Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03130.jsonl.gz/986

Samstag, 09. Januar 2016 23:30
Frontenwechsel: Rocky (Sylvester Stallone) betreut mit Adonis (Michael B. Jordan) den Sohn seines früheren Gegners. Foto: Warner Bros.
Sylvester Stallone zieht Bilanz über sein Leben, seine Karriere und äussert sich zum neusten Rocky-Film «Creed»
«Creed» ist Rockys Starthilfe für eine neue Boxer-Filmserie und ging nicht von Ihnen aus, sondern vom jungen Regisseur Ryan Coogler. Trotzdem: Können Sie mit 69 noch immer nicht loslassen, was Rocky betrifft?
Sylvester Stallone: Ich war traurig, dass die Filmserie mit dem unbefriedigenden «Rocky V» enden sollte, und so war ich froh, dass ich 2006 «Rocky Balboa» drehen konnte. Glauben Sie mir, es ist nicht einfach, einen Film über einen 60 Jahre alten Boxer zu finanzieren. Damit wäre eigentlich die Sache für mich erledigt gewesen, aber da kam dieser Bursche aus Oakland daher, der bei «Rocky IV» knapp auf der Welt war, und kannte die Filme besser als ich. Zuerst wollte ich aber «Creed» mit einem betrübten Rocky nicht machen.
Was hat Sie umgestimmt?
Der Bursche gewann mit «Fruitvale Station» jedmögliche Preise und bekam allerlei Offerten von den grossen Studios. Er wollte um jeden Preis «Creed» machen. Ich habe dann kapiert, dass er so leidenschaftlich bei der Sache ist wie ich damals mit 29. Und meine Frau meinte, ich soll nicht den Feigling raushängen. Ich wollte erst Rocky nicht krank sehen, und ich dachte, das Publikum auch nicht. Aber letztlich ist das ja die Geschichte von Creed und dessen Weg. Mein Weg ist vorbei.
Sind Sie traurig, dass Sie nun die Boxer-Handschuhe ausziehen und als Trainer jenseits der Seile stehen müssen?
Es ist für den Kopf schon hart, die Handschuhe niederzulegen, aber der Körper findet das ganz gut (lacht]). Klar macht es mir weniger Spass, aber ich habe akzeptiert, dass ich jetzt quasi wie einst Burgess Meredith die Trainer-Rolle spiele, und bin dankbar dafür.
Sie haben in einem Interview gesagt, bei «Rocky» hätten Sie alles richtig gemacht, ansonsten bestehe Ihr Leben aus 96 Prozent aus Versagen. Empfinden Sie das wirklich so?
Ich bedaure schon sehr viel. Leider werden wir nicht weise geboren. Meine privaten Beziehungen hätte ich sicher anders angehen können. Ich hätte beispielsweise nicht wegen der aufregenden Dynamik heiraten sollen. So eine Dynamik artet schnell in Krieg aus. Die grosse Aufregung mit meiner Frau jetzt: Im Garten mit unseren kleinen Pommeraner-Hunden spielen – peinlich, ich weiss! Und auch mit den Kindern war es kompliziert. Jetzt lass ich sie mehr machen und versuche, weniger dominant zu sein. Mit drei Töchtern kann ich sowieso nie gewinnen.
Und was bereuen Sie beruflich?
Auch beruflich würde ich heute einiges anders machen. Ich hätte mich am Anfang mehr herausfordern müssen und in Dramen mitspielen sollen. Stattdessen fixierte ich mich nach «First Blood» zu stark auf diese neue Art Action-Filme, die inzwischen niemand mehr macht.
Hätten Sie denn gern Shakespeare gespielt?
Ich wäre sicher nie der grosse Shakespeare-Schauspieler geworden. Aber man kann sich ja Ziele setzen, die man auch erreichen kann. Das macht den wahren Sieger aus: Die Ziele nach den eigenen Fähigkeiten setzen.
Ist das eine Weisheit, die Ihnen Ihr Vater mit auf den Weg gegeben hat?
Meine Eltern liessen sich früh scheiden, und mein Vater beeinflusste mich eigentlich nicht sehr. Er war dieser Typ harter Kerl mit Immigrations-Hintergrund, verschwiegen und eher physisch. Wie Rambo. Ich borgte von meinem Vater das eine oder andere für Rambo. Aber ich glaube nicht, dass ich ihn je richtig gekannt habe. Er verhielt sich auch eher wie ein grosser Bruder als wie ein Vater. Meine männlichen Vorbilder waren die Kino-Helden aus den 50er-Jahren wie Hercules, Sindbad oder Spartacus. Deshalb hat es mich wohl später auch zum Action-Film hingezogen.
Eine weitere Leidenschaft scheint die Malerei zu sein. Sie haben Ihre Bilder auch schon in St. Moritz ausgestellt. Was bedeutet Ihnen das Malen?
Das Malen kam von allem zuerst. Ich war Legastheniker als Kind, nur wusste das niemand. Man dachte einfach, ich sei ein bisschen weichgekocht. Das Malen erleichterte mir das Schreiben, denn wenn ich etwas sehen konnte, konnte ich es nachher besser in Worte fassen. Ich habe auch Rocky zuerst gemalt, bevor ich das Drehbuch schrieb. Ich finde, man sollte alle seine Talente ausschöpfen, das habe ich auch unserem Hauptdarsteller Michael B. Jordan gesagt. Er soll sich früh herausfordern und so viel über das Filmemachen lernen, wie er kann, und nicht erst mit 45 einen Film als Regisseur drehen wollen. Deshalb hat er jetzt bereits ein paar Kurzfilme inszeniert. Wer weiss?, vielleicht wird er Regisseur beim nächsten oder übernächsten «Creed»-Film.
Die «Rocky»-Saga geht also weiter?
Ich hoffe schon, dass es einen weiteren «Creed»-Film gibt. Mich würde es jedenfalls sehr interessieren, wie die Geschichte von Adonis Creed weiter geht. Nicht, wie ich ihn weiter bringen würde, sondern wie Ryan Coogler ihn weiter entwickelt.