Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03575.jsonl.gz/2919

Versuch, die Ostkirchen heimzuführen
Vortrag im Deutschen Geschichtsforschenden Verein
«Catholica Unio» ist eines der zahlreichen Hilfswerke, die versucht haben, die Ostkirchen zur römisch-katholischen Kirche zurückzuführen. Das heute noch existierende Werk operiert von Freiburg aus.
Von ANTON JUNGO
Im Anschluss an die Generalversammlung eröffnete der Deutsche Geschichtsforschende Verein am Dienstagabend seine diesjährige Vortragsreihe. Iso Baumer, ehemaliger Gymnasiallehrer und Lehrbeauftragter für Ostkirchenkunde an der Universität Freiburg, gab in seinem Referat einen Einblick in das Hilfswerk Catholica Unio (CU). Die Geschichte dieser Organisation hängt mit der Geschichte der Annäherungsversuche der getrennten Christen zusammen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen neuen Aufbruch erlebten.
Ein lebenslustiger Graf . . .
Wie der Referent betonte, kam er schon 1947 mit der CU in Kontakt. 1988 wurde er in den Vorstand der schweizerischen Sektion des Werkes gewählt und von 1994 bis 2000 war er Generalsekretär der internationalen Vereinigung.
Die CU wurde 1921 – damals noch unter anderem Namen – in Wien vom Benediktinerpater Augustinus Graf von Galen gegründet. Von Galen (1870 bis 1949) gehörte dem westfälischen Hochadel an. Vor seinem Eintritt in den Benediktinerorden galt der studierte Jurist als lebenslustiger Graf. Die Türen zu kirchlichen Würdenträgern und andern einflussreichen Persönlichkeiten öffneten sich ihm deshalb leicht. Er versuchte sein Werk nicht nur in Europa, sondern auch in Amerika und Lateinamerika zu etablieren.
. . . und ein Freiburger Landpfarrer
1927 verlegte er den Sitz der CU nach Freiburg in der Schweiz. Hier konnte er auf die äusserst engagierte Hilfe von Conrad Fischer (1893 bis 1955) zählen. Fischer war Kaplan und später Pfarrer von Wallenried. 1949 wurde er nach dem Tod von Galens Generalsekretär der CU. Auf seinen Reisen in den Orient hatte er nicht nur die Liturgie der orthodoxen Kirchen kennen gelernt. Er hatte ebenfalls die Feststellung gemacht, dass die Kirchen auch mit verheirateten Priestern «funktionieren».
Wie Iso Baumer ausführte, verfolgte Augustinus von Galen mit der CU ein doppeltes Ziel. Einerseits wollte er
Mittel beschaffen, um materielle Hilfe leisten zu können. Andererseits versuchte er aber auch, die andersgläubigen Christen zur Rückkehr in den «Schafstall Petri» – wie sich der Referent ausdrückte – zu bewegen.
Erst mit der Zeit kam man innerhalb der CU zur Erkenntnis, dass die orthodoxen Christen nicht bekehrt werden müssen, sondern dass es eigentlich um eine gegenseitige Anerkennung der historisch gewachsenen Verschiedenheiten geht. Gemäss Iso Baumer spiegelt sich deshalb in der Geschichte der CU exemplarisch auch der Wandel der Einstellung der römisch-katholischen Kirche zu den Ostkirchen.
Intrigen im Vatikan
Am Beispiel von Michel d’Herbigny zeigte der Referent auf, dass es sich die katholischen Institutionen, die sich um eine Annäherung zu den Ostkirchen bemühten, sogar leisten konnten, einander zu konkurrenzieren. Der geheimnisumwitterte Jesuitenpater und Bischof d’Herbigny, Mitglied der päpstlichen Kongregation für die Ostkirchen, versuchte die einzelnen Hilfswerke gegeneinander auszuspielen.
Zum 75-Jahr-Jubiläum der Catholica Unio erschien von Iso Baumer das 530-seitige Werk «Von der Unio zur Communio». Freiburg: Universitätsverlag 2002 (Ökumenische Beihefte 41).
Aktivitäten des
Geschichtsvereins
François Guex, Präsident des Geschichtsvereins, wies in seinem Jahresbericht auf das grosse Engagement hin, das verschiedene Mitglieder des Vereins im Rahmen des 200-Jahr-Jubiläums der Mediationsakte an den Tag legten. Und schon werfe das nächste Jubiläum seinen Schatten voraus, meinte er: nämlich das Jubiläum zur Gründung der Stadt Freiburg vor 850 Jahren (1157-2007). Er hofft, dass es den Organisatoren gelingen wird, ein Jubiläum zu veranstalten, von welchem sich alle Freiburger angesprochen fühlen.
Der Geschichtsverein zählt zurzeit 544 Mitglieder. Die jährliche Veranstaltung einer Vortragsreihe gehört ebenso zum Vereinsprogramm wie eine Frühjahrsexkursion und die Publikation der «Freiburger Geschichtsblätter». Der Band 80 wird Ende 2003/Anfang 2004 erscheinen. ja
Der nächste Vortrag findet am 16. Dezember um 19.30 Uhr im Franziskanerkloster an der Murtengasse statt. Thema ist die neapolitanische Weihnachtskrippe in der Liebfrauen-Kirche in Freiburg.