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-31.01.2024-
Mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine im Februar 2022 hatte sich die europäische Sicherheitsordnung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf brutalste Weise verabschiedet. Das bis dahin “Undenkbare” ist geschehen, ein europäisches Land wurde von einem anderen Land durch einen klassischen militärischen Angriff aus der Luft, zur See und am Boden überfallen.
Die meisten europäischen Streitkräfte haben seit dem Ende des Kalten Krieges Ende der 1980er Jahre sukzessive ihre Streitkräfte reduziert und damit die Verteidigungsfähigkeit gegenüber einem klassischen militärischen Angriff stark geschwächt. Man hatte sich vor allem gegen asymmetrische und terrestrische Bedrohungen ausgerichtet. Nach dem die europäischen Länder nach dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine aus der Stockstarre erwachten, begannen sie zu analysieren, welche Fähigkeiten für die Verteidigung in einem neuartigen Krieg, wie er zurzeit in der Ukraine ausgefochten wird, benötigt werden. Ganz zuoberst auf der Prioritätenliste steht der Aufbau oder Ausbau einer mehrschichtigen bodengestützten Luftverteidigung (BODLUV).
Eine Möglichkeit der Stärkung und gleichzeitiger Ausbau ist die Modernisierung von bestehenden BODLUV-Systemen. Genau diesen Weg haben letztes Jahr Österreich und Rumänien mit der Kampfwertsteigerung ihrer M Flab Systeme gewählt.
Kampfwertsteigerung des M Flab Systems des Österreichischen Bundesheeres
1985 führte das Österreichische Bundesheer, das vom Oerlikon-Bührle Konzern in Zürich gefertigte 35 Fliegerabwehrsystem Skyguard mit je zwei 35 mm Zwillingsgeschütze ein. Das System entsprach im Wesentlichen dem M Flab System der Schweizer Armee, welches nach 1975 ebenfalls von Oerlikon-Bührle beschafft wurde. Ebenso wie in der Schweiz wurden österreichische M Flab Systeme über die Jahre mehrmals kampfwertgesteigert.
Rheinmetall Air Defence AG (ehem. Oerlikon-Bührle / Oerlikon Contraves AG) in Zürich ist vom österreichischen Bundesministerium für Landesverteidigung mit einer umfassenden Modernisierung bestehender Skyguard Flugabwehrsysteme beauftragt worden. Beide Seiten haben nun in Wien in Anwesenheit der Bundesministerin für Landesverteidigung, Klaudia Tanner, den Vertrag über das Projekt Skyguard Next Generation geschlossen.
Taktische Einheit Skyguard Next Generation – Rheinmetall
Skyguard Next Generation ist ein Produkt aus der Skynex-Familie von Rheinmetall Air Defence and Radar Systems. Das Auftragspaket in Österreich umfasst insgesamt sieben taktische Einheiten, die jeweils aus vier 35mm-Zwillingsgeschützen bestehen, einer Multisensoreinheit zur Luftraumüberwachung, Zielerfassung, -identifikation und -verfolgung sowie der Einsatzzentrale. Dabei werden 28 beim Kunden vorhandene 35mm-Zwillingsgeschütze auf einen neuen, hochmodernen Stand gebracht. Darüber hinaus umfasst der Vertrag Ersatzteilpakete, Ausbildungsleistungen und die dazugehörige 35mm-Munition. Auch die Option zur Bestellung einer weiteren taktischen Einheit ist vertraglich vereinbart.
Multisensoreinheit – Rheinmetall
Funktionsprinzip Oerlikon Ahead-Munition – Rheinmetall
Im Rahmen einer Nutzungsdauerverlängerung werden vorhandene Oerlikon 35mm- Zwillingsgeschütze auf den modernsten Stand gebracht, mit einer Zielverfolgungssensorik gekoppelt und in das Waffeneinsatzführungssystem Skymaster von Rheinmetall eingebunden. Die aussergewöhnliche Präzision der Sensorik erlaubt es, Luftziele bereits frühzeitig zu erfassen und zu identifizieren. Das Führungssystem ermöglicht es dem taktischen Kommandanten, ein lokales Luftlagebild zu erstellen, die Gefährdungslage einzustufen und in enger Koordination mit übergeordneten Stellen eine Bekämpfung auszulösen. Die Einbindung von Mistral Boden-Luft-Lenkwaffen ist ebenfalls möglich.
Das Gesamtsystem ist rasch verlegbar und bietet dem Nutzer im Rahmen der militärischen Einsatzplanung eine höchstmögliche Effizienz. Die Geschütze können sowohl abgesetzt als auch unbemannt bedient werden, was den Schutz der Soldaten wesentlich erhöht und den Kampfwert steigert.
Kampfwertsteigerung des M Flab Systems der rumänischen Streitkräfte
Nach dem Fall der kommunistischen Regierung orientierte sich das südosteuropäische Land Rumänien am Westen für die Modernisierung seiner Streitkräfte. Daher beschaffte man in den 1990er Jahren von Oerlikon Contraves AG in Zürich das in Rumänien genannte VIFORUL Fliegerabwehrsystem, bestehend aus einem Zielzuweisungsradar SHORAR, Gunstar Feuerleitgerät und je zwei 35 mm Zwillingsgeschütze. Im Unterschied zu dem Skyguard Feuerleitgerät ist das Gunstar Feuerleitgerät nicht radarisiert, sondern nur mit nachtsichttauglichen elektrooptischen Sensoren ausgerüstet.
Das rumänische Verteidigungsministerium hat Rheinmetall im Dezember 2023 damit beauftragt, die VIFORUL-Fliegerabwehrsysteme umfassend zu modernisieren. Für den Düsseldorfer Technologiekonzern ist dies der erste Grossauftrag in dem europäischen NATO-Mitgliedstaat überhaupt. Der Vertrag beinhaltet die Lieferung von insgesamt vier Systemen sowie Ausbildungs-, Ersatzteil- und weiteren Service-leistungen. Zwei Systeme sollen innerhalb der kommenden zwei Jahre geliefert werden, zwei weitere innerhalb von drei Jahren.
Die Leistungsbeschreibung für jeweils ein System umfasst im Einzelnen: eine Einsatzzentrale des Typs Oerlikon Skynex Control Node 1, einen Suchradar X-TAR3D (X-Band Tactical Acquisition Radar 3D), je sechs 35mm-Zwillingsgeschütze des Typs Oerlikon Twin Gun GDF009 TREO inklusive Autolader und zwei schwerlastfähige Spezial-Lastwagen zum Transport des Feuerleitsystems und des Suchradars.
Suchradar X-TAR3D – Rheinmetall
Die Flugabwehrlösung Skynex ist ein modulares und flexibles, bodengestütztes Luftverteidigungssystem für den Schutz von stationären Objekten und Anlagen im Nah- und Nächstbereich. Es ist auf dem neuesten Stand der Technik und in der Lage, bis zu vier Ziele gleichzeitig auf sehr kurzer Distanz zu bekämpfen, darunter auch Bodenziele. Die kanonenbasierten Flugabwehrlösungen aus der Skynex-Produktfamilie eignen sich besonders zum Nächstbereichsschutz, wo Boden-Luft-Lenkwaffen nicht effektiv wirken können. Als Effektoren dienen die bewährten Oerlikon 35 mm Zwillingsgeschütze, die mit einer Kadenz von insgesamt bis zu 1’100 Schuss/Minute bis auf 4’000 Meter wirken können.
Rheinmetall Air Defence and Radar Systems erhofft sich von diesen beiden Modernisierungsprojekten eine gewisse Signalwirkung auf weitere Kundenländer, welche ebenfalls ältere M Flab Systeme im Einsatz haben, wie es bei der Schweizer Luftwaffe der Fall ist.
Text: Beat Benz
Quellen: Pressemitteilungen von Rheinmetall vom 12. und 22. Dezember 2023
Bilder: Rheinmetall Air Defence AG
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