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«Das Kind kocht in der Polenta, weil es andere Kinder quält. Es fängt die Waisenkinder ein, bindet sie an einen Baumstamm und saugt ihnen das Fleisch von den Knochen.» Surreal-absurde, märchenhafte Sätze wie diese machten den schmalen Roman mit dem Titel «Warum das Kind in der Polenta kocht» im Herbst 1999 zum viel diskutierten Ereignis. Das Buch erzählt mit der Stimme eines kleinen Mädchens die Geschichte einer aus Rumänien emigrierten, aber im Westen nicht glücklich gewordenen Zirkusfamilie. Welche Gefährdetheit und welche Existenzangst hinter dem Unterhaltsamen und Lustigen des Textes verborgen war, ahnte als einer von wenigen Peter Bichsel, als er schrieb: «Hier schreibt eine Artistin auf dem hohen Seil, und ich schaue ihr von unten zu, und mir stockt der Atem.» Am 17. Mai 1962 in Bukarest geboren, trat Aglaja Veteranyi schon als Kind mit ihren Eltern in einem rumänischen Zirkus auf und kam 1977 in die Schweiz. Praktisch Analphabetin, lernte sie zugleich Schreiben und Deutsch und begann 1979 eine Schauspielausbildung. Nach deren Abschluss gründete sie 1993 mit René Oberholzer das Experimentalduo «Die Wortpumpe» und 1996 mit ihrem Lebenspartner Jens Nielsen die Theatergruppe «Die Engelmaschine». Beide Gruppen führten zwischen 1993 und 2001 auf Tourneen immer wieder auch Texte von Aglaja Veteranyi auf. Sie hatte mit dem eigenem Schreiben begonnen, als sie für die Abschlussprüfung der Schauspielschule auf Anraten ihres Lehrers ein Tagebuch für die von ihr dargestellte Figur schreiben sollte. «Da hat es mich gepackt!» Es erschienen Texte und Gedichte in Zeitungen und Literaturzeitschriften, und schliesslich nahm sie an der ETH Zürich auch an der Debütreihe «Holozän» von Adolf Muschg teil. Mit dem Romanerstling «Warum das Kind in der Polenta kocht» machte sie 1999 zwar an den Solothurner Literaturtagen Furore, stiess im gleichen Sommer beim Ingeborg-Bachmann-Wettberwerb in Klagenfurt aber auf wenig Gegenliebe. Erst die Buchausgabe brachte den Durchbruch zum Erfolg und trug der Autorin den Förderpreis Literatur des Kunstpreises Berlin und des Adalbert-von-Chamisso-Preises ein. In Interviews wies sie immer wieder darauf hin, dass in dem Buch nicht die clownesken Eskapaden des Vaters oder der Mutter, die an den eigenen Haaren in der Luft hängt und Kunststücke durchführt, sondern der absurd verfremdete Alltag und die kuriosen Beobachtungen des Zirkuskinds im Mittelpunkt ständen. «In dieser Welt gab es keinen Platz für kindlichen Spass, deshalb versuchte ich fiktiv eine Kindheit zu erleben, die ich eigentlich nie hatte.» 2001, während eines Atelieraufenthalts in Berlin, erkrankte Aglaja Veteranyi an einem rätselhaften Augenleiden und klagte, nicht mehr schreiben zu können. Nach Zürich zurückgekehrt, bat sie Peter Bichsel in einem Abschiedsbrief, an ihrer Beerdigung Geschichten zu erzählen, und ertränkte sich am 3. Februar 2002 im Zürichsee. Posthum erschien im gleichen Jahr noch der Fragment gebliebene Roman «Das Regal der letzten Atemzüge», der wie der Erstling in kleine Mikrotexte unterteilt ist und vom existenziellen Schock handelt, den der Tod einer Tante in der Erzählerin auslöst. 2004 kamen unter dem Titel «Vom geträumten Meer, den gemieteten Socken und Frau Butter» weitere nachgelassene Kurztexte heraus. Als sei der Erstling in dieser Hinsicht viel zu optimistisch gewesen, erscheint die Kindheit darin auf erschütternde Weise als eine völlig unerträgliche Zeit des Schreckens und der Demütigung.