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Auf die Gefahr hin pedantisch zu sein: Das ist nicht ein Satz. Streng genommen hat jeder Satz genau ein Verb und ein Nomen. Man kann grosszügig sein, und Haupt und Nebensatz - ja meintwegen mehrere Nebensätze - als einen Satz durchgehen lassen. Spätestens beim Semikolon (;) hört der Spass dann aber auf, denn dieses verbindet "gleichwertige Sätze" (beachte Mehrzahl) (siehe Wikipedia). Das besprochene Hauptwerk habe ich zwar (noch) nicht gelesen, aber euer Test-Text besteht devinitiv aus mehreren Sätzen.
Liebe_r Anonymous, grundsätzlich haben Sie mit Ihrer Definition nicht Unrecht, aber bei Ihrer Unterscheidung zwischen Haupt- und Nebensatz lassen Sie das Entscheidende ungesagt: Nur Hauptsätze können für sich allein stehen. Der lange Satz, den Sie meinen, basiert im Grunde auf einer Wenn-Dann-Konstruktion – und darauf, dass der Übergang vom Nebensatz (konkreter: vom Konditionalsatz) in den Hauptsatz immer weiter aufgeschoben wird. Das geschieht einerseits durch Reihung der Wenn-Sätze, andererseits dadurch, dass sich der Nebensatz in weitere untergeordnete Satzperioden verzweigt. (Diese untergeordneten Sätze treten sozusagen an die Stelle eines Akkusativobjekts im Nebensatz. Linguist_innen zeichnen dafür übrigens elaborierte Baumdiagramme, womit wir fast wieder bei Anna Ospelt wären ...) Anders gesagt: Die Nebensatz-Periode öffnet sich immer wieder neu. Deshalb auch der Strichpunkt, der Gleichwertiges beiordnet: Man kann das theoretisch endlos tun, am Status als Nebensatz ändert das gar nichts. Die «Schliessbewegung» beginnt erst, wenn der Satz in den «dann»-Teil einmündet.
Oder ist das die falsche Perspektive? Zeigen nicht auch die Konturen Wesentliches? Und führt der Blick durch die Lücken hindurch vielleicht zu anderen, unvermuteten (Ein-)Sichten?
Das ist wunderschön.
Herzlichen Dank für diese inspirierende (und für mich sehr anspruchsvolle!:) Lektüre. Macht Lust, diese Experimente zu lesen, allen voran "Neon Pink & Blue".
Was für ein anregender Text! Wo anfangen?
Der Beschrieb im Newsletter - "Experimentelle Literatur: Warum und wieso und überhaupt? Darum.", der mich freudig hat aufhorchen lassen, hält was er verspricht. Das "Darum" hat es mir, einer eher Widerspenstigen, am meisten angetan.
Der Text führte mich - nach bestandenem R.-H.-Test, der einige Erinnerungen an andere "schwierige" Bücher weckte -, zuerst zu meinem Bücherregal und dem Entschluss, es mit Reinhard Jirgl noch einmal zu versuchen (und den Rat: man lese im Jirgl konsequenter zu beherzigen), nachher zum Kurzbeitrag auf arte zu Pareidolie (und anderen Flick-Flack-Kurzfilmen, danke), anschliessend habe ich beim Literaturhaus Zürich Halt gemacht: die Lesung von Reto Hänny ist schon eine Weile ausgebucht, jedoch erst der heutige Beitrag von Daniel Graf hat mich auf die Idee gebracht, mich für die Lesungen mit Anna Ospelt bzw. Anna Stern anzumelden.
Letzlich bin ich bei der Leseprobe aus "Sturz. Das dritte Buch vom Flug" angekommen, mal sehen, wohin diese mich führt.
Literarische Literaturkritik bewegt.
So eine schöne, neugierig machende Besprechung wieder! Und wie schön, so etwas von jemandem zu lesen, der selber wirklich schreiben kann! Herzlichen Dank dafür, Herr Graf!
Zum "schwierigen" in dieser Literatur: Persönlich finde ich immer, solche Texte sollte man mindestens zwei mal lesen. Und beim ersten mal gar nicht versuchen, sofort alles ganz genau zu verstehen und zu analysieren, sondern sich einfach nur darauf einlassen, wie man sich zB. auf ein unbekanntes Musikstück einlassen kann. Oder auf eine Landschaft, die man zum ersten mal durchwandert. Oder auf einen Menschen, den man neu kennen lernt und der einem Bruchstücke aus seinem Leben erzählt.
Beim zweiten Durchgang hat man dann schon die grossen Linien erfahren, eine Übersicht gewonnen und ein Gefühl für diese Sprache, die Melodie, die Stimmungen entwickelt. Dann kann man auch die Details besser wahrnehmen und verstehen, die einen zuerst vielleicht verwirrt haben.
Eine ungemein spannende, inspirierende Reise, finde ich!
Liebe Frau L., was Sie zum Verstehen und Nicht-Verstehen schreiben, möchte ich dick unterstreichen! Gerade in der Kunst bringt man sich in der Regel um das Beste, wenn man mit der Erwartung herangeht, dass man die Dinge entweder sofort und vollständig verstehen muss oder «not for me» als Fazit zieht. Versucht man stattdessen erst einmal ein wenig besser zu verstehen, was genau sich denn dem eigenen Verständnis in den Weg stellt, lernt man gleich doppelt: über das Kunstwerk und über sich selbst. Und dann wird's spannend!