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Eingemeindung Tennwil
In der Zeitspanne von 1850 (246 Gemeinden) bis 1984 (232 Gemeinden) gab es im Aargauer Gemeindebestand 22 Veränderungen: in 4 Fällen durch Trennung und in 18 Fällen durch Fusion ("Verschmelzung". In Anwendung von § 3 des Gemeindeorganisationsgesetzes von 1841 legte der Grosse Rat in der Regel auf Antrag des Regierungsrates (Direktion des Innern) jeweils auf dem Dekretsweg kleinere Gemeinden zusammen. In einem strittigen "Gemeindeverschmelzungsvorhaben" im Bezirk Brugg zogen die betroffenen Kleingemeinden unter Hinweis auf die in der Kantonsverfassung von 1885 abgestützten Gemeindeautonomie diese grossrätlche Kompetenz allerdings in Zweifel. Das angerufene Bundesgericht stützte jedoch den Standpunkt des Grossen Rates (Gemeindevereinigung mittels Dekret). Offensichtlich nutzte nun der Grosse Rat die Gunst der Stunde und verfügte in den Jahren 1898 bis 1900 jeweils schlicht über die Köpfe der betroffenen Einwohnerschaften hinweg 10 "Verschmelzungsprojekte". Im Bezirk Lenzburg waren dies die Gemeindevereinigungen von Retterswil mit Seon, Alliswil mit Boniswil und Tennwil mit Meisterschwanden.
Der von "Aarau" forcierte Gedanke einer Vereinigung von Tennwil mit Meisterschwanden stiess anfänglich auf keine wesentliche Opposition. Tennwil, das 218 Einwohner und 398 Ortsbürger, wovon 216 "Auswärtige" zählte und eine Gesamtschule von 42 Kindern aufwies, begrüsste die Vereinigung. In Meisterschwanden, das 723 Einwohner und 1262 Ortsbürger, wovon 728 "Auswärtige" zählte und in zwei "Successivschulen" 112 Kinder unterrichtete, wünschte man die Vereinigung nicht, fand aber "ein daheriges Vorgehen der Behörden begreiflich". Als dann aber ein Dekretsentwurf aufgestellt wurde und die Verhandlungen begannen, erwachte in Meisterschwanden eine heftige Opposition.
Sowohl vom Gemeinderat als auch von Bürgern gingen lebhafte Protesteingaben gegen die Vereinigung ein. Die Bedenken basierten unter anderem auf der Meinung, dass die Vereinigung für Meisterschwanden Mehrausgaben im Armen-, Schul- und Strassenwesen etc. herbeiführen werde, für die es keine Deckung finde. Beeinflusst von den Meisterschwander Eingaben folgte dann auch ein Protest von 17 Tennwiler Bürgern. Die vorbereitende grossrätliche Kommission fand jedoch die Einwendungen "sämtlich als unbegründet und jedenfalls weitübertrieben". In der Grossratsverhandlung vom 25. Mai 1899 erhielt Meisterschwanden den verbalen Trost, bei seiner grossen Steuerkraft werde es die Aufnahme des kleinen, armen Tennwil finanziell kaum zu spüren bekommen. Im Gegenteil: Meisterschwanden erziele einen grossen Gebietszuwachs, seine Einwohner könnten "an der Tennwyler Seestrasse in günstiger aussichtsreicher Lage Hausplätze erwerben", was bisher wegen der hohen Steuern in Tennwil nicht ratsam gewesen sei. Offenbar diskussionslos, auch der damalige Meisterschwander Grossrat Fritz Fischer ist im Protokoll nicht als Votant aufgeführt, wird am 25. Mai 1899 vom Grossen Rat das nur 3 Paragraphen umfassende Vereinigungs-Dekret beschlossen und "dem Regierungsrat zum Vollzug zugefertigt".
Vermutlich gab es nach der Vereinigung da und dort noch Nachwehen. So war beispielsweise die per 1.1.1900 nötige Bestellung der nunmehr 5-köpfigen Gemeindebehörde offensichtlich mit Turbulenzen verbunden. Es waren dazu die beiden Gemeindeversammlungen vom 27.11. und 9.12.1899 mit mehreren Wahlgängen erforderlich. Zum ersten, neuen Gemeindeammann gewählt wurde Albert Fischer, Jakobs, Statthalters, Mechaniker.
Was die Steuersituation im Jahre 1900 anbetraf, lag für Meisterschwanden der Satz nicht wie im Grossen Rat geschätzt wurde bei 2.00 Einheiten (vor der Verschmelzung 1.90 Einheiten), sondern effektiv bei 2.11 Einheiten. Im Vergleich dazu lagen damals Seengen bei 2.24, Fahrwangen bei 2.42, Sarmenstorf bei 3.00 und Bettwil bei 2.87 Einheiten. Tennwil brauchte vor der Eingemeindung 5.67 Einheiten.
Bedingt durch die politische Vereinigung mit Meisterschwanden musste das bisher zur Kirchgemeinde Seengen gehörende Tennwil neu in die Kirchgemeinde Meisterschwanden-Fahrwangen "eingepfaart" werden.
"Was sich mag, neckt sich". Von Neckereien oder ähnlichen Verhaltensmustern zwischen den beiden Dorfteilen abgesehen, verdient die seinerzeitige, aus den damaligen Gegebenheiten heraus erzwungene Vereinigung heute grosso modo eine positive Beurteilung. Man kann sagen, dass sich beide Dorfteile sicher zum Wohle ihrer Bevölkerung gut entwickelt haben. Im 99. Jahr der Vereinigung konnte unsere Gemeinde jedenfalls die 2000. Einwohnerin registrieren.
Aus der Zeit als eigenständige Gemeinde hat Tennwil seine Feldschützengesellschaft, die übrigens etwas älter ist als der Militärschiessverein Meisterschwanden, und die eigene Poststelle ins 2. Jahrhundert der Eingemeindung hinübergerettet. Auch die "Tanne", die bereits um 1637 auf Eigentum der Herren von Hallwil als Taverne entstand, ist zusammen mit dem ehemaligen, inzwischen jedoch mehr auf kulturelle Aktivitäten ausgerichteten "Tembeler Schulhüsli" nach wie vor markante Begegnungsstätte geblieben.
Zentenarium der Eingemeindung von Tennwil von Markus Remund, ehemaliger Gemeindeammann anlässlich 100 Jahre Zugehörigkeit zu Meisterschwanden