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Wenn es noch eines Beweises für das grandiose Scheitern der deutschen Rechtschreibreform bedurft hätte, hier ist er: In Deutschland soll das scharfe S, das sogenannte Sz (ß), auch bei den Grossbuchstaben wieder eingeführt werden. […] All das braucht einen in der Schweiz eigentlich nicht zu interessieren: Hier ist das scharfe S schon seit Jahrzehnten praktisch abgeschafft. Und kein Mensch hat deshalb Verständnisschwierigkeiten, wenn er das Wort «Busse» oder «Masse» liest, weil der Kontext immer klarmacht, welche der jeweils zwei Bedeutungen gemeint ist – auch wenn konservative Sprachforscher uns einreden wollen, wir müssten permanent aneinander vorbei reden, wenn wir nicht zwischen «ss» nach kurzem und «ß» nach langem Vokal unterschieden.
Aus presse und internet
29. 5. 2007
26. 5. 2007
Mit Felix Muff [Leiter des kantonalen Zürcher Tiefbauamts] sprach Marc Brupbacher. […] In Niederweningen ist das Ortsschild von Vandalen zerstört worden. Es musste ersetzt werden. Jetzt heisst der Ort plötzlich Nieder-Weningen. […] Welche Konsequenzen hat denn die neue Rechtschreibung für die Beschilderung? Alle Stopp-Schilder mussten ausgetauscht und das Wort «Stop» mit einem zusätzlichen P versehen werden. Das war natürlich nicht billig. Im Vergleich dazu ist der Fall in Niederweningen Peanuts.
23. 5. 2007
Das Deutsche Institut für Normierung (DIN) unternahm nun entsprechende Aktivitäten, welche auch von der Internationalen Standardisierungs-Organisation (ISO) nicht abgelehnt werden.
22. 5. 2007
Lange vor der Rechtschreibreform klagte Wollschläger die Duden-Redaktion dafür an, mit dem H aus «Thür» und «Thräne» kein überflüssiges Zeichen gestrichen zu haben, sondern den Hauch des Geheimnisses.
21. 5. 2007
Die neue deutsche Rechtschreibung hat es mir nicht gerade angetan. Seit ich, dank der Reform von der Reform, jedoch nicht mehr allein stehend, sondern wieder alleinstehend bin, kann ich mich eher damit abfinden.
Bevor Ernst Pacolt starb, muss er gewusst haben: Bezüglich der kleinschreibung ist das letzte wort noch nicht gesprochen.
18. 5. 2007
Der Begriff Reform legt nahe, dass überarbeitet wird, was nicht in Ordnung ist. Üblicherweise ist er positiv besetzt und beschreibt einen begrenzten Vorgang, an den eine berechtigte Hoffnung auf Verbesserung geknüpft ist. Obendrein wird allgemein erwartet, dass die positive Veränderung für alle spürbar ist und schnell eintritt. Das ist ein Trugschluss, wie nicht erst seit der Rechtschreibreform bekannt sein dürfte.
11. 5. 2007
Die SOK will klare Regeln. […] Sie geht dabei vom Grundsatz aus, dass Gleiches möglichst gleich behandelt werden soll.
Wir auch! Und die reformer von 1996 ebenfalls!
8. 5. 2007
Wie steht es um den Zustand der deutschen Sprache, nachdem die Rechtschreibreform kein öffentliches politisches Thema mehr ist? Reichert: Wir sind als Akademie daran interessiert, dass auch die letzten Torheiten der Rechtschreibreform ausgeglichen werden. Daran arbeiten wir hinter den Kulissen.
7. 5. 2007
Die neue Reihe "Suhrkamp Studienbibliothek" präsentiert klassische theoretische Texte in einem Band mit einem ausführlichen Kommentar […]. Den Anfang macht Walter Benjamins Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit mit einem Kommentar von Detlev Schöttker. […] Einziger Makel gerade mit Blick auf künftige Studierende: die alte Rechtschreibung im Kommentarteil. Die wirkt mittlerweile gewollt antiquiert.
3. 5. 2007
Die sogenannte Rechtschreibreform hat ins Rechtschreibchaos geführt. Der Gossauer Gymnasiallehrer Stefan Stirnemann hat dessen Ausmass und Auswirkungen bereits in zwei grossen Artikeln in unserem Blatt dokumentiert. Teil drei seiner Erkundung eines Desasters lesen Sie jetzt exklusiv auf www.weltwoche.ch; der Beitrag weist auch auf eine Tagung am 7. Mai in Zürich hin, an der die Reformgegner den Widerstand koordinieren wollen. Die Weltwoche half übrigens schon 1954 eine fragwürdige Sprachreform «bodigen», indem sie eine Umfrage unter Schriftstellern wie Thomas Mann, Hermann Hesse und Friedrich Dürrenmatt publizierte. Die Dichter erteilten der neuen Orthografie eine harsche Absage.
Wenn wir schreiben, um möglichst deutlich einen Sinn zu vermitteln, so ist Undeutlichkeit oder Zweideutigkeit die Katastrophe, die uns bedroht. Heute ist die Katastrophe amtliche Vorschrift. Tun wir, was die Reformer nicht tun: schlagen wir Bücher auf und prüfen die Sprachwirklichkeit. Thomas Hürlimann erzählt in seiner Novelle «Fräulein Stark», wie der St. Galler Stiftsbibliothekar und sein Stab nach der Arbeit ausschauen: «Der Onkel, gewandet wie ein Tropenmissionar, stürmte aus dem Saal, im Gefolge Vize Storchenbein und sämtliche Hilfsbibliothekare, alle verschwitzt, gräulich verstaubt.» Was meint Hürlimann? Ein wenig grau verstaubt oder schrecklich verstaubt? Nach dem Willen der Reformer bleibt das ein ewiges Geheimnis. Es sei gelüftet: Hürlimann schrieb gräulich im eigentlichen Sinn, er meint die Farbe. […] Gräulich ist etwas anderes als greulich.
Gewiss ist gräulich etwas anderes als greulich, ebenso wie ton etwas anderes ist als ton. Aber wie transportiert man diese information mündlich, beim vorlesen? Eine sprache, die man nicht sprechen kann, ist keine sprache. In diesem fall gäbe es immerhin einen einfachen ausweg: schon immer konnte man auch graulich sagen oder schreiben.
5. 2007
Ein Schüler, der selbständig dachte und konsequent sein wollte, machte eher Fehler als einer, der sich einfach merkte, was der Lehrer wollte. Die Unnatürlichkeit und Widersprüchlichkeit der orthographischen Normen (sofern diese überhaupt festgelegt waren) machte deren Einübung zu einer Aufgabe, die nur wenige Volkschulkinder und Gymnasiasten gut bewältigen konnten. Effektive didaktische Mittel konnten über Jahrzehnte nicht gefunden werden, wie die immer wiederkehrenden Klagen und Empfehlungen zeigen. Ob eine radikalphonetisch orientierte Reform, wie sie mehrfach gefordert aber nie in großem Ausmaß versucht wurde, dieses Problem hätte lösen können, sei jetzt dahingestellt.
30. 4. 2007
Balsam fürs Schülerherz: Nicht einmal die Hälfte der 28 Fehler in 26 Zeilen wurde von den Lehrern im Durchschnitt entdeckt. […] Testen Sie, ob Sie besser abschneiden als die Lehrer auf der didacta!
26. 4. 2007
Seit die Rechtschreibreform unter Dach und Fach ist, hat sich die Lage beruhigt. Einiges ist durch die Reform trotz des verbiesterten Widerstands einfacher, klarer und rationaler geworden. Auch heute noch haben routinierte Schreiber Zweifel, was richtig oder falsch, gut oder schlecht ist. Da hilft der Duden «Richtiges und gutes Deutsch» in den meisten Fällen - ausser bei der Getrennt- und Zusammenschreibung. Hier werden auf 15 (!) Seiten Spitzfindigkeiten und Wortklaubereien ausgebreitet.
Ist man also ein Depp, wenn man den Deppenapostroph verwendet? Ein kleines bisschen vielleicht, da man sich ohne große Not der Häme einiger Mitmenschen aussetzt. Anders als beispielsweise die prä– und postreformatorischen Kommaregeln sind die Regeln für den Apostroph ja denkbar einfach (im Zweifelsfall kann man den Apostroph einfach grundsätzlich weglassen — das wird zu sehr wenigen Fehlern führen). Die Tatsache, dass diese Regeln so einfach sind, dürfte übrigens ein Grund für die Sammelwut der Apostrophenjäger sein: der „Deppenapostroph“ ist auch ohne vertieftes interpunktorisches Wissen leicht zu erkennen. Interessanterweise gibt es ja keine Webseiten, die dem Sammeln von falsch gesetzten Kommas gewidmet sind […].
Letzteres stimmt nicht ganz: Siehe unsere fundsachen.
25. 4. 2007
Gerhard Müller leitet den Beratungsdienst der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden. Montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr sitzen er oder sein Kollege Lutz Kuntzsch am Telefon und helfen, wenn Deutsche mit dem Deutschen ringen […]. Vornamen […] sind das häufigste Thema der mehrere tausend Anrufe, Briefe, Faxe und Mails, die pro Jahr bei der GfdS eingehen. Es folgen Rechtschreibung, Wortkunde und Grammatik. Die Orthografie-Reform hat daran wenig geändert, bisweilen sogar neue Unsicherheit geschaffen […]. «Zwei Drittel bis drei Viertel der Anrufer sind verunsichert und brauchen Hilfe», schätzt Kuntzsch. Dabei bereiten Groß- und Klein- sowie Zusammen- und Getrenntschreibung den Deutschen die meisten Probleme - nicht erst seit der Rechtschreibreform, die sich nur kurzfristig in der GfdS-Statistik niedergeschlagen hat.
24. 4. 2007
Gemäss einer Untersuchung der deutschen Personalberatungsgesellschaft Saaman Consultants AG enthalten heute gut drei Viertel aller Bewerbungsschreiben und Lebensläufe von Führungskräften eindeutige Rechtschreibfehler. […] Bewerbungen ohne Rechtschreib- und Satzzeichenfehler seien eine Seltenheit geworden, konstatiert die Firma weiter und betont, dass es sich bei den Rechtschreibproblemen nicht etwa nur um Fehler handle, die sich durch das Wirrwarr der Rechtschreibreform erklären liessen.
Es interessieren sich zu wenig Männer für Kindergarten und Unterstufe. […] Sollten Männer dafür etwa nervige Gofen in der Unterstufe durch eine unverständliche Rechtschreibreform treiben?
23. 4. 2007
Es handele sich durchaus nicht nur um Fehler, „die sich aus dem Wirrwarr der Rechtschreibreform erklären lassen“.
22. 4. 2007
Und so wird die Abstimmung über die Vereinigung beider Kirchen äußerst knapp ausgehen. […] «Wir können nicht mehr zurück», kontert der Thüringer Synodale Klaus-Peter Hertzsch gegen die vielen Skeptiker in seinem Kirchenparlament. «Es ist wie mit der Rechtschreibreform: Wir wissen noch nicht alle, wie man jetzt richtig schreibt, aber wir können auch die alte Schreibung nicht zurückholen. Lassen sie uns also nach vorn gehen.»
20. 4. 2007
Thüringens Kulturjournal gibt es noch oder wieder […]. Es nennt sich nun "Kulturjournal Mittelthüringen" […]. In der Schreibweise hat man sich auf die gute, alte Rechtschreibung besonnen, das zumindest verrät Charakter.
18. 4. 2007
Es muss eine grosse Sehnsucht gegeben haben nach einem wie Sick. Die Verunsicherung durch eine verkorkste Rechtschreibreform, die von den Pisa-Wächtern festgestellten Schreibschwächen der nachwachsenden Generationen; der Sprachverfall, den das Internet begünstigt: Das alles hat eine Leerstelle erzeugt, die der Duden nicht mehr zu füllen in der Lage ist.
Alles wird schlechter, die Tomaten, das Wetter sowieso, die Süßigkeiten werden kleiner, die Eissorten unserer Kindheit sind nicht mehr, die Rechtschreibung, seit sie zweimal durch den Fleischwolf Reform gedreht worden ist, wurde zu Faschiertem, aus dem man bestenfalls vermantschte Regeln klauben kann, immer unverständlicher ist auch die Sprache, durchsetzt von Wörtern aus der anglophilen Märchenwelt: thumbnail (dumme Nadel? oder thumber Nagel? nein, Daumennagel), money-shot, plugin, screenshot, briefing usw. […].
13. 4. 2007
Cotta gewann für seinen Verlag Goethe und Schiller […]. Cottas Geschäftssprache lässt zunächst keine Einheitlichkeit in Grammatik und Rechtschreibung erkennen; Schulmeister Duden hätte sich die Haare gerauft, heute hätte man diesem Verleger kein Lektorat, geschweige denn die Stelle eines Korrektors angeboten.
12. 4. 2007
„Alle Bücher hier sind neu angeschafft. Das liegt an der Rechtschreibreform. Wir können den Kindern ja nicht zumuten, heute falsche Schreibweisen zu lesen“, erläutert Rektorin Walk.
6. 4. 2007
Nach Überwindung einiger Widerstände hat Josef Haslinger über sein Tsunami-Erlebnis einen packenden Bericht geschrieben. […] Die durchgängige Kleinschreibung ist übrigens keine literarische Marotte des Autors, sondern sein unfreiwilliger "bescheidener persönlicher beitrag zur deutschen rechtschreibreform", da sein linker kleiner Finger, dessen Sehnen beim Überlebenskampf unter Wasser durchtrennt worden waren, verkrümmt geblieben ist – sodass er damit die Umschalttaste nicht mehr bedienen kann.
4. 4. 2007
Selbst Muttersprachler können nicht bestreiten, dass die deutsche Sprache eine schwere ist. Dies bekommt der Mannheimer Dudenverlag nicht erst seit der Rechtschreibreform zu spüren. […] Seit der Rechtschreibreform 1996 hätten die Anrufe dann kurzfristig zugenommen. "Mittlerweile können wir allerdings keine vermehrte Verunsicherung aufgrund der Reform mehr feststellen. Vor allem für die jüngere Generation ist die neue Rechtschreibung zum Alltag geworden", konstatiert Wermke.
3. 4. 2007
Das zu bejammern, bringt allerdings nun auch nichts mehr. Und vielleicht kann man ja die derzeitige Situation sogar als Chance sehen. Als Chance, zwischen den so unübersichtlich gewordenen Kategorien richtig und falsch und alt und neu auch wieder zu unterscheiden zwischen gut und schlecht und schön und unschön.
4. 2007
1. Warum steht nach dem Buchstaben q stets der (scheinbar) unnötige, eigentlich widersinnige und stets stumme Buchstabe u? Dieser Buchstabe scheint so wichtig zu sein, dass er sogar die Rechtschreibreform überdauert hat. Die Reformatoren haben doch sonst alle in ihren Augen unnötigen stummen Buchstaben entfernt.
Alle eben noch nicht, aber wir arbeiten daran.