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Der Berg der Kreuze ist eine einzigartige Pilgerstätte im Norden Litauens mit Tausenden von Kreuzen. Sie sind Zeichen des Glaubens, der Hoffnung und des Friedens.
Anton Ladner
Wer Kryžių kalnas besucht, erlebt leicht ein Wechselbad der Gefühle. Der fast runde Hügel mitten im Flachland wirkt mit seiner Fülle unterschiedlichster Kreuze faszinierend, aber gleichzeitig auch unheimlich. Er weckt Erinnerungen an die Kreuzigungsgeschichte von Christus auf dem Hügel Golgatha, der mit dem Berg Calvaria in der Nähe von Jerusalem identifiziert wird. Von Nahem wirkt der Hügel wie ein Friedhof, aber ebenso wie ein grosses Kunstwerk. Und alle Besucher fragen sich, was die Menschen dazu bewogen hat, hier so viele Kreuze anzubringen.
Der Ursprung dieser Tradition geht auf das 19. Jahrhundert zurück, als Litauen unter der Herrschaft des Russischen Kaiserreichs stand. In jener Zeit war das Aufstellen von Kreuzen ein stummer Protest gegen die russische Unterdrückung. Die Kreuze auf dem Hügel wurden zum Symbol des litauischen nationalen Widerstands gegen die Russen, konkret für die Haltung der inneren Ablehnung. Das verband und gab Kraft. Litauen blieb bis 1917 Teil des Russischen Kaiserreichs und erlangte 1918 die Unabhängigkeit. Doch sie war nur von kurzer Dauer, im Juni 1940 rückte die Rote Armee in Litauen ein. Es begann erneut eine russische Unterdrückung, nun mit umgekehrten Vorzeichen, in der Konsequenz aber eine Fortsetzung. Während der sowjetischen Macht über Litauen bis 1991 versuchten die kommunistischen Behörden wiederholt, die Kreuze auf dem Hügel zu entfernen und die Pilgerstätte auszuradieren. Doch die Kraft der Kreuze erwies sich als unbesiegbar. Die litauische Bevölkerung hielt mutig an der Tradition fest, auf dem Berg Kreuze zu platzieren. Nach dem Berliner Mauerfall, der Anfang des Endes der Sowjetunion, erlebte der Berg als Pilgerstätte eine starke Belebung. Für viele Menschen wurde Kryžių kalnas zu einem heiligen Ort des Gebets, der Besinnung und des Glaubens. 80 Prozent der litauischen Bevölkerung gehören noch heute der katholischen Kirche an.
Der Berg der Kreuze ist aber auch ein wichtiges Symbol der litauischen Identität und Kultur. Er wird als Kraftort für Freiheit verstanden. Durch diese starke Ausstrahlung ist Kryžių kalnas zu einer bedeutenden Touristenattraktion in Litauen geworden. Besucher aus der ganzen Welt strömen zu diesem einzigartigen Ort, um die besondere spirituelle Atmosphäre zu erleben. Der Berg der Kreuze zieht Menschen mit verschiedensten Hintergründen und Glaubensrichtungen an. Viele dieser Besucher erleben den Ort als eine Manifestation des Wunsches nach Einheit, Verständigung und Frieden in der Welt. Deshalb ist der Berg der Kreuze auch zu eine einem Symbol des Friedens geworden.