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Bitte nicht anfassen: Viele alte Schriftstücke sind brüchig und drohen zu zerfallen, wenn man drin blättert oder sie entfaltet. Bis anhin mussten solche Briefe aufgeschnitten werden, wollte man ihren Inhalt lesen.
Nun ist es einem internationalen Wissenschaftsteam gelungen, auch äusserst aufwändig gefaltete Briefe aus der Zeit der Renaissance virtuell zu entfalten.
Drehen, wenden und rechnen
Die Forscherinnen aus den USA, den Niederlanden und Grossbritannien drehen und wenden die kostbare Post zunächst in einem Röntgen-Mikrotomografen. Diese Technik braucht man bereits seit längerem, um historische Schriftrollen, Bücher und Dokumente zu durchleuchten.
Dann lassen sie ein von ihnen entwickeltes Computer-Programm über die Daten laufen. Dieses berechnet eine 3D-Abbildung der gefalteten Briefe und faltet diese virtuell auseinander.
So lässt sich nicht nur die Falttechnik erschliessen, sondern auch das Geschriebene lesen. Bis der Algorithmus dazu fähig war, mussten ihn die Wissenschaftlerinnen trainieren – und zwar anhand von 250'000 Briefen.
Briefschatztruhe aus der Renaissance
Dann war der Algorithmus bereit für die Briefe, die die Wissenschaftlerinnen im Auge hatten: Briefe aus einer Eichentruhe, die vor einigen Jahren im Postmuseum von Den Haag entdeckt wurde. Es sind Briefe, die das Ehepaar Simon und Marie de Brienne in Den Haag gehortet hatte.
Die beiden hatten Ende des 18. Jahrhunderts das sehr angesehene Postmeisteramt in Den Haag inne. Sämtliche Briefe, die sie nicht zustellen konnten, legten sie in die Truhe – immer in der Hoffnung, die Empfänger würden sich eines Tages melden.
Die meisten Briefe stammten aus Paris und blieben in der Zeit zwischen 1680 bis 1706 bei den Briennes stecken. Von den insgesamt rund zweieinhalb Tausend Briefen sind bis heute fast 600 kompliziert gefaltete Exemplare ungeöffnet.
Faltung als physische Verschlüsselung
Faltung war die Art wie man damals Briefe verschlüsselte. Die Briefe waren so zusammengelegt, dass sie nach dem Öffnen nicht mehr «zurückgefaltet» werden konnten, ohne dass der Empfänger dies bemerkt hätte.
Viele Briefe waren zudem versiegelt oder zusätzlich durchbohrt. Durch die Löcher wurde ein feiner Papierstreifen gezogen, der beim Öffnen riss oder nicht ein zweites Mal durch die Perforation gesteckt werden konnte.
Solche Verschlüsselungstechniken wurden über Jahrhunderte in vielen verschiedenen Kulturen angewendet. Bis 1830 die Massenproduktion von Couverts einsetzte und die Briefe nicht mehr länger ihr eigener Umschlag waren.
Annahme verweigert oder Adresse unbekannt
In der Truhe des Postmeisterehepaars Brienne blieb ein Stück Geschichte der frühen Neuzeit konserviert. Die Briefe geben Einblick in den Alltag der frühen Neuzeit. Da sucht eine Frau den Vater des unehelichen Kindes ihrer Freundin. Vermerk auf dem Brief: «Niet hebben» – Annahme verweigert.
Spannend ist nicht nur was drin, sondern auch was auf den Briefen steht. Denn mit den Adressen war das so eine Sache: So konnte der Brief mit der Adresse «Monsieur Brandon, Kaufmann, Den Haag » genauso wenig zugestellt werden wie jener an «Herrn Gauflet, Spieler im Orchester der Komödiantentruppe im Dienste seiner Majestät des Königs von England in Den Haag – oder wo immer sie auch gerade sein mögen.»