Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03298.jsonl.gz/271

Wenn die Qualität einer Fussballmannschaft einfach der Summe der Fähigkeiten ihrer elf Spieler entsprechen würde, hätte die Schweiz die beste Nationalmannschaft aller Zeiten. Und wir könnten beruhigt an die Europameisterschaft in Deutschland nächstes Jahr fahren. Den Halbfinal im Visier.
Nur: Eine Mannschaft ist keine Addition von Werten. Eine Mannschaft muss komplementär funktionieren. Die elf Spieler müssen sich mit ihren Qualitäten ergänzen. Das Total ist keine Summe, es ist nicht zu errechnen, da im Idealfall jeder Spieler die Fähigkeit haben sollte, die Qualität des Mitspielers zu verbessern.
Ich wette mit jedem, der es riskieren will: Nationalcoach Murat Yakin, ein begnadeter Fussballfuchs, weiss längst, wo der Wurm in seinem Team sitzt. Nur kann er diesen Wurm nicht benennen, der dafür verantwortlich ist, dass seine Schweiz so wunderbaren Fussball spielen kann, dann aber plötzlich einbricht.
Das Ziel Qualifikation verunmöglichte ihm, das Problem am Schopf zu packen.
Das Problem ist die Chemie des Teams.
Die Chemie?
Diese Chemie ist nicht mit einer einfachen Formel, wie etwa jener für Wasser, H2O, zu berechnen. Sie wird von einer unglaublichen Komplexität bestimmt, dem Zusammenwirken von elf ganz verschiedenen Menschen von ganz anderer Herkunft zu einem bestimmten Ziel. Ein Schachbrett hat 64 Felder, sechs verschiedene Figuren und schier unendlich viele Möglichkeiten von Zügen. Fussball hat für den Trainer elf Figuren, erst noch einen unberechenbaren Schiedsrichter und darum schier unendlich mehr Möglichkeiten als das unendlich komplexe Schach.
Wären da nicht gewisse Faustregeln, man müsste Fussball für unkontrollierbar beschreiben. Die Faustregel, die bei der Schweiz nicht stimmt, der Grund für den ständigen plötzlichen Verlust von Qualität im Spiel ist, heisst: Das Team hat im Stress zu viele Häuptlinge, zu wenige Indianer.
Die Aufstellung gegen Israel bestand aus elf Spielern, die alle im Ausland unter Verträgen stehen, die jedem von ihnen einen Wochenlohn in einer fürstlichen fünfstelligen Höhe garantieren. Elf Millionäre kicken im Nationalteam für ein Butterbrot.
Solange es nichts zu verlieren gibt, spielen sie einen wunderbaren Fussball. Wenn sie dann plötzlich die Gesundheit ihrer Knochen zu verlieren haben, weil der Gegner mehr, wenn nicht alles riskiert, können sie den wunderbaren Fussball nicht mehr auf den Rasen bringen. Nicht, weil sie nicht mehr wollen, nein, natürlich nicht, keiner spürt den kleinen Leistungsabbau, der ihr Spiel zerstörte. Plötzlich sind einfach nicht mehr genügend Indianer da, die ohne Rücksicht auf Verluste leidenschaftlich kämpfen.
Es passiert genau das, was Yakin im Innern befürchtet, das, was er nicht ändern kann. Wo soll er plötzlich die Indianer holen, die den wunderbaren Fussball mit seinen Häuptlingen spielen, in der Lage sind? Es gibt sie nicht. Ersetzt er die Häuptlinge zu früh, schaffen die neuen Indianer die Qualifikation nicht.
Die Schweiz hat kein taktisches, kein spielerisches, kein menschliches Problem. Sie hat ein strukturelles Problem. Kaum kann ein Spieler drei gute Pässe spielen, kommt ein ausländischer Verein daher, macht ihn zum Millionär, damit zu einem Häuptling im Nationalteam.
Yakin weiss das. Da bin ich sicher. Ein neuer Trainer müsste das erst noch lernen.
Yakin muss für die nächste Qualifikation dafür sorgen, dass genügend Indianer im Team bleiben, wenn er sie braucht. Dass die Chemie stimmt.
Wie? Keine Ahnung. Niemand zahlt mir eine Million, wenn ich mir den Kopf zerbreche, ein schier unlösbares Problem zu lösen. Aber Yakin versteht mehr vom Fussball.
Die Kommentare auf weltwoche.ch/weltwoche.de sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass in allen Kommentarspalten fair und sachlich debattiert wird.
Das Nutzen der Kommentarfunktion bedeutet ein Einverständnis mit unseren Richtlinien.
Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels, an Protagonisten des Zeitgeschehens oder an Beiträgen anderer Forumsteilnehmer ist erwünscht, solange sie höflich vorgetragen wird. Wählen Sie im Zweifelsfall den subtileren Ausdruck.
Unzulässig sind:
Als Medium, das der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, handhabt die Weltwoche Verlags AG die Veröffentlichung von Kommentaren liberal. Die Prüfer sind bemüht, die Beurteilung mit Augenmass und gesundem Menschenverstand vorzunehmen.
Die Online-Redaktion behält sich vor, Kommentare nach eigenem Gutdünken und ohne Angabe von Gründen nicht freizugeben. Wir bitten Sie zu beachten, dass Kommentarprüfung keine exakte Wissenschaft ist und es auch zu Fehlentscheidungen kommen kann. Es besteht jedoch grundsätzlich kein Recht darauf, dass ein Kommentar veröffentlich wird. Über einzelne nicht-veröffentlichte Kommentare kann keine Korrespondenz geführt werden. Weiter behält sich die Redaktion das Recht vor, Kürzungen vorzunehmen.