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«Ich habe nie zuvor eine Beziehung zu einer Frau gehabt. Aber Lindsay ist jemand, den ich faszinierend, umwerfend, klug, aber auch superheiss finde», sagte eine 36-jährige Fotografin kürzlich zur «New York Post». Sie ist seit Kurzem mit besagter Lindsay zusammen, der Schauspielerin Lindsay Lohan. Diese wiederum ist auch erst seit zwei Jahren lesbisch. Nach jahrelangen Männereskapaden wechselte sie überraschend das Ufer und ist seither dem weiblichen Geschlecht zugetan.
Auch andere prominente Frauen scheinen relativ offen zu sein, was ihre sexuelle Orientierung anbelangt. Cynthia Nixon, die Miranda aus «Sex and the City», verliebte sich ebenfalls von einem Tag auf den anderen in eine Frau. Und das nach 15-jähriger Beziehung zu einem Mann, dem Vater ihrer beiden Kinder.
Spontan homosexuell
Kann es sein, dass heterosexuelle Frauen sich plötzlich in eine Frau verlieben? «Ja», sagt Tim Kurt Wiesendanger, Psychotherapeut mit Spezialgebiet Homosexualität in Zürich. «Frauen sind in ihrer sexuellen Orientierung häufig variabler und offener als Männer.» Bei Männern dagegen zeige sich die sexuelle Orientierung schon im jugendlichen Alter deutlich – entweder schwul oder hetero. Es gebe zwar auch Frauen, die klar wüssten, dass sie lesbisch seien. Aber noch zahlreicher sei die Gruppe der Frauen, die eine grosse Offenheit zeigten, so Wiesendanger.
Dass Frauen in sexueller Hinsicht variabler sind als Männer, hat auch schon der Sexualforscher Alfred Kinsey herausgefunden. Vor rund 70 Jahren entwickelte er die Kinsey-Skala, die Menschen entsprechend ihrer sexuellen Orientierung in eine Skala von 1 für heterosexuell bis 7 für homoexuell einordnet. Kinsey stellte fest, dass sich die Männer stark an den Polen orientieren, wogegen Frauen scheinbar weniger fixiert sind und sich breiter auf der Skala verteilen.
Mal Frau, mal Mann
Verschiedene Studien zeigen, dass Bisexualität unter Frauen weiter verbreitet ist als bei Männern, zumindest in westlichen Industriestaaten. Je älter, desto häufiger sind bisexuelle Neigungen. In den 90er-Jahren wurden 90 Frauen bei einer Gay-Pride-Parade zu ihren sexuellen Vorlieben befragt. Etwa die Hälfte der Frauen gab an, lesbisch zu sein, ein Drittel bezeichnete sich als bisexuell, die restlichen Frauen als unentschlossen.
In den folgenden 10 Jahren wurden diese Frauen regelmässig befragt. Die Studienleiterin fand heraus, dass die meisten dieser Frauen sowohl Beziehungen zu Männern als auch zu Frauen führten. Auch Tim Kurt Wiesendanger kennt dieses Phänomen. «Für schwule Männer kommt Sex mit einer Frau meist nicht in Frage, auch nicht in der Fantasie. Frauen sind diesbezüglich häufig offener. Sie können sich – zumindest in ihrer Fantasie – häufig vorstellen, Sex mit Männern zu haben, obwohl sie eigentlich lesbisch sind.»
Frauen geben vorerst dem Druck nach
Bei Männern ist der spontane Wechsel zum Schwulsein weniger häufig verbreitet. Bei männlicher Sexualität spielt die Penetration oft eine entscheidende Rolle. Frauen erleben Sexualität oft ganzheitlicher. Was für sie erfüllend und eben auch mit einer Frau möglich sein kann, ist für Männer oft erst das Vorspiel. Das ist ein entscheidender Faktor, dass Frauen eher spontan eine homosexuelle Beziehung eingehen als Männer.
Doch wie kann es sein, dass Frauen scheinbar von heute auf morgen ihre sexuelle Orientierung wechseln können, fast wie ihr Styling? Für Tim Kurt Wiesendanger ist die Erklärung relativ simpel: «Der gesellschaftliche Druck geht auch im Jahr 2010 immer noch in Richtung Heterosexualität. Dadurch geben Frauen, die in ihrer sexuellen Veranlagung eher offen sind, vorerst dem Druck nach und gehen eine Beziehung zu einem Mann ein.»
Von heute auf morgen mit einer Frau durchgebrannt
So ist zu erklären, dass Frauen plötzlich, oft auch nach der Geburt ihrer Kinder, ihre lesbischen Gefühle zulassen und sich in eine Frau verlieben. Die Männer müssen sich nun aber nicht fürchten, dass ihre heterosexuelle Frau oder Freundin von heute auf morgen mit einer Frau durchbrennt. «Es ist zwar möglich, dass eine Frau plötzlich ihre lesbische Seite entdeckt, aber oft ist die Tendenz zur Bisexualität schon früher da.»
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)