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Das Kind aus dem Ghetto
Als 21-Jähriger schrieb sich Barry Jenkins spasseshalber an der Filmhochschule ein. Jetzt hat er mit seinem hervorragenden Drama «Moonlight» den Oscar für den besten Film gewonnen. Ein Porträt.
Meine Filme waren schlecht», sagte Barry Jenkins, 37, im Interview über seine ersten Arbeiten. Jetzt ist er Oscar-Gewinner. «Moonlight», sein Coming-of-Age-Drama über einen homosexuellen Schwarzen in Miami, wurde letzte Woche nach einem symbolträchtigen Missgeschick als bester Film ausgezeichnet.
Er habe sich 2000 aus Jux an der Florida State University für Film eingeschrieben, meint Jenkins. Davor hatte er es mit Kursen in kreativem Schreiben versucht, und davor mit der Ausbildung zum Englischlehrer. So unsicher er bei seiner Fächerwahl war, so gesetzt wirkt er heute. Jenkins ist ein eleganter Mann mit Schalk im Gesicht und Ruhe in der Stimme, ein engagierter Gesprächspartner, selbst wenn er müde ist.
An der Filmschule war er einer von nur dreissig Studenten, aber er fand, er passe da nicht hin: «Es gab Gerüchte, dass ich nur als Quotenschwarzer aufgenommen worden sei. Ausserdem bin ich ein Kind aus dem Ghetto.» Jenkins wuchs in Liberty City auf, einem Vorort von Miami. Die Mutter war cracksüchtig, der Vater verliess die Familie, weil er glaubte, Barry sei nicht sein Kind.
Verunsichert setzte Jenkins die Ausbildung für ein Jahr aus, abonnierte das Filmmagazin «Sight & Sound», und fing an, sich europäische und asiatische Filme anzuschauen, besonders jene von Wong Kar-Wai, Claire Denis und Richard Linklater. 2003 kehrte er an die Universität zurück und drehte den Kurzfilm «My Josephine». Er handelt von einem Araber im Amerika nach 9/11, der in Nachtarbeit US-Flaggen wäscht und bügelt und eine Schwäche für Napoleons Geliebte Josephine hat. «Nach den Anschlägen hiess es, die Araber seien die neuen Schwarzen. Darum wollte ich diesen Film machen», sagt er. Adele Romanski, mit der er studierte und die «Moonlight» produziert hat, bezeichnete «My Josephine» als den besten Film ihres
Jahrgangs.
Disney liess ihn fallen
Nur Jenkins war nicht überzeugt. Entsprechend stand es nach dem Abschluss um seine Karriere. 2005 assistierte er Darnell Martin, die für Oprah Winfreys Harpo Films das TV-Drama «Their Eyes Were Watching God» drehte. Einer seiner wenigen Film-Jobs. Jenkins hatte nichts. Kein Geld und immer noch keine Ahnung, ob und wie er als Regisseur leben wollte. Um über die Runden zu kommen, arbeitete er beim Modelabel Banana Republic. Obwohl er kaum drehte, beschäftigte er sich so passioniert mit Filmen, dass er, wie er sagt, eines Tages gelernt hatte, wie man das macht.
Dann, als die Frau ihn verliess, deretwegen er nach San Francisco gezogen war, drehte er seinen ersten Spielfilm: «Medicine for Melancholy». Das Low-Budget-Drama handelt von einem jungen afroamerikanischen Paar, das nach einem One-Night-Stand durch San Francisco spaziert. Es ist inspiriert von Richard Linklaters «Before Sunrise», feierte 2008 am Filmfestival SXSW Premiere, gewann viele Preise und spielte 100 000 Dollar ein. Es war ein Wegbereiter für junge schwarze Filmemacher wie Terence Nance und Justin Simien, die Geschichten über das moderne Amerika erzählen wollten.
Nur für Jenkins lief es nicht. Disney hatte ihn zwar angefragt für ein Projekt, ihn dann aber fallengelassen. Für Focus Features arbeitete er an einem biografischen Film über Stevie Wonder, aber nach zwei Jahren lief sich das Vorhaben tot. Später betraute ihn dieselbe Firma mit einem Projekt namens «Portrait of an Addict as a Young Man», aber man fand Jenkins’ Ideen zu düster und nahm ihm den Film wieder weg.
Wie hält man das durch? «Es war hart», sagt der Mann, der eine Schwäche für markante Brillen hat, aber am Tag des Gesprächs ein geradezu braves Modell trägt. «Zum Glück war ich ständig umgeben von Kino. Ich arbeitete am Telluride-Filmfestival in der Programmation. Dort hörte ich tagelang Regisseure über ihre Arbeit reden und sah die besten Filme.» Nachdem er selber immer noch nur Werbung und Kurzfilme machen konnte, habe er sich gesagt, er müsse einen anderen Weg finden, um sich auszudrücken. «Aber da packte mich Adele Romanski am Arm und sagte: ‹Du willst aufgeben? Dann zwinge ich dich dazu, Filme zu machen!› Sie hatte wohl das Gefühl, dass ich mehr zu sagen haben könnte, als ich sagte.» Sie half ihm dabei, herauszufinden, was er wollte.
«Mir schwebte ein Film über einen Polizisten aus San Francisco vor, der die Stadt vor einem genialen Bösewicht retten muss. Adele redete mir das aus.» Durch einen Mitarbeiter bei einer Werbefirma, wo er nach «Medicine» gearbeitet hatte, hatte Jenkins Tarell Alvin McCraney kennengelernt. Dieser hatte ein Theaterstück namens «In Moonlight Black Boys Look Blue» geschrieben. «Meine Freunde fanden, ich müsse das unbedingt lesen, da gehe es um mich.»
Die Welt zeigen, wie sie ist
Warum, das habe er erst beim zweiten Lesen verstanden: «Ich bin zwar nicht schwul, wuchs aber genau so auf, wie Tarell es beschreibt: Arm, hungrig, die Mutter drogensüchtig; allein, aber doch umsorgt von den Nachbarn. Wir Kinder bekamen immer irgendwo etwas zu essen, wenn unsere Mütter vergassen, sich um uns zu kümmern.» Tatsächlich wuchsen McCraney und Jenkins in derselben Nachbarschaft auf, kannten einander aber nicht. Adele Romanski schickte Jenkins nach Brüssel, wo er das Drehbuch schrieb. Sie befürchtete, dass es extrem schwierig werden könnte, einen Film über einen schwarzen Schwulen zu realisieren, Jenkins stachelte das umso mehr an. Am Ende gewannen sie Brad Pitts Produktionsfirma «Plan B» als Geldgeber.
Danach gefragt, wie man als Künstler auf die neue US-Regierung reagieren könne oder solle, meint Jenkins mit der gleichen Ruhe in der Stimme wie bisher: «Wir müssen aktiver werden und die Welt so zeigen, wie sie ist.» Es gebe verschiedene Möglichkeiten, über Amerika zu sprechen, obwohl seit den letzten Wahlen gepredigt werde, dass nur noch eine Interpretation möglich sei. «Wir müssen das Leben hier aus verschiedenen Perspektiven zeigen, ehrlich sein und die Menschen daran erinnern, dass dieses Land offen ist für alle.»
Dann bedankt er sich bei Spike Lee: «Er ist ein kleiner, schmaler, aber extrem starker Mann. Er hat uns den Weg geebnet, damit wir so viele verschiedene Geschichten über so viele schwarze Menschen erzählen können. Zusammen malen wir ein detailliertes Bild über unser Leben in Amerika.» Während Barry Jenkins damals mit seinem Erstling einige wenige dazu inspirierte, solche Geschichten zu erzählen, wird seine Stimme jetzt von der ganzen Welt gehört.
Erschienen am 5. März in der «NZZ am Sonntag».
(Bild: variety.com)