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In Mr. Turner befasst sich Mike Leigh mit dem gefeierten englischen Maler Joseph Mallord William Turner, der von 1775 bis 1851 lebte und als Vorläufer des Impressionismus gilt. Timothy Spall, den Leigh immer wieder in seinen Filmen besetzt, spielt den als schweigsam, mürrisch, durchschnittlich und ordinär überlieferten Einzelgänger, der mit einer gehörigen Portion Selbstironie einst über sich selbst sagte: «Niemand, der mich sieht, würde annehmen, dass ich diese Bilder gemalt habe.»
Gary Yershon ‒ seit ein paar Filmen Leighs Komponist des Vertrauens ‒ rückt das Innenleben von Turner ins Zentrum einer Musik, deren Eigenschaften als freudlos, verschlossen, verharrend und widerborstig beschrieben werden können. Das Ensemble ist recht klein, besteht aus einem Streichquintett und einem Saxophonquartett (da das Saxophon erst ein paar Jahre vor Turners Tod erfunden wurde, soll es hier vielleicht den Künstler, der seiner Zeit voraus ist, symbolisieren), sowie Flöte, Klarinette, Tuba, Harfe und Timpani.
Der mit einer nicht mal ganz halbstündigen Laufzeit recht kurze Score ist recht schwere Kost und zweifellos nicht jedermanns Sache. Er verfügt kaum über einprägsamen Themen, viele kurze Tracks verhindern einen Aufbau von Spannung oder Dramatik; darum geht es Yershon ganz offensichtlich auch gar nicht, er setzt im Gegenteil lieber auf Atmosphäre und Effekte wie Glissandi, die an qualvolle Seufzer gemahnen und deren Anhören depressiven Menschen nicht unbedingt zu empfehlen sind.
Kurzzeitig etwas Bewegung kommt in Varnishing Day und Action Painting auf, während Lashed To The Mast ein vielleicht nie stattgefundenes Ereignis untermalt: Turner lässt sich an den Mast eines Schiffes binden, um einen Sturm durch hautnahes Erleben möglichst akkurat auf der Leinwand darstellen zu können. Aber selbst hier verlässt Yershon kaum seinen eingeschlagenen Pfad; der Sturm wird zu Beginn des Tracks durch Tuba, Saxophon und Timpani allenfalls angedeutet. Ebenfalls zu Beginn der End Credits ‒ dem längsten Track des Scores ‒ hebt sich mit pastoralem Spiel von Flöte, Harfe und Streichern ein wenig die Stimmung, aber dieser Anflug von Lebensfreude ist nicht von langer Dauer.
Dynamischer präsentiert sich der zweite Teil der CD. Der humorvolle Kurzfilm A Running Jump ‒ ebenfalls von Mike Leigh ‒ handelt von einem Londoner Gebrauchtwagenhändler in Nöten, und hier verwendet Yershon ein noch kleineres, jedoch sehr motiviert agierendes Ensemble mit lediglich einem Piano, zwei Trompeten, einer Bassgitarre und einer Conga. Die Musik, eine Mischung aus Minimalismus, Jazz und karibischen Klängen, ist sehr geschäftig und meist in konstanter Vorwärtsbewegung, gönnt sich dann und wann aber auch Atempausen. Jedes Instrument kommt auch zu solistischen Ehren, und so ist dies insgesamt ein kreativer kleiner Score, ein wenig repetitiv vielleicht, aber nichtsdestotrotz ganz unterhaltsam.
Ziemlich überraschend erhielt die Musik zu Mr. Turner eine Oscar-Nomination. Dass Yershon am 22. Februar ein Goldmännchen in die Höhe stemmen kann, ist indes eher unwahrscheinlich. Es ist aber zumindest die angemessene Anerkennung für einen Komponisten der ‒ schätzt man ihn anhand dieser CD ein ‒ nicht auf Nummer sicher geht und Filmmusik nach Schema F produziert. Ein Auge auf sein künftiges Schaffen zu werfen dürfte, sofern er nun nicht wie so viele vor ihm «hollywoodisiert» wird, nicht verkehrt sein.