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Malerei
Eine Liebe zwischen Verlangen und Misstrauen
By François Jaunin
Lange Zeit pflegten Lausanne und der Kanton Waadt ein ganz besonderes Verhältnis zur Malerei, das sich einerseits in unersättlichem Verlangen und andererseits in einer geradezu atavistischen Angst vor der Verführungskraft der Bilder äusserte. Viele lokale Künstler standen im Konflikt zwischen Zeigen und Verstecken, zwischen Aufdecken und zur Hälfte Verschleiern, gerade so, als ob das Verlangen dadurch noch gesteigert werden sollte. Doch auch heute nimmt die Malerei trotz der regelrechten Explosion von Techniken und Medien zeitgenössischer Kunst einen Ehrenplatz ein, mit einer fast schon körperlichen Verbindung zum Akt des Malens in einem absolut modernen Rahmen, in dem diese Praxis des Zeigens und Versteckens noch nicht völlig verschwunden ist.
Von Turner bis Major Davel
In Ermangelung von Schulen, Institutionen, Auftraggebern oder Sammlern fand Malerei in Lausanne zunächst nur mit Hilfe durchreisender Ausländer und Eidgenossen aus anderen Kantonen statt. Im 18. Jahrhundert verewigten Künstler wie Turner, Aeberli, Biedermann oder Dunkel die Liebreize der Stadt. Erst im 19. Jahrhundert griffen die Lausanner selbst zum Pinsel. In der Landschaftsmalerei sind als erste Meister Charles Vuillermet – er zeigt das alte, vom Verschwinden bedrohte Lausanne – und vor allem François Bocion zu nennen, der erste vom Genfersee stammende «Portraitiste», der das Licht und den transparenten Perlmuttschimmer des Sees auf Leinwand bannte. Der in Paris wohnende, melancholische Charles Gleyre arbeitete im neoklassizistischen, orientalistischen Stil mit romantischen und symbolischen Einflüssen und fertigte den ersten Auftrag der Waadtländer Regierung an: einen «Major Davel», den grossen geköpften Helden der Waadtländer Freiheitsbewegung, der 1980 ein zweites Mal exekutiert werden sollte, als das Gemälde durch Brandstiftung nahezu vollständig zerstört wurde.
Das goldene Zeitalter der Malerei im Waadtland
Um die Wende zum 20. Jahrhundert begann ein regelrecht «goldenes Zeitalter» für die Malerei im Waadtland. Ohne Schule oder Bewegung, da sie aus einzelnen, unerschütterlichen Einzelpersonen bestand, fand sie paradoxerweise zu dem Schlüsselzeitpunkt statt, an dem die Kunst im Waadtland erstmals ihre eigene Existenz wahrnahm, während sie komplett auf Paris ausgerichtet war. Der aus Lausanne stammende Eugène Grasset war der erste grosse Künstler der Art Nouveau-Bewegung, Théophile-Alexandre Steinlen der bittersüsse Chronist der menschlichen Komödie der Belle-Epoque, Marius Borgeaud der Meister einer in der Stille einer stehengebliebenen Zeit versteiften Bretagne, und der zerknirschte Félix Vallotton, einer der grössten Maler und Graveure seiner Zeit, der die Schattenseiten des bourgeoisen Traums und das Elend des ausklingenden Jahrhunderts darstellte. Als malendes Alter Ego des grossen Ramuz fand René Auberjonois seinen Weg nach seiner Rückkehr aus Paris in weisem Archaismus und begab sich auf eine ruhelose und raffinierte Suche nach dem «Primitiven». Zwei aussergewöhnliche «Outsider» vervollständigen das Bild: Aloïse Corbaz, kurz Aloïse genannt, die schizophrene und flammendste Koloristin, die jemals auf Waadtländer Boden geboren wurde und die sich mehr den Halbtönen und stimmlosen Akkorden als den grossen farbigen Ausgelassenheiten widmete. Und schliesslich der geniale Louis Soutter, der – wäre er nicht nach wie vor weithin unbekannt – zu den ganz Grossen des 20. Jahrhunderts zählen sollte. Nach einem schweren physischen und psychischen Zusammenbruch hob er als tragische Figur ein bewegendes, gleichzeitig intimes und doch universelles Schaffenswerk aus der Taufe.
Figuren der Moderne
1955 gründet eine kleine Gruppe Lausanner Künstler, zu denen Jean-Claude Hesselbarth, Arthur Jobin und André Gigon zählten, das «Collège vaudois des artistes concrets» zur Förderung abstrakter moderner Kunst. Ab den 70er-Jahren werden Jean Lecoultre und Pietro Sarto zu den führenden Figuren der Malerei in Lausanne; Lecoultre mit seinen «Thriller»-Stimmungen, seinen Hybridisierungen zwischen Pop Art und Gebrauchsobjekten, und Sarto mit den Räumen seiner «gekrümmten Perspektive», die einen unendlichen und kosmischen Genfersee zeigt. In Kanada, von wo sie regelmässig hierher zurückkehrt, hat Francine Simonin die Freiheit und die grossen Weiten gefunden, in denen sie ihre Bewegungen voll ausleben kann – in direktem Kontakt und in fast choreografischer Übereinstimmung mit den Bewegungen ihres Körpers.
Der internationale Wendepunkt
Wie in viel grösseren Städten verhinderen fehlende Geldmittel und der Konservatismus in Lausanne, dass die besten Künstler der Stadt ihr ganzes Potenzial hier ausleben können. Ab den 60er-Jahren kommt allerdings Bewegung in die Szene. Die Eröffnung des Musée des Beaux-Arts für die neue Avantgarde, die innovativen und militanten Aktivisten um die Gruppe Impact (Jean-Claude Schauenberg, Jean Scheurer, Henri Barbier) und die sukzessive Ausweitung der privaten und öffentlichen Institutionen verleihen dem künstlerischen Schaffen in Lausanne ungeahnten Schub. Leinwände, Farben und Pinsel werden zum Gegenstand grundlegender Hinterfragungen und Neuinterpretationen der Kunstform Malen. Durch die minimalistische Geometrie des Jean-Luc Manz, in einer paradox anmutenden Mischung aus sehr intimen und extrem distanzierten Bildern. In der «Haut» der Malerei von Sylvie Mermoud, die Farbe in unendlich viele Schichten – fast schon physisch – unterteilt. Mit instinktiven Gesten als Mittel zur Messung der Bewegungen in der Natur bei Catherine Bolle. Durch die Neuentdeckung klassischer Themen als Vorwand für ein «Anmalen des Bildes» bei Olivier Saudan. Oder aber durch das Wecken von Unwohlsein hinter der Schönheit, wie es Katherine Müller mit delikat perverser Raffinesse betreibt.
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