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Lieber Edwin Rist
Über dich ist letztes Jahr ein Buch veröffentlicht worden. Gerade einmal 22 Jährchen jung warst du, als sich die darin geschilderten Vorkommnisse ereigneten. Wenn nun jemand mit so wenig Lenzen auf dem Buckel ein Buch gewidmet bekommt, hat diese Person entweder etwas richtig Grossartiges vollbracht, wie zum Beispiel ein Reich erobert. Oder etwas wahnsinnig Dummes getan, wie zum Beispiel ein Reich erobert.
Das Buch über dich heisst «Der Federndieb», weil du ja tatsächlich nur Federn geklaut hast. Nun gut, es waren richtig teure Federn von exotischen und zum Teil sehr alten Vögeln. Und besagte Vögel waren ja auch noch dran an den Federn, die du 2009 aus dem Natural History Museum in der englischen Kleinstadt Tring mitlaufen liessest. Total 299 Vogelpräparate hast du in deinem Koffer aus dem Museum getragen, derweilen der Wachmann offenbar ein Fussballspiel guckte.
Zu Hause hast du die toten Vögel gerupft und aus den Federn Köder gebastelt. Du warst damals in einschlägigen Kreisen, will heissen: der internationalen Lachsfliegenbinder-Szene, eine grosse Nummer. Deine Köder waren quasi die Ferraris unter den Ködern, allesamt kleine Kunstwerke, für die auf dem Lachsfliegen-Schwarzmarkt schon einmal ein paar Tausend Stutz hingelegt wurden. Beim Basteln hast du dich gerne an historischen Vorlagen aus viktorianischen Zeiten orientiert, wofür es Federn braucht, die heute sehr selten geworden sind oder die ein Schweinegeld kosten, was du aber nicht hattest. Darum der Einbruch. Lustigerweise sehen einige deiner teuersten Lachsfliegen gar nicht aus wie irgendein Tier, das einen Lachs kulinarisch auch nur halbwegs interessieren könnte. Und trotzdem beissen sie. Halt nicht exakt die hellsten Kerzen auf der Torte, so Fische. Item.
Lieber Edwin Rist, ich muss sagen, deine Geschichte hat mich fasziniert, zumal es durchaus einige Parallelen zwischen uns gibt. Du warst blutjung bei deiner Tat, ich bin auch blutjung, zumindest im Geiste. Du bist in der Royal Academy of Music in London aufgetreten, Frau Feuz füllt mit ihrer Band das Wankdorf-Stadion, zumindest im Geiste. Du bist ein begnadeter Flötist, das war ich auch, zumindest bis mir die Musiklehrerin in der ersten Klasse sagte, so wenig Talent vereint in einer Person sei ihr noch nie untergekommen. Du hattest kein Geld. Das hab ich auch nicht, da man ja als freie Kulturjournalistin am Anfang der Nahrungskette steht. Ich bin quasi der Hering, der Chef ist die Robbe und der Züri-Chef-Chef der Eisbär.
Jedenfalls fand ich deine Tat inspirierend, lieber Edwin Rist. Zuerst überlegte ich, ob ich vielleicht auch ins Naturhistorische Museum einbrechen sollte, um dort irgendetwas zu klauen und dann zu verhökern. Weil ich aber erstens über keinerlei Beziehungen auf dem T-Rex-, Mars-Meteoriten- oder Haifischzahn-Schwarzmarkt verfüge und zweitens die Rache des hausinternen Spinnenexperten Prof. Dr. «Spider-Man» Kropf fürchtete, der mir garantiert ein Paket mit Trichternetzspinnen nach Hause schicken würde, wenn ich beim Räubern erwischt würde, entschied ich mich dagegen. Doch dann die Erleuchtung: Warum nicht Flamingos aus dem Dählhölzli rupfen und mit deren Federn Köder basteln?! Köder in Bärenform, um Berner Schnäppchenjäger und Sparfüchsinnen in die Falle zu locken. Irgendein Unternehmen würde solche Köder doch bestimmt für teures Geld kaufen, auch wenn diese überhaupt nicht aussehen wie irgendein Objekt, das Sparfüchse auch nur halbwegs interessieren könnte. Hat schliesslich bei dir auch funktioniert, gell Edwin.
Somit wissen Sie nun auch, werte Leserschaft, warum einige der Flamingos im Dählhölzli derzeit ganz furchtbar an den Hintern frieren. Und wer die unsäglichen rosa Bären auf dem Dach des Loeb zu verantworten hat.
Sehr herzlich grüsst von den Bahamas
Ihre Rupfmeisterin Feuz
Gisela Feuz ist freie Kulturjournalistin, nicht verwandt mit Robben und würde nie und nimmer einem Tier ein Haar krümmen, geschweige denn eine Feder ausrupfen. Edwin Rist wurde erwischt und für den Diebstahl zur Rechenschaft gezogen. Seine Geschichte gibts nachzulesen in Kirk Wallace Johnsons «Der Federndieb».