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Die utopischen Anfänge der Genossenschaft ab 1984

«Die Loasa war unser drittes Kind»
1984 kauften ein paar junge Leute aus dem Aargau die Alpe Loasa, um ihre Träume zu verwirklichen. Ein Interview mit den beiden treibenden Kräften Hans und Bernadette Niggeli.
Bernadette und Hans, erzählt mal eure Loasageschichte von Anfang an!
Hans: Ich war im Militär, als ich im Tages-Anzeiger ein Inserat für ein «Liebhaberobjekt» im Muggiotal las. Am Wochenende sagte ich Bernadette, sie solle dort anrufen. Und schon am Wochenende darauf gingen wir die Loasa besichtigen, zusammen mit Marc Bonetti, Christian Meier und Viktor Oswald, die ich von der Jugendarbeit her kannte. Wir hatten zusammen schon öfter über unsere Träume gesprochen...
Bernadette: Du warst ja zuvor in San Masseo bei Assisi, in einer franziskanischen Gemeinschaft, und danach sagtest du: So etwas Ähnliches möchtest du auch realisieren, vielleicht auf halbem Weg nach Assisi – also ungefähr im Südtessin!
Ihr wart also bereits eine feste Gruppe mit einem Projekt?
Bernadette: Nein, ich habe die Leute im Verlauf dieser Woche zusammengetrommelt.
Hans: Wir hatten einfach schon über solche Ideen philosophiert. «Ökotopia» inspirierte uns, oder die (angebliche) Rede des Häuptlings Seattle.
Bernadette: Hans und ich bewirtschafteten damals schon einen Blätz Land meiner Eltern in Unterehrendingen. Wir orientierten uns an der Permakultur, gruben einen Teich, pflegten eine vierjährige Fruchtfolge mit Roggen, Soja – das kannte man damals bei uns noch kaum! –, Hafer und Kartoffeln. Wir hielten auch Hühner, hatten einen Garten und so weiter.
Hans: Das Getreide war schwer zu dreschen...
Bernadette: (lacht) Nach dem Kauf der Loasa schafften wir zuerst einen Drescher an! Der steht heute im Bucher-Guyer-Museum in Niederweningen.

Bernadette (mit Tobias im Hintergrund), ca. 1984
«Ja, wir waren Spinner! Ich verstehe heute alle, die uns vom Kauf abrieten.»

Hans mit den Kindern auf dem Maultier, 1988
«Dass ich den schönsten Raum zum
Meditationszimmer erklärte, gefiel nicht allen.»

Die Weiden und Heuwiesen der Loasa waren am Verganden. Die Gebäude zerfielen. Ihr hattet ein Baby und wenig Ahnung von Landwirtschaft. Und nun kauftet ihr die Loasa. Da muss man doch sagen: Ihr wart Spinner!
Bernadette: (lacht) Ja, sicher! Ich verstehe heute ja alle, zum Beispiel unsere Eltern, die uns abrieten davon! Ich sagte aber immer, ich habe landwirtschaftliche Wurzeln. Meine Mutter war auf einem Bauernhof aufgewachsen, mein Vater auf einem Nebenerwerbs-Bauernhof. Ich wollte ja eigentlich einen Bauer heiraten, das klappte dann nicht ganz...
Hans: Wir besuchten, nachdem wir die Loasa gekauft hatten, eine Ausbildung für Bauern im Nebenerwerb.
Ihr habt die Sommer 1985 bis 1988 auf der Loasa verbracht, zuerst mit einem, dann mit zwei Kindern. Warum habt ihr aufgehört?
Bernadette: Eigentlich wollten wir ganzjährig auf der Loasa leben. Am Anfang ging das nicht, weil die Gebäude nicht wintertauglich waren. Es gab zum Teil nur Wolldecken statt Türen, Plastikplanen und so weiter. Wir waren immer mit anderen Leute auf der Loasa...
Hans: ...Ueli Wyler zum Beispiel war immer sehr wichtig, er war ausgebildeter Landwirt, aber auch viele andere Leute...
Bernadette: ... aber niemand konnte sich vorstellen, das ganze Jahr dort zu leben. 1988 machten wir mit einem anderen Paar einen letzten Versuch, merkten aber schon vor Ende des Sommers, dass nichts daraus würde. Und Tobias kam in den Kindergarten, da mussten wir uns entscheiden. Da gaben wir diesen Traum vom Familienkloster schweren Herzens auf.
Ihr hattet viel Unterstützung von Jugendlagern. Machten die Jugendlichen gerne mit?

Bernadette: Die Schüler der Aargauer Kantonsschulen mussten Landdienst leisten, ohne Lehrer. Viele machten das bei uns. Das war oft nicht so einfach. Dass es bei uns so wenig Fleisch gab, passte zum Beispiel vielen nicht.
Hans: Für die Lager der kirchlichen Jugendarbeit zahlte die Kirchgemeinde die Reise.
Für diese Jugendlichen waren das Gratisferien. Ihnen gefiel es fast immer. Das Gemeinschaftserlebnis war toll. Man arbeitete viel, aber man sah die Resultate der
Arbeit.
Bernadette: In einem der ersten Sommer waren durchschnittlich acht Personen pro Tag oben!
Als ihr euch 1988 entschieden hattet, die Kinder im Unterland einzuschulen: Dachtet ihr nie daran, alles hinzuschmeissen?
Bernadette: Nein, dafür hatten zu viel investiert. Und es waren ja nicht nur wir, wir hatten so viele Unterstützer.
Hans: Es war uns immer wichtig, dass wir das nicht allein machen. Ganz aufhören war nie ein Thema.
Bernadette: Die Loasa war unser drittes Kind.
Hans: Manchmal war es wie ein Wunder. Im ersten Jahr mussten wir das Dach reparieren, das eine Lawine eingedrückt hatte. Ich hatte Ziegel bestellt und einen Helikopter, aber kein Geld, das zu bezahlen. Da rief ein Bekannter Marcs an: Er interessiere sich für unser Projekt. Ich erzählte. Da sagte er: Schick mir die Rechnung! Und als Ueli heiratete, wünschte er sich statt eines Hochzeitsgeschenks Geld für einen Mäher für die Loasa!
Du hast vorher von «Familienkloster» gesprochen, Bernadette.
Bernadette: Ich meine das nicht ironisch. Das war schon ein wenig unsere Idee: ora et labora, wenn auch natürlich nicht hinter Klostermauern, sondern offen für alle. Christlich, aber nicht sektiererisch im Einklang mit der Schöpfung, mit Natur und Gemeinschaft leben: Das war unser Ideal.
Hans: Neben San Masseo inspirierte mich auch das Projekt «Arche» des Gandhi-Schülers und Umweltaktivisten Lanza del Vasto in Frankreich, die ich aus Schriften kannte. Ich stand auch in Kontakt mit anderen Gruppen in der Schweiz, die Ähnliches wollten. Aber die theoretisierten viel, während wir die Loasa kauften und unsere Ideen umzusetzen begannen!

Du hast in den frühen Mitteilungsblättern deine Ideale beschrieben. Die waren schon sehr religiös.
Hans: Ja, das war so.
Teilten die anderen eure doch recht radikalen Ideen?
Bernadette: Da warst du der Kopf.
Hans: Richtig, aber wir lagen nicht weit auseinander. Ja, und es gab schon auch Konflikte: Dass ich zum Beispiel den schönsten Raum zum Meditationszimmer erklärte, in dem man nicht übernachten durfte, gefiel nicht allen! (lacht)
Heute ist von dieser spirituellen Motivation nicht mehr viel übrig.
Bernadette: Das würde ich nicht sagen. Jonas und Lilly leben sehr viel von dem, was uns wichtig war: in ihrem Umgang mit den Tieren, mit den Besuchern...
Hans: Es ist toll, was jetzt mit Jonas und Lilly aus der Loasa geworden ist. Ich möchte einmal noch ein Jahr
auf der Loasa leben.
Bernadette: (lacht) Ich nicht!
Hans: Für dich war es härter mit den Kindern. Ich arbeitete ja Dienstag bis Freitag im Unterland.
Bernadette: Ich würde heute vieles nicht mehr so machen. Aber ich bereue nichts. Wir hatten einen Lebenstraum, und wir haben den zu verwirklichen versucht. Es war eine der schönsten Zeiten meines Lebens.
Hans: Ich habe unglaublich viel gelernt.
Bernadette: Wir haben vielen Menschen eine Möglichkeit gegeben, einen engen Kontakt mit der Natur zu erleben.

Es gab aber Zeiten, da lief es nicht gut, man fand keine guten Pächter...
Bernadette: Manchmal dachte ich: Wenn ich jetzt alles loslassen müsste, täte es mir nicht mehr weh.
Hans: Ueli half in den schwierigen Zeiten, das war enorm viel wert.
Bernadette: Und die Genossenschaft, die immer eine engagierte Leitung hatte. Marcs Vater Remo, der für uns übersetzte, weil von uns niemand richtig italienisch konnte!
Hans: Als Andy Spuhler und Stefan Oswald ein erlebnispädagogisches Projekt mit Drogensüchtigen auf der Loasa hatten, gab es Konflikte: Ich fand, man müsse alles ganz anders anpacken. Die Loasa war mein Kind und jetzt hatte ich Mühe, loszulassen.
Ich hatte beim Lesen der alten Mitteilungsblätter den Eindruck, ihr wolltet die Landwirtschaft neu erfinden, ohne gross den Kontakt zu den Einheimischen zu suchen. Das passt ja nicht ganz zu eurem Demuts-Ideal.
Hans: Wir hatten schon gute Kontakte, zum Beispiel zur Cavazza. Im ersten Sommer hatten wir zu wenig Wasser und mussten unsere Tiere auf die Cavazza geben. Oder mit Familie Signer im Crottatal. Aber das, was wir machen wollten, machte niemand.
Bernadette: Die Cavazza produzierte einfach Käse, aber wir wollten ja Selbstversorger sein, Gemüse und Kräuter und Getreide anbauen.
Hans: Man erzählte uns schon, dass die Erde auf der Loasa gut sei, dass da früher viel Gemüse und Nüsse produziert wurden, aber das war damals auch schon zwanzig Jahre her.
Hielten euch die Einheimischen nicht einfach für Spinner?
Bernadette: Am Anfang natürlich schon. Die Zöllner kamen oft vorbei und wollten schauen, ob wir Drogen anbauen. In Bruzella hatten wir wenig Kontakte, da wir ja immer gleich auf die Loasa gingen. Es gab immerhin noch die Post und den Laden; diese Leute kannten wir. Mit der Zeit merkten die Einheimischen, dass es uns ernst ist. Ein alter Zöllner war ein Fan von uns.
Hans: Der Gemeindeschreiber von Morbio Superiore hat uns immer unterstützt, die Vertreter des Kantons dagegen waren immer skeptisch. Aber wenn der Kanton uns eine
Bewilligung nicht geben wollte, setzte sich der Gemeindeschreiber für uns ein und wir bekamen immer,
was wir wollten.
Was ist euch geblieben?
Bernadette: Die Liebe zur Natur. Die hatte ich schon vorher, aber auf der Loasa wurde sie noch grösser.
Hans: Ich lebe heute noch ein wenig städtischer als Bernadette, aber meine Sehnsucht ist eine andere. Ich vermisse das Leben dort oben, die handwerkliche Arbeit. Ich mache meine heutige Arbeit gern, aber etwas fehlt doch. Ich freue mich jetzt auf drei Wochen Loasa diesen
Herbst!
Wie hat die Loasa eure Kinder geprägt?
Hans: Tobias, der Ältere, ist froh, dass wir nicht dort geblieben seien. Er wäre sonst hinter dem Mond aufgewachsen, sagt er. Seit wir keine gemeinsamen Familienferien mehr machen, also seit etwa fünfzehn Jahren, war es nie mehr oben. Aber unser Eindruck unterscheidet sich von seinem: Wir haben das Gefühl, er habe eine glückliche Zeit gehabt.
Bernadette: Katharina war 1988 dreijährig. Sie erinnert sich sehr gern an diese Zeit. Sie hätten wir auch eher nach Bruzella in den Kindergarten geschickt.
Hans: Beide ritten viel und gern auf dem Maultier!
Interview: Marcel Hänggi 2014