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Grenzen überschreiten
Die konstruktive Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Architekten führte immer wieder zu fruchtbaren Auseinandersetzungen, aus denen bahnbrechende Errungenschaften hervorgingen. Von der Wiener Secessions-Bewegung über die niederländische «de Stijl»-Gruppe im aufkommenden zwanzigsten Jahrhundert bis zu den Land-Art-Projekten oder Gruppierungen wie Archizoom und Superstudio hat die nahtlose Verschmelzung von Kunst, Design und Architektur äusserst intensive Momente der Zusammenarbeit bewirkt.
Für den Künstler Florian Graf – er ist auch ausgebildeter Architekt – erweist sich diese Schnittstelle als besonders produktiv. Ein vertiefter Blick in sein Schaffen zeigt, wie der Raum zum Werkzeug wird, um das Verhältnis von sozialen, politischen und kulturellen Kräften zur gebauten Umwelt zu erforschen. Projekte wie Presumptions (2008), U(r)agency (2009) oder The Folly of De-Fence (2010) loten die Möglichkeiten und Grenzen des künstlerischen und architektonischen Schaffens aus. In seinen fotorealistischen Montagen – ein im frühen zwanzigsten Jahrhunderts von Avantgarde-Architekten und Künstlern perfektioniertes Darstellungs-
verfahren – fügt er bestehende Baufragmente zu überraschenden, utopischen Konstellationen. Die so entstehenden schwebenden Objekte unterlaufen nicht nur die Gesetze der Schwerkraft, sondern konfrontieren den Betrachter auch mit Fragen der Verwurzelung, der Migration und
der Identität in einer globalisierten Welt.
In einer anderen Installation wirkt Graf als Berater (echter) Kunden in seiner Fantastic Ground-Immobilien-Agentur, die sich paradoxerweise in einem Einkaufszentrum in der mit sozialen Problemen kämpfenden Stadt Cumbernauld befindet, einem missglückten Beispiel modernistischer Architektur und Planungsprinzipien ausserhalb Glasgows. Auf den ersten Blick scheinen seine zur Vermietung angepriesenen Raketenstartrampen, Bauruinen, ausgedienten Industrieanlagen und festungsähnlichen Minitürme in einem Viertel mit hoher Kriminalität als Jux; doch handelt es sich in der Tat um ein kritisches Nachdenken über Architektur und ihre sozioökonomischen Auswirkungen mittels künstlerischen Eingriffen. Graf ist ein Meister der Ironie und benutzt diese rhetorische Figur gekonnt in seinen Installationen und Filmen, besonders in der provokativen Installation, in der sich ein typischer Gartenzaun – die Verkörperung von Paranoia und vorstädtischer Zersiedlung – in ein einladendes Tor verkehrt.
Florian Graf nutzt die gebaute Umwelt als Labor für seine Versuchsanordnungen, und das künstlerische Schaffen erlaubt es ihm, der realen Welt mit ihren physikalischen Gesetzen zu trotzen und Massstäbe radikal zu verschieben. Die Kollision von Kunst und Architektur erzeugt den inneren Dialog und bietet eine leider oft unterschätzte Gelegenheit für die gegenseitige Durchdringung der beiden Disziplinen. Sie ist auch ein Moment intensivster Reibung und der Ort mit dem grössten Potenzial, Grenzen zu überschreiten.
Reto Geiser, Dozent für Architekturkritik an der ETH Zürich, entwickelt als Mitbegründer von MG&Co. Raumstrategien in unterschiedlichen Massstäben vom Buch bis zum Haus. 2008 kuratierte er die Ausstellung «Explorations: Teaching, Design, Research», den offiziellen Schweizer Beitrag zur 11. internationalen Architekturbiennale in Venedig.
2011