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19.03.2019 - Judith Stamm
19.03.2019
Judith Stamm
Rätsel
Gibt es etwas Schöneres, als Bücher zu ordnen? Sie einzeln in die Hand zu nehmen und den Erinnerungen nachzuhängen, die wach gerufen werden? Kleiner Aufwand, grosse Wirkung!
Beim Aufräumen einer Bücherbeige fiel mir ein kleines schmales Bändchen in die Hand. Titel, Name und Bild des Autors auf dem Deckblatt. Die weissen Haare ganz leicht gelockt oder verstrubelt. Das Gesicht ernst, mit einem schalkhaften Zug um die geschlossenen Lippen. Randlose Brille. Im Eingangstext hiess es, der Verfasser gehöre zu den Seltenen seiner Zunft, die schon an einem ihrer Sätze erkennbar seien. Ja, dann machen wir doch die Probe aufs Exempel. Aber erst, wenn ich erzählt haben werde, wie ich diesem Schriftsteller im Laufe der Jahre gelegentlich begegnet bin.
Neu im Nationalrat sass ich einmal neben ihm bei einem Abendessen, welches Politiker und Literaten zusammenbrachte. Von Ehrfurcht erfüllt wollte ich ein Gespräch in Gang bringen und stellte ihm eine Frage. „Das ist eine gute Frage“ antwortete er mir bedächtig. „Das ist eine wichtige Frage“ sagte er mir beim nächsten Anlauf. Meiner Erinnerung nach gab ich es nach dem dritten Versuch auf. Wollte er eventuell nicht einen gewichtigeren Ansprechpartner verpassen, während er mir, dem unbekannten Greenhorn eine Antwort gegeben hätte? Oder war das einfach seine Art? Ich liess die Frage offen.
Ex existiert auch ein Film über den Autor. Er verbrachte einmal wenige Tage in einer europäischen Hauptstadt. Er wollte ursprünglich gar nicht hinfahren. Er kenne die Stadt, soll seine Begründung gewesen sein. In seinem Kopf habe er ein Bild, zusammengesetzt aus all den Beschreibungen von Schriftstellern, Dichtern, Kulturbegeisterten, die diese Stadt je besucht hätten. Dieses Bild wolle er nicht an der Realität messen. Ich fand diese Argumentation sehr originell. Er gab dem Drängen seines Freundes dann aber doch nach.
Bewegte sich in der grossen Stadt offenbar in einem engen Umkreis von seinem Zimmer in Bahnhofnähe zum kleinen Lokal gegenüber. Unglaublich, wie der Regisseur seinen Hauptakteur in Szene setzen konnte, obwohl sich sozusagen nichts ereignete. Der Ablauf ist kurz erzählt. Am Morgen öffnete der Autor die Läden und schaute aus seinem Zimmerfenster. An drei aufeinanderfolgenden Tagen. Man wartete geradezu auf den Kopf mit dem Schopf. Am späteren Morgen machte er einen kurzen Spaziergang über die Strasse ins kleine Lokal zum ersten Umtrunk des Tages. Am Abend wurde ein Gitter, das einen bestimmten Teil des Bahnhofes abschloss, bedächtig zugezogen. Das war es dann.
Dazwischen wurde der Hauptdarsteller einige Male richtiggehend inszeniert. Er schritt auf einem Weg auf das Publikum zu. Und alle wussten und waren gespannt: jetzt wird er etwas Bedeutendes sagen! Die Aussagen habe ich vergessen. Aber die Auftritte hatten es in sich!
Ins Herz getroffen hat mich der Film, weil einem Ort ein Besuch abgestattet wurde, welcher in einem Gedicht eines der „bedeutensten Dichter der literarischen Moderne“ eine Rolle spielt. Das war lange eines meiner Lieblingsgedichte gewesen. Ganz so strahlend und jauchzend wie in den besagten Versen spielte sich dann der Besuch nicht ab. Die Jahreszeit war grau und trüb und die ganze Pracht und Herrlichkeit war mit einem grossen, wasserdichten Überzug zugedeckt und geschützt. Nur, das liess die Filmhandlung nicht auf sich beruhen. Ein kleiner Zugang wurde erzwungen und mit einer von der Hauptperson rezitierten Zeile aus dem Gedicht begleitet.
Für diejenigen, die gerne weiter raten, jetzt noch einige Sätze aus dem schmalen Bändchen, das ich beim Aufräumen wieder entdeckt habe. Ich wähle kurze aus.
– „Ich möchte nicht verstanden werden. Um das geht es gar nicht. Ich möchte, dass sich der Leser in meinen Geschichten versteht“.
– „Es liegt ein bitterer Zynismus darin, dass sich Länder der totalen Armut so schön eignen zur Erholung von satten Europäern“.
– „Heute rauche ich so schnell, dass ich nicht mitbekomme, wie es schmeckt“.
– „Wir sind nämlich krisenfest, wir haben das Weinen verlernt, und wir kennen die Tricks des voreiligen Trosts“.
– „Das ist ihr Irrtum, dass sie glauben, durch Ordnung entstehe Demokratie. Es ist umgekehrt, nur durch Demokratie entsteht Ordnung“.
Als ich das Bändchen in der Hand hielt und mich die Erinnerungen überfielen, suchte ich sofort nach dem Geburtstag des noch nicht Genannten. Dann könnte ich eine Kolumne schreiben und sie an der Aktualität eines erwähnenswerten Lebensdatums aufhängen, war meine Idee. Er hat bald Geburtstag, am 24. März. Herzlichen Glückwunsch! Nächstes Jahr wird er gefeiert werden, sein Jahrgang ist 1935. Und sein Name? Peter Bichsel!
Peter Bichsel: Das ist schnell gesagt. Suhrkamp Verlag Berlin 2011