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Von Andrea Staka bis Clemens Klopfenstein: Filmschaffende erinnern sich an die bis zuletzt radikale Regisseurin Agnès Varda.
Die Königin
Letzten Donnerstag sah ich an meinem Kühlschrank drei kleine Magnete, die ich erhalten hatte, als Agnès Vardas Dokumentarfilm «Les Plages d’Agnès» herauskam. Auf einem ist Agnès gezeichnet, wie sie auf dem grossen Stuhl eines Strandhüters sitzt, die beiden anderen zeigen fliegende Möwen vor blauem Himmel. Und ich war überrascht, als ich angesichts dieser Magnete laut ausrief: «O Agnès!», als ob ich sie gerade erst getroffen hätte. Tags darauf erfuhr ich, dass Agnès an jenem Donnerstag gestorben war. Eine kleine Geschichte, die ihr gefallen hätte.
Wie die, die ich ihr vor Jahren erzählte, als wir uns erstmals trafen. Mit sechzehn Jahren hatte ich einen Spielfilm auf Video gedreht (den ich wegen Tonproblemen nie geschnitten habe): die Geschichte einer jungen Kassiererin, die nach einem Raub an ihrer Kasse abhaut und einen Sommer lang ohne Geld auf den Strassen wandert. Die Schauspielerin sah aus wie Sandrine Bonnaire. Jahre später entdeckte ich «Sans toit ni loi» und hatte einen echten Schock: Bonnaires Mona war wie die Figur in meinem Film, genauso frei und undurchdringlich. Ich war auch fast so alt wie Mona und drehte meinen ersten Film mit der gleichen Freiheit wie sie. Deshalb liegt mir dieser Film besonders am Herzen.
Letztmals traf ich Agnès vor einem Jahr in Cannes, als 82 Frauen die Stufen auf dem roten Teppich hochstiegen (stellvertretend für die 82 Regisseurinnen, deren Filme seit dem ersten Festival 1946 im Wettbewerb liefen, gegenüber 1688 von Männern). Wir bildeten eine Pyramide, ganz oben stand Agnès, wie eine Königin. Sie erhob die Stimme, um uns an die Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern im Film zu erinnern. Agnès war eine grosse Künstlerin, eine grosse Humanistin, eine grosse Feministin. Ja, sie war eine Königin.
Ursula Meier
Ursula Meier ist Filmemacherin in Lausanne.
Die Mutmacherin
Beim Schreiben blicke ich an meine Wand, an der ein Bild von ihr hängt: Agnès Varda, im Spiegel, schaut Jane Birkin an, vor einem Baum stehend. Vor Jahren hatte ich dieses Bild aus der Zeitung geschnitten. Es wanderte vom Küchentisch auf meinen Kühlschrank in New York, wo ich lebte, später in den Koffer, und nun hängt es seit langem an meiner Arbeitswand in Zürich.
Agnès Varda ist meine Konstante und Mutmacherin, sie war eine der wenigen Frauen, die über Jahrzehnte kontinuierlich Filme machten. Dazu braucht es Mut, das weiss ich. Sie hatte einiges zu erzählen, erforschte immer wieder neue filmische Formen. Ihre Filme sind neugierig, unverfroren, kompromisslos und frei.
Vor kurzem musste ich schmunzeln, als mein Sohn zielstrebig die DVD-Box ihres Werkes aus dem Regal zog und seinen linken Fuss drauf stellte. Die Höhe sei perfekt zum Gitarrespielen, meinte er. Wir belassen es dabei, Agnès soll ihn inspirieren.
Als ich sie vor mehreren Jahren am Filmfestival Locarno an einer Festtafel entdeckte, war ich total aufgeregt, zögerte, zu ihr hinzugehen. Doch schon erhob ich mich, und ich erinnere mich ganz genau an den Augenblick, als sie mich erblickte. Ihre Augen waren neugierig. Ich bückte mich zu ihr, meine Worte waren einfach, aber klar: «Merci, Agnès! Comme femme et réalisatrice, vous m’avez donné du courage.» Damals gab es die #MeToo-Debatte noch nicht, ich hatte Angst, sie fände meine Worte kitschig. Sie sah mich an und lächelte keck. Meinem Sohn werde ich bald «Les Glaneurs et la Glaneuse» zeigen, apropos Fridays for Future, und so bleibt Agnès Varda in unserem Alltag lebendig.
Andrea Staka
Andrea Staka ist Filmemacherin in Zürich.
Die Stopplerin
Von der Cinéphilie der männlichen Protagonisten der Nouvelle Vague hat sich Agnès Varda stets sorgsam distanziert. Ihren Erstling, «La Pointe courte» (1955), wollte sie gedreht haben, ohne viel Zeit im Kino verbracht zu haben. Eine Geste der Verselbstständigung, und mehr als das. In «Les Glaneurs et la Glaneuse» (2000) sichtet Varda im Magazin eines französischen Provinzmuseums Variationen auf Jean-François Millets «Les Glaneuses», ein Gemälde mit Stopplerinnen, die ein gemähtes Feld nach essbaren Resten absuchen. «Es ist, als würde ich dein Selbstporträt filmen», sagt Varda zu Jane Birkin in «Jane B. par Agnès V.» (1987). In der Figur der Stopplerin findet Varda, die «glaneuse» des Titels, ihr Selbstporträt.
2016 sprach ihr die Stadt Frankfurt als erster Filmkünstlerin den Max-Beckmann-Preis zu. Vardas Dankesrede im Festsaal des Städel-Museums war eine virtuelle Führung durch die Sammlung des Hauses, die sie erkennbar aus eigener Anschauung kannte. In den Städel, kein Provinzmuseum, aber auch nicht der Louvre, war sie nicht erst gekommen, um einen Preis abzuholen. Die Stopplerin war eine Kennerin. Und die Kennerin war eine Stopplerin: Die Geschichte der Kunst war ihr Feld von liegen gebliebenem Saatgut, das sie auflas und mit dem sie das Feld ganz neu bestellte.
Vinzenz Hediger
Vinzenz Hediger ist Professor für Filmwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt.
Die Lichtfängerin
Jede Cineastin hat ein Licht, das ihr als Referenz dient. Ursprüngliche Farben, die sie ihr ganzes Leben lang begleiten, Film für Film, wie ein Faden, der sie mit dem Ursprung ihres Begehrens verbindet. Für Agnès Varda war es das Licht von Sète, wie die Sonne den Mont Saint-Clair unterwirft und den Étang de Thau genauso kräftig leuchten lässt wie das Mittelmeer. Ich teile mit ihr diese ockerfarbene Wärme, gemildert vom Mistral und von der Meeresgischt, die so besonders ist in dieser Stadt in Südfrankreich.
Für Varda fand diese Begegnung mit der Schönheit in La Pointe courte statt, dem Fischerdorf am östlichen Ende der Stadt. Dieser Fischereihafen hat etwas Verbrauchtes, etwas Zeitloses, wie Vardas Filme. Die Fassaden von der Sonne gebrannt, die Trottoirs eingedrückt von den Autos, die sich durch die engen Gassen zwängen. Aber es gibt auch Grossartiges in den Stimmen aus dem Fischmarkt. Die Liebe zu gebrochenem Französisch, zu Worten in südfranzösischem Akzent, die Stimmen der Frauen, die am Samstagmorgen die Marktstände regieren. Ich mag Vardas Filme, weil sie die Art und Weise in sich tragen, wie die Sonne von Sète die Landschaften offenbart und die Körper, die sie durchqueren: indem sie sie einer wohlwollenden Kraft unterwerfen. Das Gestirn Varda erstrahlt nun im Weltkino wie die Sonne von Sète im Netz der Fischer.
Lionel Baier
Lionel Baier ist Filmemacher und Leiter des Departements Film an der Kunsthochschule in Lausanne.
Die Neugierige
Hände. Diejenigen von Agnès Varda, die mit ihrer (neuen) kleinen Digitalkamera mit der einen Hand die Untätigkeit der anderen filmen kann oder im Gegenteil ihre Versuche, Lastwagen zu erwischen. Auch die der Menschen, die sie filmt, wie sie sammeln oder ernten, aus freier Wahl oder aus Notwendigkeit. «Les Glaneurs et la Glaneuse» ist ein emblematischer und eindrucksvoller Film dieser grossen Frau und Filmemacherin, weil er die tausend Facetten ihres Werks so gut verkörpert – und ihres Lebens, weil beides ständig und unerbittlich miteinander verflochten ist. Sozial, geografisch, historisch, künstlerisch ist es eine freie und höchst beredte Reise aus politischer Sicht: Stets auf der richtigen Höhe, sammelt Varda Bilder von marginalisierten Männern und Frauen und von einer Zeit, die verschwunden war oder kurz davor stand, zu verschwinden. Neugierig und wohlwollend scheint sie sie auszustrecken, diese Hand, nimmt selbst Präsenz an im Bild, damit sie sich denjenigen, die sie ansieht, besser nähern kann.
Emilie Bujès
Emilie Bujès ist künstlerische Direktorin des Filmfestivals Visions du Réel in Nyon.
Die Freundin
Ich war achtzehn oder so, als Claudine und ich auf dem Boden eines Nachtzugs nach Paris fuhren. Wir hatten ein Ziel: das Grab von Jim Morrison auf dem Friedhof Père Lachaise. In der Morrison-Biografie «Keiner kommt hier lebend raus» war ich erstmals über Agnès Varda gestolpert. Dass sie Jim Morrison in Paris kurz vor seinem Tod noch gesehen habe und auch zur winzigen Trauergemeinde an der Beerdigung in diesem schönen Park gehörte.
Ich wurde also neugierig, als kurz darauf in der Kinosendung des Schweizer Fernsehens «Sans toit ni loi» vorgestellt wurde, es hörte sich irgendwie an wie «Ni dieu ni maître». Ich fuhr also mit meinem Moped ins Atelierkino in Luzern und sah Mona, so jung wie ich, en route. Bilder, die ich nie vergessen werde: lange Travellings in tristen französischen Landschaften. Mona mit ihrem Rucksack, in dem sie ihr Zelt und all ihre letzten Habseligkeiten mit sich trägt. Die ins Bild hineinläuft, eine Weile von der Kamera begleitet wird, und dann wieder aus dem Bild hinaus, der Kamera und unseren Augen entwischt. Sich von nichts und niemandem festhalten lässt. Zwei, drei Jahre später tauchte Jim wieder auf, auf der Tonspur von «Jane B. par Agnès V.».
Es ist wohl kein Zufall, dass ich Agnès hier mit dem Vornamen anspreche. Sie hat in ihren Filmen ihre Familie und Freundinnen selbstverständlich eingebaut und die Zuschauerinnen Teil ihres filmisch-sozialen Raums werden lassen. Agnès war eine Feministin, die für uns jüngere Frauen im Kino einen imaginären Raum schuf, wo wir uns mit anderen Bildern von Liebesglück, Sex und verbotener Liebe, von jungen, schwangeren und auch alternden weiblichen Körpern konfrontiert sahen. Bis zuletzt färbte sie sich ihr Haar rot und kultivierte gleichzeitig etwas vom Schamvollsten, das einem alternden Körper widerfahren kann, den weissen Haaransatz. Auch in dieser Hinsicht war sie Rock’n’Roll.
Monika Dommann
Monika Dommann ist Professorin für Geschichte an der Universität Zürich.
Die Erweckerin
Wenn ich nur einen einzigen Film auf die Insel mitnehmen dürfte, es wäre «Cléo de 5 à 7»! Er ist mein Traumfilm, meine Erweckung in eine neue Filmwelt.
Gerade letzthin hab ich das berühmte Risotto eines Zürcher Kulturpapstes genossen, bin dann aber schnell durch dessen Olivenhaine ins nächtliche Tal zurückgestürzt, um die neu restaurierte Fassung von «Cléo de 5 à 7» auf Arte einzusaugen. Unfassbar, wie leicht und verträumt dieser Film daherkommt und dabei doch diesen dunklen Unterton hat, denn Cléo, die Chansonsängerin, hat zwei Stunden auf einen ärztlichen Befund zu warten.
Wie sie das melancholische Lied in ihrem weissen Studio singt und die Kamera immer näher an sie heranrückt und dabei das Bild immer dunkler wird, wie sie die letzten Worte «sans toi …» flüstert, da kommen mir immer die Tränen. Aber der Film ist ja vorab draussen auf den Pariser Strassen, locker und räumlich höchst raffiniert gedreht und geschnitten, ist im Vergleich zum harten, anarchischen Strassenfilm «A bout de souffle» viel weicher, sonnendurchfluteter, ja im Gegensatz zum blutigen Godard viel vegetarischer oder, höflicher ausgedrückt, leicht wie Patisserie.
Dieser Film hat mir immer viel Mut gegeben, selber fortzufahren, und da die lustige Mutter meines Filmcopains Remo Legnazzi auch Cléo hiess, doch noch ein Schlenker ins Private: Die Aufgabe, den DRS-Jubiläumsfilm anhand einer Nacht mit dem Nachrichtensprecher Max Rüdlinger von den Abend- bis zu den Morgennachrichten zu gestalten, hätte also auch «Max von 17 bis 7 Uhr» heissen können. Es wurde dann «E nachtlang Füürland», das grosse Vorbild war uns aber immer vor Augen, die grosse, kleine Cléo Varda.
Chapeau! (Ihr wichtigstes Requisit!)
Clemens Klopfenstein
Clemens Klopfenstein ist Filmemacher in Bevagna.