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«Die werkbesessene Kultur mit ihrer allgegenwärtigen Eitelkeit ist weitgehend schuld an der Fortdauer der Barbarei.» (Robert Mächler)[1]
• Eine Zeitungsberichterstattung, die sich primär, grundsätzlich oder gar ausschliesslich mit marktvermittelter Kulturproduktion auseinandersetzt (wobei sich «Kultur» zu den künstlerischen Leistungen der verschiedenen Sparten verengt), nenne ich Feuilleton. Das Feuilleton behauptet durch seine Perspektive, dass es in der Öffentlichkeit kein kulturelles Werk geben könne, das nicht Produkt, also Ware wäre.
• Die Überführung des kulturellen Werks in seine Warenform ist erzwungen durch den Markt des kapitalistischen Universums, in dem es hervorgebracht wird. Weder denkt Feuilletonjournalismus diese Überführungsmechanismen mit noch kritisiert er sie – er setzt sie als gegeben voraus. Deshalb ist dieser Journalismus trotz aller allfälligen Verbalradikalität, trotz aller theoretisch fundierten Diktion ein im Kern unkritischer Journalismus. In dem Mass, in dem man die Gründe tabuisiert, die den Output der Kulturindustrie so machen, wie er ist, in dem Mass darf man in den geschlossenen Zirkeln des Überbaus alles sagen. Der Preis für diesen Selbstbetrug: Alles Gesagte bleibt folgenlos. Die Kritik des Scheins ist Scheinkritik.
• Feuilletonjournalismus redet über nichts anderes als über Eigenheiten, Vorzüge und Nachteile von Waren (wobei als Kriterien zuallererst «feine Unterschiede» im Sinn Pierre Bourdieus dienen). Deshalb ist ihm eine grundsätzliche Public Relations-Perspektive immanent. Feuilletonjournalismus unterscheidet sich qualitativ nicht von jenen Journalismen, die sich zum Beispiel in den Dienst der Automobil-, der Computer- oder der Tourismusbranche stellen. Nur das Selbstverständnis jener, die ihn machen, ist ein anderes.
• Es gibt kulturelle Impulse in Taten, Prozessen und Werken. Diese Impulse können überall aktiv werden. Der Markt macht sie nur insofern wahrscheinlicher, als er von Fall zu Fall die ökonomische Situation von «Kulturschaffenden» stabilisieren kann. Gesicherte Ökonomie garantiert aber den kulturellen Impuls nicht (sowenig wie ungesicherte Ökonomie, wie die sozialdarwinistische Perspektive auf das Kulturschaffen behauptet[2]). Der kulturelle Impuls – die Wirkkraft des Kulturellen – entsteht unabhängig von der Sicherung der eigenen Existenz und von der Verkäuflichkeit eines Produkts. Er ist in einem säkularisierten Sinn der Geist, der weht, wo er will. Aber erst seine Überführung in die Warenförmigkeit macht ihn für das Feuilleton und damit für die Öffentlichkeit wahrnehmbar. Wer sich der Kultur nur marktvermittelt widmet, begegnet dem kulturellen Impuls grundsätzlich nur im Zustand seiner Mumifizierung: als Ware.
[1] Robert Mächler: Irrtum vorbehalten. Aphorismen und Reflexionen über Gott und die Welt. Bern (Haupt) 2002, S. 49.
[2] In einem Interview mit der Zytglogge Zytig Nr. 6, Februar 1976, fasste der stadtbernische alt Gemeinderat Gerhart Schürch diesen Sozialdarwinismus in die bedenkenswerte Sentenz: «Das ist das ewige Grundthema: Soll man überhaupt dem Künstler das Leben erleichtern? Nein, man muss es ihm – überspitzt ausgedrückt – erschweren, damit etwas aus ihm wird – nur nicht so, dass er daran zugrunde geht. Das ist alles eine Frage des richtigen Masses.» (Dieses Zitat habe ich bereits hier verwendet.)
(13.01.1994; 20.12.2001; 24.12.2004; 23.08.2017; 03.06.2018)
Mich beschäftigt dieser Satz: «Das Feuilleton behauptet durch seine Perspektive, dass es in der Öffentlichkeit kein kulturelles Werk geben kann, das nicht Produkt, also Ware wäre.» Zwar hat der Printmedienbereich, den ich stets vorab im Auge hatte, heute, 2017, für die Transmission zwischen Produktion und Rezeption eine viel bescheidenere Bedeutung als noch in den 1990er Jahren (siehe z. B. «Die Zeit der Rezensionen geht zu Ende»). Trotzdem will ich folgendes präzisieren:
Es stimmt, die objektive Funktion des rezensierenden Feuilletonjournalismus, wie ich ihn seit den 1970er Jahren kennengelernt habe, ist jene des Türhüters an den Zugängen zum Markt. Gleichzeitig stimmt aber auch, dass der Feuilletonjournalismus stets grundsätzlich so getan hat, als ob marktvermittelte kulturelle Werke, mit denen er sich ausschliesslich auseinandersetzt, anders denn als Ware betrachtet werden könnten.
Klarer wird das Argument, wenn ich – als Autodidakt darf ich das – Ästhetik auf die drei für mich relevanten Kategorien (Form, Inhalt, Rahmen) reduziere und Produktions- von Rezeptionsästhetik wie folgt unterscheide:
• Die Produktionsästhetik ist jene der Kunstschaffenden. Sie fokussiert Form und Inhalt des Werks, das entstehen soll. Im Schaffensprozess hat der Rahmen, also der Ort, an dem das Werk später vor die Öffentlichkeit tritt, keine Bedeutung. Das Schielen nach dem Publikum könnte die Überlegungen zu Form und Inhalt sogar korrumpieren im Sinn von: Wenn ich es so statt so mache, habe ich mehr Erfolg.
• Die Rezeptionsästhetik ist jene des Publikums und der Transmissionsinstanzen zwischen Produktion und Rezeption – also auch des Feuilletons. Hier ist der Einbezug des Rahmens – der Aspekte und Widersprüche, die sich aus der Veröffentlichung des Werks ergeben – für die ästhetische Betrachtung zentral. Denn die Bedeutung des Werks wird entscheidend geprägt vom Ort und vom Zeitpunkt seiner Veröffentlichung.
Diese Differenzierung vorausgesetzt wird die Doppelfunktion des rezensierenden Feuilletons deutlich. Einerseits hilft es als Kanonisierungsinstanz mit, Kunstwerke als Waren am Markt erfolgreich oder erfolglos zu machen. Andererseits tut es das in einer übergriffig-verlogenen und feigen Weise:
• Übergriffig-verlogen ist die massgebliche, meist akdemisch geschulte Denkart des Feuilletons, die sich um ihre rezeptionsästhetische Pflicht und Schuldigkeit foutiert und weitgehend produktionsästhetisch argumentiert im Sinn von: Du bist genial, aber ich bin halt noch ein bisschen genialer. Darum sage ich jetzt, was dein Werk wert ist.
• Feige ist das Feuilleton, weil es auf die Aspekte und Widersprüche der Veröffentlichung, also auf den Rahmen des Werks, nicht hinweist. Es gibt Kunstschaffende, die ihre eigenen Werke zerstören durch den – mag sein kommerziell interessanten – Rahmen, in dem sie sie präsentieren. Dass das Feuilleton so etwas nicht einmal denken darf, liegt auf der Hand. Wäre es kritisch statt bloss scheinkritisch, würde es andauernd Inserenten verärgern. Kein Medium riskiert Einnahmenverluste wegen Lappalien, was Kunstwerke in jedem Fall sind.
Manchmal ist es einfacher, als man denkt.
(29.08.2017; 03.06.2018)