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Die Reise begann dramatisch. Ich hatte mich am Vormittag im Zürcher Hauptbahnhof noch mit einer Kollegin verabredet. Wir setzten uns ins Cafe «Les Arcades». Wegen der engen Tische musste ich meinen grossen Koffer etwa zwei Meter vor mich hinstellen. Eine kleine Unaufmerksamkeit – plötzlich war das Gepäckstück weg. Zuerst glaubte ich, es sei ein Witz. Dann realisierte ich: In zwei Stunden fliegt meine Maschine nach Russland – und jetzt ist mein Koffer verschwunden!
Zum Glück hatte ich Laptop, Kamera und alle Dokumente im kleinen Rucksack neben mir. Im Koffer waren nur Gegenstände, die ich wieder beschaffen konnte. Ich musste den Swissair-Flug nach Moskau um einen Tag verschieben; zufällig war für den Weiterflug nach Nowosibirsk ein Tag Aufenthalt in Moskau geplant. Am nächsten Tag flog ich dann ab. Und während der anderthalb Jahre in Russland wurde mir nie mehr etwas gestohlen.
Russisch statt Rätoromanisch
Geboren und aufgewachsen bin ich in St. Gallen. Dort habe ich 1993 die Matur gemacht. Anschliessend arbeitete ich ein Jahr als Volontär bei der Tageszeitung «Sarganserländer». Im Herbst 1994 begann ich das Studium der Geschichte und Journalistik an der Universität Freiburg.
Warum es mich nach Sibirien verschlug? Am Gymnasium schwankte ich bei den Freifächern zwischen Rätoromanisch und Russisch. Russisch, dachte ich, könne ich später besser gebrauchen. Unser Lehrer brachte uns nur wenig Sprachkenntnisse bei. Dafür erzählte er uns immer wieder faszinierende Geschichten und zeigte uns Filme über Russland. Er konnte uns für das Land begeistern. Und vor allem organisierte er einen Schüleraustausch mit der sibirischen Stadt Barnaul.
So reiste ich im Herbst 1992 mit elf Klassenkameraden für einen Monat ins Altai-Gebiet hinter dem Ural. Das Land und die Leute liessen mich nicht mehr los. Zurück in der Schweiz, reifte der Wunsch, ein Jahr lang in Russland zu leben. Ich begann, die Sprache besser zu lernen.
Vier Jahre später erhielt mein Journalistikprofessor in Freiburg das Schreiben eines Chefredaktors aus Russland. Er suchte einen Assistenten für seine deutschsprachige Zeitung. Man könne zwar nichts bezahlen, schrieb er, aber eine Wohnung und einen Praktikumsplatz offerieren. Dies erst noch in der Region in Westsibirien, die ich damals besucht und wo ich bereits Freunde hatte. Ich sagte sofort zu.
Eine Redaktion in Frauenhand
Nach der Ankunft in Nowosibirsk gings in einer siebenstündigen Fahrt ins 400 Kilometer entfernte Slawgorod. Die Stadt mit 35000 Einwohnern liegt mitten in der sibirischen Steppe. Das Klima ist kontinental – im Winter bis minus 40 Grad, im Sommer bis plus 50 Grad. Nowosibirsk selbst gilt als geografisches Zentrum von Asien.
Meine Zweizimmerwohnung lag in einem Blockbau und war für dortige Verhältnisse Luxus. Teils kochte ich selbst, teils ass ich in der Kantine, und häufig war ich auch eingeladen. Die «Zeitung für Dich», herausgegeben von der Verwaltung der Region Altai, erscheint in einer Auflage von 2000 Exemplaren. Es ist die einzige Wochenzeitung in Russland, die in deutscher Sprache erscheint – und zwar seit 1957. Sie richtet sich hauptsächlich an Russlanddeutsche – Nachfahren jener deutschen Bauern, die Zarin Katharina die Grosse vor über 200 Jahren ins Land geholt hatte.
Auf der Redaktion waren wir zehn Personen – ausser dem Fotografen und mir alles Frauen. Der Fotograf und zwei Redaktorinnen sind inzwischen nach Deutschland emigriert. Die Russlanddeutschen, die unter Stalin stark verfolgt wurden, nutzen jetzt die Möglichkeit, nach Deutschland ausreisen zu können.
In der «Zeitung für Dich» berichteten wir nicht nur über russlanddeutsche Angelegenheiten, sondern auch über Ereignisse aus der Region und der Welt. Mein Praktikum sollte sechs Monate dauern. Doch bei einem Besuch aus Deutschland boten mir Vertreter der Regierung Kohl im Juni 1997 an, meine Stelle im Rahmen eines deutschen Förderprogramms zu verlängern. So konnte ich weitere neun Monate bleiben – bis Sommer 1998. Diesmal erhielt ich ein Monatsgehalt von 1800 DM. Damit kann man in Russland komfortabel leben.
Mein Arbeitstag begann um acht, wenn die Chefredaktorin oder der Hauswart die Redaktion aufschlossen. Um zehn Uhr hatten wir Kaffeepause, die mit der Redaktionssitzung zusammenfiel. Zwischen 12 und 14 Uhr konnte man eine Stunde Mittagszeit machen. Anschliessend arbeiteten wir bis 17 Uhr. Dann wurde die Redaktion wieder geschlossen.
Ich war sehr frei in meiner Arbeit, konnte kulturelle Anlässe besuchen, Porträts über Russlanddeutsche schreiben und auf Kolchosen fahren. Später machte ich auch Interviews in Russisch und ging an Pressekonferenzen. Zusätzlich redigierte und korrigierte ich die Texte meiner Kolleginnen. Sie sprechen im Alltag und zu Hause meist Russisch und haben auch keine Journalistikausbildung. Viele von ihnen sind ehemalige Deutschlehrerinnen.
Nach der Arbeit ging ich einkaufen oder sass in Imbissstuben, wo ich in Kontakt mit Einheimischen kam. In Slawgorod lebten damals sieben Ausländer aus Westeuropa – darunter ein Pfarrer aus Berlin und zwei Klosterfrauen aus Schaan FL, die die dortige katholische Kirchgemeinde wieder aufbauten. Eines Tages nahm mich die Kulturredaktorin in eine Theatergruppe mit, wo ich in einem deutschsprachigen Stück eine Rolle übernehmen durfte. So lernte ich meine damalige russische Freundin Olja und ihre Familie kennen. Ich erlebte viele Feste und Familienanlässe.
Reichlich Wodka am Fest
Einmal war ich an eine Hochzeit mit 60 Gästen eingeladen, Kinder inbegriffen. Dort tranken wir in zwei Tagen 114 Halbliterflaschen Wodka, mehr als einen Liter pro Erwachsenen! Doch kein Mensch wurde primitiv oder ausfällig. Natürlich waren alle angeheitert, aber friedlich. Es gibt in Russland nicht nur den Alkoholismus, sondern auch eine Wodka-Kultur.
Anders bei Besuchen aus dem Westen. Im Sommer 1998 – kurz vor den Bundestagswahlen – tauchte eine bundesdeutsche Delegation unter Führung der beiden CDU-Politiker Rudolf Seiters und Manfred Carstens auf. Die Herren begutachteten die von Deutschland geförderten Projekte, schnitten ein Band durch und tranken sich am Abend an einem Waldfest die «Lampe voll». Mit dem Resultat, dass die Delegierten anderntags viel zu müde waren, um die angekündigte Pressekonferenz abzuhalten. Wir Journalisten waren ziemlich empört. Schliesslich hatten die Kollegen aus Barnaul und Nowosibirsk eine bis zu zwölfstündige Fahrt hinter sich.
Ich habe grossen Respekt gewonnen vor den Leuten, die ich in dieser Zeit kennen gelernt habe. Auch heute noch pflege ich viele Kontakte mit Russland. So plane ich eine Lizenziatsarbeit über die Geschichte der Schweizerkolonie Zürichthal auf der Krim. Und selbstverständlich habe ich die «Zeitung für Dich» abonniert. Denn die Region Altai ist für mich zur zweiten Heimat geworden.