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Kirche Peter und Paul in Leutmerken
Die erste Erwähnung einer Kirche in Leutmerken in den heute bekannten Quellen, datiert auf das Jahr 834. Es ist jedoch davon auszugehen, dass sie dort schon länger stand. Leutmerken und die benachbarten Gebiete gerieten durch Landschenkungen zwischen 850 und 1150 zunehmend in den Einflussbereich des mächtigen Klosters St. Gallen.
Ab dem 12. Jahrhundert waren der Weiler, und damit auch die Kirche, Teil der Herrschaft Griesenberg. Die im Griesenberger Schloss herrschenden Geschlechter sollten in den nächsten Jahrhunderten auch die Geschichte der Kirche Leutmerken entscheidend mitprägen. Dies zeigte sich erstmals ganz deutlich in den Reformationsjahren im 16. Jahrhundert. Beim Herrschaftsantritt Heinrichs von Ulm war in der Eidgenossenschaft und im Thurgau die Reformation in vollem Gange. Auch in Leutmerken hielt sie Einzug, nicht zuletzt unterstützt durch den neuen Gerichtsherrn, dessen Schwager niemand geringeres als der Konstanzer Reformator Ambrosius Blarer war. Die Altäre wurden aus der Kirche entfernt und der Gerichtsherr nahm Messgewänder und Messgeschirr an sich. Blarer selbst wirkte kurz vor seinem Tod gar selbst für zwei Jahre als Pfarrer in Leutmerken.
Im Jahr 1554 zerstörte ein Blitzschlag die Pfarrkirche Peter und Paul. Der Wiederaufbau begann noch im gleichen Jahr, jedoch wurde auf die Wiedererrichtung des Chors verzichtet. Stattdessen wurde schon zwei Jahre später ein Kirchturm angebaut. Die Baukosten für den Wiederaufbau und die Errichtung des Turms bezahlte der Gerichtsherr.
Nachdem sich der reformierte Glauben im Einzugsgebiet der Kirche zunächst mehrheitlich hatte durchsetzen können, änderte sich dies ab 1607 mit Marx von Ulm, einem Nachkommen Heinrichs grundlegend. Er, in seiner Funktion als Gerichtsherr gleichzeitig auch Kollator der Pfarrkirche in Leutmerken, entschied sich, wieder vom protestantischen zum katholischen Bekenntnis überzutreten. Der Konfessionswechsel erfolgte infolge seiner Verlobung mit der katholischen Barbara Reichlin von Meldegg auf Liebburg. Zuerst liess er für sich und seine Frau, so wie für weitere Katholiken, in der Schlosskapelle den katholischen Gottesdienst wieder einführen. Bald verlangte er aber für den Priester, der die aus neun Haushaltungen bestehende Gemeinde versah, eine Abchurung (Teilung) der Pfründe Leutmerken. Der katholische Priester sollte also aus dem Leutmerker Kirchensatz bezahlt werden, welcher seit beinahe 100 Jahren den Evangelischen ungeteilt zur Verfügung stand. Der evangelische Pfarrer Seemann, welcher Marx von Ulm noch von seiner Konversion abzubringen versuchte, büsste damit die Hälfte seines Einkommens ein.
1609 wurde dem Gerichtsherrn des Weiteren die Totenkapelle bei der Pfarrkirche zur Benützung bei Begräbnissen überlassen. Die Situation sollte sich für die reformierte Gemeinde in den kommenden Jahren aber noch weiter zuspitzen. Im Jahr 1611 wütete von der Heuernte bis in die Wintermonate die Pest im Thurgau. Innerhalb von nur acht Monaten wurde die Hälfte der damaligen Thurgauer Bevölkerung vom schwarzen Tod weggerafft und in den Dörfern und Weilern standen ganze Häuser leer. Alleine in Leutmerken wurden zehn Haushalte komplett ausgelöscht. Der Gerichtsherr Marx von Ulm nutzte diesen Umstand nun, indem er die leer gewordenen Wohnungen aufkaufte, um sie zuziehenden katholischen Familien zu überlassen. Die Massnahme war Teil seiner Bestrebungen, den Anteil an Katholiken in seiner Gerichtsherrschaft massiv zu erhöhen. Auch versuchte er die evangelischen Gemeindebewohner zu einem Glaubensübertritt zu bewegen, was ihm jedoch in den seltensten Fällen gelang. Selbst Dienstboten des Gerichtsherrn leisteten seinen Aufforderungen keine Folge. Da die durch Marx von Ulm angesiedelten Katholiken lediglich den rechtlichen Status von Ansassen innehaben, war es dem Gerichtsherr zunächst nicht möglich, die Wiedereinführung der katholischen Messe in der reformierten Pfarrkirche zu verlangen. Die katholischen Gottesdienste fanden in den ersten Jahren nach seiner Konversion deshalb noch in der Schlosskapelle in Griesenberg statt. 1612 fand er aber schliesslich mit den acht evangelisch gebliebenen Hausvätern der Kirchgemeinde eine Einigung und liess den katholischen Gottesdienst in der Kirche Leutmerken nach fast 100 Jahren Unterbruch wieder einführen. Marx von Ulm versprach den Evangelischen bei dieser Gelegenheit, sie bei ihrem Glauben und Gottesdienst zu belassen.
Im Mai 1612 wurde in der Pfarrkirche wieder ein Altar errichtet. Seither wird die Kirche Peter und Paul in Leutmerken ununterbrochen bis zum heutigen Tag, paritätisch, dh. von beiden Konfessionen, genutzt. Zwei Jahre später stattete der Schlossherr vom Griesenberg die Kirche mit zwei Taufsteinen für Katholiken und Reformierte aus. Einer der beiden Steine erfüllt auch heute, über 400 Jahre später, noch unverändert seine Funktion.
Damit die Messe nach dem korrekten katholischen Ritus abgehalten werden konnte, liess Marx von Ulm 1634 den Chor wiedererrichten. Die Kirche nahm nun äusserlich die Gestalt an, welche sie im Wesentlichen noch heute hat. Am 5. und 6. November 1639 wurde die Kirche durch den Bischof von Konstanz, Johann von Hornstein, geweiht. Die Kirchweihe fand unter grosser Anteilnahme zumindest der katholischen Bevölkerung und der Anwesenheit von viel geistlicher, aber auch weltlicher Prominenz statt. Nach den wechselvollen und teilweise stürmischen Jahren unter Marx von Ulm, kehrten in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wieder etwas ruhigere und friedlichere Zeiten ein.
Am Pilgerweg nach Santiago de Compostela, zwischen Leutmerken und Griesenberg, entstand Anfang des 18. Jahrhunderts die zur katholischen Kirchgemeinde Leutmerken gehörende Kapelle am Hohenweg. Bereits vorher existierte an dieser Stelle ein Bildstöcklein, welches die Pilger zum Beten einlud. Nach 1718 wurde die Pfarrkirche einer weiteren Renovation unterzogen, nachdem seit 1639 deren Unterhalt sträflich vernachlässigt worden war. Die Finanzierung der Arbeiten war dieses Mal stark umstritten. Der Konflikt über die Verteilung der Kosten dauerte bis 1733 an. Der in diesem Jahr geschlossene Vertrag zwischen Zürich als Schutzmacht der Evangelischen im Thurgau, und dem katholischen Gerichtsherrn, in seiner Funktion als Kollator der Pfarrkirche, legte fest, dass künftig alle Bau- und Unterhaltskosten den Katholiken und ihrem Kirchengut allein auferlegt werden sollten. Die Evangelischen durften ihrerseits zu landesüblichen Frondiensten angehalten werden.
Mitte des 18. Jahrhunderts gelangte die Herrschaft Griesenberg kurzzeitig in den Besitz des Standes Luzern. Dieses Verlustgeschäft wurde getätigt, damit der Kirchensatz von Leutmerken nicht plötzlich in reformierte Hände fallen würde. Im Jahr 1836 wurden erneut Renovationsarbeiten an der Kirche durchgeführt. Diese Arbeiten hielt man erstmals in einem schriftlichen Dokument fest, welches man in der Turmkugel deponierte. Fünf Jahre später, folgten mit dem Einbau der Empore und der Verlegung der Kanzel auf die Nordseite, weitere Arbeiten. Im Zuge der Bauarbeiten kam es zwischen den beiden Konfessionen zum Streit über den Ersatz des protestantischen Pfarrstuhles. Dieser hatte wegen des Einbaus der Empore abgebrochen werden müssen und zeigte sich als derart morsch, dass die Wiedererrichtung an neuer Stelle nur mit grosser Mühe möglich gewesen wäre. Auf die Klage von Pfarrer Hasert hin, der Stuhl drohe jedes Mal über ihm einzubrechen wenn er hineinstehe, beantragte die evangelische Vorsteherschaft bei den Katholiken die Anfertigung eines neuen Pfarrstuhles. Der Kostenvoranschlag war der katholischen Seite allerdings zu hoch und so liess diese bei einem Schreiner eine eigene Offerte für einen einfachen Stuhl einholen.
In der Zwischenzeit hatten die Evangelischen ihre Variante des Stuhls bei ihrem Schreiner bereits in Auftrag gegeben, ohne auf die definitive Antwort der Katholiken zu warten. Und so kam es, wie es kommen musste: Als die Reformierten ihren fertigen Pfarrstuhl in der Kirche einbauen wollen, stellte sich heraus, dass die Katholiken „deren“ Stuhl unterdessen ebenfalls schon in Auftrag gegeben hatten. Die Sache musste schliesslich durch die Justiz entschieden werden. Per Beschluss von Bezirk- und Obergericht wurde die evangelische Variante des Pfarrstuhles aufgestellt und die Kosten dem Kirchengut übertragen. Diese Episode zeigt, dass die paritätische Nutzung der Kirche selten konfliktfrei ablief. Sie zwang dadurch jedoch die beiden Konfessionen auch ständig dazu, sich miteinander auseinanderzusetzen und schliesslich Kompromisse zu finden. Die Kirche Leutmerken nahm deshalb gerade wegen solcher Streitigkeiten lange Zeit auch eine wichtige Rolle für das friedliche Nebeneinander von Katholiken und Reformierten im Alltag ein, denn man lernte miteinander umzugehen. Diese Tatsache geht aus heutiger Perspektive, in welcher die konfessionellen Gegensätze kaum mehr eine Rolle spielen, oft etwas vergessen.
Ab 1857 wurden die evangelischen Einwohner der Ortschaften Bissegg, Junkholz und Bänikon in die Kirchgemeinde Leutmerken integriert, nachdem sie vorher über Jahrhunderte den Gottesdienst in Bussnang besucht hatten. Mit der Fusion der reformierten Kirchgemeinden Bussnang und Leutmerken im Jahr 2016 sollte sich dieser Kreis dann wieder schliessen. Nachdem im Jahr 1864 eine Erweiterung des Friedhofes vorgenommen wurde, nahm man 1906 wieder einmal Renovationsmassnahmen an der Kirche selbst in Angriff. Im Kircheninnern wurde der Zugang zur Krypta mit Sandsteinplatten überdeckt und die sich darin befindenden Grabplatten mit einem Belag versehen. Auf diese Grabplatten stiess man 1960 beim Einbau einer Ölheizung wieder. Sie stehen heute als steinerne Zeugnisse der Geschichte Griesenbergs an der Kirchenrückwand und an der Aussenwand des Pfarreiheims. Im Jahr 1967 wurde dann ein weiteres Mal besiegelt, was sich über die Jahrhunderte bewährt hatte: Die beiden Kirchgemeinden entschieden sich für die Beibehaltung der Parität. Ein Vertrag regelt seither die gemeinsame Nutzung der Kirche.
Eine umfangreiche Restauration der Kirche im Jahr 1971 verlieh dem Innenraum das Aussehen welches dieser heute noch aufweist. Im August 2014 feierte die Gemeinde Amlikon-Bissegg mit einem grossen Fest die 1200 Jahre zurückliegende, erstmalige Erwähnung Leutmerkens. Anlässlich dieses Jubiläums machten die Kirchgemeinden auch auf den sanierungsbedürftigen Zustand der Pfarrkirche Peter und Paul aufmerksam. Mitfinanziert durch viele Spenden, konnte die Sanierung im Folgejahr schliesslich in Angriff genommen werden, so dass die Kirche Leutmerken seit dem Frühjahr 2016 wieder in vollem Glanz erstrahlt und ihre Geschichte fortschreiben kann.