Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03305.jsonl.gz/1915

Kann Ai Weiweis Kunst ausgestellt werden, ohne dass sie vom Kurator ein politisches Statement erzwingt? Funktionieren die Werke Weiweis unabhängig von dem ihnen eingeschriebenen politischen Kontext? Oder anders formuliert: Verfügt die Kunst des chinesischen Medienkünstlers und Aktivisten ohne ihre politische Brisanz überhaupt noch über einen Schauwert?
Vom Ausstellungswert Zum fünften Mal trägt die Ausstellung „Ai Weiwei“ in der Galerie Urs Meile den Namen des Künstlers, dem sie gewidmet ist. Dass kein Anhängsel den Ausstellungstitel begleitet, ist wohl der Tatsache geschuldet, dass keine kuratorische Linie vorherrschend ist: Während an der Wand Serien von Fotografien hängen, mit denen Ai Weiwei die Bauphasen des Olympia Stadiums von Peking dokumentiert hat, befinden sich drei weitere Exponate im Raum; die aus Huali Holz konstituierten Sugar Pills, denen die Werkgruppe Divine Proportion (2010) vorausging. Die Grundformen der schlanken in der traditionellen Ming-Technik gefertigten Holzkonstruktionen entstanden zufällig. Verblüffend an den Exponaten ist, dass sie ohne den Einsatz von Schrauben und Nägeln auskommen. Im Vorraum der Galerie hängt die inzwischen berühmte Fotografie Illumination (2009), von der weltweit 40 Exemplare kursieren und welche die Galerie Urs Meile für stolze 28`000 Euro zum Verkauf offeriert. Leider verhindert die Wendeltreppe, dass das Bild mittig betrachtet werden kann. Etwas untergegangen in der palavernden Gästeschar, war die auf einen Sockel gestellte Surveillance Camera (2010) im Eingangsbereich. Das Marmorexponat ist eine von vierzehn Kopien der Kameras, welche die chinesische Regierung vor Ai Weiweis Studio in Peking installiert hat. Zwar problematisiert der Künstler damit die ständige Überwachung, der er ausgesetzt ist. Gleichzeitig aber fetischisiert der Künstler die Kamera, indem das technische Objekt in kostbaren Marmorstein gemeisselt wurde. Andererseits könnte gerade die Wahl des starren, unbiegsamen Steins als Metapher für die beharrliche Überwachung der Regierung gesehen werden. In den White Cube der Galerie verlagert wirkt Surveillance Camera jedoch wie ein Kitschgegenstand. Er verliert darin die Dringlichkeit und Glaubwürdigkeit der Botschaft, die der Künstler wohl intendiert hat, mittels des Kunstwerks auszudrücken.
Ein mutiger Systemkritiker – Ai Weiwei als politische Figur Der Konzeptkünstler Ai Weiwei ist auch fernab der Kunstwelt keine Persona Incognita mehr. Der 1957 in Peking geborene Künstler sorgt mit seiner politischen Aktionskunst seit Jahren weltweit für Aufsehen: Ai Weiwei ist bekannt für seine Kritik an der Willkür des chinesischen Rechtssystems. Um die Ungerechtigkeiten in China aufzudecken und sich Gehör in der Öffentlichkeit zu verschaffen, bloggte und twitterte er jeden Tag für eine breite Leserschaft. Schweizer Kurator Hans Ulrich Obrist gab in einem Interview mit dem Künstler zu bekennen, sein Blog erinnerte ihn an eine „Soziale Plastik“. Dass des Künstlers Einträge im Internet für ihn nicht ohne Konsequenzen bleiben würden, bezeugen mehrere Vorfälle: Beispielsweise 2011 wurde Ai Weiwei wegen angeblichen Wirtschaftsverbrechen von der chinesischen Polizei inhaftiert. Im gleichen Jahr wurde er wieder freigelassen, darf China seither aber nicht wieder verlassen. Eine unentbehrliche Rolle in Ai Weiweis Aktivismus spielt die Kunst. Sie dient ihm als Sprachrohr, ist Mittel zum Zweck. Mit seinen Arbeiten entlarvt der Künstler die Methoden der Repression des chinesischen Staates. Dies bemerkte schon Dr. Johannes Odenthal, Programmdirektor der Akademie der Künste, anlässlich Ai Weiweis Ausstellung „so sorry“ in München im Jahre 2009. Odenthal stellte fest: „Dass er jede Situation in seiner Kunst übersetzt. Das ist seine Waffe. Das ist seine Klugheit, seine Intelligenz. Er hat den Angriff auf sich zum Kunstwerk gemacht.“ Die in der Galerie ausgestellten Werke Surveillance Camera und Illumination sind nur zwei Beispiele für Ai Weiweis Kritik am chinesischen Regime.
Galeriewesen auf Hochkurs Urs Meile, einer der führenden Galeristen für zeitgenössische chinesische Kunst gilt schon als eingefleischter Hase im Kunstmarkt: Seit den 1990er Jahren ist der Kunstdompteur, zwischen seinen beiden Galerien Peking und Luzern hin- und herpendelnd, darum bemüht, die Szene der chinesischen Gegenwartskunst zu verfolgen und junge Talente zu erkennen. Urs Meile hat damit keinen schlechten Zeitpunkt erwischt: China boomt unverdrossen. Dies gilt auch für den Hype, den die Chinakunst erfasst hat. Seit Jahren schiessen Galerien wie Pilze aus der Erde. Peking ist bestes Beispiel dafür: die grösste Konzentration für Galerien befindet sich im Osten der Stadt, im Kunstquartier „789 Factory“. Es ist kein Geheimnis mehr, dass sich das Kraftfeld des Kunstmarktes Richtung Osten verlagert; 2013 legte die Messe Art Basel dafür beredtes Zeugnis ab – noch nie kamen so viele Galerien aus Fernost.Mit der Schwerpunktverlagerung Richtung Osten sind auch die Preise für zeitgenössische Chinakunst explodiert. Kunst sei zu einem Lifestyle geworden, wusste Urs Meile bereits 2011 in einer Reportage für das Schweizerische Fernsehen zu sagen.
Kunst ad absurdum geführt Während Galerien wirtschaftliche Unternehmen sind, sehen sich Museen vornehmlich als Vermittler von Kunst und Förderer des Kunstdiskurses. Unter diesen Umständen verwundert es nicht, wenn sich eine Galerie um ihre Besucher und nicht zuletzt auch um Kunstkritiker nicht sonderlich schert. Stets willkommene Gäste sind dem Galeristen stattdessen die potenziellen Käufer, die von Anfang an begierig den Nennwert des Preisschildes eines Kunstwerks wissen wollen. Keinesfalls darf Galeristen deswegen die Leidenschaft für oder das Interesse an Kunst abgesprochen werden. Dennoch stehen die pekuniären Ambitionen eines Galeristen in krassem Widerspruch zum kühnen Idealismus eines Ai Weiwei, der sich, martyrisch gesprochen, für seine Kunst aufopfert. Denn die Arbeiten des chinesischen Künstlers erlangen nur im Kontext der Regimekritik die nötige Brisanz, ja ihre Existenzberechtigung. Ausserhalb, im Verkaufsladen der Kunst, wirken sie dagegen nackt und hilflos. Aber gerade der Raum der Galerie, sowie die fehlende kuratorische Linie, führen die Werke Ai Weiweis ad absurdum – ihre Botschaft verflüchtigt sich in pleonastischem Unsinn.