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Der Prinz, mein Freund
Vor kurzem las ich auf der BBC-Webseite einen Nachruf auf einen Freund. Bevor die geneigte Leserin die Nase rümpft ob so viel Geltungssucht – „Oho, ein Freund mit BBC-Nachruf!“ – lasse ich gleich im Voraus die Luft aus meiner geschwellten Brust: Es handelt sich um einen Mann, der in einer Ruine wohnte, sich selten wusch und unter Verfolgungswahn litt.
Prächtiger Sitz des Präsidenten
Der Reihe nach: Ali Riaz Cyrus Wilayat Shah muss Mitte Oktober gestorben sein, in seinem Malcha Mahal-Palast mitten im Kingdom of Oudh, das vielleicht 800 Quadratmeter Dorngebüsch, steinigen Boden und stachlige Kikhar-Bäume umfasste. Er starb vermutlich allein, laut Polizei eines natürlichen Todes. Seine ältere Schwester, die schwermütige Prinzessin Sakina, war im Juli plötzlich verschwunden, wie Prinz Riaz dem Betreuer eines Sufi-Grabschreins in der Nähe erzählt worden sein soll. Ich hatte seit zehn Jahren nicht mehr von ihm gehört.
Ganz allein war er wohl nicht gewesen, denn wann immer wir die Steinruine seines Mahals – Palasts – betraten, flatterten aus dem Gemäuer Fledermäuse auf und liessen sich in einer anderen Nische nieder. Und da weder Türen noch Fenster eingebaut waren, kamen gelegentlich auch Schlangen und Skorpione zu Besuch.
Der sonst unbewohnte bewaldete Hügelzug rund um Malcha Mahal liegt mitten in Delhi. Der prächtige Sitz des indischen Präsidenten befindet sich keinen Kilometer vom Königreich Oudh entfernt, und diesem Umstand verdanke ich meine Bekanntschaft mit dem Prinzen. In den achtziger Jahren hatte die Reiterschwadron der „President’s Bodyguard“ ein Übungsgelände im Dschungel, das auch als Polo-Feld diente. Dank der präsidentiellen Kavallerie kamen wir Expats damals billig zu Polo-Ponies und einem Spielfeld.
Rendezvous des Prinzen
Ich hatte den jungen Mann wahrgenommen, ohne mir etwas dabei zu denken. Er hielt sich im Hintergrund, zwischen den Bäumen, und schaute uns bei unseren Chukkers zu. Er war offensichtlich sehr scheu, aber der wirkliche Grund, dass ihn niemand ansprach, war der Geruch seines ungewaschenen Körpers; er stach bereits aus mehreren Metern Distanz in die Nase.
Kurze Zeit später erfuhr ich den Grund. Der Prinz hatte ein Auge auf eine amerikanische Kollegin geworfen, die kleingewachsene und ebenfalls eher scheue Aimée J. Er lud sie in seinen Palast zum Tee ein, und zwar mit einem Einladungskarton mit Goldschrift-Prägung: „Begum Wilayat Mahal of Oudh has the honour to invite ...“ Widerwillig hatte der Prinz zugestimmt, als Aimée auf Männerbegleitung – meinen Freund Jamie und mich – bestand.
Palastgeräusche waren hörbar, lange bevor wir auf unserem Weg durchs dichte Gebüsch das Königreich betraten. Es war ein Dutzend Dänische Doggen, die seine Diener – in roter Livrée mit Goldtasseln – zum Glück an den Bäumen angebunden hatten. Riaz – der uns beim Abschied grossmütig seinen Vornamen Farhad anbot – erwartete uns beim Stacheldraht am Eingang seines Reichs, neben zwei Plakattafeln: „Warning! Bloodhounds! and Intruders will be gun-down!“ (sic).
Schweigsame Lady
Begum Wilayat Mahal erschien auf der erhöhten Plattform, in einen schwarzen Sari gehüllt, mit langen zotteligen Haaren, einem zerfurchten Gesicht. Sie war schweigsam, und selbst wenn sie redete, presste sie die Worte zwischen den halbgeschlossenen Lippen hervor. Die Begum hatte unter uns Journalisten einen gewissen Bekanntheitsgrad. Sie war offenbar die Urenkelin des letzten Königs von Oudh, der Dynastie, die bis Mitte des 19.Jahrhunderts grosse Teile der nordindischen Gangesebene ihr Eigentum nannte.
1854 war der letzte Herrscher, Wajid Ali Shah, von den Engländern abgesetzt und Oudh dem Britischen Reich einverleibt worden. Nach der Unabhängigkeit erhielten die über 500 Maharajahs eine jährliche Apanage dafür, dass sie ihre (nominell eigenständigen) Territorien der Indischen Republik übermacht hatten. Aber die Nachkommen der Oudh-Dynastie gingen als Teil der Erbmasse Britisch-Indiens leer aus.
Immerhin hatte Jawaharlal Nehru Begum Wilayat mit einem Haus in Kaschmir abgefunden. Doch als dieses 1971 abbrannte, erhielt sie keinen ihrer „zahlreichen Paläste“ (so Farhad) in Lucknow zurück. Aus Protest erschien sie eines Tages, es war 1976, auf dem Bahnhof von New Delhi, mit ihren drei Kindern, den Doggen, sieben Dienern und zahlreichen Perserteppichen. Sie besetzte den First Class Waiting Room, vorsichtshalber mit einem Gift-Fläschchen um den Hals, das sie zu leeren drohte, falls ihre Entfernung angeordnet würde.
Royal Problems
Als Indira Gandhi 1984 erfuhr, dass eines ihrer Kinder gestorben war – „She died of sadness“, erzählte uns Farhad später – bot sie ihr die Ruine Malcha Mahal an. Die Begum willigte ein. Als wir im Winter 1989 in der Ruine auf einem Sofa zum Tee Platz nahmen – um uns herum leere Fensteröffnungen, über uns der freie Himmel, auf dem Boden edle Teppiche und Fledermausdreck – hatte das Haus weder Strom noch Wasser.
Ausser den Juwelen war ihr Stolz das Einzige, das die dreiköpfige Familie damals besass. „We are Royal people. Royal people have Royal problems“, sagte mir Farhad einmal, wie immer ohne Ironie und mit starrem Blick. Als ich ihn fragte, ob sie ein Gesuch für Wasser und Strom gestellt hätten, antwortete er: „We don’t make requests. We make demands.“
Aber Farhad war damals etwa 25 Jahre alt, und er hatte auch normale menschliche Bedürfnisse. Deshalb schaute er uns aus seiner Deckung beim Polospiel zu, deshalb zog er uns in seine frostige, hochgespannte Nähe. Einmal sprach er mich in seinem gedrängten Staccato und mit bohrenden Augen an: „Bernard, get me a wife ... I need a woman. But she has to be white, and blond, like my Nanny used to be.“ Und dann zerfloss sein Gesicht in eine weiche, hoffnungslose Kindlichkeit: „Oh, how I miss her!“
Der Suizid
In unregelmässigen Abschnitten rief er mich an und fragte, ob ich jemanden gefunden habe; als ich verneinte, brach die Leitung abrupt ab. Oder er bestellte mich zu einem Rendezvous an eine Strassenkreuzung (er fühlte sich vom Geheimdienst verfolgt). Dort erkundigte er sich nach einem neuen Lieferanten für seine Hundenahrung; der alte habe das Fleisch vergiftet.
Dann hörten wir lange nichts mehr von ihm. Plötzlich erschien er – es war 1994 – wieder beim Polofeld und lud uns für den Sonntagmorgen zu sich ein. Prinzessin Sakina sass schweigend in einer verstaubten Alkove, in einer anderen stand ein Tisch, mit Silber und Porzellan gedeckt. Her Royal Highness, so sagte er kalt, habe sich das Leben genommen. Unbekannte hätten ihre sieben Doggen vergiftet. Begum Wilayat Mahal habe darauf ihre Perlen zertrümmert und geschluckt.
Der Tisch sei noch genau so gedeckt wie am Morgen nach ihrem Tod, sagte Farhad. Er zeigte auf eine mit grauem Pulver gefüllte Karaffe: Dies seien ihre sterblichen Überreste. „Sie ist noch bei uns. Wir reden jeden Tag mit ihr.“ Seine Schwester und er hätten sechs Nächte mit der Leiche zwischen ihnen beiden geschlafen; dann hätten sie sie einbalsamiert und begraben. Doch sie fürchteten sich vor Grabschändern, deshalb hätten sie den Leichnam ausgegraben und kremiert.
Demonic Democracy
Wir waren damals nicht die einzigen Besucher im Malcha Mahal. Zu Barry Bearak, meinem Kollegen von der New York Times, sagte Prinzessin Sakina damals: „We are now the dynasty of the living dead (...) We have accepted ruination. But we have not accepted the demonic democracy that has deprived royalty of their proper position.“
Demonic Democracy – das war ein Wort, das mir noch nie zu Ohren gekommen war. Als ich vom Tod Farhads erfuhr und in meinen Notizen auf dieses Zitat stiess, räsonierte ich, dass diese Staatsform natürlich Verlierer und Opfer fordere. Handkehrum hat sie hunderte Millionen Menschen zu freien Bürgern gemacht und von den Fesseln rechtlicher Unmündigkeit befreit.
Doch als ich vor einigen Tagen von meinem Spaziergang durch den kleinen Weiler hier in der Nähe zurückkam, kamen mir Zweifel. Ich hatte gerade erfahren, dass die alte Frau, der ich frühmorgens öfter begegnete, gestorben war.
Ich hatte sie gesehen, wenn sie im Hof zwischen Büffeln und Strohballen auf dem Boden schlief, wenn sie sich wusch, über einem Feuer Dal kochte, kauernd den Boden wischte. Sie war Witwe, und die Kastenordnung verbot ihr, das Haus hinter ihr – Sohn mit Familie wohnen dort – je wieder zu betreten.
Indiens Demokratie dämonisch? Nein, natürlich nicht. Aber sie toleriert weiterhin zahlreiche gesellschaftliche Dämonen unter ihrem weiten Mantel.
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