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Das Arbeiterparadies China ist nicht mehr das, was es unter dem Grossen Vorsitzenden Mao Dsedong einmal war. Damals zur Zeit der Kommunen und Kollektive (1949–78) waren alle gleich, wiewohl Mao und seine Getreuen wohl etwas gleicher waren. Es gab keine Privatwirtschaft, alles war staatlich. Abgerechnet wurde nach Arbeitspunkten. Arbeitslosigkeit existierte nicht. Ebensowenig Stress. Am Arbeitsplatz konnte noch in Ruhe Grüntee getrunken werden, und hin und wieder reichte es auch für eine Partie Mahjong, chinesisches Schach oder ein Kartenspiel. Die Produktivität war – wen wunderts – nicht besonders hoch. Einerlei. Es war eben ein Arbeiterparadies mit einer lebenslangen Arbeitsplatz-Garantie in den Staatsbetrieben. Die Danwei (Einheit) sorgte für alles, von der Geburt bis zum Tod. Die Rundumversorgung durch den Staat, auch als «eiserne Reisschale» bezeichnet, erfreute sich grosser Beliebtheit.
«Reich sein ist glorreich»
Mit dem Beginn der Wirtschaftsreform vor 35 Jahren begann sich all das langsam zu ändern. Die Vision des grossen Revolutionärs und Reformers Deng Xiaoping war ebenso einfach wie einleuchtend: Der Sozialismus könne nicht darin bestehen, dass alle gleich arm sind. Bauern, Arbeiter und Angestellte mussten fortan ihre Arbeitskraft immer mehr nach Marktkräften anbieten, wenn auch mit «sozialistischen, chinesischen Besonderheiten». «Reich sein ist glorreich» formulierte Deng griffig, ein Diktum, das – da «konterrevolutionär» – zu Maos Zeiten jemanden um Kopf und Kragen gebracht hätte. Nicht umsonst wurde Deng Xiaoping, Revolutionär der ersten Stunde und lange loyaler Mitstreiter von Mao, während der Grossen Proletarischen Kulturrevolution (1966–76) als «Kapitalist Nummer 2» von höchsten Parteiämtern entfernt und als einfacher Arbeiter in die Provinz verbannt. «Kapitalist Nummer 1» war Staatspräsident Liu Shaoqi.
Mit der Produktivität wuchs der Wohlstand
Die im Dezember 1978 verabschiedete Wirtschaftsreform – Auflösung der Kommunen, der kollektivierten Landwirtschaft, Zulassung von Märkten, Reform der Staatsbetriebe – liess zunächst die Produktivität der Landwirtschaft, dann der Industrie steigen. Der Wohlstand nahm zu, ebenso aber der Unterschied zwischen Arm und Reich sowie Stadt und Land. Dennoch bildete sich ein noch immer wachsender Mittelstand, dem gegenwärtig je nach Definition zwischen 200 und 300 Millionen Chinesinnen und Chinesen angehören.
Die im Weltrekordtempo wachsende Wirtschaft absorbierte ohne Schwierigkeiten zwischen zehn und zwanzig Millionen Arbeitskräfte, die jedes Jahr neu auf den Arbeitsmarkt drängten. Viele Bauern suchten Arbeit und Lohn in den boomenden Grossstädten und reichen Küstenregionen. Ein Heer von sozial und wirtschaftlich benachteiligten Wanderarbeitern entstand, heute zählt es über 270 Millionen Menschen.
Gewerkschaft vertritt Staatsinteressen
Natürlich mussten die Rechte der Arbeiter auch im neuen chinesischen Arbeiterparadies verteidigt werden. Im Jahr 1978, kurz nach dem Ende der Kulturrevolution, wurde der All-Chinesische Gewerkschaftsbund neu gegründet. Die staatliche Gewerkschaft ist ein Ableger der allmächtigen Kommunistischen Partei und vertritt meist Staats- und Arbeitgeberinteressen. Das Streikrecht wurde 1982 aus dem Gewerkschaftsgesetz gestrichen mit der faktenwidrigen, damals aber politisch korrekten Argumentation, dass das politische System die «Probleme zwischen dem Proletariat und den Unternehmern beseitigt» habe. Doch inzwischen haben sich die Verhältnisse grundlegend verändert. Im Übergang vom analogen zum digitalen Zeitalter ist eine neue Generation von besser ausgebildeten Wanderarbeitern herangewachsen, die sich nicht mehr alles bieten lässt.
Aufmüpfige Arbeiter
Der Zorn des chinesischen Proletariats drückt sich seit etlichen Jahren in unzähligen, meist kleinen und lokal begrenzten Arbeitskämpfen aus vor allem in der Südprovinz Guangdong (Kanton), die als «Werkstatt der Welt» gilt. Beraten von rechtskundigen Arbeiteraktivisten haben sich die Werktätigen in vielen kleineren Streiks bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen erstritten, meist an der Staatsgewerkschaft vorbei. Dieses Vorgehen war nötig, weil die staatlichen Gewerkschaftsfunktionäre und die lokalen Parteibonzen mit den in- und ausländischen Unternehmern sehr oft gemeinsame Sache machten.
Wenig davon gelangt an die Öffentlichkeit. In China werden die Medien mit detaillierten Anweisungen versorgt, wie Arbeitskonflikte abzuhandeln sind: Verschweigen, nur klein im Innern der Zeitung darüber berichten, nicht kommentieren oder nur nach einem präzis vorgegebenen Raster. Dieses Mini-Management soll «soziale Stabilität» und «Harmonie» erhalten. Doch im Zeitalter der sozialen Medien verbreitet sich die Kunde von einem Streik in der hintersten Ecke des Riesenreiches in Windeseile. Trotz Zensur.
Zulieferer von Apple unter Beschuss
Im Ausland werden nur die ganz grossen Streiks wahrgenommen. Für einen im Westen zu Recht angeprangerten Skandal sorgte der Taiwanesische Elektronik-Riese Foxconn, der unter anderem für Apple, Sony und Nintendo produziert. Die desolaten Arbeitsbedingungen trieben mehrere Angestellte in den Suizid. Foxconn musste die Arbeitsbedingungen in seinen Fabriken aufgrund des grossen öffentlichen Drucks verbessern und zahlt seitdem auch höhere Löhne.
Vor kurzem sorgte der Taiwanesische Textil- und Schuhhersteller Yue Yuen für Schlagzeilen, ebenfalls ein Riesenunternehmen, das im Auftrag grosser westlicher Marken wie Adidas, Nike und Puma Sportschuhe herstellt. Zwei Wochen lang streikten mehrere Zehntausend Arbeiterinnen und Arbeiter in der Boom-Stadt Dongguan und forderten Nachzahlung von unterbliebenen Sozialversicherungsbeiträgen. Der Streik dehnte sich auf andere Städte und Yue-Yuen-Fabriken aus. Schliesslich wurde der Konflikt auf Anweisung von ganz Oben aus Peking mit einem Kompromiss beigelegt. «Soziale Harmonie» hat Vorrang.
Arbeiter profitieren vom Wirtschaftboom
Insgesamt hat sich die materielle Situation des chinesischen Proletariats im letzten Jahrzehnt markant verbessert. Nach offiziellen Zahlen des Chinesischen Büros für Statistik hat sich der jährliche Durchschnittslohn eines Arbeiters in der Stadt mehr als verdreifacht von 14‘040 Yuan im Jahr 2003 auf 47‘593 Yuan im Jahr 2012. Verbrauchte der Arbeiter 2003 noch rund fünfzig Prozent des Lohns für den täglichen Bedarf, waren es zehn Jahre später nur noch 35 Prozent. Auch die Wanderarbeiter haben vom Boom profitiert. Der statistisch erfasste Durchschnittslohn pro Monat betrug 2003 nur 690 Yuan. Zehn Jahre später waren es 2609 Yuan. Mit Überstunden bringen es viele Wanderarbeiter auf bis zu 3500 Yuan. Allerdings arbeiten sie dafür sechs Tage die Woche bis zu elf Stunden am Tag.
Selbstbewusste Arbeiterklasse
Unabhängige Gewerkschaften auf nationaler Ebene sind jedoch nach wie vor tabu. Die Partei will wie in allen andern die Macht tangierenden Bereichen auch beim Kampf des Proletariats die Deutungshoheit monopolisieren. Der marxistische Slogan «Proletarier aller Provinzen vereinigt euch!» wird also nicht erschallen. Dennoch ist mit der Wirtschaftsreform, wohl zum Erstaunen der roten Mandarine und zur Freude von Friedrich Engels und Karl Marx, eine selbstbewusste Arbeiterklasse entstanden. Die Zeit der willigen und billigen Arbeitskräfte gehört auch im Paradies der Werktätigen endgültig der Vergangenheit an. Der Kampf um mehr Rechte freilich geht weiter. Mit oder gegen die Partei.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Peter Achten arbeitet seit Jahrzehnen als Journalist in China.