Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03594.jsonl.gz/1027

Klassenkampf und Reformpolitik: Die SP Kanton Bern legt an ihrem 100. Geburtstag eine Festschrift zu ihrer Geschichte vor. Von der Gründung als Grütliverein bis zum aktuellen Reformplädoyer – die Festschrift zur Geschichte der Berner SP blickt nicht nur zurück.
Der 1. Mai 1905 gilt offiziell als Gründungsdatum der SP des Kantons Bern. An diesem Tag traten die neuen Statuten des Kantonalverbandes Bernischer Grütli- und Arbeitervereine in Kraft, welcher zuvor der Schweizer SP beigetreten war. Die Gründungsphase wird in der SP-Festschrift denn auch recht ausführlich beschrieben. Robert Aemmer skizziert die vielfältigen Ansätze für eine Arbeiterbewegung im Kanton Bern und zeigt auf, dass die neu gegründete SP nicht homogen war, sondern in eine sozialpolitische, pragmatische und in eine marxistische Richtung zerfiel. Im Jura dominierten zudem anarchistische und syndikalistische Strömungen. In den ersten Jahren erfuhr die Kantonalpartei beträchtlichen Zulauf, und zwar in Städten und Agglomerationen wie auch auf dem Land.
Flirt mit den Jungbauern
Die für die SP wichtige Phase des Eintritts in die Kantonsregierung behandelt Adrian Zimmermann. War die SP auf kommunaler Ebene schon längere Zeit an den Exekutiven beteiligt, so dauerte es auf der kantonalen Ebene etwas länger, obwohl der Kanton Bern seit dem frühen 19. Jahrhundert die Machtteilung zwischen Konservativen und Radikalen praktizierte. In den 1930er-Jahren spekulierte die SP vorerst darauf, mit einer gemeinsamen Liste mit den Jungbauern eine Mitte-links-Regierung anzupeilen. Der Flirt mit den Jungbauern führte jedoch nicht zu einer gemeinsamen Wahlliste, und die SP begnügte sich 1938 mit den zwei Sitzen in der Kantonsregierung, welche ihr die FDP und die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei, die heutige SVP, zugestanden.
In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg spielte die SP die Rolle des Koalitionspartners, der mit den Bürgerlichen die Ziele der Wohlstandsmehrung und des Wirtschaftswachstums teilte. Leyla Gül zeigt in ihrem Aufsatz auf, wie die SP in den Siebzigerjahren mit den Forderungen der 68er-Parteien und der Grünen konfrontiert wurde und wie sie unter dem Einfluss der Neuen Sozialen Bewegungen und des gesellschaftlichen Strukturveränderungsprozesses, der diesen zugrunde lag, von der Arbeiterpartei zu einer gesellschaftskritischen Partei mutierte.
Froschperspektive
Gül illustriert diesen Prozess anhand der Auseinandersetzung der Berner SP mit der Atomenergie und gibt dabei einen guten Überblick über die energiepolitischen Diskussionen im Kanton Bern. Da dieser Prozess von aussen angestossen wurde, fällt die Froschperspektive, die fast alle Beiträge der Festschrift durchzieht, besonders auf. Einflüsse von aussen und Wechselwirkungen zu Bewegungen und Parteien ausserhalb der SP werden nur angedeutet, dann aber richtet sich der Blick sofort wieder auf die Mutterpartei. Ähnliches liesse sich auch für den Aufsatz von Nicole Gysin sagen, die einen interessanten Überblick über die Geschichte der Frauen in der SP gibt. Der Einfluss der neuen Frauenbewegung der Siebzigerjahre wird ausgeblendet, der Fokus richtet sich auf die internen Diskussionen der SP-Frauen.
Wurden die meisten Beiträge aus der Perspektive der Geschichtswissenschaft geschrieben, so äussert sich Rudolf Strahm als engagierter Politiker. Er kritisiert die bürgerlichen Parteien heftig und macht sie für den wirtschaftlichen «Niedergang» des Kantons Bern verantwortlich; die SP dagegen sei «machtlos in der Macht gefangen» gewesen. Strahm skizziert in seinem Beitrag seine Leitplanken für eine zukünftige sozialdemokratische Politik, Postulate, die er vor einem Jahrzehnt schon formuliert hatte und die seinerzeit auch ins «Gurten-Manifest» Eingang gefunden haben. Dabei kann es sich Strahm nicht verkneifen, den «Linksradikalen» in SP und Gewerkschaften gehörig an den Karren zu fahren. Sie stellen für ihn die «tödlichste Gefahr» der Regierungsfähigkeit der Reformlinken dar. Strahms Beitrag hätte mehr Gewicht für die SP-Strategiediskussion erhalten, wenn ihm ein Aufsatz aus der Küche der «linksradikalen» SP-Vertreter zur Seite gestellt worden wäre.
Grimm und Böhlen
Zwei unterschiedliche Porträts von herausragenden Persönlichkeiten runden den Einblick in die SP-Geschichte ab: Bernard Degen porträtiert Robert Grimm, der die linke Politik in Bern und in der Schweiz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts massgebend geprägt hat. Sein Aufsatz ist auch ein interessanter Streifzug durch die linke Politik des 20. Jahrhunderts. Ganz anders das Porträt von Marie Böhlen, das Liselotte Lüscher zeichnet. Sie nähert sich der Aktivistin fürs Frauenstimmrecht, der Strafrechtlerin und ersten Berner Stadträtin behutsam und stellt die Individualität von Marie Böhlen ins Zentrum ihrer Ausführungen.

Ein Stadt-Land-Graben
Auch eine zweite Feststellung dürfte die Feierlichkeiten der SP etwas trüben: Die Verluste bei den Mitgliedern, den Aktiven und den Anhängern sind bei der Berner SP grösser als im gesamtschweizerischen Durchschnitt; die Autoren finden die Einbussen «besorgniserregend». Weitaus am stärksten sind diese Verluste in den Städten ausgefallen, wo die Bindungskraft der SP kaum mehr über den engeren Kreis hinausstrahlt. Dieser Befund wird noch verschärft durch das Faktum, dass – erneut vor allem in den Städten – ein gravierendes Nachwuchsproblem besteht. (W.S.)
*Werner Seitz ist Politologe und leitet am Bundesamt für Statistik die Sektion Politik, Kultur, Medien.
Er hat mehrere Studien über die Schweizer Parteienlandschaft verfasst.