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Es ist sehr gut, wenn sich PrognostikerInnen bei einem Abstimmungsergebnis von Zeit zu Zeit kräftig irren – denn sonst könnte man ja die Demokratie durch PrognostikerInnen ersetzen. Wenn nun das Schweizer Fernsehen nach dem Prognose-Versagen bei der Anti-Minarett-Abstimmung zukünftig auf die Dienste des Polit-Prognostikers (und auch Polit-Clowns) Claude Longchamp verzichten will, lässt SF damit erkennen, dass die FernsehmacherInnen das grundlegende Wesen von Prognosen – siehe Titel dieses Blogbeitrages, als Zitat mit diversen Quellen – nicht verstanden haben.
Ich habe während Jahren meine persönlichen Abstimmungsprognosen gemacht, ausschliesslich für den Kanton Zürich, ausschliesslich zu Themen aus dem Umweltbereich. Ich habe allerdings die Prognosenergebnisse nie öffentlich gemacht – und damit kann ich jetzt natürlich behaupten, meine Prognosen seien wesentlich genauer gewesen als jene von Claude Longchamp.
Wie habe ich meine Prognosen erstellt? Ich habe in meinem Computer eine Sammlung von einer sehr grossen Zahl von Zürcher Gemeindeergebnissen zu kantonalen und eidgenössischen Abstimmungen und Wahlen. Vor Abstimmungen habe ich mir aufgrund zum Beispiel der Parolenfassungen der Parteien oder aufgrund der Leserbriefseiten in verschiedenen Zeitungen überlegt, wie „treu“ ParteiwählerInnen die Abstimmungsparolen befolgen dürften. Grundlage war eine grosse Zahl „historischer“ Abstimmungen, bei denen die „Treuheit“ ermittelt werden konnte. Wesentliches Hilfsmittel war dabei ein Statistik-Auswerte-Programm (Freeware, heute nicht mehr auf dem Markt, heute würde ich wahrscheinlich R verwenden). Nach jeder Abstimmung habe ich analysiert, wie genau meine angenommenen Parteitreuheitswerte mit dem tatsächlichen Ergebnis übereinstimmten. Bei einer grösseren Zahl von Abstimmungen liess sich damit sogar etwas wie eine Veränderung der Parteiverbundenheit ablesen, was eigentlich sogar die Prognose von Wahlergebnissen möglich machen würde.
Nun, es gab selbstverständlich immer auch grössere Ausreisser, nicht unbedingt beim Gesamt- wohl aber bei den Gemeindeergebnissen. Eine kommunale Abstimmungsvorlage oder eine kommunale Wahl waren dann meist die Ursachen – ob einzelne Parteien „wetterfühliger“ sind als andere, z.B. schlechtere Stimmbeteiligung wegen Ski-Wetter am Abstimmungswochenende, konnte ich dabei allerdings nicht ermitteln.
Spätestens mit der Einführung des brieflichen Abstimmungs- und Wahlverfahrens habe ich meine Prognoserechnungen eingestellt – in den drei bis vier Wochen vor einer Abstimmung kann noch einiges passieren, was insbesondere SpätabstimmerInnen noch beeinflussen kann.
Zudem: ich erachte Prognosen aus polithygienischen Gründen für schlecht. Polit-Prognosen neigen eben nicht zur Selbsterfüllung, sondern beeinflussen sehr direkt das Ergebnis. Wenn die Prognose lautet „die Anti-Minarett-Initiative wird abgelehnt“, so heisst dies für potentielle NeinstimmerInnen, dass ihre Abstimmungsteilnahme voraussichtlich nicht nötig ist – im Gegensatz dazu strengen sich Ja-SagerInnen nocmals an, werben im Bekanntenkreis, lassen sich nochmals Spenden für einen zusätzlichen Werbeeffort ausreissen.
Im übrigen: die Analyse des Abstimmungsergebnisses für den Kanton Zürich vom 29.11.09 nach der Abstimmung zeigt Parteitreuheitswerte im üblichen Erwartungsbereich – „mein“ Verfahren hätte also zumindest für den Kanton Zürich bei durchaus plausiblen Annahmen das Endergebnis recht genau abschätzen können. 51.81 Prozent Ja-Stimmenanteil war das Ergebnis – die „recht genaue“ Prognose könnte aber auch heissen 49 oder 55 Prozent Ja-Stimmenanteil! Dies heisst: aus Prognosesicht kann nur gesagt werden, ob eine Abstimmung deutlich oder knapp entschieden wird – bei erwartetem knappem Ausgang ist die Aussage über Annahme oder Verwerfung einer Vorlage Zufall respektive nicht prognostizierbar! Wer sich bei knappem Ausgang eine Ja-/Nein-Prognose entlocken lässt – oder eine solche entlocken will, betreibt politisches Unterhaltungsbusiness, macht sich zum Politik-Clown!
Fazit: Abstimmungs-Prognosen lässt man lieber bleiben.
P.S. Dass Prognosen, die veröffentlicht werden, einige Wochen vor dem Abstimmungstermin zu erfolgen haben, erschwert die Aufgabe der PrognostikerInnen sehr. Dass die offizielle öffentliche Meinung ein ehrliches Outing bei einer individuellen Befragung zulässt, muss gerade bei dieser Abstimmungsfrage bezweifelt werden. Das Scheitern des Prognostikers liegt somit ausschliesslich beim Auftraggeber!