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Wird die Musik immer eintöniger? Teil 3: Der Beweis
Wird die Mainstream-Musik immer eintöniger? Viele rufen auf diese Frage sofort laut: «Ja!» Aber wie lässt sich das objektiv belegen, so dass ich weiss: das ist nicht nur mein persönlicher Eindruck, das ist eine Tatsache?
Dieser Frage gehe ich in einer mehrteiligen Serie nach. Der erste Teil befasst sich mit den Songtexten. Im zweiten Teil geht es um die harmonische Struktur, also um Akkordfolgen.
Beide Folgen haben die Frage nicht eindeutig beantworten können. Bei den Texten zeichnet sich zwar ein klarer Trend ab zu mehr Repetition. Aber nachweisbar gilt das nur für innerhalb eines Songtexts. Es ist nicht klar, ob sich die Gesamtheit der Songtexte auch immer ähnlicher wird.
Die Akkorde geben noch weniger Aufschluss. Maschinell ermittelte Akkorde sind oft fehlerhaft oder zumindest seltsam notiert. Akkordstrukturen von Hand zu untersuchen ist sehr aufwändig. Ich kenne nur eine Studie, die das getan hat. Sie zieht jedoch keinen historischen Vergleich und untersucht relativ wenige Songs.
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Ich habe daher nach weiteren Kriterien und Studien gesucht, mit denen die Vielfalt der Songs gemessen werden kann. Und bin fündig geworden.
Automatische Ermittlung der Klangfarbe
Ein weiteres Kriterium, um die Vielfalt der Songs zu messen, ist die Klangfarbe. Dieser wird zu einem grossen Teil durch die eingesetzten Instrumente bestimmt. Zum Beispiel gibt es den typischen 80er-Jahre-Sound, der durch den exzessiven Einsatz von Synthesizern zustande kommt. Oft werden auch Bass und Schlagzeug von Synthesizern übernommen, mit jeder Menge künstlichem Hall.
Eine Studie untersucht das Timbre, also die Klangfarbe. Als Datenbasis dient das Million Song Dataset – eine Datensammlung mit Informationen zu einer Million Songs, die frei zum Download zur Verfügung steht. Etwa die Hälfte dieser Songs sind undatiert und damit für die Untersuchung unbrauchbar. Abzüglich Dubletten, unvollständiger Einträge und Einträge von vor 1955 bleiben immer noch 464,411 Aufnahmen zwischen 1955 und 2010.
Das Ergebnis dieser Studie ist eindeutig: Zwischen 1955 und 1965 gibt es einen Anstieg in der Klangfarben-Vielfalt, danach einen kontinuierlichen Niedergang.
Der Loudness War
Die gleiche Studie widmet sich auch der Entwicklung der Lautheit (englisch Loudness). Dir ist sicherlich schon aufgefallen, dass Aufnahmen aus unterschiedlichen Musikalben sehr unterschiedlich laut sein können. Zwar sind die höchsten Pegel-Ausschläge immer etwa gleich, aber was «darunter» läuft, ist höchst unterschiedlich. Mit Hilfe von Audio-Kompression können die lautesten Ausschläge reduziert, dafür die leiseren erhöht werden. Dadurch lässt sich die Gesamtlautstärke massiv erhöhen, ohne dass die Spitzen übersteuern.
Und das wird auch gemacht, seit vielen Jahrzehnten schon. Das ist vergleichsweise einfach messbar und dementsprechend gibt es zahlreiche Belege dafür.
Was hat das mit dem Thema Vielfalt zu tun? Nun, wenn jedes Musikstück durchgängig laut ist, macht das die Musiklandschaft zwangsläufig eintöniger. Es fehlt die Dynamik, die Abwechslung zwischen laut und leise. Trotzdem schrauben die Produzenten die Lautheit immer ans Limit und teilweise sogar darüber hinaus. Denn was laut tönt, wird als attraktiver empfunden. Stücke mit sehr hoher Dynamik sind zudem als Hintergrundmusik oder in lärmiger Umgebung wie zum Beispiel im Auto unpraktisch. Denn die leisen Stellen sind kaum hörbar. Ausser du drehst so laut auf, dass es dich bei den lauten Stellen wegbläst.
Melodien und Harmonien – alles Millennial Whoop oder was?
Schliesslich behandelt die Studie auch den «Pitch», zu Deutsch die Tonhöhe. Nimmt man alle Tonhöhen zusammen, die gleichzeitig gespielt werden, lassen sich Akkorde ermitteln. Pitch bezieht sich also sowohl auf die Melodien als auch auf die zugrundeliegenden Harmonien.
Die Forscher haben ermittelt, dass es eine Entwicklung hin zu wenigen, häufigen Übergängen gibt im Vergleich zu früher. Im Klartext: Es gibt eine Tendenz zu immer gleichen Melodien und Harmonien.
Ein Beispiel für eine Tonabfolge, die immer und überall kommt, ist der «Millennial Whoop». Es handelt sich um eine super simple Melodie, bestehend aus nur zwei Tönen – dem dritten und fünften Ton einer Dur-Tonleiter. Charakteristisch ist, dass die Passage ohne Text gesungen wird – also nur mit «oh-ah» oder ähnlichem. Es ist die gleiche Tonfolge wie wenn im Fussballstadion «Olé olé» gesungen wird, ausser dass der Millennial Whoop in der Regel mit dem höheren Ton beginnt.
In diesem Video führt Katy Perry bei 1:05 den «Millennial Whoop» mustergültig vor.
Den Begriff Milliennial Whoop hat Patrick Metzger in seinem viel beachteten Blog-Eintrag geprägt. Mit Hilfe seiner Leser hat er am Ende eine eindrückliche Liste mit Beispielen angefügt.
Hier ist eine Art Song, der ausschliesslich aus zusammengemixten Millennial Whoops besteht.
Klassifizierung mit der Spotify-Methode
Es gibt eine weitere Studie, die automatisch eine grosse Zahl Chart-Songs verglichen hat. Und ihre Methode hört sich vielversprechend an: Sie wird von Spotify benutzt, um den Usern ähnliche Songs vorzuschlagen.
Das Startup «The Echo Nest» hat eine Methode entwickelt, mit der Songs automatisch auf acht Kriterien analysiert, die zusammengenommen beschreiben, wie ein Song klingt. Echo Nest wurde 2014 von Spotify aufgekauft. Die Kriterien sind:
- Acousticness: Ob eher «akustische» oder elektronische Instrumente verwendet werden.
- Danceability: Wie tanzbar ein Song ist. Das wird unter anderem durch das Tempo sowie Regelmässigkeit und Lautstärke des Beats ermittelt.
- Energy: Ob ein Song eher ruhig ist oder voll abgeht. Hier spielen zum Beispiel die Lautheit und Tempo eine Rolle.
- Instrumentalness: Ob ein Song Gesang mit Text hat.
- Liveness: Ob ein Song an einem Konzert oder im Studio aufgenommen wurde. Dies wird anhand von Geräuschen des Publikums erkannt.
- Loudness: Die durchschnittliche Lautheit eines Stücks.
- Speechiness: Vorkommen von gesprochenem statt gesungenem Text.
- Valence: Ob der Song eher eine positive (fröhliche, euphorische) oder negative (traurige, wütende) Grundstimmung hat.
Alle acht Kriterien zusammengenommen, lässt sich ermitteln, wie ähnlich sich zwei Songs sind. Da EchoNest diese Daten nicht geheim hält, konnten Andrew Thompson und Matt Daniels auf diese Weise die Top 100 der US-amerikanischen Charts von 1958 bis 2016 untersuchen. Das Ergebnis: Bis 1981 bleibt die Verschiedenartigkeit der 500 erfolgreichsten Songs in etwa gleich, dann nimmt sie 10 Jahre lang ab. Zwischen 1992 und 1996 steigt die Diversität nochmal an, doch seither sinkt sie ununterbrochen. Am stärksten in der jüngsten untersuchten Periode zwischen 2012 und 2016.
Das heisst aber noch lange nicht, dass heute alles gleich klingt und früher alles verschieden geklungen hat. Denn zu jeder Zeit gab es sehr ähnliche Nummer-1-Hits, aber auch sehr unterschiedliche. Zumindest gemäss der EchoNest-Berechnung.
Die zwei ähnlichsten Nummer-1-Hits stammen aus der ältesten Phase, 1958–1961:
Die zwei unterschiedlichsten Nummer-1-Hits von 2007 und 2011 klingen doch sehr verschieden:
Fazit: Ja, es ist tatsächlich so
Die hier vorgestellten Studien zeigen ein eindeutiges Bild: Die Chart-Musik wird immer uniformer. Das heisst nicht, dass die Musik insgesamt auch eintöniger wird, aber für den Mainstream trifft das sicher zu.
Der nächste Teil dieser Serie dürfte der spannendste werden, denn da geht es um die Gründe, warum das so ist.
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