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Wenn Tetsuwan Atomu – so heisst Astro Boy in seinem Geburtsland Japan – Kekse zu sich nimmt, kann er sie zwar hinunterschlucken, muss sie aber später aus einem kleinen Beutel in seinem Brustkorb holen und wegwerfen. Auch kann er weder Liebe noch Angst empfinden, Tränen vergiesst er nur dank einem technischen Feature. Astro Boy ist ein kleiner Roboter-Junge und dem Menschen in einfach allen Dingen überlegen. Was ihn auch betrübt: gerne wäre er einer von ihnen.
Gott des Manga
Astro Boy verkörpert den japanischen Traum vom menschenfreundlichen Roboter schlechthin, die Idee des sozialen Roboters als Freund und Helfer des Menschen. Er gilt in Japan als Symbol für technologischen Optimismus, auch wenn er nicht mehr der Jüngste ist: Der Manga Zeichner Tezuka Osamu hat den kleinen Blechmann 1951 erfunden. «Gott des Manga» nennen seine Fans den Zeichner ehrfürchtig.
Er stattete Tetsuwan Atomu nicht nur mit praktischen Tools aus wie Düsenantrieb an Füssen und Händen, die tausendfache Verbesserung seines Gehörs per Knopfdruck, Suchscheinwerferfunktion in den Augen, Maschinengewehre in den Hüften, sondern auch, das «Atomu» (Atom) in seinem Namen verrät es, mit einem von Atomenergie betriebenen Herzen. 1951 notabene, als die Niederlage im Zweiten Weltkrieg und die Abwürfe der Atombomben «Little Boy» und «Fat Man» über Hiroshima und Nagasaki gerade mal sechs Jahre zurücklagen.
Minderwertigkeits-Komplex in Sachen Wissenschaft
«Mir wurde bewusst, dass Japan den Krieg wegen Wissenschaft und Technologie verloren hatte. Während die US Amerikaner Atombomben abwarfen, versuchte das japanische Militär, in Amerika Waldbrände zu verursachen: mittels Ballons aus Bambus und Papier, die sie in die Jet Streams sandten. Wir entwickelten einen Minderwertigkeitskomplex in Sachen Wissenschaft», kommentierte Astro Boys Erfinder die damalige Situation.
Diesen Minderwertigkeitskomplex versuchte Tezuka Osamu mit der Schöpfung der moralisch und technologisch überlegenen Figur Astro Boy zu überwinden. Auch die Verleger seiner Mangas sollen Druck auf den Zeichner ausgeübt haben, heisst es, eine Geschichte zur positiven Nutzung von Technik zu zeichnen, um die japanische Jugend auf Wissenschaft und Technologie einzuschwören.
Maskottchen der Robotik
Die Popularität der Manga-Reihen und Anime-Serien trug in den folgenden Jahren massgeblich dazu bei, dass der Begriff «Atomu» einen Wandel in der Bedeutung vollzog: von der negativen Assoziation mit den Atombomben von Hiroshima und Nagasaki hin zu einer positiven Wahrnehmung von wissenschaftlichem und technischem Wandel.
Astro Boy wurde in den 1980er Jahren geradezu zum Maskottchen der Robotik erkoren und beflügelte die Imagination der japanischen Robotik-Forschung und -Entwicklung nachhaltig. Immer wieder betonten führende Roboter-Entwickler dieser Zeit den Einfluss von Tetsuwan Atomu auf ihre Arbeit, immer wieder suchten sie auch das Gespräch mit seinem geistigen Schöpfer Tezuka Osamu.
Der Tetsuwan Atomu-Traum
«Die japanische Robotik ist vom ‹Tetsuwan Atomu-Traum› beseelt und wird durch ihn gelenkt. Wenn es keine Geschichten und Romane gäbe, gäbe es auch keine Robotik, davon sind die führenden Roboter-Forscher und -Entwickler fest überzeugt», zitiert die Japanologin Cosima Wagner in ihrem Buch «Robotopia Nipponica» den emeritierten Professor für Weltraumtechnik und Maschinenbau am Tokyo Institute of Technology, Umetani Yoji.
Natürlich ist in der Roboter-Narration mittlerweile eine Vielzahl an Figuren dazugekommen, die bei jungen Fans eine grössere Popularität geniessen, als der in die Jahre gekommene Astro Boy. «Dennoch ist die Figur in der japanischen Öffentlichkeit nach wie vor bzw. wieder präsent», sagt Cosima Wagner, «weil sie seit den 2000er Jahren durch Kampagnen der japanischen Regierung zur Förderung von Roboter-Technologie für die alternde Gesellschaft wieder – wie schon früher – als beliebig einnehmbarer Charakter verwendet wird. Sogar in Regierungspapieren von Strategie-Kommissionen lassen sich Zitate in Bezug auf die Pop-Kultur finden.»
Anime im Labor
Auch bei einem Prestige-Projekt der Firma Honda, der Entwicklung ihres humanoiden Roboters «Asimo», stand Astro Boy als ideelles Vorbild Pate, mindestens wurde das von Ingenieuren in Interviews immer wieder so kolportiert. «Natürlich haben die nicht gesagt, wir wollen einen Astro Boy bauen, einen Superhelden als Roboter. Aber die Serie stand im Labor, einfach um sich die Idee zu vergegenwärtigen,» erzählt Wagner. «Und es ist ja ebenso spannend, inwiefern solche Leitbilder wirklich auch handlungsmotivierende Funktionen haben. Zu sehen, wie sie verwendet, wie sie zitiert werden.»
Astro Boy, der kleine Roboter-Junge im Blech-Anzug, ist bis heute mehr, als nur eine Manga-Figur.
Buchhinweis
Cosima Wagner: «Robotopia Nipponica», Tectum Verlag, 2013.