Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03224.jsonl.gz/2477

Es war eine heisse und dunkle Sommernacht. Der Mond hatte sich hinter den Wolken versteckt. Am Strassenrand neben der Schnellstrasse lag ein schwarz-weisses Fellbündel. Es bewegte sich kaum, schien tot zu sein. Noch strömte Blut aus dem fast leblosen Körper. Kein Mensch war zu sehen, nicht einmal mehr der Mond zeigte sich. Ab und zu fuhr leise ein Auto vorbei, doch niemand schenkte dem kleinen im Sterben liegenden Wesen Beachtung.
Plötzlich bewegte sich die halbtote Katze etwas, ein wenig Leben war anscheinend noch vorhanden in dieser armen Kreatur. Die schwarz-weisse Katze schien grosse Schmerzen zu haben. Die Vorderbeine waren intakt, doch von der Rückenmitte bis zum Schwanzende war alles lahm. Sie war von einem Auto überfahren worden. Der Fahrer hatte nicht einmal angehalten, nur kurz in den Rückspiegel geschaut und war davongebraust. Nun lag der kleine Kater da und war zu schwach, um zu schreien. Er versuchte mit letzter Kraft von der Strasse wegzukommen. Er schleppte sich mit den Vorderbeinen über den Gehsteig dem Bord entgegen, das mit Gebüschen und Bäumen überwachsen war. Dort wollte er sich hinlegen und abwarten. Vielleicht würden die Schmerzen nachlassen. Er brauchte fast eine Stunde, um die drei Meter zu schaffen. Die Hinterbeine konnte er nicht mehr brauchen. Er schleppte sie hinter sich her. Endlich hatte er das Bord erreicht. Er legte sich unter einen Busch und fiel in einen tiefen, tiefen Schlaf. In seinem Kopf dröhnte es und in seinen Träumen sah er, wie alles gekommen war.
Auf der Schnellstrasse fuhren um diese Zeit nur noch wenige Autos. Emsy kannte die Gefahren dieser Strasse und wusste, dass er aufpassen musste. Vor einem Jahr hatte er hier schon einmal einen Unfall gehabt. Seither wartete er am Strassenrand bis kein Motorengeräusch mehr zu hören war. Erst dann überquerte er die breite Schnellstrasse. Auf der anderen Strassenseite gab es ein Transportunternehmen mit einem grossen Parkplatz. Daneben erstreckte sich ein grosses Landwirtschaftsfeld, das vor wenigen Tagen umgegraben worden war. In diesem Feld wohnten ganze Heerscharen von Mäusen, etliche Maus-Familien, ganze Sippschaften. Emsy ging sie jeden Abend besuchen. Er liebte dieses Feld, in dem Käfer, Mäuse und auch Feldhasen lebten. Er setzte sich an den Feldrand und wartete bis sich etwas bewegte. Ja, es raschelte. Er entdeckte eine kleine graue Maus, die ihr Näschen in die Luft streckte. Er blieb ganz ruhig sitzen, damit die Maus ihn nicht sah.
Nun verspürte er Hunger, denn er hatte schon stundenlang nichts mehr gegessen. Schon tropfte sein Maul beim Gedanken an den Leckerbissen, der sich vor ihm präsentierte. Als die Maus schon ganz nahe war, nahm er einen Sprung. Mit seinen Krallen wollte er das graue Fellbündel packen. Im Dunkeln der Nacht verpasste er jedoch das flinke Graupelzchen. Die Maus rannte davon, rannte um ihr Leben. Emsy verfolgte sie, war dicht hinter ihr. Er wollte sie haben, denn er hatte sie zum Fressen gern. Als sie sich unter einem Busch versteckte, wartete er geduldig davor. Er hatte Zeit, viel Zeit, denn die Nacht war noch lange. Es vergingen jedoch nur wenige Minuten bis die kleine Maus wieder hervorkam. Noch immer sass er unbewegt da. Nur seine weit geöffneten Pupillen verfolgten das Graupelzchen. Er würde den richtigen Zeitpunkt abwarten, um sie mit einem schnellen Sprung zu packen. Jetzt! Emsy sprang, doch die Maus war schneller. Sie rannte mit ihren kurzen Beinen in Windeseile davon. Emsy folgte ihr. Sein Blick war starr auf die Maus gerichtet, die um ihr Leben rannte. Sie jagten davon, die Maus voraus, Emsy dicht dahinter.
Er hörte das Auto nicht, das auf ihn zufuhr. Sein Blick war auf die Maus gerichtet, die in Todesangst über die Strasse rannte. Sein Jagdtrieb war grösser als die Vorsicht. Mit seinem schwarzen Rücken war er auch kaum zu sehen auf der unbeleuchteten Landstrasse. Der Fahrer sah den kleinen Kerl zu spät, der mit ausgestrecktem Schwanz im Zick-Zack quer über die Strasse rannte. Ein Riesenknall, ein kleiner Schrei und alles war vorbei. Der Fahrer bekam Panik als er den Aufprall hörte, sah im Rückspiegel die Katze, die er überfahren hatte. Sie bewegte sich nicht mehr und er war sicher, dass sie tot war. Er hatte fürchterliche Angst und raste einfach kopflos davon.
Emsy schlief lange, fast die ganze Nacht hindurch. Bald würden die ersten Sonnenstrahlen den Boden erwärmen. Als er aus seiner Ohnmacht aufwachte musste er feststellen, dass es schon Morgen war, dass die Schmerzen aber nicht nachgelassen hatten. Noch immer konnte er seine Hinterbeine nicht bewegen. Er hatte grässliche Schmerzen in der Hüfte und unsagbaren Durst. Aus der Hinterpfote rann Blut. Er leckte es mit seiner Rosazunge weg. Auch das restliche Blut, das aus seinem verletzten und offenen Hinterbein lief, leckte er auf, immer und immer wieder, so lange bis die Blutung nachliess.
Emsy wusste, dass um diese Zeit seine Freundinnen mit der Arbeit beginnen würden. Es war sechs Uhr in der Früh. Er liebte seine Frauchen, bei denen er seit vielen Monaten Bürokater war. Er lebte seit einiger Zeit in einer Bürogemeinschaft in der Firma DPD am Ende der Industriezone. Tagsüber durfte er im Büro liegen. Sie hatten ihm einen weichgepolsterten Korb hingestellt, in den er sich legen durfte.
Daneben lag ein Lammfell, in das er sich an kälteren Tagen einwickelte. Es war unglaublich schön bei seinen Frauen. Er lag den ganzen Tag dort. Die Nächte verbrachte er entweder in der Lagerhalle oder auf der anderen Strassenseite im freien Feld. Seine Frauen stellten ihm jeden Tag leckeres Futter hin. Er durfte bei ihnen im Büro leben, sich am Eingang der Länge nach ausstrecken oder im Archiv auf den Aktenkartons herumtorkeln. Wenn er Hunger hatte, musste er nur kurz miauen und schon eilte man, um ihn mit neuen Leckerbissen zu versorgen. Wenn er raus wollte,
öffnete man ihm die Türe ohne grosses Fragen. Im Winter, wenn es kalt war, lag er auf der Fensterbank, unter der die Heizung angebracht war. Dort war es wohlig warm. Von dort hatte er den gesamten Ueberblick. Er sah, wer kam und wer ging, hier war er der Boss. Er hatte die Frauen um die Pfoten gewickelt, das wusste er. Sie liebten ihn abgöttisch und er mochte sie auch. Sie hatten ihm ein weiches Körbchen besorgt, in dem er stundenlang schlief. Wenn er spielen wollte, setzte er sich zu seinen Frauen aufs Pult. Und wenn sie nicht sofort reagierten, lief er mit seinen breiten Pfoten über ihre Computer-Tastatur. Jeder in dieser Firma kannte Emsy den Streuner. Sogar der Wachmann, der seinen regelmässigen Rundgang machte, erwähnte ihn manchmal in seinen Berichten „Emsy bewacht den Eingang der Firma DPD“. Uebers Wochenende sass Emsy jedoch vor verschlossener Bürotür und konnte nicht verstehen, wieso heute niemand kam.
Eigentlich hatte er ein gutes Zuhause, doch dahin wollte er nicht. Dort lebte Tina mit ihren Katzen. In diese Gemeinschaft würde Emsy richtigerweise gehören. Doch Tina arbeitete unter der Woche den ganzen Tag, und Emsy hatte sich daheim so gelangweilt. Auf einem seiner Streifzüge hatte er dann diese Bürogemeinschaft entdeckt und beschlossen, sich hier niederzulassen. Der Weg von Tina zum Büro war weit, zirka zwei Kilometer. Doch Emsy scheute sich nicht davor. Wenn ihn Tina zu sich nach Hause holte, lief er schnurstracks wieder ins Büro.
Meistens kam Tina am Freitagabend oder Samstagmorgen und nahm Emsy mit nach Hause. Im Winter war das ja ganz okay, denn bei ihr war es trocken und warm. Auch dort gab es gutes Futter in Hülle und Fülle. Im Grunde genommen war es schön bei Tina, doch vor Zottel, dem schwarzen Kater, hatte Emsy grässlich Angst. Dieser war kein freundlicher Geselle und fauchte ihn regelmässig an. Emsy wollte sich nicht mit ihm anlegen, denn Zottel war ein stämmiger Kerl von sieben Kilo. Er wusste genau, dass er ihm unterlegen war und mied jeden Zweikampf, den er bestimmt verlieren würde.
Emsy verbrachte mehr Zeit im Büro als bei Tina. In letzter Zeit hatte sich aber in Tinas Katzenhaus etwas verändert. Ihm war aufgefallen, dass er Zottel schon lange nicht mehr gesehen hatte. Bei Tina war Ruhe eingekehrt. Emsy hatte erfahren, dass Zottel verunglückt war. Er war Tina nachgelaufen und auf der Strasse überfahren worden war. Jetzt brauchte er keine Angst mehr zu haben vor diesem schwarzen Riesenkater. Jetzt war es bei Tina sehr ruhig geworden. Dennoch ging er nur selten nach Hause. Ihm gefiel es, wenn er durch die Gegend streunen konnte. Doch jetzt lag er da, verletzt und mit schmerzverzerrtem Gesicht. Er konnte sich nicht bewegen und war froh, dass er in Ohnmacht gefallen war.
Stunden später erwachte er aus seiner tiefen Ohnmacht. Es war später Nachmittag und noch immer lag er mit grossen Schmerzen am Strassenrand. Wie gern wäre er doch jetzt unten, dort, wo seine Freundinnen arbeiteten. Es war ja eigentlich gar nicht so weit, nur etwa 100 Meter. Er versuchte aufzustehen, musste den Versuch aber sofort abbrechen. Höllische Schmerzen überzogen seinen ganzen geschundenen Körper. Er lag unter einem Busch. Der Boden war übersäht mit Tannennadeln und Blättern. Ueberall lag Müll herum, alte Büchsen und Plastiktüten, die Autofahrer im Vorbeifahren aus dem Fenster geworfen hatten. Es roch nach verfaultem Obst, über das sich Scharen von Ameisen hergemacht hatten. Ameisen krabbelten auch auf ihm herum. Sie kitzelten ihn, doch er konnte sich nicht wehren. Er hörte, wie die Fliegen um seinen Kopf surrten. Sie setzten sich auf sein offenes Hinterbein. Er verscheuchte sie. Mit seiner Zunge leckte er die Wunde, die sich über das ganze Bein zog. Pelz und Haut waren weg, der Knochen lag offen. Er leckte sich so lange, bis die Schmerzen etwas geringer wurden.
Er wusste, dass er an dieser Situation selber schuld war. Es war ja nicht das erste Mal, dass er von einem Auto angefahren wurde. Vor etwa eineinhalb Jahren passierte es das erste Mal. Damals hatte er sich zum Büro der DPD geschleppt. Die netten Frauen hatten ihn gepflegt und gefüttert. Bald war die kleine Schramme an seiner Stirn nicht mehr zu sehen.
Kaum dreiviertel Jahre später war er erneut unvorsichtig. Dieses Mal knallte er mit voller Wucht gegen eine Stossstange. Er brach sich dabei den Unterkiefer. Auch damals hatten die Frauen für ihn gesorgt. Er war ihnen sehr dankbar.
Ein bisschen ein schlechtes Gewissen hatte er schon, denn eigentlich war sein Zuhause bei Tina und ihrer Katzenfamilie. Doch seit dem Tag, an dem Emsy das erste Mal verletzt worden war, zog es ihn ins Büro der DPD. Es war wie ein Magnet, er konnte sich dagegen nicht wehren. Dies war seine Welt, dort waren seine Freundinnen.
Emsy wusste nicht, dass seine Freundinnen ihn vermissten. Sie kannten ihren kleinen Freund sehr genau und wussten, dass etwas nicht stimmen konnte. Emsy stand jeweils auf die Minute genau vor der Eingangstüre, punkt sechs Uhr in der Früh. Heute war er nicht erschienen, sehr eigenartig. Auch als man Tina anrief, ergab sich nichts Neues. Sie wusste auch nicht, wo Emsy war.
Gegen Abend beschlossen die Frauen, Emsy zu suchen. Sie gingen der ganzen Schnellstrasse entlang, schauten sich überall um. Sie riefen seinen Namen - nichts. Auch eine Suchaktion hinter dem Hause, wo die Eisenbahn fuhr, brachte nichts Neues. Emsy war verschwunden. Sie machten sich grosse Sorgen, denn sie kannten Emsys Zeitgefühl. Nie würde er ohne Grund ausbleiben. Schon vor einem Jahr gab es eine ähnliche Situation. Auch damals war ihnen unerklärlich, wo Emsy war. Sie erinnerten sich noch an die schreckliche Situation, als Emsy mit gebrochenem Kiefer zu ihnen kam. Er wurde damals operiert und musste einige Wochen mit einem verdrahteten Maul herumlaufen. Er verlor dabei auch einen Eckzahn. Alle hatten gehofft, dass Emsy gelernt hatte in Zukunft die Schnellstrasse zu meiden.
Nach diesem Unfall war der kleine Kater auch sehr vorsichtig geworden. Er hatte panische Angst vor Rädern. Wenn er ein Auto hörte, blieb er wie angewurzelt stehen. Er ging vorwiegend den Wänden entlang, dort, wo er geschützt war. Doch die Zeit heilt eben nicht nur Wunden, sie lässt auch schreckliche Ereignisse in einem besseren Licht erscheinen. Aengste verschwinden. Bald hatte Emsy vergessen, dass Autos für einen Kater seiner Grösse sehr gefährlich sind. Er war bereits wieder frecher geworden. Und genau das war ihm nun zum Verhängnis geworden. Seine "Tagesmütter" waren sich dessen sehr bewusst. Sie waren äusserst besorgt, doch sie mussten die Suche bei Einbruch der Dunkelheit aufgeben.
Emsy war müde und traurig. Er lag nicht weit weg von der Schnellstrasse und konnte nichts tun. Nicht einmal rufen konnte er, denn seine Lunge brannte wie Feuer. Er hörte die Autos, die mit einem zischenden Geräusch an ihm vorbeifuhren. Ab und zu fuhr ein Radfahrer nahe an ihm vorbei. Auch ihm konnte er kein Zeichen geben.
Allmählich wurde es dunkel. Es wurde wieder ruhig auf der Schnellstrasse. Er sah durch die Bäume den Mond am Himmel stehen. Er fühlte sich irrsinnig einsam. Dann, es war mitten in der Nacht, kam ein Hund. Er war mit seinem H-rrchen auf einem nächtlichen Spaziergang. Emsy duckte sich, machte sich ganz klein. Er wusste, dass er gegen diesen Hund nichts ausrichten konnte. Angst stieg in ihm hoch. Er hörte die kleinen Füsse, die auf ihn zugingen. Bereits sah er zwischen den Blättern die grosse schwarze Nase, die seine Fährte aufgenommen hatte. Was sollte er nur tun? Wenn der Hund ihn entdeckte, wäre es um ihn geschehen. Das wäre sein Ende, der Hund würde ihn in Stücke reissen und er konnte sich nicht einmal wehren. Er war dem Katzenhimmel sehr nahe, stand an der Pforte des Gartens Eden. Noch vier Schritte und das tödliche Schicksal würde seinen Lauf nehmen. In Emsys Kopf ging nun alles sehr schnell. Sein Leben ging an ihm vorbei in rasendem Tempo. Er dachte über sich und seine Erlebnisse nach. Sein schlechtes Gewissen stieg in ihm hoch. Wie konnte er Tina nur den Rücken kehren? Er hatte sie hintergangen, war jedes Mal, wenn sie ihn nach Hause brachte, schnurstracks zu seinen Freundinnen zurück gelaufen.
Er fiel in einen tiefen, erholsamen Schlaf. In seinen Träumen sah er eine wunderschöne Insel. Er träumte von seinen Freundinnen, die ihn gekämmt und mit ihrer rauen, feuchten Zunge liebkost hatten. Er vermisste sie sehr und wünschte sich, sie wäre nun bei ihm. Stattdessen war er unsagbar allein.
Als er aufwachte, realisierte er, dass kein Hund mehr zu sehen war. Ein Grenzwächter war auf einem nächtlichen Rundgang mit seinem Tier. Als dieses sich in die Büsche absetzte, rief er nach ihm. Jeder hier wusste, dass es in dieser Gegend wilde Hasen gab. Sicher hatte der Hund eine Fährte aufgenommen. Emsys Glück war, dass es sich bei diesem Schäferhund um einen dressierten Zollhund handelte, der den Befehlen des Herrchens ohne Widerrede Folge leistete. Als er dazu aufgefordert wurde, liess er von Emsys Spur ab. Die Gefahr war vorerst vorüber.
Es war dunkle Nacht und die Geräusche wurden ruhiger. Die Fahrer des Paketdienstes hatten Feierabend. Die Pforten des Lagers wurden geschlossen. Noch immer hatte Emsy grauenhafte Schmerzen, doch er wusste genau, dass ihm nur seine Freunde helfen konnten. Mit seiner Zunge massierte er unentwegt sein offenes Bein und hielt sämtlichen Schmutz von ihm fern. Manchmal spürte er eine Ameise, die an ihm hochkletterte oder eine Fliege, die sich auf ihm niederlassen wollte. Er scheuchte alle anderen Tiere weg.
Von weit weg hörte er eine Stimme, die seinen Namen rief. Es war Tina, die ihn suchte. Sie war mit dem Fahrrad gekommen, hatte bereits die ganze Schnellstrasse abgesucht. Sie hatte Meter um Meter durchforscht und jeden Busch untersucht. Nirgendwo war eine Spur von Emsy. Hinter dem Gebäude rief sie immer wieder seinen Namen. Sie traf auf ihrer Suche drei Reiter. Sie sprach lange mit ihnen und bat sie, ihre Augen offenzuhalten und sie anzurufen, falls sie Emsy entdeckten. Diese Reiter kannten Emsy, hatten ihn schon oft bei der Spedition auf der anderen Seite der Schnellstrasse gesehen.
Als sie zum Paketdienst zurückkam, wollte sie das Bord noch ein zweites Mal absuchen. Es war jedoch mit Dornengestrüpp überwachsen und Tina wollte das Bord nur mit den Augen absuchen. Sie schaute von unten zur Schnellstrasse hoch, rief dazu immer Emsys Name. Als sie auf der Höhe war, wo Emsy unter einem Busch lag, hupte ein LKW. Tina war ihm mit ihrem Fahrrad im Weg. Der Fahrer schien genervt. Er schüttelte den Kopf, als er die Frau sah, die am späten Abend das Bord absuchte. Was die wohl da suchte? Man konnte ja kaum mehr was erkennen bei dieser Dunkelheit. Emsy erkannte ihre Stimme und wollte rufen. Aus seiner Kehle kam nur ein klägliches Krächzen. Er wollte schreien, Tina musste ihn doch hören. Doch sein Rufen drang nicht bis zu ihr, denn der LKW-Fahrer hupte erneut. Tina musste aufgeben und den Weg für den gereizten Fahrer freigeben. Sie setzte ihre Suche zehn Meter weiter vorne fort, zu weit weg für Emsy, dessen Stimme mittlerweile verstummt war. Seine Chance war vorbei, Tina war weg. Und schon wieder stand der Mond am Himmel. Und noch immer waren Emsys Schmerzen kaum auszuhalten.
Nach einer kurzen Ruhepause, nahm Emsy alle Kräfte zusammen und schleppte sich erneut einen Meter weiter. Die ganze Nacht hindurch schaffte er auf diese Weise. Bereits sah er das Strässchen, das zum Büro des Paketdienstes führte. Es war also nicht mehr so weit. Seit seinem Unfall waren nun unzählige Stunden vergangen, die schlimmsten seines Lebens. Wenn nicht bald Hilfe kam, würde er elend sterben, abseits von den Menschen, die er doch so liebte. Und diese Liebe gab ihm immer wieder Kraft. Wenn er an seine Freundinnen im Paketdienst und an seine Katzenfamilie zuhause dachte, entwickelte er unsagbare Kräfte, die ihn am Leben erhielten. Er schleppte sich auf seinen Vorderpfoten voran und versuchte die Schmerzen zu vergessen, die seinen ganzen Körper peinigten. Als die Sonne aufging, war Emsy schon fast auf der Strasse zum Paketdienst.
Ein neuer Tag war erwacht. Seit dem Unfall waren nun fast 40 Stunden vergangen und Emsy war noch nicht entdeckt worden. Er hatte unheimlich Durst. Heute nun wollte er die Böschung herunterklettern. Seine Vorderbeine waren so weit in Ordnung. Dort waren seine Freundinnen und die würden ihm dann helfen.
Er konnte nicht aufstehen, doch mit seinen Vorderbeinen zog er sich Zentimeter um Zentimeter vorwärts. Die Hinterbeine schleppte er hinter sich her. Es war ein äusserst anstrengendes Unterfangen und Emsy kam pro Stunde nur gerade einen bis zwei Meter vorwärts. In seinem Pelz verfingen sich Nadeln und Blätter. Wenn immer möglich versuchte er dem Müll auszuweichen. Er wollte nicht von einer rostigen Büchse noch mehr verletzt werden. Es war ein langer Weg, doch Emsy wusste, dass dies seine einzige Chance war. Er würde es schaffen, das stand für ihn fest. Er wollte leben. Er war erst dreieinhalb Jahre alt. Es war noch zu früh für den Katzenhimmel.
Nach jedem Meter musste Emsy eine Pause einlegen. Er war so erschöpft, dass er ständig wieder einschlief. In den Wachphasen zog er sich mit den Vorderbeinen vorwärts, dem Bürovorplatz entgegen. Hier war es schattig, denn die Sonne schien unerbitterlich heiss. Es war schwül. Bald würde es regnen, ein Gewitter war angesagt. Dann fliesst das ganze Wasser von der Strasse den Hang hinunter. Blätter und Müll würden zu ihm hinuntergespült. Emsy wollte weg, bevor es so weit war. Er nahm seine letzten Kräfte zusammen und schleppte sich weiter.
Er verbrachte den ganzen Tag damit, sich vorwärtszukämpfen. Als es Abend wurde, war er schon fast am Ziel. Auf dem Vorplatz unten hörte er die LKWs und Kastenwagen, die zum Lager fuhren. Man arbeitete hier bis Mitternacht. Im Paketdienst der Firma DPD wurden die Fahrzeuge am Abend beladen, damit sie am Morgen sofort auf Tour gehen konnten. Abends ging es hier hektisch zu. Autos kamen und fuhren wieder weg, Anhänger wurden am Rande der Strasse parkiert und Aufleger auf hohen Beinen abgestellt. Manche Fahrer übernachteten in ihren Autos. Sie hatten mindestens ein bequemes Bett, dachte Emsy, und ganz sicher etwas zu trinken.
Doch wie sollte er diese Strasse überqueren? Er hatte Angst davor, sich über die Strasse zu schleppen, denn bei einem herannahenden Auto hätte er weder schreien noch davonlaufen können. Seine Chance bestand lediglich darin, auf sich aufmerksam zu machen. Doch wie sollte er das bewerkstelligen? Seine Freundinnen waren ja im Büro, er auf der gegenüberliegenden Strassenseite.
Wenn er sich nur zur Türe schleppen könnte! Wenn er doch nur schreien könnte! Doch seine Kehle war trocken und schmerzte, als loderte ein Feuer darin. Erneut legte er sich erschöpft nieder und dachte über sein Leben nach. Er sah Tina vor sich, wie sie neben ihm sass und ihn liebevoll streichelte. Sie redete mit ihm, wie sie dies stets getan hatte. Manchmal schämte er sich, dass er sie so im Stich gelassen hatte. Sie war so gut zu ihm, doch er zog ihr die Freundinnen im Paketdienst vor. Er erinnerte sich daran, wie sie ihm Geschichten erzählte. Oftmals legte er sich zu ihr aufs Sofa, dicht an ihre Beine. Während ihre Hände durch sein dichtes Fell glitten, erzählte sie ihm von sich uns ihren Katzenerlebnissen. Wie gern wäre er nun bei ihr gewesen. Bald stand die Sonne am Himmel. Er sah die Türe des Paketdienstes, wusste, dass dort drinnen seine Rettung war. Er versuchte wach zu bleiben und liess die Türe nicht aus den Augen. Es musste etwas passieren, es war noch zu früh für den Katzenhimmel.
Es war fast 11 Uhr, als sich die Türe öffnete. Nun sah er sie - seine Freundinnen. Sie setzten sich auf die Treppe am Eingang und zündeten sich eine dieser schrecklichen Zigaretten an, die Emsy normalerweise hasste, da ihm der Rauch immer in die Nase stieg. Doch jetzt liebte er diese Zigaretten, denn deswegen waren seine Frauen nach draussen gekommen. Er hörte sie diskutieren. Sie machten sich Sorgen um ihn. Sie sprachen von ihm, riefen immer wieder seinen Namen.
Jetzt! Jetzt! Jetzt oder nie! Emsy versucht aufrecht zu sitzen, was ihm mit seinen kaputten Beinen fast nicht gelang. Er schrie aus Leibeskräften in Richtung seiner Freundinnen. Aus seiner Kehle kam ein zartes Röcheln, kaum lauter als das Zirpen einer Grille.
Doch irgendwie hatte es etwas bewirkt. Sie schauten in seine Richtung und er sah die sorgenvollen Blicke. Sie diskutierten wieder miteinander. Es sah so aus, als berieten sie sich. Er hatte grässliche Angst, dass sie wieder reingingen ohne ihn gesehen zu haben.
Seine Kraftreserven schienen unerschöpflich. Er schleppte sich noch einen letzten Meter weiter, landete am Strassenrand. Er spürte die Sonnenstrahlen auf seinem Fell und wusste, dass dies endgültig die letzte Chance war. Seine Kraftreserven waren vollkommen erschöpft.
Emsy röchelte, versuchte noch ein letztes Mal um Hilfe zu schreien. Seine Stimme versagte, sein Puls schlug nur noch schwach. Jetzt war es vorbei, er war auf dem Weg zum Katzenhimmel. Gerade als er Abschied nahm von dieser Welt, als sein Geist schon auf dem Weg ins Jenseits war, hörte er einen kurzen schrillen Schrei. Mit halbgeöffneten und schmerzverzerrten Augen sah er sie, seine Freundinnen. Er hörte ihre Stimmen und und die schnellen Schritte, die auf ihn zuliefen. Sie rannten direkt auf ihn zu. Seine Lebensgeister kehrten zurück. Er spürte ihre Hände, die ihn berührten, hörte ihre aufgeregten Stimmen. Er roch ihr Parfüm, das er so vermisst hatte. Der Nikotingeruch an ihren Fingern sog er ein, als sei es ein besonderer Duft. Was er bisher verabscheut hatte, bescherte ihm nun ein Glücksgefühl. Für einen kurzen Moment vergass er all den Schmerz, den er 60 Stunden lang ertragen hatte. Er war daheim, daheim bei seinen Freundinnen. Er wusste, nun würden sie sich seiner annehmen, nun würde alles gut werden.
Die vier Frauen standen unter Schock, als sie den halbtoten Emsy so liegen sahen. Sie entdeckten sofort, dass seine Hüfte vollkommen ausgekugelt war und sahen den freigelegten Knochen seines Hinterbeines. Der Pelz und das Fleisch am Bein waren weg, man sah die Sehnen und Muskeln. Ein grässlicher Anblick bot sich ihnen. Sie hatten furchtbare Angst, ihn aufzuheben, denn sie wussten, dass ihm das grosse Schmerzen bereiten würde.
Dennoch schnappten sie sich den kleinen tapferen Kater, der nun wieder vor Schmerz schrie, legten ihn in ein Kissen. Sie fuhren ihn ins Tierspital. Sie hatten den Eindruck, jede Ampel stünde auf Rot und der Vordermann fahre mit Absicht viel zu langsam. Die 15 Kilometer zum Tierspital waren viel zu lange, die Ortschaft schien länger als je zuvor. Unterwegs informierte man Tina, dass sie Emsy gefunden hätten. Es war eine hektische Fahrt und auch Emsys Freundinnen standen unter Stress. Sie waren hilflos und hatten grässliche Angst, Emsy auf dem Weg ins Spital zu verlieren.
Normalerweise hasste Emsy den Tierarzt, der ständig an ihm rumdrückte. Eigentlich mochte er den Duft der Praxis überhaupt nicht leiden, doch heute war ihm alles egal. Der Arzt schaute ihn sorgenvoll an und gab ihm etwas gegen die Schmerzen, damit er ihn überhaupt untersuchen konnte. Er legte ihn unter einen „Röntgenapparat“. Kurze Zeit später sah Emsy, dass der Arzt ein betrübtes Gesicht machte. Er schüttelte den Kopf und schaute zu ihm runter. Emsy kam nicht klar mit dieser Geste. Als er dann hörte, dass der Arzt Tina anrief, stellte er seine Ohren. Er wollte schliesslich wissen, was mit ihm los war.
Tina war froh, dass Emsy gefunden wurde, doch machte auch sie sich grosse Sorgen. Die Freunde aus dem Paketdienst hatten ihr Emsys Zustand beschrieben und sie wusste, dass Emsy schwer verletzt war. Sie erwartete den Anruf des Arztes. Womit sie allerdings überhaupt nicht rechnete, war die Nachricht, die sie bekam. Sie wusste, dass Emsy ein Kämpfer war und rechnete eigentlich überhaupt nicht damit, dass die Diagnose so schlimm war. Der Arzt sah keine Rettung für Emsy. Die eine Hüfthälfte war mehrfach gebrochen, das zweite Hinterbein ausgehängt. Das verletzte Hinterbein lag bis zum Knochen offen und der Verdacht lag nahe, dass hier eine schlimme Entzündung entstehen würde. Der Arzt bat Tina um ihre Zustimmung, Emsy von seinen Schmerzen zu erlösen. Er sah keine Möglichkeit, dem schwerverletzten Kater zu helfen.
Tinas Beine schwankten, als sie diese furchtbare Nachricht vernahm. Auf der einen Seite wollte sie ihrem pelzigen Freund keine unnötigen Schmerzen bereiten, auf der anderen Seite war sie überzeugt, dass er leben wollte. Er hatte sich 60 Stunden mit Höllenschmerzen über Wasser gehalten, hatte sich zu seinen Freundinnen geschleppt. Diese Katze hatte gezeigt, dass sie leben wollte und auf die Hilfe der Menschen angewiesen war. Emsy war noch nicht einmal vier Jahre alt und ein starker und gesunder Kerl. Nun sollte sie die Entscheidung über Leben und Tod fällen, welch grässliche Aufgabe!
Der Arzt wartete ungeduldig auf ihre Entscheidung, konnte ihr Zögern aber verstehen. Tina war hin- und hergerissen. Ihr Verstand sagte ihr, dass man dem Tier keine weiteren Schmerzen mehr zumuten sollte, ihr Herz schlug jedoch für ihren geliebten Emsy. Sie wusste einfach nicht, wie sie sich entscheiden sollte. Sie war doch nicht Gott. Wie sollte sie über Leben und Tod entscheiden können? Warum hatte sie nur gesagt, sie allein wolle die Entscheidung treffen, falls es hart auf hart käme. Sie war keine Aerztin, hatte Emsys Wunden noch nicht mal gesehen und sollte nun so via Telefon entscheiden, ob Emsy leben oder sterben sollte. Tina stand zitternd im Büro, noch immer den Telefonhörer in der Hand. Nein, er war noch zu jung, er war ein Kämpfer, ein starker Kater. Er würde die Entscheidung selber treffen, wie er es bis anhin auch gemacht hatte. Es war sein Leben. Er würde schon zeigen, ob er noch Kraftreserven hätte, um wieder gesund zu werden. Tina wollte noch den Rat eines zweiten Arztes. Sie würde erst zur Todesspritze einwilligen, wenn auch dieser zum gleichen Urteil gekommen war.
Ein paar Ortschaften weiter gab es eine Spezial-Tierklinik, die auf chirurgische Eingriffe an Katzen und Hunden spezialisiert ist. Hier wurde Emsy zur zweiten Untersuchung hingebracht. Damit er die Reise gut überstehen würde und schmerzfrei blieb, gab man ihm eine leichte Betäubungsspritze. Er versank in einen wunderschönen Schlaf. Durch die Schmerzmittel gingen auch die Höllenqualen zurück und er konnte endlich wieder einmal ruhig schlafen.
Auf dem Weg zum TÜZ, so nannten sie die Spezialklinik, dachte Emsy über seine Abenteuer nach.