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Möchten Sie das interkulturelle Format (siehe Interview mit Johanna Kohn) einmal selbst ausprobieren? Hier finden Sie Empfehlungen für Gesprächssituation in Erzählcafés mit gehörlosen gebärdenden Personen und DSGS-Dolmetschenden.
Vor dem Erzählcafé:
Auf gute Lichtverhältnisse achten. Gegenlicht soll vermieden werden.
Je nach Gruppenzusammensetzung muss auch auf Hintergrundgeräusche geachtet werden (Hörgeräte, Cochlea-Implantate).
Den gehörlosen Personen und den Dolmetschenden kurz Zeit und Raum geben, um die beste Sitzordnung zu finden.
Tische nur wenn notwendig aufstellen.
Abklären, ob es in der Gruppe wichtig ist, Hochdeutsch zu sprechen.
Um die Aufmerksamkeit einer Gruppe auf sich zu lenken (z.B. für den Start), kann man zum Beispiel den Lichtschalter mehrmals ein- und ausschalten. Wenn die Dolmetschenden bereits präsent oder im Einsatz sind, kann man auch normal «rufen». Die Dolmetschenden übernehmen dann mit einer geeigneten Methode.
Während des Erzählcafés:
Es sollen nicht speziell lange Pausen für die Dolmetschenden gemacht werden. Wenn es zu schnell geht, werden die Dolmetschenden das Gespräch unterbrechen und um Wiederholung bitten.
Während des Gesprächs unbedingt Blickkontakt mit den Adressierten halten, nicht mit den Dolmetschenden.
Die Gebärdensprach-Dolmetschenden werden nicht aktiv ins Gespräch miteinbezogen. Das heisst, es sollen ihnen keine Fragen gestellt werden (ausser sie haben direkt mit der Dolmetschsituation zu tun).
Durch das Dolmetschen haben die gebärdensprachlich kommunizierenden Personen eine kleine Verzögerung. Eine typische Situation in gemischten gedolmetschten Gruppen ist: Eine Frage wird lautsprachlich gestellt. Wenn diese Frage dem Ende zugeht, melden sich bereits erste hörende Teilnehmende mit einer Antwort. Zur selben Zeit ist aber die Frage in der Gebärdensprache noch nicht fertig übersetzt. Die gehörlosen Personen sind also im Nachteil und die hörenden Personen kommen ihnen zuvor. In gemischten Gruppen entsteht so das Risiko, dass gehörlose Personen nicht zu Wort kommen. Vergeben Sie das «Recht zu sprechen», damit alle zu Wort kommen. Bevor Antworten auf eine Frage kommen, muss die Frage in Gebärdensprache fertig übersetzt worden sein.
Die Gehörlosenkultur zeichnet sich dadurch aus, dass viele Personen gleichzeitig kommunizieren. Es wäre möglich, dass die Gehörlosen die Organisation des Erzählcafés im Sinne von aufeinanderfolgenden Erzählungen (Monologen) unpassend finden und eher Diskussion oder Rückmeldungen suchen. Es sollten vorab Strategien definiert werden, wie die Moderierenden damit umgehen.
Johanna Kohn, Professorin für Alter, Biographiearbeit und Migration an der FHNW, lancierte zusammen mit Simone Girard-Groeber, Forscherin im Gehörlosenbereich an der FHNW, ein besonderes Projekt: Sie luden hörende und gehörlose Menschen zum Erzählcafé ein. Johanna Kohn erzählt über diese interkulturelle Begegnung.
Interview: Anina Torrado Lara
Wie kamen Sie auf die Idee, Erzählcafés zu veranstalten, bei denen das «Einander Zuhören» eine Herausforderung darstellt?
Johanna Kohn: Die Idee kam von Simone Girard-Groeber. Sie wollte die interkulturelle Begegnung zwischen Hörenden und Gehörlosen ermöglichen und herausfinden, was da im Gespräch passiert. Zuhören und Erzählen konnten wir dank zwei Gebärdensprach-Dolmetscherinnen. Es war ähnlich anspruchsvoll, wie wenn Menschen mit unterschiedlicher Muttersprache und Kultur zusammenkommen.
Inwiefern war die Begegnung zwischen Gehörlosen und Hörenden «interkulturell»?
Die Begegnungen waren in mehrfachem Sinne interkulturell: In jeder Kultur teilen wir gemeinsame Sprachen, gewisse Gewohnheiten, Regeln, Verhalten, Rituale und Geschichten. Hörende und Gehörlose in der Schweiz leben in der gleichen Umgebung, unterscheiden sich aber in Sprache, Geschichte, Umgang, Bedürfnissen. Gehörlose Menschen sind zudem in sich «bi-kulturell»: Sie sind Teil der hörenden Kultur einerseits, nutzen aber andererseits auch ihre Gebärdensprache und fühlen sich der Gehörlosenkultur angehörig.
Was prägt die Kultur von gehörlosen Menschen in der Schweiz?
Ein Einblick in die Geschichte der Gehörlosen in der Schweiz macht das verständlich: Viele der älteren Gehörlosen wurden früh vom Elternhaus getrennt und wuchsen in den wenigen Internaten für Gehörlose in der Schweiz auf. Dort war die Gebärdensprache vielfach verboten und sie wurden für das Gebärden bestraft. Unter grosser Anstrengung mussten sie lernen, Laute zu artikulieren und von den Lippen zu lesen. Untereinander haben sie sich oft nur versteckt in Gebärdensprache austauschen können. Das prägt. Hörende in der Schweiz teilen diese Geschichte nicht, sie haben vielfältige andere Erfahrungen. Während für die Gehörlosen als Minderheit das bi-kulturelle Leben der Alltag ist, war es für die Hörenden am Erzählcafé eher neu, Minderheit in einer gehörlosen Kultur zu sein.
Besteht heutzutage mehr Chancengleichheit für Gehörlose?
Es wurde schon einiges getan. Zum Beispiel werden mehr Informationen in Gebärdensprache übersetzt. Aber gerade im Bildungsbereich bestehen noch enorme Ungleichheiten. Das zeigt sich dann auch in der Berufswahl. Am Erzählcafé haben wir über dieses Thema gesprochen. Viele Gehörlose sagen, dass sie sich in einem ständigen «Kampf ums Sichtbarwerden» befinden. Es fängt schon bei der Berufswahl an: da sind auf den ersten Blick ganz viele Tätigkeiten «unmöglich».
Sind Hörende hilflos im Umgang mit Gehörlosen?
«Hilflos» möchte ich nicht sagen, aber vielleicht erst einmal «sprachlos» und «fremd» in einer fremden Kultur. Kontakt entsteht vielleicht, aber nur sehr oberflächlich. Vertiefte Gespräche sind möglich, wenn Hörende sehr kompetent in Gebärdensprache sind, oder Dolmetschende dabei sind. Das hat uns auch das Erzählcafé gezeigt: Es brauchte eine gute Vorbereitung, damit der interkulturelle Austausch für alle möglich und ein bereicherndes Erlebnis ist.
Können Sie uns einen ersten Einblick in Ihre Erkenntnisse geben?
Ich möchte noch nicht viel vorwegnehmen, aber die Erzählcafés haben bei allen Beteiligten Lust auf mehr geweckt. Sie haben den Hörenden Mut gemacht, sich darauf einzulassen, erst einmal nichts zu verstehen – und dann aber ganz viel zu erleben. Und sie haben den Gehörlosen den Raum gegeben, ihre Erfahrungen und ihre Welt «laut» sichtbar zu machen. Die Ergebnisse und der Leitfaden zur Durchführung von «Erzählcafés Inklusiv» mit Hörenden und Gehörlosen ist hier online.
In der Kampagne #unbeschränkt erzählen Menschen mit einer Beeinträchtigung aus ihrem Leben. Die Idee, ungehörte Geschichten in die Öffentlichkeit zu tragen, stammt von Luca Lo Faso vom Schlossgarten Riggisberg. Wir fragen ihn, was die Kampagne in den Köpfen bewegt und wie er mit dem Netzwerk Erzählcafé zusammenspannt.
Was ist das Ziel der neuen Kampagne #unbeschränkt?
Luca Lo Faso: Wir möchten ungehörte Geschichten erzählen und damit Mut machen. Mut, Vorurteile gegenüber Menschen mit Beeinträchtigungen abzubauen oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Auch will die Kampagne Gleichgesinnte verbinden und eine Bewegung auslösen. Die gesellschaftliche Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigung – und überhaupt die gesellschaftliche Vielfalt – soll als Bereicherung und nicht als Bürde erlebt werden.
Wie haben Sie Menschen gefunden, die bereit sind, ihre Geschichte zu erzählen?
Unsere Erfahrung ist, dass Menschen grundsätzlich gerne ihre Geschichte erzählen. Insbesondere dann, wenn es ermutigende Erfolgsgeschichten sind. Allerdings ist es etwas anderes, eine Geschichte «nur» zu erzählen und sie zu veröffentlichen. Dieser Schritt braucht Mut, gerade in der undurchsichtigen und unberechenbaren Welt der sozialen Medien. Die ersten Geschichten stammten aus dem Schlossgarten. Danach haben wir andere Institutionen angefragt. Mit der Zeit haben sich dann auch Betroffene oder deren Angehörige an uns gewendet.
Warum setzen Sie auf «Storytelling»?
Fachverbände und Interessenvertretende schaffen eine grosse Sensibilität für die Themen «gesellschaftliche Inklusion» und «gleiche Rechte für Menschen mit Beeinträchtigungen». Wir sind aber überzeugt, dass es schwierig ist, andere als Fach- und Betroffenenkreise mit diesen Forderungen zu erreichen. Geschichten wirken viel stärker als ein Appell ans Pflichtgefühl. Inklusion und Teilhabe sollen wohltuende Bereicherungen und wertvolle Errungenschaften sein.
Wie fördern Sie mit dieser Strategie die Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigungen?
Geschichten schaffen Emotionen und Verbindungen zwischen den Menschen. Sie machen betroffen, fördern den Gemeinschaftssinn und damit hoffentlich auch das gesellschaftliche Zusammenleben. Die Beispiele relativeren das Bild einer beeinträchtigten Person und zeigen, dass die Einschränkung nur ein Aspekt ist. Bei uns wohnt beispielsweise seit Jahren eine Konzertpianistin. Wenn man die kultivierte und belesene Frau in klaren Momenten erlebt und sie Klavier spielen hört, kann man sich gut vorstellen, wie sie einst auf der ganzen Welt die Bühne eroberte.
Welche Barrieren bestehen in den Köpfen?
Viele Ängste und Unwissenheit. Kürzlich sagte mir ein Mann, er wohne jetzt schon 40 Jahre in der Gegend, sei aber noch nie im Schlossgarten gewesen. Diejenigen, die «es wagen», sind in der Regel begeistert. Wir haben bei uns ein Bed & Breakfast, einen Eggladen mit Produkten aus unserem Betrieb, ein Restaurant und ein Seminarzentrum. Viele Touristen im B&B staunen, wo sie gelandet sind (lacht). Echte Inklusion ist erst dann möglich, wenn die Diversität als Bereicherung empfunden wird und Begegnungen entstehen.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Wir wollen näher an die Arbeitswelt ran und das Potenzial von Menschen mit Beeinträchtigungen nutzen. Gerade die Mitarbeit im ersten Arbeitsmarkt stellt einen grossen Schritt in der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben dar. Betriebe, die auch Menschen mit Beeinträchtigungen beschäftigen, erfahren in der Regel, wie bereichernd dieses Engagement für alle Beteiligten ist.
Wie können Interessierte zur Kampagne beitragen?
Auf der Plattform www.unbeschänkt.ch publizieren wir Geschichten. Interessierte Personen und Institutionen helfen uns, wenn sie die Geschichten mit dem Hashtag #unbeschränkt auf ihren sozialen Medien teilen. Darüber hinaus freuen wir uns sehr, wenn sie eigene Beiträge verfassen. Wer dies wünscht, kann unser Partnerlabel «WIR SIND UNBESCHRÄNKT» als sichtbares Zeichen für das Engagement einsetzen.
Unter der Leitung von Gert Dressel erarbeiten Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Raum gemeinsam eine Publikation zum Thema «Das Erzählcafé auf dem Prüfstand. Erfahrungen und Gelingensbedingungen» (Arbeitstitel). Sie wird im 2021 erscheinen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.
Was wollen wir der Welt erzählen?
Seit den 1980er Jahren gibt es Erzählcafés, lebensgeschichtliche Gesprächskreise oder Biografiegruppen. In solchen Gruppen werden persönliche Erfahrungen und Geschichten von Menschen verschiedenen Alters und sozialer, kultureller und nationaler Herkunft ausgetauscht. Das besondere daran: Im moderierten Dialog wird nicht die «eine Wahrheit» gesucht. Vielmehr erhalten die verschiedenen Erfahrungen der Menschen ein Gehör.
Warum schreiben wir eine Publikation?
Jessica Schnelle, Gert Dressel und Johanna Kohn (v.l.n.r.), die die Publikation herausgeben werden, sprechen im Video über ihr partizipatives Publikationsprojekt und warum es wichtig ist, die Vielfalt der Erzählcafés sichtbar zu machen.
Wer schreibt an der Publikation mit?
Edith Auer, Wien
«Erzählen über das Eigene macht uns Menschen sichtbar, wir verbinden uns und erleben Verstehen. Beim Erzählen in Gruppen werden Fenster zu unterschiedlichsten Lebenssituationen aufgemacht, und diese Fenster gehen nicht nur für den Moment des Erzählens auf, sondern bleiben auch noch danach offen. Beim gemeinsamen Zurückschauen bekommen wir Bilder von fremden wie auch bekannten Lebenswelten, und so wird unser Mosaik der Erinnerungen immer bunter und reicher.»
Edith Auer, Wien
Rhea Braunwalder, St.Gallen
«Für mich ist der Austausch mit anderen ModeratorInnen über das 'was wir machen' wichtig, um meiner Tätigkeit als Moderatorin eine Richtung und einen Sinn zu geben. Um mich bewusst dieser Reflexion zu widmen, beteilige ich mich am Schreibprojekt.»
«Meine Motivation, in der Arbeitsgruppe Interkulturelle Erzählcafés mitzuwirken, ist es, herauszufinden, wie dies noch besser gelingen kann und was genau passiert, wenn Menschen aus verschiedenen Kulturen in einem Erzählcafé im Austausch sind.»
«Wir möchten zeigen, dass man mit der Verknüpfung verschiedener beruflicher Kompetenzen die Methode des Erzählcafés an ein jugendliches Publikum anpassen kann.»
Franco De Guglielmo und Daniela Hersch, Zentrum für Sozial-und Kulturanimation Prélaz-Valency
Gert Dressel, Wien
«Wenn Menschen einmal nicht diskutieren, sondern einander über sich erzählen und zuhören, passiert oft Erstaunliches: Kontakt, Verstehen, Vertrauen, Akzeptanz von Unterschiedlichkeit – zwischen Jung und Alt, zwischen Menschen aus nah und fern. Das passiert seit vielen Jahren in Erzählcafés oder Gesprächskreisen. Und das ist durchaus voraussetzungsvoll. Das alles gehört sichtbar gemacht und gewürdigt – gerade in Zeiten, in denen Populisten spalten. Auch deshalb finde ich dieses Projekt wichtig.»
Gert Dressel, Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen, Wien
Lisbeth Herger, Zürich
«Erzählen und Zuhören birgt die Möglichkeit, das Eigene mit Fremdem zu verbinden. Daraus wächst erzähltes Leben. Formt sich biografische Stärke. Zeigt sich kollektive Geschichte. Das Erzählcafé lässt Menschen aufeinander zugehen.»
Lisbeth Herger, Biografikerin, Autorin, Moderatorin von div. Erzählcafés, u.a. mit Betroffenen von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, oder zur Historie eines Dorfes. Ist in der Schweiz als Freelancerin unterwegs.
Johanna Kohn, Basel/Olten
«Der eigenen Lebensgeschichte erzählend eine Gestalt zu geben und dabei von anderen Menschen gehört, erkannt und akzeptiert zu werden, ist eine heilsame und Identität stiftende Erfahrung. Sie fördert den gesellschaftlichen Zusammenschluss und das tiefere Verstehen unserer Lebensgeschichte als Teil der Zeitgeschichte. Dies durch sorgsame Moderation zu ermöglichen, ist ein Ziel von Erzählcafés. Es ist wichtig, die Gelingensbedingungen und Hindernisse dieser Methode zu erkennen. Dazu soll das Buch einen Beitrag leisten.»
Johanna Kohn, Fachhochschule Nordwestschweiz, Soziale Arbeit, Institut für Partizipation und Integration
Katharina Novy, Wien
«An Erzählcafés und anderen Formaten der Biografiearbeit begeistert mich, Begegnung zwischen Menschen zu ermöglichen und gleichzeitig den Blick für die Gesellschaft zu stärken. Empathie fördern, Gemeinsamkeiten wahrnehmen, uns selbst und andere als gesellschaftliche Akteur*innen erkennen – all das sind zentrale Zugangsweisen für politische Bildung in Zeiten vielfältiger Krisen. Mich reizt der Austausch und die gegenseitige Stärkung in solchen Bemühungen.»
«Ich fühle mich selbst immer wieder beschenkt durch besondere Momente im gemeinsamen Erzählen, in denen sich einzelne Erzähl- und Lebensfäden zu einem kleinen Muster verbinden und Menschen sich darin verbunden, geschätzt und gesehen bzw. gehört fühlen.»
Kerstin Rödiger, Schweiz, probiert vieles mit dem Format Erzählcafé im kirchlichen Kontext aus, sowohl mit Asylsuchenden, in der Spitalseelsorge, mit Freiwilligen und als städtisches Bildungsangebot.
Daniela Rothe, Essen
«Erzählen ermöglicht, über generationale, soziale und politische Differenzen hinweg in Kontakt zu treten. Räume für das Erzählen zu eröffnen und eine von wechselseitiger Anerkennung geprägte Erzählkultur zu pflegen ist deshalb nicht nur für diejenigen ein Gewinn, die daran teilnehmen, sondern für die Gesellschaft insgesamt. Erzählen lebt von Differenz und Vielfalt unterschiedlicher Erfahrungsperspektiven. Und es trägt dazu bei, immer wieder überraschende Gemeinsamkeiten zu entdecken. In der empirischen Erforschung und der professionellen Reflexion unterschiedlicher Erzählsituationen und -arrangements sehe ich ein Potenzial für die Weiterentwicklung lokaler Erzählkulturen, die soziale Verbindungen in einer offenen und pluralen Gesellschaft ermöglichen. Dazu will ich im Rahmen des Projekts beitragen.
Daniela Rothe, Fakultät für Bildungswissenschaften, Universität Duisburg Essen
Stefanie Schmid-Altringer, Bonn
«Erzählcafés haben ein enormes, noch nicht ausgeschöpftes Potential für unsere Gesundheit und Gesundheitsversorgung. Dieses möchte ich als Wissenschaftsjournalistin und Ärztin bekannt machen und weiterentwickeln. Erzählcafés zu 'Der Start ins Leben' sind als Live-Event digital vernetzt mit unserer Webseite und den sozialen Medien. Dadurch kann die private Erfahrung geschützt durch Anonymität politisch wirksam werden. Es sind deshalb keine klassischen Erzählcafés, sondern ein neues Erzählcafé-Format mit Ablegern für verschiedene Zielgruppen wie geflüchtete Frauen, Schulklassen, zur Schliessung von Geburtskliniken, für die Quartiersarbeit, etc.»
«In meinem Leben ist mir ein ganz besonderes Geschenk zuteil geworden: als mündlicher Geschichtsforscherin erzählten mir Menschen vertrauensvoll, ernsthaft, lustig aus ihren Erinnerungen; als Biographiearbeiterin in der Erwachsenenbildung nahmen/nehmen Menschen in Gruppen interessiert und engagiert die angebotenen Fragen und Methoden auf, um ihre Erinnerungslandschaft auf ungewohnten Wegen zu betreten; als Beraterin und psychologische Begleiterin von Geflüchteten eröffnet mir die bei alle dem ausgebildete biographische Sensibilität, facettenreich verständnisvoll mit den Menschen in Kontakt zu kommen.»
Annemarie Schweighofer-Brauer
Jessica Schnelle, Zürich
«Erzählcafés können einer “Kultur des Sendens” eine “Kultur des Zuhörens” entgegensetzen. In unserer diversen Gesellschaft bereitet das Erzählen und Zuhören den Boden dafür, gemeinsam die Zukunft zu gestalten. Mit dieser Publikation möchten wir Erzählcafés weiter auf die Agenda bringen.»
Jessica Schnelle, Projektleiterin Soziales, Direktion Kultur und Soziales, Migros-Genossenschafts-Bund
Claudia Sollberger, Solothurn
«Ich engagiere mich für diese Publikation, damit das Erzählcafé in all seiner Vielfalt und Qualität wahrgenommen wird. Insbesondere die Bedeutung einer mit Achtsamkeit und Sorgfalt durchgeführten Moderation als professionelle Methode in der Theorie und Praxis liegen mir am Herzen.»
Claudia Sollberger, Erzählcafé-Moderatorin
Wie läuft das Projekt ab?
Bis im April 2020 findet eine Verschriftlichung der Reflexionen und Analysen statt. An einem Workshop im Januar 2021 werden die Ergebnisse zusammengetragen und gesichtet. Das Ergebnis dieser Arbeit legt den Grundstein für die weitere zielgruppenspezifische Verarbeitung: vielleicht eine Publikation, ein Website-Beitrag oder Podcast? Für den Prozess der Erarbeitung ist uns wichtig, im ersten Schritt das Endprodukt noch offen zu lassen.
Für wen ist die Publikation?
Die Publikation soll Menschen, die Erzählcafés moderieren und organisieren, Unterstützung bieten. Die Ergebnisse werden im Jahr 2021 veröffentlicht.
Wer steht hinter dem Publikationsprojekt?
Das partizipativ und interdisziplinär angelegte Forschungs- und Publikationsprojekt ist eine Kooperation des Netzwerks Erzählcafé Schweiz (getragen vom Migros-Kulturprozent und dem Institut Integration und Partizipation an der Hochschule für Soziale Arbeit/FHNW) mit der Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen an der Universität Wien und dem Verein Sorgenetz (Wien).
Kontakt der Herausgebenden:
Gert Dressel, Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen an der Universität Wien sowie Verein Sorgenetz <email-pii>
Johanna Kohn, Fachhochschule Nordwestschweiz, Institut Integration und Partizipation <email-pii>
François Dubois, Geschäftsleiter von Pro Senectute Arc Jurassien, kämpft gegen die soziale Isolation, unter der viele Klienten und Klientinnen der Sozialberatung leiden. Er sucht den direkten Kontakt zu den Seniorinnen und Senioren.
Was hat Sie dazu bewogen, bei Pro Senectute Arc Jurassien Erzählcafés zu organisieren?
François Dubois: Vor fast 25 Jahren, als ich in Neuenburg Assistent und Doktorand an der Theologischen Fakultät war, habe ich philosophische Cafés ins Leben gerufen. Mir gefiel die Idee, auf diese Weise eine Möglichkeit zum Austausch bieten zu können. Später habe ich von meiner Partnerin, die für Pro Senectute Biel/Bienne-Seeland arbeitet, von Erzählcafés erfahren. Als Geschäftsleiter habe ich wenig direkten Kontakt zu meinen «Klienten». Deshalb wollte ich Erzählcafés durchführen. Dabei kann ich meine Liebe zum Gespräch, mein Interesse am Erlebten der Menschen und den Wunsch nach Abwechslung mit meiner beruflichen Aktivität in Einklang bringen.
Welche Schritte haben Sie unternommen, nachdem Sie diesen Beschluss gefasst haben?
Zunächst habe ich an einem Werkstattgespräch des Netzwerks Erzählcafé teilgenommen, um mehr über Erzählcafés zu erfahren. Dann habe ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Ort gemacht, und zum Schluss habe ich mir überlegt, welche Themen ältere Menschen interessieren könnten. Ich habe versucht, bei der Themenwahl auch die Jahreszeit mit zu berücksichtigen: So haben wir uns am 1. November zum Beispiel über das Thema «Meine lieben Verstorbenen» ausgetauscht und am 14. Februar von unserer ersten Liebe erzählt.
Wie machen Sie das Angebot bekannt?
In unserem Freizeitprogramm, aber auch über mein Partnernetzwerk und die lokalen Medien, die in der Regel gerne über neue, originelle Aktivitäten berichten. Ausserdem lade ich Nachbarinnen und Nachbarn der Lokalität ein und verteile im Quartier gedruckte Flyer.
Die Erzählcafés finden seit September 2019 jeden ersten Freitag im Monat statt: Weitere Informationen hier. Im Video erzählt François Dubois mehr dazu.
François Dubois
François Dubois liebt das Gespräch und den Meinungsaustausch. Er hat früher philosophische Cafés moderiert und gehört dem Freiwilligenverein «Lecture et Compagnie» an, dessen Mitglieder ältere Menschen besuchen und ihnen vorlesen. Als Leiter von Pro Senectute Arc Jurassien ist er immer auf der Suche nach Aktivitäten, die Begegnung und Austausch fördern. So wird er am 12. September auch das «Rendez-vous am Bielersee» mitmoderieren. Das Format ist eine Veranstaltung, die Seniorinnen und Senioren die Gelegenheit bieten soll, über die Sprachgrenzen hinaus neue Bekanntschaften zu machen.
In Zeiten, wo Menschen sich nicht mehr zum Austausch treffen können, sind andere Formate gefragt. Wagen wir einen Blick in die Geschichte: Erzählcafés entstanden in den 1990er-Jahren in Berlin mit der Wende. Menschen aus Ost und West, die sich während 30 Jahren nicht treffen konnten, erzählten sich wie sie die letzten Jahre erlebten. Die Annäherung übers Geschichtenerzählen war so erfolgreich, dass sich das Format bis heute gehalten hat.
Mit der Entwicklung von digitalen Kommunikationskanälen ist eine physische Trennung keine Ausrede mehr für das Still sein. Das Netzwerk Erzählcafé hat einen Salon eingerichtet, wo Ihre Geschichten empfangen werden! Schauen Sie in unserem Salon des histoires vorbei.
Hier noch andere digitale Erzählmöglichkeiten:
Das ZDF hat mit «Meine Wende – Unsere Einheit?» einen Podcast zum Mitmachen lanciert. So funktioniert es:
Auf meinewende.zdf.de kann man seine persönliche Geschichte zur Wende und der deutschen Einheit erzählen. Einfach aufnehmen und hochladen.
Das Langzeit-Projekt läuft bis zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2020. Eine Auswahl einzelner Geschichten soll in dieser Zeit filmisch umgesetzt werden.
Auch das Mühlerama sammelt für seine neue Sonderausstellung Lebensgeschichten. Das Thema lautet «Hunger und Verzicht». In unserer heutigen Gesellschaft kennen wir vor lauter Überfluss den Hunger nicht mehr – oder doch? Wer eine persönliche Erfahrung zum Thema teilen möchte, kann seine Geschichte hier einreichen.
Alle digitalen Erzählveranstaltungen publizieren wir in der Agenda.
Jessica Schnelle (JS) und Rhea Braunwalder (RB), Projektgestalterinnen des Netzwerks Erzählcafé Schweiz, über Partizipation im Netzwerk Erzählcafé
Was bedeutet Partizipation im Rahmen des Netzwerks Erzählcafé?
JS: Unser Netzwerk besteht aus Menschen, die über unterschiedliche Ressourcen wie Zeit, Erfahrungen, Netzwerk und Finanzen verfügen. Im Projektteam Erzählcafé pflegen wir die Haltung, dass alle ihre Ressourcen einbringen können, um zusammen etwas zu kreieren, was den gemeinsamen Zielen dient. Im Fall des Netzwerks Erzählcafé ist es unser Ziel, sorgsam moderierte Erzählcafés guter Qualität in der ganzen Schweiz zu fördern.
Warum ist Partizipation für das Netzwerk Erzählcafé so wichtig?
Wie und wo wird im Netzwerk Erzählcafé partizipativ gearbeitet?
JS: Grundsätzlich sind wir offen für partizipative Arbeitsweisen und freuen uns, wenn sich Personen bei uns melden, die aktiv mitwirken wollen. Trotzdem werden nicht alle Aktivitäten des Netzwerks Erzählcafés partizipativ angegangen. So kümmert sich das Projektteam um die strategische Ausrichtung des Netzwerks, administrative Aufgaben, die Kommunikation, Fundraising und den Förderimpuls. Bei anderen Aufgaben, wie zum Beispiel der Erstellung der Charta und des Leitfadens, werden Moderatorinnen und Moderatoren bei der Ausarbeitung oder für eine Vernehmlassung mit einbezogen. Bei der Konzeption der Intervision 2019 haben wir mit Claudia Sollberger gearbeitet, einer Moderatorin, die sich sehr für das Netzwerk einsetzt. In unserem neusten Format, dem Fokustreffen laden wir gezielt alle Moderatorinnen und Moderatoren ein, gemeinsam das Netzwerk zu gestalten.
Wann war das letzte Fokustreffen und was ist dort passiert?
RB: Das letzte Fokustreffen fand am 14. Januar 2020 im Coworking und Kaffeebar Effinger in Bern statt. Zusammen mit neun Moderatorinnen und Moderatoren haben wir Themen sondiert und besprochen, die die Anwesenden interessieren und beschäftigen. Der Kontakt zwischen Veranstaltenden und Moderierenden war einer der Punkte, die intensiv besprochen wurden. Ebenfalls machten sich einige Gedanken über die Positionierung der Methode «Erzählcafé» inmitten der vielen anderen Erzählformate die es heutzutage gibt. Andere Themen waren Erzählcafés mit speziellen Zielgruppen wie psychisch oder physisch beeinträchtigten Menschen, Erzählcafés im Quartier und Erzählcafés in interkulturellen Settings.
Was nehmen die Teilnehmenden eines Fokustreffens mit in den Alltag?
RB: Im Grunde genommen geben wir am Fokustreffen Interessierten den Raum und die Möglichkeit zum Austausch. Die Ergebnisse des Fokustreffens sind offen, ob es nun Themenvorschläge und Stossrichtungen für das Projektteam sind, oder ob Themengruppen entstehen, die sich selbständig mit einem Thema befassen. Wir hoffen, dass dadurch sehr spezifische Fragestellungen oder lokale Aktivitäten, die durch das Projektteam des Netzwerk Erzählcafé nicht leistbar sind, aufgenommen werden und wieder ins Netzwerk zurückkommen.
Wie sieht die Arbeitsorganisation in der Zukunft idealerweise aus?
RB und JS: Wir hoffen, dass der Dialog zwischen dem Projektteam und den Moderatorinnen und Moderatoren darüber, welche Schwerpunkte das Netzwerk setzen soll, noch stärker in Gang kommt. Es sollen möglichst viele Menschen das Netzwerk prägen. Dieses soll sich durch Ko-Konstruktion* und Partizipation in eine Richtung entwickeln, die für die Akteurinnen und Akteure sinnvoll und förderlich ist. Ideal wäre natürlich, wenn die Beteiligten mit ihrem Einsatz und ihren Ideen ermöglichen, das Projekt in eine verstetigte Struktur zu überführen und so das Wirken des Projekts langfristig und nachhaltig zu sichern.
*Mit Ko-Konstruktion ist ein gemeinsames Schaffen auf Augenhöhe verschiedener Menschen gemeint.
Bild: Ideensammlung am Fokustreffen in Bern, Januar 2020
Der passionierte Gärtner und Imker Hanspeter Itschner (66) fehlt selten, wenn die Moderatorin Liliana Schmid zum Erzählcafé in die Alterssiedlung Volksgarten in Glarus einlädt. Er schätzt den offenen Austausch über nicht alltägliche Themen und findet, dass das Zuhören heute zunehmend in Vergessenheit gerät.
Herr Itschner, was fasziniert Sie am Erzählcafé?
Hanspeter Itschner: Ich treffe dort immer wieder interessante Menschen und erfahre Dinge, über die man in einem Alltagsgespräch nicht unbedingt spricht. Mich faszinieren Menschen, die für eine Zeit im Ausland gelebt haben. Ein Architekt beispielsweise erzählte einmal, wie er kurz nach der Wende in Ostdeutschland dank seines Schweizer Wissens alte Häuser renoviert hat.
Welche Themen würden Sie am Erzählcafé gerne ansprechen?
Ich würde aktuelle Themen aus den Medien aufgreifen, zum Beispiel den Klimawandel. Da ich selber von der Bewegungskrankheit Dystonie betroffen bin, interessiert mich auch das Thema Krankheit. Spannend wäre es für mich zu erfahren, wie gesunde Menschen mit Schmerzen umgehen. Oder mit Menschen, die eine Behinderung haben.
Was unterscheidet ein Erzählcafés von einem normalen Gespräch?
Mir gefällt das Format des Erzählcafé, denn durch die geregelte Moderation bekommen alle Teilnehmenden Zeit zum Erzählen. Erinnerungen werden oft erst geweckt, wenn jemand eine Geschichte erzählt. Die meisten Leute in unserer Runde sind im Pensionsalter, zum Teil auch älter als ich. Wir sprechen über Vergangenes, Lieblingsorte und diverse andere Themen.
Wo ist Ihr Lieblingsort?
Ein Kraftort am Klöntalersee. Auf einer Anhöhe steht das Bienenhaus der Glarner Bienenfreunde, das ich einige Jahre als Kursleiter betreut habe. An diesem speziellen Ort ging es mir einfach immer gut. Als ich das erzählte, haben ganz viele gesagt, das sei auch ihr Lieblingsort.
Wird heute zu wenig miteinander geredet?
Ich habe das Gefühl, dass es zu wenig Menschen gibt, die richtig zuhören können. Mir fällt auf, dass die Leute einander oft ins Wort fallen. Schüchterne Menschen oder solche, die sich krankheitshalber weniger gut ausdrücken können, kommen zu kurz. In einer Selbsthilfegruppe habe ich einmal erlebt, dass nicht mal die Leiterin gemerkt hat, dass eine Frau nicht zu Wort kam, weil sie Mühe hatte, sich zu artikulieren.
Braucht es deshalb eine Moderation?
Die Moderation des Gesprächs ist wichtig. Manchmal wird aber auch der Erzählfluss gehemmt. Ich habe gemerkt, dass viele Teilnehmende Mühe damit haben, dass bei der Erzählcafé-Methode keine Diskussion entsteht und man keine Rückfragen stellen darf. Nur die Moderatorin stellt Fragen. Dadurch bleiben wir zwar beim Thema, aber die Spontaneität fehlt.
Was würden Sie anders machen?
Ich würde den Gesprächsfluss nicht unterbrechen, sondern zulassen, dass man sich mit einem Signal meldet, wenn man kurz nachfragen oder etwas anmerken möchte. Dann geht das Wort aber wieder zurück zur erzählenden Person. Auch fände ich es gut, wenn die Gruppe aufgrund eines aktuellen Ereignisses das Thema wechseln könnte. Einmal kam eine Teilnehmerin und erzählte vom Suizid eines Verwandten. Sie hätte gerne darüber geredet, doch die Moderatorin hatte schon ein Thema vorbereitet und verschob die Diskussion auf den zweiten Teil. Danach kam der Suizid aber nicht mehr zur Sprache. Das war schade, denn die Gruppe hätte der Frau gerne zugehört. Wäre das vielleicht ein neues Format?
Über Hanspeter Itschner
Hanspeter Itschner lebt in Netstal. Dem 66-jährige Pensionär ist es keine Minute langweilig: Er geht mehrmals pro Woche ins Yoga, um seine Muskelverspannung zu lockern und die Schmerzen zu reduzieren. Abends leistet er seiner 92-jährigen Mutter Gesellschaft und pflanzt sein eigenes Gemüse an. Am monatlichen Erzählcafé von Liliana Schmid in der Alterssiedlung Volksgarten in Glarus fehlt er selten.
An der Auffahrt 2019 wäre das monatliche Donnerstag-Treffen ausgefallen. Da bot Hanspeter Itschner spontan eine Führung auf dem Glarner Bienenlehrpfad an. Liliana Schmid organisierte das Treffen, die Gruppe wanderte durch die malerische Natur und Itschner erklärte das Leben der Bienen.
Itschner hat sich neben seinem Beruf als Maschinenzeichner und Betriebsfachmann für die Imkerei engagiert und war über 20 Jahre Hauptverantwortlicher für Bienenkrankheiten im Kanton Glarus. Als Präsident der Schweizerischen Dystonie-Gesellschaft berät er Betroffene und unterstützt mehrere Selbsthilfegruppen.
Interview: Anina Torrado Lara Fotos: Privat
Das Basler Gundeli-Quartier war während 18 Monaten Schauplatz eines visionären Erzählcafé-Projekts: 130 Menschen aus 27 Nationen erzählten sich ihre Lebensgeschichten. Die Quartierkoordinatorin Gabriele Frank und die FHNW-Professorin Johanna Kohn erzählen von emotionalen Momenten und kleinen, aber feinen Veränderungen im Quartier.
Frau Frank, Sie haben ein Erzählcafé-Projekt im Gundeli angestossen. Was war Ihr Ziel?
Gabriele Frank: Das Gundeli ist ein Schmelztiegel der Kulturen. Als grösstes Quartier in der Stadt Basel mit 19’000 Bewohnerinnen und Bewohnern haben wir eine sehr vielfältige Bevölkerungsstruktur. Unser Ziel war, dass auch Menschen mit knappen Mitteln Zugang zum gesellschaftlichen Leben haben und Gehör finden.
Frau Kohn, wie erlebten Sie das Quartier?
Johanna Kohn: Das Gundeli galt früher als Problemviertel, heute ist es ein sozial gut durchmischtes und lebendiges Quartier. Was mich während des Projekts besonders berührt hat, ist die Offenheit der Menschen. Viele haben von heftigen Fluchterfahrungen erzählt: Sie mussten sich verstecken, um ihren Aufenthaltsstatus bangen und immer wieder neue Sprachen lernen. In ihrem Herkunftsland waren sie Ärzte, Managerinnen, Lehrer oder Handwerkerinnen. Hier in der Schweiz müssen sie von Null anfangen. Viele haben kein Geld für eine Ausbildung und sind sozial isoliert.
Wie lief das Projekt ab?
GF: Wir haben während 18 Monaten rund 20 Erzählcafés zu Themen wie «Mit und ohne Geld leben», «Reisen» oder «Lieblingsorte im Gundeli» durchgeführt. Während dieser Zeit haben wir auch Moderatorinnen und Moderatoren aus dem Quartier ausgebildet, damit sie selbständig Erzählcafés anbieten können.
Wie kam die Erzählkultur bei den Quartierbewohnern an?
GF: Das Projekt war ein grossartiger Erfolg! Es kamen Menschen aus 27 Nationen und zwischen 25 und 80 Jahren. Sie haben beim Erzählen gleiche Bedürfnisse, Erfahrungen und Empfindungen entdeckt. Die eine oder andere Freundschaft wurde geschlossen und es entstanden neue Netzwerke. Viele sagten auch, es sei gut gewesen, Deutsch zu üben.
JK: Ich glaube, dass auch viele Ortsansässige emotional berührt wurden. Menschen, die vom Leben geschüttelt werden, wissen ganz genau, was wichtig ist und was nicht. Hierzulande verlieren wir das Wesentliche manchmal aus dem Blick. Insgesamt hat das Projekt zu mehr Toleranz, Respekt und gegenseitigem Verständnis geführt.
Wie haben Sie die Menschen zur Teilnahme bewegt?
GF: Es ist tatsächlich nicht ganz einfach, die verschiedensten Bevölkerungsschichten zu erreichen. Viele Menschen sind von Armut betroffen oder in einer prekären Lebenslage. Sie sind sich nicht gewohnt, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Bewusst haben wir mit den Trägervereinen der Quartierkoordination begonnen, die bereits direkten Zugang und Kontakt zu verschiedenen Menschen haben. Dazu gehören das Familienzentrum, Soup&Chill, der Treffpunkt Gundeli, K5 Basler Kurszentrum, der Verein Elternnetz am Margarethen Schulhaus, SIETAR und das Zwinglihaus.
JK: Ich fand es schön, dass einige Menschen im Programm eine Möglichkeit sahen, ihre Fähigkeiten einzubringen. So zum Beispiel eine Frau aus Ex-Jugoslawien, die dort als Deutschlehrerin arbeitete. In der Schweiz gilt ihr Diplom nicht, sie findet keine adäquate Stelle und hat kein Geld für eine Ausbildung. Sie liess sich zur Moderatorin ausbilden und hat in den Erzählcafés einen Raum gefunden, in dem sie wertgeschätzt wird.
Was hat Ihr Projekt zum Erfolg gemacht?
GF: Mir war es enorm wichtig, dass wir von Anfang an unsere Träger miteinbeziehen, damit das Projekt nachhaltig ist. Dann konnten wir durch eine solide Finanzierung Johanna Kohn, Professorin an der Fachhochschule Nordwestschweiz, für die inhaltliche Ausgestaltung und das Coaching von Moderierenden aus dem Quartier gewinnen. Die Weiterbildung war für alle kostenlos, damit Geld kein Hinderungsgrund ist.
JK: Das stimmt. Es war enorm wichtig, die Hürden so tief wie möglich zu halten, damit Menschen aus allen Kulturkreisen und Bildungsniveaus mitmachen können.
Wo lagen Stolpersteine?
JK: Die Finanzierung des Projekts war nicht einfach. Wir alle haben an einem gewissen Punkt entschieden, dass wir einen Teil unserer Arbeit ehrenamtlich leisten. Dadurch bekam das Projekt aber umso mehr Drive!
GF: Besonders in der Anfangsphase haben wir viel gelernt. Wir mussten zuerst eine positive Gesprächskultur und ein gemeinsames Verständnis entwickeln, wie der Austausch ablaufen soll. Manchmal wollten zum Beispiel alle gleichzeitig etwas erzählen (lacht). Dann musste die Moderation schauen, dass alle zu Wort kommen. Und manchmal gab es Momente des Schweigens. Das muss man aushalten können.
Gab es besonders berührende Momente?
GF: Lars Wolf, ein Lehrer im Gundeli, fand eine eindrückliche Form des Erzählens. Er lud die Eltern seiner Schülerinnen und Schüler ein. Die Eltern sassen im inneren Kreis, die Schüler im äusseren. Die Eltern erzählten von ihrer Schulzeit im Heimatland. Ihre Kinder, die den Schulalltag in der Schweiz ganz anders erleben, waren von den Erzählungen ihrer Eltern fasziniert.
JK: Zwei Frauen konnten nur gebrochen Deutsch und wagten es zuerst nicht, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Dann begann die eine Frau zu sprechen und die ganze Gruppe half ihr, ihre Geschichte fertig zu erzählen. Es gab plötzlich einen Rollentausch: Die Gruppe wurde zur Moderation, während die Moderatorin aus ihrem eigenen Leben erzählte.
Welchen Tipp würden Sie einem anderen Quartier geben?
GF: Wichtig ist, ein solches Projekt nicht im Alleingang, sondern partizipativ anzupacken, sprich viele Akteure in den Quartieren einzubeziehen. Den Lead übernimmt am besten eine Quartierkoordination, denn diese ist neutral, kann aber auch die Brücke zur Verwaltung schlagen.
JK: Ich empfehle, die Erzählcafés regelmässig durchzuführen, z.B. vierteljährlich. Und es braucht engagierte Moderierende, die Freude an der Arbeit mit Menschen haben und den Kontakt zum Netzwerk Erzählcafé pflegen.
Wie geht es im Gundeli weiter?
GF: Der Prozess endete im Juni 2019 mit der Publikation des Evaluationsberichts und der Übergabe der Zertifikate an die frisch gebackenen Moderierenden. Die Erzählcafés werden nun zum integralen Bestandteil der Quartierarbeit, die einzelnen Träger haben sich sogar untereinander vernetzt und bieten weiterhin Erzählcafés an. Dann schauen wir, was aus dem Quartier heraus entstehen wird. Und ich kann verraten: Die Ideen blühen bereits!
Zur den Interviewpartnerinnen
Johanna Kohn ist Professorin an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. Sie befasst sich in ihrer Arbeit mit Themen wie Migration, Alter und Biographiearbeit. Beim Erzählcafé-Projekt war sie für die inhaltliche Ausgestaltung während der Initiationsphase und für die Weiterbildung und das Coaching der Moderatorinnen und Moderatoren verantwortlich.
Ich hörte über Bekannte vom «Männer-Palaver», einem Erzählformat, bei dem Männer unter sich, sich über das Leben austauschen. Dann fand ich in St.Gallen ein GenderPalaver, bei dem beide Geschlechter zu Wort kommen – und entschied mich, es auszuprobieren.
Autorin: Rhea Braunwalder Foto: Denkbar St.Gallen
Der Hüter des Palavers eröffnete den Dialog schlicht mit den Worten: «Mein Beziehungsbouquet…». Danach folgten zwei Stunden, in denen die 12 anwesenden Personen ihre Geschichten über Nähe und Distanz, Freundschaften, Beziehungen zu Familie, Partnern und Freunden teilten.
Das «Männer-Palaver» wurde in den 90er Jahren in Zürich als «Forum für aktuelle Männerfragen» entwickelt. Es bietet einen Raum für den Austausch zu relevanten Themen unter Männern. Rund zwei Stunden sitzt «Mann» im Kreis. Das Thema und die Gesprächsregeln sind vorgegeben, während ein sogenannter «Hüter» darauf achtet, dass der Raum offen bleibt für persönliche und themenbezogene Äusserungen.
Format für beide Geschlechter
Ich habe ein «GenderPalaver» in St.Gallen besucht, um zu schauen, wie das Palaver funktioniert. Es wird organisiert vom ForumMann, einer Männerinitiative in der Ostschweiz, und der Denkbar, einem kulturellen Begegnungsort in St.Gallen. Hier dürfen beide Geschlechter mitreden. Die Themen stellen den Menschen und seine Beziehungen in den Mittelpunkt, wie zum Beispiel «Ich und meine Arbeit» oder «Mein Beziehungsbouquet».
Das GenderPalaver hat mich ans Erzählcafé erinnert. Die beiden Formate sind sich ähnlich, denn sie prägt die gleiche Gesprächskultur: Zuhören und sich Einlassen ohne Werten und Nachfragen, Erzählen von eigenen Erfahrungen und Vertraulichkeit. Jedoch ist ein Unterschied nicht zu übersehen: Der Hüter des Palavers achtet vor allem auf den Rahmen und die Gesprächskultur. Nach der Einleitung wird das Gespräch nicht gesteuert, sondern läuft selbstorganisiert bis zur Schlussrunde weiter.
Das Format hat mich zu folgenden Fragen inspiriert: Erzählen Männer und Frauen unterschiedlich? Welche anderen Zugänge erlauben geschlechtergetrennte Runden zu einem Thema? Was bewirkt eine Moderation, wenn es offensichtlich auch ohne geht?