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«Es gibt auch einen religiösen Humanismus»
Frau Anbeek, ist humanistische Seelsorge etwas typisch Holländisches?
Ja. Auf der ganzen Welt gibt es keine andere Universität für humanistische Studien, wo humanistische Seelsorger ausgebildet werden. Es hat auch mit der Organisation der holländischen Gesellschaft zu tun: Alle Religionen werden gleich vom Staat unterstützt. Das macht es auch möglich, eine eigene Universität zu haben.
Genügt es, in einer multireligiösen Welt humanistische Seelsorger zu haben?
Nein. Im religiösen Pluralismus braucht man mehr als nur den Humanismus. In Holland haben wir auch universitäre Ausbildungen für buddhistische, muslimische und hinduistische Seelsorger. Diese Seelsorger bekommen Anstellungen im Gefängnis, der Armee und in Krankenhäusern. Da gibt es neue Herausforderungen, weil man zusammenarbeiten muss.
Ist humanistische Seelsorge Seelsorge ohne Gott?
Das braucht nicht immer so zu sein. In den Niederlanden kennen wir verschiedene Formen des Humanismus, auch ein religiöser Humanismus ist dabei. Aber es gibt auch Humanisten, die ausgesprochen atheistisch sind.
Ist humanistische Seelsorge nicht einfach nur eine psychosoziale Begleitung?
Nein, aber diese Gefahr droht immer. Humanistische Seelsorge soll auf philosophischen Ideen basieren - so wie die praktische Philosophie. Aber manchmal fehlen sie und dann wird die humanistische Seelsorge eine psychologische Begleitung. Aber dieselbe Gefahr droht, wenn reformierte oder katholische Seelsorger mit «non-belongers» arbeiten. Es ist nicht klar, was der spezielle Beitrag eines christlichen Seelsorgers für Atheisten sein kann.
Inwiefern?
Der christliche Hintergrund kann den Kontakt zwischen einem Seelsorger und einem Atheisten schwierig machen. Der Atheist kann sich bedroht fühlen. Auch dann kann sich die Seelsorge in psychosozialer Begleitung erschöpfen.
Fehlt einem humanistischen Spitalseelsorger nicht das Bewusstsein für die Transzendenz?
Nein, die Transzendenz wird anders interpretiert. Es ist die Transzendenz von «etwas ausser einem selbst». Das kann ein anderer Mensch sein oder die Natur oder etwas, das man nicht begreifen kann. Ein Humanist kann auch ein starkes Bewusstsein haben von etwas oder jemandem «beyond ourselves», aber er soll es nicht schnell deuten oder benennen.
Hat eine humanistische Spitalseelsorgerin von allen Weltreligionen eine Ahnung? Oder doch eher von keiner?
Wir unterrichten unseren Studenten die verschiedenen Weltreligionen. Und auch den Humanismus sehen wir als eine Weltanschauung. Ein humanistischer Seelsorger soll sich jedenfalls den Humanismus vertraut machen, nicht nur intellektuell wichtiger ist die humanistische Bildung. Das ist ähnlich mit einer theologischen, kirchlich fundierten Ausbildung.
Eine reformierte Spitalseelsorgerin in der Schweiz ist bereits heute mit religiösem Pluralismus konfrontiert. Was bringt ihr der humanistische Ansatz?
Eine interkulturelle Öffnung zum Beispiel. Ein Bewusstsein dafür, dass es die grundsätzlichen Lebensfragen auch in anderen Traditionen gibt und dass auch andere Religionen und Weisheitslehren wertvoll sind. Gleichzeitig fördert ein humanistischer Ansatz eine kritische Haltung, die auch immer in Bezug auf die eigene Tradition nötig ist.
Christa Anbeek
ist Professorin für Systematische Theologie an der Freien Universität Amsterdam und gehört zu der kleinen reformatorischen Gemeinschaft der Remonstranten. Sie ist zuständig für die praktische Seelsorgeausbildung an der humanistischen Universität in Utrecht.
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».
Veranstaltungshinweis
Christa Anbeek ist Hauptreferentin an der Jahrestagung der Vereinigung der evangelischen Spitalseelsorge. Die Tagung findet am Montag, 7. September, 9.30 bis 17 Uhr, im Haus der Religionen in Bern statt.
Zum Bild: «Der christliche Hintergrund kann den Kontakt zwischen einem Seelsorger und einem Atheisten schwierig machen», sagt Christa Anbeek.
Matthias Böhni / ref.ch / 4. September 2015