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Geschichte und Geschichten
Ich möchte an dieser Stelle zuerst an die
äusserst ausführliche geschichtliche Abhandlung über
den Camino auf www.kath.de/quodlibe/santiago/santiago.htm
verweisen.
Im Laufe der Zeit haben sich zahlreiche Legenden
um den heiligen Jakob, seinen Weg und die Ort und Menschen am Weg
herausgebildet. Sie erzählen von Wundern, lustigen und traurigen
Begebenheiten.
Begonnen hat alles vor über tausend Jahren: Spanien war zum
großen Teil von den Muslimen besetzt, die damals eine überaus
hochstehende Kultur gehabt haben müssen. Künste und Wissenschaften
wurden gefördert, wer sich täglich waschen wolle, musste
in einem islamischen Land leben. Auch haben die ganzen Texte und
Ideen der alten Griechen, Aristoteles, Platon, Archimedes und wie
sie alle heißen, in Spanien überlebt, während sie im Germanien
der Völkerwanderung unwiederbringlich verloren gingen. Alles,
was wir heute dank der alten Griechen wissen, verdanken wir also
den Arabern.
Vor über tausend Jahren war jedoch die Rückeroberung Spaniens,
die Reconquista in vollem Gange. Grund waren wohl weniger religiöse
Gefühle, sondern vielmehr die Politik, die Besitzgier und das
liebe Geld. Andererseits muss man auch verstehen können, dass
die Spanier wieder die eigenen Herren im Lande sein wollten. Sie
wurden zwar nicht unterdrückt, es bestand Glaubensfreiheit,
aber sie mussten doch höhere Steuern zahlen als die muslimischen
Araber und waren, wie gesagt, nicht mehr die eigenen Herren in ihrem
Land.
Lange Zeit wehrten sich die Araber sehr erfolgreich gegen die Angreifer
aus dem Norden, doch dann war ganz Nordspanien wieder in der Hand
der Christen. Diese wollten die neu eroberten Gebiete möglichst
behalten, an sich binden, Christen in ihnen ansiedeln. Da kam es
doch gerade recht, dass der Leichnam des heiligen Jakob gerade entdeckt
war.
Er wurde erstaunlich schnell für echt befunden, und schon bald
stellten sich die ersten Pilger ein. Der Weg wurde gefördert,
immer mehr Pilger kamen, die ersten Herbergen entstanden. Viele
Pilger blieben für immer in den kleinen Örtchen hängen,
die christlichen Städte wuchsen. So war das eigentliche Ziel
des Weges kein religiöses, sondern viel mehr ein politisches.
Ob wirklich die Gebeine des heiligen Jakobs in Santiago de Compostela
liegen? Man weiß es nicht. Es ist zumindest eher unwahrscheinlich,
da er doch im nahen Osten hingerichtet wurde.
Das alles soll uns aber nicht davon abhalten, auf diesem wundervollen
Weg zu wandern. Viele Pilger dürften sich heutzutage sowieso
aus ganz anderen als religiösen Motiven auf den Weg begeben.
Es ist vielmehr die Lust am Abenteuer, Neuland zu entdecken, neue
Gesichter zu sehen. Auch Freude an den großartigen Kunstwerken,
den Kirchen und Klöstern und Überresten aus längst
vergangener Zeit. Und natürlich der Spaß am Wandern oder Radfahren.
Im Laufe der Zeit, beim Wandern vielleicht mehr als beim zu schnellen
Radfahren, stellt sich die innere Uhr um, man beginnt, die Welt
mit anderen Augen zu sehen. Man ist nicht mehr der gehetzte Großstadtmensch,
man entdeckt das laisser faire, die Gemütlichkeit. Man
kommt zur Ruhe, geht in sich. Dann entdeckt man vielleicht seine
Art der Religion.

Lange Zeit war die Brücke von Puente la Reina
so ziemlich die einzige, über die die Pilger die Río
Arga überqueren konnten. Erbauen ließ sie vermutlich die Frau
Sancho Majors, also Sanchos des Starken, im 11. Jahrhundert. Im
Laufe der Zeit sprach es sich herum, dass man hier den Fluss überqueren
konnten, und so wirkte Puente la Reina wie eine Art Trichter. Auch
heute noch treffen hier alle Wege aus dem Norden und Osten zusammen
(bis auf den Weg an der Atlantikküste), hier beginnt der Hauptweg.
Zur Brücke gibt es natürlich eine nette Geschichte:
Die Geschichte vom Txori
Wir befinden uns im zweiten Karlistenkrieg, ziemlich ganz Navarra,
und damit auch Puente la Reina, ist besetzt. Es ereignete sich,
das zwischen 1825 und 1843 ein kleiner Vogel, ein txori immer
wieder vom Torbogen mit dem Gnadenbild Mariens, der damals noch
stand, zum Fluss hinunter flog, seine Flügel benetzte und schließlich
wieder zum Gnadenbild flog. Es sah so aus, als ob er es putzen wollte.
Die Bewohner Puente la Reinas sahen in ihm eine Art himmlischen
Boten, oder einen Trostspender. Mag sein, dass es dadurch zu Aufständen
gekommen ist, jedenfalls passte all das dem feindlichen Kommandanten
ganz und gar nicht. Er ließ den Bogen kurzerhand niederreißen.
Der Vogel verschwand nun. Der Kommandant auch, er starb bald darauf
eines unnatürlichen Todes. Noch heute aber erzählen ungezählte
jotas von der Begebenheit.
Nacherzählt nach dem Pilgerführer von Ulrich
Wegner. Obs in der neuen höllhuberschen Ausgabe noch drinsteht,
weiss ich nicht.

Es dürfte wohl auch wieder einige hundert
Jahre her sein, dass sich ein Kölner Ehepaar mit ihrem Sohn,
sein Name soll Hugonell gewesen sein, auf den Weg nach Santiago
machte. Bis Santo Domingo gab es keine größeren Probleme, die
fangen jetzt erst an:
Der Junge war gutaussehend, blond, und die Tochter des Wirtes machte
ihm schöne Augen. Sei es, dass ihm die Tochter nicht gefallen
hat, sei es, dass er sie nicht verstanden hat oder natürlich
in Anbetracht des religiösen Ziels des Weges hat er ihre Liebe
verschmäht. Die Liebe wandelte sich zu Hass, sie versteckte
in der Nacht einen goldenen Becher in seiner Tasche.
Als die Pilger am nächsten Morgen die Stadt verlassen wollten,
wurden sie vom Wirt und der Polizei zurückgehalten. "Ihr
habt meinen Becher gestohlen!" Zum Beweis zog er ihn aus der
Tasche des Jungen. Ein Henker war schnell gefunden, und bald blieb
den armen Eltern nichts anderes übrig, als mit hängendem
Kopf weiter nach Santiago zu pilgern und für ihren Sohn zu
beten.
Auf dem Rückweg schauten sie nochmal in Santo Domingo vorbei,
um sich nun endgültig von ihrem armen Sohn zu verabschieden.
Aber... oh Wunder, Hugonell lebte noch! "Santiago hat mich
gehalten", sagte er, "aber allmählich möchte
ich doch ganz gerne wieder runter." Die Eltern rannten zum
Richter, erzählten ihm alles. Er saß gerade beim Essen und
wollte sich nicht stören lassen: "Euer Sohn ist genauso
tot wie diese beiden Hühner, die ich gerade verspeise."
Sie staunten nicht schlecht, als den Hühnern plötzlich
Federn wuchsen und sie sich durchs Fenster davonmachten. Hugonell
musste also noch leben!
Das ganze Dorf kam zusammen, als er nun endlich vom Galgen genommen
wurde. Auch der Betrug der Wirtstochter kam auf. Nun hingen also
sie und ihr Vater am Galgen.
Die beiden Hühner sind noch immer in der Kathedrale zu bewundern.
Und wenns nicht genau die sind, so sind es doch zumindest echte
Hühner - lebendige.
Übrigens gibt es auch ein sehr schönes Bilderbuch
zur Legende.

aus Spaniens Norden, von Helmut Domke:
Endlich versperrte eine Ruine den Blick, das ehemalige Kloster San
Antón, zu dem ein Spital für Pilger gehört hat,
die am Antoniusfeuer litten. Das war eine Krankheit, die man sich
mit dem Brot in den Leib ass, denn mit Sicherheit hat es sich dabei
um eine brandige Form von Mutterkornvergiftung gehandelt. Über
die Heilmethode von San Antón weiss man noch gut Bescheid.
Die Kranken zogen unterm Gesang des "dum
pater familias", der Ultreya also, begleitet von Trillern
der Stabflöte heran. Sodann wurde ihnen ein "Tau"
genanntes Skapulier umgelegt, von dem man sich offensichtlich Wunderdinge
versprach. Sie empfingen eine Ration Brot und Wein, wobei sie das
Antonius-Glöckchen mit seinem silbernen Geläut überschüttete.
Wenn nötig, bezog der Patient ein Bett im Spital. Verklungene
Zeit! Heute sind da nur noch klagend aufgeborstene Kirchengewölbe,
die aus dem 14. Jahrhundert stammen. Lediglich eine zierliche Fensterrose
lässt erkennen, wie grossartig der Bau einmal war. Die von
Figuren übersäte Leibung des Portals ist bereits völlig
verwittert.

||dum pater familias:

lateinisch
deutsch

aus Spaniens Norden:
Voraus zeigte sich nun ein stumpfer Bergkegel mit einem Kastell
darauf. Castrojeriz, das der brave Servitenmönch Kuenig von
Vach einst so köstlich unbeschwert in "Castel Fritz"
umgedeutscht hatte. Ein Ort, von dem es heisst, Caesar habe ihn
gegründet und sein römischer Name sei Castrum Caesaris
gewesen. Dennoch scheint die Überlieferung zuverlässiger,
nach der sich der Name von "Castrum Sigerici" - Burg des
Königs Sigerich - ableitet. Das war einer der Westgotenherrscher,
der um 415 regiert hat. Die Meseta ist ihre Landschaft gewesen.
Im nahen Villadrigo an der Strasse von Burgos nach Valladolid erinnert
noch heute eine Pyramide an das Kloster S. Vicente, in dem König
Wamba, der letzte grosse Westgotenherrscher, um 680 residierte und
hernach beigesetzt wurde.
Aber von solch vergangener Grösse wird in Castrojeriz nur noch wenig
verspürt. Gewiss, da gibt es Kirchen in Menge - die Ex-Colegiata
Sta. Maria de Manzano oder vom Apfelbaum, in deren Boden viele Männer
von Rang und Namen ruhen wie Alonso de Castro, der 1476 in der Schlacht
von Zamora fiel, oder Bischof Diego von Córdoba. Dennoch,
es war nicht Sta. Maria, nicht Sto. Domingo, nicht Santiago de los
Caballeros an der Calle real, die uns fesselten, sondern das Gestorbene
dieser Stadt. Eine Kirche gibt es im hinteren Ortsteil, wo sich
die Häuser, Ställe und Keller in Berghöhlen verkriechen,
San Juan. Sie drückt es schwer und lastend aus, um was es hier geht.
Es mutet durchaus folgerichtig an, dass sich so viel bei ihr vermischt:
der Turm war noch ein wenig romanisch, die kleinen Ecktürmchen
mit den Krampen daran mussten als gotische Remineszens gelten. Schartenförmige
Turmfenster gab es, vom Zickzackornament der Mozaraber umzogen,
und schliesslich Stuckarbeiten des Mudejar-Stiles im Kreuzgang.
Ungeachtet solcher Vielfältigkeit nahm sich die Kirche so düster
aus, als sei alle Freude, alle Hoffnung dieser Erde zu schwarzer
Asche verbrannt. Auch in den Menschen wirkte das nach. Der Peón
Caminero an seinem Schotterhaufen, den man sonst so oft trällern
hört, hier schwieg er. Der dürre Wirt in der Fonda legte auf
die Frage, ob man zur Nacht bleiben konnte, sein Gesicht in Gramesfalten
und streckte abwehrend und wortlos die Hände aus, als wollte
er sagen: "Meiden Sie dieses Haus des Unheils!" Worauf
er sich wieder in seine gewohnte Beschäftigung versenkte, in
den Zähnen stocherte und zum Fenster hinaussah.