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«Bonjour, Monsieur Martin. Wir haben Sie intubiert. Wissen Sie, wo Sie sind?» Jean-Paul Martin war eben erst aufgewacht und antwortete: «Ja, sicher. Ich bin im Spital Pasteur in Colmar.» «Nein, Sie befinden sich im Freiburger Spital», entgegnete man ihm.
Wie er dorthin gekommen war, konnte Jean-Paul Martin nicht sagen. Der bald 68-Jährige war städtischer Beamter in Colmar, ist seit vier Jahren pensioniert und wohnt nun im elsässischen Munstertal, knapp 20 Kilometer von Colmar entfernt.
Am 15. März begann seine Frau Monique stark zu husten. Der Familienarzt kam und ordnete an, sie müsse isoliert werden. «Wir mussten uns trennen. Ich stellte ihr das Essen vor die Tür, und wir benutzten getrennte Toiletten», so Jean-Paul Martin. Doch kurz nach seiner Frau stellten sich auch bei ihm Corona-Symptome ein. Er hatte Fieber und Atemschwierigkeiten. Am 23. März untersuchte der Arzt auch ihn. Er hatte einen Sauerstoffgehalt von 90 Prozent und begab sich für eine Untersuchung in das Spital Colmar. Erst sagte man ihm, er könne wieder heim, doch am Abend des 23. März rief man ihn an, man habe nun einen Platz im Lungenzentrum des Spitals in Colmar.
16 Tage ohne Erinnerung
«Ich erinnere mich noch vage an den 24. März, und dann erst wieder, als ich in der Schweiz aufwachte», so Martin. Das war der 10. April: 16 Tage waren vergangen. Dass er Corona hatte, erfuhr er erst in der Schweiz.
Es war die Zeit, als die Corona-Welle Europa überrollte, und das Elsass war eine der am meisten betroffenen Regionen. Die französischen Spitäler gerieten an ihre Belastungsgrenzen, so dass sich die Schweiz bereit erklärte, französische Patienten aufzunehmen. 49 Kranke wurden gebracht, davon zwei in das Freiburger Spital (siehe Kasten).
«Man sprach mit mir Französisch. Ich war also nicht ganz entwurzelt», so Martin. Er war auch schon an Freiburg vorbeigefahren auf dem Weg nach Genf, wo ein Teil der Familie seines Vaters wohnte, kannte also die Region etwas, in der er sich nun unverhofft wiederfand.
Kommunikation per Skype
Rückblickend lobt er, wie in Schweizer Spitälern kommuniziert wird. So seien seine Angehörigen jederzeit über seinen Zustand informiert worden. Man habe auch ihm alles erklärt, was er durchgemacht hatte. «Und man hat eine Skype-Verbindung mit meiner Frau und meiner Tochter installiert. Sie konnten mit mir kommunizieren. Auch wenn ich kein Bewusstsein hatte, habe ich ihnen offenbar mit einem Augenzwinkern oder einem Lächeln geantwortet.»
Jean-Paul Martin blieb nach dem Aufwachen noch weitere fünf Tage in Freiburg, insgesamt also rund drei Wochen.
Nach seiner Rückkehr nach Frankreich musste er in Colmar noch einen Monat isoliert in Spitalpflege bleiben. Er konnte am 21. Mai, an Auffahrt, wieder nach Hause. Nach über zwei Monaten durfte er seine Familie wieder in die Arme nehmen.
Auswirkungen bis heute
Martin sagt, er habe früher einmal eine Lungenentzündung gehabt und leide an Heuschnupfen, sonst sei er aber gesundheitlich nicht vorbelastet gewesen. Das Coronavirus habe nun aber nicht nur seine Lunge angegriffen: «Es kamen noch Bakterien hinzu; es gab auch Probleme mit dem Herz und der Niere.»
«Wir hatten fast alle Albträume. Es ist wie ein Ventil, das sich öffnet.»
Noch heute leide er an den Folgen der Ansteckung, komme leicht ausser Atem und habe an Muskeln verloren. Zudem absolvierte er mit anderen Patienten eine psychotherapeutische Nachbehandlung. «Wir hatten fast alle Albträume. Der Psychiater sagte, das sei normal: Es ist wie ein Ventil, das sich öffnet.»
Rückkehr geplant
Nebst dem ihn behandelnden Personal ist Jean-Paul Martin froh über die Politiker, die in Not eine internationale Vereinbarung zur Verlegung der Patienten eingegangen sind. «Vielleicht hat das mir das Leben gerettet. Es ist ein Zeichen, dass man in Europa zusammenarbeiten kann.»
Jean-Paul Martin plant schon bald wieder in die Schweiz an den Genfersee zu reisen. Und dann wolle er dem Freiburger Spital und seinem Personal einen Besuch abstatten, um sich zu bedanken.
Zusammenarbeit
Den 14. Juli als Tag des Dankes genutzt
Es war eine elsässische Lokalpolitikern, die sich angesichts der prekären Gesundheitslage in ihrer Region mit der Bitte an die Schweiz und Deutschland gewandt hatte, Patienten aus ihrer Region aufzunehmen. Deutschland versorgte daraufhin 80 Patienten, die Schweiz 49, wovon zwei in das Freiburger Spital kamen. Der Tag zum Dankesagen durch die französischen Behörden war dann der Nationalfeiertag des 14. Juli. Präsident Emanuel Macron richtete den Dank an Bundesrat Alain Berset aus; die Spitaldirektoren, darunter Marc Devaud vom HFR, wurden in die französische Botschaft eingeladen.
Ende Juni trafen am Freiburger Spital auch zwei Dankesschreiben aus Frankreich ein. Jean Rottner, Präsident der Region Grand Est, lobte dabei die beispielhafte grenzüberschreitende Zusammenarbeit: «Europa hat Leben gerettet. Solidarität kennt keine Grenzen.»
Ebenfalls bedankte sich Christine Fiat, Krankenhausleiterin der Spitäler Colmar: «Dank Ihrer Unterstützung haben wir die Krise meistern und die Hoffnung schöpfen können, dass alles irgendwann wieder gut wird.»