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Vor gut zehn Jahren war der Besuch des Chin-Staates, der bis an Burmas Grenze mit Bangladesh reicht, nur mit einer Sonderbewilligung der Militärregierung möglich. Doch mit der politischen und vor allem wirtschaftlichen Öffnung seit 2011 sind die Dörfer und Täler im wenig erschlossenen Westen Burmas auf die touristische Landkarte gerückt.
Früher war der Besuch des Chin-Staates nur mit einer Sonderbewilligung der Militärregierung möglich.
Die Fahrt von der sagenhaften Ebene der Pagoden bei Bagan ins Bergdorf Kanpetlet ist abwechslungsreich und abschnittsweise anspruchsvoll – besonders wenn es regnet. Ein 4-Wheel-Drive hilft. Das Dorf liegt auf 1400 Metern über Meer an einer Flanke des von Dschungel bedeckten Arakan-Gebirges. Mittendrin thront der 3050 Meter hohe Mount Victoria, die höchste Erhebung im Chin-Staat. Kantpetlet ist ein idealer Ausgangspunkt für Trekkingtouren im Nationalpark und zum Gipfel.
Die Reise ins Bergdorf Kanpetlet ist anspruchsvoll. Touristen ist ein Gefährt mit Vierrad-Antrieb empfohlen.
Bagans Adelige scheuten im 12. Jahrhundert keine Mühe, in diese Region zu reisen. Wussten sie doch, dass am Ende des langen Weges Volksgruppen mit den schönsten Frauen weit und breit lebten. Diese Chin-Frauen wollten sie entführen, um sie zu heiraten. Nachdem der König mit schlechtem Beispiel vorangegangen war und eine Schönheit geraubt hatte, kamen die Stämme auf eine eigenwillige Idee, um künftig feudalistische Raubzüge zu verhindern: Die Frauen müssen unattraktiv werden!
Was in Europa angeblich der Verschönerung dient, hier wurde es zur Methode fürs Gegenteil: tätowieren. Und zwar im Gesicht. So weit die Legende, die hier gerne erzählt wird.
Veranlasst von Männern, ausgeführt von Frauen – fast immer gegen den Willen der jungen Schönen, wie alle Tätowierten entlang der Reiseroute berichten (bis auf eine Ausnahme). Für Chin-Männer waren die Gesichtszeichnungen kein Grund, sich nicht mit den Frauen zu vermählen.
Es gibt eine zweite Legende: Die Frauen verschiedener Chin-Stämme seien unterschiedlich tätowiert, um sie nach einer Entführung durch einen anderen Stamm bei einer zukünftigen Befreiungsaktion identifizieren zu können.
Daw Shwe Me, 54, spielt auf der Nasenflöte. Sie wurde im Gesicht tätowiert, als sie 12 Jahre alt war. «Der Schmerz war unerträglich», sagt sie.
Die Gesichtstätowierung ist ein schmerzhafter Prozess, ausgeführt mit zugespitztem Rattan, Dornen und pflanzlichen Farbstoffen. Als Grossbritannien Burma, das heute offiziell Myanmar heisst, als Kolonie knechtete, kamen importierte Nähnadeln aus Stahl hinzu. «Der Schmerz war unerträglich», erinnert sich Daw Shwe Me, 54, die zwölf Jahre alt war, als Frauen im Dorf sie tätowierten – obwohl der ursprüngliche, zweifelhafte Grund dafür entfallen war. Und obwohl es die Militärregierung kurz nach der Machtergreifung 1962 verbot. Aber da war es längst zur Tradition geworden.
Die Mutter ist tätowiert, die Tochter nicht: Daw Shwe Me, 54, und Ma Si, 26. «Wie viele andere Mädchen wollte ich es nicht, es wurde respektiert», sagt die junge Frau.
Nicht wenige Tätowierte sind heute stolz auf eine Tradition, die aussterben wird – die meisten sind älter als 65 Jahre. Während Daw Shwe Me mit der Nasenflöte spielt – eine fröhliche Chin-Tradition –, erklärt Tochter Ma Si, 26, die auswärts studiert hat: «Wie viele andere Mädchen wollte ich es nicht, es wurde respektiert.»
Es ist August, Regenzeit, kühl. Nebelschwaden steigen die grünen Berge hoch. Manchmal blitzt eine goldene Pagode auf, wenn die Wolkendecke reisst: Dort drüben liegt Mindat. Da wollen wir hin. Am Wegrand stehen auf Holzgestellen Tonkrüge und Becher: Trinkwasser für Reisende.
Auf dem Markt in Mindat.
Stoffe auf dem Markt von Mindat.
Mindats Markt ist Treffpunkt verschiedener Chin-Gruppen und ihrer Frauen mit verblüffenden Tätowierungen. Nicht wenige beten in Baptisten- und Lutherianer-Kirchen, andere suchen buddhistische Pagoden auf. Und viele sind zugleich Animisten.
Das buddhistische Kloster Taung Pu Lu in Mindat. Es ist Regenzeit, die Nebelschwaden steigen die Berge hoch.
Hier gibts auch ein kleines Museum, das Robert Kii liebevoll betreut: Jagdwaffen, Trophäen, Chin-Schmuck. «Es gibt zwei Typen vergifteter Pfeilspitzen: Ein- und Zwei-Sprung», erklärt er, «je nach Pfeil macht ein Tier einen Fluchtsprung oder eben zwei, bevor es zusammenbricht.» Stolz weist er auf eine Pistole deutscher Herkunft hin, die ein britischer Pilot auf sich trug, als ihn ein Japaner abschoss – hier, im 2. Weltkrieg.
Abends ist es still. Um 20 Uhr gibts keinen Strom mehr, alle gehen schlafen. Auch im Gästehaus, das mit dem Schild «Warmly Welcome & Take Care of Tourists» wirbt. Nur das gute, blau bemalte Restaurant besitzt einen Stromgenerator: für den Fernseher. Heute gibts Fussball, englische Premier League.
Ein Schmetterling, so gross wie ein Pingpong-Schläger: Der Archaeoattacus edwardsii.
Gäste, Koch, die Hüterin der Kasse und die Gemahlin des Besitzers gucken. Als ein Schmetterling, gross wie ein Pingpongschläger, im Lokal landet, wird er nur für Sekunden beachtet.
Und eine tätowierte Frau, eine Christin, wie sie betont, deren feine Gesichtszüge an Aung San Suu Kyi erinnern, schmettert uns zum Abschied ein herzhaftes «Halleluja!» hinterher.
Die Reise wurde unterstützt von Tourasia. Der Asienpezialist führt Burmaprogramme, www.tourasia.ch, Tel 043 233 30 60