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Isabelle Huppert ist eine Ausnahmeerscheinung nicht nur des französischen, sondern des europäischen Kinos. Seit 50 Jahren spielt sie «Zustände» und «Personen», wie sie selbst es nennt.
2008 spielte Huppert die Hauptrolle im Film «Home», der den Schweizer Filmpreis gewann und für einen César nominiert war. Der Film brachte der franko-schweizerischen Regisseurin Ursula Meier den Durchbruch.
Ursula Meier
Regisseurin
Bekannt wurde Ursula Meier durch ihre Spielfilme «Home» (2008), für den sie zweimal den Schweizer Filmpreis bekam, und «L’enfant d’en haut» (2012). Der Film wurde mit drei Schweizer Filmpreisen ausgezeichnet. An der Berlinale gewann er einen Silbernen Bären. In Cannes präsidiert sie die siebenköpfige Jury des Nachwuchs-Preises Caméra d'Or.
SRF: Wie haben Sie Isabelle Huppert überzeugen können, in Ihrem Film «Home» die Hauptrolle zu übernehmen?
Ursula Meier: Als ich das Drehbuch zu «Home» schrieb, hatte ich Isabelle Huppert bereits im Kopf. Das mache ich oft so. Ich stelle mir vor, wer die Figuren spielen könnte. Wir haben sie dann gefragt, und sie hat zugesagt.
Das war 2008, sie waren damals 37 Jahre alt. Wer unter 40 ist, gilt ja in cineastischen Kreisen als Jungfilmerin …
Einigen Regisseuren, mit denen sie oft drehte, bleibt Isabelle treu. Aber sie will auch die neue Generation von Cineasten kennenlernen. Sie geht gerne Risiken ein. Interessanterweise kannte sie meinen Fernsehfilm «Des épaules solides», den ich für Arte realisierte.
Aber ja, «Home» war mein erster langer Kinospielfilm. Insofern war es natürlich schon eine grosse Chance für mich, dass Isabelle zusagte.
Wie war es, mit Isabelle Huppert zu arbeiten?
Die ersten fünf Minuten auf dem Set war ich nervös. Ich dachte: «Wow, das ist Isabelle Huppert.» Man sieht die vielen Filme, die sie schon drehte, im Kopf an sich vorbeiziehen. Aber glücklicherweise ist man bereits mit ihr zusammen auf der Suche, wie die Filmfigur dargestellt werden könnte.
Sie war sehr respektvoll, hat mir zugehört. Wenn sie auch nur ein Wort geändert haben wollte, kam sie zu mir und wir haben darüber gesprochen.
Isabelle Huppert ist eine derart starke Schauspielerin, weil sie immer einen Teil des Geheimnisses wahrt, sodass man sie immerzu filmen möchte. Die Figuren, die sie verkörpert, erlauben Tiefe, sie lassen uns in Abgründe blicken. Das geschieht oft ohne dass man durch Wort und Dialog viel erklären muss.
Im Dokumentarfilm «Leben für das Kino» sagt Isabelle Huppert, dass sie keine Figuren oder Rollen spielen würde, sondern «Zustände» und «Personen». Das ist eine interessante Feststellung.
Aber genau so ist es im Film. Ein Film besteht aus mehreren Szenen, und für jeden Szene muss der Schauspieler zusammen mit dem «metteur en scène» wie man auf Französisch sagt, also der Person, die eine Szene inszeniert, den richtigen Zustand finden. Was an Isabelle so toll ist, dass sie für jeden Take Vorschläge macht, sie sucht, sie eröffnet Möglichkeiten, riskiert etwas. Kein Take ist bei ihr wie der andere.
Valeria Bruni-Tedeschi macht das auch. Mit ihr habe ich meinen neusten Spielfilm «La ligne» gedreht.
Isabelle Huppert hat in über 100 Filmen mitgespielt. Welchen Film hatten Sie im Kopf, als Sie «Home» schrieben?
Keinen. Das versuchte ich sogar aktiv zu verhindern. Isabelle kann alles machen, sie ist extrem wandelbar, bringt ungeahnte Perspektiven ein.
Und sie hat übrigens auch sehr viel Humor. Wir haben sehr viel gelacht auf dem Set.
Haben Sie einen Lieblingsfilm mit Isabelle Huppert ?
Wenn ich einen einzigen rausgreifen müsste, dann wäre es «La dentellière» von Claude Goretta. Eine frühe und eine der schönsten Rollen, die Isabelle je spielte.
Und «La pianiste» von Michael Haneke. In diesem Film wagt sie alles und begibt sich an Orte, von denen ich gar nicht vermutet hätte, dass sich eine Schauspielerin darauf einlassen kann.
Das Gespräch führte Christian Walther.