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Ueli Mäder: Der Revoluzzer von einst rät heute zur Gelassenheit
Die 68er Bewegung wollte die Welt aus den Angeln heben. Was ist aus den Menschen, die diese Veränderungen angestrebt haben, geworden? Der Soziologe Ueli Mäder führte dazu zahlreiche Gespräche, die er in einem Buch zusammengefasst hat. Er war am 4. Dezember 2018 bei den Grauen Panthern Gastreferent.
«Unter dem Beton wächst Gras»! Dieser Aufruf prangte 1968 an vielen Mauern und öffnete neue Horizonte. In seinem vorbildlich strukturierten Referat führte Ueli Mäder einleitend aus, dass die 68er Bewegung eine lange Vorgeschichte hatte. Dazu einige Stichworte: autoritäre Verhältnisse, der West-Ost Konflikt und der damit verbundene Kalte Krieg, der Lehrerstreik in Locarno und nicht zuletzt die Ermordung von Martin Luther King am 4.4.1968.
Eine wichtige Rolle spielte dabei das Fernsehen. Es strahlte ab 1968 farbig aus und lieferte so den Vietnamkrieg in die gute Stube. Das Jahr 1968 war aber auch geprägt durch die Aktivitäten der Nationalen Aktion gegen die Ueberfremdung von Volk und Heimat einerseits und anderseits durch die Studentenrevolten, welche wiederum Bespitzelungen an den Universitäten nach sich zogen.
Auswirkungen der 68er Bewegung waren ebenfalls der Einzug der antiautoritäten Erziehung, die Kommune als neue Lebensform und die Gründung von alternativen Betrieben. Der erste Frauenbuchladen in der Schweiz war auch auf diese neue Zeit des Aufbruchs zurückzuführen.
Wer waren aber diese 68er? Um dies herauszufinden, hat Ueli Mäder über hundert Personen, die einen direkten Bezug zu dieser Bewegung hatten, interviewt. Ueli Mäder verstand es in seinem Referat, den 68ern ein Gesicht zu geben, indem er den Werdegang einiger Exponenten beleuchtete.
Jürg Marquard förderte 1968 das «Pop»-Magazin primär als Musikfan. Heute gehört er zu den reichsten 100 Schweizern.
Trudy Bosshard war Mitarbeiterin von Marquard, später jahrelang Autorin der Kreuzworträtsel im Tagesanzeiger; heute bestreitet sie den Lebensunterhalt u.a. mit AHV-Ergänzungsleistungen.
Claudia Honegger brach 1968 aus dem liberalen Elternhaus der industriellen Honegger-Dynastie aus, hielt 1969 eine vielbeachtete 1. Mairede zum Thema «Stimmrecht ist Menschenrecht». Sie war an der Gründung der Frauenbefreiungsbewegung (FBB) beteiligt. Später, nämlich 1990 berief die Uni Bern sie auf den Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie.
Zu den interviewten Exponenten gehörten aber auch die einer breiten Oeffentlichkeit bekannten Filippo Leutenegger, Markus Somm und Thomas Held, die heute nicht mehr mit der damaligen Zeit in Zusammenhang gebracht werden.
Erkenntnisse aus den Interviews von Ueli Mäder: die Exponenten haben sich seither unterschiedlich verändert. Einige wurden reich, andere gehören zum Mittelstand, es gibt aber darunter auch Arme.
Was ist geblieben? Die 68er Bewegung protestierte gegen autoritäre Strukturen, die sie teils reproduzierte, vor allem aber aufweichte. Wie gestalten aber die 68er ihren Uebergang ins Alter?
Nach Ueli Mäder blühen die handwerklich Tätigen im Alter eher auf, Intellektuelle tauchen dagegen vielfach ab und brauchen Zeit, um sich anzupassen. Viele 68er bleiben aber engagiert.
Von Dieter Hildebrandt war bekannt, dass seine Flucht vor dem Alter keinen Erfolg hatte. Laure Wyss riet, im Alter vorsichtig zu sein und ehrgeizige Pläne fallen zu lassen. Zufriedenheit bedeute mehr als schönes Wohnen. Nach Erich Kästner sollte man im Leben immer treppauf – und treppab gehen können. Viele wollten immer auf der obersten Stufe stehen. Was nutzt aber die oberste Etage ohne Erdgeschoss und Keller?
Zum Schluss gab Ueli Mäder den Zuhörerinnen und Zuhörern mit auf den Weg, Gelassenheit zu üben und gerade im Alter die Langsamkeit zu entdecken.
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