Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03484.jsonl.gz/3055

In der Saison 2018/19 hat Thomas Zehetmair mit dem Musikkollegium Winterthur die vier Brahms-Sinfonien auf CD eingespielt. Dabei stützt er sich auf die Meininger Tradition und stellt uns hier eine Interpretation vor, die mit Leichtigkeit und transparenter Selbstverständlichkeit durch die Wunder dieser Sinfonien führt und uns Brahms ganz neu entdecken lässt.
In seinen letzten 16 Lebensjahren war Brahms eng mit dem Herzogspaar Georg II. und Helene Freifrau von Heldburg sowie mit der Meininger Hofkapelle verbunden. Der Kontakt kam 1881 durch Brahms’ Freundschaft mit dem Meininger Hofkapellmeister Hans von Bülow zustande, worauf 14 längere Aufenthalte in Meiningen sowie gemeinsame Konzertreisen mit der Hofkapelle folgten. Zudem dirigierte Brahms in Meiningen die Uraufführung seiner vierten Sinfonie, und er schrieb in den 1890er Jahren, obwohl er das Komponieren eigentlich aufgeben wollte, eigens für den Meininger Klarinettisten Richard Mühlfeld noch drei späte Kammermusikwerke.
Von 1886 bis 1903 amtierte Fritz Steinbach als Leiter der Meininger Hofkapelle und dirigierte in dieser Zeitspanne 183 Konzerte mit je einem, manchmal sogar mehreren Werken von Brahms. So verwundert es kaum, dass Brahms ihn für den besten Interpreten seiner Sinfonien hielt und ihm persönlich detaillierte Hinweise zu Fragen und Problemen der Interpretation gab. Hinweise allerdings, die er selbst nicht in die gedruckten Partituren aufnehmen wollte. Steinbachs Dirigierschüler Walter Blume sammelte sie getreulich und veröffentlichte sie später unter dem Titel «Brahms und die Meininger Tradition» in Buchform. Eine wahre Fundgrube für Brahms-Dirigenten.
«Dürfen wir als Interpreten solche Hinweise überhaupt als Anregung benutzen?», fragte sich Thomas Zehetmair. «Oder ist das ein Armutszeugnis, ein Alibi, um eigenen Entscheidungen auszuweichen? Eine Tempoänderung in der Partitur vorzuschreiben, erschien Brahms wohl als zu oberflächlich. Denn wenn man sie nicht im Innersten fühlte, war für ihn alles sowieso schon zu spät.» Dennoch entschloss sich Zehetmair, für seine Interpretationen der vier Brahms-Sinfonien mit dem Musikkollegium Winterthur auf Fritz Steinbachs Hinweise zurückzugreifen. «Dieses Meininger Konzept von Fritz Steinbach, protokolliert von Walter Blume, interessiert uns deshalb brennend, weil es Türen weit öffnet – und nicht verschliesst. Der grosse Brahms, der Klassiker, der strenge Verwalter alter Formen, steigt dadurch vom Sockel herunter und offenbart gnadenlose Wahrheiten und Gefühle. Der schöne dicke Brahms-Klang löst sich in seine Bestandteile auf, Neues kommt ans Licht und alles ist plötzlich tatsächlich viel mehr als die Summe der Teile.» Und weiter: «Grob gesprochen gibt es zwei extrem konträre Interpretationshaltungen. Die eine zeigt, wie es geht, und die andere zeigt gar nichts, sondern führt durch die unglaublichen Wunder, die bei einem Meisterwerk passieren. Mit anderen Worten, die eine sucht die Regel, die andere die Ausnahme.»