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28.04.2020 |News
Eine gefährliche Hypothese: Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass Nikotin vor COVID-19 schützt
Am 21. April hat ein französisches Forscherteam unter der Leitung von Prof. Jean Pierre Changeux auf der Website von Qeios einen Artikel veröffentlicht, in dem die Hypothese aufgestellt wurde, Nikotin könnte eine präventive und therapeutische Wirkung gegen COVID-19 haben. Infolge dieses Artikels haben viele internationale Medien die Nachricht aufgegriffen, als handele es sich dabei um mehr als nur eine wissenschaftliche Hypothese, sondern tatsächlich um das Ergebnis einer Studie.
Zunächst möchten wir darauf hinweisen, dass Tabak- und Nikotinprodukte in hohem Masse süchtig machen, hochgiftig sind und nachweislich negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben, insbesondere die der Lunge. Diese Produkte gehören zu den wichtigsten, wenn nicht sogar zu den primären Risikofaktoren für viele Krankheiten: Sie erhöhen das Risiko von Lungeninfektionen, schwächen das Immunsystem, erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes, verursachen chronisch obstruktive Lungenerkrankungen (COPD) und zahlreiche Krebsarten. Aufgrund dieser Faktoren gehören Raucherinnen und Raucher, aber höchstwahrscheinlich auch Konsumierende von E-Zigaretten, zu den Gruppen, die am stärksten gefährdet sind, sich mit COVID-19 zu infizieren und einen schweren Verlauf zu erleiden.
Zigaretten töten in der Schweiz jede zweite Raucherin und jeden zweiten Raucher. Sie verursachen in unserem Land 9'500 Todesfälle pro Jahr und sind die Ursache für chronisch obstruktive Lungenerkrankungen bei 400'000 Menschen. Darüber hinaus belastet der Tabakkonsum unsere Krankenkassen mit 3 Milliarden Franken an direkten medizinischen Kosten.
Angesichts der COVID-19-Pandemie müssen Raucherinnen und Raucher sowie Konsumentinnen und Konsumenten von E-Zigaretten, die sich schützen wollen, alle Anstrengungen unternehmen, um mit dem Rauchen aufzuhören, da Untersuchungen gezeigt haben, dass ein vollständiger Rauchstopp zu einer raschen Verbesserung der Lungenfunktion führt. Niemand sollte Nikotinprodukte in der irrigen Vorstellung verwenden, dass diese auch nur irgendeine Form von Schutz gegen COVID-19 bieten könnten.
Der Artikel aus Frankreich basiert auf zwei Erklärungsansätzen: einem biologischen und einem epidemiologischen. Die biologische Hypothese geht davon aus, dass das Virus über Neuronen des Geruchssystems und/oder über die Lunge in den Körper gelangen könnte, was zu unterschiedlichen klinischen Wirkungen und Ergebnissen führen könnte. Dies steht im Widerspruch zu der allgemein akzeptierten Hypothese aller Forscher, dass der ACE2-Rezeptor der Eintrittspunkt für das SARS-CoV-2-Virus in das Zellsystem ist. Die epidemiologische Hypothese basiert auf einer anderen Studie aus Frankreich, die zwischen März und April an einer Gruppe von lediglich 343 hospitalisierten und 139 nicht hospitalisierten Patientinnen und Patienten durchgeführt wurde. In jedem Fall scheinen Studien aus China in die entgegengesetzte Richtung zu zeigen. Auf der Grundlage einer solch relativ kleinen Stichprobe, bei der die Forscher eine geringere Prävalenz von Rauchern als in der Allgemeinbevölkerung feststellten, meint diese Studie schliessen zu können, dass Rauchen aktiv vor symptomatischem COVID-19 schützen könnte. Die Schlussfolgerung dieser Studie ist völlig übereilt und würde zunächst weitreichendere epidemiologische Untersuchungen erforderlich machen, bevor auch nur irgendeine biologische Hypothese aufgestellt werden könnte. Diese Prävalenzstudie, die ebenfalls auf dem Portal Qeios veröffentlicht wurde, durchlief vor der Veröffentlichung kein Peer-Review-Verfahren, aber Online-Kommentare im Anschluss an den Artikel stehen den Ergebnissen der Autoren äusserst kritisch gegenüber. Die Hauptautoren dieser Studie gehören auch zu den Autoren des Artikels vom 21. April.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die in dem Artikel von Changeux et. al. aufgestellte Hypothese nur auf einem theoretischen biologischen Mechanismus sowie auf einer niedrigen Prävalenzrate von Rauchern in einer kleinen Gruppe von Patientinnen und Patienten beruht, die in weniger als einem Monat in ein einziges französisches Krankenhaus eingewiesen wurden.
In der Vergangenheit hat Prof. Changeux bereits Gelder von der Tabakindustrie angenommen. Dies reicht zwar nicht aus, um die Validität seiner Forschung in Frage zu stellen, aber es ist dennoch notwendig, eine grössere Transparenz hinsichtlich seiner Motivation und der Finanzierung der laufenden Forschung zu fordern. (Le Monde, vom 31. Mai 2012, «Comment le lobby du tabac a subventionné des labos français», wie die Tabaklobby französische Labore subventioniert hat).
Zu dem auf Qeios veröffentlichten Artikel aus Frankreich möchten wir folgende Punkte klarstellen:
- Es handelt sich hier keineswegs um die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie, denn der Artikel stellt lediglich eine Hypothese auf, die wir in ihrer jetzigen Form für nicht ausreichend solide halten. Die zur Rechtfertigung dieser Studie angeführten epidemiologischen Ansätze sind unzureichend und basieren auf zu kleinen Stichproben.
- Eine eventuell mögliche Korrelation kann keinesfalls automatisch auf einen Kausalzusammenhang schliessen lassen.
- Der Artikel wurde nicht im Rahmen eines Peer-Review fachlich überprüft. Das Publikationsmodell von Qeios entspricht nicht dem einer klassischen und anerkannten wissenschaftlichen Zeitschrift.
- Das Studienprotokoll ist nicht verfügbar. Daher wissen wir nichts über die Einzelheiten dieser möglichen Studie.
- Es gibt keine Hinweise auf eine Genehmigung durch eine unabhängige Ethikkommission für Forschung.
- Es werden keine Angaben zu den voraussichtlichen Finanzierungsquellen und den Interessenkonflikten der beteiligten Forscher gemacht.
Zeitgleich mit der Veröffentlichung dieses Artikels auf Qeios gaben die beteiligten Forschungsinstitute eine entsprechende Medienmitteilung heraus. Diese Medienmitteilung enthält – neben dem Artikel auf Qeios – lediglich eine Zusatzinformation, nämlich dass «klinische Studien im Gange sind». Nun, welche Studien? Uns liegen keine Informationen zu diesem Thema vor. Wir sind sehr erstaunt über ein solches Vorgehen. Was ist wohl das Interesse hinter einer Medienmitteilung, die nicht mehr nützliche Informationen enthält als der Artikel, auf den sie sich bezieht, die aber darauf abzielt, einer einfachen wissenschaftlichen Hypothese, die obendrein noch auf völlig unzureichender wissenschaftlicher Evidenz beruht, in den Medien eine breite Wirkung zu verleihen? Diese Art der Kommunikation entspricht unserer Meinung nach nicht einem wissenschaftlich professionellen und seriösen Ansatz.
Bereits im März hatte ein griechischer Arzt mit historisch belegten Verbindungen zur Tabakindustrie auf Qeios Interpretationen chinesischer Studien veröffentlicht, die ihn zu dem Schluss kommen liessen, dass es dringender Forschung über die «therapeutische» Wirkung von Nikotin auf COVID-19 bedarf. In einem weiteren Beitrag in seinem Blog machte derselbe Arzt deutlich, dass Nikotin eine positive Wirkung haben könnte. Der Artikel von Prof. Changeux vom 21. April auf Qeios zitiert weder die Artikel von Farsalinos noch die Kritik, die bereits an ihm geübt wurde, was uns überrascht.
Nach Erscheinen des Artikels vom 21. April waren die französischen Gesundheitsbehörden gezwungen zu reagieren, indem sie den Verkauf von Nikotinpflastern in den Apotheken auf die für eine einmonatige Behandlung erforderliche Menge beschränkten und indem sie die Verpflichtung auferlegten, jeden Kauf dieser Behandlungen in den Krankenakten entsprechend zu vermerken. Der Verkauf solcher Produkte im Internet wurde ebenfalls ausgesetzt. (Frankreich, Journal officiel, 24. April 2020).
In Ermangelung einer seriösen, validierten und transparenten wissenschaftlichen Forschung auf der Grundlage fundierter und überprüfbarer Ergebnisse muss die Art und Weise, wie die französischen Forscher vorgegangen sind, als übereilt, unprofessionell und auf eine Medienwirkung abzielend, die nicht mit akzeptablen wissenschaftlichen Standards vereinbar ist, kritisiert und abgelehnt werden.
Luciano Ruggia
Geschäftsführer at Schweiz
26. April 2020