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Auslese
In seinem ersten Buch «Radikal» (Rezension in Lappi 2/2010) war Jon Ronson auf der Spur der grossen Verschwörung. Doch diese Spur führte ihn vor allem zu Leuten, die glauben, die grosse Verschwörung enttarnt zu haben. In seinem neusten Werk ist Ronson nicht einer organisierten, sondern einer biologischen Verschwörung auf der Spur.
Er geht der These nach, dass sich unter Führungspersonen ein überdurchschnittlicher Anteil an Psychopathen befindet. Allerdings ist der Aufhänger wie in «Radikal» ein Versprechen, das nur am Rande eingelöst wird. Im grössten Teil des Buches geht es darum, wie sich die Diagnose und Behandlung psychischer Störungen verändert hat und wie Bruchstücke der psychologischen Forschung, wie der titelgebende Psychopathen-Test, zu Werkzeugen der Strafverfolgung wurden.
Ronson schreibt keine Sachbücher, sondern Reportagen, die davon leben, dass sie die Eigenheiten von Menschen mit ungewöhnlichen Ansichten hervorstreichen, aber gleichzeitig einen Blick auf deren gewöhnliche Seite, in deren Alltag, erlauben. Leider sind weder die Psychologen und Profiler noch die «Psychopathen» ähnlich schillernde Persönlichkeiten wie die Protagonisten von «Radikal». Auch die Umstände, unter denen er diesen Personen begegnet, sind weit weniger spektakulär. Dadurch kann Ronson sein erzählerisches Talent nur begrenzt zum Einsatz bringen.
Als Ersatz bringt er stärker als bisher seine eigenen Gedanken ein. Er beschreibt beispielsweise, wie er nach dem Besuch eines Wochenendseminars bei Richard Hare, dem Psychologen, der den Psychopathen-Test zusammenÂgestellt hat, selbst im Verhalten seiner Freunde die 20 Eigenschaften eines Psychopathen entdeckt. Oder wie ihm nach einem Gespräch mit einer Talkshow-Produzentin, deren Job es ist, die richtige Art von Verrückten zu finden und diese in Szene zu setzen, bewusst wird, wie sehr er sich bemüht, Anzeichen von psychischen Störungen zu finden, während er Anzeichen von Normalität bereitwillig ignoriert.
Nicht zuletzt durch das Einflechten seiner persönlichen Entwicklung schafft es Ronson, trotz der ernsten, eher düsteren Stimmung, die das Thema mit sich bringt, seinen sympathischen, leicht zu lesenden Schreibstil aufrecht zu erhalten. Selbst wenn der rote Faden zwischen den episodenhaften Erlebnisberichten nicht immer zu erkennen ist, fügt sich bis zum Ende des Buches ein Bild davon zusammen, wie Ideen, die in der psychologischen Forschung ihre Berechtigung haben, in der Gesellschaft und insbesondere in der Strafverfolgung eine unheimliche Eigendynamik entwickeln können.
Für diejenigen, die sich für das Thema interessieren oder nach «Radikal» und «Männer, die auf Ziegen starren» mehr von Ronson lesen wollen, bietet «The Psychopath Test» 240 Seiten lohnenswertes Material.