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Infrastruktur:
Die Grundlagen
Die Grundlagen
Es ist ein Inserat, das viel über die Geschichte des «Bauwerks Schweiz» aussagt: «Cento terrassieri trovano lavoro alla stazione di Basilea.» Hundert Menschen würden in Basel eine Arbeit finden, das versprach die «Tiefbau Unternehmung W. & J. Rapp» 1905 in einer Mailänder Zeitung. Die Firma suchte «terrassieri», das Wort leitet sich vom Französischen «terrassier» ab, gemeint waren Arbeiter für den Erdbau. Wer waren die Männer, die Italien verliessen, um bei Rapp anzuheuern? Ihre Namen sind heute unbekannt, aber sie haben bedeutende Spuren hinterlassen; in der Schweiz, in der Region Basel, in dieser Firmengeschichte. Vor dem Ersten Weltkrieg arbeiten im Baugewerbe etwa 100 000 Ausländer, die meisten von ihnen kamen aus Italien. Sie waren am Aufbau der Infrastruktur im Land beteiligt: Eisenbahnlinien und Strassen, Kraftwerke und Leitungen, Brunnen und Kanäle. Solche Bauwerke machten aus der Schweiz ein modernes und im internationalen Vergleich hoch entwickeltes Land. Mitten in diesem Prozess stand das Unternehmen «W. & J. Rapp». «Diefbauunternämmer» wie sie prägten Anfang des 20. Jahrhunderts das Stadtbild, so die im Basler Dialekt festgehaltene Erinnerung eines Zeitzeugen. «An alle-n-Egge-n- und Ände-n» hätten die Bauarbeiter geschuftet, die meisten seien aus dem Süden gekommen – «mer het numme no Italienisch schwätze gheert.» Für die frisch zugezogenen Arbeiter stellten Firmen vielerorts einfachste Unterkünfte auf. Auch Rapp unterhielt «Unterkunftsbaracken für Fremdarbeiter», etwa im Breitequartier. In solchen Massenunterkünften herrschten enge Verhältnisse, die sanitären Anlagen waren oft mangelhaft. Nicht viel besser sah die Wohnsituation in den Arbeitervierteln aus, die mit der Industrialisierung entstanden waren. Aus Italien, aber auch aus anderen Schweizer Kantonen, Frankreich oder Deutschland waren seit Mitte des 19. Jahrhunderts massenhaft Menschen in die Schweizer Städte und damit auch nach Basel gezogen: 1850 lebten knapp 30 000 Menschen im Kanton Basel-Stadt, sechzig Jahre später waren es weit über 130 000. Die Infrastruktur hinkte dem bis heute unerreichten Bevölkerungsschub heillos hinterher. Basel platzte aus allen Nähten. An Arbeit mangelte es Wilhelm und Joachim Rapp also nicht, als sie das von ihrem Vater aufgebaute Geschäft übernahmen. Nach aussen wurden die Gebrüder als eine Einheit wahrgenommen, «eine unzertrennliche Arbeits- und Familiengemeinschaft», wie die Basler Nachrichten einmal schrieben. Sie waren beide gross und stämmig, wohnten praktisch Tür an Tür, ihr Tagesprogramm war synchron: Morgens erteilten die Gebrüder Rapp den Polieren und Vorarbeitern die Aufträge, am Nachmittag besuchten sie gemeinsam Baustellen, registrierten Fortschritte, gaben Befehle, abends löschten sie als Letzte das Licht im Büro. Dort arbeiteten die Bauzeichner und Ingenieure in vorerst fünf Räumen. Das 1896 eröffnete Ingenieurbüro war essenziell für die Ausrichtung des Familienunternehmens. Rapp trat fortan bei verschiedenen Projekten als Totalunternehmer auf, so übernahm die Firma etwa bei der Birseckbahn Basel – Arlesheim oder der Tramlinie Basel – Aesch sowohl die Planung als auch die Bauausführung von Teilstücken.
Das Gesicht des Unternehmens war Joachim Rapp, der sich an der ETH in Zürich zum Bauingenieur ausgebildet hatte. In Basel war er als «markante und aufrechte Gestalt» bekannt, wie eine Zeitung geschrieben hat. Der Bauingenieur sass von 1908 bis 1937 für die Liberalen im Grossen Rat, im Ersten Weltkrieg diente er dem Militär in führender Stellung, 1925 scheiterte er als Kandidat der Bürgerlichen in den Ständeratswahlen. Joachim wurde «Oberst Rapp» genannt, auch in der eigenen Firma. Von seinem hohen Dienstgrad im Militär leiteten Zeitzeugen eine «Persönlichkeit mit hoher Begabung und festem Charakter» ab, die häufigen Zweifel und depressiven Züge von Joachim Rapp blieben dagegen verborgen. Was nicht nach aussen treten sollte, hat sein Sohn in den Memoiren beschrieben: «Papa» sei nicht immer stark gewesen, zeitweise «sah er schwarz, schlief schlecht und freute sich über nichts mehr.» Joachims Bruder Wilhelm, der als die stille, ganz nach innen gekehrte Hälfte von «W. & J. Rapp» galt, sei oftmals zuversichtlicher, offener und risikofreudiger gewesen, auch in geschäftlichen Fragen. Der ältere Bruder hatte in Stuttgart die Grundlagen der Bautechnik erlernt, in der Firma leitete er den Werkhof und führte die Bücher mit Sorgfalt.
Wie seine Eltern war auch Wilhelm Rapp Mitglied der pietistischen Brüdersozietät, die im «Frommen Basel» des 19. Jahrhunderts über grossen Einfluss verfügt hatte. Öffentliche Ämter mied Wilhelm im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder Joachim, der neben der Karriere in Militär und Politik auch Kontakt zu akademischen Kreisen pflegte. Im Geschäft ergänzten sich die beiden ungleichen Brüder ideal, so die Erinnerung, die in der Familie geteilt wird. Aufgeschlossen zeigten sich die beiden Patrons in sozialen Fragen, die in Basel seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert wurden. Kurz nach dem Landesstreik (1918) und dem blutigen Basler Generalstreik (1919) stärkten sie 1923 mit der Stiftung des «Personal-Unterstützungs-Fonds» die Absicherung der Mitarbeitenden. «W. & J. Rapp» war ein erfolgreiches Unternehmen. In den 1930er-Jahren lagen die Umsätze jährlich etwa bei einer Million Franken. Die Gewinne investierten die Brüder zu einem guten Teil in den Ankauf neuer Geräte und Maschinen sowie Grundstücke in Münchenstein und Muttenz für deren Lagerung und als Futterland für die Pferde. Rapp besass 1934 einen Heissdampf-Löffelbagger, Bohrtürme und Betonmischmaschinen, Kompressoren, Steinbrecher sowie eine Rollbahn mit Gleisen, vier Dampflokomotiven und 150 Wagen. Die neuen technischen Hilfsmittel waren willkommen, aber die Arbeit blieb weitgehend manuell: Pferde schleppten Baumaterial, Menschen pickelten und schaufelten auf den Baustellen. Mit dem Ersten Weltkrieg brach die Zahl der italienischen Gastarbeiter in der Schweiz ein. Auch in Basel war in den darauffolgenden Krisenjahren zeitweise die Beschäftigung von arbeitslosen Ansässigen auf Baustellen gefordert, so etwa beim Bau des Gottesackers am Hörnli. Um den Auftrag realisieren zu können, musste Rapp mindestens fünfzig Prozent Arbeitslose aus dem Stadtkanton beschäftigen. Über 150 Männer ohne Stelle meldeten sich binnen zwei Tagen. Sie bauten ab 1926 am grössten Friedhof der Schweiz mit, ausländische Arbeitskräfte waren in den wirtschaftlich schwierigen Zwischenkriegsjahren kaum mehr gefragt.
«W. & J. Rapp» baute Strassen und Plätze, Gleisanlagen, Kanäle, Reservoirs und Stützmauern. Zu den prestigeträchtigsten Aufträgen der Anfangszeit zählen Aufträge für die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) und die Basler Verkehrs-Betriebe (BVB), die ein Jahr vor dem Familienunternehmen gegründet wurden. Auch am Aufbau der in Basel dringend benötigten Kanalisation war Rapp massgeblich beteiligt. Der historische Petersgraben (1900), die Gemeinde Riehen (1914/1915) oder verschiedene Teile von Kleinbasel, darunter das Claraschulhaus (1905), zählen zu den Orten, die Rapp an das Abwassernetz der Stadt angeschlossen hat. Auch beim Bau der Kanalisation war schiere Muskelkraft gefordert, die nicht viel kosten durfte: Um einen 400 Meter langen und gut eineinhalb Meter tiefen Graben auszuheben, pickelten und schaufelten damals zwölf Männer etwa sechzehn Tage lang. In der schmalen Grube liessen sie anschliessend Rohre unter der Erde verschwinden. Die Bauarbeiter schufen dabei Werke, die das Leben der Menschen fast unbemerkt, aber grundlegend verändert haben. Die Verbesserung der hygienischen Verhältnisse trug massgeblich zu einer Verlängerung der Lebenserwartung bei; 1880 lag sie in der Schweiz bei wenig mehr als 40 Jahren, 1900 bei gut 45, 1920 über 55. Neben dem Abfluss von Fäkalien bildet der Zugang zu sauberem Wasser einen wesentlichen Bestandteil der gesundheitlichen Revolution, die nun in verschiedenen Teilen Europas stattfand. Der damit verbundene Bau von Brunnen, Reservoirs und Leitungen war eine Spezialität des Familienunternehmens. «W. & J. Rapp» war für wesentliche Teile der Wasserversorgung in der Stadt Basel und zahlreichen Baselbieter Gemeinden verantwortlich. Auch für die chemisch-pharmazeutische Industrie, die im 20. Jahrhundert zur Leitbranche Basels und zum wichtigsten Kunden von Rapp werden sollte, realisierte die Firma zahlreiche Wasserbauprojekte. Bereits 1901 sondierte Rapp auf dem Areal von Sandoz das Grundwasser, später folgte der Bau eines firmeneigenen Pumpwerks. Damit floss an der Stelle, wo heute der Novartis-Campus steht, das Wasser für die Industrie. Auch für bekannte Brauereien wie Feldschlösschen, Warteck oder Cardinal zapfte die Basler Baufirma Quellen an und für das in St. Jakob bei Muttenz geplante Sportstadion sprengte Rapp in den 1930er-Jahren harte Nagelfluh mit Dynamit, um die notwendigen Wasserleitungen zu verlegen. Mit Raffinesse löste das Ingenieurbüro zur gleichen Zeit ein Problem, das bei der Wasserversorgung der Gemeinde Aesch aufgetreten war. Um zwei hoch gelegene Höfe im Brandfall oder bei Dürre mit ausreichend Wasser zu versorgen, wurde je ein Telefon installiert, das mit dem von Rapp geplanten Pumpwerk verbunden war. Ein Anruf der Hofbewohner setzte dort automatisch eine Mechanik in Gange, die den Fluss des Wassers von Niederdruck auf Hochdruck umstellte. Der Hilfe suchenden Person am Telefonhörer signalisierte schliesslich eine Glocke, dass nun mit Wasser in so grossen Mengen gerechnet werden konnte, damit ein Feuer gelöscht oder ein Feld bewässert werden konnte. Die Lösung der Ingenieure von «W. & J. Rapp» war pionierhaft: Wohl zum ersten Mal in der Schweiz wurde in Aesch bei der Wasserversorgung eine Kommunikationstechnologie verwendet.
Spätestens ab den 1920er-Jahren war Rapp überregional bekannt auf dem Feld des Wasserbaus. Um die Expertise des Basler Unternehmens bemühten sich etwa die Gemeinden Chiasso oder St. Moritz sowie Kunden aus der Industrie. Bei der Viscosefabrik im sankt-gallischen Widnau oder der Papierfabrik Netstal, Glarus, sind damals ikonische Fotografien einer Kernkompetenz von Rapp entstanden. Sie zeigen den Bau von grosskalibrigen Grundwasserbrunnen, bekannt als «System Rapp». Die Arbeiter stehen auf dem Senkkasten mit Firmenlogo, der imposante Apparat konnte sie bis zu dreissig Meter unter den Wasserspiegel schleusen. Auf dem Weg dorthin entfernten die Arbeiter Erde und Gestein, ehe sie den Grund des Brunnens betonierten und Filter einfügten. Die sogenannte Caisson-Bauweise, im Brücken- und Hafenbau bereits im 18. Jahrhundert eingesetzt, bedeutete ein Gesundheitsrisiko, unter anderem konnten sich durch die Druckunterschiede im Blut Gasblasen bilden. In der Firmengeschichte von Rapp ist ein Todesfall im Caisson belegt. Die Arbeit auf Baustellen war eine gefährliche. Im Mitteilungsblatt, das Rapp ab Ende der 1960er-Jahre für die Mitarbeitenden der Bauunternehmung publizierte, sind einige der Verletzungen erwähnt, die im Baugewerbe zum Berufsrisiko gehörten: Giuseppe Amorose erlitt 1969 eine Gehirnerschütterung, weil ihm ein Hebeisen an den Kopf prallte, einer seiner Kollegen stürzte von der Leiter und brach sich beide Beine, über einen anderen heisst es im Mitteilungsblatt: «Unser Friedel von Wyl ist immer noch nicht wiederhergestellt.» Er hatte sich beim Anhängen einer Mulde verletzt, seit drei Monaten war er bettlägerig. Von den eigenen Arbeitern forderte Rapp im Mitteilungsblatt wiederholt das Tragen von Schutzhelmen ein, vor allem aber warnten die Verantwortlichen eindringlich vor den Gefahren des Alkoholismus. In einem Beitrag mit dem Titel «Ein Wort zum Alkohol» berichtete Rapp im Frühling 1968 von vier Arbeitern, die betrunken am Steuer erwischt wurden. Sie erhielten Freiheitsstrafen von zwei bis drei Monaten, im Mitteilungsblatt veröffentlichte Rapp ihre Namen, denn man müsse sich «das damit verbundene Leid und die entstandenen Sorgen in den betroffenen Familien vor Augen führen». Die Ermahnungen und Genesungswünsche im Mitteilungsblatt deckten sich mit dem patriarchalen Führungsstil, den Wilhelm und Joachim Rapp in der Firma gepflegt hatten. Es seien Geschäftsherren gewesen, «denen man Respekt schuldete und ohne Widerspruch gehorchte», steht in einer Firmenchronik. Sie waren Patrons, gleichzeitig Besitzer und Geschäftsleiter, durch ein soziales Bewusstsein mit den Arbeitnehmenden verbunden und doch in standesgemässer Distanz auftretend. Eine friedvolle Beziehung zwischen Firmenbesitzer und Belegschaft war auch der folgenden Generation wichtig, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Verantwortung im Familienunternehmen übernahm. Die neue Doppelspitze bestand aus Willi Rapp und Hans Joachim Rapp. Ersterer der Sohn von Wilhelm, Letzterer von Joachim; sie waren also Cousins, ihre Ehefrauen waren Schwestern, womit die familiären Bande ausserordentlich eng waren. Sie folgten der Arbeitsteilung, die sich zwischen ihren Vätern Wilhelm und Joachim etabliert hatte: Hans Joachim war zuständig für das Ingenieurbüro, Willi für die Bauunternehmung. Willi Rapp erschien manchen Zeitzeugen fast wie eine Wiederkehr des 1949 verstorbenen Wilhelm Rapp. «Gleich seinem Vater mehr nach innen gewandt» sei er gewesen, hat ein Journalist einmal festgestellt. Auch der Sohn sei ein stiller Schaffer: «Hobbys kennt Willi Rapp kaum – es wäre denn die Arbeit.» Das Verhältnis zu den Arbeitern sei ihrem Vater das Wichtigste gewesen, vermuten die Kinder von Willi Rapp. Sie erinnern sich an die grosse Freundlichkeit, mit der ihr Vater der Belegschaft begegnet sei: «Er war engagiert und streng in der Sache, aber ein gütiger Mensch.» Willi Rapp war religiös wie sein Vater, von dem er nach dem 1926 abgeschlossenen Studium zum Bauingenieur ETH in das Familienunternehmen eingeführt wurde. Bei der Modernisierung des Fuhrparks agierte der Sohn zurückhaltender, als es sein Vater Wilhelm Rapp in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts tat. Leistungsstarke und teure Erdbaugeräte wie Bulldozer oder Scraper schaffte die Bauunternehmung nur zögerlich an. Die Spezialität von «W. & J. Rapp» blieben Bohrungen und Erdarbeiten, erst Ende der 1950er-Jahre stellte in der Bauunternehmung das letzte Pferd den Dienst ein. Die Tätigkeit beschränkte sich mehr und mehr auf die Region Basel, wo die Bauunternehmung im Ruf stand, ein konservativer Betrieb zu sein. Doch auch bei Rapp haben neue Maschinen und Fahrzeuge die Arbeitsweise in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts tiefgreifend verändert: Die Menge an Erde und Gestein, die früher ein Dutzend Arbeiter in tagelanger Arbeit ausheben konnte, schaffte nun ein einziger Bagger mit wenigen Hieben.
Es waren in erster Linie Ausländer, die in den «goldenen dreissig Jahren» nach dem Zweiten Weltkrieg neue Strassen, Kraftwerke oder Kanalisationen bauten in der Schweiz. Basel glich wieder «einem immensen Bauplatz», hat der Historiker Georg Kreis geschrieben, vor allem die Agglomeration der Stadt verwandelte sich nun massiv: In den 1950er-Jahren erlebte kein anderer Kanton einen grösseren Bevölkerungszuwachs als Basel-Land, Ende der 1960er-Jahre zählte der Landkanton mehr Einwohner als Basel-Stadt. Auch hier verlangten die Menschen nach leistungsfähiger und moderner Infrastruktur, wie sie Rapp planen und bauen konnte. Trotz der weitgehenden Motorisierung waren Arbeitskräfte in der Nachkriegszeit gefragt wie selten zuvor im Baugewerbe. Ungelernte Bauarbeiter verdienten weit unterdurchschnittlich, um 1950 lag ihr Lohn in der Schweiz bei weniger als 200 Franken pro Monat. Wesentlich mehr erhielten ihre Vorgesetzten, also Poliere und Vorarbeiter wie Mario Caslani, der bei Rapp monatlich 745 Franken erhielt. Caslani ist einer von fünf Italienern, die damals zu den Festangestellten der Firma zählten. Dazu kamen zahlreiche Bauarbeiter und Hilfskräfte aus Südeuropa, die nur in den Sommermonaten in der Schweiz leben durften. Neben Italienern arbeiteten zunehmend Spanier und Portugiesen als Saisonniers auf den Baustellen, auch bei Rapp. Als der Bauboom um 1970 einen Höhepunkt erreichte, beschäftigte «W. & J. Rapp» gut 400 Personen, davon arbeitete etwa ein Viertel im Büro, der Rest auf dem Bau. Die Tiefbauunternehmung war ausschliesslich lokal tätig in und um Basel, im Vergleich zu verschiedenen Konkurrenten war sie klein; der 1917 in Zürich gegründete Tiefbauspezialist Walo Bertschinger beschäftigte beispielsweise mehr als fünf Mal so viele Arbeiter und betrieb Zweigstellen in fast allen grösseren Ortschaften der Schweiz, auch in Arlesheim oder Basel. Solche Unternehmungen waren nicht nur grösser, sondern auch technisch überlegen, mit ihren Fuhrparks konnte sich Rapp je länger, desto weniger messen.
Neben den zahlreichen Saisonniers, Vorarbeitern und Polieren arbeiteten auch in den Büros von Rapp Italiener. Zu ihnen zählte der diplomierte Geometer Alveno Persili. Er war in Italien aufgewachsen und hatte in einem anderen Ingenieurbüro in der Region Basel gearbeitet, ehe er 1961 eine Stelle bei Rapp antrat. Auch Persili war ein loyaler und pflichtbewusster Arbeitnehmer, bereits früh fiel er durch sein hohes Engagement für die Firma auf. So bot er unter anderem den Polieren Sprachkurse an: einfachstes Italienisch, Begriffe für Gegenstände und Arbeitsschritte, Sätze zum Auswendiglernen, also buchstäblich eine Sprache des täglichen Gebrauchs, die eine Verständigung mit den Saisonniers und Arbeitern erleichtern sollte. Persili machte Karriere bei Rapp, wurde Prokurist und Mitglied der Geschäftsleitung. Die von ihm geleitete Abteilung für Vermessung zählte Ende der 1970er-Jahre ein gutes Dutzend Mitarbeitende und hatte im Ingenieurbüro eine bedeutende Stellung. Zu den Grossprojekten zählten Trassierungen für das schweizerische Autobahnnetz oder Vermessungsarbeiten für die SBB. Bei ihrer Tätigkeit kamen die Geometer von Rapp auch mit den nach wie vor rauen Arbeitsverhältnissen im Tiefbau in Berührung. «Die aufgewirbelten Baumaschinenabgase und der Baustellenstaub, die Nässe und der Schmutz sowie die sehr engen Verhältnisse und die ständige Unfallgefahr durch die vorbeirasenden Züge erschweren sämtliche Tätigkeiten», schrieb Persili in einem Fachbeitrag über die Vermessungsarbeiten im Hauenstein-Basistunnel bei Olten. Eine aussergewöhnliche Mission übernahm Persili, nachdem Italien 1980 von einer Reihe verheerender Erdbeben erschüttert worden war. In der Region Neapel starben 3000 Menschen, Hunderttausende wurden obdachlos, besonders schlimm war die Zerstörung in der Umgebung von Avellino. Dorthin reiste der Angestellte von Rapp, um sich ein Bild zu machen von den Schäden, die Bauarbeiter der Firma und ihre Familien erlitten hatten. Trotz immer wieder spürbarer Erdstösse seien die Menschen nicht ängstlich, berichtete Persili im Herbst 1981 der Geschäftsleitung. «Sie bauen wieder auf, mit Mut und viel Opfer.» Auf seiner Reise besuchte er die beschädigten Häuser von drei Arbeitern, darunter Giovanni Lanzillo, der seit 1969 als Handlanger bei Rapp arbeitete. Persili hielt die schwierige Situation der Lanzillos fest: Eine Hälfte des Hauses war eingestürzt, die Ehefrau des Arbeiters musste nach Basel ziehen. Dort arbeite ein Sohn im «Konsum», dem heutigen Coop, und die Tochter sei mit einem Arbeiter von Rapp verheiratet, führt Persili in seinem Bericht aus. Persili beriet die vom Erdbeben geschädigten Kollegen, ging auf die Ämter, fotografierte Akten und die Schäden an den Häusern. Nach seiner Reise konnte er bei Rapp bestätigen, «dass die angebotene und grosszügige Hilfe der Mitarbeiter und der Unternehmungsleitung sicher ein willkommener und benötigter zusätzlicher Beitrag sein wird», da die vom Staat versprochenen «Hilfsbeiträge, wenn sie je ausbezahlt werden, (...) nur einen geringen Teil der notwendigen Mittel für die Sanierung bzw. den Wiederaufbau der beschädigten Häuser» decken würden. Die Unterstützung der italienischen Arbeiter passte zum Selbstverständnis einer Familienfirma, die sich um ihre Leute kümmert. Sie kann auch als eine Art Dank für deren Loyalität verstanden werden, denn Rapp brauchte die Männer aus Italien von Anfang an. Im eingangs erwähnten Inserat von 1905 warb die Firma um ihre Arbeitskraft. Seither waren Hunderte in den Werkhof nach Basel gekommen, oftmals vermittelt von einem Verwandten, der bereits bei Rapp tätig war. Wie stark die Italiener im Unternehmen integriert waren, zeigte sich auch 1970 im Rahmen der Überfremdungsinitiative des Rechtspopulisten James Schwarzenbach, die einen Ausländeranteil von maximal zehn Prozent forderte. Im Mitteilungsblatt, von dem Rapp jeweils auch eine italienische Übersetzung druckte, fragte die Geschäftsleitung vor der Schwarzenbach-Initiative rhetorisch: «Warum sträuben wir uns heute eigentlich, auch Italiener, die schon jahrelang bei uns leben, in unser Bürgerrecht aufzunehmen?» Die Initiative wurde schliesslich nur knapp abgelehnt. Auf die Angst vor der «Überfremdung» reagierte die Politik unter anderem mit einer stärkeren Beschränkung der Arbeitsmigration.
Dem Engagement für die Erdbebenopfer in Süditalien und den internen Voten gegen die Schwarzenbach-Initiative zum Trotz nahm die Zahl der Arbeiter aus Italien kontinuierlich ab. Die Gründe dafür lagen in der wirtschaftlichen Entwicklung, aber auch im Wandel der Firma Rapp. Mit den Ölpreiskrisen der 1970er-Jahre und der darauffolgenden Rezession sank die Nachfrage im Bausektor. Von 1970 bis 1980 schrumpfte die Zahl der auf dem Bau Beschäftigten in der Firma von knapp 300 auf 200. Relativ konstant bewegte sich dagegen die Belegschaft im Büro, wo während den 1970er-Jahren stets etwa 130 Menschen arbeiteten. Etwa 100 davon waren im Ingenieurbüro tätig.
Die 1896 von Wilhelm und Joachim Rapp gefasste Idee eines Unternehmens, das den Kunden sowohl Planung als auch Ausführung anbieten kann, war mit der Realität im Baugewerbe je länger, desto weniger vereinbar. Im kommunalen Tiefbau hatte sich ein gegenteiliges Schema etabliert: Aufträge für Projektierung und Bau wurden klar getrennt, dass ein und dasselbe Unternehmen beides macht, war kaum mehr denkbar. In der Industrie konnte Rapp eher noch auf Aufträge hoffen, die sowohl Planung als auch Umsetzung eines Bauwerks beinhalteten. Die damit verbundenen Herausforderungen betonte eine Informationsbroschüre, die Rapp 1976 publizierte: «Unser Ruf steht dabei doppelt auf dem Spiel.» Dass die Zusammenarbeit zwischen Ingenieurbüro und Bauunternehmung zu diesem Zeitpunkt im Wesentlichen auf die «Basler Chemie» beschränkt war, deutet die Aufteilung der Umsätze an: Sandoz, Ciba-Geigy und Roche machten etwa zwei Drittel des Erlöses der Bauleistungen aus, wobei zu vermuten ist, dass viele Aufträge durch das Ingenieurbüro von Rapp geplant wurden. Das Ingenieurbüro hatte zu diesem Zeitpunkt dagegen einen wesentlich breiteren Kundenstamm: Diverse Kantone und Verkehrsbetriebe, der Bund, zahlreiche Gemeinden und andere Kunden machten etwa 60 Prozent des Umsatzes aus, den Rest steuerte auch bei Projektierungen und Planungen die chemische Industrie bei. Mit den Ölpreiskrisen und der darauffolgenden Rezession, die bei Rapp um 1980 besonders spürbar war, akzentuierte sich die Prägung von Rapp: Die Tiefbauunternehmung verlor weiter an Bedeutung, während das Ingenieurbüro grösser wurde und eine immer breitere Palette abdeckte. Bauarbeiter wie Giovanni Lanzillo oder Poliere wie Mario Caslani waren längst weniger gesucht als Fachspezialisten wie der Geometer Alveno Persili und die zahlreichen Ingenieure und Bauzeichnerinnen. Neues Know-how brachten Informatiker, Umweltwissenschaftlerinnen oder Architekten, die zunehmend eingestellt wurden bei Rapp. Infrastruktur ist bis heute eine Kernkompetenz von Rapp. Die dafür zuständige Betriebsgesellschaft Rapp Infra beschäftigt mittlerweile 180 Mitarbeitende. Sie planen und projektieren nach wie vor jene oftmals unsichtbaren Bauwerke, die am Anfang der Firmengeschichte stehen: Schienen und Strassen, Wasser- und Energieversorgungen, also die Grundlagen des Alltags.