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Nachdem das Abendmahl ausgeteilt war, holte mein Bruder Robert Bleistift und Papier hervor und begann zu zeichnen. Ich machte mir Sorgen um ihn. Er war sechzehn und Priester und für solche Kindereien eigentlich zu alt. Ich blickte zu meiner Mutter hinüber. Sie wirkte gelassen wie immer. Sie nahm keine Notiz von seinem Benehmen in der Kirche. „Besser, er kommt zur Kirche und zeichnet, als er bleibt daheim”, hatte sie einmal zu mir gesagt, und: „Er wird sich schon noch ändern.”
Wir beide wußten: Robert wäre heute morgen lieber in den Bergen in einem kalten Schlafsack aufgewacht. Hätten wir ihn daheimgelassen, er wäre mit seinem Hund Juno wandern gegangen. „Wenn ich in die Berge gehe, hab ich viel mehr davon als von dieser muffigen Versammlung”, hatte er Vater einmal angebrüllt.
„Trotzdem sind wir eine Familie, die zur Kirche geht”, hatte mein Vater mit sanfter Stimme erwidert. „Und du gehörst zur Familie, solange du hier wohnst. Also kommst du auch mit zur Kirche.”
Ich blickte auf Roberts Hände, junge, feste Hände, gewohnt, Holz zu spalten und zu schnitzen, Knoten zu binden und Zeltgräben auszuheben. Die Fingernägel waren rissig und grau. So, wie er aussah, paßte er tatsächlich eher in die Berge als in die Kirche.
Manchmal glaubte ich, Ihn zu verstehen. Er wollte Gott draußen verehren, wie er sagte, da, wo er wirklich sei. Das Buch Mormon hatte er noch nie gelesen. In der Sonntagsschule machte er Witze. Und was in der Abendmahlsversammlung gesagt wurde, drang vermutlich gar nie zu ihm durch.
Robert zeichnete immer noch, und ich sah ihm zu, obwohl ich eigentlich der Rednerin hätte zuhören sollen. Ich versuchte, mich auf sie zu konzentrieren. Sie sprach von ihrem Sohn, der eben erst von seiner Mission zurückgekommen war.
„Die meisten von Ihnen kennen Brian noch von früher, bevor er auf Mission ging”, sagte sie. „Sie wissen ja - er war immer ein Individualist. Er ging lieber mit seinem Hund in die Berge als zur Kirche.”
Plötzlich war ich hellwach. Wenn Robert nur zuhören würde, statt dämlich zu kritzeln.
„Manchmal blieb er tagelang verschwunden. Er ging einfach mit dem Hund in die Berge”, fuhr sie fort. „Wir saßen daheim und beteten, Gott möge ihn beschützen, wo immer er auch sei.”
Vielleicht war es sogar besser, wenn Robert nicht hinhörte. Womöglich kam er noch auf dumme Gedanken. Aber ich sah, daß seine Hand innehielt. Er gab acht! Nun konnte ich nur beten, daß er die Worte dieser Mutter nicht falsch auffassen und womöglich tagelang mit seinem Hund verschwinden würde.
„Brian wollte Gott immer auf seine Art verehren”, sagte seine Mutter.
Ich blickte zu Robert. Jetzt hörte er zu, natürlich. Ich war mir nicht sicher, ob das gut war. Aber die Mutter redete weiter. Ihr Junge habe sich verändert. Er sei auf Mission gegangen - ein Wunder!
Robert dachte, den Rest kenne er auswendig, und widmete sich wieder seiner Zeichnung. Dann war es Zeit, daß der zurückgekehrte Missionar redete.
„Ich wollte nicht wie alle andern sein und auf Mission gehen”, sagte er. „Ich war anders, und ich würde auch ohne Kirche gut zurechtkommen. Ich meinte glücklich zu sein, wenn ich nicht zu den Versammlungen, sondern tagelang in die Berge wandern ging. Manchmal wußten meine Eltern nicht, wo ich war. Ich weiß, ich habe ihnen oft Sorgen gemacht.”
Robert blickte den Missionar nicht an.
„Aber dann gingen meine Freunde auf Mission, und ich mußte mich entscheiden”, fuhr der Missionar fort. „Es war eine der schwierigsten Zeiten meines Lebens. Ich hatte noch nie das Buch Mormon gelesen.
Einer meiner Freunde, der auf Mission ging, sagte zu mir: ,Freilich wird erwartet, daß du auf Mission gehst, aber es zwingt dich niemand dazu. Aber mach wenigstens einen Versuch: Lies das Buch Mormon. Nein sagen kannst du immer noch.’
Tja, wie die Sache dann ausging, wissen Sie ja.”
Die Mitglieder lachten. Sogar Robert schmunzelte.
„Aber ich will Ihnen erzählen, wie es soweit kam”, sagte der Missionar. „Ich sagte: ,Gut, ich gehe zwei Wochen mit dem Hund in die Wüste und lese das Buch Mormon.’ Mein Freund fuhr mich und den Hund hinaus an einen entlegenen Ort, 100 Kilometer von der nächsten Straße entfernt. Dort ließ er uns mit ein wenig zu essen und meiner Überlebensausrüstung zurück. Ich bat ihn, uns in ungefähr zwei Wochen wieder abzuholen.”
Ich dachte, Robert wären zwei solche Wochen recht gewesen, vor allem, wenn es in der Schule Prüfungen gab, obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, daß er das Buch Mormon mitnehmen würde.
„Ich hatte das Buch in zwei Tagen zu Ende gelesen, und ich wußte: Es ist wahr. Nun stand für mich fest: Ich würde auf Mission gehen. Ich wollte der Welt verkünden, daß Gott sich noch um uns sorgt und daß er uns dieses Buch als Wegweiser gegeben hat. Zwar war ich nun bereit, aber noch trennten mich 100 Kilometer von der Zivilisation, und mein Freund kam erst in 12 Tagen wieder.
So setzte ich mich auf einen Stein und überlegte, was ich tun sollte. Es war wirklich nicht sinnvoll, daß ich noch länger dablieb. Also beschloß ich, den Rückmarsch zu versuchen. Die Richtung wußte ich ja. Ich wußte auch, wie weit es bis zur Straße war. In ein paar Tagen würde ich die Straße erreichen können, wenn ich den Großteil meiner Lebensmittel und meine Ausrüstung zurückließ, um sie später mit dem Wagen zu holen. Rückblickend sehe ich freilich ein, wie verrückt dieser Gedanke war. Am Morgen brach ich auf.
Ich verließ meinen Lagerplatz mit nur ein paar Äpfeln, einem Messer und Streichhölzern in der Jackentasche. Ich hielt ein tüchtiges Tempo vor und hatte bis zum halben Nachmittag gut dreißig Kilometer geschafft. Dann aber begann es zu regnen.
Es war kein gewöhnlicher Regen, eher plötzliche Flut. Es goß in dichten, dunklen Strömen. Ich sah nichts mehr und konnte mich nicht orientieren. Mein Hund und ich waren in kürzester Zeit völlig durchnäßt. Der Nachmittag zog sich endlos, und wir begannen vor Kälte zu zittern. Ich zog die Jacke fest um die Schultern. Ein schreckliches Gefühl beschlich mich: Was sollte ich tun?
Ich wußte genug über die Gefahren einer Unterkühlung, und mir war klar: Ich mußte Schutz vor dem Regen finden. Es war Februar, bald wurde es Abend, und dann würde der Regen gefrieren. Ich mußte irgendwie trocken werden, aber ich war zu weit weg von meiner Ausrüstung, um noch umzukehren. Zum Glück fand ich eine schützende Felsspalte. Ich zwängte mich hinein - sie war gerade groß genug für mich. Der Hund stand durchnäßt, zitternd und schwanzwedelnd draußen. Ich wollte das Ende des Sturms abwarten und blieb, wie mir schien, stundenlang an dieser Stelle. Schließlich sah ich ein, daß wir dort nicht bleiben konnten. Ich mußte mich bewegen und den Kreislauf in Bewegung halten, aber draußen in der Kälte schüttete es immer noch. Was konnte ich unternehmen?
Ich glaube, es war das erstemal in meinem Leben, daß ich wahrhaftig mit Gott sprach. Ich redete mit ihm wie nie zuvor. Ich sagte ihm, mein Hund und ich seien in großer Gefahr, wenn wir nicht trocken würden, bevor es zu gefrieren begann, und wenn der Sturm womöglich tagelang dauerte, würden wir weder etwas zu essen noch Feuerholz finden können.
Ich sagte dem himmlischen Vater, ich wüßte nun, daß das Buch Mormon wahr sei, und ich würde auf Mission gehen und andere Menschen auffordern, es zu lesen, damit sie dieselbe Gewißheit erlangten.
Einen Moment lang hörte ich auf, zu ihm zu flehen, und horchte. Vermutlich erwartete ich, er würde den Regen enden lassen, aber es goß nach wie vor in Strömen.
Noch nie hatte ich so innig gebetet wie damals. Plötzlich kam mir der Gedanke, daß der Herr seinen Teil tun würde, wenn ich mich einfach wieder auf den Weg machte. Vielleicht würde er mir die Kraft geben, die Kälte auszuhalten - jedenfalls mußte ich hinaus und mich bewegen.
Als ich die Felsspalte verließ, überkam mich ein Gefühl der Ruhe. Der Hund und ich gingen vielleicht hundert Meter durch den Regen. Ich ließ die Felsen hinter mir und hielt auf das flache Land zu. Meine Schuhe, meine Kleider, die Streichhölzer - alles war triefnaß, und der Regen war noch immer wie ein grauer Vorhang.
Als ich aber weiterging und im Herzen um Kraft betete, darum betete, daß ich wüßte, was ich tun sollte, tat sich plötzlich über mir eine helle Stelle auf. Ich blickte umher - es regnete nicht mehr!
Ich blieb stehen und blickte nach den blauen Bergen in der Ferne. Nur da, wo ich ging, regnete es in einem größeren Umreis nicht. Rund um diesen Kreis fiel der Regen immer noch wie ein grauer Schleier. Ich konnte es kaum fassen. Es war ein mildes, tröstliches Licht, das auf mich fiel. Mir war wärmer, ich fühlte mich trockener, und ich schaffte den Rückweg zu Fuß.”
In der Kapelle war es ganz still. Mir war, als sei ich nicht in der Kirche, sondern zusammen mit diesem Missionar draußen im Regen in den blauen Bergen. Und Robert ging es nicht anders.
Ich hörte mich selbst atmen und spürte mein Herz klopfen. Das Blatt Papier mit der Zeichnung fiel auf die Erde. Robert rückte näher zur Mutter, und sie legte den Arm um ihn. So saßen wir in der Abendmahlsversammlung, und es war, als wären auch wir in Licht getaucht
Marilyn Brown, Mai 1989