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Die Liste ist imposant: Die Nichtregierungsorganisation Tax Justice Network zählt in einer Untersuchung fast 70 weltweite Steueroasen auf. Was die Gegner des Schweizer Bankgeheimnisses freut: Die Schweiz erhält wegen fehlender Transparenz schlechte Noten und schafft es auf den dritten Platz der weltgrössten verschwiegenen Finanzplätze. Was die Gegner des Schweizer Bankgeheimnisses hingegen ärgern dürfte: Sie stehen selber prominent auf der Liste.
USA als grösste Sünderin
Auf Platz eins der Steuerparadiese stehen die USA mit ihrem Briefkastenfirmen-Eldorado Delaware. Vier weitere Länder in den Top Ten gehören der EU an; auf Platz 12 folgt zudem Österreich, auf Platz 15 Holland und auf Platz 17 Portugal (mit Madeira).
«Es gibt ein klares Muster», bestätigt John Christensen, der Direktor des Tax Justice Network. «Die Mehrheit der genannten Jurisdiktionen sind mit OECD-Ländern verbandelt.» Die OECD selber sieht sich als Anführerin im Kampf gegen Steuerflucht, ihr gehören 30 fast ausschliesslich reiche Länder an. Nun zeigt sich erneut , dass viele dieser Länder selber Steueroasen sind oder dass sie zumindest über mit ihnen verbandelte Territorien verfügen, die dieser Definition entsprechen.
Laut Christensen lassen sich die Offshore-Finanzplätze auf drei Pole reduzieren. Der grösste Pol ist die «British Connection»: Fast die Hälfte der Jurisdiktionen sind kleine Inseln, die einst mit dem britischen Empire verbunden waren. Das ist kein Zufall, wie Christensen erklärt: «Das britische common law enthält viele der Anonymitäts-Mechanismen, von denen diese Orte leben.» Dazu zählen Trusts, Offshore-Firmen oder die Möglichkeit, sich an einem Ort zu registrieren, aber anderswo operativ tätig zu sein.
Zweiter Schwerpunkt ist Nord-amerika, nicht nur Delaware, sondern auch Wyoming, Nevada sowie US-amerikanische Dependencies wie die Marshall-Inseln oder die amerikanischen Jungferninseln. Dritter Pol ist schliesslich Europa, inklusive Ländern wie Andorra und Monaco.
Die Rangliste kam zustande, indem die Organisation die Verschwiegenheit eines Finanzplatzes anhand von zwölf Faktoren definierte; dies ergibt einen «Undurchsichtigkeits-Faktor», der mit der Menge der Geldströme multipliziert wurde, die durch ein Land oder ein Gebiet fliessen. Die Organisation Tax Justice Network selber benutzt den Begriff Steueroase nicht mehr, denn es seien nicht in erster Linie die tiefen oder fehlenden Steuern, die Unternehmen anzögen. Entscheidend seien vielmehr die Geheimhaltung oder Verschleierung der wirtschaftlich Berechtigten an Firmen oder Bankkonten.
Christensens Haltung zu all den Jurisdiktionen auf seiner Liste ist klar. Sie seien alles andere als harmlos. So gehe es bei ihnen nicht darum, dass sie den global agierenden Firmen die Möglichkeit böten, sich im viel zu komplizierten internationalen Steuersystem zu behaupten; das sei gar nicht nötig, denn unterdessen gebe es zwischen fast allen relevanten Ländern Doppelbesteuerungsabkommen. Laut Christensen nutzen internationale Grosskonzerne solche Gebiete vielmehr dazu aus, um möglichst nirgends mehr Steuern bezahlen zu müssen. Dazu komme, dass solche verschwiegene Jurisdiktionen Umgebungen böten, in denen die Kriminalität spriesse. Christensen muss es wissen: Er arbeitete selber eineinhalb Jahre lang undercover für eine Buchprüfungsfirma auf der Steueroase Jersey.
Zu den geheimniskrämerischen Jurisdiktionen gehört wegen des Bankgeheimnisses auch die Schweiz. Der Bankenplatz Schweiz könne das Bankgeheimnis zwar für Schweizer Bürger behalten, sagt Christensen, dürfe es aber nicht mehr auf Ausländer anwenden. Doch er sagt auch: «In der Schweiz findet eine fantastische Debatte um das ganze Thema Steuerflucht statt. Ich wünschte mir, es gäbe in den USA oder in Grossbritannien eine ähnliche Diskussion».
Der Kampf geht weiter
Christensen bleibt für den Kampf gegen Steueroasen dennoch optimistisch: Die EU habe ihren Blick bereits auf das Thema anonyme Gesellschaften und Trusts gerichtet. Und auch die OECD bewege sich hin zum automatischen Informationsaustausch. Vor allem aber habe sich die öffentliche Meinung geändert: Globalisierung ohne Transparenz werde inzwischen weltweit als ein Widersinn angesehen. «Aus diesem Grund wird auch das Bankgeheimnis innerhalb der nächsten Dekade weltweit fallen», so Christensen.