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In den schwersten Zeiten hatte Laura beim Einkaufen jedes Mal so heftige Angstattacken, dass sie glaubte, an einem Herzinfarkt zu sterben. Doch die 45-Jährige hat gelernt, ihre Angst zu kontrollieren. Wie, das erzählt sie hier.
Die Angst schlich sich langsam an. Ich war schon immer ein vorsichtiger Mensch, doch dann häuften sich schwierige Ereignisse in meinem Leben.
Zuerst hatte ich einen Autounfall. Danach traute ich mich eine Weile nicht mehr zu fahren. Mit der Zeit setzte ich mich zwar wieder ans Steuer, aber anders als zuvor. Ich vermied es beispielsweise zu überholen. Und ins Flugzeug stieg ich gar nicht mehr.
Dann starb mein Papi, und später passierten weitere schlimme Ereignisse, über die ich nicht reden möchte. Da wurde ich innerlich immer unruhiger.
«Die spinnt»
Patienten mit Angststörungen kriegen aus heiterem Himmel grosse Ängste und Panikattacken mit Brustschmerzen, Zittern und Atemnot. Je länger man mit der Behandlung wartet, desto stärker werden die Ängste.
Die psychische Krankheit ist verbreitet: Eine von zehn Personen entwickelt im Leben eine Angststörung, wie eine Übersichtsstudie der Universität Wien zeigt.
Irgendwann kamen die Attacken. Ich konnte mich nicht mehr kontrollieren, alles drehte sich, meine Brust ging zu, ich kriegte nicht richtig Luft und war so ruhelos, dass ich mich ständig bewegen musste. Ich fühlte mich wie in einer Kugel, nahm nichts mehr wahr ausser mich selbst.
Ich war sicher, dass ich einen Herzinfarkt hätte. Einmal war ich gerade mit meinen Eltern und meinen Kindern beim Coiffeur, als eine Attacke kam. Ich dachte, ich sterbe, und wollte zu meinem Arzt, also erfand ich eine Ausrede, um meine Eltern stehen lassen zu können. Ich traute mich nicht, ihnen zu sagen, wie ich mich fühlte, ich dachte: «Die denken, die spinnt.»
Ein anderes Mal bekam ich Panik, als ich sah, dass die Butter im Kühlschrank abgelaufen war und wir bereits davon gegessen hatten. Man spinnt natürlich nicht, wenn man Panikattacken hat, man spürt die Angst wirklich! Aber damals wusste ich nicht, was mir passierte.
Die Kinder durften nicht schlitteln
So nahm ich meinen Kindern einen Teil ihres Lebens weg. Wollten sie schlitteln gehen, hatte ich Angst, dass ihnen etwas passiert und behielt sie zu Hause. Sie wollten in den Europapark, aber Mami hatte Angst.
Mein Hausarzt schickte mich zu einem Psychiater, doch der drückte mir nur Temesta in die Hand. Aber ich nahm sie nicht, Medikamente helfen nur im Moment. Ich wollte tiefer gehen und das Problem an der Wurzel behandeln.
Per Zufall fand ich einen Flyer der Angstbewältigungs-Gruppe am Unispital. Als ich las, was da über Menschen mit Angststörungen stand, dachte ich: «Das bin ja ich, das bin ganz genau ich.» Also rief ich an, traf mich mit der Therapeutin und zwei Wochen später begann ich einen Kurs.
«Andere haben Diabetes, ich habe Angst»
Das war so ein Glück für mich, ich merkte: Es gibt noch andere Menschen, die auch Panik haben, ich spinne nicht! Andere haben Diabetes, ich habe Angststörungen. Wenn man das einmal realisiert hat, ist der Umgang damit einfacher. Heute weiss ich, wenn ich gestresst bin und unruhig werde: Ah, jetzt könnte eine Attacke kommen. Dann habe ich meine Strategien parat. Zuerst gehe ich in die Küche, dort habe ich ein Bild von einem Strand mit vier Liegestühlen aufgehängt. Es erinnert mich: Was ich spüre, ist Angst, ich sterbe nicht daran.
Dann mache ich Entspannungsübungen aus dem Kurs. Wenn man sich entspannt, geht es länger, bis aus Stress Panik wird. Oft kann ich so eine Attacke vermeiden, und wenn nicht, dann rufe ich meine Therapeutin an. Sie weiss, wie sie mich runterholen kann.
Mit der Therapeutin ins Flugzeug
Meinen grössten Erfolg hatte ich vor drei Jahren: Ich setzte mich mit meiner Psychologin in ein Flugzeug nach Spanien. Ich hätte nie gedacht, dass ich das schaffe! Doch meine Therapeutin und mein Mann pushten mich. Seither bin ich weitere drei Male geflogen.
Und jetzt gerade sind meine beiden Kinder im Lager. Vor ein paar Tagen rief meine Tochter an und sagte, sie habe Kopfweh. Ich sagte: «Schlaf drüber, dann geht es dir besser.» Früher wäre ich sofort ins Auto gesessen und hätte sie abgeholt. Doch jetzt kann ich meine Kinder alles machen lassen: schlitteln, Velo fahren.
Es braucht viel Kraft: Ich konfrontiere mich jeden Tag mit meiner Angst. Wenn ich zur Arbeit gehe, wenn ich in einen Lift steige, wenn ich meinen Kindern erlaube, draussen zu spielen. Aber es lohnt sich: Vor zehn Jahren kontrollierte mich meine Angst, jetzt kontrolliere ich sie – und führe ein sehr glückliches Leben.
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*Name geändert
Die TagesWoche widmet sich dem Schwerpunktthema Angststörungen und Panikattacken. Wir sprachen auch mit Beatrice. Ihre Panikattacken haben mit ihrer Mutter zu tun, sie drohte Beatrice als Mädchen ständig mit dem Kinderheim. Zu Beatrices Bericht.
Woher kommt die Angst und was kann man gegen sie tun? Pamela Loosli weiss es. Sie leitet eine Gruppe zur Angstbewältigung am Universitätsspital Basel. Zum Interview.