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Der Wagen hält. Nathalie stellt den Motor ab und zieht die Handbremse. Wir halten kurz inne. Ich schaue aus dem Fenster und packe meine Jacke. Das Gelände scheint leer zu sein. Ich sehe Nathalie an, wir nicken uns zu und steigen schliesslich aus dem Auto. Die Luft ist rein, die Wolken geschwärzt. Einige Tropfen fallen auf meine Stirn und gleiten über mein Gesicht. Ich ziehe mir die Kapuze schützend über den Kopf. Wir laufen zu einem alten Betongebäude. Wie die Beschriftung vermuten lässt, war dies mal ein alter Schlachthof. Der Kies unter unseren Füssen knirscht und wir verlangsamen unseren Schritt. Noch immer scannen wir vorsichtig die Gegend ab. Plötzlich hören wir laute Geräusche, wir zucken zusammen und halten kurz an. Wir sind nicht alleine. Hin und wieder sehen wir von weitem Männer, die Schutt und Steine abtransportieren. «Zutritt für unberechtigte Verboten», lesen wir auf einem Schild etwa zehn Meter entfernt von uns. «Wir sollten besser nicht entdeckt werden», meint Nathalie. Ich lege instinktiv meine Hand über die Kamera, als ob ich einen wertvollen Diamanten in meinen Händen hielte. Leicht geduckt und immer Ausschau haltend, bewegen wir uns weiter.
Wir entdecken eine Türe. Sie ist verschlossen. Davor Briefkästen mit offenen Türen, darin nur Spinnweben und Dreck. Hier hat wohl schon lange niemand mehr Post bekommen. Vor dem Gebäude steht ein alter Chevrolet. Eine dünne Moosschicht hat den Wagen in ein militärgrünes Gewand gepackt. Nur an wenigen Stellen dringt der blaue, bereits ermattete Lack durch. Wir nähern uns dem verwilderten Gefährt. Ein Fenster ist leicht geöffnet. Durch die verschmutzten Scheiben erkennen wir die braunen, scheinbar unversehrten Sitzpolster.
Wir wagen uns näher an die Baustelle. Von hier können wir weitere leerstehende Fabrikgebäude entdecken. Die Fenster sind zerschlagen, verdreckt und von Spinnweben verklebt. Ich flüchte schnell in das nächst gelegene Haus, Nathalie folgt mir. Die Löcher und Rohre in der Wand sind tief, blicken wir hinein, sehen wir nur schwarze Leere. Von weitem sehen sie aus wie Totenköpfe.
Wir laufen durch die menschenleere Strasse. Auf den ersten Blick sehen die Häuser hier nicht wirklich heruntergekommener aus als wir es gewohnt sind. An der nächsten Kreuzung biegen wir ab. Wir haben das Haus erreicht. Vorsichtig drückt Nathalie gegen die Türe. Wir sehen uns unsicher an. «Sollen wir da wirklich rein?» Ohne weiter darüber nachzudenken, betreten wir das Treppenhaus. Miefige Luft begrüsst uns, was wohl mitunter auf den Teppichboden zurückzuführen ist, der jegliche Gerüche in sich aufgesogen hat. Wir halten uns die Nasen zu. Vor uns liegt die Kellertür. Sie hat vier kleine Fenster und einen vergilbten Vorhang davor. Mit meinem Zeigefinger schiebe ich vorsichtig den Stofffetzen etwas zur Seite, um durch das Glas etwas erkennen zu können. Doch da ist nicht viel zu sehen. Etwa vier Treppenstufen erkenne ich, danach ein schwarzes Nichts. Nathalie drückt den Türknauf nach unten, mein Puls steigt etwas. Die Türe quietscht. Nathalie nimmt ein paar Stufen. Sie knarren. Ich folge meiner Freundin ins Dunkle. «Tack!» Wir bleiben wie angewurzelt stehen. Die Türe hinter uns ist zugefallen. Unsere Handytaschenlampen erleuchten uns den Weg. Mit wackligen Beinen steigen wir weiter hinab in den Keller. Der Boden ähnelt einer Prärie, die Kellerabteile wirken wie Gefängniszellen. Zwischen den hölzernen Balken scheint ein wenig Licht hindurch. Wir tappen weiter im grauen Keller umher. Die winzigen Fenster sind verschlossen. Wir zücken unsere Kamera und fangen ein paar Fotos der Horrorfilm-ähnlichen Umgebung ein.
Je weiter wir nach oben steigen, desto mehr Vogeldreck sammelt sich auf dem Boden im Treppenhaus an. Man könnte meinen, hier lebte seit mehreren Jahrzehnten niemand mehr. Alles wirkt kalt, lieblos und verlassen. Wir fragen uns, woher die Vögel hier herereinkamen, dann entdecken wir die kaputten Fensterscheiben. Wir laufen weiter hoch und betreten die Wohnung. Es läuft uns ein kalter Schauer über den Rücken, als wir einen Raum entdecken, wo noch ein Sofa und ein Kamerastativ stehen. Alte Vorhänge vor dem einzigen Fenster verdunkeln den Raum zusätzlich und verleihen ihm eine unheimliche Stimmung. Im angrenzenden Zimmer liegt eine gebrauchte Matratze auf dem Boden, sogar eine Bettdecke liegt noch darauf. Das Kopfkino versuchen wir zu unterdrücken und schlucken einmal leer. Nicht minder grauslig sehen die Küche und das Badezimmer aus. Rost und grau-schwarzer Dreck bedecken Armaturen und den Kochherd.
Bei unserer letzten Besichtigung steigen wir erneut unter die Erde. Es handelt sich um einen ehemaligen Eisenbahntunnel. Nathalie und ich steigen eine leicht rutschige Steintreppe hinunter. Es ist dunkel. Die Luft ist feucht und die Wände wirken kalt. An den Decken flackern alte Glühbirnen, die den Tunnel etwas erleuchten. Wir schalten die Taschenlampe an, um uns einen besseren Eindruck zu verschaffen. Unter unseren Füssen befinden sich die Zugschienen, links und rechts nur schwarze Steinwände. Wir laufen tiefer in den Tunnel hinein und finden alte Türen, rostige Rohre und kleine Nebenräume. Zufrieden verlassen wir das steinige Rohr und erblicken schliesslich wieder das Tageslicht. Mit noch leicht zusammengekniffenen Augen und einem zufriedenen Lächeln schauen Nathalie und ich uns an. Diesen Tag werden wir wohl so bald nicht wieder vergessen.
(lhu)