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| Laktanz († nach 317) - Auszug aus den göttlichen Unterweisungen (Epitome divinarum institutionum).

28. Das höchste Gut.
Es bedarf notwendig der Untersuchung, was denn im Leben das höchste Gut ist, damit nach diesem das gesamte Leben und all unsere Handlungen sich richten können. Wenn das höchste Gut des Menschen in Frage kommt, so muß ein solches aufgestellt werden, das fürs erste dem Menschen allein zukommt, fürs zweite dem Geiste eigentümlich ist und drittens durch Tugend erworben wird. Sehen wir nun, ob das höchste Gut, das die Philosophen aufstellen, diese drei Eigenschaften an sich hat, daß es nämlich nicht dem stummen Tier und nicht dem Leibe zukommt, und daß man es nicht ohne Tugend gewinnen kann.
Aristippus, der Gründer der cyrenäischen Sekte, der das höchste Gut in das sinnliche Vergnügen verlegt hat, verdient aus der Zahl der Philosophen und aus der Gemeinschaft der Menschen ausgestoßen zu werden, weil er sich auf gleiche Stufe mit dem Tiere gestellt hat. Das höchste Gut des Hieronymus1 ist das Freisein von Schmerz ; das des Diodorus2 das Aufhören des Schmerzes. Aber auch die übrigen Wesen fliehen den Schmerz und freuen sich über das Freisein oder Aufhören des Schmerzes. Was liegt denn für den Menschen Auszeichnendes darin, wenn man ihm als höchstes Gut das zuerkennt, was er mit den Tieren gemein hat?
Zeno3 hielt es für das höchste Gut, in Übereinstimmung mit der Natur zu leben. Diese Begriffsbestimmung ist zu allgemein; denn alle Wesen leben in Übereinstimmung mit der Natur, und jedes Wesen hat seine eigene Natur. Epikurus trat für das Vergnügen des Geistes ein. Was ist aber das geistige Vergnügen anders als die Freude, in [S. 161] der der Geist zumeist ausschweift und in Scherz und Lachen ausbricht? Aber dieses Gut ist auch den Tieren nicht fremd; denn sind sie mit Futter gesättigt, so überlassen sie sich der Freude und Ausgelassenheit. Dinomachus und Callipho4 sprachen sich für das ehrbare Vergnügen aus; aber sie wollten damit entweder dasselbe sagen wie Epikur, daß nämlich das sinnliche Vergnügen nicht ehrbar ist, oder wenn sie von den sinnlichen Vergnügungen die einen für schimpflich, die anderen für ehrbar hielten, so ist das nicht mehr das höchste Gut, was zum Bereich des Leibes gehört.
Die Peripatetiker schmieden das höchste Gut aus den Gütern des Geistes, des Leibes und des Glückes zusammen. Mit den Gütern des Geistes kann man sich einverstanden erklären. Wenn diese aber der Unterstützung bedürfen, um die Glückseligkeit vollkommen zu machen, so sind sie jedenfalls unzulänglich. Die Güter des Leibes und des Glückes liegen nicht in des Menschen Macht; und das ist nicht mehr das höchste Gut, was zum Gebiet des Leibes und der äußeren Güter gehört; denn auch den Tieren gehört dieses doppelte Gut an; auch sie haben das Bedürfnis, daß sie sich Wohlbefinden und der nötigen Nahrung nicht ermangeln.
Von den Stoikern rühmt man, daß sie weit mehr Einsicht gezeigt haben, indem sie die Tugend für das höchste Gut erklärten. Aber die Tugend kann das höchste Gut nicht sein; denn da sie in der Ertragung von Übeln und Mühen besteht, so kann sie an sich nicht glückselig sein; sie muß das höchste Gut als Wirkung und Frucht hervorbringen, weil man zum höchsten Gut ohne größte Beschwerlichkeit und Mühsal nicht gelangen kann.
Aristoteles ist weit vom Wege der Vernunft abgeirrt, indem er die Ehrbarkeit mit der Tugend verknüpfte: als ob sich jemals die Tugend von der Ehrbarkeit trennen und mit der Schändlichkeit verbinden ließe.
[S. 162] Herillus5, der Schüler Pyrrhos6, hat die Wissenschaft zum höchsten Gute gemacht. Diese kommt zwar dem Menschen und dem Geiste allein zu, aber sie kann auch ohne Tugend zuteil werden. Man kann doch den nicht für glückselig erachten, der durch Zuhören oder geringe Lesung sich einige Kenntnisse angeeignet hat; auch ist Wissenschaft keine ausreichende Begriffsbestimmung für das höchste Gut, weil es auch eine Wissenschaft von schlechten oder wenigstens von unnützen Dingen geben kann. Und ist es auch ein Wissen von guten und nützlichen Dingen, das man sich durch Anstrengung erworben hat, so ist es doch nicht das höchste Gut. Denn die Wissenschaft hat ihren Zweck nicht in sich selbst, sondern in etwas anderem. Künste und Wissenschaften lernt man darum, auf daß sie uns zum Unterhalt, zum Ruhme oder auch zum Vergnügen dienen. Diese Dinge können aber die höchsten Güter nicht sein.
Also auch in der Ethik halten die Philosophen keine feste Richtschnur ein; denn gerade in Angelpunkten, d. h. in der Untersuchung, die gestaltend auf das Leben einwirkt, sind sie miteinander in Widerstreit. Es können doch die Vorschriften für das Leben nicht gleich oder ähnlich sein, wenn die einen von den Philosophen zum Vergnügen heranbilden, die anderen zur Ehrbarkeit; die einen zur Natur, die anderen zur Wissenschaft; die einen zum Suchen, die anderen zum Fliehen der Schätze; die einen zum Freisein von Schmerz, die anderen zur Ertragung der Übel. Und in all diesen Dingen weichen sie, wie ich vorher gezeigt, von der Vernunft ab, weil sie Gott nicht kennen.
1: Schüler des Sokrates, um 380 v. Chr.
2: Aus Rhodos, Schüler des Aristoteles, um 300 v. Chr.
3: Aus Citinum auf Cypern; Begründer der stoischen Schule um 300 v. Chr.
4: Ihre Lebenszeit ist nicht näher bekannt; Cicero führt sie Tuscul. V 30 an.
5: Stoischer Philosoph, um 260 v. Chr.
6: Stifter der sog. Skeptischen Schule, Zeitgenosse Alexanders d. Gr.