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Man kennt das von einigen Filmen: Der Protagonist dreht sich in einer Szene plötzlich um und spricht den Kinozuschauer direkt an, erklärt ihm seine Handlungen und seine Absichten und bindet ihn mit diesem dramaturgischen Kniff noch viel stärker in die Handlung ein. Ähnlich macht es David Bielmann in seiner neuesten Erzählung «Die Leserin».
Ein Mann und eine Frau
Sie handelt eigentlich von einem zurückgezogen lebenden Mann mittleren Alters, der im Zug zufällig eine Frau trifft und sich verliebt. Er verlässt seine Komfortzone, um sich ihr anzunähern. Er tut dies, indem er einen Roman schreibt, um damit die Angebetete, die Bücher rezensiert, zu beeindrucken. Dann verlässt Bielmann diese Handlungsebene und wendet sich im Buch plötzlich an den Leser, fordert ihn auf, den Roman beiseitezulegen, und rügt ihn ein paar Seiten später, weil er dieser Aufforderung nicht gefolgt ist. Er erklärt, dass der Roman ja nicht für irgendeinen Leser oder eine Leserin bestimmt sei, sondern für
Leserin, die ihm am Herzen liege.
David Bielmann sagt, dass er aufgrund eines banalen Gedankens auf die Idee gekommen sei, die Perspektive zu wechseln. «Ein Roman ist Fiktion, aber sobald er gelesen wird, greift er in die Realität ein und beeinflusst zumindest für ein paar Stunden das Leben einer Person», sagt er. Er hoffe, dass die Leser das ironische Spiel mit Fiktion und Realität verstünden.
Der Protagonist im Buch nennt sich Daniel Bühlmann. Die Parallele zum Namen des Autors und die gleiche Tätigkeit fallen ins Auge. David Bielmann winkt ab: «Es geht um einen Mann, der ein Buch schreibt und einen ähnlichen Namen wie ich hat. Das ist Teil des literarischen Spiels, ansonsten ist der Protagonist nichts weiter als eine Romanfigur, es gibt keine persönlichen Bezüge.»
Von Lob und Kritik
Die angebetete Frau im Buch ist Buchkritikerin, und der Mann hofft, dass sie sein Buch gut findet. Ein bekanntes Gefühl für jeden Autor. «Wer Bücher veröffentlicht, muss damit rechnen, dass sie nicht allen gefallen», sagt David Bielmann dazu. Natürlich höre man lieber Lob als Kritik – wobei eine gute Kritik meist lehrreicher sei. «Etwas enttäuscht bin ich vielleicht, wenn eine Rückmeldung ausschliesslich aus einem Hinweis auf einen Tippfehler besteht. Da wünschte ich mir dann schon, dass meine Bücher noch anderes zu bieten hätten.» Gleichzeitig ist «Die Leserin» eine Hommage an das Lesen, das Schreiben und an das Buch.
Bücher unterwegs
Im Roman ist der Autor zufrieden mit seinem Werk: «Es war ein kleiner Roman, nicht so umfangreich und bestimmt nicht so gehaltvoll wie die Romane meiner geübteren Kolleginnen und Kollegen, aber ich fand, dass ich für meine Verhältnisse ein kleines Meisterwerk erschaffen hatte», heisst es da. Und wie zufrieden ist der Sensler Autor mit seinem neusten Streich? «Na ja, die besten Ideen kommen mir manchmal, während das Buch gedruckt wird. Aber im Moment freue ich mich, dass es zur Veröffentlichung kommt.»
Um sein Werk bekannt zu machen, wendet der Protagonist einen speziellen Kniff an: Er lässt Exemplare auf Parkbänken, in Bussen und Wartezimmern liegen in der Hoffnung, dass sie jemand nimmt und zu lesen beginnt. David Bielmann gibt zu, schon mal ähnlich verfahren zu haben: «Im Ausland habe ich auch schon Bücher von mir ins Regal der Hotelbibliothek geschoben. Was mit ihnen passiert ist, habe ich aber nie erfahren.»
David Bielmann: «Die Leserin», Verlag Riverfield, 2019.
Zur Person
Ein fleissiger Sensler Autor
David Bielmann, geboren 1984, studierte in Freiburg Germanistik und Geschichte und arbeitet als Lehrer. Er lebt in Rechthalten. David Bielmann ist der Autor von «Flucht eines Toten», wofür er 2010 den ersten Preis beim Literaturwettbewerb der Universität Freiburg gewann. Er hat zudem unter dem Pseudonym Pierre Paillasse mehrere Gottéron-Krimis geschrieben. 2016 erschien der Roman «Freedom Bar», der an der Freiburger Lausannegasse spielt, und 2018 hat er mit «Im Schatten der Linde» den Mord an der jungen Christina Aeby in Rechthalten vor 200 Jahren rekonstruiert.