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Ungefähr gleichzeitig mit der Errichtung der Murata entstand auf isoliertem Felskopf hoch über Montebello das dritte der Schlösser von Bellinzona, das Castello di Sasso Corbaro. Ein einfacher Wohn- und Wehrturm scheint an dieser Stelle schon um 1400 hingestellt worden zu sein. Die nach 1478 begonnenen Erweiterungsbauten sahen ein an den bereits bestehenden Turm anschliessendes Mauergeviert mit kleinem Eckturm, Innenhof und Wohntrakt vor. Im 19. Jahrhundert befand sich das Gebäude in einem kläglichen Zustand. Die Zinnben waren am Zerbröckeln, die Dächer waren eingestürzt, und es bedurfte umfassender Renovierungsarbeiten, um die Anlage vor dem Zerfall zu retten. Heute trägt der alte Wohnturm ein flaches Pyramidendach, der Wehrgang mit der Maschikulireihe und den Schwalbenschwanzzinnen ist wiederhergestellt, und im Innern der mit einem Satteldach versehenen Wohnbauten ist ein Volkskundemuseum untergebracht. Dem Burgtor ist ein zinnenbewehrter Zwinger vorgelagert. In der hofseitigen Front des Wohntrakts sind Spitzbogenfenster angebracht, Zeugen der verfeinerten Wohnkultur Oberitaliens im 15. Jahrhundert. Die hochgelegene kleine Festung ist errichtet worden, um eine Umgehung der Talsperre von Bellinzona über die Felspfade der linken Talflanke zu verhindern.
Wenn man die Befestigungsanlagen von Bellinzona als Ganzes betrachtet, wie sie sich am Ende des 15. Jahrhunderts dargeboten haben mögen, fällt auf, wie schwach das Mauerwerk mehrheitlich ist. Dies gilt für die innen hohle Murata wie für die Ringmauern der Burgen und die Stadtbefestigungen. Von den hohen Mauern mit ihren Zinnen, Wehrgängen und Maschikulireihen liess sich ein infanteristischer Sturmangriff abwehren, aber einen Beschuss mit schwerer Artillerie hätten die Festungswerke von Bellinzona kaum lange widerstehen können. Diese für das 15. Jahrhundert eher unerwartet schwache Bauformen entsprachen der Kampfweise der Eidgenossen, gegen welche die Festungswerke von Bellinzona ausschliesslich gerichtet waren. Man wusste in Mailand, dass die Urner und ihre Verbündeten kaum mit schwerem Belagerungsgeschütz auftauchen würden, und glaubte deshalb, sich mit dem Bau von Wehranlagen begnügen zu dürfen, die zur Abwehr von Fussvolk im Sturmangriff ausreichten.
Solange das Herzogtum Mailand ein politisch intaktes Staatswesen bildete, hatten die Schweizer keine Aussichten, sich des festen Platzes von Bellinzona zu bemächtigen. Umgekehrt zeigte sich um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert, dass die stärksten Festungswerke nicht ausreichten, um das Herzogtum der Sforza vor dem Zusammenbruch zu retten. 1499 drang König Ludwig XII von Frankreich ins Herzogtum Mailand ein, auf das er Erbansprüche erhob, und vertrieb den Herzog Ludovico Moro vom Geschlecht der Sforza. Dieser flüchtete zu König Maximilian, mit dessen Hilfe er Mailand zurückgewinnen hoffte.
Im Winter 1499/1500 kam es überall im Herzogtum zu Aufständen gegen die französische Herrschaft, so auch in Bellinzona, wo sich die Bürgerschaft des Städtchens erhob und die Franzosen aus den Festungswerken vertrieb. Moro kehrte nach Mailand zurück, vermochte sich aber nicht zu behaupten, da Ludwig sofort die erneute Eroberung des Herzogtums betrieb. Der französische König besetzte Mailand und nahm Moro in Novara gefangen. Während dieser Wirren fiel Bellinzona auf überraschende Weise an die Eidgenossen. Die Bellinzoneser, nach der Rückkehr Ludwigs XII dessen Strafgericht wegen ihres Abfalls fürchtend, unterwarfen sich einer durchziehenden Schar von Innerschweizer Reisläufern, deren Hauptmann die Huldigung des Städtchens provisorisch entgegennahm. Die meisten eidgenössischen Orte distanzierten sich von dieser Unterwerfung, teils aus mangelndem Interesse, teils aus Rücksicht auf den König von Frankreich. Somit blieben nur die inneren Orte Uri, Schwyz und Unterwalden übrig, die nun formell von Bellinzona Besitz ergriffen. Der König von Frankreich bequemte sich erst im Vertrag von Arona von 1503 zur Anerkennung dieser Abtretung.
Seither unterstand Bellinzona den drei inneren Orten der Eidgenossen, und die Namen der drei Schlösser wechselten nun auf Uri (Castel Grande), Schwyz (Montebello) und Unterwalden (Sasso Corbaro).
Die bis 1798 dauernde Herrschaft der drei Orte über Bellinzona brachte den Wehranlagen der Talsperre wenig Veränderungen. Man begnügte sich mit den dringlichsten Unterhaltsarbeiten und passte die Wohnräume den laufenden Bedürfnissen an. Baufällige Partien wurden abgebrochen, soweit sie entbehrlich schienen.
Mit der Gründung des Kantons Tessin zu Beginn des 19. Jahrhunderts fielen die Befestigungsanlagen an den Staat. Dieser richtete um 1820 die Gebäulichkeiten des Castel Grandes als Zeughaus und als Gefängnis ein. Die Innenausstattung des Südtrakts und der Torre Nera erinnern noch an diese Zeit. Um das Raumbedürfnis zu decken, errichte man verschiedene Nebenbauten, die aber heute bis auf einen Flügel wieder abgebrochen worden sind. Für die gegenwärtig noch aufrechten Bauten des Schlosses, insbesondere für den historisch wertvollen Südtrakt, wird zur Zeit eine umfassende Restaurierung vorbereitet, nachdem Montebello, Sasso Corbaro, die wichtigsten Partien der Stadtbefestigung und neuerdings auch die Murata seit Jahren in Etappen renoviert worden sind.
Die drei Schlösser und das verstärkte Dorf von Bellinzona stehen von nun an auf der Liste der Monumente und der Standorte des weltweiten Kulturgutes, das von der UNESCO geschützt wird. Sie kommen zu den drei anderen Weltkulturerbe hinzu, die schon in der Schweiz ausgewählt wurden: das Kloster von St. Gallen, jenes von Mustair und die Altstadt von Bern.
Zwei Jahre Untersuchungen, Austausch und Verhandlungen mit Gutachten und die Diplomatie haben das ICOMOS (internationaler Rat der Monumente und der Standorte) von der Bedeutung und die Integrität der Festung überzeugt. Das ICOMOS hat seinerseits die Kandidatur der monumentalen Gesamtheit mit der Zustimmung des Ausschusses untermauert, die es während seiner 24. jährlichen Tagung ratifizierte, die in Cairns (Australien) im letzten November stattgefunden hat.
Das kulturelle Erbe, das vom schweizerischen Bund vorgeschlagen und das durch eine eindrucksvolle Dokumentation über seine Geschichte, seine Integrität und seinen Schutz unterstützt wurde, hat den ganzen Auswahlkriterien entsprochen.
Die kantonalen Behörden haben bestätigt, dass die monumentale Gesamtheit nicht nur eine Zeugenaussage der Bedeutung der Militärarchitektur im Mittelalter, sondern ebenfalls ein einmaliges Beispiel in Europa der Entwicklung eines Standortes in konstanter Anpassung an die Bedürfnisse des Menschen nach Zeitaltern war und, dass in diesem Zusammenhang es verdiente, auf der Liste des weltweiten Kulturgutes enthalten zu sein.
In der Tat enthüllen die prähistorischen Entdeckungen, die etwa 60 Jahrhunderte zurückdatieren, die Anwesenheit menschlicher Einrichtungen seit dem Neolithikum (4, Jahrhundert v. Chr.) auf dem felsigen Kap von Castel Grande. Diese natürliche Schranke, die sich auf einem engen Übergangsort befindet, in der Mitte eines tiefen Tales, das den Norden vom derzeitigen Europa mit dem Süden verband, hat schon immer den Menschen angespornt, die Stelle zu bebauen, umzuwandeln und zu verbessern, und im Laufe der Jahrhunderte in eine echte Verteidigungsfestung zu verwandeln, die durch eine Mauer bis ins Tal am Fluss Ticino führte.
Es wurde ebenfalls daran erinnert, dass die Konsolidierung der Gesamtheit, die zwischen dem 13. und 15. Jahrhunderten errichtet wurde, seine "Echtheit" oder, wenigstens die Vorstellung, von dem, was davon bleibt, bis ins Ende des Mittelalters zurückdatiert. Was die Demolierungen und die aufeinanderfolgenden Hinzufügungen betrifft, wurden sie meistens durch den Willen diktiert, die Gebäude nach den derzeitigen Bedürfnissen wieder zu verwenden. Aber ist es trotzdem dank der Pracht des Ortes und seiner natürlichen strategischen Lage, dass die Ruine stetig restauriert wurde, und dass die Gesamtheit bis zu unseren Tagen überlebt hat.
Die letzte Restaurierung von Architekten Aurelio Galfetti ist eine gewollte zeitgenössische Herausforderung, die sowohl eine klare Lektüre der Geschichte Europas durch die Geschichte der Festung als auch eine funktionelle Benutzung der Gebäude und des Parks durch die Einwohner des Dorfes von Bellinzona, dem Hauptort des Kantons Tessin erlaubt.
Bibliographie