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Zum ersten Mal haben Forscher nachgewiesen, dass Tiere so wie Menschen ihr eigenes Gesicht auf einem Foto erkennen können. In zwei früher durchgeführte Studien (Deutsche Zusammenfassungen: Kohda 2019, 2022) haben diese Wissenschaftler anhand des Spiegel-Markierungstests den Beweis erbracht, dass sich Putzerlippfische (Labroides dimidiatus) im Spiegel erkennen. Nun sind sie einen Schritt weiter gegangen und haben mit Verhaltenstests gezeigt, dass sich die Fische tatsächlich am eigenen Gesicht und nicht einfach an ihren Körperbewegungen im Spiegel erkennen.
Was sagt der Spiegeltest aus
Das Spiegelexperiment bzw. der Spiegel-Markierungstest wird durchgeführt, um zu untersuchen, ob Tiere sich ihrer selbst bewusst sind. Eine Reihe von Tierarten hat bisher den Test bestanden: Sie erkennen ihr Spiegelbild als ihr eigenes Selbst und versuchen die Markierung, die zuvor auf ihrem Körper angebracht wurde, zu entfernen.
Allerdings gibt es bis heute Diskussionen darüber, wie aussagekräftig der Test tatsächlich ist. Denn man versteht noch nicht genau, wie sich die Tiere erkennen. Menschen wissen, wie sie aussehen. Sie haben eine persönliche, innere Wahrnehmung ihrer selbst und erkennen sich sowohl im Spiegel als auch auf Fotografien, also auf unbewegten Bildern.
Bei Tieren hingegen könnte es sein, dass sie sich aufgrund ihrer Körperbewegungen im Spiegel erkennen, also eher eine äusserliche Wahrnehmung ihrer selbst haben. Würden sie sich aber auch auf Fotografien erkennen, wäre das ein Hinweis, dass sie ebenfalls eine innere Vorstellung von sich selbst haben.
Das ist ein Foto mit meinem Gesicht
Als erstes untersuchten Kohda und Kollegen, ob die Putzerlippfische Fotos von ihrem Gesicht und von denjenigen fremder Fische unterscheiden können. Die präsentierten Fotos waren immer ausserhalb des Aquariums angebracht und jeweils zusammengesetzt aus dem eigenen Gesicht und Körper oder dem fremden Gesicht und Körper sowie die Kombinationen daraus. Gegenüber dem eigenen Gesicht zeigten die Putzerfische mit Spiegelerfahrung keine Aggression, die Fotos mit einem fremden Gesicht griffen sie hingegen an. Dabei spielte die Art des Körpers auf dem Foto keine Rolle. Die Putzerfische können also ihr Gesicht auf einer Fotografie erkennen.
Modellfotografien der Putzerfischen, die in Experiment 1 verwendet wurden. (A) Gesichter von Fokusfischen und (B) ein Beispiel für die im Versuch verwendeten Fotomodelle. SS, Selbst; UU, unbekannter Fisch; Selbst-Gesicht/unbekannter Körper, SU; und unbekanntes Gesicht/Selbst-Körper, US. © Kohda et al. PNAS 2023
Der Fisch auf dem Foto bin ich
Als nächstes untersuchten sie, ob die Putzerfische in den Fotos ihrer Gesichter lediglich vertraute Artgenossen erkennen. Dazu wurden die Fische nebeneinander in Aquarien gehalten, und die Fische bauten innerhalb von ein paar Tagen eine tolerante, nachbarschaftliche Beziehung auf. Das nennt man eine dear enemy relationship: Konkurrenten werden als Nachbarn toleriert, solange sie ihr Territorium nicht verlassen. Verletzen sie diese Regel und verlassen das Territorium, werden sie bei ihrer Rückkehr attackiert.
Für den Test simulierten sie diese Situation, in dem sie einen Sichtschutz zwischen den Aquarien installierten. Zeigten sie den Fischen anschliessend die Fotos der zwar vertrauten, aber eben unzuverlässigen Nachbarn, reagierten sie aggressiv und noch aggressiver auf gänzlich unvertraute Fische. Die Putzerfische erkennen sich also auf dem Foto mit ihrem Gesicht als sich selbst.
Der Fisch im Spiegel bin ich
Zum Schluss untersuchten die Autoren der Studie, ob sich die Fische im Spiegel tatsächlich als sich selbst wahrnehmen. Dazu präsentierten sie den Fischen Fotos von ihrem Gesicht mit markierter Kehle. Die Fische hatten vorher keine Erfahrung mit Markierungen gemacht. Tatsächlich versuchten sie, den Fleck mit Kratzen zu entfernen. Hingegen kratze sich keiner der Fische an der Kehle, wenn man ihnen ein Foto von ihnen ohne Markierung oder dasjenige eines vertrauten Fischs mit Markierung an der Kehle präsentierte.
Aus den Ergebnissen dieser Verhaltenstests lässt sich schliessen, dass sich Putzerfische im Spiegel demzufolge nicht an ihren Körperbewegungen erkennen, sondern dass ihr Verhalten eine selbstbezogene Reaktion ist und sie analog zum Menschen sich selber an ihrem eignen Gesicht erkennen.
Schnappschuss der Videoaufnahme des Foto-Markierungstest. Das Video ist auf der Publikationsseite zu sehen.
In der Versuchsanordnung zum Foto-Markierungstest hängt ein Bild des Fisches mit einer Markierung ausserhalb des Aquariums. Dieser Fisch hatte den Spiegel-Markierungstest zwei Monate zuvor bestanden. Der Fisch kratzte sich innerhalb von 30 Sekunden zehn Mal an der Kehle. Das zeigt, dass er sich auf dem Foto als sich selbst erkennt. © Kohda et al., PNAS 2023
Putzerlippfische haben ein inneres, persönliches Bild von sich
Wie diese und andere Studien ergeben haben, erkennen Putzerlippfische Artgenossen an ihren Gesichtern. Viele sozial lebende Fische können individuelle Unterschiede in Gesichter erkennen und zwischen vertrauten und unvertrauten Artgenossen unterscheiden. Daher vermuten die Autoren, dass die Fähigkeit, das eigene Gesicht zu erkennen, aus dieser Fähigkeit und somit schon früh in der Evolutionsgeschichte entstanden ist.
Dass sich Putzerfische und andere Individuen auf Fotos erkennen können, zeigt, dass sie über sowohl über ein mentales Bild ihrer selbst als auch von anderen Individuen verfügen. Es erleichtert ihnen das schnelle Erkennen anderer Individuen und das Anpassen ihres Verhaltens. Diese Fähigkeit lässt vermuten, dass auch Putzerfische eine persönliche, innere Vorstellung von sich selbst haben.
Viele, aber nicht alle Tiere bestehen den Markierungs-Spiegeltest. Die Autoren vermuten, dass die Markierung für diese Arten biologisch zu wenig relevant ist. Daher regen sie an, die Test mit den Fotografien als Alternative anzuwenden, insbesondere bei den Arten, bei denen der Spiegeltest ungeeignet scheint. Diese Tests könnten Hinweise liefern, ob sich die Tiere auf Fotografien erkennen und sie somit ein mentales Bild von sich selbst haben.