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Im elterlichen Garten in Dietisberg, oberhalb von Wünnewil-Flamatt, begann eine der erfolgreichsten Karrieren in der Geschichte der Swiss Football League. Im dauerhaften Wettstreit mit seinen Brüdern Lukas und Christian wurde die Faszination zum runden Leder geweckt. Bald schnürte Marco Schneuwly seine Schuhe für den Dorfverein Wünnewil; später wechselte er in die U-15-Auswahl des FC Fribourg. «Erst im zweiten Anlauf», erklärt Schneuwly, «nach einem Umweg über die Inter-C-Junioren beim SC Düdingen.» In der Kantonshauptstadt verhalf ihm eine glückliche Fügung zum Durchbruch: Bei einem Freundschaftsspiel gegen eine Schweizer Auswahl wurde Schneuwly als «gelernter Aussenverteidiger mit Offensivdrang», wie er es selbst ausdrückt, als Sturmspitze aufgestellt. Zweimal traf er ins Schwarze – und schoss sich somit ins Blickfeld der Nationalmannschaft.
«Wir haben mit einem grossen Teamgeist viel erreicht, obwohl vor dem Turnier niemand mit uns gerechnet hatte.»
Im Sommer 2002 stand er schliesslich im Aufgebot für die U-17-Europameisterschaft in Dänemark, wo die «jungen Wilden» ins Finale stürmten. In fünf von sechs Partien kam Schneuwly zum Einsatz, aber im Endspiel musste sich der Stossstürmer angeschlagen auswechseln lassen. Im Elfmeterschiessen gegen Frankreich wurden andere Talente zu grossen Figuren: Der Aarauer Torhüter Swen König hielt zwei Penaltys, während Captain Sandro Burki seinen Versuch verwandelte und so den Weg zum Titel ebnete. Schneuwly blieb nur eine Nebenrolle. «Dennoch war es ein unvergessliches Erlebnis für mich. Wir haben mit einem grossen Teamgeist viel erreicht, obwohl vor dem Turnier niemand mit uns gerechnet hatte», erinnert sich Schneuwly.
Zurück in der Heimat wechselte Schneuwly in den Nachwuchs des BSC Young Boys, wo er die U-21-Auswahl mit 20 Toren in die 1. Liga schoss – trotz Doppelbelastung mit der Berufslehre als Konstrukteur. «Es war mir wichtig, meine Ausbildung abschliessen zu können – auch wenn die Arbeitstage sehr lang wurden», so Schneuwly, welcher später auch die Berufsmatura absolvierte. Auch auf dem Fussballplatz kämpfte er sich laufend nach oben: Bald folgten erste Kurzeinsätze in der Super League (2004) und ein erster Torerfolg in der höchsten Spielklasse, ehe Schneuwly in die Challenge League verliehen wurde. Beim FC Sion gewann er seinen einzigen Titel auf Vereinsebene, doch der junge Deutsch-Fribourger durfte im Cupfinal (2006) gegen seinen Arbeitgeber YB aufgrund einer entsprechenden Vertragsklausel nicht eingesetzt werden. Immerhin: Eine Medaille als Pokalsieger habe er erhalten, so Schneuwly.
«Immer vorwärts geschaut»
Drei Jahre später kam es zur Neuauflage dieses packenden Duells: Inzwischen hatte sich Schneuwly nach einem Leihtransfer zum SC Kriens («Es war ein sehr lehrreiches Jahr») zum Goalgetter in der Bundesstadt entwickelt. Im Berner Trikot stand er im Endspiel auf der Verliererseite – trotz Zwei-Tore-Vorsprung. Als Sion in der Schlussphase zum 3:2 traf, war Schneuwly schon ausgewechselt. Einmal mehr musste er tatenlos zuschauen. Immer wieder hätte es gute Gründe gegeben, um zu lamentieren. Aber Schneuwly ist nicht der Typ, der mit dem Schicksal hadert. Auch nicht, als er sich Ende 2009 nach der «bis dahin besten Hinrunde in meiner Karriere» einen Kreuzbandriss zuzog. Natürlich sei dies ein Rückschlag gewesen, «aber ich habe immer vorwärts geschaut und versucht, das Beste aus dieser Situation zu machen», sagt Schneuwly. Dies war alles andere als einfach: In der besagten Spielzeit hatte sich YB dank Schneuwlys Torriecher zwischenzeitlich 13 Punkte Vorsprung erspielt, musste sich aber einen sicher geglaubten Meistertitel in einer Finalissima gegen den FC Basel noch entreissen lassen – mit Marco Schneuwly abermals nur in der Zuschauerrolle.
In der Folge kam er bei den Young Boys nicht mehr auf Touren, startete aber in Thun und Luzern umso fulminanter durch. In fünf Spielzeiten nacheinander gelang ihm stets eine Torausbeute im zweistelligen Bereich, sodass er den Grossteil seiner Karrieretreffer erst nach dem 27. Geburtstag erzielt hat. «Vielleicht ist es wie beim guten Wein – je älter, desto besser», lacht Schneuwly. In der Zentralschweiz verbuchte er wettbewerbsübergreifend 68 Treffer in drei Jahren und liess auch den FC Aarau oftmals zum Leidtragenden seiner Skorerqualitäten werden. Insgesamt 103 Tore erzielte Schneuwly in der Super League. Nur Marco Streller (111) hat öfters ins Schwarze getroffen. Ein Ziel? «Ich bin nicht der Typ für Rekordjagden», so Schneuwly in seiner bodenständigen Art. Es sei mehr eine Geschichte für Fans und Medien; selbiges gilt auch für das leidige Thema Schweizer Nationalmannschaft. Als zuverlässiger Torschütze in der Super League war es Schneuwly nicht vergönnt in der A-Nati aufzulaufen. Einmal war er auf Pikett, doch die Konkurrenz mit internationaler Erfahrung wurde ihm stets vorgezogen. Das Thema sei für ihn definitiv abgeschlossen. «Ich habe meine Leistung gebracht. Alles andere war nicht zu beeinflussen», hält Schneuwly mit einer für ihn typischen Sachlichkeit fest.
«Da hätte das Gesamtpaket stimmen müssen.»
Eine andere Bestmarke dürfte ihm allerdings längere Zeit nicht mehr zu nehmen sein – zusammen mit Bruder Christian sammelte er 620 Einsätze in der obersten Spielklasse des Landes. Nur die Gebrüder Yakin kommen auf vergleichbare Werte (580 Ligapartien). Unvermeidlich, dass es immer wieder zum Bruderduell kam. «Am Anfang war es schon speziell. Zum Glück sind wir aufgrund unserer Positionen auf dem Platz nicht wirklich aufeinandergetroffen.» Dreimal spielten sie im Laufe ihrer Karrieren für den gleichen Arbeitgeber (Luzern, Thun und YB). Alle Stationen der Schneuwly-Brüder waren nicht mehr als 110 Kilometer Luftlinie vom Heimatort Wünnewil im Sensebezirk entfernt. Auch der ältere Bruder Lukas, der den Sprung in den Profi-Fussball nicht geschafft hatte, war dem Fribourger Erstligisten SC Düdingen während vielen Jahren als treffsicherer Angreifer treu geblieben. «So sind wir einfach. Das hat sicher auch mit unserer Erziehung zu tun», sucht Schneuwly nach einer Erklärung für die Heimatverbundenheit. Ins Ausland habe es ihn nie gezogen. «Da hätte das Gesamtpaket stimmen müssen», so Schneuwly. Das tat es nie. Und so ging er einzig im Europacup auf Torejagd im Ausland. Dabei spielte der Angreifer unter anderem gegen Bilbao, Marseille, Stuttgart und Tottenham, doch der grösste Achtungserfolg gelang in Form der Qualifikation für die Europa League mit dem FC Thun, als er im Rückspiel gegen Partizan Belgrad mit einem Tor und zwei Assists im Alleingang für die Wende – gleichbedeutend mit dem Einzug in die Gruppenphase – sorgte.
Ein Befreiungsschlag war auch sein Premierentreffer im FCA-Trikot, als Schneuwly im Dezember 2018 gegen den FC Vaduz mit einer technisch brillanten Volleyabnahme erfolgreich war – ausgezeichnet als «Tor des Monats» in der Challenge League. «Es war eine grosse Erlösung», sagt Schneuwly, nachdem er zuvor mit einem Syndesmosebandriss im linken Knöchel ausser Gefecht gesetzt war; schliesslich habe er die hohe Erwartungshaltung im Vereinsumfeld nach seiner Verpflichtung im Sommer ebenfalls gespürt. Beim FC Aarau steht Hobby-Golfer Schneuwly («Ein guter Ausgleich zum Fussball») noch bis im Juni 2020 unter Vertrag. Und dann? «Ich habe gelernt, im Fussball nicht allzu weit in die Zukunft zu planen. Momentan kann ich mir vorstellen, noch länger aktiv zu sein. Nach dem Ende der Karriere ist es eine Option, auf die Polizeischule zu gehen», sinniert Schneuwly. Dann müsste er aber auf die Prämie seiner Grossmutter verzichten, welche die Treffer der Enkel noch immer mit fünf Franken belohnt. Diese landen inzwischen im Kässeli von Schneuwlys Sohn Owen (7), der den Vater manchmal bei der Wahl des Torjubels «berät». Aus Aarauer Sicht bleibt zu hoffen, dass es im Hause Schneuwly in Zukunft zwangsweise wieder häufiger zu kreativen Vorschlägen in Sachen Feiereinlagen kommen wird.
Matchzeitung Nr. 13 (2018/19) lesen
Dieser Artikel ist am 1. März 2019 in der Ausgabe Nr. 13 (Saison 2018/19) der Matchzeitung HEIMSPIEL gegen den Servette FC erschienen.