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Jean-Jacques Rousseau in unserer Region
Zu den Kostbarkeiten der Stadtbibliothek Biel gehört eine in Latein abgefasste Grammatik der englischen Sprache. Das Buch war als Geschenk des englischen Aufklärers Thomas Hollis für Jean-Jacques Rousseau gedacht. Leider erreichte es den Beschenkten nicht: Auf der Suche nach einem dauerhafteren Exil hatte Rousseau unsere Region bereits verlassen – er reiste nach England(!) Dass Rousseau damals von Exil zu Exil ziehen musste, hatte übrigens viel mit den von ihm verfassten Büchern zu tun.
Inhaltlich ist die Rousseau zugedachte Grammatik der englischen Sprache ein Werk ohne Brisanz. Erst der Kontext erhellt ihre Bedeutung: Hollis wirkte als Verbreiter aufklärerischer Gedanken – zu diesem Zweck verschenkte er Werke fortschrittlichen Inhalts in ganz Europa. Weil England im 18. Jahrhundert ein Bollwerk der Meinungsäusserungsfreiheit war, publizierten viele Aufklärer in englischer Sprache. Somit war der Zugang zu teilweise brisanter gesellschaftskritischer Literatur ein wichtiges Motiv, Englisch zu lernen.
Dass gerade ein solches Buch die Kurzlebigkeit von Rousseaus Bieler Exil symbolisiert, passt gut zur Tatsache, dass es meistens die Publikation eines seiner Werke war, die Rousseau zwang, sich nach einem neuen Zufluchtsort umzusehen.
Rousseaus Exil in Môtiers...
1762 erschien in Paris Rousseaus aufsehenerregender Erziehungsroman "Emile". In diesem Werk forderte der Genfer Philosoph, die Kinder nur Dinge zu lehren, die sie auf der jeweiligen Entwicklungsstufe begreifen konnten. Das bedeutete aber, die Vermittlung von Religion und Moral zurückhaltender zu gestalten. Deshalb wurde der Roman als unchristliches Machwerk verboten, gegen den Autor ein Haftbefehl ausgestellt.
Rousseau entzog sich seiner Verhaftung durch eine Reise in die Schweiz, wo sich ein sicherer Zufluchtsort abzeichnete: Kein Geringerer als der preussische König Friedrich II bestätigte, dass der Verfolgte im damals preussisch regierten Neuenburg willkommen sei. Tatsächlich konnte der Philosoph mit seiner Lebensgefährtin Thérèse Levasseur während drei Jahren unbehelligt in Môtiers leben. Sogar Frédéric-Guillaume de Montmollin, der Pfarrer des Dorfes, akzeptierte den Philosophen.
Das jähe Ende des friedlichen Lebens in Môtiers stand in engem Zusammenhang mit einem weiteren Werk des Exilierten: In den "Briefen vom Berg", 1764 in Genf erschienen, provozierte Rousseau die politische Elite der Rhônestadt, indem er aufzeigte, dass sich die politische Macht in seiner Heimatstadt in der Hand eines immer kleineren Kreises konzentrierte. Weil Rousseau sich in diesem Werk auch für ein toleranteres Christentum aussprach, fühlten sich zudem die protestantischen Pfarrer provoziert. Auch der Pfarrer in Môtiers wandte sich fortan gegen Rousseau und bezeichnete ihn öffentlich als Antichristen. Bald darauf wurde das Haus des Philosophen mit schweren Steinen beworfen, und der Verfolgte suchte nach einem neuen, möglichst zurückgezogenen Exil. Die St-Petersinsel schien ihm sicher genug - auf der Insel befand sich nur ein einziges Haus.
...auf der St.Petersinsel...
In der Hoffnung, dass die Berner Regierung seine Anwesenheit dulden werde, begab sich Rousseau am 12. September 1765 auf die St-Petersinsel. Sein neues Exil entsprach seinen Bedürfnissen in so hohem Masse, dass er bald den Wunsch äusserte, bis zu seinem Lebensende auf der Insel zu bleiben. Doch in Bern setzten sich seine Gegner durch: Schon am 10. Oktober erhielt der in Nidau amtierende Landvogt von Graffenried den Befehl, Rousseau so bald als möglich auszuweisen.
...und in Biel
Scheinbar war damit die Stunde der Bieler Aufklärer gekommen. Vor allem Rodolphe von Vautravers und Alexander Wildermeth engagierten sich dafür, Rousseau in Biel ein dauerhaftes Exil anzubieten. Rousseau liess sich überzeugen und dachte daran, den Winter in Biel zu verbringen. Doch auch in der Kleinstadt am Jurasüdfuss setzten sich die Gegner des Genfer Philosophen durch - schon am 29. Oktober, nur vier Tage nach dem Abschied von der St.-Petersinsel, verliess Rousseau Biel, um über Basel und Strassburg nach England zu gelangen. Die ihm zugedachte englische Grammatik blieb bei Rodolphe de Vautravers, der das Werk ein Jahr nach Rousseaus Ankunft in Biel der öffentlichen Bibliothek der Stadt schenkte.