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Dass sich in einigen US-Bundesstaaten bis heute Varietäten der deutschen Sprache halten, kommt nicht von ungefähr. Es handelt sich um Spuren der grossen deutschen Auswandererbewegung zwischen 1850 und 1860, wobei zahlreiche Deutsche während des Bürgerkriegs auch in der Konföderation für das unabhängige Texas kämpften. Besonders in dem Südstaat konnten sich viele deutsche Gemeinden erhalten. Aus verschiedenen deutschen Dialekten entwickelte sich so in der Stadt Fredericksburg eine Sprachinsel. Und auf ihr eine ganz eigene Sprachvarietät, das «Texas German».
Deutsch sprechen mit englischer Grammatik
Zur Blütezeit um 1880 hatte die deutsche Varietät rund 100’000 Sprecher. Auch heute wird sie noch von etwa 10’000 Nachkommen der Deutschamerikaner gesprochen, obschon hauptsächlich von der älteren Generation. Geschäfte, Lokale und teils Ortschaften tragen noch heute deutsche Namen. Das Problem: der Stand des Wortschatzes. Der liegt nämlich in den 1840er-Jahren. Somit musste für jedes neue Phänomen ein neues Wort gefunden werden. Linguisten reiben sich ab dieser Tatsache freudig die Hände.
So wurde das Flugzeug zum «Luftschiff», der Rasenmäher zum «Lawnmower». Einzelne Wörter wurden ganz dem Englischen entlehnt («Ich gehe in die Office», «Wir meeten uns heute in town»), oder in ihrer Verwendung eingedeutscht, z.B. wenn die Kuh – wie im Titel – über den Zaun «gejumpt» ist. Das Resultat ist eine einzigartige, deutsch-englische Mischsprache. Dem sozialen Kontext entsprechend glich sich auch die Grammatik dem Englischen an. Dennoch wird Texas German von jedem Sprecher des Standarddeutschen problemlos verstanden.
Hören Sie sich den sprachlichen Leckerbissen an:
«Ich duh Kieh melke»
Ähnlich sieht es für das Pennsylvania German aus, auch Pennsylvania Dutch genannt. Letztere Bezeichnung dient gleichzeitig als Überbegriff für die Sprechergruppe und rührt nicht etwa daher, dass das vorwiegend in Pennsylvania, Ohio und Indiana gesprochene Idiom Verwandtschaft mit der niederländischen Sprache hätte. Bei «Dutch» handelt es sich lediglich um eine (heute missverständliche) Sammelbezeichnung für «deutsche Sprachen». Die sogar ins 17. Jahrhundert reichende Sprachvarietät entstand ebenfalls durch deutschsprachige Einwanderer in den entsprechenden Gebieten und setzt sich aus englischen Lehnwörtern und deutschen Begriffen vorwiegend pfälzischen Ursprungs zusammen. Die englischen Wörter werden, wie bei «ich hab gefarmt», eingedeutscht und häufg zu tun-Paraphrasen abgewandelt («ich duh Kieh melke»), wie wir es in ähnlicher Form aus dem Elsässischen und Schwäbischen kennen.
Rund 80% der heute auf etwa 400’000 geschätzen Sprecher gehören zu den konservativen Gruppen der Amische und Mennoniten. Aufgrund von verschriftlichten Dokumenten, vor allem religiöser Natur, konnte das Idiom aus linguistischer Sicht weitaus gründlicher untersucht werden. Und zeigt unter anderem spannende Phänomene in der Lautschrift (z.B. «mowl tsoo holda»= Maul zuhalten).
Kleine Kostprobe gefällig?
Sprecherzuwachs und Varietätensterben
Pennsylvania Dutch hat in den letzten Jahren deutlich an Sprechern gewonnen, wird von Sprach- und Religionsforschern gar als die am stärksten wachsende Minderheitensprache der USA bezeichnet. Was vor allem mit der hohen Geburtenrate und der niedrigen Fluktuationsrate der Sprechergruppe zusammenhängt. Es existieren mittlerweile Wörterbücher und das Idiom wurde in Pennsylvania sogar schon als Studienfach an der Uni angeboten. Im Gegensatz dazu geht man bei Texas German von einem Varietätensterben innerhalb der nächsten Jahrzehnte aus. Muttersprachler werden leider keine mehr geboren und die aktiven Sprecher sind alle zwischen 70 und 90 Jahre alt. Der texanische Linguist Hans Boas und sein Team von Texas German Dialect Project geben sich derweil Mühe, die Varietät in Form von Ton-Aufzeichnungen für die Ewigkeit zu bewahren.
Titelbild via Pexels (CC0)