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Historisches Bijou an der Limmat
Modernistische Purifizierung
Willy Boesigers architektonischer Eingriff war in den 1930er-Jahren radikal. Er nutzte das urbane Potenzial des Platzes, indem er das erdgeschossige Café auf den Platz hinaus erweiterte. Daneben positionierte er den Eingang des ersten «cinéma d’art et d’essay» der Stadt, das Kino Nord-Süd, von seiner Partnerin Anna Indermauer geleitet. Hier liefen zu Beginn Filme, die Indermauer auf dem Schwarzmarkt erstand, weil sie über offizielle Bezugsquellen nicht erhältlich waren. Architektonisch ersetzte Boesiger zudem die Plastizität der neoklassischen Bauelemente durch glatte Flächen. Er integrierte im Erdgeschoss und im Mezzanin bündig eingesetzte, grossformatige Fenster in Anlehnung an die Formensprache des damals aufkommenden Neuen Bauens. Ein Grossteil des klassizistischen Fassadendekors der vier oberen Etagen liess er abschlagen und monochrom streichen, um das Volumen möglichst purifiziert erscheinen zu lassen. Limmatseitig setzte er die Schaufensterfront vor die teilweise entfernten Pilaster. Zum Schiffländeplatz wurden die zwei hinteren Achsen für den dahinter liegenden Kinoraum zugemauert und in den 1950er-Jahren mit einer Lichtreklame überdeckt.
Im Jahr 1966 modernisierte Boesiger das Café noch einmal radikal in der puristischen Strenge der damaligen Zeit, stattete es aber erneut mit den «Select»-Stühlen von Horgenglarus aus – ein unverzichtbar gewordenes Charakteristikum des Cafés. In den 1990er-Jahren wurde das «Select» einem neuen Besitzer übergeben. Dieser fühlte sich allerdings nicht mehr der reichen Tradition verpflichtet. Das Studiokino war hingegen bis 2011 in Betrieb.
Sanfte Rückführung
Nach der Übernahme der Liegenschaft im Jahr 2015 durch neue Eigentümer wurde eine Gesamterneuerung in Angriff genommen. Dabei stellte das Zürcher Büro Zanoni Architekten für das sechsgeschossige Gebäude die Frage nach einem angemessenen Umgang mit der architektonischen Substanz. Die wertvolle klassizistische Substanz, insbesondere der in seinem Ausdruck stark veränderte zweigeschossige Sockel, sollte wiederhergestellt werden. Der Vorschlag, die drei sichtbaren Fassaden wieder an der Plastizität der klassizistischen Fassadenordnung zu orientieren, fand bei Bauherrschaft und Denkmalpflege Anklang. So wurde die durch Pilaster gegliederten Fassaden neu im Sockelgeschoss wieder zum Boden geführt, was dem renovierten Gebäude einen in Volumetrie und Gliederung selbstverständlichen Ausdruck gibt. Durch eine farblich differenzierte Fassung von Pilastern, Gurten und Fenstereinfassungen erhält die Fassade wieder eine grosszügige Fernwirkung, wie sie ursprünglich die Zeit prägte, als die Liegenschaft noch Hotel war.Desolater Zustand
Im Innern war die Bausubstanz in einem desolaten Zustand. Die frühere Nutzung als Hotel war noch immer an den Räumen und an der Erschliessung mit dem zentralen Aufzug ablesbar. Für die Gesamterneuerung war deshalb eine erhebliche Eingriffstiefe gefordert. Historisch wertvoll und erhaltenswert waren vor allem das Treppenhaus, viele Holzeinheiten wie Türen und Täferungen sowie schöne Holzböden aus der Entstehungszeit. Neu enthält das Nutzungskonzept im Sockelbereich den Gastronomiebetrieb Molino auf zwei Etagen, allerdings nicht mehr zur Flussseite, sondern auf der Gassenseite unter Einbezug des ehemaligen, unter Denkmalschutz stehenden Kinoraums. Auf der Flussseite entstand neben dem neuen alten Haupteingang erdgeschossig ein Ladenlokal. Über der Sockelpartie befindet sich eine Etage mit Büros, darüber drei Stockwerke mit jeweils zwei Wohnungen. Im ausgebauten Dach haben noch einmal zwei charmante Wohnungen Platz.
Kino unter Denkmalschutz
Im Restaurant Molino war es für das Atelier Ushi Tamborriello eine räumliche Herausforde-rung, die Einflüsse des Ortes und seiner Geschichte als Kino in das Raumkonzept zu übernehmen. Der Kinosaal musste erhalten, das hohe, schmale Raumvolumen mit seiner Ausrichtung auf die Leinwand lesbar gemacht werden. Auch der charakteristischen Wendeltreppe zur einstigen Galerie wurde entsprechende Aufmerksamkeit geschenkt. Neu betont eine lange Bar aus Marmor die Längsausrichtung und führt den Blick zur Wand, wo ein grosser Spiegel an die einstige Projektionswand erinnert. Aus akustischen und auch ästhetischen Gründen wird die zweigeschossige Raumhöhe im oberen Bereich mit grünem Stoff umfasst; eine Reverenz an die textile Qualität des einstigen Kinosaals. Auch die gepolsterten Bänke nehmen diese Reverenz auf. Ergänzt wurde das Mobiliar auch hier durch die legendären «Select»-Stühle. Die Stühle, dem Zürcher Architekten Werner Moser zugesprochen und 1931 entwickelt, haben eine kreisrunde Sitzzarge und eine fast halbkreisförmige schmale Rückenlehne, die es erlaubt, die Sitzposition zu verändern. In Zusammenarbeit mit dem Atelier Ushi Tamborriello wurde des Weiteren auf Basis des «Select»-Stuhls ein Barhocker mit Rückenlehne entwickelt. Sowohl am Gebäude als auch im Innern lassen sich so viele Reverenzen an die historisch vielfältige Vergangenheit des prominent am Limmatquai liegenden Gebäudes ablesen: in den Obergeschossen, an der Fassade, am Restaurantdesign und an der Inneneinrichtung.