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Im US-Wahlkampf 2016 ist nichts unmöglich. Eine Faustregel allerdings gibt es: Donald Trump schafft es immer wieder, einen vermeintlichen Tiefpunkt in Sachen Niveau nochmals zu unterbieten. Neustes Beispiel war die zweite Fernsehdebatte mit Hillary Clinton am Sonntagabend in St.Louis, die nach Ansicht vieler Beobachter so hässlich verlief wie kein Duell zuvor.
Der Republikaner, der seit der Veröffentlichung des «Muschigrabscher»-Videos am Wochenende mit dem Rücken zur Wand steht, feuerte einen Giftpfeil nach dem anderen auf seine Kontrahentin ab, die zeitweise nicht wusste, wie ihr geschah. Clinton behielt die Fassung und ging gemäss den Post-Debatten-Umfragen als Siegerin aus der Schlammschlacht hervor.
Der Immobilienunternehmer aber lässt nicht locker. Das verheisst wenig Erfreuliches für die vier Wochen bis zur Wahl. Denn die Negativmeldungen für Donald Trump häufen sich:
In den Umfragen befindet sich Trump im freien Fall. Eine Erhebung von NBC News und Wall Street Journal sieht ihn bei 35 Prozent, während Hillary Clinton auf 46 Prozent kommt. Berücksichtigt sind dabei die beiden Drittpartei-Kandidaten Gary Johnson (Liberäre) und Jill Stein (Grüne). Im Direktvergleich liegt Trump sogar 14 Prozent hinter Clinton.
Seit es Meinungsforschung in der heutigen Form gibt, hat laut Politico noch nie ein Kandidat die Wahl gewonnen, der im Oktober mehr als vier Prozent Rückstand aufwies. Ronald Reagan hatte dies 1980 gegen den amtierenden Präsidenten Jimmy Carter geschafft. Das Prognosemodell Fivethirtyeight, das für seine hohe Trefferquote bekannt ist, gibt Clinton eine Siegeschance von 83 Prozent. Auch im wichtigen Swing State Ohio, wo sie lange hinten lag, ist sie klar in Führung.
Schon vor dem Auftauchen des Skandalvideos haben sich prominente Republikaner von ihrem Präsidentschaftskandidaten abgewandt. Diese Absetzbewegung hat sich seither verstärkt. John McCain, der Kandidat von 2008, teilte am Wochenende mit, er und seine Frau würden Trump nicht wählen. Paul Ryan, der Vorsitzende des Repräsentantenhauses und mächtigste Republikaner in Washington, erklärte am Montag, er werde keinen Wahlkampf mehr mit Trump machen.
Dahinter steckt die pure Panik: Die Republikaner fürchten, dass Trump sie mit in den Abgrund reissen und die Mehrheit im Senat und vielleicht sogar im Repräsentantenhaus kosten wird. Geschürt wird diese Angst durch die NBC/WSJ-Umfrage: 49 Prozent wollen, dass die Demokraten die Kontrolle über den Kongress übernehmen. Nur 42 Prozent sind für die Republikaner. Donald Trump reagierte auf seine Art, er schimpfte auf Twitter über die «selbstgerechten Heuchler».
Die Kandidatin der Demokraten versucht, die Gunst der Stunde zu nutzen. Sie hat am Montag mehrere Werbevideos veröffentlicht, in denen Mitglieder der republikanischen Partei auftreten, die Hillary Clinton wählen wollen. Darunter befindet sich die Mutter eines autistischen Jungen, die erklärt, ihr Sohn könne «nicht in der Trump-Welt leben». Die Botschaft könnte verfangen: Laut der erwähnten Umfrage wollen nur 72 Prozent der eingeschriebenen Republikaner Trump wählen.
Der Bush-Clan, die «First Family» der Republikaner, macht kein Geheimnis aus seiner Abneigung gegen Donald Trump. Das neuste Mitglied, das sich zur Wahl von Hillary Clinton bekennt, ist das Model Lauren Bush Lauren, eine Enkelin von George Bush senior und Nichte von George W. Bush. Ihr eigenartiger Name ist leicht zu erklären: Lauren ist ihr Vorname und der Nachnahme ihres Ehemannes David. Er ist ein Sohn von Mode-Tycoon Ralph Lauren. Hillary Clinton wiederum trägt in letzter Zeit mit Vorliebe dessen Hosenanzüge, so auch in den beiden TV-Debatten.
Eine weitere Hiobsbotschaft gab es für Donald Trump am Montag aus Atlantic City. In der Glücksspielstadt an der US-Ostküste machte das Megacasino Trump Taj Mahal nach einem monatelangen Streik definitiv dicht. Trump hatte es 1990 als «achtes Weltwunder» eröffnet, doch wirklich profitabel war es nie. Zwar gehörte es ihm seit einiger Zeit nicht mehr, er hat es dem Investor Carl Icahn verkauft, doch das Taj Mahal trug weiterhin seinen Namen.
Starinvestor Warren Buffett hält gar nichts von Donald Trump. Dieser zahlte es ihm in der Debatte am Sonntag heim. Er beschuldigte Buffett, «massive Steuerabschreibungen» für sich auszunutzen. Am Montag schoss Warren Buffett zurück. Der Milliardär legte offen, dass er 2015 auf 11.6 Millionen Dollar Bruttoeinkommen 1,8 Millionen Bundessteuern gezahlt habe. Grund für den relativ geringen Steuersatz sei der Abzug von 3.5 Millionen Dollar an gemeinnützigen Spendengeldern.
Donald Trump weigert sich hartnäckig, seine Steuerklärung zu veröffentlichen. Enthüllungen der «New York Times» lassen vermuten, dass er jahrelang gar keine Steuern bezahlt hat. Der 86-jährige Warren Buffett hingegen betonte, er habe seit seinem 13. Lebensjahr jedes Jahr Bundessteuern bezahlt und sich im Gegensatz zu Trump nie des Verlustvortrags bedient.
Im Gegenteil, er Republikaner fühlt sich laut US-Medien nach dem «Liebesentzug» seiner Partei frei, sein Ding durchzuziehen. Eine Kostprobe gab er an einem Wahlkampfauftritt am Montag im Bundesstaat Pennsylvania, als er eine Salve an Angriffen gegen Hillary Clinton abfeuerte und sich dabei auf die von Wikileaks veröffentlichten Mails bezog, die aus dem vermutlich von Russen gehackten Konto von Clintons Wahlkampfleiter John Podesta stammen.
Im Clinton-Camp ist die Gefühlslage zwiespältig. Einerseits verfolgt man die Implosion der Trump-Kampagne mit Genugtuung. Gleichzeitig stellt man sich laut CNN darauf ein, dass die Schlussphase des Wahlkampfs übel werden dürfte. Hillary Clinton selbst hatte unmittelbar nach der Debatte erklärt, sie habe nicht damit gerechnet, mit derart vielen Unwahrheiten konfrontiert zu werden. Und noch steht ein weiteres Duell an, am 19. Oktober in Las Vegas.
Am Rockfestival Desert Trip im kalifornischen Indio, einem Stelldichein zahlreicher Rocklegenden, gab Pink-Floyd-Mitbegründer Roger Waters seinen eigenen Kommentar zum Wahlkampf ab. Er liess ein aufblasbares Schwein steigen, das Donald Trumps Konterfei und die Aufschrift «Fuck Trump and his Wall» zeigte. Dazu spielte Waters unter anderem den Kulthit «Another Brick in the Wall».