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Selten war der Satz, wonach sich eine Geschichte in Bildern besser erzählen lässt, passender: Der erste Band der Graphic Novel «Tsai Kun-lin. Der Junge, der gerne las» durchmisst in schnellen Schritten die wohl komplexeste Epoche in der Geschichte Taiwans. Die Erzählung setzt ein, als am 21. April 1935 die Erde bebt. Das Haus der Familie stürzt ein, Risse gehen durch die Zeichnungen, Panels verschieben sich leicht. Doch die Bedrohungen kommen nicht nur aus der Erde oder vom Himmel, wenn jedes Jahr heftige Taifune über die Insel hinwegfegen, sondern auch von machthungrigen Imperien; schliesslich taumelt die kleine Insel, die so gross ist wie die Schweiz, jahrhundertelang von einer Fremdherrschaft zur anderen.
Japanischer Drill
Tsai Kun-lin wird in eine Ära hineingeboren, in der Taiwan eine Kolonie Japans war; China hatte die Insel 1895 an das erstarkende Kaiserreich abtreten müssen. In der Schule wird Japanisch gesprochen, Tsai Kun-lin erhält – wie viele andere – einen japanischen Namen. Die Vielfalt der Sprachen, die Sprache der Taiwanerinnen, der Japaner und später der Chines:innen, spiegelt sich auch in den verschiedenfarbigen Schriftbildern.
Der Drill der japanischen Bildungseinrichtungen widerstrebt Tsai Kun-lin, neben Bestnoten wird auch Tapferkeit verlangt. Als Hilfspioniere mähen die Schüler den Rasen auf dem Militärflughafen, heben Gruben aus und sind damit Mitglieder der japanischen Armee. Im Alter von fünfzehn Jahren wird Tsai Kun-lin einberufen, um für den Tenno, den japanischen Kaiser, zu kämpfen. Doch so richtig scheinen die Menschen im Buch nicht zu begreifen, was der Krieg fernab mit ihnen zu tun hat, noch sind die Bilder leicht und hell.
Als Japan kapituliert, setzt sich der alt-neue Herrscher, Festlandchina, wieder auf der Insel fest. Die Besatzer fordern Patriotismus und Loyalität. Die Schüler:innen aber sehen und hören nur Fragezeichen, ein Dolmetscher muss herbeigeschafft werden. Dankbar sollen sie sein, dass sie endlich wieder in die Umarmung des chinesischen Mutterlands zurückdürfen. Die Zeiten ändern sich schlagartig: Weil mit der Ankunft der neuen Besatzer Inflation und Arbeitslosigkeit steigen, kommt es am 28. Februar 1947 zu einem Aufstand. «Weisser Terror» wird die Zeit danach genannt. Die Bilder werden dunkler, werden stellenweise durchschnitten, die Panels verlieren ihre Fassung.
Auch Tsai Kun-lin wird verhaftet, weil er Bücher gelesen hat, vielleicht nicht die richtigen. Das letzte Bild: ein junger Mann mit Brille hinter Gittern. Entsprechend finster wirkt der zweite Band: «Die gestohlenen Jahre» erzählt von der dunkelsten Phase in Tsai Kun-lins Leben. Gleich auf den ersten Seiten wird er verhört, gefoltert und schliesslich zu zehn Jahren Haft verurteilt. Ihm wird vorgeworfen, Mitglied einer Untergrundorganisation gewesen zu sein, obwohl es nur ein einfacher Lesezirkel war.
Über den Hass sprechen
Die Autorin Yu Pei-yun, Dozentin am Institut für Kinder- und Jugendliteratur der Universität Taidong, und der Illustrator Zhou Jian-xin haben die Graphic Novel aus zahlreichen Gesprächen mit Tsai Kun-lin in einfachen Worten und mit klarem Strich zusammengestellt. Individuelle Erlebnisse und grosse politische Umwälzungen werden Bild für Bild gleichwertig nebeneinandergestellt.
Bei einer der ersten Veranstaltungen zum Buch in Taipeh betonte die Autorin, wie notwendig es sei, Tsai Kun-lins Geschichte zu erzählen, die verschiedenen Sprachen, die auf Taiwan gesprochen wurden und werden, abzubilden, den abstrakten Zahlen 2/28 (Aufstand vom 28. Februar 1947) Leben einzuhauchen. Ein ziemlich ungewöhnlicher Ansatz in Asien, wo vielerorts die Vergangenheit lieber zugeschüttet wird, um einen Neubeginn auf Trümmern zu ermöglichen, auch wenn die Geister der Vergangenheit störend dazwischengehen. Anders ist das in Taiwan, wo der «Weisse Terror» gewissenhaft aufgearbeitet wird. Zwischen 3000 und 4000 Menschen wurden während der Militärdiktatur hingerichtet, oft noch am Tag der Urteilsverkündung. Viele verschwanden und werden bis heute vermisst.
Ebenfalls vermisst wird indes – und das relativiert die historiografische Gewissenhaftigkeit – die Aufarbeitung der Tätergeschichten: Noch immer haben die Familien rund um die Partei Kuomintang (KMT, verantwortlich für vierzig Jahre Militärdiktatur) zu viel Macht und Einfluss. Zu jung ist die taiwanische Demokratie, vielleicht auch noch zu fragil: Niemand wagt bislang, an diesem düsteren Untergrund der taiwanischen Geschichte zu rütteln.
Tsai Kun-lin wurde später Journalist, Übersetzer und Verleger. Noch heute, mit über neunzig Jahren, reist er durchs Land und erzählt seine Geschichte, als wäre nichts dabei, als hätte er seine Verhaftung in den fünfziger Jahren, die Jahre in diversen Gefängnislagern unbeschadet an Leib und Seele überlebt. KMT-Führer Tschiang Kai-schek und seine Männer hätten alles unterdrückt, was mit Menschenliebe zu tun gehabt habe, sagte er bei einem solchen Auftritt. «Ich will über diesen Hass sprechen, den sie verbreitet haben, diesen mir unverständlichen Hass – damit so etwas nicht mehr passiert.»
Yu Pei-yun (Text), Zhou Jian-xin (Illustrationen): «Tsai Kun-lin. Der Junge, der gerne las» (Band 1); «Die gestohlenen Jahre» (Band 2). Aus dem Chinesischen von Johannes Fiederling. Baobab Verlag. Basel 2023. 168 respektive 184 Seiten. Je 30 Franken.