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Florin Talpes, ein Mathematiker und begnadeter Turniertänzer, führt den Softwarekonzern Bitdefender
Marco Kauffmann Bossart, Bukarest · Rumäniens erfolgreichste Softwarefirma legte ihren Grundstein in einem Bukarester Plattenbau. Florin Talpes und seine Frau Mariuca betrachten eine Foto von 1990: ein klobiger PC auf dem Stubentisch ihrer Wohnung. «Ein Gerät aus Westdeutschland auf Miete», so erinnert sich Florin Talpes. Auf dem Bild sieht man noch drei Mitarbeiter, konzentriert stapelweise Papier studierend, daneben eine Pinnwand mit Kreisen und Pfeilen. Ein anderes Büro befand sich in der Küche. Vom unternehmerischen Eifer unberührt blieb einzig das Zimmer der kleinen Zwillingssöhne.
Es waren die turbulenten Monate nach dem Sturz des Diktators Nicolae Ceausescu. Unter dem kommunistischen Regime hatten die beiden Mathematiker am staatlichen Institut für Computerforschung ein Programm für Wettervorhersagen entwickelt.
Sie gehörten zur intellektuellen Elite, litten aber, wie die Durchschnittsbevölkerung, unter der Mangelwirtschaft. «Milch, Fleisch, Eier – alles fehlte», sagt Mariuca, die jeweils mit der Rationierungskarte in der Kolonne anstand und trotzdem mit leeren Händen nach Hause ging. Im Dezember 1989 demonstrierten sie gegen Ceausescu und rannten zurück in ihre unterkühlte Wohnung, als plötzlich Sicherheitskräfte auf die Protestierenden zielten und Kugeln den beiden um die Ohren pfiffen.
Mit dem Sozialismus kollabierte auch das Bildungs- und Forschungswesen. Florin und Mariuca Talpes hängten die Jobs am staatlichen Institut im Januar 1990 an den Nagel und gründeten ihre erste Firma, Softwin. Florin Talpes’ Schwiegermutter hielt den Schritt in die freie Unternehmerwelt für Wahnsinn, der Schwiegervater, ein beliebter Volksschauspieler, steckte ihnen 300 $ zu. Das junge Paar gab sich fünf Jahre Zeit: Entweder würde sich der Erfolg einstellen oder sie würden auswandern. Den ersten Kunden hielt ihnen ein früherer Arbeitskollege zu. Der französische Hersteller eines Computerspiels stand vor dem Problem, dass sich der Tennisball auf dem Bildschirm seltsam ruckartig bewegte. Die Zeit drängte wegen einer bereits angekündigten Produktlancierung. So liessen die Franzosen Florin Talpes und einen Mitarbeiter nach Paris einfliegen. «Wir wurden skeptisch beäugt, schliesslich kamen wir aus dem Ostblock», so erinnert sich Talpes an den ersten Kontakt mit westlichen Kunden. Nach 24 Stunden Brüten im Hotel fand er heraus, wo es klemmte. Mit den Algorithmen habe etwas nicht gestimmt, erzählt der IT-Pionier.
Heute arbeiten die Talpes, er als CEO, sie als Chefin des Lernprogramm-Anbieters Intuitext, in einem Bukarester Geschäftshaus. Im Büro des Co-Gründers hängt eine Eigenkreation von der Decke. Talpes bastelte aus Hüten aus der Region Transsylvanien Lampenschirme und stülpte sie grossen Glühbirnen über. Auf dem Büchergestell aus Metall liegen neben Management-Büchern handgeschnitzte Kochlöffel rumänischer Bauersfrauen. Der Kleinbetrieb einiger Tüftler ist zu einem Unternehmen mit 1400 Mitarbeitern herangewachsen, das seit 2001 als Bitdefender firmiert und dessen Produkte 500 Mio. Kunden vor Computerviren schützen.
Trotz einem Firmensitz in Kalifornien sowie Niederlassungen in Dubai und in sechs europäischen Ländern versteht sich Bitdefender als rumänisches Unternehmen, zumal die ganze Forschung und Entwicklung in Bukarest angesiedelt ist. Der Skandal um den russischen Konkurrenten Kaspersky Lab wegen vermuteter Verbindungen zum Kreml rückte ins Bewusstsein, dass in der IT-Sicherheit die Nationalität eine Rolle spielt. Als Nato- und EU-Mitglied sei Rumänien gut positioniert, glaubt Florin Talpes. Offenbar liefen zahlreiche Kunden von Kaspersky zu Bitdefender über.
Ungeachtet des rasanten Wachstums des Unternehmens plagen die Firmengründer keine Rekrutierungsprobleme. Das rumänische Bildungssystem setzte schon vor der Wende stark auf mathematische und technische Fächer und bringt dadurch genügend Nachwuchs hervor. Das Lohngefälle zu Europa und Amerika treibt qualifizierte Fachkräfte ins Ausland. Bitdefender unterstützt daher ein Institut des Mathematikers und Politikers Nicusor Dan. Dieser hatte an einer Pariser Eliteuniversität doktoriert und baut in Bukarest eine ähnliche Institution auf. Es brauche Entwicklungsmöglichkeiten für Begabte, um diese im Land zu halten, begründet Florin Talpes das Engagement.
Mariuca und Florin Talpes sind nicht nur beruflich ein Paar, sondern auch als Turniertänzer. Mit Foxtrott, Tango und Quickstepp gingen sie als rumänische Sieger in ihrer Alterskategorie hervor. In der Mittagspause trainieren sie täglich in einem Studio unweit des Büros. Sorge um das Gewicht motivierte den CEO zum Tanzsport. Jetzt halten es beide für die beste Medizin, um abzuschalten und die Beziehung in Schuss zu halten.
Im Gegensatz zu anderen Rumänen, die es nach dem Fall des Kommunismus schnell zu Wohlstand gebracht haben, strahlen Florin und Mariuca Talpes ein wohltuendes Understatement aus. An Markenkleidung scheint ihnen wenig gelegen zu sein, und sie wohnen noch immer im selben Block wie früher. Aussen sehe es alt aus, sagt Florin Talpes und ergänzt verschmitzt: «Aber innen ist alles neu.»