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2016 gewann Trump gegen Clinton mit 304 gegen 227 Elektorenstimmen. Nur 270 hätte er gebraucht für den Sieg. Im Moment deutet alles darauf hin, dass der aktuelle Präsident in diesem Jahr bei den Wahlen keinen neuen Staat erobern kann. Oder in anderen Worten: Die Staaten, welche 2016 bereits für die Demokraten stimmten, werden das 2020 wieder tun.
Während Trumps Offensive auf der Bank Platz nehmen kann, muss die Defensive ran – die Wahlen werden für Trump ein reiner Verteidigungskrieg. Kann er genügend Staaten verteidigen, um die 270er Hürde zu nehmen? Oder gelingt es Biden, dem Präsidenten genügend Staaten abzujagen? So sieht die Situation knapp 20 Tage vor den Wahlen im Vergleich zu 2016 aus.
Gut einen Monat vor den Wahlen lag Donald Trump 2016 bei den nationalen Umfragewerten fast gleichauf mit Hillary Clinton. Die Demokratin hatte laut fivethirtyeight.com einen kleinen Vorsprung von 1,5 Prozentpunkten.
Doch dann zündeten einige Bomben. Trumps Performance während der ersten Debatte war besorgniserregend, ein Bericht der «New York Times» enthüllte, dass Trump jahrelang keine Steuern bezahlt hatte, und dann wurden am 7. Oktober die «Hollywood Tapes» veröffentlicht, die Trump als Frauengrabscher brandmarkten.
Dies alles schlug sich in den Umfragen nieder. Trump fiel in den nächsten Tagen deutlich hinter Clinton zurück. Ob sich Trumps Unterstützung tatsächlich verringerte oder die Umfragewerte nur aufgrund der sozialen Erwünschtheit zurückgingen, ist bis heute umstritten. Das Phänomen der «Sozialen Erwünschtheit» verzerrt Umfragewerte. Es kommt zustande, wenn Befragte nicht ehrlich sind (weil sie sich zum Beispiel für ihre Aussagen schämen) und deshalb Angaben machen, von denen sie mehr soziale Akzeptanz erwarten. In einer guten Umfrage wird die soziale Erwünschtheit mit eingerechnet.
Hillary Clinton konnte in den folgenden Tagen in den Umfragen davonziehen. Ihr Vorsprung betrug phasenweise über sechs Prozentpunkte. In den letzten Tagen vor der Wahl gelang es Trump, den Vorsprung noch einmal zu verringern. Vor dem Wahltag waren es 3,9 Prozent.
Vergleicht man die Umfragewerte von 2016 mit denjenigen von 2020, so haben diese eigentlich nur eines gemeinsam: die Führung der Demokraten.
Biden führt auf nationaler Ebene im Moment mit über 10 Prozentpunkten. Was auffällt: Trump schaffte es nie, seine Umfragewerte deutlich zu verbessern. Seine Wählergunst bewegt sich ziemlich konstant zwischen 42 und 45 Prozent. Bidens Vorsprung ist nicht nur grösser als der von Clinton 2016, er verhält sich auch stabiler. Eine Interpretation davon ist: Viele Wähler haben sich bereits entschieden.
Können die Umfragewerte von 2016 mit denen von 2020 verglichen werden? Schliesslich lagen die Institute 2016 fast ausschliesslich daneben. Die Antwort lautet: Jein.
Auf Anfrage von Fivethirtyeight haben 15 bekannte Umfrageinstitute angegeben, ihre Methoden angepasst zu haben. Ein Beispiel: 2016 unterschätzten viele Befrager die Anzahl wählwilliger AmerikanerInnen mit tiefer Bildung. Das wurde korrigiert und die Demographie der antizipierten Wählerschaft verändert.
Zum erweiterten Kreis der Swing States werden die elf Staaten Arizona (11 Wahlleute), Florida (29), Georgia (16), Michigan (16), Minnesota (10), Nevada (6), North Carolina (15), Ohio (18), Pennsylvania (20), Texas (38) und Wisconsin (10) gezählt.
Texas ging 2016 ganz klar an Donald Trump. 8,99 Prozentpunkte hatte er Vorsprung auf seine Konkurrentin. Genau so, mit derselben Differenz, war es auch prognostiziert worden.
Seit 30 Jahren ist Texas ein «red state» – in republikanischen Händen. Das droht nun zu kippen. Die Demographie von Texas hat sich verändert. Es wird erwartet, dass bereits im Jahr 2022 die Latinos die grösste Bevölkerungsschicht stellen werden. Sie bevorzugen mehrheitlich die Demokraten – und das widerspiegelt sich auch in den Umfragen.
Trump führt in Texas zwar auch in diesem Jahr, allerdings nur mit 1,5 Prozentpunkten. Biden darf sich durchaus Chancen ausrechnen, die 38 Wahlleute zu stibitzen. Für Trump wäre das der GAU. Ohne Texas muss er eine zweite Amtszeit abschreiben.
Florida ging 2016 knapp an Trump. Bis April 2020 sah es so aus, als ob es im klassischen Swing-State ein Kopf-an-Kopf-Rennen geben würde. Doch dann setzte sich Biden in den Umfragen ab und hält heute einen Vorsprung von 4,7 Prozentpunkten.
2016 war das «Altersheim der USA» einiges umkämpfter. Clinton lag am Ende in den Umfragen 0,6 Prozentpunkte vorn, hatte aber das Momentum gegen sich. Einen Monat zuvor lagen die beiden Kandidaten noch Kopf an Kopf.
Bei den Wahlen distanzierte Trump Clinton um 1,2 Prozentpunkte. Damit holte er sich die so wichtigen 29 Wahlleute. Aber er wäre selbst ohne Florida Präsident geworden – mit einem Vorsprung von 9 Wahlleuten.
Biden führt momentan in Florida mit fast fünf Prozentpunkten. Ein Sieg des Demokraten ist im Bereich des Möglichen. Gelingt es ihm, die 29 Wahlleute in sein Boot zu holen, steht er mit einem Bein erneut im Weissen Haus.
Auch Pennsylvania ging 2016 an Trump. Haarscharf. 0,76 Prozent Wählerstimmen machten den Unterschied. Die Umfragen hatten noch ein ganz anderes Bild gezeichnet.
Clinton lag laut Umfragen 20 Tage vor den Wahlen in Pennsylvania noch 7,6 Prozent vor ihrem Widersacher. Trump konnte diesen Abstand in den letzten Tagen auf 3,7 Prozent verkürzen. Das Momentum lag klar bei Trump. Trotzdem wurden Clintons Siegchancen dank des eigentlich komfortablen Vorsprungs auf 77 Prozent geschätzt.
Die diesjährigen Umfragen mit angepasster Demographie vermitteln 20 Tage vor den Wahlen erneut eine äusserst komfortable Führung der Demokraten von 7,1 Prozent – also ein ähnlicher Vorsprung wie 2016.
In Pennsylvania zeigt sich eine ähnliche Tendenz wie auf nationaler Ebene. Biden hat sich langsam über Monate abgesetzt, die Volatilität bei den Umfragewerten ist deutlich geringer als 2016. Trump müsste das Ruder richtig heftig herumreissen, um sich noch Chancen auf diesen Staat ausrechnen zu können.
Ohio ging 2016 mit über acht Prozentpunkten Unterschied an Donald Trump. Ein lockerer Sieg – und das, obwohl der New Yorker 20 Tage vor den Wahlen in den Umfragen noch über zwei Prozentpunkte zurücklag. Trump konnte seine Umfragewerte kurz vor den Wahlen aber stark verbessern, so dass er am Wahltag sogar Favorit war.
Und wie sieht es heute aus?
Ohio ist laut Umfragewerten ein extrem umkämpfter Staat. Jede Prognose wäre unseriös.
2016 deklassierte Trump Clinton im «Pfirsich-Staat» um 5,13 Prozentpunkte. Das ist ein komfortabler Sieg – der in der Grössenordnung auch so erwartet wurde. Georgia tendierte bereits Tage zuvor in diese Richtung.
Georgia ist hart umkämpft. Trump hat seine einstmals komfortable Führung eingebüsst und hinkt jetzt sogar 0,7 Prozent hinterher. Das kann sich aber wieder ändern. Jede Prognose wäre unseriös. In Georgia haben die early votings bereits begonnen und die Wähler sind am ersten Tag in Rekordmengen an die Urnen geströmt. Eine hohe Wahlbeteiligung hilft in der Regel den Demokraten. Doch was verläuft 2020 schon nach den Regeln.
Michigan hätte 2016 ganz klar an Hillary Clinton gehen müssen. 20 Tage vor dem Wahltag führte sie noch mit 9,1 Prozentpunkten. Auch am Wahltag selbst sprachen die Umfragen für einen Clinton-Sieg. Trumps Siegchancen wurden als nur sehr klein taxiert – doch er nutzte sie. 0,23 Prozentpunkte oder ungefähr 9000 Stimmen machten den Unterschied. Ein ganz knappes Rennen.
Um Michigan zu verteidigen, müsste Trump seinen Überraschungserfolg aus dem Jahr 2016 wiederholen – und noch einen draufsetzen. In den Umfragen schaffte es der Präsident nie, sich den Werten seines Herausforderers auch nur anzunähern. Im Moment beträgt der Unterschied fast acht Prozentpunkte.
Wie in vielen Staaten büsste Clinton in den letzten Tagen vor der Wahl einige Prozentpunkte ihres Vorsprungs ein – wie auch das Momentum. Trotzdem ging sie als leichte Favoritin ins Rennen. Und wie in einigen anderen Staaten kassierte Clinton eine Niederlage. North Carolina ging 2016 mit 3,66 Prozentpunkten Vorsprung an Trump.
Biden verfügt in North Carolina im Moment über eine kleine Führung. Mal mehr, mal weniger. Im Moment scheint sie sich wieder etwas zu vergrössern. Michigan und Pennsylvania sind für ihn sicher einfacher einzunehmen als dieser Staat.
Arizona ging mit 3,54 Prozentpunkten Vorsprung an Trump. Das war am Tag der Wahl so erwartet worden, schliesslich lag er in den Umfragen vorn. 20 Tage vorher hielt Clinton noch eine leichte Führung inne. Doch diese verwandelte sich bis zu den Wahlen in einen Rückstand.
Biden führt in Arizona seit Monaten. In der Tendenz konnte er seinen Vorsprung von ca. drei Prozentpunkten stets verteidigen. Auffallend auch hier wieder: Grosse Meinungsumschwünge sind im Gegensatz zum viel volatileren 2016 nicht auszumachen.
Seit August lag Clinton in Minnesota stabil in Führung, am Wahltag noch mit 5,8 Prozentpunkten. Am Ende gewann sie den Staat mit 1,52 Punkten Vorsprung hauchdünn.
Wenn es Trump zugetraut wird, den Demokraten irgendwo einen Staat abzujagen, dann in Minnesota. Die Chancen dazu sind aber äusserst gering. Biden führt seit Monaten stabil.
Wie konnte Clinton Wisconsin 2016 verlieren? In den Umfragen lag sie konstant vorn – am Wahltag betrug ihr Vorsprung über 5 Prozentpunkte. Am Ende büsste sie 0,77 Prozentpunkte oder weniger als 23'000 Stimmen auf Donald Trump ein.
Um Wisconsin nicht zu verlieren, muss Trump das Wunder von 2016 wiederholen. Im Moment scheint dies ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Biden baut seine Führung konstant aus.
Nevada gehört zum Bündel der Staaten, in denen Trump während der letzten Tage vor den Wahlen das Steuer noch herumreissen konnte. Clinton hätte gewinnen müssen, Trump tat es. Und zwar mit 1,52 Prozentpunkten Vorsprung.
Im Wüstenstaat liegt Biden seit Messbeginn vorn. Immer klar, immer mit stabilem Abstand. Trump braucht ein kleines Wunder, um Nevada zu verteidigen.
Die Umfragewerte von 2016 und 2020 weisen deutliche Unterschiede auf:
Es gibt weiterhin Umfrageinstitute, welche den Präsidenten in Front sehen. Eines dieser Institute ist das «Democracy Institute». Ein Interview mit dem Gründer Patrick Basham gibt es hier. Er wirft der Konkurrenz vor, eine Anti-Trump-Agenda zu fahren.
Basham ist kein Unbekannter in konservativen Kreisen. Er hat Verbindungen zum Cato-Institut, einer Denkfabrik, welche von den Ultrakonservativen Koch-Brüdern finanziert wird.
Er sieht Donald Trump noch immer vorn. Seine Argumente sind: Die soziale Erwünschtheit wird noch immer unterschätzt. Und vor allem: Der sicherste Indikator für eine republikanische Wahl sei noch immer der Waffenbesitz. Und der steige. Vor allem bei den US-Frauen.
Es bleibt spannend.
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