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Die Schweiz hat viele sprachliche Eigenheiten. Nebst Helvetismen sind auch die etwas weniger bekannten «Gallizismen» ein fester Bestandteil des Schweizerdeutschen. Was sie sind, woher sie kommen und weshalb wir sie vielleicht etwas lieber haben als die Anglizismen, lesen Sie in diesem Beitrag.
Wörterwanderung
Wörter wandern – zwar nicht zwischen Ländern, aber zwischen Sprachen. In das Schweizerdeutsche eingewandert sind besonders Wörter aus dem Lateinischen, Französischen und Englischen. Das begann schon im frühen Mittelalter und hat sich bis heute fortgesetzt. Ab dem 17. Jahrhundert kamen diese Wörter hauptsächlich aus dem frankophonen Sprachraum.
Besonders gerne haben sich französische Wörter in den Regionen an den Sprachgrenzen niedergelassen. Beispiele sind das berndeutsche «Tämber» (timbre, Briefmarke), das Freiburger «patinieren» (abgeleitet von «patineur», Schlittschuhläufer) oder der Basler «Baareblii» (parapluie, Regenschirm).
Sein und Schein: Was ist ein Gallizismus?
Als Gallizismen bezeichnet man französische Wörter, die Teil des deutschen Wortschatzes wurden. Diese wurden mal mehr, mal weniger in ihrer Schreibweise und grammatischen Behandlung dem Deutschen angepasst, sodass sie mal mehr, mal weniger als «Fremd-»wörter erkennbar sind.
Beispiele sind Wörter wie «flanieren», «Büro» oder «Cordon bleu», aber auch Wendungen wie «à la minute», «Eau de Parfum» oder «vis-à-vis».
Und dann gibt es noch die Schein-Gallizismen. Das sind Spracheinheiten, die so tönen, als seien sie aus dem Französischen, dort aber gar nicht vorkommen. Beispiele hierfür sind Wörter wie «Friseur» («coiffeur» im Französischen) oder Wortverbindungen wie «Jour fixe», die es im Deutschen, nicht aber im Französischen gibt.
Sprachwahrnehmung: Anglizismen und Gallizismen
Stärker präsent als die Gallizismen sind heutzutage die Anglizismen. An deren blosser Anzahl kann das jedoch nicht liegen. Schliesslich gibt es im Schweizerdeutschen mehr als doppelt so viele Gallizismen wie Anglizismen. Beide werden jedoch unterschiedlich wahrgenommen.
Das kann daran liegen, dass die meisten Anglizismen der heutigen Zeit entstammen. Die Sprachveränderungen durch sie sind also sehr präsent. Ausserdem scheint Englisch allgegenwärtig und damit im Wortsinn «all-täglich». Was aber alltäglich ist, wirkt schnell gewöhnlich, hat einen Gebrauchs-, aber kaum Distinktionswert.
Die Übernahme von Gallizismen ist hingegen schon länger her. Und es wurde damals als Sprache der Diplomatie, des verfeinerten Lebensstils und der Wissenschaft wahrgenommen. Es war damit etwas, das aus dem Alltäglichen herausgehoben war – was auch die Sprechenden aus dem Alltäglichen heraushob. Das scheint auch heute noch fortzuwirken.
Wie das Französische ins Deutsche kam
So richtig schick wurde das Französische im 17. Jahrhundert, als die europäischen Höfe begannen, sich an der Kultur des französischen Hofes zu orientieren. Als Sprache des gebildeten Adels wurde Französisch die Sprache der Diplomatie und löste in der Wissenschaft langsam das Lateinische ab. Der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) schrieb etwa zunächst noch auf Latein. Später wechselte er dann zu Französisch.
Hiervon blieb auch das Deutsche nicht unberührt. Da das Wissen in einer anderen Sprache geschaffen wurde, lagen auch die meisten Bezeichnungen hierfür zunächst in dieser vor. Bevor man sie eindeutschte, war es da einfacher, sie schlicht zu übernehmen, was schon früh Widerspruch von Sprachpuristen erregte.
Reconquista und Koexistenz
Als sich in Europa der Begriff der Nation als Grundlage staatlicher Gebilde durchsetzte, wurde in vielen Regionen die Sprache als Grundlage der gemeinsamen Identität entdeckt. Infolgedessen achtete man im späteren Deutschland verstärkt darauf, deutsche Wörter zur Beschreibung der Welt zu verwenden. Ein Beispiel ist der Eisenbahnverkehr, wo man in Deutschland heutzutage eine Fahrkarte löst, bevor man am Bahnsteig auf den Zug wartet.
In der Deutschschweiz war das anders. Erstens gab es schon eine nationale Identität, als das Französische in Mode kam. Zweitens war Französisch eben nicht fremd, sondern Teil dieser Identität. Und Drittens waren die Kontakte mit der französischen Sprache ungleich intensiver als in den Regionen, die später den deutschen Staat bildeten.
So dienten bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Hunderttausende Schweizer in französischen Armeen. Berner Patriziersöhne bekleideten von 1536 bis 1798 Verwaltungsposten im Waadtland, das in dieser Zeit unter Berner Herrschaft stand. Und im 20. Jahrhundert verbrachten viele junge Menschen aus der Deutschschweiz ihr Welschlandjahr im französischsprachigen Teil der Schweiz. All diese Umstände hatten zur Folge, dass es in der Schweiz viel weniger Verdrängungstendenzen gegenüber dem Französischen gab als in Deutschland. Und darum löst man in der Schweiz auch heute ein Billett, bevor man am Perron auf den Zug wartet.
Gallizismen als Stolperfallen und wie man sie vermeidet
Wollen Unternehmen in der Schweiz und darüber hinaus sinnvoll kommunizieren, müssen sie auch wissen, wie in der jeweiligen Zielregion mit Gallizismen umgegangen wird – und welche Gallizismen wo verwendet werden. Bei Übersetzungen ins Französische wiederum ist es wichtig, zu wissen, welche Wörter und Wendungen, die Französisch tönen, auch tatsächlich im Französischen gebräuchlich sind. Ansonsten sind Verwirrungen und Missverständnisse vorprogrammiert.
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