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Alle Sünden bezahlt
Konsum ist auch Medienkonsum, meine Damen und Herren, und ich weiss, dass in einer freien spätmodernen Gesellschaft schliesslich jeder die Medien konsumiert, die er verdient. Also nennen Sie mich altmodisch, – aber mich kann man immer noch schocken mit gewissen medialen Formaten. Zum Beispiel wenn ich im Auto auf der Heimreise von Berlin nach Zürich auf dem Radiosender Kiss FM höre: Kim aus Weissensee «hat beim Shoppen ihren Dispo überzogen», 225 Euro, und nun werden die Hörer darüber abstimmen, ob Kiss den Ausgleich übernimmt, nach der Maxime «Kiss löscht deine Sünden».
Sünden sind in diesem Fall Shopping-Sünden, also Konsumsünden, die aber nicht etwa im mutmasslichen Erwerb von nutzlosem Plunder bestehen, der unseren Planeten belastet und globale Ausbeutungsverhältnisse zementiert, sondern darinnen, dass Kim über ihre Verhältnisse gelebt hat. Die Absolution wird per Mehrheitsentscheid erteilt. Das Ganze scheint mir irgendwie das Medienäquivalent einer temporären Brustvergrösserung mit Kochsalzlösung, wenn Sie verstehen, was ich meine. Oder lassen Sies mich wie folgt ausdrücken: Eigentlich sind da nur noch Spuren von Medien, ähnlich einer Cover-Version, getrimmt auf eine Ästhetik des Konsums, der alles übernimmt. Und wenn Kiss nicht mehr helfen kann, kommt das deutsche Privatfernsehen mit «Raus aus den Schulden». Aber nur, wenn Naddel ins Röhrchen bläst. Dahinter jedoch steht, schlecht verhüllt und breit grinsend mit gebleichten Zähnen: das Elend.
Und nun entschuldigen Sie mich. Ich muss «Mariah’s World» schauen.