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Skepsis gegenüber Kompressionskleidung für Läufer ist angebracht
Meine persönliche Wahrnehmung war schon lange, dass Kompressionssocken, -hosen und sonstige Kompressionskleidung für Läufer eher einen Placeboeffekt ausüben. Bestärkt wird diese subjektive Meinung durch den Review Compression garments and exercise: garment considerations, physiology and performance, erschienen 2011 in Sports Medicine. Die Autoren verweisen auf die therapeutische Verwendung unterschiedlicher Kompressionskleider, wie z. B. bei der Behandlung von Lymphödemen oder der Thromboseprophylaxe. Daneben wird aber auch Kompressionskleidung produziert, die ganz gezielt als leistungssteigernd vermarktet wird. Wissenschaftlich ist diese Leistungssteigerung für die Autoren nicht nachvollziehbar. Die reviewten Studien haben unterschiedliche Designs und kommen zu widersprüchlichen Aussagen. Für mich habe ich daraus die Erkenntnis abgeleitet, dass Kompressionskleidung nicht hilft, aber auch nicht schadet. Mit anderen Worten, wer es mag, soll es nutzen.
Variabilität des Kompressionsdrucks hat keinen Einfluss
Im Jahr 2015 hat ein weiteres Autorenteam erneut einen Review zu diesem Thema veröffentlicht: Compression Garments and Exercise: No Influence of Pressure Applied, erschienen in Journal of Sports Science and Medicine. Hier stellen die Autoren bei Sportlern eine grosse Popularität von Kompressionskleidung für die Beine fest. Die Zielsetzung dieser Sportler ist es eine Leistungssteigerung zu erzielen sowie trainingsinduzierte Beschwerden und das Verletzungsrisiko zu verringern.
Der Review ist auf die Beantwortung von zwei Fragen ausgerichtet:
- Welche positiven Effekte werden für Kompressionskleidung identifiziert?
- Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem angewandten Kompressionsdruck und dem beschriebenen positiven Effekt?
Der Review von 23 Originalartikeln konnte keine eindeutigen Belege für positive Effekte durch das Tragen von Kompressionskleidung während des Sports finden. Wie schon im Review von 2011 sind die Studienergebnisse nicht eindeutig. Allerding haben die Autoren 2015 einen Trend zu positiven Effekten beim Tragen während der Erholungsphase gefunden. Alle 5 Studien im Review, die dieses Thema untersucht haben, fanden eine verkürzte Zeit zur vollständigen Erholung. Interessant finde ich die Tatsache, dass es keine Dosisabhängigkeit zu geben scheint. Die Autoren konnten keinen Zusammenhang zwischen dem angewandten Kompressionsdruck und dem positiven Effekt ausmachen. Für mich persönlich lässt das den hier beschriebenen positiven Erholungseffekt durch Kompressionskleidung zweifelhaft erscheinen.
Kompressionskleidung kann Muskelkater und Erschöpfung reduzieren
Wiederrum ein Jahr später ist 2016 erneut ein Review erschienen, der die Frage aufwirft: Is there Evidence that Runners can Benefit from Wearing Compression Clothing?, erschienen in Sports Medicine. Die Autoren kommen eindeutig zu dem Ergebnis, dass Kompressionskleidung keinen nennenswerten Effekt auf die Laufleistung hat. Und diese Aussage gilt sowohl für 400 m Sprint, 5 und 10 km Läufe, 15 km Trailläufe sowie für Rennen über Halb- und Marathondistanzen. Kleine positive Effekte wurden für die Laufökonomie, Abbaugeschwindigkeit von Blutlaktat, Selbsteinschätzung der Erschöpfung, isometrische und maximale Kraft unmittelbar nach dem Laufen, sowie Blutwerte für Muskelschäden und Entzündungen. Einen stärkeren positiven Effekt haben die Autoren bei Muskelkater und Erschöpfung in den Beinen nach dem Laufen ausgemacht.
Warum die Autoren in ihrer Zusammenfassung Kompressionskleidung für die Leistungssteigerung empfehlen bleibt ihr Geheimnis. Die geringen positiven Effekte auf die Laufökonomie, konnten in den Testläufen nicht in eine Leistungsverbesserung umgesetzt werden.
Mein Fazit
Eine nachteilige Wirkung ist nirgends dokumentiert. Wer sich mit Kompressionskleidung wohlfühlt, soll sie tragen. Man sollte sich aber keine gesteigerten Hoffnungen bezüglich einer dadurch verbesserten Laufleistung machen. Läufer, die zwei bis dreimal die Woche locker laufen gehen und sich dabei nicht verausgaben, können auf Kompressionskleidung verzichten. Sie werden nicht in den Genuss des einzigen nachweisbaren Effekts kommen: weniger Muskelkater und schnellere Erholung. Umgekehrt können Läufer, die regelmässig an ihre Grenzen gehen evtl. doch von Kompressionssocken, -hosen und sonstiger Kompressionskleidung profitieren.