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Um 1824 muss es wohl gewesen sein, als der 19-jährige Heinrich Moser nach der Lehre beim Vater, dem Schaffhauser Stadtuhrmacher, seine Koffer packte. Während verschiedener Tätigkeiten in La Chaux-de-Fonds, Le Locle und Deutschland hörte er immer wieder von den interessanten Perspektiven, welche der russische Markt damals bot. Mit mehreren Uhren, allerlei Werkzeug und 2000 Fr. im Gepäck reiste er im November 1827 nach St. Petersburg, dem damaligen kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Zentrum des russischen Reichs. Weil sein Schiff in Seenot geriet und Moser den Weg mit einem eigenen Schlitten fortsetzen musste, nahmen seine Barreserven erheblich ab. «Denn dieser Vorfall», so schrieb er seinen Eltern nach Schaffhausen, «hat jeden Tag ein gelbes Vögelchen gefressen.» Damit meinte er ein Goldstück ...
Aus St. Petersburg Aufträge nach Le Locle vergeben
Vor der Eröffnung des eigenen Geschäfts Ende 1828 musste er sich daher nochmals als angestellter Uhrmacher verdingen. Dann endlich wurde H. Moser & Co. am prachtvollen Newskij Prospekt Realität. Die Erfolge stellten sich rasch ein. Bereits im ersten Bilanzjahr konnte er einen Reingewinn von 8000 Fr. verbuchen. Für den Warennachschub und zur Belieferung europäischer Kunden gründete Heinrich Moser ein Uhrencomptoir in Le Locle, das mit guten Handwerkern der Bergregion zusammenarbeitete und als Filiale von H. Moser & Co., St. Petersburg, russischem Recht unterstand.
Am Rhein Impulsgeber für die gezielte Industrialisierung
Fortan ging es geschäftlich steil bergauf. Moser gründete mehrere Zweigbetriebe in Russland und belieferte grosse Teile des asiatischen Raums mit seinen Uhren. Weil die russischen Geschäfte auch ohne ihn liefen, kehrte der schwerreiche Unternehmer 1848 nach Schaffhausen zurück. Sein verschlafener Geburtsort sollte Industriestadt werden. Dazu begann er ab 1851, die Wasserkraft des Rheins systematisch zu nutzen. Es folgten die Gründungen der Schweizerischen Waggonfabrik, der Schweizerischen Industriegesellschaft (SIG) sowie der Eisenbahnlinie Schaffhausen-Winterthur, an denen Moser jeweils massgeblich beteiligt war. Sein grösster Triumph war jedoch die Eröffnung eines rund 500000 Fr. teuren Wasserkraftwerks am 9. April 1866.
Nach Mosers Tod im Jahre 1874 und einer heftigen Auseinandersetzung um das millionenschwere Erbe zerfiel das Imperium. Die weiteren Uhren-Aktivitäten unter den Namen Heinrich Moser & Co., Hy. Moser & Ce. oder Moser & Co. resultierten aus Verfügungen der Erben. Beispielsweise übereignete Mosers zweite Ehefrau Fanny die Uhrenfabrikation in Le Locle der Familie Paul Girard. Durch diesen Akt wurde sie ein eigenständiges Schweizer Unternehmen. Allerdings musste der eingeführte Markenname H. Moser & Co. oder HM & Co. auf den Erzeugnissen zwingend beibehalten werden.
Nach längerer Ruhephase kehrt die Uhrenmarke H. Moser & Cie. - seit zwei Jahren eingetragen als Moser Schaffhausen AG - nun zurück. Die aktuellen Aktivitäten gründen sich auf Roger N. Balsiger, den Urenkel Heinrich Mosers, und eine Investorengruppe um Jürgen Lange, der einige Zeit bei IWC tätig war. Firmensitz ist Schaffhausen am Rheinfall.
Nach längeren Planungs- und Vorbereitungsarbeiten geht die Neugründung mit drei exklusiven Handaufzugs-Uhrwerken an den Start. Neben Jürgen Lange ist an der Entwicklung der Kaliber HMC321, HMC341 und HMC342 massgeblich auch Andreas Strehler, Uhrmacher aus Winterthur und Mitglied der Akademie der unabhängigen Uhrenkreateure, beteiligt. Das Team hat überliefertes Gedankengut mit modernen Technologien gepaart und auf diese Weise ganz aussergewöhnliche Details in seinen Uhrwerken vereinigt. Dazu gehört beispielsweise ein auswechselbares Echappement mit lateralem Goldanker sowie einem speziell gehärteten Kolbenzahn-Ankerrad, das wegen seiner hohen Oberflächengüte ohne Öl auskommt.
Die Unruh mit goldenen Masse- und Regulierschrauben vollzieht stündlich 18000 Halbschwingungen. Zur Einstellung von Eingriffstiefe und Abfall des Ankers hat das Moser-Team einen neuartigen Drachenhebel aus Berylliumbronze ersonnen.
Das «Einstiegskaliber» HMC321 (Durchmesser 32 mm, Höhe 4,8 mm) besitzt ein Federhaus und eine Gangautonomie von etwa 80 Stunden. Die 2 mm grösseren Werke HMC 341 und HMC 342 verfügen über eine doppelte Federhaus-Ausstattung, was sie mindestens sieben Tage am Stück laufen lässt. In der Aufzugspartie verwendet Moser leicht laufende Kegelräder. Eine spezielle Verzahnung der Räder und Triebe sorgt für leichten Ablauf der Getriebekette.
Das Drei-Zeiger-HMC 342 wartet mit einem Fensterdatum auf, das mittels patentierter Double-Click-Schaltung leicht ein- und verstellt werden kann. Derzeitiges Spitzenprodukt ist das HMC341 mit ewigem Kalender. Der erschliesst sich dem Betrachter jedoch erst auf den zweiten Blick. Die Zwei-Ringe-Datumsanzeige lässt sich durch ein grosses Fenster bei der 3 ablesen. Zur Darstellung der Monate weist ein kleiner Zeiger auf die ohnehin vorhandenen Stunden-Indexe. Auf der Rückseite gibt es noch eine Schaltjahresindikation. Das Kalenderwerk kann über die Krone beliebig vor- und rückwärts geschaltet werden, und zwar zu jeder Tag- und Nachtzeit.
Wie bei Vorgänger Moser wird die Produktion ausgelagert
Den imageträchtigen Terminus «Manufaktur» nimmt H. Moser & Cie. trotz der Swiss-Made-Werkepalette für sich nicht in Anspruch. Man arbeitet mit optimalen Partnern zusammen, so wie einst schon Heinrich Moser. Um die Liquidität zu schonen, setzt man auf Freelancer; das gilt auch für die Produktion, die später nicht selber betrieben werden soll.
Und wann werden die ersten neuen Uhren der Moser Schaffhausen AG der Öffentlichkeit vorgestellt? In Basel kommt es zu einer exklusiven Vorpräsentation im Rahmen der «BaselWorld». Einen Stand haben die initiativen Schaffhauser noch nicht belegt, das kommt später. Aber statt auf dem Munot präsentieren sie ihre Uhren auf dem Basler Messeturm.
Richtig los gehts dann in ein paar Monaten. Jürgen Lange: «Im Herbst dieses Jahres anlässlich des 200. Geburtstages von Heinrich Moser. Dann soll sich der möglichst vollzählige Familienstamm zur Gedenkfeier auf dem ehemaligen Familienschloss Charlottenfels treffen.»