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Ungefähr 30‘000 aktive Jäger gibt es in der Schweiz. Viele bekommen wir praktisch nie zu Gesicht – Jäger verrichten ihre Arbeit im Stillen. Leise und behutsam, in die typische Jägertracht gekleidet, schreiten sie durch die Schweizer Wälder und gehen in Position. Nur, wenn sie ein jagdbares Tier gesichtet haben, wird die Stille kurz durchbrochen. Im Falle eines sauberen, gezielten Schusses ist das Tier augenblicklich tot.
Die Jagd wandelte sich
Die Jagd ist wohl nahezu so alt wie der Mensch. Als Jäger und Sammler sicherte die Jagd ihm das Überleben. Doch das Verhältnis zu Tier und Natur war anders als heute: Die Jagd war auch ein spiritueller Akt; jedem erlegten Tier erwies man Respekt. Schon die eigene Gefährdung sorgte dafür, sich der Natur nicht überlegen zu fühlen.
Später wurde die Jagd nicht mehr primär zur Sicherung der Ernährung durchgeführt, sondern erhielt den Status einer edlen Tradition. Die Eidgenossen waren stolz auf ihre Jagdkünste, bereits der sagenhafte Wilhelm Tell soll ein passionierter Jäger gewesen sein. Einflussreiche Adelsfamilien verfügten über eigene Jagdreviere. Viele heutige Jagdsprüche und Rituale – wie zum Beispiel das Sammeln von Geweihen als Jagdtrophäen - gehen auf die Adelsjagd zurück.
Die Jagd erhielt jedoch eine andere Dimension, als der indonesische Vulkan Tambora im Jahr 1815 ausbrach. Die gewaltigen Aschemengen verbreiteten sich in der gesamten Atmosphäre – durch die Verdunklung des Himmels und starke Regenfälle blieben 1816 die meisten Ernten aus. Das führte zu den schlimmsten Hungersnöten des 19. Jahrhunderts. Durch Wilderei versuchte sich die Bevölkerung am Leben zu halten – bis Mitte des Jahrhunderts waren Steinböcke, Rehe und Hirsche ausgerottet, ein paar Gämsen hatten überlebt. Die ärmere Bergbevölkerung sicherte ihr Überleben durch den Verkauf von Holz. Bis 1850 war die Waldfläche in der Schweiz massiv geschrumpft. Dank der neuen Jagd- und Forstgesetze, die nach diesen dramatischen Ereignissen erlassen wurden, sind unsere Wälder seitdem wieder um die Hälfte grösser und es kamen wieder Steinböcke, Rehe und Hirsche in die Schweiz. Man hatte Mitleid mit den Tieren: Durch massive Winterfütterung und das Aufpäppeln schwacher Tiere vermehrte sich ihre Zahl explosionsartig. Die Tiere wurden auch in hohen Bergregionen gefüttert und dadurch angelockt. Für Rehe ist dies allerdings kein geeigneter Lebensraum. Sie sind auf das Gelände und die Vegetation im Flachland angewiesen.
Unsere Lebensräume schützen
Heute leben so viele Rehe und Hirsche in der Schweiz, dass sie uns vor grosse Herausforderungen stellen: Im Gebirge können domestizierte Tiere wie Schafe, Ziegen und Kühe mit wildlebenden Gämsen und Steinböcken in Kontakt kommen – und diese mit Krankheiten infizieren. Zur Erlösung der geschwächten Wildtiere und Verhinderung einer weiteren Ansteckung müssen diese von Wildhütern geschossen werden. In den Wäldern beissen Rehe und Hirsche die Triebe junger Bäume ab und unterbinden so die Chance, dass sich ein vielfältiger Wald entwickeln kann. Wo sie sind, gehen vor allem Weisstannen und Fichten ein, die Buche dagegen ist dominant. Einige Wälder sind kahlgefressen. An Berghängen, wo ein dichter Wald ein natürlicher Erosionsschutz wäre, ist damit die Sicherheit von Strassen, Siedlungen und Bahnlinien gefährdet. Zudem beschädigen Hirsche und Rehböcke Baumstämme, da sie mit ihren Geweihen die Rinde abreiben. Das gefährdet die wirtschaftlich wichtige Holzproduktion in der Schweiz. Dagegen sind Wildschweine in der Landwirtschaft berüchtigt, weil sie landwirtschaftliche Nutzflächen beschädigen – die intelligenten Tiere mögen Keimlinge und reife Maiskolben.
Durch die Jagd werden die Wildbestände reguliert und damit unsere Ansprüche an Wälder, Wiesen und Berggebiete verteidigt. Um den Bestand konstant zu halten, müssen beispielsweise jährlich ein Drittel der Rehe getötet werden. Das sind mehr als 40‘000 Tiere. Jährlich werden die Wildtiere gezählt und so der Jagdplan für das nächste Jahr erstellt. Ausserhalb der festgelegten Schonzeiten darf dann jeweils Jagd auf die Tiere gemacht werden. Wenn der Bestand danach noch immer zu hoch ist, sind sogenannte Sonderjagden nötig. In Schutzgebieten wie im Schweizerischen Nationalpark darf allerdings nicht gejagt werden. Die dort lebenden Wildtiere kennen die Angst vor den Gewehrschüssen nicht und wagen sich deshalb sogar am Tag auf freie Felder hinaus.
Kontroverse Jagd
Kritiker der Jagd argumentieren, dass sich Wildtierbestände selbstständig regulieren und die Jagd teilweise sogar kontraproduktiv wirkt. Es ist zum Beispiel erwiesen, dass Rehe auf die Jagd mit mehr Nachwuchs reagieren. Es kommt auch zur Wilderei von geschützten Wölfen und Luchsen, da diese als Gefahr für das jagdbare Wild angesehen werden. Obwohl dies belegt ist, wird selten jemand angeklagt. Ein weiteres Problem sind Fehlschüsse, die zu einem qualvollen Tod der Jagdtiere führen können. Nicht in allen Kantonen besteht eine unabhängige Jagdaufsicht, welche die Schützen zur Verantwortung zieht. Die Jagd erfordert Disziplin, Geduld und Konzentration – es darf nur geschossen werden, wenn ein präziser, tödlicher Schuss garantiert ist.
Die Diskussionen rund um die Jagd sind kontrovers. Für Jäger ist sie ein Erlebnis voller Naturverbundenheit und Leidenschaft, für andere ist die Jagd mit dem Tierschutz nicht kompatibel. Das Gleichgewicht zwischen Mensch und Tier bleibt so eine stets neu abzuwägende Herausforderung.
Quellen und weitere Informationen:
SRF-Sendung: Netz Natur – Die Schweiz und die Jagd
Ein Waldexperte im Interview mit der NZZ: «Es hat viel zu viele Rehe»
SRF-Dok: Reh ohne Luchs, geht das?