Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03218.jsonl.gz/2398

Es war Hermann Burgers Schicksal, in der tiefsten Provinz zur Welt zu kommen. (Dass er dann allerdings sein Leben darin verbrachte, war eine Entscheidung freien Willens.) “Tiefste Provinz”, sagte ich, und ich meine es. Nicht nur, dass er 1942 in der Schweiz zur Welt kam und hier aufwuchs, was an sich schon bedeutet hätte, in einem provinziellen Mief gross zu werden, mit dem verglichen selbst die Adenauer-Zeit Deutschlands den Duft der grossen weiten Welt verströmte: Er kam auch im provinziellsten aller Schweizer Kantone zur Welt – dem Aargau. Der Aargau ist, was man eine ‘Non-Entity’ nennen könnte. Er hat keine individuelle Geschichte, sondern ist eine von Napoléon künstlich geformte Verwaltungseinheit seines Vasallenstaates, der Helvetischen Republik. Er hat deshalb zwar eine Hauptstadt, Aarau, aber kein Zentrum. Bis heute ist es so, dass sich der Nordosten des Kantons gegen Waldshut orientiert oder gar Stuttgart. Der Nordwesten, obwohl katholisch, orientiert sich am reformierten Basel. Der mittlere Osten ist nach Zürich ausgerichtet. Der Südosten, noch heute so schwarz-katholisch, dass der Freistaat Bayern neidisch würde, wüsste er von der Existenz dieser Gegend, hat sich Luzern zugewendet. Nur der mittlere und südliche Westen hat ein Problem. Zwar gehört Aarau dazu, aber Aarau ist selbst für diesen Teil nur Hauptstadt, nicht Zentrum oder Orientierungspunkt. Der nächste natürliche Orientierungspunkt wäre Bern, aber diese Teile des heutigen Aargaus waren jahrhundertelang rechtlose Untertanen Berns, was bis heute im Unterbewusstsein der Einwohner verankert ist. (Nebenbei ist das Geschichtsbild, das die meisten Schweizer bis heute pflegen, und das aus den Réduit-Zeiten des Zweiten Weltkriegs stammt, äusserst selektiv. Wir sind alle überzeugt davon, dass ‘wir’ Anno 1315 bei Morgarten die Habsburger geschlagen hätten, und ignorieren gepflegt, dass die Vorfahren von ca. 95% aller Schweizer – so diese überhaupt schon in dem geografischen Raum der heutigen Schweiz gelebt haben – auf der Verliererseite standen. Wir verdrängen gepflegt, dass z.B. die Stadt Winterthur, als sie im Mittelalter von den Habsburgern an Zürich verkauft wurde, noch lange der Habsburger Herrschaft nachtrauerte und keineswegs glücklich über den Übergang zur ‘freien Schweiz’ war – und Winterthur wurde nicht Untertanengebiet, wie jener “Berner Aargau” genannte Teil des Geburtskantons von Hermann Burger, der der Ausgangspunkt meiner Digression war.) In diesem Berner Aargau also, dem provinziellsten Teil des Kantons Aargau, dem Teil ohne Orientierung und Halt gebendes Zentrum, kam Burger zur Welt und verbrachte er dann sein Leben.
Hermann Burgers Gedichte, die in Band 1 der achtbändigen Werkausgabe versammelt sind, die der Verlag Nagel & Kimche verdankenswerter Weise dem Autor gewidmet hat, Hermann Burgers Gedichte also zeigen exemplarisch auf, wie er mit dieser seiner Provinz umgeht. Einerseits vergräbt er sich tief darin. Der Kirchberg z.B., in den Kirchberger Idyllen, ist nicht zu verwechseln mit der Gemeinde Kilchberg am Zürichsee, wo so prominente Autoren wie C. F. Meyer oder Thomas Mann gelebt haben und begraben sind. Dieser Kirchberg hier ist ein kleiner Hügel beim pfarrherrlichen Anwesen der Gemeinde Küttigen. Küttigen kennen selbst die Aarauer nur als Nachbargemeinde, durch die man fährt auf dem Weg zum Jura-Pass, der einen nach Basel führt.
Andererseits nimmt Burger die grosse, weite Welt durchaus wahr. Seine ersten Gedichte, Rauchsignale, sind formal und inhaltlich an Ingeborg Bachmann orientiert und an Paul Celan. Über Celan hat der Germanist Burger bekanntlich auch seine Doktorarbeit bei Emil Staiger geschrieben. Die Kindergedichte sind ein Versuch, das idyllische Leben der Kindheit lyrisch einzufangen. Burger verwendet dazu typischer Weise ein Kinderbuch, das er in einer strengen Form abzubilden versucht. Burger hat diesen Versuch offenbar selber als missglückt empfunden. Er bricht ab mit den Worten:
Und die Moral von der Geschicht:
Man spiele mit Idyllen nicht.
Die Kindergedichte wurden zu Lebzeiten Burgers nicht veröffentlicht.
Die Kirchberger Idyllen schliesslich nehmen das Ausland in doppelter Weise in die Provinz hinein. Einerseits ist da das lyrische Ich, das sich als Pfarrer in Küttigen imaginiert und sich in Parallele setzt zu jenem andern Pfarrer in der Provinz, der auch kein Pfarrer sein mochte: zum Schwaben Eduard Mörike. Doch die Dinge haben sich seit der Zeit des 150 Jahre Älteren geändert. Burgers Idylle ist nicht der Frühling mit seinem blauen Band, sondern setzt sich zusammen z.B. aus Konvoluten alter Verwaltungsakten, oder dem Rauch der Zigarre, den das lyrische Ich inhaliert und von sich stösst (Burger verwendet nicht das Wort ‘Zigarre’, sondern sagt “Stumpen” dazu, verwendet also den Dialektausdruck – Provinz.) Last but not least finden wir in dieser Idylle den Erdboden thematisiert. Es ist jene stark lehmhaltige Erde der Gegend (die Burger wiederum mit dem Dialektausdruck benennt: “Lätt” – Provinz), die u.a. auch dafür sorgt, dass die Toten auf dem Friedhof, wenn nach 30 Jahren die Friedhofsruhe aufgehoben wird und die Gräber aufgelassen, dass diese Toten da also noch lange nicht vollständig verrottet sind. Mit dem Friedhof haben wir nun auch die zweite, die ultimative Form von Ausland vor uns. Gleichzeitig Symbol für die Provinz, in der sich Burger im wahrsten Sinne des Wortes ‘vergraben’ hat, und für die Erlösung von dieser Provinz. Eine durchaus diesseitige Erlösung, und manchmal nicht einmal eine vollständige, wie die Totengräber bezeugen, und das lyrische Ich, das ihnen bei der Arbeit zuschaut. Dennoch der zeichnerische Fluchtpunkt, der der Provinz Perspektive gibt.
Im Grunde genommen ist Burger ein Heimatdichter, der mit seiner Heimat nichts zu tun haben will, und nur bleibt, weil er weiss, dass die Provinz letzten Endes überall ist.