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|Albert Ballin Biografie
1911-1918

Artikel vom 2. Februar 2004
Gemäss Biograph Straub fanden "sämtliche Torheiten deutscher Politik [Ballins] Beifall." Sei es die Affäre um das Kanonenboot "Panther", das im Sommer 1911 nach Agadir entsandt wurde, um den Franzosen Geständnisse in Afrika abzupressen, sei es die Marokkokrise von 1905/06, welche die Engländer den Deutschen noch weiter entfremdete. Seinen Freund und Gönner Tirpitz habe er ebenso missverstanden wie die englischen Minister. Ballin sah in England überall nur guten Willen am Werk. Der Reeder war zudem launisch und unzuverlässig, sobald es sich nicht um seine Freunde handelte. Davon, dass er die Flottenpolitik von Tirpitz unterstützt, ja selbst eine Kriegsflotte gefordert hatte, wollte er im Krieg nicht mehr wissen.
Winston Churchill beschrieb er zuerst als zuverlässigen und aufrichten Freund Deutschlands, um ihn nach Kriegsbeginn als Morphinisten zu verschreien. Ballin hatte den Zusammenhang von wirtschaftlicher Expansion und militärischer Konfrontation nicht gesehen. Bis zuletzt hatte er geglaubt, England werde neutral bleiben. Er leistete sich eine Reihe von Fehlurteilen und abrupter Kursänderungen. Im April 1915 bezeichnete ihn schliesslich die Times als "Schurken Ballin".
Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges überraschte und erschütterte den Hamburger Reeder: "Das Werk meiner dreissigjährigen Arbeit liegt vorläufig in Trümmern [...]." Bei Kriegsbeginn ankerten nur 80 von 194 Hapag-Dampfern in deutsch Häfen. Zwölf Schiffe wurden sofort von den Franzosen und Engländern beschlagnahmt. Die Hapag-Flotte war wegen der englischen Blockade vom Weltverkehr ausgeschlossen.
Die Hapag und der Lloyd erhielten billige Kredite, für im Kriegseinsatz verlorene Schiffe gab es allein 1915 für die Hapag fünfzehn Millionen Mark an Entschädigungen, doch Subventionen wurde keine gesprochen. 1916 kam es zum Bruch mit Tirpitz.
Doch die Hapag darbte nicht. So konnte der Vorstand 1917 seine monatlichen Bezüge von 40,000 auf 70,000 Mark erhöhen. Auch die Angestellten wurden angemessen unterstützt. Doch je länger der Krieg andauerte, je ungeduldiger wurde Ballin, was die Ansprüche der Hapag an den Staat anbetrafen. Mit Zorn und Ohnmacht sah er, wie die Rhein- und Ruhr-Industriellen auf Grund der Rüstungsanstrengungen im Geld schwammen.
Im Oktober 1917 sicherte der Reichstag den Reedereien 50 Millionen Mark in Form billiger Kredite zu, die nach dem Krieg zurückgezahlt werden mussten. Subventionen flossen keine. Ballin akzeptierte den Kompromiss, nicht zuletzt, weil er den Bogen überspannt und selbst den Kaiser verübergehend verstimmt hatte, weil er ihn für seine geschäftlichen Absichten missbrauchen wollte.
Ballin realisierte, dass er zu alt war, um die Hapag nach dem Krieg nochmals aufzubauen. Er nahm Beruhigungsmittel. 1914 hatte er mit der Hapag eine Einkaufsgesellschaft auf die Beine gestellt, die Deutschland mit Lebensmitteln versorgte. Doch bald schon übernahm das Reich die Einrichtung. Ballin war die Leitung entzogen. Er war nur noch als Berater tätig, was ihn nicht auslastete. Seine Abneigung gegen staatlich-bürokratische Institutionen stieg durch diese Erfahrung. Wäre die Hapag auch nur kurze Zeit so wie das Reich geführt worden, so wäre sie Bankrott gegangen, stöhnte er. Sein Zorn auf Minister und Generäle stieg, je klarer ihm wurde, wie unvorbereitet sie in den Krieg gegangen waren.
Ballin befasste sich mit Projekten, die vorerst Ideen bleiben mussten. Er knüpfte Kontakte zu den Zeppelinwerken und erkannte, das dem Flugzeugbau die Zukunft gehörte. Eine Erweiterung der Reederei auf die Luftschifffahrt schien im dringend geboten. Die Hapag profitierte später von diesen Projekten und Verbindungen.
Im Ruhrindustriellen Hugo Stinnes sah Ballin einen Mann, der die Karre aus dem Dreck ziehen könne. Es schien ihm am besten, sich mit Stinnes zu verbünden, der sich bereits eine kleine Flotte zusammen gestellt hatte. Zusammen erwarben die zwei Unternehmer die Woermann- und die Ost-Afrika-Linie. Doch Ballin fand in Stinnes seinen Meister und berief ihn in den Aufsichtsrat der Hapag. Doch Stinnes dachte nicht daran, seine Schiffe in eine gemeinsame Betriebsgesellschaft mit der Hapag einzubinden.
In Rumänien und Georgien erhoffte sich Ballin in Zusammenarbeit mit Stinnes Anteile an der Ölproduktion zu sichern. Die Luftfahrt wollte er zusammen mit dem Ruhrindustriellen beeinflussen. Ballin war klug genug, keine aussichtslosen Kämpfe anzufangen, und er sah in Stinnes seinen Erben. Nach dem Krieg wollte das nicht allen in der Hapag einleuchten.
Der schwatzhafte Ballin scheiterte auch politisch, trotz seinem bei Kriegsausbruch in Berlin errichteten Büro der Hapag. Im "Kaiserhof", danach in dem für ihn erworbenen Haus am Tiergarten bewirtete er jeden Samstag Minister, Staattssekretäre, Offiziere, Bankiers, Industrielle und Journalisten. Die Hamburger Honoratioren lud er zu Pfordte ins Hotel Atlantic ein.
Ballin gehörte zu jener Gruppe von "Anglophilen", die Frieden mit den USA und eine Verständigung mit England wollten. Doch seine sprunghaften Launen schwächten die Partei der Besonnen, die einen "Verständigungsfrieden" suchten. Über seinen Freund Harden versuchte Ballin, diese Gruppe zu stärken, doch Harden gelang es nie, sich in den Vorzimmern der Mächtigen Gehör zu verschaffen. Ballin wurde während des Krieges nur noch selten zum Kaiser vorgelassen. Er setzte keine Hoffnung mehr in ihn.
Am 5. September 1918 trafen sie sich auf Schloss Wilhelmshöhe zum letzten Mal. Auf Bitten einiger Industrieller wie Stinnes reiste Ballin dorthin, um den Kaiser davon zu überzeugen, dass innere Reformen, der Übergang zum Parlamentarismus und ein Waffenstillstand über Wilsons Vermittlung der einzige Weg zu einem glimpflichen Frieden seien. Einige Tage zuvor war er von Harden auf das Gespräch vorbereitet worden. Ballin besass allerdings nicht den Mut, dem Kaiser den unvermeidlichen Verzicht auf die Krone nahezulegen. Den Kronprinzen hielt er zur Nachfolge ungeeignet. Ende Oktober schloss er sich jenen an, die den Kaiser als Hindernis auf dem Weg zum Frieden aus dem Weg räumen wollten. Als der Kaiser am 1. November den Schritt immer noch nicht vollzogen hatte, packte ihn die Ungeduld. Mitleid hatte er nicht.
Als Ballin erkannte, dass er sich auch im amerikanischen Präsidenten Wilson getäuscht hatte und er für das von ihm aufgebaute Flotten-Imperium keine Zukunft mehr sah, nahm er sich mit einer Überdosis Beruhigungsmitteln das Leben. Er verstarb am 9. November 1918, am Tag, an dem der Reichskanzler Max Prinz von Baden eigenmächtig den Rücktritt des Kaisers verkündete und Wilhelm II. ins niederländische Exil aufbrach.
Ballins Frau hätte durch den Selbstmord ihres Gatten den Anspruch auf die Lebensversicherung verloren. Deshalb verschleierten nicht zuletzt die Direktoren der Hapag die Umstände seines Todes. Der Generaldirektor nahm wohl bereits am 8. November die tödlichen Medikamente und entschlief am darauffolgenden Tag in der Wünscheschen Klinik am Mittelweg. Er wurde am 13. November im Beisein mehrerer hundert Menschen beerdigt. - Fortsetzung der Ballin-Biografie: Teil 1, Teil 2.

Quellen, Literatur zu Albert Ballin
- Eberhard Straub: Albert Ballin. Der Reeder des Kaisers. Siedler Verlag, 2001, 271 S. Mit Hinweisen auf weiterführende Literatur im Anhang. Bestellen bei Amazon.de. Der habilitierte Historiker Eberhard Straub war bis 1986 Feuilletonredaktor der FAZ und bis 1997 Pressereferent des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Im Siedler Verlag sind von ihm bereits Die Wittelsbacher (1994) und Drei letzte Kaiser (1998) erschienen. Seine Ballin-Biographie ist kein wissenschaftliches, sondern ein leicht lesbares Werk für den "Durchschnittsleser" und bildet die Quelle für den nebenstehenden Artikel.
- Das Archiv der Hapag lagert heute im Hamburger Staatsarchiv. Es enthält u.a. die umfangreichen Berichte von Arndt von Holtzendorff aus der Zeit des Ersten Weltkrieges, die Erinnerungen von Johannes Merck an seine Zeit mit Ballin und die Tagebuchnotizen von Johann Burchard.