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Roland Blaettler, Andreas Heege, 2021
Es handelt sich um ein in Paris hergestelltes Porzellangefäss, das in zwei Innenbehälter unterteilt ist, die durch eine vertikale Zwischenwand voneinander getrennt sind. Oben hat es zwei runde Öffnungen, die mit konischen Keramikstöpseln versehen sind und jeweils mit einem der beiden wasserdichten Innenbehälter in Verbindung stehen. Die Karaffe hat einen runden Standboden, hohe, leicht gebogene Ränder, eine flache Oberseite mit zwei Öffnungen in Form von zwei geraden, runden Hälsen, einen grossen, wandständigen Henkel und einen Ausguss mit doppelter Öffnung.
Die Selterswassergeräte «Lhote oder Hérault» wurden in Paris um 1870 (Nortier/Delannoy 2011) oder um 1845/1855 (Nortier 2018, 78) von zwei verschiedenen Firmen erfunden: Lhote produzierte die glatten und Hérault die mit einem Blattrelief verzierten Porzellankaraffen.
Kommentar von Andreas Heege: Unter den beiden genannten Daten fand sich in der «Beschreibung der Maschinen und Prozesse, für die durch das Patentgesetz vom 5. Juli 1844 Erfindungspatente erteilt wurden, für die Jahre 1845 bis 1871, Paris 1851–1875» nichts. («Description des Machines et procédés pour lesquels des Brevets d’invention ont été pris sous le régime de la loi du 5 Juillet 1844, années 1845 à 1871, Paris 1851-1875»). Es gibt jedoch im Band 69, 1870, 442 des oben erwähnten Gesetzestextes ein Patent für die Laufzeit von 15 Jahren zugunsten von «Caulliez et d’Herbes, Paris, datiert vom 18.12.1858, Nr. 21947», in der die Form des Behälters und die chemische Abfolge der Bildung des künstlichen Mineralwassers beschrieben werden, nicht aber das Material, aus dem der Behälter hergestellt wird.
Der Name «Seltz» stammt von der Stadt Niederselters im Kurfürstentum Trier und dem Herzogtum Nassau in Deutschland, die für ihr Mineralquellwasser «SELTERS» bekannt war (heute Gemeinde Selters im Taunus, Landkreis Limburg-Weilburg in Hessen). Es ist ein alkalisch-muriatisches Mineralwasser, das aufgrund seines Natrongehalts basisch und reich an Salz ist. Seit dem 16. Jahrhundert war das Wasser für seine therapeutischen, verdauungsfördernden und harntreibenden Eigenschaften bekannt und seit dem Mittelalter lieferte die Quelle den Einheimischen ihr Trinkwasser. Zunächst wurde dieses Selterswasser vom Kurfürsten von Trier, dem die Quelle seit 1681 gehörte, in Flaschen abgefüllt und in alle Teile der Welt verschickt, wobei mehr als eine Million Flaschen vertrieben wurden (Schneider 2000; Eisenbach 2004, 51–67).
Als man feststellte, dass das Selterswasser seine hygienischen und angenehmen Eigenschaften (leicht säuerlich) der Kohlensäure verdankte, wurde dieses Prinzip mithilfe des Siphons weiterentwickelt. Dies reichte jedoch bei weitem nicht aus, um den Bedürfnissen von Kranken gerecht zu werden! Ausserdem verlor das Wasser einen Teil seiner gasförmigen Anteile, wenn es der Luft ausgesetzt wurde, und auch während des Transports wurde die Qualität beeinträchtigt. Wegen des hohen Preises war dieses Gesundheitswasser nur für die privilegierten Schichten erschwinglich. Im Jahr 1833 war der Konsum eines so stark medikamentösen Wassers, das für 1 Franc bis 1,50 Franc pro Flasche verkauft wurde, zwangsläufig sehr eingeschränkt. Während der gesamten Restauration blieb es ein Luxusgetränk, das nur reichen Rekonvaleszenten bekannt war. Die Wissenschaft und die Industrie entzogen der Natur das Geheimnis seiner Herstellung und machten es zum beliebtesten und gesündesten Getränk. Nach langem Experimentieren gelang es, die Zusammensetzung der kohlensäurehaltigen Getränke für den täglichen Gebrauch zu vereinfachen: Um sie künstlich herzustellen, vermischte man diese Salze einfach mit gewöhnlichem Wasser (Zur Entstehung der künstlichen Mineralwässer und ihrer industriellen Entwicklung siehe Hermann-Lachapelle / Glover 1867, 81–101).
Diese für den Hausgebrauch konzipierten, einfach gestalteten Karaffen benötigten weder eine Rücksendung an die Fabrik noch Gas, um Wasser mit Kohlensäure zu erzeugen. Die Funktionsweise des Geräts beruhte nämlich auf einer chemischen Reaktion: Ein leicht kohlensäurehaltiges Wasser entsteht, wenn eine wässrige Lösung mit Weinsäure (oder eventuell Zitronensäure) und eine wässrige Natronlösung vermischt werden. Dieses künstlich erzeugte, kohlensäurehaltige Wasser, das einen leicht salzigen und medizinischen Geschmack hatte, sollte sofort getrunken werden. Eine rudimentäre, aber effektive Technik. Die Geräte ähnelten Porzellankaraffen mit der Besonderheit, dass sie eine innere Trennwand hatten, die es ermöglichte, an ihrem Ausguss zwei verschiedene Flüssigkeiten miteinander zu verbinden. Die Spitze des Ausgusses, der einer Schweinenase ähnelte, hatte zwei Öffnungen, die jeweils mit einer der inneren Kammern verbunden waren. Die Mischung fand also nicht in der Karaffe statt, sondern beim Ausgiessen der beiden Flüssigkeiten. Erst im Glas vermischten sich die beiden wässrigen Lösungen zu einem vorübergehend kohlensäurehaltigen Wasser.
Die wohltuende Wirkung des Selterswassers: Dieses Wasser wurde hauptsächlich für medizinische Zwecke verwendet und von Ärzten und Apothekern verschrieben, die seit 1878, unterstützt durch die Kommission der Ärzte und Chemiker, einstimmig die Nützlichkeit seiner Verwendung und seine einfache Anwendung anerkannt hatten. Die Mischungen für wässrige Lösungen wurden sowohl von den Herstellern als auch von den Apothekern verkauft. Einige Ärzte empfahlen die Zugabe von anderen Salzen oder Medikamenten. Die wichtigste medizinische Verwendung war die Mundhygiene (Mundspülungen) oder die Behandlung von Halskrankheiten (Gurgelwasser). Lhotes Geräte wurden auch verwendet, um Wein mit Kohlensäure zu versetzen (anstelle von Wasser).
Dieses Gerät wurde möglicherweise von der Keramikfabrik in Sarreguemines für verschiedene Getränke, kohlensäurehaltige Mineralwässer und andere Bittergetränke hergestellt. Man fand diese Geräte bis in die 1930er-Jahre auch im Versandhandel über die Manufaktur in Saint-Etienne. Die Karaffen waren immer aus weissem Porzellan. Es gab auch Modelle aus der Zeit, die verziert, vergoldet und manchmal mit Mustern bemalt waren. Sie wurden produziert, um bestehende Tafelservices zu ergänzen. Zudem existierten Varianten und andere Marken, einige davon aus Steingut.
Ab den 1900er-Jahren wurden diese Porzellangeräte durch Sodawasser-Siphons aus Glas ersetzt, die von Herstellern verschiedener kohlensäurehaltiger Getränke und Limonaden weit vertrieben wurden.
Dieser Text basiert grösstenteils auf den Veröffentlichungen von Hermann-Lachapelle / Glover 1867 und Nortier / Delannoy 2011; Nortier 2018.
Übersetzung Stephanie Tremp
Bibliographie :
Eisenbach 2004
Ulrich Eisenbach, Mineralwasser: vom Ursprung rein bis heute. Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der deutschen Mineralbrunnen. 100 Jahre VDM, Bonn 2004.
Hermann-Lachapelle/Glover 1867
Jules Hermann-Lachapelle/Ch. Glover, Des boissons gazeuses aux points de vue alimentaire, hygiénique et industriel. Guide pratique du fabricant & du consommateur, Paris 1867.
Nortier/Delannoy 2011
Frédéric Nortier/Jean Claude Delannoy, Collection privée : Les appareils à eau de Seltz, carafe en porcelaine, in : Antiquités pratiques, 2011, cahier 6.
Nortier 2018
Frédéric Nortier, La fabuleuse épopée des siphons à eau de Seltz, Paris 2018.
Schneider 2000
Konrad Schneider, Der Mineralwasserversand und seine Gefässproduktion im Rheinisch-Hessischen Raum vom 17. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts (Veröffentlichungen der Gesellschaft für Historische Hilfswissenschaften 5), Koblenz 2000.