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Sollen die Interviews für deine wissenschaftliche Arbeit brauchbar sein, kommt es auf die Auswertung des Experteninterviews an: Das gesammelte Material muss dafür anhand zuvor definierter Codier-Regeln in verschiedene Kategorien eingeordnet werden. Das klingt kompliziert, lässt sich aber anhand dieses Leitfadens relativ einfach bewerkstelligen.
Definition: Experteninterview Auswertung
Das Experteninterview zählt grundsätzlich zu den gängigen Methoden, die im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit dazu genutzt werden, um aufgestellte Hypothesen zu überprüfen und formulierte Forschungsfragen zu beantworten. Im Gegensatz zu Beobachtungen oder Umfragen kann ein solches Interview zielführend sein, wenn
- du dich mit einem sehr spezifischen Thema befasst,
- zu deinem gewählten Thema nur wenig Literatur zur Verfügung steht oder
- du für deine Arbeit Verhaltensweisen oder Perspektiven von Personen, Gruppen oder Organisationen analysieren willst.
Auf diese Weise kannst du die für deine wissenschaftliche Arbeit notwendigen Daten bei Sachverständigen abfragen, die ihr Fachwissen nicht zwangsläufig veröffentlichen.¹
Du kannst entscheiden, ob sich ein offenes qualitatives oder ein quantitatives Interview besser eignet: Während du bei quantitativen Interviews Fragen stellst, die lediglich mit «Ja» oder «Nein» beantwortet werden und sich statistisch auswerten lassen, basieren die häufiger genutzten qualitativen Interviews auf offenen Fragen. Die Interviewpartner können also frei antworten. Für die Auswertung des Experteninterviews bedeutet das aber, dass du aus den erhobenen Daten Ergebnisse ableiten musst. Die Auswertung zum Experteninterview wird in diesen Fällen meist mit Hilfe einer strukturierenden Inhaltsanalyse (Mayring) durchgeführt – und wir zeigen dir ausführlich, wie du dabei vorgehst.
Experteninterview Auswertung: Vorgehensweise
Die Experteninterview-Auswertung lässt sich in vier Schritte unterteilen:
Diese Vorgehensweise kannst du bei anderen qualitativen Interviewformen ebenfalls anwenden, wie beispielsweise bei…
- unstrukturierten,
- semistrukturierten,
- narrativen,
- problemzentrierten oder
- Leitfadeninterviews sowie
- Gruppendiskussionen
Experteninterview Auswertung: Durchführung des Interviews
Vor einer Auswertung ist das Experteninterview erst einmal durchzuführen. Hast du Experten ausgewählt, dann liegen vier Schritte vor dir:
1. Vorbereitung
Du benötigst einen oftmals kurzen Interviewleitfaden – und das beansprucht Zeit. Sinnvoll ist es, wenn du dich zunächst mit dem theoretischen Teil deiner Arbeit befasst. Du steckst dann gut im Thema und kannst den Leitfaden leicht aufsetzen.
2. Kontaktaufnahme
Bedenke bitte, dass die Sachverständigen, die du als Experten für deine Bachelorarbeit ausgewählt hast, in der Regel gut beschäftigt sind. Am besten zeigst du ihnen auf, dass du mit deiner Arbeit einen wichtigen Forschungsbeitrag leistest und in puncto Termin flexibel bist. In der Regel schreibst du zunächst eine E-Mail und unterbreitest verschiedene Terminvorschläge.
3. Durchführung des Experteninterviews
Ob du dein Interview Face-to-Face führst oder auf Online-Alternativen zurückgreifst, hängt nicht zuletzt von den Rahmenbedingungen ab. In jedem Fall sind diese Varianten besser und aussagekräftiger, als dies ein auszufüllender Fragebogen sein kann – vertiefende Rückfragen sind nämlich direkt möglich.
Eventuell kannst du deine Fragen schon im Voraus zur Verfügung stellen, solltest du nicht themenabhängig Wert auf spontane Antworten legen. Stelle in jedem Fall sicher, dass deine Technik funktioniert und alle Akkus aufgeladen sind bzw. eine Powerbank zur Verfügung steht. Zu Beginn des Interviews informierst du dein Gegenüber zu deiner Person und deinem Anliegen, bevor du mit allgemeinen Fragen einsteigst und deinem Leitfaden folgst. Gutes Zuhören und möglichst wenige Unterbrechungen gewährleisten einen reibungslosen Ablauf – der Dank am Ende darf ebenfalls nicht fehlen.
4. Einwilligungserklärung
Dieser Teil ist ausgesprochen wichtig: Die vom Interviewpartner unterzeichnete Einverständniserklärung informiert nicht nur darüber, was du mit den erfassten Informationen und Daten vorhast und auf welche Art dein Experteninterview die Auswertung umsetzt, sondern gibt dir überhaupt erst das Recht dazu.
Mit den beschriebenen Schritten hast du bereits den Grundstein für die Auswertung deines Experteninterviews gelegt.
Experteninterview Auswertung: Transkribieren
Hast du deine Gespräche «im Kasten», liegt einiges an Schreibarbeit vor dir:
Um die Auswertung des Experteninterview angehen zu können, bringst zu zunächst das Gesprochene in Schriftform – nur so ist eine qualitative Inhaltsanalyse überhaupt möglich. Dazu sortierst du die verschiedenen Textpassagen in verschiedene Kategorien anhand eines Kodierleitfadens. Oder du nutzt die Grounded Theory und damit axiales Codieren, um deine Experteninterview Auswertung zu starten.
Experteninterview Auswertung durch Kodieren mit Kodierleitfaden
Um das niedergeschriebene Interview kodieren zu können, benötigst du einen Kodierleitfaden (Mayring). Dazu…
- legst du Kategorien fest,
- gibst Textbeispiele aus dem Gespräch und
- definierst Kodierregeln.
Kategorien festlegen
Leite aus dem Material die Kategorien ab, die für deine Arbeit und deine Forschungsfrage relevant sein können. Eventuell hast du bei deiner Vorbereitung bereits ähnliche Interviews gesehen, sodass du die Kodierung bei der Auswertung deines Experteninterviews nutzen kannst – ansonsten bist du hier vollkommen frei bei der Festlegung.
Textbeispiele geben
Wähle aus dem Gesprächstext zur Auswertung des Experteninterviews zu den von dir festlegten Kategorien passende Textbeispiele aus – sie dienen dir in der weiteren Arbeit als Muster.
Kodierregeln definieren
Sind Kategorien schwer voneinander zu unterscheiden, dann erleichterst du dir die Auswertung des Experteninterviews mit einer klaren Definition der einzelnen Kategorien.²
Grounded Theory als Alternative zur qualitativen Inhaltsanalyse:
Diese Methode geht zurück auf «Barney Glaser» und «Anselm Strauss» und zielt darauf ab, mit Hilfe der Analyse empirischer Daten einen neuen theoretischen Ansatz aufzustellen. Dazu wechselst du so lange zwischen Datensammlung und Auswertung, bis du keine neuen Ergebnisse mehr erhältst. So erfasst du das Forschungsthema vollständig – und erarbeitest zudem ein neues theoretisches Modell.
Experteninterview Auswertung: Ergebnisse zusammenfassen
Nun liegen dir die kategorisierten Inhalte vor, sodass du die Ergebnisse zusammenfassen kannst, um die Auswertung des Experteninterviews zu vollenden. Sicher hast du Kategorien ermittelt, die besonders relevant sind – das sind deine Hauptkategorien. Darüber hinaus sind dir bestimmt bei der Auswertung des Experteninterviews Verbindungen und Beziehungen zwischen den ermittelten Daten aufgefallen – auch die solltest du bei der Zusammenfassung berücksichtigen.
Nutzt du die Grounded Theory, kannst du die mittels der qualitativen Inhaltsanalyse ermittelten Kategorien immer weiter differenzieren, sollte dies deiner Arbeit zuträglich sein.²
Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalysen
Auch bei der qualitativen Inhaltsanalyse (Mayring) gehst du wie beschrieben zur Kodierung vor. Allerdings gibt es drei verschiedene Arten der qualitativen Inhaltsanalyse, nämlich die…
- zusammenfassende,
- explizierende und
- strukturierende.
Nutzt du die strukturierende Inhaltsanalyse, kodierst du für die Auswertung des Experteninterviews das untersuchte Material – siehe die drei beschriebenen Schritte. Zur zusammenfassenden Inhaltsanalyse erarbeitest du aus dem Gespräch einen Kurztext. Die explizierende Inhaltsanalyse sieht hingegen vor, dass du offene Fragen mit zusätzlichem Material klärst.
Diese qualitativen Analyse-Ansätze kannst du nicht nur für die Auswertung des Experteninterviews nutzen, sondern auch für Texte, Fotos oder sogar Videos.²
Experteninterview Auswertung: Gütekriterien bei qualitativer Forschung
Bei deiner Auswertung des Experteninterviews musst du stets die Gütekriterien qualitativer Forschung einhalten. Diese lauten:
-
Transparenz
Dokumentierst du alle relevanten Arbeitsschritte detailliert und für Dritte nachvollziehbar, dann schaffst du transparente Forschung.
-
Intersubjektivität
Du gewinnst subjektiv Daten. Sobald du sie jedoch diskutierst und vor allem reflektierst, wird deine Forschungsarbeit intersubjektiv.
-
Reichweite
Lassen sich ähnliche Resultate wie deine erzielen, wenn die Forschung wiederholt wird, dann ist die Reichweite der Forschungsarbeit gegeben.
Häufig gestellte Fragen
Du nutzt ein solches Interview, wenn du nicht auf ausreichend Informationen aus anderen Quellen zugreifen kannst oder wenn sich ein solches für die Beantwortung deiner Forschungsfrage eignet – also musst du die vom Sachverständigen gelieferten Daten zunächst analysieren, um sie weiterverarbeiten zu können. Genau dies erledigst du in der Auswertung des Experteninterviews.
Zunächst ist das Gespräch zu transkribieren, sodass du das Material in Schriftform analysieren und die Inhalte in verschiedene Kategorien einteilen – also kodieren – kannst. Anschließend fasst du die Ergebnisse zusammen.
Diese Form der Auswertung des Experteninterviews kannst du bei allen qualitativen Interviews, also unstrukturierten, semistrukturierten, narrativen, problemzentrierten und Leitfadeninterviews sowie Gruppendiskussionen anwenden.
Du legst zur Auswertung des Experteninterviews zunächst Kategorien fest, belegst diese mit Textbeispielen als Muster und definierst bei Bedarf Kodierregeln. Dann gehst du das Material Satz für Satz durch, um die Inhalte einzuteilen – und somit zu kodieren.
Das abwechselnde Datensammeln und Auswerten sorgt dafür, dass du ein neues theoretisches Modell erarbeitest – und so alle Fragen beantwortest.
Quellen
1 Universität Leipzig: Experteninterview. in: Methodenportal. o.D. [online] https://home.uni-leipzig.de/methodenportal/experteninterview/ (09.09.2022)
2 Uni Trier: Methodische Überlegungen zu qualitativen Befragungsmethoden,
insbesondere Experteninterviews. in: Finanzielle Mitarbeiterbeteiligungssysteme. o.D. [online] https://www.uni-trier.de/fileadmin/fb4/prof/VWL/APO/4207ws0102/efstudien.pdf (09.09.2022)