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Da jeder Teilnehmer in einer anderen türkischen Gastfamilie untergebracht war, trafen wir uns zum ersten Mal in einem Hotel. Allgemeine Informationen, einfacher Smalltalk in Englisch und das Sammeln von, wie sich später herausstellte, fast immer falschen ersten Eindrücken war angesagt. Es zeigte sich wieder einmal, dass Klischees meistens eben doch wahr sind. Da war zum Beispiel eine Kalifornierin mit langen, blonden Locken, ein sehr grosser Holländer, der mit Abstand am blassesten war und die hellsten Haare hatte. Ein Ägypter, den man nur schon an der Hautfarbe erkannte, und eine Teilnehmerin aus Taiwan, ebenfalls unverkennbar. Der Franzose und der Italiener hatten sich spätestens nach den ersten gesprochenen Worten unfreiwillig geoutet. Natürlich gab es auch Ausnahmen: ein blonder Spanier aus Madrid zum Beispiel, eine fliessend spanisch sprechende Kölnerin oder eine Spanierin aus Gran Canaria mit norwegischem Nachnamen. Das Mädchen mit der grossen Kamera kam aus der Tschechischen Republik, daneben ein paar Türken, die (noch) brav auf ihren Stühlen hockten und sich zu Hause fühlten.
International diskutieren
Schon nach wenigen Tagen hatte sich eine typische Gruppendynamik gebildet. Was sonst der Klassenclown ist, war in unserem Fall der Franzose. Mit seiner Aussprache brachte er alle zum Lachen, sein „What the föck“ oder „Shöt öp“ wurden ständig nachgeahmt. Die etwas Älteren fanden sich öfters zusammen, es wurden weltpolitische Themen diskutiert oder Studiengebühren, Kleider- und Dönerpreise verglichen (Döner sind in der Schweiz mit Abstand am teuersten). Die Amerikanerin erstaunte zum Teil mit ihrer Unwissenheit und trug ihren Teil zur allgemeinen Unterhaltung bei, indem sie steif und fest behauptete, eine Meerjungfrau zu sein. Ihr wurde dann bald erklärt, was Kommunismus ist und dass es heutzutage noch Monarchien gibt. Die Mädchen aus der Tschechischen Republik und Taiwan waren eher ruhig. Die eine hielt jeden erdenklich peinlichen Moment mit ihrer Kamera fest, die andere konnte sich einfach nicht mit dem Essen anfreunden und wärmte regelmässig ihre selbst mitgebrachten Nudel- und Reissuppen auf.
Hauptsächlich wurde in Englisch kommuniziert, wobei die Amerikanerin aus San Diego mehrmals aufgefordert wurde, doch bitte „richtiges Englisch“ zu sprechen. Die Spanier unterhielten sich in Spanisch, die Türken, der Holländer und der Franzose konnten sogar ein paar Sätze Deutsch. Der Ägypter fand, es sollten doch gefälligst alle Englisch reden, und brachte einem im Gegenzug arabische Fluchwörter bei. Man versuchte sich in Italienisch, Französisch, Holländisch, natürlich in Türkisch und zum Teil sogar in Portugiesisch.
Keine Geheimnisse
Die Gruppe funktionierte gut und alle genossen ihre Ferien in der Türkei. Nächtliche Zimmerpartys im Hotel fehlten genau so wenig wie lange, schlaflose Busfahrten, Sonne, Meer und abendliches Feiern zu türkischer Partymusik. Nach der ersten Woche kannte man sich langsam besser und so begannen auch die ersten Zickereien und Geheimnistuereien, wobei letztere nie lange geheim blieben. Man tauschte sich aus und tratschte, niemand kannte den anderen so gut, um dessen Geheimnisse bewahren zu müssen.
So wusste jeder um das charmante Getue einiger Türken, den daraus folgenden Liebeskummer der Spanierin oder den heimlichen Schwarm des Ägypters. Jenes Mädchen wiederum verstand sich blendend mit dem Verflossenen der Spanierin, was zu einigen Zickereien und einem Haufen spanischem Gefluche führte. Es war allgemein bekannt, dass die blonde Amerikanerin sich ein bisschen in den grossen Holländer verguckt hatte, dieser aber lieber stundenlang mit der Deutschen über Gott und die Welt diskutierte und wohl erst zum Schluss sein Glück erkannte. Kleinigkeiten wurden aufgedeckt: Wie viele Anti-Durchfalltabletten der Franzose jeden Tag schluckte, dass der Ägypter sogar mit zwei Koffern und in First Class angereist war, der Holländer nur Diesel-Unterwäsche trug und der Italiener mit offenem Mund schlief und dabei schnarchte.
Es passierten so viele Dinge mit zuvor fremden Leuten, dass ich mir vorkam, als wären die nächsten Monate meines Lebens vorgespult und innerhalb dieser zwei Wochen abgelaufen. Manchmal geht alles so einfach und schnell. Zum Glück gibt es diese Momente im Leben. Die Kunst liegt nun darin, einen Teil dieses Ferienglücks mitzunehmen und voller positiver Energie wieder in den Alltag zurückzukehren. Dann hat man seine Ferien wirklich genossen und dabei etwas fürs Leben gewonnen.