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Kuriose Karawanen ziehen Ende des 18. Jahrhunderts Richtung Chamonix. Gelehrte aus Genf und sogar aus dem fernen England wuseln an den Hängen des Montblanc herum, bestaunen die Gletscher und versuchen, den eisbedeckten Gipfel zu besteigen. Auch Marc-Théodore Bourrit, Kantor der Kathedrale von Genf, ist dem Gletscherfieber verfallen. Er beschreibt die Eisgebilde als Pyramiden, Paläste und Kathedralen. Seine Sichtweise wird sich durchsetzen: Heute gelten Gletscher als schön, beeindruckend und erhaben.
Früher war das anders. Die AlpenbewohnerInnen des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit beobachteten die Eisströme mit Grauen. Kein Wunder: Ab 1300 wurde es kälter, die Gletscher wuchsen und begruben Alpen, Wälder und Siedlungen unter sich. Die sogenannte Kleine Eiszeit, von einer geringeren Sonnenaktivität und Vulkanausbrüchen ausgelöst, wurde als Strafe Gottes gedeutet. Im 17. Jahrhundert baten die BewohnerInnen von Chamonix den Bischof von Genf mehrmals um einen «Exorzismus gegen diese Eisberge». Das feuchtkalte Wetter führte zu Missernten, dazu kamen Kriege und Seuchen. An der ganzen Misere musste doch jemand schuld sein! Der Höhepunkt der Hexenverfolgungen fiel in diese kalten Jahre. Erst um 1850 begannen sich die Gletscher zurückzuziehen, heute schmelzen sie beängstigend schnell.
Die Geschichte der Alpengletscher ist eng mit der Geschichte der Menschen in den Alpen verbunden. Diese Beziehung stellt der Westschweizer Physiker Amédée Zryd in seiner «Kleinen Geschichte der Gletscher» in den Mittelpunkt. Anschaulich beschreibt er die Eiszeiten, zitiert Originalquellen zur Kleinen Eiszeit, sodass einem heute noch schaudert. Er erklärt, wie Gletscherhochwasser und Eislawinen entstehen, und erzählt von den Streitigkeiten der ersten Glaziologen. Dabei stehen das Wallis und der Montblanc im Zentrum; nirgendwo sonst waren Viertausender so gut für Stadtmenschen erreichbar.
Was den Klimawandel angeht, tönt Zryds Appell etwas gar wissenschaftsgläubig: «Wir werden lernen müssen, mit einem anderen Klima zu leben. (...) Die Wissenschaft jedoch, deren Beziehungen zu den Gletschern noch relativ neu sind, bietet uns die Chance, rechtzeitig etwas zu unternehmen. Wir müssen es nur wollen!» Leider lässt die Übersetzung des Büchleins zu wünschen übrig. Vieles klingt holprig, einiges ist falsch übersetzt: «Die Waldgrenze, die ursprünglich bei 2100 Metern lag, sinkt auf 300 Meter», steht da etwa - es sollte natürlich «um 300 Meter» heissen.