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Quadrupelallianz vom 15. Juli entgegen den Vizekönig von Ägypten [* 2] zu unterstützen und in dem allgemeinen Krieg die Rheingrenze wiederzugewinnen, scheiterte an der Weigerung des friedfertigen Königs. Thiers reichte daher 21. Okt. seine Entlassung ein und griff den schon früher gefaßten Plan wieder auf, die Geschichte Napoleons I. zu schreiben, zu welchem Behuf er 1841 bis 1845 dessen Schlachtfelder in Deutschland [* 3] und Italien [* 4] bereiste. In der Kammer gesellte er sich wieder zur Opposition, deren Führung er jedoch nicht erlangte, obwohl er bei den Verhandlungen über die Regentschaft (1842), die Jesuiten (1845) und die Rechte der Universität (1846) heftig gegen die Regierung auftrat.
Als die Februarrevolution von 1848 den König zwang, das Ministerium Guizot zu entlassen, sollte Thiers mit Barrot ein neues bilden, durch welches Ludwig Philipp den Sturm besänftigen wollte. Dasselbe kam aber nicht mehr zu stande, und hielt es für geraten, nach Proklamierung der Republik Paris [* 5] zu verlassen. Er blieb Orléanist und nahm in der Nationalversammlung eine Mittelstellung ein. Den Plänen Napoleons wirkte er eifrig entgegen und ward daher beim Staatsstreich verhaftet und dann in das Ausland entlassen. 1852 ward ihm die Rückkehr nach Frankreich gestattet, wo er sich elf Jahre lang vom öffentlichen politischen Leben fern hielt und sich ganz der schriftstellerischen Thätigkeit widmete. Die Frucht derselben war die »Histoire du Consulat et de l'Empire« (Par. 1845 bis 1862, 20 Bde.; Register 1869; deutsch von Bülau, Leipz. 1845-62, 20 Bde.; von Burckhardt und Steger, das. 1845-60, 4 Bde.). 1863 wurde Thiers in Paris in den Gesetzgebenden Körper gewählt und ward hier der Führer der kleinen, aber mächtigen Opposition. Er bekämpfte in glänzenden Reden (»Discours prononcés au Corps législatif«, Par. 1867) besonders den falschen Konstitutionalismus und die auswärtige Politik des Kaiserreichs, sowohl in Zollfragen als namentlich die Intervention in Italien, welche die Gründung der italienischen Einheit, und sein Verhalten 1864-66 in der deutschen Frage, welches Sadowa zur Folge gehabt habe. Um das legitime Übergewicht Frankreichs zu behaupten, drang er auch auf Aufrechthaltung eines tüchtigen stehenden Heers nach altem System, da er von allgemeiner Wehrpflicht und Volksbewaffnung nichts wissen wollte.
Mit um so größerer Energie widersetzte er sich der übereilten Kriegserklärung und erklärte mit später bestätigter Einsicht Frankreich für nicht gerüstet. Nach dem Sturz des Kaiserreichs übernahm er im September eine Rundreise an die Höfe der Großmächte, um sie zu einer Intervention für Frankreich zu veranlassen, kehrte aber Ende Oktober unverrichteter Sache zurück und begann nun im Auftrag der Regierung Unterhandlungen mit dem deutschen Hauptquartier über einen Waffenstillstand, die ebenso erfolglos endeten.
Bei den Wahlen für die Nationalversammlung ward er in 20 Departements zum Deputierten und, da alle Parteien ihr Vertrauen auf ihn setzten, schon von der Versammlung zum Chef der Exekutivgewalt gewählt. Seine erste Aufgabe war, den Frieden mit Deutschland zu stande zu bringen; er führte selbst die Verhandlungen mit Bismarck und rettete wenigstens Belfort. [* 6] Am 1. März setzte er die Annahme des Friedens in der Nationalversammlung durch und bewog 10. März diese, ihren Sitz nach Versailles [* 7] zu verlegen.
Der Kommuneaufstand in Paris 18. März brachte Thiers in die höchste Bedrängnis, und nur seinem Mut und Selbstvertrauen sowie seiner unermüdlichen Thätigkeit war es zu danken, daß derselbe überwunden und gleichzeitig 10. Mai definitive Friede mit Deutschland abgeschlossen wurde. Daran schlossen sich die erfolgreichen Maßregeln zur Beschaffung der nötigen Geldmittel. Am ward er auf drei Jahre zum Präsidenten der Republik ernannt. Nun begannen aber die Schwierigkeiten des Parteigetriebes in der Nationalversammlung.
Die monarchistischen Parteien sahen sich in ihren Hoffnungen auf Thiers' energische Unterstützung getäuscht und rächten sich durch gehässige Angriffe und Ränke, obwohl Thiers den klerikalen Ansprüchen möglichst nachgab. Als daher Thiers, überzeugt, daß die Herstellung des Königtums in Frankreich, besonders des orléanistischen, eine Unmöglichkeit und die Republik die einzig mögliche Regierungsform sei, die definitive Konstituierung der Republik von der Nationalversammlung verlangte, beschloß die klerikal-monarchistische Majorität derselben, da die Zahlung der Kriegsentschädigung an Deutschland und die Räumung des Gebiets durch den Vertrag vom gesichert waren, Thiers zu stürzen. Am 19. Mai brachte die Rechte eine Interpellation ein über das neue Ministerium, welches Thiers berufen hatte, um seine Verfassungsvorschläge für die Republik durchzuführen; nach heftiger Debatte ward 23. Mai ein Tadelsvotum gegen dies Ministerium mit 360 gegen 344 Stimmen angenommen und, als Thiers darauf seine Entlassung gab, diese mit 368 gegen 338 Stimmen genehmigt. Thiers zog sich darauf wieder vom öffentlichen Leben zurück und nahm nur an wichtigen Abstimmungen in der Deputiertenkammer teil.
Nach dem Staatsstreich vom richteten sich die Hoffnungen aller Republikaner wieder auf Thiers als das Haupt einer gemäßigten Republik, aber er starb plötzlich zu St.-Germain en Laye infolge eines Schlaganfalls und wurde am 8. in Paris feierlich bestattet. 1879 wurde ihm ein Standbild in Nancy, [* 8] 1880 ein solches in St.-Germain errichtet. Thiers, von kleiner Gestalt, aber scharf geschnittenen, lebendigen Zügen, war einer der bedeutendsten Staatsmänner Frankreichs im 19. Jahrh. und jedenfalls der populärste.
Seine Doktrin war die des konstitutionellen Systems, in welchem der aufgeklärte, wohlhabende Bürgerstand die beste Sicherung seiner geistigen und materiellen Güter erblickte, und welches Thiers unter der Julimonarchie verwirklicht zu sehen gehofft hatte. Deshalb war ihm die militärische Demokratie eines Napoleon III. verhaßt. Aber über allen Doktrinen stand bei Thiers seine Nation, Frankreich. Dessen Ruhm und Größe zu vermehren, war sein höchstes Ziel, wie er denn auch ein echter Franzose mit allen Vorzügen und Schwächen dieses Volkes war; er besaß eine unermüdliche Arbeitskraft, feine, edle Bildung, Scharfblick, eine sanguinische Elastizität des Geistes und echten Patriotismus, dabei aber eine naive Selbstsucht und Eitelkeit.
Als Geschichtschreiber verherrlichte er die Freiheitsideen der französischen Revolution und den Kriegsruhm Napoleons I. in schwungvoller Sprache [* 9] und glänzender Darstellung, jedoch keineswegs stets wahrheitsgetreu und unparteiisch. Ganz erfüllt von der Idee, daß Frankreichs berechtigte Suprematie das politische Gleichgewicht Europas bedinge und die kleinen deutschen und italienischen Staaten für diese Suprematie notwendig seien, war er ein heftiger Gegner der italienischen und deutschen Einheitsbestrebungen und, obwohl Voltairianer, ein Beschützer des Kirchenstaats. Thiers' »Discours parlementaires« wurden von Calmon (1879 bis 1883, 15 Bde.) herausgegeben. Vgl. Laya, ¶
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Études historiques sur la vie privée, politique et littéraire de M. Thiers 1830-46 (Par. 1846, 2 Bde.);
Derselbe, Histoire populaire de M. Thiers (das. 1872);
Richardet, Histoire de la présidence de M. Thiers (das. 1875);
Eggenschwyler, Thiers' Leben und Werke (Bern [* 11] 1877);
Jules Simon, Le [* 12] gouvernement de M. Thiers (Par. 1878, 2 Bde.);
Derselbe, Thiers, Guizot, Rémusat (das. 1885);
Mazade, M. Thiers (das. 1884);
P. de Rémusat, A. Thiers (das. 1889).