Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03355.jsonl.gz/2326

Über theologische Dichter, Mytheninterpretation und Homer
Traduction (Allemand)
1. Widmungsbrief zur Lucubratio Procli […] de dictis adversus Homerum […] (fol. 32ro-vo)
Der Arzt Conrad Gessner grüsst den hochgelehrten Herrn Johannes Ribittus, Professor des Griechischen in Lausanne.
[…]
Im Übrigen scheinen auch die Platoniker von allen Philosophen unserer Religion am nächsten gekommen zu sein, so sehr, dass auch die Mysterien der Gottheit und fast alle übrigen Lehren der Christen bei Platon und den Platonikern entweder ausdrücklich oder schattenhaft vorhanden sind. Mag also Platon in den Besitz derartiger Mysterien zuerst in Ägypten gekommen sein und sie der Nachwelt hinterlassen haben, oder mögen die Platoniker diese Lehrsätze aus der Lektüre der Heiligen Schrift geschöpft haben (sie zitieren nämlich die Zeugnisse des Moses und nennen ihn einen Propheten, und daher steht fest, dass sie seine Schriften sowohl gelesen als auch gebilligt haben), oder mögen sie sie von göttlicher Seite aus empfangen haben, entweder durch die Offenbarung der Dämonen, mit denen sie vertrauten Umgang hatten (denn auch die Dämonen werden gegen ihren Willen dazu gezwungen, manchmal die Wahrheit zum Ausdruck zu bringen, wie jener Dämon im Neuen Testament, der sich beklagte, Christus sei zu früh angekommen), oder durch bekräftigende Orakel, wie es sie auch heute noch gibt, oder schliesslich bei irgendeiner anderen Gelegenheit (mag es auch scheinen, als könnte es kaum noch eine andere geben); sicher sollte man sie nicht ganz verwerfen, sondern sie mit einem gesunden und nüchternen Sinn lesen und sie für eine Nutzung zum rechten Zeitpunkt reservieren. Nichts ist nämlich so verworfen oder absurd, dass es nicht zu seiner Zeit und an seinem Ort von frommen und nüchternen Seelen zum Ruhme der göttlichen Majestät in Besitz genommen und angepasst werden kann. Aus diesem kleinen Werk wird jedenfalls klar werden, warum man einst die Dichter Theologen genannt hat und die Poesie den Namen der Theologie und der ersten Philosophie auch bei den Philosophen selbst verdient hat: Alle Göttermythen werden hier nämlich nicht wie bei den gewöhnlichen Grammatikern historisch, physikalisch oder ethisch interpretiert, sondern sie werden auf theologische und metaphysische Weise erklärt.
[…]
2. Widmungsbrief zur Commentatio Porphyrii […] de Nympharum antro in XIII libro Odysseae […] (fol. 16ro-vo)
Der Arzt Conrad Gessner an den hochgelehrten Herrn Beatus Comte, Theologen und Arzt.
[…]
Es gibt aber keinen Grund, dass ich im Gespräch mit Dir etwas über die Mythen der Dichter erzähle; ich weiss nämlich, dass Du aufgrund Deiner Bildung nicht anders als alle Gelehrten urteilst, nämlich, wie Plutarch sagt: τό τῶν ποιητῶν μυθῶδες οὐκ ἀφιλόσοφον εἶναι [dass das von den Dichtern mythisch Ausgedrückte nicht ohne philosophischen Gehalt ist]. Aristoteles jedenfalls schreibt im ersten Buch der «Ersten Philosophie» in etwa, dass ein Philosoph Mythen liebt, weil ein Mythos aus Wunderbarem besteht. Sich zu wundern ist aber für die Menschen nun, und war es auch einst, eine Gelegenheit zum Philosophieren. Sokrates verarbeitete in seinem Kerker am Ende seines Lebens einige Fabeln Äsops zu einem Gedicht, da Apoll ihn dazu antrieb. Aristoteles liess, schon ein Greis, die Disputationen der Philosophen und die Widerlegungen der Alten hinter sich und bekehrte sich zur homerischen Dichtung. Das Gleiche tat Porphyrios, wie Laskaris in einem Epigramm über die beiden bezeugt. Aber wir werden die alte Dichtung und die mythologische Theologie der Alten in den Kommentaren des Proklos verteidigen. Ferner darf Dich der Name des Porphyrios nicht stören: Obwohl er nämlich ein Feind der Christen war, urteilte er doch, da Orakel dies bekräftigten, Christus sei weise, fromm und selig, wie Marsilio Ficino in seinen Kommentaren zum Buch des Plotinus gegen die häretischen Gnostiker bezeugt.
[…]
Bibliotheca universalis, fol. 335vo
Homer, der älteste, beste, gelehrteste und am angenehmsten zu lesende Dichter: Wenn ich die Lobsprüche aufzählen wollte, wie viele und wie beträchtlich sie ihm von den berühmtesten Männern aller Nationen durch so viele Jahrhunderte hindurch bis zu diesem Tag dargebracht werden, müsste ich ein Werk verfassen, das länger wäre als Ilias und Odyssee zusammen!