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Am 23. August 2017 um 9.30 Uhr stürzten am Piz Cengalo rund drei Millionen Kubikmeter Felsen ins Tal. Eine gewaltige Masse, aber noch längst nicht alles, was im Spätsommer über das Bergell hereinbrechen sollte. Eine Herkulesaufgabe für die Einsatzkräfte und die Bevölkerung.
Unmittelbar nach dem Bergsturz vom 23. August schoben mehrere Murgänge tonnenweise Schlamm und Gesteinsmassen durch das Val Bondasca nach Bondo. Sie begruben Teile des Dorfes und die neue Kantonstrasse unter Schutt und Geröll. Ein Schub zwei Tage später zerstörte weitere Wohn- und Gewerbegebäude. Ein gewaltiger Murgang erfasste am Abend des 31. August nebst Bondo die alte Kantonstrasse sowie die Dörfer Spino und Sottoponte. Die Einsatzkräfte konnten die Bewohnerinnen und Bewohner in Sicherheit bringen, wobei die Rega zwei Personen aus ihren Häusern retten musste. Am frühen Morgen des 1. Septembers verschüttete eine Schlammlawine die Strasse zwischen Vicosoprano und Casaccia, wodurch das untere Bergell für vier Tage von der Aussenwelt abgeschnitten war.
— Philipp Wyss (@Pradaschan) August 23, 2017
Anhaltende Gefährdung
Die Suche nach acht Alpinisten, die sich während des Bergsturzes im Val Bondasca aufhielten, musste am 26. August erfolglos eingestellt werden. Über 140 Personen wurden aus Bondo, Spino und Sottoponte evakuiert. Die Schlamm- und Gesteinsmassen zerstörten über 30 Gebäude. Im gesamten unteren Bergell fielen am 31. August das Stromnetz sowie die Telefon- und Internetverbindungen aus. Die neue Kantonstrasse war für längere Zeit unpassierbar.
Am Piz Cengalo sind nach wie vor bis zu einer Million Kubikmeter Fels akut absturzgefährdet. Der Schuttkegel im Val Bondasca umfasst rund 4 Millionen Kubikmeter. Starke Niederschläge oder Schmelzwasser können jederzeit neue Murgänge auslösen. Um die Einsatzkräfte zu schützen, wurden im Val Bondasca verschiedene Alarmsysteme betrieben: Gebirgsspezialisten der Armee beobachteten den Berg und den darunter liegenden Schuttkegel. Im Falle eines Murgangs alarmierten sie die Einsatzkräfte bei Bondo. Diesen blieben vier Minuten Zeit, um sich und ihre Maschinen in Sicherheit zu bringen. Zusätzlich wurde die elektronische Alarmierung stetig verbessert.
Suche nach Vermissten und Betreuung der Bevölkerung
Zur Suche der vermissten Wanderer wurden nachts mit Wärmebildgeräten ausgestattete Helikopter von Armee, Rega und Kantonspolizei Zürich eingesetzt. Tagsüber suchten Mitglieder der Alpinen Rettung Graubünden und Rettungsteams des Schweizerischen Vereins für Such- und Rettungshunde (REDOG) das Gelände ab.
Die unter der Leitung der Feuerwehr Evakuierten konnten im nahegelegenen Centro Sanitario Bregaglia untergebracht werden. Das Pflegepersonal betreute die bis zu 50 Schutzsuchenden im Spital und in der dazugehörigen Zivilschutzunterkunft. Bereits am ersten Abend wurde die Spitalequipe durch ein Zivilschutzdetachement verstärkt. Von Beginn ab begleiteten ein Spezialist der Kantonspolizei und Angehörige des Care-Teams Grischun die Angehörigen der Vermissten und die Evakuierten.
Um die spezifischen Bedürfnisse der Bevölkerung kümmerten sich die Mitarbeitenden der Gemeinde. Sie betrieben gemeinsam mit dem Zivilschutz eine Hotline und sorgten mit Unterstützung der Glückskette für finanzielle Soforthilfe. Die Gebäudeversicherung Graubünden eröffnete ein Büro vor Ort, um bei Versicherungsfragen zur Seite zu stehen.
— Comune di Bregaglia (@InfoBondo) August 30, 2017
Die Gemeinde Bondo informierte die Öffentlichkeit über den eigens dafür geschaffenen Twitterkanal.
Wiederherstellung der Infrastruktur
Nach dem Murgang vom 31. August wurde die unterbrochene Leerung des Auffangbeckens wieder aufgenommen, das Bauamt von Bregaglia kümmerte sich um die Gemeindeinfrastruktur und organisierte die Räumung der verschütteten Gebäude, die Elektrizitätswerke Zürich versorgten das Gebiet wieder mit Strom und die Swisscom kümmerte sich um die beschädigten Kommunikationsverbindungen.
Fazit: Ereignisbewältigung funktioniert
Das Bündner Konzept für die Ereignisbewältigung hat funktioniert. Die klar definierte und trainierte Führungsrolle der Kantonspolizei während der ersten Akutphase verschaffte den später zuständigen Stellen die nötige Zeit, um gut vorbereitet die Führung zu übernehmen. Die Topographie Graubündens erfordert dezentralisiert aufgestellte Institutionen und Organisationen im Sicherheits- und Gesundheitsbereich. Ohne die permanente regionale Präsenz der Naturgefahrenspezialisten, der Kantonspolizei, des Spitals inkl. Rettungsdienst, der Feuerwehr oder des kantonalen Tiefbauamtes hätte die Ereignisbewältigung nicht zeitgerecht und in der erforderlichen Qualität aufgegleist werden können.
Armee und Zivilschutz übernahmen seit dem ersten Tag des Ereignisses verantwortungsvolle Aufgaben und schliessen materielle und personelle Lücken. Ohne ihren Einbezug hätte die Durchhaltefähigkeit der Einsatzkräfte über einen grossen Zeitraum nicht gewährleistet werden können. Für die Krisenkommunikation wurde ein koordinierter, aktiver Ansatz gewählt. Die Öffentlichkeitsarbeit von Gemeinde, Führungsstab und Instandstellungsprojekt blieb so jederzeit abgestimmt und die Bevölkerung wurde nicht durch widersprüchliche Informationen verunsichert.
Beeindruckend waren die Ausdauer und die Kraft der betroffenen Bergellerinnen und Bergeller. Seit Beginn haben sie eigenverantwortlich und vorausschauend die Last des Ereignisses getragen. Die spürbare, grosse Solidarität, die ihnen die Schweizer Bevölkerung sowie die Behörden des Bundes, der Kantone und des angrenzenden Auslandes entgegenbrachten, haben ihnen die notwendige Zuversicht gegeben.
Den ausführlichen Beitrag finden Sie in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Bevölkerungsschutz“.
— SRF News (@srfnews) December 15, 2017
Mehr Informationen
- Begrifferklärung: Erdrutsch vs. Murgang.
-
Dossier Bundesamt für Umwelt (BAFU): Klimaerwärmung: Instabiler Permafrost führt zu häufigeren Bergstürzen