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Lichtglanz des Kreuzes
Kreuzerhöhung – das ist der Blick zurück von Ostern her auf das Geschehen des Karfreitags. Der Blick zurück sieht klar, er sieht das Ganze.
Das Kreuzesholz als „Christusreliquie"
Das Fest „Kreuzerhöhung" reicht ins 4. Jahrhundert zurück und ist damit genauso alt oder sogar älter als unser Weihnachtsfest. Für das Christentum vollzog sich damals eine entscheidende Wende: Es wurde von der verfolgten zur tolerierten und dann privilegierten Religion. Zeichen dieser Wende war die Möglichkeit, in aller Öffentlichkeit eigene Bauten für die Feier der Liturgie zu schaffen. So liess Kaiser Konstantin in Jerusalem, am Ort der Hinrichtung und der Auferstehung Christi, einen grossen Kirchenkomplex errichten. Die Kirchweihe fand am 13. September 325 statt. Am darauffolgenden 14. September wurde das Kreuzesholz, das Konstantins Mutter Helena vor Ort gefunden hatte, feierlich „erhöht", das heisst, es wurde den Gläubigen gezeigt, damit sie diese Reliquie verehren konnten. Vom leibhaftig Auferstandenen gab es ja nicht wie bei den Heiligen Knochen und ähnliches als Reliquien. So wurden Gegenstände, die einst mit seinem Körper intensivste Berührung hatten, besonders verehrungswürdig.
Das Kreuz wurde aber auch zur „Staatsreliquie" und zum Symbol dafür, dass sich das Christentum seit der religionspolitischen Wende unter Konstantin siegreich über die heidnischen Kulte erhoben hatte. Man mass dem Kreuz natürlich besondere Kraft bei. Es wurde quasi als Feldzeichen und Unterpfand des Sieges mit in Kriege und Schlachten genommen. So wie Kaiser Konstantin an der Milvischen Brücke 312 im Zeichen des Kreuzes seine Feinde besiegte, so sollten die byzantinischen Truppen in diesem Zeichen über alle Feinde triumphieren. - Im Jahre 614 erbeuteten Perser die Kreuzreliquie, welche Kaiser Herakleios zurückeroberte und 630 im Triumph wieder nach Jerusalem brachte. Im Jahre 1187 ging sie dann allerdings in der Schlacht bei Hattin endgültig verloren.
Das Dunkel des Todes vom Leben überstrahlt
Das Fest Kreuzerhöhung hat sich von Jerusalem aus verbreitet und überdauert – unabhängig davon, ob Kreuzesreliquien vorhanden oder echt sind. An diesem Tag geht ein österlicher Glanz vom Kreuz aus. Die dunkle und verhaltene Stimmung des Karfreitags weicht der Dankbarkeit und der Freude über die Erlösung. Um verschiedene Kreuzesdarstellungen zu vergleichen: Zum Karfreitag gehört der Schmerzensmann, zu Kreuzerhöhung aber das kostbare Gemmenkreuz.
Zwar bleibt das Kreuz der Galgen, an dem Jesus qualvoll zu Tode gebracht wurde. Aber gleichzeitig ist das Kreuz zum Symbol dafür geworden, dass der Tod endgültig besiegt und vernichtet ist. Dieser Aspekt wird durchweg in den Texten der Festliturgie hervorgehoben. Schon der Eröffnungsvers macht deutlich: „Wir rühmen uns des Kreuzes unsers Herrn Jesus Christus. In ihm ist uns Heil geworden und Auferstehung und Leben. Durch ihn sind wir erlöst und befreit." Der erste Satz ist ein Zitat aus dem Galaterbrief des hl. Paulus (6,14). Er beschreibt eine grundlegend neue Sicht auf das Kreuz. Christen brauchen sich des Kreuzes nicht mehr zu schämen, obwohl es das schändlichste Todesinstrument der römischen Justiz ist. Vielmehr können sie sich seiner rühmen, weil es zum Heil-Mittel geworden ist, das zum Leben verhilft.
Zeit und Raum umspannendes Heil
Diese neue Sichtweise wird auch in der Bitte des Tagesgebetes deutlich: „Gib [allmächtiger Gott], dass wir in der Torheit des Kreuzes deine Macht und Weisheit erkennen und in Ewigkeit teilhaben an der Frucht der Erlösung." Die grausige Exekution Jesu offenbart einem glaubenden Auge das Heil bringende Wirken Gottes.
Das Gabengebet spricht davon, dass das Kreuzesgeschehen auf Golgotha an der aktuell feiernden Gemeinde wirksam werden soll. Jesus hat sich in den Tod gegeben und in dieser Hingabe die Liebe des himmlischen Vaters aufscheinen lassen. Dieses erlösende Tun Jesu Christi wird in der Eucharistiefeier zur Gegenwart für die liturgische Versammlung. Darum bittet der Priester: „Es mache auch uns rein von aller Schuld."
Das Schlussgebet bindet alle Zeitdimensionen zusammen: die Vergangenheit („du hast am Holz des Kreuzes der Welt das ewige Leben erworben"), die Gegenwart („durch diese Feier, in der wir deinen geopferten Leib empfangen haben") und die Zukunft („führe uns ... zur Herrlichkeit der Auferstehung"). Das Kreuzesgeschehen wird also als Geschehen interpretiert, das alle Orte und Zeiten umfasst und „Heil der Welt" in einem umfassenden Sinn ist.
Deutung des Kreuzesgeschehens durch das Alte Testament
Diese Deutung wird in den Lesungen entfaltet. Im Evangeliumsabschnitt (Johannes 3,13-17) nimmt Jesus im Gespräch mit Nikodemus Bezug auf die Episode aus dem Buch Numeri (21,4-9), welche als erste Lesung genommen wird. Nach der Befreiung aus Ägypten beginnt das Volk zu murren und lehnt sich gegen Gott und Mose auf. Ausdruck dieser „vergifteten" Atmosphäre sind tödliche Schlangen. Das Volk weiss nicht mehr, wie und warum es in die Wüste gekommen ist. Weil Gott aus dem Blick gekommen ist, hat der Tod die Herrschaft übernommen. Doch Mose soll als Mittler und Fürbitter bei Gott Rettung erwirken. Der erzählerische Zusammenhang macht deutlich, was Rettung und Erlösung bedeuten: Befreiung vom Tod, Heilung und Leben. Weil Gott dem Leben zugewandt ist, gibt er ein Zeichen, das Leben bewirkt: die eherne Schlange an der Fahnenstange. Wer auf dieses Heilszeichen blickt, bleibt am Leben. Sünde (Abkehr von Gott) und Tod (Gift) sind besiegt und Heilung und Rettung triumphieren.
Mithilfe dieser Erzählung erklärt das Johannesevangelium anschaulich, was am Kreuz geschieht. In dieser christologischen Deutung ist aber Jesus nicht nur wie die Schlange, auf die die vom Tod vergifteten Menschen blicken sollen. Er ist auch wie Mose, der Heilsmittler und Lehrer Israels, der bei Gott Rettung und Leben erwirkt.
Das Johannesevangelium sieht im Kreuzesgeschehen die Liebe Gottes am Werk. Ein paradoxer Gedanke, mit dem man nicht so schnell fertig wird. In der Lebenshingabe Jesu am Kreuz wird die Liebe Gottes zur Welt sichtbar. Wer glaubend und vertrauend auf den am Kreuz erhöhten Jesus blickt, „hat das ewige Leben". Christus ist gestorben und am Kreuz erhöht worden, damit niemand zugrunde gehen muss. Das ist wahre Liebe.
Abstieg und Aufstieg
Das Festtagsevangelium spricht von „in den Himmel hinaufsteigen und vom Himmel herabsteigen". Die Lesung aus dem Philipperbrief zeichnet diesen Weg Christi in hymnischer Sprache nach. Am besten stellt man sich die Bewegung plastisch vor Augen. Christus Jesus, der „Gott gleich" war, gibt seine göttliche Herrlichkeit auf und macht sich zum Niedrigsten der Menschen. Tiefpunkt dieser „Negativ-Karriere" ist das Kreuz. Dort geschieht die Wende. Christus wird „über alle erhöht", er erhält einen Namen, „der grösser ist als alle Namen". Die ganze geschaffene Wirklichkeit „im Himmel, auf der Erde und unter der Erde" fällt anbetend nieder vor dem „Namen Jesu" und bekennt: „Jesus Christus ist der Kyrios, der Herr".
Auf das Fest Kreuzerhöhung bezogen, macht der Philipperhymnus deutlich, dass es nicht um ein Stück Holz geht. Das Kreuz ist vielmehr Symbol für ein ganzes Geschehen. Indem das Kreuz Jesu verehrt wird, gibt die Gemeinde dem die Ehre, den sie feiert. Sie betet Jesus Christus an und preist ihn, „denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst" (Ruf vor dem Evangelium).
P. Gregor Brazerol OSB

Stichwort
Praxis-Tipp
"Um den Festcharakter hervorzuheben, kann das wichtigste Kreuz im Kirchenraum auf ähnliche Weise geschmückt werden, wie es vielerorts an Ostern der Fall ist, etwa durch einen Kranz aus Buchszweigen und mit einer festlichen roten Stola."
praxis gottesdienst 9/08
Lesetipp
Kreuz und Kruxifix. Zeichen und Bild. Ausstellungskatalog Dombergmuseum Freising. 2005
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