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Dass ein Schaf ein Schaf ist, weiss jedes Kind. Aber nach welchen Prinzipien ordnen wir eigentlich Arten, wie unterscheiden wir sie voneinander?
Die klassische Systematik
In der klassischen Systematik ordnet man Arten aufgrund ihrer Ähnlichkeit in verschiedene Klassen (Taxa) und gab ihnen nach Carl von Linnés binominaler Taxonomie einen eindeutigen, zweiteiligen Namen. Das heisst, ein Lebewesen wurde mit einem Namen versehen, der die Gattung sowie die Art dieses Organismus definierte. Diese Taxonomie sollte die Verwandtschaft der Lebewesen untereinander darstellen. Doch mit fortschreitender Forschung entpuppte sich diese Art der Organisation als lückenhaft. Mit der Entdeckung von immer neuer Arten mussten neue Unterkategorien (Subtaxa) her, um das System aufrecht zu erhalten. Es ergaben sich Definitionsprobleme, denn jegliche trennscharfe Einteilung der Natur ist im Grunde genommen willkürlich. Denn was macht eine Art überhaupt aus?
Ein klassischer Systematiker würde sagen, eine Art sei die Summe aller Individuen, die sich miteinander fortpflanzen können, aber nicht mit Individuen anderer Gruppen – also anderer Arten. Doch diese Definition hat ihre Tücken: Es gibt allerlei ‚Arten‘, die sich zwar aufgrund ihrer geographischen Trennung nicht fortpflanzen können, jedoch in der Theorie dazu in der Lage wären. Treten diese zwei Arten dann zusammen in einem Gebiet auf, entstehen Hybride. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist die Hybridisierungszone der Nebel- und Rabenkrähe. Die beiden Arten trennten sich wahrscheinlich in der letzten Eiszeit auf. Als die Gletscher schmolzen, konnten die Krähen neue Gebiete besiedeln. In einem 2000km langen und 150km breiten Gebiet quer durch Europa kamen nun beide Arten zusammen und konnten sich fortpflanzen. Dies zeigt beispielhaft auf, dass die Systematik des Menschen letztlich der Natur etwas unterstellt, was natürlicherweise nicht vorkommt: abrupte Trennungen. Denn Übergänge zwischen Arten sind immer fliessend. Wir sehen diesen Millionen Jahre andauernden Prozess jedoch nicht, da nur das vorläufige ‚Endstadium‘ zu sehen ist.
Die phylogenetische Systematik
Aufgrund der sich häufenden Mängel schuf man ein System, das wir heute – in modifizierter Form – noch verwenden: Die phylogenetische Systematik bzw. die Kladistik. In dieser Einteilung werden die Arten nicht (nur) nach heute existierender Ähnlichkeit geordnet, sondern nach Abstammungslinien. Dies löst zwar nicht alle Probleme (wie zum Beispiel jenes der Artdefinition), hilft aber zumindest dabei, die Vorgänge in der Natur besser darzustellen. So beginnt die Evolution mit dem ersten Lebewesen. Mit der Zeit entwickeln sich andere Lebewesen mit Merkmalen, die sie so stark von der ursprünglichen Gruppe unterscheiden, dass sie eine neue Gruppe bilden. Diese neuen Merkmale nennt man Apomorphien. Dieser Prozess geht über Milliarden von Jahren weiter, bis wir zum heutigen Zeitpunkt gelangen. In den Äonen haben sich Abermillionen Arten gebildet: Ein Stammbaum ist entstanden. Achtung: Die Metapher des Baumes ist trügerisch. Wir sind nicht die ‚Krone‘ des Baumes oder der Schöpfung. Das wären wenn schon, alle gegenwärtig lebenden Arten.
Im Phylogenetischen System geht man davon aus, dass eine Taxa, also eine Klasse, nur dann bestehen kann, wenn alle Vorfahren und Nachfahren ins Gesamtbild eingeschlossen werden. Dies deckt sich nicht in allen Fällen mit der klassischen Systematik. Das beste Beispiel ist das der ‚Reptilien‘: In der klassischen Systematik wurden darunter Schildkröten, Krokodile, Echsen und Schlangen zusammengefasst. Mit der Kladistik aber änderte sich dies: Da Vögel aus dieser Linie abstammen, sind Reptilien keine eigene Taxa, sondern eine Bezeichnung für die Taxa der Sauropsiden unter Ausschluss der Aves (Vögel). Somit müssen, um eine realitätstreue Darstellung der Verwandtschaftsverhältnisse darzustellen, alteingesessene ‚Fakten‘ überarbeitet werden.
Längst geht man nicht mehr (nur) vom Aussehen – der sogenannten Morphologie – von Lebewesen aus, um sie in den Stammbaum einzuordnen. Heute verwendet man vor allem genetische Daten, um Organismen zueinander in Verbindung zu setzen. Aber auch dort gibt es wieder Unklarheiten darüber, welche Merkmale für die Klassifizierung verwendet werden sollen. So bleibt die Welt der Systematik – ganz ähnlich der natürlichen – stets in Bewegung.