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Eine kleine Science-Fiction-Posse
Ein Axiom ist eine grundlegende Annahme oder Aussage, die immer als wahr angenommen wird, ohne dass sie bewiesen werden muss. Dies wissen selbstverständlich alle, die Kreuzworträtsel lösen. Aber warum muss ein Axiom denn nicht bewiesen werden? Wer nimmt sich das Recht heraus, darüber zu entscheiden, was bewiesen werden muss und was nicht? Nun, es ist nicht jemand, der dies bestimmt, sondern etwas — nämlich das Denken! Das Denken aller Menschen. Das Denken überhaupt; auch das Denken anderer denkenden Wesen, das Denken von Gnomen, Kobolden, Lampengeistern und Zyklopen, auch das Denken von Maschinen, wenn man von Maschinen je denken wird, dass sie denken können, auch von Menschen, die träumen oder eine Droge eingenommen haben, von fantasievollen Schriftstellerinnen, von surrealistischen Malern oder von Autorinnen des absurden Theaters. Man kann sich zwar im Traum, im Rausch oder aus reinem Vergnügen völlig unmögliche Dinge vorstellen, sicher! Jemand kann sich vorstellen, eines Morgens aus unruhigen Träumen zu erwachen und sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt zu finden. Jemand anders kann sich vorstellen, beim Quidditch auf einem Besen reitend sechzig Meter in die Tiefe zu stürzen und den goldenen Schnatz auf Anhieb zu erwischen. Viele von uns haben sich bestimmt schon mehr als achthundert Seiten lang vorgestellt, per Anhalter durch die Galaxis zu reisen. Doch denkend oder auch im Wahn gegen ein Axiom zu verstoßen — das hat noch niemand geschafft!
Klarer wird die Sache mit einem Beispiel. Ein Axiom lautet: «Sind zwei Größen einer dritten gleich, sind sie untereinander gleich.» Dieses Gesetz ist fundamental. Wir operieren damit beim Lösen von Gleichungssystemen, beim Schreinern, wenn wir Tischbeine auf ihre bestimmte Länge sägen und diese immer an derselben Referenz abmessen, beim Backen, wenn wir alle Kekse mit derselben Form ausstechen und sie dann nicht mehr untereinander vergleichen müssen, und auch der Maroni-Verkäufer vergleicht das Gewicht der Kastanien in den jeweiligen Tüten für jeden Kunden mit demselben Wägestück. Dieses Gesetz können wir jedoch nicht aus einer anderen Gewissheit logisch herleiten, folglich nicht beweisen. — Und nun stellt sich die Frage: Kann ich dieses Gesetzt beim Denken oder Wähnen wirklich nicht absichtlich oder versehentlich missachten, und sei ich noch so besoffen, verliebt, bekifft, verträumt oder verwirrt? — Die Antwort ist: Nein! Kann ich nicht! Definitiv nicht!
Ich kann mir zwar vorstellen, dass der Maßstab, mit dem ich Tischbeine messe, während meiner Heimwerkertätigkeit schrumpft oder länger wird, sodass die Werkstücke dann nicht gleich lang sind. Aber dann habe ich sie auch nicht mit demselben Maß gemessen. Ich kann mir vorstellen, dass die Form, mit der ich die Kekse aussteche, während der Arbeit größer oder kleiner wird. Aber dann ist es nicht mehr dieselbe Referenzform. Maroni-Verkäufer sind häufig Italiener wie ich, und es ist leicht sich vorzustellen, dass für eine besonders sympathische Kundin ein kleines Zusatzgewicht in der Schale landet. Man kann sich auch vorstellen, dass Tischbeine ihre Länge verändern, nachdem sie gemessen worden sind, dass ausgestochene Kekse ihre Form nicht behalten und dass einzelne Kastanien aus der Tüte fallen. In jedem Fall muss man aber, um das Axiom zu verletzen, schummeln. Solange man denkt, zwei Größen seien einer dritten gleich, sind und bleiben sie auch untereinander gleich!
Was haben nun Axiome mit Zeitreisen zu tun? — Nun, ich behaupte, dass Zeitreisen ebenso wenig gedacht werden können, wie es nicht möglich ist, beim Denken gegen Axiome zu verstoßen, ohne zu schummeln! Dabei denke ich nicht im Geringsten an technische Grenzen. Die zu überwinden kann man sich freilich durchaus vorstellen. Auch Zauberei würde ich zulassen, schließlich ist es ja nicht schwierig, sich vorzustellen, Frösche zu Prinzen zu küssen oder auf einem Teppich über das mittelalterliche Damaskus zu fliegen. Die Relativitätstheorie ist mir klar, und ich weiß sehr wohl, dass die Zeit auf einer sehr schnellen Raumsonde oder in der Nähe eines Schwarzen Lochs langsamer fließt als an einem ruhenden Punkt, der nur schwacher Gravitation ausgesetzt ist. Was ich behaupte, ist, dass jede Science-Fiction-Autorin und jeder Autor, der beziehungsweise die sich eine Zeitmaschine ausdenkt und sich vorstellt, damit eine Zeitreise zu machen, die Zeit klammheimlich so weiterlaufen lässt, wie sie in Wirklichkeit läuft — und somit schummelt.
Um diesen meinen Gedanken zu illustrieren, denke ich mir jetzt eine Geschichte aus:
Wir denken uns einen genialischen Physiker und Ingenieur aus, der nicht bloß die ganze Physik kennt, nicht bloß Einstein, Plank, Heisenberg, Bohr, Fermi und Hawking überragt, sondern alle Lösungen für sämtliche physikalischen Probleme in seinem Kopf bereits gelöst hat. Er weiß, was Dunkle Materie und was Dunkle Energie ist, und er kennt alle Antworten auf alle kosmologischen Fragen. Vorstellen kann man es sich ohne Weiteres. Er ist auch als Ingenieur vollkommen, kennt die Eigenschaften sämtlicher Werkstoffe und Materialien, kann diese auch mit Leichtigkeit auftreiben und kann in seiner Werkstatt alles bearbeiten und herstellen. Auch das ist leicht, sich vorzustellen. Auch der Vorstellung, dass er über magische Kräfte verfügt, Stoffe und Formen in andere verwandeln kann, steht nichts im Wege.
Dieser Physiker und Ingenieur hat nun an einem Samstag die Idee, eine Zeitmaschine zu bauen, um eine Zeitreise zu machen. Am Sonntag berechnet, kalkuliert, skizziert, entwirft und entwickelt er den ganzen Tag. Am Abend ist er so weit: eine letzte Überprüfung, der Plan für den Bau der Maschine ist da. Dann legt er sich schlafen. Am Montag geht er zu OBI und kauft alles ein, was er braucht, und weil er da keine seltenen Erden und Supraleiter kriegt, beschließt er, diese durch Zauberei selbst herzustellen. Wir wollen ja bei der Vorstellung möglichst viel, ja überhaupt alles Vorstellbare zulassen. Am Dienstag baut er seine Maschine zusammen. Um es etwas spannender zu machen, treten trotz seiner unglaublichen Fähigkeiten ein paar kleine Schwierigkeiten auf, sodass er mit dem Bau nicht ganz fertig wird und am Mittwoch weiterarbeiten muss. Am Donnerstag ist die Maschine fertig, und er ruht sich einmal aus. Am Freitag steigt er endlich in sein Zeitfahrzeug und beschließt, vorerst eine kleine Testzeitreise zu machen und noch nicht ins Mittelalter oder gar zu den alten Griechen zu reisen. «Ich reise zunächst mal bloß zum Sonntagabend», sagt er sich, «das sollte für den Moment genügen.» Er stellt auf einem Monitor alles ein, überprüft alle Eingaben, wie es sich gehört, drückt die Enter-Taste und… liegt im selben Augenblick in seinem Bett. Es ist Sonntagabend. Er hat eben seine Maschine entworfen und ist sich sicher, dass sie funktionieren wird. Morgen wird er zu OBI gehen und die Materialien für den Bau der Maschine einkaufen. Und wenn sie in dem Saftladen keine seltenen Erden und Supraleiter haben, wird er diese durch Zauberei selbst herstellen. Kein Problem.
Unser futuristisches Fantasy-Genie liegt an jenem Sonntag noch eine Weile wach. Plötzlich schreckt er auf und denkt: «Ach, ich Trottel! Wenn ich das so mache, wie ich es geplant habe, läuft die Zeit einfach zurück! Ich werde zu einem Zeitpunkt zurückreisen, wo es die Maschine noch gar nicht gibt. Ich würde mich gar nicht erinnern können, die Maschine bereits gebaut zu haben, weil ich sie ja noch gar nicht gebaut hätte! Gut, dass ich jetzt noch daran denke! Ich muss die Maschine so bauen, dass die Zeit für sie selbst nicht rückwärts läuft. Für die Maschine, für den ganzen Innenraum und für mich selbst muss die Zeit in der gewohnten Richtung weiter fließen, denn der Start in der Zukunft muss vor der Ankunft in der Vergangenheit sein. Und ich will mich daran erinnern können, dass ich in der Zukunft gestartet bin und zu einem späteren Zeitpunkt in der Vergangenheit ankomme. Für meine gesamte Physiologie ist es auch eine unabdingbare Bedingung, dass alles weiterläuft: Blutkreislauf, Atmung, Verdauung, Hirntätigkeit, alles. — Higgs-Boson sei Dank hab ich noch daran gedacht! Aber ich bin ein Genie, und kann auch dieses Problem lösen.»
Am Montag geht er, wie bereits gesagt, zu OBI und kauft alles ein, was er braucht, und weil er da keine seltenen Erden und Supraleiter kriegt, beschließt er, diese durch Zauberei selbst herzustellen. Am Dienstag baut er seine Maschine zusammen, aber da er auch die Zeitmaschine und deren Innenraum von der Zeitumkehr isolieren muss, wird er mit dem Bau nicht ganz fertig und muss am Mittwoch weiterarbeiten. Am Donnerstag ist die Maschine fertig und er ruht sich einmal aus. Am Freitag steigt er endlich in sein Zeitfahrzeug und beschließt, vorerst eine kleine Testzeitreise zu machen und noch nicht ins Mittelalter oder gar zu den alten Griechen zu reisen. «Ich reise zunächst mal bloß zum Sonntagabend», sagt er sich, «das sollte für den Moment genügen.» Er stellt auf einem Monitor alles ein, überprüft alle Eingaben, wie es sich gehört, drückt die Enter-Taste und es klappt alles. Im Innern der Maschine ist Freitag. In der Welt um die Maschine herum ist Sonntagabend. Wow! Wenn ihm das nicht den Nobel-Preis einbringt! Es ist fantastisch!
Er schaut aus dem Fester seiner Maschine. Er sollte sich nun sehen, wie er noch wach im Bett liegt und darüber nachdenkt, wie er das Problem lösen kann, die Zeit innerhalb und außerhalb der Maschine in entgegengesetzter Richtung laufen zu lassen. Aber warum sieht er nichts? Rein gar nichts! Kein Licht. Es ist stockdunkel.
Er ist Physiker. Ein genialer Physiker. Ein Physiker, der jede Vorstellung übersteigt, was ja leicht vorzustellen ist. Und leicht ist auch, sich vorzustellen, dass ein solcher Physiker sich sofort erklären kann, warum es da draußen so unvorstellbar stockdunkel ist. Es ist Sonntagabend und die Oberfläche der Dinge, der Bettwäsche, des Nachttischens, des Bettes, seines Pyjamas und seine Haut, sein blondes Haar reflektieren das Licht der Nachttischlampe. Aber im Innern der Maschine ist Freitag! Und am Freitag hat das Licht, das am Sonntag von irgendeinem Körper reflektiert worden ist, längst das Sonnensystem verlassen und kann nicht mehr auf seiner Netzhaut die Fotorezeptoren anregen.
Mit dieser Problematik gar nichts zu tun haben in Charles Dickens‘ ‹A Christmas Carol› Scrooges‘ imaginäre Reisen, auf denen ihn zuerst der Geist der vergangenen Weihnacht zu einer um Jahrzehnte zurückliegende Weihnacht, dann der Geist der zukünftigen Weihnacht zu einer Weihnacht führt, in der sich aufwühlende Ereignisse — vielleicht! — so abspielen werden, wie der Geist sie ihm vor Augen führt und wie er sie beobachtend erlebt. Hier handelt es sich mitnichten um Zeitreisen, weder in die Vergangenheit noch in die Zukunft. Es handelt sich schlicht um einen literarisch aufgearbeiteten Traum, in dem Scrooges‚ Gewissen ihm Ereignisse der Vergangenheit in Erinnerung ruft und Befürchtungen für die Zukunft bewusst macht. Scrooge fragt den Geist der zukünftigen Weihnacht explizit, ob an dieser Zukunft denn nicht mehr zu ändern sei. Und er bekommt zur Antwort, dass er die Gefahr sehr wohl abwenden könne, wenn er sein Verhalten ändern würde.