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Der ozeanische Kontinent besteht fast ausschliesslich aus Wasser. Reisen auf dem Seeweg ist dennoch schwierig: Im ganzen pazifischen Raum gibt es kaum mehr Fährverbindungen, nur noch Flüge. Die Polynesier und Melanesier, die in ihren Auslegerkanus einst tausende Kilometer überwunden hatten, scheinen ziemlich wasserscheu geworden zu sein!
Im verhältnismässig wenig entwickelten Vanuatu aber ist eine lange Schiffsreise mit dem öffentlichen Verkehr aber noch möglich: Zwei Fähren pro Woche verbinden die beiden grössten Städte, Port Vila und Luganville. Die Reise gibt einen Einblick in den Alltag abgelegener Gebiete Ozeaniens, wie er andernorts kaum möglich ist.
Die „MV Big Sista“ am Hafen von Port Vila: Von hier aus macht sie sich jeden Montagmittag auf den Weg nach Luganville auf der Insel Espíritu Santo, der zweitgrössten Stadt Vanuatus. Die „Big Sista“ hiess in ihrem vorherigen Leben „Reef Adventurer II“. Sie war das Ausflugsboot eines Resorts, darum ist sie nicht hochseetauglich. Mit dem Baujahr 1987 gehört sie in Vanuatu eher zu den jüngeren Schiffen. Ein finnischer Seemann, der mit mir reiste, meinte aber: „When I came aboard, I immediately saw that she is shit.“
Rund 30 Stunden dauert die Fahrt (rot eingezeichnet) von Port Vila nach Luganville. Unterwegs gibt es etwa zehn Stopps auf den Inseln Epi, Paama, Malakula und Atchin. Die Luftdistanz von Port Vila nach Luganville beträgt nur etwa 300 km, ein Flug dauert weniger als eine Stunde. Die lange Fahrtzeit erklärt sich damit, dass die „Big Sista“ nicht den direkten Weg nach Espíritu Santo nimmt, und dass jeder Halt etwa eine Stunde dauert. Ausserdem ist das Fahrtempo sehr gemächlich: Rund 20 km/h.
Der Hafen der Hauptstadt Port Vila macht einen bescheidenen und etwas unorganisierten Eindruck. Daneben gibt es noch einen grösseren Hafen für Cargo- und Kreuzfahrtschiffe sowie mehrere Yachthäfen.
Der Kapitän der „Big Sista“ ist Australier und damit der einzige Ausländer der Crew. Bei jedem Halt ärgerte er sich über seine langsamen und unorganisierten Mitarbeiter, die das Laden und Entladen von Personen und Gütern jeweils ausgesprochen gemütlich in Angriff nahmen; meistens erschien auch ein Teil der Seeleute gar nicht. Einmal kam sogar eine leicht wütende Durchsage „Crew, crew crew!!! Please wake up!“
An Bord gab es eine kleine Kombüse. Den ganzen Abend roch es verheissungsvoll nach angebratenen Zwiebeln. Das Essen war dann eine Enttäuschung: Es gab nur Reis mit Gemüseomelette – fad, aber immerhin sättigend.
Nach dem Abendessen der erste Halt auf der Insel Epi. Es war dunkel, von der Insel sah man überhaupt nichts – nicht mal ein Anleger. In Ermangelung dessen mussten alle Passagiere und Waren auf kleinen Booten von der „Big Sista“ an Land gebracht werden.
Auf der „Big Sista“ gibt es keine Kabinen und somit keine Privatsphäre. Auf dem unteren Deck gibt es eine Reihe dreckiger Pritschen, und dort legte ich mich hin für die Nacht. Sie war nicht sehr geruhsam, denn es war laut und stank. Für 1000 Vatu bekommt man Zutritt zur „Business Class“ auf dem oberen Deck. Das lohnt sich allerdings nicht, es gibt dort nur Sitzgruppen und keine Liegemöglichkeiten.
Am frühen Morgen kam die „Big Sista“ in Lamap an, der zweitgrössten Siedlung der Insel Malakula. Eine Stunde lang wurde ein- und ausgeladen: Crew und Passagiere bildeten eine lange Menschenschlange und warfen einander die Güter und das Gepäck unter lautem Zurufen zu. Es warteten bereits Lastwagen, denn für Autos oder Busse sind die Pisten von Malakula nicht geeignet.
Wie in alten Zeiten: In solchen Auslegerkanus legten die Melanesier und Polynesier einst tausende Kilometer auf hoher See zurück. Hier dient das Kanu nur dem Transport vom Strand zur „Big Sista“, da der Weiler keinen Pier hat, an dem das Schiff anlegen könnte.
Am Hafen von Litzlitz begegneten wir der Konkurrenz: Die „Vanuatu Ferry“ fährt die gleiche Strecke und zur gleichen Zeit. Litzlitz ist der Hafen von Lakatoro, dem Hauptort von Malakula. Ich hatte gehofft, dass ich hier kurz an Land gehen und Proviant einkaufen könnte. Daraus wurde nichts: Am Hafen gibt es gar keine Siedlung. So war es auch an allen anderen Orten, wo wir anhielten: Alle waren kleine Weiler mit kaum Infrastruktur. Selbst Lakatoro hat nur ein paar Hundert Einwohner.
Einwohner von Malakula warten am Hafen von Litzlitz. In Malakula tragen die Männer traditionell nur einen Penisschutz: „Namba“. Nach der Grösse dieses Penisschutzes unterscheidet man zwei Völker, die „Small Nambas“ und die „Big Nambas“.
Die meisten Passagiere der „Big Sista“ hatten Gepäckstücke, die aus Palmblättern zusammengebastelt sind. Ein Stock hält die Tasche oben zusammen und trägt den Namen des Besitzers und seine Destination.
Weniger komfortabel als die Passagiere hatte es dieses Schwein: In einer kleinen Holzkiste gefangen, wurde es in einer langwierigen Prozedur auf das Dach des Schiffs verfrachtet.
Den letzten Halt machte die „Big Sista“ auf Atchin, einer kleinen Insel vor der Küste Malakulas. Auch hier dauerte es wieder eine Stunde, bis alles ein- und ausgeladen war. Und wie bei jedem Halt: Kurz vor der Abfahrt fiel es einem Inselbewohner ein, dass er auch noch mitfahren müsse, oder jemand wollte das Schiff spontan verlassen, oder ein Crewmitglied ging mit Bekannten an Land und man musste warten, bis er zurück war… Und so verzögerte sich immer alles. Es war eine Freude zuzuschauen, denn ich hatte absolut keinen Stress.
Kurz vor der Ankunft begann ein heftiger Platzregen, und so war der Abschied von der „Big Sista“ brüsk: Alle Passagiere sprangen an Land und suchten sich irgendeine Fahrgelegenheit ins Ortszentrum. Wir waren nämlich an einem abgelegenen Pier fünf Kilometer westlich der Stadt angekommen.
Luganville ist kein Juwel – eine staubige Kleinstadt ohne erkennbares Zentrum. Die Hauptstrasse ist für ozeanische Verhältnisse extrem breit geraten. Der Grund dafür: Im zweiten Weltkrieg hätten hier notfalls Flugzeuge landen sollen.
Die „MV Big Sista“ verkehrt einmal wöchentlich von Port Vila (Abfahrt Montagmittag) nach Luganville (Ankunft Dienstagabend) mit etwa zehn Stopps auf den Inseln Epi, Paama, Malakula und Atchin. Die Rückfahrt ab Luganville startet irgendwann am Mittwoch. Ein Ticket kostet 8100 VUV (ca. 62 EUR), für 1000 VUV Zuschlag darf man in der „Business Class“ Platz nehmen. Wichtig: Unbedingt Proviant mitnehmen! Auf der Fähre gibt es keine Getränke zu kaufen, und zu Essen nur fade Omeletten mit Reis (300 VUV).
Alternativ verkehrt auch die „Vanuatu Ferry“ mit dem ungefähr gleichen Fahrplan, aber weniger Stopps. Die „Vanuatu Ferry“ ist grösser als die „Big Sista“, aber wohl noch älter.