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EINE SINFONIE AUS DER SOMMERFRISCHE
Johannes Brahms war als junger Mann wie Ludwig van Beethoven ein sehr erfolgreicher Klaviervirtuose, und auch er konnte sich in seinen Zwanzigern über die Entstehung eines 1. Klavierkonzerts freuen. Doch die Arbeit an seiner 1. Sinfonie zog sich bekanntlich über viele Jahre hin, und Brahms war bei der Uraufführung im November 1876 bereits 43 Jahre alt. So empfand er es als Befreiung, dass dieses Werk endlich abgeschlossen war und es die Öffentlichkeit sehr positiv aufnahm. Die Komposition der 2. Sinfonie in D-Dur begann er mit diesem Glücksgefühl. Zudem entstand das neue Werk in einer bezaubernden und offensichtlich inspirierenden Gegend, in der Brahms 1877 die Sommermonate verbrachte. Er hatte in Pörtschach am Wörthersee im dortigen Schloss eine „niedliche, angenehme Wohnung“ gemietet und fand die Gegend „allerliebst“. Und er kam diesmal zügig voran. Einiges konnte er nach seiner Sommerfrische bereits seinen Freunden vorspielen, nach nur wenigen Monaten hatte er die Sinfonie beendet. Bei der Uraufführung in Wien – kurz vor Jahreswechsel am 30. Dezember 1877 – wurde die Sinfonie vom Publikum mit Begeisterung gefeiert und sie etablierte sich sehr bald im Konzertbetrieb.
Der glückliche, naturnahe Sommeraufenthalt zeichnet in vielem den Grundton der 2. Sinfonie, die man wegen der liedhaften Melodik und der warmen Klangfarben gerne Brahms’ Pastoralsinfonie nennt. Der Kopfsatz, ein Allegro non troppo, beginnt mit samtenen Streicherbässen und weichen Holzbläsern, und das zweite Thema steht dem Wiegenlied ‚Guten Abend, gute Nacht‘ sehr nah (Brahms verlangt explizit cantando). Im Adagio non troppo verbindet Brahms weit ausholende Kantilenen mit einer dichten thematischen Arbeit. Die zart aufblühende Melodik wird mehrfach durch düstere Klänge bedrängt, und wiederholte Dur-Moll-Wechsel geben dem Satz eine melancholische Seite. Leicht beschwingt klingt dagegen das fünfteilige Allegretto grazioso. Gleich zweimal wird das Scherzo von einem Trio unterbrochen. Der Komponist malt mit bunter Palette, vom lieblichen Ländler zu derben Marschklängen, mit starken dynamischen Gegensätzen und mit unerwarteten rhythmischen Akzenten. Meisterhaft variiert er die Orchestrierung des Scherzo-Themas und spannt so einen grossen Bogen über den ganzen Satz. Die Sinfonie endet mit dem strahlenden Allegro con spirito, ein festlicher Freudentaumel, der in einer brillanten Coda gipfelt.
Bei den Zeitgenossen rief die Sinfonie Bilder von Quellriesen, Sonnenschein oder blauem Himmel hervor. Doch ist nicht alles Sonnenschein. Brahms gab intime Einblicke in sein Innenleben, als sich sein Kollege Vinzenz Lachner an der Verwendung von Pauken, Posaunen und Tuba störte. Er schrieb an Lachner: „dass ich sehr gewünscht und versucht habe, in jenem ersten Satz ohne Posaunen auszukommen (...). Aber ihr erster Eintritt [d.h. die deutliche Eintrübung nach gut 30 Takten] der gehört mir u. ihn u. also auch die Posaunen kann ich nicht entbehren. Sollte ich jene Stelle verteidigen, da müsste ich weitläufig sein. Ich müsste bekennen, dass ich nebenbei ein schwer melancholischer Mensch bin, dass schwarze Fittiche beständig über uns rauschen.“ Dennoch überwiegt bei weitem der Eindruck eines kraftvoll strahlenden Werks. Und noch Jahre später erinnerte sich Brahms gerne an seine Sommerfrische am Wörthersee: „Schöne Sommertage kommen mir in den Sinn und unwillkürlich Manches, mit dem ich dort spazieren ging, so die D-Dur-Symphonie.“
Mit dieser dynamischen, lebensfrohen und auch lyrischen Sinfonie verabschiedet sich Marc Andreae vom Engadiner Publikum. Er gibt nach langer, harmonischer und künstlerisch bereichernder Zusammenarbeit die leitende Funktion bei der Sinfonia Engiadina ab.
Dr. Ellen Taller