Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03563.jsonl.gz/2686

Zur Entstehung von Pras einzigem richtigen Solo-Hit „Ghetto Supastar (That Is What You Are)“ von 1998 sind uns zwei sehr unterschiedliche Geschichten aufgetischt worden. Wahrscheinlich hätte uns Rusty „Joe Bananas“ Jones alias Ol’ Dirty Bastard noch eine dritte Version erzählt. Aber ihn können wir – im Gegensatz zu Prakazrel Samuel Michel und Wyclef Jean – dazu leider nicht mehr befragen.
Interview mit Pras, Baur au Lac, Zürich, 20.12.07
…Pras hat lange von seiner tiefen Verwurzelung in der HipHop-Kultur gesprochen, seiner Vorliebe für Mode, und ist dann auf aktuell vorherrschende kreative Misere zu reden gekommen. Vieles geschehe in dem Gewerbe heute auf unnatürliche, unorthodoxe Weise. Bei ihm sei das stets anders gewesen…
Pras: …Auch wenn es sehr seltsam scheint: Sogar als ich den Track „Ghetto Supastar“ mit Ol’ Dirty Bastard gemacht habe, geschah alles völlig natürlich. Er kam nämlich einfach irrtümlicherweise in meine Studiosession. Er dachte es sei seine Session und hörte den Beat. Er fragte: Was ist denn das? Whut the fuck is this? I gotta get on this! Er wusste nicht mal, was das war. Aber die Chemie stimmte. Da war nicht der Plan dahinter einfach unbedingt einen vom Wu-tang Clan auf meine Platte zu holen.
Ist er da wirklich irrtümlicherweise einmarschiert?
Pras: Ja. Er dachte er wäre in New York, obwohl wir in Kalifornien waren. Er kam rein und sagte: Was machst du in meiner Session? Ich habe dieses Studio gebucht! Er dachte, er wäre in den Unique Studios in New York. Frag mich nicht, wie er auf die Idee kam. In den Unique Studios muss man den Lift nehmen. Wir waren aber in einem Studio in L.A., in dem es gar keinen Aufzug gibt. Jedenfalls wollte er nicht mehr gehen. Nach einer Stunde Hin und Her haben wir ihm dann den Refrain vorgespielt. Er wollte dann gleich was aufnehmen. Er war ein verdammtes Genie! Erst schrieb ich meine Strophe, dann kam er dran. Er nahm eine Zeile auf, kam wieder aus der Gesangskabine und hörte sie sich an, dann ging er wieder rein und nahm die nächste Zeile auf. Am Schluss tönte es trotzdem wie ein zusammenhängend eingerappter Text. Crazy guy. Und weisst du was? Er nahm die Adlibs auf, bevor er überhaupt irgendeinen Reim geschrieben hatte. Normalerweise nehmen wir die Adlibs immer erst ganz am Schluss auf. Das war ein einmaliges Erlebnis, das sag ich dir.
Interview mit Wyclef Jean, The Cavendish Hotel, London, 06.09.07
…wir hatten über Lauryn Hill gesprochen („She really needs to see a psychiatrist“), und Wyclef hat davon erzählt, dass auch Pras mit seiner Situation nicht zufrieden ist.
Wyclef: Ich hab ihm auch jetzt wieder meine Hilfe angeboten. Ich hab einen Hit für ihn geschrieben, ich kann ihm auch einen zweiten schreiben. Jetzt wär’s sogar noch einfacher damit Erfolg zu haben.
Du hast „Ghetto Supastar“ geschrieben?
Wyclef: Klar. Ich und Jerry haben den Song geschrieben. Bassline, Hook, alles von uns. Ich hab auch Ol’ Dirty Bastard angerufen.
Pras hat erzählt, ODB sei per Zufall in seine Session in LA reingetrampelt und habe behauptet er sei in New York und habe das Studio gebucht!
Wyclef: Nein, ich hab ihn selbst angerufen. I had to make the record believable. Zu jener Zeit war es wichtig damit Glaubwürdigkeit zu erzielen.
Halt, halt, wieso erzählt Pras dann eine ganz andere Geschichte?
Wyclef: Keine Ahnung. Die richtige Geschichte zu dem Song geht so: Jimmy Iovine, der Präsident von Interscope, rief mich an und sagte, er habe einen alten Country-Song entdeckt, den er nun neu aufnehmen wolle. Seine Worte waren: Clef, du weisst wie man jemanden zum Star macht. Ich hab hier diese Sängerin namens Mya. Nimm mit ihr eine neue Version dieses Liedes auf und mach sie damit zum Star. Also bin ich mit Jerry ins Studio gegangen und wir haben Mya den Refrain einsingen lassen. Damals war Mya eine ziemlich lausige Sängerin. Wir haben sie jede Zeile einzeln einsingen lassen bis sie sass und dann alles gesampled. Die Gitarre, den Bass und das Drum Programming haben wir übernommen. Dann sollte Pras seinen Part aufnehmen. Aber der Song brauchte noch die Glaubwürdigkeit, die Positionierung, etwas Kantigkeit. Deshalb habe ich ODB angerufen. Wir haben uns dann in Kalifornien im Studio getroffen. Er lief gleich in die Booth und fing an auf seine einzigartige Weise rumzugurgeln und zu schreien.
Aha, er nahm zuerst die Adlibs auf!
Wyclef: Nein, er hat ein paar ganz verschiedene Teile aufgenommen. Ich hab das alles genommen und es so zusammen geschoben, dass es mehr oder weniger Sinn ergab. Genau wie RZA das immer gemacht hat. Das ist die wahre Geschichte!
Infos: Der Song „Ghetto Supastar (That Is What You Are)“ von Pras Michel feat. Ol‘ Dirty Bastard und Mya basiert auf dem leicht modifizierten Refrain des 83er Hits «Islands In The Stream» von Kenny Rogers und Dolly Parton. Das Original dieses Songs stammt von den Bee Gees. Den Beat haben Wyclef Jean und sein Kompagnon Jerry „Wonda“ Duplessis aus dem Track „Under The Influence Of Love“ des Love Unlimited Orchestra gebaut. Ausserdem wird in dem Song eine kurze Sequenz von „Get Up, Get Into It, Get Involved“ von James Brown verwendet.