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Vor siebzig Jahren, im Juni 1949, wurde das Freibad Letzigraben in Zürich eröffnet. Es ist das bekannteste Bauwerk des ETH-Absolventen Max Frisch.
Eröffnung im Juni 1949 (Michael Wolgensinger/Max Frisch-Archiv)
Bevor Max Frisch mit Werken wie Stiller und Homo faber seinen Durchbruch als weltweit gefeierter Schriftsteller erzielte, arbeitete er als Architekt. Im Jahr 1943 bewarb er sich auf eine Ausschreibung des Stadtrats von Zürich. Es galt, ein zeitgemässes Freibad zu entwerfen, das in einer wachsenden Stadt auch weniger begüterten Schichten den Aufenthalt in Sonne, Licht und Luft ermöglichen sollte. Als Vorbild für das neue Bad im Arbeiterquartier Albisrieden diente das 1939 eröffnete, parkartig angelegte Freibad Allenmoos. „Die ganze Badeanlage“, so verlangte es die Ausschreibung, „soll nicht als eintöniger Zweckbau in Erscheinung treten, sondern als reizvolle, belebte Schmuckanlage ausgestaltet werden. So wird sie einen frohmütigen Badebetrieb versprechen und ausserdem zur Verschönerung des Quartiers sehr viel beitragen.“
Max Frisch hatte 1940 das Studium der Architektur an der ETH Zürich abgeschlossen und befand sich nach der Heirat mit einer ehemaligen Kommilitonin, der Architektin Gertrud („Trudy“) Constanze von Meyenburg, auf dem Weg in ein bürgerliches Leben. Hinter ihm lagen erste schriftstellerische und journalistische Arbeiten, ein abgebrochenes Germanistik-Studium und der frühe Tod des Vaters. Sein Freibad-Entwurf überzeugte die Jury, sodass er die Pläne weiter ausarbeiten und sich mit einem eigenen Architekturbüro selbstständig machen konnte. Doch bis sein Vorhaben umgesetzt werden konnte, vergingen mehrere Jahre.
Kriegsbedingt war das Baumaterial knapp, lange wurde über die Kosten diskutiert. In seinem Tagebuch 1946-1947, an dem er parallel arbeitete, beschreibt Max Frisch den Beginn der Bauarbeiten im Jahr 1947 und den eigentümlichen Ort der Baustelle. Wo das neue Volksbad entstehen sollte, hatte sich früher nicht nur eine römische Villa befunden, sondern auch der Galgenhügel der Stadt Zürich, schliesslich ein Pulverhaus:
Letzigraben, August 1947
Endlich ist es soweit, daß wir mit unserem Bau beginnen. Die ersten Arbeiter sind auf dem Platz; ihre braunen Rücken glänzen von Schweiß, und um die Baracke, wo unsere Pläne warten, wimmelt es von leeren Bierflaschen; irgendwo werfen sie Bretter aufeinander, daß es hallt; die ersten Lastwagen sind da, und heute, wie ich auf diese Baustelle komme, ist es schon ein ganzer Berg von brauner Erde; ein Bagger frißt die Wiese weg mitsamt den Stauden. In zwei Jahren, die mir sehr lang erschienen, soll die Anlage eröffnet werden; ein Freibad für das Volk. Vor hundert Jahren war hier der Galgenhügel; der Aushub wird nicht ohne Schädel sein, wie sie Hamlet in die Hand genommen hat, und weiter drüben ist es das alte Pulverhaus, das sie eben abbrechen; fast lautlos stürzen die alten Mauern, verschwinden in einer Wolke von steigendem Staub –
Wären es die Pulverhäuser aller Welt!(Max Frisch: Tagebuch 1946-1949)
Max Frisch verfolgte die Bauarbeiten nicht nur als Architekt, sondern auch als Schriftsteller. Parallel konnte er im Schauspielhaus Zürich den Proben zu einem neuen Stück beiwohnen. In dieser Zeit erlebte er, wie sich „zwei Entwürfe so verschiedener Art“ verwirklichten. Nicht ohne Stolz führte er den bewunderten Bertolt Brecht über die Baustelle des Freibads. Schliesslich lud er Freunde und Wegbegleiter aus der Welt der Literatur zur Eröffnung ein:
Der Unterzeichnete würde sich sehr freuen, einigen seiner Kritiker, Helfer, Begleiter auf literarischem Gebiet – deren Gattinnen oder Gatten nicht ausgenommen – zur Abwechslung einmal eine architektonische Arbeit zeigen zu dürfen. Das städtische Volksbad LETZIGRABEN ist der erste Bau grösseren Umfanges, den der Unterzeichnende hat verwirklichen dürfen. […] Es wird nicht über Literatur gesprochen.(Rundschreiben von Max Frisch, Anfang Juni 1949, Max Frisch-Archiv)
Freibad Letzigraben im Jahr 1949 (Michael Wolgensinger/Max Frisch-Archiv)
Auch siebzig Jahre nach der Eröffnung ist das Freibad Letzigraben ein Ort, der im Sommer erfrischt, dessen grosszügiger Park zum Flanieren einlädt und der die eine oder andere Überraschung bereithält. In den ehemaligen Garderoben sind heute Kunstausstellungen zu sehen. Ein Raum des Max Frisch-Archivs informiert über Leben und Werk des Autors.
Freibad Letzigraben
Ort: Edelweissstrasse 5, 8055 Zürich
Tel.: +41 44 413 57 00