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Der Grenzwächter am Zoll zwischen Dänemark und Deutschland winkte mich mit den Worten durch: „Na dann hoffe ich, dass du es mit diesem Bus noch bis in die Schweiz schaffst…“. Mein Vater schlug seine Hände über dem Kopf zusammen, als ich ihm sagte, dass der Bus, den ich gerade von einem guten Freund gekauft hatte, bereits 23 Jahre alt sei. Freunde bezeichnen meinen Van als “Rosthaufen”.
Ja es braucht etwas Mut als Frau, ohne grössere mechanische Fähigkeiten mit einem solch alten Gefährt unterwegs zu sein. Es brauchte auch einiges an Mut, den Entscheid zu treffen, diesen Bus überhaupt zu kaufen. Auch wenn mein Bauchgefühl einmal mehr sofort wusste, dass ich einfach nicht Nein sagen konnte.
2014 habe ich eine Liste mit Dingen geschrieben, die ich in den nächsten Jahren verwirklichen möchte. Einer meiner Wünsche war es, mir einen Bus zu kaufen, diesen umzubauen und darin für längere Zeit zu leben. Nachdem ich 2015 das erste Mal in einem sehr rudimentär umgebauten Kombi durch die USA gefahren war, hatte mich das „Van Life“ Fieber gepackt. 2016 fuhr ich erneut in einem Kombi mit einem Bett im hinteren Teil des Autos hoch in den Yukon. Ich erfuhr, dass es wenig brauchte um in einem Auto glücklich zu sein und die Welt zu erkunden. Diese beiden Reisen waren geprägt von Abenden am Feuer, kuscheligen Nächten und dem köstlichen Duft der Freiheit.
Zuhause in der Schweiz schaute ich fast täglich irgendwelche YouToube „Van conversions“, wo Menschen über den Umbau ihres Vans berichteten. Ich war begeistert von der Vorstellung selbst einmal einen solchen Bus umzubauen und zu meinem kleinen Zuhause auf Rädern werden zu lassen. 2018 baute ich dann zusammen mit Tobi, meinem damaligen Freund, einen Sprinter Van in Kanada um. Ein deutlich grösseres und luxuriöseres Unterfangen, als ich es bisher kannte. Von Tobi lernte ich viel über den Innenausbau und die technischen Möglichkeiten und Spielereien. Wir reisten 37’000km zusammen in diesem, zum damaligen Zeitpunkt noch nicht vollständig ausgebauten, Van durch Kanada. Fuhren hoch in den Yukon und querten das Land einmal von West nach Ost. Eine unglaubliche Erfahrung.
Der Van wurde zu meinem Zuhause.
Waren die Türen geschlossen und die Vorhänge zugezogen, spielte es keine Rolle ob wir irgendwo mitten in der Stadt standen, ich hatte das Gefühl in einem sicheren Raum zu sein. Wir erlebten Sonnenauf- und Untergänge direkt am Meer. Konnten die Sonne vom Bett aus untergehen sehen. Ich vermisste nichts. Ich mochte es, diesen kleinen Raum zu haben, fühlte mich in unserem Sprinter „Mr. Fox“ wohl. Am Ende unseres Trips hätte ich den Sprinter am liebsten nach Europa verschifft und dort einfach weiter drin gelebt. Für mich bot die Grösse des Vans genügend Platz um auch im Arbeitsalltag darin zu leben. Die Vorstellung stets an einem anderen Ort parken und schlafen zu können, beflügelte mich.
Doch „Mr. Fox“ blieb der Einfachheit (und der Finanzen) halber in Kanada. Die Beziehung ging auseinander und ich strandete in Schweden auf der Ranch in meiner kleinen Stuga.
Ende November erreichte mich ein SMS von einem guten Freund aus der Schweiz: „Willst du meinen Bus kaufen?“ fragte er mich. Er studierte erneut und brauchte den Bus nicht mehr. Ich grinste und dachte an den weissen Bus mit den vielen Sternen und Aufklebern drauf. Natürlich wollte ich den Bus kaufen. Mein Bauchgefühl machte Luftsprünge. Und ich dachte an meine Liste, die ich 2014 geschrieben hatte. „Einen Bus kaufen, ausbauen und darin leben“, stand da. Ich hatte bereits einen Bus ausgebaut, ich hatte ein halbes Jahr darin gelebt, nun bot sich mir ein Bus zu kaufen an (Mr. Fox hatte Tobi gehört). Ich ordnete meine Finanzen, überlegte hin und her. Holte Informationen über den Zustand des Autos ein und entschied mich nach einiger Zeit schliesslich dafür.
Ich kaufte den Bus ohne vorherige, mechanische Abklärungen. Leichtsinnig. Doch ich vertraute auf das Wort meines guten Freundes. Liess den Bus vor meiner Fahrt nach Schweden ende Februar nochmals von einem Mechaniker durchchecken. Etwas unruhig stand ich neben ihm, als er sich meinem Bus annahm und alles genau anschaute. Doch sein Fazit war bombastisch: „Für seine 23 Jahre ist der Bus in einem sehr guten, gepflegten Zustand, hat kaum Rost und wird dich bestimmt noch einige Jahre durch die Gegend fahren.“ Ich war erleichtert. Mein Mechaniker gab mir noch einige Tipps im Umgang mit dem alten Gefährt und dann ging es für mich in Richtung Schweden.
Ich taufte meinen Toyota Hiace „JJ“ (Tschei Tschei) und sprach stets vertrauensvoll mit ihm, wenn ich mal wieder den Gang nicht fand, oder zu schnell über eine Schwelle fuhr.
Jedes Mal, wenn ich mich ans Steuer meines Vans setzte freue ich mich und grinse. Das Fahren mit „meinem“ Bus erfüllt mich immer wieder aufs Neue mit Freude. Ich empfinde ganz viel Liebe für das alte Gefährt. Er mag alt sein, doch er fährt zuverlässig mit mir über Stock und Stein. Und das Fahrgefühl ist gerade durch sein Alter bedingt ein spezielles. Er ist kein leiser, kein moderner Bus. Sein Surren und Schnurren hat Charakter. Wir fallen anderen Menschen auf. Natürlich, über uns wird auch gelacht. Und mein Vater ist jedes Mal froh, wenn ich wieder heile von einer Fahrt zurück komme. Auf der Fahrt von Schweden nach Deutschland fiel mitten auf der Autobahn am ersten heissen Sommertag plötzlich die Lüftung aus. Ich wusste sofort: „Es ist die Sicherung!“. Am nächsten Tag gab es eine Neue und jetzt funktioniert Heizung und Kühlung wieder. Ich weiss, es wird öfters mal was sein mit meinem alten Herrn. Doch das ist egal. Es lehrt mich geduldig und vertrauensvoll zu sein, mich über das Innenleben eines Autos schlau zu machen und jedes Problem anzugehen.
Ich kenne kaum andere Frauen, die sich alleine einen Van kaufen.
Meist sind es die Männer die das tun und dann daran herum schrauben. Ich habe wenig Ahnung vom Schrauben, doch ich liebe das Leben im Van. Sein Bett stets dabei zu haben. Auf dem Kocher vor dem Van zu Abend zu kochen. Morgens direkt am Wasser zu sein, wenn man die Schiebetüre öffnet. Alles was man braucht stets dabei. Abends in den Ausgang fahren zu können und dann einfach im Van zu schlafen, wenn man nicht mehr heimfahren mag. Und mein Van bietet Platz für das Equipment das ich als Pferdetrainerin brauche.
Ich werde bald wieder einen ziemlich normalen Arbeitsalltag leben, doch es wird einen Unterschied geben. Denn ich habe meinen „JJ“ stets dabei. Fahre in meinem kleinen Zuhause zur Arbeit. Und spüre mit jedem Meter den ich fahre auch immer ein wenig das erlebte und noch kommende Abenteuer, das im Van hängt. Für mich bedeutet mein Van ein Stück Freiheit. Er macht mich glücklich, weil ich in ihm glückliche Momente erleben kann. Ich kann quasi die Freiheit, die ich so sehr schätze ein Stück konservieren. Er und ich, wir haben uns gefunden. Und ich bin sicher, wir werden noch viele schöne Stunden zusammen teilen. Und wenn er eines Tages nicht mehr fahren mag, werde ich ihm dennoch ewig dankbar sein. Ich habe keine Angst vor seiner Altersschwäche. Sie fordert mich heraus, lässt mich Hilfe annehmen und befördert mich aus meiner Komfortzone und das ist ja bekanntlich der Ort wo ich gerne bin.