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Unter R. versteht man die Zuteilung von beschränkt vorhandenen Gütern und Dienstleistungen in Notzeiten. Sie soll unter Ausschaltung des Markts das Verhältnis von Angebot und Nachfrage regeln und den vordringl. Bedarf sichern, ohne eine sozial unerwünschte Preissteigerung zu bewirken. Bekannteste Form ist die gleichmässige Verteilung von Lebensmitteln in Kriegszeiten mittels Bezugsscheinen (Lebensmittelkarten bzw. -marken). In der Regel handelt es sich nicht um eine kostenlose Abgabe, sondern um die Berechtigung zum Kauf: um die Bezugsscheine einlösen zu können, müssen die nötigen Geldmittel vorhanden sein. Mit anderen Methoden - in der Schweiz v.a. unter Beteiligung von Unternehmen und ihren Verbänden - werden für die nationale Wirtschaft wichtige Rohstoffe und Investitionsgüter rationiert. Schliesslich können in Krisenzeiten knappe Devisen der R. unterstehen (Clearing).
Die erste lange landesweite Versorgungskrise entstand im 1. Weltkrieg, nicht zuletzt infolge der mangelhaft vorbereiteten Wirtschaftlichen Landesversorgung und Kriegswirtschaft. Erst ab März 1917 begann die kant. R. zuerst für Reis und Zucker, später für Mais, Teigwaren, Hafer und Gerste. Im Oktober folgte die schweiz. R. für Brot und Mehl, im März 1918 die für Butter, Fett und Öl, im Juni die für Käse und im Juli die für Milch. Beim Fleisch versuchte man es mit zwei fleischlosen Tagen pro Woche vom März bis Juni 1917. Der Entscheid zur Schaffung eines Ernährungsamtes fiel erst im Sept. 1918. Die Massnahmen wurden zwischen Sept. 1919 und April 1920 aufgehoben. Die zögerl. Schritte konnten einen Ernährungsnotstand in der Bevölkerung 1918 nicht verhindern. Lücken in der Versorgung mit Rohstoffen versuchte man ab Herbst 1916 mit Zentralstellen (Baumwoll-, Eisen-, Kohlenzentrale) zu überbrücken. Eine bescheidene Abt. für industrielle Kriegswirtschaft nahm ihre Tätigkeit im Juli 1917 auf. Ihre Sektionen überwachten, ergänzten oder ersetzten die Zentralen.
Für den 2. Weltkrieg war der kriegswirtschaftl. Apparat ab 1938 betriebsbereit. Zur Versorgung der Bevölkerung intervenierte er auf mehreren Ebenen, so mit der Förderung der landwirtschaftl. Produktion (Anbauschlacht), der R., der Preisüberwachung, der Kontrolle bei Grossisten und Detaillisten sowie der Bestrafung von Verstössen. Die R. begann am 29.8.1939 mit einer Bezugssperre für wichtige Lebensmittel (Zucker, Hülsenfrüchte, mehrere Getreideprodukte, Fette und Öle), der am 30.10. die ordentliche R. dieser Produkte folgte. Weitere wichtige Schritte waren die Einführung von zwei fleischlosen Tagen pro Woche ab Mai 1941 sowie die Fleischrationierung ab März 1942, die Milchkontingentierung ab Juli 1941, die Milchrationierung ab Nov. 1942 und die Eierrationierung ab Dez. 1941. Ab Juli 1942 begann die abgestufte R. mit grösseren Portionen für Schwerarbeiter. Ausreichende Verfügbarkeit eines Produktes erlaubte vorübergehend die Lockerung oder Aufhebung seiner R. Das differenzierte Vorgehen zeigte sich etwa beim Brot, das ab Juli 1940 nicht mehr frisch verkauft, ab Okt. 1942 rationiert und ab Mai 1943 bei Engpässen mit Kartoffeln gestreckt wurde. Von Frühling 1945 bis Juli 1948 erfolgte die gestaffelte Aufhebung von R. und Reservelagern. Bei den Rohstoffen stand die Produktionslenkung im Vordergrund, die ebenso wie die R. mittels parastaatlicher kriegswirtschaftl. Syndikate unter Aufsicht des Kriegs-Industrie- und Kriegs-Arbeits-Amts durchgeführt wurde.
Nach dem Krieg wurden Strukturen zur R. beibehalten und laufend für Notlagen (z.B. Suez- und Ölkrise) angepasst, zunächst unter Leitung des Delegierten für wirtschaftl. Kriegsvorsorge, seit dem Landesversorgungsgesetz von 1982 unter der des Bundesamts für Wirtschaftliche Landesversorgung. Seit der Krise der 1970er Jahre, insbesondere aber seit den 1990er Jahren findet der Begriff R. zunehmend Anwendung in der Debatte um die Beschränkung staatl. Leistungen v.a. im Gesundheitswesen.
Literatur
– J. Ruchti, Gesch. der Schweiz während des Weltkrieges 1914-1919, 2, 1930, 172-276
– Die schweiz. Kriegswirtschaft 1939/1948, 1950
Autorin/Autor: Bernard Degen