Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03203.jsonl.gz/2381

Laozi, 6. Jhd. v. Chr., Emigrant,verborgene Gestalt(auch “Lao Tse” geschrieben)
9 Über seine Schulter sah der AlteAuf den Mann: Flickjoppe. Keine Schuh.Und die Stirne eine einzige Falte.Ach, kein Sieger trat da auf ihn zu.Und er murmelte: „Auch du?"10 Eine höfliche Bitte abzuschlagen War der Alte, wie es schien, zu alt.Denn er sagte laut: „Die etwas fragenDie verdienen Antwort.“ Sprach der Knabe: „Es wird auch schon kalt.“„Gut, ein kleiner Aufenthalt.“11 Und von seinem Ochsen stieg der WeiseSieben Tage schrieben sie zu zweitUnd der Zöllner brachte Essen (und er fluchte nur noch leiseMit den Schmugglern in der ganzen Zeit).Und dann war's soweit.12 Und dem Zöllner händigte der KnabeEines Morgens einundachtzig Sprüche ein.Und mit Dank für eine kleine ReisegabeBogen sie um jene Föhre ins Gestein.Sagt jetzt: kann man höflicher sein?13 Aber rühmen wir nicht nur den WeisenDessen Name auf dem Buche prangt!Denn man muß dem Weisen seine Weisheit erst entreißen.Darum sei der Zöllner auch bedankt:Er hat sie [die Weisheit] ihm abverlangt.
4 Doch am vierten Tag im FelsgesteineHat ein Zöllner ihm den Weg verwehrt:„Kostbarkeiten zu verzollen?“ - „Keine.“Und der Knabe, der den Ochsen führte, sprach:"Er hat gelehrt.“Und so war auch das erklärt.5 Doch der Mann in einer heitren RegungFragte noch: „Hat er was rausgekriegt?“Sprach der Knabe: „Daß das weiche Wasser in BewegungMit der Zeit den harten Stein besiegt.Du verstehst, das Harte unterliegt.“6 Daß er nicht das letzte Tageslicht verlöreTrieb der Knabe nun den Ochsen anUnd die drei verschwanden schon um eine schwarze FöhreDa kam plötzlich Fahrt in unsern MannUnd er schrie: „He, du! Halt an!7 Was ist das mit diesem Wasser, Alter?“Hielt der Alte: „Interessiert es dich?“Sprach der Mann: „Ich bin nur ZollverwalterDoch wer wen besiegt, das interessiert auch mich.Wenn du's weißt, dann sprich!8 Schreib mir's auf! Diktier es diesem Kinde!So was nimmt man doch nicht mit sich fort.Da gibt's doch Papier bei uns und TinteUnd ein Nachtmahl gibt es auch: ich wohne dort.Nun, ist das ein Wort?“
Bertolt Brecht schrieb 1938, als Emigrant in Dänemark, folgendes Gedicht. „Legende von der Entstehung des Buches Tao Te King auf dem Weg des Laotse in die Emigration“1 Als er Siebzig war und war gebrechlichDrängte es den Lehrer doch nach RuhDenn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlichUnd die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu.Und er gürtete die Schuh.2 Und er packte ein, was er so brauchte:Wenig. Doch es wurde dies und das.So die Pfeife, die er abends immer rauchteUnd das Büchlein, das er immer las.Weißbrot nach dem Augenmaß.3 Freute sich des Tals noch einmal und vergaß esAls er ins Gebirg den Weg einschlugUnd sein Ochse freute sich des frischen GrasesKauend, während er den Alten trug.Denn dem ging es schnell genug.
Ochse = Symbol für die elementare Aspektedes Lebenskraft (=des Flow), in der Natur des Menschen. Ihre sinnvolle Entfaltung bedarf der geduldigen und weisen (pfiffigen) Lenkung des Reiters.Laozi reitet nach Westen: Weisheit gibt es erst, wenn das ganze, reife Leben in Betracht gezogen wird. Ein Junge führt (nicht im Bild) den Ochsen: Das nächste Glied in der Generationenkette. Weisheit hat man nicht nur für sich selbst, sondern für die nachfolgenden Generationen