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James Horner studierte klassische Komposition und wollte Komponist zeitgenössischer Konzertmusik werden. Doch nachdem seine ersten Konzertwerke – Conversations (1976) und Spectral Shimmers (1977) – nicht den erhofften Anklang fanden, kam alles anders und so widmete sich Horner während knapp 40 Jahren dem Schreiben von Filmmusik. Im Jahre 2014, nach mehr als 130 vertonten Filmen, hat Horner erneut für den Konzertsaal geschrieben: Pas de Deux, ein Concerto für Violine und Cello, uraufgeführt 2014 und für die vorliegende CD aufgenommen von den Solisten Mari und Hakon Samuelsen und dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, unter der Leitung von Vasily Petrenko. Das Concerto trägt James Horners Handschrift durch und durch und erinnert über weite Strecken an sein filmmusikalisches Oeuvre, doch bieten die 27 Minuten eine wunderschöne Komposition, die zum Träumen und Schwelgen einlädt.
Eins vorneweg: Mich stört es nicht, dass Horners Concerto mit seinen Filmkompositionen vergleichbar ist. Es handelt sich um den gleichen Komponisten. Weshalb sollte dann die Musik wie ein umgekehrter Handschuh klingen?! Da bekunde ich viel mehr Mühe, wenn bspw. John Williams oder Bruce Broughton, deren harmonischen Filmmusiken wir lieben, Konzertstücke komponieren, die mit avantgardistischen Ansätzen jenseits deren Filmmusikstile (über-) fordern (so jüngst geschehen mit dem Album Montage – Great film composers and the Piano (Harmonia Mundi, 2015)). Ist es nicht gar ehrlicher, wenn die kompositorischen Stile und Klangfarben beibehalten werden? Oder muss man dem Komponisten dann vorwerfen, dass er sich nicht „auszubrechen“ getraut hat? Ich meine nein. Klar, wem Horners Filmmusiken nicht gefallen, dem dürfte auch Pas de Deux wenig Hörvergnügen bereiten, womit Horner hiermit kaum neue Hörerkreise erreichen wird. Doch für die Enthusiasten seines Schaffens ist das Concerto nur zu empfehlen.
Hakon Samuelson wird im Booklet wie folgt zitiert: „Ich sehe das Stück als eine Art Landschaft, wie ein riesiges Stück endlose Natur.“ Die Musik evoziert tatsächlich Naturbilder vor dem geistigen Auge. Vielleicht auch daher, da sie oftmals an Horners Scores zu Filmen wie The Spitfire Grill (1996), Iris (2001) und The New World (2005) erinnern. Die fliessenden Harmonien, die überwiegend präsente Ruhe und Gelassenheit im sich umtänzelnden Spiel der Violine, des Cellos und des Orchesters erinnern an das zaghafte Erwachen eines neuen Tags. Dazu ein paar warme Horneinwürfe à la St. Andrews aus Bobby Jones: Stroke of Genius (2004). Das alternierende Spiel zwischen Violine, Cello und Orchester – womit der „Tanz“ im Titel zum Ausdruck gebracht wird – dominiert auch die Sätze 2 und 3. Der zweite Satz kommt jedoch „wacher“ daher und das Cello und die Violine steuern ab 6:30 auf einen ersten lyrischen Höhepunkt zu. Mit dem 3. Satz steht das Highlight des Albums an. Ein aufrüttelnder Pauken-Einwurf eröffnet das virtuose bis stürmische Finale. Hier zieht James Horner alle Register und holt zu einem mitreissenden Abschluss mit viel Dramatik und Melancholie aus. Das vermag nicht originell zu sein, doch ist es höchst effektiv.
Auf die weiteren Stücke auf dieser CD soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden, wobei nur angemerkt sein will, dass die Zusammenstellung des CD-Programms wirklich gelungen ist und besonders das virtuose Stück Vibrez! Von Giovanni Sollima mit seinem aufbrausenden Finale begeistert. Ich will auf die Werke von Pärt, Sollima und Einaudi nicht weiter eingehen, da ich mich mit deren Arbeiten zu wenig vertraut fühle, als dass mir ein Urteil möglich wäre. Pas de Deux unterstreicht jedoch die lyrische und naturalistische Handschrift von James Horner. Das Ergebnis ist kurzweilig und wunderschön anzuhören; die thematischen Ansätze im zweiten Satz bieten einen Halt in der 27-minütigen Komposition. Dass dabei eine eigentliche Concerto-Struktur nicht stringent eingehalten wurde, dürfte den Fans egal sein.
Ein persönlicher Schluss
Ich habe diese Kritik gut eine Woche nach dem tragischen Tod von Komponist James Horner geschrieben († 22. Juni 2015). Nachdem es in den Jahren 2013 und 2014 eher ruhig um James Horner geworden war, schien er für 2015 wieder grosse Pläne gehabt zu haben. Er vertonte fünf neue Filme (Wolf Totem, Southpaw, One Day in Auschwitz, Living in the Age of Airplanes und The 33) und führte zwei neue Konzertwerke auf (Pas de Deux und Collage: A New Piece for Four Horns). Neue CDs wurden veröffentlicht bzw. werden noch veröffentlicht. Er sprach von neuen Projekten, darunter eine Avatar-Themenparkattraktion und seine anstehenden Arbeiten an Mel Gibson’s Hacksaw Ridge (2017) und Avatar 2 (2017), die er Ende des Jahres in Angriff nehmen wollte. Spannende Zeiten für mich als Horner-Enthusiast. Nun ist er verstorben. Abrupt und überraschend. Nicht auszumalen, was noch hätte folgen können… Unfassbar und wunderbar, was für ein filmmusikalisches Werk er hinterlassen hat! Dieses soll uns alle auch weiterhin begleiten!