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Im letzten Essay „Erste Spuren philosophischen Denkens in der Schweiz: Scholastik, Humanismus, Renaissance und Reformation“ wurden die Anfänge der Philosophie in der Schweiz im 10. Jahrhundert bis zur Reformation dargestellt. Das Ziel von diesem Essay ist es nun, die schweizerische Philosophie in der Zeit nach der Reformation, dem darauffolgenden Zeitalter der Aufklärung, zu erläutern.
Die Westschweizer Naturrechtsschule – Gibt es von Natur aus Rechte und Pflichten?
Das Zeitalter der Aufklärung zeichnet sich einerseits durch das Aufgeben von Dogmatismus aus, die Idee, dass es unbezweifelbare und offensichtliche Wahrheiten gibt, und andererseits, durch die Aufwertung der menschlichen Vernunft, so dass religiöse Überlieferungen, sittliche Gesetze oder politische Institutionen nicht einfach akzeptiert oder hingenommen werden, sondern diese hinterfragt und einer kritischen Überprüfung standhalten müssen.
Im Bezug auf sittliche Gesetze drängte sich die Frage auf, welche Gesetze, Rechte oder Pflichten denn vernünftig oder plausibel sind und welche nicht. Samuel von Pufendorf, ein deutscher Philosoph und Historiker, vertrat die einflussreiche Ansicht, dass Menschen von Natur aus gewisse Rechte und Pflichten haben und dass jeder mit Hilfe der Vernunft in der Lage ist, diese Rechte und Pflichten zu entdecken oder abzuleiten. Für Pufendorf gehört es zur Natur des Menschen, ein Leben in der Gemeinschaft zu führen und er leitet so die natürliche Pflicht ab, dass jeder die Gemeinschaft nach Kräften zu schützen und zu fördern habe.
In der Westschweiz haben die Philosophen Jean Barbeyrac (*1674 – ✝1744), Jean-Jacques Burlamaqui (*1694 – ✝1748) und Emer de Vattel (*1714 – ✝1767) sich mit der Philosophie von Pufendorf auseinandergesetzt und bildeten damit die Westschweizer Naturrechtsschule.
Barbeyrac beschäftigte sich mit der Frage, wie uns etwas aus der Natur zu einer bestimmten Handlungsweise verpflichten kann. Wenn wir zum Beispiel akzeptieren, dass es zur Natur des Menschen gehört, ein Leben in der Gemeinschaft zu führen, inwiefern verpflichtet uns denn diese Tatsache, die Gemeinschaft nach Kräften zu schützen und zu fördern? Barbeyrac formuliert zwei unterschiedliche Positionen, die eine Antwort auf diese Frage geben, nämlich die Position des Rationalismus und die des Voluntarismus. Die Position des Rationalismus besagt, dass wir mit Hilfe der Vernunft Gesetze, Beziehungen und Proportionen in der Natur feststellen können und dass diese Einsicht in die Gesetze der Natur uns verpflichtet, eine bestimmte Handlungsweise durchzuführen. Diese Position wird Rationalismus genannt, weil alleine die ratio (das lateinische Wort für Vernunft) uns zu einer bestimmten Handlungsweise verpflichtet. Die Position des Voluntarismus besagt, dass es eine Autorität braucht, die jemand anderem eine Verpflichtung auferlegt, eine bestimmte Handlungsweise durchzuführen. Diese Position wird Voluntarismus genannt, weil alleine die voluntas (das lateinische Wort für Wille), wie zum Beispiel der Wille eines Oberen oder der Wille Gottes, uns zu einer bestimmten Handlungsweise verpflichtet.
Barbeyrac selbst entscheidet sich für die Position des Voluntarismus, weil er der Ansicht ist, dass man Gesetze, Beziehungen und Proportionen in der Natur zwar feststellen kann, diese alleine uns aber zu nichts verpflichten. Auch hält er es für unplausibel, dass man sich durch die Vernunft selber Pflichten auferlegen kann, weil derjenige, der sich in einem Moment Pflichten auferlegt, kann sich im nächsten Moment wieder von seinen selbst-auferlegten Pflichten befreien. Nur der Beschluss oder der Wille eines Oberen, kann uns Verpflichtungen auferlegen und im Falle der natürlichen Gesetze, ist es der Wille Gottes, der uns zu bestimmten Handlungsweisen verpflichtet.
Vattel überträgt das natürliche Gesetz der Individuen auf die Völker. Genauso wie es zum Beispiel die natürliche Pflicht eines Individuums ist, seine Gemeinschaft nach Kräften zu schützen und zu fördern, ist es nach Vattel die natürliche Pflicht eines Volkes, andere Völker nach Kräften zu schützen und zu fördern, solange es damit nicht die Pflichten gegenüber dem eigenen Volk vernachlässigt. Stellvertretend für die gegenseitige Unterstützung der Völker ist für Vattel der Handel und Austausch zwischen den Völkern. Vattel argumentiert, dass jedes Volk erstens die Pflicht hat, sich selbst zu erhalten und sich zu perfektionieren und zweitens die Pflicht, andere Völker bei der Erfüllung dieser ersten Pflicht zu unterstützen. Vattel sieht es daher als einen Verstoss gegen die natürlichen Pflichten an, wenn Völker zu hohe Preise beim Handel verlangen oder wenn ein Volk absichtlich ein anderes vom Handel ausschliesst. Da ein Volk aus Gründen der Selbsterhaltung manchmal die Handelsbeziehungen mit anderen Völker einschränken oder auflösen muss, versucht Vattel klare Kriterien aufzustellen, wann das Einschränken oder Auflösen von Handelsbeziehung gerechtfertigt ist und wann es ein Verstoss gegen die natürlichen Pflichten eines Volkes darstellt.
Die Westschweizer Naturrechtsschule hat viel zur Verbreitung des protestantischen Rechts in Europa beigetragen und hat sogar die nordamerikanische Unabhängigkeitsbewegung beeinflusst, als die nordamerikanische Elite, die die Schriften der Westschweizer Naturrechtsschule lasen, die britische Monarchie daraufhin als ungerecht und tyrannisch auffassten.
Rousseau und Pestalozzi – Wie soll der Staat beschaffen sein?
Doch nicht nur die Gesetze und ihre Plausibilität wurden im Zeitalter der Aufklärung hinterfragt, sondern auch das Staatswesen und die damit verbundenen Institutionen. In der Schweiz haben sich besonders Jean-Jacques Rousseau (*1712 – ✝1778) und Johann Heinrich Pestalozzi (*1746 – ✝1827) mit der politischen Philosophie auseinandergesetzt.
Als Sohn eines Uhrmachers kommt Rousseau in Genf auf die Welt. Er versuchte zunächst eine Karriere in der Musik zu machen und konnte einige Erfolge mit Opern verbuchen. Da er in seinen Reisen immer wieder Armut und soziale Ungleichheiten zu sehen bekam, fing er mehr und mehr an, Schriften zu Gesellschaft, Politik und Erziehung zu produzieren.
Im Zentrum von Rousseaus Philosophie steht die Idee, dass der Mensch von Natur aus gut ist, der Mensch aber durch das Umfeld der Gesellschaft verdorben wird. Für Rousseau besitzt der Mensch von Natur aus einen Selbsterhaltungstrieb, der uns zur Suche nach Nahrung, Wärme und Unterkunft antreibt, und Mitgefühl, das uns zur Hilfe und Unterstützung von anderen Menschen und Tieren antreibt, wenn wir nicht gerade damit beschäftigt sind, uns selber zu erhalten. Durch die zunehmende Abhängigkeit von anderen Menschen, durch das Leben in der Gesellschaft, wird der Mensch zunehmend verdorben. In der Gesellschaft entwickelt der Mensch den künstlichen Trieb, Anerkennung und Respekt von anderen Menschen bekommen zu wollen. Dieser Trieb führt einerseits zur Unfreiheit, weil man, um die Anerkennung und Respekt von anderen zu bekommen, Dinge tut, die man selber eigentlich gar nicht tun will und andererseits zu Wut und Feindseligkeit zwischen den Mitgliedern der Gesellschaft, wenn dieser Trieb nicht befriedigt wird.
Für Rousseau gibt es nun zwei Mittel, dem Verderben des Menschen in der Gesellschaft entgegenzuwirken, nämlich durch eine richtige Erziehung und durch eine richtige Staatsform. Die richtige Erziehung sieht Rousseau einerseits darin, ein Kind seine natürliche Fähigkeiten ausbilden zu lassen, indem der Erziehende dem Kind möglichst nichts vorschreibt und es selber machen lässt, und andererseits darin, das Kind vor dem verderbenden Einfluss der Gesellschaft zu isolieren oder zu schützen. So schlägt Rousseau in seinem pädagogischen Hauptwerk „Émile oder Über die Erziehung“ vor, Kinder möglichst auf dem Land, fernab der Gesellschaft zu erziehen.
Die richtige Staatsform ist für Rousseau die, in der Gesetze nicht von den Reichen oder Mächtigen erlassen werden, sondern vom sogenannten Gemeinwillen, der kollektive Wille aller Mitglieder der Gesellschaft. Leider ist es nicht ganz klar, was Rousseau genau unter dem Gemeinwillen verstand und es sind daher verschiedene Interpretationen möglich: Eine Interpretation ist, dass der Gemeinwille die demokratisch und gemeinsam getroffene Entscheidung der Mitglieder der Gesellschaft darstellt. Zu betonen ist hier allerdigs, dass der Gemeinwille nicht einfach nur die Mehrheit der Meinungen ist, sondern der gemeinsame Entschluss. Eine andere Interpretation ist, dass der Gemeinwille die abstrakte Verkörperung aller gemeinsamen Interessen aller Mitglieder der Gesellschaft darstellt. Bei dieser Interpretation stellt sich allerdings die Frage, wie genau man den Gemeinwillen erkennen kann. Wie auch immer der Gemeinwille zu verstehen ist, nach Rousseau sind die Mitglieder der Gesellschaft bereit, die vom Gemeinwillen aufgestellte Gesetze zu befolgen, weil der Wille der Mitglieder selber ein Teil vom Gemeinwillen sind. Der Grund, warum diese Staatsform den Menschen nicht verdirbt, ist, weil diese Staatsform seinen Mitgliedern nicht von aussen her Gesetze aufzwingt und die Mitglieder somit ihre natürliche Freiheit beibehalten.
Rousseaus politische Philosophie hat die Geschichte massgeblich beeinflusst und seine Ideen werden auch heute noch immer wieder aufgegriffen. Da man Rousseau sowohl demokratisch (z.B. „Gesetze sind nur legitim, wenn sie dem Willen aller Mitglieder entsprechen“) als auch autoritär (z.B. „Der Gemeinwille steht über dem Willen eines Einzelnen“) auslegen kann, stiess und stösst seine Philosophie in den verschiedensten politischen Theorien auf Interesse.
Rousseaus Philosophie erreichte auch den jungen Johann Heinrich Pestalozzi (*1746 – ✝1827), als dieser Rousseaus Werk „Émile oder Über die Erziehung“ las und begann, sich mit Erziehung und politische Philosophie auseinanderzusetzen. Pestalozzi wurde besonders durch seine innovative Pädagogik berühmt, die unter anderem propagierte, dass Kinder mit „Kopf, Herz, und Hand“ lernen sollten.
Für Pestalozzi ist der Mensch ein Wesen, welches durch Spannung und Widerspruch geprägt ist. Die Spannung ergibt sich dadurch, dass der Mensch sowohl eine „tierische“ und eine „höhere“ Natur besitzt. Die tierische Natur dient zur Selbst- oder Arterhaltung und die Befriedigung von Trieben und Bedürfnissen, eine Natur, die wir mit vielen Tieren teilen. Die höhere Natur, das, was den Menschen vom Tier abhebt, ermöglicht uns zur Erkennung der Wahrheit, zu kreatives Schaffen, zu wahre Liebe oder zum Glauben an Gott. Pestalozzi unterscheidet nun zwischen drei Zuständen, in denen der Mensch leben kann, dem Naturzustand, dem gesellschaftlichen Zustand und dem sittlichen Zustand. Im Naturzustand dominiert die tierische Natur des Menschen, die von Egoismus und Selbstsucht geprägt ist. Im Naturzustand entsteht oft ein Missverhältnis zwischen Bedürfnissen und Möglichkeiten, diese Bedürfnissen zu befriedigen. Im gesellschaftlichen Zustand gibt es mehr Möglichkeiten, die Bedürfnisse zu befriedigen und der Mensch geht deshalb in den gesellschaftlichen Zustand über, wo Gesetze, Institutionen und Geldwesen zu existieren und wirken beginnen. Da der Mensch aber auch im gesellschaftlichen Zustand egoistisch und selbstsüchtig ist und er eigentlich die Vorteile im Naturzustand geniessen möchte, lebt er immer noch in einem Widerspruch. Die Spannung zwischen tierischer und höherer Natur besteht also auch im gesellschaftlichen Zustand fort. Da ein Leben in der Gesellschaft kein Garant dafür ist, die Spannung von tierischer und höherer Natur aufzulösen, braucht es nach Pestalozzi noch die Einsicht, dass man nur gut leben kann, wenn man sich selber versittlicht, das heisst, wenn man seinen Egoismus aufgibt und die Fähigkeiten der höheren Natur entwickelt, wie zum Beispiel Wissenschaft, kreatives Schaffen oder Religiosität.
Pestalozzis Bild vom Menschen hat Folgen für die Erziehungslehre und für das Staatswesen: Einerseits soll es das Ziel der Erziehung sein, Menschen für das Leben im sittlichen Zustand vorzubereiten und andererseits muss ein Staat so geschaffen sein, dass er dem Menschen den Schritt vom gesellschaftlichen Zustand in den sittlichen ermöglicht, indem der Staat dem Menschen die Möglichkeit gibt, seine Potenziale zu entfalten und seine Fähigkeiten zu entwickeln.
Logik und Wissenschaftstheorie – Was ist Schein und was ist Realität?
Die Aufklärung zeichnet sich auch durch eine neue Philosophie der Wissenschaft aus, die zur Entwicklung und Erneuerung der Logik, der Mathematik und der Naturwissenschaften beigetragen hat.
Der schweizerisch-Elsässer Johann Heinrich Lambert (*1728 – ✝1777) ist vor allem durch seine Leistungen in der Mathematik und Wissenschaft bekannt geworden, unter anderem durch den Nachweis der Irrationalität der Kreiszahl Pi. Er hat aber auch in der Philosophie vieles geleistet, besonders im Bereich der Erkenntnistheorie.
In seinem Hauptwerk „Neues Organon, oder Gedanken über die Erforschung und Bezeichnung des Wahren und dessen Unterscheidung vom Irrtum und Schein“ bearbeitet Lambert unter anderem das Problem, dass die Wirklichkeit manchmal anders ist, als sie uns erscheint. Lambert geht davon aus, dass es Wege gibt, den Schein zu überwinden und zur Wirklichkeit vorzudringen.
Das Ziel seiner Untersuchung ist, die Beziehungen zwischen Schein und Wirklichkeit zu erklären. Lambert unterscheidet zu diesem Zweck zwischen verschiedene Formen von Scheinen: Der subjektive Schein ist ein Schein, dessen Ursache in uns selbst liegt, also im Subjekt. Der objektive Schein ist ein Schein, dessen Ursache im Objekt liegt und der relative Schein ist ein Schein, dessen Ursache weder im Objekt noch im Subjekt liegt, sondern in der Verbindung zwischen Subjekt und Objekt. Weiter teilt Lambert den subjektiven Schein in verschiedene Typen auf, nämlich in physische, organische, psychologische und moralische Scheine. Charakteristisch für Lamberts Erkenntnistheorie ist, dass nach ihm ein Schein selten alleine auftritt, sondern oft ein Komplex von verschiedenen Scheinen ist. Zum Beispiel kann ein Schein zu einem gewissen Grad organisch, zu einem gewissen Grad psychologisch und zu einem gewissen Grad moralisch sein. Folglich braucht es jeweils verschiedene Methoden, diesen Komplex von Scheinen zu erkennen oder zu analysieren und so schliesslich zur Wirklichkeit vorzudringen.
Lambert korrespondierte mit Immanuel Kant und hat ihn mit seiner Erkenntnistheorie beeinflusst. Da Kant in einem späteren Werk die Unterscheidung zwischen einem Ding-an-sich und die Erscheinung von dem Ding-an-sich einführt, wird Lambert als dessen Vorläufer angesehen, weil dessen Erkenntnistheorie eine solche Unterscheidung bereits implizierte.
Ästhetik – Was ist und kann Ästhetik?
Der gebürtige Winterthurer Johann Georg Sulzer (*1720 – ✝1779) wurde besonders durch seine Arbeiten in der Ästhetik bekannt, dem Bereich der Philosophie, der sich mit dem Schönen, dem Sinnlichen und der Kunst auseinandersetzt.
Zu den Grundfragen der Ästhetik gehören: "Was ist schön?", "Warum empfinden wir etwas als schön?" oder "Warum empfinden wir diesen oder jenen Gegenstand als schön?". Um solche Fragen zu klären, unterscheidet Sulzer zwischen zwei Vermögen, nämlich dem Erkenntnisvermögen und dem Vermögen der subjektiven Empfindung. Wenn wir etwas erkennen wollen, dann machen wir Gebrauch von unserem Erkenntnisvermögen, dass darin besteht, sich fest auf einen Gegenstand zu konzentrieren und uns ganz dabei zu vergessen. Beim subjektiven Empfinden ist es umgekehrt wie beim Erkenntnisvermögen: Wir achten nicht auf irgendeinen Gegenstand, sondern sind nur auf uns selbst konzentriert. Zwischen diesen beiden Vermögen konstruiert Sulzer ein drittes, nämlich das Vermögen der Betrachtung. Dieses Vermögen besteht darin, Empfindungen mit einem Gegenstand zu verbinden. Laut Sulzer verdanken wir es diesem Vermögen, etwas als schön zu empfinden, wenn ein Gegenstand Empfindungen in uns auslöst oder wenn der Gegenstand die Tätigkeit unserer Seele belebt.
In seiner Enzyklopädie „Allgemeine Theorie der Schönen Künste“, welches die erste deutschsprachige und komplette Enzyklopädie zu Ästhetik überhaupt war, finden sich zahlreiche Einträge zu den Begriffen der Ästhetik. Für Sulzer war die Beschäftigung mit der Ästhetik nicht nur reine Unterhaltung, sondern von hoher Wichtigkeit. In seinem Vorwort der Enzyklopädie schreibt er:
Man betrachte den Zustand vieler grossen Völker, bei denen der Verstand wohl angebaut ist; wo die mechanischen Künste und die Wissenschaften zu einer beträchtlichen Vollkommenheit gestiegen sind, und frage sich selbst, ob diese Völker glücklich seien? Bei der Untersuchung, warum sie es nicht sind, findet man, dass es ihnen an den Nerven der Seele, an dem lebhaften Gefühl des Schönen und Guten fehlt; […] Zur Wartung des Verstandes hat man überall grosse und kostbare Anstalten gemacht; desto mehr aber hat man die wahre Pflege des sittlichen Gefühles versäumt. Aus einem öfters wiederholten Genuss des Vergnügens an dem Schönen und Guten erwächst die Begierde nach demselben; und aus dem widrigen Eindruck, den das Hässliche und Böse auf uns macht, entsteht der Widerwillen gegen alles, was der sittlichen Ordnung entgegen ist.[1]
Sulzer vertritt die Ansicht, dass Kunst eine wichtige Rolle in der moralischen Erziehung spielt, weil das Betrachten von schönen und guten Dingen uns erstaunt und in Bewegung versetzt. Sulzer wurde für diese Ansicht kritisiert, unter anderem von Goethe, der meinte, dass Sulzer das Wesen der Kunst missverstanden hat.
Julie Bondeli - Ein intellektuelles Zentrum in Bern
Als Tochter eines angesehenen Patriziergeschlechts wird die Bernerin Julie Bondeli (*1732 – ✝1778) geboren. Bondeli war eine begabte Schülerin und sie interessierte sich für Mathematik, Literatur, Sprachen und Philosophie. Mit der Zeit begann sie mit den verschiedensten Persönlichkeiten Korrespondenzen zu unterhalten, darunter auch mit Rousseau.
Als "Femme de Lettres" führte sie ihr elterliches Haus in Köniz und machte daraus ein Salon, welches zu einem intellektuellen Zentrum in Bern wurde. Über Stände und Geschlecht hinweg haben sich dort Patrizier, Bürger, Besucher und Durchreisende getroffen und in fröhlich-ausgelassener Geselligkeit unterhalten. Ein Ort für geistreiche Debatten, der auch ausserhalb von Bern für Bewunderung und Interesse sorgte.
Bondeli war von Rousseau begeistert und sie schrieb in zahlreichen Briefen über ihn. Sie verteidigte Rousseau gegen Kritiker, war stets über dessen Leben informiert und sie formulierte auch eigene Gedanken zu seinen Texten, wie der folgende Abschnitt aus einem Brief zeigt:
Julie Bondeli an Johann Georg Zimmermann - 7. Juli 1762
[...] Ich bin am zweiten Band des "Emile"; [...] Im ersten Band scheint mir ein Ordnungsfehler zu sein. [...] Über die Einzelheiten der Erziehung während der ersten Kindheit wird umständlich eingegangen; ungefähr vom zweiten Lebensjahre an aber verliert man den Kleinen aus den Augen und findet ihn erst wieder in seinem siebenten, achten, neunten Jahr. Sie und Rousseau werden mir sagen, gerade so sei es richtig und im Sinne seiner Grundsätze, weil man in dieser Zwischenzeit nichts tat. Gut! Aber man hätte sagen sollen, wie dies Nichtstun aufzufassen war und wie es kam, dass der sieben-, acht-, neunjährige Emile auf einmal das Werk der Natur hiess und nicht das der Menschen, und wie er in jenem Alter zu einer erzürnten Umgebung sagen konnte: "Arme Menschen, ihr seid krank, ich beklage euch!". [...] [2]
Fazit
Christoph Dejung beschreibt die Aufklärung als das Zeitalter, in der „alle gebildeten Menschen philosophisch sein wollten“[3] und dies zeigt sich auch in der Schweiz, wo Philosophen und Philosophinnen ihre Gedanken über Erziehung, Staat und Gesellschaft oder über die Natur des Menschen äusserten. Im nächsten Essay wird es um die Zeit der Schweiz gehen, in der die moderne Schweiz ihren Anfang findet und wie Philosophen und Philosophinnen in diese Zeit gewirkt haben.
Zum nächsten Essay
Das nächste Essay "Zwischen Institutionen und Weltgeist: Philosophie im 19. und frühen 20. Jahrhundert in der Schweiz " erscheint Mitte Oktober 2019.
Fussnoten
1 “Allgemeine Theorie der Schönen Künste” - von Johann Georg Sulzer (1774), S. 3.
2 "Julie Bondeli - Ein Porträt in Briefen" - von Angelica Baum und Brigitte Schnegg (1998), S.59.
3 “Philosophie aus der Schweiz” - von Christoph Dejung (1994), S. 34.
Quellen
"Philosophie aus der Schweiz" - von Christoph Dejung (1994).
"Zum Prinzip des Naturrechts in der 'école romande du droit naturel'" - von Simone Zurbuchen (2004).
"Routledge Philosophy GuideBook to Rousseau and the Social Contract" - von Christopher Bertram (2004).
"Pestalozzis Philosophie der Politik" - von Hans Barth (1954).
"Johann Heinrich Lambert und die wissenschaftliche Philosophie der Gegenwart" - von Max Eisenring ( 1942).
"Johann Georg Sulzer - Aufklärung im Umbruch" - von E. Décultot, P. Kampa, J. Kittelmann (2018).
"Julie Bondeli - Ein Porträt in Briefen" - von Angelica Baum und Brigitte Schnegg (1998).