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Urs Faes wurde 1947 geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugendjahre im aargauischen Suhrental. Nach einer Ausbildung zum Primarlehrer studierte er an der Universität Zürich Geschichte und promovierte mit einer Dissertation über die europäisch-afrikanischen Kulturkontakte im Kolonialismus. Danach arbeitete er als Journalist für das Radio und für verschiedene Zeitungen. Ausserdem war er freier Mitarbeiter am Kleintheater Claque in Baden und verbrachte längere Auslandaufenthalte in Irland, Nord- und Südamerika. Sein literarisches Wirken begann als Lyriker: Noch während des Studiums erschien Faes’ erster Gedichtband Eine Kerbe im Mittag (1974). Faes verfasste Erzählungen, Theaterstücke und Hörspiele, erlangte aber vor allem mit seinen Romanen grössere Bekanntheit. Seit Webfehler (1983) erscheint alle zwei bis vier Jahre ein neues Buch. Zu den wichtigsten Romanen seines kontinuierlichen Werkes zählen Augenblicke im Paradies (1994), Und Ruth (2001), Liebesarchiv (2007) oder Paarbildung (2010). Faes war bis zu deren Auflösung 2002 Mitglied der Gruppe Olten und wurde im Rhythmus von zwei bis vier Jahren mit Werkbeiträgen oder Literaturpreisen ausgezeichnet. Seine Werke liegen in mehrere Sprachen übersetzt vor.
Seit 1997 lebt Faes als freier Schriftsteller in Zürich und in San Feliciano in Umbrien, wo er Ende der 1980er-Jahre auf der Rückreise von Rom einen Schreib- und Rückzugsort fand. Die sagenumwobene Gegend rund um den Trasimenischen See, die Faes in einer Wochenendreportage in der Neuen Zürcher Zeitung beschrieb (3./4. Mai 1997), taucht als Szenerie auch im Roman Ombra aus dem Jahr 1997 auf. Die Landschaft Umbriens mit ihren Ebenen, Hügeln, Olivenbäumen, brauntönigen Schattierungen und kleinen, mittelalterlichen Städten ist Schauplatz der puzzleartigen Geschichte, die gleichzeitig Biografie eines Renaissance-Malers, seltsame Liebesgeschichte und Aufzeichnung der Suche nach einem verschollenen Freund ist. In dieser Gegend, die dem Autor aus eigener Erfahrung vertraut ist, spielt Faes’ fiktive Erzählung über Piero della Francesca, den bedeutenden Maler aus dem 15. Jahrhundert, dessen Bilder der Autor aus den Kirchen, Kapellen und Museen Umbriens kennt. In zwölf Kapiteln erzählt Ombra ausserdem von der Suche nach Lem, dem verschwundenen Freund des Ich-Erzählers. Die Anzahl der Kapitel entspricht dabei den zwölf Tafeln des Freskenzyklus, in dem della Francesca zwischen 1453 und 1466 in der Bacci-Kapelle der Basilika San Francesco in Arezzo die Kreuzeslegende gestaltete. Der Roman thematisiert, wie in einem Werk Wirklichkeit und Erfindung zusammenhängen. Aus der Gegenwart heraus wird in erzählerisch differenzierter Perspektive der Blick auf die Renaissance gerichtet und mit mehrfachen Spiegelungen und Projektionen gespielt. Die Reise in den Süden ist hier weniger Aufbruch als vielmehr Rückschau und Vergewisserung über Gewesenes und Versäumtes. Wie auch andere Werke Faes’ weist die Geschichte verschiedene offene und verdeckte Bezüge zwischen dem Autor und den Figuren beziehungsweise der Erzählstimme auf.
Die Referenz auf San Feliciano wiederholt sich später auch im Roman Paarbildung (2010). Darin hält sich der Protagonist Andreas Lüscher ebenfalls in einem Dorf in Umbrien auf, das ihm in einer Art von intensivierter Wahrnehmung zu einem Ort der Vergegenwärtigung von Vergangenem wird.
Quellen
- Urs Bugmann, Spiegelungen in Urs Faes‘ umbrischer Landschaft, in: Corinna Jäger-Trees und Hubert Thüring (Hg.), Blick nach Süden. Literarische Italienbilder aus der deutschsprachigen Schweiz, Schweizer Texte, Neue Folge, Band 55, Zürich: Chronos, 2019, S. 323–337.
- Homepage von Urs Faes, www.ursfaes.ch (4.7.2019).
- Eintrag zu Urs Faes auf SRF Ansichten, https://ansichten.srf.ch/autoren/urs-faes/ (4.7.2019).
- Urs Faes, Im Land der Sibylle, in: Neue Zürcher Zeitung (23./24.11.1996), S. 77–79.
- Urs Faes, Wo Jerusalem an den Tiber kommt, in: Neue Zürcher Zeitung (3./4.5.1997), S. 101–103.
- Archiv Urs Faes, Schweizerisches Literaturarchiv (SLA), Bern