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Peter Forster, Chefredaktor des Schweizer Soldat schrieb in der Weltwoche 04/2010, dass die Verschiebung des Tiger Teilersatzes das Feld für die Evaluierung des Lockheed Martin F-35 Lightening II öffne, da der F-35 “von der amerikanischen Air Force in den
kommenden Jahren in Dienst gestellt” werde. Dieser Artikel geht dieser Hypothese nach: wie wahrscheinlich ist eine Aufnahme der F-35 in das Evaluierungsprogramm des Tiger Teilersatzs? Welche Faktoren sprechen dafür bzw. dagegen?
Eintrittspreis
Die USA ist der primäre Kunde für den Lockheed Martin F-35 Lightening II; der Kampfflieger war – im Gegensatz zum Lockheed Martin F-22 Raptor – jedoch von Anfang an als Exportprodukt konzipiert. Drei sogenannte Partnerlevel definieren den Grad der Beteiligung der Partnerländer bei der Entwicklung des F-35. Je höher in der Rangliste, desto höher ist die Beteiligung an den Entwicklungskosten und im Gegenzug das Ausmass des Technologietransfers sowie der wirtschaftlichen Beteiligung bei Entwicklung und Herstellung. Die Reihenfolge der Auslieferung der bestellten Kampfflugzeuge ist eher lose an den Partnerlevel gebunden. Grossbritanien ist der einzige Level 1 Partner und hat dafür rund 2 Milliarden US-Dollar der Entwicklungskosten übernommen. Die Level 2 Partner Italien und Niederlanden haben 1 Milliarde bzw. 800 Millionen US-Dollar beigesteuert und die Level 3 Partner Kanada, Türkei, Australien, Norwegen und Dänemark zahlten zwischen 125-175 Millionen US-Dollar. (Quelle: Report to the Chairman, Committee on Small Business, House of Representatives, “Joint Strike Fighter Acquisition“, May 2004, p. 13). Noch tiefer in der Hierarchie sind die Security Cooperative Participants (SCP) Israel und Singapur, wobei es nicht klar ist, ob die SCP einen Eintrittspreis bzw. in welcher Höhe sie den Eintrittspreis zu bezahlen hatten. Der Eintrittspreis ist unabhängig vom Abschluss eines Kaufvertrages – angesichts der Sparübungen beim Bund ist es unwahrscheinlich, dass eine solche Investition vom Bundesrat bzw. Parlament abgesegnet würde. Zum Vergleich: für das Beschaffungsprojekt Tiger Teilersatz wurde vom Parlament in der Wintersession 2007 8 Millionen SFr bewilligt.
Technologietransfer und Industriebeteiligung
Ungleich zu einem Autokauf, geht es beim Kauf eines Kampfflugzeugs auch um einen Technologietransfer, denn Wartung und Reparaturen sollten möglichst unabhängig vom Hersteller durchgeführt werden können. Darüber hinaus ist die Armasuisse an einer direkten bzw. indirekten Beteiligung der schweizerischen Industrie interessiert, sei es um den Technologietransfer, für die Schweiz spezifische Anpassungen oder einen positiven volkswirtschaftlichen Nutzen sicherzustellen. Auch wenn die Bezahlung eines Eintrittspreises oder eines höheren Stückzahlpreises einen Technologietransfer und eine Industriebeteiligung ermöglichen könnte, gibt es dafür keine Garantie. So kritisieren einige Partnerländer, dass trotz ihres finanziellen Engagements der Technologietransfer zu restriktive stattfinde (Quelle: Jeremiah Gertler, “F-35 Joint Strike Fighter (JSF) Program: Background and Issues for Congress“, Congressional Research Service, 22.12.2009, p 13ff). Die israelische Forderung ihre F-35 mit eigener Elektronik auszustatten, wurde ausserdem vom Pentagon abgelehnt (Quelle: The Jerusalem Post, “Israel-US JSF deal likely to be delayed“, 08.09.2009).
Kaufpreis
Im letzten Jahr wurde bekannt, dass die projektierten 2,2 Milliarden SFr nur für 22 anstatt 33 Kampfflugzeugen ausreichen. Es ist also davon auszugehen, dass die Offerten der Hersteller bei ca. 100 Millionen SFr pro Kampfflugzeug zu liegen kamen. Peter Forster stellt in seinem Artikel in Aussicht, dass der Stückpreis einer F-35A der US Air Force bei einem Bestellumfang von 1763 Stück unter 100 Millionen US-Dollar veranschlagt werden könnte. Im Februar 2008 ging die US Air Force in der Tat davon aus, dass der kampffähige F-35A einen Produktionspreis von 90 Millionen US-Dollar aufweisen wird (Quelle: Aircraft Procurement, Air Force, Vol. 1, FY 2009 Budget Estimates, Februar 2008, S 43). Wie teuer der F-35 für die Schweiz sein könnte, lässt sich damit jedoch kaum ableiten und wird massgeblich von der Bestellmenge, der Ausstattung, den geforderten Anpassungen, dem Zeitpunkt der Bestellung, vom Einbezug der Entwicklungskosten, des angestrebten Technologietransfers und der Industriebeteiligung abhängen. Japan beispielsweise beabsichtigt 40 F-35 für 101 Millionen US-Dollar pro Stück zu beschaffen (Quelle: “Japan Mulls F-35 Purchase As Next Main Fighter Jet” Agence France-Presse, veröffentlicht bei Defense News, 23.11.09). Israel plante Ende 2009 25 F-35A in Auftrag zu geben und erwartet (inkl. Modifikationen) einen Kaufpreis von rund 140 Millionen US-Dollar pro Stück (Quelle: The Jerusalem Post, “Lockheed Martin reps in Israel amid concerns“, 04.11.2009). Australien unterzeichnete ein Vertrag zum Kauf von 14 F-35A für umgerechnet rund 3,2 Milliarden SFr (inkl. Infrastruktur und Support für Training bzw. Testing) d.h. rund 230 Millionen SFr pro Stück (Quelle: “The Australian Debate: Abandon F-35, Buy F-22s?“, Defense Industry Daily, Update vom 25.11.09). Der hohe Stückpreis liegt vermutlich auch darin begründet, dass Australien mit Auslieferungsdatum 2014 (eher 2015) direkt nach den USA beliefert wird. Das hiesse aber auch, dass sich ein spätes Auslieferungsdatum positiv auf den Kaufpreis auswirken könnte. (Quelle: The Jerusalem Post, “Lockheed Martin reps in Israel amid concerns“, 04.11.2009).
Technologierisiko
Natürlich würde die Schweizer Luftwaffe mit dem F-35 ein Kampfflugzeug der 5. Generation erhalten – die derzeit evaluierten Kampfflugzeuge gehören der 4. Generation an. Kampfjets der 5. Generation zeichnen sich durch fortschrittliche Stealthfähigkeit, einer hochmoderne Avionik und insbesondere durch eine vollständige Integration in eine netzwerkzentrierte Kriegsführung aus. Einerseits sollte die Schweiz den technologischen Anschluss nicht verpassen, andererseits ist in Hinblick auf das schmale Budget zu hinterfragen, ob die Schweiz für den wahrscheinlichsten luftpolizeilichen Einsatz wirklich ein Kampfflugzeug der 5. Generation benötigt. Die Aufwuchskerne operatives Feuer und Luftaufklärung sind massgeblich von der Anzahl der neu beschafften Kampfflugzeuge abhängig und weniger von deren technologischen Generationszugehörigkeit (vgl.: Michael Grünenfelder, “Weiterentwicklung der Luftwaffe bis 2015 – eine Strategie“, Air Power Revue der Luftwaffe Nr. 1, Beilage zur ASMZ 10, 2003). Ausserdem birgt eine neu eingeführte Technologiegeneration auch immer ein höheres Risiko. Ein Beispiel: der F-35 wird das erste Kampfflugzeug mit dem neuen Multifunction Advanced Data Link (MADL) sein. MADL wird den heute gängigen Link 16 ablösen, um durch den höheren Datendurchsatz eine vollkommene Integration des Kampfflugzeugs in die netzwerkzentrierte Kriegsführung zu ermöglichen. Welche Konsequenzen hat dies auf die Ausrüstung der Bodenkontrolle, auf den Daten-Link des F/A-18C/D, auf die Einsatzführung generell usw. ? Kinderkrankheiten können bei einem so neuen Kampfflugzeug nicht ausgeschlossen werden. Beispielsweise erfüllte der Eurofighter EF 2000 Typhon die vollständige Luft-Luft-Fähigkeit (Block 2B) Ende 2006, besitzt aber immer noch Kinderkrankheiten (vgl.: “Blindflug im Eurofighter“, Spiegel, 06.06.2009 und Alexander Szandar, “Mängel an der Heckflosse“, Spiegel, 03.08.2009). Im Gegensatz dazu ist die Dassault Rafale M seit dem 25. Juni 2004 operationell im Einsatz, der Saab JAS-39 Gripen sogar schon seit 1996.
Lieferfristen
Das US Militär wird verteilt auf die nächsten 20 Jahre rund 2723 F-35 beschaffen (US Air Force 1763 F-35A; US Marines und US Navy je 480 F-35B bzw. F-35C). Die Zahl der Bestellungen der Partnerländer ist starken Schwankungen unterlegen, wird aber grob geschätzt 600-675 F-35 über die nächsten 10 Jahre betragen. Ein so weit verbreitetes Kampfflugzeug bringt Vorteile was Verfügbarkeit von Ersatzteile und Weiterentwicklung, Nachteile was Lieferfristen angeht. Ohne Beteiligung an den Entwicklungskosten, könnte die Schweiz keine privilegierte Behandlung erwarten und würde dementsprechend spät mit F-35 beliefert werden. Ursprünglich war 2013 die Auslieferung der ersten F-35A an die US Air Force geplant. Dieses Datum ist jedoch mit Vorsicht zu geniessen, denn anfangs Februar 2010 wurde bekannt, dass sich das F-35 Programm mindestens um ein Jahr verzögern wird. Auch wenn Australien mit Auslieferungsdatum 2014 (eher 2015) zu den ersten belieferten Staaten ausserhalb der USA gehört, wird das erste Geschwader frühestens 2018 (eher 2019) operationell sein (Quelle: “The Australian Debate: Abandon F-35, Buy F-22s?“, Defense Industry Daily, Update vom 25.11.09). Nach dem die Verhandlungen mit Israel wegen den von Israel geforderten Bedingungen im November 2009 etwas ins Stocken geraten sind, wird die Auslieferung des F-35 frühestens auf 2015/2016 erwartet (Quelle: The Jerusalem Post, “Lockheed Martin reps in Israel amid concerns“, 04.11.2009). Bei einer Verschiebung der Beschaffung bis nach 2015 und der zusätzlich benötigte Zeit für eine neue Gesamt- oder Teilevaluierung fallen mögliche Lieferfristen für die Schweiz nicht so stark ins Gewicht d.h. die Vorteile eines weit verbreiteten Kampfflugzeuges würden gegenüber den derzeitig evaluierten Kampflugzeuge überwiegen.
Ist die Schweiz ein verlässlicher Geschäftspartner?
Ein Entscheid, die F-35 mittelfristig in die Evaluierung eines neuen Kampfflugzeuges aufzunehmen, ist nicht nur von der Schweiz abhängig, sondern massgeblich vom Willen des Herstellers eine Offerte einzureichen. EADS, Dassault und Saab hatten beim Zeitpunkt der Einreichung ihrer Offerten noch keinen durchschlagenden Exporterfolg. Sie würden die Schweiz als Käufer schätzen, weil sich ein erfolgreiches Bestehen des schweizerischen Evaluierungsprozesses gut vermarkten lässt. Ganz anders sieht dies bei den US-amerikanischen Herstellern aus: ihre Produktionen sind ausgelastet, sie sind nicht auf die Schweiz als Käufer angewiesen. So entschied McDonnell Douglas / Boeing Ende April 2008 der Schweiz keine Offerte für die F/A-18E/F Super Hornet zu unterbreiten. Gründe für diesen Entscheid könnten schweizerische Sonderwünsche und die projektierte hohe Auslastung der Boeing-Werke gewesen sein. Für Boeing ist die Konzentration auf den Markt viel wichtiger als eine komplizierte Zusammenarbeit mit der Schweiz. Das Hin und Her bei der Beschaffung des Tiger-Teilersatzes fördert die Attraktivität der Schweiz als Geschäftspartner sicherlich nicht. Zuerst forderte die Schweiz Offerten für 33 Kampfjets an, mit der Aussicht mit dem Rüstungsprogramm 2010 ein Typenentscheid zu fällen. Dann wurde die Anzahl der zu beschaffenden Kampfflugzeuge auf 22 reduziert, anschliessend sogar eine Verschiebung des gesamten Geschäfts bis nach 2015 in Aussicht gestellt. Die neuste Idee wäre eine tranchenweise Beschaffung von 10-12 Kampfjets, vermutlich nach der Fertigstellung des neuen Sicherheitspolitischen Berichts im Laufe des Jahres 2011 (vgl.: Heidi Gmür und Andreas Schmid, “Rettungsversuch für den Kauf neuer Kampfjets“, NZZ, 21.02.2010).
Fazit
Die Voraussetzung, dass der F-35 auch nur die leiseste Chance zur Aufnahme in den Evaluierungsprozess zum Tiger Teilersatz hätte, wäre die Verschiebung der Beschaffung bis nach 2015. Gleichzeitig würde die Schweiz die drei aktuellen Offertensteller vor den Kopf stossen und sich zwangsläufig als wenig verlässlichen Geschäftspartner outen. Dies kombiniert mit der geringen Bestellmenge, der fehlenden Beteiligung an den Entwicklungskosten, der Forderung nach Technologietransfer, direkte bzw indirekte Industriebeteiligung und einem möglichst tiefen Stückpreis, macht die Schweiz nicht unbedingt zu einem begehrten Käufer. Es ist deshalb nicht sicher, ob Lockheed Martin überhaupt an einem Geschäft mit der Schweiz interessiert wäre. Sollten Technologietransfer, direkten und indirekten Industriebeteiligung nicht bzw. nur zu einem deutlich höheren Preis möglich sein, würde dies den F-35 vermutlich bereits vor einem Evaluierungsprozess ausschliessen, denn für die Sicherstellung eines möglichst umfassenden Aufwuchskerns ist der Anzahl zu beschaffender Kampfflugzeuge der technologischen Generation den Vorrang zu geben. Nicht zu vergessen: je höher die Kosten, um so wahrscheinlicher ist eine Blockierung der Beschaffung durch Parlament oder Volk.
Zusammenfassend erachte ich Peter Forsters Meinung, dass die F-35 mittelfristig ins Evaluierungsprogramm des Tiger Teilersatz aufgenommen werden könnte, als sehr optimistischen Blick in die Kristallkugel.
Update vom 12.03.2010
Die Rüstungsindustrie ist schnelllebig und kaum voraussehbar. Gestern Donnerstag, am 11.03.2010 wurde vom US Senate Armed Services Committee eine Anhörung über den Stand des F-35 Programms durchgeführt. Es wurde festgestellt, dass sich die Entwicklung des F-35 wegen Umstrukturierungsmassnahmen durch das US Verteidigungsministerium rund 2 Jahre hinter dem Zeitplan befindet. Von den 13 bestellten Test-Kampfflugzeugen konnte Lockheed Martin nur 4 ausliefern. Die industrielle Produktion des F-35 wird frühestens im April 2016 beginnen. Damit steigen auch die Stückzahlkosten, welche nun bei mindestens 112 Millionen US-Dollar liegen sollen. (vgl.: Michael Sullivan, “Joint Strike Fighter – Significant Challenges Remain as DOD Restructures Program“, United States Government Accountability Office, 11.03.2010 und Bill Sweetman, “JSF In The Dock“, Ares on Aviation Week, 11.03.2010).
Update vom 02.05.2010
Gemäss einer Schätzung des US Naval Air Systems Command wird eine Flugstunde des F-35B oder F-35C im Jahre 2029 rund 31’000 US-Dollar kosten, verglichen mit rund 19’000 US-Dollar beim F/A-18 Hornet oder AV-8B Harrier. Kritiker der Schätzung führen ins Feld, dass damit die Grundlage zur Reduktion der Anzahl zu bestellende F-35 geschaffen werde hätte werden sollen:
The NavAir position – not in the formal sense, but as a corporate beliefe – is that they need and want out of the [F-35] program.” — Winslow T. Wehler, Direktor des Straus Military Reform Projekt am Center for Defense Information zitiert in John Reed und Andrew Tilghman, “USN’s F-35 Cost Forecast Stirs Debate Over Program”, Defensenews, 25:4, 25.01.2010, p. 4.
Gemäss Angaben des VBS kostet 2003 eine Flugstunde im F/A-18 21’500 Franken, im F-5 Tiger 13’300 Franken (Quelle: Andreas Richner und Daniel Heller, “Ausbildungskooperation – sinnvoller Beitrag zur Aufrechterhaltung einer eigenen Luftwaffe“, Sicherheitspolitische Information, Verein Sicherheitspolitik und Wehrwissenschaft (VSWW), August 2003, p. 6.)
Bildverzeichnis
Oben links: F-35 über den Voralpen? Nicht ganz! Die Zeichnung zeigt zwei (zukünftige) tieffliegende F-35A Lightning II der Royal Norwegian Air Force über der nord-norwegischen Küstenlandschaft zwischen Bodo und Tromso (Bild: Mark Postlethwaite).
Mitte rechts: Visitors take a closer look at a Lockheed Martin F-35 fighter jet at the Singapore Airshow 2010 in Singapore on Feb. 2. (Photo by Roslan Rahman, AFP, Getty Images)
Mitte zentriert: With a U.S. Marine Corps F/A-18 chase plane close behind, U.S. Air Force Lt. Col. James "Flipper" Kromberg streaks across north Texas in the F-35 Lightning II on Wednesday, Jan. 30 2008. Kromberg became the first military pilot to fly the F -35, praising the aircraft's power and describing its handling as "phenomenal." (Photo by David Drais, Lockheed Martin).