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verblendeten Stände in Polen gegen die Belohnung des neuen Kurfürsten agitierten. Mit Klugheit und Zähigkeit überwand der junge Fürst alle Schwierigkeiten, erlangte die polnische Belohnung für Ostpreußen, [* 2] machte sich in der Mark durch Errichtung eines kleinen, aber tüchtigen, zuverlässigen Heers und einen Waffenstillstand mit Schweden [* 3] wieder zum Herrn und sicherte sich durch die Vermählung mit einer oranischen Prinzessin und ein Bündnis mit den Generalstaaten seine westlichen Lande. Im Westfälischen Frieden erwarb er für Vorpommern, das er den Schweden lassen mußte, wichtige Gebiete im mittlern Deutschland. [* 4]
Sein Streben war fortan darauf gerichtet, die Wunden des furchtbaren großen Kriegs zu heilen, den religiösen Hader durch die Duldung aller Glaubensmeinungen und die Aufrechthaltung des Friedens unter ihnen zu beseitigen und die Grundlagen eines einheitlichen Staatsorganismus zu schaffen. Obwohl es dem damaligen Bürger- und Bauernstand an Kapital, Kenntnissen und Unternehmungsgeist so sehr mangelte, daß manche Bestrebungen des Kurfürsten scheiterten, wurde doch der Ackerbau wieder belebt, Handel und Gewerbe, die völlig daniederlagen, durch Einrichtung der Post, durch den Bau von Kanälen sowie durch die Aufnahme der französischen Protestanten gefördert; ja selbst überseeische Kolonien gründete der Kurfürst.
Der Widerstand der von engherzigem Sondergeist beseelten Stände, unter denen die preußischen sich besonders hartnäckig und heftig den Plänen des Landesherrn widersetzten, wurde nicht ohne Anwendung von Gewalt gebrochen und in dem Geheimen Rat, in dem die obersten Beamten der einzelnen Landesteile vereinigt waren, eine einheitliche Landesbehörde geschaffen, deren Mitglieder die Absichten des Kurfürsten teilten und förderten. Hier bildete sich der erste Kern des preußischen Beamtentums, dem die Hohenzollern [* 5] die Idee des preußischen Staatswesens einflößten, und das der ebenso intelligenz wie hingebende und uneigennützige Träger [* 6] desselben lange gewesen ist.
Vor allem galt es, bei der damaligen Lage Deutschlands [* 7] die äußere Wehrhaftigkeit des jungen Staats zu begründen. Der Kurfürst, selbst ein tüchtiger Soldat, schuf sich schnell ein vortreffliches Heer, dessen Führer sich durch kriegerische Tüchtigkeit und ritterliche Anhänglichkeit an den Kriegsherrn auszeichneten. Allerdings verschlang es bei der Kostspieligkeit der Truppen in jener Zeit bedeutende Summen, und der Kurfürst konnte zur Unterhaltung desselben auf Kriegsfuß die Hilfsgelder reicherer Bundesgenossen nicht entbehren, wodurch die Unabhängigkeit seiner Politik oft beeinträchtigt wurde.
Doch leistete es ihm auch wichtige Dienste. [* 8] Im schwedisch-polnischen Krieg (1655-60), in welchem es sich in der Schlacht bei Warschau [* 9] auszeichnete, erwarb er die Souveränität Preußens [* 10] (1657), die ihn von dem Lehnsverband mit Polen befreite. Das im ersten Koalitionskrieg gegen Frankreich (1672-79) durch die Schlacht bei Fehrbellin [* 11] und die folgenden glücklichen Feldzüge den Schweden entrissene Vorpommern mußte er freilich im Frieden von St.-Germain wieder zurückgeben.
Allein bei der damaligen Ohnmacht Deutschlands mußte die Behauptung des Besitzstandes gegen die übermächtigen, habgierigen Nachbarn schon als ein Gewinn betrachtet werden, und jedenfalls war nun der Kurfürst von Brandenburg [* 12] neben dem Kaiser der mächtigste und einflußreichste Fürst in Deutschland. Sachsen [* 13] und das Haus Braunschweig-Lüneburg waren von Brandenburg überholt, welches den Schutz Norddeutschland gegen das Ausland auf sich nahm und sich als Hort religiöser Freiheit bewährte.
Der erste König 1688-1713.
Friedrich Wilhelms Sohn, Kurfürst Friedrich III., von den besten Absichten für Erfüllung seiner Pflichten als Fürst beseelt, aber eitel, kurzsichtig und zu Pracht und Verschwendung geneigt, ließ sich über die wirkliche Kraft [* 14] des jungen Staatswesens durch die hohe Stellung verblenden, welche die bedeutende Persönlichkeit seines Vaters ihm verschafft hatte, und gefährdete durch seine äußerlich glänzende Regierung im höchsten Grade das von demselben begonnene Werk. Er glaubte den Wohlstand des Volkes schon hinreichend gemehrt, die Organisation der Staatsbehörden genug befestigt, um die innere Entwickelung ruhig ihren Gang [* 15] gehen lassen und sich ganz den allgemeinen europäischen Dingen, der Erlangung einer der Bedeutung Brandenburgs entsprechenden äußern Würde und der Pflege höherer wissenschaftlicher und künstlerischer Interessen widmen zu können. An dem zweiten Koalitionskrieg gegen Frankreich (1689-1697) nahm er anfangs persönlich teil und ließ dann einen großen Teil seiner Truppen bei der verbündeten Armee bis zum Frieden von Ryswyk (1697), bei dem er nicht die geringste Entschädigung gewann, ja nicht einmal zu den Verhandlungen zugezogen wurde.
Auch in Ungarn [* 16] kämpften brandenburgische Truppen gegen die Türken. Diese Opfer brachte er bereitwillig, um seinem Staat und seinem Haus einen höhern Rang zu verschaffen durch die Erhebung des souveränen Herzogtums Preußen [* 17] zum Königreich. Die dazu erforderliche Zustimmung des Kaisers, welche er durch den Kronvertrag vom erlangte, erkaufte er mit der Verpflichtung, das Erbfolgerecht des österreichischen Hauses auf Spanien [* 18] durch Stellung eines Hilfskorps zu unterstützen.
Der Preis war ein teurer, denn elf Jahre lang kämpften die preußischen Truppen auf den Schlachtfeldern Belgiens, Süddeutschlands und zwar in viel größerer Stärke, [* 19] als bedungen war, und ohne Subsidien zu empfangen, während ihm die für seine Interessen viel wichtigere Beteiligung am Nordischen Krieg hierdurch unmöglich gemacht wurde. Immerhin war die Annahme des preußischen Königstitels (als König hieß der Kurfürst fortan Friedrich I.), welche in Königsberg [* 20] stattfand und im Utrechter Frieden 1713 von den europäischen Mächten anerkannt wurde, ein Fortschritt in der Entwickelung des preußischen Staats; sie gab den Angehörigen desselben einen gemeinschaftlichen Namen, den Leitern den Antrieb, die wirkliche Macht mit dem hohen Rang in Übereinstimmung zu bringen.
Die Gründung der Universität Halle [* 21] (1694), der Akademie der Künste (1699) und der der Wissenschaften (1700) in Berlin, [* 22] die prachtvollen Schlüterschen Bauten daselbst zeigten, daß der neue Staat auch die geistigen und künstlerischen Interessen pflegen wolle. Aber die Aufopferung Friedrichs für die gemeinschaftliche Sache Europas und sein Streben, den neuen Königshof zu einem Sitz künstlerischer Pracht zu erheben, drohten die Finanzen völlig zu zerrütten; der vom Großen Kurfürsten gesammelte Staatsschatz war längst aufgezehrt, und selbst neue, drückende Steuern, der Verkauf von Domänen, die Vernichtung kostbarer Wälder vermochten die Kosten des Hofs und Heers nicht zu decken. Noch schlimmer war, daß Friedrich, gutmütig und schwach, völlig in die Hände fremder Abenteurer geriet, welche sich an dem Gut und Blut der hart bedrückten Unterthanen schamlos bereicherten, wie der berüchtigt Kolb von Wartenberg, und der ¶
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Hof [* 24] ein Schauplatz schmählicher Ränke und nichtsnutziger Günstlingsherrschaft wurde, während man die alten Geheimräte des Großen Kurfürsten, welche in dessen Sinn die Regierung sparsam und umsichtig fortführen wollten, zurücksetzte oder, wie den verdienten Danckelmann, mit dem schnödesten Undank belohnte. Eine nicht unwichtige Erwerbung an neuem Ländergebiet machte zwar auch der erste König: er kaufte von Sachsen die Erbvogtei über das Reichsstift Quedlinburg [* 25] und die Reichsstadt Nordhausen [* 26] sowie das Amt Petersberg und später die Grafschaft Tecklenburg, und aus der Erbschaft Wilhelms III. von Oranien fielen ihm 1702 Lingen, Mörs und Neuenburg [* 27] zu. Dagegen wurden 1709-11 Preußen und Pommern [* 28] von einer furchtbaren Pest heimgesucht, welche ein Drittel der Bevölkerung [* 29] hinwegraffte. Obwohl das Volk den gutmütigen Fürsten, als er starb, betrauerte, war sein Tod doch die Befreiung aus einer Lage, in welcher der Staat hätte untergehen müssen.
Die Reorganisation des Staats unter Friedrich Wilhelm I. 1713-40.
Der Umschwung, den sein Sohn und Nachfolger, König Friedrich Wilhelm I. (1713-40), herbeiführte, war schroff und gewaltsam, aber für die Erhaltung des Staats notwendig und in seinen Folgen segensreich, wenn auch die Mitwelt fast nur die Härten des neuen Systems zu spüren bekam. Ohne feinere Bildung und rauh, wie der König war, lag ihm die Versuchung fern, die geringen Geldmittel des Staats für künstlerische u. wissenschaftliche Zwecke zu verwenden, welche über die unmittelbar Notwendigkeit hinausgingen; sein Mangel an Ehrgeiz sicherte ihn davor, die Kräfte desselben in zweifelhaften kriegerischen Unternehmungen zu vergeuden.
Der Utrechter Friede, welchem er nicht lange nach seiner Thronbesteigung beitrat befreite ihn von der Pflicht der weitern Teilnahme am spanischen Erbfolgekrieg und verschaffte ihm noch als Ersatz für Orange den Besitz von Obergeldern; nur der Zwang der Umstände veranlaßte ihn noch, am Nordischen Krieg teilzunehmen, indem er Vorpommern erst zur Sicherung desselben gegen Rußland besetzte, dann aber seine Ansprüche auf Entschädigung gegen den halsstarrigen Karl XII. von Schweden verteidigen mußte, und nachdem er 1715 Stralsund [* 30] und Rügen erobert, behielt er 1720 im Frieden von Stockholm [* 31] gegen Zahlung von 2 Mill. Thlr. Vorpommern bis zur Peene mit den Odermündungen (5000 qkm). Seitdem nahm der König an keinem Krieg mehr teil; nur im polnischen Erbfolgekrieg (1733-35) schickte er ein Hilfskorps von 10,000 Mann an den Rhein zur kaiserlichen Armee. Je mehr Mühe und Opfer ihn die Reorganisation des Staats kostete, desto mehr schrak er davor zurück, den Bestand desselben durch Kriege zu gefährden.
Nachdem Friedrich Wilhelm mit einem Federstrich den ganzen Flittertand des prunksüchtigen Hofs seines Vaters abgeschafft, in seiner Familie strengste Einfachheit und Sparsamkeit zum Gesetz gemacht und sich selbst für den Kriegs- und Finanzminister Preußens erklärt hatte, widmete er sich mit der rücksichtslosen Energie und der unermüdlichen Arbeitskraft, die ihm eigen waren, der Reorganisation des Staats. Er erkannte sehr richtig, daß eine selbständige Politik neben den übrigen weit mächtigern und mit natürlichen Hilfsmitteln weit reicher ausgestatteten europäischen Staaten für das emporstrebende Preußen nur möglich sei, wenn es eine starke, vortreffliche und aus den eignen Einkünften bezahlte, nicht von fremden Hilfsgeldern abhängige Armee habe.
Diese zu bilden, war daher vor allem seine Absicht. Den Sold, die Uniform, die Verpflegung, knapp, aber pünktlich, erhielten Soldaten und Offiziere fortan aus der königlichen Kasse, nicht, wie früher, vom Obersten, welcher das Regiment geworben. Die Rekruten wurden zur Hälfte aus den Landeskindern ausgehoben, zur Hälfte angeworben; zur Regelung der Aushebung führte der König 1733 das Kantonsystem ein, nach welchem das Land in Bezirke eingeteilt wurde, welche den einzelnen Regimentern zur Rekrutierung zugewiesen waren.
Hierdurch wurde eine beträchtliche Vermehrung des Heers möglich, welches 1720 bereits 50,000 Mann, 1740: 83,000 Mann, darunter 18,000 Mann Reiterei, zählte. Die Kriegszucht war furchtbar streng, der Dienst höchst mühsam; durch unermüdliches Drillen wurde es aber erreicht, daß die Ausbildung des preußischen Fußvolkes in allen Bewegungen, die im Gleichschritt stattfanden, und im Schießen, [* 32] das durch den eisernen Ladestock wesentlich erleichtert wurde, eine außerordentliche und damals unerhörte war.
Für die Opfer und Entbehrungen, welche der anstrengende Dienst bei kärglicher Bezahlung den Offizieren, namentlich den niedern Chargen, auferlegte, entschädigte er sie dadurch, daß er ihren Stand zum ersten im Staat machte, in den mit der Zeit nur der Adel Aufnahme fand, und dem er selbst und sämtliche Prinzen anzugehören sich zur Ehre rechneten. Der König flößte den preußischen Offizieren hierdurch Korpsgeist und lebhaftes Gefühl für ihre Standesehre ein, welche der Gesamtheit einen festen Halt gaben, den Einzelnen stützten und zur Bewahrung ritterliche Tugenden anfeuerten.
Obwohl bei der Heeresverwaltung, mit Ausnahme des »Leibregiments der langen Kerle«, für das der König große Summen verschwendete, die höchste Sparsamkeit beobachtet wurde, so erforderte sie doch immer größere Einkünfte, und diese zu beschaffen und zu vermehren, war des Königs zweite Sorge. Vor allem war für eine geregelte Finanzwirtschaft die Aufstellung und Einhaltung eines jährlichen Staatshaushalts notwendig, welche jedoch bei der bisherigen Verwaltungsorganisation, wonach die Regierungen der einzelnen Länder nur ihre Überschüsse von alljährlich wechselnder und daher unberechenbarer Höhe an die allgemeine Staatskasse ablieferten, nicht möglich war.
Der König setzte daher 1723 das »Generaloberfinanz-, Kriegs- und Domänendirektorium«, gewöhnlich das »Generaldirektorium« genannt, ein, welchem er selbst präsidierte, und dessen Instruktion er selbst ausarbeitete. Dieses mußte alle öffentlichen Einkünfte einnehmen und nach der berechneten Einnahme die Aufstellung sämtlicher Staatsausgaben so einrichten, daß stets ein Überschuß blieb. Nie duldete der König eine Abweichung von diesem Voranschlag.
Durch Vereinfachung der Abgaben suchte er die Kosten ihrer Erhebung zu vermindern und so zugleich die Lasten der Unterthanen zu erleichtern. Die Erträge der Accisen und Zölle wurden durch strenge Kontrolle erheblich gesteigert, ebenso die Domäneneinkünfte. Privilegien und Sonderrechte beachtete er nicht. Die jährlichen Einnahmen beliefen sich infolgedessen zuletzt auf 7½ Mill. Thlr., u. er hinterließ trotz der großen Kosten des Heers seinem Nachfolger einen baren Schatz von 9 Mill.
Durch zweckmäßige Maßregeln bemühte sich der König, den Wohlstand des Landes zu vermehren, um seine Steuerfähigkeit zu erhöhen. Am segensreichsten waren seine Bestrebungen für den Ackerbau. In der Bewirtschaftung der Domänen ging er mit gutem Beispiel voran, indem er Sümpfe entwässerte, neue Kulturen einführte, die alten höher entwickelte. Unermüdlich ¶