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Einem französischen Ehepaar wurde vor mehr als zehn Jahren das Baby in einem Einkaufszentrum entführt. Vor allem Françoise (Marianne Basler) ist bis heute nicht über dieses Schicksal hinweggekommen. Sie reist noch immer nach Berlin, dem Ort, wo sie ihre Tochter zum letzten Mal sah, um sie zu suchen. Pierre, ihr Mann, steht ihr bei der Suche bei.
Beim Fötzeln im Tiergarten beobachtet das introvertierte Heimkind Nina (Julia Hummer), wie ein Mädchen im Park zusammengeschlagen wird. Nina ist sofort fasziniert von Toni (Sabine Timoteo) und freundet sich mit der Streunerin an. Noch am selben Tag überredet Toni Nina zur Flucht aus dem betreuten Wohnprojekt und die beiden versuchen ihr Glück bei einem Casting, wo "die besten Freundinnen aller Zeiten" gesucht werden.
Auf ihren Streifzügen durch Berlin trifft Françoise die beiden Mädchen. Sie glaubt, mit Nina ihre Tochter wieder gefunden zu haben.
Christian Petzolds Film Gespenster lässt sich mit Leichtigkeit bei den Scheissfilmen einordnen: Gewollte Langeweile, dank fast nicht vorhandenem Plot. Semidepressive Grundstimmung, weil es allen Figuren eigentlich ziemlich mies geht. Eine Ästhetik des Widerstandes, die den Figuren nicht den Hauch einer Vergangenheit gönnt. Ich verstehe deshalb alle, die den Film langweilig finden. Mir ging es zeitweise auch so. Die Darsteller agieren noch wortkarger als Noldi in The Terminator. Der Filmspiegel schrieb, Gespenster "ist von unendlicher Langsamkeit, von intellektualisierter Subtilität und immer nahe am Abgrund zur unfreiwilligen Komik."
An der Berlinale 2005, wo der Film im Wettbewerb gezeigt wurde, haben deshalb viele die Filmrisspanne fünf Minuten vor Ende dazu benutzt, den Saal frühzeitig zu verlassen. Sie verpassten den interessanten Schluss mit den Phantombildern, die Petzold unter anderem zum Film inspirierten. Wenn Kinder längere Zeit vermisst werden, fertigt die Polizei in Frankreich Computerbilder an, die zeigen, wie sich das Gesicht eines Kindes weiterentwickelt haben könnte. Die fand ich auch schon immer faszinierend gespensterhaft. Petzolds zweite Inspiration für Gespenster war "Das Totenhemdchen", ein besonders düsteres Märchen der Gebrüder Grimm über eine Mutter, deren totes Kind als Geist wiederkehrt. Was beweist, dass die Grimmbrüder schon immer eine grausam-morbide Fantasie hatten.
Diese beiden coolen Inspirationen lassen mich über all die Scheissfilmambitionen gnädigst hinwegsehen - sogar über die total trottelige Begebenheit einer Französin, die in Berlin auf Deutsch radebrecht. Vorsicht deutsch-französische Koproduktion! Was wohl auch dazu geführt hat, dass ein Drittel der Dialoge französisch gesprochen sind und die Handlungsstränge des Ehepaares und der beiden Mädchen dadurch nicht wirklich zusammenfinden. Von all den Zufälligkeiten im Film, will ich gar nicht erst anfangen.
Gepackt haben mich aber vor allem die beiden Hauptdarstellerinnen. Die Schweizerin Sabine Timoteo ist faszinierend in ihrer Halt- und Vorgeschichtslosigkeit und Julia Hummer schlicht der Hammer. Sie stellt einen Menschen brilliant dar, "der ständig auf die Fresse kriegt", wie sie es an der Pressekonferenz treffend beschrieb. Man möchte ihre Nina einfach nur umarmen. Vor allem in der Szene, wo sie von ihrer lang ersehnten Liebe redet. Man gönnt ihr das momentane "Glück" mit Toni.
Nicht ganz so universal anwendbar als Grund für meine Faszination für Gespenster ist, dass er im Umkreis von einem Kilometer des Ortes spielt, an dem ich den Film zum ersten Mal gesehen habe. Nicht, dass man den Potsdamer Platz und andere Berliner Orte so ohne weiteres erkennen würde. Damit das nicht geschieht, hat Petzold auf Bilder, "die von der Bierwerbung besetzt wurden", verzichtet. Keine Siegessäule, aber trotzdem Arkaden und Hotel Hilton. Mit Gespenster hat Petzold deshalb das kleine Künststück geschafft, einen Film zu drehen, der alle Kriterien eines Scheissfilms erfüllt, aber trotzdem faszinierend ist.
Roland Meier [rm]
Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.