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Peter Flötner (um 1485 – 1546) zugeschrieben
Nürnberg, um 1530/40
Bronze
H. 23,5 cm
Inv. 1904.2264.
Die Statuette eines geflügelten nackten Puttenknaben ist auf Vielansichtigkeit angelegt. Durch ihre komplexe Komposition wirkt die Figur des Puttos ausgesprochen lebendig. Er scheint sowohl vorwärts zu laufen als sich auch etwas ängstlich innehaltend mit dem linken Fuss auf den Kopf eines Delfins abzustützen. Der Halt suchende linke Arm unterstreicht diese zögerliche Haltung, mit dem rechten hingegen greift er spielerisch ein Tuch, das sich in kühnem Schwung über seine rechte Schulter legt. Das leicht nach unten geneigte Gesicht mit in der Mitte gescheiteltem Haar scheint Angst und Verwunderung auszudrücken.
Wie schon die Venus (Kat.-Nr. 98) wurde der Putto nach einem Holzmodell gegossen, was an den ovalen Kerben des Flügelansatzes und am Schnitt der Locken zu erkennen ist. Die Nachbearbeitung des Gusses zeigt Feilspuren vor allem an der Draperie, zahlreiche gehämmerte Stellen an Stirn, Brust, Knie und Waden, Gravuren und eingeschnittene Partien in den Details wie Finger- und Zehennägeln, Haar, Flügelfedern, Augenlidern und Pupillen. Die Statuette weist wenige sorgfältig geflickte Gussfehler auf. Zwei kleine Ausgusslöcher im Delfinmaul deuten darauf hin, dass der Putto als Brunnenfigur gedient hat. Ob der geflügelte Knabe selbst einst im Wortsinne Wasser lassen konnte, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ist aber wahrscheinlich. Die Statuette ist mit Ausnahme des rechten Beines und Delfinkopfes ein Vollguss. Das Glied des kleinen Knaben wurde zu einem späteren Zeitpunkt restauriert.
Kleine Brunnenfiguren aus Bronze sind im süddeutschen Raum in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts weitaus häufiger als autonome Statuetten, während in Italien das Verhältnis umgekehrt ist. In Nürnberg war Albrecht Dürer (1471–1528) gegen Ende des 15. Jahrhunderts einer der Ersten, die Entwürfe für einzelne Brunnenfiguren und ganze Tischbrunnen lieferten, wie z. B. einen sitzenden Bauern mit Gans (Winkler 236), oder, ungleich ambitionierter, einen höchst aufwendigen Tischbrunnen (Winkler 233), den man vielleicht als nicht für die Ausführung bestimmtes überreiches Fantasie- und Kunststück ansehen sollte.
Der Nürnberger Künstlerbiograf des 16. Jahrhunderts, Johann Neudörffer, schreibt, dass Dürers Schwiegervater, der Rotschmied (d. h. Bronzegiesser) Hans Frey, aus Kupfer «allerlei Bilder» gemacht habe, «Manns- und Weibspersonen, die waren inwendig hohl, und also durch Gebläse zugerichtet, dass das eingegossene Wasser ihnen oben zum Kopf oder anderen Orten in der Höhe heraussprang, und mocht ein jeder solchen Brunnen tragen und mitten in einen Saal setzen und zu zierlichen Ehren gebrauchen» (zit. nach Weihrauch 1967, S. 267). Man darf wohl davon ausgehen, dass Dürer seinem Schwiegervater Entwürfe geliefert hat. Auf jeden Fall zeigt das Beispiel Dürers, dass Entwurf und Ausführung nicht zwangsläufig in denselben Händen lagen. Restriktive Zunftreglemente, über die streng gewacht wurde, verhinderten dies zuweilen. Man darf annehmen, dass recht häufig drei Künstler oder Handwerker bei der Herstellung einer Brunnenstatuette aus Bronze beteiligt waren, nämlich zuerst der Entwerfer, dann der Verfertiger des Gussmodells und schliesslich der Giesser. Diese Problematik wird man auch bei unserem Puttenknaben und seinen Vergleichsstücken im Auge zu behalten haben. Ob der Putto ursprünglich ein Einzelstück oder vielmehr Bestandteil eines mehrfigurigen dekorativen Ganzen war, muss offenbleiben.
Der neben Albrecht Dürer wohl einflussreichste Künstler der Renaissance in Nürnberg ist Peter Flötner (um 1485 – 1546). Vor allem mit seinen Plaketten hat er der Goldschmiedekunst und der Hafnerei beliebtes Vorlagenmaterial geliefert. Daneben war er als Entwerfer für den Holzschnitt, als geistreicher Zeichner oft derber Spässe und als Plastiker tätig. Sein Hauptwerk auf diesem Gebiet ist der Apollo-Brunnen von 1532 in Nürnberg (Kat. Nürnberg 1986, S. 438f, Nr. 248). Dessen Sockelzone wird von vier auf Seeungeheuern sitzen den Putten belebt, die stilistisch grosse Gemeinsamkeiten mit der Basler Statuette aufweisen, nämlich die idealistische Form und den Sinn für die im Moment festgehaltene Bewegung. Die wie geriefelten Schwanzenden der Seeungeheuer in Nürnberg und des Delfins in Basel gleichen sich bis ins Detail. Neben dem Hauptwerk des Apollo-Brunnens existieren zwei weitere in der Grösse vergleichbare geflügelte Putten, die Peter Flötner zugeschrieben werden. Der Erste befindet sich in bayerischem Privatbesitz und zeigt einen sitzenden und urinierenden Putto mit Wassergefäss (Kat. Nürnberg 1986, S. 440f, Nr. 250). Gemeinsam hat er mit dem Basler Exemplar die Haarpartie mit Mittelscheitel und den Schnitt des Gesichts. Von etwas weniger hoher Qualität ist die Durchbildung der Anatomie. Dies gilt auch für den anderen Putto (Kunsthistorisches Museum, Wien; vgl. Kat. Nürnberg 1986, S. 386, Nr. 186), wo die Fleischpartien besonders stark und etwas undifferenziert gefeilt sind, so dass manche Feinheit hier verlorengegangen sein mag (Abb. S. 341). Frappant ähnlich sind hingegen der Schnitt des Haares und die ovalen Kerben am Ansatz der hier kleineren Flügel. Auch das Hantieren mit einer Draperie, wie es bei Peter Flötner häufiger zu finden ist, verbindet die beiden Stücke. Insgesamt aber zeichnet den Basler Putto vor den beiden anderen eine geistreiche und gehaltvolle Eleganz aus, die Flötner auf zwei Italienreisen bei den dortigen Meistern der Renaissance kennengelernt hatte. CK (Die grosse Kunstkammer 2011, S. 340-342)