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Radquer entstand an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert im Süden Frankreichs. Strassenrennfahrer weilten im Winter zur Saisonvorbereitung an der sonnigen Côte d’Azur, wo sie neben etlichen Kilometern auf der Strasse auch über Stock und Stein fuhren, falls nötig ihr Fahrrad schulterten, oder einen steilen Anstieg mal rennend in Angriff nahmen. Erste Rennen in dieser neu entstandenen Sportart fanden 1902 statt.
Das Prinzip des Sports blieb bis heute etwa gleich: Die Fahrerinnen und Fahrer müssen eine abgesteckte Strecke mehrere Male absolvieren. Insgesamt dauern die Rennen je nach Kategorie 20 bis 60 Minuten. Sie führen vor allem über Wiesen sowie Wald- und Feldwege. Bei schlechter Witterung, Regen oder Schnee, verwandelt sich die Strecke in ein Schlammfeld. Grundsätzlich ist sie eher flach, immer wieder kommen aber steile Anstiege oder gar Treppen als Hindernisse vor, bei denen das Fahrrad getragen werden muss. Die Fahrräder sind den Strassen-Rennrädern äusserlich sehr ähnlich und verfügen über den typischen gebogenen Lenker, sind allerdings stabiler gebaut und die Reifen haben mehr Profil.
In der Schweiz fand erstmals 1912 eine Radquer-Meisterschaft statt. Organisiert wurde sie vom Verband der Radrennfahrer aus der Romandie, der Union Cycliste Suisse. Vier Jahre später rief der Schweizerische Radfahrer-Bund, Vorläufer des heutigen Verbands Swiss Cycling, ebenfalls eine Meisterschaft ins Leben. Ab 1924 veranstalteten die beiden Verbände gemeinsam die Schweizerischen Querfeldein-Meisterschaften. In den Anfangsjahren gaben die Romands den Ton an, ab dem Ende der 1920er-Jahre übernahmen für lange Zeit die Zürcher Oberländer das Zepter im Schweizer Radquer.
Nachdem die ersten Meisterschaften vor allem von eigentlichen Strassenfahrern gewonnen wurden, gab es mit der Zeit immer mehr Spezialisten, die sich in erster Linie dem Radquer widmeten. Dennoch behielten die Radsportler ihre Vielseitigkeit bei. 1945 gewann zum Beispiel der erste Schweizer Tour-de-France-Sieger Ferdy Kübler den Schweizer Meistertitel im Querfeldeinrennen.
Auch Albert Zweifel, der erfolgreichste Schweizer Radquerathlet, ging 16-mal an der Tour de Suisse an den Start – ein Rekord. Zweifel steht wie kein anderer für die Hochphase des Radquersports in der Schweiz zwischen den 1970er- und den 1990er-Jahren. Der gelernte Autoschlosser aus Rüti ZH gewann während seiner Profikarriere (1973–1989) insgesamt fünf Weltmeistertitel, fünf weitere WM-Medaillen, etliche Schweizer Meistertitel und über 300 Rennen insgesamt.
Auch einer seiner grössten Widersacher war Schweizer: Peter Frischknecht musste sich allerdings oft mit dem zweiten Platz begnügen. Ähnlich wie beim Duell von Ferdy Kübler und Hugo Koblet auf der Strasse in den 1950er-Jahren spaltete sich das Publikum bei Zweifel und Frischknecht in zwei Lager.
Dieses Publikum bekam vom Schweizer Fernsehen in den 1970er- und 1980er-Jahren mit grosser Regelmässigkeit am Sonntagabend Radquerbilder in die Stube geliefert, was die damalige Beliebtheit der Sportart sicherlich befeuerte. Grund für die umfassende Berichterstattung war allerdings nicht nur der Erfolg der Schweizer Athleten, sondern auch die Tatsache, dass die Radquerrennen am Sonntag bereits am Nachmittag zu Ende waren und meist im Zürcher Oberland stattfanden – so reichte es den Journalisten, die Filme ins Studio nach Leutschenbach zu bringen und sie bis zur Ausstrahlung der Sendung Sport am Wochenende am Sonntagabend zu entwickeln.
In den 1990er-Jahren nahm das Interesse am Radquersport trotz weiterer Schweizer Weltmeistertitel in den Jahren 1988 und 1995 ab. Radquer bekam grosse Konkurrenz durch den Mountainbike-Sport, der in den 1970er-Jahren in den USA erfunden wurde und auch in der Schweiz bald Anhänger fand. Bereits bei den ersten Weltmeisterschaften 1990 in Durango (USA) gewann Thomas Frischknecht die Silbermedaille. Er war in den 1990er- und 2000er-Jahren auch im Radquer aktiv und wurde zweimal Schweizer Meister.
Während sich der Mountainbike-Sport in der Schweiz seither immer grösserer Beliebtheit erfreut, verschwand Radquer beinahe komplett aus der Schweizer Sportöffentlichkeit. Die Schweizer Dominanz bei internationalen Mountainbike-Rennen begünstigt diese Entwicklung sicherlich.
Das Aufkommen des Mountainbike-Sports hatte auch einen ganz anderen Effekt. Von Beginn weg wurden Wettkämpfe für Männer und Frauen durchgeführt, beispielsweise die ersten Schweizer Meisterschaften 1994. Im Radquer fanden hingegen erst im Jahr 2000 Schweizer Meisterschaften der Frauen statt – 88 Jahre nach den Männern. Lange hiess es nämlich, der raue Radquersport sei zu anstrengend für Frauen, ihnen fehle die Kraft. Argumente, die in so manchen Sportarten bis weit ins 20. und 21. Jahrhundert reproduziert werden. Nachdem die Frauen sich aber auf den Mountainbikes bewiesen hatten, konnte diese Argumentation nicht mehr aufrechterhalten werden.
Nicht zuletzt dürfte die späte Akzeptanz der Frauen mit den Verbindungen des Radsports zu Militär und Wehrsport zusammenhängen. Bei den Fahrradtruppen der Schweizer Armee war die Fähigkeit, unliebsames Gelände fahrend oder mit dem Velo auf der Schulter zu meistern, von ebenso grosser Bedeutung wie im Radquer. Die Fahrradtruppen wurden 2003 aufgelöst, bis heute finden allerdings weiterhin Militärradquerrennen statt.
Doch zurück ins zivile Leben: Radquer erfuhr in jüngster Vergangenheit leichten Aufwind. Seit 2018 gastiert der Radquer-Weltcup wieder in der Schweiz, 2020 war Dübendorf Austragungsort der Weltmeisterschaften. Die Schweizerinnen und Schweizer fahren der Weltspitze heute hinterher, dominierende Nationen sind Belgien und die Niederlande.
Aber auch im Breitensport erlebt Radquer eine Wiederauferstehung: Die sogenannten Gravelbikes sind von Radquerrädern inspiriert und verfügen ebenfalls über einen stabilen Rahmen und im Vergleich zu Rennrädern breiteren Reifen mit mehr Profil. Seit 2020 verkaufen Fachhändler in der Schweiz markant mehr solcher Gravelbikes. Das dürfte nicht zuletzt mit dem allgemeinen Velo-Boom zusammenhängen, der seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im Jahr 2020 zu beobachten ist.