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Thomas Manns Davos
«‹Da drüben, rechts von dem Schwarzhorn, dieser Zinke dort, hast du sogar einen Gletscher, siehst du das Blaue noch? Er ist nicht groß, aber es ist ein Gletscher, wie es sich gehört, der Scaletta-Gletscher. Piz Michel und Tinzenhorn in der Lücke, du kannst sie von hier aus nicht sehen, liegen auch immer im Schnee, das ganze Jahr. (…) Unser Sanatorium liegt noch höher als der Ort, wie du siehst›, fuhr Joachim fort. ‹Fünfzig Meter. Im Prospekt steht ›hundert‹, aber es sind bloß fünfzig. Am allerhöchsten liegt das Sanatorium Schatzalp dort drüben, man kann es nicht sehen. Die müssen im Winter ihre Leichen per Bobschlitten herunterbefördern, weil dann die Wege nicht fahrbar sind.›»
Der Kur- und Sportort Davos um 1900 spiegelt die Dynamik und die Desorientierung der mondänen Gesellschaft am Vorabend des ersten Weltkriegs. So ist es kein Zufall, dass sich Thomas Mann gerade diesen Ort ausgesucht hat, um den recht unbedarften Kaufmannssohn Castorp in die Katastrophe des Kriegs schlittern zu lassen: Nicht nur ist auf 1500 Metern über Meer die Fallhöhe von der dekadenten Salonwelt zum Höllenschlund des Kriegs hoch genug angesetzt – die Hotel- und Sanatoriumswelt von Davos bietet, wie im Bild des Bobschlittens als Leichentransporter, allerlei bizarre Bilder, in denen das Natur- mit dem Gesellschaftspanorama überblendet wird und auf die Katastrophe vorausdeutet: «Abends gar, wenn der fast gerundete Mond erschien, verzauberte sich die Welt und ward wunderbar. Kristallisches Geflimmer, diamantenes Glitzern herrschte weit und breit. Sehr weiß und schwarz standen die Wälder. Die dem Monde fernen Himmelsgegenden lagen dunkel, mit Sternen bestickt. Scharfe, genaue und intensive Schatten, die wirklicher und bedeutender schienen als die Dinge selbst, fielen von den Häusern, den Bäumen, den Telegraphenstangen auf die blitzende Fläche. Es hatte sieben oder acht Grad Frost ein paar Stunden nach Sonnenuntergang. In eisige Reinheit schien die Welt gebannt, ihre natürliche Unsauberkeit zugedeckt und erstarrt im Traum eines phantastischen Todeszaubers.» Der Tod ist allgegenwärtig, draussen, drinnen und eine ganze Reihe von Figuren wird im Laufe des Romans dahingerafft – an Krankheiten oder durch die eigene Hand.
Dass Thomas Mann (1875-1955) die Örtlichkeiten seines Romans akribisch recherchiert hat, beweist bereits Joachims kundige Aufzählung der Gletscher (Zitat). Auch das Sanatorium hat ein reales Vorbild, das allerdings nicht «Berghof» sondern «Waldsanatorium» hiess. Katia Mann hat sich in diesem Haus 1912 einer halbjährigen Kur unterzogen, um eine Lungenkrankheit auszuheilen. Thomas Mann hat sie besucht. Unser Bild erlaubt einen Blick in ein originalgetreues Krankenzimmer des einstigen Waldsanatoriums. Heute wird das Haus als «Waldhotel Davos» geführt.
Mann erhielt 1929 den Nobelpreis für Literatur. Allerdings nicht für den «Zauberberg», sondern für die fast dreissig Jahre zuvor entstandene Familiensaga «Die Buddenbrooks», sein Romandebüt. Wer einen Blick in die Akten der Nobelpreiskommission wirft, muss, wie die «Süddeutsche Zeitung», zum Schluss kommen, dass der richtige Autor für das falsche Werk ausgezeichnet worden ist. Heute gilt «Der Zauberberg» mit seinen modernen, experimentellen Zügen als das wichtigste Werk Manns, der Autor selber stufte es damals ebenfalls als sein bedeutendstes Werk ein. (NP)
Davos (rund 11'000 Einwohner) im Bündnerland ist der grösste Bergferien-, Sport- und Kongressort der Alpen, mit 1560 m ü. M. die höchste alpine Stadt und ein Höhenkurort mit langer Tradition. Die erregerarme Höhenluft des «Zauberbergs» (das ehemalige Sanatorium auf der Schatzalp ist heute ein Hotel) hilft besonders Lungenkranken. Seit Arthur Conan Doyle 1889 das Skifahren in Davos beschrieb, zieht der Wintersport die Touristen in den Ort, denen neben Pisten und Loipen auch Europas grösste Natureisbahn zur Verfügung steht. Davos beherbergt die weltweit grösste Sammlung von Werken des deutschen Malers Ernst Ludwig Kirchner und ist Austragungsort des Weltwirtschaftsforums WEF.