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Kaum noch Gletscher bis 2100
Die Gletscher reagieren schon lange auf die steigenden Temperaturen. Bis 2100 werden die Alpen laut den Berechnungen der ETH Zürich praktisch eisfrei sein.
Der Schwund der Gletscher ist das deutlichste Anzeichen des voranschreitenden Klimawandels. Der Vergleich der heutigen Gletscher mit denen auf historischen Aufnahmen oder mit den Ende der kleinen Eiszeit um 1850 zurückgelassenen Moränen löst unweigerlich die Frage aus, wie lange die Gletscher denn noch bestehen.
Die Ausdehnung eines Gletschers ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Eisbildung, Abschmelzen und der Eisfliessbewegung (vgl. «Die Alpen» 7/2011). Dabei stehen die Neubildung von Eis aus Schnee und das Schmelzen von Firn und Eis in direktem Zusammenhang mit den Witterungsverhältnissen.
Während die Schneeakkumulation, die den Gletscher nährt, hauptsächlich vom Niederschlag abhängt, ist die dem Gletscher zugeführte Energie für die Schmelze entscheidend. Die Lufttemperatur ist ein guter Indikator dafür. Die Eisfliessbewegung schliesslich sorgt dafür, dass sich Veränderungen in den Akkumulations- und Schmelzbedingungen je nach Grösse und Neigung des Gletschers unterschiedlich auswirken.
Eisdicke bestimmt Ausgangslage
Für Prognosen zur Gletscherentwicklung in der Zukunft sind neben dem erwarteten Klima vor allem Kenntnisse zur momentan vorhandenen Eismächtigkeit und zu deren räumlicher Verteilung notwendig. Mit einem numerischen, computergestützten Gletscherentwicklungsmodell, das Schneeakkumulation, Schmelze und das Eisfliessen berücksichtigt, kann die Entwicklung des Gletschers für vorgegebene Veränderung von Niederschlag und Temperatur berechnet werden. Am Beispiel des Rhonegletschers zeigen wir die zukünftige Entwicklung für die vorhandenen regionalen Klimaszenarien (vgl. S. 48). Um möglichst robuste, also verlässliche Aussagen zu machen, wurden die Szenarien mit aus der Vergangenheit abgeleiteten, jährlichen Änderungen des Wetters erweitert.
Starker Schwund absehbar
Die Abbildungen zeigen die Entwicklung des Rhonegletschers von 2010 bis 2090. Deutlich zu sehen sind die Folgen des Klimawandels auf die Gletscher. Eine verstärkte Schmelze im Sommer und geringere Schneeakkumulation im Winter beeinflussen die Entwicklung, weil die Niederschläge künftig mehr als Regen statt als Schnee anfallen werden.
Die Veränderung des Eisvolumens zeigt den Effekt der dynamischen Anpassung durch das Eisfliessen: Während die Schmelzbeträge wie die Witterung von Jahr zu Jahr stark schwanken, verändert sich das Volumen graduell und gedämpft mit etwas Verzögerung. Der starke Schwund, der bereits in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu beobachten war, wird sich beschleunigt fortsetzen, bis nur noch unbedeutende Eisreste übrig bleiben.
Die Veränderung der räumlichen Ausdehnung und der Eismächtigkeit ist in den Abbildungen für ausgewählte Zeitpunkte dargestellt. Der Rhonegletscher zeigt exemplarisch, wie grössere Gletscher anfänglich hauptsächlich an Dicke einbüssen werden. Ab Mitte des Jahrhunderts wird sich auch die räumliche Ausdehnung drastisch verringern. Gegen Ende des Jahrhunderts verbleiben nur noch geringe Eismassen in den höchstgelegenen Regionen der Alpen.
Veränderung der Landschaften
Gemäss den Prognosen dürfte sich das Landschaftsbild im Alpenraum drastisch ändern. Die Gletscher sind Teil des Wasserkreislaufs, weshalb deren Veränderungen auch Konsequenzen auf die Abflüsse nach sich ziehen werden. Durch die verstärkte Schmelze resultiert bis Mitte des Jahrhunderts auch ein grösseres Wasserangebot im Einzugsgebiet. Die Gletscher ha-ben aber nicht nur eine langfristige Speicherfunktion. Die winterlichen Schneefälle bleiben auf dem Gletscher liegen, den Abfluss verursacht die Eisschmelze im Sommer. So werden die Niederschläge des Winters auf den Sommer verlagert. Die Abflüsse konzentrieren sich auf den schmelzintensiven Hochsommer. Wenn dereinst die Eismassen verschwunden sind, werden die Wassermassen deshalb mit weniger Verzögerung abfliessen.
Genauigkeit der Prognose
Bei diesen Betrachtungen darf jedoch nicht ausser Acht gelassen werden, dass neben den Unsicherheiten in den zugrunde liegenden Klimaszenarien auch Fragen zu ihrer Auswirkung auf die Gletscher offen sind. Inwiefern wirken sich die noch ungenügend bekannten Fluktuationen der Witterung von Jahr zu Jahr aus? Wie gross ist der schützende Einfluss zunehmender Schuttbedeckung auf der Oberfläche der Gletscher und der gegenteilige Effekt, durch die wegen wiederholter Ausaperung stärker verunreinigte Oberfläche?