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Die erlernte Hilflosigkeit nach Seligmann (1972) ist ein Konzept, das bis heute eine Erklärung für eine Depression darstellt. Im ursprünglichen Experiment von Seligmann (1972) wurde Hunden, die in einem Käfig sassen, Elektroschocks verabreicht, ohne dass diese sich wehren konnten. Mit der Zeit sassen die Hunde passiv und antriebslos im Käfig. An weiteren (z.T. fragwürdigen) Experimenten an Mensch und Tier kam die Hypothese auf, dass Personen, die sich ohnmächtig gegenüber ihrer Lebenssituation fühlen, und wissen dass - egal was sie tun - es sowieso nichts bringen wird, passiv und antriebslos werden. Solche Menschen sollen nach der Theorie von Seligmann (1972) überzufällig häufig an einer Depression erkranken. Für Netzwerk: Trauma & Dissoziation wäre es interessant zu erfahren, ob die erlebte Hilflosigkeit auch bei er komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (kPTBS) eine Rolle spielen könnte. Dazu werden im folgenden Beitrag eigene Gedanken der Autorin dieses Beitrags beschrieben.
Die komplexe posttraumatische Belastungsstörung ist gekennzeichnet durch die drei Kernsymptome der klassischen PTBS: 1) Flashbacks/Erinnerungen an das Trauma, 2) Vermeidungsverhalten und 3) das Gefühl der erhöhten, andauernden Bedrohung (Arousal). Zusätzlich zu diesen Symptomen kommen bei der kPTBS ein dauerhaft gestörtes Selbstkonzept, Schwierigkeiten im Beziehungsverhalten und emotionale Dysregulation hinzu (Maercker et al. 2022). Könnte es nicht sein, dass ein Zusammenhang zur erlernten Hilflosigkeit nach Seligman besteht?
Eine Studie aus Israel untersuchte die klassische PTBS hinsichtlich der erlernten Hilflosigkeit (Bargai et al., 2007), bei Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt sind und eine PTBS haben. Als Kontrollgruppe fungierte eine Gruppe von Frauen ohne PTBS. So verstärkte selbst-berichtete erlernte Hilflosigkeit (EL) die schädliche Wirkung von häuslicher Gewalt. Dabei waren die EL-Werte aus dem Fragebogen deutlich höher als die der anderen Stichproben. Die Autor*innen schlussfolgerten, dass bei misshandelten Frauen das Auftreten einer PTBS also speziell mit hohen EL-Werten verbunden sein kann (Bargai et al., 2007)
Gemäss Maercker (2022) entsteht die komplexe posttraumatische Belastungsstörung durch "bedrohliche und schreckliche Ereignissen oder einer Serie von Ereignissen." Für mich besteht durch diese Beschreibung der neuen Diagnose (sie ist seit dem 01.01.22 offiziell in der ICD-11 vertreten) ein gewisser Zusammenhang zur erlernten Hilflosigkeit. Erfahrungen von regelmässiger, wiederkehrender Gewalt oder Missbrauch können dazu führen, dass bei den Betroffenen den Eindruck entsteht, dass sie sich nicht wehren können. Dadurch besteht die Möglichkeit, dass sie mit der Zeit lernen, dass die eigene Handlung keinen Einfluss auf das Ergebnis (= Misshandlung, Missbrauch, häusliche Gewalt) hat, was als erlernte Hilflosigkeit gewertet werden könnte.
Wenn dieser Gedanke weiter verfolgt wird, können auch Parallelen zur dissoziativen Identitätsstörung (DIS) gezogen werden. Wiederkehrende Traumata sind bei diesem Krankheitsbild zentral, nur können diese Betroffenen den "Schutzmechanismus" der Dissoziation oder Abspaltung der Persönlichkeitsanteile - und ich deute hier die Dissoziation bewusst als Ressource um - aktivieren, während andere Menschen das vielleicht nicht können. Die dissoziierten Persönlichkeitsanteile können die Erinnerungen unterschiedlich speichern und deshalb unterschiedliches Verhalten, Emotionen und Denken zeigen. Ein Persönlichkeitsanteil, der die Traumata miterlebt hat, wird sich anders verhalten, als einer, der in dieser Situation abgespalten und dem System nicht mehr zugänglich war. Während bei der kPTBS die Person in der Summe ihrer Persönlichkeitsanteile die Traumata erlebt und der erlernten Hilflosigkeit ausgesetzt ist, haben Menschen mit einer DIS oft nur ein paar Persönlichkeitsanteile, die die traumatischen Ereignisse wiedererleben.
Aus meiner Sicht spielt die EL bei beiden Krankheitsbildern eine Rolle. Bei der DIS machen die Betroffenen schon sehr früh in ihrem Leben die Erfahrung der erlernten Hilflosigkeit, was im Kindesalter zu Dissoziation führen kann, während kPTBS eine eher später einsetzende Störung ist, ohne den Mechanismus er Dissoziation. Betroffene mit kPTBS haben den Schutz der Dissoziation nicht, sodass dieses anhaltende Gefühl der erlernten Hilflosigkeit länger dauert und im Erwachsenenalter eben zum Bild der kPTBS führen kann.
Referenzen
Bargai, N., Ben-Shakhar, G. & Shalev, A.Y. Posttraumatic Stress Disorder and Depression in Battered Women: The Mediating Role of Learned Helplessness. J Fam Viol22, 267–275 (2007). https://doi.org/10.1007/s10896-007-9078-y
Maercker, A., Cloitre, M., Bachem, R., Schlumpf, Y. R., Khoury, B., Hitchcock, C., & Bohus, M. (2022). Complex post-traumatic stress disorder. The Lancet, 400(10345), 60-72.
Seligman, M. E. (1972). Learned helplessness. Annual review of medicine, 23(1), 407-412.