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Paralympics: Von Stoke Mandeville bis London
Als am 29. August 2012 in London die Paralympics eröffnet werden, schloss sich gewissermassen der Kreis. Denn 1948, als die Olympischen Spiele letztmals in London stattfanden, gilt auch als eigentliches Geburtsjahr des paralympischen Sports.
Am Tag der Eröffnung der Olympischen Spiele 1948 in London rief der deutschstämmige Neurologe Sir Ludwig Guttmann die ersten Sportspiele für Rollstuhlfahrer ins Leben. Teilnehmer waren kriegsversehrte britische Soldaten, die im Krankenhaus von Stoke Mandeville in der Grafschaft Buckinghamshire behandelt worden waren. Die Wettbewerbe gingen als Stoke-Mandeville-Spiele in die Geschichte ein.
Der lange Weg zu den Paralympics
Bis zu den Paralympics in der heutigen, gigantischen Form sollte es aber noch ein weiter Weg sein. Zwar äusserte Guttmann ein Jahr später erstmals den Gedanken olympischer Spiele für Menschen mit Behinderung und 1952 nahmen einige Niederländer an den wiederum von Guttmann veranstalteten Wettkämpfen teil, doch erst acht Jahre später fanden in Rom unter dem Namen "Weltspiele der Gelähmten" die ersten Paralympics im heutigen Sinne statt. Seit 1960 gehen die Paralympics alle vier Jahre über die Bühne, immer kurz nach den Olympischen Spielen.
Rückschläge
Aber der Weg zu den Paralympics in der heutigen Form sollte steinig bleiben. So weigerten sich die Organisatoren der Spiele 1984 in Los Angeles aus Image-Gründen, die damaligen "International Games for Disabled" durchzuführen. Die Gemeinde Champagne bei Chicago übernahm die Ausrichtung, verzichtete aber später aus finanziellen Gründen. Und so wurden letztlich einige Wettkämpfe in Stoke Mandeville und andere auf Long Island (New York) durchgeführt.
Olympia-Städte müssen auch Paralympics ausrichten
Seit 1988 finden die Paralympischen Sommerspiele regelmässig am selben Ort wie die Olympischen Sommerspiele statt und werden damit ihrem Namen auch gerecht. Denn Paralympic stammt vom Wort "parallel" ab, bedeutet also nichts anderes als die Spiele neben den Olympischen Spielen. Seit den Olympischen Spielen 2012 müssen Städte in ihren Bewerbungen auch die Ausrichtung der Paralympics einbeziehen, die dann von demselben lokalen Organisationskomitee wie die Olympischen Spiele koordiniert werden.
Die Paralympics beginnen entsprechend dieser Vereinbarung immer spätestens drei Wochen nach Ende der Olympischen Spiele. In London haben der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees IOC, Jacques Rogge, und jener des International Paralympic Committee IPC, Sir Philip Craven, vereinbart, dass die Regelung bis mindestens 2020 fortgesetzt wird. Das IPC mit Sitz in Bonn trägt seit 1989 die Verantwortung für die Entwicklung und Durchführung der Paralympics.
In 21 Sportarten wurden bei den Paralympics in London Medaillen vergeben:
- Bogenschiessen
- Leichtathletik
- Boccia
- Radrennen (Strasse)
- Bahnradrennen
- Dressurreiten
- Fussball "5-a-side"
- Fussball "7-a-side"
- Goalball
- Judo
- Gewichtheben
- Rudern
- Segeln
- Schiessen
- Schwimmen
- Tischtennis
- (Sitz-)Volleyball
- Rollstuhl-Basketball
- Rollstuhl-Fechten
- Rollstuhl-Rugby
- Rollstuhl-Tennis
In den einzelnen Sportarten werden die Sportler in sechs Kategorien und darin in weitere Unterklassen eingeteilt. Dabei werden die Art der Behinderung und ihre Auswirkung auf die Ausübung der jeweiligen Sportart berücksichtigt. Mit der Klassifizierung wird Vergleichbarkeit, Chancengleichheit und Spannung gewährleistet. Die sechs Hauptkategorien sind:
Amputiert:
Athleten, denen mindestens ein Hauptgelenk in einem Glied fehlt.
Zerebralparese:
Athleten, die an einer Beeinträchtigung des Bewegungsablaufes und der Haltung leiden, bedingt durch Schädigungen eines oder mehrerer Steuerzentren im Gehirn.
Sehbehinderung:
Athleten, die in unterschiedlichem Masse sehbehindert sind, bis hin zu völliger Blindheit.
Rollstuhlsport:
Athleten, die zur Ausübung ihres Sports einen Rollstuhl benutzen müssen.
Kleinwüchsigkeit:
Sportler unter 1,45 Meter und Sportlerinnen unter 1,37 Meter Körpergrösse.
"Les Autres":
Dieser Begriff umschreibt Athleten mit unterschiedlichen Behinderungen, die den Bewegungsapparat betreffen, die aber in keine der anderen vier Hauptklassen eingeordnet werden können.
Unabhängig vom Handicap und egal in welcher Klasse sind die Paralympics für Behindertensportler die grösste Bühne der Welt. Hier können sie zeigen, dass eine Behinderung zwar Einschränkungen mit sich bringt, aber Höchstleistungen nicht verhindert. So werden die Paralympics zum Symbol für das Potenzial, das Menschen mit Behinderung in sich tragen.
Paralympics - ein gigantischer Anlass
Mit einem Grossanlass wie den Paralympics wird man dem Potenzial behinderter Sportler gerecht. Nach den Olympischen Spielen sind die Paralympics das zweitgrösste Sportevent weltweit. 2008 in Peking traten bei den 13. Paralympischen Sommerspielen 4.000 Athleten aus 145 Ländern in 20 Disziplinen gegeneinander an. 1,82 Millionen Tickets wurden verkauft. Und in London machte die paralympische Sportbewegung noch einen weiteren Schritt vorwärts: 4.200 Athleten aus 165 Nationen waren am Start.
Alleine zur Eröffnungsfeier am 29. August 2012 im Olympic Stadium in London fanden sich 80.000 Zuschauer ein.
Text: Patrick Gunti - 08/2012/2014
Fotos: London 2012