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Die erste Einstellung dieses Films könnte dokumentarisch sein. Der ganze Film könnte dokumentarisch sein, mit einer Prise Weerasethakul allenfalls. Aber die brasilianische Künstlerin Maya Da-Rin zeigt hier ihren ersten Spielfilm.
Ein Mann mit Arbeitshelm und Uniform, in schusssicherer Weste, lehnt an der Wand eines grossen Containers und hört Dschungelgeräuschen zu. Er wirkt abwesend, verträumt. Dabei ist Justino bei seiner Arbeit als Wächter in einem Container-Hafen in Manaus.
Der Indigene wird von seinem neuen Kollegen Indio genannt. Er lebt am Stadtrand, weit weg vom Hafen, dort, wo Manaus an den Dschungel grenzt, mit seiner Tochter, die im Spital arbeitet.
Die Tochter erzählt, dass sie die Prüfung bestanden habe und ein Stipendium bekommen, um in Brasilia Medizin zu studieren. Für den Vater ist das klar eine Chance, welche die Tochter wahrnehmen muss. Auch wenn sie ihn damit für mindestens fünf Jahre allein lassen wird.
Dies, nachdem schon seine Frau gestorben ist.
Vielleicht sind diese Aussichten der Grund für die seltsamen Fieberattacken, welche Justino in letzter Zeit heimsuchen. Gleichzeitig erzählen die Nachrichten immer wieder von einem unbekannten Tier, das in der Nachbarschaft gesichtet wird und auch schon ein Schwein umgebracht hat.
Wenn Justino ins Gebüsch blickt, Geräusche hört, wohl auch einmal im Fiebertraum mit seinen Nachbarn und den Hunden auf die Jagd geht nach dem unbekannten Tier, schleichen sich metaphorische Gedanken und Bilderinnerungen ein: Die Dschungelgespenster aus Apichatpong Weeraseethakuls Uncle Boonmee zum Beispiel. Oder vage Werwolffilmgedanken.
Aber Maya Da-Rin belässt es dabei und führt ihren Protagonisten immer gleich wieder in seinen nüchternen, ruhigen, unprätentiösen Alltag. Der Film bleibt im Gestus dokumentarisch. Sogar dann noch, als Justinos älterer Bruder mit seiner Frau zu Besuch kommt, und versucht ihn für einige Zeit zurück ins angestammte Amazonas-Gebiet zu locken, wo das Essen gejagt und gesammelt wird und nicht aus dem Supermarkt kommt.
Justinos Ausdruck wird eine Spur verträumter, aber: Die lassen mich nicht gehen, sagt er von seinen Arbeitgebern. Am Ende geht er doch. Ob im Fiebertraum oder tatsächlich, das lässt der Film offen.
A Febre – das Fieber – wird seinem Titel durchaus gerecht. Der Film ist ein Stück Arbeit, auch für sein Publikum. Hypnotisch ereignislos, fiebrig realistisch, präzise in seiner Alltagszeichnung, hängt er sein Publikum in einen emotionalen Limbo, der möglicherweise dem seiner Hauptfigur sehr nahe kommt.
Wer im Kino einschläft, kann nie sicher sein, allenfalls etwas verpasst zu haben. Wer wacht bleibt, dem droht mit A Febre aber das gleiche. Das ist Kinokunst voller Bescheidenheit, einer jener Filme, für die der Wettbewerb von Locarno gleichermassen geliebt wie gehasst wird.
A Febre vermittelt Sehnsucht im Alltag, Heimweh, eine Trauer für freiwillig aufgegebene, unmöglich gewordene Träume. Das ist sehr schön. Aber nicht für alle.