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Marianne Zelger-Vogt, Neue Zürcher Zeitung (08.06.2009)
Mascagnis «Cavalleria rusticana» und Leoncavallos «Pagliacci» im Opernhaus Zürich
Nicht nur Bücher, auch Opern haben ihre Schicksale. Schon kurz nach ihrer Uraufführung wurden Pietro Mascagnis «Cavalleria rusticana» und Ruggero Leoncavallos «I Pagliacci» 1892 zu einem Doppelabend zusammengeführt. Seither bilden die beiden Kurzopern als Initial- und Meisterwerke des Verismo ein beliebtes Gespann. Immer wieder sind zwar andere Werkkombinationen versucht worden, so auch im Zürcher Opernhaus, wo «I Pagliacci» 1996/97 mit Puccinis «Le Villi» gekoppelt wurde, während sich «Cavalleria rusticana» 2001/02 an die Seite von Massenets «Thérèse» gestellt sah. Jetzt ist man zur alten Paarung zurückgekehrt, und das bewährt sich aus inhaltlichen wie praktischen Gründen.
Fruchtbare Parallelen
Da sind zunächst die musikalischen Parallelen: Mascagni und Leoncavallo nehmen als Generationsgenossen beide eine Zwischenstellung zwischen Tradition und Moderne ein, und beide haben sich nur mit diesen zwei Werken im Kernrepertoire gehalten (obwohl, wie jüngst im Luzerner Theater zu erleben war, auch Leoncavallos Version von «La Bohème» Beachtung verdient und dem Vergleich mit jener von Puccini standhält). Sodann spielen die beiden Opern im selben Kulturraum, «Cavalleria» in Kalabrien, «Pagliacci» auf Sizilien, und im selben ländlichen Milieu mit seinen spezifischen Moral- und Ehrbegriffen, wenn auch in unterschiedlicher Perspektive.
In dem auf einem Drama Giovanni Vergas basierenden Einakter Mascagnis steht im Zentrum Santuzza, die von Turiddu geschwängert, entehrt und verlassen wird; in der Komödiantentragödie Leoncavallos ist die Hauptfigur Canio, der Prinzipal der Truppe, den seine Frau Nedda mit einem Bauern betrügt. Hier wie dort führt Eifersucht zur Entdeckung des Ehebruchs und nehmen die betrogenen Männer tödliche Rache.
In der Zürcher Neuinszenierung (einer Koproduktion mit dem Nationaltheater Tokio) sind es aber auch die Regie von Grischa Asagaroff und die Ausstattung von Luigi Perego, welche für Kohärenz sorgen. Perego, der sich hier bisher meist von seiner verspielten Seite gezeigt hat, gibt mit einer Arena-artigen Bühnenkonstruktion einen klaren, strengen Rahmen vor. Hausfassaden und Kirchenportal werden zu Backsteinpfeilern reduziert und mit einer umlaufenden Brücke verbunden, so dass davor ein halbrunder Platz entsteht. Hier treffen sich in «Cavalleria rusticana» die Kirchgänger, hier stellt die «Pagliacci»-Truppe ihre improvisierte Bühne auf.
Wechselnde Hintergründe, nuancierte Lichtführung (Hans-Rudolf Kunz) und farblich unterschiedliche Kostüme (dunkel die von «Cavalleria», bunt die von «Pagliacci», aber alle in der Mode der dreissiger Jahre des letzten Jahrhunderts) verleihen dem Geschehen je eigene Atmosphäre. Asagaroffs Regie ist primär darauf angelegt, die Handlungen präzis zu erzählen und visuell lesbar zu machen. Daraus resultieren einige plausible Akzentuierungen. Alfio, der betrogene Ehemann in «Cavalleria», ist unschwer als Mafiaboss identifizierbar, Canios Eifersucht und der im Affekt verübte Doppelmord an Nedda und ihrem Liebhaber Silvio werden psychologisch motiviert durch seinen Alkoholismus und sein Ausgebranntsein als Komödiant. In den Volks- und Kinderszenen, denen sich die Chöre des Opernhauses sängerisch wie darstellerisch einsatzfreudig und klangvoll widmen, gibt es auch pittoresk Genrehaftes zu sehen, doch wie die Männer auf das Messerduell von Alfio und Turiddu warten, wie die Zuschauer des «Theaters im Theater» das Spiel verfolgen, wie sie das Umschlagen der Commedia in die reale Liebes- und Eifersuchtstragödie erleben, das zeugt von genauer, sorgfältiger Personenregie.
Prägnante Rollenporträts
Ein weiteres Verbindungsglied zwischen den beiden Werken ist José Cura. Der Tenor, der sich in Zürich schon 1997 als Canio vorgestellt hat (damals im Doppelpaket mit Roberto in «Le Villi»), beeindruckt vor allem durch seine Steigerungsfähigkeit. In «Cavalleria» wirkt nicht nur seine schwere, dunkle Stimme zu wenig jugendlich, sein Turiddu passt auch nicht so recht ins Spannungsfeld zwischen der leichtlebigen blonden Lola und der leidenschaftlichen, tragischen Santuzza. Doch in «Pagliacci» finden Sänger und Rolle zu packender Einheit, zeigt Cura auch stimmlich mehr Facetten und Farben.
Insgesamt ist es eher ein Abend der eindrücklichen Rollenporträts denn der herausragenden Stimmen. Das gilt insbesondere für Paoletta Marrocu, deren Sopran in der Höhe strapaziert klingt und durch ein starkes Vibrato beeinträchtigt wird, die aber bis in die Fingerspitzen eine Darstellerin von eminenter Ausdruckskraft ist. Temperamentvoll, energisch gegenüber dem sie bedrängenden Tonio, verzweifelt im vergeblichen Versuch, den vor Eifersucht rasenden Canio ins Komödienspiel zurückzuholen, gibt sich Fiorenza Chedolins' Nedda, deren Sopran es allerdings ein wenig an Glanz mangelt. Als Charakterdarstellerin bewährt sich einmal mehr Cornelia Kallisch (Mamma Lucia), und Liliana Nikiteanu füllt die Rolle der Lola auch sängerisch überzeugend aus.
Einförmiger, stimmlich weniger profiliert wirken die weiteren männlichen Rollenträger: Cheyne Davidson als Alfio, Carlo Guelfi als Tonio, Gabriel Bermúdez als Silvio. Zusammenhang – obwohl nicht durchgängig Übereinstimmung mit der Bühne – stiftet schliesslich auch der Dirigent Stefano Ranzani, der mit dem reaktionsschnellen, gut disponierten Orchester in beiden Werken die Zwischentöne, die koloristischen Finessen und stimmungshaften Momente aufspürt, ohne ihnen an effektvoller Dramatik etwas schuldig zu bleiben. Dass Tradition, richtig verstanden, durchaus ihr Gutes hat: Hier kann man es erleben.