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| Augustinus (354-430) - Vom Glauben und von den Werken (De fide et operibus)

6. Kapitel: Die Unterweisung in der christlichen Glaubens- und Sittenlehre hat ohne Zweifel schon vor dem Empfang der heiligen Taufe zu erfolgen
8. Nachdem wir nun nach der gesunden Lehre diese Einschränkung gemacht haben, wollen wir wieder zu unserm Gegenstand zurückkehren, ob man nämlich zum Empfang der Taufe jedermann zulassen soll, ohne daß man sorgfältig darüber wacht, daß das Heilige nicht den Hunden vorgeworfen werde; und zwar, ob das bis zu dem Grade gelten soll, daß nicht einmal offenkundige Ehebrecher, die sich sogar dauernd diesem Laster verschrieben haben, von einem so heiligen Sakrament zurückgewiesen werden sollen. Solche Leute würden ohne Zweifel nicht zur Taufe1 zugelassen werden, wenn sie erklärten, an jenen Tagen, wo sie diese Gnade empfangen wollen und sich nach ihrer Anmeldung durch Enthaltsamkeit, Fasten und Exorzismen reinigen, würden sie mit ihren rechtmäßigen und wahren Ehegattinnen in geschlechtlichen Verkehr treten und nicht einmal an jenen paar Festtagen auf ein Recht verzichten, das ihnen zu anderen Zeiten zustehe2 . Wenn man also schon einen verheirateten Mann, der sich bloß nicht an einen Brauch halten will, nicht zuläßt, wie soll dann zu jenem hochheiligen Sakrament ein Ehebrecher zugelassen werden, der von einer Besserung nichts wissen will?
Aber sagen sie: man soll ihn nur erst einmal taufen, dann belehre man ihn über alles, was zu einem guten und gesitteten Leben gehört. Es kommt wohl vor, daß einer im Drange des nahenden Todes auf nur wenige, aber alles umfassende Worte hin glaubt und das Sakrament der Taufe empfängt, um beim Scheiden aus diesem Leben frei von der Makel aller früher begangenen Sünden zu sterben. Wenn aber ein Gesunder um Zulassung zur Taufe bittet und er Zeit hat, um sich zu unterrichten3 , was ließe sich da für eine passendere Zeit finden, um zu hören, wie man ein gläubiger Christ werden und als solcher leben soll, als gerade jene, wo er mit einer besonders achtsamen und gerade durch religiöse Ehrfurcht gehobenen Geistesverfassung nach dem Empfang des Sakramentes verlangt? Oder sind wir so von Sinnen, daß wir uns gar nicht einmal mehr erinnern können, mit welch gespannter Aufmerksamkeit wir auf die Lehren unserer Katecheten lauschten, als wir nach jener geheimnisvollen Quelle [der heiligen Taufe] verlangten und wir deshalb Kompetenten4 genannt wurden? Oder sehen wir es nicht auch an jenen anderen, die alljährlich zum Bade der Wiedergeburt hineilen, wie sie sich in jenen Tagen ihres ersten religiösen Unterrichtes, der Exorzismen und Prüfungen betragen, wie sie sich zusammennehmen, um ja keine Versammlung zu versäumen, wie glühend ihr Eifer, wie groß ihre Sorgfalt ist? Wenn es dann nicht an der Zeit ist, es zu lernen, welcher Lebenswandel diesem so herzlich ersehnten großen Sakrament angemessen ist, wann soll es sonst geschehen? Wirklich vielleicht erst dann, wenn sie trotz ihres Verharrens in so großen Lastern die Taufe bereits empfangen haben? Nach einer solchen Taufe sind sie ja doch keine neuen Menschen, sondern immer noch die alten, schuldbeladenen Sünder. Es nimmt sich wahrlich recht sonderbar aus zu sagen: "Ziehet den neuen Menschen an!", und erst dann, wenn sie diesen angezogen haben, zu sagen: "Ziehet den alten Menschen aus!", während doch der Apostel die gesunde Ordnung einhält, wenn er spricht: "Ziehet den alten Menschen aus und den neuen an5 !" Auch der Herr selbst ruft aus: „Niemand näht einen neuen Fleck auf ein altes Kleid und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche6 ." Was hat aber die ganze Zeit, während der sie Stellung und Name eines Katechumenen haben, für einen anderen Zweck, als daß sie das Wesen des christlichen Glaubens und Lebens zu hören bekommen, damit sie, wenn sie sich selbst geprüft haben, vom Tische des Herrn essen und von seinem Blute trinken? Denn "ein jeder, der unwürdig davon ißt und trinkt, der ißt und trinkt sich das Gericht7 ". Was aber schon während der ganzen Zeit geschieht, welche die Kirche heilsam dazu bestimmt hat, daß die angehenden Christen Katechumenen werden können, das geschieht mit noch viel dringenderer Sorgfalt in den Tagen, wo sie sich bereits zum Empfang der Taufe angemeldet haben und schon Kompetenten heißen.
1: Zusammenhängendes über Katechumonat und Taufe ist im Vorwort zu der auch in diesem Bande übersetzten Augustinischen Abhandlung "Vom ersten katechetischen Unterricht" zu finden. [Siehe S. 229ff. dieses Bandes.]
2: So sagt z.B. der 86. Kanon der angoblichen vierten Synode von Karthago [398]: „Neugetaufte sollen sich einige Zeit lang der reichlichen Mahlzeiten, des Theaters und ihrer Frauen enthalten" [Hefele, a.a.O. II. Bd., § 111].
3: Die Zeitdauer des Katechumenates war keine feste, sondern hing von der religiösen und sittlichen Beschaffenheit des Kandidaten ab, doch waren zwei bis drei Jahre die Normalität [Buchberger, Kirchl. Handlexikon.]
4: Vgl. Vorwort der Abhandlung: "Vom ersten katechetischen Unterricht" S. 230 dieses Bandes.
5: 1 Kol. 3,9f. Diese Worte wurden beim Ausziehen und Anziehen der Kleider vor und nach dem Taufakt zu den Täuflingen gesprochen.
6: Matth. 9,16f.
7: 1 Kor. 11,28 f.