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Original text in German
Zusammenfassung
Nach einer Phase von rückläufigen Fallzahlen, Hospitalisierungen und Todesfällen steigen seit einigen Tagen die Fallzahlen wieder. Diese Trendwende wird auch in anderen europäischen Ländern beobachtet.
In der Schweiz breitet sich die SARS-CoV-2 Variante Delta aus. Delta hat eine etwa zweimal höhere Übertragungsrate als die Stämme, die 2020 dominant waren, und auch eine höhere Übertragungsrate als der Stamm Alpha. Der Schutz vor Hospitalisation und Tod durch Delta ist nach doppelter Impfung hoch. Bei erst einmal geimpften Menschen ist eine deutliche Reduktion des Impfschutzes zu beobachten. In Ungeimpften ist nach Ansteckung mit Alpha oder Delta die Wahrscheinlichkeit einer Hospitalisation und die Sterblichkeit um 50% oder mehr erhöht im Vergleich zu den Stämmen, die bis im März 2021 dominant waren in der Schweiz.
Die aktuelle Situation mit einer tiefen Inzidenz bietet sich an, um mit gezielten Massnahmen einen möglichst grossen Teil der Ansteckungsketten zu unterbrechen und die Epidemie in der Schweiz sorgfältig zu überwachen. Durch konsequentes Testen bei Symptomen, intensivem Testen in Schulen und anderen Orten mit vielen Kontakten und Ausbruchskontrolle können Infektionen erkannt und Ansteckungsketten gezielt unterbrochen werden, mit insgesamt nur geringen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einschränkungen. Durch aktive Massnahmen an der Landesgrenze kann das Risiko von Ausbrüchen durch unentdeckt importierte Infektionen, insbesondere von besorgniserregenden Varianten, minimiert werden. Und die fortlaufende genomische Überwachung der Epidemie in der Schweiz und Analyse von SARS-CoV-2 im Abwasser erlaubt, mögliche Änderungen in der Häufigkeit und Identität der zirkulierenden Virenstämmen früh zu erkennen.
Die Impfabdeckung spielt eine entscheidende Rolle für die möglichen Entwicklungen in den kommenden Monaten. Die Zahl der Menschen ohne Antikörper gegen SARS-CoV-2 aufgrund von vorheriger Infektion oder Impfung in den Altersklassen bis 59 Jahren ist deutlich höher als die Zahl der Menschen, die sich seit Anfang der Pandemie in der Schweiz mit SARS-CoV-2 angesteckt haben. In den Altersklassen ab 60 ist die Zahl der Menschen ohne diese Antikörper etwa so hoch wie die gesamte Anzahl Menschen, die bislang infiziert wurde. Das bedeutet, dass die potentielle zukünftige Krankheitslast in der Schweiz im Moment noch hoch ist.
Eine weitere Erhöhung der Impfabdeckung reduziert die mögliche Krankheitslast in der Bevölkerung, führt zu einer Verminderung der Anzahl Menschen mit Langzeitfolgen nach COVID-19 (sog. Long-COVID) und reduziert das Risiko einer Überlastung des Gesundheitssystems kontinuierlich. Wird zum Beispiel die Impfabdeckung in einer Altersklasse von 80% auf 95% erhöht, reduziert sich damit die Zahl der Menschen ohne Antikörper gegen SARS-CoV-2 um einen Faktor vier (von 20% auf 5%). Damit reduziert sich auch die mögliche Krankheitslast in dieser Altersgruppe um einen Faktor von etwa vier. In Grossbritannien und Spanien sind in den Altersklassen ab 70 Jahren zwischen 95% und 98% vollständig geimpft während in der Schweiz bisher erst etwa 80% in dieser Altersklasse vollständig geimpft sind.
Die wirksamste Massnahme um eine hohe Ausbreitung der Infektionen mit der SARS-CoV-2 Variante Delta zu verhindern, ist also das Erzielen einer hohen Impfabdeckung in der Bevölkerung. Deshalb ist es zentral, zum jetzigen Zeitpunkt die Bevölkerung aktiv zur Impfung zu motivieren.
1 Epidemiologische Lage
1.1. Allgemeine Situation
In der Schweiz zirkulieren verschiedene Stämme von SARS-CoV-2 unter welchen Alpha (B.1.1.7) dominiert. Die allgemeinen epidemiologischen Parameter – Fallzahlen, Hospitalisationen, Intensivstation-Belegung, Todesfälle – geben eine Gesamtsicht, ohne zwischen einzelnen Stämmen zu unterscheiden. In den letzten Wochen deuteten all diese Indikatoren auf eine kontinuierlich rückläufige Epidemie hin. Seit letzter Woche deuten die Daten auf einen Anstieg hin.
1.2. Dynamik
Basierend auf den aktuellen Daten schätzen wir, dass die SARS-CoV-2 Epidemie in den letzten Wochen, nach einer Phase der Abnahme, wieder ansteigt. Der 7-Tageschnitt der schweizweiten Reproduktionszahl ist bei 1,12 (0,98-1,26); dies reflektiert das Infektionsgeschehen vom 19.06. – 25.06.2021 [1].
Tagesbasierte Schätzungen der effektiven Reproduktionszahl Re für die Schweiz betragen[2]:
- 1,15 (95% Unsicherheitsintervall, UI: 1,01-1,29) aufgrund der bestätigten Fälle, per 25.06.2021.
- 0,51 (95% UI: 0,16-1,06) aufgrund der Hospitalisationen, per 19.06.2021. Zum Vergleich aufgrund der bestätigten Fälle wird Re für denselben Tag auf 0,96 (95% UI: 0,83-1,08) geschätzt.
- 0,53 (95% UI: 0,02-1,84) aufgrund der Todesfälle, per 13.06.2021. Zum Vergleich aufgrund der Hospitalisationen wird Re für denselben Tag auf 0,66 (95% UI: 0,32-1,11) geschätzt. Aufgrund der bestätigten Fälle wird Re für denselben Tag auf 0,64 (95% UI: 0,55-0,74) geschätzt.
Wegen Meldeverzögerungen und Fluktuationen in den Daten könnten die Schätzwerte nachkorrigiert werden. Wir weisen darauf hin, dass die Re Werte das Infektionsgeschehen nur verzögert widerspiegeln, weil eine gewisse Zeit vergeht zwischen der Infektion und dem Testresultat oder dem etwaigen Tod. Für Re Werte, die auf Fallzahlen basieren, beträgt diese Verzögerung mindestens 10 Tage, für Todesfälle bis 23 Tage.
Parallel bestimmen wir die Änderungsraten der bestätigten Fälle, Hospitalisationen und Todesfälle über die letzten 14 Tage[3]. Die bestätigten Fälle änderten sich um 3% (UI: 24% bis -15%) pro Woche, die Hospitalisationen um -27% (UI: 22% bis -57%) und die Todesfälle um -29% (UI: 76% bis -73%). Diese Werte spiegeln das Infektionsgeschehen vor mehreren Wochen wider.
Eine Veränderung der Fallzahlen, Hospitalisierungen und Todesfällen stratifiziert nach Alter kann auf unserem Dashboard verfolgt werden[4]. Wir beobachten statistisch signifikant sinkende Fallzahlen in der Altergruppe der 7-15 Jährigen aber signifikant steigende Fallzahlen in der Altergruppe der 16-25 Jährigen. Hospitalisierungszahlen sind in allen Altersgruppen im einstelligen Bereich, was die Schätzung eines zeitlichen Trends erschwert.
1.3. Absolute Zahlen
Die kumulierte Anzahl der bestätigten Fälle über die letzten 14 Tage liegt bei 20 pro 100’000 Einwohner. Die Positivität liegt bei 0,5% (Stand 02.07.2021, das ist der letzte Tag für welchen nur noch wenige Nachmeldungen erwartet werden).
Die Anzahl der COVID-19-Patienten auf Intensivstationen lag über die letzten 14 Tage im Bereich von 33-61 [5]Personen (die Änderung war -32% (UI: -20% bis -42%) pro Woche).
Die Zahl der täglichen laborbestätigten Todesfälle über die letzten 14 Tage war zwischen 1 und 3 [6].
1.4. Varianten - Übersicht
2. Ansätze zur Kontrolle der Epidemie bei tiefer Inzidenz
Die Übertragungsrate von SARS-CoV-2 ist derzeit in der Schweiz auf einem niedrigen Niveau, insbesondere dank der Fortschritte bei der Impfung. Aus mehreren Gründen ist jedoch weiterhin Vorsicht geboten. Dazu gehört erstens die zunehmende Verbreitung der Delta-Variante, die (wie oben beschrieben) eine höhere Übertragungsrate hat und in einigen Ländern, wie z. B. Grossbritannien, bereits einen massiven Anstieg der Fälle verursacht hat. Zweitens die Verlangsamung der Impfrate, da die Zahl der täglich verabreichten Dosen seit dem 8. Juni 2021 zurückgeht. Drittens, die Lockerung vieler Präventionsmassnahmen zur Reduktion von Menschenmengen oder Versammlungen in Innenräumen, in Kombination mit einer Zunahme der internationalen Reisen. Und viertens, die zu erwartende stärkere Verbreitung von SARS-CoV-2-Übertragung, Grippe und anderen Atemwegserkrankungen im Herbst und Winter 2021.
Wir beschreiben im neuen Policy Brief (link), welche Instrumente zur Verfügung stehen, um die Verbreitung von SARS-CoV-2 während des Sommers zu reduzieren. Zu betonen ist, dass diese in Kombination und bei geringen Fallzahlen am wirksamsten sind.
Erstens, und wie unten detaillierter beschrieben, bleibt die Impfung die wirksamste Einzelmassnahme. Eine Erhöhung ihres Tempos, um einen hohen Anteil an vollständig geimpften Personen zu erreichen, wird wesentlich dazu beitragen, die Ausbreitung des Virus, einschliesslich der Delta-Variante, zu reduzieren. Allerdings sind die täglichen Impfraten zurückgegangen und es ist zu erwarten, dass sie während der Sommerferien weiter sinken, wenn jetzt nicht gezielte Massnahmen wie Werbekampagnen, mobile Impfstellen oder flexible Impfzeiten ergriffen werden.
Zweitens kann die Strategie «Testen, Rückverfolgen, Isolieren und Quarantäne» für niedrige Fallzahlen und Varianten, die ein Risiko darstellen, optimiert werden. Dazu sollte grossflächig getestet werden und alle positiven Antigen-Schnelltests sollten durch einen PCR-Test bestätigt werden, erstens um falsch-positive Ergebnisse zu vermeiden (die häufiger vorkommen, wenn die Gesamtinzidenz der Krankheit niedrig ist) und zweitens um eine systematische genomische Sequenzierung zu ermöglichen. Diese Überwachung liefert die genauesten Informationen über die Verbreitung und den Ursprung neuer Varianten, die Anlass zur Sorge geben. Eine verstärkte Rückverfolgung der Kontakte sollte es ermöglichen, jeden neuen bestätigten Fall so zu behandeln, als ob er mit der Delta-Variante infiziert wäre, mit schneller Identifizierung, Testung und Quarantäne der engen Kontakte. Das Ausfindigmachen der Infektionsquelle bei jedem neuen Fall trägt ebenfalls dazu bei, möglichst viele Personen im jeweiligen Umfeld schnell zu testen. Der Einsatz der Apps SwissCovid und NotifyMe hilft dabei, die Kontaktsuche zu beschleunigen.
Drittens können aktive Massnahmen an der Landesgrenze das Risiko von Ausbrüchen durch unentdeckt importierte Infektionen, insbesondere von besorgniserregenden Varianten, minimieren.
Anlässlich der Fussball-Europameisterschaft wurde in mehreren Ländern ein Anstieg importierter Infektionen durch die Delta-Variante festgestellt[21].
Viertens reduzieren die Beibehaltung des Maskentragen in Innenräumen, die Wahrung des körperlichen Abstands sowie das verstärkte Lüften von Innenräumen das Übertragungsrisiko weiter.
3. Mögliche Entwicklungen in den kommenden Monaten
3.1. Mögliche Entwicklungen in der Schweiz für 2021 und die Wichtigkeit einer hohen Impfabdeckung
Die Entwicklung der Pandemie in der Schweiz in den kommenden Monaten hängt ab von einer Balance zwischen Faktoren, die die Epidemie bremsen, und solchen, die Ansteckungen begünstigen. Gebremst wird die Epidemie durch die zunehmende Immunisierung in der Schweiz. Durch die fortschreitende Impfkampagne erreichen im Moment jeden Tag mehr Menschen in der Schweiz Immunität durch zweifache Impfung. Gemäss Seroprävalenzuntersuchungen haben bisher etwa 20-25% der Menschen in der Schweiz eine SARS-CoV-2 Infektion durchgemacht, mit beträchtlichen Unterschieden zwischen den Regionen und zwischen Altersklassen[22]. Der immunologische Schutz nach Genesung ist bei Menschen bis zu 65 Jahre ähnlich hoch wie nach vollständiger Impfung, bei über 65 Jährigen und bei Virusvarianten mit partieller Immunflucht wahrscheinlich niedriger[23]. Zu den Faktoren, die Ansteckungen begünstigen, gehört (wie oben erwähnt) die Ausbreitung der Variante Delta mit erhöhter Übertragungsrate, und die Aufhebung von Massnahmen, die Kontakte und Mobilität einschränken.
Eine potentiell wichtige Rolle spielen auch saisonale Faktoren. Der Übergang in den Sommer hat Ansteckungen reduziert. Beim Übergang in den Herbst und Winter 2021/22 wird die Transmission zunehmen. Die Übertragungsrate respiratorischer Viren steigt jeweils im Winterhalbjahr an, bedingt durch direkte saisonale Effekte auf die Übertragungseffizienz des Virus, durch saisonale Einflüsse auf die Suszeptibilität der potentiell Infizierten und durch Einflüsse auf das Verhalten der Menschen, indem die meisten sozialen Kontakte in Innenräumen stattfinden. Dies ist auch bei SARS-CoV-2 der Fall. Der Unterschied zwischen maximaler Übertragbarkeit im Winter verglichen zum Sommer wird in unseren Breitengraden auf 40-60% geschätzt[24],[25],[26].
Die Situation in den kommenden Monaten wird entscheidend davon abhängen, wie gross der Anteil der Menschen in der Schweiz sein wird, der keine oder keine genügende Immunität haben wird gegen SARS-CoV-2 – was wiederum von der Anzahl der vollständig geimpften Personen abhängt. Der Anteil der Menschen ohne Antikörper gegen SARS-CoV-2 (d.h. der nicht-immunisierten Menschen) beeinflusst die Epidemie auf zwei Arten. Erstens ist die Wahrscheinlichkeit und Intensität einer Erkrankung nach Infektion bei Menschen ohne solche Antikörper stark erhöht im Vergleich zu immunisierten Menschen[27]. Zweitens ist die Wahrscheinlichkeit, infiziert zu werden und das Virus weiterzugeben, deutlich erhöht ohne Immunisierung. Je grösser der Anteil der Nicht-Immunisierten in der Schweiz, desto grösser der Anteil der Kontakte zwischen Menschen, die zu einer Virenübertragung führen können.
Der Anteil der Nicht-Immunisierten im jüngeren Teil der Bevölkerung ist relevant, weil ein Teil der infizierten längerfristige gesundheitliche Einschränkungen nach einer Infektion zeigt. Bei Menschen unter 50 Jahren ist die Gefahr, nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 akut schwer zu erkranken und zu sterben, zum Glück klein (Abb. 1). Aber auch jüngere Menschen können nach einer Infektion von länger andauernden gesundheitlichen Einschränkungen betroffen sein, was als “long COVID” bezeichnet wird[28],[29]. Eine neue Studie bei jungen Erwachsenen zwischen 16 und 30 Jahren konnte ein halbes Jahr nach einer Infektion bei 10-20% Einschränkungen der Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnisleistung sowie andauernde Müdigkeit feststellen[30]. Eine Erhöhung der Impfabdeckung reduziert das Ansteckungsrisiko[31] und damit das Risiko für länger andauernde gesundheitliche Einschränkungen.
Der Anteil der Nicht-Immunen im älteren Teil der Bevölkerung ist der wichtigste Faktor, der die potentielle akute Krankheitslast bei einer möglichen erneuten epidemischen Welle bestimmt. Die Wahrscheinlichkeit, nach einer Infektion schwer zu erkranken und hospitalisiert zu werden oder gar zu sterben, nimmt stark zu mit zunehmendem Alter. Abb. 1 zeigt eine Abschätzung für die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 hospitalisiert wird oder verstirbt, für verschiedene Altersklassen. Diese Analyse basiert auf Daten aus der Schweiz. Es ist wichtig zu beachten, dass diese Schätzungen die Dunkelziffer – die Ansteckungen, die nicht erkannt und deshalb nicht gemeldet werden – berücksichtigt: Die Hospitalisationen und Todesfälle in jeder Altersklasse werden nicht relativ zu den bestätigten Fällen dargestellt, sondern relativ zur Schätzung der gesamten Zahl der Infektionen in dieser Altersklasse, inklusive der Infektionen, die nie erkannt und gemeldet wurden. Die Schätzung der gesamten Zahl der Infektionen in jeder Altersklasse basiert auf Messungen der Seroprävalenz in der Schweizer Bevölkerung. Dieses Mass ist deshalb geeignet, um Aussagen zu treffen darüber, wie viele Todesfälle zu erwarten sind, wenn eine gewisse Anzahl Menschen (erkannt oder unerkannt) infiziert werden.
Diese Analyse unterschätzt die Hospitalisations- und Sterbewahrscheinlichkeit für die von Alpha und Delta dominierte Epidemie in der Schweiz Anfang Juli 2021 um bis zu 50%. Die in Abb. 1 dargestellten Daten beruhen hauptsächlich auf Infektionen mit den bis März 2021 dominierenden SARS-CoV-2-Stämmen. Wie oben diskutiert, sind die Hospitalisations- und Sterbewahrscheinlichkeiten nach einer Infektion mit Alpha und Delta um etwa 50% oder mehr erhöht im Vergleich zu Infektionen mit den bis März 2021 dominierenden Stämmen.n
Abbildung 1: Geschätzte Wahrscheinlichkeit, nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 hospitalisiert zu werden oder zu versterben, für verschiedene Altersklassen. Die Hospitalisationen und Todesfälle in jeder Altersklasse werden relativ zur Schätzung der gesamten Zahl der Infektionen in dieser Altersklasse dargestellt, inklusive der Infektionen, die nie erkannt und gemeldet wurden. Die Schätzung der gesamten Zahl der Infektionen in jeder Altersklasse basiert auf Messungen der Seroprävalenz in der Schweizer Bevölkerung.
Internationale Studien zeigen einen ähnlichen Anstieg in der Wahrscheinlichkeit zu versterben nach einer Infektion mit zunehmendem Alter. Diese Wahrscheinlichkeit wird als Infektionssterblichkeit (Infection Fatality Ratio) bezeichnet. Abb. 2 zeigt eine Abschätzung der Altersabhängigkeit der Infektionssterblichkeit basierend auf einer systematischen Analyse von 113 internationalen Studien. Das Resultat dieser Analyse entspricht im Wesentlichen den in Abb. 1 gezeigten Befunden basierend auf Schweizer Daten. Wie Abb. 1 zeigt auch Abb. 2 die Situation, bevor die Verbreitung der Varianten Alpha und Delta zu einer Erhöhung der Hospitalisations- und Sterbewahrscheinlichkeiten geführt haben.
Abbildung 2: Infektionssterblichkeit in Abhängigkeit des Alters, basierend auf einem systematischen Review von 113 Studien. Quelle: [32], creative commons license.
Eine Erhöhung der Impfabdeckung vor allem in den älteren Altersklassen kann zu einer sehr starken Reduktion der potentiellen akuten Krankheitslast führen. Ein Beispiel veranschaulicht diesen Effekt: Eine Erhöhung der Impfabdeckung von 80% auf 95% in einer Altersklasse führt zu einer Reduktion der möglichen Krankheitslast um rund einen Faktor vier. Der Grund dafür ist, dass sich dadurch der Anteil der nicht-geimpften Bevölkerung in dieser Altersklasse um einen Faktor vier, von 20% auf 5%, verringert (ein zusätzlicher Teil der Menschen ist immunisiert nach Genesung, aber das trifft sowohl für die 20% wie auch für die 5% zu und beeinflusst die Abschätzung deshalb nicht stark). Diese Reduktion der Nicht-Geimpften um einen Faktor vier hat zwei Konsequenzen. Erstens reduziert sich dadurch die Anzahl Menschen, die nach einer Infektion schwer erkranken und sterben können, auch rund um einen Faktor vier. Zweitens nehmen Ansteckungen innerhalb dieser Altersgruppe ab, weil sich die Zahl der Menschen, die sich infizieren und die Infektion weitergeben können, auch reduziert. Diese grobe Abschätzung berücksichtigt Todesfälle in der Gruppe der Geimpften nicht. Weil die in der Schweiz verwendeten mRNA-Impfstoffe einen grossen Schutz vor Todesfällen nach Infektion bieten (etwa 97% für BioNTech/Pfizer, [33]), hat dieser Umstand aber keinen grossen Effekt auf die Abschätzung.
Mindestens zwei Länder in Europa haben momentan, Anfang Juli 2021, eine Impfabdeckung in diesem hohen Bereich schon erreicht. In Grossbritannien sind in jeder Altersklasse ab 50 Jahren mindestens 95% der Menschen schon einmal geimpft. In den Altersklassen ab 70 Jahren sind rund 98% schon vollständig geimpft[34]; Spanien hat rund 97% in den Altersklassen ab 70 Jahren vollständig geimpft[35].
3.2. Anteil der noch Nicht-Immunisierten in der Schweiz und Konsequenzen für die mögliche Krankheitslast
Die mögliche Entwicklung der Krankheitslast in der Schweiz in den kommenden Monaten wird von mehreren Faktoren bestimmt: Vom Anteil der Bevölkerung in verschiedenen Altersklassen, der noch nicht immunisiert sein wird; davon, wie viele dieser Menschen infiziert werden; und davon, über welchen Zeitraum diese Infektionen geschehen. Wie oben erwähnt, wird die Zahl der Menschen, die hospitalisiert werden müssen, im Wesentlichen von der Immunität und den Ansteckungen in den älteren Altersklassen bestimmt. Immunität und Ansteckungen in den jüngeren Altersklassen sind vor allem relevant wegen möglichen Langzeitfolgen von COVID-19 in einem Teil der Infizierten und seltenen schweren Erkrankungen auch bei Jüngeren, vor allem solche mit relevanten Grundkrankheiten, Immunschwäche oder zusätzlichen Risikofaktoren wie zum Beispiel Schwangerschaft.
Abbildung 3: Schätzungen der aktuellen Anzahl der momentan Nicht-Immunen (orange), bisher infizierten (das sind sowohl die positiv getesteten wie auch die Menschen, die infiziert aber nie positiv getestet wurden; grün), bisher positiv getesteten (dunkelblau), bisher hospitalisierten (hellblau) und bisher verstorbenen (violett) Menschen pro Altersklasse. Die ersten zwei Kategorien sind Abschätzungen basierend auf den Seroprävalenzstudien und Impfdaten. Kategorien 3-5 sind aus den Meldedaten des BAG.
Abb. 3 zeigt die geschätzte Anzahl der Nicht-Immunen in 10-Jahres-Altersklassen, und stellt diese Zahl in jeder Altersklasse in Vergleich zu der geschätzten Anzahl Menschen in diesen Altersklassen, die bislang infiziert, positiv getestet, hospitalisiert und verstorben sind. Diese Abbildung zeigt Folgendes: in Altersklassen bis 59 Jahren übertrifft die geschätzte Anzahl der Nicht-Immunen (dh. Personen die nicht vor Tod durch SARS-CoV-2 geschützt sind) die Schätzung der bislang Infizierten deutlich, je nach Altersklasse um zwischen ca. 40 und 200%. In den Altersklassen ab 60 Jahren ist insgesamt die geschätzte Anzahl der Nicht-Immunen ähnlich hoch wie die geschätzte Gesamtzahl der bislang Infizierten; in der Altersklasse ab 80, deren Sterblichkeit nach einer Ansteckung besonders hoch ist (Abbildung 1), ist die geschätzte Anzahl der Nicht-Immunen aber rund 50% höher die geschätzte Gesamtzahl der bislang Infizierten.
Diese Abschätzung beruht auf einer Reihe von Annahmen. Die Anzahl Infizierter pro Altersklasse wurde geschätzt durch Extrapolation der neusten Seroprävalenzdaten aus Genf, unter folgenden Annahmen: dass die Infektionssterblichkeit in Genf gleich ist wie im Rest der Schweiz; dass die Altersverteilung der Bevölkerung gleich ist in Genf wie im Rest der Schweiz; und dass die Verteilung der Infektionen über die verschiedenen Altersklassen gleich ist in Genf wie im Rest der Schweiz. Die Schätzung der Zahl der Nicht-Immunen in verschiedenen Altersklassen beruht auf folgenden Annahmen: dass sich der Anteil vorgängig Infizierter nicht unterscheidet zwischen Geimpften und Nicht-Geimpften (diese Annahme wird gestützt durch Daten über Seroprävalenz und Impfadeckung aus Genf); dass zwei Impfdosen in 97% der Fälle vollen Schutz vor dem Tod verleihen; und , dass eine Impfdosis in 67% der Fälle vollen Schutz vor dem Tod verleihen. Zudem berücksichtigt die Abschätzung den Umstand nicht, dass Menschen mit Risikofaktoren prioritär geimpft worden sind.
Bei dieser Überlegung ist es wichtig, zu beachten, dass die meisten bisherigen Infektionen in der Schweiz mit den Virenvarianten erfolgten, die bis März 2021 dominant waren. Seit März 2021 ist die Variante Alpha und jetzt auch die Variante Delta häufig geworden in der Schweiz. Bei einer Infektion mit Alpha ist die Wahrscheinlichkeit einer Hospitalisation etwa 50% höher als bei einer Infektion mit den vorher dominierenden Virenstämmen. Bei Delta ist diese Wahrscheinlichkeit unter Umständen zusätzlich erhöht im Vergleich mit Alpha, basierend auf provisorischen Daten aus Schottland[36]; eine abschliessende Beurteilung der Schwere der Krankheitsverläufe nach einer Infektion mit Delta ist aber noch nicht möglich. Im Moment muss man also davon ausgehen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Hospitalisation oder eines Todesfalls nach einer Infektion mit Delta etwa 50% oder mehr erhöht ist im Vergleich zu den Stämmen, die bis im März 2021 in der Schweiz dominant waren.
Diese Analyse zeigt, dass die potentielle Krankheitslast – die Krankheitslast, die resultieren würde aus der Ansteckung der momentan noch Nicht-Immunisierten – aktuell noch hoch ist. Das pessimistischen Szenario wäre, dass der grösste Teil der noch nicht Immunisierten in kurzer Zeit infizieren würde. In diesem ungünstigsten Szenario könnte die zusätzliche Krankheitslast – Hospitalisationen und Todesfälle – ähnlich gross oder grösser werden wie die totale bisherige Krankheitslast in der Schweiz. Wenn sich diese Ansteckungen in einer kurzen Zeit ereignen würden, könnte das Gesundheitssystem wiederum unter grossen Druck kommen. Letzten Herbst hatte die Belastung der Intensivpflegestationen zu Einschränkungen geführt in der Behandlung sowohl von COVID-19 wie auch von Nicht-COVID-19-Patientinnen und Patienten[37],[38].
3.3. Mögliche langfristige Entwicklungen
Dieser Abschnitt enthält Textstellen aus dem Dokument “Fragen an die ncs-tf zu Virusvarianten und Mittelfristplanung”, das am 21.06.2021 mit dem BAG geteilt worden ist und zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht wird.
Die allermeisten Expertinnen und Experten weltweit erwarten, dass SARS-CoV-2 längerfristig endemisch wird[39]. Das heisst, dass dieses Virus wahrscheinlich nicht verschwindet, sondern weiterhin in der menschlichen Bevölkerung zirkulieren wird. Das bedeutet für die meisten Menschen, dass sie sich entweder impfen lassen oder infiziert werden. Demzufolge werden langfristig also die meisten Menschen ein gewisses Mass von Immunität gegen SARS-CoV-2 erwerben. Als Folge davon erwartet man, dass SARS-CoV-2 langfristig keine unmittelbare Bedrohung mehr darstellen wird für Gesundheit, die Gesellschaft und Wirtschaft. Für einzelne wird COVID-19 jedoch auch dann eine schwere Krankheit hervorrufen können.
Die weitere Entwicklung hängt wesentlich davon ab, welche Varianten von SARS-CoV-2 in der kommenden Zeit in der Schweiz dominant sein werden. Die Variante Delta ist etwa doppelt so ansteckend wie jene Virenstämmme, welche 2020 in der Schweiz dominiert hatten[40]. Das bedeutet, dass sich Delta in einer Bevölkerung mit 50% Immunität fast gleich schnell ausbreiten kann, wie das ursprüngliche Virus in einer nicht-immunen Population. Um die Zirkulation eines Erregers mit dieser hohen Übertragbarkeit ausschliesslich durch Impfung zu minimieren, wäre eine Populationsimmunität der Gesamtbevölkerung von über 85% notwendig. Da Kinder unter 12 Jahre bis Anfangs 2022 nicht geimpft werden können und bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen dieses Immunitätsniveau kaum erreicht werden wird, ist in diesen Populationen von einer hohen Viruszirkulation auszugehen, sobald allgemeine Massnahmen aufgehoben werden und die Saisonalität im Herbst für das Virus begünstigend wird. Ungeimpfte Personen werden in der Gesamtbevölkerung nicht gleichmässig verteilt sein, sondern sich zwangsläufig bei Kindern und Jugendlichen konzentrieren. Zusätzlich wird es Teile der Bevölkerung geben, die eine deutlich höheren Anteil an ungeimpften Personen aufweisen werden, und in denen es zu erhöhter Viruszirkulation kommen wird. Im bisherigen Pandemieverlauf haben sich trotz teils starker Eindämmungsmassnahmen in der kalten Jahreszeit ca 20-25% aller Schweizerinnen und Schweizer mit SARS-CoV-2 infiziert, und dies mit Virusvarianten, die grösstenteils nur halb so ansteckend sind wie Delta. Bei permanenter Aufhebung aller allgemeinen Eindämmungsmassnahmen ist aufgrund der deutlich höheren Übertragbarkeit von Delta damit zu rechnen, dass die meisten Personen ohne Immunschutz eine SARS-CoV-2 Infektion bis April 2022 durchmachen werden und dadurch eine natürliche Immunität aufbauen.
Grundsätzlich ist aber nicht auszuschliessen, dass Varianten entstehen könnten, die der Immunität nach Impfung oder Genesung teilweise oder mehrheitlich entkommen können und bei geimpften Personen auch schwere Krankheitsverläufe auslösen können. Um dieses Risiko zu reduzieren, ist eine genomische und immunologische Überwachung der in der Schweiz zirkulierenden Varianten zentral. Von grösster Wichtigkeit sind auch internationale Anstrengungen, um die Zirkulation von SARS-CoV-2 global zu reduzieren insbesondere durch Zugang zu wirksamen Impfstoffen. Das reduziert auch die Entstehung von neuen Virenvarianten.
Hinweise:
[1] https://sciencetaskforce.ch/reproduktionszahl/ und https://ibz-shiny.ethz.ch/covid-19-re-international/: Die Schätzungen von Re über die letzten Tage können leichten Schwankungen unterliegen. Diese Schwankungen treten insbesondere in kleinen Regionen, bei sich ändernder Dynamik und bei niederen Fallzahlen auf.
[2] https://sciencetaskforce.ch/reproduktionszahl/ und https://ibz-shiny.ethz.ch/covid-19-re-international/: Die Schätzungen von Re über die letzten Tage können leichten Schwankungen unterliegen. Diese Schwankungen treten insbesondere in kleinen Regionen, bei sich ändernder Dynamik und bei niederen Fallzahlen auf.
[3] https://ibz-shiny.ethz.ch/covidDashboard/trends: Aufgrund von Melderverzögerungen werden die letzten 3 respektive 5 Tage für bestätigte Fälle und Hospitalisationen/Todesfälle nicht berücksichtigt.
[20] https://sciencetaskforce.ch/reproduktionszahl/ und https://ibz-shiny.ethz.ch/covid-19-re-international/: Die Schätzungen von Re über die letzten Tage können leichten Schwankungen unterliegen. Diese Schwankungen treten insbesondere in kleinen Regionen, bei sich ändernder Dynamik und bei niederen Fallzahlen auf.