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Vier dicke Bände, insgesamt 2'800 Seiten, keine Illustrationen, eine Bleiwüste. Aber nein: Dutzende von Kapiteln mit farbigen Erzählungen, Erklärungen, verästelten Schilderungen, ein grosser Bogen mit zahlreichen fein gezeichneten Miniaturen. Was stimmt? Beides. Richard Fellers «Geschichte Berns», zwischen 1946 und 1960 erschienen, fächert die Gründung, das Werden, das Wirken und die Bedeutung unserer Stadt von 1191 bis zum Einbruch der Franzosen 1798 in einem monumentalen Panorama auf. In einer Erzählung, deren Struktur ebenso Bewunderung verdient wie ihre Vielschichtigkeit und Prägnanz.
Richard Feller (1877-1958) war bis 1948 ein Vierteljahrhundert ordentlicher Professor für Schweizergeschichte an der Universität Bern. Die «Geschichte Berns» ist die späte Frucht seines akademischen Wirkens als Lehrer und Forscher. Feller war weniger kühler und distanzierter Analytiker als anteilnehmender Erzähler. Anteilnehmend bis zur idealistischen Verbindung mit dem dargestellten Staatswesen der Patrizier.
Eine Passage: «Während der französische Bauer durch die Hörigkeit zu niedrigen Diensten verurteilt war und sich missachtet und zertreten fühlte, wurde der Berner Bauer als Mensch behandelt, obwohl er keine Menschenrechte besass. Er wusste, dass er von oben geschätzt und geschützt wurde. (...) Der Bauer liebte das Vaterland, aber er hatte nicht den Ehrgeiz, Staatspolitik zu treiben. Wie er selber das Recht im eigenen Kreis (die überlieferten lokalen und regionalen Sonderrechte, auf die eifersüchtig geachtet wurde) wahrte, achtete er das Recht der Obrigkeit» (Band 4).
Ist Fellers grosses Werk für uns heute noch ergiebig? Ich finde: Ja. Fellers Arbeit schildert ein Rezensent des vierten Bandes als «sorgfältige Quelleninterpretation mit intuitiver Kraft durchdringend und mit seiner sprachlichen Gestaltungskraft zu einer packenden Darstellung verwebend». Und als «Synthese von wissenschaftlicher Forschung und künstlerischem Element in der Darstellung». Das hat seine Bedeutung und seinen Zauber bis heute.
Aus dem ruhigen, breiten Fluss von Fellers Erzählung ragen, Inseln gleich, Porträts handelnder Figuren hervor. Es sind dichte Porträts, markant und feinfühlig. Zwei Beispiele aus einem andern Werk Fellers, «Berns Verfassungskämpfe 1846», verfasst im Auftrag der Kantonsregierung.
Im einen beschreibt Feller Fürsprecher Jakob Stämpfli, den in einfachen Verhältnissen auf dem Land aufgewachsenen Jungradikalen: «Es gehörte zu seiner Stärke, dass er frei von Eitelkeit und Empfindlichkeit war. Das verlieh ihm die Wetterfestigkeit, die mit eherner Stirne den Sturm über sich ergehen liess, wenn er sich nur durchsetzte; das verlieh ihm auch die unabhängige Haltung in der Öffentlichkeit. Er kannte die Künste, die dem Volk zusagen, und wenn es not tat, konnte er sich mengenmässig geben. Und doch diente er dem Volk nicht in die Augen. Wenn es ihm nicht zu Willen war, da nahm er offen von ihm Abstand, da bekannte er: ‚Volkes Stimme ist nicht Gottes Stimme; das Volk hat schon geirrt und kann noch irren'. Hier hatte er eine Unbefangenheit, die nur wenigen im öffentlichen Leben vergönnt war. Das Volk aber fühlte sich triebartig zu ihm hingezogen, so dass sein Wort und seine Weise in weite Kreise drangen. Wenn der mittelgrosse, gedrungene Mann mit der sonoren Kommandostimme auf der Rednerbühne erschien, dann legte sich der Zauber auf die Menge. Es war nicht allein seine beherrschte Beredsamkeit, die schneidende Schärfe seiner Beweisführung, es war der ganze Mann, seine Herkunft, sein Schicksal, sein Wille, seine Sendung, die durchschlugen.»
Ganz anders der radikale Eduard Blösch, auch er Fürsprecher: «Die Politik war ihm nicht letztes Bedürfnis wie Stämpfli. Der Privatmann hatte in ihm seine Bedürfnisse bereit. (...) Es bricht bei ihm zuweilen etwas wie Verneinung der Politik und des Welttreibens überhaupt durch. Der beherrschte Mann hatte einen weltvergessenen Winkel, in dem er Reineres, Besseres als die Öffentlichkeit erträumte. Er wusste um seine Verletzbarkeit. (...) Mit seiner historischen Bildung und dem Blick für die Wirklichkeit erkannte er, dass sein Wesen dem Drang des Jahrhunderts widersprach.»
So liest man sich an die Figuren heran und fühlt sich in sie hinein. Es ist eine herkömmliche Art der Geschichtsschreibung, die Richard Feller pflegte. Sie wirkt etwas aus der Zeit gefallen. Ein weites Feld öffnet sich, in dem Menschen aus Fleisch und Blut handeln. Es ist lohnend, sich dieser Geschichte zu öffnen. Auch heute.