Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03178.jsonl.gz/545

Literatur:

Kritik und Erkenntnisfortschritt (mit Musgrave, Alan)

Beweise und Widerlegungen (Proofs and Refutations)
Die Geschichte der Wissenschaft und ihre rationalen Rekonstruktionen
Falsifikation und die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme

Imre Lakatos (1922 - 1974). Der Philosoph Imre Lakatos war Professor in London. Er hat an Poppers wissenschaftstheoretischen Falsifikationismus auf der Grundlage wissenschaftshistorischer Studien und Kuhns Paradigma-Theorie weiterentwickelt.
Lakatos verwirft Poppers naiven Falsifikationismus, d. h. jene Auffassung, nach der Theorien aufgegeben werden müssen, wenn sie falsifiziert, d. h. von experimentellen oder empirischen Resultaten widerlegt werden. Eine Theorie kann nach Lakatos nur dann als falsifiziert betrachtet werden, wenn eine bessere, alternative Theorie vorhanden ist.
Lakatos hochentwickelter Falsifikationismus besagt, daß Theorien nie isoliert, sondern nur als Teile größerer Theoriensysteme und Methodenregeln, der sog. Forschungsprogramme, beurteilt werden dürfen.
Lakatos Begriff des Forschungsprogramms ist mit dem Paradigma-Begriff bei Kuhn eng verwandt. Im Gegensatz zu Kuhn ist Lakatos der Auffassung, daß die verschiedenen Forschungsprogramme rational verglichen und diskutiert werden können. Die Wissenschaft kann Fortschritte machen und sich vernünftig entwickeln. Der Fortschritt der Wissenschaft ist aber keine kontinuierliche Annäherung an die Wahrheit, sondern besteht in einer Reihe von Problemverschiebungen, die uns auf eine ständig höhere Stufe bringen.
Lakatos vertritt einen theoretischen Pluralismus, indem er den Forschern empfiehlt, unterschiedliche Programme zu entwickeln und zu kritisieren.
In dem Artikel Proofs and Refutations (1963, erw. 1976) versucht er zu zeigen, daß seine Methodologie mit den Verfahren der Mathematik gut übereinstimmt.
"Mathematics, this product of human activity, 'alienates itself' from the human activity which has been producing it. It becomes a living, growing organism, that acquires a certain autonomy from the activity which has produced it; it develops its own autonomous laws of growth, its own dialect."
Die progressive Problemverschiebung kann auch operativ als Methode verstanden werden: Wenn man eine Lösung findet, die das gemeinte Problem nicht löst, kann man ein Problem formulieren, dass mit der Lösung gelöst wird.
Beispiel:
Die Nasa wollte einen hitzbeständigen Stoff für die Raumfahrt entwickeln. Sie erfanden Teflon. Damit lösten sie das Bratpfannen-Problem.
Kolumbus wollte nach Indien. Er fand Amerika.