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Kann man sich beim Schach schwer verletzen? Kaum. Wenn man sich den Kopf zerbricht, ist das zum Glück bloss eine Redewendung.
Etwas anders ist die Situation beim American Football, diesem Schach auf Rasen, wo Coaches ihre Spieler herumschieben und ihnen vorschreiben, welche einstudierten Laufwege sie im nächsten Spielzug anwenden sollen. Kopfverletzungen sind in diesem Sport an der Tagesordnung.
Zuletzt warf der Fall von Demaryius Thomas hohe Wellen. Der Wide Receiver starb im Dezember mit bloss 33 Jahren. Nach seinem Tod ergab die Obduktion, was von vielen ohnehin angenommen wurde: Thomas litt am «Boxersyndrom». Chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE) lautet der Fachbegriff dieser Erkrankung, die durch häufige Schläge auf den Kopf ausgelöst werden. Symptome können Kopfschmerzen sein, Gefühlsausbrüche, Depressionen, kognitive Beeinträchtigungen oder Sprechprobleme.
Wie Demaryius Thomas darf sich auch Brett Favre Super-Bowl-Sieger nennen. Der legendäre Quarterback der Green Bay Packers gilt als «Iron Man», Favre stand in 321 NFL-Spielen in Folge in der Startaufstellung. Dieser Tage schockierte eine Antwort des 52-Jährigen auf die Frage in einer Radiosendung, wie viele schwere Kopfverletzungen er im Laufe seiner langen Karriere erlitten habe. Favre meinte: Tausende.
«Das Problem bei Gehirnerschütterungen ist, dass wir immer noch nicht viel darüber wissen», führte er aus. «Wenn Sie mich vor zehn Jahren gefragt hätten, wie viele Gehirnerschütterungen ich hatte, hätte ich ‹drei› gesagt. Weil ich dachte: Gehirnerschütterungen sind, wenn man k. o. geht, wenn man ohnmächtig wird, eine Zeit lang nicht weiss, wo man ist, Gedächtnisverlust hat, es einem schwindelig ist. Ein Boxer wird niedergeschlagen und versucht aufzustehen, seine Beine sind wie Gummi. Das ist eine Gehirnerschütterung.»
Doch mittlerweile sei die Forschung auf einem anderen Stand, sagte Favre. «Wir wissen jetzt, dass Gehirnerschütterungen immer wieder vorkommen. Man wird angegriffen, schlägt mit dem Kopf auf den Rasen, sieht Lichtblitze oder hat Geräusche im Ohr, man kann aber weiterspielen.» Basierend auf diesen Erkenntnissen komme er zum Schluss, dass er bestimmt «tausende» Gehirnerschütterungen erlitten habe. «Es muss so sein, denn jedes Mal, wenn mein Kopf den Rasen berührte, gab es ein Klingeln oder Sterne und Blitze, aber ich konnte trotzdem spielen.»
Es seien diese vermeintlich unbedeutenden Gehirnerschütterungen, die den Schaden anrichten würden, weil man ja weiterspielen könne. Das sei beängstigend. «Wahrscheinlich gibt es heute noch Jungs, die trotz einer Gehirnerschütterung sagen: ‹Ich gehe nicht vom Feld›», mutmasste Favre, der 2016 in die Hall of Fame aufgenommen wurde.
525 Sacks zählten die Statistiker in seiner Karriere. 525 Mal wurde Brett Favre in einem Spiel von einem Gegenspieler zu Boden gerammt, oft mit einer Heftigkeit, als wäre er unter einen Zug geraten. Seine Laufbahn endete 2010 mit einer Gehirnerschütterung in einem Spiel gegen die Chicago Bears, nach der er für zehn, fünfzehn Sekunden «weg» war. Als er wieder zu sich kam, fragte er den Trainer: «Was machen denn die Bears hier?»
Der Tod von Demaryius Thomas hat in den USA zu einer neuerlichen Debatte über CTE geführt. Die Zahl der betroffenen Footballprofis geht in die Tausende. Die definitive Diagnose kann allerdings erst bei der Obduktion bestimmt werden, eine Behandlungsmöglichkeit gibt es bislang nicht. Auch Alzheimer, Demenz und Depressionen sind oft eine Spätfolge der vielen Schläge, die der Kopf einstecken muss.
Der Liga wird vorgeworfen, die Spieler zu wenig zu schützen. Zu gut lässt sich das Produkt verkaufen. Wenn es ordentlich rumpelt, kommt das bei den Fans an. Die NFL hat zwar einige Regeln angepasst, unter anderem ist es verboten, mit dem Helm voran gegen den Helm eines Kontrahenten zu prallen. Und Spieler mit dem Verdacht auf eine Gehirnerschütterung werden gleich von Fachpersonal an der Linie untersucht.
Aber allzu viel scheint die Liga nicht ändern zu wollen. Lieber greift sie getreu dem Motto «The show must go on» tief ins Portemonnaie: Sie überwies schon hunderte Millionen Dollar an Betroffene. Leisten kann sich die NFL dies, im vergangenen Jahr nahm sie elf Milliarden Dollar ein. Leidtragende sind die Spieler. Kein Wunder, hoffen viele Eltern darauf, dass ihr Sohn sich für eine andere Sportart entscheidet, bei der die Gefahr schwerer Kopfverletzungen weniger gross ist.