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Lesen, Schreiben, Sprechen und Illettrismus
Kommunikation ist allgegenwärtig und die Fähigkeiten, Informationen verstehen und kommunizieren, lesen und schreiben zu können sind essenziell. Fehlende Lese- und Schreibkompetenzen sowie fehlende mündliche Ausdrucksmöglichkeiten in der lokalen Amtssprache erschweren alltägliche Handlungen und die gesellschaftliche Integration.
Jeder zehnte Erwachsene der ständigen Wohnbevölkerung spricht keine Landessprache als Hauptsprache. Ausserdem verfügt schweizweit eine von sechs Personen der 16-65-Jährigen nicht über jene Lese- und Schreibkompetenzen, die es ihr ermöglichen, ihren privaten und beruflichen Alltag selbstständig zu bewältigen (laut Erhebung des Bundesamtes für Statistik BFS 2006).
Dass es in der Schweiz deutschsprachige Erwachsene gibt, die nicht so sicher im Lesen und Schreiben sind, obwohl sie die hiesigen Schulen besucht haben, ist der breiten Öffentlichkeit kaum bewusst. Der Fachbegriff für diese Problematik lautet «Illettrismus». Der Begriff beschreibt einerseits ein komplexes gesellschaftliches Phänomen und anderseits die Situation einzelner Betroffener. Die Massnahmen zur Bekämpfung des Illettrismus können nur wirksam sein, wenn sie die ganze Komplexität dieses Phänomens berücksichtigen.
In der Schweiz wurde 2023 unter der Leitung des Staatsekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) ein Orientierungsrahmen für den Grundkompetenzbereich Sprache aufgestellt. Gemäss dem Orientierungsrahmen umfasst der Bereich Sprache das Verstehen, Anwenden und Weitergeben von Informationen aus verschiedenen Situationen in schriftlicher und gesprochener Form auf verschiedenen Schwierigkeitsstufen. Konkret geht es dabei um die drei Kompetenzbereiche Lesen, Schreiben und mündliche Ausdrucksfähigkeit in einer Landessprache. Der Orientierungsrahmen definiert beispielhaft die grundlegenden Handlungskompetenzen, die eine erwachsene Person benötigt.
Die drei Kompetenzbereiche der Sprache können sich unterschiedlich schnell entwickeln. Häufig ist die Kompetenz der mündlichen Ausdrucksfähigkeit stärker entwickelt als die Lese- und/ oder Schreibkompetenz. Dies trifft sowohl auf Personen zu, welche die lokale Amtssprache als Erstsprache beherrschen, als auch auf Personen, welche die lokale Sprache zunächst lernen müssen.
Es gibt unterschiedliche Personengruppen mit fehlenden Grundkompetenzen im Sprachbereich. Sie unterscheiden sich insbesondere bezüglich ihrer Herkunft, ihres Zugangs zu Bildungsmöglichkeiten sowie ihres Unterstützungsbedarfs.
Es gilt zu beachten, dass es nicht immer einfach ist, klare Grenzen zwischen den Zielgruppen zu ziehen. Menschen, die Schwierigkeiten beim Lesen und/oder Schreiben haben, können entweder die lokale Amtssprache sprechen als Erst- oder Zweitsprache oder besitzen unzureichende Kenntnisse in der lokalen Amtssprache
Lesen & Schreiben
Bei Lesen und Schreiben steht die schriftliche Kommunikation im Vordergrund. Sie ist allgegenwärtig. Die Fähigkeit, Texte verstehen und schreiben zu können ist essenziell. Fehlende Kompetenzen in diesem Bereich erschweren alltägliche Handlungen und die gesellschaftliche Integration, da sie wichtige Kommunikationsmittel darstellen. Die Lese- und Schreibkompetenz kann daher wie folgt definiert werden:
Die Fähigkeit, schriftliches Textmaterial zu verstehen, zu nutzen und darüber zu reflektieren, um eigene Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potenzial weiterzuentwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Definition nach OECD 2005
Bei der Beurteilung/Einstufung schriftsprachlicher Kompetenzen ist zudem der verwandte Fachausdruck «Literalität» relevant:
Unter Literalität wird derzeit die Fähigkeit verstanden, mit Schrift lesend und schreibend, sinnentnehmend und sinnproduzierend umzugehen. Definition nach Grotlüschen und Riekmann 2012 zu den Hauptergebnissen der leo.-Studie 2010
Der Aufbau von Grundkompetenzkursen im Sprachbereich variiert entsprechend je nach Zielgruppe, insbesondere abhängig von der mündlichen Kommunikationsfähigkeit, dem Bildungsniveau und dem Alphabetisierungsgrad der Lernenden. Lernende, die die Zielsprache bereits gut sprechen, nähern sich Grammatikthemen anders an als diejenigen, die die Sprache noch lernen müssen. Auch Lernende, die bereits alphabetisiert wurden, haben einen anderen Zugang zu Lesen und Schreiben als diejenigen, die dies noch lernen müssen. Wiederrum andere Voraussetzungen gibt es bei Zweitschritftlernenden – sie sind alphabetisiert, müssen aber die lateinische Schrift erlernen.
Sprechen
Die mündliche Ausdrucksfähigkeit bzw. Sprechen ist essenziell für die kulturelle, soziale, politische und wirtschaftliche Integration und die Möglichkeit, sich in einem komplexen Umfeld zurechtzufinden. Laut dem Weiterbildungsgesetz ist in der Schweiz damit die Fähigkeit gemeint, sich in der lokalen Amtssprache verständigen zu können. Personen mit Förderbedarf in der mündlichen Ausdrucksfähigkeit sind in der Schweiz demnach Personen, die die entsprechende Amtssprache nicht beherrschen, weil sie in die Schweiz zugewandert sind.
Weiterbildungsangebote im Bereich mündliche Ausdrucksfähigkeit werden in der Schweiz über Sprach- und Integrationskurse abgedeckt. Häufig – je nach Bildungsstand der Teilnehmenden und ihrer individuellen Bedürfnisse – werden in Sprachkursen auch thematisch Lese- und Schreibübungen, Rechenaufgaben und die Verwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien integriert.
Aufschluss über die Sprachförderung für Fremdsprachige in der Schweiz gibt das Sprachförderkonzept für erwachsene Migrantinnen und Migranten (fide) und das Staatssekretariat für Migration SEM, weswegen in Folgenden vertiefter auf die Lese- und Schreibschwäche und dem damit verknüpften Fachbegriff Illettrismus eingegangen wird.
Der Begriff «Illettrismus» beschreibt das Phänomen, wenn Menschen trotz regulärem Schulbesuch von Lese- und/ oder Schreibschwierigkeiten betroffen sind und den beruflichen oder privaten Alltag selbständig nicht oder nur beschränkt bewältigen können. Illettrist*innen (als Synonym auch «gering Literalisierte») kennen das Alphabet und seine Buchstaben und können einfache Wörter und Sätze schreiben und lesen. Komplexere Texte bilden jedoch oftmals eine Hürde für Personen mit geringer Literalität und erschweren die Bewältigung des beruflichen und privaten Alltags. Durch diese Definition grenzt sich Illettrismus von primärem Analphabetismus (umgangssprachlich auch Analphabetismus) ab: Primäre Analphabet*innen können weder lesen noch schreiben. Grundlegende Fähigkeiten, wie z. B. das Schriftbild, das Alphabet oder die richtige Haltung beim Schreiben müssen erst noch erlernt werden.
Illettrismus kann wie folgt von Analphabetismus abgegrenzt werden:
Analphabetismus bezeichnet die Situation von Menschen, die nie lesen gelernt haben und die Zeichen des Alphabets nicht kennen. Der Begriff Illettrismus hingegen bezieht sich auf die Tatsache, dass in Gesellschaften mit langjähriger Schulpflicht viele Menschen nicht über jene Grundkompetenzen verfügen, die ihnen die obligatorische Schule hätte vermitteln sollen. Definition aus dem Wörterbuch Schweizer Sozialpolitik, Carigiet 2003
Allgemein lässt sich festhalten, dass von Illettrismus betroffene Menschen nicht das geforderte Niveau erreichen, um den beruflichen und privaten Alltag selbstständig problemlos bewältigen zu können. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass die Erwartungen und Anforderungen an einzelne Personen sehr unterschiedlich sind. Sie hängen vom Beruf, dem Ausbildungsgrad, dem gesellschaftlichen Status und weiteren Faktoren ab. Weiter werden Lese- und Schreibschwierigkeiten von den Betroffenen selbst unterschiedlich wahrgenommen. Der individuelle Leidensdruck variiert in Abhängigkeit von den persönlichen Lebensumständen. Ob sich eine Person von Illettrismus betroffen fühlt, hängt zum einen davon ab, in welchem Ausmass sie den gesellschaftlichen, beruflichen und sozialen Erwartungen entsprechen kann und zum anderen, ob sie selbst in ihrem Handlungsspielraum eingeschränkt ist und dies so wahrnimmt.
Gleichzeitig beschreibt Illettrismus ein komplexes Phänomen, das wesentlich durch gesellschaftliche Entwicklungen und Normen charakterisiert ist. Nur wenige Menschen – darunter oft auch die Betroffenen selbst – sind sich bewusst, dass Menschen, die hier zur Schule gegangen sind, Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben haben können. Das Phänomen Illettrismus ist daher weitgehend unbekannt und stark tabuisiert. Nicht zuletzt durch neue Informations- und Kommunikationstechnologien sind die Anforderungen an unsere Lese- und Schreibfertigkeiten in fast allen Bereichen des Lebens stark gestiegen. Dementsprechend ist es schwieriger geworden, diese Anforderungen in allen Lebenslagen zu erfüllen, was Betroffenen die Teilhabe in Beruf, Alltag und Gesellschaft erschwert oder gar verunmöglicht. Die Gefahr, von relevanten Lebensbereichen ausgeschlossen zu werden, hat im Laufe der letzten Jahrzehnte deutlich zugenommen.
Der Begriff Illettrismus wird heute demnach auf zwei verschiedene Arten gebraucht: als Bezeichnung einer gesellschaftlichen Herausforderung sowie als Beschreibung der Situation einzelner betroffener Personen. Ursachen und Folgen sind auf beiden Ebenen zu finden. Das Phänomen muss daher aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und angegangen werden.
Illettrismus vs. Lese-Rechtschreib-Störung / Legasthenie / Dyslexie
Illettrismus wird teilweise – oft unzulässig – mit der Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) / Legasthenie / Dyslexie gleichgesetzt. Im Kern dieser Begriffe – die hier als Synonyme verwendet werden – steht eine Lernstörung im Vordergrund, bei der direkt beobachtbare Symptome zentral sind. Als primäre Ursache wird von einer neurologischen Störung ausgegangen, die vermutlich einen genetischen Hintergrund hat. Personen mit LRS / Legasthenie / Dyslexie sind deshalb auch häufig von Illetrismus betroffen – immer dann, wenn die Störung dazu führt, dass sie Lesen und Schreiben nicht in dem Mass erlernen konnten, wie es von ihnen im Alltag erwartet wird. Im Gegensatz zu Illettrismus wird bei der Frage nach einer Störung aber kaum auf die gesellschaftlichen Anforderungen des Alltags geachtet. Entsprechend stehen auch nicht die Probleme im Vordergrund, die resultieren, wenn schriftsprachliche Kompetenzen nicht beherrscht werden. Es gilt ausdrücklich festzuhalten, dass Illettrismus kein Krankheitsbild beschreibt. Allgemein ist aber dennoch feststellbar, dass eine grosse Unschärfe bei der Abgrenzung bzw. der Verwendung dieser verschiedenen Fachbegriffe besteht.
Illettrismus vs. Analphabetismus
Illettrist*innen (als Synonym auch gering Literalisierte oder funktionale Analphabet*innen) kennen das Alphabet und seine Buchstaben und können einfache Wörter und Sätze schreiben und lesen. Komplexere Texte bilden jedoch oftmals eine Hürde für Personen mit geringer Literalität und erschweren die Bewältigung des beruflichen und privaten Alltags. Durch diese Definition grenzt sich Illettrismus von primärem Analphabetismus (umgangssprachlich auch nur Analphabetismus) ab: Primäre Analphabet*innen können weder lesen noch schreiben. Grundlegende Fähigkeiten, wie z. B. das Schriftbild, das Alphabet oder die richtige Haltung beim Schreiben müssen erst noch erlernt werden.
Das Nicht-Beherrschen der mündlichen Ausdrucksfähigkeit bzw. einer lokalen Amtssprache ist nicht gleichzusetzen mit Illetrismus – bei Illetrismus geht es spezifisch um die fehlenden Lese- und Schreibkompetenzen.
Erwachsene werden so zum Beispiel nicht als Illettrist*innen bezeichnet, wenn:
- sie keine obligatorische Schulpflicht absolviert haben und lesen und schreiben von Grund auf erlernen müssen (sogenannte ‘primäre’ Analphabet*innen)
- sie als Migrant*innen Schwierigkeiten mit der lokalen Landessprache bekunden (Zweitsprachlernende)
- sie in einer anderen Schrift alphabetisiert wurden (Zweitschriftlernende)
- die sich infolge gesundheitlicher Beschwerden keine schriftsprachlichen Kompetenzen aneignen konnten
Synonyme: Illettrismus, funktionaler Analphabetismus und geringe Literalität
In der Schweiz wird der Ausdruck «Illettrismus» verwendet, um eine Verwechslung mit anderen Formen von Analphabetismus zu vermeiden und um einen einheitlichen Begriff in allen Sprachregionen zu verwenden. In Deutschland sind anstelle von Illettrismus die Bezeichnungen «funktionaler Analphabetismus» und «geringe Literalität» gebräuchlich.
Funktionaler Analphabetismus ist gegeben, wenn die schriftsprachlichen Kompetenzen von Erwachsenen niedriger sind als diejenigen, die minimal erforderlich sind und als selbstverständlich vorausgesetzt werden, um den jeweiligen gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Diese schriftsprachlichen Kompetenzen werden als notwendig erachtet, um gesellschaftliche Teilhabe und die Realisierung individueller Verwirklichungschancen zu eröffnen. Definition nach Egloff et al. (2011) im Rahmen des deutschen staatlichen Förderschwerpunktes «Forschung und Entwicklung zur Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener»
Um festzustellen, ob eine Person von funktionalem Analphabetismus und/oder Analphabetismus betroffen ist, spielen zwei Faktoren eine Rolle: die Lese- und Schreibfähigkeiten der Person und das Niveau der Fähigkeiten, die in diesen Bereichen von der Gesellschaft erwartet werden. Eine Person ist von Analphabetismus betroffen, wenn ihre eigenen Kompetenzen unter dem Niveau liegen, das von der Gesellschaft gefordert und allgemein erwartet wird. In den Industrieländern sind die Anforderungen an die Beherrschung der Schriftsprache hoch. Daher gilt auch als Analphabet, wer über begrenzte Schreib- und Lesekenntnisse verfügt, z. B. wenn er nicht in der Lage ist, eine oder mehrere Informationen in einem einfachen Text zu verstehen.
Immer häufiger wird in Deutschland «geringe Literalität» dem «funktionalen Analphabetismus» vorgezogen. So verwendet die LEO-Studie von 2018 «geringe Literalität» bzw. «gering literalisierte Erwachsene» unter der Begründung, dass der Begriff «funktionaler Analphabetismus» wegen seiner Verbindung mit Analphabetismus «als stigmatisierend und als ungeeignet für die erwachsenbildnerische Praxis» gelte. In der Ansprache von Betroffenen und im Kontakt zu Lernenden und Lernbotschafter*innen wird deshalb der Begriff «funktionale Analphabet*in» in Deutschland häufig mit «gering literalisierte Erwachsene» ersetzt.
Lesen und Schreiben sind komplexe Fähigkeiten
Lesen und Schreiben gehören zu den komplexesten Fähigkeiten, die ein Mensch in seinem Leben erlernt. Der Lernprozess dauert viele Jahre und ist grundsätzlich nie abgeschlossen, denn die Lese- und Schreibkompetenz kann auf verschiedenen Niveaus beherrscht werden. Das Erlangen von Lese- und Schreibfertigkeiten erfordert viel Übung, Motivation und Durchhaltevermögen. Nicht alle Menschen haben und hatten die Möglichkeit, diese Fähigkeiten in ihrer Kindheit und/oder Jugend zu erwerben. Ein oder mehrere Faktoren können dazu führen, dass der lange Lernprozess (oft von Anfang an) nicht reibungslos verläuft:
- Biographie: kritische Lebensereignisse, ungünstiger familiärer Hintergrund, Armut usw.
- Persönlichkeit: Konzentrationsschwierigkeiten, Entwicklungsdefizite, fehlende Kommunikationsmöglichkeiten, Lernstörungen und -schwächen usw.
- Gesundheit: Absenzen durch lange Krankheit, usw.
Freude und Selbstvertrauen durch Erfolgserlebnisse, die Unterstützung durch Eltern und Lehrkräfte, die Wertschätzung des Lesens in der Familie und im weiteren persönlichen Umfeld sind – neben anderen – weitere wichtige Voraussetzungen, die nicht immer gleichermassen gegeben sind. Werden die Fähigkeiten im Bereich des Lesens und Schreibens nicht ständig genutzt und weiterentwickelt, können sie ausserdem verlernt werden. Wie all diese Faktoren zeigen, sind die Ursachen für Illettrismus sehr vielfältig und die Kombination bei Betroffenen oftmals einzigartig. Daher ist auf jeden Fall von monokausalen Erklärungsansätzen abzusehen.
Tabuisierung führt zu Alternativstrategien
Oft führt eine ungünstige Kombination der genannten Faktoren dazu, dass negative Gefühle oder eine ablehnende Haltung im Zusammenhang mit Lesen und Schreiben entstehen. Diese kann zu einer gefährlichen Abwärtsspirale führen: Betroffene können die Erwartungen der Gesellschaft, Lehrkräfte, Arbeitgeber und/oder der Familie nicht erfüllen, dadurch entstehen Stresssituationen und/oder Schamgefühle. Die alltäglichen Anforderungen überfordern Betroffene. Das ständige Erleben der Unsicherheit und Misserfolge wirkt demotivierend und führt zu schwindendem Zutrauen in die eigenen Lernfähigkeiten. Die gesellschaftliche Tabuisierung und Stigmatisierung der Thematik verhindern, dass offen über Schwierigkeiten gesprochen wird und Lösungsansätze gesucht oder verfolgt werden. Betroffene Menschen beginnen dann typischerweise Alternativstrategien zu entwickeln und verheimlichen ihre Schwäche(n), vermeiden belastende Situationen oder delegieren entsprechende Aufgaben weiter. Statt an ihren Lese- und Schreibfertigkeiten zu arbeiten, weichen sie entsprechenden Herausforderungen aus, statt den Fortschritten nehmen die Defizite zu. Ob diesen Schwierigkeiten frühzeitig begegnet werden kann, hängt in den meisten Fällen vom sozioökonomischen und soziokulturellen Hintergrund der Familie, von den Möglichkeiten der Lehrkräfte in der Schule und von persönlichen Stärken (Stressresistenz, Selbstvertrauen usw.) der betroffenen Person ab.
Lese- und Schreibschwierigkeiten werden allgemein zu wenig thematisiert. In vielen Fällen haben die Betroffenen das Gefühl, als Einzige von diesem Problem betroffen zu sein. Ihnen ist nicht bekannt, dass Lese- und Schreibfertigkeiten auch im Erwachsenenalter erworben werden können. Sie sind mit entsprechenden Lernangeboten nicht vertraut. Auch Angehörige und andere Dritte sind in der Regel nicht ausreichend informiert und können die Betroffenen daher nicht unterstützen. Darum ist Sensibilisierungsarbeit wichtig, um Angehörige und Betroffene über mögliche Auswege und Angebote aufzuklären.
Wachsende Herausfordeurngen führen zu steigenden Anforderungen
Neben ungünstigen Voraussetzungen oder Lebensumständen der Betroffenen sind die Ursachen für Illettrismus auch auf gesellschaftlicher Ebene zu finden. Dies trifft insbesondere auf die Auswirkungen bildungs- und gesellschaftspolitischer Trends zu. So war es noch vor wenigen Jahren möglich, ohne grosse Schriftsprachkompetenzen eine Arbeitsstelle zu finden. Durch den Einzug neuer Informations- und Kommunikationstechnologien sind die Anforderungen aber enorm gestiegen. Heute müssen Arbeitnehmende häufig:
- von Hand oder auf Tastatur schreiben
- Formulare ausfüllen
- Berichte schreiben
- Automaten und Geräten bedienen
- weitere Fremdsprachen beherrschen
- sich weiterbilden
Zwar verfügen die meisten Menschen heute über tendenziell höhere Lese- und Schreibkompetenzen als noch vor wenigen Jahrzehnten. Sie sind aber in einer sich schnell verändernden technologisierten Gesellschaft nicht automatisch besser gerüstet. Es ist schwieriger, eine Arbeitsstelle zu behalten, da rasch wandelnde Berufsbilder Anpassungswille und hohe Schriftsprachkompetenzen voraussetzen. Vor allem Menschen mit Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben fällt es in diesem Zusammenhang schwer, am Ball zu bleiben. Sie laufen Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Illettrismus beschreibt somit auch ein soziales Phänomen, das eng mit dem technischen Fortschritt (Automatisierung, Technologisierung, E-Government usw.) und allgemein steigenden Anforderungen einhergeht. Der Schrift kommt dadurch eine immer grössere Bedeutung zu.
Folgen für Betroffene
Wer heute in der Schweiz nicht genug gut Lesen und Schreiben kann, erlebt oft Schwierigkeiten, am sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Leben teilzunehmen. Betroffene Menschen sind tagtäglich mit Aufgaben konfrontiert, in denen ihre Lese- und Schreibfähigkeiten nicht ausreichen. Für viele Betroffene heisst dies, die täglichen, anspruchsvollen Aufgaben mit überdurchschnittlichem Aufwand zu bewältigen. Situationen, in denen die Schrift gebraucht wird, werden vermieden und Schwächen weitmöglichst verborgen. Längere oder anspruchsvollere Texte werden häufig beiseite gelassen oder die Lektüre wird nach kurzer Zeit frustriert aufgegeben. Trotz ihrer diesbezüglichen Schwierigkeiten meistern Betroffene den Alltag oft relativ gut. Doch die damit verbundenen Schamgefühle und das meist geringe Selbstwertgefühl sind belastend und können gesundheitliche und soziale Probleme verursachen.
Betroffene entwickeln vielfach Vermeidungs-, Verheimlichungs- und teilweise bewundernswerte Bewältigungsstrategien. Sie sind geübt darin, ihre Schwierigkeiten zu verbergen. Dies macht es für Menschen aus ihrem Umfeld schwierig, Handlungen, Aussagen und Reaktionen richtig zu interpretieren. Häufig sind Missverständnisse die Folge:
- Vorgesetzte halten ihre Mitarbeitenden für faul oder dumm, da sie die ihnen übertragenen Arbeiten nicht oder nur ungenügend erledigen.
- Kinder haben das Gefühl, dass die Eltern nicht an ihnen interessiert sind.
- Beratende Menschen (etwa vom RAV, Sozialdienst oder anderen Institutionen) nehmen ihre Klientinnen und Klienten als nicht kooperativ oder aggressiv wahr.
Prekär kann die Lage für Betroffene vor allem dann werden, wenn sich deren Lebenssituation ändert und bestehende Strategien nicht mehr greifen. Zum Beispiel beim Verlust der Arbeitsstelle, Schuleintritt eines Kindes oder der Trennung der Lebenspartnerin oder vom Lebenspartner. In diesen Schlüsselsituationen wird oft der Leidensdruck spürbarer und der Drang nach einer Veränderung bzw. Verbesserung der persönlichen Situation gewinnt an Bedeutung.
Gesellschaftliche Folgen
Individuelle Lese- und Schreibschwächen haben nicht nur Auswirkungen auf die Betroffenen selbst, sondern auch auf ihr Umfeld und letztendlich auf die ganze Gesellschaft. Im näheren Umfeld bedeutet das oft erhöhten Stress, der nicht nur Folgen für die eigene Gesundheit hat, sondern auch das private und berufliche Umfeld in vielerlei Hinsicht betrifft. Da Menschen mit Lese- und Schreibschwäche für sie schwierige Aufgaben häufig vermeiden oder delegieren, sind sie auf Vertrauenspersonen (Kinder, Eltern oder Freunde) angewiesen, die diese erledigen. Als Folge ist zum einen die Zuweisung von Verantwortung oft nicht klar geregelt. Zum anderen sind Rollen nicht sinnvoll definiert und können nicht gelebt werden. Die damit verbundenen Unsicherheiten sind nicht nur für die Betroffenen belastend, sondern auch für ihr Umfeld.
Weitreichend sind die Folgen zudem für Betriebe und die Volkswirtschaft wie nachfolgende Beispiele aufzeigen:
- Beschränkte Einsetzbarkeit des Personals
- Personalausfälle durch stressbedingte Krankheiten
- Mangel an Fachkräften
- Produktionsausfälle und erhöhte Produktionsrisiken infolge falsch verstandener Arbeitsanweisungen und/oder wenig effizienter Produktionsabläufe
- Ungenutztes Leistungspotenzial mit prekären Lebensverhältnissen und fehlender Kaufkraft als Folge
Eine vom Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien (BASS) erstellte Studie (2007) zu den volkswirtschaftlichen Kosten des Illettrismus stuft das Risiko für Betroffene, erwerbslos zu werden oder zu bleiben, als sehr hoch ein. Laut der Studie betragen die durch Illettrismus verursachten Erwerbs- und Steuerausfälle und die Ausgaben der sozialen Werke (ALV, Sozialhilfe, IV) für die Schweiz Kosten im Umfang von mehr als eine Milliarde Franken pro Jahr:
Es ist die Gesellschaft als Ganzes, die fast eine Milliarde Franken im Jahr dafür bezahlt, dass es nicht gelingt, die Leseschwäche eines Anteils von 16.4 Prozent der Erwerbsbevölkerung zu beheben. Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien 2007
Neben den finanziellen Auswirkungen stellen sich aber auch Fragen zu den – nicht quantifizierbaren – gesellschaftlichen Auswirkungen des teilweisen oder vollständigen Ausschlusses von Menschen mit Lese- und Schreibschwäche. Die Komplexität wird durch folgende Fragestellungen veranschaulicht:
- Was bedeutet Illettrismus für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Zusammenleben? • Welche Folgen hat Illettrismus auf die politische Partizipation?
- Ist die Chancengleichheit bei Illettrismus gewährleistet?
- Welchen Einfluss hat Illettrismus auf die hiesige Kultur?
- Welche Auswirkungen hat die Lese- und Schreibschwäche auf das gesellschaftliche Zusammenleben?
Viele dieser Fragen sind wissenschaftlich kaum erforscht und werden im gesellschaftlichen Diskurs nicht ausreichend berücksichtigt. Die Sensibilisierung von Direktbetroffenen, Vermittlerpersonen und der breiten Öffentlichkeit hilft, dass diese und ähnliche Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert werden. Und damit letztendlich Auswege für Betroffene gefunden werden können, um die Situation zu entspannen und zur Integration aller Bevölkerungsgruppen in die Gesellschaft beizutragen.
Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien (BASS), Jürg Guggisberg, Patrick Detzel und Heidi Stutz. 2007. Volkswirtschaftliche Kosten der Leseschwäche in der Schweiz, Hrsg. Bundesamt für Statistik, abrufbar unter: PDF-Dokument.
Egloff, Birte, Peter Hubertus, Michael Grosche und Jascha Rüsseler. 2011. Funktionaler Analphabetismus im Erwachsenenalter: eine Definition. In Zielgruppen in Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener: Bestimmung, Verortung, Ansprache, Hrsg. Projektträger im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Bielefeld: Bertelsmann, abrufbar unter: PDF-Dokument.
Grotlüschen, Anke, Buddeberg, Klaus, Dutz, Gregor, Heilmann, Lisanne, Stammer, Christopher. 2019. LEO 2018 – Leben mit geringer Literalität. Pressebroschüre, Hamburg, abrufbar unter: zur Website.
Notter, Philipp, Claudia Arnold, Emanuel von Erlach und Philippe Hertig. 2006. Lesen und Rechnen im Alltag: Grundkompetenzen von Erwachsenen in der Schweiz Hrsg. Bundesamt für Statistik. Neuchâtel: Office fédéral de la statistique (OFS), abrufbar unter: Zur Website.
Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innvoation SBFI. 2023. Orientierungsrahmen Grundkompetenzen im Bereich Sprache, abrufbar unter: Zur Website.