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Mekka liegt im Tessin, könnte man frei nach Adolf Muschg ausrufen. Und sieht man einem Boulderer zu, wie er vor seinem Felsblock kniet und sein Problem studiert, vielleicht gar von «Dreamtime« träumt – man könnte ihn tatsächlich für einen Pilger halten. Vielleicht betet er ja wirklich, er schaffe den entscheidenden Zug endlich im 999sten Versuch. Bis er die restlichen 1452 Problems aus dem neuen Führer abgearbeitet hat, wäre er längst auf den Knien im realen Mekka angekommen.
«Die Tessineralpen im Allgemeinen gelten als langweilig. Ihre Bergspitzen, mit Ausnahme vielleicht des Basodano, der nur besucht wird, weil er den höchsten Punkt der Gruppe bildet, werden verschmäht. In den Thälern sind zu viel Felsblöcke und zu wenig Brücken, zu viel Wasser und doch zu wenig Wirthshäuser. Die Pässe und Uebergänge von einem Thal ins andere sind dem Einen zu lang, dem Andern zu kurz. Der Geologe findet, es sei zu viel Gneiss im Tessin, und geht also nicht hin. Der Botaniker besteigt den Salvatore und findet, es sei zu warm, als dass Pflanzen auf den nackten, von ferne sichtbaren Felsgebäuden gedeihen könnten. Der Zoologe denkt, es sei zu wenig Nahrungsstoff in diesen Bergen, als dass sich verständige Thiere darin aufhalten könnten. Und dennoch glänzt manch blauer Tremolit an den Felswänden des Campo Tencia, dennoch wächst hier die Alpenrose mit gefüllten Blüthen, der Königsfarn, die Osmunda regalis findet seinen Platz neben den Steintrümmern und erreicht eine Höhe von fünf Fuss. Der Castanienbaum mit zehn Fuss Durchmesser ist keine ausserordentliche Seltenheit und schliesslich findet sogar der Lämmergeier, dass unter dem dunkelblauen Himmel der Tessiner-Alpen ein für ihn passendes Jagdrevier sei.»
So zitiert Ludwig Rütimeyer, Mitbegründer sowohl der Sektion Basel des Schweizer Alpen-Clubs SAC am 17. April 1863 wie der Gesamtclubs am 19. April 1863, in seinem Itinerarium „Die Tessiner-Alpen“ von 1873 den Alpinisten, Gletscherforscher, Ingenieur, Landschaftsgärtner und Topografen Philipp Gosset. Sehr schön, was dieser Gosset da liebevoll über das Tessin und seine Berge schreibt; wer mehr von ihm und von Rütimeyer lesen möchte, findet Rütimeyers Abhandlung ebenfalls im neunten Jahrbuch des SAC von 1873.
Genau 100 Jahre später erscheint in der Folgepublikation, in „Die Alpen“, ein Bericht von Erwin Roth über eine Besteigung des Pizzo di Claro:
«Unser Zug war voll besetzt mit Bergsteigern. Die meisten stiegen in Erstfeld, Göschenen oder Airolo aus. Nur einige wenige fuhren bis Biasca weiter, wo wir beide als einzige auf den Personenzug warteten, der eine geraume Weile später nach Osogna-Cresciano weiterfuhr. Hier, auf 264 Meter Schwellenhöhe, begann unsere Tour damit, dass wir auf der Gotthardstrasse 2 Kilometer weit gegen Bellinzona tippeln mussten. Unsere Gebirgsausrüstung erregte allenthalben Aufmerksamkeit, und wir kamen uns ein wenig vor wie Eisberge im Mittelmeer, so dass wir es als Erleichterung empfanden, als wir uns bei Cresciano den Blicken der Öffentlichkeit entziehen konnten. Ein mit grossen Quadern belegter Waldweg leitete uns im Schatten mächtiger Kastanienbäume höher, und nach einstündigem Marsch kündigte eine Lichtung die Maiensässe Cavri an. Trotz der geringen Entfernung vom Getriebe waren Verkehrslärm und Alltag für uns schon in weite Ferne gerückt.»
Und nochmals 40 Jahre später erscheint die vierte Auflage des Felsblock-Führers „Cresciano Boulder“: 288 Seiten, 22 Sektoren (in Cresciano allein 16, dazu noch die ganz neuen Bouldergebiete in Osogna und Claro), 1452 Problems. Probleme? Zu viele Eisberge oder zu wenig Wirtshäuser? Ma no! Beim Bouldern, also beim seilfreien Klettern in Absprunghöhe, das draussen meistens an Felsblöcken praktiziert wird, sprechen die Insider von Problems. Also von Routen, die es zu lösen gilt. Zu klettern vom Boden bis zum letzten Griff. Kurze, knackige, knifflige, kraftfordernde Kletterstellen, die für viele Bergsportler die ganze Welt bedeuten. Eines dieser Mekkas, wohin die Boulderer von überall herpilgern, ist eben Cresciano in der Tessiner Riviera, zwischen Biasca und den Burgen von Bellinzona. Weil es genau dort so unglaublich viele verschiedene Felsblöcke zwischen dem Dorf Cresciano und dem Maiensäss Cavri hat, meistens schön beschattet von mächtigen Kastanienbäumen. Das Jagdgebiet für Blockkletterer. Wer das vielleicht berühmteste Problem löst, nämlich „Dreamtime“ mit der Schwierigkeit 8b+/8c, erhält von König Fred Nicole den Ritterschlag. Es gibt zum Glück auch leichtere Passagen – der Führer zeigt sie alle. Zum Beispiel „Magico album“ im Sektor Naso di Zmutt oder „Go home“ im Sektor California. Machen wir aber erst, wenn es uns im Tessin langweilig werden sollte.
Claudio Cameroni, Roberto Grizzi, Renzo Lodi: Cresciano Boulder + Osogna + Claro. Sprachen D, F, E. Ticino Boulder, 2013. Fr. 40.- Bestellen bei: <email-pii>, Ticino Boulder, CP 48, 6672 Gordevio.