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Noch immer verschwinden Regisseurinnen nach Abschluss der Filmschule aus der Branche. Was kann dagegen unternommen werden? Und welche Rolle spielt dabei die Filmförderung?
Der erste Aufschrei kam vor vier Jahren: Mit der Petition «You Cannes not be serious» taten mehrere Filmemacherinnen ihren Unmut darüber kund, dass im Wettbewerb des grössten Filmfestivals der Welt kein einziger Film von einer Frau auftauchte. 2012 wiederholte sich die Malaise, worauf drei Filmemacherinnen in einem offenen Brief protestierten. In Cannes, so schrieben sie sarkastisch, zeigten die Männer einmal mehr, dass sie die Tiefgründigkeit der Frauen lieben, jedoch nur im Bezug auf ihr Dekolleté.
Filme von Regisseurinnen sind nicht nur im Wettbewerb von Cannes Mangelware, sondern auch in den Kinos und in den Wettbewerbsreihen der anderen grossen Filmfestivals. Die Bilanz für dieses Jahr lautet für die Berlinale: drei von zwanzig; für Cannes: zwei von achtzehn; für Venedig: zwei von zwanzig. Auch am internationalen Filmfestival Locarno sieht es nicht besser aus: Siebzehn Filme laufen im internationalen Wettbewerb, gerade einmal zwei davon stammen von Regisseurinnen (vgl. «Mädchenspiele oder die dunkle Seite der Perle»).
«Das ist wenig», räumt Carlo Chatrian, Direktor des Filmfestivals Locarno, ein. Er bedaure jedes Jahr, dass nicht genügend Filme von Frauen realisiert würden. «Gleichzeitig erfolgt die Auswahl der Filme – oder sollte sie zumindest – auf der Basis künstlerischer Kriterien. Man wählt einen Film nicht aus, indem man auf die Identitätskarte der Filmemacher schaut, sondern indem man das Werk genau in den Blick nimmt.»
Quote an Festivals
Dem Argument, dass von Frauen zu wenige gute Filme kämen, widerspricht Silke Räbiger. Sie leitet seit 2007 das Internationale Frauenfilmfestival Dortmund/Köln, weltweit eines der bedeutendsten seiner Art. «Es wird gerne mit Qualität argumentiert, doch das stimmt so nicht. Natürlich gibt es allgemein weniger Filme von Frauen, vor allem im Spielfilmbereich, doch es sind nicht so viel weniger, wie es sich an den Festivals widerspiegelt. Gerade in Asien und Lateinamerika werden viele Filme von Regisseurinnen gemacht.» Damit Filme von Regisseurinnen häufiger berücksichtigt würden, fordert Räbiger deshalb eine paritätische Besetzung der Auswahlkommissionen und eine Selbstverpflichtung der Festivals: Ein Drittel aller Wettbewerbsfilme, die an einem Festival programmiert werden, müsste von Frauen kommen. «Natürlich würde das hohe Wellen schlagen, denn man nimmt dadurch den Männern etwas weg.»
Fraglich ist allerdings, ob dies auch dem tatsächlichen Verhältnis zwischen von Frauen und von Männern gedrehten Filmen entspricht. Internationale Zahlen fehlen, doch ein Blick auf einzelne Länder zeigt Folgendes: In Frankreich stammen von den im Jahr 2012 geförderten Filmen 24 Prozent von Frauen, in Schweden sind es im selben Jahr 30 Prozent. Die Kinoauswertung sieht jedoch weniger rosig aus: Von allen schwedischen Spielfilmen, die es 2012 im eigenen Land ins Kino schafften, wurden gerade mal 7 Prozent von einer Regisseurin gedreht. In der Schweiz starteten letztes Jahr in den Kinos 54 Schweizer Dokumentarfilme und 23 Schweizer Spielfilme, 10 beziehungsweise 5 sind von Regisseurinnen. Das Problem wurzelt also tiefer: Während an den Filmhochschulen der europäischen Länder im Durchschnitt die Hälfte der AbgängerInnen Frauen sind, verschwinden sie im Laufe ihrer Karriere langsam aus der Filmbranche.
Kinderbetreuung im Budget
Gründe, die immer wieder für das Verschwinden genannt werden, sind Familiengründung und fehlende Netzwerke. Eine Schlüsselrolle spielt auch die Filmförderung, die darüber entscheidet, wer Geld für eine Filmproduktion erhält. Deshalb schlägt Räbiger eine 50:50-Aufteilung der Filmförderung zwischen Männern und Frauen vor, wie dies zum Beispiel das schwedischen Filminstitut seit 2013 definiert. «Quote ist grundsätzlich nicht das Allheilmittel, aber wir werden ohne Quote ja nicht weiterkommen», ist sie überzeugt.
Für Ivo Kummer, Leiter der Sektion Film im Bundesamt für Kultur, ist eine Quote in der Filmförderung kein Thema: «Die Zeit, in der man Männer bevorzugte, ist vorbei. Ausserdem ist es schwierig, als Auswahlgremium über eine Quote zu funktionieren, denn es ginge ja nicht nur um die Genderfrage, sondern auch um die Regionenfrage und die Generationenfrage.»
Eine mögliche Alternative zur Quote könnte das Vorbild England aufzeigen, das im Produktionsbudget einen expliziten Posten für die Kinderbetreuung der Mitarbeitenden kennt. Da die Kinderbetreuung noch immer zum grössten Teil bei den Frauen liegt, könnte dies einigen den Verbleib in der Arbeitswelt erleichtern. Es sei in all den Jahren noch nie vorgekommen, dass jemand im Budget einen Antrag auf die Betreuung der eigenen Kinder gestellt habe, sagt Kummer, «doch wenn aus dem Dossier hervorgeht, dass es nötig ist, wird das sicher nicht beanstandet».
Nachtrag vom 29. Januar 2015
Fördergelder: Frauen – Filme – Fakten
An den ersten Solothurner Filmtagen 1966 gab es keine Filme von Frauen. Fünfzig Jahre später sieht das Programm um einiges femininer aus, auch wenn unter den zehn für den Prix du Public nominierten Filmen nur gerade zwei von Regisseurinnen stammen. «Die Zeit, in der man Männer bevorzugte, ist vorbei», sagte Ivo Kummer, Leiter der Sektion Film im Bundesamt für Kultur, letzten Sommer gegenüber der WOZ bezüglich der Filmförderung.
Die Hälfte aller FilmhochschulabgängerInnen in europäischen Ländern sind Frauen. Im Lauf ihrer Karriere verschwinden sie indes zunehmend aus der Branche: Bloss zwanzig Prozent der Fördergelder in Europa gehen an Frauen. Länder wie Frankreich oder Schweden sammeln schon seit längerem geschlechtsspezifische Daten über die selektive Filmförderung, um den Ursachen der Marginalisierung auf die Spur zu kommen. In der Schweiz gab es hingegen bislang keine Erhebungen dazu.
Der Verband Filmregie und Drehbuch Schweiz, der Dachverband der schweizerischen Film- und Audiovisionsbranche Cinésuisse und Focal, die Stiftung Weiterbildung Film und Audiovision, haben nun erstmals solche Daten von verschiedenen Schweizer Förderinstitutionen zusammengetragen und an den Solothurner Filmtagen im Rahmen der Veranstaltung «Die Gender-Frage: Zahlen und Fakten aus der Schweizer Filmförderung» vorgestellt.
Die Bilanz ist ernüchternd: 2013 und 2014 wurden 31 Prozent der Gesuche für Förderbeiträge von Frauen gestellt. Von den Zusagen gingen noch 28 Prozent an Frauen, auf Fördergelder umgemünzt entsprach dies nur noch 22 Prozent. Frauen verlieren also im Evaluationsprozess wie auch bezüglich der Höhe der Förderbeiträge im Vergleich zu den Männern. Da muss Ivo Kummer wohl nochmals über die Bücher.
Silvia Süess