Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03306.jsonl.gz/1435

Für diejenigen, die sich in den letzten Jahren bei geldpolitischen Diskussionen über die «Inflationsmanie» der Deutschen gewundert oder gar mokiert haben (und das sind nicht wenige), sollte dieses Werk Pflichtlektüre sein. Darin schildert Frank Stocker eindrücklich den Weg der jungen Weimarer Republik in die Hyperinflation, zeigt auf, welche Verheerungen diese für die breite Bevölkerung mit sich brachte, und erklärt, wie es der Politik schliesslich gelang, das Desaster, für das sie eine erhebliche Verantwortung trug, zu überwinden.
Stocker erzählt die Geschehnisse sachlich und auch unterhaltsam, was bei deutschsprachigen Autoren, die sich mit historischen Stoffen befassen, nicht selbstverständlich ist. Und wenn Wertungen des Verhaltens von Akteuren vorgenommen werden, fallen diese wohltuend nüchtern aus, was auch der komplexen Gemengelage aus Reparationen, Besetzung wichtiger Industriegebiete, deutscher Innen- und Parteienpolitik sowie aus wirtschaftlichen Zwängen gerecht wird. Zudem nimmt er zwar Bezug auf den aktuellen Inflationsschub, widersteht aber der (verkaufstechnisch naheliegenden) Verlockung, einfache Parallelen zu ziehen.
Die Ereignisse rund um die Hyperinflation 1923 bedürfen keinerlei dramatischer Zuspitzungen. Der Mittelstand war ökonomisch und moralisch deroutiert, die Verelendung breiter Bevölkerungskreise so weit fortgeschritten, dass es in Deutschland zu Hungerrevolten kam. In Bayern gelangten reaktionäre Kräfte an die Macht, in Sachsen und im Rheinland gewannen die Separatisten Einfluss. Sogar der Bestand des Reiches war in Frage gestellt. Instrumente wie Preiskontrollen und moralische Appelle (Kampf dem Wucher bzw. der «Schlemmerei»), mit denen der Staat die Inflation zu bändigen trachtete, taugten nichts. Erst mit der Einführung der Rentenmark Ende 1923 gelang der Befreiungsschlag – die Regierung unter Reichskanzler Gustav Stresemann hatte für den Erfolg entscheidende Vorarbeiten geleistet, indem sie die Staatsfinanzen sanierte, u.a. mit einem radikalen Abbau der Beamtenschaft.