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Diagrammatisches Erzählen
Erzählen ist eine grundlegende kognitive Fähigkeit des Menschen. Ihr liegt das Vermögen zugrunde, faktuale oder fiktionale Ereignisse in eine Ordnungsstruktur zu überführen, dabei deren Aufnahme und Verarbeitung durch spätere Rezipienten vorauszusehen und die intendierte Erkenntnis im Text anzulegen. Im Erzählvorgang interferieren so zwei komplexe, aufeinander bezogene mentale Prozesse. Sichtbar allerdings werden allenfalls deren Resultate: auf der einen Seite die durch Analyseverfahren potentiell erfassbaren Ordnungsstrukturen eines narrativen Textes; auf der anderen die etwa durch Rezeptionszeugnisse möglicherweise erkennbaren Gegenstücke dieser Ordnung in ihrer vermittelten Form. Schon die jeweils zugrundeliegenden mentalen Prozesse des Ordnens im Erzählen und des Ordnens in der Erfassung von Erzähltem sind dagegen empirisch nicht greifbar, wenn auch durch kognitionstheoretische Modelle immerhin beschreibbar. Das verbindende Moment beider Prozesse aber, das das Entstehen von Narration als formalem Vermittlungsprinzip überhaupt erst bedingt, bleibt Leerstelle im Modell.
Die projektierte Untersuchung möchte an dieser Stelle mit einem Abstraktum operieren: dem Diagramm, verstanden als „Medium des Denkens“ im semiotischen Sinne. Sie überträgt Ansätze der Diagrammatik als einer Wissenschaft von der (sinnlich-visuellen) Veranschaulichung des Abstrakten, von der räumlichen Medialisierung des Mentalen auf die artifizielle Konfiguration von Narration. Gezielt soll dabei auch die räumlich-dimensionale Struktur des Repräsentationsmodells in seiner konkreten Form genutzt werden. Zugrunde liegt die Annahme einer (quasi-)räumlichen Struktur von Narration, die von der zeitlichen Struktur der Sprache als Erzählmedium zu trennen ist und die zugleich von der – in der europäischen Literatur erst seit der jüngeren Neuzeit gültigen – ästhetischen Konvention verdeckt wird, eine zeitliche Struktur erzählter Handlung zu simulieren. Diese Voraussetzungen führen unter unterschiedlichen medialen und historischen Bedingungen zu ganz verschiedenen Erscheinungsformen narrativer Strukturierung und Strukturwahrnehmung. Die projektierte Untersuchung wird dies an einem gestuften Verlaufsprozess in der deutschsprachigen Literatur vom 13. bis ins 16. Jahrhundert nachvollziehen und für die spätmittelalterliche, weltliche und geistliche Erzählliteratur vor allem des 14. Jahrhunderts vertiefen. Entsprechende Austauschbeziehungen zwischen Mentalem, Medialem und Materialem können vor allem am Corpus der „verwilderten“ Romane des Spätmittelalters zu neuen Erkenntnissen über zugrundeliegende narrative Verfahren führen: Hypothese ist, dass volkssprachigem Erzählen im Spätmittelalter eine narrative Diagrammatik zugrundeliegt, die die genuin räumliche Dimension geplanter Narration nicht nur nicht kaschiert, sondern gezielt sinnbildend nutzt und die sich in dieser Eigenschaft sowohl von den diagrammatischen Strukturen neuzeitlichen Erzählens – das seine räumliche Struktur durch die Simulation einer zeitlichen Struktur überdeckt – als auch von denen des höfischen Erzählens um 1200 – das als Produkt einer semi-litteraten Mischkultur die nicht-räumliche Struktur mündlicher Narration nachbildet – unterscheidet.
(Habilitationsprojekt)
Konrad Fleck, Flore und Blanscheflur. Studienausgabe
Ergänzend zur „grossen“ kritischen Ausgabe von ‚Flore und Blanscheflur‘ wird eine Studienausgabe für den Gebrauch im akademischen Unterricht erarbeitet, die den Zugang zum mittelhochdeutschen Text durch eine beigegebene neuhochdeutsche Übersetzung erleichtert.
Projektskizze: Neuedition des ‚Eneasromans‘ Heinrichs von Veldeke
Ausgangssituation:
Der um 1184/90 vollendete ‚Eneasroman‘ Heinrichs von Veldeke zählt zu den bedeutendsten literarischen Zeugen einer sich im 12. Jahrhundert neu etablierenden höfischen Literatur im deutschsprachigen Raum. Als Begründer einer wirkmächtigen Gattungstradition – der des höfischen Romans – ist er auch aus kulturhistorischer Perspektive ein Wende- und Angelpunkt der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters.
Wie eine Vielzahl höfischer Romane liegt indes auch der ‚Eneasroman‘ Heinrichs von Veldeke nur in veralteten Ausgaben vor, die gegenwärtigen wissenschaftlichen Anforderungen nicht mehr genügen können und von denen zudem keine die bis heute bekannt gewordene Überlieferung des Textes vollständig auswerten konnte. Die Editionsgeschichte des ‚Eneasromans‘ ist überdies durch eine ältere Wissenschaftskontroverse zusätzlich belastet und langfristig in die Irre geführt worden, deren Gegenstand aus heutiger Perspektive nicht mehr strittig ist: dem sogenannten „Veldekeproblem“. Heinrich von Veldeke stammte aus dem maasländischen Raum (der heute belgischen Provinz Limburg), also dem niederländisch-niederfränkischen Sprachgebiet, dem auch sein natürlicher Dialekt zugehört haben dürfte. Im Gegensatz zu anderen Werken wie etwa seiner niederfränkischen Bearbeitung des Servatiusstoffes hat Heinrich den ‚Eneasroman‘ aber am Thüringer Hof mitteldeutsch – in einer mundartfernen „thüringisch-hessischen Literatursprache“ (Klein), in den Reimen außerdem mit Rücksicht auf das Hochdeutsche – verfaßt: vielleicht, um sein Werk im Kontext einer auf überregionale Verständlichkeit zielenden Hofliteratur aufgehen zu lassen oder auch im Interesse seiner Mäzene.
Entgegen dieser Einschätzung, die heute den Forschungskonsens bildet, nahm die ältere Forschung an, die erhaltenen – ausnahmslos ober- oder mitteldeutschen – Handschriften des Romans seien Zeugen einer nachträglichen Übertragung eines ursprünglich niederfränkisch verfaßten Textes. Von Anfang an konzentrierte sich die editorische Arbeit am ‚Eneasroman‘ daher auf das Ziel, eine angenommene ursprüngliche Sprachgestalt wiederherzustellen, die hochdeutsche Überlieferung also in möglichst authentischer Form in einen kaum belegten maasländisch-limburgischen Dialekt des 12. Jahrhunderts ‚zurück‘ zu übersetzen.
Hatte Ettmüller, Herausgeber der ersten kritischen Edition des Romans, vor dieser Aufgabe noch bedauernd kapituliert (1852, X) und den Text daher in einer am thüringischen Wirkungsort Heinrichs orientierten mitteldeutschen Sprachgestalt vorgelegt, wagte Behaghel (1882, XXXVII) eine Ausgabe in rekonstruiertem „Maestrichter Dialekt“, dessen sprachhistorische Unzulänglichkeit sich allerdings schnell erwies. In einem philologisch hochambitionierten Großprojekt erstellten später Frings/Schieb (1964–1970) eine Neuedition des Romans, die Heinrichs Text mit unveränderter Prämisse, aber auf linguistisch soliderer Basis in einem rekonstruiertem „altlimburgischen“ Dialekt präsentierte.
Diese bis jetzt jüngste kritische Edition des Romans stieß seit ihrem Erscheinen auf Widerstand und ist nicht nur wegen der – inzwischen verworfenen – These einer niederdeutschen Urfassung heute nicht mehr benutzbar. In symptomatischer Zuspitzung der Tendenzen einer Editionsgeschichte, die sich von Anfang an weniger um den eigentlichen Text des ‚Eneasromans‘ als vielmehr um seine sprachliche Gestalt bemühte, ist die Ausgabe von Frings/Schieb in kritischer Hinsicht ein editorisches Absurdum:
Wir lösen uns, so weit möglich, von der vagen Fragestellung nach der „besseren“ oder „schlechteren“ Lesart im allgemeinen Sinne, fragen vielmehr in jedem Einzelfall nach der größeren Nähe oder Ferne einer Lesart zum Altlimburgischen […]. Für diese Frage sind uns alle Handschriften gleich wichtig. (Frings/Schieb 1964, XI)
Nicht nur werden hier also zur Herstellung eines Editionstextes Handschriften unterschiedlicher Überlieferungszweige unkritisch vermischt, Kriterium für die Auswahl der Lesarten ist überdies ausdrücklich nicht ihre editorisch-kritische Qualität, sondern allein ihre sprachliche Nähe zum angenommen dialektalen Ideal – aus heutiger Sicht einem Phantom.
Sowohl die Ausgabe Behaghels als auch die von Frings/Schieb gelten gegenwärtig als nicht zitierbar. Der ‚Eneasroman‘ Heinrichs von Veldeke wird daher entweder nach dem alten Text Ettmüllers zitiert, den auch die handliche Taschenbuchausgabe Kartschokes (1986, 21997) abdruckt, oder nach einem Abdruck der (am Ende unvollständigen) Berliner Handschrift durch Fromm (1992). In textkritischer Hinsicht aber ist die Edition Behaghels der älteren von Ettmüller und auch der jüngeren von Frings/Schieb weit überlegen, so daß Behaghels Apparat nach wie vor unentbehrlich bleibt. Nur einen „Notbehelf“ (1997, 865), keine befriedigende Lösung, bietet Kartschokes apparatloser Abdruck des Ettmüllerschen Textes mit Hinweis auf ausgewählte Behaghelsche Varianten im Kommentar.
Überlieferung:
Gegenwärtig sind 16 Textzeugen des ‚Eneasromans‘ aus dem 12., 13., 14. und 15. Jahrhundert bekannt, von denen sechs die etwa 13.500 Verse des Romans vollständig oder weitgehend vollständig überliefern (B H M E h G); eine weitere Handschrift des 15. Jahrhunderts (w) überliefert den vollständigen Text einer kürzenden Bearbeitung. Die restliche Überlieferung besteht aus Fragmenten unterschiedlichen Umfangs (P Wa Me R Wo Ham; Gr, 2 × o.S.). Drei dieser Fragmente (Gr sowie zwei Fragmente ohne Sigle) gelten als verschollen; das Fragment Ham, dessen Verbleib ebenfalls unbekannt war, konnte 2007 im Privatbesitz lokalisiert werden.
Schon früh hat sich die Überlieferung des ‚Eneasromans‘, an deren Ausgang eine mitteldeutsche Fassung stand, in verschiedene dialektale Rezensionen geteilt: Bereits ab der Wende zum 13. Jahrhundert sind eine bairische Tradition (B M w R P Me) sowie eine alemannische Tradition (Ham) bezeugt. Die textgeschichtlich ältere mitteldeutsche Tradition wird dagegen (mit Ausnahme des frühen Fragments Wo) erst in Handschriften und Fragmenten des 14. Jahrhunderts (H E Wa) und 15. Jahrhunderts (G h) greifbar.
Konzept und Ziele der Neuedition:
Die projektierte Neuedition wird einen kritischen Text des ‚Eneasromans‘ mit vollständigem Apparat der gesamten bekannten Überlieferung bieten. Methodische Grundlage ist das Leithandschriftenprinzip. Im Unterschied zu den älteren Editionen, die sich vorrangig auf die bairische Überlieferung nach B (Ettmüller, unter anderen Voraussetzungen später auch Fromm) oder aber die späte mitteldeutsche Überlieferung nach G (Behaghel, Frings/Schieb) stützte, wird der Neuausgabe zum ersten Mal in der Editionsgeschichte des Romans die älteste mitteldeutsche Überlieferung zugrunde liegen: Als Leithandschrift dient die kritisch sehr gute, am Beginn des 20. Jahrhunderts verschollene und erst 1994 in Cologny-Genf wiederentdeckte Handschrift E, fallweise ergänzt durch die eng verwandte Handschrift H (und gegebenenfalls h). Sämtliche anderen Handschriften und Fragmente werden in einem kritischen Apparat erstmals vollständig dokumentiert. Da der deutsche ‚Eneasroman‘ auf dem ‚Roman d’Eneas‘ basiert, ist bei der Beurteilung von Überlieferungsvarianten auch die altfranzösische Tradition grundsätzlich heranzuziehen.
Im Unterschied zu allen früheren Editionen des Romans ist die geplante Neuausgabe nicht mehr an einer editorischen Kompensation des dialektalen „Veldekeproblems“ interessiert. Sie wird den Text des ‚Eneasromans‘ in der Sprachform der Leithandschrift E mit behutsamen Normalisierungen (wie u/v-Ausgleich, i/j-Ausgleich, graphemische Vereinheitlichung des s-Formen, Auflösung der Abbreviaturen u.a.) bieten, damit übrigens in einer dialektalen Gestalt, die unter den überlieferten Textzeugen der verlorenen sprachlichen ‚Urform‘ noch am nächsten steht. Eine Umschrift in die standardisierten Formen eines künstlichen ‚Normalmittelhochdeutschen‘, die für sehr späte Überlieferungen mittelhochdeutscher Literatur sinnvoll sein kann, verbietet sich hier schon wegen des mittel-, nicht oberdeutschen Sprachstandes, der mit dem standardisierten System ‚normalmittelhochdeutscher‘ Schreibformen nicht kompatibel ist. Sie ist aber auch in praktischer Hinsicht überflüssig: Die Sprache der Handschrift E aus dem 14. Jahrhundert ist auch für eine wichtige Zielgruppe – Studierende – auf Basis ‚klassischer‘ Mittelhochdeutschkenntnisse gut lesbar.
Neben der Lese- und Studienausgabe in klassischer Buchform ist eine Online-Präsenz geplant, die die unterschiedlichen Rezensionen der Überlieferung in vollständiger diplomatischer Transkription mitsamt den digitalisierten Handschriften synoptisch verfügbar macht (Open Access).
Zitierte Literatur:
Heinrich von Veldeke. Hg. von Ludwig Ettmüller. Leipzig 1852 (Dichtungen des deutschen Mittelalters 8).
Heinrichs von Veldeke Eneide. Mit Einleitung und Anmerkungen hg. von Otto Behaghel. Heilbronn 1882.
Henric van Veldeken, Eneide. Hg. von Gabriele Schieb und Theodor Frings. 3 Bde., Berlin 1964, 1965 und 1970 (Deutsche Texte des Mittelalters 58, 59 und 62).
Heinrich von Veldeke, Eneasroman. Die Berliner Bilderhandschrift mit Übersetzung und Kommentar. Hg. von Hans Fromm. Mit den Miniaturen der Handschrift und einem Aufsatz von Dorothea und Peter Diemer. Frankfurt am Main 1992 (Bibliothek des Mittelalters 4).
Heinrich von Veldeke, Eneasroman. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Ludwig Ettmüller ins Neuhochdeutsche übersetzt, mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Dieter Kartschoke. Stuttgart 21997 [zuerst 1986].
Klein, Thomas: Heinrich von Veldeke und die mitteldeutsche Literatursprache. Untersuchungen zum Veldeke-Problem. In: Th. K. und Cola Minis: Zwei Studien zu Veldeke und zum Straßburger Alexander. Amsterdam 1985 (Amsterdamer Publikationen zur Sprache und Literatur 61), S. 1–121.