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Text: An einem schönen Morgen schreckte der Maulwurf Marvin plötzlich aus einem unruhigen Traum auf. Er wusste nicht mehr genau, was er geträumt hatte, aber das ungute Gefühl aus dem Traum steckte ihm immer noch in den Knochen. Um sich zu beruhigen, wollte er seiner Freundin Sybill, einer Spitzmaus, gleich davon erzählen. Marvin hatte viele Freunde, zum Beispiel Eduard, die schlaue Eule, oder Hanna, die Häsin, aber Sybill war seine beste Freundin. Schliesslich war sie die Einzige, die klein genug war, um ihn in seinen schmalen Gängen besuchen zu können. Doch wo er auch suchte und wie laut er auch nach ihr rief, Sybill war nirgends zu finden. Jetzt glaubte Marvin zu wissen, warum er so schlecht geträumt hatte: Seine beste Freundin war verschwunden. Er war verzweifelt, wo sollte er suchen? Er war es sich gewohnt in seinen wohligen Gängen mit seinen grossen, schaufelförmigen Händen herumzugraben. Mit ihnen fühlte er jedes Steinchen und jedes Sandkorn im Boden. An der Oberfläche hingegen, wo der riesige, hohe Himmel keinen Schutz bot, kannte er sich nicht aus. Ausserdem musste er in seiner kleinen Höhle nicht besonders gut sehen oder hören und das half bei der Suche nach Sybille an der Oberfläche leider gar nicht. Da Marvin weder ein noch aus wusste, beschloss er einen seiner Freunde um Hilfe zu bitten. Also machte er sich auf den Weg zu Eduard.
Eduard sass hoch oben in einer dicht gewachsenen Tanne, wo man ihn von unten nicht gut sehen konnte. Eduard hingegen sah mit seinen grossen Eulenaugen dafür umso besser. So hatte er Marvin schon längst entdeckt, als dieser unten am Baum ankam. Marvin rief verzweifelt nach der Eule, die völlig lautlos zu ihm hinunterglitt. Marvin erzählte Eduard sofort von Sybills Verschwinden und davon, dass er sie nicht finden konnte. Eduard beruhigte ihn und meinte: «Ich habe Sybill heute Morgen vom Waldrand Richtung Wiese krabbeln sehen, aber wo sie später hin ist, kann ich dir leider nicht sagen.» «Aber du hast doch so gute Augen», rief Marvin verzweifelt. «Du musst doch wissen, wo sie ist!» «Gute Augen allein sind nicht alles, lieber Marvin», sagte Eduard. «Man kann die Welt auch noch mit anderen Sinnen erkunden.» «Und welche sollen das sein?», fragte Marvin. «Das kann ich dir nicht sagen, das wissen andere besser als ich. Ich schlage vor, du folgst einfach Sybills Spur bis zur Wiese. Dort gibt es bestimmt andere Tiere, die dir helfen können. Ich wünsche dir aber trotzdem alles Gute bei der Suche.» Mit diesen Worten verabschiedete sich Eduard und flog wieder auf einen hohen Ast, wo ihn Marvin nicht mehr sehen konnte. Also krabbelte er aus dem Wald hinaus ins weite Feld.
In der Wiese angekommen, war das Suchen noch viel schwieriger als im Wald. Das hohe Gras wuchs so dicht beieinander, dass auch jemand mit besseren Augen als Marvin nichts hätte entdecken können. Plötzlich hörte er vor sich ein Rascheln. Was konnte das sein? Vielleicht ein Fuchs, der ihn fressen wollte? Marvin war ganz unwohl zumute. Möglichst leise tapste er vorwärts, um ja nicht entdeckte zu werden. Da plötzlich hüpfte etwas von oben genau auf ihn rauf. Verzweifelt versuchte er sich freizustrampeln, aber als er es endlich geschafft hatte, sich auf den Rücken zu drehen, blieb er vor Erstaunen ganz still liegen. Von oben lachte Hanna, die Häsin, auf ihn herab: «Hallo Marvin! Na, du siehst aber erschrocken aus.» «Ha…, ha…, hallo, Ha…, Hanna», stotterte Marvin ganz überrascht. «Wie hast du mich gefunden? Ich bin doch extra ganz leise geschlichen.» «Tja, ich bin eben eine Häsin. Mit meinen grossen Ohren höre ich alles und jeden», sagte Hanna stolz. «Echt? Das ist ja fantastisch! Ich suche nämlich nach Sybill und kann sie nicht finden. Hast du sie vielleicht gehört?» «Ja heute Morgen. Sie hat ein Lied gepfiffen auf dem Weg Richtung Feld.» «Oh, das ist super!», rief Marvin erfreut und rappelte sich auf. «Danke Hanna. Dann werde ich dort gleich nach ihr suchen.» Schon verschwand er wieder im Gras. Hanna blickte ihm erstaunt nach.
Doch auf dem Feld angekommen, verflog Marvins Hoffnung schnell wieder. Anscheinend war das Feld vor kurzer Zeit umgepflügt worden, sodass es unmöglich war, auch nur die geringste Spur zu finden. Das Einzige, was er entdecken konnte, war ein grosses Wildschwein, das in der frischen Erde nach schmackhaften Wurzeln suchte. Da er sonst keinen Rat wusste, beschloss Marvin, es um Hilfe zu bitten. Es stellte sich heraus, dass Willy, so hiess das Wildschwein nämlich, ein ganz gemütlicher Kerl war. Als Marvin ihn fragte, ob er eine kleine Spitzmaus gesehen oder gehört habe, meinte er nur: «Gesehen oder gehört habe ich gar nichts. Aber seit ich hier über das Feld streiche, rieche ich die ganze Zeit etwas Seltsames. Vielleicht ist das ja Sybills Spur?” «Du kannst eine Spur riechen?», fragte Marvin verblüfft. «Wie soll das denn gehen?» «Na mit meiner grossen Nase, wie denn sonst?», meinte Willy amüsiert. «Komm ich zeig’s dir», sagte er und begann gleich damit über dem Boden zu schnuppern. Marvin machte es ihm nach, konnte aber keine Spur entdecken. So folgte er Willy, bis dieser vor einem kleinen Loch im Boden stehen blieb. «Sieht so aus, als wäre sie da reingeschlüpft», meinte er. «Da pass ich mit meiner Statur also wirklich nicht hinein, da musst du schon selber weitersuchen”. «Kein Problem», sagte Marvin, «Das ist für mich ein Kinderspiel.» Freundlich dankte er Willy für seine Hilfe und verschwand im Eingang.
Im engen Tunnel fühlte sich Marvin endlich wieder wohl, doch etwas war anders. Er war sich sicher, dass dies kein Maulwurfsgang war. Während er noch überlegte, wer hier wohl lebte, kam etwas aus einem Seitengang geschossen und knallte genau in Marvins Seite. Das Etwas und er blieben beide verwirrt liegen. «Was ist das denn?», fragte Marvin erstaunt. «Ich bin ein Hamster», sagte der Hamster. «Aber was du wohl wirklich wissen willst ist, wer ich bin.» «Und wer bist du?», wollte Marvin nun wirklich wissen. «Ich bin Hannes», sagte Hannes. «Was suchst du denn bei mir zuhause?» «Meine Freundin Sybille», sagte Marvin. «Sie ist eine Spitzmaus.» «Eine Spitzmaus?», fragte Hannes. «Sind die nicht so ganz klein und haarig?» «Ja, wieso fragst du?», wollte Marvin wissen. «Oh», meinte Hannes und sah plötzlich sehr bedrückt aus. «Was ist denn los?», fragte Marvin, dem das alles nicht geheuer war. «Ich glaube, ich habe sie aus Versehen verschluckt», meinte Hannes, peinlich berührt. «VERSCHLUCKT»?! Marvin war schockiert. «Oh nein! Das kann doch nicht sein. Seit wann essen Hamster denn Mäuse??» – «Ich habe sie doch nicht gegessen!», protestierte Hannes. «Du musst wissen, wir Hamster stopfen uns einfach alles in den Mund, was irgendwie essbar aussieht. Wenn nichts mehr reinpasst, bringen wir alles in unsere Vorratskammer für den Winter. Das nennt man dann ‹hamstern›».
«Deine Sybille ist so klein, dass ich sie wohl für eine grosse Nuss gehalten habe.» «Du bist wohl auch ein bisschen eine Nuss», meinte Marvin spöttisch aber auch wieder etwas beruhigt. Also führte Hannes ihn in seine Vorratskammer. Dort wimmelte es nur so von Baum- und Haselnüssen. «Sie muss irgendwo in dem Haufen sein», meinte Hannes. «Aber, so dunkel wie es hier drinnen ist, wir werden sie nie finden.»
Doch dieses eine Mal wusste Marvin genau, was zu tun war. Mit seinen grossen Schaufelhänden wühlte er durch den Haufen, bis er plötzlich spürte, wie sich etwas tief im Haufen ganz leicht bewegte. Nach kurzer Zeit hatte er Sybille ausgegraben. Beide freuten sich sehr sich wiederzusehen und auch Hannes schien erleichtert. «Wieso bist du denn verschwunden?», wollte Marvin von ihr wissen. «Ich habe im Feld nach Regenwürmern gesucht», erzählte sie «Aber nachdem es umgepflügt worden war, habe ich den Rückweg nicht mehr gewusst und dann hat mich dieser Hamster verschluckt. Aber wie hast du mich denn bloss hier gefunden? Ich dachte immer du siehst so schlecht.» «Weisst du», sagte Marvin amüsiert, «manchmal braucht man mehr als nur die Augen, um die Welt zu entdecken.»
Eine Geschichte von Smart In: Lagerfeuergeschichten für Gesetz & Versprechen (online: www.pfadi.swiss)
Animation: In einem Sinnesparcours mit einem Riechmemory, Barfusslauf, Hindernislauf mit verbundenen Augen, mit Lebensmittelfarbe eingefärbtem Essen, einem Kimspiel und Gegenständen, die ertastet werden, können die Sinne erlebt werden. Was ist am schwierigsten?
Ausklang: Als Abschluss des Postenlaufs notieren alle still auf einem Plakat, was der «Übersinn» kann. Danach wird nochmals der Geschmacksinn getestet :).
Dieses Anispi stammt aus Anispi-Sackmesser – eine Gebrauchsanleitung.