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© Institut für Evolutionäre Medizin
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Der Gürtel besteht aus zwei seitlich um den Körper fassenden, in Lederpolster eingenähten Metallfedern (Abb. 1). Ihre hinteren Enden treffen sich im Rücken; die eine trägt eine massive Öse, die andere bietet drei darüber passende Durchlässe, und die aktuelle Verbindung ist mit einem kleinen Vorhängeschloss gesichert (Abb. 2). Der Schlüssel fehlt. Unter dem vorderen Treffpunkt der Federn ist ein Gefäss aus beige lackiertem Lochblech befestigt, das anatomisch geformt zur Aufnahme von Penis und Skrotum gedacht war (Abb. 3). Sein Rand ist mit einem Lederpolster versehen. Unten am Metallgefäss setzen zwei in Leder eingenähte Gliederketten an, die um die Innenschenkel laufend hinten zum Gürtel hochziehen, wo sie mit Ringen und feinen Ketten in der Länge verstellbar befestigt sind. Von der Grösse her ist der Gürtel für einen Knaben gedacht.
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Eine Herstellermarke fehlt. Im 1882 erstellten Inventar zur Sammlung der Chirurgischen Klinik sind unter «Bandagen» als Nummern V.5 und V.6 zwei «männliche Keuschheitsgürtel» aufgeführt. Der vorliegende Gürtel dürfte einer davon sein, denn am Schlossbügel hängt noch ein Stück Schnur jener Art, mit der damals die Nummernetiketten angebunden wurden. Welche alte Nummer es trug und wo das zweite Stück verblieben ist, liess sich nicht bestimmen. Auch gibt das Inventar von 1882 keinen Aufschluss, wo sie sich vorher befand.
Das Wort «Keuschheitsgürtel» ist mehrdeutig, weshalb wir den Begriff «Onaniebandage» vorziehen. Unter dieser Bezeichnung wurden diese Geräte seinerzeit nämlich angeboten1 und als solches war es auch in der ehemaligen Dauerausstellung bezeichnet. Ein Keuschheitsgürtel im engeren Sinn müsste auch den Zugriff auf den Anus verhindern, was weder das vorliegende Stück noch die meisten Konkurrenzmodelle taten.
1: Ähnliche Stücke: Katalog Heinecke 1882, S. 136-137, Nr. 1868a. Katalog Odelga 1906, S. 243 Nr. 4987. Katalog Windler 1912, S. 884, Nr. 27079a. Besonders ähnlich: Katalog Haran 1901, S. 15, Fig. 74 und Katalog Rainal Frères 1905, S. 416, Fig. 19.
Im 18. und 19. Jahrhundert trieb die traditionelle Vorstellung, ein Samenerguss ziehe eine körperliche Schwächung des Mannes nach sich, seltsame Blüten. Der Gedanke war in der antiken Vier-Säfte-Lehre (=Humoralpathologie) verwurzelt. Zwar gehörte Sperma nicht zu den vier Hauptsäften Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle. Doch viele antike Autoren heben dessen besonderen Energiereichtum hervor, besass der Samen doch die Kraft, neues Leben entstehen zu lassen. Diese «Lebenskraft» stammte nach damaliger Auffassung vom Mann. Trotz grosser Fortschritte bezüglich Anatomie und Embryonalentwicklung blieb die Empfängnis selbst noch ein Mysterium. Gefangen in traditionellen Rollenbildern wurde deshalb der männliche Beitrag über- und der weibliche unterbewertet.
Die Ärzte der Antike strebten nach der Aufrechterhaltung und Wiederherstellung von Gleichgewichten und sahen medizinische Gefahren sowohl in der sexuellen Verausgabung wie auch in der Abstinenz. Ab dem 18. Jahrhundert fixierte man sich aber zunehmend auf das erstere und empfahl generelle Enthaltsamkeit. Die christlich-moralische Dimension wurde selten ausgesprochen – immerhin befand man sich im Zeitalter der Aufklärung – sie schwang aber unterschwellig mit. Im frühen 19. Jahrhundert prägte dann das Second Great Awakening im angelsächsischen Raum den öffentlichen Diskurs in moralischen Fragen, während im restlichen Europa die politische Restauration nach der Verbannung Napolens I. eine generelle Hinwendung zu konservativen Werten förderte.
Anfangs wurde besonders vor dem Onanismus2 gewarnt, der exzessiven Hingabe an die Selbstbefriedigung. Er wurde unter anderem in Ratgebern thematisiert, welche die Fortpflanzung des Menschen beschrieben und was angehende Eheleute darüber wissen sollten.3 Mit der Zeit erschienen immer mehr spezifische Abhandlungen zum Thema. Zu den prominenten Warnern gehörte der Schweizer Arzt Samuel Auguste André David Tissot (1728-1797) in Lausanne, dessen Schriften speziell auf diesem Gebiet wiederholt aufgelegt und in mehrere Sprachen übersetzt wurden.
Generell war man überzeugt, wiederholte Ergüsse würden die Samenproduktion schwächen. Weil dabei das Rückenmark als besonders stark involviert galt, wurde auf eine damit einhergehende Schwächung der Nerven geschlossen. Diese sollte in eine Schwächung der Sinne – das berühmt-berüchtigte «Blindwerden» – und schliesslich des Geistes münden. Die finalen Folgen illustrierte man gerne mit drastischen Abbildungen.4
Mit der Zeit wurde sogar vor gelegentlicher Selbstbefriedigung gewarnt. Aus heutiger Sicht war dies erstaunlich einfach zu erreichen. Im 18. und frühen 19. Jahrhundert genügte es, wenn ein Arzt eine Fallgeschichte publizierte, um eine Theorie zu begründen; berichtete ein zweiter Arzt über einen ähnlichen Fall, galt die Theorie bereits als bestätigt. Koinzidenz wurde nur zu gerne mit Kausalität gleichgesetzt, weil generell zu wenige Fälle publiziert wurden, um statistisch auswertbar zu sein. Deshalb wurde selbst die Spermatorrhoe, der unwillkürliche nächtliche Samenerguss, zunehmend als Gefahr eingestuft.
2: Die «Sünde Onans» bestand darin, ein alttestamentarisches Ritual abgebrochen zu haben, dessen Vollzug heutigen Christen mehr als nur Stirnrunzeln bereiten würde. Die Gleichsetzung mit Selbstbefriedigung erforderte längere theologische Erörterungen, vgl. Wikipedia, Onan.
3: Z.B. in Anonym 1719.
4: Brodie 1845, Taf. No. 1 + 2. Co. 1847, Plate 4 + 5.
Unser Gürtel folgt dem Modell, das Jalande-Lafond im frühen 19. Jahrhundert publizierte.5 Das Kernstück ist eine anatomisch geformte Blechkapsel zur Aufnahme von Penis und Skrotum. Sie verhindert primär die manuelle Stimulation der Geschlechtsteile. Die Penisröhre ist zudem so eng gekrümmt, dass nicht genügend Blut einfliessen kann, um die Schwellkörper zu füllen. Durch das Verhindern der Erektion sollte auch der Erguss verunmöglicht werden.
Es gab auch einfachere Modelle ohne anatomisch geformte Kapsel, die die Schamgegend flächig abdeckten und so eng geschnürt wurden, dass sich die Hand nicht unter den Stoff schieben liess. Aufschlussreich ist besonders, dass sich solche Gürtel nur mit einem Schlüssel anlegen und abnehmen liessen. Zudem waren viele – wie unserer – derart konstruiert, dass der Träger trotz geschlossenem Gürtel relativ sauber Urin und Kot absetzen konnte. Dafür wurde die Blechkapsel in der Luxusausführung aus geruchshemmendem Silber gefertigt. Das Weissmetall bei unserem Gürtel wurde noch nicht bestimmt, aber Silber wird es nicht sein.
5: Konstruktionszeichnung: Jalade-Lafond 1819, Planche I.
Mündige erwachsene Männer konnten nicht zum Tragen solcher Gürtel gezwungen werden. Von ihnen wurde erwartet, der Verlockung der Selbstbefriedigung aus freiem Willen widerstehen zu können. Die Gürtel waren, wie das Schloss zeigt, primär eine Zwangsmassnahme, mit der Erziehungsberechtigte Knaben und Heranwachsende nachts von schändlichem Tun abhalten konnten. Gürtel in Erwachsenengrösse – wenn man einen finden sollte – waren vermutlich für geistig Behinderte gedacht.
In ärztlichen Krankengeschichten werden Onaniebandagen kaum erwähnt und das macht es schwierig, ihre reale Einsatzgeschichte zu bestimmen. Es gab sie aber frei im Handel und sie konnten von allen erworben werden, die glaubten, dem nächtlichen Treiben ihres Nachwuchses anders nicht Herr werden zu können. Aus den medizinischen Verkaufskatalogen verschwinden sie erst ab 1920, das dann aber recht zügig.
Erst der Aufschwung der Sexualwissenschaften im mittleren 20. Jahrhundert enttarnte die meisten Theorien zur Schädlichkeit sexueller Aktivitäten als unzutreffend und war wissenschaftliche Grundlage für die sexuelle Liberalisierung in den 1960er.
Heute werden ähnliche Geräte wieder angeboten, allerdings im Erotikbereich. Sie haben dort die unmittelbare Funktion, einen der Partner temporär, aber zuverlässig von physischer Stimulation auszuschliessen, um seine Empfänglichkeit dafür zu steigern und der Beziehung eine andere Dynamik zu verleihen. Auch werden sie gerne in Rollenspiele um Dominanz und Unterwerfung eingebunden, ein Echo der bitteren Realität, die zu ihrer Erfindung geführt hat.
Martin Trachsel