Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03191.jsonl.gz/627

Asatru-Stammtisch Zürich
Jasmin Schneider, Herbst 2019
Der erste Eindruck vom Stammtisch von Asatru Schweiz entsprach genau meinen Erwartungen. Metal-Look und militärischer Stil trafen auf sehr viel Schwarz. Eine interessante Truppe war da in einem Restaurant in Zürich zusammengekommen, acht Männer und zwei Frauen zwischen 25 und 70 Jahren. Die älteren Männer machten schon rein optisch einen etwas schrägen Eindruck: Piercings, eine Unmenge von Ringen an den Händen und lange Bärte. Bärte trugen allerdings auch einige der jüngeren Männer. Diese entsprachen jenen Leuten, die ich schon oft auf Mittelaltermärkten und Metal-Konzerten angetroffen habe. Einer der Männer war besonders militärisch gekleidet, jedoch komplett in Schwarz. Er wirkte auf den ersten Blick etwas einschüchternd, entpuppte sich aber als sehr offener Mensch.
Der Abend begann mit lockeren Gesprächen. Dabei unterhielten die Leute sich offen über ihren Glauben und wie sie dazu gekommen waren. Ihre Geschichten waren sehr unterschiedlich, wie auch ihre Erfahrungen. Alle hatten je eigene Zugänge zu ihrer Religion und doch verband sie alle das Neugermanentum.
Eine der beiden Frauen erzählte mir, wie sie zu Odin gefunden hatte, von ihrer Familie und insbesondere ihren Eltern, die Magie immer als etwas Böses angesehen hätten. Für sie war Magie jedoch eine positive Sache. Sie habe dann zu Odin gefunden, sie könne ihn hören. Sie sagte, dass er zu ihr spreche und sie leite. Deshalb habe sie ihr Leben Odin gewidmet und lebe nun, um ihm zu dienen. Zuhause opfere sie auch regelmässig etwas auf ihrem Altar, was genau, hat sie mir allerdings nicht verraten.
Einer der eher schräg aussehenden älteren Männer hatte ein grosses Wissen der hinduistischen Philosophie. Er war über hinduistische und auch buddhistische Schriften irgendwann zum Neugermanentum gelangt. Er betonte aber, dass für Ihn keine Religion vollkommen sei, man müsse nicht Glaube, sondern Spiritualität suchen. So wie er sprach, erinnerte er mich eher an einen Hippie als an einen typischen Neugermanen.
Einer der jungen Männer erzählte mir, wie er zu Asatru gekommen war. Er habe eigentlich vorher noch nie davon gehört, bis seine damalige Freundin ihn einmal zu einem Treffen mitgenommen habe. Seither komme er regelmässiger als sie. Er fand den Weg zum Neugermanentum über die Mittelalterszene, in welcher er auch aktiv dabei ist, auf Märkten und bei Spektakeln. In dieser Szene gebe es aber auch viele Menschen, die keine Ahnung von Geschichte hätten, erklärte er mir. Ihm sei es wichtig, ein möglichst authentisches Mittelalter darzustellen, richtig zu recherchieren und nicht alles mit Fantasy zu mischen. Im Glauben sei ihm vor allem die Natur wichtig und dass man zu ihr zurückfindet.
Das Stammtreffen begann dann so richtig, als das heutige Diskussionsthema ausgesucht wurde: Ethik. Bei jedem dieser Treffen sprechen die Asatruar über ein bestimmtes Thema und wie sie ihren Glauben in diesem Zusammenhang sehen. Es spricht einer nach dem anderen und kann seine Gedanken offen legen, wenn er will, und alle hören ihm zu. Alle Meinungen wurden akzeptiert, waren sie auch noch so unterschiedlich. Es gibt zwar einen Leiter, der diese Treffen und die Themen vorbereitet, doch jeder konnte problemlos kritisiert werden, auch er.
Damit kein Durcheinander bei der Diskussion entstehen konnte, gab es einen Sprechstab. Das liess mich etwas schmunzeln, erinnert mich so ein Sprechstab doch eher an eine alternative Schule als an ein Neugermanentreffen. Immerhin war es kein bunt bemalter Stock, sondern ein hölzerner Mjölnir, ein Thorshammer.
Jeder konnte seine Meinung sagen, musste aber nicht. Wer das Wort ergriff, äusserte sich zur Frage, was für ihn Moral und Ethik bedeuten. Viele betonten, dass für sie die neugermanische Spiritualität eine tiefe Verbundenheit mit der Natur bedeute. Es ginge darum zu einer natürlichen Ursprünglichkeit zurückzufinden, im welcher das Göttliche in der Umwelt erlebt wird.
Die alten Germanen hatten aber immer einen Platz in den Argumentationen. Es wurden diverse Texte aus der Edda erwähnt, die für alle Anwesenden Relevanz zu haben schienen. Offenbar haben alle diese Texte gelesen und ziehen sie regelmässig zu Rate, wenn sie Führung benötigen.
Die Anwesenden waren sich einig, dass diese alten germanischen Texte alle Fragen zu Moral und Ethik, wie sich ein guter Mensch zu verhalten habe, erklären.
Dieser Umstand war für mich besonders interessant. Die Edda spielt eine wichtige Rolle und ihre Werte und Normen sollten für alle Gültigkeit haben, im gewissen Sinne auch diejenigen Abschnitte, in denen es um Blutrache geht. Bei diesem Thema war die Gruppe aber geteilter Meinung. Die einen sagten klar, Blutrache sei nicht erwünscht, andere vertraten die Meinung, dass sie der Gerechtigkeit wegen gefordert werden müsse. Wie genau dies geschehen sollte, wurde mir dabei nicht ganz klar. Sollte aus Blutrache wirklich getötet werden oder ging es nur allgemein um Bestrafung?
Einig waren die Anwesenden wiederum darin, dass der Glaube Privatsache sei, und dass jede Person selbst entscheiden müsse, welchen Gott sie am meisten verehrt.
Das Christentum wird dabei allerdings nicht besonders positiv gesehen. Interessant ist dabei, dass die Edda für die Neugermanen eine so wichtige Quelle ist. Bekanntlich wurden diese Texte wie die Edda und andere Sagas erst im Mittelalter und in der Renaissance aufgeschrieben, als Europa längst christianisiert war.
Von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit habe ich am Abend nichts bemerkt. Einer der Männer erzählte von seiner Zeit im Kosovo und von den wunderbaren Menschen die er dort traf. Er sei herzlich empfangen worden und die Menschen hätten ihm eine Güte gezeigt, die in der Schweiz nicht immer zu finden sei. Eine der Frauen erwähnte, dass ihr Mann aus China stamme.
Allerdings kann ich nicht ausschliessen, dass heikle Themen angesichts der Gäste gemieden wurden.
So betonten die Anwesenden, dass sie bewusst nicht über Politik sprechen würden. Diese Aussage lässt die Vermutung zu, dass unterschiedliche und vielleicht teilweise auch radikalere Meinungen innerhalb der Gruppe vorhanden sein könnten.
Alles in allem war es ein sehr interessanter Abend. Ich war positiv überrascht von der Offenheit der Asatruar und der Bereitschaft, philosophische Themen miteinander zu diskutieren und zu akzeptieren, dass nicht immer alle gleicher Meinung sein müssen.