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Um im Jahr 2050 rund 9 Milliarden Menschen ernähren zu können, muss die weltweite Produktion an Nahrungsmitteln in den nächsten Jahrzehnten um 70 Prozent gesteigert werden. Davon ist Michel Mordasini überzeugt. Gemäss dem Vizepräsidenten des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung muss die Unterstützung von Kleinbauern Priorität haben.
Der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD)externer Link wurde 1977 gegründet und hat als Sonderorganisation der Vereinten Nationen (UNO) seinen Sitz in Rom. Der Fonds setzt sich aktiv für eine Verbesserung der Ernährunglage in ländlichen Regionen ein, die von Armut und Unterernährung besonders betroffen sind.
Der IFAD ist nicht nur eine hoch spezialisierte Einrichtung für Landwirtschaftsfragen, sondern auch die einzige Finanz-Organisation der UNO. Es handelt sich um eine Art Bank, die in der Regel Kredite zu Vorzugszinsen gewährt, um die landwirtschaftliche Produktion und deren Absatz zu fördern sowie das Einkommen der ländlichen Bevölkerung zu steigern.
Seit Beginn seiner Aktivitäten hat der Fonds mehr als 15 Milliarden Dollar investiert und mehr als 410 Millionen Menschen aus der Armut geholfen. Gemeinsam mit der UNO-Ernährungs- und Landwirtschafts-Organisation (FAO) und dem UNO-Welternährungs-Programm (WFP) wird der IFAD nächstes Jahr an der Weltausstellung in Mailandexterner Link die Aktivitäten der UNO im Bereich der Nahrungsmittel und der landwirtschaflichen Entwicklung präsentieren. Die Weltausstellung steht unter dem Motto "Die Welt ernähren".
IFAD
Auf der Welternährungskonferenz 1974 wurde die Gründung des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (International Fund for Agricultural Development, IFAD) beschlossen. Die Satzung trat 1977 in Kraft. Sitz der Organisation ist Rom.
Der IFAD ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen und auf die Armutsbekämpfung in ländlichen Gebieten spezialisiert. Hierfür vergibt er zinsgünstige Kredite an Entwicklungsländer. Der Fonds hat derzeit 174 Mitglieder.
Seit seiner Einrichtung hat der Fonds rund 15,8 Mrd. Dollar in Subventionen und zinsvergünstigte Kredite gesteckt. Insgesamt 430 Mio. Menschen konnten in irgend einer Weise an diesen Geldern teilhaben.
2014 ist für den IFAD ein besonderes Jahr. Die UNO hat das "Internationale Jahr der familienbetriebenen Landwirtschaft" ausgerufen. Zudem wird der IFAD bei der Weltausstellung in Mailand präsent sein, die unter dem Motto steht: "Die Welt ernähren. Energie für das Leben."Infobox Ende
Der Schweizer Michel Mordasini, ehemaliger Vizedirektor der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza)externer Link, dem Schweizer Entwicklungshilfe-Ministerium, ist seit Ende letzten Jahres Vizepräsident des IFAD. Mordasini kümmert sich um die strategische Ausrichtung des Fonds und um Budgetfragen. Er ist zudem an der Ausarbeitung der Entwicklungsprogramme in den 174 Mitgliedstaaten beteiligt und überwacht die Qualitàt und Transparenz der Programme.
swissinfo.ch: Herr Mordasini, welche Prioritäten hat der IFAD?
Michele Mordasini: Unser Mandat betrifft einzig die Landwirtschaft. Wir arbeiten besonders daran, Kleinbauern zu helfen und die Entwicklung landwirtschaftlicher Gemeinschaften zu förden. Und dies aus gutem Grund: Drei Viertel der Weltbevölkerung, die verarmt ist, lebt in ländlichen Gebeiten.
Wir arbeiten in allen ruralen Gebieten der Erde, namentlich in Asien und Afrika. Aber wir sind auch in Schwellenländern wie Brasilien aktiv. Und sogar in einem europäischen Land wie Albanien.
swissinfo.ch: In welchen Etappen verläuft ein IFAD-Projekt?
M.M.: Die Vorgehensweise des Fonds ist sehr ähnlich wie bei Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, die zum Schweizer Aussenministerium gehört. Der IFAD verfolgt eine "Länderstrategie". Das heisst, dass die jeweilige Strategie für ein Land in enger Zusammenarbeit mit der jeweiligen Landesregierung und den landwirtschaftlichen Partnern vor Ort entwickelt wird. Gemeinsam werden die Prioritäten festgelegt.
Der erste Schritt besteht immer darin, dass das jeweilige Land seine eigenen Bedürfnisse formuliert. Der IFAD ernennt einen Länderveantwortlichen, der die Situation vor Ort analysiert und Programme erarbeitet, die unterstützt werden sollten.
Ich möchte aber betonen, dass die jeweiligen Projekte immer von den lokalen Gemeinschaften ausgehen und unter ihrer Obhut stehen. Wir stehen beratend zur Seite und liefern technische Hilfestellungen. Aber die Hauptlast für die Projekte liegt in den jeweiligen Ländern.
swissinfo.ch: Wie werden die Projekte finanziert, die von Ihrem Fonds unterstützt werden?
M.M.: Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Ein Projekt wird von uns nie vollumfänglich finanziert. Dieses Jahr setzen wir 1 Milliarde Dollar ein, aber das Gesamtvolumen aller Projekte beträgt 2,2 Milliarden Dollar.
Wir beteiligen uns an Finanzierungen, hauptsächlich über zinsgünstige Kredite, doch diese müssen andere Geldgeber stimulieren, ebenfalls in kleine landwirtschaftliche Gemeinschaften zu investieren. Wegen dieses Vorgehens ist der IFAD wirklich eine besondere Organsiation.
swissinfo.ch: Das Ganze hat mit Wohltätigkeit folglich nichts zu tun...
M.M.: Richtig. Wir tätigen gezielte Investionen in die Bauern. Wir fördern ihr Know-how mit dem Ziel, dass sie ihre Situation verbessern können.
Michel Mordasini
Michel Mordasini wurde am 12. August 1954 in Genf geboren. Er kann auf eine 30-jährige Berufskarriere im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit zurückblicken.
Mordasini war beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) und später bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) tätig.
Er hat viele Einsätze vor Ort absolviert, unter anderem in Südafrika, Uganda, Irak, Afghanistan, Libanon, Pakistan und Tansania.
2006 wurde er zum Botschafter ernannt und mit der Aufgabe eines Exekutivdirektors der Schweiz bei der Weltbank in Washington betraut.
Von 2011 bis 2013 war er Deza-Vizedirektor. Auf 1.Dezember 2013 hat er das Vizepräsidium des Fonds IFAD in Rom übernommen.Infobox Ende
swissinfo.ch: Welche globalen Herausforderngen gibt es für die Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Gemeinschaften?
M.M.: Trotz aller Anstrengungen der internaitonalen Gemeinschaft gibt es immer noch eine Reihe von schwerwiegenden Problemen. Erstens: Zu viele Menschen hungern nach wie vor auf dieser Welt. Es wird geschätzt, dass 800 Millionen Menschen nicht genug zu essen haben.
Die zweite grosse Herausforderung: Bis 2050 werden 9 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Um diese ernähren zu können, muss die landwirtschaftliche Produktion um 70 Prozent gesteigert werden.
Die Kleinbauern in ländlichen Gebieten stehen heute und in Zukunft vor zwei Hauptproblemen: Klimawandel und Wasserknappheit.
swissinfo.ch: Warum legt der IFAD eigentlich so grosses Gewicht auf die Kleinbauern?
M.M.: Weil die Kleinbauern in Afrika südlich der Sahara und in Asien 80 Prozent der Nahrung produzieren. Wenn wir die Produktion langfristig um 70 Prozent steigern müssen, ist es zwingend, in die kleinen bäuerlichen Betriebe und Gemeinschaften zu investieren. Wir müssen ihnen technologisch helfen sowie Zugang zu Krediten und Märkten schaffen. Ausserdem müssen die Verkehrsanbindungen und Verkehrswege verbessert werden.
Daher wenden wir uns an Organisationen, welche die Kleinbauern repräsentieren und suchen Partner in potentiellen Absatzländern. Ich kann ein schönes Beispiel aus dem indischen Bundesstaat Maharashtra erzählen. Dort warfen die Bauern die ganz kleinen Maiskolben immer weg, heute werden sie dank eines Projekts in Supermärkten in Grossbritannien verkauft.
swissinfo.ch: Welche Rolle spielen die Frauen in den IFAD-Projekten?
M.M.: Kleine Landwirtschaftsbetriebe, die von Frauen geführt werden, sind für die Entwicklung ländlicher Gebiete von entscheidender Bedeutung. Wenn es Frauen gelingt, die wirtschaftlichen Bedingungen zu verbessern, schlägt sich dies positiv auf das ganze Umfeld nieder. Wenn Frauen höhere Einkommen generieren, verbessern sich die Quantität und Qualität der Nahrung. Davon profitieren die Familien, besonders Kinder. Kurzum: Ein positiver Zyklus.
swissinfo.ch: Inwiefern kann die Technologie der Landwirtschaft helfen?
M.M.: Beim IFAD legen wir sehr grossen Wert auf Technologie und wissenschaftliche Forschung. Die jeweiligen Projekte müssen aber wirklich für Kleinbauern nützlich sein, wie beispielsweise Studien über salzresistente Reissorten oder gegen Trockenheit resistentes Getreide.
Man muss auch sagen, dass es in vielen Fällen bereits Lösungen gibt. Man müsste diese nur besser anwenden. Denken wir etwa an die Nahrungsmittelverluste, die zwischen Feld und Teller verloren gehen, weil keine ausreichenden Lagerungsmöglichkeiten vorhanden sind.
In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass die Deza mit 2,7 Millionen Dollar ein vom IFAD, der FAO und dem WFP lanciertes Projekt finanziert, um diese Nahrungsmittelverluste zu verringern.
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob), swissinfo.ch