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Nationallitteratur, obwohl nicht zu leugnen ist, daß auch jetzt noch die Hauptorte Genf, [* 2] Lausanne, [* 3] Neuchâtel und Freiburg, [* 4] auf die sich die geistige Bewegung konzentriert, ihren Sonderinteressen nachgehen und im Banne des Kantonalismus jeder zentralisierenden Richtung mißtrauisch entgegentreten. Die Hauptrolle hat immer Genf gespielt, teils wegen seiner ausgezeichneten Lage, teils weil es im 16. Jahrh. der Hauptsitz der französischen Reformation wurde; seit dieser Zeit hat es europäische Bedeutung erlangt.
Die Zeit vor der Reformation hat in litterarischer Beziehung nicht viel Bemerkenswertes aufzuweisen. Einige liebenswürdige Gedichtchen des tapfern Ritters Otto von Grandson aus dem 14. Jahrh. (kürzlich entdeckt und veröffentlicht von A. Piaget, 1889), Chroniken, die von den Heldenthaten der Schweizer in den Kriegen mit Karl dem Kühnen berichten, mehrere »Mystères« und »Soties«, die zum Teil schon von hugenottischem Geiste durchweht sind, das ist alles. Die interessanteste Persönlichkeit ist noch der Gefangene von Chillon, Franz Bonivard (1493 bis 1570), dessen Chronik die mannhafte Gegenwehr der Stadt Genf gegen die Herrschaftsgelüste des Herzogs von Savoyen schildert, und der in diesen Kämpfen seine Überzeugung mit langjähriger Gefangenschaft büßen mußte. Er führt uns schon mitten in die Reformationszeit hinein; denn als er 1536 infolge der Eroberung des Waadtlandes durch die Berner seine Freiheit erhielt, hatte Farel schon die Herzen vieler Genfer Bürger der neuen Lehre [* 5] gewonnen und Calvin bewogen, sich in Genf niederzulassen, Farel ging nach Neuchâtel und begründete hier die Reformation; in Lausanne wirkte Viret, ein tüchtiger Gelehrter, einflußreicher Prediger und geschickter Polemist.
Calvin entwickelte in Genf eine wunderbare Thätigkeit: er begründete die Kirche angesichts der Feinde, machte die Bibel [* 6] zur Grundlage des Staates, reinigte die Sitten, unterdrückte die innern Zwistigkeiten, brachte, da er eigentlich mehr Humanist als Theolog war, die Studien zu Ehren und richtete den höhern Unterricht an der neugegründeten Akademie ein, an der nun Pastoren, Lehrer und Gelehrte für ganz Europa [* 7] ausgebildet wurden. Er war ein Meister der französischen Sprache [* 8] (die Franzosen nennen ihn einen der Väter ihrer Sprache), und seine umfassende litterarische Thätigkeit hat hauptsächlich dazu beigetragen, Genf zu seiner einflußreichen Stellung zu erheben.
Der Bücherhandel nahm einen kolossalen Aufschwung, in den Druckereien wurden die reformatorischen Schriften nicht nur für Frankreich, sondern auch für Deutschland, [* 9] Holland, England gedruckt, und zahlreiche Humanisten, wie Cordier, die beiden Stephani, Hotman, Casaubonus, Beroaldus u. a., nahmen in Genf vorübergehenden oder dauernden Aufenthalt. Dazu kamen ca. 2000 Flüchtlinge aus Frankreich und Italien, [* 10] die ihre Kunst und ihren Gewerbfleiß, aber auch ihre starren republikanischen Ideen und die traurige Stimmung der Verbannung mitbrachten.
Calvin und seine Amtsgenossen führten ein strenges Regiment, und so konnte es nicht ausbleiben, daß sich Sitten und Lebensführung gänzlich änderten. Die Stadt bekam ein ernstes, mürrisches Antlitz; mit Härte wurde die Kirchenzucht geübt; Spiele und Zerstreuungen, Aufwand in Kleidung, in Essen [* 11] und Trinken waren verpönt, jede sündhafte und unanständige Äußerung wurde streng bestraft. Nach Calvins Tod (1564) galt Theodor v. Beza unbestritten als das Haupt des französischen Protestantismus. In seiner Jugend hatte er andern Anschauungen gehuldigt, wie seine leichtfertigen Jugendgedichte beweisen; in Genf aber war er durch die mächtige Persönlichkeit Calvins bezwungen und bekehrt worden und wirkte nun 42 Jahre lang als Lehrer und Prediger mit großartigem Erfolg. In Charakter, Geschmack und Neigung das Gegenteil seines strengen Freundes, als Schriftsteller ihm nicht gewachsen, übertraf er ihn doch an Anmut und Eleganz; seine zahlreichen satirischen und polemischen Schriften zeigen den glänzenden Redner, und seine Psalmenübersetzung ist nicht ohne dichterischen Schwung.
Überhaupt steht in dieser Periode fast alle litterarische Thätigkeit im Dienste [* 12] der Religion, und anderseits sind die, die den Musen [* 13] opferten, fast durchweg Pastoren und Pastorensöhne. So ist auch Bezas einzige Tragödie, »Le [* 14] sacrifice d'Abraham«, weiter nichts als eine eindringliche Predigt, und die einzigen Gedichte, die poetisches Gefühl verraten, sind von dem Neuchâteller Pastor Blaise Hory hinterlassen. Außerhalb dieses Bannkreises steht das frostige allegorische Schauspiel »L'ombre de Garnier Stoffacher« (1584),
wohl die älteste Version des Tellschusses, und die zahlreichen Reimereien, die an die berühmte »Escalade« (1602) anknüpfen; Chappuzeaus Drama »Genève délivrée« (1662) ist wohl noch die erträglichste. Den tapfern Hugenotten Agrippa d'Aubigné mochten die Schweizer gern zu den Ihrigen rechnen, weil er seine Jugendzeit und die letzten Jahre seines Lebens (1620-1630) in Genf zubrachte; allein seine dichterische Thätigkeit, besonders seine kraftvollen »Tragiques«, gehören unzweifelhaft Frankreich an.
Inzwischen hatten die Reformatoren, ihrem Prinzip getreu, überall Schulen eingerichtet, in den Dörfern Elementarschulen, in den Städten Lateinschulen, auch die Akademie von Lausanne. Aber der Zuzug von Fremden hatte bedeutend abgenommen; die Refugiés und die Humanisten wandten sich vorzugsweise nach Holland und machten dies Land zum Mittelpunkt ihrer litterarischen Thätigkeit. Das 17. Jahrh. bedeutet einen Stillstand in der geistigen Entwickelung der französischen Schweiz. [* 15]
Der Widerruf des Edikts von Nantes [* 16] brachte neues Blut nach Genf; diesmal hatten die Naturwissenschaften und die Mathematik am meisten Vorteil davon. Auch die Opposition gegen den Calvinismus wurde starker und nachhaltiger; während noch 100 Jahre früher Sebastian Castalion, ein Gegner der Prädestinationslehre und Apostel der Toleranz (»Conseil à la France désolée«),
in die Verbannung gehen mußte, wurde jetzt unter dem Einfluß Turrettinis, Professors der Kirchengeschichte seit 1694, und seines Freundes Osterwald, Verfassers des großen Katechismus und einer weitverbreiteten Bibelübersetzung (1744), die Praxis der Genfer Kirche milder und toleranter, und es konnte sich im Anschluß an den von Deutschland herübergekommenen Pietismus ein liberaler Protestantismus entwickeln, der in Marie Huber (gest. 1753) und in Béat de Muralt (gest. 1749) seine Hauptvertreter fand.
Muralt ist zugleich der bemerkenswerteste Schriftsteller jener Zeit; seine »Lettres sur les Anglais et les Français« können die würdigen Vorläufer der »Lettres persanes« von Pascal und der »Lettres anglaises« von Voltaire genannt werden. Viel schroffer standen sich die politischen und sozialen Parteien gegenüber, die Négatifs, Représentants und Natifs; ihre Zwistigkeiten nahmen oft einen blutigen Ausgang und konnten zum Teil nur mit Hilfe des Auslandes beigelegt werden. Daraus erklärt sich auch die Unmasse von politischen Schriften, Satiren und Liedern, die in dieser ¶
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Zeit entstanden sind, deren Interesse aber naturgemäß mit ihr vergangen ist.
Von entscheidende Einfluß auf die geistige und moralische Entwickelung der französischen Schweiz war der Aufenthalt Voltaires. Im Dezember 1754 ließ er sich in der Nähe von Genf nieder, teils von der schönen Natur, teils von den vorzüglichen Druckereien angelockt, in denen damals so manche epochemachenden Werke gedruckt wurden, trat alsbald in lebhaften Verkehr mit einigen angesehenen Familien, so mit den Pastoren Vernet und Vernes, dem berühmten Arzt Tronchin nebst seinen zwei Brüdern, dem Professor Pictet, und bezauberte alle durch seine Liebenswürdigkeit;
als er aber versuchte, seine »Zaïre« auszuführen, stieß er auf den hartnäckigen Widerspruch des Konsistoriums;
schon seit Calvins Zeiten waren dramatische Aufführungen, außer etwa geistlichen, nicht mehr geduldet und selbst Privataufführungen bestraft worden. In seiner Eitelkeit verletzt, wandte er sich nach Lausanne und fand dort besseres Entgegenkommen, besonders bei den Frauen;
auch die Pastoren scheuten sich nicht, den Gesellschaften und Aufführungen des geistreichen Spötters beizuwohnen.
Nach Genf zurückgekehrt, beschloß er, sich an den Muckern zu rächen; einige bissige Artikel in der Encyklopädie und gottlose Schriften, wie »Le désastre de Lisbonne« und später »Candide«, reizten die Angegriffenen zu heftigen Erwiderungen; und um seine Gegner an der empfindlichsten Stelle zu treffen, ließ er auf seinem Landgut Ferney an der Grenze des Genfer Gebiets einen Theatersaal erbauen und dort seine Dramen (unter andern »Tancrède«) aufführen, wozu wieder die Genfer Gesellschaft Schauspieler und Publikum stellte.
Auch J. J. Rousseau, Genfs größter Bürger, griff in den Streit ein; hatte Voltaire Beziehungen zu der regierenden Klasse und zahlreiche Anhänger unter den Natifs, so hielt sich der demokratische Rousseau zu den Représentants, in deren Sinne er auch gegen Voltaire die »Lettres sur les spectacles« schrieb. Mit dem Rate der Stadt aber hatten es beide verdorben: der ließ sowohl den »Candide« als den »Émile« verbrennen und die »Nouvelle Héloïse« als unmoralisch verbieten. Rousseau suchte sich zwar mit den »Lettres de la Montagne« zu rechtfertigen, fachte damit aber den Streit erst recht an. Voltaire behielt doch das letzte Wort (mit »Guerre civile de Genève«),
und 1782 wurde nach wiederholter Intervention des französischen Gesandten eine Schauspielertruppe in Genf eingeführt und ein steinernes Theater [* 18] erbaut; die ersten Direktoren waren Fabre d'Eglantine und Collot d'Herbois.
Einen glänzenden Aufschwung hatten die Naturwissenschaften genommen. Männer wie Cramer, Calandrini, Jallabert, De Luc, Pictet, besonders aber Charles Bonnet (gest. 1793) und sein berühmter Nesse Bénédict de Saussure (gest. 1799) zogen durch ihre Beobachtungen, Reisen und Forschungen die Augen von ganz Europa auf sich. Auch auf andern Gebieten regte es sich: neben dem trefflichen Historiker Mallet muß der Bibliothekar Senebier erwähnt werden, der mit großem Fleiße, aber geringem Stilgefühl und wenig maßvollem Urteil eine Litteraturgeschichte von Genf schrieb. In Bern [* 19] gab es damals einige ausgezeichnete Gelehrte, die sich der deutschen wie der französischen Sprache gleich gut bedienten und darum wohl hier genannt werden dürfen: Albrecht v. Haller, Bonstetten, Lerber, der sogar gute Verse machte, und der Amtmann Sinner, der als Übersetzer, Sammler, Archäolog und Bibliophil geschätzt war.
In Lausanne hatte der Voltairesche Geist am meisten gewirkt. Da die Abhängigkeit von Bern den Söhnen der vornehmen Familien die politische Laufbahn verschloß, so mußten sie, wenn sie Drang nach Thätigkeit empfanden, außer Landes gehen, häufig als Erzieher hochstehender Persönlichkeiten. Diese mit ihren im Ausland gesammelten Erfahrungen, die Waadtländer mit ihrer Leichtlebigkeit und Liebenswürdigkeit, eingewanderte Franzosen und die zahlreichen Fremden, die von Jahr zu Jahr in immer größern Scharen die schönen Ufer des Sees aufsuchten, bildeten eine Art kosmopolitischer Gesellschaft, in der die geistreiche Geselligkeit der Pariser Salons mit Glück nachgeahmt wurde.
Einer der interessantesten Gäste war der Engländer Eduard Gibbon, der Hauptmagnet der berühmte Arzt Victor Tissot, dessen »Avis au peuple de la santé« in kurzer Zeit 15 Auflagen erlebte und in 17 Sprachen übersetzt wurde. Die Schriftstellerei wurde bei den Damen Modesache, seitdem Frau v. Montolieu mit ihren ziemlich faden Romanen viel Beifall gefunden hatte, besonders mit »Caroline de Lichtfield« (1786) noch dem genießbarsten von allen. Etwas höher stehen die »Poésies helvétiennes« des Dechanten Ph. Bridel, in denen schon hin und wieder nationaler Geist zu spüren ist.
Allein es mangelt ihm an Präzision und Klarheit des Ausdrucks, und sein poetisches Gefühl ist nicht echt. Auch in Neuchâtel machte sich in jener Zeit geistiges Leben bemerkbar; hier war es Frau v. Charrière, eine Holländerin von Geburt, die Verfasserin der »Lettres neuchâteloises« und »Lettres de Lausanne« (von Sainte-Beuve gelobt),
und der treffliche Kritiker David Chaillet (im »Mercure suisse«),
die einen kleinen, aber angeregten Kreis [* 20] um sich versammelten, dem auch Benjamin Constant eine Zeitlang angehörte.
Während der französischen Revolution und des Kaiserreichs absorbierte Frankreich alle Interessen und Kräfte der Schweiz, zumal da die Proklamierung der Helvetischen Republik und die Mediationsakte sie eng mit dem Nachbarland verbanden. Von den Schweizern, welche in dieser Zeit politisch und litterarisch für Frankreich thätig waren, sind zu nennen: der Bankier u. Minister Necker, der Baron v. Besenval, den Sainte-Beuve neben B. Constant den französischten aller Schweizer nennt, die beiden Theologen Reybaz und Dumont, Freunde Mirabeaus, die ihm häufig die Konzepte zu seinen Reden lieferten, Benjamin Constant, der Freund der Frau v. Staël, General Jomini, der berühmte Militärschriftsteller, u. a. m. Frau v. Stael war zwar in Paris [* 21] geboren und in Geschmack und Gewohnheiten Französin, allein ihrer Natur nach eine Schweizern, eine echte Tochter Rousseaus und in Ideen und Gefühlen mehr germanischem Wesen sich zuneigend, und so ganz dazu geeignet, die Kulturmission der französischen Schweiz zu erfüllen, zwischen den germanischen und romanischen Völkern zu vermitteln. Dennoch wollte sie von der Schweiz nichts wissen, und der Aufenthalt in Coppet war für sie trotz der herrlichen Natur und der interessanten und glänzenden Gesellschaft, die sich dort zusammenfand, eine Strafe.
Mit der Loslösung der Schweiz von Frankreich (1814) erwachte neues geistiges Leben, vornehmlich in Genf; hier lebten und lehrten die Gebrüder Pictet, die 1796 die »Bibliothèque britannique« gegründet hatten, aus der die »Bibliothèque universelle« entstanden ist, der ernste Geschichtschreiber Sismondi, der mit Corinna in Italien reiste, der Genfer Gesetzgeber Bellot, seit 1803 auch ¶