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September/Oktober 2016, 77 Seiten.
«Der See ist unheimlich, er kann töten», sagt Kazana Ragi. Eine Macht im Wasser ziehe Netze in die Tiefe, bedecke die Haut mit Schleim und bringe Tiere um, erzählt der 28 Jahre alte Fischer. In seinem Dorf Nzulo im Ostkongo kennen die Menschen viele düstere Geschichten über den Kivusee. Nicht immer sind sie stichhaltig. Aber die Angst der Menschen vor dem mehrere Millionen Jahre alten Gewässer ist verständlich.
Im Kivusee, zwischen dem Kongo und Ruanda gelegen, schlummern 260 Kubikkilometer Kohlendioxid (CO2) und 55 Kubikkilometer Methan (CH4). Würde das Gemisch austreten, könnte das CO2 je nach Wind und Gaskonzentration zwei bis vier Millionen Menschen ersticken. «Es wäre eine Naturkatastrophe von bisher ungesehenem Ausmass», sagt Martin Schmid von der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag). Er hat mit mehreren Kollegen über den Kivusee geforscht.
Ein Unglück im westafrikanischen Land Kamerun alarmierte internationale Wissenschaftler bereits in den 1980er-Jahren. Damals war aus den Seen Monoun und Nyos Kohlendioxid entwichen. 1750 Menschen starben. Der Kivusee misst mit einer Fläche von 2650 km² ein Vielfaches dieser winzigen Gewässer. Er ist 30-mal grösser als der Zürichsee.
Grund für den Gasausbruch in Kamerun war eine Übersättigung: Der CO2-Druck in den unteren Wasserschichten hatte den Druck des Wassers darüber überstiegen. Je umfangreicher das Gasvolumen wird und je näher es an die Wasseroberfläche reicht, desto grösser wird das Risiko, dass CO2 austritt.
Im Kivusee ist das Volumen von Kohlendioxid und Methan in den vergangenen 30 Jahren um 15 Prozent gewachsen. Unterirdische Quellen führen Gase der nahen aktiven Vulkane Nyiragongo und Nyamulagira zu. Zudem entstehen beim Zerfall von Organismen Gase. Im Moment ist der Kivusee laut Wissenschaftlern von einer Übersättigung weit entfernt, zumindest grösstenteils.
Fast überall lagere das Gas in einer «sicheren» Tiefe von 60 bis 480 Metern unter der Wasseroberfläche, sagt Ma-thieu Yalire, Chef der Abteilung Geochemie beim vulkanologischen Observatorium in der Provinzhauptstadt Goma. Selbst ein Ausbruch eines Vulkans würde das CO2 kaum freisetzen. Umstritten ist aber, ob das Gas in die Luft katapultiert würde, wenn einer der Krater ausbräche, die vor einiger Zeit im See entdeckt wurden. «Darüber wissen wir noch zu wenig», sagt Eawag-Forscher Schmid.
Zunehmend Sorgen bereitet indessen die Heimat von Fischer Ragi. In seinem Dorf, am Golf von Kabuno im Nordwesten des Kivusees, ist das Wasser nur 150 Meter tief. Methan gibt es dort nur wenig, aber umso mehr Kohlendioxid. Und das ist der Bevölkerung schon sehr nahe gekommen. 2008 war es bis auf 25 Meter unter der Wasseroberfläche gestiegen. Jetzt sind es 12 Meter. «Wir müssen es entfernen, bevor eine Katastrophe passiert», warnt Geochemiker Yalire.
Die kongolesische Regierung investiert nun drei Million Dollar in ein Projekt. Ingenieure der französischen Firma Limnological Engineering installieren ein Rohr auf einer Plattform im Golf, das gashaltiges Wasser aus 90 Meter Tiefe fördern soll. Das CO2 wird an der Oberfläche in die Luft abgegeben. Das entnommene Wasser soll zurückgepumpt werden. «Wir müssen es tief genug in den See lassen, sonst wird die Biozone an der Oberfläche zerstört», erklärt Yalire. Der See besteht aus drei in sich stabilen Wasserschichten mit unterschiedlicher chemischer Zusammensetzung. Stoffe aus dem Tiefenwasser oder Reste von CO2 würden die Fische im Oberwasser töten. Nahrung und Einkommen der Bewohner am Golf von Kabuno wären gefährdet.
Seit Juni bereiten die Techniker das Verfahren zur CO2-Entnahme vor. Im Februar soll die Plattform im See voll einsatzfähig sein. Das Unterfangen ist heikel. Noch ist ungeklärt, wie viel CO2 pro Tag in die Luft entweichen kann, ohne Fischer und Dorfbewohner zu schädigen. Langfristig soll aus drei weiteren Rohren CO2 strömen. «Ziel ist es, den Golf stetig zu reinigen, damit der Zustrom des Gases nicht zur Übersättigung führt», erklärt Pierre Lebrun, Projektleiter bei Limnological Engineering. Der Abbau des CO2 würde der Schicht mit sauerstoffhaltigem Wasser mehr Raum geben. Fische würden sich vermehren, Marktfrauen könnten mehr Sardinen verkaufen, verspricht Lebrun.
Die Verantwortlichen des CO2-Projekts müssen der Bevölkerung gut zureden. Die Menschen fürchten das Gas. «Ich sehe Vögel, Kühe und Ziegen sterben», erzählt der Bauarbeiter Mutabazi Isa. Vor kurzem hat er eine Sickergrube für eine Toilette ausgehoben. Manchmal fühlte er sich schlapp und sein Herz raste. «Das war das Gas», sagt er.
Forscher Yalire gibt ihm recht. Er selbst hat am Grund der Grube 48 Prozent CO2 in der Luft gemessen. «Normal sind 0,038 Prozent», erklärt er. Anders als die Bevölkerung meine, habe das Gas in der Grube nichts mit jenem im See zu tun und bedeute keinesfalls, dass CO2 aus dem Wasser entweiche, betont Yalire. Es stamme aus einer Erdspalte am Ende eines erkalteten Lavastroms.
Rund um Goma und Kabuno haben Wissenschaftler des Observatoriums 150 Senken mit erhöhter CO2-Konzentration gezählt. Yalire warnt vor den Todesfallen: «Man darf dort nicht auf den Boden liegen.» Nach Angaben einer Bürgervereinigung sind in den vergangenen zehn Jahren mindestens zwei Ziegenhirten am CO2 erstickt. Früher waren die gefährlichen Stellen markiert. Aber Dorfbewohner haben die Schilder gestohlen und damit Hütten gebaut.
Die Regierung will nun 360 Hektaren Land mit 560'000 Eukalyptusbäumen bepflanzen lassen; auch, um das CO2 zu absorbieren, das bald dem See entzogen wird. CO2 ist ein Treibhausgas und trägt zur Klimaerwärmung bei. Die Bäume, zumal anfangs, wenn sie noch klein sind, werden nicht das ganze Gas aufnehmen können. «Aber Menschenleben sind wichtiger», sagt Anselme Kitakya, Provinzminister für Energie und Wasser. Langfristig müsse auch das Gas im gesamten Kivusee abgebaut werden.
Anders als bei Kabuno will der Kongo im restlichen See das Methan fördern. CH4 drückt fünfmal stärker als CO2 gegen die Wasserdecke. Es könnte somit den Weg für eine eventuelle Katastrophe bereiten. Ausserdem will der Kongo das Methan zur Produktion von Strom nutzen. Der Nachbar Ruanda hat damit schon begonnen. Trotz politischer Spannungen wollen beide Länder kooperieren. Eine Zweistaatenkommission erarbeitet gerade die technischen, ökologischen und ökonomischen Vorgaben. In drei Jahren soll eine gemeinsame Anlage Methan fördern. Es soll Kraftwerke im Kongo und in Ruanda mit einer Gesamtleistung von 100 Megawatt speisen.
Methan wäre eine Alternative zur Energie aus Holz. Sie macht im Kongo 90 Prozent aus. Die Menschen roden den Wald, weil sie es nicht anders kennen. Auch beim Golf von Kabuno, wo aufgeforstet werden soll, sind die ersten Bäume schon wieder gefällt.
Quelle: tagesanzeiger.ch, 5.9.2016
Würfelnattern sind eigentlich in Südeuropa heimisch – vermehrt werden Exemplare aber auch in Zürich gesichtet. Der Grund: In den Achtzigerjahren haben Unbekannte in Rapperswil einige Tiere illegal ausgesetzt.
«Inzwischen betreffen vier von fünf Meldungen aus dem Raum Zürichsee diese Art», sagt Andreas Meyer von der Schweizer Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz zum «Tages-Anzeiger». Im Gegensatz zur heimischen Ringelnatter sei ihre südländische Verwandte nämlich anpassungsfähiger und überlebe auch in menschengemachten Umgebungen wie Häfen.
Ein Grund für Panik sei dies jedoch nicht: Denn obwohl die Schlangen bis zu 130 cm lang werden können, sind sie völlig harmlos. Laut Andreas Meyer könne man die Tiere einfach aufheben und über Bord werfen – denn selbst wenn man sie in die Hand nehme, würden sie nicht zubeissen.
Quelle: 20 Minuten, 27.8.2016
Sind es Tiere? Oder Pflanzen? Oder keines von beidem? Das Meer, Wiege allen Lebens, hat eine ungeheure Vielfalt äusserst wunderlicher Geschöpfe hervorgebracht. Zum Beispiel Wesen, die wie am Boden festgewachsene Schläuche aussehen, in Wirklichkeit aber Tiere sind. Sie gehören zu den sogenannten Manteltieren und tragen den wissenschaftlichen Namen Ascidien. Eine sinnvolle Bezeichnung: Sie ist abgeleitet vom griechischen Wort askos, was Schlauch bedeutet. Zu Deutsch heissen die Ascidien völlig profan Seescheiden.
Seescheiden kommen überall vor, in kalten wie in warmen Meeren, in lichtdurchfluteten Flachwasserzonen wie in der dunklen Tiefsee. Manche leben allein, andere rotten sich zu Kolonien zusammen. Viele messen nur wenige Millimeter, andere werden bis zu 30 Zentimeter lang. Die einen erscheinen fast durchsichtig, andere – vor allem Arten, die in den Tropen zu Hause sind – tragen alle möglichen Farben und Muster. Auch die Hülle dieser seltsamen Geschöpfe kann sehr unterschiedlich beschaffen sein: glatt und dünn, filigran oder dick und grob, überwachsen mit Warzen, Borsten oder gar Stacheln.
Rund 3000 Arten sind bekannt, doch es gibt mit Sicherheit mehr. Ihre stammesgeschichtlichen Wurzeln reichen Jahrmillionen zurück. «Vermutlich gab es sie schon während des Kambriums, also vor über 520 Millionen Jahren», sagt Wolfgang Groepler, 79. Der deutsche Zoologe lebt in der Nähe von Karlsruhe und beschäftigt sich seit dem Studium mit den urtümlichen Tieren. Kürzlich hat er in der Reihe «Die neue Brehm-Bücherei» eine wissenschaftliche Abhandlung über die «Seescheiden von Helgoland» herausgegeben.
Während Jahrzehnten weilte Wolfgang Groepler regelmässig auf der Insel vor der norddeutschen Küste, um die neunzehn Arten zu erforschen, die in der Gegend vorkommen. «Es gibt mehrere Gründe, weshalb mich Seescheiden bis heute faszinieren», sagt der Biologieprofessor im Ruhestand. Seescheiden kennen drei Entwicklungsstadien: Ei, Larve, ausgewachsenes Tier: «Innert Tagen verwandeln sich die Larven in ein ganz anders gestaltetes Wesen, diese Geschwindigkeit gleicht für mich einem kleinen Wunder», meint Groepler. Ebenso berge auch der Bauplan ihres Körpers viel Interessantes: «Vor allem der Kiemendarm ist ein sehr spannendes Organ.»
Alle Seescheiden besitzen einen Kiemendarm. Er dient dem Atmen wie dem Fressen und ist in den mehr oder minder sackförmigen Körper eingebettet. Zwei Öffnungen, die Siphons, führen zu dem Kiemendarm. Das Wasser strömt durch einen der Siphons ein und durch den andern wieder hinaus. Lange Wimpern im Kiemendarm sorgen mit wellenartigen Bewegungen für einen regelmässigen Wasserstrom. Aus dem Wasser filtern die Seescheiden winzige Partikel – ihre Nahrung. Die Partikel bleiben in einem Schleimfilm hängen, mit dem das Innere des Kiemendarms überzogen ist. Mit drehenden Bewegungen wird der Schleim mit der eingefangenen Nahrung nach unten transportiert – wo neben dem Herz auch der Magen und der Darm liegen. Neben den beiden Siphons besitzen Seescheiden keine weiteren Körperöffnungen. Sie produzieren als Abfallstoff fast nur Ammonium. «Und dieses», erklärt Wolfgang Groepler, «entweicht über die Körperoberfläche ins Meer.»
Eine weitere Besonderheit von Seescheiden ist ihr Mantel, Tunika genannt. Dieser besteht aus Wasser, Proteinen und Cellulosefasern, die von der Haut abgesondert werden. Cellulose ist ein Stoff, den normalerweise Pflanzen produzieren. Seescheiden sind denn auch praktisch die einzigen Tiere, die Cellulose herstellen können. Viele Arten, die in Kolonien leben, teilen sich eine Tunika – dann lugen in der Regel nur die beiden Siphons der einzelnen Tiere aus der gemeinsamen Schutzhülle heraus. Oft enthält der Mantel auch säurehaltige Zellen. «Wozu diese dienen, ob sie beispielsweise Feinde abschrecken sollen, ist nicht eindeutig erwiesen», sagt Groepler. Zwar fressen gewisse Schnecken, Krebse, Seesterne oder Fische Seescheiden. «Aber im Grunde ist an ihnen so wenig dran, dass sie für Räuber uninteressant sind.» Ausserhalb ihres Elementes, an der Luft, fallen Seescheiden binnen kurzer Zeit zu traurigen Gallertklumpen zusammen.
Für die Fortpflanzung halten sich die Vorläufer der Wirbeltiere mehrere Optionen offen. Sie sind Zwitter, jedes Tier verfügt über männliche und weibliche Geschlechtsorgane. Vertreter von Arten, die solitär, also einzeln leben, entlassen in rauen Mengen entweder Spermien oder Eier ins Meer. Ein Individuum produziert nie beides gleichzeitig. Damit wird verhindert, dass es sich selbst befruchtet. Seescheiden, die in Kolonien leben, befruchten die Eier im Körperinneren. Dazu müssen die Spermien durch den Einströmsiphon eindringen und den Schleimfilm des Kiemendarms durchqueren, um den Weg zu den Eiern finden. «Wie das geschieht, ist ungeklärt», sagt Groepler. «Denn eigentlich ist der Schleimfilm zu dicht, um Spermien passieren zu lassen.»
Irgendwie aber dringen die Spermien zu den Eiern vor, aus denen sich in kurzer Zeit Larven entwickeln. Je nach Art sind diese Larven, die Kaulquappen ähneln, zwischen 1 und 7 Millimeter lang. «Sie haben Sinnesorgane, reagieren beispielsweise auf Licht, sind aber nicht dafür eingerichtet, Nahrung aufzunehmen», erklärt Groepler. Deshalb suchen sie so schnell wie möglich einen Platz, wo sie die Metamorphose zum erwachsenen Tier vollziehen können.
Mit dem Vorderteil voran heften sich die Larven am Grund fest oder an anderen, erwachsenen Seescheiden, auf Korallenriffen, auf Algensträngen oder an Molen in den Häfen. Und dann passiert etwas, was Wolfgang Groepler bis heute immer wieder zum Staunen bringt: «Bei einigen Arten ziehen die Larven in weniger als einer halben Minute den Schwanz ein.» Nun wird der Körper zügig umgebaut, die Sinnesorgane bilden sich zurück, dafür wächst der alles beherrschende Kiemendarm. Und: Die Rumpforgane rotieren, Herz, Magen, Darm und Kiemendarm drehen sich um 180 Grad in ihre definitive Lage. «Dieser Prozess verläuft recht schnell», sagt Groepler. «In der Regel ist er in wenigen Tagen abgeschlossen.» Zum Vergleich: Eine Kaulquappe braucht bis zu drei Monate, um sich in einen Frosch zu verwandeln.
Neben der geschlechtlichen beherrschen viele Seescheiden-Arten auch die ungeschlechtliche Fortpflanzung. Sie können eine Art Ausläufer bilden, die in kleine Gewebeportionen zerfallen. «Aus diesen wenig organisierten Zellhaufen wachsen eigenständige Tiere heran», sagt Wolfgang Groepler. Eine weitere bemer kenswerte Eigenschaft von Seescheiden. Tatsächlich gäbe es Arten, «die man in kleine Stücke schneiden kann – und aus jedem dieser Fragmente entsteht wieder eine vollkommene Seescheide».
Obwohl diese Fähigkeit von Seescheiden, sich zu regenerieren, ans Wundersame grenzt, sind sie sehr fragil. In Gefangenschaft gehen sie schnell ein. «Ich habe mehrfach versucht, verschiedene Arten über längere Zeit zu halten, aber es ist mir nie gelungen», erzählt Wolfgang Groepler. Offenbar brauchen diese urtümlichen Tiere aus einer längst vergangenen Zeit die besondere Wasserqualität des freien Meers, um dauerhaft zu überleben.
Die Ozeane gelten seit Jahrhunderten als Quelle heilender Substanzen. Meersalz wird traditionell bei Hautkrankheiten eingesetzt, Algen dienen als Wurmmittel. Die moderne Wissenschaft geht einen Schritt weiter. Mit molekularbiologischen oder gentechnischen Methoden wurden in den letzten Jahrzehnten Tausende von Naturstoffen aus Meeresorganismen isoliert. Aus solchen Substanzen Arzneimittel herzustellen, ist ein langer und schwieriger Prozess. Deshalb gibt es noch nicht viele Medikamente, die auf Meeresorganismen basieren. Trotzdem sehen viele Wissenschafter in den Ozeanen und ihren Bewohnern die Apotheke der Zukunft. Ausgerechnet auf Seescheiden wurde ein Wirkstoff entdeckt, aus dem ein Medikament hergestellt werden konnte. Der Wirkstoff heisst Trabectedin und kommt im Kampf gegen seltene Weichteiltumore zum Einsatz.
Quelle: Schweizer Familie, mobile2.12app.ch, 25.8.2016
Sie gelten als harmlos, werden gern als Dekor und als Ornament verwendet. In der Zeichentrickserie «Spongebob Schwammkopf» kommt ein Seestern namens Patrick vor, der als ziemlich dämlich dargestellt wird. Das schadet dem Ruf der Tiere. Dazu kommt, dass über das Leben der Seesterne noch lange nicht alles bekannt ist. Die Forschung hat Auftrieb bekommen, seit eine besonders aggressive Art begonnen hat, Korallenriffe zu plündern.
Ihre Fähigkeit, den Meeresgrund zu säubern, ist in diesem Fall nicht willkommen. Seesterne beseitigen Kadaver und Exkremente und sind wichtig für die Wasserqualität. Aber sie sind auch in der Lage, lebende Muscheln zu verzehren. Mit ihren Armen öffnen sie die Muschel ein kleines Stück, dann stülpen sie ihren Magen wie einen umgekehrten Handschuh in ihr Opfer hinein und verdauen dieses gleich vor Ort. Ein gewöhnlicher Seestern kann innert 24 Stunden zehn Austern fressen.
Auch Korallen werden zur Beute. Der Stachelseestern (Dornenkrone oder wissenschaftlich Acanthaster planci) hat sich in der Südsee und an der australischen Küste zu einer Landplage entwickelt, wenn man das so sagen darf. Diese Tiere, die einen Durchmesser von bis zu 80 Zentimetern erreichen können, haben 8 bis 21 Arme im Gegensatz zu ihren typischerweise fünfarmigen Verwandten. Alle paar Jahre vermehren sie sich explosionsartig und fressen dann ganze Riffe kahl. Sie selber sind nicht besonders mobil, doch ihre Larven werden von der Meeresströmung leicht verfrachtet. Dornenkronen-Seesterne sind zweigeschlechtlich, die Befruchtung der Eier findet im Wasser statt. Wenn sich grosse Mengen von Tieren versammelt haben, sind die Chancen einer Befruchtung ausserordentlich gut.
Seesterne und ihre Verwandten (Seeigel, Seegurken) gehören zum uralten Stamm der Stachelhäuter. Die Menschen heute seien wenig an Stachelhäutern interessiert, klagt Coralie Taquet in einem neuen Buch «Les étoiles de mer et leurs cousins». Das komme wohl daher, dass sie weder für die Fischerei wichtig seien noch eine direkte Gefahr für Menschen darstellten. Abgesehen von einigen Austernzüchtern leidet kaum jemand unter den Seesternen. Verletzen kann man sich an den Stachelhäutern nicht, «solange man sie in Ruhe lässt», wie Taquet schreibt.
Seeigel gelten zwar an der Küste als gastronomische Spezialität, die Fangmengen sind aber ganz gering. Die äusserlich wenig attraktiven Seegurken dagegen sind in der asiatischen Küche begehrt, ihnen droht bereits die Überfischung. Ihre Fähigkeit, abgestossene oder verletzte Teile nachwachsen zu lassen, interessiert inzwischen die medizinische Forschung. Zum Beispiel könnte man die Biotechnik für die Entwicklung chirurgischer Nahtmaterialien nutzen oder bei der Aufbewahrung von Transplantaten.
Der Massenangriff der Dornenkronen auf die Korallen hat wirtschaftliche Folgen. Tauchferien lassen sich nur verkaufen, solange im Meer etwas zu sehen ist, leere Riffe sind für den Tourismus unattraktiv. Die Erforschung der Stachelhäuter und insbesondere der Dornenkronen ist deshalb intensiviert worden, vor allem in Australien – wobei im Vordergrund meist ihre Bekämpfung steht.
Coralie Taquet und ihr Vater, Co-Autor Marc Taquet, sind skeptisch. «Ist es denkbar und wünschbar, den Killer zu töten?», fragen sie. Sie tendieren zur Ansicht ihrer Wissenschaftlerkollegen aus Polynesien, die an einer Konferenz in Tahiti letztes Jahr festgestellt haben: «Je weniger man in die Natur eingreift, desto weniger Fehler macht man.» Das sei allerdings nicht die vorherrschende Meinung, betonen die Taquets. Es seien von den Regierungen grosse Aktionen zur Ausrottung unternommen worden und würden immer noch unternommen. «Keine dieser Operationen hat einen nachhaltigen Erfolg erzielt», stellt Coralie Taquet im Rückblick auf die Massnahmen trocken fest.
Anfänglich wollte man die Seesterne töten, indem man sie zerschnitt. Das war äusserst kontraproduktiv, denn Stachelhäuter haben eine erstaunliche Regenerationsfähigkeit: Aus einem Tier wurden zwei. Für die Bekämpfung der Dornenkronen wurden dann verschiedene Gifte eingesetzt. Das war in einem Naturschutzgebiet wie einem Korallenriff schon an sich nicht ideal. Zudem mussten den Tieren mehrere Dosen eingespritzt werden – für die Taucher eine mühselige und nicht ungefährliche Arbeit. Hoffnung setzt man jetzt in die Verwendung von harmlosem Zitronensaft oder Essig, was die Tiere schon nach einmaliger Anwendung töten soll.
Australische Forscher haben auch einen Unterwasserroboter entwickelt, der Injektionen selbstständig durchführen soll. Das würde die Arbeit effizienter und weniger riskant machen. Angesichts der Millionen von Seesternen wäre es dennoch eine Sisyphusaufgabe, aber immerhin besser als die heutige Praktik, die Tiere mit Spiessen einzusammeln. Da man immer nur einen kleinen Teil überhaupt ergreifen kann und die Fruchtbarkeit enorm ist, sind selbst aufwendige Aktionen keine Erfolgsgarantie.
Auch Seesterne haben indessen ihre natürlichen Feinde. Soweit von den erst unzulänglich erforschten Tieren bekannt ist, leben die meisten Seesterne vier bis fünf Jahre. Der Rote Seeigel dagegen kann mehr als hundert Jahre alt werden, und dies erst noch ohne Alterungserscheinungen. Viren, Bakterien, Crevetten und Schnecken können jedoch auch die stacheligsten Stachelhäuter befallen. An der US-Ostküste von Mexiko bis Alaska erkrankten 2013 die Seesterne in katastrophalem Ausmass an einer Viruskrankheit, durch welche sie sich einfach verflüssigten.
Seesterne, Seeigel, Seegurken und noch ein paar andere Vertreter der Stachelhäuter stehen eher selten im Mittelpunkt der aktuellen Forschung. Als Bewohner des Meeresgrundes führen sie ein verborgenes Dasein. Bis sie als Spielverderber des Tourismus auf sich aufmerksam gemacht haben, wurden sie weit weniger beachtet als andere Tiere, die unter Wasser etwa mit spektakulären Farben oder schrecklichen Zähnen auffallen. Wie aber Fossilien beweisen, sind die Stachelhäuter seit 500 Millionen Jahren mit dieser diskreten Taktik ganz gut gefahren.
Quelle: Tages-Anzeiger Online, 24.8.2016