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Die Schweiz ist ein reiches Land. Mit gut 50’000 US-Dollar ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf das dritthöchste der Welt (Preise von 2012). Das durchschnittliche Vermögen liegt bei 375’000 Dollar, höher als in jedem anderen Land und ungefähr 100-mal so hoch wie in Indien. 9.5 Prozent der Bevölkerung besitzen mehr als eine Million Dollar Vermögen; höher ist dieser Anteil nur in Singapur, Kuwait und Katar. Allerdings ist der Geldreichtum nicht zuletzt dank der auf Sparen statt Umverteilen basierenden Alterssicherung (zweite Säule) gleichmässiger verteilt als in anderen Ländern. Und er wird selten plakativ zur Schau gestellt, trotz einer in den letzten Jahrzehnten unter angelsächsischem Einfluss erfolgten Erosion der einst so wichtigen Kultur des Understatements. Die Villen von Dallas bleiben aber weiterhin grösser als jene in der Schweiz, der Lebensstil der Oberschicht in Frankreich oder Spanien feudaler, der Luxuskonsum russischer Oligarchen protziger und der Auftritt arabischer Ölscheichs auffälliger.
Zerrbilder und Klischees
Krimiautoren, Boulevardjournalisten und Politiker in aller Welt zeichnen gleichwohl mit Vorliebe ein meist ziemlich klischeehaftes Zerrbild einer besonders reichen Schweiz, die ihren Wohlstand fast ausschliesslich den etwas unheimlichen Gnomen von Zürich verdanke. Gewiss nimmt man an, dass auf Schweizer Banken rund 2’250 Milliarden Dollar Privatvermögen liegen, mehr als ein Viertel der verwalteten Privatvermögen weltweit. Und die Schweiz weist auch pro Kopf am meisten global tätige Grossunternehmen mit einem enormen Auslandvermögen auf (die Kennzahl ist zweieinhalb Mal so hoch wie jene der nächstplatzierten Niederlanden). Aber in beiden Fällen liegen die Eigentumsrechte ja nicht mehrheitlich bei Schweizerinnen und Schweizern. Das wird ebenso verdrängt wie die Tatsache, dass die Schweiz die Niederlande oder Grossbritannien, beides Kolonialmächte, die weit vor ihr reich wurden, in Sachen Wohlstand zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und der Zeit um den Ersten Weltkrieg überholt hat, zu einer Zeit, als Steuerflucht kaum eine Rolle spielte. Und dass ihr dies vor allem dank der «Realwirtschaft» gelang, besonders dank der chemischen und der pharmazeutischen Industrie, der Nahrungsmittel- und der Maschinenindustrie sowie der frühen Internationalisierung dieser vier Branchen.
Jenseits aller Zahlen und aller Zerrbilder zeigt ein Blick unter die Oberfläche ohnehin, dass der wahre Reichtum der Schweiz nicht allein, ja nicht einmal hauptsächlich im privaten Geldreichtum liegt. Was die Schweiz zum auffällig reichen Land macht, sind viel eher jene Faktoren, welche die Weltbank-Studie «Where is the Wealth of Nations?» neben dem natürlichen Kapital (Landschaft, Rohstoffe) und dem produzierten Kapital (Anlagen, Gebäude, Infrastruktur) als immaterielles Kapital (Bildung, politische Führung, Behördenqualität, Rechtssystem) bezeichnet.
Die Autoren der Weltbank-Studie errechneten 2006 für die Schweiz unter Einbezug aller drei Arten von Kapital ein Pro- Kopf-Vermögen von rund 700’000 Franken. Damit führte die Schweiz die Rangliste mit grossem Abstand an, vor Dänemark, Schweden, den USA und Deutschland. Während bei den ärmsten Ländern ein Drittel bis zur Hälfte des Reichtums aus natürlichen Ressourcen besteht, dominiert in reicheren Ländern wie der Schweiz und Deutschland mit einem Anteil von über 80 Prozent das immaterielle Kapital. Das leuchtet zwar ein, aber dass in diesen Ländern der natürliche Reichtum nur etwa ein Prozent des gesamten Reichtums ausmachen soll, wirft dennoch Fragen auf. Wer würde nämlich mit der Schweiz nicht auch eine Natur von seltener Schönheit auf kleinstem Raum in Verbindung bringen, bis ins Letzte gehegt und gepflegt, manchmal sogar ein wenig zu herausgeputzt, so dass eine Mischung aus Ballenberg und Disneyland entsteht?
Allerdings: Schön ist die Welt an vielen Orten. Also muss es einen Reichtum der Schweiz geben, der noch spezifischer ist als die Schönheit der Natur. Zu nennen ist hier die sprachliche, kulturelle und religiöse Vielfalt auf engstem Raum, die das Zusammenleben zur permanenten Herausforderung, aber auch zur Bereicherung macht. Zu nennen ist ferner das Zusammenspiel von Eigenschaften, von denen kaum jede einzelne als typisch schweizerisch bezeichnet werden darf, die aber im Paket doch so etwas wie «Swissness» ausmachen: Pünktlichkeit (nicht nur, aber auch der Züge), Genauigkeit, Verlässlichkeit, Sauberkeit, Ordnungsliebe, Diskretion, haushälterischer Umgang mit den Ressourcen, Qualitätsorientierung, Traditionsbewusstsein. Zu nennen ist auch eine bemerkenswert gut ausgebaute Infrastruktur, der meist das (architektonisch) Spektakuläre abgeht, die aber funktioniert und sich mit vernünftigem Aufwand unterhalten lässt, während im Ausland so manche Prestigeobjekte vor sich hin rosten. Die gelegentlich an Geiz gemahnende Sparsamkeit der Schweiz führt dazu, dass bei Investitionen in der Regel «das dicke Ende», die Jahr für Jahr anfallenden Betriebskosten, mitbedacht wird, also nur gebaut wird, was unterhalten werden kann. Das gibt dem Reichtum der Schweiz eine gesunde Nachhaltigkeit.
Ein lebendiger sozialer Zusammenhalt
Zum Reichtum der Schweiz gehört auch die soziale Kohäsion, die lange Zeit stärker war als in den umliegenden Ländern. Sie dürfte zugleich eine wesentliche Ursache dafür sein, dass man sich in der Schweiz ziemlich frei und sicher bewegen kann – ohne übertriebenen Polizeiapparat. Dass Mitglieder der Regierung ohne grosse Bewachung im Zug oder Tram reisen oder am Wochenende im Lebensmittelgeschäft «um die Ecke» einkaufen, das erscheint vielen ausländischen Beobachtern als völlig ungewöhnlich – und als wahrer Reichtum. Vieles hat zur sozialen Kohäsion beigetragen: die allgemeine Wehrpflicht; das Milizsystem in weiten Teilen des politischen und gesellschaftlichen Lebens; ein Bildungssystem mit mindestens zwei Wegen nach oben, dem akademischen und dem dualen der betrieblichen Ausbildung; die angesichts der Vielfalt geradezu überlebensnotwendige Bereitschaft zum Kompromiss und eine deutlich gleichmässigere Verteilung der Einkommen (vor staatlicher Umverteilung) als beispielsweise in Schweden. Leider wurde dieser «soziale Reichtum» durch die aus den USA und Grossbritannien importierte Salärpraxis massiv beschädigt, aber völlig zerstört ist er noch nicht.
Doch der grösste Reichtum der Schweiz bleibt wohl das genossenschaftliche Staatsverständnis und das daraus abgeleitete politische System in all seinen Verästelungen. Der dezentrale Staatsaufbau mit Gemeindeautonomie und Föderalismus führt nicht nur zu grosser Bürgernähe und hoher Identifikation mit dem Staat. Er erlaubt auch die Suche nach den besten Lösungen im permanenten Wettbewerb der Gebietskörperschaften; der Steuerwettbewerb ist dabei nur ein – wenn auch wichtiger – Aspekt. Die direkte Demokratie ist Ausdruck eines Staates, der von unten nach oben aufgebaut ist; eines Staates, in dem das Volk der einzige Souverän ist; eines Staates, der im Dienste der Bürgerinnen und Bürger steht und nicht allzu viele obrigkeitsstaatliche Allüren aufweist. Einen solchen Staat gehen die Bankkonten der Bürgerinnen und Bürger nur dann etwas an, wenn ein begründeter Verdacht auf schwere Vergehen besteht.
Die ausgeprägte Mitwirkung bei allen politischen Entscheiden führt zu stärkerer Verantwortlichkeit, und sie zwingt dazu, sich laufend zu informieren. Dass diese Mitwirkung Reichtum darstellt, inneren Reichtum gewissermassen, zeigen die Ergebnisse der Glücksforschung von Bruno S. Frey und Alois Stutzer («Happiness and Economics», 2002). Die beiden Forscher haben Personen untersucht, die aus Kantonen mit weniger Mitwirkungsmöglichkeiten in solche mit mehr Demokratie und Bürgernähe umgezogen sind, und sie haben Ausländer ohne Mitwirkungsrechte mit Schweizern mit allen politischen Rechten verglichen. Die Ergebnisse sind eindeutig: je besser die Möglichkeiten der direkten Mitwirkung bei politischen Entscheidungen, desto zufriedener die Menschen.
Die vermeintliche Schwäche ist die wahre Stärke
Paradoxerweise dürfte gerade ein Aspekt des politischen Systems, der vielen als Schwäche gilt, zu den grössten Reichtümern der Schweiz zählen. Gemeint sind Eigenschaften wie Stabilität, Konstanz und Langsamkeit, die richtigerweise mit Föderalismus und direkter Demokratie in Verbindung gebracht werden. Die Trägheit des Systems führt zwar dazu, dass da und dort als dringend erachtete Reformen nicht in Angriff genommen werden, aber sie verhindert mindestens ebenso oft, dass etwas Unnötiges oder gar Schädliches zustande kommt. Und nebenher gibt diese Trägheit dem Land eine behäbige Stabilität, etwas, was Menschen offenbar im Privaten wie im Politischen sehr schätzen und das sie so kaum irgendwo auf der Welt in Kombination mit Rechtssicherheit und Demokratie finden.
So kommt es denn nicht von ungefähr, dass die reiche Schweiz in internationalen Standort-Rankings hervorragend abschneidet, etwa im «Nation Brand Index» als Kleinstaat mit dem besten Image. Diese Spitzenergebnisse der Schweiz beruhen nie auf ihrem «monetären Reichtum», sondern immer ganz stark auf den vielen weichen Faktoren wie Stabilität, gute Regierungsführung, freiheitliche Rahmenbedingungen, Offenheit, das Wertesystem und die Lebensqualität. Doch was im Privaten gilt, gilt auch im Politischen.
«Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen», lässt Goethe Faust in seinem berühmten Monolog sagen. Die Schweiz trägt zurzeit ihrem immateriellen Reichtum, den vielen weichen Faktoren, die das Land einzigartig machen, zu wenig Sorge. Sie ist in Gefahr, sich zu vergewöhnlichen, die soziale Kohäsion, das politische System, die Konstanz, die Stabilität und die Verlässlichkeit zu vernachlässigen und unter dem Motto der Anpassung an ein sich änderndes Umfeld modischen Strömungen zu opfern. Damit würde sie zugleich auch ihren materiellen Reichtum, den Wohlstand, gefährden, denn beide gehören zusammen. Die Schweiz wäre nicht wirklich reich zu nennen, wenn es ihr nur gelänge, viel Geld anzuziehen. Sie wäre aber auch kaum reich geworden ohne ihre institutionellen, kulturellen und sozialen Besonderheiten. Sie machen aus der Schweiz im doppelten Sinne ein reiches Land.
Dieser Artikel erschien im Vontobel-Porträt 2013, «Über Reichtum». Das dem Artikel beigefügte Poster können Sie hier ansehen: