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Rechts- und Linksverkehr – warum es unterschiedliche Verkehrsausrichtungen gibt
Sei es der Arbeitsweg, die Dienstreise oder die Anfahrt zum Geschäftsessen – bei all diesen Gelegenheiten nutzen Sie ein System, dessen Grundlagen über 2000 Jahre alt sind und das im Laufe seines Bestehens von führenden politischen Köpfen weiterentwickelt oder revolutioniert wurde. Die Rede ist vom Strassenverkehrsnetz und den dazugehörigen Verkehrsleitregeln.
Sicherlich haben auch Sie sich im Rahmen einer bevorstehenden Geschäftsreise ins Ausland schon einmal gefragt, warum in einigen Staaten Linksverkehr, in anderen aber Rechtsverkehr herrscht. Die Antwort darauf liegt nicht in einer willkürlichen Entscheidung der jeweiligen Länder, sondern ist in historisch gewachsenen Verkehrsregelungen begründet. Und diese reichen bis weit vor die Zeit erhöhten Verkehrsaufkommens zurück.
Die weltweit älteste bekannte Anordnung zur Benutzung von Strassen findet sich im chinesischen „Buch der Riten“. Das Standardwerk aus dem Reich der Mitte empfahl, dass Frauen die linke und Männern die rechte Seite eines Fahrweges zur Verfügung gestellt werden sollten; Räderwerke durften sich im Interesse der allgemeinen Sicherheit nur auf dem mittleren Teil der Strasse bewegen.
Unter der Grossmacht Rom gab es ebenfalls Bemühungen, das Verkehrsaufkommen zu regeln. Zu diesem Zweck erliess Cäsar im Jahr 46 v. C. eine Verordnung, die besagte, dass Reisewagen und sonstige Fuhrwerke die Zentren seines Reiches nur zwischen Sonnenunter- und Sonnenaufgang befahren durften; bei Tage hingegen sollten die Strassen ausschliesslich den Fussgängern zur Verfügung stehen. Die gutgemeinte Anordnung des Herrschers hatte jedoch einen Haken: Wegen des Lärms, den die hindurchrollenden Fahrzeuge in den unbelebten Strassen machten, konnten die Bürger der Städte nachts nicht mehr schlafen.
Lärm ganz anderer Art verursachte die Verkehrsregelung im übrigen Europa. Hier gab es nämlich lange Zeit überhaupt keine verbindlichen Vorschriften, so dass einander entgegenkommende Fahrzeuge und Passanten sich auf Zuruf einigten – und in Zweifelsfällen die Vorfahrt dem Stärkeren überliessen. Da das Verkehrsaufkommen jedoch vergleichsweise gering war, bot es nur selten Anlass, regulierend eingreifen zu müssen.
Erst im Jahr 1300 ergab sich in Rom erstmals wieder die Notwendigkeit, den Verkehrsfluss zu ordnen. Weil die Stadt anlässlich eines besonderen Sündenerlasses von über zwei Millionen Pilgern besucht wurde, herrschte dort bald ein heilloses Chaos. Im Bestreben, unter seinen Glaubensbrüdern Frieden einkehren zu lassen, schrieb Papst Bonifatius VIII. auf der einzigen Zugangsstrasse zum Petersdom – der Engelsbrücke – zwingenden Linksverkehr vor.
Diese Regelung zur Überquerung eines Flusses kam 1756 erneut zur Anwendung: In jenem Jahr erliessen britische Behörden die Vorschrift, dass auf der London Bridge ab sofort links gefahren werde – ein Umstand, der sich auf das Verkehrsaufkommen des ganzen Landes und von dort aus in sämtliche unter britischer Krone stehende Kolonien übertrug.
Wie um sich von der konkurrierenden Weltmacht abzugrenzen, führte das französische Volk im Zuge der 1789 stattfindenden Revolution den verbindlichen Rechtsverkehr in Paris ein. Ausserhalb der Metropole galt diese Vorschrift jedoch nur für Militärfahrzeuge; alle anderen Verkehrsteilnehmer durften die Strassenseite bzw. ihre Fahrtrichtung nach Belieben wählen. Gegen solch chaosfördernde Willkür ging ein Mann vor, der weder zu seiner noch einer anderen Zeit als Verkehrsplaner bekannt war: Napoleon Bonaparte. Er verfügte, dass in ganz Frankreich sowie in allen von ihm eroberten Gebieten Europas künftig einheitlicher Rechtsverkehr herrschen sollte.
An der von Napoleon erlassenen Regel hielten die betroffenen Staaten auch nach dem Sturz ihres bisherigen Herrschers fest. Einzig und allein Österreich bewies seine wiedergewonnene Unabhängigkeit auf verkehrstechnischer Ebene und ging aus Trotz zum Linksverkehr über. Die Bürger der USA zeigten ähnliches Gebaren und lösten sich von den Bestimmungen der britischen Vorherrschaft, indem sie nach deren Ende nun ausschliesslich rechts fuhren.
Dass das mitten im rechts fahrenden Europa liegende Österreich nicht mehr als „Linksverkehrsinsel“ gilt, ist der politischen Entwicklung des frühen bis mittleren 20. Jahrhunderts geschuldet. Nachdem die Bewohner der Alpenrepublik sich vielfach für die Abschaffung von Linksverkehr ausgesprochen hatten, diese Forderung aber nicht flächendeckend durchsetzen konnten, geriet Österreich im März 1938 unter doppeldeutig rechten Einfluss: Mit der Angliederung an das „Dritte Reich“ wurde auch die Verkehrsausrichtung umgestellt.
Seit dieser Zeit gilt in ganz Europa einheitlicher Rechtsverkehr. Die berühmte Ausnahme von der Regel bilden die Inselstaaten Grossbritannien und Irland sowie die ehemaligen britischen Kolonien Zypern und Malta. Die dort herrschende Gewohnheit, links zu fahren, greift auch in Indonesien, Japan, Australien und in den meisten Ländern Ostasiens.
Als Geschäftsreisender müssen Sie sich also nicht nur auf landestypische Bräuche, Gewohnheiten und Speisenfolgen einstellen, sondern unter Umständen auch auf eine abweichende Verkehrsregelung. Einen groben Orientierungspunkt dafür finden Sie in der Historie des jeweiligen Landes: Gebiete, die unter der Herrschaft Napoleons standen, schreiben Rechtsverkehr vor; in (ehemals) britisch regierten Ländern herrscht Linksverkehr.
Text: Christiane Dietering
Oberstes Bild: Nationalstrasse N2 in Cape Town, Südafrika (© Andres de Wet, Wikimedia, CC)