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Der Rio Negro ist der grösste “Schwarzwasserfluss“ der Welt. Die Wissenschaftler charakterisieren dieses Wasser als extrem “sauer“ und arm an Nährstoffen. Die von ihm bewässerte Erde ist ebenfalls nährstoffarm und ausgewaschen. Diese Nährstoffarmut der Flüsse beeinflusst das Leben der Fische, die den grössten Teil ihrer Nahrung von den Ufern erhalten (verschiedene Arten von Insekten, Früchte, Blüten, Blätter und Samenkerne). Das Gegenteil ist der Fall bei den so genannten “Weisswasser-Flüssen“, die besonders reich an organischen Nährstoffen sind, wie zum Beispiel der Amazonas oder der Solimões. Diese Konditionen des Flussambientes beeinflussen auch die Vielfalt der Fischarten. Mit Ausnahme von ein paar Exemplaren extremer Grösse, wie zum Beispiel der “Pirarocu“, bringen die Flüsse im Einzugsbereich des Rio Negro eine grosse Zahl kleinerer Spezies hervor – und jede Art mit einer relativ geringen Anzahl von Einzelindividuen.
Das Rio-Negro-Becken präsentiert eine gewisse Variation von Vegetations-Typen. Die wichtigsten sind: “Floresta de terra firme“ (Festlandswald), der die höher gelegenen, nie überschwemmten Regionen bedeckt; “Campina, Campinarana oder Caatinga amazônica“ (niedriger Buschwald), dessen Höhe zwischen sechs und zwanzig Metern liegt, der auf Böden mit viel weissem Sand wächst, gelegentlich überschwemmt wird bei grösseren Regenfällen, in seiner ärmeren Form von niedrigeren (3 bis 7 m) vereinzelten Büschen bedeckt – mit einer geringeren Zahl von Arten, verglichen mit dem Festlandswald, aber vielfältiger als die Caatinga; und schliesslich der “Chavascal“ (Uferbereich), eine Tiefebene mit Vegetation in unmittelbarer Nähe des Flussufers, die fast immer überschwemmt ist.
Diese Verschiedenheit der natürlichen Landschaften am Oberen Rio Negro steht in direkter Relation zur Verteilung und zur Disponibilität der natürlichen Ressourcen, die für die Bevölkerung der Region lebenswichtig sind (Jagd, Fischfang, Fasern und Stroh zur Herstellung von Utensilien, fruchtbare Böden zur Landwirtschaft und so weiter). Die Areale der “Caatinga amazônica“, der Wasserarme und der “Chavascais“ sind für die Feldbearbeitung vollkommen unbrauchbar. So kann man zum Beispiel die “wilde Maniok“, eine der meist gebrauchten Nahrungspflanzen der indianischen Bevölkerung, nicht auf überschwemmtem Land anbauen – deshalb werden die Felder stets auf der “Terra Firme“, dem Festland, angelegt.
Die enorme Vielfalt von Maniok-Arten auf den Feldern dieser Eingeborenen verdient besondere Beachtung und zeichnet die Region aus als einen Pol landwirtschaftlicher Vielfalt. Auf den Feldern der Indianer vom Oberen Rio Negro verraten die einzelnen Farben der Blätter und die unterschiedlichen Wachstumsabschnitte der Pflanzen ein komplexes System, in dem das zentrale Element die Handhabung der pflanzlichen Vielfalt an sich ist, denn es existiert keine direkte Relation zwischen dem Nutzen einer bestimmten Maniok-Spezies und einem bestimmten Produkt (Mehl, Fladenbrot, Brei, Caxiri-Getränk etc.). So steht die Landwirtschaft der Indianer in gegensätzlicher Logik zur modernen Landwirtschaft, welche eine bestimmte Art von Pflanzen und deren quantitative Produktion bevorzugt.
Die Erhaltung einer solche Diversifikation wird als ein kollektives Gut betrachtet, verankert in einem allgemeinen kulturellen Ausdruck, der sich in Zeremonien und Ritualen aus den mythologischen Anfängen ihrer Landwirtschaft und den kultivierten Pflanzen manifestiert.
Die “Igapós” (Flussarme), in denen die Fische laichen, sind bekannte Areale konzentrierten Fischfangs, die von den Indianern zu diesem Zweck gepflegt und gehütet werden. Dieselben Areale sind auch reich an Lianen und Schilf. Während die Areale der Caatinga das Material für die Bedeckung ihrer Häuser (Stroh) liefern. Das von dichterem Dickicht (Capoeira) bestandene Land dient kleineren Tieren als Habitat, die von den Indianern als Jagdbeute geschätzt werden – ausserdem ist dieses Gebiet reich an Heilpflanzen. Wenn dieser Dschungel zwanzig bis dreissig Jahre alt ist, wird er von den Indianern gern abgebrannt und in Felder umgewandelt. Diese Flächen kann man schneller roden und sie trocknen in wenigen Tagen an der Sonne. Ausserdem ist ihre Erde relativ fruchtbar, und es gibt Pflanzen, die auf ihr viele Jahre lang Frucht tragen.
Die von der indianischen Bevölkerung im Lauf der Jahrhunderte entwickelten Strategien haben es ihnen gestattet, mit der relativen Armut ihres Ökosystems gut zurecht zu kommen – ohne es zu schmälern oder auszubeuten, sondern sie haben es verstanden, das ökologische Gleichgewicht am Oberen Rio Negro zu erhalten.
Unter ihren Praktiken zur umsichtigen und rationalen Nutzung der natürlichen Ressourcen, sind die folgenden bemerkenswert:
- Die wirtschaftliche Nutzung differenzierter ökologischer Flächen regt die wirtschaftlichen und rituellen Tauschgeschäfte zwischen den verschiedenen eingeborenen Völkern an.
- Die Pflanzungen der “wilden Maniok“ werden angelegt, indem ein Areal von Primärwald oder höherem Dschungel gerodet und anschliessend zum Trocknen brach belassen wird – danach brennt man es ab. Die Felder, welche auf diesen Lichtungen angelegt werden, sind während zwei bis drei Jahren produktiv und werden dann der Reihe nach verlassen – nur noch manchmal besucht, um Früchte zu ernten, die einem längeren Reifezyklus unterworfen sind. Jede Familie besitzt wenigstens drei Felder in unterschiedlichem Entwicklungsstadium, ausserdem fährt sie fort, ehemalige Felder zu aufzusuchen.
- Die Felder werden im Allgemeinen auf dem “Festland” angelegt, weit weg von den Flussufern. So schützt man auch die bedeutenden Fischfang-Gebiete vor jedweder Beeinträchtigung.
- Die hohe Spezialisierung in der Fischfang-Technik (feste Fallen, wie Pari-Reusen) und die genaue Kenntnis der Jahreszeiten mittels eines erarbeiteten astronomischen Kalenders, erlauben den Indianern, die Perioden des Hoch- und Niedrigwassers und die einzelnen Zyklen der Wanderung, Reproduktion und Ernährung der Fische zu begleiten und daraus eigenen Nutzen zu ziehen.
- Die Mechanismen der Zirkulation und Wiederverteilung natürlicher Ressourcen zwischen den verschiedenen Gemeinschaften mittels eines Systems von Einheiraten, das auf der exogamen Haltung gleichsprachiger Gruppen beruht, sowie die formellen Nahrungstausch-Rituale (dabucuris), die es ermöglichen, dass andere Personen in den Genuss von Ressourcen kommen, die es auf ihrem Land nicht gibt, das alles ist einer rationalen wirtschaftlichen Nutzung äusserst förderlich.
Es ist Sache der Männer, Wald zu roden und das gerodete Stück abzubrennen, um dann an dieser Stelle die Felder anzulegen. Danach beginnt der feminine Teil der Arbeit – angefangen mit der Auswahl der verschiedenen Maniok-Arten und anderer Pflanzen bis zur Ernte und der Verarbeitung der Nahrungsmittel. Für die langwierige Arbeit der Herstellung unterschiedlicher Maniok-Produkte (Manicuera, Tucupi, Tapioca, Baiji, Mingau, Farinha) brauchen die Frauen praktisch den ganzen Tag.
Nachdem sie das erste Mahl des Tages zubereitet haben, begeben sich die Frauen aufs Feld, um zu ernten, neu zu pflanzen oder das Terrain zu säubern. Manchmal wandern sie auch zu den schon verlassenen Feldern, um dort Früchte von Bäumen zu ernten, die weiterhin produzieren. Zuhause hasten sie zwischen Maniok raspeln, Wasser vom Fluss zu deren Waschung holen, Holz fürs Feuer zu sammeln, Essen kochen und sich um die kleineren Kinder kümmern, hin und her. Sehr früh helfen die Mädchen ihren Müttern – anfangs nur, indem sie ihre kleineren Brüder beschäftigen und beaufsichtigen, damit die Erwachsenen arbeiten können, später helfen sie bei allem.
Die Männer pflegen ihre Frauen zum Feld zu begleiten, helfen ihnen beim Unkraut jäten und beim Nachhausetragen der Maniokwurzeln. Oft befinden sich die Felder sehr weit weg vom Dorf – besonders bei älteren Ansiedlungen – und das verlangt den Einsatz vieler Kräfte beim Transport der Feldfrüchte. Besonders viele Hände werden gebraucht, wenn eine Familie sich mit der Neuproduktion eines Vorrats von Maniokmehl befasst – oder vorhat, einen solchen Vorrat für den Tausch mit anderen Dörfern anzulegen. Dazu müssen grössere Mengen Feuerholz heran geschafft werden, um die Maniok zu rösten. Derselbe Aufwand ist nötig für die Produktion einer grösseren Menge von “Caxiri“ (fermentiertes Maniok-Getränk) anlässlich eines grösseren Festes.
Aber die wichtigste Aktivität der Männer bleibt ihr Beitrag zur Ernährung durch Fisch und Wildfleisch. In der Regel begeben sich die Männer jeden Tag per Kanu hinaus, um zu fischen oder auf die Jagd zu gehen – manchmal auch nachts. Diese Arbeit verlangt eine gute Kenntnis des Flusses, der besten Fangplätze, der Gewohnheiten der Fische und natürlich, der besten Fangtechniken. Besonders an Orten mit weniger Fischvorkommen sind solche Kenntnisse von fundamentaler Bedeutung. Fast jeder Mann im Dorf besitzt ein Kanu, das für ihn einen grossen Wert darstellt. Hie und da gehen die Männer auch zu Fuss auf die Jagd, durchqueren weite Strecken auf ihrer Suche nach Wild, stets mit äusserster Konzentration und Aufmerksamkeit. Gelingt es einem Jäger, ein grösseres Tier zu erbeuten – wie zum Beispiel einen Hirsch oder einen Tapir – dann spendiert er einen Teil seiner Beute der Dorfgemeinschaft für ein Festessen. Solche gemeinsame Mahlzeiten sind allerdings nicht auf das Jagdglück des einen oder anderen begrenzt. Fast jeden Tag finden sie statt, am frühen Morgen: Jede Frau bringt dazu ein Körbchen mit Fladenbrot, einen Topf mit Brei und einen anderen mit Fisch in die gemeinsame Runde ein. Alle essen zusammen und unterhalten sich, man lacht viel in dieser Runde, und man nimmt die Gelegenheit wahr, gewisse Entscheidungen zu treffen, die das Kollektiv angehen – zum Beispiel die Geschlechterteilung bei den täglichen Verrichtungen, die kunsthandwerkliche Arbeit der Frauen, wie die traditionelle Fertigung von Keramik-Behältern und Kürbisschalen (Cuias), die Herstellung von Tucum-Bastfäden für Stricke, während für die Männer die Herstellung von zeremoniellen Objekten und die Korbflechterei vorgesehen ist.
Unter den “Flussindianern“ gibt es eine Reihe von Gemeinsamkeiten, besonders aber die Ausrüstung und die Techniken, welche täglich für das Überleben ihrer Kommunen eingesetzt werden müssen (bei der Feldbearbeitung, der Ernte, dem Fischfang, der Jagd – den längeren Wanderungen, den hauswirtschaftlichen Aktivitäten, der Konservierung der Lebensmittel, und so weiter). Und die in der “Küche“ benutzten Gerätschaften sind in der gesamten Region dieselben: Matten, Schalen, Siebe und Körbe aus geflochtenen Fasern, Reiben (in Holz eingesetzte scharfe Steinchen), hergestellt am Rio Içana von den Baniwa und über die ganze Region verteilt, Fächer aus Tucum-Blättern, Behälter für Pfeffer und andere Dinge, Regale aus den verschiedensten Materialien. Die grossen Körbe, in denen man die Maniokwurzeln, Früchte und andere geerntete oder gesammelte Produkte transportiert, sind je nach Region unterschiedlich: im Becken des Rio Uaupés dominieren die so genannten “Aturás“ der Maku, aus Lianenmaterial gefertigt – sie sind besonders widerstandsfähig, und es gibt sie in verschiedenen Grössen, entsprechend des Alters und der Kraft des Trägers. Im Einzugsbereich anderer Flüsse sind andere Arten von Körben üblich, wie die aus der Liane “Titica“ am Rio Negro und am Içana, oder die “Jamaxis“ des Rio Turi.
Aus ökologischen, soziologischen und symbolischen Gründen findet man in der Region unterschiedliche Spezialisierungen in der handwerklichen Produktion von Artikeln des täglichen Bedarfs, auf denen die einzelnen Völker unter sich ein Netz des interkommunalen Austauschs aufgebaut haben. Die Tukano sind bekannt wegen ihrer Sitzbänke aus Holz, die Desana und Baniwa wegen ihrer schönen Körbe – letztere auch wegen ihrer vortrefflichen Maniok-Reiben, die Kubeo wegen ihrer herrlichen Beerdigungsmasken, die Wananas wegen ihrer “Tipitis“ (Siebe), die Maku wegen ihrer Panflöten, dem Curare-Gift und der Körbe aus Lianen. Am Rio Tikié tun sich die Tuyuká und die Bará als die besten Kanu-Konstrukteure hervor – ein Artikel von grösster Nachfrage, der einen sehr guten Tauschwert besitzt.
Heutzutage widmen sich verschiedene Kommunen der Kunsthandwerklichen Produktion zum Verkauf und Tausch mit industrialisierten Produkten. Unter der Leitung der Salesianer-Missionen widmeten die Frauen einen grossen Teil ihrer Zeit der Produktion von Hängematten, Teppichen und Taschen aus Tucum-Faser, was ihnen in den Internaten von indianischen Lehrerinnen beigebracht wurde. Am Içana ist die Produktion von Körben und Matten derzeit am Wachsen – viele Baniwa-Frauen widmen sich dieser Aktivität. Und es gibt andere Orte, an denen man Spezialisten in der Herstellung von Keramik antrifft, von Objekten aus Brasilholz oder von rituellen, handgeschnitzten Sitzbänken.
Als die Etappe der Demarkation und rechtskräftigen Anerkennung der Indianer-Territorien abgeschlossen war, widmete sich die FOIRN (Föderation der Indianischen Organisationen des Oberen Rio Negro) und ihre Filialen nunmehr der bis dato grössten Herausforderung: ein “Programm zur selbsterhaltenden Entwicklung“ auf längere Zeit für die Obere und Mittlere Region des Rio Negro zu schaffen – mit beschützenden und kontrollierenden Aktivitäten, technischer Ausbildung, kulturellem Ausdruck, Selbsterhaltung und Wohlbefinden der indianischen Kommunen.
Dafür teilte man als erste Massnahme die Teilnehmer in sozio-ambientale Zonen auf, um damit einer Planung in den kulturellen, gesundheitlichen, erzieherischen und wirtschaftlich produktiven Bereichen eine Grundlage zu geben. Das Programm sieht auch die Implantierung von demonstrativen Projekten in den verschiedenen Indianer-Territorien (ITs) vor, im sanitären Bereich, im Bereich alternativer Energie, in der Sicherheit zur Ernährung, in der finanziellen Absicherung, Gesundheit, Kommunikation und Transport. Werkstätten zur technischen Ausbildung der Indianer, Büros der FOIRN und ihrer Filialen bilden aus in der Bedienung von Funkgeräten und Aussenbordmotoren, im Registrieren von Invasionen per Computer, Dokumentieren per Vídeo, Aktivitäten der Planung, Präsentation und Schaffung von Projekten – und vieles andere mehr. Das Programm sieht ausserdem die Förderung produktiver traditioneller Aktivitäten mit starker Marktnachfrage vor, und beabsichtigt eingeborene Initiativen zur Kommerzialisierung von Gütern und Dienstleistungen zu unterstützen.
In Bezug auf ihre Gesundheit ist das Bild der indianischen Bevölkerung der Region des Oberen Rio Negro eher ungünstig, viele infektiös-parasitäre Erkrankungen grassieren – vor allem Infekte der Atemwege (unter ihnen auch Tuberkulose), Malaria, Durchfall und Parasitosen des Darmtrakts. Gegenwärtig befindet sich der DSEI (Distrito Sanitário Especial Indígena) des Oberen Rio Negro unter Leitung der FOIRN, die sich bemüht, das offizielle Assistenz-Modell den unterschiedlichen soziokulturellen und epidemischen Situationen der verschiedenen Kommunen anzupassen. Man hofft, dass es gelingt, ethische und juristische Vorgehensweisen zu etablieren, die ein Gleichgewicht zwischen der modernen Medizin und den traditionellen Heilmethoden der Indianer schaffen werden, ausserdem indianische Interessenten für eine medizinische Ausbildung motivieren und einen Austausch von Informationen zwischen Wissenschaftlern, Kommunen und Ärzten in Gang bringen. Bis zur Stunde wurden schon mehr als 200 Personen unter Vertrag genommen – Profis des mittleren und oberen Levels, von denen 90% Indianer sind.
Mit dem Ziel, die Gesundheitskontrolle in den Kommunen zu verbessern, entwickelt die FOIRN in Zusammenarbeit mit der ISA ein Kontrollsystem für Ernährung. Mittels des Projekts “Gesundheit, Ernährung und Umwelt am Rio Tiquié“ wird eine Wertung des Ernährungszustands der Bevölkerung in dieser Region durchgeführt – mit anthropometrischen Messungen bei allen Kindern und Jugendlichen, die sich noch in der Wachstumsphase befinden (in besonderen Fällen auch bei Erwachsenen), und man studiert die Aktivitäten und die Ernährungsgewohnheiten der Personen. Das Projekt wird von eingeborenen Sanitätern begleitet und begreift einen Austausch von Wissen und Erfahrung zwischen Bewohnern des Tiquié-Beckens und Wissenschaftlern ein (Anthropologen, Bio-Anthropologen, Ökologen und Agronomen). Um Informationen über diese Untersuchungen und entsprechende Themen über Gesundheit und Ernährung zu verbreiten, werden Flugblätter in Portugiesisch, Tukano und dem Tuyuka-Dialekt produziert und verteilt. Obwohl diese Untersuchung im Moment nur am Rio Tiquié laufen, beabsichtigt man, die Ergebnisse im gesamten IT vom Oberen Rio Negro zu verbreiten.
Hinsichtlich der schulischen Erziehung stellt sich der Mittlere und Obere Rio Negro als eine Region mit hoher Teilnahme dar. Aber die lokalen Schuleinrichtungen präsentieren zur indianischen Erziehung kein Alternativ-Programm. Um dieses Bild zu erweitern, sucht das “Projekt zur Erziehung der Indianer vom Oberen Rio Negro“ (realisiert von der FOIRN in Zusammenarbeit mit der ISA) seit 1999 Initiativen zu erarbeiten, die den seit Anfang des 20. Jahrhunderts von der Salesianer-Mission implantierten Prozess zur Schulbildung reformieren. Obwohl das bundesstaatliche Erziehungsministerium schon damals ein Netz zur Grundschulerziehung innerhalb der einzelnen Kommunen entwickelt hatte, inklusive eingeborene Lehrer unter Vertrag genommen hatte, fuhren die Missionen fort, sich in diese Massnahmen einzumischen, dergestalt, dass die Jugendlichen die 5-te bis 8-te Klasse (in einem bedeutenden Entwicklungsalter) einzig und allein in den Missions-Schulen absolvieren konnten – eine Massnahme, die ausserdem zur Folge hatte, dass ein Teil der Bevölkerung durch die zu überwindenden weiten Entfernungen gezwungen wurden, ihre heimatlichen Malocas zu verlassen.
Im Gegenzug beabsichtigt nun das neue Erziehungs-Projekt eine Schule zu schaffen, die den lokalen Gegebenheiten angepasst werden soll, und die Personen und Bürger heranbildet, deren Profil durch die einzelnen Ethnien/Kommunen definiert wird, die engagiert und interessiert sind an der Zukunft ihres Volkes und ihres Lebensraums, die politische Selbstständigkeit suchen, Verselbständigung des edukativen Prozesses über kurz oder lang anstreben, die Diskriminierung überwinden, an der Stärkung des Selbstwertgefühls im Kollektiv und dessen wirtschaftlicher Selbsterhaltung mitarbeiten möchten.
Bis jetzt hat das Projekt indianische Schulen an drei verschiedenen geografischen Punkten eingerichtet: innerhalb der Bevölkerung des Içana-Beckens, der Bevölkerung des Tukano-Dreiecks am Uaupés und für die Bevölkerung des Rio Negro in der Umgebung von São Gabriel da Cachoeira. Am Içana ist die “Escola Indígena Baniwa Coripaco Pamáali” da erste Experiment, eingerichtet im Jahr 2000, um den Unterricht für die Bevölkerung auch auf den Bereich zwischen der 5-ten und 8-ten Klasse zu erweitern. Am Oberen Rio Tiquié vereint die „Escola Indígena Ütapinopona Tuyuka“ fünf Kommunen der Tuyuka-Indianer, hervorzuheben ist in diesem Fall ihre besondere Widmung gegenüber der Kultur und der Sprache dieses Volkes. In Iauareté widmet man sich dem Projekt zur Erziehung und alphabethischen Umsetzung der Tariana-Sprache – hier sind pädagogische Arbeitsgruppen entstanden, die sich der Erarbeitung von didaktischem Material in dieser Sprache verschrieben haben. Dasselbe Erziehungsprojekt wird in der Wanano-, Desana- und Tukano-Sprache vorbereitet, zusammen mit Mitgliedern der Bevölkerung von Uaupés, welche sich dieser Sprachen täglich bedienen.
Auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Alternativen wird von der ATRIART (Associações das Tribos Indígenas do Alto Tiquié), zusammen mit ISA und FOIRN, ein Pionier-Projekt für das brasilianische Amazonien entwickelt. Dabei handelt es sich um ein Fischzucht-Projekt, welches sich moderner Technologien zur Reproduktion von regionalen Fischarten in Gefangenschaft, bedient. Darüber hinaus will man auch Jungfische zum Einsetzen in Stauseen der Kommunen heranzüchten – unter Beachtung der ökologischen und logistischen Bedingungen der jeweiligen Region.
Das erste Fischzucht-Projekt dieser Art wurde im Umkreis des Dorfes Caruru Cachoeira am oberen Rio Tiquié eingerichtet – es hat insgesamt eine Gruppe von 15 Kommunen involviert, zwischen São Domingos und der brasilianisch/kolumbianischen Grenze – zum Wohl von zirka 550 Personen. Mit besonderem Erfolg gelang die künstliche Reproduktion des “Aracu“ (eines begehrten regionalen Speisefisches) – in Eigenverantwortung von der indianischen Equipe durchgeführt – viele Familien nahmen sich ein Beispiel und konstruierten ihre eigenen “Viveiros“ (Fischteiche) – man forstete besonders die Ufer der Zuchtteiche auf zur Ernährung der Fische mit den Früchten, Blättern und Samen. Das Projekt war ein voller Erfolg und wurde vom PDPI (Projetos Demonstrativos dos Povos Indígenas) offiziell anerkannt und als Pionier-Beispiel ausgelobt – der PDPI wird bis Ende 2005 dessen Finanzierung übernehmen. Auf Grund dieses Erfolges wurde 2002 eine zweite Fischzucht-Station in Iauareté gegründet, die mit der Unterstützung und Administration der COIDI (Coordenação das Organizações Indígenas do Distrito de Iauareté) rechnen kann. So wie die Projekte zur Erziehung und Gesundheitsvorsorge informative Handzettel in zwei Sprachen herausgeben, hat man zu den Fischzucht-Projekten Texte in Portugiesisch, Tukano und Tuyuka-Dialekt herausgebracht, um die entsprechenden Resultate und das Wissen zu ihrer Einrichtung zu verbreiten und die Menschen zu motivieren, mitzumachen.
Eine andere Unternehmung, in der Region wirtschaftlicher Alternativen sehr Erfolg versprechend, wurde von den Baniwa des Rio Içana in Zusammenarbeit mit der ISA geschaffen. Als aussergewöhnlich geschickte Korbflechter mit Fasern der “Arumã“, kreierten die Indianer ihre eigene Handelsmarke “Arte Baniwa“ und verkaufen ihre Produkte auf verschiedenen Märkten – sogar im Verbund mit der TOK&STOK Kette in São Paulo und Rio de Janeiro.
Diese Gruppe der unterschiedlichsten Projekte unter der Leitung der FOIRN, verbunden mit den unterschiedlichsten Kommunen, kann inzwischen auf die Unterstützung von Ratgebern und Wissenschaftlern in der ganzen Welt zählen. In der Absicht, diesen Austausch von Erfahrungen, Kompetenzen und Wissen noch zu intensivieren, sowie sämtliche Erfahrungen, Forschungen und ihre Ergebnisse auch zu kartografisieren (auf den Gebieten: Anthropologie, Biologie, Medizin, Archäologie, Pädagogik, Ernährung etc.), hat man zwei Seminare organisiert (2000 und 2002), die es ermöglichten, eine Bilanz der Produktion aufzustellen und Direktricen für zukünftige Projekte zu skizzieren – um auf diese Weise nicht nur den Interessen der Institutionen und Wissenschaftler gerecht zu werden, sondern vor allem auch denen der betroffenen Bevölkerung.
In diesem Sinn bilden die Seminare auch das Fundament für die Stabilisierung grundsätzlichen Vorgehens in der Relation zwischen Indianern und Wissenschaftlern. In erster Linie empfahl man, einen Vertrag zwischen der Kommune (oder des Volkes, der Vereinigung) und der für die Untersuchung verantwortlichen Person (oder Institution) abzuschliessen, sodass die untersuchten Gruppen, oder Besitzer des Territoriums, in dem die Untersuchung stattfindet, die Kontrolle über deren Fortschritte, und über das eventuell entnommene Material, behalten. Die Wissenschaftler müssen sich ihrerseits dazu verpflichten, die durch ihre Forschung gewonnen Erkenntnisse und deren Nutzen mit den Indianern zu teilen – sei es durch die Veröffentlichung ihrer Resultate in akzeptabler Form, sei es durch Beteiligung an eventuellen finanziellen Erlösen durch die wirtschaftliche Nutzung bestimmter Produkte.
Originaltext der ISA „Instituto Socioambiental“
Deutsche Bearbeitung/Übersetzung, Klaus D. Günther für BrasilienPortal