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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

40. Vortrag
2.
Wir haben zu euch über die vorausgehende Lesung gesprochen, indem wir euch darlegten, wie es zu verstehen sei, daß der Vater wahrhaft, der Sohn die Wahrheit ist. Als aber der Herr Jesus gesagt hatte: „Der mich gesandt hat, ist wahrhaft“1, verstanden die Juden nicht, daß er vom Vater zu ihnen redete. Und er sprach zu ihnen, was ihr soeben bei der Lesung gehört habt: „Wenn ihr des Menschen Sohn erhöht haben werdet, dann werdet ihr erkennen, daß ich es bin, und von mir selbst tue ich nichts, sondern wie mich der Vater gelehrt hat, dies rede ich“. Was heißt das? Denn nichts anderes scheint er gesagt zu haben, als daß sie nach seinem Leiden erkennen würden, wer er sei. Ohne Zweifel also sah er darunter einige, die er kannte, die er selbst mit seinen übrigen Heiligen vor Grundlegung der Welt im Vorherwissen auserwählt hatte, zum voraus [S. 592] als solche, die nach seinem Leiden glauben würden. Das sind jene, welche wir beständig anempfehlen und eindringlich zur Nachahmung vorstellen. Denn als nach dem Leiden, der Auferstehung und Auffahrt des Herrn der Heilige Geist von oben gesandt worden war und im Namen dessen Wunder geschahen, den die verfolgungssüchtigen Juden als einen Toten verachtet hatten, wurden sie zerknirscht im Herzen, und die ihn wutschnaubend getötet hatten, änderten ihren Sinn und wurden gläubig, und das Blut, das sie in ihrer Wut vergossen, tranken sie nun gläubig ― jene dreitausend und jene fünftausend Juden2. Diese sah er damals, als er sagte: „Wenn ihr des Menschen Sohn erhöht haben werdet, dann werdet ihr erkennen, daß ich es bin“. Als wollte er sagen: Ich verschiebe eure Erkenntnis, um mein Leiden zu vollenden; in der euch bestimmten Reihenfolge werdet ihr erkennen, wer ich bin. Nicht als ob alle von denen, die es hörten, dann erst gläubig werden sollten, d. h. nach dem Leiden des Herrn; denn bald darauf heißt es: „Als er das sprach, glaubten viele an ihn“, und doch war der Sohn des Menschen noch nicht erhöht. Er meint nämlich die Erhöhung des Leidens, nicht der Verherrlichung; des Kreuzes, nicht des Himmels, da er auch dort erhöht wurde, als er am Kreuze hing. Aber diese Erhöhung war eine Erniedrigung. Denn damals „ist er gehorsam geworden bis zum Tode des Kreuzes“3. Dies mußte erfüllt werden durch die Hände derer, die nachmals gläubig werden sollten. Zu diesen sagt er: „Wenn ihr des Menschen Sohn werdet erhöht haben, dann werdet ihr erkennen, daß ich es bin“. Warum das, als damit niemand, welches Vergehen auch immer er auf dem Gewissen haben mag, verzweifle, wenn er sieht, daß denen der Mord vergeben wird, die Christus getötet hatten?
1: Joh. 8, 26.
2: Apg. 2, 37. 41 und 4, 4.
3: Phil. 2, 8.