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Im Europa zur Römerzeit wurden manche Menschen auf gruselige Weise bestattet: Geköpft, bäuchlings oder mit Nägeln traktiert. Gemeinsam mit Kollegen hat nun ein Schweizer Forscher über 300 solche ungewöhnlichen Begräbnisse erfasst.
«Irreguläre Begräbnisse haben viel mit den soziopolitischen Strukturen der jeweiligen Zeit zu tun», begründen Marco Milella von der Universität Zürich und Kollegen aus Italien und Frankreich ihre Arbeit im Fachjournal «PLOS ONE».
Die Forscher haben erstmals 375 irreguläre Begräbnisse in Westeuropa und den britischen Inseln - darunter auch in Avenches im Kanton Waadt - vom 1. bis zum 5. Jahrhundert nach Christus systematisch katalogisiert. Dies war eine turbulente Zeit für Europa, die den Aufstieg und Fall des Römischen Reichs, Barbaren-Invasionen und die Christianisierung umfasste.
Regulär wurden Tote auf dem Rücken «wie schlafend» beerdigt. Als «irregulär» gelten deshalb Begräbnisse in einer ungewöhnlichen Position oder gar verstümmelt. Zwei Drittel solcher Fälle fanden sich in Grossbritannien - was laut den Autoren aber auch am Fleiss der dortigen Archäologen liegen mag.
Häufig geköpft
Am häufigsten wurden Leichen entweder geköpft oder auf dem Bauch liegend gefunden. Auch jene in Avenches lagen bäuchlings. Oft hatten sie einen Sarg oder Grabbeigaben dabei, weshalb es sich laut den Autoren wohl eher nicht um marginalisierte Personen wie Verbrecher handelte.
Nur selten fanden sich Nägel oder andere Beigaben wie Tiere oder Schuhwerk. Die Praxis, Verstorbenen Eisenpfähle durch das Herz zu stossen, um sie daran zu hindern, als «Wiedergänger» oder Vampire zurückzukehren, entstand erst viel später, erklärte Milella auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. Solche Eisenpfähle wurden bei Leichen aus dem Mittelalter gefunden.
Verhöhnt
Für Begräbnisse auf dem Bauch wird häufig die Hypothese bemüht, dass so die Toten verhöhnt oder geringschätzig behandelt werden sollten, oder aber dass die Rache der Toten gefürchtet wurde. Milella und seine Kollegen zweifeln indes an dieser Erklärung. «Sie ergibt nur Sinn für Perioden, für die diese Hypothese durch historische und schriftliche Daten gestützt wird», erklärte Milella.
Für die Römerzeit sei dies nicht der Fall. Sie spekulieren vielmehr, dass es sich um Mangel an Sorgfalt beim Betten der Toten handelt - etwa weil diese Feinde oder Andersgläubige waren. Dahinter verberge sich ein ganzes Spektrum von symbolischen oder politischen Untertönen.
Geköpft
Auch für die Motivation hinter dem Köpfen gibt es grosse Unsicherheiten: «Nur in wenigen Fällen ist es möglich zu eruieren, ob der Kopf vor oder nach dem Tod abgeschnitten wurde», sagte Milella. Weil sich der Kopf mit im Grab befand, habe er wohl kaum als Sieger-Trophäe von Kriegsgewinnern gedient.
Sie gehen von einer eher «funktionellen» Erklärung aus, nämlich dass es sich um Hinrichtungen durch Köpfen ohne öffentliches Zurschaustellen handelt. «Der Kopf ist der Sitz der Identität, ihn abzuschlagen entfernt auch die Identität des Individuums», vermutet der Archäologe.
Diese Praxis grassierte vor allem in Grossbritannien, das weit entfernt vom Römischen Reich lag und politisch sehr instabil war. In Mitteleuropa lagen die irregulär Bestatteten in über 90 Prozent der Fälle auf dem Bauch. Beides zugleich trat aber niemals auf. «Es muss zumindest zwei verschiedene Erklärungen für diese Praktiken geben», schliessen die Forscher daraus.
Politische Wirren
Ihrer Meinung nach hängen irreguläre Bestattungen eng mit der kulturellen Krise in dieser Zeit zusammen. «Politischer, religiöser und gesellschaftlicher Wandel sind immer eine explosive Mischung», sagte Milella. Da habe die Römerzeit keine Ausnahme gemacht.
Anschuldigungen, Gerüchte, Hinrichtungen und Racheakte drückten diese Spannungen aus, deuteten aber eher auf politische Umstände hin als auf rituelle, glaubt der Wissenschaftler. «Der Kontext spielt hier die grösste Rolle.» (sda)