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Das pädagogische Erbe von Zoltan Kodály
Externe Teams von Musiklehrern übernehmen an New Yorker Schulen den gesamten Musikunterricht und erzielen erstaunliche Wirkungen. Eine Überprüfung der Resultate in hiesigen Kindertagesstätten könnte neuen Schwung in unsere pädagogische Forschung bringen.
Die Schulen in New York, besonders die in der Bronx, sind nicht auf Rosen gebettet: Aus finanziellen Gründen sind viele nicht in der Lage, Kunstunterricht anzubieten, und 59% der öffentlichen Schulen der Stadt haben keinen ausgewiesenen Musiklehrer im Kollegium. Doch es gibt die ETM, die Organisation Education Through Music. Diesem Team von engagierten Musikpädagogen können die Schulen den gesamten Musikunterricht übergeben.
ETM übernimmt in den Partnerschulen Musik als Kernfach, richtet die Musikzimmer ein und bietet mit hochqualifizierten Musiklehrerinnen und -lehrern, die auch Bands und Orchester leiten, einen umfassenden Unterricht an. Auf der Website www.etmonline.org sind 43 Mitglieder dieses Teams aufgelistet. Sie sind überzeugt, dass jedes Kind Zugang haben sollte zu hochwertigem Musikunterricht. Musik soll nicht nur Kernstoff sein, sondern auch ein Mittel für die gesamte Entwicklung.
Bessere Leistungen, mehr Selbstvertrauen
ETM gibt an, Musikerziehung führe bei Kindern nachweislich zu besseren kognitiven Fähigkeiten und Schulleistungen in allen Fächern, ebenso zu Fortschritten im sozial-emotionalen Bereich (Selbstbewusstsein, Zuversicht und Disziplin). Die Begegnung mit den Künsten wirke sogar bis ins Erwachsenenalter: Langzeitstudien hätten gezeigt, dass Schüler mit tiefem sozioökonomischem Status, die den Künsten während der Adoleszenz stärker ausgesetzt waren, 23% grössere Chancen hätten, ins College zu kommen, und dort höhere Punktzahlen erreichten.
Die Wirksamkeit des Programms beruhe auf dem strengen ETM-Musiklehrplan. Sein Inhalt ist leider nicht abrufbar; er soll umfassend, schrittweise aufbauend und auf Standard-Fähigkeiten ausgerichtet sein. Die Musiklehrer und die Klassenlehrer arbeiten zusammen, um den Lehrplan zu integrieren und die Schüler für alle schulischen Aufgaben zu begeistern. Jährliche Vortragsübungen helfen, die soziale und emotionale Entwicklung voranzutreiben.
Am Ende jedes Schuljahres werden die Erfolge von ETM evaluiert. Der auf den Daten des Schuljahres 2014/15 beruhende Bericht zeigt, wie gross der Einfluss des Programms auf die Schüler und die Gemeinschaften ist. Er bietet auch eine Übersicht des Evaluations-Designs, der Methoden zur Datensammlung und der verwendeten Analysen.
Die Ergebnisse sind beeindruckend: In allen schulischen Belangen verbesserten sich die Leistungen der Schülerinnen und Schüler, und zwar besonders deutlich in den Schulen, die seit vier oder mehr Jahren Partner von ETM sind: Sie weisen signifikant höhere Prüfungsleistungen in Mathematik und Sprache auf als in Schulen ohne ETM-Partnerschaft. Auch Schülerinnen und Schüler mit speziellen Bedürfnissen und Lernschwierigkeiten schnitten in Langzeit-Partnerschulen besser ab.
Fast 90% der Schüler, Eltern und Lehrer glauben, dass ETM in den sozial-emotionalen Bereichen, Vertrauen, Kreativität, Kooperation und künstlerische Fähigkeiten, einen bedeutenden positiven Einfluss hat. Und 90% aller Schüler finden, durch ETM seien ihre Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit verbessert worden.
Die Gründerin und ihr wachsender Erfolg
Seit der ersten Partnerschaft 1991 war es das erklärte Ziel der ETM, jedem Kind aus dem New Yorker Niedriglohngebiet diese Art von Musikerziehung anzubieten. Dieses Ziel ist näher gerückt: Während des Schuljahres 2014/15 war ETM Partner in 46 Schulen von NYC und betreute fast 27 000 Schüler in vier Stadtteilen vom Kindergarten bis ins achte Schuljahr.
ETM geht zurück auf die Musikpädagogin Mary Helen Richards, die durch den ungarischen Komponisten Zoltan Kodály inspiriert worden war. Zusammen mit einer kleinen Gruppe von amerikanischen und kanadischen Pädagogen gründete sie 1969 das Richards Institute of Education and Research, das rasch wuchs und das ETM-Programm entwickelte. Dieses fand bei den Lehrkräften grossen Anklang. Auch Zita Wyss, die Pionierin des Eltern-Kind-Singens in der Schweiz, wurde von ETM inspiriert. Heute bietet das Institut 14 Winterkurse an, im Sommer 3 bis 4 Camps und eine Woche Colloquium, die international besucht wird. Mit Hilfe von ETM und amerikanischen Kinderliedern wurden auch die Vietnamesinnen und ihre Kinder in den USA integriert, die nach dem Vietnamkrieg aus ihrem Land gejagt worden waren, weil sie sich mit einem GI eingelassen hatten.
Die Schweizer Parallele
Vor dreissig Jahren begann in der Schweiz, ebenfalls inspiriert von Zoltan Kodály, unter dem fast identischen Namen «Bessere Bildung mit mehr Musik» ein Nationalfonds-Projekt: 50 Schulklassen erhielten während drei Jahren wöchentlich fünf Lektionen Musikunterricht, aber je eine Lektion Mathematik, Französisch und Deutsch weniger. Die These, dass es trotz der Reduktion in diesen Hauptfächern keine Einbussen gab, wurde bestätigt. Es gab sogar Verbesserungen, besonders im sozial-emotionalen Bereich. Und die Wirkungen begannen nach drei Jahren deutlicher zu werden.
Diese Resultate führten zu einer öffentlichen Diskussion über die Musik in der Schule und zum Artikel 69,2 in der Bundesverfassung: «Der Bund kann kulturelle Bestrebungen von gesamtschschweizerischem Interesse unterstützen sowie Kunst und Musik, insbesondere im Bereich der Ausbildung, fördern.» (Allerdings wurde dieser Artikel dann listigerweise umgedeutet, um als Grundlage für das Kulturförderungsgesetz zu dienen.) Schliesslich kam es sogar zu einem neuen Verfassungsartikel über musikalische Bildung, wo nun das grosse Wort steht, dass sich Bund und Kantone für einen hochwertigen Musikunterricht einsetzen. Trotzdem hat sich in den Schulen seither leider nichts verändert: Der Unterricht in Musik ist vielerorts in einem desolaten Zustand.
Das ungarische Vorbild
Vor fünfzig Jahren erhielten wir Kunde von den ungarischen Musikgrundschulen, wo täglich eine Musiklektion erteilt wurde und im strengen Kodály-Lehrplan nach Handzeichen gesungen, die Notenschrift erlernt und Blattsingen sowie Notieren von Musik geübt wurde. Und es wurde berichtet, dass die Lernergebnisse der Schülerinnen und Schüler dieser Schulen in allen Fächern bedeutend besser seien als bei den üblichen Volksschulen, ebenso die Konzentrationsfähigkeit, die Rede- und Formulierungsgewandtheit, das Gedächtnis und die Disziplin des Denkens. Sogar das Gefühlsleben werde bereichert.
Die Ergebnisse liessen aufhorchen, aber im Westen hiess es, sie seien nicht wissenschaftlich erhärtet. Es gab zwar einige Studien, aber keine davon mit Bedingungen, wie sie in den ungarischen Musikgrundschulen geherrscht hatten. Das gilt auch für die Schweizer Studie: Der Musikunterricht musste dabei weiterhin gemäss den kantonalen Lehrplänen erteilt werden; die Studienleitung hatte nur indirekt Einfluss, etwa, indem sie in den Weiterbildungsseminaren – ohne grossen Erfolg – das Kodály-Modell der Singschulung vermittelte.
Das ungarische Experiment selbst aber scheint von der pädagogischen und der psychologischen Forschung glatt ignoriert worden zu sein: In Macht Musik schlau? von Lutz Jäncke (Huber, 2008) wird es nicht erwähnt, obwohl «alle» einschlägigen Studien besprochen werden sollen. Angesichts der Befunde, wie sie in Musikerziehung in Ungarn (Klett, 1966) dargestellt sind, ist das unverständlich.
Neuer Schwung in die Pädagogik
Was wir nun von ETM in New York hören, erinnert an die Kodály-Schulen in Ungarn. Die geschilderten Ergebnisse wären – wissenschaftlich verifiziert – schlicht sensationell und müssten in der Pädagogik zu einem Umdenken führen. Eine solche Überprüfung müsste aber an den New Yorker Schulen stattfinden. Denn dort sind die Bedingungen ideal: Ein strenger Lehrplan und bereits bestehende Versuchs- und Kontrollklassen. Es ist zu hoffen, dass renommierte pädagische Forscher sich endlich damit befassen werden.
In der Schweiz könnten wir – für die unterste Stufe – mit verhältnismässig geringem Aufwand ebenfalls eine solche Überprüfung anbieten, nämlich in den Kindertagesstätten, etwa nach folgendem Plan: 5 KITAS mit je 1 Musikstunde nach ETM täglich, 5 ohne ETM, also eine Population von je etwa 100 Kindern in der Versuchs- und in der Kontrollgruppe. Diese wissenschaftlich begleitete Studie müsste über 3 bis 5 Jahre laufen, der ETM-Lehrplan verbindlich sein, die Leiterinnen musikalisch und pädagogisch kompetent.
Die Fähigkeiten der Kinder würden zweimal im Jahr gemessen. Dafür gibt es bereits bewährte Designs und erfahrene Teams. Auch für die musikalische Weiterbildung der Leiterinnen werden schon Kurse angeboten, nämlich im Solotutti-Zentrum für Musik in Solothurn. Zudem könnten erfahrene Leiterinnen von Eltern-Kind-Singen angefragt werden.
Eine solche Studie wäre auch ein konstruktiver Beitrag zur gegenwärtigen Diskussion über die Bildungsförderung in der frühen Kindheit. Und sie wäre eine lobenswerte späte Referenz an den grossen Zoltan Kodály. Darüber hinaus wäre es ein Steilpass für die schweizerische pädagogische Forschung. Wir können nur hoffen, dass sie sich diese Chance nicht entgehen lässt.
Inzwischen dürfen wir uns an den Bildern und Videos der musizierenden Schülerinnen und Schüler erfreuen, die auf www.etmonline.org zu sehen sind: Die Lebensfreude, die darin zum Ausdruck kommt, ist umwerfend und geht zu Herzen. Das ist lustvolle Schule, wie wir sie uns wünschen.