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Seit jeher ist der Humor das perfekte Mittel, um Wahrheiten auszusprechen, ohne angreifbar zu werden. Natürlich gibt es dabei die unterschiedlichsten Ausprägungen: den lauten oder leisen, den derben oder feinen, den bösen und den schwarzen Humor. Gustav Mahler hatte eine besondere Vorliebe für Ironie. Unzählige Anekdoten berichten davon: Ich denke etwa an seinen beissenden Satz, er wäre, wenn einmal die Welt untergehen sollte, am liebsten in Wien, weil dort ohnehin erst alles fünfzig Jahre später geschehe. Oder an seinen Kommentar gegenüber Bruno Walter, der ihn am Attersee besuchte und die schroffen Felswände des Höllengebirges bestaunte: «Da brauchen Sie gar nicht mehr hinzusehen, das hab ich schon alles wegkomponiert», soll Mahler seinen verdutzten Gast beschieden haben.
Auch musikalisch verfügte Mahler über einen intelligenten Humor, unterfüttert durch seine lautmalerische Klangsprache. Bei der Vierten Sinfonie ist schon die Wahl des Textes, den er im Finale vertonte, interessant: Eigentlich handelt es sich dabei um ein bayerisches Volkslied – und das ist in seiner naiven Sprache natürlich ernstgemeint. Mahler aber bricht diesen Ernst durch etliche ironische Kommentare auf. Zum Beispiel wenn von der heiligen Ursula die Rede ist, die zu lachen beginnt, als ihre 11.000 Jungfrauen «zu tanzen sich trauen»: Mit einem Portamento leitet Mahler zu diesem Lachen hin, setzt noch ein Ritardando drauf und zieht das «U» der «Uuursula» wahnsinnig in die Länge. Grotesker kann man das gar nicht ausgestalten – es klingt wie ein guter Witz. Ohnehin baut er uns die schönsten Idyllen, er lässt uns schmachten in seinen Klängen, um uns dann mit überraschenden Effekten (man denke an die verstimmte «Teufelsfiedel» im zweiten Satz) zum Aufwachen zu zwingen, als wolle er sagen: So ist es eben gerade nicht, jetzt hört mal gut zu!
Bei den Schellen, die gleich zu Beginn der Sinfonie und im Finale zum Einsatz kommen, habe ich immer das Bild einer Schlittenfahrt vor Augen. «Was uns das Kind erzählt» hatte Mahler ursprünglich den Schlusssatz überschrieben, und dieses Kind, das hier spricht, scheint uns wie ein Cicerone durch den Himmel zu führen und die Sehenswürdigkeiten zu erläutern: die Tafelfreuden, das paradiesische Schlachtfest, die heilige Cäcilie mit ihren Hofmusikanten. Lange scheint man dabei in der Position des Beobachters zu verharren, bis am Ende die Musik ganz ruhig ausklingt, mit der Harfe allein, die paradoxerweise in tiefster Lage spielt, wo sie doch eigentlich als «Himmelsinstrument » für ihre hohen Arpeggien bekannt ist. In diesem Moment haben wir dann alle eine andere Welt erreicht.
Ich denke übrigens, Mahler intendierte nicht, dass die Sängerin ein Kind nachäfft oder sich künstlich kleinmacht. Jedes Kind nimmt sich (zu Recht!) ernst und hält sich selbst für den Mittelpunkt der Welt. Die Naivität, die der Text ausstrahlt, muss deshalb durch Wahrhaftigkeit gestützt werden. Das ist wie in einer guten Komödie: Die besten Pointen entstehen dann, wenn der Darsteller todernst ist, und nicht, wenn er sich selbst witzig findet. Für den ironischen Kommentar sorgt Mahler mit seinem Orchester von ganz allein.
Anna Lucia Richter
Die deutsche Sopranistin Anna Lucia Richter, Jahrgang 1990, debütiert in diesem Sommer bei LUCERNE FESTIVAL: Am 14. und 15. August interpretiert sie gemeinsam mit Bernard Haitink und dem LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA Gustav Mahlers Vierte Sinfonie.