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So nah wie heute waren sich Russland und die Ukraine in ihren diplomatischen Beziehungen wohl seit einem halben Jahrzehnt nicht mehr. Der Austausch von 35 ukrainischen gegen 35 russische Gefangene ist das Resultat diplomatischer Bemühungen unterschiedlichster Seiten. Die Freilassung der Gefangenen galt als Voraussetzung für die Wiederaufnahme des Normandie-Formates, welches von Deutschland und Frankreich zur Konfliktlösung zwischen Russland und der Ukraine 2014 initiiert worden war. Für dessen Wiederbelebung hat sich insbesondere der französische Präsident Macron eingesetzt.
Politisch ist der heutige Tag an erster Stelle ein Erfolg für den ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski. Nach wenigen Monaten im Amt konnte Selenski heute eines seiner Wahlversprechen, die ukrainischen Gefangenen nach Hause zu bringen, in wichtigen Teilen einlösen.
Bekannte gegen scheinbar Unbekannte
Die von Russland freigelassenen Gefangenen sind in der Ukraine landesweit bekannt. Neben den 24 Matrosen, die im November 2018 in der Nähe der Krim-Halbinsel von Russland festgenommen wurden, ist mit dem 43-jährigen Sentsow eine ukrainische Symbolfigur aller Gefangenen freigelassen worden. Damit lässt sich teilweise erklären, weshalb der Gefangenenaustausch in der Ukraine heute deutlich mehr Aufmerksamkeit erhielt, als in Russland.
Die aus ukrainischer Haft Freigelassenen sind mehrheitlich Russen, die als Kämpfer in der Ostukraine festgenommen wurden. Aus Sicht des Kremls dürfte ein Ukrainer von grösstem Interesse sein: Wladimir Zemach. Der 58-jährige gilt als wichtiger Zeuge in der Untersuchung um den Abschuss von MH17. Selenski scheint die Rückkehr von ukrainischen Gefangenen wichtiger einzuschätzen, als eine lückenlose Aufklärung über den Absturz von MH17. In den Verhandlungen mit Russland dürfte dies nicht der letzte schwierige Kompromiss für den ukrainischen Präsidenten gewesen sein.
Im Interesse beider Staaten
Die zurückhaltenden Reaktionen auf russischer Seite lassen sich auch damit erklären, dass Moskau die Freilassung nicht auf gleiche Art wie Kiew als politischen Erfolg darstellen kann. Für die Ukraine sind die heute Freigekommenen selbstlose Patrioten, die man befreien konnte. Für die russische Regierung sind die Freigelassenen Opfer eines Konflikts, in welchen der Kreml offiziell noch immer vorgibt nicht involviert zu sein.
So nahm Wladimir Putin die Freigelassenen nicht persönlich in Empfang, sondern sein Sprecher liess über Agenturen Willkommensgrüsse ausrichten. Unabhängig davon, welche Interessen die Regierungen beider Länder motivieren die nächsten Schritte zu gehen. Entscheidend ist für die Menschen auf beiden Seiten, dass endlich eine Lösung im Konflikt gefunden wird.
Luzia Tschirky
Russland-Korrespondentin
Luzia Tschirky ist SRF-Korrespondentin für die Region Russland und die ehemalige UdSSR. Zuvor war sie im trimedialen Journalismus-Stage bei SRF.