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1967 versetzten Satellitenbilder vom Kaspischen Meer die US-Geheimdienste in Aufruhr. Fotos zeigten ein gewaltiges Flugobjekt, das die Analysten «Kaspisches Seemonster» tauften. Erprobte die Sowjetunion da ein neues Waffensystem?
Reglos trieb das Monster im Wasser. Gross, grau und furchteinflössend. Ein riesiger Flügel streckte sich hinten in die Höhe, aus dem spitz zulaufenden Kopf ragte jeweils rechts und links ein Horn hervor. Plötzlich kam Bewegung in das Ungetüm. Infernalischer Lärm erfüllte die Luft, das Wasser schien zu kochen. Langsam, dann immer schneller, bewegte sich das Ungeheuer vorwärts. Mit zunehmender Geschwindigkeit erhob es sich schliesslich aus dem Meer.
Die sowjetischen Ingenieure und Offiziere, die das Schauspiel am 18. Oktober 1966 beobachteten, waren zufrieden: Bei dem Monster handelte es sich um ein Fluggerät mit zwei rechteckigen Tragflächen, das in einer Höhe von etwa vier Metern mit über 400 km/h über das Kaspische Meer jagte. Zwei gewaltige Wasserfontänen zog das Ungetüm an den Flügelspitzen hinter sich her.
«KM», abgekürzt für «korabl-maket»: Schiffsentwurf lautete die Bezeichnung für das neuartige Gefährt. «KM» brachte es auf eine Länge von über 90 Metern bei 22 Metern Höhe und 37 Metern Spannweite. Mithilfe dieses gewaltigen Flugobjekts wollte die Sowjetunion die Machtverhältnisse im Kalten Krieg gegen die USA zu ihren Gunsten wenden. Regierungschef Nikita Chruschtschow hatte den Entwicklern unbegrenzte Mittel zur Verfügung gestellt.
Knapp ein Jahr nach dem ersten Testflug überflog ein US-Spionagesatellit das Kaspische Meer. Wenig später werteten Analytiker die Aufnahmen aus und starrten schockiert auf ein stark vergrössertes Foto von einer sowjetischen Basis – und einem riesigen unbekannten Objekt. «Es schien ein Flugzeug zu sein mit einem langen schlanken Rumpf, sehr kurzen Flügeln und seltsam positionierten Triebwerken», berichtet der beteiligte Luftfahrtexperte Robert F. Dorr in einer Dokumentation des Senders N24.
Militär und Geheimdienst rätselten eine ganze Weile, welchen Zweck dieses Gefährt haben könnte. Ein Name war dagegen schnell gefunden: «Kaspisches Seemonster» taufte die Defense Intelligence Agency das Objekt wegen seiner gewaltigen Ausmasse und seines eigentümlichen Aussehens. Hektisch versuchten die Fachleute herauszubekommen, was die Sowjets im Schilde führten. Clarence «Kelly» Johnson, der Entwickler des amerikanischen Starfighters, löste schliesslich das Rätsel. Das Kaspische Seemonster war kein herkömmliches Flugzeug, sondern ein Bodeneffektfahrzeug. Die Russen nannten es Ekranoplan.
Sein Erfinder, der Schiffs- und Flugzeugkonstrukteur Rostislaw Alexejew, hatte sich für seine Entwicklung einen physikalischen Effekt zunutze gemacht, den jeder Pilot kennt: In Bodennähe bildet sich unter den Tragflächen eines Fliegers ein Kissen aus Luft. Alexejew nutzte dieses Phänomen, um sein «KM» in der Luft zu halten. Ein paar Meter zumindest, denn der Bodeneffekt verliert sich mit zunehmender Höhe. In der Nähe der Wasseroberfläche ist die Wirkung hingegen optimal.
Acht leistungsstarke Düsentriebwerke sorgten dafür, dass das «KM» überhaupt die Wasseroberfläche verlassen konnte. Jeweils vier Turbinen waren in der Nähe Pilotenkanzel in flügelartigen Ausläufern angebracht. Sie wurden vor allem für den Start benötigt. Nachdem sich das Fluggerät aus dem Wasser erhoben hatte, sorgten zwei Triebwerke am Heckflügel für die Beschleunigung.
1963 hatten die Arbeiten an der neuen sowjetischen Wunderwaffe begonnen. Als Produktionsstandort war das Gebiet der geschlossenen Stadt Gorki, dem heutigen Nischni Nowgorod, ausgewählt worden. Ausländer hatten hier keinen Zutritt. Rund 7000 Menschen arbeiteten an der Planung und anschliessenden Konstruktion des «KM» mit.
Mit den Hoffnungen der gesamten Partei- und Militärspitze ging das Ekranoplan schliesslich auf die Reise Richtung Kaspisches Meer. Einen Monat lang transportierten Schiffe das zerlegte «KM» über die Wolga Richtung Süden. Zur Geheimhaltung fuhren sie ausschliesslich bei Nacht. Am Ziel angekommen, montierten Techniker das Fahrzeug wieder zusammen.
Alexejew wollte seine Schöpfung auf einem grossen Gewässer testen. Wegen des hohen Unfallrisikos war ihm selbst die Teilnahme an den Testflügen zwar untersagt worden. «Doch ich liess Alexejew trotzdem an Bord», sagte Testpilot Wladimir Loginow in einer Dokumentation des russischen Senders RT. «Er musste doch fühlen, wie sich die Maschine während des Flugs verhielt.»
Zwar beeindruckte das «KM» zunächst durch Rekorde. Mit über 500 km/h Spitzengeschwindigkeit schoss das Fahrzeug über das Wasser und hob selbst vollbeladen mit einem Gesamtgewicht von 544 Tonnen ab. Den Konstrukteur plagten trotzdem technische Probleme: Seine Maschine, halb Schiff, halb Flugzeug, erwies sich in der Praxis als wenig seefest: Hohe Wellen veränderten die Eigenschaften des Luftkissens – und bedrohten so die Stabilität des Ekranoplan. Ein Problem, für das Alexejew keine Lösung fand.
Bei starkem Seegang kam es 1980 schliesslich zur Katastrophe: Während eines Testfluges schlug das «KM» mit hoher Geschwindigkeit auf die Wasseroberfläche auf, als der Pilot versehentlich zuviel Schub wegnahm. Die Besatzung konnte sich retten, das Ekranoplan versank.
Die Idee, den Westen mit blitzschnellen Bodeneffektfahrzeugen zu überrumpeln, gab die Rote Armee auch nach diesem Fehlschlag nicht auf. Sie setzte nun auf ein wesentlich kleineres Modell – das knapp 60 Meter lange «Orljonok», übersetzt Adlerjunge. Mit einer Geschwindigkeit von 400 km/h und einer Reichweite von 1500 Kilometern sollte der «Adler» in der Lage sein, die skandinavischen Länder und den Zugang zur Ostsee zu besetzen.
200 Soldaten oder zwei Panzer konnte dieses Bodeneffektfahrzeug befördern. Doch auch in diesem Fall verhinderten technische Probleme den Bau der geplanten 120 Exemplare. 1975 verunglückte ein Prototyp des «Orljonok», Alexejew muss als Leiter des Programms zurücktreten.
«Lun» nannten die Ingenieure ihr nächstes Projekt, ein Ekranoplan, das im Konfliktfall amerikanische Flugzeugträgerverbände vernichten sollte. Aufnahmen von der Erprobung eines «Lun» zeigen, wie die sowjetische Marine die Seeherrschaft gewinnen wollte: Mit Höchstgeschwindigkeit rast das Fahrzeug über das Meer, auf seinem Rücken drei Abschussrampen. Raketen vom Typ «Moskito» sollten feindliche Schiffe bekämpfen.
Das Konzept sprach für den Erfolg des Waffensystems. «Lun» erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von 500 km/h und war für das Radar fast unsichtbar. Doch mit dem Ende des Kalten Kriegs und der Auflösung der Sowjetunion 1991 wurde die Idee vom Monster auf dem Luftkissen beerdigt