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Historische Konzepte der Staatsbürgerschaft
Die Betrachtung einiger wichtiger Entwicklungen des Konzepts von Staatsbürgerschaft macht die verschiedenen Bedeutungslinien ersichtlich, die bis heute in der Diskussion sind.
- Die Staatsbürgerschaft reicht bis in die griechische Antike zurück, als den „Bürgern“ ein gesetzliches Mitspracherecht in staatlichen Angelegenheiten zukam. Doch war keinesfalls jeder ein Bürger: Sklaven und Frauen waren bloße Untertanen. Für Männer mit dem privilegierten Status eines Bürgers war die Idee der „bürgerlichen Tugend“ sehr wichtig: ein „guter“ Bürger zu sein. Damit lag die Betonung vor allem auf den Pflichten, denen man als Bürger nachkommen sollte.
- Die Verknüpfung von Staatsbürgerschaft mit nationaler Identität erwuchs aus der Tatsache, dass die Rechtsstellung eines „Bürgers“ immer an einen Nationalstaat gebunden war, daher auch die Verknüpfung von Staatsbürgerschaft und Nationalismus oder Patriotismus. Während unter Patriotismus eine Haltung verstanden werden kann, die durch eine tief empfundene Verbundenheit zum eigenen Land oder zu einer Wahlheimat geprägt ist und durch gemeinsame Abstammung, ethnische, politische und/oder kulturelle Zugehörigkeit motiviert ist, bezeichnet Nationalismus eine politische Ideologie, welche die Überlegenheit der eigenen Nation gegenüber anderen Nationen ins Zentrum stellt. Johannes Rau, ehemaliger deutscher Bundespräsident, formulierte den grundlegenden Unterschied: „Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt. Ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet.
- Die liberale Auffassung von Staatsbürgerschaft, die sich im 19. Jahrhundert entwickelte, hob die Bedeutung der Rechte für alle Bürger hervor. Mit der allmählichen Erweiterung des Stimmrechts wurden Gerechtigkeit und politische Grundrechte für einen wachsenden Teil der Bevölkerung verwirklicht.
- Im 20. Jahrhundert gingen die Befürworter der „sozialen Staatsbürgerschaft“ noch weiter, indem sie erkannten, dass bürgerliche und politische Grundrechte nur ein Teil dessen sind, was Bürger/innen vom Staat legitimerweise erwarten können. Der Aufstieg des Wohlfahrtsstaats im letzten Jahrhundert war zu einem großen Teil das Verdienst von Theoretikern, die argumentierten, dass Bürgerrechte sich auch auf die persönlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen und nicht nur auf die Partizipation am politischen Geschehen erstrecken sollten.
- Das Konzept der „multiplen Staatsbürgerschaft“ gibt es schon eine ganze Zeit lang. Es erlaubt, dass Menschen gleichzeitig Bürger mehrerer Staaten oder zwischenstaatlicher Gebilde sein können. So haben z.B. in der Europäischen Union immer mehr Bürger/innen der Mitgliedsstaaten auch Rechte und Pflichten gegenüber der Union als Ganzem und nicht nur gegenüber ihrem Nationalstaat.
- Ein letzter Strang im Konzept der Staatsbürgerschaft, und zwar von zunehmender Bedeutung, umfasst die Idee der Bildung. Bedeutet Staatsbürgerschaft im herkömmlichen Sinn die Nutznießung von Rechten und die Erfüllung von Pflichten, dann werden Menschen nicht als Bürger/in geboren, sondern dazu gemacht. Loyalität und Verantwortung etwa sind in diesem Sinne Tugenden, die gelernt und kultiviert werden müssen, also integraler Bestandteil von Bildung sein sollten.
- Der Europarat hat das Jahr 2005 zum „Europäischen Jahr der politischen Bildung“ erklärt. In diesem Kontext wird eine erweiterte Definition von Staatsbürgerschaft vorgestellt, die den aktuellen Herausforderungen stärker gerecht werden soll. Der Begriff „Bürger/in“ wird hier als eine in einer Gesellschaft lebende und daran partizipierende Person beschrieben. Mit der abnehmenden Bedeutung des Nationalstaats sollte eine umfassendere Perspektive entwickelt werden, die einen Begriff der Gemeinschaft definiert, der die lokalen, nationalen, regionalen und internationalen Lebenszusammenhänge von Menschen umfasst und ein potenziell neues Modell des Zusammenlebens von Menschen umreißt. Die Begriffe Bürger/in und Bürger/innenschaft beziehen sich demnach auf Rechte und Pflichten, darüber hinaus jedoch ebenso auf Werte wie Gleichberechtigung, Vielfalt und soziale Gerechtigkeit. Bürger/in zu sein, bedeutet in diesem Verständnis weit mehr als die Teilnahme an Wahlen, es bedeutet umfassende gesellschaftliche Partizipation.