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Etwa einen Monat nach der Kastration des Rüden bemerken die Besitzer, dass der Hund vermehrt unkontrolliert Urin absetzt. Der Urin erscheint auch rot, und einzelne Male scheint "Aiko" auch vermehrt zu pressen, wenn er aktiv urinieren will. Ansonsten geht es dem Tier gut.
Eine klinische und neurologische Untersuchung des Hundes verläuft unauffällig: Der Bauchraum ist schmerzfrei, Prostata und Penis erscheinen unauffällig. Die Blase wird einer kurzen Ultraschalluntersuchung unterzogen: Da sie praktisch leer ist, ist die Schleimhautdicke nicht mit Sicherheit zu bestimmen und die Harnentnahme direkt aus der Blase mittels einer Punktion ist ebenfalls unmöglich. Es sind jedoch keine Wucherungen oder Blasensteine sichtbar.
Um ein primäres Blutungsproblem auszuschliessen, wird ein Blutuntersuch durchgeführt. Dieser zeigt, dass der Hund über genügend Blutplättchen verfügt.
Die Verdachtsdiagnose einer Blasenentzündung wird gestellt. Eine Entzündung könnte sicherlich die Blutbeimengungen im Urin und den Harndrang erklären, nicht aber zwingend die scheinbare Inkontinenz. Neben einem Breitbandantibiotikum wird deshalb auch ein Medikament zur Stärkung des Blasenschliessmuskels verschrieben.
Leider geht es dem Hund auch nach 10 Tagen mit Medikamenten noch nicht ganz gut: Der Urin ist zwar nicht mehr blutig und "Aiko" verliert nicht mehr passiv Harn; dafür zeigt er jetzt vermehrt Harndrang. Manchmal scheint auch der Urinstrahl beim Harnabsetzen abzubrechen, währenddem der Hund weiterhin zu pressen versucht.
Diese Symptome könnten nun möglicherweise auch von einem anderen Problem als einer Blasenentzündung herrühren, z.B. von einer sogenannten Reflexdissynergie (ein gestörtes Zusammenarbeiten von Blasenschliessmuskel und Blasenwandmuskel) oder einer inkompletten Harnröhrenverlegung. Ausserdem erscheint es seltsam, dass bei einer einfachen Blasenentzündung nach 10 Tagen keine Heilung eingetreten ist. Deshalb wird beschlossen, weitere Abklärungen vorzunehmen.
Aus der nun leicht gefüllten Blase wird mittels Punktion Urin entnommen. Mikroskopisch sind darin Blut und Entzündungszellen zu finden, der bakteriologische Untersuch verläuft aber negativ. Unter leichter Sedation wird eine Kontrastuntersuchung der Harnröhre durchgeführt. So könnten mögliche Hindernisse (Steine, Gewebszubildungen) erkannt werden.
Die Studie zeigt, dass die Harnröhre keinerlei Verengungen aufweist. Hingegen ist am vorderen Blasenpol eine kleine, mit Kontrastmittel gefüllte Ausstülpung zu erkennen: ein sogenanntes Blasen- oder Urachusdivertikel! Da diese kleine Ausstülpung nicht oder nur schlecht mit antibiotikumhaltigem Urin in Kontakt kommt, ist hier ein Überleben von Bakterien trotz Antibiose möglich, was das Fortbestehen von Symptomen erklären könnte.
Da weiterhin unbekannt ist, welcher Typ von Bakterien die Blasenentzündung verursachen könnte, wird ein anderes, gut blasengängiges Antibiotikum für 4 Wochen verschrieben. Während dieser Zeit verschwinden die Symptome allmählich, und nach Abschluss der Therapie geht es "Aiko" wieder sehr gut.
Vorerst wird deshalb auf eine chirurgische Therapie (siehe unten) verzichtet.
Embryonal ist die Blase des Fötus durch den sogenannten Urachus mit der Nabelschnur verbunden; so wird der fötale Urin entsorgt. Normalerweise bildet sich der Urachus nach der Geburt komplett zurück. Ist dies nicht der Fall, kann am vorderen Blasenpol eine kleine Ausstülpung verbleiben, welche mit Urin gefüllt ist. Dieser Urin wird nicht wie der restliche Harn in der Blase konstant umgewälzt, sondern verbleibt statisch - es besteht ein Urachusdivertikel.
Wird ein Antibiotikum eingesetzt, so wird dieses über die Nieren im Urin ausgeschieden und kann so in der Harnblase einen bakteriellen Infekt bekämpfen. Setzen sich im Urachusdivertikel Bakterien fest, sind diese durch die fehlende Urinumwälzung im Divertikel nur schwierig zu bekämpfen. Bezeichnenderweise fanden sich bei "Aiko" in der Blase auch keine Bakterien - ein bakteriologischer Untersuch des Divertikels hätte jedoch wohl einen positiven Befund gezeitigt.
Durch die lange Antibiose war es offenbar gelungen, den chronischen bakteriellen Infekt im Divertikel zu heilen. Ein Rezidiv ist allerdings nicht ausgeschlossen - eine definitive Heilung kann deshalb bei einem Urachusdivertikel möglicherweise nur durch eine chirurgische Entfernung der Ausstülpung erreicht werden.