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Amerika ist eine Spieluhr. Das war es damals schon. Damals, 1844, als Heyum Lehmann (Felix Knopp) als erster von drei Brüdern amerikanischen Boden betrat. Der Sohn eines jüdischen Viehändlers aus Rimpar in Bayern nimmt die Aufforderung zum Spiel an, veräussert sein Hab und Gut und sein Plan geht auf. Zusammen mit seinen nachgereisten Brüdern Mayer (Bettina Riebesel) und Emanuel (Jörg Dathe) gründet er die Lehman Brothers. Die drei ergänzen sich gegenseitig: Henry (wie er in Amerika genannt wird) als Kopf, Emanuel, der Arm und Mayer die Kartoffel, die dazwischen geht, wenn Kopf und Arm aneinander geraten. Schon bald ist Lehman Brothers führender Käufer und Verkäufer von Rohbaumwolle. Was folgt, ist die Erfolgsgeschichte einer Familie, die ein bitteres Ende nimmt.
Dieses Ende ist den Zuschauern bekannt: Der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers erschütterte 2008 die globalen Märkte und löste die Finanzkrise aus. Die Lehman-Pleite gilt als der spektakulärste Bankrott der Bankengeschichte. Doch wer steckt hinter der Marke «Lehman Brothers»? Stefano Massini, der italienische Autor des Theaterstücks, geht dieser Frage nach. In sehr ausführlicher Art und Weise erzählt er die Familiensaga. Die Kurzfassung geht so: Der Kopf Henry stirbt unerwartet an Gelbfieber, Emanuel will Handeln und Geld verdienen, wie es ein Arm tut. Dazu eröffnet er eine Niederlassung in New York, dem Zentrum der Welt. Die Kartoffel Mayer macht mit und finanziert nach dem amerikanischen Bürgerkrieg den Wiederaufbau Alabamas. Damit ist der Grundstein zur Entwicklung der Lehman Brothers Bank gelegt. Das Glück fliegt ihnen – beruflich und privat – nur so zu. Die Lehman Brothers investieren in die unterschiedlichsten Branchen (auch in den Krieg), heiraten, zeugen Nachkommen und vermehren ihren Reichtum. Auf Mayer und Emanuel folgen Emanuels Sohn Philip und schliesslich dessen Nachkomme Robert (grossartig: Marcus Signer). Nach Roberts Tod im Jahre 1969 sind keine Familienmitglieder mehr im operativen Geschäft der Firma tätig. In den Folgejahren entkoppelt sich das Geldgeschäft immer mehr vom konkreten Warenhandel und das System gerät unter Dick Fuld, dem letzten Präsidenten, gänzlich ausser Kontrolle.
Die Entkoppelung von Geld geht mit der Entkoppelung von der Herkunft, der Tradition einher. Die tiefe jüdische Verwurzelung wird von Generation zu Generation schwächer. Und damit wird dem Kartenhaus zunehmend das Fundament entzogen. Weitere Anzeichen für den Untergang dieser Dynastie sind im Stück schon früh zu erkennen. Wie eine vage Vorausdeutung schweben sie über dem Geschehen und konkretisieren sich beispielsweise in den Albträumen der Familienoberhäupter. Auch Henrys Motto («bescheiden bleiben») wird keine Beachtung geschenkt: Emanuel will ein Vermögen anhäufen, Philip versucht nicht zu gewinnen, sondern er beschliesst zu gewinnen und Robert sehnt sich nach der Weltherrschaft. Die immer grösser werdende Gier spiegelt sich in der immer verrückteren Inszenierung. War das Bühnenbild zu Beginn noch rudimentär (ein paar geschickt eingesetzte Kartonschachteln), befindet es sich im zweiten Teil in einem stetigen Veränderungsprozess und wird schliesslich zu einer riesigen Mauer umgebaut. Ebenso das Schauspiel, welches sich von einem traditionellen Sprechtheater in ein hastiges, multimodales Erlebnistheater verwandelt. Am Ende wird die Wirklichkeit hinter der Mauer nur noch filmisch vermittelt. Das Geschehen driftet weg, die Handlung ist für den Zuschauer nicht mehr wirklich greifbar, bis am Ende – bumm – die Mauer einstürzt. Die Darsteller zeigen sich während gut drei Stunden als ausgeglichenes und stets wandelbares Kollektiv. Erzählt wird die Geschichte in Dialogen, Selbst-Berichten der Handelnden (immer in der dritten Person) oder Langgedichten. Die Handlung wird auf (irr-)witzige Weise zügig vorangetrieben und mit Musik von Micheal Frei an der Slidegitarre untermalt. ‚Lehman Brothers’ ist im doppelten Sinne ein Spiel, welches den Zuschauer gleichzeitig fordert, ihn zum Lachen bringt und zum Nachdenken anregt. «Wie bleibt man mit den Füssen auf dem Boden ohne dass die Krankheit der Unmässigkeit einen befällt?» – das Spiel liefert keine Antwort auf Emanuels Frage, sondern höchstens ein Negativbeispiel.