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"Interpenetration" ist ein Terminus von N. Luhmann, der grob verstanden etwa für strukturelle Koppelung steht.
Kritik:
Interpenetration ist eine Ausdeutschung davon, wie N. Luhmann sich die strukturelle Koppelung vorstellt, nämlich nicht als Beobachterleistung, sondern als Systemleistung. Ein System stellt dabei "etwas" zur Verfügung. Da Systeme operationell geschlossen sind, können sie nichts zu Verfügung stellen und auch nichts, was zur Verfügung gestellt wurde, aufnehmen oder verwenden. Mit der Interpenetration wird dieses theoretische Konzept unterlaufen. Das ist in der Theorie von N. Luhmann unabdingbar, weil er die Gesellschaft in eigenständige Systeme wie Recht, Wirtschaft usw auftrennt, und wieder unter einen Hut bringen muss.
Erläuterung von P. Fuchs (natürlich nur zu Luhmanns Begriffen, die nichts mit Maturanas zu tun haben):
Interpenetration bezieht sich auf das Verhältnis psychischer und sozialer Systeme im Sinne der wechselseitigen Appräsentation von vorkonstituierter Eigenkomplexität. Auch hier geht es um Kausalität, aber um die sogenannte 'Auslösekausalität' im Unterschied zu einer (zumeist destruktiven) 'Durchgriffskausalität'. Etwas anders ausgedrückt: Psychische Systeme offerieren sozialen Systemen komplexe Tableaus von Irritationen, die dann in sozialen Systemen 'eigen-verarbeitet' werden, und: vice versa. Strukturelle Kopplung bezeichnet den allgemeinen Fall der Umweltadaption geschlossener Sinnsysteme, bezieht also Durchgriffskausalitäten wie Schwerkraft, Lufttemperatur, Sonnenstand, Autolärm, Mondphasen etc. mit ein. (Liste, 9.7.09)
"Talcott Parsons hatte den Interpenetrationsbegriff eingeführt, um strukturelle Beziehungen zwischen verschiedenen Systemarten erfassen zu können. Niklas Luhmann übernimmt den Begriff von Parsons und benutzt ihn nach weitreichenden Revisionen v. a. dazu, das Verhältnis von psychischen und sozialen Systemen auf den Begriff zu bringen." Kuenzler: Interpenetration
"Dass Münch die zentrale Triebkraft der Moderne in der permanenten Spannung zwischen der Realität und den eigenen normativen Ansprüchen sieht, unterscheidet ihn wesentlich von Niklas Luhmann. Nach Luhmann gibt es keine gesellschaftsweiten, verbindlichen Wertvorstellungen: Im Wirtschaftssystem zählt nur Zahlungsfähigkeit; in der Politik nur Macht etc. Demgegenüber betont Münch im Anschluss an Parsons die gegenseitige Durchdringung („Interpenetration“) der Werte der einzelnen Funktionssysteme mithilfe von symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien (bei ihm Geld, Macht, Reputation, kulturelle Symbole, „Werte“). Luhmann betont die autopoietische Geschlossenheit der Systeme, Münch gerade die Offenheit für die Kommunikationsmedien der jeweils anderen Systeme. Implizit bleibt dabei jedoch das Kultursystem mit seinen normativen „Werten“ maßgeblich. Luhmanns Kritik an normativen Gesellschaftstheorien als aristotelischem, „alteuropäischem Denken“ weist Münch zurück; Luhmanns Theorie sei vielmehr „altdeutsch“, „aus der Sicht des Verwaltungsjuristen“ konstruiert und enthalte daher einen „heimlichen Staatszentrismus“."
"Unter 'Interpenetration' soll verstenden sein, daß ein autopietisches System die komplexen Leistungen der Autopoiesis eines anderen Systems voraussetzen und wie ein Teil des eigenen Systems behandeln kann." (Die Form Person, in: Soziologische Aufklärung 6: 146).
"Im Bereich der Intersystembeziehungen soll der Begriff Interpenetration einen engeren Sachverhalt bezeichnen, der vor allem von Input/Output-Beziehungen (Leistungen) unterschieden werden muß. Von Penetration wollen wir sprechen, wenn ein System die eigene Komplexität (und damit: Unbestimmtheit, Kontingenz und Selektionszwang) zum Aufbau eines anderen Systems zur Verfügung stellt. In genau diesem Sinn setzen soziale Systeme 'Leben' voraus. Interpenetration liegt entsprechend dann vor, wenn dieser Sachverhalt wechselseitig gegeben ist, wenn also beide Systeme sich wechselseitig dadurch ermöglichen, daß sie in das jeweils andere ihre vorkonstituierte Eigenkomplexität einbringen." (SozSys, 1984:290)
"Für die klassische Thematik von "Individuum und Gesellschaft" muß deshalb eine Begrifflichkeit gefunden werden, die auf keine der internen Operationen der betreffenden Systeme zurückgreift: weder auf bewußte Gedankenarbeit noch auf Kommunikation. Ich habe vorgeschlagen, die operative und strukturelle Kopplung, um die es hier geht, als Interpenetration zu bezeichnen, - ein sprachlich nicht sehr glücklicher und sicher klärungsbedürftiger Begriff. Interpenetration bezeichnet weder ein umfassendes System der Koordination noch einen operativ ablaufenden Tauschprozeß (was voraussetzen würde, daß man in dieser Hinsicht von Inputs und Outputs sprechen könnte). Theoriekonsistent kann Interpenetration nur heißen: daß im jeweiligen Bezugssystem die Einheit und Komplexität (im Unterschied zu: spezifischen Zuständen und Operationen) des jeweils anderen eine Funktion erhält. Die Art und Weise, in der das geschieht, ist natürlich nur an den jeweils systemeigenen Strukturen und Operationen aufzuweisen; anders könnte sie nicht vorkommen. Sie nimmt also in Bewußtseinssystemen andere Formen an als in kommunikativen Systemen." (Luhmann: Soziologischen Aufklärung, Band 6, 2. Aufl., S. 51).
Im folgenden nennt Luhmann die Interpenetration von Bewußtseinssystemen mit
sozialen Systemen "Sozialisation" und die Interpenetration von sozialen
Systemen mit Bewußtseinssystemen "Inklusion".
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