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- Im Auftrag der US-Regierung dokumentierten Fotografen in den 1930er-Jahren die Armut Amerikas – sie setzen damit neue ästhetische Massstäbe.
- Die Fotografin Dorothea Lange schoss 1936 das Porträt einer Mutter, das mehrfach in Zeitungen abgedruckt wurde und politische Wirkung hatte.
- Zur selben Zeit schoss der Schweizer Fotograf Theo Frey Bilder in armen ländlichen Gebieten, um damit Hilfsaktionen zu begleiten.
Die Krisengebiete Amerikas beleuchten
Amerika im Jahre 1936. Es ist die Zeit der Weltwirtschaftskrise und der grossen Depression, die die USA in ungeheurem Ausmass trifft. Unter dem Titel des «New Deal» ergreift der damalige US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt ein ganzes Massnahmenpaket, um den desolaten Zustand der amerikanischen Wirtschaft zu überwinden.
Um die Reformen durchzubringen, braucht er den Rückhalt von Öffentlichkeit und Politik. Zu diesem Zweck wird 1935 die «Farm Security Administration» (FSA) gegründet.
«Diese Agentur beauftragte ausgewiesene Fachleute wie Dorothea Lange und Walker Evans, in die Krisengebiete Amerikas zu reisen und fotografische Zeugnisse mitzubringen», erläutert Peter Pfrunder, Direktor der Fotostiftung Schweiz.
Neue Sachlichkeit
So entstand eines der umfassendsten Dokumentationsarchive, das je von einer politischen Behörde in Auftrag gegeben und finanziert wurde. Die betont sachliche, dokumentarische Fotografie, die sich seit den 1920er-Jahren deutlich von malerischen und idyllisierenden Lichtbildern abgrenzte, gelangte zu ihrer ersten grossen Blüte.
Die FSA-Fotografen leisteten einen wesentlichen Beitrag zur internationalen Verbreitung eines dokumentarischen Stils. «Man erkannte, dass die Fotografie auch politische Inhalte transportieren, dass sie die Menschen sensibilisieren und mobilisieren kann», so Pfrunder.
Roosevelt und seine Administration setzen diese Erkenntnis strategisch ein, um diejenigen Bilder zu gewinnen, welche ihrer Kampagne und Propaganda zuträglich sein würden. «Das waren Bilder von Menschen, die am meisten von der Wirtschaftskrise betroffen waren und die in ihrer Tragik begründen sollten, weshalb es die geforderten Reformen brauche.»
Ein kleines Wunder
Eine dieser Fotografien ist «Migrant Mother» von Dorothea Lange. Sie entstand 1936 und zeigt die 32-jährigen Florence Thompson, eine Erbsenpflückerin im Bundesstaat Kalifornien.
«Dass dieses Bild entstand, grenzt an ein kleines Wunder», schmunzelt Pfrunder. Denn Dorothea Lange war nach einem anstrengenden, regnerischen Arbeitstag mit vielen Negativen im Gepäck unterwegs nach Hause, als sie aus dem Augenwinkel eine kleine Tafel sah, die auf das Erbsenpflückerlager in der Nähe von Nipomo hinwies.
Lange fuhr 20 Meilen weiter und focht während dessen ein Kampf mit sich selbst aus – schliesslich wendete sie den Wagen und fuhr zurück.
Das Bild wird zur Ikone
«Sie beschreibt dies nachträglich als ein Gefühl eines Magnets, einer höheren Macht, welche sie an diesen Ort zurückzog.» Fast instinktiv fand Lange das Zelt, in der die sechsfache Mutter mit einem Baby im Arm sass.
Das Foto war ein grosser Erfolg. «Es wurde als aufwühlendes Dokument und Zeugnis der Wirklichkeit mehrfach in Zeitungen abgedruckt und hat auch zur finanziellen Unterstützung der Notleidenden führt. Später hat das Foto eine unglaubliche Ikonisierung erfahren, die es zu einem der berühmtesten Bilder der Fotogeschichte macht», so Pfrunder weiter.
Das Schweizer Pendant
Die Bestrebung, mit Fotografie etwas zu bewirken, sie politisch zu nutzen und auf Missstände hinzuweisen, gab es auch in Europa. In der Schweiz steht mitunter der Luzerner Fotograf Theo Frey für dieses Anliegen.
«Frey kannte die Notsituationen in den armen ländlichen Gebieten und wollte die Öffentlichkeit darüber aufklären. Er benutzte seine Fotografien, um Hilfsaktionen zu begleiten und wehrte sich dagegen, als Künstler bezeichnet zu werden.»
Eine Mutter aus dem Entlebuch
In seinem fotografischen Werk gibt es ein Bild, das man als Pendant zu «Migrant Mother» von Lange betrachten kann. Die Komposition ist elf Jahre später entstanden und verblüffend ähnlich.
Auf dem Bild sind Rosa Felder mit ihren Söhnen Josef und Toni zu sehen. «Frey erzählt, er habe die achtfache Mutter im hintersten Entlebuch, in Flühli, gefunden. Fünf Stunden von der letzten Bahnstation entfernt.»
Darf man das?
Ähnlich wie Florence Thompson wurde die Familie auf diesem Bild zum Symbol für Armut und gesellschaftliche Aussenseiter, was für die Betroffenen nachträglich befremdend wirkte. Speziell Thompsons Tochter kritisierte später, dass Lange sich durch das Bild ihrer in Armut verharrten Familie bereicherte, ja schliesslich dadurch weltberühmt wurde.
An dieser Stelle muss sich die Dokumentarfotografie die unbequeme Frage gefallen lassen. Ob es korrekt ist, das Schreckliche ästhetisch in Szene zu setzen, um sich daran – wenn auch negativ – zu delektieren und die Menschen in dieser Situation ewig fotografisch einzufrieren.
Peter Pfrunder
Peter Pfrunder ist Direktor der Fotostiftung Schweiz. Er hat unter anderem ein Buch über den Luzerner Fotografen Theo Frey verfasst. In der aktuellen Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz beleuchtet er das Werk des Tessiner Fotografen Roberto Donetta – auch er ein Pionier der dokumentarischen Fotografie.
Dorothea Lange
Dorothea Lange (1895-1965) gilt als Mitbegründerin der Dokumentarfotografie und ist eine der bedeutendsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts. Die 1936 entstandene Fotografie «Migrant Mother» ist Langes berühmtestes Werk.