Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03409.jsonl.gz/156

Die Hunderte von Wynentalern, welche im 19.Jahrhundert in die Vereinigten Staaten auswanderten, führten zu einem guten Teil ein zwar arbeitsames, aber geregeltes und mehr oder weniger erfogreiches Leben und durften es in Ruhe abschliessen. In zwei uns bekannten Fällen nahm ihr Leben jedoch ein abruptes Ende. Wir denken dabei nicht an Soldaten, die in den 1860er Jahren im amerikanischen Bürgerkrieg fielen, sondern an zwei Wynentaler, die einem Mord zum Opfer fielen.
Bekannt ist der Fall des berühmten Auswanderer-Pioniers Bernhard Steiner, eines in Suhr aufgewachsenen Dürrenäscher Bürgers. Er betreute seit 1815 in den sogenannten Dutch-Hills-Prairies etwas östlich des Mississippi im Staat Illinois ein stattliches Landgut. Die Gegend erhielt später den Namen Lenzburg. Der umtriebige Siedler betätigte sich aber weiterhin auch als Handelsmann und träumte von den verschiedensten Unternehumgen, ja sogar von der Gründung einer Uhren-Manufaktur. Doch ein Überfall auf einer seiner Geschäftsreisen setzte 1821 all seinen Plänen ein Ende. Wegelager raubten Steiner aus und töteten ihn. Er war erst 34 Jahre alt. Er hätte sich wohl alles andere vorgestellt als einen solchen gewaltsamen Tod. Ironischerweise hatte er früher in einem Brief an seine Verwandten in der Schweiz geschrieben, in Amerika habe man «keine Schelmen und Diebe zu befürchten».
Der zweite Fall ereignete sich wesentlich später und unter ganz andern Umständen im November 1878. Ort des Geschehens war das Dorf St. Jacob, ganz in der Nähe von Bernhard Steiners ehemaligem Wohnsitz östlich des Mississippi. Es traf diesmal keinen erfolgreichen Unternehmer, sondern einen einfachen Knecht. Wir verdanken unser Wissen einem Bericht in einer deutschsprachigen Zeitung von damals. Die deutsche Sprache war bis zum Ersten Weltkrieg in den USA stark verbreitet. Wir geben den Bericht im vollen Wortlaut wieder. «Gestern Morgen wurde unsere Gegend durch die Nachricht in die größte Aufregung versetzt, daß eine Tragödie in der Wohnung des Herrn G.W.Scarcy aufgeführt worden sei. Die Thatsachen sind folgende: Ein junger Mann, der sich Walter S. Pierce nennt und sich seit der Ernte in hiesiger Gegend aufhielt, ging vorgestern Abend in das Haus des Herrn Scarcy, wie er das die zwei vorhergehenden Abende auch gethan, um dort zu übernachten. Er wurde in dasselbe Zimmer gewiesen, in welchem der Knecht des Hrn. Scarcy, Hr. John Leutwiler, schlief. Während der Nacht war Pierce sehr unruhig: man hörte ihn treppauf und treppab gehen und mehrere Male den Versuch machen, die Thüre zum Schlafzimmer des Hrn. Scarcy zu öffnen. Gestern Morgen glaubte Mrs. Scarcy ein verdächtiges Geräusch in dem Zimmer des Knechts zu hören und auf ihre Veranlassung begab sich Herr Scarcy in dessen Zimmer, um nachzusehen. Er fand Hern. Leutwiler tödtlich verwundet und besinnungslos in seinem Bett liegen. Ein Koppelnagel, wie man sie an Eisenbahnwagen findet, mit dem der Mord augenscheinlich ausgeführt worden, lag neben dem Bett. Pierce lag noch im andern Bett, anscheinand schlafend. Scarcy ging nun hinunter und machte sein Gewehr schußferig, entschlossen, Pierce nicht entschlüpfen zu lassen. Leutwiler starb heute Morgen und die Coroners-Untersuchung wird heute stattfinden. (Coroner ist ein Untersuchgungsbeamter.) Die Aufregung ist groß und gestern wurde überall vom Lynchen gesprochen. Pierce befindet sich in den Händen der zuständigen Beamten und wird genau beobachtet. Er läugnet jede Kenntniß des Verbrechens. Herr Scarcy meint, daß es die Absicht des Verbrechers war. Alle zu ermorrden, das Geld zu nehmen, das Haus anzuzünden und sich dann aus dem Staube zu machen. Pierce beabsichtigte, heute seine Hochzeit mit der Tochter der Frau Rule zu machen.»
Leider wird die Herkunft des ermordeten John Leutwiler nigends vermerkt. Auf Grund seines Familiennamens besteht aber kaum ein Zweifel, dass er aus unserer Region stammte, aus Birrwil, Reinach oder Gontenschwil.