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Bis anhin sah es so aus, als würde der Übergang zu sauberer Energie mit wirtschaftlichen Nettokosten verbunden sein. Dies vor allem deshalb, weil erneuerbare Energiesysteme mitsamt den erforderlichen Speichern in Bau und Betrieb nach wie vor leicht teurer sind als fossile Systeme.
Selbst der Weltklimarat (IPCC) prognostizierte unlängst, dass Klimaschutz das Wirtschaftswachstum um etwa 0,04 Prozent pro Jahr bremsen würde.1 Zum Vergleich: Jemand, der 100'000 Franken verdient, würde bei einem Wirtschaftswachstum von zwei Prozent im nächsten Jahr 102'000 Franken verdienen, aber nur 101'960 Franken mit einer starken Klimapolitik. Das Bundesamt für Energie kommt für die Schweiz zu einem ähnlichen Schluss: Eine kürzlich veröffentlichte Studie geht von einem geringen Rückgang des Wachstums aus.2
Das bedeutet: Um den Umbau des Energiesystems ökonomisch zu rechtfertigen, muss man bislang die Folgekosten des Klimawandels – oder den wirtschaftlichen Nutzen aus dessen Vermeidung – hinzuziehen. Es gibt jedoch Gründe zur Annahme, dass der erneuerbare Umbau bereits für sich selbst gewinnbringend ist, auch ohne Klimafolgen zu berücksichtigen.
Um die Kosten des Klimaschutzes zu prognostizieren, stützten sich der IPCC und viele andere auf integrierte Bewertungsmodelle (Integrated Assessment Models, IAMs). Diese Modelle sehen vor, dass Menschen stets in die günstigste Energie investieren, und dass es ansteigende Kohlenstoffsteuern braucht, um kohlenstoffarme Technologien zu fördern. IAMs rechnen daher mit geringen Investitionen in relativ teure Erneuerbare – früher waren dies Solar- und Windenergie, heute etwa synthetische Treibstoffe. Investiert wird erst, wenn die Kohlenstoffsteuern hoch sind. Doch hohe Steuern führen zu höheren Verbraucherpreisen, was das Wirtschaftswachstum dämpft.
Empirisch begründete Kostenprognosen
Die Realität sieht jedoch anders aus. Die Investitionen in Solar- und Windenergie waren weitaus höher als von IAMs vorhergesagt, und die erreichten Kostensenkungen sind viel grösser. Zudem kamen weniger Kohlenstoffsteuern, sondern vermehrt Subventionen und Vorschriften zum Einsatz, welche die Energiepreise in der Regel weniger stark verzerren.3
Was wären die volkswirtschaftlichen Auswirkungen, wenn sich diese Trends fortsetzen würden?
Im Energy Science Center (ESC) der ETH Zürich haben wir dies für den Umbau des Schweizer Energiesystems und die Umsetzung des Netto-Null-Ziels untersucht.4 Unter Berücksichtigung der erforderlichen Investitionen hierzulande und in den Nachbarländern haben wir die Strommarktpreise und die Handelsströme simuliert und die Kosten eines klimaneutralen Energiesystems bis 2040 in Szenarien verglichen.
Szenario «stabile Integration»
Zunächst nahmen wir an, dass die Schweiz im europäischen Stromnetz integriert bleibt. Unsere Marktsimulation ergab, dass die Schweiz im Sommer weiterhin Strom exportieren und im Winter importieren würde, bei leicht ansteigenden Netto-Stromimporten. Die Strompreise würden sinken, aber die Gesamtausgaben für Strom würden um etwa 0,5 Milliarden Franken steigen, weil wir mehr Strom benötigen um bis 2040 einen Grossteil des Erdöls und Erdgases (für Verkehr und Heizen) zu ersetzen.
Durch den sinkenden fossilen Verbrauch würden wir rund 2,5 Milliarden Franken einsparen, selbst wenn man die zusätzlichen Kosten für synthetische Treibstoffe einberechnet. Unter dem Strich ergäben sich bis 2040 jährliche Einsparungen von rund 2 Milliarden Franken oder rund 200 Franken pro Person im Vergleich zu heute.
Szenario «begrenzter Stromhandel»
In einem zweiten Szenario gingen wir davon aus, dass es der Schweiz nicht gelingt, die für den Verbleib im europäischen Strommarkt notwendigen Verträge abzuschliessen, was zu einem eingeschränkten Handel führt. Wir müssten dann mehr in die erneuerbare Stromproduktion investieren, vor allem für den Winter. Im Vergleich zum ersten Szenario wären die Stromkosten um etwa 40 Prozent höher. Wegen den Einsparungen bei den fossilen Energieträgern würden die Gesamtenergiekosten aber immer noch sinken.
Unsere Resultate4 sind noch nicht von einem Fachmagazin begutachtet worden. Sie stimmen aber mit den Ergebnissen einer Studie der Universität Oxford überein, die kürzlich publiziert wurde.5 Die Forschenden gingen wie wir von einer Fortsetzung der aktuellen Trends aus und kamen zu Schluss, dass die erwarteten Energiekosten im Netto-Null-Szenario bis 2040 um 20 Prozent sinken würden im Vergleich zu einem Szenario ohne Energieumbau.
Zwar haben weder mein Team noch die Oxford-Forschenden die Auswirkungen der Kosteneinsparungen auf die Wirtschaftsleistung berechnet – es ist aber naheliegend, dass das Wachstum aufgrund der niedrigeren Energiekosten schneller und nicht langsamer wäre.
Geringe Differenz bei geändertem Vorzeichen
Dank realistischerer Modelle und besserer Daten deuten die beiden Studien darauf hin, dass Klimaschutz für die Wirtschaft und die Umwelt eher eine Win-Win-Situation als einen Zielkonflikt darstellt.
Zugegeben, die positiven Effekte auf die Wirtschaft sind gering. Ich sehe die Hauptmotivation für stringenten Klimaschutz nach wie vor in der Vermeidung katastrophaler Klimafolgen als bei unseren Bankkonten.
Aber: Diese Effekte zeigen sich nun als ökonomischer Nutzen – und nicht als Kosten. Selbst für Verfechter eines uneingeschränkten Wirtschaftswachstums sollte eine rasche Dekarbonisierung nun attraktiv sein.