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Kleinjogg, der philosophische Bauer
Kleinjogg Gujer wurde 1716 als sechstes Kind einer Wermatswiler Bauernfamilie
geboren. Es war damals üblich, dass Kinder den Namen ihres Paten annahmen. Der eigentliche Taufnahme war
Jakob, aber weil es in der Familie bereits einen Jakob gab, wurde er zur Unterscheidung Kleinjakob, oder eben
Kleinjogg, genannt.
Von Wermatswil nach Katzenrüti
Im Frühjahr 1769 wurde für den Hof des Kornamts in der Katzenrüti
(Gemeinde Rümlang) ein neuer Lehenmann gesucht. Unter den verschiedenen Bewerbern befand sich auch
Kleinjogg, dem der Hof schliesslich zugesprochen wurde. Jetzt konnte Kleinjogg Gujer seine verschiedenen
Methoden, die er zum Teil bereits in Wermatswil gegen den Widerstand der Umgebung durchsetzte, unter idealen
Bedingungen anwenden.
Markante Neuerungen
Mit verschiedenen Anbaumethoden bemühte sich Kleinjogg über Jahre
hinweg, die Güter einer intensiveren Nutzung zuzuführen und so den Ertrag zu steigern. Er bemühte
sich insbesondere um die Verbesserung des Bodens durch neue Düngungsmethoden. Um mehr Mist und Jauche zu
gewinnen, hielt er das Vieh im Stall zurück. Aus gefaultem Wasser, kleingehacktem Reisig und Torf stellte
er Kompost her. Lehmige Böden wurden mit Sand aufgelockert und die Felder von Steinen gesäubert. Kleinjogg
forcierte auch den Obstanbau, und er war einer der ersten, der Kartoffeln in grossem Stil anbaute. Äcker und
Wiesen wurden bewässert und das Riedland drainiert.
Kleinjoggs Prinzipien
Nicht nur in der Landwirtschaft, auch in anderen Bereichen des Lebens hatte Kleinjogg Gujer seine Prinzipien. Er war ein Gegner von Verschwendung, Pracht und Müssiggang, die er aus seinem Haus verbannt hatte. Festivitäten aller Art waren ihm zuwider, und Geschenke an die Kinder erachtete er als unsinnig. Er war auch mit der Kirche nicht restlos einverstanden, und seine Kinder schickte er nicht in die Schule sondern liess sie durch seinen Bruder in jenen Dingen ausbilden, die er als wichtig ansah. Bücher waren für Kleinjogg «närrisches Zeug», das von der Arbeit abhält. «Der Pflug, die Mistgabel, das sind die Bücher, die sie zu behandeln haben», war seine Ansicht. Arbeit verschonte vor Not, und sie war die Quelle allen Reichtums. Zweifellos war Kleinjogg Gujer ein aussergewöhnlicher Mann, ein Patriarch, der mit seinen Ansichten allerdings nicht überall auf Verständnis stiess.
Der philosophische Bauer
Berühmt wurde Kleinjogg durch einen langjährigen Freund, den Zürcher Stadtarzt Hans Caspar Hirzel, der 1761 ein Buch über Kleinjogg und seine Anbaumethoden veröffentlichte: «Die Wirthschaft eines philosophischen Bauers». Es folgten zwei weitere Auflagen, und bereits ein Jahr später erschien eine französische Übersetzung unter dem Titel «Le Socrate rustique». Diese wurde zu einem Welterfolg, die Kleinjogg zum Gesprächsthema von Wissenschaftern, Dichtern und Regenten machte. Sein Ruf drang bis nach Polen, England und Amerika, denn die Schrift wurde in viele Kultursprachen übersetzt. Dies hatte zur Folge, dass zahlreiche Besucher nach Katzenrüti kamen, um den Hof des philosophischen Musterbauern zu besichtigen und seinen Rat einzuholen.
Kleinjogg und die Prominenz
«Ich habe kein aus den Wolken abgesenktes Ideal angetroffen, Gott sei Dank, aber eines der herrlichsten Geschöpfe, wie sie diese Erde hervorbringt, aus der auch wir entsprossen sind.» Diese Worte über Kleinjogg Gujer stammen von keinem Geringeren als Johann Wolfgang von Goethe nach einem Besuch auf dem Katzenrütihof, wo «Dichter und Bauer» stundenlang zusammensassen und diskutierten. Goethe war aber nicht der einzige Zeitgenosse, der von Kleinjoggs Leben und Wirken beeindruckt war. Auch Lavater, Pestalozzi, Jean-Jacques Rousseau oder Prinz Ludwig Eugen von Württemberg - er traf in Bad Schinznach mit Kleinjogg zu einem langen Gespräch zusammen - gehörten zu seinen Bewunderern. Diese schillernde Persönlichkeit darf man ohne weiteres als berühmtesten Bauern der Weltgeschichte bezeichnen. Eine Gedenktafel am Katzenrütihof (direkt an der Strasse von Watt-Regensdorf nach Rümlang) erinnert noch heute an Kleinjogg Gujer, den philosophischen Bauern.
© Kurt Riedberger, pbr, Dielsdorf