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Das Alter als Wahl
Verdinglichung, Versachlichung, Fetischisierung sind drei Formen der Entfremdung, die nach Marx in der Produktion von Waren zwingend entstehen, meine Damen und Herren. So weit unser Beitrag zum Marx-Jahr in dieser Konsumkolumne. Ich bin kein Marxist, Marx war schliesslich auch keiner. Und doch scheint es mir ein kulturmorphologisch interessantes Zeichen unserer Zeit zu sein, dass ihr Verhältnis zum menschlichen Körper nicht zuletzt durch ebendiese Tendenzen gekennzeichnet ist: Verdinglichung, Versachlichung, Fetischisierung.
Wir haben in dieser Kolumne bereits gelegentlich diskutiert, ob eine solche letztendlich konsumistische Haltung dem Körper gegenüber ganz allgemein einen Wandel in der Richtung des Gestaltungswillens signalisiert: Während die Gesellschaft zunehmend als ungestaltbar und unbeeinflussbar erfahren wird, werden der eigene Körper (und auch die eigene Psyche) als form- und optimierbar angesehen. So äussert sich der gnadenlose Glücksimperativ der Spätmoderne, höchstens bedroht durch asiatische Superkeime.
Die Inakzeptanz des eigenen Alters
Kultursemiotisch in diese Tendenz passt folgende aktuelle Meldung: Wie die BBC berichtet, zieht der Niederländer Emile Ratelband, 69, vor Gericht, um sein Geburtsdatum vom 11. März 1949 auf den 11. März 1969 ändern zu lassen. Herr Ratelband selbst vergleicht dieses Bedürfnis nach Altersanpassung mit dem Bedürfnis nach Geschlechtsanpassung bei einer transsexuellen Person. Sein tatsächliches Alter entspricht nicht seinem seelischen. Er fühle sich aufgrund seines Alters diskriminiert, benachteiligt sowohl auf dem Arbeitsmarkt wie auch auf dem Liebesmarkt, zum Beispiel hinsichtlich seiner Erfolgsquote auf der Dating-App Tinder. Herr Ratelband, der sich unter anderem als Motivationstrainer verdingt und sich gut gehalten zu haben scheint, weist weiter darauf hin, dass ihm seine Ärzte den Körper eines 45-Jährigen attestieren.
Nun mag manchem die Inakzeptanz des eigenen Alters als drastische Form der Selbstentfremdung erscheinen und auf den ersten Blick die Zeitdiagnose der Philosophin Rahel Jaeggi zu bestätigen: Probleme der Gesellschaft werden ins Individuum verlegt, in dessen Körper und/oder Seele; das Selbst wird verdinglicht, um die Kontrolle in einer anscheinend zunehmend unkontrollierbaren Welt wenigstens über den Körper auszuüben. Dessen Gestaltung bleibt das letzte Verfügungspotenzial des spätmodernen Menschen.
Wappnen Sie sich
Die von Herrn Ratelband verkörperte Ablehnung des eigenen Alters geht aber kultursemiotisch noch weiter. Sie berührt direkt die Prognosen des Historikers Yuval Harari, der in seinem neuen Buch «21 Lektionen für das 21. Jahrhundert» die provokante These aufstellt, dass es aufgrund der Verschmelzung von Informations- und Biotechnologie in näherer Zukunft zwei verschiedene «Spezies» Mensch geben könnte: die Vermögenden, die sich die technologisch unterstützte Optimierung von Körper und Gehirn leisten können (und daher auch ihr Alter suspendieren) – und den Rest. Harari spricht von «biologischen Kasten».
Wappnen Sie sich. Bevor wir aber so weit sind, könnten wir uns stattdessen vielleicht auf ein bewährtes klassisches Konzept besinnen, das schon die Stoiker im alten Griechenland praktiziert haben, und das heisst: Ego-Deflation durch Selbsttranszendenz. Abstand zu sich selbst. Für den Fall des Herrn Rattelbeck oder Ratelband oder wie auch immer heisst das: Erfinden Sie doch einfach auf Tinder Ihr Alter. So wie das alle machen.