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Jakob Gülünay von der Blockchain Trust Solutions AG in Herisau erklärt das Prinzip der Blockchain und wie diese Technologie auch ausserhalb der geheimnisvollen Welt von Kryptowährungen gewinnbringend und ganz konkret zur Anwendung gebracht werden kann.
Am Anfang war das Geld: Präziser, das Bargeld - und noch präziser, die Furcht vor dem schleichenden Entzug desselben. Jakob Gülünay fragte sich vor fünf Jahren, was dieser Bargeldentzug für die Gesellschaft bedeute und welche Alternativen es zum Bargeld geben werde. Rasch landete er bei den Kryptowährungen. Der Unternehmer aus Urnäsch erklärt: «Ich habe mir zwar ein paar Bitcoins gekauft, aber bald gemerkt, dass mich das Trading gar nicht interessiert. Vielmehr faszinierte mich die Technik dahinter: Blockchains».
2018 gründete er mit seinem Geschäftspartner Toni Caradonna in Herisau die Blockchain Trust Solutions AG und realisiert heute umfassende Blockchain-Lösungen für Businessanwendungen von bestehenden und neuen Geschäftsmodellen.
Herr Gülünay, noch ist für viele Menschen der Begriff «Blockchain» ein Buch mit sieben Siegeln. Wie würden Sie einem Fünfjährigen erklären, was eine Blockchain ist?
Stellen Sie sich vor, eine Kindergärtnerin gibt einem Kind in einer Gruppe von sechs Kindern eine Banane. Fünf Kindern und das beschenkte Kind können bezeugen, dass eine Transaktion stattgefunden hat: Die Kindergärtnerin hat dem einem Kind eine Banane gegeben. Würde nun ein Kind behaupten, dass gar keine Banane, sondern eine Gurke den Besitzer gewechselt hat, wird dieses Kind von den anderen fünf überstimmt. Der erste Block einer Blockchain ist somit eindeutig definiert: Das Kind hat eine Banane erhalten.
Und wie wird aus diesem Block eine Kette, beziehungsweise die «Blockchain»?
Ein gutes Bild gibt eine Excel-Tabelle ab: Die vorherige Transaktion mit der Banane füllt die erste Spalte der Zeile, dann folgt eine weitere Transaktion in der zweiten, dritten, vierten und so weiter Spalte. Nach einer bestimmten Zeit wird die Zeile «geschlossen» und eine neue Zeile generiert und das Ganze beginnt wieder von vorne. So generiert man eine Kette von Blöcken – die Blockchain.
Wichtig bei dieser Technologie ist, dass die Blockchain nicht zentral irgendwo gespeichert, sondern als verteiltes Register – im Falle von Blockchain Trust Solutions AG stehen alle Rechner in der Schweiz – geführt wird. Dabei muss sichergestellt werden, dass bei allen Parteien eine identische Kette entsteht. Durch sogenannte Validatoren entstehen neue Vorschläge für Blöcke, und die Beteiligten müssen sich einigen, welcher vorgeschlagene Block tatsächlich in die Kette eingefügt wird. Durch kryptographische Verfahren wird sichergestellt, dass die Blockchain nicht nachträglich geändert werden kann. Die Kette der Blöcke ist somit unveränderbar, fälschungs- und manipulationssicher und für alle Beteiligten jederzeit einsehbar.
Kryptowährungen basieren auf dieser Bockchain-Technologie, gibt es andere Anwendungsbereiche, Herr Gülünay?
Eine Blockchain liesse sich auch mit dem Begriff des «digitalen Grundbuches» umschreiben. Denn in der Blockchain werden die Besitzstandverhältnisse von Gegenständen niedergeschrieben. Das kann – muss aber nicht – ein Bitcoin sein.
Konkret?
Nehmen wir das Beispiel eines Tickets für ein Madonna-Konzert. Der Veranstalter möchte den Schwarzhandel unterbinden oder zumindest auch daran verdienen. Wenn er nun Tickets ausgerüstet mit Blockchain-Technologie auf den Markt bringt, kann er in dieser zum Beispiel definieren, dass er bei jedem Weiterverkauf des Tickets eine Kommission von 10 Prozent des Weiterverkaufswertes erhält. Der Schwarzmarkt ist somit nicht zwingend unterbunden, doch der Veranstalter verdient mit.
Das würde auch Fälschern das Handwerk legen, weil alle Tickets im Umlauf garantiert echt wären?
Ja, genau. Die Garantie von Echtheit von Dingen ist ein weiterer wichtiger Punkt, bei dem Blockchaintechnologie zur Anwendung gelangt. Hersteller können Chips mit NFC (= near field communication) in ihre Produkte einbauen und der künftige Besitzer eines Gegenstandes kann mit seinem Smartphone oder einem Lesegerät einfach überprüfen, ob ein Gegenstand echt ist oder nicht.
Wer also eine teure Handtasche kauft, kann künftig überprüfen, ob die Tasche wirklich aus dem Haus Louis Vuitton stammt?
Ja. Hersteller von Luxusartikeln, Besitzer wertvoller Kunstgegenstände oder zum Beispiel Händler von Marken-Sneakers, die ja zum Teil Sammlerobjekte sind, kommen künftig wohl kaum mehr ohne diese NFC-Chips – den «digitalen Zwilling – aus. Dabei handelt es sich aber nicht um irgendetwas, das irgendwann in Zukunft aktuell sein wird. Solche Chips sind heute schon im Handel erhältlich und einsetzbar. Mit collectID, einem St. Galler Startup und Partner der Blockchain Trust Solutions AG, ist bereits eine solche Lösung erfolgreich lanciert worden.
Die Blockchain Trust Solutions AG von Gülünay und Caradonna hat letzten April ein neues Produkt lanciert. Mit SwissDLT stellte das Startup aus Herisau ein Blockchainnetzwerk vor, das nicht nur zuverlässig, sicher und transparent ist, sondern das auch mit anderen gängigen Blockchainsystemen kompatibel und gerade für Herkunftsnachweise für Produkte und Marken und für Ticketingsysteme geeignet ist. Mit ihrem Rechnerverbund, der über ein unabhängiges Kommunikationsnetzwerk der auf krisensichere Datenkommunikation spezialisierten Axpo WZ-Systems AG kommuniziert, biete die SwissDLT, erstmals eine hochsichere Blockchainlösung für jedermann an, wie Gülünay sagt. Und Gülünay könne garantieren, dass sich sämtliche Teilnehmer des Rechnerverbundes in der Schweiz befinden. Das schaffe zusätzlich rechtliche Klarheit, fügt der Unternehmer an.
Die Welt der Blockchains ist also gar nicht so undurchsichtig oder schwer verständlich, wie gemeinhin vielleicht angenommen. Die Blockchain Trust Solutions AG stellt die Infrastruktur für Firmen, die die Blockchain-Technologie nutzen wollen, zur Verfügung und verkauft Transaktionspaketen, die es für eine funktionierende Blockchain braucht. «Genau wie ein Mobilfunkanbieter», lacht Gülünay, «der Ihnen ein Datenpaket für Ihr Handy verkauft. Nicht mehr, nicht weniger.»
Michel Bossart ist Journalist und freier Mitarbeiter von «Die Ostschweiz». Nach dem Studium der Philosophie und Geschichte hat er für diverse Medien geschrieben. Er lebt und arbeitet in Benken (SG).
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