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Am 15. November eines jeden Jahres hat sich dank der PEN-Zentren rund um den Globus, welche sich für freie Meinungsäusserung einsetzen und Literatur fördern, der internationale Writers in Prison Day etabliert. Dieser Gedenktag soll die Aufmerksamkeit auf die Schicksale inhaftierter, politisch verfolgter oder vermisster Autor:innen lenken. In Zürich, Bern und Basel veranstaltete das DeutschSchweizer PEN-Zentrum zusammen mit Amnesty International dieses Jahr Lesungen mit der in Eritrea bekannten Schriftstellerin Yirgalem Fisseha Mebrahtu. Das Publikum der Lesung bestand zu drei Vierteln aus der eritreischen Community der Schweiz und zeigte, dass auch die Opposition Kultur hat.
Überblick ihrer Biografie
Yirgalem Fisseha Mebrahtu wurde 1981 in Adi Keyh, Eritrea, geboren. Schon in sehr jungen Jahren entdeckte sie ihre Leidenschaft für das Schreiben, organisierte später Veranstaltungen für junge eritreische Literaturschaffende und arbeitete als freie Journalistin für Zeitschriften. Sie publizierte Gedichte, Kurzgeschichten und Artikel – jedoch nur so lange, bis die eritreische Regierung im Jahr 2001 alle nichtstaatlichen Medien verbot. In der Diktatur gibt es seither keinen Platz für unabhängige Presse und Meinungsfreiheit. Nachdem Yirgalem Fisseha Mebrahtu 2002/2003 – im Anschluss an die in Eritrea übliche fünfmonatige Militärausbildung – das Teacher Training absolvierte, arbeitete sie für eine Gesundheitssendung bei dem Bildungssender Radio Bana. Ihre dortige Tätigkeit als Programmdirektorin, Moderatorin und Autorin endete im Februar 2009 abrupt, als sie mit über 30 weiteren Personen im Gebäude des Senders verhaftet und abgeführt wurde. So landete sie mit Ende 20 – ohne offizielle Anklage oder Gerichtsverfahren – für sechs Jahre im Militärgefängnis Mai Serwa. In Vernehmungen wurde ihr unter anderem vorgeworfen, den Präsidenten kritisiert zu haben, doch den tatsächlichen Grund für ihre Festnahme bekam sie nie zu hören. Zwei von den sechs Jahren hielt man Yirgalem Fisseha Mebrahtu in Isolationshaft, ohne jeglichen Kontakt zur Aussenwelt, wo sie zudem körperlicher Folter und schweren Misshandlungen ausgesetzt war. Davon trug sie solche schwerwiegenden Verletzungen davon, dass sie aufgrund ihres kritischen Zustands oftmals in die Gefängnisstation eines Krankenhauses verlegt werden musste.
Nach ihrer Entlassung wurde Yirgalem Fisseha Mebrahtu beim Versuch aus Eritrea zu fliehen an der Grenze festgenommen und für vier weitere Monate inhaftiert. Nach erneuter Entlassung gelang ihr im März 2018 die Flucht nach Uganda. Dort veröffentlichte sie über die Webseite von PEN Eritrea ihre in Gefangenschaft entstandenen Gedichte und Texte. Die menschenunwürdigen Umstände ihrer Zeit in Haft bekamen daraufhin durch eine Debatte zu den Menschenrechten in Eritrea internationales Interesse von Seiten der Medien. Im Dezember 2018 konnte die Schriftstellerin schliesslich als Writers-in-Exile-Stipendiatin des PEN-Zentrum Deutschland nach München kommen, wo sie seither als politisch Geflüchtete lebt. Durch ihre aktivistische Tätigkeit, ihre Mitarbeit in verschiedenen Projekten und ihr gesellschaftliches Engagement erhielt sie bereits mehrere Auszeichnungen.
Bestürzt dich das Leben in der Dunkelheit, in der alles gleich scheint, ob bei offenen oder geschlossenen Augen, nur die Hoffnung ist der Unterschied zum Tod.Auszug aus: An Ciham (2013)
In dem kürzlich erschienen Buch «Ich bin am Leben» von Yirgalem Fisseha Mebrahtu sind ihre Gedichte von während und nach der Haft erstmalig mit deutscher Übersetzung enthalten. Aus diesem Lyrikband mit bildstarker Sprache las die Autorin beim Writers in Prison Day vor und sagt selbst dazu: «Es ist fast wie mein Tagebuch aus dem Gefängnis. Meine Gedichte waren meine Freunde in der Zelle.» Sie halfen ihr zu heilen, Hoffnung zu finden, aber auch ihr unfassbares Leid und ihre Verzweiflung auszudrücken. «Es wäre noch viel schmerzhafter einfach still zu sein», erzählt sie. Wenn man diese beeindruckende Frau sieht – mit ihrer herzlichen, offenen Art und ihrem strahlenden Lächeln – lässt sich kaum erahnen, was ihre Geschichte ist. Durch ihre Worte, in denen sie ihr tiefstes Seelenleben festgehalten hat, kommt man ihren dramatischen Erfahrungen zumindest einen Funken näher.
Ich bin am Ende mit den Nerven, ich kann nicht mehr. Wenn der Teufel mich nehmen wollte und davontragen, ich würde nicht fragen, wohin.Auszug aus: Die Enge (2010)
Obwohl sie den tatsächlichen Grund ihrer Verhaftung nie kannte, findet die gebürtige Eritreerin, dass rückblickend alles Sinn ergibt: «Ich war aus einem bestimmten Grund im Gefängnis. Nur deswegen kann ich heute hier sein.» Sie schöpft ihre Kraft daraus, dass sie die Stimme für all die Menschen sein kann, die immer noch im Gefängnis sind. Die Stimme all derer, die weiterhin ums Überleben und ihre Rechte kämpfen müssen. Die Stimme all derer, die plötzlich verschwunden sind; deren Familien in Unwissenheit zurückbleiben. Yirgalem Fisseha Mebrahtu schreibt nicht nur, um ihr eigenes Erlebtes zu verarbeiten, sondern auch für all die anderen, die Ähnliches oder Schlimmeres durchmachen mussten. Fragt man sie, woher sie die Stärke nimmt, auch über das Leid anderer aufmerksam zu machen und ihnen Hoffnung zu schenken, sagt sie recht nüchtern: «Ich war nur sechs Jahre lang inhaftiert. Ich sage nur, weil ich mich immer mit all denen vergleiche, die heute noch in Gefangenschaft sind. Das sind Menschen, die ich kenne; ich kenne ihr Leid und ich kenne ihre Familien.» Das ist wahres Empowerment, und zwar gleich auf mehreren Ebenen: Die Schriftstellerin stärkt nicht nur sich selbst, sondern viele Leidensgenoss:innen ebenso.
Wenn die bitteren Tage vorbei sind, wird es doch noch die süssen geben. Diese Wahrheit soll deine Stärke sein, bis die Sonne für dich aufgeht.Auszug aus: Erhobenen Hauptes (2013)
Die Frage, wie eine Schriftstellerin leben kann, ohne zu lesen, erübrigt sich fast: Wenn man diese Wahl gar nicht hat; wenn es keine Meinungsfreiheit und keinen Zugang zu Medien, Büchern oder Texten von anderen Autor:innen gibt, dann kann Lesen auch keine Priorität sein. «Über das Lesen nachzudenken ist Luxus, wenn man für das Überleben lebt. Selbst Sonnenlicht und frische Luft zu bekommen, war schwierig im Gefängnis. Abhängig vom Willen des Wärters, gab er uns manchmal dreissig Minuten am Sonntag.» In vielen Ländern ist die Freiheit des Wortes noch immer bedroht, grundlegende Menschenrechte werden weiterhin verletzt und Schriftsteller*innen und Medienschaffende verfolgt – einfach nur, weil diese Menschen sich ausdrücken.
Sie sind Menschen. Mit ihren Träumen und Wünschen kümmern sie vor sich hin, das Recht zu existieren wurde ihnen genommen.Auszug aus: Wer hat da gesprochen? (2018)
Wie Yirgalem Fisseha Mebrahtu in ihrer Zelle Nummer 22 ihre Gedichte schreiben konnte, wird sie noch in einem weiteren Buch berichten. Sie verriet nur so viel: Da Stift und Papier natürlich nicht erlaubt waren und es zudem riskant war, wäre man beim Schreiben erwischt worden, brauchte es etwas Kreativität – aus der Not heraus findet man eben unkonventionelle Wege.
20. November 2023