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Eine riesige Staumauer im Bau, klein wie Ameisen scheinen die Bauarbeiter. Der Vorspann zitiert den Film Terra Roubada, in dem Peter von Gunten in den Jahren 1979/80 den Bau des Sobradinho-Staudammes im Nordosten Brasiliens kritisch dokumentierte. 1990/91 kehrte er mit einem Filmteam zu den Menschen zurück, die seit mehr als zehn Jahren nur fünf Kilometer entfernt vom flächenmäßig größten Stausee der Welt leben und seither - bittere Ironie des Mammutprojekts - unter Dürre und Wassermangel leiden. Einmal pro Woche kommt der Trinkwassercamion in die 70 Familien zählende Streusiedlung Sao Gonçalo da Serra - wenn er kommt. Dann werden alle verfügbaren Gefäße gefüllt. Damit ihr karges Feld nicht ganz verdorrt, muß die Kleinbäuerin Maria de Carvalho das Wasser auf dem Kopf von der entfernten Wasserstelle hertragen. Sie gehört zu den rund 100 000 zwangsumgesiedelten Kleinbauern und -bäuerinnen. Früher wohnte sie im Flußtal, wo Gemüse und Früchte auch wuchsen, wenn es lange nicht regnete. „Wir hatten alles“, sagt sie. „Seit wir hier leben, leiden wir. Wo wir wohnten, ist das Wasser viele Stunden breit. Hätten wir bleiben sollen?“ Die Nutzung dieser riesigen Wassermassen bleibt den Großgrundbesitzern mit ihren Bewässerungsanlagen Vorbehalten. Auch von den 1050 Megawatt Strom, die im Sobradinho-Kraftwerk produziert werden, hat das Dorf nichts. Bei der statistisch-behördlichen Erhebung der Lebensumstände löst die Frage nach Elektrizität unter den im Maniokhaus versammelten Frauen Heiterkeit aus.
Mit der Kamera begleitet Peter von Gunten die Frauen, Männer und Kinder von Sao Gonçalo da Serra in ihrem Alltag, bei der Arbeit auf dem Feld oder im Maniokhaus, beim Arztbesuch, beim Warten auf den Bus oder beim (seltenen) Einkauf in der zehn Kilometer entfernten Stadt Sobradinho. Und er gibt ihnen in langen, ruhigen Einstellungen Raum für Selbstdarstellung, so daß ein Film von ihnen und nicht bloß über sie entsteht. Mit Namen stellen sie sich und ihre Familien vor, erzählen in einer bildhaften, klarsichtigen Sprache von ihrem Leben und erinnern sich an die Zeit vor der Vertreibung durch das Großprojekt („Vom Wasser redeten wir nicht, weil wir es hatten“). Armut, Entbehrung, Schmerz, teils auch Resignation werden sichtbar und spürbar. Aber auch Überlebenskraft, Würde und Selbstbewußtsein, etwa wenn eine Mutter stolz die von ihren gehörlosen Kindern entwickelte Zeichensprache erklärt. Ausblicke über die glatte, riesige Fläche des Sees bringen zwischen den sehr persönlichen Porträts immer wieder die gemeinsame Erfahrung ins Bewußtsein: Opfer zu sein einer aberwitzigen Entwicklungspolitik. Distanziertere Passagen über einen einheimischen Bodenspekulanten und den italienischen Manager einer Crevettenzucht deuten an, wer zu den wenigen gehört, die vom Stausee profitieren. Symbolhaft die quälend langen Einstellungen auf die gefangenen Krustentiere, die sich auf dem Trockenen winden.
Der Rhythmus dieses eindrücklichen Films ist in hohem Maß durch den für die Region typischen Sprechgesang von zwei Dobrospielern (das Dobro ist ein gitarrenähnliches Saiteninstrument) bestimmt, der immer wieder die Aussagen der Bauern und Bäuerinnen stützt und erweitert. Im Wechselgesang improvisierend, erzählen und kommentieren sie die Geschichten vom Staudamm und vom großen See nicht ohne schmerzliche Ironie.
Durch die Konzentration auf die subjektive Sicht und die konkreten Erfahrungen und Sorgen der Bewohnerinnen von Sao Gonçalo da Serra bietet von Gunten vergleichsweise wenig entwicklungspolitische Hintergrundinformation. Doch gerade durch die Sensibilität dieser Porträts, die immer mehr sind als Fallstudien, gewinnt der Film mit seinen ureigensten Mitteln eine größere allgemeine Aussagekraft als manche Statistik.