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Der Sohn des Ursars
Als Jugendroman über eine Familie der Rom*nja angekündigt, hat mich "Der Sohn des Ursars" von Xavier-Laurent Petit sofort neugierig gemacht. Und die Geschichte ist gut geschrieben, ich sehe aber auch einige Problematiken, die man begleitend zur Lektüre zumindest thematisieren sollte.
Aber kommen wir zuerst zur Handlung von "Der Sohn des Ursars" von Xavier-Laurent Petit: Ciprian und seine Familie reisen mit einem Wohnwagen und einem Bären durch Osteuropa. Sie ziehen von Stadt zu Stadt, um auf den Marktplätzen aufzutreten - der Vater mit einem Showkampf mit dem Bären, Tochter Vera mit ihrem Gesang. Da die Zuschauer*innen meist nicht spendabel genug sind, müssen sie sich oft das Nötigste an Essen "ausleihen", wie Ciprian es nennt. Bruder Dimetriu hat das "Ausleihen" perfektioniert und versorgt die Familie mit geklautem Essen oder was sie sonst zum Überleben brauchen.
Ein Leben in ständiger Bedrohung
Kommt dazu, dass die Familie aufgrund ihrer Rom*nja-Zugehörigkeit meist nicht gern gesehen ist und immer wieder vertrieben wird. Der Vater trägt ihre Lage grundsätzlich mit Fassung, das Nomadenleben gehört ja auch zu ihrer Tradition und diese leben sie mit Stolz:
"Wir gehen eben woanders hin. Das ist unser Schicksal. Wir sind die Söhne des Windes und die letzten Nachfahren der Pharaonen. Die Welt ist unser Zuhause." / S. 23
Doch eines Tages wird sogar ihr liegengebliebenes Auto von Nationalisten bei der Stadt Tamasciu (Rumänien) angezündet und sie werden unter Drohungen weggeschickt. Als zwei Männer auftauchen, die ihnen die Reise nach Paris finanzieren wollen, sagen sie in ihrer Not zu und werden am nächsten Tag von einem Lastwagen abgeholt.
Sie landen - zusammen mit vielen weiteren Rom*nja-Familien - in der Banlieue von Paris, wo sie unter prekärsten Verhältnissen in behelfsmässig selbst gezimmerten Hütten hausen.
"Leute, die ein Dach über dem Kopf haben, trauen Obdachlosen nicht über den Weg. Deshalb machen sie leer stehende Häuser für uns unbewohnbar. Sie wollen sichergehen, dass wir nie dazugehören." / S. 79
Und das vorgestreckte Geld sollen sie innert einer unmöglich einzuhaltenden Frist zurückzahlen. Die dubiosen Männer sind offensichtlich nicht so nett, wie sie vorgegaukelt haben, sondern versklaven die Rom*nja faktisch, die in Frankreich völlig mittel- und rechtelos sind und nicht mal über Papiere verfügen.
Glückliche Wende dank besonderem Talent
Ciprians Familie versucht verzweifelt, genug Geld zu verdienen, um ihre Schulden zurückzubezahlen. Doch die Schuldeneintreiber - Verbündete der Männer, die sie hierhergebracht haben - setzen immer mehr und mehr Druck auf und drohen mit Gewalt, falls sie nicht genügend Geld auftreiben können.
Die Lage wird noch schwieriger, als Ciprian immer öfter das Geldverdienen (durch Betteln oder Klauen) vergisst, weil er im "Jardin du Luxembourg" den Schachspieler:innen zuschaut. Doch der Junge hat Glück, eines Tages fordert ihn eine ältere Dame zum Spiel heraus und ist fasziniert von seinem Können. Und das, obwohl er "Scharr" - wie er das Spiel in seinem rudimentären Französisch nennt - nie beigebracht bekommen hat. Madame "Walfisch" nimmt den Jungen unter ihre Fittiche, stellt ihn ihren Bekannten, darunter ein Schachlehrer, ein Polizei-Präfekt und eine Lehrerin, vor und schafft es, Ciprians einmaliges Talent zu fördern.
Die Geschichte entwickelt sich in unterschiedliche Richtungen dramatisch weiter. Da möchte ich an dieser Stelle nicht zu viel verraten. Aber Ciprian hat nun das Glück, französische Freund:innen zu haben, die ihm und seiner Familie helfen.
Xavier-Laurent Petit erzählt sehr spannend und mitreissend aus Sicht von Ciprian, dem er eine jugendliche, ziemlich naive Stimme verleiht. Manchmal vielleicht etwas gar kindlich und unwissend - aber das ist schwer zu beurteilen. Ich gehe mal davon aus, dass ein zehnjähriger Rom das Wort "Euro" auch schon einmal gehört hat, aber kann mich natürlich täuschen. Auf jeden Fall ist es spannend, mal aus ganz ungewohnter Perspektive auf die westliche Gesellschaft und das "moderne" Leben zu blicken, das für uns so selbstverständlich ist. Etwa, dass man nicht einfach über das Drehkreuz in der Metro-Station springen darf, sondern ein Ticket braucht.
Der weisse Blick auf die Welt und das Problem des White Saviorism
Xavier-Laurent Petit möchte mit "Der Sohn des Ursars" Vorurteile abbauen und plädiert implizit dafür, dass Rom*nja nicht kriminalisiert und in Slums ausserhalb von westeuropäischen Grossstädten ihrem Schicksal und der Macht von kriminellen Banden und Menschenhändler*innen überlassen werden. Allerdings stellt er dann doch die weissen Menschen als "Retter*innen" hin, ohne die es Ciprian nicht schaffen würde. Sie wissen auch besser als er oder seine Schwester, was gut für sie ist (z. B. Schulbildung, ein neuer Haarschnitt, neue Kleider) und verhalten sich entsprechend paternalistisch. Hinzu kommt, dass alles mit Ciprians Schachtalent verbunden ist. Hätten sie ihn ohne dieses Talent überhaupt beachtet oder wären sie wie Millionen andere Menschen ohne einen zweiten Blick am bettelnden Kind vorbeigegangen?
Hier scheint mir dann doch der weisse Blick und die Problematik des White Saviorism an der Geschichte zu haften. Hätte Ciprian nicht sein Schachtalent, könnten seine französischen Freund*innen ihm auch nicht helfen und fänden es wohl auch nicht "so schade um das vergeudete Talent". Dass Ciprian auch liebenswert wäre, sein Leben und seine Würde auch schützenswert wären, wenn er nichts zu bieten hätte, wird mir zu wenig deutlich gemacht. Allerdings wäre es auch schwierig, das in der Ich-Erzählung aus der Perspektive von Ciprian differenziert unterzubringen. Das wäre auch nicht sehr autenthisch.
Fazit
Die Absicht von Xavier-Laurent Petit, mit Vorurteilen zu brechen und über Schleuserbanden aufzuklären, ist sicher löblich. Und die Umsetzung im Jugendroman "Der Sohn des Ursars" ist auch spannend und sehr empathisch gemacht. Trotzdem würde ich lieber eine ownvoices-Geschichte von Rom*nja oder Sinti*zze lesen, um auch sicher zu sein, tatsächlich aus ihrer Perspektive auf die Welt zu blicken. Wenn ihr diesbezüglich Tipps habt, bin ich sehr froh über einen Kommentar!
Die Fakten
Xavier-Laurent Petit
Désirée Schneider (Übersetzung aus dem Französischen)
Knesebeck Verlag
240 Seiten
Erschienen am 17.03.2022
Hardcover
ISBN: 978-3-95728-538-6
Ab 12 Jahren
PS: Herzlichen Dank an den Knesebeck Verlag für das Rezensionsexemplar.
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