Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03541.jsonl.gz/569

Das norwegische Bildungssystem, das aus drei bzw. vier Bildungsstufen besteht, ähnelt in vielen Aspekten dem schweizerischen System. Einer der wichtigsten Unterschiede ist jedoch, dass viele norwegische Universitäten keine Studiengebühren verlangen. Weshalb man als Norweger trotzdem ein Studium in der Schweiz beginnt, erzählt uns Rebecca Johannessen, eine norwegische Studentin an der Universität Zürich.
Wer eine typische norwegische Schulbildung durchläuft, absolviert Vorschule, Grundschule sowie eine erste und eine zweite Sekundarstufe. Kinder in Norwegen, die das erste Lebensjahr vollendet haben, besitzen das Anrecht auf einen Platz in der sogenannten Barnehage. Diese vereint die Funktionen von Krippe, Vorschule und ersten Bildungselementen. Von allen Dreijährigen des Landes besuchen bereits 96 Prozent eine solche Einrichtung. Ab dem Alter von sechs Jahren folgt der Übertritt in die Barneskole oder Grundschule. Diese umfasst die Klassen eins bis sieben und dauert bis zum 13. Lebensjahr. Während dieser Zeit werden noch keine Noten vergeben, und Inhalte werden auf eine spielerische Art vermittelt. Die Lerninhalte umfassen unter anderem soziale Strukturen, Schrift, Mathematik und Englisch. Mit jeder höheren Klassenstufe werden die Inhalte um weitere, komplexere wie Geografie und Geschichte ergänzt.
Sobald die Jugendlichen das 13. Lebensjahr erreichen, treten sie in die Sekundarstufe I oder Ungdomsskole über, wo sie die nächsten 3 Jahre bleiben. Die Klassenstufen gehen von der achten bis zur zehnten Stufe. In solchen Einrichtungen werden die Schüler erstmals benotet. Es werden Wahlpflichtfächer ausgesucht, und die Benotung reicht von eins (schlechteste Note) bis zu sechs (beste Note). Von 16 bis 19 besuchen norwegische Schüler die gymnasiale Oberstufe oder Sekundarstufe II. Je nach Vornoten treten die Schüler in verschiedene Niveaus des Gymnasiums über. Dieser Teil der Ausbildung ist optional, wird aber dennoch von den meisten Schülern besucht. Danach folgt der Übertritt an eine Hochschule oder Universität. Ansonsten wird meist eine Berufsausbildung absolviert. Obwohl auch in der Schweiz verwendet, versteht man in Norwegen zwei verschiedene Dinge unter den Begriffen Universität und Hochschule, auch die Berufsbildung wird anders gehandhabt.
Verschiedene Typen der höheren Bildung
Insbesondere Universitäten werden in Norwegen meist staatlich geführt und bieten grosse Fachbereiche sowie enger definierte Fächer an, auf die man sich spezialisieren kann. Nach den Bologna-Reformen, die in Norwegen ab 2003 umgesetzt wurden, implementierte der Staat aus dem Norden ein sogenanntes «3+2+3»-Schema. Das bedeutet, dass man für den Bachelor drei Jahre braucht, für den Master weitere zwei und für ein Doktorat noch einmal drei Jahre. Studienleistungen werden gemäss Bologna (siehe Kästchen), wie es auch in der Schweiz der Fall ist, mit ECTS-Credits vergütet, von denen einer mit 30 Arbeitsstunden gleichzusetzen ist. Im Gegensatz zur Schweiz wird jedoch an den meisten öffentlich-staatlichen Universitäten keine Studiengebühr verlangt, wie eine norwegische Seite für Studenten erklärt.
Der Bologna-Prozess wurde 1999 gestartet und im März 2010 symbolisch lanciert, womit der Europäische Hochschulraum begründet wurde. Die Reform zielt auf Mobilitätsförderung und eine bessere Wettbewerbsfähigkeit des Bildungsstandorts Europa. Zentrale Themen sind das dreistufige Studiensystem mit Bachelor, Master und Doktorat, das ECTS-Punktesystem, die Zusammenarbeit zur Qualitätssicherung und nationale Qualifikationsrahmen. Bereits 2001 wurde dem norwegischen Parlament ein White Paper zur Qualitätsreform unterbreitet. Hiermit wurden die meisten Elemente der Bologna-Deklaration implementiert. Weitere Informationen findest du hier.
Norwegens weitere Hochschulen neben der Universität, Hoyskole genannt, bieten ein breites Spektrum an Fächern, welche meist ebenfalls kostenlos verfügbar sind. Unter anderem werden spezifische Abschlüsse für Ingenieure, Lehrer und Krankenschwestern angeboten, was einer höheren Berufsausbildung nach Schweizer Modell nahekommt. Wenn auch aufgrund der Kosten nur ca. 10 % aller Norweger eine private Hochschule besuchen, so gehören deren Studienangebote doch zu den beliebteren, allen voran Business Management, Marketing oder bildende Kunst. Solche Schulen haben dabei eine geringe Kapazität, was Neuaufnahmen angeht.
Erfahrungen einer norwegischen Studentin
Bevor Rebecca in die Schweiz kam, durchlief sie einen ganz typischen norwegischen Bildungsweg. Die Schultage in der Primar- und Sekundarstufe hat sie als eher kurz erlebt. In der Primarschule dauerte ein Schultag meist von 08:30 bis 13:00, weshalb man aber auch viele Hausaufgaben bekam und nur 30 Minuten Mittagspause zur Verfügung hatte. Sie betont dabei, dass es in diesen Schulstufen am ehesten darum geht, schwache Schüler zu integrieren. Das führt dazu, dass sich die meisten Schüler auf einem ähnlichen Lernniveau bewegen und wenig Konkurrenzdruck empfinden. Es ist ausserdem so, dass die Notengebung zwar in der achten Klasse beginnt, dass die Noten aber erst ab dem zehnten Schuljahr zählen, was den Schülern zwei Jahre Übung mit dem Prinzip der Notengebung erlaubt.
Das Gymnasium hat Rebecca dagegen als ernster und ambitionierter empfunden. An der internationalen Schule, wo sie ihre Gymi-Zeit absolviert hat, wurden zwar weniger Fächer unterrichtet, diese dafür aber viel fokussierter. Am Ende des Gymnasiums musste sie in jedem Fach eine grosse Prüfung ablegen. Danach ging es für sie weiter an die Universität in Tromsö, wo sie ihren Bachelor in Psychologie machte. Sie betont, dass im Vergleich zur Schweiz in Norwegen zwar umfangreichere Fächer mit jeweils mehr Arbeitsaufwand angeboten werden, dass es dafür aber von der Anzahl weniger sind als in der Schweiz, wo man manchmal den Überblick verlieren kann. Sie lobt diesbezüglich, dass so in ihrem Heimatland der Fokus auf einen bestimmten Bereich viel leichter fiel.
Studium in der Schweiz
Der Wechsel an die Universität Zürich ist der Norwegerin anfangs schwergefallen. Vieles war neu für sie: Für Fächer, die ihr in der Schweiz nur wenige Punkte einbrachten, hatte sie in Tromsö das Dreifache an Punkten bekommen. Auch basierten Schweizer Professoren ihre Vorlesungen viel weniger auf bestimmten Lehrbüchern, wie das in Norwegen der Fall gewesen war. Was ihr heute noch zu schaffen macht, ist die Schweizer Gewohnheit, viele Prüfungen im Multiple-Choice-Format durchzuführen. Bisher hatte sie immer genügend Zeit gehabt, eine offene Frage in Essay-Form zu beantworten. Die Lerntechniken musste sie deshalb von Grund auf überarbeiten.
Auf die Frage, wie sie den späten Beginn der Notengebung erlebt hat, meint Rebecca: «Persönlich habe ich die Primarschule nicht als viel entspannter erlebt, da ich von meinen Eltern eher viel Druck bekam. Ich meine das aber auf positive Weise. Ich habe schon früh gute Lerntechniken mit auf den Weg bekommen. Schlussendlich verstehe ich Noten als etwas Symbolisches und halte es für besser, dass man statt der Noten konstruktivere Rückmeldungen bekommt, da man diese Rückmeldungen nicht auf ein systematisches Punktesystem beziehen muss.»
Die Schweiz und Norwegen im Vergleich
Besonders in der Berufsbildung unterscheiden sich die beiden Länder: In norwegischen Gymnasien kann man eine Berufsausbildung auf der Gymnasialstufe erwerben. Dazu besucht man erst das dreijährige Gymnasium und hängt noch ein Berufspraxisjahr an, um die Zugangsberechtigung an eine Hoyskole zu bekommen. Eine Berufsbildung mit mehrjährigem Praxislernen wie in der Schweiz wird jedoch viel seltener gewählt und ist weniger angesehen. Auch gibt es in Norwegen immer mehr beruflich erweiterte Universitätsprogramme, da dort die Erwartung besteht, dass Studenten mindestens den Bachelor machen. Umgekehrt bedeutet das auch, dass Norweger ohne einen solchen Abschluss selten stolz auf den eigenen Beruf sind. Eine Konsequenz davon ist, dass es viele Studenten gibt, die unmotiviert ihr Studium absitzen. Möglich wäre dagegen ein Modell wie die Schweizer Berufsbildung: Ein ausgeweitetes berufsbegleitendes Ausbildungsmodell.
Im Vergleich der Länder meint die norwegische Studentin Rebecca, ihr Land und die Schweiz könnten noch viel voneinander lernen. An Norwegen lobt sie: «Ich finde die obligatorische Schule in Norwegen gut, weil man bis Ende der Sekundarschule im Alter von 15-16 Jahren keine Folgen der Notengebung tragen muss». Diese späte Notengebung erlaubt es insbesondere schwächeren Schülern, sich mit der Zeit zu verbessern, da sie während einer längeren Zeit als in der Schweiz mit Schülern aller Fähigkeitsstufen in einer Klasse bleiben. Bedenklich bleibt dabei allerdings, dass die Förderung hochbegabter Schüler oft zu kurz kommt. Rebecca hebt hervor: «Die Universitäten dagegen sehe ich in meiner persönlichen Erfahrung als viel anspruchsvoller in der Schweiz als in Norwegen, was gut ist.» Hier liegt die Schweiz mit ihren arbeitsintensiven Studienfächern klar vorne. Allerdings lässt sich der starke Fokus von Schweizer Universitäten, besonders im Fach Psychologie, auf das Multiple-Choice-Format kritisieren. Sie erklärt: «Auf diese Weise ist es schwierig, Verständnis und nicht nur Gedächtnis zu prüfen.»