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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Neuntes Buch
26. Der Schriftgelehrte glaubt noch nicht an die Gottheit Christi.
[S. 95] Warum er nicht weit vom Gottesreich entfernt sei und wie (sehr) er in Zukunft erst im Gottesreich sein werde, das gilt es auch aus den Worten des Herrn zu erkennen. Es folgt nämlich: „Und niemand wagte mehr ihn zu fragen. Und als Erwiderung sprach Jesus bei seiner Lehre im Tempel: In welchem Sinne sagen die Schriftgelehrten, daß Christus der Sohn Davids sei? David selbst nämlich sagt im Heiligen Geist: Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache!1 David selbst nennt ihn Herrn, und mit welchem Recht ist er denn sein Sohn?”2
Vom Gottesreich ist also der Schriftgelehrte nicht weit entfernt, und zwar durch sein Bekenntnis an den einen Gott, den man über alles lieben müsse. Durch sein eigenes Bekenntnis wird er aber darauf hingewiesen, warum er das Geheimnis des Gesetzes nicht kenne und von dem Herrn Christus nicht wisse, daß er vermöge der wesenhaften Geburt als Sohn Gottes in dem Glauben an den einen Herrn bekannt werden müsse. Weil es den Anschein hatte, daß entsprechend dem gesetzesmäßigen Bekenntnis des einen Herrn es für den Sohn Gottes nicht gelassen werde, in dem Geheimnis des einen Herrn bleiben zu können, deswegen fragt er fordernd den Schriftgelehrten, wie er Christus den Sohn Davids nennen könne, da doch David ihn als seinen Herrn bekannt habe und da es die gegebene Ordnung nicht zulasse, daß derjenige auch Herr sei, der eines so hochgestellten Patriarchen Sohn sei. Das deswegen, damit der Schriftgelehrte es erkenne, daß er ihn nur nach der fleischlichen Abstammung und der Geburt Mariens, die aus Davids Stamm war, beurteilte, damit er sich aber darauf besinnen solle, daß er dem Geiste nach eher Herr als Sohn [S. 96] Davids sei; und daß dieses Wort: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist ein Herr!”3 den Christus nicht von dem Geheimnis des einen Herrn abtrenne, da ein so großer Patriarch und Prophet denjenigen als seinen Herrn anerkannte, der aus dem Schoß des Herrn vor dem Morgenstern gezeugt war. Er sollte gewiß nicht des Gesetzes vergessen noch auch darüber in Unkenntnis sein, daß kein anderer als Herr anerkannt werden dürfe, sondern daß derjenige ohne Verletzung des Gesetzes als Herr erkannt werden solle, der vermöge des Geheimnisses der wesenhaften Geburt aus dem Schoß des unkörperlichen Gottes Dasein gewonnen hatte. Denn wegen des Wesens des einen Herrn besitze der Eine aus dem Einen dieses wesensmäßig, Herr zu sein.
1: Ps. 109, 1 [hebr. Ps. 110, 1].
2: Mark. 12, 34―37.
3: Mark. 12, 29.