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In seinem Essay «Die Legende vom LSD» analysiert Günter Amendt die Geschichte und die kulturelle Ausstrahlung des prominenten Psychedelikums.
Die 68er sind an allem schuld! Heute, vierzig Jahre danach, ist das Achtundsechziger-Bashing schwer in Mode gekommen. Damit droht auch eine undifferenzierte Darstellung, wenn nicht eine Verherrlichung oder Verteufelung dieser Ära; umso mehr braucht es fundierte Sichtweisen auf die Geschichte der sechziger Jahre. In diesem Kontext publiziert der Soziologe Günter Amendt ein facettenreiches Essay zu Albert Hofmanns berühmter Entdeckung von 1943 und ihren Folgen. Legenden haben bekanntlich ein besonderes Verhältnis zu Fakten - in Amendts Essay geht es jedoch eher um die Entmystifizierung der Legende LSD (Lysergsäurediethylamid, Slang: «Acid»).
Partydroge oder Medikament?
Das Buch ist keine ekstatische Selbstbestätigungslektüre für bekennende Acidheads, sondern eine analytische Abhandlung mit aufklärerischem Anspruch, immer aus kritischer Distanz und in einem fast beiläufigen, trockenen Ton geschrieben. Amendt erläutert die Geschichte einer Substanz im politisch-gesellschaftlichen Kontext, er zeigt auf, wie unterschiedlich LSD genutzt und gedeutet wurde. Die Reise geht vom Medikament zum Sakrament über den Kampfstoff zur Partydroge und zurück zum Medikament. Und Amendt widerspricht einer leichtfertigen Glorifizierung der Substanz als alleiniger Katalysator der kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen in den sechziger Jahren ebenso, wie er überzeugend Mathias Bröckers' These relativiert, das eigentliche Erbe der Sixties sei die Computerrevolution.
Die LSD-Legende beginnt mit Hofmanns Versehen im Labor, dem allerersten «Tripreport» und dem ökonomischen Aspekt der Entdeckung: die Vermarktungsbemühungen von Sandoz. LSD begann seinen Werdegang als Medikament, dessen Wirkungen in einem grossangelegten «Pharmaversuch am Menschen» erforscht werden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war es offenbar eine zentrale Motivation der LSD-ForscherInnen, das Gehirn der Menschen umzuprogrammieren, um sie gegen Faschismus immun zu machen («Re-education»). Der Obsession einer Reprogrammierung des Gehirns war auch Timothy Leary, Hohepriester sowie «Märtyrer und Messias» der psychedelischen Bewegung, verfallen. Amendt beschreibt dessen Weg vom Psychiatriedissidenten zum LSD-Verkaufstalent im «Sinngebungsgeschäft». Vom ignoranten Sendungsbewusstsein Learys lässt sich, wie Amendt zeigt, auch ein Bogen schlagen zum teilweise elitären Verhalten der damaligen wie der heutigen Psychedelikszene.
Hippies und Militärköpfe
Wenn es dann um die Musikkultur der sechziger Jahre geht, kommt der Autor als Dylanologe natürlich nicht umhin, einen Seitenblick auf Bob Dylan zu werfen. Mit LSD werde im Bereich von Kreativität und Selbstfindung «alles irrelevant», lautete Dylans knappes Verdikt. Amendt interpretiert dieses Statement als Ausdruck begründeten Unbehagens an der «Pharmakologisierung des Alltags», die sich damals beschleunigte und die heute weiter fortgeschritten ist als je zuvor.
In der Gegenkultur Europas wurde der LSD-Boom indes durchaus kontrovers diskutiert: Handelte es sich um einen gezielten Manipulationsversuch der «Bewusstseinsindustrie»? Denn die Idee vom LSD im Leitungswasser entsprang nicht einer populären Hippiefantasie, sondern war auch ein Kampfszenario der Militärköpfe, um ganze Stadtbevölkerungen handlungsunfähig zu machen. «Can you pass the acid test?» fragte damals nicht nur Ken Kesey, sondern auch das Militär in den USA und Grossbritannien. Und da beginnt die sehr dunkle Seite der Legende: Militär und Geheimdienste führten ihre Tests ohne genaue Aufklärung oder sogar gänzlich ohne Wissen der Versuchspersonen durch, in einem Setting, das Horrortrips geradezu provozieren musste. Eigenartig mutet es in diesem Zusammenhang an, dass LSD heute die Chance auf Wiederzulassung als Medikament der Hoffnung verdankt, traumatisierte US-Kriegsheimkehrer aus dem Irak und Afghanistan effizient behandeln zu können.
Im Nachwort geht Amendt kurz und eindrücklich auf seine persönlichen Erfahrungen mit LSD ein und setzt damit einen wohltuenden Kontrapunkt zum engagierten, aber oft sehr distanziert anmutenden Haupttext. «Die Legende vom LSD» hat insgesamt vielleicht nicht ganz die bestechende argumentative Schärfe seines Vorgängers «No Drugs - No Future», aber es ist ein differenzierter, im besten Sinn aufklärerischer Beitrag zur Auseinandersetzung mit der Geschichte einer Zeit, deren Ideen zu diskutieren sich heutzutage erst recht wieder lohnt.