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Fayencen mit heraldischen Motiven aus der Sammlung von Henri-Armand Juge
Roland Blaettler, 2020
Die Stadt Lausanne ist stolze Besitzerin einer in der Schweiz und vielleicht sogar international einzigartigen Sammlung von rund 100 europäischen Fayencen, die ausschliesslich mit heraldischen Motiven verziert sind. Die mit Bedacht und Geschmack ausgewählten Exemplare illustrieren vor allem die französische Fayencekunst des 17. und 18. Jahrhunderts, bieten aber auch hochwertige Beispiele aus dem übrigen Europa.
Die Sammlung wurde der Stadtverwaltung von Fräulein Marguerite Challand (1876–1951) vermacht, die sie von ihrem Onkel Henri-Armand Juge geerbt hatte. Marguerite war die Tochter von Théodore Challand (1841–1888), Arzt und Leiter des Irrenhauses von Cery von 1876 bis 1888, und Louise-Victorine, geborene Juge, der Schwester von Henri-Armand (1844–1876). Nach dem Tod ihres Vaters wurde Marguerite von ihrem unverheiratet gebliebenen Onkel aufgenommen, der in Nizza wohnte. Im Alter von 19 Jahren verliess sie die Côte d’Azur, um sich in Deutschland niederzulassen, wo sie sich für soziale Zwecke engagierte. Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte sie nach Lausanne zurück, wo sie zu den Gründungsmitgliedern des Sozialdienstes zählte. Sie engagierte sich auch im Rahmen des Kinderhospizes, bevor sie die zentrale Kleiderbörse gründete, deren Vorsitz sie übernahm. (Le mouvement féministe, vol. 40, 1952, Heft 800, S. 30 – Feuille d’avis de Lausanne vom 22. November 1951, S. 13).
Über den Sammler selber wissen wir nur sehr wenig. Der Name Henri-Armand Juge taucht in einer Volkszählung aus dem Jahr 1891 und im Telefonbuch des Departements Alpes-Maritimes auf. Daraus erfahren wir, dass er 1855 geboren wurde, französischer Staatsbürger war und von 1891 bis 1901 am Quai du Midi 21 gegenüber der Baie des Anges wohnte, nachdem er von 1887 bis 1888 in der ehemaligen Wohnung seines Vaters Victor in der Rue Saint-Étienne 24 ansässig war (www.basesdocumentaires-cg06.fr). Victor Juge, ein Bergbauingenieur, war 1886 verstorben (eine Todesanzeige erschien in L’Estafette vom 13. März 1886, S. 2).
In den örtlichen Telefonbüchern wird Henri-Armand Juge als Rentner bezeichnet. Angesichts der Qualität seiner Sammlung ist es offensichtlich, dass er sich mit alten Fayencen auskannte oder zumindest sehr gut beraten war.
Die Stadt Lausanne kam 1951/52 in den Besitz dieses schönen Ensembles und stellte es in Vitrinen im ersten Stock der Villa de Mon-Repos aus. Aufgrund der besonderen Art ihrer Ikonografie weckte die Sammlung bald das Interesse von Fachleuten. Zwei bedeutende Westschweizer Heraldiker, Léon Jéquier und Adolphe Decollogny, untersuchten mithilfe ihres Kollegen Jean Tricou aus Lyon die auf den Fayencen von Henri-Armand Juge abgebildeten Wappen und konnten schliesslich mehr als die Hälfte davon identifizieren. Das Ergebnis ihrer Forschung wurde 1964 im Schweizer Archiv für Heraldik veröffentlicht (Tricou et al. 1964). In unseren Beschreibungen orientieren wir uns weitgehend an dieser Arbeit, insbesondere was die Blasonierung der heraldischen Motive betrifft. Bei einigen wenigen Beispielen konnten die Wappenidentifikationen ergänzt oder korrigiert werden.
Die Veröffentlichung des Artikels im Schweizer Archiv für Heraldik war für die Lokalpresse die Gelegenheit, den Reichtum dieses offensichtlich verkannten Keramikschatzes wiederzuentdecken (Feuille d’avis de Lausanne vom 7. Oktober 1965, S. 13). Die Sammlung geriet jedoch ab Ende der 1960er-Jahre wieder in Vergessenheit, als die Salons, in denen sie noch heute untergebracht sind, für offizielle Empfänge der Stadtverwaltung reserviert wurden.
Etwas mehr als 70 Objekte stammen aus Frankreich, wobei die grössten Gruppen aus den wichtigsten Zentren Moustiers, Rouen und Nevers stammen. Die Fayence aus Moustiers wird hauptsächlich durch blau bemalte Exemplare aus der Manufaktur der Clérissy repräsentiert, die grösstenteils aus dem ersten Drittel des 18. Jahrhunderts stammen. Das älteste und prächtigste Beispiel ist eine grosse Schale mit dem Wappen eines nicht identifizierten Prälaten, die auf das letzte Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts datiert wird (VL mr 48). Blaue Dekore sind auch in der Gruppe aus Rouen vorherrschend mit den klassischen Nebenmotiven von unterteilten Borten und Guirlanden. Auch hier stammen die meisten Beispiele aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, das älteste aus der Jahrhundertwende (VL mr 45) mit einem noch stark von chinesischem Porzellan inspirierten Dekor. Die seltensten Exemplare finden sich jedoch wahrscheinlich unter den Fayencen aus Nevers, die fast alle aus dem 17. Jahrhundert stammen, wie zum Beispiel eine Schale mit dem Wappen von Françoise-Renée de Lorraine-Guise, Tochter von Charles I., Herzog von Guise, und Äbtissin von Montmartre (VL mr 44), ein Paar Kerzenständer aus der Zeit um 1640 (VL mr 94) oder ein Zucker- oder Salzstreuer mit chinesischem Dekor (VL mr 101).
Die anderen französischen Produktionszentren wie Montpellier, Lille, Lyon oder Marseille sind bescheidener vertreten, aber oft mit bisher unveröffentlichten Objekten. Die Sammlung enthält zum Beispiel nur ein Exemplar aus Strassburger Fayence, dafür aber ein äusserst seltenes Beispiel eines frühen mehrfarbigen Wappenmotivs aus der Zeit von Paul Hannong (VL mr 244).
Etwa 25 Objekte stammen aus dem übrigen Europa: Italien, Holland, Deutschland, Spanien und sogar Portugal, eine Seltenheit in Schweizer Sammlungen (VL mr 267). Nur ein Objekt stammt aus einer Schweizer Manufaktur: eine kleine ovale Schale – die einzige bisher bekannte Form dieser Art – aus dem Wappenservice, das der Freiburger Fayencehersteller François Camélique um 1768 für Nicolas Kuenlin anfertigte (VL mr 111).
Verschiedene Anschaffungen für die Villa Mon-Repos
Um den Salons der Villa den Glanz zu verleihen, der ihrer neuen Funktion als Repräsentationsraum angemessen schien, erwarben die Behörden antike Möbel und verschiedene Kunstgegenstände. Unter Letzteren befanden sich auch Keramiken aus verschiedenen Epochen. Eine kleine, heterogene Gruppe, die wahrscheinlich bei den Antiquitätenhändlern des Ortes erworben wurde und in erster Linie dekorativen Zwecken diente. Die Beispiele in unserem Inventar tragen eine Inventarnummer, der die Buchstaben «mr» vorangestellt sind, und den Vermerk «Alter Bestand, ohne Datum». Zu den erfreulichen Überraschungen dieses eher mittelmässigen Ensembles gehören ein Paar Kühlgefässe aus Berliner Porzellan. Sie stammen aus einem Service, das der König von Preussen für ein Mitglied seiner Familie bestellt hatte (VL mr 266), sowie ein Zuckerdosenständer aus Fayence aus Sceaux versehen mit einem Blumendekor der besten Qualität (VL mr 260).
Keramiken aus der Sammlung von Marcel Benoist
Marcel Benoist (1864–1918) stammte aus der Pariser Grossbourgeoisie und zeichnete sich zunächst, wie schon sein Vater vor ihm, als erstinstanzlicher Anwalt am Zivilgericht der Seine aus. 1898 gab er sein Amt auf, um durch Europa zu reisen und sich seiner Leidenschaft für Kunst, schöne Gegenstände und Waldwirtschaft hinzugeben. 1911 ahnte er die Gefahr eines bewaffneten Konflikts zwischen Frankreich und Deutschland und verlegte daher fast seine gesamte Sammlung nach Lausanne, die er in seinem 1913 verfassten Testament der Eidgenossenschaft vermachte. Ein grosser Teil seines Vermögens bildete die Grundlage für die Marcel-Benoist-Stiftung, die seit 1920 einen jährlichen Preis für herausragende wissenschaftliche Forschung, insbesondere in Bereichen, die das menschliche Leben betreffen, vergibt.
1921 vertraute der Bund die Sammlungen der Stadt Lausanne in Form eines permanenten Depots an. Im darauffolgenden Jahr wurden die Sammlungen in der Villa Mon-Repos untergebracht, bevor sie 1966 von der Stadtverwaltung zurückgekauft wurden.
Die ehemalige Benoist-Sammlung umfasst auch eine Reihe von Keramiken, wobei die bemerkenswertesten Beispiele aus dem Bereich des asiatischen Porzellans stammen. So zum Beispiel ein 80-teiliges Abendservice aus China, das in der Qianlong-Zeit in Auftrag gegeben wurde und mit einer Wappenverzierung im Stil «Famille rose» dekoriert ist (VL mrbe 175). Besonders hervorzuheben ist ein wahres Meisterwerk des japanischen Porzellans: eine wunderschöne Vase aus der Werkstatt einer der berühmtesten Töpferdynastien von Arita, der Kakiemon-Dynastie (VL mrbe 190). Mit ihrem erstklassigen Dekor, das die von den Kakiemon erfundene Glasurpalette meisterhaft illustriert und auf die Jahre 1670–1690 datiert werden kann, ist die Vase aus der Sammlung Benoist wahrscheinlich das prächtigste Beispiel dieser Art in einer öffentlichen Schweizer Sammlung.
Übersetzung Stephanie Tremp
Quellen:
La presse vaudoise, consultée sur le site Scriptorium de la Bibliothèque cantonale et universitaire de Lausanne.
Bibliographie :
Tricou et al. 1964
Jean Tricou, Adolphe Decollogny et Léon Jéquier, Les faïences armoriées du palais de Mon-Repos à Lausanne. Archives héraldiques suisses, Annuaire 1964, 55-69.