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Die Wanderung, die viele Walarten unternehmen, ziehen sich über tausende von Kilometern in relativ kurzer Zeit. Die Gründe für dieses Phänomen haben schon seit Jahrzehnten die Wissenschaft beschäftigt. Eine Erklärung war bisher, dass die Tiere im Herbst zur Fortpflanzung in die warmen Gewässer und im Sommer zur Ernährung in die Polargebiete ziehen. Nun hat eine Forschungsgruppe eine andere mögliche Erklärung gefunden: Die Tiere wandern, um ihre alte Haut abzulegen und so von Algen und Parasiten zu reinigen.
Die von Dr. Robert Pitman von der Oregon State Universität geleitete Forschungsgruppe kommt zu diesem Schluss, nachdem sie verschiedene Orca-Gruppen in der Antarktis mit Satellitensendern versehen und verfolgt hatte. «Ich glaube, dass man dem Hautwechsel nicht genügend Aufmerksamkeit gezollt hat bei Walen. Aber es ist eine wichtige physiologische Notwendigkeit, die durch das Abwandern in wärmeres Wasser erfüllt wird», sagt er. Robert Pitman ist ein bekannter Meeressäugerforscher und untersucht seit Jahren die Schwertwale der Antarktis. Er und viele seiner Kollegen waren nie davon überzeugt, dass Wale aufgrund der Fortpflanzung in wärmere Gebiete ziehen. Denn ihrer Meinung nach müssten die gewaltigen Tiere aufgrund ihrer Grösse in der Lage sein, auch im kalten Wasser zu gebären. Da in den Tropen und Subtropen kaum Nahrung zu finden ist, müssen die Wale in den Monaten dort extensives Fasten durchleben. Als warum sollten sie das tun?
Alte Haut zu regenerieren ist ein Merkmal, welches alle Vogel- und Säugerarten gemeinsam haben. In den kalten Gewässern der Antarktis und Arktis wird die Haut aber kaum durchblutet, um Körperwärme zu sparen. Dadurch werden die Hautzellen nicht mehr laufend regeneriert und verschorft. Daher haben die Wissenschaftler in ihrer Arbeit die These aufgestellt, dass die Wale in die warmen Gebiete wandern, um ihre Hautregeneration wieder zu starten und dabei die Geburt von Kälbern im warmen Wasser eine praktische Anpassung war. Auf die Idee kamen die beiden Hauptautoren der Studie, als sie darüber nachdachten, warum viele Typ B-Orcas in der Antarktis eine braune Kieselalgenschicht auf ihrer Haut haben. Die Vermutung war, dass die normale Hautreinigung, das Abfallen von alten Hautzellen und ihre Regeneration nicht stattfinden. Auch bei anderen Walarten sind ähnliche Beobachtungen von Walfängern und Forschern gemacht worden. Blau- und Finnwale wurden von den alten Walfängern als «Schwefelbäuche» oder «Schwefelhintern» bezeichnet, da sie am hellen Bauch braungelb waren.
Um ihre These zu testen, wurden in den letzten acht Jahren insgesamt 62 Satellitensender an allen vier Untergruppen von Orcas der Antarktis angebracht. Die Resultate zeigten, dass die Orcas auf relativ direktem Weg zwischen den warmen Tropengebieten und dem kalten Südpolarmeer wandern und bis zu 11’000 Kilometer dabei zurücklegen. Ein Tier wanderte beispielsweise in 5.5 Monaten zweimal diese Strecke. Ein anderer Typ-B2-Orca wanderte zwischen der antarktischen Halbinsel und den warmen Gewässern vor Brasilien und zurück in 39 Tagen. Dies zeigt klar, dass Orcas ein ganz spezifisches Wanderverhalten entwickelt haben. Der zweite Hauptautor der Studie, Dr. John Durban von SEA Inc., erkläret dazu: «Grundsätzlich ist das Nahrungsangebot in der Antarktis so gut, dass die relativ kleinen und warmblütigen Orcas ein sehr spezielles Wanderverhalten entwickeln konnten. Denn so können sie diese Ressourcen nutzen und trotzdem eine gesunde Hautfunktion aufrechterhalten.»
Die Forscher führen als weiteres Indiz für ihre These das Verhalten von Belugas an. Diese Walart wandert Ende Sommer in die Mündungsbereiche von Flüssen. Dort reiben sie sich an den Steinen die alte Haut ab und reinigen sich so. Da zu diesem Zeitpunkt sowohl Bullen wie auch Kühe dort sind, hat sich die Paarung zur selben Zeit wohl als praktische Anpassung entwickelt. Lange glaubte man, dass dieses Verhalten der Hautreinigung innerhalb der Wale einzigartig sei. Doch sollte das Team um Dr. Robert Pitman Recht behalten, dürfte die jährliche Häutung als Wandergrund die Regel sein, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Arbeit. Dazu werden die Forscher das Wachstum der Haut von wandernden und nicht-wandernden Walarten in verschiedenen Gebieten untersuchen.
Quelle: National Oceanic and Atmospheric Administration NOAA
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