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Menschen mit Behinderungen haben ein erhöhtes Risiko, Opfer von sexueller oder körperlicher Gewalt zu werden. Dieses Risiko steigt, wenn sie im Alltag auf Unterstützung angewiesen sind, was sie in ein Abhängigkeitsverhältnis bringen kann. Auch das Lebensumfeld in einer Institution kann dies begünstigen. Menschen, die mit einer geistigen Behinderung leben, sind nicht immer in der Lage, ihr Erleben in Worte zu fassen. Prävention und der Kontakt zu Beratungs- und Beschwerdestellen innerhalb oder ausserhalb von Institutionen sind von entscheidender Bedeutung.
In einem kürzlich veröffentlichten Artikel berichtete die NZZ über die Tragödie, das die Familie Frei traf. Ihr Sohn, der in der Stiftung Tanne im Kanton Zürich lebte, starb aufgrund eines Fehlers bei der täglichen Pflege. Zuvor war er in der Einrichtung sexuell missbraucht worden.
Diese Tragödie macht deutlich, was in der Öffentlichkeit oft vergessen oder ignoriert wird: Menschen mit Behinderungen haben im Laufe ihres Lebens ein erhöhtes Risiko, Opfer von sexueller, körperlicher oder anderweitiger Gewalt zu werden. Wenn sie im Alltag Unterstützung benötigen, können sie sich in einem Abhängigkeitsverhältnis befinden, das Risiko für Grenzverletzungen begünstigt.
In Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen besteht ein erhöhtes Missbrauchsrisiko. Das Leben in einer Einrichtung kann das Selbstbestimmungsrecht einer Person stark einschränken, da sie zum Beispiel nicht frei entscheiden kann, mit wem sie in ihrer Wohngruppe leben möchte, wer sie unterstützt oder wie sie ihren Alltag gestaltet (Ausflüge, Mahlzeiten usw.). Der Druck, der auf dem Betreuungspersonal lastet, häufige Wechsel oder Personalmangel sind weitere Risikofaktoren.
Die Situation von Menschen mit Behinderungen ist zu wenig dokumentiert
Wenn es jedoch darum geht, herauszufinden, wie viele Menschen mit Behinderung in der Schweiz Opfer von Gewalt werden, ist es unmöglich, verlässliche Daten zu erhalten. Während Nachbarländer erfolgreich Studien durchgeführt haben, hinkt die Schweiz bislang hinterher. Diese Tatsache wird sowohl vom UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen als auch von GREVIO kritisiert, einem internationalen Expertengremium, das analysiert, wie die Schweiz Massnahmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt, sexualisierte Gewalt und häusliche Gewalt umsetzt.
insieme setzt sich in Zusammenarbeit mit anderen Behindertenorganisationen dafür ein, dass die Situation in unserem Land aufgeklärt wird und dass die Opfer von Gewalt ihre Situation anerkannt bekommen. Derzeit werden Menschen mit Behinderungen von der Politik zur Prävention und Bekämpfung von Gewalt noch viel zu wenig berücksichtigt. Dadurch wird ihnen der Zugang zu Angeboten verwehrt, die sie dringend benötigen.
Dies gilt insbesondere für Menschen mit geistiger Behinderung. Diese sind manchmal nicht in der Lage, einzuschätzen und zu verstehen, dass sie Opfer einer Gewalttat geworden sind. Es kann vorkommen, dass sie eine Verletzung der Integrität als normal betrachten, weil sie im Rahmen der täglichen Hygiene oder Pflege stattgefunden hat. Häufig gelingt es ihnen nicht, eine Gewalttat in Worte zu fassen oder zu beschreiben. Ihre Aussagen werden zudem oft in Frage gestellt und es kann auch vorkommen, dass ihr Umfeld ihnen ein Verfahren ersparen möchte. Schliesslich werden viele Gewalttaten nicht gemeldet oder nicht als solche erkannt, was eine angemessene Behandlung verunmöglicht.