Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03352.jsonl.gz/3667

Villa ‹Le Lac› Le Corbusier – Vom Loch in der Mauer und anderen Experimenten
Das 300 qm2 Grundstück liegt am östlichen Ende des Genfersees, in dem Dorf Corseaux und besitzt direkten Seezugang. Das schmale Grundstück mit einer geringen Tiefe erlaubte die Disposition des 16 Meter langen und 4 Meter breiten Gebäudes mit seiner Längsseite nach Süden. «Der Plan passt auf das Gelände wie ein Handschuh», schrieb Le Corbusier und bezeichnete es als ‹Wohnmaschine›. Le Corbusier verwendete diesen Begriff für den von ihm angestrebten neuen Wohnhaustyp, dessen Innenräume ineinander übergehen, wie später in den verschiedenen Unité d‘Habitation in Frankreich und Berlin.
Die Anordnung der Räume folgt dem Ablauf der einzelnen Tätigkeiten, während die Grundfläche für die jeweilige Funktion auf ein Minimum reduziert wird. Die Grundfläche der Villa ‹Le Lac› Le Corbusier errechnet sich mit allen Nebenräumen auf 64 Quadratmeter. Die Höhe der Räume beträgt 2,5 Meter. Le Corbusiers Eltern bezogen die Villa 1924. Der Vater, Georges Edouard Jeanneret, verstarb nach einem Jahr. Le Corbusiers Mutter, Marie-Charlotte Amélie Jeanneret-Perret bewohnte das Haus bis ins Alter von 101 Jahren. Nach ihrem Tod wurde das Haus von seinem Bruder, dem Musiker Albert Jeanneret, von 1960 bis 1973 bewohnt.Bereits im Jahr 1931 installierte Le Corbusier ein Sprungbrett an der Ufermauer. Da er nicht alleine schwimmen wollte, wird er ein paar Jahre später versuchen, seinem Bruder Albert Schwimmkurse zu geben – auf dem Briefweg! In einem Brief vom 24. August 1934 beschreibt Le Corbusier tatsächlich die Art des Schwimmens, die Position des Körpers und die des Kopfes und erklärt, wie man atmet und wie man die Füße positioniert. Vergeblich, Albert lernte nie schwimmen…
Mit ihrem puristischen Stil gilt die Villa ‹Le Lac› Le Corbusier als Meilenstein. Ein Meisterwerk aus Erfindungsgabe und Funktionalismus. Dieses Labor der Moderne zählt zu einer der persönlichsten und einfallsreichsten Werke des Architekten. 2016 wurde die Villa neben 16 weiteren Le Corbusier Bauwerken in die UNESCO Liste für Weltkulturerbe aufgenommen.
Das Loch in der Mauer – architektonische Besonderheiten
Von der Straße (1) gelangt man durch das Portal (2) an der Nordseite zum Hauseingang (3). Zur Rechten findet sich die Garderobe (4), direkt daneben liegt die Küche (5), Waschküche (6) mit gegenüberliegender Wäschekammer (11) und der Ausgang zum Hof (7). Von Anfang an war geplant, das Grundstück auf der Grenze mit einer zwei Meter hohen Umfassungswand zu umgeben, die nur im Bereich der nach Süden gelegenen Hausseite auf Terrainhöhe abgesenkt ist. Der Zweck dieser Mauer versperrt die Aussicht in den Norden, Osten und teilweise nach Süden und Westen. Le Corbusier schrieb hierzu: «Die allgegenwärtige und übermächtige Landschaft auf allen Seiten wirkt ermüdend. […] Um der Landschaft mehr Gewicht zu verleihen, muss man sie einschränken, ihr ein Maß geben; den Ausblick durch Mauern versperren, die nur an bestimmten strategischen Punkten durchbohren sind und die Sicht freigeben. […] Der Garten wirkt durch die Eingrenzung wie ein grüner Saal.» Die Südmauer wird durch einen viereckigen Ausschnitt (14) durchbrochen, der den Blick auf den See und die Berge freigibt und für Schatten sorgt. Hier ist eine Tischplatte mit in die Mauer verbaut. Neben der Türe ins Esszimmer ist ein Sitzplatz (13), das Dach darüber wird von zwei Säulen getragen. Geht man auf der Seeseite am Haus entlang, erreicht man an eine Außentreppe über welche man auf den Dachgarten (15) gelangt. Die Terrasse ist mit einem Geländer gleich der Konstruktion einer Schiff Reling eingefasst.
Im Inneren sah das Grundkonzept vor, dass der Wohnraum (8) und das Schlafzimmer (9) mit angrenzendem Bad (10) durch das Tageslicht der horizontalen Fenster, dem Hauptelement des Hauses, erhellt werden. In seinem Buch «Une petit Maison» beschreibt Le Corbusier, wie die Villa dem Verlauf der Sonne folgt: «Die aufgehende Sonne wird von einem schrägen Oberlicht eingefangen und vollzieht im Laufe des Tages ihren Kreislauf vor unserem Hause.» Im Ostteil befindet sich ein kleines Esszimmer (12) mit Waschbecken und Schlafmöglichkeit. Nachdem die Straße ausgebaut wurde, hat Le Corbusier ein Gästezimmer (nicht nummeriert) für sich und seine Frau und eine zusätzliche Mauer als Schutz vor dem Straßenlärm errichten lassen. Das Gästezimmer ist mit zwei übereinander liegenden Betten ausgestattet, daneben findet sich ein Podest, das als Kommode dient und auf dem ein Tisch und Stuhl platziert sind, welche vor einem Fensterband stehen. Das Zimmer wird über eine Außentreppe auf dem Hof der Nordseite erreicht.
«Um der Landschaft mehr Gewicht zu verleihen, muss man sie einschränken, ihr ein Maß geben; den Ausblick durch Mauern versperren, die nur an bestimmten strategischen Punkten durchbohren sind und die Sicht freigeben.»
- Le Corbusier -
1927 publizierte Le Corbusier eine Reihe von architektonischen Prinzipien, den ‹Fünf Punkten einer neuen Architektur›, die er zur Grundlage seiner Entwürfe machte. Bereits Jahre zuvor experimentierte Le Corbusier mit diesen Prinzipien an der Villa ‹Le Lac›, welche drei der ‹Fünf Punkte einer neuen Architektur› erfüllt: Der Dachgarten ist mit einer Außentreppe an der Nordseite erreichbar und mit Erde Pflanzen bedeckt. Der freie Grundriss, der es durch bewegliche Trennwände erlaubt die Gästeunterkünfte individuell zu untergliedern sowie das 11 Meter lange Fenster an der Südseite, welches den Innenraum in Licht taucht.
Farbgestaltung in Le Corbusiers Villa ‹Le Lac›
Für Le Corbusier war Farbe die vierte Dimension der Architektur. Bereits in seinen frühen Jahren als Architekt experimentierte er viel mit architektonischer Farbgestaltung. So auch in der Villa seiner Eltern. Im Garten – dem «grünen Saal» wie ihn Le Corbusier nannte – wird der Blick durch die weiße Ufermauer gebrochen. Vom Boden bis zur Tischfläche liegt die rohe Steinmauer frei. Sie scheint eine Reflektion der stillen Seeoberfläche zu sein, wie sie durch den Ausschnitt in der Mauer zu sehen ist.
Im Inneren liegt in allen Räumen brauner Linoleumboden aus, welcher an die Erde, auf der wir gehen erinnern soll. Die Mauer unter dem Fensterband ist rotbraun gehalten, welche die Fläche im Raum fixiert. Die Ostwand des Wohnzimmers sowie das festinstallierte Möbelelement erstrahlen in hellem Coelinblau, das den Raum größer erscheinen lässt und die Empfindung einer Wasserlandschaft oder Himmel vermittelt, welche durch die Horizontalfenster auf der gegenüberliegenden Seite reflektiert werden. Auch das Esszimmer erfährt eine optische Erweiterung durch ein leuchtendes Ultramarin. Im süd-westlichen Teil ist das Schlafzimmer in einem hellen Sienaton gehalten, der dem Bewohner Wärme und Behaglichkeit vermitteln soll. Dieser Farbton wirkt besonders bei Sonnenuntergängen dynamisch und strahlend. Das Gästezimmer im Anbau soll durch seine blaue Farbgebung, genau wie das Wohnzimmer, größer erscheinen als es tatsächlich ist. Wände und Objekte in Coelintönen werden in die Ferne gerückt oder sind kaum wahrzunehmen.
Photography Copyright
©FLC/ADAGP
©Les Couleurs Suisse AG
©Villa ‹Le Lac› Le Corbusier/ Patrick Moser
Villa ‹Le Lac› Le Corbusier
Die Villa ‹Le Lac› Le Corbusier bietet nicht nur Ausstellungen über Le Corbusier, sondern auch generell über Architektur. U.a. Vergangene Ausstellungen von FOLDING COSMOS, Adrien Couvrat, Alberto Sartoris und René Burri. Öffnungszeiten bis September 2018: Freitag, Samstag und Sonntag von 11.00 bis 18.00 Uhr
Villa ‹Le Lac› Le Corbusier
Route de Lavaux 21
CH-1802 Corseaux
Schweiz
Kommentare
Keine Kommentare