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Es gibt die merkwürdigsten fotografischen Projekte. Der britische Künstler und Regisseur Steve McQueen zum Beispiel hat Hunderte Londoner Schulklassen fotografieren und die Bilder in der Tate Britain hängen lassen. Das lockte viele der fotografierten Kinder und ihre Eltern ins Museum. Marion Löhndorf, Kulturkorrespondentin der NZZ in London, beschreibt die Ausstellung: «Die Fotos zeigen eine Multikulti-Gesellschaft sowohl was die Lehrer, als auch was die Schüler betrifft. Im Stil von formalen Klassenfotos hängen sie in endlosen, wohlsortierten Reihen bis unter die hohe Decke der Ausstellungsräume. Sie zeigen Kinder des dritten englischen Schuljahres».
Ich weiss nicht, ob meine Klassenbilder jemals ausgestellt wurden. Als ich von der Londoner Ausstellung las, holte ich die Fotografie meiner ersten Klasse hervor und habe gezählt. Wir waren in der Har Nevo Schule in Tel Aviv 51 Schülerinnen und Schüler. Steve McQueens Londoner Schulklassen sind halb so gross. Seine Fotos sind farbig, was zu meiner Schulzeit in Tel Aviv zu teuer gewesen wäre. Ohnehin war damals die Farbfotografie noch nicht so verbreitet wie heute. In der ersten Reihe, kaum grösser als die Schülerinnen neben ihr sitzt Rivka Achituv, meine Lehrerin der ersten und zweiten Klasse. Als meine Eltern damals zwei Monate während der Zeit der langen Sommerferien im Ausland weilten, durfte ich bei ihr und ihrem Sohn wohnen. Ich habe versucht, Namen zu einzelnen Gesichtern auf dem Klassenbild zu erinnern. Weit gekommen bin ich nicht. Edna habe ich sofort gefunden. Mit Edna wäre ich gerne befreundet gewesen. Aber Edna hat Amir vorgezogen. Beide stehen in der zweiten Reihe. Weitere Namen? Ich muss passen. Ich nehme an, dass einige der Jungs nicht mehr leben, vielleicht in einem der Kriege gefallen sind. Die Fotografie ist mit mir von einem Ort zum nächsten mitgekommen. Aber die Erinnerung hilft nicht weiter.
Wir müssen gewusst haben, dass der Schulfotograf vorbeikommen wird. Sonst wären wir nicht an dem Tag mit so sauberen Kleidern zur Schule gekommen. Auf den Fotos von Steve McQueen, die in der Tate hängen, sind die Kinder ebenfalls adrett gekleidet. Auch sie müssen gewusst haben, dass am kommenden Tag der Schulfotograf vorbeikommen wird. Dass ich kein weisses Hemd sondern ein T-Shirt trage, erstaunt mich, wo mein Vater damals trotz des feucht heissen Klimasjeden Tag ein frisches Hemd und Krawatte trug. Drei von 51 Kindern meiner ersten Klasse sind Brillenträger. Wer der Fotograf war? Ich weiss es nicht. Auf der Rückseite der Fotografie stehen die Zahlen 12, 18 und 5. Die Aufnahme wurde wohl in einer Aula oder in einer Turnhalle gemacht. Steve McQueens Kinder sieht man an, dass ihre Vorfahren von verschiedenen Kontinenten stammen. Dass unsere Klasse damals auf ihre Weise auch multikulti war, sieht man der Fotografie meiner Schulklasse einer nicht an. Ich weiss noch, dass ich Klassenkolleginnen und -kollegen hatte, die aus Polen und Russland, aus Nordafrika, aus dem Jemen oder sogar aus dem Irak stammten. Das war damals aber kein Thema. Ich weiss nicht, wie häufig der Schulfotograf in unserer Schule vorbeikam. Ich besitze noch eine Aufnahme, die zwei Jahre später mit der neuen Lehrerin Mirjam gemacht wurde. Beim Schreiben fällt mir noch ihr Familienname ein: Hadar. Und die Mitschülerinnen und Mitschüler? Namen von früher, alle vergessen.
Später in meiner Schulzeit in Holland kam jedes Jahr im Frühling der Schulfotograf vorbei. Zwei Tage lang arbeitete er in der Aula. Eine Klasse nach der anderen wurde fotografiert. Und dann jede Schülerin, jeder Schüler einzeln. Und zwei Wochen später der grosse Ärger: Das Klassenbild gab‘s nur dann gratis, wenn man das Einzelporträt kaufte, das es gleich dreifach dazu gab. Ich besitze nur zwei solche Klassenbilder, auf denen ich zu sehen bin. Meine Eltern weigerten sich, an den „Sonderaktionen“ von Schulfotograf de Winter mitzumachen. Ich erinnere mich, dass wir Schüler damals einzeln im Hof der Schule fotografiert wurden. Auf Spaziergängen in meinem Stadtteil in Zürich mit Hündin Lotte gehe ich häufig an drei Schulhäusern vorbei und sehe alle Jahre wieder, wie die Schulfotografin im Schulgarten an der Arbeit ist. Auf die Idee, eine Ausstellung mit den Schulfotos zu machen, ist wohl keiner gekommen. Jedenfalls habe ich noch nie von einem solchen Vorhaben gehört.
Eingeworfen am 18.9.2020