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Fremantle im Südwesten Australiens: In der Hafenstadt am Indischen Ozean lebt und arbeitet eine Autorin, die Herausragendes geleistet hat: die 85-jährige May O’Brien.
Klein und zart wirkt sie in ihrem blauen Kleid mit den Blumenmustern, dem grauen, krausen Kurzhaar, dem gewinnenden Lächeln im Gesicht.
Die gestohlene Generation
May O’Brien ist ein Kind von Aborigines und wuchs ab ihrem fünften Lebensjahr unter Weissen auf. Sie lässt eine längst vergangene Zeit Revue passieren.
«Die Weissen dachten, wir seien der Staub der Erde. Sie sahen auf uns wie zu Hunden herab.» Und doch sieht sie alles andere als verbittert aus.
Vor ihr liegen ihre Kinderbücher, die sie seit den 1990er-Jahren geschrieben hat. Daneben Schwarz-Weiss-Aufnahmen aus den 1930er-Jahren.
May O'Briens Gesicht bekommt noch immer einen empörten Ausdruck, wenn sie sich die Ungerechtigkeiten ihrer Kindheit vor Augen führt. May wuchs im Herzen der Eastern Goldfields auf, einer Outback-Region im westaustralischen Busch.
O’Brien ist ein Kind der «Stolen Generation», die auf eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren australischen Geschichte verweist: Von 1910 bis 1970 wurde ein beträchtlicher Teil der Aborigine-Kinder, besonders die mit gemischtrassiger Herkunft, zwangsweise in Heime eingewiesen oder zur Adoption durch Weisse freigegeben.
Entwurzelung und Entfremdung
Das Ziel war, sie der «weissen Lebensweise» anzupassen, die hellhäutigeren Nachkommen für ein Leben im weissen Australien zu assimilieren.
Dies geschah oft auch mit dem Gedanken, die indigene Bevölkerung schrumpfen zu lassen. Die Menschen wurden gezwungen, in für sie gegründete Gemeinden zu ziehen.
Die meisten wurden weit entfernt von denen der europäischen Einwanderer errichtet.
Den betroffenen Familien waren die Hintergründe der Zwangsumsiedlungen zunächst nicht bewusst. Sichere Unterkünfte, eine bessere Versorgung, Erziehung für ihre Kinder – das alles erschien ihnen attraktiv. Die Konsequenzen wurden erst später sichtbar: Entwurzelung und Entfremdung.
Fabeln mit klaren Botschaften
O'Brien selbst verbrachte zwölf Jahre in der Mount Margaret Mission und wurde dann auf die höhere Schule nach Perth geschickt. Dort entdeckte sie ihre Liebe zur Sprache und Literatur.
Diese Kindheitserfahrungen sind in ihre Arbeiten miteingeflossen, sagt May O’Brien. Ihre Kinderbücher haben sie in Australien bekannt gemacht. Erzählungen, die als Fabeln stets eine klare Moral haben.
In den «Bawoo Stories» geht es zum Beispiel darum zu zeigen, dass Hochmut den Charakter verdirbt und zum Verlust von Macht und Ansehen führt.
Jahrzehntelang gab es in der australischen Gesellschaft kein Verständnis, keine Empathie dafür, wie schwierig das Leben für die Kinder der «Stolen Generation» war. May O’Briens Geschichten thematisieren das auf leichte, aber auch ernste Weise.
May O’Briens Kinderbücher spiegeln das traditionelle Leben im Outback, so wie es die Autorin noch erlebt hat. Sie sollen Kindern die Natur und ihren Lebensraum erklären, den es für viele in der heutigen Zeit nicht mehr gibt.
Kämpferin gegen Rassismus
25 Jahre lehrte May O´Brien an Grundschulen Westaustraliens, wurde Leiterin für «Aboriginal Education» der Regierung und zuständig für die Bildungsanstrengungen gegenüber der indigenen Bevölkerung.
Darüber hinaus schrieb sie weiter Bücher – neben den Kinderbüchern auch Lehrmaterial für Schulen, Abhandlungen zu indigenen Themen wie Assimilierung und Geschichte der Aborigines, zu Rassismus und Feminismus.
Vom Staubkind zur geehrten Intellektuellen
Mays Leben war voller Brüche und Wechselbäder: Im Outback unter ärmsten Bedingungen geboren, aufgezogen von weissen Missionsschwestern nach westlichen Ideen, Universität in der Millionenstadt Perth als eine von ganz wenigen indigenen Studenten, Karriere in der Schulverwaltung und später in der Politik.
Schliesslich Anerkennung auf nationaler Ebene und internationale Ehrungen. Eine einmalige Karriere in Australien.