Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03306.jsonl.gz/164

SDG 13
Massnahmen zum Klimaschutz
Das 13. UNO-Nachhaltigkeitsziel fordert dringende Massnahmen zur Bekämpfung der globalen Erderwärmung. Die Tabakindustrie gehört zu den grössten Verursachern von Treibhausgasemissionen und Umweltverschmutzung. Im Jahr 2014 verursachten die rund 6’000 Milliarden weltweit produzierten Zigaretten Emissionen in Höhe von fast 84 Millionen Tonnen CO2.[1] Das ist die gleiche Menge an CO2, die benötigt wird, um 280’000 Raketen ins All zu befördern.[2]
Der Tabakanbau ist mit erheblichen Umweltkosten verbunden, da er auf den Einsatz von umweltschädlichen Pestiziden und Düngemitteln angewiesen ist und zur Abholzung grosser Flächen führt, die dadurch ihre Funktion als Kohlenstoffsenke nicht mehr erfüllen können. Die grösste Umweltbelastung entsteht jedoch bei der Verarbeitung der Tabakblätter zu Zigaretten.[3] Da die drei grossen Zigarettenhersteller (Philip Morris International, British American Tobacco und Japan Tobacco International) in der Schweiz Produktionsanlagen betreiben, ist die Schweiz für einen wesentlichen Teil dieser Verschmutzung verantwortlich.
Einige Herstellungsverfahren sind besonders wasser- und energieintensiv, wie etwa die Verarbeitung der Blätter zu Tabakbrei, dessen Behandlung mit flüssigem Kohlenstoffdioxid – eine Technologie namens DIET, die in den 1970er Jahren entwickelt wurde, um die Anzahl der pro Zigarette benötigten Blätter zu reduzieren – oder die Herstellung von Filtern aus Celluloseacetat (eine Form von Kunststoff) und Papier, das mit Chemikalien behandelt wird, um eine bestimmte Abbrenngeschwindigkeit zu erreichen. Die Herstellung von Druckfarben, Farbstoffen, Klebstoffen und Folien, die für Verpackungen verwendet werden, ist ebenfalls energieaufwändig.[4]
Im Jahr 2017 verbrauchte Japan Tobacco International nach eigenen Angaben mehr als 2’600 Gigawattstunden Strom. Philip Morris International und British American Tobacco hingegen bezogen in den Jahren 2018 und 2020 jeweils 2’500 Gigawattstunden Strom. Zusammengerechnet entspricht dieser Wert der Energie, die für den Bau von etwa zwei Millionen Autos benötigt wird.[5]
Hinzu kommt, dass Tabakprodukte über weite Strecken transportiert werden. Die Blätter werden in weniger entwickelten Ländern wie Malawi, Brasilien oder Indonesien geerntet und anschliessend an Produktionsstätten geliefert, die sich meist in Europa, den USA oder China befinden. Nach der Herstellung werden die Zigaretten zu den Verkaufsstellen transportiert. Die drei Tabakfabriken in der Schweiz exportieren 75 % ihrer Produktion, den Grossteil davon in den Nahen Osten und nach Afrika.[6] Diese Transporte erfolgen per Flugzeug oder Lastwagen und verursachen erhebliche CO2-Emissionen. Die Strassen- und Lufttransportflotte von Philip Morris International verursacht beispielsweise 119'471 Tonnen CO2 pro Jahr.[7]
Die Zigarettenproduktion schadet auch der Umwelt, da sie grosse Mengen an Abfall erzeugt. Jedes Jahr fallen bei der Tabakverarbeitung mehr als zwei Millionen Tonnen feste Abfälle an.[8] Zum Vergleich: Aus Plastikwasserflaschen entstehen jedes Jahr 1,83 Millionen Tonnen Müll. Bei der Herstellung von Tabakprodukten fallen auch grosse Mengen chemischer Abfälle an, darunter schädliche Stoffe wie Ammoniak, Salzsäure, Nitrat, Chlor und Bleiverbindungen.[9]
Sobald das Produkt in die Hände der Konsumentinnen und Konsumenten gelangt, setzt es seine umweltschädliche Reise fort. Tabakrauch trägt zur Luftverschmutzung bei und enthält nicht weniger als drei Treibhausgase: Kohlendioxid, Methan und Stickoxide. Jährlich werden 2,6 bzw. 5,2 Milliarden Kilogramm der beiden erstgenannten Stoffe von Raucherinnen und Raucher in die Atmosphäre abgegeben.[10]
Um der negativen Berichterstattung über diese verheerende Umweltbilanz entgegenzuwirken, finanziert die Tabakindustrie im Rahmen ihrer Programme zur sozialen Verantwortung zahlreiche Umweltschutzinitiativen.[11] Diese Programme haben meist nichts mit ihren eigenen umweltschädlichen Aktivitäten zu tun, sondern dienen dazu, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit davon abzulenken. So hat Japan Tobacco International mehrere Millionen Dollar in Programme zur Eindämmung von Überschwemmungen investiert, Imperial Tobacco hat den Bau von fünf botanischen Gärten in Madagaskar unterstützt und Altria hat dazu beigetragen, 6,4 Milliarden Liter Wasser in US-amerikanischen Fliessgewässern wieder nutzbar zu machen.[12] Diese Aktivitäten bringen ihnen oft zweifelhaftes Lob ein: Im Jahr 2020 wurde beispielsweise ein Dokumentarfilm über Philip Morris International gedreht, in dem die Umweltbilanz des Unternehmens gerühmt wurde, und Philip Morris erhielt von der Nichtregierungsorganisation CDP die Anerkennung als führendes Unternehmen im Bereich der Dekarbonisierung.[13]
Mehrere Tabakhersteller bringen darüber hinaus Zigarettenpackungen unter einem ökologischen Deckmantel auf den Markt, zum Beispiel die Parisienne Verte, die in der Schweiz in einer plastikfreien Verpackung verkauft wird, oder seit kurzem die Parisienne Eco[14], deren Filter vollständig aus Papier besteht.[15] Die Marke Natural American Spirit wirbt mit dem «natürlichen» und «biologischen» Charakter ihrer Zigaretten.[16] Das europäische Recht verbietet es jedoch, Tabakprodukte als umweltfreundlich anzupreisen – dieses Verbot wurde in das neue Schweizer Tabakproduktegesetz aufgenommen, das voraussichtlich anfangs 2024 in Kraft gesetzt wird.
Als drittes Element dieser Strategie haben die grossen Tabakkonzerne begonnen, Informationen über ihre CO2-Emissionen oder ihren Energieverbrauch zu veröffentlichen und dabei ihre Fortschritte in diesen Bereichen hervorzuheben, häufig durch die Vergabe von grünen Labels. Die mangelnde Transparenz dieser Angaben und das Fehlen einer unabhängigen Überprüfung der Daten durch Dritte lassen Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit aufkommen. So erklärte British American Tobacco im Jahr 2014, dass es seine CO2-Emissionen um 45 % gesenkt habe, gab aber nicht an, welche Bereiche seiner Produktionskette betroffen waren oder welche Massnahmen ergriffen wurden, um dieses Ergebnis zu erreichen.[17]
Und wenn die Regierung oder die öffentliche Meinung des Landes, in dem sich eine besonders umweltschädliche Produktionsanlage befindet, interveniert, zögern die Tabakkonzerne nicht, in ein weniger kritisches Land zu wechseln. Im Jahr 2013 verlegte British American Tobacco eine Produktionsstätte von Uganda nach Kenia, nachdem sich lokale Verantwortliche über die schädlichen Emissionen der Fabrik für die Umwelt und die Gesundheit der umliegenden Bevölkerung beschwert hatten.[18]
[1] Cigarette Smoking: An Assessment of Tobacco’s Global Environmental Footprint Across Its Entire Supply Chain, Maria Zafeiridou, Nicholas S Hopkinson, and Nikolaos Voulvoulis. Environmental Science & Technology 2018 52 (15), 8087-8094. DOI: 10.1021/acs.est.8b01533
[4] World Health Organization. (2017). Tobacco and its environmental impact: an overview. World Health Organization. https://apps.who.int/iris/handle/10665/255574.
[7] World Health Organization. (2017). Tobacco and its environmental impact: an overview. World Health Organization. https://apps.who.int/iris/handle/10665/255574.
[8] Ibidem
[16] Houghton F, Houghton S, O' Doherty D, McInerney D, Duncan B. ‘Greenwashing’ tobacco products through ecological and social/equity labelling: A potential threat to tobacco control. Tobacco Prevention & Cessation. 2018;4(November):37. doi:10.18332/tpc/99674.
[17] World Health Organization. (2017). Tobacco and its environmental impact: an overview. World Health Organization. https://apps.who.int/iris/handle/10665/255574.
[18] See: Hendlin, Y.H., Bialous, S.A. The environmental externalities of tobacco manufacturing: A review of tobacco industry reporting. Ambio; 49, 17–34 (2020). https://link.springer.com/article/10.1007/s13280-019-01148-3