Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03095.jsonl.gz/2305

In fernem Osten verehrt man krankhaft die weisse Haut. Im Westen begehrt man die dunkle Haut als ein ansehendes müssiges Statussymbol. Wenn man sich zwischen den zwei Welten bewegt, macht man einfach nichts Richtiges um richtig zu sein. Mich zwang meine Familie zur Kosmetikerin, um die Haut bleichen zu lassen. Die Kosmetikerin preiste für das 100% atherische Lavendelöl, das angeblich aus Spanien importiert ist. Das Öl wurde auf mein Gesicht aufgetragen. Es schmeckte scharf, aggresiv und ich empfand es als eine rekonstuierte Variante des Lavendelöls. Meine Kosmetikerin war sprachlos und fragte mich, warum ich es so meinte. Ich ging nur vom Tee aus, meinte ich. Das Öl riecht genau so wie der parfümierte Jasmintee, der anders schmeckt als ein natürlich aromatisierter Blumentee mit Jasminblüte.
Ein „rekonstruierter“ Duft des Lavendels unterscheidet sich vom natürlichen Lavendel. Das hört sich selbstverständlich an, es richtig zu erleben erlebte ich erst bei Vero am vergangenen Samstag.
Eine Veranstaltung von Kulturbanausen in Zürich ermöglichte uns eine Reise ins Land der Düfte. Wer hätte gedacht, dass der „rekonstruierte“ Lavendelduft unauffällig „lavendelartiger“ duftet als der Lavendel selbst?
Vero zeigte uns zuerst den Duft von Neroli, von Lavendel und immer im Vergleich mit einem dazugehörigen „rekonstruierten“ Duft. Der natürliche Duft duftete in der Nase leise, nachhaltig und unspekulativ im vergleich mit dem „Zwilingsschwester“, die uns stark, blendend und demonstativ beeindruckt. Nach einiger Zeit verflogen sie, während die „natürlichen“ Düfte immer mehr Präsenz gewonn. Der Siegzug der Entwicklung von synthetischen Düfte bewertete Vero nicht. Die synthetischen Düfte, die sie uns zeigte, stammten von einer großartigen Parfümerie in Paris. Sie erklärte uns lediglich wie die Entwicklung des Parfums seit 1990, seit die Globalisierung sich in jedem Branchen durchsetzt, sich immer mehr von der „Natürlichkeit“ entfernt. Die so genannte moderne Parfumerie vermarktet die einfache und von der Natur unabhängien Duftkomposition in die ganze Welt. Die Komposition muss so plakativ sein, so standarisiert sein, dass sie sauber und unallergisch wirkt – von Nordpol bis zum Südpol. Die Knappheit der natürlichen Essenz bedroht die Grossfirmen nicht. Die klimatische Schwankung beeinflusst die Rezeptur nicht. Die Mischung ist aus Zusammensetzung von einzelnen Duft-Moleküre anstatt aus einer Komplexität der „Düfte“.
Die Komplexität der Düfte eines „individuellen Parfums“, wie Vero es kreiert, verwöhnt uns zuerst mit der Kopfnote, anschliessend tritt Herznote ein und dann die Basisnote, die uns Stundenlang begleitet. Ein „plakatives“ Parfum berauscht uns die Sinne in erstem Augenblick und verliesst uns nach eine Zeit. All das erinnerte mich parallel an Tee. Vielleicht ist das, mein Teelehrer in Taipei mich stets erinnern will. Wenn man eine Sache richtig versteht, versteht man andere Dinge auch ohne Wörter. Das heutige Parfüm leitet unter Verlust der Komplexität, genau so wie der Tee, der an der Standarisierung des Geschmacks leidet.
Nicht nur die Düfte Veros versezte uns in eine andere Welt, ihre Person war so einzigartig fesselnd. Ihr Wesen faszinierte mich von Anfang an und meine Augen waren wie verzaubert. Man bekäme ein Gefühl, diesen Menschen seit langen gekannt zu haben. Wenn eine jüngere Frau mit ihr auf der Strasse gehen würde, würden Menschen sich umdrehen – wegen Vero. Sie wirkte nicht gross. Ihr Rücken war nicht gerade. Ihre Haare lagen entspannt auf ihr Schultern. Ihr Gesicht erzählte uns von ihrer Geschichte. Ihre Präsenz machte sie zu einer einzigartigen Person, die einfach die Person Vero darstellt, nicht jemanden anderen. Man begegnet in unserer Zeit nicht mehr so einfach jemanden, der einfach nur sich selbst darstellen will und kann. Man sieht oft eine Mischung der Gesichtern, die Medien uns vermitteln. Der Unterschied macht Vero so besonders.
„Ich erinnere mich beispielsweise heute noch sehr präzise an den Geruch meines Primarschulhauses, in dem es nach trockenen und leicht staubigen Holzbleistiften, nassen Schiefertafeln und der Politur der Holzfußböden roch…“
Vero Kern
Die Vielschichtigkeit der Düfte liess mich nicht los. Gerne würde ich im Meer der Düfte getränkt sein.
Als ich den duftenden Raum verliess, sah ich die frühlingshafte Stadt Zürich. Es war hell, freundlich und aufheiternd. Es roch nach dem Frühling. Es erinnnerte mich plötzlich an die schönen alten Tagen der Leichtigkeit und Unverbindlichkeit. Meine Schritte wurden auf einmal langsamer. Das Erinnern an die alte schöne Zeit erschrak mich. Der Gegenwart schien entfremdet und benebelt. Ich gergass das Tram zu nehmen, das mich in die Zukunft fuhr. Wenn Aura Soma No. 106, die nach Zitrus und Lavendel duftet, uns das Vergessen des Vergangenen versprechen sollte, was verspricht uns denn der Duft Onda Veros? Der letzte Duft Onda, der Welle heisst, treibte. Ich roch ihn überall um mich. Ein Duft des Erinnerns an das Vergessene und Aufbewahrte. Im tiefen Schicht wurden viele schöne Verbindungen aufbewahrt, weil auf der Oberfläche unserer Wahrnehmung viel Staub und Fusel des Alltags fallen. In diesem verstaubten dunklen Speicher liegen Farben und Bilder neben einander – wohl auch Schreien und Tränen. Wozu heben wir denn all diese auf, nur um aufgehoben zu haben? Was ist denn mit der Distanz zwischen Vergessen und Erinnern? Könnten wir sie überhaupt messen? Mit Zeit oder mit Entfernung? Vielleicht mit Düfte?
Ich musste schnellst zum Hauptbahnhof gehen und wartete ungeduldig auf das nächte No. 11. Der Duft Onda wirkte wie eine Welle oder besser gesagt, wie eine Verwandlung, die Zeit zur Zeit unterschiedlich auf meine Haut mit meinem Speicher kommunizierte und mein Bewußtsein verwandelte.