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Ein Gewürz-, Tee- und Kaffeegarten, ein wahres Paradies der Biodiversität in den Bergen der westlichen Ghats in Karnataka
Am 5. März 2020 verlassen wir Kochi, dessen Halbinsel Fort Cochin sehr schön zu besuchen ist, und reisen nach Karnataka, dem Bundesstaat zwischen Goa und Kerala in Südindien. Da wir Kerala nun schon sehr gut kennen, freuen wir uns darauf, diese Region zu erkunden, in der sich berühmte Orte wie Mysore mit seinem Palast, Bangalore, die Hauptstadt der indischen Hightech-Industrie, oder Hampi, die alte Königsstadt, befinden.
Normalerweise reisen wir tagsüber, aber da unser Flug für den späten Abend geplant ist, kommen wir erst gegen 23:30 Uhr in Kannur an. Als wir aus dem Flugzeug steigen, empfängt uns die Coronavirus-Pandemie: Ärzte stellen uns tausend Fragen und messen unsere Temperatur, bis wir schliesslich den Flughafen verlassen dürfen. Die anderen Passagiere werden nicht kontrolliert, aber seit einigen Tagen sind die Behörden gegenüber Ausländern misstrauisch.
Nach und nach wird die Strasse kurvenreich und versinkt in einem dichten Regenwald.
Am Ausgang des Flughafens steigen wir in das Auto eines Fahrers, der uns in die Gegend von Coorg am Gebirgszug der Westghats bringen soll. Nach und nach wird die Strasse kurvenreich und versinkt in einem dichten Regenwald. In jeder Kurve fährt der Fahrer so langsam, dass man meint, er würde gleich stehen bleiben. Beim Anblick von Warnschildern passt er seine Geschwindigkeit an, um auf wilde Tiere zu achten, die plötzlich die Strasse überqueren könnten.
Nach drei Stunden wissen wir, dass wir den Bauernhof, den wir besuchen, bald erreichen sollten. Aber auf der App, mit der wir uns immer orientieren, ist er nicht richtig positioniert. Der Fahrer fährt weiter auf der schmaler werdenden Strasse, die immer mehr in einer dichten Vegetation verschwindet. Mist! Uns ist schon ein wenig mulmig zumute, wenn wir mitten in der Nacht mit einem Fremden irgendwo im Busch ankommen.
Nach einer letzten Kurve zeigt ein Holzschild den Namen des Anwesens an. Um das Auto herum bellen drei Hunde, aber wir verspüren nur Erleichterung, dass wir endlich angekommen sind. Wir bleiben im Auto, bis der Gewürzproduzent herauskommt, um seine Hunde wegzubringen, dann führt er uns zu unserem Zimmer, das sich in einem Cottage etwas abseits des Haupthauses befindet.
Bevor er uns verlässt, stellt er noch sicher, dass sich kein Insekt im Zimmer befindet, und geht dann wieder schlafen. In unserem Hotel in Kumily hatte sich eine riesige Spinne in unser Badezimmer geschlichen. Diese unangenehme Begegnung hat uns einen Schrecken eingejagt. Normalerweise sind wir nicht so zimperlich, aber die in Kumily hatte sogar zwei Inder erschreckt, die gekommen waren, um sie mit Besen zu vertreiben. Unter den Laken kuschelnd verbringen wir eine wunderbare, aber sehr kurze Nacht in diesem reizenden Cottage, das mitten in der Natur liegt.
Am nächsten Morgen treffen wir uns auf einer überdachten Terrasse zum Frühstück, das von der Frau von Abhishek, dem Gewürzproduzenten, zubereitet und im Freien serviert wird. Abhishek's Mutter sitzt auf dem Boden und massiert Arya, ihre nur wenige Monate alte Enkelin. In Indien werden Babys täglich mit Kokosnussöl massiert, was viele positive Wirkungen hat.
Seine Frau schenkt uns einen Milchkaffee ein, eine feine Mischung aus Arabica- und Robusta-Bohnen von ihrer Plantage, der wunderbar zu den Köstlichkeiten passt, die uns serviert werden: Vollkornbrot, Hirseporridge und ein Kokosnuss-Sambal. Eine vegetarische, natürliche, gewagte und feinsinnige Küche, die wir zwei Tage lang geniessen dürfen! Auch der Kaffee ist perfekt, er ist ausgewogen, ohne Bitterkeit und perfekt geröstet.
Auf seinem 10 Hektar grossen Anwesen hat es eine enorm hohe Biodiversität, da er einen Teil des Regenwaldes bewahrt, um der Tier- und Pflanzenwelt einen Zufluchtsort zu bieten.
Abhishek setzt sich mit uns an den Tisch, um über unser Vorhaben zu sprechen, von dem er schnell begeistert ist, da er nur eine begrenzte Menge an Kaffee, Tee und Gewürzen produziert. Alles ist von IMO, einer indischen Zertifizierungsstelle für biologische Landwirtschaft, zertifiziert. Auf seinem 10 Hektar grossen Anwesen hat es eine enorm hohe Biodiversität, da er einen Teil des Regenwaldes bewahrt, um der Tier- und Pflanzenwelt einen Zufluchtsort zu bieten.
So wird seine Plantage von zahllosen Vögeln, Fröschen, Schmetterlingen, Libellen und Bienen besucht. Da er weder synthetische noch natürliche Pflanzenschutzmittel einsetzt, haben seine Pflanzen sehr gute natürliche Abwehrkräfte. Coorg gilt als die grünste Region in ganz Karnataka und ist bekannt für sein ideales Klima, das die Ernten, insbesondere den Kaffeeanbau, begünstigt.
Ausserdem sind wir seit gestern vom Duft der weissen Kaffeeblüten verzaubert, nach denen die Bienen verrückt sind. Wir sehen unheimlich viele von ihnen und angeblich ändert sich der Geschmack des Honigs alle zwei Wochen und er soll der beste in ganz Indien sein! Auch der Kaffee ist sehr hoch angesehen. Er wird in grossen Höhenlagen angebaut, sehr oft in Agroforstwirtschaft und auf zwei Ebenen.
Grössere Bäume wie Jackfrucht- oder Mangobäume schützen den Kaffee vor saisonalen Temperaturschwankungen und bereichern gleichzeitig den Boden, indem sie ihn mit Nährstoffen versorgen. Die zweite Schicht, bestehend aus Pfeffer-, Kardamom-, Nelken-, Orangen- und Bananenstauden, schützt den Kaffee vor den Sonnenstrahlen. Diese permakulturähnlichen Bedingungen finden sich auch in Kolumbien und Kenia, die als die besten Kaffeeanbaugebiete der Welt gelten.
Ohne Einsatz von Hilfsmitteln konnte Abhishek die Fruchtbarkeit seines Bodens erhalten, der dem Reis die Nährstoffe lieferte, die er für sein Wachstum benötigte. Mit seiner natürlichen und nachhaltigen Anbaumethode konnte er daher das Risiko von Ertragseinbussen minimieren.
Abhishek erklärt uns, dass er dank des Mischanbaus, beispielsweise den Anbau von Ingwer und Kurkuma in der Trockenzeit und Reis in der Regenzeit, stabilere Ernten erzielen kann. Während der schweren Überschwemmungen im Jahr 2018 unternahm er nichts Besonderes, obwohl viele Bauern mehr Chemikalien einsetzten und auch ihm dazu rieten.
Am Ende hielten alle seine Reisernten stand und waren sogar sehr ertragreich, im Gegensatz zu den chemisch behandelten Ernten, auf die die Böden schlecht reagierten. Warum? Ohne Einsatz von Hilfsmitteln konnte Abhishek die Fruchtbarkeit seines Bodens erhalten, der dem Reis die Nährstoffe lieferte, die er für sein Wachstum benötigte. Mit seiner natürlichen und nachhaltigen Anbaumethode konnte er daher das Risiko von Ertragseinbussen minimieren.
Nach diesem sehr bereichernden Gespräch führt uns Abhishek auf seinem Hof herum, um uns seinen Lieblingsplatz zu zeigen. Seine Frau besteht darauf, dass das Mittagessen um 13:30 Uhr serviert wird, da sie um 14:00 Uhr zu einem weiteren Plantagenbesuch aufbrechen muss. Sie möchte nicht, dass wir durch ihn zu spät kommen. Sie kennt ihn sicher gut und weiss, dass er möglicherweise die Zeit vergisst, wenn er seine Leidenschaft für die Natur weitergibt.
Während wir zwischen den Bäumen spazieren gehen, macht uns Abhishek auf das Pflanzenmoos aufmerksam, das an den Stämmen der Bäume und Sträucher wächst. Normalerweise wird es von den Bauern entfernt, aber das Moos ist ein Zeichen für gesunde Luft und bildet den Nährboden für andere Arten. Es nimmt nicht nur Feuchtigkeit auf, sondern zieht auch Vögel an.
Ausserdem bemerkte Abhishek dreizehn Arten wilder Orchideen, die sich um die Baumstämme rankten. In Coorg sollen 80 % der Orchideen auf natürliche Weise in den Bäumen wachsen. Bei der täglichen Beobachtung seines Gartens entdeckte er auch 4 verschiedene Bienenarten auf seinen Kaffeeblüten, die einen süssen Jasminduft verströmen. Die Bienen ernähren sich in dieser natürlichen Umgebung vom Nektar tausender Blumen und produzieren in ihrem Bienenstock einen Honig mit blumigen Noten.
Wir sehen auch viele Schmetterlinge und Ameisen, die wie die Bienen die Blütenpflanzen bestäuben, um den Reichtum der Umgebung ständig zu erneuern.
Weiter hinten befindet sich ein Teich, der für die Erhaltung der Artenvielfalt und gesunder Ökosysteme unerlässlich ist und Frösche, Vögel, Libellen und Schmetterlinge anlockt. Dieser speziell für diese Arten geschaffene Lebensraum beherbergt grüne Frösche, die täglich zwei- bis dreihundert Insekten fressen sollen.
In Coorg wachsen aufgrund der reichlichen Niederschläge in der Regenzeit auch mehrere Pfeffersorten. Abhishek baut zwei Sorten an, darunter einen wilden Pfeffer mit grösseren Körnern. Es sei angemerkt, dass der Anbau von Pfeffer ursprünglich von der Malabarküste stammt und wir uns hier im Herzen der historischen Wiege des Pfeffers befinden. So ist für den Nachmittag der Besuch eines auf Kaffee und Pfeffer spezialisierten Anwesens geplant. Es gehört einem Freund von Abhishek, der uns auch mit ihm in Verbindung gebracht hat.
Bevor wir zum Essen gehen, führt uns Abhishek zu dem zweitausend Jahre alten Magnolienbaum. Es ist der Lebensraum von Eichhörnchen und Zibetkatzen, jenem Tier, das in Indonesien wegen seines Kots für Kaffee geopfert wird. Wir sind erstaunt, als wir sehen, dass in dem Baum eine Arabika Kaffeepflanze wächst! Jedes Jahr findet an diesem Ort ein einzigartiges Schauspiel statt: Tausende von Glühwürmchen (auch sie sind Bestäuber) beleuchten jeden Abend den Magnolienbaum.
Heute sind die Glühwürmchen aufgrund intensiver menschlicher Aktivitäten vom Aussterben bedroht. Wieso? Wie bei so vielen anderen Arten gefährden die Zerstörung ihres Lebensraums, die Lichtverschmutzung und der Einsatz von Pestiziden ihre Existenz.
Am nächsten Tag, nach einer ruhigen Nacht in der Hütte, tauchen wir mit Abhishek nochmals in die Natur ein. Und heute nimmt er uns mit unter seine Vanillepflanze, eine Orchidee, die um einen Baumstamm herum wächst. Jeden Tag bestäubt er die Blüten der Vanille von Hand. Auf diese Weise befruchtet wird sich die Blüte verlängern und die grüne Vanilleschote bilden. Wenn die Blüte falsch befruchtet wird, löst sie sich von der Hülse, die sich dann nicht weiterentwickelt.
Jeden Tag bestäubt er die Blüten der Vanille von Hand. Auf diese Weise befruchtet wird sich die Blüte verlängern und die grüne Vanilleschote bilden.
Nur die Blüten der mexikanischen Vanille werden auf natürliche Weise von einer in Mexiko heimischen Bienenart befruchtet. Was für eine akribische Arbeit für etwa 1'500 Schoten pro Jahr, die von einer einzigen Pflanze stammen. Vanille und Honig auf seinem Land zu besitzen, sei gleichbedeutend mit einer reichen und gesunden Plantage, sagt Abhishek.
Wir setzen unseren Spaziergang fort und gehen durch eine Art Aushöhlung, die vom Wasser geformt wurde und sich in einen Geheimgang verwandelt hat. So gelangen wir zur Ebene, wo er seinen Reis, Ingwer und Kurkuma anbaut. Danach gelangen wir in den Regenwald und erreichen die Teebäume auf der Spitze des Hügels. Die Teepflanzen wachsen wild und im Einklang mit einer Vielfalt anderer Bäume, deren abgestorbene Blätter den Boden bedecken.
Auf einigen sind Termiten zu sehen, die sich von der Zellulose im pflanzlichen Material ernähren. Sie spielen eine wichtige Rolle für die Biodiversität, denn sie helfen bei der Zersetzung des Laubs und fördern so die Bodenfeuchtigkeit und den Nährstoffgehalt des Bodens.
Auf einigen sind Termiten zu sehen, die sich von der Zellulose im pflanzlichen Material ernähren. Sie spielen eine wichtige Rolle für die Biodiversität, denn sie helfen bei der Zersetzung des Laubs und fördern so die Bodenfeuchtigkeit und den Nährstoffgehalt des Bodens. Auf anderen bedecken Tausende von Spinnenkolonien die Stämme. Indem sie andere Kleintiere fressen, regulieren sie die Insektenbestände und dienen ihrerseits als Nahrung für andere Tiere wie Vögel.
Bevor wir zum Bauernhof zurückkehren, zeigt uns Abhishek noch den Dünger, den er auf natürliche Weise aus Kuhdung und -urin, Pflanzenabfällen und einem Schuss Kombucha herstellt. Eine einzige Tasse dieser Mischung reicht für einen Kanister Wasser.
In einem geschlossenen Raum lagern Maschinen, die zum Sortieren der Kaffeebohnen dienen. Dann kalibrieren quadratische Gitter die Kaffeebohnen nach verschiedenen Grössen. Was den Tee betrifft, so wird er in einem sehr alten traditionellen Ofen getrocknet. Der Herstellungsprozess seines Tees ist vollständig manuell und erfolgt auf althergebrachte Weise, ohne maschinelle Hilfsmittel.
Die Einwohner von Coorg, die Kodavas genannt werden, sind für ihre Liebe zur Natur bekannt. Ursprünglich waren die Kodavas Krieger und Jäger, doch heute besitzen sie Ackerland. Obwohl Kaffee ihr Haupterwerb ist, hoffen wir, dass Abhisheks Anwesen nicht nur ein Beispiel für andere Bauern darstellt, sondern auch zu einem Modell, das sie zu Hause anwenden können.
Da er das Interesse einiger Menschen weckt, gibt er bereits Kurse, in denen er seine Methode der natürlichen Landwirtschaft lehrt, die auf seiner genauen Beobachtung der Natur beruht.
Da er das Interesse einiger Menschen weckt, gibt er bereits Kurse, in denen er seine Methode der natürlichen Landwirtschaft lehrt, die auf seiner genauen Beobachtung der Natur beruht. Als grösstes Kaffeeanbaugebiet Indiens muss die Biodiversität durch nachhaltige und ausgewogene Landwirtschaft erhalten werden.
1882, sagte Charles Darwin: „Der Pflug ist eine der ältesten und wertvollsten Entdeckungen der Menschheit, aber der Boden wurde schon lange vor seiner Erfindung regelmässig von Regenwürmern gepflügt".
Es ist gar nicht nötig, dass der Mensch eingreift, damit die Natur gedeiht. Jedes Insekt hat eine wesentliche und wertvolle Rolle in der Biosphäre. Mehrere Hektar Tropenwald sollen unberührt bleiben, um ein Gleichgewicht zwischen der Landwirtschaft und der natürlichen Umwelt herzustellen und so die Artenvielfalt zu erhalten.