Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03594.jsonl.gz/2279

Der unbekannte Bekannte
Ein internationales Editionsprojekt unter dem Dach des Bärenreiter-Verlags gibt die Instrumentalwerke von Camille Saint-Saëns neu heraus. Von den geplanten 39 Bänden hat sich unser Rezensent denjenigen mit den «Poèmes symponiques» angeschaut.
«Saint-Saëns ist der seltene Ruhm zuteil geworden, bereits zu Lebzeiten als Klassiker zu gelten.» Dies schrieb der französische Literat und Musikkritiker Romain Rolland im Jahre 1901, zu einer Zeit, als Camille Saint-Saëns noch zwei Jahrzehnte leben und schöpferisch tätig sein sollte. Zugleich wies Rolland darauf hin, wie schwer sich die Kritik mit Saint-Saëns’ Musik getan hatte, wie unversöhnlich sich die Protagonisten der Ars gallica, der französischen Schule, auf der einen Seite und auf der anderen die Wagnerianer um den Franck-Schüler Vincent d’Indy gegenüberstanden. Umso bemerkenswerter ist das nüchterne Selbstbild des Komponisten, der sich seine schöpferische wie stilistische Unabhängigkeit bewahrte: «Ich bin wenig empfänglich für Kritik und für Lob, nicht aus übersteigertem Selbstgefühl, was eine Dummheit wäre; doch da ich Werke hervorbringe, um eine Funktion meiner Natur zu erfüllen, so wie ein Apfelbaum Äpfel hervorbringt, brauche ich mich um die Meinung, die man über mich äussern mag, nicht zu beunruhigen.»
Auch persönliche Schicksalsschläge liessen Saint-Saëns als Mensch über die Jahrzehnte still werden. Als er schliesslich im Alter von 86 Jahren am 16. Dezember 1921 in Algier starb, hatte er sich nicht nur musikalisch, sondern auch in der Wahrnehmung der Zeitgenossen überlebt. Bis heute ist er daher einer der ebenso grossen wie unbekannten Komponisten geblieben: Auf der einen Seite stehen der Carnaval des animaux und die sogenannte Orgelsinfonie (beide aus dem Jahre 1886), vielleicht auch noch zwei der fünf Klavierkonzerte, das erste Konzert für Violoncello und das dritte für Violine, die Danse macabre und die Oper Samson et Dalila – vollkommen unbekannt sind bis heute hingegen seine weiteren zwölf (!) Opern, ferner Orchestergesänge, Chorwerke, nahezu die gesamte Kammermusik und ein ganzes Tableau von Orchesterwerken.
Hier setzt das internationale Editionsprojekt Œuvres instrumentales complètes an: Während Opern und andere Vokalwerke im heutzutage nahezu abgeschlossenen Repertoire nur schwerlich Eingang finden werden (und verlegerisch ein kaum absehbares Risiko darstellen), dürfte es ohne mitunter zweifelhafte Texte und Kontexte sowie ohne Sprachbarrieren leichter fallen, Saint-Saëns endlich umfassend als Komponist im Konzertsaal wahrzunehmen. Wie notwendig dazu gedruckte Neuausgaben sind, muss nicht betont werden: Sie machen nicht nur die Werke verlässlich zugänglich, sondern laden in der Überschau insgesamt zu einer tieferen Auseinandersetzung ein, um Topoi der Rezeption zu überwinden. Geplant sind 39 Bände in vier Serien – erschienen sind bisher fünf, darunter auch der mit den Poèmes symphoniques, in dem sich einst gefeierte und aktuell kaum mehr anzutreffende Werke finden: Neben Danse macabre sind dies Le Rouet d’Omphale, Phaéton und La Jeunesse d’Hercule. In der Nachfolge von Berlioz und Liszt konkurrieren sie bei Saint-Saëns nicht ideologisch mit der Gattung der Sinfonie, sondern ergänzen diese auf ganz eigene Weise – ermöglichen eine fantasievolle, motivisch gebundene Erfindung, und eröffnen reichlich Raum für eine herausragende, farbenreiche Instrumentation.
Editorisch von Hugh Macdonald betreut, ist dem Band ein umfangreiches dreisprachiges Vorwort von Michael Stegemann beigegeben, das zum Einlesen und Weiterhören einlädt. Sauberer Satz und präziser Druck entsprechen dem anhaltend hohen Niveau der Bärenreiter-Gesamtausgaben. Der geschmackvolle Leineneinband verleiht dem Ganzen auch nach aussen hin jenes ästhetische Gewicht, das man bei praktischen Partituren immer vermisst.
Camille Saint-Saëns: Œuvres instrumentales complètes, Bd. I/4: Poèmes symphoniques, hg. von Hugh Macdonald, Partitur, geb., BA 10307-01, € 378.00, Bärenreiter, Kassel
Foto: Agence Rol., Bibliothèque nationale de France