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«Sehen» als emanzipatorischer Akt: Die Bedeutung der (genitalanatomischen) Selbstuntersuchung im Selbstverständnis des Women’s Health Movement (1970-1980)
«Self-examination demystifies an area of our body of which we have always been ignorant. This area is extremely important not only to our general health, but also to our very destiny. One doctor who was quizzing me as to why I was so curious to see my vaginal area asked, Do you want to see the underside of your eye?” My answer was, “If I got pregnant in the underside of my eye, I most certainly would.”»
(Quelle: Unveröffentlichte Schrift des Feminist Women’s Health Center in Los Angeles)
Die Frauengesundheitsbewegung der 1970er Jahre entstand zwar im Kontext der politischen Kämpfe um die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen (Roe v. Wade 1973) – befasste sich jedoch auch in einem breiteren Sinne mit der marginalisierten Stellung der Frau in der medizinischen Praxis und Wissensproduktion. So argumentierten die Aktivistinnen etwa, der subjektiven Erfahrung sei mehr Autorität zuzumessen als der institutionalisierten Forschung, wenn es um den Frauenkörper gehe. Gemeinsame Selbstuntersuchungen gehörten in den neu gegründeten Women’s Health Centers in den USA der 1970er Jahre daher zum Standard-Repertoire der angebotenen Leistungen. Im Zentrum des Beitrags steht das Feminist Women’s Health Center in Los Angeles. Die Gruppe um Carol Downer und Lorraine Rothman popularisierten in den USA die «self-examination» des eigenen Gebärmutterhalses mithilfe eines Spekulums (ab 1971) und gaben 1981 das Anatomiebuch «A New View of A Woman’s Body» heraus. Anhand zweier bisher unveröffentlichten Schriften («Why we are angry» und «Welcome to self-help») wird der Frage nachgegangen, weshalb – im Selbstverständnis der Aktivistinnen – das Sichtbar-Machen von unter der Haut liegenden Gewebestrukturen und Organen als emanzipatorischer Akt begriffen wird, inwiefern dies im Kontext der Pathologisierung der Reproduktion zu verstehen ist und wie dieser «conquering gaze» in der feministischen Epistemologie – Haraway, Scott, Tuana, Murphy – reflektiert und kritisch kommentiert wurde.