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Eutergesundheit
Euterentzündungen
Eutergesundheit Euterentzündungen
In der Schweiz ist jede vierte Kuh mindestens einmal pro Laktation von einer Euterentzündung betroffen. Dies führt nicht nur zur Einschränkung des Tierwohls, sondern geht zudem mit wirtschaftlichen Verlusten einher (Milchverluste, Leistungseinbussen, Medikamentenkosten, Tierarztkosten, Mehrarbeit).
Entzündung richtig einschätzen
Es treten verschiedenen Formen der Euterentzündung auf, wobei verschiedene Einstufungen vorgenommen werden können. Zum einen kann zwischen sogenannten «klinischen» und «subklinischen» Euterentzündungen unterschieden werden, zum anderen, je nach zeitlichem Verlauf, zwischen akuten und chronischen Euterentzündungen. Die erste Einteilung beruht auf der Nachweisbarkeit von Krankheitszeichen an der Kuh. Die klinische Euterentzündung äussert sich durch einen veränderten Milchcharakter (z. B. Flocken/Fetzen in der Milch, wässriges Sekret), durch Veränderungen am Euter (Schwellung, Röte, Wärme, Schmerz, Verhärtung) und kann sogar mit Störungen des Allgemeinbefindens der Kuh (z.B. Fieber, Fressunlust) einhergehen. Die subklinische Euterentzündung hingegen ist nur durch eine Milchuntersuchung beziehungsweise durch die Messung der Zellzahl feststellbar, denn ihre einzigen Zeichen sind die Erhöhung der Zellzahl (>150 000 Zellen pro ml) und meist die Besiedlung des Euters mit Infektionserregern wie Bakterien. Die Unterscheidung einer akuten von einer chronischen Euterentzündung bezieht sich auf die Zeitdauer der Infektion. Generell wird eine Infektion, die den Zeitraum von zwei Wochen überschreitet als chronisch bezeichnet. Eine Sonderform der akuten Euterentzündung ist der sogenannte «Kreuzviertel». Bei dieser Erkrankung zeigt der betroffene Viertel innert kürzester Zeit (perakut) starke Entzündungssymptome und die Kuh Allgemeinstörungen. Oftmals kann nur wenig Milch ermolken werden, welche zudem stark verändert ist (oft wässrig, vielfach mit Flocken). Der betroffene Viertel ist meist hochgradig geschwollen und sehr schmerzhaft. Die Kuh zeigt hohes Fieber (> 40 °C) und stellt oft die Futteraufnahme ein.
Ansteckung verhindern
Ursache für eine Euterentzündung können infektiöser Natur sein oder aber auch traumatisch. Durch Hornstösse oder ähnliches kann es zu sogenannten sterilen Entzündungen kommen, also ohne eine Beteiligung von Infektionserregern (z. B. Bakterien). Häufig gehen solche Entzündungen mit blutiger Milch einher, hervorgerufen durch die Verletzung eines Gefässes bzw. der Bildung eines Blutergusses (Blutfetzen in der Milch).
Weitaus häufiger sind hingegen infektiöse Euterentzündungen, die in der grossen Mehrzahl der Fälle durch Bakterien hervorgerufen werden. Die häufigsten Erreger in der Schweiz sind: Staphylococcus aureus, Streptococcus uberis, andere Staphylococcen (CNS) und E. coli.
Während insbesondere ein spezieller Typ von Staphylococcus aureus ein von Kuh zu Kuh ansteckender Erreger ist, welcher vor allem während des Melkens übertragen wird, handelt es sich bei E. coli um einen Umweltkeim, der vor allem zwischen den Melkzeiten übertragen wird. Streptococcus uberis und andere Staphylococcen nehmen eine Zwischenstellung ein und können während dem Melken wie auch zwischen den Melkzeiten übertragen werden.
In Abhängigkeit vom beteiligten Erreger variieren Therapie und Heilungsaussichten. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, bei vorliegenden Euterentzündungen nach Rücksprache mit dem betreuenden Tierarzt, Milchproben zu entnehmen und untersuchen zu lassen. Die bakteriologische Milchuntersuchung ermöglicht zudem die Feststellung der Wirksamkeit potentiell einzusetzender Antibiotika (Resistenztest). Mit diesem Vorgehen wird ein wichtiger Beitrag zur Eindämmung der Resistenzproblematik geleistet.
Milchproben richtig entnehmen
Liegt eine subklinische Euterentzündung vor, besteht kein sofortiger Behandlungsbedarf. Sollte die Zellzahlerhöhung länger als zwei Wochen bestehen oder innerhalb von zwei Milchwägungen feststellbar sein, ist das Entnehmen und Untersuchen einer Milchprobe als erste Massnahme anzuraten. Falls mehrere Kühe eines Bestandes unter subklinischer Euterentzündung leiden bzw. über längere Zeit eine Erhöhung der Tankzellzahlen festgestellt wird, sollte unbedingt der betreuende Tierarzt zu Rate gezogen werden, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden.
Für die Milchprobenentnahme empfehlen wir das Tragen von Einweghandschuhen und folgende Vorgehensweise: Zuerst drei Strahlen vormelken (in den Vormelkbecher), nachfolgend eventuell die Durchführung eines Schalmtests, falls noch unklar ist, welche Viertel beprobt werden müssen. Anschliessend erfolgt die Desinfektion der Zitzenkuppen, wobei die dem Probennehmer näheren Zitzen zuletzt desinfiziert werden, sofern mehrere Zitzen beprobt werden. Die Milchprobenentnahme erfolgt in ein steriles Milchröhrchen in umgekehrter Reihenfolge der Desinfektion. Das Milchröhrchen sollte schräg gehalten werden, um die Verunreinigung durch Staub und Schwebeteilchen zu minimieren. Das Milchröhrchen und das Innere des Deckels dürfen während der Probenentnahme die Zitze nicht berühren. Zum Schluss sollte die Probe gut verschlossen, gekühlt und so schnell wie möglich zur Untersuchung weitergeleitet werden. Je nach Ergebnis der Probe kann der betreuende Tierarzt eine gezielte Behandlung der Infektion einleiten und zu eventuell weiteren notwendigen Massnahmen beraten.
Kreuzviertel: Jetzt muss es schnell gehen
Bei einer klinischen Euterentzündung ist zu entscheiden, wie akut die Erkrankung ist. Bei einem Kreuzviertel bleibt keine Zeit für eine vorgängige Milchprobenuntersuchung. Der erkrankte Viertel muss unverzüglich durch den Tierarzt behandelt werden. In weniger schwerwiegenden Fällen sollte individuell abgewogen werden, ob eine sofortige Behandlung oder Milchprobenentnahme angezeigt ist.
Starke Milchveränderungen, Verhärtungen oder Schwellungen des Euters und nicht ausmelkbare Restmilch sprechen für eine sofortige Therapie. Aber auch hier kann es ratsam sein, eine Milchprobe zu entnehmen und tiefgekühlt zu konservieren, um eine spätere Diagnostik zu ermöglichen. Nach Beginn einer antibiotischen Therapie ist eine Milchuntersuchung nur noch sehr eingeschränkt möglich. Wenn der betroffene Viertel vollständig ausgemolken werden kann und die Milch nur wenig verändert ist, empfiehlt sich auch hier die Milchprobenentnahme und Untersuchung vor der Therapie. Im Zweifel, ob eine sofortigen Therapie notwendig ist oder nicht, berät der betreuende Tierarzt. Entscheidender Vorteil einer Milchprobeentnahme vor der Therapie, ist die Möglichkeit, die Therapie auf den festgestellten Keim anzupassen und gegebenenfalls fördernde Umgebungsfaktoren zu verändern, um zukünftigen Infektionen vorzubeugen. Begünstigende Faktoren für eine Euterentzündung sind mangelnde Melkhygiene, schlecht gewartete Melkanlage, suboptimale Melktechnik, ungenügende Stallhygiene und schlechte Zitzenkonformation.
Auch bei Zitzenverletzungen steigt das Risiko einer Euterentzündung. Besonders wenn Milch mit einem Melkröhrchen abgelassen werden muss, ist auf höchste Hygiene zu achten, da sonst Keime in das Euter verbracht werden können.
Galtphase nutzen
Das Trockenstellen (die Galtphase) ist eine wichtige Phase für die Erholung des Euters und bietet eine sehr gute Chance, chronische Euterentzündungen zu heilen. Da sich zwischenzeitlich keine Milch mehr im Euter befindet, haben Keime keinen Nährboden, um sich zu vermehren. Für eine Behandlung in der Trockenstehperiode ist eine Milchuntersuchung besonders wertvoll, um den Trockensteller an den vorhandenen Keim anzupassen. Auch die Überprüfung der Wirkstoffwirksamkeit ist erst nach einer bakteriologischen Milchuntersuchung möglich (Resistenztest). Wichtig ist ausserdem, die Wirkdauer des eingesetzten Präparates auf die Dauer des Trockenstellens abzustimmen. Eutergesunde Kühe (Zellzahl <150 000 zum Zeitpunkt des Trockenstellens) sollen nicht mit antibiotischen Trockenstellern behandelt werden, um die Wirksamkeit der Präparate langfristig zu erhalten (Resistenzproblematik). Nach aktueller Rechtslage (TAMV April 2016) ist eine vorbeugende Behandlung eutergesunder Tiere mit antibiotischen Trockenstellern verboten, sofern kein Bestandesproblem mit ansteckenden Erregern von Euterentzündungen vorliegt.
AutorinDr. med. vet. Christina Reschke, FVH für Wiederkäuer, Rindergesundheitsdienst, 3001 Bern
AutorinDr. med. vet. Christina Reschke, FVH für Wiederkäuer, Rindergesundheitsdienst, 3001 Bern