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Frau Bernet, was verdienen Sie als Historikerin?
Ich bin in der Wissenschaft tätig, da wird man nicht reich. In so einem Job ist nicht nur der Lohn wichtig, sondern auch der Sinn.
Seit wann gibt es Lohn eigentlich?
Das Wort Lohn taucht erst im Mittelalter auf. Dass es Lohn aber schon länger gibt, sehen wir in der Alltagssprache, in der Lohnkonzepte aus vergangenen Zeiten bis heute ihre Spuren hinterlassen haben: Das Salär leitet sich von den Salzrationen ab, die im antiken Rom als Zahlungsmittel dienten. Der Sold, den Soldaten erhalten, erinnert an eine Goldmünze – solidus –, die Konstantin der Grosse eingeführt hat. Aber noch im 17.Jahrhundert war ein riesiger Sektor vom Geldwesen unberührt. Dazu zählte die Landbevölkerung, die mit Naturalien wie Speck, Salz, Pökelfleisch, Wein oder Öl entlohnt wurde. Taglöhner erhielten meist eine Mischform aus Geld, Naturalien, Kleidung und Unterkunft.
Im Mittelalter waren Lohnzahlungen für Handwerker schon weit verbreitet. Wie wurde Lohn damals festgelegt?
In der mittelalterlichen Stadt herrschte Zunftzwang. Wer einen Betrieb eröffnen wollte, musste in einer Zunft organisiert sein. Die Zunft stellte Vorschriften für Löhne und Preise auf.
Ein hartes Los hatten die Zunftgesellen. Sie arbeiteten 12 bis 16 Stunden pro Tag, der Lohn war so gering, dass er kaum zum Leben reichte. Sie durften weder heiraten noch einen Hausstand gründen. Wann änderte sich das?
Die Abschaffung der Zünfte, die Gewerbefreiheit und die freie Berufswahl gehörten zu den bedeutsamsten Errungenschaften der Französischen Revolution.
Im Verlauf des 18.Jahrhunderts stieg die Beliebtheit der sogenannten akademischen und freien Berufe: Anwalt, Arzt, Lehrer. Auch, weil man als Anwalt oder Arzt besonders gut verdiente?
Bei diesen bildungsbürgerlichen Berufen zählte in erster Linie das Prestige. Für Geldlohn interessierte sich der gebildete Citoyen nicht – zumindest nicht vordergründig. Was aber nicht heisst, dass keine hohen Honorare gezahlt wurden.
Ist das eine mögliche Erklärung, weshalb heute Anwälte oder Ärzte noch immer gut entlöhnt werden?
In Bezug auf die Höhe des Honorars schwingt das Ethos vom unbezahlbaren Wert der freien Berufe immer noch mit. Auch in der Festlegung von Honoraren besassen Anwälte viel Freiheit. Rechtsanwalt und Arzt verkörpern den Idealtypus des unabhängigen und uneigennützigen Bürgers im Dienst der Gesellschaft. Daraus leitet sich die hohe gesellschaftliche Wertschätzung ihrer Arbeit bis heute ab.
Im Gegensatz zu ihnen wurden Taglöhner, Dienstboten oder Fabrikarbeiter in der bürgerlichen Gesellschaft nicht einmal als vollwertige Mitglieder angesehen. Warum?
Man schloss aus der Unselbständigkeit der Arbeitsform auf eine Unselbständigkeit des Denkens – also auf politische Unmündigkeit. So legitimierte man auch das Zensuswahlrecht: Bis 1848 wurde das Stimmrecht in der Schweiz fast durchweg abhängig gemacht von Grundbesitz oder von der Ausübung eines selbständigen Berufs. Besitzlose und abhängig Beschäftigte blieben davon ausgeschlossen.
Als der Engländer James Hargreaves 1764 die erste industrielle Spinnmaschine anwarf, begann die Massenproduktion, Lohnarbeit wurde zum Massenphänomen. Für den Wirtschaftsliberalen Adam Smith war Lohnarbeit gleichbedeutend mit Wohlstand und Selbstentfaltung. Für Karl Marx war sie Lohnsklaverei. Was stimmt?
Wenn Smith die freie Arbeit zur Quelle des allgemeinen Wohlstands erklärte, dann war das 1776 vor allem ein Argument für freie Märkte. Was in den Textilfabriken konkret vor sich ging, interessierte Smith nicht, die Industrialisierung hatte erst begonnen, und ihre Auswirkungen waren noch kaum sichtbar. Gut hundert Jahre später sah Marx, wohin die Lohnarbeit im 19.Jahrhundert geführt hatte: Massenarmut, Kinderarbeit, Wohnungsnot, Alkoholismus. Er formulierte eine grundsätzliche Kritik der Arbeit im Kapitalismus als entfremdet und menschenunwürdig.
Lohnarbeiter wurden bald zur grössten sozialen Gruppe.
Um 1850 arbeiteten in der Schweiz 32 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung in der Fabrik, um 1900 waren es 43 Prozent. In den Baumwollspinnereien, wie sie etwa im Zürcher Oberland standen, war Lohnarbeit vor allem körperliche Arbeit für einen geringen Lohn. Männer, Frauen und Kinder arbeiteten bis zu sechzehn Stunden täglich, oft auch nachts. Für Fabrikarbeiter war im 19.Jahrhundert der Akkord- oder Stücklohn verbreitet. Er hing von der produzierten Warenmenge ab. Aber auch der Zeitlohn, der die tatsächlich geleistete Arbeitszeit vergütete, war gebräuchlich – in der Regel als Stundenlohn. Fehlten die Aufträge, fiel der Lohn aus. Damit trug die Belegschaft einen Teil des unternehmerischen Risikos. Der heute gängige Monatslohn setzte sich für Arbeiter erst in den 1970er Jahren durch.
Was verdiente ein Fabrikarbeiter?
Um 1880 erhielten Männer in der Textilindustrie ungefähr 25 Rappen, Frauen 15 Rappen und Kinder 10 Rappen pro Stunde. Zum Vergleich: ein Kilo Brot kostete etwa 30 Rappen.
Warum verdienten Frauen so viel weniger als Männer?
Begründet wurde das mit dem Argument, dass Frauen mit Ehemännern oder Vätern zusammenwohnten, die auch verdienten. Aber ganz generell ist die moderne Arbeitskultur männlich geprägt. Im Bürgertum dominierte das Familienmodell des Alleinernährers. Die Arbeit, die Frauen im Haus und für die Familie leisteten, galt nicht als Arbeit, sondern als Liebesdienst. Auch die Sozialgesetzgebungen des 20.Jahrhunderts gingen vom Mann als Alleinernährer aus. Frauenerwerbsarbeit erschien demgegenüber als atypisch und entbehrlich. Das wurde in den «Doppelverdienerdebatten» während der Wirtschaftskrisen der 1930er und 1970er Jahre deutlich. Um männliche Arbeitslose zu vermeiden, wurden Frauen mit erheblichem moralischem Druck dazu aufgefordert, ihren Job aufzugeben. Dies alles hat dazu beigetragen, dass der Arbeit von Frauen weniger Wert zugemessen wurde – und immer noch wird.
Die Idee des Liebesdienstes ist gerade in den Pflegeberufen bis heute präsent. Warum?
Sich um Arme, Kranke und Alte zu kümmern fusst in der christlichen Heilsökonomie auf der Barmherzigkeit, der Caritas. Seit dem Hochmittelalter eröffneten Spitalbruderschaften wie die Hospitaliter eigene Spitäler. In den katholischen Kantonen wurde die Pflege von Nonnen übernommen, in den reformierten Kantonen von Diakonissen. Da jeweils das Mutterhaus für Unterkunft, Verpflegung und Altersvorsorge aufkam, war der Verzicht auf ein Gehalt in diesem Beruf bis Mitte des 20.Jahrhunderts typisch.
Der Lohn hat ja auch einen religiösen Nimbus.
In der Bibelübersetzung von Luther steht in den Salomonischen Weisheiten: Die Gerechten werden ewig leben, und der Herr ist ihr Lohn. Irdische Reichtümer sind keine Garantien für den himmlischen Lohn, im Gegenteil.
Wann änderte sich das?
Schon Luther beschrieb die weltliche Pflichterfüllung als gottgefällig. Calvin stilisierte den Berufserfolg und den materiellen Reichtum zum Zeichen göttlicher Auserwähltheit und künftigen Seelenheils. Seit der Aufklärung war der Weltenlauf nicht mehr durch einen Schöpfungsplan vorherbestimmt. Die Hoffnung, im Himmel für ein armseliges Leben entschädigt zu werden, verblasste. An ihre Stelle trat die Option, durch Leistung im Diesseits Erlösung zu finden.
Als CEO bei Novartis verdiente Joe Jimenez pro Tag um die 35000 Franken – was meint die Kirche heute zu solchen Löhnen?
Papst Franziskus tritt als scharfer Kritiker der globalen Marktwirtschaft auf. Das gegenwärtige Wirtschaftssystem bezeichnete er als «unerträglich», weil es im Dienste des Geldes und nicht der Menschen stehe.
Im Dienste des arbeitenden Menschen sehen sich die Gewerkschaften. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund wurde 1880 gegründet. Wie wichtig war seine Rolle für die Lohnentwicklung bei den Arbeitern?
Die Lohnfrage ist seit je ein Brennpunkt gewerkschaftlicher Politik. Entsprechend wichtig waren Gewerkschaften bei ihrer Regulierung. Durch Streiks und Proteste setzten sie in den Fabriken verbesserte Arbeitsbedingungen durch. Sie erkämpften Arbeitszeitverkürzungen und Lohnerhöhungen. Seit dem Arbeitsfrieden von 1937 breiteten sich Gesamtarbeitsverträge aus, die branchenübergreifend Lohn und Arbeitszeit regelten. Die Gesamtarbeitsverträge wurden nach und nach erweitert und umfassten auch Aspekte wie Ferien, Feiertage, Spesen, Versicherung.
Das alles geschah immer auch in der Hoffnung auf einen gerechten Lohn. Gibt es den?
Ich muss Sie enttäuschen, einen objektiv gerechten Lohn gibt es nicht. Die neoklassische Wirtschaftstheorie betont zwar, dass ein Lohn dann gerecht sei, wenn er sich im freien Spiel aus Angebot und Nachfrage bilde. Die Gesellschaft hat aber teils andere Wertungen. Viele irritiert, dass Erfahrung, Fleiss und Loyalität im Betrieb nicht mehr gleich lohnrelevant sind wie noch vor zwanzig Jahren. Obwohl ein breiter Konsens besteht, dass jene mehr Lohn erhalten sollen, die mehr leisten, halten viele es für ebenso wichtig, dass auch sogenannt einfache Arbeiten mindestens so entlohnt werden, dass man anständig davon leben kann.
Jede Epoche hatte ihre Vorstellung davon, was gerecht sei. Woran orientieren wir uns heute?
Unsere heutige Wahrnehmung ist stark geprägt vom Modell der Nachkriegszeit. Damals entstand in der Schweiz ein moderater Sozialstaat. Mit Sozialversicherungen wurde der Schutz gegen die Risiken des Arbeitsmarktes, gegen Arbeitslosigkeit, Unfall, Alter und Invalidität ausgebaut. Ein progressives Steuersystem sorgte für einen gewissen Ausgleich der extremsten Einkommens- und Vermögensunterschiede. Heute wird dieses Umverteilungsmodell in Frage gestellt. Während immer mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt herausfallen, sinken die Steuern für Reiche und Unternehmen, und die Gehälter in der Wirtschaft steigen. Mit wachsenden Ungleichheiten in der Einkommens- und Vermögensverteilung wächst die Spannung zwischen dem Prinzip der Demokratie, die auf Gleichheit beruht, und dem des Kapitalismus, der wenige sehr reich macht.
Und doch geht es der Mehrheit so gut wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit.
Sicher, in den Industrieländern erreichte der Lebensstandard nach dem Krieg ein nie gekanntes Niveau. Die Reallöhne stiegen, die Kaufkraft nahm zu. Es entstand eine Konsumgesellschaft mit vielen Annehmlichkeiten. Als Konsumenten profitieren wir vom Weltmarkt und von den tiefen Löhnen in China oder Bangladesh. Jedoch verlieren wir als Beschäftigte an Verhandlungsmacht. Und als Bürger schwinden unsere Möglichkeiten, auf das wirtschaftliche Geschehen Einfluss zu nehmen.
Man könnte profan feststellen: Die Zeiten und die Arbeitswelt ändern sich.
Und dieser Wandel wirft Fragen auf. Mit der Digitalisierung greift die alte Furcht vor einem massiven Verlust von Arbeitsplätzen um sich. Dazu kommt ein globalisierter Wettbewerb, der nicht nur Gewinnchancen, sondern auch Anpassungszwänge mit sich bringt.
Mit welchen Folgen?
Der Beschäftigungsschutz wird aufgeweicht. Auch die Arbeitsbedingungen haben sich in den letzten Jahren in Bezug auf Arbeitsintensität, Arbeitszeit und Arbeitsplatzsicherheit verändert. Es ist gar nicht immer der Lohn ein Problem, sondern die stark gestiegene Belastung am Arbeitsplatz.
Höre ich Ihnen zu, fällt auf, dass Lohn immer auch für Ärger und Unmut sorgt. Warum?
Lohn ist eine Konfliktkategorie. Der Schattenbruder des Lohns ist der Gewinn. Beide Formen des Einkommens sind eng miteinander verbunden und stehen sich dennoch unversöhnlich gegenüber. Während der «Blütezeit des Kapitals» im 19.Jahrhundert wurde ein grosser Teil des durch Arbeit geschaffenen Reichtums von den Unternehmern als Profit abgeschöpft. Heute zweifelt kaum jemand daran, dass damals eine ungerechte Einkommensumverteilung von unten nach oben stattgefunden hat. Im 20.Jahrhundert konnten Missverhältnisse in der Verteilung von Arbeitslöhnen und Kapitalgewinnen durch einen sozialen Ausgleichsmechanismus etwas ausgeglichen werden. Heute verändert sich das wieder.
Ein Direktor bei der UBS-Investmentbank verdient über 30000 Franken im Monat – plus Boni. Was verdiente ein Bankdirektor in den 1950ern?
Verglichen mit heute wenig. Noch in den 1980ern bezogen die Generaldirektoren von grösseren Schweizer Unternehmen sechs- bis elfmal so viel wie der Durchschnitt der Beschäftigten. Die CEO-Gehälter sind erst Ende der 1990er explodiert. Heute betragen sie ungefähr das 66fache des Durchschnittslohns.
Die Nachkriegsjahre waren die Zeit des Wirtschaftswunders. Damals stieg der Wohlstand und mit ihm die Löhne.
Seit 1960 herrschten in der Schweiz Vollbeschäftigung und Arbeitskräftemangel. Der Arbeiterschaft brachte die Hochkonjunktur grösstenteils ein Einkommen, das die Träume der vorigen Jahrzehnte übertraf.
Die Weltwirtschaftskrise der 1970er Jahre beendete das Lohnwunder – auch in der Schweiz. Mit welchen Folgen?
Die Konkurrenz auf den internationalen Absatzmärkten nahm damals zu, viele Betriebe wurden geschlossen oder fusioniert. Das wurde der Öffentlichkeit 1978 schockartig bewusst: Damals schloss die Reifenfabrik Firestone in Pratteln den Betrieb wegen hoher Produktionskosten und teuren Frankenkurses – und dies trotz freiwilligem Lohnverzicht der Belegschaft. Von einem Tag auf den anderen standen über 600 Beschäftigte ohne Sozialplan arbeitslos auf der Strasse. In der öffentlichen Wahrnehmung widersprach dies allem, was man in der Nachkriegszeit unter Sozialpartnerschaft verstanden hatte. Die finanzmarktkapitalistische Dynamik, die seit den 1990ern spürbar ist, hat unser Verständnis von Arbeit, Leistung, Erfolg und Lohn weiter durcheinandergebracht.
In den letzten Jahren wurden diverse Initiativen lanciert, die Lohngerechtigkeit forderten. Bis auf die Abzockerinitiative kam beim Volk keine durch.
Auffällig an diesen Vorstössen ist nicht nur das Scheitern. Ebenso auffällig ist, dass solche Anliegen noch vor wenigen Jahren gar nicht salonfähig gewesen wären. Heute sieht es anders aus. Die soziale Ungleichheit nimmt zu, das spürt auch der Mittelstand. Dafür sind diese Initiativen symptomatisch.
Haben Sie – mit Blick auf die Historie – einen Vorschlag, wie mehr Lohngerechtigkeit zu erreichen wäre?
Lohngerechtigkeit kann es nur über Regelungen geben, die alle am Wohlstand teilhaben lassen. Politisch richtig wäre wohl die Festlegung eines Mindesteinkommens für alle, das die grundlegenden Bedürfnisse abdeckt: eine Art zivilisatorisches Minimum. Und für die Demokratie förderlich wäre wohl auch die Festlegung eines zivilisatorischen Maximums. Denn grosse Ungleichheit unterhöhlt die Demokratie. Solange diese ein Wert ist, sollte auch Gerechtigkeit in der Verteilung des Reichtums ein Ziel sein.
Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin. Brigitta Bernet ist Historikerin an den Universitäten Basel, Freiburg und Trier. Mit Jakob Tanner hat sie das Buch «Ausser Betrieb. Metamorphosen der Arbeit in der Schweiz» herausgegeben.