Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03587.jsonl.gz/3788

Detroit, das Herz der US-Autoindustrie ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Beim Spazieren durch das Zentrum fühlt man sich zuweilen wie in einer Geisterstadt. Breite, autoleere Strassen. Geschäfte, die seit Jahren geschlossen sind. Blinkende Lichtsignale, die niemand braucht. Eingeschlagene Fenstergläser, obwohl es dahinter nichts zu klauen gibt. In der Innenstadt steht kein einziges Einkaufscenter, und gerade mal ein Kino.
In den 20er-Jahren war Detroit eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. 1920 war „Motor City“ gar die viertgrösste Metropole der USA. Henry Ford tüftelte hier Ende des 19. Jahrhunderts an seinen ersten Automobil-Modellen. 1903 gründete er die Ford Motor Company. Die ganze Welt strömte nach Detroit. „The Big Three“ – General Motors, Ford und Chrysler – wuchsen unaufhörlich, und mit ihnen die Stadt. Nebst der Autoindustrie profitierte Detroit auch als Umschlagplatz von kanadischem Alkohol während der Prohibition.
Der tiefe Fall
In den 50er-Jahren lebten knapp 2 Millionen Menschen hier. Auch der Republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney wuchs wohlbehütet in einer reichen Vorstadt Detroits auf. Sein Vater George machte sein Vermögen als Präsident eines Autoherstellers.
Der erste grosse Dämpfer kam in den 70er-Jahren, als die Ölpreise stiegen und ausländische Autohersteller ins Land drängten. Stellen gingen verloren. Fabriken wurden geschlossen, oder nach Mexiko ausgelagert. Und vor drei Jahren brauchte es die massive Hilfe des Staates, um Chrysler und General Motors am Leben zu erhalten. Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung haben der Stadt in den letzten 50 Jahren den Rücken gekehrt. Doch die Fläche Detroits blieb gleich gross. Heute leben weniger als 700'000 Menschen in der Metropole. Früher gab es regelmässig Autostaus am Morgen, heute höchstens noch bei einem Unfall.
Detroit ist die am schnellsten schrumpfende Stadt der USA. Alle 22 Minuten verlässt ein Bewohner die Stadt. Laut einer aktuellen Umfrage der „Detroit News“ haben 40 Prozent der jetzigen Bevölkerung vor, in den nächsten fünf Jahren in eine andere Stadt zu ziehen. Gefragt, ob man schon heute umziehen würde, wenn man könnte, sind es gar 50 Prozent.
Die Nacht des Teufels
Über 100'000 verlassene Gebäude und Bauflächen stehen hier. Die Stadtverwaltung begann in den letzten Jahren, verlassene Bauten abzureissen. Doch dann kam die Krise, und es fehlte das Geld dafür. In den nächsten vier Jahren sollen dennoch 10'000 Gebäude entfernt werden.
Die Stadt erhält ungewollte Hilfe beim Rückbau. Regelmässig machen sich Leute einen Spass daraus, leerstehende Häuser abzufackeln. Aus Langeweile. Am meisten brennt es jeweils in der Nacht vom 30. Oktober: „Devil’s Night“ nennen es die Leute hier. Die Nacht des Teufels. Aber wirklich kümmern tut es niemanden. Wer braucht schon Ruinen?
Das „Michigan Theatre“ im 13-stöckigen Gebäude an der Bagley und Cass Avenue in Downtown Detroit ist exemplarisch für den Niedergang der Stadt. 1926 wurde es gebaut und fasste mehr als 4000 Zuschauer. Das Interieur ist im Stile der französischen Renaissance gestaltet. 1976 wurde es geschlossen und ein Jahr später zu einem Parkhaus umfunktioniert. Noch heute hängt das Theater-Dach über den Parkplätzen. Ironie der Geschichte: Im Haus des Michigan Theatre baute Henry Ford eines seiner ersten Automobile. Und heute fehlen dem Parkhaus wegen der schlechten Wirtschaftslage die Autos. Die prächtige Kulisse, die auch dem Film „8 Mile“ mit Rapper Eminem diente, droht ganz leer zu stehen.
Hohe Armut
Die Arbeitslosigkeit beträgt in Detroit knapp 20 Prozent, trotz des „Bailouts“ von Chrysler und General Motors. Einheimische sprechen von inoffiziellen 50 Prozent. Betroffen sind vor allem Afroamerikaner, die in Detroit 85 Prozent der Einwohner ausmachen. Während der Rassenunruhen Ende der 60er-Jahre flüchteten die Weissen in Scharen in die Suburbs, oder sogar ganz weg aus Michigan. Daran konnten auch die friedlichen Songs der in Detroit beheimateten Motown-Studios nichts ausmachen. 2010 lag die Armutsrate bei über 30 Prozent, das durchschnittliche Einkommen gerade mal bei 25’000 Dollar.
Highland Park, nördlich von Detroit, gilt heute als eine der gefährlichsten und ärmsten Gegenden der Stadt. Hier hatte Henry Ford 1913 die erste Fliessbandproduktion gestartet. Zwischen 1910 und 1920 stieg die Bevölkerungszahl in Highland Park von 4000 auf 46'000. Die Gegend blühte auf. Heute fehlt das Geld an allen Enden. Im August 2011 musste Highland Park mehr als zwei Drittel der Strassenlaternen abschalten, da die Stadt die monatliche Stromrechnung von 60'000 Dollar nicht mehr bezahlen konnte. Gleichzeitig gibt es in der Nähe Gemeinden wie Oakland, eine der zehn reichsten des Landes. Hier sind 75 Prozent der Bewohner weiss, das durchschnittliche Haushaltseinkommen beträgt 75'000 Dollar.
Junge Künstler kommen
Laut dem FBI ist Detroit die zweitgefährlichste Stadt im ganzen Land. Pro 1000 Einwohner geschehen jährlich 21.4 gewalttätige Verbrechen. 344 Morde gab es hier im vergangenen Jahr, 11 Prozent mehr als im Vorjahr. Laut der „Detroit News“ ist die Kriminalität das mit Abstand grösste Problem der Stadt aus Sicht der Bevölkerung. Jeder Zweite fürchtet sich vor der Gewalt. Die einzige Stadt in Amerika, die als noch gefährlicher eingestuft wird, befindet sich nur eine Autostunde von Detroit entfernt und heisst Flint, die Heimat von US-Dokumentarfilmer Michael Moore („Fahrenheit 9/11“, „Bowling for Columbine“)
Um das Image der Stadt zu verbessern und den Tourismus anzukurbeln wurden in den vergangenen Jahren Casinos eröffnet. Ein neues Baseball- und Football-Stadion gabs auch. Aus einigen leerstehenden Hochhäusern werden Hotels gemacht. Das traditionsreiche Detroit Symphony Orchestra geniesst noch immer einen ausgezeichneten Ruf, genauso wie die Jazz-Szene hier. Und zuletzt sind viele junge Künstler nach Detroit gesiedelt, die sich von den apokalyptisch wirkenden Ruinen angezogen und inspiriert fühlen. Und weil die Häuser spottbillig zu haben sind.
Viele Einheimische geben sich optimistisch und beteuern, dass sich die Stadt bald wieder aufbäumen werde. Das spüre man schon jetzt. In den 90er-Jahren sei es hier nämlich noch viel leerer gewesen.
(Grosse Bildergalerie per Klick auf Bild)
Neuer Dokumentar-Film über den Niedergang Detroits
„Detropia“: http://www.youtube.com/watch?v=SRce1KFsH-g
Die gefährlichsten Städte der USA
http://homes.yahoo.com/news/most-dangerous-cities-in-america.html
Weitere eindrückliche Bilder von Detroits Ruinen
http://www.dailymail.co.uk/news/article-1370199/Detroit-Haunting-photos-crumbling-remains-highlight-decline-Motor-City.html
Auf den ersten Blick sieht man sie nicht, die Ruinen. Doch sie sind überall. Im Zentrum und in den Vorstädten. Leere Häuserblocks und leere Hochhäuser. Ehemalige Kinos, Hotels, Schulen: verlassen, am Verwesen.
Detroit, das Herz der US-Autoindustrie ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Beim Spazieren durch das Zentrum fühlt man sich zuweilen wie in einer Geisterstadt. Breite, autoleere Strassen. Geschäfte, die seit Jahren geschlossen sind. Blinkende Lichtsignale, die niemand braucht. Eingeschlagene Fenstergläser, obwohl es dahinter nichts zu klauen gibt. In der Innenstadt steht kein einziges Einkaufscenter, und gerade mal ein Kino.