Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03566.jsonl.gz/443

«Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen.» Das neue, 2022 erschienene Buch des deutsch-iranischen Schriftstellers und Publizisten Navid Kermani lässt die Weite und Weisheit der islamischen Tradition anklingen. Und es ist zugleich ein Plädoyer für Religion, oder besser für die Religionen.
«Ja, ich bin Muslim, weil ich in einem muslimischen Haus geboren bin», so Kermani im Buch, das als Gespräch eines Vaters mit seiner 12-jährigen Tochter aufgebaut ist. Und er öffnet sogleich das Fenster: «Aber ich wurde Muslim, weil Gott auch in jedem anderen Haus zu finden ist.»1 Der Titel des Buches stammt aus einer alten persischen Geschichte, die vom Besuch eines berühmten Mystikers in der Stadt Tus erzählt, der die Menschen in Massen in die Moschee strömen liess. Leicht verzweifelt ruft der Platzanweiser deshalb: «Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen.» Mit diesen Worten, so alsbald der Mystiker Scheich Abu Saíd, sei schon alles gesagt. Er schloss die Versammlung, bevor sie begann und verliess die Stadt.2 – Wohin, so lässt sich nun fragen, soll man näherkommen? Allein auf die nächststehenden Menschen hin oder auf eine Wahrheit, die keinen festen Ort hat, sondern stets neu vor einem liegt?
Gott ist grösser
Die christliche Theologie kennt den Ausdruck «Deus semper maior»: der je grössere Gott. Gott ist immer mehr und anders, als wir denken. In ähnlicher Weise betont Kermani, Gott ist nicht gross, sondern grösser. Leider werde der islamische Gebetsruf oft falsch übersetzt. Akbar, so erklärt der sprachgewandte Vater seiner Tochter, ist die Steigerungsform von kabîr. Der Satz «Gott ist grösser» erweist sich als ein Tor für immer neue Fragen und Einsichten, für eine lebenslange Auseinandersetzung.
Und Religion, so der Vater zur Tochter, ist nichts Kompliziertes, sondern im Gegenteil sehr einfach. Religion ist Beziehung. Dies klingt schon im Wort «Islam» und seinen drei Bedeutungen an: «sich unterwerfen», «sich hingeben» und «Frieden schliessen». Der Islam hat seine Bezeichnung von dem, was zwischen Gott und dem gläubigen Menschen geschieht. Wobei das Wort «Gott» im Buch zunächst beiseitegelegt wird: der Vater spricht lieber vom Unendlichen, das uns umgibt und in Staunen versetzt. Die unendliche Vielfalt der Blätter der Bäume wie auch das unendlich Kleine, auf dessen Spur sich die Physik begibt, lassen uns ahnen, dass da noch etwas anderes ist, das in allem wirkt – der Atem des Barmherzigen, das Grundprinzip der Einheit…3 Religion geschieht nicht im Himmel, sondern tritt ganz konkret an vielen Orten in Erscheinung: bei einer Geburt, in der Naturbegegnung, im Gottesdienst, in Wissenschaft oder Kunst.
«Die Unterwerfung, die Hingabe oder der Frieden, die im Wort Islam stecken, meinen genau dieses Bewusstsein und ebenso das Einverständnis, dass wir mit jedem Atemzug in einer Beziehung stehen mit etwas, das stärker ist als wir, mächtiger und übrigens auch schöner – Gott ist dir näher als die Halsschlagader, heisst es in Sure 50,16.»4
Annäherungen durch Abraham
Einen Schritt näher aufeinander zu machten in den letzten Jahrzehnten auch die Religionen. Christlicherseits entscheidend und wirkmächtig waren dabei zwei kirchliche Dokumente: Nostra Aetate (1965), das Dokument des 2. Vatikanische Konzil zur Beziehung der Kirche zu den Religionen sowie vom Ökumenischen Rat der Kirchen Dialogue with People of Living Faiths (1970). Es folgten Dialoginitiativen und –projekte, insbesondere zwischen Judentum, Christentum und Islam. Nicht wenige der Initiativen beriefen sich auf die Gestalt Abrahams, die in allen drei Religionen eine wichtige Rolle spielt.
Im Koran ist Abraham, Ibrahīm genannt, eine zentrale Figur.5 Er ist der Prophet des Mono¬theismus, der die schon Adam eröffnete, jedoch in der Geschichte verschüttete Offenbarung wiederfindet. So erzählt der Koran (Sure 6,75-79), wie Ibrahīm in den Sternenhimmel blickend zur Erkenntnis kommt, dass hinter den Gestirnen eine unveränderliche Quelle des Lichts steht: der eine und einzige Gott. Der Koran setzt in der Szene des Sternenhimmels einen etwas anderen Akzent als das Buch Genesis, in dem Abraham der Empfänger einer Verheissung wird, die ihn stets neu aufbrechen lässt ins Unbekannte.
«Der Glaube Abrahams wird im Koran als das Ergebnis eines reflektierenden Nachdenkens über die objektiv gegebenen, natürlichen und/oder offenbarten Zeichen dargestellt. Es ist ein Weg des Erkennens der Gesetze der Schöpfung.»6
Eine andere Facette des Glaubens von Ibrahīm zeigt sich in der Erzählung der Opferung seines Sohnes – in der islamischen Tradition ist es nicht Isaak, sondern Ismael. Auch wird das Opfer nicht direkt von Gott verlangt. Hier im Kampf gegen das Absurde setzt Ibrahīm ganz auf Gott; er erkennt seine Grenzen und vertraut auf Gott, der die Opferung ablehnen wird.7 In dieser Gottergebenheit praktiziert Ibrahīm den wahren Islam, wie ihn Mohammed später im Koran verkündet. So wird er zu einem Vorbild, an dem sich muslimisches Leben orientiert. Die Ausrichtung nach Mekka im täglichen Gebet erinnert die Muslime und Musliminnen an Ibrahīm. Denn das Heiligtum der Kaaba soll von ihm und seinem Sohn Ismael gegründet worden sein (Sure 2,124-130).
Freundschaft mit dem Freund Gottes
Trotz ihrer unterschiedlichen Traditionen, in der Anerkennung von Abraham-Ibrahīm kommen sich jüdische, christliche und muslimische Gläubige näher. Sie alle sehen in ihm einen Menschen des Glaubens, einen Freund Gottes, der das Leben als Geschenk erfährt und achtet, gastfreundlich lebt und Verstand wie Herz einbringt in die Beziehung zu seinem Gott. Als Freundinnen und Freunde dieses Gottesfreundes können jüdische, christliche und muslimische Menschen einen Schritt näher aufeinander zugehen, einander zuhören und sich gegenseitig stärken in der Suche des je grösseren Gottes.
- Navid Kermani: Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen. Fragen nach Gott, München 22022, S. 32.
- Vgl. Navid Kermani: Jeder, S. 32f.
- Das Staunen spielte schon in Navid Kermanis Buch von 2015 eine zentrale Rolle, das den Titel trägt: «Ungläubiges Staunen. Über das Christentum». Doch dieses Mal geht es nicht um Schönheit und Kunst, sondern immer wieder um Wissenschaft, genauer um die Quantenphysik. Und es ist kein Buch über das Christentum, sondern ein Buch zum Islam. Zum «gläubigen Staunen» und zu Religion als Naturbegegnung vgl. die Sure 3,190f., die Kermani zitiert (S. 60): «Siehe, in der Schöpfung von Himmel und Erde / Und dem Wechsel von Tag und Nacht / Sind wahrlich Zeichen für Einsichtsvolle. / Im Stehen, im Sitzen, im Liegen / Gedenken sie Gottes und sinnen / Über Himmel und Erde, die Schöpfung sind: ‹Unser Herr! Nicht umsonst hast du geschaffen! Gepriesen seist du!›»
- Navid Kermani: Jeder, S. 47.
- Vgl. Christian W. Troll: Unterscheiden um zu klären. Orientierung im christlich-islamischen Dialog, Freiburg i.Br. 2008, S. 150-166; Martin Affolderbach/Inken Wöhlbrand: Was jeder vom Islam wissen muss, Gütersloh 32016, S. 229-234.
- Christian W. Troll: Unterscheiden, S. 155.
- Vgl. Christian W. Troll: Unterscheiden, S. 156.
Bildnachweise: Titelbild: Buch mit goldenen Seiten. Unsplash@aaronburden / Bild 1: Moschee mit viele Besucher:innen im Iran. Unsplash@mostafa_meraji / Bild 2: Eine Moschee und eine Kirche sind hintereinander Sichtbar. Amman, Jordanien. Foto: Tabea Aebi / Bild 3: Die Symbole des Islams, des Judentums und des Christentums. Unsplash@noahholm