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Katze in der Nacht
Zuerst sah ich sie gar nicht, so gut passte ihre Farbe zum Mond, der blutrot aus dem Meer aufgestiegen war und jetzt orange über der Bucht schwebte. Auch die Katze schwebte mit einer sichtbaren Lautlosigkeit über der Hotelmauer. Es war, als ob ein Teil der Steine Leben bekommen hätte. Fasziniert verfolgte ich sie mit meinen Blicken, als mich plötzlich etwas Schwarz-Weisses irritierte. Da war ein Schatten unterhalb der zwei Meter hohen Mauer im Gras. Ein Jungtier rannte auf dem Boden der Mauer entlang, um mit der orangen Katze Schritt zu halten. Sein schwarz-weisses Fell flackerte im Schatten.
Die Szene stand mit ihrer Stille im krassen Gegensatz zum Lärm, der den Vorhof des Hotels ausfüllte. Tanzmusik untermalte eine ausgelassene indische Hochzeitsgesellschaft. Die rhythmischen Klänge wurden die Hotelmauer hochgeworfen, und von meinem Balkon im dritten Stock sah es so aus, als ob die in prächtige Tücher gekleideten Frauen in einer Schlucht tanzen würden. Die orange Katze hatte die linke Ecke der Hotelmauer erreicht, ihr schwarz-weisser Schatten war beharrlich unter ihr, wie von einer unsichtbaren Drahtstange geführt. Da erblickte ich eine ebenfalls orange gefärbte Jungkatze, die ganz links auf der Hotelmauer trippelte. Sie war nicht so zielstrebig, hatte den Schwanz nicht auf dieselbe fröhliche Art hochgestreckt wie das Muttertier, das jetzt an seinem Bestimmungsort angekommen war. Ein kurzer Blick zum schwarz-weissen Schatten, dann sprang sie elegant und unbekümmert runter von der Mauer, weg von der kleinen Katze, die für einen Moment in Ratlosigkeit erstarrte.
Lautes Klatschen lenkte mich ab. Zu arabischen Klängen feuerten die Frauen eine junge Tänzerin in einem wunderschönen, türkisfarbenen Kleid an. Die junge Frau war hypnotisiert von der fremden Musik und das Klatschen der Zuschauer peitschte sie an. Vor und zurück, mit leichtfüssigen Schritten verfloss sie mit der Musik. Selber verzaubert von der Musik verzauberte sie mit ihren Blicken die Anwesenden. Erst, als die Musik zu Ende war und eine ältere Frau die betörende Tänzerin unter grossem Applaus wegbegleitete, bemerkte ich, dass es sich bei der Tänzerin um ein Kind handelte.
Eine neue Melodie setzte ein, im gleichen Rhythmus. Die Männer feuerten jetzt einen Jungen an, der kaum zwölf Jahre alt war und zögerlich mit den Hüften zu schwingen begann. Dann gibt auch er sich auf im Rhythmus, als ob die Melodie endlich die Aufmunterungen der Männer übertönt habe und direkt in sein Blut übergegangen sei. Wie eine Schlange beginnt es sich im Takt zu wiegen, hypnotisiert und hypnotisierend zugleich.
Daher können die Inder also Schlangen beschwören. Sie setzen schon ihre eigenen Kinder in Trance und kennen das schwebende Gefühl aus der eigenen Kindheit.
Schwebend, wie die orange Katze.
Ich war sicher eine Viertelstunde so abgelenkt, dass ich gar nicht bemerkte, wie alle Tiere verschwunden waren. Ob die schwarz-weisse Katze versuchte, die Mauer hochzuklettern, als ihre Mutter ins scheinbare Nichts sprang und ihren nächtlichen Streifzug mit einem gezielten Satz ins Leere begann? Oder ist sie verzweifelt umgedreht?
Der Tanz in der Schlucht ging weiter.