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Wenn wir in Seminaren die Frage stellen, wie man die Lernmotivation von Kindern steigern könnte, wird oft das Motto "Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen" genannt - verbunden mit dem Vorschlag, sich nach dem Lernen eine Belohung zu gönnen.
Diese Regel ist zweischneidig. Warum? Weil sie impliziert, dass die Arbeit oder das Lernen kein Vergnügen sein kann.
Wenn Sie bei Ihrem Kind die Freude am Lesen oder Lernen wecken möchten, sollten Sie es nicht nach dem Lernen "belohnen", sondern währenddessen für eine schöne Atmosphäre sorgen.
Sehen wir uns zwei Extrembeispiele an, damit der Unterschied deutlich wird:
Die Väter von Stefan und Lukas möchten, dass ihre Söhne sich leichter auf das Lernen einlassen.
Stefans Vater belohnt seinen Sohn nach dem Lernen
Stefans Vater hat dazu ein ausgeklügeltes Belohnungssystem zusammengestellt. Getreu dem Motto "Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen", kann Stefan durch das Lernen und das Erledigen der Hausaufgaben Punkte sammeln, die er anschliessend gegen Belohnungen wie Fernsehzeit, ein gemeinsames Spiel oder einen Schwimmbad-Besuch eintauschen kann.
Stefan ist zunächst begeistert. Allerdings verläuft das Lernen wenig harmonisch. Der Vater korrigiert Stefan oft und ein wenig harsch. Immer öfter gibt es Konflikte. Die Belohnungen interessieren Stefan mit der Zeit weniger. Der Vater muss nachverhandeln und grössere Belohnungen einsetzen, um Stefan bei Laune zu halten.
Lukas Vater sorgt für viele schöne Momente während des Lernens
Lukas Vater geht einen anderen Weg. Er möchte die intrinsische Motivation seines Kindes fördern und ihm vermitteln, dass Lernen, Lesen und Arbeiten etwas Schönes sein kann.
Er weiss, was es dazu braucht: Viele schöne Momente, Freude an den eigenen Fortschritten und eine konstruktive Einstellung, die durch schwierige Phasen hindurch hilft.
Schöne Momente herstellen
Er lädt Lukas zum Arbeiten ein. Zum Beispiel mit dem Satz: "Du, ich will noch meine E-Mails beantworten. Willst du deine Hausaufgaben jetzt machen? Dann könnten wir gemeinsam arbeiten."
Lukas geniesst dieses Nebeneinander-Arbeiten sehr. Ab und zu erzählt ihm der Vater etwas von seiner Arbeit, manchmal zeigt ihm Lukas, was er gerade lernt oder in der Schule erlebt hat.
Ganz besonders mag Lukas den Moment, wenn sein Vater sagt: "So, du Fleissiger! Wir brauchen eine Pause.", sich einen Kaffee macht und ihm einen Orangensaft und etwas zu knabbern auf den Tisch stellt.
Eine hilfreiche Einstellung vermitteln und Fortschritte gemeinsam geniessen
Wenn Stefan trotz Punkteplan schnödet und murrt, hält ihm sein Vater eine Predigt. Er weist ihn darauf hin, wie wichtig eine gute Ausbildung ist und wie froh er später sein wird, wenn er einen guten Abschluss vorweisen kann. Stefan kennt bereits alle Phrasen und schaltet auf Durchzug.
Wenn Lukas keine Lust hat, nimmt sein Vater ihn ernst. Er sagt zu ihm: "Keine Lust hm?"
Lukas: "Ja..."
Vater: "Bist du einfach zu müde? Stinkt dir die Aufgabe oder weisst du nicht, wo du anfangen sollst?"
Lukas: "Es stinkt mir."
Vater: "Hm. Das geht mir manchmal auch so. Gerade gestern hatte ich einen ganz mühsamen Kunden. Willst du mal die Mail sehen?"
Lukas: "Oh ja! Zeig!"
Vater: "Also, der Typ schreibt.... und natürlich muss dann alles ganz schnell gehen, dabei hat er mir wochenlang die nötigen Infos nicht geschickt. Und ich musste dann den ganzen Nachmittag...."
Lukas: "Voll mühsam!"
Vater: "Ja. Manchmal muss man echt mühsame Sachen erledigen. Was hilft denn dir, wenn du etwas Mühsames machen musst?"
Lukas: "Ich weiss nicht?"
Vater: "Also ich sage zum Beispiel zu mir: Brings hinter dich. Manchmal mache ich auch einen Wettbewerb gegen die Zeit. Dann sage ich mir: Mal sehen, ob du das in einer Stunde hinbekommst. Dann fühle ich mich schon ein bisschen wacher und fitter."
Lukas: "Das könnte ich auch machen."
Vater: "Ja, vielleicht hilft es. Was meinst du, schaffst du das in zwanzig Minuten? Ja? Ich stelle den Timer auf dem Handy ein."
Kinder können sich manchmal gar nicht vorstellen, dass ihre Eltern gegen die gleichen Widerstände kämpfen müssen wie sie. Indem Lukas Vater ein solches Erlebnis mit seinem Sohn teilt, wird dieser neugierig, spürt eine Verbindung zum Vater und ist auch bereit, bei möglichen Lösungsvorschlägen zuzuhören.
Gelingt die neue Strategie, kann er den Erfolg gleich mit dem Vater teilen. Funktioniert sie nicht, kann der Vater sagen: "Hm. Weisst du, jeder Mensch ist anders. Ich habe auch lange gebraucht, bis ich gemerkt habe, wie ich mich selbst am besten motivieren kann. Lass uns überlegen, was dir sonst noch helfen könnte und ein paar Sachen ausprobieren. Was fällt dir ein? Was würde es dir leichter machen?"
Möchten Sie mehr darüber erfahren, wie Lernen gelingt? Gerne weisen wir sie auf unsere Seminare hin:
Für Lehrpersonen: Lernstrategien - weniger ist mehr!
Für Eltern: Die besten Lernstrategien für Primarschulkinder
Autorenteam
Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler sind Psychologen und leiten gemeinsam die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Sie sind Autoren folgender Bücher:
Für Schüler/innen / für Studierende und Maturanden, Abiturienten:
Für Eltern: