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Unvoreingenommene Sprache
Wie wir über Grenzen hinausdenken können
Über Grenzen hinauszudenken ist eine wichtige Fähigkeit. Sie ist der Schlüssel zum Lösen von Problemen und ermöglicht Innovation. Aber über Grenzen hinauszudenken ist eine seltene Fähigkeit, denn um Gedanken neu zu ordnen und Lösungen finden zu können, muss man zuerst das Problem entwirren.
Und was ist die erste Voraussetzung zum Entwirren eines Problems? Die Voraussetzung ist eine unvoreingenommene Sprache.
Bevor wir aber zu unvoreingenommener Sprache kommen, müssen wir klären, wie Sprache und Voreingenommenheit miteinander verbunden sind.
Sprache als Filter der Wahrnehmung
Voreingenommen zu sein bedeutet, eine verzerrte Wahrnehmung von etwas zu haben. Voreingenommenheit – engl. «bias» – funktioniert wie ein Filter, indem sie filtert, was wir wahrnehmen und wie wir es wahrnehmen. Sie beeinflusst die Art wie wir denken und handeln.
Sprache, diese aussergewöhnliche, menschliche Fähigkeit, ist einer der wichtigsten Filter, die unser Denken beeinflussen. Die Wörter, die wir nutzen, um die Welt zu beschreiben, formen zu einem gewissen Grad auch die Art, wie wir die Welt wahrnehmen. Edward Sapir schrieb vor etwa hundert Jahren, dass Sprache ein Wahrnehmungsfilter sei. Sein Hauptargument war die Erkenntnis, dass jede Sprache ihre eigenen Begriffe für spezifischen Farben hat, was folglich auch unsere Wahrnehmung, Farben zu sehen und zu benennen, beeinflusst. Sapirs Schüler Benjamin Whorf schwächte die ursprüngliche Aussage etwas ab, da wir tatsächlich fähig sind, über unsere Sprachgrenzen hinauszudenken und bei Bedarf unsere Sprache auch zu verändern.
Wir sind also nicht hilflos gegenüber unserem Wahrnehmungsfilter. Vielmehr können wir lernen, ihn zu überwinden. Wir können lernen, das ganze Bild zu sehen oder es auf eine andere Art zu sehen. Wenn wir beispielsweise eine Zweitsprache lernen, erfahren wir, dass es unterschiedliche Arten gibt, die Welt zu beschreiben. So gibt es gewisse Begriffe in einer Sprache, die kein Äquivalent in der anderen Sprache haben. Das dänische «Hygge» (etwa: «Gemütlichkeit»), zum Beispiel, das portugiesische «saudade» (etwa: «Sehnsucht») oder das englische «bias» (etwa: «Voreingenommenheit») veranschaulichen, dass eine neue Sprache uns neue Perspektiven aufzeigt, wie die Welt wahrgenommen werden kann.
Sobald wir anerkennen, dass einer Situation mehr zu Grunde liegt, als wir zunächst annehmen, sind wir befähigt, unsere Voreingenommenheit zu revidieren. Dann erlangen wir den ungefilterten Blick. Das ist der Moment, in dem wir bereit sind, über Grenzen hinauszudenken.
Sprache verbindet
Sprache beeinflusst also, wie wir die Welt wahrnehmen. Voreingenommene Sprache wirkt in die andere Richtung: Sie ist die Sprache, die wir selbst mit unserem eigenen Filter von uns geben. Voreingenommene Sprache übermittelt voreingenommene Botschaften. Und eine voreingenommene Botschaft vermittelt nicht nur einen Inhalt, sondern auch eine Interpretation desselben. Wenn Paul Ihnen also eine Nachricht von der Arbeit schreibt, kann die zum Beispiel lauten:
«Alter! Unglaublich, das Krokodil hat das Handtuch geworfen!»
Die nackte Botschaft hinter Pauls Worten ist die: Pauls Vorgesetzter hat gekündigt. Pauls Nachricht vermittelt aber zugleich ein paar zusätzliche Botschaften: 1) Paul und Sie sind vertraut miteinander, 2) Sie sind über die Situation im Bilde, 3) er ist erfreut über die Neuigkeit und 4) es gab dem Ereignis vorausgehende Vorfälle, die Pauls Vorgesetzten dazu gebracht haben, zu kündigen.
Warum wissen wir das? Weil Paul ein paar sprachliche Hinweise gebraucht hat: Ein informelles Grusswort («Alter»), ein wertendes Adjektiv («unglaublich»), eine undurchsichtige Beleidigung («Krokodil»), eine Redensart, die besagt, dass es eine herausfordernde Vorgeschichte gab («das Handtuch werfen») und Ausrufezeichen. All diese Elemente vermitteln zusätzliche Informationen und färben Ihre Wahrnehmung der ursprünglichen Mitteilung. Das ist das Wundervolle an der Sprache – sie erlaubt es uns, Informationen zu Inhalten, Beziehungen und Gefühlen in Einem zu vermitteln!
Dasselbe geschieht, wenn wir Dinge als «wunderbar», Ereignisse als «unglücklich» oder Verhalten als «weinerlich» beschreiben. Solche Wörter sind inhärent gefärbt. Sie machen aus der Sprache ein kreatives Instrument, mit dem wir spielen und packende Geschichten erzählen können. So verbindet Sprache Menschen und Gedanken.
Aber manchmal sollte Sprache unvoreingenommen sein. Sie sollte ungefiltert daherkommen.
Unvoreingenommene Sprache
Was bedeutet das genau?
Unvoreingenommene Sprache ist eine objektive Sprache, die frei von jedweder Färbung oder Emotion ist. Sie vermittelt Inhalte ohne emotionale Wertung, sei diese ideologischer oder politischer Natur oder auf irgendein Gefühl oder eine Einstellung gestützt.
Und da wir Menschen sind, sind solche Einstellungen allgegenwärtig. Wir können zum Beispiel einen Vorgesetzen als «klug» oder einen Schauspieler als «glamourös» bezeichnen oder das Gegenteil tun und sie als «einfältig» oder «hysterisch» beschreiben. Auf diese Art fügen wir gewollt und explizit unsere eigene Ansicht zur vermittelten Botschaft hinzu. Und das tun wir fortwährend. Wir tun es, wenn wir die Nachrichten zusammenfassen, einen Ort oder ein Ereignis beschreiben oder wenn wir über Pauls Vorgesetzten schimpfen.
Dies kann auch nur andeutungsweise geschehen. Wenn wir eine Sache mit einem Ausdruck beschreiben, der eine positive Bedeutung hat, können wir unterbewusst beeinflussen, wie dieses wahrgenommen wird. Ein «Cookie» (zu Deutsch: «Keks») wird zweifelsohne positiv wahrgenommen. Die meisten von uns mögen Kekse und assoziieren sie vielleicht sogar mit Familienfesten. Wenn wir jedoch über uns gesammelte Daten als «Cookies» bezeichnen, färbt dies die Wahrnehmung der Nutzer dieser «Cookies». Sie gehen eher davon aus, dass es sich um etwas Gutes handelt. Und so kann die Wahrnehmung von Dingen bewusst mit Sprache beeinflusst werden. Das ist die Wirkung voreingenommener Sprache.
Wenn wir sie mit Absicht einsetzen, ist dies eine Form von Manipulation. Sie können davon ausgehen, dass Manipulationen in der Politik und im Marketing häufig sind – und Politik und Marketing sind schliesslich allgegenwärtig.
Es gibt also beabsichtigte Manipulationen in der voreingenommenen Sprache. Trotzdem wird voreingenommene Sprache meistens nicht absichtlich zur Manipulation eingesetzt. Sprache ist oft unabsichtlich voreingenommen. Wenn wir unsere Freude oder Trauer über eine Situation ausdrücken, wie Pauls Freude über die Kündigung seines Vorgesetzten, brauchen wir automatisch voreingenommene Sprache. Andernfalls würde die Nachricht auch äusserst gefühlslos und roboterhaft daherkommen.
Was ist also der Vorteil von unvoreingenommener Sprache?
Der grösste Vorteil ist, dass wenn eine Situation unvoreingenommen beschrieben wird, die Zuhörer sich unbeeinflusst von den Gedanken des Sprechers ein Bild der Lage machen können. Denn unvoreingenommene Sprache verlangt, dass die Zuhörer die Nachricht selbständig einschätzen.
Dies betrifft Fakten und Probleme genauso wie Menschen und Ideen. Wenn Emotionen und Meinungen zu einer Nachricht hinzugefügt werden, beeinflussen sie die Art, wie die Nachricht verstanden wird. Sie antizipieren die Schlüsse, die die Zuhörer daraus ziehen. Pauls Nachricht informiert Sie nicht nur über die Neuigkeiten, sondern sie drückt auch aus, dass er seine Freude kundtun will. Wenn Paul die Information unvoreingenommen ausgedrückt hätte, wie zum Beispiel «Mein Vorgesetzter hat gekündigt», müssten Sie die Situation zuerst selbst einschätzen und Ihre Reaktion wäre von seiner losgelöst.
Mit anderen Worten, voreingenommene Sprache beeinflusst die Wahrnehmung einer Nachricht, während unvoreingenommene Sprache eigenständige Schlüsse begünstigt. Und solche eigenständigen Schlüsse sind der Schlüssel zu neuen, innovativen Ideen.
Da wir aber Menschen sind und emotionale Geschichten und Beziehungen mögen, sprechen wir natürlicherweise nicht in unvoreingenommener Sprache. Die Verwendung unvoreingenommener Sprache braucht Übung.
Unvoreingenommene Sprache und Innovation
Wann also benötigen wir unvoreingenommene Sprache?
Unvoreingenommene Sprache wird immer dann gebraucht, wenn sachliche Informationen verlangt werden, um wichtige Entscheide zu treffen oder Wissen zu entwickeln. Es gibt Berufe und Bereiche, in denen unvoreingenommene Sprache ein Muss ist. Dies betrifft all jene Bereiche, in denen Fälle, Prozesse, Technologien und Entwicklungen dokumentiert werden. Diese Berichte müssen alle Informationen beinhalten, die notwendig sind, damit alle involvierten Parteien ihre Arbeit machen können.
In sozialen Institutionen zum Beispiel müssen Berichte unvoreingenommen sein, damit offizielle Instanzen informierte Entscheide fällen können. Dasselbe gilt für medizinische und rechtliche Berichte. Und natürlich auch für wissenschaftliche und technische Berichte. Diese Berichte müssen unvoreingenommen sein, damit sie das generierte Wissen festhalten und für künftige Entscheide, Forschung oder Anwendungen verfügbar machen können.
Indem ein Bericht unvoreingenommene Sprache verwendet, trennt er Fakten von Meinungen. Der Bericht darf eine Meinung oder Empfehlung abgeben, aber sie muss unmissverständlich als solche gekennzeichnet sein. Wenn Voreingenommenheit besteht, wird der Bericht zu weiteren Problemen führen, zum Beispiel zu emotionaler Bindung, einem methodologischen Fehler, der eine Kategorie in den Daten überrepräsentiert, oder einem algorithmischen Fehler, wenn die Maschine unausgewogene Informationen vervielfacht, weil Daten falsch eingespeist worden sind.
Unvoreingenommenes Berichten bedeutet maximale Transparenz. Und Transparenz ermöglicht einen frischen, offenen Blick auf eine Situation. Sie ist der erste Schritt über gedankliche Grenzen hinaus.
Klar, auch wenn Sprache vollends unvoreingenommen ist, kann der Inhalt dennoch verfälscht sein. Worüber ein Bericht informiert oder nicht, macht einen Unterschied, ebenso wie die Gewichtung, die bestimmten Details zugeteilt wird. Berichten Zeitungen auf ihrer Titelseite beispielsweise über ein neulich verabschiedetes Gesetz oder über die Querelen einer Königsfamilie? Die Wahl wird unweigerlich die Gespräche beeinflussen, die die Leute an dem Tag führen. Dasselbe geschieht, wenn ein wissenschaftlicher Artikel einer kleinen Gruppe mehr Aufmerksamkeit schenkt als dem grossen Ganzen. Solche Entscheide filtern die Informationen, auch wenn die Sprache unvoreingenommen ist.
Aber wie gesagt, voreingenommene Sprache ist nicht per se schlecht. Wir sind Menschen, folglich schätzen wir es, wenn wir etwas emotional gestützt oder motiviert werden oder wenn wir eine schlechte Neuigkeit weniger direkt erfahren. Denn persönliche Bindung und Geschichtenerzählen sind die Grundlage der menschlichen Zusammenarbeit und des Lernens.
Im Idealfall können wir bewusst zwischen voreingenommener und unvoreingenommener Sprache wechseln.
Über die Autorin
Danae Perez ist eine vielseitige Sprachexpertin mit langjähriger Erfahrung in Forschung und Privatwirtschaft und einer ansteckenden Leidenschaft für Menschen und Sprachen. Sie ist promovierte Sprachwissenschaftlerin und hat ihre Forschung über Sprachwandel in mehrsprachigen Kontexten bei den renommiertesten Verlagen publiziert. Seit fast zwei Jahrzehnten bietet Danae Perez Sprachdienstleistungen und Beratung für Kunden und hat in einer Vielzahl von Ländern, Kulturen und Sektoren gearbeitet. Sie hat die seltene Gabe, die Essenz einer Nachricht schnell zu verstehen und sie in die richtigen Worte zu fassen. Dadurch gelingt es ihr, die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Menschen, Kulturen und Disziplinen zu vereinfachen.