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Über das Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft
Bern, 20.05.2022 - Diskussionsrunde der Akademien der Wissenschaften Schweiz, Bern, 20. Mai 2022 Bundeskanzler Walter Thurnherr
«Jack: I am sick to death of cleverness. Everybody is clever nowadays. You can’t go anywhere without meeting clever people. The thing has become an absolute public nuisance. I wish to goodness we had a few fools left.
Algernon: We have»
Oscar Wilde, The Importance of Being Earnest
Das Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft ist kompliziert, unübersichtlich, zuweilen subtil unterkühlt, geprägt von gegenseitigen Abhängigkeiten und wechselseitigen Missverständnissen und insofern paradox, als dass trotz allem kein (ernstgenommener) Politiker schlecht über die Wissenschaftler spricht und sich kein Wissenschaftler abfällig über die Politiker äussert – zumindest, wenn ein Mikrofon in der Nähe ist [1].
Hinter vorgehaltener Hand werden die Freundlichkeiten dann oft etwas weniger gepflegt formuliert. Als Niels Bohr gegen Ende des II. Weltkriegs Winston Churchill von den Vorzügen wissenschaftlicher Transparenz auf dem Gebiet der Atomphysik und von der Notwendigkeit internationaler Abrüstung zu überzeugen versuchte, ihn deswegen sogar zwei Mal aufsuchte und dabei noch die Unachtsamkeit beging, dem antisowjetischen Premierminister von seinem Moskauer Physikerkollegen Kapiza zu erzählen, mit dem er, Bohr, in Kontakt sei und der in diesen Fragen genau dieselbe Haltung vertrete wie er, wurde der dänische Nobelpreisträger zwar angehört, höflich verdankt und dann zur Tür begleitet. Aber noch gleichentags schrieb Churchill über den Wissenschaftler: “He says he is in close correspondence with a Russian professor, an old friend of his in Russia, to whom he has written about the matter and may be writing still. The Russian professor has urged him to go to Russia in order to discuss matters. What is all this about? It seems to me Bohr ought to be confined or at any rate made to see that he is very near the edge of mortal crimes. I had not visualized any of this before, though I did not like the man when you showed him to me, with his hair all over his head, at Downing Street. Let me have by return your views about this man. I do not like it at all”.
Umgekehrt zeigte zum Beispiel Albert Einstein in seiner Korrespondenz auch keine Zurückhaltung, wenn es um Politik ging. Bekanntlich kam er zum Schluss, dass er - wäre es ihm bewusst gewesen, was die Politiker aus der wissenschaftlichen Beratung machen - den Beruf eines Spenglers gewählt hätte; was die New Yorker Firma «Stanley Plumbing & Heating» prompt veranlasste, dem theoretischen Physiker eine Stelle anzubieten, und sogar bereit war, den Namen des Geschäfts zu ändern in: «Einstein and Stanley Plumbing Co».
Es gibt hunderte solcher Anekdoten über die gegenseitige Wertschätzung. Wissenschaftler und Politiker haben vieles gemein: Auf beiden Seiten gibt es Leute, die selber denken. Bei beiden gibt es Gelegenheitstätige und Profis. Sowohl hier als auch dort trifft man auf viel Erfahrung, Ehrgeiz und Eitelkeiten. Die Wissenschaftlerin braucht die Politikerin, und umgekehrt. Der Politiker hat gegenüber dem Wissenschaftler Vorurteile, und umgekehrt. Beide irren sich, und beide haben ein Stück weit recht, und ginge es um eine private Sache: längst wäre man in Therapiegesprächen.
Dass dieses komplizierte Verhältnis heute öffentlich so intensiv diskutiert wird, hat vor allem zwei Gründe: Erstens ist mit dem Abbruch der Verhandlungen über ein institutionelles Abkommen mit der EU die Bedeutung des Forschungsplatz Schweiz wieder mehr in den Vordergrund gerückt. Wir sind eben nicht nur mit Dienstleistungen, Gütern und über den freien Personenverkehr, sondern auch mit Forschungsprogrammen und wissenschaftlicher Zusammenarbeit sehr eng mit den EU-Staaten vernetzt. Die Wissenschaft drängt darauf, diese Verbindungen aufrecht zu erhalten, die Politik bemüht sich zurzeit, Ersatzmassnahmen hochzufahren. Das Thema «Europapolitik» wäre eine separate Veranstaltung wert.
Zweitens, natürlich, die letzten zwei Pandemie-Jahre. Die Corona-Krise hat einige Einsichten hervorgebracht, die nicht sonderlich überrascht haben: Wir waren zu wenig gut vorbereitet – wie in anderen Krisen auch. Wir hatten Abstimmungsprobleme unter den verschiedenen Bundesämtern – das ist eigentlich der Normalzustand. Wir haben alle Stärken und Schwächen des Föderalismus gesehen – damit leben wir seit 1848. Und bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens besteht Nachholbedarf – zeigen Sie mir den, der das nicht schon vorher gewusst hat. Aber die Diskussion über die Task-Force, die Debatte über die Rolle jener Wissenschaftler, die sich in der Pandemiebekämpfung auf allen Kanälen gemeldet hatten, und die Gespräche über die künftige institutionelle Einbettung der wissenschaftlichen Politikberatung waren sowohl inhaltlich, als auch was die Heftigkeit der Diskussion betrifft, relativ neu. In der Evaluation der Krise wird dieser Punkt auch einiges Gewicht erhalten.
Meine Ausführungen werde ich deshalb in drei Teile gliedern: Eine kurze Bemerkung zum Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik vor Corona, einige Beobachtungen zum Verhältnis während der Corona-Krise, und einen Punkt zum künftigen Verhältnis.
1. Vor der Krise: Schwache Wechselwirkung
Das heutige Beziehungsmuster zwischen Politik und Wissenschaft in der Schweiz geht im Wesentlichen auf das Ende des zweiten Weltkriegs zurück, als der Bundesrat unter dem Eindruck der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki im Juni 1946 eine Expertenkommission unter der Leitung von Paul Scherrer einsetzte [2], um zu klären, was das für den Schutz der Bevölkerung, die Energiegewinnung und (wie sich später herausstellte) für die Bewaffnung der Schweizer Armee bedeuten könnte. Die Kommission wurde mit 18 Millionen Franken (für fünf Jahre) ausgestattet, was damals sehr viel Geld war - pro Jahr mehr als was die gesamte ETH erhielt. Die Resultate der Kommission waren in zweifacher Hinsicht ernüchternd: Erstes musste sie die vielerorts geäusserten Erwartungen dämpfen, wonach nun in jedem grösseren städtischen Quartier ein Atomkraftwerk installiert werden könne, um den Bezirk zu heizen [3]. Und zweitens lieferten die Arbeiten der Kommission jene ersten Grundlagen und Argumente, die das EMD [4] und schliesslich den Bundesrat im Juli 1958 veranlassten, die Bewaffnung der Schweiz mit Atombomben zu fordern [5].
Die Landesregierung erklärte damals: «In Übereinstimmung mit unserer jahrhundertealten Tradition der Wehrhaftigkeit ist der Bundesrat deshalb der Ansicht, dass der Armee zur Bewahrung unserer Unabhängigkeit und zum Schutze unserer Neutralität die wirksamsten Waffen gegeben werden müssen. Dazu gehören die Atomwaffen» (In den Unterlagen der betroffenen Bundesratssitzung vom 11. Juli 1958 sind zu diesem Geschäft keine Mitberichte enthalten, ganz im Gegensatz zum Geschäft «Massnahmen betr. Verwertung der Kartoffelernte 1958», das offenbar im Kollegium mehr zu reden gab...). Mit dieser Verlautbarung schaffte es der Bundesrat zwar weltweit in die Schlagzeilen. Nach einigen Irrwegen und Wirrrungen haben wir dann aber Ende der 1960er Jahre auf die Beschaffung von Atombomben verzichtet. Immerhin ersehen Sie daraus, dass man die Neutralität damals noch etwas martialischer verstanden hatte [6].
Das Modell einer ad-hoc Expertenkommission machte trotzdem Schule. Immer häufiger wurden zur Klärung von Fragen, die sich aufgrund der rasanten technologischen Entwicklung der Nachkriegsjahre ergaben, spezifische Kommissionen eingesetzt. Darüber hinaus trug die Atomtechnologie dazu bei, dass die Schweiz in den 1950-er Jahren begann, Wissenschaftsattachés anzustellen und neue Bundesämter gründete (das heutige BFE und das SBFI) [7]. Dann folgten über die Jahre alle Instrumente und Gremien, die Sie kennen und die heute das Beziehungsgeflecht zwischen Politik und Wissenschaft ausmachen: Die ausserparlamentarischen Kommissionen, die Ressortforschung der Verwaltung, der Schweizerische Nationalfonds, die Expertenbehörden mit beschränkten Vollmachten (die ELCOM, die Finma, u.a.), die öffentlichen und privaten Forschungseinrichtungen, die zum Teil im Auftrag des Bundes untersuchen oder forschen (insbesondere Referenzlabore, Forschungseinrichtungen der Agroscope etc.) sowie die verschiedenen Gremien wie der Wissenschaftsrat, Akademie der Wissenschaften etc., die sich regelmässig mit Bundesbehörden austauschen.
Auf dem Papier sieht das alles recht eindrücklich aus. In der Realität der politischen Mechanik von Bundesbern spielten die daraus entstandenen Kontakte allerdings nur eine begrenzte Rolle. Politiker sprechen vor allem mit Amtskolleginnen, mit Regierungsräten, Parteien, Vertretern der Wirtschaft und Verbänden, Beamten, Journalistinnen und Prominenten. Wissenschaftler sprechen primär mit Wissenschaftlern. Es sei denn, sie werden mit einem bekannten Preis ausgezeichnet - dann ruft vielleicht noch jemand an von der Wissenschaftsredaktion der NZZ. Von den 109 ausserparlamentarischen Kommissionen des Bundes beraten (gemäss Mandat) 35 den Gesamtbundesrat. Ich erlebe es jedoch nur sehr selten, dass eine solche (direkte) «Beratung» auf Stufe Bundesrat tatsächlich stattfindet. Es gab (und gibt) schon ab und zu Gespräche, Anhörungen und Anlässe. Aber öfter war das Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft vor Corona vergleichbar mit den Beziehungen zwischen den Mietern im Hochhaus der anonymen Grossstadt: Im günstigen Fall kennt man sich von kurzen Begegnungen in der Tiefgarage oder vor dem Lift. Im Normalfall ignoriert man sich freundlich und uninteressiert.
2. Kollisionen im beschleunigten Zustand, Spannungen und Entladungen
Dass dieses - sagen wir einmal freundnachbarschaftliche - Verhältnis komplizierter und konfliktträchtiger werden kann, spürte man während der Pandemie. Nicht von Anfang an, denn zu Beginn war das Bedürfnis nach Fakten unerhört gross, nach «evidence based policy» statt nach der üblichen «policy based evidence»; nach verlässlichen Befunden, die von Experten erläutert werden, statt nach herabsetzenden Kommentaren in den sozialen Medien; nach Informationen über den R-Wert, über neue Varianten, neue Medikamente und über neue Impfstoffe. Dankbar verfolgten Hunderttausende die Pressekonferenzen der Zuständigen aus dem BAG. Doch je länger die Krise dauerte, desto lauter wurde die Kritik. Sie erinnern sich, dass einzelne Politiker einen Maulkorb für die Task-Force forderten, dass verschiedene Experten und Expertinnen aufs Übelste beschimpft wurden, und dass es unter Politikern mit der Zeit durchaus salonfähig wurde, eine bissige oder sarkastische Bemerkung über die (angeblichen) Fehlprognosen der Experten fallen zu lassen. Wie ist es so weit gekommen? Ich gebe Ihnen nur ein paar Elemente aus persönlicher Sicht:
Erstens: Einzelne Experten verstanden nicht, was die Politik genau von ihnen erwartete. Statt Fakten lieferten sie Empfehlungen, und zum Teil fanden sie Gefallen an der plötzlichen Prominenz. Unter Physikern macht man folgende Unterscheidung: «Ein guter Physiker (oder eine gute Physikerin) sagt nicht: ‘Bitte pinkeln Sie nicht auf das Starkstromkabel’. Ein guter Physiker stellt fest: ‘Urin ist ein guter Leiter’». Das sind zwei unterschiedliche Aussagen, die zwar in der Regel zur selben Schlussfolgerung führen. Aber nur im einen Fall überlässt man es dem Angesprochenen, die Schlussfolgerung selber zu ziehen. Darüber hinaus: Bundesrat und Parlament mussten in der Krise zwischen vielen verschiedenen Dingen abwägen. Die Epidemiologen müssen das nicht oder weniger. Ihr Fokus galt der Ausbreitung, bzw. der Eindämmung der Epidemie, aber nicht unbedingt den Bundesfinanzen, die man für die Härtefallklauseln aufbringen musste. Darüber, was genau «Beratung der Politik durch die Wissenschaft» sein soll, herrschte nicht überall Einigkeit.
Zweitens: Einige, nicht viele, aber doch einige Politiker fanden sich zu Beginn der Pandemie (als sich das Parlament auflöste und die ausserordentliche Lage ausgerufen wurde) nur schwerlich damit ab, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, das heisst in der Öffentlichkeit bis dahin weitgehend unbekannte Persönlichkeiten, praktisch die ausschliessliche Medienaufmerksamkeit auf sich zogen, während sie selbst zu Hause tatenlos zusehen mussten. Als ob sich in der Schweiz nicht ohnehin jeder frei äussern dürfte, empfanden sie die Medienauftritte dieser nicht vom Volk gewählten Leute wie einen persönlichen Angriff auf ihr Selbstverständnis. Dass Experten eben gerade nicht an der Urne bestimmt werden, und dass deren Aufgabe explizit darin bestand, die Dinge beim Namen zu nennen, selbst wenn man das nicht gerne hört, konnten die besagten Politiker nur teilweise akzeptieren.
Drittens: An einigen Orten herrschte das (Miss-)Verständnis, die Wissenschaft müsse mit einer Stimme sprechen. Eigentlich ist es ja gerade umgekehrt: Die Wissenschaft ist sich fast immer und in sehr vielen Dingen uneinig. Die Regierung muss mit einer Stimme sprechen, nicht die Wissenschaft. Trotzdem fiel vor allem im Jahr 2020 auf, wie unterschiedlich einzelne Expertinnen und Experten, selbst in der Task-Force, glaubten kommunizieren zu müssen. Auch hier zeigte sich, dass die Schweiz ungenügend auf die Pandemie vorbereitet war. Wie was und von wem in der wissenschaftlichen Task-Force kommuniziert werden soll, ist etwas, was man vorgängig besprechen und vereinbaren kann. Ein gemeinsames Kommunikationsverständnis hat zu Beginn gefehlt.
Viertens: Unser Verhältnis zu den Experten hat sich geändert. Kürzlich hatte ich die Schilderung eines amerikanischen Meteorologen gelesen, der nach fast vierzig Jahren Wetterprognosen am Fernsehen eine aufschlussreiche Beobachtung machte. Er erklärte, wie wenig er vor vierzig Jahren vom Wettergeschehen wusste. Keine Erfahrung, frisch von der Hochschule, keine Computer, keine Satelliten, keine Daten, keine verlässlichen Modelle etc. Im Prinzip habe er keine Ahnung gehabt, wie sich das Wetter in fünf Tagen präsentieren werde, und oft habe er einfach spekuliert. Heute sei das völlig anders. Sie verfügten über ausgezeichnete, zum Teil mit AI unterstützte Rechenmodelle, die mit grosser Genauigkeit auf fünf Tage im Voraus Prognosen ermöglichen. Erstaunlicherweise verhalte es sich jedoch mit seinem «social status» gerade umgekehrt. Vor vierzig Jahren sei er jemand gewesen, auf der Strasse habe man ihn angesprochen und respektvoll nach dem Wetter befragt. Wenn er heute die Vorhersage wage, es werde nächste Woche mit einer Wahrscheinlichkeit von 20% regnen, und es dann trotzdem zu einzelnen Regenschauern komme, dann gerate er mitten in einen gewaltigen Shitstorm (im übertragenen Sinn).
Diese Erfahrung machen nicht nur die Meteorologen, sondern fast alle Expertinnen und Experten, die öffentlich auftreten. Fragen Sie einmal die Klimatologen oder eben die Epidemiologen der Task-Force, oder fragen Sie Ihre Hausärztin oder den Zahnarzt Ihrer Kinder. Die Expertise wird nicht mehr ohne Weiteres anerkannt. Zum Teil zurecht, zum Teil bewusst geschürt. Seit Jahrzehnten, schon seit der Kontroverse über die Folgen des Tabak-Konsums in den 1950er-Jahren, später über die Folgen des CO2 Anstiegs, werden immer wieder gezielt Zweifel gesät, zum Teil haltlose Gegengutachten bestellt und die Expertise aus politischem Kalkül lächerlich gemacht [8]. Früher oder später finden solche Kampagnen Widerhall, und die sozialen Medien tragen dazu bei, dass die Saat auch aufgeht.
Noch komplizierter ist es, weil die Wissenschaft sich irren kann, bzw. sich eigentlich fast immer irrt - wenn es gut kommt, auf einem etwas höheren Niveau, aber trotzdem immer noch falsch liegt, und genauso muss es ja auch sein (Sie wissen, die Liste wissenschaftlicher Irrtümer ist eindrücklich: Aristoteles war überzeugt, dass sich ausschliesslich der Mann vermehrt. Die Frau gebäre nur, sie sei «der Boden, in dem die Pflanze wächst» (!). Blaise Pascal fand, negative Zahlen wären ein völliger Blödsinn. Johannes Fibiger erhielt 1926 den Nobelpreis für seine Entdeckung, dass Krebs durch Fadenwürmer erzeugt wird, und George-Louis Marie Leclerc, Comte de Buffon (der mit Buffons Nadel), vertrat als erster die These der Evolution – allerdings anders herum: Er glaubte nicht, dass der Mensch vom Affe abstammt, sondern dass sich der Mensch zum Affen weiterentwickle. Bei diesem letzten Beispiel bin ich allerdings noch nicht sicher, wer am Schluss recht behalten wird).
Selbst Pandemie-Experten liegen zuweilen daneben. Während der Krise vermisste man da und dort die angezeigte Bescheidenheit, wenn Wissenschaftler vor dem Mikrofon ihre Modelle präsentierten, und man fühlte sich an die Einschätzung von Georg Lichtenberg erinnert, der überzeugt war, dass einzelne Mathematiker seiner Zeit «einen besonderen Kredit von Heiligkeit und eine nähere Verwandtschaft mit Gott» geltend machten, obwohl es, wie er scheltend fortfährt, «darunter die grössten Plunderköpfe gibt».
Umgekehrt haben einzelne Politiker bis heute nicht verstanden, was der Unterschied zwischen Prognosen und Szenarien ist, oder sie haben ihn bewusst missverstanden. Die Task-Force hatte insbesondere bei der zweiten Welle früh auf eine mögliche Verschärfung hingewiesen. Die Politik hätte schneller reagieren können, hätte sie dieses Szenario ernst genommen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler warnten auch bei der Omikron-Variante, und zwar zurecht, weil es ohne Weiteres auch anders hätte kommen können. Dass wir den letzten Winter so gut überstanden, hatte in erster Linie mit Glück zu tun und nicht mit besserer Einschätzung der Lage oder mit Fügung.
Wieder umgekehrt gab es tatsächlich auch Epidemiologen, die Prognosen machten, statt Szenarien vorzustellen. Und Sie wissen ja, was John K. Galbraith über die Wirtschaftsexperten sagte, die sich auf dieses Eisfeld wagen: «Ökonomen machen nur deshalb Prognosen, damit die Astrologen nicht so alt aussehen». Dasselbe gilt für Epidemiologen.
Sie sehen, es ist kompliziert, und alles andere als eindeutig. Darüber hinaus gab es auch sehr viele Politikerinnen und Politiker, namentlich im Parlament, die sich nach bestem Wissen und Gewissen für die Pandemiebewältigung einsetzten. Auch sie, nicht nur die Mitglieder der Task-Force, wurden zum Teil aufs Übelste beschimpft, und nur, weil eine Nationalrätin oder ein Ständerat einmal einer wissenschaftlichen Empfehlung nicht folgte, hatte sie oder er sich deswegen noch nicht von der Vernunft und der Aufklärung verabschiedet.
Klar ist nur, dass in dieser Krise etwas zum Vorschein kam, was man bereits früher hätte wissen können, dass nämlich Wissenschaftler und Politiker in verschiedenen Welten leben und dass es höchste Zeit wäre, darüber nachzudenken, wie man den Austausch verbessern könnte.
3. Nach der Krise, bzw. vor der nächsten Krise: Neue Modelle sind gefragt.
Und das führt mich zum dritten Punkt: Wie kann man es besser machen? Zuerst: Indem wir die Erfahrungen der letzten zwei Jahre nicht gleich wieder auf die Seite legen und so tun, als sei nichts geschehen.
Wir haben nämlich diese Tendenz, nicht nur sich abzeichnende Krisen zu verdrängen und uns auf scheinbar Wichtigeres als auf die Vorbereitung unbekannter Entwicklungen zu konzentrieren, sondern uns gleich wieder dem Tagesgeschehen zuzuwenden, wenn die Krise einmal halbwegs überstanden ist.
Im Übrigen wissen wir nicht, wie sich die Situation im Herbst präsentieren wird, und ich bin auch nicht sicher, ob – im Hinblick darauf - alle Betroffenen bereits die notwendigen Lehren aus der Pandemie gezogen haben. Die Evaluation der Pandemie sollte sich deshalb nicht nur auf die Erstellung von Berichten beschränken, die in Auftrag gegeben worden sind, und es sind sehr viele Aufträge erteilt worden. Über die Literaturkritiker sagt man bekanntlich – und das wahrscheinlich zurecht -, dass sie in der Hölle alle Bücher auch lesen müssen, die sie in ihrem Leben besprochen hatten. Etwas Ähnliches könnte man jetzt jenen Menschen wünschen, die vom Bundesrat die vielen Pandemie-Evaluationsberichte einforderten. Aber ehrlich gesagt, ich wünschte mir, sie würden die Berichte nicht erst in der Hölle lesen. Man sollte noch in diesen Zeiten Antworten auf die gestellten Fragen suchen.
Von welchen Fragen sprechen wir?
Zum Beispiel von der Frage, ob die ausserparlamentarischen Kommissionen noch die beste Form der wissenschaftlichen Politikberatung darstellen. Das ist nach den Erfahrungen der Pandemie nicht ohne Weiteres klar. Wie Sie wissen gab es, bzw. gibt es eine «eidgenössische Kommission für Pandemievorbereitung und –bewältigung» (EKP), die aber ausgerechnet dann, als es eine Pandemie zu bewältigen gab, nicht eingesetzt wurde. Stattdessen mandatierte das EDI eine ad-hoc Task-Force, allerdings erst spät, nämlich am 30. März 2020, als die erste Welle schon wieder am Abklingen war [9]. Es wäre deshalb zu prüfen, ob und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen, welche der ausserparlamentarischen Kommissionen, die den Bundesrat wissenschaftlich beraten, aufrechterhalten werden sollen?
Es stellt sich die Frage, welche Alternativen dazu bestehen. Ich persönlich glaube zum Beispiel nicht, dass es zur besseren Krisenbewältigung genügen wird, dem Bundesrat einen Rat von vier genialen Wissenschaftlern, bzw. vier cleveren Expertinnen zur Seite zu stellen. Die nächste Krise ist vielleicht ein flächendeckender Stromausfall. Oder ein Stuxnet-Angriff auf eine kritische Infrastruktur, oder eine weitere Finanzkrise, oder eine Inflation, die relativ unscheinbar in den USA und Europa beginnt und dann immer grössere Probleme schafft, ohne dass wir klären konnten, wann die Krise eigentlich begonnen hat. Oder ein ganz neues Virus, oder ein konventioneller Krieg in Osteuropa. Bei allem Respekt, aber ich möchte das Gremium sehen, das für sich in Anspruch nimmt, eine Regierung zu all diesen Fragen kompetent beraten zu können.
Es wäre zu prüfen, ob man die wissenschaftliche Kompetenz in der Schweiz auch anders abholen kann. Die Wissenschaft könnte zum Beispiel für gewisse vorgängig definierte Themenbereiche Netzwerke von Wissenschaftlern bilden - Netzwerke, die vom Bund mandatiert, und im Krisenfall sofort mobilisiert werden könnten. Das Mandat würde insbesondere Aufgaben, Entschädigung und Kommunikation regeln. Die Universitäten und Hochschulen wären beauftragt, diese Netzwerke mit den besten Leuten ihres Fachs zu besetzen und die Abgänge zu ersetzen, ohne dass die Verwaltung – wie das heute bei den ausserparlamentarischen Kommissionen der Fall ist – Leute suchen muss, die auch noch die Geschlechter- und die Sprachenquote erfüllen.
Es ist zu klären, wieweit der Einbezug der Wissenschaft nicht nur während der Krisen, sondern auch zwischen den Krisen verbessert werden kann. Es gibt im Bundesrat und im Parlament immer mehr komplexe Sachgeschäfte - im Bereich der Gentechnologie, der Digitalisierung, der Cybersecurity, der Präimplantationsdiagnostik, der Nukleartechnologie etc. - deren Regulierung wissenschaftliche Beratung schon fast voraussetzt. Gesunder Menschenverstand ist gut, aber Sie kennen den Hinweis: «Common sense is what tells us the world is flat» [10].
Es wäre deshalb darüber hinaus zu klären, wie weit generell der informelle und formelle Austausch zwischen Politik und Wissenschaft verstärkt werden könnte. Wäre es zum Beispiel möglich, die in diesem Sinn «hauseigene» Kompetenz der beiden ETH besser zu nutzen, in dem deren Vertreter öfter nach Bundesbern eingeladen werden, um den regulatorischen Handlungsspielraum bei spezifischen Themen besser abschätzen zu können? Gibt es weitere, allenfalls neue Gefässe?
Das sind nur einige wenige, aber wichtige Fragen, deren Antworten das künftige Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft prägen werden. Sie sind hierhergekommen, um heute die schwierigen Themen zu diskutieren, und wir werden diese und weitere Fragen in den nächsten Monaten, bzw. Jahren vertiefen müssen.
Zum Schluss ein Dank und ein Wunsch. Der Dank geht an alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in den letzten zweieinhalb Jahren im Kampf gegen die Pandemie in der Schweiz geholfen haben. Sie haben sehr viel auf sich genommen, persönliche Opfer gebracht und viel dazu beigetragen, dass wir die Pandemie heute besser verstehen, dass wir wirkungsvoller gegen sie vorgehen können, und dass wir die Seuche bis heute einigermassen gut überstanden haben. Selbst jene Politiker, die sonst mit ihrem fehlenden Verständnis für Naturwissenschaften kokettieren, haben gemerkt: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler tun sehr wichtige Dinge! Wenn sie nicht wären, ginge es uns schlechter. Viele mehr wären gestorben. Was diese Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geleistet haben, verdient deshalb viel Respekt und ausdrücklichen Dank.
Der Wunsch betrifft die Medien. Meines Erachtens gilt es auch zu prüfen, wieweit den wissenschaftlichen Grundlagen, die zur politischen Beschlussfassung nötig sind, besser Gehör verschafft werden kann. Es ist ja nicht immer so, dass wir etwas nicht wissen oder nicht verstehen. Manchmal wollen wir nicht erkennen, was wir sehen. Oder wir folgen dem Reflex oder dem Kalkül, uns dort einzureihen, wo momentan die Mehrheit steht, statt Verantwortung zu zeigen und zu entscheiden, was angesichts vorliegender Befunde richtig wäre. Es stimmt, die Wissenschaftler sind sich oft uneinig. Aber das heisst nicht, dass es keine Fakten gibt. Die Durchschnittstemperaturen steigen. Das Covid-Virus verursacht eine Übersterblichkeit. Eine Impfung hilft, diese Sterblichkeit zu senken. Usw. Hier spielen die Medien eine grosse Rolle. Die politische Meinungsbildung hängt massgebend von ihnen ab. Ich wünschte mir, dass wissenschaftliche Grundlagen in den Medien mehr Platz finden, und ich bin überzeugt, diese Grundlagen können auch so kommuniziert werden, dass sie gelesen werden. Es gäbe eigentlich unerhört Spannendes zu berichten.
Meine Damen und Herren, Sie wissen alle: Das Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft ist von fundamentaler Bedeutung. Wie wir mit dem Wissen umgehen, das uns vorliegt, ist das Kriterium, an dem uns künftige Generationen messen werden. Deshalb ist wichtig, was Sie heute sagen. Sprechen Sie deutlich und klar, aber so wie Niels Bohr, den ich eingangs erwähnt hatte, jeweils seinen Kollegen zuraunte: «Never speak more clearly than you think». In diesem Sinn: Viel Erfolg, und danke für Ihre Aufmerksamkeit.
[1] schon auf Twitter sieht es anders aus...
[2] Die sogenannte «Studienkommission für Atomenergie, SKA»
[3] Wie heute andere Wissenschaftler das auch tun, wählte Paul Scherrer für diese «Überzeugungsarbeit» den Weg über die Presse. In mehreren ganzseitigen Beiträgen erläuterte er die neue Technologie und zeigte auch deren Grenzen auf.
[4] Eidgenössisches Militärdepartement, seit 1. Januar 1998: VBS
[5] Vergleiche dodis.ch/16065
[6] Die Geschichte ist natürlich etwas komplizierter. Vgl. etwa: Jürg Stüssi-Lauterburg: «Historischer Abriss zur Frage einer Schweizer Nuklearbewaffnung», Dezember 1995 oder Thomas Buomberger: «Die Schweiz im Kalten Krieg, 1945 – 1990», oder Tobias Wildi: «Der Traum vom eigenen Reaktor, Die schweizerische Atomtechnologie-Entwicklung 1945 – 1969».
[7] Zu Beginn sprach man allerdings nicht vom «Bundesamt für Energie», sondern vom «Atomamt». Vgl. Antoine Fleury und Sacha Zala: «Wissenschaft und Aussenpolitik», Dezember 2008.
[8] Vgl.: Naomi Oreskes, Erik M. Conway «Merchants of Doubt».
[9] Vgl. Abschlussbericht der Swiss National COVID-19 Science Task Force (ncs-tf).
[10] Stuart Chase, Ökonom
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