Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03148.jsonl.gz/897

Die Lesemotivation eines Kindes zu fördern gehört zu den wichtigsten Aufgaben von Schule und Eltern. Kinder, die gerne lesen, lesen meist schneller und besser. Sie können Texte rascher erfassen, verfügen über ein ausgeprägteres Textverständnis und können daher alle textlastigen Fächer (Biologie, Geschichte, Geografie, Deutsch etc.) besser bewältigen. Vielfach profitiert auch die Rechtschreibung vom häufigen Lesen.
Lesemotivation fördern - nicht nur eine Aufgabe der Schule
Ob Kinder gut lesen können, hängt einerseits mit ihrer Begabung, andererseits mit der Lesehäufigkeit zusammen. Problematischerweise sind es gerade die Schüler, die eine Schwäche im Bereich des Lesens haben, die besonders ungern lesen und das Lesen so gut es geht vermeiden. In einer Studie konnte zum Beispiel gezeigt werden, dass Fünftklässler, die sehr gut lesen können, in ihrer Freizeit im Durchschnitt über eine Stunde pro Tag lesen, während Fünftklässler, die schlecht lesen können, freiwillig weniger als eine Minute pro Tag mit Lesen verbringen. Mit der Zeit wird so aus einem Begabungsdefizit ein Übungsdefizit.
Lesen macht keinen Spass, solange Kinder nicht ein ein angemessenes Lesetempo erreichen. Muss der Text mühsam entziffert werden, verlangt dies vom Kind höchste Konzentration. Das Lesen wird als anstrengend empfunden und von der spannenden Geschichte bekommt das Kind in diesem Stadium nicht viel mit. Gerade in dieser Phase sind Kinder darauf angewiesen, dass sie beim Lesen unterstützt werden. Wie Sie als Eltern dazu beitragen können, dass Ihr Kind lieber und häufiger liest, erfahren Sie in diesem Artikel.
Wählen Sie einen günstigen Zeitpunkt
Viele Kinder empfinden das Lesen zumindest zu Beginn als Einschränkung ihrer Freizeit und nicht als Freizeitaktivität. Überfällt man sie mitten im Spiel mit dem Vorschlag, noch etwas zu lesen, ist der Frust vorprogrammiert. Wir hatten bei vielen Kindern Erfolg, indem wir den Eltern den folgenden Vorschlag unterbreitet haben: Lassen Sie Ihr Kind 15 Minuten länger aufbleiben und in dieser Zeit lesen. Als Eltern können Sie Ihr Kind dann, wenn es eigentlich das Licht löschen und schlafen sollte, fragen: "Willst du schon schlafen oder noch 15 Minuten mit mir lesen?"
Viele Kinder empfinden das Lesen in diesem Fall als das kleinere Übel ;-)
Falls Ihr Kind am Abend zu müde ist, können Sie ihm auch einen Gutschein aushändigen, wenn es gelesen hat - nach dem Motto: "Ich klaue dir 15 Minuten Freizeit, damit wir Lesen üben können - aber du darfst dafür am Abend 15 Minuten länger aufbleiben."
Lesen Sie im Tandem
Wenn Kinder noch nicht schnell genug lesen können, kommen sie in der Geschichte nicht voran und verstehen vielleicht noch nicht, was sie lesen, weil sie sich so stark auf das Entziffern der Buchstaben konzentrieren müssen. Ideal ist es in diesem Fall, wenn Sie und Ihr Kind sich mit Vorlesen abwechseln. Ihr Kind liest 5 Minuten, dann lesen Sie fünf Minuten vor. Falls Ihr Kind noch Mühe hat, das selbst Gelesene zu verstehen, können Sie diesen Teil ebenfalls nochmals vorlesen. Das Kind kann sich dadurch nach fünf anstrengenden Minuten zurücklehnen, entspannen und die Geschichte geniessen.
Richten Sie eine gemütliche Leseecke ein
Eine gemütliche Leseecke kann dazu einladen, ein Buch aufzuschlagen. Vielleicht mögen Sie auch eine besondere Lesekerze anzünden, wenn Sie und Ihr Kind lesen. Solche Rituale machen das Lesen zu etwas speziellem und motivieren vor allem jüngere Kinder sehr.
Achten Sie auf eine gute Beziehung zum Kind
Nichts vergällt Kindern das Lesen mehr, als ständige Spannungen und Streit während dem Lesen.
Die Lesemotivation des Kindes ist wichtiger als das korrekte Lesen jedes Wortes. Sie müssen Ihr Kind nicht bei jedem Fehler korrigieren - vor allem dann nicht, wenn das Kind sich dadurch ständig in seinem Lesefluss gebremst fühlt und genervt reagiert.
Sie können das Kind auch fragen, wie es korrigiert werden möchte. Sie können ihm dazu Vorschläge unterbreiten wie: "Soll ich dich einfach kurz am Ellbogen antippen, wenn du dich verlesen hast? Oder sollen wir eine Lesehilfe verwenden (zum Beispiel eine Karteikarte, mit der Sie Wort für Wort aufdecken) und ich bleibe einfach stehen, wenn du ein Wort nochmals lesen sollst?" Wenn Kinder bei der Art der Korrektur mitreden dürfen, können sie diese meist besser annehmen.
Eine gute Frage ist auch: "Mache ich etwas, das dich besonders nervt?" Antworten von Kindern sind beispielsweise: "Du verdrehst immer die Augen, wenn ich mich verlese!", "Du hast immer so einen nervigen Unterton, wenn ich einen Fehler mache!", "Du sagst immer wieder "konzentriere dich" - dabei mache ich das doch!" Sie können dem Kind versprechen, dass Sie sich bemühen werden, diese Dinge zu unterlassen - und ihm sagen, dass es Sie darauf hinweisen darf, wenn Sie es auf diese Weise demotivieren.
Falls Sie sich beim gemeinsamen Lesen über die Fehler des Kindes aufregen, sollten Sie das Lesen mit dem Kind jemand anderem überlassen oder das Kind alleine lesen lassen - wenn das Lesen mit ständigen Spannungen und Stress verbunden ist, ist der Effekt negativ: Es geht mehr kaputt, als dass die Leseübungen etwas nützen würden! Das Kind wird niemals freiwillig und gerne lesen, wenn es negative Gefühle mit dem Lesen verbindet.
Achten Sie darauf, dass Ihr Kind merkt, dass es Fortschritte macht
Gerade Kinder mit einer Leseschwäche merken teilweise nicht, dass sie sich beim Lesen verbessern. Sie benötigen daher Bezugspersonen, die kleine Fortschritte wahrnehmen, ihnen diese zurückmelden und ihnen vermitteln: Durch das regelmässige Üben wirst du besser! Ich kann das sehen und freue mich darüber.
Dazu kann man Kindern Feedback geben wie:
- "Hey, du liest viel flüssiger als früher!"
- "Hättest du gedacht, dass wir mal so ein dickes Buch lesen?"
Sie können das Kind aber auch jeden Monat 5 Minuten lesen lassen und zählen, wie viele Wörter es in dieser Zeit gelesen hat. Wird die Anzahl gelesener Wörter jeden Monat auf einer Erfolgsgrafik eingetragen, sieht das Kind, wie es sich verbessert.
Alternativ kann man Kinder auch jeden zweiten Monat beim Lesen auf Video aufnehmen und ihnen zeigen, wie sie sich von Mal zu Mal verbessern.
Je mehr Mühe ein Kind mit Lesen hat, desto wichtiger ist es, dass Sie keine Vergleiche mit anderen Kindern anstellen. Zeigen Sie dem Kind stattdessen, wie es sich im Vergleich zu früher - letztem Monat, letztem Semester - verbessert hat. Wie das genau geht, zeigt das folgende Video:
Hinweis: Kennen Sie bereits unseren Online-Kurs "Mit Kindern lernen"? Dieser ist kostenlos und besteht aus 12 Lektionen, die wir per E-Mail versenden. Jede Lektion (bestehend aus einem pdf mit 5 bis 7 Seiten Text) befasst sich mit einem spezifischen Thema wie "Motivation", "Selbständigkeit", "Lernstrategien für Primarschulkinder", "Hausaufgabenkonflikte" und hilft Ihnen dabei, Ihr Kind beim Lernen und bei den Hausaufgaben optimal zu unterstützen. Wir haben den Kurs an der Universität Fribourg mit über 800 Eltern und Lehrer/innen getestet - dabei hat sich gezeigt, dass der Kurs wirksam ist und die Eltern angeben, dass die Kinder motivierter und selbständiger lernen und über bessere Lernstrategien verfügen. Falls Sie teilnehmen möchten, können Sie einfach Ihren Namen (oder einen Spitznamen) und Ihre E-Mail-Adresse in das folgende Feld eintragen: