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Auf einen Blick
- Die AHV bildet den Grundpfeiler des schweizerischen Sozialstaates.
- Die Einführung der AHV hat die Vorstellung der verschiedenen Lebensalter stark verändert.
- Das Bild der bedürftigen Alten hat jenem von aktiven älteren Menschen Platz gemacht.
Nach jahrzehntelangen Debatten wurde in der Schweiz 1948 die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) eingeführt. Sie gilt als Geburtsstunde des umfassenden Sozialversicherungsschutzes in der Schweiz und steht symbolisch für das System, das die Behörden in der Nachkriegszeit aufgebaut haben: In der AHV sind alle Einwohnerinnen und Einwohner versichert – dies etwa im Gegensatz zur Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelten Unfallversicherung, die nicht die ganze Bevölkerung abdeckt.
Die vor 75 Jahren erstmals ausgezahlten Renten fielen mit rund 10 Prozent des damaligen Durchschnittslohns äusserst bescheiden aus. Aufgrund der starken gesellschaftlichen Ungleichheiten – insbesondere zu Ungunsten von älteren Frauen – führte die Schweiz 1966 Ergänzungsleistungen ein.
Während Frankreich, Deutschland und Schweden die Altersrenten in den 1950er-Jahren verbesserten, erfolgte die Erhöhung in der Schweiz über mehrere Jahrzehnte gestaffelt. In den sieben AHV-Revisionen zwischen 1951 und 1969 wurden die Leistungen von rund 10 Prozent des Durchschnittslohns auf 35 Prozent im Jahr 1969 angehoben. Die stärkste Anhebung erfolgte mit der achten AHV-Revision im Jahr 1973 mit einem Anstieg um 80 Prozent, gefolgt von einer Erhöhung um ein Viertel zwei Jahre später.
Der Ausbau der sozialen Sicherheit sorgte für eine starke Kohärenz der öffentlichen Politik, was zum nationalen Zusammenhalt und einer engen Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebenden und Gewerkschaften beiträgt. Mit den staatlichen Leistungen sind ältere Menschen zudem weniger stark auf Familienangehörige angewiesen. Dadurch wandelt sich das traditionelle Bild der bedürftigen alten Person und es entsteht eine neue homogene Gruppe: das dritte Alter.
Die Entstehung des dritten Lebensalters
Mit der Einführung der AHV verschieben sich der Fokus und die Vorstellung des Alters auf die Lebensjahre ab 65. Damit stellt die Rente einen neuen persönlichen und beruflichen Lebensabschnitt dar. Mit dem Anfang der 1990er-Jahre aufkommenden Konzept des «dritten Lebensalters» werden ältere Menschen nicht mehr als Belastung für die Gesellschaft oder als individuelles Problem wahrgenommen. Das Alter verspricht Freizeit, die jeder und jedem zusteht.
«Ja zur AHV»: Plakat von Hans Erni (1947)
Zehn Jahre nach der Einführung der AHV-Renten führte der Bundesrat bei der Bevölkerung eine grossangelegte Befragung durch. Im Jahr 1961 beauftragte er die Stiftung «Für das Alter» damit, die Kommission für Altersfragen zu bilden. Vor dem Hintergrund der aufeinanderfolgenden AHV-Revisionen trug diese Fachkommission die für die Erarbeitung politischer Vorschläge zur Unterstützung älterer Menschen relevanten Unterlagen zusammen. Den Kommissionsvorsitz übernahm Arnold Saxer (1896–1975), Direktor des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) im Ruhestand.
Mit der zunehmenden Popularisierung des Begriffs des «dritten Lebensalters» wird das Alter als Lebensabschnitt auch in der Politik vermehrt wahrgenommen und anerkannt. Alter bedeutet nicht mehr unbeweglich und abhängig, sondern aktiv, autonom und eigenverantwortlich. Bei gleichzeitig steigender Lebenserwartung verlängert sich die letzte Lebensphase zusehends. Zudem führt die Einführung des Begriffs des «vierten Lebensalters», der mit Gebrechlichkeit in Verbindung gebracht wird, zu einer Aufwertung des dritten Lebensalters und der damit verbundenen Autonomie. Die verschiedenen Altersabgrenzungen verlaufen dabei willkürlich – was auch die Autoren des Berichts Saxer aus dem Jahr 1966 bereitwillig einräumten.
Der Bericht Saxer stärkte die Stellung des dritten Lebensalters in der Gesellschaft. Zur Rechtfertigung alterspolitischer Massnahmen griff die Kommission Themen wie Ausgrenzung und Verachtung älterer Menschen sowie Altersarmut auf.
Die Standardisierung der drei Lebenszyklen (Jugend, Erwachsenenleben, Alter) macht aus dem Rentenalter eine Phase voller Potenziale. Es ist nicht mehr einfach nur ein Lebensabschnitt nach der Erwerbstätigkeit (Ruhestand), sondern ein Lebensstil (Aktivitäten und Freizeit älterer Menschen). Was bei dieser Sichtweise allerdings unerwähnt bleibt, ist der nach wie vor grosse Anteil älterer Menschen, die in Armut leben.
Die «demografische Alterung»
Die starke Zunahme der Lebenserwartung und der Rückgang der Geburtenzahl haben die Bevölkerungspyramide im Verlaufe des 20. Jahrhunderts völlig verändert. Diese «demografische Alterung» wird von der Politik häufig negativ bewertet. Das zeigt sich etwa darin, dass Stärke und Reichtum eines Landes vielfach anhand von dessen Einwohnerzahl gemessen werden.
Aus demografischer Sicht gibt es jedoch keine Evidenz für eine «alternde Nation». Die Naturwissenschaften beziehen sich in ihrer Beschreibung der Bevölkerungsalterung in der Regel auf individuelle Prozesse und sehen die Demografie nicht als kollektives Problem. Das Konzept der demografischen Alterung, das auf die Zwischenkriegszeit zurückgeht, ist somit im Kontext der politischen Debatte zu betrachten.
Durch die automatische Verknüpfung der demografischen Alterung und des «Niedergangs des Staates» wird die längere Lebensdauer zunächst als einschneidende, gar gefährliche Entwicklung betrachtet.
Während sich die Einwohnerzahl der Schweiz im Jahr 1914 auf 3,9 Millionen Menschen belief, wuchs die Bevölkerung bis 1945 lediglich um 500 000 Personen an. Ab dem ersten Weltkrieg ist ein Rückgang der Geburtenzahl zu beobachten, der die Angst «vor leeren Kinderwiegen» schürt.
Der Begriff der demografischen Alterung fand zwar zunächst keinen Einzug in wissenschaftliche Debatten, setzt sich in den Nachkriegsjahren aber im politischen Diskurs dennoch durch. Der Begriff ist deshalb symbolträchtig und veranschaulicht die verbreitete Ansicht, dass alte Menschen eine «Last» für die Gesellschaft seien. Gemäss dieser Auffassung werden die «Produzierenden» (aktive Erwerbstätige) den «alten Leuten» (inaktive Pensionierte) gegenübergestellt – was sich auch in der Debatte der sozialen Sicherheit widerspiegelt.
Ab den 1970er-Jahren verbreitete sich der Begriff «Alterung» weltweit, als internationale Organisationen das Konzept übernahmen. Im Jahr 1973 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen eine Resolution zu Altersfragen, deren Inhalt sich auf einen Bericht über demografische Alterung stützt.
Graues und grünes Alter
Ausgehend vom geburtenorientierten Denken der 1930er-Jahre kritisiert der Begriff «Alterung der Bevölkerung» Anfang der 1980er-Jahre die Last, die die alternde Bevölkerung für die Gesellschaft darstellt. Das Altern wird mit einer «konservativen Mentalität» und einer «Rentnerlast» in Verbindung gebracht, was man als «graues Alter» bezeichnen könnte. Im Gegensatz zur Jugend, die für Vitalität und Zukunft steht, schürt dieses demografische Konzept der Alterung eine stereotype Vorstellung vom Niedergang des Staates.
Einen Gegenpol zum demografischen Konzept des «grauen Alters» stellt das Konzept des Alters als langes Leben bei guter Gesundheit dar. Diese Sichtweise, die auch in der Medizin vorherrscht, lässt sich als «grünes Alter» bezeichnen.
Die Medien greifen – je nach Bedarf – beide Konzepte regelmässig auf, wobei die positive Wahrnehmung des Alters unter dem Strich überwiegt.
Goldene Rente, silberne Senioren
Nachdem die Demografie, die Medizin und die Politik Konzepte des «Alters» entwickelt haben, widmet sich jüngst auch die Ökonomie mit dem Konzept des «Opa-Booms» dem Thema: Der Begriff symbolisiert die besseren Lebensbedingungen der Rentnerinnen und Rentner sowie die Anerkennung einer neuen Kundschaft mit nicht zu unterschätzender Kaufkraft: die silbernen Senioren. Die Vorstellung der goldenen Rente und der silbernen Senioren als Konsumentengruppe steht sinnbildlich für die Konsumgesellschaft und verdeutlicht die zunehmende Komplexität in der Vorstellung des Alters.
Seit Anfang der 1980er-Jahre fördert der Staat die soziale Integration von Personen des «dritten Alters» mit einer Reihe von Kursen, Beschäftigungsangeboten oder Freizeitaktivitäten. Durch die längere Lebenserwartung fallen der Altersrücktritt und das eigentliche Altern zeitlich jedoch nicht mehr zusammen. Viele Pensionierte sehnen sich nicht nach einem geruhsamen Rentnerleben, sondern wollen ihr neues Leben mit Sinn erfüllen. Jede Generation hat spezifische Vorstellungen und Wünsche für die Zeit nach dem Arbeitsleben – wobei bei allen die Selbstverwirklichung im Zentrum steht.
Die zunehmende Popularisierung des Begriffs Senior/Seniorin in den 1990er-Jahren steht für ein Phänomen der Inklusion, das die über 50-Jährigen in einer homogenen, stark positiv konnotierten Gruppe zusammenfasst. Der Ausdruck stammt ursprünglich aus dem Sport mit der Einteilung in Junioren und Senioren. Das Konzept des «erfolgreichen Alterns» basiert auf einem psychologisch geprägten Kulturmodell, das das Individuum ins Zentrum stellt: Es lehnt sich eine Norm des Erwachsenenalters an, die impliziert, dass ältere Menschen ihre Unabhängigkeit und Autonomie wahren müssen. Damit geht auch eine Aufwertung der aktiven Seniorinnen und Senioren einher.
Früher rechtfertigte der Abbau körperlicher und geistiger Fähigkeiten zwangsläufig den Ruhestand. Heute hingegen wird die Pensionierung als neuer Lebensabschnitt – ohne Berufstätigkeit und mit unzähligen Möglichkeiten – wahrgenommen. In weniger als einem halben Jahrhundert hat sich das Bild der aktiven Senioren zu einer allgemeingültigen Vorstellung von Alter gewandelt.
Anmerkung: Dieser Artikel stützt sich auf die Werke «Les couleurs de la vieillesse» (Dirlewanger, 2018) und «6 juillet 1947 – La Suisse dans le monde d’après-guerre» (Dirlewanger, 2022).
Literaturverzeichnis
Dirlewanger, Dominique (2018). Les couleurs de la vieillesse : histoire culturelle des représentations de la vieillesse en Suisse et en France (1940–1990), Neuenburg: Alphil – Presses universitaires suisse.
Dirlewanger, Dominique (2022). 6 juillet 1947. La Suisse dans le monde d’après-guerre, Lausanne: Presses polytechniques universitaires romandes (PPUR).