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Cherokee
„Osiyo“ sprach ich etwas schüchtern eine Cherokee-Indianerin an, die vor dem Oconaluftee Indian Village in Cherokee in North Carolina stand. Sie war sehr erfreut, dass ich sie auf Tsalagi (wie sie selbst auch ihren Stamm bezeichnen) begrüßte. Rolli kaufte die Eintrittskarten für das Museumsdorf erstand, welches die Lebensweisen der Cherokee-Indianer um etwa 1760 veranschaulicht. Währenddessen sprach ich mit Adsila (ihr Name bedeute übrigens Blüte). Sie erklärte mir, dass die Cherokee in dieser Region viele Wörter eher mit „s“ aussprechen, im Westen verwende man eher „sch“. Zum Beispiel in Alabama würde die Begrüßung nicht „Osiyo“ sondern „Oschyo“ heißen. Besonders beeindruckte mich, dass die Cherokee kein Wort für Verabschiedungen haben. Sie müssen sich nicht verabschieden, weil sie fest an ein Wiedersehen glauben. Im Dorf wurden uns verschiedene Tänze gezeigt. Darunter waren der Bären- und Adlertanz, aber auch der Korntanz war sehr interessant. Die Cherokee waren eher ein sesshaftes Volk. Sie zogen nicht mit Zelten, Wigwams oder Tipis umher, um zu jagen, sondern ließen sich fest nieder und bauten Getreide an. In ihren Tänzen, die viel Lebensfreude ausstrahlten, bedanken sie sich beim Schöpfer unter anderem für die Kornernte. Nach der Tanzdarbietung führte uns Adsila durch einen Teil des Dorfes und erklärte uns die verschiedenen Handwerkskünste. Wir kamen auch zu einem Schnitzstand, wo Masken, Pfeile und Musikinstrumente gefertigt wurden. Ein Indianer bat mich, neben ihm für ein Foto Platz zu nehmen. Ich setze mich auf die Holzbank und mir wurde mit einem elektrischen Heizlüfter, der ganz bestimmt nicht aus dem 18ten Jahrhundert stammte, warm ins Gesicht geblasen. Uns wurde gezeigt, wie Indigene damals mit Blasrohren jagten und wie ihre Bären- und Fischfallen aussahen. Auch die verschiedenen Häuser konnten wir betreten und uns am Feuer wärmen. Bevor wir das Indianerdorf verließen, lauschten wir noch einem Geschichtenerzähler am Hauptplatz. Eine besonders schöne Geschichte möchte ich gerne an dieser Stelle wiedergeben. Ich gebe sie so wieder, wie sie mir von einem Tsalagi an jenem Tag erzählt wurde:
Die Decke
Vor einiger Zeit, gab es einmal einen Jungen, der erst seinen Vater durch den Bürgerkrieg und nur ein Jahr später auch seine Mutter durch eine schwere Krankheit verloren hatte. Der Achtjährige war nun ganz alleine und ging zu den ältesten seines Stammes. Sie waren sehr weise und brachten dem Indianerjungen so aller Hand bei. Sie zeigten ihm, wofür man welche Kräuter verwenden kann, wie man jagt, wie mal Korn sät und vieles mehr. Er wurde immer größer und schließlich wuchs er zu einem stattlichem jungen Mann heran. Er beschloss, die Weisen, denen er sehr dankbar für ihre ganzen Gaben war, zu verlassen und sich in den Bergen ein Haus zu bauen. Nachdem er ein großes Haus fertiggestellt hatte, ging er ins nächste Dorf, um sich dort eine schöne Frau zu suchen und kehrte wenig später mit ihr in sein Haus zurück. Sie liebten sich sehr und waren glücklich miteinander. So kam es, dass sie schwanger wurde. Die Freude war riesengroß, doch als die Frau seinen Sohn gebar, verstarb sie. Der junge Mann war sehr, sehr traurig. Erst wurden ihm seine Eltern genommen und nun auch noch seine geliebte Frau. Aber er hatte noch seinen Sohn. Er brachte ihm bei wie man geht und wie man spricht und zeigte ihm wofür man welche Kräuter verwenden kann, wie man jagt, wie man Korn sät und vieles mehr. Er liebte seinen Sohn sehr, er war alles, was ihm noch blieb. Der Sohn wuchs und wuchs bis auch er schließlich zu einem Mann heranwuchs. Er beschloss ins nächste Dorf zu ziehen, um sich dort eine schöne Frau zu suchen. Da sein Vater ein so großes Haus hatte, kehrte er mit seiner Frau in das Haus seines Vaters zurück. Die drei verstanden sich sehr gut und ergänzen sich hervorragend. Der Sohn jagte, der Vater zog das Getreide groß und die Frau kochte. Nach einiger Zeit gebar die Frau ein Kind. Der Großvater zeigte seinem Enkel, wie man geht, wie man spricht und wofür man welche Kräuter verwenden kann, wie man jagt, wie man Korn sät und vieles mehr. Doch der Großvater wurde immer älter und gebrechlicher und konnte nicht mehr so viel arbeiten. Eines Tages sagte die Frau zu ihrem Mann: „Ich möchte, dass dein Vater geht!“ Der Sohn erwiderte schockiert: „Das können wir nicht machen, es ist sein Haus und ich liebe meinen Vater!“. Seine Frau jedoch blieb hart und sagte: „Entweder geht er oder ich gehe und nehme deinen Sohn mit und du wirst ihn nie wieder sehen!“ Der junge Mann wurde sehr nachdenklich. Er liebte seinen Vater, aber er liebte auch seinen Sohn. Seinem Vater gehörte seine Vergangenheit und seinem Sohn sollte seine Zukunft gehören. Nachdem er einige Tage nachgedacht hatte, ging er zu seiner Frau und sprach: „Wenn du es so willst, so soll mein Vater gehen, aber ich kann es ihm nicht sagen. Du musst das übernehmen!“. Doch die Frau konnte es auch nicht. So rief sie ihren Sohn herbei, der inzwischen acht Jahre alt war und sagte zum ihm: „Nimm diese Decke und gehe mit Großvater so weit du nur kannst nach Süden, dann gibst du ihm die Decke und kommst zurück!“. Der Sohn erwiderte: „Aber ich liebe doch Großvater …!“. „Sei ruhig und tue was ich dir aufgetragen habe!“, ermahnte ihn seine Mutter. Also warf sich der hilflose Junge die Decke über die Schulter und nahm seinen Großvater bei der Hand und ging mit ihm nach Süden, so wie es ihm seine Mutter aufgetragen hatte. Nach drei Tagen erblickte die Mutter ihren Sohn am Horizont. Aber was trug er denn dort über seiner Schulter? Als er näher kam erkannte sie, dass es die Decke war. Sie sprach: „Aber Sohn, wie kannst du nur so egoistisch sein und deinem Großvater nicht einmal die Decke überlassen, sondern sie für dich behalten?“. „Das stimmt nicht.“, erwiderte der Junge. „Ich habe die Decke geteilt und die Hälfte Großvater gegeben.“ Wofür die andere Hälfte wäre, wollte seine Mutter wissen. „Die wirst du eines Tages bekommen.“, war die Antwort des jungen Indianas. Auf der Stelle machte sich die Mutter auf den Weg, um Großvater zurück in sein Haus zu holen.
Später nach dem Abendessen beim Abwaschen hörten wir Cherokeemusik und versuchten, dazu zu tanzen. Bonita bebte durch unser Stampfen dazu im Tackt. Statt Kriegsbeil hatten wir die Abwaschbürste und Salatbesteck in der Hand. So macht sogar Abwaschen Spaß!