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Die Geschichte des Kampfes zwischen David und Goliath ist immer wieder aufs neue faszinierend. Und so fasziniert auch die Geschichte von Greta Thunberg die Welt. Da weigert sich eine schwedische Schülerin, zur Schule zu gehen, und setzt sich stattdessen mit einem Schild vor das Parlament in Stockholm, um für besseren Klimaschutz zu demonstrieren. Nur ein Jahr später finden in vielen Ländern Demonstrationen von Schülerinnen und Schülern unter dem Titel «Fridays for Future» statt. Greta Thunberg ist zu einer Art Ikone geworden, bewundert und umjubelt, aber auch kritisiert und gehasst. Mit einem Pappschild hat sie eine länderübergreifende Klimaschutzbewegung ins Leben gerufen. Es ist das aktuelle Beispiel für die eruptive Kraft sozialer Bewegungen. So scheint es zumindest. Wenn wir genauer hinsehen, ergibt sich ein etwas anderes Bild. Bewegungen werden zwar oft recht überraschend sichtbar, doch es gibt immer eine längere Vorgeschichte. Die spontane Eruption von Protest baut auf sehr viel unspontaner Vorbereitung auf.
Protest als Organisationsproblem
Protest ist zunächst eine Organisationaufgabe. Wie sonst sollten Menschen wissen, wann sie wo demonstrieren oder eine Petition unterschreiben sollen? Proteste und Bewegungen bauen also auf einer organisatorischen Infrastruktur auf. Friedhelm Neidhardt beschrieb soziale Bewegungen als «mobilisierte Netzwerke von Netzwerken». Es braucht Ressourcen, um solche Netzwerke aufzubauen und am Leben zu erhalten, und Menschen, die sich langfristig engagieren, um mehr oder minder formal verfasste Gruppen und Organisationen zu gründen. So entstehen lose Verbindungen. Über die Zeit können sich daraus starke Strukturen bilden, die eine erhebliche Zahl von Freiwilligen einbinden und nennenswerte Ressourcen zusammenbringen. Ihre Aktivitäten können lange Zeit auf einen lokalen Rahmen beschränkt und der breiten Öffentlichkeit nicht bewusst sein. Kommt es dann aber zu einem Anlass, zu einer Gelegenheit, lassen sich über diese Netzwerke viele Menschen mobilisieren, die wiederum weitere neu einbinden. Grosse Proteste entstehen keineswegs «aus dem Nichts». Das gilt auch für «Fridays for Future». Bevor Greta Thunberg sich zum ersten Mal vor das schwedische Parlament gesetzt hat, hat sich in der Klimabewegung über Jahrzehnte viel bewegt. Eine Vielzahl von Organisationen hat sich mit Klimawandel beschäftigt und zu Protesten aufgerufen. Treffen haben stattgefunden, Vereinbarungen wurden ausgehandelt, von den einen gelobt, von den anderen kritisiert. Die Vorgeschichte reicht sogar noch deutlich weiter zurück. Schon lange bevor vom Klimawandel die Rede war, hat die Naturschutz- und Umweltbewegung mobilisiert. Bevor eine Bewegung als Bewegung sichtbar wird, hat ein langer Prozess der Vernetzung stattgefunden.
«Grosse Proteste entstehen keineswegs ‹aus dem Nichts›.»
Mit der Verbreitung von Internet und sozialen Netzwerken haben sich die Möglichkeiten der Vernetzung verändert. Nicht nur ist Kommunikation schneller und billiger geworden, es ist auch leichter möglich, Gleichgesinnte zu finden und Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Heute ist es sehr viel einfacher, eine Infrastruktur für Protestmobilisierung zu finanzieren und sich über grosse Distanzen zu vernetzen. Doch diese Vereinfachung ist ein zweischneidiges Schwert, denn sie führt auch zu einer Inflationierung von Protestmobilisierern. Nicht nur, dass immer irgendwer irgendwo mit irgendetwas unzufrieden ist, es können auch alle (oder zumindest sehr viele) Menschen ihr Anliegen in die Welt hinausposaunen, Gleichgesinnte kontaktieren und auf die Dringlichkeit genau dieses einen Anliegens, so speziell es auch sein mag, mit Nachdruck aufmerksam machen. Ein Blick auf einschlägige Webseiten für Petitionen mag dieses Argument illustrieren. Umgekehrt muss sich nun jedes Protestanliegen in einer immer grösseren Konkurrenz von Protestthemen behaupten. Dies gilt für die Mobilisierung von Unterstützern genauso wie für die Ansprache von Adressaten. Beide Seiten werden dann in immer schnellerer Folge von Protestanliegen überhäuft.
Informieren und Überzeugen
Um in dieser Konkurrenzsituation zu bestehen, sind gute Argumente umso wichtiger. Es braucht eine Position und deren Unterfütterung, die viele Menschen überzeugt. Aber was sind «gute» Argumente und was überzeugt viele? Ausgangspunkt einer Bewegung ist immer ein…