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Pfingstpredigt 2006, gehalten von Pfarrer Jakob Vetsch,
in der Wasserkirche und in der Matthäuskirche von Zürich
Grosse Augenblicke im Menschenleben
Während Apollos in Korinth war, durchwanderte Paulus das Binnenland und kam nach Ephesus. Dort traf er einige Jünger und fragte sie: "Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, als ihr gläubig wurdet?" Sie antworteten ihm: "Nein; wir haben nicht einmal gehört, dass es den Heiligen Geist gibt."
Er fragte weiter: "Wie seid ihr denn getauft worden?" Sie antworteten: "Mit der Taufe des Johannes." Da erklärte Paulus: "Johannes spendete eine Taufe zur Buße und mahnte das Volk, an den zu glauben, der nach ihm komme, das heißt an Jesus." Als sie das hörten, ließen sie sich auf den Namen des Herrn Jesus taufen.
Paulus legte ihnen die Hände auf, und der Heilige Geist kam auf sie herab. Sie redeten in Sprachen und weissagten. Es waren im ganzen ungefähr zwölf Männer.
Apostelgeschichte 19,1-7
Das Pfingstfest ist eine der wenigen Gelegenheiten, wo wir an das Wirken des Heiligen Geistes erinnert werden. Die ersten beiden Artikel des Glaubensbekenntnisses, Gott Vater und Sohn, erfreuen sich jedenfalls größerer Beliebtheit als der dritte Artikel, Gott Heiliger Geist.
Da ist also "Gott, der Vater, der Allmächtige, Schöpfer Himmels und der Erden". An einen solchen Gott zu glauben bietet zur schönen Frühlings- und Sommerzeit nicht überaus große Schwierigkeiten. Wir sehen ein, dass die ganze Ordnung um uns herum aus einer gewaltigen Urkraft geschaffen sein muss. Vegetation und Lebewesen, Seen und Flüsse, Fluren und Berge, Täler und Höhen zeugen von der Macht göttlicher Schöpfung.
Da ist "Jesus Christus, sein eingeborner Sohn, unser Herr, der empfangen ist von dem Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, niedergefahren zur Hölle, am dritten Tag wieder auferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzet zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten." Bereits dieser zweite Glaubenssatz wird von vielen Mitchristen nur noch bedingt akzeptiert. Es wird etwa gesagt, dass es sich hier um bildhafte Darstellungen handelt, und es wird nicht mehr nach der geistigen Bedeutung gefragt. Manche fortschrittlichen Theologen ziehen die Jungfrauengeburt in Zweifel, lassen die Auferstehung weg, bestreiten das jüngste Gericht, und dann fällt auch der Titel des Gesalbten, des Christus, dahin. Nach dieser regelrechten Demontage bleibt irgend ein lieber Mann namens Jesus zurück, der uns zur Güte aufruft. Von Glaube kann da nicht mehr die Rede sein.
Gerade dort, wo auf diese Weise mit dem Glaubensbekenntnis umgesprungen wird, greift beim dritten Glaubenssatz zum Heiligen Geist nicht geringe Ratlosigkeit um sich. Da geht es um den "Heiligen Geist, eine heilige, allgemeine christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben." Da bleibt dann höchstens noch die Kirche als ein altmodischer Dienstleistungsbetrieb übrig, den man je nach Bedarf in Anspruch nimmt oder eben nicht, die Kirche, in der sich nichts ereignen darf und die darum ja auch langweilig ist, die tote Kirche, die als ein Relikt aus einer guten alten Zeit, die so gut nun auch wieder nicht immer war, noch im Quartier, im Dorf oder in der Stadt herumsteht.
Das erinnert an jenes Jüngerschärchen, das in Ephesus herumstand, als Paulus auf seiner dritten Missionsreise dort Einzug hielt. Er hat ihnen angesehen, dass sie irgendwie anders sind, dass sie Glauben in sich tragen, Hoffnung auch, und dass sie Gutes tun. Und doch schien ihnen etwas zu fehlen. Darum spricht er sie an: "Habt ihr den Heiligen Geist empfangen?" Und er bekommt zur Antwort: "Nein, wir haben nicht einmal gehört, dass es den Heiligen Geist gibt." Sie meinten damit, keine Kenntnis davon zu haben, dass sich die Verheißungen des Alten Testamentes nunmehr erfüllt haben. "Wie seid ihr denn getauft worden?" fragt Paulus weiter, um der Sache auf den Grund zu gehen. "Mit der Taufe des Johannes", sagen die Jünger, worauf Paulus verkündigt: "Johannes spendete eine Taufe zur Buße und mahnte das Volk, an den zu glauben, der nach ihm komme, das heißt an Jesus." Johannes war derjenige, der die Busse, die Umkehr, predigte, der die Ohren für das Gottesreich öffnete, der die Herzen für das Kommen des Gottessohnes vorbereitete. Er sagte von sich selber: „Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber der, welcher stärker ist als ich, und ich bin nicht würdig, ihm die Riemen seiner Schuhe zu lösen. Er wird euch mit Heiligem Geist und mit Feuer taufen.“ (Lukas 3,16) Erst mit Jesus Christus ist die Verheißung erfüllt und das Reich Gottes angebrochen. Erst mit ihm ist Gott selber uns erschienen. Als die Jünger „das hörten, ließen sie sich auf den Namen des Herrn Jesus taufen. Paulus legte ihnen die Hände auf, und der Heilige Geist kam auf sie herab. Sie redeten in Sprachen und weissagten. Es waren im ganzen ungefähr zwölf Männer.“
Was jenen fehlte, so habe ich den Eindruck, fehlt oft auch uns. Wir stehen da und warten auf etwas Grosses, aber wir wissen nicht, dass es schon geschehen und unter uns ist. Wir wollen Busse tun, anders werden, umkehren. Wir sind guten Willens. Aber wir wissen nicht, dass diese Veränderung mit dem vollen Glauben zu tun hat. Wir setzen zu wenig auf den Heiligen Geist. Das zeigt dieser Text: Es besteht ein tiefer Zusammenhang zwischen Glaube, Geistesgabe und Taufe. Da gehören die drei Abschnitte des Glaubensbekenntnisses zusammen, Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Wo das eine geschmälert wird, werden auch die anderen nicht mehr viel hergeben. Der Glaube wird stumpf und leer. Die Hoffnung schwindet. Die Kraft der Liebe erlahmt. Wie bei morschen, ausgehöhlten Bäumen, die beim nächsten Sturmwetter fallen.
Dazu möchte ich die Geschichte von der gefährlichen Küste erzählen, an der vor Zeiten ein paar Leute eine Rettungsstation für Schiffbrüchige auftaten. Nur ein einziges Boot gehörte dazu. Mit diesem wagte sich die kleine, mutige Mannschaft immer wieder, bei Tag und Nacht, auf das Meer hinaus, um Menschen in Seenot zu retten. Es dauerte nicht lange, bis der kleine Stützpunkt allgemeine Bekanntheit erlangte. Viele der Geretteten und auch andere Leute aus der Umgebung waren gern bereit, die armselige Station mit Zuwendungen zu unterstützen. Die Zahl der Gönner nahm ständig zu. Die Rettungsstation wurde großzügig ausgebaut, immer schöner und komfortabler. Allmählich wurde sie zu einem beliebten Aufenthaltsort und diente schließlich als eine Art Clubhaus. Es entstand eine Kontroverse, ob man überhaupt noch ausfahren solle, um Schiffbrüchige zu retten, weil das doch mit Unannehmlichkeiten verbunden und dem Clubbetrieb hinderlich sei.
Ein paar Leute, die der ursprünglichen Aufgabe nachhingen, trennten sich sogar und errichteten unweit entfernt mit geringen Mitteln eine neue Rettungsstation. Doch auch sie erfuhr nach einiger Zeit dasselbe Schicksal: Ihr guter Ruf verbreitete sich schnell. Es fanden sich wieder Gönner ein, und ein neues Clubhaus entstand. Es kam zur Gründung einer dritten Rettungsstation. Aber auch da wiederholte sich dasselbe. Wer heute diese Küste besucht, so wird berichtet, findet längs der Uferstrasse eine beträchtliche Reihe exklusiver Clubs. Immer noch wird die gefährliche Küste vielen Schiffen zum Verhängnis, aber darum kümmert sich fast niemand mehr.
Von Menschen, in deren Leben der Heilige Geist eine Rolle spielt, und von einer Kirche, die mit dem Heiligen Geist erfüllt ist, darf man mehr erwarten als Beschaulichkeit. Der Komponist und Pianist Franz Liszt wurde einmal von einem Armeeangehörigen gefragt, ob er auch schon mal in einer Schlacht mitgekämpft habe? Liszt antwortete ihm, der so geringschätzig gefragte hatte: "Wenn es im Leben des Menschen keine großen Augenblicke gäbe, würde es sich nicht lohnen, es zu verteidigen." Pfingsterlebnisse sind große Augenblicke, die zu verteidigen es sich lohnt, auch wenn das unbekümmerte, schöne Leben dadurch gestört wird.
last update: 14.09.2015