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Von törichten Bächen und trügerischen Felsen
Raffael Keller, Von törichten Bächen und trügerischen Felsen. Projektionen im Werk von Liu Zongyuan (773–819)
Liu Zongyuan (773–819) zählt zu den bedeutendsten Prosa-Schriftstellern der klassischen chinesischen Literatur. Als junger Gelehrter absolvierte er am Kaiserhof der Tang-Dynastie eine steile Beamtenkarriere (618–907), die jedoch ein abruptes Ende nahm, als eine Gruppe von Reformern, der sich Liu angeschlossen hatte, beim Kaiser in Ungnade fiel. Liu wurde auf einen niederen Posten nach Yongzhou, im Süden der heutigen Provinz Hunan, verbannt. Dort entstanden seine wichtigsten Schriften, darunter auch die »Acht Aufzeichnungen aus Yongzhou« (Yongzhou baji), mit denen er die Gattung des literarischen Reiseberichts (youji) begründete. Liu projiziert in diesen kurzen Prosastücken seinen Unmut über die Verbannung, seine Hoffnungen und Zweifel wie auch seine Kritik am Zeitgeist in den Formenreichtum der südchinesischen Topographie. Er erklärt die Landschaft zu seiner Verbündeten, deren Vorzüge in der Wildnis fern vom Zentrum der Welt ebenso unbeachtet bleiben und nutzlos erscheinen müssen wie jene ihres geächteten Entdeckers.
Der Plätteisenteich
Der Plätteisenteich befindet sich westlich des Westberges. Seinen Anfang hat er in den Wassern des Ran, welcher ihn von Süden heraneilend speist und da, wo er auf die Felsen der Berge stößt, in Krümmungen nach Osten fließt. Sein Lauf wird dabei immer steiler, die tosenden Fluten werden immer reißender und fressen sich in die Ufer, wodurch sein Bett sich weitet und die Mitte tiefer wird, bis er schließlich auf Felsen trifft, die ihm Einhalt gebieten. Schäumend bildet er Wirbel und strömt dann gemächlich weiter, klar und glatt eine Fläche von über zehn Mu bedeckend. Bäume umgeben den Teich, und ein kleiner Wasserfall ziert seinen Rand.
Am Teich wohnte einer, und weil ich auf meinen Wanderungen häufig hierher kam, klopfte er eines Tages an meine Tür und erklärte: »Die staatlichen Steuern und privaten Schulden wachsen mir über den Kopf. Vor kurzem habe ich Land in den Bergen urbar gemacht und den Wohnort gewechselt. Die Felder am Teich möchte ich gerne verkaufen, um Unheil abzuwenden.« Erfreut ging ich auf den Handel ein. Dann erhöhte ich die Terrasse, verlängerte die Einzäunung und leitete den Wasserfall über die Höhe direkt in den Teich, sodaß es einen plätschernden Laut gab. Der Ort ist wie geschaffen für die Betrachtung des Mondes zum Mittherbstfest, da sich dem Auge dort die Höhe des Himmels und die Weite des Äthers eröffnet.
Was könnte mir Freude bereiten, in der Barbarei zu leben, und ließe mich die Heimaterde vergessen, wenn nicht dieser Teich?
Der kleine Hügel westlich des Plätteisenteiches
Acht Tage nachdem ich den Westberg entdeckt hatte, war ich zweihundert Schritte dem Passweg in Richtung Nordwesten gefolgt, worauf ich den Plätteisenteich entdeckte. Fünfundzwanzig Schritte westlich des Teiches, wo die Strömung stark und das Wasser tief ist, hat man einen Damm zum Fischfang errichtet. Über dem Damm erhebt sich ein Hügel, mit Bambus und Bäumen bewachsen. Felsen brechen in allen Winkeln aus der Erde empor und wetteifern um bizarre Formen, die sich kaum noch zählen lassen. Jene, die wie aneinandergekettet steil in die Tiefe stechen, gleichen Ochsen und Pferden, die sich am Bach tränken. Jene, die wie aufgereihte Hörner jäh in die Höhe ragen, sehen aus wie Bären, die auf einen Berg klettern. Der ganze Hügel ist nicht einmal ein Mu groß. Man könnte ihn bequem in einen Käfig stecken. Ich fragte nach dem Eigentümer und bekam zur Antwort, es sei aufgegebenes Land einer Familie Tang, das sie bisher niemandem verkaufen konnte. Als ich nach dem Preis fragte, hieß es: »Nicht mehr als vierhundert.« Der Hügel hatte es mir angetan, und ich kaufte ihn. Li Shenyuan und Yuan Keji waren damals meine Begleiter und beglückwünschten mich freudig zu dieser unverhofften Gelegenheit. Sogleich holten wir Geräte, beseitigten das Unkraut, fällten die schlechten Bäume und entzündeten ein großes Feuer damit. Nun standen die edlen Bäume aufrecht, der schöne Bambus wurde sichtbar und die besonderen Steine kamen zur Geltung. Blickt man aus ihrer Mitte in die Ferne, dann bieten sich einem die Höhe der Berge, das Treiben der Wolken, das Strömen des Baches und das Streifen der Tiere in der heiteren Anmut ihrer Kunst und ihres Geschicks dar, auf daß sie am Fuße dieses Hügels ihre Wirkung entfalten. Bettet man sich dort nieder, dann kommt die klare Kühle der Formen mit dem Auge überein, der gurgelnde Laut des Wassers kommt mit dem Ohr überein, die müßige Leere mit dem Geist und die unergründliche Stille mit dem Herzen. In weniger als zehn Tagen gleich zwei außergewöhnliche Orte zu erlangen, dahin sind wohl selbst die vorwitzigen Gelehrten des Altertums nicht gekommen.
Ach! Würde man die Pracht dieses Hügels nach Feng, Hao, Hu oder Du verfrachten, würden sich die adligen Müßiggänger um dessen Kauf streiten und seinen Preis täglich um tausend Jin in die Höhe treiben, so daß er in immer unerreichbarere Fernen rückte. Nun wurde er aber in diese Provinz geworfen, wo Bauern und Fischer an ihm vorübergehen und keines Blickes für würdig halten, so daß er selbst bei einem Preis von vierhundert über Jahre hinweg keinen Käufer fand. Dass ich mich mit Shenyuan und Keji ganz allein an ihm erfreuen kann, ist wahrlich eine glückliche Fügung! Ich schrieb dies auf einen stein, um dem Hügel damit zu seinem Glück zu gratulieren.
Bild: Jin Nong (1687–1763): Der kleine Hügel westlich des Plätteisenteiches, aus dem Album mit Landschaften zur Illustration von Gedichten und Essays berühmter Autoren (1736). Original im Museum Rietberg.
Literaturangaben
Fritz van Briessen: Shanghai-Bildzeitung 1884-1898, eine Illustrierte aus dem China des ausgehenden 19. Jahrhunderts. [Zürich]: Atlantis, [1977].
Dschuang Dsi (Zhuangzi): Das wahre Buch vom südlichen Blütenland. Aus dem Chin. von Richard Wilhelm. Jena: Diederichs, 1912ff.
Raffael Keller: Liu Zongyuan: „Der alte Fischer“, in: Wolfgang Kubin (Hg.): Die Fahrt zur Roten Wand. Dichtung der Tang-Zeit und ihre Deutung. München: Edition Global, 2007. S. 54-72.
Li Chu-tsing: A thousand peaks and myriad ravines. Chinese paintings in the Charles A. Drenowatz collection. 2 vol. Ascona: Artibus Asiae, 1974.
Liu Zongyuan: Am Törichten Bach. Prosa und Gedichte. Aus dem Chin. von Raffael Keller. Berlin: Friedenauer Presse, 2005. Link zum Verlag
Stephen Owen: The end of the Chinese ‘Middle ages’. Essays in Mid-Tang literary culture. Stanford Univ. Press, 1996.
Richard E. Strassberg: Inscribed landscapes. Travel writing from imperial China. Berkeley: Univ. of California Press, 1994.
Tcheng Ki-Tong (Chen Jitong): Les Chinois peints par eux-mêmes. Paris: Calmann Lévy, 1884. (Dt.: China und die Chinesen. Leipzig: Reissner, 1885).
Zhuangzi: Mit den passenden Schuhen vergisst man die Füsse. Ein Zhuangzi-Lesebuch. Aus dem Chin. von Henrik Jäger. Zürich: Ammann, 2009.