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Die Schweiz als kleine und sehr offene Volkswirtschaft ist von den weltwirtschaftlichen Entwicklungen besonders betroffen. Die mittleren Löhne sind in den letzten 20 Jahren in der Schweiz deutlich weniger gestiegen als die hohen Gehälter. Das gleiche gilt – wenn auch weniger ausgeprägt – im Vergleich zu den tiefen Löhnen. Dies zeigt die «U-Form» der Lohnzuwächse (Stundenlöhne), die für den Zeitraum 1994–2010 am klarsten ersichtlich ist (siehe Abbildung). Über die ganze Periode (1994–2010) erzielte das höchste Lohn-Dezil einen realen Lohnanstieg von etwa 15%, der obere Mittelstand (60. bis 80. Perzentil) konnte um gut 10% zulegen. Die tiefsten Löhne (10. Perzentil) stiegen ebenfalls in dieser Grössenordnung und verringerten den Abstand zu den Mittelstandslöhnen. Vor allem der untere und der mittlere Mittelstand (20. bis 60. Perzentil) konnte mit realen Zuwachsen von 6 %–8% nicht Schritt halten. Obwohl sämtliche Löhne in den letzten 2 Jahrzehnten gestiegen sind, wurde der Mittelstand – und darin vor allem der untere und mittlere Mittelstand – relativ zurückgesetzt.
Im Jahrzehnt 2000–2010 kann hingegen nicht von einer klassischen «U-Form» gesprochen werden (siehe mittlere Grafik). Die hohen Löhne haben deutlich stärker zugelegt als der Median. Bei den Männern war hingegen auch das Wachstum des Medianlohns deutlich grösser als jenes der tiefsten Perzentile. Die tiefsten Männerlöhne haben hingegen real stagniert. Für die Löhne der Männer gilt in dieser Periode, dass der Lohnzuwachs umso grösser ist, je höher das Lohnniveau schon war. Dies reflektiert den für Hochkonjunkturphasen typischen Anstieg der Lohnspreizung, angetrieben von der fortlaufenden Internationalisierung von hoch bezahlten Stellen und vom Wachstum des Finanzsektors. Im letzten Jahrzehnt kam es also tatsächlich zu einer erheblichen Öffnung der Lohnschere. Ein Teil dieser Entwicklung dürfte allerdings wieder korrigiert werden.
Eine weitere Phänomen verdient es, hervorgehoben zu werden: Die Frauen haben lohnmässig aufgeholt, und zwar nicht nur – wie viele glauben – ein wenig, sondern recht deutlich. Diese Feststellung gilt für das ganze Lohnspektrum und sogar für die höchsten Einkommen. Am schnellsten vollzog sich der Vormarsch in zwei Bereichen der Lohnverteilung: bei den tiefsten Einkommen und im oberen Mittelstand. Von 1994–2010 erzielten die Frauen im oberen Mittelstand einen respektablen Reallohnzuwachs von 15%. Die Männerlöhne stiegen hingegen nur halb so stark. Das Zurückfallen der mittleren Gehälter wurde also durch das Aufholen der Frauen spürbar gemildert. Verbunden mit der erhöhten Teilnahme am Arbeitsmarkt haben sie damit ein noch stärkeres Abgleiten des Mittelstands verhindert. Umgekehrt bedeutet dies, dass der Mittelstand im ökonomischen Sinn weiblicher geworden ist. Er muss gewissermassen neu definiert werden. Dies steht im Einklang mit der Halbierung (und in den Städten mit dem fast völligen Verschwinden) des «Klassischen Mittelstands», also jenes Milieus, in dem das traditionelle Rollenschema (noch) gelebt wird.
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Mehr zu diesem Thema entnehmen Sie in unserer Publikation «Der strapazierte Mittelstand – Zwischen Ambition, Anspruch und Ernüchterung».