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Nicht die Analyse des Krieges, sondern die geistige Landesverteidigung ist das zentrale Anliegen der Schweizer Filmwochenschau: Stärkung des Wehrwillens zu Beginn, Rechtfertigung der Flüchtlingspolitik gegen Ende des Krieges.
Die erste Nummer der Schweizer Filmwochenschau (SFW) ist pünktlich zum 1. August 1940 in den Kinos, gedacht als Gegengewicht zu den ausländischen Wochenschauen, die sich schon lange vor Kriegsausbruch zu Sprachrohren ihrer nationalen Propagandaministerien entwickelt haben.
Der Bund bezahlt rund vierzig Prozent, den Rest müssen die Kinobesitzer berappen, die - gegen Proteste aus der Welschschweiz - gezwungen sind, die Wochenschau im Abonnement zu beziehen und vorzuführen. Dabei können sie unter acht Abonnementskategorien wählen: Aktualitätenkinos, etwa das Cinébref in Zürich, spielen die Wochenschau gegen eine Gebühr von dreissig Franken in der ersten Woche, kleine Landkinos hingegen begnügen sich mit einer Vorführung beinahe zwei Monate später, bezahlen dafür aber nur gerade einen Franken. Dieses Vorführmodell erklärt die charakteristische zeitliche Unbestimmtheit der meisten Wochenschau nummern: Selten wird darin ein konkretes Datum genannt, vielmehr signalisieren die Aufnahmen eine bestimmte Jahreszeit: blühende Apfelbäume den Frühling oder ein verschneites Kleinstädtchen den Anbruch des Winters.
Aufnahmen von den ausländischen Kriegsschauplätzen fehlen in der SFW während der gesamten Kriegszeit, und damit entbinden sich die Produzenten auch der neutralitätspolitisch heiklen Aufgabe, das internationale Kriegsgeschehen zu kommentieren. Aber auch im Inland wird im Zweifelsfalle dem unverbindlicheren Sujet der Vortritt gelassen: Tessiner Handwerk, Bischofszeller Mosternte oder kantonale Turntage anstelle von Flüchtlingselend, sozialen Spannungen oder Fluchtgeldern.
Bei ersten Themen in der SFW geht es in den ersten Kriegsjahren fast ausnahmslos um Armeebelange oder um die Versorgungslage des Landes. Letztere wird filmisch vorzugsweise in Totalen abgehandelt, in denen ein Sämann vor einem wolkenlosen Himmel langsam auf die Kamera zuschreitet, oder aber durch Bildfolgen, in denen die Kamera erdverbunden noch den steilsten Acker erklimmt. Die Armee wird erstmals in der Sondernummer «Ein Jahr Krieg» vom September 1940 umfassend gewürdigt. Originalton: «Das Gewehr wurde mit der Sense vertauscht.»
Objekte von militärischer Bedeutung dürfen nur gezeigt werden, wenn sie nicht zu identifizieren sind. «Weihnachten im Réduit» und «Unsere Fliegerabwehr bei Nacht» erfüllen diese Vorgabe, genauso wie «Unsere Pontoniere», «Die Armee braucht Funker».
«Wer nicht schweigen kann, schadet der Heimat...», ein Minispielfilm in der für eine Wochenschau ausserordentlichen Länge von elf Minuten, erfüllt einen speziellen Zweck: Die Zuschauer bekommen die Radiomeldung über die Hinrichtung eines Landesverräters zu hören, während ein Füsilier des Nachts bei strömendem Regen eine Bahnlinie bewacht - auf der möglicherweise Kriegsgüter zwischen den Achsenmächten hin und her geschoben werden.
Nach den Wendeschlachten von Stalingrad und Al Alamein, als die unmittelbare Bedrohung der Schweiz nachzulassen begann, wandeln sich Grundton und Stoffe: So gibt es im Frühjahr 1943 einen ausführlichen Beitrag über die Zürcher Modewoche zu sehen; wenig später folgen Berichte über einen Radiokongress am Genfersee und über die Basler Filmtage, die dabei weniger als kulturelles denn als gesellschaftliches Ereignis behandelt werden.
Im letzten Kriegsjahr kommt es zu einer weiteren, bedeutenden Verschiebung in der Themenwahl. Es war bestimmt nicht allein der Erfolg des Films «Marie-Louise» (Leopold Lindtberg, 1944), in dem ein französisches Mädchen ein halbes Jahr Erholung in der Schweiz findet, der die Wochenschaufilmer auf das Thema der «humanitären Dienste» aufmerksam macht. Vielmehr vollzieht man mit diesem Schritt eine konsequente Weiterentwicklung.
Jetzt verlangt die geistige Landesverteidigung, da sich der Zusammenbruch des Dritten Reiches abzeichnet, nicht mehr die Unterstützung des unbedingten Wehrwillens, sondern die Wiederherstellung der Glaubwürdigkeit der schweizerischen Neutralität. Sie ist in den Kriegsjahren durch wendige Anpassungen an den übermächtigen Gegner arg strapaziert worden. Diese Glaubwürdigkeit soll nicht allein nach innen, dem einheimischen Kinopublikum gegenüber, aufgebaut werden, sondern nach Möglichkeit auch nach aussen wirken, weil mit unangenehmen Fragen von den voraussichtlichen Siegermächten an den kleinen Neutralen zu rechnen ist.
Mit «Menschen fliehen zu uns» kommt die Schweizer Filmwochenschau im Dezember 1944 den neuen Erfordernissen erstmals in einer Sonderausgabe nach. Gemessen am Flüchtlingselend, das zu diesem Zeitpunkt die halbe Welt betrifft, war der Anlass bescheiden: Die Bewohnerinnen von Hüningen (F) hatten vor der näherrückenden Kriegsfront vorübergehend Schutz in Basel gesucht. Und der Grundton gibt die neue Richtung an: Die Schweizer Grenzsoldaten zeigen sich ausserordentlich hilfsbereit und tragen den älteren Frauen gerne ein Wegstück weit das Gepäck. In den Hallen der Mustermesse nehmen sich dann hilfreiche Frauenhände der Kinder an, die rasch ihr Lachen wiederfinden. Fünf Wochen danach berichtet die Wochenschau über den Austausch von Kriegsverwundeten, die in Genf, «der Stadt Henri Dunants», von freiwilligen Schweizer Ärzten betreut werden, ehe sie in SBB-Wagen ihre Weiterreise antreten. Als dann in der allerletzten Nummer des Jahres 1945 auf sechs Jahre Krieg zurückgeblickt wird, verschmelzen Schweizer Fahne und Rotkreuz-Emblem zu einer untrennbaren Einheit. Angesichts der erdrückenden Beispiele humanitärer Hilfe der Schweiz muss sich in diesem filmischen Rückblick selbst General Henri Guisan klar abgeschlagen mit Platz zwei begnügen.
Quelle: Facts, 18/95 (4. Mai 1995), S. 38
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