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| Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

DRITTES BUCH. In diesem Buche untersucht Augustinus das Wesen der sichtbaren Erscheinungen Gottes. Erschien Gott selber durch sichtbare stoffliche Gebilde? Oder waren die Theophanien Engelsendungen, wobei die Engel im Namen Gottes sprachen und entweder aus dem Bereich der materiellen Schöpfung ein für die Ausfährung ihres Auftrages notwendiges sichtbares Kleid entnehmen oder aus ihrem eigenen materiellen Seinsteil ein für ihre jeweilige Aufgabe passendes sichtbares Gewand weben konnten?
1. Kapitel. Erklärung der zu behandelnden Frage.
4. Nun wollen wir zunächst die zweite Teilfrage in Angriff nehmen. An zweiter Stelle haben wir nämlich bei der obigen Gliederung die Frage gestellt, ob zu dem Werke der Gotteserscheinung nur einer geschöpflichen Natur eine bestimmte Gestalt verliehen wurde, so daß Gott, wie es nach seinem Urteil passend war, menschlichen Blicken geoffenbart werden konnte, oder ob schon vorher existierende Engel den Auftrag erhielten, im Namen Gottes zu sprechen, indem sie hierfür entweder aus der vorhandenen Stoffwelt eine körperliche Gestalt für die Zwecke ihrer Dienstleistung annahmen oder ihren eigenen Körper, dem sie nicht unterworfen sind, sondern der ihnen unterworfen ist und von ihnen beherrscht wird, in die gewünschten, ihrer Aufgabe angepaßten und dienlichen Gestalten wandelten und umbildeten gemäß der ihnen vom Schöpfer gewährten Macht. Wenn diese Teilfrage, soweit es Gott gewährt, behandelt sein wird, dann muß zuletzt untersucht werden, was zu erörtern wir uns vorgenommen haben, ob nämlich der Sohn und der Heilige Geist auch schon früher gesandt wurden, wenn ja, was zwischen jener Sendung und der im Evangelium berichteten für ein Unterschied besteht, ob der Sohn nur insofern gesandt wurde, als er aus der Jungfrau Maria geboren wurde, und der Heilige Geist nur, sofern er in einer sichtbaren Gestalt, sei [S. 106] es in der Gestalt einer Taube oder in der Gestalt feuriger Zungen, erschien.
5. Ich gestehe jedoch, daß es über die Tragkraft meiner Absicht hinausgeht, die Frage zu untersuchen, ob die Engel die geistige Qualität ihres Körpers unangetastet lassen und durch sie eine geheimnisvolle Tätigkeit entfalten, während sie aus dem Bereiche der niedrigen, in den Stoff mehr verstrickten Elemente Gebilde annehmen, die sie mit sich verbinden und wie ein Kleid zu körperlichen Gestalten wandeln und formen, auch zu wirklichen, wie wirkliches Wasser vom Herrn in wirklichen Wein verwandelt wurde,1 oder ob sie ihre eigenen Körper in die Gebilde umwandeln, die sie wünschen und die ihrer Aufgabe angepaßt sind. Mag es sich indes hiermit verhalten wie immer, diese Frage gehört nicht zum Kreis unserer augenblicklichen Untersuchungen. Ich kann freilich, da ich nur ein Mensch bin, hierfür durch keinerlei Erfahrung Aufschluß gewinnen wie die Engel, die solches tun und darüber mehr wissen als ich. Ich weiß jedoch, soweit mir aus eigenen oder fremden Erlebnissen bekannt ist, daß der Körper durch die Neigungen des Willens eine Veränderung erleidet. Welche von den angedeuteten Möglichkeiten ich indes auf Grund der Schrifttexte für wirklich halte, das zu sagen ist jetzt nicht nötig, damit ich nicht gezwungen bin, meine Ansicht zu beweisen und so die Abhandlung über den einen Gegenstand, der nicht zu unserem augenblicklichen Thema gehört, zu umfangreich wird.
6. Jetzt muß man also zusehen, ob es damals Engel waren, welche jene körperlichen Erscheinungen, die vor den Augen der Menschen sichtbar wurden, und jene Stimmen, die in ihren Ohren klangen, bewirkten, damals, als die sinnfällige Schöpfung selbst, dem Wink des Schöpfers zu Diensten stehend, in die jeweils erforderliche Gestalt umgewandelt wurde, gemäß dem Wort im Weisheitsbuch: „Die Schöpfung, dem Schöpfer [S. 107] dienend, streckt sich aus zur Züchtigung gegen die Ungerechten, wird milde, um denen wohl zu tun, die auf dich vertrauen. Darum diente sie auch damals, in alles sich umwandelnd, alles nährend, deiner Gnade, nach dem Wunsche jener, die nach dir verlangten.“2 Die Macht des göttlichen Willens ist nämlich auf dem Wege über die geistigen Geschöpfe bis zu den sichtbaren und sinnfälligen Gebilden der stofflichen Schöpfung gelangt. Denn wo sollte die Weisheit des allmächtigen Gottes nicht wirken, was sie will, sie, „die sich von einem Ende bis zum anderen machtvoll erstreckt und alles in Sanftmut ordnet“?3
1: Joh. 2, 9.
2: Weish. 16, 24 f.
3: Weish. 8, 1.