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100 Zentimeter Lebenslustvon Katja Zellweger Eine grosse Kleine, die im Leben nicht zu kurz gekommen ist: In «Tiny Treasure» gelingt der Bern-New-Yorker Schauspielerin Linda Geiser ein feines Porträt ihrer Freundin Ruth Soucek-Jenzer, die einst in einem «midget circus» durch die USA tourte.
Veranstaltungsdaten
Oft folgt die Kamera Ruth Soucek-Jenzer auf Körperhöhe. Überall wo sie hingeht, wird sie gesehen, obwohl man sie mit ihrer Körpergrösse von nur einem Meter leicht übersehen könnte. Sie geht gekonnt mit der Aufmerksamkeit um: Wenn sie auf der Strasse einigen Frauen begegnet, die hochvokalige Geräusche von sich geben und ausrufen «Jöh, so süss, sie ist so klein, ich möchte sie umarmen», breitet sie ihre Arme aus. Wenn Leute einfach starren und kichern, oder dumme Frage stellen, dann wird sie ungeduldig, hat aber noch einen Witz auf den Lippen. Zumindest in ihrem amerikanisch gefärbten Englisch. In ihrem breiten Berndeutsch kommentiert sie aber schon, dass jetzt dann genug sei.
Im Rampenlicht
Der Film «Tiny Treause», der im Kino Rex Premiere feiert, porträtiert Ruth Soucek-Jenzer, die ganz früh aufgehört hat, zu wachsen. Körperlich. Menschlich kann man sagen, dass es sich bei ihr um jemanden mit Grösse handelt. Und um eine Person, die sich Rampenlicht gewohnt ist. Aufgewachsen im Spiegel bei Bern, schaffte sie es nach einigen Jahren im Elekrobetrieb «Hasler AG» als junge Frau ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. In den 1960er-Jahren tourte Soucek-Jenzer für zwölf Jahre mit einem «midget circus» durch die USA.
«Midget»: ein Wort für eine Kleinwüchsige, das aus der Sprache verbannt werden sollte, wenn es nach der Community geht. Doch Soucek-Jenzer liess sich nie belächeln und kleinkriegen. Sie heiratete später einen Amerikaner, worüber gar der «Blick» berichtete, danach arbeitete sie wieder im Elektrobereich, am Radarsystem für einen B1-Bomber. Nach dem Tod ihres Mannes in Florida lernte sie Autofahren und heute bessert sie sich die Rente mit Porzellanmalerei und Schmuckdesign auf.
Schlummermutter und Freundin
Der Film bewegt sich entlang der Lebensstationen der erzählenden und erinnernden Ruth Soucek-Jenzer. Gleichzeitig ist er aber auch ein leises Porträt einer Freundschaft, die im Spiegel begann und später in New York ihre Fortsetzung fand. Regie geführt hat nämlich ihre alte Freundin, die Schauspielerin und bildende Künstlerin Linda Geiser, die einst in Gotthelf-Filmen und «Lüthi und Blanc» mitwirkte. Berner*innen dürfte sie auch als «Schlummermutter» des New Yorker Atelierstipendiums von Stadt und Kanton bekannt sein.
Manchmal nimmt Geiser im Getümmel Soucek-Jenzer an der Hand, manchmal sind da einfach zwei ältere Frauen, die zusammen Strandferien machen, Fondue in der East-Village-Wohnung Geisers essen oder in ihre Heimatsprache zurückfallen.