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Nova Mutum ist keine typische brasilianische Kleinstadt. Das gepflegte Stadtbild mit Alleen, Kreiselverkehr und Einfamilienhäusern erinnert eher an eine adrette amerikanische Vorstadtgemeinde als an eine Ortschaft tief im Westen Brasiliens. Seit dem Eintreffen der ersten Pioniere vor dreissig Jahren hat sich hier einiges getan: Aus der Siedlung an der Bundesstrasse BR 163, die die Provinzhauptstadt Cuiabá mit Santarém am Amazonas verbindet, ist eine Stadt mit über 30 000 Einwohnern gewachsen.
Den Bewohnern von Nova Mutum geht es gut. Die meisten Häuser sind gross und modern. Auf den frisch geteerten Strassen wimmelt es von fetten Geländewagen. Auch die Gemeinde sieht wenig Anlass zur Sparsamkeit und hat sich ein schickes Verwaltungszentrum mit Gartenanlage gebaut. Seit 2001 hat sich das Bruttoinlandprodukt (BIP) von Nova Mutum auf 1,6 Milliarden Reais (770 Millionen Franken) verzehnfacht. Mit einem BIP pro Kopf von über 50 000 Reais belegt die Kleinstadt einen der Spitzenplätze in Brasilien.
Zu verdanken hat sie das José Aparecido Ribeiro. 1966 kaufte der Jurist aus São Paulo ein Grundstück von 169 000 Hektaren an der BR 163 und gründete die Fazenda Mutum, die später der Stadt Nova Mutum ihren Namen geben sollte. Ribeiro war ein Visionär. Schon früh entwarf er Pläne für eine Stadt. Er suchte nach Anreizen, um neue Siedler in die Region zu locken, und begann Ende der 1960er Jahre, auf einem 200 Hektaren grossen Landstück mit verschiedenen Pflanzensorten zu experimentieren. Es waren die ersten dokumentierten Versuche mit Soya, Mais und Reis in den brasilianischen Tropen.
Später entdeckte auch die Regierung die Notwendigkeit, in die Forschung zu investieren. 1973 schuf sie die Empresa Brasileira de Pesquisa Agropecuária, kurz: Embrapa. Das Forschungsinstitut, das dem Landwirtschaftsministerium angegliedert ist und heute 8000 Wissenschafter beschäftigt, koordiniert die Forschung im Agrarbereich. Heute ist es weltweit das wichtigste Forschungsinstitut für tropische Landwirtschaft. Der Embrapa gelang es, verschiedene Pflanzensorten zu entwickeln, die speziell auf die Gegebenheiten in den Tropen zugeschnitten sind. «Das war ein wichtiger Moment», sagt Daniel Latorraca Ferreira vom Institut für Agrarwirtschaft des Gliedstaates Mato Grosso, Imea. Denn bis zu diesem Zeitpunkt habe schlicht die Technologie gefehlt, um die weitläufigen Savannengebiete des mittleren Westens, den sogenannten Cerrado, landwirtschaftlich zu erschliessen.
Rund um die Stadt erstrecken sich bis an den Horizont Soyafelder. Das im Gliedstaat Mato Grosso am Eingang zu einem der grössten Soyaanbaugebiete der Welt gelegene Nova Mutum gehört zu den wichtigsten Produktionszentren Brasiliens. 340 000 Hektaren werden auf dem Gemeindegebiet bewirtschaftet, auf denen pro Jahr mehr als 1,1 Millionen Tonnen Soya wachsen. Das entspricht etwa dem Vierfachen der jährlichen Soyaimporte der Schweiz.
Entlang der Bundesstrasse liegen Haufen von Soyabohnen und Maiskörnern, die aus den Tausenden Lastwagen geweht worden sind, die hier jeden Tag durchfahren. In der Gewerbezone reihen sich neben mehreren Tankstellen die Vertreter des Agrarbusiness aneinander: die Handelshäuser ADM, Bunge, Cargill und Louis Dreyfus, der Fleischmulti Brasil Foods, der Landmaschinenhersteller John Deere.
Soya gehört zu den wichtigsten Agrar- und Exportgütern Brasiliens. Mit dem wachsenden Wohlstand in Ländern wie China und Indien ist die Nachfrage nach dem Grundstoff gestiegen – und damit auch die Preise. Brasilianische Landwirte setzen im grossen Stil auf die Bohne. In den letzten beiden Dekaden sind die Produktionsmengen in die Höhe geschnellt – von 18,3 Millionen Tonnen im Jahr 1985 auf knapp 70 Millionen Tonnen, was rund 29 Prozent der Weltproduktion entspricht. Hinter den USA ist Brasilien heute der zweitwichtigste Soyaproduzent.
Mato Grosso spielt dabei eine wichtige Rolle. Regelmässige Niederschläge und die intensive Sonneneinstrahlung zwischen dem 10. und dem 20. Breitengrad bescheren den Produzenten Erträge wie kaum woanders. Ein Drittel der brasilianischen Soya stammt aus diesem Gliedstaat, der etwa doppelt so gross ist wie Frankreich. Wäre Mato Grosso ein eigenes Land, so wäre es der viertgrösste Soyaproduzent der Welt. Auch in der Produktion von anderen Agrargütern wie Mais, Zuckerrohr, Orangensaft, Kaffee oder Fleisch gehört Brasilien zu den Spitzenreitern. Gemessen am Handelsüberschuss von rund 58 Milliarden Dollar ist das Land mit Abstand der weltgrösste Exporteur von Agrargütern.
Das war nicht immer so. Als in den fünfziger und sechziger Jahren mit der Industrialisierung immer mehr Menschen in Städten wohnten, musste Brasilien Nahrungsmittel importieren. Damals konzentrierte sich die Agrarproduktion auf den Süden des Landes und die Küstenregionen. Der Cerrado war kaum besiedelt, geschweige denn landwirtschaftlich genutzt. Um sich die Wildnis untertan zu machen, begann unter dem Militärregime ab 1964 der Bau verschiedener Bundesstrassen in den entlegenen Regionen, darunter auch der berühmten Transamazônica. Holzfäller, Viehzüchter und Abenteurer folgten dem Ruf.
Immer mehr Landwirte zog es nach Mato Grosso, wo es billiges Land gab und die Möglichkeiten grenzenlos schienen. Die Besiedlung folgte dabei der typischen Erschliessungslogik Holzwirtschaft – Viehzucht – Ackerbau. Wie Heuschrecken frassen sich die Pioniere in die Savanne hinein.
Die Agrarrevolution liess dennoch lange auf sich warten. Der Agrarsektor war rückständig, Investitionen fehlten, und Ende der achtziger Jahre geriet Brasilien zudem in eine Phase der Hyperinflation. Der Umschwung kam in den neunziger Jahren, als die Regierung die Importbeschränkung für Maschinen aufhob und den Produzenten Zugang zu modernen und günstigen Geräten aus dem Ausland ermöglichte. 1994 führte der sogenannte Plano Real zur Stabilisierung der Währung. Ein Jahr später trat Brasilien der Welthandelsorganisation (WTO) bei. Mit dem WTO-Beitritt Chinas sechs Jahre später war die perfekte Basis für den Soyahandel gelegt.
Auf den Ländereien der Fazenda Mutum, die heute Teil der Unternehmensgruppe Mutum ist, wird gerade die Baumwolle eingefahren. Sie ist zusammen mit Mais eines der wichtigsten Nebenprodukte der Soyaproduktion.
Sobald die Soya geerntet ist, erfolgt die Saat der «Safrinha», der zweiten, kleinen Ernte. Das bringt nicht nur zusätzlichen Gewinn, sondern hat auch den Vorteil, dass das Unkraut keine Zeit hat, sich auszubreiten. Luiz Divino, der die Geschäfte der Mutum-Gruppe leitet, ist mit seinem Geländewagen auf Stippvisite. Immer wieder macht er Halt und informiert sich bei einem der rund 170 Angestellten des Betriebs über den Stand der Dinge. Die Arbeit könnte er auch von seinem Büro in der Stadt aus erledigen, wo alle Daten des Betriebes zusammenfliessen. Doch Luiz Divino ist gerne auf der Farm. Der Anbau von Bauwolle sei heikel und der Preis sehr volatil, sagt er. Zum Glück habe man 80 Prozent der Ernte bereits verkauft. Im Vergleich dazu sei Soya ein wesentlich besseres Produkt. Die Investitionen und das Risiko seien tiefer und die Produktion deshalb lukrativer. «Soya kannst du immer verkaufen, alle sind süchtig danach.»
Obwohl die Mutum-Gruppe eine Fläche von der Grösse des Kantons Genf bewirtschaftet und knapp 100 Millionen Reais umsetzt, gilt sie als kleiner Betrieb. «Wir waren immer konservativ und strebten nicht nach schnellem Wachstum», erklärt Frederico Ribeiro Krakauer, der nach dem Tod seines Grossvaters José Aparecido im Alter von 19 Jahren die Gruppe übernommen und von der Rinderzucht auf Ackerbau umgestellt hat. Man konzentriere sich darauf, die Produktion zu optimieren. Zurzeit bauen sie eine Entkernungsanlage für Baumwolle. Daneben tüftelt die Fazenda an neuen Produkten und Anbaumethoden. Auf einem 30 Hektaren grossen Feld läuft ein weltweit einzigartiges Pilotprojekt, das die Soya- und Baumwollproduktion auf sandigen Böden mit Hilfe einer neuen Bewässerungs- und Düngungsmethode erprobt. «Wir wollen innovativ sein», erklärt Ribeiro Krakauer, der den Pioniergeist seines Grossvaters geerbt hat.
Neben der Agrarproduktion hat die Gruppe ein zweites Standbein im Immobiliensektor: Die Stadt Nova Mutum befindet sich auf dem Land der Fazenda. An der Stadtentwicklung war und ist das Unternehmen wesentlich beteiligt.
Krakauer hat seinen Erfolg und Wohlstand vor allem der Soya zu verdanken. Als Soyakönig sieht er sich aber nicht. Das überlasse er den anderen, sein Unternehmen sei doch viel zu klein. Mit den anderen meint Krakauer die Pioniere, die eine aggressive Expansionsstrategie fuhren und jeden Sack Soya in neues Land investierten. Innerhalb von wenigen Jahren sind so Familienbetriebe zu Grosskonzernen aufgestiegen.
Einer der bekanntesten Vertreter der Soyakönige ist Blairo Maggi, der in den achtziger Jahren mit seinem Vater aus dem Süden nach Mato Grosso kam, um auf einem Stück Pachtland Soya anzupflanzen. Das Geschäft lief gut. Schnell hatten die Maggis eigenes Land erworben. Im Nirgendwo gründeten sie die Stadt Sapezal samt Schule, Spital und Kleinwasserkraftwerk. Aus dem einstigen Familienbetrieb wurde in wenigen Jahren die mächtige Gruppe André Maggi (Amaggi), einer der grössten Soyaproduzenten und Soyaexporteure der Welt. Auf einer Fläche von 135 000 Hektaren produziert Amaggi mehr als 450 000 Tonnen Soya pro Jahr, wovon drei Viertel ins Ausland gehen. Daneben fallen jährlich 260 000 Tonnen Mais sowie 50 000 Tonnen Baumwolle an.
Bauernidylle sucht man auf diesen Ländereien vergeblich. Eine computerüberwachte Armada von Maschinen erntet, bestellt, düngt und spritzt die riesigen Felder und speist die Daten ins Kontrollsystem der Firma ein. Neben dem Anbau verarbeitet das Unternehmen mit über tausend Mitarbeitern den grössten Teil der Ernte selbst und ist – um von den Grosshändlern unabhängig zu sein – auch im Transportgeschäft tätig. Der Konzern verfügt über eine Flotte von Flussfrachtschiffen sowie eigene Verladestationen. 2011 belief sich der Umsatz von Amaggi auf 2,2 Milliarden Dollar, der Reingewinn betrug über 40 Millionen Dollar.
Seinen Titel als grösster Soyaproduzent der Welt musste Blairo Maggi allerdings abgeben. Der Sektor ist dynamisch. Kleine Betriebe werden geschluckt, Konzerne aus anderen Branchen dringen in den Agrarmarkt vor, und andere gehen an die Börse, um zu wachsen. Heute tummeln sich in Mato Grosso etliche Agrargiganten. Blairo Maggis Cousin Eraí Scheffer beispielsweise, dem die Gruppe Bom Futuro gehört, produziert bereits über 500 000 Tonnen pro Jahr.
Ein anderes Beispiel liefert der Konzern Vanguarda Agro, der heute an der Börse von São Paulo kotiert ist. Gegründet wurde er von
Nicht umsonst werden die grossen Unternehmer der Branche Könige oder Barone genannt
Otaviano Pivetta, einem ehemaligen Lastwagenfahrer aus Südbrasilien. Aus dem Traum von der eigenen Fazenda ist ein Imperium von 300 000 Hektaren geworden. Geschichten wie jene von Pivetta gibt es viele im mittleren Westen.
Die Landwirtschaft ist heute für einen Viertel des Bruttoinlandprodukts Brasiliens verantwortlich. Gemäss Schätzungen hängt einer von drei Arbeitsplätzen von der Landwirtschaft ab. Die Soyaproduktion nehme aus wirtschaftlicher Sicht eine ausserordentliche Stellung ein, sagt Daniel Latorraca Ferreira vom Imea, da sie ein ganzes Cluster schaffe. Gemeint ist, dass rund um den Anbau von Soya eine verarbeitende Industrie entsteht: Die Bohne wird zu Schrot und Öl verarbeitet, die wiederum die Grundstoffe für die Lebensmittel- und Fleischindustrie, den Chemie- oder Energiesektor liefern. Laut den Berechnungen des Imea basieren in Brasilien heute neben den 340 000 Direktbeschäftigten rund 1,5 Millionen weitere Arbeitsplätze auf der Soyaproduktion.
Die Kleinstadt Nova Mutum lebt von dieser Wertschöpfungskette. Mit Hilfe von Steueranreizen ist es der Gemeinde gelungen, verschiedene Industrieunternehmen anzusiedeln. Das schafft Arbeitsplätze und bringt Steuereinnahmen. «Wir wollen möglichst viel Wertsteigerung generieren», erklärt Oduvaldo Lopes Ferreira, Sekretär für Industrie und Gewerbe von Nova Mutum. «Keine Soyabohne soll ertraglos die Stadt verlassen.»
Die wirtschaftliche Bedeutung lässt erahnen, welche Macht hinter dem Agrarsektor steckt. Nicht umsonst werden die grossen Unternehmer der Branche Könige oder Barone genannt. Da die meisten Wähler in Grossstädten leben, kümmerte sich die Politik jedoch lange Zeit herzlich wenig um ihre Belange. In Mato Grosso sollte sich das 2003 ändern, als Blairo Maggi Gouverneur wurde. Zielstrebig ging Maggi ans Werk und räumte auf mit der Bürokratie, die – wie er bis heute sagt – jenen im Weg stehe, die etwas bewegen wollten. Mit Hilfe privater Investoren begann er, die Infrastruktur des Gliedstaates zu verbessern. Innerhalb von 20 Monaten stieg der Anteil der asphaltierten Strassen in Mato Grosso um 50 Prozent. 2006 richtete er einen Fonds ein, der den Aufbau eines Dachverbandes der Soyaproduzenten namens Aprosoya ermöglichte, der ihm den Rücken stärkt.
Eines der Hauptanliegen von Aprosoya ist der Ausbau der Infrastruktur. Wer auf den Strassen in Mato Grosso unterwegs ist, versteht das Anliegen: In endlosen Karawanen schleppen sich die Lastwagen Richtung Südosten, wo die Häfen von Santos und Paranaguá liegen. Oft sind die Lastwagen Tage unterwegs, bis sie ihr Ziel erreichen. Die Kosten für die Fracht zu den wichtigen Häfen des Landes liegen mit derzeit 85 Dollar pro Tonne weit über jenen in Argentinien oder in den USA.
Ein Ausbau der Strassen Richtung Amazonas sowie die Fertigstellung von Wasserwegen und Eisenbahnlinien würden die Wege der Soya von Mato Grosso ans Meer erheblich verkürzen. Seit 1999 hat Brasília im Gliedstaat jedoch kein Infrastrukturprojekt umgesetzt. Ob es das ist, was Blairo Maggi dazu bewog, sich 2010 als Senator aufstellen zu lassen und nach Brasília zu ziehen, lässt sich nur erahnen. Ebenso, ob es ein Zufall ist, dass ein ehemaliger Mitarbeiter von Amaggi bis vor kurzem Chefsekretär des Transportministeriums war. Blairo Maggi ist mächtig geworden. Das Magazin «Forbes» listete ihn 2009 unter den einflussreichsten Politikern der Welt auf.
Eine Auszeichnung der anderen Art erhielt Maggi von der Umweltorganisation Greenpeace, die ihm für seinen Beitrag zur Abholzung des Regenwaldes die «Goldene Kettensäge» verlieh, nachdem die abgeholzte Fläche in Mato Grosso 2004 auf 12 000 Quadratkilometer angestiegen war. Umweltschützer beschuldigten die Soyafarmer, sie würden durch ihre aggressive Expansion und den Bau von Strassen der Abholzung Vorschub leisten. Blairo Maggi zeigte nicht die geringste Sorge. In einem Interview mit der «New York Times» sagte er 2003, dass der Anstieg nichts zu bedeuten habe und er keine Reue empfinde für das, was in Mato Grosso geschehe – Amazonien sei schliesslich grösser als Europa.
Ab 2006 sank die Abholzungsrate allerdings rasant. Grund war nicht die «Goldene Kettensäge», sondern eine andere Kampagne: Greenpeace dokumentierte, wie Soya von abgebrannten Urwaldflächen via den Zwischenhändler Cargill als Futtermittel in eine Hühnerfabrik und von dort aus als Chicken Nuggets in eine Filiale von «McDonald’s» in London gelangte. Lebensmittelhersteller und Supermarktketten kündigten sofort an, keine Soya mehr von den Händlern zu kaufen, die aus Brasilien stammte, es sei denn, es könne nachgewiesen werden, dass sie nicht von neuen Rodungsflächen stamme. Die brasilianische Soyabranche lenkte ein und kündigte ein freiwilliges zweijähriges Moratorium für Soya an, die die Auflagen nicht erfüllt. Das Moratorium existiert auch heute noch. Und Blairo Maggi ist – vom Markt bekehrt – zum Verfechter des Waldschutzes mittels Entschädigungszahlungen geworden.
Aber die Abholzung ist nicht gestoppt und nach wie vor ein heikles Thema in Mato Grosso. Meist wird darauf verwiesen, wie viel Wald noch steht: «Die geschützte Waldfläche in Mato Grosso beträgt 62 Prozent. Das entspricht der Fläche Frankreichs und Belgiens», rechnet auch Daniel Latorraca Ferreira vom Imea vor und verweist auf das strenge Forstgesetz, das Landbesitzern den Erhalt von Reserveflächen vorschreibt.
Der Druck auf den Wald ist nicht das einzige Problem, das die landwirtschaftliche Ausdehnung mit sich bringt. Die Region im südlichen Amazonien, die sogenannte Fronteira agrícola, ist auch für Landkonflikte bekannt. Die Grossgrundbesitzer vertreiben Kleinbauern und Landlose. Gleichzeitig dringen sie in Regionen vor, die Urvölkern gehören oder einst gehört haben. Da die Staatsgewalt kaum präsent ist, gilt oft das Gesetz des Stärkeren. Farmbesetzungen, Strassenblockaden und auch Gewaltverbrechen sind keine Seltenheit. Und nehmen sogar zu. Darüber hinaus werden jedes Jahr aus Landwirtschaftsbetrieben Hunderte Arbeiter aus sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen befreit. Obwohl sich die grossen Unternehmen um soziale Verantwortung bemühen, trifft es auch sie. Die Gruppe Bom Futuro von Eraí Scheffer, Blairo Maggis Cousin, stand 2008 unter Anklage, weil auf einer gepachteten Farm 41 Arbeiter ohne Schutzausrüstung Schädlingsbekämpfungsmitteln ausgesetzt waren.
Inwiefern sich die Probleme mit dem Wachstum des brasilianischen Agrarsektors verschärfen werden, ist nicht abzusehen. Die OECD geht davon aus, dass Brasilien seine Nahrungsmittelproduktion bis 2020 um bis zu 40 Prozent ausbauen wird. Das Land verfügt derzeit über rund 62 Millionen Hektaren genutztes Kulturland, was 8 Prozent der Landesfläche entspricht. Laut Daten der Weltbank beläuft sich die zusätzlich nutzbare Fläche auf 45 Millionen Hektaren, wovon sich rund die Hälfte für den Soyaanbau eignet.
Gemäss den Prognosen der Beratungsfirma Agroconsult wird sich die mit Soya bewirtschaftete Fläche in Brasilien bis 2020 von heute 24 auf 32 Millionen Hektaren ausweiten. Bei einer gleichzeitigen Produktivitätssteigerung von knapp 2 Prozent wird Brasilien jedes Jahr rund 6 Prozent mehr Soya produzieren und 2020 eine Produktion von über 111 Millionen Tonnen erreichen.
Mato Grosso spiele dabei eine sehr wichtige Rolle, sagt André Pessoa von Agroconsult, denn Soyaplantagen könnten sich dort auf den bestehenden Weideflächen ausdehnen. Eine weitere Region, die in den Fokus gerückt ist, liegt im Landesinnern des Nordostens. Die Gegend muss zwar grösstenteils noch in Kulturland transformiert werden, ist wegen ihrer Küstennähe aber aus logistischen Überlegungen interessant. Anders als vor dreissig Jahren werden die Pioniere diesmal allerdings keine Bauernfamilien aus Südbrasilien mehr sein, sondern Soyakönige aus Mato Grosso.