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von Dr. Simone Schoch
Denken Sie kurz an ihre Freunde. Welche Art von Freunden haben Sie? Haben Sie wenige, dafür ganz enge Freunde, mit denen Sie viel Zeit verbringen? Oder pflegen Sie eher einen grossen Kreis von Freunden, die sie ab und zu treffen? Oder gar beides?
Ist es besser, mit wenig engen Freunden in Kontakt zu bleiben oder ist es von Vorteil, einen möglichst grossen Freundeskreis zu haben? Eine häufig vorherrschende Meinung ist, dass es wichtiger ist, wenige enge Freunde zu haben. Mit diesen guten Freunden kann man durch dick und dünn gehen. Sie sind immer für einen da. Die Kontakte in einem grossen Freundeskreis hingegen sind häufig eher oberflächlich. Deshalb scheinen sie weniger Wert zu sein. Wie wirkt sich aber die Art (Grösse und Qualität) des Freundeskreises auf das Wohlbefinden einzelner Personen aus? Bringen wenig enge Freundschaften mehr Vorteile im Vergleich zu einem grossen Netzwerk an losen Freunden? Oder ist es vorteilhafter, ein möglichst grosses Netzwerk an Freunden zu haben?
Shigehiro Oishi und Selin Kesebir untersuchten in ihrer Forschungsarbeit genau diese Fragen. Die Forscher gingen davon aus, dass soziokulturelle und -ökonomische Aspekte einen entscheidenden Einfluss darauf haben, welche Art von Freundesnetzwerken wann besonders wichtig sind. Sie gingen davon aus, dass eine kleine Zahl an engen Freunden dann besonders wichtig sein sollte, wenn Menschen in einer Region wohnen, in der wenig Mobilität herrscht und schwierige wirtschaftliche Umstände dazuführen, dass Menschen auf die Hilfe ihrer Freunde angewiesen sind. Unter solchen Bedingungen könnte es wichtig sein, enge Freundschaften aufzubauen und zu pflegen, um in Zeiten der Not aufeinander zählen zu können. Für Menschen, aus wirtschaftlich wohlhabenden Regionen mit grosser Mobilität, sollten solch enge Freundschaften weniger wichtig sein. Einerseits, weil hier die Menschen finanziell unabhängiger sind. Andererseits, weil es schwieriger ist, überhaupt enge Freundschaften aufzubauen, wenn die Freunde immer wieder umziehen. Hier könnten grössere und losere Freundesnetzwerke von Vorteil sein.
Um diese Annahmen zu überprüfen befragten die Forscher über 200 amerikanische Personen. Alle Studienteilnehmenden wurden gebeten an drei Arten von Freunden zu denken. Einmal an Freunde, die ihnen sehr nahe standen (ohne die sie nicht leben könnten), an gute Freunde, die aber nicht zu den engsten zählten und an eine grössere Gruppe von weniger engen Freunden. Jedem Teilnehmenden wurden 60 Punkte geben. Diese widerspiegelten die Ressourcen Zeit und Anstrengung. Die Teilnehmenden mussten dann angeben, wie viel Zeit und Anstrengung sie für jeden dieser Freundesgruppen investieren. Weiter wurde das subjektive Wohlbefinden der Teilnehmenden erhoben. Zudem mussten alle Teilnehmenden die Postleitzahl ihres Wohnortes angeben. Anhand der Postleitzahl konnte eruiert werden, wie oft Personen in und aus dieser Region zogen (Höhe der Mobilität) und wie hoch das mittlere Einkommen dieser Region war (Reichtum).
Die Resultate bestätigten die Annahmen der Forscher. In ärmeren Gegenden mit wenig Mobilität waren diejenigen Personen viel glücklicher, welche den grössten Teil ihrer Ressourcen in ihre engen Freundschaften investierten. Personen, die viele ihrer Punkte an die grössere Gruppe von losen Freunden vergaben, berichteten in diesen Gegenden über ein deutlich geringes Wohlbefinden. Diese Effekte waren erstaunlich gross. Personen aus den anderen drei Gruppen von Regionen (grosse Mobilität und Reichtum, grosse Mobilität und Armut, wenig Mobilität und Reichtum), berichteten dann über leicht höheres Wohlbefinden, wenn sie ihre Anstrengungen in eine grössere Gruppe von losen Freunden investierten als wenn sie die meisten ihrer Punkte an die engen Freunde vergaben.
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die beste Art, wie man seinen Freundeskreis gestaltet (wenige enge Freunde oder ein möglichst grosses Netzwerk an Freunden) in einem hohen Mass davon abhängig ist, in welcher Region man lebt. Die üblich vorherrschende Meinung, dass wenig enge Freunde zu haben besonders vorteilhaft sei, trifft in der heutigen Zeit somit häufig nicht zu.
Quelle: Oishi, S., & Kesebir, S. (2012). Optimal social-networking strategy is a function of socioeconomic conditions. Psychological Science, 23(12), 1542–1548. doi:10.1177/0956797612446708
Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.