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Bauerndichter im Sowjetreich: Sergej Jessenin (3. Oktober 1895 - 28. Dezember 1925)
Die Petersburger literarische Sensation des Jahres 1916 ist ein 21-jähriger Bauerndichter aus Rjasan, der im ärmellosen Rock und mit bunt gefassten Schaftstiefeln vor dem Publikum tanzt und Lyrik rezitiert. Sergej Jessenin heisst er, ist der Sohn eines Muschiks, und aus dem Erstling «Auferstehungszeit» - melodiöse, bilderreiche, dunkle Beschwörungen des Landlebens und der Natur - , darf er in Zarskoje Selo gar der Zarin vortragen. 1918, in «Inonija», begrüsst der inzwischen als Haupt der sprachtrunkenen «Imaginisten» geltende Dichter aber dann die Revolution, von der er sich ein «Bauernparadies» erhofft. Doch das Städtisch-Proletarische obsiegt, und Jessenin verfällt jenem Alkoholiker-und Bohemienleben, das in «Beichte eines Hooligans» (1921) und «Kneipen-Moskau» (1924) aufscheint. 1924 aber, als er in sein Dorf heimkehrt, das er einst so begeistert besang, hat die Kolchose Einzug gehalten und ist er, wie das Poem «Die sowjetische Russj» dokumentiert, auch davon endgültig enttäuscht .
Was ihn stets von neuem in die Höhen lyrischer Verzückung trägt, sind, auch wenn sie immer in Katastrophen enden, seine Liebesbegegnungen. 1917 die Ehe mit Sinaida Raich, der späteren Frau des Schauspielers Wsewolod Emiljewitsch Meyerhold, 1922 die um vieles wildere mit der legendären Tänzerin Isadora Duncan, die die Seele Russlands in dem blonden Bauernjungen sucht, den sie sich wie im Rausch zum Gefährten wählt und nach Berlin und Paris verschleppt, ohne dass die beiden sich anders unterhalten können als im Tanz, mit Zärtlichkeiten, Umarmungen und zuletzt, als das Drama seinem Ende zugeht, mit Schlägen und Tobsuchtsanfällen. Doch seltsam: die reifsten, vollkommensten Gedichte gelingen Jessenin, als die Duncan ihn fallengelassen hat und er heimatlos durch Russland irrt. In Baku verliebt er sich in eine Perserin, in Leningrad heiratet er ein drittes Mal: Sofja Tolstoja, Tolstojs Enkelin. Als auch dieser Traum zerplatzt, ist seine Kraft erschöpft: Im Hotel Angleterre in Leningrad öffnet er sich in der Nacht zum 28.Dezember 1925 die Pulsadern.