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Philippe Jaccottet (Hrsg.): «Die Lyrik der Romandie. Eine zweisprachige Anthologie». Zürich: Nagel & Kimche, 2008.
Die Westschweiz ist eine eher diffuse kulturelle Landschaft, die durch die gemeinsame Sprache, das Französische, definiert wird. Zwar sehen sich die Suisses romands als eigenständige Ethnie und grenzen sich nicht nur von der restlichen Schweiz, sondern auch von Frankreich ab; aber ausser wenigen lexikalischen Merkmalen wird in der Romandie Standardfranzösisch gesprochen – geschrieben allemal. Dementsprechend ist der Begriff «romandische Literatur» nicht selbstverständlich. Gehört der Genfer Jean Jacques Rousseau nicht der französischen Literatur an? «Ich habe nie so ganz an die Existenz einer wirklich eigenständigen ‹Literatur der Romandie› geglaubt», bekennt Philippe Jaccottet schon am Anfang seines Nachworts zu dem von ihm herausgegebenen Band «Die Lyrik der Romandie». Jaccottet, 1925 im Waadtland geboren und seit über 50 Jahren in Südfrankreich lebend, ist selbst ein Beispiel für die Problematik der Definition: er ist, wie er selber zugibt, an Baudelaire und Mallarmé geschult, seine Gedichte fehlen in keiner Anthologie französischer Lyrik. Ist er also ein Romandie-Lyriker oder doch ein französischer?
Jaccottet versucht nicht, die Lyrik der Romandie zu definieren. Stattdessen hat er Werkbeispiele so bekannter Dichter des 20. Jahrhunderts wie Charles-Ferdinand Ramuz’, Blaise Cendrars’ oder Jean Chessex’, und weniger bekannter wie Anne Perriers, Pierre Chappuis’ oder Pierre Voélins ausgesucht und diese Beispiele mit einleitenden Kurzporträts versehen, in denen er von persönlichen Begegnungen erzählt oder Leseerfahrungen mitteilt. Persönlich ist seine Auswahl auch insofern, als er gar nicht den Versuch einer objektiven Gesamtdarstellung unternimmt, sondern Texte und Textauszüge präsentiert, die seinem eigenen lyrischen Geschmack entsprechen – ob Gedichte oder «lyrische Prosa».
Dass Jaccottets eigene Gedichte in der von ihm besorgten Anthologie vorkommen, ist eine Entscheidung der Übersetzer, die zu Recht meinten, dass der bekannteste Lyriker der Romandie darin vertreten sein müsse. Weniger verständlich ist ihre und Jaccottets herausgeberische Entscheidung, alle Gedichte «im Zusammenhang neu zu übertragen», also auch jene Gedichte, die bereits in Deutsch vorlagen, um, so ihre Erklärung in einer Schlussnotiz, «jene Einheit in der deutschen Sprache» zu erreichen, «die dann ihrerseits die individuelle Stimme des Dichters um so deutlicher werden lässt und zudem den unmittelbaren Vergleich mit den französischen Originalen möglich macht». Warum man sechzehn verschiedenen und unterschiedlichen Dichtern eine «Einheit» verpassen sollte, ist allerdings nicht einzusehen, und noch weniger, wieso die individuelle Stimme eines jeden dergestalt dann umso deutlicher werden sollte. Ist denn nicht die Aufgabe einer Übersetzung gerade, die individuelle Stimme eines Dichters in einer anderen Sprache erklingen zu lassen? Das leistet keine Einheitsübersetzung, sondern eine – im Idealfall – jeweils kongeniale Übersetzung. Ohne Zweifel aber macht dieser Band Dichter bekannt, die bis jetzt im deutschsprachigen Raum gar nicht oder nur wenig übersetzt wurden, und gibt einen Eindruck von der stilistischen Vielfalt der Lyrik der Romandie.
vorgestellt von Stefana Sabin, Frankfurt a.M.