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Eine meiner Freundinnen muss einen ärztlichen Spezialisten aufsuchen. Im Wartezimmer offeriert man ihr mit ausgesuchter Höflichkeit ein Glas Wasser.
Dann kommt der junge vitale Arzt, stellt sich vor, entschuldigt sich für die Verspätung und auf dem Weg ins Konsultationszimmer legt er meiner Freundin jovial den Arm um die Schultern. Sie erschrickt und ist verunsichert. Was soll das? Eine liebevolle tröstende Geste? Schon vor dem ersten Gespräch? Soll sie Sympathie ausdrücken oder Überlegenheit? Ist es gewissermassen der körperliche Ausdruck eines herablassenden Wohlwollens? Wird er sie bald mit „gute Frau“ anreden?
Das eigentliche Gespräch beginnt der Arzt mit einem Hinweis auf seine ausländische Karriere, blättert dann in den ihm vorliegenden Unterlagen des Hausarztes und erläutert der Patientin belehrend – noch bevor er ihr Fragen zum Krankheitszustand stellt – mögliche psychosomatische Ursachen ihrer Beschwerden. Wieder ist meine Freundin irritiert. Wurde sie nicht zum Spezialisten geschickt, damit dieser mögliche körperliche Ursachen ihrer Beschwerden durch Untersuchungen ausschliessen könne? Sie weiss, dass ihr Fall nicht einfach ist, weil sie nachgewiesenermassen an zwei unheilbaren Krankheiten leidet, die zwar nicht direkt zum Tod führen, die ihr Leben aber doch sehr beeinträchtigen. Doch gerade darum möchte sie eine klare Abklärung. Weil ihre Krankheiten auch einen möglichen Einfluss auf ihre jetzigen Beschwerden haben könnten, erzählt sie dem Arzt davon. Leider kennt er die eine, eher seltene Krankheit nicht und ist auch nicht geneigt, darüber zu hören, obwohl ihm eine Blutanalyse den Sachverhalt bestätigt. Etwas schnoddrig gibt er das meiner Freundin zu verstehen. Als sie ihm die zweite Krankheit mit Fachausdruck nennt, kritisiert er ihre Aussprache. Soll sie sich mit ihm in sprachliche Diskussionen einlassen?
Schliesslich ist meine Freundin geradezu erleichtert, dass der Arzt nun doch Blutuntersuchungen und weitere Labortests anordnet und sie zu einer späteren Besprechung der Auswertungen bestellt. Mit gemischten Gefühlen verlässt sie die Praxis. Zwar ist sie froh, dass die nötigen Untersuchungen veranlasst wurden, und doch fühlt sie sich mit ihren Beschwerden nicht wirklich ernst genommen, trotz der “Umarmung” am Anfang. Ist dieser junge Mann eine neue Version der früher oft zitierten “Götter in Weiss”? Oder ist sein Verhalten Ausdruck eines übertriebenen Selbstwertgefühles?
Erst später erkennt sie, dass der Arzt mit seinem anfänglichen jovialen Verhalten und seinem betont selbstbewussten Auftreten über seine eigene Befangenheit hinweg täuschen wollte und dass ihm seine Unwissenheit über ihre seltene Krankheit Unbehagen bereitet hatte. Offensichtlich hätte er sich gerne als Dr. Allwissend dargestellt, was er auf seinem eigenen Spezialgebiet vielleicht ja auch war. War ihm entgangen, dass zuviel Glanz und Wissen dem Patienten keine Hilfe bedeutet, sondern ihn im Gegenteil nur blendet und stört? Viel wichtiger wäre ihr eine echte Anteilnahme gewesen, ein Eingehen auf ihre gesundheitlichen Sorgen, die er sich aber halt zuerst hätte anhören müssen.