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«Kleist hat Kost und Logis in einem Landhaus auf einer Aareinsel in der Umgebung von Thun gefunden», beginnt die erstmals im Juni 1907 veröffentlichte Erzählung «Kleist in Thun». Was der vor 200 Jahren am Berliner Wannsee aus dem Leben geschiedene Preusse im Jahr 1802 dort trieb, ist ihrem Autor Robert Walser ziemlich klar: «Er dichtet natürlich … Er hat Bauer werden wollen, als er in die Schweiz gekommen ist. Nette Idee das.» In der Tat kann man betrübt lächeln über diesen von intensiver Lektüre der Schriften Rousseaus sicherlich beflügelten und dennoch von vornherein zum Scheitern verurteilten Selbsterfüllungsversuch eines ruhelosen 24jährigen, der seit kurzem ohne Vormund über sein ererbtes Vermögen verfügen durfte. Gerhard Schulz, Verfasser der trotz aller Neuerscheinungen im sogenannten Kleist-Jahr noch immer besten Biographie, sieht die Sache wohl ähnlich wie Robert Walser. Aber er bietet auch an, Kleists
Absicht, ein Schweizer Bauer zu werden, ernst zu nehmen und sie als «erlösendes Engagement für praktisches Handeln» zu betrachten. Viel wichtiger aber als Kleists nur aus verstreuten Briefstellen erschlossene Intentionen ist: «Hier wurde Heinrich von Kleist wirklich zum Dichter, hier entstand sein erstes Drama, und angesichts dessen sind alle guten Gründe für sein Agrarprojekt wie alle Zweifel daran zweitrangig.» Oder wie es Günter Blamberger in seiner Biographie formuliert: «Die Schweiz ist für den Nomaden Kleist zweierlei: Ort der Melancholie wie der Utopie. Letzteres heisst ja Nichtort und meint einen Ort, wo er zugrunde gehen und zugleich auf den Grund seines Daseins gehen und sich neu entwerfen kann. In und durch die Literatur.»
Der junge Mann, der seiner Mit- und Nachwelt so viele Rätsel aufgegeben und sich tief und nachhaltig in die
deutsche Literaturgeschichte eingeschrieben hat, kam Ende 1801 von Paris her in die Schweiz. Es waren politisch unruhige Zeiten in der Helvetischen Republik von Napoleons Gnaden, und in einem Brief an seine Schwester Ulrike heisst es einmal, es ekele ihn bereits vor dem blossen Gedanken, irgendwann einmal ein Franzose werden zu müssen. Zwar unternahm Kleist einige Anläufe, ein Landgut zu erwerben, doch seinen Siedlertraum gab er schon bald auf. Lieber Dichten als Säen: von April bis Juni 1802 schrieb er
an seinem Drama «Die Familie Schroffenstein», vielleicht auch schon am «Robert Guiskard», und gelegentlich fuhr er nach Bern und las daraus vor. Der Schriftsteller Heinrich Zschokke, der Verleger Heinrich Gessner und Ludwig, der Sohn des Dichters Christoph Martin Wieland, wurden ihm Freunde. Beste Voraussetzungen für eine Literatenkarriere, sollte man meinen. Kleists erstes Drama, mit der Jahresangabe 1803 schon im Herbst 1802 ohne Nennung des Verfassernamens in Gessners Verlag erschienen, war schliesslich auch keine «elende Scharteke», wie er selbst einmal geäussert hat, sondern, folgt man seinem Biographen Schulz, «im Spiel der Motive eher schon so etwas wie die Ouvertüre zu seinem späteren Werk». Auch manche Anregung für seine Justizkomödie «Der zerbrochne Krug», die er dann freilich in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts ansiedelt, dürfte Kleist in seinen Schweizer Monaten erhalten haben. «Die Schweizer Verhältnisse und die Persönlichkeit Zschokkes haben vermutlich mehr in Kleist, in seiner Entwicklung und in seiner Dichtung, ausgelöst, als bislang erkannt worden ist», schreibt Rudolf Loch, ein weiterer Kleist-Experte. Briefe verfasste der junge Dichter auch, darunter einen, mit dem er sein prekäres Verlöbnis mit Wilhelmine von Zenge de facto auflöste. Das war am 20. Mai, und schon Ende Juni ist es vorbei mit dem Leben auf der Insel, dessen profanen Alltag ihm das Mädeli eines Nachbarn recht angenehm gestaltet hat.
Der Rest: Launen, Stimmungswechsel, Malaisen. Am 17. Oktober 1802 zog ihn seine Schwester Ulrike in die Kutsche. Das war’s mit der Schweiz. Und Thun hat seitdem eine Sehenswürdigkeit mehr: das Haus auf der Insel oder vielmehr das, was davon übrig ist. Zu Recht sagt Günter Blamberger: «Thun ist Kleists zweiter Geburtsort, der Ort seiner Neugeburt als Dichter.»