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Es scheint, als hätte Emily Dickinson ihr Leben ganz bewusst in den Dienst ihres Nachlebens gestellt. Ihr Leben dauerte von 1830 bis 1886 und spielte sich in der High Society des neu-englischen College-Städtchens Amherst in Massachusetts, USA, ab.
Die Dickinsons waren eine prominente, streng puritanische Familie. Sie bildeten ihre Kinder – auch die Mädchen – gut aus. Emily war in jungen Jahren eine aufsehenerregende Frau, sprühte vor Intelligenz, Witz und Spottlust. Später wurde sie öffentlichkeitsscheu und verliess ihre Wohnung kaum noch.
Schreiberin und Leserin
Dickinson unterhielt aber eine riesige, weitläufige Korrespondenz. Und als enthusiastische Leserin war sie sehr gut auf dem Laufenden über die politische Debatten, die Literatur und den Literaturbetrieb ihrer Zeit.
Und Emiliy Dickinson schrieb über 1800 Gedichte, die sie sorgfältig in selbst zusammengenähten Büchlein sammelte. Zu Lebzeiten veröffentlichte sie gerade einmal zehn Gedichte, obwohl es ihr an Publikationsmöglichkeiten nicht mangelte. Hinzu kommt: Die zehn Gedichte publizierte sie anonym. Warum nur diese Verweigerung?
Dickinsons Verweigerung
Die in Zürich lebende Anglistin Gunhild Kübler hat während 15 Jahren sämtliche Gedichte von Dickinson ins Deutsche übersetzet und nun publiziert. Über Dickinson sagt sie: «Ihre Lyrik ist mutig, frei und radikal in der Erforschung von Lebens- und Liebesfragen, verwegen bis zur Blasphemie in der Durchleuchtung von Glaubensinhalten und mitunter schockierend rückhaltlos im Ausmass der Selbstenthüllung. Kein Wunder, dass sie ihre Kühnheiten lebenslang unter Verschluss hielt.»
Eine Welt, die nicht antwortet
Ein bekanntes Gedicht von Dickinson lautet so:
This is my letter to the World
That never wrote to Me -
The simple News that Nature told -
With tender Majesty
Her Message is committed
To Hands I cannot see -
For love of Her – Sweet – countrymen -
Judge tenderly – of Me
Dies ist mein Brief an eine Welt
Die niemals schrieb an Mich -
Was schlicht mir die Natur berichtet -
Sanft, würdig, herrscherlich
Ihr Anliegen wird anvertraut
Mir unbekannten Händen -
Um Ihretwillen - Liebe - Landsleut
Wollt auch von Mir sanft denken
Oft wird dieses Gedicht so verstanden: Dickinson schreibt Gedichte, erhält aber von ihrer Gegenwart keine Resonanz. Sie bleibt die ewig Unverstandene. Wenn aber die Vermutung von Gunhild Kübler stimmt – und alles spricht dafür –, dass Dickinson die Publikation ihrer Gedichte bewusst verweigerte, um sich ihre geistige Freiheit zu erhalten, so wären ihre Gedichte viel eher Briefe an die Nachwelt, Briefe an uns.
Eine Wette auf die Zukunft
Das hiesse auch: Diese Frau hatte nicht nur eine verblüffend genaue und richtige Einschätzung ihrer Begabung und ihrer Zeit. Sie wusste nicht nur, wie revolutionär ihre Gedanken und Empfindungen waren. Sie ging auch eine mutige Wette auf die Zukunft ein. Sie widmete ihr Leben ihrem Nachruhm.
Ihre Rechnung ist aufgegangen, die Wette gewonnen: Nach langen Jahren des Vergessens sind japanische, italienische und französische Dickinson-Gesamtausgaben erschienen. Über tausend ihrer Gedichte sind ins Chinesische übersetzt. Und auch wir im deutschen Sprachraum erhalten nun die erste, vollständige Dickinson-Ausgabe. Im Unterschied zu ihren Zeitgenossen können wir, die Nachgeborenen, Dickinson nun also so lesen, wie sie gelesen sein wollte: «tenderly», sanft und genau.
Buchhinweis
Emily Dickinson: «Sämtliche Gedichte». Zweisprachig und übersetzt von Gunhild Kübler. Carl Hanser Verlag, 2015.
Sendehinweis
Die Gedichte von Emily Dickison werden auch im Literaturclub am 7. April 2015 um 22:20 Uhr auf SRF 1 besprochen.