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Radikale Muslime suchen Geldgeber in Golfregion
Der Islamische Zentralrat Schweiz sammelte mithilfe eines angeblichen Terror-Financiers Spenden unter anderem für eine Initiative
Von Daniel Glaus
Bern Während des Ramadans im August 2011 war Nicolas Blancho, Präsident des Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS), einen Monat lang in Kuwait und Katar unterwegs. In privaten Treffen, Audienzen in Ministerien und Sitzungen mit arabischen Geschäftsmännern präsentierte er den IZRS und dessen Projekte - darunter den Bau einer Moschee in Bern oder die Lancierung der Volksinitiative, um das Minarettverbot aufzuheben. Auch die «Islam Unity»-Veranstaltung im Februar, die die Stadt Bülach kürzlich verboten hat, wird erwähnt.
Die SonntagsZeitung hat die arabischen Broschüren übersetzen lassen, die Blancho in Kuwait und Katar verteilt. Die Papiere belegen, dass Blancho Organisationen aus der Golfregion faktisch ermöglicht, in der Schweiz politischen Einfluss zu nehmen und eine fundamentale Auslegung des Islam zu verbreiten. Blancho hat stets beteuert, man finanziere sich ausschliesslich aus dem Inland.
Der IZRS hat nie eine saubere Jahresrechnung vorgelegt
Oscar Bergamin, ehemaliges Vorstandsmitglied des IZRS, sagt: «Ich habe Nicolas Blancho während des Ramadans 2011 nach Kuwait und Katar begleitet. Wir waren 24 Tage lang unterwegs und haben den IZRS und seine Projekte vorgestellt, um Spendengelder zu sammeln. Wie viel Geld geflossen ist, weiss ich nicht, das lief alles direkt über Blancho.»
Blancho allerdings bestreitet dies. «Es sind keine Spenden für den IZRS aus Kuwait oder Katar geflossen.» Er sei oft in der Region unterwegs, doch gehe es nur darum, sich politisch und religiös zu vernetzen. «Wir brauchen internationale Kontakte, das ist wichtig für die islamische Gemeinschaft weltweit.»
Woher die finanziellen Mittel des IZRS - der im vergangenen Jahr mit mehreren Grossanlässen aufgefallen war - stammen, wissen nicht einmal die Mitglieder. Das Thema Finanzen ist tabu. IZRS-Mitglieder sagen anonym, an den Generalversammlungen des Vereins sei noch kein einziges Mal eine saubere Jahresrechnung vorgelegt worden.
Mit den Kuwait-Dokumenten konfrontiert, räumt Blancho ein, er sammle «derzeit» keine Spenden im Ausland. Aber: «Langfristig geht es schon darum, eine Basis zu legen, damit wir an Spenden gelangen. Das ist ein mehrstufiger Prozess, wir müssen zuerst unser Kontaktnetz ausbauen und Vertrauen schaffen.» Dass der IZRS «Prestigeprojekte» wie eine Moschee oder Schulen mit Hilfe aus dem Ausland realisieren wolle, habe er nie bestritten.
Mehrmalige Treffen mit dem angeblichen Terror-Financier
Ein Kontakt Blanchos am Persischen Golf ist besonders brisant: Tareq al-Essa, Präsident der «Revival of Islamic Heritage Society» (RIHS, Gesellschaft für die Wiederbelebung des Islamischen Erbes). Die RIHS-Büros in Pakistan und Afghanistan sind auf der Sanktionsliste gemäss UNO-Resolution 1989 wegen Verbindungen zu al-Qaida und Taliban.
In Kuwait ist die Wohltätigkeitsorganisation RIHS zwar erlaubt. Gemäss dem US-Finanzministerium ist aber auch das RIHS-Hauptquartier in Kuwait in Terrorismusfinanzierung involviert. Seit 2008 sanktionieren die USA deshalb die RIHS weltweit. Der spanische Geheimdienst CNI beurteilt die RIHS als Organisation, die «den Hass gegenüber Nicht-Muslimen» verbreite, berichtete die Zeitung «El País».
Blancho hat den angeblichen Terror-Financier während der Ramadan-Reise 2011 mehrmals getroffen. Blanchos Begleiter, Oscar Bergamin, erinnert sich an mindestens drei Zusammenkünfte mit Essa. Am 4. August 2011 liessen sich die Schweizer mit Essa fotografieren, wie den hinterlegten Daten des Bildes zu entnehmen ist, das der SonntagsZeitung zugespielt wurde.
Er kenne Essa «schon lange», sagt Blancho. «Er ist eine respektiere Persönlichkeit und wird vom Emir von Kuwait protegiert. Da können die USA sagen, was sie wollen.» Spenden habe die RIHS nie getätigt, Essa vermittle aber Kontakte.
Besonders während des Fastenmonats Ramadan tummeln sich unzählige islamische Organisation aus aller Welt in den reichen Golfstaaten. Denn es gehört zur Pflicht strenggläubiger Muslime, für gute Zwecke zu spenden.
Neben Essa vermittelte auch ein Professor für islamisches Recht der Universität Kuwait den IZRS-Vertretern Termine. Dieser sowie das kuwaitische Ministerium für islamische Angelegenheiten beherbergten die Schweizer Delegation. Das Ministerium spendierte auch Übernachtungen in einem Hyatt-Hotel.
Insgesamt ist Blancho im vergangenen Jahr viermal nach Kuwait gereist. Er bestätigt das. Von dort aus machte er Abstecher nach Katar, wo er nach demselben Muster für Spenden warb. Im Oktober stiess Blancho in den innersten Machtzirkel Kuwaits vor: Er erhielt eine Audienz beim damaligen Premierminister.
Geld für die Initiative zur Aufhebung des Minarettverbots
In Kuwait und Katar präsentierte Blancho den IZRS als schlagkräftige Organisation mit erheblichem Geldbedarf. In einer Broschüre sind die geplanten Vorhaben in der Schweiz aufgelistet: Eine Koranschule, ein islamisches Frauenhaus, ein Reisebüro für Pilgerfahrten nach Mekka und Medina oder der Neubau einer Moschee bei Bern.
Politisch heikel ist vor allem die Volksinitiative zur Aufhebung des Minarett-Bauverbots. Der IZRS hat Ende 2011 ein «unabhängiges» Komitee gegründet. In einer der Werbebroschüren ist die Initiative explizit aufgeführt - ein Vorteil des Projekts sei: «Die Muslime vereinigen und die islamische Identität der Muslime stärken.» Die Kosten werden auf 500 000 Franken geschätzt. Blancho äusserst sich zur Volksinitiative nicht mehr - er verweist auf das Komitee. Dieses will im Februar informieren.
Verboten ist die Finanzierung einer Initiative aus dem Ausland nicht - Staatsrechtler sagen, es gebe schlicht keine Regelung.
Publiziert am 15.01.2012
von: sonntagszeitung.ch