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In Fosses jüngstem Roman «Ein neuer Name» Sachte gleitet die Erzählung zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her. Kein Satzpunkt stört das sanfte Rollen des Textes.
Jon Fosse, so erzählt man sich in Norwegen, fürchtete zu sterben, noch ehe er seinen 2014 begonnenen, 1150 Seiten starken Roman «Heptalogie» beendet haben würde. Nicht allein überlebte er, er erhielt für seine innovative Dramatik und Prosa, die dem Numinosen eine literarische Stimme gibt, den Literaturnobelpreis. Nun kommt das Werk auch auf Deutsch zu seinem Abschluss. «Ein neuer Name», der letzte Teil der «Heptalogie», ist Lebensbeichte, Künstlerroman und Gottsuche in einem.
Für seine Dichtung entscheidend sei, dass er Nynorsk schreibe, wird Jon Fosse nicht müde zu betonen. Die norwegische Schriftsprache kennt zwei Varianten. Das Minoritäts-Idiom Nynorsk stand schon immer unter Druck. Der Nobelpreisträger Hamsun verhöhnte es als «Holzschuhdialekt», der Nobelpreisträger Bjørnson verspottete Nynorsk-Sprecher als «Höhlenbewohner». Dass die Bauernjugend 1913 in Oslo eine Nynorsk-Bühne eröffnete und diese erst noch Norwegisches Theater nannte, wurde als Angriff auf die dominante urbane Kultur verstanden. In der Eröffnungswoche artete der Konflikt in Massenprügeleien aus, die Staatsmacht schickte berittene Polizei.
Idealer ästhetischer Raum
Viele Stücke Jon Fosses wurden am Norwegischen Theater uraufgeführt. Nynorsk ist eine im 19. Jahrhundert auf dialektaler Grundlage geschaffene Kunstsprache, die in reiner Form von niemandem gesprochen wird. Gerade das Artifizielle des Idioms schafft den idealen ästhetischen Raum für Fosse. «Die Bühne ist jenseits der Wirklichkeit, das ist diese Sprache auch», sagt er. Fosse, der eine klangvolle, musikalische und hochartifizielle Prosa pflegt, ist geradezu die zeitgenössische Personifikation des Nynorsk. Premierminister Støre twitterte an Fosses grossem Tag: «Heute hat Jon Fosse Nynorsk zu einer Weltsprache gemacht.» Die Frage ist nur, ob die Welt dies überhaupt zur Kenntnis nimmt. Die Sprachform bedient zudem Emotionen, welche selbst die beste Übersetzung nicht einfangen kann.
Der Nobelpreis versetzte Norwegen in einen Fosse-Taumel. Teenies vertieften sich bei Instagram in die Werke des Meisters. Die Zeitung «Bergens Tidende» erhoffte sich einen Schub für den regionalen Tourismus und sah das Westland, Fosses Heimat, als «Nobel County». Am Tag der Preisverleihung flaggte die Stadt Bergen wie zum Nationalfeiertag, während Fussballfans beim Spiel Bergen gegen Molde ein riesiges Transparent entrollten, das Fosses Antlitz zeigte.
Hans Magnus Enzensberger, der eine Zeitlang mit einer Norwegerin verheiratet war, schilderte Norwegen einst als Mix von Vorzeitmuseum und Zukunftslabor. Der Norweger unserer Tage sei Spitzentechnokrat der Ölindustrie und zugleich Schafbauer, versichert der Schriftsteller Kjartan Fløgstad. Das radikal Ungleichzeitige gebe es auch anderswo. In Norwegen jedoch verkörpere es sich in ein und derselben Person. Eine solche Figur, die das Innovative und das Konservative in sich vereinigt, ist Jon Fosse.
Asles letzte Tage
Mit Fosse tauchen wir in ein Universum mit eigener Zeitrechnung ein. Die Stadt Bergen, der er den mittelalterlichen Namen Bjørgvin belässt, und die Küste werden zur entwirklichten, mythischen Landschaft. Am Tag vor Heiligabend trifft sich der Ich-Erzähler, der Maler Asle, mit seinem Nachbarn Åsleik, dem Fischer, zum traditionellen Laugenfischessen.
Der Roman handelt von Kunst, Liebe, Gnade und vom Tod. Er schildert Asles letzte Tage. In Rückblicken steigen Stationen dieses Lebens auf. Im Bus-Café lernt Asle seine inzwischen verstorbene Frau Ales kennen: Liebe auf den ersten Blick, verstanden als «göttliche Fügung». Die Tochter einer Österreicherin führt ihn zum Katholizismus. Als er die Pauluskirche in Bjørgvin erstmals betritt, spürt er die Kraft, mit der ihn das Kreuzzeichen erfüllt. Åsleik, der Fischer, deutet Asles künstlerisches Talent als «Gnadengabe». Asle antwortet mit beredtem Schweigen.
Sachte, fast unmerklich gleitet die Erzählung zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her. Kein Satzpunkt stört das sanfte Rollen des Textes. Sobald sich der Erzählfluss zum Bewusstseinsstrom weitet, fehlen auch die Kommas – etwa bei der Begegnung Asles mit seinem Namensvetter.
Asle und Asle stellen zwei Varianten eines Lebens dar. Sie dürften die radikale Wende widerspiegeln, die Fosses Leben vor zehn Jahren nahm, als er sich von Theater und Alkohol lossagte, katholisch wurde, eine neue Frau heiratete und nur noch getragene Prosa schrieb. Während der verwitwete, kinderlose und trockengelegte Trinker Asle in einem Haus am Fjord von seiner Malerei lebt, ist der ungläubige Stadt-Asle zweimal geschieden. Eine Frau, mit der er ein Kind hat, versucht sich das Leben zu nehmen. Als Maler erfolglos, säuft er sich zu Tode, indes der Fjord-Asle mit einem lateinischen Gebet auf den Lippen stirbt.
Ein weisser Rabe
Ein norwegischer Katholik ist so etwas wie ein weisser Rabe. Jon Fosse wurde katholisch, obwohl er die Sicht des Vatikans auf Frauenpriestertum und Homophilie nicht teilt. Sexuellen Missbrauch schildert er zwar im ersten Band der «Heptalogie» – einen Bezug zur Kirche stellt er aber nicht her. Asle betet oft in Latein, er besucht sogar eine lateinische Messe, wo Latein doch 1970 aus den Kirchen verbannt und durch die Volkssprachen ersetzt wurde. In Fosses Universum ist Latein aber nach wie vor die heilige Sprache. Der Zeitschrift «Syn og Segn» sagte er, der Unterschied zwischen einem katholischen und einem protestantischem Gottesdienst sei «fast wie der zwischen gutem und schlechtem Theater».
Asle gerät in Verzückung, «und ich sehe in dem Augenblick, in dem die Wandlung geschieht, einen Glorienschein um die Hostie». Zwar weiss er: «Gott ist so fern, dass man nichts über ihn sagen kann.» Doch redet er in immer neuen Anläufen von ebendiesem Gott. Er erweist sich als Schüler Meister Eckhardts. Der Text schwelgt in Paradoxien. «Und Deutungsversuche, ja etwas über Gott zu sagen, ja über das Reich Gottes, kommen immer einem Missbrauch von Gottes Namen nah, also vergib mir, Gott, denn nur die Stille kann etwas über Gott sagen.» So wogt es über Dutzende Seiten.
Sogar der Papst rühmte in einem Glückwunschbrief Fosses «gentle testimony of faith». Seine Nobel-Vorlesung in Stockholm beschloss Fosse mit einem Dank an Gott. Und auch der Toast, den er am Bankett vor dem Dessert vor Hunderten Gästen in Frack und Robe ausbrachte, gipfelte in einem Dank an den Erhabenen.
In der Vorlesung erzählte Fosse, wie alles begonnen hat. Als er in der Schule erstmals vorlesen sollte, versagte ihm in Panik die Sprache, fluchtartig verliess er den Raum. Er musste aber wieder Herr seiner Sprache werden und begann, kleine Gedichte und Erzählungen zu schreiben. Er gewann Sicherheit und fand «den Ort in mir, der nur ich war, und von dem Ort aus konnte ich schreiben, was nur ich war». Der Rest ist bekannt.
Jon Fosse: Ein neuer Name. Heptalogie VI–VII. Roman. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2024. 303 S., Fr. 49.90.