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Lyrik aus dem arabischen Raum steht im Zentrum des Festivals mit den offenen Ohren für den Rest der Welt.
«Bist du al-Mutanabbi?», ist eine oft gehörte Frage in Städten wie Bagdad, Kairo oder Damaskus, wenn jemand im Alltag eine etwas zu ausgefeilte Hochsprache benutzt. Abu at-Tajjib Ahmed al-Hussein al-Mutanabbi gilt als der grösste Dichter der arabischen Welt und ist in seiner Bedeutung mit derjenigen von Johann Wolfgang von Goethe, Miguel de Cervantes oder William Shakespeare für Europa vergleichbar. Al-Mutanabbi wurde 915 in Kufa, im heutigen Irak, geboren. Der Dichter lebte von 948 in Aleppo am Hof des syrischen Prinzen Seif ad-Dawla für den er zahlreiche Lobeshymnen verfasste, später in Ägypten, bis er 965 in der Nähe von Babylon starb.
Das Poesiefestival
Al-Mutanabbi hat auch einem internationalen Poesiefestival in Zürich, das dieses Jahr bereits zum fünften Mal durchgeführt wird, den Namen geliehen. Das erste in Zürich organisierte Festival fand im Jahr 2000 statt. Es entstand auf Initiative des irakischen Dichters Ali al-Shalah, des Leiters des Schweizerisch-Arabischen Kulturzentrums. 2003 wurde es wegen des Irakkriegs ausgesetzt und fand vergangenes Jahr eine Fortsetzung. Die aktuelle Ausgabe ist dem Thema Poesie und Musik gewidmet, zum zweiten Mal mit einem Ableger in Bern. Die Beziehung zwischen den beiden Genres ist eng, eine eigentliche Wahlverwandtschaft. So kann man Poesie auch als erste Form der Musik sehen, eine Form, die schon bestand, als Musikinstrumente noch unbekannt waren.
Dieses Jahr sind fünfzehn DichterInnen zu Lesungen und fünf MusikerInnen eingeladen, die ihre Lyrik oder eng mit Lyrik verbundene Musik präsentieren. Es sind vor allem Gäste aus dem arabischen Raum, aber auch solche aus Guatemala, Kolumbien, Vietnam und einigen europäischen Ländern, die das Programm bestreiten und so den transkulturellen Dialog fördern. Eine Diskussionsveranstaltung zum Thema Poesie und Musik ist eingebunden, aber es soll auch genügend Raum bleiben, damit die ausländischen Gäste andere hiesige Kulturinstitutionen besuchen können.
Gäste aus dem arabischen Raum
Die in Riad (Saudi-Arabien) lebende Huda al-Dagfak arbeitet als Kulturjournalistin und Gymnasiallehrerin, hat bisher zwei Gedichtbände veröffentlicht und engagiert sich für die Rechte der Frau in ihrem Land. Sie ist eine der wenigen Autorinnen, die über die Grenzen ihrer Heimat hinaus bekannt sind. Muwafak Mohammed aus dem Irak war nach dem Studium der arabischen Literatur und Sprache als Lehrer in Babylon tätig. Sein Sohn wurde 1991 während der Intifada gegen die Regierung festgenommen und verschwand. Der Vater verlor in der Folge seinen Job und schlug sich als Teeverkäufer auf der Strasse durch. Der Leichnam seines Sohnes wurde erst nach dem Sturz der Diktatur in einem Massengrab in der Nähe von Babylon entdeckt. Muwafak Mohammed konnte einen ersten Lyrikband in Dänemark veröffentlichen, demnächst erscheint in Zürich ein zweites Werk von ihm. Rabia Dschelti aus Oran (Algerien) produziert Kultur- und Frauenprogramme für Rundfunk und Fernsehen und hat bisher fünf Gedichtbände veröffentlicht, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Vor drei Jahren erhielt sie den arabischen Literaturpreis in Abu Dhabi (Emirate).
Gäste aus der übrigen Welt
Humbert Ak’abal ist in Guatemala geboren, lebte als Schafhirt und Teppichweber und publizierte 1990 erste Gedichte, die er auf Maya-Kiche und Spanisch schrieb. Anlässlich eines Poesietreffens von 1997 in Neuenburg erhielt er den Schweizer Blaise-Cendrars-Lyrikpreis. Seit einigen Jahren lebt Humbert Ak’abal im jurassischen Le Locle. Mit Angela García aus Medellín (Kolumbien) ist die Mitherausgeberin von «Prometeo», einer lateinamerikanischen Poesiezeitschrift, zu Gast. Sie gehört auch zu den MitbegründerInnen eines Poesiefestivals in Medellín. Nguyen Chi Trung wurde in der Nähe von Saigon geboren, lebt seit 1967 in Stuttgart, unterrichtete Mathematik und Mechanik. Er begann schon bald auf Deutsch zu schreiben und profilierte sich auch als Übersetzer.
Weitere Gäste aus Marokko, Libanon, Palästina, Argentinien, Schweden, Portugal, Deutschland, Österreich und der Schweiz runden die lyrische Weltreise ab, die in den Originalsprachen, auf Deutsch und Arabisch zu hören ist.
Das Musikprogramm
Das Musikprogramm eröffnet Bachar Zarkan aus Syrien. Anfang der achtziger Jahre begann er mit politischen Liedern und beschäftigte sich später mit der Poesie der grossen Sufi-Dichter. Er gründete mehrere Musikgruppen und begann um 2000 mit der Vertonung von Sufi-Dichtungen auf Hocharabisch. Der in Kairo lebende Sajjed Schafik studierte Betriebswirtschaft und Theaterwissenschaft, bevor er sich der musikalischen Umsetzung von alter und neuer Lyrik zuwandte. Im Kontra-Trio, das seit 1992 besteht, haben hiesige MusikerInnen zusammengefunden, die mit ihren basslastigen Instrumenten ungewöhnliche Klanglandschaften kreieren. Leo Bachmann (Kontrabass-Tuba), Madeleine Bischof (Kontrabass-Flöte) und Thomas K. J. Mejer (Kontrabass-Saxofon) verwenden für das Programm «Höllische Konturen» Texte aus «La Divina Commedia» von Dante Alighieri (1265 bis 1321). Dabei sprechen und flüstern sie Textfragmente aus dem «Inferno» des Dichters in ihre mit Kontaktmikrofonen bestückten Instrumente, reisen so abwärts durch die neun Kreise von Dantes Hölle.
Nachdem das Institut du Monde Arabe in Paris sein Poesiefestival dieses Jahr eingestellt hat, bleibt «al-Mutanabbi» das grösste Festival in Europa, das der Vermittlung zwischen europäischer und arabischer Kultur gewidmet ist. Im Umfeld von al-Mutanabbi entstand auch die Idee, in Bagdad selbst aktiv zu werden. Im September 2003 wurde dort das Mesopotamische Kulturinstitut eröffnet, das helfen soll, eine freie und diskursive Auseinandersetzung zu ermöglichen, wie sie im Irak der siebziger Jahre schon einmal bestand. Neben seinen regelmässig durchgeführten Lesungen, Ausstellungen und Konzerten setzt sich das Kulturzentrum auch für die Rückführung von geraubten Kunstwerken ein. Und ein Traum für die Zukunft bleibt ein Al-Mutanabbi-Poesiefestival in Bagdad.
Internationales Poesiefestival al-Mutanabbi in: ZÜRICH Kulturmarkt, Ämtlerstr. 23, Fr-So, 22.-24. April, 20 h, Lesungen. Sa, 23. April, 12 h, Diskussion zum Thema Poesie und Musik. BERN Dampfzentrale, Mo, 25. April, 20 h, Lesungen. Infos: www.sakz.ch