Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03241.jsonl.gz/1993

Rattaplasma 2 für Klarinette / Bassklarinette und Computer (Ambisonics), 2001
11:45′
tgm 47.291
Uraufführung: 21. September 2001, Theater am Gleis Winterthur (Matthias Müller)
Hörbeispiele
Werkkommentar Rattaplasma 2
Ausgangspunkt von „Rattaplasma 2“ ist die Überlagerung verschiedener Tempoebenen. Diese Tempopolyphonie habe ich hier mit sechs Stimmen realisiert, welche paarweise auf drei Grundebenen bezogen sind.
Das Verhältnis der metrischen Einheiten dieser Grundebenen ist 5 : 7 : 11, die Auswahl der realen Grundtempi beträgt MM=70, MM=110 und MM=154.
Bei diesen Annahmen treffen alle drei Grundebenen nach 77 Einheiten in der raschesten, nach 55 Einheiten in der mittleren und nach 35 Einheiten in der langsamsten Ebene wieder genau zusammen. Wird ein solcher Abschnitt zwischen vollkommenen metrischen Koinzidenzen aller Stimmen als Proportionsperiode bezeichnet, so ergibt sich mit den angenommenen Tempoverhältnissen für die Gesamt-Proportionsperiode der drei Tempoebenen die Länge von genau 30 Sekunden (0:30).
Grossformal ist „Rattaplasma 2“ so gebaut, dass das Grundverhältnis von 5 : 7 : 11 auf verschiedenen Ebenen anzutreffen ist:
– Einmal wird die Gesamtlänge des Stückes definiert durch drei Abschnitte, die sich der Reihe nach aus 11, dann 7 und zuletzt 5 Gesamt-Proportionsperioden zusammensetzen, oder anders ausgedrückt: eine Gesamtlänge von 11:30 wird unterteilt in einen ersten Abschnitt von 5:30, einen zweiten von 3:30 und einen letzten von 2:30 Dauer. Gehörsmässig sind diese Abschnitte deutlich unterscheidbar: der zweite beginnt unmittelbar nach dem letzten Ton der B-Klarinette, bevor die Bassklarinette einsetzt, der letzte startet nach einem längeren ‘Accelerando-Sog‘, an dem schliesslich auch noch die B-Klarinette teilnimmt.
– Weiter hat jede der sechs Stimmen je eine Partnerstimme in den beiden anderen Tempoebenen, woraus sich drei Stimmpaarverhältnisse ergeben, deren Teil-Proportionsperioden zueinander wiederum im Verhältnis 5 : 7 : 11 stehen. Nach der Proportionsformel 11 : 7 : 5 : 7 : 11 : 7 : 5 : 7 etc, werden in diese Stimmpaarverhältnisse Markierungen gesetzt, die in jeweils einer der beiden Stimmen bewirken, dass sich die rhythmische Grundfiguration ändert. Mit rhythmischer Grudfiguration ist eine regelmässige ‘Teilung‘ der Grundmetrik gemeint, die für den entsprechenden Abschnitt konstituierend wirkt.
Jede der sechs Stimmen, wobei eine der Solo-Klarinette zugeteilt ist (Primus inter pares), ist also vom Anfang bis zum Ende durch eine von Zeit zu Zeit wechselnde Sekundärmetrik (z.B. Achtelstriolen oder punktierte Viertel etc) geprägt. In einem metrischen Grundplan habe ich diese sechs Stimmen aufgezeichnet und ihre Koinzidenzen, d.h. das präzise Aufeinandertreffen jeder Stimme mit jeder anderen, eingetragen.
Auf dieser strengen metrischen Grundlage habe ich das Stück derart komponiert, dass fast immer die Koinzidenzpunkte zum Angelpunkt meiner Formulierungen wurden. Durch dieses ständige Herausarbeiten der kurzen Übereinstimmungsmomente zweier Stimmen ergibt sich beim Hören überraschend oft der Eindruck von ‘Gemeinsamkeit‘ und nicht sosehr derjenige des ‘Andersseins‘, was durch ihre temporale Verschiedenheit eigentlich zu erwarten wäre. Konzentriert man sich aber auf eine Stimme allein, so lässt sich relativ oft ihre eigenständige Grundmetrik heraushören, die sie von den andern Stimmen abhebt (allerdings sind wir nicht sehr gewohnt, metrische Differenzierungen im Sinne dieser Überlagerungstechnik genau wahrzunehmen, das traditionelle Musikhören bietet auch kaum Beispiele dafür).
Das Besondere von „Rattaplasma 2“ ist aber nicht zuletzt auch das Zusammenspiel von live gespielter Klarinette mit einem aus Lautsprechern zu den Zuhörern gelangenden Klangstrom. Der Klarinettenpart muss dabei aus einsichtigen Koordinierungsgründen mit einem Clicktrack im Ohr ausgeführt werden.
Die fünf übrigen Stimmen habe ich in meinem Studio in Würenlingen mit Hilfe des Sequenzer-Programms ‘Studio Vision‘ von Opcode, den Klangexpandern Korg O1R/W, Roland XP-50 und E-mu Proteus 2000, sowie einer eigenen Sampling-Bibliothek, die via virtuellen Sampler Unity DS-1 läuft, hergestellt.
Bei einer Live-Aufführung wird der ganze Computerteil nach dem sog. Ambisonic-Verfahren im gesamten Raum rund um die Zuhörer verteilt, was die Durchhörbarkeit der z.T. dichten Klangbilder wesentlich steigert. In dieser Form kann das Stück sozusagen im Original gehört werden.
Würenlingen, den 2. März 2003
Martin Schlumpf