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Nach der Schulzeit in Monthey fing Isabelle an, sich für japanische Spiritualität und Reiki zu interessieren. Obwohl sie eigentlich dem reformierten Christentum angehörte, machte ihr das kaum Mühe. Reformierter Glaube kam dem Geschmack der jungen Frau als zu streng und zu nüchtern vor. In einem japanischen Meditationszentrum begegnete sie dem Mann, der ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen sollte; weit über das hinaus, was sie sich je hätte träumen lassen.
Ein spiritueller Mensch
«In meiner freien Zeit ging ich häufig ins Meditationszentrum. Fumiharu hiess der Mann, der für Spiritualität zuständig war. Eines Tages kreuzten sich unsere Blicke; der Funke war gesprungen. Ich war nicht mehr die, die ich vorher gewesen bin. Früher hätte ich nie daran gedacht, einen Fremden zu heiraten und meine Heimat zu verlassen.»
Nach einer schlichten Hochzeit, genauso wie sie es sich ausgedacht hatte, bezog Isabelle in Genf eine einfache Zweizimmerwohnung. Bald brachten zwei Kinder neues Leben. Isabelle war für sie eine besorgte und aufmerksame Mutter.
Kulturelle Unterschiede
Unter einem eher schüchternen Äussern verbirgt sich unverkennbar ein rebellischer Charakter. «Am Anfang fiel es mir sehr schwer, das Macho-Gehabe meines Mannes zu akzeptieren. Es kommt hinzu, dass ich grösser bin als er; er wollte aber immer, dass ich einen Meter hinter ihm herging. Ich verbrachte viel Zeit mit meinen Kindern daheim. Unser Leben gefiel mir mehr, als ich es mir hätte vorstellen können. Was Liebe nicht alles zustande bringt!
Mein Mann war sehr stark mit seinen beruflichen Tätigkeiten beschäftigt. Aber wenn er heimkam, war er den Kindern gegenüber ein fürsorglicher und liebevoller Vater. Er liebte es auch, wenn ich ihn umsorgte; er zeigte sichtlich Freude an den Gerichten, die ich für ihn gekocht habe. Unser Leben war einfach, aber wir waren glücklich.»
Der grosse Abschied
Isabelle war in Erwartung, als ihr Mann nach Japan zurückgerufen wurde. Er folgte einer Ernennung zum spirituellen Verantwortlichen seines Ordens in der Region vom Kobé. Ein weiterer Grund für eine Heimkehr nach Japan war auch sein betagter Vater, der unterdessen seine Frau verloren hatte und sehr gebrechlich geworden war. Der Ehemann verhielt sich, wie es in Japan die gesellschaftliche Regel verlangt.
«Zusammen mit meinen Kindern, den beiden Buben und dem noch ungeborenen Mädchen, tat ich einen grossen Schritt ins Unbekannte. Ich zog nach Japan. Nach und nach lernte ich die Riten und Gebräuche meiner neuen Heimat kennen. Ich musste die japanische Sprache lernen, um mit meiner Umgebung und der Familie meines Mannes kommunizieren zu können, auch um das soziale Leben meiner Kinder in der Schule und in der Freizeit zu begleiten. Ich habe mir auch das Fahren in einem rechtsgesteuerten Auto angeeignet. Ein ganzes Programm!
Das Erdbeben von Kobé
Am Morgen des 17. Januars 1995 – am Abend vorher hatten wir den Geburtstag meines Mannes gefeiert – riss uns ein riesiger Knall aus dem Tiefschlaf: Das Erdbeben von Kobé zerstörte auf einen Schlag sämtliche Häuser unseres Quartiers. Es gab viele Tote. Wunderbarerweise blieb unser Haus unbeschädigt. Aber wir mussten ins Haus meines Schwiegervaters fliehen, weil man unser Haus aus Sicherheitsgründen vom Gas und vom Wasser abgeschnitten hatte. Unter diesen prekären Bedingungen wurde meine Tochter mit Hilfe einer Hebamme im Haus meiner Schwiegereltern geboren. Die Umgebung war japanisch.
Wegen der dramatischen Konsequenzen des Erdbebens war das Leben sehr kompliziert geworden. Unsere Partnerschaft hielt der Belastung stand, auch darum, weil wir unsere spirituellen Werte gegenseitig respektierten und sie miteinander teilten. Und das jenseits von Shintoismus und Protestantismus, jenseits von Westen und Osten, auch jenseits des ewigen Konflikts zwischen Mann und Frau.
Herausforderungen bestehen
Aus zeitlichem Abstand kann ich sagen, dass diese schmerzhafte Prüfung unsere Partnerschaft noch fester geknüpft und unsere Familienbande gestärkt hat. Und das, obwohl unsere Kinder damals noch zu klein waren, um die Tragweite der Katastrophe wahrnehmen zu können. Dank göttlicher Hilfe wurde unsere kleine Familie vom Schlimmsten bewahrt. Noch heute sind wir dankbar für das, was uns geschenkt worden ist. Ich habe nie daran gedacht, in die Schweiz zurückzukehren. Es kam noch besser: Wir haben eine grössere Wohnung gefunden und unsere Familie besteht nun aus Eltern und acht Kindern.
Ich wecke noch immer Neugier, weil ich die einzige Europäerin im Quartier bin und zudem Mutter von acht Kindern, was für japanische Verhältnisse ganz aussergewöhnlich ist. Der Lohn meines Mannes war immer recht klein; ich selbst widme mich ganz der Erziehung unserer Kinder. Wir verfügen eine Stunde von unserer Wohnung entfernt über einen kleinen Garten. Wir produzieren Bio und danken Gott für alle Wohltaten, mit denen er uns beständig beschenkt. Er sorgt dafür, dass wir immer genügend Gemüse haben.
Eine neue Religion
Es fiel mir nie schwer, auf meine reformierte Religion zu verzichten. Es scheint mir, dass sie einfach zu wenig Tiefe hat. Mit einem östlicheren Zugang zu Gott, mit dem Glauben an die Inkarnation und mit der Verehrung der Ahnen fühle ich mich mit einem Gefühl des Erfülltseins bereichert. Die Kinder und mein Mann überhäufen mich mit Zeichen der Freude. Ich bin dankbar für das Wirken, das Gott in die Wege leitet.
Gewiss, meine Familie in der Schweiz fehlt mir. Aber verschiedene Male hatte ich die Chance, meine Eltern und meine Schwester zu besuchen. Ich wollte ihnen meine Kinder vorstellen. Eltern und Schwester sind auch nach Japan gekommen, um zu sehen, wie ich lebe. Sie waren ganz entzückt. Jetzt brauche ich technische Hilfsmittel, wenn ich mit ihnen in Kontakt trete. Auf unserem Computer haben wir eine Kamera installiert, so kann meine Mutter sehen, wie ihre Grosskinder grösser werden. Die Distanz bleibt, aber die Verbindung mit dem Herzen hat Bestand.
Eine grosse Umstellung
Am Anfang war so vieles neu für mich, so dass mir schwindelig wurde, wenn ich mich mit drei kleinen Kindern in die Untergrundbahn hineinzwängen sollte. Manchmal konnte ich auch die verschiedenen Schilder in japanischer Sprache nicht verstehen. Ich lernte auch, dass ich bei jeder Geburt Geschenke erhielt. Man muss wissen: Wenn man in Japan ein Geschenk erhält, dann muss man ein Geschenk zurückgeben, das mindestens halb so viel wert ist wie das, das man vorher erhalten hat. Mit unserem knappen Budget war es nicht immer leicht, dieser Verpflichtung nachzukommen. Aber wir sind glücklich, trotz aller Schwierigkeiten.
Es sind jetzt 20 Jahre her, dass ich in Japan angekommen bin. Ich bedaure nicht, hierher gekommen zu sein. Wir haben zwar in einem bestimmten Augenblick daran gedacht, in die Schweiz zurückzukehren. Den Ausschlag für die Entscheidung hat schliesslich gegeben, dass die Kinder sich hier in Japan wohlfühlen. Wir achten sorgfältig darauf – ohne sie zu «überbehüten» – sie vom Stress zu bewahren, den eine Megapolis wie Osaka notwendigerweise mit sich bringt.
Wir haben den Kindern spirituelle Werte beigebracht und waren für sie immer da. Es hat Früchte gebracht, dass ich während dieser ganzen Zeit daheim geblieben bin und einzig für die Erziehung der Kinder da war. Ich darf sagen, dass mein Leben als Ehefrau und Mutter geglückt ist, und das trotz des tiefen Grabens zwischen den Kulturen, Riten und Religionen. Im Gegenteil: Diese Verschiedenheiten waren der Zement für unsere Ehe und sie haben unserer grossen, schönen Familie Halt gegeben.»
Nadine Crausaz
Übersetzung: Thomas M. Huber