Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03361.jsonl.gz/2927

von Oliver Kaftan
Menschen unterscheiden sich in ihrem Vermögen, mit durch innere (Gedanken, Körpersymptome) und äussere (Stress, Konflikte, positive Erlebnisse) Einflüsse erzeugten Gefühlen (z.B. Angst oder Freude) umzugehen. Wem es gelingt, diese Gefühle so zu regulieren, dass er sich wohl dabei fühlt und längerfristig eine gesunde und zufriedene Lebensweise möglich ist, der verfügt über eine gute Emotionsregulationsfähigkeit. Wem dies hingegen weniger gut gelingt, ist gefährdet, denn Defizite beim Regulieren von Emotionen sind ein bedeutsamer Faktor für die Entstehung und Aufrechterhaltung unterschiedlicher psychischer Störungen. Negative Gefühlszustände infolge eines negativen Ereignisses halten beispielsweise bei depressiven Personen deutlich länger an als bei nichtdepressiven Personen. Positive Gefühlszustände dagegen können Depressive kaum aufrechterhalten.
Seit Längerem ist bekannt, dass Kognitionen eine wichtige Rolle spielen bei der Emotionsregulation und sie entsprechend auch für die Entstehung bzw. Behandlung einer Depression relevant sind. Mit „Kognitionen“ ist zum Beispiel gemeint, welche Gedanken Personen haben, welche Bewertungen sie vornehmen und auf welchen zugrundeliegenden Überzeugungen diese fussen. Weniger erforscht ist demgegenüber die Rolle von körperlichen Faktoren wie etwa der Körperhaltung, von Gesten oder Kopfbewegungen.
In ihrer Studie untersuchten Juan Rahona von der Universität Madrid und seine Kollegen, ob Kopfbewegungen Menschen helfen können, einen negativen Gefühlszustand zu regulieren. Konkret vermuteten die Autoren, dass Personen mit stärker ausgeprägten depressiven Symptomen nach einem negativen Ereignis über eine länger anhaltende negative Stimmung berichten als Personen mit weniger stark ausgeprägten Symptomen. Dies sollte jedoch nur dann der Fall sein, wenn sie sich positive Bilder anschauen und dabei den Kopf schütteln (Verneinung). Betrachten sie dieselben positiven Bilder bei gleichzeitigem Nicken (Bejahung), sollte dies die Erholung von der negativen Stimmung begünstigen.
Um die negative Stimmung hervorzurufen, mussten sich die 42 Studienteilnehmenden drei negative Szenarien so lebhaft wie möglich vorstellen. In einem solchen Szenario hat man z.B. soeben seine Arbeitsstelle verloren und trifft am gleichen Tag einen nahestehenden Freund, dessen Freundin tödlich verunglückt ist. Um die durch diese Vorstellung hervorgerufene negative Stimmung zusätzlich zu verstärken, war die Aufgabe mit trauriger Musik untermalt („Sergej Prokofieff - Russland unter dem mongolischen Joch“). Anschliessend zeigten die Forscher den Probanden 50 positive Bilder, welche die Erholung von der negativen Stimmung begünstigten sollten. Eine Hälfte der Personen musste beim Erscheinen der Bilder den Kopf nicken, die andere Hälfte den Kopf schütteln. Um den Zweck der Kopfbewegung nicht zu verraten, teilte man allen Personen mit, dass die Studie den Einfluss des Wechsels zwischen zentralem (fovealem) und peripherem Sehen auf Gedächtnisprozesse untersucht.
Die Analyse der Daten ergab, dass sich beide Gruppen (Kopfnicker vs. Kopfschüttler) nicht in ihren anfänglichen Depressions- und Stimmungswerten unterschieden und die Vorstellungsaufgabe in der Tat zu einer Stimmungsverschlechterung führte. Besonders interessant ist nun aber, wie die Stimmung nach der Betrachtung der positiven Bilder war. Es zeigte sich, dass bei den Kopfschüttlern die Stimmung umso schlechter war, je höher die anfänglichen Depressionswerte waren. Bei den Kopfnickern dagegen konnte der anfängliche Depressionswert die Stimmung nach dem Experiment nicht vorhersagen. Schwerer Depressive fühlten sich in dieser Bedingung also nicht schlechter als leichter Depressive.
Mit anderen Worten bedeutet dies, dass die durch ein negatives Ereignis bedingte schlechte Stimmung bei Menschen mit stärker ausgeprägten depressiven Symptomen nicht grundsätzlich länger anhält. Dies trifft nämlich nur dann zu, wenn Personen beim Betrachten von positiven Dingen ihren Kopf schütteln. Nicken sie dagegen mit ihrem Kopf, können sie die Wirkung der depressiven Symptome abschwächen und ihre Fähigkeit Emotionen zu regulieren verbessern.
Allgemein könnten diese Ergebnisse einen Hinweis darauf geben, unter welchen Umständen stimmungsverbessernde Interventionen wirksam sind. Darüber hinaus zeigt die Studie auf einfache, aber nichtsdestotrotz eindrückliche Weise, wie Körper und Psyche zusammenspielen.
Literaturangaben:
Rahona, J.J., Ruiz Fernández, S., Rolke, B., Vázquez, C., & Hervás, G. (2013). Overt head movements moderate the effect of depressive symptoms on mood regulation. Cognition and Emotion, 28, 1328-1337.
Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.
Verwendung und Vervielfältigung in jeder Form, auch auszugsweise, nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Autors.