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Meine Abschiedsrede bei der Eröffnung der neuen Büros von gfs.bern.
Meine Damen und Herren,
Viele von Ihnen wissen wohl nicht, dass ich nur angelernter Politikwissenschafter bin. Denn studiert habe ich Geschichte.
In der Geschichte der Geschichte sind die Griechen von grosser Bedeutung – allen voran Herodot, oft der Vater der Geschichte genannt. Sein überliefertes Hauptwerk handelt vom Krieg, den die Griechen auf wunderbare Weise gegen die Perser gewannen. Um zu verstehen, warum das so geschah, unternahm er Reisen. Dabei entpuppte er sich als begnadeter Erzähler. Nicht alles, was er berichtete, stimmte allerdings. Denn sein Reisebuch zeigt in der Quintessenz, dass Athens Gegner dekadent waren, Athen selber jedoch moralisch einwandfrei lebte. Im Neudeutschen betrieb er geschicktes storytelling, vielleicht war er sogar der Vater der fakenews.
Die wissenschaftlich orientierten Historiker von heute sehen eher den Spartaner Thukydides als Vater der Geschichtsschreibung. Er analysierte den Peloponnesischen Krieg, den Sparta gegen Athen gewann. Thukydides erzählte hierfür keine stories. Er wollte das wahre Bild seiner Zeit weitergeben, damit es für immer Gültigkeit haben sollte. Mehr noch, er war auch eine Art erster Sozialwissenschafter, denn er wollte erklären, was die Menschen antreibt, was ihre Motive waren, um Ausserordentliches zu leisten.
Karl Jaspers, der Basler Philosoph, beschrieb die Zeit rund um 500 vor Christus, in dem die beiden griechischen Historiker lebten, als Achsenzeit. Wie selten zuvor habe die Menschheit damals Fortschritte in Technik und Moral erzielt: in China unter Konfusius, in Indien unter Buddha, in Persien unter Zarathustra, im vorderen Orient und den Verkündern des alten Testamentes und in Griechenland unter den philosophisch Gelehrten.
Wenn auch nur im Kleinen, so hoffe ich, dass das gfs, das ich 1993 in Bern begründet habe, auch eine Achsenzeit war. Mindestens für die hiesige Politik, der wir nicht nur dienen, die wir vielmehr auch entwickeln wollten. Die zahlreichen Reaktionen, die wir im Vierteljahrhundert erleben durften, zeugen davon, dass wir zweifelsfrei etwas ausgelöst haben. Ob zum Guten oder Schlechten, ist an Ihnen, verehrte Kundschaft, zu entscheiden.
Mein kleiner Rückblick sei deshalb nur der schwer verständlichen Abkürzung “gfs” gewidmet, die eigentlich für “Gesellschaft für Sozialforschung” steht. Betrieben haben wir angewandte Gesellschaft- und Politikforschung, meist auf Umfragebasis. Unser Umfeld hat das mysteriöse Kürzel oft missverstanden. Einmal waren wir sogar die “Gefahr für SVP”. Die hübscheste Werbung erfuhren wir aber nach 9/11. Zur Beruhigung der zahlreichen Botschaften in Bern lanciert die städtische Polizei die Aktion “Gemeinsam für Sicherheit”. Ein Jahr lang fuhren sämtliche Polizeiautos mit der Aufschrift “gfs” durch die Stadt. Das offensichtliche Plagiat liessen wir selbstverständlich gewähren. Schwierig war die erste Verwechslung, denn die GfS in der EU ist die “Gesellschaft für Strahlenforschung”. Entstanden ist sie aus der Atomforschung; später musterte sie sich zur wichtigsten Forschungsförderungsanstalt der Europäischen Union. Als ich in den 90er Jahren im ziemlichen Unwissen darüber gegen die Organisation klagen wollte und der Schweizer Botschaft in Brüssel schrieb, bedeutete mir diese unmissverständlich, das Ansinnen nicht zu unterstützen. Uebel war schliesslich alle Verwechslungen mit der GSF, der “Gesellschaft für Schlachtvieh und Futtermittel”. Das hat definitiv nichts mit Politik und Politikerinnen zu tun.
Bald gehe ich nun auf Achse! Bis dann begleite ich noch zwei Abstimmungssonntage. Der 12. Februar steht schon vor der Tür. Seit heute wissen wir definitiv, dass auch am 21. Mai gesamtschweizerisch abgestimmt wird – dank des zustande gekommenen Referendums der SVP zur Energiewende 2050. Das wird dann mein Abgang sein, denn genau einen Monat später, am 21. Juni 2017, breche ich zu meiner Weltreise auf. Die ersten 10 Wochen geht es als Stadtwanderer quer durch europäische Städte. Das ursprüngliche Programm sah eine Art Trilogie durch die “drei Rom” vor: Rom selber, Konstantinopel oder Istanbul und Moskau. Ich bin allerdings nicht mehr sicher, ob ich wirklich in die Türkei will. Alternative Städte auf dem Weg der europäischen Entwicklung werden sich sicher noch finden.
Moskau ist gesetzt. Am 1. September, stösst meine Partnerin, Barbora Neversil, zu mir. Dann geht es zusammen mit dem Zug quer durch Asien nach Peking, mit dem Schiff nach Australien und Tasmanien. Zu Weihnachten wollen wir da ankommen. Unser aktuellstes Projekt ist es, zu Silvester auf dem Südpol zu sein. Wenn es gelingt, sind Sie alle, meine Damen und Herren, zur grossen Neujahrsparty 2018 herzlich eingeladen!
Ich weiss, dass es Wetten gibt, ob ich loslassen kann oder nicht. Mein Vater ist überzeugt, ich sei nach 2 Wochen Reise wieder in Bern. Die Schweizer Politik habe mich zu stark gepackt. Meine Mutter wiederum findet, es wäre nicht schlecht, wenn ich nach 14 Tagen wieder zurück wäre. Die grosse Welt sei einfach zu gefährlich. Andere sind sicher, dass ich für länger Zeit die geplagten Parteipräsidenten in der Schweiz in Ruhe lasse. Die Sonntagszeitung spekulierte jüngst, spätestens zu den Wahlen 2019 sei ich wieder da.
Meine Damen und Herren, in wenigen Tagen bin ich 60. Die eine Hälfte meines bisherigen Lebens war ich ein eher spielerischer Junge, die andere ein hart arbeitender Politikwissenschafter. Was nun kommt, ist die Zeit des Historikers. Vielleicht lasse auch ich die strenge Arbeitswelt des Wissenschafters Thukydides hinter mir, und fröne ich ab nun dem freien Schaffen des Reisenden Herodot. Geschichte war immer meine Leidenschaft, und Geschichtenerzählen kann ich genauso gut, wie ich Analysen schreibe. Und so versichere ich jetzt schon, dass ich von unterwegs fleissig bloggen und twittern werden.
Wo ich schliesslich hängen bleiben werde, entscheide ich ganz nach griechischer Manier: Heimat ist dort, wo es Dir gut geht!
Claude Longchamp