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Herr Couchepin, wie überrascht waren Sie, dass Oskar Freysinger am Sonntag bei den Wahlen im Wallis so schlecht abschnitt?
Pascal Couchepin: Ich war gar nicht so erstaunt…
Warum genau verblüfft es Sie nicht, dass der Kandidat, der vor vier Jahren noch mit Abstand am meisten Stimmen bekam, jetzt nur noch unter «ferner liefen» rangiert?
In den französischsprachigen Regionen, also im Unterwallis, hat Freysinger das Vertrauen der Bevölkerung komplett verspielt. Seine Anhänger sind vor allem im Oberwallis. Doch auch dort hat er mit einem wirren Wahlkampf viele vor den Kopf gestossen.
Inwiefern?
Vor zwei Wochen habe ich eine «Fokus»-Sendung im Oberwalliser Lokalradio Kanal 9 gehört. Der Moderator hat Herrn Freysinger konkrete Fragen zu den bevorstehenden Wahlen und der Walliser Politik gestellt. Doch Freysinger ist bei seinen Antworten oft kaum darauf eingegangen. Er hat stattdessen ziemlich spezielle Antworten gegeben, die wenig zu tun haben mit dem Wahlkampf und den Problemen der Walliser. Er hat zum Beispiel gesagt, dass er sich in Russland freier fühle als in der EU.
Freysinger war aber seit jeher bekannt für zuweilen unkonventionelle Statements. Das war für die Walliser nichts Neues.
Wenn Herr Freysinger sich in den letzten vier Jahren intensiv um sein Departement in der Walliser Regierung gekümmert hätte, hätten die Wähler seine Art vielleicht auch diesmal goutiert.
Hat er als Staatsrat so schlecht gearbeitet?
Das Problem ist und war, dass Oskar Freysinger nie grosses Interesse fand an den Geschäften in seinem Departement. Er äusserte sich lieber über den Stand der Welt und die Entwicklung der Gesellschaft in Europa. Er nahm lieber an Veranstaltungen internationaler Exponenten der rechten oder rechtsextremen Szene teil als an Sitzungen in seinem Departement. Das alles sah für die Wähler etwas seltsam aus.
Freysinger sagt, dass er das Schulgesetz reformiert und erfolgreich Verhandlungen für den Flugplatz Sitten geführt hat. Er hat zumindest einen Teil der Versprechen aus dem Wahlkampf vor vier Jahren umgesetzt.
Er hat im Wahlkampf vor vier Jahren versprochen, alles zu ändern. Das Resultat ist nahe null.
Die Schulreform?
Diese Gesetzesänderung hatte sein Vorgänger doch schon aufgegleist. Auch beim Flugplatz hat er kaum eine entscheidende Rolle gespielt.
Und was hat er nicht eingelöst?
Er hat versprochen, die gesamte Verwaltung zu reformieren und vom Walliser Filz zu säubern. Sobald er gewählt war, hat er das genaue Gegenteil davon gemacht.
Bei welcher Gelegenheit?
Er hat sofort seinen eigenen Kollegen wichtige Posten verschafft. Er hat seinen höchsten Bildungsbeamten Jean-François Lovey entmachtet und auf ein Nebengeleise gestellt. An dessen Stelle hat er seinen Intimus Jean-Marie Cleusix gesetzt. Dieser musste den Posten nach nur zwei Jahren niederlegen. In kurzer Zeit musste Freysinger so für zwei Spitzenbeamte Posten schaffen, die es gar nicht bräuchte. Und da war dieser rechtsextreme Experte Piero San Giorgio, den er einsetzte und nach kurzer Zeit nach grossen Protesten wieder absetzen musste. Das alles lässt nur einen Schluss zu: Freysinger beherrscht sein Metier nicht.
Dann ist Freysinger in Ihren Augen als Exekutivpolitiker nicht geeignet?
Er hat Talente als Sänger, als Poet oder wie sagt man… als Amuseur public…
… aber?
Das Amt eines Staatsrates ist eine Nummer zu gross für ihn. Freysinger in dieser Rolle hat das Funktionieren der Verwaltung nicht verbessert. Er hat ein Chaos gestiftet. Das haben auch viele Wähler gemerkt.
Freysinger ging mit dem CVP-Kandidaten Nicolas Voide ein Bündnis ein, um Christophe Darbellay zu schaden. War das ein Eigentor?
Genützt hat es ihm jedenfalls nichts. Allerdings zeigt auch diese Episode einen Charakterzug von Freysinger. Kaum war das Wahlresultat bekannt, hat er sich vom Wahlpartner Voide distanziert. Wer ihm nichts mehr nützt, den lässt er einfach fallen. Er hat seinen Alliierten wie einen Knecht entlassen.
Die zweite Walliser Überraschung war das Glanzresultat von Christophe Darbellay. Die konservativen Walliser Wähler haben dem CVP-Politiker die aussereheliche Vaterschaft offenbar verziehen?
Das war in keiner Hinsicht eine Überraschung. Herr Darbellay ist ein intelligenter Mann und ein sympathischer Mensch. Vielleicht hat er wegen seiner persönlicher Probleme ein paar Tausend Stimmen verloren. Aber andererseits dürfte er ein paar Tausend Stimmen gewonnen haben, von Wählern, die es nicht gut fanden, dass seine persönlichen Probleme in der Öffentlichkeit ausgebreitet wurden.
Noch ist allerdings nichts entschieden. Alle Kandidaten müssen sich einem zweiten Wahlgang stellen. Ihre Prognose?
Für Herrn Darbellay und die beiden anderen CVP-Kandidaten besteht keine Gefahr. Sie sind so gut wie gewählt.
Aber Herrn Freysinger räumen Sie allem Anschein nach keine Wahlchancen mehr ein?
Im Unterwallis gilt er bereits heute nicht mehr als ernst zu nehmender Kandidat. Auch im Oberwallis ist seine Stellung am Bröckeln, wie mir viele Leute aus dem Oberwallis, sogar aus der SVP, sagen.
Aber werden die Wähler letztlich dann nicht doch Freysinger wählen, um zu verhindern, dass zwei SP-Politiker in die Regierung kommen?
Ich glaube auch nicht, dass die Walliser eine Zweiparteienregierung wollen. Deshalb hat der FDP-Kandidat jetzt eine reelle Chance. Dass hingegen Freysinger gewählt wird, glaube ich nicht. Interview:
Pascal Couchepin (FDP) war von 1998 bis 2009 Bundesrat. Der heute 75Jährige wohnt in Martigny (VS). Er war zuerst Wirtschaftsund dann Innenminister.
WEICHENSTELLUNGEN FÜR ZWEITEN WAHLGANG
Am Wochenende fanden im Kanton Wallis die Kantonswahlen statt. Für den SVP-Politiker Oskar Freysinger war es eine Schlappe: Der amtierende Staatsrat erreichte im Rennen um die Wiederwahl in die fünfköpfige Kantonsregierung nur gerade den sechsten Platz. Noch ist das Rennen jedoch für Freysinger nicht gelaufen; es kommt zu einem zweiten Wahlgang am 19. März, weil keiner der Kandidaten das absolute Mehr erreicht hat.
Im zweiten Wahlgang strebt die SP einen zweiten Sitz in der Regierung an. Am Sonntag landeten die beiden SP-Kandidaten Esther Waeber-Kalbermatten und Stéphane Rossini hinter dem CVP-Trio auf den Plätzen vier und fünf. Oskar Freysinger tritt alleine an. ma/sda