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WELT: Herr El-Mafaalani, alle Bildungsstudien, die uns in den vergangenen Monaten vorgelegt wurden, haben einen erschütternden Kern: Die Schulleistungen der Grundschüler werden über die Jahre immer schlechter, und die Leistung hängt vor allem vom Elternhaus ab. Ist das eigentlich eine Gesetzmäßigkeit?
Aladin El-Mafaalani: Die Korrelation zwischen Herkunft und Bildungserfolg ist in jedem Land feststellbar. Die Stärke variiert allerdings. Und Deutschland gehört regelmäßig zu den Ländern, in denen dieser Effekt besonders stark ist.
Auch der Migrationshintergrund wird dabei immer als Kriterium hervorgehoben. Ist dieses Merkmal überhaupt noch aussagekräftig?
Nicht wirklich. Der Migrationshintergrund ist eine sehr abstrakte Kategorie. Unter diesem Begriff wird auch in wissenschaftlichen Studien viel zu viel zusammengefasst. Es wird suggeriert, die beschriebene Gruppe wäre in irgendeiner Weise homogen. In Wahrheit ist sie aber deutlich heterogener als die Gruppe ohne Migrationshintergrund.
Manche sind selbst zugewandert, andere gehören der zweiten oder gar dritten Generation an, manche sprechen nur Deutsch, andere vor allem ihre Herkunftssprache. Herkunftsland, ethnische Herkunft, Religion und Bildungshintergrund sind höchst unterschiedlich. Man kann diese Gruppe gar nicht über einen Kamm scheren. Sie ist gewissermaßen superdivers.
Als Sohn syrischer Einwanderer haben Sie ja auch einen Migrationshintergrund …
Richtig. Und ich habe ihn auch an meine Tochter vererbt. Auch meine Nichten und Neffen fallen in die Kategorie Migrationshintergrund. Aber was sagt das aus? Sie wachsen absolut privilegiert auf.
Als Kriterium für Förderungswürdigkeit taugt das Kriterium des Migrationshintergrundes also nicht?
Wenn man harte Kriterien für Förderprogramme auflegen will, braucht man Kategorien, die wirklich problemorientiert sind. Am einfachsten zu messen ist das am Anteil der Empfänger staatlicher Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II wie der Grundsicherung, der sogenannten SGB2-Quote. Zusätzlich kann man die Kinder hinzuzählen, die selbst in erster Generation eingewandert sind, also ohne Sprachkenntnisse nach Deutschland gekommen sind.
Es gibt aber auch Kinder der zweiten Generation, die die deutsche Sprache noch nicht ausreichend beherrschen.
„Es gibt auch“ ist eine problematische Formulierung. Es gibt auch Kinder ohne Migrationshintergrund, die Sprachprobleme haben, oder Akademikerkinder, die auf die Hauptschule gehen. Die Frage ist: Was ist signifikant? Und da kann man klar sagen, dass die zweite Generation wesentlich bessere Bildungschancen hat als die erste.
Welche Dynamiken herrschen in den Familien bezüglich des Leistungs- und Aufstiegswillens?
Das Typische bei Migrantenfamilien ist tatsächlich, dass die Erfolgserwartungen an die Kinder überdurchschnittlich groß sind, das zeigen alle Studien. Das lässt sich auch leicht erklären: Man fängt nicht irgendwo ganz neu an, ohne das Ziel zu haben, dass es mindestens den Kindern einmal besser geht. In einem Schulsystem wie dem unseren, in dem die Unterstützung der Eltern traditionell stark vorausgesetzt wird, wird das aber zum Problem – vor allem, für Eltern mit niedrigerem Bildungsniveau. Auch viele geflüchtete Kinder und Jugendliche haben aufgrund der Flucht unterbrochene Schulbiografien. Wenn ein Kind hier geboren ist, sieht das aber schon ganz anders aus. Aber nebenbei bemerkt: Migranten sind nicht nur bei den niedrig Gebildeten überrepräsentiert, sondern auch bei den sehr hoch Gebildeten.
Werden manche Kinder vielleicht auch von den Lehrkräften systematisch unterschätzt?
In unserem Schulsystem gelingt es nicht, Kinder, die von einer imaginierten Norm abweichen, richtig einzuschätzen – insbesondere, wenn ein Kind bei der Ankunft in Deutschland schon älter als zehn Jahre ist, also über dem Grundschulalter. Es wird dann nicht systematisch geschaut, wie intelligent, kompetent und lernfähig es ist, sondern in aller Regel nur danach, wo gerade ein Schulplatz frei ist. Und wenn der an der Hauptschule ist, dann landet das Kind eben da.
Das Schulsystem war durch die Migration in den Jahren 2015/2016 schon überfordert, jetzt sind auch noch die ukrainischen Kinder dazugekommen. Droht das System zu implodieren?
Es ist auf jeden Fall völlig überlastet aufgrund der großen Diskrepanz zwischen den Rahmenbedingungen und den realen Herausforderungen. Neu zugewanderte Geflüchtete konzentrieren sich zum Beispiel oft sehr stark an den Grundschulen in der Nähe der Aufnahmeeinrichtungen oder in bestimmten segregierten Stadtteilen. In solchen Grundschulen beträgt der Migrationsanteil dann schnell 80 Prozent oder mehr.
Wenn die Kinder dann noch aus 50 verschiedenen Ländern kommen oder 30 verschiedene Sprachen sprechen, ist das eine Herausforderung, für die wir absolut nicht gewappnet sind. Wir sind an Grundschulen und auch an den Kitas personell und konzeptionell absolut nicht dafür gerüstet, mit dieser Superdiversität zurechtzukommen. Dabei entscheidet sich da, wie unsere Gesellschaft in Zukunft aufgestellt sein wird.
Dringende Investitionen sind deshalb ausgeblieben – etwa der Schulbau, die Einstellung von Schulsozialarbeitern, das Angebot von Mittagessen und so weiter.
Haben wir das Bildungssystem systematisch kaputtgespart?
El-Mafaalani: Ich würde sagen: Ja. Durch die Politik der schwarzen Null haben wir die Kommunen zu massiven Einsparungen gezwungen. Dringende Investitionen sind deshalb ausgeblieben – etwa der Schulbau, die Einstellung von Schulsozialarbeitern, das Angebot von Mittagessen und so weiter. Dass der Arbeitsplatz Schule für Lehrkräfte immer weniger attraktiv ist, hat sehr viel damit zu tun. Vor allem die Grundschulen wurden vernachlässigt.
Die Bundesregierung hat erkannt, dass etwas geschehen muss und hat das sogenannte Startchancenprogramm aufgelegt. 4000 besonders benachteiligte Schulen sollen damit über zehn Jahre gefördert werden. Was sind Ihre Erwartungen daran?
Man muss immer skeptisch werden, wenn der Bund über Bundesprogramme eingreifen muss. Es ist ein klarer Hinweis darauf, dass es eigentlich schon zu spät ist. Dennoch ist das Programm natürlich begrüßenswert. Es kann aber nur ein Einstieg sein, denn die Anzahl der Schulen, die eigentlich gefördert werden müssten, ist deutlich höher.
Zwischen Bund und Ländern gibt es Streit, wie das Geld verteilt werden soll. Die Länder möchten es weitgehend nach Königsteiner Schlüssel verteilen, der Bund nach Sozialindizes. Wer hat recht?
Wenn es darum geht, die Chancen benachteiligter Kinder zu verbessern, ist der Königsteiner Schlüssel nicht das richtige Instrument. Wir müssten im Grunde weg von der Länderbetrachtung hin zu einer Sozialraumbetrachtung. Die großen Herausforderungen gibt es vor allem in ganz bestimmten Stadtteilen und strukturschwachen Regionen. Wenn man sich auf nur ein Kriterium verständigen müsste, sollte es die SGB2-Quote sein.
Wir sehen heute in den Grundschulen, wie unsere Arbeitsgesellschaft in zehn bis 15 Jahren aussehen wird. Bundesweit haben 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen einen Migrationshintergrund, in westdeutschen Großstädten sind es 60 Prozent.
Es rücken quantitativ immer weniger Jugendliche in den Arbeitsmarkt nach und gleichzeitig verringert sich die Qualität der Ausbildung. Eine fatale Gemengelage. Welche Folgen hat das für unsere Gesellschaft?
Das ist ein großes Problem, denn gleichzeitig sind ja auch die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt gestiegen. Und die Gruppe, die da nachwächst, ist superdivers. Wir sehen heute in den Grundschulen, wie unsere Arbeitsgesellschaft in zehn bis 15 Jahren aussehen wird. Bundesweit haben 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen einen Migrationshintergrund, in westdeutschen Großstädten sind es 60 Prozent. Die dritte und vierte Generation ist da noch gar nicht mitgezählt.
Wie die Gesellschaft dann funktioniert, hängt auch davon ab, welche Themen wir in der Kita und Grundschule behandeln. Wir sollten uns ein Beispiel an Kanada nehmen: Da geht es in der Schule von der ersten Klasse an um die Anerkennung von Differenz und die Suche nach Gemeinsamkeiten. Die Kinder erkennen, dass sie als Teil des Ganzen anerkannt sind, der mitgestalten soll. Dafür wird aber auch etwas gefordert. Von einer solchen Haltung sind wir noch ganz weit entfernt.