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Opfer des Nationalsozialismus: Der Künstler Max Nansen (Tobias Moretti) wird diskriminiert und von dem braunen Regime mit Malverbot belegt. Der junge Siggi (Levi Eisenblätter) hält dennoch zu ihm. (Filmcoopi)
Pflicht gegen Freiheit oder
Die Knechtung der Kunst
Einer erfüllt seine Pflicht in Nazideutschland, ein anderer kämpft um seine künstlerische Freiheit. Hier ein obrigkeitsgläubiger Dorfpolizist, dort ein verfemter Künstler. «Deutschstunde» heisst der dramatische Roman von Siegfried Lenz aus dem Jahr 1968. Der Titel ist mehrdeutig, er ist sowohl Hinweis auf eine erzieherische Massnahme als auch als Lektion über ein Kapitel deutscher Geschichte zu verstehen. Lenz' Geschichtsstunde handelt von Pflicht und Freiheit, Verantwortung und Schuld.
Alles beginnt (im Buch wie im Film) mit einer Strafarbeit, die dem jungen Menschen Siggi (Tom Gronau) aufgebrummt wurde. Er sitzt in einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche und muss einen Aufsatz über das Thema «Die Freuden der Pflicht» schreiben. Er erinnert sich an seine Kindheit hoch in Schleswig-Holsteins Norden. «Sie hatten ihm verboten zu malen, und mein Vater, der Polizeiposten Rugbüll, hatte die Einhaltung des Malverbots zu überwachen durch alle Tags- und Jahreszeiten; er hatte, um das auch zu erwähnen, jede Erfahrung und Entstehung eines Bildes zu unterbinden, alle unerwünschten Behauptungen des Lichts, überhaupt polizeilich dafür zu sorgen, dass in Bleekenwarf nicht mehr gemalt wurde.»
Vater Jens Jepsen (Ulrich Noethen), dem folgsamen Dorfpolizisten, ging seine Pflicht über alles. So ist es ihm ein persönliches und amtliches Anliegen, dem Nachbarn und Jugendfreund Max Nansen (Tobias Moretti) ein Schreiben aus Berlin zu auszuhändigen: Dem Maler Nansen wurde 1943 vom nationalsozialistischen Regime ein Malverbot erteilt, er wurde als «entarteter Künstler» stigmatisiert. Siggi (Levi Eisenblätter), der elfjährige Sohn des blindgehorsamen Amtshüters, ist mit Max, seinem Patenonkel, befreundet und soll ihm bei der Überwachung helfen. Dabei ist er selber begierig aufs Malen und entdeckt manches Verborgene. Er schwankt zwischen Gehorsam (gegenüber seinem rigorosen Vater) und Neigung zu Max. Instinktiv spürt er, dass es hier nicht rechtens zugeht. Er entscheidet sich – sehr spät und rigoros.
Jepsen, der Handlanger des Nazi-Regimes, verdrängt eigenes Empfinden, Menschlichkeit und überhaupt den gesunden Menschenverstand und stellt Pflicht und Gehorsam über alles. Am Ende gibt es nur Opfer – vom Maler und seiner Frau Ditte (Johanna Wokalek) über Jepsens desertiertem Sohn Klaas (Louis Hofmann) bis zur Ehefrau Gudrun (Sonja Richter), der Tochter Hilke (Maria Dragus) und seinem Sohn Siggi. Eine Lehrstunde fürs Leben – aus der Geschichte über eine entmenschlichte Gesellschaft. Es ist müssig, darüber zu streiten, ob der von Nazis geächtete Maler Emil Nolde, der selber Nazi-Mitläufer und Sympathisant war, dem Schriftsteller Lenz fälschlicherweise als Beispiel diente. Jasper ist nicht gleich Nolde (im Film). Unter anderem zeugen davon die Bilder, die er anfertigt.
In erneuter Zusammenarbeit haben Christian Schwochow (Regie) und seine Mutter Heide (Drehbuch) ein fesselndes, tiefsinniges Stück Kino geschaffen – werkgetreu mit einem exzellenten Ensemble. Gegenüber dem Roman erscheint der Vater im Film bösartiger, verbohrter und dämonischer. Die (filmische) «Deutschstunde» erweist sich als beklemmende Lektion über ideologische Verblendung und Eigenverantwortung, Überzeugungsterror, Courage und Menschlichkeit. Erst recht heutig, sie scheint wieder sehr nötig. Wie es ausging (im Roman), was aus dem aufsässige Siggi, dem Malerfreund Max und der Malerei und mehr wurde, kann man nachlesen … in Siegfried Lenz «Deutschstunde», Atlantik Verlag, Hamburg. Auch über 50 Jahre nach Erscheinen eine packende Lektüre.
Deutschland 2019
125 Minuten
Regie: Christian Schwochow
Buch: Heide Schwochow
Kamera: Frank Lamm
Darsteller: Tobias Moretti, Ulrich Noethen, Levi Eisenblättler, Tom Gronau, Sonja Richter, Johanna Wokalek
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