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Buchrezensionen
Der farbige Band im Format 210 x 210 mm ist ansprechend gestaltet, liegt gut in der Hand und lässt sich mit der Deutschen Post portogünstig als Büchersendung für 1.20 €uro verschicken.
Bild: Göttingen, Karzer Arrest. / Thangmar (PD)
"Peter-Ernst Eiffe gilt als der erste Graffiti-Künstler Deutschlands. Er wuchs bei Adoptiveltern in Hamburg-Duvenstedt auf und leistete nach dem Abitur 1961 seinen Wehrdienst bei der Luftwaffe, die er als Leutnant der Reserve verliess. Ein Studium der Betriebswirtschaft in München und Hamburg brach er nach einigen Semester ab. Eiffe arbeitete dann im Statistischen Landesamt in Hamburg, wurde dort aber, da er sein Büro mit einem Bismarckbild und Aktfotos geschmückt wie Angestellte beschimpft hatte, im April 1968 entlassen. Damals verliess ihn auch seine Frau mit der 18 Monate alten Tochter. [...] Im Frühjahr 1968 bekritzelte er mit Filzstiften und Spraydosen Wände, Plakate und Strassenschilder in ganz Hamburg mit Sprüchen. [...] Zugleich zog ihn besonders die Studentenbewegung an, er drängte sich in Versammlungen seriös gekleidet an das Rednerpult und dozierte über die subversive Kraft des Spasses. Als er Ende Mai 1968 mit seinem dicht mit Sprüchen bemalten Auto in die Halle des Hamburger Hauptbahnhofes fuhr und die Kacheln mit Dreiecken verzierte, wurde er verhaftet und in die psychiatrische Klinik Ochsenzoll eingeliefert. Damals erschien ein von Uwe Wandrey und Peter Schütt herausgegebenes Buch mit Sprüchen von Eiffe. Nach seiner Entlassung aus der Klinik im November 1968 arbeitete Eiffe in einer Werbeagenur in Düsseldorf, erkrankte aber 1970 an einer schweren Depression und wurde in die geschlossene Anstalt Rickling bei Bad Segeberg eingeliefert. Von dort verschwand er am 20. Dezember 1982; die Leiche wurde im März 1983 auf einer benachbarten Wiese gefunden."[1]
Wer mehr solide Recherchiertes, kundig Bewertetes und anregend Präsentiertes über Eiffes Leben und Werk, dessen einzige Veröffentlichung im herkömmlichen Sinn eine 1968 erschiene Broschüre[2] ist, wissen will, kommt an diesem Band nicht vorbei: dem Geleitwort von Theo Bruns, dem Vorwort von Christian Bau und dem Interview mit diesem und Artur Dieckhoff zum Eiffe-Film von 1995 folgen fünf zeitgeschichtlich-quellenbezogene Aufsätze von M.P. Davies zur Graffiti als postmodern-surrealistischer Kunstform im öffentlichen Raum, von Jorinde Reznikoff eine materialreich-anregende "Porträtcollage" zu Peter Ernst Eiffe, von James Saylors etwas über die langen Jahre in der Klapsmühle genannten Psychiatrie, dazu Faksimilés einiger Eiffe-Briefe aus dieser – und als kurze Zusammenfassung etwas zu Eiffe als "frühem Graffitikünstler" von Christoph Twickel.
Den Band beschliessen kurze Eiffe-Erinnerungen von Zeitzeugen, die auch im Eiffe-Film berichteten: unter anderem vom Hamburger Schauspielerpromi Uwe Friedrichsen (1934-2016), von zwei persönlichen Freunden Eiffes, von dessen Tochter Kathrin, von vier damaligen Klinikmitarbeitern sowie von den damaligen Genossen im Hamburger Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) - und heutigen Dr´es - Reinhold Oberlercher, Karl Heinz Roth, Peter Schütt. Angehängt sind zwei Seiten: die Filmographie von Eiffe FOR PRESIDENT. ALLE AMPELN AUF GELB und Kurzinfos zu den Autor*innen.
Das Wichtigste dieser Veröffentlichung ist für mich eine in den hinteren Buchumschlag innen eingeklebte Plastiklasche. Sie enthält die DVD des 1995 fertiggestellten Dokumentarfilms von Christian Bau (Länge 65 Minuten, in schwarzweiss und in Farbe). Dieser lässt sich (auf Windows 10 freilich erst nach Herunterladen der kostenlosesn Software VLC media player) problemlos ansehen / anhören und bedeutet einen wichtigen Beitrag zur demokratischen Kultur im Sinne Bertolt Brechts: "Demokratisch ist es, aus dem kleinen Kreis der Kenner einen grossen Kreis der Kenner zu machen."
Eiffe for President. Alle Ampeln auf Gelb. Für die thede herausgegeben von Christian Bau in Zusammenarbeit mit Artur Dieckhoff. Assoziation A, Hamburg 2019. 144 Seiten, ca. SFr 23.00, ISBN 978-3862414703
Fussnoten:
[1] Hier zitiert nach Richard Albrecht, Eiffe der Bär. Erinnerungen an den Hamburger Mai 1968; http://www.trend.infopartisan.net/trd5619/t145619.html (5. Mai 2019).
[2] Peter Ernst Eiffe, Eiffe for president, Frühling für Europa: Surrealismen zum Mai 68. Hrsg. u. Information Uwe Wandrey. Politkritische Vorbemerkungen Peter Schütt. Hamburg: Quer-Verlag, 1968, 72 S., mit Abbildungen.