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Sebastian Sutter-Juon (1854 – 1943): Eigene Lebensbeschreibung, begonnen im Mai 1933
I. Chronologische Daten
1854
den 5. Mai wurde ich im Eggahaus auf dem Vorderhof in Sculms geboren, den 8. Mai erfolgte meine Taufe in der Kirche von Versam.
1861
im Herbst Eintritt in die Elementarschule in Sculms.
1870
am Karfreitag Konfirmation durch Pfarrer Wieland Sutter. Im Herbst Eintritt in die Schule in Schiers. Zu Weihnachten Austritt aus dortiger Schule infolge Krankheit. Von Weihnachten bis
1871
im Juni krank zu Hause. Im November Eintritt in die Kantonsschule in Chur in die 2. Klasse.
1873
Kantonsschulreise an den Vierwaldstättersee. Mein Eintritt in den Kantonsschülerturnverein.
1875
Im Frühling Austritt aus der 5. Seminarklasse mit Patent 1. Klasse und Wahl an die Gesamtschule Versam pro Winter 1875/76. Im April wurde ich an die Sommerschule Reitenberg im Toggenburg gewählt. Vom 24. Juli bis 6. September machte ich die 1. Lehrer-Rekrutenschule, 45 Tage, in Basel und darauf 4 Tage Organisationsmusterung (Einteilung zum Battaillon Nr. 90 3. Comp.) in Chur mit.
1876
wieder in Reitenberg an der Sommerschule. In dieses Halbjahr fiel auch ein siebentägiger Battaillons-Wiederholungskurs in Chur und eine Offiziersschule 42 Tage in Altdorf (Uri). Den 6. Dezember zum Lieutenant ernannt.
1876/77
Lehrer in Versam.
1877
im Sommer Einberufung an die eidg. Offizier-Schiessschule in Walenstadt 28 Tage. Im Herbst 1. Teil Forstschule in Thusis.
1877/78
Lehrer in Versam.
1878
Bat. Wiederholungskurs 16 Tage und Rekrutenschule 27 Tage als Lieutenant in Chur. Im Herbst 2. Teil der Forstschule in Maienfeld und Patentierung zum Revierförster.
1878/79
Lehrer in Versam.
1879
im Sommer daheim in Sculms.
1879/80
Lehrer in Versam.
1880
im Frühling während des Stabioprozesses Wiederholungskurs in Bellinzona mit Bat. 90 und im Anschluss mit Bat. 91 als Stellvertreter eines erkrankten Offiziers, im ganzen 40 Tage. Der Übergang war mit Bat. 90 über den Lukmanier, mit Bat. 91 über den St. Bernhardin. Den 3. September Ernennung zum Oberlieutenant. Meine Verlobung mit Fräulein Anna Christina Buchli von Tenna. Am 10. September wurde ich zum Lehrer an der Fabrikschule der Manufattura di Cuorgnè in Piemonte, für die Kinder der deutschen Angestellten gewählt, wofür ich gegen Monatsende über den St. Bernhardin abreiste, eine Jahresstelle.
1881
im Sommer Heimkehr in den Ferien. Im September Hochzeit mit Anna Christina Buchli in der Kirche zu Versam; dann Hochzeitsreise nach Cuorgnè, via Oberalp, St. Gotthard, Como, Vercelli und Turin zum Beginn eigener Haushaltung.
1882
Reise nach der Schweiz zu einem Wiederholungskurs in Chur mit Ausmarsch nach Andermatt, 17 Tage. Die Frau blieb unterdessen in Cuorgnè. Am 9. September meine Ankunft in Cuorgnè abends 7 Uhr. Drei Stunden vor meiner Heimkehr hatte die Gattin einen Knaben geboren, der den Namen Ulrich erhielt. Am 14. September Erkrankung der Wöchnerin am sogenannten Kindbettfieber, dem sie erlag. Am 22. September Tod der Gattin, am 24. September Begräbnis in Cuorgnè. Am 24. September Taufe des Knaben durch den Waldenser Pfarrer Revel. Am 24. September Ulrich kommt zu einer Amme, Frau Teranto in Pertusio in Pflege, wo er gut gedeiht und bis im Oktober 1884 verbleibt.
1883
im Juli Besuch des eidg. Schützenfestes in Lugano. Die Ferien verbrachte ich bei den Eltern in Sculms.
1884
Ende Juli kam ich wieder nach der Schweiz an den Divisions-Wiederholungskurs in Chur. Am 21. September Hochzeit mit Frl. Barbara Juon in Versam. Am 23. September Hochzeitsreise mit der Anvermählten über Zürich, via Gotthard-Bahn nach Vercelli und Cuorgnè. Am 1. November wird Ulrico, abgekürzt «Rico» gerufen, heimgenommen zu der neuen Mutter.
1885
werden die Sommerferien mit Familie bei den Eltern in der Schweiz verbracht, in welcher Zeit ich in 53 Tagen eine Rekrutenschule durchmachte. Reise nach Cuorgnè via St. Gotthard.
1886
am 6. Januar meine Ernennung zum Hauptmann und Zuteilung als Chef der II. Compagnie des Batt. 90 zu den Lugnezern. Mit der Familie nach Versam, dann machte ich 16 Tage einen Batt. Wiederholungskurs in Chur mit. Der Ausmarsch ging ins Rheinwald und über den Valserberg nach Vals und Ilanz.
1888
nach der Schweiz an einem Brigade-Wiederholungskurs in Luzern 18 Tage.
1890
den 4. August Alwina geboren. Nach der Schweiz an einen Regiments-Wiederholungskurs in Sitten 16 Tage und 5 Marschtage. Frau und Kind bleiben in Cuorgnè. Verkauf der Hälfte des elterlichen Gutes in Sculms an Schwager Valentin Lötscher.
1892
Regim.-Wiederholungskurs in Chur - Luziensteig 20 Tage. Am 31. Dezember wurde ich, weil im Ausland wohnhaft, zur Landwehr versetzt und zur Disposition gestellt. Letzter Militärdienst.
1894
den Signina durch Erbteilung übernommen.
1899
Schweizerreise mit Familie über den Splügen, Sturm auf dem Comersee. Den 15. September stirbt meine Mutter.
1903
im Juli wird die Fabrikschule in Cuorgnè geschlossen infolge Mangels an Schülern; meine Lehrerstelle wurde in eine Bürostelle der Manufactur umgewandelt.
1904
den 7. Januar stirbt Schwiegermutter Magdalena Juon-Gredig 77jährig in Versam.
1908
Aufgabe der langjährigen Stelle in Cuorgnè und end-gültige Heimreise nach der Schweiz via Simplon und Genf. Aufenthalt in Genf bis
1909
Ende September, Wohnung Rue Gutenberg No. 6 im 3. Stock. Verkauf des Hotels Signina. Am 5. März starb mein Vater in Sculms; ich kam von Genf zum Begräbnis. Von Juni 1909 bis 1915 im April Lehrer in Diepoldsau an der Mittelschule. Vom 10. - 23. Oktober besuchte ich in St. Gallen einen Fortbildungskurs für Schul- und Vereinsgesang. Den 10. November Hochzeit des Sohnes in Rorschach, Hochzeitsmahl in Heiden.
1910
am 22. April erhielt ich nach einem Probejahr das definitive Lehrerpatent des Kantons St. Gallen.
1911
Kauf des Wiesenheims um 5600 Franken.
1912
Kantonaler Turnkurs in Rorschach zur Einführung in die neue Turnschule. 1912 bis 1914 war ich Präsident der Lehrerkonferenz ob dem Monstein im Bezirk Unterrheintal.
1913
Bau des Wiesenheimes.
1915
im April Rücktritt von der Schulstelle in Diepoldsau und Vorbereitung zur endgültigen Heimreise nach Versam. Den 26. April Abreise von Diepoldsau bis Chur. Am 27. April, einem Dienstag, glückliche Ankunft in Versam und Bezug des neuen Heimes. An der sog. Märzengemeinde war ich schon zum Voraus in den Gemeindevorstand gewählt und zum Kassier bestimmt worden, welches Amt ich vier Amtsperioden, also acht Jahre lang innehatte.
1916
am 4. April Hochzeit der Tochter.
1917
übertrug man mir auch die Lebensmittelrationierung, die sog. Brotkartenstelle. 3 Monate Lehrerstellvertretung Arezen und Ragaz.
1919
im Januar starb mein Schwiegervater.
1920
wurde ich zum Korrespondenten der Graubündner Kantonalbank ernannt.
1921
meine Wahl in die Vormundschaftsbehörde des Kreises Ilanz, in der ich bis 1930 verblieb. 1920 bis 1930 war ich amtlicher Vormund der Schwestern Anna & Marie Fontana von Versam.
1922
verlieren wir durch den Tod unseren Seidenpinscher Lilla. Der Rehpinscher «Migga» ersetzte ihn.
1930
am 4. Oktober, infolge Krankheit meiner Frau, trat ich aus der Vormundschaftsbehörde zurück, um mich der Pflege der Kranken und meinen übrigen Obliegenheiten widmen zu können.
1931
am 26. Februar starb meine liebe Gattin und wurde am 28. in Versam beerdigt. Von da an führte mir Krankenschwester Nina Schmid, die vorher auch die Kranke in den letzten drei Monaten gepflegt hatte, die Haushaltung bis zum Juli 1931. Von Anfang August an trat Sophie Koch als Haushälterin bei mir ein. Vom 1.-17. Oktober machte ich eine Rundreise durch die Schweiz mit Besuch der Meinigen in St. Gallen und Basel, sowie bei Bekannten in Diepoldsau, Winterthur, Langenthal, Brugg und Ennenda; auch nach Einsiedeln machte ich einen sehr befriedigenden Abstecher.
II. Selbstbiographie
A. Jugendzeit
Auf der aussichtsreichen «Egga» des Vorderhofes von Sculms steht mein Vaterhaus. Dort wurde ich am 5. Mai 1854 als zweites und letztes Kind meiner lieben Eltern geboren, am 8. des gleichen Monats in der Kirche zu Versam von Herrn Pfarrer Peter Valär aus Jenaz mit dem Namen Sebastian - Benennung meines Grossvaters väterlicherseits - getauft. In liebevoller Pflege der Eltern und meiner um sieben Jahre älteren Schwester verlebte ich eine sonnige Jugend in bescheidenen, gesunden und unabhängigen Verhältnissen der Familie. Ich half den Meinen in der Landwirtschaft. Das eigene Vieh zu hüten war meine grösste Freude. Im Herbst 1861 ging ich in die Elementar-Winterschule, die ich in Sculms bis zur Konfirmation 9 Winter unter neun Lehrern durchgemacht habe.
B. Studienzeit
Meine Eltern hatten beschlossen, mich eine höhere Schule besuchen zu lassen. Im Herbst 1870 trat ich daher in die Lehranstalt in Schiers ein, die ich aber zu Ende desselben Jahres infolge hartnäckiger Lungenverschleimung verlassen musste. Als im Frühjahr 1871 endlich Besserung eintrat, machte ich im September 1871 das Examen an der Kantonsschule in Chur und wurde in die zweite Klasse aufgenommen, um das Lehrerseminar durchzumachen. Die Eltern hätten zwar lieber gesehen, dass ich Pfarrer würde. Dazu fehlten mir aber Kenntnisse im Lateinischen, weshalb ich in die erste Klasse versetzt und somit sieben Jahre an der Kantonsschule hätte bleiben müssen. Dies schien mir, da ich an Heimweh nach dem Vaterhaus litt, zu lange. Nach der Seminarzeit hatte ich die Nostalgie überwunden, so dass ich es in Chur schon noch länger ausgehalten hätte. Doch die Sache war nicht mehr zu ändern. Mit Freuden begann ich dann meinen selbstgewählten Beruf, in dem ich um 40 Jahre Zufriedenheit und Glück genossen habe. Die Seminarbildung hatte mich körperlich und geistig gestärkt, dass ich im Frühling 1875 mit bestem Abgangszeugnis und Patent 1. Klasse heimkehren konnte.
C. Angaben aus meinem weiteren Leben
Als Lehrer: Sofort nach Patentierung wurde ich an die Gesamtschule in Versam gewählt, die ich 5 Winter, bis Frühjahr 1880, innehatte. Neben der Schule leitete ich einen Männer- und einen gemischten Chor, sowie die erste Blasmusik in Versam-Dorf. Im Sommer 1875 und 1876 berief man mich an die Sommerschule Reitenberg im Toggenburg. Da ich für die folgenden Sommermonate andere Beschäftigungen vorhatte, so ging ich nach 1876 nicht mehr nach Reitenberg. Im Sommer 1880 quittierte ich auch den Schuldienst in Versam, da ich an eine deutsche Kolonieschule nach Piemont gewählt worden war, die ich im September desselben Jahres antrat und bis 1908 innehatte. Wenn schon meine früheren Anstellungen mir angenehm waren, so war diese lange Dauer der Stelle es mir in noch weit höherem Masse. Ich lebte stets im schönsten Verhältnis mit meinen Vorgesetzten, hatte gute Bezahlung und jährlich im Sommer 2 Monate Ferien, die ich gar oft, auch mit der Familie, in der Schweizerheimat verbrachte und dazu die herrlichsten Reiserouten über und durch den Alpenwall benutzte. In Italien, meiner zweiten Heimat und dem Geburtsort meiner Kinder, machte ich mich mit einem grossen Teil des Volkes und Landes, mit dessen Sprache und Geschichte etc. derart bekannt, dass mir der unvergleichliche Süden unvergesslich bleibt und noch oft Heimweh darnach erweckt.
O dolce Italia,
o suol beato,
ove sorridere volle il creato,
tu sei l’ impero dell’ armonia!!
Infolge Mangels an Schülern wurde die Schule geschlossen, sonst wäre ich wohl heute noch, 1933, im Ruhestand jenseits der Alpen. Somit entschloss ich mich endgültig nach der Schweiz zurückzukehren, um Privatangelegenheiten zu ordnen, die der Erledigung warteten. Nach einer nötigen Ruhepause vom Jahre 1908/09 in Genf erhielt ich vom Kanton St. Gallen das definitive Lehrerpatent, - in Reitenberg hatte ich nur das provisorische - worauf ich mit meiner Familie nach Diepoldsau zog, wo ich als Lehrer der evangelischen Mittelschule gewählt worden war, die ich bis 1915 führte. Ich hatte zirka 40 Jahre Schule gehalten, davon 38 an Jahresschulen. Deshalb entsagte ich - abgesehen von einer mehrere Monate dauernden Stellvertretung in Arezen und Ragaz für im Militär abwesende Kollegen im Frühling und Sommer 1917 - dem Lehrerberuf und nahm mit Frau, Tochter und Hündchen «Lilla» dauernden Auf- enthalt in Versam. Ich danke dem Schicksal freudig für das viele Schöne und Herrliche, welches mir der edle Lehrerberuf so viele Jahre bereitet hat!
Nebenbeschäftigungen: Im Sommer 1875 wurde zum ersten Mal eine eidgenössische Lehrerrekrutenschule abgehalten, in Basel, zu welcher zirka 800 Lehrer aus allen Kantonen einberufen wurden. Das Aufgebot erreichte auch mich, und so bekam die Schule in Reitenberg 50 Tage Ferien. Schon an den militärischen Übungen der Kantonsschule hatte ich grosse Freude, und so folgte ich dem Aufgebot gerne. Ich machte diesen Dienst, der schön und lehrreich war, mit besonderem Eifer. Dafür wurde ich vom Kommando zum Offiziersaspiranten vorgeschlagen. Im Sommer 1876 absolvierte ich die Offizierbildungsschule in Altdorf (Uri) mit dem Erfolg, dass ich im Dezember des gleichen Jahres zum Lieutenant der Infanterie ernannt wurde. Nun suchte ich mich im Militärfach so viel als möglich auszubilden, wozu ich auch an nicht obligatorischen Kursen teilnahm, sowie Stellvertretung einging, z. B. im Stabioprozess. So bot sich auch Gelegenheit viel im Vaterland herumzukommen. Ich diente im Wehrkleid auf den Waffenplätzen: Basel, Chur, Altdorf, Walenstadt, Bellinzona, Luzern, Sitten und Luziensteig, die mir in bester Erinnerung geblieben sind. Anno 1880 wurde ich zum Oberlieutenant befördert, was mich bewog, in den Sommermonaten von Italien herkommend weiter Militärdienst zu leisten, was mir 1886 den Hauptmannsgrad eintrug, laut eingerahmter Ernennungsurkunde. Als Chef der II. Comp. des Bat. 90 befehligte ich die Lugnezer Mannschaft bis 1892, worauf ich in die Landwehr übertrat und, weil im Ausland wohnend, zur Disposition der Militärbehörde gestellt wurde. Der Militärdienst war mir eine Freude, denn er ist eine edle Schule, die jedem jungen Manne sehr nützlich für’s Leben ist.
Da in meinen Jünglingsjahren die Försterstellen aufkamen, so nahm ich auch an einem kantonalen Försterbildungskurs teil, der als erste Hälfte im Sommer 1877 in Thusis - siehe eingerahmte Fotographie - und als zweiter Teil 1878 in Maienfeld stattfand. Auch dieser Kurs war lehrreich und schön und würde mir neben dem Lehrerberuf Verdienst gebracht haben, wenn ich in der Heimat geblieben wäre. Ich war also längere Zeit vielseitig beschäftigt, da ich auch noch auf die Jagd ging und zudem ein eifriger Alpinist geworden war.
D. Aus meinem Privatleben
Man schreibt das Jahr 1933; seit dem 5. Mai bin ich ins 80. Lebensjahr eingetreten. Wenn ich noch am Ende meiner irdischen Laufbahn einen Rückblick auf mein Privatleben werfe, so steigt in mir ein grosses Dankgefühl auf für das viele Glück, das mir Gott in meinem Schicksal hat zuteilwerden lassen. Ausgenommen eine halbjährige Krankheit anno 1870 auf 1871 bin ich stets gesund geblieben. Im lieben Elternhause waren mir sonnige Tage beschieden, die in mir einen gesunden Frohsinn weckten, der mich glücklicherweise bis heute durchs Leben begleitete. Der Aussenwelt gegenüber hielt ich mein Leben lang, soviel an mir lag, mit jedermann Frieden und übte nach Möglichkeit Pünktlichkeit in Wort und Tat, was mir manchmal wohl etwas Neid, aber in der Hauptsache Achtung und Zutrauen eintrug.
Dass ich in meinem Jünglingsalter die Zuneigung von braven Jungfrauen besass, will ich nicht verschweigen. Ich heiratete dann im September 1881 Anna Christina Buchli von Tenna, die um ein Jahr jünger war als ich und gesund und stark. Nach der Trauung in der Kirche zu Versam ging’s nach Sculms, wo im Elternhaus das Hochzeitsmahl gehalten wurde. Abends erschienen von Versam her die Musik und der Männerchor, um dem Brautpaar ein Ständchen zu bringen. Die Hochzeitsreise ging per Post über Oberalp, Gotthard, Bellenz nach Italien und Cuorgnè, meinem Wohnort, wo wir unseren eigenen Haushalt gründeten, der aber nach Gottes Ratschluss nur ein Jahr dauerte. Nachdem die liebe Gattin mir am 9. September 1882 einen Stammhalter geschenkt hatte, starb sie leider am 22. des gleichen Monats und wurde in fremder Erde begraben. Es war dies ein harter Schlag für mich in mancher Beziehung. In meiner Betrübnis und im Anblick des Friedhofes, auf dem die Verstorbene ruht, schrieb ich folgende Strophen:
Es schweift mein Blick, der tiefbetrübte
zum Ruhefeld der Toten hin.
Gedanken schmerzen mein Gemüte,
die jetzt mir ziehen durch den Sinn.
Gedanken sind’s gar inhaltsschwere,
sie machen mich ganz still und stumm.
Die lust’ge Welt scheint eine Leere,
ein Nichts für mich zu sein, warum?
Nicht ist’s, dass alles Ird’sche schwindet
nicht dass auch einstens ich vergeh’.
Vielmehr weil schwer mein Herz empfindet,
dass ich nun ganz verlassen steh.
Denn eine Gattin ward gegeben,
so herzensgut zur Freude mir.
An ihrer Seite schien das Leben
mir Himmel schon auf Erden hier.
Doch ach! ein Jahr nur war von Dauer
die Ehe, die uns hoch beglückt
Weil die Gefährtin mir, o Trauer!
der Tod für immer hat entrückt.
Zur Marmortafel, die verkündet,
von Dir Geliebter! ich jetzt seh’
dabei mein Herze tief empfindet
gewalt’gen Schmerz, unheilbar Weh!
Ruh’ sanft Verblichne, Du mein Sehnen,
mein Alles warst, ich fühl’s zu wohl!
Ich wend’ mich ab, es perlen Tränen
im Auge mir, mein Herz ist voll.
Wahrhaftig! Es war dies eine schwere Zeit für mich mit dem lieben Kinde allein in der Fremde. Es galt deshalb ernstlich für die Lebenden zu sorgen, wobei mir Mitmenschen liebevoll beistanden. Ich liess den Knaben von einer italienischen Amme aufziehen und verschaffte nach zwei Jahren dem unterdessen prächtig herangewachsenen Buben eine liebe Stiefmutter und mir eine treffliche Gattin durch Heirat mit Fräulein Barbara Juon von Versam im September 1884. Die Vermählung fand auch in Versam statt und das Hochzeitsmahl im Elternhaus der Braut. Die Hochzeitsreise ging wieder nach Italien, jedoch nicht über die Berge, sondern über Zürich und durch den Gotthard nach Como, Milano, nach Vercelli zu Verwandten und dann nach Cuorgnè. Der Auserwählten hatte ich am Vortag der Trauung, am 20. September 1884 folgendes Eigengedicht ins Album geschrieben:
Ich suchte Dich und hab Dich nun gefunden,
o teures Herz!
Mein Wunsch, dass wir auf ewig stets verbunden
steigt himmelwärts.
O möcht uns doch der Schicksalslenker geben
der Güte viel
Zum heil’gen Bund, damit das Erdenleben
uns sei ein Spiel.
Doch sollt’ es uns zu senden
ihm gefallen ein hartes Los,
Dann woll es uns stets lassen
nur von allem die Liebe bloss.
Die echte Lieb, sie nur kann’s ganz entzünden
zu wahrer Kraft,
nur sie, um sich in jede Lag zu finden,
uns Mut verschafft.
Die Lieb mit uns,
wie’s Leben sich dann mag gestalten,
‘s Elysium dann uns gehört,
ob Freud’ ob Leid auch walten.
Das Wort Elysium soll hier als edles Eheleben gedeutet werden. Mein poetischer Wunsch ist denn auch schönstens erfüllt worden. Am 1. November 1884 nahmen wir den Knaben Ulrich von der Amme zu uns. Barbara, die ich als gute und uns zugetane Freundin gekannt hatte, widmete sich nun liebevoll der Familie, so dass unser gemeinsames Leben in bester Harmonie und beneidenswerten Verhältnissen seinen Fortgang nahm. Nach sechs Jahren, 1890, wurde uns ein Mädchen geboren, Alwina, das unser Glück noch vermehrte. Durch manche Ferienreise nach der Schweiz hielten wir die Beziehungen mit unserer Verwandtschaft daselbst aufrecht. Die Kinder wuchsen heran und machten die Primarschule unter mir in Cuorgnè durch. Später kamen sie an höhere Schulen in der Schweiz. Im Frühling 1908 legte ich die Stelle in Cuorgnè nieder und zog nach Genf, um einige Zeit zu privatisieren und auszuruhen, während die Tochter eine französische Schule in Genf und der Sohn das Polytechnikum in Zürich besuchte. Nach etwa 1 1/2 Jahren ging’s dann über Lausanne, Bern, Zürich, St. Gallen nach Diepoldsau, wo ich Lehrer an der evang. Mittelschule wurde. Diese Reise diente als Vergnügungsreise zu unserer silbernen Hochzeit (1884 - 1909). Unser Bleiben in Diepoldsau dauerte sechs Jahre. Wir wohnten zuerst im Schulhause in Schmitter, später im neuerbauten Schulhaus in Diepoldsau. Unterdessen verkauften wir unseren Besitz, das Hotel Signina in Versam und liessen uns ein angenehmes Einfamilienhaus, «Wiesenheim» benannt, erbauen, von dem ich schrieb:
Wiesenheim, Häuschen klein;
du stehst auf grüner Flur.
Am Waldesrand schier sonnverbrannt
in herrlicher Natur.
In dieses Eigenheim hielt ich zu guter Letzt Einzug, anfangs Mai 1915, um den Lebensabend zu verbringen. Mein Sohn hatte sich 1909 verheiratet und wohnt nun als Architekt in St. Gallen in guten Verhältnissen. Im Jahre 1916 vermählte sich die Tochter und hatte das Glück, als Reallehrersfrau in Basel Aufenthalt zu nehmen. Somit waren meine Frau und ich mit dem weissen Hündchen allein, so dass unsere Gedanken noch öfter in die schönen Verhältnisse in der Fremde fast mit Heimweh zurückkehrten. Da aber immer genügend Beschäftigung wartete, (siehe Chronologie) , und meine Frau am Hauswesen, Garten usw. auch Arbeit hatte, so gewöhnten wir uns leicht an die neuen Verhältnisse. Zur Abwechslung trugen Besuche bei den Kindern in Basel und St. Gallen, sowie unsere schönen Reischen und für mich im besondern manche Bergtour viel dazu bei, dass uns die Zeit schnell und angenehm verstrich. Von 1925 an wurde meine liebe Ehehälfte leider kränklich und musste Herz- und Leberleidens wegen einige Male ins Spital verbracht werden. Die Kuren halfen vorübergehend etwas; aber das Übel besserte nie ganz. Nach der Heimkehr aus dem Stadtspital von Chur, im Oktober 1930, verschlimmerte sich ihr Zustand, so dass die Liebe bettlägerig wurde, bis zu ihrem Tode, am 26. Februar 1931, morgens um fünf Uhr. Die Beerdigung fand am 28. an einem Samstag statt. Das Grab der teuren Verbliebenen ziert ein gefälliges Denkmal aus Diabas (Grünstein) mit dem verdienten Spruch:
«Nach tugendhaftem Wandel hienieden
ruhe im Jenseits in Gottes Frieden.»
Da meine Kinder auswärts wohnen, so stand ich nach 47 Jahren glücklicher Ehe mit 77 Jahren wieder allein; ein harter Schlag für einen alten Mann. Was tun? Ich erinnerte mich des Leitspruchs, den meine Mutter selig öfter zum Trost in Nöten aussprach:
«Auf Gott vertrauen; dann auch den eignen
Kräften etwas zutrauen und nie den Mut verlieren!»
So gelang es mir, den schweren Schicksalsschlag würdig zu überwinden, und da mir, Gott sei Dank, noch immer gute Gesundheit beschieden ist, so hoffe ich mit Gottes Beistand noch einige Zeit auf der schönen Erde wandern zu können. Hiezu die Bemerkung, dass ich im Jahre 1920 im Bündner Tagblatt - siehe Ausschnitte ungefähr in der Mitte meines dicken Sammelbandes - als verstorben aufgeführt worden bin. Dies trug sich folgendermassen zu: Am Neujahrstag 1920 starb in Engelberg Lehrer J.U. Joos von Trimmis. Ein Freund von ihm und Mitschüler an der Kantonsschule schrieb ihm einen Nachruf. Es war der nachmalige Landammann Gadient von Trimmis. Dieser war auch mein guter Freund in Chur gewesen, wie Joos. Gadient hatte fälschlicherweise von jemand gehört, ich sei gestorben, deshalb schrieb er im Nekrolog den Satz: «Schon manche seiner Klassengenossen sind ihm im Tode vorangegangen, darunter auch der einst so lebensfrohe, junge Hauptmann Sebastian Sutter von Sculms.» Von Kameraden auf diese Unrichtigkeit aufmerksam gemacht, widerrief Gadient seine Angabe im Tagblatt mit liebevollen Worten, indem er mir herzlichen Gruss und Wunsch zu langem, sonnigem Lebensabend entbot. Dreizehn Jahre sind von diesem Wunsche in Erfüllung gegangen. Wieviele noch dazukommen, sei dem Schicksalslauf getrost anheimgestellt.
Liebe Nachkommen: Wenn dann mein letztes Stündlein schlägt, so nehmt den Fall ohne Weinen mit Würde, voller Ruhe auf, besorgt das Begräbnis in möglichster Einfachheit, teilt meinen Nachlass - genauere Angaben darüber sind vorhanden - nach Recht und Gerechtigkeit in vollem Frieden. Als Gedenkzeichen wünsche ich mir einen Gedenkstein. Die Aufschrift darf lauten:
Grabmal für Hauptmann und Lehrer
Sebstian Sutter-Juon 1854 - (1943)
Ein fröhliches Herz und ein friedliches Haus
Machten das Glück meines Lebens aus.
R.I.P.
Zum Schluss und Abschied schreibe ich meinen Lebenslauf zur Erinnerung in gedrängter Kürze in einem Gedicht auf:
Am Lebensabend.
Lasst mich noch in die Saiten greifen,
Akkorde viele, schlagen an,
denn ach, bald wird die Hand mir steifen
so dass ich nicht mehr spielen kann.
Zum Spiel will ich mit Frohmut singen,
von Kindesglück im Elternhaus.
Wie ich mit jugendlichen Sprüngen
im Heimattal zog ein und aus.
Wie ich als Lehrer lieber Kinder
bei vierzig Jahr dann Freude fand,
und wie als Offizier nicht minder
ich diente gern dem Vaterland.
Von Liebesglück soll Kunde geben
mein Spiel, mein Sang gar hell und rein,
und wie die Ehe mir im Leben
verschönert ward durch Sonnenschein.
Auch sonst ist wirklich Glück mir kommen
bis weit ins späte Alter ein,
bis Gott zu sich hat heimgenommen
die liebe, teure Gattin mein.
Nun will mein Singen ganz verstummen,
der Saitenklang ist nicht mehr voll,
und Spiel und Sang ist nur ein Summen,
doch nicht in Dur, vielmehr in Moll.
Und dennoch will ich nie verlieren
den Glauben, wie ein Christ ihn hegt,
dass Gott in Gnaden mich wird führen,
bis auch mein letztes Stündlein schlägt.
Dann lebe wohl, du schöne Welt,
lieb Heimat auf der Erde!
Dann hoff’ ich, dass, wenn’s Gott gefällt,
der Himmel mir zur Wohnung werde!
Versam, den 31. März 1939
Sebastian Sutter