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Jeremias Gotthelf
»Gotterbarm« hätte er zuerst heissen sollen, jener »Aussenseiter, den Albert Bitzius im Bauernspiegel erzählen lässt, wie er nacheinander Verdingbub, Knecht, Söldner und Siechenhäusler war, ehe er, durch äusseres Glück begünstigt, eine Art freier Erwachsenenbildner und Dichter wurde. Wer als mittellose Waise von der Gesellschaft verstossen wird, sollte der Name besagen, der kann auch nach dem Sturz der Aristokratie einzig auf Gottes Erbarmen setzen, wenn er unter den Bedingungen des sozialen Notstands und der skrupellosen Besitzgier der Wohlhabenden nicht vor die Hunde gehen will.
Auf Anraten von Freunden hat Bitzius den Namen seiner ersten Romanfigur zu »Gotthelf« abgeschwächt, und in dieser Form dann schlug der pseudonyme Erzählername dermassen ein, dass der Dichter nie mehr davon loskam. Selbst dann nicht, als er dazu überging, die Bauern des Emmentals zu idealen, zeitlosen Figuren wie Uli und Vreneli oder Anne Bäbi Jowäger zu verklären. Und sogar seine Spätwerke, die in zorniger Aufwallung den Fortschritt und den modernen Zeitgeist verdammten und die untergegangene autoritäre Ständeordnung betrauerten, erschienen noch immer unter dem Pseudonym des revolutionären Erstlings von 1837!
Als Gotthelf 1854 mit kaum 58 Jahren starb, war dies der Berner Zeitung nicht einmal eine Notiz wert, und der freisinnige Patriot meldete lapidar: »In Lützelflüh ist unser berüchtigter Volksschriftsteller Jeremias Gotthelf gestorben. Friede dem Unfrieden. «
Nein, die wahren Gotthelf-Freunde lebten damals nicht in Bern, sondern z. B. in Norddeutschland, wo sein Ruhm als Epiker von Weltrang begründet worden ist. In der Schweiz aber und speziell in Bern war der streitbare Dichter den Leuten zu nahe auf den Pelz gerückt und dabei in eine Umarmung geraten, aus der er auch nach 150 Jahren noch nicht wirklich befreit ist. Zwar folgte, nachdem man sein Werk bieder zurechtgerückt und in unzähligen Dialektbearbeitungen verharmlost hatte, dem Hass mit ebensolcher Leidenschaft die Liebe, aber auch die ist dem verqueren dichterischen Urgestein in ihrer besitzerstolzen Beschränktheit nicht gut bekommen. Wann immer man moralische Aufrüstung oder patriotischen Zuspruch benötigte, berief man sich auf Gotthelf und vergass dabei völlig, dass er - zumindest in seiner letzten grossen Wut - nichts weniger als ein Gegner all dessen war, was die moderne Schweizer Staatlichkeit ausmacht. »All unsere Gerechtigkeit ist ein unflätig Kleid«, stände, wenn's nach ihm gegangen wäre, über dem Bundeshauseingang zu lesen!
Zum »nationalen Gewissen der Schweiz« und zur Kultfigur des Patriotismus hat man Gotthelf erst Jahrzehnte nach seinem einsamen Tod erhoben. Und man muss heute schon viel Fleiss und Geduld aufwenden, um lesend zu seinen wahren Dimerisionen zurückzufinden und zu erkennen, wie radikal und nonkonformistisch dieser seit jeher unzeitgemässe Schriftsteller bei aller tief verwurzelter Religiosität im Grunde dachte und wie präzis jene Sätze auf ihn selbst zutreffen, die er am Schluss der Armennot über die in ihrem Vaterlande verkannten Propheten formuliert hat: »Es ist eine grosse Gabe Gottes, mit der er seine Propheten ausstattete, dass sie die Wahrheit sagen durften, dass sie der Wahrheit treu blieben im Widerreden der Welt, dass sie ausharrten und fortredeten, wenn alles umsonst, ja wenn selbst Gott sie zu verlassen schien, doch auf ihn vertrauend.«
(Literaturszene Schweiz)
Literarische Rapporte 2 vom 18.03.1989