Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03285.jsonl.gz/3173

Der Augenöffner dieser Tage stammt von Peter Blair Henry: Nachdem wir jahrzehntelang unsere ökonomischen Rezepte auf die Entwicklungsländer angelegt haben, drehte der Volkswirt den Spiess einfach einmal um. «Turnaround: Third World Lessons for First World Growth», so der Titel seines jüngst erschienenen Fachbuchs.
Henry, Dekan der Stern School of Business in New York, untersuchte erfolgreiche Entwicklungen in der Dritten Welt und stellte sich dabei die Frage: Was können die Industriestaaten davon lernen?
Henry meinte natürlich die USA, aber wir hier lesen Europa, und dabei zeigt sich: Lernen lässt sich allerhand.
Hier einige Lektionen (wie sie Henry unter anderem selber in einem «Newsweek»-Beitrag zusammengefasst hat).
- Südkorea: Das asiatische Land hatte zwischen 1965 und 1990 konstant ein Defizit, aber es wuchs dabei mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 7,1 Prozent. Südkorea verzichtete eben auch auf protektionistische Massnahmen, sondern setzte seine Wirtschaft knallhart der Konkurrenz aus.
Fazit: Ein Handelsbilanzdefizit ist an sich noch kein Problem. Und Protektionismus ist unnötig.
- Chile: Das chilenische Finanzministerium schrieb jahrelang Überschüsse und hortete Steuergelder. 2008 hatte der Betrag 50 Milliarden Dollar erreicht, und der Druck zur Steigerung der Beamtenlöhne oder der Staatsausgaben wurde enorm. Als dann die Rezession von 2009 auch Chile erfasste, konnte die Regierung leichterdings ein Steuerspar-Paket schnüren und so die Wirtschaft rasch wiederbeleben. Nicht auszudenken, die Europäer hätten sich in den guten Jahren vor 2007 ein Stück von Chiles Politik abgeschnitten.
Fazit: Keynes' Rezepte wären durchaus tauglich für die Praxis. Ob es die Politiker sind, ist eine andere Frage.
- Mexiko: In der Mexikokrise von 1994/1994 wertete der Peso sehr rasch ab, und das Bankensystem brach zusammen. Die Regierung wirkte auf eine enorm schnelle Restrukturierung des Bankensektors hin, auch startete sie eine aggressive Reformagenda. Bereits 1996 wurden wieder hohe Wachstumraten von 5,5 Prozent erreicht. Und während die Europäer heute noch unter einem aufgeblasenen Bankensystem schwitzen, haben die mexikanischen Banken die Basel-III-Anforderungen bereits erfüllt.
Fazit: Entschlossene Reformen kommen am Ende günstiger als eine halbherzige Salamitaktik.
- Barbados: Der karibische Inselstaat stand 1992 am Rande des Bankrotts. Nach Dreiparteien-Verhandlungen mit Regierung, Gewerkschaften und Arbeitgebern wurde ein Paket zur Produktivitätssteigerung geschnürt. Die Arbeitnehmer akzeptieren einen Lohnschnitt von 9 Prozent; dafür sollten sie in den Jahren danach Lohnerhöhungen im Einklang mit den Produktivitätssteigerungen erhalten.
Fazit: Es wäre Aufgabe der Regierungen, mit den Sozialpartnern nachhaltige Kompromisspakete zu erarbeiten, die langfristige Wirkungen zeitigen.