Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03301.jsonl.gz/1779

Höhere Lebenserwartung, mehr Schulbildung, weniger Krankheiten. Entwicklungshilfe ist nicht fragwürdig, sondern muss dringend erhöht werden.
New York, ein Jahr vor dem 11. September 2001. Auf dem Uno-Millenniumsgipfel, der bis dato grössten Zusammenkunft von Staats- und Regierungschefs, einigen sich die TeilnehmerInnen auf einen Massnahmenkatalog mit dem übergeordneten Ziel, die Armut in der Welt bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Die Industriestaaten verpflichten sich zum wiederholten Male, ihre Entwicklungshilfe auf 0,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu erhöhen. Was ist aus diesem Versprechen geworden? Und was bringt Entwicklungshilfe überhaupt?
Im Kalten Krieg diente sie den westlichen Mächten im Wesentlichen als Kampfmassnahme gegen den Kommunismus, und auch heute verwenden die grossen Industriestaaten einen beträchtlichen Teil der Hilfsgelder zur Förderung eigener geostrategischer Interessen. Umso wichtiger ist die Entwicklungshilfe kleinerer Industriestaaten wie der Schweiz: Nicht zuletzt aufgrund des Engagements von lokalen sozialen Bewegungen und Hilfswerken gelingt es bisweilen, die schweizerischen Hilfsgelder fernab von machtpolitischen Erwägungen und den Partikularinteressen der hiesigen Exportindustrie zweckmässig einzusetzen. Am erfolgreichsten sind dabei Programme, bei denen die Direktbetroffenen mitreden können. Solche Projekte stärken die Zivilgesellschaft: die Verhältnisse der Benachteiligten verbessern sich nur dann nachhaltig, wenn diese unmittelbar für ihre eigenen Interessen einstehen und Einfluss auf wirtschaftliche und politische Entscheidungen ausüben können.
Auch in den Bereichen Gesundheit und Bildung wurden durch Entwicklungshilfe beachtliche Fortschritte erzielt: Selbst deren prominentester Kritiker, der US-Ökonom William Easterly, räumt ein, dass durch Entwicklungszusammenarbeit die durchschnittliche Lebenserwartung in den Entwicklungsländern in den letzten vierzig Jahren von 48 auf 68 Jahre gestiegen ist, dass die Kindersterblichkeit heute dreimal tiefer liegt als vor vierzig Jahren, und dass der Anteil der Kinder mit Grundschulbildung von 1990 bis 2005 von 63 auf 83 Prozent gestiegen ist.
Seit 1970 sank der globale Anteil von Analphabetinnen von 45 auf 18 Prozent. Auch im Kampf gegen Krankheiten gibt es erhebliche Erfolge: So wurden die Kinderlähmung in Südamerika und die Pocken, an denen zuvor jährlich zwei Millionen Menschen starben, weltweit ausgerottet. Dank Druck aus Kreisen der Entwicklungszusammenarbeit ist die Zahl der HIV-Infizierten in armen Ländern, welche lebensverlängernde Medikamente erhalten, von rund 200 000 auf 1,6 Millionen gestiegen. In vielen Gebieten hat Entwicklungshilfe zur Verbesserung von Bodenfruchtbarkeit, zur Diversifikation der Produktion und zu besseren Vermarktungsmöglichkeiten beigetragen und damit die Ernährungssicherheit erhöht. Im Durchschnitt hat sich in den afrikanischen Staaten der Anteil der Bevölkerung mit Zugang zu sauberem Wasser von 1970 bis 2000 verdreifacht.
Trotzdem gibt es Kreise, die den Sinn der Entwicklungshilfe infrage stellen. Bundesrat Christoph Blocher sagte im September 2006, die Entwicklungshilfe an Afrika verpuffe nutzlos, und man könne den Kontinent entweder sich selber überlassen oder «die afrikanischen Länder wieder kolonisieren». Wäre die Schweiz eine ehemalige Kolonialmacht gewesen, hätte ihn diese Aussage angesichts der während der Kolonisation begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit die Karriere gekostet.
Blochers Ausfälle haben Methode. Als Gründungspräsident der politischen Kampforganisation «Arbeitsgruppe Südliches Afrika» unterstützte er das südafrikanische Apartheidregime bei seinem Versuch, die Mehrheit des Landes zu unterdrücken.
Auch wenn diese ideologisch motivierte Kritik ins Leere geht: Selbst unter idealen Umständen erfüllen nicht alle Hilfsgelder ihren ursprünglichen Zweck. Doch mit der Erhöhung der Entwicklungshilfe nehmen auch die Erfolge zu, die durch ebendiese erzielt werden. Nun liegt es in der Schweiz wiederum an der Zivilgesellschaft, den nötigen Druck auf Regierung und Parlament auszuüben, damit diese ihr Versprechen einhalten. Denn die Verpflichtungen der Millenniumsdeklaration zur Erhöhung der Entwicklungshilfe nehmen die PolitikerInnen nur dann ernst, wenn sie durch entsprechendes Aufbegehren in der Bevölkerung in der innenpolitischen Agenda Einzug halten.
Grégoire Vuilleumier tritt unter dem Namen Greis als Rapper und WOZ-Kolumnist auf.