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28. Mai 1980: Nottingham Forest ist lange ein schlecht geführter, wenig erfolgreicher Provinzklub. Dann kommt Brian Clough. Der «beste englische Nationaltrainer, den es nie gab» führt den Klub in die höchste Liga, ein Jahr später zum Meistertitel und dann zweimal hintereinander zum Sieg im Meistercup.
In der Saison 2015/16 schrieb Leicester City mit dem Titelmärchen die grösste Sensation im englischen Klubfussball aller Zeiten. In ähnlichen Sphären bewegte sich vor knapp 40 Jahren Nottingham Forest.
Das Team – ebenfalls aus den Midlands – gilt heute als einer der grossen Traditionsklubs Englands. 1865 gegründet gehörte das Team von Anfang an zur FA. Die Gründer spielten erst «Shinney», ein hockeyähnliches Spiel aus Nordamerika. Der Zusatz «Forest» kommt einfach vom damaligen «Heimstadion» Forest Recreation Ground und hat eigentlich nichts mit Robin Hood oder dem nahe liegenden Sherwood Forest zu tun.
Die Erfolge des Vereins bleiben lange bescheiden. Immerhin ist der Klub 1874 der erste, dessen Spieler komplett mit Schienbeinschonern auftreten. 1898 und 1959 gewinnt das Team den FA-Cup. Meist spielen die «Garibaldi Reds» in den höchsten zwei Ligen.
Der unerwartete Erfolg in den späten 70er Jahren kommt völlig überraschend. Brian Clough, der zuvor mit Derby County schon mit wenig Mitteln viel erreichte, übernimmt mit Assistent Peter Taylor im Januar 1975 das Traineramt. Auf Rang 13 liegt das Team da und Clough wurde zuvor bei Leeds nach nur 44 Tagen wieder fortgejagt. Nottingham ist seine letzte Chance. Er führt den Klub zwei Jahre später dank Rang 3 in die First Division, die höchste Liga.
Dort wird den «Tricky Trees» nur wenig Kredit zugestanden. Die Promotion gelang knapp, die Mannschaft besteht aus Wandervögeln, Desperados und einigen unerfahrenen Jungen. Experten rechnen eher mit dem Abstieg als mit dem Titel.
Doch Clough, ein charismatischer Einzelgänger, der unverblümt sagt, was er denkt, spielt eine seiner unerwarteten Stärken aus und impft den Jungs Teamgeist ein. Dazu gelingt nach sechs Spieltagen die Verpflichtung von Nationalkeeper Peter Shilton. Forest kassiert ab da nur noch 18 Gegentore in 37 Partien, bleibt zum Abschluss 26-mal unbesiegt und sichert sich den Sensationstitel mit sieben Punkten Vorsprung (Zweipunkte-Regel). Seither wurde in England nie wieder ein Aufsteiger direkt Meister.
Damit qualifiziert sich der Underdog für den Europapokal der Landesmeister, dem Vorgänger der Champions League. Der Wettbewerb ist zwar noch klein (nur die Meister nehmen teil und er beginnt gleich mit den Achtelfinals), aber als Nottingham in der Startrunde ausgerechnet Titelverteidiger und Übermannschaft Liverpool zugelost wird, sinken die Chancen, im ersten europäischen Wettbewerb einen Coup zu erreichen, weiter.
Forest schafft jedoch die Überraschung, setzt sich dank einem 2:0 im Hinspiel durch und schaltet danach AEK Athen ebenso aus wie im Viertelfinal die Zürcher Grasshoppers (4:1 und 1:1). Im Halbfinal gelingt mit dem 3:3 und 1:0 der zweite grosse Coup: Der Titelfavorit 1. FC Köln muss dran glauben.
Das überraschende Endspiel gegen Malmö füllt nicht mal das Olmypiastadion in München. Nottingham siegt 1:0 durch einen Treffer von Trevor Francis. Dieser wurde von Forest erst Anfang Jahr – als überhaupt erster englischer Fussballer – für eine Million Pfund verpflichtet. Der Stürmer wurde von der UEFA für europäische Partien drei Monate gesperrt, das Endspiel ist sein Debüt. Eine witzige Anekdote dazu: Garry Birtles kam unrasiert zum Spiel. Er erinnert sich so daran:« Clough fragte mich, was ich im Gesicht habe. Er meinte meinen Dreitagebart und sagte dann: Du hast fünf Minuten, um dich zu rasieren, sonst spielst du nicht. Ich habe mich nie schneller rasiert.»
Der Erfolg gilt damals schon als einer der überraschendsten im europäischen Fussball. Doch Clough und sein Team legen noch einen drauf. In der Meisterschaft reicht es zwar «nur» für den zweiten Platz, aber als Titelverteidiger ist man auch in der Saison 1979/80 wieder im Europapokal dabei.
Und das Wunder wiederholt sich. Nottingham schaltet auf dem Weg ins erneute Endspiel Öster, Arges Pitesti, Dynamo Berlin und Ajax Amsterdam aus. Im Final wartet im Santiago Bernabeu von Madrid der grosse Favorit HSV mit Kevin Keegan, Felix Magath, Willi Reimann und Horst Hrubesch (im Endspiel erst Ersatz).
Nottingham dagegen stellt acht Spieler, die schon im Final 1979 in der Startelf standen. Die «Miracle Men» sollen es nochmals richten. Die Achse mit Keeper Shilton, Verteidiger Viv Anderson, Mittelfeldspieler Martin O'Neill und Stürmer Trevor Francis steht noch immer, daneben sorgen die drei Schotten John Robertson, Archi Gemill und Kenny Burns für mächtig Betrieb.
Trotzdem sind die Rollen klar verteilt. Nicht zuletzt deshalb, weil Francis, der im Viertel- und Halbfinal überragend agierte, verletzt fehlt. Nottingham aber lässt sich nicht beeindrucken. In der 21. Minute geht der Aussenseiter aus den Midlands durch Robertson in Führung.
Die Hamburger drehen danach auf und bestimmen die Partie klar. Immer wieder kommen sie zu guten Chancen. Unter anderem wird aber ein Abseitstor von Willi Reimann aberkannt:
Später, der Druck ist immens, knallt ein Geschoss von Manfred Kaltz nur an den Pfosten. Die Engländer leiden und verteidigen praktisch nur noch. Aber es reicht. Mit einem überragenden Peter Shilton rettet Forest das 1:0 über die Zeit. Und: Schiedsrichter António José da Silva Garrido jubelt danach mächtig mit. Wohl eher über seine Leistung – aber dennoch: Heute wäre so eine Reaktion undenkbar.
Mit dem Erfolg wird Nottingham das erste – und wohl für immer einzige – Team, das den Europapokal der Landesmeister (Champions League) öfter gewann als die nationale Meisterschaft.
Der unglaubliche Höhenflug der «Red and White Army» endet zwar nicht abrupt, aber doch schnell. In der Saison 1980/81 scheitert der doppelte Titelverteidiger in der ersten Runde mit 0:1 und 0:1 an ZSKA Sofia.
Während der erfolgreichen Zeit kommen neben den erwähnten Titeln noch der europäische Supercup 1979 sowie die League Cups 1978 und 1979 dazu. In der Saison 1983/84 scheitert Nottingham im UEFA-Cup-Halbfinal (Europa-League-Vorgänger) an Anderlecht. Zehn Jahre später wird bekannt, dass der Schiedsrichter von den Belgiern wohl geschmiert war. Bestätigen kann er dies nicht. Er verstarb zuvor bei einem Autounfall.
1989 verpasst Nottingham das Treble (Meisterschaft, FA-Cup und League Cup) knapp. Am Ende ist es nur der kleinste Pokal. In der Meisterschaft wird es Rang 3, im FA-Cup scheidet das Team im tragischen Halbfinal von Hillsborough gegen Liverpool aus. 1991 steht Forest letztmals in einem Endspiel: Trotz 1:0-Führung wird die FA-Cup-Trophäe gegen Tottenham aber mit einem 1:2 verpasst.
1993 steigt der Klub ab. Die Relegation bedeutet auch für Clough das Ende seiner Karriere. Er trainiert die «Three Lions» nie, weshalb er als «bester englischer Nationaltrainer, den es nie gab» bezeichnet wird.
Für Clough selbst sind übrigens nicht die zwei sensationellen Europacup-Titel das Meisterwerk, sondern die saisonübergreifend 42 Partien ohne Niederlage in der Liga im Jahr 1979. Dieser Rekord wird erst im August 2004 von Arsenal mit 49 Partien gebrochen. Einen Monat später stirbt Clough 69-jährig an Krebs.
Nottingham Forest erreichte 1996 letztmals das internationale Geschäft (UEFA-Cup-Viertelfinal gegen Bayern München) und stieg 1999 aus der Premier League ab. Seither kämpft das Team um den Wiederaufstieg. Aktuell gehören die «Reds» einem Investoren aus Kuwait. Ob Leicester Nottingham nacheifern kann und auch europäisch überrascht?