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Gibt es einen moralisch relevanten Unterschied zwischen Mensch und Tier? Wenn ja: Rechtfertigt er unsere Behandlung der Tiere?
Gibt es eine Eigenschaft, durch die sich Menschen eindeutig von nichtmenschlichen Tieren unterscheiden? Im Verlauf der Jahrhunderte sind viele Vorschläge dafür gemacht worden, etwa die Sprache, der Gebrauch von Werkzeugen oder die Kultur. So richtig überzeugen kann keiner davon.
Tiere haben eigene (wenn auch simple) Signalsysteme, und zumindest Menschenaffen können die menschliche Sprache bis zu einem gewissen Grad erlernen. Werkzeuggebrauch ist etwa bei Primaten und Raben beobachtet worden. Und Kultur im Sinn der Weitergabe erlernten Verhaltens kennt man etwa von japanischen Makaken, die Süsskartoffeln waschen, bevor sie sie verzehren.
Instinktiver Weltbezug
Eine andere Sicht vertritt die Philosophin Christine Korsgaard in ihrem kürzlich erschienenen Buch «Fellow Creatures». Sie geht davon aus, dass Tiere die Welt instinktiv und egozentrisch wahrnehmen. Das heisst, dass ihnen die Motive ihres Handelns von der Natur vorgegeben sind und dass ihnen andere Lebewesen immer als potenzielle Freunde, Feinde oder Paarungspartner erscheinen.
Natürlich kann ein Tier lernen, nicht nach einem Wunsch zu handeln, wenn es die Erfahrung gemacht hat, dass das zu negativen Konsequenzen führt. Wenn etwa ein männliches Tier sich mit einem weiblichen paaren will, aber ein grösseres männliches Tier auftritt und das erste einen Streit vermeiden will, kann es seinen Paarungswunsch unterdrücken. Es kann aber nicht umhin, ihn weiterhin zu haben.
Normative Selbstbestimmung
Anders sieht es Korsgaard zufolge bei uns Menschen aus. Wir sind uns der Motive unseres Handelns jederzeit bewusst, können zu ihnen Stellung beziehen und sie gegebenenfalls auch verwerfen. Wenn ein Diabetiker Lust auf Süsses verspürt, aber weiss, dass es seiner Gesundheit schadet, kann er im Licht dieser Erkenntnis den Wunsch nach Süssem zum Verschwinden bringen. Er kann sozusagen den Wunsch ausbilden, einen Wunsch nicht zu haben.
Korsgaard nennt das die Fähigkeit zur normativen Selbstbestimmung. Menschen werden nicht einfach von ihren Instinkten gelenkt, sondern orientieren sich an Normen, deren Richtigkeit sie erkannt zu haben glauben. Sie leben nach Gesetzen, die sie sich selbst geben. Darin sieht Korsgaard das spezifisch Menschliche.
Tiere gleichbehandeln
Sie schliesst aber keineswegs daraus, dass wir Tiere schlecht behandeln dürfen. Das Leben eines Tiers mag weniger komplex und auch weniger erfüllt sein als das eines Menschen, aber es wird seine Existenz als wertvoll empfinden, solange sie einigermassen artgerecht ist. Wenn wir sie ihm nehmen wollen, müssen wir gewichtige Gründe anführen können. «Die Art, wie die Menschen die anderen Tiere derzeit behandeln, ist ein Gräuel enormen Ausmasses», schreibt Korsgaard am Anfang ihres Buchs. Sie plädiert daher für ein grundsätzliches Verbot der Tötung von Tieren.
Fehlendes Zukunftsbewusstsein
Damit sind manche Berufskollegen von Korsgaard nicht einverstanden. Gemäss dem deutschen Philosophen Norbert Hoerster fehlt Tieren ein Ichbewusstsein: «Sie haben nicht die Fähigkeit, sich selbst als im Zeitablauf identische Individuen mit eigener Vergangenheit und Zukunft zu erfahren.» Sie könnten keine zukunftsbezogenen Wünsche haben und hätten daher kein Überlebensinteresse, das durch ihre Tötung verletzt werden könnte. Daher müssten für Tiere in dieser Hinsicht andere Regeln gelten als für Menschen.
Keine Tierquälerei
Doch auch Hoerster anerkennt, dass Tiere fühlende Wesen sind und deshalb ein Interesse daran haben, Schmerzen zu vermeiden und nicht gequält zu werden. Gegen dieses Interesse dürfe nur verstossen werden, wenn es ein Menscheninteresse gebe, das von deutlich grösserem Gewicht sei. Tierquälerische Praktiken wie die herkömmlichen Formen der Massentierhaltung lehnt er ebenso wie Korsgaard ab.