Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03406.jsonl.gz/1795

Zu Beginn hatten Maskottchen eine einfache Aufgabe – als Talisman sollten sie einfach Glück bringen. Die plüschigen Dauerunterhalter, die wir heute kennen, tauchten gegen Ende der 60er-Jahre vermehrt auf – zur gleichen Zeit einer anderen Erfolgsgeschichte: jener der Muppets. Kermit und seine Freunde traten in den 60ern oft in Werbespots auf, und ihre Vorteile wurden schnell erkannt: Sie sind zeitlos, nie schlecht gelaunt und haben einen grossen Wiedererkennungswert. Eine Win-win-win-Situation also. Das sah auch das Internationale Olympische Komitee. Seit 1968 haben Spiele ein Maskottchen, das mittlerweile nicht nur das Austragungsland vertritt, sondern als Hauptbestandteil des Merchandising auch Millionen in die Kassen spült. Wir haben die 25 bisherigen Maskottchen analysiert und nachgezeichnet:
Tippen Sie auf ein Maskottchen, um mehr darüber zu erfahren.
Pyeongchang
2018
Rio
2016
Sotschi
2014
London
2012
Vancouver
2010
Beijing
2008
Turin
2006
Athen
2004
Salt Lake City
2002
Sydney
2000
Nagano
1998
Atlanta
1996
Lillehammer
1994
Barcelona
1992
Albertville
1992
Seoul
1988
Calgary
1988
Los Angeles
1984
Sarajevo
1984
Moskau
1980
Lake Placid
1980
Montreal
1976
Innsbruck
1976
München
1972
Grenoble
1968
Am Anfang war der Wunsch nach ein wenig Glück. «Maskottchen» – so wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Talisman bezeichnet. Die ersten Maskottchen hatten daher eine simple Aufgabe: Glück zu bringen. Und weil dieses im Sport manchmal ein rares Gut ist, waren es Sportvereine, die zur Jahrhundertwende begannen, sich solche Helfer anzuschaffen.
Damals waren das meist lebende Personen: die Kinder eines Spielers, manchmal auch die Ehefrau. Einige Leute machten sich das Maskottchendasein zum Beruf, liessen sich bezahlen und auch transferieren. Das Baseballteam der Chicago Cubs probierte 1909 sogar, den amerikanischen Präsidenten als Maskottchen zu gewinnen. Allerdings verloren sie schon das erste Spiel mit ihm im Stadion. So legten sie ihr Glück in der Folge in zuverlässigere Hände respektive Tatzen: Viele Jahre führten sie vor den Spielen einen jungen Bären aufs Feld.
Heute haben Städte, Fernsehsender, Frühstücksflocken und Computerprogramme ihre Maskottchen. Aus den simplen Glücksbringern sind immer frohe Erkennungszeichen geworden. Im Sport sind sie nicht mehr nur rund um Teams zu finden, sie sind Teil der Marketingmaschine geworden, die jeden Grossanlass umgibt, immer im Spagat zwischen sympathischem Stimmungsmacher und aufgeladener Symbolik.
Die plüschigen Dauerunterhalter, die wir heute kennen, tauchten erst gegen Ende der 60er-Jahre vermehrt auf. Ihr Aufkommen fällt mit einer anderen Erfolgsgeschichte zusammen: jener der Muppets. In den 60er-Jahren traten Kermit und seine Freunde wöchentlich in der «Today Show» auf und waren in unzähligen Werbespots zu sehen. Die Marketingfirmen erkannten bald die Vorteile dieser Figuren: Sie sind zeitlos, treu und nie schlecht gelaunt. Sie sind leicht zugänglich und haben einen grossen Wiedererkennungswert. Marketingtechnisch gesehen also eine Win-win-win-Situation.
Das sah auch das Organisationskomitee der Olympischen Winterspiele 1968 in Grenoble und stellte mit dem Schuss sein Maskottchen vor. Seit den Spielen vier Jahre später in München hat jedes Organisationskomitee auch die Aufgabe, ein Maskottchen für seine Spiele zu gestalten. Neben Wiedererkennungswert und Unterhaltung soll es dabei auch die Natur und Kultur des Gastgebers in die Welt hinaustragen.
Der russische Bär – kommunistisches Marketing
Das Organisationskomitee der Winterspiele 1980 in Moskau fragte die Bevölkerung, wer denn Russland repräsentieren solle. Über 45’000 Briefe gingen ein, und die Meinung war klar: Ein Bär soll es sein. Den folgenden Wettbewerb gewann Illustrator Wiktor Tschischikow, der in den nächsten sechs Monaten über 100 Variationen des Bären zeichnete, aus denen dann eine 3-D-Animation erstellt wurde.
Bär Mischa war aber auch während der Spiele im Kostüm immer präsent. Er war bei der Eröffnungsfeier dabei, in den Stadien Gast und wurde erstmals so richtig vermarktet. Es gab eine Zeichentrickserie, die erfolgreich in Japan lief und auch auf Arabisch übersetzt wurde, zu kaufen gab es Mischas aus Plüsch, Mischa-Münzen, Mischa-Feuerzeuge, Mischa-Küchengeräte oder Mischa-Baby-Lätzchen. Der kommunistische Bär wurde so zum ersten kommerziellen Maskottchen der olympischen Geschichte. Noch immer grinst in Kiew in der heutigen Ukraine eine Mischa-Statue die Besucher an.
Bei seinem Auftritt an der Schlusszeremonie rollte ihm eine grosse Träne über die Bärenwange, ehe er von Ballonen aus der Arena geflogen wurde. Bei so viel nationalem Pathos schaute sogar Amerika neidisch nach Osten.
Disneys Zeichner – Dumbos Bruder
Als vier Jahre später die Spiele in Los Angeles anstanden, war das OK gefordert. So beauftragten es einen, der sich mit erfolgreichen Tieren auskennt: C. Robert Moore war Zeichner bei Walt Disney, hatte beispielsweise an «Dumbo» mitgearbeitet. Moore sollte eine Figur schaffen, die ganz Amerika verkörperte. Die Idee eines Bisons wurde schnell verworfen, da es einfach doof aussah, wenn der auf zwei Beinen stand. So entschied man sich für den Weisskopfseeadler.
Sam blieb nicht das einzige olympische Maskottchen aus der Feder von grossen Designfirmen. Heute ist die Kreation der Maskottchen ein langer Prozess mit Expertenpanels und Fokusgruppen, ehe sich grosse Studios daran machen. So teilt sich Soohorang, das Maskottchen der Spiele in Pyeongchang, seinen Vater mit dem Logo einer Biermarke und dem eines Baseballteams.
Recht und Vermarktung – Millionen aus Fanartikeln
Seit den 80er-Jahren hat die Vermarktung der Spiele stets zugenommen. Das Maskottchen ist der wichtigste Bestandteil im Merchandising – und das ist eine Goldgrube. Die Fanartikeleinnahmen nehmen Mal für Mal zu und sind mittlerweile im dreistelligen Millionenbereich. Davon geht ein kleiner Teil ans Internationale Olympische Komitee (IOK), der Rest gehört dem OK.
Doch wie jeder Sportler, der bei Olympia dabei sein will, muss auch das Maskottchen eine Qualifikation überstehen. Erst wenn der Vorschlag vom IOK gutgeheissen wird, darf es an den Start. Und wenn das Rennen fertig ist, muss es eingeäschert werden. Die Regel besagt, dass die Figuren nach den Spielen nicht mehr eingesetzt werden dürfen, alle übrig gebliebenen Fanartikel, Kostüme und Animationen werden vernichtet.
Das stellt die OKs manchmal vor Schwierigkeiten: Als vor Sotschi 2014 dazu aufgerufen wurde, Maskottchenvorschläge einzusenden, hatte eine Figur viele Befürworter: Ded Moros, Väterchen Frost, eine dem Weihnachtsmann ähnelnde russische Märchenfigur. Die Jury entschied sich aber dagegen. Ihre Erklärung: Alle Maskottchenfiguren gehören dem IOK. Das wollten sie dem Väterchen nicht antun.
Der Inoffizielle – ein Wombat stiehlt die Show
Die olympischen Maskottchen gelten nicht nur als Vorzeigeunterhalter der Spiele, sie sind auch Repräsentanten des Austragungslandes. Das OK von Sydney 2000 war sich dessen bewusst und stellte klar, dass es kein Känguru und kein Koalabär sein darf. So kamen Schnabeltier, Ameisenigel und Kookaburra zum Zug.
Doch der eigentliche Maskottchenstar der Spiele in Sydney war jemand ganz anderes: «Fatso the Fat-Arsed Wombat». Der fettarschige Wombat wurde von einer Satiresendung im australischen Fernsehen geschaffen – als Zeichen gegen die Kommerzialisierung. Fatso wurde quasi über Nacht zum Liebling von Publikum und Athleten. Während der Spiele ging sogar das Gerücht um, das australische Komitee habe seinen Sportlern verboten, sich mit Fatso zu zeigen. Die Schwimmstaffel schmuggelte ihn trotzdem mit aufs Podest. Das Komitee dementierte die Gerüchte zwar, doch da war es schon zu spät. Immerhin hatte es schnell den Grund gefunden, warum sich die offiziellen Fanartikel so schlecht verkauften.
Neue Wege – Schulstoff in Japan
Was Sie hier lesen, ist in Japan Schulstoff. Das OK der nächsten Sommerspiele geht nämlich neue Wege. Die Geschichte der olympischen Maskottchen wird an Japans Schulen gelehrt. Später werden die Schüler dann mithilfe einer Onlineumfrage bestimmen, welches Maskottchen Tokio 2020 symbolisiert. Schon vor Rio 2016 wurden Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren zur Zielgruppe erklärt und gefragt, was sie von einem Maskottchen erwarten, wie es denn aussehen soll. Und so hat sich trotz dem Millionenbusiness etwas nicht verändert: Waldi, das Maskottchen von München 1972, wurde nämlich erfunden, als bei einer Weihnachtsfeier des OKs Stifte und Knetmasse verteilt wurden.