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Exkurs: Existiert auch eine "Niedersensibilität"?
Im Laufe meiner Aufzeichnungen über das Thema Sensibilität kam ich zur Hypothese, dass es eigentlich auch Menschen geben müsste, deren Wahrnehmungsfilter im Vergleich mit der Norm zu stark ausgeprägt sind: das andere Extrem zur Hochsensibilität, die "Niedersensibilität"?
In der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ, 10./11. November 2007) habe ich dann einen Artikel gefunden, der diese Hypothese unterstützt: "Am Nullpunkt des Sozialen - ein Versuch über die Gleichgültigkeit" von Wolfgang Sofsky. Hier liest man zum Beispiel: "Nichts kann sie erregen, nichts reizen, nichts berühren." Oder: "Indifferenz filtert nahezu jeden Reiz ab, der die Person in ihrem Inneren bewegen könnte. Die Ereignisse können sich überschlagen – es ist ohne Belang." Und noch ein letztes Zitat: "Im seltenen Extremfall nistet sich die Gleichgültigkeit im Körper ein. Die Nerven sind wie betäubt, die Farben verblassen, sogar die Nahsinne der Haut und des Geschmacks scheinen abgeschaltet. Die Welt erscheint wie hinter Milchglas."
Es dünkt mich, dass hier das Gegenteil der Hochsensibilität beschrieben ist und dass die gängigen Prozentzahlen (80-85 Prozent Normalsensible, 15-20 Prozent Hochsensible) vielleicht nicht ganz stimmen, da die "Niedersensiblen" dabei nicht erfasst worden sind.
Reaktionen auf das Kapitel "Niedersensibilität":
Da es bei den obigen Ausführungen um eine "Forschungsfrage" und ledigliche "These" ging, freut es mich, dass es Reaktionen darauf gegeben hat, die eine andere Meinung zeigen:
26.3.10: Bemerkungen zu Nieder- und Hochsensibilität
Guten Tag Frau Schauwecker,
ich habe einige Ergänzungen zu Ihren Ausführungen zur Niedersensibilität: Ihre Beschreibung von Niedersensibilität (NS) scheint mir nach meinen persönlichen Erfahrungen eher die Beschreibung eines depressiven Zustandes zu sein. Ich leide an Depressionen, und in diesem Gemütszustand fühle ich mich oft gefühllos und manchmal wie durch eine Glasscheibe von der Realität getrennt.
Ich für mich persönlich definiere Niedersensiblität anders: Meiner Ansicht nach ist Niedersensibilität oft gepaart mit hoher Belastbarkeit. Diese Eigenschaft findet sich oft bei Führungspersönlichkeiten, z.B. im Militär oder in Konzernen, wahrscheinlich auch bei Kriminellen. Ausserdem befähigt die relative Unempfindlichkeit gegenüber "geringen" Reizen stärker dazu, in komplexen Situtationen die Uebersicht zu behalten, einen sogenannten kühlen Kopf zu bewahren. Solche Persönlichkeiten haben deshalb oft gute strategische Fähigkeiten, was sie ebenfalls wiederum für Führungspositionen empfiehlt.
Ich denke, dass bei den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern in unserer Kultur ein grosser Prozentsatz solcher Persönlichkeiten anzutreffen ist. Da diese Leute über Macht und Geld verfügen, vermögen sie auch, ihre unsensible Erlebens- und Sichtweise der Realität der gesamten Gesellschaft als Ideal aufzuokturieren, deshalb auch die Ueberbetonung von Strategien und Leistung in unserer Gesellschaft. Dieser Typus Mensch ist auch ein hervorragender Kämpfer, da er psychisch sehr robust und wenig vulnerabel ist. Für ihn ist das soziale Leben vorwiegend ein Kampf, und dieser Persönlichkeitstypus ist hervorragend ausgestattet, Kämpfe zu führen und zu gewinnen. Sie fassen soziale Begegnungen häufig als Kampf auf und sie verachten die "Verlierer". Sie verfügen über sehr wenig Einfühlungsvermögen und Sensibilität, ja halten solche Eigenschaften für weibisch und schwächlich. Diese Kampfperspektive scheint mir die typische Perspektive von Machismo und von patriarchalem Männertum zu sein. Nicht zuletzt, weil diese Sicht- und Seinsweise unsere Gesellschaft und unsere Institutionen über viele Jahrhunderte, ja Jahrtausende dominiert hat und sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen sind, haben es die 15 - 20 % Hochsensiblen so schwer, sich zu behaupten und sich Gehör zu verschaffen. Sie müssen nämlich zu denselben Mitteln greifen wie die Führungsschicht, was ihnen ihrer Natur gemäss nicht unbedingt zusagt. Deshalb sind sie auch nicht besonders erfolgreich.
Noch ein Gedanke: Ich erwartete eigentlich, dass sich mit der Emanzipation der Frauen etwas ändern würde im Verhalten der patriarchal geprägten Führungsschichten. Meine Enttäuschung war umso grösser, als ich feststellen musste, dass in Führungspositionen gelangende Emanzen sich wie Männer verhalten, dass sie ihre geschlechtsspezifische höhere Sensibilität unterdrücken und unkritisch patriarchales Verhalten nachzuäffen versuchen. (Es gibt natürlich auch andere emanzipierte Frauen, aber diese scheinen nicht in die Führungsriegen zu gelangen.)
Kurz: unsere Kultur und ihre Werthaltungen wurden und werden meiner Meinung nach von der Erlebens- und Seinweise einer niedersensiblen Führungsschicht wesentlich geprägt, welche nicht zuletzt wegen dieses Charakterzuges in ihre Positionen gelangt ist. Niedersensiblität und hohe Belastbarkeit gelten nach wie vor als gesellschaftlich anerkannte, ja geförderte Eigenschaft. Aber ich denke, dass sie bei vielen Entscheidungsträgern auch deutlich pathologische Züge trägt, welche aber leider gesellschaftlich geachtet werden, statt geächtet. Nur wagt niemand, das laut zu sagen. Ich jedenfalls habe im Militär und während jahrzehntelanger Arbeit in diversen Konzernzentralen immer wieder entsprechende Erfahrungen gesammelt.
Es gäbe noch einiges mehr zu sagen, z.B. zum Zusammenhang zwischen Niedersensibilität und Klimaveränderung & Oekokatastrophen, oder zwischen NS und Finanzkrise, etc., vielleicht ein anderes Mal...
Uebrigens: Ich bin sehr froh, Ihre Homepage endlich entdeckt zu haben. Es ist mir schon einige Jahre bekannt, dass ich hochsensibel bin. Aber da ich der kämpferischen Zentralschweizer Unterschicht entstamme, brauchte es sehr viel, bis mir das bewusst wurde, und noch länger, bis ich diese Eigenschaft an mir annehmen konnte. Das von Ihnen erwähnte Buch von Elaine N. Aaron, über welches ich vor einigen Jahren in einer Buchhandlung zufällig gestolpert bin, hat mir dabei sehr geholfen.
Freundliche Grüsse, F.K. aus O.
1.4.13 Niedersensibilität
Liebe Frau Schauwecker, vielen Dank für diesen anregenden Gedankengang. Ich teile die Meinung des Beitrags vom 26.3.10 vor einem adäquaten Erfahrungshorizont (Konzerne, Militär etc.). Und sehe auch die dominierende Ignoranz gegenüber Andersfühlenden. Es scheint nicht opportun, zu widersprechen bzw. sogar dagegen zu opponieren. Im Mittelalter war das nur dem (hochsensiblen?) Clown erlaubt, der damit begrenzte Macht hatte. Wo sind die Clowns heute? Wir HSP könnten sie sein. Wir müssten uns nur dieser Tradition wieder bewusst werden...
LG und viel Erfolg mit Ihrer Seite, Ch. L. aus K.
22.8.14 Niedersensibilität
Liebe Frau Schauwecker, seit kurzem ist in Deutschland ein britisches Buch über "Psychopathen" auf dem Markt, das deren geistig-seelischen Zuschnitt anhand von vielen Beispielen recht gut darstellt. Interessant im Zusammenhang mit den anderen Beiträgen über die Niedersensibilität ist, daß Psychopathen keineswegs nur unter Kriminellen zu finden sind; sie sind sozusagen nur die erfolglosen Psychopathen. Die erfolgreichen hingegen nehmen führende Positionen in Militär, Wirtschaft und Politik ein. Ihr hervorstechendstes Merkmal scheint die Fähigkeit zu sein, sich voll und ganz auf ihre Aufgabe zu konzentrieren - und im Zweifelsfall "über Leichen zu gehen".
Ich habe das Buch im Zuge meiner Suche nach den Gründen für meine Besonderheit gelesen. Da habe ich wohl genau am falschen Ende der Skala angefangen zu suchen..... HSP S.