Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03372.jsonl.gz/183

Hans Baumann ist Ökonom und Publizist.
Die Impfstoffe gegen das Coronavirus sind ungleich verteilt. Zudem haben einzelne Länder mehr organisatorische Schwierigkeiten als andere bei der Durchimpfung der Bevölkerung. Das beklagen wir auch innerhalb der Schweiz, wo einzelne Kantone schneller vorwärtsmachen als andere. In dieser Zeitung (work Nr. 8) wurde aufgezeigt, dass auch die soziale Lage eine grosse Rolle spielt. Weniger privilegierte Menschen sind nicht nur eher von Ansteckungen betroffen, weil sie zum Beispiel nicht im Homeoffice arbeiten können. Sie haben oft auch mehr Schwierigkeiten, zu den Impfungen zu kommen, weil sie während der Arbeitszeit nicht wegkönnen, keinen Zugang zu den Online-Anmeldeportalen haben oder das Verfahren sie sprachlich überfordert.
KRASSE UNTERSCHIEDE. Global gesehen, sind diese Ungleichheiten noch viel krasser. Die Grafik zeigt, wie unterschiedlich der Stand der Impfungen ist. Die Schweiz befindet sich etwa in der gleichen Situation wie die umliegenden Länder, die pro 100 Einwohner bis Mitte Mai 40 Impfdosen verabreichen konnten. In der Schweiz wurden damit bisher 12,5 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner vollständig geimpft, 12,5 Prozent haben erst eine Dosis erhalten. Einige wenige Länder sind bedeutend weiter: Grossbritannien und die USA konnten bisher rund doppelt so viele Impfungen verabreichen, «Impfweltmeister» war und ist Israel. Die Impfstrategie dieser Länder basiert auf einem sehr raschen Ankauf von genügend Impfstoff. Klar, dass dies nur auf Kosten anderer Länder möglich ist, solange die Impfproduktion den weltweiten Bedarf noch nicht decken kann. In den USA und Grossbritannien wird die nationale Impfstrategie durch die Tatsache begünstigt, dass dort wichtige Pharmakonzerne ihren Hauptsitz haben. Zwischen der EU und Grossbritannien kam es deshalb auch zum Streit: So wurden vom europäischen Festland vom letzten Dezember bis April dieses Jahres 21 Millionen Impfdosen nach England exportiert, während in umgekehrter Richtung praktisch nichts kam.
KATASTROPHE. In einer kritischen Lage sind jene Länder, die weniger wirtschaftliche Ressourcen haben und/oder deren politische Machtverhältnisse eine rasche Durchimpfung verunmöglichen. So zum Beispiel in Indien, wo sich die Pandemie inzwischen zu einer Katastrophe entwickelt hat. Verständlich, dass Indien dadurch einen grossen Teil der Eigenproduktion an Impfstoffen nicht wie vorgesehen exportieren kann, sondern selbst benötigt. Hoffnungslos im Rückstand sind die afrikanischen Staaten wie Ägypten und Uganda.
Zwar sollen bis Ende Jahr auf diesem Kontinent wenigstens 20 Prozent der Bevölkerung geimpft sein, aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Eine gerechtere Verteilung der Impfstoffe wäre also dringend nötig. Jetzt ist die internationale Gemeinschaft gefordert.