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«Vassilis Alexakis ist ein charmanter Erzähler, der als Kosmopolit bei seinen Auftritten eine magische Stimmung, eine Weltatmosphäre zu erschaffen vermag», sagt Dimitris Depountis. Er hat dessen Roman «Das Rätsel von Delphi» ins Deutsche übersetzt. Gemeinsam stellen die beiden am Mittwoch den Roman mit einer Lesung in griechisch und deutsch vor.
Der 1943 geborene Alexakis lebt und schreibt in Athen und in Paris, seine Bücher erscheinen zum Teil zuerst auf griechisch, zum Teil zuerst auf französisch – die Übersetzung der Texte in die jeweils andere Sprache besorgt er selbst. In Griechenland werden seine Bücher in sechsstelligen Auflagen verlegt, und er ist im Fernsehen und in der Presse als Gesprächspartner regelmässig präsent, in Frankreich erhielt er für «Das Rätsel von Delphi» den renommierten Médicis-Preis.
Nicht nur zwischen Sprachen und Kulturen ist Alexakis ein Grenzgänger. Neben der Schriftstellerei arbeitete er jahrelang als Journalist und Literaturkritiker für «Le Monde»; er zeichnet Karikaturen, und er dreht Filme. Einen weiteren Grenzgang war seine Reise in die Zentralafrikanische Republik, wo er die dortige Sprache, Sango, lernte und darüber letzthin ein Buch veröffentlicht hat («Les mots étrangers», Editions Stock, 2002). «Durch die Emigration nach Frankreich 1968 ist Sprache und Sprachwechsel für ihn zum zentralen Thema geworden», sagt Depountis. «In ‘Les mots étrangers’ schreibt er, dass er Sango lernte, um vom Griechischen und Französischen vorübergehend etwas Abstand zu nehmen. Er habe sich eine dritte Sprache angeeignet, um einen dritten Blick auf die Welt zu bekommen.»
Der Roman «Das Rätsel von Delphi» erschien 1995 gleichzeitig unter den Titeln «I mitrikí glóssa» (Die Muttersprache) in Athen und «La langue maternelle» in Paris. «In der neuen griechischen Literatur ist das ein wichtiges Buch», so Depountis, «weil es wie kaum ein zweites die Stimmungslage im Griechenland der letzten zehn Jahre wiedergibt.» Nach dem Bürgerkrieg (1944-1949), der Militärdiktatur (1967-1974) und der anschliessenden Normalisierungsphase fand eine Abkehr von den grossen Utopien statt. In den neunziger Jahren habe sich dann eine Katerstimmung breit gemacht, die einen Rückzug ins Private bewirkte. «Das Leben tritt einem seither nicht mehr als übermächtiges Schicksal entgegen, gegen das anzukämpfen es sich dennoch lohnt, sondern es plätschert plötzlich irgendwie dahin. Diese Stimmung fängt Alexakis ein.»
Im Zentrum des Romans steht der stark autobiografisch gezeichnete Pavlos. Ihm wird das geheimnisvolle «Epsilon»-Zeichen am Apollon-Tempel von Delphi, in dem Pythia ihre Orakel gesprochen hat, zum Symbol für seine Identitätssuche. In lockerem Alltagston und obschon er «kein Thema zu Ende» führt, nimmt der aus Paris Zurückgekehrte viele Spuren auf, setzt sich mit der Geschichte, der Sprache und der aktuellen Politik Griechenlands und nicht zuletzt mit seiner eigenen Herkunft auseinander. Der Weg seines Protagonisten endet schliesslich auf dem Grab der Mutter, wo ihm das letzte der «Epsilon»-Wörter einfällt, die er zu sammeln begonnen hat: «ellipsi» für Mangel, Abwesenheit. So begegnet Pavlos gleichzeitig der Trauer um die Mutter und der Liebe zur eigenen Herkunft.
Alexakis stehe mit seinem Roman in der Tradition der grossen griechischen Literatur, sagt Depountis, der es immer um die Suche nach den Wurzeln der Identität gegangen sei: «Seine Kunst ist es, dass er auf ganz leichte und verspielte Art dieses grosse Thema darzustellen vermag.»
Vassilis Alexakis: Das Rätsel von Delphi. Zürich (Rotpunktverlag) 2001.