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© Isabel FonsecaIsabel
Martin Amis (rechts) mit Ian McEwan und Christopher Hitchens in Uruguay (2004)
Es gibt Schriftsteller, die scheuen die Öffentlichkeit. Für ihre Arbeit brauchen sie die Zurückgezogenheit, die Ruhe, und jede Störung von außen wird nur widerwillig hingenommen: Interviewanfragen von Zeitungen, die eine oder andere Lesung, vielleicht eine Signierstunde in einer Buchhandlung.
Martin Amis gehörte nie zu dieser Kategorie. Als er 1973 mit gerade einmal 24 Jahren seinen ersten Roman, Das Rachel-Tagebuch, veröffentlichte, bekam er sofort die Wucht des öffentlichen Interesses zu spüren. Dabei galt die Aufmerksamkeit der britischen Presse von Anfang an nicht nur seinem literarischen Schaffen (sein Debüt gewann zwei renommierte Literaturpreise), sondern vor allem seiner Person.
Als Sohn des Schriftstellers Kingsley Amis und als Autor, der selten um eine provokante Äußerung verlegen war, verkörperte Martin Amis bald das Prinzip des »celebrity writer«, des Schriftstellers mit einem Hauch glamouröser Prominenz. Was für die berüchtigte britische Boulevardpresse gleichbedeutend ist mit einem Freifahrschein der überschwänglichen und ungezügelten Berichterstattung. Diese Art der Berichterstattung hat Martin Amis stets selbst befeuert: Die Scheidung von seiner Frau, der Zwist mit seinem Freund Julian Barnes, der damit verbundene Wechsel seines Literaturagenten und englischen Verlags und der Tod seines Vaters wurden Anfang und Mitte der Neunzigerjahre öffentlich abgehandelt und brachten ihm den Ruf eines »Bad Boys« ein – ein Ruf, der bis heute an ihm haftet.
In Deutschland war die Rezeption von Martin Amis, der seit Das Rachel-Tagebuch dreizehn weitere Romane sowie mehrere Sachbücher und Kurzgeschichten verfasst hat, stets deutlich ausgewogener. Seine Rolle als »Enfant terrible« (FAZ) der englischen Gegenwartsliteratur wurde zwar wahrgenommen, jedoch nie so stark emotionalisiert wie in England. Im Vordergrund stand sein künstlerisches Schaffen, das in vielerlei Hinsicht ein besonderes ist. Da ist zum einen der unverkennbare Stil, der eine ganz eigene Betonung, einen eigenen Rhythmus zu haben scheint. Zum anderen ist da auch immer die besondere Perspektive, der besondere Blick, den Martin Amis auf die Welt hat. Es ist ein durchdringend böser Blick, den er mit Humor und Geist tarnt und den er schonungslos auf die Abgründe der menschlichen Psyche richtet – ob bei der Beschreibung des Individualismus (Das Rachel-Tagebuch, 1973), des kapitalistischen Wertesystems (Gierig, 1984), des Kulturbetriebs (Information, 1995), des Totalitarismus (Koba der Schreckliche, 2002). Oder gleich bei der Beschreibung des Sammelbeckens menschlicher Niederungen – des Dritten Reichs.
Nach Pfeil der Zeit (1991) widmet sich der heute 65-Jährige mit seinem neuen Roman Interessengebiet nun ein zweites Mal diesem Universum, das die Frage, was Menschen zu solchen Gräueltaten antreibt, zwangsläufig unbeantwortet lassen muss. Doch Martin Amis gehört nicht zu den Autoren, die vor solchen Fragen zurückschrecken. Warum sich der Ton der britischen Presse ihm gegenüber seit Veröffentlichung von Interessengebiet verändert hat, mag wohl an der Stärke gerade dieses Buches liegen. Auch wenn es wieder Stimmen gab, die sich an Amis’ glitzernder Vergangenheit ergötzten, so herrschte in den meisten Besprechungen einhellige Begeisterung über die literarische Qualität des Romans und die beklemmende Wirkung, die er entfaltet. Mit Interessengebiet hat sich Martin Amis seinen Platz dort gesichert, wo er hingehört: auf dem Olymp der Gegenwartsliteratur.