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Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Als im ersten Corona-Sommer in verschiedenen Schweizer Städten Hunderte stundenlang für einen Sack voller Esswaren Schlange standen, war die öffentliche Empörung gross. Vor allem das Bild der Essensschlange an der Zürcher Langstrasse, wo innerhalb von zwei Stunden 1600 Säcke mit Lebensmitteln im Wert von je 50 Franken verteilt wurden, wurde zu einem Symbol der Corona-Pandemie.
An Bildern arm, aber weit mehr als tausend Worte lang ist der Bericht, den der Bund letzte Woche zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Armut und sozialökonomische Ungleichheit veröffentlicht hat. Der bislang weitgehend unbeachtete Beitrag fasst die Ergebnisse von über hundert laufenden oder abgeschlossenen Forschungsprojekten in der Schweiz zusammen. Für den Bericht verantwortlich ist das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV).
Das etwas umständlich formulierte Fazit der vom BSV beauftragten Autoren ist eindeutig: die bereits vorliegenden Ergebnisse würden auf «eine unmittelbare Verschärfung der sozioökonomischen Ungleichheit im Kontext der Pandemie und der Massnahmen zur Eindämmung» hinweisen. Es handle sich zwar um ein vorläufiges Fazit, jedoch liege ein «grosser Fundus an Datengrundlagen vor». Die Ergebnisse im Detail:
- Wer weniger verdiente und weniger Vermögen besass, hatte höhere finanzielle Einbussen zu verkraften. Als Grund führen die Autoren an, dass die Massnahmen zur Eindämmung des Virus Angestellte mit tiefen Einkommen stärker einschränkten. Denn diese waren häufiger in Kurzarbeit und konnten seltener im Homeoffice tätig sein.
- Personen mit tiefen Einkommen und Vermögen erkrankten häufiger an Covid-19, wie verschiedene Studien übereinstimmend zeigten. Erstens, weil sie häufiger in beengten Wohnsituationen leben. Und zweitens, weil sie wegen fehlender Möglichkeiten zu Homeoffice bzw. wegen notwendigem Kundenkontakt mobiler waren. Zudem: Personen mit tiefem Einkommen erkrankten nicht nur öfter, sondern auch signifikant schwerer an Covid-19. Warum, geht aus der Studie nicht hervor. Es ist jedoch bekannt, dass Einkommensschwache mehr Vorerkrankungen haben als Betuchte.
- Wer schon vor Corona finanziell knapp dran war, litt während der Pandemie stärker unter psychischen Belastungen. Von besonders starken Existenzängsten geplagt waren gemäss den Autoren Personen mit unsicherem Aufenthaltsstatus. Diese konnten nur beschränkt von Sozialleistungen profitieren.
- Ältere Menschen mit tiefen Einkommen waren häufiger einsam als besser situierte. Besonders isolierend wirkten fehlende Kenntnisse und Möglichkeiten bei der Nutzung digitaler Kommunikation.
Die Einkommensschere ist durch die Pandemie also weiter auseinandergegangen. Trotzdem geht der vom BSV in Auftrag gegebene Bericht mit den politischen Entscheidungsträgern gnädig ins Gericht. «Die finanziellen Hilfemassnahmen von Bund und Kantonen zur Abfederung der wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie konnten einer verbreiteten Prekarisierung effektiv entgegenwirken», heisst es. Die Sozialhilfe habe negative wirtschaftlichen Folgen abfedern können.
Kritischere Worte findet Aline Masé, Leiterin der Fachstelle Sozialpolitik bei Caritas Schweiz. Zwar hebt sie auf Anfrage hervor, wie wichtig die raschen Wirtschaftshilfen der Behörden wie Kurzarbeits- oder Erwerbsausfallentschädigungen waren. Aber: «Bund, Kantone und Gemeinden betreiben zwar kurzfristige Symptombekämpfung, gehen aber die strukturellen Ursachen von Armut und Ungleichheit nicht an.» Es fehle an einer Strategie, um Armut zu verhindern und zu bekämpfen. «Viele Kantone wissen nicht einmal, wie viele Menschen in ihrem Gebiet von Armut betroffen sind und aus welchen Gründen.»
Digitalisierungs-Schub als Armutstreiber?
Die Frage ist, ob die im Bericht festgestellte verschärfte Ungleichheit nur vorübergehend war oder ob sie anhaltende Folgen hat. Michelle Beyeler, Professorin an der Berner Fachhochschule und Hauptautorin des BSV-Berichts, möchte sich auf Anfrage nicht festlegen. Es gebe dazu schlicht keine ausreichenden empirischen Daten. Möglich sei einerseits, dass die Pandemie der Digitalisierung einen Schub verliehen habe und sich die Schere darum weiter auftue. «Armut hängt stark mit dem Strukturwandel in der Wirtschaft zusammen. Wir wissen, dass die Digitalisierung zu einem Auseinanderdriften der Einkommen führt», erklärt sie.
Andererseits habe eine Analyse des Schweizer Haushalts-Panels auch einen gegenteiligen Effekt festgestellt. Die Autoren bezeichnen ihn als «posttraumatisches Wachstum». Namentlich Arbeitslose bekundeten signifikant häufiger als andere, dass die Coronakrise auch positive Folgen für sie habe. «Ein Schock wie der Ausbruch der Pandemie kann dazu führen, dass man das eigene Schicksal in einem anderen Verhältnis sieht», erklärt Beyeler. «Zu merken, dass man nicht der einzige ist, der schlecht dran ist, kann ein Ansporn sein, sich umzuorientieren und sich aus einer misslichen Situation zu befreien.» Ob dieser psychologische Effekt die strukturellen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt langfristig aufwiegen kann, darf zumindest angezweifelt werden.
Armut stieg schon vor Beginn der Pandemie
Bei der Caritas macht man sich keine Illusionen: «Irgendwann im Verlauf des nächsten Jahres werden die Kriseninstrumente auslaufen. Dann stehen wir wohl wieder am selben Punkt wie vor der Krise», so Aline Masé. Tatsächlich nahm die Armut in der Schweiz schon vor der Coronakrise seit Jahren zu. 2019 waren gemäss Zahlen des Bundes über 700’000 Menschen von Armut betroffen, weitere 600’000 lebten nur knapp über der offiziellen Armutsgrenze. Diese liegt bei Einzelpersonen bei 2279 Franken im Monat, bei Familien sind es 3976 Franken.
Für eine Trendwende müsste man gemäss Caritas die strukturellen Ursachen der Armut angehen, von denen Aline Masé einige nennt:
- Niedrigqualifizierte rutschen vermehrt in prekäre Arbeitsverhältnisse mit fehlender sozialer Sicherheit ab.
- Die Sozialhilfe wird schleichend abgebaut. Deren Grundbedarf ist mittlerweile tiefer als die Ausgaben der untersten 10 Einkommensprozent.
- Die Krankenkassenprämien sind in den letzten 20 Jahren viel stärker gestiegen als Prämienverbilligung und Löhne.
- Es fehlen Bildungschancen und bezahlbare Betreuungsangebote für benachteiligte Familien.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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