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Die Chaldäer kannten neben ihren mit dem Sterndienst zusammenhängenden himmlischen Geistern auch solche, deren Aufenthalt
und Wirksamkeit an bestimmte Gegenden gebunden war, und noch tiefer unten die verfinsterten Geister, die auf und in der Erde
und in ihrer Atmosphäre wohnten, wie die Feuer-, Licht-, Feldgeister etc. In ein System gebracht finden
wir die Dämonenlehre bei den Persern, welche dem Ormuzd außer den sieben Amschaspands (s. d.) viele gute Genien, dem Ahriman
außer den sieben Dews (s. d.) noch zahllose böse Geister unterordneten.
Auf die Einwirkung der bösen Dämonen führte man jede Krankheit, insonderheit Tobsucht, Epilepsie, plötzliches Stumm- oder
Taubwerden, auch alle Arten von Geistesgestörtheit zurück. Dies die »Besessenen« oder »unsaubern Geister« des NeuenTestaments.
Eine noch vollständigere Ausbildung und eine erschöpfende, mit fast naturgeschichtlicher Genauigkeit
verfahrende Terminologie erhielt die Dämonologie im Gnostizismus, Rabbinismus und Kabbalismus, so daß es zuletzt keinen
Teil der Natur und der Verhältnisse des Lebens gab, über die man nicht Geister gesetzt hätte.
Bildete sich die Dämonologie bei den orientalischen Völkern vornehmlich dogmatisch-poetisch aus, so gestaltete
sich dieselbe bei den Griechen mehr poetisch-philosophisch. Der alte Sprachgebrauch bezeichnet mit Dämon die Gottheit als waltende
und auf den Menschen einwirkende Macht. Der Dämon ist es daher, welcher den Menschen bald mit höherer Begeisterung erfüllt, bald
aber auch mit Wahnsinn und Unheil schlägt, und jede eminente Kraft
[* 4] oder That wird eine dämonische
genannt,
da sie für die Wirkung der Gottheit oder des Dämons galt.
Indessen schon bei Hesiod wird der Glaube an ganze Scharen und verschiedene Klassen von Dämonen als Zwischenwesen zwischen
den Göttern und den Menschen bestimmt ausgesprochen, und zwar umschweben sie denMenschen als unsichtbare Wächter über
Recht und Unrecht, auch als Reichtumsspender, oder sie wirken und schaffen in der irdischen Sphäre als Natur- und Elementargeister
wohlthätig oder verderblich. Nachmals haben die Philosophen diesen Glauben mit vielen einzelnen Beziehungen auf das Natur-
und das menschliche Seelenleben (auch mit Übertragung auf die geheimnisvolle Geisterwelt der Verstorbenen) immer weiter
ausgebildet.
Besonders in zwei Richtungen tritt derselbe hervor, insofern die Dämonen einesteils als dienende Kräfte und begleitende Umgebung
der einzelnen Kultusgötter gedacht werden (in welcher Anwendung sie häufig individuellere Gestalt und Namen annehmen), andernteils
als den einzelnen Menschen (auch Völkern) zugesellte Geisterwesen erscheinen, welche dieselben von der Geburt an auf
allen ihren Lebenswegen begleiten. Die Einwirkung dieser Dämonen äußerte sich bald zum Schutz undHeil, bald zum Schaden
der Menschen.
Daher nahm man später wohl auch zwei Dämonen für jeden einzelnen an: einen guten und einen bösen; indessen war der
allgemeine Glaube der, daß von dem Dämon jedes einzelnen Gutes oder Böses komme, daß der Dämon des einen mächtig
oder wohlwollend, der des andern schwach oder übelwollend sei. SchonPindar kennt diesen Glauben an einen individuellen Dämon des
einzelnen, der somit zugleich das persönliche Schicksal des Menschen bezeichnet. In gleichem Sinn spricht Sokrates von seinem
»Dämonion« als von einem guten Geist, welcher ihn von den ersten Jahren seines Lebens an begleitet und stets
von Unrechtem abgehalten habe.
In der Folgezeit freilich verband sich mit dem Worte Dämon immer entschiedener der Begriff des Bösen und Verderblichen. Eine große
Rolle spielt die Dämonologie auch in der neuplatonischen Philosophie, welche den ganzen Polytheismus der
Griechen in ihr System mit aufnahm in Gestalt des Glaubens an Dämonen, die als Untergötter der Natur und allen Lebensbeziehungen
vorstehen, als demiurgische Mittelwesen zwischen den hilfsbedürftigen Menschen und der Gottheit vermitteln sollten.