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Die Orgel
Vor der französischen Revolution ließen sich Orgelbauer oft im Umfeld eines Bischofssitzes nieder, da die zahlreichen Klöster, die sich in der Umgebung der Kathedrale befanden, potentielle Kunden darstellten. Auch die Stadt Strassburg am Oberrhein zog so berühmte Orgelbauer wie zum Beispiel Silbermann an. Die Stadt Basel verlor an Attraktivität für Orgelbauer, da im Zuge der Reformation der Bischof nach Porrentruy verjagt und der Sitz des Kapitels zunächst nach Freiburg im Breisgau, später nach Arlesheim verlegt wurde. Aus diesem Grund ließen sich Orgelbauer, die für das Bistum Basel, das sich bis über die südliche Hälfte des Elsass erstreckte, tätig sein wollten, in Porrentruy oder Saint-Ursanne (schweizer Jura) und auch in elsässischen Orten wie Ammerschwihr, Ensisheim oder Kaysersberg nieder.
Gegen 1700 zog Joseph Waltrin (1679-1747), Sohn eines vogesischen Orgelbauers, nach Porrentruy. Ab 1703 lebte er in Saint-Ursanne um dort die Orgel der Stiftskirche umzubauen, die Thomas Schott, ein bedeutender Schweizer Orgelbauer, von dessen Instrumenten noch Teile in Muri und Rouffach erhalten sind, im Jahr 1620 erbaut hatte.
Waltrins Sohn Jean-Baptiste (1708-1753) lebte in Ensisheim, bevor er 1750 Bürger von Saint-Ursanne wurde. Er arbeitete erneut zweimal an der Orgel der Stiftskirche. Zusammen mit Philippe Hartmann führte er 1739 eine Generalüberholung durch und ersetzte eine Trompette durch eine Voix humaine. 1749-50 erweiterte er Windladen und Klaviaturen von 41 auf 45 Töne und fügte dem Hauptwerk ein Cornet bei. Höchstwahrscheinlich stellte Jean-Baptiste Waltrin bei dieser Gelegenheit den aus Montfaucon (Schweizer Jura) stammenden Louis Dubois (1726-1766) ein, der später auch sein Nachfolger wurde. Ebenso hilfreich stand ihm Jean-Jaque Besançon aus Saint-Ursanne zur Seite. Dieser arbeitete sowohl für Waltrin als auch für Dubois, bevor er sich 1766 in Kaysersberg selbständig machte. Von dort liessen ihn die Stiftsherren von Saint-Ursanne 1774 kommen um in seiner Heimatstadt eine neue Orgel unter Verwendung alter Elemente von Schott zu erbauen. Das neue Hauptgehäuse mit drei Türmen deutete klar auf den Einfluss Silbermanns hin, während das Rückpositiv, mit seinen geschweiften Flachfeldern charakteristisch für Besançon, moderner gestaltet war.
Ursprünglich war vorgesehen, einen Teil des Pfeifenwerks von Schott wiederzuverwenden, doch schliesslich fanden nur noch der Bass von Nazard, Doublette und Tierce aus dem Hauptwerk von 1703 und das Cornet von 1749 einen Platz im neuen Instrument mit 26 Registern auf zwei Manualen und Pedal.
Nachdem Besançon 1776 sein Werk beendet hatte, beschloss er, sich entgültig in Saint-Ursanne niederzulassen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die Orgel regelmässig gewartet, verlor aber 1941 bei einem Eingriff von Tschanun ihre Zungenregister und die Cymbale des Hauptwerks.
Eine erste Restaurierung erfolgte 1984 durch Hans-Jakob Füglister und stellte die Originaldisposition mit den drei Keilbälgen wieder her. Leider wurden die neuen Elemente nicht nach dem historischen Vorbild Besançons und Dubois’ angefertigt, so dass bei einer zweiten Restaurierung 2004 Bertrand Cattiaux die fünf Zungenregister, Cymbale, Klaviaturen, Pedalklaviatur, Pedalmechanik und Pfeifenraster rekonstruierte. Dabei korrigierte er auch die Intonation und legte eine ungleichschwebende Temperierung.
Somit kann die Orgel von Saint-Ursanne heute wieder als eines der kostbarsten und beeindruckendsten Erbstücke der elsässischen Orgelbaukunst des 18. Jahrhunderts bezeichnet werden.
Christian Lutz