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Von Cäcilia Hänni
Mit zwei heiteren und doch nachdenklich stimmenden Geschichten aus dem Zürcher Weihnachtsalltag erzählt von Pfarrer Christoph Sigrist und stimmungsvoller Musik von Christian Enzler (Violine und Gesang) und Adeline Marty (Klavier) beschloss ZSS sein abwechslungsreiches Jahresprogramm 2023.
Lassen Sie mich die Geschichten aus der Erinnerung wiedergeben:
«Köbi»
Als Christoph Sigrist klein war, wohnte seine Familie in Schwamendingen. Der Vater war Diakon und «krampfte» für Pfarrer Siebers und seine Obdachlosen. Einer von Ihnen, Köbi, nächtigte regelmässig im Garten der Familie Sigrist. An einem kalten Winterabend schlug die Mutter vor, ihm doch in der eigenen bescheidenen Dreizimmerwohnung in der Küche einen Schlafplatz anzubieten. Köbi wehrte ab, er lasse sich nicht einsperren, er zieh die Freiheit von draussen vor. Irgendwann fand Köbi einen anderen Schlafplatz. Und auch die Familie Sigrist zügelte nach Zürich Enge. Am neuen Wohnort tauchte Köbi kurz vor Weihnachten plötzlich wieder auf. Er erinnerte sich, dass der Diakon ihm zu Weihnachten stets eine Tafel Nussschokolade geschenkt hatte. Doch, dieses Jahr war alles anders. Der Diakon hatte eine Milchschokolade für ihn bereit, was Köbi völlig aus der Fassung brachte. Aufgebracht brüllte er herum, er brauche eine Nussschokolade. Der Diakon wunderte sich etwas, meinte aber gelassen, dieses Jahr habe er halt nur Milchschokolade zur Hand. Mürrisch zog Köbi mit der Milchschokolade von dannen. Wie zwei Detektive schlichen der Vater und klein Christoph Köbi hinterher. Der verschwand in einer dunklen Ecke des Bahnhofs und schien irgendetwas «zu mischeln». Dann machte er sich auf zur nächsten Bar, legte einen Fünfliber auf die Theke und verlangte ein Bier. Christophs Vater trat hinter ihn und meinte: «So, so, deshalb wolltest du also unbedingt eine Nussschokolade.» Erbost dreht sich der massig, kräftig gebaute Köbi um, schrie den Diakon an, packte ihn und warf ihn grob zu Boden. Dieser blieb einen Moment benommen liegen, rappelte sich auf und machte sich mit Christoph wortlos auf den Heimweg. Endlich kam dann Heiligabend. Doch dieser Abend entsprach auch bei der Familie Sigrist nicht dem romantischen bürgerlichen Ideal, wie es im 19. Jahrhundert gezeichnet wurde. Mutter und Kinder assen am an diesem Abend allein in der Küche. Vater Sigrist war an diesem Tag stets bis 20.00 Uhr bei den Randständigen unterwegs, kam erschöpft heim, und warf sich in den Sessel vor dem Christbaum. Die Mutter las aus der Weihnachtsgeschichte. Der jüngste Sohn spielte elendiglich falsch auf seiner Klarinette, die älteste Tochter virtuos auf der Geige und klein Christoph malträtierte mit seinem Geigenbogen die Saiten seines Instruments, so dass die Schwester entnervt ihr Geigenspiel abbrach. Währenddessen schnarchte der Vater bereits friedlich in seinem Sessel. Plötzlich klingelte es. Die Mutter trat ans Fenster, äugte hinaus und sah einen Mann vor der Tür stehen. Sie weigerte sich zu öffnen. Doch es klingelte nochmals, diesmal fordernder, dann nochmals. Schliesslich ging sie doch zur Haustür und öffnete. Da stand leicht schwankend Köbi vor der Tür. «Ich muss den Diakon sprechen», bellte er. Nein, das gehe heute nicht mehr, meinte die Mutter und wollte ihn abwimmeln. Köbi insistierte, es müsse sein. Nein, es gehe nicht. Da brummelte Köbi mit gesenktem Kopf: «tschuldigung». «Wie bitte?» fragte die Mutter nach. «Tschuldigung», tönte es erneut zerknirscht. Na gut, sie werde es dem Mann ausrichten, meinte die Mutter und wollte die Haustür schliessen. «Ich habe da noch etwas für ihren Mann», nuschelte Köbi. Er holte aus einem abgewetzten Sack einen Kleiderbügel hervor und drückte ihn der Mutter in die Hand. Danke, meinte diese erstaunt. Köbi: «Den Kleiderbügel habe ich zwar in der EPA geklaut und die Farbe in der Hobby-Abteilung der Migros. Aber das Bild auf dem Kleiderbügel, das habe ich aus der Erinnerung an Ihren schönen Garten in Schwamendingen gemalt».
Der Pfarrer hilft immer
Am Weihnachtstag um 12.00 Uhr klingelte das Telefon Christoph Sigrist hob ab. Ein Fremder meinte, er brauche dringend seine Hilfe, er müsse ihn unbedingt sprechen, ein Freund habe ihm gesagt, Pfarrer Sigrist könne ihm bestimmt helfen. Also, dann solle er um 16.00 Uhr bei ihm vorbeikommen, meinte Sigrist. Pünktlich um 16.00 Uhr klingelte es an der Tür. Ein unbekannter Randständiger stand vor der Tür und meinte, der Herr Pfarrer könne ihm sicher helfen. Sein Freund habe ihm gesagt, der Herr Pfarrer hilft immer. «Worum geht es denn», fragte Sigrist geduldig. «Ich habe für die Festtage zu viel Geld für teures Fleisch ausgegeben. Und jetzt fehlen mir für das ÖV-GA für den nächsten Monat 64 Franken. Und ich möchte eine Frau und eine Arbeit. Haben Sie etwas für mich zu tun? Ich meine es ernst. Ich will nicht schwarzfahren, dann werde ich gebüsst, wenn man mich erwischt.» Sigrist überlegte kurz und meinte: «Eine Arbeit habe ich keine und eine Frau beschaffen kann ich dir auch nicht so einfach. Wie sieht denn die Frau deiner Träume aus?» «Ja wissen Sie vor 30 Jahren, da war ich einmal an einem Bankschalter und hob 6.60 Franken ab, da standen etwas entfernt zwei schöne Frauen, die eine mit dunklen langen Haaren und toller Figur, sie winkte mir zu und lächelte. Dieses Bild geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich frage mich noch immer, was sie damit gemeint hat.» Pfarrer Sigrist: «Ja, das weiss ich auch nicht. Aber stell dir vor, ein Kind liegt vor dir in einer Wiege, winkt und lächelt dich an. Was meinst du, bedeutet das?». Obdachloser: «Ja vielleicht, dass es mich gernhat?» «Eben. Also guter Mann, ich glaube dir kein Wort deiner Geschichte, aber sie ist gut erfunden. Hier hast du 64 Franken für dein ÖV-GA. Frohe Weihnachten!» schloss Sigrist die Unterhaltung.