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Gelegenheitsdichtung
Autor(en): David Amherdt (unter Mitarbeit von/avec la collaboration de Clemens Schlip). Version: 10.02.2023.
Es gibt Schriften, die aus dem Moment und einem bestimmten Erlebnis, kurz: aus dem Leben heraus entstehen; neben der überreich überlieferten und vielfältigen Briefliteratur gilt das auch für die nicht minder überreich überlieferte und vielfältige Gelegenheitsdichtung. Dieser Begriff ist keine scharf definierte literarische Gattungsbezeichnung, sondern wird im Folgenden für Werke verschiedener Gattungen verwendet, die letztlich nur durch ihre äusseren Entstehungsumstände miteinander verbunden sind. Dass die Gattung des Epigramms eine besondere Affinität zur Gelegenheitsdichtung besitzt, ist unbestreitbar, und einige entsprechende Beispiele werden im Folgenden auch genannt werden; die Einführung zur epigrammatischen Gattung findet sich an diesem Portal jedoch an anderer Stelle.
Ohne Zweifel haben wohl so gut wie alle Humanisten solche Gelegenheitsgedichte verfasst, die von jedem erdenklichen Themen handeln können; oft sind sie sehr kurz, und fast immer sind sie geistreich (oder sollten es zumindest sein), und nicht selten sind sie von einer gesuchten Künstlichkeit. Das gilt unübersehbar auch für die Schweizer Humanisten. Sie verfassten Trauergedichte anlässlich des Todes eines Freundes oder eines Familienmitglieds oder eines Trauerfalls bei Bekannten (siehe die Trauergedichte des Montanus, den Epitaph für Leo Jud von Molitor, den für Froben von Castellio), aber auch Gedichte zur Feier eines freudigen Ereignisses, wie etwa einer Hochzeit (siehe das Epithalamion für Montanus von seinem Freund Altus sowie das Epithalamion für Simler von Montanus), Geleitgedichte zum Werk eines Kollegen (wie die als Einleitung dienenden Gedichte von Vadian und Xylotectus zur Helvetiae descriptio des Glarean) oder Gedichte zum Lobpreis bedeutender Persönlichkeiten (etwa das panegyrische Gedicht des Vadian auf die Kaiser Friedrich III. und Maximilian I.); ferner poetische Empfehlungsschreiben für einen Freund, Einladungsgedichte (Glarean an Johann Hartung; Montanus an Fries). Diese Gedichte sollten zum Lachen anregen, sie sollten erbauen, kritisieren oder auch verhöhnen (Epigramme des Montanus über die Eifersucht und über Chur; Epigramme von Gwalther; das satirische Gedicht Gwalthers über die Mönche von Einsiedeln). Schon diese Auflistung macht deutlich, dass sich unter dem Begriff der Gelegenheitsdichtung sehr Verschiedenartiges zusammenfassen lässt.
Der typische Humanist ist ein «Verseschmied», und das erklärt die Masse an erhaltenen Gelegenheitsgedichten. Sie begegnen besonders häufig im Jugendwerk eines Autors. Das hängt sicher damit zusammen, dass viele Jugendgedichte darauf zurückgehen, dass das Verfassen von Versen Teil der Schulbildung war, weil es die lateinische Sprachbeherrschung förderte. Man weiss, dass der junge Zwingli ein exzellenter lateinischer Verseschmied war und dass der junge Magister Glarean seinen Schülern, die kaum jünger waren als er, moralisierende Elegiae schickte. Man darf in diesem Zusammenhang auch die Eidyllia Melica von Franz Guillimann erwähnen, die dieser Jesuitenschüler während seiner Studienzeit in Dillingen verfasste. Ein schönes Beispiel für ein durch den Schulunterricht gewecktes und in der Folge nie ganz erloschenes Interesse am Verseschmieden ist Rudolf Gwalther, von dem uns eine umfangreiche Handschrift solcher Gedichte erhalten ist. Es lohnt sich, festzuhalten, dass auch die Fähigkeit zum Stegreifdichten einen Gegenstand des Stolzes und der Bewunderung darstellte. So bewundert Joachim Vadian in seinem Werk De Poetica die Improvisationsfähigkeiten des Eobanus Hessus et des Ulrichs von Hutten. Ein anderes schönes Beispiel für solches Stegreifdichten ist eine von Felix Platter berichtete Anekdote; er erinnert sich daran, wie der Dichter Lotichius beim gemeinsamen Stegreifdichten im Rahmen eines Spaziergangs spontan einen seiner Freunde (Heinrich Pantaleon) korrigierte, der beim Improvisieren einen prosodischen Fehler gemacht hatte.
Viele Gelegenheitsgedichte Schweizer Humanisten sind für uns verloren, und andere liegen nur in handschriftlicher Form vor und sind nie ediert worden. Eine grosse Zahl solcher Gedichte findet sich auch in Anthologien oder Gedichtsammlungen; am Beginn vieler Bücher finden sich Gedichte, die auf das im Folgenden behandelte Thema hinweisen oder dem Lob des Buchautors dienen. Es gibt auch Sammelausgaben mit den Gelegenheitsgedichten eines einzelnen Autors, aber das ist – zumindest bei den Schweizer Humanisten – eher die Ausnahme. So veröffentlichte Fabricius Montanus eine Sammlung von Poemata; Lemnius, der einzige Schweizer Humanist, der aus dem Poetendasein ernsthaft einen Beruf zu machen versuchte, veröffentlichte neben Amores und Eglogae auch Epigrammata. Es ist evident, dass diese Gedichte durch ihre Veröffentlichung in Buchform ihren rein okkasionellen Charakter verlieren, falls sie ihn überhaupt je besassen hatten. Viele der Gedichte in solchen Sammlungen wurden möglicherweise auch schon mit Blick auf eine mögliche Publikation geschrieben, selbst wenn ihr Autor die poetische Fiktion aufrechterhält, er habe sie in einer durch ein bestimmtes Ereignis ausgelösten poetischen Wallung (calor) verfasst. Manche Sammlungen enthalten ausserdem Gedichte (häufig satirischer Natur), die einen eher universalen Charakter haben und klarerweise nicht mit einem bestimmten Ereignis zusammenhängen.
Die Mehrzahl dieser Gedichte sind in elegischen Distichen verfasst (dies gilt nicht zuletzt für die epigrammatische Dichtung), aber man findet auch häufig den phaläkischen Hendekasyllabus; auch andere Metren wie die sapphische Strophe treten auf, aber sehr viel seltener. Die wichtigsten Vorbilder sind Martial, Catull und die Anthologia Graeca. Viele grosse Renaissancehumanisten haben Epigramme verfasst und veröffentlicht: Michael Marullo, Angelo Poliziano, Giovanni Pontano, Conrad Celtis, Thomas Morus, Euricius Cordus, Ulrich von Hutten, George Buchanan, John Owen... die Liste liesse sich nach Belieben fortführen.
Bibliographie
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