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Fichte stammte aus einer armen Handwerkerfamilie. Ein Adliger ermöglichte dem jungen Johann Gottlieb den Besuch der Fürstenschule Pforta und das Theologiestudium in Jena, das er 1784 ohne Examen abbrach. Nach dem Tod seines Gönners arbeitete Fichte als schlecht bezahlter Hauslehrer. 1788 lernte er in Zürich seine spätere Frau Johanna kennen, mit der er sich bei seiner Abreise aus der Schweiz 1790 verlobte. Ein Schüler wies ihn auf Kants Philosophie hin, von der Fichte nach der Lektüre so begeistert war, dass er sich 1791 nach Königsberg begab, um sich mit dem berühmtesten Philosophen seiner Zeit zu treffen. Kant verhalf ihm zu einem Verleger für den Versuch einer Kritik aller Offenbarung. Da dieser das Werk anonym herausgab, dachten einige Leser, dies sei das erwartete religionsphilosophische Werk Kants. Mit seiner Erklärung, dass dem nicht der Fall sei, machte Kant Fichte auf einen Schlag berühmt. Bereits 1794 wurde ihm eine Professur in Jena angeboten. Zu seinen Hörern gehörten dort u.a. die Gebrüder Schlegel, Novalis, Hölderlin und Schelling. An Texten in dem von Fichte herausgegebenen Philosophischen Journal entzündete sich 1798 der Atheismusstreit. Nachdem Fichte erklärte, einen Verweis werde er mit einer Demission beantworten, verzeigte der Herzog von Weimar ihn und nahm gleichzeitig seine Entlassung an. Darauf liess sich Fichte in Berlin nieder, wo er als Privatgelehrter zurückgezogen lebte und an seiner Wissenschaftslehre weiterarbeitete. Nach der Niederlage Preussens 1806 zog Fichte mit der preussischen Regierung nach Königsberg und Kopenhagen, doch reiste er dann ins französisch besetzte Berlin, um 1807/08 seine berühmten Reden an die deutsche Nation zu halten. Fichte war vom glühenden Befürworter der Französischen Revolution zum leidenschaftlichen Napoleon-Hasser geworden und rief die Deutschen zur sittlichen Erneuerung auf. Fichte half Humboldt bei der Gründung der Berliner Universität. 1810 unterrichtete er als Professor an dieser und 1811 wurde Fichte sogar zum ersten Rektor gewählt. Als er sich für einen gequälten jüdischen Studenten einsetzte, traf Fichte auf die Gegnerschaft praktisch aller anderer Professoren unter der Führung Schleiermachers, woraufhin er seinen Rücktritt einreichte. Als 1813 erneut ein Krieg gegen Frankreich ausbrach, meldete sich Fichte freiwillig, starb aber kurz darauf.
Fichte entwarf auf der Grundlage der kritischen Philosophie Kants seine Wissenschaftslehre, die er so nannte, weil er meinte, die Philosophie habe Wissenschaft im strengen Sinn zu sein. In seinem Hauptwerk Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre von 1794 bestimmte Fichte die «Selbstsetzung des absoluten Ichs» als Kernpunkt des Wissens und letzte Begründung der Philosophie. Wegen vieler Missverständnisse arbeitete Fichte an einer Verfeinerung seiner Ideen; 1804 unterschied er das absolute Wissen vom Absoluten. Fichte radikalisierte Kants Gedanken von der Phänomenalität alles Seienden und lehnte die Vorstellung einer "Welt an sich" ab. Fichte begriff alles Sein nur als Kraft- und Lichtfeld des handelnden Wissens. Neben seiner Naturphilosophie entwickelte Fichte auch eine Staatstheorie, die sozialistische Gedanken vorwegnahm. So forderte er, der Staat solle die Wirtschaft, Erziehung und Kultur zentral planen. In seiner Geschichtsphilosophie lehrte er eine grundsätzlich notwendige fünfstufige Entwicklung vom unmittelbar harmonischen Vernunftinstinkt über die Befreiung von jeglicher Autorität bis hin zur Verwirklichung voller Vernunft. Doch könne sich die Freiheit auch unvernünftig entscheiden, weshalb Fichte gegen sein Lebensende vor der Rückkehr reaktionärerer Gesellschaftsformen warnte.
Wenn man die späteren Werke nur kurz überfliegt, sieht man wie nahe Fichtes Ideen bei denjenigen Hegels liegen. Auch auf andere Zeitgenossen wie Schelling wirkte Fichtes Philosophie, darüber hinaus auch auf Proudhon, Marx und Lassalle. Besondere Einflüsse der Interpersonallehre zeigen sich bei Weber und Sartre.
|Literatur:||Johann G. Fichte, Über den Begriff der Wissenschaftslehre oder der sogenannten Philosophie, Stuttgart 1972, Reclam UB 9348.

Johann G. Fichte, Die Bestimmung des Menschen, Stuttgart .., Reclam UB 1201.
|Internet:||J.G. Fichte, Einige Schriften, Originaltexte im Gutenberg-Projekt.|
Verstand, Glauben und Träume
«Alle meine Überzeugung ist nur Glaube, und sie kommt aus der Gesinnung, nicht aus dem Verstande.»
«Der Gelehrte vergesse, was er getan hat, sobald es getan ist, und denke stets nur an das, was er noch zu tun hat.»
«Der Charakter unserer Träume bleibt ein weit treuerer Spiegel unserer Gesamtstimmung, als was wir davon durch die Selbstbeobachtung des Wachens erfahren.»
Ein kleines Muster aus den Reden an die deutsche Nation
«Zwar sind so in alter wie in neuer Zeit gar häufig die Künste der Verführung und der sittlichen Herabwürdigung der Unterworfenen, als ein Mittel der Herrschaft mit Erfolg gebraucht worden; man hat durch lügenhafte Erdichtungen, und durch künstliche Verwirrung der Begriffe und der Sprache, die Fürsten vor den Völkern, und diese vor jenen verleumdet, um die entzweiten sicherer zu beherrschen, man hat alle Antriebe der Eitelkeit und des Eigennutzes listig aufgereizt und entwickelt, um die Unterworfenen verächtlich zu machen, und so mit einer Art von gutem Gewissen sie zu zertreten: aber man würde einen sicher zum Verderben führenden Irrthum begehen, wenn man mit uns Deutschen diesen Weg einschlagen wollte.»