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2020 feiert Reitnau das 975. Jubiläum seiner ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1045. Wie heute bekannt ist, existierte damals bereits eine Kirche, deren Ursprünge etwa 300 Jahre bis 750 n.
Chr. zurückreichen. Hier stellt sich sogleich die Frage, warum "975 Jahre Reitnau" gefeiert wird, wenn doch angenommen werden muss, dass hier schon deutlich früher erste Reitnauer Vorfahren
gelebt haben.
Die Urkunde von 1045 stellt wie nahezu alle der Erstnennungen von Dörfern, Städten, Klöstern, Burgen, Schlössern und Kirchen einen Zufall der Überlieferung dar. Trotzdem ist gerade diese erste Nennung von "Reitinouwa" so etwas wie ein Leuchtturm in der Dunkelheit der mittelalterlichen Geschichte, aus der wir über die Ortschaften und ihre Bewohner nur sehr wenig wissen. Das Jubiläum ermöglicht uns, in dieser schnelllebigen Zeit einen Augenblick innezuhalten und zurückzublicken. So lässt sich der Zeitraum von fast 1000 Jahren überschauen, den Reitnau seither zurückgelegt hat.
Reitnau im Mittelalter (1045–1415)
In der Urkunde von 1045 nahm der römisch-deutsche König Heinrich III. (†1056) das Frauenkloster Schänis und dessen Besitz unter seinen Schutz. Unter diesen Klostergütern befand sich auch die Kirche von Reitnau mit den dazu gehörenden Höfen. Man geht heute davon aus, dass Kirche und Dorf Reitnau vor 1045 von den Lenzburger Grafen als Eigengut ans Kloster Schänis gekommen sind. Seit damals bildeten sie eine klösterliche Grundherrschaft, die von einem Meier vor Ort verwaltet wurde. Diese "Meier von Reitnau" stiegen später als Dienstleute der Kyburger Grafen sogar in den Adelsstand auf und bewohnten in Reitnau ein festes Haus (Burg) im Unterdorf. Teile der alten Schäniser Rechte blieben bis 1807 im Besitz des Klosters, auch wenn die Oberherrschaft zwischenzeitlich mehrfach gewechselt hatte (Kyburger, Habsburger, Bern).
Die Reitnauer Kirche lässt wegen ihres hohen Alters vermuten, dass Reitnau zusammen mit Winigen und Triengen ursprünglich eine eigene Urpfarrei gebildet haben könnte und demzufolge keine spätere, aus der Pfarrei Schöftland ausgegliederte Sekundärpfarrei gewesen war. Reitnau steht mit seiner frühmittelalterlich adligen Kirchengründung (Eigen-kirche) um 750 n. Chr. auf jeden Fall auf Augenhöhe mit den nachweislich sehr alten und bedeutenden Kirchen von Suhr und Schöftland. In Reitnau befand sich zeitweise sogar der Sitz eines Dekans, der mehreren regionalen Pfarreien des Bistums Konstanz administrativ vorstand.
Reitnau während der Berner Zeit (1415–1798)
1415 eroberte die Stadt Bern den habsburgischen Aargau und wurde neue Oberherrin, während das Kloster Schänis hier weiterhin die niedere Gerichtsbarkeit ausübte. Das Dorf gehörte nun zur Landvogtei Lenzburg und war dem dort residierenden Landvogt unterstellt.
Im Jahr 1528 wurde auf Geheiss Berns auch Reitnau reformiert. Damals zerrissen viele alte Banden zu benachbarten Dörfern und Familien im nun katholischen Teil des Suhrentals. Petrus Locher, der Reitnauer Leutpriester, unterschrieb damals in Bern die 10 Thesen zu Reformation und durfte fortan hier als reformierter Pfarrer amtieren. Er wurde jedoch schon nach wenigen Wochen wegen Unfähigkeit des Amtes enthoben und durch einen geeigneteren Prädikanten ersetzt. Kurz vor der Reformation erhielt die Kirche 1522 nach mehreren Um- und Anbauten ihre heutige Form. 1900 kam als letztes Element der Turm hinzu.
Die Berner Zeit war für Reitnau insgesamt eine Zeit des Bevölkerungswachstums. Seit der ersten Volkszählung 1558 stieg die Zahl der Einwohner bis 1850 ständig an und zwar von etwa 190 Personen
(1558) auf 1'082 Einwohner (1850), was einer Zunahme von fast 470% entspricht. Neben der dominierenden Landwirtschaft wurde in Reitnau seit dem 18. Jahrhundert durch die Heimweberei für die stark
wachsende Bevölkerung ein dringend notwendiger Nebenerwerb eingeführt.
Die Bevölkerung lebte unter der bernischen Herrschaft nicht schlecht und besass sogar eine gewisse Selbstverwaltung. Als 1798 französischen Truppen die Alte Eidgenossenschaft als Staatsform beseitigt hatten, erwiesen sich die Dorfbewohner als treue Anhänger der alten Herrschaft und verweigerten der neu gegründeten Helvetischen Republik den Treueeid. 1801 beteiligten sich zudem viele Reitnauer an einer Petition für die Wiedervereinigung des Aargaus mit Bern. Mit 142 Unterschriften setzte sich damals ein Grossteil der Familienväter des Dorfes für dieses Anliegen ein.
Reitnau im Kanton Aargau (1798–2020)
In den ersten Jahrzehnten im neuen Kanton Aargau wuchs Reitnau weiter. 1840 wiesen erst 22 Wohnhäuser ein Ziegeldach auf, 87 waren noch immer mit Stroh gedeckt. 1850 wurde ein Bevölkerungsmaximum erreicht, bevor dann ein stetiger Rückgang der Einwohner einsetzte. Bis 1900 wanderten viele Reitnauerinnen und Reitnauer ab – teilweise ins Ausland, teilweise in Industrieregionen der näheren und weiteren Umgebung. Damals wurde mit etwas über 800 Personen der Tiefpunkt erreicht. Erst nach 1990 stieg die Einwohnerzahl wieder deutlich an.
Industrie siedelte sich in Reitnau nur zögerlich an. Verschiedene grosse Firmen gründeten hier Ableger, die aber wieder aufgegeben worden sind. Handwerk und Gewerbe waren dagegen deutlich erfolgreicher, boten aber nicht ausreichend Arbeitsplätze, um die Abwanderung aufzuhalten. Bis heute ist in Reitnau eine landwirtschaftliche Prägung erhalten geblieben. So waren 2016 noch gut 21% aller Beschäftigten in Sektor 1 (Landwirtschaft) tätig.
Durch die Zunahme der Mobilität und den verstärkten Wohnungsbau wurde Reitnau zunehmend attraktiver und erreichte seit den 1990er-Jahren eine Zunahme der Einwohnerzahlen um fast 40%. Lage und Wohnqualität in Reitnau werden offensichtlich geschätzt.
Die neue Gemeinde 2019
Aus der Fusion der beiden Ortschaften Reitnau und Attelwil ist Anfang 2019 eine neue Gemeinde entstanden. Durch den Zusammenschluss hat die Gemeindefläche eine Vergrösserung um 222 Hektaren erfahren und beträgt neu 801 Hektaren (+38%). Die Einwohnerzahl hat um 297 auf 1542 Personen zugenommen (+24%). Durch den Zusammenschluss können viele der aktuellen und zukünftigen Herausforderung nun deutlich besser bewältigt werden. Auch das ist ein Grund zu feiern: Das 975 Jahre zurückliegende erste Auftauchen in der Geschichte und das nun ein Jahr zurückliegende, zukunftsgerichtete Zusammengehen der beiden Gemeinden Reitnau und Attelwil.
Markus Widmer-Dean
Historiker