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Jeanne de Salzmann
»Der Vierte Weg ist ein Weg des Verstehens«
Jeanne de Salzmann wurde 1889 in Reims, Frankreich, als ältestes von fünf Kindern von Jules Allemand und Marie-Louise Matignon, beides Nachkommen alteingesessener französischer Familien, geboren. Sie wuchs im schweizerischen Genf in einem Zuhause auf, das von der Wechselwirkung zwischen dem strengen protestantischen Glauben ihres Vaters und dem frommen Katholizismus ihrer Mutter geprägt war. In ihrer Kindheit verbrachte sie Stunden damit, Priestern und Pfarrern zuzuhören, die häufig bei ihren Eltern zu Tisch saßen, wo man theologische Fragestellungen erörterte. Dieser Umstand erzeugte bei Jeanne ein dringendes Bedürfnis, die Wahrheit zu verstehen, die dem christlichen Glauben ihrer Eltern zugrunde lag. Ihre Mutter nahm sie zur Sonntagsmesse mit, bis das kleine Mädchen mitten in der Predigt des Pfarrers laut raunte: »Er lügt!« Sie hatte immer das Gefühl, ihr Vater verstünde ihren unabhängigen Geist.
Jeannes Ausildung konzentrierte sich auf die Musik, für die sie die Gabe eines Wunderkindes zeigte. Mit vier Jahren begann sie, das Klavierspiel zu lernen, und im Alter von fünfzehn dirigierte sie bereits ein Orchester. Zu der Zeit unterrichteten am Genfer Konservatorium berühmte Musiker aus vielen Ländern, insbesondere Émile Jaques-Dalcroze, der für sein Werk in den Bereichen Komposition, Improvisation und Tanz gefeierte Neuerer. Im Alter von siebzehn Jahren wurde Jeanne zusammen mit einer Handvoll anderer begabter Schüler ausgewählt, ihn an das soeben fertiggestellte Dalcroze Institut nach Hellerau in der Nähe von Dresden zu begleiten und Vorführungen seiner Arbeit in Hauptstädten in ganz Europa zu geben. Während dieser Jahre bei Dalcroze lernte Jeanne den bekannten russischen Maler Alexandre de Salzmann kennen, der Dalcroze bei Bühnenbild und Beleuchtung seiner Vorführungen assistierte. 1912 heiratete sie de Salzmann in Genf und zog mit ihm in sein Haus in Tiflis im Kaukasus, wo sie ihre eigene, auf den Methoden Dalcrozes beruhende Musikschule gründete.
Im Jahr 1919 kam Gurdjieff mit einer kleinen Gruppe von Anhängern, einschließlich des Komponisten Thomas de Hartmann, nach Tiflis. Es war de Hartmann, der die de Salzmanns mit Gurdjieff zusammenbrachte: ein Treffen, das ihren weiteren Lebensweg ändern sollte. Jeannes erster Eindruck war ihr unvergesslich: »Die Präsenz Gurdjieffs, insbesondere sein durchdringender Blick, machte einen außergewöhnlichen Eindruck. Du fühltest, dass du wirklich erkannt wurdest, entblößt in einer Schau, die nichts im Schatten beließ; gleichzeitig wurdest du weder beurteilt noch getadelt. Augenblicklich entstand eine Beziehung, die jedwede Angst beseitigte und dich zur selben Zeit direkt mit deiner eigenen Wirklichkeit konfrontierte.« In Gurdjieff und seinen Lehren fand Jeanne de Salzmann den Weg zur Wahrheit, nach dem sie sich seit ihrer Kindheit gesehnt hatte.
Die Umbrüche in Russland hatten sich in weniger als einem Jahr auf den Kaukasus ausgebreitet und zwangen Gurdjieff, zusammen mit seinen Anhängern Tiflis zu verlassen. Mittlerweile hatten sich die de Salzmanns ihm und seiner Arbeit gänzlich verschrieben.Um mit ihm gehen zu können, gaben sie ihr Haus und anderen Besitz auf, und Jeanne ließ ihre Schule und ihre Schüler zurück. Zunächst reiste die Gruppe nach Konstantinopel, dann nach Berlin und ließ sich schließlich 1922 in Fontainebleau, in der Nähe von Paris, nieder. Jeanne de Salzmann blieb eng mit Gurdjieff verbunden und arbeitete mit Gruppen bis zu seinem Tod an seiner Seite. Sie gehörte [ebenso wie John G. Bennett] zu der Handvoll Schülerinnen und Schüler, die mit der »speziellen Arbeit«, wie er es nannte, zur Erlangung einer bewussteren Wahrnehmung beschäftigt waren.
Madame de Salzmanns wichtigste Rolle bestand darin, Gurdjieffs Tanzübungen, genannt »Bewegungen« (movements), einzuführen und anzuleiten. In Tiflis hatte sie seine erste Unterrichtsklasse mit Schülern ihrer Musikschule organisiert. In der Zeit von 1923 bis 1924 war sie selbst eine wichtige Tänzerin in seinen Aufführungen in Paris und New York. 1940 versammelte sie von sich aus eine neue Klasse von Schülerinnen und Schülern und ermutigte Gurdjieff, nochmals Bewegungen zu lehren. Später stellte sie das Unterrichtsmaterial gemäß dem Ziel und den Prinzipien seiner Lehre zusammen. Nach seinem Tod nahm sie eine Reihe von Filmen auf, damit die Bewegungen in ihrer authentischen Form erhalten bleiben konnten.
Vor seinem Tod hatte Gurdjieff Madame de Salzmann beauftragt, »über hundert Jahre alt« zu werden, um seine Lehren aufrechtzuerhalten. Er vermachte ihr alle Rechte an seinen Schriften und den Bewegungen sowie darüber hinaus an der Musik, die de Hartmann mit ihm gemeinsam komponiert hatte. In den nächsten vierzig Jahren arbeitete sie an der Herausgabe seiner Bücher und an der Bewahrung der Bewegungen. Auch veröffentlichte sie die Begleitmusik zu den Bewegungen; die Rechte an den weiteren von Gurdjieff und de Hartmann komponierten Musikstücken trat sie jedoch an Gurdjieffs Erben ab und erklärte, dass diese Musik nicht Teil seiner Lehren sei.
Madame de Salzmann gründete Gurdjieff-Zentren in Paris, New York und London sowie in Caracas, Venezuela. Dort organisierte sie Gruppen und Bewegungsklassen. Später führte sie ausgedehnte Tagungen für gemeinsames »spezielles Arbeiten« ein.
1990 starb Madame Jeanne de Salzmann im Alter von hundertundeinem Jahr in Paris.
Aus: Jeanne de Salzmann: Die Wirklichkeit des Seins
© 2010 by the heirs of Jeanne de Salzmann
Deutsche Übersetzung © Chalice Verlag