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Sechs seiner zwölf Grand-Slam-Turniersiege gewann Novak Djokovic unter Trainer Boris Becker. Dieser erklärt im Interview mit «NoSports», Deutschlands jüngstem Sportmagazin, warum er für seinen Schützling genau der Richtige ist und warum er bei Roger Federer scheitern würde.
Boris Becker, erkennen Sie Parallelen zwischen Novak Djokovic und dem Tennisspieler Becker?
Novak ist wie ich ein sehr emotionaler Spieler, der besser spielt, wenn er seine Emotionen richtig einsetzt, und schlechter, wenn er sie falsch einsetzt.
Und deswegen sind Sie der richtige Mann für ihn?
Das weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass unsere Partnerschaft schon einige Zeit recht erfolgreich ist.
Wie lenkt man die Emotionen bei einem Nummer-1-Spieler?
Es kommt sehr genau darauf an, welches Wort zu welcher Zeit in welcher Tonlage gesprochen wird. Dafür braucht es ein sehr gut eingespieltes Team, denn jeder Match ist anders und braucht eine spezielle Vorbereitung. Als jemand, der fast 15 Jahre lang Top-Ten-Spieler war, kann ich in etwa einschätzen, wie es Novak am Abend vor, am Morgen vor und zehn Minuten vor einem Finale geht.
Das heisst?
Natürlich sprechen wir auch mal über seine Vorhand, aber vor allem geht es um die Strategie und die Bereitschaft, grosse Kämpfe richtig anzugehen. Wir gehen ähnlich mit Emotionen um. Aber ich bin zwanzig Jahre älter und habe eine andere Distanz zu den Dingen. Eine Form von Erfahrung, die ihm offenbar ganz gut tut.
Und das können Sie ihm vermitteln?
Ja, denn wir ähneln uns auch in dem Punkt, dass weder Novak noch mir das Tennisspielen in die Wiege gelegt worden ist. Ich würde mich sehr viel schwerer tun, Roger Federer zu coachen.
Warum?
Roger ist der talentierteste Tennisspieler aller Zeiten, er hat eine ganz andere Persönlichkeitsstruktur. Novak und ich mussten dieses Defizit durch Fleiss und Arbeit wettmachen, um Erfolg zu haben. Dazu kommt die familiäre Situation. Novak ist im Jugoslawienkrieg aufgewachsen, ist im Mangel gross geworden. Meine Mutter war Flüchtling im Zweiten Weltkrieg. Wir haben von zuhause ähnliche Werte mitbekommen, was Kämpfen bedeutet und was es bedeutet, über Grenzen zu gehen.
Sie hatten schon früher Anfragen, Trainer zu werden, haben aber stets abgelehnt.
Auch von Grand-Slam-Spielern, allerdings war deren Perspektive eher das Viertel- oder Halbfinale. Das reizte mich nicht. Ausserdem muss ein Trainerjob auf dieser Ebene auch zur Lebenssituation passen. Trainer eines Weltklassespielers zu sein, das macht man nicht nebenbei. Als mein Sohn ein paar Wochen alt war, wollte ich nicht ständig reisen. Als Novaks Anruf kam, war Amadeus schon drei, da fiel es mir leichter zuzusagen.
Das Ziel hiess: Hilf mir, wieder Nummer 1 zu werden.
I am in the business of winning. Er hat mich gefragt, damit er wieder das Gewinnen lernt. Mir gefiel diese Perspektive. Denn ich spiele in meinem Leben gern auf Sieg, nie auf Unentschieden.
Hatten Sie nie Zweifel, dass das gut geht?
Mentale Zweifel nicht. Die Gretchenfrage war aber: Würde ich dem Job körperlich gewachsen sein? Auch als Trainer muss man den Druck auf die Strasse bringen. In den Wochen, nachdem Novak angerufen hatte, stand mir jedoch meine zweite Hüftoperation bevor. Ich hatte furchtbare Schmerzen, nahm ständig Tabletten und war kaum in der Lage, zu reisen, geschweige denn, lange zu sitzen. In dieser Zeit fiel es mir sehr schwer, gute Laune beim Training zu versprühen. Ich stand im April 2014 kurz nach der OP mit Krücken auf dem Platz. Als Novak das sah, hat er wohl erst richtig verstanden, warum es mir vorher nicht immer leicht fiel, gesellig zu sein.
Man sieht Ihnen an, dass Sie Schwierigkeiten beim Gehen haben.
Kann ich je wieder richtig rennen? Nein! Aber ich bin nach Jahren wieder schmerzfrei und muss keine Tabletten mehr nehmen, das ist das Wichtigste. Ich bin jedoch in Behandlung und hoffe, dass mein Sprunggelenk wieder elastischer wird.
Wie ist es für Sie, sich in dieser Situation in der Öffentlichkeit zu bewegen?
Das ist für Fans und Aussenstehende schwerer zu ertragen als für mich. Viele haben immer noch den Jungsiegfried vor Augen. Aber, glauben Sie mir, älter zu werden, bleibt niemandem erspart, und nichts wird leichter mit der Zeit.
Ist Novak Djokovic als Spieler talentierter als Sie?
Schwer zu sagen. Sicher ist, dass ich ohne Talent nicht mit 17 Jahren Wimbledon gewinnen hätte können. Mein grösstes Gut war meine Power. Ich hatte schon als Teenager mehr Energie als die meisten 25-Jährigen. Novak hat verglichen damit deutlich weniger Körperlichkeit.
Neigen Spieler seiner Kategorie zu besonderer Sensibilität? Sie haben zur aktiven Zeit auf dem Platz gerne mal Launen ausgelebt.
Vorab: Jeder, der mich lange und gut kennt, wird Ihnen bestätigen, dass ich nicht zur Divenhaftigkeit neige. Aber: Ja, grosse Tennisspieler sind sensibel, auch Novak ist keine Maschine, und es gibt Tage, an denen seine Laune nach dem Training, auf Deutsch gesagt, beschissen ist. Dann liegt es am Team, also letztlich an mir, ihn wieder auf die Bahn zu bringen. Im Tenniszirkus ist es normal, dass sich die Top-Spieler vor Matches die Kabine teilen, mitunter sogar dieselbe Dusche und Toilette in den Stadionkatakomben benutzen. Da ist es wichtig, dass ein Trainerteam den Spieler auffängt und abschirmt.
Wie gehen Sie mit schlechter Laune bei Djokovic um?
Das kann über private oder berufliche Fragen funktionieren, manchmal auch durch Gespräche mit seiner Frau oder, wenn es sein muss, sogar indem ich ihn ignoriere. Jedes Match, jedes Turnier verlangt einen anderen Umgang.
Kommt es vor, dass Sie sich richtig fetzen?
Ich bin kein Typ, der aus der Haut fährt. Aber auch Novak hat Phasen, in denen er übers Ziel hinausschiesst. Und dann ist es an mir, ihm zu sagen, dass er überreisst. Wenn es alle denken, muss es einer sagen. Bei mir war es Ion Tiriac, bei Novak bin ich es.
Publikation mit freundlicher Genehmigung von NoSports.