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Mir hat es schon einen Stich ins Herz gegeben, als ich in einer Mietwohnung einen Hund sah, der in einer Plastikbox eingesperrt war. Gleichzeitig leben in der Schweiz über 1,5 Millionen eingesperrte Schweine. Im Kanton Luzern gibt es sogar mehr Schweine als Menschen1. Obwohl das «Nutztier» Schwein ähnlich sozial und intelligent ist wie das «Haustier» Hund, ist der gesetzlich verlangte Lebensraum für zehn 100 kg schwere Mastschweine kleiner als ein Parkplatz. Der sogenannte Auslauf ins Freie ist nicht zwingend2.
Aber Nutztiere erhalten immerhin noch mehr Aufmerksamkeit als Wildtiere. Während wir geschockt von den Lebensbedingungen der Tiere lesen, die für unsere Nahrung arbeiten und sterben, nehmen wir es mit einem Achselzucken hin, wenn Tiere in freier Wildbahn leiden. Während Sie diesen Text lesen, stecken Tausende von Gottes Geschöpfen voller Schrecken in den Zähnen eines Beutetiers oder verenden qualvoll an Wassermangel. Dabei machen Wildtiere den Löwenanteil der Tiere auf unserem Planeten aus. Bei den Säugetieren und Vögeln sind zwar nur ca. 1 von 10 Tieren Wildtiere, aber über alle Tiere hinweg gesehen sind ca. 19 von 20 Tieren Wildtiere3.
Ergibt es Sinn, unser Mitleid abzustufen, je nachdem ob ein Geschöpf sein Leben als Haustier, Nutztier oder Wildtier verbringt?
Gottes Herz für Tiere
Unabhängig davon, ob diese Abstufung sinnvoll ist, etwas ist klar: Gott hat ein Herz für Tiere. Gott hat die ganze Welt erschaffen und die ganze Welt für sehr gut befunden. Und diese ganze Schöpfung preist Gott. Er kümmert sich um alle: «Dem Vieh gibt er sein Futter, auch den jungen Raben, die danach rufen4.» Als Gott sein Erbarmen mit Ninive beschreibt, lässt er die Tiere nicht aus: «Und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so grosse Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere5?» So wie unser Vater barmherzig ist, so sollen auch wir barmherzig sein: «Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs6.» Die Sabbatruhe für das Vieh ist sogar Teil der zehn Gebote.
Manchmal zögern wir, unseren menschenzentrierten Blick auf das Wohlergehen aller Lebewesen auszuweiten – aus Angst, in eine säkulare Gleichstellung von Mensch und Tier zu rutschen. Die Bibel sieht eine spezielle Rolle für die Menschen vor. Als Jesus erwähnt, dass Gott sich um jeden kleinen Spatzen sorgt, fügt er an, dass wir mehr wert sind als eine noch so grosse Menge von Spatzen. Doch auch wenn wir die Krone der Schöpfung sind, so sollte uns doch kein Zacken aus dieser Krone fallen, wenn aus göttlicher Sicht auch das Wohlergehen unserer Mitgeschöpfe vom fünften und sechsten Tag der Schöpfung wichtig ist. Es zählt zwar weniger als das unserer Mitmenschen, aber eben: Es ist wichtig. Sogar wenn die biblische Vision weniger Gleichstellung fordert als manche Tierrechtsdemo, so geht die biblische Sicht weiter als das, was wir heute leben.
Säkulare Verzerrung
Der Kampf für Tierrechte hat im letzten halben Jahrhundert grosse Fortschritte gemacht. Auch wenn frühe Wurzeln wie etwa William Wilberforces Einsatz für das Tierwohl christlich motiviert waren, ist die heutige Bewegung säkular geprägt7. Sie hat den Fokus auf Situationen gelegt, in denen wir Menschen unsern Nutztieren Grausames antun. Aber sie hat sich bis in die jüngste Zeit hinein kaum damit beschäftigt, wie wir Wildtiere vor der Grausamkeit retten können, die ihnen die Natur antut.
Aus christlicher Perspektive macht der einseitige Fokus auf Nutztiere wenig Sinn. Gottes Mitleid kennt keine Grenzen. Es gilt allen Lebewesen, unabhängig davon, ob ihr Leiden durch Menschen oder die Natur verursacht worden ist. Als Gott nach der Sintflut einen Bund schliesst, gilt dieser Bund den Menschen und allen Tieren: «Siehe, ich richte mit euch einen Bund auf und mit euren Nachkommen und mit allem lebendigen Getier bei euch, an Vögeln, an Vieh und an allen Tieren auf Erden bei euch8.»
Schon im Schöpfungsbericht überträgt Gott dem Menschen ausdrücklich die Verantwortung für das gesamte Tierreich: «Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht9.» Ähnlich wie Gott für die Menschen sorgt, sollen wir für die Tiere sorgen – und zwar für das ganze Spektrum. Es geht deshalb nicht bloss um den Verzicht auf die Ausbeutung unserer Nutztiere, sondern um die aktive und heilsame Gestaltung der Lebenswelt uns naher wie auch fremder Geschöpfe.
Versuch einer umfassenden Sicht
Aus meiner Sicht sollten uns deshalb nicht nur gefangene Hunde und ausgebeutete Schweine etwas angehen, sondern auch verdurstende Igel und eingequetschte Fliegen. Das mag für Stirnrunzeln sorgen. Deshalb hier skizzenhaft Antworten auf drei Einwände:
1) Leiden gehört doch zur Natur – und das ist gut so
Leiden und Tod gehören eindeutig zur Natur. Aber: das ist nicht gut so. Die Natur ist nicht in einem harmonischen Gleichgewicht. Wir leben in einer gefallenen Schöpfung und haben bereits jetzt die Aufgabe, an der Beendigung dieses blutigen Alltags zu arbeiten.
2) Es gibt doch bereits viele Massnahmen für Wildtiere
Ja, es gibt viele Massnahmen zur Erhaltung der Biodiversität, aber diese gehen oftmals auf Kosten der Tiere. Wir retten Ökosysteme und Spezies als Ganzes – egal, was es die individuellen Tiere kostet. In der Debatte um den Wolf zum Beispiel steht oft nur der Artenschutz für den Wolf im Zentrum, während der Schmerz all der gerissenen Murmeltiere, Rehe und Vögel kaum Beachtung findet. Arten- und Umweltschutz stehen oft im Konflikt mit dem Tierwohl.
3) Wir wissen gar nicht, wie man erfolgreich in die komplexe Natur eingreift
Tatsächlich ist es schwierig, das Leiden von Wildtieren gezielt zu verringern. Die Gefahr wäre gross, dass unsere gut gemeinten Massnahmen unabsichtlich mehr schaden als nützen. Das heisst aber nicht, dass alle Eingriffe vollkommen aussichtslos sind.
Wir haben etwa die Tollwut in Wildtieren mittels Impfstoffen in Ködern verringert. Das haben die Menschen zu ihrem eigenen Nutzen gemacht. Warum ergreifen wir nicht ähnliche Massnahmen zugunsten des Tierwohls10? In Zukunft könnten gentechnische Massnahmen wie CRISPR umfassendere Eingriffe erlauben und, wer weiss, in ferner Zukunft können wir vielleicht sogar Raubtiere zu Pflanzenfressern machen. Aber auch im Kleinen können wir Schritte unternehmen, indem wir etwa an heissen Tagen Wassertränken für Wildtiere bereitstellen11.
Wenn uns also das Schicksal eines Hundes bewegt, so ist das keine übertriebene Sentimentalität, sondern eine gesunde Reaktion. Genauso ist es ein Zeichen eines geeichten moralischen Kompasses, wenn uns das Schicksal von Nutztieren beschäftigt. Nun gilt es, dieses Mitgefühl auf die ganze Tierwelt auszuweiten.
Das messianische Friedensreich bereitet nicht nur der menschengemachten Ausbeutung ein Ende, sondern auch der Gewalt in der freien Wildbahn: «Da wird der Wolf beim Lamm wohnen und der Panther beim Böcklein lagern. Kalb und Löwe werden miteinander grasen, und ein kleiner Knabe wird sie leiten12.» Warum beginnen wir nicht schon im Hier und Jetzt mit der Arbeit an diesem neuen Reich?
Bio- und anderes Labelfleisch ist ähnlich problematisch, auch wenn es mit ein paar Verbesserungen einhergeht (siehe: https://www.museum.bl.ch/blog/blog.php?blogid=82).
3 Siehe https://ourworldindata.org/life-on-earth. Diese Zahlen beziehen sich auf den Anteil an Biomasse, gemessen in Gewicht des Kohlenstoffs, die die Tiere ausmachen. Das ist natürlich eine spezielle Messart, aber es gibt kaum bessere Schätzungen. Siehe auch: https://reducing-suffering.org/how-many-wild-animals-are-there/.
4 Psalm 147,9
5 Jona 4,11
6 Sprüche 12,10
8 1. Mose 9,9-10
9 1. Mose 1,26
10 Dieser Punkt und viele weitere theologische und praktische Argumente in diesem Text basieren auf dem hervorragenden Artikel «Human Dominion and Wild Animal Suffering» des christlichen Philosophen Dustin Crummett.
12 Jesaja 11,6