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Harnwegsinfektionen sollten ernst genommen werden. Wir benennen eindeutige Symptome, Risikofaktoren sowie Therapiemöglichkeiten.
Gundula Madeleine Tegtmeyer, Illustration: Sonja Berger
Blasenentzündungen treten vor allem bei Frauen auf, dies ist anatomisch bedingt, da die weibliche Harnröhre lediglich ungefähr vier Zentimeter lang ist – im Gegensatz zu 20 bis 25 Zentimetern beim Mann – und durch die Nähe des Harnröhrenausgangs zum After. Ursache für eine Blasenentzündung (Zystitis) ist meist eine Infektion mit Darmbakterien. Die Keime gelangen von aussen über die Harnröhre in die Blase und führen dort zu einer Entzündung und Reizung der Blasenwand. Der häufigste Auslöser sind Escherichia-coli-Bakterien oder Enterokokken. Sie gehören zur normalen menschlichen Darmflora. Andere Erreger einer Zystitis sind zum Beispiel Proteus mirabilis, Staphylokokken, Streptokokken, Klebsiellen oder auch Pilze wie die Hefe Candida albicans. In seltenen Fällen können auch Viren oder Parasiten die Blase reizen.
Eindeutige Symptome
Eine Blasenentzündung äussert sich bei Frauen und Männern mit ähnlichen Symptomen. Typisch ist der Drang Betroffener häufig Wasser lassen zu müssen, meist begleitet von einem unangenehmen und mitunter schmerzhaften Brennen oder Kribbeln. Weitere Symptome sind ein verfärbter, trüber und unangenehm riechender Urin, Blut im Urin, leichtes Fieber und allgemeine Abgeschlagenheit. Eine unbehandelte Harnwegsentzündung kann in der Schwangerschaft leichter in die Nieren aufsteigen. Eine Entzündung des Nierenbeckens und der Nieren (Pyelonephitis) zu chronischen Nierenschäden führen. Ein entzündeter Nierenbeckenboden kann vorzeitige Wehen auslösen und somit zu einer Früh- oder Fehlgeburt führen. Bei Männern wie Frauen können wiederkehrende Blasenentzündungen eine Reihe von Organen befallen und langfristig schädigen sowie zu Inkontinenz führen.
Risikofaktoren für eine Harnwegsinfektion sind:
- Abwehrschwäche, Immunsuppression durch Medikamente und bestimmte Stoffwechselstörungen, wie etwa Diabetes.
- Auch beim Geschlechtsverkehr können Bakterien in die Harnröhre und von dort in die Blase gelangen. Dafür gibt es den Begriff der «Flitterwochen-Blasenentzündung» (englisch: «honeymoon cystitis»).
- In der Schwangerschaft verändert sich der Hormonhaushalt. Eine unliebsame Folge ist, dass sich die Harnwege weiten und Keime daher leichter in die Harnröhre eindringen können.
- Harnstau oder Restharn in der Blase.
- Blasenfunktionsstörungen, die zum Beispiel bei Krankheiten des Nervensystems und Querschnittslähmungen auftreten, können die Entleerung der Blase behindern. Staut sich der Harn oder bildet sich ein «Urinsee» am Boden der Blase, finden Bakterien darin einen idealen Nährboden. Wiederkehrende Harnwegsinfektionen können die Folge sein.
- Dauerkatheter: Sie führen zu einer mechanischen Reizung der Blase. Zudem schaffen sie eine offene Verbindung von den Harnwegen nach aussen und ermöglichen es damit Bakterien, in die Harnröhre zu gelangen.
Problem Prostatavergrösserung bei Männern
Männer ab dem 50. Lebensjahr leiden häufig an einer vergrösserten Prostata, die den Harnabfluss behindert, sodass sich Restharn und Krankheitserreger in der Blase sammeln und Entzündungen verursachen können. In diesen Fällen kann die Behandlung der gutartigen Prostatavergrösserung wiederholten Harnwegsinfekten vorbeugen. Ein Harnstau kann weitere Ursachen haben: Eine Harnröhrenverengung, Harnsteine oder ein Tumor, der die Harnwege einengt. Als Folge kann der Urin nicht richtig oder nicht vollständig abfliessen. Zudem können sich die Krankheitskeime auf die Nebenhoden oder Niere ausbreiten. Männer mit beschriebenen Symptomen sollten dringend eine urologische Untersuchung durchführen lassen.
Risikofaktoren beim Mann sind:
- Eine vergrösserte Prostata (gutartige Prostatahyperplasie)
- Nierensteine
- Gestörter Zuckerhaushalt (Diabetes Mellitus)
- Multiple Sklerose
- Einsatz eines Blasenkatheters
- Ein kürzlich durchgeführter Eingriff an den Harnwegen
- Vorhautveränderungen
- Geschwächtes Immunsystem
- Vaginaler Geschlechtsverkehr mit einer infizierten Person
Selbsthilfe mit sanften Hausmitteln
Wenn Sie akut unter einer leichten, unkomplizierten Blasenentzündung leiden, sollten Sie – sofern gesundheitlich bei Ihnen nichts dagegen spricht – zwei bis drei Liter pro Tag trinken und die Blase häufig entleeren um die Keime möglichst schnell auszuspülen. Nierenund Blasentees sowie Säfte (verdünnt mit Wasser) aus Preisel-, Moor- oder Moosbeeren können die Therapie unterstützen. Auch die Scharfstoffe des Meerrettichs können Erreger bekämpfen. Die Senföle verhindern, dass sich Bakterien vermehren. Eine Wärmeflasche, warme Sitzbäder oder feuchtwarme Umschläge im Blasenbereich können die Beschwerden lindern. Die wohltuende Wärme unterstützt die glatte Muskulatur der Blase zu entspannen und so die Schmerzen mildern.
Prophylaxe
- Achten Sie darauf, ausreichend zu trinken (mind. zwei Liter am Tag), damit Harnblase und Harnwege gut durchgespült und Bakterien ausgeschieden werden können.
- Achten Sie bei Harndrang auf zeitnahe und gründliche Blasenentleerung.
- Üben Sie sorgfältige, aber keine übertriebene Intimpflege aus, möglichst seifenfrei.
- Frauen sollten auf der Toilette nach dem Stuhlgang unbedingt von der Scheide zum After säubern. Es verringert das Risiko, dass Bakterien aus dem Magen-Darm-Trakt in die Harnröhre gelangen.
- Wasserlassen nach dem Geschlechtsverkehr ist empfohlen, um Keime aus der Harnröhre herauszuspülen.
- Baumwollunterwäsche tragen und diese bei 60° waschen: Das macht den meisten Keimen den Garaus. Die Slips sollten zudem nicht zu eng sitzen, um eine Reizung des Schambereiches zu vermeiden.
- Auswahl des Verhütungsmittels: Für Frauen, die zu Blasenentzündungen neigen, sind bestimmte Verhütungsmittel geeigneter als andere. So ist von mit Spermiziden versehenen Kondomen, spermiziden Cremes und mechanischen Verhütungsmitteln wie dem Diaphragma oder der Spirale eher abzuraten. Konsultieren Sie Ihren Gynäkologen oder Ihre Gynäkologin.
- Vitamin D: täglicher Spaziergang von gut 30 Minuten an der frischen Luft.
- Unterleib und Füsse warmhalten.
- Nasse Badekleidung sofort gegen trockene austauschen.
Auch Mannose, ein bestimmter Zucker, oder pflanzliche Wirkstoffe wie Bärentraubenblätter, Kapuzinerkressekraut oder Meerrettichwurzel kommen zur Vorbeugung von immer wiederkehrenden Harnwegsinfektionen in Betracht. Ist eine gestörte Scheidenflora die Ursache für die immer wiederkehrenden Infekte, kann eventuell eine Behandlung mit Zäpfchen mit Milchsäurebakterien helfen, welche in die Scheide eingeführt werden. Ihr Arzt oder Ihre Ärztin informiert Sie zu für Sie geeigneten Präparaten und Anwendung.
Ernährung kann heilen helfen
Eine konsequente antientzündliche und ausgewogene Ernährung kann unterstützen akute schmerzhafte Beschwerden zu lindern und erneuten Blasenentzündungen vorbeugen. Gemüse, zuckerarme Obstsorten und Gewürze, qualitativ hochwertige Öle – je nach Vorliebe Oliven-, Lein-, Walnuss-, Weizenkeim- oder Hanföl – sind empfehlenswert, der Verzehr von Butter nur in Massen. Schwarzkümmelöl unterstützt den Darm. Auch fetter Seefisch (Lachs, Makrele und Hering) sollten regelmässig auf dem Speiseplan stehen. Schweinefleisch sollte sparsam konsumiert werden, denn es enthält entzündungsfördernde Substanzen. Wer nicht auf Fleisch und Wurstwaren verzichten möchte, sollte mageren Aufschnitt wie Corned Beef, Rinderfilet, Putenund Hühnerfleisch verzehren. Empfehlenswert sind Vollkorngetreideprodukte oder Scheingetreide wie beispielsweise Buchweizen, Quinoa, Haferflocken, Vollkornnudeln, Vollkornreis und Pellkartoffeln. Als Snackersatz eignen sich dunkle Schokolade, Nüsse und Samen, ca. 40 g täglich sowie grüne Smoothies. Probiotika, wie etwa Milchsäurebakterien in Kefir, Buttermilch, Speisequark, Naturjoghurt (3,5 %) und Käse bis 45 % Fettgehalt sowie Sauerkrautsaft und Präbiotika (Ballaststoffe) unterstützen unsere Darmflora und damit unser Immunsystem. Sie sind besonders wichtig, wenn die Darmflora durch Antibiotika-Einnahme geschädigt wurde. Eier in allen Variationen. Meiden hingegen sollten Betroffene Zucker und viele Fertigprodukte, Fruchtjoghurts und Fruchtsäfte. Die Emulgatoren E433 und E466, die den Lebensmitteln häufig zugesetzt werden, um die Konsistenz zu verstärken und die Haltbarkeit zu verlängern, stehen im Verdacht, Entzündungen der Schleimhäute im Körper zu fördern.
Idealerweise nehmen Sie eine Schaukeldiät, auch als Wechseldiät bezeichnet, zur Vorbeugung von weiteren wiederkehrenden Blasenentzündungen in Ihren Speiseplan auf. Wechseln Sie alle drei Tage zwischen einer alkalischen und einer ansäuernden Kost. Eine ernährungsmedizinische Beratung und individuell abgestimmte Diät ist empfehlenswert, die professionelle Beratung ist in der Schweiz eine Kassenleistung. Sollten die Beschwerden nach drei Tagen nicht abklingen oder Fieber dazukommen, sollten Sie dringend einen Arzt oder Ärztin aufsuchen.
Harnwegsinfekte auch bei Kindern
Infekte der Harnwege kommen bei Babys und Kleinkindern häufig vor. Meist verspüren sie nicht die typischen brennenden Schmerzen, sondern klagen – sofern sie bereits sprechen können – über diffuse Bauchschmerzen. Leidet Ihr Kind wie aus heiterem Himmel unter Fieber ohne weitere Symptome, besteht immer der Verdacht auf eine Harnwegsinfektion und ein*e Kinderärzt*in sollte unverzüglich aufgesucht werden. Auch ein veränderter Windelgeruch kann ein erster Hinweis auf einen Harnwegsinfekt sein. Der Infekt wird durch Bakterien ausgelöst, die vom eigenen Stuhl herrühren und über die kurze Harnröhre des Kindes in die Blase aufsteigen, wo sich die Bakterien rasch verbreiten. Kinderplanschbecken sind wahre Brutstätten entsprechender Bakterien. Nasse Badekleidung sollte nach dem Badespass schnellstmöglich gegen trockene Kleidung ausgetauscht werden. Auch das Sitzen auf kalten Unterlagen kann zu einer Blasenentzündung führen.
Hat sich Ihr Kind infiziert sollten Sie Ihr Kind ermutigen so viel wie möglich zu trinken, damit die Keime über den Urin ausgeschieden werden können. Ein saures Urinmilieu, ein pH-Wert von vier bis sechs sorgt dafür, dass sich die Bakterien nicht vermehren können. Empfehlenswert sind Preiselbeer- oder Cranberrysaft verdünnt mit Wasser. Auch eine Schaukeldiät, der Wechsel zwischen einer alkalischen und einer ansäuernden Kost, kann helfen die lästigen Bakterien loszuwerden. Alkalischer wird der Harn durch Milch, Obst und Gemüse, saurer durch Hülsenfrüchte, Vollkornbrot, Getreide, Fleisch, Fisch, Käse, Eier und Quark. Auch Fussbäder mit einem durchblutungsfördernden Zusatz wie Rosmarin – oder Pfefferminzöl – unterstützen. Die wichtigsten Heilkräuter bei Harnwegsinfekten sind Tees aus der Hängebirke (Betula pendula), dem Ackerschachtelhalm (Equisetum arvense), der Preiselbeere (Vaccinium vitis-idaea) sowie Tees und Tinkturen aus der Goldrute (Solidago virgaurea) und aus der eingewanderten Kanadischen Goldrute (Solidago canadensis). Letztere ist noch heilkräftiger. Auch Petersilie ist ein wirksames Heilkraut bei Infekten der ableitenden Harnwege. Kuhmilch möglichst für einige Wochen vom Speiseplan nehmen. Vitamin D stärkt die Immunabwehr. Erwachsene wie Kinder sollten täglich mindestens 30 Minuten an der frischen Luft verbringen.