Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03179.jsonl.gz/2571

Die Tora fordert uns an verschiedenen Stellen auf, uns zu freuen. Ganz besonders fällt dies beim Sukkot-Fest auf, wo diese Forderung sogar zwei Mal erwähnt wird.
von Michel Bollag
Sukkot ist jenes Fest , an dem die Tora den Juden gebietet, ihre festen Wohnsitze zu verlassen, um sieben Tage lang in bescheideneren Hütten zu wohnen, deren Dach aus Bodengewächs hergestellt werden soll, das zwar Schatten gibt und dennoch die Sicht auf den Himmel nicht ganz verdeckt. Dass die Freude besonders bei diesem Fest hervorgehoben wird, mehr als bei anderen Festen wie Pessach und Schawuot, bei denen es doch auch Gründe zur Freude gäbe – etwa über die Befreiung aus der Versklavung in Ägypten oder über die Gabe der Tora – lässt aufhorchen. Weshalb soll es eine besondere Freude sein, gerade dann, wenn die Tage kürzer werden, die Nächte kälter und die Wahrscheinlichkeit, dass es regnet steigt, die sicheren Wohnungen zu verlassen um in prekären unsicheren Behausungen zu wohnen?
Die Tora begründet dieses Gebot damit, dass sich die Juden immer daran erinnern sollen, dass Gott ihre Vorfahren während der vierzigjährigen Wanderungen durch die Wüste in Hütten hat wohnen lassen.
Debatte im Talmud zwischen Rabbi Elieser und Rabbi Akiwa
Zwei Gelehrte debattieren im Talmud, welche Bewandtnis es mit diesen Hütten hat. Rabbi Elieser vertritt den Standpunkt, es seien hier nicht echte Hütten gemeint, denn woher, dachte sich Rabbi Elieser, hätten die Israeliten in der Wüste Holz gefunden um Hütten zu bauen? Daher seien mit den Hütten die Wolkensäulen gemeint, die das jüdische Volk während den Wüstenwanderungen begleiteten. Hinter dieser banal erscheinenden Überlegung und der Schlussfolgerung, die er daraus zieht, steckt ein Gedanke, der tiefgreifender ist. Rabbi Elieser meint, im Grunde genommen, dass das Wohnen in den Laubhütten am Sukkot uns an die Wunder erinnere, die Gott in der Wüste für uns vollbrachte.
Jüdische Existenz begann durch Wunder, an die wir uns erinnern sollen. Jüdische Existenz ist das Wunder des göttlichen Schutzes. Nicht nur in der Wüste, sondern überhaupt, durch alle Generationen hindurch soll unser Überleben als göttlicher Schutz verstanden werden. Daran zu erinnern ist der Sinn des Gebotes am Sukkot, während 7 Tagen in Laubhütten zu wohnen.
Eine ganz andere Meinung vertritt Rabbi Akiwa. Er bleibt beim wortwörtlichen Verständnis des Textes. Die Sukkot (Laubhütten) in der Wüste seien ganz gewöhnliche Hütten gewesen!
Doch, wenn es sich tatsächlich um wirkliche Hütten handelte, was war das Wunderbare daran? Bis heute leben Wüstenbewohner, wie zum Beispiel die Beduinen, in Hütten, die sie vor Sonne und Kälte schützen. Diese Hütten haben sie sich selber gebaut.
Die zerbrechliche Existenz des Menschen
Die Hütten sind das Symbol einer nomadischen, unsicheren Existenz, und somit das Symbol jüdischer Existenz per se, aber darüber hinaus und weit universeller gesehen der Conditio Humana überhaupt. In einem bewegenden, sehr poetischen Gebet, das an den Hohen Feiertage gesprochen wird bringen wir diese existentielle Zerbrechlichkeit, ja gar Nichtigkeit des Lebens zum Ausdruck:
„Des Menschen Ursprung kommt vom Staub, und an seinem Ende kehrt er zum Staub zurück, unter Lebensgefahr erwirbt er sein Brot; er gleicht einer zerbrochenen Scherbe, trockenem Gras, einer welkenden Blume, einem vorüberziehenden Schatten, einer schwindenden Wolke, einem verwehten Hauch, dem dahinfliegenden Staub und dem flüchtigen Traum.“
Gerade in diesem Jahr 2017, dem vergangenen jüdischen Jahr 5777, wurde uns Menschen angesichts der zerstörerischen Kräfte von Hurrikans und Erdbeben weltweit, aber auch von Bergstürzen vor unserer eigenen Haustür mit Schrecken bewusst, wie zerbrechlich unsere menschliche Existenz ist, auch wenn uns diese Naturkatastrophen nicht persönlich und direkt betrafen. Zu diesen Bedrohungen kam jene hinzu, die uns bereits seit Jahrzehnten begleitet und auch in diesem Jahr nicht kleiner geworden ist: die Bedrohung durch den Terrorismus. Ja, die Unsicherheit, die Zerbrechlichkeit unseres Lebens wird uns immer bewusster und ist zu einem der Kennzeichen unserer Zeit geworden.
Das jüdische Volk kennt diese Unsicherheit aus 2000 Jahren Geschichte. Diskriminierungen, Vertreibungen, Pogrome und Tötungen waren unser Los. Immer wieder wurden wir entwurzelt, unsere Häuser glichen mehr den Sukkot, zerbrechlichen Behausungen, als festen Wohnsitzen. Auch wenn wir heute, besonders in Israel, die Mittel haben, uns zu wehren und wir über eine gewisse Macht zur Selbstverteidigung verfügen, bleibt die Unsicherheit und die mit ihr einhergehende Angst ein konstanter Begleiter.
Das Leben in den Sukkot, in unsicheren Behausungen ist ein Symbol jüdischer Existenz überhaupt. Deshalb sagt uns die Tora, dass wir uns am Sukkot besonders freuen sollen, und deshalb wird dieses Fest in unseren Gebeten „Zeit unserer Freude“ genannt: denn die Unsicherheit und Zerbrechlichkeit jüdischer Existenz wird uns nicht daran hindern, die Freuden des Lebens voll und ganz zu geniessen und das Leben zu feiern – insbesonders an unseren Feiertagen, angesichts unseres Bewusstseins, dass das Leben uns von Gott geschenkt wird und dass wir in Ihm Schutz finden.
Existentielle Verunsicherung ist heute eine universelle Herausforderung angesichts der tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen des 21. Jahrhunderts, die uns bereits erfasst haben und uns allen weiterhin bevorstehen, und somit gilt die Botschaft des Sukkotfestes für alle Menschen.
Sukkot ist die deutlichste Antwort auf Verunsicherung, wenn wir die Sicherheit unserer Häuser verlassen und in wirklichen Laubhütten sitzen, wenn wir uns den Naturelementen exponieren und uns damit unserer Zerbrechlichkeit bewusst werden. Dazu fähig zu sein, sagt uns Rabbiner Jonathan Sacks, und sagen zu können, dies sei die Zeit unserer Freude, ist die höchste Errungenschaft des Glaubens, die ultimative Waffe gegen Angst.
Wahrer Glaube entsteht nicht aus Angst und produziert weder Hass noch Gewalt. Glaube ist die Fähigkeit, sich mitten in einer sich wandelnden Welt zu freuen, auf dem Weg in eine unbekannte Zukunft, und auf Gottes Gegenwart zu vertrauen. Aus diesem Glauben entsteht Demut und Menschenliebe.
Lic. Phil. Michel Bollag war Fachleiter Judentum am Zürcher Institut für interreligiösen Dialog und ist seit Mai 2017 Rabbinatsbeauftragter an der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich.