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Man kann sich wohl kaum einen Brasilianer vorstellen, der die 1980er oder 1990er Jahre in seinem Land erlebt hat, ohne “Ilha, ilha do amor, Madagascar” oder “Canta, canta Salvador, canta, canta. Canta meu amor” gehört zu haben, stets eingepackt in den starken Sound der Trommeln. Die Urheber dieser und vieler anderer Folksongs, die Gruppe Olodum, feierte am 25.04. 2014 ihren 35. Geburtstag. Einst als karnevalistische Alternative der Afro-Brasilianer in Salvador geschaffen, hat sich die Gruppe zum Aushängeschild der afro-brasilianischen Kultur entwickelt. Einer Kultur, die sie in 35 Ländern auf allen Kontinenten den Weg bereitet hat.
Bis in die 1970er Jahre bestanden die grossen Karnevals-Blocks von Bahia hauptsächlich aus Personen weisser Hautfarbe. Um das Fest der schwarzen Bevölkerung zu öffnen und dem Rassismus zu begegnen, gründete man 1974 den Verein “Ilê Aiyê“, dessen 40-jähriges Bestehen beim vergangenen Karneval gefeiert wurde. Nach jener ersten Initiative, begannen andere Kommunen ihre “Blocos“ zu präsentieren, wie der “Malê Debalê“ (1979) und der “Muzenza“ (1981) – die als Gruppen aus spezifischen Stadtteilen auftraten. Im Fall “Olodum“ ist es der Stadtteil Maciel-Pelourinho aus Salvador.
Dieser Stadtteil, dessen Name von der Steinsäule stammt, die ehemals dazu errichtet worden war, um an ihr aufsässige Sklaven auszupeitschen, hatte mit der Zeit seine zentrale Bedeutung innerhalb der Wirtschaft Salvadors eingebüsst – bis in die 1980er Jahre haftete ihm das Stigma eines Ortes für “Abschaum der Gesellschaft“ an. Die doppelstöckigen Gebäude aus der Kolonialzeit waren besetzt von Familien der Ärmsten und Prostituierten. Der Fotograf Pierre Verger, als er dieser Zustände ansichtig wurde, meinte, “hier am Pelourinho sollte man den Huren ein Denkmal setzen“. Dort in jenen Elendsquartieren und den schmalen Gassen des “Verbrecherviertels“, wie es die besser gestellten Bürger nannten, gelang es den Schwarzen, sich mittels ihrer Kultur zu restabilisieren.
Die Afrikaner aus Bahia verstanden es, die Musik, Religiosität und ihre Sprache als Ausdruck ihres Widerstandes zu benutzen. Olodum vereinte alle diese Elemente und erschien als kulturpolitisches Projekt gegen die Rassendiskriminierung auf der Bildfläche. Ihr Präsident, João Jorge Rodrigues, hebt hervor, dass ihre Arbeit zum Ziel hatte, die afrikanische Geschichte bekannt zu machen. “Bei unseren ersten Karnevalsteilnahmen wurden wir heftig kritisiert, weil wir von Ägypten sprachen. Sie verstanden nicht, dass Ägypten zu Afrika gehört. Also mussten wir unsere Mitmenschen aufklären, dass Ägypten Afrika ist, genauso wie Madagaskar und Äthiopien. Wir wollten zeigen, dass diese afrikanischen Länder fundamentale Elemente für die Weltgeschichte geschaffen haben, wie viele Wissenschaften oder das Alphabet. Wir wollten, dass man die ganze Dimension der Diversifikation von Afrika begreift, den hier hatte man bisher immer so eine hollywoodianische Vorstellung von den Persönlichkeiten der afrikanischen Geschichte – sie wurden eigentlich immer wie Weisse dargestellt“, ergänzt der Präsident von Olodum.
“Ich weiss, dass das Meer der Geschichte aufgewühlt ist“, so singt die Gruppe im “Canto do Pescador“, dessen Text eine weitere kulturelle Nuance von Olodum präsentiert: die des brasilianischen Nordostens. Diese Referenzen multiplizieren sich von der Figur des Fischers, über den bahianischen Sänger Dorival Caymmi, zur Zitierung von “Oloxum“. Der Erfolg der Gruppe führte dazu, dass der Text von Olodum – ein Yoruba-Wort, das “Gott der Götter“ bedeutet – in das Repertoire der Brasilianer integriert wurde.
Mit allen ihren Vorbereitungen zum Karneval verfolgten sie eine erzieherische Absicht. Die in diesem Sinne vorgeschlagenen Themen wurden untersucht, als Postille verfasst und dann den Komponisten und möglichen Sängern übergeben, damit die sich mit der Materie befassten und sich mit den Geschichten identifizieren konnten. In “Revolta Olodum“ bezieht sich die Gruppe auf die “Búzios-Revolte“, auch bekannt als “Conjuração Baiana“ (Bahianische Verschwörung), so wie der “Guerra de Canudos“ (Canudos-Krieg) und der “Cangaço“ (Banditentum des Nordostens): “Pátria sertaneja, independente / Antônio conselheiro, em Canudos presidente” (Song-Auszug: “Heimat des Sertão, unabhängig / Antônio Conselheiro, in Canudos Präsident).
Der Historiker und Mitglied der Bewegung “Movimento Negro de Campina Grande“, Jair Silva, hält die Afro-Blocks für fundamental bedeutend für die Festigung der afrikanischen Identität in Brasilien. “Diese Bewegung schreibt Geschichte, sie hat die Verpflichtung, Fakten zu enthüllen, die bislang von der weissen Kultur ignoriert wurden, und die noch immer in unserem Land unterdrückt werden.“ Wie Jair betont, als die Sprache auf den Freiheitskampf der Schwarzen kommt, hat die Gruppe Olodum, die sich als eine soziale Bewegung versteht, “der schwarzen Bevölkerung Bahias ihre Selbstachtung zurück gegeben“.
“Anfangs stand jede einzelne Kommune für sich da – man ging zu den Proben seines Bloco, kreierte die Tänze, die Haartracht, die Kostüme. Die Textinhalte behandelten stets den Afrikaner als schön, potent und intelligent“, erzählt die Anthropologin Goli Guerreiro, Autorin des Buches “A Trama dos Tambores – a Música Afro-Pop de Salvador“. Ihrer Meinung nach war die Bewegung, welche durch die Blocos ausgelöst wurde, besonders durch Olodum, “aussergewöhnlich“. Verschiedene Territorien der Stadt Salvador fingen an, ihre Antennen auszufahren, um sich als Afro-Bahianer zu bestätigen. In einer neuen Selbstachtung fingen sie an zu mögen, was es bedeutet, Afro-Brasilianer zu sein“.
Die musikalische und rhythmische Bewegung der 1980er Jahre hatte im Samba-Reggae “die Krone der bahianischen Ästhetik“, sagt Goli Guerreiro. Geschaffen von Musikern aus Bahia, unter ihnen Neguinho do Samba und Mestre Jackson, hat sich der Rhythmus zu einem Markenzeichen der Gruppe Olodum entwickelt. Geprägt von der Präsenz einer intensiven Percussion, die sich aus Trommeln verschiedenen Typs zusammensetzt, die von zirka 200 Instrumentalisten zu Gehör gebracht werden, hat der Samba-Reggae so viel Potenz gezeigt, dass er auch von den Blocos der Trios Elétricos anerkannt wurde. In den 1990er Jahren entstand dann, was man später als “Axé-Music“ bezeichnete: Die Zahl der Percussionisten wurde verringert, stattdessen fügte man Harmonie-Instrumente ein, wie zum Beispiel Gitarren, um den Rhythmus nicht nur auf den Trios Elétricos zu präsentieren, sondern damit er auch in den Hitparaden der Radiosender und den Schallplattenläden eine Chance bekäme.
Der grosse Erfolg führte viele traditionelle Blocos dazu, sich dem neuen Musikstil anzupassen. Ein grosser Teil von ihnen gründete Show-Bands – der Percussion wurden Gitarren hinzugefügt, und dann verbreiteten sie die Musik von Olodum, wo immer sich die Gelegenheit dazu bot. Eine Ausnahme ist der traditionelle Bloco “Ilê Aiyê“, der bis heute unverändert am Karneval teilnimmt – mit seinen Trommeln und seinen Füssen auf dem Boden seiner eigenen Originalität.
Goli Guerreiro beschreibt, dass sich die Texte des Samba-Reggae, nach seiner Akzeptanz auf dem Musikmarkt und durch seine Entwicklung zu einer touristischen Attraktion, geändert haben. “Die Songs sind jetzt weniger aggressiv hinsichtlich ihrer ideologischen Aussage, sie befassen sich mehr mit fröhlicheren Themen“. Der Präsident von Olodum, João Jorge, erklärt, dass die Gruppe sich darum bemüht, Mittel und Wege zu finden, um ihre Existenz aufrecht zu erhalten, und dass sie deshalb auch Möglichkeiten auf dem internationalen Markt auslotet. “Eine Gruppe, die Musik macht, die den nationalen Funk und den Rap inspiriert hat, oder ein Mensch, der ein Buch schreibt, hat in Brasilien keine Chancen – im Ausland allerdings ja“!
Er verteidigt seine Gruppe, die ihre afrikanischen Wurzeln nicht verloren habe, ihr Engagement im Kampf um Gleichheit der Rassen und die Ideologie des “Pan-Afrikanismus“ – der sich auch in den von der Gruppe gewählten Farben ausdrücke: Grün, Rot, Gelb, Schwarz und Weiss, bekannt als Referenzen des Kampfes gegen den Rassismus. Und er kommt auf das internationale Prestige von Olodum zu sprechen, die Partnerschaft der Gruppe mit 49 internationalen Künstlern, darunter Paul Simon, Michael Jackson und Alpha Blondy. João Jorge bestätigt, dass seine Gruppe “die Parabolantenne des Candomblé“ ist – “sie haben die Füsse auf dem Boden und den Kopf in der Welt“.
“Se o futuro nos pertence / Então temos que lutar” (Wenn die Zukunft uns gehört / dann müssen wir kämpfen).
Der Boden von Olodum, sagt João Jorge, ist immer noch der Pelourinho. Seit 1983, als das “Projekt Schlag der Trommeln“ ins Leben gerufen wurde, bietet die Gruppe Percussion-Kurse für Bewohner des Stadtteils Maciel-Pelourinho an. Seit 1984, als der damalige Karnevals-Block sich in die “Kulturgruppe Olodum“ verwandelte, entwickelt sie erzieherische Aktivitäten im Dialog mit verschiedenen sozialen Initiativen.
“Die sozialen Projekte der Afro-Blocks sind die natürliche Konsequenz eines Wunsches, die Realität zu verändern und, ausser den sozialen Projekten, bieten diese Blocks einen positiven Platz des Zusammenlebens für schwarze Kinder und Jugendliche – indem sie ihnen Perspektiven eröffnen, die sie über den festgefahrenen Alltag der Armut und der Ausgeschlossenheit hinausführen, dem die schwarze Bevölkerung seit historischer Zeit unterworfen ist“, sagt die Professorin Rita Maia, von der “Universidade Federal da Bahia (UFBA).
Das Projekt, welches zur Gründung der ersten “Banda Mirim Olodum“ (Olodum-Kinder-Band) führte, ging aus der “Escola Criativa Olodum“ (Kreative Schule Olodum) hervor, es hat im Verlauf von dreissig Jahren zirka 20.000 Kinder und Jugendliche, zwischen 7 und 21 Jahren, ausgebildet – so beschreibt es die Koordinatorin der Schule, Cristina Calácio. Sie bezeichnet die Schule als “ein innovatives Pionierprojekt, unter Beteiligung der afrostämmigen Kommune, zur gemeinsamen Arbeit mit Kunst und Erziehung“.
Gegenüber den Kriterien der parallelen Erziehungsanstalten – den munizipalen und staatlichen Schulen – hat es sich die Olodum-Schule zur Aufgabe gemacht “Grössen hervorzubringen, weit über das Trommelschlagen hinaus. Unsere Aktivitäten haben zum Ziel, die besten Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen zu entwickeln, damit es ihnen möglich wird, sich in die ethnisch-kulturelle Bürgerschaft zu integrieren“, erklärt Cristina.
Ausser der Musik, “der zentralen Kraft der Institution“, so die Koordinatorin, können die Teilnehmer des Projekts Seminare besuchen, Kurse in afrikanischen Tänzen belegen und sich an einem Choral beteiligen. Für Interessierte gibt es Kurse in Informatik. Der Erfolg des Projekts, so Cristina, rührt aus der Tatsache, dass “es eine andere Schule ist, sie entspricht dem, was die Jugendlichen tatsächlich mögen, was sie tatsächlich lernen wollen, weil sie damit heutzutage umgehen – das ist Kultur und Technik“.
Ein anderes Projekt, welches von der Gruppe Olodum 1990 angefangen wurde, ist das “Teatro Olodum“, in dem afrikanische Stücke einstudiert und aufgeführt werden. In ihm haben sich Schauspieler wie Lázaro Ramos, Tânia Tôko und Jorge Washington Rodrigues profiliert, die an der Theatermontage des Films “Ó Pai, Ó“ mitwirkten, der als Serie im Fernsehen gezeigt wurde.
In einer Pause zwischen den Proben der Theatergruppe, die sich zum “Festival do Teatro Brasileiro“ in der Stadt Rio Branco (Bundesstaat Acre) präsentierte, gab Jorge Rodrigues ein Interview.
“Ich hatte in Calabar (Stadtteil von Salvador) mit dem Theaterspielen angefangen, als ich von diesem “Transformations-Theater“ als Werkzeug gegen die Rassendiskriminierung hörte. Als ich dann in der Zeitung den Titel las “Olodum stellt schwarzes Theater-Ensemble auf“ und erfuhr, dass der beliebte Direktor Márcio Meirelles dort mitmachte, dachte ich nur: “Da möchte ich dabei sein“.
Der Schauspieler, der in 24 Jahren seiner Mitwirkung nur ein einziges Mal abwesend war, nämlich als er Bahia anlässlich der Geburt seiner Tochter verlassen musste, sagt, dass sich das Theaterprojekt weit über Bahia hinaus und im ganzen Land verbreitet hätte, dank der von Olodum ausgebildeten Schauspieler. Auch auf dem Gebiet der Musik sei der Einfluss der Olodum-Projekte zu spüren. Musiker, die mit dem Samba-Reggae gross geworden sind, führen heute die kulturelle Szene an, wie Anderson Souza, Mariela Santiago und Afro Jhow.
Der Präsident João Jorge ist überzeugt, dass Olodum seinen Kampf für Erziehung, Arbeit und politisches Engagement der Afro-Brasilianer fortsetzen wird. Rassismus ist eine Krankheit. Und Brasilien hat sie noch nicht überwunden, und deshalb ist Olodum aktuell und zeitgenössisch“.
Helena Martins – Agência Brasil
Deutsche Bearbeitung Klaus D. Günther