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Margareth Busby als Mädchen (unten links) mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder Robert in Indien (Bild: zVg).
Margareth Buhl-Busby wuchs in Indien auf, als es noch eine britische Kolonie war. Sie lebte mit ihrem Mann auf vier Kontinenten, zum Schluss in Thalwil. Wenige Wochen, bevor die Palliaviva-Patientin starb, konnten wir sie noch über ihr Leben befragen.
Die 79-jährige hat etwas Damenhaftes, auch wenn Sie mir auf dem Sofa gegenüber in kariertem Pijama und einem gestreiften Morgenmantel Platz nimmt. Ihr Haar ist nach hinten gekämmt. Ihre Haut ist braun gesprenkelt. Ihre sanften Augen blicken mich interessiert an.
Frau Buhl-Busby, wo haben Sie überall gelebt?
In England, in Indien, in Saudi-Arabien, in den USA und in Deutschland. Mein Mann, ursprünglich Deutscher, war Bauingenieur und Architekt. Grosse Schweizer Baufirmen haben ihn auf der ganzen Welt eingesetzt. Ich habe ihn überallhin begleitet.
Was haben Sie in diesen Ländern gemacht?
Meine Hobbys gepflegt: Ich spreche viele Sprachen, neben Deutsch und Englisch, auch Spanisch, Portugiesisch, Italienisch und Französisch. Ausserdem spiele ich klassische Gitarre. Ich war auch für viele Einladungen verantwortlich. Wir luden andere Ehepaare ein, die wie wir wegen der Bauprojekte im Ausland lebten. Das war eine schöne Zeit.
Wo hat es Ihnen am besten gefallen?
In Deutschland, weil ich dort einer sehr interessanten Arbeit nachging. Ich begleitete als Reiseleiterin Gruppen auf Reisen durch ganz Europa, häufig waren das Berufspersonen, zum Beispiel Architekten.
Wo haben Sie und Ihr Mann sich kennengelernt?
Ich bin in Indien aufgewachsen, als es noch eine britische Kolonie war. Als 18-Jährige sang ich in einem Jazz-Quartett. Wir traten regelmässig in einem Tanzcafé auf, in dem mein Mann täglich Gast war. Eines Tages fragte er mich, ob ich mit ihm einen Kaffee trinken wolle. Ich sagte «ja, aber erst in der Pause». Ich war 18 Jahre alt, und er war 13 Jahre älter als ich. Er wusste sofort, was er wollte, nämlich mich heiraten. Ich war mir zu Beginn noch nicht sicher. Ich war nicht verliebt. Er sagte: «Das macht nichts, die Liebe wird kommen.»
Und? Kam sie?
(Sie weint – und nickt.) Er war mein Leben, er war so ein guter Mann. Wir passten wunderbar zusammen. Er war der Praktiker, der mit beiden Füssen auf dem Boden stand. Ich war eher die Träumerin, war für Literatur und Musik zuständig. Es steckt viel von ihm in diesem Haus (blickt sich um). Wir konnten es 1968 günstig kaufen, weil es alt und baufällig war. Unter seiner Regie wurde dieser Salon zum Garten hin angebaut. Vor sechs Jahren starb mein Mann.
Woran ist er gestorben?
Wohl einfach am Alter. Er war 86 Jahre alt und lebte im Alterszentrum Serata. Als er dort einzog, wünschte er als erstes, dass sie die Betten anders hinstellen im Zimmer. Als ich einmal dort sass, ging mir ein Licht auf. In dieser Position konnte er durchs Fenster unser Haus sehen. Er hatte einen ruhigen und schönen Tod.
In einer anderen Welt
Das Haus an der Kirchbodenstrasse in Thalwil ist von der Strasse her gesehen ein eher unscheinbares Gebäude wie die Einfamilienhäuser in der Nachbarschaft. Betritt man es, wähnt man sich in einer anderen Welt und in einer anderen Zeit. Ein dunkles Grün oder Rostrot an den Wänden, edle Stilmöbel, Accessoires im kolonialistischen Stil. An mehreren Orten stehen üppige Blumenbouquets.
In welchem Milieu sind Sie in Indien aufgewachsen?
Mein Vater war Brite, meine Mutter hatte indische und britische Wurzeln. Wir Menschen gemischter Herkunft orientierten uns stark an den Engländern: an ihrer Sprache, ihrer Religion und ihrer Kultur. Im Gegenzug wurden wir von den Engländern bevorzugt. Mein Vater war Offizier bei der Eisenbahn, wir lebten sehr privilegiert, in einem grossen Haus mit grossem Garten, hatten Bedienstete. Ich besuchte englische Klosterschulen. Zur Zeit, als ich meinen Mann kennenlernte, erlangte Indien die Unabhängigkeit. Meine Eltern kehrten nach London zurück, wo mein Mann und ich auch heirateten. Heute bereue ich, dass ich mich nicht stärker mit der indischen Kultur und Sprache auseinandergesetzt habe. Jetzt, wo ich Zeit und Lust dazu hätte, macht mir meine Krankheit einen Strich durch die Rechnung.
In ihrem Reich bleiben
Margareth Buhl-Busby leidet an Brustkrebs, der bereits in die Knochen und ins Gehirn gestreut hat. Momentan lebt ihr Bruder, der eigentlich in Genf wohnt, bei ihr und betreut sie eng. Die Spitex Zimmerberg kommt drei Mal pro Tag vorbei, Palliaviva alle ein bis zwei Wochen. Weil die Patientin unerwartete Schwächen hat, braucht sie Hilfe beim Treppensteigen. Ihr Schlafzimmer liegt im unteren Stockwerk. Sie selbst meint, sie schaffe es alleine zu Hause. Alle anderen sind der Meinung, sie brauche eine 24-Stunden-Betreuung, die ihr auch Medikamente verabreichen kann. Allmählich freundet auch sie sich mit diesem Gedanken an, eine Betreuerin ins Haus zu lassen. Denn ihr Reich verlassen und in ein Pflegeheim ziehen möchte sie noch nicht.
Wie sind Sie in der Schweiz gelandet?
Die Baufirmen, die meinen Mann beschäftigt haben, hatten ihren Hauptsitz hier. Ausserdem kamen wir früh zum Skifahren in die Schweizer Berge. Meinem Mann war es sehr wichtig, dass ich das ebenfalls lerne. Auf der Skipiste stritten wir übrigens viel (sie lacht). Ich fand es unlogisch, dass ich den Talski belasten und etwas so Schwieriges wie die Spitzkehre lernen musste. Weit und breit niemand auf der Piste machte Spitzkehre! Später war ich froh, dass er mich gezwungen hat. Es ist schön, wenn man ein gemeinsames Hobby hat. Wir sind auch viel gewandert zusammen.
Worauf sind Sie stolz in Ihrem Leben?
Unser Kindermädchen in Indien und unser Butler heirateten und hatten vier Söhne. Es war die Idee meines Mannes, dass wir ihnen eine Ausbildung finanzieren. Sie leben jetzt alle in Australien, haben alle studiert. Das macht mich schon zufrieden.
Was bedeutet für Sie Lebensqualität?
Am Morgen im Bett die Zeitung zu lesen, um 11 Uhr zum Apéro ein Glas Cava zu trinken, ein schönes Buch zu lesen …
Sie sind jetzt 79 Jahre alt. Was raten Sie mir als 44-Jähriger?
Show your Affection! Seien sie offen und zeigen Sie, wenn Sie jemanden gerne haben. Helfen Sie anderen, wenn Sie können.
Kurz nach diesem Gespräch wurde Margareth Buhl-Busby immer verwirrter und schwächer. Sie starb am 20. Februar 2021 zu Hause, eng betreut von Ihrem Bruder und seiner Frau, der Spitex und Palliaviva. Unser herzliches Mitgefühl gehört ihren Angehörigen und Freunden.