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Die Totholzmenge eines Waldes hängt einerseits vom Standort ab, das heisst vom Untergrundgestein, von den Bodeneigenschaften, von der Neigung und Exposition des Geländes, von der Meereshöhe und vom lokalen Klima (vgl. Kasten). Hinweise darauf, wieviel totes Holz an einem bestimmten Standort von Natur aus anfällt, geben Totholzinventuren in Urwäldern.
Andererseits bestimmt die Intensität der Waldbewirtschaftung* die Menge an totem Holz. Als Extrembeispiel seien die Zeiten der drohenden Holznot um 1800 erwähnt, als die Wälder intensivst genutzt und dabei auch dünne Äste gesammelt wurden – teilweise sogar das Laub. Zu dieser Zeit muss es in vielen Wäldern praktisch kein Totholz gegeben haben. Das andere Extrem sind Urwälder, in denen der Mensch noch nie Holz genutzt hat. Hier gibt es über den Zeitraum einer Baumgeneration gesehen im Durschnitt soviel Totholz wie am entsprechenden Standort in der selben Zeit Holz zugewachsen ist (konstanter Zuwachs vorausgesetzt).
Das Waldbaukonzept, in der forstlichen Sprache als Betriebsart bezeichnet, beeinflusst die Intensität der Waldbewirtschaftung und damit auch die Totholzmenge. Ein Niederwald wird zum Beispiel im allgemeinen Verständnis intensiver bewirtschaftet als ein Hochwald.
* Die Nutzungsintensität eines Waldes kann unterschiedlich definiert werden. Der Eingriffsturnus ist ein möglicher Faktor, vor allem aber das über einen längeren Zeitraum ermittelte Verhältnis des effektiv vorhandenen Vorrats zum natürlichen Holzvorrat.
Einfluss des Standorts
Die Menge und die maximale Dimension des Totholzes hängt direkt von der Wüchsigkeit des Waldstandortes ab. Auf flachgründigen, kargen Böden kann sich kein vorratsreicher Wald entwickeln. Es gibt hier von Natur aus deutlich weniger Totholz als an wüchsigen Standorten. In lichten Eichenwäldern an felsigen Hängen, an denen die Bäume kaum dicker als 20 cm werden, kann es zum Beispiel kein grossvolumiges Totholz geben.
Gemäss Korpel (1997) sind hierzulande die natürlichen Totholzmengen in Bergmischwäldern mit hohem Tannenanteil am höchsten. An feuchten Standorten mit vielen Weichhölzern, beispielsweise im Auenwald, bleibt die Menge an Totholz hingegen eher gering. Einerseits zersetzt sich weiches Holz schneller als Hartes, andererseits fördert das feuchtwarme Klima in Auenwäldern den Holzabbau.
Hochwald ist die natürliche Waldform in Mitteleuropa. Die Baumschicht wird nur durch Bäume gebildet, die aus Samen entstanden sind, aus sogenannten Kernwüchsen. Ein Hochwald kann gleichförmig oder ungleichförmig (plenterartig) sein. Je intensiver ein Hochwald genutzt wird und je kürzer die Umtriebszeit ist, desto weniger Totholz und alte Bäume sind in der Regel vorhanden.
Hochwälder bieten grundsätzlich ein gutes Potential an Habitatbäumen und Totholz, denn wo viel lebendes Holz vorhanden ist, kann theoretisch auch viel Holz absterben. Das bedingt jedoch, dass die Forstwirtschaft nicht alle Bäume nutzt, sondern auch Bäume altern und auf natürliche Weise zerfallen lässt. Eine mögliche Form dazu sind Altholzinseln.
Niederwälder bestehen aus stockausschlagfähigen Baumarten. Die Bäume werden in einem Zyklus von 10 bis 30 Jahren kahlgeschlagen. Dieses Vorgehen liefert Brennholz oder Nutzholz schwacher Dimensionen. Genutzte Niederwälder sind totholzarme Lebensräume, weil die Stockausschläge schon nach einer sehr kurzen Umtriebszeit genutzt werden. Nur wenige Stockausschläge sterben vor der Nutzung natürlich ab. Auch das Potential an Habitatbäumen ist im Niederwald gering. Trotzdem können Totholzbewohner im Bereich alter Stöcke optimale Lebensbedingungen finden, wenn es dort abgestorbene Holzteile, Spalten und Hohlräume gibt.
Aufgegebene (durchwachsende) Niederwälder weisen zum Teil recht hohe Mengen an Totholz bis 10 cm Durchmesser auf, weil durch die fortwährende Konkurrenz ums Licht viele Stockausschläge absterben. Trotzdem ist die Bedeutung durchwachsender Niederwälder für die Totholzfauna im Vergleich zum Hochwald als gering einzuschätzen (Conrady 2007), weil Totholz dicker Dimensionen fehlt. Im dicken Totholz sind die Temperatur- und Feuchtigkeitsverhältnisse ausgeglichener und die vollständige Zersetzung dauert länger als bei dünnem Holz. Davon profitieren Arten, die sich sehr langsam im Holz entwickeln.
Der ökologische Wert des Niederwaldes ist vielmehr darin begründet, dass Licht und Wärme über einen längeren Zeitraum vorhanden sind. Dies kommt lichtbedürftigen Totholzbewohnern zugute, zum Beispiel Prachtkäfern.
Der Mittelwald unterscheidet sich vom Niederwald durch die Überhälter, die aus Samen entstanden sind. Oftmals sind dies Eichen. Auf den ersten Blick erscheinen Mittelwälder, in denen aktiv Mittelwaldwirtschaft betrieben wird, ebenso totholzarm wie genutzte Niederwälder. Jedoch haben Wissenschaftler in Eichen-Mittelwäldern im Bayern bis zu 1 m3 Kronentotholz pro Baum gemessen, was bis zu 20 m3 pro Hektare entspricht (LWF 2006).
Das Totholz in den Kronen alter Bäume ist besonders wertvoll, weil es aufgrund der starken Besonnung und der daraus resultierenden geringen Feuchtigkeit nur langsam zersetzt wird. Das ist für das Vorkommen vieler seltener Totholzbewohner wichtig, zum Beispiel für den Wendekreis-Widderbock (Clytus tropicus), den Grossen Goldkäfer (Protaetia aeruginosa) oder für verschiedene Arten von seltenen Kamelhalsfliegen. Ein genutzter Mittelwald, in dem die Überhälter während Jahrhunderten stehen bleiben, ist also nicht nur für lichtbedürfte Arten wertvoll, sondern auch hinsichtlich des Totholzes. Wenn die Kernwüchse hingegen schon nach einer im Hochwald üblichen Umtriebszeit genutzt werden, so entfällt dieser besondere Wert.
- Albrecht, L.; Müller, J. (2008): Ökologische Leistungen aktiver Mittelwälder. Schatztruhen für seltene Tier- und Pflanzenarten, aber auch Anschauungsobjekt für Waldbaukonzepte. LWF aktuell 62, 36-38.
- LWF (2006): Totes Holz voller Leben. LWF aktuell Nr. 53. Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft LWF.
- Conrady, D (2007): Niederwald und Hochwald – ein faunistisch-ökologischer Vergleich. Niederwälder in Nordrhein-Westfalen : Beiträge zur Ökologie, Geschichte und Erhaltung. Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (Hrsg.). S. 309-337.
- Helfrich, T. & Konold, W. (2010): Formen ehemaliger Niederwälder und ihre Strukturen in Rheinland-Pfalz. Archiv für Forstwesen und Landschaftsökologie 44, 157–168.
- Korpel, S (1997): Totholz in Naturwäldern und Konsequenzen für Naturschutz und Forstwirtschaft. Forst und. Holz 52, 619-624.
- Lassauce, A., Anselle, P., Lieutier, F., Bouget, C. (2012): Coppice-with-standards with an overmature coppice component enhance saproxylic beetle biodiversity: a case study in French deciduous forests. For. Ecol. Manage. 266: 273–285. doi:10.1016/ j.foreco.2011.11.016.
- Sauberer, N., Hochbichler, E., Milasowzky, N., Panagoitis, B. & Sachslehner, L. (2007): Nachhaltiges Waldbiomassenmanagement im Biosphärenpark Wienerwald. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 150 S., Wien.