Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03220.jsonl.gz/1604

Vor 100 Jahren: Walter Erzinger überlebt eine Schiffskatastrophe
Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1993 von Peter Ziegler
Am 29. Mai 1914 stiess der Dampfer «Empress of Ireland» im St. Lorenzstrom in Kanada mit dem norwegischen Kohlenschiff «Storstad zusammen und sank. Dabei kamen 1032 Menschen ums Leben, 355 konnten gerettet werden. Darunter auch der junge Wädenswiler Walter Erzinger. Ein Bericht nach Unterlagen seiner Tochter Silvia Muser-Erzinger.
Eine Agenturmeldung im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» verbreitete sich am 30. Mai 1914 rasend schnell im Dorf Wädenswil:
«Unter den Kajüten-Passagieren der ‚Empress of Ireland‘ befindet sich auch Herr Walter Erzinger aus Wädenswil, der sich nach 2-jährigem Aufenthalt in Winnipeg (Canada) auf der Rückreise nach Hause befand. Die Familie ist über das Schicksal ihres Angehörigen bis jetzt noch ohne jede Nachricht.»
Am nächsten Tag dann die gute Nachricht:
«Die Familie Erzinger in Wädenswil erhielt soeben ein Telegramm, wonach Walter Erzinger gerettet ist. Wir freuen uns mit der Familie über diese Meldung.»
Der Gerettete berichtet
Am 29. Mai 1914 abends zehn Uhr schrieb Walter Erzinger den folgenden Brief nach Hause.
Meine Lieben. Gott sei Dank bin ich noch am Leben. Es war wirklich ein schreckliches Unglück. Ich bin hier im Hotel Château-Frontenac, wo ein Teil der geretteten Passagiere verpflegt werden.
Wir verliessen Quebec gestern Nachmittag um 4 Uhr bei schönstem Wetter. Ich war frohen Mutes und freute mich auf die Seefahrt. Die Fahrt ging gut den St. Lorenzstrom hinunter und ich ging ungefähr um 11 Uhr ziemlich müde zu Bett. Ich hatte eine Zweierkabine im mittleren Teil des Schiffes. Um zirka 2 Uhr morgens wurde ich plötzlich durch einen kräftigen Stoss des Schiffes geweckt. Ich horchte etwas, da ich aber nichts Besonderes hörte, wollte ich mich wieder auf die andere Seite legen. Dann hörte ich plötzlich Personen auf dem Deck herumrennen. Ich sprang aus dem Bett, zog meine Hosen an, weckte meinen Mitpassagier, ergriff die beiden Rettungsgürtel, gab einen meinem Kollegen, rannte hinaus in den Korridor. Das Schiff begann sich rasch zu neigen, das Wasser drang in Strömen durch die Fenster ein. Erschreckt kamen die Passagiere, meistens nur im Nachtgewand, daher gerannt. Von einer Wand zur anderen schwankend, konnte ich mit grosser Mühe und Anstrengung die Treppe erreichen. Ich musste zwei Stockwerke hinaufsteigen, bis ich aufs Unterdeck gelangte. Das Geschrei und Gejammer war fürchterlich. Ich klammerte mich am Geländer der Bordseite fest und wartete einige Momente.
Die erste Seite des Briefs, den Walter Erzinger am 29. Mai 1914 nach Hause schrieb.
Sehnsüchtig überblickten wir die grosse Wasserfläche; es war neblig und kalt und jedermann schlotterte. Ich sagte mir, die Sache steht sehr schlimm, und ich begann mit anderen Passagieren auf der Aussenseite des Schiffes aufs nächste Deck hinaufzusteigen. Ich überblickte wieder die Wasserfläche und sah zwei Lichter näherkommen: Es war der Dampfer, der in uns hineingefahren war. Es war ein furchtbarer Anblick, wie unser Schiff sank und sich ganz auf die Seite legte. Ich befand mich beim hinteren Mast, und dieser begann gerade im Wasser zu versinken. Ich sah, dass ein längeres Bleiben nichts nützte und entschloss mich, ins Wasser zu springen. Gerade als ich die Bordwand des Schiffes hinunterrutschte, hörte ich noch einen Matrosen ausrufen: «Jedermann mache sich aufs Schlimmste gefasst, rette sich wer kann!». Ich war unten angelangt und sprang ins Wasser. Ich hatte leider nicht Zeit gehabt, den Schwimmgurt um meinen Körper zu befestigen.
Diese Illustration der Schiffskatastrophe erschien im «Christian Herald» vom 11. Juni 1914.
Verzweifelte Menschen versuchen sich zu retten.
Zirka zwei Minuten später, als ich schon zirka 25 Meter geschwommen war, versank der Koloss in den Fluten. Ich war noch nicht weit genug weg und wurde in die Strudel des versinkenden Schiffes hineingezogen. Das Wasser hatte eine kolossale Gewalt und man musste sich wehrlos ergeben. Nun ist alles vorbei, sagte ich zu mir, wie es mich so hinunterriss. Ich hielt den Rettungsgurt nur am äussersten Ende und ich glaubte schon, dass ich ihn losgelassen hätte. Es war aber glücklicherweise nicht so und ich kam allmählich wieder an die Oberfläche. Die Wellen schlugen mich noch einige Mal unters Wasser, bis ich in eine ruhige Zone gelangte. Dieser ganze Vorgang vollzog sich in 10 bis 15 Minuten. Das ist noch nie vorgekommen, dass ein solch grosses Boot in weniger als 15 Minuten im Wasser verschwindet. In einem solchen Fall nützen die Rettungsboote nicht viel.
Es konnten nur ganz wenige Rettungsboote heruntergelassen werden. Ich versuchte den Gurt so gut wie möglich unter meinem Körper zu halten. Befestigen konnte ich ihn nicht, ich musste immer aufpassen, dass ich ihn nicht verlor. Es fing gerade an etwas zu tagen, aber es war ziemlich neblig. Ringsherum konnte ich Köpfe sehen, jedermann rief nach Hilfe, es war eine schreckliche Szene. Das Wasser war furchtbar kalt und ich glaubte jeden Moment, ich werde erstarren. Ich sah kein Rettungsboot in meiner Nähe und schwamm dem Frachtdampfer Storstad entgegen, der in uns hineingefahren war.
Ich war ungefähr eine halbe Stunde im Wasser und schwamm in die Nähe des Dampfers, bis mich ein Rettungsboot aufnahm. Ich war ganz steif und kraftlos. Nachher brachte man mich auf den Dampfer. Jedermann schlotterte in dem nassen Gewand, die meisten hatten nur ein Hemd an. Nach etwa einer Stunde kam der Regierungsdampfer von Rimouski.
Wir stiegen in diesem Dampfer, wo wir uns in einem warmen Raum aufhalten konnten. Ich zog mein Nachthemd aus und schlug ein Leintuch um meinen Oberkörper. Der Dampfer brachte uns nach zirka einstündiger Fahrt nach Rimouski, einem Ort von etwa 3000 Einwohnern.
Der beschädigte Bug des Kohlenschiffs Storstad.
Dort standen wir auf dem Pier für längere Zeit. Zum Glück fing die Sonne an, etwas warm zu geben, aber es war dennoch zu kalt in den nassen Kleidungen. Was an Kleidern aufzutreiben war, wurde herbeigeschafft, um uns notdürftig zu kleiden. Die Einwohner, französische Kanadier, waren sehr liebenswürdig und taten ihr Möglichstes. Einer nahm mich mit seinem Auto nach Hause, wo ich sehr liebenswürdige Aufnahme fand. Die Frau gab mir Socken und Strümpfe, Hemden etc. Ich hatte eine komische Ausstattung, aber in diesem Fall war alles gut genug. Ich bekam zu essen und zu trinken und bin den guten Leuten sehr zu Dank verpflichtet.
Walter Erzinger (rechts aussen) mit anderen Überlebenden der Schiffskatastrophe.
Um zwei Uhr nachmittags bestiegen wir einen Extrazug und langten um 20 oder 21 Uhr in Quebec an. Ich muss sagen, der Rettungsdienst war gut organisiert und man tat alles für uns Gerettete.
Ich schreibe diese Zeilen in meinem Zimmer im Château Frontenac. Der Doktor hat mich soeben untersucht, ich habe mich etwas erkältet und habe einige kleine Verletzungen, die ich beim Hereinziehen ins Rettungsboot erhielt. Sonst fühle ich mich ganz wohl und bin ganz glücklich, dass ich wenigstens mein nacktes Leben gerettet habe. Alle meine Habseligkeiten sind verloren ausser meinem Taschenmesser und einiges Geld, das ich in den Hosentaschen hatte. Wegen der Vergütung muss ich nun sehen, wie viel ich von der Compagnie bekommen kann.
Wenn alles gut geht, werde ich am nächsten Donnerstag, 4. Juni, von hier abreisen mit dem neuen Allan Line Dampfer «Alsatian» und ich hoffe, mehr Glück zu haben.
Will nun schliessen für heute und sende die herzl. Grüsse an alle
Walter
Walter Erzinger
Walter Erzinger blieben nur wenige Habseligkeiten, darunter dieses Taschenmesser.
Heinrich und Walter Erzinger, ab 1920 Inhaber der Bürstenfabrik Erzinger in Wädenswil.
Walter Erzinger, der die Schiffskatstrophe von 1914 überlebt hat, kam am 17. September 1889 als jüngster Sohn von Heinrich und Rosalie Erzinger-Stehli in Wädenswil zur Welt. Zusammen mit seinem Schulkameraden Jakob Huber, der in den USA eine Bankstelle suchte, reiste er im April 1912 über den Atlantik nach New York und von dort mit der Eisenbahn über Montreal nach Winnipeg zu seinem Onkel John Erzinger, wo er sich im Betrieb seines Onkels betätigte, der mit Tabakwaren handelte. Im Frühling 1914 erhielt Walter Erzinger die Nachricht, die Krankheit seines Bruders Hans habe sich verschlimmert, und er fühlte sich verpflichtet, den Eltern beizustehen. Im Mai trat er über St. Paul, Chicago, Montreal die Heimreise an und ging in Quebec an Bord des Dampfers «Empress of Ireland».
Später verheiratete sich Walter Erzinger mit Fanny Stiefenhofer und wurde Vater der Kinder Walter, Adrian, Frank und Silvia. Ab 1. Januar 1920 führte er zusammen mit seinem Bruder Heinrich die Kollektivgesellschaft «H. & W. Erzinger, Bürstenfabrik Wädenswil». Der Fabrikant starb am 5. Juni 1981.
«Empress of Ireland» und «Storstad»
Die «Empress of Ireland» gehörte der «Canadian Pacific Railway» und legte am 29. Juni 1906 die Jungfernfahrt von Liverpool nach Quebec zurück. Der moderne Dampfer war 171 Meter lang, verdrängte 14 141 Bruttoregistertonnen und erreichte eine Geschwindigkeit von 20 Knoten (knapp 24 km/h). In den drei Klassen und auf dem Zwischendeck konnten 1536 Passagiere befördert werden. An Bord gab es 40 Rettungsboote für 1860 Leute sowie 2100 Rettungswesten.
Der norwegische Frachtdampfer «Storstad» war 133 Meter lang, 17 Meter breit und verdrängte 6028 Bruttotonnen. Er hatte Kohle geladen und war stromaufwärts unterwegs.
Die Empress of Ireland.
Situation der Schiffskollision.
Die Katastrophe
Nebel machte den St. Lorenzstrom, auf dem dichter Schiffsverkehr herrschte, zu einem schwierigen Gewässer. Der Luxusdampfer «Empress of Ireland» und der Frachtdampfer «Storstad» näherten sich auf Sichtweite, verschwanden dann im Nebel und gaben Pfeifsignale. Statt zu kreuzen, drehte die «Storstad» um 1 Uhr 55 nach Steuerbord und rammte die Steuerbordseite der «Empress of Ireland». Dabei entstand im Rumpf ein 25 x 14 Fuss grosses Loch. Als sich die «Storstad» löste, strömte Flusswasser mit einer Geschwindigkeit von 227 000 Litern pro Sekunde in die «Empress». Um 2 Uhr 10 sank das Schiff. Das Kohlenschiff und die eingetroffenen Rettungsschiffe «Eureka», «Lady Evelyn» und «Lady Grey» erreichten Rimouski.
Briefmarken zum 100-Jahr-Jubiläum.
Taucher orteten 1983 das Wrack der «Empress of Ireland». Bei verschiedenen Tauchgängen konnten Gegenstände geborgen werden, die heute in einem Museum in Toronto ausgestellt sind: Anker, Steuerrad, Essensglocke, Porzellanteller, Weinflaschen …
Taucher bargen später Objekte, so Teile des Schiffsservices, aus dem gesunkenen Schiff.