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Ein angesehener Petersburger Dichter und Übersetzer, dem ich «Fräulein Stark» von Thomas Hürlimann in meiner Übersetzung geschenkt hatte, meinte beim nächsten Treffen stirnrunzelnd, wobei er mich etwas misstrauisch ansah: «Hör mal, schreibt er denn wirklich so gut …?» Er sprach nicht weiter, aber mir war, als wollte er sagen: «… oder hast du ihn einfach so schön ‹übersetzt›?» Ein kostbares Kompliment für Thomas und ein sehr zweifelhaftes Kompliment für mich. Es gibt nämlich bei den Übersetzern so einen Witz: «Dieser Autor wirkt im Original nicht so effektvoll wie in der Übersetzung.»
Diese Verwunderung war mir durchaus verständlich. Vor dem internationalen Übersetzerprojekt «Schritte» hatte ich nämlich die deutsche, das heisst die deutschsprachige Gegenwartsliteratur schon aufgegeben (die russische noch früher! Komisch, aber Tatsache: je mehr «Glasnost» und Freiheit, desto weniger gute Literatur). Ich meine, ich zweifelte nicht daran, dass es talentierte Autoren gab, aber – bildlich ausgedrückt – diese wenigen Perlen im riesigen Misthaufen zu finden, dafür hatte ich keine Zeit und keine Lust. Ich übersetzte seit Jahren friedlich Hermann Hesse, dann Gertrud von le Fort, und sehnte mich nun nach etwas Modernerem. Wie ein Schauspieler, der lange genug Ritter, Könige und Mönche dargestellt hat und sich nun auch in der Rolle eines charismatischen Auftragskillers oder Detektivs versuchen möchte. Und da bekam ich von meiner Kollegin Marina Korenewa, die das Projekt auf russischer Seite organisierte, das obengenannte kleine Büchlein zum Rezensieren (eine kleine Gruppe Übersetzer war damit beauftragt worden, eine relativ grosse Anzahl von Büchern moderner deutschsprachiger Autoren durchzuschauen und die für den russischen Leser interessantesten herauszusuchen).
Meine Hürlimann-Impressionen begannen mit dessen Prosa, den Menschen Thomas Hürlimann habe ich ja erst ein halbes Jahr später kennengelernt, wenn man von ein paar E-Mails absieht, die wir ausgetauscht haben. Es war übrigens recht witzig, zum erstenmal einen lebenden Autor zu übersetzen, dem man sogar ab und zu Fragen stellen konnte, wenn einem bei irgendwelchen Schwierigkeiten nicht einmal erfahrene deutsche Kollegen helfen konnten. Und an Schwierigkeiten hat es nicht gefehlt.
Aber trotz den Schaffensqualen (diese Egoisten von Autoren denken ja nie an die armen Übersetzer, die die scharfe Suppe ihrer Witze und Wortspiele auslöffeln müssen!) habe ich die Arbeit an der Übersetzung von «Fräulein Stark» richtig genossen, weil diese Novelle, wie auch andere Werke von Hürlimann, einem Übersetzer die Möglichkeit gibt, sein ganzes Können zu zeigen. Da gibt es alles – darunter auch lakonische, aber (oder gerade dadurch) unheimlich ausdrucksstarke Landschaftsbeschreibungen und geistreiche, mit unglaublich viel Humor geschriebene Dialoge. (Ich bin nämlich der festen Überzeugung, dass es keinen besseren Weg gibt, die Qualifikation eines Übersetzers einzuschätzen, als zu sehen, wie er gerade Landschaftsbeschreibungen und Dialoge übersetzt.) Und wenn man noch bedenkt, dass das ganze Buch, selbst die traurigsten Kapitel, von feinem Humor durchdrungen ist, den wiederzugeben einem ebenfalls das ganze Können abverlangt, dann versteht man, dass man als Übersetzer Blut und Wasser schwitzen muss, um eine ebenbürtige «Kopie» anfertigen zu können. Was den Humor angeht, so habe ich während der Arbeit oft Tränen gelacht.
Humor soll meiner Meinung nach überhaupt das Schlüsselwort sein, wenn man von Thomas Hürlimann sprechen will. Doch das ist ein besonderes Thema, das kommt noch an die Reihe.
Erst noch ein paar weitere Worte zu Hürlimanns Sprachkunst. Eine zu auffällige Experimentierfreudigkeit im Bereich Form deutet meist auf einen kümmerlichen Inhalt hin. Für mich ist das inzwischen schon fast ein Axiom. Wenn der Autor weiss, was er eigentlich sagen will – wenn er überhaupt etwas zu sagen hat –, dann braucht er sich nicht zu produzieren. Er muss sich nicht das Hirn verrenken auf der Suche nach Mitteln, den Leser vom Hocker zu reissen. Kurz, an der Form kann man…