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Zugtier, Fleischlieferant und Milchproduzent
Die Menschen der Jungsteinzeit haben im 8. Jh. vor Christus begonnen, wilde Auerochsen zu domestizieren und das heutige Hausrind zu züchten. Der Auerochse kam ursprünglich in grossen Teilen Europas, Nordamerikas und Asiens vor und wurde im 17. Jh. ausgerottet. Anhand von Knochenuntersuchungen kann man annehmen, dass unser Hausrind vorerst nur als Fleischlieferant diente, dann als Milchproduzent entdeckt wurde und erst später auch als Zug- und Lasttier genutzt wurde.
Bis ins späte Mittelalter nahm die Körpergrösse der Rinder ab, da sie auf den Waldweiden und bei der winterlichen Stallfütterung nur ungenügend ernährt wurden. Durch das Bevölkerungswachstum und den steigenden Nahrungsmittelbedarf wurde, wo immer möglich, Ackerbau betrieben, so dass die Weideflächen zurückgingen und die Rinderhaltung eine zweitrangige Stellung einnahm. Bis ins 15. Jh. war der Ochse, das kastrierte männliche Rind, in der Schweiz das wichtigste bäuerliche Arbeits- und Zugtier. Als nach 1850 billiges Getreide von Amerika nach Europa kam, wurde auch im Flachland vielerorts vom Ackerbau auf die Viehzucht und Milchproduktion umgestellt. Durch gezielte Zucht wurden – je nach Nutzung – die Grösse, das Gewicht und die Milchleistung der Rinder optimiert. So hat heute eine durchschnittliche Kuh eine Milchleistung von 6000 Litern pro Jahr und wiegt bis zu 750 Kilogramm, während sie um 1900 rund 250 Kilogramm wog und rund 2000 Liter Milch pro Jahr erzeugte.
Vier Mägen für die Grasverwertung
Das Rind gehört zu den wiederkäuenden Paarhufern und besitzt ein ausgeklügeltes Verdauungssystem mit vier verschiedenen Mägen. Es ernährt sich ausschliesslich vegetarisch und verbringt aufgrund des tiefen Energiegehaltes von Gras sechs bis elf Stunden pro Tag mit der Futteraufnahme. Dem Rind fehlen die oberen Schneide und Eckzähne, so dass es die Grasbüschel mit der Zunge gegen die Hornplatte abreisst und dann wenig zerkaut hinunterschluckt. In Phasen des Wiederkäuens wird die Nahrung portionenweise aus dem Netzmagen hoch gewürgt, nochmals mit Speichel durchmischt und rund 30 000 mal gekaut. Im Pansen (einer der drei Vormägen) leben viele Milliarden Bakterien und Protozoen, die helfen, die schwerverdauliche Zellulose aufzuspalten. Ein Rind trinkt an warmen Tagen bis zu 80 Liter Wasser, welches vorwiegend im Blättermagen dem Nahrungsbrei entzogen und dem Körper zugeführt wird. Im 50 bis 60 Meter langen Darm werden die Nährstoffe aus dem Nahrungsbrei entnommen und über das Blut in den ganzen Körper verteilt.
Auch wenn den meisten Rindern heute die Hörner entfernt werden, spielen sie in ihrem Sozialverhalten eine wichtige Rolle. Mit den Hörnern wird die Rangordnung festgelegt Meist geschieht dies durch Imponieren, manchmal aber auch durch gewalttätige Auseinandersetzungen. Hörner wachsen, anders als Geweihe, das Leben lang und werden nicht abgeworfen.
Vogesenrind: Genügsam und Trittsicher
Neben den weit verbreiteten, auf möglichst grosse Milch- oder Fleischproduktion gezüchteten Rinderrassen gibt es in der Region auch alte, lokal angepasste Rassen wie das Hinterwälder- und das Vogesenrind. Die beiden sind kleiner und leichter als die Hochleistungsrassen, zeichnen sich dafür aber durch Trittsicherheit, Robustheit und Genügsamkeit aus. Zudem sind sie langlebig, fruchtbar und kalben problemlos ab.
Das Vogesenrind ist seit dem 16. Jh. in den Vogesen beheimatet und hat sich dem abwechslungsreichen, aber kargen Nahrungsangebot und dem unwegsamen Gelände gut angepasst. Es hat eine mittlere Grösse und ist auffällig schwarzweiss gesprenkelt. Die Kühe produzieren jährlich 3500 bis 4000 Liter fett- und proteinreiche Milch, die sich sehr gut zum Käsen eignet. In der Vergangenheit wurde das Vogesenrind mehrmals fast verdrängt. Kriege dezimierten die Bestände, Kreuzungen mit anderen Rinderrassen führten zu Rassenunreinheiten, und oftmals bevorzugten die Bauern ertragsreichere, aber weniger gut angepasste Rassen. Aufgrund strenger Zuchtvorschriften und gezielter Förderung erholen sich die Vogesenrindbestände langsam wieder. Käse und Fleisch von Vogesenrindern werden als Spezialitäten unter dem Gütesiegel «Marque parc naturel régional des Ballons des Vosges» verkauft und sichern damit die nachhaltige Nutzung und Entwicklung der Region Vosges.
Hinterwälder: Klein aber oho!
Das Hinterwälderrind war früher in verschiedenen Alpentälern beheimatet und kommt heute vor allem im Südschwarzwald vor. Mit einer Höhe von 120 Zentimetern und einem Gewicht von 350 bis 450 Kilogramm sind Hinterwälder die kleinste zentraleuropäische Rinderrasse. Durch die geringe Masse sind Hinterwälder sehr beweglich und berggängig und verursachen wenig Erosionsschäden. Dadurch sind sie gut geeignet für die Beweidung von Naturschutzflächen, Feuchtwiesen und Steilhängen.
Auch das Hinterwälderrind hat durch seine geringe Grösse und damit schwächeren Ertrag Schwierigkeiten, neben den Hochleistungsrassen bestehen zu können. Dabei gibt es, im Verhältnis zu seiner Körpergrösse, eine beträchtliche Menge Milch, und sein Fleisch ist feinfaserig und schmackhaft. Um das Hinterwälderrind vor dem Aussterben zu bewahren, importierte Pro Specia Rara in den 1980er-Jahren einige Tiere in die Schweiz und züchtet sie seither mit Erfolg. Neben den guten Eigenschaften dieser alten Rinderrasse und dem Erhalt der genetischen Vielfalt bei Nutztieren ist es auch vorteilhaft, im Fall von Seuchen oder Gendefekten bei den modernen Rindern eine Ausweichmöglichkeit auf altbewährte Rassen zu haben.
Milch – Nahrung für Kalb und Mensch
Hat eine Kuh mit zirka zwei Jahren das erste Kälbchen geboren, setzt bei ihr die Milchproduktion ein. Aus dem stark durchbluteten Drüsengewebe des Euters treten wichtige Nährstoffe in die Milchbildungszellen über. Dort werden sie umgewandelt und zusammen mit viel Wasser zu Milch verarbeitet. Kuhmilch beinhaltet alles, was Kälber zum Überleben brauchen: Wasser, Milchzucker, Fett, Eiweiss, Mineralstoffe und Vitamine. Dadurch ist die Milch auch für Menschen ein beliebtes und reichhaltiges Nahrungsmittel. Ein durchschnittlicher Schweizer konsumiert jährlich rund 140 Kilogramm Milchprodukte. Um die Milch für uns Menschen zu nutzen, nimmt man den Kühen die Kälber weg, massiert ihnen das Euter, so dass die Milch in die Sammelkanäle übertritt und melkt die Kuh per Hand oder maschinell. Ungefähr zehn Monate lang kann der Kuh das Kalb vorgetäuscht und von ihr Milch gewonnen werden. Dann nimmt die Milchproduktion ab und es ist an der Zeit, ein neues Kalb heranreifen zu lassen.
Rinder sind ein zentraler Bestandteil der schweizerischen Ladwirtschaft. Im Kanton Basel-Landschaft wurden im Jahr 2011 rund 27 780 Rinder gehalten, wovon 42 % Kühe waren. Gesamtschweizerisch wurden im Jahr 2010 rund 4 079 000 Tonnen Milch und 143 000 Tonnen Rindfleisch produziert.
DK / CA