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Kultur
Coetzees literaturkritischer Blick
Im Band "Was ist ein Klassiker?" versammelt der Literaturnobelpreisträger aus dem Jahre 2003, J. M. Coetzee, verschiedene Essays. Die Spannbreite der Themen, denen sich die Texte widmen, ist recht breit und reicht von autobiografischen Erinnerungen an die frühe Studienzeit des Autors über anspruchsvolle literaturwissenschaftliche Textexegesen - eine solche ist dem Werk Kafkas gewidmet - bis zu gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen mit dem Problemfeld der Zensur und den Wechselwirkungen mit der Literatur.
Die Macht des Klassischen
Für Coetzees Denken ist wahrscheinlich nichts so bestimmend wie seine ursprüngliche Herkunft Südafrika. Die Jugend im Apartheidstaat, das strikt getrennte Nebeneinander von weisser Bürgerschicht und der schwarzen Bevölkerung, prägt Coetzee insofern, als er sich zwar schon früh von der europäischen Hochkultur fasziniert sieht, aber der Blick auf die prägende Kultur ist immer ein Blick von ausserhalb, aus dem historischen Kontext der Kolonialisierung Afrikas.
Als "Schlüsselerlebnis" beschreibt Coetzee den Moment, als er zum ersten Mal die Musik von Bach vernimmt. Die tiefe Bewunderung für diese Musik leitet den Autoren zu der Frage nach der Macht des Klassischen: "Kann ich in irgendeinem nicht floskelhaften Sinn sagen, dass der Geist Bachs zu mir gesprochen hat - über die Jahrhunderte und über die Ozeane hinweg - und mir gewisse Ideale gezeigt hat; oder bedeutet dieser Moment vielmehr, dass ich die europäische Hochkultur, und die Beherrschung der Chiffren dieser Kultur, symbolisch als einen Weg wählte, der mich aus meiner Klassenposition in der weissen südafrikanischen Gesellschaft herausführen würde, und schliesslich auch heraus aus dem, was ich damals als historische Sackgasse empfunden haben mag - einen Weg, der mich schliesslich auf ein europäisches Podium bringen würde, von dem aus ich zu einem kosmopolitischen Publikum über Bach und die Frage des Klassischen sprechen würde." Es ist nicht so sehr die Beantwortung der Frage, was als Klassisch bezeichnet werden kann und mit welchen Kriterien dies zu tun sei, welche die folgenden Essays zur Literatur beseelt, sondern es ist ein gewisser Modus des Fragens danach, was an den jeweiligen Werken noch zu uns spricht, ohne Rücksicht auf die akademische Kanonisierung der europäischen Hochkultur.
Kafka - Benjamin - Walser
Im Herzstück des Essaybandes - den Essays zu Kafka, Benjamin und Walser - entpuppt sich Coetzee als profunder Kenner und Liebhaber der deutschen Literatur. Im Essay "Zeit, Tempus und Aktionsart in Kafkas "der Bau"" zeigt der Autor seine Fingerfertigkeit auf dem Gebiet des close-reading; immer hoch präzise in der Terminologie und mit einer stupenden argumentativen Schärfe zeigt Coetzee, wie Kafka in seiner Erzählung mit den verschiedenen Konzepten der Zeit umgeht.
Etwas weniger Ansprüche an den Leser stellt der Essay zu Walter Benjamins Passagen-Werk. Obwohl sich der Text eher an ein angelsächsisches Publikum wendet und somit nicht mit der feuilletonistischen Aufarbeitung jenes Autoren im deutschsprachigen Raum rechnen kann, so ist er doch als Einführung in die äusserst interessante Entstehungsgeschichte des Passagen-Werks lesenswert.
Dasselbe gilt für den Essay über Robert Walser; jener Autor, der von beiden Schriftstellern, Kafka und Benjamin, gleichermassen bewundert wurde. Wenn Coetzee in diesem Text zwei verschiedene Übersetzungen Walsers ins Englische vergleicht und die Schwierigkeiten eines solchen Übersetzungsunternehmens darstellt, blitzen das ausserordentliche Sprachgefühl und die literarische Kompetenz des Essayisten auf.
In Bezug auf Walser benennt Coetzee auch gleich zu Beginn des Essays einen Umstand, der in der Walserforschung nur ungern angesprochen wird. Nämlich, dass um den Schriftsteller Walser ein doppelter Skandal existiert; der Erste, die schiere Missachtung zu Lebzeiten und der Zweite, sozusagen das Gegenteil der Missachtung, das plötzliche Interesse für diesen Autor: "Selbst das plötzliche Interesse an Walser wurde Teil des Skandals. "Ich frage mich", schrieb der Romancier Elias Canetti 1973, "ob es unter denen, die ihr gemächliches, sicheres, schnurgerades akademisches Leben auf das eines Dichters bauen, der in Elend und Verzweiflung gelebt hat, einen gibt, der sich schämt.""
Zu viel Wahrheit
Im letzten Text des Essaybandes, in der "Rede anlässlich der Entgegennahme des Jerusalemer-Preises kommt Coetzee noch einmal auf die Situation der Schriftsteller und der Literatur im heutigen Südafrika zu sprechen. Coetzee beschreibt ein Südafrika, das durch seine Vergangenheit in solchem Mass geprägt ist, dass die Literatur gezwungen ist, ihren Blick immerfort auf die schreckliche Wahrheit der Entzweiung von "Herrenkaste und Sklaven" zu richten. Indem wiederum auf einen Klassiker der europäischen Hochkultur verwiesen wird, auf Cervantes Don Quijote - das Paradebeispiel des Schriftsteller, welcher der Realität seiner Zeit mit literarischer Phantasie begegnet - formuliert Coetzee die Sehnsucht, jene schreckliche Wahrheiten zu überwinden: "Wie sehnen wir uns, eine Welt der pathologischen Bindungen und abstrakten Gewalten, eine Welt, geprägt von Zorn und Gewalt, zu verlassen und uns in einer Welt anzusiedeln, in der ein lebendiges Spiel der Gefühle und Ideen möglich ist, einer Welt, in der wir einen wahren Beruf haben."
Oft wird die schiere Inexistenz der deutschsprachigen Essayistik beklagt; In Coetzee findet der Leser einen höchst interessanten Vertreter dieser literarischen Gattung aus dem angelsächsichen Sprachraum.