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Kaum hatte sich der Roman als eigene literarische Form er- und zu einer eigenen Form gefunden, kam einer daher, der ihn auch schon wieder dekonstruierte: Laurence Sterne mit seiner fiktiven Autobiografie des Tristram Shandy. Die Geschichte brauche ich wohl nicht vorzustellen, diese Autobiografie, in der der Autor bis zur Mitte des dritten Bandes braucht, um in der Chronologie der erzählten Ereignisse überhaupt erst zur eigenen Geburt vorzustossen. Wo Leben und Meinungen von Tristram Shandy aber auch im Folgenden eine so kleine Rolle spielen, dass das einzige, was wir aus Tristrams Kindheit erfahren, ist, wie er – weil die ihn betreuende Magd zu faul war, einen Nachttopf zu holen und ihn aufforderte, aus dem Fenster zu pinkeln – mit fünf Jahren von eben diesem Fenster (einen englischen Schiebefenster!), das herunterfiel, weil Korporal Trimm (der Bedienstete von Onkel Toby) die zum Funktionieren benötigten Gewichte längst stibitzt und in kleine Kanonen für den Abenteuerspielplatz von Onkel Toby verwandelt hatte, das Schiebefenster also herunterfiel und Klein-Tristram – nein, nicht kastrierte, aber ihn doch seiner Vorhaut beraubte. Wo es eigentlich nur Band VII ist, in dem Tristram die Hauptrolle inne hat, ein Band, der völlig aus dem Rahmen fällt, weil hier plötzlich der erwachsene Tristram Shandy von seiner Kavalierstour nach Frankreich und Italien erzählt – in einem Ton, der an die Empfindsame Reise des gleichen Autors erinnert, und die ich schon bei meiner Erstlektüre seinerzeit nicht besonders mochte, weshalb es nicht erstaunen wird, dass ich Band VII für den schwächsten des Tristram Shandy halte. Dieser Roman schliesslich, der die Digression zum poetologischen Prinzip erhebt und das auch gleich – natürlich in einer Digression! – expliziert. Wo, neben Tristrams Eltern und seinem Onkel ein Priester namens Yorick eine wichtige Rolle spielt, dessen Namen gemäss Tristram daher rührt, dass er ein entfernter Nachkomme jenes Narren ist, der in Shakespeares Hamlet erscheint. Ein Roman, der so genuin englisch wirkt, dass man gerne übersieht, dass er Wurzeln nicht nur in Defoe hat, sondern ebenso wichtige in den oft und gern zitierten Cervantes und Rabelais. Und, was man meist gar nicht sieht, ebenso wichtige in der (im Grunde genommen auch nur eine einzige Digression darstellenden!) Abhandlung von Robert Burton über die Melancholie.
Diesen Frühling nun ist bei Galiani in Berlin der Roman in einer neuen (oder zumindest neu überarbeiteten) Übersetzung von Michael Walter und mit Anhängen vom Übersetzer und von Wolfgang Hörner im Rahmen einer 3½-bändigen deutschen Werkausgabe erschienen. Michael Walter gelingt es hervorragend, den schon bei Sterne archaisch anmutenden Sprachduktus in ein ebenso altmodisch anmutendes Deutsch zu übersetzen. Zusammen mit den Anhängen (Anmerkungen des Übersetzers, einer Dokumentation zur Werkgeschichte und einem Nachwort zur Geschichte von „Tristram in Deutschland“, die neben der eigentlichen Rezeptionsgeschichte auch eine Geschichte der Übersetzungen enthält und einen Exkurs – eine Digression! – zur Geschichte der marbled page, jener Seite mitten im Text, die ein farbig-marmoriertes Vorsatzblatt darstellt, und die je nach Vermögen der Druckerei und betriebenem Kostenaufwand in verschiedenen Varianten wiedergegeben wurde: als schwarz-weiss karierte Seite, als Kartoffeldruck, oder – wie in dieser Ausgabe – als Farbfoto. Als Digression in der Digression die Geschichte der nicht minder berühmten rabenschwarzen Seite – auch sie eine Herausforderung an den Drucker) – zusammen mit diesen Anhängen also eine sehr schön aufgemachte und auch lesenswerte Ausgabe.
Man muss Digressionen lieben, dann wird man Tristram Shandylieben. Wer aber Tristram Shandy mag, sollte, wie gesagt, an dieser Ausgabe nicht vorbeigehen.