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Unterschiede und Behinderungen anerkennen
Von Body Positivity zu Body Neutrality
Der Hochzeitstag soll der schönste Tag im Leben einer Frau sein. Für viele Bräute ist das perfekte Brautkleid eines, das ihre Makel verbergen und ihre Schönheit hervorheben kann.
Im Oktober 2018 trug Prinzessin Eugenie aus dem britischen Königshaus an ihrem Hochzeitstag ein ganz besonderes Kleid: eines, das die Narbe auf ihrem Rücken zeigte, welche sie seit ihrer Kindheit infolge einer Operation zur Behandlung von Skoliose hat.
Die Geschichte von Prinzessin Eugenie ist eines von vielen Beispielen für «Body Positivity»: eine soziale Bewegung, welche die Auffassung der Gesellschaft vom idealen Körperbild in Frage stellt. Hinter ihrer Entscheidung für ein Kleid, das ihre Narbe zeigte, stand eine starke Botschaft: Jeder kann die Auffassung, was Schönheit ist, ändern.
Die Body Positivity-Bewegung
Eine der ersten Body Positivity-Bewegungen geht auf die späten 1960er Jahre zurück, als die Bewegung für die Akzeptanz von Übergewicht stattfand. Zunächst war es einfach eine Bewegung gegen Diskriminierung aufgrund von Körpergrösse oder -gewicht, insbesondere gegen das «Fat-Shaming» (DE: Demütigung von Übergewichtigen).
Mit der Zeit verschob sich der Fokus der Body Positivity-Bewegung in Richtung der Idee «alle Körper sind schön». Hin und wieder gibt es neue Body Positivity-Bewegungen, die Menschentypen gewidmet sind, die ausgegrenzt werden, weil sie nicht dem herkömmlichen Schönheitsstandard entsprechen.
Im Februar 2019 twitterte Andrew Gurza – der Behindertenaktivist, der ein Projekt über Sexspielzeug betreibt – ein Foto von sich mit dem von ihm kreierten Hashtag #DisabledPeopleAreHot (DE: Menschen mit Behinderung sind sexy). Das Hashtag verbreitete sich in den sozialen Medien und wurde bald zu einer Body Positivity-Bewegung. Viele taten es Andrew gleich und twitterten #DisabledPeopleAreHot, um der Welt zu zeigen, dass Menschen mit Behinderungen sexuell attraktiv sein und sich genauso gut fühlen können wie alle anderen.
Die Entstehung der Body Neutrality-Bewegung
Doch allmählich begann man, der Body Positivity zu misstrauen: Waren ihre Auswirkungen überhaupt positiv? Viele argumentieren, dass die Massenmedien das Konzept missbraucht und verdreht haben. Heutzutage wird Body Positivity oft schlicht als Selbstbewusstsein in Bezug auf den eigenen Körper interpretiert, und die umfangreiche Berichterstattung über dieses Thema hat einige in den Wahnsinn getrieben. Menschen fühlen sich nicht bestärkt, sondern schuldig, dass sie nicht in der Lage sind, positiv zu bleiben und sich selbst zu lieben. Am Ende fühlen sie sich mehr denn je ausgeschlossen.
Deshalb ist das neue Konzept der «Body Neutrality» populär geworden. Eine Studie hat gezeigt, dass «die Wiederholung positiver Selbstaussagen bestimmten Menschen helfen kann, doch gerade bei den Menschen, die sie am meisten ‹brauchen›, genau das Gegenteil erreicht». Das ist auch der Grund, warum Body Neutrality heutzutage mehr Anhänger als Body Positivity findet. Anstatt sich auf das Erscheinungsbild des Körpers zu konzentrieren, liegt bei Body Neutrality der Schwerpunkt auf der Anerkennung dessen, was der Körper tut, und fördert so Achtsamkeit und Akzeptanz. Es geht nicht nur um Positivität.
Auch Samantha Renke, die sich in Grossbritannien für die Rechte von Behinderten einsetzt, vertritt die Idee der Body Neutrality. Mit Glasknochenkrankheit geboren, weiss Samantha sehr gut, wie unrealistisch es ist, den eigenen Körper immer zu lieben. Sie ist der Meinung, dass Menschen mit Behinderungen mehr als ein paar zeitgeistige Strömungen brauchen, die ihnen von Selbstliebe und Selbstwert erzählen – etwas, das ihrer Meinung nach erst mit dem Alter kommt. Sie findet das Konzept der Body Neutrality sinnvoller, da es Menschen wie sie unterstützt, die ständig mit ihrem eigenen Körper und ihren Krankheiten kämpfen. Anstatt sich auf Schönheit zu konzentrieren und sich von Behinderung abzuwenden, zeigt es der Welt, wie gnadenlos Behinderung ist.
Unterschiede akzeptieren und feiern
Ein Projekt in Malaysia ist ein gutes Beispiel dafür, wie Body Neutrality praktiziert werden kann.
Aufgewachsen mit einer Hautverfärbungsstörung und einem sichtbaren Muttermal im Gesicht, weiss Rozella Mahjhrin gut, wie die konventionellen Vorstellungen von Schönheit einen selbst hemmen und in Verzweiflung treiben können. Im Jahr 2015 rief sie das Online-Projekt True Complexion ins Leben; es bietet Menschen, die mit Herausforderungen leben, die Möglichkeit, ihre Erfahrungen mitzuteilen.
True Complexion umfasst ein breites Spektrum von Personen: Menschen mit Behinderungen, Menschen mit gesundheitlichen oder psychischen Problemen und sogar Menschen, die mit Suchtkrankheiten zu kämpfen haben. Ihre Fotos werden mit Geschichten veröffentlicht, die ihre positiven wie auch negativen Momente erzählen. True Complexion feiert Unterschiede und ermutigt die Menschen, ihre Schwächen und Ängste nicht zu ignorieren – etwas so Normales, dass sich niemand dafür schämen muss. Es holt die Menschen zurück in die Realität: Es ist in Ordnung, nicht «in Ordnung» zu sein. Hier ein paar Highlights aus dem Projekt:
Was haltet Ihr vom Konzept der Body Neutrality? Wie findet Ihr das innere Gleichgewicht zwischen Eurem positiven und negativen Selbst?