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Marc Balissat (Deutsch von Walter Hauenstein)
1. Vor dem Komitee... die Kommission (1928-1948)
Heinrich Gruner (1873-1947), durch den Bau des Stauwehrs Laufenburg und das Projekt für die Talsperre Monsalvens bekannt gewordener Ingenieur aus Basel, vereinigte erstmals am 2. Oktober 1928 fünf Persönlichkeiten aus dem Ingenieurwesen um die Schweizerische Talsperrenkommission, die Vorgängerin des Schweizerischen Nationalkomitees für Grosse Talsperren (SNGT), zu gründen. Bei diesen fünf Personen handelte es sich um:
- Hans Eggenberger (1875-1958), Oberingenieur der Schweizerischen Bundesbahnen in Bern;
- Eugen Meyer-Peter (1883-1969), Wasserbauprofessor an der ETH in Zürich und Vertreter des Schweizerischen Wasserwirtschaftsverbandes (SWV);
- Max Ritter (1884-1946), Professor für Statik und Stahlbeton an der ETH in Zürich;
- Alfred Stucky (1892-1969), Wasserbauprofessor an der EPUL (heute ETH Lausanne),
- Alfred Zwygart (1886-1972), Oberingenieur der Nordostschweizerischen Kraftwerke (NOK) und Vertreter des SIA.
Bild 1: Flugbild der Zwillingsbogenmauer Hongrin.
Die statutarischen Ziele dieser Kommission waren: sich um die Probleme im Zusammenhang mit den Talsperren zu kümmern und Informationen und Erfahrungen betreffend deren Bau und Betrieb zu sammeln.
Es handelte sich dabei um eine logische Folge, spielte die Schweiz doch bereits eine Pionierrolle in Europa mit dem Bau der Staumauern Montsalvens (1 920, erste Bogenmauer des Typs Jörgensen in Europa), Schräh (während einiger Jahre höchste Gewichtsmauer der Welt), Spitallamm (damals im Bau), eine bogenförmige Gewichtsmauer, die sich als mächtiger Riegel in den Granit des Aaremassivs einfügt.
Zur kleinen Gründergruppe gesellten sich im Laufe der Jahre in alphabetischer Reihenfolge:
- Jean Bolomey (1879-1952), Professor für Werkstoffkunde an der EPUL in Lausanne,
- Otto Frey-Baer (1909-1973), Oberingenieur der Motor Columbus AG in Baden,
- Henri Gicot (1897-1982), beratender Ingenieur in Freiburg,
- Henri Juillard (1896-1985), Ingenieur der Kraftwerke Oberhasli in Innertkirchen,
- Arnold Kaech (1881-1965), Oberingenieur der Kraftwerke Oberhasli in Innertkirchen,
- Maurice Lugeon (1870-1953), Geologieprofessor an der Universität Lausanne
- Ernst Martz (1879-1959), Präsident des Vereins Schweizer Zement-, Kalk- und Gipsfabrikanten in Zürich,
- Walter Schurter (1889-1965), eidgenössischer Oberbauinspektor in Bern,
- Mirko Roš (1879-1962), Professor für Werkstoffkunde an der ETH in Zürich,
- Mirko Roš jun. (1913-1968), beratender Ingenieur in Zürich.
Ebenfalls im Jahre 1928 wurde die International Commission on Large Dams (ICOLD) gegründet, welche aus dem Weltenergierat hervorging. Die Schweizerische Talsperrenkommission vertrat die Schweiz bei ICOLD ab 1930.
Die Wirtschaftskrise der 30er Jahre führte in der Schweiz zu einem Rückgang des Ausbaus der Wasserkraftnutzung. Um bei den noch verbleibenden Projekten Materialeinsparungen vornehmen zu können, wurden die ersten Pfeilerkopfmauern der Schweiz erstellt (Dixence, 1935, und Lucendro, 1947). Die Staumauer Lucendro, deren Bau während der Kriegsjahre begonnen wurde, führte zu erheblichen Diskussionen, weiche die Protokolle der Talsperrenkommission während mehrerer Jahre füllten.
Die Staumauer Lucendro besass Pfeilerköpfe vom Typ Nötzli, welche wesentlich dünner waren als diejenigen der Staumauer Dixence. Die Bombardierungen der Möhneund Edertalsperren in Deutschland durch die Royal Air Force im Mai 1943 riefen daher bei den zivilen und militärischen Behörden ernste Zweifel über die Verletzlichkeit dieser Talsperren bezüglich kriegerischer Handlungen oder Sabotageakten hervor. Während das Eidgenössische Militärdepartement eine minimale Dicke der Mauern über deren ganze Höhe vorschreiben wollte, was das "Aus" für die Pfeilerkopfmauern bedeutet hätte, war die Kommission der Meinung, dass keine Staumauer absolut unzerstörbar sei, dies insbesondere nach dem amerikanischen Atombombenabwurf auf Japan im Jahre 1945. Die Lösung müsste deshalb in einer Kombination zwischen Absenkung des Wasserspiegels und minimaler Mauerstärke unterhalb der Absenkkote gefunden werden. Die seitliche Stabilität der Pfeilerköpfe vom Typ Nötzli wurde ebenfalls in Frage gestellt. Schliesslich konnte die Staumauer Lucendro 1947 in Betrieb genommen werden. Dazu mussten aber Rippen als Verstärkungen zwischen den Pfeilern eingebaut werden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die internationalen Kontakte wieder aufgenommen. Es war zu dieser Zeit, als Heinrich Gruner realisierte, dass der kleine Klub von Spezialisten in ein nationales Komitee umfunktioniert werden müsste, weiches über bedeutendere finanzielle Mittel verfügen würde. Gesundheitlich angegriffen, inspirierte er seinen ehemaligen Mitarbeiter Henri Gicot, sich der Gründung des SNGT anzunehmen. Dieser führte am 20. Dezember 1948 die Gründungsversammlung durch. Heinrich Gruner, im Vorjahr verstorben, erlebte diese Gründung nicht mehr.
Bild 2: Die Gewichtsmauer Grande Dixence wurde 1951 bis 1961 gebaut.
Bei Abgesenktem Stauspiegel tritt die alte Dixence-Pfeilerkopfmauer zutage.
(Foto H. Preisig 1996).
2. Die ersten Jahre (1948-1955)
An der Gründungsversammlung nehmen die Mitglieder der Talsperrenkommission teil, verstärkt durch Vertreter der Bauwirtschaft (9 Bauunternehmer), von Elektrizitätsgesellschaften (11 Gesellschaften) und der Maschinenindustrie (4 Unternehmen). Das Nationalkomitee wird praktisch entsprechend den heute noch gültigen Strukturen organisiert, nämlich mit
- ueinem Vorstand von drei Personen (Präsident, Vizepräsident, Sekretär-Kassier),
- einer wissenschaftlichen Kommission mit rund 15 Mitgliedern,
- zwei Rechnungsrevisoren.
Die wissenschaftliche Kommission trifft sich ein- bis zweimal pro Jahr. Technische Probleme werden im Plenum diskutiert. Einzelexpertisen oder Arbeiten von Unterkommissionen bilden eine solide und gut dokumentierte Basis für die Diskussionen. Die Generalversammlung wird einmal pro Jahr, in der Regel gegen das Frühjahr hin, abgehalten.
Auf Anhieb zählt das Nationalkomitee 68 Mitglieder, mehrheitlich Firmen und Organisationen, wovon 16 Mitglieder der wissenschaftlichen Kommission. Es handelt sich um einen grossen Schritt nach vorne im Vergleich zur Talsperrenkommission. Die neue Verbindung mit der Industrie erlaubt es, sich insbesondere im Ausland stärker zu behaupten. Auf diese Art entsteht ein schweizerischer PavilIon an der Technischen Ausstellung im Rahmen des ICOLD-Kongresses 1951 in Neu-Delhi, leider ein nie mehr wiederholtes Ereignis.
Die Schweiz, verschont vom Zweiten Weltkrieg, erlebt eine nie dagewesene wirtschaftliche Entwicklung. Eine Vielzahl von Wasserkraftwerken wird projektiert oder ist in Ausführung begriffen. Erwähnt seien Grande Dixence, Mauvoisin, das Kraftwerk Gougra mit den Talsperren Moiry und Turtmann, Göscheneralp, die Kraftwerke Hinterrhein mit den Stauseen Valle di Lei, Sufers und Bärenburg, die Bergeller Kraftwerke mit der Staumauer Albigna, die Bleniokraftwerke mit Luzzone und Malvaglia, um nur einige der wichtigsten zu erwähnen.
Die Verletzlichkeit der Staumauern bleibt auf der Traktandenliste der Diskussionen. Eine Untergruppe nimmt sich speziell der direkten und indirekten Auswirkungen von Bombenabwürfen auf Staumauern an. Die Staumauer Cleuson, vom Typ Nötzli wie Lucendro, darf 1950 erst in Betrieb genommen werden, nachdem die Hälfte ihrer Hohlräume ausgefüllt worden ist. Es handelt sich bei dieser Anlage um den letzten Vertreter dieses Mauertyps.
Eine andere Untergruppe nimmt sich der Probleme des Betons an, insbesondere der Erhöhung der Frostbeständigkeit durch die Beimischung von Luftporenbildnern sowie durch die Begrenzung der Abbindewärme.
Der Besuch der internationalen Betonkommission, einer Arbeitsgruppe von ICOLD, erlaubt es dem Nationalkomitee, auch internationalen Gästen eine ganze Reihe grosser Baustellen zeigen zu können.
Der Präsident, Henri Gicot, führt die Tradition der Jahresexkursion ein. Es versteht sich von selbst, dass man über lange Jahre die Qual der Wahl eines Exkursionsziels unter den vielen und vielfältigen Baustellen hatte.
Bild 3: In den Jahren 1989 bis 1991 wurde die Bogenmauer Mauvoisin
um 13,5 m erhöht. Die Mauer wurde 1951 bis 1957 gebaut.
3. Der grosse Aufschwung im Schweizer Talsperrenbau (1956-1969)
Der Talsperrenbau erlebt in dieser Zeit einen noch nie dagewesenen Aufschwung: dies nicht nur bezüglich Anzahl gebauter Sperren, sondern auch bezüglich Kühnheit und Qualität der Ausführung. Rekorde werden erreicht: Die Staumauer Mauvoisin (237 m) ist bei ihrer lnbetriebnahme (1957) die grösste Bogenmauer der Welt, Grande-Dixence (285 m), 1961 fertiggestellte Gewichtsmauer, hält heute noch den weltweiten Höhenrekord für diesen Talsperrentyp.
Die grossen Baustellen der Alpen rufen die Bewunderung eines grossen Teils der Bevölkerung hervor. Diese Begeisterung widerspiegelt den noch intakten Glauben in den technischen Fortschritt. Gewisse Schriftsteller sind bestrebt, die besondere Stimmung der hochalpinen Baustellen und den Respekt, vermischt mit Angst, den ihnen diese pharaonischen Bauwerke einflössen, zu beschreiben (siehe Kästchen).
Schwere Unfälle im Ausland (Katastrophe von Malpasset, 1959, und Vajont, 1964) bewirken dennoch ein verständliches Unbehagen bei der Bevölkerung und den zuständigen Behörden. Das Eidgenössische Amt für Strassen- und Flussbau, Oberaufsichtsbehörde über die Talsperren, verlangt, dass die Stabilität der Flanken sämtlicher Talsperren sorgfältig untersucht werde. Die Messungen von Auftriebsdrücken und die Drainagesysteme mehrerer Anlagen werden verstärkt.
Seit Beginn der 60er Jahre entwickelt die Wissenschaftliche Kommission die Tendenz, technische Diskussionen an Untergruppen zu delegieren, welche fortan Arbeitsgruppen genannt werden. Unter anderem versucht sie, den schweizerischen Einfluss bei ICOLD zu verstärken. Auf diese Weise werden einige Mitglieder der Wissenschaftlichen Kommission in internationale technische Komitees, weiche neu gegründet werden, berufen. Das Bedürfnis, die Kenntnisse über die schweizerischen Talsperren zu verbreiten, führt zu Publikationen über die schweizerische Talsperrentechnik (Kongress von Rom, 1961, Exekutivversammlung in Lausanne, 1965). Diese Publikationen erfreuen sich eines grossen Erfolgs bei den Fachleuten auf der ganzen Welt.
Es ist interessant zu wissen, dass sich bereits zu dieser Zeit gewisse Mitglieder der Wissenschaftlichen Kommission über die Flut von Beiträgen zu jedem Kongress Gedanken machen. In Anbetracht des aus heutiger Sicht bescheidenen Ausmasses an damaligen Berichten, ist man geneigt, diese Bedenken mindestens als verfrüht zu betrachten!
Talsperren: aus der Sicht des Poeten
Auszug aus Barrages, von André Guex (1956)
... Ein Berg lässt uns mit Schrecken an die versteckten Kräfte im Erdinnern denken, welche diese Felsmassen aufgehoben und gegen das Blau des Himmels geschleudert haben. Eine Staumauer setzt uns in immer neue Verwunderung vor der langsamen und sicheren Präzision, mit der sie von Menschenhand geschaffen wurde, vor dem subtilen mathematischen Fachwerk, welches in seinem Netz unsichtbarer Linien, wie in einem Netz der Spinne, diesen Koloss von Material hält...
... Die beunruhigende Schönheit der Hochgebirgsbaustellen erscheint nicht allen auf den ersten Blick. Demjenigen, der zum ersten Mal in diese feindliche Welt eindringt, wo Tausende von Men6chen ihr Leben leben, dem erscheint die Staumauer wie eine Herausforderung. Hier liegt das Reich der Destruktion. Man sieht alle Kräfte am Werk, die versuchen wegzuschaffen und umzustürzen, was der Mensch geschaffen hat. Das Eis, der Schnee, das Wasser, die Kälte und der Wind sind die Herren dieser Orte. Gegen sie muss man das Bauwerk erstellen, dessen wichtigste Eigenschaft es ist, dem Menschen zu dienen...
(übersetzt aus Editions Rencontre, Lausanne 1956)
1967 wird im SNGT die Frage nach der künftigen Ausrichtung des Nationalkomitees diskutiert. Mit der Aussicht auf den zu Ende gehenden Talsperrenbau im Laufe des nächsten Jahrzehnts vertreten die einen die Ansicht, dass die Akzente auf die Kontrolle und Beobachtung der bestehenden Sperren gerichtet werden müssten. Andere, in grossen Ingenieurunternehmungen international tätig, wünschen die Fortsetzung der Diskussion aktueller, mehrheitlich auf die Konzeption und den Bau ausgerichteter Probleme, welche nicht nur die Betonsperren umfassen, sondern, bedingt durch die Häufigkeit dieser Sperrentypen in vielen Ländern, auch Erd- und Feisschüttdämme.
Der Kongress von Montreal (1970) gibt sowohl den einen wie auch den anderen die Möglichkeit, ihr Wissen in einem umfassenden Werk, Swiss Dam Technique, zu präsentieren.
Kurz zuvor (1967) wird die Arbeitsgruppe Talsperrenbeobachtung gegründet. Diese Arbeitsgruppe mit dem Obernamen Kommission Schum, nach ihrem Präsidenten und damaligen Chef der Sektion Talsperren beim Amt für Strassen- und Flussbau, wird zu einer der künftigen Triebfedern des SNGT. Seit 1970 organisiert sie insbesondere die bei den Ingenieurbüros und Betreibern hochgeschätzten jährlichen Talsperrenseminare.
Zur selben Zeit (1969) gibt auch die Vernehmlassung zur Revision der Talsperrenverordnung Anlass zu intensiven .Diskussionen im Rahmen der Wissenschaftlichen Kommission. Betroffen davon ist insbesondere der Wasseralarm und seine unheilvolle psychologische Wirkung, welche er auf die Bevölkerung der Alpentäler ausüben könnte.
Nachdem mehrere Elektrizitätsgesellschaften dem Komitee beigetreten sind, zählt dieses Ende der 60er Jahre mehr als 90 Mitglieder (1967: 93).
Bild 4: Der Staudamm Göscheneralp des Kraftwerks Göschenen AG
gegen Ende des Baues (1956 bis 1960).
Bild 5: Einsatz von Betonvibratoren auf einer Staumauerbaustelle in den 50er Jahren.
Bild 6: Hinterbetonieren auf einer Stollenbaustelle der 50er Jahren.
Bild 7: Erhöhung un 17,5 m der 1958 bis 1963 erbauten Staumauer Luzzone in den Jahren 1995/1997 (OFIBLE).
Bild 8: Erhöhung un 17,5 m der 1958 bis 1963 erbauten Staumauer Luzzone in den Jahren 1995/1997 (OFIBLE).
Bild 9: Einsatz von Erdbaumaschinen auf der Baustelle
des Staudammes Mattmark, erbaut 1961 bis 1967.
4. Ende der grossen Talsperrenprojekte in der Schweiz Baustellen im Ausland (1970-1979)
Der Beginn der 70er Jahre markiert eine stete, wenn auch langsame Veränderung der öffentlichen Meinung bezüglich der grösseren Infrastrukturanlagen. Sehr oft werden sie zum Symbol der verbetonierten Landschaft. Diese Entwicklung wird vom SNGT wachsam beobachtet.
In dieser Periode werden mehrere grosse Pumpspeicherwerke in Betrieb genommen. Erwähnt seien die erste Etappe der Engadiner Kraftwerke (1970), das Kraftwerk Emosson (1974) und die Kraftwerke Sarganserland (1978). Im grossen und ganzen erreicht aber der Ausbau der Wasserkraft in den Alpen sein Ende.
1971 wird eine weitere Anpassung der Talsperrenverordnung verfügt. Es werden dadurch einige Änderungen bei der Organisation der Überwachung eingeführt. Die Arbeitsgruppe Talsperrenbeobachtung verpflichtet sich, die Betreiber und betroffenen Ingenieurbüros anlässlich der Tagung von Locarno zu informieren. 1976 folgt eine Ausstellung über Messinstrumente in Zürich, gefolgt von einem Symposium in Brig (1977) über die Fernübertragung von Messwerten.
Die Wissenschaftliche Kommission macht sich (bereits) Gedanken über die Rekrutierung von Talsperrenfachleuten. Anlass dazu gibt die Tatsache, dass von denjenigen, welche auf den grossen Baustellen in der Schweiz tätig waren, einige sich anderen Gebieten zuwenden, zum Beispiel dem Strassen- und Untertagebau, während andere ins Ausland reisen, um dort für die grossen schweizerischen Ingenieurbüros Talsperrenprojekte zu realisieren.
Diese Frage gewinnt ein Jahrzehnt später an Aktualität, wenn sich die schweizerischen Büros - bedingt durch die internationale Konkurrenz - gezwungen sehen, ihre Kräfte auf andere Bauwerke zu konzentrieren oder sie abzubauen.
Die Fortschritte in der seismischen Analyse der Bauwerke und die Publikation von seismischen Risikokarten für die ganze Schweiz veranlassen die Wissenschaftliche Kommission, sich mit dem Verhalten der Talsperren in der Folge von Erdbeben zu befassen. In einer ersten Phase wird eine Arbeitsgruppe beauftragt, Empfehlungen für die Installation eines Seismographennetzes zu machen. Die Studie kommt 1977 zum Abschluss. Eine zweite Arbeitsgruppe wird Ende der 70er Jahre gebildet, um die Arbeiten fortzuführen.
SDie eigenen Aktivitäten bei ICOLD werden intensiviert. Die Schweiz ist in acht, 1976 sogar neun Technischen Komitees vertreten. Anlässlich der ICOLD-Kongresse wird vermehrt von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, in Gruppen verfasste SNGT-Landesberichte zu präsentieren. Auch die individuellen Berichte werden durch eine Ad-hocArbeitsgruppe koordiniert (1973, 1976 und 1979).
1975 übersteigt die Mitgliederzahl des SNGT 100. 1979 sind es bereits rund 110.
Bild 10: Die Bogenmauer Contra der Verzasca AG,erbaut 1961 bis 1965 (Foto J. Mulhauser, sept. 1964).
Bild 11: Die gewichtsmauer Panix der Krafkwerke Illanz AG,erbaut 1985 bis 1989.
Bild 12: Dir Bogenmauer Solis der Elektrizitätswerke der Stadt Zürich, Bauzeit 1982 bis 1986. Die Zufahrtsbrücke und die Fassungsaufbau während des Baus im Oktober 1985.
5. Instandhaltung und Sicherheit (1980-1998)
Im Laufe der 80er Jahre werden im Ausland eine ganze Serie grosser Anlagen in Betrieb gesetzt, an weiche Schweizer Ingenieure einen entscheidenden Beitrag geleistet haben: Diese Bauten haben mancherorts neue und ungewöhnliche Probleme gestellt, sei dies im Bereich der Hydrologie, der Fundationsverhältnisse, der Baumaterialien oder einfach in den Werkverträgen.
Unter den markantesten dieser Bauwerke finden sich Mosul (Irak), Karakaya und Atatürk (Türkei), EI Cajon (Honduras) und schliesslich Alicura (Argentinien). Andere Beispiele folgen, so Zimapan (Mexiko), dessen Originalität darin beruht, dass mit einem stark gekrümmten Bogen eine sehr enge Schlucht mit praktisch vertikalen Wänden abgeschlossen wird.
Im Jahre 1980 werden die Sektionen Talsperren und Wasserstrassen im Bundesamt für Wasserwirtschaft (BWW) zusammengeschlossen. Bei dieser Gelegenheit übernimmt Rudolf Biedermann die Nachfolge von Charles Lichtschlag, seinerseits Nachfolger von Conrad Schum an der Spitze der Sektion Talsperren seit 1970. Die Sektion wird personell und materiell verstärkt, was ihr erlaubt, ihre Aufgabe der Oberaufsicht auf Bundesebene angemessen zu erfüllen.
Rudolf Biedermann, der auch die Leitung der Arbeitsgruppe Talsperrenbeobachtung übernommen hat, organisiert jedes Jahr (mit Ausnahme von 1985, dem Jahr des ICOLD-Kongresses in Lausanne) Studientage mit den unterschiedlichsten Themen wie die Geodäsie, die Instrumentierung, die Fundation, der Talsperrenbeton, die Instandhaltung, um nur einige zu nennen. Im Laufe dieser Veranstaltungen, welchen er seine Prägung aufsetzt, und mit mehreren Publikationen verbreitet Rudolf Biedermann sein Konzept über die Talsperrensicherheit, das auf den drei Säulen, strukturelle Sicherheit, Überwachung und Notfallkonzept beruht.
Die Vierstufigkeit (Betreiber, erfahrener Ingenieur, Experte und Oberaufsichtsbehörde) des Überwachungssystems, die bereits in der Talsperrenverordnung verankert ist, setzt er konsequent durch. Der Fall der Bogenmauer Zeuzier, wo Verformungen des Felsuntergrundes - hervorgetreten durch den Ausbruch eines Sondierstollens für einen zukünftigen Strassentunnel - Beschädigungen verursacht haben, beweist die Richtigkeit dieses Systems, welches auf die ganze Schweiz Anwendung findet.
Verschiedene Hochwasserereignisse führen zur Überprüfung der Entlastungskapazitäten und zu baulichen Modifikationen bei zahlreichen Talsperren. Der bedeutendste Fall ist das Hochwassereignis in Palagnedra (August 1978), mit Überflutung der Mauerkrone nach Verklausung der Hochwasserentlastung durch Treibholz, welche zum Bau einer separaten Strassenbrücke und einer entsprechenden Erweiterung der Hochwasserentlastungsöffnungen führt.
Das SNGT kümmert sich weiterhin um die Erdbeben und ihre Auswirkungen auf die Talsperren. Eine Arbeitsgruppe nimmt die Arbeiten aus den ausgehenden 70er Jahren auf. Es wird eine Serie von Beschleunigungsmessgebern auf vier grossen Talsperren (Mauvoisin, Grande Dixence, Mattmark, Punt dal Gall/1992) eingerichtet, um an den Sperrstellen selbst den Einfluss von Erdbeben aus tektonischen Bewegungen im Alpenraum messen zu können.
1985 ist ein ganz spezielles Jahr. Es ist das Jahr des ICOLD-Kongresses in Lausanne, für den das Organisationskomitee, hervorgehend aus dem SNGT, keine Mühen scheut. Diese Bemühungen werden belohnt durch einen Teilnehmerrekord und ein gutes finanzielles Ergebnis. Der Gewinn wird nach dem Kongress zur Bildung eines Fonds ,zur Unterstützung der Forschung im Bereich der Talsperren investiert.
Der Kongress von Lausanne bildet ein ausgezeichnetes Schaufenster für die schweizerische Talsperrentechnik. Das Buch Barrages suisses/Swiss Dams, Geschenk des SNGT an alle Kongressteilnehmer, wird zum grossen Erfolg. Zudem wird das SNGT durch die Nomination von Dr. Giovanni Lombardi an die Spitze von ICOLD geehrt, eine Funktion, welche vor ihm kein Schweizer eingenommen hat.
Die gemeinsamen Probleme der Alpenländer mit dem Betrieb ihrer Talsperren führen unter Einbezug einiger anderer europäischer Länder (Spanien, Grossbritannien, Schweden) zur Gründung eines europäischen Talsperrenklubs. Die Idee wird anlässlich eines internationalen Symposiums in Chamböry (1993) über die Instandhaltung alter Talsperren geboren. Es folgt die Gründung verschiedener europäischer Arbeitsgruppen. Die Schweiz beteiligt sich in Kürze an sechs dieser Gruppen.
1995 wird ein weiteres europäisches Symposium über Forschung und Entwicklung in Crans-Montan@ unter der Leitung des SNGT durchgeführt. 1996 findet eine analoge Veranstaltung zum Thema Reparatur und Erneuerung von Talsperren in Stockholm statt. In der Schweiz werden ab 1993 ebenfalls neue Arbeitsgruppen gebildet, um den wachsenden Bedarf nach Kenntnissen über das Talsperrenverhalten zu decken. So interessant diese Arbeiten auch sind, so stark belasten sie die Mitglieder des SNGT mit noch mehr Arbeitsleistung als in der Vergangenheit und dies gerade in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit für die Ingenieurbüros und Betreiber.
Ende 1996 wird das SNGT aufgefordert, zum Entwurf eines neuen Talsperrenhaftpflichtgesetzes Stellung zu nehmen; eine delikate Aufgabe, ist doch das Schadenspotential enorm, wohingegen die Eintretenswahrscheinlichkeit eines Bruchs praktisch vernachlässigbar klein ist. Es ist deshalb nicht zulässig, diese Frage nach den gewohnten Regeln des Versicherungswesens abzuhandeln. Dies führt zur Hauptkritik des SNGT am vorgeschlagenen Gesetzestext, die Haftungsdeckung über Versicherungsgesellschaften abzudecken, und zur Forderung nach einer offeneren Formulierung, weiche auch finanziell interessantere Möglichkeiten offen lässt.
Im Januar 1997 tritt Rudolf Biedermann altershalber von seinem Posten als Chef der Sektion Talsperren beim Bundesamt für Wasserwirtschaft zurück. Sein Nachfolger wird einer seiner Mitarbeiter. der ersten Stunde, Henri Pougatsch, der auch die Leitung der Arbeitsgruppe Talsperrenbeobachtung übernimmt.
In 18 Jahren hat die Zahl der Mitglieder des SNGT um über 60% zugenommen (1998: 177 Mitglieder). Dieser Bevölkerungsschub ist darauf zurückzuführen, dass manche Ingenieure sich als Einzelmitglieder einschreiben lassen, nachdem sie über viele Jahre in grossen Ingenieurbüros gearbeitet haben, welche selbst Kollektivmitglieder sind. Die Hauptversammlung, traditionellerweise in Bern abgehalten, wird dadurch zu einem besser besuchten und animierteren Ereignis.
Unterkommissionen und Arbeitsgruppen
|Jahr||Titel/Mandat|
|1949-1953||Verletzbarkeit der Talsperren|
|1950-1960||Aktuelle Betonprobleme|
|1950-1959||Zement für Staumauern|
|1958-1560||Talsperrenbuch|
|1962-1965||Beobachtung und Messungen|
|dès 1967||Talsperrenbeobachtung|
|1972-1977||Erdbeben|
|1979-1991||Seismik und Talsperren|
|1979-1981||Verlandung der Stauräume|
|1986-1991||Auftrieb bei den Staumauern|
|1986-1994||Populäre Talsperrenbrochure|
|1988-2000||Staumauerbeton|
|dès 1993||Forschung und Entwicklung|
|dès 1995||Numerische Methoden|
|dès 1996||Talsperrenfundationen|
|dès 1999||Öffentlichkeitsarbeit|
Bild 13: Barrage-voûte d'El Cajón, au Honduras, construit de 1979 à 1985 (Projet Motor-Columbus Ingenieurunternehmung AG)
6. Was bringt uns die Zukunft?
An der Schwelle zum 21. Jahrhundert sind wir gezwungen, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Wenn auch'davon auszugehen ist, dass vorderhand keine neuen grossen Talsperren in der Schweiz gebaut werden, stellt sich doch eine Reihe Probleme im Zusammenhang mit der Alterung der bestehenden Anlagen und ihrer allfälligen Modifikation (Erhöhung, Modernisierung der hydraulischen Einrichtungen usw.).
Betreffend die "Krankheitsbilder,> der Talsperren verdient die Alterung des Massenbetons (langfristiges Kriechen, Alkaliaggregatreaktionen, Kalkauslaugung) detaillierter untersucht zu werden. Dasselbe gilt für das Verhalten der Fundationen (saisonales Öffnen von Klüften, Entwicklung von Auftriebsdrücken, Verstopfung von Drainagesystemen usw.), wobei zu beachten ist, dass in diesen Fällen eine Verallgemeinerung problematisch ist und jeder Fall individuell behandelt werden muss.
Das stetig steigende Bedürfnis der Bevölkerung nach Sicherheit wird zur Planung und zum Bau neuer Schutzbauten führen, speziell gegen Hochwasser und Geschiebetrieb. In gewissen Fällen erreichen diese Bauwerke respektable Ausmasse und verdienen eine entsprechende Auslegung und Überwachung.
Es ist wichtig, dass sich das SNGT weiterhin mit der Anwendung neuer Bautechniken für Talsperren auseinandersetzt (z.B. Walzbeton, Membrandichtungen, bituminöse Produkte, Anwendung von Epoxiharzen, Abkühlungsprozesse beim Beton usw.) und den internationalen Erfahrungsaustausch pflegt.
Die bevorstehende Liberalisierung des Strommarkts mit ihrer zunehmenden Konkurrenzierung der Wasserkraft birgt die Gefahr in sich, dass die Mittel für die C)berwachung und Instandhaltung der Talsperren knapp werden. Es gilt wachsam zu sein, dass nicht bewährte Dispositive vernachlässigt oder gar aufgegeben werden.
Schliesslich muss sich das SNGT auch um die Rekrutierung neuer Fachleute kümmern, sei dies im Bereich Projektierung, Überwachung oder Instandhaltung grosser Bauwerke, wie sie die Talsperren darstellen.
Diese interessanten Herausforderungen rechtfertigen den Willen zum Weiterbestehen des SNGT weit ins nächste Jahrhundert hinein.
Adresse des Verfassers: Marc Balissat, ing. civil EPFL/SIA, Stucky Ingénieurs-Conseils SA, 33 rue du Lac, case postale, CH-1020 Renens, e-mail:<email-pii>
Bild 14: Die Mehrzweckanlage Atatürk in der Turkei, Bauzeit 1983 bis 1993
(Projekt Electrowatt Ingenieurunternehmung AG).
Bild 15: Die Bogenmauer Zimapan in Mexiko schliesst eine sehr
enge Schlucht mit praktisch vertikalen Wänden ab.(Projekt Studio Lombardi SA).