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| Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)

Elfte Unterredung, welche die erste des Abtes Chäremon ist über die Vollkommenheit.
4. Von dem Abte Chäremon und seiner Entschuldigung in Betreff der verlangten Belehrung.
Es wollte uns nun der gottselige Archebius zuerst zu Chäremon führen, der näher bei seinem Kloster und älter [S. 12] war als die beiden Andern. Denn obwohl er Das hundertste Lebensjahr voll geistiger Frische überschritten hatte, so war doch sein Rücken durch Das Alter und Das beständige Gebet so gekrümmt, daß er gleichsam zum ersten Kindesalter zurückgekehrt war und mit herabhängenden und bis zur Erde ausgestreckten Händen einherging. Als wir nun Antlitz und Gang desselben verwundert anblickten, — denn er hatte ja trotz der ganz gebrechlichen und abgetödteten Glieder die frühere strenge Buße nicht aufgegeben, — als wir ferner ihn um Unterredung und Belehrung demüthig baten und betheuerten, daß nur die Sehnsucht nach geistlichen Unterweisungen Ursache unserer Ankunft sei: da seufzte Jener tief und sprach: „Was kann ich Euch an Lehre bieten, da die Schwäche des Greisenalters sowohl die frühere Strenge lähmte, als auch die Sicherheit im Reden nahm? Oder wie soll ich mir herausnehmen, zu lehren, was ich selbst nicht thue, und einen Andern in dem unterweisen, was ich selbst, wie ich wohl sehe, bereits zu wenig und zu lau übe? Ich habe deßhalb nicht geduldet, daß ein Jüngerer bis zu diesem Alter mit mir zusammenwohne, damit nicht durch mein Bespiel die Strenge eines Andern nachlasse. Denn nie wird der Einfluß des Lehrenden wirksam sein, wenn er ihn nicht durch die Kraft seiner That im Herzen des Hörenden festigt.“