Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03230.jsonl.gz/973

von Lea Mörsdorf
Heutzutage sind Überwachungskameras in der Öffentlichkeit weit verbreitet. Ob im Bus, am Bahnhof oder auf öffentlichen Plätzen, häufig werden wir und unser Verhalten aufgezeichnet. Die Videoüberwachung soll dabei helfen, Straftaten zu verhindern oder diese im Nachhinein leichter aufzuklären. Van Bommel und Kollegen vermuten, dass Überwachungskameras darüber hinaus weitere Effekte erzielen, indem sie das Verhalten aller Personen beeinflussen.
Besonders interessant fanden die niederländischen Forscher, inwiefern sich Videoüberwachung auf das Hilfeverhalten von anwesenden Personen auswirkt, oder besser gesagt auf das Unterlassen von Hilfeleistungen. Dazu untersuchten sie den sogenannten Zuschauereffekt, demzufolge Menschen anderen Menschen mit geringerer Wahrscheinlichkeit zu Hilfe kommen, wenn noch weitere Personen anwesend sind.
Eine Erklärung hierfür ist die Verteilung von Verantwortung unter den anwesenden Zuschauern, nach dem Motto: „Warum sollte ich helfen? Der Mann dort drüben könnte ebenso gut eingreifen.“ Somit könnten sich die einzelnen Zuschauer weniger verantwortlich und folglich weniger schuldig beim Unterlassen von Hilfe fühlen.
Van Bommel und Kollegen betrachteten den Zuschauereffekt unter dem Aspekt der Kosten-Nutzen-Abwägung. Während negative Emotionen und Schuld als Kosten des Nichteingreifens betrachtet werden können, könnte ein guter Ruf durch erfolgreiche Hilfeleistung ein Nutzen des Eingreifens sein. Doch ein guter Ruf lässt sich nur erzielen, wenn andere das positive Verhalten mitbekommen. Aus Sicht der Autoren müsste die Sorge um den eigenen Ruf dann besonders gross sein, wenn man sich beobachtet fühlt. Bisherige Forschung lässt vermuten, dass man sich besonders beobachtet fühlt, wenn sowohl Kameras als auch andere Personen anwesend sind. Daher vermuteten die Autoren, dass das Hilfeverhalten in Anwesenheit anderer Personen und einer Überwachungskamera stärker ausgeprägt sein sollte, als wenn keine anderen Personen (also keine Zeugen für das Hilfeverhalten) oder keine Überwachungskameras (also kein zusätzlicher Indikator beobachtet zu werden) anwesend sind.
Zur Untersuchung ihrer Vermutung luden die Forscher Personen in ihr Labor ein, die beim Warten auf den Start des Experiments einen scheinbaren Gelddiebstahl beobachteten. Insgesamt wurden die Teilnehmenden einer von vier Bedingungen zugeteilt. In der Zuschauer-Bedingung täuschten zwei eingeweihte Personen vor, ebenfalls am Experiment teilzunehmen und waren somit beim „Diebstahl“ ebenfalls anwesend. In der Keine-Zuschauer-Bedingung waren die Teilnehmenden mit dem „Dieb“ allein im Raum. Die dritte und vierte Bedingung unterschieden sich von den ersten beiden dadurch, dass eine Überwachungskamera auffällig im Raum hing. Die Autoren werteten aus, ob die Teilnehmenden in den „Diebstahl“ in irgendeiner Form eingriffen und inwiefern sie nach Aufklärung des vermeintlichen Diebstahls angaben, sich beobachtet gefühlt zu haben.
Die Ergebnisse zeigten, dass in Abwesenheit einer Kamera 15% der Personen eingriffen, wenn andere Personen anwesend waren und 45%, wenn ausser ihnen niemand anwesend war. Der klassische Zuschauereffekt wie oben beschrieben konnte also bestätigt werden. In Anwesenheit einer Kamera zeigte sich tendenziell der umgekehrte Effekt: Bei Anwesenheit anderer Personen griffen 45% ein, bei Abwesenheit anderer Personen 25%. Somit wurde die Vermutung der Autoren bestätigt. Zudem zeigte sich, dass Teilnehmende, die mit dem „Dieb“ allein im Raum waren, sich bei Anwesenheit der Kamera stärker beobachtet fühlten. Dieser Kameraeffekt zeigte sich nicht, wenn andere Personen anwesend waren. Ausserdem gab es keinen Zusammenhang zwischen dem Ausmass sich beobachtet zu fühlen und dem Eingreifen in den „Diebstahl“.
Zusammenfassend fiel der Zuschauereffekt bei Anwesenheit einer Kamera geringer aus. Überwachungskameras können sich folglich positiv auf unser Hilfeverhalten auswirken, zumindest wenn zusätzlich andere Personen anwesend sind. Jedoch ist nicht ganz klar, wie dieser Effekt zustande kommt. Das Ausmass, in dem Personen sich beobachtet fühlen, kann den Effekt nicht erklären, zumindest wenn man die Personen nachträglich danach fragt.
Literaturangaben:
Van Bommel, M., van Prooijen, J. W., Elffers, H., & van Lange, P. A. (2014). Intervene to be seen: The power of a camera in attenuating the bystander effect. Social Psychological and Personality Science, 5, 459-466.
Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.
Verwendung und Vervielfältigung in jeder Form, auch auszugsweise, nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Autors.