Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03405.jsonl.gz/1706

Die Musikerin Vera Kaa etablierte sich in den 80er-Jahren auch in der Luzerner Musikszene. Sie nahm Stellung zur Rolle der Frau und setzte sich für junge Kulturschaffende ein. Dazu eroberte sie den Sedel und schrieb einen Song für die Gleichstellung.
Angela Müller
«Bye bye, du bist nicht mein Typ, bye bye, ich brauch’ einen anderen, bye bye, der mir alles gibt», sang die in Luzern geborene Vera Kaeslin 1982. Vera Kaa war ihr Künstlername, unter dem sie zu diesem Zeitpunkt über die Luzerner Musikszene hinaus bereits besser bekannt war. Als weibliche Frontsängerin war sie in der deutlichen Minderzahl gegenüber männlichen Lead-Sängern. Selbstbewusst und zum Teil angriffig waren ihre Texte. Mit rotem Lippenstift und wilder Mähne sang sie diese mit ihrer charakteristisch rauen, leicht heiser klingenden Stimme in deutscher Sprache.
«Mit Typen hab’ ich nur Probleme,
immer läuft das gleiche Spiel,
und das nur, weil ich mir nehme,
was ich will, und das ist viel.»
(Vera Kaa, Bye Bye (Baby, das war’s schon), 1981)
Gleichberechtigung in Beziehung und Gesellschaft
Vera Kaa nahm in Song-Texten und Interviews Stellung zur Rolle der Frau in der Gesellschaft. Frauen sollten ihre Gleichberechtigung einfordern. Nicht nur in Beziehungen, sondern auch in der Gesellschaft im Allgemeinen.
Weshalb sie in Deutsch und nicht etwa im Luzerner Dialekt singe: «Dialekt liegt mir überhaupt nicht», meinte sie damals in einem Interview gegenüber Toni Vescoli, der selbst die damalige Schweizer Musikszene mitprägte. Englisch spreche sie selber nicht gut und sie verstehe es auch nicht wirklich, ergänzte sie keck. Die Entscheidung, Deutsch zu singen, machte sie zur Pionierin. Später kam die sogenannte Neue Deutsche Welle auf, die einen kurzlebigen Höhepunkt erreichte.
Vera Kaas Band gewann den Phono-Akademie-Preis, was für die damals erst 21-jährige Sängerin selbst eine Überraschung darstellte, und feierte in Deutschland grosse Erfolge. Die Band spielte rockige Riffs zu Song-Texten, die sich um Liebe, jugendliche Lebensgefühle, aber auch um Arbeitslosigkeit und gesellschaftliche Ausgrenzung drehten.
Die Eroberung des Sedels
Vera Kaa agierte auch jenseits ihrer Musik politisch. Sie kämpfte für kulturelle Freiräume und setzte sich für den Naturschutz ein. Einer dieser Freiräume war der Sedel. Meist junge Musiker, Kulturschaffende und Interessierte hatten sich in öffentlichkeitswirksamen Protestaktionen Gehör verschafft. Sie konnten sich schliesslich gegenüber einem widerständigen Stadtrat durchsetzen und das ehemalige Gefängnis 1981 für sich erobern. Vera Kaa hatte, wie viele andere Bands, im Sedel eine Zelle, spielte Konzerte und führte zwischenzeitlich die Bar.
«Toleranz bedeutete für sie, dass die Gesellschaft jungen Menschen offen gegenüber tritt.»
Als Kulturschaffende klagte sie die gesellschaftliche Intoleranz an und plädierte für Menschlichkeit. Toleranz bedeutete für sie auch, dass die Mehrheitsgesellschaft jungen Menschen offen gegenübertreten und jeder die eigenen Freiheiten ausleben lassen sollte. Räume zu schaffen für eine junge und alternative Kultur, war eine zentrale Forderung. So initiierte Vera Kaa auch eine Aktion auf dem Luzerner Kornmarktplatz: Der mit Geranien-Blumenkästen bestellte Platz sprach für ein grüneres Luzern.
Dass in der Musik insbesondere der Jugendkulturen der 1960er- bis 1980er-Jahre Lebensgefühle, politische Haltungen und Werte transportiert und verhandelt wurden, hat in der historischen Forschung erst in jüngerer Zeit mehr Beachtung erfahren. Gerade nichtliterarische Formen waren ein wichtiges Kommunikations- und Ausdrucksmittel der Alternativkultur. Im Zusammenspiel von Text und Musik entfalten Songs ihre Wirkung.
Rien ne va plus
Für das 10-Jahr-Jubiläum der Abstimmung über den Verfassungsartikel der Gleichstellung von Frau und Mann schrieb Vera Kaa 1991 den Titel «Rien ne va plus». Der Song sollte ein lustvolles Frausein unterstreichen. Der zu diesem Anlass von Gewerkschafts-Frauen organisierte Streik stand in diesem Jahr unter der Parole: «Wenn die Frau will, dann steht alles still.» Der Schweizerische Gewerkschaftsbund forderte die Frauen auf, die Arbeit niederzulegen.
Zu diesem Zeitpunkt hatten sich neue Frauengruppierungen etabliert, aber auch auf politischer Ebene, in Gewerkschaften und Parteien erlebte die Frauenbewegung eine Wiederbelebung. Protestiert wurde für eine konsequentere Umsetzung des Gleichstellungsgesetzes. Rund eine halbe Million Frauen nahmen am Streik teil. Es fanden schweizweit verschiedene Aktionen statt und wahrscheinlich klang auch Vera Kaas «Rien ne va plus» über die Plätze Basels, Berns, Winterthurs und Luzerns.
Im Rundgang «...dann das Vergnügen» des Luzerner Frauenstadtrundgangs ist die Jugend- und Alternativkultur Luzerns ebenfalls Thema. Der Verein bietet von April bis Oktober öffentliche Rundgänge an. Sie richten sich an alle Interessierten. Im Winter werden spezielle verkürzte Stadtrundgänge angeboten.