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Die Fuge ist keine bestimmte musikalische Form, sondern eine Kompositionstechnik. Sie beginnt einstimmig mit der Exposition des Themas in der Grundtonart. Anschliessend übernimmt und variiert die zweite Stimme das Thema im Quintabstand, während die erste die Kontrapunktierung leistet. In mehrstimmigen Fugen wiederholt sich derselbe Vorgang in den weiteren Stimmen. Auf diese Weise entstehen hochkomplexe, nach klaren Regeln gebaute Kompositionen.
Ein filmisches Äquivalent dieser Technik versucht Georges Schwizgebel mit seinem Film Fugue zu schaffen. Mit 55 Jahren und einer Filmografie, die sich über 25 Jahre erstreckt, ist der Animationsfilmer aus Carouge mittlerweile so etwas wie der Doyen des Schweizer Trickfilmschaffens. Schwizgebel war während seiner ganzen Laufbahn einem figurativen Stil verpflichtet. Es interessierten ihn aber stets auch musikalische Wertigkeiten: Formen im Zusammenspiel mit Musik, die Entwicklung von Bildthemen, als wären es Melodien. 78 Tours von 1985 war dafür bislang wohl das gelungenste Beispiel: eine Animation zu Musik um die Themen Schallplatte, Karussell und Tanz.
Schwizgebel betritt also nicht Neuland, wenn er mit den Mitteln der Animation eine Fuge zu realisieren sucht. Er legt Fugue an als Gedankenspicl eines Mannes in einem Hotelzimmer. Eine Rückwärtsbewegung über einen sonnenüberfluteten Balkon bildet die Ausgangssituation, die auch Schlusssituation sein wird. Diese gefriert in einem fortgesetzten Travelling zur Fotografie in den Händen einer Frau, die das Bild so hin- und herschwenkt, dass ein Übergang zu einer jungen Frau auf einer Schaukel fast nahtlos geschieht. Ein Mann rennt eine Rundtreppe hinunter. In einer raschen Vorwärtsbewegung wird daraufhin ein Gelände durchmessen, das an die metaphysischen Landschaften Giorgio De Chiricos erinnert. Aus dem Boden wachsen quadratische Blöcke, die sich zu einem fliessenden Gestänge erweitern. Eine Landschaft mit rasch vorbeiziehenden Wolken wird sichtbar, die Wolken verwandeln sich in Fische.
Eine fugenartige Komposition lässt Schwizgebel nun aus diesem Material entstehen, indem er die filmischen Parameter Farbe und Raum als Äquivalente musikalischer Parameter behandelt. Durch Farbvariation und räumlich-zeitliche Überlagerungen erzielt er kontrapunktische Wirkungen auf der visuellen Ebene. Er wiederholt die Motive, überlagert sie in Konstruktionen, wie sie in herkömmlichen Filmen durch Mehrfachbelichtungen entstehen, und variiert die Farbgebung. Bisweilen reduziert er dabei die Gegenstände, die anfänglich in realistischer Erscheinungsfarbe gezeigt werden, auf ihr blosses zeichnerisches Gerüst. Die Musikbegleitung von Michele Bokanowski wirkt daneben vergleichsweise schlicht. Vielleicht ist sich Schwizgebels raffiniertes Spiel der Farben und Formen aber auch schon selbst genug.