Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03658.jsonl.gz/1402

Der russische Künstler Pavel Pepperstein lässt in der aktuellen Ausstellung die Künstlerlegende Pablo Picasso wieder auferstehen. Eine malerische Fiktion, die sehr lustvolle und starke Bilder hervorbringt. zentralplus hat zusammen mit dem Zuger Kunsthausdirektor Matthias Haldemann zwei Gemälde näher betrachtet.
zentralplus: Herr Haldemann, was hat dieser riesige Phallus auf dem Bild zu bedeuten? Ich muss da sofort an sowjetische SS-20-Raketen denken.
«Die Auferstehung Pablo Picassos im Jahre 3111» von Pepperstein dauert noch bis zum 21. Mai
Der russische Künstler Pavel Pepperstein malte extra für die laufende Ausstellung « Die Auferstehung Pablo Picassos im Jahre 3111» im Zuger Kunsthaus Bilder auf Leinwände in Erinnerung an Arbeiten des spanischen Künstlers. Pepperstein war schon früher im Kunsthaus Zug und hat direkt an die Kunsthauswände gemalt. Er gilt als einer der bedeutendsten in Russland lebenden Künstler. Er erhielt 2014 den renommierten Kandinsky-Preis. Er arbeitet auch als Schriftsteller. Peppersteins Kunst findet sich in Galerien und Museen rund um die Welt, etwa im Pariser Louvre oder im Kunstmuseum Basel.
Matthias Haldemann (schmunzelt): Der Künstler Pavel Pepperstein lässt uns die Art, wie wir das Bild interpretieren wollen, offen. Er spielt sogar mit dem Angebot verschiedener Bedeutungsmöglichkeiten für den aktiven Betrachter. Tatsächlich ist da ein aufstrebender Phallus, der in Zusammenhang mit der Überschrift «Russia», also, Russland, eine gewisse Deutung provoziert.
zentralplus: Wie meinen Sie das?
Haldemann: Der Titel des Bildes lautet «Life», sprich: Leben. Der Phallus symbolisiert Zeugungskraft, meint also auch Leben. In Kombination mit dem Schriftzug «Russia» entsteht durch die Darstellung des Phallus, der da isoliert aus dem dunklen Untergrund hervorbricht wie bei einem Vulkanausbruch, eine Bedeutung, die Russland als eine Art Naturgewalt inszeniert.
zentralplus: Und die rote Farbe?
Haldemann: Die rote Farbe in Verbindung mit «Russia» weckt andererseits Assoziationen an das politische Rot der früheren Sowjetunion. Zudem ist der Phallus eine Verkörperung von männlicher Macht. Es entsteht also auch eine mögliche Verbindung zur politischen Macht, die in Russland ja männlich ist. Und die hat einen gar männlichen, mitunter machoartig sich gebärdenden Präsidenten. Sprich: Putin. Das Ganze wirkt plötzlich bedrohlich. Männlich bedrohlich – wie man auch an den vor Schrecken geöffneten Mündern der Frauen auf dem Bild ablesen kann.
zentralplus: Apropos. Wer sind eigentlich diese Kopftuch-Frauen? Kolchosbäuerinnen?
Haldemann: Das kann man nicht mit Bestimmtheit sagen. Die Frauen mit Kopftüchern rufen auf alle Fälle ein anderes Bild von Russland ins Bewusstsein, ein weibliches Bild, das an den Mythos vom Mütterchen Russland erinnert. Beide «Bilder», der Phallus und Mütterchen Russland, stehen offensichtlich zueinander in einem Gegensatz. Nicht zu übersehen sind weiter die beiden Engelsflügel unter dem Wort «Russia», ein Hinweis auf göttlich-spirituelle Kräfte auf dem Hintergrund der christlich-orthodoxen Religion. Es gibt also mehrere extreme Bedeutungen in diesem Bild, die sich widerprechen und dadurch gleichzeitig relativieren. Das macht gerade die Qualität des Bildes aus – dass man immer etwas Neues entdeckt und sich selber fragen muss, worum es denn gehen könnte. Nicht jeder und jede sieht und versteht dasselbe, das ist dem Künstler sehr wichtig.
zentralplus: Könnte man denn sagen, dass dieses Bild eine Art moderne Ikone des heutigen, innerlich zerrissenen Russlands verkörpert?
«In dieser roten Periode geht es auch um Sexualität, um das Animalische.»
Haldemann: Das würde ich nicht so sehen. Es handelt sich in erster Linie um ein zeitgenössisches Bild, das von Pavel Pepperstein gemalt wurde und das unter anderem auch mögliche politische Inhalte transportiert, ohne sie aber festzulegen. Das gleichzeitig auch den wieder zum Leben erweckten Picasso im Jahr 3111 suggeriert, der quasi als imaginärer Autor des Bildes fungiert. Bei Picasso kann man ja das Gesamtwerk in verschiedene Farbperioden einteilen. In dieser roten Periode geht es besonders um Sexualität, um das Animalische und triebhaft Wilde, Emotionale, das hier offenbar mit Russland verbunden wird.
zentralplus: Inwiefern ist dieses Bild wirklich eine Provokation?
Haldemann: In Russland ist dieses Gemälde sicher aufgrund der politischen und religiösen Anspielungen eine Provokation für viele Personen, während wir in der Schweiz darüber schmunzeln können. Allerdings müsste man sich vorstellen, wie wir Schweizer darauf reagieren würden, wenn der Name Schweiz über diesem Bild prangen würde.
zentralplus: Ist dieser Phallus also anstössig?
Haldemann: Ich würde dies nicht so sehen. Denn es kommt darauf an, wie so ein Symbol im Bild dargestellt wird. Der Phallus wird hier ja nicht pornographisch-sexistisch gebraucht, sondern als vieldeutiges, ausdrucksstarkes Zeichen. Nicht zuletzt steckt im Bild eine Prise Humor. Dem Mythos vom männlich kreativen Picasso, der sich selbst gerne verkleidete und in Rollen eines Cowboys, eines Machos oder eines Tier schlüpfte, entspricht dieses Bild wohl recht gut.
zentralplus: Kommen wir zu einem anderen Bild von Pavel Pepperstein, der «Purple Composition», einem abstrakten Gemälde. Was sehen Sie da?
Haldemann: Ein gutes abstraktes Bild zeichnet sich dadurch aus, wie die verschiedenen Elemente sich auf der Fläche verhalten. Wie spannungsreich sie gestaltet sind, wie dynamisch sie agieren. Unsere Augen sind ja so verfasst, dass sie etwa die Flächen auf dem Bild als Formen wahrnehmen, die sich räumlich vieldeutig zu bewegen scheinen.
zentralplus: Wenn ich dieses abstrakte Bild mit dem roten Strich sehe, muss ich sofort an den russischen Konstruktivismus der 20-er Jahre denken, mit Künstlern mit Rodchenko und El Lissitzky, die die russische Revolution zunächst unterstützt haben.Wiederholt sich also bei Pepperstein erneut russische Geschichte?
«Wobei es natürlich für einen heutigen russischen Künstler im Gegensatz zu einem westlichen Künstler schon von Bedeutung ist, in welcher Kunsttradition er sich verortet.»
Haldemann: Man kann dies so sehen. Aber es gibt keine Anzeichen im Bild, die nahelegen, dass dies die einzige mögliche Interpretation wäre. Wobei es natürlich für einen heutigen russischen Künstler im Gegensatz zu einem westlichen Künstler schon von Bedeutung ist, in welcher Kunsttradition er sich verortet, weil es während der sowjetischen Zeit den Bruch mit der Geschichte beziehungsweise deren Idealisierung gegeben hat – in Verbindung mit Unterdrückung und Zensur.
zentralplus: Beeinflusst uns nicht gerade bei abstrakten Bildern sehr stark unser Gedächtnis – indem wir das, was wir sehen wir sehen, mit dem abgleichen, was wir schon kennen?
Haldemann: Die Erfahrung unseres Sehens kann uns dabei helfen, so ein abstraktes Bild zu verstehen – so wie jemand, der sein Leben lang schon Wein getrunken hat, dank vielen Vergleichen eher einen guten Tropfen zu schätzen weiss, als jemand, dessen Geschmacksnerven nur auf Coca Cola eingestellt sind. Es kann aber auch jemand – wenn er entsprechend offen und sensibel ist – die Lebendigkeit und die Intensität eines abstrakten Bilds ganz direkt und unverbildet erleben. Das sehen wir gerade bei jungen Menschen. Pepperstein scheint sich also für beide Arten von Betrachtern zu interessieren. Und wer so das Sehen an Bildern übt, sieht dann womöglich auch die Realität ausserhalb vom Museum etwas differenzierter und reichhaltiger.