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„Die Beziehung des Menschen zum Pferd geht bis in die Altsteinzeit zurück. Die in den nacheiszeitlichen Kaltsteppen Eurasiens vom heutigen Spanien bis China in grossen Beständen lebenden Urwildpferde waren ein wichtiges Beutewild unserer Vorfahren. Um Pferde überhaupt habhaft zu halten, waren gute Kenntnisse der Lebensräume und des Verhaltens dieser scheuen Wildequiden Voraussetzung. Die Domestikation von Rindern und kleinen Wiederkäuern fand lange vor den Einhufern statt. Bevor man sie überhaupt ritt, wurden sie als Zug- und Tragtiere während über 1000 Jahren benutzt.
Wenige Tierarten wurden so universell genutzt wie Pferde, ihre Arbeitsleistung, gebastet, eingespannt und geritten, als Lieferant von Fleisch, Milch, Leder, Filz in der Landwirtschaft, Verkehr, Camionage, als Grubenpferd trug ganz wesentlich zur Entwicklung von Zivilisation und Kultur bei. Im Sport, als Cotherapeuten und als Freizeitgefährten fanden sie neue Aufgaben.
Zwischen den Weltkriegen blühte nach der Wirtschaftsdepression der Reit- und Rennsport und die Militärbestände wurden massiv aufgestockt. Jedoch nach Kriegsende war die Rolle des Pferdes in den meisten Ländern Europas zu Ende. Der Pferdebestand in Europa betrug 1945 17 Mio. und war bis 1969 auf 7,8 Mio. gesunken. Der Verlust fast aller Aufgaben des Pferdes nach dem Krieg in Landwirtschaft, Militär, das Darniederliegen der Sportreiterei in den Notjahren schien das Schicksal des Pferdes zu besiegeln und ihm als letztes Refugium eine pro specie rara Funktion in Zoos zu bieten.
Das Blatt wendete sich dennoch... In der Schweiz verlief dies auch unter günstigeren Startbedingungen. Das noch bestehende Militärpferdewesen mit seiner Organisationsstruktur und Institutionen wie die EMPFA in Bern waren zumindest im Anfang noch eine sichere Basis, wie auch das Eidgenössische Gestüt in Avenches. Zunehmend gewannen die Kavallerievereine an Bedeutung und die Pferdezahlen schienen sich zu stabilisieren. Pferde waren auch wieder, wenn auch begrenzt, Bestandteil im landwirtschaftlichen Einsatz. In den Folgejahren ab 1960 entstanden zahlreiche Organisationen, die sich für die Erhaltung des Pferdes in der Schweiz einsetzten, sei es rasse- oder gebrauchsspezifisch. Die wesentlichen Impulse, die zum Anwachsen der Pferdebestände in Mitteleuropa führten, hatten aber noch andere Gründe, ohne die Renaissance und das Wachsen der Pferdezahl nie die heutigen Ausmasse angenommen hätte.
Die Rassenvielfalt erschwert es, die Bedürfnisse in gesetzlichen Vorschriften einzubringen, denn zwischen einem als Rasenzier gehaltenen Shetländer und einem Vollblüter im Training bestehen doch erhebliche Unterschiede. Wahrscheinlich hat es daher so lange gedauert, bis das Pferd in eigenen Kapiteln in Tierschutzgesetz und Verordnung Eingang gefunden hat.
Pferde sind aber nicht nur Freizeit- und Sportgefährten, sondern haben in der Schweiz eine erhebliche wirtschaftliche Bedeutung. Nach der kürzlich abgelaufenen Registrierungspflicht wird eine Anzahl von 140 000 Pferden erwartet und sind mit über 900 Mio. CHF am Bruttosozialprodukt beteiligt, das Investitionskapital beträgt 26,5 Mia CHF. 30‘000 Arbeitnehmende beschäftigen sich heute in der Schweiz mit Pferden, für viele Landwirte ist die nebenberufliche Pferdehaltung eine ertragreiche Nischennutzung ihres Betriebes.
Aufgabe der Zukunft wird es sein, das zum Teil verlorene Wissen um Haltung, Ausbildung und Gebrauch im überbordenden Angebot der Zubehörindustrie, der Gurus und Ausbildungsstile durch gute Ausbildung zu intensivieren, um bei dem zu erwartenden Anstieg der Pferdezahlen eine artgerechte Haltung und einen kenntnisreichen Gebrauch zu ermöglichen.
Wir wissen heute über Pferde so viel wie nie zuvor, sein Verhalten, seine Ansprüche an Bewegung, Sozialkontakt, Fütterung, Ausbildung und seine physische und psychische Reifungszeit in der Jugend, seine Ausbildung und Belastbarkeit in Sport und Freizeiteinsatz. Wir kennen die rassespezifischen Besonderheiten in Charakter und Bewegungsdynamik, die vielen Möglichkeiten der Ausbildung, der Kommunikation und des Verstehens seines Ausdrucksverhaltens.
Trotzdem haben wir den intuitiven Zugang vor lauter Wissen verloren. Wir leben nicht mehr in vertrauensvoller, beobachtender täglicher Nähe mit unseren Pferden, sondern unsere Begegnungen sind terminiert und von Erwartungen geprägt. In unserer Beziehung oft überfordert, suchen wir Hilfe an allen Orten. Korrekturbeschläge, Spezialfütterung, Ausrüstungsgegenstände, alternative und komplementäre Heilmethoden, wir tanzen und flüstern mit unseren Pferden und finden für jede Frage eine Antwort in Buch, Video, bei Ausrüstern und in Lehrgängen.
Pferde sind seit Jahrmillionen die gleichen Tiere und sich selber treu geblieben, ein wenig rassespezifisch verändert in Exterieur und Leistung. Wir Menschen haben den Gleichklang mit dem Pferd in unserer Lebensweise verloren. In unserer Beziehung zum Pferd liegt eine gewisse Schizophrenie. Auf der einen Seite opfern wir die Pferde dem sportlichen Ehrgeiz, dem Geld und dem Prestige. Auf der anderen Seite überfordern wir sie mit den kompensatorischen Ansprüchen unserer Gefühlsdefizite und verzüchten sie in Qualzuchten zu Minizwergen als Spieltiere.
Wir wären es dem Pferd als so langjährigen Gefährten des Menschen schuldig, die Haltungsansprüche nach unserem heutigen Wissen der Verhaltenskunde, Veterinärmedizin und Fütterungslehre optimal zu erfüllen, es seinem physischen und psychischem Vermögen massvoll zu nutzen und eine gegenseitige Beziehung auf Vertrauen aufzubauen.
Deshalb: Lass das Pferd Pferd bleiben...!“
Aus dem Vortrag von www.isenbügel.ch