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Gletscherfahrten in den Berner und Walliser Alpen
in den Berner und Walliser Alpen
Von Moriz Déchy.
I. Das Finsteraarhorn vom Grindelwald aus.
( 4275 Meter. )
Wenn man auf eine der im Norden des Hochthales von Grindelwald liegenden Höhen steigt, erschliesst'sich im Süden der Anblick des mächtigsten Walles der Berner Alpen, in jähem, steilem Baue auf- thürmend und von einer Reihe der schönsten Gipfelgestalten gekrönt. Als riesiger Grenzstein ragt über das Grindelwaldner Hochgebirge das Finsteraarhorn, der Beherrscher der Berner Alpen. Von hier gesehen, schwingt sich der Gipfel als gewaltiger Pfeiler auf, der mit mächtigen Stufen auf den im Agassizhorn und den Viescherhörnern fortsetzenden Hauptkamm abbricht und mit in die Region des Finsteraargletschers entsetzlich steil abstürzenden Firnwänden taucht er über die höchsten Terrassen des oberen Eismeeres empor.
Dieser Anblick mag es gewesen sein, der von Versuchen, von Grindelwald sich einen Weg zum Gipfel des Finsteraarhorns zu bahnen, abschreckte.
Erst 1866 stiegen die Herren Hornby, Morshead und Philpott vom englischen Alpenclub an der zum Finsteraarfirn abfallenden Bergseite zur Depression zwischen dem Finsteraarhorn und Agassizhorn — zum Agassizjoch — empor, welches sie überschritten und zwei Jahre später 1868 gelang es Herrn G. E. Foster ( A. C. ) zum ersten Male, den Gipfel des Finsteraarhorns von Grindelwald via Finsteraarjoch und Agassizjoch, von letzterem dem Riesengrate bis zur Spitze folgend, zu erreichen.
Als ich Ende Juli 1872 nach Grindelwald kam, beabsichtigte ich die Ersteigung einer Grindelwaldner-spitze um dann in das Gebiet des Aletsch zu gehen. Auf diesem Wege aber das Finsteraarhorn zu ersteigen, gehörte schon längst zu denjenigen Plänen, die ich liebgewonnen hatte und deren Ausführung ich erstrebte, und dies um so mehr, weil mit der oben erwähnten* ersten Ersteigung des Finsteraarhorns von Grindelwald, eine solche, obwohl wie ich glaube versucht, nicht mehr gelungen war.
Als Führer hatte ich den bewährten Christen Michel und dessen Bruder Peter engagirt, das Schreckhorn als nächstes Ziel angegeben, vom Finsteraarhorn aber nur leise Andeutungen gemacht. Ich fand bezüglich des letzteren Projektes wenig Entgegenkommen; insbesondere wiesen die Michel auf die schlechten Schneeverhältnisse dieses Jahres in den höheren Regionen und auf die grosse Entfernung des Gipfels hin.
Am 26. Juli Vormittags wurden die Vorbereitungen zur „ Abreise getroffen und unsere Pläne nochmals besprochen. Nun trat ich entschieden für das Finsteraarhorn ein und es wurde beschlossen die Ersteigung beider Gipfel, des Schreckhorns und des Finsteraarhorns an zwei auf einander folgenden Tagen zu versuchen.
Am 26. Juli Nachmittags 1 Uhr 45 Min. verliess ich Grindelwald. Nach einigen Minuten trennte ich mich von den Herren Foster und Moore die mit Melchior und Jakob Anderegg nach dem Gleckstein gingen, während ich mit den beiden Michel den bekannten Weg zur Bäregg verfolgte 1 ). Um sieben Uhr waren wir am Kastenstein, unserem Nachtquartier.
Am nächsten Tage ( 27. Juli ) führten wir die Ersteigung des Gross Schreckhorns aus2 ) und waren Abends wieder am Kastenstein zurück.
Später kam Egger, den uns der Adlerwirth, Herr Bohren, mit neuen Proviantvorräthen heraufgeschickt
. ' ) Bei jene'n Theilen meiner Expedition, welche über bekanntes Terrain führen, oder die oft beschrieben wurden, werde ich mich kurz fassen.
2 ) Ab Kastenstein 3 Uhr 30 Min. Morgens erreichten wir die Spitze um 10 Uhr 15 Min. in 5 Stunden 40 Min. Marsch und verweilten unter einem klaren, wolkenlosen Himmel, bei 5 ° C, 1 Stunde 10 Min. auf derselben. Beim Abstiege war der Schnee im grossen Couloir in entsetzlichem Zustande, durchweicht, keine Stufe, kein Tritt wollte in demselben halten. Kleine Lawinen bildeten sich, Steine kamen von oben, denen wir schutzlos preisgegeben waren, da kein Entrinnen möglich war. Unter diesen Umständen war diese Passage langwierig und höchst gefährlich.
11 hatte und bald entwickelte sich da, hoch oben, ein-geschäftiges Leben.
Der Abend brach trotz meiner Besorgnisse schön, heran; es war der sechste, nach jener Reihenfolge schöner Tage, deren Beginn, den 21. Juli, ich am Ortler zu gemessen das Glück hatte und ich sah ihrem wahrscheinlich nahen Ende ängstlich entgegen. Noch einen Tag, ja wie ich wünschte nur noch einen halben Tag: sollte das gute Wetter anhalten, dann glanbte ich das Spiel gewonnen zu haben.
Während des Nachtmahles hatte ich Gelegenheit zu bemerken, dass die Sicherheit über die Ausführung unseres Unternehmens, ja vielleicht auch die Geneigtheit hiezu, bei meinen Führern eine sehr geringe sei. Man pries mir den Uebergang über das Finsteraar- und Agassizjoch als allein auch höchst interessant. Egger wollte die Ersteigung des Finsteraarhorns von dieser Seite auch versucht haben und musste sich mit den genannten Uebergängen zufrieden geben. Ich aber hielt diese für langweilig, unschön, zwecklos und erklärte lieber nach Grindelwald zurückkehren zu wollen, als nur auf diesem Wege nach dem Eggischhorn zu gelangen.
Es trat rasch Dunkelheit ein; unser Hochwachtfeuer erhellte mit langen, zitternden Streiflichtern die wilde Umgebung.
Unter dem mächtigen Felsblocke suchten wir bald unser nichts weniger als glänzendes Lager auf, welches wir nun die zweite Nacht benützten. Diesmal glaube ich etwas geschlafen zu haben, aber leider brach die berechtigte Unruhe über zu späten Aufbruch den kurzen Schlummer und wie in den meisten Fällen, wenn zum ersten Male wirklicher Schlaf den Müden zu umfangen beginnt, musste aufgestanden werden.
Es war etwa zwei Uhr als wir das Frühstück kochten und die zur Abreise nöthigen Anstalten trafen und um drei Uhr am Morgen des 28. Juli, bei vollkommen dunkler Nacht, brachen wir auf.
Anfangs kamen wir bei der dichten Finsterniss an den steinigen Hängen nur langsam vorwärts. Eine Zeit lang dem Strahleggwege folgend, bogen wir dann rechts ab und stiegen unter dem Grindelwaldner Grünhorn aufwärts. Bedeutende Schneemassen, welche den Gletscher bedeckten, erleichterten uns die Ueberwindung einer zerklüfteten Partie des oberen Eismeeres. In eine dieser Spalten fiel mein Taschenmesser; die Führer erblickten dasselbe auf einem Schneepolster liegend und ruhten nicht, bis sie dasselbe heraufgeholt hatten, ein Experiment, welches uns eine halbe Stunde kostete.
Die Fortsetzung unseres Weges führte die massig
geneigten Firnflächen des oberen Eismeeres hinan.
Vom Grossen Lauteraarhorn streicht in südöstlicher Richtung der Grat der Strahlegghörner, gegenüber dem Fusse des Finsteraarhorns endend. Zwischen dem Agassizhorn und dem Punkte 3453 des Strahlegg-grates breitet sich ein weites Firnfeld aus, über welches der Uebergang nach dem Finsteraargletscher führt.
Wir hatten einen bequemen Morgengang gemacht, als wir um sieben Uhr dieses hohe Firnplateau, das Finsteraarjoch ( 3300 m ) erreichten. Ohne bemerkliche Scheide fliessen von dort die Firnmassen zum Unteren Grindelwaldgletscher und zieht der Finsteraarfirn zum Gebiete des Unteraargletschers.
Die Umschau vom Finsteraarjoch ist auf die nähere Umgebung beschränkt, die sich in prächtiger Grosse « nthüllt. Die Kette der Lauteraarhörner und der Schreckhörner fällt in eisiger Wildheit zu ihrer Vorstufe, dem Mettenberg ab und aus dem Einschnitte, zwischen diesem und dem auslaufenden Grate ( Hörnli-zug ) des theilweise gedeckten Eigers grünen aus ferner Tiefe unter dem Eisstrome des Unteren Grindelwaldgletschers, die Matten von Grindelwald herauf. Wenden wir den Blick südwärts, so tritt die fast erdrückend grossartige Erscheinung des Finsteraarhorns vor uns. In drei mächtigen Stufen, deren jede mit einem schwach geneigten Firnplateau anhebt, baut sich der Gipfel auf; w>n den ansteigenden Partien dieses Gipfelgrates laufen dunkle Felsklippen aus, welche die dem Finsteraar-becken entragenden, firnbepanzerten Wände durchbrechen, während zu den flachen Firnstellen des Grates in entsetzlicher Steile glänzende Eiskehlen emporziehen. Hinaus über den zerrissenen Finsteraarfirn streift das Auge und trifft auf das* in schneeiger Schönheit prangende Studerhofn und auf das felsdurchfurchte Oberaarhorn. In die brandenden " Wogen der sich vereinigenden Strahlegg- und Finsteraarfirne versinken die Strahl egghörner.
Wir machten Halt und frühstückten; es war der herrlichste Morgen, die Temperatur 9 ° C. Nach 20 Min. setzten wir unsere Reise fort.
Die Plattform, welcher die erste Stufe des Finsteraarhorns entsteigt, ist auch der tiefste Punkt zwischen diesem und dem Agassizhorn und bildet das Agassizjoch.
Eine riesige Schneekehle erstreckt sich von demselben in ununterbrochenem Zuge beinahe 1000 Fuss lang hinab zum Finsteraarfirn. Lim uns derselben zu nähern, mussten wir das Hochplateau südwärts überschreiten. In der Absicht, nicht bedeutend an Höhe zu verlieren, flankirten wir die untersten Schneehänge des Agassizhorns. Schon hier war der Schnee ausserordentlich erweicht und wir sanken bei jedem Schritte tief in denselben. Wir versuchten uns an den Hängen emporzuziehen, um in das Couloir höher oben einzumünden. Eine steile Schneemauer ( 55stiegen wir hinan, bis ein Bergschrund, der sich um die unteren Partien des Agassizhorns schlang, unseren Weg sperrte. Derselbe war mit Schnee erfüllt, allein ein etwa 25 Fuss hoher beinahe senkrechter Wall, der aus wässerig erweichtem Schnee bestand, bildete die jenseitige Wand. Alle unsere Versuche in demselben festen Fuss fassen zu können, blieben fruchtlos und wir waren gezwungen, unseren Tritten nach wieder zurückzusteigen. Nun schritten wir über riesige Lager Lawinenschnees bis zur Mündung des Couloirs und begannen den Anstieg durch dasselbe. Auf dem Schnee der Kehle waren lange Furchen gezogen, welche den Weg von kleinen Lawinen und Steinen bezeichneten. Mit grösster Aufmerksamkeit stiegen wir stellenweise sehr steil.auf-wärts; Der Schnee war in sehr schlechtem Zustande. An den steileren Stellen mussten Stufen gehauen wrerden und zu unserer Linken rieselten Selmeezüge, ihr Yo-lumen immer vergrössernd, in rascher Folge durch die Kehle herab; auch Steine kamen öfters, demselben Wege folgend, nach.
Wir waren uns der Gefährlichkeit unserer Position bewusst, allein die Felsen am Agassizhorn hatten kein sehr verlockendes Aussehen und wir mussten dort ein zeitraubendes Klettern befürchten. Wir waren etwa eine Stunde in der Kehle aufwärtsgestiegen, als ein bedeutendes über unseren Köpfen hörbares Geräusch unsere Flucht in die Felsen, in deren Nähe wir uns gehalten hatten, veranlasste. Es war höchste Zeit, denn kaum hatten wir den schützenden Standpunkt erreicht, als auch schon eine Menge Schnee und Steine in sausendem Fluge gerade über unseren Weg herabstürzte, eine glatte Eisbahn zurücklassend. Wir warteten eine Weile, ehe wrir die Felsen angriffen; von unserem Standpunkte blickten wir hinüber auf den Lauteraargletscher und ersahen das eisige Gebiet der Trift. Durch die Kehle schössen wiederholt Eisblöcke und Steine, ein weiteres Verfolgen der Einne wurde daher aufgegeben und wir mussten uns in die Felsen schlagen. Es folgte ein ziemlich scharfes Klettern, jedoch erwiesen sich die Felsen im Ganzen gangbarer, als man nach ihrem Aussehen zu urtheilen geneigt gewesen wäre. Der Lärm der Geschosse, welcher aus der nahen Schneekehle zu uns herüberdrang, zeigte, dass wir recht gethan hatten, ihrer verrätherischen Glätte auszuweichen. Erst in Sicht der scharfen Schneelinie, wrelche am blauen Himmel die Höhe des Agassiz-jöches zeichnete, verliessen wir die Felsen um die Kehle, wrelche sich zu einem Schneedache ausgebreitet hatte, wieder zu betreten. Der Uebergang vom Fels auf den Schnee erforderte Vorsicht und um 10 Uhr 30 Min. standen wir am Agassizjoch.
Jenseits lag unter uns das lange Thal des Walliser Yiescherfirns. Die dasselbe umrahmenden Berge umhüllt ein dichter Firnmantel und die Felsen werfen schwarze Schlagschatten auf die im Sonnenscheine funkelnden Schneeflächen. Prächtig entfaltet sich der ^Zug der Grünhörner, in seinem Culminationspunkte, dem Gross Grünhorn, einen herrlichen Gipfel bildend. Ueber Alle thront die mächtige Gestalt des Aletschhorns.
Eine anstrengende Arbeit von drei Stunden hatte uns die Erklimmung der Bergseite vom Finsteraarfirn zum Agassizjoch gekostet. Am Beginne des Felsgrates, der zum Agassizjoch steigt, machten wir uns mit den umherliegenden Felsplatten Sitze zurecht und nahmen ein zweites Frühstück. Die Sonne schien warm, das Thermometer zeigte 7 ° C, der Himmel war tiefblau und nur an seiner fernen Wölbung waren drohende Wolken aufgestiegen.
Um 11 Uhr 20 Min. gingen wir zum Angriff auf das Finsteraarhorn selbst über. Wir schritten der schneeigen Jochhöhe entlang, auf welche der felsige Grat des Finsteraarhorns absetzt. Die Erklimmung 4er nach Westen abfallenden Wand sollte uns auf die Höhe des Grates bringen. Der Fels war glatt und schlüpfrig; eisige Adern überzogen denselben. Nach Ueberwindung mehrerer schlechter Tritte kamen wir auf den zerrissenen Felsgrat, den wir bis 12 Uhr 45 Min. verfolgten. Nun ging der Grat in einen theilweise überhängenden scharfen Schneerücken über, der mit steilen Firnhalden zum Yiescherfirn absclioss. Längs und nahe unter der Grathölie stiegen wir an diesen Firnhängen empor.
Es mussten, da die Schneelage sehr dünn war, in blankes Eis Tritte gehauen werden. Der pulverige Schnee, der gar keine Cohäsion zu haben schien, rollte mit einem raschelnden Geräusche über die Hänge, die in solcher Steilheit zum Viescherhorn abbrachen, dass derselbe nach einigen Sekunden unseren Augen entschwand. Die Tritte mussten so gehauen werden, dass immer beide Füsse neben einander Stand haben konnten, da es unmöglich war, beim Traversiren der steilen Flächen je einen Fuss in eine andere und höhere Stufe zu setzen. Die Traversirung dieser Eishalde bildete den gefährlichsten Theil der Ersteigung.
Um 1 Uhr waren wir am Hugisattel ( 4025 m ), warfen einen Blick auf den in grauser Tiefe ruhenden Finsteraarfirn, um 1 Uhr 40 Min. hatten wir eine Gratstelle ( 4110 m Aneroid Déchy ) unmittelbar unter dem letzten Aufbaue des Gipfels erreicht, wo wir alles überflüssige Gepäck zurückliessen und in Folge Drängens der Führer einen Imbiss nahmen. Trotz meiner Beeilung waren 25 Minuten rasch verstrichen ( Temperatur 3 ° C. ) und um 2 Uhr 5 Min. schritten wir zur Bewältigung der Gräte, Felsklippen und Eisschlüpfe, welche den Gipfel des Finsteraarhorns bilden.
Als wir emporklommen, stürmte ein heftiger Wind um die zerrissenen Gräte; der Himmel hatte sich verdüstert, ein feuchtkalter Strom durchzog die Lüfte. Aus dem die Ferne umhüllenden Schleier zogen dunkle-Wolkenmassen immer näher und näher und schienen mit rasender Schnelligkeit uns überholen zu wollen. Noch einmal griffen wir mit aller Energie des Geistes.
und mit aller dadurch gestärkten physischen Kraft die bereiften Felsklippen an, schwingen uns über dieselben, klimmen höher und höher und um 3 Uhr 5 Min., 12 Stunden 5 Min. nach unserem Aufbruche vom Kastenstein erreichten wir die Spitze des Finsteraarhorns ( 4275 m ).
Noch zu rechter Zeit haben wir die hohe Warte erobert, sind dem mit Windeseile einherstürmenden Wetter zuvorgekommen. Noch hat das aus dem Osten ziehende Heer der Wolken im weiten Umkreise die Spitzen nicht erreicht und der finstere Himmel lässt das schneeige Weiss derselben blendend hervortreten. Wenn ein Luftstrom die Wolkenburgen am Horizonte siegreich durchbrach, gefolgt von den Strahlen der verdeckten Sonne, erhellten sich mir in weiter Ferne Riesenwelten von fabelhafter Pracht und Grosse. Immer mächtiger wurde der Aufruhr, ungestümer die Windstösse, noch ein kleiner Kampf und der Schneesturm brach heran.
Der letzte Becher unseres Champagner war geleert, ich schrieb eine kurze Notiz über unsere Ersteigung auf meine Karte, die wir in einer Flasche verwahrten, schlug ein Stück vom Gipfelgestein 1 ) ab und um 3 Uhr 45 Min. stiegen wir abwärts.
Der Sturm wüthete und trieb uns die Sclmeekry stalle in das Gesicht. Der eisige körnige Schnee bedeckte die Felsen und machte dieselben höchst unsicher. Dennoch wurde der Abstieg möglichst beeilt. Um 5 Uhr
. ' ) Dichter, massiger dunkelgrüner Hornblendefels, mit wenigen Gliminerkörnern untermengt.
waren wir bei unserem Gepäeke und stiegen die aufgeweichten Schneehalden zum Viescherfirn hinab. Als wir abwärts eilten, rissen wir grosse Schneeschieliten mit uns und brachten den Hang in Bewegung. Ein oder zweimal versank ich so tief in den weichen Schnee, dass ich aus der geschaffenen Zwangslage ( Regelation ) nur mit Beihülfe des Beiles befreit werden konnte.
Sturm und Schnee hatten aufgehört, eine düstere Stille lagerte über der einsamen Schneelandschaft, in deren Färbung ein gelber Ton getreten war.
Von der Höhe eines tief unter Schnee vergrabenen Felsvorsprunges brachten uns einige Rutschpartien um 6 Uhr 15 Min. hinab nach dem Felde des Viescherfirns.
Meine Absicht war, über die Grünhornlücke nach dem Faulberge zu gehen, allein meine Führer waren bei dem ausserordentlich erweichten Zustande des Schnees dagegen, zur Lücke emporzuwaten und zogen den " Weg über den Vieschergletscher vor. Meiner Meinung nach hatten wir mehr Chancen die Schirmhütte am Faulberg als die obersten Sennhütten am Vieschergletscher vor Einbruch der Nacht zu erreichen; da ich jedoch den Vieschergletscher nie begangen, also ein Interesse hatte denselben kennen zu lernen, stimmte auch ich den Führern bei.
Wir schritten quer über den grossen ebenen Boden des Viescherfirns in der Richtung gegen das Wannehorn, hatten im mittleren Theile uns durch mehrere Spalten zu winden und kamen bei raschem Schritte 7 Uhr 45 Min, an die Ecke, bei welcher die Ströme des Studerfirns und des Viescherfirns sich vereinigen, um als Vieschergletscher dem Thale zuzufliessen.
Es war spät geworden, der Himmel immer drohender und ein schützendes Dach noch fern. Unser Weg führte nun an der mit Moränenschutt und Felstrümmern bedeckten Bergseite, über welcher der Triftgletscher liegt, hart am Rande des Vieschergletschers hin.
Die Dunkelheit brach fast plötzlich herein; es wurde schwer das Terrain, auf welchem wir uns bewegten zu unterscheiden und die Nothwendigkeit die Nacht unter freiem Himmel zu verbringen, auf die wir uns übrigens schon längst gefasst gemacht hatten, war zweifellos an uns herangetreten.
Wir mussten nun unsere Aufmerksamkeit dahin richten, eine Lagerstätte zu finden, die uns gegen Wind und das drohende Unwetter etwas Schutz bieten sollte. Unter einem mächtigen Felsblocke bildete der Boden eine kesselartige Vertiefung, die dem angeführten Zwecke vollkommen entsprochen hätte, wenn die Höhlung als Lagerstätte für drei Personen nicht zu klein gewesen wäre. Christian wollte mit diesem Platze nicht fürlieb nehmen und behauptete sicher zu sein, nach einer kurzen Strecke einen jedenfalls besseren Lagerplatz zu finden. Wir zogen daher weiter. Jeder suchte im Dunkeln seinen Weg und nur durch wiederholte Rufe konnten wir uns zusammenhalten. Endlich signalisirte uns Christian die Lagerstätte. Weiche Moränenerde gab das Lager, ein mächtiger Block im Rücken sollte vor dem Winde schützen und ein balmartiger Vorsprung desselben, falls Regen eintreten wärde, Zuflucht bieten. Wir prüften nicht lange, warfen uns auf die Erde,
theilten den letzten Rest unseres Weines, hüllten uns — aus Mangel an Decken, Plaids oder wie diese schönen Dinge alle heissen mögen — in das frohe Selbstbewusstsem etwas Rechtes geleistet zu haben und waren bald entschlummert. Doch nicht lange sollten wir Ruhe haben, strömender Regen weckte uns. Eilend rafften wir einige umherliegende Gegenstände zusammen und schlüpften unter die vier bis fünf Fuss hohe Oeffnung, welche der Yorsprung des Felsblockes bildete. Allein nur unsere Oberkörper konnten geborgen werden, unsere Beine mussten wir schutzlos den Elementen preisgeben. Alter Christian, erfahrener Mann, wie Messest du dich vom Aeusseren der Dinge täuschen!
Als der Regen aufgehört hatte, beschlossen wir bei der Unerträglichkeit dieser Situation, die erste zum Lager projektirte Stelle aufzusuchen. Aber wie dieselbe in der finsteren Nacht finden? Dennoch verliessen wir unseren Lagerplatz auf Gerathewohl, schlimmer konnte es uns nirgends gehen.
Ueber Stock und Stein ging die wilde Jagd, Jeder nach seiner Wahl durch die Felstrümmer, über Blöcke und glatte Felsplatten kletternd. Von unseren Pickeln stoben die Funken, wenn sie an die Felsen schlugen.
Wie wir in der finsteren Nacht, die. kein Stern erhellte, vorwärts kamen und wie Christian den Felsblock entdeckte, ist mir ein Räthsel. Nur wenn vom schwarzen Firmament ein Blitz herniederzuckte, erschien der Eine oder der Andere von uns in electri-schem Lichte. Es war etwa 11 Uhr Nachts als wir von der Höhle Besitz nahmen. Vor Regen und Wind waren wir nun geborgen, desto schlechter aber war unser Lager!
Der Boden war mit kleinen spitzen Steinchen bedeckt und der Raum gestattete uns nur zusammengekauert zu sitzen. Das stürmische Wetter tobte fort. Gegen Morgen 2-3 Uhr wurde es ruhig. Eine intensive Kälte trat ein: wir froren. Der Tag wollte nicht heranbrechen; die finsteren Bergwände, welche das tief eingeschnittene Thal des oberen Vieschergletschers umschliessen, der bewölkte Himmel, liessen nur spät die Dämmerung durchdringen.
Endlich um 4 Uhr am 29. Juli verliessen wir unsere kalte Nachtherberge. ( 2590 m Aneroid Déchy ). Es war die dritte Nacht, die ich unter einem Felsblocke verbrachte, diesmal im schlechten Wetter, ohne jedes Schutzmittel gegen die Kälte und ohne genügenden Proviant. Trotzdem wir am vorgehenden Abende Nichts gegessen hatten, dachten wir an kein Frühstück, sondern waren froh die halberstarrten Glieder in Bewegung bringen zu können.
Die Zerklüftung des Vieschergletschers gab auch uns ein wenig Arbeit. Nachdem wir eine Strecke niederen Felshängen entlang gestiegen waren, brachte uns ein Klettermanöver durch eine mit glattpolirten Felsplatten herabziehende Wasserrunse auf den Gletscher zurück. Bei dem kleinen grünen Wasserbassin, welches dem Eise entstammt, « beim weissen Fläsch » frühstückten wir von den armseligen Resten unseres Proviantes und wärmten uns an den herrlichen Strahlen der Sonne durch fünf Viertelstunden. Nachdem wir an den Stockhütten vorbeigekommen waren, stieg der Pfad in Windungen an der mit dichtem Gesträuch bedeckten Bergwand, von deren Höhe sich uns ein herr- licher Blick auf das Revier des Vieschergletschers, dessen Hintergrund Nebel belasteten, auf den mit zahllosen braunen Hütten besäeten grünenden Ausgang des Yieseherthales, und auf das im Sonnenlichte gebadete Rhonethal bot.
Wir folgten einer rasch dahineilenden klaren Wasserleitung, fast eben auf schmalem Steige, die uns nach der dem Rhonethale zugewendeten Bergseite führte; weit hinab sahen wir durch das Rhonethal und auf die jenseits desselben liegende Bergwelt.
Unsere Geduld sollte noch ein wenig auf die Probe gestellt werden. Wir hatten einen in die Höhe führenden Pfad, trotzdem ich desselben erwähnte, bei Seite gelassen und waren plötzlich durch einen Abgrund, den die Wasserleitung überwölbte, von weiterem Vorgehen abgeschnitten. Ohne Pfad mussten wir jetzt an der steilen Lehne unter glühender Sonne aufsteigen, bis wir den erwähnten Pfad erreichten. Im Laufschritte ging es nun dem Eggischhorn zu. Etwa eine halbe Stunde vor Mittag kamen wir dort an, und wurden von Herrn Cathrein bestens empfangen. Wir waren beinahe 70 Stunden auf der Reise gewesen; es war der vierte Tag, nach, drei unter Felsblöcken verbrachten Nächten, seit wir von Grindelwald abgereist waren.
Bei den ausgeführten Ersteigungen, besonders unter den schlechten Schneeverhältnissen, mit denen wir während unserer Finsteraarhornexpedition zu kämpfen hatten, erwiesen sich Christian und Peter Michel ihres wohlverdienten Rufes neuerdings würdig, wenn ich auch einigemale gerne vorwärts gestürmt wäre und ihrem Zurückhalten nachgeben musste.
Der von mir zur Ersteigung des Finsteraarhorns benützte Weg ist jedenfalls der schönste unter denjenigen, auf welchen die Spitze bezwungen werden kann. Die Dauer der Ersteigung hängt in erster Reihe von der Beschaffenheit des Couloirs am Agasssizjoche ab. Die Hauptschwierigkeiten dürften jedenfalls einige Felspartien, sowie die Eishänge auf der Strecke vom Agassizjoch zum Hugisattel, bilden. Immerhin aber gehört das Finsteraarhorn zu denjenigen Spitzen, die von Grindelwald erstiegen werden können.
Die Herren Moore und Walker stiegen im Jahre 1873, nachdem sie als dritte Partie das Finsteraarhorn von Grindelwald erreicht hatten, in 8 V2 Stunden nach Grindelwald wieder hinab, somit die Benützbarkeit der Route auch als Abstieg erweisend. Aber auch wenn der Ausgangspunkt die Grimsel oder das Aeggischhorn ist, dürfte der Abstieg nach Grindelwald gut ausführbar sein. Die Herren Moore und Walker bezeichnen die Distanz vom Faulberg über den Gipfel des Finsteraarhorns nach Grindelwald als nicht zu ausserordentlich, ausser wenn das grosse Couloir am Agassizjoch in ausnahmsweise schlechtem Zustande sein sollte, in welchem Falle der Rückzug nach dem Faulberg leicht sein würde oder die Nacht am Kastenstein verbracht werden könnte.
Durch die Benützung der angeführten Route, sei es als Auf- oder Abstieg, wird die Reihenfolge der ausserordentlich grossartigen Bilder, welche eine Ersteigung des Finsteraarhorns in reichem Wechsel bietet, noch vermehrt, der Reiz der ganzen Expedition erhöht werden.