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Das Absetzen von der Mutter bringt für das Fohlen zwei wesentliche Veränderungen mit sich, nämlich endgültig keine Muttermilch mehr zu bekommen und sich nicht länger auf die beruhigende Präsenz der Mutter verlassen zu können. Oftmals muss sich ein Fohlen beim Absetzen allerdings auch an einen neuen Lebensraum, eine neue Haltungsform, neue Spielkameraden und neue Pfleger gewöhnen. Die Entwöhnungsphase ist weder für ein Fohlen noch für die Mutterstute eine einfache Zeit. Dennoch gibt es Möglichkeiten, einem jungen Pferd diesen wichtigen Moment etwas angenehmer zu machen.
Säugen: mehr als eine einfache Mahlzeit
Abgesehen von der Nahrungsaufnahme ist das Säugen für ein Fohlen ein beruhigendes «Komfortverhalten». Oft sieht man Fohlen nach einer kurzen Trennung oder einer anderen Aufregung auf ihre Mutter zustürmen, um zu säugen. In der Natur endet die Säugezeit eines Fohlens im Alter von ungefähr zehn Monaten, wenn die Mutterstute ein neues Fohlen zur Welt bringt. Allerdings bedeutet diese Veränderung nicht, dass bei Fohlen dann automatisch alle Bande zu ihrer Mutter reissen. Bis zur sexuellen Reife bleibt das Jungtier in regelmässigem Kontakt mit der Mutterstute, die so die Erziehung ihres Fohlens vollenden kann.
Eine Reihe von Veränderungen
In Zuchtbetrieben werden Fohlen im Allgemeinen im Alter von fünf bis sieben Monaten abgesetzt, insbesondere um es der Stute zu ermöglich, erneut zu Kräften zu kommen, bevor das nächste Fohlen zur Welt kommt. Die Trennung von der Mutterstute, die Nahrungsumstellung (die Muttermilch wird nun vollständig durch Rau- und Kraftfutter ersetzt), die Eingliederung in eine neue Haltungsform und eine unbekannte Herde sowie die Gewöhnung an neue Menschen, die sich um das junge Pferd kümmern, sind für ein Fohlen Grund zu emotionellem, physischem und physiologischem Stress.
Stress vermeiden
Eine zu belastende Entwöhnung kann unwiderrufliche Folgen für die körperliche und geistige Gesundheit des Pferdes haben und sich insbesondere in Form einer Immunschwäche äussern oder aber durch ein erhöhtes Risiko, an Magengeschwüren zu erkranken oder anormale Verhaltensweisen und Stereotypien zu entwickeln (z.B. Koppen). Mittelfristig kann der Stress des Absetzens auch das weitere Wachstum des Fohlens beeinträchtigen.
Veränderungen schrittweise einführen
Es gibt jedoch weder Wundermittel noch allgemeingültige Rezepte für das Entwöhnen eines Fohlens, vielmehr sollte die Vorgehensweise an die Anzahl der abzusetzenden Fohlen, die Struktur des Zuchtbetriebs, die Verfügbarkeit von Züchter bzw. Züchterin und deren persönliche Überzeugungen usw. angepasst werden. Allgemein lässt sich jedoch sagen, dass man versuchen sollte, eine Veränderung nach der anderen herbeizuführen und nicht das gesamte Umfeld des Fohlens von heute auf morgen zu ändern, sodass sich das Kleine schrittweise an seine neuen Lebensbedingungen gewöhnen kann.
Die Zeit bei der Mutter einschränken
Wie der Name vermuten lässt, bedeutet eine schrittweise Entwöhnung, das Fohlen nach und nach immer weniger Zeit bei der Mutterstute verbringen zu lassen, um die künftige Trennung vorzubereiten. Auch das Säugen wird damit schrittweise reduziert, sodass das Fohlen ermutigt wird, Raufutter zu fressen und die Stute nach und nach weniger Milch gibt. Diese Vorgehensweise entspricht den natürlichen Umständen am ehesten, denn auch ein frei lebendes Fohlen wird immer mehr Zeit mit anderen Herdenmitgliedern, z.B. seinen Tanten oder den anderen Fohlen, verbringen. Ein schrittweises Absetzen sollte nicht zu früh erfolgen. Studien haben gezeigt, dass ein weniger als zwölf Wochen altes Fohlen sich nicht daran gewöhnt, von seiner Mutter getrennt zu werden. Daher wird empfohlen, die schrittweise Trennung von der Mutter im Alter von fünf bis sechs Monaten zu beginnen. Zu Beginn sollte die Trennung nicht länger als eine Stunde dauern, um dann langsam auf fünf bis sechs und schlussendlich zwölf Stunden gesteigert zu werden. Die schrittweise Entwöhnung hat zahlreiche Züchterinnen und Züchter überzeugt. Dennoch ist es möglich, dass einige Fohlen und ihre Mütter diese schrittweise Trennung als schlimmer empfinden als eine definitive Trennung. Daher ist es wichtig, das Verhalten des Fohlens genau zu beobachten. Die Anzeichen von Stress (stärkerer Bewegungsdrang, häufiges Wiehern, häufiges Äpfeln, aggressives Verhalten) sollten vermindert auftreten, wenn das Fohlen sich an die Trennung von der Mutter gewöhnt hat. Einige Fachleute raten, die Stute und ihr Fohlen lediglich durch eine feste Abschrankung zu trennen und sie in benachbarten Boxen unterzubringen. So kann das Fohlen zwar nicht mehr säugen, aber es sieht und riecht seine Mutter immer noch und kann diese auch weiterhin berühren. Allerdings muss unbedingt auf eine gut geeignete Infrastruktur geachtet werden, um das Verletzungsrisiko dieser Vorgehensweise zu minimieren, denn der Instinkt des Fohlens wird es zu dem Versuch veranlassen, zu seiner Mutter zurückzukehren.
Das Fohlen durch die Anwesenheit anderer Pferde beruhigen
Unabhängig von der gewählten Entwöhnungsmethode gilt immer die goldene Regel, das Fohlen nicht alleine zu lassen! Die Anwesenheit anderer Pferde - insbesondere wenn das Fohlen diese bereits kennt - verringert seinen Stress erheblich, wenn es zeitweise (im Falle einer schrittweisen Entwöhnung) oder definitiv von seiner Mutter getrennt wird. Daher wird wärmstens empfohlen, Fohlen in einer gemischten Herde mit Pferden verschiedenen Alters und Geschlechts zu halten. Zudem mindert die Anwesenheit erwachsener Pferde aggressive Verhaltensweisen der jüngsten Herdenmitglieder.
Definitive Trennung
Am Tag der definitiven Trennung sollte man dafür sorgen, dass sich die Stute und ihr Fohlen nicht mehr sehen und hören, damit sich beide leichter wieder beruhigen können. Weiterhin sollte man dem Fohlen während der folgenden drei bis vier Wochen keinerlei zusätzlichen Stress zumuten. Änderungen der Haltungsform oder Ernährung, Transporte oder gar die Kastration sollten bis zu einem späteren Zeitpunkt warten.
Anja Zollinger
Agroscope, Schweizerisches Nationalgestüt SNG
Agroscope