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Neu im bücherraum f eingetroffen ist eine Sammelmappe mit zwölf Gemälden und Zeichnungen von André Fougeron, einst in Frankreich als «Maler der Arbeiterklasse» gefeiert.
Es ist ein Leben aus dem kurzen 20. Jahrhundert. André Fougeron (1913-1998) wurde in einer Arbeiterfamilie in Paris geboren, arbeitete schon als Jugendlicher als Metallverarbeiter bei Renault und bildete sich autodidaktisch als Zeichner und Maler weiter. Ab 1930 war er aktiv in anarchistischen Zirkeln, deren Zeitschrift er illustrierte. 1935 wirkte er zusammen mit seinem Freund Boris Taslitzky (1911-2005) an dem von Louis Aragon geleiteten Maison de la Culture in Paris. So schuf er 1937 Bilder zur Unterstützung der spanischen Republik. Fougeron und Taslitzky galten zu diesem Zeitpunkt als wichtigste Vertreter einer politisierten, radikalen Malerei. 1939 trat er in die Kommunistische Partei Frankreichs (KPF) ein.
Nach dem Angriff von Nazi-Deutschland auf Frankreich geriert Fougeron an der belgischen Front in Kriegsgefangenschaft, konnte aber fliehen und begann, illegale kulturpolitische Aktivitäten zu organisieren; sein Atelier in Montrouge südlich von Paris stellte er für den Druck von Untergrundschriften zur Verfügung. Nach dem Ende des Kriegs illustrierte er etliche Broschüren der KPF, produzierte für diese auch Flugblätter. 1948 unterstützte er mit dem grossen Gemälde Hommage à André Houllier die Protestkampagne der KPF gegen die Erschiessung des Arbeiters André Houllier durch die Polizei. Wegen seiner kulturpolitischen Tätigkeit wurde er von einem übereifrigen Staatsanwalt wegen Verleumdung der Nation angeklagt, doch wurde die Anklage bald fallengelassen.
1950 lud die Gewerkschaft der Bergarbeiter Fougeron zu einem Studienaufenthalt nach Lens in Nordfrankreich ein. Hier schuf er den grossen Zyklus Le Pays des Mines mit rund vierzig Zeichnungen und Gemälden. Sie zeigten die Bergarbeiter und ihre Familien bei der Arbeit, schilderten die Verheerungen durch Unfälle und Ausbeutung ebenso wie den politischen Kampf dagegen, aber auch den Alltag und die kulturellen Sitten, etwa die populären Hahnenkämpfe oder die allgegenwärtigen Zwiebelzöpfe. In diesen Gemälden orientierte er sich mittlerweile an einem Neoklassizismus in Anlehnung an Jacques-Louis David und dessen Der Tod des Marat, freilich mit expressionistischen Elementen angereichert.
Nach 1953 und dem Tod Stalins kam es aus durchaus undurchsichtigen Gründen zum Bruch mit seinem bisherigen Mentor Louis Aragon. Dieser warf Fougeron anlässlich von dessen Gemälde Civilisation atlantique «Formalismus» vor, in der orthodoxen marxistischen Kulturpolitik damals ein Kapitalverbrechen. Obwohl Fougeron, als Kind seiner Zeit, bis zum Lebensende in der KPF blieb, begann doch eine politische und ästhetische Distanzierung. So setzte er schon in Civilisation atlantique Einzelmotive aus Geschichte und Gegenwart des amerikanischen Kapitalismus montagemässig zusammen. In der Folge nahm sein Malstil zuweilen satirische, ja geradezu comicartige Züge an, bei fotorealistischer Treue zum Detail. Konstant blieb das soziale Engagement, etwa in einer formal strengen, gemalten Montage zu Nelson Mandela (1988).
Im bücherraum f vorhanden ist eine Mappe mit zwölf Drucken aus dem Zyklus Le Pays des Mines von 1950. Die Auswahl besteht aus acht farbigen und vier schwarzweissen Tafeln im Format 26 x 31.5 cm. Erschienen ist die Mappe 1951 in der Edition Cercle dʼart, die 1949 gegründet worden war und von der KPF finanziert wurde. In einem Vorwort spielt Jean Fréville, inoffizieller Kulturminister der KPF, die etwas veraltete Leier, dass sich die Künstler:innen politisch entscheiden müssten. Fougeron habe sich als «Maler der Arbeiterklasse» deren Kampf angeschlossen, weshalb ihn die bürgerliche Presse zusehends verleumde. Bei Fréville wird andererseits ein gewisses Unbehagen über die Formensprache von Fougeron sichtbar, die das Dogma des damals verordneten «sozialistischen Realismus» zu sprengen beginnt.