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Die Geschichte ist bekannt, zumindest unter Lehrerkreisen: Ein älterer Lehrer geht zu Fuss am Strassenrand, als ein blitzblanker, grosser weisser BMW neben ihm abrupt abbremst und stoppt. Die Seitenfenster-Scheibe gleitet nach unten, der Fahrer streckt seinen Kopf halb raus und fragt: «Herr Lehrer, wollen Sie mitfahren?» Der Lehrer, überrascht, bejaht und steigt ein. «Aber Hansli», fragt der immer noch verdutzte Lehrer, nachdem der BMW fast lautlos wieder in Fahrt ist, «du warst doch im Rechnen nicht besonders gut. Wie kommst du zu so einem grossen und teuren Auto?» Hansli am Steuer lacht: «Ja wissen Sie, Herr Lehrer, Sie haben schon recht. Aber es ist ganz einfach: Ich kaufe eine spezielle Sorte von Holzkisten für 5 Franken das Stück und verkaufe sie dann für 8 Franken weiter – und von diesen 3 Prozent Gewinn kann ich ganz gut leben.»
Nein, um reich zu werden, muss man nicht unbedingt gut rechnen können. Schaden allerdings tut’s nicht, wenn man mit Zahlen umgehen kann. Der kleine Kurt, nennen wir ihn gut schweizerisch Kurtli, gehörte zum Beispiel schon früh zu den cleveren Bürschchen. Er machte es so:
Er mietete das Lokal eines pleitegegangenen Stoffladens an der Durchgangsgstrasse in Kurtswil, stellte ein schwarzes USM-Pult rein und zwei üppige schwarze Ledersessel, und an die Schaufensterglasfläche liess er in grossen Buchstaben hinschreiben: Kurt & Kurt, Kleinkredite GmbH, Privatbank. Und natürlich hatte er einen PC, ausgerüstet mit einer Bank-Software.
Schon bald kam der erste Kunde. Nennen wir ihn Herr Karl. Er wollte 5000 Franken, die ihm für ein neues Auto fehlten. Kurt richtete ihm im PC, auf der Seite der Passiven, der Seite der Guthaben der Kunden, ein neues Bankkonto ein und schrieb die 5000 Franken hin, und er verbuchte gleichzeitig auf der anderen Seite, auf der Seite der Kredite, also auf der Seite der Aktiven, der eigenen Guthaben: 5000 Franken Guthaben von Herrn Karl. Damit war die Bilanz seiner Bank wieder ausgeglichen. (Und Herr Karl hatte natürlich nicht bemerkt, dass er sich auf dem Umweg über Kurts Privatbank das Darlehen eigentlich selber gegeben hat – es nun aber «Kurt & Kurt» verzinsen muss …)
Das gleiche wiederholte sich schon am nächsten Tag und dann immer öfter, und je mehr Kurt Geld auslieh, um so grösser war auch das Total auf der Seite der Guthaben. Die Bilanz blieb immer ausgeglichen. Bis am Ende des Jahres.
Ein Ende des Schreckens – oder ein Happyend?
Am Ende des Jahres aber ein Ende des Schreckens? Nein, im Gegenteil: ein Happyend! Denn am Ende des Jahres mussten die Kunden den Zins für ihren Kredit bezahlen: 10 Prozent des ausgeliehenen Geldes. Jetzt war die Bilanz der Kurt & Kurt Kleinkredite GmbH Privatbank nicht mehr nur ausgeglichen, jetzt begann die Privatbank Gewinn zu machen, Vermögen anzuhäufen. Und das Happyend war ja kein Ende, sondern System, es wiederholte sich an jedem Jahresende. Nach ein paar Jahren – Kurtli war mit seiner Privatbank längst in ein repräsentatives Geschäftshaus umgezogen – war aus dem cleveren Kurtli der Banker Kurt Reichmann geworden, mit grossem BMW und einem Porsche für seine Frau, mit einer Ferienvilla an der Côte d’Azur und sogar einer gar nicht so kleinen Yacht.
Was hatte Kurtli besser gemacht als seine Schulkameraden und Schulkameradinnen, Hansli inbegriffen? Er, Kurt, hatte begriffen, dass man mit Geldausleihen viel mehr Geld verdienen kann als mit Arbeiten, und – dies vor allem – dass man, um Geld auszuleihen, gar kein Geld haben muss. Es reicht, das Geld im Computer auf beiden Seiten der Bilanz hinzusetzen: auf der Seite der Kredite und auf der Seite der Kunden-Guthaben. Das Geld musste ja gar nicht existieren, digitale Existenz im Computer genügte vollauf!
Eine frei erfundene Geschichte?
Nein, überhaupt nicht, nur ein bisschen vereinfacht. Denn um eine Privatbank zu eröffnen muss man, zumindest hierzulande, natürlich eine Banklizenz haben, und die kriegt man natürlich nicht, wenn man nicht schon etwas Geld hat – zum Beispiel geerbtes. Und man muss für das ausgeliehene Geld als sogenannte Sicherheit der Nationalbank ein paar Prozente der ausgeliehenen Summe hinterlegen, je nach Umsatz mehr oder weniger, so oder so aber in der Schweiz weniger als 5 Prozent. Um tausend Franken auszuleihen, muss man selber also nicht einmal fünfzig Franken haben, den Zins darf man trotzdem auf den tausend Franken verlangen. Darum haben die Banken ja, wenigstens bis zum Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008, auch immer als Ziel «mindestens 20 Prozent Gewinn auf dem Eigenkapital» angegeben – was eben dann zu erreichen ist, wenn man Zins erhält auf ausgeliehenem Geld, das man gar nicht hat.
Wo aber ist bei Kurtlis Privatbank das Risiko?
Geht Kurtli mit seiner Privatbank nicht auch grosse Risiken ein, Geld zu verlieren? Ein bisschen schon. Wenn Herr Karl sein neues Auto zu Schrott fährt, ohne eine Kasko-Versicherung abgeschlossen zu haben, und sich dabei auch noch arbeitsunfähig schrammt, wird er nicht nur den Zins für die geliehenen 5000 Franken nicht mehr bezahlen können, sondern auch den Kredit selber nie mehr zurückzahlen können. Dann muss Kurtli – oder jetzt eben Kurt – tatsächlich seinen PC in Gang setzen und auf der Aktivseite den gewährten Kredit von 5000 Franken streichen. Dann hat er, nach allen Regeln der Bank-Kunst, einen Verlust eingefahren. Pech gehabt eben. In guten Zeiten eher ein seltenes Ereignis. Wer kauft schon einen neuen Wagen ohne Kasko-Versicherung?
Was aber in schlechten Zeiten?
Ja, wenn Kurtli zu übermütig war und zu viele Kredite herausgegeben hat, deren Rückzahlung unsicher war – wenn er also, wie das heute heisst, auf zu vielen «faulen» Krediten sitzt – dann kann es bei einer Krise zu einer Kumulation von Ausfällen kommen, sodass die Verluste die Gewinne aus den Zinsen übersteigen. Dann kommt es darauf an, wie gross Kurtlis Privatbank schon ist. Ist sie dann noch nicht so gross, muss er sie wohl einer grösseren und erfolgreicheren Bank, die gerne wächst und den eigenen Kundenkreis um Kurts Kundenkreis vergrössern möchte, verkaufen. Oder, der Fall ist allerdings sehr selten, er muss sogar den Konkurs anmelden.
Wenn aus Kurtlis Privatbank aber zwischenzeitlich eine wirklich grosse Bank geworden ist, so eine richtige Bank von der Grösse zum Beispiel der UBS, dann besteht dieses Risiko nicht mehr. Dann gilt nämlich die Regel: diese Bank darf nicht mehr untergehen, weil sonst die ganze Wirtschaft darunter leidet und Schaden nehmen könnte. Dann wird, im Krisenfall, der Staat eingreifen und diese Bank retten. So wie in den Jahren 2008 und 2009 in vielen Fällen geschehen. «Too big to fail», nennt sich dieses System, «zu gross, um unterzugehen» – oder genauer: zu gross, um vom Staat fallengelassen werden zu können. Das Nachsehen haben dann halt die Steuerzahler. Auf seine Villa an der Côte d’Azur und seine Yacht muss Kurt Reichmann dann trotzdem nicht verzichten. Kurt hat den in guten Zeiten gemachten Gewinn ja längst auf sein Privatkonto überschreiben lassen.
Und was sagt der Lehrer dazu?
So richtig versteht der Lehrer das Ganze ja zuerst nicht. Aber er ärgert sich, sein Bauch sagt ihm: das kann nicht sein. Oder viel mehr: das darf nicht sein! Geld «verdienen» statt mit Arbeiten einfach mit Geldausleihen, und zwar mit Geld, das man nicht einmal hat?
Doch der Lehrer wäre nicht Lehrer, wenn er nicht auch neugierig wäre, wie so etwas entstehen konnte und entstehen kann und wie es genau funktioniert. Und vor allem: Was man dagegen machen könnte? Er möchte seine Schüler und Schülerinnen ja schliesslich so erziehen und bilden, dass sie anständige Menschen werden. Was also tun?
In seiner eigenen Bibliothek findet der Lehrer zu diesem Thema nichts. Auch nicht in der Schulbibliothek. Aber im Internet wird er fündig. Es gibt Fachleute, die dieses ganze Unwesen untersucht haben, beleuchten, darüber schreiben. Es gibt Erklärungen, warum das System des Giralgeldes, des Buchgeldes, wie dieses Geld heisst, das nur im Computer existiert, zu Blasen führt – zu Blasen führen muss, die irgendwann platzen. So, wie im Jahr 2008. Und was zu tun wäre, um das Risiko einer solchen Krise zu reduzieren, die Banken zu zügeln, das Geldmachen ohne eigenes Geld einzuschränken.
Die Geldschaffung, das «Herausgeben» von Geld, muss wieder, wie ursprünglich angedacht, zum Staatsmonopol werden. Es darf nur noch Geld in Umlauf kommen, das von einer Zentralbank geschaffen wurde, nicht nur im Computer irgend einer privatwirtschaftlichen Firma. Und seit kurzem weiss der Lehrer nun auch, dass sich da weltweit, vor allem aber in Europa, in dieser Sache etwas bewegt. Die Reformbewegung läuft unter dem Namen Monetary Reform.
Am weitesten fortgeschritten ist die Bewegung in England, hier unter dem Namen Positive Money.
Und natürlich fand er diese Bewegung auch in Deutschland, hier unter dem Namen Vollgeld bzw. Monetative.
Warum nur schreiben die Zeitungen nicht darüber?
Die Zeitungen schweigen. Warum? Der Lehrer kann sich nur etwas vorstellen: Die Zeitungen schreiben nicht darüber, weil die Banken sich gegen eine Reform der Geldordnung wehren. Denn sie, die Banken, wären dabei die Verlierer. Alle anderen, die privaten Kreditnehmer, die geschäftlichen Kreditnehmer, der Staat, unsere ganze Gesellschaft wären die Gewinner einer solchen Reform.
Aber die Zeitungen schreiben nicht darüber. Weil die Banken dagegen sind, und dass die Banken Macht haben, weiss man ja mittlerweile…
Doch seit der Lehrer nun alles selber genau studiert hat, ist er überzeugt: Es gibt einen Weg, um von dieser irren Geldordnung wegzukommen, in der, statt mit Arbeiten, Geld aus Geld gemacht wird, das man nicht einmal hat.
«Herr Lehrer, wollen Sie mitfahren?»
Dass Hansli Kisten für 5 Franken kauft und sie für 8 Franken wieder verkauft und von diesen 3 Prozent, wie er sagt, ganz gut lebt: das ist dem Lehrer heute egal. Hansli hatte eine gute Idee, musste Lieferanten und Abnehmer finden, und er hat ein echtes Risiko, auf den Kisten sitzen zu bleiben. Der Lehrer mag Hansli den Erfolg gönnen. Aber dass Kurtli, schon damals in der Schule ein besonders cleveres Bürschchen, heute als Kurt Reichmann so unanständig viel Geld verdient – nein: nicht verdient, einstreicht! – das nimmt der Lehrer nicht mehr einfach hin. Darüber, davon ist der Lehrer überzeugt, darüber, über das System, das diese Art von Banking ermöglicht, muss endlich öffentlich diskutiert werden!
Die Informationsplattform Infosperber wird seine Leserinnen und Leser über diese Reform-Bemühungen auf dem Laufenden halten.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine