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Eine Zeichnung von Alberto Giacometti zeigt Elemente seiner Idee für einen Park.
Alberto Giacometti, Cube, deux éléments de Projet pour une place et Figure dans l’atelier, um 1937. Grafitstift auf Briefpapier, 27 x 21 cm, Fondation Giacometti, Paris. (Foto: Fondation Giacometti, Paris, © Succession Alberto Giacometti/2023, ProLitteris, Zürich)
Sie kamen aus verschiedenen Welten und wurden doch fast gleichzeitig zu Grössen der Kunstwelt des 20. Jahrhunderts: Salvador Dalí aus dem brodelnden Barcelona, Giacometti aus dem bäuerlichen Bergell. In Paris kreuzten sich die Lebenswege der beiden Künstler, nachdem Dalí in einer Ausstellung Giacomettis Skulptur «Boule suspendue» von 1930 erblickt hatte – offenbar tief beeindruckt. André Breton und Dalí luden den Bündner sogleich in ihre Gruppe surrealistischer Künstler ein, der er rund viereinhalb Jahre angehören sollte.
Giacomettis "La boule suspendue"
(Foto: © Succession Alberto Giacometti/2023, ProLitteris, Zürich)
Wenig später verfasste Dalí einen Artikel für die Zeitschrift der Surrealisten über «Objekte mit symbolischer Funktion», als dessen Inbegriff er Giacomettis Skulptur betrachtete. Die beiden freundeten sich an und, wie nun in einer Ausstellung in Zürich klar wird, tauschten sich zeitweise rege über ihre Projekte aus.
Giacometti hatte bereits 1929 einen Auftrag des französischen Sammler-Ehepaars Charles und Marie-Laure de Noailles erhalten, in deren Salon damals die Surrealisten ein und ausgingen. Ein Teil davon, eine steinerne Stele für den Garten ihrer Villa in Hyères, konnte Giacometti realisieren. Wie aus Giacomettis Skizzenbüchern und Archivalien aus Dalís Nachlass hervorgeht, entwickelte sich daraus die Idee für einen kleinen Platz im Garten der Noailles. «Zur selben Zeit», schrieb Giacometti später, «machte ich mir Gedanken über eine Gartenskulptur. Ich wollte, dass man die Skulptur begehen, sich auf sie setzen und sich abstützen kann.» Das sogenannte «Projet pour une place». Auf uns gekommen ist dieses lediglich in Form einer kleinen, modellhaften Ausführung in Holz, als Skizzen und als Fotos von Gipsmodellen, die im Atelier Giacomettis lagerten: ein Ensemble geometrischer Figuren bestehend aus einem Kegel, einer Scheibe, einer Schlange, einer Stele und einer Halbkugel. Für die Ausstellung «Giacometti – Dalí. Traumgärten», die zuvor bereits in der Fondation Giacometti in Paris zu sehen war, wurden die einzelnen Figuren rekonstruiert und auf ein rund zwei auf drei Meter grosses Podest gestellt.
Blick in die Ausstellung «Giacometti – Dalí». (Foto: Franca Candrian, Kunsthaus Zürich)
Es erfordert also eine gewisse Imaginationskraft, sich das Werk in seiner ursprünglich gedachten Umgebung vorzustellen – geschweige denn, sich daran abzustützen oder sich darauf zu setzen. Der Garten des Landsitzes der Noailles war – wie aus der begleitenden Publikation ersichtlich ist – in modernistischen, strengen Grundrissen angelegt. Wer das Werk nun im Ausstellungskontext betrachtet, hat immerhin die Möglichkeit, den Standpunkt zu wechseln und sich um das Podest herumzubewegen.
Salvador Dalí, Femme à tête de roses, 1935 Öl auf Holz, 35 x 27 cm, Kunsthaus Zürich, 1957. (Foto: © Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí/2023, ProLitteris, Zurich)
Den Surrealisten fühlte sich der zurückhaltende Giacometti zwar zugehörig, doch die reine Lehre vertrat er nicht – seine sorgfältige, langwierige Art zu arbeiten entsprach nicht gerade dem Modus der Surrealisten, die sich von spontanen, aus Träumen und Fantasien speisenden Impulsen leiten liessen. Und doch forschte auch Giacometti mit den symbolisch aufgeladenen Objekten nach einer Darstellungsmöglichkeit von unbewussten, urgründigen Aspekten des Menschseins, von der Sexualität bis zum Tod. Ein Kegel wird so bald zum Phallus, eine Vertiefung zum weiblichen Geschlecht, die zickzackartige Schlange zu einer sündhaften Figur in einem paradiesischen Garten.
Das «Projet pour une place» gibt den Ausstellungsmachern Anlass, Giacomettis Werk in den Kontext seiner surrealistischen Phase und so auch gemeinsam mit ausgewählten Werken anderer Künstler zu stellen. Neben Dalí sind etwa Luis Buñuel und Yves Tanguy vertreten. Zudem gesellen sich mehrere Skulpturen Giacomettis aus späteren Jahren dazu. Jene Schreitenden, für die der Künstler heute ungleich bekannter ist als für seine surrealistischen Arbeiten. Die Ausstellung bietet also Gelegenheit, sich beides zusammen anzusehen.
Weshalb das «Projet pour une place» nie umgesetzt wurde, ist nicht einfach zu rekonstruieren. Die Noailles waren bekannte Förderer der Surrealisten, deren Aktionen jedoch auch den Unmut faschistisch gesinnter Franzosen auf sich zog. Ob sie sich deshalb davon zurückzogen, bleibt eine Vermutung. Für Giacometti und Dalí brachen ohnehin bald andere Zeiten an. Der Bergeller kehrte für die Dauer des Zweiten Weltkriegs in seine Heimat zurück, der Katalane ging in die USA. Beide mehrten ihren Ruhm, der eine auf bescheidenere, der andere auf extrovertiertere Weise.