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Uli Sigg besitzt die weltweit grösste Privatsammlung mit chinesischer Gegenwartskunst. Nun schenkt er einen Teil dem neuen Museum M+ in Hongkong. Peking könnte gewisse dieser Werke zensurieren. Der Künstler Ai Weiwei, der Architekt Jacques Herzog und Sigg diskutierten darüber in Bern.
Ganz in Blau gekleidet lehnt Sigg an einen Türrahmen im Zentrum Paul Klee in Bern, ein Cola light in der Hand. Er beobachtet Ai Weiwei, der vom Schweizer Fernsehen zu seinen Plänen für einen Film über die Flüchtlingskrise befragt wird. Im Hintergrund ist Ais Installation "Fragments" zu sehen. Einige Schritte entfernt zücken die Leute in der dicht gedrängten Menge ihre Smartphones, um Fotos von Ai Weiwei zu schiessen.
Die beiden Männer verbindet eine "bunte, intensive" Freundschaft, und Sigg versteht die Anziehungskraft, die von Ai ausgeht. Er und Ai sind im Zusammenhang mit "Chinese Whispers" hier, der Ausstellung, die einen Einblick in die Sammlung von Sigg gibt, die dieser über vier Jahrzehnte lang zusammengetragen hat.
Als die beiden jedoch jüngst zu der Pressekonferenz in Bern erscheinen, bleibt Sigg zurück und lässt Ai allein vor die Medien und deren Kameras treten.
Der chinesische Künstler ist auch hier, um über ein neues Projekt für einen Film über die Flüchtlingskrise zu sprechen, der im nächsten Jahr erscheinen soll. Er beantwortet zudem Fragen zu allen möglichen Themen, von seinem Instagram-Konto – "Das Internet machte mich zu dem, was ich heute bin" – bis hin zur Demokratie in China – "Es ist sehr schwierig zu sagen, wann wir einen Punkt erreicht haben werden, den man als demokratisch bezeichnen kann."
Probleme am Horizont?
Ais Freundschaft mit Sigg könnte auch gewisse Probleme nach sich ziehen: 24 der 1510 Werke, die Sigg dem Museum M+ in Hongkong übergeben wird, stammen von dem kontroversen chinesischen Künstler. 2014 waren Ais Arbeiten aus einer Ausstellung in Schanghai mit Werken aus Siggs Sammlung entfernt worden. Könnte sich so etwas wiederholen, wenn das neue M+ 2019 eröffnet wird?
Ai ist ein harscher Kritiker des chinesischen Staates und hatte in den vergangenen zehn Jahren öfters Auseinandersetzungen mit dem Regime. 2011 geriet er international ins Rampenlicht, als Beijing ihn 81 Tage lang ins Gefängnis steckte. Als ihm der chinesische Staat 2015 seinen Pass zurückgab, zog Ai nach Berlin, wo er heute ein Studio hat, und wo sein Sohn zur Schule geht.
Die Veranstaltung in Bern war in gewisser Weise eine Wiedervereinigung für Sigg und Ai. Mit Jacques Herzog vom Schweizer Stararchitekturbüro Herzog & de Meuron stiess ein weiterer langjähriger Bekannter dazu – für eine Podiumsdiskussion über die Zukunft der Architektur in China.
Ai hatte als künstlerischer Berater des Schweizer Architekturbüros am Designkonzept für das Olympia-Stadion, das so genannte Vogel-Nest, gearbeitet; Herzog & de Meuron entwarfen auch das Museum M+ in Hongkong. Es hat die Form eines auf dem Kopf stehenden Ts, wodurch das Gebäude nach Aussagen der Architekten in seiner Umgebung in West Kowloon "verankert" wird.
Der Gesamtwert der Schenkung Siggs an das M+ wird auf 163 Millionen Dollar geschätzt. Wenn es seine Tore eröffnet, wird es zu den grössten Kunstmuseen der Welt gehören. "M+ ist nicht nur ein weiteres Museum", schwärmt die Firma Herzog & de Meuron in den Design-Unterlagen. "M+ ist ein öffentliches Forum, eine Plattform, die eigens erstellt wird, um Austausch, Begegnung und Aktivitäten von Menschen und Kunst zu fördern."
Politische Ungewissheit
Hongkong wurde als Standort für das neue Museum gewählt, weil es liberaler sei, wie auch die lokalen Behörden argumentierten. Die Stadt hat allerdings keine starke Kunsttradition. So sagte Herzog in Bern: "Schanghai und Beijing sind viel eher Kunststädte. Hongkong hat kaum Kunst. Es gibt eine visuelle Kultur, aber kaum eigentliche Kunst."
Nach Ansicht von Ai war Honkong die beste Standortwahl, "weil Hongkong zwar zu China gehört, aber nicht ganz China ist. Es herrscht ein gewisses Gefühl von Unabhängigkeit." Doch die Situation werde zunehmend schlechter.
"China versucht, in Hongkong mehr und mehr die Kontrolle zu übernehmen. Die Führungskräfte in Hongkong sind praktisch Mitglieder der Kommunistischen Partei. Sie können kaum Schritte unternehmen, die der Zentralregierung missfallen würden." Und es sei sehr schwierig geworden, diese zufrieden zu stellen, sagt Ai weiter.
Er betrachte die aktuelle Situation als ziemlich volatil. "Aber letztlich wird das Schicksal Hongkongs stark davon abhängen, wie sich China weiter entwickeln wird. Auch in China ist es sehr ungewiss, in welche Richtung es weiter gehen wird", erklärte er bei der Diskussion.
Die Spannungen zwischen der Bevölkerung Hongkongs und den Chinesen bestehen, seit Hongkong von Grossbritannien 1997 wieder an China zurück fiel. 2012 wurde ein von Beijing unterstützter Kandidat Chef der Sonderverwaltungszone Hongkong.
Nächstes Jahr wird ein neuer Exekutivchef gewählt. Wer das sein wird, und wie diese Person die Beziehung zwischen Beijing und Hongkong gestalten wird, ist auch für das Museum M+ eine grosse Unbekannte. Es ist offen, wie sich die Entwicklung auf die Art der zeitgenössischen Kunst auswirken wird, die in Hongkong ausgestellt werden kann.
Zensur würde öffentliche Debatten auslösen
Sigg bleibt "ziemlich überzeugt, dass das Museum zu Stande kommt". Ob auch Ais Werke dort zu sehen sein werden, kann jedoch auch er nicht sagen: "Im heutigen Zeitpunkt kann man darüber nur Vermutungen anstellen."
"In Hongkong ist eine rege Diskussion um Meinungsfreiheit im Gange, die natürlich durch die Regenschirm-Bewegung noch akzentuiert wurde."
Als Beispiel verweist Sigg auf eine Ausstellung mit Werken aus seiner Sammlung im Vorfeld der Eröffnung des neuen Museums, die eben in Hongkong zu Ende gegangen ist. "Nach vertieften Diskussionen mit den Behörden konnten alle Werke dieser Ausstellung gezeigt werden, darunter klar politische Arbeiten, bei einigen ging es gar um die Ereignisse rund um das Tienanmen-Massaker von 1989. Das war ein starkes Signal, über die Kunstgemeinde hinaus, an die Stadt Hongkong."
Was jedoch 2019 sein werde, sagt Sigg, darüber könne man nur spekulieren. "Es ist meine aufrichtige Hoffnung, dass in Hongkong weiterhin alle Werke gezeigt werden können, wie in der Vergangenheit auch."
Jegliche Zensur würde in der Öffentlichkeit eine heisse Debatte nach sich ziehen, erklärt Sigg. Die heutigen Einwohnerinnen und Einwohner Hongkongs seien "anders als die Bevölkerung zur Zeit unter britischer Herrschaft. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund. Die Entwicklung könnte in jede Richtung gehen."
Mission erfüllt
Mit der Schenkung eines Grossteils seiner Kollektion an das Museum M+ in Hongkong gehe seine "selbstauferlegte Mission, diese Sammlung aufzubauen" zu Ende", erklärt Sigg. "Diese Periode, in der niemand Notiz nahm, niemand eine Sammlung aufbaute, um der Welt zeigen zu können, was die Gegenwartskunst Chinas ausmacht", sei vorbei. "Heute gibt es viele Leute und Institutionen, die zu sammeln beginnen. Leute wie mich braucht es nun nicht mehr."
Sigg war 1979 aus Geschäftsgründen zum ersten Mal nach China gekommen. Die frühsten Werke seiner Sammlung gehen auf die Zeit der Kulturrevolution zurück. Er will sich auch nach 2019 nicht ganz aus der chinesischen Kunstwelt zurückziehen, sondern wird Auszeichnungen für Kunstschaffende und Kunstkritiker vergeben. Er zieht zudem in Betracht, daneben auch Auszeichnungen an Institutionen zu vergeben, mit Blick auf einen gewissen Qualitätsstandard. "Es gibt in China noch immer viel zu tun", sagt er.
(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch)