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Meldung über den Giro d’Italia: Start in Israel der «Tagesschau» beanstandet
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Mit Ihrem Brief vom 23. Mai 2018 beanstandeten Sie die «Tagesschau» vom 4. Mai 2018 und dort die Sportnachrichten zum Giro d’Italia.[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.
A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:
«Tut mir leid, dass ich schon wieder an Sie gelangen muss, aber was sich der Sprecher der Tagesschau vom 4.5.2018 erlaubt hat, geht einfach zu weit! Mit seiner völlig unqualifizierten Aussage:
<Noch kurz zum Sport. Da geht es um ein Radrennen, das man, wenn man davon hört, wohl mit etwas anderem in Verbindung setzt. Es geht um den Giro d'Italia, der dieses Jahr in Jerusalem startet.
Erstmals werden Etappen des Giros ausserhalb Europas gefahren. Israel soll dafür einen zweistelligen Millionenbetrag an die Giro-Organisatoren bezahlt haben. Heisst es.>
Unangenehm aufgefallen ist mir dabei auch der süffisante, ja fast ironische Ton des Sprechers!
Hier wird das Sachgerechtigkeitsgebot <Redaktionelle Sendungen mit Informationsgehalt müssen Tatsachen und Ereignisse sachgerecht darstellen, so dass sich das Publikum eine eigene Meinung bilden kann.> auf eklatante Art missachtet!
Die Aussage des Nachrichtensprechers ist in der Art völlig unakzeptabel. Dem Fernsehpublikum wird suggeriert, der Staat Israel habe diesen zweistelligen Millionenbetrag bezahlt, was eine glatte Lüge ist. Israel hat – gemäss einer Sprecherin des Sportministeriums - umgerechnet rund 4,8 Millionen Euro für das Rennen bezahlt. Na und? Haben Sie sich je überlegt, welch enorme Summe allein die Sicherheitsmassnahmen verschlingen? Tatsache ist, dass ein jüdischer Milliardär den Löwenanteil gesponsert hat, also eine Privatperson und nicht der Staat Israel.[2] Es ist unentschuldbar und beschämend, dass sich die Tagesschau-Leute nicht einmal die Mühe nahmen, die Sachlage seriös abzuklären!
So nebenbei: Falls die Olympischen Winterspiele in der Schweiz stattfinden sollten, würde das auch eine schöne Stange Geld kosten. Immerhin spricht man von einer Defizitgarantie von einer Milliarde Franken. Über die Kosten für die Sicherheit hat SRF berichtet.[3]
Leider wurde in der Tagesschau auch nicht erwähnt, dass es darum ging, zum 70. Geburtstag eine Botschaft des Friedens auszusenden und einen Holocaust-Überlebenden zu ehren, der ein berühmter Radfahrer war.[4]
Ja, sehr geehrter Herr Blum, in der Tagesschau vom 4.5.2018 wurde einmal mehr dümmliche Stimmungsmache gegen Israel praktiziert, dabei hätte man dem Fernsehpublikum so viel Interessantes zu diesem Giro vermitteln können.
Ich bitte Sie, meiner Beanstandung wegen Verletzung von Art. 4 RTGV zuzustimmen.»
B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für die «Tagesschau» äußerte sich Herr Franz Lustenberger:
«Mit Mail vom 23. Mai hat Frau X eine Beanstandung gegen die Berichterstattung über den Auftakt der Italien-Rundfahrt in Israel eingereicht.
Kurzmeldung
Die Tagesschau berichtet über die Ereignisse des Tages – einerseits in längeren Beiträgen mit Einschätzungen durch Korrespondenten, andererseits in kürzeren Meldungen. Der beanstandete Beitrag von 30 Sekunden Dauer zum Auftakt des Giro d’Italia in Jerusalem gehört zur zweiten Kategorie. Angesprochen werden der aussergewöhnliche Startort für die Italien-Rundfahrt, die gesamthaften Kosten für den dreitägigen Abstecher des Giros nach Israel und der Sieger des Prologs.
Der Start der Italien-Rundfahrt in Israel ist für den Nicht-Radsport-Kenner eine überraschende News; die Gesamt-Kosten von grossen Sportveranstaltungen sind immer ein Thema, welches das Publikum interessiert.
In einer kurzen Meldung über die Kosten einer Sportveranstaltung werden nie die Details – wer hat wieviel genau für was bezahlt – auseinandergenommen. Ein Beispiel: Die Olympischen Spiele kosten das Veranstalterland einen Milliardenbetrag. Für die Gesamtbetrachtung in einer kurzen Meldung ist es irrelevant, ob der Staat, staatsnahe Unternehmen, private Unternehmen oder private Mäzene dafür aufkommen. In einer kurzen Meldung werden auch nicht die Posten der Gesamtkosten (Sicherheit, Werbung, Unterkunft, Transport, etc.) auseinandergenommen. Auch macht es keinen Sinn, in einer Kurzmeldung zwischen Geldleistungen (Rechte, etc.) und Sachleistungen zu unterscheiden.
In einer Kurzmeldung werden die wichtigsten W-Fragen beantwortet: Wo hat der Giro begonnen; wieviel kostet dieser dreitägige Auftakt ausserhalb Europas, wer hat gewonnen? Die Tagesschau kann in dieser Kurzmeldung und der Moderation keine ‹dümmliche Stimmungsmache gegen Israel› erkennen. Denn: Die Tagesschau hätte genau gleich berichtet, mit den gleichen Antworten auf die erwähnten W-Fragen, wenn der Giro d’Italia beispielsweise in Bahrain (das Veloteam Bahrain-Merida war am Start) gestartet worden wäre.
Als die Tour de France vor Jahren Bern als Etappenziel auswählte, waren die gesamten Kosten ebenfalls ein grosses Thema in der Schweiz. Ob die Stadt Bern, der Kanton Bern oder ob Private bezahlten, spielte in der Kostendiskussion letztlich keine Rolle.
Weitere Berichterstattung
Schweizer Radio und Fernsehen SRF haben weiter über den Giro-Auftakt in Israel berichtet.
Am Samstag, 5. Mai wurde in der Tagesschau kurz über die erste Etappe von Haifa nach Tel Aviv berichtet, auch mit einer Luftaufnahme von Jaffa.[5] Die Sportsendungen von SRF haben etwas ausführlicher über den Giro in Israel berichtet und dabei neben dem rein Sportlichen auch die ‘schönen Seiten’ von Jerusalem in Luftaufnahmen gezeigt.[6]
Bedeutung des Giro
Der Giro d’Italia gehört zu den wichtigen Landesrundfahrten im Radsport. Allerdings hat sein Stellenwert in den letzten Jahren deutlich abgenommen. Der Top-Event im Radsport ist neben den klassischen Eintagesrennen im Frühjahr und im Herbst ganz klar die Tour de France. Daneben berichtet SRF ausführlich über die Tour de Suisse. Der Giro d’Italia ist deshalb für SRF eher zweitrangig, auch weil keine Schweizer Spitzenfahrer mit Aussichten aufs Gesamtklassement oder auf eine prestigeträchtige Spezialwertung (Bergpreis, Punkteklassement) am Start waren.
Zudem standen zum Zeitpunkt des Giro d’Italia und dessen Auftakt in Israel zwei andere Sportereignisse klar im Vordergrund – zum einen die Entscheidung in der Schweizer Fussballmeisterschaft mit dem erstmaligen Titelgewinn der Berner Young Boys nach Jahrzehnten, zum anderen die Weltmeisterschaft im Eishockey.
Die Online-Seite srf.ch hat den Start des Giros in Israel vertiefter aufgegriffen.[7]
Fazit
Die Tagesschau hat in der Kürze der Berichterstattung sachgerecht über den Start des Giro d’Italia in Israel berichtet. Die von der Beanstanderin angemahnten Präzisierungen würden den Rahmen einer kurze Sport-Meldung von 35 Sekunden im Rahmen der Tagesschau sprengen.
Ich bitte Sie, die Beanstandung in diesem Sinne zu beantworten.»
C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der kurzen Sequenz. In der Fernsehserie «The Crown» über das britische Königshaus[8] fragt Königin Elisabeth II. immer, wenn ihr jemand etwas vorträgt, das ihr nicht unmittelbar einleuchtet: «Wieso?». Sie tut damit etwas, was Journalistinnen und Journalisten immer tun sollten: Nach den Gründen und Begründungen fragen. Im Nachrichtenjournalismus richtet man sich nach fünf, allenfalls sechs W-Fragen:

Fragen

Beispiel

Wer?

Der Nationalrat

Wann?

hat heute

Wo?

an seiner Sondersitzung in Bern

Was?

das Budget zurückgewiesen,

Warum?

weil er 400 Millionen zusätzliche Kürzungen verlangt,

Wie?

mit 120 gegen 60 Stimmen und unter Beifall der SVP
In der Kurzmeldung der «Tagesschau» erfuhr man:
Wer? Der Giro d’Ialia
Wann? Heute am 4. Mai
Was? Startet erstmals außerhalb Europas
Wo? In Jerusalem
Aber warum? Das erfuhr man nicht. Und das ist ja eigentlich das Interessante: Der Milliardär Sylvan Adams, der in Tel Aviv lebt, will Israel zu einer Radsport-Nation machen. Deshalb hat er den Giro d’Ialia nach Jerusalem geholt.[9] Und das Wie?, nämlich wieviel es kostet, basierte auf Gerüchten. Auch wenn es eine Kurzmeldung war: Wichtige Fakten fehlten. Damit war die Nachricht nicht sachgerecht. Ich kann daher Ihre Beanstandung unterstützen.
D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.
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