Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03404.jsonl.gz/2053

Der Beitritt des westlichen Balkans zur EU schreitet voran, begünstigt durch die strategische Positionierung der Region
Auf der EU-Westbalkan-Konferenz am 17. Mai in Sofia (Bulgarien) wird die EU ihre Absicht erneuern, die Westbalkan-Länder in die EU aufzunehmen.
Die Coface-Economisten schätzen dieses Szenario als sehr wahrscheinlich ein, da die EU der russischen und chinesischen Präsenz in der Region entgegentreten möchte.
Enge Handelsbeziehungen
Nach den Kriegen in den 1990-er Jahren und der Finanzkrise 2008 bis 2011 haben die Länder des westlichen Balkans (Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien) ihre wirtschaftlichen Beziehungen zur EU vertieft. Die EU als größter Handelspartner der Region macht 83 Prozent der Exporte und 67 Prozent der Importe aus. Seit 2008 ist das Warenhandelsvolumen auch wegen der Stabilisierungs- und Assozierungsabkommen um 80 Prozent gestiegen. Das hohe Handelsbilanzdefizit beruht auf der von Waren mit geringer Wertschöpfung beschränkten Produktion der Länder. Das Defizit wird weitgehend finanziert durch die Geldzuflüsse im Ausland lebender Bürger und ausländische Direktinvestitionen, zumeist aus Westeuropa. Die Überweisungen von Emigranten machen 10 Prozent des BIP in Albanien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro und Serbien aus, geschätzte 15 Prozent im Kosovo, aber nur 4 Prozent in Mazedonien. Die EU-Präsenz ist im Moment bedeutsam für das Bankwesen, die Telekommunikation, den Energiesektor und den Tourismus sowie in etwas geringerem Ausmaß für die produzierenden Gewerbe. Die Direktinvestitionen aus dem Ausland summieren sich auf 40 Prozent des BIP in Albanien, Bosnien-Herzegowina und Mazedonien, 70 Prozent in Serbien und 113 Prozent in Mazedonien. Da der Euro in der Region intensiv genutzt wird, sind die Länder zugleich stark abhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung und der Geldpolitik in der EU.
Korruption, Arbeitslosigkeit und niedriges BIP pro Kopf: Der WEg ist noch Lang
Der Beitritt der Westbalkanländer in die EU ist aus mehreren Gründen sehr wahrscheinlich:
- strategisch wichtige geografische Lage,
- die Gefahr, dass Konflikte zwischen den Nachbarländern übergreifen,
- sowie ein Gegengewicht zum Einfluss Russlands und Chinas in der Region.
Serbien und Montenegro könnten als die am weitesten entwickelten Länder noch vor 2025 aufgenommen werden. Für die EU würden begrenzte zusätzliche finanzielle Aufwendungen anfallenn. Für den Zeitrahmen von 2014 bis 2020 sind 7 Milliarden Euro veranschlagt, überwiegend für administrative und institutionelle Reformen. Mit einer Mitgliedschaft würden zusätzlich rund 2 Prozent des 2017-er Budgets der EU 28 benötigt.
Aufgrund ernsthafter Governance-Defizite wird die Vollmitgliedschaft der Region allerdings ein längerer Prozess werden. Korruption in Verwaltung und Justiz ist einer der Bremsklötze. So figurieren die Westbalkanländer 2017 am Ende der Europa-Skala von Transparency International. Auch die Indikatoren der Weltbank für Governance bestätigen eine schwache politische Stabilität in Albanien, Mazedonien, Kosovo und Montenegro, sowie die institutionelle Fragmentierung in Bosnien und Herzegowina und insgesamt eine schwache Politik gegen Korruption und Insolvenzen.
Das durchschnittliche Pro-Kopf-BIP der Westbalkan-Länder beträgt gerade einmal 25 % der EU 15 und 50% der elf mittel- und osteuropäischen Mitglieder. Die Angleichung, die nach den Balkankriegen eingesetzt hatte, wurde von der Finanz- und Wirtschaftskrise nach 2008 abrupt gestoppt. Hier zeigte sich die noch schwache Wettbewerbsfähigkeit. Derzeit beträgt die Arbeitslosigkeit 16,2 Prozent und bezogen auf die jüngeren Menschen sogar 37,6 Prozent. Legt man das aktuelle Wirtschaftswachstum von durchschnittlich knapp über 3 Prozent zugrunde, würde die Region nach Berechnungen der Weltbank über 60 Jahre brauchen, um das durchschnittliche Pro-Kopf-BIP der jetzigen EU zu erreichen.
[1] berechnet unter Berücksichtigung der Kaufkraftparität
Publikation downloaden
(Publikation ist nur in ENG erhältlich)
Kontakt
Julie SOUM
Media Contact
HAGENHOLZSTRASSE 83 B,
CH-8050 ZÜRICH
SWITZERLAND
<email-pii>
+41 (0) 43 547 00 49