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| Ambrosius von Mailand (340-397) - Exameron

Der vierte Tag. Sechste Homilie. (Gen 1,14-19)I. Kapitel. Die notwendige Disposition zur Aufnahme der Schriftwahrheit. Die Sonne bei aller Vorzüglichkeit ein Geschöpf, dessen Herrlichkeit von der des Schöpfers unvergleichlich überstrahlt wird, das Mitgeschöpfen den Vorzug der zeitlichen Priorität einräumen muß. Der Erde Fruchtbarkeit nicht wesentlich durch Sonnenlicht und wärme bedingt.
1.
[S. 131] 1 Wer Weinlese hält, pflegt zuvor die Gefäße, in welche der Wein gegossen wird, zu reinigen, daß keinerlei Schmutz des Weines Klarheit trübe. Denn was nützte es, den Weinstock reihenweise zu setzen2, alljährlich aufzugraben, mit dem Pfluge Furchen zu ziehen, ihn zu beschneiden, emporzurichten, an die Ulmen zu binden3 und mit ihnen gleichsam zu vermählen, wenn der so mühsam gewonnene Wein im Gefäße verdürbe? Ebenso reinigt einer, der den Aufgang der Morgensonne betrachten möchte, seine Augen, daß kein Stäubchen, daß keine Unreinigkeit darin stecke, die den Blick beim Schauen hemmte, daß kein nebeliges Dunkel beim Betrachten das Auge umflore. Uns soll nun bei der Schriftlesung die Sonne aufgehen, die zuvor noch nicht da war. Schon durchwanderten wir ohne die Sonne den ersten Tag, durchschritten ohne die Sonne den zweiten, vollendeten ohne die Sonne den dritten. Am vierten Tag nun ergeht Gottes Befehl, es sollen Leuchten entstehen: die Sonne, der Mond und die Sterne. Die Sonne macht den Anfang. Reinige das Auge des Geistes, o Mensch, und den inneren Blick der Seele, daß [S. 132] kein Sündensplitter die Sehkraft deines Geistes hemme und das Schauen des reinen Herzens trübe! Reinige das Ohr, um in reinem Gefäß die klare Flut des göttlichen Schriftwortes aufzunehmen, daß keine Befleckung eindringe! Mit großer Pracht zieht die Sonne dem Tage voraus, mit großer Lichtfülle die Welt durchflutend und wärmedampfend. Hüte dich , o Mensch, nur auf ihre Größe deinen Blick zu richten, daß nicht ihr übergroßer Lichtglanz das Auge deines Geistes blende, wie einem, der die Sonne im Zenith hat und den Blick in ihren Strahl taucht, von ihrem Licht getroffen augenblicklich alles Sehen vergeht. Wendet er Gesicht und Auge nicht anderswohin, glaubt er überhaupt nicht mehr schauen zu können und das Sehvermögen eingebüßt zu haben; kehrt er hingegen den Blick ab, erfreut er sich der vollen Funktion des letzteren weiterhin. Hüte dich also, daß nicht der Sonne aufgehender Strahl auch deinen Blick verwirre! Und darum schaue zuerst hin auf das Firmament, das vor der Sonne geschaffen wurde! Schaue hin auf die Erde, die, bevor die Sonne hervortrat, anfing, sichtbar und wohlgestaltet zu sein! Schaue hin auf ihren Pflanzenschmuck, der vor dem Sonnenlichte prangte! Früher denn die Sonne war der Käfer, älter denn der Mond ist der Grashalm. So halte sie denn nicht für Gott, nachdem du ihr Geschöpfe vorgezogen siehst, die Gott ihr Dasein verdanken! Drei Tage sind vorübergegangen, und niemand fragte nach der Sonne. Genug Helligkeit war da, denn auch der Tag hat sein Licht, den Vorläufer der Sonne.
1: Zu Kap. I: Das ganze Kapitel steht im Zeichen der Polemik wider die Manichäer, d. i. wider deren Vergottung des Lichtes und der Sonne.
2: ‚ponere vitem ordine‘ nach Verg., Ecl. I 73.
3: ‚vitem . . . . adiungere ulmis‘ nach Verg., Georg. I 2.