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Wilchingen - Osterfingen, zum Verhältnis zweier Nachbardörfer
Unser Stammvater Wiliko hat sich für die Entwicklung seiner Siedlung einen weitaus günstigeren Ort ausgesucht als der Nachbar Ostrolf. Sie konnte sich über die ganze Talbreite des Klettgaus bis auf den Berg hinauf ausbreiten. Osterfingen im engen Seitental war in seiner Expansion zum vorneherein eingeengt. Gegen Norden und Osten steigen die Berghöhen des Südrandens an, gegen Süden und Westen dehnte sich das Sumpfgebiet des Weisweiler Sees. Um Ackerboden zu gewinnen, mussten die Osterfinger auf den Nack steigen und mühsam das Wangental urbarisieren.
Ohne es zu ahnen, haben Wiliko und Ostrolf durch ihre Ortswahl das Schicksal und Wachstum ihrer Gründungen bis auf den heutigen Tag bestimmt. Der Wilchinger Gemeindebann umfasst 1576 Hektar, der Osterfinger 534. Von Bedeutung wurden die demographischen Unterschiede, die Einwohnerzahlen. Die erste Feuerstättenzählung im Jahr 1531 ergab in Wilchingen 50, in Osterfingen 17 Häuser. Bei der ersten Volkszählung im Jahr 1771 lebten in Wilchingen 763 Personen, in Osterfingen 349. Immer weiter klafften die Kräfteverhältnisse auseinander. Bei den regelmässigen Volkszählungen im 19. Jahrhundert war Osterfingen die einzige Ortschaft der Schweiz, wo von Jahrzehnt zu Jahrzehnt nur Rückgänge erfolgten. Ausschlaggebend wurde der Verkehr. Wäre die Badische Bahn, wie ursprünglich geplant, durch das Wangental mit einer Bahnstation zwischen dem Osterfinger Bad und dem Zollhaus geführt worden, hätte die Entwicklung einen anderen Verlauf genommen.
Bei allen Unterschieden darf das Gemeinsame nicht übersehen werden. Durch den Verzicht der Eidgenossen auf die Einverleibung der im Schwabenkrieg im Klettgau eroberten Gebiete wurden Wilchingen und Osterfingen zu Grenzdörfern, die sich nach der Reformation nicht nur politisch, sondern auch religiös von der deutschen Nachbarschaft trennten. In beiden Ortschaften bildete sich eine Gemeinde mit einer ähnlichen Behörden- und Verwaltungsstruktur und vergleichsweise grossen Selbstverwaltungsrechten. Der Rebbau brachte ihnen im Vergleich zu den Randengemeinden einen gewissen Wohlstand. Hauptziel des traditionellen schweizerischen Strebens nach Selbstbestimmung war eine eigene Pfarrei. Wilchingen und Osterfingen wurden - mit grossem zeitlichen Abstand - selbständige Kirchgemeinden, Wilchingen 1515 durch die hartumstrittene Loslösung von Erzingen, Osterfingen 1806 durch die Trennung von Neunkirch.
Folgenschwere Entscheide für das Verhältnis zwischen den beiden Gemeinden sind im 16. Jahrhundert gefallen. Nach einer Periode guter Weinernten erfasste die Wilchinger ein erstaunlicher Expansionswille. Im März 1530 kauften sie vom Schaffhauser Spital die Altfören, die Ausbuchtung des Gemeindebannes nach Süden, und schoben der Osterfinger Ausdehnung einen Riegel. Am 11. Mai 1648 gelang der Kauf des Rossbergs, der Radegg und eines Teils des Trisbergs vom Schaffhauser Grossgrundbesitzer Wilhelm von Fulach um 1760 Gulden. Eine enorme Summe, ein gewaltiger Schuldenberg, eine kühne Tat! Die Gemeinde musste Darlehen aufnehmen und setzte als Unterpfand alle Allmenden und Privathäuser ein, „einer für alle, alle für einen“, wie es im Kaufbrief hiess. Wenige Jahre später wurde dieser Waldbesitz durch den Erwerb des Neunkircher Teils des Trisbergs (heute Neuweg) abgerundet.
Durch diese Aktivitäten wurde Osterfingen zu einer Enklave im Wilchinger Gemeindebann. Dass aus der Umklammerung Konflikte entstanden, war kaum zu vermeiden. Im Schaffhauser Staatsarchiv liegt ein Dossier mit dem Titel „Rossberger Handel“. Es enthält die Akten einer Kette von Prozessen, die durch den Kleinen Rat entschieden wurden. Hauptsächlich verlangten die Osterfinger, dass ihnen die Wilchinger Beiträge an den Strassenbau leisteten, weil sie die Wege zur Holzabfuhr benutzten und beschädigten. Alle Rebbesitzer im „Flöö“ sollten in der Bergtrotte trottpflichtig sein und Zahlungen an den Unterhalt des Gebäudes erbringen. Es mag für die Osterfinger ein Trost gewesen sein, dass sie weitgehend Recht erhielten.
Am Anfang stand den Dorfherden und Hirten reichlich Weideland zur Verfügung. Es gab noch keine vermarkten Banngrenzen. Mit dem Wachstum der Bevölkerungund der Herden kam es in den Randgebieten zu Überschneidungen und Zusammenstössen. Kein Schaffhauser Dorf ist von Weidgangsstreitigkeiten verschont geblieben. Die besonderen Grenzverhältnisse nach dem Kauf des Rossbergs hatten zur Folge, dass die Konflikte zwischen Wilchingen und Osterfingen besonders langwierig und hartnäckig waren. Sie kumulierten, als ein Osterfinger eine uralte Urkunde fand, die beweisen sollte, dass der Rossberg mit den Weiderechten einst zum Osterfinger Territorium gehört habe. Altes Recht bricht Neues!
Im Juni 1711 erschien eine Delegation im Schaffhauser Rathaus und verlangte die Weiderechte auf dem Rossberg, dem Trisberg und im hinteren Wangental. Die Wilchinger belegten mit dem Kaufbrief von 1548, dass alle Nutzungen ihnen gehörten. Die Osterfinger hatten die Prozesskosten zu bezahlen und dazu eine saftige Busse wegen ungebührlichen Verhaltens vor Gericht. In allen Dörfern gibt es zu allen Zeiten ruhige und besonnene Bürger, bockige und ungestüme. In Osterfingen gewannen die Leidenschaftlichen die Oberhand. Als die Wilchinger auf dem Rossberg provokante Marksteine setzten, kam es zu Tätlichkeiten. Das Verhältnis zwischen den beiden Nachbardörfern hatte einen Tiefpunkt erreicht.
Zur Vermittlung setzte die Obrigkeit eine Kommission ein. Sie schlug vor, dass Wilchingen den Osterfingern das Weiden an einigen entlegenen Orten gegen eine geringe Geldsumme erlauben sollte. Ja, um des lieben Friedens wollten sie grosszügig sein und verzichteten auf eine Entschädigung. Da regten sich Trotz und Stolz der Osterfinger. In einer ausserordentlichen Gemeindeversammlung lehnten sie das Angebot fast einmütig ab. Von den Wilchingern wollten sie keine Geschenke!
Wer die Akten in den Archiven studiert, erhält vom Verhältnis zwischen den beiden Dörfern ein schiefes Bild. In den Schriften eingegangen sind die Konflikte und Delikte, die Prozesse und Exzesse, nicht die normalen Zeiten des guten Einvernehmens. In ihrer Grenzlage am Rand der Schweiz waren die beiden Gemeinden zur Zusammenarbeit gezwungen. Im Schaffhauser Stadtstaat wuchsen die Dörfer im Klettgau zu einer Verwaltungseinheit zusammen, was nicht ohne Verluste von lokalen Eigenheiten geschehen konnte. Gemeinsam haben Osterfingen und Wilchingen das Hochwasser des Wangentals bekämpft und um 1600 zum Entsumpfen den Landgraben am Fuss der Altfören ausgehoben, ein Abzugskanal, kein gewöhnlicher Bachlauf. Gemeinsam haben sie eine Strasse durch den Lochgraben nach Rafz gebaut, um den Anschluss an das schweizerische Absatzgebiet zu finden. Aus Vernunftsgründen haben die Osterfinger den Steinbruch im Stuel den Wilchingern überlassen. Früh schon wurde die Nachbarnhilfe bei Feuersbrünsten geregelt.
Doch die finanzielle Überlegenheit Wilchingens und die sozialen Unterschiede liessen sich nie aus der Welt schaffen. Am Neujahrstag 1798 wurden 16 Osterfinger und nur 3 Wilchinger aus der Leibeigenschaft entlassen. Auch Konfliktursachen blieben. Bei der Ausbeutung der Bodenschätze, des Bohnerzes auf dem Südranden, begegneten sich die Nachbarn als Rivalen. Weil den Gruben am nächsten gelegen, war Osterfingen das Schaffhauser Erzgräberdorf. Schon im Jahr 1728 fanden dort oben 18 Knappen und zahlreiche Fuhrleute willkommene Arbeit. Als die Schaffhauser Verwaltungskammer im Jahr 1801 mit Osterfingen einen Akkordvertrag schloss, fühlten sich die Wilchinger übergangen und benachteiligt. Hitzköpfe stürmten auf den Rossberg und vertrieben die Osterfinger aus den Gruben. Sie wurden hart bestraft. Im Jahr 1850 musste der Bergbau eingestellt werden. In der damaligen Wirtschaftskrise wurden Osterfinger arbeitslos, 63 entschlossen sich mit Hilfe der Gemeinde zur gemeinsamen Auswanderung nach Brasilien.
Die Beziehungen verbesserten sich, man kam sich näher. Im neuen eidgenössischen Bundesheer leisteten die Wilchinger und Osterfinger Militärdienst in der gleichen Einheit und wurden zu Kameraden. Es war die Zeit der Vereinsgründung. An Turn- und Sängerfesten kamen Mitglieder aus den beiden Weinbaudörfern zusammen und wurden zu Freunden. Seit 1922 besuchen Schüler aus Osterfingen die neugegründete Realschule in Wilchingen und lernen sich schon in jungen Jahren kennen.
Ein neues Kapitel begann nach dem Zweiten Weltkrieg, ein Wendepunkt der Geschichte selbst aus globaler Sicht. Beide Dörfer erlebten den Wandel der Landwirtschaft, der Bauern mit bedächtigem Vieh- und Pferdefuhrwerk zum vollmechanisierten Unternehmer, den Ausbau der Ställe zu Garagen. Tiefer noch geht die Strukturveränderung der Einwohnerschaft, die weltweite Nivellierung durch Radio und Fernsehen. Mit der wachsenden Mobilität der Menschen haben die Grenzen ihre Bedeutung verloren. Am tiefsten aber wirkt die psychologische Veränderung des Bewusstseins. Dazu ein Beispiel aus dem Lokalbereich unserer Heimatgemeinde: Im Jahr 1777 setzte die Schaffhauser Obrigkeit mit guten Gründen den Wilchinger Förster Georg Meier ab und stellte den Osterfinger Jagdaufseher Kaspar Stoll an. „Wir dulden keinen fremden Richter in unseren Tälern“, erklärten die Eidgenossen im Bundesbrief von 1291.“ „Wir dulden keinen fremden Förster in unseren Wäldern“, riefen die Wilchinger ein halbes Jahrtausend später und trieben solange Sabotage, bis ihnen die Regierung die Wahl eines Einheimischen erlauben musste. Im Jahr 1965 wählten die Wilchinger einen Osterfinger zum Gemeindepräsidenten.
Auf manchen Gebieten wuchsen die Nachbargemeinden zusammen. Nach 1930 schuf die Rebbergmelioration Flüe-Vorderberg die Voraussetzungen für den Wiederaufschwung des Weinbaus. Nach dem Krieg erreichte das Gemeinschaftswerk der Güterzusammenlegung das Ziel, bessere Grundlagen für die Arbeit der Bauern zu schaffen. Der Osterfinger Schützenverein beschloss am 11. November 1974 den Zusammenschluss mit dem Militärschiessverein Wilchingen, nachdem die Schiessanlage auf „Betten“ mit einem namhaften Osterfinger Beitrag erweitert worden war. Auf den 10. Dezember 1974 datiert der Beschluss, im neuen Schuljahr keine erste Klasse mehr zu führen und die einzige Osterfinger Erstklässlerin nach Wilchingen zu schicken. Das war der Beginn der Zusammenarbeit im für jede Gemeinde so wichtigen Schulwesen.
Dr. Kurt Bächtold, Ehrenbürger der Gemeinde Wilchingen