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Er gewann in den 1950er- Jahren den Weltcup-Slalom in Adelboden und in Wengen. Martin Julen spricht über seine Erfolge und die Veränderungen im Ski-Weltcup.
Herr Julen, verfolgen Sie die Skirennen am kommenden Wochenende in Wengen?
Natürlich, ich schaue mir die Skirennen immer sehr gerne an. Nur den Parallelslalom finde ich eher langweilig. Aber die anderen Rennen interessieren mich sehr. Auch Tennisspiele schaue ich mir gerne an.
Drücken Sie einem bestimmten Skirennfahrer die Daumen?
Wenn ein Schweizer fährt, dann hoffe ich natürlich auf ein gutes Resultat. Aber alle Skirennläufer, die im Weltcup mitfahren, sind sehr gute Skifahrer. Das sieht man allein an den minimalen Zeitabständen. Waren es zu unserer Zeit noch Sekundenrückstände, geht es heute um jeden Hundertstel.
Sie gehörten in den 1950er-Jahren zu den besten Skirennfahrern der Welt. Erinnern Sie sich noch an
diese Zeit?
1951 bin ich an den Schweizer-Meisterschaften in Adelboden mein erstes Rennen gefahren. Ich hatte die Startnummer 230 und bin «da dur die Lecher imbrigfaare». Schliesslich habe ich das Rennen überraschend gewonnen. Noch am gleichen Abend bekam ich eine Anfrage für die Nationalmannschaft und ein Jahr später wurde ich nach Oslo zu den Olympischen Spielen mitgenommen.
… wo Sie aber nicht zum Einsatz gekommen sind.
Ich war nur Reservist im Schweizer Team. Aber die Olympiade in Oslo ist mir trotzdem in guter Erinnerung und ich hatte ein paar schöne Tage in Norwegen.
Von diesem Zeitpunkt an haben Sie voll auf den Skirennsport gesetzt. Waren Sie der geborene Techniker?
Ich bin alle Disziplinen gefahren. 1953 habe ich in der Kombination in Kitzbühel den dritten Platz erreicht. Dazu gehörten damals die Disziplinen Slalom, Riesenslalom und Abfahrt. Ein Jahr später fuhr ich in der Lauberhornabfahrt in Wengen ebenfalls auf den dritten Platz. Vor mir stürzten gleich drei Österreicher an der selben Stelle, was zur Folge hatte, dass diese Stelle bis heute «Österreicherloch» heisst. Ich selber fuhr hier im Stemmbogen durch. Das zahlte sich aus und ich schaffte den Sprung aufs Podest. Sehr zum Ärger der Österreicher, die mich fortan mit irgendwelchen Sprüchen aus dem Konzept bringen wollten.
Was für eine Ausrüstung hatten Sie damals?
Die Slalomski waren aus Holz und 2,10 Meter lang. Bei den Rennen trug ich jeweils einen Norwegerpulli, eine Baumwollhose und eine Wollmütze. Weil die Hosen während der Fahrt immer um die Beine schlabberten, bin ich mal in Zermatt zu einem Schneider gegangen und habe ihn gebeten, meine Hosen enger zu machen (lacht). Dadurch war ich dann in den Rennen ein bisschen windschlüpfriger unterwegs.
Mit den Slalomsiegen in Adelboden und Wengen gelang Ihnen 1955 gleich ein doppelter Coup…
Natürlich habe ich mich darüber gefreut. Aber in erster Linie stand für mich die Freude am Skifahren im Vordergrund. Damals gab es noch keinen Medienrummel, obwohl die Reporter von meinem Fahrstil geschwärmt haben. Ich erinnere mich noch, dass in einem Zeitungsartikel geschrieben stand: «Julen vereint französisches Draufgängertum und schweizerische Sachlichkeit.»
Wissen Sie noch, was Sie als Preis erhalten haben?
Das ist schon viele Jahre her, aber ich glaube, ich habe eine kleine Zinnkanne bekommen, die meine Frau heute abstauben muss (lacht).
«Ich habe das Skifahren noch nicht verlernt»
Sie sind mit so bekannten Namen wie Adrien Duvillard oder Toni Sailer gefahren. Hatten Sie einen guten Draht zu Ihren Konkurrenten?
Wir hatten ein gutes Verhältnis und haben einander respektiert. 1955 lud ein amerikanischer Industrieller die besten europäischen Skirennläufer nach Übersee ein. Dazu gehörten unter anderem drei Österreicher, ein Franzose und ich. Wir reisten vier Wochen durch die USA und bestritten verschiedene Rennen. Vor einem Rennen in Sun Valley hat mir ein Schreiner meine Holzski abgehobelt, weil sie zu hart waren. Mit diesen Skiern habe ich dann Slalom gewonnen.
Wurde Ihnen das Talent zum Skifahren in die Wiege gelegt?
Ich war sicher kein schlechter Skifahrer und dazu hatte ich auch einen gewissen Ehrgeiz. So bin ich im Sommer immer von Findeln oberhalb von Zermatt, wo wir damals gewohnt haben, rund eine Stunde zu Fuss mit den Skiern auf den Findelgletscher gewandert. Dort habe ich dann auf dem Gletscher trainiert.
Bei den Olympischen Spielen in Cortina d`Ampezzo gingen Sie als Favorit an den Start, mussten aber eine empfindliche Niederlage einstecken. Was war der Grund?
Vor dem Rennen hat mir eine Fahrerin, die am Vortag gewonnen hatte, eine Beruhigungspille empfohlen. Diese zeigte aber nicht die gewünschte Wirkung (lacht). So bin ich bereits nach dem dritten Tor ausgeschieden. Nach den verpatzten Rennen in Cortina bin ich dann vom Skirennsport zurückgetreten.
Nach Ihrem Rücktritt haben Sie die Generalvertretung der Skimarke Blizzard übernommen und waren auch im Rennzirkus unterwegs…
Ich war bei einigen Weltcuprennen vor Ort, unter anderem in Kitzbühel und Wengen. Auch bei der Weltmeisterschaft in St. Moritz 1958 war ich als Zuschauer dabei. Aber sonst war ich als Familienvater, Hotelier und Betreiber eines Sportgeschäftes voll ausgelastet und hatte nicht immer Zeit, mir die Rennen vor Ort anzuschauen. Zudem habe ich später mit meinen Söhnen und ein paar Kollegen in Zermatt eine eigene Skischule eröffnet.
30 Jahre nach Ihren Erfolgen hat Ihr Sohn Max 1984 bei den Olympischen Winterspielen in Sarajevo überraschend die Goldmedaille gewonnen. Hätten Sie Ihm das zugetraut?
So überraschend kam der Erfolg für mich nicht, auch wenn die Medien ihn als «Zufalls-Olympiasieger» betitelt haben. Max ist aber im Olympiawinter fünfmal hinter Ingemar Stenmark, der den Weltcup damals dominiert hat, auf den zweiten Platz gefahren. Darum kam es auch nicht von ungefähr, dass Max den Riesenslalom in Sarajevo gewonnen hat.
Waren Sie bei diesem Rennen vor Ort?
Nein, ich habe das Rennen zusammen mit meiner Frau im Fernsehen mitverfolgt und wir haben uns riesig über den Olympiasieg gefreut. Später bin ich dann zusammen mit der ganzen Familie nach Zürich auf den Flughafen gefahren, um Max abzuholen. Dass auch mein Sohn Franz (der spätere CEO von Intersport, die Red.) als Servicemann seine Finger im Spiel hatte, war umso schöner.
Sie feiern im kommenden März Ihren 90. Geburtstag und fahren immer noch regelmässig Ski. Wie kommt das?
Diesen Winter war ich noch nicht so oft auf der Piste. Aber ich habe mir vorgenommen, regelmässig zu fahren. Mein Problem ist einzig, dass ich Mühe habe, mit den Skischuhen und den Skiern bis zur Bahn zu laufen. Aber das Skifahren habe ich noch nicht verlernt und ich bin gerne auf der Piste.
Nicht nur auf der Piste, auch beim Golfspielen machen Sie eine gute Figur…
Zweimal pro Woche bin ich auf dem Golfplatz anzutreffen. Das ist für meine Gesundheit wichtig, damit meine Gelenke nicht einrosten.
Und wie treffsicher sind Sie?
Ich bin sehr zufrieden. Mein Handicap liegt bei 5.
Erst vor wenigen Wochen waren Sie noch in Amerika. Was haben Sie da gemacht?
Unser Sohn Max hat ein Haus in Florida und darum verbringen meine Frau und ich jeweils drei, vier Wochen in den Südstaaten. Bis jetzt habe ich glücklicherweise auch keine Probleme mit dem Fliegen. Und solange es meine Gesundheit erlaubt, reise ich nach Florida.
Kommen wir zurück in die Schweiz.Wie verbringen Sie den Alltag in Zermatt?
Wenn ich nicht auf dem Golfplatz oder beim Skifahren bin, bin ich auch mal im Dorf anzutreffen oder unternehme einen Spaziergang mit meiner Frau. Und ich interessiere mich für das öffentliche Geschehen, schaue regelmässig die Tagesschau und lese Zeitungen. Zudem besuche ich während der Woche am Morgen jeweils den Gottesdienst und am Abend den Rosenkranz in Zermatt. Am Wochenende gehe ich zwischendurch zum gregorianischen Gesang nach Glis oder auch in den Gottesdienst nach Ecône.
In einem Monat finden in Pyeongchang die Olympischen Winterspiele statt. Was trauen Sie den Schweizer Skifahrerinnen und Skifahrern in Südkorea zu?
Dem Schweizer Technikerteam traue ich einiges zu. Vor allem die jungen Fahrer wie Aerni, Meillard, Yule oder Murisier haben gute Medaillenchancen.