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Tansania will mit einem gigantischen Agrarprojekt Armut und Hunger bekämpfen. Wenn der Staat aber nicht rigoros kontrolliert, verarmen die KleinbäuerInnen.
Fünf Seiten Papier und 200 000 Backsteine erinnern Christian Mapunda an eine äusserst unrühmliche Unterschrift in seinem Amt. Er ist Gemeindepräsident von Lutukira, einem Ort im südlichen Hochland von Tansania, wo mehr Regen fällt als sonst irgendwo im Land und BäuerInnen auf den vulkanischen Böden besonders viel ernten. Nun steht er im vertrockneten Buschgras und deutet auf Mauern in der Wiese. Hier haben die DorfbewohnerInnen 200 000 aus Lehm gebrannte Steine aufgeschichtet. Sie haben ihren Teil der Vereinbarung mit einem Investor eingehalten, der dem Dorf dafür helfen sollte, dringend benötigte Infrastruktur aufzubauen.
Mit der Vertragsunterzeichnung Anfang 2013 hatte der internationale Konzern Montara Continental unter anderem einen 75 PS starken Traktor, eine Wasserpumpe, einen Schlafsaal für die Mädchen und den Kauf von Schul- und anderen Büchern versprochen. Im Gegenzug trat ihm das Dorf 20 000 Hektaren für den industriellen Anbau von Erdnüssen ab. «Der Investor versprach, mit dem Bau der Schule zu beginnen, sobald wir die Ziegel gebrannt hätten», erzählt Christian Mapunda. Doch Montara hat bloss Zäune um das Land errichtet. Zurzeit liegt es brach, das Projekt auf Eis. Und die Familien schlagen sich mit dem Land durch, das ihnen noch geblieben ist.
Aufschwung und Ausbeutung
Lutukira ist einer von mehreren Orten in Tansania, wo die Stimmung der Leute zwischen der Hoffnung auf Aufschwung und dem Gefühl der Ausbeutung schwankt. Das südliche Hochland gilt als die Brotkammer des Landes. Nun will die Regierung dort mit einem riesigen Modellprojekt die Landwirtschaft modernisieren, um mit dem Mehrertrag Hunger und Armut zu bekämpfen.
Kern des Plans ist der «Wachstumskorridor» auf einem 287 000 Quadratkilometer grossen Gebiet. Das entspricht etwa der Gesamtfläche Italiens beziehungsweise einem Drittel der Fläche Tansanias. Der Korridor zieht sich von der Hafen- und Wirtschaftsmetropole Daressalam im Osten über das Hochland bis an die südwestlichen Grenzen mit Malawi und Sambia, im Westen bis zum Tanganjikasee. Auf diesem Gebiet sollen Investoren Plantagen für die industrielle Landwirtschaft anlegen und dabei die lokalen BäuerInnen einbeziehen. Von den 7,5 Millionen Hektaren bebaubaren Landes in Tansania wird offiziellen Angaben zufolge bisher weniger als ein Drittel kultiviert – 95 Prozent davon von KleinbäuerInnen, die mit traditionellen Anbaumethoden Subsistenzwirtschaft betreiben. Industrielle Landwirtschaft soll nun die Erträge steigern und in Zukunft auch für den Export produzieren. Mit geplanten 420 000 Arbeitsplätzen sollen bis 2030 mehr als zwei Millionen Menschen aus der Armut geholt werden. Geht der Plan auf, könnte Tansania zum Vorbild für andere Entwicklungsländer werden. So die Vision der Regierung in Daressalam.
Bis 2030 sind Investitionen von rund 3,4 Milliarden US-Dollar in den Wachstumskorridor vorgesehen. Zwei Drittel davon stammen von privaten Investoren, ein Drittel stellt der tansanische Staat bereit. Vier Jahre nach der Lancierung zeichnen sich erste Auswirkungen des Grossprojekts ab: Strassen entstehen oder werden breiter und verbessert, Flughäfen werden ausgebaut, in Daressalam entsteht bereits ein drittes Terminal.
Land als Existenzgrundlage
Das gewaltige Projekt birgt aber auch Risiken. Geoffrey Lupindu aus dem Dorf Lipokela überliess das Land, von dem seine Familie seit Jahrzehnten lebte, für 99 Jahre einem Investor, der darauf jetzt Kaffeebohnen pflanzt. Früher besass Lupindu knapp zehn Hektaren fruchtbares Land und erntete 150 Säcke Mais im Jahr. Das war genug für die Familie. Heute bewirtschaftet er weniger als eine Hektare. Auf der grossen Plantage könnte er zwar als Tagelöhner anheuern. «Das reicht aber nicht, um meinen Verlust auszugleichen», sagt Lupindu.
Etliche BäuerInnen aus dem Dorf teilen sein Schicksal: Nach der Verpachtung der Grundstücke war das Geld schnell verbraucht, und viele LandwirtInnen sind gezwungen, sporadisch und für wenig Geld auf den Farmen der Grosskonzerne zu arbeiten. Das stellt auch die Hilfsorganisation Misereor in einer umfassenden Studie über die Nebenwirkungen des Wachstumskorridors fest, die im Juli 2015 veröffentlicht wurde. «Weil die Lohnarbeit schlecht bezahlt ist und den Familien jetzt das Land fehlt, um sich selbst zu versorgen, rutschen sie in die Armut», sagt Sabine Dorlöchter-Sulser, Expertin für ländliche Entwicklung bei Misereor. «So können die Steigerung der Produktion und der Plan zur Hungerbekämpfung dazu führen, dass ausgerechnet kleinbäuerliche Familien nicht genug zu essen haben.»
Der Wachstumskorridor ist auch aus zahlreichen anderen Gründen problematisch: Korruption ist ein weitverbreitetes Übel. Zudem fehlt es an AnwältInnen, die die Interessen der geschädigten Gemeinschaften auf dem Land vertreten; auf der anderen Seite stehen Grosskonzerne mit ihren Rechtsabteilungen. Hinzu kommen Folgen wie beispielsweise Wassermangel, weil auf manchen Plantagen Pflanzen angebaut werden, die intensive Bewässerung erfordern. Und DorfbewohnerInnen können nicht mehr zu den Begräbnisstätten ihrer Vorfahren gelangen, weil Zäune errichtet und Zugänge versperrt werden.
Korrektive Massnahmen nicht für alle
Um Ausbeutung und Landraub zu verhindern, hat die tansanische Regierung mit rund achtzig Partnern und Investoren die öffentlich-private Partnerschaft Southern Agricultural Growth Corridor of Tanzania (Sagcot) gegründet. Geschäftsführer Geoffrey Kirenga verteidigt das Konzept des Wachstumskorridors. In der Vergangenheit sei das Land stark von landwirtschaftlichen Importen abhängig gewesen, Hunger und Armut bestünden weiterhin. «Jetzt ist es Zeit, etwas anderes zu versuchen», sagt Kirenga.
Sagcot biete den LandwirtInnen die Möglichkeit, durch die Zusammenarbeit mit den Firmen neue Anbaumethoden zu erlernen, Zugang zu «verbessertem» Saatgut und «effizienteren» Düngemitteln, aber auch zu den Märkten zu erhalten. «Es braucht ein System, damit die Angebote die Landwirte erreichen.» Kirenga erklärt, die Mitglieder der Initiative müssten sich zu höchsten Standards verpflichten: «Die Investitionen in die Landwirtschaft müssen der Ernährungssicherung dienen, die Leute vor Ort einbezogen werden, und es muss umweltfreundlich produziert werden.» Die Erträge werden zuerst auf lokalen Märkten verkauft; nur Überschüsse dürfen exportiert werden. Und es gibt einen Mindestlohn. «Wer gegen diese Standards verstösst, kann ausgeschlossen werden», erklärt Kirenga.
Der Konzern Montara, der am Dorfrand von Lutukira Land übernommen hat, gehört der Sagcot-Initiative nicht an. Deshalb greifen auch die Kontrollmechanismen nicht. Eine Sprecherin des Konzerns sagte auf Anfrage, man habe vor einigen Monaten das Projekt zurückgestellt, weil es an lokaler Unterstützung gemangelt habe. Bis zur Auflösung der Vereinbarung seien vier Klassenzimmer im Dorf renoviert und vierzig BewohnerInnen auf der Plantage angestellt worden. Von den 200 000 gebrannten Lehmsteinen weiss die Sprecherin nichts.
Benjamin Dürr berichtet seit 2009 als freier Korrespondent aus Afrika und vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.