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Kensington – royal-großbürgerliches Ambiente
Um 1900 war London die größte Stadt der Welt, die Residenz der Monarchie eines Weltreiches, die Metropole einer Wirtschaftsmacht, die Hauptstadt mit einem mannigfaltigen Kulturleben. Schon damals fiel es schwer, einen Überblick über die Vielgestaltigkeit Londons zu gewinnen, und so schrieb der Baedeker in seiner deutschen Ausgabe 1906 fast resignierend: »London ist ein unbestimmter Begriff und deckt sich in keiner seiner amtlichen Anwendungen mit der ungeheuren zusammenhängenden Straßen- und Häusermasse, die heutzutage die große Metropole bildet und noch täglich nach allen Richtungen hin zunimmt.«
Wer aber das London von Virginia Woolf nach der Lektüre ihrer Tagebücher, Briefe und Erinnerungen erkunden möchte, für den scheint die Metropole im Wesentlichen aus zwei Stadtvierteln und zwei Adressen zu bestehen: Kensington und Bloomsbury bzw. Hyde Park Gate und Gordon Square. Zwischen beiden liegen etwa 7 km – großzügig gerechnet – und (heute) zwanzig Minuten Fahrzeit mit einem Taxi – knapp gerechnet. Eine sehr viel größere Distanz jedoch ergibt sich aus den sozialen Unterschieden der beiden Wohngegenden. In Kensington lebten – zumindest nach dem Verständnis der damaligen Zeit – herkömmlicherweise der Adel und die gehobene Bürgerlichkeit, in Bloomsbury die Boheme und die gehobene Unbürgerlichkeit; allerdings beschreibt Virginia Woolf den Gordon Square und seine Bewohner als »wohlhabende Mittelklasse und ausgesprochen mittelviktorianisch«. Sie wohnte während des ersten Drittels ihres Lebens in Kensington, danach in Bloomsbury; doch es gibt noch etliche andere Orte in London, die für sie von Bedeutung waren und die man besuchen kann. Die scheinbare Eingrenzung der Stadt auf wenige Quadratkilometer hatte aber für Virginia Woolf auch eine Art Schutzfunktion. Denn das »Monster« London konnte Gefühle des Fremdseins, der Unübersichtlichkeit und Beklemmung auslösen, denen sie bei ihren Spaziergängen durch die Stadt zu entfliehen und in ihrem Schreiben zu begegnen versuchte. Sie selbst notiert in einem kurzen Text: »Da war wieder London; diese riesige unachtsame unpersönliche Welt; Autobusse; geschäftliches Treiben; Lampen vor den Kaschemmen; und gähnende Polizisten.«?1
Derartige Gefühle der Unsicherheit gab es allerdings auch in der vertrauten Umwelt, und die war für Virginia – sei es als kleines Kind, als Mädchen oder als junge Frau – der vornehme Stadtteil Kensington mit dem großen Park (Kensington Gardens) und dem Schloss (Kensington Palace), das dem Viertel eine besondere Bedeutung verlieh. Im frühen 17. Jahrhundert ursprünglich als ein Landhaus erbaut, ließ es William III. von Christopher Wren zu einem Palast umgestalten. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts war hier die Residenz der englischen Könige, die den aufwendig angelegten Park und die frische, von den widerlichen Gerüchen der City freie Luft schätzten. Erst George III., seit 1760 König, zog wieder in die Nähe von Westminster, in die Nähe der parlamentarischen Macht, obwohl die Luft nicht unbedingt besser geworden war.?2 Doch viele Royals, von Victoria, der späteren Queen, bis zu Diana, der späteren »Prinzessin der Herzen«, haben hier weiterhin gewohnt. An Victoria erinnert das massive, weiße Monument vor der Schlossumzäunung, an Diana erinnern die Blumengebinde, die immer noch – wenn auch in geringerer Menge als kurz nach ihrem Tod – vor dem Tor niedergelegt werden.
Aber es waren natürlich nicht nur die Royals selbst, die ihr Domizil in Kensington hatten; die zahlreichen Höflinge, die Ladies und Lords des Hofstaates brauchten ein Zuhause, sofern sie nicht im Schloss selbst wohnten, und so entstanden viele kleinere, jedoch durchaus prächtige Herrenhäuser zwischen Kensington Gardens und Holland Park. Mit dem Wegzug des Hofes veränderte sich allmählich die gesellschaftliche Zugehörigkeit der Einwohner. Ein Londoner Guide Book vom Beginn des 20. Jahrhunderts beschreibt dieses Viertel mit seinen herrlichen Häusern als bevorzugte Wohngegend von erfolgreichen Anwälten, Schriftstellern und Künstlern. Und zu diesen gehörten die Familien von Virginia Woolfs Eltern. Wenn man es genau nimmt, war Kensington der Stadtteil der Stephens und der Pattles, samt ihren Verwandten und Freunden, da diese in enger Nachbarschaft zueinander lebten und sich ständig besuchten.
Virginia Woolf beschreibt ihre Herkunft in einer biographischen Skizze folgendermaßen: »Wer war ich also? Adeline Virginia Stephen, die zweite Tochter von Leslie und Julia Prinsep Stephen, geboren am 25. Januar 1882, entstammt einer langen Reihe von Vorfahren, einige berühmt, andere unbekannt; hineingeboren in eine große Familie, nicht von reichen, aber wohlhabenden Eltern; hineingeboren in eine sehr redselige, literarische, Briefe schreibende, Besuche machende, typische Gesellschaft des späten neunzehnten Jahrhunderts […].«?3 Mit dieser Darstellung charakterisiert sie zugleich ihre eigene Existenz, denn die Nachfahrin von Männern des Wortes wusste schon früh, dass auch sie schreiben wollte – ganz nach dem Vorbild ihres Vaters.
Sir Leslie Stephen wurde 1832 in 39 Kensington Gore geboren, nach der Umbenennung der Straße in Hyde Park Gate änderte sich die Hausnummer in 42; das Haus musste später einem großen Wohnblock weichen. Insofern spielte sich Stephens Leben – abgesehen von der Zeit, die er in Eton als Schüler und in Cambridge als Student und später als Lehrender verbrachte – vornehmlich im Umkreis von Kensington Gardens ab. Seine Familie – kinderreich wie die meisten Familien im 19. Jahrhundert – gehörte zur Clapham-Sekte, einer evangelikalen Gruppierung der anglikanischen Kirche, die sich u.a. für die Abschaffung der Sklaverei und des Sklavenhandels einsetzte und einen hohen moralischen, teilweise zur Askese neigenden Anspruch vertrat. Von Leslies Vater ist die Anekdote überliefert, dass er, als er eine Zigarre rauchte, merkte, wie gut sie schmeckte, und sich daraufhin dieses Vergnügen nie wieder gönnte. Die meisten Männer der Familie waren Juristen, die als Anwälte und Richter arbeiteten, sich aber auch politisch engagierten. Der Bruder von Leslie, ein kräftiger, stattlicher Mann, wurde ebenfalls Jurist; vor allem aber war er in der gemeinsamen Schulzeit in Eton und später während des Studiums in Cambridge der Hüter seines Bruders. Denn Leslie war in jungen Jahren ein empfindsamer, häufig kränkelnder Junge, für den man die Ballade »Erlkönig« nicht mit dem Tod des Knaben enden lassen durfte, da ihn das sofort zum Weinen gebracht hätte. Als Student aber und al