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Bedrohte Ikone
Das Mitte der 1970er-Jahre erbaute Internationale Congress Centrum Berlin ist ein architektonisches Unikat und ein wichtiges Zeugnis der schwierigen Situation von West-Berlin während der Teilung. Seit März 2014 steht der Bau leer, sein Schicksal ist ungewiss.
Berlin wurde 1949 zur geteilten Stadt. Der Westteil, abgeschnitten von seinem Umland, getrennt von der Bundesrepublik, musste sich neu erfinden und international positionieren. Und in der Tat: Von der Interbau mit dem Hansaviertel (1957), der Philharmonie (Hans Scharoun, 1960–63), der Neuen Nationalgalerie (Mies van der Rohe, 1965–68) oder vom Flughafen Tegel (Gerkan, Marg und Partner, 1969–74) sprach ganz Europa.
In dieser Reihe war der Bau des Internationalen Congress Centrum ICC in Berlin Charlottenburg von 1975 bis 1979 ein Paukenschlag. Er belegte die Leistungsfähigkeit und Weltoffenheit Berlins und öffnete die Stadt Kongressbesuchern aus dem Westen. Zudem aber war er eine architektonische und technische Meisterleistung, die exemplarisch die Aufbruchsstimmung der 1970er-Jahre verkörpert.
Mehrmals, zuletzt 2009, ist dem Bau der World Travel Award zugesprochen worden – das ICC erfüllt die Bedürfnisse von Kongressteilnehmenden offenbar in idealer Weise. Die Bedeutung des ICC als land mark für Berlin ist evident, seine städtebauliche und architekturgeschichtliche Bedeutung unbestritten. Es ist daher unverständlich, dass das ICC nicht schon längst in die Denkmalliste eingetragen worden ist. Die Anerkennung seiner Bedeutung durch den Berliner Senat ist überfällig.1
Ein Bau wie eine Stadt
In nur vier Jahren wurde das ICC durch das Architektenpaar Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte erbaut.2 Als Teil der Berliner Messe konzipiert, schliesst sich das neue Kongressgebäude unmittelbar an die AVUS (Automobil-Verkehrs- und Übungs-Strasse) und den Autobahnring an. Mit dem öffentlichen und privaten Verkehr ist es leicht zu
erreichen.3
Das ICC funktioniert wie eine in sich geschlossene Stadt. Die mit Aussenmassen von 320 x 80 x 40 m riesige Baumasse4 ist gegliedert durch die längs verlaufenden, auf den Erschliessungstürmen aufgelagerten hohen Fachwerkbinder, auf die die sichtbaren Dachträger gesetzt sind. Unter dem weitgespannten Dach stösst beidseits der niedrigere Hauptkörper hervor.
Im Innern ist der grosszügig bemessene mehrgeschossige Foyerbereich wichtig. Der durchgehende «Boulevard» im Erdgeschoss ist sein Rückgrat; das von ihm ausgehende komplexe System aus Hallen, Treppen, Rolltreppen und Korridoren, das an ein städtisches Strassensystem erinnert, ist ein eigentlicher Bewegungsraum, dessen räumliche Struktur die Kommunikation während der Pausen fördert.
Der Foyerbereich erschliesst nicht weniger als 80 Säle, die zwischen 20 und, im grossen Kongresssaal, 5000 Besuchenden Platz bieten.5 Das breit gefächerte Raumangebot ermöglicht es, mehrere Kongresse gleichzeitig zu beherbergen.
Die Technikgläubigkeit der Bauzeit zeigt sich an den immensen Anlagen, die für den Betrieb, namentlich die Klimatisierung bereit gestellt wurden. Das ICC Berlin ist weitgehend autonom, besitzt eine Notstromanlage, mit der im Bedarfsfall das Gebäude bei Vollauslastung betrieben werden kann, eine Grossküchenanlage und eine eigene Polizeiwache. Die Kommunikationsmittel wurden kontinuierlich aufgerüstet und sind auf dem letzten Stand der Technik.6
Der Komplex gehört zu den die Technik betonenden Grossbauten jener Zeit, vergleichbar mit dem Klinikum in Aachen (Weber & Brand, 1971–85), dem Centre Pompidou in Paris (Renzo Piano, Richard Rogers, Gianfranco Franchini, 1972–79) oder die Versicherungsbörse Lloyd’s in London (Richard Rogers, 1978–86). Konstruktion und Technik sind hier indessen nicht demonstrativ hervorgehoben, sondern ordnen sich unter. So ist etwa die Konstruktion sichtbar, aber mit silbergrau eloxierten Aluminium-Platten verkleidet.
Finanzielle Schwierigkeiten
Der Betrieb des ICC war stets aufwendig. Eigentümer ist das Bundesland Berlin, betrieben wird der Bau durch die Messe Berlin. Die ausgezeichnete Buchungssituation vermochte die steigenden Betriebskosten jedoch seit je nur teilweise aufzuwiegen.7
Das Gebäude selbst ist in einem guten Zustand. Der Unterhalt der technischen Anlagen, namentlich der Klimatisierung, die sukzessive hätten erneuert werden müssen, wurde indessen arg vernachlässigt – sie müssen heute weitgehend ersetzt werden. Die Messe Berlin hat das Gebäude im Frühjahr 2014 aus finanziellen und technischen Gründen ausser Betrieb genommen. Nun drohen Stilllegungsschäden.
Unsichere Zukunft
Während längerer Zeit gingen die massgebenden politischen Stellen des Landes Berlin von einem Abbruch des Giganten aus. Neue Kongresshallen wurden diskutiert und in der Tat wurde mit dem multifunktionalen Messe- und Kongresszentrum CityCube (Code Unique Architekten, 2012–14) ein zusätzlicher Infrastrukturbau unmittelbar neben dem Haupteingang der Messe errichtet.
Weitere Überlegungen gingen von einer Umnutzung aus. Vorgeschlagen wurde die Verwendung als Einkaufzentrum, das nach dem Verkauf des Komplexes durch einen privaten Investor zu realisieren wäre. Zudem wurde der Einbau eines Zentrums des Einzelhandels mit einer Vielzahl von Geschäften für gehobene Ansprüche erwogen. Beide Varianten würden zu einer Teilentkernung und damit zum Verlust der für das Gebäude wichtigen inneren Strukturen und Ausstattungen führen.
Nach einem kürzlich erfolgten Beschluss des Senats ist nun die etappenweise Sanierung beabsichtigt, für die künftige Nutzung steht weiterhin eine Kongressnutzung im Vordergrund. Berlin ist auf das ICC angewiesen, wenn es den Anschluss an die wichtigen Kongressstandorte in Europa nicht verlieren will.
Die Sanierung ist ab dem Jahr 2018 vorgesehen. Es wird mit Kosten um 500 Mio. € gerechnet; davon will der Senat maximal 200 Mio. € zur Verfügung stellen; weitere Beträge sollen durch die Ermöglichung zusätzlicher, teilweiser privater Nutzungen gewonnen werden. Ob diese Rechnung aufgeht, ist unsicher und damit bleibt das Schicksal eines der bedeutendsten Denkmäler der Berliner Nachkriegszeit ungewiss.
Anmerkungen
- Das International Scientific Committee on 20th Century Heritage von ICOMOS International hat für das ICC kürzlich einen «Heritage Alert» herausgegeben.
- Ralf Schüler (1930-2011) und Ursulina Schüler-Witte (*1933) sind auch durch den U-Bahnhof Schlossstrasse (1971–73) und das Turmrestaurant Steglitz (1972–76, den sog. Bierpinsel, heute entstellend übermalt) bekannt geworden.
- Für den Privatverkehr wurde ein Parkhaus gebaut, die geplante U-Bahn-Station hingegen nicht realisiert.
- Entsprechend hoch waren die Bau- und Einrichtungskosten, die rund 1 Mia. DM betrugen.
- Dieser hat einen grossen Bühnenbereich, der sich auf den multifunktionalen Bankettsaal öffnet. Mit einer absenkbaren Tribünenanlage kann dieser bis zu 2200 Personen aufnehmen.
- Bemerkenswert sind der eigens entwickelte Kongresssaal-Sessel mit integriertem Mikrofon, Anschlüssen für die Simultan-Übersetzung sowie das System für das «richtungsgetreue Hören».
- Die mit dem ICC direkt verbundenen, sehr hohen Einkünfte in Hotellerei, Gastronomie und Einkaufsgeschäften bleiben in der Erfolgsrechnung regelmässig unberücksichtigt.