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Die Schule produziert Ungleichheit
Joël Depommier. Im Rahmen des Kongresses der Waadtländer PdA sprach der Sozialogieprofessor Christophe Delay darüber, wie die Schule dazu beiträgt, vorhandene Ungleichheiten zu erhalten, und wie man sie verringern könnte.
In ihrem Redebeitrag zitieren Sie Pierre Bourdieu, der ein berühmtes Buch über die Verstärkung der sozialen Unterschiede durch die Schule schrieb. Dabei erklären Sie, dass dieses Phänomen bis heute existiert. Wie kommt das?
Christophe Delay: Im Buch «Die Illusion der Chancengleichheit» wird gezeigt, dass es eine soziale Kluft zwischen den Klassen gibt, was den Zugang zu Kultur betrifft. Zum Beispiel eine Kluft in Bezug auf die Gewohnheiten von Familien, die Lektüre, Musik, Bibliotheks- und Museumsbesuche pflegen. Diese Sozialisation beeinflusst die Schulleistungen. Bessere Karten haben hier eindeutig die Kinder aus privilegierten Schichten. Diese Beobachtungen werden schon seit den 60er Jahren gemacht und betreffen Frankreich. Neuere Statistiken zeigen, dass man dieses Phänomen weiterhin beobachten kann. Die Kinder der Unterklasse werden beim Schuleintritt mit der akademischen Kultur konfrontiert, mit der die Kinder der Oberklasse bereits von klein auf vertraut sind. Diese Ungleichheit manifestiert sich mehr und mehr im Laufe der Ausbildung und in der Berufswahl.
Eine Umfrage des Diensts für Erziehungsforschung des Kantons Genf zeigt, dass 14 Prozent der Kinder aus der Unterschicht im Laufe von acht Jahren Primarschule eine Klasse wiederholen, dagegen nur drei Prozent der Kinder, deren Eltern höhere Berufe und Stellungen haben. Von den 12- bis 15-jährigen privilegierten Kinder absolvieren in Genf 67 Prozent und im Waadtland 94 Prozent eine gymnasiale Ausbildung. Offensichtlich entscheiden sich Kinder der Oberklasse sehr viel häufiger für eine gymnasiale Ausbildung als die Kinder der Unterklasse. Diese schliessen eine Berufslehre und vielleicht eine Fachmittelschule ab.
Hat sich die Situation nicht verbessert mit den intergrativen Schulen, die das Potenzial aller SchülerInnen maximieren, was auch immer seine besonderen Bedürfnisse, Talente, Behinderungen, seine Herkunft und seine wirtschaftlichen und sozialen Lebensbedingungen sind?
Die statistischen Daten zu diesen Schulen fehlen noch. Aber die Tatsache, dass dort weniger Kinder die Klasse wiederholen müssen als früher, dass es mehr Angebote und stärkere individuelle Betreuung und Förderung gibt, bedeutet nicht, dass die strukturellen sozialen Ungleichheiten wie mit dem Zauberstab zum Verschwinden gebracht werden können. Sie werden verstärkt durch ein Schulsystem, das die SchülerInnen sortiert und in Atem hält durch Sitzenbleiben und durch «bessere» und «schlechtere» Klassen auf der Sekundarstufe.
Wie sehen diese strukturellen schulischen Ungleichheiten konkret aus, die Sie der Schule zur Last legen?
Spätestens seit den Arbeiten der französischen Soziologin Marie Duru-Bellat wissen wir, dass die Erziehungs- und Bildungsangebote sehr unterschiedlich ausgestaltet sind. Wir wissen auch, dass die Unterrichtsprogramme für die «Schwächeren» nicht gerade ehrgeizig sind. Dazu schafft das Werkjahr aus der Sicht der Gesellschaft starke soziale Stigmata für diese SchülerInnen. Heterogene Klassen ermöglichen schwächeren SchülerInnen bessere Leistungen und reduzieren den Radau, den wir oft in streng homogenen Klassen erleben. Oft erlebt man, dass sich die am meisten diplomierten und erfahrenen Lehrkräfte zugunsten ihrer Karriere um die «Elite»-Klassen reissen, während sich die jüngeren LehrerInnen mit den «schlechteren» Klassen begnügen müssen.
Die kantonalen Resultate der Pisa-Studie in den Hauptfächern Sprache und Mathematik bringen auch grosse Unterschiede der regionalen Schulsysteme zum Vorschein. Während die Kantone Zürich und Aargau die grössten Unterschiede in der Performance der SchülerInnen aus verschiedenen wirtschaftlichen Verhältnissen zeigen, erweisen sich die Kantone Waadt und Genf durchschnittlicher. Am geringsten sind die Ungleichheiten in den Kantonen Jura, Freiburg und Tessin. Aus dieser Situation folgern die Studienautoren Folgendes: In den Kantonen, in denen die Klassen ab der Sekundarstufe aufgeteilt werden, hängt das erworbene Schulwissen sehr stark von der sozialen Herkunft ab.
Die Wahl einer offeneren Organisation, ob «integriert» oder «gemischt», würde es erlauben, das Gerechtigkeitsprinzip besser zu realisieren und den AbsolventInnen der obligatorischen Schulzeit eine bessere Ausbildung mitzugeben. Die in Bezug auf die schulischen Kompetenzen ausgeglichensten Kantone sind diejenigen mit der geringsten sozialen Trennung.
In einer Untersuchung haben Sie herausgefunden, dass schulische Ungleichheiten von den Lehrkräften aufgenommen und verinnerlicht werden können. Sagen Sie uns mehr darüber.
Eine vom Nationalfonds finanzierte ethnografische Studie in Genf analysierte die Berufswahl am Ende der obligatorischen Schulzeit. Die Studie zeigt auf, dass die Lehrkräfte in den Gremien, die in letzter Instanz über Sitzenbleiben und andere Sanktionen entscheiden, einen entscheidenden Einfluss haben können. Weiter stellte ich eine – nicht systematische – Ungleichbehandlung von SchülerInnen fest bezüglich Benehmen im Unterricht, Grad der Kooperation der Eltern, der Teilnahme an Sitzungen, bis hin zu sozialeren Faktoren wie dem Grad der Bereitschaft der Eltern, sich stärker für den Schulbetrieb zu interessieren. Die zwei letzten Punkte benachteiligen offenbar die Kinder der Unterklasse und aus migrantischen Familien. Selbstverständlich gibt es auch Gegenbeispiele: Ich begegnete einer Lehrerin, die es schaffte, aus sozialen Engagement und Solidarität eine Schülerin, die schlecht in Mathematik und aus der Unterschicht war, ins Gymnasium zu bringen.
In ihrem Vortrag sprachen Sie auch über die verschiedenen Erwartungen der Eltern an die Schule. Was zeigten ihre Untersuchungen?
Zuerst einmal muss ich sagen, dass sich auch die Eltern aus der Unterklasse um die Schule kümmern. Für sie ist die Schule etwas, das sie stark beschäftigt, das immer wichtiger wird, da der berufliche Werdegang immer stärker vom schulischen Weg abhängig wird. Die Vorstellung, die Eltern würden von ihren Kindern erwarten, dass diese schon bald «Geld nach Hause bringen», ist weniger verbreitet, als allgemein angenommen. Die wenigsten Jugendlichen versuchen, möglichst schnell einen Lehrlingslohn zu bekommen, um ihre Eltern zu unterstützen.
Angesichts der Kontinuität der schulischen Ungleichheiten: Welches sind Ihre Veränderungsvorschläge?
Meine Vorschläge sind vor allem globaler und makroökonomischer Art. Zuerst einmal sollte das Angebot an Krippenplätzen ausgeweitet werden. Die Tagesstruktur ermöglicht den Kindern eine Sozialisation und öffnet die Türen zum Wissen und zum Lesen. Weiter geht es darum, den Familien Stipendien zu geben. Und allgemeiner: Die Behörden müssen alles tun, um die städtische Segregation zu verhindern und sich überlegen, wie sie die Wohnquartiere besser durchmischen können, um heterogene Schulklassen zu erreichen. Im Bereich Schulorganisation ist es wichtig, gegen die Frühselektion und gegen die Strukturen, die Ungleichheiten verstärken, zu kämpfen – nach dem Beispiel der Kantone Jura und Tessin. Schlecht sind homogene Klassen.