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Herbert Büttiker, Der Landbote (10.05.2016)
Psychoanalyse ist nicht Claude Debussys Sache. An der Premiere seiner Oper «Pelléas et Mélisande» zeigte sich das eindrücklich – gerade weil die Figuren auf der Couch liegen: ein schwieriges und spannendes Konzept.
Märchenhaft handelt das Drama von zwei Halbbrüdern, dem Prinzen Pelléas und Golaud, und vom geheimnisvollen Mädchen Mélisande, das der ältere, Golaud, im Wald aufgelesen hat und heiratet und in das sich der jüngere verliebt. Golaud tötet Pelléas, Mélisande stirbt im Wochenbett nach der Geburt eines Mädchens. Symbolisch aufgeladen sind neben den Räumen im Schloss des Königs Arkel die Schauplätze der fünf Akte von Maurice Maeterlincks Stück, das Debussy integral und mit aller orchestralen Magie vertont hat: der Wald, ein Brunnen im Park, der Schlossturm, ein düsteres Gewölbe, eine Grotte am Meer.
Ein märchenhaft-symbolistisches Drama? Die neue Inszenierung im Opernhaus Zürich, wo das Werk zuletzt vor 14 Jahren in vereisten und verschneiten Bildern zu sehen war, beginnt nicht mit «Es war einmal», sondern einer scheinbar nüchternen Feststellung. Golaud ist von Beruf Psychotherapeut und hat die Patientin, in die er sich verliebt hat, ins Haus der Familie genommen, um sie zu heiraten und weiter zu therapieren. Dieser Hinweis steht über dem Bühnenportal zu Beginn.
Draussen weht der Wind
Man blickt in eine gestylt-moderne, helle Wohnlandschaft mit grossem Fenster, das in einen Park hinaus geht, wo sich unter düsterem Himmel die Bäume im Wind wiegen. Mélisande im schwarzen Overall legt sich auf die Couch und Golaud setzt sich mit Notizblock daneben: der reife Herr mit Brille im dunklen Anzug und das Kind von der Strasse.
Der Ausgangspunkt des Regisseurs Dmitri Tcherniakov, von dem auch das kühle, aber atmosphärische Bühnenbild stammt, scheint ziemlich verrückt. Unprofessioneller kann ein Psychiater nicht zu Werke gehen, und dass die ganze Familie – Grossvater Arkel, Mutter Geneviève und Sohn Yniold aus erster Ehe – sich am TV im Wohnzimmer jederzeit Aufnahmen von Therapiesitzungen ansehen kann, lässt einen den Kopf schütteln.
Mélisande auf der Couch
Aber es geht um die Kehrseite, verrückt ist dieser Liebende und Ehemann, der sich in seiner Beziehung als Therapeut geriert, und von dieser Sucht scheint die ganze Familie angesteckt, sogar der kleine Yniold spielt schon Psychiater. Wenn Pelléas und Mélisande sich erstmals begegnen – eigentlich draussen vor dem Schloss, mit Blick aufs neblige Meer, ein grosses Schiff, ferne Rufe von Matrosen –, so ist auch dies «nur» eine Szene auf der Sitzgruppe im Wohnzimmer: eine Art Fantasie- und Rollenspiel, initiiert von Geneviève und erlebt in der Einbildung von Mélisande. So auch ihr Spiel mit dem Ehering, der in den Brunnen fällt, oder der nächtliche Gang in die Grotte.
Die äusseren Ereignisse und Schauplätze sind somit innere Bilder, als die das symbolistische Drama sie ja auch versteht. In sich gekehrt, traumwandlerisch und auch unter Hypnose: So spielt Corinne Winters ihre Mélisande, ganz in unserer Gegenwart und gleichzeitig ganz versponnen in die Poesie des Dramas. Diese Darstellung, verbunden mit einer dunkel grundierten, schmiegsamen Stimme des kraftvoll Leisen, der Glut unter der Asche, der musikalisch ausdrucksvoll konturierten Fragilität, ist von grosser Glaubwürdigkeit.
Texttreue ist in diesem Spiel auf hinterlistige Weise erfüllt, Glaubwürdigkeit ist der direkte Gewinn, und das gilt für die weiteren Protagonisten des Stücks ebenso, für Brindley Sherratt als wissend-alter, aber auch verknöchert- herrischer, nur manchmal vielleicht zu laut präsenter König Arkel, für Yvonne Naef als Geneviève, die, stimmlich wohl präsent, aber innerlich stumm, alles mitbekommt und alles an sich abprallen lässt. Nur den jungen Yniold überfrachtet die Regie mit ihren Verweisen auf die Einflüsse von allen Seiten, die ihn formen. Wie steht es um seine Seele?, scheint der Regisseur zu fragen, und die Frage ist im Hause Arkel höchst berechtigt.
Gegensätzliche Brüder
«Sprecht nicht mehr zu ihr, ihr wisst nicht, was das ist, die Seele …», mahnt der alte Arkel die um die sterbende Mélisande versammelte Familie. Damit hat das Therapieren ein Ende, aber bis zuletzt will Golaud von ihr die Wahrheit wissen, und sein Eindringen in die Geheimnisse hat in den Szenen davor vor Gewalt nicht zurückgeschreckt.
Wie Kyle Ketelsen die Eskalation seiner gut gemeinten Analytik zur verbalen Gewalt der Ironie und schliesslich auch der körperlichen Misshandlung darstellt und wie er mit seinem markigen Bassbariton in die aufgewühlte Orchesterdramatik einstimmt, ist von tragischer Wucht: Golaud, der seelenlos handelt und zerstört, wonach er sucht.
Sehr schön bringt Jacques Imbrailo den gegensätzlichen Charakter des Pelléas zur Geltung. Sein Bariton hat fundierte Wärme, aber auch die Leichtigkeit für die strahlenden Höhen, dazu den emphatischen Schwung, auch im Spiel, der diesen sich lyrisch öffnenden jungen Menschen auszeichnet, scheinbar ganz natürlich, hemdsärmelig, wie er in der Begegnung mit Mélisande auch angezogen ist.
Dass den Sängern diese Natürlichkeit im poetischen Reden und kunstvoll nuancierten Gesang atmosphärisch so sehr glückt, ist auch der einfühlsamen Präsenz des Dirigenten Alain Altinoglu zu verdanken. Er lässt das Orchester konturenstark, füllig und feingliedrig musizieren, ein Klangfest, und die dramatischen Eruptionen bleiben nicht aus.
Die «mobilité des âmes»
Das Orchester ist ja als weitgehend eigenständiger Partner mit im Spiel, aber gewiss könnte eine impressionistischere Bühne die Ohren noch stärker für die raffinierte Stimmungsmalerei der Partitur öffnen. Aber Impressionismus war für Debussy selber kein tauglicher Begriff, was er musikalisch entwickelte und weswegen er die konventionelle Melodie als «prèsque antilyrique» bezeichnete, war eine Musik der «mobilité des âmes et de la vie».
Das bewegliche Gewebe des Lebens, seine Verhärtung wie sein Zerfliessen ist in diesem Zürcher «Pelléas» über drei Stunden ein packendes Plädoyer für die Seele. Und was die Frage betrifft, was dem verstörten Mädchen Mélisande denn Schreckliches passiert sei, ahnt man, dass es wohl gar nicht um Psychologie und Traumatologie geht, sondern um die «âme humaine» und ihre Verletzlichkeit an sich, um ein romantisches Etwas in der Epoche Sigmund Freuds, die auch die von Debussy war. In den Worten des alten Königs: «C’était un petit être si tranquille, si timide, si silencieux … c’était un petit pauvre être mystérieux comme tout le monde …»