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Der Begriff der Menschenwürde spielt eine zentrale Rolle in gegenwärtigen Debatten der angewandten Ethik und ist ein wichtiger normativer Bezugspunkt in der rechtlichen Regelung bestimmter Praktiken. Im Gegensatz dazu steht die in der bioethischen Debatte sehr populäre These, dass der Menschenwürdebegriff ohne Verlust durch das Prinzip des Respekts vor der Autonomie von Personen ersetzt werden kann (Substitutionsthese): Entweder werde mit der Forderung, die Menschenwürde von Personen zu achten, nichts anderes als das Autonomieprinzip ausgedrückt; oder der Menschenwürdebegriff bleibe so vage und unspezifisch, dass er zu einer blossen Leerformel verkomme, die sich mit beliebigen Inhalten füllen lasse.
Im geplanten Forschungsprojekt soll die Substitutionsthese einer kritischen Überprüfung unterzogen und für die nähere Bestimmung des Menschenwürdebegriffs fruchtbar gemacht werden. Dafür wird sie mit der restriktiven Verwendungsweise des Menschenwürdebegriffs konfrontiert. In dieser beschränkt das Menschenwürdeprinzip den Bereich, in dem die autonome Zustimmung von Personen normative Autorität hat. Weil Menschenwürde somit der individuellen Selbstverfügung (Autonomie) von Personen Grenzen setzt, wird die Substitutionsthese in Frage gestellt und es wird ein konkreter Anhaltspunkt dafür gegeben, worin der distinkte Gehalt von Menschenwürde liegen könnte.
Die Untersuchung der Substitutionsthese soll anhand von zwei praktischen Kontexten durchgeführt werden, in denen das Menschenwürdeprinzip in restriktiver Weise verwendet wird: der Debatte um die moralische Bewertung des (i) Organhandels und (ii) der Suizidbeihilfe. Diesem Vorgehen liegt die methodische Annahme zugrunde, dass der mögliche Verlust, der durch eine Ersetzung des Menschenwürdeprinzips durch das Autonomieprinzip entsteht, nur im Kontext spezifischer normativer Diskussionen in den Blick gerät.
Das geplante Forschungsprojekt verspricht eine Klärung der durch die Substitutionsthese aufgeworfenen Frage nach dem Verhältnis von Menschenwürde und Autonomie und dadurch eine nähere Bestimmung des distinkten Gehalts des Menschenwürdeprinzips. Darüber hinaus wird erwartet, dass die systematische Diskussion der Substitutionsthese zu einer Aufklärung der normativen Diskussionen in den ausgewählten praktischen Kontexten beiträgt, in denen die Begriffe der Autonomie und der Menschenwürde eine prominente, und häufig sehr unklare, Rolle spielen.