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Im Oeuvre von Komponist James Horner wird die Oscar-nominierte Filmmusik für APOLLO 13 seit deren Veröffentlichung im Jahr 1995 zu seinen gelungensten Werken gezählt. Doch es kam dann auch sogleich immer das frustrierte Aber gefolgt, denn die einzige kommerzielle Veröffentlichung seiner Filmmusik war gekürzt und «durchsiebt» von Songs und Dialog-Fetzen auf einem ärgerlichen Album. James Horner hat ein knapp 59-minütiges Album zusammengestellt, das er gerne veröffentlicht gehabt hätte. Doch die Produzenten des Films entschieden sich, ein Souvenir-Album mit Songs, Score-Auszügen und Dialogen zu veröffentlichen, statt das «Score only»-Album, das Horner konzipiert hat. Dieses «Flickwerk» war über 20 Jahre lang – teils als 2-CD-Set, teils als Single-Disc, jedoch nie mit mehr Filmmusik drauf – die einzige offizielle Veröffentlichung. Nun hat anfangs 2019 das Label Intrada Records dieser meisterhaften Filmmusik von James Horner endlich die Albumveröffentlichung zukommen lassen, die ihr würdig ist: 2 CDs, mit der kompletten Filmmusik auf CD 1 und dem von Horner zusammengestellten 59-Minuten-Album auf CD 2 – ohne Songs und ohne Dialoge.
Für Regisseur Ron Howard bedurfte die Erzählung rund um die Apollo 13-Mission kaum dramatischer Kunstgriffe. Alle Elemente für einen packenden, dokumentarischen Film waren vorhanden. Komponist James Horner erzählte in einem Interview im April 2015 rückblickend von einer der ersten Unterhaltungen, die er mit Howard gehabt hatte: „Ich wollte keine Filmmusik schreiben, die einen Action-Film evozierte. Und Ron sah das genauso. Er sah APOLLO 13 nicht als Action- oder als Katastrophenfilm. Der Film soll von brillanter, kompromissloser Professionalität und still vorgelebter Ehrbarkeit handeln.“ Entsprechend komponierte Horner ein schlichtes, ruhiges Hauptthema, das, in dessen Worten „elegant, gradlinig klingt und direkt ans Herz geht“. Angeführt vom Solospiel der Trompete (Solist: Tim Morrison), zeugt es von Aufbruch, Ungewissheit und Fernweh. Dieser ruhige Musikauftakt wählte James Horner bewusst: „Wenn die Musik von Beginn weg bombastisch aufspielt, setzt Du die Erwartungshaltung beim Publikum auf Spektakel und Science-Fiction. Aber APOLLO 13 ist ein Dokumentarfilm“, so James Horner in einem Interview 1995. „Dem Zuschauer ist bekannt, wie die Geschichte enden wird. Ich versuchte, den Idealismus der Geschichte hervorzuheben; alles, was die Herren der Mission Control in Houston und die Astronauten in der Kapsel Grossartiges geleistet hatten; das Beste an der NASA. Diese Qualitäten waren musikalisch schwer fassbar, aber darauf zielte ich ab – auf einen Idealismus einer anderen Art und Weise.“
Die Tonspur von APOLLO 13 ist meisterhaft ausgestaltet. Popsongs aus den 1960er Jahren – bspw. «Night Train» von James Brown oder «Spirit in the Sky» von Norman Greenbaum – verankern die Erzählung zeitlich. Zudem hören die Astronauten diese Songs über Radio auch auf ihrer Reise zum Mond. Die Songs werden zu einem Funken Heimat in der weiten Fremde – durch die Radioboxen in der Raumfähre verzwergen sie zu einem «fernen Rufen», einem Echo.
Ihnen zur Seite steht der Score von James Horner. Am Anfang des Films teilt er sich die Tonspur mit den Songs, doch mit dem Abflug ins All und damit ab der eindrücklichen, 10-minütigen Raketenstart-Sequenz rückt Horners Musik ins Zentrum des auditiven Geschehens. Das mitreissende, kraftvolle Stück «The Launch» verkörpert die spirituelle Dimension der Apollo-Mission und setzt damit einen effektvollen, ausladenden Kontrapunkt zum eleganten, ruhigen Hauptthema, das den humanistischen Aspekt der Geschichte umschreibt und den Film eröffnet hat.
Sobald die Astronauten Lovell, Swigert und Haise die irdische Atmosphäre verlassen haben und in die fremde Weite und das sie umhüllende Dunkel des Alls eintauchen, mischen sich auch in die Filmmusik mysteriöse und bedrohliche Klänge – hier erklingen Horner-Merkmale wie das Spiel der Wirbeltrommeln, die dramatisch-bedrohlichen Klaviermassierungen, das «Ticken» der Claves-Kleinperkussion. Zudem hat James Horner für kurze Passagen gänzlich elektronische Musik komponiert – rund neun Minuten der gesamten Filmmusik. Diese elektronischen, kühlen, dissonanten Musikstücke umrahmen stets Momente der Ungewissheit, der technischen Probleme oder gar der blanken Angst. Ihnen fehlt jegliche emotionale Wärme – sie untermahlen technische und «unmenschliche» Bedrohungen. Diese elektronischen Kompositionen hat Horner spät im Vertonungsprozess hinzugefügt und auf seiner Albumpräsentation nicht berücksichtigt. Auf der CD 1 sind diese Stücke nicht chronologisch in das orchestrale Programm eingereiht, sondern separat gruppiert am Ende der CD 1 verfügbar. Im Booklet-Text kann jedoch nachgelesen werden, wie diese Stücke auf der CD 1 programmiert werden müssten, damit man die Filmmusik in chronologisch korrekter Abfolge anhören kann.
Mit dem Eintritt der Raumfähre in den Schatten des Mondes verliert die Crew den Funkkontakt zur Erde. Die Enttäuschung ob des Abbruchs der geplanten Mondlandung wegen der Gastankexplosion wandelt sich während dieser Szene zum Bangen um Legen und Tod. Die bedrohliche Orchestermusik des Stücks «The Dark Side of the Moon» wird begleitet von eindringlichem Sologesang von Annie Lennox und aus der Ferne erklingt das Trompeten-Solospiel des Hauptthemas – vorsichtiger Optimismus, welcher der eindringenden Dunkelheit entgegenzuwirken versucht. Alle hier fragmentarisch eingestreuten Themen finden während des gloriosen Finales mit dem 9-minütigen Stück «Re-Entry and Splashdown» zurück zu anfänglicher Stärke, bis das Solospiel der Trompete nach den «End Credits» die Komposition so beschliesst, wie James Horner diese eröffnet hat. Diese 2-CD-Veröffentlichung von APOLLO 13 ist selbstverständlich ein Muss für Fans der Arbeiten von James Horner – die Soundqualität ist perfekt und die Möglichkeit des puren Genusses dieser Musik endlich gegeben. Auf dem zuvor verfügbaren Album waren die Score-Highlights zwar bereits vorhanden, aber die zusätzlichen Musikminuten erschliessen einem die Narratologie und musikalische Entwicklung schlüssiger. Ob man das «Horner-Programm» von APOLLO 13 (CD 2) jenem der kompletten Musik auf CD 1 vorzieht, dürfte lediglich damit zusammenhangen, ob man sich die atmosphärischen, elektronischen Musikmomente abseits der Bilder auch anhören möchte.
Doch, in welcher Form auch immer man sich diese Filmmusik zu Gemüte führen möchte, die Themen und die perfekt porträtierte Noblesse, Erhabenheit und Spannung hallen nach dem Hören noch lange nach. Dass James Horner der Oscar für diese Arbeit verwehrt blieb, ist für viele nur damit erklärbar, dass er in besagtem Jahr auch für BRAVEHEART nominiert war und sich diese Doppel-Nomination – wie zuvor im Falle anderer Komponisten auch schon geschehen – die Jury-Stimmen unter einander so aufteilten, dass es keiner der Titel letztlich auf die benötigte höchste Stimmenzahl unter den fünf Nominierten geschafft hat. Qualitativ waren und sind beide Werke mehr als Oscar-würdig.
Basil, 9.4.2019