Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03580.jsonl.gz/2467

Titel
Ägypten
[* 2] (hierzu
Karte »
Ägypten etc.«),
das Wunderland der Alten Welt, ehemals ein großes selbständiges Reich, jetzt ein unter der Hoheit des türkischen Sultans von einem Vizekönig regierter Staat in Nordafrika. Der Name ist griechischen Ursprungs, aber von ungewisser Bedeutung; nach Brugsch wäre das griech. Aigyptos entstellt aus Ha-ka-ptah, d. h. Haus der Verehrung des Ptah. [* 3] Der einheimische Name war Chemi oder Cheme (d. h. schwarzes Land); doch bezieht sich derselbe nicht auf die dunkle Hautfarbe der Einwohner, denn diese war rotbraun, sondern auf die schwarze Erde, welche, vom Nil angeschwemmt, den fruchtbaren Thalboden von dem angrenzenden Ta Tesch, d. h. das rote, der Wüste auffällig genug unterschied.
Bei den
Hebräern hieß
Ägypten Masar (im Dual
Misraïm), in persischen Keilinschriften Mudhraja. Der heutige arabische
Name ist
Masr, der türkische Gipt (der abgekürzte griechische, daher Gipti, die
Kopten,
[* 4] die unzweifelhaften Nachkommen der alten Ägypter).
Ägypten begriff früher nur das Nilthal bis zu den ersten
Katarakten südlich von
Assuân. Infolge der erobernden
Politik seiner letzten Herrscher hat sich das
Reich aber ungemein ausgedehnt, sowohl nach S. als nach SO. und
SW.
Große Länderstrecken
am
Weißen
Nil bis zu den
Nilseen und am Gazellenstrom wurden dem
Staat einverleibt; dazu kamen
Dar Fur
[* 5] und
die Somalstädte am
Arabischen
Meerbusen
(Zeila,
Berbera etc.) sowie das Land
Harar.
Damit erstreckt sich das ägyptische
Reich vom
Kap Burlos (31° 35' nördl.
Br.) bis zum Mwutansee (etwa 1½° nördlich vom
Äquator), d. h. durch 30 Breitengrade. Der
Umfang
Ägyptens läßt sich mit völliger Genauigkeit nicht
angeben, da ein großer Teil der
Grenze sowohl nach W. als nach O. in die
Wüste fällt. Allgemein anerkannte
Zahlen gibt es
nicht.
Schweinfurth rechnete noch 1877 die Somalländer südwärts bis zum
Fluß
Dschubb oder
Juba hinzu, so daß sich nach ihm
das
Areal
Ägyptens auf 67,500 QMeilen belief.
Doch sind die Ansprüche auf die Somalländer in der Folge wieder aufgegeben worden. Man darf demnach die Grenzen [* 6] in der Weise bestimmen, daß eine im O. von El Arisch am Mittelmeer gegen den Meerbusen von Akabah gezogene Linie die ganze Sinaihalbinsel im O. des Suezkanals und den schmalen Küstenstreifen westlich vom Dschebel el Schafah bis zum Wadi el Hams einschließt, die Ostgrenze dann weiter am Westufer des Roten Meers entlang bis Harar und Berbera verläuft, während die Südgrenze bis zu den Äquatorialseen reicht und die Westgrenze durch eine Linie gebildet wird, welche, der westlichen Grenze Dar Furs folgend, direkt durch die Wüste zieht und das Mittelländische Meer unter 25° östl. L. trifft. Das würde für das ganze ägyptische Gebiet nach Behm und Wagner (»Bevölkerung [* 7] der Erde«, Bd. 7) ein Areal von 2,986,900 qkm (54,246 QMeilen) geben (s. die statistische Übersicht unter »Staatsverwaltung«, S. 214).
Bodengestaltung und Gewässer.
Die Bodengestaltung, die Bewässerung und damit auch die Bewohnbarkeit der einzelnen Teile des Reichs sind sehr verschiedene. Während in der nördlichen Hälfte nur das schmale Nilthal kulturfähig (freilich auch in ganz besonders hohem Maß) und bewohnbar, der bei weitem größte Rest des ausgedehnten Gebiets aber reine Wüste ist, breiten sich in der südlichen Hälfte, wo der Nil eine Reihe von Zuflüssen sowohl von der rechten als der linken Seite empfängt, weite Ebenen aus, die zwar zum Teil steppenartig und unfruchtbar sind, daher höchstens zur Weide [* 8] sich eignen, mit denen aber überfeuchte Uferwaldungen und Waldgalerien abwechseln.
Kordofan hat den Savannencharakter, den auch das östliche Dar Fur trägt, während sein durch die Marrahkette geschiedener Ostteil, von dem verschiedene Gewässer dem Schari zufließen, fruchtbare Thäler enthält. In dem inselartigen Senaar und dem wasserreichen Dar Fertit wechselt Urwald mit heitern Buschwäldern, Wiesen und Steppen; eine üppige Vegetation bedeckt auch die Ufer des Nils bis zum Mwutan. Dürr und wasserlos ist die Felsenwüste der Danakil, während Harar wieder ein wohlbewässertes Land bildet.
Das ägyptische
Reich wird in seiner ganzen
Ausdehnung
[* 9] von N. nach S. vom
Nil durchströmt, dessen sämtliche Nebenflüsse,
wenn nicht in ihrer ganzen
Länge, so doch in ihrem Unterlauf
Ägypten angehören. Er ist der einzige
Fluß des
Reichs. Ist der
Strom in den südlichen Gegenden trotz mancher Hemmnisse als Verkehrsader schon von hoher Wichtigkeit, so wird
er in seinem untern
Lauf zur Lebensbedingung für das eigentliche
Ägypten. Dieses ist zum großen Teil völlig unfruchtbare
Sand-
und Steinwüste, so daß von den mehr als 1 Mill. qkm dieses Gebiets (vom
Mittelmeer bis
Wadi Halfa) nach
einer Berechnung nur 24,195, nach einer andern 30,500 qkm kulturfähig sind, wovon 17,070 qkm auf das
Delta,
[* 10] 13,430 auf das
Nilthal und das
Fayûm entfallen. In diesem sich längs des
Nils hinziehenden Tiefland bildet den
Untergrund
Fels oder
Sand, den
eine 10-12 m mächtige
Schicht fruchtbaren Schlammes bedeckt: ein schmaler, im untern Teil nirgends über 30 km,
im obern selten mehr als 7 km breiter
Streifen
Landes, der durch seine Ergiebigkeit die geringe
Ausdehnung ersetzt. Dieses eigentliche
Ägypten zerfällt nach seiner natürlichen
Beschaffenheit in zwei Teile,
Ober- und Unterägypten.
Unterägypten, das vom Mittelmeer bis zu dem Städtchen Beni Suef südlich vom Fayûm reicht, erhebt sich nur wenige Fuß über die Meeresfläche und ist in der That als großenteils vom Nil selbst gebildet ein Geschenk des Stroms, wie es schon Herodot genannt hat. Dies gilt namentlich von dem Delta zwischen den beiden Hauptarmen des Nils und den mit diesen in Verbindung stehenden Kanälen, welches ganz aus angeschwemmtem Flußsand besteht. Es ist eine unabsehbare, wenige Fuß über den Meeresspiegel sich erhebende steinlose Ebene, die zu den ergiebigsten Getreideländern der Erde gehört. Da die Ursachen, welche die Entstehung dieses Landes zur Folge hatten, noch ¶
Ägypten, Dar Fur und Abessinien.
Maßstab [* 12] = 1:12,000,000
Nil-Delta und Suez-Kanal
Maßstab 1:4,000,000
Die Schweiz [* 13] im Maßstab der Hauptkarte. ¶
mehr
immerfort wirksam sind, so ist das Delta in beständigem Wachstum begriffen, wie man dies an den Nilmündungen deutlich wahrnehmen kann. Im Norden [* 15] hat es eine bogenförmige Begrenzung durch das Mittelmeer von 270 km Länge. Seine Ausdehnung von Norden nach Süden zwischen Kap Burlos und Kairo [* 16] beträgt 171 km. Die Küste des Delta ist sehr flach und zieht sich meist als Sandbank in das Meer. Der westliche, das Delta begrenzende Teil von Unterägypten ist der nordöstliche Teil der großen Libyschen Wüste.
Große, bassinartige Vertiefungen, welche häufig unter dem Niveau des Nils liegen, bilden teils wirkliche Seen, teils kleine Oasen, wie die an den Natronseen. Da aber diese Bassins ihr Wasser größtenteils vom Nil und seinen Kanälen erhalten, so ist ihr Wasserstand von dem des Flusses und dessen Überschwemmungen ganz abhängig. Das im O. das Delta begrenzende Land ist gleichfalls Wüste und zwar der nordwestlichste Teil der Wüste des Peträischen Arabien. Es stellt sich dem Auge [* 17] als weite, von welligen Hügelreihen durchzogene Sandebene dar und besteht an der Küste, wie das westliche Grenzland, aus den jüngsten Meeresablagerungen.
Ganz Unterägypten steigt sanft von N. nach S. an; auf einen Breitengrad kommen kaum mehr als 14 m Steigung längs des Stroms. Oberägypten (Sa'îd), von Beni Suef bis zum Wadi Halfa beim zweiten Katarakt sich erstreckend, trägt schon mehr den Charakter eines Gebirgslands an sich. Der höher werdenden Ufer wegen muß man hier den natürlichen Überschwemmungen des Nils durch Kanäle zu Hilfe kommen, um die segensreichen Fluten auch den entferntern Gegenden des Uferlands zuzuführen.
Dieses Nilthal ist bei weitem der wichtigste Teil Ägyptens und allein Kulturland im wahren Sinn des Worts. Es ist von Assuân an stromabwärts in der geringen Breite [* 18] von 4-6 km zuerst gerade nach N. gerichtet, wird aber stellenweise durch hervortretende Felswände sehr eingeengt, so namentlich am Dschebel Selseleh (Kettenberg), wo es nur 1 km Breite hat. Erst bei Theben erweitert sich das Thal [* 19] zu einer größern Ebene, wendet sich aber zugleich nach O., bis Farschat sich bogenförmig krümmend.
Dann nimmt es nordwestliche Richtung an, behält diese bis Siut bei und wendet sich endlich unterhalb Kairo wieder etwas nach NO. Etwa 20 km unterhalb Kairo, wo sich der Nil in zwei Hauptarme teilt, endet das Flußthal, und es beginnt hier das Delta. Zwei Gebirgsketten, westlich das Libysche, östlich das Arabische Gebirge, begrenzen die Thalebene, öfters an den Strom heran- und wieder in weiten Bogen [* 20] zurücktretend, jenes mit sanft abgeböschten, dieses mit fast senkrechten Rändern.
Die libysche Gebirgskette teilt sich bei Kairo und verliert sich bald ganz in der Ebene; die arabische steigt von den Umgebungen der genannten Stadt, wo der zu ihr gehörige Mokattamberg sich nur 210 m über die Meeresfläche erhebt, allmählich gegen S. an und erreicht bei Siut und noch mehr bei Theben ihre größte Höhe (640 m), welche sie eine Strecke weit beibehält, bis sie sich gegen die Südgrenze des Landes hin wieder senkt und zuletzt in Hügeln endet. Beide Ketten haben gleiche Höhe und schützen als hohe Dämme das Nilthal vor dem Eindringen des Wüstensands.
Die östliche Begrenzung der Nilthalfurche bildet ein ödes, felsiges Gebirgsland mit spärlicher, aus Büschen bestehender Vegetation. Es enthält keine Oasen und ist nur von einigen unbedeutenden nomadisierenden Volksstämmen bewohnt. In der Nähe der Hafenstadt Koffer am Roten Meer erhebt es sich bis zu 1400 m und bildet in seiner Längenausdehnung nach S., bis 2000 m ansteigend, die Wasserscheide zwischen dem Nil und dem Roten Meer. Die Westgrenze des Nilthals bildet ein breites wasser- und vegetationsloses Plateau von ansehnlicher Höhe, welches von einem Oasenzug unterbrochen wird, der von S. nach N. aus den Oasen Chargeh, Dachel, Farafrah, Bacharieh und Siwah (s. diese Artikel) besteht. Den westlichen Rand des Delta umsäumt eine Kette von Natronseen. Die Oase Siwah bildet eine Depression [* 21] von ca. 29 m. Hart an den Unterlauf des Nils herangedrängt findet sich das Fayûm, welches gleichfalls eine fruchtbare Oase repräsentiert.
Was den geognostischen Charakter des Landes anlangt, so treten im SO. nahe an der Grenze Nubiens, dann im O. in dem höhern Gebirgsrücken kristallinische Gesteine [* 22] auf, und zwar bestehen dieselben größtenteils aus Granit, wie z. B. bei Assuân, wo die Felswände des Nilthals und die Klippen [* 23] der Katarakte aus Granit bestehen, dann aus rotem Porphyr, dunklem, basaltähnlichem Dioritporphyr (zwischen Kenneh und Kosseïr), besonders aber aus Glimmerschiefer (im O.), aus Gneis mit Marmoradern in der Nähe des Granits und aus Talkschiefer.
Hieran schließen sich Massen von Thonschiefer an, die zwischen Kosseïr und Kenneh von den schon im Altertum zu Kunstwerken verarbeiteten Trappbreccien bedeckt sind. Im mittlern Teil des Landes tritt dann bis zu dem großen Oasenzug versteinerungsloser Sandstein aus, welcher auch den Granit von Assuân sowie die eben erwähnten Trappbreccien bedeckt und stellenweise in Quarz übergeht. Noch weiter ist der marine, nummulitenreiche, harte und dunkelrote Kalkstein verbreitet, der im Nilthal eine Tagereise südlich von Esneh beginnt und meist horizontal geschichtet erscheint. Er lieferte das Material zu den Pyramiden.
Den Kalkstein bedeckt in inselartigen, 60 m mächtigen Ablagerungen ein ebenfalls horizontal geschichteter Sandstein. Charakteristisch für die geognostische Beschaffenheit des Landes ist endlich noch der Sand des Wüstenplateaus sowie auch der infolge der Nilüberschwemmungen sich absetzende Schlamm, welcher einen großen Teil der Sohle des Nilthals bedeckt und insbesondere zur Entstehung des Delta Veranlassung gegeben hat. Derselbe bildet eine feine thonige, etwas kalkhaltige, zur Hälfte ihres Gewichts aus organischen Substanzen bestehende Masse, welche getrocknet fast steinhart wird und von jeher zur Ziegelbereitung benutzt wurde. Im Delta wechseln mit ihr dünnere, aus Sand bestehende Lagen.
In den wüsten östlichen Regionen besteht der Sand aus mikroskopisch kleinen Korallenschalen (Bryozoen), [* 24] worin sich aber auch marine Muscheln [* 25] vorfinden. Die geologische Thätigkeit dauert gegenwärtig noch in ausgesprochener Weise fort. Das Ufer des Roten Meers rückt fortwährend, gleich dem gegenüberliegenden arabischen empor. Bei Suez jedoch endigt dieses Streben nach aufwärts, denn ein Sinken der Oberfläche wird im Delta des Nils deutlich sichtbar. So sind die Kleopatrabäder bei Alexandria bereits wieder unter Wasser gesetzt; so entstand 1784 die Lagune bei Abukir durch einen Meereseinbruch; so ist endlich der einst dicht bewohnte Boden des Mensalehsees überschwemmt worden, und noch jetzt sieht man dort unter dem Wasser die verschwundenen Ortschaften.
Nimmt man Unterägypten mit dem fruchtbaren Delta aus, so beträgt der kulturfähige Boden an ¶
mehr
Flächeninhalt kaum mehr als 1/15 des Ganzen, und doch war von alters her eins der gesegnetsten Länder. So viel vermögen die Überflutungen des Nils unter dem glühenden Himmel [* 27] Ägyptens. Jene von den periodischen Regengüssen in den tropischen Hochländern, denen der Fluß entströmt, herrührende Nilanschwellung ist für das regenlose Stromthal Ägyptens der einzige Ersatz des mangelnden atmosphärischen Niederschlags und die Quelle [* 28] der Fruchtbarkeit.
Der Nil tritt mit brausenden Stromschnellen ins Land ein, indem er zwischen der Insel Elephantine und der Insel Philä über zahllose Klippen zwischen Felswänden dahinstürzt und sich dabei in viele Arme teilt, zwischen denen man bei hohem Wasserstand 20 Inseln zählt. Bei niedrigem Wasserstand hat er auf dieser Strecke eine Breite von 1000-1200 m. Weiter nördlich im ruhigen Lauf dahinströmend, verengert er sich wieder, so daß er bei Theben nur eine Breite von 400 m hat, die aber bei Siut wieder bis zu 800 m wächst.
Bei Derût geht aus der westlichen Seite der Josephskanal (Bahr Yusuf), ein Werk der Kunst, ab und folgt in seinem 350 km langen Lauf dem Fuß der libyschen Bergkette bis unterhalb Kairo, wo er sich südlich von Terraneh mit dem Rosettearm des Nils vereinigt. Ein Arm desselben wendet sich durch die Schlucht El Lahun nach dem Fayûm, welches durch ihn in vielen Ästen bewässert wird 22 km unterhalb Kairo, wo das Thal sich zur Ebene erweitert, teilt sich der hier ¾ Stunden breite Strom in mehrere Arme, von denen aber nur noch zwei, ursprünglich von Menschenhänden ausgegraben, die von Rosette und Damiette, von Wichtigkeit sind, indem die übrigen im Lauf der Zeit mehr und mehr versandeten.
Das zwischen beiden Armen sich ausbreitende Delta wird von zahllosen Verbindungskanälen der Nilarme quer durchzogen. Im Anschluß an den Bahr Yusuf wurde von Derût nach Siut der Ibrahimkanal und von Siut bis Sohâg der Sohâgiyekanal erbaut. Von großer Wichtigkeit auch für den gesamten Wohlstand des Landes ist der Mahmudiehkanal bei Alexandria (s. d.). Ferner sind in Oberägypten große Bassins zur Regulierung der Nilüberschwemmungen angelegt und behufs der Schließung und Öffnung der beiden Hauptarme des Nils an dessen Gabelung große Dammbauten in Angriff genommen, die aber nicht vollendet worden sind (Barrage des Nils).
Das Anschwellen des Stroms beginnt bei Gondokoro (5° nördl. Br.) im Februar, bei Chartum Ende März, in Dongola Ende Mai, bei Assuân gegen Ende Juni, bei Kairo Anfang Juli und erreicht in der ersten Hälfte des Oktobers den höchsten Stand. Die darauf folgende Abnahme ist so langsam, daß der Fluß erst April, Mai und in den ersten Junitagen des folgenden Jahrs seinen niedrigsten Stand erreicht. Der Unterschied zwischen dem höchsten und niedrigsten Wasserstand beträgt bei Assuân 15 m, bei Theben 8½ m, bei Kairo 7½ m. Ein Zurückbleiben hinter der normalen Überschwemmung (für unser Zeitalter 8 m) um nur 1 m hat in Oberägypten bereits Dürre und Hungersnot im Gefolge, aber schon 50 cm mehr kann furchtbare Verwüstungen im Delta anrichten.
Mit Hilfe von Ziehbrunnen (Schadufs), welche nur von einem Menschen in Bewegung gesetzt werden, von unsern Baggermaschinen ähnlichen Schöpfrädern (Sakîye) und hydraulischen Maschinen, auf den Zuckerrohrplantagen des Chedive auch mit Dampfpumpwerken bringt man das Nilwasser zuweilen durch mehrere übereinander liegende Etagen auch auf höher gelegenes Terrain, wo die Überschwemmungen nicht hingelangen. Das ganze kulturfähige Land ist durch Dämme in ungeheure Bassins eingeteilt, in welche das befruchtende Wasser durch Kanäle eingeführt und so lange auf einer gewissen Höhe erhalten wird, bis die gehörige Menge Nilschlamm abgesetzt ist. Ein willkürliches Überfluten des Landes ist jetzt ganz ausgeschlossen; Ägypten hat aufgehört, zur Zeit der Nilschwelle wie ehemals ein großer See zu sein.
Von andern fließenden Gewässern ist in Ägypten nördlich von der Mündung des Atbara in den Nil nicht die Rede. Auch der perennierenden Quellen entbehrt der größte Teil des Landes ganz. Andre Quellen, besonders mineralische, zum Teil lauwarme, finden sich in dem Querthal zwischen Kosseïr und Kenneh und zunächst der Küste des Roten Meers, dann bei Kairo (Heluan), besonders aber im Oasenzug, dessen Quellen eisen- oder schwefelhaltig und großenteils Thermen sind. Seen sind in in ziemlich großer Anzahl vorhanden. Im Innern sind die bedeutendsten der salzige Birket el Kerun am Westrand vom Fayûm (26,000 Hektar), die Bitterseen (30,000 Hektar) auf der Landenge von Suez und die sechs kleinen Natronseen (zusammen 6000 Hektar) südöstlich von Alexandria.
Der im Altertum berühmteste aller ägyptischen Seen, der Mörissee, früher irrtümlich mit dem Birket el Kerun identifiziert, ist längst eingetrocknet. Ansehnlicher als diese Binnenseen sind die vom Mittelmeer meist nur durch eine schmale, sandige Landzunge getrennten salzigen Lagunenseen, worunter folgende die bedeutendsten sind: der Birket Mariut (der alte Mareotis) bei Alexandria, der sich erst 1801 wieder füllte, als die englisch-türkische Armee bei der Belagerung von Alexandria die Dämme des die Ebene vom See von Abukir trennenden Kanals von Alexandria durchstach, wodurch eine Fläche von 40,000 Hektar kultivierbaren Bodens bedeckt wurde;
der seichte Maadieh oder See von Abukir (14,000 Hektar), vom vorigen nur durch den Damm des Mahmudiehkanals getrennt;
der Edkusee (34,000 Hektar), zwischen dem vorigen und dem Rosettearm, jetzt fast wasserleer;
der gleichfalls sehr seichte Burlos, zwischen dem Rosette- und Damiettearm, mit vielen Inseln und fischreich (112,000 Hektar), und der Mensaleh (184,000 Hektar), der größte von allen, östlich vom Damiettearm bis Pelusium sich erstreckend und erst in der neuern Zeit infolge der Vernachlässigung der Dammbauten entstanden, 67 km lang, durchschnittlich 33 km breit und 1-1½ m tief, mit vielen Inseln, fischreich und vom Suezkanal durchschnitten.
Merkwürdig sind endlich noch die erst in neuerer Zeit genauer bekannt gewordenen unterirdischen Wasserbecken im westlichen Oasenzug, welche schon im Altertum zum Bohren artesischer Brunnen [* 29] Veranlassung gegeben haben.
Klima.
Die höher gelegenen südlichen Gegenden haben als einzige Jahreszeit nur einen trocknen und heißen Sommer und das ganze Jahr über eine ziemlich gleichbleibende mittlere Temperatur, die mittlern und nördlichen dagegen eine kühle und eine heiße Jahreszeit. Jene dauert vom Dezember bis März und gleicht der Herbst- und Frühlingszeit der gemäßigten Länder Europas; diese umfaßt die übrigen Monate und ist erst trocken, dann feucht. Der mittlern Temperatur nach gehört das südliche Ägypten zu den heißesten Ländern der Erde, die außerhalb der Tropen liegen, während das Delta infolge der kühlenden Einwirkung der Seewinde das südeuropäische Küstenklima teilt. ¶
Im Meyers Konversations-Lexikon, 1888
Ägypten.
[* 2] Durch den Aufstand des Mahdi wurde das Reich ganz auf das eigentliche Ägypten beschränkt, also auf das Nilthal nördlich von Wadi Halfa (21° 40' nördl. Br.) bis zum Mittelmeer, mit den Gouvernoraten Kosseir, El Arisch und Isthmus nebst Suez. Von dem Gesamtareal (1,021,354 qkm) sind nur 27,687,4 qkm kulturfähig und bewohnt, der Rest ist Wüste. Zieht man nur diese Fläche in Betracht, so ergibt sich eine Bevölkerungsdichtigkeit von 246 Personen auf das QKilometer, was die Bevölkerungsdichtigkeit Belgiens (203 auf das QKilometer), des volkreichsten Staats Europas, noch erheblich übertrifft. Die Bevölkerung des Landes hat sich innerhalb der letzten 60 Jahre nahezu vervierfacht; 1821 zählte man 2,514,400, 1846: 4,456,186 und 1882: 6,809,727, ohne Siwa 6,806,381 Einw. Von der letzten Zahl wohnten 3,965,664 in Unterägypten, 2,776,982 in Oberägypten. Administrativ zerfällt in 8 ¶
mehr
Gouvernorate und 14 Mudiriehs, wozu noch 4 Oasen in der Libyschen Wüste kommen. Die Bevölkerung ist zum allergrößten Teil (6,581,915) seßhaft, Nomaden sind nur 224,466 Beduinen; doch sind unter die seßhafte Bevölkerung 21,513 Beduinen gerechnet, welche nur halb seßhaft sind. Nach der am veranstalteten Volkszählung verteilte sich die Bevölkerung auf die einzelnen Verwaltungsbezirke und Volksbestandteile wie folgt:
|Verwaltungsbezirke||Kulturfläche||Bevölkerung nach dem Zensus vom 3. Mai 1882|
|G. = Gouvernement||Qkilom.||Seßhafte Ägypter||Beduinen||Fremde||Gesamtbevölkerung||Auf 1 qkm|
|M. = Mudirieh||halbseßhafte||Nomaden|
|G. Alexandria||180.4||181200||503||-||49693||231396||-|
|" Arisch, El||0.5||2629||304||987||3||3923||-|
|M. Behera||2413.8||364050||7082||26020||1704||398856||165|
|" Beni Suef||1220.9||193305||1448||24671||149||219573||180|
|" Dalahlich||2411.2||578144||4384||1829||1676||586033||243|
|G. Damiette||11.7||43501||1||-||114||43616||-|
|M. Esna||861.6||221813||2527||13569||52||237961||276|
|" Fayûm||1277.0||200967||135||27193||414||228709||184|
|" Gerga||1688.6||515972||23||5288||130||521413||389|
|" Gharbieh||6062.5||908041||1579||17321||2547||929488||155|
|" Gisa||956.4||274406||215||8268||194||283083||297|
|G. Isthmus u. Suez||27.7||24037||234||-||8200||32471||-|
|" Kairo||15.7||352416||772||-||21650||374838||-|
|M. Kaliubieh||912.4||254198||712||15884||597||271391||298|
|" Kena||1409.9||383819||45||22832||162||406858||289|
|G. Kossir||0.4||2190||240||-||-||2430||-|
|M. Menusieh||1654.8||642609||433||2079||892||646013||390|
|" Minia||1999.7||294655||79||19745||339||314818||157|
|Oase Baharieh||?||5436||-||-||-||5436||-|
|Oase Chargeh||?||6166||-||-||-||6166||-|
|Oase Dachel||?||15293||-||-||-||15293||-|
|Oase Farafrah||?||466||-||-||-||446||-|
|Oase Siwa||?||3346||-||-||-||3346||-|
|G. Rosette||63.5||19267||-||-||111||19378||-|
|M. Scharkieh||2344.3||435380||553||26918||1804||464655||198|
|" Siut||2174.6||549776||44||11862||455||562137||278|
|Zusammen:||27687.4||6473062||21313||224466||90886||6809827||246|
Bei der Verarbeitung der Zensusresultate war die Zählung von Siwa nicht eingelaufen; von der verbleibenden Bevölkerung von 6,806,381 Seelen waren 3,410,073 Personen weiblichen und 3,396,308 männlichen Geschlechts. Unter den 90,886 Ausländern waren 37,301 Griechen, 18,665 Italiener, 15,716 Franzosen, 8022 Österreicher, 6118 Engländer, 948 Deutsche, [* 31] 637 Belgier, 589 Spanier, 533 Russen etc.; Perser und andre Asiaten 1153. Die volkreichsten Orte waren nach der Zählung Kairo 374,838 Einw., Alexandria 227,064, Damiette 34,044, Tanta 33,750, Siut 31,398, Mehalla el Kobra 27,823, Mansura 26,942, Fayûm 25,799, Zakasik 19,815, Damanhur 19,624, Rosette 16,666, Port Said 16,560, Menuf 16,293, Schibin el Kom 16,250, Minia 15,900, Kena 15,402, Gerga 14,819, Tahta 13,787, Manfalut 13,232, Gizeh 11,410, Mil Ghamr 11,233, Sifta 11,087, Suez 10,919, Maltawi 10,777, Abu Tig 10,770, Beni Suef 10,085
Die Kulturfläche Ägyptens wird nach Abrechnung der vier Städte Kairo, Alexandria, Damiette und Rosette und des Isthmus auf 20,842 qkm, die Totalfläche aller Kulturen mit Ausnahme der Weingärten und Baumpflanzungen (7,3 qkm) in dieser Begrenzung auf 25,769 qkm angegeben, so daß also 24 Proz. des Bodens (30 in Unter- und 16 in Oberägypten) mehrmals bepflanzt werden. In Prozenten entfallen von den Kulturen in Unterägypten 54,7 Proz. auf Winterkulturen, 28,5 auf Sommerkulturen und 16,8 Proz. auf Herbstkulturen, und zwar entfallen 22,3 auf Baumwolle, [* 32] 17,5 auf Weizen, 16,6 auf Klee und 16 Proz. auf Mais. In Oberägypten dagegen kommen 78,1 Proz. auf Winterkulturen und nur 11,1 auf Sommer-, 10,8 auf Herbstkulturen und zwar 24,3 auf Weizen, 17,6 auf Saubohnen, 13,5 auf Klee, 12,3 Proz. auf Durra. Danach sind also in ganz Ägypten 20,3 Proz. mit Weizen, 14,1 mit Baumwolle, 11,2 Proz. mit Mais bestellt. Der Baum- und Weinkultur waren in Unterägypten 2169, in Oberägypten 1504 Hektar gewidmet. Im Delta herrschen Orangen- und Zitronenbäume, im Nilthal Feigenbäume vor; von Dattelpalmen hatte Unterägypten 1,097,552, Oberägypten 2,355,122 Stück.
Geschichte. Sudân ging für Ägypten durch den Untergang Gordons in Chartum völlig verloren; die Unternehmung des Generals Wolseley zur Rettung Gordons kam zu spät, und eine Wiedereroberung des Landes wurde auch nach dem Tode des Mahdi nicht versucht; Wadi Halfa blieb die südliche Grenzstation des ägyptischen Reichs. Auch in Suakin beschränkten sich die englisch-ägyptischen Truppen auf die Verteidigung und unternahmen nur ab und zu Vorstöße, um die räuberischen Scharen Osman Digmas u. a. zurückzutreiben. 1885 gelang es der englischen Regierung, 17. März mit den Großmächten eine Vereinbarung über die Aufnahme einer ägyptischen Anleihe von 9 Mill. Pfd. Sterl. (180 Mill. Mk.) unter Bürgschaft der Mächte zu stande zu bringen, worauf die Entschädigungsgelder für die durch das Bombardement von Alexandria verschuldeten Eigentumsverluste bezahlt werden konnten.
Die Finanzen hoben sich infolge der Rückkehr des Vertrauens zum Frieden u. zum Bestand der Dinge in Ägypten und durch die vortreffliche Verwaltung der Engländer schon 1885 so, daß ein erheblicher Überschuß am Schluß des Jahrs vorhanden war; derselbe mehrte sich 1886 und erlaubte, von der eingeführten Zinsscheinsteuer von 5 Proz. abzusehen. Die englische Regierung sandte 1885 Sir Henry Drummond Wolff nach Konstantinopel, [* 33] um mit der Pforte über Ägypten zu verhandeln. Derselbe wich der Übernahme einer Verpflichtung zur Räumung Ägyptens binnen einer gewissen Frist geschickt aus und bewog den Sultan, Mukhtar Pascha als türkischen Oberkommissar nach Kairo zu senden.
Diesem und dem englischen Kommissar wurde durch die englisch-türkische Konvention vom die Neuordnung der Justizverwaltung, des Finanz- u. Heerwesens übertragen; die Räumung des Landes durch die Engländer solle erfolgen, wenn beide Kommissare sich dahin ausgesprochen und England und die Pforte sich dann darüber verständigt hätten. Diese Konvention wurde auch teilweise ausgeführt. Unter dem zweiten Kabinett Salisbury schloß Wolff im Mai 1887 mit der Pforte einen neuen Vertrag ab, welcher die Neutralisierung des Suezkanals anerkannte und die Abänderung der Kapitulationen festsetzte; die Fremden sollten besteuert werden dürfen und ihr Recht von gemischten Tribunalen nehmen. In betreff der Räumung Ägyptens wurde festgesetzt, daß die Besetzung durch die Engländer noch drei Jahre vom Tag der Ratifikation des Vertrags ab dauern, die kommandierenden Offiziere noch weitere ¶
mehr
zwei Jahre bleiben sollten; dann solle Ägypten für unantastbares Gebiet durch die Mächte erklärt werden, und nur im Fall einer innern oder äußern Gefahr sollten England und die Pforte das Recht haben, für die Dauer derselben es wieder zu besetzen. Der Sultan ließ sich jedoch von Rußland und Frankreich bestimmen, diesen Vertrag nicht zu ratifizieren, so daß England hinsichtlich der Besetzungsdauer völlig freie Hand behielt. Die Zahl der Truppen unter einem englischen General, 60 englischen und 447 ägyptischen Offizieren beträgt 10,790 Mann, die der Gendarmerie, welche Baker Pascha organisierte, 6252 Mann. Außerdem stehen 3387 Mann englischer Truppen in Ägypten. Die Finanzen besserten sich so, daß 1889 eine Konvertierung und Zinsreduktion der privilegierten Schuld geplant wurde; doch scheiterte dieselbe daran, daß Frankreich seine Zustimmung von der Verpflichtung Englands, Ägypten bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zu räumen, abhängig machte.
Zur Litteratur: E. Meyer, Geschichte des alten Ägyptens (Berl. 1886 ff.);
Erman, Ägypten und ägyptisches Leben im Altertum (Tüb. 1885-87, 2 Bde.);
Maspero, Ägyptische Kunstgeschichte (deutsch von Steindorff, Leipz. 1889);
Brugsch, Ägyptologie (das. 1889 ff.);
Royle, The Egyptian campaigns 1882-85 (Lond. 1886, 2 Bde.);
Plauchut, L?Égypte et l?occupation anglaise (Par. 1889).