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Neben den in der Stiftungsurkunde von 1712 genannten Gründen für den Bau einer neuen Kirche in Rothrist (vormals Niederwil) existiert eine eigentliche Gründungslegende. Für die Zeit der beginnenden Aufklärung ist dies eigentlich unüblich, während im «dunklen» Mittelalter viele gestiftete Kirchenbauten mit einer sagenhaften, meist sehr beeindruckenden Geschichte über die Hintergründe ihrer Entstehung versehen wurden.
Im Fall der Niederwiler Kirche vermerkte Pfarrer Johann Bossard (1758–1778 in Niederwil), Mauritz Bossard habe, als 1712 bei Villmergen die Kanonen donnerten, zusammen mit seiner Frau gelobt, wenn die Reformierten siegen sollten, stifte jeder Ehegatte 6 000 Berner Pfund zum Bau einer Kirche. Wie viele Gründungslegenden des Mittelalters hat auch diese hier einen wahren Kern. Erstaunlich ist nur, dass weder in der Stiftungsurkunde noch in den verschiedenen Schriftstücken des Berner Rats ein Hinweis darauf zu finden ist. Der Zweite Villmerger Krieg, auf den sich die Legende beruft, war damals eines der zentralen politischen Themen und stellte letztlich das Ende der konfessionellen Auseinandersetzung zwischen reformierten und katholischen Orten dar, die seit der Reformation immer wieder zu Konflikten geführt hatten. In gewissem Sinne stand die Rothrister Kirche als sichtbares Zeichen für die fast ein Jahrhundert andauernde Epoche des inneren Friedens in der Eidgenossenschaft (1712–1798).