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Tunisreise
Am 3. April 1914 brechen die Künstlerfreunde Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet nach Tunis auf. Der Aufenthalt war kurz, nicht einmal 14 Tage, jedoch wurde diese Reise zu einer der spektakulärsten Künstlerreise im 20. Jahrhundert mit aussergewöhnlichen künstlerischen Ergebnissen. In vielen Klees späteren Werke, lassen sich die Anregungen aus dieser Reise nachverfolgen. Auf dieser Reise entstanden 30 faszinierende Aquarelle.
1898 zieht der 18-jährige Klee nach München. Bis zu seinem Umzug an das Bauhaus Weimar bleibt er dort (Unterbrechungen: Aufenthalte in Bern, Reisen (1905+1912 Paris), Kriegsdienst). München war damals die wichtigste europäische Kunstmetropole. München sollte prägend für Klee werden. Er freundet sich in dieser Zeit mit August Macke (1911), Wassily Kandinsky (Herbst 1911), Franz Marc (1912 München) und Alexej von Jawlensky (1912 München) und weiteren Künstlern des Blauen Reiters an.
Zum Mythos wurde der berühmt gewordene Tagesbucheintrag Paul Klees: «Es dringt so tief und mild in mich hinein, ich fühle das und werde so sicher, ohne Fleiss. Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiss das. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler.» Jedoch ist diese Aussage zu relativieren, dass die Tunisreise den entscheidenden Wendepunkt in Klees Schaffen darstellte: betrachtet man nämlich seine in den Monaten zuvor entstandenen Aquarelle, wird deutlich, dass das Spektrum der bildnerischen und farblichen Möglichkeiten, das in Tunesien zur Entfaltung kam, bereits vor der Reise erarbeitet war, das belegen einige Beispiele aus den Jahren 1912 und 1913, z.B. Villen im Herbst, 1912,75. Auch seine Tagebücher der Jahre vor der Tunisreise zeigen, dass er sich von den Werken, in denen Farbe die Vorrangstellung erhielt, stark angezogen fühlte. Er schätzte van Gogh sehr, fand Matisse «electrisierend» und bezeichnete Delaunay, dessen Traktat über Farbe und Licht er 1912 ins Deutsche übersetzte, als einen «der geistvollsten unserer Zeit».
Villen im Herbst, 1912,75
Christian Geelhaar (schweizerischer Kunsthistoriker und von 1981–1991 Museumsdirektor in Basel). hat Klees Tagebücher (I-III) analysiert. Es wurde klar, dass das Tagebuch III 1920 und 1921 aus eine ursprünglichen Fassung übernommen und sowohl mit Passagen aus Briefen als auch mit nachträglichen kunstphilosophischen Reflexionen ergänzt wurde. Vieles spricht dafür, dass die berühmte Sentenz «Die Farbe hat mich» von Klee erst zu diesem Zeitpunkt angefügt und zum künstlerischen Erweckungserlebnis stilisiert wurde.
Bei Klee fällt auf, dass abstrakte Kunst in umwälzenden Epochen entsteht beziehungsweise ihre Blütezeit erfährt. Klee äusserte diesen Gedanken schon 1915 präzise wie kein anderer Künstler seiner Zeit: «Je schreckensvoller diese Welt (wie gerade heute) desto abstrakter die Kunst, während eine glückliche Welt eine diesseitige Kunst hervorbringt.» (Tagebuch).
Das abstrakte Muster der rasterartig nebeneinander gesetzten bunten Farbflächen, die Klee um 1912 entwickelte und umsetzte, sollte in mehr oder weniger abgeänderter Form zu einer bildgestalterischen Konstante in seinem ganzen Schaffen werden. Bereichert durch das in Tunesien erfahrene besondere Lichte des Südens, wird er dieses Farbgeflecht in den in Hammamet und in Kairouan entstandenen Aquarellen wiederholen. In der Bauhauszeit der 1920er-Jahre ganz von den gegenständlichen Elementen befreit, wird dieses Farbraster zu geordneten und streng geometrischen Gemälden. In den 1930er-Jahren stark verkleinert, werden sich diese Farbflächen in pointillistisch-divisionistische irisierende (methaphorisch: schnell sich ändernde Eigenschaft von Dingen Farbakkorde verwandeln). Im Spätwerk werden sie mit buchstaben- und pflanzenartigen Zeichen überlagert und erfahren so eine neue Deutung. Klee trug in seinen Œuvre-Katalog vorerst fünf Blätter nicht ein, auf denen die Leerstelle des elastischen Haltebandes sichtbar blieb, mit dem er das Papier auf der Kartonunterlage fixiert hatte. Er sah in diesen Arbeiten zu diesem Zeitpunkt offenbar nur Vorstufen oder «farbige Studien» zu seinen abstrakteren Werken und hielt sie für nicht ausstellungswürdig. Erst 1920 oder 1921, zu einem Zeitpunkt also, an dem er den langjährigen Prozess der Auseinandersetzung mit seiner künstlerischen Produktion in Tunesien als abgeschlossen erachten konnte, registrierte er sie im Œuvre-Katalog. Im Rückblick hatten diese Arbeiten nun durchaus ihre Bedeutung, waren sie doch im Anschluss an die Reise über Jahre zum Ausgangspunkt für vielfältige bildnerische Auseinandersetzungen geworden.
Quelle: Die Tunisreise, Hatje Cantz
Rote und weisse Kuppeln, 1914,45