Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03233.jsonl.gz/1185

Aktualisiert: 24. Juli 2021
am Beispiel: Divestment aus treibhausgas-intensiven Unternehmen
Divestment – Ein Hebel mit Wirkung
Wer nachhaltig investieren will, kommt oftmals nicht um das Thema Divestment herum, ein Begriff, der für das Abstoßen von unethischen Aktien, Anleihen oder Investmentfonds steht. Das Divestment erlangte vor allem durch die Anti-Apartheid-Bewegung [1] Bekanntheit: In den 1960er Jahren stellten gegen das südafrikanische Apartheid-Regime protestierende Studentinnen und Studenten in den USA fest, dass die klassischen Mittel des Protests, wie Streikposten oder Demonstrationen, keine wirkungsvollen Hebel waren - schon gar nicht aus der Ferne. So begannen die Studierenden, ihre Universitäten dazu aufzufordern, Anlagen von Unternehmen abzustossen, die in Südafrika wirtschafteten. Nachdem bis Ende der 80er Jahre über 150 Colleges mindestens teilweise desinvestiert hatten, folgten auch Institutionen sowie Unternehmen der Bewegung, sodass zwischen 1985 und 1990 mehr als 200 Firmen aus den Vereinigten Staaten ihren wirtschaftlichen Tätigkeiten in Südafrika ein Ende setzten. Was als Studentenprotest begonnen hatte, mündete in einen Verlust von 1 Mrd. US-Dollar direkter Investitionen für Südafrika. Die südafrikanische Währung Rand wurde deutlich abgewertet und die Inflation erreichte zweistellige Werte. Diese frühe Divestment-Bewegung war nur eine von vielen südafrikanischen und internationalen Initiativen, die zum Ende der Apartheid beitrugen. Doch das Divestment selbst konnte von da an als eine wirkungsvolle Methode angesehen werden, um unethisches Verhalten von Regierungen oder Unternehmen auch ohne staatliche Sanktionen zu ahnden und sogar zu unterbinden.
Portfolio Clean Up – Das saubere Portfolio zur Zukunftsabsicherung
Eine der heutzutage wohl bekanntesten Divestment-Bewegungen zielt darauf ab, zugunsten des Klimaschutzes aus fossilen Energieträgern zu desinvestieren. Neben den ethischen Gründen gibt es aber auch finanzielle Gründe für Desinvestitionen aus der Öl-, Gas- und Kohleindustrie. Firmen, die in diesen Sektoren tätig sind und höhere Profite machen, indem sie die Kosten ihrer wirtschaftlichen Tätigkeiten externalisieren und deren schädliche Nebeneffekte wie CO2-Ausstöße nicht kompensieren, lassen Umwelt und Gesellschaft den Preis zahlen, zum Beispiel in Form von Wasserverschmutzung, Klimaerwärmung, oder durch die Erschöpfung von Ressourcen. Das birgt jedoch hohe finanzielle Risiken, sobald die Kosten für CO2-Emissionen von staatlichen Instanzen nach dem Verursacherprinzip festgelegt werden.
Dass eine starke Tendenz hin zu einer klimafreundlicheren Europapolitik besteht, zeigen die EU-Massnahmen der vergangenen Jahre: So veröffentlichte die EU-Kommission 2018 den EU-Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums, um so zusätzliche Investitionen in umweltfreundliche Projekte und Wirtschaftszweige zu lenken und die Ziele aus dem Pariser Klimaabkommen zu erreichen. Auch die im April 2020 veröffentlichte erneuerte Sustainable Finance Strategie, die bessere Standards für nachhaltige Finanzprodukte, Green Bonds und nachhaltige Investments vorsieht, zeigt die Richtung, in die auch die Politik langfristig gehen wird. Wenn zukünftig auch die Vorgaben der Aufsichtsbehörden im Umgang mit Klima- und Umweltrisiken verschärft werden, betrifft das Thema sowohl Unternehmen als auch Investoren direkt. Gemäß Gesa Vögele [2], Mitglied der Geschäftsführung bei CRIC, dem Verein zur Förderung von Ethik und Nachhaltigkeit bei der Geldanlage, sind Investoren von klimaunfreundlichen Unternehmen bereits heute dem Risiko von Stranded Assets ausgesetzt, dem Werteverfall von Vermögensgegenständen.
Auch das 2005 lancierte EU-Emissionshandelssystem bleibt eine zentrale Säule im Kampf gegen die globale Erwärmung, und ein Blick auf den Allowance Price Explorer von ICAP, einem Forum für Regierungen und Behörden, die Emissionshandelssysteme (ETS) eingeführt haben oder deren Einführung planen, verrät, dass die steigenden Preise in internationalen CO2-Märkten beginnen, sich auf die finanzielle Rentabilität von emissionsstarken Industrien und Branchen auszuwirken. Basiert die finanzielle Performance eines Unternehmens also auf einem CO2-intensiven Geschäftsmodell, setzt es sich einem großen Transformationsrisiko aus, etwa wenn neue Regulationen dazu führen, dass fossile Energiequellen knapper oder Zertifikate im Rahmen der Emissionshandelsysteme [3] kostspieliger werden.
Marktblick – Status Quo und die Dynamik des Wachstumsmarktes nachhaltiger Geldanlagen
Eine vom Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG), dem Fachverband für Nachhaltige Geldanlagen im DACH-Raum, im Jahr 2020 veröffentlichte Befragung von Finanzmarktakteuren ergab, dass Kohle-Divestment bei den Teilnehmern der Studie in Deutschland und Österreich die meistangewandte Klimastrategie ist. Während das FNG keine Angaben bezüglich der am häufigsten verfolgten Klimastrategie in der Schweiz macht, lässt sich jedoch festhalten, dass Kohle unter den Top 5 der wichtigsten Ausschlusskriterien bei Investments in der Schweiz ist. Hinsichtlich der Beweggründe der Teilnehmer der Studie, ist in Österreich die “Verantwortung gegenüber nachfolgenden Generationen” eine der wichtigsten Motivationen für eine grüne und klimasensible Investitionsstrategie. Hauptantrieb ist hierbei jedoch laut FNG stets die Nachfrage von Kunden und Stakeholdern nach klimafreundlichen Investitionen sowie Reputations- und Risikomanagement.
Auch bei Ethius Invest ist das Thema Divestment aus fossilen Energieträgern, bzw. das Reinvestment in der grünen und nachhaltigen Wirtschaft ein Eckpfeiler der Anlagestrategie. So schliesst der Vermögensverwalter beispielsweise Unternehmen aus seinem Anlageuniversum aus, deren wirtschaftliche Tätigkeiten auf fossile Brennstoffe sowie Chlorkohlenwasserstoffe beruhen. Anhand von Positivkriterien fördert Ethius Invest Firmen, die wesentliche Beiträge zur Lösung globaler Probleme leisten.
So gehört dem Aktienfonds von Ethius Invest beispielsweise die Schweizerische Rückversicherungsgesellschaft Swiss Re an, deren Bemühungen in Bezug auf Klimaschutz besonders hervorgehoben werden können: [4] Um einen Beitrag zur Reduzierung von CO2-Emissionen zu leisten und das Risiko von Stranded Assets aktiv zu mindern, stellte Swiss Re bereits Anfang 2016 Investitionen in Unternehmen ein, deren Einnahmen und Tätigkeiten zu mehr als 30% auf dem Abbau, der Verarbeitung und dem Verkauf fossiler Brennstoffe fussen, oder die zur Stromerzeugung über 30% Kraftwerkskohle nutzen, und veräußerte zugleich bestehende Beteiligungen dieser Art. Nebst weiteren Massnahmen führte dies dazu, dass Swiss Re zwischen Ende 2015 und Februar 2020 eine durchschnittliche Reduktion von 50% der Kohlenstoffintensität in ihrem Anlageportfolio über Kredite und börsennotierte Aktien erreichen konnte. Die zu Beginn gesetzten ersten Impulse durch Divestment führen in mehrerlei Hinsicht zu einer verstärkten Dynamik; so hat Swiss Re als weitere Maßnahme ihr Ziel für grüne, soziale und nachhaltige Anleihen von 1,5 Mrd. US-Dollar auf mindestens 4 Mrd. US-Dollar bis 2024 erhöht.
Ausblick
Die Formulierung von Ausschluss- und Förderkriterien ist nur der Anfang für klimafreundliche Investitionen bei Ethius Invest. Um einen Transformationsprozess in Gang zu setzen, muss ein konsequenter Engagement-Prozess und die aktive Wahrnehmung von Aktionärsrechten miteinbezogen werden, um alle Industrien beispielsweise zu Desinvestitionen aus klimaschädlichen Projekten aufzufordern. Denn während Maßnahmen wie das Divestment von Unternehmen wie Swiss Re sehr lobenswert sind, und Swiss Re im Bericht «Insuring Our Future – 2020 Scorecard on Insurance, Fossil Fuels and Climate Change», der im Dezember 2020 veröffentlicht wurde, den dritten Platz der 30 führenden Versicherungsgesellschaften in Bezug auf die Desinvestition von fossilen Brennstoffen einnimmt, reichen solche Maßnahmen nicht aus. Asti Roesle, Klima- und Finanzexpertin bei Greenpeace Schweiz, betont, dass dringend mehr progressive Schritte nötig sind, um den Übergang zu einer klimaschonenden Wirtschaft zu schaffen. Umso wichtiger ist also die Rolle von Investoren und Vermögensverwaltern wie Ethius Invest, ihre Aktionärsrechte wahrzunehmen.
Quellen: [1]https://www.investopedia.com/articles/economics/08/protest-divestment-south-africa.asp [2]https://www.altii.de/blog/von-der-nachhaltigkeit-im-eu-aktionsplan-sustainable-finance-teil-ii-doppelte-wesentlichkeit/ [3]https://www.altii.de/blog/von-der-nachhaltigkeit-im-eu-aktionsplan-sustainable-finance-teil-ii-doppelte-wesentlichkeit/ [4]https://www.swissre.com/media/news-releases/nr-20200220-swiss-re-takes-further-steps-towards-net-zero-emissions.html