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Empfinden und Denken – das Öffnen des Fächers – Ergänzung zu Simone Weil
Ergänzung zu Simone Weil:
Empfinden und Denken – das Öffnen des Fächers[1]
„Nur das Begehren kann unser Erkenntnisvermögen führen. Und um etwas zu begehren, müssen Lust und Freude da sein. Unsere Verstandeskräfte wachsen und bringen ihre Früchte nur in der Freude[2]“.
Was Simone Weil in einer kleinen Abhandlung als Voraussetzung des Erkennens festhielt, ist im Versuch, ihre Geschichte zu verstehen, aufwühlend. Sie bezeichnet das „Begehren“ – “le désir”[3] – und die damit verbundene „Freude“ als Voraussetzung des Denkens. Die „Réflexions“, aus denen ich eben zitierte, verfasste sie neben zahlreichen anderen Aufsätzen, neben Briefen und Gedichten 1941/42, in den kurzen Monaten ihres Aufenthalts in Marseille, wohin sie aus Paris unter heftigem Widerstand nach der Besetzung Frankreichs durch Hitler fliehen musste, in diesen Zwischenort der Flucht, den sie ebenso widerstrebend in Begletung ihrer Eltern wieder verlassen musste, um über Casablanca nach New York zu gelangen, von dort allein noch im gleichen Jahr, im November 1942, wieder zurück in die Nähe Frankreichs, nach London, in den Kreis der französischen Exilregierung, wo sie jedoch keinen Ort fand, der ihrem „Begehren“ entsprach, keine „Freude“, sodass sie weiterflüchtete, in den Hunger, in den Tod. Im August 1943, mit 34 Jahren, starb sie unter den Folgen der zunehmenden Verweigerung von Nahrung.
Diese letzte, definitive Flucht stellt viele Fragen. Warum konnte Simone Weil die philosphischen Erkenntnisse, die sie in ihren theoretischen Werken mit grosser Intensität vermittelt, nicht existentiell umsetzen? Warum liess sie nicht zu, das, was sie denkend mit Klarheit erkannte, als gefährdenden Widerspruch der eigenen Erfahrungen und Empfindungen, als sich zuspitzenden Mangel an Freude zu spüren? Warum floh sie vor der Möglichkeit, das eigene psychische Leiden zu erkennen, in die philosophischen Theorien ihres letzten Buches (unter dem Titel „Enracinement“[4]), worin sie die mit moralischen Pflichten verbundenen Bedingungen des menschlichen Zusammenlebens formulierte, jedoch sich selber, ihr eigenes Leben, zugleich mit sich verengenden charismatischen Regeln verband?
In den erwähnten „Réflexions“ über Schule und Studium hielt Simone Weil die Methode und das Ziel der inneren Flucht fest: „Der Geist soll hinsichtlich aller besonderen und schon ausgeformten Gedanken einem Menschen auf einem Berge gleichen, der vor sich hinblickt und gleichzeitig unter sich, doch ohne hinzublicken, viele Wälder und Ebenen bemerkt. Vor allem soll der Geist leer sein, wartend, nichts suchend, aber bereit, den Gegenstand, der in ihn eingehen wird, in seiner nackten Wahrheit aufzunehmen.“ Was sie darunter verstand, war letztlich die mystische Erkenntnis des Göttlichen. Aber warum verweigerte sie jede Umsetzung von „Begehren“ auf die körperlichen und psychischen Bedürfnisse des lebendigen Lebens? Warum liess sie nicht zu, dass ihr Wissen sich als kreative Vernunft zu Gunsten ihrer selbst umsetzte? – warum verweigerte sie jede Art von Skepsis gegenüber ihrer inneren Flucht?
In den langen Jahren meiner philosophischen Arbeit – sie begannen mit der auf Simone Weil[5] bezogenen „Logik des Absurden“ und setzten sich in zahlreichen weiteren Studien fort – faszinierte mich neben dem theoretischen Erkenntnisbereich und der spezifischen Besonderheit philosophischer Werke immer zugleich die Untersuchung der komplexen Herkunfts- und Existenzbedingungen, auch der gesellschaftspolitischen Hintergründe von Denkerinnen und Denkern, die in der gleichen Zeit lebten. Das 20. Jahrhundert, Simone Weils Zeit, war eine Zeit der extremen Gefährdung menschlichen Lebens. Flucht drängte sich auf – aber, was bedeutete Flucht? Keine generelle Antwort ist möglich.
Rosa Luxemburg, zum Beispiel, wusste um die sich zuspitzende Bedrohung und warnte in ihren letzten Schriften vor der gewaltbesetzten Entmenschlichung, doch eine sie rettende Flucht gelang ihr nicht. Sie wurde ermordet, als Simone Weil zehn Jahre zählte. Hannah Arendt erschreckte die Notwendigkeit der Flucht nicht, weder von Deutschland über Prag und Genf nach Frankreich, noch von Paris und Gurs über Portugal in die USA, solange sie nicht um die systematische Tötung ihres Volkes wusste; während Jahren verband sie Flucht mit kreativen Entfaltungsmöglichkeiten der Freiheit, im Denken wie in Begegnungen, in welchen das Begehren auf vielfältige Weise geöffnet und erweitert wurde. Auch Margarete Susman gelang es, noch vor dem Krieg aus Deutschland in die Schweiz zu flüchten, als philosophisch Denkende mit Klarheit wie als empfindungsmässig Hungrige mit tiefer Niedergeschlagenheit, jedoch ohne Verdrängung und ohne versteifende Fixierung auf theoretische Arbeit. Simone Weil aber konnte/wollte die dringliche äussere Flucht nicht akzeptieren, da sie ihr Jüdischsein nicht akzeptieren mochte, so dass sie eine sich zuspitzende innere Flucht vor dem weiblichen Menschsein ins reine Denken wählte.Ich werde mich auf die verhängnisvollen Auswirkungen der inneren Flucht Simone Weils konzentrieren, auf die Bedeutung der Empfindungen und auf das Bild des Fächers eingehen, anschliessend zu klären versuchen, was ich unter kreativer Vernunft verstehe.
Denken – Flucht vor den Empfindungen?
Während meiner philosophisch-analytischen Arbeit wurde mir zunehmend bewusst, dass das Denken als itellektuelle Möglichkeit des Erkennens nicht genügt, wenn es als Flucht vor den Empfindungen benutzt wird. Das mag auf verschiedene Weise so sein, zum Beispiel, wenn infolge der Sprachabhängigkeit des Denkens ausschliesslich die Befolgung der damit verbundenen grammatikalischen und begrifflichen Regeln zum Massstab wird – so bei Ludwig Wittgenstein. Oder wenn das Denken mit leidenschaftlicher Absolutheit auf gesellschaftspolitische Entwicklungen fixiert wird – wie bei Rosa Luxemburg, deren eigene Lebensmöglichkeit dadurch zunichte ging. Oder wenn das Denken schliesslich mit dem selbstvernichtenden Vollkommenheitsbild eines unmenschlich-charismatischen Erkenntnisziels verknüpft wird – wie bei Simone Weil.
Denken kann eine kreative, innere Architekturmöglichkeit des Erkennens und Wissens sein, wenn es einerseits die Skepsis vor dem ausschliesslich strukturellen Intellekt und dem dadurch ermöglichten Erkennen zulässt, andererseits den weiten Fächer der Empfindungen, die, auf spürbare Weise mit bedürfnismässigen, körperlichen und psychischen Erfahrungen verbunden, häufig jedoch ins Unbewusste verdrängt werden. Empfindungen entsprechen der weiten Schicht der Gefühle, die sich im komplexen Zusammenhang der Erfüllung, Enttäuschung oder Verletzung zentraler Bedürfnisse entwickelt haben, häufig in Verbindung mit der weit zurückliegenden Herkunftsgeschichte oder mit den Erfahrungsgeschichten der Eltern und Ahnen.
Was bedeutet das Bild des Fächers als Möglichkeit des Erkennens der Empfindungen?
Mit der Vielzahl von Teilen, die sich im Kern zusammenschliessen, stellt der Fächer ein Bild der Psyche dar, die mit ihren zahlreichen Strukturen und Stufen das menschliche Leben im Verborgenen bewegt. Die Hand, die den Fächer hält, widerspiegelt die Stärke der körperlichen Lebendigkeit, mit der schützenden Haut und dem unter der Haut alles belebenden, wärmenden Blutkreislauf, in Verbindung mit den Atemfunktionen und dem Organ der Nahrungsverarbeitung, mit den sinnlichen Wahrnehmungs- und Vermittlungsbefähigungen, auch mit den intellektuellen Verarbeitungs– und Schöpfungsmöglichkeiten. Hand und Fächer sind somit ein Abbild des komplexen Potentials der subjektiven wie der zwischenmenschlichen, resp. der beziehungsmässigen Verbindungen, im Stärkenden wie im Leidvollen, Schwierigen oder traumatisierend Belastenden. Wird der Fächer geöffnet, zeigt sich, dass eventuell einzelne seiner Teile verklebt oder verletzt sind, andere offen, vom zusammengehaltenen, zentralen bis zum weit entfalteten Bereich.
Alle Teile ds Fächers durch Selbstfindung und Selbstzustimmung zur Selbstentfaltung zu bewegen, ist nicht leicht. Es geht dabei um das Aufdecken und Wecken von Verdrängtem und Verborgenem, um das Erkennen und das Verarbeiten von Ängsten, nicht zuletzt der Angst vor der vielseitig spürbaren Kraft des Begehrens – des Eros. Wenn dies gelingt, kann sich eine stärkende geistige „Atemfähigkeit“ entwickeln, welche das Lebenspotential wieder spürbar werden lässt, d.h. eine klärende Untersuchung der ins Unbewusste verdrängten Hintergründe der inneren Flucht und zugleich eine aufmerksame Dialogik von Psyche und Intellekt, von Empfinden und Denken, vielleicht vergleichbar dem wunderbaren Atem, den der reale, durch die haltend Hand bewegte Fächer ermöglicht.
Wie aber kann die innere Dialogik zustandekommen?
Interessanterweise verweist Simone Weil als Methode auf die „Aufmerksamkeit“, worauf sie sich, vom Begriff her, auf Anna Freud abstützt. Während jedoch Anna Freud von der „schwebenden Aufmerksamkeit[6]“ spricht, dank welcher sich eine „starke Erinnerungsfähigkeit“, auch eine „innere Wachheit“ bemerkbar machen, somit eine aktive, „schwebende“ Annäherung an das Verborgene, eventuell gar an das Fremde im Menschen, das mit den Empfindungen verbunden ist, bezeichnet Simone Weil die „Aufmerksamkeit“ als „Anstrengung, vielleicht die grösste von allen, aber sie ist eine negative Anstrengung. (…) Die Aufmerksamkeit besteht darin, das Denken auszusetzen, den Geist verfügbar, leer und für den Gegenstand offen zu halten, die verschiedenen, bereits erworbenen Kenntnisse, die man zu benutzen genötigt ist, in sich, dem Geist zwar nahe und erreichbar, doch auf einer tieferen Stufe zu erhalten, ohne dass sie ihn berühren.“
Simone Weils Erklärung der „Aufmerksamkeit“ macht deutlich, was sie darunter versteht: dass jedes angestrebte Wissen ein Geheimnis ist, wie das verborgene Fremde im Menschen, wenn das Denken sich nicht zurückzieht –im Sinn einer „negativen Anstrengung“ – und dadurch einen Raum öffnet, in welchem das Unbekannte sich nähert. Interessant ist, dass die enorme Differenz zwischen Anna Freud und Simone Weil in der Deutung von „Aufmerksamkeit“ nicht nur mit der theoretischen Wissensdifferenz zwischen einer Psychoanalytikerin und einer Philosophin verbunden ist, sondern schon mit der Sprache. Die Differenz der Sprache ist von grosser Bedeutung. Während Simone Weils „attention“ mit „attente“ verknüpft ist, d.h. „Aufmerksamkeit“ mit „Warten“, findet sich für Anna Freud in der Vielzahl der im Deutschen üblichen Begriffsdeutungen von Aufmerksamkeit eine Nähe zu „sich merken“ und zu „Wachheit“. Die unterschiedliche Bedeutung von „Aufmerksamkeit“ lässt die enorme Differenz der hinter der Sprache, resp. hinter Begriffen sich im Unbewussten verbergenden persönlichen Erfahrungen ahnen. Wiederum: wie geht das Denken damit um?
Ich erwähnte schon, dass die kreative Vernunft (wie ich sie verstehe) die Vielfalt der verborgenen, aber im Empfinden spürbaren psychischen Teile des Geistes mit den im Denken erkennbaren intellektuellen Teilen in eine sich ergänzende Kraft umzusetzen vermag. Die Art und Weise dieser Umsetzung realisiert sich zumeist durch Intuition und durch Fragen. Das Ziel ist die Aufhebung des Widerspruchs zwischen philosophischer Theorie und lebendigem Leben des denkenden Menschen. Das älteste Vorbild ist wiederum Sokrates, der mit dem schrittweisen Fragen sowohl das Denken wie das Empfinden aufweckte und in einen kreativen Erkenntisprozess hinein aktivierte, dadurch aber den Behörden so bedrohlich erschien, dass sie ihn zum Tod durch Gift verurteilten. Die nach Innen gerichteten Fragen verbinden tatsächlich das Denken mit dem Empfinden (wenn dies zugelassen wird), wodurch sich eine schöpferische Kraft des innermenschlichen Gesprächs entfalten kann, im Sinn „aufmerksamer“ Zwiegespräche, die mit dem Aushalten und Stehenlassenkönnen der Differenz verbunden sind, der anderen Argumente und der spürbaren Hintergründe anderer Gefühle – kurz, der Andersheit der anderen Teile des gleichen Menschseins. Was Simone Weil nicht umzusetzen vermochte, war die kreative Zustimmung zur vielfachen Differenz zwischen ihrem wissensbesetzten Denken und ihren flucht- und angstbesetzten, mit Theorien zugedeckten Empfindungen.
Das Öffnen des Fächers entspricht somit einer spürbaren Notwendigkeit, die Angst vor den verborgenen Empfindungen zu klären. Sokrates hat bekanntlich diese Art der inneren Dialogik als ein gegen- und wechselseitiges Fragen und Zuhören initiiert, im inneren Gespräch zwischen Geist und Eros, so wie im äusseren Gespräch zwischen denkenden Menschen. Da Eros dem „Begehren“ in einer Vielfalt von Deutungen entspricht, auch jener, die Simone Weil als Bedingung des Erkenntnisvermögens bezeichnet, kann Eros sowohl der Kraft des Empfindens wie jener des Denkens nahestehen, ohne dass Sicherheit bestände, dass das Begehren erfüllt wird. Simone Weil konnte die umfassende Bedeutung des Eros nicht zulassen, auch nicht das klärende Verstehen ihrer Gefühle. Die versteifende, einengende Unsicherheit kommt der Verzweiflung nahe, die sie zum Tode führte.
Die Frage, die sich stellt, ist, wie die skeptische Kraft des Denkens unter Einbezug der Empfindungen eingesetzt werden kann, damit menschliches Leben nicht länger als unnütz, als lästig, als überflüssig erklärt werden kann. Die Beantwortung der Frage kann nicht innerhalb eines einzigen Systems gefunden werden. Die kreative Vernunft mag das Potential des psychischen Mutes sein. Dies ist nicht eine Utopie, sondern ein dringliches Projekt – dringlich wegen der vielen Menschen, die das Leiden, die Demütigung des Ausgeschaltetwerdens, die erzwungene Flucht und die Zukunftsangst nicht mehr ertragen. Die suizidale Zuspitzung von Simone Weils Leben mag ein Beispiel dieser Dringlichkeit sein.
[1] Neu überarbeitete Version einer Untersuchung, publiziert in: Wissen Macht Geschlecht / Knowledge Power Gender. Philosophie und die Zukunft der “condition féminine” / Philosophy and the Future of the “condition féminine”. Hrsg. Birgit Christensen u.a.m. Chronos Verlag, Zürich 2002, S. 406-411
[2] „Réflexions sur le bon usage des études scolaires en vue de l’amour de Dieu“. Erstmals veröffentlicht durch J.M.Perrin in „Attente de Dieu“, Editions de la Colombe, Paris 1950. (Betrachtungen über den rechten Gebrauch des Schulunterrichts und des Studiums in Hinblick auf die Gottesliebe, in: „Das Unglück und die Gottesliebe“. Übersetzung ins Deutsche durch Friedhelm Kemp. Kösel Verlag, München 1953).
[3] cf.
[4] Enracinement. Prélude à une déclaration des devoirs envers l’être humain. Gallimard, 1949.
[5] Maja Wicki. „Simone Weil. Eine Logik des Absurden“. Paul Haupt Verlag, Bern/Münschen 1983. – Von den notwendigen und nicht-notwendigen Widersprüchen einer freiheitlichen Gesellschaft. In: Wege des Widerspruchs. Willi Goetschel/John G. Cartwright/Maja Wicki (Hg.), Paul Haupt-Verlag, Bern/München 1984. – Ethik der Kommunikation und des politischen Handelns. In: Geschichte der euen Ethik. Annemarie Pieper (Hg.). Francke Verlag, Tübingen/Basel 1992. – Beiträge zu einer Philosophie der Dialogik im Werk von Rosa Luxemburg, Simone Weil und Hannah Arendt. In: Perspektiven der Dialogik. Zürcher Kolloquium zum 80. Geburtstag von H.L.Goldschmidt. Willi Goetschel (Hg.), Passagen Verlag, Wien 1994. – Dialektik der Natalität. Emanzipation und Assimilation. Hannah Arendts Auseinandersetzung mit der „condition juive“. In: MOMA, 9.1996. – Irdischer Heimat verirrter Schein. Margarete Susman. Exil als Chance. In: Siehe, ich schaffe Neues. eFeF-Verlag, Bern 1998. – Handlungen, die wie Hebel hin zu mehr Wirklichkeit sind. Wie funktioniert das? – In: Simone Weil. Ein Leben gibt zu denken. Wolfgang W. Müller/Imelda Abbt. Eos-Verlag, St.Ottilien, 1999.
[6] Anna Freud. Das Ich und die Abwehrmechanismen. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1994