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Lage
Wer von Olten aus nach Südindien oder Sri Lanka gelangen will, wendet sich am besten nach Nordwesten Richtung Jura. Im Nachbardorf Trimbach folgt er der Hauptstrasse bis zu dem Punkt, wo sie sich zusammen mit der Bahnlinie nach Sissach und dem entgegenkommenden Dorfbach durch eine schmale Lücke im ersten Jura-Riegel zwängt. Hier, wo die neue Hauensteinstrasse ihre ersten Windungen vollführt und sich die Motorradfahrer gerne im Restaurant «Isebähnli» treffen, zweigt man nach links ins kleine Gewerbegebiet Miesern ab, wo Autos repariert, Armeerucksäcke, Bauschalungen und Brandschutzgewebe hergestellt werden. Nach gut zweihundert Metern beginnen rechts Gemüsebeete und Wiesen. Links führt eine Brücke über den Dorfbach. Schon von hier aus fällt das Gebäude am Ende des Kiesplatzes auf: rot-weiss längsgestreifte Wände, überragt von einem grauen Betonturm. Ungewöhnlich sind auch der kleinteilig verzierte Eingang und ein ähnlich gestalteter kleinerer Turm im hinteren Bereich der Anlage, beide in ungewohntem Hellgelb, in dem pinkfarbige exotische Figuren auffällige Akzente setzen. Der Besucher steht vor dem Tempel der Hindugöttin Sri Manonmani Ampal.
Baugeschichte und Grund der Sichtbarmachung
Schon 1991 versammelten sich tamilische Hindus, Bürgerkriegsflüchtlinge aus Sri Lanka, in einer Asylunterkunft in Olten vor einem Bild der Göttin Sri Manonmani, um sie zu verehren und von ihr Glück und Gesundheit zu erbitten. 1993 zog die Gruppe aufgrund der engen Platzverhältnisse in eine geräumigere Lagerhalle in Trimbach um. Auch dieser Ort erwies sich als schwierig. Er bot zwar mehr Platz für Gläubige, war jedoch an gut besuchten Festtagen ebenfalls schon bald zu eng. Überdies war der Gebäudekomplex, in dem weitere Migrantenvereine ihre Lokale hatten, von Wohnsiedlungen umgeben. Verkehr, Lärm und die Gerüche der tamilischen Küche bei grösseren Festen sorgten immer wieder für Reibungen mit Nachbarn.
1999 festigte sich unter den regelmässigen Besucherinnen und Besuchern der Wunsch, die Göttin an einem geeigneteren Ort zu verehren. Für Vasantharajan Ramalingam, den damaligen Präsidenten des «Vereins zur Förderung der tamilischen Kultur in der Schweiz» ging es dabei nicht bloss um genügend Quadratmeter, wie er 2013 nach der Einweihung sagte: «Im Blick habe ich immer die zweite Generation hier in der Schweiz, schon vor zwanzig Jahren. Wir müssen ihre Religion und Kultur erhalten, und dafür brauchen wir hier ein Zentrum, eine Heimat.» Damit stand auch fest, dass der neue Tempel wie einer in Sri Lanka oder Südindien aussehen und nach den sehr detaillierten Regeln der religiösen Tradition gebaut sein sollte. Ermutigend wirkte auch das Vorbild des Sri-Kamadchi-Ampal-Tempels im westfälischen Hamm, der in jener Zeit entstand und 2002 eingeweiht wurde.
Ramalingam konnte bald den Architekten Günter Hildebrand gewinnen. Er wohnte in der Nähe und hatte sich im neun Kilometer östlich gelegenen Gretzenbach mit der Planung der thai-buddhistischen Klosteranlage (Wat Srinagarindravararam) bereits einen Namen als Tempelarchitekt gemacht. Durch Vermittlung des Architekten konnte der Verein 2005 günstig das Grundstück in der Miesern kaufen, das durch seine Lage bei Berg, Wald und Bach ideal den religiösen Vorstellungen entspricht. Auch die Zusammenarbeit mit den Baubehörden in Gemeinde und Kanton gestaltete sich kooperativ, so dass 2005 der Gestaltungs- und Erschliessungsplan genehmigt und 2007 das Baugesuch eingereicht werden konnte. Bereits zuvor, am 28. Mai 2006, legten der Priester Sivasri Pangusa Kurukkal und Architekt Hildebrand den Tempelgrundstein. Dessen Lage wurde nach den Vorgaben der religiösen Tradition, berechnet durch Experten im südindischen Chennai (früher Madras), auf den Millimeter genau berechnet. Eine Einsprache bezüglich der Zufahrt verzögerte den Baubeginn für das eigentliche Gebäude, doch ab August 2008 ging es zügig voran.
Bereits im Februar 2009 stand der Rohbau. Der Innenausbau zog sich jedoch dann noch einmal vier Jahre hin. Nur Hindus mit den entsprechenden Fachkenntnissen durften die religiöse Ausgestaltung vornehmen. Die Spezialisten kamen über mehrere Jahre während jeweils einiger Monate aus Chennai. Ihr Einsatz erforderte immer wieder Behördengänge, vor allem aber noch einmal beträchtliche Geldmittel, die langsamer als erhofft eintrafen.
Im Frühjahr 2013 war es schliesslich soweit. Am 14. März begannen zehn Priester, aus der Schweiz und dem Ausland angereist, mit den ersten Ritualen. Am Sonntag, 17. März, fand der Höhepunkt statt, die Übergiessung des vimanam, des hinteren Tempelturms, der sich genau über dem Hauptschrein der Göttin Sri Manonmani erhebt. Nach sieben Wochen mit weiteren besonderen Ritualen, fand die Einweihungszeit mit dem Fest der 1008 Meeresschnecken, bei dem tatsächlich 1008 Gehäuse der Echten Birnschnecke (Turbinella pyrum, auch Hinduglocke genannt) verwendet wurden, ihr Ende.
Der höhere der beiden Tempeltürme, der gopuram über dem Eingang, wurde mangels Finanzen zunächst als Betonrohbau stehen gelassen. Weil er religiös weniger bedeutsam ist als der kleinere vimanam, konnte die Einweihung der gesamten Anlage 2013 dennoch stattfinden. Um den gopuram ausschmücken zu lassen, holte der Verein 2018/2019 erneut indische Facharbeiter ins Land. Am 15. September 2019 wurde auch dieser sichtbarste Teil des Tempels mit einem grossen Fest eingeweiht. Bei zunächst noch nebligem Herbstwetter bestiegen die Priester die Hebebühne eines Krans, um wie sechs Jahre zuvor beim vimanam die sieben zwiebelförmigen Aufsätze (kalasha) mit dem Wasser der göttlichen Kraft zu übergiessen.
Gesichter zum Gebäude
Seit der Gründung 1993 sind Nadarasalingam Sathasivam und Vaseekaran Nadarajah Vorstandsmitglieder des Vereins zur Förderung der tamilischen Kultur in der Schweiz. Im April 2014, einen Monat nach dem überraschenden Tod des langjährigen Präsidenten Vasantharajan Ramalingam, übernahmen sie die Leistungsfunktionen. Sathasivam wurde neuer Präsident, Nadarajah übernahm das Amt des Kassiers.
Beruflich arbeitet Sathasivam in der Nähe von Langenthal in einer Kunststofffabrik. Nadarajah führt einen Laden für asiatische Lebensmittel in Olten. Beide sind oft im Tempel und packen mit an: in der Küche ebenso wie beim Jahresfest, etwa wenn es gilt, als Ehre die Prozessionsfigur der Göttin um den Tempel herum zu tragen.
Nachbarschaft und Konflikte
Auch wenn der Tempel im Grünen liegt - Nachbarn hat er dennoch. Talabwärts sind es eine Handvoll Gewerbebetriebe, talaufwärts der Golfclub Heidental. Im Rahmen des Bauverfahrens erhob einer der Gewerbebetriebe Einsprache wegen der Zufahrt zum Tempelgelände, die ursprünglich über sein Grundstück hätte erfolgen sollen. Man einigte sich später darauf, dass der Tempel seine eigene Zufahrt erhalten sollte und dafür eine kleine Brücke über den Dorfbach zu erstellen sei.
Eine Ausnahmebewilligung benötigte der Tempelbau für den Eingangsturm, den gopuram. Mit seiner Höhe von 14,17 Metern hält er die Proportionen ein, die aus den religiösen Traditionen hergeleitet sind. Er liegt damit jedoch über den 13,50 Metern, die normalerweise in der Trimbacher Gewerbezone als Obergrenze gelten. Die Solothurner Regierung billigte diese kleine Überschreitung am 4. Oktober 2005 mit dem Gestaltungsplan.
Regelungsbedarf bestand auch gegenüber dem Golfclub, weil oberhalb des Tempels auf der Driving Range Golfspieler den Abschlag üben. Ursprünglich sollte eine mehrere Meter hohe Schutzwand am unteren Ende des Golfgeländes den bestehenden brusthohen Zaun ersetzen. Seit der Golfclub aber die Benutzungsvorschriften für die Driving Range verschärft hat, scheinen nur vereinzelt Bälle bis aufs Tempelgrundstück zu fliegen. Vorkommen kann es jedoch weiterhin.
Religiöse Tradition
‹Hinduismus› ist der etablierte Oberbegriff für eine Reihe sehr unterschiedlicher Religionen des indischen Subkontinents. Die Religionswissenschaft zieht daher oft die Bezeichnung ‹Hindu-Religionen› oder ‹Hindu-Traditionen› vor. Ihre Anfänge reichen bis in die Induskultur im 3. Jahrtausend v. Chr. zurück. Die ältesten Hymnen an die Götter, der lange Zeit nur mündlich überlieferte Rigveda, entstanden Ende des 2. Jahrtausends v. Chr., gefolgt von weiteren Veden (‹veda› = ‹Wissen›). Zu den Texten, die den Gläubigen als geoffenbart gelten, gehören auch die Lehrtexte der Upanischaden (800 - 500 v. Chr). Populär sind unter Hindus die Geschichten aus den zeitlich späteren Epen des Mahabharata - am bekanntesten ist im Westen die Bhagavadgita - und des Ramayana, entstanden zwischen 500 v. Chr. und 100 n. Chr., aber auch die mythologischen Erzählungen der Puranas (300 bis 900 n. Chr.). Lehrsprüche, die Sutras, die auch im Tempeldienst verwendet werden, vervollständigen die breite Textbasis der Hindu-Traditionen.
Die Erzählungen schildern eine unüberschaubare Welt von Göttern (Vishnu, Shiva, Durga, Ganesha, Krishna usw.) und ihren sich wandelnden Erscheinungsformen, von Helden und Heldinnen, Fabelwesen und normalen Sterblichen. Zu den Gemeinsamkeiten der Hindureligionen gehören laut dem Indologen Heinrich von Stietencron «das Kastensystem, die Anerkennung der Veden als offenbarte heilige Schriften und der Glaube an die Wiedergeburtslehre» - allerdings nur begrenzt, denn «nichts davon ist für alle Religionen verbindlich, manches kann beliebig akzeptiert oder abgelehnt werden» (TRE, Abschnitt 4.1). Im Zentrum der religiösen Überlegungen stehen die kosmische und moralische Ordnung (dharma) und die Frage, wie sich der einzelne Mensch in sie einfügt. Die Seele wandert beim Tod in einen neuen Körper, wohin, das hängt von der Qualität seiner Handlungen (karma) in der vorhergehenden Existenz ab. Anders gesagt: Stimmt das Handeln mit dem dharma überein, resultiert ein gutes karma und eine günstige Wiedergeburt. Texte und die komplexen Hindu-Doktrinen sind oft jedoch nur den oberen Kasten ansatzweise bekannt. Für den Grossteil Hindus steht die gelebte Frömmigkeit und das Vertrauen in die Götter und deren Eingreifen ins persönliche Leben ganz im Vordergrund.
Das Handeln im Einklang mit der kosmischen und moralischen Ordnung umfasst neben dem kultischen Bereich auch den Alltag samt den sozialen Beziehungen. Ausdruck davon ist u.a. das ‹Kastensystem›, gemäss dem jeder Berufsgruppe bestimmte soziale Rollen und Kontakte zustehen, andere nicht. Obwohl offiziell in Indien für ungültig erklärt, prägen die Kastenregeln oft noch heute Arbeitswelt und soziale Kontakte, insbesondere die Partnerwahl, selbst in der Diaspora. Ähnliche Normen betreffen das schickliche Verhalten der Geschlechter oder in den verschiedenen Lebensabschnitten.
Die Traditionen des Shivaismus - die Verehrung des grossen Gottes Shiva - ist heute in Indien neben der des Vishnuismus - Verehrung von Vishnu und seinen Verkörperungen - die wichtigste Hindutradition. Hinzu kommt gerade in Südindien und Sri Lanka die Tradition des Shaktismus - die Verehrung von Shakti, in der Form unterschiedlicher kraftvoller Göttinnen. Die meisten tamilischen Hindus in der Schweiz sind den Traditionen des Shivaismus und Shaktismus zuzurechnen. Oft, so auch in Trimbach, spielt allerdings nicht der männliche Gott Shiva die Hauptrolle, sondern seine machtvolle Gattin Parvati. Ihrer speziellen Erscheinungsform als Manonmani, der ‹Glückverheissenden›, ist in Trimbach der zentrale Schrein geweiht, der direkt unter dem hinteren der beiden Tempeltürme liegt, dem vimanam. Die kleineren Schreine dahinter, gegen Westen, beherbergen den elefantenköpfigen Gott Ganesha, gefolgt von Krishna, Rajarajeshvari, einer weitere Erscheinungsform Parvatis, und dem typisch tamilischen Gott Murugan sowie in der Mitte, vorläufig noch ohne Schrein, Shiva in der Form des lingam (Phallus). Weitere Schreine, an der Nordseite gelegen, sind dem Schlangengott Naka tampiran, den Neun Planeten und dem Wächtergott Bhairava, der zerstörenden Erscheinungsform Shivas, gewidmet. Die Götter werden im Tempel zu festen Zeiten verehrt, doch kann jeder Hindu die puja (‹Huldigung›, Andacht) auch vereinfacht zuhause durchführen. Im Tempel sollte sie täglich morgens, mittags und abends stattfinden, doch beschränken sich in der Schweiz viele Tempel auf die beiden späteren Zeiten und auf die besonders wichtigen Wochentage Dienstag und Freitag. Grund ist, dass die Wege für die meisten Gläubigen weit und die Arbeitszeiten ungünstig sind. In Trimbach allerdings finden seit der Einweihung des neuen Tempels an jedem Tag drei pujas statt.
In der Schweiz lebten Anfang des Jahres 2013 rund 46'000 Personen mit tamilischen Wurzeln, rund ein Drittel von ihnen bereits als Schweizer Bürger. Die 21 Tempel sind bis auf denjenigen in Trimbach in umgebauten Gewerbehallen untergebracht. Die allermeisten von ihnen befinden sich in der Deutschschweiz, allein sechs im Kanton Bern, zwei liegen in der Romandie und einer im Tessin.
Besonderheiten
Wichtig sind für den Tempel der Sri Manonmani Ampal die tamilischen Hochzeiten in der Schweiz. Die standesamtlich frisch getrauten Brautpaare erbitten von den Göttern Glück für ihre Ehe. Sie platzieren sich für die Kameras der Verwandtschaft in der eigens dafür eingerichteten Hochzeitsnische mit Blick auf den Gott Ganesha, den Beseitiger aller Hindernisse, mit dem Hindus oft ein neues Vorhaben beginnen. Wenn die Hochzeitsgesellschaft dann im nahen Trimbach in einem Saal feiert, liefert das Tempelteam das vorbereitete tamilische Essen und verschafft so dem Tempelverein wichtige zusätzliche Einnahmen.
Für Kinder und Jugendliche organisiert ein eigener Verein Kurse in tamilischer Sprache und Kultur in Trimbach. Die Tänze, welche die Mädchen dort unter anderem lernen, werden gelegentlich im Tempel gezeigt.
«Der Hindutempel in Trimbach» ist Thema und Titel einer eigenen Publikation des Zentrums Religionsforschung. Sie zeichnet noch ausführlicher hier den Entstehungsprozess des Tempels nach und schildert seine baulichen Elemente und das Geschehen in den Einweihungswochen. Darüber hinaus porträtiert sie die wichtigsten Götter und bettet das Projekt Tempelbau in die Situation der tamilischen Bevölkerung Westeuropas sowie in die plurale Religionslandschaft der Schweiz ein. (Bestellmöglichkeit)