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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2016 von Mariska Beirne / Christian Winkler
Hermann Müller-Thurgau
1850 21.10.
Geburt in Tägerwilen (TG)
Nach der Volksschule Besuch des Lehrerseminars Kreuzlingen.
1869
Lehrer an der Realschule Stein am Rhein.
1870–1874
Studium der Naturwissenschaften am Polytechnikum, der heutigen ETH, mit Doktorat.
1876
Leiter des Instituts für Pflanzenphysiologie an der Preussischen Lehr- und Forschungsastalt für Wein-, Obst- und Gartenbau in Geisenheim. In dieser Zeit erhält er zur Unterscheidung und wegen seiner Herkunft den Zusatz «Thurgau» an den Namen gehängt
1881
Hochzeit mit Berta Biegen; sie haben gemeinsam drei Töchter.
1891
Direktor der deutsch-schweizerischen Versuchsstation und Schule für Obst-, Wein- und Gartenbau im Schloss in Wädenswil.
Mitgründer der Sektion Hoher Rohn des SAC.
1898
Publikation «Die Herstellung unvergorener und alkoholfreier Traubenweine».
1902
Die Versuchsanstalt wird von der Eidgenossenschaft übernommen.
1906
Nach Jahren der Forschung und der Züchtung zusammen mit Heinrich Schellenberg werden erstmals 100 Liter Riesling × Silvaner hergestellt
1924
Rücktritt als Direktor der Versuchsanstalt.
1927 18.1.
Hermann Müller-Thurgau stirbt 76-jährig.
1950
Der 100. Geburtstag wird mit der Einweihung der Müller-Thurgau-Strasse beim Schloss gefeiert.
1999
Genetische Untersuchungen kommen zum überraschenden Befund: In der Traube ist kein Silvaner enthalten, es handelt sich um einen Riesling × Chasselas.
Der Forscher
Müller-Thurgau war ein äusserst exakter Forscher, der zahlreiche Reben- und Obstkrankheiten entschlüsselte und Bekämpfungsmethoden ermittelte. Ausserdem befasste er sich mit der Gärung und Fehlern in Weinen und Obstsäften. Die Entwicklung von haltbarem gärungsfreiem Traubensaft und von Most war bahnbrechend, denn vorher gab es noch keine alkoholfreien Fruchtsäfte auf dem Markt. Der Mitbegründer der Abstinenzbewegung, Auguste Forel, wollte Müller-Thurgau aus diesem Grund als Kopf der Bewegung gewinnen, was Müller-Thurgau aber ablehnte. Er hielt die Bewegung für eine Erscheinung des Zeitgeists, die Wissenschaft müsse aber zeitlos gültig sein. Müller-Thurgau galt als fröhlich und humorvoll. Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse brachte er verständlich und einfach umsetzbar in die Praxis, weshalb er auch bei Obst- und Weinbauern ein geschätzter Diskussionspartner war.
Die Versuchsanstalt
Die Versuchsanstalt für Obst-, Wein- und Gartenbau wurde 1890 gegründet, da sich der Wein- und Obstbau in der Schweiz in einer Krise befand. Vereinfachte Transportwege hatten zum Import billigerer Weine geführt, es gab keine Regelungen gegen Weinzusätze («Kunstwein») und Schädlinge wie die Reblaus und Krankheiten wie Mehltau zerstörten die Bestände. Viel Obst wurde deshalb nur zu Schnaps gebrannt verwendet. Wädenswil hatte sich als Standort für das Institut letztlich gegen andere Orte durchgesetzt, weil es das Schloss mit Gutsbetrieb «schenkungsweise zur Verfügung stellte». Im Ersten Weltkrieg waren die Erkenntnisse der Anstalt besonders gefragt. Die steigenden Lebensmittelpreise und das immer knappere Nahrungsmittelangebot zwangen die Leute zu mehr Selbstversorgung. So wurden Kurse zum Haltbarmachen von Früchten und Gemüse angeboten, die rege besucht wurden. Auch Vereine veranstalteten solche Abende. Im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg war die Versorgung des Landes kaum organisiert. Die lange Dauer des Krieges überraschte die Behörden, weshalb auf allen Ebenen stark improvisiert wurde. Die Rationierung von Lebensmitteln setzte erst 1917 schrittweise ein.
Hermann Müller-Thurgau (1850–1927).
Hermann Müller war auch ein talentierter Zeichner.
«Der Wein ist ein grosses Kulturgut und ist der Gesundheit bei mässigem Genuss durchaus zuträglich. Alkoholfreie Fruchtsäfte sind notwendig für Menschen, die dem Wein nicht zugeneigt sind, ihn aus gesundheitlichen Gründen meiden müssen und vor allem für Jugendliche.»
Hermann Müller-Thurgau
Bakteriologisches Labor in der Versuchsanstalt, 1917.