Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03520.jsonl.gz/1556

Ab 1911 taucht die Bezeichnung „Expressionismus“ in der Kunstliteratur auf und kennzeichnet zunächst grenzübergreifend die europäische Avantgarde der Jahrhundertwende. Der Berliner Kunsthändler Paul Cassirer (1881-1965) soll die ausdrucksgeladenen Gemälde und Graphiken des Norwegers Edward Munch (1863-1944) so genannt haben, um sie von impressionistischen Bildern abzusetzen. Doch bereits 1913 hatte Herwarth Waldens (1879-1941), ein Förderer der deutschen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts, auf dem „Ersten deutschen Herbstsalon“ die Vertreter des „Blauen Reiter“ als „Deutsche Expressionisten“ vorgestellt und damit die Bezeichnung auf die deutschsprachigen Länder reduziert.
Die Werke des deutschen Expressionismus umfassen folglich die gesamte deutsche Moderne des frühen 20. Jahrhunderts und können ebenso von urbaner Nervosität wie von nostalgischer Besinnung auf paradiesische Unschuld zeugen. Dieser Kontrast spiegelt sich gleichsam in den Werken unserer Sammlung wider: Während Ernst Ludwig Kirchner 1917 ein obstpflückendes Kind inmitten einer idyllischen Landschaft malt, fertigt Erich Heckel drei Jahre zuvor einen Holzschnitt an, der eine Frau mit überspitzt rohen Gesichtszügen darstellt und beklemmendes Unbehagen übermittelt.
Was also zeichnet den Expressionismus angesichts der so unterschiedlichen Bildwelten, die er hervorbringt, als eigenständigen Stil aus? Eine gemein verbreitete These definiert expressionistisches Kunstschaffen, wie es der Stilbegriff bereits suggeriert, als emotional gesteuerten Ausdruck. Die Annahme wurde schon 1917 in Herwart Waldens’ vorgetragener Formel, der expressionistische Künstler schaffe nicht den „Eindruck von aussen“, er schaffe den „Ausdruck von innen“, festgehalten. Doch diese etwas plakative Umschreibung eines Stils wurde von der Kunstgeschichtsschreibung weitgehend revidiert. Heute wird der Expressionismus weniger als Stil, denn als Richtung, als Ausdruck für das Lebensgefühl einer jungen Generation betrachtet. Denn die Künstler waren allesamt vom gemeinsamen Motor getrieben das Bürgerliche und den nostalgischen Rückgriff vergangener Kunstepochen zu überwinden. So brachen die Expressionisten mit ihrem Bekenntnis zu radikaler Subjektivität und ihrer Forderung nach einer Erneuerung der Kunst mit den Sehgewohnheiten des 19. Jahrhunderts. Aus einer antiakademischen und antibürgerlichen Haltung heraus entwickelten die jungen Künstler eine Formensprache, in der die Gesetze der Perspektive, der Proportionen und der Naturfarben nicht mehr galten. Getrieben vom Drang nach Selbstbefreiung aus der bürgerlichen Kleinkariertheit schufen sie eine Ästhetik des Hässlichen, die oftmals eine deformierte Übertreibung aufweist. Besonders die nervös-spitzwinkligen Formen und Schraffuren in ihren Grafiken zeugen von plakativer Überspitzung. Kaum ein anderes Medium scheint geeigneter gewesen zu sein für die nach Ausdruck strebende Kunst der Expressionisten als die Grafik. Mit dem Messer ins Holz oder in Linoleum geschnitten, mit der Nadel ins Metall geritzt, zeichnen sich die Kompositionen durch rohe Kraft der Formen aus.
Anhand zahlreicher Graphiken, Zeichnungen und Gemälden präsentiert die Ausstellung bei bromer kunst einen Querschnitt durch das neurotische Abenteuer einer Generation, die sich von der französischen Avantgarde absetzen wollte und ihr manisches Kunstschaffen zu einem eigenständigen, bahnbrechenden Stil erhob.