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«Ich bin alt genug, um 1000-jährige Reiche überlebt zu haben» ist ein Satz, der in mehrfacher Hinsicht nachhallt. Nicht viele können ihn in den Mund nehmen. Der Jude, Marxist und Historiker Eric Hobsbawm ist einer von ihnen. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er, der bereits früh zur Waise geworden war, in Wien und Berlin, wo er um die Zeit von Hitlers Machtergreifung Mitglied einer kommunistischen Zelle wurde. Im Jahre 1933 emigrierte er nach England, um später in Cambridge am berühmten King’s College mit einem Begabtenstipendium Geschichte zu studieren.
Heute ist Hobsbawm ein fast 90 Jahre alter und weltweit berühmter Mann mit einer ebenso eindrücklichen Bio- wie Bibliographie. Letztere reicht von «Ungewöhnliche Menschen» über das «Zeitalter der Extreme » bis zum Vorwort zu einer Neuauflage des Kommunistischen Manifests. Sein Denken und Schreiben zeichnen sich durch eine ausdrückliche politische Schärfe aus, die er entgegen der sonst gängigen Manier selbst dann nicht verliert, wenn es um seine eigene Autobiographie geht, die letztes Jahr unter dem Titel «Gefährliche Zeiten» bei Hanser erschienen ist. Im Gespräch mit der Publizistin Klara Obermüller zeigte sich Eril L. Hobsbawm denn auch nicht nur als ungemein konzentrierter und sprachgewandter, sondern eben auch als genuin politisch argumentierender Historiker.
Was das mit viel professoraler und politischer Prominenz angereicherte Publikum in der bis auf den letzten Platz gefüllten Aula der Universität Zürich zu hören kriegte, war eine in grossen und trotzdem präzise gezogenen Bögen vorgetragene Gegenwartsanalyse. Wir sähen uns seit dem «Ende der Stabilisierung der Welt» durch den Kalten Krieg mit post-nationalstaatlichen Religionskriegen konfrontiert, welche sich weder in historischen Kategorien aus dem 19. noch in denen des 20. Jahrhunderts adäquat fassen liessen. Mit Luzidität und Faktenwissen zeichnete Hobsbawm so das Gesicht einer Welt, die «seit 1914» den im 18. Jahrhundert eingeschlagenen Weg wieder verlassen habe, der in Richtung Aufklärung, Fortschritt der Menschenrechte und Förderung einer weltlichen Vernunft geführt hätte; weg von heute wieder modisch gewordenen religiösen Grössen wie Seelenheil und Verdammnis. Stattdessen verfalle man derzeit erneut technologischen Illusionen, imperialen Allmachtsfantasien und zynischen Der-Zweck-heiligt-die-Mittel-Formeln. Stichwort: Legitimation von Folter. Zur Politik Washingtons fiel ihm denn – nach einer wohl platzierten Kunstpause – auch nichts anderes ein, als dass sie «gänzlich unvernünftig» sei.
Obermüllers Einwurf, es könne ja vielleicht Aufgabe und Chance Europas sein, dieser amerikanischen Hegemonie einen Gegenentwurf zu bieten, wollte Hobsbawm so nicht gelten lassen. Weltgeschichte werde heute kaum mehr von Territorialstaaten oder territorialen Staatenbünden gemacht, obwohl diese natürlich noch existierten. Vielmehr müsse man sich mit der Tatsache auseinander setzen, dass die Welt seit dem Ende des Kalten Krieges mit Waffen nachgerade «überschwemmt» sei, die sich zudem – wie die Macht auch – oft in den Händen von diversen nichtstaatlichen Akteuren befänden.
Auf seine lebenslange Allianz mit dem Marxismus angesprochen, erwiderte er, die messianische Hoffnung habe er verloren, mitnichten aber den Glauben, dass aus widersprüchlichen Entwicklungen eine bessere Welt hervorgehen könne. Und zum System Kapitalismus habe Marx immer noch sehr viel Treffendes zu sagen.
Als Klara Obermüller ihn dann zum Schluss bat, eine Hoffnung für die Zukunft zu formulieren, kam nach kurzem Schweigen wieder eines seiner abgründigen, trockenen Bonmots: Wenn die Welt das zwanzigste Jahrhundert überlebt habe, könne sie wahrscheinlich alles überleben. Dies blieb Hobsbawms letztes Wort an diesem Abend.