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Maaza Mengiste, amerikanisch-äthiopische Autorin hat zwei Romane veröffentlicht, die in der Geschichte Äthiopiens spielen. Ihr historischer Roman «Unter den Augen des Löwen» spielt in Addis Abeba in einer Zeit des politischen Umbruchs, nämlich des Untergangs des altehrwürdigen Kaiserreiches mit dem Sturz des letzten Kaisers Haile Selassie. Ihr zweiter, noch nicht auf Deutsch erschienener, Roman «The Shadow King» spielt während der Zeit des Einmarsches von Mussolinis Truppen in Äthiopien. Im Zentrum des Romans sind Frauen, die als Soldatinnen gegen die itaienische Invasionsarmee kämpfen.
Maaza Mengiste setzt sich in ihren Romanen und Essays nicht nur intensiv mit der Geschichte Afrikas auseinander, sie bezieht sich dort auch immer wieder auf die Aussagekraft und Ambivalenz von Fotografien. Mengiste besitzt ein grosses fotografisches Archiv, das ihr beim Schreiben von «The Shadow King» als Inspirationsquelle für Sequenzen ihres Romans gedient hat. In ihrem zweiten Roman lauten die Titel mehrerer kleinerer Kapitel «Photo». In ihnen beschreibt sie Fotos, von denen wir Leser nicht wissen, ob sie wirklich als Vorlage gedient haben oder imaginiert sind. Ganz genau schaut sie diese Fotos an, kann anhand von kleinsten Details noch Jahrzehnte später nachweisen, in welcher Region Äthiopiens die Bilder aufgenommen wurden. Sie denkt darüber nach, ob die abgebildeten Frauen und Kinder dazu gezwungen wurden, als Bildmotiv zu dienen und weshalb Einheimische mitunter nur von hinten zu sehen sind. Was wollten die italienischen Offiziere und Soldaten mit ihren Fotos, die sie nach Hause schickten, erzählen und was nicht. Was erfuhr die italienische Öffentlichkeit vom Afrikafeldzug und welche Details wurden ihr vorenthalten? In «The Shadow King» erzählt Mengiste von Frauen, die gegen die italienischen Besatzer kämpften, ein kaum erzähltes Kapitel der Geschichte ihrer Heimat. Das Bild vom Äthiopienfeldzug, das die Fotos vermittelten, sparte die Grausamkeiten der Flugzeugangriffe ebenso aus wie die Politik der verbrannten Dörfer. Was eine Fotografie noch mehr erzählen könnte, ist jeweils Ausgangspunkt von Mengistes Erzählstrang, in dem sie Erinnerungen ihrer Grossmutter und Urgrossmutter verwebt. Bei einem Bild, auf dem eine italienische Offiziersmesse zu sehen ist, steht das Fenster des Raums offen. Was ausserhalb des Raums passiert sieht man auf dem Bild nicht, was der Autorin Gelegenheit bietet, gerade diese Leerstelle zu füllen und eine Handlung zu erfinden und dem nachzugehen, weshalb sich der einzige Einheimische auf der Fotografie vom Fotografen wegwendet.
Eingeworfen am 25.6.2020