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NZZ am Sonntag: Fatma Samoura, fühlen Sie sich eigentlich wohl bei der Fifa?
So wohl wie in meinem eigenen Haus.
Rein hierarchisch sind Sie viel mächtiger als der Präsident Gianni Infantino.
Ich rede nie über Macht, ich ziehe es vor, von Einfluss zu sprechen. Und so gesehen bin ich die Nummer 1 der Fifa und sicher einflussreicher als er. Auf meinem Teller liegen mehr Sachen. Denn wenn die 211 Verbände ein Problem haben, gehen sie nicht zum Präsidenten, dann kommen sie zu mir.
In den Augen der Öffentlichkeit stehen Sie im Schatten des Präsidenten.
Warum meinen Sie?
Wir erinnern uns noch an die Pressekonferenz im Oktober, als Sie gemeinsam mit Infantino eine Vision für die Fifa vorstellten. Bis zur letzten Minute sagten Sie nicht ein einziges Wort.
Ich gebe nicht viel darauf, wie ich wahrgenommen werde. Was die Leute von mir denken, ist nur dann wichtig, wenn es meine Leistung betrifft.
Jener Auftritt war dennoch seltsam.
Die Pressekonferenz war für den Präsidenten. Ich habe mich entschieden, daran teilzunehmen für den Fall, dass es Fragen gibt, die nicht das neue Format für Weltmeisterschaften betreffen. Das war nicht der Fall. Aber wenn es nun darum geht, alles umzusetzen, etwa die Teilnehmerplätze für die WM zu bestimmen: Raten Sie, wer diesen Job macht.
Sie.
Danke. So ist es.
Sie haben also den einflussreichsten Job bei der Fifa, verdienen mit 1,3 Millionen Franken aber 200 000 weniger als der Präsident.
In einer Firma ist es auch so, dass der CEO weniger verdient als der Verwaltungsratspräsident. Der Präsident trägt die politische Verantwortung. Wählt er eine falsche Strategie, gerät die Organisation aus den Fugen.
Sie sagten, Sie kümmerten sich nicht so sehr darum, wie die Leute Sie wahrnehmen. Und doch hat man den Eindruck, es treffe Sie, wenn gesagt wird, Sie seien eine Marionette von Gianni Infantino.
Wenn ich mich um alles kümmern würde, was die Leute Unwahres in den Zeitungen über mich schreiben, könnte ich meinen Job nicht machen. Ich habe Besseres zu tun.
Was sind Ihre bisher wichtigsten Leistungen bei der Fifa?
Meine grösste Leistung ist, dass Leute wie Sie jetzt frei zur Fifa kommen können.
Das konnten wir früher auch.
Aber jetzt können wir eine gepflegte, offene Unterhaltung führen. Sie können mit Stereotypen hierherkommen und verlassen das Haus vielleicht mit einer veränderten Sicht. Sie hören heute auch gute Sachen, nicht nur Geschichten über Korruption und Skandale. Und Sie bekommen meine persönliche Telefonnummer, so dass Sie mich jederzeit anrufen können. Wir haben heute eine Strategie, bessere Kontrollen, finanzielle Transparenz. Das gab es vorher nicht.
Ein grosses Thema waren zuletzt die vielen Abgänge in der Administration der Fifa.
Als wir 115 neue Angestellte rekrutierten und viele andere beförderten, hat niemand darüber gesprochen. Aber als wir 27 freigestellt haben, war das eine grosse Geschichte. Die anderen 51 sind freiwillig gegangen, weil sie vielleicht das Gefühl hatten, sie passten nicht mehr in die Organisation.
Aber warum gingen so viele?
Es gab eine totale Restrukturierung der Administration. Sie war nötig und liess sich nicht vermeiden, wenn wir die Fifa wieder zurück aufs Gleis bringen wollen.
Man hört, die Administration funktioniere wegen der vielen Abgänge nicht gut.
Wir haben ja nicht alle Leute am gleichen Tag freigestellt. Wir haben es in einer Art und Weise gemacht, dass die tägliche Arbeit nicht betroffen war. Natürlich, die Mitarbeiter mussten doppelt so viel arbeiten, es gab keine Ferien, keine Wochenenden.
Früher galt die Administration in Zürich als gut funktionierend.
Also bitte: Wenn alles so gut gewesen wäre, wäre ich nicht hier. Und der Präsident auch nicht. Wenn alles in der Administration rundgelaufen wäre, wäre die Fifa nicht täglich in den Schlagzeilen gewesen. Meine Priorität ist es, das Fifa-Haus zu reinigen.
Ist es schon sauber?
Ich wünschte, ich könnte sagen: Ja, zu hundert Prozent. So ist es noch nicht ganz. Aber wir haben in acht Monaten grosse Fortschritte erzielt. Was wir gemacht haben, war eine Revolution, keine Evolution. Und wir haben in weniger als einem Jahr die Vergrösserung der Weltmeisterschaft beschlossen. Das ist eine riesige Errungenschaft.
Ein schöner Effekt ist, dass die Fifa mit einer grösseren WM mehr Geld verdient.
Geld, das in den Fussball investiert werden kann. Wir haben die Beiträge für die Mitgliederverbände von 400 000 Franken auf 1 250 000 Franken erhöht. Aber uns stand insgesamt nicht mehr Geld zur Verfügung als vorher. Also ist die Frage: Wo ist das Geld vorher hingegangen?
Wohin?
Das versuche ich herauszufinden.
Die Fifa schrieb 2015 einen Verlust von über 100 Millionen Franken. Und 2016 wird es einen Verlust von 400 Millionen geben. Das sind schlechte Nachrichten.
Es sind keine schlechte Nachrichten. Wir sind nicht bankrott. Das Geld ist hier. Wir haben ein neues Finanzsystem. Einnahmen werden nicht gezählt, wenn das Geld auf das Bankkonto gelangt, sondern wenn eine Weltmeisterschaft ausgetragen wird. Der Stichtag kommt also am Ende des Finanzzyklus 2018.
Die Fifa hat Reformen verabschiedet, versucht sich ein neues Image zu geben. Aber man hat keine grossen neuen Sponsoren gefunden.
Lassen Sie uns in drei Wochen darüber reden. Es wird good news geben.
Sie haben vor, die Saläre der Council-Mitglieder von 300 000 auf 450 000 Franken zu erhöhen – für vier Sitzungen im Jahr.
Das ist zum Glück nicht meine Sache, sondern die Aufgabe der dreiköpfigen unabhängigen Salär-Kommission.
Aber haben Sie eine Meinung zu dieser absurd anmutenden Erhöhung?
Meine Meinung zählt hier nicht, leider.
Sie erleben eine hektische Zeit bei der Fifa. Wie ist das verglichen mit Ihren 21 Uno-Jahren?
Es ist genau dasselbe. Ich hatte schon immer eine schlechte Work-Life-Balance, arbeite 80 Prozent des Tages im Büro, der Rest muss fürs Essen und Schlafen genügen.
Bei Ihrem Job bei der Uno ging es um Leben und Tod. Bei der Fifa geht es nur um Fussball.
Hier arbeite ich mit wirklichen Gentlemen verglichen mit früher. Damals hatte ich mit Kriegsherren zu tun, bezüglich Druck und Verantwortung war das völlig anders. Damals wusstest du: Wenn dieser Lastwagen in der nächsten Stunde nicht losfahren kann, werden 500 Frauen verhungern. Oder wie ich mit gefährlichen Leuten verhandeln musste, um mit Nahrungsmitteln Grenzen passieren zu dürfen. Während meiner Zeit bei der Uno habe ich viele Freunde verloren.
Kürzlich waren Sie wieder in Afrika, besuchten sechs Länder, zusammen mit dem Präsidenten Gianni Infantino.
Nein, ich war nur in vier Ländern: Südafrika, Swasiland, Simbabwe und Senegal.
Sie sollen dort zusammen mit Infantino Wahlhilfe für Ahmad Ahmad betrieben haben, der Präsident der afrikanischen Konföderation werden wollte – als Gegner des Präsidenten Issa Hayatou. Das wäre nicht legitim.
Das glauben Sie selber nicht, dass wir in den Wahlkampf eingegriffen haben. Wir geben ja keine Stimmzettel ab. Ich hatte ganz andere Aufgaben in diesen Ländern, habe je weder für noch über Ahmad gesprochen.
Für Gianni Infantino ist es wichtig, wer Präsident der afrikanischen Konföderation ist.
Warum?
Weil er bei künftigen Abstimmungen auf die Unterstützung der Afrikaner zählen kann. Hayatou war offenbar nicht sein Freund.
Ich glaube nur an Taten. Wenn man jemanden nur wegen seiner Person unterstützt, schadet das jedem nachhaltigen Arbeiten. Bei der Uno habe ich das zur Genüge erlebt.
Wie ist es eigentlich, wenn man selber nicht viel von Fussball versteht und mit einem Präsidenten diskutieren muss, der schon Jahrzehnte in der Materie ist?
Ich mag von der Administration im Fussball nicht viel verstanden haben, aber sonst schon: Ich bin seit 29 Jahren mit einem ehemaligen Fussballprofi verheiratet.
Und das Fussball-Geschäft verstehen Sie?
Dieses Geschäft unterscheidet sich nicht gross von anderen Bereichen. Hier muss ich etwa schauen, dass Wettkämpfe gut organisiert und die Reformen implementiert werden. Zudem muss ich die besten Mitarbeiter finden und auf das Geld achten. Wenn man ein Unternehmen führen kann, geht das auch mit der Fifa.
Dann ist der Job bei der Fifa also einfach.
Verglichen mit früher, als ich mit Bürgerkriegen, Genozid und Gewalt konfrontiert war, ist die Arbeit bei der Fifa wie ein Stück Kuchen essen.
Finden Sie es sinnvoll, die beiden Chefs der unabhängigen Ethikkommission zu ersetzen?
Werden die ersetzt? Wer sagt das?
Weder Cornel Borbély von der Untersuchungskammer noch der Richter Hans-Joachim Eckert haben bisher eine Einladung zum Fifa-Kongress erhalten, wo deren Wiederwahl anstünde.
Niemand hat bisher eine Einladung erhalten. Wir sind mit der Organisation diesbezüglich etwas in Verzug.
Aber Borbély und Eckert glauben offenbar, dass man sie bei der Fifa nicht mehr will.
Sie werden ganz sicher eingeladen.
Würden Sie die beiden weiterbeschäftigen?
Ja, denn ich bin sehr zufrieden mit ihnen. Das ist, glaube ich, auch die Meinung des Präsidenten.
Was hat Sie eigentlich bei Ihrer Ankunft bei der Fifa am meisten erstaunt?
Die Leidenschaft der Mitarbeiter hier. Die meisten Leute haben Tränen in den Augen, wenn sie von ihrer Arbeit bei der Fifa erzählen. Und alle arbeiten wie wild, schlafen kaum. Wir hatten fürs letzte Jahr 149 000 Überstunden abzurechnen, und niemand beschwerte sich.
Die bewegte Karriere von Fatma Samoura
Mehr als zwanzig Jahre stand Fatma Samoura im Dienst des Guten und kämpfte für die Vereinten Nationen gegen den Hunger; unter anderem war sie Uno-Koordinatorin für humanitäre Angelegenheiten.
Und jetzt sitzt sie in diesem Luxusbau am Zürichberg, der für viele der Inbegriff des Bösen ist, weil die Fifa von hier aus jahrelang ihre undurchsichtigen Geschäfte organisiert hat.
Samoura hat zum Gespräch in ein schmuckloses, fast schon enges Büro geladen. Sie hat sich bewusst für diese Räumlichkeiten entschieden: In solchen Büros wird gearbeitet, nicht residiert wie früher. Es soll nicht mehr so formell zugehen in der Fifa; Samoura hat die rigiden Kleidervorschriften für die Angestellten abgeschafft.
An diesem Freitagmorgen ist ihr Ehemann, ein ehemaliger Fussballprofi aus Senegal, auf dem Fifa-Gelände und spielt auf dem Kunstrasen Fussball.
«Ich bin ein hartes Guetsli», sagt sie. Samoura musste es in ihrem Leben immer sein: eine schwarze Frau, Muslimin, aus traditionellen Familienstrukturen. Ihre Mutter wurde in Senegal noch verheiratet, später studierte sie trotzdem noch und wurde Lehrerin.
Ihr Vater war Soldat, ein Freiheitskämpfer, der überall in Afrika unterwegs war. Er sagte zu Samoura, sie dürfe nicht zu schüchtern sein, sonst gehe sie in dieser Männerwelt unter. Also fuhr Samoura Motorrad, als einziges Mädchen an ihrer Schule; sie spielte Basketball und Fussball, ging in den Schwimmunterricht.
Später war sie für das Welternährungsprogramm der Uno in allen möglichen Krisengebieten der Welt im Einsatz: in Liberia, Sierra Leone, Nigeria, Darfur, Afghanistan, Osttimor, Bangladesh, Kosovo. Aber irgendwann hatte sie genug davon, dass um sie herum so oft geschossen wurde. Der Fifa-Präsident Gianni Infantino schlug sie im letzten Mai in Alleinregie als Generalsekretärin vor.
Nun geniesst sie die Lebensqualität in Zürich. Sie war im Kino und hat sich das Remake von «Mary Poppins» angeschaut – und gleich mehrfach war sie im Fifa-Museum. Irgendwann möchte sie ihre Memoiren schreiben, so viel hat sie zu erzählen. «Schreiben ist Erholung für mich», sagt sie, «aber ich komme zu selten dazu.» (fcl.)