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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

15. Buch
17. Die zwei Väter und Uranfänge, die aus einem Erzeuger hervorgegangen sind.
Adam also ist der Vater beider Geschlechter, des einen, dessen Abfolge zum Weltstaat, wie des andern, dessen Abfolge zum himmlischen Staat gehört; nach Abels Ermordung jedoch, in der ein wunderbares Geheimnis1 vor Augen gestellt wurde, erhielt jedes Geschlecht seinen eigenen Stammvater, Kain und Seth, in deren Söhnen, die eben deshalb zu erwähnen waren, die Kennzeichen dieser beiden Staaten innerhalb des Geschlechtes der Sterblichen deutlicher in die Erscheinung .zu treten begannen. Kain erzeugte nämlich Enoch, auf dessen Namen er einen Staat gründete, den Weltstaat, der auf dieser Welt sich nicht als Fremdling betrachtet, sondern sein Genügen sucht im zeitlichen Frieden und Glück dieser Welt. Der Name Kain aber bedeutet soviel wie Besitz2 ; weshalb auch bei seiner Geburt sein Vater oder seine Mutter sagte3 : „Ich habe einen Menschen gewonnen durch Gott“. Und der Name Enoch bedeutet Einweihung; denn der Weltstaat wird geweiht mit seiner Gründung selbst, da er hienieden das von ihm ins Auge gefaßte und angestrebte Ziel hat. Seth dagegen heißt .Auferstehung, und Enos, sein Sohn, heißt soviel wie Mensch; aber anders als Adam. Denn auch der Name Adam wird mit Mensch übersetzt; jedoch in einem Sinne, der nach dem hebräischen Sprachgebrauch, wie sich zeigt, Mann und Weib zugleich umfaßt. Denn es heißt von diesem Namen4 : „Mann und Weib schuf er sie, und segnete sie und nannte ihren Namen Adam“. Kein Zweifel daher, daß Adam, was Mensch heißt, der gemeinsame Name beider war, wenn schon Eva einen eigenen Namen erhielt. Enos dagegen heißt Mensch in einem Sinne, der die Einbeziehung des Weibes nach der Versicherung der Kenner der hebräischen Sprache ausschließt, und er heißt so als Sohn der Auferstehung, in der „man weder heiraten noch Weiber nehmen wird“5 . Denn dort gibt es keine Geburt, da vielmehr die Wiedergeburt dorthin führt. Nicht gegenstandslos erscheint es mir daher, anzumerken, daß bei den Zeugungsreihen, die auf den Stammvater mit dem Namen Seth zurückgehen, keine der gezeugten Frauen mit Namen genannt wird, obwohl es ausdrücklich heißt, daß Söhne und Töchter gezeugt wurden; dagegen bei den Zeugungsreihen, die auf Kain zurückgehen, wird ganz am Schluß, soweit sie überhaupt reichen, als letzte Zeugung die eines Weibes aufgeführt. Es heißt nämlich6 : „Mathusael zeugte den Lamech; und Lamech nahm sich zwei Frauen, die eine hieß Ada, die andere Sella, und Ada gebar den Jobel; der war der Vater der Zeltbewohner und Herdenbesitzer. Und der Name seines Bruders war Jobal; der war es, der das Harfen- und Zitherspiel lehrte. Sella aber ihrerseits gebar den Thobel; und er war Erzhämmerer, hämmerte Erz und Eisen. Die Schwester Thobels aber war Noemma“. Soweit sind die Zeugungsreihen aus Kain geführt; es sind ihrer insgesamt von Adam an, diesen mitgezählt, acht, sieben bis auf Lamech, der zweier Frauen Gatte war, und die achte Zeugungsreihe bilden Lamechs Kinder, darunter auch ein Weib genannt wird. Fein ist damit angedeutet, daß der Weltstaat bis an sein Ende fleischliche Geschlechtsfolgen haben wird, die hervorgehen aus der Vereinigung zwischen Mann und Weib. Darum werden auch von dem Manne, der hier zuletzt als Vater erscheint7 , die beiden Frauen mit ihren Namen aufgeführt, was sonst vor der Sündflut nirgends außer bei Eva der Fall ist. Wie aber Kain, dessen Name Besitz bedeutet, der Gründer des Weltstaates, und der, auf dessen Namen er gegründet ward, Enoch, Kains Sohn, dessen Name Einweihung bedeutet, darauf hinweisen, daß der Weltstaat auf der Erde seinen Ursprung und sein Ziel habe und daß man in ihm nichts erhoffe über das hinaus, was man in dieser Welt schauen kann, so ist nun auch bei Seth, dessen Name Auferstehung bedeutet, darauf zu achten — denn er ist der Stammvater gesondert erwähnter Geschlechtsfolgen —, was diese heilige Geschichte von seinem Sohne berichtet.
1: Vgl. oben XV 4 gegen Schluß.
2: Augustin scheint für die Deutung der alttestamentlichen Namen hier und XV 18—20, XVI 2; 28 des Hieronymus Liber interpretationis hebraicorum nominum benützt zu haben [herausgegeben von P. de Lagarde, Onomastica sacra, 2. Aufl. 1887].
3: Gen. 4, 1.
4: Ebd. 5, 2.
5: Matth. 22, 30; Luk. 20, 35.
6: Gen. 4, 18-22.
7: von Lamech.