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Ein bezauberndes, musikalisch reiches Singspiel, oder doch bereits eine vollwertige deutsche Oper? Zwar prägen geschlossene Musiknummern und zahlreiche gesprochene Prosatexte, die zur Volkstümlichkeit neigen, die «Entführung aus dem Serail». Mozart allerdings überhöht die Erwartungen an ein Singspiel bei weitem und komponiert die erste bedeutende deutsche Oper, die später in der «Zauberflöte», im «Fidelio», im «Freischütz» eine wundervolle Fortsetzung findet.
Ein erfolgreiches Werk
Die Komposition Mozarts war ein riesiger Bühnenerfolg. Die Vorstellungen in Wien nach der Uraufführung am 16. Juli 1782 unter Mozarts Leitung waren ausverkauft. Bis zum Tode Mozarts wurde die Oper in dreissig Städten gespielt, in mindestens fünf Sprachen übersetzt, ins Englische, Russische, Polnische, Dänische, Tschechische. Und nun zeigt ab kommendem Montag die Freiburger Oper das Erfolgsstück im Equilibre.
Kaiser Joseph II. beauftragt Mozart 1781 mit einem neuen Werk für sein «Nationaltheater». Die Vorlage wird in der Bühnendichtung «Belmonte und Konstanze» des deutschen Autors Friedrich Bretzner gefunden. Der einflussreiche Wiener Theatermann Gottlieb Stephanie «der Jüngere» bearbeitet den Text, und Mozart wirkt intensiv bei der Textgestaltung mit.
Vergebung statt Rache
Und der Inhalt? Der spanische Edelmann Belmonte Lostados versucht, seine von Seeräubern geraubte Braut Konstanze aus dem Harem des Bassa Selim zu entführen. Konstanze war an Selim verkauft worden und wird–gemeinsam mit der Engländerin Blonde und dem Diener Pedrillo–im Serail, dem Palast des Bassa Selim, vom Haremaufseher Osmin bewacht. Selim möchte die Liebe Konstanzes gewinnen, sie aber bleibt Belmonte treu. Die Flucht misslingt. Selim entdeckt in Belmonte den Sohn seines Todfeindes, der ihn schändlich aus Spanien verstossen, seine innig Geliebte entrissen hat. Statt der angedrohten Qualen, statt des Todes verzeiht Selim Belmonte, lässt ihn, Konstanze, Blonde und Pedrillo nach Spanien zurück ziehen. Nicht «Auge um Auge», nein, Vergebung siegt über die Rache. Es ist «ein weit grösser Vergnügen, eine erlittene Ungerechtigkeit durch Wohltaten zu vergelten, als Laster mit Lastern zu tilgen» (Selim).
Musikalische Vielfalt
Die Ouvertüre führt durch ein spezielles instrumentales Kolorit in das märchenhafte Milieu eines orientalischen Palastes ein. Mozart verwendet Instrumente türkischer Janitscharenkapellen–etwa die Piccolo-Flöte, Becken, Triangel, die grosse Trommel–und begleitet so Janitscharenszenen, Auftritte des Pascha Selim, des Wächters Osmin.
Mozart kannte die Sängerinnen und Sänger der Hauptpartien und passte die Arien den Fähigkeiten und der Entwicklung der Protagonisten an. Alle Figuren erhalten ihren unverkennbaren Ton. Die Musik offenbart auf beeindruckende Weise das Innere der beteiligten Personen. Osmin, Pedrillo und Blondchen singen Weisen von fast volkstümlicher Prägnanz. Belmonte und Konstanze aber werden mit Arien ausgestattet, die eine unglaubliche Tiefe und musikalische Vielfalt erfahren. In die drei Arien Konstanzes hat Mozart «alles musikalisch eingebracht, was Ferne, Gefangenschaft, Entbehrung, Verlust und Verzweiflung der Liebe anzutun vermögen» (Iso Camartin). Ein junges, internationales Solistenensemble wirddie Arien aufblühen lassen, das Freiburger Kammerorchester unter der Leitung seines Chefs Laurent Gendre wird um ein facettenreiches, transparentes Musizieren bemüht sein. Interessant, dass die Rolle des Bassa Selim eine reine Sprechrolle ist, die in der Freiburger Aufführung der Regisseur und Schauspieler Tom Ryser selber verkörpert.
Tom Ryser: Ein vielseitiger Regisseur
T om Ryser inszeniert die diesjährige «Entführung», und er verkörpert zugleich die zentrale Gestalt der Oper, den Bassa Selim. Ryser ist «spartenblind», bildete sich als Schauspieler, Regisseur und Choreograf aus, erhielt 2008 den Hans-Reinhart-Ring, die bedeutendste Theaterauszeichnung der Schweiz. Bekannt wurde er als Regisseur von Ursus & Nadeschkin. Über das Schauspiel fand er zum Musical, über die Operette zur Oper. Tom Ryser möchte eine Geschichte fesselnd, aber nicht oberflächlich erzählen, ein ernstes Thema attraktiv verpackt zur Diskussion stellen. Im Handeln des Selim entdeckt er die Besessenheit, ja die Verbissenheit, seine verlorene Geliebte zu suchen, wieder zu «finden». Er hat Kürzungen der Dialoge vorgenommen, und freut sich auf die herausfordernden Reaktionen der Zuschauer. hr