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Bekanntlich liegt die Schönheit im Auge des Betrachters. Das ist beruhigend, denn über Geschmack lässt sich nicht streiten. Und dann wiederum gibt es Studien, die belegen, dass man sich unabhängig von persönlichen Vorlieben einem symmetrischen und nach bestimmter Weise proportionierten Gesicht nicht entziehen kann und es einfach als schön bezeichnen muss. Nüchtern betrachtet, scheinen die zuvor genannten Spruchweisheiten doch eher dem sozialen Frieden zu dienen als der Ästhetik, der Bemühung also, die sinnliche Wahrnehmung und die damit einhergehende Empfindung zu ergründen. Ausserdem sind für die Ästhetik in Anbetracht der Sinnesreize und Gemütsbewegungen auch die mit ihnen in Verbindung stehenden Geschmacksurteile und Vorurteile von Interesse. Herkömmlicherweise ist die Ästhetik eine Theorie des Schönen, jedoch beschäftigt sie sich spätestens seit Hegel vor allem auch mit der Kunst und diese wiederum hat sich gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts beinahe ausnahmslos dem Dogma des Wohlgefälligen entzogen. Zu untersuchen sind in der Ästhetik demnach nicht nur die Kategorien von Harmonie und Wohlgestaltung, sondern auch deren Umkehrungen. Sowohl Anziehendes als auch Abstossendes können in gleicher Intensität faszinierend sein.
Sokrates war kein besonders gut aussehender Mann, aus objektiver Sicht könnte man ihn sogar als hässlich bezeichnen. Und dennoch galt er als schöner Mensch, denn er verströmte eine Aura des Guten. Für ihn ist das Schöne nichts anderes als das Gute und das Gute nichts anderes als das Wahre. Wie sein philosophischer Adjunkt Platon war Sokrates ein Idealist. Wer sich anschickt, dem Ideal von Schönheit und Güte und Wahrheit gerecht zu werden, verkörpert dieses Ideal in der Folge für die anderen in gleichem Masse, wie man sich dem Ideal bereits angenähert hat. Für die sogenannten Vorsokratiker hingegen hatte das Schöne und Kunstvolle in der Orientierung an der Harmonie und Symmetrie bestanden, die sie in der Natur beobachtet hatten. Es gab also in der griechischen Antike einander diametral entgegengesetzte Auffassungen der Ästhetik, die beide eine legitime Theorie des Schönen zu liefern schienen. Beide abstrahierten das Konzept der Schönheit aus der Beobachtung der Welt, doch nahmen die einen an, dass die Welt Harmonien und Symmetrien tatsächlich enthalte, während die anderen Abweichungen in der Natur feststellten und daher im Ideal eine reinere Form des Schönen gefunden zu haben glaubten.
Aristoteles gelang es, diese Gegensätzlichkeit von sinnlich erfahrener Erscheinung und idealisiertem Wesen in Einklang zu bringen, indem er die Aufgabe der Kunst nicht in der blossen Nachbildung des Beobachteten sah, sondern im Herauslesen und Abbilden des Wesentlichen aus den Dingen der Erfahrungswelt. Auf diese Weise konnte sogar das Hässliche als kunstvoll dargestellt gelten und deshalb als ästhetisch ansprechend oder künstlerisch schön beurteilt werden. Bereits Aristoteles entlastete die Kunst von der Aufgabe, etwas geschmacklich Schönes erzeugen zu müssen. Als Funktion der Kunst erkannte er mit der Katharsis oder Reinigung ein Vermögen, über Gegensätze eine Spannung aufzubauen und durch deren Auflösung eine Veränderung des Gemüts, des Denkens oder sogar des Charakters zu bewirken, was einer sehr modernen Auffassung von Kunst nahekommt.
Die europäischen Auffassungen des Kunstvollen beruhen im Grunde auf den antiken Ansätzen des Realismus im Sinne der Vorsokratiker, des Idealismus nach Platon und der Dialektik, also der Läuterung durch Gegensätze, wie sie die Aristoteliker pflegten. Plakativ könnte man im groben Hinblick auf die allgemeinen historischen Tendenzen das Mittelalter dem Idealismus, die Neuzeit seit der Renaissance dem Realismus und die aufgeklärte Moderne der Dialektik zuordnen. Zu allen Zeiten gab es eine auf Erfahrung und eine auf Reflexion beruhende theoretische Auseinandersetzung mit der sinnlichen Wahrnehmung, jedoch etablierte sich mit Baumgartens Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis der reflexive Ansatz im achtzehnten Jahrhundert als wissenschaftliches Fachgebiet. Die Konzentration auf die ästhetische Erfahrung oder Erkenntnis wurde durch die kritische Terminologie der Aufklärung weitgehend obsolet, weshalb sich seither die philosophische Ästhetik vermehrt mit den Bedingungen und den Gegenständen des sinnlichen Erlebens beschäftigt.
Bis heute hat sich die Kunst und damit auch die Ästhetik fortlaufend diversifiziert und derart verändert, dass eine umfassende Theorie oder Philosophie der Kunst mittlerweile kaum mehr denkbar erscheint. Während über lange Zeit hinweg die Kunst als darstellende Aktivität galt, kann angesichts der neueren Entwicklung in der Kunst nicht mehr von einer Darstellungsintention ausgegangen werden. Als Beispiele hierfür zu nennen wären sinnfreie Gedichte der Dadaisten, unkonventionelle Maltechniken wie jene von Jackson Pollock oder auch atonale Musikkompositionen. Gemeinhin akzeptabel sind in der Postmoderne wohl nur noch Minimaldefinitionen der Kunst, beispielsweise als Sammelbegriff für ungewohnte Verhaltensweisen, die auf Wahrnehmung beruhende Reaktionen bewirken. Spätestens seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts unterzieht sich die philosophische Ästhetik einer intensiven Selbstkritik, sensibilisiert sich zunehmend für kulturelle Unterschiede im ästhetischen Empfinden und zieht bei ihren Überlegungen auch individuelle Beschreibungen von ästhetischen Erlebnissen in Betracht. Künstlerische Kreise selbst haben die vereinfachte Reproduzierbarkeit von Kunstwerken, den Wert künstlerischen Wirkens und die Voraussetzung des künstlerischen Talents zunehmend in Frage gestellt. In etwa gleichzeitig gerieten im theoretischen Diskurs die ästhetischen Urteile unter Verdacht, vor allem der sozialen Manipulation zu dienen. Viele Kunstschaffenden können sich heute die Freiheiten der säkularisierten und weniger stratifizierten Gesellschaften zu Nutze machen und sich spielerisch mit gesellschaftlichen Kategorien wie Schönheit, Hässlichkeit und Künstlichkeit verhältnismässig uneingeschränkt kritisch auseinandersetzen. Sie hinterfragen dadurch als reflexive Hauptinstanz die Muster der heutigen Lebenswelten und nicht zuletzt die marketingorientierte Populärkultur, die sich in allen Bereichen der Kunst eingenistet hat.
Einführungstext von Patrick Schneebeli, Studium der Philosophie in Zürich, unterrichtet Allgemeinbildung an Berufsfachschulen.