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Die Talkshow-Frage, internationale Kundschaft
"Jahrzehnte später, als Fred Spillmann sich zum berühmtesten Couturier dieses Landes durchgestylt hatte, wurde er in Talkshows immer wieder gefragt, ob ihn diese drei frühen Mädchenjahre geprägt hätten. Unterschwellig hing da stets die Frage wie ein Faden an der Nadel: War das Erlebnis Ursache für Ihr Schwulsein? Und für Ihr Faible für Verkleidung? Der Couturier wedelte solche Vermutungen stets energisch mit dem Statement beiseite: 'Schwul ist Mann. Das kann keiner lernen oder anerzogen bekommen. Schwul sein ist eine Gabe'. So viel Selbstbewusstsein war für einen Homosexuellen mit Jahrgang 1915 nicht selbstverständlich. Das war nur möglich, weil eine starke Familie, mehr noch, eine ganze Stadt stets zu ihm gestanden sind.
Fred Spillmann kreierte ein halbes Jahrhundert lang Kleider für die Reichen und Berühmten dieser Welt. Baronin von Thyssen, Sophie von Opel oder Mammie Gonthard, die milliardenschwere Besitzerin der Anheuser-Busch-Werke [internationale Bierbrauerei mit u.a. der Marke Budweiser], kauften immer mal wieder eine ganze Kollektion auf. Er kleidete die Caballé als Tosca ein, entwarf für Orlikowsy [Ballettmeister] die Kostüme zu 'Dorian Gray' und schneiderte für die Roche-Erbin Maja Sacher ein Zigaretten-Kleid. Er kreierte für die starke Raucherin ein Kleid mit glühenden Stoff-Glimmstengeln und baute ihr versteckte Aschenbecher in den Rock. Heute hängt das Kleid – wie so viele mit dem seidenen Gütestempel 'FS' versehen – im Museum."
Laut Basler Zeitung vom 5. März 2015 gehörten auch Josephine Baker, Marlene Dietrich und Grace Kelly zu Spillmanns Kundinnen, denn nur die internationale Kundschaft habe sein Geschäft gesichert.
Die Ausstellung von 2003/2004 mit Spillmann-Kreationen wurde von der Konservatorin Margret Ribbert zusammengetragen. In einem Interview erklärte sie, es gebe keinen biografischen Zusammenhang etwa mit einem runden Geburtstag des Couturiers oder sonst etwas Besonderem.
"Die Sache sei ganz einfach die, dass Fred Spillmann europäische Couture-Geschichte genäht habe. 'Für einen Schweizer ist dies aussergewöhnlich', sagt Rippert und fügt hinzu: 'Seine Arbeiten sind Kunstwerke, die überdauert haben – aber die ersten Kundinnen sind weggestorben, die Kleider in aller Welt zerstreut. Und es war höchste Zeit, diesen Teil schweizerischen Modeschaffens zusammenzutragen und zu einem Ganzen zu schneidern. Das Unglaubliche: Spillmann war in seiner Arbeit den Trends stets Jahrzehnte voraus.' […] "
Ernst Ostertag, Januar 2020
Quellenverweis
Auszug aus: -minu: König der Selbstdarstellung, in: NZZ am Sonntag, 21.09.2003, S. 87.