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Das Forschungsprojekt befasst sich mit der schweizerischen Geologie um 1900. Mit ihren tektonischen Studien waren die schweizerischen Geologen, allen voran Albert Heim, Hans Schardt und Emile Argand, international tonangebend. Ausgehend von dem Umstand, dass sich die Forschung über das Profil der Erdoberfläche und die Mechanismen der Gebirgsbildung im Alpenraum mit Untersuchungsgegenständen sehr großen Maßstabs beschäftigte, wird gefragt, welche methodischen Herausforderungen sich daraus für die Wissensgenerierung ergaben. Wie wechselte die Geologie zwischen Phänomenen oder Hypothesen unterschiedlicher Größenordnungen hin und her? Wie überführte sie die unterschiedlichen Maßstäbe ineinander? Es geht mithin darum, die wissenschaftliche Erkenntnisproduktion und Objektivitätssemantik der überwiegend feldwissenschaftlich arbeitenden Geologie zu beschreiben. Das Konzept des „Maßstabs“ soll als epistemologisches Schlüsselkonzept der Geologie um 1900 analysiert und historisiert werden.
Zur Operationalisierung sind drei Untersuchungsschritte geplant. Zum einen rückt eine langjährige wissenschaftsinterne Debatte in den Blick. Zwischen 1878 und 1902 stritt man um die Interpretation der Glarner Alpen als eine tektonische „Doppelfalte“. Nach dieser Interpretation stellte die Bergkette im Glarus eine geologische Besonderheit dar, die tektonisch nur als lokale Ausnahme zu erklären war. Die Interpretation wurde schließlich zugunsten der so genannten Deckentheorie aufgegeben, die die Glarner Alpen in tektonische Verschiebungen größerer Reichweite einordnete. Zum anderen wird ein bahngeologisches Projekt näher untersucht: Die Deckentheorie konnte mit Hilfe der geologischen Forschung, die den Bau des Simplontunnels (1898 bis 1905) begleitete, empirisch überprüft und gefestigt werden. Die engen personellen Verschränkungen erlauben es, diese beiden Episoden detailliert aufeinander zu beziehen.
Es wurden noch mehr Theorien über tektonische Horizontalverschiebungen formuliert. Emile Argand, Schardts Nachfolger als Geologieprofessor in Neuchâtel, war der erste Rezipient von Alfred Wegeners seit 1912 vorgetragener Idee des Kontinentaldrifts in der Schweiz. Er stellte sie der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft im November 1916 unter Betonung des umfassenden Bildes vor, das sie von der Entstehung der Erdoberfläche zu geben imstande wäre. Die Idee des Kontinentaldrifts beruhte auf einem einzigen Erklärungsprinzip statt auf einer Vielzahl lokaler, oft widersprüchlicher Theorien. Die Attraktivität von Wegeners allgemein als hochspekulativ angesehenen Erklärung, die schließlich einer Neufundierung der gesamten Geologie den Weg bereitete, lag in dieser Verallgemeinerbarkeit: Der Geltungsbereich der Theorie war mit dem Untersuchungsgegenstand Erde koextensiv. Die dritte Fallstudie untersucht den Aneignungsprozess, in dessen Verlauf Emile Argand die Kontinentaldrifttheorie an die schweizerische geologische Denktradition und Forschungspraxis anschlussfähig machte.
Alle drei Fallstudien berühren auch sozial- und kulturgeschichtliche Fragen. Wie können die Beziehungen beschrieben werden, die die Disziplin der Geologie zur schweizerischen Gesellschaft und ihrem Staat unterhielt? Und wie lässt sich der Beitrag abschätzen, den die Tektonik und ihr sich wandelndes Wissen über die Erde für ein um 1900 florierendes „Denken im Weltmaßstab“ lieferten? Für dieses Denken war eine intensivierte wissenschaftliche Zusammenarbeit auf internationaler Ebene (Erdbebenforschung, meteorologische Forschung) ebenso symptomatisch wie die Konjunktur von internationalen Verwaltungsunionen (Weltpostverein, Internationaler Verein für Maß und Gewicht), die Rede vom „Weltverkehr“ oder Projekte einer „Welthilfssprache“.