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Der Entwicklungsroman Arturos Insel (1957) von Elsa Morante öffnet dem Leser die seit der Antike gewachsene Kultur des Mittelmeerraumes. Wir befinden uns auf der Neapel vorgelagerten Insel Procida, einige Jahre vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges. Diese Insel ist sowohl der Handlungsort der Erzählung, als auch die Metapher für den eingegrenzten, beschützenden Raum, in dem Arturo, der Ich-Erzähler, aufwächst. Sie ist der feste Fels in einem unruhigen Meer; für Arturo ein sicherer und vertrauter Ort. Sie bietet ihm Raum für kleine Abenteuer und Momente stiller Einsamkeit. Ohne "seine" Insel wäre er verloren. Ohne sie könnte er den Blick nicht zum Stern erheben, dessen Namen er trägt. Arturo ist aber auch der Name eines legendären Königs. Und der Knabe schwärmt von den Heldentaten dieses Ritters und anderer Helden aus Sagen und Legenden. Schliesslich ist Arturo der Name, den seine in den Geburtswehen gestorbene Mutter für ihren einzigen Sohn ausgewählt hat. Der Erzähler schreibt aus der Erinnerung. Arturo hat, zum Mann herangewachsen, die Insel verlassen. Rückblickend beschreibt er seine Kindheit und Adoleszenz. Der junge Arturo ist auf der Suche nach der eigenen Identität und kämpft verzweifelt und trotzig um Liebe und Anerkennung, vor allem um jene seines Vaters Wilhelm Gerace.
Das fast 400 Seiten umfassende Werk beschreibt einen Mittelmeerraum voll wuchtiger Sinnlichkeit in all ihrer Schönheit und Hässlichkeit und mit ihren so typischen Geboten und Verboten. Die Protagonisten sind einerseits typisierte Vertreter ihrer Kultur, als auch fragile Individuen, die wegen ihren tradierten und starren Vorstellungen in ihrem Leben ins Schlingern geraten. Arturos Vater Wilhelm, Sohn einer deutschen Mutter und eines aus Procida emigrierten Vaters, der im Alter wieder alleine auf die Insel zurückkehrt, ist ein Frauenhasser, ein einsamer Herrscher über die Insel und ein Beherrscher seines Sohnes: ein padre-padrone. Aber dieser so kalte und seinem Sohn gegenüber ironische Mensch ist selbst eine unglückliche und einsame Seele. Der Sohn idealisiert seinen Vater, der immer wieder in die unbekannte Ferne zieht, und verehrt ihn als Helden und Abenteurer. Die Enttäuschung ist um so grösser, als Arturo merkt, dass Wilhelm ihm die Vaterliebe verweigert und einen jungen kriminellen Homosexuellen bevorzugt. Die frauenfeindliche Stimmung, in der Arturo aufwächst, verstört und verunsichert ihn in seiner Beziehung zu Frauen, besonders zur Figur der Mutter. Wilhelm bemerkt einmal dem Sohn gegenüber, dass die gewalttätigsten Frauen die Mütter seien. Ihre egoistische Mutterliebe sei gefährlich und könne tödlich sein. In seiner Gier nach Liebe begehrt Arturo Nunzia, seine junge Stiefmutter, ein ungebildetes, dem Ehemann treu ergebenes Wesen, aber auch eine in ihrer Naivität rührende junge Frau. Die unmögliche körperliche Liebe zwischen den beiden treibt Arturo in die Arme einer oberflächlichen Gespielin. Aufgerieben zwischen Anbetung und Verachtung, Liebe und Hass, findet Arturo nur Vertrauen bei seinem Ziehvater Silvestro, einem Hirten, und der Hündin Immacolata, die ihm jedoch bei der Geburt ihres Wurfs wegstirbt. Bei Ausbruch des zweiten Weltkrieges verlässt Arturo, von Silvestro begleitet, die Insel, auf die er nie wieder zurückkehren wird, und zieht in den Krieg.
Arturos Insel ist eine zugleich faszinierende und verstörende Geschichte. Als Leser befindet man sich immer auf zwei Ebenen: Die eine erzählt vom jungen Arturo, der auf seiner Insel lebt, träumt und kämpft. Die zweite lässt antike Sagen und Legenden anklingen. Man denkt an Medusa, die Argonauten, Ödipus, Odysseus und an die mit diesen Gestalten verbundenen Tragödien. Elsa Morante – 1957 mit dem Premio Strega ausgezeichnet – hat uns eine gewaltige und gewalttätige Geschichte vorgelegt. Angela WillimannKlappentext:
Elsa Morante hat nicht nur, wie die Neue Zürcher Zeitung schrieb, "durch Arturo die Weltliteratur um eine der schönsten Knabengestalten bereichert", sondern es gelang ihr auch, ein fast vergessenes Italien in farbenprächtigen Bildern festzuhalten. Arturo, der rückblickend seine Kindheitserinnerungen erzählt, wird nicht müde, die Schönheiten seiner Insel Procida zu schildern: ein Paradies, wo der Knabe mutterlos und unbewacht aufwächst, barfuss, mit wirrem Haar, beinahe wie ein wildes Tier über die Insel streifend, im Wasser genauso zu Hause wie auf dem Land. Eines Tages bringt die Fähre eine junge Stiefmutter ins Haus. In der Furcht, den ohnehin kaum gegenwärtigen Vater zu verlieren, überzieht Arturo das ängstliche, unselbständige Mädchen mit Spott – bis er plötzlich begreift, dass das Unmögliche geschehen ist: Er hat sich in Nunziata verliebt.Über die Autorin / über den Autor:
Elsa Morante, 1912 in Rom geboren und 1985 dort gestorben, gehört zu den wichtigsten Schriftstellerinnen der italienischen Nachkriegsliteratur. Für Arturos Insel erhielt sie 1957 den Premio Strega.Preis: CHF 23.90