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Am Manhattan-Projekt – dem Bau der US-amerikanischen Atombombe während des Zweiten Weltkriegs – war auch der Schweizer Atomphysiker Felix Bloch beteiligt. Der Schriftsteller Alex Capus zeichnet in seinem neusten Roman den Lebensweg des jüdischen Wissenschaftlers literarisch nach. Er zeigt an seiner Lebensgeschichte, wie Blochs physikalische Erkenntnisse zu Massenvernichtungswaffen, aber gleichzeitig zu Geräten von erheblichem medizinischen Nutzen geführt haben.
Immer wieder hat sich der in der Normandie geborene und heute in Olten lebende Schriftsteller Alex Capus mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs auseinandergesetzt. So in seiner im besetzten Frankreich spielenden Liebesgeschichte 'Léon und Louise' oder im Roman 'Fast ein bisschen Frühling'. Im jüngsten Roman* stellt Capus nun drei Lebensgeschichten nebeneinander, von denen zwei ebenfalls einen direkten Bezug zur Kriegszeit aufweisen. Die eine Geschichte handelt von der Varietékünstlerin Laura d'Oriana aus Marseille, die im Auftrag Frankreichs die Kriegsflotte des faschistischen Italiens ausspionierte und die dafür mit der Todesstrafe bestraft wurde. Die andere Geschichte handelt vom Schweizer Physiker Felix Bloch (1905-1983), der im Sommer und Herbst 1943 in der US-amerikanischen Wüstenstadt Los Alamos am Bau der Atombombe mitwirkte, die nach dem Abwurf über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki im August 1945 weit über 200 000 Menschen das Leben kostete und Japan zur Kapitulation zwang.
Literatur auf der Grundlage recherchierter Fakten
Alex Capus ist bekannt für Romane, die auf fundierten Recherchen beruhen, aber – in den Detailschilderungen und der Innensicht der Figuren – literarisch frei geformt sind. Dieses Konstruktionsprinzip gilt auch für die Geschichte über Felix Bloch – mit der Folge, dass der Leser den literarischen Text wie eine Biografie liest, obwohl Romanschriftsteller Capus nicht in auf Wahrhaftigkeit seiner Darstellung verpflichtet werden kann wie ein herkömmlicher Biograf.
Capus schildert den in Zürich geborenen Felix Bloch als einen Gymnasiasten mit Bestnoten in Physik, Mathematik und Chemie. Das Maschinenbau-Studium, zu dem ihn sein Vater drängt, bricht er nach einem Jahr ab, da ihn die technischen Zeichnungen von Kanalisationsdeckeln, die er in einem Praktikum ausführen muss, nicht ausfüllen und er sich nach einer zweckfreien Tätigkeit in der Wissenschaft sehnt. Im Sommer 1925 beginnt der 20jährige Bloch das Physik-Studium an die ETH Zürich, studiert bei Professor Paul Scherrer, Mitbegründer der Röntgenkristallografie. Später baut er im Keller des ETH-Hauptgebäudes einen Ultraviolett-Spektrographen.
Im Oktober 1927 wechselt Bloch als Assistent zum Quantenmechaniker Werner Heisenberg nach Leipzig. Unter seiner Betreuung schreibt er die Doktorarbeit „Über die Quantenmechanik der Elektronen in Metallgittern“, die unter anderem erklärt, warum elektrischer Strom auch in sehr langen Metalldrähten sehr schnell fliesst. Die Arbeit erregt grosses Aufsehen. In der Folge besucht Bloch verschiedene Atomphysiker in europäischen Städten. In Göttingen lernt er den amerikanischen Doktoranden Robert Oppenheimer kennen.
Emigration in die USA
Bloch verfasst in Leipzig seine Habilitationsschrift und hält Vorlesungen, bis die erstarkenden Nationalsozialisten das Leben des jüdischen Dozenten durchkreuzen. Im Dezember 1932 muss Bloch eine Vorlesung abbrechen, weil sie von jungen Nazis mutwillig gestört wird. Im Herbst 1933 bekommt Bloch ein Rockefeller-Stipendium. Er geht an die kalifornische Stanford-Universität – eine Emigration nach Übersee, wie sie zuvor schon Albert Einstein und viele andere europäische Juden unternommen hatten und viele unternehmen sollten, die sich ihres Lebens nicht mehr sicher sein konnten.
1934 übernimmt Bloch in Stanford eine Professur verbunden mit dem Auftrag, ein Institut für theoretische Physik aufzubauen. Dieselbe Aufgabe hat damals im benachbarten Berkeley Robert Oppenheimer, den Bloch aus Göttingen kennt. Die damalige Physik steht im Bann des Neutrons, das 1932 entdeckt worden war. Bloch erörtert mit Oppenheimer seine Theorie vom magnetischen Moment des Neutrons, an der er arbeitet und die im Juli 1936 in der 'Physical Review' erscheint. Bloch und Oppenheimer stehen in engem Kontakt. Jeden Montag halten sie in Stanford oder Berkeley gemeinsam ein quantenmechanisches Doktorandenseminar ab, das sie 'The Monday Evening Journal Club' nennen.
Einer baut die Bombe – sie oder wir
Bloch gilt in Stanford als guter Lehrer und ist bei den Studenten beliebt. 1936 baut er im Labor eine Maschine zur Herstellung freier, nicht in einem Atomkern gebundener Neutronen. Mit dem Experiment will er das magnetische Moment von Neutronen nachweisen und messen. Die Apparatur funktioniert mehr schlecht als recht, gleich wie die Einrichtung, die Oppenheimer in Berkeley damals mit ähnlicher Zielsetzung betreibt. Bloch entwirft den Plan, ein grosses Zyklotron zur Produktion von freien Neutronen zu bauen.
Am 26. Januar 1939 macht die Meldung die Runde, dem deutschen Chemiker Otto Hahn in Berlin sei gelungen, den Atomkern von Uran durch Beschuss mit Neutronen zu zertrümmern – unter Freisetzung enormer Energiemengen. Das ist der Moment, in der die Wirklichkeit, aber auch die Romangeschichte von Alex Capus, eine neue Dynamik annimmt. Als Bloch die Nachricht von der Uranspaltung hört, fährt er umgehend zu Oppenheimer nach Berkeley. Die beiden Physiker sind sich sofort bewusst – so bringt es die literarische Darstellung von Capus auf den Punkt –, dass mit der Uranspaltung „unbegrenzt Energie für die ganze Menschheit bis ans Ende ihrer Tage“ zur Verfügung steht, wie Oppenheimer weiss, aber auch der Bau einer verheerenden Atombombe möglich wird, wie Bloch entgegenhält. Beiden Physiker ist klar: Jemand wird die Atombombe als erster bauen: entweder die Deutschen – oder sie selber.
Wissenschaft dient dem politischen Zweck
Das ist die moralische Ausgangslage, aus Felix Bloch im Frühsommer 1943 zustimmt, am Bau der Atombombe in der Geheimstadt Los Alamos mitzuwirken. Er unterstützt das Zerstörungswerk, weil er den deutschen Physikern – von denen er etliche persönlich kennt – beim Bau der Bombe zuvorkommen will. Denn aus eigener Erfahrung und aus Briefen von europäischen Verwandten und Bekannten weiss er um die Gefährlichkeit von Hitler-Deutschland. Hatte er das Physikstudium seinerzeit gewählt, weil er eine freie, zwecklose Tätigkeit in der Wissenschaft suchte, ist ihm dies nun nicht mehr genug. Er will sein Wissen nutzen, um Unrecht in seine Schranken zu weisen, wie Capus in seiner literarisch verdichten Darstellung zum Ausdruck bringt: „Die Atomphysik überhaupt war ihm wegen ihrer Sinn- und Zwecklosigkeit, für die er sie einst geliebt hatte, gleichgültig geworden. Er fand es eitel und geradezu obszön, dass man angesichts der Katastrophe, die die Welt zu erfassen drohte, seine Zeit mit selbstgenügsamen Introspektionen vergeudete.“
Dass Bloch vor diesem Hintergrund zum Bombenbauer wurde, erscheint in Capus' Darstellung nur als folgerichtig. Mit seiner Forschung an Neutronen arbeitete er in einem für den Bombenbau wichtigen Bereich. Zudem verband ihn seit Jahren ein enger Kontakt mit Oppenheimer. Im Sommer 1942 zitiert Oppenheimer Bloch zu einem Sommerseminar nach Berkeley. Dort erörtern sie gemeinsam mit Hans Bethe, Edward Teller, Van Fleck, Robert Serber und weiteren Physikern, ob der Bau einer Uranbombe möglich wäre. Sie diskutieren, wie eine Bombe so kompakt gebaut werden kann, um von einem Bomber über eine weite Strecke transportiert werden zu können. Sie bestimmen die für eine Bombe nötige Mindestmenge an Uran 235. Sie denken über einen möglichen Zündmechanismus nach. Bloch ermittelt, wie sich die schnellen Neutronen bei der Kettenreaktion verhalten würden.
Bloch entwickelt Zündmechanismus
„Dann musste die Atombombe, weil sie nun mal ausgedacht war, auch gebaut werden“, stellt Autor Capus lakonisch fest. Im Frühling 1943 bittet Oppenheimer, der Leiter des Manhattan-Projekts, Bloch, nach Los Alamos zu kommen und dort am Bau der Atombombe mitzuwirken. Bloch sagt zu. Capus' Darstellung legt nahe, dass Bloch zu diesem Zeitpunkt aufgrund der ihm verfügbaren Informationen davon ausging, dass Nazi-Deutschland konkret und mit Erfolgsaussichten an einer eigenen Atombombe arbeitet. Im Frühsommer 1943 reist Bloch mit seiner Frau Lore – einer promovierten Physikerin – und den zweijährigen Zwillingen George und Daniel in das geheime Atomlabor, wo über 1000 Wissenschaftler und Techniker in den folgenden Monaten die Atombombe bauen. Mit dabei sind neben Oppenheimer unter anderem Edward Teller, den Bloch aus Leipzig kennt, und Robert Brode, den er in Göttingen getroffen hat, zudem der Zürcher Physiker Hans Staub und der Mathematiker John von Neumann, Blochs Studienkollege an der ETH Zürich.
Bloch arbeitet mit Teller und von Neumann an einem Zündmechanismus, der sicherstellen soll, dass die atomare Kettenreaktion vollständig abläuft und die Atombombe ihre volle Zerstörungswirkung entfaltet. Die Wissenschaftler entwickeln dafür kleine Bomben aus metallenen, von Sprengstoff umhüllten Hohlkugeln, spätere als Röhren geformt. Am Ende – es ist Oktober 1943 – funktioniert die sogenannte Implosionszündung zuverlässig.
Abkehr von Los Alamos
An einem der ersten Novembertage 1943 bitte Bloch Oppenheimer um Erlaubnis, Los Alamos verlassen zu dürfen. Zu der Frage, warum er dem Waffenprojekt damals den Rücken gekehrt hat, äusserte sich Bloch laut Capus später nur ein einziges Mal, nämlich 1968 gegenüber dem Wissenschaftshistoriker Charles Weiner: Bloch sei im Frühsommer 1943 nach Los Alamos gegangen, sagte Bloch gemäss Capus gegenüber Weiner, „weil er befürchtet habe, dass die Deutschen die Bombe vor ihnen entwickeln würden. Als sich dann gezeigt habe, dass dies sehr wahrscheinlich nicht geschehen werde, habe er sich verabschiedet, was einige seiner Freunde, insbesondere Oppenheimer, ziemlich verärgert habe“.
Glaubt man dieser Darstellung von Bloch, hat er das Bedrohungspotenzial einer deutschen Atombombe also binnen weniger Monate komplett neu eingeschätzt. Angesichts dieses kurzzeitigen Sinneswandels könnte man die Frage stellen, ob Bloch hier nachträglich eine moralische Rechtfertigung für sein Tun konstruiert hat und ob er das Atombombenprojekt vielleicht aus ganz anderen Gründen vorzeitig verlassen hat. Capus stellt diese Frage nicht, sondern schliesst sich in seiner literarischen Darstellung der Argumentation seines Helden an, indem er als Erzähler Blochs Sichtweise stützt, wonach sich die Bedrohungslage durch das deutsche Atombombenprojekt zwischen Frühsommer 1943 und Anfang November 1943 tatsächlich grundlegend gewandelt – sprich: entschärft – hat: „Im Herbst 1943 (war) immer deutlicher (...) abzusehen, dass die Alliierten den Krieg mit oder ohne Atombombe gewinnen würden. (...) Zwar arbeiteten Heisenberg, von Weizsäcker und Hahn in Berlin weiter an ihrer Uranmaschine, aber es war nun offensichtlich, dass das kriegserschöpfte Deutschland niemals über die notwendige Menge an Energie, Arbeitskräften und Rohstoffen verfügen würde, um vor Kriegsende ausreichend Plutonium oder Uran 235 herzustellen.“ Capus merkt an, Bloch habe sich nur ein einziges Mal zu seiner Mitarbeit am Atombomben-Projekt geäussert und deutet an, er könnte die Spuren sogar bewusst vernichtet haben. Gleichzeitig hat Capus eine Rechtfertigung für Blochs Schweigen parat: die Mitarbeit in Los Alamos habe auch über Kriegsende hinaus unter Geheimhaltung gestanden.
Aufrechnung von Gut und Böse
Bloch arbeitet nach dem Weggang aus Los Alamos im Radarprojekt der Harvard University in Cambridge mit, das laut Capus entscheidend zum Sieg der Alliierten gegen die Achsenmächte beitrug. 1945 kehrt er an die Stanford Universität zurück. Bloch führte also auch nach Los Alamos eine kriegsrelevante Tätigkeit fort. Nach dem Kriegsende forscht Bloch weiter am magnetischen Moment des Neutrons. Er entdeckt die Kerninduktion, eine neue Methode zur Messung des magnetischen Moments von Atomkernen. Dafür erhält er 1952 den Nobelpreis, bevor er von 1954 bis 1955 das CERN in Genf als Generaldirektor leitet.
Interessant – und auch etwas verstörend – ist, wie Alex Capus in der Schlusspassage von Felix Blochs Lebensgeschichte dessen Mitwirken am Bau der Atombombe gegen seine Verdienste in der medizinischen Diagnostik aufrechnet: „Die Kerninduktion führte auf direktem Weg zur Magnetresonanztomographie, welche die medizinische Diagnostik in den letzten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts revolutionierte. Man kann deshalb ohne Übertreibung sagen, dass Felix Blochs Lebenswerk weitaus mehr Menschen das Leben gerettet hat, als die Atombombe jemals zu töten vermochte.“
*Alex Capus: Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer. München 2013. Carl Hanser Verlag.
Benedikt Vogel (veröffentlicht: 22. 8. 2013)