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Die virtuell durchgeführte Konferenz präsentierte die letzten Forschungsresultate aus dem Bereich HIV-Heilung und Impfstoffe. Besonderes Aufsehen erregte eine mögliche Heilung aus Sao Paolo. Ob der Patient wirklich geheilt ist, wissen wir noch nicht. Die Geschichte ist gleichwohl spannend.
Bisher kennen wir drei gut dokumentierte Fälle geheilter Menschen mit HIV: Timothy Ray Brown, den sogenannten Berliner Patienten; Adam Castillejo, den «Londoner Patienten» sowie einen noch unbekannten Deutschen, dessen definitive Heilungsbestätigung noch aussteht. Diese drei Patienten haben eines gemeinsam: Sie waren alle Krebspatienten, welche eine Knochenmarktransplantation brauchten, um ihr Immunsystem neu aufzubauen und damit ihre Krebserkrankung zu überwinden. Ihre Ärzte nutzten diese Gelegenheit, um den Patienten Zellen einzuschleusen, welche sich nicht durch HIV infizieren lassen.
Das ist eine wahre Rosskur, und dazu auch riskant und teuer. Es gibt mehr HIV-positive Krebspatienten, die diesen Eingriff nicht überlebt haben als solche bei denen es gelungen ist. Trotzdem hat sich die Überzeugung festgesetzt, dass eine Heilung nur durch eine sehr aufwendige Prozedur möglich ist. Der Forschungsleiter Dr. Ricardo Diaz von der Universität Sao Paolo zeigte nun, dass es möglicherweise andere, billigere und weniger riskante Wege gibt1. Gemeinsam mit dem Römer Forscher Dr. Andrea Savarino vom Istituto Superiore di Sanità untersuchte er in der SPARC-7 Studie verschiedene Interventionen zur Verkleinerung des HIV-Reservoirs. Dazu wurden mehrere Therapieintensivierungsstrategien mit anschliessenden Therapieunterbrüchen durchgeführt.
Der Brasilianer wurde 2012 mit HIV diagnostiziert, und war seither unter erfolgreicher Behandlung. Vor fünf Jahren wurde er in eine Therapie-Intensifikationsstudie aufgenommen. Die Teilnehmer bekamen alle zusätzlich zur bestehenden Therapie das damals neue Dolutegravir. Zusätzlich bekamen die Teilnehmer auch Maraviroc – den einzigen CCR5-Inhibitor, welcher 2009 zugelassen wurde. Diese Substanzklasse hindert das HI-Virus am Eindringen in die CD4-Zelle.
In einer von vier Gruppen zu 5 Personen wurde dieser Kombination Niacin beigefügt. Diese Substanz wird auch Nicotinsäure oder Vitamin B3 genannt, und sie ist in jeder Apotheke frei erhältlich. Unser Patient wurde dieser Gruppe zugeteilt. Nach kurzer Zeit gab es Anzeichen, dass HIV aus seinem System verschwand. HIV-RNA und -DNA Nachweistests liefen ins Leere und Versuche, das Virus aus einigen seiner Lymphozyten zu kultivieren, schlugen auch fehl. Das Niveau der Antikörper gegen HIV in seinem Blut sank, ein klarer Hinweis, dass es nur sehr wenige Viren gab, welche Antikörper stimulieren konnten. Seit März 2019 nimmt der Patient keine antiretrovirale Therapie mehr, und HIV ist nicht mehr nachweisbar. Fünfzehn Monate ohne einen Wiederanstieg der Viruslast, das hat man bisher bei kaum einem anderen Patienten beobachtet.
Nicotinamid – was es bewirken kann
Es gibt verschiedene Erklärungen zur Wirkung von Nicotinamid. Möglicherweise schützt es die Immunzellen vor einer Erschöpfung. Zweitens kann es HIV-infizierte Zellen aus dem Reservoir locken, wo das Immunsystem nicht auf sie reagieren kann, oder es könnte mit dem gleichen Effekt eine Virusproduktion direkt aus Reservoirzellen induzieren. Weiter fördert es die Glykolyse, bei welcher Zucker in Energie umgewandelt wird. Eine Unterzuckerung oder sogenannte Hypoglykämie ist deshalb eine mögliche schwere Nebenwirkung.
Ist der Patient nun geheilt?
Es ist zu früh, um dies zu beurteilen. Es braucht noch einige Nachweistests, bis klar ist, ob sich sein HIV nicht tief in den Lymphknoten, im Darm oder sogar im Nervensystem versteckt. Das sind alles bekannte "Zufluchtsorte", an denen sich die eine Zelle unter einer Million anderer verstecken kann. Kommt diese aus dem Versteck hervor, kann sich HIV wieder vermehren.
Besonders wichtig aber ist die Tatsache, dass die vier anderen Patienten, welche genau dieselbe Kombination bekommen haben, unverändert mit HIV infiziert sind. In diesen kleinen Heilungsstudien kommt es immer wieder vor, dass bei einem Patienten etwas passiert, was wir bei den anderen nicht sehen. Vorerst heisst es abzuwarten, ob das HI-Virus beim wundersam geheilten Patienten nicht plötzlich wieder auftaucht.
Soll man jetzt in die Apotheke rennen und sich Vitamin B3 besorgen?
Ganz sicher ist das keine gute Idee. Erstens ist der Nutzen nicht bewiesen, zweitens macht es Nebenwirkungen, und drittens soll die Forschung erst herausfinden, was genau da passiert ist, und welche Substanz, welcher Mechanismus HIV zum Verschwinden gebracht hat.
Am Experiment mitbeteiligt war der Römer Forscher Dr. Andrea Savarino. Die Reporter Liz Highleyman und Gus Cairns haben sich mit ihm über die Studie unterhalten. Hier geht's zum Video auf YouTube
David Haerry / August 2020
1. Diaz RK et al. The first long-term remission of chronic HIV-1 infection without myeloablation? 23rd International AIDS Conference, abstract OAXLB0105, 2020