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Klima
Die Eigenartigkeit der Walliser Pflanzenwelt versteht nur, wer um die Besonderheiten des Klimas weiss. Von hohen und höchsten Bergen umgeben, bleibt das Mittelwallis zum Teil von den atlantischen und mediterranen Tiefdrucklagen verschont. Es ist dies die trockenste Gegend unseres Landes; sie verzeichnet nur ungefähr die Hälfte der Niederschläge des Mittellandes. Seine klare Luft begünstigt die Sonneneinstrahlung während des Tages, aber auch den nächtlichen Wärmeverlust. So zeichnen sich die Temperaturen durch bedeutende tägliche und jahreszeitliche Schwankungen aus. Kalte Wintet, trockene Sommer, starke Temperaturkontraste: dies sind die hauptsächlichen Merkmale eines kontinentalen Klimas. Schauen wir uns die regional bedingten Schwankungen und ihren Einfluss auf die Pflanzenwelt etwas genauer an.
Temperatur
Die Lufttempetatur misst man im Schatten, untet einem Schutzdach. Im Wallis nehmen etwa zwanzig Stationen regelmässige Messungen vor (siehe Abb. 5). Die Jahresmittel sind praktisch dieselben bei gleicher Höhe: 9-10°C in der Ebene, 3,5-5°C in 1500 m. Sie folgen einer einfachen Gesetzmässigkeit: regelmässige Abnahme um 0,55°C pro 100 m Höhe. Diese Gesetzmässigkeit gilt untethalb von 1500 m nicht uneingeschränkt, wegen der in Berggegenden häufig auftretenden Temperaturinversion: im Frühjahr und im Herbst kommt es oft vor, dass die Sonnenhänge sich schneller erwärmen als die Talgründe, welche länger im Schatten bleiben und sich mit Kaltluft füllen. Zwischen den Kaltluftschichten in den tieferen und denen in den höheren Lagen bildet sich ein Warmluftkissen. Wasserdampf, Rauch, Emmissionen aller Art sammeln sich hier an, da sie nicht nach oben entweichen können. So kommt es, dass der Dunst über der Rhoneebene eine scharfe obere Grenze aufweist, die der Zone der Temperaturinversion entspricht.Die Temperaturmittelwerte sind für die Pflanzen praktisch bedeutungslos. Was weit mehr ins Gewicht fällt, ist die Dauer der Wachstumsperiode, anders ausgedrückt, die Anzahl der für das Wachsen der Pflanzen günstigen Tage. Bei einem angenommenen Mittelwert der täglichen Minimaltempetatur von 7,5°C im Frühjahr, und 5°C im Herbst, kommt man in Sitten auf 240 Tage, auf 175 Tage in Montana und etwa 100 Tage an der oberen Waldgrenze. Die Wachstumsperiode der Pflanzen verkürzt sich im Schnitt um sieben Tage pro 100 m Höhe.Weitere wichtige Faktoren für die Pflanzen sind die Extremtemperaturen. Für den Zeittaum von 1901-1960 waren die Maxima und Minima -17°C und 35°C für Sitten, -24°C und 30°C für Zermatt, -29°C und 34°C für Reckingen im Goms. Im allgemeinen bettagen die Temperaturschwankungen im Wallis 1 bis 2°C mehr als am Genfersee. Die Reaktion der Pflanzen auf diese Schwankungen hängt von der Jahreszeit ab. Starken Frost ertragen sie während der Winterruhe besser als wenn sie im Safte sind. Der niedrige Pflanzenwuchs zieht Vorteil aus der schützenden Schneeschicht, die in Bodennähe die Temperatur nie unter -2 bis -3°C sinken lässt. Die Frühlingsfröste sind weit gefährlicher für die Vegetation. So meiden Flaumeiche und Rebe die Talsohle, die frostgefährdeter ist als die Sonnenhalden.Die Temperaturen werden ihrerseits von den Winden beeinflusst. Die kalte Luft fliesst von den Schneegipfeln in die Täler hinunter, während der Föhn, charakteristischer Wind der Alpen und anderer Gebirge, die Atmosphäre im Frühling und Herbst erwärmt. Siders zum Beispiel, zählt 33 Föhntage im Jahr.Am bedeutungsvollsten für die Pflanzen ist zweifellos die Temperatur in Bodennähe. Vom April an übersteigt sie im Mittelwallis an den Sonnenhängen 50°C. Der Boden erwärmt sich je nach Beschaffenheit recht unterschiedlich. Dessen Feuchtigkeitsgrad und Pflanzendecke sind bestimmend, aber auch andere Faktoren wie Neigung, Einfallswinkel der Sonnenstrahlen und Exposition spielen eine Rolle. So ermöglichen sonnige Felswände gewissen Pflanzen Höhenrekorde aufzustellen. Um in die Geheimnisse einer lokalen Vegetation einzudringen, muss man dem Mikroklima, sowie der Bodenstruktur, Rechnung tragen.
Niederschläge und Trockenheit
Im Wallis werden die Niederschläge in etwa 40 meteorologischen Stationen regelmässig gemessen. Abb. 5 gibt für jede Station die jährlichen Niederschläge in Millimetern an: 1 mm entspricht einem Liter Wasser pro Quadratmeter Bodenfläche. Im Gegensatz zu den Temperaturen können die Niederschläge bei gleicher Höhe sehr unterschiedliche Werte aufweisen. Bei uns sind es die hohen Berge, welche die grösste Niederschlagsmenge erhalten: im allgemeinen mehr als 2000 mm. Die Voralpentäler südlich und nördlich der Alpen sind feuchten Winden ausgesetzt und erhalten ebenfalls reichliche Niederschläge. Im Gegensatz dazu bleiben die grossen, tiefen und gut geschützten inneren Alpentäler eher trocken. In der Schweiz sind dies das Wallis und das Engadin. Ähnliche Täler sind das Aostatal, das untere Inntal, der Vintschgau, die Maurienne, die Tarentaise...
Betrachten wir Abb. 5. Würden die Niederschläge mit der Höhe regelmässig zunehmen, wäre auf dem Schema eine einzige Gerade zu sehen. Dem ist nicht so, denn das Relief der Alpen macht die Sache recht kompliziert. Folgen wir zunächst der Kurve, welche die Stationen der Ebene miteinander verbindet: sie zeigt deutlich den Übergang vom ozeanischen zum kontinentalen Klima auf, vom Genferseebecken und Unterwallis zum Mittelwallis. Bei Villeneuve sind die Niederschläge noch bedeutend, nehmen leicht ab im Chablais, dann deutlich zwischen Monthey und Martigny, um ein Minimum um Sitten und Siders herum zu erreichen. Von Brig an aufwärts nehmen sie wieder zu.Betrachten wir nun die Seitentäler. Die verhältnismässig gerade verlaufenden Linien zeigen, wie die Niederschläge bis zu einer Höhe von 1500 m ziemlich regelmässig zunehmen. Je mehr man im Kanton ostwärts wandert, schwächer wird die Zunahme, desto trockener also sind die Seitentäler südlich der Rhone. Den Trockenheitsrekord nimmt das Zermattertal in Anspruch. Dort verläuft die Linie praktisch horizontal. Über 1500 m nehmen die Niederschläge meist rasch zu.
Gestützt auf diese Feststellungen kann man das Wallis in fünf Hauptregionen unterteilen. Sie sind durch die Niedetschlagskurven in 500 und 1500 m Höhe gekennzeichnet (Abb. 4). Diese Methode gestattet eine Grobschätzung der Niederschläge für eine beliebige Zwischenhöhe. In der Region 1, die dem Unterwallis entspricht, behagt das feuchte Klima dem Laubwald; Buche und Weisstanne sind zahlreich vertreten; die heute selten gewordenen Wälder der Ebene beherbergen noch Stieleiche und Hagebuche. In der Region 3', im Norden der Rhone, weichen die trockenen Föhrenwälder in der Höhe fast reinen Fichtenwäldern. In der Region 3'', südlich der Rhone, ziehen Lärchen und Arven Nutzen aus der hohen Sonneneinstrahlung und der massigen Trockenheit der oberen Hänge. Die Regionen 2 und 4 sind Übergangszonen.Man muss auch wissen, wie die Niederschlagsmenge sich übers Jahr verteilt, denn die Pflanzen reagieren im Frühling, während der Wachstumsperiode, am empfindlichsten auf Trockenheit. Die KlimaDiagramme der Abb. 4 geben uns darüber Auskunft. Von einem Ende des Kantons zum anderen weisen die Kurven für Temperatur und Niederschläge beträchtliche Unterschiede auf. Das ozeanische Klima des Unterwallis zeichnet sich durch ein NiederschlagsMaximum im Sommer aus. Dieser, zwar immer mehr abgeschwächte Einfluss, wirkt sich bis Siders aus. Im Oberwallis weisen die Kurven je ein Maximum im Frühjahr und im Herbst auf. Dies deutet auf den Einfluss des Klimas südlich der Alpen hin, welches das Diagramm von Domodossola veranschaulicht. Das Oberwallis zeichnet sich somit durch sehr trockene Sommer aus, was einem ausgeprägten kontinentalen Klima entspricht.
Die auf die Pflanzen wirkende Trockenheit hängt nicht nur vom Wassermangel ab, sondern ebenso von der Wärme, welche die Verdunstung fördert. Damit die Wasserversorgung gesichert ist, bedarf es an Niederschlägen mehr als des Dreifachen des Temperaturmittels in der betreffenden Periode. Ist die Menge geringer, leidet die Pflanze an Wassermangel und verlangsamt ihr Wachstum. Selbstverständlich schwanken Verteilung und Dauer der regenarmen Zeiten von einem Jahr zum andern: Abb. 6 zeigt dies deutlich. Im vorliegenden Fall erreichten die Jahre 1975, 1978 und 1982 die aussergewöhnlich hohe der Wassermangel hielt während der gesamten Wachstumsperiode von April bis August an. Im darauffolgenden Jahr wurden die geschwächten Bäume - Fichten und Föhren vor allem - Opfer von parasitischen Insekten und Pilzen. Die "guten" und die "schlechten" Jahre kann man an einem gefällten Stamm, an der Breite der Jahrringe ablesen.Wenden wir uns den Böden zu. Von ihnen hängt weitgehend der Trockenheitsgrad ab, denn sie besitzen mehr oder weniger ausgeprägt die Fähigkeit das Wasser zu speichern.