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1907 veröffentlichte ein französischer Physiker namens Israel Waynbaum eine der reizvollsten und originellsten wissenschaftlichen Ideen des 20. Jahrhunderts. Der Gesichtsausdruck des Menschen, so seine These, sei keine Zeichensprache, die wir im Lauf der Evolution entwickelt hätten, um andere über unseren Seelenzustand zu informieren, sondern diene vielmehr dazu, den Blutfluss in jene Hirnareale zu lenken, die je nach Gefühlslage gerade besonders hart arbeiteten.
Das leuchtet ein: Die Blutversorgung des Gehirns erfolgt via Halsschlagader, und das Gesicht wird durch Zweigleitungen dieser Halsschlagader versorgt, die durch Löcher im Schädel nach aussen geführt werden; mit den Gesichtsmuskeln können wir diese Adern einzeln verengen und dadurch ein wenig frische Luft in dieses oder jenes Arrondissement des Gehirns blasen.
Waynbaums Idee ist bis heute umstritten, aber sie passt zu der Erkenntnis, dass wir eher lächeln und dann glücklich werden als umgekehrt und dass bei ausdruckslosen Menschen erwiesenermassen kein Blut im Gehirn zirkuliert. Durch Magnetresonanztomographie wurde jüngst bewiesen, dass das Gehirn, eine Art Denkmuskel, in stark beanspruchten Bereichen die Blutzufuhr erhöht. Das lässt sich leicht überprüfen: Wenn ich nach dem Schreiben dieser Kolumne eine Unterhaltung führe, bin ich geistreicher und wortgewandter als sonst. Leider lässt diese Wirkung schnell nach.
Das allein ergibt jedoch noch keine Antwort auf die Frage: Was würde passieren, wenn wir die gesamte Durchblutung des Gehirns steigerten? Wäre ich ein für alle Mal in der Lage, die Bellsche Ungleichung oder das Black-Scholes-Theorem zu verstehen? Noch lässt sich das nicht überprüfen, aber vor einigen Jahren habe ich eine einfache Untersuchungsanordnung entdeckt, die in dieselbe Richtung weist.
Als Kind pflegte ich mit links zu schreiben und die Tinte zu verschmieren. Dann unterzog man mich in der Schule einigen Tests. Man stellte fest, dass ich ein gemässigter Linkshänder sei, und ermunterte mich aus praktischen Gründen zu rechtshändigem Schreiben. Das war völlig unproblematisch, und bis heute benutze ich meine linke Hand, um Zwiebeln zu schneiden und – mehr schlecht als recht – Tischtennis zu spielen.
Als Erwachsener beschloss ich, meiner linken Hand erneut das Schreiben beizubringen, und führte dazu einige Monate ein Tagebuch, das ich nur mit links verfasste. Am Anfang war es schwer, ich ermüdete schnell. Nicht erwartet hatte ich die Persönlichkeitsveränderung, die sich bei mir einstellte. Normalerweise bin ich leicht reizbar und ein wenig geschwätzig, aber der Bursche, der meine rechte Hirnhälfte bewohnt (und die linke Körperhälfte kontrolliert), ist viel ruhiger und gelassener, ein durch und durch stilles Wasser. Selbst meine Freundin bemerkte den Unterschied, obwohl sie das Experiment für hirnrissig hielt und meine linke Hirnhälfte sowieso lieber mochte.
Nach einigen Monaten fiel mir das linkshändige Schreiben leichter, und meine Handschrift begann der rechtshändigen zu gleichen. Die Auswirkungen auf mein Gemüt waren weniger deutlich, aber nach meiner Meinung wurde ich nie wieder ganz der Alte. Ich beendete das Tagebuch, dann kamen die ersten Laptops, und ich hörte ganz auf, mit der Hand zu schreiben, es sei denn, ich muss Kreditkartenbelege unterzeichnen. Diese Kolumne wurde zu 70 Prozent links- und zu 30 Prozent rechtshändig geschrieben. Probieren Sie’s selbst!