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Empirische Studien zeigen, dass das generische Maskulin häufig nicht geschlechtsübergreifend interpretiert wird, sondern einen Male Bias trägt.
Empirische Studien zeigen, dass das generische Maskulin häufig nicht geschlechtsübergreifend interpretiert wird, sondern einen Male Bias trägt.
Seit Jahrzehnten diskutieren wir über sprachliche Gleichbehandlung. Viele Menschen beharren auf dem generischen Maskulinum. Aber die Vorstellung, dass es das generische Maskulinum schon immer gab, ist eine Fiktion.
Das generische Maskulinum ist Ausdruck einer traditionellen, patriarchalen Regel: Bei gemischtgeschlechtlichen Gruppen wird die männliche Form verwendet, die alle ansprechen soll. Viele glauben, das sei eine „natürliche“, schon immer dagewesene Form. Das stimmt nicht. Wie bei allem, was Sprache betrifft, handelt es sich beim generischen Maskulinum um eine gesellschaftliche Gebrauchsgewohnheit, nicht natürlicher als geschlechtergerechte Sprache. Es ist ein Spiegel der sozialen Normen, die lange galten – aber nicht mehr unserem heutigen Weltbild entsprechen.
Das Argument, das generische Maskulinum sei „geschlechtsabstrahierend“ und adressiere Geschlechter, ist nicht haltbar. Empirische Studien zeigen, dass diese Form häufig eben nicht geschlechtsübergreifend interpretiert wird, sondern einen Male Bias trägt. Männliche sprachliche Formen rufen in unseren Köpfen mentale Repräsentationen von Männern hervor. Fragt man Studienteilnehmende etwa nach berühmten Musikern oder Wissenschaftlern, nennen sie signifikant mehr männliche Personen, als wenn nach Musikerinnen und Musikern gefragt wird. Studien mit Kindern wiederum zeigen: Mädchen können sich eher vorstellen, typisch „männliche“ Berufe zu ergreifen, wenn bei der Bezeichnung auch die weibliche Form verwendet wird (Ingenieurin, Kfz-Mechatronikerin).
Auch der ökonomische Aspekt von Sprache ist nicht zu unterschätzen: Daten aus über 100 Ländern zeigen, dass in Ländern mit Sprachen, die das Geschlecht stark markieren, geringere Erwerbsbeteiligung und geringere politische Beteiligung von Frauen herrscht.
Das Institut für deutsche Sprache zweifelt außerdem daran, ob es das generische Maskulinum wirklich schon immer gab. So schrieb etwa der Schriftsteller Johann Christoph Gottsched 1748 in seiner „Grundlegung einer deutschen Sprachkunst“: Für Wörter, die männliche Namen, Ämter oder berufliche Tätigkeiten bezeichnen, solle das männliche Geschlecht verwendet werden (der Graf, der Fürst, der Mann). Analog dazu gelte Gleiches für das weibliche Geschlecht: die Frau, die Kaiserin, die Hauptmännin.
Auch ein Blick in das Deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm (19. Jahrhundert) offenbart die Verwendung weiblicher Formen. Das Wort Gästin ist seit dem Althochdeutschen belegt. Allerdings wurden solche Formen wenig verwendet, denn die meisten Positionen im öffentlichen und politischen Leben waren von Männern besetzt und so stellte sich die Frage nach dem Geschlecht einfach nicht. Als Ende des 19. Jahrhunderts mehr gesellschaftliche Rollen auch von Frauen besetzt wurden, lag man Wert darauf, sie explizit mit weiblichen Formen zu bezeichnen. Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich dann jedoch vermehrt das generische Maskulinum durchgesetzt. Heute sind Frauen Lehrerinnen, Politikerinnen, Anwältinnen. Konsequenterweise müsste sich nun also auch die Sprache weiter anpassen, um präzise zu sein.
Kategorie
News
Publiziert am
12.01.2022
Hashtag
#diewirtschaftsfrau #politik
Dr. Simone Burel
Dr. Simone Burel ist Geschäftsführerin der LUB GmbH, die sie 2015 auf Basis ihrer
Dissertation über die Sprache der DAX-30-Unternehmen gegründet hat. LUB
optimiert die Prozesse ihrer Kund:innen in den Bereichen Leadership, CSR, Gender &
Diversity, Customer Care und Change.