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WOHIN MIT DEM HOCHGEFÄHRLICHEN MÜLL?
Die Übersicht:Wo in Europa befinden sich Endlager? Die Infografik und weitere Infos zum Thema. Zum Artikel
Das Kernkraftwerk Leibstadt hat die Menschen aus der Region zum Herbstmarkt eingeladen. Der Duft von Bratwürsten liegt in der Luft. Wer sich näher für die Atomenergie interessiert, findet im Besucherzentrum Informationen, auch zur Endlagerung.
Aber fast niemand weiss so gut über das Dilemma Bescheid wie Charles McCombie. Seine bereits 35 Jahre dauernde Suche nach Endlagerstandorten in der Schweiz und weltweit hat ihn von der Berner Grimsel bis ins japanische Rokkasho in der Präfektur Aomori, vom Wellenberg und dem Jura bis ins australische Outback, nach Südkorea und Russland geführt. Heute ist er mit seiner Firma MCM International und einer Handvoll wissenschaftlicher Angestellter in vielen weiteren Ländern forschend und planend engagiert, so unter anderem auch in den Arabischen Emiraten, in Deutschland, Schweden und Finnland.
In die Schweiz kam der Schotte 1974, zuerst ans Paul Scherrer Institut, dann zur Nagra (Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle), die ihn und seine jungen Kollegen mit der Aufgabe beauftragt hatte, das Schweizer Programm für die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle zu entwickeln. «Projekt Gewähr» hiess es — und es sollte nachweisen, dass der hochgefährliche Müll, der hierzulande bereits seit 1969 produziert wird, sicher versorgt werden kann.
McCombie erinnert sich: «Wir hatten technisch zusammen mit Schweden weltweit die Nase vorn. 1985 kamen wir zum Schluss, dass die Endlagerung sicher gemacht werden könnte — aber der Nachweis eines geeigneten Standorts war noch zu erbringen.» Der Bund entschied, dass die Schweizer AKW nicht abgeschaltet werden müssen. McCombie und Kollegen wandten sich mit der Forschung nun prioritär dem Opalinustongestein zu.
Ich setze mich dafür ein, dass ein Endlager von der Allgemeinheit als machbar angesehen wird.
Charles McCombie, inzwischen 68 Jahre alt, lebt noch immer in der Schweiz, im aargauischen Oberfrick. Es könnte sein, dass quasi vor seiner Haustür dereinst das Schweizer Endlager gebaut würde, im Bözberg — denn dort hat es dieses Tongestein, das für die Endlagerung heute als ideal angesehen wird. Auch er ist dieser Meinung. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Vor 2040, so die allgemeine Schätzung, wird es in der Schweiz kein Endlager geben.
Auf die Frage, was die Suche so schwierig mache, weshalb man noch nirgendwo auf der Welt ein Endlager für hochradioaktive Abfälle bauen konnte, seufzt der Vater von drei Kindern erst mal. Dann erklärt er ruhig und sachlich: «Man kann nur dort ein Endlager bauen, wo die Menschen einverstanden sind. Rein geologisch betrachtet, gäbe es mehrere potenzielle Standorte.»
Lagerung in Erdschichten, die seit Jahrmillionen stabil sind
Charles McCombie war es, der mit seinen Kollegen von der Nagra den Wellenberg zum geeigneten Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle (SMA) erklärt hatte. 1995 scheiterten sie am überraschend heftigen Widerstand der Bevölkerung. Jetzt, bald 20 Jahre später, ist der Wellenberg erneut auf der Liste der sechs potenziellen Tiefenlagerstandorte für schwach- und mittelradioaktive Abfälle, obwohl es einst geheissen hat, er sei definitiv vom Tisch (s. Box rechts unten). Die anderen Standorte liegen wie der Bözberg alle im nördlichen Mittelland — drei von ihnen kommen für die Nagra auch für hochradioaktive Abfälle (HAA) in Frage.
Verschiedene Faktoren entscheiden darüber, wo überhaupt weiter geforscht werden soll, vor allem das Gestein im Untergrund ist zentral: Es muss unter anderem wasserundurchlässig sein, denn die Behälter, in denen die hochradioaktiven Brennstäbe «versorgt» werden, müssen 100 000 und mehr Jahre dicht sein, genauer weiss mans nicht.
In der Schweiz verlangt das Kernenergiegesetz, dass die Verursacher des Mülls für dessen Entsorgung verantwortlich sind, also die Kernkraftwerkbetreiber. Sie haben dafür 1972 die Nagra gegründet. Ihr Ziel ist es, «die radioaktiven Substanzen sicher einzuschliessen». Nur: Was heisst sicher? Wie kann man mit Sicherheit voraussagen, was in 200, 1000 oder 50 000 Jahren sein wird?
«Es stimmt, es gibt keinen mathematischen Sicherheitsnachweis», sagt Charles McCombie. Jutta Lang von der Nagra sagt ebenfalls: «Ja, es gibt keine 100-prozentige Sicherheit. Aber wir gehen in Erdschichten hinunter, die schon über Jahrmillionen stabil sind.»
Unzählige technische Fragen gilt es noch zu klären, bevor das erste Endlager für radioaktive Abfälle in der Schweiz gebaut werden kann. Charles McCombie hat den Glauben daran, dass er es noch sehen wird, längst verloren. Dennoch ist er weder resigniert noch verbittert. Er sagt: «Ich wehre mich gegen die Haltung des ‹Aus den Augen, aus dem Sinn›. Wir müssen für die Abfälle, die wir den nachfolgenden Generationen hinterlassen, die Verantwortung übernehmen. Deshalb setze ich mich dafür ein, dass ein Endlager für hochradioaktive Abfälle von der Allgemeinheit als machbar und sicher angesehen wird.»
Atombefürworter und -gegner sind sich einig: Endlager brauchts
Es gab Zeiten, in denen der Endlagerexperte auch als «McZombie» bezeichnet worden war. Er sagt: «Direkt ins Gesicht hat mir das nie jemand gesagt.» Atomphysiker ist er geworden, weil ihn die Endlichkeit des Erdöls umtrieb, er hielt in den 70er-Jahren in England sogar Vorträge, in denen er auf die Gefahren des rücksichtslosen Aufbrauchens von Ölreserven hingewiesen hat. Die Atomenergie schien ihm die einzige Lösung aus dem Energiedilemma, und er ist sich in dieser Frage bis heute treu geblieben.
Das aktuelle Vorgehen von Nagra und Bundesamt für Energie beobachtet er als nicht mehr Involvierter dennoch aus kritischer Distanz. Eigentlich sind sich heute die Gegner und die Befürworter der Atomenergie ja grossmehrheitlich einig: Es braucht Endlager. Aber wie überzeugt man die Leute davon? Für McCombie ist klar: «Nur, indem man sie mitentscheiden lässt.» Ist das gewährleistet, bleibt der Optimist optimistisch: «Es wird den Leuten einleuchten, dass ein Endlager ein Dienst an der Allgemeinheit ist. Sobald diese Notwendigkeit erkannt ist, kann man auch anfangen, darüber zu diskutieren, was man dafür erhält, als Gemeinde, an Arbeitsplätzen …» Und an Geld? «Ja, auch an Geld.»
Autor: Esther Banz