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Die entscheidende Rolle der Durchlässigkeit im Bildungssystem
Einer der grössten Vorteile des Schweizer Bildungssystems besteht darin, dass Schüler und Schülerinnen während ihrer gesamten Bildungslaufbahn aus einer Vielzahl von Wegen wählen können. Diese «Permeabilität» (Durchlässigkeit) wird manchmal als selbstverständlich angesehen, spielt aber eine wichtige Rolle bei der Gewährleistung der Attraktivität aller angebotenen Bildungsgänge innerhalb des Systems.
Von Katherine Caves, Patrick McDonald, Ditjola Naço, Ursula Renold¹
Die Permeabilität in Bildungssystemen ist zweidimensional und erfordert sowohl Zugang als auch Chancen. Zugang bedeutet, dass der/die Einzelne von jedem beliebigen Startpunkt im System zu jedem beliebigen Endpunkt im System gelangen kann. Der Zugang kann als vertikale Achse betrachtet werden – es geht darum, aufzusteigen und Programme zu wechseln. Chance bedeutet, dass es auf jeder Bildungsebene (z. B. Sekundarstufe II oder Tertiärstufe) verschiedene Programme gibt, sodass die Menschen weiterführende und höhere berufliche oder akademische Bildungsgänge bis hin zu den höchsten Ebenen erreichen können. Chancen können auch als die horizontale Achse des Bildungssystems betrachtet werden. Gemeinsam sorgen Zugang und Chancen für ein durchlässiges Bildungssystem, das keine Sackgassen hat.
Der Zugang ist das offensichtlichste Element der Permeabilität. Ein Bildungsgang ist zugänglich, wenn es aus allen Bildungsgängen der vorangegangenen Stufe Wege dorthin gibt, wenn diese Wege formal festgelegt sind und von Personen regelmässig genutzt werden. So ist zum Beispiel die Sekundarstufe I in der Regel sehr leicht zugänglich und steht jedem Lernenden offen, der die Primarstufe abgeschlossen hat. In den meisten Ländern ist sie Teil der Schulpflicht. Dasselbe gilt für tertiäre Bildungsprogramme. Anforderungen müssen klar sein und Studierende in der Lage sein, die Anforderungen eines tertiären Bildungsprogramms zu erfüllen. Das System ist vollständig durchlässig, wenn alle Programme zugänglich sind.
Chancen sind oft das weniger offensichtliche Element der Permeabilität in Bildungssystemen, aber dieses Element ist genauso wichtig. In einem durchlässigen System sollte der berufliche Bildungsweg jedoch gleichwertige Qualifikationen anbieten. Die Bildungssysteme müssen sowohl berufsqualifizierende als auch akademische Programme anbieten, damit der Einzelne für jedes Bildungsziel relevante Qualifikationen erwerben und der Bedarf an Humankapital auf dem Arbeitsmarkt gedeckt werden kann.
Ein vereinfachtes Modell der Permeabilität
Um zu verdeutlichen, wie Zugang und Chancen im permeablen Bildungssystem zusammenwirken, zeigt Abbildung 1 ein vollständig durchlässiges Bildungssystem («Volle Permeabilität»). Die Abbildung ist stark vereinfacht. Sie unterscheidet nur eine sekundäre und eine tertiäre Bildungsebene. Die ISCED-Klassifikation unterscheidet neun Bildungsstufen, von denen sich sieben auf der Sekundarstufe und darüber befinden. Wir haben diese in zwei stark vereinfachte Ebenen eingeteilt – die Sekundarebene, die die ISCED-Stufen 3 (Sekundarstufe II) und 4 umfasst, und die Tertiärebene, welche die ISCED-Stufen 5–8 umfasst.
In der Abbildung sind zwei Bildungswege grau dargestellt, einer für die akademische und der andere für die berufliche Bildung. Innerhalb dieser Bildungswege finden wir auf jeder Bildungsebene in den grünen Kästchen Programme der akademischen und beruflichen Bildung. In jedem Kasten können sich mehrere Studiengänge befinden – der akademische Tertiärbereich umfasst in den meisten Ländern Bachelor-, Master- und Promotionsstudiengänge; der Höhere Berufsbildungsbereich kann je nach Land verschiedene formale Abschlüsse enthalten. In der Schweiz sind es die Studiengänge der Höheren Fachschulen, die Eidg. Berufs- und Höheren Fachprüfungen.
In einem durchlässigen Bildungssystem gibt es auf jeder Ebene und in jeder Art von Bildung mindestens einen Bildungsgang (Chance) und es gibt Aufstiegswege, die es dem/der Einzelnen ermöglichen, von jedem Ausgangspunkt im System zu jedem Endpunkt im System zu gelangen (Zugang). Ein vollständig permeables System ermöglicht es dem/der Einzelnen auch, auf den Arbeitsmarkt zu wechseln und später im Leben in das formale System zurückzukehren, um höhere Qualifikationen zu erwerben.
Permeabilitäts-Typen
Anhand der Abbildung 2 (siehe Grafik ganz unten) können wir sehr vereinfachte Idealtypen erstellen, die die Permeabilität in einem Bildungssystem diagnostizieren. Sie zeigt sieben Permeabilitäts-Idealtypen mit unterschiedlichen Zugangs- und Chancenstufen.
Typ 1 steht für volle Permeabilität. Es gibt mindestens ein Programm auf jeder Ebene und für jeden Typ, und die Übergänge ermöglichen ein Fortschreiten von jedem Startpunkt zu jedem Endpunkt.
Typ 2 ist ein rein akademisches System, in dem es keine beruflichen Bildungsgänge gibt und somit auch keine Übergänge zwischen den Bildungsgängen. Dieses System ist weltweit stark verbreitet. Meist sind berufliche Bildungsangebote nicht Teil des formalen Bildungssystems, sondern werden als Arbeitsmarktintegrationskurse angeboten. Dies hat erhebliche Auswirkungen auf die Gerechtigkeit und die Verfügbarkeit von Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt.
Typ 3 ist die Sackgasse Berufsbildung. In diesem System gibt es auf der sekundären Ebene zwar eine Berufsbildungsoption im formalen Bildungssystem, aber sie ist nicht mit einem anderen Programm durch einen Übergangsweg verbunden. Das macht sie zu einer Sackgasse, in der die Schüler und Schülerinnen meist nicht weiterkommen, ohne den grössten Teil oder die gesamte allgemeine Bildung auf der Sekundarstufe II zu wiederholen.
Die Typen 4 und 5 sind verwandte Erweiterungen der Sackgasse Berufsbildung, die sowohl beim Zugang als auch bei den Chancen Lücken aufweisen. Bei Typ 4, dem «Cul-de-Sac» (nach dem französischen Begriff für eine Sackgasse mit Wendeplatz), gibt es einen schwierig zu erreichenden Übergang von der beruflichen zur akademischen Bildung. Die Schüler und Schülerinnen können auf die nächste Stufe aufsteigen, verlieren aber Zeit oder müssen einen Teil der Sekundarstufe wiederholen. Typ5, das Sprungbrett, bietet einen guten Übergang von der sekundären Berufsbildung zur tertiären akademischen Bildung– junge Menschen können direkt auf die tertiäre Ebene wechseln. Aber auch das Sprungbrett bietet keinen vollständigen Zugang, weil es auf der Tertiärebene keinen Zugang über die höhere Berufsbildung gibt. Die begrenzten Zugänge und die Chancenlücke haben wichtige Auswirkungen auf die Gerechtigkeit und die Attraktivität von Berufsbildungsgängen.
Die Typen 6 und 7 sind beides Beispiele für Bildungssysteme mit vollen Chancen, aber begrenztem Zugang. In beiden Typen gibt es Programme auf jeder Ebene und für jeden Bildungsgang. Beim Typ 6 «Silo» gibt es einen vollständigen Zugang innerhalb des Bildungsgangs, aber keinen Zugang zwischen den Bildungsgängen. Wer den Bildungsgang wechseln möchte, muss zurückgehen und den Grossteil einer oder mehrerer Ebenen wiederholen, um im neuen Bildungsgang voranzukommen. Typ 7 – Schwierige Übergänge: Die Übergänge sind vorhanden, aber der/die Einzelne verliert immer Zeit oder muss aussergewöhnliche Anstrengungen unternehmen, um den Bildungsgang zu wechseln. Bei beiden Typen entstehen Gerechtigkeitslücken, allerdings in geringerem Masse als bei den vorherigen Typen. Je nachdem, wie die Systeme funktionieren, können diese Formen auch dazu führen, dass der berufliche Bildungsweg zu einem zweitklassigen Bildungsweg wird, was seiner Attraktivität schadet und es dem Bildungssystem möglicherweise erschwert, den Qualifikationsbedarf des Arbeitsmarktes zu decken.
Permeabilität in der Praxis
Nur sehr wenige Bildungssysteme sind Vorbilder für den Typus der vollen Permeabilität. Das liegt in der Regel daran, dass die Berufsbildungsmöglichkeiten nach der Sekundarstufe II oft begrenzt sind, und/oder dass ein Wechsel von einem beruflichen zu einem allgemeinbildenden Bildungsgang nahezu unmöglich ist. Das Schweizer Bildungssystem ist eine Ausnahme, da es auf allen Ebenen Bildungsgänge und Übergänge gibt, die meist formal standardisiert sind.
Die Entwicklung hin zu einer vollen Permeabilität des Schweizer Bildungssystems begann in den 1970er-Jahren mit der Einführung von formalen Berufsbildungsprogrammen auf der Tertiärstufe und wurde in den 1990er-Jahren mit der Schaffung der Berufsmaturität und der Gründung der Fachhochschulen fortgesetzt und später durch die Passerelle-Prüfung zu universitären Hochschulen erweitert. Die grosse Anzahl an Optionen, die im modernen Schweizer Bildungssystem zur Verfügung stehen, hat zu einer besseren Abschlussquote der 25-Jährigen geführt.
Die national anerkannten Studiengänge der Höheren Fachschulen sind wichtige Angebote zur Förderung der Permeabilität, welche in anderen Ländern oft fehlen. Damit diese Stärke der Schweiz erhalten bleibt, ist es wichtig, die Höhere Berufsbildung in der Schweiz zu sichern.
Die Permeabilität des Schweizer Bildungssystems ist dank zahlreichen Innovationen in den letzten 30 Jahren hoch. Allerdings ist sie auch in der Schweiz noch nicht vollständig. Eine Möglichkeit, um die Permeabilität des schweizerischen Bildungssystems zu erhöhen, könnte in einer Standardisierung des Zugangs von der Höheren Berufsbildungsprogrammen zur Hochschulbildung bestehen. Zurzeit ist dieser Zugang nicht standardisiert. Ein Hauptgrund besteht in unterschiedlichen Governance-Ansätzen: Hochschulen sind autonom und können Absolvierende der Höheren Berufsbildung «sur Dossier» aufnehmen. Die Höhere Berufsbildung hat nationale Standards. Um eine standardisierte Passerelle zu schaffen, bräuchte es eine verbundpartnerschaftliche Lösung zwischen den verantwortlichen Institutionen auf der gesamten Tertiärebene.
¹ Professur für Bildungssysteme, ETH Zürich
Referenzen:
K. M. Caves, P. McDonald, D. Naço, & U. Renold (2023). A ticket up and a ticket out: Promoting and ensuring permeability in education system reform. CES Studies, 32. Als PDF erhältlich: https://www.research-collection.ethz.ch/bitstream/handle/20.500.11850/599202/1/SDC_Permeability_forpub.pdf
UNESCO (2011). International Standard Classification of Education: ISCED 2011. Montreal: UNESCO Institute for Statistics. Als PDF erhältlich: https://uis.unesco.org/sites/default/files/documents/international-standard-classification-of-education-isced-2011-en.pdf