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Eric Hattan: Wollte keine Kunst ausser Betrieb
Mauerte „Kunst am Bau vor der Swisscom in Biel zu. 07.2000
Weil er keine Kunst ausser Betrieb wollte, hat Eric Hattan die 1995 als Kunst am Bau realisierte, 116% grosse Telefonkabine vor dem Bieler Swisscomgebäude dieser Tage zugemauert.
Als das Bieler Swisscom-Gebäude 1995 eingeweiht wurde, war es noch ein Telecom-Gebäude und war Teil der eidgenössischen PTT. Darum gehörte zur Realisierung auch ein Kredit für Kunst am Bau; nicht ganz so grosszügig wie bei den offiziellen Bundesbauten, aber immerhin. Den in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Kultur durchgeführten Wettbewerb gewannen damals Benedikt Salvisberg, Daniel Zahner und Eric Hattan.
Der damals 40jährige Basler Künstler Eric Hattan hatte eine öffentliche Telefonkabine vorgeschlagen, die leicht aus den Proportionen gehoben (116% gross) vor dem Gebäude aufgestellt werden sollte. Und darin ein Telefonapparat, der nach dem Zufallsprinzip 13 Mal pro Tag läutet. Sollte jemand den Hörer abheben, würde er mit der Sprechenden Uhr irgendwo auf der Welt verbunden sein.
Die Verknüpfung mit dem Tätigkeitsgebiet der Telecom, die darin anklingende, weltweite Vernetzung und gleichzeitig der Hinweis auf die Bedingheit der Erde durch die unterschiedlichen Uhrzeiten, überzeugte die Jury. So kam die Zeitreise, dies der Titel des Projektes, zur Ausführung. Programmierung, Test und Wartung der Anrufsteuerung können durch die Lehrwerkstatt erfolgen und bieten ein willkommenes Übungsfeld. Zeitansätze werden keine verrechnet, schrieb man dem Künstler von Seiten der Bauherrschaft damals.
Bald trübte jedoch lokaler Vandalismus das ideelle Engagement. Und mit der Zeit hatte man genug und hielt die Zeitreise an, ohne den Künstler zu informieren. Was leider oft Praxis, aber grundsätzlich problematisch ist, da ein Künstler die Rechte an seinem Werk behält, auch wenn es sich um einen bezahlten Auftrag handelt.
Vor gut zwei Jahren dann wurde die Telecom aus der Struktur der PTT herausgelöst, verselbständigt und zur Swisscom. Daher ist heute nicht mehr die Eidgenossenschaft für die einst von ihr initiierte Kunst am Bau zuständig, sondern die weitgehend privatisierte Swisscom. „Wir haben tatsächlich keinerlei Einfluss mehr auf die Instandhaltung von Kunstwerken bei Swisscom-Gebäuden, sagt Charles André Lienhard von Bundesamt für Kultur. „Die Instandhaltung von Kunst am Bau ist allerdings ein Problem, das auch den Bund beschäftigt, da bei den zuständigen Organen immer noch die Haltung vorherrscht, Kunst am Bau habe Ewigkeitscharakter, koste einmal und dann nie mehr. Das ist aber bei den von den Kunstschaffenden verwendeten Medien und Materialien heute illusorisch. Hier müssen auch auf Bundesebene neue Vereinbarungen lanciert werden.
Im Fall Swisscom brachten es die neuen, internen Strukturen mit vertikal organisierten Zuständigkeitsbereichen mit sich, dass Eric Hattans „Zeitreise, die Kunst und zugleich Telefonkabine ist, in die Verantwortung der Abteilung „Publifone geriet. Da diese angesichts des Handy-Booms nicht mehr rentabel ist, wundert es nicht, dass man dem Künstler, der schliesslich vom Schicksal seiner Arbeit erfahren hatte, auf Anfrage mitteilte, bei den Publifonen gebe es zur Zeit überhaupt kein Geld für Spielereien. Fast wäre es soweit gekommen, dass die lästige Telefonkabine demontiert und entsorgt worden wäre. Doch da intervenierte der unter anderem für das Image der Bieler Swisscom und für die Medien im Bereich Biel/Thun/Bern zuständige Swisscom-Pressesprecher Ernst Hubler. So lange er da sei, würden die Kunst am Bau-Werke der Bieler Swisscom bleiben, wo sie sind, meinte er im Gespräch.
Auf Hublers Vorschlag, die leere Kabine der Bieler Schule für Gestaltung als Ausstellungskoje zur Verfügung zu stellen (im Bahnhof Zürich gab es vor einiger Zeit eine vergleichbare Aktion), ging Eric Hattan allerdings nicht ein. Mit Recht, würde dies konzeptuell doch in keiner Weise seinem Werk entsprechen. Dieses gibt sich zuweilen radikal, kennt jedoch immer auch humorvolle Komponenten.
Die beiden Arbeiten, die Hattan für die Plastikausstellung „Transfert in Biel (bis 31.8.00) realisiert hat, zeigen die Spannweite. An der Schüss, unweit des Zentralplatzes steht ein Kandelaber, der so verdreht ist, dass sein Licht nachts die Mücken zum Tanz einlädt, statt die Strasse beleuchtet. Dabei geht es aber nicht um Poesie, sondern um die Gewalt des Verkehrs in der Stadt. Ursprünglich wollte der Künstler die Verformung durch Stuntmen mit Abbruchautos vornehmen lassen, doch (zum Glück für den „Transfert-Direktor) wären die Stangen dabei nicht verformt worden, sondern gekippt. Und das wollte der Künstler nicht. So kam die zahmere Umsetzung zum Zug und es wurde auch nur ein Kandelaber malträtiert (mehr lag angesichts der Wiederinstandstellungspflicht finanziell nicht drin). Die zweite Arbeit, hat wohl schon einige erschreckt. In der Nähe von Mc Donald an des Zentralplatzes steht ein mehrfach täglich „niesender Abfallkübel, der in Umkehrung seiner Aufgabe seinen Inhalt nicht bis zur Entsorgung bewahrt, sondern ausspeit und damit die Problematik des Abfalls in der Stadt thematisiert.
Eine vergleichbare künstlerische Haltung, steht auch hinter dem Entschluss von Eric Hattan, die Telefonkabine vor der Swisscom ganz einfach zuzumauern. Am Tag vor der „Transfert-Vernissage, begab er sich mit Backsteinen und Zement vor Ort und mauerte den Innenbereich der Kabine bis hinauf zum Dach zu. So ist sie nun sichtbar ausser Betrieb und zeigt in ihrer rohen Erscheinungsform zugleich etwas vom Ärger und Unwillen des Künstlers, dass seitens der Gebäude-Inhaber nur fünf Jahre nach der Realisierung keine Bereitschaft mehr da ist, das Auftragswerk zu unterhalten, von der Beinahe-Entsorgung ganz zu schweigen. Gut so. Ein Schild weist Passanten auf die Ungereimtheiten. Da steht nämlich: „Wegen Sparmassnahmen geschlossen. Klar, dass da die eine oder der andere im Vorbeigehen sich plötzlich an andere Sparübungen rund um die Swisscom in Biel erinnert und möglicherweise Rückschlüsse zieht. Das mag den Künstler mitbewogen haben, die im Atelier formulierten Worte : „Wegen Gewinnmaximierung geschlossen nach Gesprächen mit mit Passanten vor Ort ein wenig populärer und ambivalenter zu formulieren. „Etwas Provokation vermag die Swisscom schon zu ertragen, meinte Ernst Hubler dazu am Telefon.