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Er ist weder extrem talentierter noch schneller noch intelligenter als andere – in erster Linie ist er jedoch viel, viel reicher als die Konkurrenz. Viel mehr sein Vater ist es. «Meine Familie hat viel Geld, das kann ich nicht verneinen. Aber ich glaube, dass ich meine Chance in der Formel 1 verdient habe, weil ich jede Meisterschaft gewonnen habe, in der ich gefahren bin.» Wo er recht hat, hat er recht. Stellt sich allein die Frage: Hätte er all diese Meisterschaften auch gewonnen, wenn er nicht schon dazu den aussergewöhnlich Privilegierten gehört hätte? Es ist nun mal so: viel Geld ist der matchentscheidende Schlüssel zum Erfolg im Motorsport. Und der, um den es hier geht, der hat massig Geld: Lance Stroll, der künftige zweite Formel-1-Pilot von Williams neben dem Finnen Valtteri Bottas (27). Der 18-Jährige wird Max Verstappen als jüngster Fahrer im Feld ablösen.
Mehrfacher Milliardär
Lance Stroll ist nicht irgendein Neuling. Der Formel-3-Europameister, der in der letzten Saison 14 von 30 Rennen gewann, ist der Sohn des kanadischen Milliardärs Lawrence Stroll. Der Textil-Tycoon hat mit Modemarken wie Hilfiger, Lauren, Pepe, Michael Kors und Lagerfeld ein Milliardenvermögen angehäuft und war mit der Diamantenmarke Asprey in den 90er-Jahren Ferrari-Sponsor. Das Vermögen von Stroll wird vom Wirtschaftsmagazin «Forbes» auf 2.4 Milliarden Dollar geschätzt. Die Familie hat ihren Wohnsitz in Genf. Damit reiht sich Stroll in die immer länger werdende Liste von Formel-1-Piloten ein, die in der Schweiz leben. Vater Stroll ist ein extremer Auto-Fan. Ihm gehört die frühere Formel-1-Rennstrecke Mont Tremblant in Kanada und er besitzt eine der umfangreichsten Ferrari-Sammlungen der Welt. 2013 hatte er bei einer Auktion in Los Angeles einen von nur zehn je gebauten Ferrari 275 GTB/4*S N.A.R.T. Spider für 27,5 Millionen Dollar ersteigert. Das war die zweithöchste Summe, die je für ein Auto bezahlt wurde. Dies hinter einen 1954er Mercedes-Benz W196 von Juan Manuel Fangio. Dieser brachte noch zwei Millionen mehr. Vor zwei Jahren hatte Stroll zudem mit Sauber über den Kauf des Teams verhandelt. Eine Einigung kam jedoch nicht zustande. Danach suchte Stroll senior für seinen Sohn einen anderen Zugang in die Formel 1 und fand ihn. Und jetzt ist es so, dass kein Rennfahrer je besser vorbereitet in die Königsklasse des Motorsports kam, als Lance Stroll. Der junge Kanadier fuhr zuletzt im eigenen Formel-3-Team, sprich jenem seines Vaters. Letzterer kaufte mit Prema, in dem auch Mick Schumacher startete, den besten Formel-3-Rennstall. Die Autos wurden stundenlang im Windkanal getestet; die Mercedes-Motoren bekamen dank einer Entwicklungshilfe von Vater Stroll spezielle Kennfelder, und der erfahrene Teamkollege Nick Cassidy half Stroll junior beim Abstimmen des Dallara F312. Der Filius bewies sich indessen auch als willig und lernfähig und gewann im Alter von 17 Jahren die Formel-3-Meisterschaft überlegen mit 507 zu 322 Punkten gegen seinen Stallrivalen Maximilian Günther.
Extrem professionell
Nach dem überlegenen Auftritt des Sohnes entschied Vater Stroll, die GP2-Serie auszulassen und den direkten Weg in die Formel 1 zu nehmen. Ein gewaltiger Schritt von 230 auf 950 PS. Gemäss diversen Gerüchten kostet das Cockpit bei Williams 35 bis 40 Millionen Dollar. Zudem nanzierte Stroll seinem Sohn ein umfangreiches Testprogramm in einem zwei Jahre alten Williams. Der Williams FW36 von 2014 ist mit dem ersten Hybridantrieb von Mercedes bestückt. Damit hat Lance Stroll realistische Testbedingungen. Williams stellte dafür extra ein 20-köpfiges Testteam und Mercedes fünf Techniker zur Verfügung, nur um den Motor zu betreuen. In Brixworth (GB) wurden zwei neue 2014er-Triebwerke für die Privattests aufgebaut. Pirelli lieferte sogenannte Academy-Reifen in den Mischungen hart, medium und soft, die extra für Testfahrten mit alten F1-Autos hergestellt werden.
Junior Stroll sollte jedoch nicht nur das Auto und die Hybrid-Power kennenlernen, sondern auch die Rennstrecken. Das Testprogramm unter Ausschluss der Öffentlichkeit begann für ihn darum in Silverstone, gefolgt von Budapest und dem Red-Bull-Ring. Es folgten und folgen Monza, Barcelona, Abu Dhabi, Austin, Sotschi und Shanghai. Immer mit dabei, wenn Junior Stroll testet, ist der ehemalige Renningenieur seines Idols Michael Schumacher Luca Baldisserri. Letzteren lernte Stroll in der Ferrari Academy kennen, in die der Milliardärssohn 2010 schon als Elfjähriger, entgegen allen Richtlinien, aufgenommen wurde. Baldisserri verliess darauf die Scuderia für den neuen Formel-1-Star. Stroll: «Er war der, der mich neben meinem Vater am meisten gefördert hat».
Stroll senior finanzierte Williams, abgesehen von Erwähntem, auch den Bau eines neuen Hightech-Simulators. Heuer durfte freilich nur Sohn Lance da ran. Bottas und der noch Angestellte Massa mussten sich mit dem alten Simulator bescheiden. Erst jetzt werden die Simulationsprogramme für den 2017er-Williams FW40 adaptiert. Gesamthaft dürfte das Ticket in die Formel 1 von Lance Stroll, mit allem Drum und Dran, zwischen 70 und 80 Millionen Dollar gekostet haben. So viel also in etwa, wie die 62 Meter lange Privat-Yacht «Faith» der Strolls. Derlei so ziemlich das teuerste Geburtstagsgeschenk in der Geschichte des Motorsports also.
Williams-Ingenieur Pat Symonds vergleicht die ungeheuer professionelle Vorbereitung von Lance Stroll auf die Mission Formel 1 so: «Der letzte Neuling, der mit so vielen Testkilometern in die Formel 1 kam, war Jacques Villeneuve.» Just Letzterer hält jedoch nicht sonderlich viel vom «gekauften» Cockpit.
Kommt wie gerufen
Nichts desto trotz kann Williams das Geld natürlich sehr gut gebrauchen. Die zweigleisige Entwicklung für die Saison 2017 und die wahrscheinlich sinkende Einnahmen aus dem Topf des kommerziellen Rechteinhabers drohen, ein Loch in das Budget zu reissen. Während Williams 2014 und 2015 jeweils Dritter in der Konstrukteursweltmeisterschaft wurde, droht 2016 nur der fünfte Platz. Finanziell hätte das enorme Auswirkungen auf das nächste Geschäftsjahr. Da kommt der extrem hohe, zweistellige Millionenbetrag, den Stroll mitbringt, nur gelegen.