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Und immer die Katzen
Du bist eben erst angekommen in Petersburg und nach all dem Neuen, das du siehst und schmeckst – das Sauerkraut, der Dill, dein erster mit kyrillischen Lettern bedruckter Fahrschein, die Fahrt von Plattenbau zu Klassizismus, ein grosses Wien ist es in seinem Stadtkern, ein pastellfarbenes, von Pilaster und Säulen gestütztes – und nach all dem Neuen, das du siehst und schmeckst, bleibst du stehen vor einem Strassenstand; bei deiner Ankunft wars noch warm, aber die Nacht zieht Dunkel über den Himmel und eine Gänsehaut über deine Arme, und du bleibst stehen vor einem Strassenstand, der Schals verkauft, und du wunderst dich.
Санкт-Петербург кошек – Sankt Petersburg der Katzen. Auf Magneten und auf Tassen, mit Zeichnungen von Pfoten und Schnurrbarthaaren und von Tieren, eng beieinandersitzend, unter einem Regenschirm. Du hast viel Neues gesehen seit deiner Ankunft, aber darunter keine Katzen.
Die Stadt hat dich, und die Nacht verschreibt dich ihr. Ein bisschen fiebrig fühlst du dich, das Dunkel wirkt unbekannter als sonst und die Lichter glühender. Du läufst nicht, du wandelst, über Brücke und проспект und dunkle Gasse heller Platz, deine ganze kleine Heimatstadt hätte Raum in diesem Platz, und auf ihm stehen vereinzelt die Panzer wie Häuschen. Daneben Tumult; zwei Strassenmusiker spielen кино, um sie herum tanzen die Leute, springen, drehen sich, lachen und pfeifen, и нам незачем ехать, мы гуляем одни, на нашем кассетнике, und endlich siehst du die Katzen.
Am nächsten Morgen wachst du auf, zum ersten Mal wachst du auf in Sankt Petersburg, zum ersten Mal läufst du die Strassen ab auf der Suche nach einem geeigneten Ort für deinen morgendlichen Kaffee, und die Strassen sind gesäumt von Flaggen und Männern in Matrosenkostümen und Rufen: Россия! Massenauflauf an der Нева. Du drängst dich nach vorn zum Flussufer, siehst Kriegsschiffe vorbeifahren, die Bombenträger ziehen übers Wasser. Ура! Ура! Es werden Flyer verteilt, die benennen, was du siehst. Die Parade der Russischen Marine. Metall und Motoren und Antriebe werden bejubelt, und ganz besonders ein im Vergleich recht kleines Motorboot. Путин! Путин! erklären die Rufe.
Wenig später sitzt du im Gras eines Parks, der es dir ansonsten nicht erlaubt, in seinem Gras zu sitzen. Und du trinkst den Kaffee, den du endlich gefunden hast, im Kofferraum eines Wagens mit offener Heckklappe hat der Verkäufer seine Kolbenmaschine verstaut, mit der er die Bohnen frisch mahlt und dir die Milch aufschäumt.
Und immer die Katzen.
Du bist bereits seit einiger Zeit in der Stadt. Hast dir dein Eclair salzig geweint, als du im Мариинский театр Schwanensee gesehen hast, du hattest kein Taschentuch dabei und die Tränen kullerten über deine Wangen und lösten sich von deinem Kinn und fielen aufs Gebäck. Hast das Äusserste herausgeholt aus deiner Lunge beim Aufstieg auf den Turm der Исаакиевский собор, Stufe um Stufe, Atemzug um Atemzug, der tiefste ein Ausdruck der Bewunderung, als du endlich die Aussichtsplattform erreicht hast. Hast dich im дом Матюшина versehentlich auf ein Ausstellungsstück gesetzt und gelernt, dich auf Russisch zu entschuldigen. Hast dich an das Klicken und Klacken der hohen Hacken gewöhnt, die scheinbar alle Frauen tragen. Hast einer Studentin zugehört, die dich durch die Universität geführt, dir die Bücherkatakomben und die vom Universitätspark beherbergten Statuen gezeigt hat, hast nur Stimme gehört bei ihr und keine Hacken,
und immer die Katzen.
Alles ist grösser und länger in Sankt Petersburg, alles ist weiter weg von dir, auch die Dächer. Und auf einem von ihnen ein Mann in kaputter Hose, der sich herunterbeugt über die Regenrinne und den Taubendreck wegkratzt, der unmittelbar unter der Rinne Striemen über die pastellene Fassade zieht. Der Mann trägt keinen Helm, und ein wenig später wird er sich vom Dach herabseilen mit einem Strick, der zweckmässig wirkt, aber nicht auf Dauer haltend. Er wird mit Pastellfarbe übermalen, was von der Spachtel verkratzt und der Häuserwand ansonsten zugefügt wurde vom Dreck, den Stadt und Wetter mit sich bringen, was sich nicht gut macht auf dem Pastell.
Und immer die Katzen.
Du stehst lange schon in einer Schlange vor der Hermitage, dein Gemüt ist ganz sediert vom Warten, und plötzlich stehst du vor der breiten Fürstentreppe und nach der Fürstentreppe ein Saal aus Gold; und nach dem Gold ein Saal in rot und nach dem Rot ein Saal in blau, und wenn es nicht die Farbe ist, die dich einnimmt, dann ein Kronleuchter, und wollte man den Kronleuchter behängen wie einen Weihnachtsbaum, dann bräuchte man dafür Puppen in der Grösse wohlgenährter, strammer Kinder, alles andere wäre ein Suchen nach Saturn im Himmel, ohne Fernrohr. Und du verstehst nicht nur, zum allerersten Mal fühlst du auch, warum Revolution gemacht werden wollte, und du läufst weiter von Saal zu Saal und bist ganz klein unter den hohen Decken, bist Saturn im Himmel, ohne Fernrohr, und all die Bilder hast du betrachtet und kein Bild davon gesehen, nur Goldenes und rot und blau und dazwischen Öl auf Leinwand.
Und immer die Katzen.
Am Abend davor warst du in einem Club etwas ausserhalb der Stadt, wo nicht mehr kleines Wien ist in Pastell, sondern Plattenbau in Weiss mit Taubenexkrementen und dem Dreck, den Stadt und Wetter mit sich bringen. Hier verlassen morgens Männer ihre Wohnung, in kaputten Hosen, ohne Helm und mit einem Seil über der Schulter, und gehen zur Arbeit. Der Club ist in einer ehemaligen Eisenbahnstation aus Sowjetzeiten untergebracht, und wer nicht nach ihm sucht, der wird ihn niemals finden. Die Wände seines Inneren sind grau, aber nicht karg. Stundenlang hast du dagesessen und die Bilder angesehen, die auf sie gemalt und an sie gehängt wurden, die Puppen, die von den Eisenbalken baumeln, die selbstgenähten Vorhänge an den Fenstern. Und getanzt hast du, und auch tanzend gesehen. Wie ein fast zwei Meter grosser Typ, breitschultrig, mit Vollbart, die Hosen herunterzog und das Hemd herauf und seine Vagina entblösste; wie wieder Menschen ihre Münder öffneten für Rufe: Ура! Ура; wie Männer ihren Lippenstift nachzogen und Frauen Frauen küssten: Ура! Ура; wie sie tanzten, wie sie lachten, Ура! Ура! Auf das Innere einer ehemaligen Eisenbahnstation etwas ausserhalb der Stadt, wo die Züge der Freiheitssuchenden ein- und ausfahren.
Und immer die Katzen. Sie lauern in den Hinterhöfen, hinter Gittern. Sie tanzen zu der Musik von Виктор Цой, brauen Kaffee in Kofferräumen, kein Klick und kein Klack hört man von ihren Pfoten. Sie zeigen ihre abnormen Genitalien und küssen sich mit lippenstiftverschmiertem Schnauzbart. Ihre zarten Körper schleichen durch die Stadt, bewegen sich geschmeidig durch die Seitengassen, und wenn sie vom einen Hinterhof fortgejagt werden, dann lassen sie sich im nächsten nieder; es gibt immer einen nächsten, wo sie dasitzen können, wo dich ihre Blicke durch die Stäbe treffen, wo sie mausen mit Mutter Russland und schnurren, wenn die Stadt sie krault.
Anja Römisch, Universität Zürich