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Es ist ein Mantra, eine magische Formel, die immer und immer wieder in Kreisen braver Stimmbürgerinnen gemurmelt wird: «Zwar haben wir nun das Frauenstimm- und -wahlrecht, ABER noch ist die wirkliche Gleichberechtigung SO FURCHTBAR WEIT WEG». Stimmt – mindestens in einigen Punkten. Aber wieso wird nicht gejubelt: «Wir haben es nun geschafft, dass das Frauenstimm- und -wahlrecht eingeführt wurde, nun schaffen wir noch weitere Grossartigkeiten»?
Die Frauen, die letztlich den Sieg von 1971 lancierten, haben um 1900 sehr klein angefangen, mit minimalen Chancen und schlechten Startbedingungen. Das zeigt mein neues Buch: «Wir werden auf das Stimmrecht hinarbeiten». Nachdem das Buch «Gebt den Schweizerinnen ihre Geschichte» detailliert den langen aber letztlich siegreichen Kampf der Schweizerinnen bis 1971 geschildert hat, so geht es nun um die Anfänge der schweizerischen Frauengeschichte um 1900. Dieses Buch zeigt das pralle Leben und wie Frauen dank eigenen Erfahrungen dazu kamen, zu handeln. Die Geschichte ist aus weiblichem Blickwinkel und mit authentischen Quellen erzählt.
Eine dieser Frauen war die bis heute völlig ignorierte Julie Ryff, eine Mutter von 13 Kindern, eine Witwe, die mit fünfjährigen Gerichtshändeln die Auszahlung ihrer gerechten Lebensversicherung erstreiten musste, eine Stellenlose, die sich als Buchhaltungslehrerin neu erfand und die sich ans Motto hielt: «Agissons nous-même!». Ryff (1831-1908) mischte sich in die Gesetzgebung ein, leitete eine grundlegende nationale Umfrage, gab «der Stauffacherin» die Ehre und suchte, ein Frauensekretariat zu schaffen. Obwohl sie erst im Rentenalter aktiv werden konnte, schuf sie Beachtliches und wurde in der frühen Frauenpolitik und in meinem Buch zu einer Hauptfigur.
Zwei dieser Frauen trafen sich 1881 im Walliser Kurort Leukerbad. Die in Boston USA praktizierende englisch-australische Ärztin Harriet Clisby hatte nur einen bescheidenen medizinischen Abschluss erreichen können, da das gleichwertige Frauenstudium damals noch unmöglich war und hatte 1877 mitgeholfen, in Boston eine Selbsthilfe-Union zu gründen. Sie sollte Bildung und Arbeitsbedingungen der Frauen verbessern. Beim Kuren traf Clisby auf die unglücklich verheiratete Schweizerin Emma Pieczynska-Reichenbach, die kinderlos ihre «gottgegebene» Frauenrolle nicht ausfüllen konnte. Sie fand letztlich dank Clisby eine neue, ebenso erfüllende Bestimmung und die beiden wurden eine Stütze der in frühen Vereinen engagierten Schweizerinnen.
Eine dieser Frauen, Bertha Honoré Palmer Potter in Chicago, war schön, reich und einflussreich. Ihr Geld, ihre Beziehungen und ihr Tatendrang stellte sie in den Dienst der Frauen. Sie präsidierte an der Spitze der Weltausstellung von Chicago 1893 «the Women», die ein eigenes Gebäude und eine eigenständige Show schufen und deren internationaler Kongress zum Ausgangspunkt nationaler Dachverbände wurde, etwa dem deutschen und dem schweizerischen.
Eine dieser Frauen, Elise Egger-Honegger hatte mit sieben Kindern und einem Mann, der mehrfach Konkurs ging, im Gefängnis sass und sich immer wieder der Trunksucht hingab, ein bedauernswertes Eheleben. Mit ihren schmerzlichen Erfahrungen war sie frauenpolitisch gerüstet. Sie gründete 1879 die Schweizer Frauen-Zeitung und 1885 den Schweizer Frauen-Verband, engagierte sich zivilrechtlich und forderte Mädchenbildung, Frauenerwerbsarbeit und den Zugang der Frauen zu den Männerberufen ein.
Eine dieser Frauen war ein Mann. Carl Schenk, das im Internat erzogene Emmentaler Waisenkind, war 1847 Freischärler, dann Feldprediger und Bundesrat. Schenk interessierte sich für die Ursachen der Armut und die Anliegen der Frauen. Mit dem Post- und Telegrafendienst erschloss er Schweizerinnen ein neues, attraktives Berufsfeld. Als Präsident der Einwohnermädchenschule Bern sorgte er dafür, dass die Frauen das Stimmrecht in Schulfragen erhielten.
Alle begannen sie klein und erreichten viele Grossartigkeiten – damals sogar noch ohne Frauenstimm- und -wahlrecht!
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*Porträtbild von Yoshiko Kusano