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Das interessante, aber auch anstrengende Programm, beinhaltete Besuche beim Nuclear Energy Institute in Washington, im Kernkraftwerk Calvert Cliffs, bei der Firma Peco in Philadelphia und anschliessend - nach einem mehrstündigen Flug quer durch die USA - einen Besuch im Sondierstollen im Yucca Mountain, wo Amerika ein Endlager für radioaktive Abfälle bauen möchte. Angeregt durch dieses vielseitige Programm entschieden sich dreizehn Redaktionen von Schweizer Medien, eine Vertreterin oder einen Vertreter auf die Reise mitzuschicken. Begleitet wurde die Gruppe von sieben Personen aus der Kernenergie-Branche.
In Washington stand als erstes der Besuch beim Nuclear Energy Institute NEI, der Interessenvertretung der amerikanischen Kernenergie-Industrie, auf dem Programm. Die NEI-Verantwortlichen hatten für die Schweizer Gruppe drei Referenten aufgeboten, die einen Überblick über die Atomenergie in den USA gaben sowie die Themen Reform der Gesetzgebung und Wirtschaftlichkeit genauer beleuchteten. Der amerikanische Genehmigungsprozess wird, wie der Gruppe erklärt wurde, deutlich gestrafft: Nachdem sich die Aufsichtsbehörde NRC in der Vergangenheit zu stark in das aktuelle Geschäft der KKW-Betreiber einmischte, besinnt sie sich heute vermehrt wieder auf ihre Grundaufgabe, die Kontrolle der nuklearen Sicherheit. Dieser Kurswechsel, verbunden mit der Marktöffnung, geht einher mit einem vermehrten Konkurrenzkampf zwischen den einzelnen Produzenten. Daneben steht die Wirtschaftlichkeit der Kernenergie bzw. des Gros der bestehenden Kernkraftwerke in den USA momentan nicht zur Diskussion; der Bau neuer Kernkraftwerke ist im Augenblick noch kein Thema.
Der zweite Programmpunkt war der Frage nach der Betriebsdauer von Kernkraftwerken aus der Sicht der US-Kernkraftwerkbetreiber gewidmet. Gemäss amerikanischem Recht erhalten die Kernkraftwerke eine Bewilligung für 40 Jahre, die aber um 20 Jahre verlängert werden kann. Die Reise führte die Gruppe ins Kernkraftwerk Calvert Cliffs (zwei Druckwasserreaktor-Einheiten) an der Chesapeake Bay südlich von Washington. Dieses Werk ist das erste in den USA, das um eine Verlängerung der Betriebsbewilligung ersucht hat (Bulletin 6/1998) - und die Verantwortlichen gehen davon aus, dass die NRC diese Bewilligung noch im laufenden Jahr erteilt. Peter E. Katz, General Manager von Calvert Cliffs, meinte zum Grund, weshalb das Gesuch überhaupt eingereicht worden sei: Wirtschaftlich gesehen macht es Sinn. Nur wenn das Werk Garantien für den Weiterbetrieb erhält und nicht 2015 respektive 2016 abgeschaltet werden muss, können die Verantwortlichen den Entscheid für den Ersatz der Dampferzeuger positiv fällen. Zwanzig weitere Betriebsjahre würden es ermöglichen, die Investitionen marktverträglich zu amortisieren und die Betriebskosten tief zu halten.
"Wir wollen so viele AKWs kaufen wie nur möglich und wir werden damit im freien Strommarkt vom ersten Tag an Geld verdienen." Dies führte am Tag darauf Dickinson Smith, Chief Executive Officer der Firma AmerGen in Philadelphia, aus. Die AmerGen ist eine gemeinsame Tochterfirma der Peco Energy Company und der British Energy (Anteil je 50 Prozent), die 1997 genau zu diesem Zweck gegründet worden ist. In einem ersten Schritt hat die Firma den Kernkraftwerksblock Three-Mile-Island-1 (TMI-1) erworben. Diese Anlage, der Schwesterblock des beim technisch schwerwiegenden Störfall vom 29. März 1979 zerstörten Reaktors TMI-2, hat sich durch besondere Zuverlässigkeit und ausgezeichnete Betriebsergebnisse einen Namen gemacht. Ein weiteres Werk hat AmerGen in der Zwischenzeit auch bereits gekauft (Clinton), für andere liegt eine Kaufabsicht vor (Nine Mile Point und Vermont Yankee). Die AmerGen geht davon aus, dass sie all diese Blöcke, die von den ursprünglichen Betreibern aus den unterschiedlichsten Gründen verkauft werden, noch über Jahre wirtschaftlich weiterbetreiben kann. "Wir glauben, dass Atomkraft eine Zukunft hat" führte Dickinson Smith aus. Dies im Rahmen der Deregulierung des Elektrizitätsmarktes in den USA, wo bereits mehr als 20 Bundesstaaten die Strommarktöffnung durchgeführt oder eingeleitet haben.
Als letzter nuklearer Höhepunkt stand für die Gruppe ein Besuch im Yucca Mountain auf dem Programm, wo das Department of Energy ein Endlager für radioaktive Abfälle plant. Momentan existiert im Yucca Mountain, in der Wüste von Nevada rund 160 km nordwestlich von Las Vegas, bereits ein U-förmiger Sondierstollen von ungefähr 8 km Länge und 7,6 m Durchmesser. Gemäss den bisherigen Ergebnissen der noch laufenden intensiven Abklärungen soll sich das Vulkangestein des Yucca Mountain für ein Endlager vorzüglich eignen. Die Planung sieht vor, dass frühestens ab dem Jahr 2010 mit der Einlagerung von radioaktiven Abfällen begonnen werden kann.
Der letzte Tag vor dem Rückflug in die Schweiz war einem nicht-nuklearen Thema gewidmet: Zuerst besichtigte die Gruppe das "Lost-City-Museum" mit Fundstücken der lokalen Anasazi-Indianer. Danach stand ein Ausflug ins "Valley of Fire" an, in dem die ursprünglichen Indianerstämme Amerikas seit Tausenden von Jahren Felsgravuren hinterlassen haben: Szenen aus dem täglichen Leben, von jagdbaren Tieren, von Menschen und Waffen, aber auch Symbole wie Kreise, Kreuze oder Mäandermuster schmücken die Felsen in diesem Gebiet, das vor einigen Jahren den Nationalparkstatus erhalten hat. Eine letzte Übernachtung in Amerika, in Chicago, eine kurze Rundfahrt durch diese Stadt am Südende des Michigansees - anschliessend ging es Non-Stop zurück in die Schweiz. Die einwöchige Reise vermittelte Medienschaffenden und Kernfachleuten einen Einblick in die aktuelle Entwicklung auf drei Teilgebieten der Kernenergie in den USA, die für das Geschehen in den übrigen Industrieländern traditionellerweise und wohl auch künftig eine Vorreiterrolle spielen:
- Der sichere Betrieb gut gemanagter bestehender Kernkraftwerke im freien Strommarkt wird als rentables Geschäft beurteilt, auf das sich verschiedene Unternehmen mit grosser KKW-Betreiber-Erfahrung spezialisieren.
- Die ersten Gesuche für die Verlängerung der in den USA auf 40 Jahre begrenzten Betriebsbewilligungen auf 60 Jahre sind eingereicht und werden von den Bewilligungsbehörden zügig bearbeitet. Als wichtiges Novum ist festzustellen, dass sich die Behörde - im Gegensatz zur bisherigen Praxis - auf die eigentlichen Sicherheitsaspekte konzentriert und diese von politischen Beurteilungsfragen klar trennt, womit die unternehmerischen Risiken des Bewilligungsverfahrens für die Gesuchsteller wieder überblickbarer werden.
- Die geologische und technische Erkundung beim Endlagerprojekt Yucca Mountain ist weit fortgeschritten. Das langsame Tempo der Realisierung - in den USA unter der Federführung des Bundes - wird auch hier durch Fragen der Akzeptanz und der Mitsprache, generell durch die politischen Rahmenbedingungen bestimmt.
Quelle
H.R