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Gesundheit
Kennen wir uns?
Ein Gesicht zu erkennen, ist ein komplexer Vorgang. Jeder Vierzigste scheitert daran, ist gesichtsblind. Extremfälle erkennen manchmal selbst ihre eigenen Kinder nicht wieder.
Gestern Abend im Büro, beim Feierabendbier, machte Ihr langjähriger Arbeitskollege Andreas noch einen auf «guter Kumpel». Jetzt, am Samstagmorgen bei der zufälligen Begegnung in der Stadt, keine Regung des Wiedererkennens, von Grüssen keine Spur. «War das nicht Andreas?», fragt Ihre Frau. «So ein Schnösel aber auch», sagen Sie zustimmend. Vielleicht ist er das tatsächlich, ein Schnösel. Vielleicht aber auch nicht. Denn vielleicht leidet Andreas unter Gesichtsblindheit, medizinische Bezeichnung: Prosopagnosie. Das heisst, er ist gar nicht in der Lage, Gesichter richtig zu erkennen.
Die Neurowissenschafterin Meike Ramon (39) ist hierzulande die Spezialistin in Sachen Gesichtserkennung. «Das Spektrum der Fähigkeiten, ein Gesicht zu erkennen, ist breit», sagt die Forscherin der Uni Fribourg. «Die meisten Menschen sind darin durchschnittlich, manche etwas darüber, andere etwas darunter.» Und dann gibt es die Ausreisser: Menschen, die ein Gesicht kaum oder gar nicht wiedererkennen, obwohl sie es schon x Mal gesehen haben; und Menschen, die Gesichter sofort zuordnen können, selbst wenn sie sie vor langer Zeit und nur flüchtig wahrgenommen haben. Erstere leiden unter Prosopagnosie, Letztere nennt man Super-Recognizer.
«So ein Schnösel aber auch.»
Prosopagnosie ist entweder eine Entwicklungsstörung oder die Folge einer Gehirnverletzung, beispielsweise durch einen Unfall. Meike Ramon erzählt die Geschichte von Amélie P.* (70). Die Genferin wurde 1992 in London von einem Bus erfasst und erlitt ein erhebliches Schädel-Hirn-Trauma. In der Folge durchlief sie eine halbjährige neuropsychologische Rehabilitation. «Dabei konnten die meisten Beeinträchtigungen behoben werden», erklärt Ramon. «Das einzige Problem, das bis heute besteht, ist die starke Prosopagnosie.» Das war für die überaus aktive Frau so belastend, dass sie ihr Pensum als Kindergärtnerin auf die Hälfte reduzieren musste: Zwei Mal täglich dreissig Kinder auseinanderzuhalten, war für sie unerträglich anstrengend.
Um das Phänomen der Prosopagnosie ansatzweise zu verstehen, muss man wissen, wie wir Gesichter erkennen. «Die deutsche Bezeichnung ‹Gesichtsblindheit› vermittelt einen etwas falschen Eindruck», sagt Meike Ramon. «Prosopagnostiker laufen nicht durch die Stadt und sehen lauter gesichtslose Menschen. Aber für sie sehen die Gesichter alle sehr ähnlich aus.» In der Tat ist die Unterscheidung von Gesichtern deutlich komplexer als das Erkennen eines Objekts, beispielsweise eines Baukrans.
«Für Prosopagnostiker sehen Gesichter alle sehr ähnlich aus.»
Wie viele Leute unter angeborener Prosopagnosie leiden – man weiss es nicht genau. In der Literatur ist oft von jedem Vierzigsten die Rede, sprich: zweieinhalb Prozent. Meike Ramon hält die Zahl für «sehr hoch». Gleichzeitig sagt sie aber: «Wir haben keine Ahnung, wie gross die Dunkelziffer ist, weil das Phänomen noch zu wenig gut erforscht ist.» Und weil viele Betroffene gar nicht wissen, dass sie darunter leiden. «Wir Menschen sind gut darin, Strategien zu entwickeln, mit denen wir Probleme kompensieren können.» Kinder sowieso. Statt auf das ganze Gesicht fokussieren Prosopagnostiker auf andere Eigenschaften, die zum Gegenüber gehören: Hat es ein Muttermal? Trägt es eine Brille oder ein Piercing? Wo treffe ich es üblicherweise? Was für eine Frisur hat es? Pech, wenn die Person eben beim Coiffeur war oder ihr Zungenpiercing dem Müll zugeführt hat. So könnte auch erklärbar sein, dass Andreas Sie in der Stadt nicht erkannt hat: Er trifft Sie normalerweise im Büro und hat beim Einkaufen gar nicht mit Ihnen gerechnet; zudem waren Sie deutlich legerer gekleidet als am Arbeitsplatz.
Das eigene Gesicht nicht erkannt
Auch Amélie P. machte diese Erfahrung: In einer fremden Stadt flanierte sie durch die Einkaufsstrasse und betrachtete die Auslage im Schaufenster. Verwundert stellte sie fest, dass eine Frau im Innern des Ladens sie unentwegt anstarrte. Da fiel ihr auf: Die Frau im Schaufenster trägt die gleichen Ohrringe wie ich – das bin ja ich. «Amélie hatte nicht erwartet, dass das Schaufenster so stark verspiegelt war. Deshalb dachte sie spontan, dass die Person im Schaufenster jemand anderes sein müsste», erklärt Meike Ramon.
Eine andere ihrer Probandinnen, Marlise F.* (heute 51), Prosopagnostikerin von Geburt an, hat drei Töchter, zwei davon eineiige Zwillinge. Alle drei gingen in denselben Kindergarten. Damit sie sie problemlos unterscheiden konnte, kleidete sie die Kinder bewusst unterschiedlich. Das ging so lange gut, bis sie die drei einmal vorzeitig vom Kindergarten abholen wollte und alle Kinder, alle in gleichen Arbeitskitteln, mit Fingerfarben malten: Marlise erkannte ihre Töchter nicht. Und sie erzählt, dass eine von ihnen einmal freudestrahlend auf eine fremde Frau zulief und «Mama!» rief. Die Mutter hatte die Entwicklungsstörung offensichtlich auf die nächste Generation vererbt.
«Ob man eine Person wiedererkennt, hängt auch bei Nicht-Gesichtsblinden stark von den Umständen ab, unter denen man sie kennengelernt hat.»
Erkennt man eine Person nicht (gleich) wieder, muss man nicht zwingend ein Prosopagnostiker sein. Ob man eine Person wiedererkennt, hängt auch bei Nicht-Gesichtsblinden stark von den Umständen ab, unter denen man sie kennengelernt hat. War man gerade müde oder gestresst? Hat man mit ihr gesprochen? War sie einem sympathisch? Eine Rolle spielt auch die Erfahrung: Eine Säuglingsschwester ist in der Regel besser darin, Babys auseinanderzuhalten. Und: «Bis zu einem bestimmten Mass kann sich jeder verbessern», sagt die Forscherin. Auch Andreas. Und auch Sie selber.
*Name geändert