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In den aufstrebenden, westeuropäischen Industriestaaten wandelte sich mit dem wachsenden Einfluss des Bürgertums im 19. Jahrhundert auch die Bedeutung von Gärten. Getragen von einem selbstbewussten Grossbürgertum erlebte die Gartenkultur in den Schweizer Städten eine Blüte. Die Villa mit repräsentativem Landschaftsgarten avancierte zum Standeszeichen der privilegierten Klasse. Durch Handel und Reisen auf andere Kontinente und der Gründung naturwissenschaftlicher Institute wuchs die Begeisterung für das Sammeln und Präsentieren exotischer Ziergehölze aus Übersee. Dendrologische Neuheiten dienten insbesondere Unternehmern und Kaufleuten als Mittel der Selbstdarstellung und der Abgrenzung von anderen sozialen Klassen. Bis heute zeugt davon die Gehölzvielfalt in Gärten städtischer Villenquartiere des 19. Jahrhunderts wie das Landgut Belvoir und die Villa Wesendonck (Rieterpark) in Zürich, die Villa Boveri in Baden oder die Villa Bellerive in Luzern.
Ziel des Projekts ist es, die wachsende Bedeutung von exotischen Ziergehölzen in der Repräsentations- und Distinktionskultur des Wirtschaftsbürgertums im 19. Jahrhundert in der Deutschschweiz zu untersuchen. Ausgehend von einer Analyse der gesellschaftlichen und kulturellen Voraussetzungen für die Entstehung bürgerlicher Gärten sollen die Vermittlungswege und die Rolle der verschiedenen Akteure des Pflanzenhandels, von den Botanischen Gärten bis hin zu den Baumschulen, erforscht werden. Zudem sollen Erkenntnisse zu Gehölzsortimenten, Gestaltungsregeln und Bepflanzungsprinzipien bürgerlicher Villengärten des 19. Jahrhunderts geliefert werden. Als Forschungsgrundlagen dienen vor allem Schrift- und Bildquellen, Primärliteratur sowie die in historischen Gärten überlieferte materielle Substanz. Auf Basis eines kulturgeschichtlichen methodischen Ansatzes werden konkrete Fallbeispiele untersucht, wobei die Methode der Rezeptionsgeschichte integriert wird.
Die Arbeit widmet sich als eine der ersten der vertieften Erforschung der Entwurfs- und Pflanzengeschichte der Schweizer Landschaftsarchitektur des 19. Jahrhunderts. Sie leistet einen Beitrag zum Verständnis einer Zeit, in der die Voraussetzungen für die moderne Landschaftsarchitektur und für die Verfügbarkeit von Ziergehölzen geschaffen wurden. Ökonomische Sachzwänge führen heute zur Verarmung der Gehölzsortimente, fehlendes Wissen zur Zerstörung historisch-wertvoller Pflanzungen sowie zu Planungsfehlern. Das Projekt will ein differenziertes Verständnis über Pflanzenverwendung fördern, um die ästhetische und symbolische Bedeutung eines Ortes und das sinnliche Erleben wieder ins Zentrum des Landschaftsentwurfs zu bringen. Erkenntnisse zur Verwendung historischer Arten und Sorten sollen zudem dazu beisteuern, Strategien für einen denkmalgerechten Umgang mit originalen Pflanzungen in historischen Gärten zu entwickeln und längst vergessene Pflanzenarten als bedeutenden Teil der regionalen Kulturgeschichte und Gartenkultur zu fördern.
Kontakt
Leitung
Prof. Christophe Girot
Finanzierung
Projektförderung durch ein Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds, SNF
Projektlaufzeit
2014 – 2017
Status
Laufende Forschungsarbeit (Dissertation)