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Der Egel
von Cedric Weidmann
Der wissenschaftliche Leiter hob das Papier mit der Pinzette an und liess es rasch wieder fallen. Vorsicht des Hebens und Überstürztheit des Loslassen standen im Widerspruch.
„Das ist ein ganz eigenartiger Fall“, sagte er.
Der Assistent schrieb etwas in sein Notizbuch, im umgedrehten Rhythmus eines Dreisprungs: den Tag, den Monat, das Jahr jeweils mit lautem Punkt, dann, nach einem winzigen Zögern, einige trippelnde Buchstaben („eigenartig“ oder „eigenartiger Fall“ oder „ganz eigenartiger Fall“).
„Das ist wirklich völlig sonderbar.“
„Wie meinen Sie das?“, fragte der Assistent.
„Das.“ Der wissenschaftliche Leiter drehte das Papier. Ein pochender Egel klebte an der Rückseite und zog sich nun, vom Licht der Wärmelampe erschreckt, ein wenig zusammen. „Bis jetzt gingen wir davon aus, dass er sich fälschlicherweise an den Text saugt, weil er sich zu ernähren hofft. Aber trotz des ausbleibenden Stoffwechsels ist er weiterhin vital, als verliehe ihm etwas besondere Kräfte.“
„Als würde er den Text lesen und vergässe, gefesselt von seinem Inhalt, seinen Hunger.“
„Hm.“ Der wissenschaftliche Leiter zuckte mit den Schultern, biss sich auf die Unterlippe.
„Oder als wäre er verliebt, und schmiegte sich an den Text.“
Der wissenschaftliche Leiter drehte das Papier wieder um. Dann ging er zum Assistenten zurück und legte ihm von hinten eine Hand auf die Schulter. „Das schreiben Sie aber nicht auf?“
Der Assistent hielt inne.
„Schreiben Sie Anomalie.“
„Anomalie“, sagte der Assistent, als könnte er den Schleim des Wortes zerkauen.
Sie beide nickten, als gäben sie sich damit noch Weiteres zu verstehen, aber das Gespräch war zu Ende. Eine Stelle des Papiers beulte sich raschelnd, dann glättete sie sich wieder und das Blatt lag friedlich unter der Lampe.
(Handy#3)