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Der Föhn hat einen schlechten Ruf. Für viele wetterbedingte Leiden wird er verantwortlich gemacht. Dabei wird dem Wind mehr zugeschrieben, als er tatsächlich verursacht.
Wenn es plötzlich heller wird, die Sonne die Wolkendecke durchdringt und ein lauer Wind zu wehen beginnt, ist meist der Föhn im Spiel. Er ist nicht nur der bekannteste Wind, sondern auch derjenige mit dem schlechtesten Ruf. Die Bewohner in den Alpenregionen nennen ihn «Hexenwind», damit wird klar, dass er für viel Böses verantwortlich gemacht wird. Vor allem im gesundheitlichen Bereich gibt man ihm die Schuld, etwa für Kopfschmerzen, Herzbeschwerden, Depressionen und vieles mehr. Der Föhn selbst ist jedoch bei Weitem nicht so schlimm, wie viele glauben. Häufig werden die tatsächlich gehäuften Wetterbeschwerden, die auf der Vorderseite einer Warmfront auftreten, dem Föhn zugeschrieben, weil solche Wetterlagen vom Wolkenbild und vom Wettercharakter her oft dem Föhn ähnlich sind.
Föhnkrankheit und Wetterfühligkeit
Als «Föhnkrankheit» wird ein vermehrtes Auftreten von Herz- und Kreislaufproblemen, Kopfschmerzen, Unruhe, Nervosität, Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten bezeichnet, worunter einige Menschen bei einer Föhnlage mehr oder weniger leiden. Auch rasche Ermüdung, Übelkeit, Reizbarkeit, Unruhe, Unlust, verminderte Leistungsfähigkeit, Schlaflosigkeit, Depressionen und vor allem die Verschlimmerung bestehender Beschwerden und Krankheiten werden häufig dem Föhn zugeschrieben. Es ist allerdings bis heute umstritten, ob es eine eigenständige Föhnkrankheit gibt oder ob es sich dabei vielmehr um eine starke Ausprägung von Wetterfühligkeit handelt.
Unsere Breiten sind von besonders lebhaftem Wetter geprägt. Vorbeiziehende Tiefdruckwirbel verursachen immer wieder eine Abfolge von verschiedenen Wetterphasen, die im Extremfall einem Klimawechsel von den Subtropen in polare Breiten entspricht. Unser Körper reagiert immer auf einen Wetterwechsel. In den meisten Fällen realisieren wir das gar nicht. Allerdings gibt es unterschiedliche Stufen der Wetterfühligkeit. So können zum Beispiel Menschen, die im Laufe ihres Lebens Krankheiten und Verletzungen erlitten haben, gegenüber dem Wetter besonders empfindlich werden. Sie leiden etwa darunter, dass alte Operationsnarben oder Knochenbrüche bei Wetteränderungen schmerzhafte Empfindungen hervorrufen.
Leiden unter dem Nebel
Die Wetterfühligkeit ist im Bereich der Luftmassenwechsel – also beim Durchgang von Warm- und Kaltfronten – am grössten. Bei einer Föhnlage befindet man sich typischerweise auf der Vorderseite eines Tiefdruckwirbels in der warmen Südströmung. Mit der Wanderung des Tiefdruckwirbels in Richtung Osten trifft schliesslich die Kaltfront ein und der Föhn bricht zusammen.
Bei einer winterlichen Föhnlage gleitet der Föhn im Mittelland oft auf einen Kaltluftsee auf, der in Form von Nebel sichtbar ist. An der Grenzschicht von Föhn und Kaltluftsee werden Wellen erzeugt, ähnlich einem Wind, der Wellen in einem Wassersee verursacht. Wetterfühlige Menschen auf dem Talgrund können besonders diese Phase spüren, denn die Kaltluftwellen erzeugen kleine, aber schnelle Luftdruckschwankungen, die dem Körper zu schaffen machen und das Wohlbefinden spürbar stören können. Sobald der Föhn das Nebelmeer ausgeräumt hat und bis auf den Talgrund vorgestossen ist, lassen häufig auch die Beschwerden nach. Deshalb werden die schlimmsten Föhnleiden nicht in den klassischen Föhntälern registriert, sondern vor allem in Regionen, wo der Föhn auf den Kaltluftsee aufgleitet – also vor allem im Mittelland.
Wie kann man sich wappnen?
Unser Körper kann problemlos Temperaturschwankungen von 20 Grad und mehr aushalten, ohne zu überhitzen oder zu erfrieren. Unser Organismus reguliert über den Blutkreislauf und den Stoffwechsel den Temperaturausgleich, um die Körpertemperatur auf 37 Grad zu halten. Sobald wir schwitzen, frieren oder zittern, nehmen wir die Arbeit dieser Temperaturregulierung bewusst wahr. Ein gesunder Mensch passt sich andauernd den wechselnden Wetterbedingungen an, ohne dass er es bemerkt.
Wetterempfindlichkeit tritt erst dann auf, wenn die natürliche Anpassung an das Wetter durch Krankheiten oder ungesunde Lebensgewohnheiten gestört wird. Dafür spricht die Tatsache, dass Operationsnarben bei einem Wetterwechsel Schmerzen verursachen können, da diese Körperstelle geschwächt ist.
Wer viel draussen ist und sich regelmässig Wetterreizen aussetzt, wird unempfindlicher gegen meteorologische Reize wie Föhnleiden. So steigern regelmässiges Spazierengehen und Gärtnern die Anpassungsfähigkeit von Kreislauf und Stoffwechsel. Auch Warm-kalt-Wechselduschen, Saunieren, Thermalbaden oder Kneippsche Güsse, aber auch Gymnastik und Yoga helfen, die Reizschwelle gegen Witterungseinflüsse zu heben. Im Zweifelsfall sollte ein Arztbesuch die Gewissheit schaffen, dass keine unerkannt gebliebenen Entzündungsherde (z. B. Zähne oder Nasennebenhöhlen) im Körper vorhanden sind. Denn verschleppte Entzündungen können das Immunsystem und die allgemeine Regenerationsfähigkeit deutlich schwächen.
Verursachen Sferics die Beschwerden?
Unter Sferics (abgeleitet aus dem englischen atmospheric) versteht man das impulshafte Auftreten elektromagnetischer Wellen natürlichen Ursprungs innerhalb der Erdatmosphäre.
Die Sferics wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckt, als man die Ursache von Störungen – ein Knistern und Knacken – in Radioempfängern untersuchte.
Unterschiedliche Luftmassen erzeugen durch Reibung eine statische Ladung bis zur elektrischen Entladung. Wenn kalte und warme Luftmassen aufeinandertreffen, was im Sommer meistens zu Gewittern führt, häufen sich die Sferics. Sie breiten sich mit Lichtgeschwindigkeit aus und eilen somit dem eigentlichen Wettergeschehen voraus. Man geht heute davon aus, dass Sferics bei empfindlichen Personen zu den typischen Symptomen von Wetterfühligkeit führen können. Da sie ohne Probleme auch ins Haus eindringen können, ist eine Abschirmung vor ihnen nicht möglich. Trifft schliesslich eine Schlechtwetterfront ein, sind die Sferics schon lange verschwunden – und mit ihnen auch die wetterbedingten Beschwerden.
Dieses Phänomen würde erklären, warum wetterfühlige Menschen einen Wetterwechsel bereits Tage vorher fühlen können, jedoch wieder beschwerdefrei sind, wenn die entsprechende Wetterlage schliesslich tatsächlich eintrifft.
Wenn der Föhn wütet
Der Föhn kann urplötzlich quasi aus dem Nichts auftauchen und innert Minuten einen glatten See in eine tobende Sturmhölle verwandeln. So nahm die 1837 auf dem Walensee eingeführte Dampfschifffahrt am 17. Dezember 1850 ein jähes Ende, als in einer stürmischen Föhnnacht das kleine Dampfschiff «Delphin» mit 13 Menschen an Bord unterging. Bereits am 8. Dezember 1771 war an gleicher Stelle und unter fast gleichen Umständen ein Schiff mit neun Menschen untergegangen. Von beiden Unglücken wurde nie eine Leiche ans Ufer gespült – die Opfer blieben für immer verschwunden.
Schon oft wütete der Föhn auch als Feuerteufel. Der trockene und heftige Föhnwind kann aus einer kleinen Glut schnell ein riesiges Feuer entfachen. Auf diese Weise brannten etliche Dörfer nieder. In dieser Hinsicht erlangte Glarus traurige Berühmtheit, weil es mehrmals durch solche Brände heimgesucht wurde. Der grösste Brand wütete in der Nacht vom 10 auf den 11. Mai 1861. Ein starker Föhnsturm entfachte aus einer Glut ein Feuer, das sich innert kürzester Zeit auf das ganze Städtchen ausbreitete; stundenlang klangen die Feuerglocken durch die umliegenden Dörfer und die glutroten Wände des Glärnisch verkündeten die Brandkatastrophe in weitem Umkreis. 600 Häuser wurden innert weniger Stunden in Schutt und Asche gelegt, 3000 Menschen verloren ihr gesamtes Hab und Gut und fünf Menschen verloren ihr Leben in der Feuersbrunst.
GLARUS 1861 | Ausblick vom Burghügel Richtung Südwesten.
Buchtipp
Walter Hauser «Stadt in Flammen. Der Brand von Glarus im Jahre 1861»
Limmat Verlag 2011, zirka Fr. 35.–
Fotos: iStock.com | robert geyser, limmat verlag