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Die Erfindung der Wahrheit
Im Dezember war sie wieder da, die zweigeteilte Welt: Als herauskam, dass die gefeierten Reportagen von Claas Relotius Fälschungen waren, zerfiel die Welt in wahr und falsch, in schwarz und weiss. Die erfundenen Reportagen waren falsch. Nachrichten sind wahr. Doch so einfach ist es nicht. Jeder Journalist erfindet seine Welt. Das Problem ist, dass die meisten Medien davor die Augen verschliessen. Und die Medienkonsumenten auch. Aber der Reihe nach.
Claas Relotius war ein gefeierter, ja ein mehrfach ausgezeichneter Journalist und Reporter. Er schrieb für das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel», für die «NZZ am Sonntag», für die «Weltwoche» und weitere Zeitungen hervorragende Reportagen. Bis im Dezember herauskam, dass diese Reportagen nicht Erlebtes wiedergaben, sondern weitgehend erfunden waren. Am 19. Dezember ging der «Spiegel» damit an die Öffentlichkeit. Das Magazin, das bekannt ist für seine akribische Dokumentation, gab zu, dass es in grossem Stil gefälschte Reportagen abgedruckt hatte.[1]
Weitere Kunden von Claas Relotius prüften Geschichten, die er ihnen geliefert hatte, und meldeten weitere Fälschungen, darunter die «NZZ am Sonntag», die «Süddeutsche Zeitung» und die «Weltwoche». Die betroffenen Zeitungen legten die Fälschungen offen, gaben Fehler zu und gelobten Besserung. Die «NZZ» war nicht betroffen. Ihr Chefredaktor Eric Gujer drosch mit aller Kraft auf den «Spiegel» ein. In einem Kommentar[2] schrieb Gujer: Die Wirklichkeit wird passend gemacht, bis sie den eigenen Vorstellungen entspricht. Und verantwortlich dafür ist nicht einfach ein junger Reporter mit krimineller Energie. Verantwortlich sind die grundlegenden Methoden eines Teils der Redaktion, die sich gleichwohl nicht schämt, sich als Herausgeberin eines Nachrichtenmagazins zu bezeichnen. Für Gujer steht wieder einmal die Frage im Raum, in welchem Mass Journalismus die Realität aus politischen oder anderen Motiven frisiert.
Berichten, was ist
Gujer bezog sich dabei auf die Flüchtlingskrise in Deutschland, die von vielen Journalisten aus politischen Gründen lange negiert worden sei. Er baut damit einen Gegensatz auf zwischen Journalisten, die berichten, was ist – und meint dabei gerade nicht die Journalisten des «Spiegel», der diesen Satz zu seinem Motto gemacht hat –, und Journalisten, die politisch voreingenommen nur das berichten, was in ihr Weltbild passt. Es versteht sich selbstredend, dass Gujer seine «NZZ» zu jenen Medien zählt, die gnadenlos berichten, was ist, auch wenn es unangenehme Wahrheiten über Flüchtlinge in Deutschland sind.
Gujer und viele andere Kritiker des «Spiegel» erwecken den Eindruck, die Welt bestehe aus einem weissen Teil, in dem die Medien die Wahrheit sagen, und einem schwarzen Teil, wo Journalisten lügen. Doch so einfach ist es nicht. Jede Darstellung, und sei sie noch so objektiv, ist immer nur ein Ausschnitt. Und jede journalistische Arbeit enthält eine Perspektive. Gefährlich wird es erst dann, wenn Journalisten vergessen, dass ihre Arbeit immer eine subjektive Komponente enthält – und dass sie sich deshalb immer hinterfragen müssen.
Auch SRF berichtet nicht, was ist
Nehmen wir den simplen Fall eines Fussballspiels. Das Schweizer Fernsehen berichtet in der Sendung «Super League – Goool» über das Spiel und zeigt eine Zusammenfassung.[3] Dabei verwendet SRF Filmsequenzen, die während des Spiels aufgezeichnet worden sind. Diese Sequenzen zeigen 1:1, was auf dem Spielfeld passiert ist. Da wird nichts hinzugefügt oder gefälscht, also zeigt SRF die Wahrheit, oder?
Vielleicht haben Sie auch schon ein Fussballspiel besucht und danach eine Zusammenfassung des Spiels im Fernsehen gesehen. Es ist gut möglich, dass Sie das Spiel kaum wiedererkannt haben. In der Realität haben Sie sich während 85 Minuten gelangweilt, weil die Jungs auf dem Rasen den Ball planlos hin- und herschoben. SRF hat gekonnt die fünf Minuten herausgepickt, in denen auf dem Rasen etwas los war – und damit den Eindruck erweckt, es sei ein spannendes Spiel gewesen. SRF lügt nicht: Die Szenen haben sich ja alle so abgespielt, sie wurden von den Kameras so aufgezeichnet. Nur hat SRF für die Zusammenfassung alles Langweilige weggelassen – und vermittelt damit ein ganz anderes Bild des Spiels. Genau das ist das Kernproblem des Journalismus.
Die Gefahr des Fliegens
Dieses Weglassen der langweiligen Teile kann verheerende Folgen haben. Zum Beispiel berichten die Medien über jeden Flugzeugabsturz auf der Welt und sei es, dass in Sibirien ein Frachtflugzeug über die Landebahn hinausschlittert. Aber haben Sie schon einmal einen Bericht über ein Flugzeug gelesen, das ordnungsgemäss gelandet ist? Natürlich nicht. Über die abertausenden von Flügen, die ereignislos verlaufen, berichtet kein Medium. Warum auch. Medien berichten über das Ungewöhnliche, also über Flugzeugabstürze, Flugzeugentführungen und Flugzeugpannen. Die Folge: Wir alle überschätzen die Gefahr des Fliegens. Weil wir nur Informationen über abgestürzte Flugzeuge erhalten aber keine Informationen über angekommene Flugzeuge, überschätzen wir die Gefahr des Fliegens gewaltig. Doch das gefährlichste an einer Flugreise ist die Reise von zu Hause bis zum Flughafen. Wenn Sie im Flugzeug Platz nehmen, haben Sie den gefährlichsten Teil der Reise bereits hinter sich.
Das Problem der überschätzen Gefahr beim Fliegen basiert darauf, dass die Medien uns nur unvollständig mit Informationen versorgen. Dasselbe Phänomen tritt ein, wenn Menschen, die auf dem Land wohnen, eine Stadt als extrem gefährlich einstufen, weil sie immer nur von Überfällen und Schlägereien hören, aber nie von glücklich verbrachten Nachmittagen in der Shopping-Meile. Oder wenn Menschen Ausländer als gefährlich ansehen, weil sie von jedem Ausländer hören, der ein Verbrechen begeht, aber nie von Ausländern lesen, die fleissig ihrer Arbeit nachgehen. Natürlich treffen all die Informationen zu, sie sind also wahr – aber es ist eben nur ein Teil der Wahrheit. Medien bilden immer nur einen Ausschnitt der Welt ab.
Der Ausschnitt der Welt
Wörtlich auf einen Ausschnitt der Welt konzentrieren sich Fotografen (und Bildredakteure). Die Aussage eines Bildes lässt sich stark verändern, indem man den Ausschnitt verändert. Ist das schon Manipulation? Ganz zu schweigen von Aspekten wie Farbe, Kontrast und Helligkeit. Kein Bild kann ohne Veränderung gedruckt oder auf einem Bildschirm gezeigt werden. Die vier Druckfarben Cyan, Magenta, Yellow und Black (CMYK) des Vierfarbdrucks führen zu ganz anderen Bildfarben als die drei Farben Rot, Grün und Blau (RGB), aus denen ein Bildschirmbild zusammengesetzt ist. Bilder müssen deshalb auf ihren Verwendungszweck hin angepasst werden. Ist das schon Manipulation?
Journalisten sehen sich oft in der Rolle eines Übersetzers. Die meisten Menschen, mit denen man in der Schweiz spricht, reden Mundart – in der Zeitung werden sie aber auf Hochdeutsch zitiert. Die Journalistin, der Journalist muss also das Gesagte vom Dialekt ins Hochdeutsche übersetzen. Je nach Schreiber wird das anders tönen. Besondere «Übersetzerqualitäten» sind bei Interviews gefragt. Die allermeisten Menschen sprechen nicht in vollständigen Sätzen, auf Mundart schon gar nicht. Beim Transkribieren des Interviews muss die Journalistin, der Journalist nicht nur übersetzen, sondern auch zusammenfassen, umschreiben, anpassen. Natürlich leiht der Journalist dabei seine Sprachkompetenz der Politikerin oder dem Unternehmer. Das wortwörtliche Transkript eines Interviews wäre nicht lesbar. Also sind die allermeisten Interviews, die Sie in einer Zeitung lesen, mehr oder weniger fiktive Texte. Kein Wunder, kam der Berner Journalist Tom Kummer[4] irgendwann zum Schluss, dass er das Gestammel der Interviewten nicht braucht, um interessante Interviews zu schreiben – und erfand gleich das ganze Interview selbst. Das Resultat waren Texte, die sich echter anfühlten als echte Interviews.
Die Wahrheit der Erfindung
Die Realität ist manchmal trostlos, oft langweilig, meistens sinnlos. Von Mark Twain stammt der schöne Satz: The only difference between reality and fiction is that fiction needs to be credible. Der einzige Unterschied zwischen Realität und Fiktion ist, dass Fiktion glaubwürdig sein muss. Wer Realität glaubwürdig darstellen will, schreibt deshalb fiktive Texte. Ich war als Bub zu Tode enttäuscht, als ich herausfand, dass sich «Die schwarzen Brüder» von Lisa Tezner wohl nicht ganz genau so abgespielt haben. Heute weiss ich: Das macht die Geschichte nicht weniger wahr. «Im Westen nichts Neues» von Erich Maria Remarque ist ein Roman – und trotzdem eine wahrhaftige Darstellung der Grabenkämpfe im Ersten Weltkrieg.
Dass eine Geschichte fiktiv ist, heisst nicht, dass sie nicht wahr ist – und umgekehrt kann das Foto eines Reporters, der einfach auf den Auslöser seiner Kamera gedrückt hat, ein falsches Bild vermitteln. Eine Künstlerin der fiktiven Wahrheit ist Eveline Hasler. Romane wie «Anna Göldin. Letzte Hexe» sind keine Tatsachenberichte im journalistischen Sinn – und trotzdem sind sie wahr. Man kann nicht sagen, ein MRI-Bild zeige ein wahreres Bild des Menschen als die Mona Lisa von Leonardo oder der David von Michelangelo. Die Frage ist wohl eher, was der Urheber dabei behauptet.
Das Etikett macht den Betrüger
Das ist der Punkt der Reportagen von Claas Relotius und der Interviews von Tom Kummer: Als fiktive Texte wären sie hervorragend. Als Reportage, als Interview, sind es Fälschungen. Claas Relotius ist ein Betrüger, weil er vorgab, dass das, was er erfunden hatte, echt sei. Das ist vergleichbar mit einem Schweizer Winzer, der in einem mageren Jahr seine Bestände mit spanischem Wein auffüllt. Der Spanier kann sogar besser sein als sein eigener Wein, der Kunde also mehr Wein fürs Geld erhalten, es bleibt doch Betrug.
Claas Relotius also ist ein Betrüger – das macht alle anderen Journalisten aber noch nicht zu Verkündern der Wahrheit. Jeder Text ist bis zu einem gewissen Grad ein fiktiver Text. Wenn es nicht so wäre, wenn Journalismus das blosse Abbilden der Welt durch Sprache nach bestimmten Gesetzen wäre, dann liessen sich Journalisten rasch und einfach durch Roboter ersetzen. Da, wo es um blosse Abbildung geht, also etwa beim Transportieren von Abstimmungsresultaten, Wetterdaten oder Sportresultaten, da werden Journalisten heute zunehmend durch Automaten ersetzt. Wertvoll aber ist gerade die Arbeit, die Empathie benötigt, sprachliche oder fotografische Darstellungskraft, Imagination. Journalismus ist mit anderen Worten da besonders wertvoll, wo er besonders subjektiv ist. Wichtig ist, dass sich Journalisten und Medienkonsumenten bewusst sind, dass Medien immer einen letztlich subjektiv gewählten Ausschnitt der Welt zeigen, der individuell dargestellt ist. Gefährlich wird es immer dann, wenn Journalisten meinen, sie hätten die Wahrheit gepachtet – und Medienkonsumenten daran glauben.
Pontresina, 18. Januar 2019, Matthias Zehnder <email-pii>
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Quellen
[1] Vgl. «Der Spiegel», 18.12.2018: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fall-claas-relotius-spiegel-legt-betrug-im-eigenen-haus-offen-a-1244579.html
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