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Die Geschichte neben dem Brett
Unvergessen Die Oltnerin Catherine Thürig vertrat die Schweiz an drei Schacholympiaden: 1990 in Novi Sad, Jugoslawien, 1994 in Moskau, Russland, und 1996 in Jerewan, Armenien.
Von: Franz Beidler
Catherine Thürig wurde 1958 geboren und wuchs in Delémont als jüngste von drei Töchtern auf. Thürig war sechs Jahre alt, als eine ihrer Schwestern ihr das Schachspiel lehrte. Als Klein-Catherine die folgende Übungspartie gleich gewann, wollte ihre Schwester nicht mehr gegen sie antreten. Thürig war schon sechzehn Jahre alt, als sie endlich dem Schachklub Delémont beitreten durfte und regelmässig zum Spielen kam. Während ihrer Studienjahre in Neuenburg wurde ihr im dortigen Schachklub, einer reinen Männerdomäne, kein Anschluss gegönnt. So musste sie Schach erneut zurückstellen. Als sie beim Blitzschach in einer Bar neben der Universität endlich einmal mittun durfte und sogleich gewann, wollte auch dort niemand mehr gegen sie antreten.
1980 wurde sie Teil des Firmenschachklubs von Toyota und kam endlich dazu, intensiv Schach zu spielen. 1986 wurde sie Mitglied der Schweizer Damennationalmannschaft. 1995 wurde sie Vize- und 1998 schliesslich Schweizermeisterin. Ihre erste Olympiade führte sie 1990 nach Novi Sad, Jugoslawien.
«Ich war schon vor der Olympiade viel mit Jugoslawien in Kontakt gekommen. Ich war damals schon lange mit einem Slowenen zusammen. Wegen dem drohenden Krieg hatten wir dann zu der Zeit geheiratet. An so einer Olympiade da geht es um Schach, und nochmals um Schach, und dann nochmals um Schach, man ist in einer Blase. Das Turnier fand aber zur Zeit der Wahlen statt. Die waren sehr prominent im Fernsehen. Milosevic war zwar den wenigsten ein Begriff damals. Aber ich kannte die Situation von meinem Umfeld her.
Ich wusste, dass die Leute in Jugoslawien sehr am Schach interessiert sind. Wir hatten auch sehr viele Zuschauer, das ist im Schach nicht selbstverständlich. In Novi Sad spielten wir in einer Halle auf abgesperrten Inseln. Dazwischen konnte das Publikum umhergehen. So nah kann man selten an die Spieler heran. Ich spielte dann fünf oder sechs Partien. Ich war Ersatz. Ich war einfach die schwächste Spielerin, habe aber darauf gedrängt, auch noch zu spielen und konnte gegen Israel noch einen schönen Sieg verbuchen.
Jede Mannschaft hatte einen Sponsor. Und mit Viktor Kortschnoi am ersten Brett der Herren waren wir natürlich sehr attraktiv für Jugoslawien. Wir wurden von irgend so einer Import-Export-Firma gesponsert. An einem freien Tag gingen wir mit denen essen. Dann stellte man uns auch einen Herrn Miloševic vor. Aber in Jugoslawien heisst ja alles Miloševic, das ist wie Müller oder Meier in der Schweiz. Ich fragte dann jemanden von seiner Entourage und der sagte, das sei Slobodans Bruder. Der war lange im Aussendienst als Konsul, sein Stab sprach ziemlich gut Französisch, man konnte sich gut unterhalten. Und dann haben sie mir ihre Weltsicht erklärt, Amselfeld und so weiter, bis zum Gehtnichtmehr. Das war schon sehr spannend, natürlich totale Propaganda.
Die Olympiade 1994 hätte eigentlich in Thessaloniki, Griechenland, stattfinden sollen. Aber Griechenland ging das Geld aus. Also sprang Moskau ein. Kasparow arrangierte das, so dass die Schacholympiade dann doch stattfinden konnte. Moskau im Dezember, das war schon kalt. Und es war speziell, weil es um die Wende herum war. Die Kriminalität war hoch, denn der Rubel war ins Bodenlose abgesunken. Die Verkäufer in der Metro zum Beispiel wollten nicht zu viel Ware am gleichen Tag verkaufen. Denn am Tag darauf war die Ware mehr wert als das Geld. Eine komische Zeit, wir wurden auch gewarnt, wir sollten nicht zu oft aus dem Hotel.
Sorgen machte ich mir trotzdem keine. Das war ein Prestigeturnier, besonders Schach in Russland. Da hatte man eine Sonderbehandlung, schon am Flughafen: Wir mussten nirgends anstehen, sondern kamen zur Hintertüre raus und gleich ins Hotel. Bei der Ausreise sah es dann allerdings anders aus. Da interessierte sich niemand mehr für uns. Die Schlange vor dem Zoll war ein paar hundert Meter lang, volle Bürokratie.
Wir waren in einem Riesenhotel untergebracht, von der Breite her wie Versailles, ich glaube es war im 17. Stock. Trotzdem war es sehr eng, man musste all die Leute von der Olympiade da unterbringen. Dann spielten alle irgendwo anders, in den unterschiedlichen Restaurants, andere in der Turnhalle, wo auch immer.
Ausserdem gab es strenge Zugangskontrollen, die passierte man nur mit dem Olympiaden-Badge. Deshalb gab es auch fast keine Zuschauer, obwohl die Russen gerne gekommen wären. Nur das Rotlichtmilieu konnte sich trotzdem irgendwie Zugang verschaffen, die Damen waren überall. Alle paar Tage wurden sie wieder weggewiesen, aber bald darauf waren sie wieder da.
Moskau war eindeutig die beste Olympiade, die ich spielte. Wir analysierten während dem Turnier wahnsinnig viel. Die Räumlichkeiten waren wirklich beschränkt, die Restaurants waren alle besetzt durch die Partien. Also sassen wir ständig im Zimmer der einen oder der anderen und analysierten irgendeine Partie. So entstand ein sehr grosser Zusammenhalt.
Im Dezember 1994 in Moskau auszugehen war ein rechtes Unterfangen. Erstens war es sowieso viel zu kalt. Und zweitens war das natürlich schon eine spezielle Lage. Es gab eigentlich keine Restaurants, wo man sich einfach hinsetzen und etwas trinken konnte. Wir wollten aber irgendeinmal trotz allem raus. Eine Junge in unserer Mannschaft meinte, sie wolle zu McDonalds, der habe jetzt geöffnet. Also gingen wir dahin. Das war wahrscheinlich der erste McDonalds in ganz Russland.
Ein andermal gingen wir zum Park der Sowjetischen Errungenschaften, dort hatte es einen Schaschlik-Stand. Einmal rangen wir uns durch und gingen dahin. Dann sassen wir im Freien in der Nacht und assen irgendetwas, das wir nicht sehen konnten. Da sprach uns ein Vodka-Verkäufer an. Der fragte aber nicht, ob wir Vodka kaufen möchten, sondern nur, wie viel Vodka wir kaufen wollen. Den Vodka haben wir weggelassen. Während einer Schacholympiade wird nur wenig Alkohol getrunken.
In Moskau war es so, dass man insgesamt bis zu sieben Stunden spielen konnte. Ich hatte eine solche Partie. Das war nicht gegen Russland, aber die Gegnerin war eine starke Russin. Denn die haben dazumal in allen Mannschaften gespielt, nachdem sie ausgewandert waren. Das war ein Zermürbungskrieg. Am Schluss stand ich auf Verlust. Aber: Briefe und Pakete gibt man auf, keine Schachpartien. Nach ungefähr sechs Stunden und vierzig Minuten Spielzeit machte meine Gegnerin einen schlechten Zug und verlor zwei Züge später ihre Dame. Sie war zermürbt. Schach ist eben auch eine Frage der Kondition. Da zahlte es sich aus, dass ich regelmässig Sport treibe.
Für den Hinflug an die Olympiade 1996 in Jerewan, Armenien, hatte der Europäische Schachverband einen Flug gechartert, der alle Schachspieler nach Jerewan flog. Europas Schachelite gemeinsam im Flugzeug, das war lustig, alle kannten sich.
Wir hatten aufwendig für jeden Schweizer Spieler ein Visa organisiert, mustergültig, wie wir Schweizer halt sind. Als wir ankamen, stand noch auf der Rollbahn ein Empfangskomitee. Das fragte in die Runde: «Wer hat kein Visa?» Sie hatten schon die Stempel parat und alle bekamen einfach so ein Visa. Dann fuhren wir mit dem Bus in die Stadt und an den Strassenseiten standen Leute, die uns zuwinkten. Armenien ist sehr schachaffin.
Die Olympiade fand gleich nach dem Ende des ersten Krieges gegen Aserbaidschan statt. Die Stadt war ruhig, aber man sah noch Einschusslöcher, durchlöcherte Autos. Die Kontrollen waren streng, ohne Metalldedektor kam man nicht ins Hotel oder ins Spiellokal. Am ersten Tag ist das komisch, am zweiten hat man sich schon daran gewöhnt.
Zu der Zeit fanden auch Wahlen statt, und da schoss irgendeiner bei einer Wahlveranstaltung. Dann fuhr gleich die ganze Armee auf. Ganz Jerewan war voller Panzer und Soldaten. Mit dem Badge kamen wir zwar überall durch, aber eigentlich war Ausgangssperre. Meine morgendliche Joggingrunde führte zwischen Panzern hindurch. Niemand sagte etwas, denn das ganze Land wusste, dass die Schacholympiade stattfindet.
Der Präsident von Kalmückien kandidierte damals und lud jede Mannschaft zur Audienz. Das war in einem Raum mit grossem Tisch in unserem Hotel. Dort stand er mit seinen beiden Leibwächtern. Dann hielt er seine Rede, schüttelte jedem die Hand und verteilte Geschenke: Wir erhielten Literatur, Comics über die Geschichte des Landes und ein Bildband von ihm, wie er mit allen möglichen Persönlichkeiten auftritt. Und auch ein Büchslein Kaviar, ein Fläschchen Vodka, und irgendeine Uhr. Dann durften wir wieder gehen.
Eines Abends wollten wir eine andere Mannschaft besuchen. Auf dem Weg dahin wurden wir an einem Checkpoint angehalten. Die Soldaten meinten, wir könnten erst passieren, wenn wir gegen ihren Champion spielten. Dann stellten sie zwei Hocker und ein Schachbrett auf und präsentierten ihren Spieler: Das sei der Champion, sagten sie, der Boxchampion. Das Schachspiel gewannen wir dann schnell. In Jerewan hatten die Leute immer Freude, Schachspieler zu sehen.
Ein andermal gingen wir ins Museum. Dort erfuhr man dann die ganze Sache mit der Türkei, eine riesige Ausstellung, wie das aus Sicht von Armenien abgelaufen war. Solche Sachen realisiert man schon, auch wenn man an der Olympiade in einer Blase ist.»
Gegen Ende der 90er-Jahre begann Catherine Thürig sich zur Informatikerin weiterzubilden. Schach musste hintenanstehen. 2003 trat sie aus der Nationalmannschaft zurück. 2005 wurde sie ein zweites Mal Vize-Schweizermeisterin. 2009 erlangte sie ihren Abschluss in Wirtschaftsinformatik und begann sich wieder intensiver mit Schach auseinanderzusetzen. 2011 und 2013 wurde Thürig nochmals in das Nationalteam berufen, um an den Europameisterschaften teilzunehmen.
Heute tritt Thürig regelmässig an Mannschaftsmeisterschaften für den Schachklub Olten an, dem sie seit den 80er-Jahren angehört. Ihr Fokus habe sich inzwischen aber hin zu «Genussschach» verschoben.