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Wir haben ein Fontane – Jahr vor uns. Denn auf den 30. Dezember 2019 fällt sein zweihundertster Geburtstag. Anlass genug, auch auf Seniorweb für ihn ein Zeichen zu setzen.
Den deutschen Schriftsteller Theodor Fontane, der von 1819 bis 1898 lebte, habe ich vor vielen Jahren entdeckt. Ich las begeistert seine Bücher und habe ihn dann vergessen. Wie konnte ich nur! Seine Art, die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse seiner Zeit kritisch zu beschreiben, schätzte ich über alles.
In meinem Büchergestell finden sich neben den Romanen: «Vor dem Sturm», «Frau Jenny Treibel» und «Der Stechlin» auch eine Biografie von Wolfgang Hädecke.
Zum Glück habe ich mir früher erlaubt, meine Bücher mit Anmerkungen und Markierungen zu versehen. So fand ich die Stelle sofort wieder, derentwegen ich «Vor dem Sturm», erschienen 1878, gekauft und gelesen habe. Ein Kollege hatte mich darauf hingewiesen, dass in diesem Buch Wilhelm Tell erwähnt werde. Für mich war das damals eine Trouvaille. Denn das Stück «Wilhelm Tell» von Friedrich Schiller wurde 2004, zweihundert Jahre nach seiner Uraufführung in Weimar 1804, vom Staatstheater Weimar auf dem Rütli aufgeführt.
Und ich war auch für Anekdotisches im Zusammenhang mit unserem Nationalhelden offen. Es ging im Buch «Vor dem Sturm», um einen französischen Bühnendichter namens Antoine-Marin Lemierre (1733 – 1793), der ein Stück mit dem Titel «Guillaume Tell» geschrieben hatte. Und um eine deutsche Gräfin, die anlässlich einer Hauslesung davon sehr angetan war. Sie nennt Lemierre zwar einen «auteur de second rang». Fügt aber sofort an, dass dieses Stück dem «Wilhelm Tell» des Herrn Schiller weit überlegen sei. Denn im Stück von Schiller würden ja mehr Personen auftreten als die vier Waldstätte Einwohner hätten. Es gebe einen ständigen Szenewechsel, es werde ein Lied gesungen, ein Mondregenbogen spanne sich aus, das sei ja wie in einer Operette. Und zuletzt erscheine noch der Gessler zu Pferde…. Der Gräfin wird von ihrem Bruder widersprochen und es entspinnt sich ein Disput über die Rolle der beiden Autoren und dieses «Herrn Schiller», der ein Dichter seines Volkes sei.
«Vor dem Sturm» spielt im Winter 1812/13 und widerspiegelt die damaligen angespannten politischen Verhältnisse in Deutschland. Und diese schlagen sich auch nieder in dem Gespräch über Sinn und Gehalt des «Guillaume Tell», beziehungsweise der Version des Stückes von Friedrich Schiller ( S. 297)
Mein absolutes Lieblingsbuch aber hat den Titel «Meine Kinderjahre» und ist ein autobiographischer Roman, den Fontane 1892 geschrieben hat. Fontane war krank, schrieb das Buch auf Anraten seines Arztes und bemerkte dazu, dass er sich mit diesem Buch wieder gesund geschrieben habe.
Auch in diesem Buch habe ich angemerkt, welche Stellen mich damals, beim ersten Lesen, besonders packten. Da war die Beschreibung einer baufälligen Schaukel im Garten. Der Junge brachte sie, immer wieder, so zum Schwingen, dass die rostigen Haken quietschten und alles zusammen zu brechen drohte. «Aber gerade das war die Lust, denn es erfüllte mich mit dem wonnigen und allein das Leben bedeutenden Gefühle: Dich trägt Dein Glück» (S. 52).
In seiner Kindheitsbeschreibung macht sich Fontane auch ausführliche Gedanken über die Art der Erziehung, die ihm zuhause zuteil wurde. Er umschreibt sie mit «Gar nicht erzogen und ausgezeichnet erzogen». Die Eltern hätten durch die Art ihrer Persönlichkeit auf ihre Kinder eingewirkt. Nur sei dieser normale «Nichterziehungsprozess» gelegentlich dadurch gestört worden, dass mit «herkömmlichen pädagogischen Mitteln» eingegriffen worden sei, «teils nutzlos, teils geradezu schädigend». (S. 177).
Zusammenfassend schreibt Fontane am Ende seiner Autobiographie: «Damals aber, als ich in Haus und Hof umherspielte und draussen meine Schlachten schlug, damals war ich unschuldigen Herzens und geweckten Geistes gewesen, voll Anlauf und Aufschwung, ein richtiger Junge, guter Leute Kind. Alles war Poesie. Die Prosa kam bald nach, in allen möglichen Gestalten, oft auch durch eigene Schuld». (S. 231)
Theodor Fontane, geboren in Neuruppin, wird in seiner Heimat, der Mark Brandenburg, während des ganzen Jahres 2019 gross gefeiert werden. Das entnehme ich dem Internet.
Und von einer Schweizer Autorin, Regina Dieterle, ist vor kurzem eine Biografie über Theodor Fontane erschienen, die über 800 Seiten umfasst. Sie ist das Resultat einer Recherche, welche die Autorin während zehn Jahren in Bibliotheken und Archiven durchführte. Ich freue mich sehr auf die Lektüre dieses Buches. Auf das wieder Eintauchen in die Lebensgeschichte dieses eindrücklichen Menschen und Schriftstellers. Denn in seinem Leben und in seinem Werk spiegelt sich ja auch die Geschichte eines ganzen bewegten Jahrhunderts.
Regina Dieterle: «Theodor Fontane». Biografie. Hanser Verlag 2018. ISBN 978-3-446-26035-1