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Vom Retro-Papi zum iDad
Ein Papablog von Matto Kämpf.
Neulich spazierten der Sprössling und ich unseres Weges, als ein Krankenauto vorbeifuhr. Das Kind imitierte die Sirene, ich imitierte mit und merkte dann, dass ich nicht die zu hörende Sirene wiedergab, sondern den Sirenenklang, wie ich ihn aus meiner Kindheit kenne. Ich machte Tatü-Tatü, das Kind ahmte nach, was tatsächlich zu hören war, weil es hinhörte. Ich hörte nun auch hin und stellte fest, mit Tatü-Tatü hat das nichts mehr zu tun, eher mit Liii-ah, Liii-ah. Ich reagiere mechanisch: Ah, Sirene, deshalb Tatü-Tatü. In mir hat sich schon eine alte, vergangene Welt abgespeichert, an der ich festhänge und von der ich nicht mehr gewillt bin, abzurücken. Mir kommt das Schulbeispiel für die Aufklärung in den Sinn. Weil Aristoteles geschrieben hat, die Fliege habe acht Beine, wurde das jahrhundertelang so gelehrt, obwohl der Lernende, dem eine Fliege über die Buchseite spazierte, selber hätte sehen können, dass die Fliege nur sechs Beine hat. Als Gymnasiasten haben wir ungläubig den Kopf geschüttelt: Wie konnte ein solcher Fehler so lange unbemerkt bleiben! Jetzt verstehe ich es leider.
Auch beim Anblick eines Zuges stosse ich ohne zu überlegen ein kräftiges Tschu-Tschu aus, obwohl heute kein Zug Tschu-Tschu von sich gibt. Mein Spross denkt vermutlich, das Ding heisse Tschu-Tschu. Um ihm dieses Tschu-Tschu noch zu Ohren zu führen, müssten wir eine Nostalgie-Fahrt mit einer Dampf-Bahn unternehmen. Bei der Sirene ist das wohl schwieriger, Nostalgie-Fahrten von Krankenautos sind mir nicht bekannt.
Für Kinder besteht der Reiz der Grosseltern vielleicht darin, dass sie einer vergangenen Welt begegnen, die einen exotischen Charme hat und erahnen lässt, dass es andere Zeiten und Sitten gegeben hat.
Ich selber lebe schon nicht mehr ganz in der Welt, in die mein Kind nun hineinwächst. Ein Teil von mir ist geprägt oder besetzt von Vergangenem. Von der Welt meiner Eltern, in denen wiederum noch die Welt meiner Grosseltern mitschwingt.
Beim Überqueren der Strasse fallen mir die Autos auf, die heutzutage unterwegs sind. Warum nur hält mein Kind einen Trabi in der Hand? Offensichtlich rührt mich diese Marke. Auf der Strasse ist sie jedoch nicht anzutreffen und somit nicht Teil der Welt meines Kindes.
An diesem Gedanken herumstudierend kommen wir nach Hause. Dort werfe ich einen Blick ins Kinderzimmer und stelle fest: Mein Kind bewohnt ein Museum. Das Museum meiner Kindheit. Zwischen den Fix-und-Foxi-Figürchen und dem Sasha-Bäbi steht das Wisa-Gloria-Dreirad. Dahinter holt der Schellen-Ursli immer noch seine Glocke im Maiensäss, Globi streift durch den Nationalpark und Tim durchs Tibet. Miraculix kocht seinen Zaubertrank und Lucky Luke ist nach wie vor schneller als sein Schatten.
Um Himmelswillen! Ich muss reagieren, etwas machen! Mich in die heutige Welt begeben. Fertig Retro, fertig Monty Python schauen, fertig Johnny Cash hören, fertig Ping Pong spielen. Jetzt sofort online gamen, iTunes hören, 3-D schauen und viel kaufen: iPhone, iPad, iPod und eventuell einen iHund. Zusammen mit vifen Rentnern Handy- und Computerkurse besuchen. Sonst werde ich bald von einem höhnischen Dreijährigen überholt, oder mein unverschuldet zur Nostalgie verurteilter Dreijähriger wird von anderen Dreijährigen verhöhnt. Was ist das genau mit diesen Apps? Und diesen Nanos? Welche Toys und Storys hausen heute in einem Kinderzimmer? Sofort Trudi Gerster in den wohlverdienten Ruhestand schicken, alle Hirnzellen zusammenkratzen und illegal etwas downloaden, und zwar nicht AC/DC, sondern Lady Gaga. Auf zur Netz-Piraterie, du alter Retro-Sack!
Matto Kämpf lebt als Autor, Filmer und Theatermacher in Bern. Er schreibt die Kolumne «Rabenvater» im Berner «Bund» («Ich sehe mich nicht mehr als Lonesome Cowboy on the never ending road to nowhere (oder so ähnlich). Nein, jetzt bin ich der Mann, der die Windeln schneller wechselt als sein Schatten.») Die Kolumnen sind als Buch im Verlag «Der gesunde Menschenversand» erschienen.