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Eine Fälschung? Eine formal und inhaltlich inszenierte Legitimationsschrift? Es fällt schwer, den um 1200 verfassten, der Schrift und dem Inhalt nach aber dem 9. Jahrhundert nachempfundenen «Traditionsrodel» einzuordnen. Inhaltlich bietet er verschiedene Einzelerzählungen zur klösterlichen Neugründung im 9. Jahrhundert, vor allem zu Schenkungsvorgängen.
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Ein Rodel, «rotulus», ist eine Schriftrolle, «Traditionenbücher» sind eine Quellengattung, die vor allem klösterliche Gemeinschaften nutzten, um mit der Darstellung von Alter und Bedeutung der Institution deren Legitimation zu steigern. Der Luzerner Traditionsrodel ist also nichts anderes als eine Schriftrolle mit klösterlichen Traditionen.
Eines ist klar: Der Traditionsrodel ist ein rätselhaftes Stück. Schrieb der Verfasser originale Urkunden aus dem frühen Mittelalter ab oder hat er die Geschichten um Wichard und die Ausstattung des Klosters künstlerisch-frei zu Pergament gebracht? Wer hat das offenbar später hinzugefügte Königssiegel auf den Rodel aufgetragen? Und eine nicht zu beantwortende Frage: Aus welchen Jahren datieren die Erzählungen?
Die Datierungsfrage hat die Forschung seit jeher umgetrieben. Angeführt werden am Ende der Erzählungen in der Regel jeweils Inkarnations- (Datierung mit Bezug auf Christi Geburt) und Indiktionsjahr (Datierung mit Bezug auf den römisch-justinian'schen, 15jährigen Steuerzyklus) sowie Namensangaben der gerade herrschende König, bei der ersten Erzählung etwa «dies ist geschehen zu Zeiten König Ludwig im Jahre 503 der Menschwerdung des Herrn, in der 13. Indiktion» (acta sunt hec temporibus Ludeuici regis anno ab incarnatione domini ð iii indictione xiii) – eine Datierung, die nicht aufgeht: Die Ludwige sind Karolinger und herrschen im 9. Jahrhundert, das Zeichen ð lässt sich nicht deuten, die 13. Indiktion ist nicht kompatibel mit den 3er-Jahren der christlichen Zeitrechnung.
Mit der Angabe des ausführlichen Datums zusammen mit der Nennung der weltlichen Autoritäten und der Anrufung Gottes (In nomine domini) wollte der Schreiber die Wahrheit des Gesagten beanspruchen. Ihm kam es also nicht auf die Exaktheit des Datums an, sondern auf die Nennung eines Datums als solchem.
Der Traditionsrodel mit seinen Erzählungen ist prominent in die Luzerner Chronistik eingeflossen. Vor allem die Stiftung von Wichard nahmen die Chronisten, unter ihnen Diebold Schilling im 16. Jahrhundert, immer wieder in ihren Luzerner Geschichten auf.
Regest
1) Die Geschichte von der Wiedergründung des Klosters Luzern durch den Priester Wichard erscheint retrospektiv in der «Ich»-Form: Ich, Wichard, und mein Bruder Ludwig teilten mit Erlaubnis des Königs Ludwig unseren Grundbesitz. Ich errichtete mit dem mir zugedachten Besitzteil, beginnend beim Albis, eine kleine Zelle an einem Ort, «der seit alters her Luzern genannt wird» (qui Lucerna ex antiquitate est dictus). An diesem Ort sammelte ich so viele Mönche, wie ich konnte. Ein vornehmer Mann namens Alwic, der zur ebenfalls zur Mönchsgemeinschaft gestossen war, entfachte bei den Bewohnern die Liebe Gottes. Daher liess ich ihn als Nachfolger und Leiter zurück.
2) Mit der Wichard-Geschichte verbunden ist die Schenkung der frommen Schwestern Atha und Kriemhild an das Kloster Luzern, erzählt aus Sicht von Atha: Als wir von den Absichten Wichards hörten, in Luzern «die klösterlichen Mauern wieder aufzubauen» (monasterialibus muris reedificasse), schenkten wir all unsere Güter in Kriens «vom Pilatus bis hin zum See und weiter zur Mitte der Reuss» (ab altitudine Fracti Monti usque ad Lacum et inde ad medietatem fluminis Ruse) den Mönchen St. Leodegars. Wer sich dieser Schenkung hätte entgegenstellen wollen, hätte dem Kloster das Doppelte, was er zurückverlangte, entrichten sollen.
3) Und wieder eine Schenkung an Wichard und sein Kloster, diesmal eine von Heriger und Witowo. Die Gebrüder schreiben aus der «Wir»-Perspektive, wie sie den Mönchen ihren Besitz in der «March Malters» (Maltrensi marcha) vermachten. Mögliche Schenkungsgegner wurden erneut abgeschreckt, sollten solche doch das Vierfache des Schenkungswerts entrichten.
4) Diesmal sind es die drei Brüder Kibicho, Odker und Walker, die Wichard und die Luzerner Mönche mit einer Schenkung bedachten. Beim geschenkten Gut handelte sich um Landeigentum zwischen «Swanda» und «Rimulcum» (Schwanden [Eggischwand bei Werthenstein?] und Rümlig).
5) Die Schenkungen an das Kloster Luzern geschahen – typischerweise – «um des Seelenheils willens» (pro remedio anime). Das war auch bei der Schenkung der Gebrüder Hartmann und Prunolf nicht anders, als sie den «gesamten Emmenwald» (totam sylvam, que vocatur Emmuwalt) bis hin nach Langnau (bei Schachen) dem Kloster vermachten. Erstmals im Traditionsrodel passiert eine Schenkung nicht zur Zeit Wichards, sondern unter Abt Recho, der dem Kloster – so will es die Überlieferung – kurz nach Wichard (und Alwic) vorstand.
6) Recho selber ist schliesslich hauptsächlicher Akteur und Donator in der sechsten und letzten der Rodel-Erzählung. Zeitlich spielen die Ereignisse vor der Hartmann/Prunolf-Erzählung (5), denn der aus der Ich-Perspektive erzählende Recho begegnet uns noch als Angehöriger des weltlichen Standes: Ich, Recho, begehrte die Welt zu verlassen und schenkte an das Kloster Luzern das, «was ich in Küssnacht, Alpnach, Sarnen und Giswil besessen hatte» (quicquid in Chussenacho et in Alpenacho, in Sarnono, in Kisewilare habui, firmiter tenendum et in perpetuo possidendum). Abschliessend unterzeichnet Mönch Regingold.