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Diese Woche werden im Parlament zwei Initiativen diskutiert, die den Einsatz und Verkauf von Pestiziden in der Schweiz begrenzen wollen. In einem Gespräch mit swissinfo.ch sagt der UNO-Sonderberichterstatter für giftige Stoffe, Baskut Tuncak, die Debatte über die Regulierung hochgefährlicher Pestizide sei noch lange nicht beendet.
Die Position der Schweizer Regierung zur Regulierung des Einsatzes von Pestiziden ist unklar. Einerseits wirft man ihr vor, bei der Umsetzung eines 2017 verabschiedeten Aktionsplans zur Reduzierung von Pestiziden langsamer als erwünscht voranzukommen. Andererseits geht sie mit einem letzte Woche ausgesprochenen Verbot von zwölf Pestiziden, die Chlorpyrifos und Chlorpyrifos-methyl enthalten, weiter als ihre europäischen Nachbarn.
Zwei Volksinitiativen zu Pestiziden
Die Initiative "Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide" will den Einsatz von Pestiziden in der Schweiz ganz verbieten, ebenso den Import von Lebensmitteln, die Pestizide enthalten.
Die Initiative "Für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrungexterner Link" verlangt, dass nur noch diejenigen Landwirtschaftsbetriebe mit Direktzahlungen oder Subventionen unterstützt werden, die keine Pestizide einsetzen.
Baskut Tuncak wurde vom UNO-Menschenrechtsrat zum Sonderberichterstatter für giftige Stoffeexterner Link ernannt. Er sagt swissinfo.ch, was Regierungen und Industrie seiner Meinung nach tun sollten.
swissinfo.ch: Was hält Sie davon ab, nachts zu schlafen?
Baskut Tuncak: Was mich wirklich beunruhigt, ist die weit verbreitete Exposition von Kindern während sensibler Entwicklungsphasen und die Tatsache, dass Chemikalien bei immer niedrigerer Exposition im Laufe der Zeit immer gefährlicher werden. Gesundheitstrends, die von abnehmenden Spermienzahlen bis hin zu steigenden Brustkrebsraten reichen, werden zunehmend mit der Exposition gegenüber diesen Chemikalien im Kindesalter in Verbindung gebracht. Besonders beunruhigend ist, dass mehrere chemische Belastungen zusammenkommen und miteinander interagieren, was Auswirkungen auf die Gesundheit hat.
Wir entdecken alle Arten von nuancierten gesundheitlichen Auswirkungen dieser Chemikalien, was unsere Sicht auf Krankheiten und Behinderungen, die sich später im Leben entwickeln, verändert. Ich finde diese weit verbreitete Prävalenz der Exposition von Kindern sehr beunruhigend, nicht nur in wissenschaftlicher Hinsicht, sondern auch im Hinblick auf Werte, Prinzipien und Rechte des Kindes, die von fast 200 Ländern anerkannt werden.
swissinfo.ch: Einige Unternehmen behaupten, dass Pestizide nur dann gefährlich sind, wenn sie unsachgemäss eingesetzt werden. Wo sollte das Gesetz die Grenze ziehen, zwischen Pestiziden, die sicher eingesetzt werden können und solchen, die nicht sicher eingesetzt werden können?
B. T.: Die Europäische Union hat festgestellt, dass bei einigen Chemikalien die Expositionsgrenzwerte für einige Anwender, wie beispielsweise Bauern, nicht genau bemessen werden können, und dass wir einen Ansatz brauchen, der die Unsicherheit über die Höhe der Exposition und ihre Auswirkungen berücksichtigt. Das Konzept der "sicheren Verwendung" ist eine schöne Industriegeschichte, die sich einfach nicht auf viele Arten von Stoffen anwenden lässt, insbesondere in Entwicklungsländern mit begrenzten Überwachungs- und Durchsetzungskapazitäten der entsprechenden Gesetze.
Dies hat zu einem vorsichtigeren Vorgehen in Europa geführt. 2013 habe ich untersucht, worin sich die Regulierung von Pestiziden in den USA und Europa unterscheidet. Die Untersuchungen ergaben, dass in Europa etwa 80 Pestizide verboten sind, die in den USA verwendet werden dürfen. Wie wir jedoch in den letzten Wochen gesehen haben, verbieten einige amerikanische Staaten, wie beispielsweise Kalifornien, Pestizide wie Chlorpyrifos, das in Europa erlaubt ist.
swissinfo.ch: Ist die Pestizidregulierung in Entwicklungsländern schwächer?
B. T.: Die Gesetzgebung ist im Allgemeinen schwächer und in einigen Ländern wird sie sogar von Tag zu Tag schwächer. Noch beunruhigender ist jedoch, dass es keine ausreichende Kapazität gibt, um zu überwachen, was vor Ort geschieht, und um das Gesetz durchzusetzen. Dies trägt enorm zu den schädlichen Auswirkungen von Pestiziden in Entwicklungsländern bei.
"Auch die Lebensmittel- und Getränkeindustrie muss beim Kauf von Produkten, die mit Pestiziden und anderen giftigen Chemikalien hergestellt werden, Sorgfalt walten lassen."
So habe ich beispielsweise kürzlich eine grosse Palmölplantage in Sierra Leone besucht. Die auf der Plantage durchgeführte Umweltbewertung ergab lediglich, dass Pestizide verwendet werden. Es wurden jedoch keine Angaben dazu gemacht, welche Pestizide in welchen Mengen und in welcher Häufigkeit eingesetzt werden. Auch wurde nicht präzisiert, welche Schutzausrüstung und Ausbildung für die Arbeitnehmenden erforderlich ist.
swissinfo.ch: Wie sieht ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Verkauf von Pestiziden aus?
B. T.: Es besteht ein gravierender Mangel an Sorgfaltspflicht seitens der Pestizid- und anderer Chemikalienhersteller in Bezug auf das, was nach dem Verkauf passiert.
So stellen wir beispielsweise in der Tabakindustrie in Afrika fest, dass sehr gefährliche Pestizide in Plantagen verwendet werden. Wir wissen, dass auf diesen Plantagen auch Kinder anwesend sind und arbeiten. Wenn Kinder solche Pestizide verwenden, ist dies eine der schlimmsten Formen der Kinderarbeit.
Ich habe nur ein einziges Chemieunternehmen mit Sitz in Deutschland gefunden, das einen soliden Ansatz hat, um die Auswirkungen seiner Chemikalien auf die Menschenrechte zu identifizieren. Die meisten Unternehmen haben einen sehr oberflächlichen Ansatz für diese Sorgfaltspflicht.
Nicht nur Chemieunternehmen sollten uns im Zusammenhang mit toxischen Produkten und Menschenrechten beschäftigen. Es ist wichtig, dass alle Unternehmen, auch die Lebensmittel- und Getränkeindustrie, beim Kauf von Produkten, die mit Pestiziden und anderen giftigen Chemikalien hergestellt werden, Sorgfalt walten lassen. Das gilt auch in Bezug auf ihre Abfälle.
swissinfo.ch: Wie denken Sie über die Haltung von Syngenta, einem agroindustriellen Unternehmen mit Sitz in der Schweiz?
B. T.: Syngentas Argumente, weshalb es einige sehr gefährliche Pestizide nicht auslaufen lassen kann, befriedigen mich nicht. Aber es geht nicht nur um Syngenta. Viele Unternehmen haben sich seit Jahren verpflichtet, die gefährlichsten Pestizide aufzugeben. Doch ihr Einsatz scheint zu steigen. Es ist doppelter Einsatz gefragt und es braucht mehr Investitionen in sicherere Alternativen, ob chemische oder biologische. Experten der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) haben gesagt, dass dies möglich ist, und meiner Meinung nach hätte dies schon längst geschehen müssen.
swissinfo.ch: Was erwarten Sie von der Schweizer Regierung?
B. T.: Die Schweiz sollte auf internationaler Ebene ehrgeiziger sein.
Derzeit diskutiert die UNO über die Zukunft eines umfassenden Rahmenabkommens zum Umgang mit Chemikalien, das vor mehr als einem Jahrzehnt verabschiedet wurde. Die vorherrschende Meinung ist, dass dieser unverbindliche Rahmen nicht funktioniert. Insbesondere wird keine Regierung für die eingegangenen Verpflichtungen zur Verantwortung gezogen. Das Abkommen führte in den letzten 13 Jahren zu keinen nennenswerten Fortschritten bei der schrittweisen Einstellung hochgefährlicher Pestizide.
Es besteht ein grosser Bedarf an Schweizer Führungsstärke, um ein System aufzubauen, das Länder und Unternehmen zur Verantwortung zieht.
Im Inland verfügt die Schweiz über die technischen und finanziellen Ressourcen, um fortschrittliche landwirtschaftliche Produktionssysteme zu entwickeln, die Alternativen zu gefährlichen Chemikalien nutzen. Das würde andere Länder auf der ganzen Welt ermutigen, dies ebenfalls zu tun.
Was sind hochgefährliche Pestizide?
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert hochgefährliche Pestizide als Pestizide, die nach internationaler Klassifizierung besonders hohe akute oder chronische Gefahren für Gesundheit oder Umwelt darstellen. Es gibt keine endgültige Liste dieser sogenannten HHPs.Infobox Ende
(Übertragung aus dem Französischen: Kathrin Ammann)