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Kürzlich auf dem Stadtplatz: Ein kleiner Junge fuhr mit seinem Fahrrad schnurstracks auf eine Taube zu, die heftig flatternd davon tappelte. Als sich die Taube partout nicht überfahren lassen wollte, stoppte er und kreischte das Vogelviech an (welches sich dadurch nicht im geringsten beeindruckt zeigte).
Meine Muse sitzt in der Ecke, die Arme verschränkt und lächelt amüsiert vor sich hin, als ich ihr von dem kleinen Jungen erzähle. Ich fixiere sie mit meinem bösesten Blick, was ihr Lächeln nur noch breiter werden lässt. Da waren wir auch schonmal. Einmal fing ich sie ein, kettete sie an dem Stuhl fest. Was tat sie? Sie ruinierte mir jedes Bild. Als ich sie anfauchte, schüttelte sie die Ketten ab, als wäre das grosse Vorhängeschloss nie da gewesen, und stolzierte auf ihren hohen Absätzen davon. Und liess sich einen Monat lang nicht mehr blicken.
Inzwischen haben wir uns arrangiert. Ich stelle ihr was zu essen hin und ein gutes Buch, mache schöne Musik an und sorge für angenehmes Licht. Eine Wolldecke für den Fall, dass ihr kalt wird. Und hin und wieder ein Glas Wein (aber nie zu viel, seit sie einmal im besoffenen Zustand auf meine Bilder gekotzt hat). Seit ich sie gut behandle, wohnt sie fast ständig bei mir und schläft draussen auf dem Dach, gleich neben meinem Fenster. Sie will nachts die Sterne sehen, sagt sie. Und die Fledermäuse ausschicken, damit sie Jagd auf Ideen machen und mit viel, viel Beute zurückkehren kann. Hin und wieder reitet sie im Fell einer Fledermaus davon. Und erzählt mir von ihren Erlebnissen.