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Wenn die Castor-Demonstranten wider alle Wiederaufbereitung im Bahnhofsrestaurant hinter der Hauptkampflinie fröhlich Kriegsrat halten, sitzen sie auf heissem Boden, heisserem, als die meisten dieser coolen Kombattanten sich wahrscheinlich träumen lassen: ein solches Restaurant ist ja, beim Wort genommen, nichts anderes als eben eine "Wiederaufbereitungsanlage", nur eben nicht für strahlende, brennende Stäbe, sondern für hungrige, durstige Menschen.
Das lateinische Verb restaurare, "wiederherstellen", und die davon abgeleiteten Substantive restauratio, "Wiederherstellung", und restaurator, "Wiederhersteller", begegnen bei den Autoren der Antike erst seit dem späten 1. Jahrhundert n. Chr. und auch dann nur recht selten; sie beziehen sich in der früheren Kaiserzeit etwa auf die Wiederherstellung eines baufälligen Tempels oder Theaters, in der Spätantike hie und da auch im juristischen Sinne auf die Wiederherstellung vormaliger Verhältnisse.
Nicht bei den Juristen, wohl aber bei den Denkmalpflegern haben sich die lateinischen Wörter, das Verb und die beiden Substantive, in ihrer alten Bedeutung durchgehend erhalten: Da sprechen wir bis heute geläufig vom "Restaurieren", von der "Restauration" einer alten Kirche oder eines Oelgemäldes und von den dafür zuständigen "Restauratoren" und "Restauratorinnen". Und nachdem die Juristen den Begriff der restauratio zu Gunsten der restitutio aufgegeben hatten, haben die Historiker das Wort in entsprechender Bedeutung aufgenommen und auf die Revolution, die "Umwälzung" der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Restauration, die "Wiederherstellung" der vormaligen Verhältnisse, folgen lassen.
Sein grosses Comeback, sozusagen seine eigene grosse "Restauration" und weit mehr als eine blosse "Restauration", hat das alte Wort im ursprünglich französischen, heute weltweit verbreiteten "Restaurant" erlebt. Ein neuzeitliches Retortenwort: Das "-nt" am Schluss ist das Kennzeichen eines lateinischen oder überhaupt romanischen Partizips Präsens Aktiv, ein "Restaurant" ist demnach ein "Wiederherstellendes". Es heisst, das Wort habe sich zunächst auf eine augenblicklich wiederherstellende Kraftbrühe oder sonst einen augenblicklich wiederherstellenden Kraftbissen und dann erst auf das derart Leib und Seele restaurierende Etablissement bezogen; aber wie auch immer: Das Aushängeschild eines "Restaurants" verheisst dem hungrigen und durstigen Passanten eine Lebenskraft und Lebenslust "wiederherstellende" Einkehr.
Das freilich unüberhörbar, unübersehbar auf französisch; der Patron des Hauses heisst ja auch nicht etwa gut lateinisch Restaurator, sondern gut französisch Restaurateur. Auch sonst zeigt die Sprache hier feine Nuancen des Sprachgebrauchs: Ein Restaurateur geriete doch wohl in einige Verlegenheit, wenn eine restaurationsbedürftige alte Dame seinen Restaurationsbetrieb beträte und ihn bäte, sie à la carte kunstgerecht zu restaurieren. Wie die Restaurateure das "Restaurant", so haben die Restauratoren das "Restaurieren" gepachtet; und allein die "Restauration" deckt noch das ganze alte und neue Bedeutungsspektrum von der denkmalpflegerischen Restaurationsarbeit bis zum Leib und Seele pflegenden Restaurationsbetrieb ab. Auf die allerjüngste brennstabpflegerische Wiederaufbereitung hat das Wort sich klugerweise nicht mehr eingelassen.
Klaus Bartels
Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Ebenfalls bei Philipp von Zabern erschienen: Wie Berenike auf die Vernissage kam. 77 Wortgeschichten, 3. Auflage, Mainz 2004, Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.