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Newsletter 72
Dezember 2015
Diese Ausgabe enthält folgende Themen:
- Kolumne: Karl Heinrich Ulrichs - der ganz grosse Pionier
- Alain Claude Sulzer und sein Roman "Postskriptum"
Karl Heinrich Ulrichs - der ganz grosse Pionier
eos. Meine Kolumnen für das Jahr 2015 begannen mit dem Gedenken an den 80. Todestag von Dr. Magnus Hirschfeld, dem Gründer des Wissenschaftlich-humanitären Komitees in Berlin (1897) und damit der ersten Homosexuellen-Organisation. Die letzte Kolumne dieses Jahres soll den ganz grossen Pionier der Schwulen-Befreiungsbewegung in Erinnerung rufen: Karl Heinrich Ulrichs, vor 190 Jahren geboren und vor 120 Jahren gestorben.
Dieser bedeutende Mann wurde am 28. August 1825 auf Gut Westerfeld in Aurich (Ostfriesland, damals Königreich Hannover) geboren, wo ihm seit 2014 ein Platz gewidmet ist. Er starb am 14. Juli 1895 in L'Aquila im Exil, enttäuscht von Deutschland, wo er um Ehre und Existenz gebracht worden war. Er war der erste, der die grossen Anliegen von gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen formulierte und als Forderungen in die Öffentlichkeit trug:
Volle Akzeptanz
Gleiche Rechte
Gesetzlich geschützte Paarbeziehungen
Keine "Vergewaltigungen und Schmähungen"
Zur Durchsetzung dieser Ziele verlangte er von den "Urningen" (Schwulen):
Das Bilden von Gruppierungen
Eingaben an die Gesetzgeber
Öffentliche Demonstrationen
Streit- und Informationsschriften
Archive ihrer Geschichte
Eigene Unterstützungskassen
Öffentliches Sich-bekennen (Coming out, Outing)
Ulrichs gilt als erster in aller Offenheit lebender Schwuler. Das verzieh ihm die damalige Gesellschaft nicht. Man verspottete, verhöhnte, boykottierte, verfolgte und vertrieb ihn. Doch zum eigentlichen Rückzug zwangen ihn die Einführung des preussischen Paragraphen 175 im gesamten Deutschen Kaiserreich (1871) und die Passivität seiner eigenen Schicksalsgenossen. 1880 emigrierte er nach Italien und starb 15 Jahre später, hoch geachtet als Gelehrter der lateinischen Sprache und Herausgeber der Zeitschrift "Alaudae" (1889 bis 1895), worin er für ein modernisiertes Latein als Lingua franca für Gelehrte warb. In dieses eine seiner diversen Fachgebiete hatte er sich zurückgezogen. Und dafür erhielt er 1895 die Doktorwürde durch die Universität Neapel; zu seinen Lesern gehörte unter anderen auch Königin Margherita von Italien.
Zwei Jahre nach seinem Tod wurde in Berlin das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) gegründet, also eine erste Gruppierung, die sich im Sinn von Karl Heinrich Ulrichs' Forderungen zu betätigen begann.
Die grossen Anliegen Ulrichs' waren Dr. Magnus Hirschfeld bekannt, und so suchte er 1909 auf einer Italienreise den Friedhof von L'Aquila auf und liess sich vom Wärter zum Grab führen als "erster, der vierzehn Jahre nach der Beerdigung" die Ruhestätte des "fremden Mannes" sehen wollte. Hirschfeld traf auch den alten Marchese Dottore Niccolò Persichetti, der sich Ulrichs' freundschaftlich angenommen hatte. So erfuhr er vieles über die letzten Jahre des Pioniers und grossen Gelehrten: Persichetti liess ihn neben der Grabkapelle seiner Familie bestatten und eine Steinplatte beschriften. Offenbar kehrte Hirschfeld ergriffen von dieser Begegnung nach Berlin zurück, denn im selben Jahr veröffentlichte er im WhK-Jahrbuch 1909 ein Gedicht. Daraus einige Zeilen (aus: Vierteljahresberichte des Wissenschaftlich-humanitären Komitees, Jahrgang 1, Heft 1 / Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen 10, S. 31-35, Berlin 1909):
[...]
Auch dort ruht einer von den Allerbesten,
Carlo Arrigo Ulrichs ward genannt
Zuletzt der Mann, von dem ich suchend fand
Zu Aquila den Leichenstein,
Im Campo Santo dort ruht sein Gebein.
[...]
Ich traf auch noch in Aquila den Alten,
Der Ulrichs in den Armen hat gehalten,
Als er die Augen schloss zum letzten Schlafe
Marchese Persichetti heisst der Brave -
Und selten hat mich etwas so gerührt,
Als wie er zu den Stätten mich geführt,
An denen Ulrichs, den er hoch verehrte,
Bis er erlöst ward, lebte, litt und lehrte.
Zwei Wörter aber gruben sich mir ein,
Die eingegraben waren auf dem Stein
In einer Inschrift, die ihn rühmte sehr,
Sie rührte auch von Persichetti her:
"Exul et pauper", konnte dort man lesen,
Arm im Exil ist dieser Held gewesen.
Als hätte er es ahnen können, "exul et pauper" war auch Hirschfeld an seinem Lebensende. Aus Nazi-Deutschland weggetrieben starb er 1935 im südfranzösischen Exil.
Mir persönlich war es schon lange ein Anliegen, Karl Heinrich Ulrichs' Grab zu besuchen, eine Art von Pilgerziel. Nach dem verheerenden Erdbeben vom 6. April 2009 verstärkte sich der Wunsch. Ich wollte sehen, ob nebst der Stadt L'Aquila auch der Cimitero Comunale zerstört worden war. Im Oktober 2012 hielten wir uns (Röbi Rapp, Giovanni Lanni mit seiner Mutter und ich) in der Gegend zwischen Rom und Neapel auf und legten den Rückweg via Adriatische Küste fest. Dazwischen lagen die Abruzzen, der Gran Sasso und L'Aquila an dessen Fuss. Giovanni trat mit dem Custode, dem Friedhofwärter in Kontakt. Am Ort entpuppte er sich als liebenswürdiger betagter Priester, der uns durch den alten, unversehrten Teil des "Campo Santo" mit seinen Grabkapellen und hohen Zypressen wie durch einen Wald führte. Beim Bau der Persichetti-Familie wies er nebenan auf die schlichte Platte mit der kaum noch leserlichen lateinischen Inschrift. Es kämen immer wieder Besucher, meinte er, und zeigte auf einen halbverwelkten kleinen Kranz von zartrosa Blüten mit grünem Band.
O, sinnig, dachte ich, grün war doch die Erkennungsfarbe im antiken Rom, Mann trug einen grünen Stein am Finger oder auf der Fibel oder gar ein grünes Band an der Tunika. Passt sicher für einen Lateiner wie Ulrichs. Wir legten unseren Strauss mit Herbstblättern, gelben Gerbera und ja, auch etwas Grünzeug daneben. Der Custode lächelte und sagte, die Grabplatte sei leider an der Ecke oben angebrochen, und fast flach auf der Erde liegend habe er sie vorgefunden:
"In Italien hat ja niemand Geld. Die Besucher sagen immer, sie würden für eine Reparatur sammeln, aber nichts geschah. Ich habe den Stein gereinigt, so dass die Schrift etwas leserlicher wurde und schliesslich mit einem Gehilfen angehoben. Er machte einen guten, festen Untergrund, so dass die Ecke nicht abbrechen konnte. Man darf doch den berühmten Fremden nicht so vernachlässigen."
Damit zog er sich in seine Wohnung neben dem Eingangsportal zurück.
Wir kauerten nieder und dachten an den mutigen Mann, der am 29. August 1867 - genau einen Tag nach seinem 42. Geburtstag - am Deutschen Juristentag in München vor 500 geladenen Fachleuten eine Rede gehalten und die Abschaffung aller Paragraphen gefordert hatte, die jene Menschen diskriminieren, zu denen auch er selbst sich zähle. Auch er war ein angesehener Jurist. Doch im ausbrechenden Tumult wurde er rasch übertönt und schliesslich aufgefordert, den Saal zu verlassen.
Als wir zurückgingen und uns beim Custode bedanken wollten, war er nirgends zu sehen, alles Klopfen vergeblich. Es war Mittag. Vermutlich nahm er irgendwo sein Essen ein. So legten wir die für ihn bestimmte Euro-Note unter die Türvorlage und fuhren weiter. Im späteren Abend riefen wir an. Erfreut bat er, doch am Apparat zu bleiben, er wolle sofort nachsehen und war dann erleichtert und "endlos dankbar" über die carissimi amici. Ja, er war offensichtlich auch einer von den Verfemten oder besser: den Verzauberten.
Schwules Leben im zwanzigsten Jahrhundert
jb. Das Genre des historischen Romans eignet sich nicht nur für die Vergegenwärtigung weit zurückliegender Zeiten, entlegener Gegenden und strauchelnder oder strahlender Helden. Auch die Geschichte der Homosexualität konkretisiert sich vor den Augen des zeitgenössischen Lesers im Historienroman, dies umso mehr als frühere Dokumente über die Liebe zum gleichen Geschlecht vorwiegend aus Gerichtsakten bestehen und damit nur den kriminologischen Aspekt der gleichgeschlechtlichen Liebe abdecken. Im neuen Roman des Basler Autors Alain Claude Sulzer ("Ein perfekter Kellner", "Aus den Fugen") begegnen wir einem getauften Schauspieler jüdischer Herkunft und einem Schweizer Postbeamten, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ein Versteckspiel treiben, um ihre wahre sexuelle Natur zu verbergen, und dabei ungewollt in den Strudel der historischen Ereignisse geraten.
Einzelne Figuren des Romans werden dem Leser bekannt vorkommen, beispielsweise der italienische Filmregisseur Luchino Visconti oder die vermutlich bisexuelle Filmschauspielerin Greta Garbo. Doch die beiden Protagonisten mag es so nicht gegeben haben, auch wenn Lionel Kupfer, der von allen Frauen begehrte Filmstar, an reale Personen denken lässt, beispielsweise an Rock Hudson, den Hollywood-Schauspieler, den viele für einen Frauenheld hielten, bis er 1985 an den Folgen von Aids verstarb. Auch Walter, der biedere Postbeamte, den es ins Engadin verschlägt, ist so eine Figur: Er ist dem Kleinbürgertum der dreissiger Jahre entsprungen und weiss mit seiner Homosexualität wenig anzufangen, bis er - viel später - sich endlich so zu leben entschliesst, wie es seiner Natur entspricht. Als Hauptbühne, auf der sich ein wesentlicher Teil des Dramas abspielt, wählte der Autor das von Historizität triefende Hotel Waldhaus in Sils. Dorthin ist die Mutter Walters unterwegs, in einer Eisenbahn, die am Walensee entlang durch die kalte Landschaft dampft, um den Gästen des vornehmen Hauses die Bettwäsche zu bügeln. Die Wendungen der Lebensläufe und die Weltgeschichte nehmen ihren Lauf: Der abgehalfterte Schauspieler entrinnt der Hölle des Zweiten Weltkriegs in New York; der Postbeamte heuert bei der nationalen Fluggesellschaft an; und die Mutter beendet ihr Leben bei den Nonnen des Klarissen-Ordens.
Alain Claude Sulzer präsentiert seine Hauptfiguren mit historischer Sorgfalt. Er lässt sie vor dem Hintergrund der kulturellen und politischen Ereignisse plastisch vor Augen treten, was ihm vor allem dank seiner ziselierten Sprache gelingt. Seine Wortwahl mag einem manchmal als allzu abgehoben und ironisch distanzierend vorkommen, dient aber der Charakterisierung von Situationen und Personen samt ihren Eitelkeiten. Seine Sprache bereitet ein seltenes Lesevergnügen. Das Versteckspiel, das die Menschen in diesem Roman unentwegt betreiben, verlangt geradezu nach einer Sprachform, die dem Wechsel vom Schein zum Sein angemessen Ausdruck verleiht. Sulzer schaufelt die Luft der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wie ein Ventilator ins 21. Jahrhundert hinüber. Dabei stehen dem Leser mitunter die Haare zu Berge.
Alain Claude Sulzer: Postskriptum. Roman. Verlag Galiani Berlin, Köln 2015.
Als ergänzende Lektüre empfohlen: Flüchtlinge und Verfolgte