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In between
Marie-Louise Schneider, Lara Süß
Description
Spielregeln:
- Start: eine der beiden Stimmkünstlerinnen (1) – in unserem Fall, Marie-Louise Schneider – nimmt mit einem Aufnahmegerät ihrer Wahl eine 2 minütige Solo-Improvisation auf. Sie hört sich diese nicht an, sondern versendet sie über einen medialen Weg ihrer Wahl an die andere Stimmkünstlerin (2), Lara Süß.
- Ein Münzwurf entscheidet darüber, welche der beiden Stimmkünstlerinnen anfängt.
- Stimmkünstlerin (2) darf sich diese Aufnahme einmal anhören und wiederholt sie zeitnah aus dem Gedächtnis. Diese Reproduktion wiederum nimmt sie auf und versendet sie an Stimmkünstlerin (1), die denselben Vorgang wiederholt. Usw.
- Die Aufnahme wird mindestens einmal täglich verschickt. Die maximale Anzahl an Aufnahmen pro Tag ist beliebig (x).
- Das Projekt startet am 21. April 2020 und dauert 10 Tage.
- Das gesamte Aufnahmematerial wird erst nach Abschluss des Projekts in Gesamtlänge angehört und eventuell weiterverarbeitet.
Forschungsfragen:
- Wie verändert sich die Improvisation über einen längeren Zeitraum?
- Welche akustischen Ereignisse bleiben besonders präsent?
- Wie genau/ ähnlich ich alles, was die andere Stimmkünstlerin macht, mit meiner eigenen Stimme umsetzen?
- Wie verbessere ich meine Merkfähigkeit im Verlaufe des Spiels?
Statement der beiden Künstlerinnen nach Abschluss des Projekts:
“Das u.a. Spannende für mich an dem Projekt bzw. Experiment war mit den Aufnahmen zu starten ohne sich im Voraus ein konkretes Ergebnis abzustecken, ohne das Ziel zu kennen. Wo würden wir am Ende unserer Reise landen? Welche Eindrücke, Erfahrungen und Schlussfolgerungen würden wir daraus ziehen? Von dieser Ziellosigkeit erhoffte ich mir eine Konzentration auf den Moment. Die Improvisation als Kunstform des Moments wird durch die Lebendigkeit des Augenblicks inspiriert und vorangetrieben. Durch die tägliche Wiederholung auf der anderen Seite würde sich möglicherweise eine Routine und Monotonie einstellen. Inwiefern verändert sich eine Improvisation obwohl die Ausführenden keine Veränderung intendiert haben? Diese Frage beschäftigte mich schon vor Beginn dieses Projekts sehr.
Es ging mir nicht um das letztendliche Produkt, vielmehr stand die persönliche Erfahrung im Vordergrund. Besonders präsent waren mir während des gesamten Verlaufs Anfang und Schluss der gehörten Aufnahme. An selbige Klänge konnte ich mich relativ leicht erinnern und sie dann mehr oder weniger auch produzieren. Markante Einschnitte oder Material-Wechsel blieben mir auch im Gedächtnis, während Materialentwicklungen und Weiterführungen eher vage in Erinnerung blieben. Ich empfand es als Herausforderung täglich mit derselben Energie und Lust die Aufnahmen anzuhören und habe bemerkt, dass mein Hören gegen Ende der zehn Tage weniger präzise und im Moment war im Vergleich zu den ersten Tagen. Ich habe schließlich vielmehr versucht das Gehörte zu analysieren, einzuordnen und in eine Form zu bringen.
Erstaunlich finde ich außerdem, dass ich beim Anhören des Materials teilweise meine eigene Stimme nicht mehr von der von Marie-Louise unterscheiden kann – vermutlich auch wegen der Frequenzen des gewählten Materials. Wir sind zu einer Einheit verschmolzen.”
Lara Süß
“Wo die Struktur fehlt, haben wir uns eine gegeben. Jeden Tag sind ein paar Minuten zu etwas Vorbestimmtem genutzt worden. Das hatte etwas Beruhigendes, Erlösendes, wo man in der Improvisation doch immer ein Risiko eingeht oder sich der Unsicherheit und dem Nichtwissen aussetzt.
Ich habe das Material, das sich mit der Zeit immer mehr konkretisiert hat, schätzen gelernt und es wie “Stimmhygiene” erlebt. Ich habe meine Stimme jeden Tag zu Wort kommen lassen in dieser vorbestimmten Geräuschhaftigkeit und das hatte überhaupt nichts mit meinen Gefühlen oder mit Kommunikation zu tun. Wie erfrischend!
Es war für mich etwas Germeinsames. Etwas zwischen uns. Etwas Fruchtbares, sich Veränderndes, ohne es verändern zu wollen. Wir wollten sogar, dass es möglichst exakt imitiert wird. Ich habe meine Aufnahmen nie selber gehört, nur Laras. Und sie hat sich angehört wie ich. Das war erstaunlich. Wir haben uns mit dem Material zu identifizieren begonnen, es interpretiert, wie ein Stück, ohne Originell sein zu wollen, sondern dem Material gerecht zu werden. In die Improvisation ist etwas von Selbstlosigkeit hineingekommen. Wir wollten uns nicht unterscheiden, abheben, um uns zu definieren. Das hat mir sehr gefallen, wo ich manchmal den Predigten des Individualismus verfalle und mich nach Zugehörigkeit sehne.
Es hat gut getan, eine klare Aufgabe vor sich zu haben und darin entspannen zu können, sie so gut wie möglich erfüllen zu wollen. Es gab eine Vorfreude, die Freude, wenn die Audioaufnahme dann kam und die Freude am Hören und Imitieren. Die verschiedenen Tonspuren, die entstanden sind und die ich am Schluss angehört habe, haben mich dazu inspiriert ein Arrangement zu machen und die Aufnahme zu bearbeiten. Manchmal muss man sich eine Minute Zeit nehmen pro Tag, um einen Stein ins Rollen zu bringen!”
Marie-Louise Schneider