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Victorias schwere Jugend
Sie prägte mit ihrem Namen ein ganzes Jahrhundert und ist für viele bis heute Inbegriff der englischen Royals: Queen Victoria. Sie kam vor 200 Jahren zur Welt und sass fast so lange auf dem Thron wie Königin Elizabeth II. Victoria (1819–1901) führte gewiss ein privilegiertes Leben, abgehoben von allen anderen gesellschaftlichen Klassen. Aber ihre ersten Jahre gehörten in die alltägliche Kategorie «schwere Jugend».
Vater Edward Augustus Herzog von Kent war ein Berufsoffizier der etwas unangenehmen Sorte. Er liebte es, seine Soldaten bei Disziplinlosigkeiten weichklopfen zu lassen. Der renommierte Victoria-Biograf A. N. Wilson kolportiert eine Geschichte aus dem Jahr 1791, als der Herzog im damals britischen Quebec einen französischen Soldaten mit angeblich 999 Peitschenhieben quälen liess. Dieser überlebte, mochte aber die Engländer danach nicht besser.
Edward Augustus kam noch vor Victorias Geburt nach Quebec, als er von seinem Posten als Truppenkommandant in Gibraltar abberufen wurde, um eine Meuterei zu verhindern – verhasst wie er war. Denn der Herzog hatte die Angewohnheit, die Hinrichtungen nach schwereren Vergehen am Weihnachtstag durchführen zu lassen, «damit sich die Verurteilten im Advent auf etwas freuen können».
Nach dem Vater kam ein Schreckgespenst
Dieser Offizier ehelichte die verwitwete Fürstin von Leiningen aus dem Haus Sachsen-Coburg im nördlichen Bayern, aus dem «Pumpernickel-Staat», wie sich der irische Schriftsteller William Thackeray mokierte. Wie damals üblich, war das keine Liebesverbindung, sondern eine Zweckallianz zur Sicherung der Pfründe. Immerhin zeugten die beiden in England ein Kind – die spätere Königin Victoria. Zu ihrem Glück verstarb der Vater wenige Monate nach ihrer Geburt an einer Lungenentzündung, sodass sie von seinen Eigenwilligkeiten verschont blieb.
Ihre Mutter, die deutsche Fürstin, war des Englischen nicht mächtig und blieb auf der Insel unglücklich und führte das Leben eines Mauerblümchens. So ging sie als junge Witwe eine Verbindung mit dem irischen Baron John Conroy ein, der so zum faktischen Stiefvater Victorias wurde.
Dieser Mann schaffte es in die schier endlose Reihe fürchterlicher Bösewichte der britischen Geschichte, denen William Shakespeare mit seinen Dramen wunderbare Denkmäler für die Nachwelt baute. Conroy versuchte als eine Art Rasputin auf die politischen und gesellschaftlichen Fährnisse Einfluss zu nehmen und wurde zu Victorias Schreckgespenst. Grossbritannien war damals zwar bereits eine konstitutionelle Monarchie mit einem starken Parlament, doch der Einfluss des Hochadels war ungleich grösser als heute.
Die zugelaufene Deutsche auf dem Thron
Victoria kam bereits mit 18 Jahren auf den Thron. In ihrer Unerfahrenheit schaffte sie es, die Krone innert zweier Jahre denkbar unbeliebt zu machen. Besonders die monarchistischen Tories wollten von dieser Regentin nichts wissen. Sie erschien den Briten in den ersten Jahren ihres Lebens als eine zugelaufene Deutsche.
Victorias monarchistische Laufbahn stand vor dem Scheitern, wäre da nicht Lord Melbourne gewesen, der Premierminister, der sich der jungen Regentin väterlich angenommen hatte und in die politischen Künste einwies. Melbourne war ein unerbittlicher Reaktionär und pflegte rebellierende Landarbeiter kurzerhand nach Australien zu deportieren, zum Teil inklusive ihrer Familien.
Da war Victorias Vater, der unerbittliche Offizier Edward, aus anderem Holz geschnitzt. Rigorose Disziplin gewürzt mit Sadismus hin oder her; er interessierte sich überraschenderweise für die gesellschaftlichen Vorstellungen des nordenglischen Frühsozialisten Robert Owen. Dieser freute sich über die adlige Unterstützung und lieh dem Herzog laut Historiker Wilson gerne Geld, wenn der gerade wieder einmal klamm daherkam.
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