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Die Maya
Geschichte, Kunst und
Ausstellung im Palazzo Grassi in Venedig
Maya Codex-Bücher
Artikel vom März 1999
Nach der grossen Maya-Ausstellung aus dem Jahr 1993 in Hildesheim und
Wien findet eine noch bedeutend grössere zur Zeit im Palazzo Grassi
in Venedig statt (noch bis 15. Mai 1999). Dies ist ein weiterer Grund,
die Lagunenstadt gerade jetzt zu besuchen, nach dem Karnevals-Trubel und
noch vor dem Einbruch der Sommer-Touristen-Horden. Die Temperaturen sind
angenehm, und das Wasser stinkt (noch) nicht.
Die Ausstellung ist nicht chronologisch, sondern thematisch aufgebaut,
was die Vertiefung einzelner Aspekte der Kunst, Kultur und Gesellschaft
der Maya erlaubt. Negativ an dieser Präsentation ist (vor allem für
den unkundigen Besucher), dass Objekte im gleichen Raum nebeneinander stehen
und liegen, die in ihrer Entstehung durch Jahrhunderte getrennt sind und
die auch geographisch und kulturell keine Einheit bilden. Im Gegensatz
zur landläufigen Meinung sind die Maya kein einheitliches, homogenes
Volk. Es herrschte vielmehr eine sich auf über zwei Dutzend Gruppen
erstreckende Vielfalt, die sich in unterschiedlicher Geschichte, Gebräuchen
und verschiedenen Sprachen mit eigenen grammatikalischen Strukturen ausdrückte.
Die Maya-Schrift war nicht die früheste im alten Amerika, aber die
höchstentwickelte. Zudem kannten sie die Zahlen mitsamt der Null -
eintausend Jahre vor den Hindus. Die Schrift wurde im Norden des Maya-Territoriums
erfunden, wo durch den Handel der Kontakt zu den Olmeken und Zapoteken
bestand. Die Maya waren eingebettet in eine ganz Mesoamerika umfassende
Zivilisation. So dauerte der Einfluss der Olmeken auf ihre Kultur von 1200
bis 300 vor Christus, in etwa bis zum Ende der präklassischen Periode.
Das Territorium der Maya-Siedlungen erstreckt sich über Teile von
Mexiko, Belize, Honduras, Guatemala und El Salvador.
Auf die Präklassik folgte die Zeit der Hochkultur, die im neunten
Jahrhundert unserer Zeitrechnung zu zerfallen begann. Verschiedene Faktoren
waren daran mitschuldig. Eine landwirtschaftliche Krise, ökologische
Probleme, die zu Hungersnöten und schliesslich zu politischen und
militärischen Konflikten führten. Die genauen Ursachen und Zusammenhänge
sind noch immer Objekt der wissenschaftlichen Debatte. Monokausale Erklärungsversuche
werden heute allerdings weitgehend ausgeschlossen. Die postklassische Periode
dauerte bis zur Eroberung durch die Spanier. 1519-21 unterwarf sich Hernán
Corés das Aztekenreich. 1524 folgte durch Pedro de Alvarado
das Ende des Quiché Imperiums der Maya, deren letzte Stadt, Tayasal,
1597 den Spaniern in die Hände fiel.
Durch erste Erfolge der Entzifferung ihrer Schrift anfangs 1958 durch
Heinrich Berlin und Tatiana Proskouriakoff eröffneten sich der Maya-Forschung
neue Möglichkeiten, die durch andere Spezialisten den Durchbruch brachten.
Bis dahin glaubten die führenden Mayanisten, die Glyphen seien nicht
lesbar. Eric Thompson hat gar die Verfolgung dieser Piste bis zu seiner
Emeritierung 1975 beim Carnegie Institut verhindert (gemäss Coe, Breaking
the Maya code, 1992). Die Erforschung der Sprache ist noch keineswegs
abgeschlossen, ebensowenig sind alle bisher bekannten Glyphen
untersucht worden. Schon daher sind täglich neue Erkenntnisse möglich.
Zudem geht die Forschung neue Wege. Mit der Lektüre und Interpretation
der Zeichen kam das Ende des Mythos des friedfertigen Volkes. Fast analog
dazu wurden in Südamerika ja lange Zeit von einigen ideologisch orientierten
- oder besser desorientierten - "Forschern" die Inkas als eine klassen-
und gewaltfreie, eine prä-kommunistische Gesellschaft interpretiert.
Auch bezüglich der Maya wurden nun unhaltbare Idealisierungen aufgegeben.
Sie führten Krieg und ihre Gesellschaft war sehr wohl strukturiert.
Gerade an diesem letzten Punkt setzt die Forschung heute an. Näher
untersucht wird die soziale Hierarchie bestehend aus dem Herrscher und
seiner Familie, dem Adel, einer Oberschicht, Beamten, Priestern, Feldherren,
Kaufleuten, Künstlern, Schreibern oder auch Architekten. In der untersten
Schicht befanden sich Bauern, Arbeiter, Lastenträger und Sklaven.
Die differenzierte Kosmologie und Götterwelt der Maya ist ein weiterer
Forschungsschwerpunkt. Die einseitig auf zum Beispiel wirtschaftliche oder
politische Phänomene gerichtete Sicht gehört der Vergangenheit
an und hat interdisziplinären Ansätzen Platz gemacht. Archäologen,
Epigraphiker und Anthropologen arbeiten zusammen. In Astronomie und Mathematik
liegen unerforschte Felder. Die Religionsgeschichte bietet ebenso neue
Einsichten wie die Biologie. Erst das Zusammensetzen dieses Puzzles ergibt
ein einigermassen realitätsnahes Gesamtbild.
Die thematische Gliederung der Ausstellung gibt die Forschungstrends
wieder und erlaubt Blicke aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Maya.
Der Mensch und die Natur, die Sozialstruktur, die Städte oder das
Alltagsleben sind dargestellte Einzelbereiche. Im Katalog
sind alle gut 500 Ausstellungsstücke in guter Qualität reproduziert
und mit erklärenden Kurztexten versehen. Die Photos sind leider etwas
klein geraten, da mehrere Objekte pro Seite abgebildet sind. Im Essay-Teil
dagegen finden sich erstaunlicherweise zuhauf ganzseitige Photographien.
Die wissenschaftlichen Beiträge stammen von ausgewiesen Fachleuten.
Der Katalog präsentiert keine neuen Erkenntnisse, sondern gibt das
Panorama des heutigen Wissensstandes wieder. Lediglich Jeremy A. Sabloff
schlägt in seinem Artikel eine neue Periodisation vor. Die etablierte
Grob-Einteilung stellt er in Frage. Die präklassische Periode setzt
er für 2000 - 300 v.Chr. an, die klassische für 300 v. Chr. bis
1200 n. Chr. sowie die postklassische für 1200 bis zu den 1540er Jahren
n.Chr. Er stützt sich dabei auf Erkenntnisse der Maya-Forschung der
letzten Jahre, die unter anderem darauf hindeuten, dass im 9. Jh. n. Chr.
kein
Kollaps der Maya-Zivilisation stattfand. Einige Städte im Tiefland,
besonders an Wasserhandelsstrassen gelegene, prosperierten dank Kakao-
und Baumwollanbau weiterhin. Auch im nördlichen Tiefland blühten
einige Städte während dem andere im Süden kollabierten.
Andere, handelsorientierte Gebiete an der Golfküste bei Tabasco und
Campeche mit wirtschaftlichen Kontakten zu vielen Teilen Mesoamerikas,
begannen zu expandieren. Sabloff führt noch weitere bedenkenswerte
Argumente ins Feld. Die Wissenschaft ist noch jung. Eine neue Periodisation
durchaus denkbar.
Die Maya, das ist nicht nur eine vergangene, sondern auch eine lebendige
Indio-Kultur, was in Ausstellung und Katalog zum Schluss nicht völlig
vergessen wird. Ihre alten Sprachen pflegen sie weiterhin, was der Wissenschaft
weiterhelfen kann. Das Interesse der Anthropologen und Historiker begann
sich erst im 20. Jahrhundert auf die modernen Maya zu richten. Heute sind
sie im Chiapas, in Yucatán und vor allem Guatemala, wo sie mehr
als die Hälfte der Bevölkerung bilden, zuhause. Schwersten Verfolgungen
waren sie besonders im letzten Jahrhundert ausgesetzt. Die Indios sind
zumeist arme Bauern und marginalisierte Bürger. Erste Kontakte Linker
Gruppen zu ihnen existieren seit 1968. Ab 1983 offerierten Linke Guerilleros
den Maya den militärischen Kampf als Lösung ihrer Probleme. Am 1.
Januar 1994 nahm die Nationale Zapatistische Befreiungsarmee den
bewaffneten Kampf auf, mit Unterstützung von Teilen der Maya. Nur
durch die demokratische Beteiligung der Indios an den jeweiligen Staatswesen
wird der - militärisch eingeschlafene - Konflikt zu lösen sein.
Die Maya können nur so in die moderne Gesellschaft integriert werden.
Als erweiterte deutschsprachige Einführung in Kunst und
Gesellschaft der Maya ist das zweibändige Werk von Arellano Hernández empfehlenswert. Wie der Ausstellungskatalog reflektiert es den
aktuellen Forschungsstand und bietet eine Uebersicht zu Geschichte, Kosmos,
Göttern, Schrift, Kunst und Gesellschaft der Maya. Auch hier wird
auf neue Forschungsrichtungen verwiesen. Zum einen sind die präklassischen
Perioden ins Interessenfeld gerückt. Zum andern wendet man sich vernachlässigten
Themen zu wie Demographie, Ernährung, Behausung oder Handwerk. Die
Alltagswelt, die viel zum Verständnis der Zivilisation beitragen kann,
rückt in den Vordergrund. Die grossen Bauwerke, die Ruinen stehen
nicht mehr so sehr im Zentrum. In den zwei Bänden werden sie natürlich
trotzdem ausführlich behandelt.
Wer sich in den grösseren Rahmen der alten <mexikanischen>
Kulturen einlesen möchte, kann zum Ausstellungskatalog des Musée Rath in Genf greifen. Darin findet er einführende
Texte zu - neben den Maya - Olmeken, Zapoteken, Huaxteken, Mixteken, Azteken
und andern Mesoamerikanischen Völkern. Wer den Horizont noch mehr
erweitern will und sich für die präkolumbischen amerikanischen Kulturen sowie ihr Ende durch die spanischen Eroberer
interessiert, findet Einführungen in Büchern des Museums Barbier-Müller
in Barcelona. Es besitzt eine in Europa hervorragende Sammlung aus allen
amerikanischen Kulturen. - Maya Codex-Bücher.

Foto: Hardcover-Ausgabe. Hugh Thomas: Die Eroberung Mexikos.
Fischer TB, 2000. Bestellen bei
Zum Ende der Aztekten ist das Buch
von Hugh Thomas empfehlenswert: Die Eroberung Mexikos. Cortés
und Montezuma, Frankfurt a.M., S. Fischer Verlag, 1998, 912 S. (englische
Originalausgabe: Conquest. Montezuma, Cortés,
and the fall of Old Mexico, London, Hutchinson, 1993). Ein Meisterwerk in der Tradition der englischen, narrativen Geschichtsschreibung,
das sich zuweilen in Einzelheiten zu verlieren droht. sich dafür wohltuend
von der oft trockenen akademischen Form abhebt, die auf dem Kontinent gepflegt
wird. Es ist zugleich eine Militär-, Kultur- und Sozialgeschichte.
Vor allem ist es natürlich das Aufeinandertreffen zweier Kulturen
und für sie stellvertretend, zweier Männer, Cortés und
Montezuma, das im Zentrum der chronologisch dargestellten Ereignisse steht.
Er stützt sich dabei auf ein äusserst umfangreiches Quellenmaterial,
das er souverän meistert. Unverständlicherweise fehlt in der
ohnehin gekürzten Bibliographie die wissenschaftliche Literatur völlig.
- Maya Codex-Bücher.
Unersetzlich zur näheren Beschäftigung
mit der Schrift der Maya ist das Standardwerk von Michel Davoust: L'écriture
Maya et son déchiffrement, Paris, CNRS éditions, 1995,
650 S. (Von Davoust stammt auch ein neuer Kommentar zum Dresdner
Codex, CNRS éditions, 1997, 334 S.). Neben einer historischen Einführung in die Entzifferung, die mit
Diego de Landa (1524-1579) begann, bietet das Werk eine Darstellung der
Entzifferungsmethoden und der generellen Prinzipen der Schrift der Maya.
Hunderte von Glyphen werden detailliert erklärt und abgebildet. Syntax
sowie Grammatik - Flexion - werden detailliert dargestellt und durch die
phonetische Lektüre einiger Texte ergänzt. Nicht nur für
den Spezialisten ist das Werk nützlich. Hobby-Archäologen und
-Epigraphen können damit auf Entdeckungsreise gehen und dabei vielleicht
gar eine kleine Entdeckung machen. (Ed. CNRS, 1998, 650 S. Bestellen bei Amazon.fr).
Der Ausstellungskatalog des
Palazzo Grassi: Peter Schmidt u.a., Hg.: Maya, Bompiani, 1998, 695 S. (Ausgaben in italienisch und englisch).
Bestellen bei Amazon.de,
Amazon.com.
Ausstellung: bis 15. Mai 1999.
Arellano Hernández u.a.: Maya.
Die klassische Periode, München, Hirmer Verlag, 1998, 259 S. (Bestellen
bei Amazon.de) sowie Enrique Nalda u.a.:
Maya. Die nachklassische Periode,
München, Hirmer Verlag, 1998, 234 S. (Bestellen
bei Amazon.de). Jeweils mit zahlreichen
Farbtafeln. Die italienischen Originalausgaben der beiden Werke sind 1998
bei Editoriale Jaca Book SpA in Mailand erschienen: I Maya classici
und I ultimi regni Maya.
Mexique. Terre des
Dieux. Trésors
de l'Art précolombien, Musée Rath Genève, vom
8. Okt. 1998 bis zum 24. Jan. 1999, Ausstellungskatalog 1998, 295 S., mit
ausführlichen Hinweisen auf weiterführende Literatur zu den einzelnen
Kulturen.
América Precolombina, Mailand, Skira
editore, Museu Barbier-Muller Art Precolombí, Barcelona, 1997, 407 S. (im wesentlichen identisch mit dem Buch zum 500. Geburtstag
der "Entdeckung" Amerikas) sowie der kleine Führer Guide
de l'Art Précolombien, Museu Barbier-Muller Art Precolombí,
Mailand, Skira editore, 1997, 102 S. Das im Mai 1997 eröffnete Museum Barbier-Muller befindet sich
in der Carrer de Montcada 14 in 08003 Barcelona, im Quartier Palau Nadal,
in dem verschiedene andere Museen wie das zu Picasso ihren Sitz haben.
In Madrid befindet sich das Museo de América mit einer Sammlung
präkolombianischer Kunst, unter anderem dem Codex Maya, sowie Objekten
zur Illustration der spanischen Kolonialgeschichte. Museo de América,
Avda. Reyes Católicos 6; Metrostation: Moncloa. - Maya Codex-Bücher.