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Veröffentlichung: 14.05.12; Aktualisierung: 14.04.14
Spätestens seit dem Anstieg der Weltmarktpreise für Grundnahrungsmittel 2007/2008 hat ein weltweiter Wettlauf um fruchtbare Böden und auch Wasserressourcen in den Ländern des Südens begonnen.
Mehr dazu: Das tägliche Hungermassaker: Wo bleibt die Hoffnung? >>>
Der weltweite Agrarmarkt entwickelt sich zu einem Milliarden-Monopoly. Internationale Firmen und die Regierungen entsprechender Staaten reissen sich um nutzbare Landflächen in Entwicklungsländern. Die Kritiker nennen es «Land Grabbing» oder «Neo-Kolonialismus», andere sehen darin verharmlosend «landwirtschaftliche Investitionen» oder «Entwicklungshilfe».
Was bedeutet eigentlich «Land Grabbing»? Der Begriff kommt aus dem Englischen und lässt sich wörtlich etwa mit «Land an sich reissen» oder «Land schnappen» übersetzen. Zwischen 2000 und 2010 wurden in Afrika, Asien und Lateinamerika geschätzte 200 Millionen Hektar Ackerland an ausländische Investoren verkauft oder auf mehrere Jahrzehnte verpachtet. Im Vergleich: Die Ackerfläche der gesamten EU beträgt 104 Millionen Hektar, die der Schweiz 403’000 Hektar. Obwohl die Angaben nur auf Schätzungen basieren, zeigen sie doch das drastische Ausmass der Landnahmen.
Viele der von Land Grabbing betroffenen Länder gehören zu der Gruppe der ärmsten Entwicklungsländer: Sie haben mit teilweise gravierender Unterernährung und ländlicher Armut zu kämpfen.
Bei den «Investoren», die grossflächige Landkäufe und -pachten tätigen, kann man zwischen staatlichen, halb-staatlichen und privaten unterscheiden. Die Mehrzahl stammen jedoch aus dem Privatsektor, das heisst von Agrarunternehmen und zunehmend auch von Investitionsfonds.
Hinter diesen grossflächigen Landnahmen stehen verschiedene Interessen. Diese lassen sich folgendermassen kategorisieren:
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Die Auslagerung der Nahrungsmittelproduktion zur jeweiligen eigenen Ernährungssicherung sowie auch zur Sicherung von Wasserrechten in Drittländern ist eine Strategie jener Staaten, die nur über unzureichende eigene landwirtschaftliche Produktionsflächen und Wasserressourcen verfügen (Saudi-Arabien, Bahrain, Kuwait usw.).
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Die weltweite Nachfrage nach Futterpflanzen sowie nach Agrarrohstoffen.
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Neu Investitions- und Spekulationsmöglichkeiten.
Eine Konsequenz dieser zweifelhaften Landnahmepolitik in aller Welt ist die Verletzung von fundamentalen Rechten der dort lebenden Bevölkerung.
Das Perfide daran: Insbesondere in den afrikanischen Ländern gehört das Land nicht einzelnen Familien, sondern der Gemeinschaft oder dem Staat. Die Menschen, welche das Land nutzen, sind also nicht die eigentlichen Besitzer. Es gibt weder Grundbucheinträge noch Eigentumsrechte, welche die Besitz- und Nutzungsrechte nach westlichen Vorstellungen regeln. So sind nach Schätzung der Weltbank in Afrika insgesamt nicht mehr als zehn Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche unter formalen Nutzungstiteln erfasst.
Dies hat dazu geführt, dass in zahlreichen Ländern die Entstehung einer landbesitzenden Elite und eines privaten Agrobusiness gefördert wurde.
Dementsprechend können auch einzelne Regierungen weite Ländereien einfach an irgendwelche ausländische Investoren übertragen.
Die Folgen sind verheerend. Durch den Verlust ihrer Existenzgrundlagen, wird die Landbevölkerung gezwungen, in die Slums der Städte abzuwandern, UN-Berichterstatter für das Recht auf Nahrung, Olivier de Schutter, spricht von 500 Millionen Kleinbauern, die vom Verlust ihres Ackerlandes bedroht sind. Zudem geht die landwirtschaftliche Produktion für die einheimischen Binnenmärkte verloren. Die verringerte Inlandproduktion führt zur Gefährdung der Nahrungssicherheit und zudem zu höheren Preisen. Die Folge sind mehr Hunger und grössere Armut.
Darüber hinaus führen grossflächige Landnahmen oftmals zu industriell betriebenen Monokulturen unter hohem Einsatz von Pestiziden, Kunstdünger und genverändertem Saatgut. Alleine in Argentinien werden pro Jahr rund 200 Millionen Liter des Herbizids Glyphosat auf die genmanipulierten Sojafelder gespritzt. Allerdings erreicht gerade nur ein Prozent des Giftes die Pflanze, der Rest verunreinigt nachweislich den Boden und das Wasser. Die Artenvielfalt wird zerstört und die natürliche Fruchtbarkeit der Böden stark beeinträchtigt. Schlimmer noch: Die Bevölkerung in den betroffenen Regionen leidet vermehrt an Krebserkrankungen, Missbildungen und Gen-Defekte bei Neugeborenen sowie chronischen Krankheiten.
Überdies erfordern Monokulturen in trockenen Gebieten eine Bewässerung und dadurch entstehen Wasserkonflikte.
Auch Schweizer Unternehmer betreiben «Land Grabbing»
Auch Schweizer Unternehmen erwerben Ackerland in Entwicklungsländern. Das Genfer Unternehmen Addax Bioenergy hat ein Bioethanol-Projekt in Sierra Leone (Westafrika) von rund 220 Millionen Euro lanciert. Das Ziel: auf ca. 20’000 Hektar Land, Agrotreibstoffe aus Zuckerrohr und Cassava herzustellen. Cassava ist in Sierra Leone das wichtigste Grundnahrungsmittel nach Reis. Aber Addax beabsichtigt nicht etwa die Ernährungssicherheit des Landes zu verbessern, sondern will Cassava zu Treibstoff verarbeiten.
Während es in Sierra Leone nicht nur an Nahrungsmitteln, sondern auch an Energie mangelt, ist der Ethanol für den Export nach Europa bestimmt. Nebenbei bemerkt, 20 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Ackerfläche sind in Sierra Leone mittlerweile verpachtet bzw. werden momentan verhandelt.
Ferner ist auch der Zuger Rohstoffkonzern Glenecore im Besitz von rund 270’000 Hektar Landwirtschaftsland in diversen Ländern.
Was können wir tun? Zum einen kann jeder Einzelne seinen Fleischkonsum reduzieren, denn weniger ist mehr. In der Schweiz essen wir pro Jahr über 430‘000 Tonnen Fleisch, dass heisst: rund 1 Kilo pro Woche und Person. Rund 80 Prozent davon werden in der Schweiz produziert. Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Um die Versorgung unserer Nutztiere zu sichern, müssen grosse Mengen an Kraftfutter importiert werden, nämlich rund 50 Prozent des benötigten Bedarfs. Würde die Schweiz dieses Futtermittel selbst herstellen, müsste die bestehende Ackerfläche mehr als verdoppelt (!) werden.
Diese meist auf Monokulturen produzierten Futtermittel haben jedoch fatale Auswirkungen im globalen Süden – Menschen werden von ihrem Land vertrieben, Pestizide und Dünger vergiften Wasserläufe und Böden.
Und zum anderen, wer Saison- und Bio-Produkte aus der Region (auch Fleisch) bevorzugt, erhält qualitativ hochwertige, frische Ware, fördert das nachhaltige Wirtschaften und sorgt für den Erhalt der lokalen bäuerlichen Landwirtschaft sowie der regionalen Kulturlandschaft und der (Agro)Biodiversität.
Denn auch beispielsweise die Produktion von (Früh-)Kartoffeln in Ägypten ist aus ökologischen und sozialen Gründen nicht unbedenklich: Für die Bewässerung dieser Kartoffelfelder werden fossile Grundwasservorräte (Aquiferen) unter der Wüste abgepumt. Wissenschaftler der ETH Zürich gehen davon aus, dass die Süsswasservorräte in dieser Region in rund 50 Jahren erschöpft sein werden, zudem sollte dieses höherwertige Wasser als Trinkwasser verwendet werden, denn Ägypten gehört zu den trockensten Ländern der Welt, für viele Menschen ist die Wasserversorgung prekär. Überdies kommen auch hier hohe Mengen an Pestiziden und Dünger in den Einsatz.
Zum Thema Land Grabbing mehr unter:
http://www.inkota.de/nc/themen-kampagnen/welternaehrung-landwirtschaft/land-grabbing/interaktive-weltkarte/#c5068
http://www.alliancesud.ch/de/dokumentation/e-dossiers/land-grabbing
http://www.globe-spotting.de/special_landgrabbing.html
http://farmlandgrab.org/