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Radio SRF, Sendung «HeuteMorgen», Bericht über eine Veranstaltung der Schweizerischen Energiestiftung beanstandet
5193
Mit Ihrer E-Mail vom 8. Oktober 2017 beanstandeten Sie die Sendung „HeuteMorgen“ von Radio SRF vom 4. Oktober 2017 und dort den Beitrag über eine Veranstaltung der Schweizerischen Energie-Stiftung vom 3. Oktober 2017.[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.
A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:
„Die Berichterstattung in der Radiosendung ‚HeuteMorgen‘ vom 4. Oktober 2017 über eine Veranstaltung der Schweizerischen Energie-Stiftung vom 3. Oktober 2017 ist aus mehreren Gründen nicht sachgerecht.
Die SES-Veranstaltung[2] stand unter dem Titel ‚Energie und Wachstum: Wie viel Energieverbrauch ist angemessen?‘. Die Berichterstattung in ‚HeuteMorgen‘ erscheint auf den ersten Blick als ausgewogen, insbesondere weil zwei Referenten zu Wort kommen. Doch bei genauem Hinhören fällt auf, dass die inhaltliche Fragestellung ‚Postwachstumsgesellschaft versus nachhaltiges Wachstum – Verlangt die Energiewende und die Abkehr von fossilen Energien gesellschaftliche und wirtschaftliche Anpassungen? Müssen wir unsere Lebensweise ändern? Was ist die Rolle der Politik?‘ einseitig und in nicht zulässiger Weise in eine Fragestellung des Wirtschaftswachstums verkehrt wurde.
a) Der Begriff ‚Postwachstumsgesellschaft‘ bzw. ‚Postwachstumsökonomie‘ wird in ‚HeuteMorgen‘ zugunsten des Mantras ‚Wirtschaftswachstum‘ verdrängt.
b) Der Schlusskommentar des Sprechers: <Wie sich das auf die Kurve des Wirtschaftswachstums auswirkt, bleibt umstritten>, ist nicht sachgerecht, ja gar unzulässig und entspricht in keiner Weise den Fragestellungen der Veranstaltung, über die berichtet wird. Zudem impliziert diese Aussage einseitig die Auffassung, stetiges Wirtschaftswachstum wäre positiv und notwendig.
c) Ferner resultierte die Schlagzeile/Fragestellung: ‚Sind Energiewende und wirtschaftliches Wachstum miteinander vereinbar?‘ - dies war jedoch erwiesenermassen nicht Thema der Veranstaltung.
d) Obwohl Thema im Referat von Prof. Dr. Irmi Seidl, bleiben die Entkopplung des Zusammenhanges zwischen Wachstum und Wohlergehen sowie ‚Postwachstum‘ unerwähnt.
Dem Gebot der Sachgerechtigkeit, Unabhängigkeit sowie der fairen Darstellung unterschiedlicher Meinungen ‚audiatur et altera pars‘ (Artikel 1.2 publizistische Leitlinien von SRF) in Verbindung mit Art. 4 Abs. 2 Radio- und Fernsehgesetz wurde somit nicht genüge getan.“
B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für sie antwortete Herr Michael Bolliger, stellvertretender Chefredaktor und Leiter von Radio SRF 4 News, das die Sendung „HeuteMorgen“ produziert:
„Ich danke Ihnen für die Möglichkeit zur Beanstandung 5193 Stellung nehmen zu können. Ich tue das gleichzeitig als Mitglied der Radio-Chefredaktion und als Leiter von SRF 4 News, welches die Sendung ‚HeuteMorgen‘ produziert.
Beanstandet wird die Berichterstattung der Sendung ‚HeuteMorgen‘ vom 4.10.2017. Anlass zum Beitrag bildete eine Veranstaltung der Schweizerischen Energiestiftung (SES) unter dem Titel ‚Energie und Wachstum‘ am 3. Oktober.
In der Beanstandung wird gesagt, der Beitrag sei ‚aus mehreren Gründen nicht sachgerecht‘. Das wird einerseits damit begründet, dass der Beitrag den Begriff ‚Postwachstumsökonomie‘ durch das ‚Mantra Wirtschaftswachstum‘ verdrängt habe. Zum Zweiten habe er impliziert, Wirtschaftswachstum sei per se positiv. Weiter habe der Beitrag einem Teil des Referats von Irmi Seidl zu wenig Rechnung ge-tragen, weil er die < Entkopplung des Zusammenhanges zwischen Wachstum und Wohlergehen sowie ‚Postwachstum‘...> nicht erwähnt habe. Und nicht zuletzt sei in der Onlineversion der Titel zum Beitrag nicht korrekt gewesen.
Ich kann die Kritik nicht nachvollziehen.
Ich begründe dies im Folgenden anhand der Ausgangslage sowie der Beitrags-Idee, respektive -Chronologie.
Ausgangslage:
Die SES veranstalte am 3. Oktober eine kontroverse Diskussion mit zwei Input-Referaten unter dem Titel: Wie viel Energieverbrauch ist angemessen?
Wörtlich heisst es in der Einladung der SES zu dieser Veranstaltung:
<Unser Energieverbrauch stösst an seine Grenzen. Eine stetig wachsende Wirtschaft auf Kosten von endlichen Ressourcen befeuert den Klimawandel und andere Umweltschäden.
Postwachstumsgesellschaft versus nachhaltiges Wachstum – Verlangt die Energiewende und die Abkehr von fossilen Energien gesellschaftliche und wirtschaftliche Anpassungen? Müssen wir unsere Lebensweise ändern? Was ist die Rolle der Politik?>
Mit diesem Text ist deutlich gemacht, dass die SES das Thema kontrovers oder zumindest aus zwei Perspektiven diskutieren wollte.
Was soll die künftige Strategie sein? Müssen wir uns an den Grundsätzen des ‚Degrowth‘, also einer Wachstumsrücknahme orientieren, oder ist Wachstum weiterhin möglich, aber nachhaltig muss es sein? Zweite Frage: Wie betrifft das uns alle in unserer Lebensweise, respektive welche Rolle hat die Politik?
Grundlage für die Diskussion im Plenum bildete je ein Inputreferat von Prof. Irmi Seidl, Umweltökonomin an der Forschungsanstalt WSL, und Lucas Bretschger, Ressourcenökonom an der ETH Zürich.
Beitragsidee:
Der Beitrag in der Sendung ‚HeuteMorgen‘ wollte die beiden Perspektiven für das Radiopublikum wiedergeben. Die Schwierigkeit bestand darin, ein komplexes Thema, das seit Jahrzehnten (‚Grenzen des Wachstums‘, 1972) und immer intensiver debattiert wird, in einem Beitrag von knapp 2 Minuten auf den Punkt zu bringen. Dass wir uns deshalb auf die Kernaussage der Referentin und des Referenten mit je einer Hauptaussage im Originalton beschränkten, ist naheliegend.
Beitragschronologie:
Braucht es weniger (oder gar kein) Wachstum mehr, oder geht es doch eher darum, Ressourcen zu schonen? Das hat der Beitrags-Autor gleich zu Beginn des Beitrags mit einem starken (und beim Zuhören gut verständlichen) Bild der Kurven ‚Wirtschafts-Wachstum‘ und ‚Energieverbrauch‘ dargestellt. Dieses Bild stammte aus dem Referat von Lucas Bretschger, deshalb kam dieser im Beitrag als erster zu Wort. Bretschger äusserte die Ansicht, die Schweiz müsse mehr unternehmen, um ein allfälliges Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln. In Ländern, wo das bereits versucht werde, seien Erfolge zu verzeichnen.
Dieser Aussage wurde die Haltung von Irmi Seidl gegenübergestellt. Einleitend zum O-Ton Seidl heisst es im Beitrag, Seidl sei skeptischer, was die blosse Entkoppelung (von Wachstum und Ressourcenverbrauch) angehe und wörtlich: < Sie (Seidl) findet es grundsätzlich falsch, dass die Politik Wirtschaftswachstum über alles setze.> Damit hat der Autor zumindest sinngemäss umschrieben, was in der Fachsprache mit dem Begriff Postwachstumsökonomie ausgedrückt wird, ohne diesen für Laien unverständlichen Begriff zu verwenden. Danach kommt Irmi Seidl selber zu Wort, die in ihrem Quote beschreibt, welch zerstörerische Wirkung Wirtschaftswachstum haben könne, wenn die Politik alles diesem Ziel unterordne.
Im abschliessenden Fazit des Beitrags heisst es, die beiden Fachleute seien sich darin einig, dass die Politik gefordert sei. Es brauche neben der Energiestrategie 2050 und dem Pariser Klimaabkommen weitere Schritte, damit der Ressourcenverbrauch zurückgehe.
Der Beitrag griff zum Schluss zurück auf das Bild der beiden steigenden Kurven. Mit dem Schlusssatz, (wie ein Rückgang des Ressourcenverbrauchs sich auf die Kurve der wirtschaftlichen Entwicklung auswirke, müsse offen bleiben), wurde nicht eine Wertung vorgenommen, sondern der rhetorische Bogen zum Anfang gemacht. Wie sich das aus handwerklichen (Storytelling) Gründen auch gehört.
Titel Online
Was den Titel der Onlineausgabe angeht, kann ich die Irritation ein Stück weit verstehen. Die kausale Verknüpfung von ‚Energiewende‘ und ‚Wirtschaftswachstum‘ war im Beitrag so nicht direkt erkennbar, der Titel hätte also differenzierter gewählt werden müssen. Aber aus der Luft gegriffen ist der Begriff ‚Energiewende‘ nicht. Immerhin kommt er auch in der Einladung der SES vor, als (offensichtlich) relevanter Faktor in der aktuellen Ressourcendiskussion. Insofern stelle ich hier eine vielleicht missverständliche (und entsprechend auch nicht sehr userfreundliche) Verkürzung fest, aber keinesfalls nichtsachgerechte publizistische Arbeit.
Fazit:
Aus meiner Sicht ist die Beanstandung unbegründet. Wir haben in diesem Beitrag auf kleinem Raum ein hochkomplexes Thema mit zwei Exponenten sachgerecht dargestellt. Es gehört – insbesondere in der Morgenprimetime mit kurzen newsorientierten Beiträgen – zum handwerklichen Alltag, dass wir uns auf Kernaussagen beschränken und zusätzliche Aspekte, die entweder unterstützend oder ergänzend wirken, weglassen (müssen). Unser Hauptanliegen besteht darin, ein Thema für ein breit interessiertes Publikum verständlich und mit den wichtigsten Argumenten der beteiligten Seiten darzustellen. Das scheint mir im vorliegenden Fall gut gelungen. Nur weil gewisse Fachbegriffe nicht explizit verwendet werden, wird eine Berichterstattung in ihrer Qualität nicht schlechter.
Darüber hinaus hat sich unser Autor bereits in der Vergangenheit mit den Positionen wachstumskritischer Experten beschäftigt, explizit auch mit jenen von Irmi Seidl. Ich füge den Link zur Sendung ‚Trend‘ von April 2013 an[3]. Das ist wohl nicht direkt relevant für das Publikum der hier beanstandeten ‚HeuteMorgen‘-Ausgabe, aber es macht deutlich, dass er sich in der Thematik auskennt und die Positionen der Postwachstumsökonomie keinesfalls verdrängt.
In diesem Sinne bitte ich Sie, diese Beanstandung als nicht gerechtfertigt zu beurteilen.“
C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Ich kann Ihre Reaktion sehr gut nachfühlen: Man nimmt an einer Veranstaltung teil, findet sie beeindruckend und aufschlussreich und ist dann enttäuscht von den Medienberichten am anderen Tag, weil sie irgendwie der Veranstaltung nicht vollends gerecht werden. Wenn ich mir aber die Powerpoint-Präsentationen der beiden Referierenden ansehe, dann muss ich sagen: Das Thema war hochkomplex. Beide Referenten gingen es sehr differenziert an, aber aus einer unterschiedlichen Optik. Ein Bericht, der dem Thema in all seinen Differenzierungen gerecht werden wollte, müsste sehr ausführlich sein (beispielsweise in der Form einer ganzen Zeitungsseite oder einer halbstündigen Radiosendung).
Was also war die Alternative für die Sendung „HeuteMorgen“ von Radio SRF? Es gab zwei:
- Die erste Alternative war, überhaupt nicht zu berichten, zumal die Veranstaltung der Schweizerischen Energiestiftung keinen zwingenden Nachrichtenwert beinhaltete. Über Hunderte gleichartiger Veranstaltungen wird nicht berichtet.
- Die andere Alternative war, in einem Kurzbericht auf den Punkt zu bringen, welches die Hauptthesen der beiden Referierenden waren. Genau das hat der Autor des Beitrags getan.
Diese Berichterstattung war offensichtlich aus der Sicht der Energiestiftung selber durchaus zutreffend, denn er wurde auf der Facebook-Seite der SES veröffentlicht.[4] Ihre Kritik ist, wenn ich es richtig verstanden habe, dass es nicht um den Gegensatz Wachstum-Energiewende geht, sondern um die Frage, ob die Energiewende durch eine Wachstumsgesellschaft oder eine Postwachstumsgesellschaft ermöglicht und begleitet wird. Nur: Die Postwachstumsgesellschaft in ein, zwei Sätzen zu erklären, ist eine Überforderung. Prof. Dr. Irmi Seidl, die eine der Referentinnen war und Forschungsleiterin Wirtschafts- und Sozialwissenschaft an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf ist[5], hat zur Postwachstumsgesellschaft 2010 zusammen mit Prof. Dr. Angelika Zahrnt ein Buch herausgegeben, das 247 Seiten umfasst.[6] Radio SRF hat deshalb meines Erachtens das Bestmögliche aus der Sache gemacht. Ich kann keinerlei Verstoss gegen die Sachgerechtigkeit erkennen und deshalb Ihre Beanstandung nicht unterstützen.
D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.
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