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Herausgegeben von Christopher Ricks und Jim McCue. London: Faber & Faber, 2015.
Thomas Stearns Eliot gehört zu denen, die den Namen ‚poeta doctus‘ wahrlich verdient haben. Und das nicht nur, weil er John Donne und die metaphyischen Poeten des alten England wieder ins Bewusstsein der Literaturkritik und -wissenschaft gerückt hat. Sein Lesevolumen war offenbar riesig. Das drückt sich auch in dieser Ausgabe aus: Band I enthält rund 350 Seiten Text (alle Gedichte Eliots, die er zu seinen Lebzeiten drucken liess, fein säuberlich getrennt nach denen, die er in einer eigenen Sammlung zu erscheinen für würdig genug hielt und denen, die nur einmal erschienen), denen 950 Seiten Kommentar folgen. Dieser Kommentar besteht aus einer Textgeschichte, sowie aus Explikationen zu einzelnen Gedichtzeilen. Der Verlag, Faber & Faber, ist jener Verlag, für den Eliot lange Jahre selber tätig war – wie überhaupt die meisten englischen Ausgaben von Eliots Werk bei Faber & Faber erscheinen. Der Kommentar ist ausführlich, aber nie langweilig. Tatsächlich erhalten wir durch die Auflistung und Kommentierung der Gedichte nach Erscheinungsjahr nicht nur einen Einblick in jedes einzelne Gedicht; diese Ausgabe stellt auch eine (intellektuelle) Biografie Eliots dar.
So sehen wir, wie der Amerikaner aus der Gegend von Boston schon früh fasziniert ist vom französischen Symbolismus: Baudelaire, Rimbaud, Verlaine, Mallarmé liest er im Original. Danach schien er eine Zeitlang zu einem zweiten Henry James zu werden – wohl nicht zuletzt auch der Tatsache zu verdanken, dass beide US-Amerikaner waren, die sich nun in Grossbritannien niedergelassen hatten und die britische Staatsbürgerschaft übernahmen. (Bei Eliot ging das soweit, dass er sich einen britischen Akzent zulegte fürs Vorlesen!) Beim Übergang zu seinem Meisterwerk, The Waste Land, finden wir die Artus-Sage ebenso wie indische Epen; der Buddhismus beeinflusst ihn kurz, bevor er dann in die anglikanische Kirche übertritt. (Wie so mancher Konvertit gehört er dann dem ultra-konservativen Flügel seines neuen Glaubens an: ‚High Church‘ in einem Ausmass, dass für ihn, wie er selber sagt, im Grunde genommen anglikanischer und römisch-katholischer Glaube ein und dasselbe sind.) Wichtig für The Waste Land wird auch Eliots Beschäftigung mit The Golden Bough von Frazer – ein Buch, das um die Wende zum 20. Jahrhundert in intellektuellen Kreise Furore machte (und heute wohl weitestgehend aus dem Bewusstsein eben dieser Kreise verschwunden ist). Last but not least ist Ezra Pound zu erwähnen, mit dem Eliot damals befreundet war, und der The Waste Land kritisch begleitete, dem wir verdanken, dass dort so manche Szene aufs richtige Mass eingedampft wurde. Mit Eliots Übertritt zum ‚Katholizismus‘ wird nicht nur die Bibel als Quelle und Inspiration wichtiger. Es ist nun auch Dante, den unser poeta doctus rezipiert – und zwar nicht einfach nur das Inferno aus der Commedia als das am einfachsten zu lesende Werk Dantes. Er kennt auch den Rest der Commedia – ja, aus dem Paradiso zitiert er sogar bedeutend mehr als aus dem Inferno, wo ihn eigentlich nur das Schicksal eines provenzalischen Poeten und Vorläufers von Alighieri interessiert, den Dante dort auftreten lässt. Doch auch Dantes Vita Nuova kennt er – und er interpretiert es durchaus im Sinne, den ihm Dante selber, in seinem Convivio, gegeben hat. (Das Eliot selbstverständlich auch kennt!)
Das sind nur die in meinen Augen wichtigsten Einflüsse, die Eliot verarbeitet hat. Die englischsprachige Wikipedia gibt allein für The Waste Land noch weiteres Dutzend Quellen und Einflüsse an, aber auch die Aufzählung dort ist nicht vollständig. Er ist mit James Joyce ebenso befreundet, wie mit Virginia Woolf (in deren Verlag er einige Werke veröffentlicht). Doch nicht nur ‚Hochgestochen-Literarisches‘ ist zu finden: Nonsense-Poeten wie Lewis Carroll und Edward Lear lassen sich ebenfalls aufspüren. Ja – Einflüsse wohl noch aus seiner Kindheit und Jugend – selbst Texte aus Musicals / Operetten von Gilbert & Sullivan werden in seinen Gedichten sicht- bzw. hörbar. (Es ist also nur konsequent, wenn Eliots Spuren sich seinerseits in der modernen Trivialliteratur finden lassen: Iain Banks z.B. hat zwei seiner SF-Romane nach Textfetzen aus The Waste Land benannt.)
Ob sich aus Eliots zeitweise intensiver Beschäftigung mit den Logischen Untersuchungen Husserls Verbindungen zum Existentialismus ziehen lassen (Sartres L’être et le néant ist eine Auseinandersetzung mit Husserl), wäre sicher eine Dissertation oder gar Habilitation wert. Ich vermute, dass es diese Schrift auch schon gibt.
Alles in allem also, nebem dem Textgenuss, den Eliots Gedichte sowieso bieten, ist diese Ausgabe auch um ihres umfangreichen Materials willen zu empfehlen. Diese 1’300 Seiten makelloser und unaufdringlicher Gelehrsamkeit ersparen einem die Lektüre jeder weiteren Biografie Eliots und sind Anregung, dessen Lesespuren zu folgen. Lektürevorschläge lassen sich aus diesem Buch genügend ziehen.