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Oscar-Anwärter Steven Yeun
«Ich bin das Produkt der Opfer meiner Eltern»
Vergangenes Jahr gewann das koreanische Gesellschaftsdrama «Parasite» den Oscar für den besten Film. Dieses Jahr soll die Immigranten-Familiengeschichte «Minari» mit dem koreanisch-amerikanischen Hauptdarsteller Steven Yeun nachdoppeln.
«Minari» erzählt die Geschichte einer koreanischen Familie, die in Arkansas eine Bauern-Existenz aufbauen will. Sie spielen den Vater. Inwiefern identifizieren Sie sich mit Jacob im Film?
Die Rolle traf mich auf verschiedenen Ebenen: Zum Beispiel als Vater. Da ich jetzt selber Kinder habe, verstehe ich die Perspektive eines Vaters und besonders auch die meines Vaters jetzt anders als damals aus Kinderaugen.
Sie haben Jacob also nach Ihrem Vater modelliert?
Nicht unbedingt. Es ist viel Persönliches in dieser Rolle drin, auch von meinem Vater. Aber ich musste das Klischee niederringen, was denn ein typischer koreanischer Vater ist, um aus Jacob einen wahren, eigenständigen Menschen zu machen.
Wie Jacobs Kinder im Film sind Sie in den USA auch auf dem Land aufgewachsen ...
Genau. Wie Jacob befinde ich mich auch oft in den Spalten des Lebens: Nicht nur zwischen Amerika und Korea. Es gibt auch eine Kluft zwischen den Küstenstaaten und dem Mittleren Westen der USA, wo ich aufgewachsen bin. Das verbindet mich auch mit ‹Minari›-Autor und Regisseur Lee Isaac Chung, der in Arkansas aufgewachsen ist. Ich bin in Michigan gross geworden.
Wie war das für Sie?
Für mich war die Immigration in die USA ein Schritt in eine tiefe Isolation. Die Abnabelung wurde grösser, der Graben zwischen mir und meinen Eltern immer weiter. Wir sprachen eine andere Sprache. Bei meinen Eltern fand ein Stillstand statt. Sie sind in der Zeit ihrer Immigration gefangen. Sowohl Amerika als auch Korea verändern sich, aber sie sind an beiden Orten nicht Teil dieser Veränderung. Es ist nicht, dass ich mir ungeliebt vorkam. Aber wenn ich mich mit anderen Kindern verglich, hatte ich einfach allgemein weniger starke Bande als sie. Aber wer weiss, vielleicht ist das einfach nur mein individueller Fall.
War es schwierig, Ihre eigene Identität zu finden?
Ja, ich habe versucht, mich im weissen Amerika anzupassen. Es ist nicht immer klar, wie man sich in diesem Umfeld eine eigene Identität schafft. So definiert man sich halt, wie man gesehen wird. Das war auch bei mir so.
«Minari» ist auch die Geschichte eines amerikanischen Traums. Wie sah und sieht dieser bei Ihnen aus?
Mein Traum ist es, die Freiheit zu haben, mich besser zu verstehen. Mein Leben momentan ist ein Traum. Ich bin ein Produkt der Opfer, die meine Eltern erbracht haben, die mit nichts in die USA kamen. Insofern bin ich die Ausdehnung ihres Traumes und mein Traum ist es, dass mein Sohn und meine Tochter da anschliessen und noch freier sein können.
Sie sind einer der wenigen asiatischstämmigen Schauspieler in Hollywood, die eine erfolgreiche Karriere haben. Wie schwierig war es nach «The Walking Dead» gute Rollen zu finden?
Es ist nicht so, dass es keine Angebote gab. Mir wurden Hauptrollen in TV-Shows angeboten, aber die waren Glenn aus ‹The Walking Dead› alle sehr ähnlich. Das wollte ich nicht. Ich wollte zeigen, dass ich mehr bieten kann. In Bong Joon Hos ‹Okja› mitzuspielen, hat mir meinen Weg ein bisschen klarer aufgezeigt. Und dann kamen ‹Burning› und ‹Sorry to Bother You›, die mir erlaubten, nicht ein Klischee oder eine Funktion darzustellen, sondern einen wahrhaften Mensch. Und jetzt befinden wir uns in einer neuen Welt, in der ich als Schauspieler und als Person of Color meinen Weg zu gehen und meine Identität weiter zu definieren versuche.
Inwiefern glauben Sie, dass der Erfolg des koreanischen Oscar-Gewinners «Parasite» von Bong Joon Ho die Türen für «Minari» öffnet?
Ich weiss, kulturelle Ähnlichkeiten sind vorhanden, aber der grosse Unterschied ist, dass ‹Minari› eine wirklich amerikanische Geschichte ist, aus der asiatisch-amerikanischen Perspektive – so wie man sie noch nie gesehen hat. Der Film will nicht erklären, warum und wie wir immigriert sind, sondern wer diese Menschen sind. Man braucht keine kulturelle Kenntnis zu haben, um ‹Minari› zu verstehen.
Angriffe auf asiatischstämmige Bürgerinnen und Bürger haben in den USA im vergangenen Jahr rasant zugenommen – nicht zuletzt auch, weil Präsident Trump das Coronavirus «China-Virus» nannte. Haben Sie auch Erfahrungen mit Rassismus gemacht?
Klar, als asiatisch-amerikanische Menschen sind wir nicht nur unseren internen kulturellen Spannungen ausgesetzt, sondern auch jenen als Kollektiv. Wir sind gleichzeitig akzeptiert und gehasst. Unsere Körper sind vielleicht nicht unter konstanter Attacke [wie bei den Schwarzen, Anm. d. Red.], aber wir haben unser eigenes Leid.
Rassismus existiert. Das ist ein grosses Thema und hoffentlich finden wir künftig besseren Zugang zu anderen und sehen uns gegenseitig vermehrt als Mitmenschen. Deshalb versuche ich nachvollziehbare Geschichten zu erzählen über Menschen, die so aussehen wie ich – in der Hoffnung, damit die Barrieren zwischen uns abzubauen und damit wir einander sehen können, wie wir wirklich sind: Nämlich alle ziemlich gleich.
Die 93. Ausgabe der Oscars findet am 25. April statt.