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von Andi Süess
Nino Rota – dieser Name weckt grosse italienische Gefühle in den Herzen der Filmmusikliebhaber und Erinnerungen an die einmalige Zusammenarbeit mit Federico Fellini. In seiner langen Karriere arbeitete Rota jedoch auch mit vielen anderen bedeutenden Regisseuren im In- und Ausland zusammen und war darüber hinaus vielfältig tätig im Bereich der klassischen Musik. Im Dezember 2011 jährt sich sein Geburtstag zum hundertsten Mal; dies ist Anlass genug, an dieser Stelle den grossen italienischen Komponisten mit einem Porträt zu ehren.
„Alle waren fasziniert von seiner extremen Verfügbarkeit
bei gleichzeitiger totaler Absenz.
Wo oder bei welcher Gelegenheit auch immer du ihn trafst,
aus welchen Gründen auch immer er sich selbst dort fand,
er schien immer zufällig dort gelandet zu sein, gab dir aber
gleichzeitig das Gefühl, dass man auf ihn zählen konnte,
dass er dir ein wenig Gesellschaft leisten würde.“
Federico Fellini
Ein Leben für die Musik
Seine Begabung hat der am 3. Dezember 1911 in Mailand geborene Nino Rota nicht gestohlen, denn er wuchs in einer höchst musikalischen Familie auf. Sein Grossvater mütterlicherseits, Giovanni Rinaldi, war Komponist, die Mutter Pianistin und seine Cousine Maria Konzertsängerin. Die Rotas besuchten regelmässig Opern und Konzerte und führten auch selbst Musikabende durch, die prominente Gäste wie Giacomo Puccini, Maurice Ravel, Igor Stravinsky und Arturo Toscanini anzogen.
Rotas musikalische Fertigkeiten entwickelten sich früh, was ihm bald den Ruf als «Neuer Mozart» oder «Mozart des 20. Jahrhunderts» einbringen sollte; als kleiner Knirps spielte er bereits Klavier, das er als 8-jähriger mit perfekt harmonierenden Improvisationen beherrschte. Im gleichen Alter begann er zu komponieren. Die öffentliche Aufführung seines ersten Werkes ‒das Oratorium L’infanzia di San Giovanni Battista ‒ erlebte er als Zwölfjähriger. Er hatte darüber hinaus eine Gabe, die man heutzutage als «multitasking» bezeichnen würde, nämlich eine Melodie zu schreiben, während er einer anderen zuhörte oder das Radio laufen liess.
Seine professionelle musikalische Ausbildung begann Rota mit 13 Jahren, studierte unter Ildebrando Pizetti, Alfredo Casella und an der Accademia di Santa Cecilia in Rom. Nach seinem Hochschulabschluss ging er 1931 für zwei Jahre ans Curtis Institute in Philadelphia, wo er sich in historischer Musik weiterbildete und bald Komponisten wie Aaron Copland, Samuel Barber und Gian Carlo Menotti zu seinem Bekannten- und Freundeskreis zählte. Vor allem dank Copland kam er auch mit amerikanischer Unterhaltungs- und Filmmusik in Berührung.
Kaum zurück aus den USA, vertonte Rota 1933 mit Treno Populare seinen ersten Film, der für längere Zeit jedoch auch sein einziger blieb, denn nebst dem Komponieren einiger kleinerer Konzertwerke galt sein Hauptaugenmerk dem italienischen Renaissance-Komponisten Gioseffo Zarlino, über den er an der Mailänder Universität seine Doktorarbeit schrieb. Ab 1937 lehrte er am Musikkollegium in Puglia, zwei Jahre später wechselte er ans Konservatorium in Bari, wo er nach zehn Jahren als Dozent für Harmonie und Kontrapunkt zum Direktor ernannt wurde; ein Posten, den er bis zu seinem Lebensende besetzte.
Ab 1942 begann Rota, regelmässig Filmmusiken zu schreiben und legte dabei eine erstaunliche Produktivität an den Tag. War er zunächst ausschliesslich an einheimischen Filmen beteiligt, riefen nach ein paar Jahren bereits englischsprachige Produktionen nach seinen Diensten; aus dieser Phase kennt man heute vor allem noch The Glass Mountain (1949). Die 1950er-Jahre sahen den Beginn von Rotas einzigartigen Zusammenarbeit mit Fellini sowie mit War and Peace (1956) den bis dato opulentesten Film, an dem der Komponist mitwirkte und der ihm zweifellos viel internationale Beachtung bescherte.
Die 1960er-Jahre standen nebst Fellini im Zeichen einiger denkwürdiger Arbeiten für namhafte italienische Regisseure wie Luchino Visconti (Rocco e i suoi Fratelli, Il Gattopardo) und Franco Zefirelli (The Taming of the Shrew, Romeo and Juliet) sowie für den Franzosen René Clément (Plein Soleil). Auch die 1970er-Jahre waren Rota hold, brachten ihm mit The Godfather sogar relativ spät in seiner Karriere den kommerziell grössten Erfolg (zumindest was das Love Theme betraf, welches ‒ ob vokal oder instrumental ‒von Hinz und Kunz eingespielt wurde) und auch nochmals ein paar vielbeachtete internationale Grossproduktionen wie Waterloo und Death on the Nile. Nino Rota starb im Alter von erst 67 Jahren infolge eines Herzinfarktes am 10. April 1979 in Rom.
Über Rotas Privatleben weiss man wenig. Offenkundig war sein Interesse am Okkulten und Esoterischen, denn er hat gemeinsam mit Vinci Verginelli eine der weltweit grössten Sammlungen hermetischer Literatur zusammengetragen. Zu Spekulationen Anlass gab sein Liebesleben, denn obwohl er in London eine Tochter namens Nina zeugte, drangen nie ernsthafte Beziehungen zu Frauen an die Öffentlichkeit. Deshalb sagte man ihm einerseits eine enthaltsame Lebensweise nach, anderseits wurden in seiner Musik Hinweise auf eine mögliche Homosexualität gesucht, was gerade bei Fellini naheliegend wäre, denn der Regisseur war zwar heterosexuell, die gleichgeschlechtliche Liebe faszinierte ihn jedoch zeitlebens. Bestätigt haben sich diese Gerüchte bisher nicht, vielleicht genügte Rota ganz einfach die eine grosse Liebe seines Lebens: die Musik.
Wer könnte den desorganisierten und chaotischen Nino Rota charakterlich besser beschreiben als sein langjähriger Weggefährte Federico Fellini, der über ihn sagte: «Er war jemand, der eine seltene Eigenschaft besass, was Intuition betrifft. Genau wie Kinder oder einfache, sensible und unschuldige Menschen konnte er plötzlich verblüffende Sachen sagen. Sobald er erschien, verschwand der Stress, alles wandelte sich in eine festliche Stimmung, der Film betrat einen freudvollen, gelassenen, fantastischen Abschnitt, ein neues Leben.»
Konzertmusik
Nino Rota hat rund 170 Werke in den verschiedensten Bereichen wie Chor- und Orchestermusik, Oper, Theater, Ballett und Kammermusik geschrieben. Obwohl er während seiner Ausbildung unter Casella in Kontakt kam mit Komponisten wie Busoni, Respighi, Malipiero und Castelnuovo-Tedesco, die sich als «Generazione dell‘ ottanta» gegen die überwältigende Dominanz der Oper in der italienischen Musikwelt auflehnte und sich sowohl an den alten Meistern im eigenen Land wie Monteverdi, Pergolesi und Vivaldi als auch an zeitgenössischen ausländischen Komponisten wie Stravinsky, Ravel oder Schönberg orientierten, gehörte er diesem Lager, obwohl er schon auch neoklassizistische Werke schrieb, nicht wirklich an, denn er teilte deren Abneigung gegen die Romantik nicht. Wenn er sich stilistisch der Oper des 19. Jahrhunderts zuwandte, dann vermied er indessen deren Bombast und bediente sich lieber der sanften, verträumten, sentimentalen Seite der Romantik.
Obwohl Rota Preise gewann und viele seiner Werke veröffentlicht wurden und immer mehr auch eingespielt werden, sind seine Kompositionen nur selten auf Konzertprogrammen zu finden. Bei Musikkritikern ist er nicht sehr hoch angesehen, am allerwenigsten erstaunlicherweise in Italien selbst.
Filmmusik
Es gibt einige Anekdoten über Rotas Arbeitspraxis in Sachen Filmmusik. Dass er sich hauptsächlich vom Geist eines Filmes inspirieren liess und nicht von dessen Handlung und Figuren. Dass er während Vorführungen einzuschlafen pflegte und meist erst während der Schlussphase einer Produktion erschien, um die technische Feinarbeit seiner Scores vorzunehmen und sich dann die fertigen Filme nie mehr anschaute.
In seinen ungefähr 160 Arbeiten fürs Kino und Fernsehen stellte Rota seine Vielseitigkeit eindrucksvoll unter Beweis. Egal, welche Zeitepoche oder welche Lokalität, er steuerte scheinbar mühelos stets die passenden Klänge bei. Da seine Filme, hauptsächlich Dramen und Komödien, oft von einfachen Leuten handeln, spielt Unterhaltungsmusik jeglicher Form eine wichtige Rolle. Die kann aus Eigen-, aber auch Fremdkompositionen aus jedem denkbaren Gebiet bestehen, wie Schlager, Tänze und Märsche, Volkslieder wie La Montanara und vor allem neapolitanische Gesänge. Da zeigen dann nebst den unverwüstlichen O Sole Mio und Funiculì Funiculà auch selber komponierte Stücke wie Lla Rì Lla Rà aus Le Notti Di Cabiriadie ausgeprägte volkstümliche Ader Rotas.
Wie bei kaum einem anderen Filmkomponisten spielt also Source-Musik bei Rota oft eine wichtige Rolle im Gesamtkozept seiner Filmmusiken, und ebenso oft sind die Grenzen zwischen Source-Musik und Underscore fliessend. Dies ist insbesondere bei den meisten Werken für Fellini von grosser Bedeutung, denn dessen skurriler Humor, seine Liebe zum Zirkus und sein Hang zum immer Groteskeren verlangt geradezu nach einer unorthodoxen Herangehensweise. Obwohl der Regisseur vorgab, kein grosses Interesse an Musik zu haben, hatte er jeweils doch konkrete Vorstellungen über deren Einsatz in seinen Filmen und Rota, den er als seinen wichtigsten Mitarbeiter bezeichnete, gab ihm, was er wollte, auch wenn er zuweilen Fremdkompositionen, die Fellini vorschwebten, nachahmte statt das Original zu verwenden. Ein bekanntes Beispiel dafür ist Einzug der Gladiatoren von Julius Fučík ‒ wohl das Zirkusstück schlechthin ‒ das Fellini in 8 1/2 haben wollte. Rota schrieb stattdessen mit La Passerella Di Addio eine Komposition, die zu seinen bekanntesten werden sollte.
Dramatisch ganz oder zumindest zum grossen Teil durchkomponierte Rota-Filmmusiken gibt es natürlich auch, Beispiele sind ‒ zumindest was man von Tonträgern her kennt ‒War And Peace, Plein Soleil, Il Gattopardo (mit Ausnahme der langen Ballsequenz), Romeo and Juliet, die Godfather-Filme, Waterloo, The Abdication, Death on the Nile.
Plagiarismus
Nino Rota war in einen der grössten Plagiats-Vorfälle der Filmmusikgeschichte verstrickt, denn seine Oskar-Nomination für The Godfather wurde wegen Wiederverwendung eines Themas aus Fortunella gestrichen. Hatte der Komponist in erster Linie aus Bequemlichkeit und Zeitnot zu dieser Massnahme gegriffen, hätte die Academy dies wohl gar nicht bemerkt, wäre sie nicht durch ein Telegramm der «Compositori italiani di colonne sonore» darauf aufmerksam geworden. Iniziiert hatte dies vermutlich Dino De Laurentiis, der als Produzent von Fortunella ein Stück vom Erfolg (und Ertrag) dieses Stückes, das erst durch den Coppola-Film weltberühmt wurde, abhaben wollte. Ironischerweise war dies zwei Jahre später dann kein Thema mehr, als Rota für den zugegebenmassen besseren Godfather 2 das begehrte Goldmännchen in Empfang nehmen durfte.
Zum Plagiarismus hatte Rota indessen sowieso eine pragmatische Einstellung: «Ich bin absolut davon überzeugt, dass es in der Musik keinen Plagiarismus gibt. Wenn man sich das zur Verfügung stehende musikalische Material zu Eigen macht, ist man dem Urheber zur Dankbarkeit verpflichtet. Was könnte es zwischen uns Musikern Schöneres geben?». Es darf deshalb niemanden verwundern, dass er in aller Selbstverständlichkeit viele seiner Themen wiederholt aufgriff, sich für seine Filmmusiken Material aus seinen Konzertwerken entlehnte und vice versa. So bilden etwa die beiden letzten Sätze seiner Sinfonia Sopra Una Canzone D’Amore die Grundlage zu Il Gattopardo, während das Ballett La Strada auf gleichnamiger Filmmusik basiert.
Das Vermächtnis
Nino Rota ist zwar schon lange nicht mehr unter uns, sein unverkennbarer Stil aber lebt weiter. Wenn in Filmmusik das «Dolce Vita», die unbekümmerte, herzliche und humorvolle Lebensweise unserer südlichen Nachbarn zum Ausdruck kommt, spricht man gerne schon mal von «rotaesk». James Horner handelte sich gar seinen meines Wissens einzigen ernsthaften Rechtsstreit ein, als er in Honey, I Shrunk The Kids zu offensichtlich von einem Thema aus Amarcord Gebrauch machte. Einer, der offen dazu steht, von Rota beeinflusst worden zu sein, zumindest in seinen frühen Scores, ist Danny Elfman. Das wird für jeden offensichtlich, der sich beispielsweise Il Matto Sul Filo aus La Strada, Il Teatrino Delle Suore aus Giulietta Degli Spiriti oder Teile aus Il Casanova anhört.
Rotas Filmmusik auf Tonträger
Veröffentlichungstechnisch gesehen ist Nino Rotas frühes Filmmusikschaffen Brachland, da wohl die wenigsten Aufnahmen aus dieser Zeit überlebt haben dürften. Dies ändert sich ziemlich genau zum Zeitpunkt, als die Zusammenarbeit mit Fellini beginnt, und interessanterweise sind praktisch alle Früchte dieser Kollaboration auf Tonträger erschienen und dominieren den Markt, denn die meisten davon sind scheinbar nie vergriffen und erreichen dementsprechend grosse Auflagen. Während das Gleiche für die beiden bekannten Viscontis gilt, sieht es bei anderen wichtigen Arbeiten, wie beispielweise den Zefirelli-Musiken, schon ein wenig anders aus.
Heutzutage sind Erstveröffentlichungen praktisch inexistent, und wenn denn mal ein Spezial-Label eine limitierte Rota-CD veröffentlicht wie jüngst Quartet Records, dann sind es Neuauflagen wie in diesem Falle Fellini Satyricon und Fellini Roma. Gerade diese auf 1000 Stück limitierte Scheibe aber verdeutlicht die grosse Bandbreite des Italieners: in Satyricon bekommen wir es mit einem äusserst modernen Komponisten zu tun, der mit ethnischen Gesängen und Percussion experimentiert und sich damit des antiken Rom fernab eines Miklós Rózsa annimmt, während der vorzügliche Roma einen traditionell gestimmten Rota zeigt, der auf vertrauten Pfaden wandelt.
Für Rota-Einsteiger empfehlen sich zunächst einmal ein paar Sampler (deren Verfügbarkeit ich allerdings nicht garantieren kann) wie Nino Rota Music for Films, die Riccardo Muti mit der Filarmonica della Scala für Sony eingespielt hat; nebst Musik zu einigen Fellini- und Visconti-Filmen enthält diese Scheibe auch eine ebenso exzellente wie repräsentative Godfather-Suite, die die Original-Soundtracks praktisch überflüssig macht. Von Emi Classics gibt es Nino Rota Film Musik, das Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo unter Gianluigi Gelmetti spielt Suiten aus War And Peace (die einzige Möglichkeit, momentan an diese Musik heranzukommen, sofern man nicht viel Geld ausgeben oder zum Download greifen will, da das Originalalbum mit seinem leider sowohl auf LP als auch auf CD miserablen Klang schon lange vergriffen ist), Il Gattopardo, Waterloound die hörenswerte, fast halbstündige Ballettsuite La Strada. Der frühe Silva-Screen-Sampler The Symphonic Fellini Rota mit dem Czech Symphony Orchestra unter Derek Wadsworth ist besser als befürchtet, und CAM’s Nino Rota Film Music enthält ein paar Raritäten wie Napoli Milionaria, The Glass Mountain und Sunset Sunrise.
An Soundtrack-Alben als Rota-Grundausstattung bieten sich aus meiner (zugegebenermassen subjektiver) Sicht folgende an: La Strada/Le Notti Di Cabiria, zwei Scores mit der Fellini-Zauberformel aus der frühen Phase der Zusammenarbeit, Plein Soleil mit spannungsgeladener Atmosphäre, die sich am behaglichen Mittelmeer-Lebensgefühl reibt, Il Gattopardo, Rotas emotionale Sizilien-Sinfonie zu Zeiten Garibaldis. Der von Lebenslust strotzende La Bisbetica Domata/The Taming Of The Shrew und der feinfühlige Romeo And Juliet, eine musikalische Liebeserklärung an die Liebe. Waterloo mit einem prachtvollen Walzer und Rota von seiner angriffigsten Seite zeigend, The Godfather 2, facettenreicher und insgesamt überzeugender als sein Vorgänger. Alle Origini Della Mafia, die einmalige Zusammenarbeit von Nino Rota und Ennio Morricone, wobei sich der Anteil Morricones aufs Arrangieren und Dirigieren einiger Cues beschränkt. Il Casanova, Fellinis Porträt des venezianischen Schürzenjägers mit Klängen wie auf Drogen, Death On The Nile, eine altmodische, von mysteriösen Morden heimgesuchte Ägypten-Reise, für die Rota ein musikalisches Ebenbild schafft.
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2.12.2012