Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03498.jsonl.gz/2126

cash.ch: Trotz hoher Inflation haben Unternehmen ihre Gewinnmargen auf den höchsten Stand seit Jahrzehnten gesteigert. Werden Unternehmen weiterhin in der Lage sein, übermässige Gewinne zu erzielen, die Sie mit 'Greedflation' definieren, und die Aktionäre bei Laune halten?
Albert Edwards: Der Wandel kommt. Die Zentralbanken erzwingen diesen Richtungswechsel, indem sie die Nachfrage dämpfen, was eine starke Waffe im Kampf gegen diese Art von Inflation darstellt. Sogar die EZB hat kürzlich einen Bericht veröffentlicht, der besagt, dass ein grosser Teil dieser 'Greedflation' von Unternehmen kommt, die ihre Gewinnmargen überproportional gesteigert haben. Und das sehen wir nicht nur in den USA.
Aus diesem Grund haben die Zentralbanken die Zinsen in den letzten 15 Monaten so stark erhöht?
Es ist ein sehr effizienter Weg, um Unternehmensgewinne mit längerfristigen Trends in Einklang zu bringen. An sich ist es ein stumpfes Werkzeug, aber letztendlich funktioniert es immer. Allerdings gibt es hier zwei Dinge zu beachten. Da ist ein zyklisches als auch ein strukturelles Element.
Das zyklische Problem ist eine mögliche Rezession?
Eine Rezession wird die Inflation tatsächlich töten. Die Inflation wird jedoch ohnehin zurückgehen, weil auf Jahresbasis die Ölpreise, Rohstoffkosten und Lebensmittelpreise weltweit um 20 bis 30 Prozent gesunken sind. Die Gesamtinflation wird auf nahe Null zusammenbrechen. Offensichtlich beschleunigen die starken Zinserhöhungen den Prozess zur Senkung der Inflation.
Auch die Geldmenge bricht zusammen. Was sind die Auswirkungen angesichts der Tatsache, dass die Inflation viel niedriger ausfallen wird?
Die Vermögensverwalter, die letztes Jahr eine höhere Inflation prognostiziert hatten, erwarten nun Deflation. Sie argumentieren, dass die Zentralbanken zu viel getan haben. Dies wird nicht nur die Inflation, sondern auch die Gewinnmargen senken. Die 'Greedflation' hat jedoch so geschadet, dass der Populismus allgemein auf dem Vormarsch ist, wie wir in vielen Ländern sehen können.
Hat Quantitativen Lockerung (QE) im letzten Jahrzehnt auch zum Populismus beigetragen?
Wir haben einen wachsenden Populismus mit der Globalisierung und der quantitativen Lockerung (QE) gesehen, weil die sehr lockere Geldpolitik die Ungleichheit nach der Finanzkrise im Jahr 2008 erhöht hat. Wir haben seitdem auch eine sehr restriktive Fiskalpolitik gesehen, insbesondere in Europa. Die Leute sind wütend und das ist ein Problem für die Politiker. QE war gut für die Aktionäre, aber duch die Schaffung von Inflation ist dies genau der Grund, warum die politischen Entscheidungsträger die Zinsen jetzt bis zu dem Punkt erhöhen, an dem die Wirtschaft zusammenbrechen könnte. Das wird sicherlich nicht gut für die Aktionäre sein.
Wenn also die Inflation wieder Richtung null tendiert, werden die Zinsen im nächsten Jahr auch wieder nahe null stehen?
Ja, ich denke schon. Aber das ist nur die zyklische Komponente. Vor der grossen Finanzkrise habe ich über die kommende 'Eiszeit' geschrieben, die im Grunde ein Zyklus säkularer Stagnation mit Anleiherenditen nahe null oder sogar negativ ist. Das bedeutete , dass Wachstumswerte und defensive Aktien gegenüber Value-Titeln und zyklischen Aktien gut abschneiden würden - ähnlich wie das in Japan mit seiner Stagnation passiert ist. Jetzt prognostiziert der Internationale Währungsfonds (IWF), dass wir zu diesen sehr niedrigen Zinssätzen zurückkehren werden, sobald die Inflation aufgrund der Demografie und der niedrigen Produktivität zu verschwinden scheint. Das war auch meine Grundthese, aber jetzt hat sich meine Ansicht geändert. Ich glaube jetzt, dass die Kerninflation mittelfristig aus säkularer Sicht länger hoch bleiben wird.
Wieso wird die Kerninflation höher bleiben?
Die Zinsen werden wegen der Rezession sinken. Der Hedgefonds-Manager Bob Prince von Bridgewater wies darauf hin, dass die Märkte nicht erkennen, dass die Rezession kein Heilmittel gegen die Inflation ist. Die Gesamtinflation wird daher zusammenbrechen, aber die Kerninflation wird vielleicht nur auf drei Prozent sinken. Denn im darauf folfenden, nächsten Zyklus wird die Inflation wieder steigen. Es wird ein bisschen wie in den 70er-Jahren sein, wenn es später eine zweite aggressive Verschärfungsrunde bei den Zinsen geben wird. Ich nenne diese neue Periode die 'grosse Schmelze'. Die Inflation bleibt klebrig - so etwas wie ein riesiges Schweizer Fondue.
Gibt es neben der Inflation noch andere Faktoren, die zu einer Senkung der Zinssätze führen?
Aus konjunktureller Sicht ja, aber aus säkularer Sicht sind es definitiv die Investitionen und überschüssige Ersparnisse. Während der Pandemie haben wir den Rubikon mit der direkten Finanzierung von Steuerausgaben überschritten. Für mich ist das fiskalischer Wahnsinn kombiniert mit monetärem Wahnsinn. Die Nullzinspolitik und QE haben an der Wall Street und führenden Aktienmärkten zu einer 'Alles-Blase' verholfen. Jetzt, besonders in Amerika während der Pandemie, wurde QE mit fiskalischen Massnahmen in die Main Street injiziert.
Die Zentralbanken straffen aggressiv. Wird die Fiskalpolitik folgen?
Ich glaube nicht, dass das in Europa passieren wird. Wenn man mit der Steuer- und Geldpolitik zu locker umgeht, geraten wir in eine Situation wie in Grossbritannien mit einer enormen Alles-Blase. Ein Hauptgrund dafür waren die überschüssigen Ersparnisse. Dies ändert sich jetzt, da Investitionen als Inflationstreiber dominanter werden.
Können Sie das erklären?
Die Investitionen werden aus fünf Gründen viel höher sein als die überschüssigen Ersparnisse. Erstens waren die Lieferketten zu lang, zweitens werden die Verteidigungsausgaben steigen, drittens werden die Investitionen in den Klimawandel weiter zunehmen, viertens wird die Ungleichheit zu mehr öffentlichen Investitionen führen und das fünfte Argument ist, dass die Unternehmensinvestitionen aufgrund von Engpässen auf dem Arbeitsmarkt höher sein werden. Zusammen mit der schwachen demografischen Entwicklung denke ich, dass der IWF zu Recht wieder viel niedrigere Zinsen prognostiziert. Dies ist jedoch ein zyklisches Problem und kein säkulares, wie wir es in den 70er Jahren gesehen haben.
Wie werden Regierungen Einfluss nehmen und die Investitionen vorantreiben?
Wir sehen sowohl in Asien als auch in Europa, dass Regierungen die Banken in Klimaschutz- und Green-Deal-Investitionen drängen. Während der Covid-Krise haben wir gesehen, wie Regierungen Banken Garantien gewährten, damit sie Unternehmen und Konsumenten Kredite gewähren konnten. Wir brauchen kein QE, sondern Geschäftsbanken, um Kredite zu vergeben. Russell Napier hat skizziert, wie Regierungen mit Geschäftsbanken zusammenarbeiten, sodass Kredite in den von Regierungen gewählten Sektoren sehr schnell expandieren.
Wenn Regierungen Einfluss auf Banken und Investitionen nehmen, könnte dies inflationär sein?
Wenn Sie an die Ineffizienz von Investitionen denken, liegen Sie richtig. Nehmen Sie Grossbritannien, wo die Regierung in den 70er Jahren in Autohersteller investierte, die Autos von ganz schlechter Qualität produzierten. Ein weiterer Punkt ist, dass die quantitative Lockerung zur Explosion der Silicon Valley Bank geführt hat, die nicht wusste, was sie mit dem verfügbaren überschüssigen Bargeld anfangen sollte. Man kann auch sagen, dass Zentralbanken, wenn sie zu stark eingreifen, eine schlechte Kapitalallokation schaffen. Und für die Inflation ist der Schub überschüssiger Ersparnisse in Green-Deal-Investitionen inflationär. Wenn Sie diese überschüssigen Ersparnisse entfernen, könnte dies inflationär sein, selbst wenn dies eine 'gute Inflation“ durch Investitionen in den Klimawandel sein könnte.
Mit der erneuten Beschleunigung der Inflation und diesem neuen Investitionszyklus verheisst dies wieder Gutes für die Unternehmensgewinne?
Das ist richtig. Die Aktienmärkte werden jedoch nicht von den gleichen Faktoren nach oben getrieben wie in den vergangenen Jahren, als Wachstumswerte und vor allem Technologie-Aktien stark von niedrigeren Anleiherenditen profitierten. Auf langfristiger Basis sind Value-Aktien jetzt angesagt, auch wenn sich Tech-Aktien in diesem Jahr auf zyklischer Basis ziemlich gut entwickelt haben. Aber es ist klar, dass Technologie in der nächsten Rezession schlecht abschneiden wird. Tech-Investoren haben die Auswirkungen einer Rezession seit 2008 nicht mehr erlebt. Die Anlegerinnen und Anleger werden in der Rezession feststellen, dass Tech-Aktien keine Wachstumsaktien sind, sondern zyklische Aktien mit der falschen Bewertung. Ich habe auch erwartet, dass dies den US-Aktienmarkt angesichts der im nächsten Jahr bevorstehenden Rezession stark belasten wird. Wir werden daher eine grosse Rotation in defensivere Aktien sehen.
Anleger sollten vermutlich in Aktienmärkte investieren, die weniger abhängig von Tech-Aktien sind?
Absolut. Interessant ist, dass 'nicht-zyklische' Verbraucheraktien wie Lebensmittelhersteller in Zukunft enorm teuer bewertet sein können, weil die Investoren aufgrund der Implosion von Technologieaktien nach einem sicheren Hafen suchen.
Ihr Portfolio ist zu 50 Prozent in Anleihen gewichtet. Werden Anleihen in den kommenden Monaten Aktien übertreffen?
Die Strategen werden die Ansicht des IWF annehmen, dass die Inflation vorübergehend war, auch wenn die Übergangszeit etwas länger war als erwartet. Anleihen werden sehr gut abschneiden. Wir werden jedoch nur ein höheres Tief im Vergleich zu den Tiefständen der Renditen 10-jähriger US-Staatsanleihen von 0,6 Prozent im Jahr 2022 sehen. Vielleicht gehen wir zurück zu einer Rendite von einem Prozent. Ich denke auch, dass das Quantitative Tightening (QT) ebenfalls bald der Vergangenheit angehören wird. Aus Aktiensicht haben Anleger deshalb jetzt ein Zeitfenster, um sich stärker in einem wertorientierten Portfolio mit defensiven Value-Aktien und Industrietiteln zu positionieren - einschliesslich eines erhöhten Rohstoffengagements.
Sind Rohstoffe eine gute Investition, wenn wir mit einer Rezession konfrontiert sind?
Es ist möglich, dass wir einen sehr moderaten konjunkturellen Abschwung haben. Dies ist die Gelegenheit, den Rohstoffanteil in der gesamten Vermögensallokation zu erhöhen. Es sind nicht nur Öl-Werte aufgrund von Unterinvestitionen, die man hier berücksichtigen muss. Die Rohstoffe wie Metalle werden auch in der grünen Klimawende benötigt. Wir haben hier also auch ein säkulares Argument. Wie weit Rohstoffe zuerst fallen wegen der Rezession, ist schwer vorherzusagen.
Der britische Aktienmarkt hat ein hohes Engagement in Bergbau- und defensiven Aktien. Ist dies ein Markt, in den investiert werden soll?
Der britische Aktienmarkt ist sehr stark unterrepräsentiert und die Investoren lieben den Markt nicht, um es mal so zu sagen. Ein wichtiges Argument ist allerdings, dass das Britische Pfund Sterling jetzt viel stärker und stabiler ist. Das ist positiv. Aber es braucht einen Auslöser wie Performance, damit sich das ändern könnte. Momentum und damit Momentum-Investoren werden benötigt, da Investoren stark auf Liquiditätsniveaus und Geldflüsse achten. Mit der Performance folgt Geld - es ist ein bisschen wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Und ja, das säkulare Setup könnte ein guter Ausgangspunkt sein.
Die europäischen Aktienmärkte haben sich in den letzten 12 Monaten mit gesunden Geldflüssen sehr gut entwickelt und die Dynamik sieht gut aus. Wird diese Rallye fortgesetzt?
Im Vergleich zum US-Aktienmarkt ist der europäische Markt aufgrund der Zusammensetzung sehr günstig. In den USA ist es noch ein langer Weg, um die Tech-Dominanz im S&P 500 Index abzubauen. Daher kann Europa die USA selbst in einem Umfeld mit künftig niedrigeren Anleiherenditen übertreffen.
Albert kam im November 2007 als Global Strategist zu Société Générale, nachdem er zuvor fast 20 Jahre lang eine ähnliche Position bei Dresdner Kleinwort inne hatte. Albert begann seine Karriere 1983 als Ökonom bei der Bank of England. Er ist vor allem dafür bekannt, dass er seit 1997 ein extremer Aktienbär (und Anleihebulle) war und der Zentralbankpolitik im Vorfeld äußerst kritisch gegenüberstand das Platzen der Kreditblase.
1 Kommentar
Die Zentralbanken werden sich in diesem Jahrhundert nicht noch einmal von den Politikern an die Wand spielen lassen und die Politiker sollten ihre Hausaufgaben in Form von Preiskontrollen machen und nicht noch die Inflation durch Panikkäufe und untaugliche Preismechanismen weiter anfachen.
Die kleinen Leute brauchen Geld in der Tasche und zwar reichhaltig dann gibt es auch keine Defizite mehr.