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Mit einem strahlenden Lächeln schreitet die Braut im weissen, Strass besetzten Kleid durch den Gang. Die Gesellschaft dreht sich nach ihr um. Der Bräutigam wartet im Anzug am Altar und wischt sich eine scheue Träne aus dem Augenwinkel. Sich einmal im Leben wie eine Prinzessin fühlen. In Eritrea wird das Brautpaar wortwörtlich zu König und Königin gekrönt.
In der kleinen Küche stapelt sich das Geschirr. Auf dem Herd steht eine Pfanne. Der scharf, würzige Duft vom Mittagessen liegt noch in der Luft. An einer Tür hängt ein pink glitzerndes Poster mit der Aufschrift «LOVE.» Im Zimmer nebenan klingt der Fernseher. Englische Kinderlieder sind hörbar. Arsima, ihre kleine 4-jährige Tochter lächelt verschmitzt und zieht ihr am T-Shirt. Sie will einen Keks. Haben, die 23 Jahre junge Mutter aus Eritrea fischt einen Schokoladenbiscuit aus einer Dose und beginnt zu erzählen.
«In Eritrea gibt es neun ethnische Gruppen. Ich und meine Familie gehören zu der christlich orthodoxen Kultur der Tigrigna.» Eine Heirat bedeutet, nicht nur die Verbindung von dem Paar sondern auch von zwei Familien, zwei Gemeinschaften und zwei Dörfern. Die Familie spielt eine wichtige Rolle. Sie entscheidet, ob ein Heiratsanwärter akzeptiert wird oder nicht. Das Heiratsalter ist besonders auf dem Land tief. Die Mädchen haben wenig Möglichkeiten sich zu bilden. Um sich nicht der Entscheidung der Familie zu beugen, gehen viele Mädchen vom Land in die Hauptstadt Asmara. Haben ist dort geboren. Das ländliche Leben kennt sie nur von Besuchen bei ihrer Grossmutter.
In der Kultur der Tigrigna ist kein sexueller Kontakt vor der Ehe erlaubt. Nach der Eheschliessung und der Hochzeitsnacht muss die Frau ihre Jungfräulichkeit beweisen.
Als Beweis der Jungfräulichkeit zeigt der Mann den Familien das Blut befleckte Bettlacken.
Wenn sie die Jungfräulichkeit bezeugen kann, gebührt ihr Ehre. Wenn sie keine Jungfrau ist, bringt der Mann sie unter Beschimpfungen zurück zu ihrer Familie. Heute sei dies nicht mehr so streng. Haben hat ihren jetztigen Mann in Sudan kennengelernt. «Wir wohnten in der gleichen Nachbarschaft. Dann ist es passiert. Ich wurde schwanger. Aber was kann man machen. Meine Familie war einverstanden mit ihm.»
Das Brautpaar steht mit samtenen, roten Umhängen vor einem Priester und tauscht Ringe aus. Anschliessend wird das Brautpaar gekrönt, Die Krönung ist Bestandteil von christlich orthodoxen Zeremonien. Braut und Bräutigam werden zu König und Königin ihrer neu gegründeten Familie. Auf dass sie ihre Familie im Glauben an Gott führen.
Ich bin schon etwas traurig, dass ich nicht kirchlich heiraten konnte. Mein Mann und ich trauten uns auf dem Standesamt in Sudan.
Nach der Tradition der Tigrigna wird nach der Trauung ausgiebig mit Gesang und Tanz in einem Festsaal gefeiert. Das Brautpaar fährt mit einem Wagen vor. Mit Palmwedeln wird das Brautpaar begrüsst, diese sollen dem Brautpaar eine glückliche Ehe bringen. Das Brautpaar trägt traditionelle weisse Kleider. Das Brautkleid ist eine sogenannte «Tilfi». Das ist ein langes, weisses Baumwollkleid mit Stickereien um den Hals und an den Ärmeln. Diese sind mit Silber oder Goldschmuck verziert. Die Haare ziert oftmals eine Goldkette. «Bei mir gab es keine Feier. Es waren nur ich und mein Mann anwesend bei der Eheschliessung vor dem Standesamt. Meine Familie war zu diesem Zeitpunkt in Eritrea.»
Haben erzählt mir, dass in ihrer Kultur zwei Tage lang gefeiert wird. Die Trauung findet meist am Samstag statt und am Sonntag wird nach dem «New Style». gefeiert. Die Vermählten tragen Anzug und Hemd sowie ein weisses Brautkleid, wie es auch in der Schweiz üblicherweise getragen wird. Es werden Fotos vom Paar und der Familie gemacht und am Abend wird wieder gefeiert.
Früher, zur Zeit ihrer Grossmutter, sei das noch viel anders gewesen. So wurde die Frau von ihrem Vater eingehüllt in Tüchern auf einem Esel zu ihrem Mann gebracht.
Was heute das Auto ist, war früher der Esel.
Der Mann durfte die Frau erst an der Hochzeit zum ersten Mal sehen. Das ganze Dorf feierte jeweils mit. Es wurde getanzt und gesungen. Dies sei aber vor allem auf dem Land so gewesen. «Meine Grossmutter hat jedoch in Asmara geheiratet. Ich habe noch ihr Hochzeitsfoto. Sie trägt ein weisses traditionelles Kleid. Sie sieht glücklich aus. Ich trug ebenfalls das traditionelle Hochzeitskleid. Wie eine Königin fühlte ich mich trotzdem nicht.»