Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03129.jsonl.gz/14

Sex and the Car
Als ich seinerzeit in Kalifornien war, um den damals brandneuen Rolls-Royce Ghost zu fahren (ein Auto mit dem Sex-Appeal von Terrell Owens – oder Joan Collins), sah ich im Fernsehen einen Werbespot für den Dodge Charger, der kurz zuvor bei der Superbowl gelaufen war (der Spot, nicht der Dodge). In diesem Spot geht es zunächst um Männer – beziehungsweise um den Mann als solchen, den modernen flexiblen zivilisierten emaskulierten Mann, der freundlich zu seinen Schwiegereltern ist und seiner Gattin zuliebe Fernsehserien mit Vampiren schaut und sich bloss eines nicht verbieten lässt: genau, den Dodge Charger. Man’s Last Stand. Drive the car you want to drive.
Wir sehen hier das Auto als Versatzstück im Geschlechterkampf. Das ist ein uralter Topos im kulturellen Diskurs um Auto und Geschlecht, und mindestens genauso alt ist eine andere Kopplung innerhalb dieses Diskurses, wobei wir hier «Diskurs» noch weniger theoretisch verstehen als im Falle des Geschlechterkampfs, nämlich die Kopplung von Auto und Sex. Das Auto ist ein Sexsymbol, ein Symbol von Kraft und Beweglichkeit und Überlebensvorteil, wofür der grollende rasende schwarze Charger in oben erwähntem Spot als Beispiel durchgehen mag, jedenfalls wenn man die klassisch-psychoanalytische Technikdeutung zugrunde legt, wonach eine narzisstisch-faustische Möglichkeit, unsere Abhängigkeit von der Natur (und also von unseren Müttern) zu leugnen, darin besteht, Technologien zu erfinden, die uns als Bemeisterer der Natur erscheinen lassen. Übrigens mag ich den Charger und bin ihn auch selbst schon gefahren, weshalb ich anmerken möchte, dass er nicht enttäuscht. Das ist ja immer das Risiko bei Sexsymbolen: dass sie enttäuschen. Und unter einer gewaltigen Haube dann bloss eine recht jämmerliche Motorisierung wartet.
Zu den sexuellen Implikationen des Autos gehört eine ganze Schatzkammer popkultureller Urmuster: das Autowaschen als simulierter Sexualakt beispielsweise, oder das Archebild von Sex im Auto (zweifellos einen Höhepunkt erreichend mit Ashley St. Ives‘ Rolls-Royce-Sex in «Beyond the Valley of the Dolls») oder die trivialpsychologische Verlängerung des fahrbaren Untersatzes als Phallusprothese. Letztere geht davon aus, dass ein Auto vor allem durch vergleichsweise simple, leicht kalkulierbare Zutaten sexy wird: lange Haube, gurgelnder Motor, acht Zylinder. Und das ist vollkommen richtig. Die Mechanismen des Sex sind eben meist recht simpel. Das hat Mutter Natur so eingerichtet, und wir müssen nun damit fertig werden.
Für wen ist eine lange Haube sexy?
Die Frage ist allerdings: Für wen ist eine lange Haube sexy? Immerhin ist es eine bekannte Tatsache, dass Frauen regelmässig angeben, dass ihnen bei einem potenziellen Partner vor allem Humor und Zuverlässigkeit wichtig sind. Demgegenüber geben Männer an, dass ihnen bei einer potenziellen Partnerin gute Beine wichtig sind. Das ist jetzt vielleicht ein klein wenig schematisiert, führt uns aber dennoch zu der legitimen grundsätzlichen Frage: Ist der Sex-Appeal von Autos durch die Veranschaulichung von Kraft und reproduktiver Fitness mittels erlebbarer Kategorien wie Grösse, Schnelligkeit, Lautstärke ein Imponiergehabe von Männern – für andere Männer? Soll also mit einer sexuell aufgeladenen Karosse weniger Attraktivität für potenzielle Lebensabschnittspartnerinnen als vielmehr vor allem Überlegenheit an potenzielle Rivalen signalisiert werden? Fahren sexy Autos seit Jahrzehnten an Frauen vorbei? Können Autos überhaupt sexy im weiblichen Sinne sein – indem sie sowas wie Humor und Zuverlässigkeit ausstrahlen? Welches Auto strahlt denn bitte Humor und Zuverlässigkeit aus – ein 2CV?
Tatsächlich ist es so, dass die Bewertung «sexy» im Hinblick auf Autos meistens von Männern vorgenommen wird. Andererseits gibt es diese Tests, bei denen ein und derselbe Testmann aus einem Auto heraus Frauen anlächelt, und dann prompt eine ungleich bessere Resonanz erhält, wenn er in einer teuren Karosse sitzt, die sämtliche Sexy-Kriterien erfüllt – was allerdings auch auf einen weiblichen Versorgungsinstinkt zurückgeführt werden kann, falls es den gibt. Wagen wie der Ford Thunderbird von 1956 hingegen erhielten einen gewissen weiblichen Sex-Appeal durch Assoziation, im genannten Beispiel mit Marilyn Monroe. Sex durch Assoziation ist übrigens ein bewährter Mechanismus mit Bezug auf das Automobil; üblicherweise werden allerdings gerade Wagen, die besonders männlich wirken sollen, auf Messen und Werbemitteln in der Gesellschaft junger Damen präsentiert, die wiederum üblicherweise so lange Fingernägel haben, dass sie wohl kaum die Tastatur des Satelliten-Navigationssystems bedienen könnten. Man nennt besagte Damen fachsprachlich Car Chicks. Wieso existieren eigentlich keine Car Chickos? Schliesslich sind doch auch Frauen und Homos wichtige Kundensegmente. Und was ist mit der Zielgruppe der lesbischen Truckerinnen?
Marktforscher wissen längst, dass auch Frauen bei Autos nach sinnlichen Werten, nach Stimmung und Stimulation verlangen und insofern prinzipiell nicht weniger als Männer ansprechbar sind für Autos, die man als «sexy» apostrophieren würde. Jedoch verkörpern kraftstrotzende Karossen für Frauen ein Statussymbol mit ganz anderer Aufladung als für Männer: Nach wirtschaftswissenschaftlichen Untersuchungen über den geschlechtsspezifischen Umgang mit Geld erwerben Frauen nämlich Prestigeobjekte wie repräsentative Autos, Schmuck oder teure Schuhe nicht in erster Linie, um ihre soziale Geltung zu erhöhen, sondern um (auch in ihren eigenen Augen) attraktiver auszusehen. Beziehungsweise vorzufahren. So jedenfalls war das bis vor kurzem. Dann aber brachte das Phänomen der sogenannten Youngtimer eine weitere Bedeutungsebene in dieses Spiel, nämlich die der Ironie: Fahrzeuge mit Baujahr ungefähr ab 1975 bis 1990 wurden (wieder-)entdeckt vom Bevölkerungssegment mit ähnlichen Jahrgängen, junge Erwachsene, die in einer Retro-Kultur sozialisiert sind, verstehen die Fahrt im Audi Quattro oder Ford Capri als parodistische Referenz an die eigene Jugend. Natürlich ist diese Form der Ironie als Massenbewegung eigentlich eine sich in reiner Pose erschöpfende Pseudo-Ironie; aber nichtsdestotrotz veranschaulicht sie eine neue Bewertung von Mobilität und eine soziale Dynamik, die Sex und Mobilität anders verknüpft.
Das schlichte Gemüt von Mutter Natur
Das Auto ist für die Bewegung und Beweglichkeit und auch für die Partnersuche nicht mehr so entscheidend, die virtuelle Beweglichkeit etwa über soziale Netzwerke im World Wide Web hat, so dürftig sie auch sein mag, die physische Mobilität wenigstens teilweise verdrängt, und der Zeitgeschmack bewertet das Auto als kulturelle Instanz neu: soziale Geltung wie sexuelle Aufladung von Objekten ergeben sich ja gesellschaftlich immer im Wechselspiel von Dezenz und Enthüllung, und die Standards für beide Pole sind verrutscht (so wie diese Metapher). Einen Muscle Car wie den Goldschwingen-Trans-Am aus «Smokey and the Bandit», seinerzeit, 1977, der Inbegriff von Sexyness, kann das moderne, vielfach zersplitterte moderne Subjekt heutzutage bloss noch ironisch ertragen. Ansonsten findet das moderne Subjekt sowas pathetisch und jedenfalls viel zu indezent. Die neue Zeit ist nämlich ein wenig prüde und versnobt; sie setzt auf «Design» – alles muss Design sein – und auf Quantität: 12’367 Facebook-Freunde scheinen mehr wert als ein Kuss auf dem Rücksitz; die Länge des Lebens mehr als seine Qualität; und ich höre mich allmählich an wie irgendein verbitterter später Hippie, der ausgehängten Klotüren und der Kopulation im VW-Bus nachtrauert, und natürlich ist dem nicht so, und natürlich werden sich einige Sachen niemals ändern; bieder wird niemals sexy sein, altklug wird niemals sexy sein, Understatement wird niemals sexy sein, jawohl, ich wiederhole: Understatement wird niemals sexy sein. Der Toyota Prius wird niemals sexy sein, der Smart auch nicht. Ein Modell wie der Bentley Continental Supersports hingegen landet wahrscheinlich nicht auf irgendjemandes Save-the-Planet-Auswahl, hat aber Sex-Appeal. Weil die Verbindung von Ostentation und politisch inkorrekter Widersetzlichkeit eben Rock ’n‘ Roll und damit sexy ist. Mutter Natur ist bisweilen ein schlichtes Gemüt, wir sagten es schon.
Sexy heisst auch immer ein bisschen dirty, und das bringt uns zu dem, was der Engländer (hierin ein Spezialist) unübersetzbar «guilty pleasures» nennt, und für die Welt des Automobils bedeutet das: Tuning. Tuning ist wie Sex, das Auto selbst wird hier zum Fetisch. Tuning ist die letzte Form der ungebrochenen automobilen Kommunikation. Dem modernen Kraftfahrzeugeigner steht ja, sollte er dies wünschen, ein ganzes Arsenal von Hilfsmitteln zu Gebote, um seine Vor- und Abneigungen, Religionszugehörigkeit, Freizeitaktivitäten und Bildungshintergrund sowie sonstige Determinanten und Präferenzen der Aussenwelt explizit oder implizit mitzuteilen: vom Rotary-Aufkleber bis zum Fuchsschwanz am Rückspiegel als Signal reproduktiver Fitness. Auf diese Weise kann ein und dasselbe Fahrzeugmodell, sagen wir: der Jeep Grand Cherokee, ganz verschiedene Botschaften aussenden, zum Beispiel «mittleres Einkommen, starker Geschlechtstrieb, schlechter Geschmack» (Fanatic-Sticker über der Heckscheibe) oder «gesunkenes Einkommen, schwacher Geschlechtstrieb, zweifelhafter Geschmack» (kleiner beleuchteter Weihnachtsbaum auf dem Armaturenbrett) oder «Ich bin eine Hausfrau aus Küsnacht im Kanton Zürich und besitze ziemlich viele Sachen von Burberry» (Gucci-Hundeleine auf der Rückbank). Nur beim Tuning gibt es keine Ambivalenzen. Tuning, gern an Fahrzeugkategorien vorgenommen, die als solche weniger kosten als ein Satz Giovanna-Felgen, sexualisiert das Auto auf eine schmutzige, ordinäre, aber nicht selten authentische und jedenfalls stets unironische Art, und wenn Ironie scheinbar zur Massenbewegung verkommt, kann «ironiefrei» zum erfrischenden Prädikat werden. Sofern es passt. Und das bringt uns zur Summe der Erkenntnis: Sexy ist nicht cool, nicht intellektuell, nicht ironisch. Sexy ist, wenns passt. Gilt für Autos wie für Lederhosen. Sexyness ist eine Frage der Echtheit. Und so möchten wir zum Abschluss allen Zahnärzten, die über Tuning die Nase rümpfen und im Polohemd in ihrem 911 Targa sitzen, zurufen: Nichts ist so sexy, wie wenn man selbst den Ölstand messen kann.
Bild oben: Cameron Diaz wäscht im Film «Bad Teacher» ein Auto. (Foto: Columbia)