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Das Dörfchen Maloja liegt auf 1815 Metern in der Engadiner Hochebene, gehört aber zum italienischsprachigen Tal Bergell. In der Schule bestand wegen der schwindenden Schülerzahl und einer komplexen sprachlichen Situation (das Italienische wird durch das Deutsche bedroht) akuter Handlungsbedarf. Im Jahr 2004 entstand das Projekt einer zweisprachigen deutsch-italienischen Schule. Nach 10 Jahren erhielt die Primarschule nun den Schweizer Schulpreis 2015. swissinfo.ch war vor Ort.
Wenn ich Gemeindepräsident wäre, würde ich in meiner Stadt Flüchtlinge aufnehmen." Diesen Satz sagt der Sechstklässler Massimo in italienischer Sprache, als sein Lehrer Mario Krüger ihn aufforderte, einen Satz mit einem gebeugten Verb im Konjunktiv zu formulieren.
Dieser spontan geäusserte Satz eines 13-Jährigen ist durchaus emblematisch für den Geist der Offenheit und Toleranz, der in der kleinen bilingualen Schule Maloja herrscht. Das merken auch die Lehrkräfte der Schule, die zurzeit sechs Kinder in der Vorschule (Kindergarten) unterrichten sowie 15 Kinder in altersdurchmischten Klassen in der obligatorischen Primarschule (1.-6.Klasse).
Diese Kinder leben und erleben tagtäglich einen Mikrokosmos an unterschiedlichen Sprachen, Kulturen, Nationalitäten und Religionen. "Alle sind akzeptiert und akzeptieren sich gegenseitig, ohne Unterschiede“, hält Bianca Geronimi fest, die soeben eine Mathematik-Stunde für drei Schüler der ersten und fünf Schüler der zweiten Klasse beendet hat.
Mathematik wird von Geronimi auf Deutsch unterrichtet, genauso wie Geometrie und Geografie. Hingegen unterrichtet Mario Krüger Italienisch sowie weitere Fächer in italienischer Sprache. Beide Lehrkräfte sind seit der Eröffnung der zweisprachigen Schule in Maloja im Schuljahr 2005/06 dort tätig. Und beide sind überzeugt, dass zweisprachiger Immersionsunterricht (bei dem Sachfächer in beiden Sprachen erteilt werden), an diesem Ort das ideale Modell darstellt.
"Dieses System erlaubt es allen Schülern, vom Hochbegabten bis zum leicht Lernbehinderten, ein sehr gutes Niveau an Zweisprachigkeit zu erreichen. Natürlich kann auch eine solche Schule einen schwachen Schüler nicht zu einem Genie machen, doch alle können sich in mehr als einer Sprache verstehen und ausdrücken", hält Bianca Geronimi fest.
Bewusstsein vom Wert der Sprachen
Dieser selbstverständliche Umgang mit mehreren Sprachen wird in der Unterhaltung mit den Schülern sofort deutlich. "Ich bin sieben Jahre alt. Zu Hause spreche ich Portugiesisch, doch in der Schule habe ich Italienisch und Deutsch gelernt", sagt Adriana. Sie spricht perfekt Italienisch und Deutsch. Erst später erfahren wir, dass die lebendige Erstklässlerin eine Sonderschülerin ist.
Der positive Eindruck bestätigt sich auch bei vier Schülern der 4. und 5. Klasse. Nach dem Englischunterricht erzählen sie uns, sie hätten den Eindruck, Englisch sei leichter zu lernen, weil sie schon Italienisch und Deutsch könnten. Vor allem beim Wortschatz sei dies behilflich, weil bestimmte Wörter einmal der deutschen Sprache, ein anderes Mal dem Italienischen ähnelten. "Das ist wichtig, denn Englisch gefällt mir, ist aber nicht ganz einfach", meint Massimo, der zu Hause Italienisch und Bergeller Mundart spricht.
Letizia ist portugiesischer Muttersprache. Englisch sei ihr Lieblingsfach, "aber mit dem Deutschen habe ich etwas Mühe", erzählt sie. Doch die Fünftklässlerin ist überzeugt, "dass es wichtig ist, für die künftige Ausbildung mehrere Sprachen zu sprechen".
Dank des zweisprachigen Immersionsmodells erreichten die Schülerinnen und Schüler auf Deutsch ein sehr hohes Niveau, bestätigt Englischlehrerin Annemieke Buob. Sie ist selbst mehrsprachig und unterrichtet auch an der Oberstufe Englisch, Deutsch und Ethik. Sie kann einen eindeutigen Unterschied erkennen zwischen Schülern, welche die zweisprachige Schule besucht haben, und solchen, die eine italienischsprachige Schule besuchten, in der Deutsch traditionell als Fremdsprache unterrichtet wird.
Kleine Kinder im Vorteil
Dieser Befund erstaunt nicht, wenn man sieht, dass das zweisprachige Modell bereits im Kindergarten praktiziert wird. Viele Kinder sind weder italienischer noch deutscher Muttersprache. "Doch in der Schule wachsen sie ganz natürlich mit diesen beiden Sprachen auf", wie Barbara Selva und Martina Giovannini betonen, die Italienisch beziehungsweise Deutsch unterrichten.
Schweizer Schulpreis
Der Schweizer Schulpreis wird seit 2013 vom Forum Bildung (FB) vergeben. 2015 wurde er zum zweiten Mal verliehen. Der Verein Forum Bildung zeichnet damit herausragende Schulen in allen Sprachregionen aus. Der Preis ist mit insgesamt CHF 120'000 dotiert und soll "überdurchschnittliches Engagement und vorbildliche pädagogische Leistungen belohnen".
In der Begründung für die Vergabe des Preises an die bilinguale Schule Maloja schreibt die Jury, dass dieses Beispiel eindrücklich aufzeige, "wie eine sehr heterogene Schule durch flexible und kreative Lehrmethoden einen grossen Zusammenhalt schaffen kann".
Zurzeit ist die Hälfte von sechs Kindern in der Vorschule portugiesischer Muttersprache. "Im ersten Jahr nähern sie sich den neuen Sprachen an, lernen zuzuhören und werden ermutigt, auch aktiv erste Sprechversuche zu machen. Alles geht ganz natürlich", hält Martina Giovannini fest.
Die beiden Lehrerinnen kennen ihre Schüler natürlich sehr gut, da es nur so wenige sind. So können sie auch individuelle Lehrprogramme erarbeiten, in denen sie auf die Bedürfnisse der jeweiligen Schüler eingehen. In dem kleinen Schulhaus kennen sich natürlich auch Schüler und Lehrer der unterschiedlichen Schulstufen. Dies erleichtert laut den beiden Lehrerinnen den Übergang vom Kindergarten in die Primarschule erheblich.
Auszeichnung für hohe Qualität
Auch wenn der Schweizer Schulpreis offiziell an die Primarschule von Maloja gegangen ist, wird er von der ganzen Schule als Auszeichnung empfunden. Für die Direktorin der Primarschule der Gemeinde Bergell,externer Link Elena Salis-Negrini, handelt es sich "um eine Anerkennung für die in den ersten 10 Jahren geleistete Arbeit". Es sei ein Ansporn, auf dem eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Denn die "Scuola elementare" von Maloja wird sogar als Modell gesehen, das auf nationaler Ebene Schule machen könnte.
Die Auszeichnung geht letztlich auch an Antonio Walther, der sich für die Gründung der zweisprachigen Schule eingesetzt hat – damals gegen den Willen der Behörden. Der ehemalige Präsident des Schulrats erinnert daran, dass die hohe Qualität der Schule schon nachgewiesen wurde, da das Projekt wissenschaftlich und didaktisch von Experten begleitet wurde.
Tatsächlich wurden die Lernerfolge der Schülerinnen und Schüler auf Herz und Nieren geprüft und mit anderen Schulen der Region verglichen. Erst als feststand, dass diese Schüler auch in Sachfächern – abgesehen von Deutsch und Italienisch – die gleichen Resultate erreichten wie ihre Altersgenossen in anderen Schulen, erteilte der Kanton Graubünden die definitive Anerkennung für das Schulinstitut in Maloja.
So hat Maloja seinen Beitrag zur Rettung des Italienischen erreicht, das heute von Kindern anderer Muttersprache gesprochen wird. Zudem können diese Jungen auch Deutsch. Damit sind sie gut vorbereitet, um weiterführende Schulen zu besuchen oder eine Berufsausbildung im Engadin zu absolvieren.
Internationaler Tag der Mutterspracheexterner Link
Die UNESCOexterner Link hat den 21. Februar zum "Internationalen Tag der Muttersprache" ausgerufen. Dieser Kalendertag erinnert an die blutige Niederschlagung eines Aufstands in Dhaka (Ostpakistan), bei dem sich die Bevölkerung 1952 vergeblich für die Verteidigung ihrer bengalischen Muttersprache einsetzte. Die Vorfälle und die fortwährende sprachliche Unterdrückung waren Auslöser für eine Bewegung, die zur Unabhängigkeit von Bangladesch im Jahr 1971 führte.
Der jährliche Gedenktag wird genutzt, um die Aufmerksamkeit auf die Vielfalt an Sprachen und Kulturen der Welt zu lenken. Die UNESCO betont, dass Muttersprachen gefördert würden, "auch um vermehrt für die linguistischen und kulturellen Traditionen auf der Welt zu sensibilisieren". Das gegenseitige Verständnis unter Sprachgruppen sowie Toleranz und Dialog sollen gefördert werden.
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)