Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03135.jsonl.gz/1340

24.03.2020 - Dr. Rudolf Velhagen
24.03.2020
Dr. Rudolf Velhagen
Viele Erfolgsgeschichten aus dem Aargau gezeigt
Wir können uns heute ein Leben ohne Eisenbahn, Waschmaschine, Mixer oder Föhn kaum mehr vorstellen. Und doch ist es gar nicht so lange her, dass Menschen in unserer Gegend ohne diese Produkte lebten. Ihr Alltag unterschied sich stark vom unsrigen, wo wegen der Ende des 19. Jahrhunderts aufkommenden Elektrizität das Zeitalter der Maschinen und der seriell hergestellten Konsumprodukte begann. Der Aargau gehört zu den Gebieten in der Schweiz, die sehr früh und intensiv in das Zeitalter der Industrialisierung eingetreten sind.
Vom Agrargebiet zum Industriekanton
Dreizehn der 100 grössten Industrieunternehmen der Schweiz sind im Aargau niedergelassen oder wurden hier gegründet, darunter der Elektromaschinenkonzern BBC, der Elektroapparate-Spezialist Sprecher + Schuh, der bedeutende Konserven- und Confiturenhersteller Hero, die Aluminium Menziken oder die Kabelwerke Brugg. Wie aber entwickelte sich der Aargau vom reinen Agrargebiet zum hochindustrialisierten Kanton? Die Vielgestaltigkeit des 1803 gegründeten Kantons wirkte sich dabei zweifellos günstig aus: Während im reformierten Berner Aargau bereits zur Zeit der Kantonsgründung neben der Landwirtschaft eine florierende Textilindustrie und in den Freien Ämtern die aufblühende Strohindustrie bestanden, lebten die Einwohner der Graftschaft Baden und des ehemals österreichischen Fricktals hauptsächlich von der Landwirtschaft. Der Berner Aargau, der durch zugewanderte Hugenotten im späten 17. Jh. wertvolle Impulse erhielt, wurde schliesslich führend in der Mechanisierung: 1810 entstand in Aarau die erste mechanische Spinnerei. Aus Reparaturwerkstätten für Textilmaschinen entstanden nach und nach selbständige Maschinen- und Metallindustrien. Im Bezirk Kulm breitete sich weiter eine florierende Zigarrenindustrie aus.
Die Mechanisierung vollzog sich zunächst an den Wasserläufen. Die zunehmende Verwendung von Dampfmaschinen für die Maschinenantriebe nach 1850 ermöglichte den Industriebetrieben eine freiere Standortwahl. Der Ausbau des Eisenbahnnetzes führte zu weiteren Industriegründungen. Die im letzten Jahrzehnt des 19. Jh. einsetzende Elektrifizierung ermöglichte ebenfalls das Entstehen neuer Industrien.
Grosse soziale Unterschiede
Die Ausstellung beginnt mit einem faszinierenden Einblick in die unterschiedlichen Welten der Fabrikantenfamilien – der den Patrons – und der den Arbeiterinnen und Arbeiter. Lange Arbeitszeiten, schlechte Entlöhnung, brutale Aufseher und teilweise gefährliche Arbeit in stickiger Luft bei unerträglichem Maschinenlärm prägten den harten Alltag der Arbeitenden. Die in Fabriken Beschäftigten arbeiteten für einen Hungerlohn 14 bis 15 Stunden pro Tag während sechs Tagen pro Woche. Erst das Eidgenössische Fabrikgesetz von 1877 regelte die Arbeitszeit und die Arbeitsbedingungen von erwachsenen Fabrikarbeitenden (u.a. Begrenzung des Normalarbeitstages auf elf Stunden). Im Gegensatz dazu lebten die Patrons in stattlichen Villen und führten ein grossbürgerliches Leben. Im Unterschied zu den Arbeiterfrauen waren die Frauen und Töchter der Fabrikanten nicht gezwungen, Geld zu verdienen. Sie widmeten sich dem «Grossen Haushalt» und dem Dienstpersonal, den zahlreichen Gästen ihrer Männer sowie wohltätigen Zwecken.
Industriegeschichtliche Objekte
Der zweite Teil der Ausstellung zeigt eine Auswahl der im Kanton Aargau entwickelten und hergestellten Produkte – von der berühmten Bircherraffel des Aarauers Oskar Bircher-Benner bis zur elektrischen Walther-Zahnbürste wird die beeindruckende Produktivität des Kantons Aargau ersichtlich. Seit Jahren sammelt Museum Aargau schwerpunktmässig industriegeschichtliche Objekte des Kantons Aargau. Diese lagern im Sammlungszentrum Egliswil. Nun werden sie zum ersten Mal in einer Sonderausstellung über längere Zeit öffentlich zugänglich sein.
Ökonomisierung des Alltags
In einer spektakulären «Spiegelgalerie» werden über 150 Objekte in einem völlig neuen Licht erscheinen. Durch die mehrfache Spiegelung der Objekte wird ersichtlich, dass mit den Maschinen die bis heute anhaltende Massenproduktion von Konsumprodukten Einzug hielt. Besondere Eye-Catcher werden dabei die grossen Produktionsmaschinen sein wie beispielsweise die über Jahrzehnte in Aarau hergestellten Artofex-Teigknetmaschinen. Die Tatsache, dass nicht mehr der Bäcker mit seinen Händen, sondern eine «Maschine» den Teig knetet, stiess damals auf Skepsis, so dass Artofex ihre Teigknetmaschinen oft nachts fernab von neugierigen Blicken in die Bäckereien lieferte. Auch kleinere Alltagshelfer wie Mixer, Föhn und Waschmaschine verdeutlichen, dass mit der Industrialisierung die Ökonomisierung unseres Alltags gekommen ist: Immer schneller, effizienter und besser heisst die Devise. Aber welchen Preis zahlen wir dafür? Und was machen wir mit der Zeitersparnis? Hat sich der Stress schliesslich in die Freizeit verlagert, wo jede unausgefüllte Minute als verschwendete Zeit taxiert wird und wir ständig unterwegs sein müssen? Anhand dieser Überlegungen wird ersichtlich, dass die Ausstellung «Von Menschen und Maschinen» nicht nur historische Facts und schöne Objekte zeigen möchte, sondern immer auch einen Bogen zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen schlägt. Die Ausstellung macht einem bewusst, dass auch die Generation, die vor über 100 Jahren die Elektrifizierung miterlebt hatte, sich als modern betrachtete und sich eine Rückkehr in paradiesische Zustände erhoffte, wo dem Menschen die süssen Früchte ohne Schweiss zufielen.
Kontinuität und Transformation
Da die Industrie nicht nur gestern, sondern mehr denn je auch heute ihre Stärken für die Zukunft suchen muss, lädt die Ausstellung zum Abschluss in einer Arena zum Mitdenken und -gestalten ein: Welches Umfeld begünstigt Innovation und wie soll die Zukunft der Arbeit aussehen? Welche Entwicklungen zeichnen sich angesichts der globalen Herausforderungen der kommenden Jahre ab (Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Umweltprobleme) und ist dabei eine Wirtschaft ohne Wachstum vorstellbar? Ist es ebenfalls vorstellbar, dass es in Zukunft nur noch ein Auto pro Haushalt geben darf und werden wir noch Städte ohne Autos erleben? Die Ausstellung veranschaulicht somit auf vielschichtige, überraschende und zuweilen verblüffen-de Art und Weise, dass auch die Industriegeschichte nicht stillstehen wird und mehr denn je von Wandlung und Umbrüchen geprägt sein wird.
Museum Aargau – Geschichte am Originalschauplatz erleben
Vier Aargauer Schlösser, ein Kloster, zwei Römer-Erlebniswelten, ein virtueller Museumsraum zum Industriekultur und die Sammlung laden zu spannenden Entdeckungsreisen von der Antike bis ins 20. Jahrhundert ein. Programme für Gruppen und Schulklassen sowie Veranstaltungen erwecken diese Originalschauplätze zu neuem Leben.
Erleben Sie in Windisch Aargauer Industriegeschichte! In der Sonderausstellung «Von Menschen und Maschinen» treffen Sie Patrons und Arbeiterfamilien.
Neues Datum: Vom 23. 2020 Oktober bis 1. Mai 2021
Dr. Rudolf Velhagen