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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
Stellen Sie sich vor, Sie wollten ein Internetangebot erstellen, einen Prospekt zu einem Warenangebot machen, ein Lehrbuch schreiben, und in all diesen Projekten sollen Bildmaterial und Texte präsentiert werden. Sie müssen also entscheiden, welches Bildmaterial, also Fotos, Graphiken, Darstellungen, usw., auf der jeweiligen Seite gezeigt werden soll, wie gross die Illustrationen sein dürfen, an welcher Stelle der Seite sie in den Text eingefügt werden sollen, also wie „das Design“, oder auch „Layout“ genannt, aussehen soll.
Grafiker, Redakteure, Texter, Gestalter und nicht zuletzt auch Autoren beschäftigen sich mit dieser Aufgabe. Die Seiten sollen werbewirksam, aussagekräftig, zum Text passend, gut lesbar sein, und was es sonst noch für Vorgaben gibt. Nach der Idee und den ersten Vorstellungen, wie das Ganze auszusehen hat, kommt der erste Entwurf. Bildmaterial, farbige Ausgestaltung und Graphiken sind zuerst vorhanden, nur der Text fehlt noch. Ein anderes Beispiel: Ein Musiker will ein Lied schreiben und arbeitet an einer Melodie. Der Text ist noch längst nicht fertig. Was tun?
Man nimmt einen sogenannten „Dummy“-Text. Der Begriff „Dummy“ (engl. für Attrappe) wird dann eingesetzt, wenn etwas nicht echt oder endgültig ist. Eine Schaufensterpuppe ist eben kein Mensch, aber sie zeigt, wie das Kleidungsstück wirkt. Eine ähnliche Puppe wird auch in der Unfallforschung und bei der Konstruktion neuer Fahrzeuge eingesetzt; eine Dummy-Nummer einer Zeitschrift lässt erahnen, wie diese aussehen wird und testen, ob sie beim Leser ankommt. Dieser sogenannte „Blindtext“, auch „Platzhaltertext“ genannt, hat mit dem endgültigen Text überhaupt nichts zu tun, er ist auf oft auf Latein geschrieben, jedenfalls sieht es so aus, denn (wie man unten sieht) er ist korrekter als pseudolateinisch zu bezeichnen.
Beispielsweise wird als Blindtext eingesetzt:
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… oder dieser hier, durch eine Software generiert:
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… Es ist leicht feststellbar, dass der erste Text einfach wiederholt wird, so oft, wie der endgültige am Ende lang sein soll. Es gibt verschiedene Varianten und Möglichkeiten, ihn einzusetzen.
Übrigens: Schon der Begriff „Lorem“ existiert in Latein nicht; der Text ist pseudolateinisch, damit ihn niemand versteht und abgelenkt wird.
Gestreiftes Papier, fein Texture0109.jpg, 96×96 Pixel.
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Ganz so „blind“ ist dieser Text natürlich nicht. Es gibt eine Quelle dazu, und zwar bei Marcus Tullius Cicero (klassische Aussprache: „kikero“). Cicero wurde am 03.Januar 106 vor unserer Zeitrechnung geboren und starb am 07. Dezember 43 v. u. Z.
Cicero war ein römischer Politiker, Anwalt, Schriftsteller und Philosoph, und der berühmteste Redner Roms und Konsul im Jahr 63 v. u. Z. Als Schriftsteller war er schon für die Antike stilistisches Vorbild, seine Werke wurden als Muster einer vollendeten Latinität, der lateinischen Zeitepoche, empfunden.
Der Originaltext ist natürlich umfangreicher, hier ein Ausschnitt: Absatz 1.10.32 und 1.10.33 des „de Finibus Bonorum et Malorum“" (Die Extreme von Gut und Böse) von Cicero, geschrieben 45 v. u. Z.:
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Übersetzt: „Das höchste Gut und Übel", Cicero,
Absatz 1.10.32‒1.10.33:
Damit Ihr indes erkennt, woher dieser ganze Irrthum gekommen ist, und weshalb man die Lust anklagt und den Schmerz lobet, so will ich Euch Alles eröffnen und auseinander setzen, was jener Begründer der Wahrheit und gleichsam Baumeister des glücklichen Lebens selbst darüber gesagt hat. Niemand, sagt er, verschmähe, oder hasse, oder fliehe die Lust als solche, sondern weil grosse Schmerzen ihr folgen, wenn man nicht mit Vernunft ihr nachzugehen verstehe. Ebenso werde der Schmerz als solcher von Niemand geliebt, gesucht und verlangt, sondern weil mitunter solche Zeiten eintreten, dass man mittelst Arbeiten und Schmerzen eine grosse Lust sich zu verschaften suchen müsse. Um hier gleich bei dem Einfachsten stehen zu bleiben, so würde Niemand von uns anstrengende körperliche Übungen vornehmen, wenn er nicht einen Vortheil davon erwartete. Wer dürfte aber wohl Den tadeln, der nach einer Lust verlangt, welcher keine Unannehmlichkeit folgt, oder der einem Schmerze ausweicht, aus dem keine Lust hervorgeht? (Übersetzung von H. Rackham, Ausgabe von 1914, De Finibus).
Lorem Ipsum ist in der Industrie bereits der Standard Demo-Text seit 1500, als ein unbekannter Schriftsteller eine Handvoll Wörter nahm und diese durcheinander warf, um ein Musterbuch zu erstellen. Er hat nicht nur 5 Jahrhunderte überlebt, sondern auch fast unverändert den Sprung in die Texterstellung am Computer. Interessant ist auch, dass der Text oder Varianten davon in viele Sprachen übersetzt sind und überall auf der Welt in den Berufen, in denen Blindtexte erforderlich sind, eingesetzt werden.
Wenn Ihnen der folgende Text unterkommt, sollten Sie wissen, auch das ist ein Blindtext:
Auch gibt es niemanden, der den Schmerz an sich liebt, sucht oder wünscht, nur, weil er Schmerz ist, es sei denn, es kommt zu zufälligen Umständen, in denen Mühen und Schmerz ihm grosse Freude bereiten können. Um ein triviales Beispiel zu nehmen, wer von uns unterzieht sich je anstrengender körperlicher Betätigung, ausser um Vorteile daraus zu ziehen? Aber wer hat irgend ein Recht, einen Menschen zu tadeln, der die Entscheidung trifft, eine Freude zu geniessen, die keine unangenehmen Folgen hat, oder einen, der Schmerz vermeidet, welcher keine daraus resultierende Freude nach sich zieht?
Erkennen Sie die Quelle?
Bei diesem Blindtext habe ich nicht den Eindruck, er sei „pseudodeutsch“, sondern der Inhalt erscheint mir ziemlich logisch. Das gilt auch für den folgenden Text aus dem Blindtextgenerator:
Ich bin Blindtext. Von Geburt an. Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, was es bedeutet, ein blinder Text zu sein: Er bietet inhaltlich keinen Sinn. Man wirkt hier und da, aus dem Zusammenhang gerissen. Oft wird man gar nicht erst gelesen. Aber bin ich deshalb ein schlechter Text? Ich weiss, dass ich nie die Chance haben werde, im Stern zu erscheinen. Aber bin ich darum weniger wichtig? Ich bin blind! Aber ich bin gerne Text. Und sollten Sie mich jetzt tatsächlich zu Ende lesen, dann habe ich etwas geschafft, was den meisten "normalen" Texten nicht gelingt.
Bis hierhin, dann wird wiederholt.
*
Wohlgemerkt: Dieses Blog ist kein Blindtext!
Vielen Dank, dass Sie es bis zu Ende lasen. Das ist für mich die Bestätigung, Sie nicht gelangweilt zu haben!
Internetbezug:
Hinweis auf einen Textatelier.com-Text zu Gestaltungsfragen von Drucksachen