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Filmbilder sind prägend. Will man sie als historische Quelle lesen, gilt es aber, vorsichtig zu sein. Es ist schon vorgekommen, dass statt einem Foto des echten Lenin, das Bild des Schauspielers Wasili Nikandrow zu sehen war – aus dem Film «Oktober» von Sergej Eisenstein.
Der Schweizerin Gilberte Montavon wiederfährt das gleiche Schicksal. Fast niemand kennt die echte Gilberte – jeder, der an sie denkt, wird sofort das Gesicht der Schauspielerin Annemarie Blanc vor sich sehen.
«Gilberte de Courgenay» von Franz Schnyder (1941)
«Gilberte de Courgenay», mit Annemarie Blanc in der Hauptrolle, spielt während des Ersten Weltkriegs im Jahr 1917 in Courgenay, einem kleinen Dorf an der französischen Grenze. Hier standen Schweizer Soldaten Wache. Gedreht wurde der Film 1941, in Europa herrschte Krieg, Schweizer Soldaten standen an den Grenzen.
«Gilberte de Courgenay» ist ein Film im Dienst der «Geistigen Landesverteidigung». Ein Film, um Stimmung zu machen für das Militär, für die Verteidigung der Schweiz und der Freiheit. Die Bilder für diese wehrhafte Schweiz fand man beim Ersten Weltkrieg.
Gilberte de Courgenay war die perfekte Figur dafür: Die reale Person war bereits zur Symbolfigur geworden – das Lied war sehr bekannt und sowohl ein Buch, als auch ein Theaterstück gab es schon über sie. Gilberte stand für die Soldatenwirtin, die die Soldaten bemuttert und sie in ihrer Dienstpflicht bestärkte. Der Film erzählt heute mindestens so viel über seine Entstehungszeit 1941 wie über die Zeit des Ersten Weltkriegs.
«Un juif pour l’exemple» von Jacob Berger (2016)
Basierend auf dem gleichnamigen Roman des Schweizer Schriftstellers Jacques Chessex bringt Jacob Berger die Geschichte der Ermordung eines jüdischen Viehändlers in Payerne auf die Leinwand. Der jüdische Händler wird 1942 durch einen Schweizer Frontisten erschossen.
Spannend am Film ist, dass er die Illusion der Geschichte immer wieder durch gegenwärtige Elemente bricht. Fahren die Figuren 1942 Auto, sitzen sie in modernen, heutigen Autos. Auch im Wirtshaus, in dem die Nazigruppe den Mord plant, sitzt der Autor Jacques Chessex – gespielt von André Wilms – am Nebentisch, hört zu und schreibt mit.
Raffiniert vermischt der Film mehrere Ebenen: die der Geschichte aus Payerne, die des Autors Chessex, der diesen Mord als Kind tatsächlich mitbekommen hatte, und die des alten Schriftstellers, der erleben musste, was für eine Empörungswelle sein Buch ausgelöst hatte.
Der Kinofilm «Un juif pour l’exemple» ist so auf mehreren Ebenen historisch. Er ist Chronist der Ereignisse in Payerne 1942 und vermittelt gleichzeitig die subjektive Perspektive des Erzählers, nämlich die des Schriftstellers Jacques Chessex. Zudem erzählt er von der Empörung, die der Veröffentlichung des Buches 2009 folgte – und schliesslich vom Tod eines Schriftstellers.
«Die göttliche Ordnung» von Petra Volpe (2017)
Entgegen der beiden vorhergehenden Filme basiert Petra Volpes «Die göttliche Ordnung» zwar auf einem historischen Ereignis – der Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz 1971 –, aber ist komplett fiktiv.
Die Zeitgeschichte wird zur Matrize für eine frei erfundene Geschichte mit fiktiven Figuren. Dieser Film aber vermittelt sehr viel von jener Epoche. Er rekonstruiert sie mittels Ausstattung, Musik und Atmosphäre. Der Zuschauer erfährt über die Dialoge viele Fakten aus der Zeit: Wie war die Gesetzeslage und die Mentalität in einem Dorf? Wie war das Verständnis einer Ehe im um 1971?
Das Kino wird zu einer Art Zeitmaschine – und einem Trendsetter: Rund 45 Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts ist «Die göttliche Ordnung» von Petra Volpe der erste Spielfilm, der sich dieser Geschichte annimmt.