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Denise Scott Brown: Zwischen Witz und Wut
Die Stadtplanerin und Autorin Denise Scott Brown glaubte an Teamwork – und an die Kraft der Architektur. Bis heute kämpft sie beharrlich um Anerkennung. Dabei unterstützt sie u.a. die Forscherin Frida Grahn mit einem umfangreichen und vielschichtigen Sammelband.
Die Biografie der heute 91-jährigen Architektin, Autorin und Stadtplanerin Denise Scott Brown reicht von der Jugend in einem modernen Umfeld in Südafrika über London bis in die Vereinigten Staaten. Auch die Schweiz besuchte sie oft, denn ihre Eltern wohnten lange Jahre in Genf, und sie kam oft und gerne zu Besuch.
Nicht nur Länder und Kontinente, auch Stilrichtungen und Geschlechtergräben hat Denise Scott Brown überwunden. Doch an der einen Hürde scheiterte sie: 1991 sollte Denise Scott Brown und ihrem Ehemann und Büropartner Robert Venturi der Pritzker-Preis verliehen werden, Scott Brown wäre die erste weibliche Preisträgerin gewesen. Doch die Jury berief sich auf eine Regel, dass dieser höchste Preis der Architektur nur an Einzelpersonen verliehen würde – ein Vorwand, bereits 1988 hatten sich Oscar Niemeyer und Gordon Bunshaft den Preis geteilt. Zehn Jahre später wurde diese Regel dann für Jacques Herzog und Pierre de Meuron erneut fallengelassen, dreizehn Jahre später mit Zaha Hadid schliesslich zum ersten Mal eine Frau ausgezeichnet.
Modern und postmodern
Als ihr Büropartner und Ehemann Robert Venturi 1991 den Pritzkerpreis allein zugesprochen bekam, verweigerte Denise Scott Brown die Teilnahme an der Preisverleihung. Ihre Meinung zum Frauenbild der Architektenszene hatte sie bereits zuvor publik gemacht, beispielsweise 1989 in einem Aufsatz mit dem Titel «Room at the Top? Sexism and the Star System in Architecture».
Die aus heutiger Sicht nicht zu entschuldigende Auslassung war zweiundzwanzig Jahre später Inhalt einer (erfolglosen) Petition für eine nachträgliche Verleihung an die massgeblich an den Entwürfen der Firma VSBA, Venturi, Scott Brown, and Associates beteiligte Partnerin. Auch in der Lehre an verschiedenen Architekturschulen und mit einflussreichen Büchern hatte sie eine Generation von Architektinnen und Architekten geprägt.
Die von zwei Harvard-Studentinnen lancierte Petition ist eine von vielen Initiativen, die Arbeit von Denise Scott Brown sichtbar zu machen. Ein früherer Verdienst in dieser Sache führt auch in die Schweiz, nämlich zum damals jungen Architekturgeschichteprofessor Stanislaus von Moos, der dieses Jahr mit dem Prix Meret Oppenheim des Bundesamt für Kultur ausgezeichnet wurde. Als einer der ersten Europäer interessierte er sich für die Texte und Bauten der beiden Intellektuellen, die die erstarrte Moderne in Bewegung brachten und bald mit dem Prädikat «postmodern» versehen wurden.
Zwischen Witz und Wut
Was an den Texten von Denise Scott Brown beeindruckt, ist der Witz, mit dem sie ihre Wut über das erfahrene Unrecht genauso wie die sturen Gepflogenheiten des Architekturbetriebs immer wieder überwindet. Ihr Leben und Arbeiten blieb bis heute vielschichtig und komplex. Darüber können auch Insider bei der Lektüre des kürzlich erschienen Sammelbands «Denise Scott Brown. In Other Eyes: Portraits of an Architect» viel Neues erfahren.
Der von der Architekturforscherin Frida Grahn zusammengestellte, umfangreiche und abwechslungsreiche Band präsentiert fünfundzwanzig unterschiedliche Perspektiven. Einer der Beiträge ist ein Brief von Denise Scott Brown, mehrheitlich aber präsentieren die Aufsätze den Stand des Wissens zu Werdegang und Wirken der legendären Frau mit Starpotenzial, die sich allerdings zeitlebens gegen den Starkult (der sich allein um Männer drehte) wehrte.
Wie der Titel schon besagt, wirft Grahns Sammelband nicht nur einen, sondern viele neue wissenschaftliche Blicke auf das Leben und Wirken der (post)modernen Planungspionierin. Damit ergänzt Grahn die verschiedenen neuen Publikationen über das legendäre Duo Venturi und Scott Brown um ein Oeuvre, das sich allein der Frau widmet.
Beinahe gleichzeitig ist in Berlin der schmale Band «Las Vegas Zeichen» erschienen, der einige bereits bekannte Interviews mit dem Paar in deutscher Übersetzung versammelt. So schliessen nun zwei textlastige Bände die vielen bisherigen Publikationen an, die das (post)moderne Vermächtnis von Venturi Scott Brown mit zahlreichen Abbildungen präsentierten, etwa die Ausstellungskataloge «Las Vegas Studio» des Museums am Bellpark, Kriens (Scheidegger & Spiess, 2008 / Neuausgabe 2015) und «Downtown Denise Scott Brown» des Architekturzentrum Wien (Park Books 2018).
Vergriffen ist leider die Textsammlung «Having Words» mit zwölf Aufsätzen von Denise Scott Brown, darunter die eingangs erwähnte Kritik am Sexismus und Starkult in der Architekturszene.
Teamwork statt Starkult
Bei aller Wut hat Denise Scott Brown dank ihrem Witz, aber auch dank der Unterstützung ihres vor viereinhalb Jahren gestorbenen Ehemanns und Partners, ihren Tatendrang nie aufgegeben. Robert Venturi machte an der Pritzker-Preisverleihung von 1991 unmissverständlich klar, dass das soeben ausgezeichnete Werk im Kollektiv entstanden sei:
«And last, you will notice during this loosely chronological description I have used more and more the first person plural, that is, ‘we’ – meaning Denise and I. All my experience representing appreciation, support, and learning from, would have been less than half as rich without my partnership with my fellow artist, Denise Scott Brown.»
– Auch dieses Zitat ist im lesenswerten Band «Denise Scott Brown. In Other Eyes» abgedruckt.
Wer die Herausgeberin Frida Grahn bei ihrer Forschung zur legendären Autorin und Stadtplanerin Denise Scott Brown erleben möchte, kann dies im Video auf der Website des Verlags tun.
Frida Grahn (Hg.): Denise Scott Brown In Other Eyes. Portraits of an Architect. Bauwelt Fundamente 176, Birkhäuser, Basel 2022. 256 Seiten, Basel 2022 ISBN 978-3035626247, 49.– Fr
Günther Rösch (Hg.): Las Vegas Zeichen. treppe b, Berlin 2022, 132 Seiten, 13 x 19 cm, Broschur, ISBN 978-3-96551-022-7, 29.– Fr.
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