Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03630.jsonl.gz/134

«Das hätte von mir sein können» — so lautet die jeweils unabhängig voneinander geäusserte Bemerkung von Eric Hattan (geb. 1955 in Wettingen, lebt und arbeitet in Basel und Paris) und Werner Reiterer (geb. 1964 in Graz, lebt und arbeitet in Wien) über ein Werk des jeweils anderen.
Das konzeptionelle Nahverhältnis, bei gleichzeitiger Verwendung verschiedener künstlerischer Sprachen, bildet den Ausgangspunkt für die Ausstellung, die erstmals beiden Positionen grosszügig Raum bietet, um Überlappungspunkte, Gemeinsamkeiten und unterschiedliche bzw. individuelle Fragestellungen und Formulierungen zu untersuchen.
Eric Hattan erarbeitet viele seiner Ausstellungen basierend auf direkte ortsbezogene Überlegungen, die mitunter auch vor politischen Beobachtungen nicht zurückschrecken und sowohl ideale als auch nicht-ideale vorgefundene Bedingungen mit einbeziehen. Ein Masten einer Berliner Strassenlaterne, vor dem üblicherweise zahlreiche Autos parken, wurde beispielsweise im Jahre 1996 zum Austragungsort einer kontextuellen Verrückungsstragie, bei welcher Eric Hattan einen handelsüblichen Wohnwagen rund um den Laternenmasten herumbaute. Vermochte die Platzierung am Gehweg und der aus dem Wagen ragende Masten den gewohnten Alltagsablauf an sich noch wenig zu stören, wurden die aufmerksamen Vorbeikommenden mit einem visuellen Rätsel konfrontiert: Ein in der Wohnwagenwand eingebauter Türspion gibt das Innere des Wohnwagens ohne den ihn von aussen sichtbar durchdringenden Laternenmasten wieder.
Wie Hattan fokussiert auch Reiterer auf kontextbezogene Überlegungen, die er manchmal, im Gegensatz zu Hattan, nicht auf einen spezifischen Ort, sondern auf ein spezifisches Thema ausrichtet. Dabei interessiert ihn vor allem eine Neuorientierung von alltagsgegebenen Situationen, die zum Ausgangspunkt seiner künstlerischen Kommunikationssysteme werden. In einem Kunst-am-Bau-Projekt für das Bezirksgericht Salzburg (1999—2001) funktionierte Reiterer einen von drei Laternenmasten so um, dass dieser bei Herantreten ins Rotieren gerät. Der zuvor nicht mehr beachtete und daher aus dem Blickfeld entwichene gesamte Vorplatz erfährt durch die Manipulation des Künstlers eine neue, ihm nicht als zugehörig betrachtete Funktion und wird eben deshalb wieder «misstrauisch» beachtet. Nimmt Eric Hattan den Laternenmasten als Ausgangsort einer Installation, die den Rezipienten zur Hinterfragung ihrer Funktionsweise und die damit zusammenhängenden Wahrnehmungsbeobachtungen bringt, thematisiert Reiterer mit seinem manipulativen Eingriff die Funktionsweise von Alltagsgegenständen und jene des Alltagslebens selbst.
Beide Künstler werden anlässlich der Ausstellung im Kunsthaus Baselland auch den Vorplatz miteinbeziehen: Hattans Werk l’évaporation, eine voll mit Wäsche behängte Wäschespinne, thematisiert sisyphosähnlich das niemalige Trockenwerden des Aufgehängten. Beim ersten Anzeichen der Austrocknung beginnt eine neuerlicher Wasserzufuhr mit dem Benässen. Werner Reiterer hingegen platziert ein Vogelhäuschen in einem der Baumwipfel. Vogelgesang ist nur hörbar, so lange die Solarzellen, die ins Innere des Häuschens verlagerte Technik mit Strom versorgen.
Erstmals wird auch der Eingangsbereich des Kunsthaus zu einer Garage verwandelt, die der Besucher/die Besucherin quasi von der Rückseite betritt. In der Garage selbst findet ein so genannter «Garage Sale» statt, bei dem hauptsächlich Eric Hattan unter Zuwirkung von Werner Reiterer, Angesammeltes, Kunstwerke, Publikationen und diverse Materialien zu Billigpreisen zum Verkauf anbietet.
Im Inneren des Kunsthaus verteilen sich die Werke der Künstler über beide Stockwerke. Reiterers speziell für Blinde gefertigte Skulptur, seine Bettskulptur, welche das Bett selbst schlafend und atmend wiedergeben sind ebenso zu sehen wie Hattans ortsspezifischen Eingriff, der einen Einblick unter einen sich im Bürogebäude befindlichen Tisches freigibt oder eine Auswahl seiner Videoarbeiten.
Die beiden künstlerischen Positionen treffen sich an diversen Schnittstellen und verlassen sie auch wieder. Sie benutzen oft einen ähnlichen modus operandi und wenden sich bevorzugt den alltäglichen Abläufen als ihr Ausgangsmaterial zu, um sich bei der Ausrichtung des auf Alltagsstrategien wieder zu unterscheiden. Die Ausstellung versteht sich als offene Konversationsform, die Ähnlichkeiten und Divergenzen zulässt, ohne Festschreibungen vorzunehmen.
Text von Sabine Schaschl