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Das Surreale des Realen
Wenn man Josef Koudelka mit zwei oder drei Worten charakterisieren wollte, könnte man sagen, dass er einen besonderen Blick für das Surreale im Realen hat. Und es mag sein, dass er als gebürtiger Tscheche dafür prädestiniert ist. Schliesslich haben seine Landsleute eine Literatur und überhaupt eine kulturelle Szene hervorgebracht, die das nicht ganz Realitätsfeste und Skurrile zum Ausdruck bringen; man denke nur an Bohumil Hrabal oder an die „Laterna magika “ in Prag, die bis heute fasziniert.
Die Wahrheit in der Wiederholung
Aber um Koudelka gerecht zu werden, muss man zuspitzen. Man muss sagen, dass bei ihm das Surreale die Präzisierung des Realen ist. Er sieht hinter das Sichtbare. Und das ist es, was selbst dem flüchtigen Betrachter seiner Bilder spontan auffällt. Er kann es vielleicht nicht greifen, aber es ist auch für ihn evident.
Es gibt ein paar biographische Fakten und ein paar Schlaglichter, die das Besondere an Josef Koudelka fassbarer machen. Koudelka kam am 10. Januar 1938 in in Boskovice zur Welt. In seinem ursprünglichen Beruf war er Raumfahrtingenieur. Nebenbei fotografierte er für das Theatermagazin „Divadlo“ . Dann wurde er Theaterfotograf. Er nutzte dort die Möglichkeit, bestimmte Szenen in ihrer Wiederholung wieder und wieder zu fotografieren. Das dürfte ihm von seiner Ausbildung als Raumfahrtingenieur her bekannt vorgekommen sein: Wiederholen Wissenschaftler und Ingenieure nicht auch wieder und wieder Experimente, um zum Kern der Erkenntnis vorzustossen?
Nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ ist Koudelka im Jahr 1970 nach London emigriert. Ein Freund machte ihn mit dem Magnumfotografen David Hurn bekannt, und weil dieser in seiner Wohnung schon häufiger gestrandeten Fotografen Asyl geboten hatte, wurde ihm vorgeschlagen, doch auch Koudelka für ein paar Wochen aufzunehmen. Daraus wurden 9 Jahre.
"Zündet" das Foto?
Josef Koudelka nutzte sogleich das Fotolabor von David Hurn und entwickelte etwa 800 Filme und machte zahllose Abzüge. Und ständig kam er zu David Hurn und fragte ihn, welche Bilder „zünden“ würden – David Hurn beschreibt das selbst in einem wunderbaren kleinen Beitrag über Koudelka im Band MagnumMagnum, Schirmer/Mosel 2009.
Welches Bild „zündet“? Jeder Schriftsteller, jeder Maler, jeder Journalist weiss, dass seine besten Absichten nur so viel wert sind, wie es ihm gelingt, sie zu transportieren, sie buchstäblich zünden zu lassen wie bei einem gelungenen Raketenstart. Dahinter steckt weit mehr als kühle Berechnung. Dahinter stecken Leidenschaft und Könnerschaft – gepaart mit Selbstkritik.
Man muss aber auch sagen, dass Josef Koudelka nicht nur ein Zeitzeuge, sondern auch ein leidenschaftlicher Menschenfreund ist. So hat er sich, bevor er seine weltberühmten Fotos von der Niederschlagung des demokratischen Aufbruchs in Prag machte, mit der Lebenssituation der Zigeuner beschäftigt. Er ist tief in dieses Leben eingetaucht, und es ist ein grosses Verdienst des Steidl Verlags, dass er einen Band mit diesen Bildern und einer eindringlichen Schilderung des Schicksals der Sinti und Roma von Will Guy vorgelegt hat. Das ist ein Dokument ersten Ranges.
Es ist kaum zu verstehen, dass es im deutschen Sprachraum sonst kaum Gedrucktes von Koudelka gibt. Vorzüglich ist der Band aus der Reihe "Photofile" des Verlages Thames & Hudson über Koudelka, der einen guten Überblick samt dem schönen Essay auf Englisch von Bernard Cuau enthält. Und die entsprechende Website von Magnum bietet einen hervorragenden Einblick in sein Werk.
Empathie
Man sieht dort, mit welcher geradezu spielerischen Selbstverständlichkeit Koudelka immer wieder die Grenzen zwischen dem Realismus der Fotoreportage und dem Surrealismus der abstrakten Verdichtung überschritten hat. Man kann darin auch das beste Erbe des europäischen Theaters erblicken.
Aber da gibt es noch etwas. Wenn man die Bilder der Zigeuner, aber auch Fotoserien aus Irland, Italien und Spanien – bei Frankreich ist es etwas anders – betrachtet, stösst man auf eine sehr reduzierte condition humaine. Koudelka zeigt uns erbärmliche und elende Lebensverhältnisse. Die Zigeuner werden vertrieben, Iren und Italiener sind bisweilen von abstossender Resignation. Aber Koudelka ist kein Voyeur, der seinen Finger ausstreckt und „Das da“ ruft. Er ist ein Freund. Die Menschen, so beschreibt es auch Bernard Cuau, erleben ihn als Zeitgenossen, der mehr und mehr zum Vertrauten wird. Wenn er mit seiner Kamera erzählt, erschafft er eine Gültigkeit, die auch den Opfern in schwerer Stunde Würde verleiht.
Dr. Erich Salomon
An dieser Stelle soll der Deutschen Gesellschaft für Photographie zu diesem Preisträger gratuliert werden. Josef Koudelka setzt die vorzügliche Reihe der Preisträgerinnen und Preisträger in bester Weise fort. Und er passt zum Namensträger dieses Preises. Denn man darf nicht vergessen, dass Dr. Erich Salomon ein Fotograf war, der zu Zeiten der Weimarer Republik mit Vorliebe gerade an den Stellen mit verdeckter Kamera auftauchte, an denen sich Realität dermassen verdichtete, dass Fotografen keinesfalls zugelassen waren. „Wo kämen wir denn da hin?“ - dürfte gefragt worden sein. Nun, Erich Salomon war da, machte seine Bilder – und wurde im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau am 7. Juli 1944 ermordet.
Josef Koudelka, Roma, Steidl, Göttingen 2011
Thames & Hudson Photofile, Josef Koudelka, Introduction by Bernard Cuau, © 2007, Reprinted 2012
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