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Interview: Tobias Hüberli
Fotos: Jürg Waldmeier
Was oder wer hat Sie geprägt?
Litto Gomez: Mein Vater.
Erzählen Sie?
Mein Vater war der Sohn eines erfolgreichen portugiesischen Geschäftsmannes. Er lebte in der nordspanischen Stadt La Coruña und hatte keinen Beruf. Er genoss das Leben als Playboy, bis er meine Mutter kennenlernte. Sie stammte aus ärmeren Verhältnissen, und mein Grossvater war nicht mit der Beziehung einverstanden. Als ich ein Jahr alt war, emigrierten wir nach Uruguay. Dort musste mein Vater zum ersten Mal in seinem Leben arbeiten.
In welcher Branche?
Was es gerade gab. Als ich drei Jahre alt war, arbeitete er in einer Papierfabrik und verlor bei einem Arbeitsunfall seine rechte Hand. Ich erlebte, wie er mit dieser Behinderung umging. Er war ein sehr stolzer Mann. Er brachte sich selbst bei, mit der linken Hand zu schreiben oder damit die Schuhe zu binden. Er blieb in der gleichen Fabrik angestellt bis zu seiner Pension. Mein Vater war ehrlich und arbeitete hart, das habe ich von ihm gelernt.
Sie betrieben elf Jahre lang ein Juweliergeschäft, dann wurden Sie ausgeraubt und beschlossen, Zigarren zu produzieren. Einfach so?
Meine Frau und ich hatten eine Gelegenheit, ins Tabakgeschäft einzusteigen. Die Idee war verrückt. Wie sollten wir mit Zigarrenproduzenten konkurrieren, deren Familien seit Jahrzehnten im Geschäft sind? Die Aussichten auf Erfolg waren sehr klein, aber genau das zog mich an. Und was dann geschah, ist schwierig zu erklären. Wir starteten das Projekt, um Geld zu verdienen, nach ein paar Monaten aber war das Geld für mich nicht mehr wichtig, alles, was zählte, war der Tabak, die Aromen, das Blenden. Ich war damals 40 Jahre alt und fühlte zum ersten Mal, dass mich eine Arbeit mit Leidenschaft erfüllt. Wenn ich morgens aufwachte, wollte ich so schnell wie möglich in die Fabrik. Das Einzige, was ich fortan wollte, war ein guter Zigarrenblender werden.
Sie starteten zeitgleich wie der Zigarrenboom. Ein perfekter Zeitpunkt?
Das Timing war ziemlich gut. Anfang 1995 schickten wir Zigarren-Proben an unzählige Zigarrenläden und fragten, ob sie uns aufnehmen. Etwa einer von zehn sagte zu. Ende des Jahres brauchten dann alle Zigarren, weil die grossen Produzenten keine Vorräte mehr hatten. Wir erhielten also Platz in den Shops, danach musste die Zigarre ihren Job machen.
Sie setzten von Anfang an auf eine möglichst vertikale Produktion, mit eigener Fabrik und eigener Tabakfarm.
Neulinge im Geschäft mieten sich meistens einen Produzenten, der für sie die Zigarren herstellt. Und das geht meistens schief. Ich wollte immer meine eigenen Zigarren machen. Also bauten wir eine Manufaktur auf, mit vier Rollern. Die ersten 40 000 Zigarren mussten wir trotzdem zerstören. Der Tabak war gut, aber die Qualität zu inkonstant.
Es heisst, Sie hätten 1997 eine Tabakfarm gekauft, ohne Ihre Frau zu fragen.
Stimmt. Ich kaufte die Farm und sagte es ihr nicht. Dann kehrte ich nach Miami zurück, führte sie aus, es war an einem Freitagabend. Ich hatte eine grossartige Rede vorbereitet. Ich erzählte ihr, wie es wäre, eine Farm zu kaufen, und wie gut es für uns wäre, eigenen Tabak anzupflanzen und so die Qualität vom Samen bis zur Zigarre zu kontrollieren. Meine Frau hörte geduldig zu, lächelte – und sagte dann zu mir, dass sie das Ganze für eine sehr schlechte Idee halte.
Und dann?
Es dauerte eine Weile, bis sie es einsah. Die eigene Farm ist das Beste, was wir je gemacht haben. Der Charakter unserer Zigarren kommt von diesem Land und von der Art, wie wir Tabak anbauen.
Sie produzieren derzeit rund 3,3 Millionen Zigarren pro Jahr, dafür reicht der Tabak Ihrer Farm wohl kaum aus.
Nicht komplett, aber fast. Für meine Blends kaufe ich Füllertabake aus Nicaragua und Brasilien sowie Deckblätter zum Beispiel aus Ecuador. 70 Prozent des benötigten Tabaks stammen aber von unseren eigenen Farmen.
Tabake aus Nicaragua gelten als besonders körperreich und bestimmen derzeit den Trend.
Meine Tabake, die ich in der Dominikanischen Republik anbaue, sind stärker als die meisten nicaraguanischen Tabake. Aber ich glaube, es geht nicht einfach darum, starke Zigarren zu machen. Komplexität ist wichtig. Zwischen körperreichen und zu harten Zigarren liegt ein schmaler Grat. Wenn Sie diesen überschreiten, wird es sehr unangenehm für den Konsumenten.
Wie beurteilen Sie die TabakQualität in der Dominikanischen Republik?
Es gibt tausende kleine Tabakbauern, die jeweils einen kleinen Flecken Erde mit Tabak bepflanzen. Aber ihnen fehlt es an der nötigen Technologie für den Anbau und sie brauchen noch Dünger aus den Siebzigerjahren. Die Dominikanische Republik ist ein idealer Ort für den Tabakanbau. Aber Sie müssen die Böden analysieren, es braucht den richtigen Dünger, geschlossene Trocknungshütten – wie in Nicaragua –, dann dürfen Sie nicht zu viele Pflanzen pro Quadratmeter pfanzen und so weiter und so fort. Wenn Sie diese Faktoren berücksichtigen, dann kriegen Sie das volle Potenzial von der Sonne und der Erde in Ihren Tabak. Leider ist das nicht sehr oft der Fall.
Was ist für Sie das Aufregendste am Zigarrenmachen?
Wenn ich an einen Ort komme und jemand raucht eine Zigarre, die ich kreiert habe, das ist für mich das Grösste. Wenn ich sehe, dass Leute eine gute Zeit haben mit einer meiner Zigarren, dann macht mich das überglücklich. Diese Momente faszinierten mich vor 20 Jahren und sie tun es noch heute, in der genau gleichen Weise.
Und was machen Sie, wenn jemand Ihre Zigarren nicht mag?
Das ist kein Problem. In diesem Fall bin ich weder beunruhigt noch beleidigt. Es gibt so viele unterschiedliche Zigarren, wie es Geschmäcke gibt. Man kann ja nicht erwarten, dass alle Raucher meine Zigarren mögen. Wenn Sie mir aber sagen, meine Zigarren seien schlecht gemacht, dann werde ich nervös. Konstruktionsfehler dürfen nicht passieren.
Ihre Frau ist auch Ihre Geschäftspartnerin, welchen Einfluss hat sie auf Ihre Arbeit?
Die intellektuelle Unterstützung meiner Frau ist riesig. Sie ermutigt mich immer und sie denkt, ich kann alles. Für mich ist sie eine grosse Inspiration, sie ist eine sehr intelligente Frau. Im Geschäft macht sie das Marketing und den Verkauf, so kann ich mich voll und ganz auf die Produktion konzentrieren.
Welches sind Ihre nächsten Ziele?
Ich kann Ihnen nicht sagen, dass ich in fünf Jahren zehn Millionen Zigarren produzieren will. Volumen interessiert mich nicht. Was mich wirklich fasziniert, sind zum Beispiel neue Tabaksamen, die wir bei uns auf der Farm testen. Wir vergleichen das Resultat mit den gleichen Tabaken, die aber in Honduras oder in Nicaragua gezogen wurden. Das Blenden wird mich in Zukunft noch stärker beanspruchen. Und dann freue ich mich riesig, dass wir international expandieren.
Konkret?
Noch vor zwei Jahren waren unsere Zigarren ausserhalb den USA nur in Deutschland und Norwegen erhältlich. Heute sind wir in 48 unterschiedlichen Ländern, von Südamerika über Südafrika bis nach Asien, präsent. Das ist sehr aufregend.
Litto Gomez (61) wird in der Nähe der nordspanischen Stadt La Coruña geboren. Als er ein Jahr alt ist, wandern seine Eltern nach Uruguay aus. Gomez wächst in Montevideo in einfachen Verhältnissen auf. Als talentierter Goalie spielt er bereits als 15-Jähriger in den professionellen Mannschaften des Stadtklubs FC Huracán, bis er sich mit 17 Jahren so schwer verletzt, dass eine weitere Fussballkarriere nicht mehr möglich ist. 1973 emigriert er zusammen mit seinem älteren Bruder Jose nach Toronto, Kanada, nachdem ihm ein Visum für die USA verweigert wurde. Gomez hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, die kalten Winter machen ihm indes zu schaffen. Nach fünf Jahren ziehen die Brüder nach Florida und eröffneten zuerst einen Schnapsladen, dann einen zweiten, danach ein Pfandhaus und einen Nachtclub. Das Pfandhaus entwickelt Litto Gomez mit der Zeit zu einem Juwelierladen.
Er ist 39 Jahre alt, als er in seinem Shop von zwei Männern mit vorgehaltenen Pistolen überfallen und um Juwelen im Wert von 400 000 Dollar erleichtert wird. Am nächsten Tag verkauft er das Geschäft. Zusammen mit seiner Frau Ines und einem in Miami ansässigen Investor gründet er 1994 die Zigarrenmarke Los Libertadores. Zwei Jahre später übernehmen Litto und Ines Gomez die Geschäfte und ändern den Markennamen in La Flor Dominicana. Das Timing könnte besser nicht sein, der Zigarrenboom ist in vollem Gang. Die Produktion von La Flor Dominicana steigt von anfangs 300 000 Zigarren auf 2,5 Millionen Zigarren im Jahr 1999. Heute ist sie fest etabliert und in 48 Ländern präsent. Litto Gomez legt Wert auf eine möglichst vertikale Produktion, auf insgesamt zwei Farmen in der Dominikanischen Republik stellt er mittlerweile etwa 70 Prozent seines Tabakbedarfs her. Die Produktionsmenge liegt derzeit bei rund 3,3 Millionen Zigarren pro Jahr.
www.laflordominicana.com