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Grosse und nasse Feuchtgebiete braucht das Land
Die Bestände vieler Feuchtgebietsarten sind zwar angestiegen, doch sie sind nach wie vor klein und können die früheren Verluste nicht kompensieren. Neben Flächenverlust und Isolation der Feuchtgebiete liegen die Hauptprobleme im Einfluss des Menschen auf den Wasserhaushalt, bedingt durch Pegelstandsregulierungen und Drainage.
Die grossen Flusskorrektionen sowie viele kleinere Entsumpfungsprojekte führten in der Schweiz seit 1850 zum Verlust von über 90 % der Moorflächen. Eine detaillierte Auswertung der Landeskarten zeigte, dass die höchsten Flächenverluste in den grossen Feuchtgebieten (mindestens 10 km2) passierten. Heute sind nur noch wenige Feuchtgebiete von über 1 km2 Grösse vorhanden, beispielsweise Grangettes VD, Pfäffikersee ZH, Bolle di Magadino TI oder Neeracherried ZH. Auch das grösste Gebiet, die Grande Cariçaie am Südufer des Neuenburgersees mit einer Fläche von rund 30 km2, ist im Vergleich zu ausländischen Feuchtgebieten wie den Biebrza-Sümpfen in Polen (rund 1000 km2) klein. Die Bedeutung des grössten Gebiets zeigt sich daran, dass hier 2013–2016 41 der 52 in der Gilde der Feuchtgebietsarten zusammengefassten Brutvogelarten der Schweiz nachgewiesen wurden. Über 50 % aller Purpurreiher, Rohrschwirle und Bartmeisen der Schweiz brüten hier, ebenso mehr als 10 % aller Kolbenenten, Haubentaucher, Zwergdommeln, Wasserrallen, Lachmöwen, Flussseeschwalben, Drosselrohrsänger und Rohrammern.
Geringe Grösse und Isolation problematisch
Die Verbreitungskarten der Feuchtgebietsarten zeigen die Bedeutung der grossen Feuchtgebiete klar. Dass grosse Gebiete mehr Arten beherbergen als kleine, ist zu erwarten. Doch grosse Feuchtgebiete sind auch regelmässiger besiedelt. Dies zeigt der Vergleich der Artenzahl der im Projekt «Monitoring Brutvögel in Feuchtgebieten» (MF) bearbeiteten Flächen, in denen jedes Jahr die Brutvögel kartiert werden. In grossen Feuchtgebieten brüten viele Arten zudem in höherer Dichte als in kleinen, wie eine weitere Auswertung der MF-Flächen zeigt. Analysiert wurde die Anzahl Reviere in den Kartierperimetern, die auch Wasserflächen, Wald oder kleinere Siedlungsflächen enthalten können. Höhere Dichten als in kleinen Gebieten wurden vor allem bei Arten gefunden, die im Schilfröhricht brüten, wie Wasserralle, Teichrohrsänger, Rohrschwirl und Rohrammer.
Neben der Grösse spielt auch die Isolation der Gebiete eine Rolle. Kleine und isolierte Feuchtgebiete werden von der Rohrammer seltener besetzt als grosse. Die zunehmende Fragmentierung von einst zusammenhängenden Gebieten könnte ein Grund für den Bestandsrückgang der Art sein, der auch zu ihrer Aufnahme in die Rote Liste geführt hat. Bekassine und Grosser Brachvogel konnten sich in den einst ausgedehnten Feuchtgebieten der Nordostschweiz am längsten halten. Heute sind die Flächen jedoch auch dort offenbar zu klein und zu isoliert für diese Arten.
Mangelhafte Lebensraumqualität
Die heute noch vorhandenen Feuchtgebiete sind nicht nur deutlich kleiner, sondern aufgrund des Nährstoffeintrags, der zu geringen Feuchtigkeit und der Zunahme von menschlichen Störungen durch Freizeitaktivitäten für viele Vogelarten auch qualitativ schlechter geworden. Problematisch ist vor allem die zunehmende Austrocknung vieler Feuchtgebiete als Folge der Drainage des umgebenden Kulturlands und der Regulierung der Wasserpegel an Seen und Flüssen. Mit Ausnahme des Bodensees und des Walensees ist der Abfluss aller grösserer Seen der Schweiz reguliert, um Schäden durch Hochwasser zu vermeiden.
Am Beispiel des Purpurreihers, der fast ausschliesslich in der Grande Cariçaie brütet, zeigt sich exemplarisch, wie sich die Wasserstandsregulierung auswirken kann. Die zweite Juragewässerkorrektion 1962–1973 und die danach eingeführte Regulierung des Pegelstands der Jurarandseen verringerten die Wasserstandsschwankungen im Verlauf des Jahres. In der Folge der zweiten Juragewässerkorrektion ging der Bestand des Purpurreihers deutlich zurück. Im Unterschied zur Situation vor den Siebzigerjahren sind heute grosse Teile der Röhricht- und Riedflächen zu Beginn der Brutzeit oft nicht überschwemmt. Dies ist sowohl für Amphibien wie für jene Fischarten ungünstig, die Flachwasser als Aufzuchtgewässer benötigen. Arten wie der Purpurreiher, der seine Nahrung im Flachwasser sucht, oder der Rohrschwirl, der sein Nest über dem Wasser baut, siedeln sich oft gar nicht an. Tendenziell wird der höchste Wasserstand heute oft erst Ende Mai oder im Juni erreicht, was zur Zerstörung der Nester vieler Arten führt, die ihren Neststandort an den tieferen Wasserstand zu Beginn der Brutzeit angepasst haben. Dass bei stärkerer Vernässung heute verlassene Riedflächen wieder besiedelt werden könnten, zeigen aussergewöhnliche Ereignisse wie das Frühlingshochwasser von 2015. In der Grande Cariçaie begannen Lachmöwen und Flussseeschwalben mitten im Seggenried zu brüten, wie sie das früher beispielsweise im Kaltbrunner Riet SG taten. Das Hochwasser wäre also eigentlich positiv gewesen, doch wurde der Seepegel so rasch wieder abgesenkt, dass die Kolonien aufgegeben wurden, vermutlich weil sie vor Prädatoren wie dem Fuchs nicht mehr geschützt waren. Vogelarten der Feuchtgebiete sind an Wasserstandsschwankungen angepasst und Verluste durch Hochwasser sind normal. Schlecht angepasst sind die Arten jedoch an künstliche Schwankungen, die nicht ihrer Phänologie entsprechen.
Schutz und Pflege sind entscheidend
Die Bestände vieler Feuchtgebietsarten haben zwar seit 1993–1996 zugenommen. Feuchtgebiete sind heute gut geschützt und die Gebietspflege hat sich vielerorts verbessert. Wurde die Pflege lange einzig darauf ausgerichtet, durch das grossflächige Mähen von Riedgebieten die Verbuschung zu verhindern, wird heute mit gezielten und vielfältigeren Massnahmen versucht, das Management auf die Ansprüche unterschiedlicher Tier- und Pflanzenarten auszurichten. Doch die positiven Trends dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bestände vieler Arten nach wie vor sehr tief und damit verletzlich sind. Das vollständige Verschwinden des Grossen Brachvogels und das nur mehr unregelmässige Auftreten der Bekassine zeigen deutlich, dass grossflächige Wiedervernässung nötig ist, um diesen und anderen Arten eine Chance zu geben.
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