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Der Strohring in der Kanzel
Eine in vielen Beschreibungen erwähnte Besonderheit dieser Kirche bestand in der Tatsache, dass man früher effektiv auf die Kanzel hinuntersteigen und nicht, wie üblich, hinaufsteigen musste. Bis zum Abbruch des gotischen Lettners, des Querbaus zwischen Chor und Schiff, im Jahre 1835 hing die Kanzel in dessen mittlerem Bogen, und zwar etwas nach unten versetzt, sodass der Pfarrer sie nur erreichen konnte, indem er über die enge Wendeltreppe zunächst die Empore des Lettners erklomm und von dort dann wieder einige Stufen zur Kanzel heruntersteigen musste.
Recht plastisch hat der Zürcher Pfarrer Leonhard Brennwald seine (insgesamt wenig vorteilhaften) Wahrnehmungen bei einem Besuch der St. Johann-Kirche festgehalten: „Sie ist die Haubtkirche von Schafhausen", schrieb er in seinem Reisebericht von 1783, „gross genug, aber auch alt-modisch genug; eben so auch ihr massiver hoher Thurm. - Ihr Innwendiges ist keineswegs schön, und wir konnten nicht anders, als unser Missfallen daran haben. Die Kanzel ist so postiert, dass der Prediger ab einem erhöheten Chor dahin herabsteigen muss. Allein der Zugang zu derselben ist so enge, dass der Prediger nicht fett seyn darf, um denselben zu brauchen. - Je nach der grösseren oder kleineren Postur desselben legt man mehrere oder mindere stroherne Ringe in Form unserer Suppentellerchen, in den Kanzelboden, worvon ein ganzer Vorrath vorhanden wäre, der uns beynahe lachen machte."
Volle Kirche
Die hohe Regierung im alten Schaffhausen achtete konsequent darauf, dass die Bürgerschaft die Predigten mit gebührendem Fleiss besuchte und währenddessen nicht irgendwelchen anderweitigen Beschäftigungen nachging. Die zwangsläufige Folge davon war, dass es in der (doch wahrhaftig alles andere als kleinen) St. Johann-Kirche mehr als einmal zu akuten Platzproblemen kam. 1692 beispielsweise war dort die Zahl der Zuhörer in den abendlichen Gottesdiensten derart stark angewachsen, „dass man öffters keinen Raum mehr in der Kirchen fände" und somit eine zusätzliche Abendpredigt im Münster gehalten werden musste.
Vor allem der minderbemittelte Teil der Kirchgänger hatte damals vielfach Mühe, irgendwo noch einen freien Platz zu erwischen. Dies hing mit der Tatsache zusammen, dass sich in den Schaffhauser Kirchen ein grosser Teil der Sitzplätze in privatem Eigentum befunden haben; im St. Johann etwa verschwanden die letzten Privatsitze erst im Jahre 1904. Diese Kirchensitze oder -stühle, die mit den Wappenschildchen ihrer Eigentümer gekennzeichnet waren, hatten sich seit dem späteren Mittelalter (erste Erwähnung 1457) mehr und mehr zu begehrten Erb- und Handelsobjekten entwickelt und gaben deshalb auch nicht selten Anlass zu erbitterten Streitereien und unchristlichem Gezänk unter den Kirchgenossen, die sich um die Eigentumsrechte balgten. Je nach Standort und Beschaffenheit eines solchen Privatsitzes schwankte der Kaufpreis in der Regel zwischen 10 und 100 Gulden. Die höchste Summe für einen Kirchensitz im St. Johann - mit vornehmster Nachbarschaft zu beiden Seiten - wurde im Jahre 1766 mit 283 Gulden bezahlt. Es versteht sich von selbst, dass angesichts solcher Beträge längst nicht jedermann sich einen eigenen Kirchensitz leisten konnte. So hatten denn die zuständigen Behörden dringend dafür zu sorgen, dass immer eine grössere Anzahl von Bänken als Armen- und Schulkindersitze im öffentlichen Eigentum blieben.
Kälte
Sowohl an Silvester 1665 als auch an Weihnachten 1669 soll eine derart grimmige Kälte geherrscht haben, dass bei der Austeilung des Abendmahles im St. Johann der Wein in den Kannen gefroren war und kein Tropfen hinauslief, bis man das Eis mit Gewalt zerschlagen habe!
Huldigungen an Pfingsten
Schon bald nach der Reformation wurde die Kirche St. Johann in zunehmendem Masse auch für staatliche Zwecke gebraucht: Von der hohen Kanzel herab wurden jetzt regelmässig obrigkeitliche Verlautbarungen verlesen und im Namen des Gesetzes arme Sünder unten auf der Schandbank angeprangert und zum Gehorsam beredet. Vor allem aber fand sich in der Kirche St. Johann seit dem Jahre 1538 die städtische Bürgerschaft alljährlich am Pfingstmontag zu ihrer würdevollen, feierlichen Huldigungsgemeinde zusammen. Nach einer angemessenen Predigt gelobte männiglich gemäss traditionellem Zeremoniell dem frisch-gewählten Bürgermeister Gehorsam und leistete den Treueid auf die verlesenen Satzungen der Stadt.
Die Aufhebung der Gemeindeversammlung wurde am 11. Oktober 1914 von der Einwohnergemeinde ohne nennenswerten Widerstand genehmigt.
Die Zahl der Stimmberechtigten war mittlerweile auf 3600 angestiegen, so dass die Sitzplätze im grössten städtischen Raum bei weitem nicht mehr ausreichten und die fernere Aufrechterhaltung dieser Institution mithin «ein Ding der Unmöglichkeit» wurde. Die letzte Gemeindeversammlung im St. Johann genehmigte am 4. August 1918 diskussionslos und «mit grossem Handmehr» die neue Stadtverfassung.
Anekdoten und Reiseberichte
Pfarrer Zimprecht Vogt war 1536 von Biel ans Schaffhauser Münster berufen worden und 1551 an die Kirche St. Johann nachgerückt. Er wird uns als ein gelehrter Mann beschrieben mit rotem Schopf und ebensolchem wallendem Bart, der seinen gewaltigen Kropf habe verdecken müssen. Von ihm wird nun berichtet: Er habe seine Predigten nach damaliger Gewohnheit grösstenteils heruntergelesen. Am Ende einer Perikope oder eines Abschnitts angelangt, habe er jeweils laut von der Kanzel gerufen: "Räuspert Euch!", wobei er eine Weile innegehalten habe, bis das allgemeine Geschneuze, Gehuste und Geräusper unten in den Bänken wieder vorüber gewesen sei. Auch in den Manuskripten zu seinen Predigten habe er regelmässig am Rand deutlich lesbar die Worte angebracht: "Räuspert Euch!" Uebrigens habe man ihn nie anders als mit einem Dolch bewaffnet auf die Kanzel steigen sehen, was der Chronist als eine ganz besonders wirksame Form von Ueberzeugungswillen wertete.
Eine auffällige Eigenheit ist uns auch von Ludwig Kolmar, 1600-1614 Pfarrer im St. Johann, überliefert. Er pflegte angeblich immer bei Anprangerung des Geizes die markigen Worte von der Kanzel herabzuschleudern: "Ich wundere mich nicht, dass du reich geworden bist; es erstaunt mich aber sehr, dass dich der Teufel noch nicht geholt hat!"
Sein Nachfolger Johannes Jezler schliesslich soll, gemäss diesen chronikalischen Berichten, das Amt des Antistes bis zu seinem Tode im Alter von 79 Jahren "rühmlichst" versehen haben. Hingegen habe er zum Predigen "keine sonderlich angenehme Stimme gehabt", so dass er davon gänzlich habe dispensiert werden müssen.
Hierher passt auch ein prägnantes Zitat aus dem Reisebericht eines Deutschen, der im Jahre 1790 seine Eindrücke von einem Gottesdienstbesuch in Schaffhausen wie folgt festhielt: "In der Johanniskirche hörte ich den Diakonus 0., einen dicken runden Geistlichen - nicht predigen, sondern aus den vollen Backen schreyen. Denn so nahe ich auch der Kanzel war, so kann ich doch auf Ehre versichern, verstand ich kein einziges Wort, ausser ein einzigesmal das Wort Teufel, welches er mit aller Macht hervorstiess. Ohne dem Mann, der sonst auf andere Weise nützlich seyn mag, als Kanzelredner zuviel zu thun, weiss ich die Art seiner Sprache, die etwas erstaunlich Knallendes und aus dem Dumpfen und Hohlen Hervorplatzendes hat, mit nichts besserm als mit dem Knallen aus den wilden Schoten zu vergleichen, die man in Englischen Gärten findet und mit den Fingern aufsprengt...Grade so knallt jedes Wort heraus, ohne dass wenigstens ein Fremder mehr davon versteht. Sollten aber solche Männer, die nicht einmal sprechen können, nicht lieber alles andere in der Welt als öffentliche Redner werden?"
Nicht gerade sonderlich schmeichelhaft tönt auch die folgende Passage aus dem schon vorhin zitierten Reisebericht von 1790: "Der Liedergesang ist in Schafhausen sehr schlecht und nirgend Orgelbegleitung - wenigstens erinnere ich mich nicht, welche gehört zu haben als in der französischen Kirche. Da füllen nun die Leute die Mittelstimmen so gut es gehen will; es war abscheulich. Der Bass ging brummend und argwöhnisch um die Melodie herum, Alt und Tenor war eigentlich gar nicht [gejfunden, und die Weiber machten solche disparate Uebersprünge, dass mirs wie kalt Wasser über den Leib lief. Zum Beyspiel beym Schluss hielten die Weiber allemal entweder die Oberquinte oder die Terz, und noch öfter hatten sie den Bass und die Männer die Melodie. Mein Gott! was kann doch wohl bey solchen Gottesverehrungen herauskommen, wo weder für Sinn noch Verstand noch Einbildungskraft gesorgt wird! Und doch, wenn Sonntag ist, sollen die Leute in die Kirche!"
Hier noch eine Geschichte aus jüngster Zeit:
Als ein Pfarrer im St. Johann einmal lange Zeit im Spital war, sehnte er sich an einem Sonntag nach der Gemeinde, um das Wort zu verkündigen. Gleichzeitig war ein Knabe auf einer anderen Abteilung, der sich nach einem Gottesdienst sehnte. Beide klagten es der Schwester. Sie sagte, dem könne abgeholfen werden. Die Schwester führte sie zusammen. Sie hatten dann einen einstündigen, wunderschönen Gottesdienst miteinander gefeiert, ganz nach dem Wort des Herrn in Mt 18,20: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mündlich überliefert.)
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