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Paul Heyses Berner Mattequartier
«Ein jäher Blitz fuhr in die Tiefe, der plötzlich die Häuser unten an der Aare, die Schenke auf der Insel und die hochgehenden Wellen taghell erleuchtete. Man sah einen Augenblick den bunten Menschenknäuel, der auf dem schmalen Brückensteg sich geballt hatte, die rote Feder auf dem Barett eines hochgewachsenen Jünglings, der gegen die Übermacht sich wehrte, nur von einem Weibe unterstützt, der ein weißes Tuch um den Kopf flatterte; Klingen blitzten auf, und Geschrei des Weibes um Hilfe drang über die stille Straße am Ufer – dann brach aus den Wolken, zugleich mit dem Donner, der wie Einsturz eines himmelhohen Hauses klang, ein prasselnder Regen hernieder, und schwarze Nacht verschlang das wüste Handgemenge auf der Brücke, daß nichts mehr übrig blieb als das rote Licht aus dem Fenster der Inselschenke.»
Paul Heyse: Der verlorene Sohn (1869)
In der Novelle «Der verlorene Sohn», die im Bern des 18. Jahrhunderts spielt, versteckt eine Witwe den Mörder ihres Sohnes. Der Fremde hat den Sohn unten im Mattequartier aus Notwehr getötet. Das kann sie zunächst nicht wissen, doch als die Zusammenhänge klar werden, lässt sie den Gast nicht fallen – im Gegenteil, sie überlässt ihm sogar die Hand ihrer Tochter. Das bittere Wissen behält sie für sich, bis sie es kurz vor ihrem Tod einem Beichtvater anvertraut.
Kaum einer kennt Paul Heyse (1830-1914) heute noch, dabei war er zu Lebzeiten einer der erfolgreichsten und bedeutendsten Schriftsteller Deutschlands. Seine Schaffenskraft war ungeheuer, er schrieb allein 177 Novellen und 68 Dramen, dazu ungezählte Gedichte. 1910 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt.
Was verband ihn mit der Schweiz? Unter anderem eine innige Freundschaft mit Gottfried Keller – ein Briefwechsel über fast zwanzig Jahre zeugt davon. Keller hat sogar einen gewissen Anteil an der Endversion der Berner Novelle. Am 10. Juli 1869 bittet ihn Heyse nämlich um Hilfe: «Ich habe eine kleine Geschichte geschrieben, die ich frevelhafter Weise nach Bern ins vorige Jahrhundert verlegt habe. Nachträglich überfällt mich die Angst, ob ich nicht in den Lokalfarben, die ich nur im Fluge studieren konnte, mich hie und da täppisch vergriffen haben, so dass ein Ortskundiger ganz um die Illusion kommen muss. (...) Wollten Sie mir nun die grosse Liebe und Güte antun, die Geschichte in den Korrekturbogen durchzusehen und die gröbsten Schnitzer am Rande zu brandmarken?» Keller antwortet einen Monat später und weist Heyse darauf hin, dass die Leiche des Sohns nicht im Ratshaus aufgebahrt werden könne: «Irre ich nicht, so befand sich ein Spital (nicht ein modernes elegantes Krankenhaus) unten an oder in der Aare. Sie können aber am besten irgendein unbestimmtes Lokal komponieren (...) ein ehemaliges altes Siechenhäuschen mit Kapelle und Totenkammer oder so was.» Und so steht es nun auch in der Novelle – «das alte Siechenhäuschen mit seiner baufälligen Kapelle.» (BP)
«Gieu, tunz mer e ligu lehm» ist Mattenenglisch und heisst: «Junge, gib mir ein Stück Brot». Die Matte, das Berner Quartier unterhalb der Altstadt an der Aare, war einst Sammelpunkt der Randständigen, und das Mattenenglisch ihre mittlerweile ausgestorbene Sprache. «lehm» ist hebräisch für Brot, der «ligu» hiess griechisch «oligos», ein Junge ist bis heute in ganz Bern ein «Gieu». Früher wurden in der Matte sittenwidrige Badehäuser geführt, die noch 1824 den Berliner Architekten Schinkel erregten: «Entsetzlich war, dass wir gefragt wurden beim Eintritt ins Bad, ob wir ein ‹Bain garni›, das heisst eines mit einem Frauenzimmer, verlangten.» Die Matte ist von der Münsterplattform aus mit einem Lift («Senkeltram») erreichbar.