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Mosaiksteine um Fritz Mühlenwegs Geburtstag
Konstanz
„Er hätte im Westfälischen aufwachsen können oder auch im Königreich Württemberg. Dass er am 11. Dezember 1898 in Konstanz geboren wurde, kam von der Umtriebigkeit zweier Kaufleute, denen der wirtschaftliche Liberalismus der Kaiserzeit den Impuls zu größeren Ortsveränderungen gegeben hatte: Richard Kornbeck, der Schwabe, begann ab 1872 an jenem badischen Ufer des Bodensees tätig zu werden, das dem Wirtschaftsraum der Schweiz am nächsten lag. Zwanzig Jahre später kam der Westfale Ludwig Mühlenweg nach Konstanz, als Angestellter in Kornbecks Drogerie; er wurde bald auch sein Schwiegersohn.
Man könnte ins Gehölz dieser sehr unterschiedlichen Stammbäume klettern. Aber Fritz Mühlenweg selbst war nicht ahnenstolz. Die Versuchung, eine gesellschaftliche Geltung über Geschlechterabfolgen zu reklamieren oder sich mit jahrhundertealten Sesshaftigkeiten großzutun, war ihm fremd; so fremd wie ein Ausdenken von landsmannschaftlichen Blutwellen. Auch dies hat ihn, als der deutsche Rassismus in den Jahren nach 1933 virulent wurde, distanziert bleiben lassen.
Stille Dankbarkeiten gegenüber der Eltern- und Großelterngeneration sollten wir dennoch annehmen. Fast dreißig Jahre lang hat das angesparte Vermögen seiner Vorfahren diesem Fritz Mühlenweg die Existenzform eines freien Künstlers unterfüttert.“
Die Stadt, ihre Enge
„Am 11. Dezember 1898, einem Sonntag gegen neun Uhr, war Elise Mühlenweg in ihrer Wohnung von ihrem zweiten Sohn entbunden worden. Die junge Frau war damals bereits in einem »Ernst des Lebens«, auf den sie später nicht ohne eine leise Bitterkeit zurückblickte: Sie hatte kurz nach ihrer Hochzeitsreise, nach einer Erkrankung ihrer Mutter, den großen Haushalt übernehmen müssen. Die Last der Kinderbetreuung blieb ihr fast allein, denn die ersten Jahre war ihr Mann für das Geschäft oft unterwegs, als »Reisender« der Firma in einem wachsenden Netz von Kunden und Lieferanten.
Was die Zeitungsleser damals im Geburtsmonat von Fritz Mühlenweg beschäftigte, ist leicht nachzulesen: In der Konstanzer Zeitung galt als nationales Topthema – die Gedenkreden auf den verstorbenen Bismarck hallten noch nach –, dass es dem Zentrum gelungen war, die Wahl eines Sozialdemokraten zum Schriftführer des Reichstags zu verhindern; der sarkastische Ton des Berichts passt zu einer politischen Konstellation der Stadt, wo die junge sozialdemokratische Partei zwar Wahlhilfe für Zentrum und Demokraten gegen das liberale Besitzbürgertum leisten durfte, aber nur wenig Dank bekam.
Im lokalen Teil wurden die Hausbesitzer daran erinnert, dass sie nun Hausnummern anzubringen hätten. Auch hatten gerade die Bauarbeiten für das neue Krankenhaus begonnen. Die Stadt wuchs unaufhaltsam, zwischen 1890 und 1905 hatte sich die Einwohnerzahl um die Hälfte erhöht, auf fast 25 000.
Das Stadttheater gab gerade die Lustspiel-Novität »Im weißen Rössl«; das notorisch defizitäre Theater versuchte mit einem überwiegenden Anteil leichter Unterhaltung die Konstanzer zu locken. Dennoch brachte es der Intendant Oppenheim in der klerikal indoktrinierten Stadt immer wieder zu einem Theaterskandal. Als er ein Stück inszenierte, in dem eine lange Zeit erniedrigte Frau aus der Ehe mit einem brutalen Weinhändler flüchtet, reichte das Gezeter der Zentrums-Vertreter nach Zensur bis in die städtischen Haushaltsberatungen.
In der Kunsthandlung J. A. Pecht im Wessenberghaus gab es vor Weihnachten verbilligte Heliogravuren mit Genre- und religiösen Bildern zu kaufen. Der offizielle Kunstgeschmack ist damit schon illustriert, er wurde von einem dumpf-autoritären Journalismus noch zusätzlich verkleistert. Als 1885 auf der alljährlich in Konstanz gezeigten Schweizer Kunstausstellung auch ein Bild des jungen Ferdinand Hodler zu sehen war, endete der süffisante Zeitungsbericht mit dem Satz: »Schwamm drüber!«
Die Straße, Ausblicke
„Im Renaissance-Haus an der Kanzleistraße, mit einem überaus geräumigen Treppenhaus, hohen, und nicht mehr sehr belastbaren Speichern, ist Fritz Mühlenweg aufgewachsen. So nah am Konstanzer Rathaus, dass ein Lagerschuppen des weitläufigen Hinterhofs der Kornbecks an den Sitz der Stadtregierung grenzte. Direkt nebenan firmierte das Wolf’sche Atelier, aus dem die bedeutendste Fotografie-Sammlung der Stadt hervorging (auch ein Bild der Kornbeck’schen Hundezucht ist auf Glasplatte bewahrt…). Vis-à-vis lag die Buchhandlung Ackermann, die bis über die Jahrhundertwende auch die Zentrale des städtischen Fremdenverkehrs beherbergte. In Ackermanns Verlag erschien von Jakob Christoph Heer ein touristikkompatibles Büchlein (»Freiluft«) mit der ersten Bodensee-Schilderung aus der Perspektive eines Luftschiffs. Der Buchhändler empfahl den Klassenlehrern der Oberrealschule dann die (deutschnationalen…) Preisbücher, wenn für den Schüler Fritz Mühlenweg wieder eine Auszeichnung fällig war. In dieser Buchhandlung wurden später auch die Pakete mit Lesestoff für den Drogistensohn in der Wüste Gobi gepackt. Einem Verlagsvertreter des Insel-Verlags, der Ackermann regelmäßig besuchte und sich im Lauf der Jahre mit dem Buchhändler anfreundete, werden wir später als Fritz Mühlenwegs erstem Verleger wieder begegnen.“
(aus : Ekkehard Faude „Fritz Mühlenweg – Vom Bodensee in die Mongolei“ Libelle 2005)