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Manfred M., ein 48jähriger Basler Kommunikationsberater mit eigenem Unternehmen, verdient schönes Geld. Und trotzdem besitzt er weder ein eigenes Haus, noch verfügt er über eine ansehnliche Pensionskasse oder sonstige namhafte Ersparnisse. "Ich bin ständig pleite", sagt M. salopp, "was an Geld reinkommt, geben wir postwendend aus."
M's finanzieller Status Quo hat gute Gründe. Sie heissen Rahel, Anna, Lisa und Aaron. Statt Rücklagen zu machen, investiert M. lieber in die persönliche und berufliche Zukunft seiner Kinder, die 17-, 15-, 13- und 6jährig sind. Die Anlage macht ihm offensichtlich Spass: "Für die Kinder und deren Entwicklung zahle ich gern."
So bewohnt die Familie seit etlichen Jahren eine wunderschöne alte Siebenzimmer-Villa mit riesiger Terrasse und Garten in Arlesheim BL. Der hohe Mietzins von 4500 Franken pro Monat reue ihn nicht, sagt M., denn das Haus komme der familiären "Psychohygiene" genauso zugute wie den Entfaltungswünschen seiner Kinder. Das Haushaltsbudget verschlingt zusätzlich 30'000 Franken pro Jahr; die Putzhilfe kommt auf 6000 Franken zu stehen. Um seine Familie abzusichern, zahlt M. seit fünf Jahren eine Lebensversicherungsprämie von 9000 Franken jährlich.
Was sich alles summiert
Grosszügig zeigt sich der Vater auch, wenn es um die musische Schulung und die Finanzierung der sportlichen Aktivitäten seines Nachwuchses geht. Die siebzehnjährige Rahel spielt Querflöte (Preis des Instruments: 2500 Franken), die fünfzehnjährige Anna Geige (4000 Franken) und die dreizehnjährige Lisa Saxophon (Jahresmiete 720 Franken). Dazu kommt der jährliche Beitrag an die Musikschule von 1000 Franken pro Kind. Für gemietete Skiausrüstungen legt M. jährlich 800 Franken aus. Der Jahresbeitrag für Rahels Tennisclub beträgt 200 Franken, jener für Lisas Balletschule 600 Franken, Sportdress und -material noch nicht inbegriffen. Jedes Kind hat sein eigenes Snowboard; jenes von Rahel kostete allein 1000 Franken. Zur Zeit besitzt die M'sche Kinderschar Velos im Wert von 3000 Franken.
Natürlich will die Familie auch in Urlaub fahren. Im einwöchigen Skiurlaub in Arosa blieben rund 4300 Franken auf der Piste; die Herbstferien in der Toscana kosteten 5000 Franken, und der vierwöchige USA-Aufenthalt vom letzten Sommer riss ein Loch von 25'000 Franken ins '96er-Budget - Extras nicht mitgerechnet.
Diese sogenannten "Extras" haben bei M's ihren besonderen Stellenwert. Die Familie, die nicht unempfindlich für Markenkleider ist, erstand sich allein auf ihrer USA-Reise T-Shirts von Ralph Lauren und Levis-Jeans für 5000 Franken, für die sie in der Schweiz gut und gern den dreifachen Betrag gezahlt hätte.
Aller Grosszügigkeit zum Trotz legt Manfred M. Wert auf einen vernünftigen Umgang mit seinem Geld. Er möchte seine Kinder durchaus zu einem gewissen Preis- und Qualitätsbewusstsein erziehen. In diesem Sinne hat er denn auch die Taschengeld-Regelung mit seinen beiden ältesten Töchtern gestaltet: Rahel und Anna bekommen per Dauerauftrag monatlich 200 beziehungsweise 150 Franken auf ihr individuelles Konto überwiesen; beide verdienen sich je 50 Franken monatlich dazu, indem sie Hilfsarbeiten im väterlichen Geschäft verrichten. Mit diesem Geld bestreiten sie all ihre persönlichen Ausgaben für Freizeit, Hobbys, aber auch Schmuck, Make-Up und zusätzliche Kleider. Die siebzehnjährige Rahel ist schon heute zur Finanzkünstlerin geworden, die sehr genau kalkuliert, wann ein Markenschuh für 120 Franken drinliegt oder ob sie sich mit der Jeans aus dem Billig-Shop für 77 Franken statt dem Markenprodukt zum Richtpreis von 129 Franken zufriedengeben muss.
Tiefe Griffe in die Schatulle
Doch dann ist wieder Weihnachten, und Vater M. verteilt Geschenke im Wert von 500 bis 600 Franken an jedes Kind. Und Anna schreibt ein Musical für ihre Abschlussklasse in Arlesheim, das dem Vater so gut gefällt, dass er sich den Druck und die fotografische Gestaltung des Programmheftes rund 4500 Franken kosten lässt: "Das musste ich einfach zahlen," begründet M. seinen tiefen Griff in die Schatulle, "um Annas tolle Arbeit zu honorieren und sie für ihre Zukunft zu motivieren".
Bislang, sagt M., habe er sich wenig Gedanken zu den Kosten gemacht, die seine Kinder verursachen. "Money comes and money goes", sei seine persönliche Devise. Schliesslich habe ihm ein indischer Wahrsager einst prophezeit, dass er nie reich werden würde. Umso leichter falle ihm seine Funktion als finanzieller "Durchlauferhitzer".
Dabei hat er auch während vieler Jahre hinnehmen müssen, dass er als Selbständigerwerbender keinerlei Anrecht auf Familienzulagen hatte. Erst seit der Umwandlung seiner Firma in eine Aktiengesellschaft steht ihm der "Zustupf" von 630 Franken pro Monat zu. Dass die familienbedingte Berufsaufgabe seiner Frau Monica, einer gelernten Drogistin, mit einer jährlichen Einkommenseinbusse von 40'000 bis 50'000 Franken einherging, nahm M. gar nicht richtig zur Kenntnis. Vielleicht deshalb, weil die Familie jedenfalls nicht auf kostspielige Fremdbetreuung angewiesen war.
Innert Kürze stehen dem Kommunikationsberater neue und einschneidende finanzielle Belastungen ins Haus. Sprachaufenthalte der Kinder im Ausland sind genauso Gesprächsstoff am Familientisch wie Rahels Erwerb des Führerscheins, der mit rund 2000 Franken zu Buche schlagen wird. Beim Thema Studium zuckt der gebeutelte Vater zusammen. Bis anhin liessen sich die Schulkosten auf jährlich 500 Franken für Material und ein Schullager pro Kind eingrenzen, wobei Rahel zusätzliche 1000 Franken für auswärtige Verpflegung und ihr Trambillet benötigt. Sollte die Siebzehnjährige an ihrem Wunsch, die Handelshochschule St. Gallen HSG zu absolvieren, festhalten, droht ihr Vater spasseshalber damit, seinen Job zu quittieren: "Dann kann ich genausogut aufhören zu arbeiten." Im Wissen um die hohen Kosten, die der Auszug eines finanziell nach wie vor abhängigen Kindes verursacht, würde M. ein Studium seiner Tochter in Basel bevorzugen. Doch er bleibt auch in diesem Punkt seinem Grundsatz treu: "Sollte die HSG Rahels Weg sein, werden wir auch dazu die nötigen Mittel beschaffen."
Ein halbe Million in 20 Jahren
Kinder - das Beispiel der Familie M. belegt es vorzüglich - sind uns lieb und teuer: "Über alle Altersstufen hinweg verursacht ein Kind in der Schweiz durchschnittlich 1100 Franken an direkten Kosten pro Monat". Dieser Betrag wurde im Projekt "Kinderkosten und deren Ausgleich in der Schweiz" errechnet, das 1995 im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms "Soziale Sicherheit" abgeschlossen wurde. "1994", fahren die Autoren fort, "beliefen sich in einem Zweieltern-Haushalt die Kosten für ein erstes Kind auf 1450 Franken monatlich. Die zusätzlichen Ausgaben für ein zweites und jedes weitere Kind betragen 700 Franken pro Monat". Folgt man diesen Ansätzen, hat eine Vierkopffamilie mit dem Erreichen des zwanzigsten Altersjahres beider Kinder mehr als eine halbe Million Franken allein für den Nachwuchs ausgegeben.
Das hat natürlich Auswirkungen auf den monetären Alltag. Gemäss Berechnungen der "Pro Familia" muss eine Familie, deren Einkommen 5000 bis 6000 Franken beträgt, mit einem Kind bis zu 30 Prozent mehr verdienen, um den Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Bei zwei Kindern machen die notwendigen Mehreinnahmen bereits 40 Prozent und bei drei Kindern weit über 50 Prozent aus.
Doch ausgerechnet in jener Phase, in der das Leben teurer wird, erleiden die meisten Familien einen erheblichen Einkommensverlust, weil ein Elternteil, meist die Frau, ihre Erwerbstätigkeit ganz oder teilweise aufgibt und damit unter Umständen auch ihre künftigen Karrierechancen beeinträchtigt. Ausländische Erfahrungen belegen, dass diese sogenannt "indirekten Kinderkosten" die direkten Auslagen vielfach deutlich übersteigen.
Angesichts dieser Einbussen bilden die Familienzulagen, die höchstens zwanzig Prozent der anfallenden Kinderkosten abdecken, nur einen schwachen Trost (siehe Interview mit Nationalrätin Angeline Fankhauser). So kann es nicht überraschen, dass über neunzig Prozent der hiesigen Väter mehr als 5000 Franken pro Monat verdienen müssen, um finanziell über die Runden zu kommen.
Nun ist es allerdings so, dass die Kinderkosten je nach Alter der Sprösslinge erheblich variieren. Fürs Baby reicht eine Grundausstattung für 2500 Franken, bestehend aus Bett, Kinderwagen, Badewanne und einigen Kleidern. Windeln verbraucht es für rund 750 Franken jährlich. Sein Krankenkassenbeitrag liegt bei 600 Franken pro Jahr.
Kostspielige Zentimeter
Die ein- bis sechsjährigen Mädchen und Knaben sind schon ein Stück anspruchsvoller. So veranschlagt die Arbeitsgemeinschaft Schweizerischer Budgetberatungsstellen allein für das Essen bis zu 200 Franken monatlich. Dazu kommen Kleiderkosten von bis zu 70 Franken, Haushaltnebenkosten von 40 Franken, Krankenkassenprämien und Arztkosten von 80 Franken monatlich. Das ist der finanzielle Grundbedarf. Dann sind die Kinder allerdings noch keine Woche in den Ferien gewesen, noch wurden sie einen Tag fremdbetreut oder durften eine McDonald's-Kindergeburtstagsparty für 12 Franken pro Gast ausrichten und einen grossen Lego-Baukasten für 150 Franken entgegennehmen.
Wer sich mit Bahnreisen zufriedengibt, kann seine Kinder bis zum sechzehnten Altersjahr bei der SBB gratis mitfahren lassen, sofern er eine Jahres-Familienkarte für zwanzig Franken ersteht. Die Familien, die es in die Ferne zieht, müssen mit happigeren Beträgen rechnen. So verlangt die Swissair bereits für ein- und zweijährige Kleinkinder zehn Prozent des normalen Flugpreises. Schon ein paar zusätzliche Zentimeter Körperlänge genügen, und die Sache kostet 50 Prozent.
Der Posten, der Familienbudgets wirklich sprengen kann, ist die Fremdbetreuung. Carin D.*, Ärztin in Zürich und Mutter von drei Kindern im Alter von 2, 4 und 5 Jahren, zahlt für zwei Kleinkindbetreuerinnen, die auch den Haushalt besorgen, monatlich nicht weniger als 8000 Franken. Schon Au-Pairs, die allerdings nur dreissig Stunden pro Woche im Einsatz sein dürfen, haben Anspruch auf einen Bruttolohn von maximal 1510 Franken. Wer in Zürich auf die Dienstleistungen der städtischen Kinderkrippen angewiesen ist, muss je nach Gehalt bis zu hundert Franken pro Kind und Tag auslegen. Ein Paar, das sich trotz Elternschaft auch noch den Luxus eines freien Abends pro Woche gönnen will, muss mit jährlichen Zusatzausgaben für den Babysitter von knapp 3000 Franken rechnen.
Nun erübrigen sich zumindest die Ausgaben für Krippen und Babysitter ab einem gewissen Kindesalter. Doch kaum atmen die finanziell strapazierten Eltern auf, müssen sie feststellen, dass die Auslagen für den Nachwuchs bei Erreichen des zwölften bis vierzehnten Lebensjahres erst richtig anziehen. Jetzt steigt das Markenbewusstsein der Kids. Statt Kordhosen aus der Epa wollen sie nur noch Jeans von Levis oder Diesel tragen. An die Füsse gehören keine No-names, sondern Nikes. In den Jahren der Pubertät essen auch viele Jugendliche deutlich mehr. Andere wünschen sich plötzlich ein Jungmädchen-Zimmer von Möbel Pfister, das bis zu 3000 Franken kosten kann.
"Sport ist billiger als Drogen"
Plötzlich wollen der Filius und die Filia mit ihren Freunden Tennis spielen, brauchen ein besseres Snowboard oder entscheiden sich dafür, Eishockey wettkampfmässig zu betreiben. Peter Berg, Arzt in Zürich und Vater eines inzwischen neunzehnjährigen Sohnes und einer siebzehnjährigen Tochter, kennt diese Entwicklung aus eigener Erfahrung. Er zahlt in Spitzenjahren weit über zehntausend Franken allein für die sportlichen Aktivitäten seiner beiden Kinder - und zuckt mit den Achseln: "Würden Sie Drogen konsumieren", konstatiert er, "käme mich das teurer zu stehen."
Zuweilen hat die Sache allerdings einen Haken. Wer zu viel Sport treibt, verpasst womöglich den Anschluss in der Schule und benötigt Nachhilfeunterricht. In Zürich kostet eine Lektion von 45 Minuten rund 50 Franken. Wer dann beim Übertritt ins Gymnasium oder in die Sekundarschule auf Nummer sicher gehen will, lässt seinen Zögling während knapp 30 Wochen einen Repetitions- und Prüfungskurs für den stolzen Preis von 3000 Franken absolvieren. Ein Ferienkurs zum Aufpolieren einer Fremdsprache ist bereits für verhältnismässig bescheidene 900 Franken zu haben.
Die schulische und berufliche Ausbildung ihrer Söhne und Töchter entwickelt sich immer stärker zu einem Finanzkapitel, das die Eltern in Angst und Schrecken versetzen kann. Selbst diejenigen, die sich mit den staatlichen Schulen zufriedengeben, müssen heute jährliche Gymnasiumsgebühren von durchschnittlich 800 Franken, in monetären Spitzenlagen wie dem Kanton Schwyz und Uri sogar von 1600 bis 2300 Franken zahlen. Die jüngste Zürcher Schulgeld-Diskussion, gemäss der für Mittelschüler ab der 9. Klasse ein Semestergeld von 400 Franken vorgesehen war, fand im Kantonsrat hingegen ein abruptes Ende: Das Parlament verwarf den Vorschlag - zur Freude vieler Eltern.
Matura: Teurer als ein Lehrabschluss
Wer einer privaten Schule den Vorzug gibt, greift naturgemäss tiefer in die Tasche. Paul M., Manager aus Basel, berappt für seinen 22jährigen Sohn, der edukativ ins Straucheln geriet, 14'000 Franken jährlich und hofft, ihm mit diesem "Zustupf" die Matura doch noch zu ermöglichen.
Nun schliessen ja nur 18 Prozent der Schweizer Jugendlichen ihren schulischen Werdegang mit einer Matura ab. Der weitaus grössere Teil strebt eine Berufslehre an und belastet damit das Elternbudget weniger lang und weniger stark. Gemäss Berechnungen der Zeitschrift "Schweizer Familie" kommt ein Lehrabschluss auf durchschnittlich 125'000 Franken zu stehen, während eine Matura rund 145'000 Franken kostet.
Dabei ist allerdings zu beachten, dass auch die Lehrabschlüsse in Zeiten des angespannten Ausbildungsmarktes preislich angezogen haben. Wer keine Lehrstelle findet, hat die Ausweichmöglichkeit, ein zehntes Schuljahr anzuhängen. Dafür muss vielerorts bezahlt werden; Graubünden verlangt bis zu 4550 Franken. Auf dem Platz Zürich fordern private Anbieter bis zu 1000 Franken monatlich, während die städtischen Angebote preislich je nach Wohnort der Absolventen zwischen 1800 und 8000 Franken jährlich variieren.
Wer nicht warten mag und über genügend Geld verfügt, kann auch private Ausbildungsgänge absolvieren. Der dreijährige Besuch einer Zürcher Tageshandelsschule kostet insgesamt 30'000 Franken. Eine Coiffeur-Ausbildung kommt auf bis zu 10'000 Franken zu stehen. Wer Geigenbauer werden will, legt in vier Jahren den stolzen Betrag von 33'000 Franken auf den Tisch.
50'000 Franken auf die Hand
Erich Brandenberger, selbständiger Texter und Übersetzer und Vater der 22jährigen Nina und des 19jährigen Nico, war sich stets darüber im Klaren, dass die Ausbildung seiner Kinder viel Geld kosten würde. Um dem finanziellen Ansturm begegnen zu können, sparte er für beide je 50'000 Franken an, die ihnen anlässlich ihres zwanzigsten Geburtstags überreicht(e): "Nun ist es an ihnen", sagt der 51jährige Zürcher, "mit diesem Betrag sinnvoll zu haushalten."
Tochter Nina lebt sehr bescheiden und dürfte damit keine Mühe haben. Die 22jährige, die nach der Matura eine zweijährige abgekürzte Lehre als Buchhändlerin absolvierte, verfügt sogar noch über ein zusätzliches Polster von 15'000 Franken, das sie sich während ihrer Lehrzeit angelegt hatte. Da sie immer noch zuhause wohnt und während der Lehrzeit weder für Kost noch Logis etwas abgeben musste, war ihr dieser Sparerfolg sogar mit dem bescheidenen Lehrlingslohn von 890 bis 1100 Franken möglich. Das setzte ein ausgeprägtes Kostenbewusstsein voraus, da sie immerhin alle anderen Ausgaben von Kleider über Freizeit und Sport selber berappen musste.
Wenn Nina nun im Herbst dieses Jahres ihr Germanistikstudium an der Universität Zürich aufnimmt, kann sie zusammen mit ihren Eltern der finanziellen Zukunft getrost entgegensehen. Abgesehen von den Studiengebühren von 650 Franken pro Semester und 150 Franken Material pro Monat verursacht sie vorerst keine zusätzlichen Kosten.
Bei Sohn Nico sieht das etwas anders aus. Der 19jährige, der kürzlich die Matura abgelegt und die Rekrutenschule hinter sich gebracht hat, beginnt Ende Oktober sein Studium an der HSG in St. Gallen. Der angehende Ökonom hat bereits ausgerechnet, mit welchen fixen Kosten er konfrontiert sein wird: Studiengebühren von 1380 Franken pro Jahr, Kost und Logis in einer Wohngemeinschaft in St. Gallen von rund 1100 Franken pro Monat, Studienmaterial von 100 Franken monatlich. Transport, Kleider, Sport wie Tennis und Snowboardfahren, Vergnügen wie Kino- und Discobesuche und Ferien nicht mitgerechnet. Ob Nicos 50'000 Franken für all das reichen werden?
In Notlagen wird ausgeholfen
Gemäss einer aktuellen Untersuchung von Markus Diem, Studien- und Berufsberater in Basel, beträgt das durchschnittliche Budget jener Studenten, die in Wohngemeinschaften leben, knapp 19'000 Franken jährlich. Wer noch bei den Eltern wohnt, kommt auf 13'000 Franken pro Jahr, und diejenigen mit einer eigenen Wohnung benötigen rund 24'000 Franken. Damit liegt Nico Brandenberger "nur" im Mittelfeld, und trotzdem dürfte der HSG-Student über kurz oder lang in einen finanziellen Engpass geraten. Mutter Madelaine Brandenberger, die familienintern den Ruf einer "Gluggere" geniesst, verspricht denn auch, dass die Eltern in Notlagen aushelfen werden: "Für die Dauer der Ausbildung", sagt sie, "fühlen wir uns noch für Essen, Wohnen und Studiengelder verantwortlich."
Will der Filius allerdings in Markenklamotten auf sein "K2"-Snowboard steigen, müsse er sich, konstatiert der Vater, das nötige "Kleingeld" selber verdienen. Dessen ist sich der Sohn bewusst. Schliesslich kommt er auch für den zweieinhalbmonatigen USA-Trip mit Freunden, für den er 9000 Franken veranschlagt, mit Einkünften aus einem achtwöchigen Ferienjob bei einer Bank selber auf.
Doch die Zeit, in der sich Studierende in Ferienjobs oder auch in ganzjährlichen Teilzeitanstellungen ihren Lebensunterhalt oder zumindest den "Zusatzbatzen" für Ferien und Vergnügen locker dazuverdienen konnten, ist vorbei. Zwar jobben immer noch knapp 80 Prozent der Studierenden (siehe Tabelle), aber der Weg zur temporären Erwerbstätigkeit ist steinig geworden. Nico Brandenberger musste 55 Bewerbungen schreiben, bis er endlich seinen achtwöchigen Aushilfsjob bei der Zürcher Kantonalbank fand. Auch der 17jährigen Basler Gymnasiastin Rahel M. halfen nach zahlreichen vergeblichen Stellenbewerbungen erst persönliche Beziehungen, damit sie zu ihrem Aushilfsjob kam. Bei der Stiftung Zentralstelle der Studentenschaft der Universität Zürich ist die Zahl der vermittelten Arbeitsstellen allein im letzten Jahr um 15 Prozent zurückgegangen. Auch bei "Manpower" und der "Adecco Human Resources AG" wird betont, dass es "sehr schwierig" geworden sei, für Studierende Teilzeit- oder Ferienanstellungen zu finden.
Die logische Folge? Eltern gewähren zinslose Darlehen oder greifen noch einmal - "aber wirklich zum letzten Mal!" - tief in die Tasche. Die Investition in die berufliche Zukunft des Nachwuchses, argumentieren Väter und Mütter, ist allemal sinnvoll.
Und sowieso: Was haben sie nicht alles schon bezahlt? Tausende von Franken für Zahnkorrekturen und Versicherungen. Brandenbergers haben allein 20'000 Franken für den Klavierunterricht ihrer Zöglinge hingeblättert. Manfred M. verwirft die Hände, wenn er daran denkt, dass er allein vier Kinderzimmer zu je 1500 Franken möbliert hat, Stereoanlagen, Walkmen, Bücher und CDs nicht mitgerechnet. Der Kommunikationsberater sagt denn auch resigniert: "Ich will gar nicht wissen, wieviel das alles kostet." Da lebe er doch lieber in den Tag hinein - in der Hoffnung, dass auch ihm noch "ein Leben nach dem Kind" bleibe.
Wenn sein jüngster Spross, der sechsjährige Aaron, zwanzig Jahre alt wird, ist Manfred M. 62 Jahre alt.
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© Barbara Lukesch