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30 Jan Über die Bedeutung von Geld
Bei einigen meiner Abenteuer in der Schweiz habe ich doch schon kleinere und grössere Unterschiede zwischen diesem Land und Lateinamerika bemerkt. Normalerweise stehen diese Unterschiede im Zusammenhang mit sozialen Aspekten wie dem Verhalten der Menschen, dem Stand der wissenschaftlichen Entwicklung oder mit den (teilweise frappanten) wirtschaftlichen und finanziellen Ungleichheiten. Letzteres möchte ich anhand einiger Alltagsgeschichten illustrieren, die ich persönlich erlebt habe.
Diebstahlgefahr?
Vor Kurzem traf ich in Glarus, einem grösseren schweizerischen Dorf, ein paar Schweizer Freunde, um ein Theaterstück anzuschauen. Zufälligerweise hatte ich am gleichen Tag einen neuen Fernseher gekauft, den ich im Auto zurückliess, als ich ins Theater ging. Ich war besorgt und ziemlich nervös, denn in Kolumbien würde ich mich so etwas niemals trauen. Zu gross wäre die Gefahr, das Auto bei der Rückkehr leer vorzufinden. Meine Freunde müssen meine Besorgnis wohl bemerkt haben, denn sie fragten: „Hey, was ist los?“ Ich schilderte meine Befürchtungen. Sie meinten aber nur verschmitzt: „Hier musst du schon ein bisschen länger warten, bis dir etwas gestohlen wird.“
Kolumbien weist eine hohe Kriminalitätsrate auf (Quelle: https://elpais.com/internacional/2014/06/12/actualidad/1402600406_694520.html)
Massive Preisunterschiede
Vor ein paar Tagen teilte ich in kleiner Runde eine feine Pizza, als das Gespräch plötzlich auf das Thema von neuen Dienstleistungen im Bereich der Bildung über das Internet umschwenkte. Ich kommentierte, dass ich gerade in solch einem Projekt tätig war und über eine amerikanische Internetplattform Studierende aus aller Welt unterrichtete. Der Preis pro Lektion liegt dabei bei ungefähr 9 US-Dollar, da die Studierenden aus Brasilien, China und anderen Teilen der Welt nicht mehr zahlen könnten. Ich meinte noch, dass ich lustigerweise bislang keine Schweizerinnen und Schweizer unterrichtet hätte. „Ich glaube, den Schweizern ist der Preis einfach zu tief,“ kommentierte eine Schweizer Freundin trocken.
Geldsammeln als Aufgabe eines Pfarrers
Einen besonders nachhaltigen Eindruck hat bei mir jedoch ein kürzliches Erlebnis in der kolumbianischen Karibik hinterlassen. Im besuchte gerade in einer katholischen Kirche einen Gottesdienst, als der Pfarrer gegen Ende seiner Predigt das Wort direkt an die Gläubigen in den Kirchenbänken richtete und mit weinerlicher Stimme meinte, dass er mit seinem Latein am Ende sei. Er wisse nicht mehr, wie er die Kosten für die Klimaanlage der Kirche, die in diesem heissen Klima notwendig ist, begleichen solle. Trotz mehrfacher Aufforderungen und Bitten an die Gottesdienstbesucher sei nicht genügend Geld hereingekommen, um die ausstehenden Raten bezahlen zu können.
Es war schon etwas speziell, Zeuge der massiven Selbstzweifel dieses Pfarrers zu werden, und dies nur, weil er keine Energie mehr hatte, um bei den Gottesdienstbesuchern ständig um Geld für die Infrastruktur und den Unterhalt der Kirche zu betteln.
Keine Kirchensteuer in Kolumbien
In Kolumbien existiert im Gegensatz zur Schweiz keine Kirchensteuerpflicht. Selbst wenn die Steuer in der Schweiz, insbesondere auf Unternehmensebene, teilweise auch umstritten ist und einige Kantone darüber nachdenken, sie zu ändern, rechnet zumindest der Churer Bischof Vitus Huonder fest mit der Solidarität der katholischen Gläubigen.[1]
Und so müssen die Pfarrer in der Schweiz aufgrund der rechtlichen Verankerung der Kirchensteuerpflicht und der ökonomischen Stabilität des Landes wohl in absehbarer Zeit keine Angst haben, wie in Kolumbien von der Kanzel herunter verzweifelt um Geld bitten zu müssen.
[1] MacNamee, T. (2013, 19. August). Kirchensteuer-Frage spaltet Schweizer Katholiken. Abgerufen von http://www.swissinfo.ch/ger/leere-kassen-_kirchensteuer-frage-spaltet-schweizer-katholiken/36494972Zurück zum Blog