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In der Wüste Hamada warten mehr als 174 000 sahrauische Flüchtlinge auf die Rückkehr in ihre Heimat Westsahara. Während diese noch immer von Marokko besetzt wird, setzt sich terre des hommes schweiz mit der sahrauischen Jugendorganisation UJSARIO im Flüchtlingslager Smara für junge Flüchtlinge ein.
Inmitten des sahrauischen Flüchtlingslagers Smara zwischen Lehmhütten, pittoreskem Schrott und Sahraui-Zelten in der sengenden Sonne gelangt man unvermittelt durch ein Tor in einer Wand aus alten Autoreifen: Es ist der Eingang zu einem grünen Garten, in dem Tomaten und Minze angepflanzt werden und sogar ein paar Enten umherwatscheln. Auf einem liebevoll gemalten Schild steht: «Nomad Garden». Der Garten neben Ziegen oder Kamelen, die mit rostigen Kotflügeln notdürftig eingezäunt sind, wirkt fast unwirklich. «Nomad Garden» ist eine Realität gewordenen Utopie, ins Leben gerufen von Mohamed Salem. Bescheiden und doch stolz auf das mit viel Arbeit, Enthusiasmus und Pioniergeist Geschaffene lehnt sich der junge Sahraui mit den lebhaften Augen auf seine Hacke und beginnt zu erzählen, wie er seine Schulbildung in Algerien abbrechen musste. Da sein Vater krank wurde, kehrte er in die Flüchtlingslager, einem der unwirtlichsten Teile der Sahara zurück, um in der Familie zu helfen. In perfektem Englisch erzählt er, wie er sich die Fremdsprache im Internet aneignete. Er las Beiträge über ökologische Landwirtschaftsmethoden, wurde in Online-Foren aktiv und begann parallel dazu, beharrlich und entschlossen seinen eigenen Garten anzulegen. Der Anbau von Gemüse ist ein Segen: 94 Prozent der sahrauischen Flüchtlinge sind von der kargen humanitären Hilfe abhängig und sehr viele leiden unter Mangelernährung. Der Wassermangel ist eklatant.
Wichtige Selbstversorgung
terre des hommes schweiz unterstützt die Kinder- und Jugendarbeit der sahrauischen Jugendorganisation UJSARIO im Flüchtlingslager Smara seit Jahrzehnten. Die Organisation arbeitet mit Freiwilligen. Sie erreichte im letzten Jahr 2000 Kinder und 4600 Jugendliche mit zahlreichen Aktivitäten. Wöchentlich werden mehrere Spielenachmittage für Kinder, Kurse für Jugendliche, Kulturarbeit, Sensibilisierungsarbeit, Sportangebote und Sozialarbeit angeboten. Auch mit dem findigen Agronom Taleb Brahim arbeitet die UJSARIO Smara immer wieder zusammen, um kleine Gartenprojekte umzusetzen. Taleb Brahim hat interessante Projekte entwickelt, so zum Beispiel eine kombinierte Gemüse-Fischzucht. Die Fische produzieren mit ihrem Kot den notwendigen Dünger, den er über Schläuche in sein kleines Gewächshaus leitet. Dort produziert er Gemüse, Minze und Grünfutter für Ziegen und Hühner. Mit den Eiern der Hühner kann er wiederum die Fische füttern. Die Minze verkauft er auf dem Markt. Die Ernährung seiner Familie kann er mit Gemüse, Ziegen, Eiern und Fisch sichern. Oft teilt er einen Teil seiner Ernte mit seinen Nachbarn oder einer anderen bedürftigen Familie. Mohamed Salem hat die Idee von Taleb Brahim adaptiert, und auch er ist stolz auf seinen erfolgreichen kleinen Fischtank.
Kleines Pionierprojekt
Mohamed Salem war zudem genau der Richtige für ein kleines von terre des hommes schweiz mit der UJSARIO Smara und Taleb Brahim entwickeltes Pionierprojekt zu Hydroponics. Dabei handelt es sich um eine neue Methode für wassersparen den Gemüseanbau. Im Pilotprojekt wurden fünf Sahrauis mit Erfahrung im Gemüseanbau und Erfindergeist ausgewählt. Ziel war es, eine neue Technologie in einer gemeinsamen Gruppe weiterzuentwickeln. Diese Gruppe hat nun zusammen mit Taleb Brahim die Hydroponics entwickelt. Diese Methode beruht darauf, dass das zur Bewässerung genutzte Wasser über ein System wieder aufgefangen wird und mehrfach durch die mit einem speziellen Sand-Erde-Gemisch angelegten Gemüsebeete sickert. Mohamed Salem war sofort Feuer und Flamme – er probierte aus, was mithilfe von Hydroponics gut gedeiht und er ist heute ganz begeistert vom Projekt.
«Ode an das Unmögliche»
Inspirierend für den jungen Mohamed Salem ist auch der Austausch mit seinem langjährigen Künstlerfreund und Nachbarn Mohamed Suleiman Labat, der diesen Herbst Gast am Kulturfestival Culturscapes in Basel sein wird (siehe Kasten rechts). So sitzen die beiden mit leuchtenden Augen zusammen in einer alten Autokarosserie – die mittlerweile ausgedient hat und nun als kleines Forschungslaboratorium für Kompost und Humusbildung dient. Mohamed Sulaiman Labat, der bereits in Europa war, nimmt die schwarze Erde in die Hand und schnuppert schwärmerisch daran: «Es riecht sogar wie Erde!» Sie haben experimentiert, wie sie mit organischem Material fruchtbaren Boden herstellen können, da in der Wüste sogar die Bodenbakterien fehlen. Sie haben herausgefunden, dass ein Schuss Ziegenmilch die Bodenfruchtbarkeit fördert. Mohamed Salem hat die Entstehung seines Gartens mit dem Handy dokumentiert. Entstanden ist ein wunderschöner Kurzfilm, den er am Fisahara-Filmfestival 2022 präsentierte und dort den dritten Preis gewonnen hat. Im Nomads Film Catalogue (nomadshrc.org) wird der Film als eine Ode an das Unmögliche gepriesen. Beispiele wie diese zeigen, dass selbst in unwirtlichen Gebieten wie der sahrauischen Wüste Träume wahr werden können, wenn die Flüchtlinge dort Unterstützung erhalten und ihre Ideen und ihr Können unter Beweis stellen können.
Cluturscapes Festival Oktober 2023
Die Westsahara am Culturescapes-Festival in Basel Culturescapes, das spartenübergreifende Kunstfestival, das alle zwei Jahre im Oktober und November stattfindet, widmet seine diesjährige Ausgabe dem Thema Sahara. terre des hommes schweiz ist Partnerin zum Thema Westsahara, die mit Filmen und Gästen präsent sein wird. Im Oktober zeigen wir im Stadtkino Basel zwei Kurzfilme über Leben und friedlichen Widerstand in der besetzten Westsahara. Zu Gast ist Mohamed Mayara von Equipe Media, eine Gruppe von Videojournalist*innen, die Menschenrechtsverletzungen im besetzten Gebiet dokumentieren. Im November widmet das Basler Neue Kino eine ganze Filmreihe der Westsahara. Unter anderem wird der Künstler Mohamed Sulaiman Labat, der aus den Flüchtlingslagern in der algerischen Wüste stammt, mit zwei Filmen vertreten und im Anschluss für eine Diskussion anwesend sein.