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VadSlg Ms 72, fol III
Die Reformation beurteilte Johannes Kessler (1502/3-1574) als markante Zäsur in seinem Leben: „Dann wer kain sich gnůg ab dieser Zit verwunderen, ainer so groβen Verenderung hoher Ständen und Wesens“ (fol 11r). Sie hatte ihn dazu gebracht, nach einigen Semestern Theologie nicht die Priesterlaufbahn anzustreben, sondern seinen Lebensunterhalt lieber als Sattler und später als Leiter der städtischen Lateinschule zu verdienen. Dieses Gefühl, Zeuge von aussergewöhnlichen Ereignissen zu sein, hatten viele seiner Zeitgenossen. Mit Hilfe persönlicher Aufzeichnungen, sei es als reflektierende Rechenschaftsberichte oder als Zeugnis für die Nachwelt, versuchten einige den Umständen habhaft zu werden. Nicht weniger als sieben chronikale Aufzeichnungen entstanden zu dieser Zeit in St. Gallen, so viele, wie nie zuvor. Die Sabbata von Johannes Kessler ist mit ihren 1’200 Seiten im Folioformat aber sicherlich das umfangreichste Geschichtswerk. Der Name „Sabbata“ ist darauf zurückzuführen, dass Kessler die Einträge jeweils in seinen „Fyrabendstunden (…) zů Nacht schlaf“ (fol 12v) verfasste. Als Gegenwartschronik angelegt, verarbeitete er mit dem humanistischen Hang zur Quellenforschung neben Flugschriften, offiziellen Dokumenten und Berichte auch Briefe, welche an seinen Freund Vadian (1483/4-1551) adressiert waren. Auch eigene Beobachtungen und mündliche Berichte von Gewährsleuten flossen in seine Arbeit ein. Aufgeschreckt durch den Bauernkrieg und die Täuferbewegung, begann Kessler um 1527 mit seiner Chronik, an der er rund fünfzehn Jahre arbeiten sollte. Dabei achtete er auf sorgfältige und verständliche Formulierungen, argumentierte häufig theologisch mit Bibelzitaten oder Gleichnissen und liess seine Berichte immer wieder in predigtartige Ermahnungen auslaufen. Anhand der verschiedenen Wasserzeichen auf dem Papier lassen sich die Etappen der Bearbeitung ermitteln. Die repräsentative Reinschrift dürfte um 1544/45 entstanden sein. Sie ist in einheitlicher Buchkursive geschrieben, ausgestattet mit kolorierten Holzschnitten und Randnotizen, die Hinweise auf den Inhalt geben sollen und gleichzeitig für den Registereintrag am Buchende dienen.
Ursprünglich schrieb Kessler kurze, in sich geschlossene gegenwartsbezogene Erzählungen, die er erst im Nachhinein in drei Bücher unterteilte. Ganz der heilsgeschichtlichen Tradition von Chroniken verpflichtet, gibt er einen Überblick über die biblische Geschichte von der Schöpfung bis zum Erscheinen von Jesus Christus. Dann berichtet er, wie der „neue Glaube“ des Papsttums das unverfälschte, ursprüngliche Christentum verfälscht habe. Dabei spart er nicht mit Kritik an der Kirche und deren Institutionen, schliesslich ist er ganz der evangelischen Sache verpflichtet. Erst die Reformation, die er im zweiten Buch beschreibt, führt wieder zur reinen Wahrheit und Erkenntnis Gottes. Versinnbildlicht wird dies mit Platons Höhlengleichnis. Dank der „rainen, luteren Erkantnus Jesu Christi“ steigen die aus der Schattenwelt der Höhle befreiten Gefangenen ans Licht. Diejenigen aber, die auf die „überflüβigen Ceremonien und Menschensatzungen“ vertrauten, blieben in der Dunkelheit (fol 4r). Neben den philosophischen Ausführungen beschreibt er auch die politischen Ereignisse im Reich und die handelnden Persönlichkeiten. In Kaiser Karl V. erblickt Kessler einen Hoffnungsträger, Luther kennt er persönlich aus der Zeit seines Studiums in Wittenberg, aber auch Zwingli und seine Rolle in den Zürcher Disputationen beschreibt er im Detail. Im dritten Buch schliesslich steht die Reformation in St. Gallen im Zentrum. Als gut informierter und theologisch gebildeter Zeitgenosse berichtet er, wie die reformatorischen Anliegen in der Stadt eingeführt und verbreitet wurden, aber auch wie die Stadt nach der verlorenen zweiten Schlacht bei Kappel einen Ausgleich mit der wiedererstarkten Fürstabtei suchen musste. Seinen Freund Vadian schildert er als überlegenen Theologen, geschickten Bürgermeister, tatkräftigen Reformator und liebenswerte Privatperson. Viele Ereignisse der St. Galler Reformationsgeschichte sind in Kesslers Chronik ausführlich beschrieben; einige – wie das 1524 eingeführte städtische Armenmandat – sind sogar nur hier überliefert.
Weiterführende Literatur und Links: