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Leben-Jesu Forschung
Gedanken von Walter Vogt (Zürich), erschienen in der Zeitschrift 'Wegbegleiter' Nr. 2/2003, S. 2-5.
Woher kommt diesem solche Weisheit?
Kindheit und Schulung Jesu
Ist er nicht eines Zimmermanns Sohn? Eine Generation vor Jesus sagte ein Schriftgelehrter: "Liebe das Handwerk und hasse das Rabbinertum." Es ist bezeugt, dass die Schriftgelehrten und die Pharisäer einen handwerklichen Beruf zu erlernen hatten. Paulus war Zeltmacher. David Flusser, Professor für jüdische Geistesgeschichte, weiss zu berichten, dass gerade zur Zeit Jesu die Tischler als besonders gelehrt galten. Wenn nämlich über eine wichtige Frage diskutiert wurde, hiess es vielfach: "Ist hier ein Tischler, ein Sohn eines Tischlers, der uns die Frage lösen kann?" Jesus war kein approbierter Schriftgelehrter und dennoch pflegte man ihn mit Rabbi (mein Lehrer) anzureden. Es war ein Ehrentitel für die Kenner und Lehrer der Thora. Hierzu Flusser: "Erst eine Generation nach Jesus wurde der Titel "Rabbi" zur Bezeichnung des akademischen Grades."
Über den Auftritt des zwölfjährigen Jesus im Tempel zu Jerusalem orientiert uns nur Lukas. Alle wunderten sich über die Weisheit des gottbegnadeten Knaben. Woher bezog er sie? Welchen Unterricht genoss er? Gewiss war Jesus mit dem Ritus seiner heimatlichen Synagoge vertraut. Dort galt er nicht als ungelehrt. Ihm wurde ja die Verlesung der Haphtara (Prophetenabschnitt) zugedacht. An Lösungsversuchen fehlte es nie. Hier eine kleine Auslese.
Der jüdische Denker Schalomon Ben-Chorin: "Über Lehrer und Bildungsgang Jesu wissen wir nichts." Dennoch erwähnt er eine Talmudstelle, in der Jehoschua Ben-Perachja als Lehrer Jesu angeführt wird. Er erklärt jedoch, dass die Angaben äusserst unzuverlässig sind und nichts anderes als eine Mutmassung darstellen. (Verwechslungen können fatale Folgen haben. Ich denke hier an Jesus von Nazareth und den Lehrer der Gerechtigkeit Jesus Ben Pandira.)
Nach Angaben des Religionswissenschaftlers Ernest Renan lernte Jesus Lesen und Schreiben nach orientalischer Art; sie besteht darin, dass dem Kind ein Buch in die Hand gegeben wird, dessen Inhalt es mit seinen Mitschülern kadenzmässig wiederholt liest. In kleinen jüdischen Städtchen hiess der Schulmeister Hassan, der zugleich Vorleser in der Synagoge war. "Zweifelhaft ist jedoch, ob er die hebräischen Schriften im Urtext verstand. Seine Lebensschilderer lassen ihn nach Übersetzungen in aramäischer Sprache zitieren. Jesus besuchte die höheren Schulen der Schreiber (Soferim) Nazareth hatte vielleicht keine nur wenig und er hatte keinen der Titel, die in den Augen des Volkes als Bezeichnung der Gelehrsamkeit galten."
Der protestantische Theologe D. Fritz Barth glaubt, dass Jesus wie andere Kinder seines Volkes vom sechsten Jahr an bei dem Chassan (Synagogendiener) im Beth-hasepher (Elementarschule) lesen gelernt und vom zehnten Jahr an Unterricht in der Thora erhalten habe. Ab dem zwölften Jahr durfte er die Tempelgottesdienste besuchen und sich am Sabbat in der Synagoge zu Nazareth einfinden, wo neben Gebet und Predigt die hebräische Bibellektion aus dem Gesetz und den Propheten regelmässig wiederkehrte. Die Texte wurden jeweils ins Aramäische (Targum) übersetzt. Jesus soll jedoch kein Talmid (Schüler) des Beth-hamidrasch gewesen sein. Somit war er kein Meister in Israel, also kein Theologe.
Im Wassermann-Evangelium von Levi gibt es ein Gespräch Jesu mit dem Rabbiner aus Nazareth. Sein Lehrer Barachia (Jehoschua Ben-Perachja?) unterstützt Maria in der religiösen Unterweisung ihres Sohnes. Als Jesus gefragt wird, welches das grösste Gebot sei, bekommt er zu hören, dass es die Liebe ist. "Wenn man voller Liebe ist, dann braucht es keinerlei Gebote." Barachia ist überwältigt von der Weisheit des Knaben. Seine Frage: "Wer ist der Lehrer, der dich diese Weisheit lehrte?" Der Knabe: "Ich weiss von keinem Lehrer, der mir diese Weisheit eingegeben hätte, und es scheint mir, dass die Wahrheit nie verschlossen war. Sie liegt für alle offen da, ist eins und überall zu finden."
Eduard Schuré, Verfasser des Werkes "Die grossen Eingeweihten", vertritt folgende Ansicht: "Die Kraft der jüdischen Erziehung bestand zu allen Zeiten in der Einheit des Gesetzes und des Glaubens, ebenso wie in der mächtigen Organisation der Familie, die vom nationalen und religiösen Gedanken beherrscht wurde.
Das Elternhaus war für das Kind eine Art Tempel. Hier erhielt Jesus seinen ersten Unterricht, hier lernte er zuerst aus dem Mund des Vaters und der Mutter die Schriften kennen. Vor den feurigen, einschneidenden Fragen des Kindes schwieg der Vater." Die Mutter aber sagte zu ihm: 'Das Wort Gottes lebt nur in seinen Propheten. Eines Tages werden dir die weisen Essäer, die Einsiedler des Berges Karmel und des Toten Meeres antworten.'"
Schuré ist der festen Überzeugung, dass Jesus ein Essäer war.
Anna Katharina Emmerich (1774-1824) sah in einer Vision die Prüfung Jesu im Tempel. Durch sie erfahren wir Grandioses. "Da Jesus in den Schulen (des Tempels) allerlei Beispiele aus der Natur und aus den Künsten und Wissenschaften in seine Antworten und Erklärungen gebracht hatte, so hatten sie hier Meister in allen solchen Sachen zusammengebracht. Als diese nun anfingen, mit Jesus im einzelnen zu disputieren, so sagte er, diese Dinge gehörten eigentlich nicht hierher in den Tempel, aber er wolle ihnen doch nun auch hierauf Antwort geben, weil es seines Vaters Wille sei. Sie verstanden aber nicht, dass er hiermit seinen himmlischen Vater meinte, sondern glaubten, Joseph habe ihm befohlen, sich mit all seinen Wissenschaften sehen zu lassen. Jesus antwortete und lehrte nun über Medizin und beschrieb den ganzen menschlichen Leib, wie ihn die Gelehrtesten nicht kannten; ebenso von der Sternkunde, Baukunst, Ackerbau, von der Messkunst und Rechenkunst, von der Rechtsgelehrsamkeit und allem, was nur vorkam, und führte alles so schön wieder auf das Gesetz und die Verheissung, die Prophezeiung und auf den Tempel und die Geheimnisse des Dienstes und der Opfer aus, dass die einen immer in Bewunderung und die anderen beschämt in Ärger begriffen waren, und das immer abwechselnd, bis sie alle beschämt sich ärgerten, meistens weil sie Dinge hörten, die sie nie gewusst, nie so verstanden hatten."
Ein Gespräch überliefert uns die Visionärin Maria Valtorta (1897-1961). Alfäus zu Maria: "Du wirst Jesus dieses Jahr auch auf die Schule schicken müssen." Ganz entschieden antwortet Maria: "Ich werde Jesus nie in die Schule schicken." Ihr Schwager lässt nicht locker. "Das Kind muss doch lernen und imstande sein, die Prüfung der Volljährigkeit im Tempel zu bestehen." Nun schaltet sich auch Joseph ein. "Ja, es ist nicht notwendig, Jesus in die Schule zu schicken. Maria ist im Tempel unterrichtet worden, und sie kennt das Gesetz wie ein Gelehrter. Sie wird seine Lehrerin sein. Das ist auch mein Wunsch."
Mariell Wehrli-Frey erwähnt in ihrem Werk "Jesât Nassar", dass Rabbi Yehoshua Ben Parakay der Haupterzieher Jesu war. Wir erfahren aber auch, dass er unter der Aufsicht der Essäer studierte. Yohanan zu Ben Parakay: "Ich habe gehört, wie er seinen Freunden Sphären und himmlische Körper erklärte, ihre Triangularen und Aspekte, ihre progressiven und retrograden Bewegungen, ihre Abmessungen, Distanzen und andere Dinge, welche nicht durch den menschlichen Verstand entdeckt worden sein können. Er spricht über Physik und Metaphysik, die Kompositionen, Kräfte und Auflösung des Körpers, von seinen Adern, Arterien, Knochen und Nerven, wie die Seele auf den Körper einwirkt. Auch viele andere Sachen, die unsere gelehrtesten Männer niemals verstanden."
Neutestamentliche Aprokryphen
In der Kindheitserzählung des Thomas ist auch die Rede vom Schulbesuch Jesu. Wie es seinen Lehrern erging, ist drastisch geschildert. Der Knabe ist nämlich der Lehrende und der Schulmeister der Lernende. Jesus straft und vergibt. In "Kindheit und Jugend Jesu" (Lorber) sind diese Begebenheiten in den Kapiteln 294 und 295 ebenfalls erwähnt. Ich vermute, dass es sich hier um allegorische Schilderungen handelt.
Synthese: Brauchte Jesus als Inspirierter Gottes einen irdischen
Lehrer?
Walter Vogt (Zürich)
Schaff Dir ein Nebenamt!
Schafft euch ein Nebenamt
ein unscheinbares, womöglich ein geheimes Nebenamt!
Tut die Augen auf und suchet,
wo ein Mensch ein bisschen Zeit, ein bisschen Teilnahme,
ein bisschen Gesellschaft, ein bisschen Fürsorge braucht.
Vielleicht ist es ein Einsamer, ein Verbitterter,
ein Kranker, ein Ungeschickter, dem du etwas sein kannst.
Vielleicht ist's ein Greis, vielleicht ein Kind.
Wer kann die Verwendung alle aufzählen,
die das kostbare Betriebskapital, Mensch genannt, haben kann!
An ihm fehlt es an allen Ecken und Enden.
Darum such, ob sich nicht eine Anlage für dein Menschentum findet.
Lass dich nicht abschrecken
wenn du warten oder experimentieren musst.
Auch auf Enttäuschungen sei gefasst.
Aber lass dir ein Nebenamt, in dem du dich als Mensch
an Menschen ausgibst, nicht entgehen.
Es ist dir eines bestimmt, wenn du nur richtig willst.
Albert Schweitzer
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"Letzte Änderung dieser Seite am 10. Juni 2014"