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Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
Dieser Index Librorum Prohibitorum erschien zuerst anno 1529 und wurde erst 1966 von Papst Paul VI. aufgehoben. In der 32. Auflage (1966) wurden rund 4000 Werke moralisch verwerflicher Art genannt, worunter viele Bücher namhafter Schriftsteller, auf die ich mich hier beschränke. Wer in diesen Index aufgenommen wurde, gilt für mich als wahrer „Preisträger“. Ich meine, dieser Index komme einer Empfehlung wertvoller Literatur gleich. Hier nenne ich einige der „Ausgezeichneten“ kreuz und quer: Honoré de Balzac, Daniel Defoe, Gustave Flaubert, Anatole France, André Gide, Heinrich Heine, Victor Hugo, Maurice Maeterlinck, John Milton, Jean-Jacques Rousseau, Jean-Paul Sartre, Laurence Sterne, Emile Zola. Natürlich fehlt auch Voltaire nicht.
Auch viele erotisch „abwegige“ Literatur ging wider den Strich der katholischen Kirche und wurde als Verstösse gegen die religiöse Moral gebrandmarkt. Lasse ich hier vom Index ab und wende mich meiner Büchersammlung zu, worunter auch erotische Literatur ihren berechtigten Platz hat, oft von berühmten Illustratoren entsprechend veranschaulicht.
Also denn verweise ich auf:
Die grossformatige Ausgabe der „Hetärengespräche von Lukian“, ins Deutsche übertragen von Christoph Martin Wieland (1733–1813, deutscher Dichter und Übersetzer zur Zeit der Aufklärung), mit vielen Steinzeichnungen von Lene Schneider-Kainer, 1920 vom Verlag Julius Bard, Berlin, veröffentlicht. Der Verlag weist auf der letzten Seite darauf hin, dass einige Dialoge nicht aufgenommen wurden, doch diese an Künstler, Gelehrte, Bibliophilen und an solche Personen nachgeliefert werden können, die diese Zugaben „keinesfalls weiterverkaufen oder jugendlichen Personen zugänglich machen“. So viel zur Aufklärung.
Jeder halbwüchsige Lümmel hat heute Zugriff auf die schlimmsten Ausartungen von Internet-Pornographie und braucht längst nicht mehr auf die Klassik der Griechen oder Römer zurückzugreifen.
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Wer hätte gedacht, dass Alfred de Musset (Verfasser der „3 Musketiere“) es so bunt treiben konnte, wie seinem Werk „Gamiani“. Ich blättere jetzt in der deutschen Ausgabe nach (1968 im Merlin Verlag Andreas J. Meyer in Hamburg erschienen und mit keineswegs prüder Grafik von Katinka Niederstrasser verziert). Auch der erwähnte Verlag bestand darauf, dass dieser Band nur gegen schriftliche Erklärung des Kunden abgegeben werde, der er oder sie das 21.Lebensjahr vollendet hat und das Buch als Bücherliebhaber oder Sammler ausschliesslich für den eigenen Bedarf erwerben will. Dieser Kunde soll das Buch „in einem für Jugendliche unzugänglichen Ort aufbewahren“. Ich habe mir als 14-Jähriger einen solchen unzugänglichen Ort im Schlafzimmer meiner Eltern erschlossen und mit Genuss die chinesische Geschichte von „Ming und seinen 6 Frauen“ gelesen. Selbstverständlich zitiere ich nicht aus „Gamiani“.
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Auch Johann Wolfgang von Goethe hat sich in einer leichten Stunde zu einer kurzweiligen Novelle hinreissen lassen – zum Thema: Ehebruch. Leider hat sich das dünnbändige Werklein in meiner Bibliothek schamhaft verkrochen … Vielleicht finde ich es wieder zwischen den 2 Bänden „Die Welt als Wille und Vorstellung“ von Arthur Schopenhauer eingeklemmt (der wohl auch im Index nicht fehlen dürfte). Immerhin bin ich doch noch bei Goethe fündig geworden – und zwar in den „Römischen Elegien“ (mit Originallithographien von A.H. Pellegrini bereichert und 1947 vom Amerbach Verlag in Basel publiziert). Wirklich feinfühlig, wie er schrieb: „Sehe mit fühlendem Aug,/ fühle mit sehender Hand./ Raubt die Liebste denn gleich mir einige Stunden des Tages,/ Gibt sie die Stunden der Nacht zur Entschädigung hin.“
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Dies beweist, dass die Poesie in erotischer Beziehung viel verbrämter ist als die klarsprachige Prosa. In den „Anakreontischen Liedern“, eine Auswahl nach Mörike (1921 vom Amalthea Verlag publiziert, mit Bildschmuck von Otto Friedrich) kann ich endlich noch etwas zitieren, das nicht auf Anhieb Anstoss erweckt:
An ein Mädchen
Nicht fliehen musst du Mädchen,
Vor diesen grauen Haaren!
Nicht, weil der Jugend Blume
Noch herrlich an dir leuchtet,
Verachten meine Gaben.
Sieh nur am Kranze selber,
wie lieblich weisse Lilien
Mit Rosen sich verflechten.*
Für mich sind die französischen Dichter und Schriftsteller eindeutig die Grossmeister erotischer Literatur, meistens stilvoll und sublim, selten derb und geschmacklos geschrieben. Meine letzten Hinweise beschränken sich hier auf „Fortunio“ von Théophile Gautier. Mein Band ist mit 21 Radierungen von Raoul Serres geschmückt. Sein Widmungsexemplar an „Claude“ ist erst noch mit einem Brief dieses wohlbekannten Illustrators begleitet. Text und Bild ergänzen einander vollkommen; und es ist mir ein Vergnügen, ein solches Buch zur Hand zu nehmen.
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Pikanter ist die französische Genre der „Conteurs Galantes“ (galante Erzähler), etwa aus dem 18. Jahrhundert, wie im Doppelband „Florilèges des Conteurs Galantes“ gesammelt (Herausgeber: La Librairie de France, Paris, 1942, von Adrien Bagarry entsprechend eher direkt als diskret bebildert).
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Ich sehe ein: Ich bin meinem Thema abhanden gekommen. Aber ich glaube in der Erotik sollte der Geschmack die Grenzen ziehen, so weitmaschig dieser auch sein mag. Dann gibt es weder des „Fleurs de Mal“ (so genannt nach dem Gedichtsband von Claude Baudelaire) noch „Unkraut“. Es gibt viel Platz in unserer Welt der Vorstellung, der uns von keinem Index geraubt werden darf. Übrigens verfolgte „Die Sûreté Publique“ (öffentlicher Sicherheitsdienst in Frankreich) den Dichter der „Fleurs de Mal“, wegen „outrage à la morale publique“ und „outrage à la morale religieuse (Beleidigung der öffentlichen Moral und der religiösen Moral). Diese Anklage wurde zuletzt aufgehoben. Recht so.
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