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Welcher Typ sind Sie: Ariadne oder Gretel? Ich wäre so gerne wie Ariadne, tendiere aber leider zu Gretel. Obwohl die Geschichte vermutlich ganz anders ausgegangen wäre, wenn Hänsel auf Gretel gehört hätte und nicht umgekehrt – aber ich schweife ab. Ariadne hatte eine wundersame Garnrolle, die sie Theseus anbot, damit er sich nicht verirre im Labyrinth des Daidalos und nach der Tötung des Minotaurus schnurstracks wieder herausfände.
Ich habe leider kein Wundergarn, und mein Labyrinth liegt nicht auf Kreta, sondern im WWW. Ich finde auch immer wieder heraus, aber auf ziemlichen Umwegen, weil ich dauernd den Faden verliere. Den modernen Minotaurus muss man nicht mehr töten, ihn zu ignorieren würde schon reichen. Manchmal möchte ich besonders schlau sein und streue unterwegs ein paar Gretelbröckchen in Form kleiner Notizzettel, die aber rätselhafterweise immer irgendwo verschwinden. Beispiel: Bei einer Recherche zum Thema Schuhe taucht unweigerlich das Stichwort «Imelda Marcos» auf. Und das wird mir prompt zum Verhängnis. Eigentlich will ich ja nur herausfinden, wie viele Schuhe die Diktatorengattin wirklich besessen hat. Doch ein klitzekleiner Klick bringt mich vom rechten Weg ab und ich lande auf www.celebmatch.com.
«Finden Sie heraus, welche prominenten Persönlichkeiten zu Ihnen passen!» Meine Ergebnisse für Imelda: 96 Prozent physisch (Frechheit!), intellektuell 14 Prozent, 43 Prozent emotional, ergibt ein Total von 51 Prozent. Ich bin erleichtert. Meine Übereinstimmung mit Brad Pitt ergibt immerhin ein Total von 93 Prozent: physisch 85, emotional 94, intellektuell 99 Prozent (wusste gar nicht, dass der so intelligent ist!). Aber der Prominente, der hundertprozentig zu mir passen soll, ist Zakk Wylde, amerikanischer Hardrockgitarrist und «rechte Hand von Ozzy Osbourne», wie ich auf zakk-wylde.net erfahre. Mich schaudert. Dann noch eher Paolo Maldini auf Rang 2, aber wirklich nur im Notfall. Schliesslich ergebe ich mich dem charmanten Würgegriff des Minotauren und gebe die erforderlichen Daten meines gesamten Bekanntenkreises ein. Unbestimmte Zeit später finde ich aus dem Labyrinth heraus. Immerhin mit den Informationen zu Imeldas Schuhfimmel. Doch die sind so widersprüchlich, dass ich sie schliesslich nicht verwende.
Übrigens: Ariadne hatte nicht lange Freude an ihrem Faden. Ihr geliebter Theseus liess sie nämlich auf der Flucht nach Athen schnöde auf Naxos sitzen. Auf Gretel aber wartete bekanntlich ein Happyend. Es besteht noch Hoffnung für mich.
Aus: Bulletin der Credit Suisse 1.05