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Schon früh in meiner Jugend habe ich das Einsteinsche Paradigma kennengelernt. In zähen Verhandlungen über die angemessene Stunde, zu welcher ein Mädchen im zarten Alter von 14 zu Hause sein sollte, versuchte ich meine Mutter stets mit folgendem Argument zu überzeugen: „Mami, Lilly/Nora/Heidi* dürfen auch bis 23:00 Uhr unterwegs sein“. Worauf Mami stets mit demselben entkräftigenden Gegenargument aufwartete: „Nun ja, das mag sein, aber die Mütter von Laura/Hanna/Sophie* haben mir versichert, dass ihre Töchter stets um 21:00 zurück sind.“ Alles ist relativ. Und natürlich siegte das elterliche Bezugssystem über das meine. Bald darauf lernte ich allerdings, meine liebe Mutter mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Ihrer Aufforderung endlich mein Zimmer aufzuräumen, das in einer zentimeterhohen Staubschicht im Chaos versank, und mir „ein Vorbild an Müllers*“ zu nehmen, entgegnete ich seelenruhig, sie könne froh sein, dass es nicht wie bei Steiners* aussieht, dort wüte nämlich das ganze Jahr hindurch ein Tornado. Alles ist eben relativ.
*Namen von der Redaktion geändert
Auch heute noch ist diese vergleichende Haltung in mir verankert. Wenn du nicht Yogi bist, 8 Stunden am Tag meditierst, in einer Waldhütte fernab jeglicher Zivilisation lebst und dich von Luft und Liebe ernährst, wirst auch du diese innerliche Bewertung deiner selbst und deines kleinen Universums kennen. Wie oft doch sät das fiese Teufelchen in uns Gedanken wie: Bin ich gebildet/sportlich/schön/erfolgreich/augeglichen/liebenswert/grosszügig/… genug? Wenn du Glück hast und just in diesem Moment an einer aufgetackelten Tussi, den Tanga bis in den mittleren Rücken gezogen, und eine Hasstirade in obszöner Sprache rezitierend, vorbeispazierst, vermagst du die Selbstzweifel wohl im Keim zu ersticken. Sitzt du allerdings im neuen Szeni-Kaffee umgeben von gestylten Halbmodels, die Kafka lesen und sich angeregt über die Relativitätstheorie unterhalten, eichst du deinen Vergleichsmassstab zu deinen Ungunsten. In solchen Situationen sprechen mir Kettcar mit ihrem Lied „Hiersein“ (Link zu Youtube) öfters aus der Seele: „Und dann im Boden versinken, einen letzten Schluck trinken, alles andere vergessen, mit anderen Massstäben messen, dann den Blick langsam senken und raus aus dem Licht, dies ist eine Geschichte – meine ist es nicht.“ Wie schön wäre es, noch einen Schritt weiter zu kommen und „Alles ist relativ“ so zu internieren, dass gar keine Massstäbe mehr angelegt werden müssen und ich mir der Wichtigkeit des Bezugssystems und damit der Nichtigkeit der Vergleiche stets bewusst bin. Zeit für mich, dieser Relativitätstheorie eine Chance zu geben und ihr etwas genauer auf den Grund zu gehen.
Ich muss gestehen, die Auseinandersetzung mit dieser grundlegenden physikalischen Theorie ist relativ anstrengend. (Relativ im Vergleich zu einem Krimi lesen oder zu 2 km Schwimmen oder zu einer Weihnachtskarte schreiben. Eigentlich relativ zu fast allem, das ich so in meinem Alltag mache.) Es beginnt beim Wort Relativität, das so viel bedeutet wie die Abhängigkeit bestimmter Eigenschaften, Grössen oder Begriffen von anderen Eigenschaften, Grössen, Bezugssystemen, Situationen oder Gegebenheiten. Diese Definition ist zwar von Wikipedia, aber glaubt mir, ihr wollt nicht jene aus meinem Physikbuch hören. Für mich übersetze ich das folgendermassen: ich bin 1.70 m gross oder klein, wobei die Beschreibung meiner Körpergrösse durch ein zugrundeliegendes metrisches System definiert ist. Ich lerne, dass man diese Abhängigkeit von einem Bezugssystem Bedeutungsrelativität nennt. Ob ich mich als grosse oder kleine Frau wahrnehme, hängt davon ab, ob ich mich in einer Masse von grossen Holländerinnen befinde oder in einem Haufen Asiatinnen eingepfercht bin. Bitte verzeiht mir diese ethnische Pointierung. Die Abhängigkeit der Bewertung einer Eigenschaft von einem Wertesystem oder einer Perspektive wird – leuchtet ein – als Bewertungsrelativität bezeichnet. Eine dritte Art von Relativität ist die existentielle Relativität, die Abhängigkeit der Existenz einer Eigenschaft von der Existenz anderer Gegebenheiten. Schwer zu verstehen, vielleicht bedeutet das, dass man meine Grösse nur messen kann, weil ich überhaupt geboren bin?
Das erste überhaupt was ich lerne, als ich mich nun mutig in Einsteins Relativitätstheorien (ja, es sind zwei, wobei ich mich hier wohl mit der speziellen Relativitätstheorie zufrieden geben werde), ist, dass ich mit meinem plakativen Titel Anfängerfehler Nr. 1 begangen habe und die Paradigmen des Physikers völlig falsch verallgemeinert habe. Einsteins Ausgangsfrage nach Relativität und Absolutheit lässt sich keinesfalls auf alles übertragen und damit meine Probleme lösen, sondern ist sehr viel eingeschränkter. Sie beschäftigt sich nur mit einer ganz speziellen Klasse von Situationen und Beobachtern. Nämlich mit der Situation von zwei Beobachtern, die sich mit konstanten Geschwindigkeiten zueinander bewegen und sonst keinen Kräften ausgesetzt sind. So also, als würden zwei kleine Prinzen auf ihren Planeten im Weltraum schweben. Die zwei Planeten nennt man dann Inertialsysteme. Wenn sich die zwei Prinzen auf ihren Planeten aneinander vorbei bewegen, dann behaupten beide, das sich ihr eigener Planet im Stillstand befindet und der andere in Bewegung. Bestimmt kennt ihr die folgende Situation: Ihr sitzt im Zug am Hauptbahnhof und wartet ungeduldig auf die Abfahrt, dabei beobachtet ihr den Zug auf der anderen Seite des Bahnsteigs. Plötzlich setzt sich der Zug in Bewegung und ihr wisst im ersten Moment nicht, ob es euer Gefährt oder die Lok vis à vis ist, die tatsächlich davon rattert. Erst ein Blick auf den starren Bahnhof klärt die Frage. Stellt euch vor, es gäbe kein Bahnhof, kein Panorama, das vorbeiflitzt, nur Nichts, wenn ihr aus dem Fenster blickt. Ich würdet kaum wissen, welcher Zug sich bewegt und welcher in Ruhe ist. Diese Erkenntnis gilt als erstes Postulat des Relativitätsprinzips: Es ist prinzipiell nicht möglich, ein Experiment zu ersinnen, das uns Aufschluss darüber gibt, ob sich eine Person gleichförmig bewegt oder in Ruhe befindet.
Aus dieser Theorie resultieren einige verblüffende Resultate, die ich hier leider nicht verständlich darlegen werden kann. Nach immensen Anstrengungen und beachtlicher Recherche (Nachhilfelektion bei meinem Vater, pensionierter und passionierter Mathematiker, trockene Physikbuchlektüre und fancy Online-Tutorials) muss ich nämlich zugeben, ich habe die Materie nicht gänzlich verstanden. Nach dem zwanzigsten erfolglosen Versuch, einleuchtende Beispiele aus dem Alltag für das Verhalten von Raum und Zeit gemäss Einstein zu finden, habe ich mein Projekt hintersinnt und mich meiner Motivation erinnert: die Relativitätstheorie in meinem täglichen Leben zu internieren. Und so habe ich beschlossen, dass es mir relativ egal ist, dass ich die Theorie nicht im Kern verstanden habe und mir nur ihre praktischen Erkenntnisse rauspicke. Nämlich, erstens, sollte ich jemals dem Jugendwahn verfallen, muss ich sofort ins weltall aufbrechen und lange nicht zurückkehren, weil bewegte Uhren langsamer ticken als in ihrem Ruhesystem. Das nennt man Zeitdilatation. Und zweitens, dass ich, wenn ich das nächste Mal eines dieser unhandlich grossen Pakete bei der Post abholen muss, es möglichst kraftvoll in die Luft werfe, weil bewegte Objekte nämlich schrumpfen. Das nennt man Längenkontraktion.
Nach diesem relativ erfolglosen (relativ im Vergleich zu der Erleuchtung) und relativ erfolgreichen (relativ im Vergleich zu meinem Unwissen zuvor) Exkurs in die Physik bin ich das nächste Mal im Szeni-Kaffee zwar immer noch kein gestyltes Halbmodel, aber ich weiss wenigstens, dass die anderen auch nur Schall und Rauch reden, wenn sie die Relativitätstheorie besprechen. Im Vergleich zu Einstein haben die nämlich sicher nichts begriffen.
Ich möchte an dieser Stelle meiner Mutter von Herzen danken für ihre Geduld und Elefantenhaut zur Zeit meiner Pubertät und meinem Vater für den Versuch, mich Einsteins Paradigmen näher zu bringen, dem damit verbundenen Rechercheaufwand und der Ehrlichkeit bezüglich deren Verständlichkeit.