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Kirche bei die in alter Kunst angefertigten (Stein)-Bildwerke der alten Pfarrkirche, die oben in den Vorhallen und Giebelfeldern der Türen dieser Kirche angebracht sind. Es hat aber die Kirche folgende 9 besondere Vorzüge vor allen Pfarrkirchen in der ganzen Christenheit.
Erstlich ist sie eine größere Pfarrkirche als jede andere, sie ist nämlich weder eine Kollegiatkirche, noch eine bischöfliche, noch Abteikirche, sondern nur eine einfache Pfarrkirche, größer als viele bischöfliche und herrlicher als die meisten Patriarchenkirchen. Nicht jedoch wage ich sie mit der Sophienkirche in Konstantinopel zu vergleichen, welche die berühmteste auf dem ganzen Erdkreis ist, von 900 Priestern einst bedient, in wunderbarer Kunst und kostbarem Stoff erbaut, die jetzt leider der Unreinigkeit Mahomets unterworfen ist; wer diese war eine Patriarchenkirche.
Zweitens hat diese Kirche eine größere Schönheit als alle andern, nicht zwar im Schmuck der Wände oder in der Art des Bodenbelags oder den steinernen Bildwerken oder Gemälden oder der Vertäferung, sondern in dem Glanz des Lichtes, worin die eigentliche Schönheit besteht. Denn viele Kirchen habe ich gesehen, die an Kunst und Stoff glänzender sind, aber keine, die von so reichlichem Licht durchströmt, keine, die in allen Winkeln so hell ist wie diese; und sie hat keinen finstern Winkel oder schattigen Aufenthaltsort oder dunkeln Wohnraum, wie große Kirchen zu haben pflegen; auch hat sie keine verborgenen Kapellen, sondern sie sind zugänglich und hell.
Drittens ist sie reicher an Altären als alle Pfarrkirchen: denn sie hat 51 Altäre, die alle ihre Gebühren und Einkünfte haben und nicht von Fürsten oder edlen Herren oder Fremden, sondern von den Einwohnern von Ulm selbst begabt sind, und wie sie die Patrone der Kirche sind, so sind sie auch die Kollatoren (Besetzer) aller Altäre. Viele Altäre aber gibt es, die 5, einige, die 4, einige, die 3 Präbenden haben.
Und daraus folgt viertens, daß keine Kirche, die eben nur eine einfache Pfarrkirche ist, so viele Geistliche an der Zahl habe, als die Ulmer Kirche.
Fünftens ist diese Kirche reicher an freiwilligen Gaben als alle andern. Wer aber wissen will, wie groß ihre Gaben sind, die täglich durch das Ulmer Volk am Opferstock oder Opferbecken für ihren Batt (pag. 40), und an den Altären in Silber und Wachs zum Gebrauch des Herrn Pfarrers dargebracht werden, der erwäge die Kosten der Bauleute, die täglich arbeiten und von entfernten Orten die Steine herbeiführen, deren Ankauf und Herbeiführung eine unglaubliche Summe erfordert, weil die Steine dieser Kirche nicht von ulmischem Boden, sondern von entfernten Orten herbeigeführt werden; der erwäge überdies die prächtige Stellung des Herrn Pfarrers: denn er hat nicht die Stellung eines Stadtpfarrers oder Kanonikers (Stiftsherren) sondern nimmt die Stellung eines reichen Bischofs ein, der an seinem Hofe fünf Gehilfen und eine zahlreiche Dienerschaft hat;
und doch hat er keine anderen Gebühren und Einkünfte als die freiwilligen Gaben seiner Untergebenen.
Deshalb hat auch diese Pfarrei gewöhnlich einen ausgezeichneten, adeligen und gelehrten Mann, der einer solchen Pfründe würdig und wert ist.
Sechstens ist diese Kirche, ich sage es kühnlich, bevölkerter als alle andern in der ganzen Christenheit; denn obwohl sie so groß ist, so herrscht doch an Festtagen ein dichtes Gedränge bis an die Ecken des Altares, und wenn es keine Klöster gäbe, so könnte sie das Volk nicht ¶
fassen. Für gewöhnlich genießen zur Osterzeit mehr als 15000 Menschen in ihr das Abendmahl.
Das Siebente, das aus dem Vorigen folgt, ist, daß die Kirche selbst im Gebrauch der Sakramente freigebiger ist als alle. Denn es findet sich keine Pfarrei, in der täglich so viele Kinder getauft werden; denn durchschnittlich werden jeden Tag 5 Kinder in dem Taufraum dieser Kirche getauft, der mit königlichem Schmuck geziert ist, und alle Getauften werden notiert und eingeschrieben. Ähnlich ist es mit der Beicht und mit dem Abendmahl; denn selten vergeht ein Sonntag, ohne daß außer den Messen der Priester entweder schwangere Frauen oder kränkliche oder andächtige Personen das Abendmahl empfangen.
Das Achte folgt aus dem Vorigen und tritt beim Begräbnis hervor. Es hat nämlich diese Pfarrkirche außer den besonderen Kirchhöfen 2 große Kirchhöfe, einen außerhalb bei Allerheiligen, den andern innerhalb neben der Kirche, in welchen täglich die Totengräber arbeiten. Der Kirchhof außerhalb hat ein mit Gebeinen so sehr angefülltes Beinhaus, wie wenn ganz Schwaben die Gebeine seiner Toten in ihm zusammenbrächte. Es sagen aber die Totengräber, daß, während sie hier in die Tiefe graben, sie überall auf sehr feste Mauern d. h. die Fundamente der früheren Pfarrkirche stoßen, die unzweifelhaft prächtig war, wie die kunstreichen Bildwerke zeigen, die aus ihr herübergeschafft und in die Mauern dieser neuen Kirche über allen Türen eingefügt worden sind mit Ausnahme (pag. 41) der westlichen Haupttüre neben den Glockenseilen, welche ein neues Bildwerk hat; alle übrigen sind von der alten Pfarrkirche. Auf dem inneren Kirchhof aber finden sie, wenn sie graben, unterirdische Bauten und leere Gewölbe und anderes, dessen Bestimmung man nicht kennt. Hierüber pflegen sich die Leute zu wundern, und die Aschenkammer dieses Kirchhofs war einst der Keller der Mönche von St. Georg unter der Kapelle des heiligen Valentin.
Das neunte Besondere dieser Pfarrkirche ist die große Zuneigung und Liebe der in ihr Eingepfarrten. Denn sehr hängt sowohl der Rat als die Gemeinde an dieser Kirche wie an ihrer Mutter, und Lebende sowohl als Sterbende ehren und zieren sie mit Pfründen, indem sie ewige Lampen und Seelmessen stiften. Denn alle Lampen der alten Kirche, deren es sehr viele gewesen sein sollen, waren bei der Übersiedlung abgeschafft worden und der Erlös aus ihnen kam dem Bau der neuen Kirche zu gut, wie auch die alten Seelmessen, die außerhalb gestiftet worden waren, zu Gunsten der neuen Kirche aufgehoben wurden.
Das Zehnte und Letzte ist, daß der Pfarrer dieser Kirche sich großer Privilegien erfreut zu Gunsten der Kirche und zu seinem nicht geringen Nutzen; denn einem von Rechtswegen erlassenen Interdikt unterliegt er nicht, sobald der an den Bischof von Konstanz abgesandte Bote zur Stadt hinausgekommen ist; wie z. B. wenn ein Priester erstochen oder getötet worden ist, hört alsbald, wie die Gerichte anordnen, der Gottesdienst aus, aber sobald der Bote gegen Konstanz fortgegangen ist, nimmt man den Gottesdienst wieder auf. Ebenso wenn der Kirchhof oder die Kirche entweiht worden ist, kann ihr insgeheim der Pfarrer durch ein gewisses Wasser wieder die Weihe geben. Dies ist gewiß notwendig, weil die Menge des Volkes durch Verschiedenes gestört ist und die Kirche den ganzen Tag offen steht und durch sie jedermann den Durchgang nimmt. Es ist auch in ihr ein mannigfacher Lärm, besondere jedoch von den müßigen Geistlichen, welche daselbst eine Zusammenkunft und Gespräch halten, ¶