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17.11.2011 von
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die globalen CO₂-Emissionen sind letztes Jahr im Vergleich zu 2009 um satte 5.9% angestiegen und auf einem neuen absoluten Höchstwert von 9.1 Milliarden Tonnen Kohlenstoff (C) oder 33.5 Milliarden Tonnen Kohlenstoffdioxid (CO₂) angelangt. Das entspricht einem jährlichen Ausstoss von 4.8 Tonnen CO₂ pro Mensch.
Diese Zahlen zeigen, dass sich die globalen CO₂-Emissionen weiterhin auf einem Pfad entwickeln, der einem der höchst möglichen Emissionsszenarien entsprechen, die das IPCC in den 1990er Jahren aufgestellt hat. Es handelt sich dabei um das Szenario «A1F1» (siehe Figur), in dem von einem kräftigen Wachstum der Bevölkerung und der Wirtschaft ausgegangen wird und wo die Energieversorgung vor allem durch fossile Brennstoffe abgedeckt wird. Das Szenario gehört zu den «Worst-Case»-Szenarien des IPCC, den Szenarien also, bei denen wir bezüglich der zukünftigen Klimaerwärmung vom schlimmsten Fall ausgehen müssen, das heisst von einer Erwärmung bis Ende dieses Jahrhunderts von bis zu mehr als 6°C.
Mit jedem Jahr, dem wir diesem Szenario folgen, wird es schwieriger sein, auf den Pfad umzuschwenken, den wir bräuchten, um das 2ºC-Ziel zumindest mit einer Chance von 50% zu erreichen.
Die Zahlen zur CO₂-Emissionsentwicklung, die ich hier benutze, wurden vor wenigen Tagen von Wissenschaftlern des U.S. Department of Energy aufgrund ersten Hochrechnungen veröffentlicht (>cdiac.ornl.gov). Es handelt sich um vorläufige Zahlen, und wir müssen damit rechnen, dass gewisse Werte noch revidiert werden. Aber grundlegend verändern würde dies das Bild kaum.
CO₂-Emissionen stiegen stärker als Wertschöpfung
Wieso stiegen die globalen CO₂-Emissionen letztes Jahr so stark an? Ein wichtiger Treiber des Anstieges war das Ende der globalen Rezession in Folge der Finanzkrise 2009. Das globale Bruttoinlandsozialprodukt (BIP) ist im Jahre 2010 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 5% angestiegen – und höhere Wertschöpfung braucht mehr Energie. Mit der heutigen, mehrheitlich auf fossilen Energieträgern basierten Energieproduktion bedeutet das automatisch auch erhöhte CO₂-Emissionen.
Was mich aber besonders nachdenklich macht ist, dass das Wachstum der Emissionen grösser war als dasjenige der Wertschöpfung. Das bedeutet, dass 2010 mehr CO₂ emittiert wurde pro Wertschöpfung als vorher – damit hat die sogenannte CO₂-Effizienz der Wirtschaft global abgenommen. Diese Abnahme der CO₂-Effizienz verschlimmert eine seit 2003 beobachtete Tendenz: Während zwischen den 70er Jahren und dem Anfang des neuen Jahrtausends die CO₂-Effizienz der Wertschöpfung jährlich um etwa 1% gestiegen war, stagnierte diese Entwicklung ab 2003. Und nun hat sie letztes Jahr sogar abgenommen.
2°C-Ziel noch erreichbar?
Diese Trendwende ist fatal: Eigentlich bietet uns nur eine gewaltige Steigerung der CO₂-Effizienz der Wertschöpfung die Möglichkeit, einen CO₂-Emissionspfad zu erreichen, der dem 2°C-Ziel entspricht. Denn die anderen Treiber, wie zum Beispiel die Zunahme der Erdbevölkerung und der globalen Prosperität, werden die Emissionen mit guter Wahrscheinlichkeit nach oben treiben. Tatsächlich müssten die CO₂-Emissionen im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung um jährlich bis zu 5% zurückgehen, wie eine kürzlich publizierte Studie der Wirtschaftsprüfer PwC zeigt. Das heisst, dass auch die CO₂-Effizienz um fast denselben Prozentsatz zunehmen müsste, damit die 2°C-Vorgabe erreicht werden könnte.
Die Trends des letztes Jahres, ja die Trends über die letzten 7 Jahre insgesamt – also die starke Zunahme der absoluten Emissionen gepaart mit der Abnahme der Effizienz – entrücken das 2°C-Ziel zunehmend. Gemäss neuesten Studien steht das Fenster für Massnahmen, die das Ziel noch erreichbar machen, im Moment noch offen – nur leider nicht mehr lange.
Figur: Vergangene und zukünftige Entwicklung der globalen CO₂-Emissionen [Raupach et al. (2007) PNAS, updated 2011]. Die schwarze Linie zeigt die Entwicklung der Emissionen von 1850 bis 2010. Die farbigen Linien zeigen verschieden Szenarien, die von IPCC in den 1990er Jahren entwickelt wurden. Das «A1FI»-Szenario, das in Bezug auf die CO₂-Emissionen zu den Worst-Case-Szenarien gehört, geht davon aus, dass die Weltbevölkerung und das globale Bruttosozialprodukt weiterhin stark wachsen, und dass der Energiebedarf vor allem mit fossilen Energieträgern gedeckt wird. Seit dem Jahre 2000 haben sich die Emissionen ähnlich diesem Szenario entwickelt. Die gestrichelten Linien geben an, wie sich die künftigen Emissionen entwickeln müssten, um eine Stabilisierung der atmosphärischen CO2-Konzentration auf 450 ppm (entspricht in etwa dem 2°C-Ziel) oder 650 ppm (entspricht einer Erwärmung von ca. 3.7°C) zu erreichen.Literaturhinweise
- CDIAC: CO₂-Emissionen >cdiac.ornl.gov
- PwC: Low Carbon Economy Index >www.pwc.com
- IEA: CO₂-Highlights >www.iea.org/co2highlights
Lesen Sie auch den weiterführenden Blogbeitrag «CO₂-Emissionen: klare Rahmenbedingungen schaffen» von Prof. Nicolas Gruber >hier
Nicolas Gruber ist Professor für Umweltphysik an der ETH Zürich. Persönliches Zitat und Biografie