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«In meiner Bubble» oder auch «zumindest in meiner Bubble» sind Sprachzusätze, die man in jüngster Zeit andauernd liest und hört. Typische Bubble-Aussagen lauten:
«In meiner Bubble ist das Thema tagtäglich präsent»; «Es wird in meiner Bubble von vielen so gesehen»; «Zumindest in meiner Bubble kenne ich niemanden, der von sich sagen würde: Ich bin stolz darauf, dass ich so rassistisch und/oder sexistisch bin. Und trotzdem …»; oder: «Heute versucht (zumindest in meiner Bubble) jeder seinen TikTok Account zu vergrößern, einen Podcast zu machen und passives Einkommen zu generieren.»
Bubble-Verweise kommen mittlerweile so selbstverständlich daher, als wäre es das Natürlichste der Welt, in einer Bubble zu kommunizieren oder in eine solche eingeschlossen zu sein wie in ein Raumschiff, von dem aus gesehen die Umgebung fremdartig oder sonderbar erscheint.
Dabei wurde das Phänomen gerade erst vor zehn Jahren entdeckt und wissenschaftlich beschrieben.
Trouble mit der Bubble
Mit «filter bubble» oder auch «Informationsblase» wurde 2011 ein medienwissenschaftlicher Begriff eingeführt zur Bezeichnung von algorithmisch gelenkten und auf tatsächliche oder vermeintliche Interessen von Nutzer*innen zugeschnittenen Informationsflüssen. Als Begriffsurheber gilt der Internetaktivist und Medienkritiker Eli Pariser.
Ein bekanntes Beispiel für den Bubble-Effekt ist: Ein Umweltschützer und ein Börsenmakler geben in Google den Namen einer Erdölfirma ein; der eine erhält Hinweise auf Demonstrationen, der andere Meldungen der Börsenkurse.
Inzwischen haben sich soziologische Milieustudien teilweise in den digitalen Raum und auf Bubbles verlagert. Die entsprechende Disziplin heisst: Bubble Studies. Ein einschlägiges Institut ist das Centre for Information and Bubble Studies (CIBS) der Universität von Kopenhagen. In Untersuchungen geht es um Effekte von Bubbles wie auch um Bubble-Clashes, die intellektuelle und ideologische Verwirrung auslösen können.
Eli Parisers kulturkritische Thesen – immer stärkere Einbunkerung in Echokammern, ideologische Zersplitterung des www, Desinformation und Erosion des Demokratischen – sind in teilweise erschreckendem Masse Wirklichkeit geworden. Und dennoch hat sich zur gleichen Zeit der Gebrauch des Wortes vollkommen geändert. Diente es zunächst ausschliesslich dazu, sich über andere zu erheben, im naiven Glauben, nur die anderen lebten in Bubbles, nicht aber man selbst, wird der Ausdruck «in meiner Bubble» mittlerweile durchaus affirmativ verwendet. Dabei fällt dreierlei auf:
Erstens die Singularform («meine Bubble»), obwohl de facto die meisten und insbesondere Social-Media-Nerds in einer Vielzahl von sozialen Bubbles blubbern: der FB-Bubble, der Insta-Bubble, der Twitter-Bubble, der Business-Bubble, der Fashion-Bubble, der Family-Bubble – und natürlich der Filterbubble.
Aber viele Bubbles, das ist fast so anstrengend wie eine ungefilterte Welt, eine, in der wir nicht im Zentrum stehen!
Zweitens fällt die Ambivalenz zwischen Affirmation und Relativierung auf: Zum einen wird kommuniziert, dass ein Thema allgemeine Aufmerksamkeit verdient, weil es in einer individualisierten Bubble als bedeutsam angesehen wird. Gleichzeitig wird relativiert: «zumindest in meiner Bubble …» Was wir sagen, wenn wir «in meiner Bubble» sagen, ist: Ich weiss, es ist nur eine spezifische Perspektive auf die Welt, aber ich halte diese Perspektive dennoch für massgeblich.
Ich werde überwacht – also bin ich!
Hier verschränken sich Bescheidenheit und Anmassung in ähnlicher Weise wie im Ausdruck: «ich meine». Wie Theodor W. Adorno 1963 in einem hellsichtigen Aufsatz analysiert hatte, kann «ich meine» ebenfalls sowohl eine Einschränkung («ich meine, er ist 1903 geboren») als auch eine bekenntnishafte Unterstreichung («ich aber meine …») besagen, in der eine narzisstische Identifikation mit dem, was behauptet wird, erkennbar wird.
Drittens ist das Possessivpronomen auffallend: Es heisst nicht, in «einer», sondern in «meiner Bubble». Bubbles werden offenbar vornehmlich aus einer egozentrischen Perspektive wahrgenommen. Was Eli Pariser als dystopische Zunahme des Tunnelblicks und der intellektuellen Isolation gedeutet hatte, nämlich individuell zugeschnittene und damit beschränkte Informationsflüsse, scheint mittlerweile umgewertet zu sein.
Wir genießen es, uns als Zentren von Filterungen zu empfinden. Das Filternet bietet uns damit eine Regression in den Primärnarzissmus.
Selbst die Voraussetzung dieser Filterungen, dass die Algorithmen sehr viel von uns wissen müssen, um passgenaue Informationen liefern zu können, muss nicht notwendig eine Überwachungs-Paranoia auslösen. Beziehungsweise auch die Überwachung kann noch narzisstisch genossen werden, denn:
Gleichgültig schweigende unendliche Räume des Internets mögen erschreckender erscheinen als ein virtueller Orbit, in dem Algorithmen mich beachten und auf mich reagieren. Ich werde überwacht – also bin ich!
Wenn Jacques Lacan den protestierenden Student*innen 1968 zurief: «Als Revolutionäre seid ihr nur Hysteriker, die nach einem neuen Herrscher verlangen. Ihr werdet einen bekommen», so könnte man heute sagen: Der Bubble-Genuss an der Überwachung ist der Schritt von der Paranoia (der verschwörungsmythischen Suche nach den wahren Herrschern) zu ihrem Genuss: Ja, wir sind algorithmisch 100% durchleuchtet – und es fühlt sich verdammt gut an.
Bubble-Narzissmus
Was diesen regressiven Bubble-Narzissmus noch stört, sind die Schwächen der auf Personalisierung zielenden Amplifizierungs-Algorithmen, weil: Sie sind gar nicht so super-klug.
In meinen Social-Media-Feeds finde ich nach wie vor erstaunlich wenig Nachrichten, die meinen intellektuellen Interessen nahekommen. Stattdessen werde ich beharrlich mit Mittelmässigkeit und Redundanz überspült und mit Minimalbotschaften von Leuten geflutet, die ich weder kenne noch kennenlernen möchte.
Gleichzeitig bleiben die Gründe dieser Mangelhaftigkeit im Trüben. Ein bisschen ist es wie das Ringen mit Titanen: Als Userin bekomme ich keinerlei Einblick in das Ausmass und die Art der maschinellen Informationsfilterung. Ich mache mich mit meinen Likes, Kommentaren und Abos gläsern, die Plattformen aber verweigern Transparenz und bleiben dunkel. Angewandte Amplifizierungs-Schemas werden bislang selbst Forscher*innen vorenthalten.
Plattformen hüten algorithmische Geheimnisse wie den Heiligen Gral.
Ähnlichkeiten und Unterschiede mit religiöser Kommunikation fallen ins Auge. Auch im Dialog mit Gott, Göttern oder einer unspezifisch höheren Sphäre bleibt das Gegenüber oft opak. Auch im religiösen Gespräch lege ich meine Persönlichkeit in die Waagschale. Allerdings fühle ich mich im Dialog mit Gott nicht als Konsument, der manipulativ bearbeitet wird.
Bubble Gum, Photo by Gabriel Matula on Unsplash.