Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03171.jsonl.gz/2574

Wie genau Keystone-Pflanzen ihre Umwelt unterstützen ist sehr individuell und variiert je nach Art. Im Allgemeinen bieten sie aber Nahrung und Unterschlupf sowie optimale Bedingungen zur Aufzucht von Nachkommen verschiedener Pflanzen- und Tierarten.
Reiche Lebensräume
Die symbolträchtige und sagenumwobene Eiche wird oft als der Urbaum angesehen. Fossilfunde in Sedimenten gehen bis auf 12 Millionen Jahre zurück. Weltweit umfasst die Familie der Eichengewächse (Quercus) rund 600 Arten. Eichen sind ein Symbol von Stolz und Stärke; aus den ursprünglich winzigen Eicheln wachsen im Laufe der Jahre und Jahrhunderte mächtige Bäume empor. Eichen können ein Alter von über 1000 Jahren erreichen und gelten etwa ab ihrem zarten vierhunderten Lebensjahr als perfekte Zufluchtsorte und Lebensräume. Je älter eine Eiche ist, desto wertvoller wird sie für ihre Umwelt. Kaum eine andere Baumart versorgt eine solch grosse Artenvielfalt wie eine in die Jahre gekommene Eiche. Eine im Jahr 2019 veröffentlichte Studie fand, dass geschätzte 2300 Arten durch die Eiche unterstützt werden. Davon sind 326 Arten gar komplett auf den Baum angewiesen, um zu überleben. Die tatsächlichen Zahlen sind vermutlich noch um ein Vielfaches grösser, denn Bakterien und andere Mikroorganismen wurden nicht mit einbezogen. Im Schweizer Wald gibt es vier einheimische Eichenarten, von denen Stieleichen und Traubeneichen am häufigsten anzutreffen sind.
Die männlichen und weiblichen Blüten wachsen jeweils an ein und demselben Baum und bieten Nahrung für Eichhörnchen und eine ganze Reihe von Insekten. Die Raupen des Blauen Eichenzipfelfalters und des Grossen Eichenkarmins haben sich ausschliesslich auf das Fressen der charakteristisch gelappten Eichenblätter fokussiert. Blattläuse mögen die Blätter ebenfalls und produzieren Honigtau, eine zuckerhaltige Substanz, die wiederum Waldameisen anzieht. Dieser rege Verkehr von wirbellosen Tieren wie Schmetterlingen, Käfern, Motten und Ameisen bietet ein reichhaltiges Nahrungsangebot und zieht in der Folge andere Organismen an. Vögel wie Meisen sind besonders interessiert am Verzehr von Insekten. Insgesamt sind 38 Vogelarten bekannt, die sich auf und in Eichen aufhalten. Auch die Nüsse des Baumes, die Eicheln, sind beliebte Ressourcen für eine Vielzahl von Waldbewohnern, ob Dachs, Reh, Wildschwein, Eichhörnchen oder Waldmaus. Die enthaltenen Kohlenhydrate, Eiweisse und Fette bieten eine grossartige Energiequelle. Zudem fallen die reifen Eicheln im Herbst zu Boden, einem für die Tiere kritischen Zeitpunkt, an dem sie sich für den Winter vorbereiten. Der Name des Eichelhähers kommt ebenfalls nicht von ungefähr. Er vergräbt die Nüsschen, ähnlich dem Eichhörnchen, um einen Vorrat für später anzulegen. Für die vergessenen Eicheln (immerhin rund drei Viertel des ursprünglichen Grundstocks) besteht dann die Chance, zu einer neuen Eiche heranzuwachsen.
Ein besonders schönes Exemplar einer alten Eiche (RegalShave, Pixabay)
Gut Ding will Weile haben
Mit steigendem Alter wird die Rinde einer Eiche immer rauer und nimmt an Struktur zu; vermehrt entstehen Falten und Rillen. Lösen sich einzelne Rindenstücke, bilden sich Spalten oder gar Löcher. Fledermäuse quartieren sich gerne in solchen Nischen ein, oder aber sie können als Nistplätze für Trauerschnäpper oder Sumpfmeisen dienen. Der Baumläufer mag es lieber versteckt und nistet oft hinter loser Rinde, wo er Insekten frisst. Rund 108 Pilzarten ernähren sich mit dem Holz des Stammes, darunter die Eichenzunge, ein Pilz, der ausschliesslich an mindestens 250 Jahre alten Eichen vorkommt. Eine unglaubliche Anzahl von 716 Flechtenarten wird von Eichen beherbergt, die ihrerseits Nistmaterial, Nahrung und Schutz für die restlichen Bewohner des Baumes bieten. 12 dieser Flechten kommen nur auf Eichen vor.
Wenn die Eiche schliesslich nach Hunderten von Jahren allmählich abstirbt, zerfällt das innerste Kernholz und wird von Tierschäden, Wetterextremen und spezialisierte Pilzen freigelegt. Das entstandene Totholz bedeutet ein Paradies für viele Käferarten, die dort Nahrung finden und brüten. Da das Totholz ausserdem weicher und daher leichter auszuhöhlen ist, finden sich an alten Eichen viele Spechte. Die entstandenen Hohlräume dienen später der Verwendung als Vogelnistplätze (unter anderem für Stein- und Waldkauz), Fledermausquartiere und Eichhörnchenhöhlen.
Eichen werden oft romantisiert, etwa wenn man an die Erzählungen um Robin Hood, den Rächer der Armen denkt. Er soll sich mit seinen Gefährten in der noch heute im Sherwood Forest stehenden Eiche „Major Oak“ versteckt haben. Geht es allerdings um den finanziellen Ertrag, werden einfacher zu bändigende, schnell wachsende Baumarten bevorzugt. Viele der ursprünglichen, knorrigen Eichen mussten daher in der Vergangenheit anderen Bäumen oder auch der Landwirtschaft weichen. Der Wert einer alten Eiche, die praktisch ein selbst erhaltendes Ökosystem bildet, ist jedoch nicht zu unterschätzen.
Kohlenstoffsenken und Wasserfiltrierer
Im Vergleich zu unseren einheimischen Eichen sind Mangroven auf den ersten Blick exotische und damit sehr gegensätzliche Pflanzen. Allerdings sind auch sie wichtige Schlüsselarten in ihrem Lebensraum. Die 75 Mangroven-Arten sind in den Tropen und Subtropen zu Hause und werden auch als Gezeitenwälder bezeichnet, da sie sich perfekt an den schwankenden Wasserstand an der Küste angepasst haben. Bei Flut werden Schlick und Sedimente herbeigetragen, die von den Mangrovenwurzeln gesammelt und stabilisiert werden. Dadurch werden Erosionen verhindert. Das dichte Wurzelgeflecht und die Vegetation der Mangroven vermögen es ausserdem, Flutwellen und Wirbelstürme abzufangen, was massgeblich zum Küstenschutz beiträgt. Die schlammigen Sedimente sind ausgezeichnete Kohlenstoffspeicher. Obwohl die immergrünen Mangrovenwälder weltweit nur gerade 0.7 Prozent der tropischen Waldfläche einnehmen, können sie zwischen 4 und 20 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichern.
Das Wurzelsystem der Mangroven ist imstande, überschüssige Nähr- und Schadstoffe aufzunehmen, die unter anderem von Flüssen und Bächen ins Meer gebracht werden. Es verhindert umgekehrt, dass Meerwasser ins angrenzende Süsswasser-Ökosystem eintritt. Zudem sorgen Mangroven mit ihrem Filtervermögen für klares Wasser, weshalb sie gelegentlich auch als «Nieren der Küste» bezeichnet werden. Im Zusammenspiel mit Seegraswiesen und Korallenriffen halten Mangrovenwälder die Küstenzonen gesund.
Zuhause vieler Arten
Während die Mangroven als Kinderstuben bezeichnet werden, sind ältere Fische meist in den Seegräsern zu finden und residieren später in den Korallenriffen. Zum Laichen finden sie wieder in die schützenden Küstenwälder zurück. Die Mangroven bieten zwischen ihren Wurzeln optimalen Unterschlupf und ideale Brutstätten für eine Vielzahl von Fischen, Garnelen, Krabben und anderen Schalentieren. Rund drei Viertel der kommerziell gefangenen Meeresfische verbringen wenigstens einen Teil ihres Lebens in den Mangroven oder sind auf Nahrungsnetze angewiesen, die durch die Küstenwälder unterstützt werden. So leisten Mangrovenwälder indirekt auch einen wichtigen Teil zur Lebensgrundlage von Menschen, die auf den Fischfang angewiesen sind. Tausende von Arten beleben das Ökosystem der Mangroven, vom kleinen Bakterium bis hin zum bengalischen Tiger. Hunderte von Küstenvögeln und Zugvogelarten nisten in solchen Lebensräumen und auch die gefährdeten Nasenaffen und Dugongs sind auf die Küstenwälder angewiesen. Die vielen Tonnen von Blättern, die jährlich zu Boden fallen, liefern zusätzlich Nährstoffe für wirbellose Tiere und Algen, die wiederum Schwämme, Würmer, Quellen oder Jungfische ernähren.
Zerstörung äusserst problematisch
Mangroven sind also unglaublich wichtige Schlüsselarten. Ohne sie könnten viele andere Organismen nicht überleben. Werden diese Küstenwälder vernichtet, entweichen ausserdem grosse Mengen an Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen in die Atmosphäre – mit dramatischen Folgen für das globale Klima. In den vergangenen 50 Jahren wurde rund die Hälfte aller Mangrovenwälder zerstört, um für Garnelen-Aquakulturen oder Ackerflächen Platz zu schaffen. Gerodet wurde aber auch für den Bau von Strassen und Siedlungen. Berechnungen von Wissenschaftlern zufolge sind Schutzprogramme für Mangrovenwälder häufig wirtschaftlicher als andere Klimaschutzmassnahmen zur Reduzierung von CO2-Emissionen. Mittlerweile gibt es in Ländern wie Bangladesch, Indien, Vietnam und auf den Philippinen Massnahmen mit dem Ziel, die Abholzung der Mangrovenwälder aufzuhalten. Besonders erfolgsversprechend sind Projekte, die Fachleute, Behörden und die Bevölkerung in den Prozess einbeziehen, um nachhaltige Strategien zu entwickeln, die für alle funktionieren. Dies kann die Errichtung und Überwachung von Schutzgebieten beinhalten, die Wiederaufforstung von Mangrovenwäldern oder auch den Aufbau nachhaltigerer Garnelenzuchten.
Vorschau
In der nächsten Woche befassen wir uns mit bekannten und weniger bekannten Bestäubern, die oft eine Schlüsselrolle im Ökosystem spielen.
Quellen und weitere Informationen:
Woodland Trust: Oak trees and wildlife
Save Our Seas: The magic of mangroves
American Museum of Natural History: Why mangroves matter
Kommentare (0) anzeigenausblenden