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In Zeiten, in denen im Sport die gezielte Nachwuchsarbeit immer mehr an Bedeutung gewinnt und die konsequente Frühförderung auch im Volleyball Einzug gehalten hat, mutet der Karriereverlauf von Kylie Atherstone etwas sonderbar an. Die Amerikanerin war bereits 14-jährig, als sie sich erstmals mit einem Volleyball versuchte, davor hatte sich bei ihr alles um den gelben Filzball gedreht. Neun Jahre hatte Atherstone Tennis gespielt–notabene ziemlich erfolgreich–, ehe sie sich eines Tages überraschend entschloss, das Racket an den Nagel zu hängen. «Ich hatte das Bedürfnis, etwas Neues zu probieren», erinnert sich die inzwischen 27-Jährige. «Mein Vater hat mich überredet, es mit Volleyball zu versuchen. Meine Begeisterung hielt sich zwar in sehr engen Grenzen, dennoch habe ich ein Probetraining gemacht. Da hat es mich sofort gepackt.»
Die Spätzünderin
Heute ist Kylie Atherstone ein perfektes Beispiel dafür, dass man auch als Spätzünderin eine erfolgreiche Volleyballkarriere machen kann. Dank eisernem Willen und grossem Trainingsfleiss, gepaart mit dem nötigen Talent und den entsprechenden körperlichen Voraussetzungen, machte die Kalifornierin rasch Fortschritte. Im High-School-Team ihrer Heimatstadt Chico, einer Stadt mit rund 120 000 Einwohnern, macht sich die Linkshänderin rasch einen Namen als sprung- und schlagstarke Spielerin. Als sie mit 18 Jahren die Schule verlässt, gehört sie zu den gefragtesten Spielerinnen des Landes. Sie zieht nach San Luis Obispo, wo sie ein Stipendium erhält und fortan mit dem Uni-Team der Polytechnic State University gegen die besten Equipen der USA spielt.
Weil es in Amerika keine professionelle Volleyball-Liga gibt, entschliesst sich Kylie Atherstone nach dem Abschluss ihres Studiums in Kommunikationswissenschaft wegzugehen. Zwei Jahre spielt sie in Puerto Rico, wo das Volleyball neben Baseball und Basketball einen hohen Stellenwert geniesst. In der Saison 2010/11 wechselt Atherstone in die renommierte spanische Liga, in Benidorm wird sie allerdings nicht glücklich. Der Club hat finanzielle Probleme, und zwischen Verein, Trainer und Team gibt es grosse Unstimmigkeiten. Atherstone verlässt Benidorm und kehrt zurück in die Staaten. Drei Wochen später wird sie vom spanischen Top-Verein Ciutadella kontaktiert, der einen Ersatz für seine verletzte Diagonalspielerin sucht. Sie fliegt zurück nach Spanien, gewinnt mit ihrem neuen Team von der Insel Menorca den Meistertitel–und wird Ende Jahr zur wertvollsten Spielerin gewählt.
Rückschlag durch Verletzung
Während der Zeit in Europa zieht sich Atherstone einen Labrumriss in der linken Schulter zu und muss sich im Herbst 2011 operieren lassen. Einige Monate später versucht sie ein Comeback, bricht dieses aber wegen erneut auftretender Beschwerden bald wieder ab.
Die nächsten zwei Jahre konzentriert sich Kylie Atherstone auf ihre Tätigkeit als Nachwuchstrainerin, spielt nur ab und zu ein paar Bälle. Doch mit jedem Ballwechsel wächst in ihr das Bedürfnis, wieder wettkampfmässig Volleyball zu spielen. «Meine Schulter war ausgeheilt, die Leidenschaft für den Sport nach wie vor riesig. Ich wollte es nochmals als Spielerin versuchen.»
Die seriöse Partynudel
Dass sie in ihrer zweiten Karriere beim TS Volley Düdingen nicht mehr in grossen Arenen vor Tausenden von Zuschauern spielt, sondern nur vor einigen Hundert Fans in der Turnhalle Leimacker, ist für Kylie Atherstone kein Problem. «Ich spiele, weil ich Volleyball liebe, nicht, weil ich den Ruhm suche.»
Drei Jahre hat die Kalifornierin auf einem international hohen Niveau gespielt; in Vereinen, in denen der Trainingsplan prall gefüllt und die Freizeit knapp bemessen war. «Das brauche ich nicht mehr. Für mich zählt nicht mehr nur das Volleyball, das Erlebnis und die Menschen sind mir ebenso wichtig. Ich will Land und Kultur erkunden, neue Leute kennenlernen. Diese Möglichkeit bietet mir der TS Volley Düdingen. Ständig sitze ich im Zug, oft auch alleine, und fahre irgendwo hin», sagt die Amerikanerin mit einem Lachen.
Ihr fröhliches und ansteckendes Lachen fällt einem unweigerlich auf, wenn man Kylie Atherstone gegenübersitzt. Auch auf den Bildern, die sie von sich auf Twitter oder ihrem Volleyball-Blog (wanderlustky.blogspot.ch) postet, sieht man sie stets gut gelaunt–und nicht selten mit einem Glas Bier in der Hand. «Ich habe gerne Spass. Ich liebe Partys und das Schweizer Bier.» Ihr Trainer Nicki Neubauer brauche sich darob aber keine Sorgen zu machen, versichert Atherstone schmunzelnd. «Ich bin sehr verantwortungsvoll. Man hat mich nach Düdingen geholt, damit ich meine Erfahrung ins Team einbringe. Ich kann meinen Mitspielerinnen aber nur Ratschläge geben, wenn ich es ihnen vorlebe.» Die Anerkennung ihrer Mitspielerinnen müsse sie sich mit guten Leistungen ständig neu erarbeiten. «Feiern und Bier trinken liegt nur drin, solange du deinen Job richtig machst.»
Hohe Ansprüche
Ganz zufrieden ist Kylie Atherstone allerdings nicht mit der Art und Weise, wie sie ihren Job momentan in Düdingen erledigt. «Ich spiele noch nicht auf dem Niveau wie damals in Puerto Rico», sagt die 27-Jährige selbstkritisch. «Ich weiss, dass ich dies nach meiner dreijährigen Pause zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich gar nicht von mir erwarten dürfte. Während meiner Verletzungspause habe ich viel Muskelmasse verloren, und auch die Knie sind nicht mehr so belastbar wie vorher.» Dennoch stellt Atherstone hohe Ansprüche an sich. «Meine Kraft kehrt langsam zurück, auch meine Athletik wird von Tag zu Tag besser. Ich muss einfach geduldig bleiben, das geschieht nicht über Nacht. Ich bin zuversichtlich, dass ich meine alte Form wieder erreiche.»
Zur Person
Kylie Atherstone
Geburtsdatum:25.1.1987.
Heimatort:Chico, Kalifornien (USA).
Stationen als Spielerin:Pleasant Valley High School Chico (USA). Cal Poly San Luis Obispo (USA). Gigantes de Carolina (Puerto Rico). Ciutadella (Spanien).
Grösse:185 cm.
Position: Diagonalspielerin.
Grösste Erfolge:Big West Player of the Year 2007. Spanischer Meister mit Ciutadella. MVP in Spanien 2011.
Hobbys:Lesen, Film schauen, Spass haben.
NLA: Düdingen empfängt Franches-Montagnes
W egen des morgigen Martinsmärit in Düdingen absolviert der TS Volley Düdingen sein viertes NLA-Meisterschaftsspiel bereits heute Abend (20 Uhr). Die Senslerinnen treffen dabei im Leimacker auf den überraschenden Tabellenzweiten Franches-Montagnes.
Suche nach Konstanz
Mit zwei Niederlagen und einem Sieg ist dem TS Volley Düdingen der Saisonstart nur mässig geglückt. Vor allem die Fünf-Satz-Niederlage gegen Cheseaux sorgte letztes Wochenende für enttäuschte Gesichter bei den Senslerinnen. «Wir dürfen deswegen nicht in Panik verfallen», sagt die Amerikanerin Kylie Atherstone. «Das Team ist jung, und im Sommer hat es viele Wechsel gegeben. Die Spielerinnen müssen sich erst finden. Solange unsere Leistungskurve nach oben zeigt, ist es o.k. Wir trainieren gut und haben Spass dabei. Wenn es uns gelingt, konstanter zu werden, wird es gut.»
Weiterhin ohne Lakovic
Wie Düdingen hatte auch Franches-Montagnes gegen Cheseaux über fünf Sätze gehen müssen, allerdings behielten die Jurassierinnen das bessere Ende für sich. «Das zeigt, dass wir leistungsmässig nicht weit weg sind von Franches-Montagnes», sagt Atherstone. «Die letzten Spiele haben wir nicht verloren, weil der Gegner besser war als wir. Wir haben wegen uns verloren, weil wir zu viele Eigenfehler gemacht haben. Entscheidend wird heute sein, ob wir uns in der Defensive und im Block steigern können. Zudem müssen wir uns vermehrt auf unser Spiel konzentrieren und uns nicht von der Spielweise von Franches-Montagnes leiten lassen», sagt die 27-jährige Diagonalspielerin.
Düdingens Trainer Nicki Neubauer muss weiterhin auf seine Mittelblockerin Andrea Lakovic verzichten. Die montenegrinische Nationalspielerin kann wegen einer Handverletzung nicht mittun. «Andrea ist eine starke Spielerin. Ihre Rückkehr wird uns noch stärker machen», ist Kylie Atherstone überzeugt. ms