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Formen und Pathophysiologie der Multiplen Sklerose
Die Multiple Sklerose als Autoimmunerkrankung ist durch Entzündungen und Schäden des zentralen Nervensystems geprägt. Aufgrund der Entzündungsprozesse im Gehirn und im ZNS wird eine Kaskade an Reaktionen ausgelöst, die letztlich zum Absterben von Neuronen führt.
Die Multiple Sklerose wird durch zwei akkumulierende Entzündungsprozesse verursacht.1,2
Verlaufsformen der Multiplen Sklerose
Der Krankheitsverlauf von Multipler Sklerose (MS) unterscheidet sich je nach Patienten. Grundsätzlich lassen sich vier verschiedene Phänotypen der MS definieren:
- Das klinisch isolierte Syndrom (CIS*),
- die schubförmig remittierende MS (RRMS),
- die sekundär progrediente MS (SPMS) und
- die primär progrediente MS (PPMS)
Der Beginn der MS ist typischerweise durch das CIS gekennzeichnet. Es umfasst die erste Episode neurologischer Symptome, die durch eine Inflammation oder Demyelinisierung im zentralen Nervensystem verursacht werden.1,2 Aus einem CIS kann sich eine RRMS entwickeln.
Die MS wird als Krankheitskontinuum angesehen und beginnt bei etwa 85 % der MS-Patienten mit einer RRMS, die durch Schübe geprägt ist. Diese bilden sich teilweise oder vollständig zurück und es kommt zu keiner Verschlechterung zwischen den Schubphasen.2 Die Diagnose RRMS ist durch die McDonald-Kriterien klar definiert.3
Bei etwa 80 % der Betroffenen geht die RRMS innerhalb von zehn bis 20 Jahren in die SPMS über.2 Auch bei vielen RRMS-Patienten, die mit einer krankheitsmodifizierenden Therapie (DMT) behandelt werden, entwickelt sich eine sekundäre Progredienz innerhalb von zehn Jahren.4,ᵻ Diese ist durch eine schleichende Verschlechterung der Symptome geprägt, unabhängig von Schubaktivität.1 In einer Observationsstudie mit 793 RRMS-Patienten lag das Durchschnittsalter beim Übergang zu einer SPMS bei 38 Jahren.5,+ Aufgrund fehlender klinisch definierter Kriterien oder Biomarker für Progredienz, wird eine SPMS häufig erst spät erkannt und oftmals retrospektiv diagnostiziert.6
Bei etwa 10-15 % der MS-Patienten liegt die PPMS vor, bei der ein kontinuierliches Fortschreiten ohne Schubaktivität von Beginn an vorliegt.1
Viele Patienten mit der Diagnose RRMS, die eine krankheitsmodifizierende Therapie (DMT) erhalten, entwickeln im Laufe der Zeit eine sekundäre Progredienz.4,5
* CIS: clinical isolated syndrom
ᵻ Analyse von 14.211 Patienten mit RRMS. Bei 723 von 3169 Patienten, die über mindestens zehn Jahre beobachtet wurden, entwickelte sich eine SPMS.4
+ Beobachtungsstudie mit 793 Patienten mit der Diagnose RRMS, von denen 593 eine DMT erhielten.5
Pathophysiologie der Multiplen Sklerose
Multiple Sklerose (MS) ist eine zellvermittelte Autoimmunerkrankung, die sich gegen das zentrale Nervensystem (ZNS) richtet. Die klinisch sichtbare Krankheitsaktivität der MS wird durch zwei akkumulierende Entzündungsprozesse verursacht:
- die peripher-getriebene Entzündung und
- die Neurodegeneration des ZNS.1,2,7,8
Bei Krankheitsbeginn überwiegt die Entzündung durch periphere Immunzellen des erworbenen Immunsystems. Autoreaktive Lymphozyten gelangen in den Blutkreislauf und überwinden die Blut-Hirn-Schranke.1,2,7,8 Im ZNS treten Entzündungen sowie Schäden an Axonen und Myelinscheiden auf. Es manifestieren sich aktive demyelinisierende Läsionen und fokale Läsionen.1
Der Übergang von einer RRMS zur SPMS geht mit einer Abnahme infiltrierender peripherer Immunzellen einher und eine kompartmentalisierte (abgekapselte) Entzündung überwiegt.1 Periphere und hirnansässige Immunzellen verursachen verstärkt neuro-axonale Schäden und den Verlust von Oligodendrozyten. Die SPMS ist hauptsächlich durch inaktive Läsionen geprägt und neurodegenerative Veränderungen können zu irreversiblen Schäden führen.1 Die Atrophie des Hirnvolumens, sowie die der grauen und weißen Substanz nimmt zu, ebenso die Behinderung.1
Anfängliche diffuse und fokale Schäden werden durch die neuronale Plastizitätsreserve kompensiert, sodass Entzündungsaktivitäten häufig unentdeckt bleiben. Der Übergang von RRMS zur SPMS geht jedoch mit einer aufgebrauchten Plastizitätsreserve einher und klinisch erkennbare Symptome manifestieren sich.7
Die verschiedenen Formen und Stadien der MS.7
Symptome der Multiplen Sklerose
Bei MS können eine Vielzahl unterschiedlicher Symptome auftreten, wie beispielsweise Probleme beim Gehen oder Gleichgewicht halten, Probleme mit der Blasen- oder der Darmfunktion, abnorme Müdigkeit oder Sehstörungen.9
Viele MS-Patienten leiden auch unter einem gestörten Erinnerungsvermögen, Konzentrationsproblemen oder einer langsameren Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit.9 Veränderungen der kognitiven Leistungsfähigkeit können ein früher Indikator für eine sekundäre Progredienz sein.10
Erfahren Sie mehr zum Thema „Symptome bei MS“.
Häufige Symptome von MS-Patienten.9
Chronische Entzündung und Neurodegeneration bei MS
Bei Krankheitsbeginn sind periphere Immunzellen (B- und T-Zellen) Haupttreiber der Multiplen Sklerose (MS). Sie wandern aus der Peripherie in das zentrale Nervensystem (ZNS) ein und sind für die Schubaktivität verantwortlich (vergleichbar mit einem Brandherd). Im Laufe der Erkrankung tragen immer mehr hirnansässige Immunzellen zur Entzündung bei. Diese verlagert sich somit in das ZNS (vergleichbar mit einem Schwelbrand, der permanent glimmt).7
Bei der sekundär progredienten MS führen die Entzündungen im ZNS durch Mikroglia, Astrozyten und B-Zellen zur Neurodegeneration.7,11 Zellen sekretieren reaktive Sauerstoff- und Stickstoffmetaboliten, verschiedene Zytokine und Chemokine und führen somit zu Schäden der mitochondrialen DNA.11 Durch die chronische Entzündung im ZNS kommt es außerdem zum Verlust von Oligodendrozyten. Demyelinisierung und der vorliegende Energiemangel führen zu einer Umverteilung bzw. Fehlfunktion verschiedener Ionenkanäle, sodass ein Ungleichgewicht von Ionen entsteht.11 Proteolytische Enzyme werden aktiv und letztlich führen weitere neuro-axonalen Schäden zum Absterben des Neurons und somit zu Neurodegeneration.11
Wie die chronische Entzündung bei Multipler Sklerose zu Neurodegeneration führt.11
Referenzen:
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- Dendrou CA et al. Immunopathology of multiple sclerosis. Nat Rev Immunol. 15(9):545–558 (2015).
- Thompson AJ et al. Diagnosis of multiple sclerosis: 2017 revisions of the McDonald criteria. Lancet Neurol. 17(2):162–173 (2018).
- Bergamaschi R et al. BREMSO: a simple score to predict early the nat-ural course of multiple sclerosis. Eur J Neurol. 22(6): 981-989 (2015).
- Bsteh G et al. Long term clinical prognostic factors in relapsing-remitting multiple sclerosis: insights from a 10-year observational study. PloS One. 11(7):e0158978 (2016).
- Inojosa H et al. A focus on secondary progressive multiple sclerosis (SPMS): challenges in diagnosis and definition. J Neurol. doi:10.1007/s00415-019-09489-5 (2019).
- Baecher-Allan C et al.Multiple Sclerosis: Mechanisms and Immunotherapy. Neuron. 97(4):742–768 (2018).
- Hemmer B et al. Role of the innate and adaptive immune responses in the course of multiple sclerosis. Lancet Neurol. 14(4):406–419 (2015).
- Gross HJ und Watson C. Characteristics, burden of illness, and physical functioning of patients with relapsing remitting and secondary progressive multiple sclerosis: a cross-sectional US survey.Neuropsychiatr Dis Treat. 13:1349–1357 (2017).
- Sumowski JF et al. Cognition in multiple sclerosis. Neurology. 90(6):278-288 (2018).
- Friese MA et al. Mechanisms of neurodegeneration and axonal dysfunction in multiple sclerosis. Nat Rev Neurol. 10(4):225–238 (2014).