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Franz Hohler in Erinnerung an Mani Matter
Als man mich einmal in die MRI-Röhre schob und ich eine Musik auswählen durfte, die mir über den Kopfhörer die Zeit verkürzen sollte, entschied ich mich für eine CD des Amerikaners Steve Reich. Nachdem mich der Betreuer des Vorgangs am Ende wieder herausgezogen hatte, sagte er, diese Musik habe noch nie jemand hören wollen. Was denn die Leute sonst gern hätten, fragte ich ihn, worauf er zur Antwort gab: «Mozart oder Mani Matter».
An einem Sonntagabend klickte ich am Fernsehen den Schluss des Schweizer «Tatorts» an, «Züri brännt», und nach ihren offenbar erfolgreichen Ermittlungen sang die Kommissarin für sich, und damit auch für das Publikum, «I han es Zündhölzli azündt».
Auf der Kulturseite der «NZZ am Sonntag» wurde jüngst das Zürcher Jazzfestival «Unerhört!» angekündigt, und zwar mit der Überschrift:
« ‹Kunscht isch gäng es Risiko›
sang schon Mani Matter.»
Es gibt in der Deutschschweiz praktisch zu allem und jedem ein Mani-Matter-Zitat. Seine Lieder sind, fast 50 Jahre nach seinem frühen Tod, von einer selbstverständlichen Präsenz; sie sind den Kindern und den Erwachsenen gleichermassen vertraut, Mani Matter ist zu einem Klassiker geworden, er ist sozusagen der Mozart des Schweizer Chansons.
Er hat in seinen Liedern das Berndeutsche Anfang der sechziger Jahre aus der Sprache der ländlichen Idylle und der Gotthelf-Hörspiel-Bearbeitungen zurückgeholt in die Natürlichkeit der Umgangssprache. Dabei war Berndeutsch genau genommen gar nicht seine Muttersprache. Seine Mutter war Holländerin, sein Vater Berner, und um in der Familie ein sprachliches Ungleichgewicht zu vermeiden, beschlossen die beiden Eltern, mit den Kindern Französisch zu sprechen. Berndeutsch hat Mani in der Schule von den andern Kindern gelernt.
«Mani» ist übrigens ein Pseudonym.
Sein richtiger Vorname war Hans Peter. Seine Mutter nannte ihn gerne Jan, seine jüngere Schwester machte daraus Nan, danach Nani, das später zu Mani wurde. Das war dann auch sein Pfadfindername, und bei dem blieb er, als er mit Chansons aufzutreten begann. Im frankophilen Hause Matter gab es Platten von Maurice Chevalier aus der Erbschaft eines Onkels, und – von Mani selbst gekauft – von Georges Brassens. Als sich Mani überlegte, was er zu einem Pfadiabend beitragen könnte, machte er ein Mundartlied zu einer Melodie von Georges Brassens, «Dr Rägewurm». Er war verblüfft über den Erfolg, alle fragten ihn nach weiteren Liedern, und so fing er an, zu eigenen Melodien eigene Chansons zu schreiben.
Nach der Matur belegte er zunächst ein Semester Germanistik an der Uni Bern, liess sich aber «durch Vorlesungen über Goethe etwas abschrecken» und entschloss sich für das Studium der Jurisprudenz. Sein Vater war Rechtsanwalt, spezialisiert auf Marken- und Patentrecht. Manis Interesse galt jedoch dem Staatsrecht. 1963 wurde er Assistent des Staatsrechtsprofessors Richard Bäumlin. 1965 schloss er sein Studium mit der Dissertation «Die Legitimation der Gemeinde zur staatsrechtlichen Beschwerde» ab. Sie zeigte auf, welche Möglichkeiten einer Gemeinde beim Bundesgericht offenstehen, um gegen kantonale Beschlüsse zu rekurrieren, und kritisierte die damalige Haltung des Bundesgerichts als zu wenig liberal. Es ging letztlich um das Recht des Kleineren gegen den Grösseren – der Gedanke an sein Chanson «Dr Hansjakobli und ds Babettli» liegt auf der Hand. Seine Dissertation erschien im Verlag Stämpfli in Bern und dürfte mit ihren 79 Seiten eine der kürzesten Dissertationen überhaupt sein.
1967 begab sich Mani Matter für ein Jahr nach Cambridge, um an seiner Habilitationsschrift zu arbeiten. Sie trug den Titel «Die pluralistische Staatstheorie» und stellte den Staat als ein Gebilde dar, das nicht in erster Linie durch Übereinstimmung geprägt ist, sondern nur durch Widerspruch verschiedener Meinungen lebendig bleibt. Zur Fertigstellung fehlten ihm, als er zurückkam, bloss noch die Fussnoten, die er nie geschrieben hat. Trotzdem bekam er 1970, jetzt als Oberassistent, einen Lehrauftrag für Staats- und Verwaltungsrecht an der Uni Bern. Wege zu einer Professur wären ihm durchaus offengestanden.
Im Januar 1969 hatte er einen befristeten Auftrag bei der Stadt Bern angenommen, wo man jemanden suchte, der in den städtischen Reglementenwirrwarr Ordnung brachte. Nachdem er diese Arbeit abgeschlossen hatte, wurde er zum festangestellten Rechtskonsulenten der Stadt ernannt.
Die Aussicht, ein ganz normales Leben als städtischer Beamter zu führen, erleichterte ihn, wie er in einem Brief an seinen Liedermacherfreund Fritz Widmer aus Cambridge schrieb. 1963 hatte er Joy Doebeli geheiratet, es waren drei Kinder zur Welt gekommen, und obwohl seine Frau ihre berufliche Tätigkeit als Englischlehrerin nie aufgegeben hatte, stellte sich ein Gefühl der Verantwortung für die Familie ein.
In einem Interview, das ich 1971 mit ihm führte, antwortete er auf meine Frage, ob er nicht Lust habe, hauptberuflich zu singen:
«Nein. Ich möchte nicht gern das Gefühl haben, ich müsste mich morgens um acht Uhr in mein Studierzimmer begeben, um meine Familie zu ernähren und zu diesem Zweck wieder Lieder zu schreiben. Ich bilde mir ein, dass die Lieder, die ich schreibe und die zu schreiben ich mir die Zeit irgendwie nehmen muss, dass das dann wirklich nur die sind, die, von mir aus gesehen, einem Bedürfnis entsprechen.»
Wir können heute froh sein, dass dieses Bedürfnis stärker war als dasjenige, die Fussnoten zu seiner Habilitation zu schreiben.
Es überrascht nicht, dass Mani auch politisch aktiv war. Kaum hatte er das stimmfähige Alter erreicht, trat er dem «Jungen Bern» bei, einer Gruppe, die versprach, politische Probleme allein nach sachlichen Gesichtspunkten anzugehen und Entscheide von Fall zu Fall zu treffen, während bei den grossen Parteien meist von vornherein klar war, wie sie sich auf Grund ihrer Ideologie zu einer Sache stellten. 1959 gelang dem «Jungen Bern» mit der glanzvollen Wahl des Pfarrers und Schriftstellers Klaus Schädelin der Einzug in die 7-köpfige Exekutive. Der Propagandachef für Schädelins Wahl war Mani Matter. Er selbst wurde bei den Wahlen ins Kantonsparlament 1960 zweiter Ersatzmann und hatte somit reelle Chancen, ein nächstes Mal gewählt zu werden, und von da an liess er sich nicht mehr aufstellen. Er war aber von 1964 bis 1967 Präsident des «Jungen Bern».
«Mir hei e Verein, i ghöre derzue» hat Mani Matter gesungen und in diesem Lied von den Schwierigkeiten erzählt, dazuzugehören. Als sich nach dem Austritt einiger prominenter Autoren und Autorinnen aus dem Schweizerischen Schriftstellerverein 1970 die «Gruppe Olten» zu bilden begann, war Mani bei einigen der ersten Treffen dabei. Bald debattierte man darüber, ob man einfach eine Gruppe bleiben wolle, wie etwa in Deutschland die Gruppe 47, oder ob man eine Form suchen sollte, in der man auch juristisch handlungsfähig sein würde, und man fragte den Juristen Mani, ob er so etwas wie Vereinsstatuten entwerfen könne. Das tat er dann, seine klaren und einfachen Statuten überzeugten auch die Hitzköpfe, und so wurde aus der Gruppe ein Verein, der bis zu seiner Wiedervereinigung mit dem Schriftstellerverein 2002 existierte. Später wussten die wenigsten, dass die juristische Fussspur dazu von Mani Matter gelegt worden war.
Ich glaube, vielen Menschen hat Manis Lied vom Verein geholfen, «würklech derzue» zu gehören, auch wenn sie gefragt werden: «Du lue ghörsch du da derzue?» Letztlich ist die Beschreibung des Vereins nichts anderes als die pluralistische Staatstheorie im Kleinen.
Und neben all diesen Tätigkeiten widmete er sich immer wieder der Nebenbeschäftigung, deretwegen er heute ein Begriff ist, dem Schreiben von Chansons.
Klaus Schädelin hatte einige davon auf Tonband aufgenommen, und wer immer bei ihm vorbeikam, musste sie hören. Einer davon war Guido Schmezer, damals Chef der Abteilung Unterhaltung bei Radio Bern, der Mani daraufhin zu Aufnahmen ins Studio Bern einlud. Am 28. Februar 1960 war Mani Matters Stimme zum ersten Mal im Radio zu hören.
Chansons aus jener Zeit sind etwa «Dr Ferdinand isch gstorbe», «I han en Uhr erfunde», «D’Psyche vo der Frou», «Dr Herr Zehnder», «Dr Kolumbus», «Ds rote Hemmli», «Ds Eisi», «Dr Heini», «Ds Lotti schilet». Damit hatte er «es Zündhölzli azündt», dessen Flamme sich rasch weiterverbreitete.
Seine Lieder wurden zunächst in Programmen des Lehrercabarets «Schifertafele» gesungen, und es dauerte bis 1967, bis Mani Matter regelmässig selbst auftrat, zusammen mit Ruedi Krebs, Jacob Stickelberger, Bernhard Stirne-mann, Markus Traber und Fritz Widmer, für die Heinrich von Grünigen in einer enthusiastischen Besprechung im «Bund» den Sammelbegriff «Berner Troubadours» geprägt hatte.
Auch bei den Schriftstellern brachte der Gebrauch der gesprochenen Sprache frischen Gegenwartswind. Kurt Marti, der über Mani Matter einen Artikel in der «Weltwoche» geschrieben hatte, hatte den Dialekt bereits als Ausdrucksmittel entdeckt, andere wie Ernst Eggimann oder später Ernst Burren kamen dazu, Walter Vogt kreierte dafür das Stichwort «modern mundart».
1966 veröffentlichte der eben gegründete Zytglogge Verlag Manis erste Schallplatte, die zugleich die erste des Verlags war, «Berner Chansons von und mit Mani Matter» (später umgeändert in «I han en Uhr erfunde»). 1967 folgte seine zweite Platte, «Alls wo mir i d Finger chunnt». 1969 publizierte Egon Ammann in seinem «Kandelaber Verlag» das erste Chansonbändchen «Us emene lääre Gygechaschte», für das Mani im selben Jahr den Buchpreis der Stadt Bern erhielt. 1970 kam seine dritte Platte heraus, «Hemmige».
Inzwischen war Mani Matter längst zum Begriff geworden. Die Auftritte der «Berner Troubadours» waren überall in der Schweiz ein grosser Erfolg. Mani fand es bald fragwürdig, dass sie zu sechst im ganzen Land herumfuhren, wo doch jeder von ihnen ein Repertoire hatte, das weit über den 10-15-Minuten-Auftritt hinausreichte.
So trat er dann vom Herbst 1970 an immer mehr zusammen mit Fritz Widmer und Jacob Stickelberger auf, mit denen er auch ausführlich alle Chansons besprach, und schliesslich sang er am 9. Oktober 1971 zum ersten Mal einen ganzen Abend solo seine «Gesammelten Werke», und zwar im Luzerner Kleintheater von Emil, der ihn durch beharrliche Anfragen so weit gebracht hatte. Seine Auftritte, in denen er seine «Liedli» mit lakonischen Zwischentexten verband, waren überaus erfolgreich, und Mani wurde zum gefragten Einmannkünstler.
Auf der Fahrt nach Rapperswil zu einem seiner Solo-Abende kam er am 24. November 1972 bei einem Überholmanöver auf der Autobahn bei Kilchberg ums Leben. Die Bestürzung über seinen Tod war gross, sie kam einer Landestrauer gleich.
Mani Matter ist in erstaunlichem Mass ein Stück schweizerischer Kultur geworden, ein gemeinsamer Nenner für die unterschiedlichsten Menschen. Kinder sind immer noch und immer wieder für ihn zu begeistern. Mani selbst hat mir einmal gesagt, wie sehr es ihn irritiere, wenn er als Kompliment für seine Lieder zu hören bekomme, das sei noch etwas Unverdorbenes, das man den Kindern mit gutem Gewissen vorsetzen könne. Er habe dann jeweils grosse Lust, etwas Obszönes und Geschmackloses zu schreiben, nur um die Leute zu verunsichern.
Der Konsens, dass es sich hier um gute Lieder handelt, ist gross, verdächtig gross fast. Heisst das vielleicht, dass sie unverbindlich sind? Kann das überhaupt sein, dass dasselbe Lied den Sänger einer Band, die sich einst als Sprachrohr der Berner Jugendbewegung verstand, Kuno Lauener, ebenso anspricht wie die freisinnige Ex-Bundesrätin Elisabeth Kopp, die in ihrem Buch «Briefe» erwähnt, wie wertvoll ihr Manis Lieder seien? Heisst das nicht, dass sie unverbindlich sind? Kann das sein, dass wir ihn alle lieben, den Poeten und hintersinnigen Kritiker? Oder sagen wir Klavier und meinen Bratwurst, wie in Manis Lied vom Missverständnis? Ob Missverständnis oder nicht, wir müssen es zumindest für möglich halten, und es könnte auch heissen, dass wir alle etwas miteinander zu tun haben, dass die Lieder nicht unverbindlich sind, sondern verbindend. Für Mani selbst hiess ja Zusammenkommen nicht Versöhnung, sondern Gespräch, Kontroverse, Diskussion.
Seine Verse sind eine Einladung zur Einfachheit, kommen leicht und selbstverständlich daher, erwischen uns beim Vertraut-Alltäglichen, bei einer Eisenbahnfahrt («Ir Ysebahn»), beim Gang auf eine Amtsstelle («är isch vom Amt ufbotte gsy»), bei der Münzsuche vor einem Parkingmeter («Dr Parkingmeter»), und schicken uns dann in philosophische Labyrinthe. «Ir Ysebahn» etwa ist nicht nur ein komisches Lied, sondern auch ein Lied über die Möglichkeiten unserer Erkenntnis, über die schon Kant nachgedacht hat, und über das Konfliktpotential, das darin enthalten ist. «Dene wos guet geit» ist verkappte und verknappte Soziologie.
Er ist den Fremdwörtern nicht ausgewichen, hat etwa dem Anglizismus «Sändwich» ein ganzes Lied gewidmet, dessen Schlussvers vom Wort «Dialäktik» gekrönt wird, im Coiffeursalon hat ihn «es metaphysischs Grusle» gepackt, als er sich in den Spiegeln zu einem Männerchor vervielfältigt sah. Diese vorbehaltlose Offenheit gegenüber der Sprache, diese Nähe zum Leben liess seine Lieder bis heute nicht altern.
Was er mitausgelöst hat, nämlich eine Rückeroberung des Dialekts für das Dichten, Denken und Singen, war eine Identifikationshilfe für die schweizerdeutsch sprechenden Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, eine Möglichkeit, sich als zugehörig zu empfinden, ohne eine Nationalhymne singen zu müssen.
Er sagte einmal in einem Vortrag, die einzige Tradition, an die er habe anknüpfen können, sei das «Lumpeliedli», und «Versueche, es poetischs Chanson z mache, sy völlig fählgschlage». Er war stets auf der Suche nach dem poetischen Chanson, so sehr, dass er gar nicht bemerkte, wie manche davon er schon zustande gebracht hatte, von «Us emene lääre Gyge-chaschte» über «Ds Lied vo de Bahnhöf» oder «Die Strass, won i drann wone» bis zum «Noah».
Aber er suchte mehr als das, einen neuen Ton, der das Gelände des Witzes und der Ironie gänzlich hinter sich lassen würde. Zwei seiner letzten Lieder sind Zeugnis dafür. Vom einen, «Nei säget sölle mir», gibt es eine Piratenaufnahme eines Auftritts im Berner «Bierhübeli», auf der deutlich zu hören ist, wie das Publikum zuerst lacht und dann auf einmal verstummt, weil es seinen alten Mani nicht wiederfindet. Und mit «Warum syt dir so truurig?», ein Lied, zu dem es acht verschiedene Entwurfsseiten mit immer wieder neuen Wendungen und Textanordnungen gibt, ist er in diesem neuen Ton angekommen – es ist für mich das Ergreifendste, was er geschrieben hat.
Und dann die Musik. Auch hier macht man die Feststellung, dass sie zwar einfach, aber nicht simpel ist. Sie orientiert sich häufig an der Melodie, welche den Wörtern selbst bereits innewohnt, Anfänge wie «Das isch ds Lied vo de Bahnhöf», «Wär würd gloube, dass dr Heini» oder «Nei säget sölle mir» schieben die Wortmelodie nur ein kleines bisschen ins Musikalische hinüber, und schon wird sie zu einem Lied. Seinen Begleitfiguren auf der Gitarre wird man jedoch mit dem abschätzigen Hinweis auf die drei berühmten Griffe, die es für ein Lied braucht, nicht gerecht, man höre sich nur etwa den «Bärnhard Matter» oder «I han en Uhr erfunde» an. Aber Mani beschränkt sich immer auf ein Minimum. So genügt ihm in Farbfoto der Dreivierteltakt, das Wälzerchen, um die Sentimentalität des Werbefotos, das er beschreibt, auch hörbar zu machen.
«Im’ne Sportflugzüg
sy zwee mal en
Alpeflug ga mache»
Mani Matter, Dr Alpeflug
In den späten Achtzigerjahren fingen «Züri West» an, auf jeder ihrer Platten ein Lied von Mani in einer Rock-Fassung einzuspielen. «Dynamit» klang, als sei es für sie geschrieben. Mühelos passen sich viele von Manis Liedern dem Rock-Rhythmus an, oder der Rock-Rhythmus passt sich ihnen an und lässt ihre anarchistische Seite stärker aufleuchten, oder auch ihre poetische, wie im «Heiwäg» oder in Stephan Eichers Version von «Hemmige».
Bei Stephan Eichers Konzerten in Frankreich sang das Publikum jeweils den Refrain von «Hemmige» mit. Als ich das im «Olympia» in Paris erlebte, sah ich in Gedanken Mani lächeln, mit der Maurice-Chevalier-Platte seines Onkels unter dem Arm.
Als die CD «Matter-Rock» entstand, wurde Manis «Warum syt dir so truurig?», das es nicht mehr von ihm selbst gesungen gibt, durch Polo Hofer interpretiert. Er sagte mir nachher, sie hätten lange gewerweisst, ob er «warum» auf der ersten Silbe betonen solle (so hatte es Mani noch auf seinem Manuskript notiert, als Lied im 3/4-Takt) oder auf der zweiten, als Auftakt zu einem 4/4-Takt, was er schliesslich vorzog, da es ihm besser lag. Das ist typisch für Manis Melodien, dass eben beides geht. Wichtig war ihm die natürliche Sprechweise.
Worauf ich nicht mehr eingehen kann, sind Mani Matters literarische Arbeiten, die nichts mit den Chansons zu tun hatten. Seine hochdeutschen Kurzgeschichten, Aphorismen, Einakter, Gedichte, philosophischen Betrachtungen und Tagebuchnotizen kamen erst nach seinem Tod heraus, in den Büchern «Sudelhefte» (Benziger, 1974) und «Rumpelbuch» (Benziger, 1976), deren Titel noch von ihm selbst stammten. Später kamen zwei weitere dazu, «Das Cambridge Notizheft» (Zytglogge, 2011) und «Was kann einer allein gegen Zen Buddhisten» (Zytglogge, 2016). Es sind Fundgruben voller Überraschungen, die von Manis intellektueller Brillanz, aber auch von der Neugier auf andere Formen zeugen.
Sein Libretto «Der Unfall», ein Madrigalspiel für 10 Mitwirkende, erzählt in der Ich-Form von einem, der überfahren wurde.
«Ich bin überfahren worden, weil ich unachtsam war. Unachtsam war ich, weil ich an etwas anderes dachte. Ich dachte daran, es sei schade, dass ich kein Musiker bin.»
Er schrieb den Text für seinen Freund, den Komponisten Jürg Wyttenbach, der mit der Vertonung schon ziemlich weit war, als Mani tödlich verunfallte. Danach war Wyttenbach nicht mehr in der Lage, mit der Komposition weiterzufahren. Er brauchte über 40 Jahre, um die
Arbeit daran wieder aufzunehmen, und das Stück wurde 2015 an den Luzerner Musikfest-wochen uraufgeführt.
Durch die Heiterkeit und den verspielten musikalischen und textlichen Witz des Werks leuchtet immer wieder die grosse Trauer über Mani Matters Tod, der vermutlich auf der Autobahn an etwas anderes gedacht hatte.
Text: Franz Hohler, Fotos: Matter & Co. Verlag