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Beat Hausammann: «Es darf nur eine rote und eine blaue Ecke geben»
25.07.2021 17:17 Uhr
Gregor Stadelmann
Beat Hausamman ist jeder und jedem in der Schweizer Boxszene wohlbekannt. Umso erstaunter war man, als er Ende 2020 seinen Rücktritt als Punkt- und Ringrichter bekannt gab. Ein halbes Jahrhundert trat Beat Hausammann in der Schweizer Boxszene als Protagonist auf und prägte sie zuerst als aktiver Boxer mit zahlreichen Schweizer Meistertiteln und anschliessend als Punkt- und Ringrichter mit über 2’300 betreuten Kämpfen mit.
Sein Vater war als Gipser tätig und war in seiner Freizeit ein begeisterter Musiker. So sah er für seinen Sohn eine Künstlerlaufbahn als Musiker vor. Doch im Jugendalter erlitt Beat Hausammann einen schweren Schicksalsschlag. Mit 12 Jahren wurde er zum Vollwaisen. Ihm wurde ein Vormund als Betreuer gestellt und der Traum vom Konservatorium war unerreichbar. “Er soll was Gescheites lernen”: meinten sein Vormund und die Gemeinde und so startete Beat Hausammann seine Lehre als Maler und Gipser.
In der Gewerbeschule redeten zwei Kollegen immer wieder über einen Boxclub an der Kochergasse und so kam der Gedanke auf, dass Boxtraining zu besuchen. Am vereinbarten Tag im Jahr 1970 hatte Beat Hausammann seine Trainingssachen gepackt, doch seine Kollegen liessen ihn im Stich. Alleine besuchte er das Training beim ABCB Athletic Boxclub. Es ging nicht lange und der drahtige Rechtsausleger stich dem Trainer Charly Bühler ins Auge und dieser lud ihn ins Training zu den Aktiven am Dienstagabend ein.
Es waren die Glanzzeiten des Berners Clubs und ein Schweizermeistertitel war bald das Ziel des jungen Athleten. 1975 war es soweit. Nach dem erfolgreichen Sieg in den Regionalmeisterschaften, erreichte er in La Chaux-De-Fonds das Finale. Live wurden die Meisterschaften im nationalen Fernsehen übertragen, als er sich seinen ersten Meistertitel im Fliegengewicht um die Hüften schnallen durfte. Einen grossen Beitrag leistete der Meistertrainer Alfons Bütler, welcher ihn perfekt vorbereitet hatte und ihn gekonnt zum Sieg coachte.
In den nächsten Jahren gab es kein Vorbeikommen am Rechtsausleger aus Bern. Er holte sich in den nächsten drei Jahren 1976 bis 1978 den Titel im Fliegengewicht. “Meine Beine waren in der Garderobe oft weich wie Pudding, doch sobald der erste Gong erklang, war die Nervosität weg»: meinte Beat Hausammann schmunzelnd. An hochklassigen Sparringspartnern fehlte es ihm zu dieser Zeit im eigenen Boxclub nicht. Unter seinem Trainer Charly Bühler war der Wettbewerb im eigenen Keller oft fast stärker als an den nationalen Meisterschaften und in unzähligen Sparringsrunden mit Fritz Chervet schaute er sich zahlreiche Tricks ab.
Nach vier Schweizermeister Titel war es genug. Beat Hausammann wollte sich auf sein eigenes Maler- und Gipsergeschäft konzentrieren. Doch für sein Training war er immer wieder im ABCB an der Kochergasse anzutreffen. In einem Sparring wollte er einen talentierten Jungen für seinen ersten Boxmatch motivieren. Aus reinem Jux meinte er zu ihm, «wenn du deinen ersten Boxkampf machst, mache ich mein Comeback.» Womit er nicht gerechnet hatte, ein Journalist hatte seinen Spruch aufgeschnappt. Am nächsten Tag stand gross in der Berner Zeitung, dass Beat Hausammann wieder in den Boxring steigt. Und es kam wie es kommen musste. Beat Hausammann gewann seinen fünften Titel im Fliegengewicht. An der vom Boxclub Gloria organisierten Schweizermeisterschaft schloss er seine aktive Karriere als Amateurboxer im Kursaal in Bern im Jahr 1980 mit einem weiteren Triumph ab.
Nach einer Übergangsphase von neun Jahren startete er seine zweite sportliche Karriere als Offizieller. Nach drei Jahren begann er auch im Profiboxen aktiv mitzuwirken. Dies blieb auch Peter Stucki, welcher seine Wurzeln ebenfalls im ABCB Bern hat, nicht verborgen. Bald förderte er aktiv die Karriere des jungen Offiziellen und verschaffte ihm Einsätze für die EBU und IBF auf dem internationalen Parkett. Ob Deutschland, Italien oder Grossbritannien, Beat Hausammann war im Einsatz.
Als Offizieller im Einsatz war es ihm stets wichtig unparteiisch aufzutreten und jede Sportlerin oder jeden Sportler fair zu bewerten, ob es nun der Heimboxer war oder nicht. Urteile der Gefälligkeit zuliebe waren ihm immer zuwider. Diese brachte dem Schweizer den einen oder anderen negativen Artikel in der ausländischen Presse ein. Doch für Beat Hausammann war es stets wichtig, dass es nur eine rote und eine blaue Ecke gibt und beide Athletinnen oder Athleten die gleiche faire Chance auf den Sieg haben.
Folgend sollen exemplarisch Anekdoten aus dem Wirken von Beat Hausammann als Punkt- und Ringrichter aufgeführt werden:
Henry Akiwande vs. Timo Hoffmann um den IBF Interconti-Titel im Schwergewicht
Am 31. Mai 2003 trat Timo “Die deutsche Eiche” Hoffmann in einem Interconti-Titel-Kampf gegen den in London geborenen Henry Akinwande an. Es war der Hauptkampf einer Sauerland-Veranstaltung, welche live im deutschen Fernsehen übertragen wurde. Schon vor dem Kampf war Beat Hausammann klar, dass es einen unsauberen Kampf geben könnte. So besuchte er beide Boxer in ihren Kabinen und ermahnte sie sauber zu boxen, auf seine Kommandos zu hören und auf keinen Fall zu klammern.
Beide Boxer bemühten sich redlich, doch mit der Kampfdauer wurden beide müde und unsauberer. Hinzu kam, dass es ein aussergewöhnlich heisser Tag war und schon bald musste Beat Hausammann die beiden Kontrahenten immer wieder trennen. Nach zwölf Runden war klar, dass es ein knappes Ergebnis geben wurde. Beat Hausammann begab sich zum Delegierten, während die Kämpfer sich ihre Handschuhe ausziehen liessen. In diesem Moment schrie ihn ein Mitglied von Team Sauerland an: “Man hätte ihm für das Klammern einen Punkt abziehen müssen!”. “Welchen von beiden Boxern meinst du’?”: fragte Beat Hausammann nur. Henry Akiwande gewann den Kampf durch Split Decision.
Krawalle auf Korsika
2005 war Beat Hausammann auf Korsika im Einsatz. Auf einer Veranstaltung wurde um drei EBU-Titel geboxt und es wurde ein Fiasko für die Einheimischen. Alle drei Titelkämpfe gingen verloren und die Meute randalierte.
Der Manager eines Boxers verlor komplett die Fassung und ging auf die Offiziellen los. Mit Müh und Not schafften es Beat Hausammann und ein schwedischer Offizieller aus dem Tumult raus und begaben sich in ihre Unterkunft. Zu allem Unglück waren Sie einzeln in kleinen Bungalows im Niemandsland untergebracht, wo nicht sicher war, ob sie in der Nacht noch Besuch erhalten würden. Nach einer unruhigen Nacht waren Sie froh, als das Flugzeug abhob und sie wieder in sichere Gefilde brachte.
Der Abschied von Markus Beyer
Markus Beyer war ein deutscher Profiboxer, welcher WBC-Weltmeister im Supermittelgewicht war. Bemerkenswert war, dass er als dritter Deutsche im Ausland seinen WM-Titel nach Max Schmelling und Ralf Rocchigiani gegen den Briten Richie Woodhall gewann. Im viel zu frühen Alter von 47 Jahren verstarb Markus Beyer 2018 nach einer Krankheit in Berlin.
Markus Beyer trat bis auf einen Kampf immer für die Sauerland Event an. Nach seinem Tod verabschiedete der Boxstall den Athleten mit einer Würdigung am 18. Mai 2018 in der MBS Arena in Potsdam in Brandenburg. Der Hauptkampf wurde von Ronny Mittag gegen Patrick Wojcicki bestritten.
«Die Verabschiedung von Markus Beyer, welcher massgeblich zum Erfolg von Sauerland Events beigetragen hat, war sehr emotional. Die Stimmung in der Halle war unbeschreiblich. Ich werde diesen Moment immer in Erinnerung behalten»: meint Beat Hausammann.
Am 19. Dezember 2020 absolvierte er in einem kleinen Boxkeller in Basel seinen letzten Einsatz. Drei Neo-Profis kamen an diesem Tag zum Einsatz. Beat Hausammann begleitete diese Kämpfe tadellos und fair getreu seinem Motto: “ Es gibt nur eine rote und eine blaue Ecke”.
Neben allen diesen geleisteten Einsätzen und zahlreichen Highlights ist der Leistungsausweis von Beat Hausammann immens. Er wirkte in 87 EBU Titelkämpfen, 43 IBF Titelkämpfen, 4 WBC Titelkämpfen sowie in 18 Titelkämpfen von weiteren Verbänden mit. Notiert in seinen Unterlagen hat er die unglaubliche Anzahl von 2’397 Kämpfen.
Stellungnahme Fäbu Guggenheim: “Im Namen von SwissBoxing danke ich Beätü herzlich für seine langjährige Einsatzbereitschaft und seine Dienste. Er hat als neutraler Offizieller die Werte von SwissBoxing in die Welt hinausgetragen. Dafür möchten wir ihm ein herzliches Dankeschön aussprechen! In der Zukunft hoffen wir, ihn an einem Boxevent oder an Anlässen von SwissBoxing als Besucher zu sehen.”