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Dame und Turm von Lukas Tschopp
© Giorgia Müller
Dame und Turm
Hoch oben im Norden lag die Baustelle. Auf der Hochebene, inmitten von wilden Ölbäumen, Korkeichen und saftigen Bergwiesen, auf denen Enziane, Krokusse und Narzissen blühten, arbeitete eine Gruppe von fünfzehn Bauarbeitern an einer Trockenmauer. Es galt, eine Stützmauer zu errichten, zur Terrassierung der Hanglage.
Jeden Morgen um sechs klingelte der Wecker. Die Arbeiter machten sich aus ihren Betten, wuschen sich den Sand aus den Augen und stärkten sich mit grünen Feigen, weissem Joghurt und schwarzem Kaffee. Nach dem Frühstück füllten sie die Rucksäcke mit Brot, Wurst und Käse, mit Dörrobst und dunkler Schokolade. Die Wasserträger gossen frisch aufgebrühten Kräutertee in die Kannen und befestigten sie an hölzernen Rückentragen. Damit machte sich die Gesellschaft auf zur Baustelle, zu Fuss, anderthalb Stunden den Hügel hinauf Richtung Norden. Auf der Baustelle angekommen, waren zunächst neue Steine herbei zu schippen, per Schubkarre, vom fernen Steinbruch her. Die einen sortierten die Steine nach Grösse und Form, andere machten sich daran, auserlesene Exemplare mit Meissel und Hammer zu bearbeiten und sie passend aufeinanderzuschichten; eine Feinarbeit, die besonders viel Geduld und Sorgfalt erforderte. In der Sierra standen keine motorisierten Hilfsmittel wie Pressluftbohrer oder Bagger zur Verfügung, was die Arbeit zusätzlich erschwerte.
Pünktlich um sieben ging es zurück zur Unterkunft.
Wenn sie trotz der anstrengenden Arbeit nicht zu müde waren, spielten Señorita Teclemeyer und Señor Jacobi, zwei altgediente Trockenmaurer, vor dem Schlafengehen noch eine Partie Schach. Das zusammenklappbare Schachspiel versteckte Señorita Teclemeyer unter ihrer Matratze im Schlafgemach, und wenn ihre Kameraden bereits schnarchend in den Betten lagen, in abenteuerlichen Träumen umherirrend, stellten die beiden auf dem Esstisch Brett und Figuren auf, kochten sich einen Topf heisse Schokolade, mit Vanillestangen, Zimt und Kognak, und begannen mit dem Spiel.
Eines Nachts, als Señorita Teclemeyer mit ihrem weissen Springer den schwarzen König von Señor Jacobi in Bedrängnis brachte, betrat ein Ordnungshüter den Raum; ein kleines, kräftiges Männlein, ausgestattet mit schwarzer Weste, grauen Diensthosen und einem Revolverhalfter am Gürtel. Obwohl man sich zuvor noch nie begegnet war, hielt man sich an die im Lande geläufige Konvention, wünschte sich gegenseitig schönen guten Abend und erkundigte sich nach dem allgemeinen Wohlbefinden. Dann aber wurde der Ordnungshüter ernst: «Leider muss ich eure Schachpartie unterbrechen, sie geradewegs durch ein neues, lebendigeres Spiel ersetzen. Ihr dürft je eine – nicht dieselbe! – Schachfigur auswählen, in die ich euch sodann verwandeln werde. Es gilt, im Leibe der gewählten Figur das Gegenüber zu besiegen. Nicht nach den üblichen Regeln des Schachspiels, sondern mit roher Gewalt. Der Stärkere gewinnt.» Die beiden trauten ihren Ohren nicht. «Und wenn wir uns weigern?», fragte Señor Jacobi den Ordnungshüter. «Ihr habt keine andere Wahl», antwortete dieser und umfasste mit der rechten Hand langsam den Griff seines Revolvers, wie um seinen Worten zusätzlichen Nachdruck verleihen zu wollen. «Es ist einzig meiner Güte geschuldet, dass ihr eure Lieblingsfigur wählen dürft. Seid nicht undankbar, ansonsten werde ich eure Wahl ignorieren. Mir selbst schweben genügend Figuren vor, in die ich euch alternativ verwandeln kann. Hört besser auf meinen Rat und wählt weise.» Ernüchtert stellten die Maurer fest, dass mit dem Ordnungshüter nicht zu spassen war.
Weil sie im vergangenen Jahr insgesamt mehr Schachpartien gewonnen hatte, durfte Señorita Teclemeyer zuerst eine Schachfigur auswählen. Sie entschied sich für die Dame, die gefährlichste und wertvollste Figur auf dem Brett. Señor Jacobi wählte den Turm, mehr aus dem Bauch heraus, als rationalen Überlegungen folgend, und dennoch überzeugt von seiner Wahl. Der Ordnungshüter schnippte mit den Fingern, und kurz darauf fanden sich die beiden Trockenmaurer auf einem weiten, kargen Feld, einer Ödnis, hier Señorita Teclemeyer im weissen Gewand einer gutbetuchten, nicht minder hübschen, selbstbewussten Dame, und da Señor Jacobi, in Form eines rund drei Meter hohen, schwarzen Turms aus Stein. Leichte Windböen wehten über die Ebene hinweg. Kein Haus, kein Baum, kein Gewässer weit und breit. Nur trockener Erdboden, mit Sand und kleinem Gestein allenthalben, ohne Anzeichen von Wasser, geschweige denn von lebendigen Organismen.
Der Anweisung des Ordnungshüters Folge leistend, versuchte die Dame jetzt, den Turm zu bekämpfen: Erst trat sie ihn mit den Füssen, dann suchte sie am Boden nach möglichst grossen Steinen, um sie gegen das Gemäuer zu werfen. Ihre Bemühungen waren aber nicht von Erfolg gekrönt. Rasch nutzten sich ihre samtenen Mokassins am schwarzen Gestein ab, und auch das Sammeln und Werfen genügend grosser Steine war kräfteraubender als gedacht, Aufwand und Ertrag stimmten nicht recht überein. Schliesslich setzte sich die Dame auf den Boden und legte ihre Arme um die angewinkelten Beine. Der Turm jedoch blieb stehen, stumm seinen Schatten auf die kauernde Señorita Teclemeyer werfend. Sein Gemäuer hielt dicht.
Nach wenigen Tagen war Señorita Teclemeyer dermassen erschöpft, dass sie sich nicht mehr erheben konnte in ihrer edlen, aber umständlichen Kleidung. In der Ödnis, in welcher die beiden gelandet waren, gab es weder zu trinken noch zu essen, und so dauerte es keine zwei Tage mehr, bis die Dame im Schatten des Turms zum Erliegen kam. Ihre leiblichen Überreste blieben noch eine ganze Weile vor Señor Jacobi – in Gestalt des Turms – liegen, und dieser führte jahrein jahraus ein geruhsames, aber eintöniges Leben.