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Ende des 18. Jahrhunderts begannen gebildete und vermögende Fremde, sich für die Alpen zu interessieren und über Thun ins Berner Oberland zu reisen. Um den Touristen ein gutes Hotel anbieten zu können, liess die Stadt 1781– 1783 den Freienhof neu errichten. Die Mehrzahl der Reisenden stammte bis Mitte des 19. Jahrhunderts aus England.50
Der Ausbau von Strassen und erste Eisenbahnlinien im Ausland führten ab den 1830er-Jahren zum Aufschwung des Tourismus. Als Pionier in dieser Branche betätigte sich in Thun die Familie Knechtenhofer. Metzgermeister Jakob Wilhelm Knechtenhofer (1766–1828) erwarb ab 1813 in Hofstetten mehrere Liegenschaften, in denen er ausländische Gäste beherbergen konnte. Seine drei Söhne Johann Jakob (1790–1867), Johannes (1793–1865) und Johann Friedrich (1796–1871) übernahmen das Geschäft in den 1820er-Jahren. Sie erwarben 1831 das Ländtehaus am Aareufer, errichteten 1834 das Hotel Bellevue in Hofstetten und importierten ein Jahr später aus Paris das gleichnamige Dampfschiff für Fahrten auf dem Thunersee. Johannes leitete den Schiffsbetrieb, seine beiden Brüder die Hotels. Im Hotelpark kamen weitere Bauten hinzu: 1841 die erste Englische Kirche der Schweiz, 1840–1842 das Hotel Du Parc und danach einige Chalets für den Hotelbetrieb. Die Hotels der Knechten- hofer gehörten zu den besten Häusern in der Schweiz.51
Daneben etablierten sich zwei Pensionen erfolgreich in Thun: Oberhalb des Lauitors führte die Familie Rüfenacht ab 1835 die Pension Baumgarten, die bis zum Zweiten Weltkrieg bestand. 1858–1914 existierte die Pension Itten an der Länggasse.52 Nach dem Anschluss Thuns an das Eisenbahnnetz zogen sich die Knechtenhofer aus dem Geschäft zurück und verkauften 1864 die Liegenschaften in Hofstetten. Sie waren nun in einem Alter, in dem sie sich zur Ruhe setzen konnten. Zudem wurde es in Thun schwieriger, in der Tourismusbranche Geld zu verdienen, da die Stadt zum Durchgangsort nach Interlaken und in die Bergtäler wurde.
1869 bildete sich mit Unterstützung der Burgergemeinde Thun eine Baugesellschaft, die sich im Fremdenverkehr engagieren wollte. Sie kaufte 1872 Land der früheren Ziegelei Schrämli in Hofstetten und baute darauf 1873–1875 das Luxushotel Thunerhof. Die Baukosten fielen viel höher aus als budgetiert; zudem setzte die beginnende Wirtschaftskrise dem Unternehmen zu. Die Stadt musste den Bau 1878 übernehmen, um den Betrieb zu retten; 1896 verkaufte sie den Thunerhof wieder an eine private Aktiengesellschaft.
In der Hochkonjunktur zwischen 1890 und 1914 setzte die zweite Blüte des Fremdenverkehrs ein. Die Thuner Hotels profitierten und empfingen eine grosse Zahl illustrer ausländischer Gäste. In dieser Phase entstanden auch das 1905 an der Hofstettenstrasse eröffnete Hotel Beau-Rivage und der 1896 gebaute Kursaal, der mit seinem Spiel-, Lese- und Konzertsaal zu einer Drehscheibe des Gesellschaftslebens wurde.53
Mehrere Vereine kümmerten sich um die Tourismusinfrastruktur und -werbung. 1869 gründeten 80 Personen den Einwohnerverein, der Thun als Fremdenverkehrsort förderte. Er legte Spazierwege an, stellte eine Wettersäule auf dem Plätzli auf und unterstützte die Gründung des Historischen Museums. 1878 riefen einige Hoteliers den Kurverein ins Leben, der eine Liste der in Thun weilenden Gäste publizierte und Konzerte organisierte. 1894 kam der Verkehrsverein hinzu, der die Aufgaben der beiden erwähnten Vereine übernahm. Er produzierte und verteilte Werbematerial und führte das Verkehrsbüro auf dem Rathausplatz, ab 1907 beim Thunerhof und seit 1954 im Bahnhofsgebäude.54
Blumenverzierter Henkelkrug mit schnabelförmigem Ausguss, Anfang 20. Jahrhundert.
Diese Art bemalter Keramik wird als Thuner Majolika bezeichnet und war bei Touristen in Thun ein beliebtes Souvenir.
Eine Nebenerscheinung der Tourismusblüte vor dem Ersten Weltkrieg war die Produktion von Souvenirs und Fotografien. 1879 gründete der Landschaftsmaler Louis Hänni (1853–1922) im Quartier Lauenen eine Souvenirmanufaktur, in der bis zu 35 Personen arbeiteten. Diese malten kleine Ölbilder, die an Reisende im Berner Oberland oder an katholische Pilgerinnen und Pilger an einschlägigen Wallfahrtsorten wie Lourdes verkauft wurden. Beliebte Andenken an einen Besuch in Thun waren zudem die in Heimberg und Steffisburg hergestellten Thuner Majolika, Geschirr mit kunstvoll bemalten Oberflächen.55
In Goldiwil wurden damals die Hotels Jungfrau, Waldpark und Blümlisalp errichtet, die jedoch weniger luxuriös waren als jene unten am See. Die Besitzer organisierten bereits vor 1910 Ski- und Schlittenrennen und propagierten Goldiwil als Wintersportort. Zu diesen Veranstaltungen strömten bis zu 2000 Zuschauerinnen und Zuschauer. Goldiwil zog wegen seiner Nähe zu Thun und Bern vor allem Einheimische aus dem Kanton Bern an. Die ausländischen Gäste besuchten eher die in den Alpentälern gelegenen Orte Adelboden, Grindelwald, Gstaad, Mürren oder Wengen, die Goldiwil in den Schatten stellten, da sie mit einer grösseren Zahl Hotelbetten sowie mit attraktiven Berg- und Seilbahnen aufwarten konnten. Die Goldiwiler Hotels gerieten ab 1914 in die Krise. Die Häuser wurden zwischen 1960 und 2000 abgebrochen oder umgenutzt.56
Reklamebild für die Hotels in Hofstetten, um 1900. Die Thuner Tourismusmeile wird auf dieser kolorierten Lithografie in den schönsten Farben in Szene gesetzt. Von links sind die Hotels Thunerhof, Bellevue, du Parc und der 1896 errichtete Kursaal zu sehen. Ein Dampfschiff und das Alpenpanorama runden das Bild ab.
Ab dem Ersten Weltkrieg litten alle Grand Hotels in der Schweiz unter sinkenden Gästezahlen: In Thun schloss während des Ersten Weltkriegs die Pension Itten, der Thunerhof folgte 1939, die Pension Baumgarten & Victoria 1944. 1942 übernahm die Stadt die Hotels Bellevue und Thunerhof. Das Bellevue führte sie bis 1980 weiter, den Thunerhof nutzte sie ab 1943 als Verwaltungsgebäude und richtete darin zuerst Wohnungen ein.57
Ab 1915 stammten die Besucherinnen und Besucher der Stadt Thun mehrheitlich aus der Schweiz. Zudem veränderte sich die Art des Reisens. Die Fremden blieben nicht mehr wochenlang in luxuriösen Hotels, sondern waren dank dem ausgebauten öffentlichen Verkehr sowie dem Aufkommen des Autos mobiler und widmeten sich dem Wintersport, dem Wandern und anderen Aktivitäten. Nach dem Krieg profitierte Thun wie die ganze Schweiz eine Saison lang von Reisenden aus den USA. Danach stagnierten die Logiernächte wieder, obwohl der steigende Wohlstand zwischen 1945 und 1973 es immer breiteren Bevölkerungskreisen erlaubte, Ferien zu machen und zu reisen.
Eine Studie des Forschungsinstituts für Fremdenverkehr der Universität Bern aus dem Jahr 1973 stellte fest, dass der Fremdenverkehr (ohne Goldiwil) in Thun nur zwischen vier und sieben Prozent des lokalen Volkseinkommens einbrachte. Die Fachleute schlugen vor, auf den Stadttourismus und spezifische Gästegruppen zu fokussieren, wie Tagestouristen, Passanten auf der Fahrt ins Oberland und Kongressbesucherinnen und -besucher. In diesem Segment ist die Stadt mit privaten Anbietern seither aktiv. Sie förderte immer wieder entsprechende Projekte, so den Bau des 1989 eröffneten Ausbildungszentrums und Hotels Seepark durch den Schweizerischen Bankverein, die Gründung desSwiss Economic Forums, das von 1999–2010 in Thun stattfand, die Umgestaltung des Schlossareals oder 2011 den Ausbau des Schadausaals zum Kultur- und Kongresszentrum Thun. Ein weiterer Erfolg war die Gründung der Hotelfachschule Thun, die 1986 im Schadauquartier eröffnet wurde.58