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Heute gibt es nicht mehr viele Könige. Und was Hexen anbelangt, so scheinen die ganz ausgestorben zu sein. Jedenfalls liest man in der Zeitung kaum noch etwas über sie. Früher war das ganz anders. Da hatte jedes Ländchen seinen König, selbst wenn es kaum größer war als ein Tischtuch. Und Hexen gab es wie Sand am Meer, wenn man den alten Geschichten glauben kann. Zu der Zeit, als es noch so viele Hexen und Könige gab, regierten einmal zwei Brüder gemeinsam ein Land. Der eine hieß König Hyazinth, der andere König Alabaster, und das Land, in dem sie lebten, nannte sich Hyabasterland. Es war zwar ein bisschen größer als eine Tischdecke, aber dass es ein großes Land gewesen wäre, kann man mit dem besten Willen nicht behaupten. Es lag abseits in einem Gebirgstal, und wenn man dorthin gelangen wollte, musste man erst über viele Berge steigen. Kein Wunder, dass es kaum bekannt war und auf den wenigsten alten Landkarten eingezeichnet ist. Zu dem Land gehörte eine einzige Stadt, die Hauptstadt Alazinth. Dann gab es noch sechs Dörfer mit vielen Wiesen und Äckern, einen sehr großen dichten Wald und schließlich das Königsschloss, das in der Nähe der Hauptstadt auf einem Berg stand. Städte, Dörfer und Schlösser gab es in anderen Königreichen auch, das war alles nichts Besonderes. Aber etwas war anders als in den Ländern ringsum: die Bewohner von Hyabasterland. Zwar traf man auch hier dicke und magere, alte und junge, große und kleine Menschen. Aber fast niemals begegnete man missvergnügten oder schlecht gelaunten Leuten. Alle schienen zufrieden zu sein. Oft wurde mitten am Tag Musik gemacht, man lachte viel und sang gern und laut. Jeder Reisende, der sich zufällig in dieses abgelegene Land verirrte, wollte am liebsten gleich dort wohnen bleiben, weil er noch nie so viele lustige und zufriedene Leute beieinander gesehen hatte wie in Hyabasterland. Und wenn er erstaunt fragte: "Wie kommt es, dass hier alle so gute Laune haben?", bekam er meist die gleiche Antwort: "Weil Alabaster und Hyazinth hier Könige sind!" Und so war es auch! Denn vorher hatte der alte König Malachit das Land regiert, und alle Leute waren genauso mürrisch gewesen wie in den Nachbarländern. Malachit hatte es gemacht wie viele Könige damals auch: Erst mussten alle Männer beim Bau des Königsschlosses helfen und um das Schloss herum einen prachtvollen Park anlegen. Dann schickte er die eine Hälfte der Männer nach Hause und machte die andere zu Soldaten. Sie bekamen eine rote Uniform mit goldenen Knöpfen, hohe Mützen, einen Säbel und lernten marschieren. Weil das Land so klein und abgelegen war, wurde es nie von einem Feind angegriffen. Damit sich die Soldaten deshalb nicht langweilten, mussten sie am Vormittag üben, wie man sich rechts- oder linksherum dreht, wie man die Mütze auf- und absetzt und wie man sich im Takt die Nase putzt. Am Nachmittag marschierten sie dann um das Schloss herum, während der König und der Oberhofminister vom Fenster aus zusahen. Viele Soldaten brauchen viel zu essen. Deshalb hatte jeder Handwerker, der nicht Soldat geworden war, die Hälfte seines Lohns an den König abzuliefern. Und jeder Bauer musste die Hälfte seiner Ernte abgeben. Kein Wunder, dass die Menschen im Land nicht besonders froh und glücklich waren! Als der alte Malachit gestorben war, zerbrachen sich die Leute auf der Straße den Kopf darüber, wer von den beiden Erben jetzt wohl der neue König würde, Hyazinth oder Alabaster. "Bestimmt wird Hyazinth der König, er ist der ältere von beiden", sagten die einen und machten ein sachkundiges Gesicht. "Bestimmt wird Alabaster der König! Er ist zwar jünger, aber er ist stärker und größer als sein Bruder", sagten die anderen und machten ein genauso sachkundiges Gesicht. Und einige Schwarzseher wiegten nachdenklich den Kopf hin und her, bevor sie dann flüsterten: "Bestimmt wird ein schrecklicher Streit um den Königsthron beginnen. Die eine Hälfte der Soldaten muss für Hyazinth, die andere für Alabaster kämpfen, und es wird ein großes Blutvergießen geben!" Wie erstaunt waren deshalb die einen wie die anderen, als sie erfuhren, dass die Brüder gemeinsam das Land regieren wollten. "Wir zwei haben uns bisher gut vertragen, warum sollen wir nicht alle beide König werden!", sagten sie. "Wenn der eine beim Regieren etwas vergisst, kann ihn der andere daran erinnern. Wenn der andere beim Herrschen einen Fehler macht, kann ihn der eine verbessern. Zwei können mehr als einer!" Kaum waren die beiden König geworden, schickten sie alle Soldaten bis auf einen nach Hause. Die zogen ihre roten Uniformen aus und wurden wieder Schmiede, Bäcker, Korbflechter, Müller, Bauern oder was sie sonst gewesen waren. Den einen Soldaten, den sie behielten, ernannten die Brüder zum Oberwachsoldaten. Er saß in einem Wachhäuschen neben dem Schlosstor und passte scharf auf, dass kein Räuber oder Dieb ins Schloss gelangte. Weil die beiden Könige jetzt kein Geld mehr für die Soldaten brauchten, mussten die Leute viel weniger Steuern abliefern. Deswegen brauchten sie nicht mehr so viel zu arbeiten und konnten sich häufiger unterhalten, konnten gemeinsam "Mensch, ärgere dich nicht!", "Doppelkopf" oder "Sechsundsechzig" spielen und am Abend tanzen gehen. Die beiden Könige liebten Musik und hatten eigentlich mehr Freude am Gitarrenspiel als am Regieren. Den ganzen Tag erklang aus den geöffneten Fenstern des Königsschlosses Musik. Das gefiel den Leuten sehr. War es bis jetzt Mode gewesen, den gleichen Schnurrbart zu tragen wie der König, so wurde es jetzt Mode im Land, ein Musikinstrument zu spielen. Schon die kleinsten Kinder fingen an, Flöte oder Triangel spielen zu lernen. Ein Kesselflickergeselle wurde im ganzen Land berühmt, weil er es verstand, gleichzeitig die Trompete und das Waldhorn zu blasen, während er mit dem Fuß auf einem Kessel den Takt schlug. Die starken Männer auf dem Jahrmarkt stemmten nicht mehr volle Fässer oder eiserne Gewichte, sondern stellten ihre Kraft unter Beweis, indem sie ein Klavier in die Luft warfen oder eine Posaune mit bloßen Händen zerdrückten, und selbst ganz alte Männer, die schon steife Finger hatten, lernten wenigstens die Pauke zu schlagen.
Rezensionen der Redaktion zu „Der König in der Kiste”
"Wie kaum einem anderen Autor gelingt es Paul Maar, seine Leser anzusprechen, zu fesseln und zu begeistern ." Die Zeit
Kurzbeschreibung zu „Der König in der Kiste”
Ein modernes Märchen von Paul Maar
Hyazinth und Alabaster herrschen über das kleine Königreich Hyabasterland. Das Volk hat die beiden Könige sehr gern und alle sind fröhlich und zufrieden - bis auf einen. Nur einer im Land ist immer böse und grantig und bildet sich ein, klüger als die beiden Könige zu sein: Oberhofminister Krätzeklein. Um Zucht und Ordnung in das Land zu bringen, sucht Krätzeklein Hilfe bei einer bösen Hexe ...
Autorenportrait zu „Der König in der Kiste”
Paul Maar wurde 1937 in Schweinfurt geboren. Er studierte Kunst und grafische Gestaltung und war erst Bühnenbildner, Fotograf und Kunstlehrer, bevor er anfing, Kinderbücher zu schreiben. Paul Maar ist Autor von über 40 Büchern, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Paul Maar hat die meisten seiner Bücher selbst illustriert. Er schreibt auch Theaterstücke, Kindermusicals und Drehbücher für Filme. Paul Maar lebt in Bamberg.
Portrait
Paul Maar:
Paul Maar, geboren 1937 in Schweinfurt, wurde als Erfinder des "SAMS" bekannt und ebenfalls als erfolgreicher Autor und Illustrator von Kinder- und Jugendbüchern. Er erhielt u.a. den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für sein Gesamtwerk. 2009 wurde ihm der Wolfram-von-Eschenbach-Kulturpreis verliehen.
Autorenportrait
Paul Maar wurde 1937 in Schweinfurt geboren. Er studierte Kunst und grafische Gestaltung und war erst Bühnenbildner, Fotograf und Kunstlehrer, bevor er anfing, Kinderbücher zu schreiben. Paul Maar ist Autor von über 40 Büchern, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Paul Maar hat die meisten seiner Bücher selbst illustriert. Er schreibt auch Theaterstücke, Kindermusicals und Drehbücher für Filme. Paul Maar lebt in Bamberg.
Bewertung unserer Kunden zu „Der König in der Kiste”