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Gewohnheitsrecht auf dem südlichen Balkan
Im Turmhaus zu Theth verbrachten Täter bis zu 35 Tage in der Isolation und Sicherheit, bis die Versöhnung erreicht und die Ordnung wieder hergestellt werden konnte. Die folgenden Überlegungen sollen Licht bringen in einen Themenkreis, der bei uns meist stigmatisiert wird. Eine Idealisierung des Gewohnheitsrechts ist aber nicht beabsichtigt und nicht das Ziel.
Der Kanun ist ein ursprünglich ungeschriebenes Rechtssystem, welches das soziale Verhalten v.a. in ländlichen Gebieten Albaniens und Kosovos umfasst. Kanun bedeutet Recht oder Gesetz und hat mit islamischer Rechtsprechung keine Gemeinsamkeit und auch keinen Ursprung daselbst. Der Kanun ist vielmehr ein Verhaltenskodex der Gross-Familien, der das ganze Leben der Bergbevölkerung bis hin zur Gastfreundschaft regelt(e).
Der bei uns gebräuchliche Begriff Blutrache bezieht sich ursprünglich möglicherweise weniger auf die Rache bis aufs Blut als vielmehr auf die Sozialeinheit Gross-Familie, die über die Blutsverwandtschaft (patrilinear) definiert wird. Wer eine Person in seiner Ehre verletzt, verletzt so die gesamte (!) Gross-Familie. Alle männlichen Mitglieder müssen die Ehre wieder erlangen oder sie werden als minderwertig ausgegrenzt.
Blutracheturm in Theth, wo die Täter Schutz suchten bis zur Versöhnung
Das Gewohnheitsrecht wird überall dort gelebt, wo es einerseits keine Rechtsprechung gibt, die sich durchsetzen lässt und/oder es keinen Staat gibt. Dem Kanun liegt nicht der Gedanke der Rache oder Vergeltung zugrunde, sondern im Kern steht der Schutz respektive die Wiederherstellung der Ehre. Der Kanun und die Blutrache sind deswegen auch keine Selbstjustiz. Aus den erwähnten Gründe – so die mündliche Überlieferung – kommt den Familienvorstehern als Vermittler und „Friedensrichter“ eine wichtige Rolle zu.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Gewohnheitsrecht vom Franziskanerpater Shtjefën Gjeçovi niedergeschrieben und soll über 500 Seiten umfassen und im Vatikan archiviert sein.
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Georg Winterberger 2017: Das Phänomen der Blutrache. Können gewohnheitsrechtliche Praktiken des Kanun als Selbstjustiz bezeichnet werden? In: Anthropos Vol. 112, Issue 1. S. 237-243.
Im Innern des Blutracheturm in Theth; Ausblick