Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03501.jsonl.gz/39

Zwischen 1911 und 1977 hat der Rentsch-Verlag (zuerst in München, später in Erlenbach-Zürich) in 24 Basis- und 18 Ergänzungsbänden die bis heute gültige Ausgabe von Jeremias Gotthelfs sämtlichen Werken veröffentlicht. Klar ist: Diese Ausgabe ist nur deshalb möglich geworden, weil C. A. Loosli seinen Jugendfreund Eugen Rentsch davon überzeugt hat, sich als Verleger zu engagieren. Aber welche Rolle spielte Loosli genau?
Auch zu dieser Frage hat Franzisca Pilgram-Frühauf in der Berner Zeitschrift für Geschichte einen Aufsatz veröffentlicht. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Historisch-kritischen Gotthelfausgabe der Universität Bern, die in diesem Herbst zu erscheinen beginnen soll.
Was Pilgram-Frühauf erzählt, ist kurz folgendes: Um 1890 setzt eine Gotthelf-Renaissance ein. Unter anderem beginnt der Berner Professor Ferdinand Vetter 1898 im Francke-Verlag eine «Volksausgabe» von Gotthelfs «Werken im Urtext» zu veröffentlichen. Er muss das Projekt 1902 nach zehn Bänden abbrechen, weil ihm nach Auseinandersetzungen von der Familie der Gotthelf-Tochter Cécile von Rütte-Bitzius der Zugang zum Nachlass des Autors in der Stadtbibliothek gesperrt wird.
Während Vetter in Ungnade fällt, wird für die Familie von Rütte der Winterthurer Gymnasiallehrer Rudolf Hunziker zum Liebling unter den Gotthelf-Philologen. Auf Hunzikers Briefwechsel mit verschiedenen Familienmitgliedern basiert Pilgram-Frühaufs Darstellung.
C. A. Loosli tritt in dieses Spiel, weil er sich seit ungefähr 1900 ebenfalls mit der Idee einer grossen Gotthelf-Werkausgabe trägt. «Die Geschichte dieser Anfänge», resümiert Erwin Marti, «ist gekennzeichnet durch gewaltige Anstrengungen und Kämpfe, durch Intrigen und Irrtümer, Idealismus und verlorene Hoffnungen.»[1] Loosli hat in diesem Spiel schlechte Karten: Er ist Nichtakademiker, und er macht den Fehler, dass er – was den Gotthelf-Nachlass betrifft – auf Fritz Rüetschi setzt, seinen ehemaligen Unterweisungspfarrer, weil er weiss, dass jener der Sohn von Henriette Bitzius ist, der zweiten Tochter Gotthelfs. Was er erst zu spät begreift: Über Gotthelfs Nachlass verfügt nicht Rüetschi, sondern die Familie von Rütte.
Aber Loosli engagiert sich: 1909 gründet er ein Gotthelf-Komitee mit Prominenten und im Dezember 1910 überredet er seinen in München lebenden Jugendfreund und Jungverleger Eugen Rentsch, eine Gotthelf-Gesamtausgabe ins Auge zu fassen. Rentsch bevollmächtigt Loosli zu Verhandlungen mit der Familie von Rütte. Loosli scheitert. Die Rentsch-Ausgabe wird zwar lanciert und der zuerst erscheinende Band 7 («Geld und Geist») nennt Loosli neben Hunziker als Herausgeber. Aber danach ist er aus dem Spiel.
Diese Geschichte erzählt Pilgram-Frühauf soweit sie sich in Hunzikers Briefen mit den Erben spiegeln und soweit sie – aus Looslis Sicht – in der C. A. Loosli-Werkausgabe dokumentiert ist.[2] Was die Autorin allerdings ignoriert, ist die umfassende Darstellung in Erwin Martis Biografie.[3] Das führt unter anderem dazu, dass sie ein Subventionsgesuch Looslis 1912 an die Bundesversammlung im Sinn einer schwachen Quelle aus dem Jahr 1960 auf «überrissene Geldforderungen» Looslis reduziert, statt bei Marti nachzulesen: Als mitteloser Berufsschriftsteller hat er ungeschickterweise innerhalb eines bildungsbürgerlichen Diskurses auch auf seine materiellen Bedürfnisse hingewiesen. Die Familie von Rütte und Hunziker nehmen dies zum Anlass, den unerwünschten Loosli vom erwünschten Rentsch abzuspalten und aus dem Spiel zu drängen.[4]
Dass Franzisca Pilgram-Frühauf Hunzikers Blick auf die Ereignisse von 1911/12 herausgearbeitet hat, ist ihr Verdienst. Dass sie den aktuellen Stand der Loosli-Forschung ignoriert hat, führt aber dazu, dass sie Loosli als naiv und geldgierig vorführt – als Nichtakademiker halt, der hier sowieso auf einem Terrain spielte, auf dem er nichts zu suchen hatte. Aber hätte Loosli damals Rentsch nicht organisiert, wäre nicht nur «Geld und Geist» nicht erschienen, sondern in den folgenden 66 Jahren auch die restlichen 41 Bände nicht.
Pilgram-Frühaufs selektiver Umgang mit den Quellen macht Looslis entscheidenden kulturaktivistischen Impuls zur quantité négligeable und ihren Text zu einem Beispiel für jenen akademischen Dünkel, den der Satiriker Loosli so gern aus Korn genommen hat (im übrigen ist ja unbestritten, dass die Rentsch-Ausgabe «von Carl Albert Loosli initiiert» worden ist [siehe NZZ, 29. 8. 2012]).
Franzisca Pilgram-Frühauf: 100 Jahre Sämtliche Werke von Jeremias Gotthelf, in: Berner Zeitschrift für Geschichte 2/2011, S. 3-31.
[1] Erwin Marti: Carl Albert Loosli, Biographie Band 2, Zürich (Chronos) 1999, S. 315 f.
[2] C. A. Loosli: Gotthelfhandel. Werke Band 4, Zürich (Rotpunkt) 2007, S. 40-59.
[3] Erwin Marti, a. a. O., S. 311-354, insbesondere S. 320-329.
[4] Erwin Marti, a. a. O., S. 323 f.