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In diesem Artikel geht es nicht um die Frage, ob Masken nützen. Sondern es geht darum, welche Rolle anerkannte medizinische Fachzeitschriften in dieser Pandemie spielen.
Eine der wichtigsten Studien in der Corona-Pandemie erschien am 1. Juni 2020 im Fachblatt «The Lancet». Sie sollte einen Überblick liefern, was zum Nutzen von Masken, Abstand halten und Augenschutz bis dahin wissenschaftlich erforscht war. Diese sogenannte Meta-Analyse war von der WHO gesponsert worden.
Ein kanadisch-libanesisches Wissenschaftlerteam hatte dafür 172 Studien zusammengetragen. Die 44 relevantesten flossen in die Meta-Analyse ein. Dabei handelte es sich quasi um eine Gesamtschau, bei der nur Studien berücksichtigt wurden, die das Risiko einer Virusübertragung von SARS, MERS oder SARS-CoV-2 abschätzten – also den drei als gefährlich geltenden Coronaviren.
Diese Übersichtsarbeit – im begleitenden Kommentar als «wichtiger Meilenstein» bezeichnet – trug massgeblich dazu bei, dass weit herum die Maskenpflicht eingeführt wurde. «Regierungen […] können unsere Resultate benützen, um der Bevölkerung […] klare Ratschläge zu diesen Schutzmassnahmen zu geben, um das Infektionsrisiko zu verringern», liess sich einer der Autoren im Wissenschaftsportal «Eurekalert» zitieren.
Die Nationale Covid-19-Taskforce stützte sich massgeblich auf diese Studie
Auch die Nationale Taskforce unter damaliger Leitung des Berner Professors Matthias Egger berief sich auf diese Meta-Analyse (wobei sie die Resultate so darstellte, dass ein viel grösserer Nutzen der Masken suggeriert wurde).
Das Fazit in einem Artikel im Magazin «Horizonte» des Schweizer Nationalfonds, den Egger präsidiert, fiel später nüchterner aus: «Ob Hygienemasken tatsächlich Ansteckungen mit dem neuen Coronavirus verhindern, war [bei der Einführung der Maskenpflicht im ÖV im Juli 2020 – Anm. d. Red.] immer noch nicht klar.»
Solange es keine randomisierten-kontrollierten Studien gebe, liefere die WHO-Studie die beste Evidenz für die Vorbeugung von Covid-19, schrieben zwei Kommentatorinnen in «The Lancet».
Kritische Leserbriefe erschienen über ein Jahr lang nicht
Verschiedene anerkannte Wissenschaftler hatten an der Meta-Analyse jedoch erhebliche Zweifel. Diese Arbeit werfe weit mehr Fragen auf, als sie beantworte, kritisierten beispielsweise Mohamed Abbas vom Imperial College in London und seine Kollegen von der Universität Genf in ihrem Leserbrief, den sie kurz nach der Veröffentlichung der Meta-Analyse einreichten. Doch «The Lancet» veröffentlichte ihren Leserbrief über ein Jahr lang nicht.
«Seit Juli 2020 haben wir viele Monate lang mit dem ‹Lancet› deshalb korrespondiert», sagt Abbas. Weshalb es bei der Maskenstudie so lange dauerte, wisse er nicht. Ein anderer Leserbrief von ihnen in «The Lancet», der sich auf eine Studie in einem Konkurrenzblatt bezog, sei viel rascher veröffentlicht worden.
Einer der Gründe, vermutet Abbas, sei die hohe Arbeitsbelastung der «Lancet»-Redaktion während der Pandemie gewesen. Das Fachblatt erhielt in dieser Zeit vier- bis fünfmal mehr Studien zur Publikation angeboten als sonst. Nur etwa fünf Prozent davon werden angenommen.
Wissenschaftler gaben irgendwann auf
Auch ein Team um Peter Jüni, Professor an der Universität Toronto und Direktor der wissenschaftlichen Taskforce der Provinzregierung in Ontario, reichte fristgerecht einen Leserbrief ein, und auch Jüni wunderte sich über das lange Schweigen der «Lancet»-Redaktion.
«Normalerweise werden die Leserbriefe zwei bis drei Monate nach der Studie, auf die sie sich beziehen, veröffentlicht. In diesem Fall aber kam elf Monate lang nichts mehr von der Redaktion des ‹Lancet›. Wir haben irgendwann aufgegeben und dachten, das Ganze ist versandet», sagt Jüni.
«Diese WHO-gesponserte Analyse war hochproblematisch»
Zusammen mit seinen Kollegen hatte Jüni per Los zufällig 14 der 44 Studien, die in die Meta-Analyse eingeflossen waren, genauer unter die Lupe genommen. Bei 10 dieser 14 Studien wurden laut Jüni unter anderem Zahlen falsch übertragen und Daten falsch interpretiert. Fünf der 14 Studien hätten nach Meinung des Teams aufgrund solch grober Fehler gar nicht in die Meta-Analyse einfliessen dürfen – eine herbe Kritik. «Diese WHO-gesponserte Analyse war hochproblematisch», sagt Jüni.
Stellungnahme von «The Lancet»
Infosperber bat «The Lancet» um Antwort auf mehrere Fragen: Wie lange dauert es normalerweise, bis Leserbriefe veröffentlicht werden? Weshalb dauerte es in diesem Fall so lange? Gab es für die Verzögerung politische Gründe? Warum wurde eine Studie mit derartigen Unzulänglichkeiten so einfach publiziert? Was hat «The Lancet» unternommen, um die Begutachtung von Studien vor der Publikation zu verbessern?
Hier die leicht gekürzte Antwort von «The Lancet»:
«Die Redaktoren der «Lancet»-Zeitschriften behandeln die Kommunikation mit den Autoren vertraulich. Alle in den «Lancet»-Zeitschriften veröffentlichten Originalarbeiten werden einem strengen externen Peer-Review [gemeint ist damit die Begutachtung von Studien durch unbeteiligte Fachleute – Anm. d. Red.] unterzogen. Details des Peer-Reviews, inklusive der Daten und Kommentare, werden nicht veröffentlicht.
Wissenschaftliche Diskussionen und Debatten sind ein wichtiger Teil des wissenschaftlichen Prozesses. Die «Lancet»-Zeitschriften begrüssen Reaktionen von Lesern und der wissenschaftlichen Gemeinschaft auf Inhalte, die in den Zeitschriften veröffentlicht werden. Gegebenenfalls fordern die Herausgeber auch die Autoren der ursprünglichen Forschungsarbeit auf, zu antworten, um den vollständigen Austausch in der Zeitschrift zu veröffentlichen.»
Die konkreten Fragen waren damit nicht beantwortet.
Etliche Kritikpunkte
Erst über ein Jahr nach der Publikation der Meta-Analyse, am 21. August 2021, veröffentlichte «The Lancet» nun sechs Leserbriefe, darunter auch die von Mohamed Abbas und Peter Jüni. Hier einige der Kritikpunkte:
- Die Studie habe «Äpfel mit Birnen verglichen», weil sich die drei Viren SARS, MERS und SARS-CoV-2 deutlich voneinander unterscheiden, was die Übertragbarkeit und die Krankheitsverläufe betrifft. Man hätte nicht Studien zum Nutzen von Masken etc. zu SARS, MERS und SARS-CoV-2 «in einen Topf werfen» und gesamthaft auswerten dürfen, finden mehrere Wissenschaftler. Denn nur SARS-CoV-2 ist in der Regel bereits vor Symptombeginn übertragbar, der Krankheitsverlauf von SARS ist viel schwerwiegender als der von COVID-19 und MERS ist viel weniger leicht übertragbar.
- Zwei der 44 eingeschlossenen Studien waren Duplikate. Das wurde aber nicht klar gestellt. Auch die Ergebnisse der Duplikate flossen in ihre Auswertung ein, was das Resultat verzerrt.
- In einer Studie wurden komplett unterschiedliche Spitalabteilungen verglichen, eine mit Covid-Patienten und die andere ohne. Somit lässt sich kein Vergleich zwischen Maskentragenden und Nicht-Maskentragenden ziehen.
- In einem anderen Fall bezog sich die Meta-Analyse auf die veraltete Fassung einer Studie, so dass anstelle von 227 Personen in der Studie nur 83 berücksichtigt wurden.
- Bei einer anderen Studie flossen nur die Daten zu Atemschutzmasken in die Gesamtschau ein, nicht aber diejenigen zu chirurgischen Masken.
Die Schlüsse, die aus dieser Arbeit gezogen wurden, «seien eher geeignet, den Blick zu trüben, anstatt für Klarheit zu sorgen, ob Gesichtsmasken nützen – eine Behauptung, die im Übrigen nicht einmal die Hersteller selbst aufstellen würden», befand ein klinischer Epidemiologe der Universität Leiden (NL) in seinem Leserbrief.
Autoren der Studie weisen die Kritik im Wesentlichen zurück
Die Autoren der Meta-Analyse erwiderten in der gleichen Ausgabe von «The Lancet», dass sie nicht der Meinung seien, sie hätten Äpfel mit Birnen verglichen, sie korrigierten die offensichtlichen Fehler, beliessen die von Jüni beanstandeten Studien aber in ihrer Analyse – und kamen zum Schluss, dass sich an ihrer grundsätzlichen Aussage zum Nutzen der Masken nur wenig geändert habe. Zudem hätten sie stets darauf hingewiesen, dass die Unsicherheiten gross und die Beweise dünn seien und dass es sinnvoll wäre, randomisierte Studien durchzuführen, bei denen den Personen per Los Masken oder keine Masken «verordnet» werden.
Eine solche randomisierte Studie wurde am 2. Juni 2020 in Dänemark abgeschlossen. Dort hatte – per Los eingeteilt – etwa die Hälfte der Personen in der Öffentlichkeit mehr oder weniger ihre Masken getragen, die andere Hälfte trug keine Masken.
Drei führende Fachzeitschriften lehnten die Veröffentlichung ab
Bis die Resultate dieses Versuchs bekannt wurden, sollte es aber noch dauern. Denn mindestens drei führende medizinische Fachzeitschriften – «The Lancet», «The New England Journal of Medicine» und «The Journal of the American Medical Association» lehnten es laut berlingske.dk ab, die lang erwartete Studie zu veröffentlichen – obwohl randomisierten Studien in der Medizin hohe Beweiskraft zugestanden wird und dieses Experiment mit mehreren tausend Teilnehmenden zu jenem Zeitpunkt alles Vergleichbare in den Schatten stellte.
Von einem Reporter gefragt, wann mit der Publikation zu rechnen sei, antwortete einer der Studienautoren damals: «Sobald eine Zeitschrift mutig genug ist …»
Am 18. November 2020 war es soweit. Die «Annals of Internal Medicine» machten die Resultate dieser Studie publik: Egal, ob Maske oder keine – die Anzahl der Covid-19-Infektionen unterschied sich in beiden Gruppen nicht. (Zur Erinnerung: Es geht in diesem Artikel NICHT um die Frage, ob Masken nützen.)
Renommierte Professoren wurden zensiert
Unmittelbar danach konnten Leser online ihre Kritik an der Studie vorbringen. Und bis zum 6. Dezember hatten die Autoren auf die allermeisten Zuschriften geantwortet. In der gedruckten Ausgabe erschien eine Auswahl an Leserbriefen im August 2021, fünf Monate nach dem Erscheinen der Studie in der Printversion der Zeitschrift. Alles ging deutlich schneller als bei der Maskenstudie der WHO in «The Lancet».
Zwei ausgewiesene Experten in Studienfragen, Professor Tom Jefferson (Mitarbeiter bei Cochrane Dänemark) und Professor Carl Heneghan (Centre for Evidenced-based Medicine an der Universität Oxford), legten daraufhin die Studienresultate in leicht verständlicher Sprache in einem Artikel im «Spectator» dar. Heneghan postete den Artikel sowie ein Video in den Social Media – und wurde von Facebook zensiert.
Leiter der Taskforce wies sofort auf die Schwächen der anderen Studie hin
Nicht zensiert wurde hingegen beispielsweise «Matthias #wearyourmask Egger», der damals noch die Covid-19-Taskforce präsidierte und umgehend auf Twitter die Schwächen der dänischen Studie aufzeigte. Einer der Hauptkritikpunkte: Masken dienen primär dem Zweck, im Fall einer Infektion möglichst wenig Viren weiter zu verbreiteten – diese Studie aber hatte nur geprüft, ob sich die Maskenträger selbst ansteckten.
Die Resultate dieser Studie kämen in keiner Weise überraschend, sondern würden nur bestätigen, was sowieso schon bekannt sei, äusserte sich sinngemäss ein neuseeländischer Professor gegenüber Faktencheckern.
Kaum waren die Leserbriefe veröffentlicht, erschien eine grosse Studie
Zehn Tage, nachdem «The Lancet» die Leserbriefe von Mohamed Abbas, Peter Jüni und weiteren kritischen Wissenschaftlern veröffentlicht hatte, erschien eine noch viel grössere Studie als die dänische. Sie zeigte, dass Masken nützen.
Bei diesem Experiment war der Wohnort in Bangladesh entscheidend: In manchen Dörfern wurde mit Gratismasken, Information und freundlicher Aufforderung fürs Maskentragen geworben, in vergleichbaren anderen Dörfern dagegen nicht. Insgesamt nahmen über 300’000 Personen an dem Versuch teil.
Das Ergebnis: Wenn etwa 600 bis 3’000 Personen ein Jahr lang in der Öffentlichkeit Masken tragen, verhindert das einen Todesfall an Covid-19. Diese Angabe der benötigten Zahl (hier der Maskentragenden), damit eine Person davon einen Nutzen hat (hier Verhinderung eines Todesfalls), ist die verständlichste Art, einen Nutzen darzustellen.
Wissenschaft im Dienst der politischen Absicht
In vielen Ländern, schreiben die Autoren in einer Zusammenfassung, sei der Maskengebrauch politisiert worden. Maske zu tragen, zeige auch die politische Einstellung.
Vor den Präsidentschaftswahlen in den USA bedeutete die Maske, für Joe Biden zu sein. Keine Maske zu tragen, kennzeichnete dagegen die Anhängerschaft Donald Trumps.
Richard Horton, der Chefredaktor des «Lancet», machte nie einen Hehl aus seiner Abneigung gegen Donald Trump. «Während der Pandemie versuchte Horton, den wissenschaftlichen Auftrag von «The Lancet» praktisch vollständig mit einer politischen Absicht zu verbinden», steht in einem Artikel im «New Yorker» über Horton. Richard Horton habe sich entschieden, «die Grenze zwischen der Wissenschaft von Covid-19 und der Politik zu überschreiten».
Gefälschte Studie veröffentlicht
Vielleicht trug das zu einem der peinlichsten Fehler der Redaktion des «Lancet» in der Pandemie bei. Als dem «Lancet» eine Studie angeboten wurde, welche die Unwirksamkeit des von Donald Trump gegen Covid-19 propagierten Malariamittels Hydroxychloroquin (scheinbar) belegte, veröffentlichte das Blatt die Studie im Eiltempo am 22. Mai 2020 – und musste drei Wochen später eingestehen, dass sie einem Datenfälscher aufgesessen war. Die vermeintliche Studie war erfunden. Sämtliche fachlichen Kontrollen hatten versagt.
Peter Jüni gehörte damals zu den ersten Wissenschaftlern, die auf die Unstimmigkeiten dieser gefakten Studie aufmerksam machten. Da hätten sofort Zweifel aufkommen müssen, sagte er gegenüber der «New York Times», zu unplausibel seien etliche Angaben in dieser Studie gewesen. Doch sowohl den Autoren – darunter der Chefkardiologe am Universitätsspital Zürich – als auch den Gutachtern und der «Lancet»-Redaktion war dies entgangen.
Chefredaktor ging gegen den Journalisten vor, der den Schwindel aufdeckte
Es war nicht das erste Mal, dass Hortons Blatt unangenehm auffiel. Im Jahr 1998 veröffentlichte «The Lancet» unter der Ägide von Richard Horton eine Studie, die sich Jahre später ebenfalls als Fake herausstellte. Der Autor war ein früherer Berufskollege Hortons am «Royal Free Hospital» in London. In seiner Studie behauptete er, dass die Masernimpfung Autismus auslösen würde. Das brachte weltweit besorgte Eltern dazu, ihre Kinder nicht mehr gegen Masern impfen zu lassen.
Horton sträubte sich jahrelang dagegen, diese gefakte Studie zurückzuziehen und, im Gegenteil, «mobilisierte alle Kräfte» gegen den Journalisten, der den Schwindel aufgedeckt hatte. So beschreibt es der bekannte ehemalige Mitgründer der Cochrane-Vereinigung Peter Gøtzsche in seinem Buch «Impfen».
Schwere Krebserkrankung
Während der Pandemie übte Horton wiederholt vehement Kritik an der britischen Corona-Politik. Mit seinem Verhalten wolle er nun wohl seinen Fehler in der Vergangenheit ausbügeln, mutmasste eine frühere hochrangige britische Ärztin im «Guardian». Horton selbst bestritt dies in einem Artikel im «New Yorker».
Seine Motivation rühre erstens von den Berichten über Covid-19-Kranke, die ihn zu Beginn der Pandemie aus China erreichten, sagte Horton gegenüber dem «New Yorker». Der zweite Grund sei seine persönliche Gesundheitssituation. Horton leidet an Schwarzem Hautkrebs in fortgeschrittenem Stadium, er hat mehrere Operationen hinter sich und begann eine Immuntherapie. Wegen der Pandemie musste er seine Behandlung jedoch unterbrechen.
«Wenn man gewollt hätte …»
Mehr als ein Jahr nach dem Erscheinen der Masken-Studie im «Lancet» sei die Beweislage, was Masken im Alltag bringen, noch immer dürftig, sagt Mohamed Abbas. «Das ist traurig. Wenn man gewollt hätte, hätte man mehr Studien durchführen können.»
Peter Jüni dagegen, der das Maskentragen anfangs für nutzlos hielt, ist inzwischen überzeugt vom Nutzen der Masken – nicht zuletzt wegen der Studienergebnisse aus Bangladesh. Nicht aber aufgrund der WHO-Studie in «The Lancet».
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.