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Mit den nun vorgestellten Bänden wird das grosse Unterfangen der Sigmund Freud Gesamtausgabe (SFG) des Psychosozial-Verlags inhaltlich abgerundet. Der noch folgende Band 23 ist gleichwohl wesentlich, wird er doch das Gesamtregister enthalten.
Der Band 20 macht uns mit allen Veröffentlichungen Sigmund Freuds zwischen 1934 und 1939 vertraut. Der hochspekulative, bis heute viel diskutierte Text «Der Mann Moses und die monotheistische Religion» nimmt, zusammen mit vorauslaufenden Teilveröffentlichungen des «historischen Romans», den grössten Raum ein. Freud hat in diesem letzten zu Lebzeiten veröffentlichten Werk die These aufgestellt, dass Moses ein Ägypter gewesen sein könnte. Viele Intellektuelle nach Freud, vor allem Jan Assmann, Yosef Yerushalmi und Jacques Derrida in den letzten dreissig Jahren, haben den Gedanken ernst und kritisch aufgenommen. Die kühne Hypothese liest sich in der aktuellen politischen Krisensituation des Nahostkriegs noch einmal anders und neu, nämlich als ein Aufruf, Völker nicht voneinander abzusondern und gegeneinander zu stellen, sondern die Verflochtenheit von Kulturen denken zu lernen.
Zwei kleine Schriften entstehen 1937, die es für die Entwicklung der psychoanalytischen Theorie und Technik in sich haben, «Die endliche und die unendliche Analyse» und «Konstruktionen in der Analyse». In der ersten Schrift stellt sich Freud der Frage, wie lange psychoanalytische Therapien sein müssen, ob sie abgekürzt werden können und was denn als ein positives Ergebnis erwartet und erreicht werden kann. Er geht nicht davon aus, dass die Analyse das Unbewusste aufhebt, er wehrt sich dagegen, dass an ihrem Ende ein Mensch von allen besonderen, schrägen, komplizierten Seiten gereinigt und gleichsam abgeschliffen wäre. Aber die Analyse macht mit den Effekten des Unbewussten vertraut, erlaubt die Eigenanalyse und schafft psychologische Voraussetzungen, sich künftig besser zu kennen und mit Herausforderungen umgehen zu können – nicht mehr, nicht weniger. In der Konstruktionen-Schrift stellt er die Wahrheitsfrage, er behauptet nicht, dass die Analyse die Geschichte eines Menschen als eine historische Wahrheit aufzudecken in der Lage ist, aber durchaus, dass sie das Verdrängte konstruieren kann, nach genauen Kriterien freilich und nicht willkürlich, aber dennoch handelt es sich um Konstruktionen.
Die SFG hat sich vorgenommen, alle Texte, die zu Freuds Lebzeiten erschienen sind, zu präsentieren. Nun macht sie im Anhang des letzten Bandes eine Ausnahme, der die posthum erschienenen Texte «Abriss der Psychoanalyse» und «Some Elementary Lessons in Psycho-Analysis» umfasst.
Die Bände bieten viele Überraschungen. In Band 21 sind Interviews und Vorträge beziehungsweise Mitschriften oder Zusammenfassungen von Vorträgen durch Dritte versammelt. Es zeigt sich, mit wie vielen bedeutenden Zeitgenossen Freud in einem vertieften Austausch stand, wie aktiv er auch in Vorträgen war, wo er gesprochen hat. Dieses Buch wird nicht von Anfang bis Ende gelesen werden, aber es lohnt, wenn es immer neu aufgeschlagen wird, da es viele Entdeckungen erlaubt. So wird Freud von G.S. Viereck zum 70. Geburtstag befragt. Freud äussert sich offen über die Last des Älterwerdens, er betont, dass das Blühen einer Blume in der Gegenwart ihm wichtiger sei als alles, was mit ihm nach seinem Tod gemacht werde, und er betont seine Freude an den einfachen Dingen des Lebens. André Breton hat Freud 1921 in Wien auf seiner Hochzeitsreise besucht, darüber hat er eine kurze Notiz geschrieben, ein Besuch, der ihn offenbar enttäuscht hat, begegnet er dem grossen Professor doch in einem «maison de médiocre apparence dans un quartier perdu» (Haus mässigen Erscheinungsbildes in einem verlorenen Viertel) und hört von ihm nur «généralités» (Gemeinplätze). Auch eine enttäuschte Stimme kommt so zu Wort, Freud bemüht sich oft wohl gar nicht, den Idealbildern gleich zu werden, die seine Gäste sich von ihm machen, sie scheinen ihm eher unangenehm.
Band 22 erlaubt es, die biographischen Mosaiksteine anzureichern und in eine chronologische Ordnung zu bringen. Hier wird in zwei Teilen, also in zwei umfangreichen Bänden, ein Freud-Diarium errichtet, das erste reicht von 1856 bis 1913, das zweite von 1914 bis 1939. In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts hatte Gerhard Fichtner begonnen, alle datierbaren Ereignisse in Freuds Leben zu erfassen. Diese Chronik wird nun weitergeführt; aus allen möglichen Quellen werden Daten extrahiert und aufgenommen, wenn sie taggenau erfasst werden können. In diesen Bänden lässt sich ebenfalls gut blättern. Vor dem erstaunten Leser entfaltet sich, knapp wiedergegeben, der Alltag Freuds, seine Gäste, seine Arbeitsgewohnheiten, seine vielen Operationen und ärztlichen Konsultationen in den letzten Lebensjahren. Er weilt 1930 zwischen Mai und Juli in Berlin-Tegel zur Prothesenanpassung. Auch im Ärztehaus des Sanatoriums aber empfängt er, wie wir erfahren, Analysand:innen. Am 21.09.1932 wird Freud vom österreichischen Kampfkomitee gegen den Krieg eingeladen, weil er einen Antikriegsaufruf unterschrieben hatte, eine Einladung, die er aus gesundheitlichen Gründen ablehnen muss. Im Januar 1938 kommt Felix Boehm, der politisch sich den Nazis andienende deutsche Psychoanalytiker, nach Wien, um Freud die Situation im nationalsozialistischen Berlin zu erläutern. Gern möchte man wissen, was Freud ihm zu sagen hatte. Am 12.03.1938 notiert Freud nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich: »Finis austriae». Zwischen 04. und 06. Juni 1938 emigriert Freud nach London. Diese willkürlich gezogenen Leseproben sollen den Reichtum des Diariums aufzeigen, das Freuds Leben beinahe Tag für Tag nachzuvollziehen erlaubt.
In meiner Rezension der ersten vier Bände hatte ich diese als gelungenen und äusserst lohnenden Auftakt eines grossen Unterfangens bezeichnet. Ich hatte betont, dass die SFG dazu beitragen wird, die Lektüre Freuds, die so sehr lohnt, neu zu beleben. Sie wird, so hatte ich vorausgesagt, ihren Platz neben der Studienausgabe und den Gesammelten Werken erobern. Am Ende der Rezension der vier letzten von insgesamt 22 Bänden angekommen, kann ich diese Würdigung nur noch mit Nachdruck wiederholen. Was der Auftakt versprach, wurde durchgehalten in vielen Jahren einer komplexen Editionsarbeit. Dank und Glückwunsch dem Psychosozial-Verlag und dem Herausgeber Christfried Tögel!
Sigmund Freund: Gesamtausgabe
Giessen: Psychosozial-Verlag; 2021; 2022; 2023. Band 20, 1934–1939. 535 Seiten, EUR 70.00. ISBN 978-3-8379-2420-6; Band 21, Interviews und Vorträge. 440 Seiten, EUR 90.00. ISBN 978-3-8379-2421-3; Band 22, Diarium. 1176 Seiten, EUR 150.00. ISBN 978-3-8379-2422-0.