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Geschichtliches und Bauliches zur Martinskirche
Die Martinskirche in Chur
Geschichtliches
Der Patron der Kirche, der Hl. Martin, stammte aus Szombathley (Ungarn), er war Soldat und kam mit der Truppe nach Piemont und nach Gallien, wurde Christ und mit 60 Jahren 371 Bischof von Tours, wo er durch seine Frömmigkeit und Wohltätigkeit grosses Ansehen erlangte. Dargestellt wird er meist, wie auch auf dem kleinen bunten Relief am Turm der Kirche, als Ritter, der seinen Mantel zerschneidet und dem Bettler schenkt. Kirchen, die seinen Namen tragen, deuten auf Beziehungen zu Frankreich hin, wie sie auch für die Kathedrale nachweisbar sind. Die erste Martinskirche war ein karolingischer Bau des 8. Jahrhunderts, älteste Urkunden datieren von 769 und 800. Bei der grossen Schenkung des Kaisers Otto I. an den Bischof von Chur vom Jahre 958 wurde auch die Martinskirche mit einem Weinberg bedacht. Der erste Turm der Kirche wurde im 12. Jahrhundert errichtet.
Beim großen Stadtbrand von 1464 wurde auch St. Martin zum Teil zerstört, aber schon bald wurde mit dem Wiederaufbau begonnen, die Breitenverhältnisse blieben karolingisch, nur wurde die Kirche durch das nördliche Seitenschiff erweitert und um den gotischen Chor verlängert, dessen Gewölbe 1473 vollendet war. Im Todesjahr des aus Tirol stammenden Baumeisters Stefan Klain, 1491, war der Neubau der Kirche zu Ende geführt. Der Zürcher Ludwig Funk war als Glaser tätig. Hans Frei aus Memmingen lieferte die Altäre der Heiligen Rosa, Anna und Sebastian. In den Jahren 1490 bis 1500 entstand das Chorgestühl mit seinen Schnitzereien, das später den Ratsherren zugewiesen wurde. Die Renaissancekanzel ist von 1558 datiert, die erste Orgel wurde 1613 eingebaut, der Taufstein 1685 aufgestellt. In der Zeit von 1493 bis 1509 wurde zur Seite des ehemaligen romanischen Turmes der heutige mächtige Turm mit einem haubenartigen Wächterhäuschen auf der Plattform erbaut. Das Geläute von 1709 wurde 1903 durch das jetzige ersetzt. Seit der Reformation ist St. Martin reformierte Stadtkirche.
Im Jahre 1881 wurde der Turmaufsatz durch einen gotischen Zierhelm ersetzt und die Mauern mit einer Scheinarchitektur mit Maßwerk bemalt, wie sie der Fassade des Straßburger Münsters glich, ganz im Geschmack der damals noch nachwirkenden Neugotik gehalten, aber stilistisch dem Renaissancecharakter des Turmes entgegengesetzt. Eine Gesamtrenovierung der Kirche wurde durch die Architekten Schäfer und Risch in den Jahren 1917 und 1918 durchgeführt. Im Innern wurden die Kanzel aus der Mitte des Schiffes an den Pfeiler rechts vom Choreingang und die Orgel von der Westempore in den Chor versetzt. Die Eingangstreppe am Martinsplatz erhielt eine halbrunde, überdeckte Säulenvorhalle, die sich dem ursprünglich karolingischen Baukörper der Kirche harmonisch anpasst. Die Halbbogenfenster der Südseite wurden für die Aufnahme der Glasmalereien nach unten verlängert. Der Turm wurde unter Auflassung der Plattform wesentlich überhöht und mündet nun in einen schlanken, spitzen Helm aus.
Bauliches
Vom Martinsplatz her erhält die Kirche durch die Vorhalle und den Hohen Turm wie durch die Verbindung mit dem Brunnen des Hl. Martin als Ritter aus dem 16. Jahrhundert ihre bildhafte Wirkung. Reizvoll ist der Blick vom Rhätischen Museum auf den zierlichen Chor und den hohen Turm wie auf die gotischen Häuser der Kirchgasse. An der Südwand der Kirche sind im vorderen Teil der Blendlisenen und Bogen des karolingischen Baus als eine große Seltenheit erhalten, wie sie einst den ganzen Bau umgeben haben. Die karolingische Kirche reichte nur bis zum heutigen Chor und endigte hier in drei Apsiden, eine breitere mittlere und zwei seitliche. Einige bildhauerische Reste des Priesterchores mit teils antikischen Ornamenten, teils karolingischen Bandmustern, wie sie ähnlich auch in der Kathedrale zu sehen sind, bewahrt das Rhätische Museum ebenfalls eine Rarität, wie sie nördlich der Alpen nicht oft vorkommt.
Das Innere der Kirche stellt einen Raum mit vier Gewölbejochen dar. Das durch die vorkragenden Emporen unschön unterteilte nördliche Seitenschiff beeinträchtigt die Wirkung des Raumes, der dadurch ohne Gegengewicht im Süden einseitig aufgerissen erscheint. Wie in der Kathedrale verläuft dieses Seitenschiff nicht selbständig neben dem Hauptschiff, sondern öffnet sich gegen dieses in vier breiten Bogen, als ob vier Seitenkapellen aneinander gereiht wären. Bei der Restauration der Kirche von 1918 wurden an der Südwand die Glasmalereien der Bergeller Künstlers Augusto Giacometti eingesetzt. Dieser bildete sich in Paris im Kreise der damaligen symbolistisch spirituellen Bewegung aus und war dann bis 1915 in Florenz an einer Kunstschule tätig, wo er die frühen italienischen Meister nach Komposition und Farbwerten aufs eindringlichste studierte. Seit 1915 lebte er in Zürich, wo er um 1930 die Chorfenster im Großmünster, im Fraumünster und in der Wasserkirche ausführen konnte. Die Churer Scheiben waren sein erstes größeres Werk, aber schon hier gelang es ihm, die geheimnisvolle Leuchtkraft der Glasmalerei des 13. Jahrhunderts zu erneuern. Die Fenster der Martinskirche stellen die Verkündigung an die Hirten in Blau, Grün und Violett, die Geburt Christi in Rot und Grün und die Drei Könige in Gold und Blau dar. Die Bordüren mussten wegen der Belichtung der Kirche etwas breiter gehalten werden, als der Künstler vorgesehen hatte; so mussten in dem schmalen, hohen Format die Figuren übereinander statt nebeneinander angeordnet werden, was aber in bewundernswertem Grade geglückt ist. In der Erfindung der Figuren und Szenen wusste Augusto Giacometti aus Intuition und Phantasie wie aus seinem menschlich poetischen Empfinden älteste Bildthemen der christlichen Kunst ohne jede archaische Anlehnung an Vorstufen neu zu gestalten. Augusto Giacometti blieb ein Einzelfall in der Glasmalerei in der Schweiz. Seine Fenster haben in den Jahrzehnten ihres Bestehens nichts an malerischer Ausdruckskraft und andächtiger Wirkung verloren.
Ulrich Christoffel