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Eine Gemülldiagnose erlaubt Rückschlüsse auf Vorgänge im Bienenvolk und dessen Zustand. Im Idealfall lässt sich durch sie die Anzahl Eingriffe am Bienenvolk reduzieren oder ein sofort notwendiges Handeln erkennen.
Die Gemüllkontrolle ist das Jahresthema 2024 von BienenSchweiz. Unterlagen (auch Bodenschieber, Varroawindel oder Gemüllschublade genannt) sind gittergeschützte Einsätze unter den Beuten. Diese können im Normalfall einfach und bienenfrei eingeschoben und entfernt werden. Das produzierte Gemüll fällt auf die Unterlage und kann aufgrund des dazwischenliegenden Gitters von den Bienen nicht entfernt werden. Aufgrund von kleinen Krümeln, Bau- und Bienenteilen kann der Zustand eines Bienenvolkes eingeschätzt werden.
Werden die Bodenschieber zu Dokumentationszwecken fotografiert und sollen sie auch später aussagekräftig interpretiert werden können, ist das Festhalten der folgenden Punkte zur jeweiligen «Windel» unabdingbar: Datum, Wetter, Dauer unter dem Volk, Volkstyp (Wirtschaftsvolk, Jungvolk usw.), Standort, Anzahl Waben im Kasten, Beutentyp, letzte imkerliche Eingriffe. Diese Punkte erlauben eine aussagekräftige Interpretation zum Zustand eines Bienenvolkes.
Um Zufälle zu vermeiden und eine hohe Aussagekraft zu erreichen, sollten die Bodenschieber je nach Jahreszeit drei bis zehn Tage unter den Völkern verweilen. Für eine verlässliche Varroadiagnose braucht es einen Zeitraum von mindestens sieben Tagen. Eine Unterlage über Wochen drin zu lassen, birgt vor allem in der warmen Jahreszeit die Gefahr einer ungewollten Wachsmottenzucht und Schimmelbildung. Zudem wird das «Lesen» der Unterlage erschwert, wenn sehr viel Gemüll liegt und die Beobachtungen zeitlich nicht mehr zugeordnet werden können. Versucht man bereits nach einem Tag, das Gemüll zu interpretieren, ist dies meist noch nicht aussagekräftig.
Vor allem bei starker Bruttätigkeit oder für eine genaue Varroadiagnose macht es Sinn, die «Varroawindel» zweimal vier Tage lang einzusetzen und dazwischen die Milben auszuzählen und die Unterlage zu reinigen. Im Winter, insbesondere um den Varroatotenfall 14 Tage nach der Winterbehandlung zu zählen, kann die Unterlage problemlos länger eingeschoben bleiben. Mehr Informationen zum Erheben des natürlichen Milbentotenfalls finden sich im Merkblatt 1.5.1. Natürlichen Milbenfall messen (www.bienen.ch/merkblatt).
Ausrüstung
Je einfacher eine Kontrolle gemacht werden kann, desto eher wird sie regelmässig durchgeführt. Nicht alle mit Unterlagen aus- oder nachgerüsteten Beuten sind bedienungsfreundlich. Sind die Beuten nicht von Grund auf mit einer Schublade ausgestattet, kann es insbesondere beim Schweizerkasten jedes Mal ein Murks sein, die Gitter und Unterlagen einzuschieben und zu entfernen. Teile klemmen, sind mit Propolis verklebt oder Bienen werden zerquetscht. So macht die Gemüllkontolle keine Freude. Eine Neuanschaffung oder das Nachrüsten mit einer funktionierenden Lösung macht Sinn.
Bleiben die Unterlagen aus konstruktiven Gründen oder aus Interesse dauernd unter dem Volk, erlaubt dies eine kontinuierliche Beurteilung bei jedem Besuch des Bienenstandes. Es erhöht sich aber insbesondere bei Magazinen die Gefahr von Schimmelbildung. Dem kann durch eine Isolation der meist dünnen Unterlage entgegengewirkt werden. Weiter muss aber in jedem Fall das Gemüll regelmässig entfernt und das Brett gereinigt werden. Im Sommer am besten mehrmals wöchentlich und im Winter alle zwei bis drei Wochen.
Gitter
Das aussagekräftigste und unverfälschteste Resultat liefert ein vollflächiges Gitter unter der gesamten Beute. Die Maschenweite sollte 2,5–3 mm betragen. Gitter aus Draht oder Streckblech, welche spitz rhombusförmig oder scharf sind, können den darüber laufenden Bienen die Beine abtrennen oder ausreissen. Das führt während der ganzen Saison zu sehr vielen einzelnen Bienenbeinen auf der «Windel». Dieses Bild kann mit Raub verwechselt werden. Die verwendeten Gitter sollten zudem aus säurebeständigem Kunststoff oder Edelstahl bestehen. Durch die Behandlungen mit Oxalsäure oder Ameisensäure können nicht rostfreie Materialien angegriffen werden.
Unterlage
Am besten eignen sich flache, glatte und helle Unterlagen aus Kunststoff, beschichteten, folierten Holzwerkstoffen oder rostfreiem Stahl. Die Bodenschieber sollten wasserbeständig sein, damit sie regelmässig gründlich gereinigt werden können. Ein aufgezeichnetes Raster hilft beim Zählen der Milben. Zudem bietet es auf Fotos im Jahresverlauf dank der gleichbleibenden Grösse eine gute Referenz. Eingegossene, erhöhte oder eingefräste Raster erschweren das Reinigen mit einem Spachtel.
Damit sich Nutzniesser wie Ameisen nicht am Gemüll und an den gefallenen Milben bedienen, sind die Unterlagen vorbeugend grosszügig einzuölen. Dies geht mit einem Farbroller und Speiseöl sehr einfach oder man legt ölgetränktes Haushaltspapier auf. Eine Rolle Haushaltspapier saugt etwa einen Liter Speiseöl auf. Milben und anderes bleibt kleben, ein Wegblasen durch den Wind wird verhindert und noch lebende Milben können nicht weglaufen. Zur Reinigung wird das Haushaltspapier entfernt respektive das Gemüll zusammen mit dem Öl abgezogen (mithilfe eines Fensterschabers, Duschabziehers oder Spachtels).
Licht und Lupe
Helles Tageslicht erleichtert die Begutachtung. Zusätzlich können Lichtquellen und Hilfsmittel zur Vergrösserung (Lupen, Becherlupen, Taschenmikroskop oder weitere) eingesetzt werden. Vielfach sind neuere Geräte mit LED-Lichtern ausgestattet, was insbesondere bei starken Vergrösserungen sehr hilfreich ist.
Meine persönliche Erfahrung hat gezeigt, dass ein Taschenmikroskop mit einer 20 bis 60-fachen Vergrösserung für meine Anwendungen ausreicht. Eine 100-fache Vergrösserung, wie auf dem Bild mit der Varroamilbe (folgende Seite), zeigt schon zahlreiche Details wie zum Beispiel die Behaarung der Milbe. Es braucht etwas Übung, mit der geringen Schärfentiefe exakt zu fokussieren und das Mikroskop dabei ruhig zu halten. In derselben Kompaktbauweise wie abgebildet, sind auch einfache digitale Mikroskope erhältlich, welche an den PC oder das Smartphone angeschlossen werden können. Diese liefern in den meisten Fällen ein zufriedenstellendes Resultat für die Hobbyanwendung.
Prozessgestaltung
Um aussagekräftige Schlüsse zu ziehen, bedarf die Gemüllkontrolle der Übung und Routine. Sie ist ein wiederkehrender Prozess und besteht aus folgenden Handlungen: Beobachten, Analysieren, Vergleichen, Interpretieren, Kombinieren, Hypothese, Planung und Umsetzen von Massnahmen, Kontrollieren, Auswerten, Wiederholen.
Wie ist und war das Wetter während der letzten Tage? Wie fliegen die Bienen? Wie ist der aktuelle Vegetationsstand? Mit Fragen wie diesen wird die aktuelle Situation beobachtet.
Das Gemüll auf der Unterlage wird angeschaut und bei Bedarf mit einer Lupe analysiert: Was ist alles zu erkennen? Man vergleicht das Gesehene mit anderen Völkern: Gibt es Unterschiede in der Volksstärke? Sieht es bei einem Volk völlig anders aus?
Man versucht, zu interpretieren, was Unregelmässigkeiten bedeuten. Dazu können verschiedene Informationen, zum Beispiel von der Fluglochbeobachtung (4.8.1. Fluglochbeobachtung), des Wetterverlaufs oder der aktuellen Trachtsituation kombiniert werden. Dank der verschiedenen Informationen kann eine Hypothese aufgestellt werden. Hat man eine Idee, welche Schritte als Nächstes nötig sind, können diese geplant werden. Dies kann bedeuten, dass man ein Volk öffnet, seine Vermutung prüft und entsprechend interveniert.
Je nach Eingriff lässt sich in einigen Tagen oder Wochen kontrollieren und auswerten, ob die eigene Handlung erfolgreich war. Daraus lassen sich Schlüsse ziehen, man kann dazulernen und in Zukunft vielleicht Eingriffe vermeiden oder deren Notwendigkeit erkennen. Je mehr dieser Prozess wiederholt wird, desto einfacher und präziser wird die Aussagekraft der eigene Gemülldiagnose. Weitere Details zur Diagnose finden sich im Merkblatt 4.8.2. Gemüllkontrolle.
Gemüll
Grundsätzlich kann das Gemüll in zwei Verursacherkategorien unterteilt werden:
- Durch den Eingriff des Imkernden oder durch diesen verursachtes Gemüll
- Natürlich von den Bienen ausgelöstes Gemüll. Durch Bruttätigkeit, Futtereintrag oder -verbrauch oder infolge Krankheiten/Schädlingen oder Wetterumschwung
Die nachfolgende, nicht abschliessende Aufzählung zeigt die wichtigsten Gemüllarten:
- Baumaterial: Wachsplättchen, geöffnete und zerschrotete Brut- oder Futterzellendeckel, Propolis
- Nahrung: Zuckerkrümel von Futterteig oder kristallisiertem Honig, Pollenhöschen und -krümel
- Bienenteile: Flügel, Beine, Fühler, Köpfe, Hinterleibe, Eier, ausgeräumte Maden und Puppen
- Spuren von Krankheiten: Kotspuren, Kalkbrutteile
- Eindringlinge und Mitbewohner sowie deren Spuren: Wachsmotten: Kotspuren, Raupen und Falter. Mäusekot- und Frassspuren. Varroamilben, Pollenmilben, Raubwanzen, Ameisen, Ohrwürmer, Schnecken (siehe Merkblatt 3.4. Fauna auf dem Bienenstand)
- Fremdkörper: Beutenmaterial wie Holz, abgetragene Isolation, Weichfaserplatte oder Styropor. Papier des Liebigdispensers, Formicpro-Streifen oder vom Vereinen zweier Bienenvölker. Durch Bienen eingetragene Blüten- oder Pflanzenteile, Schimmel
Sie möchten Ihr Unterlagenwissen testen? Wir zeigen Ihnen jeden Monat eine Unterlage, die Sie analysieren können. Hier geht’s zur Serie. Dort finden Sie auch einen Link zu den Lösungen.
Link zum Vortrag auf Youtube
Nächste Online Live-Veranstaltungen
(www.bienen.ch/bgd-anlaesse): Teilnahme ohne Anmeldung,einfach auf Teilnahmelink klicken.
08.02.2024, 19 Uhr: Gemüllkontrolle
14.03.2024, 19 Uhr: Brutkrankheiten
11.04.2024, 19 Uhr: Jungvolkbildung
BGD-Hotline 0800 274 274, Montag bis Freitag, 8:00–16:30 Uhr