Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03379.jsonl.gz/190

In den letzten Tagen ging eine Meldung durch die Presse: Die Eisenbahngesellschaft im benachbarten italienischen Vigezzotal, die zusammen mit der FART die Linie von Domodossola nach Locarno durch die Centovalli betreibt, hat vom Internet-Portal TripAdvisor für ihr Bahn-Angebot die Note „Ausgezeichnet“ erhalten. Noch ist es nicht lange her, dass kritische Stimmen die Notwendigkeit dieser Eisenbahnlinie in Frage gestellt haben – heute bieten die beiden Bahngesellschaften, die schweizerische und die italienische, gemeinsam ein Produkt an, das für die Gäste am Lago Maggiore ein „muss“ geworden ist.
Am Ende des 19. Jahrhunderts herrschte im Tessin eine grosse Euphorie in Bezug auf neue Eisenbahnlinien. Sie ging damals von Lugano aus, wo eine Gesellschaft für die Schifffahrt und Eisenbahnen rund um den Luganersee gegründet wurde. Treibende Kraft im Hintergrund war die Banca della Svizzera Italiana. 1882 war ja die Gotthardlinie als Nord – Süd Achse eröffnet worden und hatte das Tessin einer grossen Schar von Gästen aus dem Norden zugänglich gemacht. Nun kam die Idee auf, Lugano mit dem Comersee und mit dem Lago Maggiore direkt zu verbinden. Dies sollte teils mit den Dampfschiffen und teils mit neu zu bauenden Schmalspur-Eisenbahnen geschehen. 1884 wurde die Linie Menaggio (Comersee) – Porlezza (Luganersee) in Rekordzeit gebaut und eröffnet. Dort hiess es umsteigen auf die Schiffe des Luganersees. Das Gegenstück im Westen bildete die Eisenbahn von Ponte Tresa am Luganersee nach Luino am Lago Maggiore, die ein Jahr später bereits eröffnet wurde (damals mit einer seltenen Spurbreite von 85 cm, später umgebaut auf 110 cm). In Luino garantierte die Schifffahrtsgesellschaft des Verbano direkte Verbindungen zu allen Städten und grösseren Orten des Sees. Somit war die Region der sog. Oberitalienischen Seen mit dem geographischen Mittelpunkt, der in Lugano liegt, verkehrsmässig gut erschlossen.
Auch heute steht wiederum ein grosses Eisenbahnprojekt vor der Vollendung. Es könnte für den Tourismus ganz unerwartete Folgen haben. Die NEAT ist so ausgelegt, dass der Güterverkehr auf die Bahn verlagert werden kann. Andererseits verleitet es die Reisenden, in kürzester Zeit durch den Gotthard und das Tessin zu fahren und Italien schneller zu erreichen. Das Tessin wird nach der Fertigstellung der beiden Basistunnels durch den Gotthard und den Ceneri vom Zug aus nur noch einige Minuten zu sehen, aussteigen muss niemand mehr. Wer macht denn im Tessin noch Halt, wenn er dank der neuen Verbindung viel schneller in Italien und am Mittelmeer ist, wo zudem viel günstigere Übernachtungs- und Restaurantpreise locken?
In der Belle Époque war es chic, im Tessin längere Ferien zu machen. Das dichte Netz von Eisenbahn- und Schiffsverbindungen war damals äusserst attraktiv und erlaubte es mindestens drei der grösseren Seen leicht zu besuchen. Es folgten die beiden Weltkriege mit den entsprechenden Krisenjahren, der Strassenverkehr wurde immer günstiger und beliebter und es kam für zahlreiche Bahnlinien das definitive Ende. Die Linien Menaggio – Porlezza, Ponte Tresa – Luino, die Maggiatalbahn und andere haben ihren Betrieb längst geschlossen. Überleben konnte nur die Bahn Lugano – Ponte Tresa (heute Teil des Tessiner S-Bahn-Netzes) und die Centovalli- bzw. Vigezzobahn, die sich im grenzüberschreitenden Tourismus einen festen Platz erobern konnte. In langsamer Fahrt die wilde Natur erleben – das bietet diese Bahnstrecke heute. Demgegenüber wird an der Gotthardstrecke mit der Eröffnung des Basistunnels in einem Jahr das Naturerlebnis in den Hintergrund rücken. Es wird dort nur noch darum gehen, in kürzester Zeit von Nord nach Süd zu gelangen.