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Über die Ursachen der Schizophrenie weiss man heute so wenig Genaues wie vorhundert Jahren, als der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler (1857–1939) sie als Krankheitsbild entwarf. Im Fin-de-Siècle um 1900 sahen viele Psychiater Parallelen zwischen der breit wahrgenommenen gesellschaftlichen Kriseund der Krise des Individuums. Auch Bleuler sah einen solchen Zusammenhang und machte ihn am Begriff der «Assoziationsstörung» fest – nach Bleuler das Hauptsymptom der Schizophrenie –, wobei Assoziation damals sowohl soziale als auch individuelle «Vergesellschaftung» bedeutete. Auf beiden Ebenen konnte es Bleulers Ansicht nach zu Krisen kommen.
Dekadente Gesellschaft, krankes Individuum
Die Gesellschaft damals zeigte Auflösungserscheinungen, erzählt die Wissenschaftshistorikerin Brigitta Bernet. «Um 1900 verbreitete sich das Bewusstsein, dass man in einer einseitig verstandesbetonten Kultur lebte, in der besonders die Männer gezwungen wurden, ihre Emotionen abzuspalten», erklärt Bernet, die für ihre Dissertation interdisziplinär mit Psychologinnen und Psychiatern zusammenarbeitet. Man befürchte, dass sich die abgespaltenen Affekte zurückmelden, die prekäre «Einheit des Individuums» bedrohen und diese schliesslich auflösen könnten. Ähnliche Ängste gab es mit Blick auf die «Einheit der Gesellschaft». Angesichts der erstarkenden Arbeiterbewegung bangten weite Kreise des Bürgertums um den sozialen Zusammenhalt: «Viele bürgerliche Wissenschaftler und Politiker befürchteten», so Bernet, «dass sich die Emotionen später in Form von unkontrollierten Massen wieder zurückmelden und die ganzen gesellschaftlichen Assoziationen zum Einsturz bringen könnten.»
Wenn nicht zusammenkommt, waszusammen gehört
Einer dieser bürgerlichen Wissenschaftler mit «Blick auf die Gesellschaft» war Eugen Bleuler, der im Zentrum des Forschungsprojektes von Brigitta Bernet steht. Bleuler ging davon aus, dass das Individuum als weisses Blatt zur Welt komme, sich entwickle und «reife», indem es im Laufe seines Lebens immer mehr und immer komplexere «Assoziationen» (Gedankenverbindungen und Verbindungen mit Menschen) macht. Dabei muss das Individuum von seinen sinnlichen Wahrnehmungen und Emotionen abstrahieren lernen, um sein Ich auszubilden – und seine «Komplexe». Wie sich eine Gesellschaftsform ausbildet und organisiert, das erklärt Bleuler ganz ähnlich: Im Laufe der Zeit entstehen durch soziale Komplexitätssteigerung, Differenzierung und Arbeitsteilung «Komplexe» wie der Staat, das Recht, die Schulen etc.
Arbeitstherapie statt Gesprächsanalyse
Bleuler war von 1898-1927 Direktor der psychiatrischen Anstalt Burghölzli in Zürich, in der er zusammen mit wenigen Assistenzärzten mehr als 500 Patientinnen und Patienten pro Jahr behandeln musste. Kein Wunder also, dass er - anders als sein Vorbild Sigmund Freud - nicht in ausführlichen Sitzungen auf das einzelne Individuum eingehen konnte. Sein Bestreben, die Patienten zu «heilen», setzte vor allem auf Arbeitstherapie. «Bleuler hat Freuds psychoanalytische Gesprächstherapie zur Arbeitstherapie gewendet», sagt Brigitta Bernet,«das schien ihm am geeignetsten, seine Unterschichtspatientinnen und -patienten zu resozialisieren.»
Ob Bleuler eher fortschrittlich oder reaktionär, sprich eugenisch dachte, kann nicht eindeutig entschieden werden, findet Bernet. «Bleuler ist kein Rassen-, sondern eher ein Sozialeugeniker», fasst sie ihre bisherigen Überlegungen zusammen. Sie ist froh, dass sie Bleuler so ambivalent sieht, «das hält mich wach, um diese seltsamen Brüche zu erkennen».
Erstes Mal Einsicht in Burghölzli-Akten
Brigitta Bernet ist eine der ersten, die Akten und Krankengeschichten des Burghölzli von 1870-1970 einsehen darf. Bis zur Reform des Archivgesetzes vor knapp zehn Jahren lagerte das Material hinter verschlossenen Türen, vor zwei Jahren wurde es ins Staatsarchiv überführt. Zusammen mit einer anderen Doktorandin schaut sie nun ungezählte Krankengeschichten, Briefwechsel, Zweitgutachten, Zeichnungen, Fotografien, protokollierte Ganggespräche und ähnliches durch. «Manchmal sind diese Schicksale schon sehr schwer», findet Bernet. «Ich schätze es, dass wir zu zweit arbeiten und uns austauschen können. Es lässt eine nicht ganz kalt.» Wenn sie genug hat von all den belastenden Schicksalen, geht die ehemalige Kinomitbetreiberin einen Film schauen, trifft sich mit Freundinnen und Freunden, geht baden oder kraxelt «auf einen Berg».
Mehr Gender als es scheint
Die Diagnose Schizophrenie scheint Männer wie Frauen gleichermassen getroffen zu haben. Die Erklärung, was die Schizophrenie ausmacht – nämlich die Spaltung in unberechenbare Affekte (gleich «weiblich») und den Verstand (gleich «männlich») -, das allerdings ist stark geschlechtsspezifisch aufgeladen. Bernet findet es spannend, im vermeintlich «geschlechtsneutralen» Thema Schizophrenie den Gender-Aspekt herauszuarbeiten. Neben sozial- und kulturhistorischen Ansätzen bilden daher auch Dekonstruktion und Gender Studies wichtige Bestandteile ihres theoretischen Rüstzeugs. Deshalb freut es sie besonders, dass sie neben der Unterstützung durch den Forschungskredit auch noch für zwei Jahre als Stipendiatin des Graduiertenkollegs Gender Studies aufgenommen wurde. «Dieses Netzwerk von Leuten ist ein tolles Forum, um sich im Wissenschaftsbereich weiter zu orientieren.» Obwohl es keine Erfolgsgarantie gebe und gerade auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften in letzter Zeit Budgets gekürzt worden seien, möchte Brigitta Bernet «diesen Weg in Richtung akademische Laufbahn jetzt einfach mal gehen».
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