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Der tschechische Theologe Tomáš Halík ist einer der bedeutendsten religiösen Autoren der Gegenwart. 1948 geboren, wurde er 1978 heimlich in der damaligen DDR zum Priester geweiht und war enger Mitarbeiter von Kardinal Tomášek und Vaclav Havel. Er ist Professor für Soziologie an der Karls-Universität Prag und Pfarrer der dortigen Akademischen Gemeinde.
Nach mehreren Bestsellern legt Halík nun eine Art Alterswerk vor, an dem er vor allem während der Corona-Jahre gearbeitet hat. Es trägt den Titel «Der Nachmittag des Christentums. Eine Zeitansage». Darin analysiert er die aktuelle Lage des Christentums und der Kirchen, kritisiert Klerikalismus, Isolationalismus und Provinzialismus in der Gesellschaft. Immer wieder greift Halík dabei das berühmte Zitat von Papst Franziskus auf: «Wir leben nicht in einer Ära des Wandels, sondern erleben den Wandel einer Ära» und erklärt, was dieser Wandel für den Westen bedeute: Das Christentum stecke in einem «Mittagstief», das lähme, wodurch der christlichen Religion die Kraft fehle, prägend auf die Gesellschaft einzuwirken. In seinem Buch zeigt Halík dann Möglichkeiten auf, wie die Kirchen Westeuropas zu einem reiferen Christentum kommen könnten, das endlich seine Bestimmung für die Welt erfülle. Er wünscht sich eine neue leidenschaftliche Spiritualität, die eine dritte Aufklärung einläute und echte »Weggemeinschaft« mit den Menschen sei.
Vom Nachmittag spricht Halík in Anlehnung an den Zürcher Psychoanalytiker C.G. Jung, der das Leben des Menschen mit einem Tagesablauf vergleicht. Der Nachmittag steht für die Zeit nach der Mittagskrise und Halík beschreibt ihn so: «Der Nachmittag des Lebens ist ein Kairos, eine Zeit, die für die Entfaltung des geistigen Lebens günstig ist. Eine Gelegenheit, den Reifungsprozess seines ganzen Lebens zu vollenden.» Auf die Geschichte des Christentums übertragen, endet die Jugend des Christentums mit dem Beginn der Moderne; die Mittagskrise beginnt mit der Neuzeit; ihr «Epizentrum» verortet er in Mittel- und Westeuropa und ist überzeugt, dass «wir heute an der Schwelle zum Nachmittag des Christentums stehen». Nach Halík hängt jetzt alles davon ab, ob dieses Tief zur Resignation und zum Rückzug führt oder ob darin der Anfang einer kraftvollen, neuen, «nachmittäglichen» Epoche des Christentums liegt.
So spannend Halíks Metapher auch ist, sie macht gleichzeitig nachdenklich, denn Halík hat keine weiterführenden Ideen, was diesem Nachmittag des Christentums zu neuer Kraft verhelfen soll. Vielmehr empfiehlt er eine Renaissance der «Katholischen Reform», also der Mystik der Teresa von Avila, des Johannes vom Kreuz und des Ignatius von Loyola: «Gott suchen und finden in allen Dingen».