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«Hurra, die Welt geht unter», jubelt Henning May 2015 im gleichnamigen K.I.Z.-Song. «Karl der Käfer» wird aus seinem Wald vertrieben (Gänsehaut, 1983). Michael Jackson fragt sich im «Earth Song» (1995), was wir der Welt bloss angetan haben. Und Billie Eilish zeigt sich 2019 im Vorfeld des UN-Klimagipfels mit «All The Good Girls Go To Hell» besorgt über die globale Erwärmung.
Eine kurze Geschichte der Umwelt-Protestsongs
Seit den 1960er-Jahren haben Musikerinnen und Musiker immer wieder Themen wie die Umweltverschmutzung, Tierquälerei, Atomenergie oder das Wettrüsten in ihren Songs angeprangert. Bekannt wurde etwa die Singer-Songwriterin Malvina Reynolds für ihren Song «What Have They Done to the Rain» (1964). Diesen schrieb sie explizit für die Anti-Atomwaffentest-Kampagne in den USA.
Musik über ökologische Probleme gibt es zuhauf. Trotzdem sei nicht jeder Song, der von Natur oder Klima handelt, auch gleich ein Protestsong, erklärt der Politologe Thorsten Philipp von der Technischen Universität Berlin.
Von der Partisanen- zur Umwelt-Hymne
Der Politologe beschäftigt sich mit Nachhaltigkeit in Popsongs und Kommunikationstheorien. «Der Protestsong hat das Ziel, ein ökologisches Problem emotional zu adressieren und das politische Engagement zu stärken«, sagt er. »Ausserdem soll er ein Wertesystem und den Zusammenhalt einer Gruppe festigen.»
Wird ein solcher Song dann bei Protestaktionen gespielt, wird er zum Protestsong. Manchmal werden sogar Lieder zu Klima-Protestsongs, die ursprünglich gar nicht als solche gedacht waren. Das italienische Partisanenlied «Bella Ciao» aus dem Zweiten Weltkrieg wurde 2012 von der belgischen Initiative «Sing for the Climate» umgetextet und wird seither weltweit an Klimaprotesten gesungen, auch in der Schweiz.
Hauptsache Rhythmus
Auch bei den Klimaprotesten von «Fridays for Future» ist die Musik ein zentrales Element. Sara Walther ist Musikwissenschaftlerin und Mitglied im Institut für Protest- und Bewegungsforschung in Berlin. Sie hat den Musikeinsatz an den Protesten vor Ort über zwei Jahre untersucht. «Bei fast allen Protestveranstaltungen spielt Musik eine Rolle», sagt sie.
Beliebt seien vor allem deutschsprachiger Hip-Hop, Dancehall, Reggae, Rock und Pop: energetische Musik mit treibenden Rhythmen von Bands wie K.I.Z., Die Ärzte, Kraftklub, Alligatoah oder Peter Fox. Ist Musik massentauglich und tanzbar, könne sie Menschen motivieren, an eine Veranstaltung zu kommen und so zu deren Erfolg beitragen, so Walther.
Eine Bewegung ohne Hymne?
Eine Klimaprotest-Hymne, auf die sich alle Protestierenden geeinigt hätten, gibt es bislang nicht. Zwar wurden einzelne Image- oder Kampagnensongs im Auftrag der Bewegung geschrieben. Von einer Hymne würde Politologe Thorsten Philipp trotzdem nicht sprechen. Dafür seien die Anliegen der verschiedenen Umweltbewegungen schlicht zu unterschiedlich. «Davon auszugehen, dass hier eine gemeinsame Hymne entstehen könnte, ist utopisch.»
Allerdings gebe es spezifische Sprechchöre, die an jeder «Fridays for Future»-Protestaktion gesungen werden, sagt die Musikwissenschaftlerin Sara Walther – und das über Ländergrenzen hinweg: «‹What do we want? – Climate Justice! – When do we want it? – Now!› wird auf der ganzen Welt gerufen. Es gibt also ein akustisches Branding. Man hört die Gesänge und weiss sofort: Das ist ‹Fridays For Future›.»
Musik hat gesellschaftliche Strömungen und soziale Bewegungen immer begleitet, sagt Thorsten Philipp. «Meeresspiegel können steigen oder Gletscher schmelzen: Solange Menschen nicht darüber sprechen, wird sich nichts ändern.»
Popmusik könne dazu einen Beitrag leisten, wenn auch oft unterbewusst. Denn die Musik erreicht die Menschen auf eine andere Art und Weise als Politik und Wissenschaft.