Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03619.jsonl.gz/1644

Benz – diesen Namen kennt jeder Autonarr. Gemeint ist der Ingenieur Carl Benz, der als Vater des Automobils gilt. Zum Durchbruch seiner Erfindung verhalf jedoch seine Ehefrau Bertha Benz mit einer wahnwitzigen Pionierfahrt. Diese Fahrt und die damit verbundene Geschichte des Autos lassen sich in Baden-Württemberg nacherleben.
Mitte der 1880er-Jahre schreitet die Moderne mit Siebenmeilenstiefeln voran: In Karlsruhe werden elektromagnetische Wellen erzeugt, über Frankreich kreist das erste steuerbare Luftschiff, die europäische Bahnverbindung nach Konstantinopel wird vollendet, in London und Antwerpen finden Weltausstellungen statt – und Dr. Carl Friedrich Benz baut 1886 den dreirädrigen «Benz Patent-Motorwagen Nummer 1», sein erstes Automobil mit Verbrennungsmotor. Aus diesem Prototypen entwickelt der Ingenieur, den «Benz Patent-Motorwagen Nummer 3», den er 1886 unter der Reichsnummer 37435 patentieren lässt und für 3 000 Goldmark zum Kauf anbietet. Doch obwohl Carl Benz sein Werk technisch permanent verbessert und dessen Ausstattung ausbaut, bleibt der pferdelose Wagen als Höllenwerk verschrien, wofür Benz während seiner kurzen Fahrten in Mannheim beschimpft und wegen Ruhestörung gebüsst wird. Wissenschaftler verbreiten im Verbund mit der Eisenbahnlobby die Ansicht, die «motorisierte Erschütterungsmaschine» schädige Gehirn und innere Organe der Fahrer. Zwei Jahre nach der Patentierung interessiert sich bloss ein Franzose für das motorisierte Fahrzeug. Bis Bertha Benz das Steuer in die Hand nimmt.
Verbotene Fahrt mit dem Teufelskarren
Die Ehefrau des Ingenieurs machte sich am 5. August 1888 auf, von Mannheim südwärts nach Pforzheim zu fahren, um ihre Mutter zu besuchen. Carl Friedrich Benz war zu jenem Zeitpunkt von den Behörden nicht befugt, ausserhalb von Mannheim zu fahren. Deshalb stimmte er wohl der Fahrt seiner Frau zu. Ihn konnte das Gesetz nicht belangen, wenn sie ohne sein Wissen gegen das Fahrverbot verstiess. So kam es dann, dass «ein Weibsbild, das ins Haus gehörte», einen selbst fahrenden «Teufelskarren» lenkte, der damals in Mannheim verrufen und wegen Gefährdung der Fuhrwerke polizeilich verboten war. Bertha Benz wollte mir ihrer Fahrt einerseits die Tauglichkeit der «pferdelosen Kutsche» beweisen, um ihrem Mann Mut zu machen und anderseits Aufsehen erregen, um Käufer für seine geniale Erfindung gewinnen.
Zündung mit Strumpfband repariert
Die geschichtsträchtige Fahrt war keine Spritztour, sondern eine anstrengende Reise. Bertha Benz isolierte unterwegs ein kurzgeschlossenes Zündkabel mit einem Strumpfband, reinigte auf offener Strecke die verstopfte Treibstoffleitung mit einer Hutnadel, liess von einem Schmied die Antriebskette kürzen und von einem Schuster die Holzbremsen mit Leder überziehen, womit sie gleich noch den Bremsbelag erfand. Sie fand für alles eine Lösung. Weil dem Motorwagen ein Kraftstofftank fehlte, kaufte Bertha Benz in mehreren Dörfern bei Apothekern literweise Ligroin, ein Leichtbenzin auf Erdölbasis, das damals als Reinigungsmittel diente und das sie in den Vergaser füllte. Mehrmals mussten Bertha Benz nach Wasser suchen, um den Motor zu kühlen. Bertha Benz legte die 106 Kilometer lange Strecke in rund zwölf Stunden zurück. Der Plan ging auf. Obwohl manche Zaungäste das Gefährt für einen Vorboten des Jüngsten Gerichts hielten.
Entscheidend verbessert
Nie zuvor hatte sich jemand mit einem Automobil über eine kurze Testfahrt hinausgewagt und eine derart weite Strecke zurückgelegt. Die dreitägige «Tour gegen Sitte und Anstand» von Bertha Benz war die erste motorisierte Überlandfahrt überhaupt und machte sie als erste Fernfahrerin weltbekannt. Weitaus wichtiger aber war, dass die Fahrt in aller Leute Munde war und bestehende Vorbehalte potenzieller Kunden zerstreute. Carl Benz verbesserte die Konstruktion seines Automobils in zwei Punkten entscheidend: Er baute einen zusätzlichen, kleinen Gang ein, um starke Steigungen bewältigen zu können. Und er montierte Lederbeschläge auf die Bremsbacken, um deren Wirkung und Lebensdauer zu erhöhen. Mit der Fahrt seiner Frau als «Proof of Concept» eilte Carl mit einem seiner Modelle zu einer wissenschaftlichen Ausstellung in München. Alle liebten seinen Motorwagen – und bestellten. Von da an waren der wirtschaftliche Erfolg der Firma Benz und der weltweite Durchbruch des Automobils nicht mehr aufzuhalten, das bald der Oberschicht als Statussymbol und Repräsentationsobjekt diente.
Probefahrt mit Langzeitwirkung
Heute würdigt die «Bertha Benz Memorial Route» in Baden-Württemberg die wirkungsvolle Probefahrt. Die insgesamt 194 Kilometer lange Strecke führt gleichzeitig zu Schauplätzen der legendären Fahrt und durch das schöne Weinbaugebiet von Baden. Sie beginnt in Mannheim, wo Carl Benz seine erste Werkstätte hatte. Unterwegs lohnt es sich, in Ladenburg das Automuseum Dr. Carl Benz zu besichtigen. Zur hochkarätigen Sammlung historischer und noch immer fahrtüchtiger Fahrzeuge gehört ein Patent-Motorwagen von 1888. Keine Autostunde von Pforzheim entfernt liegt Stuttgart mit dem spektakulären Automobilmuseum «Mercedes-Benz Welt». Einzig der «Patent-Motorwagen Nummer 3» fehlt, mit dem Carl und Bertha Benz das Autofahren in Gang brachten. Er steht als ältestes, komplett erhaltenes Automobil der Wwelt seit über hundert Jahren im Science Museum in London.