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Rainer Maria Rilke wurde 1875 in Prag geboren. Nach Abbruch der Militärschule studierte er Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie in Prag, München und Berlin, bereiste Russland, hielt sich in der Künstlerkolonie Worpswede auf, lebte in Paris, reiste nach Rom und durch Skandinavien, war während des Ersten Weltkrieges im Kriegsarchiv in Wien tätig und kehrte nach Kriegsende nach München zurück. Am 11. Juni 1919 reiste Rilke aus Anlass einer Vortragseinladung von München nach Zürich. Primärer Grund war aber der Wunsch Rilkes, den Nachkriegswirren zu entkommen und die so lange unterbrochene Arbeit an den «Duineser Elegien» wieder aufzunehmen.
In Zürich lernte er Nanny Wunderly-Volkart (1878–1962) kennen, eine grosszügige Mäzenin, die ihn von 1919 an bis zu seinem Tod unterstützte und für Rilke angenehme Aufenthaltsorte mit der gewünschten Bedienung bereitstellte. Die Suche nach einem geeigneten und bezahlbaren Wohnort erwies sich als sehr schwierig. Rilke lebte unter anderem in Soglio, Locarno und Berg am Irchel. Erst im Sommer 1921 fand er im Château de Muzot, einem Schlösschen oberhalb von Siders, welches der Winterthurer Industrielle und Kunstmäzen Werner Reinhart eigens für ihn erwarb, seine dauerhafte Wohnstätte. Den Burghügel von Raron bestimmte der weltbekannte Dichter zu seiner letzten Ruhestätte (+1926).
Château de Muzot, Wohnsitz des Dichters RMR
Schon in jungen Jahren begann Rainer Maria Rilke mit der Veröffentlichung von Gedichten und Novellen. Seine einfühlsame Bildsprache verbunden mit dem grossen Drang, das Leben in all seinen Facetten textlich zu erfassen, führten dazu, dass er bis heute zu einem der populärsten Lyriker deutscher Sprache gehört. Ja, in der Schweiz wohnten viele bedeutende Schriftsteller von Weltruf. Jedoch nur Rainer Maria Rilke schrieb seine späten Meisterwerke in unserem Lande und war mit Land und Menschen so tief verbunden. Im Jahre 2022 sind es genau hundert Jahre her, seit Rilke im Wallis die «Duineser Elegien» vollendet hat und die «Sonette an Orpheus» verfasste. Entstanden sind die beiden Werke, die weltweit gelesen werden, im Château de Muzot, wo er auch seine französischen Gedichtsammlungen «Vergers» und «Quatrains Valaisans» verfasste. Rilkes dichterisches Schaffen im Wallis war zudem wie schon zuvor auch begleitet von einem in seiner Diszipliniertheit beeindruckenden Briefverkehr.
In Siders hat die «Fondation Rilke» ihren Sitz und empfängt inzwischen Besucher aus der Schweiz und weit darüber hinaus. Im «Maison de Courten» – (Herrensitz des späten 18. Jahrhunderts) zeigt sie – in einer zweisprachigen Dauerausstellung und mit den Worten des Dichters -, was Rilke ins Wallis geführt hat und wie er hier die lang gesuchte Zuflucht gefunden hat, dank der er nach jahrelangem Schweigen endlich wieder zur Dichtung gefunden hat. Zusätzlich zu ihrer Dauerausstellung zeigt die Fondation Rilke in ihren eigenen Räumlichkeiten und neuerdings auch im Rilkesaal auf dem Museum auf der Burg in Raron alljährlich temporäre Vitrinen, welche dieses Jahr den beiden Gedichtzyklen gewidmet sind: in Siders den «Duineser Elegien» und in Raron den «Sonetten an Orpheus». Rainer Maria Rilke besuchte das Wallis, zusammen mit Baladine Klossowska, erstmals im Herbst 1920. Im Juli des folgenden Jahres entdeckte er Muzot und richtete sich dort mit Hilfe seiner Freundin ein. Im Mai 1922 erwarb der Cousin von Nanny Wunderly, der Mäzen Werner Reinhart (1884–1951), das Château und überliess es dem Dichter mietfrei.
Sein Bezug zur umgebenden und noch unbebauten Landschaft war wesentlich für ihn. Es sind die letzten, für seine Dichtung entscheidenden Jahre seines Lebens bis zu seinem Tod 1926, die Rilke im Wallis verbracht hat und wo er, seinem Wunsch gemäss, in Raron begraben liegt.
Walliser Jahre RMR in der Fondation Rilke
Rilke, der zur deutschsprachigen Minderheit in Prag gehörte, hat vorzugsweise in fremdsprachiger Umgebung gelebt und geschrieben, beispielsweise mehrmals in Paris. Durch den Ersten Weltkrieg von dieser Stadt getrennt, ist er gezwungen, die Kriegsjahre in München und Wien zu verbringen. 1919 folgt er einer Einladung in die Schweiz, ursprünglich für eine Lesetournee. Auch hier führt er zunächst sein Nomadenleben weiter und lebt in allen Sprachteilen des Landes, ständig auf der Suche nach einer passenden Unterkunft. Erst das Wallis erlaubt es ihm, an seine vor dem Krieg begonnene Dichtung anzuknüpfen.
Dabei ist die französische Sprache, die ihn umgibt, sehr präsent: Seine Bibliothek in Muzot zeugt von mehrheitlich französischen Lektüren, er übersetzt unter anderem Paul Valéry, der ihn im Wallis besucht und er korrespondiert auf Französisch, oft auch mit deutschsprachigen Empfängern und Empfängerinnen. Französische Ausdrücke und Ortsnamen fließen dabei auch in seine deutschen Briefstellen ein, er schreibt fast immer «Le Rhône» und sogar «Brigue». Hat er vorher die Sprache der Dichtung und die Fremdsprache der Umgebung getrennt, dichtet Rilke im Wallis erstmals auf Französisch. Sogar seinen Grabspruch in Raron leitet der Dichter aus einem kurz zuvor entstandenen Prosatext auf Französisch ab, der jedoch erst auf Deutsch seine ganze Wirkungskraft entfaltet.
Der Schwerpunkt der Sammlung der Fondation Rilke liegt auf den Walliser Jahren Rilkes und seinem Aufenthalt in der Schweiz, aber die Fondation Rilke engagiert sich auch, zahlreiche andere Aspekte aus dem Werk und Leben des Dichters in ganz Europa vorzustellen. Sie organisiert das ganze Jahr hindurch kulturelle Veranstaltungen, oft zusammen mit anderen Institutionen wie dem Naturpark Pfynwald, den Walliser Mediatheken von St-Maurice bis Brig oder dem Museum auf der Burg in Raron. Ihr «Salon bleu», so der Name ihrer mobilen Veranstaltung, eignet sich bestens dafür, die Sprachgrenze zu überqueren!
Mehr unter: www.fondationrilke.ch