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Dr. Juke erkläre erklärt in dem opulenten Roman „Middlesex“ von Jeffrey Eugenides der genetisch als Mann geborenen Calliope, sie sei ein Mädchen, weil sie so aufgewachsen war, nachdem eine Erbveränderung dafür gesorgt hat, dass ihr männliches Hormon Testosteron nicht ausreichend in ihrem Körper wirken kann. Sie lebt eine kurze Lebensphase im „dritten Geschlecht“ als Hermaphrodit; sie probiert Sex mit beiden Geschlechtern und als Dr. Juke kurz das medizinische Untersuchungszimmer verlässt, liest Calliope heimlich den Arztbrief und erfährt, dass sie genetisch also „eigentlich“ ein Mann sei.
Sie flieht aus ihrer bisherigen Umgebung, lässt sich symbolisch die Haare abschneiden und beschließt, ihr Leben als Mann zu leben. Was also ist ein Mann, wo kommt er her, wie entsteht er und was macht ihn aus?
Joseph Haydn lässt in seinem Oratorium die Schöpfung „singen“ ( „Mit Würd`und Hoheit angetan, mit Schönheit, Stärk`und Mut begabt, gen Himmel aufgerichtet steht der Mensch, ein Mann und König der Natur ……. An seinem Busen schmieget sich für ihn, aus ihm geformt, die Gattin, hold und anmutsvoll. In froher Unschuld lächelt sie, des Frühlings reizend Bild, ihm Liebe, Glück und Wonne zu.“), da ist sie also, die Idee, dass die Frau aus einer Rippe Adams gemacht sei, jene ursprüngliche christliche Schöpfungsgeschichte, dass Gott zunächst den Mann und dann die Frau geschaffen habe. Die Frau wurde durch göttliche Fügung aus der Rippe des Mannes gebildet, während dieser schlief. Adam, das heißt „Mensch“, die Frau ist „Gehilfin, die um ihn den Menschen sei“. Seit dieser Zeit ist die Frau eigentlich kein Mensch und diese Vorstellung reicht von Aristoteles bis Thomas von Aquin, alles „ehrenwerte Herren“, wie wir heute noch in der Schule lernen und wie uns auch der gegenwärtige sonst so progressive, aber dennoch konservative Pabst auch glauben machen will. Diese Überheblichkeit des Mannes ist fundamentalistisch und hat bis zum heutigen Tage die Herrschaft des Mannes über die Frau bestimmt. Sie ist die Quelle der ethisch sanktionierten Gewalt des Mannes, verantwortlich für Völkermorde und den Terror unserer Tage, Vera van Aaken hat in ihrem Buch („Männliche Gewalt. Ihre Wurzeln und ihre Auswirkungen“, Ratmos Verlag, 2000) alle anderen Möglichkeiten für die Entstehung der Gewalt des Mannes verworfen.
Wodurch ist diese Überheblichkeit begründet, was macht den Mann aus? Es ist das Y-Chromosom, vor einem Jahrhundert ironischerweise von einer Frau entdeckt, was den Mann ausmacht. Dieses Chromosom – so wusste man bis vor wenigen Wochen – dirigiert die noch nicht sexuell festgelegten Geschlechtszellen in die Hodenanlage des männlichen Embryo und macht erst während dieses Prozesses aus einem Embryo, der noch Frau oder Mann werden kann, durch die Unterdrückung der weiblichen Anlagen den Mann. Bisher kannte man zwei Funktionen des Y-Chromosoms, die im Hoden angelegt sind: die Bildung von Testosteron, dem männlichen Hormon, und die Herstellung und Ausreifung von Samenzellen, die Spermien. Die möglichst umfangreiche Verteilung möglichst vieler Spermien wurde ja dem Mann als Hauptdaseinszweck auf Erden untergeschoben und nach diesem Muster verhalten sich heute noch viele von uns. Um dies zu erreichen, muss man (n) sich aber durchsetzen und hierfür beschert ihm das Y-Chromosom seine zweite Funktion, die Testosteronproduktion, die uns aggressiv macht und unsere Sexualität bestimmt. Aggressivität und Sexualität sind also beim Mann immer eng verbunden. So weit, so gut. Dann war ja alles im Lot und die Weltgeschichte könnte so weitergehen, männliche Sexualität, Macht und Gewalt haben die Geschichte im Griff, Geschichte ist sowieso männlich, uns ficht nichts an, keine Religion, keine Philosophie, keine Gesellschaftslehre, keine Staatsform.
Oups, und wenn das alles vielleicht doch nicht stimmen sollte, wenn unser Y-Chromosom schlapp macht, haben wir doch nur das eine? Die Frau hat zwei ihrer X-Chromosomen, das eine kann Schwächen des anderen ausgleichen. Wir Männer haben nur unser eines Y-Chromosom und dies ist mit sich allein. Im Mai 2003 wurde die genetische Struktur des Y-Chromosoms durch Page publiziert (Literatur) und seitdem beginnt in der Neuzeit die zweite Bescheidenheit des Mannes, die noch fundamentaler ist als die erste. Diese war die Einführung der Verhütungspille, welche die Frau aus der biologischen Abhängigkeit vom Mann befreite. Dass es aber nun gar umgekehrt sein soll, dass die Frau nicht aus dem Mann gemacht sei, sondern sein einsames Y-Chromosom große Bruchstücke des weiblichen X-Chromosoms enthält, erschüttert unser Selbstverständnis nachhaltig. Das X-Chromosom, mit dem die gegenwärtige Frau weltweit lebt, ist vor ca. 150.000 Jahren entstanden, seitdem ist die Natur sozusagen mit der Frau „zufrieden“. Das gegenwärtige Y-Chromosom ist aber erst 25.000 Jahre alt: ist die Natur mit dem Mann „unzufrieden“, bewährt er sich im Darwin’schen Sinne nicht, muss die Natur den Mann noch „ausprobieren“ oder, was viel schlimmer wäre, geht das Y-Chromosom mit der Zeit kaputt, verschwindet der gegenwärtige Mann wieder aus der Welt und wenn, wie wird dieser Mann auf dem Rückzug aussehen?
Schon seit Jahrhunderten stirbt der Mann früher als die Frau und schuld ist sein Y-Chromosom, wahrscheinlich, weil das von ihm verantwortete männliche Hormon Testosteron das männliche Gehirn auf Aggression gegen andere und auch vor allem gegen sich selbst trimmt; aber schon im Mutterleib und ebenfalls schon vor der Pubertät ist der frühe Tod des männlichen Geschlechts programmiert. Wenn also nicht nur Testosteron uns unsere Unschuld verlieren lässt, was macht das Y-Chromosom noch? Es codiert eben nicht nur für männliche Samenzellen, obwohl die Hälfte der Gene des Y-Chromosoms im Hoden damit beschäftigt ist, es gibt noch 30 weitere Gene, deren Funktion noch gar nicht ganz geklärt ist. Es ist sicher, dass bestimmte Gehirnregionen, welche Emotionen verarbeiten, so zum Beispiel der berühmte Mandelkern, - die Amygdala – unter dem Einfluss von Y-Chromosom-Genen steht. Obwohl jung-kastrierte Männer länger leben als ihre nicht verstümmelten Altersgenossen, bestimmt das Y-Chromosom unser Lebensschicksal, Fühlen, Denken und Handeln mehr als bisher bekannt. Wie schafft das einsame und partnerlose Chromosom seinen mächtigen Einfluss, vor allem eben wird es überleben? Noch bis vor wenigen Monaten glaubte man, dass der größte Teil des Gen-Materials außerhalb der Hoden-Gene sogenannter „junk“, evolutionärer Abfall sei, aber seit der Strukturaufklärung des Gens öffnet sich ein wahres Wunderwerk. Während andere Gene eine zufällige Abfolge ihrer Bausteine aufweisen, hat das Y-Chromosom sieben riesige Chromosomenabschnitte, die sich alle gleichen wie eine Kopie von sich selbst, sogenannte Palindrome, und diese lassen sich wie Spiegelwörter vorwärts und rückwärts gleich sinnvoll lesen wie zum Beispiel der Satz „Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie“, dass heißt, das Y-Chromosom hat sich durch Reparatur und Beseitigung von Schäden eine unheimlich hoch strukturierte Gen-Abfolge gegeben, die viel weniger Zufälligkeiten zulässt als bei der Rekombination anderer Gene während der sexuellen Vermehrung. Anstatt sich mit anderen Genen auszutauschen, abzugleichen und Partnerschäden zu reparieren, treibt das Y-Chromosom einem ureigenen Trieb des Mannes folgend Selbstbefriedigung, es spiegelt seine DNS an sich selbst in riesigen Spiegelsälen, kopiert sich selbst und repariert auf diese Weise seine Mutationen. 6 Millionen der 50 Millionen DNA-Buchstaben sitzen in solchen Palindromen, der häufigste Buchstabenstrang ist fast 3 Millionen lang. Damit es dem Mann nicht langweilig wird, kann sein Y-Chromosom etwas, was kein anderes Gen kann. Bei der Zellteilung kann es im Spiegelsaal Gen-Abschnitte nach einem noch unbekannten Mechanismus umlagern, schätzungsweise sind 600 DNS-Buchstaben zwischen Vater und Sohn verschieden, das ist 1.000 mal mehr als die normale Mutationsrate und mehr als nach den Mendel’schen Gesetzen erlaubt ist. Wer regelt also diesen Prozess der Vielfalt, feiert an dieser Stelle der lange in der Erblehre diskutierte Einfluss von außen die sogenannte Epigenetik von Lamarcke Auferstehung, passt der Mann sich schneller als die übliche Evolution an, sozusagen von Mann zu Mann?, ein Prozess, der in der Mendel’schen Erblehre nicht vorgesehen ist. Ich sehe in den Palindromen und dem Spiegelmechanismus des Y einen extrem lebendigen Mechanismus der Selbstanpassung. Marc Jobling von der Universität Leicester sieht darin allerdings einen Unfall der Evolution, der das instabile Y-Chromosom zum Verschwinden bringen solle und, wird man es und seinen Mann vielleicht auch gar nicht mehr brauchen? Hans Schöler ist es vor kurzem gelungen, aus männlichen Stammzellen befruchtungsfähige Spermien zu züchten, aber eben nur aus männlichen Stammzellen, während befruchtungsfähige Eier aus männlichen und weiblichen Stammzellen entstehen können.
Tod eines Virtuosen?, wie viele meinen, danach sieht es nicht aus, eher nach ewiger Jugend und der Möglichkeit, sich rasch anzupassen und dies ist es, was die Menschheit vom Mann brauchen wird, nachdem er bis jetzt für einen großen Teil des Unglücks auf der Erde verantwortlich ist – er könnte sich bessern und er wird gebraucht. Auf seine Sexualität allerdings kann man in der Fortpflanzung des Menschen wohl in einer mehr oder weniger fernen Zukunft verzichten, sie könnte zum reinen Genuss werden.
21. Oktober 2003
Prof. Dr. med. R. D. Hesch