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Sie arbeiten nicht, um zu reisen. Sie reisen, um zu arbeiten. Ohne festen Wohnsitz ziehen sie von Ort zu Ort und finden da und dort Arbeit. Das Nomadentum ist eine alte Lebensform, die bis in biblische Zeiten zurückgeht und in unseren Breitengraden auch heute noch mit Ablehnung und Misstrauen zu kämpfen hat.
«Nein, ich bin nicht obdachlos. Ich bin nur … hauslos. Das ist nicht dasselbe. Hab’ ich Recht?», antwortet Fern im us-amerikanischen Film «Nomadland» einer Jugendlichen, die sie mit dem Vorurteil ihrer Mutter konfrontiert.1
Arbeiternomad:innen der Moderne
Fern, die Hauptfigur des Filmes, ist eine 60-jährige Witwe aus Nevada. Nach dem wirtschaftlichen Niedergang ihrer Heimatstadt aufgrund der Schliessung einer Mine zieht sie in ihrem Van durch die USA, immer auf der Suche nach einem Gelegenheitsjob. Sie gehört damit zur grossen Zahl moderner Nomad:innen in den Vereinigten Staaten, die Workamping2 betreibt. Unter ihnen finden sich viele ältere Menschen, deren Rente nicht reicht, um die Miete zu bezahlen oder deren Altersvorsorge in der Finanzkrise vernichtet wurde. So sehen wir Fern als Putzkraft auf Campingplätzen, bei der Rübenernte und in vorweihnachtlicher Zeit als Hilfskraft bei Amazon. Wir sehen sie auch mit klammen Händen den Sonnenaufgang bestaunen, wie sie dem Unbekannten im geparkten Wagen nebenan eine Tasse Kaffee offeriert oder in Gemeinschaft mit anderen Fahrenden. Trotz aller Schwierigkeiten führt Fern ein glückliches, selbstbestimmtes Leben. «Nomadland» ist eine leise Geschichte: «Sie handelt vom Umgang mit Verlusten, von späten Neuanfängen und der Möglichkeit, die Würde zu bewahren in einfachsten Lebensverhältnissen.»3 Spürbar sind in dieser Hommage an die Menschen unterwegs ihre Freiheitsliebe, Solidarität wie auch ihre Verbundenheit mit der Natur.
Ein kurzer Blick in die Geschichte
Als Nomad:innen bezeichnen wir Menschen ohne festen Wohnsitz. Der Begriff stammt aus dem Griechischen: Aristoteles (384-322 v. Chr.) unterscheidet zwischen einer nomadischen und einer bäuerlichen Lebensart. Das Phänomen Nomadentum ist aber um Jahrtausende älter. Doch: Nomaden sind geschichtlich gesehen keine Jäger und Sammlerinnen, die nomadische Lebensweise setzt die Sesshaftwerdung sowie die Bewirtschaftung von Pflanzen und Tieren voraus. Der Bibelwissenschaft¬ler Thomas Staubli hält denn auch fest:
«Nomaden lebten nie autark. Ökonomisch sind sie instabil. Sie existierten und existieren immer in Beziehung mit sesshaften Gesellschaften… Abhängig von den ökologischen Nischen und den menschlichen Gesellschaften, in denen sie leben, haben sie ein je anderes Gepräge».4
Im östlichen Mittelmeerraum haben Nomadentum und Sesshaftigkeit über Jahrhunderte nebeneinander bzw. miteinander existiert. Datiert wird der Beginn des Nomadismus in der Wissenschaft in der Jungsteinzeit:
«Anfänge des Hirtennomadentums lassen sich in Nordmesopotamien schon im 5. Jt. v. Chr. nachweisen […]. Mehrheitlich setzt es aber mit der sogenannten Sekundär¬produkterevolution im 4. Jt. v. Chr. ein. Die sekundären Produkte der Tiere zu Lebzeiten (Milch, Blut, Dünger, Haare, Transport, Arbeit) wurden wichtiger als ihre primären Produkte (Fleisch, Fell, Knochen) nach dem Tod.»5
Kleinviehnomaden in der Bibel
Im biblischen Raum treffen wir vor allem auf Hirtennomad:innen. Zu ihnen gehören Abraham, Sara und ihre Nachfahren, von denen das Erste Testament im Buch Genesis erzählt, wie auch Mose, der die Tiere seines Schwiegervaters durch die Wüste treibt (vgl. Exodus 3,1). Mobile Behausungen und Brunnenbauten machten es möglich, mit der Schaf- und Ziegenherde dem Grasland nachzugehen und auf diese Weise am Rande des fruchtbaren Halbmondes ein Auskommen zu finden. Neben der Verarbeitung der Tierprodukte und der Aufzucht von Jungtieren versuchten die Hirt:innen ihre Situation mit Jagen und Fischen aufzubessern. Orts- und sprachkundig waren Nomad:innen auch als «Reiseführer» unterwegs oder partizipierten am Handel. Thomas Staubli zählt eine ganze Reihe von nomadischen «Berufen» auf; neben Säumer, Händler oder Söldner waren Nomad:innen auch Unterhalter, Erzverhütter und Schmiede.6 Über die Zusammenhänge wird biblisch in einer Genealogie ausdrücklich nachgedacht. Nomadenhirten, fahrende Musiker:innen und Schmiede werden als geschwisterlich verbunden dargestellt. In diesem Sinn wird von den zwei Frauen Lamechs, eines Nachkommen Kains, gesagt:
«Die Ada gebar den Jabal. Auf ihn geht das Wohnen in Zelten und bei den Herden zurück. Der Name seines Bruders war Jubal. Auf den geht alles Spielen von Leier und Flöte zurück. Auch Zilla gebar, und zwar den Tubal-Kajin, ein Schmied für alle, die mit Bronze- und Eisengerät pflügen.» (Genesis 4,20-22)7
Biblische Wertschätzung
Im Ersten Testament finden sich viele Hinweise auf das Nomadentum. Dabei fällt auf, dass die nomadische Lebensart weder romantisiert noch wie im griechischen Kulturkreis als minderwertig abgewertet wird. Nomad:innen wird eine bedeutende Rolle in der eigenen Geschichte zugewiesen:
«Die hebräische Bibel führt Israel auf nomadisierende Erzelternfamilien zurück und zeigt darin eine positive Sicht der nomadischen Lebensweise.»8
Das verheissene Land, das als schön und weit, als «ein Land, in dem Milch und Honig fliessen» (Exodus 3,8) beschrieben wird, ist ein Hirtenland und auch viele Feste wie Pessach oder das Laubhüttenfest haben ihren Ursprung im nichtsesshaften Leben. Der Tempel in Jerusalem wird als Zelt bezeichnet, in dem Gott, die Ewige, wohnt. Wie eine Hirtin zu ihrer Herde schaut, schaut die Gottheit zu den Ihren, wie ein Schmied sein Metall bearbeitet, prüft und läutert Gott sein Volk.9
Ein Text mit grossem Gewicht ist das sogenannte heilsgeschichtliche Credo im 5. Buch Mose.10
«Meine Vorfahren waren umherirrende [nomadisierende; Abs.] aramäische Leute. Sie stiegen hinab nach Ägypten und lebten dort als Fremde in der Minderheit. Dort wurden sie zu einem zahlreichen, grossen und starken Volk.» (Deuteronomium 26,5)
Selbst in diesen jüngeren Text haben Nomad:innen Eingang gefunden, auch wenn dies nicht in allen Übersetzungen gleich deutlich wird. Es geht um Menschen ohne Landbesitz («heimatlos»), die von Ort zu Ort ziehen («umherirrend»), wirtschaftlich in prekären Verhältnissen leben und um ihr Überleben kämpfen («umkommend»).
Nomad:innen wissen nicht, was der nächste Tag bringen wird. In «Nomadland» wie auch in der Bibel begegnen wir Menschen, die Erfahrungen der Ohnmacht kennen und zugleich hoffnungsstark immer wieder aufbrechen, im Vertrauen, dass unterwegs sich vieles verwandeln kann. Von ihnen können wir lernen. So hält Helga Kohler-Spiegel denn auch fest: «Diese Lebensform ist Unsicherheiten ausgeliefert – und hat zugleich eine unglaubliche Stärke, neue Lösungen zum Leben zu finden und auf Gott zu vertrauen.»11
* Zur Situation der Fahrenden in der Schweiz vgl. die Website der Dachorganisation der Jenischen und Sinti: www.radgenossenschaft.ch Bis in die 1970er Jahre wurden 600 Kinder aus fahrenden Familien ihren Eltern zwangsweise weggenommen und in Fremdfamilien oder Heimen platziert.
- Vgl. den Trailer auf https://www.youtube.com/watch?v=6sxCFZ8_d84 [Zugriff 20.04.2022] «Nomadland» (2020) ist ein Film der Regisseurin Chloé Zhao.
- Vom englischen working + camping.
- Filmkritik von Urs Bühler in der NZZ: https://www.nzz.ch/feuilleton/nomadland-ist-grosses-kleines-kino-ld.1627974 [Zugriff 20.04.2022]
- Thomas Staubli: Art. Nomadentum, in: Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/29392/), 2020, S. 1-35, S. 5.
- Thomas Staubli: Nomadentum, S. 2.
- Vgl. Thomas Staubli: Nomadentum, S. 2-5.
- Bibel in gerechter Sprache online.
- Rainer Kessler, Heike Omerzu: Art. Nomadentum, in: Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel, Gütersloh: 2009, S. 425f.
- Vgl. zum Tempel als Zelt vgl. Psalm 15,1 und 27,5-6; zu Gott als Hirt:in u.a. Psalm 23,1 und als Schmied bzw. als Schmelzofen Jesaja 1,25 und Maleachi 3,2-3.
- Vgl. Andreas Michel: Credo, kleines geschichtliches, in: Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/16077/), 2011, S. 1-8. Dem Credo geht es «um Ethos, und nicht um Ethnos […] Der Akzent des Credo […] liegt auf der Aussage, dass sich Israel aus Ausländern, Fremden und sozial Deklassierten herleitet und so ein aus Not und Unterdrückung entstandener Verband ist, der sich nun seinerseits solidarisch gegenüber Marginalisierten zeigen soll.» (S. 3)
- Helga Kohler-Spiegel: Nomanden-Dasein in der Bibel, in: Dein Wort – Mein Weg. Alltägliche Begegnung mit der Bibel 3/2021, S. 30f.
Bildnachweise: Titelbild: Ein Bild aus dem Film „Nomadland“ / Bild 1: Van im Arches National Park , Moab, USA. Unsplash@dinoreichmuth / Bild 2: Schafherde mit Hirt. Unsplash@fiftymm / Bild 3: Mutlak Camp in Wadi Rum, Jordanien. Foto: Tabea Aebi / Bild 4: Kamele in Ägypten. Unsplash@8moments