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Vor vielen Jahren hatte ich der österreichischen Schrifstellerin Friederike Mayröcker die gleiche Frage gestellt. Sie war damals tief in der Trauerarbeit um ihren verstorbenen Lebenspartner Paul Jandl versunken und hatte mit «Und ich schüttelte einen Liebling» so etwas wie eine persönliche Erinnerung, einen Nachruf auf Jandl verfasst. Das Buch war ihr Versuch, das Unsagbare in Worte zu kleiden und ihm so den Schrecken zu nehmen. Ich sass damals in einem Wiener Kaffeehaus der alten, gebückten Dame gegenüber und fragte sie: «Was lindert die Trauer?»
Sie überlegte lange, und dann sagte sie: «Gehen. Sehr rasch und viel gehen. Das ist gut, wenn man einen grossen Schmerz hat. So kann man den überbrücken.»
Ich verstand auf Anhieb. Auch mir hat Gehen in so manch dunkler Stunde geholfen. Paradoxerweise endet beim Gehen das Grübeln und beginnt das Denken. Und wer richtig weit läuft, bei dem hört beides auf.
Gleichzeitig ist das kein Ratschlag für eine Zehnjährige. Also fragte ich sie: «Was machst du, wenn du traurig bist?»
Sie dachte kurz nach, dann sagte sie: «Ich weine. Dann gehe ich zu dir oder zu Mama. Und dann mache ich etwas, was mir Spass macht.»
Sie schaute mich an und schaute dann auf ihre Uhr: Es war 14 Uhr, sie musste zum Zirkus. Also sprang sie auf, küsste mich und rannte zur Tür hinaus.
Ich schaute ihr aus dem Fenster hinterher und hatte ihre Worte im Kopf: Gefühle zulassen; Leute suchen, bei denen du dich aufgehoben fühlst; Dinge tun, die dir etwas bedeuten. Das waren ziemlich gute Ratschläge. Plötzlich drehte sie sich um und winkte mir. Ich winkte zurück und dachte bei mir, dass sie für eines der grossen Rätsel des Lebens deutlich weniger Zeit gebraucht hatte als ich.