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Ar SMUV
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Ar SMUV
1830-2004
551.2 m
Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts kam es in den einzelnen Berufszweigen der Metall- und Maschinenindustrie zur Gründung lokaler Fachvereine. An der Schwelle zum 20. Jahrhundert folgte ein Konzentrationsprozess. Die lokalen Fach- und Berufsvereine schlossen sich zu regionalen und nationalen Organisationen zusammen. Die Spengler, Schlosser, Metallarbeiter, Giesser, Schmiede-Wagner und Dachdecker organisierten sich in der Vereinigung des Schweizerischen Metallarbeiterverbandes (SMAV). Dieser formierte sich von 1888 bis 1909. Zwischen 1893 und 1914 schlossen sich die Fachvereine und Berufsgruppen der Uhrenindustrie (Uhrenschalentermineure, Pendants-Arbeiter, Schalenmacher, Echappements-Arbeiter, Uhrfedermacher, Zifferblattmacher, Vergolder, Ebauches-Arbeiter, Uhrensteinarbeiter) im Uhrenarbeiterverband (FOIH) zusammen. 1915 wurde der Schweizerische Metall- und Uhrenarbeiter Verband (SMUV) aus der Vereinigung des Schweizerischen Metallarbeiter Verbandes (SMAV) und dem Uhrenarbeiterverband (FOIH) gegründet. 1992 schloss sich der Verband der Bekleidungs-, Leder-, AusrüstungsarbeitnehmerInnen (VBLA) an, der 1923 aus der Fusion des Schweizerischen Coiffeurverbands, des Schweizerischen Lederarbeiterverbands und des Schweizerischen Sattlerverbands hervorgegangen war. 2004 fusionierte der SMUV mit GBI, VHTL und unia zur interprofessionellen Gewerkschaft Unia.
In den wirtschaftlichen Krisenjahren während des Ersten Weltkriegs verzeichnete der SMUV einen sprunghaft ansteigenden Mitgliederzuwachs. Entscheidend für diesen Zuwachs war sein Dienstleistungsangebot: eine Arbeitslosenversicherung, eine Krankenkasse und Streikunterstützung. Die Arbeitszeitfrage, die Erkämpfung des 10-Stunden-Tages, war damals ein zentrales gewerkschaftliches Postulat. Die Jahre 1917-54 waren geprägt von der Präsidentschaft Konrad Ilgs. Er förderte die Zentralisierung der Organisation und die Professionalisierung des Verwaltungsapparates. Die Auseinandersetzungen um die Organisationsstruktur waren immer auch politische Richtungskämpfe. Insbesondere die innergewerkschaftliche, zumeist kommunistische Opposition bekämpfte die Zentralisierung. Am Gewerkschaftskongress von 1921 kam es zum Ausschluss von Mitgliedern wie von ganzen Sektionen (Genf, Zürich). Im Verlauf der 1920er Jahre wurde die Opposition grösstenteils ausgeschaltet, der kommunistische Einfluss abgedrängt. Gleichzeitig setzten sich vermehrt kooperativere Strategien der Konfliktregulierung mit den Arbeitgebern durch. 1937 kam es schliesslich zum so genannten "Friedensabkommen" in der Metall- und Uhrenindustrie. Zu Beginn der 1940er Jahre erwuchs erneut Opposition gegen den Zentralismus des Verbandes, die jedoch wiederum erfolglos blieb.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, 1945, setzte eine Phase wirtschaftlicher Hochkonjunktur ein. Gleichwohl blieb die Branchenstruktur in der schweizerischen Metall-, Maschinen- und Uhrenindustrie weitgehend unverändert. Der Gegensatz von Industrie und Gewerbe blieb vorherrschend. Während die Metall- und Maschinenindustrie grossbetrieblich in industriellen Zentren strukturiert und traditionell stark exportorientiert war, so war das Metallgewerbe (Schlosser, Spengler, Installateure etc.) lokal verankert und überwiegend kleinbetrieblich gegliedert. Die Uhrenindustrie wies, ihren komplexen Fabrikationsprozessen entsprechend, eine stark verästelte, oftmals noch handwerklich geprägte Branchenstruktur auf. Die Branchen selbst unterlagen ebenfalls einem historischen Wandel. Gewisse Branchen wie etwa die Feilenhauer verschwanden, andere wie das Auto- und Carosseriegewerbe gewannen an Bedeutung. Die globale Wirtschaftkrise Mitte der 1970er Jahre traf die gesamte schweizerische Wirtschaft, besonders hart jedoch die Uhrenindustrie. Der Rückgang der Arbeitsplätze in dieser Branche betrug zwischen 1970 und 1984 56.2%. Die wirtschaftliche Krisensituation schlug sich u.a. in einer vermehrten Streikaktivität nieder.
Die traditionelle Klientel der gewerkschaftlichen Organisationstätigkeit waren die Facharbeiter. Diese zeichneten sich durch eine gute berufliche Qualifikation sowie eine hohe Bindung an ihren Arbeitsplatz aus. Mit dem allmählichen Wandel der Beschäftigungsstruktur seit den 1960er Jahren verloren die Facharbeiter zunehmend an Bedeutung. Dieser Wandel wirkte sich auch auf den Mitgliederbestand des SMUV aus. Seit den 1960er Jahren waren die Mitgliederzahlen rückläufig. Aus dieser Entwicklung heraus verstärkte die Gewerkschaft ihre Rekrutierungsbestrebungen. Zum einen bemühte sie sich, neue Berufsgruppen wie die technischen Angestellten zu erschliessen. Zum anderen öffnete sie sich verstärkt gegenüber Frauen und "ausländischen" Arbeitskräften. Letztere aber waren ihrer betrieblichen Stellung und Qualifikation sowie ihrer sozialen Herkunft wegen schwieriger zu organisieren.
Organisation und Struktur
Organisatorisch war der SMUV in Regionen und Sektionen gegliedert. Eine Sektion war u.a. für die Beitragszahlung der Mitglieder sowie Neurekrutierungen zuständig und stellte die erste Anlaufstelle für gewerkschaftliche Dienstleistungen (wie Unterstützungskassen, Rechtsschutz) dar. In einer Sektion waren sämtliche Verbandsorgane, Vertrags- (Industriekonferenzen, Gewerbegruppen) und Konsultativorgane (Vertrauensleutekonferenz) ausgebildet. Der Kongress, der alle 4 Jahre tagte, war das Legislativorgan der Gewerkschaft. 250 bis 300 Delegierte, entsprechend der Mitgliederstärke der jeweiligen Sektion, nahmen insgesamt jeweils daran teil. Der Kongress wählte die Exekutive, die Geschäftsleitung (GL), und legte die längerfristigen Richtlinien der Verbandspolitik fest. Die Delegiertenversammlung (DV) wurde ebenfalls vom Kongress gewählt. Diese tagte 2 bis 3 Mal pro Jahr und nahm Jahresbericht, Jahresrechnung und Budget ab, bestimmte über Mitgliederbeiträge und Reglemente und wählte die Rechnungsprüfungskommission (RPK) und die Rekurskommission (RK), die Stiftungsräte derjenigen Organisationen und Genossenschaften, an denen der SMUV beteiligt war (u.a. REKA, Büchergilde, Volkshäuser, Ferieneinrichtungen) sowie die Delegierten für den gewerkschaftlichen Dachverband, den Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB). In den Vertragsaushandlungsprozess zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern waren sämtliche gewerkschaftlichen Ebenen einbezogen. Sektionen und lokale Industriekonferenzen formulierten erste Vertragsforderungen. Die Industriekommission bearbeitete und verabschiedete diese. Das Forderungspaket wurde dann durch die Verhandlungsdelegation gegenüber den Arbeitgebern vertreten. Die abschliessende Instanz des Vertragswesens war die Industriekonferenz.
In historischer Perspektive lassen sich für die organisatorische Struktur des SMUV zwei Phasen unterscheiden. Erst eine zentralistische und dann eine stärker gemäss dem Prinzip der Gewaltenteilung geprägte Ära. Die erste Phase ist eng mit der Präsidentschaft Konrad Ilgs verbunden. Die Sektionen wurden zu ausführenden Organen der Verbandszentrale. Die Mitgliederkartei, die Verteilung der Verbandszeitung und die Mitgliederwerbung wurden ebenfalls zentralisiert. Diese Zentralisierung, die eine erhebliche Machkonzentration bedeutete, war aber auch mit einer Professionalisierung des Verbandsapparates verbunden. Die Statutenrevision von 1948 bestätigte die zentralistische Linie vollumfänglich. Bestimmend waren in dieser Phase die Zentralorgane. Die Gewerkschaftsführung wie auch die Zentralsekretäre hatten sehr lange Amtszeiten. Dem Kongress kam hauptsächlich akklamative Funktion zu.
Die Statutenrevision Anfang der 1970er Jahre stand im Kontext zunehmender Krisenzeichen (Tertiarisierung der Industrie, Bedeutungsverlust der Facharbeiter). Verbandsinterne Strukturreformen drängten sich auf. Die Revision von 1972 brachte erhebliche Statutenänderungen: Den Vertretern der einzelnen Mitgliedergruppen (u.a. Frauen, Jugendliche) wurden für die Kongresse Delegationsrechte zugesprochen. Zentralsekretäre waren an Kongressen fortan nicht mehr stimmberechtigt. Es wurden Amtszeitbeschränkungen und Rotationen in Vorstand und Präsidium eingeführt. Diese Massnahmen sollten den Einfluss des bis dahin dominierenden professionellen Apparates einschränken. Zudem wurden die administrativen Strukturen reformiert: ein klar definiertes Ressortsystem wurde gebildet, Stabsfunktionen eingeführt und die Struktur der Sektionen und Regionen teilweise reorganisiert. Mit der Statutenrevision konnten legislative und exekutive Organe stärker entflochten werden und die legislativen Organe wieder ein stärkeres Gegengewicht gegenüber den exekutiven bilden.
Vertragstätigkeit und Sozialpartnerschaft
Die Verbände in der Metall- und Maschinenindustrie, im Metallgewerbe sowie in der Uhrenindustrie waren für den Aufbau kooperativer Vertragsbeziehungen richtungsweisend. Sowohl die Gewerkschaften wie die Arbeitgeberorganisationen zogen vertragliche bzw. paritätische gegenüber gesetzlichen Lösungen vor. Der Gewerkschaft kam dabei eine anerkannte, interne Ordnungsfunktion gegenüber der Arbeiterschaft zu. Die Gesamtarbeitsverträge (GAV) wurden kontinuierlich vereinheitlicht und detailliert. Seit den 1980er Jahren wurde der GAV auch auf die Angestellten ausgeweitet.
SMUV-Zentralpräsidenten
1912-1917 Oskar Schneeberger
1917-1954 Konrad Ilg
1954-1958 Arthur Steiner
1958-1972 Ernst Wüthrich
1976-1980 Gilbert Tschumi
1980-1988 Fritz Reimann
1988-1992 Agostino Tarabusi
1992-2000 Christiane Brunner
2000-2004 Renzo Ambrosetti
Übernahme im Rahmen des Archiverschliessungsprojektes Unia im Mai 2005.
Das nachträglich zugrunde gelegte Ordnungsschema (Archivplan) weist die folgenden Hauptpositionen auf: 1) Gremien, 2) Organisation, 3) Dienstleistungen, 4) Branchen, Vertragspolitik, 5) Mitgliedergruppen, 6) Projekte, Kampagnen, 7) Sektionen, 8) Ext. Gremien u. Organisationen. Der verwendete Archivplan basiert nicht auf einem Registraturplan, sondern wurde nachträglich im Zuge der Archivarbeiten angefertigt, um die Akten zu klassifizieren. Der Archivplan spiegelt die Grundstruktur und die Hauptaufgaben der Organisation. Da der Archivplan jedoch in funktionaler Hinsicht nicht vollständig kongruent konzipiert werden konnte, bleibt die Provenienz in Einzelfällen schwierig nachvollziehbar.
Es ist nicht einfach, einzelne Bestände besonders hervorzuheben. Dies hängt zum einen mit der enormen Quantität der Bestände zusammen; zum anderen sind die Bestände nicht "spektakulär" im geläufigen Sinne. Ihr Wert liegt weniger in einzelnen Dokumenten oder Dossiers, als vielmehr darin, ein umfassendes und überaus vielschichtiges Bild der Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Schweiz über einen sehr langen Zeitraum zu liefern. Die Breite des Bestandes erlaubt eine Vielzahl von Fragestellungen und Perspektivierungen.
Dennoch seien hier einige Dossiers und Serien hervorgehoben:
- Copie de Lettres der Verbandszentrale (1892-1917) (02Z)
- Verbände der Fabrikationszweige in der Uhrenindustrie (teilw. Vorläuferorganisationen des SMUV): Monteurs de Boîtes (Schalenmacher), Graveurs, Guillocheurs, Faiseurs de pendents, Cadrans, Repasseurs, Démonteurs, Remonteurs, Pierristes, Diamantaires, Nickleurs, Doreurs Chromeurs (04B)
- Akten zu nicht mehr existierenden Gewerbezweigen z.B. Feilenhauer, Glühlampenfabrikation Bürsten- und Pinselindustrie, Schreibutensilienindustrie (04T, 04Y)
- Archivbestand des Verband der Bekleidungs-, Leder-, AusrüstungsarbeitnehmerInnen (VBLA); darin z.B. Schneidergewerkschaft Biel 1877-1930 (04U)
- SMUV-eigene Firmen, Beteiligungen an Genossenschaften, Firmen, Ausbildungsstätten (02F)
- Akten "Manifest 77" – verbandsinterne Oppositionsbewegung Mitte der 1970er Jahre (02A)
- Akten zu den eidg. Militärbetrieben; Konzepte zur Rüstungskonversion, 1990er Jahre (04J)
- Akten der Sektionen, alphabetisch und/oder chronologisch geordnet (07)
- Akten der Sektionen, alphabetisch und/oder chronologisch geordnet (07)
- Umfangreicher Bestand von Kleinschriften, die vom SMUV herausgegeben wurden: Sektionsbroschüren; Referate, teilw. nach Sektions- u. Zentralsekretären geordnet; diverse Berichte zu Jubiläen, zur Sozial- und Wirtschaftspolitik etc.
Eine vollständige Übernahme der Akten durch das Schweizerische Sozialarchiv erwies sich als wenig sinnvoll. Deshalb wurden vorgängig Bewertungskriterien definiert, die dann bei der Bearbeitung der Akten zum Einsatz kamen. Ausgeschieden (bzw. kassiert) wurden:
- Administrative Unterlagen: Belege, Anmeldungen, Unterkunft, Verpflegung, Routinekorrespondenz etc.
- Externe Dokumentationen, Materialsammlungen (z.B. von Kursen oder Kampagnen Dritter; allgemeine, nicht einem bestimmten Dossier zugeordnete Pressespiegel etc.)
- Unterlagen externer Gremien
Der umfangreiche Periodika-Bestand (Verbandszeitungen und -zeitschriften, gedruckte Protokolle, Jahresberichte) bildet einen integralen Bestandteil des SMUV-Archivs; er wurde in die Bibliotheksbestände des Schweizerischen Sozialarchivs integriert.
Audiovisuelle Medien (Film-, Video-, Ton-, Bilddokumente) wurden der Abteilung Bild+Ton des Schweizerischen Sozialarchivs übergeben.
Anfang 2008 wurden 38 ältere Protokollbände der SMUV-Sektion Basel ausgeschieden und dem Staatsarchiv Basel-Stadt übergeben. Diese Dokumente sind im Findmittel mit dem Standortvermerk "Staatsarchiv Basel-Stadt" ausgewiesen.
Neuzugänge werden erwartet (v.a. Akten aus dem Zentralsekretariat Unia, die letzten Jahre vor der Fusion betreffend)
Der Bestand ist im Lesesaal des Schweizerischen Sozialarchivs grundsätzlich ohne Benutzungsbeschränkungen einsehbar.