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Er lächelt und bedankt sich. Vor dem Loeb in Thun verkauft Kibrom Mesfun (60) «Surprise», das Strassenmagazin. Kibroms gewinnendes Wesen bezaubert. Beginnt man ein Gespräch mit ihm, strahlt er und bedankt sich. Dankbarkeit prägt sein ganzes Leben. Danke für die Begegnung, danke dass er ein «Surprise» verkaufen kann und danke Gott, der ihm Begegnungen mit netten Menschen ermöglicht.
Leben in Äthiopien
Kibrom Mesfun und seine eritreische Familie lebte ursprünglich als wohlhabende Bürger an der Grenze zwischen Äthiopien und Eritrea – Vater, Mutter und fünf kleine Kinder. Kibrom arbeitete als Goldschmied und verkaufte nebenbei allerlei nützliche und schöne Dinge. Seine Frau kümmerte sich um den Haushalt und um die Kindererziehung. Es war ein friedliches und sorgloses Leben. Schon damals gaben die täglichen Gebete der Familie Halt und Geborgenheit.
Die Flucht
Wirtschaftliche Streitigkeiten führten 1997 zuerst zu Auseinander-setzungen über die ungeklärten Grenzziehungen zwischen Eritrea und Äthiopien und ab Anfang 1998 zu kriegerischen Handlungen und einem totalen Wirtschaftsboykott gegen Eritrea. Als Reaktion auf diesen Boykott kam es zu heftigen Kämpfen zwischen den beiden Ländern, die erst Mitte 1998 durch die Vermittlung der USA wieder abflauten. Dieser Krieg kostete enorme Summen. Deshalb entschloss sich Äthiopien, eritreische Staatsbürger auszuweisen und deren Vermögen zu beschlagnahmen.
Durch diesen Konflikt verloren Kibrom und seine Familie ihr Hab und Gut und so auch jegliche Perspektive für ein weiteres Leben in dieser Region. Deshalb entschieden sie sich 1999 zur Flucht. Ihr Weg führte zuerst nach Kenia und von dort ging es mit Hilfe von Schleppern weiter Richtung England. Dieses Ziel sollten sie jedoch nie erreichen. In Genf strandeten sie vor über 20 Jahren in einem Asylzentrum.
Seine älteste Tochter Milena, damals acht Jahre, erinnert sich nur noch vage an diese Reise, die zwei Jahre dauern sollte: Lange Busfahrten, viele Menschen, fremde Leute, Furcht einflössende Männer und viel Angst. Gerade in dieser Zeit waren die Gespräche mit Gott und die Gebete eine grosse Stütze der Eltern. Ihr starker Glaube gab ihnen Kraft die beschwerliche Reise zu überstehen und den Kindern Halt zu geben.
Ihre Reise führte von Asylunterkunft zu Asylunterkunft, von Genf über Chiasso nach Bern und schliesslich nach Thun. Nach über vier Jahren Odyssee fand die Familie hier eine neue Heimat und die älteren Kinder konnten endlich wieder eine Schule besuchen. Heute wohnt die Familie in Steffisburg.
Zuhause?
Kaum in Thun heimisch, versucht Kibrom Arbeit zu finden. Für Menschen mit Aufenthaltsbewilligung F (vorläufig aufgenommene Ausländer mit einem negativen Asylentscheid) ist es jedoch äusserst schwierig, eine angemessene und bezahlte Arbeit zu finden.
Der Weg der vorläufig Aufgenommenen (Ausweis F) zu einer dauerhaften Aufenthaltsbewilligung (Ausweis B) gleicht einem Marathon. Obwohl die berufliche Integration und finanzielle Unabhängigkeit von Personen, die in der Schweiz bleiben dürfen, ein erklärtes Ziel der Behörden ist, durfte Kibrom bei seiner Ankunft, gemäss dem Staatssekretariat für Migration (SEM), in Thun nur mit behördlicher Bewilligung eine Erwerbstätigkeit ausüben. Diese Vorschriften verhinderten Kibroms angestrebte wirtschaftliche Unabhängigkeit.
Trotz allen Schwierigkeiten gab Kibrom nicht auf! Zuerst half er in der Asylunterkunft mit. 2004 begann er als «Surprise»-Verkäufer und als Bahnhof-Pate. Parallel dazu arbeitete er in der Velostation und immer wieder fand er kleinere Jobs als Reinigungskraft. Tätigkeiten, die ihm zwar eine Tagesstruktur boten, jedoch mit geringem Verdienst. Auch seine Frau fand hier eine Anstellung. Zuerst half sie bei einem Integrationsprojekt der Caritas mit und machte für die Gemeinde Thun Übersetzungen. Heute arbeitet die ausgebildete Pflegefachfrau in einem Spital in Bern.
Seit fünf Jahren hat Kibrom nun eine Teilzeitstelle in der Reinigung im Spital und im RAV Thun. Diese Anstellungen führten zum langersehnten Ziel – dem Ausstieg aus der Sozialhilfe und dann in 2018 zur Aufenthaltsbewilligung B.
Von Anfang an war Kibroms grösster Wunsch, seine Familie ohne finanzielle Unterstützung ernähren zu können. Heute ist er überzeugt, dass er seinen Weg nur durch seine täglichen Gebete und seinen starken Glauben an Gott erreicht hat. Damit er seine Unabhängigkeit bewahren kann, arbeitet er sehr intensiv. Sechstagewochen sind die Regel, von früh bis spät, von Job zu Job.
Etwas Ruhe findet Kibrom nur am Sonntag. Der Tag gehört seiner Familie und manchmal auch seinem Hobby, dem Fussball. Die Familie besucht jeden Sonntag den katholischen Gottesdienst in der St. Marien Kirche in Thun. Hier findet Kibrom die Kraft, die er für seinen anstrengenden Alltag braucht.