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Alfred Ziltener, Die Südostschweiz (18.03.2008)
Am Sonntag hat im Luzerner Theater die Schweizer Erstaufführung von Benjamin Brittens Operette «Paul Bunyan» Premiere gefeiert. Stück und Aufführung überzeugten durch musikalisch hohe Qualität.
Rick Stengårds dirigierte bereits eine Inszenierung von Nicholas Broadhurst, die letztes Jahr bei den Bregenzer Festspielen herausgekommen ist. Benjamin Brittens (1913-1976) kaum bekannte Operette «Paul Bunyan» mit einem Libretto des englischen Dichters Wystan Hugh Auden (1907-1973) ist ein musikalisch ausgesprochen vergnügliches Stück. Die Kritiken zur New Yorker Uraufführung 1941 waren jedoch vernichtend. Britten zog sein Werk in der Folge zurück. Erst 1973 erlaubte der britische Komponist und Dirigent seinem Lebenspartner, dem Tenor Peter Pears (1910-1986), Ausschnitte daraus öffentlich vorzutragen. Eine konzertante Aufführung überzeugte Britten schliesslich, die Operette freizugeben. Beim von ihm begründeten Aldeburgh-Festival wurde sie dann 1977 wieder gespielt. Britten allerdings war im Jahr zuvor bereits gestorben.
Witz und Eleganz
Der Riese Paul Bunyan ist eine Figur des amerikanischen Mythos. Zusammen mit einem Holzfällertrupp rodet er den Urwald, lässt das gewonnene Land bebauen und bringt den Menschen so die Zivilisation. Nachdem er in Amerika eine moderne Gesellschaft begründet hat, zieht er weiter. Diese Geschichte erzählen die Autoren weitgehend mit Humor und einer Prise Ironie. Im Theater Luzern wird die deutsche Übertragung Erich Frieds gespielt, die viel vom Witz und der Eleganz der Vorlage bewahrt.
Britten hat eine farbenreiche, vielfältige, emotional sehr direkte Musik komponiert, in der neben ohrwurmtauglichen Balladen Opernparodien und effektvoll gebaute Chorszenen stehen. Sie hat nichts mit der europäischen Operette, ihren Walzern und Cancans zu tun. Dafür ist der Einfluss der amerikanischen Opern Kurt Weills (1900-1950) deutlich spürbar.
Brave Arrangements
Problematisch wird Brittens Werk, wo Bunyan messianische Züge erhält, etwa in der Ankündigung seiner Geburt durch drei Wildgänse und bei seinem Abschied. Im schnulzigen Finale der Operette bahnt sich ein Führerkult an, wie jener, der zur Zeit der Uraufführung die Welt ins Chaos gestürzt hatte.
Diese Doppelbödigkeit des Sujets interessiert das Luzerner Produktionsteam jedoch nicht. Die von Birgit Kronshage einstudierte Regie betet konsequent die Story nach und kommt über brave Arrangements nicht hinaus. Die Ausstattung nimmt immerhin das Augenzwinkern der Autoren auf. Da werden die Wildgänse zu Flight Attendants und im Holzfällerlager taucht ein völlig deplatzierter livrierter Hotelboy als Telegrammbote auf (Kostüme: Timo Dentler und Okarina Peter). Zentrales Element der Bühne ist ein Baum, dessen mächtiger Stamm sich gelegentlich zu neuen Spielräumen öffnet. Am Schluss verwandeln sich die sichtbaren Jahresringe in einen Strichcode - Symbol für die vom heutigen Amerika dominierte kapitalistische Warenwelt.
Homogene musikalische Leistung
Erfreulich ist die musikalische Seite der Luzerner Aufführung. Für das personenreiche Stück hat das Luzerner Theaterhaus sein gesamtes Opernensemble, Chorsolisten, Chor und Extrachor aufgeboten. Sie erbringen eine homogene, hoch achtbare Leistung. Der Riese Bunyan ist auf der Bühne nicht sichtbar, doch seine Stimme tönt aus dem Zuschauerraum. Der Schauspieler Christoph Künzler gibt der Sprechrolle überzeugendes Profil. Das Luzerner Sinfonieorchester bringt die Partitur klangvoll und mit hörbarem Spass zu mitreissendem Leben. Das Publikum bei der keineswegs ausverkauften Premiere am Sonntagabend zeigte sich jedenfalls angetan und bedankte sich mit einem langanhaltenden Applaus.