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Wenn man just am Ende des Sulzerareals in die Jägerstrasse einbiegt, erinnert das Bild stark an England. Die ehemalige Arbeitersiedlung wurde im britischen Stil gebaut, vor allem die Fassaden aus roten Backsteinen geben dieser Strasse einen angelsächsischen Touch. Jedes der zwölf Häuschen hat seinen eigenen Vorgarten, den englischen Rasen nehmen sich die Bewohnerinnen und Bewohner aber nur teilweise zum Vorbild. Dafür stehen beinahe in allen Vorgärten Fahrräder. Auf der Rückseite der Siedlung verbindet ein langer Rasen die Gärten der verschiedenen Partien. An lauen Sommerabenden kann man hier schöne Gartenfeste feiern.
Als 1871 die Siedlung an der Jägerstrasse gebaut wurde, sollte sie einen Ausgleich zwischen der Wohnungsknappheit einerseits und den vielen zugezogenen Arbeitsmigrantinnen und -migranten andererseits schaffen. Auch heute wohnen in den schmucken Häuschen vorwiegend nicht-gebürtige Winterthurerinnen und Winterthurer. Anders als einst Gastarbeiter der schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik bewohnen zurzeit aber vorwiegend Studierende die Jägerstrasse. Die Entwicklung der Strasse ist charakteristisch für die Stadt Winterthur, die sich im letzten Jahrhundert von der Industrie- zur Bildungsstadt entwickelt hat.
Im ersten Haus der Siedlung an der Jägerstrasse wohnen Crystel aus Fribourg, Tanja und Nando aus Bern. Ausschlaggebend für den Umzug nach Winterthur der zwei Ergostudentinnen und des Aviatikstudents war das für die Schweiz einzigartige Studienangebot der ZHAW.
Sie mögen Winterthur für das breite kulturelle Angebot, die vielen Festivals im Sommer und finden den alternativen Charakter der Stadt sympathisch. Am stärksten spüren sie diesen unter der Woche, an Konzerten am Monomontag oder in aller Früh auf dem Wochenmarkt. Es sei leicht, sich an den Wochentagen heimisch und zugehörig zu fühlen, wer nur wolle, könne sich hier sehr gut einleben. Tanja beteuert, dass sie nur eines von vier Wochenenden zurück nach Bern gehe.
Die drei haben sich erst in Winterthur kennengelernt. Ihr Zusammenleben ist freundschaftlich und entspannt. So oft es passt, kochen sie zusammen. Sämtliche Nahrungsmittel kaufen sie aus gemeinsamer Kasse. Man fühlt sich wohl bei den Dreien, die Atmosphäre ist warm, auch wenn es im Winter manchmal bitterkalt werden könne.
1990 wurden die kleinen Häuser an der Jägerstrasse zwar «sanft» saniert, die Isolation lasse aber zu wünschen übrig, und auch sonst gäbe es im Altbau stets etwas zu tun. So hat sich die WG vergangenen Jahres auch grösstenteils selbst mit Bürsten und ätzenden Mitteln von hartnäckigem Schimmel befreit.
Die Häuschen an der Jägerstrasse gehören zur Genossenschaft WOKO, die günstigen Wohnraum für Studentinnen und Studenten vermietet. Die WOKO betont auf ihrer Website, dass sie kein Studentenwohnheim im klassischen Sinn ist. Die WGs können ihr Zusammenleben selbst organisieren und geniessen relativ grosszügige Gestaltungsfreiheiten, auch wenn die Häuschen mittlerweile unter Denkmalschutz stehen. Andererseits sind auch Pflegearbeiten grösstenteils selbst wahrzunehmen. Zusätzlich besteht die WOKO ein Mal pro Semester auf einen obligatorischen Putztag für alle WGs. Das soll vor allem in Wohngemeinschaften mit besonders vielen Bewohnerinnen und Bewohnern wie dem «Türmlihuus» verhindern, dass sich Gerümpel anstaut, für den sich niemand mehr verantwortlich fühlt.
In der Dreier-WG an der Jägerstrasse ist das kein Problem, einen «Ämtliplan» haben sie noch nicht mal nötig. Die Wohnfläche ist bescheiden, die zu putzenden Ablagen dementsprechend auch überschaubar.
In der Studentensiedlung herrscht reges Kommen und Gehen. Wie immer künden sich auf den Sommer besonders viele Wechsel an. Auch für die WG von Crystel, Tanja und Nando bricht ein neues Kapitel an. Crystel und Tanja schliessen ihren Bachelor in Ergotherapie ab. Nach Erhalten des Diploms dürfen sie maximal ein halbes Jahr an der Jägerstrasse wohnen bleiben. Beide ziehen nach Bern, wo sie bereits eine Arbeitsstelle auf sicher gefunden haben. Nando wird sich zwei neue Mitbewohner, Mitbewohnerinnen für die Wohngemeinschaft suchen.