Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03656.jsonl.gz/2585

02.09.2011, Winthertur
Kwod ha Rabbanim
Sehr geehrter Herr Ehrenpräsident Sylvain Wyler
Sehr geehrte Herren Co-Präsidenten Jules Wohlmann und Shlomo Hermon
Sehr geehrte Herren Stadträte und Vertreter der Landeskirchen
Liebe Gemeindemitglieder
Sehr geehrte Gäste
Es ist mir eine grosse Ehre und Freude, Ihnen die herzlichsten Glückwünsche des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes zum 125-jährigen Jubiläum der Israelitischen Gemeinde Winterthur zu überbringen.
Die Geschichte der Juden in Winterthur kennt zwar Höhepunkte, aber leider auch Tiefpunkte. Es ist dies über hunderte von Jahren eine Geschichte der Ausgrenzung und der Vorurteile, aber seit der Gleichstellung der Juden in der Schweiz eine Geschichte der äusserst erfolgreichen Emanzipation.
Vor 125 Jahren, als im Jahr 1886 ein gewisser Hermann Bernheim als erster Jude überhaupt in die Stadt Winterthur zog, folgten ihm einige mehr nach und im Jahre 1886 fanden sich schliesslich acht Juden zusammen, um eine jüdische Gemeinde unter dem Namen „Israelitische Cultusgenossenschaft Winterthur und Veltheim“ zu gründen. Die Gründung der Gemeinde war ein wichtiger Meilenstein für die Entwicklung des jüdischen Lebens in und um Winterthur. 40 Jahre später wurde die Gemeinde umbenannt in ihren heutigen Namen „Israelitische Gemeinde Winterthur“.
So florierte zwischen den beiden Weltkriegen das jüdische Leben in Winterthur. Im Jahr 1920 lebten über 140 Juden und Jüdinnen in der Stadt und es gab über 20 jüdische Geschäfte.
In den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts verschwanden dann aber die Familienbetriebe, die männlichen Gemeindemitglieder waren im Aktivdienst und viele jüdische Familien wanderten von Winterthur weg. Auch die Stadtentwicklung und die wirtschaftlichen Umstände erschwerten die Erhaltung der Gemeinde. Doch trotz aller Schwierigkeiten hat die Israelitische Gemeinde Winterthur nie resigniert und beständig die eigene religiöse, soziale und erzieherische Infrastruktur aufrechterhalten können.
Obwohl Winterthur nur wenige Kilometer von Zürich entfernt liegt, wo die grösste städtische jüdische Gemeinschaft der Schweiz sich auf vier Gemeinden verteilt, versuchte die kleine, traditionsreiche Gemeinde in Winterthur nie im Schatten der jüdischen Gemeinden in der Grossstadt zu stehen. Und obwohl die Angebote in Zürich verlockend nah schienen, konnte sich auch in Winterthur ein eigenes vielfältiges, kulturelles jüdisches Leben entwickeln.
Die Gemeinde unterhält zwar einerseits seit 1998 einen eigenen Friedhof, konnte sich aber leider nie einer eigentlichen Synagoge erfreuen. Zentrum des jüdischen Lebens in Winterthur war immer und bleibt wohl der kleine gemietete Betsaal, hier im Blaukreuzhaus. Vor einigen Jahren soll die Gemeinde sogar mit den Gedanken gespielt haben, eine ehemalige Kappelle zu erwerben und in eine Synagoge umzufunktionieren. Auch das ein Zeichen für die Kreativität der Gemeinde.
Im Bezug auf Gottesdienste ist Winterthur aber, wie ihr lieber Ehrenpräsident Sylvain Wyler auszudrücken pflegt, die „regelmässigste“ Gemeinde der Schweiz, hat sie nämlich nie einen Schabbat-Gottesdienst, an den Feiertagen aber schon. Dann übernimmt Rabbiner Kurt Nordmann aus Zürich die Führung des Gottesdienstes. Erstaunlich ist überhaupt, dass diese Gemeinde, trotz ihrer Kleinheit, nicht nur über einen, sondern über zwei Rabbiner verfügt. Welche Gemeinde kann das schon von sich behaupten? Neben dem gerade genannten Rabbiner Kurt Nordmann, der Ehrenmitglied der Gemeinde ist, ist nämlich auch Rabbiner Mendel Rosenfeld, von Chabad Lubavitsch in Zürich, Mitglied der Gemeinde.
Mit dem SIG war die Gemeinde von Beginn an eng verbunden. Zweimal trug sie die Delegiertenversammlung des SIG aus, erstmals im Jahr 1986 anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens, letztmals vor fünf Jahren, im Jahr 2006. Der Gemeindevertreter im Central Comitee, unser verehrter Sylvain Wyler, seit Kurzem Ehrenpräsident der Gemeinde, war und ist zweifellos eines der treuesten Mitglieder des CC und diskutiert gerne und sehr profiliert mit.
Heute zählt die Gemeinde Winterthur noch rund 60 Mitglieder oder ca. 100 Seelen, welche ein vitales Gemeindeleben pflegen. In einer Zeit, in der immer mehr Gemeinden in kleineren Städten verschwinden, konnte die jüdische Gemeinde Winterthur den Mitgliederschwund bremsen. Sie ist heute ein leuchtendes Beispiel dafür, dass kleinere Gemeinden nicht zwangsläufig aussterben müssen.
Die Gemeinde vereint jüdische Menschen der verschiedensten Ausrichtungen und Schattierungen. In Winterthur wird die Verschiedenheit als Chance gesehen, die Traditionen aufrecht zu erhalten und dabei gemeinsam zu wachsen. Diese Gemeinde lebt in vortrefflichster Weise dem Motto der Einheit in der Vielfalt nach. Ihr gebührt dafür grosser Respekt.
Dies alles wäre aber nicht möglich gewesen, ohne die engagierte Arbeit der Leitungspersonen dieser Gemeinde. Ganz besonders ist natürlich an dieser Stelle Ihr Ehrenpräsident, mein lieber Freund Sylvain Wyler zu nennen, der über 42 Jahre lang die Geschicke der Gemeinde mit viel Herzblut und Engagement lenkte. Ohne ihn wäre die Gemeinde sicher nicht das, was sie heute ist. Seine reichhaltigen Kontakte zu Vertretern der Kirchen, der Politik und der Bildungsinstitutionen haben die Gemeinde fest in der Stadt Winterthur verankert. Seine Beharrlichkeit, aber auch seine Bescheidenheit und sein schalkhafter Humor haben diese Gemeinde geprägt und werden sie zweifellos auch weiter prägen.
Liebe Gemeinde, liebe Gemeindemitglieder, liebe Herren Co-Präsidenten, lieber Herr Ehrenpräsident, lassen Sie mich noch einmal zu Ihrem 125- jährigen Bestehen gratulieren. Ich wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute und freue mich auf viele weitere Jahre der guten und fruchtbaren Zusammenarbeit.