Genehmigungsprozess oder Verhandlungen auf hoher Ebene durchlaufen müssen.“
Letztlich sieht Lipchin seine Arbeit als einen Baustein zur „Förderung guter Beziehungen zwischen Menschen, die einen Friedensprozess öffentlich unterstützen können.“ Sobald die Menschen erfahren, dass sie ihr Leben durch Zusammenarbeit verändern können, sehen sie die andere Seite ganz anders. So entstehen Fürsprecher für zukünftige Partnerschaften.“
Ist er optimistisch, dass etwas so Alltägliches wie das Abwassermanagement einen Unterschied machen kann? „Ich würde das nicht tun, wenn ich nicht optimistisch wäre.“
Das Umm-Batin-Projekt wird durch einen Zuschuss der JNF USA Water Task Force finanziert. JNF USA ist ein strategischer Partner des Arava-Instituts.