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MISR: Mission Siptah – Ramses X.: Das Grab Ramses' X. (KV 18)
Das Grab Ramses' X. (1109-1105 v.Chr.) im Tal der Könige von Theben (Luxor) ist bisher nicht wissenschaftlich publiziert worden. Das Grab wurde in zwei Kampagnen von 1998-2000 durch das Basler Team vollständig ausgegraben und dokumentiert; im Jahr 2000 erschien die Publikation.
Die nun vorliegende Publikation des Grabes Ramses' X. bietet zusammen mit Plänen, Zeichnungen und Photographien eine Beschreibung der Architektur, der Dekoration und der Funde sowie eine historische Abhandlung über die Person Ramses' X., die anhand des Tagebuches der Nekropolenarbeiter das Geschehen im Tal der Könige nachzeichnet und eine mögliche Antwort auf die Frage gibt, wo Ramses X. tatsächlich bestattet worden sein könnte.
Das Grab Ramses' X. (KV 18), Herausgegeben von Hanna Jenni. Mit Beiträgen von Andreas Dorn, Hanna Jenni, Barbara Lüscher, Elina Paulin-Grothe, Thomas Schneider, Aegyptiaca Helvetica Band 16, Basel: Schwabe & Co. AG 2000.
Ramses X. regierte nur kurz (1107-1103 v.Chr.), sein Grab blieb unvollendet, der König war nie in dem für ihn vorgesehenen Grab bestattet worden.
Das Felsgrab wurde im Laufe der Zeit weitgehend mit Schutt verfüllt, der durch Regenfälle eingeschwemmt wurde. Zudem versperrte eine moderne Mauer den hinteren Teil des Grabes, und im vorderen Teil wurden zu Beginn des 20. Jhs. Elektroapparate installiert, die einige Gräber des Tals der Könige erstmals mit künstlichem Licht versahen.
Das bisher für Touristen nicht zugängliche Grab war durch dreissig von Regenfällen verursachte Einschwemmschichten weitgehend verfüllt. Die moderne Mauer und die Verfüllung in Korridor C wurden während der ersten Kampagne (1998/1999) entfernt; dahinter endet der unfertige Korridor C, indem der noch nicht vollständig abgebaute Fels in Stufen ansteigt. Der Befund lässt Schlüsse auf das Werkverfahren zu. Unmittelbar hinter dem Türdurchgang zu Korridor C wurde ein Teil der Verfüllung als Profil stehen gelassen; an ihm sind zweiundzwanzig Schichten erkennbar.
Eine Besonderheit des Grabes Ramses' X. stellen die elektrischen Installationen dar, die unter der Aufsicht Howard Carters erfolgten. Sie ermöglichten erstmals, die besuchenswerten Pharaonengräber im Tal der Könige durch künstliches Licht zu erhellen. Dies bedeutete einen Riesenfortschritt, nicht nur für den schon damals boomenden Tourismus, sondern auch für die Ägyptologie, hat doch die elektrische Beleuchtung bei der Entdeckung des Grabes Tutanchamuns im Jahre 1922 eine bedeutende Rolle gespielt (wie in Howard Carters Bericht nachzulesen ist).
Die elektrischen Installationen wurden während der Kampagne 2001/2002 von einem Elektroingenieur untersucht und teilweise ergänzt. Hier der zusammenfassender Bericht von Dr. Erwin Alzinger:
«Für die Beleuchtung von sechs Gräbern im Tal der Könige wurde bereits im Jahre 1902 ein kleines Kraftwerk im unvollendeten Grab Ramses' X. (KV 18) eingerichtet. Diese Ausrüstung wurde vom Ingenieur M. Zimmermann projektiert und von der AEG Berlin geliefert. Im Jahre 1925 bemühte sich Howard Carter um eine Verbesserung der elektrischen Anlage. Die Erneuerung dauerte aber bis etwa 1936, als die heute noch vorhandene Schalttafel für den Parallelbetrieb von zwei Generatoren von Thomas Cook & Son in Kairo geliefert wurde. Diese Anlage war bis etwa 1972 in Betrieb. Seit dieser Zeit wurden viele Bestandteile entfernt. Die noch vorhandenen Teile wurden registriert und beschrieben. Die Schalttafel konnte bereits teilweise restauriert werden.»
Durch den Betrieb der Generatoren wurden die Wände im Korridor A stark verschmutzt. Auch der Architrav über dem Eingang wurde davon betroffen. Die Reinigung durch einen Fachmann förderte die originalen Farben zutage. Die Szene zeigt die Sonnenscheibe mit der Darstellung von Skarabäus und widderköpfigem Gott, flankiert von je einer Figur des knienden Königs und den stehenden Göttinnen Isis (links) und Nephthys (rechts). Das Bild darunter zeigt eine alte Umzeichnung des Motivs.
Das in unmittelbarer Nähe des Grabeinganges gefundene Kalkstein-Ostrakon ist von besonderem Interesse, da es wahrscheinlich eine partielle Skizze oder Vorzeichnung dieser Architrav-Szene ist.
Der Architrav und die oberen Partien der seitlichen Wände des Eingangs tragen Besucherinschriften aus dem 17. bis 20. Jahrhundert n.Chr. Sie befinden sich so weit oben, weil der Eingang damals verschüttet war. Die Graffiti sind ein wertvolles Zeugnis für die moderne Geschichte des Tals der Könige. Unter ihnen befindet sich eines des bekannten französischen Malers Alfred Arago (1816-1892).
Obwohl sich das Grab Tutanchamuns an einem anderen Ort im Tal der Könige befindet, sind wir auch mit diesem berühmten König in Berührung gekommen:
Nach der Bestattung eines Königs und nach dem Verschliessen seines Grabes entsorgte man Gegenstände, die bei den Bestattungsriten verwendet worden waren, pietätvoll in einer einer kleinen Grube. Diese sogenannte embalming cache Tutanchamuns befindet sich unweit des Grabes Ramses' X.
Sie war im Jahre 1907 entdeckt und identifiziert, aber später verschüttet worden, so dass der genaue Ort nicht mehr bekannt war. Durch unsere Ausgrabung konnte sie relokalisiert werden. Es handelt sich um ein unscheinbare Grube.
Die Ausgrabung in der Umgebung des Grabes Ramses' X. brachte ferner eine Ansammlung von Arbeiterhütten zutage. Diese bisher unentdeckt gebliebenen Arbeiterhütten versprechen interessante Aufschlüsse über die Art der «Bewohnung» des Tals der Könige. Zudem fanden sich Fragmente und Objekte aus dem berühmten Grab Sethos' I.
Ramses X. (1109-1105 v.Chr.), vermutlich ein Sohn Ramses' IX., verheiratet mit seiner Schwester oder Halbschwester Titi - Inhaberin des Grabes QV 52 im Tal der Königinnen -, ist uns als geschichtliche Persönlichkeit kaum greifbar. Er regierte nur drei Jahre und hinterliess wenige Denkmäler, die über seine Politik keine Auskunft geben. In seiner Titulatur bezeichnet er sich als «der, dessen (Wunsch nach) Weltordnung realisiert ist», woraus vielleicht die Notwendigkeit einer stabilen Politik abgeleitet werden darf.
Wenn auch Denkmäler zur Herrschaft des Königs selber fehlen, so liefert uns doch v.a. das Tagebuch der Nekropolenarbeiter von Deir el-Medineh aus dem 3. Jahr Ramses' X. (Pap. Turin Cat. 1898) ein anschauliches Bild. Dieses Tagebuch zeigt, dass im letzten Jahr des Königs an seinem Grab kaum gearbeitet wurde (nur an 37 von 212 verzeichneten Tagen), was den wenig fortgeschrittenen Zustand des Grabes erklärt. Ein Hauptproblem ist die nicht funktionierende Belieferung der Arbeiter mit Lebensmitteln und der Streit um Kompetenzen, der in dem «klassenkämpferischen» Ausruf: «Der Wesir soll die Kleider des Königs Ramses IX. und die Zedernhölzer (doch selber) tragen!» und der Vorladung der gesamten Mannschaft vor den Hohenpriester des Amun und die Beamten der Stadt Theben gipfelt. Weitere Tage ohne Arbeit entstehen durch die Feier religiöser Feste, die Arbeit an Privatgräbern und die eigene Bemühung um Lebensmittel.
Der definitive Befund in KV 18, wo Ramses X. nie beigesetzt wurde, ausserdem das Fehlen der Königsmumie und generell jeglicher Beigaben aus einer Bestattung des Königs werfen die Frage nach Ort und Art des Begräbnisses Ramses' X. auf. Sie stellt sich auch für Ramses VIII. und Ramses XI., während Ramses IX. und wahrscheinlich auch Ramses VII. regulär im Tal der Könige beigesetzt wurden. Ein Grab Ramses' VIII. ist bisher im Tal der Könige nicht gefunden worden, auch Objekte der Grabausstattung bzw. die Königsmumie sind nicht bekannt. Das Grab Ramses' XI. wurde von dem König selber zugunsten einer Bestattung an anderem Ort aufgegeben. Da die Gräber des Tals der Könige während der 21./22. Dynastie von Staates wegen geräumt wurden, um an die Edelmetalle der Grabschätze zu gelangen, und die Lage der letzten hier angelegten Königsgräber damals noch bekannt war - die Gräber Ramses' VII. und Ramses IX. wurden in der Tat geräumt -, dürften sich die Bestattungen Ramses' VIII., X. und XI. mit hoher Wahrscheinlichkeit nie im Tal der Könige befunden haben. Zahlreiche Indizien sprechen dafür, dass (wie Ramses VIII. und Ramses XI.) auch Ramses X. in einem kleinen Kammergrab in der Residenz der Ramessiden, der Ramsesstadt im Ostdelta (Qantir), bestattet wurde. Als hypothetische Skizze der geschichtlichen Entwicklung ergibt sich: 1128 stirbt nach nur einjähriger Regierung Ramses VIII. Für seine Bestattung wird angesichts fehlender Möglichkeit zur Beisetzung im Tal der Könige ein Notgrab zwischen Palastbezirk und Haupttempel in der Ramsesstadt errichtet, das sich seinerseits möglicherweise an Vorläufer im Ostdelta anlehnte. Ramses IX. lässt sich während seiner 19jährigen Regierung ein reguläres Königsgrab im Tal der Könige errichten, während beim Tode Ramses' X. nach kurzer Regierung und angesichts möglicher innenpolitischer Probleme wiederum das Tal der Könige für eine Bestattung nicht in Frage kommt und ein zweites Notgrab neben demjenigen Ramses' VIII. in Per-Ramses erbaut worden wäre. Ramses XI. hätte dagegen nach Aufgabe seines thebanischen Grabes bewusst für eine Beisetzung in der Ramsesstadt votiert und hier ein (präsumptiv grösseres und reicheres) Grab neben den zwei Vorgängerbauten errichtet. Auf diese spätramessidische Grablege hätten sich dann bewusst die in Tanis residierenden Könige bezogen.