Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03473.jsonl.gz/1845

Eingeführter Nahrungsspezialist
Der Kartoffelkäfer (Leptinotarsa decemlineata) wurde zu Beginn des 19. Jh. im Bundesstaat Colorado in den USA entdeckt. Seine ursprüngliche Nahrungspflanze war der Stachel-Nachtschatten (Solanum rostratum), der wie die Kartoffel zur Familie der Nachtschattengewächse gehört. Die Käfer selbst, wie auch ihre Larven sind auf Nachtschattengewächse spezialisiert und fressen in der Landwirtschaft überwiegend die Blätter der Speisekartoffel. Sie können sich aber auch von weiteren Kulturpflanzen wie der Aubergine, dem Tabak oder der Tomate ernähren.
Rasche Entwicklung
Der 7 bis 15 Millimeter lange Kartoffelkäfer ist unverwechselbar: Die Grundfärbung ist gelb, das Halsschild schwarz gefleckt, und auf den Flügeldecken befinden sich je fünf schwarze Längsstreifen. Bei Gefahr kann der Käfer ein Abwehrsekret ausscheiden. Seine auffällige Musterung gilt daher als Warnfärbung.Die Weibchen legen mehrere 100 Eier in Gelegen von 20 bis 80 Stück auf die Blattunterseite ab. Die Larven sind zunächst leuchtend rot, später rotgelb gefärbt und tragen zwei Reihen dunkler Flecken an den Körperseiten und weitere Flecken auf dem Rücken. Die Verpuppung der Larven erfolgt im Boden. Nach etwa zweiwöchiger Puppenruhe schlüpfen die Käfer. Zwischen April und Oktober werden eine bis zwei Generationen ausgebildet. Zum Überwintern vergraben sich die Tiere im Boden.
Im Huckepack um die ganze Welt
Im 19. Jh. setzte in den USA der Kartoffelanbau durch weisse Siedler ein. Der Käfer reiste mit der Kartoffel mit und breitete sich in ganz Amerika aus. Dann gelangte er – ebenfalls im Huckepack mit der Kartoffel – nach Europa. Im Jahr 1877 trat er erstmals in den Häfen von Liverpool und Rotterdam auf. Im gleichen Jahr wurden Tiere in Deutschland bei Mülheim am Rhein festgestellt und kurz darauf in Sachsen.Dieser erstmalige Befall wurde zwar vernichtet, doch die Einwanderung des Kartoffelkäfers liess sich nicht mehr aufhalten. Natürliche Feinde wie Laufkäfer und deren Larven konnten die Ausbreitung des Kartoffelkäfers nicht verhindern. Zur Verbreitung in Europa trugen vor allem die Ereignisse während des Ersten Weltkriegs und der Nachkriegszeit bei.
Hungersnöte
Im Jahr 1922 kam es zu einem Massenauftreten des Kartoffelkäfers bei Bordeaux. Um 1935 besiedelte er die Region Basel, während es in Deutschland zum Massenbefall kam. Die damit verbundene Vernichtung ganzer Kartoffelernten war tragisch, weil die Kartoffel in der ersten Hälfte des 20. Jh. und speziell in den Kriegsjahren ein Grundnahrungsmittel der Bevölkerung bildete. Die einzige Form der Bekämpfung des Schädlings war in dieser Zeit das Absammeln von Larven und Käfern in mühsamer Handarbeit.
Chemische Bekämpfung und ihre Folgen
Die Basler Chemiefirma J. R. Geigy AG synthetisierte 1939 erstmals das Insektizid DDT, das zur Schadinsektenbekämpfung im Kartoffelanbau, aber auch in vielen anderen Kulturen eingesetzt werden konnte. In Schweizerhalle und bei Pfeffingen wurde DDT in den Kriegsjahren auf Versuchsfeldern der Firma Geigy erstmals im Freilandversuch gegen Kartoffelkäfer getestet. Bald darauf wurde es weltweit versprüht. Die Folgen waren damals noch nicht abzusehen. Etwa 15 Jahre später häuften sich jedoch die Nachweise der Schädlichkeit von DDT in der Umwelt. Die Bestände vieler Tiere, unter anderem des Wanderfalken, gingen besorgniserregend zurück. Die Schale der Wanderfalkeneier wurden zu dünn um dem Gewicht der brütenden Eltern zu widerstehen. In der nahrhaften und für Säugetiere wichtigen Muttermilch hatte sich DDT angereichert und erreichte für Säuglinge kritische Konzentrationen. Allerdings hatte der 1948 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Entdecker, der Chemiker Dr. Paul Müller, unmöglich die folgenschweren Nebenwirkungen seiner Erfindung abschätzen können. Es sollte noch zwei Jahrzehnte dauern, bis die fatalen Auswirkungen der Abbauprodukte von Pestiziden wie DDT und Dieldrin auf die Umwelt verstanden wurden.
Kartoffelanbau in der Region Basel
Auch im Kanton Basel-Landschaft war der Kartoffelanbau früher weitverbreitet, und das Insektizid wurde häufig eingesetzt, da es effektiv war und viel Arbeit ersparte. Heute werden im Kanton Basel-Landschaft nur noch auf rund 200 Hektaren Kartoffeln angebaut, das sind 0,9 % der landwirtschaftlich genutzten Fläche. Die meisten unserer Kartoffeln stammen heute vom Weltmarkt. Der Kartoffelkäfer ist ein bedeutender und weltweit verbreiteter Schädling geblieben. Seine Bekämpfung ist nicht immer einfach, da er Resistenzen gegen bekannte Insektengifte aufgebaut hat.
DK / JS