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Weddellrobben leben rund um den antarktischen Kontinent und gehören zu den am besten erforschten Meeressäugern weltweit. Dennoch gab es bisher keine Schätzungen zur Größe ihrer Gesamtpopulation. Ein multidisziplinäres Forscherteam geleitet von der University of Minnesota Twin Cities hat nun erstmals in einer aktuellen Studie die globale Gesamtzahl der Robben geschätzt und festgestellt, dass man bisher von einem wesentlich höheren Bestand ausgegangen war. Die Zählung erfolgte mit Hilfe von Satellitenbildern, die zum größten Teil von Citizen Scientists, Bürgerwissenschaftlern, analysiert wurden. Zudem lieferten die Daten neue Erkenntnisse über den bevorzugten Lebensraum der Weddellrobben.
Weddellrobben (Leptonychotes weddellii) teilen sich den Lebensraum auf dem antarktischen Festeis und in den Gewässern rund um den Kontinent mit den Kaiserpinguinen (Aptenodytes forsteri). Beide Arten sind perfekt an die extremen Umweltbedingungen angepasst und reagieren sehr empfindlich auf Veränderungen, weshalb sie auch als Indikatorarten im Südpolarmeer dienen. Michelle LaRue, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität von Minnesota im Fachbereich Erd- und Umweltwissenschaften und Hauptautorin der Studie, erklärt: «Da sich das Klima weiter verändert, ist zu erwarten, dass sich auch das Festeis verändert. Wenn wir also wissen, wo sich die Robben aufhalten und wie viele es sind, bekommen wir eine Vorstellung davon, wie sich das Ökosystem verändern könnte.»
Die Zahl der Weddellrobben ist darüberhinaus auch ein Indikator für die Verfügbarkeit ihrer wichtigsten Beute, dem Riesen-Antarktisdorsch (engl. Antarctic Toothfish, Dissostichus mawsoni), der kommerziell gefischt wird und als Chilenischer Seebarsch auf dem Teller landet, so LaRue. Mit einer Größe von mehr als zwei Metern und einem Gewicht von über 150 Kilogramm ist der Riesen-Antarktisdorsch der größte Raubfisch im Südpolarmeer und eine wichtige Komponente im antarktischen Ökosystem.
Die Studie, die in der Fachzeitschrift Science Advances veröffentlicht wurde, ist die erste direkte Populationsschätzung, die jemals für die Bestimmung der globalen Verbreitung einer Wildtierart mit einem solch ausgedehnten Vorkommen durchgeführt wurde. Ziel der Studie war, mehr darüber zu erfahren, wie sich der Klimawandel und die Fischerei in den antarktischen Gewässern im Laufe der Zeit auf die Anzahl der Robben und das gesamte Ökosystem auswirken. Für die Durchführung der Zählung setzten die Forscher auf die Unterstützung von mehr als 330.000 internationalen freiwilligen Bürgerwissenschaftlern. Dabei dienten ihnen hochauflösende Satellitenbilder als Grundlage, auf denen die Wissenschaftler und Freiwilligen jede Robbe auf dem Eis markierten.
«Es gibt keine andere Möglichkeit, eine genaue Zählung der Weddell-Robben vorzunehmen», sagt Leo Salas, Co-Autor der Studie und leitender Wissenschaftler bei Point Blue Conservation Science. «Auch wenn zu unserem Team erfahrene Forscher gehören, die wissen, wie man Robben auf den Bildern zählt, hätte unser kleines Team viele Jahre gebraucht, um alle Bilder zu analysieren. Wir waren auch nicht in der Lage, automatisierte Hilfsmittel einzusetzen, da das menschliche Auge immer noch genauer ist als jeder Computeralgorithmus.»
Dank der Bürgerwissenschaftler verfügen die Forscher jedoch nun über die Daten, mit denen sie Computer trainieren können, um künftige Zählungen zu automatisieren, die ihnen mehr Informationen über diese wichtige Art liefern werden, so Salas.
Als Ergebnis erhielten die Forscher einen geschätzten Gesamtbestand der Weddellrobben von 202.000 weiblichen Tieren. Männliche Robben waren auf den Bildern nicht zu sehen, da sie sich im November, als die Satellitenbilder aufgenommen wurden, unter dem Eis im Wasser aufhalten, um ihr Revier zu verteidigen. Im Gegensatz zu früheren Schätzungen, bei denen man von etwa 800.000 weiblichen Weddellrobben ausging, ist der tatsächliche Bestand also wesentlich kleiner.
«Das bedeutet nicht unbedingt, dass die Zahl der Weddellrobben in letzter Zeit stark zurückgegangen ist. Vielmehr handelt es sich um eine genauere Zählung, die wir als Grundlage für die Bestimmung von Veränderungen im Laufe der Zeit verwenden können», so Michelle LaRue. «Wir haben auch ein effizientes Verfahren zur Überwachung der Robben entwickelt, um festzustellen, ob sich die Population im Vergleich zu dieser Basislinie verändert hat. Die Beobachtung der Robbenpopulation anhand dieses Richtwerts ist für die Schutzmaßnahmen von entscheidender Bedeutung.»
Zusätzlich erhielten die Forscher auch neue Erkenntnisse darüber, welchen Lebensraum die Robben bevorzugen. Demnach halten sie sich vor allem nahe der Festlandsküste auf oder unweit von tiefem Wasser, möglicherweise wegen der guten Nahrungsverfügbarkeit. Außerdem scheinen sie die Nähe von Kaiserpinguinen zu suchen, jedenfalls solange es nicht zu viele Pinguine gibt. LaRue denkt, dass es für die Robben gut ist, «in der Nähe von Kaiserpinguinen zu sein, aber nur, wenn die Pinguinkolonie nicht zu groß wird und es nicht zu viel Konkurrenz um Nahrung gibt.»
Laut LaRue kann diese Methode der Zählung einfach wiederholt werden, z.B. in fünf oder zehn Jahren, um anhand der Bestandsentwicklung der Robben die Auswirkungen des Klimawandels und der kommerziellen Fischerei besser zu verstehen.
Julia Hager, PolarJournal
Link zur Studie: LaRue M, Salas L, Nur N, Ainley D, Stammerjohn S, Pennycook J, Dozier M, Saints J, Stamatiou K, Barrington L, Rotella J. Insights from the first global population estimate of Weddell seals in Antarctica. Sci Adv. 2021 Sep 24;7(39):eabh3674. doi: 10.1126/sciadv.abh3674.