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Universität Zürich Irchel – Der Blaue Platz
Revolution und Kalender
Rotation und Revolution
Die beiden grundlegenden Bewegungen der Planeten im Sonnensystem Rotation und Revolution dienten von Alters her zur Messung der Zeit und zur Festlegung eines Kalenders: Die Rotation – die Drehung der Erde um die eigene Achse – bestimmt die Tageszeit und die Revolution – die Bewegung um das Zentralgestirn – legt den Jahreskalender fest.
Sonnwende und Kalender
An den Sonnwenden (Solstitien) kommt die Sonne zum “Stillstand”. Während etwa zehn Tagen verändert sich der Aufgangs- und der Untergangsort weniger als um einen Durchmesser der Sonnenscheibe. Diese Wendepunkte sind viel leichter zu bestimmen als die Tagundnachtgleichen (Aequinoktien), weil sich dann der Sonnenort am schnellsten ändert. Schon in Prähistorischer Zeit fixierte man den Kalender durch die Sonnwenden. Die Symbolik der Zeitenwende wurde aber auch mythologisch (→ Sonnenjahr-Kirchenjahr) und als Zeichen der Macht (→ Solarium des Augustus) gebraucht.
Der Jahresbeginn am 1. Januar wurde zwar historisch bedingt um einige Tage verschoben, bezieht sich aber immer noch auf den kürzesten Tag an der Wintersonnwende am 21. Dezember.
Revolution der Revolution
Zur Zeit der Französischen Revolution wagte man auch beim Kalender einen Neuansatz. Es sollte eine neue Zeitrechnung beginnen und die Jahre nicht mehr nach Christi Geburt gezählt werden. Zwar bewahrte man die Revolution (des Planeten Erde um die Sonne) als Mass, aber das Jahr begann neu an der Herbst-Tagundnachtgleiche und sollte nicht mehr durch die, von König und Kirche besetzten, Sonnwenden bestimmt sein. Dementsprechend mussten auch die Tage und teilweise die Monate neue Namen bekommen. Der Sonntag wurde abgeschafft und die Wochen zu décades à 10 Tage verlängert. Jeder Tag erhielt an Stelle des Namens eines Heiligen einen profanen Gedenktag.
Revolutionskalender
“Am 21. September 1792, dem letzten Tag der ère vulgaire, waren die Deputierten des Konvents zusammengetreten und hatten die Abschaffung der Monarchie beschlossen. Mit der Verkündigung dieses Beschlusses am folgenden Tage begann die Zeit der Republik und also auch eine neue Zeitrechnung. Genau zu diesem Datum, dem Zeitpunkt der Tagundnachtgleiche, trat die Sonne in das Zeichen der Waage (Sinnbild des Ausgleichs und der Gerechtigkeit).”Alexander Honold: Hölderlins Kalender, Astronomie und Revolution um 1800, Berlin 2005 S.118
Die Gründung der Republik am astrologischen (nicht astronomischen) Herbstbeginn war ein symbolträchtiger Anfang für eine neue Zeitrechnung. Der 22. September 1792 wurde also zum 1.1. 0001. Der erste Monatsname Vindemaire entsprach dem alten Weinmonat. Dieser 22. September – ein Samstag – wurde zum Primedi umbenannt. Er war der Weintraube gewidmet und nicht mehr dem Heiligen Mauritius.
Für das neue Zeitalter, das ganz dem rationalen Denken verpflichtet war, hätte aber Neujahr eigentlich auf die Herbst-Tagundnachtgleiche am 23. September – wenn die Sonne den Himmelsäquator absteigend überschreitet – gelegt werden sollen. So haftete am “Tag der Abschaffung der Monarchie” noch das althergebrachte Horoskop mit dem numinosen Schicksalsdenken.
Nur einige wenige Jahre erschienen auch bei uns Kalender mit einer Neuheidnischen und einer Altchristlichen Spalte. Das Wagnis, den Kalender im Zeichen der Waage zu beginnen, brach bald ab.
Aber, wie Waagen bricht, fast, eh es kommet, das Schiksaal
Hölderlin: Brod und Wein (Spätfassung)