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Wirtschaft
Kennen Sie das Märchen von der Zukunft? Nein? Also, es war einmal im Jahre 2999. Die Jahrtausendwende steht kurz bevor und die ganze Menschheit bereitet sich auf die Feierlichkeiten vor. Und in der Tat gibt es viel zu feiern.
Die südamerikanischen Völker der Anden waren es gewesen, die vor tausend Jahren das Gute Leben zum Ziel für das dritte Jahrtausend erklärt hatten. Sie verliessen den wachstumsgesteuerten Weg hin zum vorgeblich besseren Leben zugunsten des wirklichen, guten Lebens. Am Vorabend der dritten Jahrtausendwende leben die Menschen auf der ganzen Welt in Dörfern und kleinen Städten, umgeben von Gärten voller Blumen, Gemüse und Obst, umsäumt von Wald, Feldern und Wiesen, die kein Privateigentum sind, sondern der Allgemeinheit gehören. Man schätzt das Wasser als etwas äusserst Kostbares. Brunnen, Bäche, Flüsse und Seen werden mit einer so grossen Zuneigung behandelt, wie sie sonst alten Menschen entgegengebracht wird.
Obwohl Versteppung und Hochwasser seit Jahrhunderten nicht mehr vorkommen, erinnert man sich ihrer in Ritualen des Gedenkens. Die Megastädte von einst existieren nicht mehr, die Gebäude wurden abgerissen oder in dörflichen Strukturen neu erbaut. Die Menschheit folgt einem grundlegenden moralischen Prinzip: Wir leben von dem, was uns die Umgebung, in der wir leben, bietet. Es herrscht die Überzeugung, dass jede Region wie auch jede Person in Hülle und Fülle zu geben in der Lage ist. Das Konzept der Knappheit ist völlig unbekannt. In diesem goldenen Zeitalter ist es die reine Freude, anderen etwas von sich selbst zu geben und zu übertragen – sei es materieller oder immaterieller Natur. Man weiss weder, was Handel ist, noch kennt man Geld. Gesellschaften mit einer Wirtschaft des Gebens und Teilens finden sich rund um den Globus.
Karl Polanyis berühmte These von der »Grossen Transformation« besagt, dass die Idee eines sich selbst regulierenden Marktes die Wirtschaft aus der Gesellschaft herauslöse. Diese »Entbettung« ist für ihn eine fundamentalistische Utopie, in der die Substanz der Gesellschaft bröckelt und sich die menschlichen Werte zersetzen. Darin sah Polanyi auch die Haupterklärung für die Barbarei der beiden Weltkriege. Heute hat sich der Zerfall noch weiter verstärkt. Die Ökonomie selbst ist zum Krieg geworden. Wenn wir Frieden wollen, müssen wir diese Entwicklung umkehren. Aber wie?
Polanyis Metapher der Entbettung ist heute treffender, wenn man sie in entgegengesetzte Richtung anwendet: Die Wirtschaft und ihre Prinzipien des permanenten Wachstums, der Kalkulation und Rechenhaftigkeit verschmelzen mit der Gesellschaft, sie sind in diese eingebettet. Die ökonomischen Wachstumsprinzipien haben die Köpfe und die Herzen der Menschen erobert. Postwachstum bedeutet also letztendlich, die Köpfe und Herzen der Menschen zu entkolonisieren, die ökonomistische Kultur zu besiegen, welche die Entscheidungen im täglichen Leben eines jeden Einzelnen lenkt.
Das Konzept der Subsistenz steht der Globalisierung seit ihrer Entstehung gegenüber, also seitdem die Idee des Wirtschaftswachstums durch die Entwicklungspolitik weltweit durchgesetzt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Bretton Woods-System geschaffen, das sich, getragen durch die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds, dem Wiederaufbau und der »Entwicklung« verschrieben hatte.
Das Bretton-Woods-Abkommen wurde im Juli 1944 von Vertretern aus 44 Staaten, den künftigen Siegermächten, unterzeichnet. Sie hatten sich das Ziel gesetzt, zum Aufbau einer Ära des Friedens beizutragen. Im Jahr 1944 wurde auch Polanyis Buch »The Great Transformation« veröffentlicht. Es ist eine tragische Ironie der Geschichte, dass Bretton Woods ebenjenes Motiv wiederbelebte, das Polanyi gerade als den Ursprung der beiden Weltkriege identifiziert hatte: die Herrschaft der ökonomischen Marktgesetze über die Gesellschaft. Der Kampf gegen die Subsistenzwirtschaft wurde zum erklärten Ziel der Entwicklungspolitik.
Ihre Absicht war – und ist –, die Subsistenzkultur aus dem kulturellen Erbe zu tilgen. Sie widersprach damit den menschlichen Prinzipien, sich und seine Mitmenschen mit dem zu versorgen, was man braucht, um gut zu leben. Tonangebend in der Entwicklungspolitik waren dagegen Profitmaximierung und Konsumkultur – mit ihrer Gier, immer mehr zu wollen, um angeblich besser zu leben, ohne dabei den Mitmenschen und ohne die natürlichen Gegebenheiten der Erde zu berücksichtigen. Das brachte schon 1975 der damalige Präsident der Weltbank McNamara unmissverständlich zum Ausdruck: »Die Bauern müssen von der Subsistenzwirtschaft zur kommerziellen Landwirtschaft gebracht werden.«
Mit der neuen Ära der Entwicklungspolitik wurde die Ökonomie des Lebensunterhalts – nun leicht verächtlich als »Subsistenz« bezeichnet – zu einem Synonym für Unterentwicklung. Diese Unterentwicklung zu überwinden und die ganze Welt in die Ökonomie der Entwicklung, also des Wachstums, zu führen – damit erlebte das Kolonialisierungsprojekt nach dem Zweiten Weltkrieg seine Fortsetzung. Der Rassismus erhielt ein neues Gesicht: unterentwickelt zu sein ist minderwertig, nur wer entwickelt ist, gehört zu den Überlegenen.
Der Schaden, der durch den Aufstieg dieses kolonialisierenden Regimes entstanden ist, hat bis heute seine Spuren auf beiden Seiten der Globalisierung hinterlassen. Vielleicht sogar noch grössere auf der Seite der sogenannten entwickelten Länder, weil die Menschen dort sich stolz mit den ökonomischen Mechanismen von Wachstum und Konsum identifizieren und weil sie die Gehirnwäsche, der sie zum Opfer gefallen sind, schwerer durchschauen als diejenigen, die gern als unterentwickelt bezeichnet werden.
Die Gleichsetzung von Subsistenz mit »Unterentwicklung« unterstellt, Subsistenzwirtschaft bedeute Armut, Knappheit, das Fehlen von Märkten und Arbeitsteilung, ein schlechtes Leben, kurz: Mangel. Aber das ist nicht wahr. Um zu verstehen, warum die Verteidiger der Wachstumsökonomie Subsistenz ablehnen, muss man sich einfach die ursprüngliche Bedeutung des Wortes anschauen. Es bezeichnet »das, was aus sich selbst, aus eigener Kraft heraus existiert«, und entspricht dem Wachstum in der Natur, dem Gesetz des Entstehens und Vergehens.
Subsistenz folgt dem mütterlichen Prinzip des Nährens und Sorgens und bezieht sich auf den natürlichen Rhythmus des Lebens. So gesehen ist das menschliche Sein ein Teil des organischen Prozesses der Welt und damit Teil des Lebendigen, Teil dessen, was die Erde ausmacht. Vor diesem Hintergrund scheint die Bekehrung von einer Wachstumsgesellschaft zum Postwachstum plötzlich ganz offensichtlich und denkbar einfach: Wir werden uns an der Subsistenz orientieren, unsere Entscheidungen an dem messen, was zum Leben notwendig ist, um gut, glücklich und zufrieden zu leben, ohne das Streben, immer mehr haben zu wollen. Wir werden nie wieder »I can‘t get no satisfaction« singen.
Die Perspektive der Subsistenz ist eine Politik von unten, seitens der Mehrheit, seitens der Zivilgesellschaft. Sie ist nicht von den Entscheidungen einer zentralen Macht abhängig, sondern »kann die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen«, wie der irisch-mexikanische Politikwissenschaftler John Holloway sagen würde. Uns an der Subsistenz anstatt am Profit zu orientieren ist der entscheidende Schritt für den notwendigen kulturellen Wandel. Es gibt natürlich etliche Leute, die der Subsistenz jedes politische Potenzial absprechen und auf ihr kleines Wirkungsfeld verweisen. Und wie oft habe ich gehört: »Da geht es doch nur um Essen, nicht um die Ökonomie.« Aber Subsistenz ist Politik, allerdings nicht im Sinne von Machtpolitik.
Sie ist Politik im Sinne eines Wandels von Einstellungen und Denkmustern, die sich von der Kultur des »Homo oeconomicus« entfernen. Sie ist eine ganzheitliche Politik, weil sie Körper und Geist umfasst. Man lernt in ihr durch der eigenen Hände Arbeit. Subsistenz ist eine konkrete, erlebte Erfahrung, die Unabhängigkeit bedeutet anstatt Abhängigkeit von Geld und Waren. Sie ist »learning by doing«: Es geht! Wirklich! Tatsächlich umfasst das Wirkungsfeld der Subsistenz nur ein Dorf, ein paar Nachbarn, ein Viertel, eine Stadt. Aber genau darum geht es: dass weitere Gemeinschaften mit einem neuen Denken entstehen. Sie werden sich ähneln, weil sie eine ähnliche Richtung einschlagen. Aber sie werden ihrem je spezifischen Kontext entsprechend auch verschieden sein. So wie die Pflanzen verschieden sein müssen, um die Artenvielfalt aufrechtzuerhalten.
Die Ideologie des Wachstums schafft Homogenität, Einheitskultur – und einen Hang zum Grössenwahn. Schauen wir uns zum Beispiel an, was mit der biologischen Landwirtschaft passiert ist: »Wir wollen aus der Nische raus«, sagten die Bauern, »wir wollen wachsen und unsere Bioprodukte in den grossen Supermärkten verkaufen.« Und am Ende gerieten sie in einen Abwärtsstrudel, produzierten ihr Gemüse tonnenweise in Monokulturen, hielten ihre Hühner und Schweine in Massentierhaltung – alles nur, weil sie sich dem Regime der Niedrigpreise unterordnen mussten.
Im Gegensatz dazu hat der reduzierte Radius, lokal wie regional, den Effekt, dass man sich kennt, den Umgang mit Menschen wertschätzt und auf das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren und Pflanzen und Landschaften achtet. Und nicht zuletzt können viele nah beieinander liegende Nischen auch alle Bedürfnisse abdecken. Der Einwand schliesslich, es drehe sich »nur« ums Essen, nicht um die Wirtschaft, macht mich sprachlos. Nur? Ist Nahrung nicht die Grundlage der Wirtschaft? Wir wissen alle, dass auf der Welt mehr als eine Milliarde Menschen, vor allem Mütter mit kleinen Kindern, Hunger leiden, unterernährt sind und frühzeitig sterben.
Es handelt sich um ein Sechstel der Menschheit, deutlich mehr als die Einwohner Europas. Die globalisierte Wachstumsökonomie mit ihren Prinzipien des Preiskalküls und ihrer rein zahlenmässigen ökonomischen Vernunft hat sich mehr und mehr demaskiert. Denn Geld kann man nicht essen. Die Millenniumsziele, auf die sich im Jahr 2000 insgesamt 189 Staaten der Vereinten Nationen einigten, sprachen sich zuerst und vor allem für die Reduzierung der extremen Armut und des Hungers aus: Bis 2015 sollte der Anteil der Menschen, die Hunger leiden und deren Einkommen bei weniger als einem Dollar pro Tag liegt, im Vergleich zum Jahr 1990 halbiert werden.
Ich frage mich, was nach Ansicht der Mitglieder der Versammlung der Vereinten Nationen mit der anderen Hälfte passieren soll? Das wären mehr als die Bevölkerung des gesamten nordamerikanischen Kontinents. Wie auch immer: Die famosen Millenniumsziele sind längst gescheitert. Die Anzahl derjenigen, die auf der ganzen Welt Hunger leiden, hat nicht abgenommen, sondern nimmt Tag für Tag zu und wird weiter steigen. Ich frage daher: Was erscheint nun weltfremder – mein Märchen vom Anfang oder die Millenniumsziele der UNO?
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