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Das Linthwerk
Geschichte
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts beginnt im Glarnerland die Frühindustrialisierung mit all ihren Nebenwirkungen: Die zahlreichen kleinen Manufakturen und Betriebe benötigen sehr viel Holz, welches in jener Zeit an den steilen Flanken des Kantons geschlagen wird. Auch die wachsende Bevölkerung verbraucht sehr viel Holz, denn dies ist der einzige bezahlbare Brennstoff - entweder wird es direkt in den Kochherden oder Kachelöfen verbrannt oder es wird zuerst zu Holzkohle verarbeitet. Die mit dem unvorsichtigen Holzschlag einhergehende Zerstörung der Vegetation führt zu einer starken Zunahme des Geschiebes in der Glarner Linth, da bei starken Niederschlägen sich Murgänge in den Seitentälern häufen.
Dieses Geschiebe lagert sich im Flussbett der Linth ab, wo sie langsamer fliesst, so zum Beispiel beim heutigen Ziegelbrücke, wo die Linthebene vormals begann. In den Jahren 1762 und 1764 geschieht es die ersten Male, dass diese Geschiebeablagerungen in der Linth sich so hoch aufbauen, dass die Maag, welche den Walensee in die direkt in den Zürichsee mündende Linth entwässert, rückwärts zu fliessen beginnt. Dies bewirkt ein starkes Ansteigen des Pegels des Walensees und somit Überschwemmungen in allen knapp über dem Seespiegel gelegenen Orten. Diese Überschwemmungen wiederholen sich fortan bei jedem grösseren Niederschlag, wodurch sich die ganze Ebene zwischen Mollis und Weesen in einen Sumpf verwandelt - desgleichen gilt auch für die Gegend um Walenstadt. Das zunehmend erhöhte Bett der Linth verhindert aber nicht nur den Abfluss des Walensees, sondern auch der weiteren Zuflüsse der Linth, so dass auch die tiefer gelegenen Gebiete der restlichen Linthebene versumpfen, wie etwa das Gebiet zwischen dem Benkner Büchel und Schänis, in welches sich der Rufibach ergiesst.
Durch die ständige Überflutung weiter Teile der Linthebene verbreiten sich auch Krankheiten wie Sumpffieber, Tuberkulose und Malaria. Die Bevölkerung wird davon schwer getroffen, muss sie doch zusätzlich noch beträchtliche Ernte- und somit auch Verdiensteinbussen hinnehmen.
1783 schlägt der Ingenieur-Hauptmann Lanz, den der Sarganser Landvogt Wagner aus Bern mit einer Studie beauftragt hat, der Tagsatzung einen ersten Plan für eine Umleitung der Linth in den Walensee vor. Da diese aber vor den hohen Kosten zurückschreckte wird das Problem Jahr um Jahr "ad referendum" genommen aber immer wieder hinausgezögert. Mittlerweilen verschlimmert sich das Problem Jahr für Jahr - das Sumpffieber verbreitet sich sogar bis nach Glarus! Die Sohle der Linth bei Ziegelbrück hat sich bis dahin um 16 Fuss (4,8 m!) erhöht und der Pegel des Walensees um 1,8m.
Die letzte Tagsatzung der alten Schweiz 1797 berät noch einmal über dem Plan des Hauptmann Lanz, der von Conrad Escher erneut vorgebracht wird, der die Gegend bereist und studiert hat, sie kommt aber erneut zu keinem Ergebnis. Nun wird die Tagsatzung aber vom Einmarsch der Franzosen in die Eidgenossenschaft und dem darauf folgenden Umsturz der alten Ordnung hinweggefegt. Die Direktoren der Helvetischen Republik geben beim Ingenieur Guisan eine neue Studie in Auftrag, die zu denselben Schlüssen kommt wie Lanz und Escher zuvor - die Realisierung des Projektes muss aber wegen der Koalitionskriege aufgeschoben werden.
Die Tagsatzung des auf die "Mediation" Napoleons neu aufgerichteten eidgenössischen Bundes ergreift schliesslich 1803 die entscheidenden Schritte und bewilligt das Vorhaben, das Projekt über eine Aktiengesellschaft zu finanzieren. Erneuter Krieg verzögert zwar die Ausführung noch bis 1807, dann kommt aber das nötige Aktienkapital zusammen, und die Arbeiten können begonnen werden. Die Leitung wird Conrad Escher aus Zürich und dem bekannten Ingenierhauptmann Tulla aus Baden übertragen.
Ende 1807 beginnen die Arbeiten am Escherkanal zwischen Mollis und dem Walensee und werden bereits am 8. Mai 1811 abgeschlossen. Das ursprüngliche Projekt, das eigentlich nur einen Ausbau der Maag bis Ziegelbrücke und eine Sanierung der restlichen Linth vorgesehen hat, wird 1808 auf Vorschlag Conrad Eschers ausgebaut. Die Linth soll nun zwischen Walensee und Grynau gerade geführt werden und ein einheitliches Gefälle aufweisen. Da der Höhenunterschied zwischen Walen- und Zürichsee nur 13m beträgt, ergibt sich für den Kanal lediglich ein Gefälle von 7,6mm auf 10m.
Die Arbeiten werden 1822 vorläufig abgeschlossen und der Pegel des Walensees kann um 5,4m abgesenkt werden. Die Arbeiten am untersten Teil des Linthkanals zwischen Zürichsee und Grynau dauern noch über den Tod Conrad Eschers 1823 hinaus an. Die gesamten Kosten beliefen sich schliesslich auf 985 500 Franken alter Währung (vor 1847), was dem damaligen Gegenwert von ca. 20 Tonnen Gold entsprach
Mit dem Ende der Überschwemmungen wird der sumpfige Boden in der Ebene aber noch nicht fruchtbar - deshalb wird er nun künstlich überschwemmt, um das Gebiet wenigstens zur Streugewinnung nutzen zu können. So verwandelt sich ein grosser Teil der Linthebene in Rietland.
Die Melioration
Ein letztes Mal wird die Linthebene umgestaltet, als die eidgenössischen Räte 1937 im Sinne einer Arbeitsbeschaffungsmassnahme die Entsumpfung der Ebene beschliessen. Der Zweite Weltkrieg und die Anbauschlacht beschleunigen diese Arbeiten, welche 1964 abgeschlossen werden und Gesamtkosten von 32,7 Mio. Fr. verursachen. Dafür werden 2000 Hektaren Land urbar gemacht - von der ursprünglichen Rietfläche bleiben nur kleine Flecken wie etwa das Kaltbrunner Riet erhalten.
Quellenauszug
Über die Zustände in der Linthebene aus dem Aufruf an die Schweizerische Nation zu Rettung der durch Versumpfung ins Elend gestürzten Bewohner der Gestade des Wallen-Sees und des untern Linth-Thales nach dem von der eidgenössischen Tagsatzung im Jahr 1804 beschlossenen, von sämtlichen hohen Cantonen ratifizirten, und von Sr. Excellenz dem Herrn von Reinhard, Landammann der Schweiz, zur Ausführung angeordneten, hydrotechnischen Plan, Merz 1807: (Orthographie sanft modernisiert)
Die misslichen Zustände in der Linthebene
"Die Sache verhält sich also so:
Oben fällt die Seez in den Walensee; unten hat er einen Ausfluss durch die Maag, welche sich eine halbe Stunde weiter mit der Glarner-Linth vereinigt. Indem nun das Linth-Bett durch die aus dem Hochgebirge von Glarus mitrollenden, und im flachen Grund übereinender niedergelegten Geschiebe und Sand unaufhörlich erhöht wird: so wird dadurch nicht allein der Abfluss der Maag aus dem See gehindert, sonder sie wird oft in denselben zurückgedrängt. Die natürliche Wirkung davon ist das Steigen der Wasserfläche des Sees selbst, und das Austreten desselben über die niedrigen Wiesen an beiden Endgestaden, wodurch wirklich schon einige Tausend Jucharten (1 Jucharte=3200 m2) des schönsten Landes entweder versäuert oder in Sumpf verwandelt worden sind. Aber jene verderblichen Ursachen wirken unaufhörlich fort; also greift das Übel immer weiter und unaufhaltsamer um sich. Die Hebung des Strom-Bettes folgt, durch das ganze breite Tal hinab, dem Laufe desselben bis zu seinem Eintritt in den Zürich-See, und in dieser ganzen Länge werden die weiten Wiesengründe auf beiden Seiten überschwemmt. Schon sind also die Anwohner der Linth unvermögend dem austretenden Strome zu wehren. Auch der Schäniser-Sumpf, in dem Umfang einer halben Quadrat-Stunde, ist eben daher entstanden. Dieses hat einen ungeheuren Verlust an Winterfutter zur Folge, wodurch notwendig auch die Alpen-Wirtschaft beeinträchtigt und der gesamte Viehbestand beträchtlich heruntergesetzt wird.
Um aber dieses Unglück in seiner ganzen furchtbaren Grösse zu überblicken, muss man sich in die Lage der beklagenswürdigen Einwohner hineindenken. [...] Die Strassen von Walenstadt und Weesen sind im Sommer nur noch für Schiffe brauchbar; die Überschwemmung flutet in die Erdgeschosse der Häuser und ersteigt schon da und dort die ersten Stockwerke; da im zurückgelassenen Schlamm die Sommerhitze verpestende Dünste entwickelt und ekelhafte Insekten erzeugt. Man kann wohl denken, wie das auf die Gesundheit wirkt! Die Bevölkerung ist schon seit langem unter ihrem ehemaligen Verhältnis; in den schwächlichen, blassen, kraft- und geistlosen Gestalten glaubt man wandelnde Schatten zu sehen, abgehärmt durch das Gefühl ihrer eigenen Abnahme, noch mehr aber durch den Anblick ihrer Kinder, in welchen die überhandnehmende Degradation an Geist und Körper noch sichtbarer ist, so dass man am Ende mit dem Boden zugleich auch das gänzliche Versinken der Menschheit befürchten muss.
Nicht nur dies, sondern ein in dem trägen Moraste und faulendem Wasser bereiteter Krankheitsstoff teilt sich endlich dieser ganzen, zwischen hohen Gebirgen gefangenen Luftmasse mit. Daher die stets gefährlicher werdende Wechsel- und tödlichen Faulfieber, welche nicht mehr bloss in den Städten Walenstadt und Weesen, sondern in den grossen Dörfern Mühlehorn, Mollis, Näfels, Urnen, Bilten, Schänis und in den weiter das Tal hinab gegen den Zürich-See liegenden Dorfschaften periodisch herrschen, und ihre Verwüstungen anrichten. Diese schädlichen Einflüsse eines verdorbenen Dunstkreises erreichen sogar schon die höheren Berg-Gemeinden, wovon die Gemeinde Kerenzeren ein trauriges Beispiel ist. Von Jahr zu Jahr schreitet die Seuche weiter vorwärts; sie geht über den ganzen Zürich-See weg, und erzeugt fern von ihrem Ursprung vorhin unbekannte Faulfieber, die man aus keiner andern Quelle herzuleiten weiss." (S. 3-6)
Was dagegen unternommen werden kann
"[...] Wenn die Glarner-Linth mit ihrem Geschiebe ebenso in den Walensee geführt wird, wie vormals die Lütschine in den Brienzer-See, und späterhin die Kander in den Thuner-See geleitet wurden; wenn das Maag-Bett eine, mit dem nun gemeinschaftlichen Ausfluss der Linth verhältnismässige, Vertiefung und Erweiterung erhält; - wenn die Linth selbst, vom Benkner-Buchberg entfernt, ihr Bett, nach Erfordernis der Umstände, bald vertieft, bald eingedämmt und von Grynau weg gerade gezogen wird. - Dass auf diese Weise alle verlornen Länder wieder gewonnen werden können, ist [...] ausser Zweifel gesetzt." (S. 7)
Was das Werk kosten soll...
"Das Ganze erheischt einen Beitrag von 320 000 Fr. in 1600 Aktien, jede von 200 Fr." (S. 8)
...und wer bezahlen soll
"Zur Übernahme solcher Aktien wird jede Regierung der einzelnen Kantone ihre Mitbürger, geistliche Korporationen und Gemeinden feierlich auf die schicklichste Art auffordern, den Erfolg ihrer Bemühungen dem Tit. Herrn Landamann einberichten, und wenn die Unternehmung in Gang gesetzt wird, die Beiträge der Aktien-Besitzer ihres Kantons einfordern und der Kantons-Regierung von Zürich entsenden." (S. 19; Beilage Nro. 1. Beschluss der Tagsatzung über die Austrocknung der Sümpfe am Walensee und der Linth, vom Jahr 1804)
Bis im Oktober 1807 wurden anstelle der vorgesehenen 1600 über 2000 Aktien gezeichnet - später musste die Zahl der Aktien auf 4070,5 Aktien à 200 Fr. erhöht werden um zusätzliche Ausbauten zu finanzieren.
Weiterführende Links:
Planarchiv der eidg. Linthkommission
Linthrat
ETH - Forschungsprojekt Linthwerk
Linth-Escher Stiftung
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