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Verkehrte Bise
Seit einigen Tagen ist die Bise der dominierende Wind im Mittelland. Die Bise ist zwar bekannt als recht konstanter Wind. Jedoch über den Tag betrachtet sowie über die vertikale Entwicklung ist sie das nicht unbedingt. Sie weist einen ausgeprägten Tagesgang auf, der in Bodennähe anders verläuft als in den Luftschichten darüber.
In den letzten Tagen, oder genauer seit dem 6. August, dominiert eine Bisenströmung die Windverhältnisse auf der Alpennordseite. Sie ist an das Hochdruckgebiet gekoppelt, das sich zu Beginn noch über dem nahen Atlantik befand und sich mit seinem Zentrum nun langsam ostwärts Richtung Ostsee-Baltikum verschob und an dessen Südrand die Schweiz liegt.
Die Bise war vor allem im Mittelland spürbar und wehte aus Nordost bis Ost mit einer mittleren Windgeschwindigkeit von 20 bis 30 km/h. Sie erfreute natürlich zahlreiche Segler und Windsurferinnen auf den Mittellandseen.
Tagesgang der Bise an Flachlandstationen
Die Bise wehte im Flachland aber nicht Tag und Nacht ohne Unterbruch, sondern wies wie üblich einen ausgeprägten Tagesgang auf. Nach einem windstillen Start in den Tag setzte die Bise jeweils im Laufe des Vormittags ein. Danach nahm die Windgeschwindigkeit stetig zu. Am stärksten war sie jeweils am Nachmittag bis am frühen Abend. Am Abend mit zunehmend tieferem Sonnenstand liessdie Bise nach und schlief dann ganz ein, und in der Nacht war es nahezu windstill.
Tagesgang der Bise an Turmstationen
Fast umgekehrt zeigt sich der Tagesgang der Bise an einer Turmstation. MeteoSchweiz betreibt auch einige Wetterstationen, die nicht auf dem Erdboden aufgestellt sind, sondern auf hohen (Sende-)Türmen, wie beispielsweise auf dem Bantiger bei Bern oder Uetliberg bei Zürich. Nebst dem, dass diese Stationen auf einem Hügel stehen, sind die Windmessinstrumente 162 m über Boden (Uetliberg), resp. 155 m über Boden (Bantiger) installiert. Die Turmstationen repräsentieren damit die Windverhältnisse in der sog. Grenzschicht, also der Übergangsschicht zwischen Erdoberfläche und freien Atmosphäre.
Während tagsüber die Windgeschwindigkeit mehr oder weniger gleichblieb, nahm sie jeweils ab ca. 20 Uhr deutlich zu. Das Maximum wurde jeweils zwischen 22 und 02 Uhr erreicht. Danach ging die Windgeschwindigkeit wieder zurück. Nachfolgend die Gründe dafür.
Stabilisierung durch Strahlungsabkühlung
Am Abend bei tieferem Sonnenstand lässt die Sonneneinstrahlung nach, und die Luft beginnt sich in den bodennahen Schichten abzukühlen. Mit weiter fortschreitender Abkühlung wird die bodennahe Luftschicht kühler als die darüber liegende Luft. Es bildet sich eine sog. Inversion. Aufgrund dieser Inversion können sich die Luftpakete kaum oder gar nicht mehr vertikal austauschen. Damit kommt auch der Wind, in diesem Fall die Bise, in der bodennahen kühleren Schicht zum Erliegen. Entsprechend schläft die Bise im Mittelland ein. Am Morgen mit einsetzender und zunehmender Sonneneinstrahlung werden die bodennahen Luftschichten wieder erwärmt, die Inversion verschwindet und damit kommt der vertikale Austausch von Luftpaketen wieder in Gang. Der Wind (Bise) setzt sich von oben her wieder bis an die Erdoberfläche durch.
Nächtlicher Low Level Jet
Anders an den Turmstationen die auf ca. 1000 m über Meer, resp. 500 bis 600 m über den Mittellandstationen messen. Am Abend mit der Bildung einer stabilen bodennahen Schicht wird die Bisenströmung von der Erdoberfläche sozusagen «entkoppelt», da kein vertikaler Austausch mehr stattfindet. Damit lässt auch die Reibung nach oder verschwindet ganz. Mit der wegfallenden Reibung, die den Wind bremst, nimmt die Windgeschwindigkeit der Bise oberhalb der Inversion zu. Sie weht dann stärker als tagsüber. Dies führt zur Bildung eines schmalen Bands mit stärkerem Wind, welches zwischen rund 1000 und 1500 m Höhe angesiedelt ist. Danach in der zweiten Nachthälfte nimmt die Windgeschwindigkeit wieder allmählich ab. Manchmal kommt es auch zu einer erneuten Zu- und anschliessender Abnahme (Fachbegriff: Trägheitsschwingung). Ein solches Starkwindband in den unteren Schichten wird in diesem Zusammenhang nächtlicher Low Level Jet genannt.