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Geschichte | Geographie | Wirtschaft | Gesellschaft
Julia Niederberger, 1999 | Luzern, LU
Diese Studie untersuchte, wie Deutschschweizer Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren Männlichkeit konstruieren. Konkret wurde anhand eines Fragebogens ermittelt, welche geschlechtstypischen Eigenschaften Jugendliche mit dem sozialen Konstrukt der Männlichkeit assoziieren und wie sie vorgeschlagene «typische» Attribute von Männlichkeit einschätzen. Zudem bewerteten die Jugendlichen zehn theoretisch abgeleitete Aussagen zu Aspekten der «toxischen Männlichkeit». Es zeigte sich, dass die befragten Jugendlichen teilweise geschlechterstereotype Vorstellungen von Männlichkeit haben und dass diese bei den weiblichen Befragten stärker ausgeprägt sind. Die Zustimmung zu Aussagen über das Konstrukt der toxischen Männlichkeit war insgesamt eher tief, wobei die männlichen Jugendlichen eher mit dem Konzept der toxischen Männlichkeit einverstanden waren als die weiblichen.
Fragestellung
(I) Welche Männlichkeitskonstruktionen haben Deutschschweizer Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren? Diese übergeordnete Frage wurde um die folgenden präzisierten Fragestellungen ergänzt: (II) Welche Assoziationen ruft das Konzept der Männlichkeit bei Jugendlichen hervor? (III) Ist ein konsensuelles Verständnis der sozialen Konstruktion der Männlichkeit feststellbar? Sind diesbezüglich geschlechtsspezifische Unterschiede erkennbar? (IV) Schätzen Jugendliche die als männlich geltenden Eigenschaften ebenfalls als typisch männlich ein? (V) Befürworten Jugendliche die mit dem Begriff „toxische Männlichkeit“ verbundenen Eigenschaften und Verhaltensweisen?
Methodik
Als Datenerhebungsmethode wurde die schriftliche Onlineumfrage gewählt. Die erstellte Umfrage basiert auf der Fachliteratur und der Vorbildstudie von Krahé, Berger und Möller (2007) der Universität Potsdam. Konkret wurde das Instrument zur Erfassung des Geschlechterrollenselbstkonzepts im Jugendalter (GRI-JUG) verwendet und weiterentwickelt. Der schriftliche Fragebogen enthielt sowohl offene als auch geschlossene Fragen. Die ersten drei Frageblöcke erfassten die Männlichkeitskonstruktionen. Im vierten Frageblock wurde die Haltung zur toxischen Männlichkeit erhoben, indem zehn Aussagen zu den Aspekten Misogynie, Gefühlsunterdrückung und Macht, Dominanz und Kontrolle zur Bewertung vorgelegt wurden. Die Stichprobe bildeten 282 Deutschschweizer Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren. Das Durchschnittsalter lag bei 14,2 Jahren und die Teilnehmenden waren zu ca. 50 Prozent weiblich bzw. männlich.
Ergebnisse
Die meistgenannten typisch maskulinen Eigenschaften waren die körperliche Fitness (148 Nennungen) und die Selbstgefälligkeit (79 Nennungen). Die Probanden und Probandinnen stuften das Item «sportlich» als typisch und «zickig» als untypisch männlich ein. Die Zustimmung zur toxischen Männlichkeit war insgesamt eher tief. Gerade die Aussage «Frauen sollten Männern gehorchen und sich ihnen unterordnen» wurde abgelehnt. Die «Selbstbeschreibung» durch männliche und die «Fremdzuschreibung» durch weibliche Jugendliche fiel oft unterschiedlich aus. So wurde z. B. «verständnisvoll» von den Jungen als eher typisch, jedoch von den Mädchen als untypisch männlich angesehen. Auch zeigten sich die Probanden stärker mit der toxischen Männlichkeit einverstanden als die Probandinnen.
Diskussion
Schweizer Jugendliche haben eine kritische Haltung gegenüber der toxischen Männlichkeit. Wie erwartet, wurden alle vom GRI-JUG vorgeschlagenen typisch männlichen Attribute auch als typisch männlich bewertet. Die geschlechterdifferenzierte Auswertung ergab, dass sich die Einschätzungen der Mädchen und Jungen unterscheiden: Männliche Jugendliche stimmen der toxischen Männlichkeit stärker zu, und weibliche Jugendliche haben ein stärker stereotypisches Männlichkeitsbild. Während dies eine wichtige Erkenntnis für die Gestaltung eines geschlechtssensiblen Unterrichts ist, so kann eine solche Geschlechterdifferenzierung auch kritisch gesehen werden. Die Einzel-Item-Erfassung des Geschlechts reproduziert binäres Denken, da Weiblichkeit und Männlichkeit dichotom einander gegenübergestellt werden.
Schlussfolgerungen
Die Studie hat den aktuellen gesellschaftlichen Männlichkeitsdiskurs aufgegriffen. Sie hat Männlichkeitskonstruktionen Jugendlicher untersucht und dabei das GRI-JUG-Instrument weiterentwickelt. Es hat sich gezeigt, dass die Befragten insgesamt eine kritische Einstellung zu Geschlechterstereotypen und toxischer Männlichkeit haben. Gleichzeitig gibt es deutliche Unterschiede in der «Selbstbeschreibung» durch männliche und der «Fremdzuschreibung» durch weibliche Jugendliche, die Sensibilisierungsprogramme berücksichtigen sollten.
Würdigung durch die Expertin
Dr. Corinne Schweizer
Sollen Männer heulen dürfen? Julia Niederberger hat in ihrer Maturaarbeit anhand einer Online-Befragung untersucht, wie Jugendliche in der Schweiz diese relevante Frage einschätzen. Ihre Arbeit besticht durch ihre theoretische Fundierung, das systematische empirische Vorgehen und die kritische Reflektion. Und sie zeigt spannende Unterschiede in den Antworten männlicher und weiblicher Jugendlicher: Die Buben haben zwar ein breiteres und weniger stereotypes Männerbild als die Mädchen, sie lehnen jedoch die «toxische» Aussage, dass Frauen Männern untergeordnet sind, etwas weniger stark ab.
Prädikat:
sehr gut
Gymnasium St. Klemens, Ebikon
Lehrerin: MSc Esther Holl