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Vor zwanzig Jahren verabschiedete der Bundesrat das Generelle Projekt für den Ostast der A5-Autobahn in Biel. Das damalige Projekt für den Westast hingegen wurde zurückgewiesen. Zu teuer, zu massive Eingriffe in die städtische Grünzone und Zusatzkosten von rund einer Milliarde Franken infolge weiterer Tunnelbegehren am Nordufer des Bielersees, lautete die Begründung.
Statt einer Freigabe für die Erarbeitung des Ausführungsprojekts, ordnete der damals zuständige Bundesrat Moritz Leuenberger eine Machbarkeitsstudie für Alternativen zum vorliegenden Westast-Projekt an. Die Planer sollten 1997 noch einmal über die Bücher und prüfen, ob eine Schnellstrasse durchs Seeland, über Thielle, nicht günstiger und weniger zerstörend wäre, als die Linienführung der A5 entlang dem Bielersee-Nordufer, durch die Winzerdörfer.
Die naheliegende Idee einer Seelandtangente, anstelle der Durchquerung des dicht bebauten Stadtgebiets, war früher schon an politischen Interessenkonflikten gescheitert. Der Vorstoss von Bundesrat Leuenberger hatte es entsprechend schwer: Die damalige kantonalbernische Baudirektorin Dora Schaer sowie der Bieler Stadtpräsident Hans Stöckli, der Planungsverband Biel-Seeland und die meisten involvierten Gemeindepräsidenten widersetzten sich der Idee einer Seelandtangente.
Die wenigen Gemeindepolitiker vom Bielersee-Nordufer, die den bundesrätlichen Vorstoss begrüssten, waren in der Minderheit und konnten sich kein Gehör verschaffen. Demgegenüber erhofften sich die Bieler und Nidauer Behörden 1997 von den geplanten Stadtanschlüssen der Autobahn wirtschaftlichen Aufschwung und die Lösung von hausgemachten Verkehrsproblemen. Entsprechend machten sie Druck, dass der Westast möglichst bald umgesetzt und die Planung nicht noch einmal neu aufgerollt werden solle.
Es gab aber auch andere Stimmen. Der Bieler Schriftsteller Jörg Steiner beglückwünschte Bundesrat Leuenberger in einem Brief, den er dem Departementsvorsteher schickte, für den «mutigen Entscheid, neue Variationen zu der geplanten Umfahrung der Stadt Biel zu verlangen.» Weil die Linienführung mit dem Halbanschluss in der Seevorstadt völlig unhaltbar sei.
Auch Baudirektorin Schaer und Stadtpräsident Stöckli könnten das wissen, fährt Jörg Steiner fort. Diese zögen es aber vor, Sachzwängen nachzugeben, die sie einerseits vorgefunden, andererseits selbst geschaffen hätten.
«Ihr (Anm: gemeint ist Moritz Leuenbergers) Widerstand gegen diesen Anpassungsdruck ist wichtig, und nicht nur ich bin Ihnen dankbar dafür», fährt Jörg Steiner fort. «Es ist ein Widerstand der Vernunft gegen die normative Kraft des Kleinmuts, der sich hier immer wieder zu Angeberei und Aktivismus um jeden Preis verwandelt. Ihr Widerstand schafft Zeit, nochmals über einen möglichen Westanschluss der Region nachzudenken.»
Diese Hoffnung zerschlug sich jedoch bald. Zu gross war der Widerstand, nicht nur der regionalen Behörden und Politiker, sondern auch aus dem Bundesamt für Strassen. Die Technokraten wollten an der Biel-durchquerenden Westast-Variante und der weiteren Verbauung des Nordufers festhalten. Zwar wurde, aufgrund der bundesrätlichen Intervention, der Anschluss in der Seevorstadt etwas redimensioniert. Doch die grundlegenden Probleme, die stadtbeschädigende Linienführung und deren landschaftzerstörende Fortsetzung entlang dem Bielersee-Nordufer, sind heute genauso virulent wie damals.
Genau wie damals steht auch heute der Charme der Heimatstadt von Jörg Steiner auf dem Spiel. Die Stadt am Jurasüdfuss, die er so geliebt hat. Sein Schlusssatz an Bundesrat Leuenberger ist heute genauso wahr wie damals: «Wissen Sie, ich mag diese Stadt am Rande des Vergessens und der Ströme von Menschen, Verkehr und Geld. Der phantasielose Wunsch, sie zu einer Metropole zu machen, ist ebenso lächerlich wie unklug. Ja, ein wenig heruntergekommen ist sie -, und gerade darum lebendig und liebenswert: das macht sie grösser als sie eigentlich ist; grösser und welthaltiger.» *
Text: © Gabriela Neuhaus
*Quelle: Schweizerisches Literaturarchiv, Bern