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Dada feiert dieses Jahr den 100. Geburtstag. Wir wirkt für Sie der Dadaismus in die Gegenwart?
McKenzie Wark: Die Dadaisten versammelten sich nicht nur im Cabaret und in Cafés, sie schrieben, tanzten, malten und zeichneten. Während des Kriegs konnte man portofreie Post innerhalb von Deutschland und Frankreich versenden und die Dadaisten nutzten das geschickt für die Verbreitung ihrer Medien. Sie verschafften sich mit allen zur Verfügung stehenden Medien Gehör. Das ist heute, vor der Geräuschkulisse eines 21. Jahrhunderts, so virulent wie damals.
Sehen Sie als Hackingexperte eine Verbindung zwischen Dadaismus und Hacking?
Das englische Wort «hack» bedeutet zunächst einmal zerstückeln, schnippeln, umgangssprachlich auch «Pfuscher» oder «Dilettant». Seit ein paar Jahren wird es auch verwendet, um illegale Programmiercodes zu beschreiben. Mir widerstrebt diese Zuschreibung und in meinem Verständnis ist «hack» als Lösung für ein Problem zu verstehen.
Dieser Gedanke findet sich auch im Konzept der Dadaisten wieder: Sie hatten das Problem zu lösen, dass die Welt durch den Krieg auseinandergefallen war – und lösten es, indem sie Kunst machten. Die Welt ist heute nicht wesentlich stabiler, und wir lösen dieses Problem, indem wir Codes benutzen. In Krisenzeiten bestehende Konzepte mit allen Mitteln zu hinterfragen: Das ist Dada.
Können Sie Beispiele für dadaistische Ansätze im Hacking geben?
Man denke nur an Edward Snowden oder Chelsea Manning. Wie die Dadaisten fragten sie sich, wie man auf kriegsähnliche Zustände reagieren könnte, sie meinten dabei den Überwachungskrieg. Snowden, Manning und die Dadaisten haben die verfügbaren Kommunikationsmittel für ihre Zwecke um- und ausgenutzt.
Vor zehn Jahren sagten Sie: «Hacken ist die am meisten unterschätzte politische Tätigkeit unserer Zeit.». Ist das noch so?
Hacking ist und bleibt ein Begriff dafür, in einem System etwas so umzustellen, wie es im System selbst nicht vorgesehen war, wozu es aber fähig ist. Das mag im ausgehenden 20. Jahrhundert noch avantgardistisch gewesen sein, doch im 21. Jahrhundert ist Hacking Normalität geworden. Damit kann man heute niemanden mehr schockieren. Die Frage ist also, wer die Avantgardisten von heute sind.
Was wünschen Sie Dada für seine nächsten 100 Jahre?
Möglicherweise werden wir versuchen, aus den unkonventionellen Strategien des Dadaismus anderes zu schöpfen als bisher. Als Keimzelle der zeitgenössischen Kunst werden ja gerne die Werke von Marcel Duchamps herangezogen, der den amerikanischen Ableger von Dada vertrat. Mit seiner Konzeptkunst öffneten sich damals ungeahnte Sphären für die Kunst.
Wie wäre es, diese zentrale Rolle stattdessen der Dadaistin Sophie Taeuber-Arp zuzuschreiben, die wesentlich im Design wirkte? Immerhin ist dem Zürcher Dada zu verdanken, dass dieses Schweizer Städtchen auf der Weltkarte als modern wahrgenommen wurde.
Sie werden im März einen dadaistischen Hackathon in Zürich moderieren. Was reizt Sie an dieser Veranstaltung?
Zunächst einmal ist diese Einladung eine grosse Ehre. Ein schöner Nebeneffekt ist, dass ich Zürich kennenlernen kann. Orson Welles sagt im Film ‹Der Dritte Mann› den legendären Satz, die Schweiz habe mit ihrer brüderlichen Liebe und ihren 500 Jahren Demokratie und Frieden lediglich die Kuckucksuhr hervorgebracht. Dada ist der Gegenbeweis! Ich freue mich, auf diesen historischen Spuren wandeln zu können.
Was wünschen Sie sich persönlich für den Verlauf des Hackathons?
Diese Veranstaltungsformate sind inzwischen ziemlich geläufig und verlaufen deshalb sehr voraussagbar und ähnlich. Ich würde gerne für Chaos und Unorganisiertheit sorgen und auf diese Weise mit der Erwartung brechen – dadaistisch eben!
Zur Person
Der Medienwissenschaftler McKenzie Wark (*1961) beschäftigt sich vor allem mit den Folgen der Neuen Medien. Der gebürtige Australier lebt in New York City, wo er Media and Cultural Studies an der New School unterrichtet. Er ist Autor zahlreicher internetkritischer Bücher, darunter «A Hacker Manifesto» (2004) und «Gamer Theory» (2007).