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Es gibt literarische Figuren, die zum Mythos geworden sind. Die meisten dieser Mythen stammen – was unsern Kulturkreis betrifft – aus dem antiken Griechenland: Prometheus, Odysses etc. Die Neuzeit, also die Zeit seit der Renaissance, hat kaum weitere Mythen hervorgebracht. Am bekanntesten noch Don Juan, der ewige Frauen-Verführer. Vor allem im deutschen Sprachraum gesellt sich Münchhausen dazu, der ewige Lügenbold. Anders als sein Konkurrent Don Juan kann sich Münchhausen darauf berufen, ein reales Vorbild dieses Namens besessen zu haben. Und ganz auf den deutschen Sprachraum begrenzt ist er ja nicht. Name und Mythos des Barons haben einige Schriftsteller fasziniert und zu Bearbeitungen angeregt. Zum ersten Mal international wurde er durch eine englische Bearbeitung des Stoffs (die von Rudolf Erich Raspe, einem Deutschen in England, stammte). Dieser folgte die hierzulande kanonische Bearbeitung bzw. (Rück-)Übersetzung Gottfried August Bürgers. Im 19. Jahrhundert war es in Deutschland z.B. Immermann, der den Enkel des Urbilds als neuen Münchhausen einführte. 1906 verarbeitete Paul Scheerbart das Wiedererscheinen des angeblich über 180 Jahre alten Originals in Münchhausen und Clarissa. Von den diversen Verfilmungen soll hier nur der UFA-Film von 1943 mit Hans Albers in der Hauptrolle erwähnt werden, weil hier das Drehbuch unter Pseudonym ein weiterer bekannter Schriftsteller verfasste, Erich Kästner. (Der Mythos des ewigen Lügenbolds war immer schon politisch, und es verwundert, dass unter den Nationalsozialisten eine Verfilmung erlaubt worden war. Auch wenn der Film dann – politisch gesehen – recht harmlos war.) Dieser Film war es wohl auch, der das heute ikonische Bild des Barons geprägt hat, wie er auf einer fliegenden Kanonenkugel reitet und dabei seinen Hut festhält. Das Bild ist auch auf dem Vorderdeckel der vorliegenden Krzyżanowski-Ausgabe eingeprägt. Last but not least – und danach kommen wir zur Münchhausen-Version von Krzyżanowski – hat es der Baron sogar in die Philosophie geschafft, als Bezeichnung für die Unmöglichkeit einer Letztbegründung, die von Hans Albert geprägt wurde. Diese Ehre wiederum kann Don Juan nicht vorweisen.
Nun aber zu Krzyżanowskis Münchhausen. Krzyżanowski bzw. sein Münchhausen kennen eine englische Version der Münchhausen-Erzählungen, wohl die von Raspe. Dieser Münchhausen hier ist sozusagen der Ewigkeit von ihren Uhrzeigern gefallen und findet sich in Versailles wieder, als gerade die Friedensverhandlungen stattfinden, die den Ersten Weltkrieg beenden sollen. Später lernt Münchhausen einen Dichter namens Unding kennen. Diesen Dichter wird er immer mal wieder treffen und ihm seine Erlebnisse im 20. Jahrhundert erzählen. Irgendwann erklärt sich der Baron nämlich bereit, die noch junge UdSSR zu besuchen. Er, der behauptet, mit Tieck über Poetologie diskutiert, mit Fichte über Ich und Nicht-Ich gestritten zu haben, im selben Jahr wie Immanuel Kant geboren zu sein, er der vor allem schon einmal in Moskau war, zur Zeit von Katharina der Grossen, soll Land und Leute noch einmal besuchen und dann in England über seine Erlebnisse berichten.
Krzyżanowskis Münchhausen ist ein durchaus philosophisch veranlagter Mensch mit beträchtlichen philosophie- und literaturgeschichtlichen Kenntnissen. Seine Beurteilung der philosophischen Systeme und seine eigene Philosophie kommen allerdings eher aus dem Bauch. Den Idealismus, den er vor allem an Hegel festmacht, findet er kindisch; den Materialismus, den er an Diderot exemplifiziert, der zur selben Zeit wie er bei Katharina der Grossen sich aufhielt, findet er ohne Manieren und ungehobelt. Einem englischen Mathematiker gegenüber entwickelt er nach seiner Rückkehr eine Theorie der Unwahrscheinlichkeit. Anders als die Wahrscheinlichkeitstheorie, die immer mit ganzen Zahlen operiere (ein Ereignis findet entweder statt oder nicht, 0 oder 1 – tertium non datur), will er auch mit Bruchzahlen rechnen. Denn, so Münchhausen, erst halbe oder Viertels-Ereignisse entsprechen der Realität, bilden die ganze Wirklichkeit ab, erzählen die ganze Wahrheit. Er nimmt dabei durchaus sich selber als Beispiel, der er erst in seinen Lügen die ganze Wahrheit aufdeckt. Der Mathematiker ist entsetzt; und Münchhausen wird das 20. Jahrhundert zum Ekel, wie er sich selber zum Ekel wird. Er muss feststellen, dass seine Lügengeschichten wahrer sind als die (Propaganda-)Wahrheit der sowjetischen Herrscher. Nein, er war gar nicht in der UdSSR, doch was er sich aus den Fingern saugt, ist – bei aller phantastischen Überhöhung – die reinere Wahrheit, als alle sowjetische Propaganda gegen aussen wie innen. Die Lüge über die Lüge wird zur Wahrheit – damit könnte man wohl auch Krzyżanowskis poetologisches Bekenntnis zusammenfassen. Eines Tages wird Münchhausen, so behauptet er, auf der Strasse von einem Fremden angesprochen:
Doch in dem Moment knallte der Wagenschlag. Ein Mann, die Augen unter einem Mützenschirm verborgen, eine Aktenmappe unter den Ellbogen, entstieg dem Wagen und unterbrach meine Beobachtungen.
‹Ausländer?›
‹Ja.›
‹Neugierig?›
‹Ja.›
‹Also›, er wies mit dem Finger in Richtung der herausrennenden Glatze, ‹Sagen Sie ihren Landsleuten: Die rote Wissenschaft schreitet voran.›S. 98
Ungefähr so spielte sich die Begegnung von Lenin und H. G. Wells am 9. November 1920 im Kreml ab. Erst dadurch, dass Münchhausen solche Szenen erfindet, werden sie zur Wahrheit. Die Kunst, die satirische Übertreibung der Fakten, findet sich in der Realität wieder.
Ein schmaler, aber lesenswerter Roman.
Sigismund Krzyżanowski: Münchhausens Rückkehr. Deutsch von Dorothea Trottenberg Zürich: Dörlemann, 2018.