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Mitten im Zentrum von Mérida liegt das «Casa El Chante». In der Hauptstadt von Yucatán dominiert die Kolonialarchitektur mit quadratisch angelegten Häuserblocks. Die meisten der ein- bis zweistöckigen Bauten sind direkt an die Strasse gebaut oder haben einen kleinen Vorgarten. Im hinteren Teil der langen Parzellen verbergen sich wilde, grüne Innenhöfe.
Mérida ist grün
Wer im Zentrum der Millionenmetropole wandelt, findet an jeder Ecke Laub- und Fruchtbäume: Bitterorangen, Zitronen, Mangos und andere tropische Früchte fallen einem buchstäblich vor die Füsse. Im heissen Klima Yucatáns sind grosse, schattenspendende Bäume überlebensnotwendig für Mensch und Natur. Sie sind sogar ein ökonomischer Faktor, denn Bäume wirken wie natürliche Klimaanlagen und helfen bei der Reduktion der (hohen) Stromrechnung. Zwischen 2018 und 2023 wurden von der Stadt Mérida rund 250’000 Bäume gepflanzt. Privatpersonen können Bäume gratis adoptieren und so einen Beitrag zur Biodiversität in der Stadt leisten.
Die Architektur folgt der Natur
Das «Casa El Chante» war ein einfaches, niedriges Haus aus den 1960er Jahren ohne historischen Wert. Die Bauherrschaft entschied sich, das Haus mit einem zweistöckigen Neubau im vorderen Teil des Grundstücks zu ersetzen. Der hintere Teil mit dem alten Baumbestand (Huaya, Moringa, Königspalme, Bitterorange) sollte als grosser, wilder und biodiverser Garten weiterbestehen dürfen.
GSI Architekten analysierte die Gegebenheiten aus der Ferne anhand von topografischen Plänen und Bildmaterial und recherchierte lokale Baustile und Materialien. Die Architektinnen entwarfen ein zweistöckiges Gebäude mit zwei Schlafzimmern, grosszügigen Bädern, einem grossen Koch- und Essbereich, einem Büro, einem Musikstudio und einem Wasch- und Werkraum. Sie achteten dabei speziell auf eine optimale Durchlüftung aller Räume, um den Gebrauch der Klimaanlagen möglichst zu vermeiden. Im inneren Bereich sorgen ein kleiner Innenhof und das hohe Treppenhaus für einen erfrischenden «Kamin-Effekt». Der Pool im Garten fügt sich nahtlos in die Vegetation ein und ist mit dem Haupthaus über einen Steg verbunden.
Lokales Handwerk
«El Chante» – was übersetzt «Heemetli» bedeutet – besticht durch ein minimalistisches Design, das sich am lokalen, traditionellen Baustil orientiert: Raumhöhen von drei Metern, schmale, hohe Fenster und Türen, handgefertigte Fliessen und natürliche Materialien wie Zedernholz und Chukum. Ergänzt wird das Design durch raumhohe Fensterfronten mit Stahlfenstern, die durch Zedernholz-Panelen vor der Sonne geschützt werden.
In die polierten Betonböden sind handgemachte Fliessen von Mosaicos Peninsular (siehe Produktionsstätte im Bild) eingelassen. Durchlässige Ziegelsteine von Ardshaus sind nicht nur ein stilistisches Fassadenelement, sondern sorgen auch für eine optimale Lüftung im Wasch- und Trocknungsraum.
Das Farbkonzept des Hauses wurde auf der Basis der drei Fliessenfarben definiert: Helles Beige, Zementgrau, Petrolgrün, Salbeigrün und Senfgelb. Es wird ergänzt durch Zedernholz. In den Bädern sorgen die handgemachten Lavabos von Provenance.mx und grüne Keramikfliessen für Akzente.
Steiniger Weg zum Erfolg
Das schweizerisch-mexikanische Paar hatte das Grundstück bereits 2021 gekauft. Die Verschreibung, Planung und Baubewilligung nahmen rund zwei Jahre in Anspruch. Im Oktober 2023 startete das Bauprojekt. Leider lagen zu Beginn einige Steine im Weg: Die Zusammenarbeit mit dem ersten Generalunternehmer funktionierte nicht, worauf die Bauherrschaft die Leitung selbst übernahm und mit einem zehnköpfigen Bauteam weitermachte. GSI Architekten unterstützten während des ganzen Prozesses von der Schweiz aus und passten die Pläne mehrmals auf lokale Gegebenheiten und erforderliche Änderungen an.
Derzeit befindet sich das Haus im Rohbau. Weitere Neuigkeiten und Bilder folgen bald!
5 Fun Facts
- In Yucatán glaubt man an «Aluxes». Diese Kobolde können garstig werden, wenn man sie in ihrer Ruhe stört. Um sie beim Hausbau gnädig zu stimmen, baut man ihnen ein kleines Ersatzhaus und bringt ihnen Süssigkeiten, Zigaretten und Coca-Cola.
- Viele Menschen sprechen Maya, kennen sich mit traditionellen Heilpflanzen aus und schlafen in der Hängematte. In jedem Haus in Yucatán gibt es Hängematten-Haken. Der Wohnraum ist tagsüber Aufenthaltsort und wird nachts in einen Schlafsaal verwandelt. In den besonders heissen Monaten setzen sich die Menschen nachts auf dem Trottoir zusammen.
- Yucatán ist heiss und tropisch feucht. Vor rund 66 Millionen Jahren schlug in Chicxulub nahe Mérida ein Meteorit ein und hinterliess einen 180 Kilometer breiten Krater. Das ist auch der Grund, warum die Dinosaurier ausgestorben sind.
- Auf der ganzen Yucatan-Halbinsel gibt es keine Flüsse und Seen – dafür aber Tausende von «Cenotes», natürliche Höhlen mit Grundwasser. Hier lässt es sich wunderbar baden. Wer auf dem eigenen Grundstück eine Cenote entdeckt – was nicht unüblich ist – hat mit einem sofortigen Baustopp zu rechnen.
- Wenn in Mexiko das Dach eingegossen wird («Colado» genannt), dann gibt es für alle Beteiligten ein kleines Fest mit dem lokalen Gericht «Chicharra». Wer dies auslässt, muss damit rechnen, dass das Dach später nicht hält.
Interessiert, wie es sich in Mérida lebt? Weiterlesen…