Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03598.jsonl.gz/1893

Zu dieser Erkenntnis kam 1769 Johann Gottfried Herder, ein Philosoph, Theologe, Dichter und Literaturhistoriker in „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“.
Dass Herder danach fragte, war ein revolutionärer Schritt, denn bis mindestens dahin war die „Begierde nach Wissen“ eine „sündige Begehrlichkeit.“ Mit Argwohn, Anklagen und Strafen reagierte die Kirche auf alles und alle, die ihre Dogmen in Frage stellten. Doch dann, nach Renaissance, Reformation und Aufklärung konnte man es endlich wagen, die Augen zu öffnen und sich seines Verstandes zu bedienen.
Herder führte die Sprache nicht auf einen „göttlichen Ursprung“ zurück, sondern „der Mensch erfand sich selbst Sprache.“ Zitat: „Der Mensch hat keine Sprache von Geburt an, doch ist er in der Lage, durch Sprache Vernunft auszubilden.“
Sprache ist ein natürliches Organ des Verstandes, ist Mittel zur Verständigung mit anderen Menschen, ist im Prinzip sprachlich gebunden an Erfahrungen, Geschichte, Erlebtes, ist Interesse, Hilfe, fähig, Begriffe jeglicher Art zu speichern und wieder abzurufen.
Die wichtigsten Wissenschaftler des 17./18. Jh., die sich forschend mit dem Thema „Sprache“ beschäftigten, waren: Giovanni Vico (*1668), de Condillac (*1740), J.-J. Rousseau (*1712) und Herder (*1744).
Vico: Sein Interesse an der „Entstehung“ der Sprache kam zustande, weil er als Jurist täglich mit Rechtsformen zu tun hatte und vergleichenden Rechtsprechungen, wozu eine korrekte Strafe nötig war. Ihm war daran gelegen, die Funktion der archaischen Sprachen hermeneutisch zu analysieren.
J.-J. Rousseau: Dem Zeitgeist entgegen misst er den Gefühlen und Empfindungen einen ebenso hohen Stellenwert zu wie der Vernunft. Er stellte die Entwicklung der menschlichen Sprache in den sozial-kulturellen Kontext. Zitat: „Am Anfang stehen Naturlaute und emotionale Äusserungen bzw. Empfindungen, sodann als freudig wiederholende Reaktion.“
De Condillac führte alle Funktionen der Seele (Gefühle, Willensakte, Wünsche, Lieben) auf die expressiven Empfindungen zurück. Wie das Sehen und Hören, das Lust- und Schmerzgefühl dem Menschen von Anfang an eigen ist, so gibt es Ausdrücke und Äusserungen, die an andere Gefühle anklopfen mit „Folgen innerer Zustände“. De Condillac hielt darüber hinaus ergänzend fest, dass erfahrungsgemäss der Verstand deutlich mehr erfassen kann als der reinste Sinnendruck.Und warum? „Weil der Verstand mehr sieht als das Auge.“
Wir sind mittlerweile gewohnt, Sprache als Instrumentarium zwischenmenschlicher Verständigung, als System von Signalen zu begreifen. Es braucht jedoch keine weitreichenden philosophischen Sentenzen, um festzustellen, dass dies ein äusserst flaches Sprachverständnis ist. Die Funktion der Sprache wäre einzig beschränkt auf die Artikulationsmöglichkeit. Gott sei Dank ist die Sprache nicht nur ein Instrument zur Benennung von Gegenständen, die schon da sind, ehe das Wort sie benennt.
Dazu ist sie natürlich auch da, aber ihre Bedeutung reicht weit darüber hinaus. Unser Eigenstes, Innerstes, aber auch, was uns am meisten zum Denken und Bewegen bringen kann, vielleicht auch soll. Hoffnungen, Lieben und Glauben, Sehnsüchte, Erinnerungen, Trauern. Sie alle werden erst gewiss und gegenwärtig, wenn wir ihnen Sprache geben. Die Sprache des Lebens: verbindlich und nicht beiläufig, betroffen und nicht oberflächlich, gewissenhaft und nicht beliebig. Es den Gedanken lassen...
*
Rainer Maria Rilke: „Ich fürchte mich vor der Menschen Wort. Sie sprechen alles so deutlich aus: Und dieses heisst Hund und jenes heisst Haus, und hier ist Beginn und das Ende ist dort. Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott, sie wissen alles, was wird und war; kein Berg ist ihnen mehr wunderbar; ihr Garten und Gut grenzt gerade an Gott. Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern. Die Dinge singen hör ich so gern. Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm. Ihr bringt mir alle die Dinge um.“