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Die Erde und die Felder, erwärmt von der Sonne, erwarten die Samen, die nun gepflanzt werden mögen.
In den alten Zeiten harkten unsere Vorfahren die Überreste des Winters von den Feldern und erbauten damit grosse Feuerkegel. Das Verbrennen der Überreste war eine Form der Reinigung. Zudem reinigten sie auch ihre Tiere, indem sie ihr Vieh zwischen den Feuern hindurchgehen liessen. Dies vernichtete Parasiten und verhalf dazu, dass das Vieh möglicherweise weniger erkrankte. (1)
Sieg des Sommers über den Winter
Beltane wird in der Nacht zum und am 1. Mai gefeiert. Kennzeichnet Samhain im Keltischen Kalender den Beginn des Winters, so bedeutet Beltane den Beginn des Sommers. Und so wie Samhain ein Fest des Todes und der Toten und Ahnen ist, so ist Beltane ein Fest des Lebens, der Fruchtbarkeit, der Vereinigung, der Zeugung und des Sieges der Sonne und des Sommers über den Winter – denn dieser war früher gekennzeichnet von Entbehrungen: Kälte, Hunger, Krankheiten und Tod. Eine gefährliche Jahreszeit, die mit viel Angst verbunden war. Da kann man sich vielleicht noch vorstellen, welches Glück und welche Freude die ersten Sonnenstrahlen und der Beginn des Frühjahrs und Sommers für unsere Vorfahren brachten. Bedeuteten sie doch, dass das Leben weiterging – dass man einmal mehr den Winter überlebt hatte (2).
Maibaum
Auch der traditionelle Maibaum hat vermutlich seinen Ursprung in Beltane, denn die Kelten schmückten dann die Häuser und Ställe mit frischem Grün. Die noch heute praktizierte Wahl der Maikönigin ist eventuell eine letzte Erinnerung an die Verehrung einer Göttin, die dem Land Fruchtbarkeit schenkte.
Während der Maibaum heute nur noch im Dorfmittelpunkt oder an einem besonderen Platz aufgestellt wird, gab es in früheren Zeiten fast in jedem Garten einen. Der „Maien“ wurde mit einen Kranz aus frischem Grün aus Weiden, Birken, Tannenreis und Frühlingsblumen von den Mädchen und jungen Frauen des Dorfes festlich geschmückt. Oft enthielt er auch Eier, Gebildbrote und Würste sowie bunte Bänder, die schräg über den Stamm gewickelt wurden (2). Der Maibaum steckt voller Erotik, symbolisiert er doch die Vereinigung zwischen Himmel und Erde und Mann und Frau. So darf man den geschmückten Stamm mit seinem ausladenden Kranz auch als symbolische menschliche Geschlechtsorgane sehen, die darin eingeflochtenen jungen Reiser und Heilpflanzen als Symbol für neues Leben und Gesundheit. Traditionell besteht der Maibaum aus einer Birke: in allen indogermanischen Kulturen der Baum des Lebens, des Neubeginns, des Lichtes und der Weiblichkeit (3).
Walpurgisnacht
Die Nacht vom 30. April auf den 1. Mai gilt auch als Walpurgisnacht – die Nacht, in der die Hexen insbesondere auf dem Blocksberg, aber auch an anderen erhöhten Orten ein grosses Fest abhalten, eine Vorstellung, die durch Goethes Faust (1808) popularisiert wurde. Doch obwohl dieses Fest so stark mit Hexen in Verbindung gebracht wird, stammt sein Name ironischerweise von der heiligen Walburga (710–779 n. Chr.), deren Heiligsprechung am 1. Mai gefeiert wurde. Sie war eine grosse Missionarin und Schutzheilige, die die Heiden zum Christentum bekehrte und vor Hexen, Zauber und Magie sowie auch gegen Pest, Husten und Tollwut schützte. Ausserdem war es ihr Onkel, der heilige Bonifazius, der die heiligen Eichen der keltischen Bevölkerung fällen liess und das Kräutersammeln verbot (allerdings ohne Erfolg).
Walburga, Walküren, Walhall … alle diese Namen lassen sich möglicherweise von „vilasa“ herleiten: himmlisch-paradiesischen Freuden und erotischer Ekstase. Der anfangs fröhliche, später immer ekstatischer werdende Tanz um die Beltane-Feuer entfachte eine gemeinsame Trance, in der es möglich war, aus der normalen Realität auszusteigen und in Kontakt mit der Anderswelt zu treten.
Altes Wissen zum Jahreskreis ist heute wieder hochaktuell
Die beim Tanzen entfachten Energien mochten für einen aussenstehenden Beobachter furchteinflössend oder zumindest befremdend anmuten – kein Wunder, dass die mitgebrachten Reisigzweige und Weidenruten, mit denen der Tanzplatz geschützt und abgegrenzt wurde, später als „Hexenbesen“ verteufelt wurden. Vom Christentum mit dem Bösen und dem Teufel in Verbindug gebracht so wie alle nicht-christlichen Rituale, haben Beltane und Walpurgisnacht im Laufe der Jahrhunderte an Bedeutung verloren – doch heutzutage erleben sie ein Revival: Sei es in irischer oder schottischer Folkmusik, der Metal-Szene, in der Pop Kultur oder fantastischen Romanen. Heute zelebrieren „moderne Druiden“, „Neuheiden“, Hexen und „Wiccas“ die heidnischen Feste mit zahlreichen Konzerten, Festivals und Feierlichkeiten. So zum Beispiel das „Beltane Fire Festival“, welches seit 1988 jährlich in Edinburgh abgehalten wird mit Theatervorstellungen keltischer Märchen, einem Freudenfeuer und natürlich reichlich Tanz, Speis‘ und Trank.
Hexentränke
Apropos Trank: auch das alte Wissen um die damals verwendeten Heilpflanzen ist längst aus der Vergessenheit wieder aufgetaucht. In Gundermann, Weissdorn, Eberesche, Waldmeister und vielen anderen Wildpflanzen steckt eine Kraft und Vielfalt, die wir uns heute mit Hilfe der zahlreichen Rezepte und Bücher zunutze machen können. Sei es, um einen lustvollen Hexen-Liebestrank zuzubereiten oder auch nur um den täglichen Speiseplan mit etwas kostenlosem und erst noch gesundem aus Feld, Wald und Wiese zu bereichern. Hier eine kleine Auswahl an Buchtipps:
- Hexentrank und Wiesenschmaus: Rezepte aus der wilden Weiberküche
- Die schönsten Liebesrezepte: Aphrodisische Küche
- Wolf-Dieter Storl: Naturrituale
- Hexenkraut und Zauberpflanzen
- Hexenmedizin: Die Wiederentdeckung einer verbotenen Heilkunst
Und zum Schluss noch ein einfaches Rezept für eine Waldmeister-Bowle:
Dazu pflückt man eine Handwoll Waldmeister-Pflanzen, die noch nicht blühen, denn wenn sie erst einmal blühen, geht das typische Waldmeister-Aroma verloren. Die Waldmeister-Pflanzen lässt man zunächst anwelken, denn erst dann entfaltet sich der spezielle Duft. Dann legt man sie für mehrere Stunden in Weisswein ein – fertig ist die Waldmeister-Bowle. Als Variation kann man den Wein auch mit Sekt und Mineralwasser ergänzen (4).
Ob man den Ersten Mai lieber mit den alten heidnischen Ritualen feiert oder als als „Tag der Arbeit“ aus politischer Sicht: Diese Zeit des Frühlings ist eine Zeit der gepflanzten Samen – nicht nur der Samen, die unsere Nahrung produzieren, sondern auch der Samen unser neuen Gedanken und Ideen, die sich manifestieren werden.