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STAHLSTICH DER TÜRKHEIMERSTRASSE, DER AB 1907 AUCH ALS BRIEFKOPF DER «DROSCHKENANSTALT SETTELEN» VERWENDET WIRD.
Die Standorte von Settelen
Seit 112 Jahren hat die Firma Settelen ihren Sitz an der Türkheimerstrasse 17. Und das wird auch so bleiben. Firmengründer Julius Settelen hingegen, der den Umzug an die heutige Lage im Sommer 1907 nicht mehr erleben durfte, arbeitete in gut drei Jahrzehnten an drei verschiedenen Standorten, die heute alle verschwunden sind. Eine Spurensuche.
Schneiderei an der Freien Strasse 17
In seiner Jugend deutet nichts darauf hin, dass der 1857 geborene Firmengründer Julius Settelen zu einem Transportunternehmer wird. Wie seine Geschwister besucht er die katholische Schule zu «St. Clara» in Basel. 1875 beginnt er eine Schneiderlehre im elterlichen Geschäft an der Freien Strasse 17, das sein Vater von einem Sattler übernommen und zu einem repräsentativen Fachgeschäft ausgebaut hat. Die Eltern von Julius sterben innerhalb von 13 Monaten und er übernimmt 1878 zusammen mit seinem älteren Bruder Victor die Schneiderei. Vorerst tritt er aber nicht aktiv in die Firma ein. Zur Weiterbildung als Schneider geht er nach Paris und London. Erst Ende 1882 arbeitet der bestens ausgebildete Julius in «seiner» Schneiderei. Seine Ausbildung dauert allerdings wesentlich länger als seine «Dienstzeit». Er bleibt nur bis im Frühjahr 1883 an der Freien Strasse 17, die 1964 abgerissen wird (im neuen Gebäude befindet sich heute u. a. die Buchhandlung Orell Füssli). Dann wechselt er nicht nur den Arbeitsort, sondern auch das Metier: Er übernimmt das Rösslitram.
IN DIESEM HAUS ARBEITETE FIRMENGRÜNDER JULIUS SETTELEN BIS 1883 ALS SCHNEIDER (STAATSARCHIV BASEL-STADT, NEG 3727).
Tramdepot an der Solothurnerstrasse 12
DIE SOLOTHURNERSTRASSE MIT EINEM AUSFAHRENDEN RÖSSLITRAM. SEIT SOMMER 1887 MIETETE DIE KÄSEHANDLUNG G. MEYRIN EINEN TEIL DER IMMOBILIE.
Den Basler Rösslitram-Betrieb stampft Henri Imhoff, Julius Settelens künftiger Schwiegervater, 1880/81 aus dem Boden – Julius Settelen und Julie Imhoff heiraten 1887. Ein Pariser Finanzinstitut gewährt Imhoff ein Darlehen von geschätzten 300'000 Goldfranken. Dafür muss er vermögende Bürgen beibringen. Einer davon ist der dreiundzwanzigjährige Julius Settelen, der beim Tode seiner Eltern ein fürstliches Erbe angetreten hat.
Imhoff lässt Basels erstes Tramdepot gleich hinter dem Bahnhof am Rande des am Reissbrett geplanten Gundelis errichten. Er erwirbt von der Süddeutschen Immobiliengesellschaft und deren Basler Teilhaber, die das Gundeldingerquartier spekulativ erschliessen, die unbebaute Parzelle der späteren Solothurnerstrasse 12 (die noch weitgehend unbebaute Strasse wird 1879 amtlich benannt) und errichtet einen kompletten Betriebshof mit Remisen, Werkstätten, Knechtenkammern, einem Pferdespital und Stallungen für 60 Pferde. Am 11. Juli 1881 nimmt das Rösslitram den Linienbetrieb zwischen dem Centralbahnhof und dem Badischen Bahnhof auf.
Nach einer kurzen Hochkonjunktur folgen in der Schweiz 1882 Rezession und Wirtschaftskrise. Henri Imhoff verliert alles und muss Konkurs anmelden. Auf der Gant der Liegenschaften seines konkursiten Schwiegervaters erwirbt Julius Settelen im Februar 1883 das Tramdepot an der Solothurnerstrasse und betreibt dort das Rösslitram bis zur Elektrifizierung und Kommunalisierung der Strassenbahn im Frühjahr 1895. Die nicht mehr benötigten Rösslitrams werden dann nach Freiburg i. Br. und vor allem nach Winterthur verkauft. Das ehemalige Tramdepot dient von nun an dem Bereich «Sachentransport» des Betriebs – bis zum Umzug an die Türkheimerstrasse. Julius Settelen darf ihn nicht mehr erleben. Er stirbt 49-jährig am 31. Juli 1907 – am Tag, als die Zimmerleute die «Aufrichte» feiern – an den Folgen eines Gallensteindurchbruchs.
Nach dem Wegzug vermietet Witwe Julie Settelen den Betriebshof an den damaligen Wagner und Fuhrhalter Fritz Meyer (Mitbegründer der AVIA 1931). Schliesslich verkauft sie die Immobilien Ende 1941 an die Fritz Meyer AG. In den 1970er Jahren werden alle Gebäude des ersten Tramdepots abgerissen. Heute würde es auf der Höhe der Meret-Oppenheim-Strasse vor dem 1979 errichteten Heizkraftwerk Bahnhof der IWB stehen.
Droschken an der Davidsgasse 15
Als zu Beginn der 1890er Jahre abzusehen ist, dass das Rösslitram verschwinden und der Kanton das elektrifizierte Tram selber betreiben wird, braucht Julius Settelen ein zweites Standbein für seinen Betrieb. Am 16. Juni 1892 kauft er deshalb zusammen mit seinem Bruder Ernst für Fr. 280‘000. – die altehrwürdige und etwas heruntergekommene «Basler Droschkenanstalt» der Witwe von Louis Herdener an der Davidsgasse 15. Dort hat 1874 Christian Buess-Hügin eine Droschkenhalterei errichtet, die Louis Herdener 1885 übernimmt und bis zu seinem Tod 1890 führt. Gleich gegenüber an der Davidsgasse 10 betreibt der renommierte Basler Carrossier Heimburger in den 1890er Jahren seine Werkstatt, was den Standort zusätzlich attraktiv macht.
Mit der Übernahme der Droschkenanstalt Herdener gehört den Brüdern Settelen zwar das Label «Basler Droschkenanstalt» und sie verfügen über siebzehn Standplatz-Konzessionen für die Droschken. Aber der Ruf der Droschkenanstalt ist nicht mehr der beste. Um verlorene Kunden zurück zu gewinnen, sanieren sie mit zahlreichen Massnahmen die in die Jahre gekommene Fuhrhalterei: Sie renovieren die Personalunterkünfte, installieren für das Personal einen Abort – damals ist es branchenüblich, dass dieses seine Notdurft in den Ställen verrichtet. Ausserdem erneuern sie zügig den Droschkenpark und rüsten 1896 als erste auf dem Platz Basel ihre Fahrzeuge mit «Taxiuhren» aus. Die Modernisierung des Betriebs trägt rasch Früchte. Ende 1900 stehen total 119 eigene Pferde in den Stallungen an der Solothurnerstrasse und der Davidsgasse. Der Wegfall des Tramgeschäftes ist innerhalb von fünf Jahren mehr als kompensiert.
Aber auch an der Davidsgasse kann Settelen nicht dauerhaft bleiben, was sich rückblickend als Glücksfall erweist. Denn die Gasse befindet sich zwischen Frauen- und Bürgerspital. Die Stadt Basel wächst kontinuierlich. Nach der Jahrhundertwende ist abzusehen, dass die Spitäler mehr Raum beanspruchen werden. 1906 kommt es deshalb zu einem Kauf-/Tauschgeschäft zwischen Settelen und dem Bürgerspital – wer den Anstoss dazu gegeben hat, ist nicht aktenkundig. Settelen verkauft die Davidsgasse 15 und erwirbt das Areal Türkheimerstrasse am damaligen Stadtrand. Der Vertrag dazu wird am 12. Juni 1906 ausgefertigt und einen Monat später vom Regierungsrat abgesegnet.
Mit dem Neubau des Kantonsspitals 1938/45 verschwindet die 1861 ins Basler Strassenverzeichnis aufgenommene Davidsgasse und geht im neuen Spitalareal auf.
DIE STUTE LUCCA VOR DEM PFERDEBAD AN DER DAVIDSGASSE (UM 1893).
HIER BEFAND SICH DIE DAVIDSGASSE (BASLER STADTPLAN 1905).
Betriebszusammenlegung an der Türkheimerstrasse 17
DIE «KLEINE BURG» AN DER TÜRKHEIMERSTRASSE UM 1915.
Am 16. August 1906 wird das Baubegehren für die Türkheimerstrasse bewilligt. Ohne Kran und Bagger realisiert das Bauunternehmen Gebrüder Stamm in gut einem Jahr den ganzen Komplex. Im Spätsommer 1907 kann die Droschkenanstalt Settelen ihre Betriebe Davidgasse (Personentransport) und Solothurnerstrasse (Sachentransport) an der Türkheimerstrasse 17 zusammenlegen. 128 Pferde und 229 Wagen beziehen die neue Unterkunft. Für damalige Verhältnisse ist der Neubau an der Türkheimerstrasse eine Grossanlage: Zwei Höfe, ein Bürogebäude, Remisen, Stallungen für 170 Pferde, ein feuerfestes Möbellagerhaus, Unterkünfte für die Meisterknechte, moderne Arbeitsplätze für rund 150 Mitarbeiter und vieles mehr. Die Türkheimerstrasse ist der grösste und modernste Pferdefuhrbetrieb der Region. Nur: Die Zeit der Pferde ist schon bald abgelaufen. Bereits ein Jahr später kommen die ersten «Motordroschken» (Taxis), 1910 der erste Autoomnibus, 1919 der erste Automöbelwagen, 1922 der erste Car. Schon in der Zwischenkriegszeit spielen die Pferde keine grössere Rolle mehr für den Betrieb. 1958 kommt der Transformationsprozess in Folge der Umstellung auf den Verbrennungsmotor zu einem Ende. Die Stallknechte sind verschwunden, die Droschkenkutscher umgeschult - und die letzten beiden Pferde gehen in Pension.
Heute steht die Firma Settelen vor einer neuen Herausforderung. Die «kleine Burg» des Transportunternehmens steht nicht mehr am Stadtrand mit Blick ins Elsass sondern mitten in einem Wohnquartier – kein idealer Platz für Cars und grosse Möbelwagen. Diese sollen aus dem hinteren Hof ausgelagert werden. Ziel ist es, die frei werdenden gut 4000 Quadratmeter mit Wohnungen zu überbauen. Der Firmensitz allerdings bleibt an der Türkheimerstrasse, die 2012 in das Inventar schützenswerter Bauten aufgenommen wurde. Im Unterschied zu allen früheren Standorten von Settelen, die schon längst aus dem Stadtbild verschwunden sind, wird uns die «kleine Burg» noch lange erhalten bleiben.