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Wenn der pensionierte Informatiker Ruedi Ruchti in Räterschen die WoZ zu lesen beginnt, hört er zuerst das Inhaltverzeichnis. Er ist seit Geburt blind. Er hat die Zeitung sofort abonniert, als sie im Oktober 1981 estmals erschein und von der Schweizerischen Bibliothek für Blinde und Sehbehinderte (SBS) ins Angebot aufgenommen wurde. Bis zur Pensionierung hat er häufig im Zug gelesen, seither liest er zuhause, den Walkman auf anderthalbfache Geschwindigkeit eingestellt. So werden die Stimmen der Sprecherinnen Dagmar Bürger oder Anna Maria Tschopp, die sich abwechseln, zwar zu «Micky-Maus-Stimmen», wie er sagt, aber es lässt sich zeitsparend lesen. Woran er seine Freude hat: wenn Tschopp bei sinnentstellend gedruckten Fehlern als «Anmerkung der Sprecherin» ihre Vermutung abgibt, was die WoZ eigentlich hätte sagen wollen.
Heimarbeit einer Alleinerziehenden
Zürich, Hardau: Am Fenster steht ein kleiner Schreibtisch, drauf ein grosses Mikrofon und ein Notenständer ohne Fuss, mit einer Wäscheklammer daran fixiert der «Monde diplomatique» vom März. Draussen die Spitzen von Pappeln, dahinter das Triemli, darüber im Mittagslicht der Üetliberg. Anna Maria Tschopp beginnt zu lesen: «Warum gerade jetzt. Von Ignacio Ramonet. Dass in der Auseinandersetzung um den Irak-Krieg etwas Grundsätzliches auf dem Spiel steht, ist mit Händen zu greifen…» Aufrecht sitzt sie auf einem schwarzen Holzstuhl, im Schoss in beiden Händen die Fernsteuerung des grossen Kassettengeräts, das neben ihr auf einem leeren Tablar des Büchergestells aufzunehmen begonnen hat.
«Ich habe damals mit meiner kleinen Tochter Katharina gelebt, in einer WG in Hinteregg, und konnte deshalb wenig Theater spielen, was ja eigentlich meine Hauptarbeit wäre», erzählt sie. 1985 erhält sie den Tipp, dass die Blindenbibliothek immer wieder Leute suche, um Periodika und Bücher auf Band zu sprechen. Sie meldet sich, wird zum Probelesen eingeladen, man ist mit ihr zufrieden, gleichzeitig gibt ein Kollege seinen Job ab: «So bin ich zur WoZ gekommen.» Seither spricht sie diese Zeitung auf Tonband, zuerst jede Nummer, seit Jahren nun abwechselnd mit einer Kollegin jede zweite Woche; jeden zweiten Monat zudem den «Diplo», dazu Reise-, Musik- und Literaturbeilagen.
Wie liest man Klammereinschübe? Wie Fussnoten? Wie WoZ-Satzungetüme, die vor lauter Nebensätzen den Hauptsatz nicht mehr finden? Wie signalisiert man ein Zitat, wenn es nicht mit einem Verb wie «sagte» oder «schrieb» eingeführt oder ausgeleitet wird? Die WoZ prima vista perfekt auf Band zu sprechen gelingt nicht immer. Wenn sich Anna Maria Tschopp verliest, tastet ihre linke Hand am Kassettengerät auf dem Büchergestell blind nach dem richtigen Knopf, das Band spult zurück bis zur letzten grösseren Pause, einem Satzende, im Lautsprecher erklingen die letzten zwei, drei Wörter dieses Satzes, ein Knopfdruck, Tschopp liest in perfektem Bühnendeutsch nahtlos weiter, in der warmen, melodiösen Stimme klingt ein Hauch Oberwallis mit: Sie ist als Jüngste von acht Geschwistern in Visp und Leukerbad aufgewachsen.
«Die Arbeit für die Blindenbibliothek ist mein einziges regelmässiges Einkommen», sagt sie. Sie ist auf Umwegen zur Schauspielerei gekommen: Ausbildung zur Primarlehrerin in Menzingen (ZG), später Ausbildung zur Sekundarlehrerin an der Universität Bern, Unterricht in Wünnewil (FR), schliesslich, 29-jährig, Theaterpädagogik an der Schauspielakademie in Zürich. Der Abschluss fiel 1980 mit der Geburt der Tochter zusammen. Seither hat sie sich als freischaffende Schauspielerin durchgeschlagen: Spatz & Co., Theater Sgaramusch, Theater M.A.R.I.A, Theater Bruchstein, Hörspiele für das Radio, Fernseh-Gute-Nacht-Geschichten für die Kinder auf Walliser Deutsch, dazwischen Werbeaufträge. Zurzeit arbeitet sie für das Theater Kanton Zürich und das Mo Moll Theater in Wil. Dass ihre Tochter «güet graatud», sei ihr wichtiger gewesen als zeitaufwendige Engagements in Ensembles. Fehlen die Aufträge als Schauspielerin, nimmt sie zusätzliche Arbeit von der SBS an – letzthin hat sie für einen Studenten ein Buch über Pädagogik und Philosophie «aufgesprochen»: «Das war wirklich sehr interessant.»
Sechs Stunden Tonband
Manchmal reinigt Anna Maria Tschopp den Tonkopf und die Antriebsröllchen des Aufnahmegeräts mit einem Wattestäbchen und Isopropylalkohol, bevor sie zu lesen beginnt. Dann spricht sie als Erstes die Nummer der Zeitung, ihren Namen als Sprecherin und das Inhaltsverzeichnis mit sämtlichen redaktionellen Beiträgen der entsprechenden Ausgabe. Dieses Verzeichnis muss sie sich herausschreiben, weil sie wegen des Papierraschelns die Zeitung nicht blätternd vorstellen kann. Übersprungen werden lediglich die Inserate, die Bildlegenden und jene «Kultour-de Suisse»-Hinweise, die nicht mehr aktuell sind. An den Schluss jeder Kassette kommt als Orientierungshilfe für die Leser und Leserinnen zudem ein Kassetten-Inhaltsverzeichnis. Eine WoZ Ausgabe füllt ungefähr vier Neunzig-Minuten-Kassetten. Bezahlt wird für die sechs Stunden Band die doppelte Zeit, der Stundenansatz liegt bei 35 Franken. Am stimmschonendsten ist die Arbeit, wenn sie zwischen Donnerstag und Sonntag in vier dreistündigen Sitzungen gemacht werden kann. Weil Tschopp als Schauspielerin unregelmässig unterwegs ist, kommt es freilich vor, dass sie an einem Tag zwei oder gar drei Kassetten bespricht.
Wenn sie am Montag die vier Kassetten mit der neuen WoZ bei der SBS vorbeibringt, setzt sie sich am Albisriederplatz in den 33er-Bus. «Natürlich ist das für mich ein Brotjob» sagt sie. «Aber ich bin auch sehr froh, muss ich nicht ’20 minuten’ verteilen.» Sie mache ihre Arbeit gerne, weil sie sinnvoll sei. Zudem passe ihr die WoZ: «Ich hatte sie abonniert, bevor ich sie auf Band zu sprechen begann.» Und noch etwas: «Diese Arbeit liegt in meinem Fach. So habe ich ein Feld für regelmässiges Sprechtraining.» Am Manesseplatz steigt sie aus, geht die Üetlibergstrasse hinauf, vorbei an der Bahnhaltestelle Binz, danach die erste Strasse rechts, das dunkelgelbe Bürohaus: Das ist die neue SBS.
PC-Stimme oder menschliche Stimme?
Im Februar – just zum 100jährigen Bestehen der «Blinden-Leihbibliothek», wie sie 1903 hiess – hat die SBS hier zentrale Räumlichkeiten bezogen. Zuvor arbeitete man an drei verschiedenen Adressen in Albisrieden, dazu kam ein Studio in Bern. Nun gibt es hier im zweiten Stock neun Studios, sechs für Zeitschriften- und Buchproduktionen sind bereits in Betrieb. Während verschiedene Zeitschriften in so genannten Stafettenlesungen möglichst schnell gelesen werden, geht es bei den belletristischen «Buchaufsprachen» darum, möglichst schöne Interpretationen zu erhalten, die über den Tag hinaus verwendet werden können. Die extrem zeit-, kosten- und personalintensiven Lernmaterialien für blinde Studierende finanziert die Invalidenversicherung IV zu hundert Prozent, vom übrigen Aufwand der SBS übernehmen Bund, Kantone und Gemeinden die Hälfte, für den Rest ist sie auf Spenden angewiesen. Die Masterbänder werden heute digitalisiert ausgeliefert und vor allem Fachliteratur am PC so bearbeitet, dass sich die Lesenden mit einer Art «Discman» möglichst bequem und umfassend durch den Text navigieren können. Dagegen sind die Orientierungshilfen auf analogen Produktionen beschränkt: Anna Maria Tschopp setzt nach jedem gelesenen Artikel ein akustisches Signal, das auf speziellen Geräten im Schnellvorlauf gut hörbar ist. So kommt man dank dem nummerierten Inhaltsverzeichnis und dem Abzählen der Signale zum gewünschten Artikel.
Anna Maria Tschopp weiss, dass das Publikum ihre Kassetten zum Teil mit erhöhter Laufgeschwindigkeit «querliest». Stressen lässt sie sich deswegen nicht: «Wenn ich in einem Affenzahn lesen würde, würde ich auch über alle Inhalte hinweglesen», sagt sie, «für mich ist das Lesetempo dadurch begrenzt, dass der Sinn erfassbar bleiben muss.» Sie weiss aber auch, dass es heute Computerprogramme gibt, die Texte akustisch umsetzen, also vorlesen können. «Ich persönlich finde das jenseits», sagt sie, «wenn du den Sinn eines Textes, der ungestaltet an dein Ohr kommt, selber erschliessen musst.» Ruedi Ruchti sieht das anders: Um sich zu informieren, ist ihm der sprechende Computer unterdessen zum unverzichtbaren Hilfsmittel geworden. So ist es ihm möglich, sich alle gängigen Textdokumente von Word bis Excel, aber auch gescannte Texte vorlesen zu lassen – wirklich unverständlich sind nur die Tabellen, und stösst das Programm auf ein Bild, so schweigt die Stimme ratlos. Das Hörbeispiel, das Ruchti durchs Telefon vorspielt – eine etwas strenge Männerstimme – ist gut verständlich. Möglich ist, die Laufgeschwindigkeit, sowie Geschlecht und Alter der Stimme zu verändern. Ruchti resümiert: «Die PC-Stimme ist Information, die menschliche Stimme ist ein Genuss.» Menschliche Stimmen transportieren eben mehr als Information. Anna Maria Tschopp erwähnt Stefan Kellers Reportagen: «Dieser sachliche Ton, der unter die Haut geht, gerade weil mit ihm derart Grauenhaftes erzählt wird – wenn ich das laut lesen muss, kann es vorkommen, dass die Stimme zu flattern beginnt und mir die Tränen kommen.» Natürlich stelle sie dann das Band ab und warte, bis sie sich beruhigt habe: «Aber vielleicht hört man trotzdem etwas.»
Der Versand an die AbonnentInnen
Mit dem Abliefern der vier «Mutter-Kassetten» an der Grubenstrasse hat Anna Maria Tschopp Feierabend. Jetzt beginnt der Versand. Täglich werden bei der SBS alle retournierten Tonbandzeitschriften-Kassetten über das Magnetfeld einer Löschstrasse geschickt und so wieder überspielbereit gemacht. Zwölf solcher Kassetten können danach gleichzeitig neben die «Mutterkassette» in eine Vervielfältigungsmaschine eingespannt und mit sechzehnfacher Geschwindigkeit kopiert werden. Zurzeit haben 31 Leser und Leserinnen die Audiofassung der WoZ abonniert.
Ab und zu gebe es Reaktionen aus dem Publikum, sagt Tschopp: «Gute Wünsche zum neuen Jahr, zum Beispiel», die ihr die Blindenbibliothek jeweils weiterleite. Aufmunterungen – zum Beispiel, man höre ihre Stimme gern oder sie lese die Texte kompetent – freuen sie. Meistens arbeitet sie ohne Feedback vor sich hin. Ihre Tochter lebt unterdessen in Genf und macht dort eine Übersetzer- und Dolmetscherschule. Zum ersten Mal in ihrem Leben wäre es für die Schauspielerin Tschopp denkbar, sich in einem Ensemble zu engagieren: «Aber bis jetz het schi da der Wäg no nit üfgitaa.»
Im Verlauf des Dienstags wird in der SBS der WoZ-Versand fertig gemacht. Spezielle gelbe Plastikversandboxen, die schmal genug sind, dass sie in alle Briefkästen der Post passen, werden mit den Kassettenkopien gefüllt, die erste mit dem Inhaltsverzeichnis immer ins gleiche Fächlein oben links. Die zugeklappten Boxen werden mit einem elastischen Band gesichert und anschliessend mit einer Wechseladresse versehen, die in eine Halterung geschoben wird. Zieht der Kunde später seine Adresse weg, erscheint darunter die fixierte der SBS, so ist die Box für die Retournierung auf einfachste Weise bereit. Bis am Dienstag Abend sind die 31 WoZ-Pakete versandbereit. Die Post transportiert sie gratis. Am Mittwoch, einen Tag bevor die nächste WoZ in der Schwarzschriftfassung erscheint, ist die Hörfassung beim Publikum – eine davon im Briefkasten von Ruedi Ruchti in 8352 Räterschen.
Der Beitrag erschien in der WoZ-«Serie Behinderungen».