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Der Raum ist düster und kühl. Einzig ein paar Kerzen verleihen ihm einen Hauch von Wärme und zeichnen seine Umrisse ab. Aufgebahrt liegt der Mann da, blutleer im Gesicht und mit einem Leinen zugedeckt. Eine Frau sitzt nahe am Haupt des Leichnams. Ein paar Habseligkeiten liegen zu ihren Füssen.
Leichnam, Frau ... unwillkürlich verknüpfen sich meine Gedanken mit der Ostergeschichte.
Das älteste der Evangelien, das Markusevangelium, berichtet, dass die Frauen, Maria aus Magdala und die Maria des Joses, sahen, wo der gekreuzigte und verstorbene Jesus hingelegt wurde. Und sie gingen in die Gruft hinein und sahen einen Jüngling zur Rechten sitzen, bekleidet in einem langen weissen Gewand und sie erschraken (Mk,15,47 und 16,9).
Auch hier ist jemand erschrocken. Eine Frau, die gestern ihren Mann unerwartet verloren hat. Nun sitzt sie da und hält Totenwache.
Gemäss Auskunft von einem unserer Bestatter kommt es eher selten vor, dass Angehörige Totenwache halten: Diejenigen, die ihre Verstorbenen hier am Inselspital aufbahren lassen, kommen allenfalls punktuell mit Freunden und Verwandten vorbei, um Abschied zu nehmen. Aber es ist selten, dass jemand über 24 Stunden oder länger am Stück Totenwache hält.
Gemäss verschiedenen Quellen gehen die Anfänge des Rituals der Totenwache ins Mittelalter zurück. Damals versammelten sich Familie, Freunde und Nachbarn nach Eintritt des Todes am Sterbebett. Die Toten wurden in weisse Leinentücher gehüllt, es wurden Kerzen angezündet und Speisen und Getränke verzehrt. Die Verstorbenen sollten zu keiner Zeit allein gelassen werden. Durch die Totenwache sollte das Zurückkehren der Seele in den Körper verhindert und ihr zudem durch das Öffnen eines Fensters ein Ausgang verschafft werden.
Auch unserer Frau ging es um die Seele. Unmittelbar nach der Feststellung des Todes bat sie darum, Toten- wache halten zu können. Sie möchte, erklärte sie, bei ihrem Mann Wache halten, bis dessen Seele den Körper verlassen hat.
Nun sitzen wir beide da. Anfänglich schweigend, danach erzählt die Frau aus dem Leben ihres Mannes und von ihrer gemeinsamen Zeit, den Tränen freien Lauf lassend.
Es werde sehr hart sein, sich von dem geliebten Ehemann zu verabschieden und ihn loszulassen, sagt sie. Aber es tröste sie, so fährt sie fort, dass ihr Mann nun im Licht und bei Gott sei. Und sie wisse, dass auch sie sich eines Tages wieder aufrichten und aufstehen werde.
Einen Blick auf den Leichnam werfend, kommt es mir vor, als wäre ein Lächeln auf sein Gesicht gezaubert. Wie schön, durchfährt es mich, wenn sich die Lebenden um die Toten kümmern. Und an der Botschaft von Ostern, dass das Leben und Liebe stärker sind als der Tod, habe ich gerade keine Zweifel.
Barbara Moser, ref. Seelsorgerin