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Schnee und Lawinen im Winter 1945/46
Bearbeitung von Edwin Bucher und Melchior Schild
Mitteilung aus dem eidgenössischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung Mit 2 Zeichnungen Die in dieser Zeit beobachteten Lawinen lassen sich drei verschiedenen Perioden zuweisen:
Deren erste stellte sich nach den massigen Schneefällen vom 29. Januar bis 1. Februar ein. Der Neuschnee fiel damals auf die Ende Januar entstandene Reiflage, was sich um so ungünstiger auswirkte, als diese Niederschläge von heftigen Winden begleitet waren und deshalb in stark wind-gepackter Form abgelagert wurden. In den folgenden Tagen, vor allem am 1. Februar, wurden oberhalb 2200 m eine Anzahl typischer, kleiner Schneebrettlawinen beobachtet, die teils ohne äussere Störung, andere wieder infolge Fern- oder Nahauslösung durch Skifahrer abrutschten. Alle Untersuchungen der Anbrüche ergaben dasselbe Bild: die bis 50 cm mächtige, wind-gepackte Neuschneemasse war auf der Reifblumendecke abgeglitten. Obschon diese Lawinen kein grosses Ausmass annahmen, bedeuteten sie für den Skifahrer doch eine nicht zu unterschätzende Gefährdung vor allem deshalb, weil sich die örtlich herrschende Instabilität nur sehr schwer beurteilen liess und es auch an verhältnismässig flachen Hängen zu Anbrüchen kam. Niedergänge mit Menschenopfern oder Sachschäden waren keine zu verzeichnen.
Mit den am 4. Februar einsetzenden grossen Schneefällen begann die zweite Lawinenperiode des Berichtsmonates, welche in der Folge die grössten und häufigsten Lawinenniedergänge des vergangenen Winters verursachte, Das am B. Februar veröffentlichte Bulletin lautete:
« Infolge der grossen Schneefälle sind im ganzen Alpengebiet Lawinen niedergegangen. Bis sich die Neuschneedecke richtig gesetzt hat, dauert die Lawinengefahr weiter an. » Vom 8.10. brachen mit wenigen Ausnahmen an jedem der bekannten Lawinenhänge des Parsenngebietes überaus grosse Schneebretter ab, die neben bemerkenswerten Sachschäden auch ein Menschenopfer forderten. Die Untersuchung einiger Anbrüche zeigte, dass die Schneemassen in tiefern Lagen und an Sonnenhängen direkt auf dem losen Schwimmschneefundament abgeglitten waren, während bei den Anbrüchen in höhern Regionen — vor allem an Schattenhängen — primär die Reiflage als Gleitschicht gedient hatte und die kompakte Dezember-Januar-Schicht erst durch den dynamischen Stoss der abgleitenden Schneemassen bis auf das Fundament durchbrochen wurde. Aus der Reihe der beobachteten Lawinen verdienen zwei Abstürze der Erwähnung: Am B. Februar löste sich als Folge einer durch den Parsenndienst zur Öffnung der Dorftäliroute vorgenommenen Hand-sprengung die Schiahornlawine. Der Anbruch erfolgte am Ostrande der Lawinenverbauungen, und die Schneemassen ergossen sich bis hinunter zu den obersten Aufforstungen, ohne Schaden anzurichten. Weniger glücklich Die Alpen - 1947 - Les Alpes14 verlief der Absturz der zwei Tage später niedergegangenen Doppellawine am Dorfberg-Salezer Horn, welcher ein Davoser Bauhandwerker zum Opfer fiell.
Die dritte Lawinenperiode dieses Monats fiel mit den grossen, bis in die Niederungen kräftig wirkenden Schneefällen der letzten Dekade zusammen. Ohne die am 24. Februar in grossem Ausmass niedergegangene Schafläger-lawine wären jedoch diese Tage maximalster Schneebedeckung vorübergegangen, ohne nennenswerte Lawinenniedergänge verursacht zu haben.
Eine grosse Bewährungsprobe hatte die bis anfangs Februar ohne Diskon-tinuitätsschicht aufgebaute Schneedecke in den Glarner Alpen und im Alpsteingebiet zu bestehen. Der erste Februarschneefall brachte ein Anwachsen der Schneedecke um ca. 80 cm auf 1800 m ü. M. Dank der hohen Temperaturen ( die Nullgradgrenze reichte teilweise bis 1500 m il. M. ) war eine gute Setzung der neuen Schichten möglich; Lawinen wurden in dieser Zeit keine beobachtet. Dadurch waren aber auch für die zweite Niederschlagsperiode günstige Voraussetzungen geschaffen. In den Tagen vom 21.26. fielen in diesem Voralpengebiet gewaltige Mengen Neuschnee, die auf Schwägalp ( 1300 m ) 160 cm, auf Mettmen-Garichte ( 1565 m ) 180 cm betrugen und die Schneedecke um rund 120 cm ansteigen liessen. Unterhalb 2000 m Meereshöhe vermochte der solide Schneedeckenaufbau dieser gewaltigen Neubelastung standzuhalten. Es wurden in diesen Höhenlagen nur unbedeutende Lockerschneelawinen an Steilhängen beobachtet. Dagegen führte dieser Zuwachs in der Höhe, wo Windeinfluss beträchtliche Verwehungen verursacht hatte, zu Überlastungen und zu einigen beachtenswerten Lawinen.
Den Profilaufbau im mittleren und westlichen Teil der Alpennordseite, im untern Wallis und im Goms haben wir auf Grund der dort fehlenden Reifschicht, und des soliden Fundamentes im Vergleich zu der Basisregion Grau-bünden-Nord, als günstiger bezeichnet. Da in diesen Gebieten der Witterungsablauf parallel zu den Verhältnissen von Nordgraubünden verlief, erklärt sich ihre ähnliche Schneedeckenentwicklung und Lawinenbildung während des Monats Februar. Die Schneemengen setzten sich in'diesen Gebieten dank der relativ hohen Temperaturen sehr rasch. Gleichzeitig mit der Verdichtung der obern Profilschichten erfuhr auch das Fundament eine Verfestigung. Die Profile dieser Regionen vom 1. März weisen deshalb bei einem Fundament, dessen Verfestigung sich als bedeutend besser als in Graubünden-Nord, jedoch wesentlich lockerer als im nordöstlichen Voralpengebiet abzeichnet, einen recht stabilen Charakter auf. Die während der beiden Schneefallperioden beobachteten Lawinen und die durch sie verursachten Opfer und Schäden dürften als gering bezeichnet werden. Im Berner Oberland hatte einzig das Gadmental wirklich unter Lawinen zu leiden, vor allem in den Tagen von 21.24. Februar, wo nicht weniger als neun Abstürze die Strasse zwischen Gadmen und Nessenthai verschütteten. Menschliche Siedlungen wurden jedoch keine zerstört, und da sich deren Bewohner in der gefährlichsten Zeit wohlweislich kaum ausserhalb ihrer Behausungen begaben, kamen auch keine Menschen zu Schaden. Die grösste im Berner Oberland 1 VgL Bericht von Ch. Jost, Chef des Parsenndienstes, im Tätigkeitsbericht des Parsenndienstes im Winter 1945/46.
abgestürzte Lawine ging am 9. Februar auf der Nordseite des Mährenhorns nieder; sie riss ca. 50 m3 Wald mit und überdeckte das Gadmental bei Nessen-thal auf 180 m Länge, in einer Breite von 300 m und bis 5 m Tiefe. Trotzdem während der gefährlichsten Zeit Schneesturm den Skitourismus stark ein-dämmte, ereignete sich ein Unglück, das der besonderen Tragik nicht entbehrt und das deshalb dazu angetan ist, vor dem Begehen von Steilhängen während Schneesturms und schlechter Sicht, vor allem aber nachts, eindringlich zu warnen; es ist das am 23. Februar erfolgte Unglück im Gantristgebiet.
Die bekannten Lawinen des Goms traten diesmal nicht in Erscheinung; lediglich die « Hilpersbächlilawine » zwischen Blitzingen und Selkingen stürzte am 10. Februar in grossem Ausmass nieder. Sie verschüttete die Geleise der Furka-Oberalpbahn und riss die Fahrleitung weg. Der Verkehr konnte erst am 15. abends nach dem Aushub von 4850 m3 Lawinenschnee wieder durchgehend geführt werden.
Überraschenderweise wurden aus dem sonst schnee- und lawinenreichen Gebiet der Innerschweiz in dieser Zeit keine Schadenlawinen bekannt.
Dass von Sturm begleitete Schneefälle auch an Orten, die nicht als Lawinenhänge beurteilt werden, gefährliche Verwehungen verursachen können, deren Betreten mitunter zu folgenschweren Abstürzen führen muss, mag das am 24. Februar erfolgte Lawinenunglück am Balmberg erhellen.
Wie bei dem geschilderten soliden Schneedeckenaufbau im Nordtessin die hier verhältnismässig geringen Schneefälle des Februar zu einer weitern Konsolidierung führten, braucht nicht ausführlich geschildert zu werden. Die 185 cm dicke Schneedecke auf dem 1435 m hoch gelegenen Versuchsfeld in Bedretto weist eine Festigkeit auf, die keine Wünsche offen lässt. Während des ganzen Monats wurden von den dortigen Grenzwächtern auf ihren ausgedehnten Patrouillengängen dann auch nur fünf Lawinen beobachtet, die in den bekannten Lawinenzügen von Villa, Ronca und Valleggia abgestürzt waren, ohne Schäden zu verursachen.
Verbleibt endlich die Betrachtung der Verhältnisse in den südlichen Walliser Tälern und im Engadin. In den beiden Regionen erfolgte während des ganzen Monats eine in bezug auf Niederschlag, Schneemetamorphose und Lawinenbildung von allen übrigen Zonen stark verschiedene Entwicklung. Vorerst waren auch hier die Schneefälle anfangs Februar ergiebig. Der Schneedeckenzuwachs in 1800 m betrug je rund 60 cm. Die Ablagerung der Schneemassen anfangs Februar, die in Höhenlagen des Wallis infolge der starken Winde sehr unregelmässig war und vornehmlich auf ostexponierten Hängen erfolgte, führte augenblicklich zu grossen Lawinenniedergängen durch die bekannten Züge des Zermatter Tales.
Dass der Februar im Engadin nur wenig lawinenreich ausfiel, war den relativ geringen Schneehöhen zuzuschreiben. Allerdings genügte auch die kleinste Überlagerung, um das bereits mehrfach erwähnte, lose Fundament zum Bruch zu bringen. Es wurden denn auch mehrere Lawinen beobachtet; deren grösste ging am 12. Februar im Val Sulsana nieder und forderte drei Menschenleben.
Der Februar hat sich durch seinen Schneereichtum ausgezeichnet. Dank des jeweiligen grossen Zuwachses war eine günstige Verfestigung der Neu-schneeschichten möglich. Lawinenniedergänge erfolgten demzufolge relativ wenige und traten vor allem in Gebieten auf, wo die Frühwinterschichten ein sehr lockeres Gefüge aufwiesen, oder wo die Schneemassen auf einen Ende Januar entstandenen Oberflächenreif abgelagert wurden.
III. Spätwinter Im Gegensatz zum Februar war der März für die Alpennordseite niederschlagsarm; die Alpensüdseite erhielt dagegen einen Überschuss von rund 40 % ihres Normalwertes. Der 1., 2. und 3. brachten der ganzen Schweiz Niederschläge, die im südlichen und östlichen Wallis gross, auf der Südseite des Gotthard massig und im übrigen Alpengebiet unbedeutend ausfielen. Die Walliser Täler sowie die südlichen Randgebiete der Berner Alpen erreichten in diesen Tagen ( 4. ) ihre maximale Schneebedeckung. Während auf der Alpennordseite bis Monatsende dauerndes, sonniges oder leicht bewölktes warmes Wetter einen stetigen Rückgang der Schneedecke zur Folge hatte, brachten aus Südosten zuströmende Luftmassen dem Tessin und zeitweise auch dem Engadin vom 4.15. weiterhin tägliche Niederschläge, die schliesslich in diesen Gebietenim Engadin allerdings nur in Lagen über 2000 m ü. M. die maximale Schneehöhe verursachten. Dabei verdient die Schneebedeckung der Gotthardsüdseite am 15. März besondere Beachtung, lagen doch an diesem Tage in Bedretto 270 cm und in Airolo 225 cm Schnee.
Ab 15. März änderte sich die Wetterlage auch in diesen Niederschlags-gebieten. Das bis Ende des Monats vorwiegend heitere Wetter hatte eine rasche Schneehöhenabnahme zur Folge.
Für die Schneedecke auf Weissfluhjoch war der Monat März die Zeit der intensivsten Setzung und Verfestigung sämtlicher Schneeschichten. Bei einer totalen Neuschneemenge von 31 cm, wovon 18 cm auf den Schneefall vom 2. März entfielen, nahm die Gesamthöhe der Schneedecke um einen halben Meter ab. Dieser Setzungsprozess wurde durch häufige Temperaturen über null Grad verursacht. Das Profil vom 1. April dürfte den Zeitpunkt maximaler Verfestigung darstellen. Das ganze Profil hat die typische Form eines soliden Schneedeckenaufbaues, bei dem jedoch die Temperaturkurve verrät, dass der Frühling naht und die heute noch kräftige Schneedecke recht bald erweichen lassen dürfte.
In tieferen Lagen wirkte sich dieser Witterungsablauf naturgemäss noch stärker aus. So eilte die Entwicklung in ca. 2000 m Meereshöhe den Verhältnissen im Standardversuchsfeld um rund zwei Wochen voraus. Die Durchnässung der Schneedecke erfolgte bereits um den 20. März, und das Profil vom 1. April beweist, dass der Abbauprozess bereits in vollem Gange war. In 1500 m ü. M. begann der Schmelzprozess sogar schon zu Beginn des Monats und verursachte während des Berichtsmonats einen Schneedecken-abbau von rund 50 %.
Zu Monatsbeginn war die Lawinengefahr zweifellos noch nicht restlos behoben. In den ersten Märztagen wurden über 2000 m ü. M. eine Anzahl yïpwprwf SCHNEE UND LAWINEN IM WINTER 1945/46 Schneebrettlawinen beobachtet, die zum Teil durch Skifahrer ausgelöst, teils ohne äussern Einfluss abgeglitten waren. In tiefern Lagen wirkten Strahlung und Wärme bereits so stark, dass durch die Durchwärmung des Bodens das Abgleiten der gesamten Schneedecke möglich war. In Davos waren am 2. und 3. viele nasse Schneebrettlawinen zu beobachten. Mit zunehmendem Einfluss der Wärme- und Strahlungswirkung griffen sie auf höher gelegene Hänge über. Schäden wurden unseres Wissens nirgends verursacht.
Der frühe Abbau der Schneedecke konnte in allen Teilen des Alpengebietes, die im März die nämlichen Niederschlagsverhältnisse wie Grau-bünden-Nord hatten, beobachtet werden. Im südlichen und mittleren Wallis, wo die grossen Schneefälle vom 3. März ( in Brig fielen an diesem Tage 125 cm auf aperen Boden ) nochmals die « Täschwandlawine » ( 423 m3 Aushub ), die « In-den-Schiltenlawine » ( 746 m3 ), die « Schusslaui » und die « Kalchenzug-lawine » ( 2200 m8 ) zum Niedergang auf die Geleise der Visp-Zermatt-Bahn gebracht hatten und wo durch einen weitern Absturz bei Gabi an der Simplonstrasse ein Wohnhaus beschädigt worden war, setzte der Abbau der Schneedecke am 4. März mit grosser Beschleunigung ein. Erwähnenswert ist, dass trotz dieses Schneereichtums im Goms in dieser Zeit keine Schadenlawinen zu Tale stürzten.
Welche Folgen hatten die bis Monatsmitte andauernden, gewaltigen Schneefälle auf der Alpensüdseite? Wie bereits dargetan, wies die Schneedecke hier stets ein sehr solides Gefüge auf. Die täglichen Neuschneemengen von 2-40 cm fielen bei Temperaturen um null Grad und bei Windstille. Alle günstigen Voraussetzungen für eine gleichmässige Ablagerung und schrittweise gute Setzung waren damit vorhanden. Auch diesmal hielt die Schneedecke der Neubelastung stand: Lawinen wurden keine beobachtet.
Die in der Mitte des Monats erfolgte Umgestaltung der Wetterlage beschleunigte den Abbau der Schneedecke gewaltig, so dass die Gesamtschneehöhe bis zum 1. April trotz der Niederschläge der ersten Märzhälfte in Bedretto um 40 cm zurückgegangen war. Das am 29. März veröffentlichte Lawinenbulletin spiegelt die Verhältnisse von Ende März zutreffend wider:
« Im ganzen Alpengebiet herrschen zur Zeit sehr günstige Schneeverhältnisse für den Frühjahrsskilauf, doch ist beim Betreten stark sonnenbestrahlter Steilhänge eine gewisse Vorsicht am Platz. » Der April war durch grosse Niederschlagsarmut und starke Einstrahlung gekennzeichnet. Ganz Mitteleuropa stand unter dem Einfluss subtropischer Warmluftmassen, die nur vereinzelt durch wenig wetterwirksame Kaltluftmassen abgelöst wurden. Bis am 25. herrschte heiteres, lediglich durch geringe Niederschläge ab 18. April unterbrochenes Wetter. Vom 26. weg stellte sich bis Ende Monat eine Föhnlage mit anhaltenden, massigen Niederschlägen auf der Alpensüdseite ein, die im Nordtessin über 1500 m, im Engadin in Höhen über 2000 m als Schnee fielen.
Dieser Witterungsablauf, der z.B. in Davos eine um 1,7 Grad ( —0,6 statt —2,3° C ) zu hohe Monatstemperatur im Gefolge hatte, bewirkte naturgemäss auch einen sehr raschen Abbau. Auf Weissfluhjoch setzte dieser mit der Durchnässung der gesamten Schneedecke schon zu Monatsbeginn SCHNEE UND LAWINEN IM WINTER 1945/46 Zaez ein. Das Schneeprofil vom 1. Mai trägt deutlich die Spuren dieser Entwicklung: sowohl die durchgehende Durchnässung als auch der stark geschwundene Rammwiderstand, vor allem aber auch die ausgeprägten Eislamellen weisen auf den bereits stark fortgeschrittenen Abbau hin. Der Schneehöhenverlust von rund 50 cm erfolgte vornehmlich auf Kosten der obersten Schichten III a, b und II b; in unbedeutendem Ausmass büssten auch Schicht Ila, Io, la und die Dezemberschichten von ihrer Mächtigkeit ein. Der Abbau erfolgte somit wie üblich von oben nach unten.
In tiefern Lagen verlor die Schneedecke in beschleunigtem Ausmass an Höhe. In 2000 m ü.M., wo diese zu Monatsbeginn noch 115 cm betragen hatte, konnten am 1. Mai — kurz vor dem Ausapern im Laufe des Juni — noch eine solche von 25 cm gemessen werden ( Büschalp ), während das Versuchsfeld in Davos bereits am 12. April schneefrei gewesen war.
Auch in den übrigen Regionen des Alpengebietes erfolgte das Abschmelzen der Schneedecke sehr rasch, so dass Ende April die mittlere Schneegrenze im Engadin bereits auf 2100 m, im Nordtessin auf 1500 m und im übrigen Alpengebiet auf 1800 m angestiegen war. Die Intensität des Schneedecken-schwundes in den beiden Monaten März und April mögen die Verhältnisse von Bedretto 1435 m ü. M. veranschaulichen, wo die am 15. März auf 270 cm angewachsene Schneedecke am 28. April abgeschmolzen war, was einem durchschnittlichen täglichen Abbau von über 6 cm entspricht.
Mit Ausnahme von kleinen, ungefährlichen Naßschneerutschen wurde während des ganzen Monats April nirgends eine Lawine beobachtet. In Lagen unterhalb 1800 m Meereshöhe konnte der Winter zu diesem Zeitpunkt als abgeschlossen gelten. Das letzte Bulletin wurde am 18. April veröffentlicht:
« Im ganzen Alpengebiet herrscht zur Zeit mit Ausnahme von oberflächlichen Naßschneerutschen keine Lawinengefahr. » Ein Blick auf das Zeitprofil zeigt, dass die Rückbildung der Schneedecke auf Weissfluhjoch im Monat Mai nochmals verzögert und zufolge wesentlicher Schneefälle Mitte Juni auch in diesem Monat nicht abgeschlossen wurde.
Bis zum 14. war der Mai auf der Alpennordseite heiter und warm mit nur unwesentlichen Niederschlägen, wärend die Südseite fast täglich solche erhielt. Schnee fiel nur oberhalb 2500 m ü. M. Am 15. und 16. verursachten arktische Luftmassen bis 1200 m ü. M. hinunter Schneefälle, und auch in der zweiten Monatshälfte hatten häufige Luftmassenwechsel beidseits der Alpen reichliche Niederschläge mit Schnee bis ca. 2200 m zur Folge. Im Tessin fiel im Mai ungefähr die doppelte Normalsumme an Niederschlägen, während der Überschuss in der übrigen Schweiz bedeutend geringer war.
Der Juni war charakterisiert durch häufige, teils kräftige Kaltlufteinbrüche. Deren erster stellte sich am 3. ein und verursachte Schneefälle bis 2400 m. Der zweite erfolgte am 12. und brachte am 13. und 14. die stärksten Dauerregen des ganzen Sommers; die Schneegrenze sank dabei in den Alpen bis auf 1000 m. Nach einer Folge trüber Tage brachte ein dritter Kaltlufteinbruch vom 21. bis 24. erneut Schneefall bis 2500 m und Temperaturen um null Grad bis 2000 m. Erst ab 26. trat starke Erwärmung ein, die in 2500 m bis 17 Grad erreichte.
Nachdem die Schneedecke bis 12. Juni auf Kosten der Schichten II b und II a auf 94 cm abgebaut war, verursachten die Schneefälle vom 12. bis 17. von total 72 cm einen neuen Anstieg der Schneehöhe auf 123 cm. Obschon das Abschmelzen dieser neuen Schicht durch einen weiteren Zuwachs von 38 cm ( 21.25. Juni ) verzögert wurde, brachten die letzten warmen Tage des Monats sowohl die Junischichten als auch den Rest von II a und I b zum Verschwinden.
Wechselnd sonnig und leicht bewölktes Wetter mit hohen Temperaturen und einzelne Regenfälle setzten den noch stehen gebliebenen ältesten Schichten so sehr zu, dass das Versuchsfeld im Laufe des 12. Juli ausaperte. Die Dauer seiner Schneebedeckung im Winter 1945/46 hatte demzufolge 292 Tage, oder genau 4/5 Jahre gedauert.
In tiefern Lagen, wo die Schneefälle der beiden Monate auf schneefreien Boden fielen, erfolgte ihr Wegschmelzen durch die zusätzliche Wirkung der Bodenwärme bedeutend rascher. Dabei entstanden an steilen Grashängen vereinzelt Naßschneelawinen. Einer solchen fielen am 16. Juni auf der Wängisalp bei Einsiedeln 42 Schafe zum Opfer.
Damit fand der schneereiche, doch hinsichtlich der Entwicklung in den verschiedenen Gebieten der Schweizer Alpen recht unterschiedliche Winter seinen Abschluss. Es zeigte sich einmal mehr die Mannigfaltigkeit der Niederschlagsverhältnisse unseres Alpengebietes, ferner aber auch die grosse Bedeutung, welche der Fundamentbildung der Schneedecke zukommt. Wohl hat eine Zunahme der Schneehöhe in der Regel auch eine Zunahme der Lawinenhäufigkeit zur Folge, doch entscheidend für die Stabilitätsverhältnisse ist vor allem das Witterungsgeschehen zu Beginn des Winters.