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Tagebuch 2020, Woche 9: Einbruch – Druck
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9. Juli – Einbruch
Diese Nacht, also vor ziemlich genau fünf Stunden, ist bei uns eingebrochen worden. Die Person muss über die mit Metallspitzen ausgerüstete Wand geklettert sein und hatte dann offenbar versucht, einen der Gastanks zu klauen. Diese stehen oft unangekettet irgendwo auf den Vorplätzen und Terrassen und lassen sich für etwa 50 Dollar auf dem Schwarzmarkt verkaufen. Da unserer Vermieterin aber schon vor Jahren ein solcher Tank geklaut worden war, hatte sie ihn vorsorglich mit Kette und Schloss versehen. Das reichte, um den Dieb vor ein Problem zu stellen.
Es war kurz nach 2.30 Uhr, als ich meinen Namen hörte und dachte, es sei ein Traum. Als ich die Rufe der Vermieterin zum zweiten und dritten Mal hörte, war mir klar: Da muss etwas passiert sein. Also öffnete ich die Türe und erkannte sogleich ihre Silhouette, die sich hinter dem zurückgezogenen Vorhang ihres Gästezimmers abzeichnete. Jemand habe versucht, den Gastank zu entwenden, flüsterte sie mir durch das angelehnte Fenster zu, aber sie habe Angst, alleine aus dem Haus zu gehen und nachzusehen. Sie ist 78 Jahre alt. Ich stieg in meine Jeans, zog meine Trainerjacke an, nahm das Brecheisen vom Schrank, das ich für Situationen wie diese schon vor Monaten dorthin gelegt hatte, und ging die Treppe hoch.
Unsere Wohnung ist am Hang gebaut, von wo aus wir einen wunderbaren Blick ins Guapulo-Tal haben und schon kurz nach sechs Uhr von der Sonne geweckt werden. Die Treppe hinunter ist steil und führt an den Wohnungen unserer Nachbarn vorbei: die Vermieterin, die seit acht Jahren Witwe ist, und ihr Daheim mit ihrer Tochter teilt, sowie ein junger Mann, der über einen sehr guten Schlaf verfügt und von dem nächtlichen Intermezzo nichts mitbekommen sollte.
Der Wohnkomplex ist so angelegt, dass Mann und Frau jeweils über das Dach des anderen gehen müssen, um zur eigenen Wohnung zu kommen. Auf unserem Dach beispielsweise wird die Wäsche aufgehängt. Und auf dem Dach der Nachbarin stehen unsere Velos sowie besagter Gastank.
Der Einbrecher muss offenbar wenig zimperlich versucht haben, den Tank unter der Treppe hervorzuziehen, was wegen der im Beton verwobenen Eisenelemente einen enormen Krach auslöste und die aufgrund einer Migräne wach liegende Frau in Alarm versetzte. Sofort stellte sie die Aussenlichter an und der Dieb – vermutlich überrascht durch die schnelle Reaktion – suchte umgehend das Weite. Wir standen etwas ratlos da, sie, ihre Tochter und ich, in unseren Trainerjacken und Morgenmänteln, mit verschlafenen Gesichtern, mit Brecheisen und Besenstielen in der Hand. Zum Glück mussten wir kein Gebrauch von ihnen machen.
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10. Juli – Druck
Es ist abends um Viertel nach Acht und Marizu beantwortet noch immer WhatsApp-Nachrichten von ihrem Arbeitgeber. Wenn sie dies machen würde, weil sie erst um vier Uhr zu arbeiten begonnen hätte, könnte man sagen: nun gut. Aber sie ist seit 9 Uhr morgens „verfügbar“, spricht auch am Sonntagnachmittag mit ihrem Chef und samstags kommt es seit Wochen vor, dass sie ins Büro muss. Würde sie anständig entlöhnt, hätte eine Sozialversicherung und könnte mit Ferien rechnen, dann könnte man auch hier sagen: nun gut. Aber nichts von alledem ist der Fall, ganz im Gegenteil.
Seit Mitte März ist sie auf Kurzarbeit (von 50 auf 25 Prozent) und verdient entsprechend weniger. Sie arbeitet nach der Kündigung zweier KollegInnen täglich zwischen vier und sechs Stunden, teilweise auch an den Wochenenden. Der Druck ist enorm und ihr Chef ruft an, wann immer es ihm passt. Er hat keine Arbeitszeiten, und man kann es ihm nicht einmal übelnehmen: Er kämpft darum, dass seine Firma nicht hops geht. Zumindest sagt er das. Zumindest sagen das alle. Und so brettert der Schnellzug immer weiter in einen zappendusteren Tunnel, ohne dass irgendwo Licht zu erkennen wäre. Wirtschaftlicher Kollaps? Eine Frage der Zeit.
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