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Die geschilderte politische Entwicklung wurde dabei zweifellos durch die in wissenschaftlichen Kreisen laufende Diskussion zur Umweltproblematik beeinflusst. Dazu gibt es einige Marksteine:
1962 publizierte die Biologin Rachel Carson ihr Buch "Silent Spring"
, in welchem sie den grossflächigen Einsatz von DDT und anderen Insektiziden zur Schädlingsbekämpfung als chemischen Krieg gegen die Natur brandmarkte.125
Siehe Rachel Carson 1962.
Sie dokumentierte, wie die Spritzmittel über ihre spezifische Aufgabe hinaus in das gesamte Ökosystem gelangen und sich via die Nahrungskette zunehmend in den Körpern der Organismen anreichern, ja schlussendlich auch den Menschen erreichen und dort mit der Muttermilch an Säuglinge weitergegeben werden. Das Buch von Carson gehört heute zu den klassischen Texten der Ökologie-Bewegung.
War die Carson-Studie ein erster Hinweis auf die Risiken bzw. Selbstgefährdung, die wir mit unserem Versuch der Beherrschung der Natur eingehen, kam mit der anfangs der 70er Jahre im ersten Auftrag des Club of Rome von Donella und Dennis Meadows und Mitarbeitern erstellten Studie "Die Grenzen des Wachstums"
das Thema der limitierten Ressourcen zur Sprache.126
Siehe Donella H. Meadows, Dennis L. Meadows, Jørgen Randers und William H. Behrens III 1972. Zur Geschichte des Club of Rome siehe Jürgen Streich1997.
In einer Computersimulation modellierten sie die Interaktionen und die Entwicklung von fünf grundlegenden Faktoren: Des Bevölkerungswachstums, der landwirtschaftlichen Produktion, des Verbrauchs an nicht-erneurbaren Ressourcen, der industriellen Güterproduktion und der Umweltverschmutzung. Sie kamen zum Schluss, dass die gegenwärtigen Entwicklungstrends zu einem Kollaps des Weltsystems nach 2050 führen würden und dass dieser Kollaps auch mit verbesserter Technologie nur aufgeschoben, aber nicht aufgehoben werden könnte. Gleichzeitig vertraten sie aber auch die Meinung, es sei möglich, die Wachstumstrends zu ändern und zu einem ökologisch-wirtschaftlichen Gleichgewichtszustand zu gelangen.
1977 erteilte der damalige amerikanische Präsident Jimmy Carter an den Council on Environmental Quality den Auftrag, die voraussichtlichen Veränderungen der Bevölkerung, der natürlichen Ressourcen und der Umwelt bis zum Ende des Jahrhunderts zum Zwecke der längerfristigen Planung zu untersuchen. Der Council veröffentlichte seinen Bericht "Global 2000"
im Jahre 1980.127
Council on Environmental Quality 1980.
Im Vergleich zum Meadows-Modell wurde darin zwar eine differenziertere Bereichsunterteilung vorgenommen (Bevölkerung, Klima, Technologie, Nahrungsmittel und Landwirtschaft, Fischerei, Wälder und Forstwesen, Wasser, Energie, Mineralien, Umweltverschmutzung) dabei aber die gegenseitigen Verknüpfungen weniger beachtet. Ausserdem beschränkte sich die Studie, wie schon angetönt, in zeitlicher Hinsicht auf die nächsten 20 Jahre. Ein Vergleich mit anderen Weltmodellen (darunter auch das Meadows-Modell) ergaben aber, soweit vergleichbar, im wesentlichen übereinstimmende Resultate. Die zusammenfassende Schlussfolgerung:
Wenn sich die gegenwärtigen Entwicklungstrends fortsetzen, wird die Welt im Jahre 2000 noch übervölkerter, verschmutzter, ökologisch noch weniger stabil und für Störungen anfälliger sein als die Welt, in der wir heute leben. Ein starker Bevölkerungsdruck, ein starker Druck auf Ressourcen und Umwelt lassen sich deutlich voraussehen. Trotz eines grösseren materiellen Outputs werden die Menschen auf der Welt in vieler Hinsicht ärmer sein, als sie es heute sind.128
Council on Environmental Quality (deutsche Ausgabe) 1980: 25.
Jetzt, da es nur noch 2 Jahre bis zur Jahrhundertwende dauert: Hat irgendjemand den Eindruck, diese Prognose von damals hätte sich total verrannt?
Der deutsche Soziologe Ulrich Beck führte 1986 mit seinem Buch gleichen Titels den Begriff der "Risikogesellschaft"
als Nachfolgerin der klassischen Industriegesellschaft in die Diskussion ein.129
Ulrich Beck 1986.
Die letztere war durch eine einfache, lineare Modernisierung geprägt, in der es darum ging, die unaufgeklärten Traditionen zu überwinden und die Natur zu beherrschen zu lernen. Die erstere dagegen zeichnet sich durch eine "reflexive Modernisierung" aus: Nachdem der bisherige Modernisierungsprozess gewissermassen sein Gegenteil aufgezehrt hat, stösst er nun auf seine eigenen Folgen, die vielfach als Selbstgefährdungen, eben Risiken, auftreten, und rückwirkend die Prämissen der Modernisierung verändern.130
Vgl. Beck 1986: 14.
Die Risiken zeichnen sich häufig dadurch aus, dass sie sich wie z.B. Radioaktivität oder Schad- und Giftstoffe dem menschlichen Wahrnehmungsvermögen entziehen. Sie sind damit wissensabhängig und in besonderem Masse offen für Definitionsprozesse. Und sie erwischen früher oder später auch die, die sie produzieren oder die von ihnen profitieren.131
Vgl. Beck 1986: 29-30.
Aber lässt sich da nicht einwenden, dass das Risiko sowieso ein seit Urzeiten mit dem menschlichen Handeln grundsätzlich verknüpftes Phänomen ist? Dazu Beck:
Gewiss, Risiken sind keine Erfindung der Neuzeit. Wer - wie Kolumbus - auszog, um neue Länder und Erdteile zu entdecken, nahm 'Risiken' in Kauf. Aber dies waren persönliche Risiken, keine globalen Gefährdungslagen, wie sie durch Kernspaltung oder die Lagerung von Atommüll für die ganze Menschheit entstehen. Das Wort 'Risiko' hatte im Kontext dieser Epoche den Beiklang von Mut und Abenteuer, nicht den der möglichen Selbstvernichtung des Lebens auf der Erde.132
Beck 1986: 28.
20 Jahre nach den "Grenzen des Wachstums", 1992, nehmen die Meadows mit Hilfe des gleichen Simulationsmodells eine Neubewertung der Situation vor. Der Titel der neuen Studie, "Beyond the Limits"
,133
Donella H. Meadows, Dennis L. Meadows und Jørgen Randers 1992.
deutet schon auf den wesentlichen Befund hin:
Die Nutzung vieler natürlicher Ressourcen und die Freisetzung schlecht abbaubarer Schadstoffe haben bereits die Grenzen des physikalisch auf längere Zeit Möglichen überschritten. Wenn der Einsatz dieser Materialien und die Energieflüsse nicht entscheidend gesenkt werden, kommt es in den nächsten Jahrzehnten zu einem nicht mehr kontrollierbaren Rückgang der Nahrungsmittelerzeugung, der Energieverfügbarkeit und der Industrieproduktion.134
Meadows u.a. 1992 (deutsche Version): 13.
Es ist aber, so die Meadows, nicht der Zweck des Buches, Pessimismus zu verbreiten und eine graue Zukunft vorauszusagen. Sie sind der Auffassung, dass eine auf Dauer existenzfähige Gesellschaft immer noch möglich ist, sofern die Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum fördernde Politik revidiert und die Effizienz des Einsatzes von Energie und materiellen Ressourcen angehoben wird. Darüber hinaus ist aber "mehr erforderlich als nur Produktivität und Technologie; gefragt sind Reife, partnerschaftliches Teilen und Weisheit."135
Meadows u.a. 1992 (deutsche Version): 13.
In einem neuen, 1995 erschienenen Bericht an den Club of Rome plädieren Ernst Ulrich von Weizsäcker (Direktor des Wuppertal-Instituts für Klima, Energie, Umwelt), Amory B. Lovins und L. Hunter Lovins für eine rigorose Effizienzrevolution als Lösung für die Umweltkrise.136
Ernst Ulrich von Weizsäcker, Amory B. Lovins und L. Hunter Lovins 1995.
Das Buch heisst "Faktor vier"
, weil die Möglichkeit einer durchschnittlichen Vervierfachung der Ressourcenproduktivität im Minimum postuliert wird. Damit kann bei einer Halbierung des Naturverbrauchs der Wohlstand noch verdoppelt werden.137
Was leider dabei nicht klar gesagt wird: Wer darf seinen Wohlstand noch verdoppeln? Wir hier im Westen auch? Mit andern Worten, die Verteilungsproblematik wird nicht angesprochen.
Mit 50 grösstenteils schon realisierten Beispielen zur Energie-, Stoff- und Transportproduktivität wird illustriert, dass dies technisch möglich ist.
Ein gewisses Gegenstück zur "Faktor vier"-Studie bildet das 1996 veröffentlichte Konzept des "ökologischen Fussabdrucks"
von Mathis Wackernagel und William Rees,138
Mathis Wackernagel und William Rees 1996.
indem mit ihm gezeigt werden kann, wer auf zu grossem Fuss lebt und deshalb eine Suffizienzrevolution anpacken sollte, d.h. eine Verminderung des Ressourcenverbrauchs, was im persönlichen Bereich eine Vereinfachung des Lebensstils bedingt. Das Konzept beinhaltet folgendes: Es wird der Ressourcenverbrauch einer regional abgegrenzten Bevölkerung abgeschätzt und in dadurch in Anspruch genommene Landfläche (evtl. auch Meeresfläche) umgesetzt. Dass Land für land- und forstwirtschaftliche Produkte benötigt wird, ist klar. Gemäss der Forderung nach Nachhaltigkeit wird aber auch der Verbrauch an nicht-erneuerbaren fossilen Brennstoffen mittels eines Biomassen-Äquivalents in eine Landfläche transformiert.139
Dafür kommen drei verschiedene Ansätze in Frage; alle drei führen zum annähernd gleichen Ergebnis. Die erste Methode berechnet die für die landwirtschaftliche Produktion einer äquivalenten Menge von flüssigem Brennstoff (Äthanol, Methanol) erforderliche Fläche. Die zweite Methode schätzt die Grösse der vegetationsbedeckten Fläche, die zur Kompensation des bei der Verbrennung von fossiler Energie emittierten CO2 benötigt würde. Bei der dritten Methode schliesslich wird die Fläche bestimmt, die für eine Konstanthaltung des Naturkapitals gebraucht würde, d.h. wenn der Verlust durch die Nutzung von fossilen Brennstoffen durch die Schaffung einer energetisch äquivalenten Menge Naturkapital ausgeglichen wird (vgl. Wackernagel und Rees, deutsche Version1997: 98-100).
Welche Resultate ergeben sich? Im globalen Kontext zeigt sich ganz klar, dass unsere westliche Lebensweise nicht generalisierbar ist. Die in reichen Städten und Ländern pro Kopf der Bevölkerung beanspruchte biologisch produktive Landfläche beträgt 3-5 ha, während im weltweiten Durchschnitt nur 1,5 ha zur Verfügung stehen. Dies bedeutet: Wenn alle auf der Erde so wie wir in den Industrieländern leben wollten, bräuchten wir zwei zusätzliche Planeten mit einer der Erde vergleichen Ressourcenausstattung.140
Vgl. Wackernagel und Rees 1996: 14-15.
Für die Schweiz wird ein ökologischer Fussabdruck von 4,63 ha pro Kopf berechnet, während die innerhalb des nationalen Territoriums verfügbare bioproduktive Fläche 0,44 ha pro Kopf beträgt. Damit würde der schweizerische Konsum die national verfügbaren Ressourcen um rund einen Faktor 10 übersteigen. Verglichen mit dem oben erwähnten globalen Durchschnitt von 1,5 ha an bioproduktiver Fläche lebt die Schweiz noch um einen Faktor 3 auf zu grossem Fuss. Wenn wir weiter annehmen, dass die Bodenfruchtbarkeit in der Schweiz über dem Weltdurchschnitt liegt, ergibt sich eine Korrektur der bioproduktiven Fläche nach oben - Wackernagel und Rees kommen zu einer Schätzung von 2,89 ha pro Kopf. Danach wäre der Ressourcenverbrauch noch um einen Faktor 1,6 zu reduzieren, wobei dann aber Fragen der Verteilungsgerechtigkeit beantwortet werden müssten.141
Vgl. Wackernagel und Rees 1996: 97 und deutsche Version 1997: 136.