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Die Piottino-Schlucht im Valle Leventina im Tessin war bis zum Bau der Gotthardbahn Ende des 19. Jahrhunderts die Schlüsselstelle auf der Südseite des Passes. Trockenmauern ermöglichten während Jahrhunderten den Verkehr von Personen und Waren. Die Urner, die die Leventina 1478 von den Mailändern erobert hatten, errichteten mit dieser speziellen Bauweise Mitte des 16. Jahrhunderts den ersten Saumpfad durch die Schlucht. 1803 wurde das Tessin zum eigenständigen Kanton und baute die erste Fahrstrasse durch das Nadelöhr, deren Linienführung im Wesentlichen dem Saumpfad der «Strada Urana» entsprach. Innerhalb von nur 50 Jahren wuchs so eine einzigartige historische Verkehrslandschaft heran mit kunstvoll gebauten Brücken, Dämmen, Stützmauern und Galerien.
Zunächst dem Zerfall überlassen
1934 entstand eine neue Linienführung, die die PiottinoSchlucht in einem Tunnel umgeht. Nach der Sperrung für den Fahrverkehr blieb die alte Kantonsstrasse über Jahrzehnte dem allmählichen Zerfall überlassen, bevor sie 1963 beim Bau der Autobahn durch die Leventina noch einmal in den Fokus der Verkehrspolitik rückte. Nach langen Auseinandersetzungen gelang eine Lösung, die die Schlucht fast vollständig verschonte.
Dessen ungeachtet schritt der natürliche Zerfall unvermindert voran. Dass die einzigartige Trockenmauerlandschaft erhalten blieb, ist dem Verein Pro Media Leventina zu verdanken. Nach einer aufwendigen Sanierung konnte die ehemalige Fahrstrasse des Gotthardverkehrs 2003 als Wanderweg wiedereröffnet werden. So archaisch und unzerstörbar die Trockenmauern in der Piottino-Schlucht auch erscheinen mögen, so sehr bleiben sie durch Steinschlag, Eis- und Wassereinbrüche gefährdet.
Nach schweren Unwettern stürzte 2013 eine kurz vorher neu trocken gemauerte, sechs Meter hohe Stützmauer ein, nachdem sie von grossen Wassermassen unterspült worden war. Pro Media Leventina konnte das Bauwerk mit Sofortmassnahmen sichern. Der regelmässige Unterhalt ist für den kleinen Verein eine grosse Herausforderung, die nur durch Unterstützung von Gemeinwesen, Stiftungen und der breiten Öffentlichkeit möglich ist. Auch der Migros-Unterstützungsfonds konnte 2017 mit einer finanziellen Zuwendung einen Beitrag zum Erhalt dieses faszinierenden Freiluftmuseums der Verkehrsgeschichte leisten.
Die Wüste lebt!
Als Wolleo Hassan geboren wurde, brachte der Vater eine neugeborene Ziege in die Hütte. Er band die Nabelschnur des Säuglings und die der Ziege zusammen. «Von da an gehörten alle Nachkommen dieser Ziege mir», erzählt der heute 36-jährige Wolleo. Der archaische Brauch unter den Hirten vom Stamm der Afar in Äthiopien symbolisiert, dass ihr Schicksal untrennbar mit ihrem Vieh verknüpft ist.
Was das bedeutet, zeigte sich vor zwei Jahren. Der Regen blieb aus, und die Savanne wurde zur lebensfeindlichen Wüste. Zuerst verhungerten und verdursteten die Rinder und Schafe, dann die Kamele. Zuletzt verstummte das Meckern der Ziegen. Wolleo verlor 40 Geissen. «Nur eine Handvoll konnten wir am Leben halten», sagt der Hirte, der mit seiner Frau Geja und dem siebenjährigen Hassan in Subuli im Bezirk Bure Mudaytu lebt: «Ich hatte extreme Sorge, meine Familie nicht mehr ernähren zu können.» Deshalb fördert der Migros-Unterstützungsfonds ein Projekt von Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe Menschen für Menschen.
Das Schweizer Hilfswerk baute am Fluss Arso, der das ganze Jahr über Wasser aus dem Hochland heranführt, eine Bewässerungsinfrastruktur. Das Hilfswerk errichtete eine Uferschutzmauer und einen teils gemauerten 3,5 Kilometer langen Hauptkanal, von dem ein Netz an Erdkanälen abzweigt. Die Bewässerungsinfrastruktur macht 150 Hektar trockene Savanne zu Gärten und Äckern. Jede Familie bekommt Zugang zu einer Fläche, die so gross ist wie ein halbes Fussballfeld. Dank der Bewässerungspläne können insgesamt 300 Familien ihre Flächen kultivieren.
Ziegenbestand hat sich erholt
«Nachdem wir in der Dürre unsere Ziegen verloren hatten, konnte ich bei den Bauarbeiten helfen und bekam dafür eine Entlohnung», berichtet Wolleo. «So konnten wir trotz des Verlusts unserer Herde überleben.» Im Schulungsgarten hat der 36-Jährige gelernt, wie man Mais, Peperoni, Zwiebeln und Sesam anpflanzt. Die Hälfte der Ernte verkaufte er, der Rest ernährt seine kleine Familie und weitere Verwandte. Auch sein Ziegenbestand hat sich inzwischen wieder erholt. «Jetzt fühlen wir uns sicher, vor einer neuen Dürre brauchen wir uns nicht mehr zu fürchten», sagt Wolleo. Gerade wird in Subuli eine Schule errichtet. «Ich konnte nicht zur Schule gehen, aber mein Sohn wird alles lernen, was notwendig ist», sagt Wolleo. Als sein Sohn zur Welt kam, habe er das Ritual mit der Nabelschnur nicht durchgeführt: «Sein Leben soll nicht nur mit Ziegen verknüpft sein.»