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Sie sind krank, wahrscheinlich verängstigt, verunsichert. Ihre Ärztin bespricht Ihren Zustand und erklärt, dass es leider keine Behandlung gibt. Allerdings weiss Sie von einem klinischen Test für ein neues Medikament. Und dass dafür jetzt gerade Teilnehmer gesucht werden.
Das Problem ist, dass Sie «randomisiert» einer von zwei Gruppen zugeteilt werden: Eine Gruppe erhält das neue Mittel, die andere ein Placebo. Die Chance, die neuartige Behandlung zu bekommen, liegt bei 50 zu 50.
Also: Was tun Sie?
Klinische Versuche sind so angelegt, dass Sie (und oft auch Ihr Arzt) nicht wissen, ob Ihnen die experimentelle Behandlung zuteil wird oder das Placebo. Diese Blind-Versuchsanlage hilft, Verzerrungen zu vermeiden. Wenn ein Patient weiss, dass er einen realen Wirkstoff erhält, berichtet er mit grösserer Wahrscheinlichkeit, dass er sich danach besser fühlt.
Der Autor
Andrew George ist Professor für Molekularimmunologie und Vizerektor der Brunel University in London. George ist auch Mitglied des Ethik-Beirats der britischen Health Research Authority.
Geht es um ein Medikament, so wird ein Placebo aussehen wie eine realistische Arznei (eine Pille oder eine Infusion). In der Chirurgie-Forschung könnte ein Placebo beinhalten, dass man einen Schnitt auf die Haut bekommt – mehr nicht.
Wer also eine experimentelle Behandlung durchläuft, kann auf zweierlei Weise profitieren: Die Behandlung verbessert den Zustand – weil dies so vorgesehen ist. Oder aber die Behandlung funktioniert nicht im eigentlichen Sinne. Aber dass man etwas erhält, von dem man glaubt (oder hofft), dass es den Gesundheitszustand verbessert, hat eine heilende Wirkung.
Solche Placebo-Effekte müssen von den Forschern stets einberechnet werden, wenn sie testen, ob eine Therapie effektiv ist oder nicht.
Nur 53 solcher Studien in zweieinhalb Jahren
Besonders wichtig sind die Placebo-Kontrollen, wenn das Resultat eines klinischen Tests «weich» beziehungsweise subjektiv ist. Die Schmerzen, die jemand verspürt, hängen teilweise vom Bewusstseinszustand der Person ab. «Härtere» und objektivere Ergebnisse – etwa die Grösse eins Tumors – werden weniger beeinflusst von den Erwartungen des Patienten beziehungsweise des Arztes.
Placebo-kontrollierte Tests sollten auch in der Chirurgie öfter eingesetzt werden, um zu erkennen, ob neue chirurgische Methoden auch wirklich effektiv sind. Dies betonte das Royal College of Surgeons
in England soeben mit neuen Richtlinien (siehe unten).
Es gibt zuwenig chirurgische Forschungen, bei denen auch Placebos eingesetzt werden; nur 53 solcher Studien wurden seit November 2013 veröffentlicht.
Das Verblüffende daran: In der Hälfte jener Studien kam heraus, dass die chirurgische Intervention gegenüber dem Placebo keine besseren Resultate zeitigte. Dabei werden diese Operationen weiterhin routinemässig durchgeführt. Dies bedeutet, dass viele Patienten sich dem Risiko und den Belastungen einer Operation unterziehen, ohne einen Nutzen davon zu haben.
Das ethische Versagen liegt nicht darin, dass gewisse Studien mit Placebo-Kontrollgruppen arbeiten, sondern dass es solche Forschungsarbeiten nicht schon früher gab.
Der Einsatz von Placebos ist ein entscheidender, wenn auch oft missverstandener Beitrag zur medizinischen Forschung. Aber der Einsatz und die korrekte Verwendung von Placebos ist nicht nur gute Wissenschaft, sondern auch gute Ethik.
Placebo-Chirurgie, ethisch korrekt
Das Royal College of Surgeons – also die Fach- und Standesorganisation der Chirurgen in England – veröffentlichte soeben ein Positionspapier, in dem es mehr Placebo-Kontrollgruppen in der Chirurgie verlangt.
Die englischen Chirurgen legen darin dar, dass bis zum Stichdatum Oktober 2015 bloss 75 Studien publiziert wurden, bei denen ein chirurgischer Eingriff einer Placebo-Kontrolle unterzogen wurde. Zum Vergleich: Alleine in England gab es 2014/2015 gut 1'900 klinische Forschungsstudien.
Als Argument für mehr Placebo-Tests in der Chirurgie nannten die Verantwortlichen eine bedenkenswerte Zahl: Bei 53 Untersuchungen, in denen seit 2013 solch ein Vergleich vorgenommen worden war, erwies sich die Operation nicht als effektiver als eine Placebo-Operation.
Mageres Ergebnis bei der Gelenkarthrose
Als Beispiel genannt wird die Behandlung der Gelenkarthrose im Knie – weder die gängigen arthroskopischen Methoden der Gelenkspülung noch der Beseitigung von Knochenwucherungen erzielten bessere Ergebnisse als eine Placebo-Operation.
Das Royal College of Surgeons editierte denn auch einige Regeln, wie solche Placebo-Operationen ethisch korrekt durchgeführt werden können. Eine Bedingung ist zum Beispiel, dass den Patienten keine Operation verwehrt wird, die erwiesenermassen effektiv ist.