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GG 94
Plutarchi Chaeronei Libellus perquam elegans, De non irascendo. Eiusdem De curiositate. Uterque Latinus Des. Erasmo Rot. interprete. Adiecti sunt ijdem Graeci, quo vel praelegi possint, vel certe legi a Graecanicae literaturae studiosis. Basel: Johannes Froben Mai 1525. 8°.
Erster Einzeldruck der beiden Schriften über die Bezähmung des Jähzorns und über die Neugier aus den Moralia Plutarchs. Die erste griechische Gesamtausgabe der Werke Plutarchs erschien erst 1572, der erste griechische Druck der Moralia hingegen schon 1509 in Venedig, der Viten 1517 in Florenz. Unter den Einzeldrucken einzelner Schriften ist der unsere einer der ersten. Den neuen Übersetzungen des Erasmus sind die griechischen Originale beigegeben, nach der Aldina korrigiert; Abweichungen von dieser und Zweifel am Text sind am Rand aufgeführt. Das Büchlein ist, nach Hinweis auf der Titelseite und Äusserungen des Erasmus in der Widmung, u.a. für den Griechischunterricht bestimmt: zum Vorlesen des Griechischen mit Vergleich der Übersetzung oder zur Lektüre durch die Griechischschüler selber: zu diesem Zweck sei der griechische Text beigegeben.
Gewidmet hat Erasmus den Druck am 30. April 1525 dem Schatzmeister des Königs von Ungarn Alexius Turzo, den er als Schutzherrn gegen die Feinde der bonae literae - der Sprachen und sämtlicher Wissenschaften - gewählt hat, da er sich nicht scheue, den Schutz tapferer Helden zu diesem Zweck zu erbetteln (Elek Thurzo war übrigens gerade am 22. April in einer Finanzkrise des Königreichs abgesetzt, ist aber im Juli 1526 wieder zu deren Behebung eingesetzt worden). Denn worin unterschiede sich ohne die literae unser Leben von dem der Tiere? Zur Widmung an ihn habe ihn Johannes Antoninus aus Kosice veranlasst, der ihm in Basel von seinem Einsatz für die Wissenschaften und seinem Ansehen beim ungarischen König und Volk erzählt habe (Antonin war im Juli 1524 als frischer Doktor der Medizin aus Padua in Basel eingetroffen und hat hier, bis zu seiner Rückkehr nach Ungarn im November, Erasmus ärztliche Dienste geleistet; danach als Arzt in Krakau tätig und Leibarzt König Sigismunds; im April 1526 hat ihm Erasmus eine Galenübersetzung gewidmet). Er hoffe, dass die beiden Schriften Plutarchs durch ihn für lateinische Ohren so beredt sprächen, wie sie bisher für die des Griechischen Kundigen gesprochen hätten. Seine Schärfe des Ausdrucks und in Anspielungen verborgene Aussagen hätten ihm nicht wenig Mühe bereitet: ein aus ausgesuchten Teilchen (emblemata) zusammengesetztes Mosaik, äusserst leicht für den Autor, der alles im Kopf verfügbar gehabt habe, äusserst schwer für den Übersetzer, zumal die meisten zitierten Autoren nicht mehr erhalten seien. Dazu der springende Stil. Schliesslich hätten auch die Fehler der librarii - Kopisten und Drucker - oft als Stolpersteine gewirkt. Viele habe er weggeräumt, andere aber auch nur übersprungen. Doch der Nutzen wiege die Schwierigkeit auf. Sokrates habe die Philosophie auf die Erde geholt, Plutarch sie in die privaten Stuben gebracht. Er widme sich dem jetzt umso lieber, als man in christlichen Dingen sich wie in einem Skorpionennest nicht mehr sicher fühlen könne, gleich ob man nun gut oder schlecht von Christus rede. Der Inhalt dieser beiden Schriften bleibe aber immer gültig. Umso mehr wundere er sich, dass sie nicht alle, zumal die Kinder, in Händen hätten. Er habe bei seiner jetzigen aufmerksameren Beschäftigung mit ihnen nochmals viel gelernt: beide Laster fänden sich, wenn auch verschieden, bei jung und alt, und ebenso positiv Neugier als Antrieb zu neuen Kenntnissen bzw. als Heilmittel gegen Lethargie.
Das Basler Exemplar F X 29 Nr. 2 ist in einem Bändchen aus Besitz Remigius Faeschs enthalten, das dieser mit 21 Jahren 1616 in Paris gekauft hat; unser Druck zeigt auf der Titelseite die Widmung von der Hand des Erasmus "R. p. Michaheli Eras. Rot. Dono misit", der Hyperaspistes davor von Februar/März 1526 die Widmung "R. p. D. Michaheli epo Lincolniensi Eras. Rot. dono misit". Schon Faesch hat als Beleg für die Hand des Erasmus auf dessen Brief an Michael Boudet, "Episcopus Lincolniensis", vom 13. März 1526 hingewiesen, der eine Sendung gerade dieser beiden Drucke an Boudet begleitet hat; doch Michael Boudet ist Episcopus Lingoniensis, von Langres, gewesen. Offenbar hat Erasmus Lingoniensis/Linconiensis mit Lincolniensis verwechselt. Mit dem Bischof von Lincoln John Longland stand Erasmus ebenfalls, seit Januar 1525, in losem Briefkontakt.
Bibliothekskatalog IDS
Signatur: Aleph F X 29:2
Illustrationen
Titelseite mit handschriftlicher Widmung des Erasmus an Michael Boudet, Bischof von Langres: "R.p. Michaheli Eras. Rot. Dono misit"; darunter als Bestätigung für die Hand des Erasmus der Hinweis von Remigius Faesch auf dessen Brief an Boudet: "Autographon Erasmi cuius meminit in Epistolis lib. 18, Epist. 24"