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In der Moderne steht Freundschaft für eine Beziehung von Gleichen im Sinn des demokratischen Ideals. Aus der theoretischen Figur des Freundes aber waren Frauen ebenso ausgeschlossen wie aus politischen Rechten. Umso mehr praktizierten sie Freundschaft, um sich als Subjekte zur Geltung zu bringen.
Meisterdenker von Montaigne bis Nietzsche behandelten Freundschaft unter Frauen sowie zwischen den Geschlechtern als unmöglich: Der Freund ist stets ein Bruder. Als sich Brüderlichkeit mit Freiheit und Gleichheit zum bürgerlich-revolutionären Dreiklang verband, konkretisierte Freundschaft ein politisches Ideal in einer androzentrischen Beziehungsform. Doch setzt hier auch eine Geschichte der ‚Freundin’ ein, die von aufgeklärten Salonnièren des 18. Jahrhunderts zu feministischen Aktivistinnen und weiblichen Intellektuellen im 19. und 20. Jahrhundert führt. Sie nutzten Freundschaft, um weibliche Subjektivität zu behaupten. Dies wird anhand der Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé (1861–1937) untersucht, die auf vielfältige Weise Freundin war und über Freundschaft reflektierte.
Die Fallstudie trägt nicht nur zu einer Geschlechtergeschichte der Freundschaft bei, die sich mit Androzentrismuskritik nicht begnügt. Sie setzt sich auch kritisch mit dem Narrativ vom Niedergang des Freundschaftsideals und mit der Individualisierungsthese auseinander. Postuliert wird stattdessen, dass ‚Beziehung’ für die Moderne von epochaler Bedeutung ist und Freundschaft in diesem Kontext immer wieder neu aktualisiert worden ist. Das gilt besonders für die Zeit um 1900, als die Öffentlichkeit eine Krise der Geschlechterbeziehung fürchtete, die Wissenschaften Beziehungsformen theoretisierten und soziale Bewegungen sich vom Bruch mit Beziehungskonventionen Revolutionäres versprachen.