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Bunt, mitreissend und emotionsgeladen: Das ist der originale «The Lion King» von 1994. Das diesjährige Remake fällt dagegen blass, belanglos und seltsam gefühlskalt aus, und nicht einmal das starbesetzte Stimmen-Ensemble um Donald Glover und Beyoncé kann darüber hinwegtäuschen, dass es diesen Film nicht braucht.
Nach Tim Burtons «Dumbo» und Guy Ritchies «Aladdin» kommt mit «The Lion King» dieses Jahr bereits das dritte Remake eines animierten Disney-Klassikers ins Kino. Während «Dumbo» die bekannte Geschichte erweiterte und, mithilfe der Burton’schen Skurrilität, das Schicksal neuer Figuren beleuchtete, wollte «Aladdin» vor allem seine ikonische Prinzessin im Jahr 2019 ankommen und um einiges emanzipierter werden lassen. Jon Favreaus «The Lion King» hingegen versucht sich gewollt an keinen narrativen Experimenten: Das hyperrealistische CGI-Remake erzählt die Geschichte des Löwenprinzen Simba (Donald Glover, unterfordert aber mit samtener Gesangsstimme), seines Vaters Mufasa (James Earl Jones, der die Rolle bereits im Original sprach) und seines Onkels Scar (herausragend: Chiwetel Ejiofor) im genau gleichen Takt und oftmals Einstellung für Einstellung nach. Bereits bei der Konzeption mag man sich die Fragen stellen: Kann das gut gehen? Und wie rechtfertigt sich ein solches Remake?
«Elefanten, Zebras, Erdmännchen und Co. sehen so realistisch aus, als seien sie direkt aus einer David-Attenborough-Dokumentation gehüpft.»
So beginnt die Geschichte so, wie sie schon immer begann: mit einem musikalisch fulminanten Sonnenaufgang und zahlreichen Tieren, die durch die Savanne ziehen, um den neugeborenen Sohn des stolzen Löwenkönigs Mufasa zu begrüssen. Die Eröffnungsszene ist der wohl stärkste Moment des Films und ein Beweis dafür, dass Favreau gelungen ist, was er anstrebte: Elefanten, Zebras, Erdmännchen und Co. sehen so realistisch aus, als seien sie direkt aus einer David–Attenborough-Dokumentation gehüpft.
Dieser Realismus wird allerdings dann ein Problem, wenn die Tiere nicht mehr nur durch Savanne traben, sondern sich in einem Shakespeare‘schen Plot wiederfinden, der ihnen abverlangt, zu morden, zu trauern, Freude zu zeigen und, nicht zuletzt, zu singen. Denn in diesen Momenten offenbart sich plötzlich das Offensichtliche: Während die anthropomorphe Abstraktion den Zeichentricklöwen von 1994 einiges an gefühlvoller Vermenschlichung erlaubte, bietet die mimische Bandbreite eines hyperrealistischen CGI-Tieres nicht annähernd so viel Ausdruck. Kurzum: Die Löwen sehen meistens gelangweilt aus, und die starren Close-ups in emotionalen Höhepunkten – wie etwa dem Tod von Simbas Vater, der in den Neunzigerjahren eine ganze Generation von Kindern mit VHS-Geräten traumatisierte – reiben sich irritierend mit den expressiven Stimmdarbietungen.
«Ton und Bild stimmen auf unheimliche Art und Weise nicht überein und sorgen für kognitive Verwirrung und Momente frei von jeglicher Emotion.»
Auch die generelle Inszenierung leidet stark unter dem tristen Realismus, dem sich der Film verschrieben hat. Denn dieser führt zu farblos-verwaschenen Hintergründen, uninspirierten Einstellungen und Kamerafahrten, in denen die Tiere einfach nur zielstrebig durchs Bild marschieren, und ziemlich bald zu Langeweile. Auch beissen sich Elton Johns und Tim Rices zeitlos schwungvolle Musicalnummern («Hakuna Matata», «Can You Feel the Love Tonight») mit der Tatsache, dass Löwen, Erdmännchen und Warzenschweine in der freien Natur nun einmal weder singen noch tanzen: Einmal mehr stimmen Ton und Bild auf unheimliche Art und Weise nicht überein und sorgen für kognitive Verwirrung und Momente frei von jeglicher Emotion.
Besonders enttäuschend fällt hier zum Beispiel das einst so grossartige Solo von Bösewicht Scar aus: Im Original ist «Be Prepared» ein einzigartig düsterer Moment, der sich quasi-faschistischer Bildsprache bedient und den hinterhältigen Königsbruder so zu einem furchteinflössenden Diktator hochstilisiert. 2019 darf Scar in einer zappendusteren Höhle vor einem Rudel emotionsloser Hyänen ein paar vereinzelte Liedzeilen brüllen, bevor der Moment auch schon wieder abgehakt ist. Furchteinflössend ist hier höchstens, wie sehr der Film das Potenzial und die durchdachte Bildkomposition seines Vorgängers ignoriert.
«Wer Lust auf Löwen-Nostalgie verspürt, muss sich nicht mit diesem rätselhaften Remake abgeben: Zum Glück gibt es weiterhin das Original.»
So entlässt dieses Remake das Publikum mit vielen Fragen aus dem Kinosaal. Was ist Kunst, zum Beispiel, und sollte man ein visuelles Experiment wagen, nur weil es technologisch möglich geworden ist? Für welche Zielgruppe wurde «The Lion King» eigentlich nochmals gemacht? Haben Löwen tatsächlich keine Emotionen? Und was war noch gleich die Melodie dieses leicht zu vergessenden neuen Beyoncé-Liedes? Doch am Ende fehlt der Antrieb, lange über diese Mysterien nachzudenken. Denn wer Lust auf Löwen-Nostalgie verspürt, muss sich nicht mit diesem rätselhaften Remake abgeben: Zum Glück gibt es weiterhin das Original.
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Kinostart Deutschschweiz: 17.7.2019
Filmfakten: «The Lion King» / Regie: Jon Favreau / Mit den Stimmen von: Donald Glover, JD McCrary, Chiwetel Ejiofor, James Earl Jones, Beyoncé, Shahadi Wright Joseph, Seth Rogen, Billy Eichner, Alfre Woodard, John Oliver / USA / 118 Minuten
Bild- und Trailerquelle: The Walt Disney Company (Switzerland) GmbH
Jon Favreau nutzt den technischen Fortschritt, um «The Lion King» ein neues Gewand zu geben. Als Konzept mag das beeindruckend sein, aber inhaltlich bleibt der Film eine leblose Kopie des Originals.