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Im internationalen Springsport gibt es vier grosse Einzelehren zu holen: alle vier Jahre olympisches Gold und den WM-Titel, alle zwei Jahre den EM-Titel und jährlich den Sieg im Weltcupfinal. Die vier Championate haben seit jeher unterschiedliche Formate und Formeln. Das war beabsichtigt und ist gut so.
An den Olympischen Spielen müssen sich die Reiter, maximal je vier pro Nation, in drei Qualifikationsprüfungen für den Olympiafinal der besten 35 qualifizieren. Im Final geht es kompromisslos schnell: zwei Umläufe mit möglichem Stechen, also eine seit Jahrzehnten populäre GP-Formel bei vielen CSIOs und CSIs. Dass im Final nur drei der vier möglichen Qualifizierten pro Land starten dürfen, ist eine der komischen Schreibtischverordnungen des IOC. Olympisches Einzelspringgold gibt es seit 1912 zu gewinnen.
WM: Pferdewechselfinal
Die erste Weltmeisterschaft wurde 1953 ausgeschrieben und zwar von einer FEI, die zu jener Zeit stark französisch/belgisch dominiert war – die englisch sprechenden Nationen waren in diskreter Distanz. Die Franzosen hatten für ihr nationales Springchampionat 1949 den Pferdewechsel erfunden und den Pferdewechsel als entscheidende Schlussprüfung setzten sie bei der FEI bei der Ausarbeitung der WM-Formel durch. Seit der ersten WM von 1953 ist der Pferdewechselfinal umstritten, er wurde endlos diskutiert, abgelehnt, verteufelt, geliebt. 1978 wurde der im Jahr zuvor gegründete «International Jumping Riders Club» gebeten, Stellung zu den WM- und EM-Formeln zu nehmen. An einer Zusammenkunft im Sommer 1978 in La Baule waren sich die internationalen Springreiter einig: Sie wollten den Pferdewechselfinal beibehalten. Dies wurde der FEI kommuniziert und der WM-Pferdewechsel blieb bestehen. 2014 wurde Jeroen Dubbeldam so Weltmeister. Seither hat die FEI, eigentlich ohne sichtbaren Anlass (abgesehen von der nun bald 70-jährigen Kontroverse) beschlossen, den WM-Pferdewechsel abzuschaffen. Das ist bedauerlich. Denn so unterscheiden sich WM- und EM-Formeln kaum mehr und der Pferdesport, ohnehin in starren Strukturen eingebettet, verliert eine der originellsten Wettkampfformeln. Beizufügen ist, dass eine Pferdewechselprüfung nur dann interessant ist, wenn es um einen wichtigen Titel geht und somit die besten Reiter und Pferde am Start sind. Jede andere Pferdewechselprüfung, selbst wenn vier Championsreiter antreten, bringt wenig: Meistens werden die Zweit- oder Drittpferde geritten und abgesehen vom Preisgeld geht es um nichts.
EM: drei Wertungen
Als die FEI für 1957 erstmals eine EM ausschrieb, glaubte man noch an den Pferdewechsel als Idealformel. Aber viele innerhalb der FEI wollten für die EM ein anderes Format: So wurde bereits 1958 der EM-Titel nach vier Wertungsprüfungen vergeben. 1959 setzten sich die Pferdewechsel Befürworter wieder durch, aber 1961 gab es drei EM-Wertungsprüfungen ohne Pferdewechsel. 1962 in London erfanden die Briten, mit Billigung der hilflosen FEI, eine neue Formel: drei Qualifikationen und dann ein Final von null. Ab 1963 einigte man sich auf drei Wertungsprüfungen. Aber noch immer mit Bonuspunkten. 1967 fügte man als vierte Wertungsprüfung eine Puissance dazu: Nicht weniger als zwölf der 23 Starter teilten sich den Sieg in der Puissance. Als die FEI 1975 erstmals eine EM-Teamwertung anbot, kam es zu neuen Reglementsverwirrungen. Erst für 1979 fand man, auch mit Hilfe der Springreiter, die noch heute gültige EM-Formel: drei Wertungsprüfungen mit Addition der Fehlerpunkte.
WCF: Umrechnung der Punkte
Als 1978 die Finalformel für den neugeschaffenen Weltcup diskutiert wurde, wollte man die zwei Pfeiler des Weltcupqualifikationssystems im Final integrieren: dass sich der Reiter für den Final qualifiziert und nicht eine Reiter-Pferde-Kombination. Die Konsequenz war, dass ein Reiter im Final die Pferde wechseln konnte; das Qualifikationssystem des Weltcups basiert auf Weltcuppunkten (20 dem Sieger, ein Punkt dem 16.). Also sollte auch der Final mit einem Punktesystem entschieden werden.
Schon bei den ersten Finals von 1979, 1980 und 1981 zeigten sich Schwächen: Da die Punkte erst nach dem letzten Reiter vergeben werden, hatten die Zuschauer Mühe, den Kampf um den Titel zu verfolgen. An der Weltcupsitzung nach dem dritten Final von 1981 in Birmingham präsentierte Bill Steinkraus eine Lösung: Weltcuppunkte in den beiden ersten Prüfungen, dann Umwandlung der akkumulierten Punkte vor der dritten Prüfung in Fehlerpunkte. So wird es noch heute gemacht und alljährlich beklagen sich einige Journalisten über das komplizierte System.
Vier Championate – vier Formeln
Vier grosse Championate, vier verschiedene Formeln. Das war, bis zur Abschaffung des Pferdewechsels durch die FEI, die nicht formulierte, aber doch akzeptierte Philosophie hinter dem Springsport auf allerhöchster Ebene. Keine der vier Formeln ist perfekt, aber die Diversität reflektiert die Vielfalt des Pferdesports mit seiner eingangs erwähnten starren Strukturen. Wahrscheinlich produzieren die EM- und
WCF-Formeln am wenigsten Überraschungssieger, denn verlangt werden Spitzenleistungen über vier Tage. Der WM-Pferdewechselfinal hat, so 1978 mit Gail Greenough oder 2010 mit Philippe Le Jeune, einige unerwartete Weltmeister hervorgebracht. Aber auch sie mussten sich in drei Qualifikationsprüfungen für den Final der vier Besten qualifizieren, haben also ihre Klasse bewiesen.
An den Olympischen Spielen erlebte man, trotz der eigentlich einfachsten Ein-tagesformel, fast nur grosse Sieger. Von London 1948 bis Barcelona 1992 waren die Olympischen Goldmedaillen Bestätigungen grosser Karrieren (Mariles, D’Oriola, Winkler, D’Inzeo, D’Oriola, Steinkraus, Mancinelli, Schockemöhle, Fargis, Durand, Beerbaum). Selbst der Sieger der Boykottspiele von 1980, der Pole Jan Kowalczyk, war der Favorit im bescheidenen Starterfeld. Eine Überraschung war sicher der Sieg des Deutschen Ulrich Kirchhoff 1996 und auch der später disqualifizierte Gewinner von 2004 in Athen, Cian O’Connor, wurde kaum erwartet. Aber, alles in allem, reflektieren die Sieger von 0S, WM, EM und WCF die Elite des internationalen Springsports und dies mit vier unterschiedlichen Formeln.
(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 27/18)
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