Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03616.jsonl.gz/1050

SNF-Forschungsprojekt: Der Homunculus Oeconomicus bei der Arbeit. Produktivität und Männlichkeit in den frühen Erzähltexten Thomas Manns
Projektbeschreibung
Der Begriff des Homo oeconomicus hat eine vielschichtige historische, sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Entwicklung durchlaufen. Während einschlägige Autoren um 1900 den ‚Wirtschaftsmenschen’ als Idealtypus des nutzenmaximierenden Subjekts imaginieren, das stets auf den eigenen ökonomischen Vorteil bedacht, jede Handlung – einer Rechenmaschine gleich – mit ‚wirtschaftlichem Verstande’ abmisst, beschreibt das Modell in den neueren Wirtschaftswissenschaften weniger eine Metapher menschlichen Individualverhaltens als vielmehr ein heuristisches Erklärungskonzept für makroökonomische Phänomene. In dem literarischen Pendant eines ‚Wirtschaftsmenschen’ – als idealtypischem Terminus Technicus – scheinen sich die Semantiken des Produktivitätsdiskurses um 1900 zu verdichten. Der Homo oeconomicus soll in diesem Sinne als Analysefolie für die Mannschen Erzähltexte dienen: Wie reagiert die Literatur auf diesen Diskurs? Werden die Kontexte durch die Erzählstruktur, die Konzeption literarischer Räume oder durch die Figurenbeschreibungen ironisch gebrochen? Hans Castorp, Christian Buddenbrook, Felix Krull und Siegmund Aarenhold sind Beispiele aus Thomas Manns Figurenarsenal, die an den zeitgenössischen Produktivitätsdiskursen scheitern. Jene ‚Faulpelze’, ‚Tunichtgute‘ und ‚Betrüger‘ geben sich einem ‚demonstrativen Müßiggang’ hin, anstatt produktive Arbeit im Sinne der Wirtschaft zu leisten. Gleichermaßen widersprechen sie zeitgenössischen Genderzuschreibungen, was auf eine diskursive Verschränkung von Arbeit und Männlichkeit hindeutet. Ferner werden, im Gegensatz zu eben jenen ‚Homunculi’, wirtschaftlich erfolgreiche ‚Potenz-Figuren’ entworfen, die einerseits die an sie gestellten ökonomischen Anforderungen erfüllen, andererseits aber ebenfalls defizitäre Merkmale aufweisen. So werden mit ihnen u.a. antisemitische Stereotype verbunden, die dem um 1900 entworfenen Typus des erfolgreichen ‚jüdischen Parvenüs’ entsprechen. In diesem Zusammenang wird ein besonderes Augenmerk auf die von Werner Sombart progagierte ‚semitische Gärungstheorie’ sowie auf seine Ausführungen zum ‚kapitalistischen Unternehmer’ gerichtet. Die Dissertation wird – einem diskursanalytischen Verfahren folgend – die Mannschen Erzähltexte auf die ästhetische Konzeption von Produktivität und Gender hin befragen sowie verschiedene Produktivitätsdiskurse einschlägiger Autoren um 1900 aufgreigen und historisch kontextualisieren. Der Diskurskomplex Produktivität / Effektivität / Arbeit entfaltet bis heute eine spezifische gesellschaftsformende Dynamik, so dass es nicht zuletzt vor dem Hintergrund der aktuellen ökonomischen Krise lohnend erscheint, ihn unter einer historischen Perspektive näher zu beleuchten.
Projektmitarbeiterin:
Ariane Totzke, MA