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Landwirtschaftlicher
Kredit (Bodenkredit), nach dem Zweck der Kreditaufnahme entweder Besitzkredit oder Produktivkredit. Der erstere dient zum Erwerb von Grundbesitz oder zur Abfindung von Miterben und belastet den Grundbesitz, ohne daß, der Regel nach, der Ertrag durch die Kreditaufnahme gesteigert würde. Der Produktivkredit hingegen dient zur Herstellung von Bodenverbesserungen und Wirtschaftsgebäuden, zur Beschaffung von Inventar und sonstigen Betriebsmitteln; die geliehenen Kapitalien finden also eine wirtschaftlich-produktive Verwendung und bringen bei zweckentsprechendem Vorgehen des Schuldners ihre eigene Verzinsung hervor.
Für die eigentümlichen Formen, welche der landwirtschaftlicher Kredit angenommen hat, ist die zuerst von Rodbertus (s. d.) mit aller Schärfe betonte Thatsache von Wichtigkeit geworden, daß der Boden wohl eine Jahresrente abzuwerfen vermag, daß er ein bloßer «Rentenfonds» ist, hingegen niemals aus dem laufenden Betrieb ein Kapital liefern kann. Ein zum Zweck des Besitzerwerbs aufgenommenes Darlehn kann nur verzinst und günstigenfalls in kleinern Abschlagszahlungen zurückerstattet werden; die allein angemessene Form des Besitzkredits ist daher das unkündbare Darlehn.
Hinsichtlich des Produktivkredits ist zu unterscheiden zwischen solchen Darlehen, welche der Beschaffung von stehendem Kapital (Bauten, Drainagen, Bewässerungsanlagen, Maschinen für die landwirtschaftliche Industrie u. s. w.) dienen, und solchen, die nur eine vorübergehende Ergänzung des umlaufenden Kapitals bezwecken. Die stehenden Kapitalien unterliegen einer allmählichen Abnutzung und bedürfen nach einer gewissen Frist der Erneuerung. Sind sie leihweise beschafft worden, so muß innerhalb jener Frist die Tilgung erfolgen, aber sofern größere Beträge in Frage kommen, in der Zwischenzeit der Landwirt vor Kündigung sicher sein.
Hier sind also die unkündbaren und amortisationspflichtigen Darlehen am Platze. Die umlaufenden Kapitalien hingegen (Saatgut, Futtermittel, Arbeitslöhne u. s. w.) werden innerhalb eines Produktionsprozesses vollständig verbraucht; sie müssen wirtschaftlicherweise aus dem Ergebnis desselben, also namentlich aus dem nächsten Ernteertrage, zurückgezahlt werden. Es handelt sich hier meist nur um eine Schuldaufnahme für wenige Monate; aber Unglücksfälle können die Notwendigkeit längerer Fristen mit sich bringen.
Nach der Art und Weise der Sicherung der Gläubiger unterscheidet man Real- und Personalkredit. Der erstere sichert den Gläubiger durch Pfand, und zwar durch Verpfändung von Immobilien (Immobiliar- oder Hypothekarkredit) oder von Mobilien, wie Getreide, [* 2] Spiritus, [* 3] Wolle u. s. w. (Mobiliarkredit); der Personalkredit wird im Vertrauen auf die Persönlichkeit und die allgemeinen Vermögensverhältnisse des Schuldners und seiner Bürgen auf bloßen Schuldschein oder Wechsel gegeben. Bei langfristigen Krediten kommt durchgängig der Hypothesenkredit in Frage, während bei kurzfristigen Darlehen der Mobiliar- und Personalkredit in Anwendung tritt.
Was die Kreditorganisation betrifft, so spielt, obwohl bei weitem der Hauptteil aller landwirtschaftlichen Kreditierungen denjenigen Fällen angehört, welche unkündbaren, langfristigen Hypothekarkredit erfordern, und einzelne Kapitalisten selten die im Interesse der Landwirte notwendigen Bedingungen erfüllen können, doch der Individualkredit, d. h. der unmittelbare Verkehr mit dem einzelnen Gläubiger und Schuldner, noch die Hauptrolle. Aber der Anstaltskredit befindet sich in rascher Ausdehnung [* 4] und drängt den Individualkredit allmählich zurück. In allen Kulturstaaten und in besonders vielseitiger Entwicklung in Deutschland [* 5] haben sich Anstalten gebildet, welche den Kreditverkehr vermitteln.
Diese Kreditanstalten zerfallen in drei Klassen: a. genossenschaftliche Kreditinstitute, wie die namentlich in Norddeutschland verbreiteten sog. Landschaften (s. d.); b. staatliche oder kommunale Kreditinstitute (s. Landeskreditkassen). Ferner besitzen alle altpreuß. Provinzen sog. Provinzialhilfskassen. Sie wurden 1847 mit Staatszuschüssen gegründet und unterstehen der provinzialen Selbstverwaltung. Zunächst sind sie nur für gemeinnützige Unternehmungen der öffentlichen Verbände und der Genossenschaften bestimmt; aber mehrere dieser Provinzialhilfskassen (in Ostpreußen, [* 6] Schlesien, [* 7] Posen, [* 8] Rheinland) haben sich in allgemeine Realkreditinstitute umgewandelt.
Speciell für die Förderung von Meliorationsunternehmungen sind mehrfach sog. Landeskulturrentenbanken (s. d.) unter staatlicher oder kommunaler Leitung ins Leben gerufen worden, c. Die Hypotheken- oder Bodenkreditbanken (s. d.) sind Aktiengesellschaften und haben eine größere Bedeutung für den städtischen als für den ländlichen Immobiliarkredit. Nur in Süddeutschland haben sie auch für den letztern eine Art von Monopol, weil es an öffentlichen oder genossenschaftlichen Kreditanstalten fehlt.
Neben den genannten Anstalten, welche die Befriedigung des Hypothekarkreditbedürfnisses als ihre wesentlichste Aufgabe ansehen, giebt es solche, die ihre zu andern Zwecken angesammelten Geldbestände nebenher durch Ausleihen an Grundbesitzer nutzbringend anzulegen versuchen. Dies gilt von den Lebensversicherungsgesellschaften, den Sparkassen, manchen Stiftungen, neuerdings auch von den Alters- und Invaliditätsversicherungsanstalten. Die betreffenden Darlehen entsprechen meist nur unvollkommen den landwirtschaftlichen Bedürfnissen, weil sie regelmäßig kündbar, dem Amortisationszwange nicht unterworfen und die geforderten Zinsen ziemlich hoch sind. Man schätzte die hypothekarisch ausgeliehenen Summen 1885 für die preuß. Landschaften auf rund 1½ Milliarden, für die deutschen Hypothekenbanken, einschließlich der städtischen Beleihungen und der ausgegebenen Kommunalobligationen, auf 2 Milliarden, für die deutschen Lebensversicherungsgesellschaften und Sparkassen auf 1 bez. 1½-2 Milliarden M.
Im allgemeinen ist in Deutschland für den Immobiliarkredit der landwirtschaftlichen Bevölkerung [* 9] in sehr ausgiebiger Weise gesorgt. Aber die hierher gehörigen Einrichtungen entsprechen nicht durchweg den berechtigten wirtschaftlichen Anforderungen der Landwirtschaft. Nur die landschaftlichen, staatlichen und die meisten kommunalen Anstalten geben den Kredit nicht nur in geeigneten Formen, sondern auch so billig, wie es der Geldmarkt irgend gestattet. Die Landschaften reichen aber wegen ihrer centralisierten und vielfach etwas formenschweren Verwaltung nicht überall bis zu den kleinern Grundbesitzern herunter; viele von ihnen kommen nach wie vor trotz zweckentsprechender Neuerungen fast ausschließlich dem größern Grundbesitz zu statten. ¶
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Eine viel weniger befriedigende Organisation hat bisher der Mobiliar- und Personalkredit gesunden. Der Mobiliar- oder Lombardkredit leidet unter der Schwierigkeit, die landwirtschaftlichen Produkte aufzubewahren und zu transportieren. Die erforderlichen öffentlichen Lagerhäuser sind in Deutschland erst vereinzelt errichtet worden. Der Personalkredit ist den Landwirten im ganzen deshalb weniger leicht zugänglich als andern Berufsklassen, weil ihr Vermögen hauptsächlich aus Immobilien besteht, deren Realisierung, d. h. freiwilliger oder zwangsweiser Verkauf, meist längere Zeit erfordert.
Bankinstitute befinden sich in Deutschland nur in den größern Städten, sie haben thatsächlich allein für den Großgrundbesitz Bedeutung und gewähren auch meist auf zu kurze Termine Kredit. Von den bestehenden Realkreditinstituten haben nur wenige zugleich Einrichtungen für den Personalkredit geschaffen. Hauptsächlich kommen hier nur die landschaftlichen Darlehnskassen zu Berlin, [* 11] Königsberg, [* 12] Danzig [* 13] und Breslau [* 14] und einige Sparkassen in Betracht. Die Lückenhaftigkeit der Kreditorganisation hat daher bewirkt, daß die Landwirte, namentlich die Bauern, in vielen Gegenden durch Kapitalisten der niedrigsten Sorte ausgebeutet werden. (S. Wucher.) Aus dem Kampf gegen den Wucher sind andererseits in neuerer Zeit örtliche Genossenschaften hervorgegangen, die vornehmlich dem Personalkredit ihrer Mitglieder dienen und sich als die wirksamsten Heilmittel gegen die Bewucherung erwiesen haben. Es sind dies die nach ihren geistigen Schöpfern benannten Raiffeisenschen Darlehnskassenvereine (s. d.) und die Schulze-Delitzschschen Vorschuß- und Kreditvereine (s. d.).
Da die Ausbreitung dieser Verbände nicht selten, namentlich in solchen Gegenden, welche einen wenig zahlreichen und räumlich zerstreuten Bauernstand haben, große Schwierigkeiten findet, sind neuerdings mannigfache Reformvorschläge für den anderweitigen Ausbau der ländlichen Kreditorganisation aufgetaucht. Man denkt namentlich an die stärkere Decentralisierung der bestehenden landschaftlichen, staatlichen und kommunalen Kreditinstitute, unter gleichzeitiger Schaffung von lokalen Filialen für den Personalkredit, die jedoch da wegfallen können, wo schon örtliche Kreditvereine bestehen. Es ist indessen wahrscheinlich, daß das Problem der bessern Kreditorganisation nicht anders als im Zusammenhang mit der andern Frage eine Lösung finden wird, wie der zunehmenden Verschuldung der Landwirte zu steuern sei.
Seitdem Rodbertus 1868 zuerst darauf hingewiesen hat, ist es durch alle neuern Untersuchungen bestätigt worden, daß die große Menge aller Hypothekenschulden der Landwirte nicht produktiv wirkenden Kreditgeschäften, sondern dem Besitzkredit entstammt, d. h. aus rückständigen Kaufgeldern oder eingetragenen Erbteilen besteht. Die eingetragenen Kapitalien sind also der Landwirtschaft als solcher niemals zugeflossen; ihre Verzinsung ist ein bloßer Abzug vom Reinertrag, ohne daß dieser Verzinsung ein mit Hilfe der Schuldaufnahme erhöhter Ertrag gegenüber stände.
Nach den Erhebungen im Königreich Preußen [* 15] kann man annehmen, daß der bäuerliche Grundbesitz im Durchschnitt bereits die Verschuldung des ersten und besten Wertdrittels seines Grundbesitzes vollendet hat und anfängt, das zweite Drittel fortzugeben, daß hingegen der größere Grundbesitz schon über die Hälfte seines Wertes hinaus verschuldet ist. Dabei steigt die Verschuldung trotz rückgängiger Preiskonjunkturen unaufhörlich (s. Hypothekenschulden), und es ist zu fürchten, daß die Landwirtschaft einem Zustande entgegengeht, bei welchem die Mehrheit ihrer Angehörigen als überschuldet gelten muß.
Das aus der internationalen Konkurrenz hervorgegangene Sinken der Getreidepreise [* 16] hat, eben wegen der bestehenden hohen Belastung der Landwirte die schwere Krisis zur Folge gehabt, welche in allen vorwiegend Getreide bauenden Gegenden ausgebrochen ist. Unter dem Eindruck jener Krisis sind verschiedene Pläne vor die Öffentlichkeit getreten, welche das bestehende Agrarrecht durch Einführung von Verschuldungsbeschränkungen reformieren wollen. Zu den meistbesprochenen gehört der Vorschlag eines Heimstättenrechts (s. Heimstättengesetze) und die Schäfflesche Idee einer Inkorporation des Hypothekenkredits, d. h. der Gründung von landwirtschaftlichen Zwangsgenossenschaften, die nicht nur Kredit vermitteln, sondern auch die ganze Kreditgebarung ihrer Mitglieder unter Ausschluß alles Besitzkredits überwachen und unter Umständen die Grundstücke der Schuldner übernehmen und verpachten sollen. Soll die Festsetzung von Verschuldungsgrenzen praktisch große Bedeutung erlangen, so muß unbedingt eine Schuldentlastung vorausgehen. Dieser Gedanke ist zuerst zu ernstlicher legislatorischer Behandlung gekommen in Österreich, [* 17] dessen Regierung 1893 einen entsprechenden Entwurf dem Reichsrat unterbreitet hat.
Litteratur. Rodbertus-Jagetzow, Zur Erklärung und Abhilfe der heutigen Kreditnot. I u. II (Jena [* 18] 1868-69);
Schäffle, Inkorporation des Hypothekarkredits (Tüb. 1883);
von Miaskowski, Der Wucher auf dem Lande und die Organisation des ländlichen Kredits (in den «Schriften des Vereins für Socialpolitik», Bd. 38, Lpz. 1889);
Sering, Artikel «Heimstättenrecht» im «Handwörterbuch der Staatswissenschaften» (Jena 1889-93);
Hecht, Die Organisation des Bodenkredits in Deutschland (2 Bde., Lpz. 1891);
Schiff, [* 19] Zur Frage der Organisation des in landwirtschaftlicher Kredit Deutschland und Österreich (ebd. 1892);
Sering, Die Entwürfe für eine neue Agrargesetzgebung in Österreich (in Schmollers «Jahrbuch für Gesetzgebung», ebd. 1894).