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Genauer hinschauen lohnt sich
Pestizide seien schuld an einer Häufung von Hirntumoren bei Kindern im Zürcher Weinland und dem Berner Seeland, sagte eine Studie von vor drei Jahren. Experten im Auftrag des Bundes kommen nun zu einem anderen Schluss: Die Resultate könnten auch zufällig entstanden sein.
Mittwoch, 6. Dezember 2023
Die Studie liess medial aufhorchen: Vor drei Jahren untersuchte ein Forschungsteam die Daten des nationalen Krebsregisters und stellte eine Auffälligkeit fest: Ein Kind im Zürcher Weinland und im Berner Seeland hat ein um etwa 20 Prozent höheres Risiko, eines Tages an einem Hirntumor zu erkranken, als ein Kind in einer anderen Region der Schweiz. Eine abschliessende Erklärung für diese statistische Auffälligkeit konnten die Autoren der Studien nicht liefern. Aber sie vermuteten, dass Pestizide im Grundwasser oder in der Luft eine Rolle spielen könnten. Der Verdacht wurde damit begründet, dass sowohl das Weinland also auch das Seeland landwirtschaftlich intensiv genutzt werden.
Die Behörden nahmen diese Ergebnisse zum Anlass, die besagte Studie genauer zu untersuchen. Unlängst präsentierte das Expertengremium, das vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) eingesetzt worden war, seine eigenen Ergebnisse. «Wir können nicht ausschliessen, dass (die Ergebnisse der ursprünglichen Studie) zufällig entstanden sind», fasst Lothar Aicher, Leiter der besagten Expertengruppe in einem Interview im «Tagesanzeiger» die Sachlage zusammen. Schliesslich seien die Fallzahlen in der Ursprungsstudie sehr klein. Aus methodischer Sicht sei dies ein «Problem»: «Je weniger Fälle, desto schwieriger ist es, eine statistische Auswertung zu bekommen, die aussagekräftig ist», so Aicher.
Die Autoren der ursprünglichen Studie vermuteten einen kausalen Zusammenhang zwischen der Anzahl an Krebserkrankungen in einem geografischen Gebiet und dem dortigen Pestizideinsatz. Das Problem hierbei: Es gibt in der Schweiz noch so manche Region, in denen ähnlich viele Pflanzenschutzmittel verwendet werden, wie im Zürcher Weinland oder dem Berner Seeland – und dort sieht man keine Anomalien bei den Krebserkrankungen. «Auch wenn Sie in einem Gebiet wohnen, in dem viel gespritzt wird, heisst es noch nicht, dass Sie in Kontakt damit kommen oder gar erkranken.» Unterstützt wird Aichers Aussage von aktuellen Studien. So hat das Bundesamt für Umwelt (BAFU) 2021 ein Pilotprojekt mit dem Namen «Pestizidmonitoring in der Aussenluft» durchgeführt. Die Ergebnisse der humantoxikologischen Untersuchungen zeigten, dass die gemessenen Konzentrationen in der Aussenluft auch unter den strengsten Bedingungen wenig gesundheitliche Relevanz hatte. Die Forschung konnte hinsichtlich der Aufnahme von Pflanzenschutzmitteln durch die Luft keine konkreten Gefahren nachweisen.
Gemäss Aicher ist bis heute kein wissenschaftlich erwiesener Konnex zwischen Pestizideinsatz und einer Krebserkrankung bekannt. Anders als beispielsweise beim Rauchen könne hier kein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang nachgewiesen werden. Grundsätzlich sei es schwierig, solche Beziehungen zu entdecken, weil viele Umwelteinflüsse auf den Menschen einwirken würden. Klar ist: Gemäss geltendem Gesetz dürfen in der Schweiz keine Substanzen zugelassen werden, die basierend auf Tierversuchen verdächtigt werden, beim Menschen krebserregend zu wirken, das Erbgut zu verändern oder die Fruchtbarkeit der Eltern und/oder die Entwicklung der Nachkommen zu schädigen. Dies gilt selbstverständlich auch für Pestizide.
Dass die Forschung weitergehen muss, um Krebsfälle – vor allem auch bei Kindern – besser zu verstehen und wenn immer möglich zu verhindern, ist unbestritten: «Wir müssen besser verstehen, wie die Mechanismen funktionieren, die zu Tumoren führen», sagt auch Aicher.
Gut zu wissen:
Die Angst vor Pestiziden ist ein medialer Dauerbrenner. Rückstände in Lebensmitteln führen immer wieder zu übertriebenen Reaktionen. Fakt ist: «Die Ängste sind übertrieben», dies sagt auch Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung in Berlin, welches die Sicherheit von Chemikalien untersucht: «Es gibt keinen Hinweis darauf, dass sich in Deutschland jemand durch Lebensmittel mit Pflanzenschutzmitteln vergiftet hat. Trotzdem haben viele Menschen davor Angst.» In der ganzen Aufregung bleibt meist unerwähnt, dass die gefundenen Pflanzenschutzrückstände auf den Lebensmitteln weit unter den Werten liegen, die einen Einfluss auf unsere Gesundheit haben könnten. Und dass Pestizide die Produktion von gesunden und erschwinglichen Lebensmitteln für eine breite Bevölkerungsschicht überhaupt erst ermöglichen.
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