Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03183.jsonl.gz/5

BERUFSBERATUNG
OECD-Studie
Gefragte Kompetenzen entwickeln
Junge Erwachsene können ihre Kompetenzen an der ersten Arbeitsstelle meist nicht voll nutzen. Eine Annäherung zwischen den Bildungssystemen und der Arbeitswelt könnte die Arbeitsmarktchancen der Jugendlichen verbessern und ihnen den Einstieg ins Erwerbsleben erleichtern.
Von Ingrid Rollier, PANORAMA-Redaktorin
Jugendliche sind häufig gewandter im Umgang mit Computern und verfügen im Durchschnitt über höhere kognitive Fähigkeiten als ältere Generationen. Bei der Arbeit nutzen sie diese Kompetenzen aber weniger als ältere Erwerbstätige. Der «OECD Skills Outlook 2015» zeigt, dass die Übereinstimmung der erworbenen mit den am Arbeitsplatz verlangten Kompetenzen nicht einfach zu erreichen ist. Die Studie beschreibt die Situation in den OECD-Ländern und schlägt Lösungen vor, um Jugendliche besser auf das Erwerbsleben vorzubereiten und ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Kognitive Fähigkeiten wie Leseverständnis, Alltagsmathematik, Verarbeitung von komplexen Informationen oder Problemlösung sind eng mit dem Bildungsniveau verknüpft. Ein gutes Bildungsniveau ist folglich entscheidend für die berufliche Eingliederung. Je häufiger die während der Ausbildung erworbenen Fähigkeiten genutzt werden, desto vielseitiger und ausgeprägter werden sie. Werden die Kompetenzen selten genutzt, haben gerade Personen mit tiefem Kompetenzniveau grössere Schwierigkeiten, diese weiterzuentwickeln. Gleichzeitig steigt ihr Risiko, keinen Berufsabschluss zu erlangen und keine Arbeit zu finden. Zu Beginn der Berufslaufbahn lässt sich eine Anpassungsphase beobachten: Die tatsächlich genutzten Kompetenzen werden gestärkt, es kommen neue hinzu, ungenutzte Fähigkeiten aber verkümmern. Hochqualifizierte Berufseinsteiger nutzen ihre Kompetenzen (z. B. Organisations-, Problemlösungs-, Entscheidungsfähigkeit) stärker als weniger qualifizierte junge Erwerbstätige. Zudem setzen Personen mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag ihre kognitiven Fähigkeiten intensiver ein als Personen in einem befristeten Arbeitsverhältnis. Doch in fast allen OECD-Ländern waren 2013 rund 25 Prozent der 15- bis 24-jährigen Erwerbstätigen in einem befristeten Beschäftigungsverhältnis.
Duale Berufsbildung bringt Vorteile Die in vielen OECD-Ländern unbekannte Berufsausbildung in einem Lehrbetrieb begünstigt den Erwerb von arbeitsmarktgerechten Kompetenzen und erleichtert den Jugendlichen die Berufswahl. Diese Bildungsform ermöglicht zudem die Entwicklung von berufsspezifischem Know-how sowie von Konfliktlösungs-, Kommunikations- und Problemlösungskompetenzen. Lernende in der Berufsbildung nutzen ihre kognitiven Fähigkeiten häufiger als Studierende, die eine Arbeit ohne Bezug zu ihrem Studienfach ausüben. Doch auch am Arbeitsplatz, so die Autoren der Studie, sollten neue Methoden und Techniken, Neugier und Kreativität nicht vernachlässigt werden, insbesondere bei Tätigkeiten mit geringer Verantwortung. Den Arbeitgebern empfehlen sie, die Kompetenzen der jungen Mitarbeitenden zu prüfen, die Aufgaben an die Kompetenzprofile anzupassen und Strategien für die Persönlichkeitsentwicklung umzusetzen.
Den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes gerecht werden Soziale und emotionale Kompetenzen sind bei der Stellensuche entscheidend, doch die Jugendlichen unterschätzen ihre Bedeutung häufig. Neben Zuverlässigkeit, Ausdauer und Empathie schätzen die Arbeitgeber fünf Charaktereigenschaften besonders: Extrovertiertheit, ein angenehmes Wesen, Pflichtbewusstsein, emotionale Stabilität und Offenheit gegenüber Neuem. Auch die Fähigkeit zu lebenslangem Lernen ist heute eine unerlässliche Voraussetzung, um sich den wechselnden Anforderungen des Arbeitsmarktes anzupassen. Die Autoren der Studie fordern, dass die Bildungssysteme der Entwicklung dieser Soft Skills mehr Aufmerksamkeit schenken. Sie sollen insbesondere durch unterrichtsergänzende Aktivitäten, Sport und Kunst, aber auch durch Schülerbeteiligung, Teamarbeit, kreative und experimentierende Tätigkeiten gefördert werden. Abschlüsse auf Tertiärstufe müssten, so die Studie, präzisere Angaben zur Art und zum Niveau der erworbenen Kompetenzen enthalten, denn nicht alle Personen mit dem gleichen Abschluss verfügten auch über dieselben kognitiven Fähigkeiten. Zudem wüssten Arbeitgeber häufig nicht, welchem Kompetenzprofil ein bestimmter Abschluss entspreche. Die Studie empfiehlt den Bildungsinstitutionen, ein national oder international anerkanntes Qualifikationssystem, etwa in Form eines Kompetenzpasses, einzuführen. Zudem sollten sie in Zusammenarbeit mit Vertretern der Arbeitswelt Praktikumsprogramme und «MOOCs» (Massive Open Online Courses) entwickeln. Während der schulischen Ausbildung ausgeübte berufliche Tätigkeiten sollten besser in die Lehrpläne integriert werden, so die Autoren weiter. Für eine bessere Information über die Berufsaussichten sei es hilfreich, systematisch Indikatoren für die berufliche Entwicklung von ehemaligen Studierenden oder Lernenden einer Institution oder eines Bildungsgangs zu erarbeiten. In Italien zum Beispiel gibt eine Website (www.almalaurea.it) Auskunft über das Kompetenzprofil und den Arbeitsmarkteintritt von 90 Prozent aller italienischen Universitätsabgänger. Die Berufsberatung müsse, so empfiehlt die Studie, alle Bildungsstufen und Bildungstypen abdecken und ihre Beratung auf eine Evaluation der individuell erworbenen sowie der am Arbeitsmarkt nachgefragten Kompetenzen stützen. Allgemein sollten sich die Bildungssysteme stärker an die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes anpassen. Die Autoren rufen die Staaten dazu auf, Kontakte zwischen der Arbeitswelt und den Bildungssystemen zu fördern, zumal den meisten OECD-Ländern ein Berufsbildungssystem, wie wir es in der Schweiz kennen, fremd ist.
Links und Literaturhinweise
OECD (2015): OECD Skills Outlook 2015 – Youth, Skills and Employability. Paris, OECD Publishing.
OECD (2013): OECD Skills Outlook 2013. Erste Ergebnisse der Erhebung über die Fähigkeiten und Fertigkeiten Erwachsener. Paris, OECD Publishing.
OECD (2014): OECD-Beschäftigungsausblick 2014. Paris, OECD Publishing.
OECD (2010): Lernen für die Arbeitswelt. Paris, OECD Publishing.