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Anabiose.
Die bisher als festgestellt betrachtete Angabe, daß der Lebensprozeß bei Pflanzen und Tieren unter besondern Umständen, namentlich durch Austrocknen und Frost, zeitweilig völlig unterbrochen werden und doch später von neuem in demselben Individuum erwachen und fortdauern könne, ist in den letzten Jahren besonders durch englische Forscher stark in Zweifel gezogen worden. Bei den Rädertieren, die am häufigsten zu einschlägigen Versuchen gedient haben, soll die schnelle Entwickelung der Eier [* 2] zu Täuschungen Veranlassung gegeben haben, so daß also nicht die alten, eingetrockneten Individuen, sondern von ihrem Körper eingeschlossene Keime durch Befruchtung [* 3] zu neuem Leben erweckt worden seien.
Hinsichtlich der Samen [* 4] und Eikeime muß man eine solche Unterbrechungsfähigkeit wohl zugeben, denn viele derselben vertragen sowohl Kältegrade, wie sie an der Erdoberfläche gar nicht vorkommen, als auch ein ziemlich starkes Austrocknen, und Kochs, der sich mit derartigen Untersuchungen in neuerer Zeit beschäftigt hat, konnte mittels der Spektralanalyse [* 5] in der Luft eines Glases mit wohl ausgetrockneten, aber keimfähigen Samen keine Spur von Kohlensäure entdecken, welche die Fortdauer eines langsamen Lebensprozesses in den Samen hätte anzeigen können.
Derselbe Beobachter prüfte auch die oft wiederholte Angabe, daß starr gefrorne Fische, [* 6] Frösche [* 7] etc. wieder nach dem Auftauen lebendig werden. Entgegen den Beobachtungen von Dumeril, Heinzmann und Preyer, welche starrgefrorne Frösche bei vorsichtigem Auftauen fast regelmäßig zum Leben brachten (ohne daß man nach Preyer die wiederbelebten von nicht eingefrornen Fröschen unterscheiden konnte), behauptet Kochs, daß unter seinen Augen durch Kältemischungen im Wasser eingefrorne Wasserkäfer, Fische und Frösche niemals wieder zum Leben kamen, aber er meint, daß diese Tiere durch ihre Bewegungen mitten im Eisblock lange eine kleine Wassermenge flüssig erhielten, in der sie weiter lebten, bis sie im Augenblick des Gefrierens ihres Körpers abstürben. Bei den direkt widersprechenden Angaben gewiegter Beobachter bleiben hierüber weitere Beobachtungen wünschenswert.
Zu der kleinen Zahl der bisher bekannten Gefäßkryptogamen: Selaginella lepidophylla, Ceterach officinarum, Asplenium Ruta muraria, Polypodium vulgare, Cheilanthes odora, Asplenium lanceolatum, Adianthum Capillus Veneris und einiger Isoëtes-Arten, die ähnlich wie die meisten Flechtenarten und manche Moose [* 8] bis zur Brüchigkeit austrocknen und doch im Wasser wieder aufleben können, hat Schimper (1888) eine neue Art (Polypodium incanum) gefügt, welche, an den Baumstämmen wachsend, in den glühenden Strahlen der Äquatorialsonne vollständig zusammenschrumpfe, um bei Regenwetter alsbald ihre Segmente wieder flach auszubreiten.
Mit mehreren Büscheln dieses ihm aus Nordamerika [* 9] zugesandten Farnkrautes hat Bureau (1890) mehrere lehrreiche Versuche angestellt. Er legte das eine in einen Trockenschrank, dessen Temperatur auf 55° gesteigert wurde, das andre in ein Vakuum, wobei sie nach 6 Tagen graubraun und äußerst brüchig geworden waren. Beide Proben, von denen man nur noch die schuppige Unterseite sah, wurden sodann in Wasser gelegt, und die im Vakuum getrocknete Pflanze entrollte sich alsbald vollständig und nahm eine Frische und Lebhaftigkeit des Grüns an, als sei sie eben frisch gepflückt worden. Von der bei höherer Temperatur getrockneten Pflanze erholten sich indessen nur die jüngsten Blätter und wurden wieder grün. Es ist lehrreich, daß alle Versuche, die man hinsichtlich eines solchen Wiederauflebens an Phanerogamen gemacht hat, mißglückt sind; die Entfaltung der sogen. Rose von Jericho im Wasser gehört natürlich nicht hierher.
Über die nach einer andern Richtung entwickelte Lebenszähigkeit der Kröten, die zu der Sage Anlaß gegeben hat, daß sie in erhärtetem Gestein Jahrhunderte überdauern könnten, hat eine gelegentliche Beobachtung von Florschütz einigen Aufschluß gegeben. In der Nähe von Schierstein (Hessen) [* 10] wurden im Winter 1888/89 bei der Absteckung des Lößbodens zur Ziegelfabrikation eine große Anzahl fränkischer Gräber bloßgelegt. Hierbei fanden sich ¶
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öfters in der durchaus gleichmäßigen Masse, in Tiefen bis zu 3 m, einzelne Kreuzkröten (Bufo calamita) einfach in dem Löß eingeschlossen und wie ein flacher Kiesel umlagert. Diese Kröten machten im ersten Augenblick den Eindruck eines flachen Rollsteins, den die Arbeiter, um ihn aus dein Lehm zu entfernen, wegwerfen wollten, worauf sie sich in ihrer Hand [* 12] belebten und davonhüpften. Trotz der genauesten Untersuchung konnten keinerlei Spalten oder selbstgegrabene Zugänge im Löß entdeckt werden; die Kröten lagen zum Winterschlaf fest eingebettet in demselben, und ein mit einer kleinen Lößmenge in ein Glas [* 13] gethanes Exemplar grub sich nach jeder Störung wieder in denselben ein. Florschütz glaubt, daß aus diesem Verhalten die Sagen von den in Gestein eingeschlossenen Kröten zu erklären seien, denn da sie hier bei fast völligem Luftabschluß ihren Winterschlaf abhielten, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß sie auch in erhärteten Lehmknollen eine Zeitlang ausdauern und aus diesen gelegentlich befreit werden mögen.