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Braunbären galten lange als starke und unbesiegbare Raubtiere. In den vergangenen Jahrhunderten wurden sie aber durch gezielte Jagd und die Zerstörung ihrer Lebensräume fast ausgerottet.
Einst war der Braunbär (Ursus arctos) in fast ganz Europa beheimatet. Bären waren bereits beliebte Motive für Felsgravuren oder Höhlenmalereien. Ein erlegter Bär versorgte damals viele Menschen mit Nahrung und warmer Kleidung. Im Mittelalter war der Bär neben dem Adler ein häufig anzutreffendes Wappentier. Ortsbezeichnungen wie „Bärental“ oder „Bärenhöhle“ sind heute noch bekannt. Und ein kuscheliger Plüschbär findet sich in so manchem Kinderzimmer.
Durch das exponentielle Wachstum der Bevölkerung und die damit einhergehende großflächige Vernichtung von Wald zu Gunsten von Acker- und Siedlungsland wurde immer mehr Lebensraum der Bären vernichtet. Spätestens als der Mensch anfing, die Bären mit Schusswaffen zu jagen, nahm ihr Bestand unaufhaltsam ab. Nur in Italien und Spanien sowie in abgelegenen Gegenden Osteuropas überlebte der Braunbär. Von dort kehrten die Braunbären vereinzelt über die Wälder des ehemaligen Jugoslawiens, die Slowakei und vor allem auch Rumänien zurück nach Mitteleuropa.
In vielen Ländern Europas gilt der Braunbär aber nach wie vor als ausgestorben. In Deutschland wurde der letzte Braunbär 1835 geschossen. Im Mai 2006 wanderte zwar erstmals wieder ein Braunbär in Deutschland ein, wurde aber schon nach wenigen Wochen erlegt. Dabei sind sich viele Experten einig: Für die Diversität der heimischen Fauna wäre der Braunbär ein echter Gewinn. Allerdings verbunden mit einem nicht zu unterschätzenden Konfliktpotential mit einer nach wie vor skeptischen Bevölkerung.
Der Braunbär bevorzugt zwar vom Menschen nicht beanspruchte Landschaften, Wälder und dünn besiedelte Gebiete, findet sich aber auch in modernen Kulturlandschaften zurecht. Gute Voraussetzungen finden die Braunbären in Skandinavien. Schätzungen gehen davon aus, dass es weltweit ca. 200’000 wild lebende Braunbären gibt. Der Grossteil davon lebt in Russland. In Europa sollen heute noch ca. 17’000 Braunbären in freier Wildbahn leben. Ca. 90% davon leben in Skandinavien, den Karpaten, auf dem Balkan.
Aber auch in Skandinavien hatten es die Braunbären nicht immer einfach, denn lange stand die lokale Bevölkerung den sog. big five – Wolf, Vielfrass, Luchs, Steinadler und dem Bär – nicht gerade wohlgesinnt gegenüber.
Während Schweden den Braunbären bereits 1898 (!) unter Schutz stellte, gab es in Norwegen noch lange Abschussprämien für erlegte Bären. So erstaunt es nicht, dass der Braunbär in Norwegen 1980 als ausgerottet galt. Nur noch vereinzelt wurden Bären im Grenzgebiet zu Schweden gesichtet.
In Schweden aber wuchs die Bärenpopulation dank der Schutzmassnahmen beständig und 1984 wurde ein schwedisches Forschungsprojekt gestartet, um das Verhalten der Bären zu studieren. Über 600 Braunbären wurden mit einem Sender ausgestattet, der es ermöglichte, die Wanderwege der Braunbären in Schweden aber auch im Nachbarland Norwegen zu verfolgen. So erhielten die Forscher einen Überblick über die Veränderungen in der Population. 1987 wurde aus dem bilateralen ein skandinavisches Braunbärenprojekt. Heute gibt es in Norwegen wieder eine kleine Population von Braunbären, die aber ausschliesslich im Grenzgebiet zu Schweden anzutreffen ist. Experten gehen jedoch davon aus, dass es in Norwegen grundsätzlich Lebensraum für bis zu 1’000 Bären gibt.
Da die Wahrscheinlichkeit in Skandinavien einen Braunbären fotografieren zu können nach wie vor sehr klein ist, entschliessen wir uns, bei einem Anbieter ausserhalb von Kuusamo (Finnland) eine Bärensafari zu buchen. Der finnische-russische Grenzraum im Osten zu Russland ist bekannt dafür, dass hier Bären in freier Wildbahn beobachtet werden können.
Am nächsten Morgen folgen wir den Anweisungen des Navigationssystems. In der menschenleeren Landschaft fahren wir auf Schotterstrassen immer weiter gegen Osten Richtung russische Grenze. Nach knapp einer Stunde erreichen wir ein Gehöft mit einer Huskyfarm, wo wir freundlich empfangen werden. Anschliessend geht es mit dem Auto auf schlechten Wegen noch 20 Minuten weiter, bis wir an einem Waldrand halten. Von hier geht es zu Fuss bis zu einer Lichtung, wo wir uns in einer spartanischen Hütte provisorisch einrichten. Für Müde stehen ein paar Stockbetten bereit und in der Ecke befindet sich ein Plumpsklo, das nur durch einen alten Vorhang vom Hauptraum abgetrennt ist. Die Fensterscheiben der Hütte sind aussen verspiegelt und in den Wänden darunter befinden sich mit Tüchern abgedeckte Öffnungen. So kann das Objektiv für optimales fotografieren nach draussen durchgesteckt werden. Gespannt stellen wir uns auf eine lange Wartezeit ein.
Die männlichen Braunbären können bis zu 300 Kg schwer werden. Ihr Geruchssinn ist extrem gut ausgeprägt und 100’000-mal feiner als bei uns Menschen. Bereits bei der Reservation am Vortag wurden wir darauf hingewiesen, auf keinen Fall Parfum oder Mückenspray zu verwenden. Mit ihrer feinen Nase können Bären Aas auf mehrere Kilometer Entfernung riechen.
Braunbären gehören in die Ordnung der Raubtiere, sind aber Allesfresser. Zwar haben sie die für Raubtiere typischen Fangzähne, aber die Backenzähne mit breiter Zahnkrone eignen sich gut, um pflanzliche Nahrung zu mahlen. Frische Beeren und süßes Obst mögen sie besonders gern. Aber auch Aas, Wurzeln, Fische, Mäuse oder Lemminge, Eier von Bodenbrütern und viele Pflanzenarten verschmähen sie nicht. Ein trächtiges Bärenweibchen frisst 2-3 Kilo Ameisen pro Tag, um seinen Eiweissbedarf zu decken. Ganz besonders lieben Bären Honig. Sie lassen sich von den wütenden Bienen nicht abhalten und öffnen mit ihren grossen Pranken den Bienenstock.
In freier Wildbahn verbringt der Bär 2/3 des Tages mit Futtersuche. Die Deutsche Redewendung einen Bärenhunger haben kommt also nicht von ungefähr. Bis zu zwölf Kilo fressen sie jeden Tag, damit sie sich eine dicke Speckschicht für den Winter zulegen.
Im Winter, d.h. von November bis März, April ziehen sich Braunbären in eine geeignete Höhle zurück. In der Regel wird diese selbst gegraben oder zumindest teilweise selbst gemacht. Um während dieser sog. Winterruhe den Energieverbrauch möglichst stark einzuschränken, wird die Körpertemperatur während der Schlafphase um 7-8 Grad abgesenkt und die Atmung und die Herzschlagfrequenz werden stark reduziert. Der Bär kann während dieser Zeitspanne seine Höhle ab und zu verlassen, um sich in deren unmittelbaren Nähe aufzuhalten.
Zwischen Januar und März, nach einer Tragzeit von acht Monaten, bringt eine Bärenmutter in ihrer Überwinterungshöhle bis zu vier Jungtiere zur Welt. Die Neugeborenen kommen nackt, blind und zahnlos auf die Welt und wiegen bei der Geburt nur gerade 300 bis 400 Gramm Noch sind sie völlig auf ihre Mutter angewiesen. Schon drei Monate später – gut genährt Dank der fetten Muttermilch – verlassen sie erstmals ihr Versteck, bleiben aber immer in der Nähe ihrer Mutter.
Bären mit Jungen verteidigen ihren Nachwuchs vehement gegenüber anderen Tieren und uns Menschen. Aber nur etwa die Hälfte des Nachwuchses überlebt die ersten drei Jahre. Die Bärin muss sich vor allem vor männlichen, paarungswilligen Braunbären in Acht nehmen. Diese töten nicht-eigene Jungtiere, damit deren Mutter wieder empfängnisbereit ist. Die Männchen erhoffen sich, so ihre eigenen Gene weitergeben zu können.
In den Wintermonaten kommt dem Bären seine dicke Speckschicht zugute. Sie liefert ihm jetzt die zum Überleben benötigten Nährstoffe. Wenn er im Frühling sein Quartier verlässt und sich wieder auf den Weg macht, wird er trotzdem zwischen 20 und 40% seines Körpergewichtes verloren haben.
Den ausgeprägten Geruchsinn der Bären machen sich auch die Organisatoren der Bären-Safari zu Nutze. Rund um die Beobachtungshütte sind Futterverstecke für die Bären vergraben. Für mich als Natur-Fotografen hat das zwar einen schalen Beigeschmack, aber es sind ja immer noch freilebende Bären. Und vor allem – es funktioniert. Nach zwei Stunden zeigt sich der erste Braunbär zwischen den Bäumen. Das massige Männchen kommt langsam, geradezu vorsichtig näher. Den Auslöser der Kamera habe ich vorsorglich auf «leise» gestellt. Trotzdem wage ich es kaum, zu fotografieren. Jedes auslösen des Kameraverschlusses kommt mir wie ein Gewehrschuss vor. Auch wenn die europäischen Bären in der Natur keinen Lachs fressen… unser Bär lässt sich durch die Kamerageräusche nicht stören und frisst ruhig den für ihn hinterlegten Fisch.
Erst als ich mit dem Fotoapparat gegen die Wand stosse, schreckt er auf und verschwindet im Wald. Schuldbewusst schaue ich unseren Guide an. Der aber winkt ab und flüstert: «He’ll be back…» Und tatsächlich, eine halbe Stunde später zeigt sich der Bär wieder auf der Lichtung und macht sich über die zweite Futterquelle her.
Bären gelten zwar allgemein als nicht sehr geschickte Jäger. Sie sind aber Beutegreifer und Begegnungen in freier Natur müssen ernst genommen werden. Man vergisst gerne, dass Bären bis zu 50 Kilometer pro Stunde erreichen können. Zum Erlegen der Beute setzen sie vor allem ihre großen Körperkräfte ein. Bei dem etwas ungezielten Vorgehen entstehen durch mächtige Prankenhiebe meist schwere Verletzungen. Manchmal ist der Schädel oder das Rückgrat des Beutetiers gebrochen und der Kopf erscheint seltsam abgewinkelt. Bisse finden sich vermehrt in der Hals- und Schultergegend. Bären fressen mit Vorliebe die Innereien und öffnen daher zuerst Brustkorb und Bauch. Der Anblick von mehreren so getöteten Schafen ist seinem schlechten Image nicht förderlich und trägt mit dazu bei, dass der Bär nicht überall willkommen ist.
Insgesamt vier Bären zeigen sich an jenem Abend auf der Waldlichtung. Die Rangordnung zwischen diesen Individuen scheint schon lange geklärt zu sein. Der jeweils Rangniedrige hält einen Sicherheitsabstand ein und wartet geduldig darauf, als nächster an die Reihe zu kommen. Für den letzten bleiben allerdings nur noch ein paar Krümel übrig.
Trotz Polartag wird das Licht gegen Mitternacht zum fotografieren zu schlecht. Unsere Erwartungen wurden aber übertroffen und wir beschliessen, die Safari zu beenden. Erst jetzt werden wir uns bewusst, dass wir ja wieder zu Fuss durch den dunkeln Wald zurückmüssen… Den Tourguide scheint das nicht zu kümmern und so folgen wir ihm dicht auf den Fersen, bis wir unser Auto sicher erreicht haben.