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«Frömmigkeit ist, dass man das Geld – obwohl man es liebt – für den Verwandten, den Waisen, den Armen, den Reisenden, die Bettler und für die Sklaven hergibt.» Was denken Sie denn, wo dieser Satz steht? Es handelt sich um einen Auszug aus einem Vers des Korans (Sure 2,177). Ähnliche Aussagen finden sich auch bei biblischen Propheten. Frömmigkeit und die Beziehung zu Gott werden an die Bedingung geknüpft, Materielles zu teilen. Der Vers spricht von der Liebe zum Geld, die es zu überwinden gilt. Im Kontext seiner Zeit führt er verschiedene Kategorien von Menschen an, denen man davon etwas geben soll. Es handelt sich um eine Einladung, darüber nachzudenken, was es bedeutet, Eigentum zu verwalten, sich aber nicht daran zu klammern. Daran schliessen sich aus heutiger Sicht viele Fragen an: Wie kann man auf Augenhöhe gehen, ohne andere abhängig zu machen und ohne die Eigeninitiative der Empfangenden zu bremsen? Der Vers ist ein Beispiel für die prophetische Sozialpolitik des Korans, die eine Umverteilung von Besitz zugunsten der Armen, Benachteiligten und Unterdrückten anstrebt. Manche Koraninterpreten gehen so weit, daraus eine koranische Befreiungstheologie zu entwickeln, die Menschen in Südafrika oder im Iran wichtige Handlungsimpulse vermittelt hat.
Das sind Überlegungen, die über den Rahmen einer einzigen Religion hinausgehen und eine übergreifende menschliche Solidarität erfordern. Unsere heutige Zeit ist aber auch davon geprägt, dass Identitäten durch Abgrenzung formuliert werden und es negative und stereotype Wahrnehmungen von anderen Religionen gibt. Auch in der Religionsgeschichte gibt es Missverstehen bis hin zu Intoleranz und offener Feindseligkeit. Umgekehrt gehen Menschen auf ihrer Suche nach Sinn heute aber nicht selten über den Rahmen der Religion, in der sie sozialisiert wurden, hinaus. So erfreut sich etwa buddhistische Zen-Spiritualität bei Christinnen und Christen grosser Beliebtheit. Auch der Koran bietet ein Reservoir an poetisch formulierter Weisheit und ethischer Orientierung. Er wendet sich nicht nur an Musliminnen und Muslime, sondern auch an die «Leute der Schrift» aus den Geschwisterreligionen Judentum und Christentum. Und er wendet sich an alle Menschen mit der universellen Anrede «ihr Menschen». Vielleicht findet sich im Koran ein Wort, das Ihnen heute etwas sagen kann und durch das Sie sich inspirieren lassen können.
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