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Ein Clubsandwich sagt viel über die Qualität eines Hotels aus. Wer jedoch hat es erfunden und was macht ein perfektes Clubsandwich aus? Eine persönliche Spurensuche mit Lust und Frust und einer kulinarischen Erweckung im schönen Paris.
Mit Edward VIII. habe ich wenig gemein. Im Gegensatz zu dem König von England, der nur kurz regierte und aus Liebe zu der zweifach geschiedenen US-Schauspielerin Wallis Simpson abdankte, wurde ich zum Beispiel nicht von Dienstpersonal erzogen. Ich war nie beim Militär und nie im Exil. Ich habe kein schlechtes Wort über Schwarze verloren und kein gutes über die Nazis, nie. Ich habe von kroatischen Behörden nie eine Genehmigung zum Nacktbaden erhalten. Mir zu Ehren wurde in der Antarktis auch keine Bucht benannt – jedenfalls nicht, dass ich es wüsste. Und trotzdem gibt es etwas, was mich mit Edward VIII. verbindet: die Liebe zum Clubsandwich.
Es gibt kein Hotel, in dem ich nicht ein Clubsandwich esse, und es ist einer der schönsten Momente, das Zimmer nach einer langen Anreise abends nicht mehr verlassen zu müssen und beim Roomservice ein Clubsandwich zu bestellen. Mal abgesehen von meiner persönlichen Vorliebe sagt ein Clubsandwich viel über die Qualität eines Hotels aus. Und vielleicht hat es auch deshalb, wie wenige andere Speisen, bereits einen Historikerstreit ausgelöst, naja, einen kleinen zumindest. Einig ist man sich darüber, dass seine Spuren bis ins 19. Jahrhundert zurückgehen. Die einen behaupten jedoch – allen voran Marion H. Neil in ihrem 1916 erschienenen Buch Salad, Sandwiches and Chafing Dish Recipes –, dass es ein hungriger Ehemann erfunden hat. Als er abends nach Hause gekommen sei und seine Frau bereits schlief, habe er sich ein paar Scheiben getoastet und die Zutaten nach dem Zufallsprinzip aus dem Kühlschrank gezogen. Die anderen sagen, dass es 1894 der exzentrische und spielbesessene Besitzer eines Gamblinghouse kreiert hat, damit er etwas Herzhaftes essen konnte ohne das Glücksspiel unterbrechen zu müssen. Diese Variante erscheint mir sympathischer.
Inzwischen kommt jedoch die Bestellung eines Clubsandwich einem Glücksspiel gleich. Man weiss als Hotelgast nämlich nie, in welchem Zustand und vor allem mit welchen Zutaten es serviert wird – obwohl das Clubsandwich ja gewissen Regeln der Zubereitung unterliegt. Im Idealfall ist es so: Drei Scheiben Toast, goldbraun und knusprig und ohne Rand. Dazwischen Speck, am besten aus Spanien. Er sollte frisch gebraten sein, wie die Hähnchenbrust, die nie, ich betone nie, in einem Gefrierfach gelegen hat und von einem glücklichen freilaufenden Tier stammt, dann feste und aromatische Tomaten, die Blätter aus dem Herzen eines grünen Salates, und Mayonnaise, selbst geschlagen, klar, und abgestimmt mit feinstem Senf, Savora-Senf zum Beispiel. Als Beilage Pommes von frischen Kartoffeln, kross und heiss.
Seitdem mir einmal ein Clubsandwich mit fettigem Kochschinken vorgesetzt wurde, und ich spreche jetzt lieber nicht von den stinkenden Eiern und der gegorenen Mayonnaise, kann man mich aus dem Tiefschlaf reissen und ich bin fähig, in mindestens drei Sprachen und klaren Sätzen eine Bestellung für ein Clubsandwich aufzugeben, natürlich mit der Bitte, das Sandwich mit gebratener Hähnchenbrust zuzubereiten. Aber auch das, liebe Leserinnen und Leser, feit nicht, wie ich unlängst in Frankreich feststellen musste, vor grandes surprises – obwohl auch die Franzosen grosse Verehrer des Clubsandwich sind.
Ich war in Deauville, der Stadt am Meer, die der Herzog und Dandy Charles Auguste von Morny 1853 als «Königreich der Eleganz» hatte errichten lassen. Es gibt dort Pferderennen, Golfplätze, schwere Karossen und Hotels von herrlich architektonischem Grössenwahn, mit Spitzgiebeln, Zinnen und Erkern, von denen mir leider keins gehört. Ich hatte mich in das höchst gelegene Hotel eingebucht, das erschien mir sicher, Hotel du Golf Barrière auf dem Mont Canisy. Ein in die Jahre gekommener Kasten, riesige Gesellschaftsräume, Lüster, Spiegel, viel roter Samt. Vom Zimmer konnte ich auf den Golfplatz schauen, dahinter lag die Stadt, und über dem Meer, das sich silbern kräuselte, ging gerade die Sonne unter. Ein schöner und hinreichend kitschiger Moment also, um ein Clubsandwich zu essen und ein kühles Bier zu trinken, und ich rief den Roomservice an und betonte meinen Wunsch nach frisch gebratener Hähnchenbrust. «Oui oui, monsieur», sagte die Dame, «pas de problème».
Die Sonne hatte ihren Neigungswinkel nur unwesentlich verändert, da klopfte es schon an der Tür. Etwas zu schnell für eine liebevolle Zubereitung, dachte ich und machte auf. Ein junger Mann, viel Pomade, keine Pickel, schob den Etagenwagen herein, die Silberhaube über dem Teller blinzelte mich freundlich an. Ich hatte vier Stunden Golf gespielt, mein Magen randalierte vor Hunger. Während der junge Mann mit fünf Euro Trinkgeld verschwand, inspizierte ich das Clubsandwich. Unfassbar: das Hähnchenfleisch war kühlschrankkalt und papierdünn! Und das zu einem Preis von über 30 Euro, was man ja nicht gerade als Geschenk des Hauses bezeichnen kann. «Excusez-moi», sagte ich der Dame vom Roomservice und erklärte ihr das Problem. Der junge Mann kam und rollte den Wagen wieder raus.
Nach zehn Minuten klopfte es erneut. Der gleiche junge Mann, der gleiche Wagen, die gleiche Silberhaube. Merci bien, sagte ich. Er wünschte bon appétit und verließ das Zimmer. Ich hob die Silberhaube vom Teller, setzte mich langsam hin und während ich mich hinsetzte starrte ich bereits wie ein Kaninchen auf eine Schlange starrt. Das kann nicht ernst gemeint sein, dachte ich, und starrte weiter. Ich starrte und starrte und starrte und ich merkte, wie ich vor Enttäuschung zu kochen begann. Vor mir lag das gleiche Clubsandwich, traurig zusammengefallen wie eine Balkonblume in der Mittagssonne, die Toastscheiben völlig durchgepappt, von wegen kross, und die gleichen papierdünnen Hähnchenbruststreifen, diesmal nur drei Grad wärmer – die Küche hatte das Ganze mal eben in die Mikrowelle geschoben, ist ja nur für einen Gast.
Ich sprang auf, liess ein bisschen Dampf ab und rief, was man in solchen Momenten so alles ruft, und meldete mich dann beim Roomservice.
«Hören Sie, ich hatte ein Clubsandwich mit frisch gebratener Hähnchenbrust bestellt. Beim ersten mal kam es mit kaltem, fast nicht existentem Fleisch, und nun kam das gleiche Sandwich nach drei Minuten Mikrowelle. Wenn Sie nicht möchten, dass ich jetzt einfach platze, dann bringen Sie mir bitte so schnell wie möglich ein frisches Clubsandwich mit frisch gebratener Hähnchenbrust.»
Als die Dame wieder «pas de problème» sagte, kochte ich noch mehr, was für eine Floskel, und plötzlich nervte mich auch, dass sie nicht Clubsandwich sondern «klöhbsoondwiedsch» sagte.
«Merci beaucoup, Madame». Ich legte auf.
Nach einer Stunde, die lang und nicht schön war, klopfte jemand an die Tür. Die Abendsonne war längst verschwunden und mit ihr die Rotfärbung über dem Meer. Und ich war längst betäubt, hatte drei Flaschen Bier gekippt und spürte kaum noch Hunger. Aber der Kellner entschuldigte sich freundlich, brachte ein Clubsandwich mit frisch gebratener, noch warmer Hähnchenbrust, mit frischer Mayonnaise und krossen Pommes.
Am nächsten Morgen war sie wieder da, die Sonne. Ich sass auf der Terrasse des Hotels, die Kellner servierten das Frühstück, vom Golfplatz tönte bereits das Klacken der Bälle. Schräg links sass ein Mann, Mitte 40, durchtrainiert, SUV-Fahrer. Er wurde von einem jungen Mann begleitet, der eine zu kurze Shorts trug und nicht sein Sohn war, wie ich den Geräuschen im Nebenzimmer nachts hatte entnehmen können. Neben mir sass eine ältere Dame, alleinstehend, viel Geld. Zuerst lächelte sie rüber, dann sprach sie mich an, sooo ein schöner Tag und sooo ein schönes Hotel. «Oui oui, Madame, aber die Clubsandwiches – horribles», unterbrach ich sie und erzählte vom Desaster des vergangenen Abends, das ich noch wie einen Kater spürte.
«Wenn Sie ein Freund von einem Clubsandwich sind», sagte die Dame und kramte dabei auf dem Stuhl zu ihrer linken, «dann müssen sie unbedingt das lesen.» Es dauerte ein paar Sekunden, dann zog sie den Figaro aus einem Stapel Zeitungen, blätterte ein bisschen und hielt mir schließlich eine Seite hin. Ihre Hand zitterte ein wenig, Altersflecken, an ihrem Ringfinger steckte ein schwerer, schlichter Goldring. Es ging um Clubsandwiches, der Figaro hatte sie in sämtlichen vornehmen Hotels von Paris getestet und das Ergebnis auf der Seite ausladend präsentiert. Und da Paris ohnehin fast auf dem Rückweg lag, fuhr ich zwei Stunden später los und betrat schon fünf Stunden später das Meurice, Rue de Rivoli. Es ist eines der schönsten Hotels der Welt. Man schreitet durch ein Netz von Korridoren und Sälen und damit durch ganze Epochen, um Ecken und Eckchen, und man fühlt sich an Luchino Viscontis Film Der Leopard erinnert. Alain Delon führt darin seine Verlobte durch die Gemächer und sagt: «Ein Palast, in dem man alle Zimmer kennt, ist es nicht wert, bewohnt zu werden».
In der Bar 228 setzte ich mich in einen ledernen Clubsessel und gab meine Bestellung auf, diesmal ganz ohne die Bitte, es mit gebratener Hähnchenbrust zuzubereiten. Es war der Gewinner des Figaro, und es war das beste Clubsandwich, das ich jemals gegessen hatte, natürlich mit frisch gebratener Hähnchenbrust. Der einstige Küchenchef des Meurice hatte dem Figaro gesagt: «Für die Zubereitung eines Clubsandwiches sollte man Leidenschaft aufbringen». Edward VIII war auch im Meurice gewesen.