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«Die Tsetse-Fliege ist ein richtiger Vampir», sagt Serap Aksoy. Die Forscherin der US-amerikanischen Universität Yale hat das Entschlüsselungsprojekt geleitet. Vampir deshalb, weil die Tsetse-Fliege ausschliesslich von Blut lebt. Bei den Stechmücken hingegen saugen nur die Weibchen, und dies auch nur dann, wenn sie gerade Eier in ihrem Leib heranziehen. Sonst naschen die Mücken brav vom Nektar der Pflanzen.
Die Tsetse ist etwa so gross wie eine Bremse und besitzt einen kräftigen Stechrüssel, der ihr spitz aus dem Kopf ragt. Ihr Stich schmerzt auch etwa so, wie jener einer Bremse. In der Schweiz muss man ihn allerdings nicht fürchten, da die Fliege nur südlich der Sahara in Afrika vorkommt.
Insekt mit grossem Appetit
Hat sie einmal ein Opfer gefunden, langt sie kräftig zu beim Mahl: Nach der Nahrungsaufnahme ist der Bauch der Fliege dick geschwollen, und das Blut schimmert rötlich durch ihr Abdomen. Die Fliege wiegt nun fast doppelt so viel. Nun muss sie den Grossteil der eingesogenen Flüssigkeit wieder abgeben und nur die nahrhaften Blutbestandteile behalten, sonst kann sie kaum mehr abheben.Zahlreiche Kanäle in der Darmhülle helfen dabei, das Wasser abzugeben. Etwa zehn so genannte Aquaporin-Gene, die für den Bau solcher Kanäle nötig sind, haben die Forscher im Tsetse-Genom gefunden. Von keinem anderen Insekt ist eine höhere Zahl bekannt.
Gene für die Milchproduktion
Dafür gibt es vermutlich kein Insekt mit einer kleineren Nachkommenschaft als die Tsetse-Fliege. Nur etwa acht Jungen schenken die Weibchen das Leben, denn auch das Kinderkriegen ist bei der Tsetse aussergewöhnlich. Sie legt nicht wie die meisten anderen Insekten unzählige Eier, sondern zieht das Ei in einer Gebärmutter heran. Die Larve schlüpft im Leib der Mutter aus dem Ei, entwickelt sich dort über zwei weitere Larvenstadien weiter und wird erst dann von der Mutter zur Welt gebracht. Bei der Geburt ist diese Larve etwa gleich gross und schwer wie die Mutter selbst.
Nach der Geburt gräbt sich die Larve schnell in den weichen Boden ein, den die Mutter speziell für die Niederkunft gesucht hat. Im Schutz der Erde verpuppt sich die Larve. In den folgenden 20 bis 30 Tagen frisst sie nichts mehr und wandelt sich zur erwachsenen Form der Fliege um.
Ernährt wird die Larve im Mutterleib von einer Milch, die der menschlichen Muttermilch sehr ähnlich ist. Dafür besitzt die Fliege über ein Dutzend Gene, wie das Entschlüsselungsprojekt gezeigt hat.
Blutmahlzeit führt zu Vitaminmangel
Damit ist die Liste an Eigenarten noch nicht vorbei. Zum Beispiel haust in der Fliege ein Bakterium, ohne das die Tsetse nicht überleben kann. Das hat mit der einseitigen Ernährung der Fliege zu tun: Nur Blut tut offenbar auch einem Vampir nicht gut. Es fehlt ihr an Vitamin B, das sie auch nicht selbst herstellen kann, sondern von ihrem bakteriellen Bewohner bezieht.
Ein anderer, gelegentlicher Bewohner ist in der Fliege weniger willkommen. Die Rede ist von einem einzelligen Parasiten, dem Trypanosom. Dieser lebt in manchen Tieren wie Kühen und Hyänen im Blut und wird von der Tsetse-Fliege während einer Blutmahlzeit aufgenommen.
Der Fliegenorganismus wehrt sich zwar gegen den Parasiten, aber manchmal gelingt den Trypanosomen die Wanderung vom Darm der Fliege bis zu ihrer Speicheldrüse. Dort warten sie, bis die Fliege das nächste Mal zusticht, um in ein neues Wirtstier zu gelangen. Es gibt verschiedene Arten von Trypanosomen. Zwei davon verursachen im Menschen die tödliche Schlafkrankheit. Mehr dazu im Audio-Beitrag.