Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03513.jsonl.gz/736

Marc Ringgenbergs Vertrauen in die klassische Medizin ist nicht das beste. Mit 27 Jahren verlor er seinen Vater durch einen Kunstfehler. Seither ist er offen für die Konzepte der Alternativmedizin. «Nie hätte ich erwartet, dass ausgerechnet der Rat einer Naturheilpraktikerin mein Leben gefährden würde», sagt der 62-Jährige aus Reinach BL.
Vor neun Monaten erkrankte Marc Ringgenberg an diffuser systemischer Sklerodermie, einer unheilbaren Autoimmunerkrankung. Sie hat seine Nieren geschädigt, er muss dreimal in der Woche zur Dialyse und täglich lebenserhaltende Medikamente nehmen.
Eines Tages erzählte ihm ein Bekannter von einer Naturheilpraktikerin aus dem Aargau. Diese Marina Amsler * habe ihm mit ihrem Rat sehr geholfen. Marc Ringgenbergs Interesse war geweckt. Mitte Januar vereinbarte er per E-Mail einen Termin.
Marina Amsler, die sich mit dem seit fünf Jahren verbotenen Titel Naturarzt schmückt, praktiziert in einem Aargauer Dorf mit Blick auf das Untere Aaretal. Die Villa, erbaut wohl in den Achtzigerjahren, ist von Feldern und Wiesen umgeben. Im Vorgarten eine riesige Zeder und die metallene Skulptur eines sich aufbäumenden Pferdes.
Veganes Essen statt Medizin
Eine gute Woche später lag Marc Ringgenberg fünfeinhalb Stunden auf einer Pritsche in dieser Villa, während Amsler «konstant auf ihn einredete», wie er erzählt. Seine Schwester, die ihn begleitet hatte, ging nach einer Stunde. Irgendwann sagte die Heilpraktikerin, er solle alle Medikamente auflisten, die ihm seine Ärzte verschrieben hatten. Bis auf das unwichtigste strich sie alle durch, auch die lebenserhaltenden Blutdrucksenker. Er solle die Präparate sofort absetzen und sich vegan ernähren, sagte sie ihm. Den Zettel hat Marc Ringgenberg noch heute.
Voller Hoffnung hörte der Dialysepatient noch am gleichen Tag auf, seine Medikamente einzunehmen, und stellte seine Ernährung auf vegan um. «Aber nur kurz, vegane Kost ist nichts für mich.» Das war am 29. Januar.
Im Spital stellte sich heraus, dass sein Blutdruck bei über 200 lag. Und er hatte ein posteriores reversibles Enzephalopathie-Syndrom (PRES) erlitten, das einen epileptischen Anfall ausgelöst hatte. Wenn PRES-Patienten sehr schnell mit Blutdrucksenkern behandelt werden, ist die Prognose meist gut. Doch selbst dann sind Hirnschläge, Blutungen, Epilepsien und vereinzelt gar Todesfälle möglich. «Nicht auszudenken, ich hätte den Anfall allein zu Hause gehabt.»
«So ein krasser Fall ist mir in 30 Jahren Berufserfahrung noch nie zu Ohren gekommen.»Markus Senn, Naturheilpraktiker
Fünf Tage lag Marc Ringgenberg auf der Intensivüberwachungsstation des Unispitals Basel. «Amsler rief mich noch im Spital an und sagte, Grund für die Komplikation sei nicht das Absetzen der Medikamente gewesen. Vielmehr habe meine Seele rebelliert.» Die rebellierende Seele? Auf ihrer Website bietet Marina Amsler allerlei alternativmedizinische Behandlungen und Diagnosen an. Etwa eine Irisdiagnose, bei der die Gewebestruktur der Augeniris Hinweise auf Erkrankungen geben soll. Die Wirksamkeit dieser Methode wurde trotz vieler Studien weder empirisch noch theoretisch nachgewiesen, ihre Zuverlässigkeit liegt im Bereich des Zufalls.
Auch die aus dem Umfeld der Scientology-Sekte bekannte Bioresonanztherapie findet sich auf ihrer Website. Diese Methode soll selbst Krankheitsbilder heilen, die im Widerspruch zu grundlegenden Erkenntnissen über die menschliche Physiologie stehen. Sprich: gar nicht existieren.
Mit der Metamorphose-Behandlung wiederum soll eine «Einflussnahme in die vorgeburtliche Zeit» erfolgen. Denn Ursachen für körperliche und seelische Störungen seien in der Zeit vor der Geburt zu suchen, so die Theorie.
Infektionsrisiko inklusive
Beim Baunscheidtieren dagegen wird die Haut mit einem mit 20 bis 30 Stahlnadeln bestückten Gerät flächig zerstochen. Danach wird ein hautreizendes Öl eingerieben. So soll von Gicht über Migräne bis hin zu Multipler Sklerose alles geheilt werden. Dafür gibt es keinerlei Beweise. Für mehrere schwere Zwischenfälle infolge von Infektionen hingegen schon.
Auf Nachfrage sagt Amsler, dass sie die meisten auf ihrer Website angebotenen Techniken nicht mehr praktiziere. Sie habe in den letzten Jahren ein Konzept entwickelt, das viel effizienter und ursachenbezogener sei. «Ohne die Seelenblockaden aufzuräumen, funktioniert heute Heilung nicht mehr», schrieb sie einem potenziellen Kunden. Die vegane Ernährung sei das A und O. «Es bringt mehr, die Ernährung auf vegan umzustellen, als zehn Mal zum besten Heilpraktiker zu gehen. Dies ist meine Erfahrung.»
Marc Ringgenbergs ganz persönliche Erfahrung mit Marina Amsler erreichte mit der Rechnung, die sie ihm für die «Behandlung» stellte, eine neue Stufe. «Es tut mir leid, dass du den Notfall hattest und dass du dich die letzten zirka drei Wochen im Kreis bewegt hast. Aber ich kann dich nicht zum Glück zwingen», schrieb sie auf die Rechnung. Und dass sie ihm Fr. 10'073.70 von ihrem Aufwand von total Fr. 14'777.10 erlasse.
18 Termine verrechnet
Rund 1400 Franken sollte Ringgenberg selber bezahlen. Für die restlichen knapp 3330 Franken schickte ihm Amsler Rückforderungsbelege zuhanden seiner Krankenzusatzversicherung . Dort sind 18 Behandlungstermine ab dem 20. September 2019 aufgelistet.
«Ich war aber nur ein einziges Mal bei ihr. Bis Mitte Januar dieses Jahres hatte ich mit ihr noch nicht einmal telefoniert oder gemailt», sagt Ringgenberg. Die Belege hat er nicht eingereicht. Seine Krankenkasse spricht von strafrechtlich relevantem Verhalten.
«Genauer anschauen»
«So ein krasser Fall ist mir in 30 Jahren Berufserfahrung noch nie zu Ohren gekommen. Das Verhalten von Frau Amsler ist mit einer professionellen Berufspraxis und Ethik nicht zu vereinbaren», sagt Markus Senn, Präsident der Qualitätssicherungskommission bei der OdA Alternativmedizin , der Trägerorganisation des eidgenössischen Berufsabschlusses.
Auch Caroline Büchel, Co-Präsidentin der Naturärzte-Vereinigung Schweiz (NVS), zeigt sich schockiert. «Allein die Angaben auf Frau Amslers Homepage wären für uns Grund genug, diese Heilpraktikerin genauer anzuschauen, wenn sie Mitglied unseres Verbands wäre. Und natürlich würden wir sofort eine Untersuchung einleiten, wenn es zu einem unserer Mitglieder eine solche Beschwerde gäbe.»
Marina Amsler, die 140 Franken die Stunde verlangt und «neuerdings auf Barzahlung» besteht, ist kein Mitglied der NVS. In der Nareg-Datenbank, in der alle diplomierten Naturheilpraktiker erfasst sind, taucht sie nicht auf.
Marc Ringgenberg hat Marina Amsler über seinen Anwalt wissen lassen, dass er die Rechnung nicht bezahlen werde. Sie antwortete, dass er die Originalfakturen zurückschicken solle. Die Rechnungen werde sie stornieren. Marina Amsler wollte sich zu den Vorwürfen nicht äussern. Sie beruft sich auf die ärztliche Schweigepflicht.
*Name geändert