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IM ROCK AUF DEM BOCK
Emma Hausheer auf dem Bock der Bregg ca. 1912, Foto in Privatbesitz
Die junge Frau im weissen Kleid auf dem Bock ist meine Urgrossmutter, Emma Wettstein-Hausheer (1892-1987). Geboren wurde Emmeli als ältestes von drei Mädchen im Haumesser 22; von dort zügelte sie im Primarschulalter mit der Familie an die Tannenrauchstrasse (heute Simmlersteig, vgl. Blog HAUSHEER). Bis zu ihrem Tod mit 95 Jahren hat sie dort gelebt.
Als Bauerntochter ohne Brüder war sie gewohnt zuzupacken, ihr Pferd einzuspannen und zu führen. Ganz selbstverständlich übernahmen die Töchter nach der Sekundarschule in Zürich-Enge und einem Welschlandjahr Mitverantwortung in der Landwirtschaft: Sie waren am Heuen, als der erste Weltkrieg 1914 ausbrach, der Wollishofer Quartiervereinspräsident zu Fuss die Runde machte und bestürzt alle Einwohnerinnen und Einwohner über dieses Ereignis informierte. Mitten im Quartier hatte die Familie eine grosse Wiese. Emma Wettstein erzählt davon in einem Interview, welches ich 1985 auf «Kassettli» aufgenommen und später digitalisiert habe.
Portrait Emma Wettstein-Hausheer, Privatbesitz
Nachdem die Töchter verheiratet und Mütter geworden waren und der Vater mit der Landwirtschaft aufgehört hatte, wurde die Scheune neben dem Wohnhaus 1932 abgebrochen. Dort drin war jeweils die «Bregg» abgestellt gewesen: Der Name des Pferdefuhrwerkes, mit welchem Emma Wettstein auf dem Bock noch in den 1920er Jahren mit ihrer eigenen Familie Ausfahrten unternahm, stammt vom französisch ausgesprochenen Wort «Break» für brechen; mit ähnlichen Wagonetten wurden junge Pferde eingefahren, deren Wildheit «gebrochen». Als letzte Erinnerung an die Bregg und das Pferd hüte ich sorgfältig ein Pferdeglöckchen, welches Emma Wettstein aufbewahrt hatte. Vielleicht in Erinnerung an ihren landwirtschaftlichen Hintergrund nannten die Hausheer-Schwestern einander noch mit über 90 Jahren «Hälussli» (Hälli = altes Kinderwort für Schäfli)!
Kilchbergstrasse (früher Tannenrauchstrasse) ca. 1930 mit Scheune, Foto in Privatbesitz
Im Rock auf dem Bock: Einerseits trug «Urgrossmueti» einen Rock, nahm die von Tradition und religiöser Umgebung zugedachte Rolle wahr, sorgte als Gattin des «Dr. Sekundar-lehrers» für Haushalt, Garten, Mann und drei Söhne. Andrerseits sass sie «auf dem Bock», sagte von sich selber «ich ha guet chöne puure», war später eine verantwortungsbewusste Alleineigentümerin des Dreifamilienhauses, organisierte ihren Nachlass kompetent und rechtzeitig, übernahm oft die alleinige Verantwortung, wenn der Gatte aus gesundheitlichen Gründen seinen Teil nicht beitragen konnte.
Emma war aber insbesondere eine herzensgute, liebenswürdige Mutter, Gross- und Urgrossmutter: Die letzte Zeile ihres Testamentes lautete: «Ich hatte euch alle so lieb»! Als älteste Urenkelin hatte ich das Privileg, sie bis zu meinem 19. Lebensjahr zu kennen.
Emma Wettstein-Hausherr, 1983, Foto in Privatbesitz