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Ihr habt mich enttäuscht!» – «Yes, Sir!»; «Ihr seid noch weit weg von der Perfektion!» – «Yes, Sir!»
Es klingt wie im Film «Full Metal Jacket» von Stanley Kubrick. Aber wir sind nicht in einem Ausbildungszentrum der US-Marines. Wir befinden uns im Schloss Zeist in den Niederlanden, 15 Kilometer von Utrecht entfernt. Es ist ein schönes Schloss, gebaut im 17. Jahrhundert. Man würde nicht erwarten, dass drinnen derart rau gesprochen wird.
Dort hat sich der kahlköpfige, gross gewachsene Robert Wennekes, Boss der International Butler Academy, vor 14 Studenten aufgebaut. Die zukünftigen Butler stehen alle in einer Reihe. Sie haben gerade mal drei Stunden geschlafen und arbeiten seit aller Frühe. Soeben mussten sie vier Teller auftischen und darauf Legoklötze und Gummibälle servieren, danach Weiss- und Rotwein einschenken. Es ist Teil der praktischen Prüfungen. «Zwei von euch haben zu viel Weisswein eingeschenkt. Bei einem habe ich beim Servieren einen Daumen auf dem Teller gesehen», donnert Wennekes. Einmal habe er sogar gehört, dass die Weinflasche das Glas berührt habe. «Das ist inakzeptabel!»
Bei der praktischen Prüfung müssen die Studenten Hemden bügeln, Servietten auf zehn verschiedene Arten falten, einen Koffer packen – alles innerhalb weniger Minuten. Als die Studenten wieder am Arbeiten sind, sagt Wennekes, dass er eigentlich erfreut sei über ihre Leistungen, aber beim Auftischen, da seien sie schwach gewesen. Seine Masche besteht darin, die Studenten immer wieder zu irritieren. Er lässt sie zum Beispiel für vier Gäste ein Essen auftischen, platzt dann plötzlich herein und teilt mit, dass sechs kommen werden. Er spielt gerne die Rolle des exzentrischen, unberechenbaren Chefs. Einmal kommt er elegant daher, dann in Cowboystiefeln und offenem Hemd.
Der Stock im Rücken. Beim Beruf Butler denkt manch einer an den Sketch «Dinner For One», an vertrottelte, alte Briten. Es sind Bilder der Nostalgie, die wenig mit der Berufsrealität zu tun haben. Ein Butler übernimmt heute organisatorische Aufgaben. Er muss Flüge und Hotels seines Arbeitgebers buchen. Er muss dessen E-Mail-, vielleicht auch Xing- oder Facebook-Account betreuen und mit Blackberry oder iPhone seinen Terminkalender verwalten. Er ist auch ein Executive Manager. Er muss Personal einstellen und entlassen. Er ist zuständig für Reinigung, Logistik und Einkauf.
Der Butler bewegt sich zwischen Hinter- und Vorderbühne des sozialen Geschehens. Er kennt den rauen Ton in der Küche, packt die Koffer seines Arbeitgebers, sieht in seine Schränke, kennt seine Medikamente, seine Marotten. Er steht dann aber auch vorne, vor den Gästen, und isst gelegentlich mal am Tisch. Das Wichtigste ist, dabei die Haltung zu bewahren. Es geht um einen Habitus, wie ihn der Soziologe Pierre Bourdieu beschrieb. Butler ist eine Profession, die übergeht in Fleisch und Blut, die körperlich objektiviert wird.
Wie muss ich dastehen als Butler? «Gerade und stolz», rät Gonnie Klein Rouweler, «als wäre ein Stock in Ihrem Rücken und ein Buch auf Ihrem Kopf.» Die Holländerin unterrichtet Etikette und Protokolle. Die Körperhaltung soll grundsätzlich offen sein, die Arme nicht gefaltet. Die rechte Hand ist hinter dem Rücken, die linke hält das Tablett. Dort liegt auch der rechte Handschuh. Falls ein Butler jemanden mit Händedruck begrüssen müsste, was selten vorkommt, hat er den Handschuh bereits ausgezogen. Es ist eine anstrengende Haltung. Allein der Gedanke, immer so dastehen zu müssen, ermüdet. «Auch wenn Sie es noch so eilig haben, Sie dürfen nie rennen. Ein Butler zeigt nie Stress, er hat stets alles unter Kontrolle.»
Butlerschulen lassen sich weltweit an knapp zwei Händen abzählen. Unter anderen gibt es die Australian Butler School, das International Institute of Modern Butlers in Florida, die Ivor Spencer School in London und eben die International Butler Academy in Zeist. Dort finden zweimal jährlich Kurse statt, die zwei Monate dauern und 12 500 Euro kosten. Der jüngste Student, der tatsächlich für eine Stelle eingesetzt werden konnte, war 20 Jahre alt, der älteste 68. Die Studenten in diesem Kurs kommen aus den USA, Brasilien, Deutschland, China – und aus der Schweiz. Sie leben in einem Gasthaus, wo sie sich selber organisieren.
Meister der Etikette. Noa Ulmer ist einer der zwei Schweizer Studenten. Er ist in Graubünden und Los Angeles aufgewachsen, wo er Wirtschaft studiert hat, lebte in China und Frankreich. Er hat in Zeist mit dem Prädikat Distinction abgeschlossen, als Bester der Klasse. Der Kurs sei sehr intensiv gewesen: «Oft sind wir um fünf Uhr früh aufgestanden und haben bis zwei Uhr nachts gearbeitet.» Freie Tage wurden spontan gestrichen. Die Studenten würden ständig beobachtet und bewertet; wie sie ässen, wie sie sich anzögen, ob ihre Laune gut sei. Eine Woche nach dem Kurs hat Ulmer ein Jobangebot in Peking erhalten, allerdings möchte er vorerst in der Schweiz bleiben.
Was motiviert Leute zu dieser Ausbildung, da Dienen in der westlichen Kultur meist als Spielform des Masochismus verstanden wird? «Butler ist ein sehr vielseitiger Beruf, ein Butler übernimmt die Verantwortung für Privatjets und Yachten, er ist ein Meister der Etikette», sagt Kursteilnehmer Benjamin Klose. Er hatte schon immer eine hohe Affinität zu allem Adligen, zu Uniformen. Aufgewachsen ist er in einem Schloss in Oberbayern, wo viel Wert auf Etikette gelegt wurde. Das Internat in England hat diese Affinität vertieft.
Der Butler gilt als Inbegriff der britischen Adelskultur, geht aber ursprünglich auf den französischen Bouteiller, den Kellermeister, zurück. Heute sind Butler in einem globalen Markt tätig. Wie viele Butler es weltweit gibt, lässt sich schwer quantifizieren. Der internationale Butlerverband zählt fast 10 000 Mitglieder. Ihr Einsatz ist meist sehr diskret. Zahlreiche wohlhabende Haushalte am Genfersee oder an der Zürcher Goldküste beschäftigen Butler. Der Tessiner Financier Tito Tettamanti leistet sich einen, ebenso Verleger Jürg Marquard.
Interkulturelle Kompetenz. Auch im «Grand Hotel Bad Ragaz», im «Baur au Lac» in Zürich und im «President Wilson» in Genf steht auf Wunsch den Gästen ein Butler zur Verfügung. Der Boommarkt in dieser Branche ist Aisien. China etwa braucht zukünftig eine halbe Million Butler. Kürzlich war deshalb ein chinesischer Erziehungsminister auf Schloss Zeist.
Die globale Ausrichtung konfrontiert Butler mit neuen Herausforderungen. Sie brauchen interkulturelle Kompetenz. Das beginnt beim Augenkontakt, der in der westlichen Kultur gepflegt, in der arabischen Welt zwischen Menschen mit unterschiedlichem sozialem Status vermieden wird. Dort verbeugen sich Butler, in westlichen Gesellschaften nicht. Im arabischen Raum werden im Westen ausgebildete Butler hoch respektiert. Sie verdienen schnell 120 000 Euro jährlich, während asiatische Arbeitskräfte für einen Hungerlohn schuften.
Gründer der Schule ist Robert Wennekes, der vor zwanzig Jahren zwei Restaurants führte. Er ging damals für zwei Wochen einen Freund in England besuchen, der dort als Butler arbeitete. Wennekes war fasziniert von der aristokratischen Umgebung. Er blieb sechs Monate und arbeitete mit. Als er erfuhr, dass ein amerikanischer Milliardär einen Butler suchte, bewarb er sich – und bekam den Job, zu seinem eigenen grossen Erstaunen.
«Ja» ohne «aber». Nach mehreren Jahren in den USA kehrte er nach Europa zurück, wo er unter anderem in der amerikanischen Botschaft in Bonn als Head-Butler arbeitete. Er war zuständig, als Bill Clinton im Jahr 1994 das erste Mal als Präsident nach Deutschland reiste. Wennekes arbeitete drei Tage und Nächte ohne Pause durch. Vor dem Dessert am letzten Abend ging er in die Küche und zog die Schuhe aus. Eine Haushälterin massierte ihm dort spontan seine Füsse, worauf diese anschwollen, sodass sie nicht mehr in seine Schuhe passten. Ersatzschuhe liessen sich trotz verzweifelter Suche bei anderen Butlern und Sicherheitsleuten nicht finden. Wennekes Lösung: Er liess die Lichter im Raum dämpfen und brachte dann die Dessertplatte mit lichterloh brennendem Cognac hinein. Auf seine Füsse schaute keiner. Es war wohl das einzige Mal, dass ein amerikanischer Präsident sich von einem Angestellten in Socken bedienen liess.
Später erhielt Wennekes ein Jobangebot von einem arabischen Scheich: Jahresgehalt 200 000 Dollar, eigener Chauffeur, zwei Privatassistenten und ein schier grenzenloses Spesenbudget. Er konnte seine Frau nicht überzeugen, nach Saudi-Arabien zu ziehen, konnte dem Scheich jedoch einen Kandidaten vermitteln. Kurz darauf vermittelte Wennekes auch den Freunden des Scheichs Butler. So geriet er in das Butlerbusiness und gründete die Schule. Sie ist sein Pool, in dem er Kandidaten aufbaut. Mit der Vermittlung verdient er sein Geld, nicht mit der Schulung. Der Markt ist – trotz Wirtschaftskrise – stabil. Die Milliardäre sind eh nicht von der Krise betroffen, am ehesten trifft sie die Leute mit einem Vermögen von 10 bis 100 Millionen Dollar. Wennekes platziert die Butler in Königshäusern, bei Scheichs und natürlich auch bei Berühmtheiten. Namen nennt er keine. Ein Unternehmer werde eher seine Firma schliessen als seinen Butler entlassen, sagt Wennekes.
Auch Angestellte von Versicherungsfirmen, Privatbanken und Airlines lassen sich auf Schloss Zeist in Fragen der Etikette weiterbilden. Es gehe um eine Grundhaltung, sagt Gonnie Klein Rouweler. Ein Butler sage immer «Ja», nie «aber». Zugleich kenne er seinen Wert. Der Butler muss wissen, dass er nicht zur Familie gehört, auch wenn er mit ihr lebt. Er dürfe etwa nicht mit seinem Arbeitgeber Alkohol trinken. «Es gibt eine unsichtbare Linie, die ein Butler nicht überschreiten sollte.»
Die Schule vermittelt primär die Haltung, technische oder kulturelle Details folgen später in der Arbeitspraxis. «Die Etiketten, die wir hier lernen, sind anderswo vielleicht nicht erwünscht», sagt Gonnie Klein Rouweler. Zum Beispiel wird an der Schule konsequent von links serviert. Im Grossteil der Welt aber tut man dies von rechts. Es ist gut, diese Etiketten zu kennen. Entscheidend ist aber etwas anderes: «Man muss auch mit jemandem umgehen können, der sie nicht kennt», sagt Klein Rouweler. «So zeigt man wirklich Charakter.»