Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03555.jsonl.gz/845

Für eine lange Zeit hatten düstere Blutrache-Geschichten Überhand genommen in Literatur und Film aus Albanien. «Kanun-Geschichten« können aber auch ganz anders sein. Im Mittelpunkt eines neuen Buchs stehen nicht Mord und Angst vor Rache, sondern eine Frau, die sich entschliesst, »burrnesha« zu werden – eine »Sworn Virgin« oder »Eingeschworene Jungfrau«.
Das Phänomen der »burrnesha« ist immer mal wieder thematisiert worden und bleibt faszinierend. Frauen schwören, für immer Jungfrau zu bleiben, und übernehmen die Rolle eines Mannes. Von der ganzen Gesellschaft werden sie als Männer wahrgenommen und sie leben wie Männer, in der nach Geschlechtern getrennten Bergwelt ausschliesslich unter Männern. Antonia Young verfasste ein ethnographisches Buch über die ungewöhnlichen Frauen: »Women Who Become Men«. Zudem ist vor zwei Jahren ein schöner Bildband mit Fotografien von Pepa Hristova erschienen. Beide Werke geben Einblick in das Leben einer »burrnesha« und beinhalten interessante Portraits der Frauen. Aber weder der Ethnologin noch der Fotografin ist es gelungen, hinter die Fassade dieser stolzen Bergler zu gelangen, die das gesellschaftliche System des Kanun nie in Frage gestellt haben.
Einen anderen Ansatz verfolgt Elvira Dones in ihrem Roman »Sworn Virgin«: Sie versucht zu verstehen, was in einer solchen Frau vorgehen muss. Sie erzählt die Geschichte von Hana, einem Mädchen aus den Albanischen Alpen, das Mitte der 80er Jahre in Tirana Literatur studiert. Das Schicksal bringt sie zurück in ihr abgelegenes Heimatdorf, wo sie sich entscheidet, »burrnesha« zu werden. Nachdem ihre ganze Familie verstorben war, kann sie nur durch diesen Schritt weiter unabhängig leben und einer Heirat entgehen, die sie wieder in eine traditionelle Rolle einbinden würde. Fortan heisst sie »Mark«, arbeitet in der Genossenschaft, führt ihren Haushalt und verbringt ihre Freizeit mit den Männern des Dorfes.
Im Buch reist Mark 15 Jahre später in die USA zu seiner Cousine Lila. Auf Drängen von Lila führt legt Mark allmählich seine Männerrolle ab und wurd wieder zu Hana. Eindrücklich schildert die Autorin, wie Hana Schritt für Schritt ihre Weiblichkeit wiederentdeckt und versucht, als Frau in den USA einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Dazu gehören auch Liebe und Sexualität – Gefühle und Erlebnisse, die als »burrnesha« Tabu waren.
Elvira Dones wurde leider im deutschsprachigen Raum noch nicht entdeckt. Dabei war der Albanerin aus Durrës schon 1988 die Flucht in die Schweiz gelungen. Heute pendelt sie zwischen den USA, Italien, der Schweiz und Albanien. Sie schreibt Romane auf Italienisch und Albanisch. »Sworn Virgin« hat sie auf Italienisch verfasst (2007 als »Vergine giurata« erschienen). Eine deutsche Übersetzung liegt leider noch nicht vor – allgemein meiden Verleger hierzulande ja albanische Literatur, seitdem der »Ammann-Verlag«, erfolgreicher Herausgeber mehrerer albanischer Autoren, seine Tätigkeiten eingestellt hat.
Aber auch die Lektüre der englischen Übersetzung, leicht und verständlich geschrieben, macht Freude.
Für einmal machte Albanien nicht negative Schlagzeilen: Letzten Samstag berichtete die »Neue Zürcher Zeitung« über die »guten Chaoten vom Balkan«. Thema des Artikels waren Umweltaktivisten in Albanien, Rumänien und Bulgarien, die sich gegen die Zerstörung der Natur, gegen Korruption und gegen den Schlendrian in Staat und Politik stark machen.
Das Phänomen des Bürgerprotests ist aber nicht wirklich neu. Und es beschränkt sich nicht nur auf das Umweltthema. Schon im Sommer 2003 wurde die Organisaiton »MJAFT!« gegründet, eine Gruppe von Aktivisten, die mit dem Slogan »genug!« gegen alles protestierte, was schief lief im Balkanstaat.
Seither haben die Aktivisten deutlich an Fahrt zugenommen. Eine recht grosse und vielseitige Schar von »Protestlern« macht sich für die verschiedensten Interessen stark. Fest geholfen hat dabei das Internet, insbesondere Facebook (bei den Albanern sehr beliebt). Dort wird reklamiert, wenn eine Strasse mal wieder unpassierbar ist, es in der Vorweihnachtszeit in Vlora dunkel bleibt – im Gegensatz zu vielen anderen Städten mit reicher Weihnachtsdekoration – oder Beamte sich mal wieder allzu offensichtlich dem Schlendrian hingeben. Allgegenwärtig sind aktuell Fotos von Holztransportern, die noch immer aus den Bergwäldern rausholen, was sie können. Gepostet werden auch Filme von agressiven Polizisten, Fotos von Hunden, die im Flur eines Krankenhauses ein warmes Plätzchen gefunden haben, oder Aufrufe, sich an einer Reinigungsaktion in der Natur zu beteiligen.
Diese Form von Bürgerprotest ist ein erfreuliches Zeichen für eine erstarkende Zivilgesellschaft, die nicht mehr alles durchgehen lässt. Manchmal haben die Aktivisten mit ihren Aktionen auch Erfolg. So urteilt auch die NZZ, dass sie eine Bedeutung erlangt hätten, »die nicht länger als vorübergehende Erscheinung abgetan werden kann«.
Und seitdem der ehemalige »MJAFT!«-Mitgründer Erion Veliaj im Rathaus von Tirana auf dem Chefsessel sitzt, hat so mancher Anlass in Tirana einen aktivistischen Charakter: Da werden immer wieder Strassen gesperrt für Fussgänger sowie autofreie Tage und auch der Schaffung von Grünraum wird viel Platz eingeräumt.
Die grosse Zahl der Unmutsäusserungen zeigt, dass es noch vieles zu verbessern gibt. Aber die Tatsache, dass nicht mehr alles kommentarlos hingenommen wird, dass nicht mehr alles egal ist, dass man nicht mehr immer den Staat für alles verantwortlich macht und dass man sich engagiert, ist eine positive Veränderung der letzten Jahre.
Der Wandel in Albanien lässt sich auch in der Darstellung des Landes in den hiessigen Medien beobachten. Nicht mehr Armut, Unruhen und Blutrache sind die massgeblichen Themen. Neuerdings wird Albanien nicht mehr nur als Problem wahrgenommen, sondern auch die schönen Seiten rücken in den Fokus. Dieser Tage ist vor allem der Naturschutz das Thema.
Am Sonntag lief auf ARD eine grosse Reportage über das vielfältige Tierleben in Albanien. Und im »GEO«-Heft vom Dezember gab es einen grossen Artikel über die Vjosa, den letzten naturbelassenen Strom Europas, der aber durch geplante Wasserkraftwerke bedroht ist.
Solche Berichte sind gute Werbung für das Land. Und machen hoffentlich auch dem einen oder anderen Entscheidungsträger klar, was für einen Wert die albanische Natur hat – wenn man sie erhält.
Als die Österreicher 1916 während des Ersten Weltkriegs in Albanien einfielen, hatten sie ein grosses Problem: Es gab kaum Transportmittel. Die Versorgung der Truppen an der Front, die gegen Italiener und Franzosen kämpften, erwies sich als äusserst schwierig. Das gebirgige Landesinnere und die stark versumpfte Küstenebene hatten schon die frühere »Besatzungsmacht«, die Osmanen, davon abgehalten, ordentliche Transport- und Reisewege aufzubauen. Anfangs des 20. Jahrhunderts gab es in Albanien nur wenige Strassen und keine Eisenbahn, abgesehen von einer kurzen Güterbahn bei Vlora. Während des Krieges kam hinzu, dass auch der Seeweg nicht mehr sicher war, drohte dort doch der Beschuss durch feindliche Schiffe.
Die Österreicher begannen schnell mit dem Bau von Strassen, Feldbahnen und Brücken. Über den Mat, den breiten Fluss, der Nord- und Mittelalbanien trennte, errichteten sie eine Behelfsbrücke. Andernorts wurden osmanische Bogenbrücken mit Holzgerüsten fahrbar gemacht.
In Albanien baute die kaiserliche Armee neben Strassen 52 Kilometer Pferdebahn, 120 Kilometer Feldbahn und 50 Kilometer Feldbahn mit Dampfbetrieb. Diese Verbesserung der Infrastruktur erlaubte aber nach wie vor nur ein sehr langsames Vorankommen: Von Wien bis ans Ende der Feldbahn an der südlichen Front – zwischen Fier und Vlora – dauerte eine Reise rund zwei Wochen.
Die wenigsten, der vielen kommunistischen Denkmäler in Albanien, erfahren grosse Wertschätzung. Als in Shkodra aber vor ein paar Jahren die »5 Helden« vom Zentralplatz an den Stadtrand verbannt und durch eine hässliche moderne Skulptur ersetzt wurden, erging doch ein Aufschrei.
Die vom Bildhauer Shaban Hadëri 1984 erstellte Bronzeplastik ist rund sechs Meter hoch und zeigt fünf Partisanen aus Vig in der Mirdita. Die stolzen Kämpfer bestimmten lange das Stadtbild von Shkodra – dem Bürgermeister wurden sie vor ein paar Jahren überdrüssig. Gegen den Protest vieler Nostalgiker wurden die 5 Helden auf den Ehrenfriedhof am südlichen Stadtrand verschoben, wo sie kaum mehr Beachtung fanden.
Jetzt wurden sie wieder umplatziert und stehen in der Mitte eines Kreisverkehrs am nördlichen Stadtrand. Die Gegend bei Zoll, und Früchtegrosshandel ist zwar noch immer recht trist – aber immerhin führt jetzt der ganze Verkehr von Shkodra nach Norden an den fünf Helden vorbei. So kriegen sie wenigstens wieder etwas Beachtung.
Nochmals Vlora:
Etwas versteckt bietet die Stadt an der Adria noch ein paar Häuserzüge mit alter Bausubstanz. Neben ein paar alten Häusern aus osmanischer Zeit, in denen auch die Museen der Stadt untergebracht sind, und der Moschee gibt es noch ein paar Bauten, die erst in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entstanden sind, als Vlora sich langsam zur Stadt entwickelte.
Die Gasse »Justin Godar«, benannt nach einem französischen Politiker, führt vom »Flaggen-Platz« mit dem Unabhängigkeitsdenkmal weg. Das verkehrsberuhigte Strässchen mit den alten, einigermassen restaurierten Häusern war früher eine der Hauptachsen der Stadt. Wenn man nach halber Strecke links abbiegt, kommt man zum Marktviertel, das leider noch nicht das Interesse der Stadtplaner und Tourismusverantwortlichen wecken konnte.
Besonders eindrücklich ist der Uhrturm über einer Markthalle aus dem Jahr 1918. Auch hier ist wieder ein »Leider« angebracht: Das Gebäude ist nicht öffentlich zugänglich, vor dem Haupttor stand zuletzt ein grosser Generator. So geht natürlich viel vom alten Glanz verloren.
In den Strassen daneben finden sich noch viele Markt- und Handelshäuser aus der Zwischenkriegszeit. Dieses Marktviertel beeindruckt – leider – auch nicht mehr so fest: Die alte Bausubstanz wird durch viele moderne Werbeschilder und diverse Neubauten gestört, viele Häuser sind renovierungsbedürftig. Es ist aber viel Potential erkennbar, wenn man diese Strassenzüge renovieren wollte.
Vlora ist nicht nur Strand, Küste und Uferpromenade. Das alte Zentrum der Stadt – rund zwei Kilometer vom Wasser entfernt – bietet durchaus auch ein paar kleinere Sehenswürdigkeiten und einen anderen Eindruck der ansonsten recht modernen Stadt.
Die Lagune von Narta bei Vlora ist wohl auch eine dieser wenig beachteten Sehenswürdigkeiten, wie es so viele in Albanien gibt. Das Kloster von Zvërnec ist zwar gut bekannt, wird aber oft links liegengelassen, insbesondere seitdem der Holzsteg zum Inselchen mit der hübschen, alten Kirche zerstört ist. Abgesehen von der romantischen, bewaldeten Insel, die gut mit Booten erreicht werden kann, gibt es aber noch weitere gute Gründe für einen Abstecher nach Zvërnec, wo die asphaltierte Strasse von Vlora endet.
Mein Highlight beim letzten Besuch war nicht die Kultur, sondern die Natur. Die Lagune von Narta ist mit viel Umland zur »Landschaftsschutzgebiet« erklärt worden – aber ein solcher Schutz besteht in Albanien oft nur auf dem Papier. Hier scheint es aber wirklich etwas zu bewirken – vielleicht auch in Verbindung mit dem landesweiten Jagdverbot, das die Regierung erlassen hat.
Als wir uns letzte Woche der Lagune näherten, sahen wir Hunderte Vögel im Wasser. Im Näherkommen erwiesen sich diese Vögel zu meiner grossen Freude als Flamingos. Durchs seichte Wasser stapfend, suchten sie in der Lagune nach Wasser. Bis jetzt hatte ich weder je Bilder von diesen Flamingos in Narta gesehen, noch je von Flamingos in Albanien gehört.
Was anderswo eine grosse Sensation ist und stark touristisch beworben wird (Camargue, Chile), ist in Albanien komplett unbekannt. Zum Glück, muss man wohl sagen, wenn man sieht, wie anderswo in Albanien Natur mit touristischem Potential zerstört wird.
Eine Neuigkeit ist die Gegenwart der Flamingo hingegen nicht. Auf dem Schild des Landschaftsschutzgebiets sind sie am Rande erwähnt und die Einheimischen scheinen die Vögel auch gut zu kennen. Die Flamingos besuchen die Narta-Lagune vor allem im Winter, fand ich noch in einem Buch erwähnt. Flamingos sind zwar keine wirklichen Zugvögel, fliegen aber weit, um geeignete Futterplätze aufzusuchen. Ob die Vögel auch in Albanien brüten, konnte ich nicht herausfinden. Was nicht ist, kann ja noch werden …
Neben den Flamingos sind in der Narta-Lagune gelegentlich auch Pelikane und viele andere Wasservögel anzutreffen. Spaziergänge in der Region sind aber nicht nur für Vogelliebhaber spannend. Die Meeresküste bei Zvërnec ist im Sommer ein beliebter Badestrand. Beim nahegelegen Treport-Kap fanden sich Reste eines römischen Hafens. Und weiter draussen finden Wanderer noch viel unberührte Küstenlandschaft mit abgeschiedenen Buchten und schönen Kliffs, die Ausblick über die Bucht von Vlora und nach Sazan bieten. Ein weiteres »Extra« der Narta-Lagune sind die Salinen im nördlichen Teil, von denen aber eher eine Bedrohung für das Ökosystem ausgeht.