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«Im Inselspital erlebte ich in zwei Jahren den Tod eines Kindes – in Magaria starben manchmal 15 Kinder an einem Tag», erzählt Julia Brandenberger. Die 35-jährige Kinderärztin mit PhD und Master in Internationaler Gesundheit war beruflich schon mehrmals im Ausland unterwegs. Vier Jahre ist es her, dass sie in der Stadtgemeinde Magaria, die sich im Süden des Niger und direkt an der Grenze zu Nigeria befindet, humanitäre Nothilfe für Médecins sans Frontières (MSF) leistete.
Während ihres halbjährigen Einsatzes in Magaria behandelte Julia Brandenberger Kinder mit Mangelernährung, Infektionskrankheiten oder anderen Erkrankungen. Das Krankenhaus, in dem sie arbeitete, ist das einzige in der Region, wo zwischen 700 000 und einer Million Menschen leben. Das Spital besteht aus mehreren Zelten, die aus Planen und Holz gefertigt und im rötlichen Sand aufgestellt sind. «Je nach Saison sowie Auslastung zählten die Zelte zwischen 250 und 800 Betten», erzählt die Kinderärztin. Im Juli und August steige die Zahl der jungen Patienten jeweils stark an. In diesem Zeitraum kollidierten jeweils Unterernährung mit einer hohen Malariainzidenz – «es kommt zum Peak». Heute befinden sich in den Zelten nur noch 250 bis 300 Betten, da die Bettenkapazität 2019 heruntergefahren wurde, und MSF seither einen dezentralisierten Zugang zur medizinischen Versorgung praktiziert.
Das Krankenhaus in Magaria besteht aus mehreren solchen Zelten.
«500 Kinder kamen angereist»
Julia Brandenbergers Augen leuchten, als sie von einem der MSF-Projekte in Magaria erzählt, an dem sie mitwirken konnte: Sie half auf der Kinderstation des Krankenhauses, sprich: in den entsprechenden Zelten, eine Ambulanz für Kinder mit einer Sichelzellanämie aufzubauen.
Die Kinderärztin erinnert sich an Halima: Das nigrische Mädchen war eine der ersten Patientinnen mit Sichelzellanämie, die sie noch vor Inbetriebnahme der Ambulanz betreute. «Ich hatte eine enge Bindung zu Halima und auch zu ihrer Familie.» Die junge Patientin habe aufgrund schwerer Komplikationen in ein anderes Spital verlegt und dort operiert werden müssen, schildert die 35-Jährige. Halima habe sich dann erfreulicherweise erholt. Ein paar Wochen nach der Rückkehr des Mädchens wurde die Sichelzell-Ambulanz eröffnet: «Da Halimas Vater, der damals beim Radio arbeitete, für unsere Ambulanz Werbung machte, hatten wir im Nu 500 Sichelzellpatienten, die regelmässig mit ihren Müttern angereist kamen.»
Über diesen Erfolg ist Julia Brandenberger noch heute erstaunt. Denn für die «Sichelzell-Mamis» koste die Fahrt zum Krankenhaus jeweils viel Geld und beträchtliche Mühe. Die Mütter würden zuhause gebraucht und seien finanziell von ihren Ehemännern abhängig, erklärt die Kinderärztin. Dennoch hätten viele das Geld zusammenbringen können und sich dann mit ihren kranken Kindern – im Lastwagen oder gar zu Fuss – auf den Weg zur Ambulanz begeben.
Eine nigrische Frau gebärt im Schnitt sechs Kinder. Das geburtenreichste Land der Welt ist denn auch der Niger; rund 49 Geburten pro 1000 Einwohner verzeichnen die Vereinten Nationen (2010 bis 2015). Zum Vergleich: In der Schweiz sind es rund 10 Geburten pro 1000 Einwohner.
In Magaria wird die chronische Erkrankung der roten Blutkörperchen «Sikila» genannt. Denn die Bevölkerung glaubt, eine Sichelzellanämie sei eine Knochenerkrankung, da die Kinder oft über Schmerzen in den Knochen klagen. «Die Sichelzellanämie ist die häufigste Erberkrankung im Kindesalter im Niger, dennoch gibt es nahezu keine Aufklärung und Prävention», sagt Julia Brandenberger. Die Kinderärztin entwickelte deshalb zusammen mit den lokalen medizinischen Mitarbeitern und den Expats ein Aufklärungsschema. «Ich erklärte den ‹Sichelzell-Mamis›, dass die roten Blutkörperchen ihrer Kinder nicht rund, sondern wie Mondsicheln im Ramadan aussähen.» Dieses Bild sei von den «Mamis» positiv aufgenommen worden, gerade auch weil die meisten Familien sehr gläubige Muslime seien, so die 35-Jährige. «Die Mütter haben schnell verstanden: Ihre Kinder müssen viel trinken, damit die ‹Ramadan-Monde› die Gefässe nicht verstopfen.»
Nigrische Kinder mit Sichelzellanämie sterben früh
Neben der Aufklärungsarbeit nahm Julia Brandenberger in der Sichelzell-Ambulanz auch präventive Massnahmen vor: Sie überprüfte die Hämoglobin-Werte der jungen Patienten, um frühzeitig reagieren zu können und führte bei ihnen Impfungen gegen spezielle Krankheiten durch, etwa gegen die Pneumokokken-Infektion.
«Die Schere ressourcenarmer und ressourcenstarker Länder tut sich extrem auf – während in den USA Kinder mit Sichelzellanämie so therapiert werden können, dass sie eine nahezu normale Lebenserwartung haben und auch in anderen Industrieländern die Transplantation von Stammzellen erfolgsversprechend ist, werden die meisten ‹Sichelzell-Kinder› im Niger nicht älter als fünf.»
Für die Mütter koste die Fahrt zum Krankenhaus jeweils viel Geld und beträchtliche Mühe, so Julia Brandenberger.
Die Erlebnisse und Erfahrungen im Niger waren für Julia Brandenbergers Laufbahn wegweisend: Als sie wieder zurück in der Schweiz war, beschloss sie am Universitätsspital beider Basel – wo sie seit 2012 arbeitete –, zum Thema Gesundheit und Migration zu forschen. «Equity liegt mir am Herzen. Jeder Mensch soll das bekommen, was er braucht, um gesund zu sein.» Julia Brandenberger macht sich stark für eine globale Chancengleichheit in der Gesundheitsversorgung. Ihre Antwort auf die Frage, ob sie eine Kämpferin für die Gerechtigkeit sei, kommt schnell und ohne Zögern: «Joa!» – die gebürtige Freiburgerin aus Breisgau lacht in die Computerkamera und fügt an: «Ich gebe mir Mühe.»
Spagat zwischen Effizienz und Empathie
Seit zwei Jahren arbeitet Julia Brandenberger am Notfallzentrum für Kinder und Jugendliche (NZKJ) des Inselspitals Berns, wo sie mittlerweile ein fester Pfeiler im Oberaztteam ist und weiter zum Thema Migrationsmedizin forscht. Als Notfallmedizinerin untersuchte, behandelte und betreute sie schon die unterschiedlichsten Kinder und Jugendlichen. Etwa solche, die ein stabiles Urvertrauen aufbauen konnten, aber auch solche, die aus ihrer Heimat flüchteten und nun traumatisiert sind. «Auf die Diversität einzugehen, ist kein Kinderspiel.» Die Herausforderung ihres Berufs sieht sie darin, den Spagat zu schaffen zwischen Effizienz und Empathie; es sei eine Challenge, alle jungen Patienten in einer vernünftigen Zeit zu behandeln und gleichzeitig individuell auf sie einzugehen.
Seit drei Monaten hat Julia Brandenberger einen Doctor of Philosophy in Kindermigrationsmedizin. Ihre Dissertation schrieb sie über Asylsuchende Kinder in einem Schweizer Tertiärkrankenhaus
. Das Postgraduiertenstudium in Bergen (Norwegen) konnte sie gerade noch rechtzeitig abschliessen, bevor ihr Sohn zur Welt kam. «Mama zu sein, ist ein wunderschönes Gefühl – eine neue Welt tut sich auf.» Es sei toll, als Kinderärztin selbst Mutter eines Kindes zu sein, gerade wenn man wie sie auf dem Notfall arbeiten würde, werde einem bewusst, wie es auch sein könne, nämlich wenn das Kind einfach gesund sei – «ich musste weder zum Kinderarzt noch in den Kindernotfall mit meinem Sohn, das war für mich irgendwie eine Überraschung».
«Ein absoluter Teamplayer»
Von Kristina Keitel und Isabelle Steiner, Chefärztinnen und Co-Leiterinnen des NZKJ, wird Julia Brandenberger «als engagierte Ärztin, der das Wohl der Patienten, unabhängig vom kulturellen Hintergrund, sehr am Herzen liegt», beschrieben. Julia Brandenberger sei ein absoluter Teamplayer, schreiben sie auf Anfrage. Sie werde sowohl von den Pflegenden als auch von den Studentinnen sowie Ärzten sehr geschätzt und habe immer ein offenes Ohr für Anliegen.
Geschätzt wird Julia Brandenberger auch von ihren ehemaligen Mitarbeitern in Magaria – viele nannten sie «Mama Julia», so auch Gérard Loti, der die Kinderärztin in einer sechsminütigen Sprachnachricht lobt: «Julia hat ein grosses Herz, sie ist sehr gutmütig.» Den Kindern sei sie mit viel Liebe und einem grossen Lächeln begegnet. «Wir konnten alle enorm von Julia profitieren – merci, merci, Julia!», sagt er, als im Hintergrund das Krähen eines Hahns ertönt.
Anekdote über das Wir-Gefühl
Noch heute steht Julia Brandenberger in regem Kontakt mit ihren nigrischen Kolleginnen und Kollegen. «Wir schreiben uns ab und zu», sagt sie. Viele hätten ihr etwa zur Geburt ihres Sohnes gratuliert. Sie denke oft an ihr Team und an die jungen Patientinnen und Patienten, die ihr ans Herz gewachsen seien. So frage sie sich etwa, wie es Halima gehe – «hoffentlich lebt sie noch!».
Wenn Julia Brandenberger an ihr Team zurückdenkt, kommt ihr immer der Satz «on est ensemble» in den Sinn, der in Magaria zu einem geflügelten Wort geworden ist. Das Wir-Gefühl sei im Niger, wo es schlicht ums Überleben gehe, stark verankert, sagt sie und erzählt eine Anekdote dazu. Sie habe einmal eine Auseinandersetzung mit einem nigrischen Kinderarzt gehabt, da er ihrer Meinung nach die jungen Patienten ruppig behandelt habe. «Wir sind Kinderärzte, wir sind einfühlsam mit den Kindern, das ist eine wichtige Kompetenz», habe sie eingewendet. Daraufhin hätten sie hitzig miteinander diskutiert. Zum Schluss habe der Arzt aber mit den Worten «on est ensemble» die Wogen wieder geglättet. «Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl – wir sind ein Team und eine Familie – hat mich zutiefst beeindruckt», sagt die Kinderärztin.