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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

18. Buch
2. Die den Zeiten der Heiligen von Abrahams Geburt an gleichzeitigen Könige und Zeitabschnitte des Weltstaates.
Die Genossenschaft der Sterblichen also, trotz ihrer Ausbreitung nach allen Seiten über die ganze Erde hin und trotz aller Verschiedenheit der Wohnsitze dennoch eng zusammengeschlossen durch eine Art Teilnahme an ein und derselben Natur, ist zumeist wider sich selbst in Spaltung1 ; denn jeder geht seinem Vorteil und seinen Leidenschaften nach, und dabei befriedigt das Erstrebte entweder überhaupt niemand oder doch, weil es nicht das gleiche ist, nicht alle. Daher die Gegnerschaft; und der Teil, der die Oberhand gewinnt, unterdrückt den anderen. Denn dem siegreichen Teil unterwirft sich der besiegte, da ihm Friede und Wohlergehen auch nur in beschränktem Maße doch eben wertvoller sind als Herrschaft und selbst Freiheit, so daß solche, die der Knechtschaft den Untergang vorgezogen haben, Gegenstand hoher Bewunderung geworden sind. Denn fast bei allen Völkern hat sich mit einer Art Naturgewalt die Stimmung geltend gemacht, wenn sie das Los des Unterliegens traf, lieber den Siegern unterjocht zu sein als durch verheerenden Krieg gänzlicher Vernichtung anheimzufallen. Und so kam es, daß unter den Augen der Vorsehung Gottes, in dessen Macht es steht, ob einer im Krieg unterliegt oder obsiegt, die einen mit Herrschaft reichlich begabt, andere dagegen Herrschern unterworfen worden sind. Unter den vielen irdischen Reichen jedoch, in welche die auf irdische Vorteile oder auf Begehrlichkeit gerichtete Genossenschaft auseinanderging [wir nennen diese Genossenschaft mit einem zusammenfassenden Ausdruck den Staat dieser Welt], sehen wir zwei vor den übrigen zu weit größerer Berühmtheit gediehen, zuerst das Reich der Assyrer, dann das der Römer, beide wie der Zeit so dem Raume nach an ihrer eigenen Stelle und voneinander getrennt. Denn wie jenes früher, dieses später, so erhob sich jenes im Morgenland, dieses im Abendland; und mit dem Ende des einen nahm auch schon das andere seinen Anfang. Die übrigen Reiche und Könige erscheinen daneben als eine Art Anhängsel der beiden.
Als Abraham im Lande der Chaldäer geboren ward, regierte in Assyrien bereits Ninus, der zweite König, der seinem Vater Belus, dem ersten König dieses Reiches, gefolgt war2 . Zu jener Zeit gab es auch ein Reich der Sikyonier — freilich ein sehr kleines Reich —, mit welchem Marcus Varro, der Mann der umfassendsten Gelehrsamkeit3 , sein Werk über die Abstammung des römischen Volkes, tief im Altertum ausholend, eröffnet. Von den Königen der Sikyonier nämlich geht er über zu den Athenern, von diesen zu den Latinern und dann zu den Römern. Aber diese Reiche vor der Gründung Roms werden im Vergleich mit dem Reiche der Assyrer als unbedeutend bezeichnet. Immerhin gesteht von den Athenern in Griechenland auch der römische Geschichtschreiber Sallust, daß sie es zu hohem Ansehen gebracht hätten; aber doch mehr dem Rufe nach als in Wirklichkeit. Er läßt sich nämlich also über sie vernehmen4 : „Die Taten der Athener waren auch nach meiner Meinung recht bedeutend und großartig; doch aber nicht ganz so groß, als sie der Ruf preist. Vielmehr werden ihre Taten deshalb in aller Welt so hoch gefeiert, weil sie Schriftsteller von großer Begabung hatten. Infolgedessen gilt der Heldenmut der Männer der Tat für so groß, wie ihn eben hervorragend begabte Geister in Worten zu feiern vermochten.“ Nicht geringer Ruhm erwächst dieser Stadt auch aus Literatur und Philosophie, da vornehmlich dort solche Studien in Blüte standen. Was jedoch die Herrschgewalt betrifft, so war in den ersten Zeiten keine größer als die der Assyrer, keine so ausgedehnt, da ja hier Ninus, der Sohn des Belus, laut der Überlieferung ganz Asien bis an die Grenzen Libyens unterworfen hat, den dritten Erdteil der Zählung nach, aber der Größe nach nicht den dritten Teil der Erde, sondern deren Hälfte5 . Nur über die Inder im Osten seines Reiches herrschte er nicht, aber auch wider sie hat nach seinem Tode seine Gemahlin Semiramis einen Angriffskrieg geführt. So kam es, daß gar alle Völker und Könige, die es in jenen Gebieten gab, der Herrschaft und Gewalt der Assyrer gehorchten und all ihre Befehle vollzogen. In diesem Reiche also, und zwar bei den Chaldäern, wurde Abraham zu den Zeiten des Ninus geboren. Weil uns jedoch die griechische Geschichte viel genauer bekannt ist als die assyrische und die Forschung über die Abstammung des römischen Volkes im grauen Altertum seines Ursprungs die Zeitenfolge über die Griechen zu den Latinern und weiterhin zu den Römern herabgeführt hat, die selbst auch Latiner sind, so müssen wir uns darauf beschränken, die assyrischen Könige, nur wo es nötig ist, wenigstens namhaft zu machen, damit ersichtlich werde, wie Babylonien, gleichsam das erste Rom, neben dem in dieser Welt als Fremdling pilgernden Gottesstaat sich entwickelt. Dagegen müssen wir die Tatsachen und Ereignisse, die zum Zweck der Gegenüberstellung der beiden Staaten, des Weltstaates und des Gottesstaates meine ich, in dieses Werk einzugliedern sind, in der Regel der griechischen und lateinischen Geschichte entnehmen, wo auch Rom selbst, gleichsam das zweite Babylonien, seine Stelle hat.
Zur Zeit der Geburt Abrahams regierte also bei den Assyrern Ninus, bei den Sikyoniern Europs, beide bereits die zweiten Könige; der erste war dort Belus gewesen, hier Ägialeus. Und zu der Zeit, da Gott den Abraham nach dem Abzug aus Babylonien zu einem großen Volke zu machen und alle Völker in dessen Samen zu segnen verhieß, hatten die Assyrer den vierten König und die Sikyonier den fünften; bei den Assyrern regierte nämlich der Sohn des Ninus als Nachfolger seiner Mutter Semiramis, die von diesem ihrem Sohn ermordet worden sein soll, als sie ihn durch blutschänderischen Beischlaf zu entwürdigen wagte. Sie hätte nach manchen Angaben Babylon gegründet; und immerhin mag sie es wieder in Stand gesetzt haben. Wann und wie es wirklich gegründet worden ist, haben wir im sechzehnten Buch erzählt6 . Diesen Sohn des Ninus und der Semiramis, der auf die Mutter in der Regierung folgte, nennen die einen ebenfalls Ninus, andere dagegen Ninyan, ein Name, der von dem des Vaters abgeleitet ist. Bei den Sikyoniern regierte damals Telxion. Unter seiner Regierung ließen sich die Zeitläufe so angenehm und heiter an, daß man ihn nach seinem Tode wie einen Gott mit Opfern und der Feier von Spielen verehrte, und er soll der erste gewesen sein, dem zu Ehren man Spiele verordnete,
1: Vgl. oben XV 4 [2. Band 365].
2: Vgl. oben XVI 17 [2. Band 465 f.].
3: Vgl. oben VI 2 [1. Band 303].
4: Sall. Cat. 8.
5: Vgl. oben XVI 17 [2. Band 466].
6: XVI 4 [2. Band 440].