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Im vergangenen Jahr kam ich mit einem Taxifahrer ins Gespräch über den Glauben. Als ich ihm von Tod und Auferstehung Jesu erzählte, meinte er, dass er das aus der Sicht seines Glaubens ablehne. Er erklärte mir, dass er Türke und Moslem sei.
«Aber was machen Sie dann mit Ihren Sünden?», fragte ich ihn. Er erwiderte, dass er versuche, diese durch gute Taten wiedergutzumachen.
«Wenn Sie jetzt über diese rote Ampel fahren und geblitzt werden, dann werden Sie die Punkte in Flensburg und das Bussgeld nicht los, indem Sie von jetzt an alle Verkehrsregeln einhalten», versuchte ich ihm zu zeigen und erklärte ihm, dass das nicht möglich ist. Das verstand er.
Wir können das Sündenproblem nicht aus eigener Kraft lösen, und genau darum starb Jesus am Kreuz. Ich fragte ihn dann nach dem Grab des Propheten Mohammed. Er bestätigte, dass man es in Medina besuchen könne. Nun berichtete ich ihm von dem Grab Jesu in Jerusalem. Man kann es zwar ebenfalls besuchen, aber es gibt einen gewaltigen Unterschied: Das Grab Jesu ist leer. Ich kann heute mit Jesus Kontakt aufnehmen und zu ihm beten, weil er von den Toten auferstanden ist. Mohammed dagegen ist tot. Bevor ich aus dem Taxi ausstieg, lud ich meinen Gesprächspartner freundlich ein, den Koran zu hinterfragen und sich mit der Botschaft der Bibel zu beschäftigen.
Das «House of One» in Berlin
Solche Gespräche sind im geplanten «House of One» in Berlin nicht erwünscht. In der «Charta für ein Miteinander von Judentum, Christentum und Islam», die dem von einer Evangelischen Kirchengemeinde, einer jüdischen Gemeinde und einer islamischen Dialoginitiative verantworteten Projekt zugrunde liegt, heisst es: «Es ist nicht die Absicht einer Religionsgemeinschaft, die Errichtung und Nutzung des neuen Bet- und Lehrhauses mit dem Ziel eines missionarischen Handelns in Hinsicht auf die anderen Religionsgemeinschaften zu verbinden.» Im «House of One» sollen sich eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee um einen zentralen Lehrraum gruppieren. In diesem Lehrraum, der sich symbolisch nach oben hin zum Himmel öffnen wird, sollen sich die Vertreter der drei Religionen begegnen, um im gemeinsamen Dialog einander Anteil an den Wahrheitselementen der jeweiligen Religionen zu geben und so Gott suchend und tastend näher zu kommen.
Das in diesem Projekt zum Ausdruck gebrachte Wahrheits- und Gottesverständnis entspricht dem Geist der Zeit und wird selbst von manchen evangelischen Christen und Kirchenvertretern geteilt.
Der Glaube der Ringparabel
Viele Vertreter dieser Denkrichtung berufen sich dabei auf die Ringparabel, die Gotthold Ephraim Lessing in seinem 1779 veröffentlichten Theaterstück «Nathan der Weise» verarbeitet hat. Ein Stoff, dessen Ursprünge weit ins Mittelalter zurückreichen und der bis heute für viele Schüler zur verbindlichen Pflichtlektüre an unseren Schulen zählt. Lessing lässt in seinem Stück den Moslem Saladin sagen: «Von diesen drei Religionen kann doch eine nur die wahre sein.» Er will von dem Juden Nathan wissen, aus welchen Gründen er welche dieser drei für wahr halte. Nathan beantwortet diese Frage mit der Ringparabel, denn «nicht die Kinder bloss speist man mit Märchen ab». Ein König ist in Besitz eines Ringes, der «vor Gott und den Menschen» angenehm macht. Weil er drei Söhne hat, die er in gleicher Weise liebt, lässt er zwei Kopien des Ringes anfertigen und schenkt jedem Sohn einzeln einen Ring, so als ob dieser der echte sei. Nach dem Tod des Königs bricht der Streit aus. Wer hat den wahren Ring? Ein Richter muss her, der diesen Streit schlichtet. Auch er stellt fest: Die Ringe sind vollkommen gleich. Der Vater habe offensichtlich alle drei gleich geliebt und keinen der drei Söhne begünstigen wollen. Der echte Ring sei nicht erkennbar. Und so fällt sein Urteil aus: «So glaube jeder sicher seinen Ring den echten ... Wohlan! So eifre jeder seiner unbestochenen von Vorurteilen freien Liebe nach. Es strebe von euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag zu legen.» Ein jeder solle also in seiner Lebensführung die Echtheit seines Ringes unter Beweis stellen.
Die falschen Voraussetzungen der Ringparabel
Auf den ersten Blick erscheint Lessings Märchen von den drei Ringen sehr einleuchtend und anziehend. Bei näherem Hinsehen jedoch wird schnell erkennbar, dass die Parabel den Kern der Sache nicht trifft, weil sie von völlig falschen Voraussetzungen ausgeht.
a) Der König und die drei Söhne
In der Parabel will der König keinen der drei Söhne bevorzugen, und so erhält jeder seinen Ring. Demnach hätte der eine Gott also Juden, Christen und Muslimen unterschiedliche Glaubenssysteme offenbart, so als ob er nicht in der Lage wäre, sich der gesamten Menschheit in eindeutiger Weise und mit einer einzigen Botschaft zu offenbaren. Lessing erzeugt das Bild eines Gottes, der die Empfänger seiner Offenbarung aus einer falsch verstandenen Liebe heraus bewusst täuscht und sie im Unklaren darüber lässt, welcher Glaube nun der wahre und echte ist.
Auch Jesus erzählt eine Parabel, um seinen Hörern das Himmelreich zu veranschaulichen. Auch hier tritt ein König auf (Matth. 22). Doch im Gegensatz zu Lessings König hat dieser nicht drei Söhne, sondern einen Sohn. Für diesen richtet der König eine Hochzeit aus, zu der Gäste geladen werden, doch viele der Geladenen wollen gar nicht kommen. Jesus zeichnet also ein völlig anderes Bild: Der lebendige Gott hat einen einzigen Sohn, und mit einer einzigen und eindeutigen Botschaft, der Botschaft des Evangeliums, lädt er alle Menschen der Erde ein, am gros-sen Hochzeitsfest des Sohnes teilzunehmen. Jesus sagt damit, dass es einen Gott gibt, einen Sohn, eine Botschaft, eine Wahrheit und einen Glauben, der allein selig macht.
b) Der fehlende Widersacher
Wie bereits erwähnt, führt Lessing die Existenz der drei Ringe zurück auf einen Urheber, nämlich den König. In der Ringparabel zeichnet demnach Gott verantwortlich für das Verwirrspiel der drei sog. abrahamitischen Religionen. Die Parabel verschweigt jedoch die Möglichkeit, dass ein Widersacher des Königs die falschen Ringe ins Spiel gebracht haben könnte. Ganz im Sinne der angeblich aufgeklärten Vernunft wird also die Existenz des Teufels ausgeblendet.
Jesu Gleichnis vom «Unkraut unter dem Weizen» dagegen offenbart eine ganz andere Sachlage (Matth. 13,24–30; 36–43). Nach diesem Gleichnis sät Jesus Christus die gute Saat des Evangeliums und der Kinder Gottes in diese Welt. Doch der Teufel als Feind Gottes sät eine böse Saat, um die Wahrheit zu verdunkeln, die Menschen mit konkurrierenden religiösen Systemen zu verwirren und so den wahren Weg zu Gott unkenntlich zu machen. Gott hat mit dem Evangelium von Jesus Christus der Menschheit einen rettenden Ring offenbart. Das Verwirrspiel der Ringe und Religionen ist ein Werk des Widersachers Gottes.
c) Die geheime Kraft des Rings
Nathan erzählt, dass der Ring die «geheime Kraft» habe, «vor Gott und Menschen angenehm zu machen, wer in dieser Zuversicht ihn trug». Gerade mit Blick auf das Christentum kann dies kein belastbares Kriterium für die Echtheit des Glaubens sein. Jesus sagt ausdrücklich: «Wenn euch die Welt hasst, so wisst, dass sie mich vor euch gehasst hat» (Joh. 15,18). Die Nachfolge Jesu kann zwar auch «vor Menschen angenehm machen», wird aber in vielen Fällen Spott, Hohn, Hass und Verfolgung auslösen. Folgte man der Parabel an dieser Stelle, erschiene gerade der christliche Glaube als «unechter Ring».
d) Der Musterring ist nicht erkennbar
Die Kopien des Musterringes, die der Künstler im Auftrag des Königs erstellte, sind so täuschend echt, dass selbst der König nicht mehr weiss, welcher der wahre Ring ist. Auch die drei Söhne und später der Richter können das Original nicht von den Kopien unterscheiden. Hier kommen zwei zentrale Grundsätze der Aufklärung zum Tragen: 1.) Die Vernunft des Menschen ist die letzte Instanz in Erkenntnis- und Glaubensfragen. 2.) Ein eindeutiges Offenbarungshandeln Gottes wird ausgeschlossen.
Einerseits trauten die Aufklärer es Gott nicht zu, sich in eindeutiger und für alle Menschen verbindlicher Weise zu offenbaren, andererseits schrieben sie der menschlichen Vernunft die Fähigkeit zu, in allen Religionen rationale Prinzipien zu entdecken, die gemeinsam eine natürliche Religion bilden. Selig wird der aufgeklärte Mensch, wenn er diesen der Vernunft einsichtigen Prinzipien folgt, unabhängig davon, in welcher Religion er beheimatet ist.
Aus der Sicht des aufgeklärten Menschen sind die drei Ringe also tatsächlich identisch. Es ist seine Aufgabe, mit der Vernunft die rationalen Prinzipien der Religionen zu erkennen und danach zu handeln: «So eifre jeder seiner unbestochenen von Vorurteilen freien Liebe nach.» Daraus folgt aber auch, dass keine der drei monotheistischen Religionen beanspruchen kann, der einzig wahre Weg und die eine für alle Menschen verbindliche Wahrheit zu sein. Die Wahrheit mag zwar subjektiv geglaubt, kann aber nicht objektiv und verbindlich für alle ausgesagt werden.
Vor dem Richterstuhl des Pilatus bezeugt Jesus Christus jedoch, dass er der von Gott gesandte König ist, der die Wahrheit über Gott bezeugt: «Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme» (Joh. 18,37). Ja, er ist sogar die Wahrheit in Person: «Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich» (Joh. 14,6). Und ja, diese eine in seiner Person offenbarte Wahrheit Gottes ist auch erkennbar: «Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen» (Joh. 8,31–32).
Im Gegensatz zur Ringparabel sagt Jesus Christus, dass Gott seine Wahrheit in diese Welt hinein offenbart und dass diese Wahrheit auch vom Menschen erkannt und von der Lüge und dem Irrtum unterschieden werden kann (vgl. 1. Joh. 4,1–6).
Sind die drei Ringe wirklich identisch?
Indem Lessing Judentum, Christentum und Islam mit drei vollkommen identischen Ringen gleichsetzt, verwischt er bewusst die Unterschiede zwischen den drei monotheistischen Weltreligionen. So sehr sich die Protagonisten des Dramas auch bemühen, sie können keine Unterschiede feststellen. Wer dagegen die Schriften des Judentums, des Christentums und des Islams in die Hand nimmt, wird schnell auf gravierende Unterschiede und Gegensätze stossen.
Lesen Sie den ganzen Artikel in ethos 10/2019.