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«Kein Blick zurück im Zorn»
Heinz Fischer, Präsident der reformierten Schwyzer Kantonalkirche, tritt nach acht Jahren zurück
Heinz Fischer zieht eine positive Bilanz über seine Amtszeit: «Die reformierte Kirche im Kanton Schwyz muss sich weiterhin neu formieren und anpassen können.» Fusionen von Kirchgemeinden hält der 57-jährige Versicherungsbroker für denkbar: «Die Gemeinden könnten noch stärker zusammenarbeiten.»
MAGNUS LEIBUNDGUT
Eine Zeitung hat geschrieben, Sie seien «amtsmüde». Leiden Sie unter einem Burnout? Das Gegenteil ist der Fall: Ich fühle mich frisch und munter, halte aber den Zeitpunkt für ideal, die Aufgaben an jüngere, neue Kräfte zu übergeben. Ich bin kein Sesselkleber und finde es richtig, nach zwei Legislaturperioden das Präsidium abzugeben. Ich hoffe, dass wir bald in der glücklichen Lage sind, erste Kandidaturen für das Kirchenpräsidium zu erhalten, sodass einer Wahl des neuen Präsidiums am 17. April 2021 anlässlich der Frühlingssynode nichts im Wege stehen sollte. Mit welchem Pensum haben Sie in den letzten sieben Jahren das Kirchenpräsidium geleitet? Mit einem 30-Prozent-Pensum lässt sich das Präsidium in der Schwyzer Kantonalkirche gut bewältigen, ohne dass man damit gleich in Gefahr geraten würde, ein Burnout zu erleiden. Wobei eine 30-Prozent-Stelle etwas heikel ist, weil das jetzt nicht gerade ein ideales Pensum darstellt, das sich mit einem Hauptjob verbinden lassen würde. Wie stark haben Sie die Wirren rund um den Rücktritt des Kirchenpräsidenten Gottfried Locher in Ihrem Amt belastet? Die Turbulenzen rund um den Abgang von Gottfried Locher haben keinen Einfluss auf die Schwyzer Kantonalkirche gehabt. Auf nationaler Ebene hat hingegen sein Rücktritt neben der Corona-Pandemie die Organe stark belastet: Es musste entscheiden, wie und in welcher Form die Synoden im Juni und im November durchzuführen sind. Eine Untersuchungskommission soll Licht ins Dunkel bringen und wird im kommenden Sommer hierzu Bericht erstatten über die Hintergründe des Abgangs von Gottfried Locher und des EKS-Ratsmitglieds Sabine Brändlin.
Welchen Schaden hat die reformierte Kirche wegen der Turbulenzen rund um den Kirchenpräsidenten genommen? Auf die regionale Kirchenlandschaft darf der Schaden als gering eingeschätzt werden. Hingegen hat die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) ein schlechtes Bild abgegeben. Das Ganze passt wenig zum Umstand, dass die Kirche ihr 101-Jahr-Jubiläum feiern will. Die Kirche sollte ein Vorbild sein im Umgang mit Frauen und hat es stattdessen an Respekt und Achtung gegenüber den Frauen vermissen lassen. Ob es zu einer Austrittswelle aus der reformierten Kirche führen wird, kann derzeit noch nicht beobachtet werden. In den letzten Jahren sind die Mitgliederzahlen bei der Schwyzer Kantonalkirche relativ stabil geblieben. Insgesamt gehen die Zahlen bei der reformierten Kirche naturgemäss zurück: Im Unterschied zu den anderen Glaubensgemeinschaften und Konfessionen fehlt es der reformierten Kirche an einer Migrationsbewegung, die ihr neue Mitglieder zuführen würde.
Erkennen Sie ein Fehlverhalten der Verantwortlichen, die möglicherweise nicht adäquat reagiert haben, als die Geschichte am Dampfen war? Es steht mir nicht zu, Fehlverhalten einzelnen Personen zuzuteilen, aber vielleicht wurde nicht ideal und nicht zum richtigen Zeitpunkt kommuniziert. Allerdings war eine adäquate Kommunikation in diesem Fall auch sehr schwierig: Sobald Kirchenräte zurücktreten, sind sie keine öffentlichen Personen mehr und dem Persönlichkeitsschutz unterstellt. Dieser steht dann in einem Widerspruch zum öffentlichen Interesse. Man hat es machen können, wie man wollte: Es wäre immerzu nicht ideal für alle herausgekommen. Wie fällt Ihr Rückblick auf Ihre Amtszeit aus? Kein Blick zurück im Zorn: Ich darf getrost feststellen, dass ich keine Tiefpunkte in meiner Amtszeit erlebt habe. Dem Kirchenrat ist es gelungen, den kirchlichen Betrieb zu professionalisieren (Administration, IT, Versicherungen, Finanzen, Strukturen, Kommunikation) und die ersten Reglemente zu modernisieren. Zudem ist es gelungen, eine Strategiekommission aus der Taufe zu heben: Diese wird sich weiterhin mit strukturellen und finanziellen Fragen auseinandersetzen und zu klären haben, welche Leistungen die Kirche in der Zukunft anbieten kann und soll. Welche Höhepunkte haben Sie in dieser Zeit erlebt? Als Höhepunkte würde ich den Kirchentag 2015 sowie die Zusammenarbeit im bestens aufgestellten und motivierten Kirchenratsteam bezeichnen. Aber auch an die vielen wertvollen Begegnungen an Konferenzen, Kirchgemeindeanlässen, Impuls- und Jugendtagen erinnere ich mich gerne zurück. Wo orten Sie Reformbedarf in der Schwyzer Kirche der Reformierten?
Die reformierte Kirche im Kanton Schwyz muss sich weiterhin neu formieren: Sich fortan und unablässig zu reformieren und zu hinterfragen, gehört ja just zu den Konstanten dieser Kirche. Die digitale Kirche etwa ist bereits aufgegleist und auf gutem Wege. Die Katechese fristet derweil an den Schulen zunehmend ein Mauerblümchendasein und wird je länger desto mehr an den Rand der Schulstunden gedrängt. Hier muss die Kirche Gegensteuer geben.
Wie werden sich die Strukturen innerhalb der Schwyzer Kirche in der Zukunft weiterentwickeln?
Die Kirchgemeinden am Zürichund Vierwaldstättersee liegen zwar geografisch relativ weit auseinander: Nur weil sie aber durch den Sattel voneinander getrennt sind, heisst das nicht, dass eine Zusammenarbeit, in der Synergien genutzt werden können, nicht möglich sein sollte. Halten Sie es für möglich, dass es zu Fusionen von Kirchgemeinden kommen wird? Die Gemeinden könnten zukünftig stärker zusammenarbeiten. Man darf die Augen nicht vor der Realität verschliessen: Nicht zuletzt aufgrund der Corona-Pandemie wird das Steuersubstrat sinken. Auf die Kirchgemeinden kommen finanzielle Herausforderungen zu. Ich halte Fusionen von Kirchgemeinden für denkbar. Allerdings nicht mehr in meiner verbleibenden Amtszeit: Ich bin eher so eine Art Übergangspräsident.
Ist es möglich, dass die Kirchgemeinden in Ausserschwyz verstärkt mit der Gemeinde in Einsiedeln zusammenarbeiten werden? Eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden aus Einsiedeln und den Höfen kann ich mir vorstellen. Was brennt den Seelsorgern und den Gläubigen in dieser Zeit besonders unter den Nägeln?
Die menschliche Nähe und Kontakte zueinander fehlen heuer, auch coronabedingt, ganz besonders. Es ist sehr schade, dass kein Kirchenkaffee mehr nach einem Gottesdienst möglich ist, um nur ein Beispiel zu nennen. Damit entfällt der so wichtige Austausch untereinander. Pfarrerinnen und Pfarrer mussten sich in diesem Jahr vollends neu orientieren, neue Tageskalender erarbeiten, sich mit der neuen Technik schlau machen, zum Beispiel um Videofilme und Gottesdienst-Streaming sowie Chats produzieren zu können. Ich habe grosse Hochachtung vor den Leistungen der Pfarrpersonen: Was sie in diesem Jahr aus dem Boden gestampft haben, lässt sich wahrlich sehen.
Welche Lehre kann die reformierte Kirche aus der Zeit des Corona-Lockdowns ziehen? Ich bin überzeugt davon, dass die Digitalisierung, die wegen Corona heuer Einzug gehalten hat, einen festen Bestandteil im kirchlichen Leben sein wird. Die digitale Kirche ist gekommen, um zu bleiben. In Einsiedeln war der Chat anstelle des Gottesdienstes ein voller Erfolg: Ist die Zeit des klassischen Sonntagsgottesdienstes abgelaufen? Nein, das sehe ich nicht. Der Sonntagsgottesdienst wird erhalten bleiben: Er wird nicht mehr jeden Sonntag über die Bühne gehen wie früher. Und er wird verschiedene Formen annehmen und unterschiedliche Nutzungen erfahren. Bleiben Sie nach Ihrem Rücktritt der reformierten Kirche erhalten?
Sowohl auf kantonaler wie auf nationaler Ebene ist dies denkbar, und ich würde in einer Form dabei bleiben.
Was halten Sie von einer Trennung von Kirche und Staat? Je nach Kanton sind die Aufgaben von Kirche und Staat mehr oder weniger getrennt. Eigentlich haben wir heute schon eine Trennung. Unsere Kantonalkirche Schwyz ist eine öffentlich- rechtliche Körperschaft mit eigener Rechtspersönlichkeit und eigener Verfassung; damit sind wir grundsätzlich unabhängig. Wir bewältigen und finanzieren unsere Aufgaben und Bedürfnisse wie Verkündigung, Unterricht, Seelsorge und unsere Fachaufgaben weitgehend alleine – mit Kirchensteuern, die wir von unseren Kirchgemeindemitgliedern erheben. Der Kanton und die Gemeinden übernehmen lediglich das Inkasso; der Kanton hat eine gewisse Oberaufsicht.
Die Gretchenfrage zum Schluss: Wie haben Sie es selber mit der Religion? Ich möchte mich als gläubigen Menschen bezeichnen. Zum Glauben gehören naturgemäss auch Zweifel: Das unterscheidet den Glauben ja gerade vom Wissen. Ich empfinde das kirchliche Umfeld als ungemein spannend und bereichernd. Ich bin guten Mutes, dass uns die Kirche in theologisch-philosophischer Art und Weise Antworten auf Fragen geben kann, vor die uns das Leben stellt. Ich möchte die Kirche nicht auf ein reines Sozialwerk reduziert wissen: Vielmehr eröffnen sich im Glauben an das Göttliche Wege, um das Leben bewältigen zu können.
«Die Evangelischreformierte Kirche Schweiz (EKS) hat ein schlechtes Bild abgegeben.» «Die Katechese fristet an den Schulen zunehmend ein Mauerblümchendasein. » «Die digitale Kirche ist gekommen, um zu bleiben.» «Ich empfinde das kirchliche Umfeld als ungemein spannend und bereichernd.» «Ich möchte die Kirche nicht auf ein reines Sozialwerk reduziert wissen.»
Heinz Fischer tritt auf Ende des Jahres 2021 als Kirchenratspräsident der reformierten Kirche des Kantons Schwyz zurück. Foto: zvg