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Bis gegen die Mitte des 19. Jh. bildete die Landwirtschaft die wichtigste Erwerbsgrundlage der Bevölkerung und bis zu Beginn des 20. Jh. gar galt der Ort als Reb- und Bauerndorf. Die Rebflächen waren im 19. Jh. recht bedeutsam. Sie bestanden aus zwei Teilen: den Feldreben und den Bergreben.
Die Feldreben im Nieder- und Mittelfeld, wie sie in der Siegfriedkarte 1878 eingezeichnet sind zogen sich von der Terrassenkante des Hohenrains über die Krumme Eiche bis zu den Weiden. Beim Bau der beiden Bahnlinien Base–Liestal 1854 und Basel–Brugg 1875 musste ein Teil des Reblandes den Geleisen Platz machen. Die restlichen Feldreben verschwanden dann im 20. Jh. gänzlich.
Die sogenannten Bergreben waren und sind in der Flur Bergreben bedeutsam. Allerdings hat der Siedlungsdruck im 20. Jh. einen Teil dieser Rebfläche zum Verschwinden gebracht. Ebenso sind die Reben am Hangfuss des Adlers und bei Neu Schauenburg verschwunden.
Der alte Dorfkern liegt, wie im nahen Muttenz, auf einem kleinen Schuttkegel am windgeschützten Ausgang des Talbaches aus dem Tafeljura in das Hochrheintal. Im Zentrum steht die Kirche, deren Hof mit einer Mauer umgeben ist. Diese diente als Schutz gegen das Hochwasser des Talbaches. Vom Kirchenbezirk gehen die Strassen sternförmig mit meist traufständigen Gebäuden aus.
Der zweite Schwerpunkt der alten Siedlung ist das nördlich der Kirche gelegene ehemalige Wasserschloss der Herren von Eptingen aus dem 14. Jh. Eine ganze Serie von Herrschaftshäusern und Hofgütern bestand sowohl in der Rheinebene (z.B. Hohenrain) als auch auf den Abhängen des Tafeljuras (z.B. Mayenfels). Die zwei Höfe in der Ebene sind dem Siedlungsdruck gewichen und entweder ganz oder teilweise verschwunden.
Die Entstehung der Hofgüter ist verschiedenartig. Einige verdanken ihre heutige Gestalt dem Verlangen begüterter Stadtbasler nach einem schön gelegenen und leicht erreichbaren Sommersitz. Andere entstanden nach der Aufhebung des Flurzwangs durch Aussiedlung bestehender Bauernbetriebe aus dem Dorf.
Die Bahnerschliessung und die damit verbundene Ansiedlung von Industriebetrieben führte schnell zum Zuzug von Arbeitskräften. So entwickelte sich nördlich der Bahnlinie ein ausgedehntes Arbeiterwohnquartier um die Mittlerstrasse. Infolge des grossen Bevölkerungswachstums von über 200 % nahm die Gemeinde im Zeitraum 1950–1970 verschiedene Gesamtüberbauungen vor, wie Gehrenacker Ost 1960, Längi und Buholz 1964.
Ausgehend vom historischen Ortskern hat sich die Gemeinde fast ausschliesslich Richtung Norden entwickelt. Obwohl die Bevölkerung seit 1970 stagniert, wurden in der Folge in Pratteln grosse Flächen überbaut. Die Wohnqualität nimmt von Süden nach Norden kontinuierlich ab. Dies rührt daher, dass dort eine starke Vermischung von Wohn- und Industrienutzung besteht.
Auch die Eisenbahnlinien – im 19. Jh. lagen sie noch relativ weit weg vom Dorfzentrum – zerschneiden Pratteln und beeinträchtigen die Wohnquartiere mit Lärm. Vergleiche dazu die Karten Lärmkataster
beziehungsweise Nutzungsplan und Verkehrsträger
.
Fixpunkte der industriellen Entwicklung
Die Entwicklung zum Industrieort begann 1836, als in der Schweizerhalle Salz gefunden wurde. Mit dem Bau der beiden Eisenbahnlinien und deren Verzweigung wurde Pratteln zu einem Eisenbahnknotenpunkt. Vorherrschend war in der ersten Phase der Pratteler Industrialisierung die chemische Industrie, die sich im Gebiet von Schweizerhalle ansiedelte.
1844 entstand auf dem Gelände der Saline eine chemische Fabrik. Daraus entstand 1890 die Chemische Fabrik Schweizerhall. 1888 wurde eine Zichorienfabrik, 1897 eine Verzinkerei, 1906 die Rohner AG (chemische Erzeugnisse) und 1907 eine Kohlensäurefabrik gegründet; 1917 entstand die Säurefabrik Schweizerhall.
Später zogen auch Industrieunternehmen der Metallbranche und des Maschinenbaus nach Pratteln. Die Geschichte der Pneufabrik Firestone AG (1934–78), der Henkel-Fabrik (1912–97) sowie der Schindler Waggon AG (1945–97, bis 2001 Adtranz, bis 2005 Bombardier) belegen den Rückgang der Fabrikindustrie. Gleichzeitig fand ein Ausbau des 3. Sektors vor allem mit Firmen der Logistik sowie Möbelhäusern und Shoppingcentern statt.
Pratteln im «Höhenrausch»?
Die wirtschaftliche Entwicklung lässt Pratteln weiterwachsen. 2013 existierten in Pratteln eine Vielzahl von Bauprojekten. So wächst seit jüngster Zeit Pratteln in die Höhe. Gleich mehrere Hochhäuser für unterschiedliche Zwecke sind im Bau oder geplant: Das Hochhaus Aquila am Bahnhofplatz (66 Meter), der Helvetia-Tower (75 Meter) östlich davon, der Ceres-Tower auf der nördlichen Seite der Geleise (82 Meter) sowie eine neue Gemeindeverwaltung (35m). All diese Bauten werden von der Höhe her die Silhouette von Pratteln und seiner Umgebung kennzeichnen.
Das Planungsgebiet Salina Raurica
Nördlich der Autobahn, an den Rhein grenzend, liegt das Entwicklungsgebiet Salina Raurica. Es ist eines der grossen Planungsgebiete des Kantons Basel-Landschaft. Der kantonale Spezialrichtplan Salina Raurica schafft die Grundlage für Überbauungen in den Bauzonen von Pratteln und Augst als einheitliches Quartier. Grob gesagt sollen im westlichen Teil Gewerbe und Industrie angesiedelt werden, während der östliche Teil für Wohnüberbauungen vorgesehen ist.
Als allererste Massnahme wurde schon die SBB-Station Salina Raurica gebaut. Geplant sind ausserdem die Verlängerung des 14er-Trams nach Salina Raurica sowie die Verlegung der Rheinstrasse zur Autobahn hin.
Erstes Projekt und die Kreuzkröten
Als erstes Projekt wurde ab 2013 der Neubau des Coop Produktionszentrums Pratteln umgesetzt. Auf einer Fläche von rund 80 000 Quadratmetern realisierte Coop bis 2016 in Salina Raurica einen neuen Produktionsstandort. Voraussetzung für den Bau war allerdings die Umsiedlung der geschützten Kreuzkröten aus der in die Muttenz.
Der Bund hatte das Areal zum Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung erklärt. Somit musste für die Kreuzkröten ein Ersatzgebiet gefunden werden: die Chlingentalgrube in Muttenz. Damit begann ein teurer Umzug. Der Bund hat rund 1,5 Millionen Franken ausgegeben, der Kanton rund eine Million, plus je 30 000 Franken pro Jahr für Pflegemassnahmen. Bis 2013 wurden rund 1000 Kröten gezügelt. Der Umzug erfolgreich und 2013 gab der Bund deshalb sein Einverständnis für die Auffüllung der Zurlindengrube. 2017 hat der Bundesrat hat Gebiet Klingental – Lachmatt Muttenz ins Bundesinventar der Amphibienlaichgebiete von nationaler Bedeutung aufgenommen und damit das Gebiet Zurlinden Pratteln definitiv aufgehoben.
HPM