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«Notre Dame» von Franz Schmidt bei den St. Galler Festspielen
Sie haben grosse Operngeschichte geschrieben, die Zigeunerinnen, wenn wir an Carmen denken oder an Azucena in Verdis «Trovatore». Seit dem letzten Freitag kennen wir dank den St. Galler Festspielen eine weitere Opern-Zigeunerin, eine eher untypische allerdings. Zwar ist sie nicht minder verführerisch als Carmen, selbst den Priester lässt sie nicht unentflammt, und das Verhängnis klebt an ihrem Schicksal wie bei Azucena. Aber sie trifft keine Schuld daran, sie ist keusch und rein und edel. Esmeralda heisst sie, und natürlich kennen wir sie schon, aus dem Roman «Der Glöckner von Notre Dame» von Victor Hugo, aus einer ganzen Handvoll Filmen über den buckligen Quasimodo und aus einem ziemlich erfolgreichen Musical.
Es war im Jahr 1902 als der erst 29jährige Wiener Franz Schmidt sich entschloss, diese Geschichte zu seinem ersten Opern-Sujet zu machen. Hugos Vorlage ist ziemlich vielschichtig, nicht ganz leicht, daraus ein Opernlibretto zu formen. Zusammen mit Leopold Wilk unternahm Schmidt den Versuch, der ihm nicht in jedem Moment wirklich gut gelungen ist. Aber das muss bekanntlich kein Nachteil für eine erfolgreiche Oper sein. Franz Schmidt war Solocellist im Orchester der Wiener Hofoper und arbeitete die nächsten drei Jahre an diesem Projekt. Sein Stil ist in den Gesangslinien oft etwas beliebig und wenig konturiert, brillant dagegen im Orchester, das in allen spätromantischen Farben schillert. Elemente von Wagner, Mahler und Richard Strauss nimmt Schmidt auf und verbindet sie mit impressionistisch angehauchten Stimmungsmalereien und spanischen Tanzrhythmen, verlässt bisweilen beinahe den Rahmen der Tonalität, lässt aber auch archaische Elemente etwa im Stil von Bach oder Palestrina mit einfliessen.
Die Oper wurde 1914 uraufgeführt und hielt sich in Wien etliche Jahre im Repertoire, bevor sie vergessen wurde, wobei mitgespielt haben dürfte, dass sich Schmidt gegen Ende seines Lebens von den Ideen der Nationalsozialisten blenden liess. Aufführungen nach dem Zweiten Weltkrieg kann man an einer Hand abzählen, aber dass das Stück musikalisch sehr viele Qualitäten mitbringt, hat die St. Galler Aufführung deutlich gezeigt – auch dank der sehr wachen Dynamik und intelligenten Dramaturgie, mit welcher der Dirigent Michael Balke an der Spitze des St. Galler Sinfonieorchesters die vielen Feinheiten, Klangfarben und musikalischen Idiome dieser Partitur zum Leben erweckte.
Und ja, mindestens einen Abschnitt dieser Musik kennt man natürlich, den Wunschkonzert-Hit, der als streicherseliges «Intermezzo aus Notre Dame» Karriere machte. Dabei gibt es noch weitere Zwischenspiele, und sie sind genauso schön wie dieses eine bekannte, zu dem der Choreograf Alberto Franceschini ein einsames Paar einen neckischen Liebes-Pas-de-deux tanzen lässt, während zwei Strassenkehrer die Papierschnitzel des Karneval-Treibens vom Vorabend eher etwas nachlässig beiseite räumen.
Der Karneval ist die zentrale Chiffre, die der Regisseur Carlos Wagner aus diesem Stück destilliert hat, und die mit der beweglichen Truppe aus Tänzerinnen und Chorsängern auch dann präsent ist, wenn die Szenen eigentlich intimer wären: Wenn zum Beispiel Gringoire die abenteuerliche Geschichte seiner Verbindung zu Esmeralda erzählt, wird sie von der Gaukler-Truppe mit viel Brimborium nachgestellt. Die Requisiten dieses Jahrmarkt-Theaters sind omnipräsent, und immer wieder mischen sich unheimliche Monsterchen ins Geschehen.
Das Bühnenbild ist nicht die Fassade der Notre Dame selber, was vor den Türmen der St. Galler Kathedrale eine eher seltsame Verdoppelung ergeben würde, sondern eines ihrer zentralen architektonischen Elemente: Die gigantische Rosette. Freilich ist sie hier aller Glasfenster-Pracht beraubt und steht als jämmerliche Ruine halb zerbrochen auf der Bühne, umgeben von den Gerüsten der Restauratoren. Klar, es hat ja gebrannt in Notre Dame, und die Trümmer scheinen noch immer zu rauchen, während der Hahnenkämpfe um das Herz von Esmeralda und den Glaubenszweifeln des Archidiaconus, die Simon Neal stimmgewaltig zum Ausdruck bringt.
Auch sonst wird auf gutem Niveau gesungen: Anna Gabler ist als Esmeralda auch stimmlich die Lichtgestalt, die sie verkörpert und wirkt auch auf die Distanz szenisch sehr präsent. David Steffens als Quasimodo hat in diesem Stück leider etwas wenig Gelegenheit, seinen Bass auszuführen, man hätte ihm gerne länger zugehört. Clay Hilley als Offizier Phoebus und Cameron Becker als Gringoire sorgen für tenoralen Schmelz. Das Orchester übrigens spielt dieses Jahr zum ersten Mal nicht unter der Bühne, sondern in der Tonhalle, von wo der Sound auf die Lautsprecher übertragen wird. Ausser ein paar wackligen Chorstellen, haben sich daraus bei der Premiere keine grösseren Koordinationsprobleme ergeben.
Reinmar Wagner
Bild: Toni Suter / St. Galler Festspiele
Franz Schmidt: «Notre Dame». St. Galler Festspiele, Premiere 25. Juni 2021. ML: Michael Balke, R: Carlos Wagner, mit Anna Gabler, Simon Neal, David Steffens, Clay Hilley, Cameron Becker, Shea Owens (wechselnde Besetzungen). Weitere Vorstellungen: 26., 29. Juni, 2., 3., 7., 9. Juli für jeweils 666 Besucher.
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