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Meine Damen und Herren – fühlen Sie sich angesprochen? Oder würden Sie lieber lesen: «Liebe Leserin, lieber Leser»? Bevorzugen Sie dagegen «liebe Lesende», wird es kompliziert, denn diese Anrede gefällt mir je länger je weniger. Ohnehin möchte ich Sie, als Besuchende dieses Portals, nicht auf eine Tätigkeit festlegen, auch wenn Sie ihr gerade obliegen. Als Lesende sind Sie zugleich Atmende, Schauende, Schwitzende, Nachdenkende – und noch vieles mehr, wie die Neurowissenschaft lehrt.
Dazu gibt der deutsche Kolumnist Max Goldt in einer Glosse ein Beispiel, das gerade besonders schmerzlich anmutet vor dem politischen Feuerrand dieser Zeit: Man nehme an, schreibt er, eine Bombe falle auf eine Uni (hier sei erwähnt, dass er das Aperçu lange vor Ausbruch der Ukrainekrise schrieb). Nun sei zu befürchten, dass in den getroffenen Trakten Sterbende lägen. Jedoch sei es unmöglich, von ‹sterbenden Studierenden› zu reden. Weder biologisch noch sprachlogisch wirke es plausibel, dass eine Person zugleich sterben und studieren könne.
An- und Abwesende
Die Anrede-Gymnastik am Anfang dieses Texts kommt nicht von ungefähr. Neulich bei der Moderation einer Veranstaltung sprach ich das Auditorium mit der alten, würdevoll abgenutzten Formel «meine Damen und Herren» an. Sie schien mir am besten dem feierlichen Rahmen einer Preisverleihung zu genügen. Dabei blickte ich kurz in eine angedeutete Runde, um auszudrücken, dass möglichst alle Anwesenden angesprochen sein sollten. Doch später beim Apéro wurde mir schmerzlich bewusst, dass die gewählte Sprachfigur eben dieses Anliegen torpedierte.
Zwei Personen, die ich herkömmlicherweise Damen nennen würde, womit keine Einordnung in gesellschaftliche Schemata gemeint wäre, theaterschwarz gekleidet, mit fein geschnittenen Zügen, in ihrer Wortwahl differenziert, traten an mich heran, kamen auf «meine Damen und Herren» zu sprechen und erklärten, sie könnten sich in den damit aufgerufenen personalen Kategorien nicht wiederfinden.
Das tat mir leid, und dieses Bedauern drückte ich sogleich aus, etwas ratlos, da mir die förmliche Anrede neutral und formelhaft genug vorgekommen war, um als Kürzel durchzugehen, als etwas Überkommenes mithin. Dennoch war die vorgebrachte Kritik berechtigt: Ein Mensch, der sich keinem Geschlecht zuordnen mag, fällt durch die Maschen einer so aufgespannten Begrifflichkeit. Also fragte ich nach einem tauglichen Gegenvorschlag.
«Liebe Anwesende», sagte mein Gegenüber, und ihre Begleiter:in lächelte dazu, allerdings verhalten. Meine eigene Person musste nicht lange überlegen, um zu finden, dies klinge zu sehr nach der Generalversammlung eines KMU. Ich tat es kund, erklärte mich aber freudig bereit, auf die Suche nach Begriffs-Ersatz zu gehen. Da sagte eine dritte Zuhörer:in, neulich habe sie* Folgendes gehört: «Liebe Damen bis Herren». Das habe ihr gefallen.
Auch ich fand es reizvoll, ironisch funkelnd, fragte aber nach, ob es ihr* nicht eben um die Erweiterung dieses durch ‹Frauen› und ‹Männer› wie Torstangen abgesteckten Feldes biologischer und psychischer Identitätsformeln gehe. Also darum, dass sich Personen in ihrer Selbstdefinition nicht zwischen diesen Polen bewegten, sondern ausserhalb.
Sie gab mir recht, und wir einigten uns darauf, bis auf Weiteres das Ungenügen von «meine Damen und Herren» festzustellen, Ausschau haltend nach einer tauglichen Anrede-Figur. Solange kein Blitz und keine Rakete uns träfe, wären wir nicht Sucherinnen und Sucher, sondern als Suchende unterwegs zur passenden Sprachform. Neue Honorative mussten her!
Kurz erwog ich, ob vielleicht «liebe Literaturinteressierte» passend wäre. Lieber nicht. Ich wollte ja keineswegs vermitteln, an Literatur nicht Interessierte sollten literarischen Veranstaltungen fernbleiben. Gerade auch die allerschärfsten Kritiker:innen der Literatur wollte ich an Literaturveranstaltungen sehen, um frische Standpunkte einzubeziehen. Ein Ausschlussverfahren nach dem Motto «Literatur-Desinteressierte raus!» hätte ja eine Gewissensprüfung beim Einlass vorausgesetzt, eine Befragung hinsichtlich der Besuchsmotive.
Formen und Inhalte
Neulich hat Bundesrat Ueli Maurer mit einer unnötig gehässigen Bemerkung Menschen, die sich seinem Geschlechterraster nicht fügen wollen, zu Neutren erklärt: Ihm sei es egal, wer seine Nachfolge antrete, Hauptsache, es sei ein Er oder eine Sie und kein ‹Es›. Ganz ohne Not (denn das Argument war an dieser Stelle weit hergeholt) liess er durchblicken, dass seiner Ansicht nach dieses ‹Es› einen Menschen zu einem nicht vollwertigen Mitglied der Gemeinschaft mache. Eine Perspektive, die seines Amtes nicht würdig ist.
Wenn ich das virtuelle Auditorium anspreche, das sich hinter diesen Zeilen zusammenfindet, geht es mir kaum um er, sie oder es, um Pronomen und Artikel, sondern um die geistigen Vorgänge in Köpfen, die fiktive Geschlechter und Identitäten haben. Sie sind geistigen Inhalten zugeneigt, mit denen auch ich mich befasse. Also: Liebe Leser:innen, sind Sie noch da? Lesen Sie diesen Beitrag oder lassen Sie ihn vorlesen? Die Frage ist von Belang, denn in letzterem Fall habe ich Sie nicht nur inkorrekt, sondern, als womöglich Sehbehinderte, sogar diskriminierend angesprochen. Aus diesem Grund kam mir auch an jener Abendveranstaltung die Anrede Leser:innen unpassend vor. Obwohl die Binnen-Pausierung, im Schriftbild angedeutet mit dem Cliffhanger Doppelpunkt, sprechtechnisch leicht zu erlernen ist, hätte ich damit doch Analphabet:innen und Illetrist:innen aus dem Saal verbannt. Doch war mir gerade ihr Einbezug in literarische Zusammenhänge ein Anliegen – in einer Gesellschaft, die Schriftkultur als Distinktionsmerkmal benutzt und darüber lange Zeit den Sinn für die Mündlichkeit der Poesie hat verkümmern lassen.
An jenem Abend bin ich trotz allem unverhärmt und mit einem Gefühl von Frieden nach Hause gefahren, mit vielen offenen Fragen und dem Gefühl, meine Anredeformel habe ein fahles Licht auf mein Inklusionsbewusstsein geworfen. Ich fühlte mich bereichert, obwohl ich nun jede Art, Menschen zu begrüssen, zu verabschieden oder auch nur einzubeziehen, anzuzweifeln begann. Ich hatte nicht den Eindruck, zwischen mir und den Personen, die mein «Damen und Herren» belächelt hatten, habe sich eine Front gebildet. Doch als der Zug bereits an den Outlets und Lagerhallen von Dietikon vorbeifuhr und Landregen gegen die Wagenscheiben zu peitschen begann, fiel mir etwas Beunruhigendes auf: In unserem halbstündigen Gespräch hatten wir kein Wort über den Inhalt der Veranstaltung verloren, die uns motiviert hatte, unsere Wohn- und Sprachzellen zu verlassen und uns in einen Begegnungsraum der Kunst zu begeben, jener Kunst, die zwischen uns nun, bei all den Damen und Herren und ihrem vielfältigen Dazwischen und Darüberhinaus, mit keinem Wort gewürdigt worden war.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Michel Mettler, geb. 1966, tätig als freiberuflicher Autor und Herausgeber, interessiert sich für die Geschichtlichkeit von Gegenwart, Wortgebrauch und Erzählungen, die der Subtext schreibt. Zuletzt hat er als Co-Herausgeber den Band DUNKELKAMMERN veröffentlicht (Suhrkamp 2020).
Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren, zurzeit Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler und Felix Schneider.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.