Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03539.jsonl.gz/2360

Vom Gründervater zum Gefängnisinsassen
Auf der Spitze des Rathauses der Stadt Philadelphia thront als aufrechter Patriarch William Penn (1644–1718). Er wird bis heute als einer der Gründer des nach ihm benannten Gliedstaates oder gar als ein Visionär der modernen USA verehrt. Sein Tod jährt sich dieser Tage zum 300. Mal.
Tatsächlich weilte William Penn nur zweimal in seinem Leben und nur für wenige Jahre in den USA. Nach seinem zweiten Aufenthalt war er von der nach ihm benannten Siedlung masslos enttäuscht. Penn war von der Utopie eines freiheitlichen Landes mit gleichen Rechten für alle beseelt, inklusive indigener Bevölkerung, nicht aber für die Schwarzen. Doch Pennsylvania entwickelte sich wie alle Kolonialstaaten zu einem Gemeinwesen, das nach heutigen Massstäben politisch korrupt war.
Tagträume im Hausarrest
Der aus einer wohlhabenden Seefahrerfamilie kommende Penn gehörte der Sektenbewegung der Quäker an. Er litt mit seiner Familie unter den Schikanen der Obrigkeit, die andere Glaubensrichtungen als die herrschende – protestantische – nicht zulassen wollte. Die anglikanische Krone unter Karl II. duldete keine religiöse Dissidenz, die Quäker galten als fundamentalistische Sekte, so schlimm wie die Katholiken. Penn landete im Tower, später im Newgate-Gefängnis.
Schliesslich kam er unter eine Art Hausarrest, wo er Zeit hatte, über eine bessere Welt nachzudenken. Er entwarf eine utopische Vision eines idealen Staates der Gleichheit und der Brüderlichkeit, die er als «heiliges Experiment» in den neuen Kolonien umsetzen wollte. Penn beschrieb die künftigen Konturen eines engen Staatenbundes in Amerika. Auch Europa sollte zu einem einzigen Gemeinwesen werden, inklusive Russland.
Wie so oft in jenen Zeiten, wandelte sich die Fortüne für die Untertanen Ihrer Majestät schnell: Penn kam zu einem unvorstellbar weiten Landstrich, der die heutigen Staaten Pennsylvania und Delaware umfasst. Denn William Penns reicher Vater war ein Gläubiger des lebensfrohen Königs Karl II. Da dieser keinen Grund sah, seine Schulden je zu begleichen, konnte Sohn William den ausgedehnten Landstrich übernehmen, der heute die Staaten Pennsylvania und Delaware umfasst. Damit war Karl II. doppelt gedient: etwas weniger Schulden, und die Quäker waren abgeschoben. Der Deal ging über die Runden, ohne dass Penn jemals in den USA gewesen war. Aber er erliess in England eine Art Grundgesetz für die Siedler. Es beruhte auf absoluter Toleranz für die Europäer und die First Nations, die damals natürlich noch nicht so hiessen: «Er strebte eine friedliche Koexistenz aller dort lebenden Menschen an», schreibt der Herausgeber Jürgen Overhoff in der Einführung zur soeben erschienenen Neuauflage von William Penns Gedankensammlung «Früchte der Einsamkeit».
Verbittert in den Tod
1682 reiste er zum ersten Mal nach Amerika, um seine Ländereien in Augenschein zu nehmen. Er glaubte, den «Samen einer Nation» gesät zu haben. Nach zwei Jahren reiste er zu Frau und Kindern zurück, um sie zu holen. Doch es sollte 15 Jahre dauern, bis er wieder nach Amerika kam. In dieser Zeit änderte sich Pennsylvania fundamental. Die Kolonie wurde so korrupt wie jede andere in dem von den Europäern neu besiedelten Kontinent.
Penn starb verbittert, nachdem er im Londoner Schuldgefängnis sitzen musste. Er war einem Betrüger aufgesessen, den er zu spät durchschaute: Er glaubte zu sehr an das Gute im Menschen.
Penns idealistische Vorstellungen waren damals zwar ungewöhnlich, aber nicht ganz so einzigartig, wie man glauben könnte. Der philosophische Aufklärer John Locke gehörte der gleichen Generation an und entfaltete in der Geisteswelt viel grössere Wirkung. Zudem waren utopische Ideale für die Neue Welt damals weit verbreitet: Schon der eine Generation ältere Abenteurer und Landbesitzer Humphrey Gilbert, eher ein Haudegen als ein Philosoph, stellte sich in Amerika eine Art Demokratie vor, die den Untertanen der Krone noch lange Zeit versagt blieb.