Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03620.jsonl.gz/1075

Bild
Titel:
Plattstich-Webstuhl
Thema: Wirtschaft
Datum: --.--.1910
Masse: 9 x 13,9 cm
Standort: Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, KB-002726/200
Urheber/-in:
Beschreibung:
Die Postkarte von 1910 zeigt eine Frau an einem Plattstich-Webstuhl in einem Webkeller.
Geschichte:
Die Plattstich-Weberei sowie die Seidenbeuteltuchweberei sind ein Merkmal der Ausserrhoder Heimarbeit, wobei diese zwei Webarten nur im Kanton Appenzell Ausserrhoden grosse Bedeutung fanden. Jakob Steiger-Meyer (1833-1903), der Förderer der Appenzeller Handweberei, hielt dazu 1870 fest: „Die Blattstich-Weberei ist fast ausschliesslich unser Monopol. Tarare und Wien fabrizieren etwas; allein ausserhalb dem eigenen Lande machen sie uns keine Konkurrenz“ (Holderegger, S. 126). Dass dem so war, zeigt auch der erhebliche Unterschied der Verbreitung im Kanton St. Gallen (1880: 110 Plattstich-Webstühle) und im Kanton Appenzell Ausserrhoden (1880: 4088 Plattstich-Webstühle).
Die Mousselineweberei wurde durch das Aufkommen der mechanischen Webereien in Schottland, England, Sachsen und Zürich verdrängt und im Verlaufe der 1850er Jahre im Appenzellerland allmählich nicht mehr praktiziert. Dafür setzte sich die Plattstichweberei durch, welche sich dem Mechanisierungstrend der Weberei, der sich in den 1870er Jahre auch in der Schweiz durchsetzte, bewusst entziehen wollte. Im Jahr 1902 wurde in Speicher zwar eine mechanische Plattstichweberei mit 40 Stühlen eingerichtet, dennoch überwog der Anteil der von Hand betriebenen Plattstich- und Seidenbeuteltuchweberei in Ausserrhoden ganz klar.
Der von Hand betriebene Plattstich-Webstuhl wurde von Johann Conrad Altherr aus Teufen 1820 konstruiert. Die Plattstichweberei machte es möglich, dass das entstehende Gewebe gleichzeitig mit stickereiähnlichen Mustern versehen wurde. Die Plattstichgewebe fanden vor allem für Frauenkleider (Röcke, Umschlagtücher, Hauben) und für Fenstervorhänge Verwendung.
Die Plattstichweberei fand ihre Absatzmärkte vor allem in den USA, in Grossbritannien und in Britisch-Indien. Sie war von der Verkaufspolitik der Exportfirmen abhängig und von den stabilen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in den Absatzgebieten. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass die Ausserrhoder Plattstichweberei einer konjunkturelle Berg- und Talfahrt ausgesetzt war. In den 1860/70er Jahren kränkelte sie aufgrund des nordamerikanischen Bürgerkrieges, in den 1880er Jahren unterlagen die Fenstervorhänge dem englischen Spitzengewebe. 1899 erreichte der Export jedoch einen Rekordstand, da das Plattstichgewebe nun nicht mehr nur für die Mode, sondern auch für Druckböden Verwendung fand. 1902 konnte die Webereilehranstalt in Teufen nur knapp zwei Drittel der Anmeldungen berücksichtigen, so gross war die Plattstichweberei in Appenzell Ausserrhoden mittlerweile geworden.
Die Plattstichweberinnen und Plattstichweber konnten sich trotz des hohen Exportes anfangs des 20. Jahrhunderts keiner guter Ernährung, keiner guter Kleider, Gesundheit und Löhne erfreuen. Berichten zufolge ernährten sie sich das ganze Jahr hindurch dreimal täglich ausschliesslich von Kaffee und geschwellten Kartoffeln oder von Kaffee, Brot und Bohnen. Die Frauen hatten oftmals keine Möglichkeit und Zeit zu kochen, da sie genauso in die Webarbeit eingebunden waren wie die Männer. Für die Anschaffung eines einzigen Paares Schuhe musste ein/e Weber/in eine ganze Woche arbeiten. Die Arbeit in den Kellern hatte schwerwiegende Folgen für die Gesundheit. 1892 wurde dazu festgehalten: „Der Aufenthalt im Keller wirkt…geistig und körperlich nachteilig auf den Menschen, so dass heute beinahe die Hälfte der militär-pflichtigen Mannschaft wegen Gebrechen aller Art als dienstuntauglich entlassen werden müssen.“ (Buff und Specker, S. 43).
Autorin: Nina Sonderegger, Speicher
Literatur:
Buff, Regula und Louis Specker: Die Plattstichweberei – eine alte Appenzeller Heimindustrie, Herisau 1992, S. 13-16, 38-45.
Holderegger, Peter: Unternehmer im Appenzellerland – Geschichte des industriellen Unternehmertums von Appenzell A. Rh. – von den Anfängen bis zur Gegenwart, Herisau 1992, S. 126-129.
Schläpfer, Walter: Wirtschaftsgeschichte des Kantons Appenzell Ausserrhoden bis 1939, Gais 1984, S. 275-284.
Tags:
Ähnliche Themen: