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Der Leopardenmeister reiste mit dem Zug an. Ich erwartete ihn am Bahnhof. Nachdem die Menschen den Perron verlassen hatten, entdeckte ich ihn. Er sass auf einer Bank und rauchte. Wie ein Tierbändiger sah er nicht aus; eher wie jemand, der mit Finanzgeschäften zu tun hatte. Wir begrüssten uns, ich fragte ihn nach seiner Reise aus Bagdad. Er verlor nicht viele Worte darüber, wollte wissen, ob das Hotelzimmer bezugsbereit sei. Umständlich erklärte ich, da läge ein Missverständnis vor, wohnen sollte er nicht im Hotel, sondern als Zimmernachbar in meiner Wohnung – wegen gekürztem Budget. Der Leopardenmeister nahm die Neuigkeit zu meiner Erleichterung gelassen auf. Er scherzte sogar über seinen Leoparden. Dieser wurde separat transportiert und würde morgen eintreffen, wenn er den Piloten bis dahin nicht gefressen hätte. Ich zwang mich zu einem Lächeln. Wir kauften in einem Bahnhofsladen Toilettenartikel, dann fuhren wir mit dem Tram zur Wohnung. Ich half dem Mann, das Gepäck die Treppe hoch zu schleppen. Als er einen ersten Blick in sein zukünftiges Zimmer warf, glaubte ich ein missbilligendes Stirnrunzeln über sein Gesicht huschen zu sehen, es verschwand aber in dem Augenblick, als er ans Fenster trat und den Park gegenüber der Strasse begutachtete. Der Park gehörte der angrenzenden Schule. Der perfekte Ort für meinen Leoparden, sagte er und lächelte. Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte, und entschuldigte mich mit der Zubereitung des Abendessens. Was wir zu Tisch sprachen, blieb mir nicht mehr in Erinnerung, nur dass ich am Ende wie nach einem erschöpfenden Marsch ins Bett fiel.
Am nächsten Morgen traf der Leopard nicht ein. Am Frühstückstisch mutmasste sein Meister, es habe Turbulenzen in seinem Heimatland gegeben, weshalb der Flug verspätet gestartet sei. Insgeheim begann ich Misstrauen zu hegen. Unser Zoo hatte mit ausländischen Gönnern und Stiftern schon oft Probleme gehabt. Sie gaben sich als Fachmänner aus und entpuppten sich am Ende als fanatische Tierschützer, die es auf die Zoodirektion abgesehen hatten. Im Fall des Leopardenmeisters handelte es sich um das Oberhaupt einer irakischen Zirkusfamilie, die ihre Zelte für immer abbrechen musste und folglich die Tiere verschenkte. Und da es dem Zoo schlecht ging, dachte ich… – aber konnte man ihm vertrauen?
Am Nachmittag besuchten wir das Zoogelände. Interessiert begutachtete der Meister die Einrichtungen und sprach dabei viel Kluges. Seine einnehmende Art liess mich meine Zweifel vorerst vergessen. Ich taute auf, auch er sprach mich, nachdem wir das Löwengehege passiert hatten, scherzhaft mit «Maestro» an. Er wollte alles über den Zoo wissen, ich erzählte ihm alles Nötige. Einzig zum Budget verlor ich kein Wort; wohl hatte er kein Interesse daran oder aber die Spuren unserer finanziellen Notlage längst bemerkt und schwieg aus Höflichkeit. Überhaupt schien der Leopardenmeister ein sehr nachsichtiger Mensch zu sein, was mich noch mehr für ihn einnahm. Alle paar Minuten suchte er in seiner Tasche nach einer Zigarette, wobei er die Schösse seines Mantels beiseiteschob. Als er sein Feuerzeug nicht sofort fand, bot ich ihm meines an, er lächelte, ohne die Lippen zu öffnen.
Die nächsten Tage zeigte ich dem Meister die Stadt Zürich. Vom See und der Limmat war er begeistert, die Altstadt gefiel ihm wegen der Restaurants. Jedes Mal bestellte er grosse Mengen und ass mit gesundem Appetit. Einen Abend wollte er in einer Disco verbringen. Zunächst sträubte ich mich gegen sein Vorhaben, wollte den Gast aber nicht vergraulen und willigte ein. Mit demselben Appetit, den er beim Essen an den Tag legte, betrachtete er die Frauen. Wenn er eine ansprach, betrug er sich spendabel, zwinkerte mir zu. Obwohl mir der Leopardenmeister ans Herz gewachsen war, wollte ich diesem Treiben nicht länger zusehen und drängte zum Aufbruch. Enttäuscht gab er nach, war draussen jedoch in gelöster Stimmung. Ich hielt es für angebracht zu fragen, ob er in Bagdad eine Geliebte hätte, er stellte mir lachend dieselbe Frage, worauf ich schwieg.
Gegen Ende der Woche war der Leopard noch immer nicht aufgetaucht. Allmählich schlichen die verdrängten Zweifel wieder hervor. Auf meine Nachfrage meinte der Meister trocken, das Tier habe wohl Flugangst. Ich lachte über den Scherz, nahm mir zugleich vor, bei der Fluggesellschaft anzurufen. Als mir dort erklärt wurde, der besagte Flug sei ohne Probleme verlaufen, wurde ich stutzig. Nach weiteren Telefonaten erfuhr ich, dass zwar «lebendige Fracht» mitgeliefert, diese aber weiter nach Finnland transportiert worden sei. Mit einem flauen Gefühl im Bauch legte ich den Hörer auf. Einerseits wollte ich dem Gast nicht misstrauen, hatte aber durch das Erfahrene allen Grund dazu. Ich beschloss, ihn selbst noch einmal nach dem Leoparden zu fragen. Als ich an seine Zimmertür klopfte und seinen Namen rief, erhielt ich jedoch keine Antwort. Ich stiess sie vorsichtig auf und fand das Zimmer leer vor. Also doch ein Betrug. Ich ballte die Faust und trat ans Fenster. Da sah ich auf der Strasse einen Krankenwagen. Gerade waren die Sanitäter dabei, das Krankenbett in den Wagen zu schieben. Das Schlimmste befürchtend, rannte ich auf die Strasse und erkundigte mich beim Fahrer. Ein sexuell frustrierter Jogger, sagte er. Ich durfte einen Blick durch die Scheibe an der Wagenrückseite werfen. Tatsächlich. Aber wo war dann…?
Maestro!, hörte ich eine Stimme rufen.
Der Leopardenmeister hatte die Szene von der Eingangstür des Hauses aus beobachtet. Er winkte mir gutmütig zu und erzählte, er sei gerade von einem Einkauf zurückgekommen. Erleichtert nickte ich. Erst als wir im Treppenhaus waren, fiel mir auf, dass er gar keine Einkaufstüten trug. Stattdessen hielt er sich seinen Bauch und blies die Backen auf. In der Wohnung nahm ich ihm unwillkürlich seinen Mantel ab. Dabei bemerkte ich seine seltsam aufgedunsene Statur. Auch schien er nun etwas bleich geworden zu sein. Ich fragte ihn nach seinem Befinden, er lächelte nur, ging in sein Zimmer und wollte die Tür schliessen. In meiner Besorgnis folgte ich ihm jedoch nach. Da blinzelte er missgünstig, klopfte noch einmal auf seinen Bauch, und liess einen so lauten Rülpser ertönen, dass die Wände des Zimmers wackelten. Es roch nach verwestem Fleisch. In unglaublicher Geschwindigkeit entledigte er sich seiner Hosen und seines Hemds und packte sie in den Koffer, sodass mir kaum Zeit blieb, mir über das Fell, das seinen gesamten Körper bedeckte, klar zu werden. Den Koffer in der Hand, öffnete er das Fenster und stieg auf den Sims. Maestro, sagte er entschuldigend, bevor er in den Park sprang.
János Moser