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Nein, aber schau dir nur diesen Idioten an, der kann nicht Auto fahren!» Sicher haben Sie schon einmal so von einem anderen Autofahrer gedacht, vielleicht sogar heute. Aber wie der französische Sänger Pierre Perret bereits 1992 sang: «Nous sommes toujours le con de quelqu’un» – wir sind immer jemandes Trottel. Das gilt im Leben wie auf der Strasse. Tatsächlich scheint es, dass die meisten von uns die Grenze zwischen einem guten und einem schlechten Fahrer auf sehr subjektive Weise ziehen. «Die meisten Autofahrer sehen sich selbst als das Mass der Dinge. Sie fragen sich: Wie hätte ich mich selbst in dieser Situation verhalten?», sagt Verkehrspsychologe Uwe Ewert. «Jemand, der von dieser Referenz abweicht, wird demnach negativ beurteilt.» Jemand, der zu schnell oder zu langsam fährt, wird von manchen als schlechter eingestuft. «Es gibt keine allgemein gültige Definition für eine gute Fahrfähigkeit, weshalb subjektive Definitionen auftreten können», schreiben Michael Roy und Michael Liersch, Forscher des National Institut of Health in New York, in einem 2014 erschienenen Artikel. «Beispielsweise kann eine Person es für wichtiger halten, ein zuvorkommender und sicherer Fahrer zu sein, während eine andere Person es für besser hält, ein schneller und aggressiver Fahrer zu sein.» Daniel Menzi, ehemaliger Fahrlehrer und Vorstandsmitglied von Swissdrive, einer Organisation, die sich für die Verkehrssicherheit einsetzt, beobachtet diese Schwierigkeit bei der Definition eines guten Fahrers auch in der Praxis. «Viele glauben, ein guter Autofahrer zu sein, bedeute, über ausserordentliche Fähigkeiten zu verfügen, zum Beispiel in der Lage zu sein, ein Fahrzeug, das ins Schleudern geraten ist, wieder unter Kontrolle zu bringen», erklärt Menzi.
Subjektiv, aber was solls …
Da es keine allgemein anerkannte Definition gibt, wollten Michael Roy und Michael Liersch die Meinung der Bevölkerung in Erfahrung bringen. Sie baten 600 Studierende, sieben Kriterien, die «einen guten Fahrer» ausmachten, nach Wichtigkeit zu ordnen: Aufmerksamkeit, Geduld, Kontrolle der toten Winkel, Einhalten der Geschwindigkeitsbegrenzungen und so weiter. Wenig überraschend variierten die Ergebnisse erheblich, wenn auch die Aufmerksamkeit überwiegend als Eigenschaft Nummer eins des perfekten Fahrers genannt wurde. In einem zweiten Schritt sollten dieselben Befragten dieselben Fähigkeiten nicht aus ihrer Sicht, sondern aus der Perspektive anderer klassifizieren. Mit diesem Experiment wollten die Forscher zeigen, dass die Bezeichnung «guter Autofahrer» sehr subjektiv ist und dass sich die Autofahrer dessen mehr oder weniger bewusst sind.
Das Resultat zeigte, dass die Befragten wissen, dass ihre Definition eines guten Autofahrers vielleicht nur ihre eigene ist, aber dass sie das nicht davon abhält, sich trotzdem für ausgezeichnete Autofahrer zu halten. Michael Roy und Michael Liersch drücken es im «Journal of Applied Social Psychology» klar aus: «Für einige Autofahrer könnte ihre Fähigkeit, am Steuer SMS schreiben zu können, eine der Eigenschaften sein, die sie in ihren Augen zu einem einzigartigen und erstklassigen Autofahrer machen. Oder zumindest macht sie das Schreiben von Nachrichten am Steuer ihrer Auffassung nach nicht zu schlechten Fahrern.»
Diese Tendenz, sich selbst besser als andere zu sehen, wird durch einen weiteren Teil der Studie von Roy und Liersch bestätigt. Die Forscher baten die Teilnehmenden, ihre Fähigkeiten am Steuer im Vergleich zu anderen zu bewerten. Die Befragten halten sich im Durchschnitt für bessere Fahrer als 70 Prozent der anderen Autofahrer – ein Resultat, das sich mit demjenigen früherer Untersuchungen deckt. 2003 veröffentlichte das «Journal of Safety Research» eine Studie von Allan Williams, in der sich 673 von 909 Verkehrsteilnehmern als besser einstuften als ein durchschnittlicher Fahrer. Alles in Allem halten sich 74 Prozent der Autofahrer für besser als der Durchschnitt – sehr zur Belustigung der Statistikexperten.
Selbstüberschätzung als Gefahr
Das Problem ist, dass diese krasse Überschätzung der eigenen Fähigkeiten nicht nur eine Form von Narzissmus ist, sondern eine Gefahr für die Verkehrssicherheit darstellen kann. Leider ist diese geringe Fähigkeit, sich selbst in Frage zu stellen, bei den Männern ausgeprägter als bei den Frauen. «Wenn sie Auto fahren lernen und etwas nicht schaffen, dann geben die Männer in 80 Prozent der Fälle dem Auto die Schuld dafür», sagt Daniel Menzi. «Eine Frau ist viel selbstkritischer, sie fragt sich, warum sie die Aufgabe nicht schafft, und fragt nach Tipps, um sich zu verbessern.» Auch Uwe Ewert kommt den Herren nicht zu Hilfe: «Frauen sind beim Autofahren viel objektiver und selbstkritischer.» Ältere Personen, die in den Unfallstatistiken überrepräsentiert sind, seien auch schneller bereit, sich in Frage zu stellen, fährt Uwe Ewert fort: «Sie wissen, dass ihre kognitiven und physischen Fähigkeiten mit der Zeit abnehmen. Einige stellen fest, dass sie nicht mehr so gut fahren wie früher, weshalb sie ihren Führerausweis freiwillig abgeben.» Der Verkehrspsychologe betont allerdings, dass der Fall von älteren Personen eine Ausnahme bleibe, es komme selten vor, dass Menschen wüssten, dass sie schlecht fahren. «Ich denke, dass jede Person versucht, entsprechend ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten das Beste zu tun. Jemand hat das Gefühl, gut zu fahren, aber die anderen Autofahrer sehen das nicht so.»
Unfallzahlen als Konsens
Verständlicherweise scheint die Objektivität von dieser Flut an Idiosynkrasie, in der sich jeder selbst als Referenz nimmt, weggespült zu werden. Dennoch geben die Forscher die Hoffnung nicht auf, eine objektive Definition für einen guten Fahrer zu finden. «Man sollte beide Ansätze kombinieren, indem man für den subjektiven Ansatz zum Beispiel Studien mit Autofahrern durchführt», schlägt Nicolas Kessler von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) vor. «Für den objektiven Ansatz könnten wir uns vorstellen, Sensoren an einem Auto anzubringen, um die Längs- und Querbeschleunigung des Fahrzeugs und die Einhaltung der Linien auf einer standardisierten Strecke zu messen.» Alles in Allem unterscheidet sich der von der BFU vorgeschlagene Ansatz technisch nicht von demjenigen einiger Versicherer, die eine Blackbox anbieten, die das Verhalten der Versicherten auf der Strasse aufzeichnet. Dieses nachträglich eingebaute Gerät überwacht eine bestimmte Anzahl Parameter wie die Beschleunigung oder das Bremsen, um zu bestimmen, wer ein guter und wer ein schlechter Fahrer ist. Wer abrupt bremst oder stark beschleunigt, wird als eher unvorsichtig eingestuft und erhält in der Folge keinen Prämienrabatt.
Nach diesen von den Versicherern festgelegten Kriterien scheint die Verkehrssicherheit ein objektives Element für die Definition eines guten Fahrers zu sein. Ein Ansatz, der bei Uwe Ewert Anklang zu finden scheint: «Das Unfallrisiko, die Anzahl und die Schwere der Unfälle können oft als objektive Kriterien genommen werden, um zu bestimmen, ob eine bestimmte Personengruppe besser oder schlechter fährt.» Dieser minimale Konsens über die Sicherheit ist aber nicht neu und nicht überraschend. Auch Politiker haben verstanden, dass das Versprechen von mehr Sicherheit durch weniger Unfälle ein Argument ist, das schwierig zu kontern ist. Und es ermöglicht, drakonische Massnahmen umzusetzen. Via sicura lässt grüssen.