Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03318.jsonl.gz/2479

Sprechen wir mal über Spieltheorie.
Was sich nämlich zwischen den Regierungen der Länder in der Europäischen Währungsunion abspielt, ist ein einziges grosses Experiment in Spieltheorie. Vor drei Wochen, im Vorfeld des letzten EU-Gipfels, spielte sich ein «Chicken Game» zwischen Angela Merkel und Mario Monti (hier beschrieben) ab – das der Italiener gewann.
Das war jedoch nur das Vorspiel. Eine weitaus folgenschwerere spieltheoretische Auseinandersetzung zwischen Deutschland und Italien dürfte sich in den nächsten ein, zwei Jahren abspielen.
Doch dazu kommen wir später.
Beginnen wir zunächst mit Griechenland und Deutschland. Zwischen den beiden Ländern spielt sich seit mehr als zwei Jahren ein klassisches Beispiel des Gefangenendilemmas ab.
Um was geht es beim Gefangenendilemma genau? Zwei mutmassliche Bankräuber werden verhaftet und getrennt von der Polizei vernommen. Jeder der zwei Gefangenen erhält das gleiche Angebot: Wenn er gegen seinen Partner aussagt und dieser schweigt, wird der Verräter frei gelassen und sein Partner muss für zehn Jahre ins Gefängnis. Sagen beide gleichzeitig gegeneinander aus, müssen beide für drei Jahre ins Gefängnis. Schweigen beide, erhalten beide eine einjährige Haftstrafe.
Obwohl Schweigen für beide das Beste wäre, wird jeder gegen seinen Partner aussagen, weil er nicht sicher sein kann, ob er von diesem nicht doch verraten wird. Das «Nash Equilibrium» sagt voraus, dass jeder Gefangene den Anderen verrät. Nur wenn er aussagt, kann er das Szenario verhindern, dass er für zehn Jahre hinter Gitter muss.
Genau das läuft zwischen Deutschland und Griechenland. David Woo, Devisenstratege von Merrill Lynch, hat die Situation zwischen den beiden Ländern schematisch aufgezeigt:
Griechenland steht zwischen der Entscheidung, ob es den Pfad der harten Austerität wählen soll oder nicht. Deutschlands Regierung muss derweil entscheiden, ob sie Eurobonds – also gemeinsame Haftung für die Schulden aller Euro-Staaten – zulassen soll oder nicht, um den Austeritätsprozess im Süden zu unterstützen.
Die Zahlen in der obigen Grafik dienen nur der Illustration, um festzustellen, wer in welchem Szenario etwas gewinnt. Rational betrachtet wäre es für beide Länder am besten, wenn sie kooperieren: Griechenland unterzieht sich der Austeritätskur, und Deutschland willigt in Eurobonds ein. Beide gewinnen am Ende (+5 in der Grafik). Das ist das Szenario, wenn im Gefangenendilemma beide Bankräuber schweigen.
Nun wäre es aber für die Griechen noch besser, wenn Deutschland zwar Eurobonds zulässt, sie selber aber auf Austerität verzichten können. Gleichzeitig wäre es für Deutschland besser, wenn die Griechen den Austeritätspfad bereits ohne deutschen Segen zu Eurobonds wählen. Und weil beide Seiten so denken, stellt sich das Nash Equilibrium – keine Austerität, keine Eurobonds – ein. Jeder der Gefangenen sagt gegen den Anderen aus – und beide verbüssen die Strafe.
Soviel zur Einführung mit Griechenland.
Wir haben in diesem Beitrag letzte Woche schon kurz aufgezeigt, wie momentan die ökonomischen Kräfte in der Eurozone zentrifugal wirken, während nur noch der politische Wille die Währungsunion zusammenhält. Sie wolle «den Primat der Politik über die Märkte wiederherstellen», sagt Kanzlerin Merkel oft. Deswegen gehen die meisten Beobachter der Eurokrise davon aus, dass der politische Wille am Ende obsiegen und die Währungsunion nicht in einem chaotischen Prozess zerfallen wird.
Was aber, wenn einzelne Länder in einer nüchternen Kosten-Nutzen-Analyse zum Schluss kommen, ein Austritt aus dem Euro sei für sie langfristig vorteilhafter? Dieses Szenario sollte nicht unterschätzt werden, denn wie mein Kollege Tobias Straumann in diesem Artikel in der «Finanz und Wirtschaft» treffend dargelegt hat, waren es in der Grossen Depression der Dreissigerjahre ebenfalls unorthodoxe – und kurz zuvor geradezu undenkbare – Massnahmen, die zum Ende der Krise geführt hatten.
Der Devisenstratege David Woo ist also der Frage nachgegangen, für welche Länder sich ein überlegter, geordneter Austritt lohnen würde.
Da ist zunächst einmal die zentrale Frage zu klären, ob ein Austritt die Finanzlage des betreffenden Landes verwüsten würde. Länder mit einem grossen Primärdefizit in ihrem Haushalt (Staatsbudget unter Ausklammerung der Zinsaufwendungen) sowie einem grossen Leistungsbilanzdefizit wären besonders gefährdet, von den internationalen Kapitalströmen abgeschnitten zu werden. Hier die Rangliste für die 11 grössten Länder der Eurozone (Quelle: Bank of America Merrill Lynch):
Es überrascht nicht, dass Deutschland und Österreich mit ihrem Leistungsbilanzüberschuss und nahezu ohne Primärdefizit hier die besten Voraussetzungen hätten. Auf Rang drei folgt jedoch schon Italien, zusammen mit den Niederlanden (wobei freilich bei Italien angesichts der Rezession die Gefahr besteht, dass der Primärsaldo schon bald ins Defizit rutscht). Spanien und Griechenland würden mit ihren hohen Defiziten dagegen Gefahr laufen, nach einem freiwilligen Ausstieg sofort von den Kapitalmärkten abgeschnitten zu werden.
Die zweite Frage von David Woo: Welche Wachstumseffekte würde ein Land in seinen Exporten erzielen, wenn es aus dem Euro austritt? Hier trifft er die Annahme, dass die Währung des betreffenden Landes sofort reagieren würde, um bestehende Differenzen in den Lohnstückkosten auszugleichen. Im Fall von Italien kommt Woo auf die – reichlich konservative – Annahme, dass der Wechselkurs der Lira um 11 Prozent fallen würde. Sollte Deutschland austreten, würde sich die Mark um 15 Prozent aufwerten. Hier die Rangliste für diese Fragestellung (Quelle: BoA Merrill Lynch):
Irland und Italien hätten demnach die grössten sofortigen Wachstumseffekte auf ihr BIP zu erwarten: 7 Prozent im Fall Irlands, 3 Prozent im Fall Italiens.
Zwei weitere Fragen, denen Woo nachgeht, betreffen sodann die angenommenen Bond-Zinsen nach dem Ausstieg sowie den Effekt auf die Bilanzen der Haushalte, Unternehmen, Banken und des Staates, wenn alle in Euro denominierten Guthaben und Verbindlichkeiten in die neue Währung umgewandelt werden.
Auch in diesen zwei Fragen schneiden Irland und Italien gut ab, woraus sich folgende Schlussrangliste errechnet (Quelle: BoA Merrill Lynch):
Irland und Italien hätten nach der Betrachtung von Woo also die grössten Anreize, den Euro freiwillig zu verlassen. Spanien, Portugal und Griechenland würden dagegen zu grosse Risiken – dass sie von den Kapitalmärkten abgeschnitten werden – eingehen, sollten sie sich zum freiwilligen Ausstieg entschliessen.
So, zurück zum Thema. Tut mir leid, wenn dieser Beitrag nun etwas lang geraten ist. Wir wollten ja über Spieltheorie sprechen.
Im März 2013 wird Italiens Stimmvolk einen neuen Ministerpräsidenten wählen. Mario Monti tritt nicht mehr an. Nehmen wir also an, Silvio Berlusconi – oder ein anderer Populist – gewinnt die Wahl. Nehmen wir weiter an, die neue italienische Regierung werde eine nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnung der Euro-Mitgliedschaft machen und dann den heute irrational anmutenden, möglicherweise aber durchaus rationalen Entscheid fällen, den Euro zu verlassen.
Auch die deutsche Regierung müsste sich einer Kosten-Nutzen-Rechnung stellen und sich fragen, was ein Austritt Italiens Deutschland denn kosten würde: Deutsche Euro-Guthaben in Italien würden in Lira umgewandelt, Deutschlands Exporte nach Italien – die Handelsüberschüsse beliefen sich im Jahr 2011 immerhin auf 12 Milliarden Euro – würden sinken, und italienische Unternehmen würden ihren deutschen Konkurrenten auf dem Weltmarkt wieder mehr Wettbewerb liefern. Was, wenn dann Irland und dann noch weitere Länder dem italienischen Beispiel folgen, sich der Euro dadurch immer mehr aufwertet, zu einer zweiten D-Mark wird und das deutsche «Exportwunder» abwürgt?
Leider gibt es in diesem Spiel, das sich nach dem Machtwechsel in Italien 2013 durchaus ereignen könnte, kein Nash-Equilibrium; kein Szenario, in dem sich beide zwar unkooperativ verhalten, damit aber einfach den status quo zementieren. Würde Italien seine Kosten-Nutzen-Analyse sorgfältig machen, gliche dieses Spiel dann eher einer Erpressung: «Entweder Ihr zahlt mit Eurobonds», könnte Berlusconi Deutschland drohen, «oder wir sind draussen.»
Und damit wäre das grosse historische Experiment der Europäischen Währungsunion zu Ende.