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Die Erde erwärmt sich stärker, als optimistische Prognosen bisher hoffen liessen. Eine Studie des Klimaforschers Thomas Stocker spricht Klartext.
Im vergangenen Jahrhundert stiegen die Temperaturen weltweit zwischen 0,2 bis 0,6 Grad. Schneedecken, Gletscher und die Eiskappen an den Polen bildeten sich zurück. Der Meeresspiegel stieg.
Der "Intergovernmental Panel on Climate Change" (IPCC) schätzt, dass bis zum Jahre 2100 das Quecksilber um 1,4 bis 5,8 Grad steigen wird. IPCC ist ein unter anderem von der UNO initiiertes internationales Gremium, das sich mit den Ursachen und Folgen des Klimawandels beschäftigt.
Es besteht indessen kaum mehr Hoffnung, dass die Klima-Erwärmung ohne einschneidende Massnahmen moderat bleiben wird. Vielmehr dürfte sie in den oberen Bereich des IPCC-Modells zu liegen kommen.
Dies zeigt die am Donnerstag im britischen Wissenschafts-Magazin "Nature" vorgestellte Studie eines Teams um den Klimaforscher Thomas Stocker von der Universität Bern. "Ohne einschneidende Massnahmen steht uns eine Klima-Erwärmung um 4,5 bis 5 Grad bevor", sagt Stocker gegenüber swissinfo.
Genauere Prognose
Die Berner Wissenschaftler untersuchten die Wahrscheinlichkeit verschiedener Erwärmungs-Szenarien. Dabei wurden den natürlichen Faktoren wie Sonnen-Aktivität oder Vulkan-Emissionen ebenso Rechnung getragen, wie der vom Mensch verursachten Zunahme der Treibhausgase.
"Mit unseren Simulationen ist es uns gelungen, die Unsicherheiten bisheriger Klimaprognosen einzuschränken", erklärt Stocker.
Entscheidung der "globalen Gesellschaft"
Es sei letztlich "eine Entscheidung der globalen Gesellschaft", um wieviel höher die Temperaturen in 100 Jahren tatsächlich sein werden, ist Stocker überzeugt.
Halte der Verbrauch von fossilen Brennstoffen wie Kohle, Erdöl und Erdgas in Zukunft an, würden sich auch die für die Erwärmung verantwortlichen Treibhausgase nicht reduzieren.
Katastrophale Folgen
Die Konsequenzen wären gravierend. Da sind sich die meisten Klimaforscher einig: Die Polarkappen würden abschmelzen und der Meeresspiegel ansteigen. Weite Siedlungsgebiete in Küstennähe würden überschwemmt. Andere Regionen wiederum hätten mit Dürre-Katastrophen zu kämpfen - um nur einige Folgen des Klimawandels zu nennen, die im übrigen längst nicht alle absehbar sind.
Im Wissenschafts-Magazin "Nature" ist nachzulesen, wie sich das Klima aufgrund Stockers Modell in den nächsten 20 bis 30 Jahren entwickeln wird. Demnach werden zwischen 2020 und 2030 die Temperaturen bereits 0,5 bis 1,1 Grad höher sein, als sie zwischen 1990 und 2000 waren. Ein im selben Heft vorgestelltes zweites Klimamodell stützt die Berner Prognose: Es geht für den gleichen Zeitabschnitt von einem Temperatur-Anstieg zwischen 0,3 bis 1,3 Grad aus.
Nachhaltigkeit ist gefragt
"Die Modelle sprechen eine deutliche Sprache", sagt Thomas Stocker. "Wir müssen die Konzentration der Treibhausgase stabilisieren. Das geht nur, wenn wir den Verbrauch fossiler Energieträger einschränken." Gemäss Stocker führt kein Weg an der nachhaltigen Energie-Nutzung vorbei, soll der Klimakollaps verhindert werden.
Das Postulat der Nachhaltigkeit stand 1992 prominent auf der Agenda des Erdgipfels von Rio und ist spätestens seit dann nicht mehr aus der internationalen Diskussion um die schonende Energie-Nutzung wegzudenken. Das Gebot der Nachhaltigkeit dürfte auch während des Ende August beginnenden Erdgipfels in Johannesburg eine wichtige Rolle spielen.
"Internationale Konferenzen, die sich mit dem Klima beschäftigen, sind für den Klimaschutz wichtige Meilensteine", ist Stocker überzeugt - und warnt davor, vorzeitig zu resignieren: "Wir dürfen die Erwartungen nicht zu kurzfristig und allzu hoch setzen. Die Kontinuität wird das Resultat bringen. Im übrigen wird uns die Natur Signale senden: Extremereignisse wie Wirbelstürme lassen niemanden kalt."
Felix Münger