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Die positiven Folgen des Krimkriegs
Ähnlich wie die Eidgenossenschaft im 16. Jahrhundert (Marignano) hat Russland im 19. Jahrhundert eine militärische Niederlage erlitten, welche positive ökonomische Folgen hatte. Die Rede ist vom Krimkrieg (1853-56), den Russland gegen die vereinte Macht des Osmanischen Reiches, Grossbritanniens und Frankreichs verlor.
Der militärische Konflikt drehte sich um die Frage, ob sich Russland am Schwarzen Meer auf Kosten des Osmanischen Reiches weiter ausdehnen durfte. Die entscheidende Schlacht war die Belagerung Sewastopols durch die westlichen Mächte. Im September 1855 mussten die russischen Truppen die Stadt räumen.
Der Krieg hatte zunächst nur eine negative Wirkung. Russland musste grosse Verluste verkraften. In einem zweiten Schritt aber löste er etwas Positives aus. Die Kriegsniederlage hatte dem russischen Militär nämlich klar vor Augen geführt, dass es eine stärkere wirtschaftliche Basis brauchte, um in einem künftigen Krieg mit dem Westen mithalten zu können. Das bedeutete, dass man vom Staat aus Anstrengungen unternehmen musste, um die Wirtschaft voranzubringen.
Russland musste als Erstes die Landwirtschaft modernisieren – ähnlich wie China nach 1978. So schaffte man 1861 die Leibeigenschaft ab, um die Mobilität der Arbeitskräfte zu fördern und den Boden handelbar zu machen. Der russisch-amerikanische Wirtschaftshistoriker Alexander Gerschenkron bezeichnete die Leibeigenschaft als wichtigste Wachstumsbarriere der russischen Wirtschaft.
Der Impuls, der vom russischen Militär ausging, wirkte. Die Wirtschaft begann allmählich schneller zu wachsen. In den 1880er Jahren drängte das Militär darauf, den Eisenbahnbau staatlich zu fördern. Der Abstand zum Westen verschwand zwar nicht, aber die Industrialisierung hatte nun Wurzeln geschlagen.
Die folgende Tabelle dokumentiert diesen Aufwärtstrend (Quelle). Im Jahr 1860 betrug der russische Pro-Kopf-Industrialisierungsgrad acht Prozent des britischen Niveaus von 1900, im Jahr 1900 15 Prozent, im Jahr 1913 20 Prozent. Neuste Forschungen zeigen überdies, dass der Lebensstandard nicht nur in den industriellen Ballungszentren, sondern auch auf dem Land stieg (hier).
Was das Zarenreich im 19. Jahrhundert begonnen hatte, setzten die Bolschewisten nach 1917 fort. Der Staat blieb weiterhin der wichtigste Agent der wirtschaftlichen Entwicklung. Und nach einer radikalen Liberalisierungswelle in den 1990er Jahren scheint das moderne Russland wieder an diese alte Tradition anzuknüpfen – mit unabsehbaren Folgen, wie die jüngsten Ereignisse auf der Krim zeigen.