Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03601.jsonl.gz/274

„Ich unterstütze die neunzehn Forderungen der Frauenbewegung und bin fest davon überzeugt, dass wir alle gemeinsam handeln müssen, um diese Ziele zu erreichen.“
Jessica Silberman Dunant ist seit Ende 2017 Leiterin der Personalabteilung (HR) von Genève Aéroport. Sie ist seit über 25 Jahren in diesem Bereich tätig. Die gebürtige Amerikanerin, die seit ihrem zehnten Lebensjahr in der Schweiz lebt, hat Erfahrungen in sehr unterschiedlichen kulturellen Umfeldern gemacht: die weiterführende Schulbildung und einen Teil ihres Berufslebens in der deutschsprachigen Schweiz, das Studium und den grössten Teil ihrer beruflichen Laufbahn in der französischsprachigen Schweiz. Sie berichtet von dem Kulturschock, als sie 1976 in Laufon, einem Dorf mit 3500 Einwohnern, ankam: Ihre Mutter, eine berufstätige Akademikerin, durfte nicht mehr arbeiten, weil sie keine Arbeitserlaubnis besass! Ein weiterer Schock: der im Vergleich zu „American fridges“ winzig kleine Kühlschrank, der es notwendig machte, für die fünfköpfige Familie täglich einzukaufen.
Wie ist Ihr Verhältnis zum Feminismus?
Als ich jung war, fand ich diese Bezeichnung für mich unpassend. Ich bin mit zwei Brüdern aufgewachsen. Meine Mutter war eine fortschrittliche Frau, ich fand es ganz normal, gleichwertig behandelt zu werden. In den Vereinigten Staaten war die Chancengleichheit damals wesentlich weiter fortgeschritten. Als wir in der Schweiz ankamen, hatten wir den Eindruck, dass wir in vergangene Zeiten zurückversetzt werden. 40 Jahre später stelle ich persönlich immer noch fest, dass sich die Dinge nicht ausreichend verändert haben und ich möchte mich stärker engagieren, so wie es die Frauen 1991 für meine Generation getan haben.
Was ist Ihre Vision als Frau im oberen Kader vom Frauenstreik?
Ich erinnere mich an den Streik von 1991: Was mich prägte, war die Mobilisierung und vor allem diese gut gelaunte Stimmung. Es entstand eine Art freudiger Solidarität. In diesem Sinne möchte ich die Bewegung in diesem Jahr unterstützen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir alle gemeinsam handeln sollten und Diskrepanzen der Sache nicht förderlich sind. Die Mitarbeitenden von Genève Aéroport haben die Vielfalt als einen unserer acht Werte identifiziert und damit den Wunsch geäussert, alle einzubeziehen: alle Geschlechter, Jung und Alt, unterschiedliche ethnische Gruppen. Die gesamte Fülle menschlicher Eigenschaften spiegelt sich auch in der Charta der Vielfalt wider, die in diesem Jahr von Genève Aéroport unterzeichnet wurde.
Glauben Sie, dass es von Vorteil in einer Karriere ist, Feministin zu sein?
Es ist eher eine Frage des gesunden Menschenverstands als eine Frage des Labels. Die Achtung der Vielfalt und der Beitrag durch gemischte Teams verbessert die Leistung und Toleranz füreinander. Manchmal bedarf es engagierter Menschen, um eine Sache zu fördern und zu propagieren, wie es Feministinnen tun.
Ist ein Streik Ihrer Meinung nach ein geeignetes Mittel, um die Gleichberechtigung zu fördern?
Nein, im Allgemeinen bin ich nicht für Streik, denn er ist der Beweis für einen Bruch des sozialen Friedens und in meiner Rolle als Personalchefin hoffe ich natürlich, dass es nie soweit kommt. Ich setze lieber auf zuhören, diskutieren und darauf, gemeinsam Lösungen zu finden. Eine Streiksituation wäre für mich gleichbedeutend mit einem beruflichen Misserfolg.
Welche Richtlinien wurden den Mitarbeitenden von Genève Aéroport erteilt?
Vor allem ist es uns wichtig, einen reibungslosen Ablauf für die Passagiere zu gewährleisten. In diesem Sinne wurden die Vorgesetzten gebeten, denjenigen, die dies wünschen, Urlaub zu gewähren oder ihre Schicht neu zu planen. Im Zusammenhang mit dem Streik erhielten wir etwa XX Abwesenheitsanträge.
Werden Sie am 14. Juni streiken?
Ich plane, am 14. Juni am Flughafen präsent zu sein, weil ich meiner Meinung nach an meinem Arbeitsplatz mehr bewirken kann, indem ich zu den Mitarbeitenden gehe und das Thema mit ihnen bespreche. Vielleicht werde ich am Ende des Tages an der Kundgebung teilnehmen, um das Ereignis zu würdigen und meine Erinnerungen an 1991 wieder aufleben zu lassen. Allerdings respektiere ich die Entscheidung jedes Einzelnen am 14. Juni und möchte uns alle ermutigen, in unserem Umfeld zu handeln, um eine angemessene Aufgabenverteilung in gegenseitiger Achtung zu gewährleisten.
Was wird bei Genève Aéroport am 14. Juni stattfinden?
Wir haben einen Anstecker entworfen, der sich an einem Ziel der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung inspiriert, der Gleichstellung der Geschlechter, der denjenigen zur Verfügung gestellt wird, welche die Initiative unterstützen möchten. Ein Video, das von der Kommunikationsabteilung produziert wird, ermöglicht es den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, ihre Ansichten über den Streik zu äussern. Zudem sind informelle Besuche geplant. Mit dem Generaldirektor werden wir die Mitarbeitenden der Plattform treffen, um ihnen zuzuhören und Meinungen auszutauschen. Ich möchte wissen, was Gleichstellung für sie bedeutet, besprechen, was sie täglich erleben. Das erscheint mir wesentlich, denn die von uns geplanten Massnahmen müssen den bestehenden Bedürfnissen entsprechen.
Sie haben gerade im März letzten Jahres die Charta der Vielfalt unterzeichnet. Was sind die nächsten Schritte? Welche Massnahmen sind mittel- und langfristig geplant?
Wir haben mit einer externen Stelle Kontakt aufgenommen, die Genève Aéroport als Arbeitgeber mit geschlechtsneutraler Bezahlung zertifiziert. Wir haben uns auch zum Ziel gesetzt, die Geschlechtervielfalt in allen Teams bis 2022 zu gewährleisten und den Frauenanteil auf allen Ebenen kontinuierlich zu erhöhen. Diese Quote ist seit 2014 bereits um 2,6 % gestiegen. Wir möchten auch das Bewusstsein schärfen und die Mitarbeitenden, die in den Bereichen Personalbeschaffung, Schulung und Karrieremanagement tätig sind, zu diesem Thema schulen.
Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist auch mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbunden. Warum gibt es also immer noch keine Betriebskinderkrippe bei Genève Aéroport?
Errungenschaften von Genève Aéroport
Die Machbarkeit wurde geprüft und 2006 hätte ein Projekt gestartet werden können, aber eine Krippe entsprach nicht den Bedürfnissen der Flughafenunternehmen. Wir sollten meines Erachtens in der Tat erwägen, geeignete Lösungen für eine Kinderbetreuung zu unterstützen, damit die Mitarbeitenden mit unregelmässigen Arbeitszeiten (76 % des Personals) ihren Kindern nicht die gleichen Zeitpläne auferlegen müssen.
-
Keine Diskriminierung bei der Einstellung
-
Bei gleicher Qualifikation Vorrang für Frauen bzw. das unterrepräsentierte Geschlecht
-
Förderung der Geschlechtervielfalt in Teams
-
Umsetzung der Verordnung zum Schutz der Privatsphäre aus dem Jahr 2004, die 2008 aktualisiert wurde und derzeit in Überarbeitung ist.
« Regards croisés » video clip