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Colitis ulcerosa: Primär die Lebensqualität erhalten
Diagnose Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit und immer müde? Vielleicht leiden Sie an einer Darmkrankheit!
Herr Dr. Vavricka, wie lässt sich die Colitis ulcerosa beschreiben beziehungsweise definieren?
Die Colitis ulcerosa ist eine chronisch entzündliche Darmerkrankung. Im Gegensatz zu Morbus Crohn ist von der Entzündung nur der Dickdarm betroffen, und die Entzündung ist auf die Darmschleimhaut beschränkt.
Klinisch präsentiert sich die Colitis ulcerosa primär mit Blut, Schleim und Eiter im Stuhl sowie Durchfall und Bauchschmerzen. Diese sind häufig im linken Unterbauch lokalisiert und können mit kolikartigen Beschwerden einhergehen.
Als weitere Symptome kommen Appetitverlust und eine Leistungsminderung vor. Häufig beschreiben die Patienten schleichende Gewichtsabnahme und eine Blutarmut mit Müdigkeit und Antriebslosigkeit.
Wie verbreitet ist die Erkrankung in der Schweizer Bevölkerung?
Man geht davon aus, dass in der Schweiz etwa 200 bis 300 von 100'000 Einwohnern an einer Colitis ulcerosa leiden. Das typische Erkrankungsalter liegt zwischen dem 20. bis 40. Lebensjahr. In den letzten Jahrzehnten wurde eine deutliche Zunahme der Krankheitshäufigkeit in Nordamerika und Europa beobachtet. Welche Symptome stehen hauptsächlich im Vordergrund?
Es kommt wie erwähnt zu Durchfall, Blut im Stuhl, Schleim- und Eiterabgang, oft linksseitigen Bauchschmerzen und einem möglichen Auftreten von sogenannten extraintestinalen Symptomen, das heisst dem Befall von Strukturen ausserhalb des Darmes wie etwa Entzündungen der Augen, der Haut und Entzündungen der Gelenke.
Wie wird die genaue Diagnose gestellt?
Die Colitis ulcerosa zeichnet sich durch eine scheinbar typische klinische Präsentation aus. Die Diagnose kann aber nicht aufgrund eines einzelnen Ergebnisses einer diagnostischen Massnahme gestellt werden, sondern nur unter Berücksichtigung von verschiedenen Befunden und Resultaten wie einer ausführlichen Patientenbefragung, der körperlichen Untersuchung, der Dickdarm- Spiegelung, der Gewebeprobenentnahme, der Bildgebung und einer Labordiagnose.
Welche Therapiemöglichkeiten stehen derzeit im Vordergrund?
Leichte bis mittelschwere Schübe werden typischerweise mit 5-Aminosalicylsäure- Präparaten behandelt. Diese können sowohl in Tablettenform als auch rektal in Form von Zäpfchen oder Schaum angewendet werden. Schwerere Schübe können mit Kortisonstössen therapiert werden.
Zur Erhaltung einer langen Remissionszeit, das heisst schubfreien Phasen, kommen Immunsuppressiva oder biologische Therapien zur Anwendung. Biologika wirken ganz gezielt, indem sie den Entzündungssto TNF-Alpha hemmen. Bei den TNFAlpha- Hemmern stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung.
Welche Therapieoption zeichnet sich durch welche Vorteile aus?
In Bezug auf die Biologika-Therapie unterscheidet man einerseits Therapien, welche durch eine Infusion erfolgen, und andere, die durch eine Spritze selber verabreicht werden.
Die Vorteile der Infusionstherapie sind aus Arztsicht, dass die Patienten regelmässig zu Kontrollen ins Spital kommen, der Vorteil der Selbstinjektion ist die Flexibilität und Unabhängigkeit, was vor allem bei jungen und bei berufstätigen Patienten wichtig ist.
Wenn die Patienten die Therapie selber wählen können: Wofür entscheiden sie sich in der Regel?
Relativ neu ist die Behandlung mit Biologika. Es gibt drei verschiedene Typen von Biologika, wobei eines wie erwähnt als intravenöse Infusion im Spital und die anderen beiden als subkutane Injektion verabreicht werden können.
Bei der subkutanen Behandlung kann sich der Patient diese selbst unter die Haut injizieren. Wir haben 100 Patienten bei einer Studie befragt, ob sie den Weg der Selbstinjektion bevorzugen und wie viel Freiraum sie sich bei der Behandlung wünschen.
Das Ergebnis zeigt, dass die Erkrankten gerne selbstständig sind und nicht ins Spital möchten, um dort mehrere Stunden eine Infusion zu bekommen. Vor allem berufstätige Betroffene wollen es vermeiden, regelmässig am Arbeitsplatz zu fehlen. Daher das eindeutige Fazit der Studie: Die Mehrzahl der Patienten bevorzugt die Selbstinjektion.
Gilt die Colitis ulcerosa heute als heilbar?
Leider nein, aber sie kann adäquat behandelt werden.
Wie wirkt sich die Erkrankung auf das Alltagsleben der Patienten aus?
Wie bei allen chronischen Erkrankungen ist die Erhaltung der Lebensqualität von ganz entscheidender Bedeutung. Bei der Colitis ulcerosa sind dabei die Unvorhersehbarkeit des Krankheitsverlaufes und die vielfältigen Beeinträchtigungen, die damit verbunden sind, problematisch. In Befragungen von Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmkrankheiten werden immer wieder diese Unvorhersehbarkeit von Beschwerden, die Abhängigkeit von leicht erreichbaren Toiletten und das äusserliche Erscheinungsbild bei einer Kortisontherapie als sozial einschränkend beschrieben.
Diese Faktoren spielen auch eine grosse Rolle bei der sexuellen Funktion und Partnerschaft. Die Sexualität ist zwar während eines Schubes in der Regel eingeschränkt, wird jedoch insgesamt eher durch andere Faktoren, wie zum Beispiel eine Depression beeinfl usst.
Deshalb ist es für Ärzte enorm wichtig, in der Betreuung die individuellen Bedürfnisse auch hinsichtlich sozialer und psychologischer Bedürfnisse wahrzunehmen, damit eine bestmögliche Versorgung gewährleistet ist und die Patienten im Alltagsleben möglichst wenig eingeschränkt sind. Colitis ulcerosa: Primär die Lebensqualität erhalten.
Über die Ursachen der Colitis ulcerosa ist bislang wenig bekannt. Die Forschung geht davon aus, dass die chronischentzündliche Darmerkrankung durch eine Überreaktion des körpereigenen Immunsystems verursacht wird. Die Colitis ulcerosa kann heute aber adäquat behandelt werden, betont Facharzt PD Dr. Stephan Vavricka.