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Die Geographie ist insofern eine ungewöhnliche wissenschaftliche Disziplin als sie sowohl in den Natur- als auch in den Humanwissenschaften verankert ist. Von daher sollte sie für eine integrierte Betrachtung des Mensch-Umwelt-Verhältnisses prädestiniert sein. Tatsächlich ist ein humanökologisches Denken in der Philosophie mindestens der traditionellen Geographie implizit enthalten und wird auch manchmal explizit so genannt. Es gibt dabei gewisse Parallelen zur nachfolgend betrachteten Ethnologie hinsichtlich eines Wechsels zwischen umwelt- und kulturdeterministischen Vorstellungen. In der historischen Entwicklung der Geographie ist aber festzustellen, dass aus einer anfänglich echt integrierten, an Einheitsvorstellungen orientierten Sicht- und Arbeitsweise sich mit der Zeit eine zunehmend strengere Arbeitsteilung zwischen Physischer und Humangeographie ergab, und dies trotz frühen Ansätzen zur Schaffung einer geographischen Humanökologie. Danach blieb das Verbindende als Idealbild des Faches auf die disziplinphilosophische Diskussion beschränkt. In diesem Sinne hat also die Geographie ihr ursprüngliches Versprechen nicht gehalten, indem sie sich vom allgemeinen Trend zur immer grösseren fachlichen Spezialisierung hat mitreissen lassen. Im Resultat haben wir heute eine Pluralität von Ansätzen vorliegen.
Versuchen wir, einige markante Aspekte dieser Entwicklung zu skizzieren.24
Vgl. dazu die Übersicht über die Geschichte des geographischen Denkens von Arild Holt-Jensen 1981.
Die anfängliche integrative Perspektive war Bestandteil eines holistischen Weltbildes25
Zu den grundlegenden Kategorien von Weltbildern siehe entsprechenden Abschnitt.
und charakterisierte die Periode der “klassischen Geographie”, wie sie heute genannt wird.26
Vgl. Holt-Jensen 1981: 16 ff. und Fritz Kraus 1960.
Ihre Schlüsselfiguren waren Carl Ritter (1779-1859), 1820 erster Professor für Geographie in Berlin, und Alexander von Humboldt (1789-1859), bekannt für seine Forschungsreisen. Es handelte sich um eine der Naturphilosophie verpflichtete, religiöse Grundhaltung mit der Vorstellung eines harmonischen Bandes zwischen Kosmos und Menschheit. Gott ist der Schöpfer des Universums und damit folgt das Weltgeschehen gesetzten Zwecken. Als Krone der Schöpfung ist der Mensch in spezieller Weise in diese Konstellation eingebunden: Seine Fähigkeit, die Natur beobachten und ihre Gesetze erkennen zu können, verschafft ihm Einsichten in das göttliche Denken. Damit aber kann er gegenüber Gott eine Mittlerrolle spielen und Aufgaben zur Pflege der Schöpfung übernehmen. Daraus ergeben sich Beziehungen zwischen Natur und Mensch, für die Regionen Gefässe bilden und damit zu ganzheitlichen Gebilden werden. Neben der religiösen Komponente dieser Vorstellung - diese stand bei Ritter im Vordergrund - spielten bei von Humboldt auch ästhetische Aspekte eine Rolle. “Die Beschäftigung mit der Natur ist ... nicht nur eine Sache rationaler Wissenschaft, sondern zugleich Erhebung und ‘Ergötzung’ des Gemütes.”27
Kraus 1960: xxxix.
Im Zuge der Entwicklung der modernen Wissenschaft und der damit einhergehenden Entzauberung der Natur wurde dann das Denken im Rahmen eines holistischen durch das im Rahmen eines mechanistischen Weltbildes ersetzt.28
Zu den Weltbildtypen siehe 4.4. Das mechanistische entspricht dem atomistischen Weltbild.
Dabei spielte auch das Aufkommen des Darwinschen Gedankengutes eine wichtige Rolle.29
Vgl. Holt-Jensen 1981: 19 ff.
Die Frage nach der Existenz einer göttlichen Idee hinter den Naturerscheinungen wurde irrelevant. Was sich feststellen liess, war: In der biologischen Evolution findet eine Entwicklung von niedereren zu höheren Lebensformen statt und diese Entwicklung kommt durch Zufallsprozesse auf der Ebene der Variation und durch Kampf und Anpassungsdruck auf der Ebene der Selektion zustande. Logischerweise ergab sich daraus für die Geographie die Vorstellung eines Geo- oder Umweltdeterminismus,30
Siehe Holt-Jensen 1981: 24 ff.
der postuliert, dass auch der Mensch unter Naturgesetzen lebt, mit der Konsequenz, dass sich seine kulturellen Formen gezwungenerweise an natürliche Bedingungen anpassen müssen. Wichtige Repräsentanten solcher Auffassungen waren Friedrich Ratzel (1844-1904) und Ellen C. Semple (1883-1932).31
Siehe Friedrich Ratzel 1881 bzw. Ellen C. Semple 1911.
Ähnlich wie in der Ethnologie (siehe 2.3) gab es dann gegenüber den umweltdeterministischen Auffassungen eine Gegenreaktion in Form der sog. possibilistischen Strömung. Ihr Name rührt davon her, dass sie im Naturverhältnis menschlicher Gemeinschaften keine Notwendigkeiten, sondern nur Möglichkeiten sah. Zwar gibt es von der Natur gesetzte Rahmenbedingungen, aber innerhalb dieser Grenzen ist die effektiv vorhandene Lebens- und Wirtschaftsweise eine Sache der menschlichen Wahl. Diese Gegenbewegung setzte am frühesten in Deutschland ein: Schon Friedrich Ratzel modifizierte seine Auffassungen in seinem zweiten Band zur Anthropogeographie 1891, indem er auch dem historisch-kulturellen Hintergrund eine massgebliche Bedeutung zuwies.32
Ratzel 1891.
Zum bedeutendsten Verfechter des possibilistischen Gedankengutes wurde dann Alfred Hettner (1859-1941).33
Alfred Hettner 1927.
In Frankreich wurde dieses durch Lucien Febvre (1878-1956)34
Siehe v.a. Lucien Febvre 1922.
und Paul Vidal de la Blache (1848-1918) vertreten. Der letztere gilt auch als ein Begründer der regionalen Geographie; indem er aber eine Region als eine intime Vergesellschaftung von Natur und Mensch auffasste, knüpfte er seinerseits an der oben geschilderten klassischen Vorstellung an. Gerhard Hard sieht in dieser Verbindung von Wahlfreiheit und Harmonie eine Inkonsistenz, und die Tatsache, dass die wirklichen, die Entscheidungsvorgänge beeinflussenden gesellschaftlichen Hintergründe ausgeblendet werden, veranlasste ihn zur Bemerkung: “Der Possibilismus ist im Grunde genommen ein zahnlos gewordener Determinismus.”35
Gerhard Hard 1973: 162.
Die Schilderungen von Vidal de la Blache bezogen sich im übrigen auch in erster Linie auf vorindustrielle, noch weitgehend auf der Basis von Subsistenzwirtschaft operierende ländliche Gemeinschaften. Selbst wurde ihm dabei allerdings schon bewusst, dass der Eisenbahnbau in der Mitte des vorigen Jahrhunderts für diese traditionellen Lebensformen einen ersten einschneidenden Bruch bedeutete.36
Siehe Paul Vidal de la Blache 1917.
Wir haben schon darauf hingewiesen, wie dann in der weiteren Entwicklung der Geographie die Philosophie der Verbundenheit zwischen Mensch und Natur zwar als Philosophie beibehalten wurde, gleichzeitig aber die effektive Forschungsarbeit einen immer stärker spezialisierten Charakter bekam. 1923 unternahm der amerikanische Geograph Harlan H. Barrows einen Vorstoss, um die Integrationsidee auch für die geographischen Subdisziplinen zu retten, indem er die Meinung vertrat, Geographie sei eigentlich Humanökologie: “... the center of geography is the study of human ecology in specific areas”.37
Harlan H. Barrows 1923: 9.
Gerade wegen des genannten Spezialisierungstrends, der die geographischen Subdisziplinen in die Arme der entsprechenden Nachbarwissenschaften zu treiben drohte, versuchte er offenbar, einen Forschungsgegenstand festzulegen, der dann für die Geogaphie einzigartig sein würde: Eben die Mensch-Umwelt-Beziehung. Die ausschliessliche Konzentration auf sie war dabei sehr wörtlich zu verstehen, wie etwa das vorgestellte Verhältnis von Wirtschaftsgeographie und Ökonomie illustriert: Die erstere sollte sich mit allen Aspekten der wirtschaftlichen Tätigkeiten des Menschen beschäftigen, die unmittelbar mit dem materiellen Lebensunterhalt zu tun hatten, anders gesagt, die sich auf Beziehungen zwischen Menschen und Ressourcen bzw. Gütern bezogen. Die Augabe der letzteren dagegen sollte sich im Gegensatz dazu auf alle die Fragen konzentrieren, die im Hinblick auf die ökonomische Organisation einer Gesellschaft mit Beziehungen von Mensch zu Mensch zu tun hatten.38
Siehe Barrows 1923: 5-7.
Barrows hatte aber mit seinem Vorschlag keinen Erfolg, denn er wurde in der Folge von niemandem aufgegriffen und weiterentwickelt.
Barrows hatte seinem Artikel den Titel “Geography as Human Ecology” gegeben. Genau 50 Jahre später publizierte Richard J. Chorley mit einem sarkastischen Unterton eine Arbeit gleichen Namens.39
Richard Chorley 1973.
Darin vertrat er die Auffassung, wir sollten das Gerede von Ökologie vergessen und uns endlich daran gewöhnen, dass wir es eben mit dem Verhältnis eines immer mächtigeren Meisters (des Menschen) zu einem immer verletzlicheren Sklaven (der Natur) zu tun hätten, aber dass es natürlich Kurzsichtigkeit auf seiten des Meisters wäre, zwecks seiner noch effizienteren Ausnützung nicht für ein gewisses Wohlergehen des Sklaven zu sorgen. Im Original-Wortlaut:
The ecological model may fail as a supposed key to the general understanding of the relations between modern society and nature, and therefore as a basis for contemporary geographical studies, because it casts social man in too subordinate and ineffectual a role. ... Man’s relation to nature is increasingly one of dominance and control, however lovers of nature may deplore it. If the proponents of geography as a scholarly discipline wish to continue to reflect the relationships between society and nature they cannot afford to adopt models which ignore the glaring probability that this relationship is one which exists between an increasingly-numerous, increasingly-powerful and progressive, if capricious, master and a large, increasingly-vulnerable and spitefully-conservative serf. Of course it would be a foolish master who did not diligently study the characteristics of his subordinate in order to so moderate his own actions as to extract the maximum efficiency from his employee and to keep him fit for future work.40
Chorley 1973, 157.
Hier, so würde ich meinen, geht der Sarkasmus in Zynismus über. Aber Chorley war es durchaus ernst; er vertrat einfach eine extreme Form von Kultur- oder besser Zivilisationsdeterminismus. Dies passte gut in eine Zeit, in der auch in der Geographie die durch die “Quantitative Revolution” angestossene “Verwissenschaftlichung” (verstärkte Theorisierung und Mathematisierung) des Faches zu einer Aufbruchstimmung führte, in der es schien, der Mensch würde dank des wissenschaftlichen Fortschritts alle seine Probleme in den Griff kriegen. Diese Entwicklung versuchte sich, vom traditionellen Gedankengut mit seinen weitgehend deskriptiven und auf Einzelfälle konzentrierten Ansätzen zu distanzieren, ein Gedankengut, das aus späterer Sicht als eigentlich unwissenschaftlich taxiert wurde.
Was Chorley in seiner Arbeit aber mit Recht kritisierte, war die traditionelle Form der Humangeographie, die, statt dass sie das Funktionieren von gesellschaftlichen Systemen direkt untersuchte, sich auf das Studium der durch ihr Wirken in der Landschaft generierten Artefakte beschränkte.41
Siehe Chorley 1973: 163-164.
Immerhin brachte der Versuch, die Betrachtung einer Landschaft dazu zu benützen, um aus ihrem Zustand bzw. aus ihren Zustandsänderungen (z.B. bezüglich der Besitzverhältniss des landwirtschaftlich genutzten Bodens) auf die dahinter liegenden wirksamen gesellschaftlichen Kräfte und Prozesse zu schliessen, einen ersten Schritt in Richtung einer Sozialgeographie, die sich erstmals mit dem Gedanken einer Anknüpfung bei den Sozialwissenschaften befasste. Wolfgang Hartke z.B. war der Meinung, Indikatoren in der Landschaft könnten als “Prozessanzeiger” benützt werden, d.h. es sei mit ihrer Hilfe möglich, “wie auf einer photographischen Platte Aktionen und Reaktionen zu registrieren”.42
Wolfgang Hartke 1959, zitiert in Jörg Maier u.a. 1977: 81.
Wie Hard gezeigt hat, wird damit aber das Situationsverständnis auf den Kopf gestellt: Es ist nicht möglich, aus einem landschaftlichen Index sozioökonomische Vorgänge zu erkennen oder zu deuten, sondern es sind umgekehrt diese Vorgänge, die räumliche Auswirkungen haben, womit der Indikator nicht am Anfang, sondern am Ende der Erklärungskette steht.43
Hard 1973: 174 ff.
In der Folge entwickelte die (deutsche) Sozialgeographie dann ein Interesse für die an sozioökonomischen Vorgängen beteiligten Akteure in Form von Sozialgruppen, d.h. deren Verhaltenweisen und Verhaltensbereitschaften wurden zum unmittelbaren Gegenstand der Untersuchung.44
Vgl. Hard 1973: 173.
Die Münchner Sozialgeographen sahen die Sozialgeographie als “die Wissenschaft von den räumlichen Organisationsformen und raumbildenden Prozessen der Daseinsgrundfunktionen menschlicher Gruppen und Gesellschaften,”45
Maier u.a. 1977: 21.
wobei als Grundfunktionen betrachtet wurden: “in Gemeinschaft leben”, “wohnen”, “arbeiten”, “sich versorgen”, “sich bilden”, “Freizeitverhalten”, “Kommunikation” bzw. “Verkehrsteilnahme”.46
Siehe Maier u.a. 1977: 29-30.
Man könnte sich vorstellen, dass eine Verschiebung geographischer Fragestellungen in Richtung sozialwissenschaftlicher Ansätze zu einer für das humanökologische Denken so wichtigen disziplinen-überbrückenden Integration beitragen würde. Dies ist nur zu einem kleineren Teil der Fall. Denn die Münchner Sozialgeographie beschränkt sich doch auf die Betrachtung eines gruppenspezifisch differenziert verstandenen gesellschaftlichen Geschehens, wobei dann zwar die räumlichen Bezüge thematisiert werden, aber in einseitiger Weise nur aus sozialgeographischer Perspektive. “Der sozialgeographische Raum umfasst die ‘verorteten’ Bezugssysteme sozialen Handelns, die bei der Entfaltung der Grundfunktionen gesellschaftlichern Existenz entstehen,” heisst es.47
Maier u.a. 1977: 70.
Was an der Sozialgeographie allenfalls ökologisch genannt werden kann, ist im selben Masse ökologisch wie die sog. Humanökologie der alten Chicagoer Soziologie (siehe 2.4), nämlich sozialökologisch. Auf einen neueren sozialgeographischen Ansatz von Wolfgang Zierhofer, der explizit bei der sozialwissenschaftlichen Handlungstheorie anschliesst und sie zu ökologisieren versucht, weise ich im Abschnitt über Soziologie (2.4) hin.
Einen explizit humanökologischen Ansatz (auch wenn er ihn nicht so nennt, sondern von “Ökogeographie” redet) schlägt dagegen Peter Weichhart in seiner Arbeit “Geographie im Umbruch” vor.48
Peter Weichhart 1975.
Dabei versucht er, eine Balance zwischen geographischer Tradition und Modernisierung zu erreichen. Er stellt das klassische Landschaftskonzept als einheitsstiftendes Prinzip ebenfalls in Frage und entwickelt stattdessen das Konzept einer "Komplexen Geographie”. In diesem wird der Landschaftsbegriff der traditionellen Geographie durch den ontologisch neutralen Systembegriff ersetzt. Er schliesst damit beim Systemdenken von Chorley an und findet, dass auch die eben besprochene Sozialgeographie in einen solchen Rahmen passt, da sie “sich mit ihrer Annahme der wechselseitigen Bedingtheit von Strukturen und Prozessen dem modernen Systembegriff” nähere.49
Weichhart 1975: 110.
Der Organisationsplan der Komplexen Geographie enthält als Hauptdisziplinen die Allgemeine Geographie und die Komplexe Geographie.50
Vgl. Weichhart 1975: 104 (Abbildung).
Die erstere zerfällt in ihre traditionellen physisch-geographischen und humangeographischen Einzeldisziplinen. während sich die letztere in drei Teildisziplinen gliedert:
Die ... Physiogeographie befasst sich mit den Komplexbeziehungen und Systemzusammenhängen zwischen den physischen Geofaktoren und versucht, die dabei wirksamen Gesetzlichkeiten und allgemeinen Systemzusammenhänge aufzudecken und deren regionale Gültigkeiten nachzuweisen. Die Kulturgeographie befasst sich mit den Komplexbeziehungen und Systemzusammenhängen zwischen den anthropogenen Geofaktoren. Als dritte Teildisziplin ... wird die ... Ökogeographie neu eingeführt. Sie beschäftigt sich mit jenen Teilaspekten der Geofaktoren, die für die Systemzusammenhänge zwischen der menschlichen Gesellschaft und ihrer physischen Umwelt von Bedeutung sind.51
Weichhart 1975: 132-133.
In Abb.2 ist diese Dreiteilung der Komplexen Geographie in Form vereinfachter Systemmodelle dargestellt. Bedeutsam bei diesem Ansatz ist, dass er sich gegen die im Zuge der Modernisierung der Geographie aufgekommene Forderung nach einer strikten Trennung von naturwissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Grundperspektive (so z.B. bei Dietrich Bartels52
Siehe Dietrich Bartels, 1968: 182.
) wendet. Weichhart vertritt die Auffassung, “dass es zur Zeit keine Notwendigkeit gibt, die Einheit der Geographie aus wissenschaftstheoretischen Gründen abzulehnen.”53
Weichhart 1975: 132.
Beispiele für Bemühungen ähnlicher Art gibt es übrigens auch in der angelsächsischen Geographie. So meinen z.B. Kenneth Hewitt und F. Kenneth Hare:
... the similarities between modern ecology and geography are considerable. Though its theory remains poorly articulated, to say that geography is primarily “human ecology” still remains a better description of the range of geographical work, than emphasizing the more narrow ecological subset of man’s spatial organization.54
Kenneth Hewitt und F. Kenneth Hare 1973: 36.
Weichhart sieht sich mit seinem Konzept im übrigen nicht als ein Aussenseiter, der den zeitgenössischen Mainstream in Frage stellt, sondern im Gegenteil als im Trend liegend, da “die Wiederentdeckung der zwischen Gesellschaft und physischer Umwelt bestehenden Interdependenzen und Interrelationen als zentrale Fragestellung der Geographie” im jüngeren geographischen Schrifttum ein häufig aufgegriffenes Thema sei. “Es scheint, dass diese Tendenz beeinflusst ist durch die allgemeine und zeitspezifische, im Zuge der technischen und energetischen Revolution zur Lebens- bzw. Überlebensnotwendigkeit gewordene Problematisierung der Mensch-Umwelt-Beziehung,”55
Weichhart 1975: 55.
so sagt er und stellt sich damit an den Anfang einer Diskussion, in der es nicht mehr um die Frage geht, ob eine Verbindung zwischen natur- und humanissenschaftlichen Ansätzen von einem wissenschaftstheoretischen Standpunkt aus überhaupt möglich sei, sondern wie sie, da absolut notwendig, zu bewerkstelligen sei. Damit wird ein Anliegen der traditionellen Geographie wieder aufgegriffen. Gerhard Bahrenberg stellt aber in Frage, dass diese Tradition ein geeigneter Anknüpfungspunkt für einen angesichts der Umweltkrise integrativen Ansatz sein könnte. Er stellt nämlich einen Kontrast zwischen Anspruch und Realität fest:
Die Geographie war und ist die Wissenschaft von der Mensch-Umwelt-Beziehung, die das Entstehen neuer interdisziplinärer Studiengänge überflüssig macht [so die Behauptung , z.B. am Geographentag 1991 in Basel]. Was an solchen Beschwörungen stutzig macht ... ist die Tatsache, dass diese Studiengänge trotzdem ins Leben gerufen werden.56
Gerhard Bahrenberg 1994: 57.
Bahrenberg bringt diesen Umstand mit einer Unfähigkeit der Geographie in Verbindung, die bei ihrer klassischen Version begann und in verschiedener Form bis heute andauert. Diese konstitutiert das Mensch-Natur-Verhältnis als Forschungsgegenstand nur in einer ganz bestimmten, eigentümlichen Weise, die im Zusammenhang mit den heutigen Problemen irrelevant ist: Ausgehend von einer territorialen Segmentierung werden Regionen als Lebensräume von Gesellschaften bzw. Gemeinschaften angesehen, in denen eine wechselseitige Beeinflussung von Kultur und Natur stattfindet. Dabei geht es nicht um die Analyse der eigentlichen Mensch-Umwelt-Beziehung, sondern lediglich um deren die Erdoberfläche prägende Wirkung, also gewissermassen um deren Projektion in den geographischen Raum.57
Vgl. Bahrenberg 1994: 59-60.
Ein weiteres Charakteristikum des geograpischen Paradigmas, das Bahrenberg als in der Ökologieproblematik hinderlich ansieht, ist “der bis heute immer wiederkehrende Topos der Harmonie zwischen Mensch und Natur”, der die Illusion einer möglichen Versöhnung nährt und in einer “Blindheit gegenüber den spezifischen Umweltproblemen der modernen Industriegesellschaft” resultiert.58
Bahrenberg 1994: 60-61.
Mir scheint allerdings, dass Bahrenberg hier Ursache und Wirkung verwechselt: Gerade weil wir nicht blind sind gegenüber den Problemen unserer modernen Gesellschaft wagen wir es, die Frage nach der Möglichkeit der Wiedergewinnung einer gewissen Harmonie zwischen Mensch und Natur zu stellen. Zufolge Fritz Kraus ist es die Entfremdung des Menschen von seiner natürlichen Umwelt, die das Interesse für jene Epoche wieder weckt, in der, wie bei Alexander von Humboldt, noch ein Band zwischen Kosmos und Menschheit bestand.59
Siehe Fritz Kraus 1960.
Wenn ein solches Interesse als für die heutige Situation untauglich gesehen und dafür als Beweis die Tatsache herangezogen wird, dass neue interdisziplinäre Richtungen ausserhalb der Geographie entstehen, die das traditionelle geograpische Gedankengut ablehnen, dann spricht dies nicht für diese neuen Richtungen. Ich habe versucht, die Frage nach dem Nutzen dieses Gedankengutes bei einer Würdigung des Werkes von Heinrich Gutersohn (1899-1996, Professor für Geographie an der ETHZ von 1941 bis 1970) zu stellen.60
Siehe Steiner 1997a.
Anknüpfend bei von Humboldt und Ritter anlässlich seiner Antrittsvorlesung an der ETH war für Gutersohn die Landschaft als ganzheitliches Phänomen, in das sich auch der Mensch mit seinem Tun sinnvoll eingeben sollte, durchwegs ein zentrales Thema. Dabei propagierte er aber nicht die Konservierung einer antiquierten Einstellung, sondern versuchte, Traditionelles mit sich aus der modernen Entwicklung ergebenden Anforderungen zu verbinden. Er sprach zwar von der “Harmonie in der Landschaft”, aber brachte sie in Verbindung mit der Raumplanung61
Heinrich Gutersohn 1946.
- Gutersohn war ja einer der schweizerischen Pioniere auf diesem Gebiet. Damit wurden beide Seiten in ihrer Bedeutung relativiert:
So ist die Harmonie in der Landschaft als Repräsentantin holistischer Auffassungen nicht absolut, sondern immer beschränkt und gefährdet, da die Landschaft in ständiger Veränderung begriffen ist. Ebenso ist aber auch die dem modernen Denken enstammende Vorstellung von der Planbarkeit der Dinge nicht unbeschränkt, denn sie wird ebenfalls durch die Veränderungsprozesse beeinträchtigt und muss sich immer wieder an neue Gegebenheiten anpassen.62
Steiner 1997: 44.
Was bei Gutersohn nicht aufgeht, ist dies: Gerade das, was bei der Geographie ihren für sie spezifischen wissenschaftlichen Kern ausmacht, nämlich die ganzheitliche Zusammenschau, wird von der Kritik als un- bzw. vorwissenschaftlich eingstuft. “Ein solcher diffus totalisierender, ‘ganzheitlicher Landschaftsbegriff’ ist rational gar nicht rekonstruierbar” und das ”Gerede von Synthese, Ganzheit und Totalität” damit ”anspruchsvoll-leer”, formulierte z.B. Gerhard Hard in seiner bekannten prägnanten Weise.63
Gerhard Hard 1973: 166 bzw. 178.
Am Massstab eines modernisierten Wissenschaftsverständnisses gemessen, ist diese Kritik berechtigt, und Hard skizziert auch die gerade im Hinblick auf die heutige Situation mit derartigem Denken verknüpfte Gefahr:
Wenn man, wie üblich, auf Einheit, Ganzheit, Integration usw. abhebt, dann kommt, wie üblich, eine Chimäre heraus, z.B. eine fiktive Wunschwissenschaft von der Art einer “integrativen Umweltwissenschaft”, “Humanökologie” etc.64
Hard 1992: 39.
Anders herum heisst dies aber auch, dass wir mit einer rein wissenschaftlichen Haltung den Umweltproblemen gegenüber mit ihnen nicht zurande kommen. Wir benötigen Ansätze, die den Rahmen herkömmlicher Wissenschaft transzendieren - wir kommen hier zum in 5 angesprochenen Thema einer “neuen Humanökologie” -, und so gesehen hat das Denken im Stile der “alten Geographie” ein gewisses humanökologisch bedeutsames Potential, das uns heute durchaus von Nutzen sein kann. Hard übrigens übt hier nicht nur Radikalkritik, sondern entwickelt eine differenziertere Sicht: Begriffe und Grundkonzepte der klassischen Geographie weisen einen “Doppelcharakter” auf, indem in ihnen nämlich eine Mischung von Wissenschafts- und Alltagsverstand zum Ausdruck kommt, und er meint, eben dieser Umstand stelle sowohl Chance wie auch Gefährdung dar.65
Hard 1983: 140.