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| Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Philipper (In epistulam ad Philippenses)

Sechste (Fünfte) Homilie. Phil. II, 1—4.
1.
V. 1: „Wenn also irgendein Trost in Christo ist, wenn irgendeine Ermunterung der Liebe, wenn irgendeine Gemeinschaft des Geistes, wenn irgendein herzliches Erbarmen:“
V. 2: „so machet meine Freude vollkommen, daß ihr eines Sinnes seid, indem ihr die gleiche Liebe habet, einmütig seid, ein und dasselbe denket;“
[S. 72] V. 3: „(daß ihr) nichts tuet aus Streitsucht und Eitelkeit, sondern in Demut einer den andern höher achte als sich selbst;“
V. 4: „(daß) ein jeder nicht auf das Seinige sehe, sondern auch auf das, was der andern ist.“
Es gibt nichts Besseres, nichts Zärtlicheres als einen geistlichen Lehrer. Er legt ein Wohlwollen an den Tag, wie nur je ein leiblicher Vater. Sieh nur, wie flehentlich dieser Heilige die Philipper um das bittet, was in ihrem eigenen Interesse liegt! Denn was spricht er, um sie zur Eintracht, der Grundbedingung alles Guten, zu ermuntern? Siehe, wie inständig, wie eindringlich, mit welch tiefem Mitgefühl (er redet) ! — „Wenn also irgend ein Trost in Christo ist“, sagt er. Das heißt, wenn ihr noch irgendwelchen Trost in Christo habet; so als wenn einer sagen würde: Wenn du noch eine Wertschätzung für mich übrig hast, wenn dir etwas an mir gelegen ist, wenn du mir eine Rücksicht zu schulden glaubst, so tue dies! Einer solchen Ausdrucksweise aber bedienen wir uns nur, wenn wir um etwas bitten, was wir allem vorziehen. Denn wenn wir es nicht allem vorzögen, so würden wir es nicht als Vergeltung für alles annehmen wollen, würden wir nicht sagen, daß wir uns dadurch für alles entschädigt halten. Wir nun berufen uns (in einem solchen Falle) auf sinnliche Beweggründe; wie wenn z. B. ein Vater (zu seinem Sohne) spräche: Wenn du also irgend noch Ehrfurcht gegen deinen Vater hegst, wenn du irgend noch an deine Erziehung, irgend noch an deine frühere Anhänglichkeit an mich, irgend noch an die Rücksicht, die ich dir angedeihen ließ, irgend noch an mein Wohlwollen denkst, so sei gegen deinen Bruder nicht feindselig! Das heißt, für jenes alles verlange ich nur dies als Vergeltung. Aber nicht so Paulus; er beruft sich auf keinen sinnlichen, sondern lediglich auf geistliche Beweggründe. Also: Wenn ihr mir in meiner Bedrängnis irgendwelchen Trost gewähren wollt und Ansporn in Christo, wenn ihr irgendwelche Ermunterung der Liebe, irgendwelche Gemeinschaft im Geiste gegen mich betätigen wollt, [S. 73] wenn ihr irgendwelches herzliche Erbarmen für mich hegt, so machet meine Freude vollkommen! — „Wenn irgendwelches herzliche Erbarmen.“ Erbarmen nennt Paulus die Eintracht seiner Schüler, um anzuzeigen, daß die Gefahr den höchsten Grad erreicht, wenn sie nicht die Eintracht bewahren. Wenn ich irgendeinen Anspruch darauf habe, sagt er, von eurer Liebe einige Ermunterung zu erhalten, wenn irgendeinen Anspruch, mit euch im Geiste vereinigt zu sein, wenn irgendeinen Anspruch, im Herrn mit euch vereinigt zu sein, wenn irgendeinen Anspruch, bei euch Mitleid und Erbarmen zu finden, so entschädigt mich für dies alles durch Betätigung der Liebe! Das alles ist mir zuteil geworden, wenn ihr einander liebet. — „So machet meine Freude vollkommen!“ Beachte: Damit es nicht den Anschein gewinne, seine Ermahnung sei erfolgt, weil sie es noch an etwas fehlen ließen, sagt er nicht: Machet mir Freude, sondern: „Machet meine Freude vollkommen!“ Das heißt: Ihr habt bereits begonnen, sie in mir aufkeimen zu lassen; ihr habt mir schon Beruhigung gewährt; aber ich wünsche sehnlichst, daß sie zur Vollkommenheit gedeihe. — Sag an, was willst du? Daß wir dich aus den Gefahren befreien? Daß wir dir zu Hilfe kommen? — Nichts von alledem, antwortet er, sondern „daß ihr eines Sinnes seid, indem ihr die gleiche Liebe habet“, in welcher ihr begonnen habt, „einmütig seid, ein und dasselbe denket.“ Ach, wie oft wiederholt er denselben Gedanken in den verschiedensten Wendungen! „Daß ihr eines Sinnes seid“, ja noch mehr, „daß ihr ein und dasselbe denket“; denn dieses ist stärker als der Ausdruck „eines Sinnes sein“. — „Indem ihr die gleiche Liebe habet“; das heißt, indem ihr nicht schlechthin nur in Bezug auf den Glauben (gleichgesinnt seid), sondern auch in allen übrigen Dingen. Denn man kann auch eines Sinnes sein und doch die Liebe nicht haben, — „Indem ihr die gleiche Liebe habet“; das heißt, indem ihr auf gleiche Weise Liebe erzeiget und Liebe empfanget. Du darfst nicht ein reiches Maß von Liebe beanspruchen und ein geringeres dafür bieten, um so auch hierin zu übervorteilen. Doch lasse dir solches nicht zuschulden kommen! — „... einmütig“, sagt er; das [S. 74] heißt, indem ihr die Leiber aller einer Seele zu eigen gebet, nicht dem Wesen nach — denn das ist unmöglich — aber dem Willen und der Gesinnung nach. Wie aus einer Seele soll alles hervorgehen. — Was bedeutet „einmütig“? — Das erklärte er durch den Zusatz: „indem ihr ein und dasselbe denket.“ Eins sei das Denken, wie aus einer Seele (hervorgehend). — „(Daß ihr) nichts (tuet) aus Streitsucht.“ Er will nun auch die Art und Weise schildern, wie dies geschehen kann. „Nichts aus Streitsucht oder Eitelkeit.“ Das ist eben, wie ich immer wiederholen muß, die Grundursache alles Bösen. Daraus entstehen Händel und Streitigkeiten, daraus Schmähungen und Eifersüchteleien, daraus das Erkalten der Liebe, wenn wir nach Ansehen bei den Menschen trachten, wenn wir sklavisch um die Achtung der großen Menge buhlen. Denn man kann nicht zugleich dem Ehrgeiz frönen und ein echter Diener Gottes sein. — Wie sollen wir nun die Eitelkeit meiden, fragst du? Du hast uns ja noch keinen Weg angegeben. Vernimm die darauffolgenden Worte! — „sondern (daß) in Demut,“ heißt es, „einer den andern höher achte als sich selbst.“ O welche Fülle von christlicher Lebensweisheit liegt in diesem Satze! Wie ist derselbe so ganz dazu angetan, uns zum Heile zu verhelfen! Wenn du dich zu der Annahme erschwingen kannst, will er sagen, daß der Nächste mehr ist als du, und dich davon innerlich überzeugst, wenn du es nicht bloß sagst, sondern vollkommen davon durchdrungen bist, so wirst du ihm auch die (gebührende) Ehre zukommen lassen; wenn aber du ihm die (gebührende) Ehre zukommen läßt, so wirst du nicht ungehalten sein, wenn du ihn von anderen geehrt siehst. Halte ihn demnach nicht einfach für mehr als dich, sondern für dich überragend — dieser Ausdruck enthält eine nachdrückliche Steigerung —, dann wird es dich nicht befremden oder schmerzlich berühren, wenn du ihn geehrt siehst; selbst wenn er dich kränken sollte, wirst du es mit edlem Gleichmut ertragen; du hältst ihn ja für mehr als dich. Mag er dich schimpfen, du fügst dich; mag er dich misshandeln, du nimmst es stillschweigend hin. Denn sobald die Seele einmal die volle Überzeugung in sich trägt, [S. 75] daß (der Nächste) mehr ist, so gerät sie über erlittene Unbilden nicht in Zorn, verfällt sie nicht in hämische Scheelsucht. Denn niemand dürfte im Ernste jene beneiden, die ihn weitaus überragen; da nämlich wird alles auf Rechnung des hohen Ranges gesetzt.