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Oft lese ich auf Twitter Fragen oder Bemerkungen, die von völlig falschen Vorstellungen ausgehen, wie ich hier überhaupt lebe. Von Paradies ist die Rede. Ich hoffe, Du kannst Dir nach diesem Bericht ein besseres Bild machen.
Umgebung
Donsol liegt in der Provinz Sorsogon, im Süden der Hauptinsel Luzon. Die Stadt mit ihren Dörfern hat rund 50‘000 Einwohner. Mit einer Fläche von 156 km2 ist Donsol etwas kleiner als der Kanton Appenzell Innerrhoden. Mit einer Bevölkerungsdichte von 300/km2 ist Donsol etwas mehr besiedelt als etwa Schaffhausen oder Luzern und etwas weniger als Solothurn. Donsol ist aufgeteilt in 51 Barangays, die kleinste politische Einheit der Philippinen. Eine Barangay entspricht bei uns etwa einem Dorf oder einem Quartier. Ich lebe in der Barangay Dancalan, direkt am Strand.
Dancalan ist das touristische Zentrum Donsols, mit etlichen Hotels, die meisten für Backpacker oder lokale Touristen ausgelegt. Nur zwei der 3* Hotels haben einen Swimming Pool und bieten etwas mehr Komfort. Entlang dem Strand leben zahlreiche Fischer und ich mitten unter ihnen. Der Kontrast zwischen arm und etwas reicher könnte nicht grösser sein.
Wohnen
Mein Häuschen ist ein zweigeschossiges Bungalow, wobei der untere Stock noch nicht fertig ist. Auf dem Grundstück von etwa 100 m2 befinden sich zudem zwei offene Bambushütten, die mir und meinen Schützlingen als Arbeitsplatz dienen.
Ich versuche immer noch, einen kleinen Garten zu bepflanzen, um eigenes Gemüse zu haben. Bisher ist die Ausbeute sehr gering. Zwei Bittermelonen ist alles, was ich bisher ernten konnte. Das Salzwasser, das durch den Monsun oder Stürme hergeweht wird, ist den Pflanzen nicht zuträglich. Die ganze Aufzucht von Samen auf meinem Balkon wurde von Geckos oder Mäusen gefressen. Der nächste Versuch muss unter Verschluss passieren. Ja ich habe eine tolle Wohngemeinschaft. Geckos, ab und zu Mäuse, die beiden Ratten die mal hier waren konnte ich loswerden. Ob die Spinne mit dem Körper eines Ping-Pong Balls noch hier unter dem Dach lebt, weiss ich nicht. Sie bezahlt ja keine Miete. Gegen all die Tiere gibt es kein Mittel. So ein Bambushaus hat überall Löcher, wo sie reinkommen können. Es gibt nur eines: Nach jedem Essen sofort abwaschen und Kehricht sofort aus dem Haus räumen.
Fliessendes Wasser habe ich, aber ich ziehe es vor, das nicht zum Kochen zu benutzen. Stattdessen kaufe ich mir purifiziertes Wasser, das in Kanistern geliefert wird. Praktisch alles Wasser hier ist purifiziert. Quellwasser in Flaschen gibt es praktisch nicht.
Das Haus hat eine Stromversorgung. Jedoch fliesst der ganze Strom nach Dancalan über eine einzige Freileitung. Sobald etwas repariert werden muss, wird die Leitung abgestellt und ich sitze im Dunkeln.
Mit 27 Rappen pro Kilowattstunde haben die Philippinen einen sehr hohen Strompreis. Dennoch jabe ich mich entschieden, mit Strom zu kochen und nicht mit Gas. Die Brenner und Gasflaschen hier sind Billigtsprodukte, denen ich schlicht nicht traue. Sollte ich in Zukunft hier bleiben, werde ich wohl eine Solaranlage installieren. Schon nur, um die zahlreichen Stromausfälle zu überbrücken.
Ein Zimmer, eine kleine Einbauküche und eine Dusche mit WC auf gut 20 m2 ist mein Reich. Warmwasser habe ich nicht und das WC verfügt lediglich über eine Handspülung (ein Eimer Wasser). Zumindest aber ist das Abwasser des WC an einen Tank mit Chlor angeschlossen, wohl das einzige Haus hier mit diesem „Luxus“. Wie auch der Kühlschrank. In der ganzen Umgebung bin ich der einzige, der ständig ein kühles Bier hat. Alle andern gehen zu diesem Zweck Eis kaufen, das in Halbliternbeuteln verkauft wird.
Die monatliche Miete entspricht etwa dem eines Hotels in der Nebensaison. Aber ich habe meinen Umschwung, habe Platz, um mit meinen Schützlingen zu arbeiten und ich kann selbst für mich kochen, bin also nicht auf die Hotelküche oder Restaurants angewiesen. Den Preis erhiet ich aber nur nach einer langen Diskussion. Ich schickte Zaldy sondieren, fragen, was die Miete kostet. Als die Besitzer sahen, dass ein Ausländer das Haus mieten will, wollten sie den Preis verdoppeln. Mal sehen, wie die Diskussion Ende Jahr ausgehen wird. Gut möglich, dass ich mich nach einer andern Belibe umsehen muss.
Essen und Einkaufen
Es gibt ein einziges Geschäft, das Milch verkauft. Ein einziges, das Kaffee im Sortiment hat. Und so kommt es vor, dass ich tagelang keine Milch oder Kaffee erhalte, wenn der Nachschub nicht klappt. Kein einziges Geschäft führt Käse. Butter gibt es nicht, nur Margarine. Überhaupt mangelt es an vielem. Milch aus Neuseeland, von Nestlé, kostet übrigens fast 2 Franken pro Liter und ist damit extrem teuer.
Brot? Fehlanzeige. Hier gibt es nur süssliches Gebäck. Sogar das Pan de Sal ist süsslich. Also fing ich an, Brot zu backen. Zum ersten Mal in meinem Leben. Aber wie es ist, die Luftfeuchtigkeit spielte mir einen Streich. Ich musste die Wassermenge gegenüber einem Schweizer Rezept reduzieren, gleiches gilt für die Salzmenge. Statt Hefe verwende ich Backpulver. Leider kriege ich hier nur Trockenhefe und die hat sich nicht als geeignet herausgestellt. Und auch hier, es gibt genau ein Geschäft, das Mehl verkauft, eine einzige Sorte.
Fleisch gibt es nur vom Schwein, das mitsamt Haut und Knochen verkauft wird, oder dann Huhn. Und Fische. Aber kein Rindfleisch. Dafür Fisch in vielen Variationen. Und Shrimps. Das alles wird auf dem „Nassmarkt (Wet Market)“ verkauft. Für uns ungewöhnlich: Keine Kühlung. Das Fleisch liegt da den ganzen Tag rum. Einzig einzelne Händler nutzen Eis zur Kühlung von Fischen. Es empfiehlt sich daher, sehr früh auf dem Markt zu gehen, solange das Fleisch noch frisch ist. Fische kaufe ich eh frühmorgens von meinen Nachbarn.
Gemüse oder Früchte aus lokaler Produktion sind spärlich vorhanden. Nicht zuletzt deshalb mein Versuch, Gemüse anzubauen. Im wesentlichen sind das kleine Tomaten, Bittermelonen, Auberginen und eine Sorte Bohnen. Alles andere kommt mehrheitlich von der Insel Mindanao oder andern Inselm der Philippinen. Dementsprechend sind Kartoffeln, Karotten, Chinakohl, Äpfel, Mangos oder Bohnen oftmals gar teurer als bei uns. So habe ich für vier Stück mittlere Kartoffeln (knapp ein Pfund) schon über 1.50 Franken bezahlt.
Praktisch alles, was nicht mit Essen oder Trinken zu tun hat kriegt man nur in der nächstgrösseren Stadt, Legazpi, rund 50 km entfernt. Einkaufen dort wird zu einem Tagesausflug. Rund 2 Stunden Fahrzeit hin und 2 zurück muss man einplanen.
Kleiderläden? Nur sogenannte Ukay-ukay Shops, Läden, die gebrauchte Kleider verkaufen, meist defekt und von lausiger Qualität. Und in meiner Grösse gibt es nicht einmal in Legazpi Kleider zu kaufen.
Rund 40% der Menschen in der Region leben in Armut. Das merkt man deutlich, wenn man die verfügbaren Produkte sieht. Aber ich habe mich nach einer Angewöhnungszeit angepasst. Kochen ist immer ein wenig dem Zufall überlassen. Es ist, wie vor einem Kühlschrank mit zufälligem Inhalt zu stehen und zu überlegen: Was mache ich jetzt mit dem?
Einkaufen gehe ich in der Regel mit dem Fahrrad. Ich habe mir eines gekauft. Mir war es zu mühsam, ständig mit den Tricycle-Fahrern zu diskutieren, wieviel eine Fahrt zum Markt kostet. Für die knapp 3 Kilometer hört man jeden Preis, von 20 Pesos, was dem Preis für Einheimische entspricht, bis zu 100 Pesos. Viele sagenauch etwa „Up to you“, was dann die tollsten Diskussionen ergibt.
Restaurants und Unterhaltung
Ausser den Restaurants in den Hotels (die in der Nebensaison alle geschlossen sind), habe ich bisher nur 5 Gaststätten entdeckt. Eine alte Kantine im Markt, schmutzig, alt, serviert lediglich vorgekochtes, kaltes Essen. In ein Restaurant am Fluss ging ich letztes Jahr gerne, dieses Jahr wechselt jedoch der Koch, das Essen ist nicht mehr halb so gut wie letztes Jahr. Ein Restaurant beim Markt serviert Pizzas und Pancit, ein lokales Nudelgericht, leidlich geniessbar, aber mit der Zeit halt langweilig. Mein Stammlokal, weil in unmittelbarer Nähe, hätte etwas mehr Auswahl, wenn es denn überhaupt etwas gibt. Die meiste Zeit scheint der Kühlschrank jedoch leer zu sein. Dann gibt es noch ein Restaurant für gutbetuchte Touristen. Die Preise bewegen sich durchaus auf südeuropäischem Niveau. Für mich ist jedoch ein No Go, wie sich die Besitzerin ihren Landsleuten gegenüber verhält. Filipinos lässt sie links liegen und kümmert sich hauptsächlich um ausländische Kunden.
Langer Rede kurzer Sinn: Auswärts essen, jetzt, in der Nebensaison, steht nicht auf meinem Tagesprogramm.
Unterhaltung sucht man in Donsol – zumindest in der Nebensaison – vergeblich. Ein oder zwei Karaokelokale und dann hat sichs. Wie froh bin ich manchmal am Abend, dass ich Twitter nutze und mit Freunden und Bekannten kommunizieren kann.
Okay, ich darf die vielen Feste nicht vergessen. Fest heisst hier eine Parade abhalten. Fast monatlich findet irgendwo in der näheren Umgebung eine statt.
Kosten
Ich lebe hier ohne Extrakosten für meine Projekte von rund 25 Franken pro Tag. Und ich denke, es ist ein bescheidenes Leben. Wie beschrieben sind die grössten Ausgabeblöcke die Miete, Strom und Internet. Aber vergleichen wir mal mit den 40% armen Menschen hier. Sie leben zum Teil von weniger als 2 Franken po Tag. Kannst Du Dir vorstellen, in welchen Verhältnissen diese Menschen leben?
Hier ein Einblick in ein paar der Häuser, wie Menschen hier sonst leben:
Wetter
Wer mit auf Twitter folgt, weiss, dass ich vor zwei Wochen einen Taifun erlebte und ein Supertaifun knapp an uns vorbeigeschrammt ist. Die Philippinen werden pro Jahr im Durschnitt 20 mal von einem Taifun heimgesucht. Die letzten 12 Monate eher weniger häufig, da El Nino regierte, das globale Wetterphänomen, das hier für lange Dürreperioden sorgte. Nun aber drehte sich die Lage ins andere Extrem, La Nina. Das bedeutet überdurchschnittlich viele Taifune und viel Regen.
Insofern ist 2016 ein Ausnahmejahr. In normalen Jahren kennt man in den Philippinen 4 Klimazonen, mit einer mehr oder weniger ausgeprägten Regenezeit von Mai bis Oktober.
Klimazonen, erstellt durch Howard the Duck (Wikipedia)
Aber das ist nicht alles. Gleichzeitig zum Taifun spie der Mount Bulusan in Gubat, etwa 80 Kilometer weiter südlich vier Mal Asche in den letzten zwei Wochen. Mount Mayon, etwa 40 Kilometer entfernt, ist der aktivste Vulkan der Philippinen. 40 Eruptionen in den letzten 200 Jahren, also im Schnitt alle 5 Jahre. Auch sie (ja, Miss Mayon) scheint irgendwas auszuhecken. Sie stösst mehr Dampf aus, man misst mehr Schwefelgas und darunter fliesst vermehrt Lava. Diese führt dazu, dass in vielen umliegenden Dörfern das Grundwasser austrocknete und nun von der Armee herbeigeschafft werden muss.
Und als ob es nicht genug wäre, bebte am gleichen Abend bei mir auch noch die Erde leicht.
Supertaifun, Vulkan, Erdbeben. Gestern wurde mir wieder einmal bewusst, wie machtlos wir gegenüber diesem Planeten eigentlich sind. Ausser, wenn es darum geht, in zu verschmutzen. Darüber blogte ich ja kürzlich. Zugemüllt.
Ärzte und Spitäler
Wenn man hier lebt, ist die medizinische Versorgung nicht unwesentlich. Schliesslich kann hier in diesem Klima jeder kleine Mückenstich zu einer grösseren Sache werden. Tat es auch. Eine klitzekleine Wunde entzündete sich derart, dass sie zum Schluss ein etwa fünflibergrosser Eiterherd war. Ich ging ins Spital und liess mir Antibiotika verschreiben. Tabletten und Salbe. Die Salbe erhielt ich in Donsol nicht, keiner der drei Apotheken wollte sie bestellen. Also bleib mir nichts anderes übrig, als 50 Kilometer weit nach Legazpi und zurück zu fahren. Erinnerst Du Dich, dass ich letztes Jahr für einen meiner Schützling Augentropfen kaufen wollte und die nicht einmal in Legazpi erhältlich waren?
Viel kritischer war jedoch, dass mir der Arzt Penizillin verschrieb, ohne zu fragen, ob ich eine Allergie habe. Was ja lebensbedrohlich sein könnte. Hofft mit mir, dass mir hier nichts wirklich schlimmeres passiert.
Menschen
Was mich an Donsol fasziniert – und warum ich gerne hier bin – sind die Menschen. Sie sind stets freundlich und nett. Zuweilen auch neugierig. Aber auch schüchtern. Viele haben Hemmungen, mit mir Englisch zu sprechen, obschonfast jedes Kind irgendwann in der Schule Englisch lernte. Die Hemmungen haben sie nicht mir gegenüber, sie möchten keine Fehler machen, weil sie Angst haben, dann von andern ausgelacht zu werden. Nun, ich ermuntere sie immer wieder dazu.
Meine Einkäufe erledige ich mittlerweile fast nur noch in Tagalog. Langsam aber stetig versuche ich diese Sprache zu lernen. Sie hilft mir zwar nicht viel, wenn ich ein Gespräch verstehen oder mich mit kleinen Kindern unterhalten möchte. Die Menschen unter sich sprechen Bicol. Dafür kann ich mich mit ihr in den ganzen Philippinen verständigen. Bicol würde ausser hier in der Region niemand verstehen. Und ich merkte, dass sich sogar Menschen aus der Region Bicol nicht unbedingt verstehen. Die Dialekte seien sehr unterschiedlich.
Ja, manchmal fühle ich mich sehr einsam. Es gäbe andere, schönere Orte in den Philippinen. Boracay, Palawan, all die bekannten Touristenorte mit mehr Menschen und allem, was man braucht. Aber was soll ich da? Mir geht es darum, Menschen zu helfen und das tue ich eben am besten in einer armen Gegend. Und seien wir ehrlich: Ich bin mit all diesen Drittwelt Problemen glücklicher als vorher mit den Erstweltproblemen. Ich lerne viel, ich lerne wieder bescheiden zu sein und ich trainiere meine Flexibilität. Ich kann so etwas andern Menschen in einer ähnlichen Situation nur empfehlen, es mir nachzutun. Mein Leben ist von den Erfahrungen her die ich sammle sehr bereichernd und spannend. Tagtäglich.