Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03129.jsonl.gz/547

Wie man einen Währungsraum verlässt
Während der ganzen Krise waren sich Griechenland und seine Partner uneinig, wie dieser zu begegnen sei. Das hätte im Juli 2015 fast zum chaotischen Austritt Griechenlands aus der Eurozone geführt.
1993 trennten sich die Tschechen und die Slowaken. Beim Entscheid, zwei Länder zu bilden, waren Differenzen über die Wirtschaftspolitik ein wichtiger Faktor. Zum Glück sind beide Länder heute erfolgreiche Volkswirtschaften – wenn sie auch auf unterschiedlichen Wegen zum Erfolg gekommen sind.
Václav Klaus versus Vladimír Mečiar
Nach der politischen Wende von 1989 hatte es in der Tschechoslowakei Differenzen über das richtige Vorgehen beim Übergang zur Marktwirtschaft gegeben. Der tschechoslowakische Finanzminister Václav Klaus wollte schnell und radikal privatisieren, während viele slowakische Politiker Massenarbeitslosigkeit fürchteten.
Klaus siegte im tschechischen Teil bei den Wahlen im Juni 1992 und wurde dort Ministerpräsident. In der Slowakei übernahm der Nationalist Vladimír Mečiar das Ruder.
Bei der friedlichen Trennung der beiden Länder spielte eine grosse Rolle, dass das Vermögen des Staates bereits während des Prager Frühlings 1968 weitgehend zwischen beiden Teilrepubliken aufgeteilt worden war. Erstaunlicherweise einigten sich Tschechen und Slowaken, dass die tschechoslowakische Krone zunächst auch in den beiden eigenständigen Staaten weiter gültig bleiben sollte.
Einigung auf Währungstrennung
Nationalbankgouverneur Josef Tošovský ahnte aber, dass dies nicht klappen konnte, weil die wirtschaftspolitischen Vorstellungen zu unterschiedlich waren und die Länder wirtschaftlich schnell voneinander wegdriften würden. Er konnte Klaus umstimmen. Dieser wiederum vereinbarte in Geheimgesprächen mit Mečiar die Währungstrennung.
Am 1. Januar 1993 wurden Tschechien und die Slowakei eigenständige Staaten – zunächst mit einer gemeinsamen Währung. Erst am 2. Februar wurde die Währungstrennung bekanntgegeben – völlig überraschend, ohne dass vorher etwas durchgesickert war. Um Spekulationen zu verhindern, wurden kurzzeitig Kapitalverkehrskontrollen eingeführt. Beide neuen Staaten hatten im Ausland bereits neue Banknoten drucken und Münzen prägen lassen. Ein paar Tage später begann der Übergang; in vier Tagen war das alte Geld eingezogen und das neue verteilt. Der Wille, die unvermeidliche Scheidung gesittet und zivilisiert zu vollziehen, hatte gesiegt.
Drohender Absturz und Aufholjagd der Slowakei
Tatsächlich drifteten dann die beiden Länder auseinander. Als tschechischer Premier setzte der ultraliberale Ökonom Klaus die schnellen und radikalen Privatisierungen fort. In der Slowakei privatisierte Mečiar Betriebe, wenn überhaupt, indem er sie günstig an Freunde und Parteifreunde verkaufte. 1998 hatte sich die Wirtschaftslage aber derart verschlechtert, dass der Premier die Wahlen verlor. Ausserdem war das Land nicht gemeinsam mit Tschechien in die Nato aufgenommen worden, und es drohte ein Abseitsstehen auch beim EU-Beitritt.
Die neue christdemokratische Regierung von Mikuláš Dzurinda schwenkte auf einen umso radikaleren Reformkurs ein. Diese beeindruckende Aufholjagd sorgte selbst beim früheren Brudervolk für Anerkennung. Noch heute beneiden tschechische Ökonomen die Slowakei um einige Reformen der Regierung Dzurinda. Durch sie erhielt die slowakische Wirtschaft Impulse, von denen sie heute zehrt. Das Land wurde zeitgleich mit Tschechien in die EU aufgenommen, und während in Böhmen und Mähren heute noch mit Kronen gezahlt wird, nahm die Slowakei ohne zu zögern den Euro an.
Dieses Beispiel zeigt nicht nur den Wert von pragmatischen Kompromissen. Es zeigt auch, dass mit entschlossenen und richtigen Reformen ziemlich schnell eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation erzielt werden kann. Griechenland, aber auch seine Geldgeber, könnten an diesem Beispiel viel lernen. Mit gut 6 Prozent weist die Slowakei im Moment die niedrigste Arbeitslosigkeit seit der Unabhängigkeit auf. Und in Tschechien herrscht praktisch Vollbeschäftigung. Mit 2,9 Prozent ist das Land wohl innerhalb der EU an der Spitze und hat still und leise bereits die Schweiz überholt.
Ähnliche Artikel
Kommentare
Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.