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Newsletter 57
September 2014
Diese Ausgabe enthält folgende Themen:
- Kolumne: Die Fackel weitertragen: DER KREIS - LE CERCLE - THE CIRCLE
- Hinweis auf Schweizer Filmpremiere DER KREIS
Die Fackel weitertragen: DER KREIS - LE CERCLE - THE CIRCLE
eos. Früher las man immer wieder vom "legendären Kreis", wenn es um Schwulengeschichte ging. Man wusste so einiges vom Hörensagen, aber kaum einer konnte Konkretes angeben. Das begann sich mit den Ausstellungen im Landesmuseum, im Zürcher Stadthaus und mit der Website schwulengeschichte.ch zu ändern - für jene, die hingingen oder sich hineinlasen. Und jetzt gibt es den Film. Das ist praktisch und bequem. Das Legendäre, es war einmal. Und das ist gut so.
Die Zeitschrift Der Kreis führte ein antikes Öllicht als Signet. Es war die Flamme der Liebe, der Hoffnung und des Kampfes um Anerkennung und gleiche Rechte. Der Kampf lief ohne Waffen, es war ein Kampf um Aufklärung, um Öffnung des Denkens, ein geistiger Kampf. Die Waffen waren die geschriebenen und gelegentlich auch gesprochenen Worte. Der Erste, der sie formte und schliff, war der Glarner Heinrich Hössli. Damit entzündete er 1836 die Flamme. Doch sie erlosch.
Ein Deutscher, Karl Heinrich Ulrichs, zündete sie wieder an und trug sie 1867 mit einer aufrüttelnden Rede an den deutschen Juristentag. Vergeblich, er wurde niedergeschrien. Doch andere übernahmen. Die Flamme erreichte Berlin, wurde zur lodernden Fackel und vervielfachte sich:
- 1896 erschien mit Der Eigene die erste Homosexuellen-Zeitschrift. Herausgeber war Adolf Brand.
- 1897 gründete Magnus Hirschfeld eine Organisation mit Forschungszentrum, das "Wissenschaftlich-humanitäre Komitee". Es entwickelte sich rasch und arbeitete international.
- 1919 schuf er als Ergänzung dazu ein übergeordnetes "Institut für Sexualwissenschaft".
Mitglieder dieser Organisationen gab es auch in der Schweiz. Das führte ab 1922 zu ersten Gruppierungen.
1924 fuhr der junge Schauspieler aus dem Thurgau, Karl Meier (1897-1974, sein Todestag jährt sich zum 40. Mal), nach Deutschland, um sich korrekte Bühnensprache anzueignen. Später arbeitete er an Theatern in der brandenburgischen Provinz, lernte Adolf Brand kennen und schrieb für dessen Zeitschrift Der Eigene. Brand sah die Machtergreifung Hitlers (30. Januar 1933) voraus, stellte 1932 seine Zeitschrift ein und wies Karl Meier an:
"Du, Schweizer, hast die Pflicht, die Fackel, von deinem Landsmann Hössli entzündet, wieder zurückzutragen, damit sie - mit Glück - dort überlebe, um später einmal wieder in einem helleren und besseren Deutschland neu entzündet zu werden."
Beladen mit kostbaren Büchern, Zeitschriften und Kunstdrucken kehrte der Schauspieler heim. Ein Jahr später zerstörten die Nazis alles, was ihm Brand nicht mitgegeben hatte. Und nochmals ein Jahr später (1934) schloss sich Karl Meier dem noch ganz jungen Schweizerischen Freundschafts-Verband an. Jetzt war das die einzige noch bestehende Homosexuellen-Organisation deutscher Sprache. Die einst mächtige und nach halb Europa hinausleuchtende deutsche Fackel hatten die braunen Horden restlos ausgetreten.
Bald nannte sich Karl Meier "Rolf" und wurde zur leitenden Persönlichkeit der Verbands-Zeitschrift Schweizerisches Freundschafts-Banner. Erst mit dem Inkrafttreten des ersten gesamtschweizerischen Strafgesetzbuches (StGB) änderte Karl Meier / Rolf 1942 den Namen der Organisation in DER KREIS und wählte ab 1943 das Signet des Öllichts für die nun zweisprachige Monatsschrift Der Kreis - Le Cercle. Als grosses Vorbild stand ihm stets Der Eigene von Adolf Brand vor Augen, also eine auf homoerotische Literatur und Kunst ausgerichtete Zeitschrift. Doch dasselbe hochstehende Niveau der grafischen Gestaltung und der teuren Drucktechnik erreichte sein Heft nie. Die inhaltliche Fülle aber, ab Anfang der 50er Jahre dreisprachig, die literarische, theologisch-seelsorgerliche und philosophische Tiefe, die stets neue Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen der Gesellschaft und das Übermitteln wissenschaftlicher Erkenntnisse und politischer Entwicklungen, das alles machte den Kreis seinem Vorgänger und Ideal durchaus ebenbürtig.
Nebst der Zeitschrift gab es die Organisation. Kreis-Abonnenten trafen sich regelmässig zu Musik und Tanz, zu Gesprächen und zum Bezug von Büchern aus der umfangreichen Leihbibliothek. Fotografien, Kunstdrucke, Original-Blätter, Hefte befreundeter Organisationen, Belletristisches aller Art und wissenschaftliche Bände standen zum Kauf bereit. Vier Mal jährlich organisierte der KREIS grosse Veranstaltungen. So gab es vor Weihnachten regelmässig eine besinnliche Feier ohne Gäste, nur für Abonnenten. Besonders beliebt waren die Bälle und Festlichkeiten mit Theatereinlagen aller Art, mit reichem Programm und eigenem Orchester. Sie lockten Hunderte von Gästen aus ganz Europa und sogar Nordamerika an. Denn sie waren die weltweit einzigen Grossanlässe für Homosexuelle. Diese Tradition erreichte in den späteren 50er Jahre ihren Höhepunkt.
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Hinweis auf Schweizer Filmpremiere DER KREIS
sbj. Der gleichnamige Film DER KREIS von Stefan Haupt läuft ab 18. September 2014 in der Deutschschweiz an, ab 11. November 2014 auch in der welschen Schweiz.
Als Doku-Drama konzipiert, erzählt der Film vom privaten Schicksal der beiden Protagonisten Ernst Ostertag und Röbi Rapp und von ihrem jeweiligen Engagement bei der Organisation DER KREIS und bei der Zeitschrift Der Kreis.
Der Film zeigt aber auch die Zeit der Repression mit brutalen Razzien und Polizei-Verhören in den 60er Jahren, was schliesslich zusammen mit dem Tanzverbot das Ende von Organisation und Zeitschrift herbeiführte.
Der Film erhielt seit seiner Uraufführung anfangs 2014 bereits etliche Preise im Ausland, allen voran an der Berlinale den Publikumspreis und den Teddy Award. Weitere Informationen zum Film DER KREIS