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Das Klimaabkommen von Glasgow, der Glasgow Climate Pact, ist ein faszinierendes, aber gleichzeitig erschütterndes Dokument. Im Absatz 16 wird anerkannt, dass eine Begrenzung der Erderwärmung auf weniger als 1,5 Grad grundsätzlich sehr wichtig wäre. Der darauffolgende Absatz 17 stellt fest, dass dafür eine Reduktion der globalen CO₂-Emissionen um etwa fünfzig Prozent bis ins Jahr 2030 erforderlich wäre. Die Unterzeichnenden wissen alle, dass dies im Rahmen bestehender wirtschaftlicher und politischer Systeme gar nicht möglich ist und dass dafür ein Kurswechsel notwendig wäre, der aber gar nicht zur Diskussion steht. Die Unschuldsvermutung gilt somit nicht mehr: Sie wussten alle, was sie taten, als sie entschieden, die Menschheit nicht zu retten.
Henrik Nordborg
Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass die UNO-Klimakonferenzen das Ziel haben, den Klimawandel aufzuhalten. Wer dieser Meinung ist, soll bitte nach dem Wort «Konsum» im oben erwähnten Dokument suchen. Weil der westliche Lebensstil nicht infrage gestellt werden darf, kommt es nirgends vor. An diesen Konferenzen gilt noch das Dogma des unbegrenzten Wachstums, das kurzerhand in «nachhaltiges Wachstum» umbenannt wurde. Aus dem «perpetuum Mobile» ist eine «nachhaltig laufende Maschine» geworden, ohne dass jemand die Naturgesetze konsultiert hat.
Ausblenden statt Handeln
Das Hauptziel der Klimakonferenzen ist es, den Status Quo zu erhalten. Es darf einfach nichts passieren, was die globale Welt- und Wirtschaftsordnung gefährden könnte. Das Problem ist nur, dass es den Status Quo gar nicht mehr gibt: Unser Planet ist am Sterben und bei der Verwesung entstehen Kohlendioxid und Methan, die über den Treibhauseffekt das Ableben beschleunigen. Wenn wir eine Chance haben wollen, die komplette Zerstörung des einzig bewohnbaren Planeten im Universum aufzuhalten, sind drastische Massnahmen erforderlich, die aber heute immer noch als politisch undurchführbar gelten. Statt zu handeln, scheint die Menschheit damit beschäftigt zu sein, das Offensichtliche auszublenden. Eine Regierung, die sich zum 1,5-Grad-Ziel bekennt, müsste nämlich im nächsten Satz einen Plan vorlegen, wie sie die CO₂-Emissionen im Jahr 2022 um mindestens sieben Prozent zu reduzieren gedenkt, und im Jahr 2023 um weitere sieben Prozent. Es ist eine einfache Zinseszinsaufgabe, aber mit negativen Zinsen.
Leider hat uns die Corona-Krise die Grenzen internationaler Zusammenarbeit und Solidarität deutlich vor Augen geführt: Nicht mal die Mitgliedstaaten der Europäischen Union waren bereit, sich während der Pandemie gegenseitig auszuhelfen. Analog werden internationale Klimaabkommen so lange gültig sein, bis die Klimakrise spürbar wird. Wir können und dürfen nicht davon ausgehen, dass Menschen, die nichts zu essen und trinken haben, sich trotzdem gesittet verhalten. Besonders dann nicht, wenn sie Atomwaffen besitzen. Es sind deshalb nicht die einigermassen berechenbaren klimatischen Kipppunkte, die uns Sorgen machen sollten, sondern die gesellschaftlichen. Wenn wir uns bei der Lösung der Klimakrise auf Wissenschaft und Technik beschränken, haben wir einige wichtige Lehren der jüngsten Geschichte der Menschheit vergessen.
Eine realistische Vision für die Zukunft unseres Planeten
Zum Glück gibt es eine einfache Lösung der Klimakrise, die ein Minimum an internationaler Zusammenarbeit erfordert, mit allen Grundsätzen einer liberalen Gesellschaft vereinbar ist, und sofort innerhalb des bestehenden globalen Wirtschaftssystems umgesetzt werden kann. Der einzige Haken dabei ist, dass die Lösung auf dem Verursacherprinzip basiert, weshalb die Verursacher vehement dagegen sind.
Die Lösung nennt sich globale Klimakompensation und funktioniert wie folgt:
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1. CO₂-Preis: Alle Produzenten fossiler Brennstoffe zahlen eine Gebühr proportional zu ihrer Gesamtproduktion an einen globalen Fonds.
2. Klimagerechtigkeit: Das Geld aus dem Fonds wird den Nationen proportional zu ihrer Bevölkerungsgrösse zurückgezahlt.
Um das Ganze zu konkretisieren, gehen wir von einem Preis von 100 US-Dollar pro Tonne CO₂ aus. Mit dem heutigen Verbrauch fossiler Brennstoffe müssen dann die Produzenten jährlich etwa 3600 Milliarden Dollar an den Fonds zahlen, die aber sofort an die Regierungen der Welt zurückfliessen. Wenn wir davon ausgehen, dass die Ölfirmen auf ihre Gewinne nicht verzichten wollen, werden sie die höheren Kosten auf ihre Kunden abwälzen. Das Ergebnis ist also eine globale CO₂-Abgabe, welche die Nutzung fossiler Brennstoffe weltweit verteuert. Der Ölpreis steigt um etwa vierzig Dollar pro Fass und kommt auf das Niveau des Jahres 2008 zurück. Gleichzeitig erhält jede Nation der Welt einen Betrag von 450 Dollar pro Kopf und Jahr zurückerstattet: Die Schweiz bekommt 3,9 Milliarden, Russland 66 Milliarden, und Bangladesch 74 Milliarden Dollar. Dies schafft globale Armut ab und ermöglicht ein Erreichen der Nachhaltigkeitsziele der UNO.
Kompensation ersetzt übrige Steuern und Ökolabels
Der Vorteil dieser Idee ist, dass sie umsetzbar ist. Es gibt nicht mehr als 300 Unternehmen weltweit, die fossile Brennstoffe produzieren, und etwa 200 Nationen. Wenn sie sich auf einen CO₂-Preis einigen, wird eine globale Abgabe auf sämtliche CO₂-Emissionen eingeführt. Es gibt dann keinen Grund mehr, separate Steuern auf Flugreisen, Benzin oder Heizöl zu erheben. Auch die meisten Ökolabels können abgeschafft werden, da jeder Preiszettel auf der ganzen Welt die CO₂-Abgabe schon berücksichtigt. Da Kunststoff aus Öl hergestellt wird, wird gleichzeitig eine weltweite Steuer auf Plastikverpackungen eingeführt.
Alle Regierungen der Welt erhalten ohne Auflagen Geld aus dem Fonds. Somit ist die nationale Souveränität der Staaten gewahrt und sie können ihre Energie- und Umweltpolitik selbst gestalten. Da gleichzeitig die Preise fossiler Brennstoffe ansteigen, werden sie zumindest einen Teil des Geldes für Investitionen in erneuerbare Energien und Energieeffizienz einsetzen.
Für die Regierung des globalen Südens bietet die globale Klimakompensation enorme Vorteile. Da mehr als drei Viertel der Weltbevölkerung im Süden leben, erhalten sie auch drei Viertel des Geldes aus dem Fonds. Statt hundert Milliarden US-Dollar aus dem Klimafonds der UNO (Green Climate Fund) bekommen sie jährlich knapp drei Billionen von der Klimakompensation. Damit ist der gordische Knoten der Energiearmut durchtrennt: Die Energiepreise steigen zwar auch in den Entwicklungsländern, aber diese werden dafür durch Direktzahlungen mehr als entschädigt.
Auch die reichen Länder profitieren
Für den Norden sieht die Sache etwas weniger rosig aus. Es muss aber betont werden, dass die globale Klimakompensation auch für reiche Länder Vorteile hat. Erstens müssen die Regierungen keine neuen Steuern einführen, um ihre Klimaziele zu erreichen. Wenn der Weltmarktpreis für fossile Brennstoffe ansteigt, sind Menschen gezwungen, ihren Lebensstil zu ändern. Bereits beschlossene klimapolitische Massnahmen werden künftig mehr Sinn ergeben und die Politiker sind aus der Schusslinie, da es die Ölfirmen sind, die den Benzinpreis erhöhen und die Steuern eintreiben. Ausserdem wird mit der Klimakompensation nicht Reichtum bestraft, sondern der ökologische Fussabdruck. Wer sowieso eine Netto-Null-Strategie verfolgt, muss sich vor der Klimakompensation nicht fürchten.
Das Gleiche gilt auch für die Privatwirtschaft. Die meisten grossen Unternehmen haben heute eine ambitionierte Netto-Null-Strategie verabschiedet. Sie wollen nicht nur den eigenen CO₂-Ausstoss reduzieren, sondern streben auch klimaneutrale Lieferketten an. Wenn sie es schaffen, werden ihre Produktionskosten durch die Klimakompensation nicht ansteigen und sie werden dadurch wettbewerbsfähiger.
Auch Ölfirmen müssen heute so tun, als würden sie den Klimawandel ernst nehmen. Die globale Klimakompensation bietet für sie die optimale Möglichkeit den Worten Taten folgen zu lassen, da sie nur die Rolle des Steuervogtes übernehmen müssen. Produzenten fossiler Brennstoffe, die dem Plan zustimmen, dürfen weiter existieren. Die Übrigen geben offen zu, dass ihnen die Zukunft der Menschheit unwichtig ist, und werden sich kaum durch Greenwashing retten können.
Für Arbeitnehmer bietet die globale Klimakompensation grosse Vorteile. Heute gehen viele Arbeitsplätze durch Automatisierung und Outsourcing verloren. Steigende Energiepreise machen beide dieser Prozesse weniger attraktiv. Es wird sich wieder lohnen, eine anständige Arbeit zu verrichten, worüber sich sicher auch die Gewerkschaften freuen werden.
Dank der finanziellen Rückvergütung profitiert ein Grossteil der Menschheit. Es ist anzunehmen, dass dadurch einige politische Krisen entschärft werden können und viele Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren werden.
Eine gerechte Lösung – die aber niemand will
Wir stellen also fest, dass die Klimakrise eigentlich lösbar wäre. Die globale Klimakompensation ist eine einfache Methode, die mit der Nutzung fossiler Brennstoffe verbundenen externen Kosten auf effiziente und unbürokratische Art zu internalisieren. Wenn es global geschieht, können Wettbewerbsverzerrungen vermieden werden. Wenn es gerecht geschieht, wird ein Grossteil der Menschheit davon profitieren.
Das Problem ist nur, dass die Finanzmärkte und die Industrienationen – vormals Kolonialmächte – gar keine gerechte Lösung wollen. Die Reichen und Mächtigen dieser Welt sind direkt oder indirekt durch Öl reich geworden und haben keine Lust, weder auf Macht noch Reichtum zu verzichten. Es ist als befänden wir uns auf einem sinkenden Schiff, das dem Untergang geweiht ist, weil die Passagiere in der 1. Klasse sich weigern, die Wasserpumpen zu bedienen. Denn, wie John F. Kennedy es einmal so treffend formuliert hat, «wer eine friedliche Revolution verhindert, macht eine gewaltsame Revolution unumgänglich.»
Selbstverständlich führt die globale Klimakompensation dazu, dass viel Geld vom globalen Norden in den Süden fliesst. Alles andere wäre absurd, denn es sind hauptsächlich die Industrienationen, die für den Klimawandel verantwortlich sind, vor allem wenn die historischen Emissionen berücksichtigt werden. Statt zu jammern könnten sie mit der Dekarbonisierung vorwärts machen und den unnötigen Konsum reduzieren.
Bisherige Ansätze haben versagt
Leider müssen wir nach COP26 feststellen, dass die internationale Klimapolitik gescheitert ist. Die Zerstörung des Erdklimas schreitet immer schneller voran und stellt ein hochriskantes, unkontrollierbares und irreversibles Experiment mit dem einzigen bewohnbaren Planeten des Universums dar. Alle Experten sind sich einig, dass dies in einer Katastrophe enden wird. Wäre es nicht besser, ein risikofreies, kontrollierbares und reversibles Experiment mit dem Wirtschaftssystem zu wagen? Bevor wir es tun, müssen wir aber festlegen, wie wir den Erfolg dieses Experimentes messen. Solange wir Erfolg mit Wirtschaftswachstum und steigenden Aktienkursen gleichsetzen, wird echter Klimaschutz keine Chance haben.
Damit sind wir zurück bei der Frage des nachhaltigen Wachstums, das kürzlich in Le Monde als Fake News bezeichnet wurde. Wenn Wirtschaftswachstum und Umweltschutz vereinbar wären, könnte ein System der freiwilligen Zusagen funktionieren. Wenn nicht, müssen wir die Spielregeln des internationalen Wettbewerbs derart abändern, dass Nationen für die Schliessung klimaschädlicher Industriezweige belohnt werden. Das Pariser Abkommen basiert auf der Annahme, dass Klimaschutz nichts kostet und die Länder der Welt freiwillig mitziehen werden. Die globale Klimakompensation braucht diese Annahme nicht und führt unabhängig davon zu einer Reduktion der Emissionen. Wenn die Optimisten recht haben, wird die Klimakompensation eine technologische Energiewende beschleunigen. Wenn nicht, wird die Weltwirtschaft schrumpfen. In beiden Fällen profitieren die Biosphäre und künftige Generationen.
Nicht perfekt, aber praktikabel
Die globale Klimakompensation ist ein liberales und minimal invasives Instrument, um Klimaschutz, Klimagerechtigkeit und Armutsbekämpfung umzusetzen. Sie nutzt die Vorteile der Marktwirtschaft, um die externen Kosten fossiler Brennstoffe möglichst effizient und verursachergerecht zu verteilen. Die Idee ist nicht neu und auch nicht perfekt. Es ist aber viel besser, einen praktikablen Plan zu haben, der eventuell nachgebessert werden muss, als gar keinen. Die Frage, ob ein besseres System gefunden werden kann, ist durchaus legitim. Sie soll uns aber nicht daran hindern, mit der Umsetzung der globalen Klimakompensation loszulegen. Denn die Zeit rennt uns sonst davon.