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Mit «Va’ Pensiero. Geschichte eines Fremdarbeiters aus Ligurien» legt Sergio Giovannelli ein Dokument vor, das über seinen Wert als autobiographische Studie hinaus repräsentativ wird für eine nunmehr bereits historisierte Phase der neueren Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Schweiz. Es handelt sich um jene von der Hochkonjunktur geprägte Phase der Migration in der Mitte des letzten Jahrhunderts, bei welcher Italiener – teils als Saisonniers, teils als Daueraufenthalter – das Erscheinungsbild des Ausländers in der Schweiz mehr als alle anderen Zuzüger prägten.
«Und die Italiener fuhren zu Tausenden ab, gesellten sich im Ausland zu jenen Millionen, die schon vor ihnen gegangen waren; nach Übersee, Nord- und Südamerika, Australien und eben: Nordeuropa. Möglicherweise gab es geheime Abkommen der italienischen Regierung mit den ausländischen Arbeitgebervereinigungen, mit dem Ziel, den sozialen und politischen Druck im Innern abzuschwächen und aus stark politisierten Arbeitern, wie sie beispielsweise aus dem Raum Genua und der Emilia-Romagna kamen, eine willige anonyme Masse zu bilden, mit wenig Rechten und einer Unmenge Pflichten, manövrierbar je nach Hochkonjunktur oder Rezession.» Ob diese Darstellung für die damalige Einwanderungswelle vollumfänglich zutrifft, darf im Detail bezweifelt werden. An der Wahrhaftigkeit des Verfassers gibt es indes keinen Zweifel. Für ihn und seinesgleichen trifft der Hinweis auf die starke Politisierung der Gastarbeiter ohne Zweifel zu. Giovannelli war in der linken Colonia Libera Italiana organisiert, die sich ursprünglich scharf von der antikommunistischen Konkurrenz der Christlichen Arbeitnehmervereinigung ACLI abhob. Erst zur Zeit der Überfremdungsinitiativen kamen die Organisationen einander näher, so wie überhaupt der politisierende Arbeiter Giovannelli bei kirchlichen Organisationen, etwa der katholischen Paulus-Akademie in Zürich, nach eigenem Zeugnis stets eine aufgeschlossene Aufnahme fand.
Sergio Giovannelli war – als engagierter linker Gewerkschafter, Funktionär und Publizist im Umfeld der organisierten Interessenvertretung – im Vergleich zur grossen Mehrheit der italienischen Einwanderer wohl ein überdurchschnittlich politisierter Gastarbeiter. Trotzdem und vielleicht sogar deswegen ist seine Autobiographie als zeitgeschichtliches Zeugnis in höchstem Grade aussagekräftig. Wie es Sergio Giovannelli gelingt, etwa am Beispiel seines Stiefvaters und seiner Mutter, das Milieu der norditalienischen Arbeiterschaft um La Spezia einzufangen, erinnert in der Anschaulichkeit der atmosphärisch starken Schilderung dann und wann an Filme von Vittorio de Sica und Luchino Visconti. Das eigene, von seelischen wie auch physischen Verwundungen geprägte Schicksal erfährt – jenseits von Selbstmitleid – eine erschütternde Glaubwürdigkeit. Dann und wann ist auch eine gesunde Portion Selbstironie mit im Spiel, besonders wenn es um das fragile Verhältnis zum anderen Geschlecht geht.
Zeitgeschichtlich wertvoll und erzählerisch vergnüglich sind die mit «Il pane degli altri» überschriebenen Kapitel über die verschiedenen Arbeitsstellen zu lesen, einschliesslich des starken Motivs «Bahnhof», der Charakterisierung patriarchaler Arbeitgeber und matriarchaler Zimmervermieterinnen, der biederen dörflichen Behördenautorität, der Bemühungen um die deutsche Sprache und des Zerrissenseins zwischen alter und neuer Heimat. Die lebensvollen Stellenporträts als Faktotums im Bären in Gerzensee, als Portier- und Badegehilfen im Bad Lostorf bei Olten, als Buffet- und Küchengehilfen in einem Basler Café, als Monteurs in Bern und schliesslich als Mechanikers bei Wyss in Aarau sind realitätspralle Schilderungen nicht nur sozialer, sondern auch menschlicher Verhältnisse.
Dass sich der Verfasser «Sergio Giovannelli-Blocher» nennt, ist als Hommage an seine Frau Judith gemeint, die ehemalige Sozialarbeiterin und heutige Schriftstellerin. Der politische Leser liest es jedoch anders: «Ich bin der Schwager von Christoph Blocher, habe mich aber in keiner Weise von ihm vereinnahmen lassen.» Wie auch immer: die Memoiren von Sergio Giovannelli sind denkwürdig genug, um als literarisch ansprechendes und menschlich glaubwürdiges Zeitdokument auch ohne den Namen des letztverbliebenen Feindbildes der schweizerischen Linken bestehen zu können.
vorgestellt von Pirmin Meier, Beromünster
Sergio Giovannelli-Blocher: «Va’ Pensiero. Geschichte eines Fremdarbeiters aus Ligurien». Zürich: Edition 8, 2007.