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Es gibt wohl keine grössere Leidenschaft im Leben von Tatjana Haenni als der Fussball. Seit sie denken kann, spielt sie Fussball. Damals war sie das einzige Mädchen auf dem Platz. Heute ist Tatjana Haenni als Direktorin des Schweizer Frauenfussballs die erste und einzige Frau in der Geschäftsleitung des Schweizerischen Fussballverbands.
Tatjana Haenni ist in der Stadt Bern geboren und spielte Fussball, seit sie etwa drei Jahre alt war. Woher das genau gekommen sei, wisse sie nicht. «Ich kann mich an nichts anderes erinnern, als dass ich von klein auf dem Ball hinterhergerannt bin und das einzige Mädchen unter Jungs gewesen bin», weiss Tatjana Haenni. «Für die Jungs hat das gepasst, weil ich besser war als die meisten von ihnen», erinnert sie sich. Vereinsfussball für Frauen war zu dieser Zeit noch kein Thema. «Frauenfussball ist zeitlich mit der Frauenbewegung aufgekommen. Es gab Frauen, die wollten kicken. Diese Frauen haben sich zusammengetan und kleine Matchs organisiert, obwohl man ihnen gesagt hatte, sie dürfen das nicht. 1970 hat es dann die erste Schweizer Damenfussballliga gegeben, die die erste Frauenfussball-Meisterschaft organisiert hat. Da gab es nur eine Liga mit 18 Teams aus der ganzen Schweiz, die gegeneinander gespielt haben», erklärt Tatjana Haenni die Anfänge des Frauenfussballs.
Frauenfussball war Amateurfussball
Im Jahr 1979 startete Tatjana Haenni mit 13 Jahren ihre Karriere beim DFC Bern. Ab 1984 spielte sie für die Nationalmannschaft in 23 Länderspielen mit. Frauenfussball war damals Amateurfussball. Als Nationalspielerin trainierte sie dreimal wöchentlich und arbeitete zu 100 Prozent als IT-Programmiererin. Für Länderspiele musste sie Ferien nehmen, die anfallenden Spesen selber bezahlen. Ihre Karriere als Spielerin beendete sie 1996 international und 1998 national. Nebenbei trainierte sie den SV Seebach bis 2004. «Trainerin war nicht so mein Ding, meine Qualitäten liegen eher in der Organisation und im Umfeld der Frauenfussballmannschaft», beurteilt Tatjana Haenni ihre Fähigkeiten. 2005 wurde sie Präsidentin des FFC Zürich-Seebach, dem späteren FC Zürich Frauen, dem sie bis 2018 als Präsidentin vorstand.
Männerdominierte Welt
Im Jahr 1994 wechselte Tatjana Haenni beruflich zum Frauenfussball und stieg bei der UEFA als Administratorin ein, wo sie sich um die Wettbewerbe der Frauen kümmerte. Nach mehr als vier Jahren kündigte sie: «Ich war damals rebellischer und habe noch nicht so verstanden, wie der Laden läuft», gesteht sie und erklärt ihre damalige Sicht der Dinge folgendermassen: «Mich störte die männerdominierte Welt, ich hatte nichts zu entscheiden und leistete doch die ganze Arbeit. Und diejenigen, die Entscheidungen fällen konnten, hatten kein Interesse am Frauenfussball.» Eine ihrer nächsten Stationen war die FIFA. Da seien die Verhältnisse nicht anders gewesen, bemerkt sie lachend, «aber ich war schon etwas älter, hatte einiges gelernt und wusste, worauf ich mich einlasse.» Bei der FIFA blieb Tatjana Haenni 18 Jahre und leistete in verschiedenen Positionen viel Entwicklungsarbeit für den internationalen Frauenfussball. Als Direktorin der Wettbewerbsdivision setzte sie sich intensiv für eine eigene Frauenfussballdivision ein. Sie wollte Strukturen, die auf den Frauenfussball zugeschnitten sind und eigene Frauenfussball-Experten. «Mit dem Präsidentenwechsel der FIFA 2016 wurde der ganze Laden auf den Kopf gestellt. Die Frauenfussballdivision wurde zwar eingeführt und ich war sehr glücklich darüber, wenige Monate später wurde ich jedoch gekündigt», erzählt Tatjana Haenni, «ich war offenbar nicht mehr die Richtige für den Job.» Nach einem Abstecher in eine Sport-Consulting Firma in England, wo sie die geschäftliche Seite des Frauenfussballs kennenlernte, begann Tatjana Haenni 2019 für den Schweizerischen Fussballverband zu arbeiten und wurde 2020 zur Direktorin des Schweizer Frauenfussballs ernannt. Dazu meint Tatjana Haenni trocken: «Nach 50 Jahren organisiertem Frauenfussball war die Beförderung einer Frau in die Geschäftsleitung des Fussballverbandes zeitgemäss.»
Neupositionierung des Frauenfussballs
Tatjana Haenni ist auch heute alleine auf weiter Flur. Im Zentralvorstand, dem höchsten Gremium im Schweizer Fussball, hat sie eine themenbezogene, beratende Funktion. Sonst ist der Frauenfussball per se nicht vertreten. Eines ihrer erklärten Ziele ist die Bekämpfung der strukturellen Diskriminierung im Frauenfussball: «Frauenfussball muss in den Entscheidungsgremien vertreten sein. Deshalb setze ich mich für eine gerechte Frauenfussballvertretung im Zentralvorstand ein. Es fehlt an Frauen mit Fussball-Expertise, obwohl es qualifizierte Frauen dafür gibt.» Ein weiteres Ziel von Tatjana Haenni ist die Neupositionierung des Frauenfussballs und eine entsprechende Förderung. «Viele sprechen heute noch von der Entwicklung des Frauenfussballs. Das ist obsolet. Wir müssen den Frauenfussball nicht mehr entwickeln, den gibt es. Frauenfussball kann vom Männerfussball lernen, er muss jedoch getrennt vom Männerfussball betrachtet und gefördert werden und braucht eigene Strukturen. Mädchen entwickeln sich anders als Jungs, deshalb muss das Training für Frauen ein anderes sein. Dazu kommt, dass nur die besten Nationalspielerinnen, die im Ausland unter Vertrag stehen, vom Fussball leben können. Deshalb müssen die Frauen ihre dualen Karrieren vorantreiben. Diese Doppelbelastung muss berücksichtigt werden», erklärt Tatjana Haenni und fügt bestimmt an: «Das möchte ich erreichen.»
Partnerschaft mit Carl F. Bucherer
Der Fussballverband finanziert sich zu 90 Prozent durch die Männerfussballnationalmannschaft. Wenn sie erfolgreich ist. Dafür, dass sich die Schweizer Männer für die WM in Katar qualifiziert hat, erhielt der Verband einen zweistelligen Millionenbetrag von der FIFA. «Wir leben vom Erfolg der Männer. Das Geld fliesst deshalb vor allem in den Männerfussball, damit diese sich wieder qualifizieren. Der Frauenfussball partizipiert davon, bräuchte aber höhere finanzielle Investments. Mit der AXA und der Credit Suisse haben wir Partner, die explizit in den Frauenfussball investieren. Auf solche Partner sind wir angewiesen. Es reicht jedoch noch nicht. Deshalb kämpfe ich um Geld, damit auch der Frauenfussball bessere Spielerinnen ausbilden kann, um den Frauenfussball attraktiver zu machen und damit mehr Einnahmen zu generieren», erläutert Tatjana Haenni die Zusammenhänge. «Ein Highlight ist die kürzliche Einführung von ‹equal primes› für die Nationalteams der Männer und Frauen bei den WM- und EM-Endrunden-Qualifikationsprämien durch die Credit Suisse, Partner beider Nationalteams. Auch unser Partner Carl F. Bucherer geht mit gutem Beispiel voran. Immer wenn wir uns für ein Endturnier qualifizieren wie jetzt in England, organisiert er einen Anlass, die Spielerinnen haben eine schöne Uhr erhalten und sie werden gleich behandelt wie die Männer. «Carl F. Bucherer sind die Frauen als Spielerinnen und Kundinnen wichtig», freut sich Tatjana Haenni über die Zusammenarbeit. Von Seiten Carl. F. Bucherer erläutert Uwe Liebminger, CMO Carl F. Bucherer, die Hintergründe der Partnerschaft folgendermassen: «Seit 2014 unterstützen wir den Schweizer Fussballverband. Es war uns immer ein Anliegen, dass der Fokus nicht ausschliesslich auf den Männern liegt, sondern dass der ganze Verband und damit sämtliche Männer- und Frauennationalteams berücksichtigt werden. Seit den Anfängen von CFB sind Frauen genauso wie Männer für den internationalen Erfolg der Marke mitentscheidend und verantwortlich. Diese Tradition wollen wir in unseren Partnerschaften weiterführen. Bei der Frauennationalmannschaft sehen wir Parallelen zu Carl F. Bucherer: Sie sind international ausgerichtet und stehen für Präzision und Technik auf höchstem Niveau. Ausserdem repräsentieren Frauen das Thema Swissness ebenso wie die Männer auf exzellente Art und Weise in ihren Clubs rund um den Globus.»
Unvoreingenommene Medienberichterstattung
Der Frauenfussball ist seit einiger Zeit in der Gesellschaft angekommen. Dies dank Persönlichkeiten wie Megan Rapinoe und Alisha Lehmann, die einen hohen Bekanntheitsgrad geniessen. Und dank einer jungen Generation von Journalisten und Journalistinnen, die unvoreingenommen von den Wettkämpfen der Frauen berichten. «Die altmodischen Journalisten haben ausgedient, die nur darüber berichtet haben, wer lesbisch oder dick ist und den Frauenfussball als kleine Schwester des Männerfussballs behandelt haben. Der Frauenfussball hat heute als attraktive Sportart in den Medien Akzeptanz erreicht», bestätigt Tatjana Haenni den Wandel. Im letzten Jahr verzeichnete der Schweizer Frauenfussball so viele Zuschauer wie noch nie. Drei Zuschauerrekorde mit 6’000 bis 12’000 Zuschauern wurden erreicht. Die Öffentlichkeit, die Fans, die Medien und Unternehmen erkennen allmählich das Potential, das im Frauenfussball vorhanden ist.
Koryphäe und Pionierin
Man nennt Tatjana Haenni eine Koryphäe des Frauenfussballs, sie bevorzugt jedoch Expertin. «Ich bin durch all die Jobs, die ich gemacht habe, zu einer Frauenfussball-Expertin geworden, die das Gesamtbild des Frauenfussballs auf allen Ebenen komplett abdeckt. Ich bin nicht die beste Trainerin und nicht die beste Verkäuferin für einen neuen Partnerschaftsvertrag, aber ich weiss, wo es hingehen soll und was der Frauenfussball braucht, um weiter zu wachsen», so Haenni. Die Ehre, eine Pionierin des Frauenfussballs zu sein, möchte sie nicht alleine für sich in Anspruch nehmen: «Vor mir hat es schon Pionierinnen gegeben, nur kennt man sie nicht. Ich führe fort, was Frauen vor mir geleistet haben, und nach mir gibt es ebenfalls noch einiges weiterzuführen.»
Tatjana Haenni
1966 geboren in Biel, aufgewachsen in der Stadt Bern.
Ausbildung KV, IT-Programmiererin.
Spielerkarriere:
1979 Karrierestart beim DFC Bern
1984 Schweizer Nationalmannschaft
1996/1998 Ende der internationalen/nationalen Spieler-Karriere
Berufliche Karriere:
1994–1999 UEFA Administratorin Wettbewerbe Frauenfussball
1999–2017 FIFA u.a. Direktorin Wettbewerbsdivision
2019 Schweizerischer Fussballverband SFV
2020 Direktorin Frauenfussball im SFV
Foto: Remo Naegeli