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(Leader November/Dezember 2023, Seite 8)
Völkerrecht ist heute oft nicht das, was sich an gemeinsamem Rechtsempfinden global manifestiert, sondern das, was schlecht legitimierte Funktionäre in fragwürdigen und wenig transparenten Verfahren für allgemeinverbindlich erklären, um sich dann auf nationaler Ebene doch nicht daran zu halten.
Die sogenannten «Nationenvertreter» vertreten in der UNO und anderen internationalen Organisationen kaum die wirklichen Interessen ihrer oft vielfältigen Bevölkerungen. Was sind überhaupt «nationale Interessen»? Wie kann aus einem Gremium, in welchem jeder sein eigenes «nationales Interesse» einbringt, ein Gremium werden, in welchem sich durch oft zufällige Mehrheiten das «öffentliche Weltinteresse» manifestiert?
Nationen sind Konstrukte von machtbewussten Regierungen, die ihre Herrschaft auf eine Einheit von Volk, Raum, Sprache, Kultur und Geschichtsbewusstsein zurückführen wollen. Das sind lauter Fiktionen mit schwieriger Abgrenzbarkeit und ewig umstrittenen Grenzziehungen.
Dieses verfluchte Erbe des 19. Jahrhunderts hat im 20. Jahrhundert zu zwei Weltkriegen und zum Kalten Krieg geführt. Die Schweiz war im Gerangel der Nationen um Macht und Vormacht als vielfältige Willensnationen stets eine Antithese. Sie ist kein Relikt einer vornationalistischen Epoche, sondern ein zukunftsträchtiger Vorläufer einer transnationalen, offenen, auf Austausch, Kommunikation und nicht auf Abgrenzung, Autarkie und Machterweiterung ausgerichteten Gemeinschaft vielfältig überlappender Gemeinschaften.
Robert Nef, Publizist St.Gallen