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An dieser Stelle #3: Unbegrenzt und unbezahlbar
Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten scheint mir vieles unmöglich. Das jedenfalls ist ein vorläufiges Fazit, das ich in der Hitze einer Sauna für mich formulierte (und ich möchte darauf hinweisen, dass man hier in meiner Ecke von Amerika im Badeanzug in die Sauna geht, weshalb ich sie überhaupt besuche, was ich sonst nicht machen würde, wie ich einmal in dieser Kolumne erwähnte, woran sich einige allenfalls noch erinnern). Es war nämlich so, dass ich nach dem Schwimmen im öffentlichen Hallenbad eben noch in dieser Sauna landete, in der bereits andere Frauen waren. Sofort begann ein Gespräch, weil hier immer sofort ein Gespräch beginnt. Und irgendwie kamen wir, kamen sie darauf, dass sie in diesem Land nicht alt werden möchten. Sie können es sich schlicht nicht leisten. Ich sass, wie sich herausstellen sollte, neben einer alleinerziehenden Mutter und einer Künstlerin, die beide sehr konkrete Pläne hatten, wo sie nach ihrer Pensionierung hinziehen werden, damit sie von ihrem Geld noch einigermassen anständig leben können. Es sei für sie unmöglich, weiterhin in den USA zu leben, sollten sie einmal nicht mehr arbeiten können oder, noch viel schlimmer, krank werden im Alter. Das kann sich eigentlich niemand leisten, dafür muss man nicht alleinerziehend oder Künstlerin ohne festes Einkommen sein. Ich erschrak ziemlich über die Ernsthaftigkeit und auch Selbstverständlichkeit dieser Pläne. Es war nicht einfach dahingesagt. Diese Frauen würden ihr Leben nicht in den USA zu Ende leben. Das wäre unbezahlbar für sie.
Jetzt ist es leider nicht so, dass das Leben in jüngeren Jahren grundsätzlich bezahlbarer wäre. Die Ausbildung beispielsweise ist furchtbar teuer, vom Kindergarten bis zur Uni. Es gibt richtig gute öffentliche Schulen, das ist so, aber weil man diesen auch hier nach Wohnort zugeteilt wird, sind die Mieten im Radius eben dieser guten Schulen dermassen ins Unermessliche gestiegen, was den Vorteil der kostenlosen öffentlichen Schulen wieder relativiert. Wer es irgendwie hinkriegt, bezahlt eine Privatschule. Das sind Gebühren von mindestens 30 000 Dollar pro Kind und Jahr, wobei das eher noch günstig ist. Die Banken bieten dafür unüberschaubar viele Sorten von Ausbildungs-Sparfonds an. Weil öffentliche Schulen hin oder her, spätestens für die Uni wird es teuer. Unbezahlbar teuer.
Bei den meisten reicht der monatliche Lohn allerdings nicht noch für das Sparen, sondern wird für den Alltag aufgebraucht. Dann muss man ein Darlehen aufnehmen für das Studium. So eines hat auch der Hockeycoach meines älteren Sohnes aufgenommen, damals. Er und seine Frau haben nun zwei Kinder und kauften sich gerade ein Haus. Bis dahin lebten sie in einer kleinen Wohnung, die 2500 Dollar kostete, er zahlte monatlich sein Darlehen fürs Studium ab (3000 Dollar) und hatte die weiteren, üblichen Nebenkosten zu zahlen. Wäre sein Schwiegervater nicht Anfang Jahr gestorben und hätte dieser ihnen nicht ziemlich viel Geld vermacht – es wäre noch viele Jahre so weitergegangen.
Wie soll ich es sagen: Nicht alle haben das Glück, so früh zu erben (was jetzt nicht falsch verstanden werden soll). Ich sehe hier fast nur Menschen, die sich im ständigen Rück- oder Vorauszahlungsmodus befinden. Das mag in der Schweiz nicht grundsätzlich anders sein, aber hier fehlt das Netz, das einen im allerletzten Moment noch auffängt, wenn es schief geht.
Und das tut es ziemlich regelmässig. Denn wie das Beispiel des Coach zeigt, reicht ein normaler Lohn nicht weit. Dann kommen die Kreditkarten ins Spiel. Es braucht relativ viel Anstrengung, nicht gleich mehrere davon zu haben, die Werbung dafür ist aggressiv.
Während Corona haben wir in der Schweiz gemerkt, was für existenzielle Folgen der Ausfall eines einzigen Monatslohnes hat. Hier ist das Alltag, auch ohne Pandemie. Die Menschen stehen in der Regel auf hauchdünnem Eis, was ihre finanzielle
Sicherheit angeht, hangeln sich von Monat zu Monat, von Kreditkartenlimit zum nächsten. Geht nur etwas schief, wird die Hausbesitzerin mit Job rasant schnell obdachlos. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, so scheint mir, ist ein Leben in finanzieller Sicherheit unbezahlbar.