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Ein Bild ist ein Riss im Sein – und diesen Riss spürt der Mensch auch in seiner eigenen Existenzweise. Wenn Sartre das Für-sich durch den Satz beschreibt: „Der Mensch ist das, was er ist“, so gilt das auch für das Bild. Man mag versuchen, das Problem zu entschärfen, indem man unterscheidet zwischen Bild im Sinne von tableau und Bild im Sinne von image, das Bild ist eben doch beides zugleich. Mit Recht hat Gottfried Boehm mit Anklang an Heideggers ontologische Differenz hier von einer ikonischen Differenz gesprochen. Was jedoch für den Kunsthistoriker durch jüngste Entwicklungen erst auffällig geworden ist, steht bereits am Anfang der Geschichte, nämlich der Geschichte philosophischer Bildtheorien: bei Platon im Dialog Sophistes. Darin zeigt sich, dass das Thema Bild in dem Zusammenhang von Platons Bemühungen, das Sein des Nichtseienden zu erweisen, gehört und daher immer schon mit der Möglichkeit von Täuschung, Lüge und Ironie zu tun hat, also auch mit dem, was die Ambivalenz der menschlichen Existenzweise ausmacht.
Portrait
Gernot Böhme, geb. 1937, lehrte bis zu seiner Emeritierung als Professor für Philosophie an der TU Darmstadt. Seit 2005 ist er Direktor des Instituts für Praxis der Philosophie in Darmstadt. Er forschte und publizierte u.a. zur klassischen Philosophie (besonders zu Platon und Kant), zur philosophischen Anthropologie und Wissenschaftsforschung (Finalisierungsthese) sowie zu Goethe.