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Über Jäger und Sammler: «Dios santo! Viva el fútbol!»
Über Jäger und Sammler: «Dios santo! Viva el fútbol!»
Was Männern grossen Spass macht und Frauen nie verstehen werden. Diesmal: Wir kaufen uns ein Flugticket für 1700 Franken und singen: «Boca, Boca de mi vida, vos sos la alegría de mi corazón.»
Alfredo L. Palacios war 1902 der erste Sozialist, der je in einem amerikanischen Land in ein Parlament gewählt wurde. In der Kammer von Buenos Aires vertrat er La Boca, das Hafenquartier unten am Rio Riachuelo, den Barrio der Matrosen, der Dockarbeiter und der Huren.
La Boca. Bis zur Jahrhundertwende kannte man das Quartier nur aus einem Grund. Hier, in den Kneipen und den Bordellen rund um die Calle Caminito, war der Tango entstanden, der Tanz der enttäuschten und verarmten Einwanderer aus Europa.
Nach 1905 war Tango unten am Hafen nur noch die zweitwichtigste Sache der Welt. Alfredo L. Palacios gründete mit ein paar Kollegen den Fussballklub der Boca Juniors. Das erste Spiel gegen Mariano Moreno gewann Boca am 21. April 1905 mit 4:0. Noch heute können sie im Quartier die Namen der elf siegreichen Spieler hersagen: Baglietto, José Farenga, Sana, Oñate, Tyler, de Harenne, Scarpatti, Moltedo, Geisi, Talent, Juan Farenga.
La Boca. Vor ein paar Wochen habe ich die Juniors wieder einmal spielen sehen, unten in der Bombonera, der Pralinenschachtel, diesem verrückten Fussballstadion, wie es kein zweites gibt auf dieser Welt. Wie mit dem Schuhlöffel ist es eingepresst ins Quartier, mit Gewalt hineingedrückt in die schmalen Gassen. Keine zehn Meter ausserhalb des Stadions gibt es Friseursalons, Karosseriewerkstätten und Lebensmittelläden.
Drinnen ist es wie in der Oper. Weil kein Platz ist im Quartier, sind die Stadionränge extrem steil hochgezogen, fast senkrecht hinauf. Der Hall in der Pralinenschachtel ist darum unglaublich, eine Akustik, wie es sie in offenen Sportstätten sonst kaum gibt. Es ist ausserordentlich laut.
Aber nicht nur ausserordentlich laut, sondern auch ausserordentlich schön. Alle 50 000 Zuschauer singen von der ersten bis zur letzten Minute des Spiels. Ohne Pause singen sie, begleitet von Trommeln, die den riesigen Chor zusammenhalten. 30 Lieder gibt es über die Boca Juniors, und wenn sie gut spielen, hüpfen 50 000 Sänger im gleichen Rhythmus auf und nieder und schmettern ihre Gefühle ins Rund.
Boca, Boca de mi vida, Vos sos la alegría de mi corazón, Sabes, todo lo que siento, Lo llevo acá adentro de mi corazón.
Solches Ambiente geht tatsächlich ans Herz, so etwas gibt es nicht einmal in England. Ich glaube darum, dass in unserem Brevier der Männersportarten ein Besuch in der Bombonera fast schon Pflicht ist. Nur 1700 Franken kostet ein Economy-Flug nach Buenos Aires, und er dauert nicht mehr als 19 Stunden. Das ist nichts für einen, der Fussball wirklich im Herzen trägt, mi corazón.
Wenn man es richten kann, ist das beste der besten Spiele natürlich der Superclásico, die Boca Juniors gegen ihren Lokalrivalen River Plate. Es ist der romantisierte Klassenkampf der armen Boca-Hafenarbeiter gegen die reichen Pinkel aus der Oberstadt. Es geht laut zu und her – und mitunter mehr als das. Als Boca 1994 mit 2:0 gewann, wurden zwei ihrer Fans von River-Plate-Anhängern erschossen. «Empatamos», sprayten diese hinterher auf die Stadionmauer – «wir haben ausgeglichen».
In der Bombonera haben sie ein Museum eingerichtet, mit einem riesigen Plakat eines Gottes. La Boca, das steht auch für den besten Fussballspieler aller Zeiten. Am 22. Februar 1981 zog sich Diego Armando Maradona zum ersten Mal das blaue Boca-Trikot mit dem gelben Bruststreifen über. Er schoss zum Début zwei Tore und gewann mit den Juniors im gleichen Jahr die Meisterschaft. Da der Klub Geld brauchte, verkauften sie ihn nach Barcelona. Mehr als ein Jahrzehnt später kehrte Maradona zurück und spielte 1997 sein letztes Spiel für den Klub. Man gewann 2:1 gegen River Plate – La Boca war im Delirium.
1986, an der Weltmeisterschaft in Mexiko, schoss Diego Armando Maradona gegen England eines der schönsten Tore der Fussballgeschichte. In einem Sololauf über 40 Meter schnitt er wie ein Buttermesser durch die gegnerische Verteidigung, unaufhaltsam – La Boca war im Delirium. Am argentinischen TV kommentierte Victor Morales. Wir drucken seinen Kommentar im Originalton gern nochmals ab: «Ahí la tiene Maradona, siempre Maradona! Siempre Maradona!
Genio! Genio! Genio! Ta-ta-ta-ta-ta-ta-ta … Goooooooool ... Goooooooooool ... Dios santo! Viva el fútbol! Diego!
Maradona! Diegol, Diegooooooool! Gracias Dios, por el fútbol, por Maradona, por estas lágrimas.»
Danke, Herrgott, für die Tränen. Danke für den Fussball.
Kurt W. Zimmermann, Inhaber der Consist Consulting AG, Zürich