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Kann ein Autist Autisten helfen? Matthias Huber zeigt, dass es geht. Seit zwölf Jahren arbeitet der Psychologe an der Autismusfachstelle der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern UPD. Das Aussergewöhnliche: Er ist selbst «Asperger» und weiss, wie autistische Kinder die Welt wahrnehmen.
Herr Huber, beim Betreten Ihrer Praxis erspäht man als Erstes viele kleine Plastiktierchen im Wandregal. Mögen Autisten Tiere?
Es kommt vor, dass Autisten Tiere gerne haben. Das Verhalten von Tieren ist oft einfacher einzuordnen als dasjenige von Menschen. Freut sich zum Beispiel ein Hund, wedelt er mit dem Schwanz. Ein Mensch drückt seine Freude mal mit Lachen aus, mal anders. Er nutzt subtilere Ausdrucksformen. Das ist für Menschen im Autismus-Spektrum schwierig. Sie sind oft eingeschränkt im Verstehen von Mimik und Gestik des Gegenübers.
Nun haben Sie selbst ein Asperger-Syndrom und das Einordnen von Verhalten und Gefühlen anderer gehört zu Ihrem Beruf. Erleben Sie diesbezüglich Einschränkungen?
Im Gegenteil. Für mich ist es einfacher, Autisten einzuschätzen, da ich eine ähnliche Art habe, wie ich die Welt betrachte, wie ich sie analysiere und die Sprache verwende und decodiere. Ich kann Sprache so einsetzen, dass das Kind mit grosser Wahrscheinlichkeit auf mich reagiert und redet.
Zum Beispiel?
Offene Fragen erzeugen Stress. Darum formuliere ich meine Fragen sehr präzise und detailliert. Zum Beispiel: «Wenn du Gitarre übst, schaust du auf die Saiten oder geradeaus oder an einen Ort, den ich nicht genannt habe?» Autisten sind Detailmenschen – sowohl im Denken wie auch in der Wahrnehmung. Ein Dialog mit genauen Fragen ist für sie interessant und sie können besser antworten. Kinder ohne Autismus erleben ihn als seltsam. «Spinnt der?», fragte mal ein Jugendlicher. Meine Fragen waren ihm zu detailliert.
«Ich kann Sprache so
einsetzen, dass das Kind mit grosser Wahrscheinlichkeit auf mich reagiert und redet.»
einsetzen, dass das Kind mit grosser Wahrscheinlichkeit auf mich reagiert und redet.»
Mit wem und wie führen Sie Autismusabklärungen durch?
Zu uns kommen Kinder mit der Verdachtsdiagnose ASS, Asperger-Syndrom, frühkindlicher Autismus oder atypischer Autismus. Die Diagnose wird immer im Team durch medizinische und psychologische Fachpersonen gestellt. Mit den Eltern zusammen erheben wir eine Familien- und Entwicklungsanamnese, holen Informationen von Lehrpersonen und Heilpädagoginnen ein und führen Wahrnehmungs-, IQ- sowie autismusspezifische Tests durch. Ein wichtiger Teil bildet das klinische Gespräch. Dabei geben Inhalt und Form der Antwort wie auch das nonverbale Verhalten Aufschluss. Frage ich zum Beispiel ein autistisches Kind, ob es eine Lieblingsfarbe hat, dann antwortet es oft mit «Ja». Ein Kind ohne Autismus nennt die Farbe und erwähnt vielleicht noch sein Fahrrad, das dieselbe Farbe hat.
Wie hoch ist das Durchschnittsalter der Kinder, die Sie untersuchen?
Sie können zwischen 1,5- und 18-jährig sein. Im Durchschnitt sind sie etwa 11-jährig. Oft kommen Jugendliche, die zuvor andere Diagnosen erhielten, die nicht alle Auffälligkeiten oder Besonderheiten erklärten.
Wie äusserte sich das Asperger-Syndrom bei Ihnen, als Sie ein Kind waren?
Ich redete kaum. Fragen beantwortete ich nur, wenn ich die Antwort zu 100 Prozent wusste. Es gelang mir auch nicht, Gedanken sprechend zu entwickeln und in Sätze umzuformen. So antwortete ich oft erst, wenn das Thema schon vorbei war. Ich schaute ausserdem meist weg, wenn jemand redete. Sonst wurde ich zu stark abgelenkt von visuellen Reizen und hörte nur wuwuh, wuwuh. Zudem erkannte ich früher Ironie oft nicht. Das ist typisch für Autisten. Das kann zu zwischenmenschlichen Problemen führen.