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Dr. Urs Wiederkehr ist Bauingenieur und Leiter des Fachbereichs Digitale Prozesse auf der Geschäftsstelle des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA). Für diese 6-teilige Kolumne fokussiert Dr. Urs Wiederkehr 2023 auf die Lokaltermine der Schweiz 1848.
Eine idyllische und versteckte Lage am See bietet das Rütli der modernen Schweiz nicht. Anscheinend sind 557 Jahre nach dem Rütlischwur andere Kriterien für die Wahl eines Tagungsorts relevant. Das Rütli der modernen Schweiz, das Rathaus zum Äusseren Stand an der Zeughausgasse 17, liegt mitten in der Berner Altstadt, gleich hinter dem Kornhaus beim Zytglogge.
Bern war 1847 und 1848 Vorort der Eidgenossenschaft, und dieses Rathaus war regelmässig Versammlungsort der Tagsatzung. Die Bundesverfassung wurde im Empiresaal entwickelt und beschlossen – als letzter Akt der Tagsatzung. Die 23 Vertreter aus den Kantonen erstellten innerhalb von 51 Tagen in 31 Sitzungen, oft bei Kerzenlicht, den Entwurf der neuen Bundesverfassung. 16 Vertreter tauschten sich dabei regelmässig mit ihren Kantonen aus. Das in einer Zeit, wo erst die Spanisch-Brötli-Bahn die zwölfstündige Kutschenfahrt von Zürich nach Bern etwas verkürzte. Ingenieur Alois Negrelli Ritter von Moldelbe plante und baute diese Eisenbahnlinie von Zürich nach Baden, die 1847 zum ersten Mal fuhr. Übrigens: Das erste Telegraphenbüro wurde erst 1852 eröffnet, fünf Jahre nach der Bahn. Die Kommunikation zwischen den Vertretern und den Kantonen erfolgte per Brief. Wie war also diese rasche Erarbeitung der Bundesverfassung möglich? Liegt das Geheimnis etwa darin, dass noch keine modernen Kommunikationsmittel vom Wesentlichen abgelenkt haben?
Und wieso stand dieses Versammlungslokal im Rathaus zur Verfügung? Die aktive Regierung der Republik Bern bildete den Inneren Stand. Der Äussere Stand bezeichnete eine Kopie dieses Inneren Standes. Junge Bernburger konnten sich somit in diesem „Jugendparlament“ auf spielerische Art auf ihre zukünftigen Aufgaben vorbereiten und Erfahrungen sammeln. Dabei wurden die geltenden Regierungsvorschriften penibel eingehalten. Um 1730 erlaubten es die Ressourcen des Äusseren Standes ein eigenes Rathaus zu bauen, nachdem er Gastrecht in verschiedenen Zunftstuben genossen hatte. Mit der Besetzung der Schweiz durch Napoleon im Jahr 1798 erloschen der Innere und der Äussere Stand. Das zugehörige Rathaus zum Äusseren Stand konnte nun als Tagungslokal für die Tagsatzung und bis 1855 für den Ständerat dienen, ebenso bei der Gründung des Weltpostvereins 1874.
An der Zeughausgasse lokalisiert sich noch ein anderes Rütli, das des Inselspitals. In Nachbarschaft zum Rathaus zum Äusseren Stand, beim heutigen Volkshaus, stand einst das Seilerinnen-Spital. Die Bernburgerin Anna Seiler hatte es 1354 gestiftet. Daraus entstand auf der späteren Bundesterrasse das Inselspital. Dieses musste, wie in der letzten Kolumne erwähnt, wegen der Bundeshausbauten in die Neumatt umziehen. Dort wurde soeben das neue Hauptgebäude eröffnet, das Anna-Seiler-Haus.
So war die in der letzten Kolumne verfolgte Spur, die in ein Casino als Versammlungsraum oder Spielort führte, nicht unpassend. Einmal mehr zeigt es sich, dass Errungenschaften, die wir der heutigen Zeit zuschreiben, schon viel früher zur Anwendung gekommen sind: Jugendparlamente und Gamification, also das Behandeln von ernsthaften Angelegenheiten als Spiel.
Tipps
Rathaus und Restaurant Zum Äusseren Stand:
Historisch-topographisches Lexikon der Stadt Bern (1976)
Inselspital – Neues Hauptgebäude – Anna-Seiler-Haus
Berner Audiotour „1848 – eine unglaubliche Geschichte“ (mit App)