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Editionsprojekte
Elektronische Edition der Zürcher Schulumfrage 1771/1772 (Projekt eSUZH)
Die Zürcher Schulumfrage von 1771/1772 ist die erste grössere, systematisch angelegte Erhebung zum Status quo der Zürcher Landschulen, in deren Rahmen an alle Zürcher Landpfarrer ein verhältnismässig standardisierter, gedruckter Katalog von „Fragen über den Schul-Unterricht“ verschickt wurde. Die im Staatsarchiv überlieferten Antwortschreiben wurden in einem rund einjährigen Projekt als digitale Volltexte erarbeitet und sind nun zusammen mit den Digitalisaten der Originale online zugänglich.
Als Basis dienten Transkriptionen, die unter der Leitung von Prof. Daniel Tröhler vom Pestalozzianum und der PHZH durch Andrea de Vincenti Schwab erstellt und 2006 auf CD-ROM veröffentlicht wurden. Die hinsichtlich Materialität (Textträger, Schreibmaterial, Umfang, Format), Schreiber, Überlieferung und inhaltlicher Ergiebigkeit heterogenen Quellen wurden im Projekt eSUZH von der Historikerin Carla Roth nochmals kollationiert und nach den im Staatsarchiv für Quellen vor 1798 üblichen Editionsregeln überarbeitet, im Archiv-Informationssystem erschlossen und online publiziert.
Einige der Antworten dürften verloren oder auch nie eingegangen sein, etwa die des Freiamts; andere liegen lediglich als Sammelantwort vor (wie beispielsweise im Fall des Kapitels Wetzikon), einzelne (wie die aus Bischofszell / TG) sind unvollständig. Insgesamt sind im Staatsarchiv Zürich 163 Einzeldokumente von 155 verschiedenen Kirchgemeinden überliefert, verteilt auf die Bestände E I 21.1 – E I 21.9, E II 163 – E II 164 sowie A 313.
Die Zürcher Schulenquête von 1771/1772 ist auf die Initiative der „Moralischen Gesellschaft Zürich“, einer der zahlreichen privaten Sozietäten der Aufklärungszeit, zurückzuführen und wollte ursprünglich den „moralischen Zustand“ der Landbevölkerung umfassend erheben. Vor dem Hintergrund einer intensiven Debatte zur Landschulreform und auf Wunsch der reformierten Landpfarrer wurde schliesslich ein Fragebogen mit 81 „Fragen über den Schul-Unterricht“ auf der Zürcher Landschaft entworfen und via Dekane bzw. Kapitel an die Pfarrer aller Kirchgemeinden verschickt. Die Antworten gelangten wieder ins Antistitium zurück (als zu dessen Bestand gehörig sie erwähnt werden). Da die „Moralische Gesellschaft“ offensichtlich keine direkte Verwertungsmöglichkeit für die Dokumente sah, wurden sie im Umfeld des Antistitiums und des Examinatorenkonvents erst für die Landschulreform von 1778 ausgewertet.
Die Umfrage von 1771/1772 war nicht die erste, die sich im aufgeklärten 18. Jahrhundert mit der Frage der Volksbildung beschäftigte und diese zu „evaluieren“ versuchte. Sie darf jedoch hinsichtlich ihres Umfangs wie auch ihrer Differenziertheit als einzigartig gelten: Neben einem ersten Teil zu quantitativen Grössen wie der Anzahl Schulen einer Gemeinde, der Infrastruktur oder dem Einkommen des Schulmeisters werden im zweiten Teil – der mit acht Seiten den eigentlichen Schwerpunkt darstellt – unter dem Titel der „inneren Einrichtung des Schul-Wesens“ methodisch-didaktische Aspekte nachgefragt: von den Lerninhalten und -zielen über die Art der Lehrmittel bis zum „Charakter“ des Schulmeisters und zur „Schulzucht“. Im abschliessenden dritten Teil über „den Nuzen des Schul-Unterrichts, und den Schaden des Versaumnisses“ werden nicht nur Effizienz und Effektivität der Landschule des 18. Jahrhunderts unter die Lupe genommen. „Zeigen sich etwa bey dem eint und andern Kind auch ausserordentliche Fähigkeiten des Verstandes?“ werden die Pfarrer gefragt. Dass man diese zu kennen wünscht, scheint weniger einer frühen Hochbegabungsdebatte geschuldet zu sein, sondern primär den sehr pragmatischen Versuchen, neue Schulmeister zu rekrutieren. Pfungen liefert gar eine aufschlussreiche und detaillierte Typologie, in der alle 68 Kinder mit Angaben zu Alter, Fähigkeiten in der Schule wie auch „Caracter und sitten“ akkurat aufgelistet werden (E I 21.6.63).
Mit der abschliessenden Frage nach dem Einfluss der Teuerung und der schweren Hungerkrise jener Jahre auf Schule und Erziehung wird der Fokus nochmals explizit auf allgemeine sozioökonomische Bedingungen gerichtet. Über die jeweilige konkrete Schul- und Unterrichtspraxis hinaus lassen die Dokumente hier fesselnde Einblicke in die ländliche Lebenswirklichkeit des ausgehenden Ancien Régime der Schweiz zu.