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Leere vor der grossen Schwelle?
Neue Publikationen zu den Jahrhundert-
und Jahrtausendwenden
Von Urs Hafner
An der Fassade eines Berner Warenhauses (und nicht nur
dort) ist eine elektronische Anzeige befestigt, welche
die Tage bis zum anbrechenden Jahr 2000
rückwärts zählt. Vermochte sie
anfänglich die Aufmerksamkeit der Passanten und
Passantinnen zu fesseln, so hat man sich mittlerweile an
sie gewöhnt. Man sieht die Tafel, ohne noch die
Anzahl der angezeigten Tage wahrzunehmen. Ähnlich
kann es einem mit der anstehenden Übergangsschwelle
ergehen: Noch bevor das neue Jahrtausend anbricht, ob nun
am 1. Januar 2000 oder 2001, ist man seiner bereits
überdrüssig geworden. Nach Ferdinand Seibts
Beobachtungen (in: Gall) ist die Stimmung vor dem grossen
Fest ernüchtert, erwartungslos,
rückwärtsgewandt; weder Abschiedswehmut noch
Zukunftshoffnung wollten sich so recht einstellen.
Vielleicht ändert ja das in den letzten Monaten
massiv angekurbelte Millennium-Spektakel daran noch
etwas.
Doch weshalb feiern wir eigentlich den Anbruch eines
neuen Jahrhunderts oder Jahrtausends? Der Begriff des
«Jahrhunderts» - und folglich auch derjenige
der «Jahrhundertwende» - ist eine relativ junge
Erfindung. Wie Arndt Brendecke in seiner überaus
sorgfältigen, die Thematik erschöpfend
abhandelnden Monographie aufzeigt, existiert die
«Jahrhundertwende» nicht an sich, sondern
wirkte und wirkt als «Diskurspräsenz».
Erst als die Jahrhundertwenden wahrgenommen wurden,
konnten sie ihre Wirkung entfalten.
KONFESSIONELLE RIVALITÄTEN
So löste die erste Jahrtausendwende nicht etwa,
wie ein hartnäckiger Topos kolportiert, eine
allgemeine Hysterie vor dem Weltende aus. Vielmehr wurde
das Jahr 1000 nicht einmal gross als besondere Jahreszahl
vermerkt. Ausser in Randdisziplinen wie der Komputistik
kannte das Mittelalter auch den Jahrhundertbegriff nicht.
Ein erster Ansatz zu einem Jahrhundertwendebrauch kann im
Jahr 1300 ausgemacht werden, das von Papst Bonifaz VIII.
unter dunklen Umständen zum ersten «Heiligen
Jahr» ausgerufen wurde.
Als protestantische Reaktion auf die häufigen
katholischen Jubeljahre wurden die Jubiläumsfeiern
zur Reformation ins Leben gerufen; die ersten
Ansätze des Jahrhundertwendefestes lassen sich also
auf konfessionelle Spannungen zurückführen.
Doch auch das Jahr 1600 war als Jahrhundertwende noch
nicht wirklich verankert; es wurde vom Jahr 1598
überschattet, das laut endzeitlichen Berechnungen
grosse Schrecknisse bringen sollte. Eine entscheidende
Belebung erfuhr der Jahrhundertbegriff im 17.
Jahrhundert, als ihn die Historiographie als
chronologisches Referenzsystem zu verwenden begann.
Die Jahrhundertwende wurde erst 1800 breit und
intensiv gefeiert - und zwar, die pedantische Bemerkung
sei erlaubt, korrekterweise am 31. Dezember 1800 und
nicht ein Jahr zu früh wie heuer. Das Jahr 1800
bildet in diesem Sinn einen «Zeitenwechsel».
Mit dem «Jahrhundert» als Epoche, als
«inkarniertem Zeitgeist» entstand das moderne
historische Bewusstsein, das seither die
Selbstinterpretation der Gesellschaft entscheidend
geprägt hat. Nach Brendecke war das
«Jahrhundert» unter dem Einfluss der
Aufklärung das «gebräuchlichste
Gehäuse» moderner Identität geworden. Es
sollte in Zukunft von den verschiedensten Gruppen
instrumentalisiert werden. Für weite Teile der
bürgerlichen Schichten, so Lothar Gall in dem von
ihm herausgegebenen Sammelband, der entgegen dem etwas
anachronistischen Titel über weite Strecken eine
Geschichte des Jahrtausends bietet, brach nach der
Zäsur der Französischen Revolution eine
verheissungsvolle Zukunft an, die ihnen die Umgestaltung
der Welt zu ermöglichen schien.
An der Schwelle zum 20. Jahrhundert machte sich
gemäss Klaus Hildebrand (in: Gall) ein ähnlich
ungehemmter Fortschrittsglaube breit, der sich gleissend
in der Pariser Weltausstellung bündelte. Diese
Feiern standen unter der ambivalenten «Hypothek der
Fin-de-siècle-Metaphorik» (Brendecke), in der
die Gesellschaft seismographisch sowohl die ihr gesetzten
Grenzen als auch ihren Optimismus auslotete. Ein
geschlechtergeschichtlicher Blick hätte die
Tragweite des Phänomens gründlicher erfassen
können.
VERLUST DER ESCHATOLOGIE?
Mochten in der Vormoderne die Jahrhundertwenden
zuweilen mit eschatologischen Motiven aufgeladen sein, so
wurden diese im Zuge der frühneuzeitlichen
Säkularisierung zunehmend durch eine weltimmanente
Orientierung abgelöst, wie der von Manfred
Jakubowski-Tiessen herausgegebene, theologisch dominierte
Sammelband konstatiert, der mit unterschiedlichem Erfolg
Endzeiterwartungen und Jahrhundertwenden
zusammenzubringen sucht. Zu Beginn der Frühneuzeit
kümmerte die Eschatologie sich kaum um runde Zahlen,
und weder für 1800 noch für 1900 ist ein
massiertes Auftreten von Endzeitvorstellungen auszumachen
(Benigna von Krusjenstern, Harry Oelke; in:
Jakubowski-Tiessen). Doch die Wiederbelebung der
Eschatologie könnte nach Gerhard Sauter (in:
Jakubowski-Tiessen) auch eine Geschichtswissenschaft in
die Schranken weisen, die vermeine, alles zu
ergründen, und doch nur bei den
Oberflächenphänomenen verharre und dabei das
Wesentliche, nämlich die Kenntnis unser selbst,
verfehle.
In ähnlicher Ausrichtung beklagt Reinhart Staats
(in: Jakubowski-Tiessen) das Verschwinden des
öffentlichen Interesses an der Apokalyptik, das mit
einer zunehmenden Verdrängung des Todes einhergehe.
Ebenfalls aus theologischer Sicht behauptet Hans Weder in
dem von Walter Koller edierten Band «Apokalypse oder
Goldenes Zeitalter?», der den Wurzeln der
Endzeiterwartungen vor allem in der mittelalterlichen
christlich-jüdischen Tradition und in
aussereuropäischen Kulturen nachgeht, dass die
Apokalyptik aus dem Versuch des Menschen entstanden sei,
angesichts der Ungerechtigkeit in der Welt an der
Gerechtigkeit Gottes festzuhalten. Weder übt jedoch
am apokalyptischen Denken scharfe Kritik, weil es an
Gewalt und gnadenlose Vergeltung gekoppelt sei und in
ideologischer, nichtreligiöser Gestalt mit einer
verheissungsvollen und verblendenden Zukunft locke; die
Alternative liege in der Vergebung Jesu, die den Menschen
der Auseinandersetzung mit dem Leben in der Gegenwart
zuführe.
ENTDECKUNG DER ZUKUNFT
Eine entgegengesetzte Diagnose stellt Lucian
Hölscher in einer etwas eiligen Studie: Gefahr droht
unserer Kultur nicht von der Flucht in die Zukunft,
sondern vielmehr von ihrem Verschwinden, das mit dem
eingangs konstatierten Desinteresse am anstehenden
Jahrtausendwechsel eng verknüpft ist - und um so
erstaunlicher anmutet, als das Jahr 2000 bis in die
jüngste Vergangenheit hinein als magisches Datum und
schon im Mittelalter als äusserste Grenze der
Weltzeit galt. Die Vorstellung von der Zukunft als einer
homogenen, stetig verfliessenden Zeit entwickelte sich
Hölscher gemäss erst mit dem modernen Konzept
der Geschichte als kontinuierlichen Prozesses. Im
Mittelalter, für Augustinus etwa, war das
Zukünftige in gleicher Weise real wie das
Vergangene. Für uns Heutige hingegen liegt das
Vergangene als etwas unabhängig von uns
Existierendes hinter uns, während das
Zukünftige sich ungeschehen vor uns erstreckt.
Seinen Höhepunkt erlebte das Zukunftskonzept Ende
des 19. und in der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts - fast parallel also zur hohen Zeit der
Jahrhundertwendefeiern. Die Konstruktion der
Jahrhundertwenden nämlich hängt mit der
«Entdeckung der Zukunft» zusammen; das eine
geht nicht ohne das andere.
Wenn Hölschers Hypothese zutrifft, dass mit der
Auflösung des einigenden Bandes zeitlicher
Koexistenz, der zunehmenden Begrenzung des menschlichen
Handlungsspielraums und des Zerfalls der
«Wirklichkeit» die Zukunft ihre bisherige
Bedeutung verliert, könnte dies für die
menschliche «Sinnbildung und Sinndeutung» eine
ernsthafte Gefährdung darstellen. Oder etwas
prosaischer ausgedrückt: Mit dem Raum der Zukunft
würde zuerst einmal der von Hölscher
marginalisierte Raum der Vergangenheit, die kollektive
Erinnerung, verschwinden.
Arndt Brendecke: Die Jahrhundertwenden. Eine
Geschichte ihrer Wahrnehmung und Wirkung. Campus-Verlag,
Frankfurt am Main 1999. 428 S., Fr. 64.-.
Lothar Gall (Hg.): Das Jahrtausend im Spiegel der
Jahrhundertwenden. Propyläen-Verlag, Berlin 1999.
432 S., Fr. 52.50.
Lucian Hölscher: Die Entdeckung der Zukunft.
Fischer- Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1999. 263
S., Fr. 23.-.
Manfred Jakubowski-Tiessen, Hartmut Lehmann,
Johannes Schilling, Reinhart Staats (Hg.):
Jahrhundertwenden. Endzeit- und Zukunftsvorstellungen vom
15. bis zum 20. Jahrhundert. Verlag Vandenhoeck &
Ruprecht, Göttingen 1999. 360 S., Fr. 78.-.
Walter Koller (Hg.): Apokalypse oder Goldenes
Zeitalter? Zeitenwenden aus historischer Sicht. Verlag
NZZ, Zürich 1999. 159 S., Fr. 42.-.
© Neue Zürcher Zeitung -
11.12.1999