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Classement thématique série 1848–1945:
I. SITUATION INTERNATIONALE
1. Alliances et relations entre puissances
1.2. Triple-alliance
Printed in
[...]2
Die in den diesjährigen Delegationen vielfach besprochene Erneuerung des Dreibundes hat wieder ein Mal den politischen Sinn und die Überlegenheit der ungarischen Parlamentarier über ihre österreichischen Collegen bewiesen. Während die Ersteren die Ausführungen des Grafen Goluchowski zugunsten der Erhaltung dieses eminenten friedlichen Bündnisses nur sachlich besprachen, resp. mit Beifall begrüssten, haben ein grosser Teil der österreichischen Delegierten die Gelegenheit benutzt, um den Kram ihrer internen Streitigkeiten wieder auszuladen und zur Sprache zu bringen. Wenn auch zugegeben werden kann, dass die preussisch-polnische Politik und die Ausweisungen polnischer und tschechischer Arbeiter, sowie andere Vorgänge in Nationalitätenfragen (Los von Rom Bewegung) sich seltsam zwischen Ländern ausmachen, welche im Begriff stehen ein politisches Bündnis zu erneuern, so hatten gerade die österreichischen Delegierten nicht die geringste Berechtigung, Bemängelungen gegen ein Bündnis laut werden zu lassen, welches der Monarchie den Frieden während zwanzig Jahren gesichert hat. Man kann sich vielleicht für dieses Bündnis heute nicht mehr so sehr erwärmen als zur Zeit seiner Gründung; auch Crispi, der Italien damals von Frankreich bedroht sah, würde heute den Dreibund weniger notwendig erachten, – Kalnoky unter den beruhigteren Verhältnissen auf dem Balkan würde sich jetzt weniger für den Dreibund erwärmen, – andere der Epigonen dieses Dreibundes, Bismarck, Wilhelm I, leben nicht mehr, – auch die persönlichen Beziehungen zwischen den gegenwärtigen Souveränen der verbündeten Regierungen haben bei weitem nicht dieselbe Herzlichkeit als zur Zeit der Gründung des Dreibundes. Unter den heutigen Verhältnissen, bei den neuen Constellationen zwischen Italien und Frankreich, zwischen Österreich-Ungarn und Russland, erscheint er etwas altmodisch; – aber wer kann Voraussagen, wie lange das jetzige Einvernehmen zwischen den neuen Verbündeten anhalten werde? und niemand glaubt hier, dass das zwischen Österreich und Russland im Jahre 1897 hergestellte Einvernehmen einer wesentlichen Trübung nicht entgegen gehen würde, an dem Tage, wo die verschiedenen Fragen auf dem Balkan wieder ein Mal ins Rollen kommen werden.
Die Erneuerung des Dreibundes hat zunächst eine demonstrativ friedliche Bedeutung, obgleich sie eine Garantie für die Erhaltung des Friedens nicht darbietet. Allein das weitere Bestehn dieses Bündnisses gewährt namentlich Österreich-Ungarn und Italien einen Rückhalt; sie sind nicht genötigt, à tout prix andere Bündnisse einzugehen, und glauben sie anderweitige Verabredungen für einen bestimmten Zweck dennoch eingehn zu müssen, so erscheinen sie als Glieder des Dreibundes mehrwertiger bei den bezüglichen Unterhandlungen, als wenn sie diesem politischen Bunde nicht mehr angehörten.
Die Nichterneuerung des Dreibundes dagegen wäre beinahe eine Catastrophe gewesen, denn hiedurch wären in Frankreich wieder Revanchehoffnungen erwacht, welche dank der besonnen Politik der französischen und der deutschen Regierung in den letzten Jahren eher im Schwinden begriffen sind. Sodann auf sich selbst angewiesen, hätte Italien sich ganz in die Arme Frankreichs werfen müssen, wie Österreich-Ungarn die Bedingungen Russlands in den Balkanfragen beinahe widerstandslos annehmen müsste. Somit musste der Dreibund aufrecht erhalten werden, namentlich im Interesse Österreich-Ungarns und Italiens, die in politischer und militärischer Beziehung die Schwächern im Bunde sind.
Die neulichen Erklärungen des Herrn Delcassé in der französischen Kammer haben viel Lärm gemacht, allein allmählig treten die östereichischen und die deutschen Offiziösen mit der Erklärung hervor, dass die italienischerseits in Paris gemachten Eröffnungen völlig correct gewesen sind, und dass niemand in den betreffenden (Wiener und Berliner) verantwortlichen Kreisen daran gedacht hat, Herrn Prinetti im entferntesten einer illoyalen Handlung für fähig zu halten. Nach meinen Informationen hätte Italien bei den Unterhandlungen wegen der Erneuerung des Dreibundes versucht, sich spezielle Vorteile zu sichern: Zunächst hätte es getrachtet, mit diesen Unterhandlungen die Frage der Erneuerung der Handelsverträge und die Aufrechterhaltung der Weinklausel zu verbinden. Wie kaum anders zu erwarten war, erklärte Österreich wiederholt, und hierin wurde Graf Goluchowski vom Grafen Bülow unterstützt, dass diese Fragen jede für sich zu behandeln seien, zumal so lang die Ausgleichsverhandlungen und die Ausarbeitung der resp. autonomen Tarife nicht beendigt sind, die Regierungen nicht in der Lage, auch nicht ermächtigt sind, positive Versprechungen zu machen. Sodann brachte Italien seine Wünsche Tripolis betreffend vor und verlangte eine Garantie für seine Zukunftspläne in Nordafrika, – begegnete aber einer Ablehnung deutscherseits, welches aus naheliegenden Gründen nicht über Bestandteile des befreundeten ottomanischen Reiches verfügen wollte. Schliesslich drang Italien darauf, dass beim Abschluss des neuen Vertrages auf die neuen Beziehungen Italiens zu Frankreich Rücksicht genommen werde und dass Frankreich gegenüber der rein defensive Charakter des Dreibundes in geeigneter Weise bekannt gegeben werde, sei es dass der Vertrag selbst darnach redigiert werde, dass er in Paris vorgelegt werde, oder sei es, dass Italien ermächtigt werde, der französischen Regierung Erklärungen über die friedliche Bedeutung des Vertrages abzugeben. Der Vertrag aber ist pure, d. h. ohne redactionelle Abänderungen erneuert worden, und somit ist Italien auch nur ermächtigt worden, sich in Paris in dem gewünschten Sinn auszulassen. Ob man in Berlin und in Wien es gern gesehn hat, dass Italien so viel Wert darauf legte, Frankreich über die Natur des Dreibundes zu beruhigen, ist zu bezweifeln, und manche Auslassungen der deutschen und österreichischen Presse gestatten die Annahme, dass man in den massgebenden Kreisen diese Erklärungen als überflüssig erachtet habe. Allein es scheint sicher zu sein, dass Italien sich in Paris nur in den Grenzen der von den drei Cabinetten getroffenen Verabredungen ausgelassen habe.
Zum Schluss erlaube ich mir zu erwähnen, dass die in den letzten Wochen gemeldete baldige Erhebung des Fürstentums Bulgarien zum Königreich doch fürs erste nicht zutreffend ist. In diesem Sinne wenigstens spricht man sich am Ballhausplatze aus.
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