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Lena schnupperte. Roch sie da Kaffee? Sie versuchte, sich zu drehen, da spürte sie plötzlich eine Hand an der Schulter. «Vorsicht, unser Sofa ist wahrscheinlich nicht ganz so breit wie dein Bett», flüsterte Martin. Lena rieb sich die Augen, fand sich erst langsam zurecht. Auf der anderen Seite des Ecksofas lag Marco – hatten sie beide etwa die ganze Nacht hier geschlafen? Martin hatte sich inzwischen zu seinem Mann gesetzt und kraulte ihm den Kopf. Lena lächelte, setzte sich auf und griff nach der dampfenden Kaffeetasse. Langsam kehrten die gestrigen Ereignisse zurück. Robert – unwillkürlich fragte sie sich, wie er die Begegnung erlebt hatte. Wusste er, spürte er, dass er nicht mehr der eine Mann in ihrem Leben war? Eine weitere Stimme meldete sich: Und warum sollten die Antworten auf diese Fragen noch eine Rolle für dich spielen? Lena schüttelte sich leicht. Als sie sah, dass Marco seinen Kopf an Martins Schulter gelegt hatte, stand sie auf. Sie faltete die Decke ordentlich zusammen, küsste jeden der beiden Männer auf die Wange. «Ich wünsche euch einen wunderbaren Sonntag.» Sie kehrte in ihre eigene Wohnung heim und staunte, wie sehr die Pflanzen das Raumgefühl veränderten. Sie duschte, zog sich um und liess sich dann mit einem Stapel Zeitschriften auf dem Sofa nieder. Sie begann zu lesen und sich Notizen zu machen. Nach zwei Stunden blickte sie leicht frustriert auf ihren Block. Promis, Mode, Diät, Beruf, Erfolg – okay, das eine oder andere interessante Porträt war dabei. Wenn Hella von Sinnen über ihren Lebensweg sprach, waren das andere Inhalte als bei Heidi Klum. Aber wirkliche Überraschungen fand sie nicht. «Die Aufgabe der Journalisten ist es, alle politischen Sachverhalte, die Menschen durch ihr Wählen mitgestalten können, verständlich darzulegen. Von der Putzfrau bis zum Bankdirektor soll jeder verstehen, worum es im Leben geht.» So hatte sie es einst gelernt und verinnerlicht. «Was heisst das genau?», «Können Sie mir dafür ein Beispiel nennen?» oder «Warum?» – Diese Fragen hatte Lena schon oft gestellt. Wie würde ihre Themenliste aussehen? «Wenn ein Paartherapeut einen Liebesbrief schreibt», «Was die Verkäuferin gegen soziale Vereinsamung tut», «Erziehungsmassnahmen für Erwachsene», «Was das Handy so faszinierend macht» «Gegen den Word-Waste im Umgang miteinander» – Lena schrieb und schrieb. Irgendwann spürte sie, dass sie sich zu wiederholen begann. Sie legte die Unterlagen zur Seite und begann sich stattdessen für die kommende Woche vorzubereiten. So packte sie auch die Telefonnummer sowie die Mappe mit den bisherigen Unterlagen ihrer Gespräche mit Marco Caruso ein. Sie gedachte, Roberts Herausforderung anzunehmen und die Konvention aufsetzen zu lassen.
In der morgendlichen Pause rief sie Marco Caruso an. «Ich soll eine Konvention aufsetzen.» Marco Caruso klang skeptisch. «Frau Kronenberg, Ihr Mann hat doch bisher deutlich zu verstehen gegeben, dass er eine Scheidung nicht in Betracht zieht.» Lena atmete tief durch. «Er hat mich dieses Wochenende überraschend besucht. Wir haben über die Scheidung gesprochen und er meinte, ich könne die Konvention ja aufsetzen lassen. Unter der Voraussetzung, dass ich auf den Zugewinnausgleich verzichte und er nichts weiter als die Hälfte der Scheidungskosten zu tragen habe.» «Und Sie sind sich sicher, dass Sie auf den Zugewinnausgleich verzichten wollen?» «Wenn das hilft, dass die Geschichte endlich endet.» «Die Chance besteht, aber es werden einige Jahre in der Rentenkasse fehlen.» Lena seufzte. «Ich bin ja noch jung – ich werde schon nicht untergehen.» «Wenn Sie meinen. Ich werde den Brief heute noch aufsetzen. Das Doppel wird Ihnen zugestellt.» «Ich danke Ihnen, Herr Caruso. Auch dafür, dass Sie Ihren Job so ernst nehmen und mich auf die Gefahren hinweisen.» «Scheint bei Ihnen nur nicht wirklich zu helfen.» Lena lachte. «So offen habe ich Sie selten reagieren hören.» «Das ist auch eigentlich völlig unangemessen, bitte entschuldigen Sie. «Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, das ist völlig in Ordnung. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.» «Gleichfalls.»
Ein paar Stunden später klingelte es an Lenas Haustür. «Lass mich rein, Schwesterchen, bei dir riecht es so gut, dass mein Hunger noch mal doppelt so gross wird.» «Gib mir erst einmal deine Jacke.» Lena hängte den schwarzen Samtblazer hinter die Badezimmertür. Marina kam noch nicht mal dazu, sich die Schuhe auszuziehen.» «Wow, was ist denn hier passiert? Die Wohnung sieht spitze aus.» Lena reichte ihrer Schwester das Glas mit dem Mango-Lassi und strahlte. «Sieht gut aus, gell?» «Das ist die Untertreibung des Jahres – aber seit wann stehst du auf Pflanzen?» «Das hat sich irgendwie so ergeben und jetzt, da ich sie selbst gekauft habe, macht es auch nichts aus, wenn ich sie nicht alle zum Blühen kriege. Dann kann ich einfach schauen, wie sie sich entwickeln, ohne dass mir jemand seine Ratschläge vorbetet.» «Ich werde mich also hüten», sagte Marina und lachte. «Und das alte Bon-Jovi-Poster hängt über dem Schreibtisch.» «Und das gerahmt», jetzt lachte Lena. «Ja, ich finde, die Energie dieses Mannes hat etwas Inspirierendes.» «Ich finde, die ganze Wohnung macht einen inspirierten Eindruck. Allerdings haben wir uns viel zu lange nicht gesprochen, ich weiss gar nicht so recht, wo all die Energie herkommt.» «Setz dich erst einmal, Süsse. Jetzt kommt die Vorspeise. Wenn ich dir nämlich alles erzählen soll, was dahintersteckt, sitzen wir Mitternacht immer noch hier und du bist verhungert.» «Das wollen wir natürlich nicht.» «Keinesfalls.» Begeistert schaufelte Marina Nüsslisalat mit Walnüssen in sich hinein. Und auch Lena genoss, was sie da fabriziert hatte. «Beim Nudelgratin konnte sich Marina allerdings nicht mehr länger gedulden. «So, verhungern werd ich nicht mehr, also erzähl jetzt sofort.» «Okay, in nicht mal mehr einem Monat werde ich meine Stelle bei «alive» antreten. Sie haben meine Geschichte über das Casting genommen und mich engagiert.» Marina blieb der Mund offen stehen. «Und das sagst du erst jetzt?» «Naja, du schienst gerade etwas intensiver mit Zwischenmenschlichem beschäftigt zu sein.» Marina war aufgesprungen und umarmte ihre Schwester ungestüm. «Das ist unglaublich. Ich bin mega stolz auf dich! Und du besorgst mir selbstverständlich eine Ausgabe des Magazins, das ist ja wohl klar, oder?» Scherzhaft drohte Marina mit dem Zeigefinger. Lena nickt lächelnd. Einen Moment schwiegen die beiden Schwestern. «Aber dich beschäftigt noch was anderes, weniger Angenehmes. Ich tippe auf Robert.» «Er war hier.» «Wie bitte?», Marina hatte sich nach der Umarmung kaum auf dem Sofa niedergelassen, da stand sie bereits wieder. «Er kündigte an, er wolle ein Sabbatical in der Schweiz nehmen. Ich könne ja den Rahmen dafür organisieren. Dann hat er festgestellt, dass ich keinen Ehering mehr trage und ich habe ihm erklärt, dass ich auf jeden Fall die Scheidung will.» «Du erzählst das gerade so, als wäre es die natürlichste Sache der Welt, sich mit einem Mann an den Tisch zu setzen, der einen bedroht hat.» «Es war nicht einfach. Aber ich hatte in dem Moment keine Zeit für grosse Überlegungen. Es ging alles sehr schnell.» «Wie hat er reagiert?» «Ich glaube, diesmal hat er gemerkt, dass es mir ernst ist. Er hat jedenfalls gemeint, ich könne meinen Anwalt ja mal die Konvention aufsetzen lassen. Er überlege sich dann, ob er sie unterzeichnen wolle.» «Und?» «Ich habe heute mit Herrn Caruso gesprochen, er kümmert sich drum.» «Also wieder warten.» «Jep.» «Wie gehts dir damit?» «Das kann ich nicht wirklich beantworten. Ich wünsch mir einfach, dass es schnell geht. Ich möchte Abstand nehmen. Wer weiss, was dann möglich ist.» Schweigen. «Okay – dann mach ich jetzt einen Vorschlag zum Abstandnehmen …», Marina legte eine Kunstpause ein. «Was gibt es zum Dessert?» Lena prustete. «Ich dachte, wir fangen mit Bananenwähe an und arbeiten uns dann über Glace vor bis hin zum Gute-Nacht-Tee.» Marina nickte strahlend. «Wenn das kein perfekter Plan ist, dann weiss ich auch nicht.»