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Für die byzantinisch-orthodoxen Kirchen (autokephal, autonom oder kanonisch unsicher: insgesamt über zwanzig) ist die Ehe eines der sieben Sakramente, die Mysterien genannt werden. Die Mysterienhandlungen «sind wesentlich gekennzeichnet durch eine Epiklese, d. h. durch eine Herabrufung des Heiligen Geistes, die der in apostolischer Sukzession und Tradition stehende Zelebrant vollzieht, ferner durch die Namensnennung derer, denen das kirchliche Handeln zugute kommen soll und schliesslich durch die in der lebendigen Tradition der Väter vollzogene Form der rituellen Handlung».1 Die orientalisch-orthodoxen Kirchen (Armenier, Syrer, Kopten usw.) halten es ähnlich. Anders in den mit Rom verbundenen katholischen Ostkirchen, die einem gemeinsamen Kirchenrecht (dazu noch auf Lateinisch verfasst) unterworfen wurden, das das orthodoxe Eheverständnis unterläuft.2
Ehe und Ehezwecke
Das Sakrament (das Mysterion) wird durch den Priester oder Bischof gespendet. Der eigentlichen Trauung (Krönung genannt) geht die Verlobung voraus, häufig unmittelbar vorher im Vorraum der Kirche vollzogen, die im Austausch der Ringe und der gegenseitigen Zusage (dem Consensus) besteht, als Voraussetzung zum Eheschluss. Die Krönung ist eine religiöse Zeremonie, die nicht einer vollständigen Eucharistiefeier entspricht, aber sie kann einer solchen folgen. Dem Brautpaar wird für eine dreimalige kleine Prozession eine Krone oder ein Kranz aufgesetzt, Zeichen der Ehre und Freude wie des Martyriums, was sie beide in der Ehe erwarten wird. Es gibt keine Diskussion über die Reihenfolge der Ehezwecke: sinnliche Freude, treue Hilfsbereitschaft, Wille zu Kindern gehören fraglos dazu.
Ehe und Ehescheidung
«Die Eheschliessung darf wegen ihres hohen Wertes kein Provisorium darstellen. Sie ist daher nach orthodoxer Auffassung sakramental und grundsätzlich unauflöslich. Und wir meinen das nicht juridisch, sondern in erster Linie menschlich und existenziell (...). Die liebende Ehegemeinschaft kann auch nach dem Tod eines Partners weiterbestehen, während manchmal, bei noch bestehender formeller Ehe, zwischen den Eheleuten die liebende Ehegemeinschaft zerstört ist. Aus diesem Grund weiss die Orthodoxe Kirche, dass das Scheitern in der Ehe möglich, wenn auch schmerzlich ist (...). Auch eine sinnvolle Unterstützung und Hilfe kann keinen Erfolg garantieren, so dass das Scheitern einer Ehe unaufhaltsam werden kann. In einer solchen Situation und trotz mehrmaliger pastoraler Bemühungen muss auch von der Kirche die Zerstörung der Ehe zur Kenntnis genommen werden. [So kann dann eine Ehescheidung] aus pastoralen Gründen und in bestimmten Notsituationen akzeptiert werden (...). Es kann auch eine Wiederholung des sakramentalen Aktes der Eheschliessung, wenn auch mit Bussauflagen, bis zu dreimal gewährt werden.»3 Diese Aussage kann man in orthodoxen Büchern so menschenfreundlich wie hier lesen, anderswo reichlich barsch («Jede zweite Ehe, auch nach dem Tod des ersten Ehepartners, ist Ehebruch» – «Die Scheidung ist nicht nur vor den Kindern, die sie geboren haben, eine Sünde, sondern auch vor Gott und Seiner Kirche, sie ist eine Verletzung und eine Missachtung der Heiligkeit des Sakraments und deshalb auch eine Gotteslästerung.»). Ich verzichte auf eine Nennung der Autoren.
Akribie und Ökonomie
Entscheidend für das Verständnis der grundsätzlich menschenfreundlichen Haltung der Orthodoxie ist die überall bekannte Unterscheidung von Akribie («genaue Einhaltung eines kirchlichen Gesetzes») und Ökonomie («Umgehung des Gesetzes zu einem höheren Zweck»). Diese Definitionen stammen vom ökumenischen Patriarchen Bartholomaios, Erzbischof von Konstantinopel, «dem Ersten unter Gleichen» unter allen orthodoxen Bischöfen, wie er sie in einem Vortrag am 17. Juni 2004 anlässlich seiner Ehrenpromotion zum Ehrendoktor der Universität Wien gehalten hat. Der ganze Vortrag war dem Thema «Gesetz und Ökonomie» gewidmet.4 Das griechische Wort «oikonomia» meint ursprünglich die richtige Verteilung der Güter in einem Hauswesen, kirchlich ist sie «die nützliche Umgehung der genauen Einhaltung des Kanons [eines kirchlichen Gesetzes] in einem bestimmten Einzelfall zum besseren Erreichen von höheren Zielen». Und weiter: «Jede juridische Bestimmung, wie auch jeder kirchliche Kanon, ergibt sich aus einem höheren und oft ungeschriebenen Prinzip, dessen Realisierung beabsichtigt ist.» Und noch deutlicher, aufgrund von Beispielen des Handelns Jesu (die Heilung eines Kranken am Sabbat): «Hier haben wir einen Fall der Bevorzugung des Geistes und nicht des Buchstabens des Gesetzes. Durch die genaue Einhaltung des Kanons kann das Höhere verletzt werden, nämlich die Philanthropie [Menschenliebe] Gottes, die den Kanon diktiert hat zugunsten der Menschen, ohne die Menschen unter das Gesetz zu bringen. Das orthodoxe kirchliche Leben ist voll von solchen Umgehungen der strengen Regelungen gemäss der Ökonomie. Zu dieser Haltung ist es gekommen aufgrund von vielen Gedanken und Beispielen aus dem Leben Christi und der Heiligen.» Der Vorwurf, hier werde falsche Milde erschlichen, würde den Kritiker entlarven. Es geht um die Menschenliebe Gottes, Grundlage des ganzen Heilsgeschehens, und um eine echt seelsorgerliche personale Zuwendung zum Menschen in seiner konkreten Lage. Iso Baumer