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Meine Einstellung zu den Zeugnisnoten wurde in Laufe meiner Berufsjahre immer kritischer. In unserem Schulhaus herrschte die Meinung, dass die Kinder je nach Lehrperson strenger oder weniger streng beurteilt wurden. Diese ungleiche Behandlung oder Ungerechtigkeit habe ich in meiner eigenen Schulzeit bis hinauf ins Seminar immer wieder erlebt. Besonders zu denken, gibt mir die Beurteilung für das Mitmachen im Unterricht. Da kann die Lehrperson ohne Unterlagen eine Note gegen unten oder gegen oben frisieren.
Deshalb wollte ich meinen Kindern eine möglichst transparente Beurteilung geben. Eigentlich wäre ich für ein Zeugnis ohne Noten. Individuell müssten für jedes Kind je nach Entwicklungsstand Lernziele gesteckt werden, nach deren Erreichung die nächsten Lernziele ins Auge gefasst werden könnten. Dies ist aber in unserem Bildungssystem mit den Klasseneinteilungen nicht möglich. Zudem wollen Eltern Noten, damit sie ihre Sprösslinge mit andern oder mit sich vergleichen können.
So fing ich damit an, die Kinder ihr Zeugnis im Beisein der Eltern selbst machen zu lassen. Am Anfang des Semesters gab ich allen Kindern eine Liste ab mit den zu beurteilenden Kriterien. In dieser Liste stand beispielsweise:
· Schriftliches Rechnen (Mathematik)
· Textaufgaben (Mathematik)
· Geometrie (Mathematik)
· Texte schreiben (Sprache)
· Grammatik (Sprache)
· Rechtschreibung (Sprache)
· Botanik (Mensch und Umwelt)
· Geografie (Mensch und Umwelt)
· Geschichte (Mensch und Umwelt)
Zu all diesen Kriterien gab es mehrere Prüfungen mit Noten, die die Kinder in die Liste eintrugen und am Zeugnisgespräch ihren Eltern mitteilten. Sie mussten auch den Durchschnitt für Mathematik, Sprache und Mensch und Umwelt ausrechnen. Ich hatte für jedes Kind diese Liste auch ausgefüllt und äusserte mich nur, wenn ich nicht einverstanden war. Gab es nichts auszusetzen, schrieb ich die Note vor Ort ins Zeugnis ein.
Bei diesen Gesprächen. machte ich eine für mich nicht verwunderliche Erfahrung:
Mehr als 4/5 der Kinder schätzten sich richtig ein. Hochstapler waren fast immer die Knaben und die Mädchen schätzten sich eher zu tief ein.
Hier der Ablauf solche Gespräche:
Martin:
Auf meine Frage: "Was gibst du dir im schriftlichen Rechnen für eine Note?" Seine Antwort: "Eine Fünf!" Ich verlange von ihm die Noten der Prüfungen: "Eine 4, eine 3, eine 3.5, eine 4.5 und eine 4." Martin war einverstanden, dass ich ihm ins Zeugnis eine Vier schrieb.
Martina:
Auf meine Frage: "Was gibst du dir im schriftlichen Rechnen für eine Note?" Ihre Antwort: "Eine 4 oder eine 4.5" Auch von ihr verlangte ich die Noten in den Prüfungen: "Eine 5, eine 4.5, eine 5.5, eine 5.5 und eine 4.5." Auch sie war einverstanden, als ich ihr im Zeugnis eine Fünf notierte.
In den letzten zehn Jahren meiner Amtszeit hatten alle Kinder der fünften und sechsten Klassen am gleichen Tag in der gleichen Stunde die gleiche Prüfung. Nach der Korrektur besprachen die Lehrpersonen den Notenmassstab und passten ihn, wenn nötig, an. Wenn der Durchschnitt unter die Vier sank, war die Prüfung zu schwer und der Massstab musste geändert oder eine andere Prüfung gemacht werden. Es gab zwar ein wenig mehr Arbeit, doch war für mich dann die Note korrekt.
Mit dieser Art Zeugnis zu machen, traf ich zwei Fliegen auf einen Streich. Die Kinder lernten sich einzuschätzen und die Eltern hatten nie etwas einzuwenden, wenn das Kind seine Zensuren präsentierte.