Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03559.jsonl.gz/697

Seit Jahren wird über diese Frage heiss diskutiert. Der erfahrene, inzwischen verstorbene Schulpsychologe Dr. F. Schniepper teilte die Zunft der Lehrpersonen in drei Gruppen ein: 1. die Bequemen und Faulen, 2. die Lieben, schön Schwätzenden und Wirkungslosen, 3. die «Chrampfer», die den Karren herausreissen. Das Buch, mit dem er diese Typologie aus seinem Erfahrungsschatz untermauern wollte, wurde nie veröffentlicht. Hattie, Oelkers, Pichard und andere zählen Merkmalkataloge auf. Interessant und sicher richtig ist auch der Hinweis, dass Qualität keine sichere Konstante zu sein braucht.
Die Gefahr des Missbrauchs von Typisierungen
Worin aber liegt die Gefahr der Merkmalkataloge und Typisierungen?
Sie können missbraucht werden:
- a) indem bestimmte Kriterien ideologischen Status bekommen und absolut gesetzt werden, was die Lehrperson einengt und ihr nicht mehr ermöglicht, auf neue Situationen mit alternativen Methoden zu reagieren, weil sie sonst aus dem Raster fällt,
- b) indem die Einhaltung der Kriterien mit dem Leistungslohn honoriert wird, anstatt dass der tatsächliche Lernzuwachs und/oder Erziehungserfolg der Schüler(innen) entscheidet,
- c) für so genannte «Verbesserungen», die von Schulleitungen angeregt werden.
Die Unklarheit bei Pichards Schilderung
Der letzte Punkt bleibt in Pichards Schilderung unklar. Es geht um das Verhältnis zwischen Leitung, dem Kollektiv der Unterrichtenden und der einzeln verantwortlichen Lehrperson. Unter anderem bleibt die Frage offen: Kann eine Leitung, kann ein Kollektiv eine ungeeignete Lehrperson durch irgendwelche Zielsetzungen in eine geeignete verwandeln? Wenn man die eigene Erfahrung befragt oder der Typologie des oben erwähnten Schulpsychologen Glauben schenkt, muss man die Frage verneinen. Muss man dann aber die offenbar Guten einem Gesinnungsdiktat unterwerfen, um sie doch noch zu verbessern? Besteht dann nicht die Gefahr, dass aus einer guten Lehrperson eine nicht mehr so gute wird, weil sie sich von ihrer Persönlichkeit entäussern muss?
Warum ist es so schwierig, die gute Lehrperson zu definieren?
Die Arbeit der Lehrperson unterliegt – das zeigen Pichards Ausführungen – ganz vielen Faktoren und Anforderungen. Alle Merkmalskataloge oder Typologien decken jeweils nur einen Teil des Profils ab, dem jemand in diesem Beruf von Fall zu Fall genügen muss. Spannenderweise gibt es auch nicht den einen sicheren Weg zum guten Unterricht. «Viele Wege führen nach Rom», ein Spruch, der besonders in diesem Beruf gilt. Sicher können auch nicht alle Inhalte auf die gleiche Art vermittelt werden, Pichard weist zu Recht darauf hin.
Der Lehrerberuf ist ein künstlerischer Beruf
Das rückt den Lehrerberuf in die Nähe der Berufe, die von der kreativen Vielfalt leben, nämlich den künstlerischen Berufen. Ebenso wenig wie man der Kunst eines Picasso, eines Canaletto, eines Dürrenmatt, eines Bichsel, einer Mélodie Zhao, einer Sharon Kam mit einem reglementierten Kriterienkatalog beikommen kann, kann man damit einer «guten» Lehrperson beikommen. Wenn ihre Arbeit auch viel weniger spektakulär ist als die der erwähnten Hochbegabten, trägt sie doch typisch künstlerische Züge und muss sich in einem vielgestaltigen sozialen Austausch entfalten. Bei allen genannten Künstlern kann man schöne Qualitätsmerkmale auflisten und bekommt dennoch nicht wirklich in den Griff, was ihr Wirken und ihre Werke eigentlich erfolgreich macht. Man muss akzeptieren, dass dies bei Lehrpersonen, wenn auch in einem ganz anderen Bereich, sehr ähnlich ist.