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«Alles in Afrika hat eine Geschichte»
Interview: Barbara Loop; Foto: Disney/Marvel Studios
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Es gibt kaum einen schwarzen Helden, den Ruth Carter nicht schon eingekleidet hätte. Sie hat die Kostüme für «Amistad», «Malcom X» und «Selma» entworfen, für Angela Bassett als Tina Turner in der Filmbiografie «What’s Love got to do with it» und für den Bürgerrechtsanwalt Thurgood Marshall, gespielt von Chadwick Boseman, im gleichnamigen Biopic. Jetzt zeichnet sie für die Kostüme des Superhelden «Black Panther» in der Comic-Verfilmung von Ryan Coogler verantwortlich. «Black Panther», der König von Wakanda, war in den 1960er-Jahren die erste schwarze Heldenfigur aus dem Hause Marvel. Auch die Verfilmung setzt sich von anderen Hollywood-Superhelden-Blockbustern ab: Die Story ist ungewohnt politisch, die Besetzung ungewohnt schwarz.
annabelle: Ruth Carter, für «Black Panther» mussten Sie die Mode von Wakanda erfinden, einer fiktiven afrikanischen Nation, die nie kolonialisiert wurde und ihren Wohlstand vor dem Rest der Welt geheim hält. Wie dekolonialisiert man Mode?
Ruth Carter: Ich habe das moderne Afrika dekonstruiert und dort angeknüpft, wo die präkoloniale Kultur noch vorhanden ist: bei den indigenen Völkern Afrikas. Ihren Schmuck und ihre Gewänder habe ich dann in ein futuristisches Modell übertragen.
Sie liessen sich also von der Vergangenheit inspirieren, um eine alternative Gegenwart zu schaffen.
Genau, das Königreich Wakanda ist zwar eine Erfindung, seine Ausgestaltung basiert aber auf der Realität. Wir haben in Afrika recherchiert, die afrikanischen Völker wie die Suri, Zulu, Hima oder Dogon besucht, um ihre Kostüme und deren Bedeutungen kennenzulernen. Denn alles in Afrika hat eine Geschichte. Die schönen Perlen des ostafrikanischen Nomandenvolks Turkana geben zum Beispiel Auskunft über den gesellschaftlichen Status der Frauen. In «Black Panther» habe ich die Perlen in die Kostüme der Dora Milaje, der weiblichen Königsgarde, eingearbeitet.
Die Popkultur vergisst oft, dass Afrika nicht ein Land, sondern ein Kontinent ist, und wirft alle regionalen Kulturen in einen Topf. Wie haben Sie den folkloristischen Einheitsbrei verhindert?
Ich habe die Traditionen kaum vermischt, sondern jedem Stamm ein reales indigenes Volk zugeordnet: Die Krieger des Jabari-Stamms tragen die Röcke, die Masken und die Waffen der Dogon aus Westafrika, die Kleidung der Königin Ramonda ist vom Volk der Zulu inspiriert.
Als Pharell Williams mit indianischem Kopfschmuck posierte, brach eine Welle der Empörung los, und der Wäschehersteller Victoria’s Secret zog mit dem traditionellen Federschmuck auf dem Kopf eines halbnackten Models den Zorn der Öffentlichkeit auf sich. Fürchten Sie nicht, dass Sie der cultural Appropriation, der kulturellen Aneignung, beschuldigt werden?
Nein, ich halte diese Kulturen in Ehren und helfe, die Geschichte der Afrikaner wie auch der Afroamerikaner zu erhalten. Kulturelle Aneignung ist ein schwammiger Begriff, mit dem Menschen um sich werfen, wenn sie jemanden schlechter Absichten bezichtigen. Wir aber hatten keine schlechten Intentionen.
Kulturelle Aneignung wird dann angeklagt, wenn traditionelle Gegenstände einer kulturellen Minderheit in einen neuen Kontext gestellt und kommerzialisiert werden.
Nicht alle Kostüme aus «Black Panther» kommen aus ihrem Ursprungsland, das wäre unmöglich gewesen. Aber ich habe Antiquitätenmärkte in halb Afrika besucht, habe Kostüme und Gegenstände direkt von den Frauen der Zulu oder Massai gekauft. So konnten diese Menschen etwas verdienen, und ich selber konnte von ihnen etwas über die Bedeutung der Stücke lernen. Ich habe also nichts entlehnt, was schon jemand anderes entlehnt und interpretiert hatte. So konnte ich vermeiden, dass aus den Gegenständen etwas entstand, das nichts mehr mit seiner ursprünglichen Bedeutung zu tun hat. Ich glaube, dass die Frauen der Massai und Zulu einen gewissen Stolz empfinden, wenn sie ihr Handwerk im westlichen Kino repräsentiert wissen.
Der weisse Regisseur Lee Unkrich hatte ein Team von mexikanischen Beratern engagiert, um sicherzustellen, dass sein jüngst erschienener Disney-Animationsfilm «Coco» keine Stereotype enthält, die das hispanische Publikum verärgern könnten. Ist das ein neues Modell des kulturbewussten Filmemachens?
Für «Black Panther» gab es kein solches Gremium. Ich finde es aber richtig, dass die Menschen, von denen der Film handelt, nach ihrer Meinung gefragt werden, allerdings muss man sich gut überlegen, wen man fragt. Denn manchmal erforschen Fremde eine Kultur tiefer als die eigenen Leute. Und manchmal tragen Menschen von ausserhalb mehr Sorge zu einer Kultur als solche von innerhalb.
Sie haben in Ihrer Karriere die visuelle Geschichte des schwarzen Amerika geprägt wie kaum eine andere Frau in Hollywood.
Wissen Sie, als Kind habe ich «Lady sings the Blues» geliebt, die Filmbiografie von Billie Holliday mit Diana Ross. Aber wenn ich mir die Aufnahmen von Billie Holliday anhörte und die alten Bilder von ihr betrachtete, wusste ich, dass ich eines Tages die wahren Geschichten ins Kino bringen wollte. Alle diese Filme über die Sklaverei, die Bürgerrechtsbewegung und die Geschichte der afrikanischen Diaspora, für die ich gearbeitet habe, trage ich in meinem Herzen. Ich bin sehr stolz darauf, dass man aus ihnen etwas lernen kann. Ich verstehe Filme nicht nur als Unterhaltung, sondern auch als Bildungsinstrument.
Welche Rolle spielt Kleidung für den Widerstand gegen die Unterdrückung der afrikanischen Diaspora?
Sie ist sehr wichtig, sie trägt eine Botschaft. Denken Sie etwa an den Footballspieler Colin Koepernick, der sich während der Nationalhymne hinkniete aus Protest gegen die Polizeigewalt an Schwarzen. Sein Trikot wird in die Geschichte eingehen. Und Hoodies waren gewöhnliche Kleidungsstücke, bis sie mit «Black Lives matter» zum Symbol des Widerstands wurden. Der Trenchcoat wurde auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung 1965 zum Symbol der Protestmärsche von Selma nach Montgomery. In seine Taschen haben die Demonstranten ihre Hände gesteckt und so signalisiert, dass sie auf Gewalt verzichten werden. Unter den Trenchcoats trugen sie mehrere Schichten Kleidung als Schutz, weil sie wussten, dass die Polizisten nicht auf Gewalt verzichten würden.
Für «Black Panther» liessen Sie sich auch von Modedesignern wie Issey Miyake oder Gareth Pugh inspirieren. Warum ist kein zeitgenössisches afrikanisches Modedesign eingeflossen?
Die noch heute weit verbreiteten afrikanischen Prints sind eine holländische Erfindung. Ich aber wollte ein Afrika ohne kolonialen Einfluss erschaffen und den Kleidern einen futuristischen Anstrich geben. Der Bodysuit von Black Panther wurde in Belgien 3D-geprintet. Zahlreiche Spezialisten haben an ihm gearbeitet, das Verfahren war enorm teuer: Gegen eine halbe Million Dollar kostete der Prototyp, teurer als Haute Couture also. Aus der Nähe erkennt man zahlreiche kleine Dreiecke, einem weit verbreiteten Symbol in Afrika. Das gibt dem Anzug eine ganz eigene Textur, die technisch wirkt, aber einen kulturellen Hintergrund hat. Schliesslich ist Black Panther nicht nur ein Superheld, sondern auch ein afrikanischer König.
Das Kinopublikum erscheint bei Comic-Verfilmungen nicht selten im Superheldenkostüm zur Premiere. Top oder Flop?
Absolut Top! Ich hoffe, dass das Publikum sich verkleidet. Ich werde mich selbst auch in ein öffentliches Kino setzen. Wahrscheinlich trage ich eine traditionelle Perlenkette und vielleicht eine dunkle Sonnenbrille, denn dieser Film hat so viel Presse eingebracht, dass selbst ich als Kostümdesignerin erkannt werden könnte. Zumindest glaubt das meine Agentin.
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