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Wir hatten immer noch eine gewisse Hoffnung, in den nächsten Tagen eine weltweite Kaskoversicherung abschliessen zu können. Somit wählten wir unsere Route westwärts der US-kanadischen Grenze entlang. Die Route über Revelstock (Kanada) schien vorerst nicht machbar zu sein. Wir durchstreiften erneut riesige Waldgebiete, wo sich vermutlich nicht allzu viele Überseetouristen verirren und des öfters war die Grenze zum nördlichen Land in Sichtweite.
Fast unbemerkt erreichten wir erneut Idaho und, für amerikanische Verhältnisse fast nur ein Katzensprung, Washington (State). In diesen weiten Waldflächen sind die Übertritte der einzelnen amerikanischen Staaten nicht mit grossen Schildern markiert; erst beim Einkaufen erkennt man dies anhand der geänderten Mehrwertsteuer. Aber auch die Preise der Treibstoffe sind in den einzelnen Staaten sehr unterschiedlich und manchmal wird der nötige „Saft“ fast zu europäischen Verhältnissen an der Zapfsäule angeboten.
Beim Franklin Roosevelt-Stausee – der grösste Stausee in Nordamerika, und während den Rezessionsjahren von Präsident Roosevelt lanciert – übernachteten wir auf einem Zeltplatz am Seezugang. Zu unserer Überraschung war ein Feuer im vorgesehen Grillplatz verboten. Die Trockenheit liess die Waldbrandgefahr in den letzten Tagen stark ansteigen und, da die Amis keine normalen Feuer machen können, wird gleich ein allgemeiner Feuerbann ausgesprochen. So waren die lauschigen Abende am Feuer vorbei und wir mussten uns früher als gewohnt ins Innere unseres Campers zurückziehen. Die wärmende Standheizung erwies jedenfalls wertvolle Dienste.
Die allgemeine Waldbrandgefahr und die Verbotsschilder begleiteten uns ab dem Roosevelt-Lake und die Waldbrände wurden uns immer mehr bewusst. Überall sah man Rauch aus den Wäldern aufsteigen und die Feuercamps – Lager der Feuerwehr – waren in den Wäldern nicht zu übersehen. Auf unserer Weiterfahrt setzten wir mit einer Fähre über den Roosevelt-Lake und erreichten ein grösseres Indianerreservat. Vermutlich haben die Verantwortlichen in diesem Gebiet eine andere Beziehung zum Feuer und deren Nutzen und ein abendliches Feuer wäre eigentlich erlaubt gewesen. Doch uns schreckten die jeweiligen Preise der Campingplätze ab, vor allem da die Einrichtungen meist in einem sehr erbärmlichen Zustand waren. Eigentlich wären wir bereit für unsere Übernachtung eine Gebühr zu entrichten; die vorhandenen Plätze lagen an sehr idyllischen Landschaften. Doch wenn ein überrissener Preis für nichts verlangt wurde, waren wir nicht bereit alles zu akzeptieren und suchten somit das Weite.
So war der Besuch im Colville-Indianerreservat entsprechend kurz und im nördlich liegenden gleichnamigen National-Forest fanden wir unseren ruhigen Schlafplatz. Obwohl unweit von uns in irgendeinen Waldstück ein grösserer Brand loderte, durften wir in diesem Zeltplatz, der in einem dichten Wald lag, unser Feuer machen. Selbstverständlich waren wir sehr zurückhaltend und legten nur so viel Holz nach, dass es fürs Kochen reichte, während ein paar Plätze weiter ein riesiges Feuer vor sich her loderte.
Nach den vielen Kilometer durch die Wälder waren wir immer wieder froh, offene Landschaften durchfahren zu können. Die vielen kleinen Orte im Niemandsland weckten in uns immer wieder die Fantasie, die letzte Postkutsche sei gleich vor wenigen Minuten abgefahren und wir warteten immer vergebens auf eine Horde wilder Cowboys, die gleich um die Ecke angeritten kämen. Dann folgten wieder Orte, wo man sich gleich niederlassen und sich wohlfühlen könnte. Kauft man im selben Geschäft gleich zweimal ein oder trinkt man an der einzigen Bar im Dorf einen Whiskey, gehört man schon fast zur Dorfgemeinschaft und die Leute wollten plötzlich alles von uns wissen. 😉
Doch für ein Leben in dieser abgelegenen Gegend, umgeben von Wäldern und unendlichen Weiten, muss man geschaffen sein. Wir zogen jedenfalls weiter zur westlichen Hauptkette der Rockys und hinauf zum Washington-Pass. Die Luft war schon bei der östlichen Bergfahrt sehr rauchig und noch vor dem Pass machten grosse Hinweistafeln auf die Waldbrände aufmerksam. Überall standen Infotafeln mit detaillierten Hinweisen und Informationen. So war fast das ganze Gebiet des North Cascades Nationalparks für irgendwelche Outdooraktivitäten gesperrt. Der aufsteigende Rauch aus den unterschiedlichsten Tälern und die omnipräsente Feuerwehr verdeutlichte die akute Gefahr. So verkürzte sich unser Aufenthalt in den Bergen und in zügiger Fahrt steuerten wir tiefer liegende Gebiet an.
Bis zur Halbinsel von Anacortes waren es nur noch wenige Kilometer. Hier draussen auf dem städtischen Erholungspark, der vom Meer umgeben ist, durften wir wieder unser abendliches Feuerchen geniessen. Wir lieben das Knistern des Feuers, während wir mit der Kelle im Topf rühren und nach dem Essen noch ein Glas Wein in der Wärme geniessen können. Da entstehen auch die tollsten Ideen, wie wir unseren nächsten Tag verbringen können und wo es entlang gehen soll.
So setzten wir mit der Fähre hinüber auf die Halbinsel des Mount Olympus (Olympic N.P.) und folgten der Nordküste der „Strasse von Juan de Fuca“ in westlicher Richtung, wo wir immer wieder sehnsüchtig über das Wasser nach Vancouver Island schauten. Ganz im Nordwesten erreichten wir das Makah Indianerreservat und, so stand es jedenfalls geschrieben, den westlichsten Punkt von Washington (State). Die Wanderung durch den Urwald als auch der Blick über die Klippen waren überwältigend und der naheliegende Campingplatz war gerade das Richtige für die kommende Nacht. Der Sonnenuntergang bezauberte uns weit in den Abend hinein und trotz der vielen Tsunami-Warntafeln blieben unsere Füsse trocken.
Auf unserer Weiterfahrt umrundeten wir den Olympic-N.P. und durchstreiften auf der Südseite weite Waldgebiete, die teilweise National-Forest sind oder dem Staat Washingten gehören und durch Holzkonzerne bewirtschaftet werden. Durch die National-Forest kann man problemlos durchfahren, weiss aber nicht immer, wo man sich genau befindet und öfters standen wir vor massiv verschlossenen Toren. Die jeweiligen Auf- oder Anschriften waren jedenfalls immer eindeutig und wir mussten den Rückweg antreten. Die privaten Holzbewirtschafter wünschen anscheinend keinen Durchgangsverkehr in ihren Wäldern, wo sie mit riesigen Maschinen ganze Waldstücke abernten.
Trotz der Irrfahrten war dieser Wald, wo nicht industriell abgeholzt wurde, auf weite Flächen noch in seinem sehr ursprünglichen Zustand. Teils uralte Baumbestände lassen unser menschliches Dasein plötzlich als klein und nichtig erscheinen. So durften wir in solchen Wäldern ein paar Nächte unter riesigen Zedern oder anderen mächtigen Nadelbäumen verbringen. Das Schätzen des Alters eines solchen Baumriesen war für uns fast unmöglich, doch sicher sind es mehr als ein Menschenleben und der Flechtenbehang verwandelte einzelne Waldstücke in Märchenlandschaften.
Erneut erreichten wir den Puget Sound, der mit seinen unzähligen Armen die Halbinsel vom östlich liegenden Seattle abtrennt. Während dicke Wolken von Westen über die Halbinsel zogen, setzten wir mit der Fähre hinüber nach Seattle.
Noch während der Überfahrt erhielten wir von unserem Versicherungsagent aus Deutschland eine negative Meldung und die Erklärung, dass sie in den nächsten Wochen uns immer noch keinen weltweiten Kaskoschutz anbieten könnten. Etwas ratlos guckten wir auf unsere Landkarte und planten umgehend um; die Stippvisite nach Kanada war definitiv aus der Planung gefallen.
Doch auch ohne den nördlichen Ausflug fanden wir schnell unseren Weiterweg: In Washington gibt es ja auch Berge mit einer speziellen Vergangenheit und wunderbare Landschaften. Hoffentlich wird uns die bevorstehende Schlechtwetterfront nicht gleich vom Berg herunter durch die weite Landschaft spülen.
Chantal u. Tom/Oktober 2023