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Elvis Costello kommt in die Schweiz «Meine Abstürze hatten auch etwas Positives»
Einst gab er den intellektuellen Punk. Seither hat der brillante Brite sich zum Meister des Unerwarteten entwickelt. Dazwischen liegen lehrreiche Filmrisse – und Songs für die Ewigkeit.
So zornig wie früher ist er nicht mehr – aber immerhin. Elvis Costello bei einem Auftritt in Mailand am 31. August 2023.
Forto: Sergione Infuso (Corbis via Getty Images)
Noch mit 69 Jahren wird Costello als jener zornige junge Mann identifiziert, der Ende der Siebzigerjahre den Anschluss an die Punk-Szene schaffte. Dabei war sein ruppiger Gestus Teil einer Fassade, die das Management um den eigentlich scheuen Sänger, Gitarristen und Songwriter herum aufgebaut hatte. Sogar die Hornbrille, die Costellos Markenzeichen wurde, war eine Bühnenrequisite. Mit ihr schaute Costello in die Welt hinaus, als hasse er alle, die darin lebten.
Nicht umsonst hat Costello viele seiner Nebenprojekte als Plattenproduzent und Remixer unter dem Titel «The Impostor» (der Betrüger) realisiert. «Meine Manager machten aus mir einen völlig anderen Menschen», sagt er im Telefoninterview. «Aber so konnte ich ein Terrain für mich abstecken, das ich allein besetzt hielt.»
«Ich habe ein paar unverzeihliche Sachen getan.»Elvis Costello
Heute bedient Costello ein viel kleineres Publikum als vor vierzig Jahren, als er mit Stücken wie «Pump It Up», «Oliver's Army» und «Every Day I Write the Book» Hits feiern konnte. An dieser Entwicklung trägt er eine Mitschuld. Als der streitbare Sänger 1977 in der amerikanischen Satiresendung «Saturday Night Live» ein anderes Stück spielte als das abgemachte, handelte er sich ein jahrzehntelanges Auftrittsverbot ein; für die Coverversionen seiner Songs durch andere Musiker hatte er anfänglich nur Spott übrig; und eine rassistische Ausfälligkeit in trunkenem Zustand kostete ihn 1979 das Wohlwollen der amerikanischen Musikpresse.
«Ich habe in meiner Karriere ein paar unverzeihliche Sachen getan», gibt der Musiker heute zu. «Doch ich kann diesen Abstürzen und Filmrissen auch etwas Positives abgewinnen. Sie haben mir meine Hybris genommen. Und mich davor bewahrt, so erfolgreich zu werden, dass ich Musik spielen musste, die mich persönlich nicht interessiert.»
«Ich bin keine Jukebox»
Heute gewährt ihm ein schmaleres, aber aufgeschlossenes Publikum eine Freiheit im Ausdruck, wie sie sich sonst nur Künstlerinnen und Künstler wie Joni Mitchell oder Prince erlauben konnten. Keiner seiner Auftritte gerät wie der andere, schon während seiner diesjährigen Amerikatournee tauschte Costello das Repertoire mehrmals aus. «Ich bin halt keine Jukebox», sagt er dazu. «Live bin ich eher der Remixer, der seine Stücke laufend umstellt. Es soll aber niemand frustriert sein, wenn ich bei einem Konzert Hits wie ‹Every Day I Write the Book› oder ‹Alison› nicht spiele.» Er habe den Anspruch, das Publikum auch dann abzuholen, wenn er es ihm unvertraute Musik zumute. Das scheine ihm auch zu gelingen.
Und dann lässt Costello den Zorn der frühen Jahre spüren. Etwa zu Noel Gallagher von Oasis. «Der versteht nichts von der göttlichen Erhabenheit der Musik, weil er wohl zu früh und zu unverdient erfolgreich wurde», spottet Costello.
Im Übrigen bleibt Costello aber der unaufgeregte Intellektuelle, zu dem er sich entspannt hat. Und nimmt auf die publizistische Arbeit des irischen Schriftstellers George Bernhard Shaw, die Genialität des Country-Vorreiters Hank Williams und die impressionistische Musik von Claude Debussy Bezug.
«Die Musik ist keine Glaubensgemeinschaft, die man gegen Andersdenkende verteidigen muss.»
Er betreibt dieses Namedropping aber nicht aus Arroganz. Costello, der schon mit Paul McCartney und Burt Bacharach gearbeitet, für Barack Obama gespielt und mit Bill Clinton diniert hat, der Ballettpartituren schrieb und Sinfonieorchester dirigierte, geht mit seinen Einflüssen und Interessen einfach offener um als viele seiner Kolleginnen und Kollegen im Musikgeschäft. «Ich hasse das Kastendenken, das vor allem unter Journalisten herrscht», sagt er. «Die Musik ist keine Glaubensgemeinschaft, die man gegen Ketzer und Andersdenkende verteidigen muss.»
Diese eklektische Haltung mag etwas mit Costellos Biografie zu tun haben. Sein Vater war bis in die 1960er-Jahre hinein Sänger bei einer Big Band, die auch Rock-, Country- und Ska-Stücke im Repertoire hatte. Die Aufführung der neusten Hits war damals umso wichtiger, weil sie von der englischen Rundfunkanstalt BBC kaum je gespielt wurden. «Wer diese Musik hören wollte, musste sie entweder selber spielen oder in ein Konzert gehen», erinnert sich Costello. «Ich habe in meiner Jugend noch erlebt, dass die Musikhäuser mehr Notenblätter verkauft haben als Platten.»
Eigentlich ist er im Streik
Nach Costellos letzter Amerikatournee, die vor einigen Wochen zu Ende ging, kommt er mit seinem langjährigen Pianisten Steve Nieve in die Schweiz, nämlich in das KKL Luzern. Dabei befindet er sich eigentlich im Streik. Als Mitglied der amerikanischen Schauspieler- und Autorengewerkschaft SAG-AFT unterstützt der Musiker den aktuellen Arbeitskampf gegen die grossen Filmstudios und Fernsehgesellschaften. «Ich habe gesehen, wie die Plattenfirmen tatenlos zugeschaut haben, als zuerst das Filesharing und dann das Streaming den Musikerinnen und Musikern die Lebensgrundlage genommen hat», sagt Costello. «Etwas Vergleichbares soll den Schauspielenden und Drehbuchautoren im Zeitalter der künstlichen Intelligenz nicht passieren.»
Weil er sein Geld schon lange als Liveperformer, Filmkomponist und Buchautor verdient, hat Costello den Niedergang der Plattenindustrie unbeschadet überlebt: Laut Wikipedia beträgt sein persönliches Vermögen um die 70 Millionen Dollar. Dennoch erinnert er sich, wie hart der Aufstieg war. «In dieser Branche wurden die Musikerinnen und Musiker schon immer abgezockt. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Keine der Plattenfirmen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, hat ihre vertraglich vereinbarten Verpflichtungen je erfüllt. Spass macht die Arbeit trotzdem und immer noch.»
KKL, Luzern. Dienstag, 3. Oktober, 19.30 Uhr. www.allblues.ch
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