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H. P. Lovecraft ist einer der einflussreichsten Autoren im Horrorgenre, besonders durch seine «Cthulhu-Mythos»-Werke. Er war aber auch bekennender Rassist. Trotzdem, oder gerade deswegen, hat Matt Ruff mit seinem Buch «Lovecraft Country» eine Geschichte geschrieben, in der er übersinnlichen Horror mit dem realen Horror verknüpft, den Afroamerikaner*innen in den USA der Fünfzigerjahre täglich erlebten. HBO hat darauf basierend eine Serie produziert.
Atticus (Jonathan Majors) macht sich zusammen mit seinem Onkel George (Courtney B. Vance) und seiner Freundin Letitia (Jurnee Smollett) auf die Suche nach seinem verschollenem Vater Montrose (Michael K. Williams). Während des Roadtrips treffen sie nicht nur auf seltsame Monster, sondern erfahren auch, dass Atticus’ Familie eine mysteriöse Verbindung zu einem alten okkulten Orden hat.
Daneben kämpfen sie aber auch stets mit ganz realen Problemen – so etwa den sogenannten «Sundown Towns», in denen in den Fünfzigerjahren schwarze Menschen nach Sonnenuntergang nicht toleriert wurden. Vor allem die Südstaaten hielten in den 1950er Jahren noch an den sogenannten Jim-Crow-Gesetzen, welche unter anderem die Trennung von schwarzen und weissen Menschen im öffentlichen Raum festlegten, fest. Erst durch den Civil Rights Act, der unter anderem die Diskriminierung aufgrund von Ethnie verbot, wurden die letzten dieser Gesetze 1964 aufgehoben. Aber auch wo Afroamerikaner*innen per Gesetz theoretisch gleichgestellt waren, sah es in der Praxis oft ganz anders aus – wie hier etwa Letitia deutlich zu spüren bekommt, als sie sich ein Haus in einer weissen Nachbarschaft kauft.
«H. P. Lovecrafts Texte drehen sich oft um die Angst vor dem Fremden; er nutzt bedrohliche übersinnliche Wesen und Phänomene als Platzhalter. Es bestünde hier also viel Potenzial für eine kritische Auseinandersetzung mit seinen Geschichten.»
H. P. Lovecrafts Texte drehen sich oft um die Angst vor dem Fremden; er nutzt bedrohliche übersinnliche Wesen und Phänomene als Platzhalter. Es bestünde hier also viel Potenzial für eine kritische Auseinandersetzung mit seinen Geschichten. Die Serie macht aber lieber ihr eigenes Ding. Bis auf ein paar wenige Anspielungen und Namen dreht sie sich nicht um Lovecrafts Werke. Auch kosmischer Horror, der oft mit den Namen Lovecraft verbunden wird, kommt nicht vor. Allerdings spielt die Angst vor dem Anderem durchaus eine Rolle; nur geht sie in «Lovecraft Country» von den Antagonist*innen gegenüber den Protagonist*innen aus.
Daneben wartet die Serie mit einer ganzen Armee von übersinnlichen Elementen auf: vom Spukhaus über Zeitreisen bis hin zu japanischen Dämonen. Eine der grössten Stärken von Misha Greens Serie ist die Abwechslung, die sie bietet. Herausstechende Momente sind zum Beispiel grausig anzusehende Körperwechsel, anhand derer die Thematik von angeborenen Privilegien beleuchtet wird, oder körperverrenkende Dämonen, die nicht digital generiert, sondern auf beindruckende Weise von echten Tänzerinnen dargestellt werden. Eine besonders starke Episode taucht gar in Sci-Fi-Pulp-Gefilde ab und erzählt in diesem Modus davon, wie Atticus’ Tante Hippolyta (Aunjanue Ellis) erkennt, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse stets für andere zurückgesteckt hat.
«Eine der grössten Stärken von Misha Greens Serie ist die Abwechslung, die sie bietet. Herausstechende Momente sind zum Beispiel grausig anzusehende Körperwechsel, anhand derer die Thematik von angeborenen Privilegien beleuchtet wird, oder körperverrenkende Dämonen, die nicht digital generiert, sondern auf beindruckende Weise von echten Tänzerinnen dargestellt werden.»
Überhaupt gelingt den Macher*innen die Kombination von übersinnlichem Horror und realen Problemen in den meisten Fällen gut. Schwachstellen zeigen sich im Bereich LGBTQ+: Es werden entsprechende Charaktere und ihre Entwicklung mehr als einmal zugunsten von klischierten Plotentwicklungen geopfert. Dies ist besonders schade, da die Figuren an sich spannendes Potenzial hätten und, wie im Falle von Letitias Schwester Ruby (Wunmi Mosaku), von fantastischen Darsteller*innen gespielt werden.
Eine weitere Schwäche der Serie liegt ironischerweise genau in ihren sich erheblich voneinander unterscheidenden Episoden: Während einige unglaublich stark sind, können andere nicht ans gleiche Niveau anknüpfen. Vermutlich gerade weil die Macher*innen so unglaublich viel in die Serie hineinpressen, fügen sich am Ende nicht alle Elemente einwandfrei zusammen. Das trifft leider auch auf das sehr mittelmässige Ende zu, in dem zwar alle Fragen ordentlich beantwortet, aber nicht alle Erzählstränge würdig abgeschlossen werden. Damit bleibt «Lovecraft Country» letztlich ein gemischtes Vergnügen – aber wenn die Serie funktioniert, tut sie dies so unglaublich gut, dass sie allemal einen Blick wert ist.
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Jetzt erhältlich auf DVD & Blu-ray / Streambar auf YouTube
Serienfakten: «Lovecraft Country» / Creator: Misha Green / Mit: Jurnee Smollett, Jonathan Majors, Aunjanue Ellis, Courtney B. Vance, Wunmi Mosaku, Abbey Lee, Jamie Chung, Jada Harris, Michael K. Williams / USA / 10 Episoden à 53–68 Minuten
Bild- und Trailerquelle: © Home Box Office, Inc. All rights reserved. HBO® and all related programs are the property of Home Box Office, Inc
«Lovecraft Country» verknüpft übersinnlichen Horror und Sci-Fi mit realen Problemen von Afroamerikaner*innen in den 1950ern, kann diese Qualität aber nicht in allen Episoden gleichmässig halten.