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Die Suisseculture, der Dachverband der Kulturschaffenden und ihrer Urheberrechtsverbände, vergibt alle zwei Jahre ihren «Prix Suisseculture» für kulturelle und kulturpolitische Leistungen. Das Preisgeld von Fr. 20'000.- wird von der Schweizerischen Interpretenstiftung gesponsert.
Ich habe den Preis vor zwei Jahren erhalten. Das soll mich aber nicht davon abhalten, mich über die diesjährige Wahl noch einmal kräftig zu freuen. Es gibt kaum einen Menschen, den ich für preiswürdiger halte als Trix.
Die Erfindung von «Auawirleben»
Beatrix Bühler kam Anfang der 1980er-Jahre als Regieassistentin ans Stadttheater Bern. Sie wurde bald eine wichtige Stütze des damaligen Schauspieldirektors Peter Borchardt und seiner Dramaturgie. Um mehr zeitgenössische Dramatik in Bern zeigen zu können, wurde 1982 das Festival «Auawirleben» erfunden.
Während der Umbauphase bespielte das Stadttheater neue Spielstätten wie das Alte Schlachthaus und das Hotel National. In Verbindung mit aktuellen Stücken und zeitgenössischen Inszenierungen gelang es in dieser Zeit, ein anderes Publikum anzusprechen, das bisher vorwiegend die Keller- und Kleintheater besucht hatte.
«Auawirleben» löst sich vom Stadttheater
Mit dem Ende der Schauspieldirektion Borchardt übernahmen Peter, Trix und ich das Festival «Auawirleben» und führten es als freie Gruppe weiter. Wir ergänzten es mit einer jährlichen Uraufführung durch unser ebenfalls neu gegründetes «Berner Ensemble». Das erste «Auawirleben» in dieser Form fand 1988 im Alten Schlachthaus statt. Unsere Uraufführung hiess «Dr Sudu» und war ein Stück von Beat Sterchi. Den Autor hatte Peter zuvor am Stadttheater von Günter Grass empfohlen bekommen.
Ich hatte Trix und Peter 1986 am Stadttheater Bern kennen gelernt. Ich hatte gerade mein Medizinstudium abgebrochen, war ziemlich verzweifelt und wollte Theaterautor werden. Trix und Peter öffneten mir viele Türen, machten mich mit zeitgenössischer Dramatik vertraut und nahmen mich als Autor ernst. Die erste enge Zusammenarbeit mit Trix war ein umfangreiches Programmheft zu Peter Borchardts «Sturm»-Inszenierung. Ich habe später kaum je noch mal ein ähnlich umfassendes Programmheft zusammengestellt. Wir gingen allen Spuren und Hinweisen nach, die sich für uns mit «Apokalypse» und «Utopie» verbanden.
Erste Inszenierungen, erste Stücke
Trix war zu jener Zeit auch schon als Regisseurin verpflichtet und hatte neben ihrer Dramaturgietätigkeit erste eigene Inszenierungen herausgebracht. Ich assistierte ihr bei «M» von George Tabori, einem Stück, das nicht nur Medeas Blick auf die Geschichte richtet, sondern die Rezeptionsgeschichte des Stoffs gleich mit erzählt. Parallel dazu schrieben wir unsere Bearbeitung des Stücks «Die mutige Katrin», die 1987 als Weihnachtsproduktion auf die Grosse Bühne kam. Der Geist von Zaffaraya habe Einzug gehalten ins Stadttheater, vermerkte die «Bund»-Kritikerin damals.
Wir waren oft im Zug, fuhren für mögliche «Aua»-Gastspiele am einen Tag nach Hamburg, am nächsten nach Graz, von einer Uraufführung zur nächsten. Im Zug schrieben wir an unseren Texten, beispielsweise am Stück «Till Eulenspiegel», das 1988 gezeigt werden sollte und nach dem grauenhaften Unfall, bei dem Marco Morelli schwer verletzt wurde, erst ein Jahr später zur Aufführung kam. «Till» war eine Grossproduktion, mit zwölf Gästen aus der freien Szene und zwanzig Statistinnen und Statisten. Wie Trix solche Bedingungen beim damaligen Intendanten Philippe de Bros durchbrachte, ist mir heute noch schleierhaft.
Wie schrieben die Bearbeitung eines Stücks von Claude Cueni, die wir nicht spielen durften. Als «Gesellenstück» verfasste ich «Die Abschiednehmer», ein Text, den Trix mit mir in vielen Stunden überarbeitete und dessen Umsetzung wir dann nicht finanzieren konnten. Neben zwei Strassentheaterproduktionen, die Trix dramaturgisch und als Endregie unterstützte, schrieb ich das Jugendstück «Dr aut Lehme», das sie im Rahmen von «Auawirleben» 1991 uraufführte.
Förderung und Zusammenarbeit
Auch nachdem ich 1991 als Dramaturg nach Esslingen gegangen war, arbeiteten wir immer wieder zusammen. Trix machte die Uraufführung meiner Stücke «Marthas Eltern» und «Ursle» 1994, später in Aarau war sie an «Furnier – ein Theatermöbel» (1996) beteiligt. Es entstanden gemeinsame Produktionen in Braunschweig und Baden. Oder wir erfanden ein «20-Minuten»-Theater mit dem Titel «Antworten eines Klaviers» (1998), das vier Uraufführungen an einem Abend zeigte.
All das könnte einfach als glückliche Zusammenarbeit und private Geschichte verstanden werden, aber das war es nicht nur. Immer wieder arbeitete Trix mit jungen und sehr jungen Menschen zusammen, gab ihnen Möglichkeiten, förderte sie als Theaterschaffende und setzte sich mit ihnen als ebenbürtige Gesprächspartner auseinander.
Best informierte Theaterkennerin
Bis heute ist Trix eine der best informierten Theaterkennerinnen der Schweiz. Es gibt kaum eine Aufführung, die sie nicht gesehen hat und zu der sie kein dezidiertes Urteil hätte. Und sie hält mit ihrem Urteil selten hinter dem Berg, weicht bei Premierenfeiern niemandem aus, sucht die Auseinandersetzung. Allenfalls lässt sie sich sogar überzeugen und schaut sich die Aufführung ein zweites Mal an, um zu einem anderen Urteil zu gelangen.
Ihre Kenntnisse der Szene übersteigen die Möglichkeiten eines Festivals wie «Auawirleben» bei Weitem und sind grösser als die der meisten KritikerInnen und Kulturförderstellen, die deshalb gelegentlich bei ihr nachfragen und sich von ihr beraten lassen.
Das Schlachthaus Theater entsteht
Mit Peter Borchardts Abgang 1998 und in der Zusammenarbeit mit dem neuen Schlachthaus Theater, an dessen Entwicklung und Aufbau Trix massgeblich beteiligt war, erweiterte «Auawirleben» seinen Fokus von deutschsprachigem Autorentheater zu allen Formen des zeitgenössischen Gegenwartstheaters. Weiterhin besteht der Anspruch, die Grenzen zwischen off, offoff und institutionellen Einrichtungen zu überwinden.
In den zweiunddreissig Jahren seines bisherigen Bestehens hat sich «Auawirleben» mit und durch Trix so stark verändert wie das Theaterschaffen selber. Bern wurde durch «Auawirleben» immer wieder auf den neusten Theaterstand gebracht, ohne dass sich das Festival dabei trendig angebiedert hätte. Wesentliche und bemerkenswerte Aufführungen hätten ohne «Aua» nie den Weg in die Schweiz und nach Bern gefunden. Und ein Schlachthaus Theater gäbe es heute nicht.
Regietätigkeit, Zusammenarbeit mit AutorInnen
Im Wechsel mit ihrer Festival- und kuratorischen Tätigkeit hat Trix immer wieder auch inszeniert, mit ihrer neuen Gruppe «fünfnachbusch», mit anderen Ensembles und Theatern – in Deutschland und der Schweiz, für Kinder und Erwachsene. Sie hat neue und junge Formationen als kritisches «oeil extérieur» begleitet, AutorInnen beispielsweise im Rahmen der Werkstatt «Schreib für die Bühne!» gefördert und Stücke u.a. von Sabine Wang und Paula Fünfeck uraufgeführt.
Das Team, die Zusammenarbeit und leidenschaftliche Auseinandersetzung mit Anderen bestimmt ihre Tätigkeiten. So prägend Trix in ihrem Tun ist, so weit weg ist sie von jeder Künstler-Eitelkeit, die ihr unsinnig und zerstörerisch erscheint.
Beatrix Bühler hat den «Prix Suisseculture» mehrfach verdient als Künstlerin und Regisseurin, als kulturpolitische Aktivistin – beim Aufbau des Schlachthaus Theaters, der Förderung von AutorInnen oder mit ihrem Engagement fürs Kinder- und Jugendtheater –, als Vermittlerin und Theaterveranstalterin.