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Von Khorog aus gibt es zwei Routen durch den Pamir: Entweder weiter entlang der M41 – dem Pamir Highway – oder durch das Wakhan-Tal. Letzteres muss landschaftlich von atemberaubender Schönheit sein, aber grottenschlechte Strassen haben. Wir haben aber schon zu viel darüber gehört und gelesen, als dass wir uns dagegen entscheiden konnten. Also radelten wir frohen Mutes in Richtung Wakhan.
Übrigens – ein kleiner geschichtlicher Exkurs – ist der Wakhan-Korridor ein Konstrukt resp. das Ergebnis von Verhandlungen 1893 und 1895 (sog. Great Games) zwischen Russland und Grossbritannien, die sich beide um die Vorherrschaft in Zentralasien bemühten. Dabei fungierte Afghanistan als Pufferstaat zwischen den beiden Weltmächten und so ragt Afghanistan noch heute mit einem eigenartig geformten Finger zwischen Tadschikistan und Pakistan.
Uns ermöglicht dies weiterhin sozusagen zwischen zwei Welten zu radeln. Rechterhand sehen wir Afghanistan mit einfachen Dörfern aus Lehmhäusern, grünen Feldern mit aufwändigen Bewässerungssystemen, die das Wasser teils Kilometer weit aus den Bergen ins Dorf führen, und einfache Schotterpisten.
Teils ist die Grenze so nah, der Fluss so schmal, dass wir einen Stein auf die andere Seite werfen könnten, uns die Afghanen zuwinken oder die Hofhunde wütend bellen, wenn wir vorbei radeln.
Leider ist der allwöchentliche Grenzmarkt in Ishkashim, zu dem sowohl afghanische wie auch tadschikische Händler kommen und der auch für Touristen zugänglich ist, seit längerem aus unklaren sicherheitspolitischen Gründen geschlossen. So bleibt uns einen direkteren Kontakt mit den Afghanen verwehrt.
Das Afghanistan auf der anderen Seite des Flusses hat wenig bis gar nichts mit dem Afghanistan aus den Nachrichten zu tun. Bis anhin blieb es von jeglichen Aktivitäten der Taliban oder vom IS verschont. Dennoch ist die Militärpräsenz auf beiden Seiten gross.
Im Vergleich zur tadschikischen Seite wirkt das Leben in Afghanistan einiges rückständiger. Man hat den direkten Vergleich, wie Tadschikistan heute aussähe, wären die Sowjets nicht gewesen. Fairerweise muss man aber auch eingestehen, dass Tadschikistan nach der Auflösung der Sowjetunion bis heute Unterstützung von diversen internationalen Entwicklungshilfsorganisationen und NGO’s bekommt – etwas, das auf der afghanischen Seite sicherlich fehlt, zumal es die aktuelle Situation im Land nicht zulässt. So haben sämtliche Organisationen (wie man uns in Dushanbe erzählt hat) ihre Mitarbeiter aus Afghanistan abgezogen und nach Tadschikistan verlegt, von wo aus nun agiert wird. In Dushanbe hat sich eine grosse Expats Gemeinschaft gebildet, die Familien leben im sicheren Dushanbe. Immer freitags geht ein Direktflug nach Kabul. Im Gepäck der weiterhin in Afghanistan tätigen Arbeiter werden Hilfsgüter mit transportiert, anscheinend der einfachste Weg Ware ins Land zu bringen.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion stürzte die tadschikische Region in ein grosses Elend. Es fehlte plötzlich an Ressourcen, Brennstoffen und Knowhow. Wohl der Ursprung der bis heute andauernden internationalen Unterstützung. In vielen Dörfern sahen wir Tafeln mit bekannten Logos von NGO’s und Länderflaggen (auch die Schweiz war jeweils gut vertreten).
Eine andere Persönlichkeit, der die Region viel zu verdanken hat, ist Agha Khan. Die Einheimischen verehren ihn, zeigen mit Stolz ein Foto von ihm, das Porträt hängt am Rückspiegel von Taxis oder ziert Wohnräume.
Agha Khan: ist das Oberhaupt/ Iman der Ismailiten, einer Glaubengemeinschaft der Schiiten, wie sie im Wakhan ansässig sind. Der aktuelle Agha Khan, der vierte, lebt in Frankreich und ist Grossaktionär. Die Agha-Khan-Stiftung gilt als die grösste private Entwicklungsorganisation. Wir begegnen häufig Autos der besagten Organisation in der Gegend.
Die Erzählungen und Berichte haben nicht zu viel versprochen. Die Szenerie, die sich einem im Wakhan bietet ist einmalig!
Der Kontrast zwischen den grünen Feldern und lieblichen Dörfern, zum mal wilden und mal ruhigen Panj, der steinigen Sandwüste und alles umrahmt von Schnee und Eis gekrönten Gipfeln könnte nicht grösser sein. Wir haben Glück, das Wetter ist gut, die Luft klar. Der Blick in den Hindukusch wird uns durch nichts versperrt.
Leider haben die Erzählungen auch nicht gelogen, was den Strassenzustand anbelangt. Auf all unseren Velotouren haben wir noch nie am Stück derart schlechte Strassen erlebt: Sandige Wellblechpisten mit losem Gestein. Das Schlimmste, was man sich als Tourenfahrer vorstellen kann. Der Sand bremst, man findet keinen Halt und das lose Gestein macht es auch nicht besser. Nicht zu vergessen das Wellblech, es zerrt schändlich an den Nerven. Man kann den Wellen schlicht nicht ausweichen. Fährt man langsam rumpelt es nicht ganz so arg, aber man kommt nicht vorwärts. Fährt man schnell, hat man Angst entweder man selbst oder der Drahtesel zerfalle in alle Einzelteile.
Für diejenigen unter euch, die planen dieselbe Tour zu unternehmen: Zwar ist die Strasse zwischen Khorog und Ishkashim grösstenteils geteert und auch nach Ishkashim findet man noch für 40-50km Asphalt. Aber danach wird es nur noch schlechter, besonders die Passstrasse auf einer Strecke von über 100km.
Wir merkten am zweiten Tag auf dieser Piste, dass uns das Ganze ziemlich auf die Stimmung schlug. Besonders meine Nerven lagen jeweils nach 20km blank und ich brauchte erstmal wieder eine längere Pause ab der Strasse mit Blick auf das Tal. Allerdings war ich durch eine Erkältung und eine Verdauung, die nicht immer mit dem tadschikischen Essen klar kam, auch körperlich ziemlich reduziert, was unter diesen Umständen nicht förderlich war.
Alles in allem entschieden wir uns, den Kargush-Pass am Ende des Tals (100km durch Niemandsland mit Anstieg auf 4344m) nicht per Velo zu machen und uns stattdessen direkt in Alichur, auf der Pamir-Hochebene, absetzen zu lassen.
Wir organisierten in Langar, dem letzten Dorf im Tal, einen Jeep. Was glücklicherweise ein einfaches Unterfangen ist. Es findet sich immer jemand, der einen Bruder oder Onkel mit einem Jeep hat und interessiert ist, etwas dazu zu verdienen.
Dennoch müssen wir betonen, dass sich die Tour durch das Wakhan gelohnt hat! Wieder einmal hat es uns – neben der schon beschriebenen Landschaft – die Bevölkerung und ihre Herzlichkeit angetan.
Im Wakhan hat man die Möglichkeit in vielen Dörfern in Homestays zu schlafen. Wir waren bei zwei Familien und gewannen so Einblick in das Familienleben, wie wir es beim Zelten nicht gekriegt hätten. Wir wurden bekocht – wenn auch sehr einfach und eintönig - aber man spürte, die Hausfrau versuchte jeweils das Beste aus ihrer Speisekammer heraus zu holen. Besonders fein fand ich Kasha, ein Milch-Griessbrei, zum Frühstück. Beide Male landeten wir bei relativ innovativen Familien, was uns dank Solarenergie in den Genuss einer warmen Dusche brachte.
Auch erfuhren wir einiges über Kultur und Tradition und sahen ein richtiges Pamiri-Haus von innen. Die einfach imponierenden Häuser sind gespickt vor Symbolik. So werden neben Elementen vom Universum, religiöse Symbole in den Bau integriert. Der Wohnraum stützt sich beispielsweise auf fünf Säulen, welche die Mitglieder der Familie von Ali (für die Schiiten der erste Imam und erster Nachfolger Mohammeds) verkörpern sowie gleichzeitig die fünf Prinzipien vom Islam symbolisieren (zumindest so habe ich Akim, unseren Gastgeber verstanden).
Bibi Fatima, angeblich die schönste heisse Quelle im Tal, benannt nach der Tochter Mohammeds: Wir nutzten den Tag für einen Pausentag resp. zum Auskurieren meiner Erkältung. Was wäre hierfür nicht geschaffener als ein Bad in einer heissen Quelle? Wohltuende, geschätzte 40°C herrschten in dem Tropfstein-artigen Gewölbe, das auch von Einheimischen rege besucht wird.
Kargush-Pass per Jeep: Unsere Räder sind sicher auf dem Dach fixiert, sämtliches Gepäck im Kofferraum verstaut, als es am frühen Morgen los geht. Unterwegs gabeln wir noch zwei Hirten auf, denen wir einen langen Fussmarsch ersparen können.
Unsere Gefühle sind gespalten: Einerseits bereuen wir, die Strecke nicht selbst zu fahren, andererseits macht sich Erleichterung breit, sich nicht die schlechte Strasse hoch kämpfen zu müssen.
Alichur – Ankunft auf der Pamir-Hochebene: Wir verbringen die Nacht in einer schönen Jurte, ehe es am nächsten Tag wieder per Rad weiter geht, nun entlang dem Pamir-Highway, der geteerten M41. Es ist herrlich auf dem fast makellosen, abgesehen von Bodenwelle und Schlaglöchern, Teer dahin zu rollen! Wir fliegen förmlich nach Murgab resp. lassen uns vom Rückenwind dahin blasen.
Auf der Pamir-Hochebene bot sich uns noch einmal ein ganz anderes landschaftliches Bild. Eine karge Ebene, einzelne Flächen spärlich mit Gras bewachsen. Die Baumgrenze haben wir schon längst überschritten, wir bewegen uns zwischen 3600-3800 m.ü.M mit mehreren Pässen über 4000 m.ü.M.. Die Wolken wirken nah, die Seeen und Flüsse tief blau. Immer wieder erspähen wir spielende Murmeltier-Familien oder Schaf- und Ziegenherden, selbst umherziehende Yaks erblicken wir. Nur die berühmten Marco Polo Schafe liessen sich bis anhin noch nicht blicken.
Murgab, das Zentrum auf der Hochebene: Beim Anblick der spontan zusammen gewürfelten einfachsten Behausungen mit fehlendem Strom- oder Wasseranschluss, verdeutlicht sich nochmals die Abgeschiedenheit des Ortes. In der Luft hängt stetig ein leicht beissender Rauchgeruch. Was die Einheimischen ausser Kuh- und Yakdung verbrennen ist unklar. Energiequellen sind neben seltenen Solarzellen auf den Dächern, Benzin betriebene Generatoren. Überall rattert es aus dem Hinterhof.
Auch in unserem (und dem einzigen) Hotel, dem Pamir Hotel, gibt es nur zu Mittags- und Abendstunden dank Generator Strom und heisses Wasser.
Ein Erlebnis für sich ist der Kontainer Bazar. Scheinbar ohne System haben sich Kontainer an Kontainer gereiht. Das Einkaufen ist wie in einer Wundertüte zu stöbern. Man betritt einen Kontainer nach dem anderen und sucht sich zusammen was man braucht. Das Angebot ist erstaunlich breit, wir finden selbst frische Früchte und Gemüse und können unseren Proviant luxuriös aufstocken.