Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03564.jsonl.gz/780

Die Linguistin Anne-Claude Berthoud ist seit Juni Präsidentin der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften.
Im Gespräch mit swissinfo plädiert sie für den verstärkten Einbezug der Geisteswissenschaften in die Forschung.
Anne-Claude Berthoud hat am 19. Juni die Nachfolge von Roland Ris von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich angetreten. Sie ist Professorin am Institut für Linguistik und Sprachwissenschaften der Universität Lausanne.
In ihren Forschungen befasst sie sich besonders mit den verschiedenen Aspekten der Mehrsprachigkeit. Diesbezüglich könne die Schweiz Europa als Modellfall dienen, so eine ihrer Thesen.
swissinfo: Sind Sie ein eigentliches Produkt der mehrsprachigen Schweiz?
Anne-Claude Berthoud: Ja. Mit meinem Fachgebiet der Linguistik befinde ich mich an einer Schnittstelle der Sprachen. Ich spreche auch Deutsch und kann damit von der Mehrsprachigkeit der profitieren.
Wir müssen versuchen, die Mehrsprachigkeit als ein Plus anzusehen und dafür sorgen, dass die Schweiz als Labor für das im Aufbau befindliche Europa dienen kann. Ein Europa, das versuchen muss, seine Vielfalt zu bewahren.
Ich glaube, dass meine eigenen Dialogerfahrungen als Schweizerin, und weil ich auch im Conseil européen pour les langues Einsitz habe, besonders relevant sind. Das Schweizer Modell, dank dem alle ihre eigene Sprache sprechen und die anderen verstehen können, sollte in Brüssel als Modell dienen.
swissinfo: Was sagen Sie zum Beschluss einiger Kantone, in der Schule zuerst Englisch vor einer zweiten Landessprache zu unterrichten?
A.-C. B.: Ich finde das ausserordentlich schade, denn psychologisch gesehen kann die Bevorzugung des Englischen vor dem Französischen negative Auswirkungen auf das Lernen der Landessprachen haben.
Auf europäischer Ebene möchten wir das Erlernen der Muttersprache und mindestens zweier Fremdsprachen fördern. Eine davon sollte eine grosse Verkehrssprache sein (namentlich Englisch), die zweite die Sprache einer Nachbarregion, die eher identitätsstiftend ist. Wir möchten die Sprache einer Nachbarregion vorrangig behandeln, denn wir wissen, dass man das Englische später ohnehin mitbekommt.
Ausserdem funktionieren unsere Kinder vor allem in der Wirtschaft, und die Tatsache, dass sie zuerst Englisch lernen, motiviert sie nicht unbedingt dazu, noch eine andere Sprache zu lernen.
swissinfo: Es gibt auch die andere Theorie, wonach Englisch ein Interesse für Sprachen im Allgemeinen weckt und die Landessprachen dadurch gewinnen werden.
A.-C. B.: Das ist vor allem Theorie. Ich denke vielmehr, dass der erste Kontakt mit einer Sprache aus menschlichen Gründen, als Grundlage für den Dialog, geschehen muss.
Ist es denn nicht wichtig, dass man zuerst mit jenen ins Gespräch kommt, welche nur ein paar Dutzend oder hundert Kilometer entfernt wohnen, bevor wir mit der weiten Welt kommunizieren?
swissinfo: Die Französischsprachigen beklagen sich oft über den Vormarsch des Dialekts in den Medien. Umgekehrt müssen die Menschen in der Deutschschweiz eine Sprache reden und schreiben, die nicht ihre Muttersprache ist. Das ist doch recht kompliziert, finden Sie nicht?
A.-C. B.: Es stimmt, man sollte die Deutschschweizer Dialekte aus Identitätsgründen unterstützen. Es ist wichtig, seine eigene Sprache sprechen zu können, aber es ist ebenso wichtig, sich sehr schnell den anderen zu öffnen. Wenn man nur noch Dialekt spricht, verschliesst man sich den anderen.
Um diese Gefahr zu vermeiden, müssen die Deutschschweizer schnell mehrsprachig werden. Das ist anspruchsvoll, aber ohne das geht es heute nicht mehr. Wer in der Deutschschweiz nicht gut Hochdeutsch kann, ist stark im Nachteil.
swissinfo: Sie wurden zur Präsidentin der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften gewählt. Was möchten Sie in diese Institution einbringen?
A.-C. B.: Wenn man überlegt, was Geistes- und Sozialwissenschaften heute sind und was sie vereinigt, so gibt es drei Elemente hervorzuheben:
Sie sind in der Geschichte verankert, in den Beziehungen mit anderen und im Wort. Als Linguistin, deren Arbeitsgebiet die Kommunikation ist, liegt mein Ziel sowohl auf der Linie der Beziehung zu anderen wie im Wort.
Da sich die Geisteswissenschaften überall mit dem Reden befassen, befinde ich mich genau im Zentrum der Geistes- und Sozialwissenschaften.
Andererseits ist eines der grossen Projekte der Akademie die bessere Integration der verschiedenen Geistes- und Sozialwissenschaften, damit sie gegen aussen gemeinsam auftreten können.
Dann geht es darum, die Geistes- und die Naturwissenschaften von ihrer Aufsplitterung zu befreien, neue Formen des Dialogs zu finden und dabei nicht nur auf die Rolle der moralischen und kritischen Unterstützung der Naturwissenschaften reduziert zu bleiben.
Diese Integration besteht darin, neue, interdisziplinäre Forschungsobjekte zu lancieren, zum Beispiel zu den Stammzellen, zum Klonen und von Anfang an zusammenzuarbeiten.
Und schliesslich arbeiten die Linguisten mit der Sprache, die für den Aufbau und die Verbreitung von Wissen verantwortlich ist. In einem Labor sprechen die Forscher von den ersten Versuchen an zusammen, geben weiter, was sie finden.
Für uns Linguisten ist es auch ein sehr schönes Ziel, dieses elementare Reden zu untersuchen, vom Anfang einer Erkenntnis bis zur definitiven Veröffentlichung in einer grossen Zeitschrift.
Durch die schnelle Verbreitung über die neuen Medien besteht heute oft die Gefahr, dass Aufbau und Weitergabe von Erkenntnissen beschleunigt und gar vermischt werden.
swissinfo: Konkret?
A.-C. B.: Wir organisieren an der Universität Lausanne ein gemeinsames Seminar mit Leuten aus Biologie, Medizin, Geschichte und Theologie. Dabei geht es um Determinismen, um die Erkenntnisse zusammen zu fassen und eine Diskussion über den angeborenen und den erworbenen Teil in der Entwicklung von Wissen einzuleiten.
Bei diesen Diskussionen geht es ganz direkt um Natur- und Geisteswissenschaften. Und auch zur Frage, woher Sprache kommt, wird es sehr interessante Diskussionen geben.
swissinfo: In der Schweiz dreht sich die gegenwärtige Diskussion um angewandte Forschung und um die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit. Wie interessant sind die Geisteswissenschaften für die Industrie?
A.-C. B.: Dazu bietet der Schweizerische Nationalfond zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF) verschiedene Arten von Aktivitäten an, namentlich die nationalen Forschungsprogramme. Das sind Programme, in denen die Forschung nach Lösungen für dringende Fragen sucht, die von Politik oder Wirtschaft aufgeworfen wurden.
Andererseits leitete der SNF letztes Jahr zusammen mit der Akademie den Aufbau von Spitzenforschungszentren für die Geistes- und Sozialwissenschaften ein, die vor kurzem ausgeschrieben wurden.
In der Schweiz werden vermutlich vier oder fünf grosse Zentren für Geisteswissenschaften geschaffen. Sowohl bei der Wissenschaft wie bei der Politik ist also der Wille vorhanden, die Geisteswissenschaften beizuziehen, um Antworten auf konkrete Fragen zu finden.
Ganz allgemein kann die Wissenschaft nicht mehr lange weiter bestehen, wenn sie nicht von Anfang an die Geisteswissenschaften in den Forschungsprozess einbezieht. Dieser Einbezug, der heute in der Luft liegt, kann mit der Umschreibung "Überwindung der Aufsplitterung der Wissenschaften" zusammengefasst werden. Es geht um ein sehr breit angelegtes Programm, und wir stehen erst ganz am Anfang.
swissinfo: Wie sehen Sie das 21. Jahrhundert?
C. B.: Es muss gleichzeitig humanistisch und mehrsprachig sein, es muss die Einzigartigkeit in der Vielfalt fördern, die Gefühle, irgendwo und überall zu sein, unter einen Hut bringen. Es muss Bürgerinnen und Bürger schaffen, die gleichzeitig im Boden verankert und offen für die Welt sind.
Man sagt, das 21. Jahrhundert wird humanistisch sein oder gar nicht. Und die Geistes- und Sozialwissenschaften müssen alle Seiten dieser Aussage ausleuchten und ihr gewachsen sein.
Interview swissinfo: Isabelle Eichenberge
(Übertragung aus dem Französischen: Charlotte Egger)
In Kürze
Anne-Claude Berthoud, Professorin für Linguistik an der Universität Lausanne, ist neue Präsidentin der Schweizerischen Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften.
In der Akademie sind 50 wissenschaftliche Gesellschaften aus den Bereichen Literatur, Kommunikation, Ethnologie und Theologie vertreten.
Die Institution zur Förderung der Forschung wurde 1946 gegründet und ist vom Bund anerkannt.