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Giusep Venzin wurde 1931 als ältester Sohn von sechs Kindern der
Bergbauernfamilie von Leci und Luisa Venzin-Pally wohnhaft in Fuorns im
Val Medel am Lukmanierpass geboren.
Schon früh erfolgreich
Schon sein Vater und auch sein Grossvater waren erfolgreiche Strahler.
Bereits als achtjähriger Bub fand Giusep im Val Cristallina einen
Adular, der so schwer war, dass er ihn nicht heimtragen konnte. Pater
Flurin schreibt über ihn: "Er kannte schon mit 10 Jahren 15 Mineralien",
was in der damaligen Zeit für einen Bergbauernsohn sehr bemerkenswert
war. Bald begleitete er seinen Vater auf dessen Strahlertouren und
erlernte das Strahlerhandwerk wie kaum ein anderer. Mit zwölf Jahren
forderte ihn sein Vater auf, die Lunte einer Sprengladung zu zünden.
Nachdem die Lunte brannte, meinte sein Vater: "So nun musst Du Dich aber
beeilen, um hinter den Felsen zu kommen". In Giusep's Jugendzeit kam
neben anderen auch der berühmte englische Sammler
Frederick Noel Ashcroft (1878-1949)
regelmässig zu
Besuch und kaufte Mineralien.
In den Stapfen seiner Vorfahren war es für Giusep natürlich, auch
Strahler zu werden, zumal er ja schon früh erfolgreich war. Wie sein
Vater und Grossvater wurde er Bergbauer und im Herbst Schnapsbrenner
(siehe Film von RTR auf Romanisch, 1968, 6:56:
Ils Brischavinars da Fuorns
("Die Schnapsbrenner von Fuorns")).
Früh lernte er
Pater Flurin Maissen (1906-1999)
kennen, der bei der Familie Venzin gerne zu Besuch war und Vater Leci und auch ihn gerne
beim Strahlen begleitete. Der Vater Leci Venzin war einer der
"Gewährsmänner" von Pater Flurin. Aus all den Aufzeichnungen über die
Venzins und von mehreren anderen Strahlern der Surselva entstand die
Dissertation von Pater Flurin Maissen, welche schliesslich 1955 als Buch
unter dem Titel Ils Cava Cristallas bzw. auf deutsch Mineralklüfte
und Strahler der Surselva erschien (Universitätsverlag Freiburg,
Schweiz).
Natürlich profitierte auch Giusep von der verkehrstechnischen und
baulichen Erschliessung seines Gebietes rund um den Lukmanierpass in den
1950er und 1960er Jahren wie z.B. vom Bau des Stausees Sta. Maria und
vom Bau diverser Strassen zu Wasserfassungen in den Seitentälern sowie
Alpstrassen). Er kaufte sich schon früh ein Motorrad, mit
welchem er auch andere Fundstellen in den Zentralalpen besuchte. So war
er auch einmal auf dem Tiefengletscher, wo er 12 Meter in eine
Gletscherspalte fiel und sich nur mit viel Glück wieder selber
befreien konnte. Von da an war er auf schneebedeckten Gletschern
vorsichtiger und sondierte lieber einmal zuviel mit dem Pickel nach trügerischen
Spalten. Auch meinte er: "Viele Kollegen haben das Leben verloren, weil
sie nur die Kristalle und nicht die Gefahren sahen." Es ist mir nicht
bekannt, dass er später bei seinen vielen Touren eine nennenswerte
Verletzung davon getragen hätte.
Dank seinen Strahlerkenntnissen, seiner Beobachtungsgabe, bergsteigerischen Fähigkeiten und dem
unermüdlichen Einsatz gelangen ihm unzählige hervorragende Funde. Schon
sein Vater hatte gute Kontakte zu wichtigen Sammlern und
Wissenschaftlern aufgebaut, welche der interessierte Giusep weiter
ausbaute.
Im Zuge des Aufschwungs des Mineraliensammelns und der regen
wissenschaftlichen Tätigkeit florierte auch der Mineralienhandel. Dank
den Mineralien war die Familie Venzin die erste im Tal, die sich ein
Auto und eine Waschmaschine leisten konnte.
Seine wichtigsten Funde
Seine hauptsächlichen Fundgebiete lagen in der Nähe seines
Wohnorts: Die Berge um den Piz Medel (Las Crunas, Piz Plazi a Spescha),
das bündnerische Val Cristallina mit Starlera und der Cima della Bianca,
den Bergen der Scopi-Gruppe Piz Miez und Piz Vallatscha und deren
Abhängen bis zur Staumauer Sta. Maria, sowie die andere Talseite mit Piz
Rondadura, Piz Lai Blau und Piz Vatgira.
Besonders berühmt wurde Giusep durch den Fund von schönen
und grossen Adularen von der Starlera im bündnerischen Val Cristallina im Jahre 1958
und den nachfolgenden Jahren. Wie
die meisten Schweizer musste auch Giusep Militärdienst leisten, wo er bei
den Füsilieren eingeteilt war. Beim Sprengunterricht gelang es ihm, den
Ausbildungsleiter davon zu überzeugen, dass man die Ausbildung doch an
einem nützlicheren Ort als in einer Kiesgrube abhalten solle. So
erfolgte der Sprengunterricht fortan an der Starlera, wo der Eingang zur
Adularkluft mit Armeesprengstoff erweitert wurde - die anderen Kursteilnehmer hatten
keine Ahnung, weshalb sie da sprengten... Aus der schliesslich
20 m tiefen Kluft konnten ca. zwei Tonnen erstklassiger, milchigweisser
und scharfkantiger Adulare gewonnen werden, die bald in die wichtigsten
Sammlungen gelangten.
Auch der Fund 1958 zusammen mit W. Burger von zwei perfekten Rauchquarzen von 45 cm und 47 cm
Länge an der Bianca war ausserordentlich und erregte damals
Aufmerksamkeit. Die beiden unverletzten und weitgehend durchsichtigen
Kristalle wurden auf einem Leiterwagen anlässlich eines Dorffestes in Curaglia
Ende der 60er Jahre einer grösseren Öffentlichkeit vorgestellt.
Später pflegte Giusep zu sagen: "Die Bianca ist meine Freundin".
Schliesslich gelangen Giusep Venzin Funde von zahlreichen anderen
kostbaren Mineralien wie Titaniten und Apatiten bei Las Tuors, lila
Apatiten im Val Casatscha, Axiniten am Piz Vallatscha und im Val
Cristallina sowie rosa Fluorit und Synchisite an der Bianca und Datolith
sowie Danburit vom Vallatschagebiet um nur ein paar wenige zu nennen.
Giusep sagte: "Nur wer sich auskennt, hat auch an den ganz kleinen
Dingen eine Freude." Deshalb gehörten die Professoren S. Graeser, A.
Stalder, M. Weibel sowie die publizierenden Sammler R. Rykart, F.
Haverkamp, A. Wagner und unzählige andere zu den regelmässig ein- und
ausgehenden Gästen in Fuorns. Am gemütlichen "Stubentisch" wurden neben
der eindrücklichen Vitrine voller hochkarätiger Sammelstufen viele
mineralogische Fragen erörtert und spannende Fundgeschichten erzählt.
In der Folge wurden zahlreiche seiner Funde und der Finder selber in vielen
der Publikationen wie z.B. Die Mineralfunde der Schweiz (Parker et al,
1973, Wepf-Verlag), Die Mineralien der Schweiz (M. Weibel, 1966, 1969, 1973, 1980, Birkhäuser-Verlag)
usw. beschrieben. Viele von ihm gefundene Mineralstufen gelangten in
bedeutende Museen wie in die ETH Zürich (heute
focusTerra,
ins
Bündner Naturmuseum
bzw.
Reportage auf kristalle.ch,
ins
Naturhistorische Museum Bern,
ins Museum Schönenwerd
(Kristalle.ch: Das Museum Schönenwerd - ein Rückblick), in die
Sammlung der Uniun Cristallina in Disentis
und in viele andere.
Ein Bergbauer und die Welt
1957 nahm Giusep an der ersten Schweizerischen Mineralienbörse im
Mineralienmuseum Schönenwerd teil. 1966 war er als Vertreter der
Strahler einer der Mitbegründer der damaligen SVSM (heute
SVSMF).
In diesem Jahr heiratete Giusep und in den
folgenden Jahren kamen drei Kinder zur Welt - allen gefallen die
Mineralien, aber leider trat keines in die Fussstapfen des Strahlers.
Als auch unter Kollegen angesehener Strahler wurde er oft um Rat gefragt
und vielfach übernahm er auch Funde zum weiteren Verkauf. Dadurch
enthielt sein Kristalladen immer neues Material, auch wenn er selber mal
nicht so viel hatte finden können. Auch Dank dem Mineralienhandel konnte
er ein ansehnliches Bekanntennetz pflegen und an gewissen Tagen kam ein
Besucher nach dem anderen.
Seine Offenheit gegenüber Kunden und Wissenschaft war nicht immer zu
seinem Vorteil. Gewisse Leute nahmen gerne ein paar Kisten Mineralien
mit und versprachen diese das nächste Mal zu bezahlen. Nach etlichen
derartigen Wiederholungen war Giusep schliesslich froh, wenigstens das
Geld für die ersten Kisten zu erhalten.
Auch am Berg wurde sein
Vertrauen oft missbraucht. Einen Sammler nahm er zu seiner
Axinit-Fundstelle mit, in der Meinung ihm vertrauen zu können. Eine
Woche später sah er bereits auf dem Parkplatz einen VW-Bus mit
Unterländer Kennzeichen und bei der Fundstelle angekommen, erkannte er
seinen "Freund" mit weiteren fünf Kollegen johlend an seiner Kluft
arbeiten.
Durch die vielen Mineralfundbeschreibungen in der Literatur
wurden auch viele Sammler von nah und fern angelockt, was zu einer sehr
intensiven Suche im Gebiet führte und Funde immer schwieriger wurden.
In den Siebziger Jahren wurden die Gesetze im Zusammenhang mit dem
Einsatz von Sprengstoff wegen den aufkommenden Terroranschlägen
verschärft. Damit Giusep beim Strahlen weiterhin sprengen konnte
(was er nur machte, wenn er sonst nicht mehr weiter kam), musste
er also die Eidgenössische Sprengausbildung absolvieren, welche er mit
über 50 Jahren als Klassenbester bestand. Schon vorher hatte er unter
seinem Wohnhaus mitten im Dorf eine Garage aus dem Fels gesprengt, ohne
dass im Haus irgend etwas Schaden genommen hätte - auch die vielen,
teils filigranen Mineralstufen auf den Glastablaren überstanden das ohne
Beschädigung.
In bleibender Erinnerung hatte Giusep, dass Ashcroft einen Grossteil des Fundes
von hervorragenden lila Apatiten aus dem Jahre 1938 gekauft hatte. Insbesondere schwärmte er von einer absolut einmaligen
Amethyst-artigen Stufe mit violetten stengligen Apatatiten vom Val Casatscha (Scantschallas).
In den 1950er Jahren fand er immer wieder Apatite, aber nie von der Qualität derer von 1938.
Anfangs 90er Jahre verkaufte er sein letztes Stück vom alten Fund, er war überzeugt, bald wieder
selber schöne Apatite zu finden. 1999 durfte ich Giusep und seinen
Strahlerfreund Tino mit unseren Frauen nach London ins British Natural
History Museum begleiten - Giusep wollte in der Ashcroft-Sammlung
unbedingt diese Apatite wieder einmal sehen. Leider waren diese
Kristalle in der Sammlung nicht mehr auffindbar. Giusep und Tino machten
in den folgenden Jahren ernst und flogen mit Baracke, Benzinbohrhammer
und Sprengstoff sowie Proviant für mehrere Wochen mit dem Helikopter ins
Fundgebiet. Sie arbeiteten dort während mehreren Jahren systematisch
weiter - leider ohne nennenswerten Erfolg.
Als im Jahre 2003 das Bally-Museum Schönenwerd aufgelöst wurde, bemühte
sich Giusep darum, die von ihm gefundene 95 kg schwere Adulargruppe von
der Starlera wieder zurück ins Tal zu überführen - die Geschichte darum
erschien damals auf Kristalle.ch:
Das Museum Schönenwerd - ein Rückblick siehe "Die grosse Adularstufe".
Die Stufe kann heute im leider wenig bekannten
Mineralienmuseum im Gemeindegebäude in Curaglia besichtigt werden. Die
schönste Adularstufe dieses Fundes und vielleicht schweizweit kann in
der Sammlung
focusTerra
in Zürich bestaunt werden.
Die Persönlichkeit
Giusep Venzin war immer ein Kämpfer. So setzte er sich z.B. vehement zum
Schutz des Val Cristallina (GR) gegen die Waffenplatzpläne der Schweizer
Armee ein. Zwar konnte er das Projekt nicht verhindern, trug aber
massgeblich dazu bei, dass schliesslich auch die Interessen der
Gemeinde, des Tourismus und der Strahler besser berücksichtigt wurden.
Als Mensch war er geprägt von der strengen Arbeit als Bergbauer, wobei
sein Schalk und Humor stets präsent waren. Wenn man ihn fragte, wie es
gehe, konnte er entgegnen: "Danke, den Hühnern und Kühen geht es gut".
Giusep war sehr gläubig, pflegte Kontakte zu mehreren Patern und lebte
nach dem Motto "Hilf dir selber, so hilft dir Gott". Giusep machte sich
viele Überlegungen, war unglaublich belesen (auch wenn man ihn quasi nie
beim Lesen beobachten konnte) und hatte stets etwas Interessantes zu
sagen - Gespräche mit ihm waren immer sehr bereichernd (siehe auch den bereits erwähnten Artikel
Ein Tag im Leben von Giusep Venzin (PDF) (Tages-Anzeiger Magazin 29/83).
Lebensabend
Ab dem Jahr 2010 ging Giusep nicht mehr auf Kristallsuche - die
Gesundheit und das Risiko wollte er nicht strapazieren (siehe Interview
Brischavinars e Cavacristallas ("Schnapsbrenner und Kristallsucher"), Film auf Romanisch, RTR, 6:39).
Dass er an Krebs litt, steckte er jeweils mit den Worten weg: "Ich
habe keine Schmerzen, nein, mir geht es gut". Trotzdem war erkennbar,
dass seine körperliche Verfassung sich verschlechterte.
Am 5. August 2020 ist er friedlich im Kreis seiner Familie
eingeschlafen. Ein sehr erfolgreicher Strahler und toller Mensch ist von
uns gegangen. Die Begegnungen mit ihm, aber auch die vielen
Mineralstufen in den zahlreichen Museen und Privatsammlungen, werden uns
immer wieder an ihn erinnern.
Seiner Frau Martina und der ganzen Familie wünschen wir viel Kraft und
bezeugen unsere Anteilnahme.
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