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In den Jahren 1851/52 verliessen 111 Familien mit 661 Personen aus dem Kanton Solothurn die Schweiz. Es handelt sich bei diesen Zahlen ausschliesslich um Auswanderer, die von ihren Gemeinden finanziell unterstützt wurden. Alle andern wurden nicht registriert. Die Auswanderer suchten bevorzugt in Nordamerika einen neuen Lebensraum. Heute würde man sie «Wirtschaftsflüchtlinge» nennen.
Man interessiert sich heute etwas mehr als auch schon für die Auswanderungen von Schweizern nach Übersee und nach deren Gründen oder thematisiert die Schicksale der betroffenen Menschen, so zum Beispiel im Theaterstück „Grüezi Amerika“ von Christoph Schwager, das vom 16. August bis 7. September 2012 an den „Schloss-Spielen Falkenstein“ in Niedergösgen aufgeführt wird.
Immer deutlicher werden in der Diskussion über die einstigen Auswanderer Parallelen zu heutigen Ereignissen sichtbar – nur die Vorzeichen haben sich verändert. Die Schweiz ist heute immer weniger bereit, mittellose „Wirtschaftsflüchtlinge“ aufzunehmen (Steuerflüchtlinge dagegen sind wohlgelitten), und man vergisst oder verdrängt dabei die Tatsache, dass es viele unserer Vorfahren als Wirtschaftsflüchtlinge im fremden Land nicht in erster Linie ein neues Glück (ein altes kannten sie schliesslich auch nicht!) sondern eine echte Überlebenschance für sich und ihre Nachkommen suchten.
Im Rechenschaftsbericht für die Zeit vom 1. April 1851 bis Jahresende 1852 setzte sich die Solothurner Regierung mit dem Phänomen „Auswanderung“ und seinen Folgen auch für die Daheimgebliebenen auseinander und suchte nach Gründen, die zur Auswanderung führten – führen mussten. Dabei beschränkte sich die Untersuchung ausschliesslich auf jene Solothurnerinnen und Solothurner, die von ihren bisherigen Gemeinden finanziell unterstützt wurden.
Mehrere schwerwiegende Gründe
Genaue Untersuchungen der Solothurner Regierung führten zur Kenntnis, dass hauptsächlich drei Gründe für den Entschluss auszuwandern massgebend waren. Misswuchs in der Landwirtschaft führte zu einer Verknappung der Lebensmittel und damit zu einer Preissteigerung. Gleichzeitig fanden die untersten Bevölkerungsschichten keine Arbeit: es herrschte grosse Not, „welche jedes auch noch so zweifelhafte Mittel als lockend erscheinen liess, um aus dem gegenwärtigen Notzustand herauszukommen.“
Einen zweiten wichtigen Grund fand die Solothurner Regierung in der aggressiven Werbung der Agenten, welche die Zustände in den Staaten im rosigsten Licht schilderten und „auf auswanderungslustige Private und opferbereitwillige Gemeinden eine förmliche Jagd eröffneten“.
Schliesslich fühlten sich vermögendere Leute vom Anblick der Mittellosen und von der steigenden Zahl der Bettler belästigt. Die Zurückgebliebenen erwarteten „für eine verhältnismässig kleine Summe, die zunächst nicht aus ihrem Sacke ging, eine drückende Last für jetzt und die Zukunft los zu werden“, stellten Solothurns Regierende fest. Interessant ist, dass der Regierungsrat keine Gründe wie beispielsweise wirtschaftliche Schwierigkeiten in Industriebetrieben erwähnte. Es ist dies ein Zeichen dafür, dass der Kanton Solothurn zu jener Zeit industriell nur schwach erschlossen war.
Im Anschluss an die neuen Erkenntnisse zum Auswanderungsproblem sah sich der Regierungsrat in einem Dilemma gefangen: Einerseits hatte er dafür zu sorgen, dass sich die Gemeinden nicht über alle Massen verschuldeten und in der Lage waren, diese Schulden wieder möglichst rasch abzutragen. Anderseits war aus Gründen der Humanität notwendig, dass die Auswanderer nicht völlig mittellos in ihrer neuen Umgebung Fuss fassen mussten.
Die Regierung fügte in ihrem Bericht an den Kantonsrat auch die Kosten für die Überfahrt nach New York auf: Für Kinder unter 12 Jahren musste mit Fahrkosten von 107 bis 150 Franken gerechnet werden. Erwachsene hatten 170 bis 195 Franken zu bezahlen. In New York angekommen erhielten die Auswanderer unter 12 Jahren 14 bis 35 Franken pro Person und ältere einen Beitrag von 20 bis 70 Franken. In den Jahre 1851/52 leisteten die solothurnischen Gemeinden gemeinsam 98‘366 Franken.
Schwarzbubenland und Bucheggberg waren Auswanderungsgebiete
In der Amtei Dorneck-Thierstein wurden 275 Personen unterstützt und zwar mit gesamthaft 49‘227 Franken. An zweiter Stelle folgte die Amtei Bucheggberg-Kriegstetten. Hier verliessen in den beiden erwähnten Jahre 273 Personen die Schweiz und wurden von ihren Gemeinden mit 34‘739 Franken unterstützt. Im Kanton wurden 1851/52 in 32 Gemeinden Auswanderer finanziell unterstützt. Die grösste Unterstützung leistete Kleinlützel. Hier verliessen 27 Familien mit 139 Personen die Schweiz. Kleinlützel hatte die beachtliche Summe von 27‘000 Franken zu leisten. Weitere Schwarzbuben-Gemeinden waren: Büsserach (9 Familien mit 54 Personen und einer Unterstützung von 9‘000 Franken), Erschwil (7 Familien mit 42 Personen und einer Unterstützung von 7‘527 Franken), Breitenbach (3 Familien mit 25 Personen und einer Unterstützung von 4‘000 Franken), Meltingen (2 Familien mit 12 Personen und einer Unterstützung von 2‘500 Franken) und Nunningen (eine Familie mit zwei Personen und einer Unterstützung von 200 Franken).
In Messen wanderten 19 Familien mit 120 Personen aus. Diese wurden von der Gemeinde mit 11‘425 Franken unterstützt. In Biezwil waren es 14 Familien mit 88 Personen. Sie erhielen zusammen 14‘116 Franken.Aus Schnottwil ist eine Familie mit acht Personen bekannt, die auswanderte, unterstützt mit 1‘907 Franken. In verschiedenen weiteren Dörfern des solothurnischen Bucheggbers waren es einzelne Personen.
Der Regierungsrat untersuchte schliesslich auch auf welche Weise die betroffenen Gemeinden ihre Schulden abtrugen. In erster Linie berechneten die Gemeindeschaffner die Beträge, welche eingespart wurden, weil den Auswanderer kein Bürgernutzen gewährt werden musste und auch ihr Anteil an der Allmend anderweitig verpachtet werden konnte. Doch reichten diese „Einsparungen“ in der Regel nicht aus. In der am stärksten betroffene Amtei Dorneck-Thierstein entschloss man sich zusätzlich Holz aus den Waldungen zu verkaufen. Zu dieser Massnahme war vor allem Kleinlützel gezwungen.
Der Regierungsrat schliesst seinen Bericht mit den folgenden Worten: „Welche Folgen diese Auswanderungen für die Auswanderer selbst und für die Zurückgebliebenen haben wird, kann dermalen noch nicht mit Bestimmtheit ermittelt werden, indem noch sehr wenige zuverlässige Berichte aus Amerika eingegangen sind. Jedenfalls würde man sich sehr täuschen, wenn man glauben sollte, die Armennot in den betreffenden Gemeinden beseitigt zu haben; und es erfordert gewiss alle Vorsicht, nicht zu gestatten, dass Gemeinden zur Erlangung eines grösstenteils eingebildeten Vorteils sich in eine enorme Schuldenlast verwickeln.“
Es wird im Kanton Solothurn kaum eine alteingesessene Familie zu finden sein, in deren Stammbaum nicht dann und wann ein veritabler Wirtschaftsflüchtling auftaucht. Nach 1852 stieg die Industrialisierung des Kantons an und Auswanderungen aus wirtschaftlichen Gründen wurden glücklicherweise seltener. Und heute? Zwei Sorten Wirtschaftsflüchtlinge steuern die Schweiz an – Menschen, die wie einst unsere Vorfahren im angestammten Land keine Zukunft sehen und – jene, die als Steuerflüchtlinge ihr Geld vor dem Zugriff der Steuerverwalter ihrer Länder schützen wollen. Wenn hier von Wirtschaftsflüchtlingen die Rede ist, sind sie nicht gemeint
Von Rainer W. Walter
Quelle: Journal 21