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Michelle Steinbeck hört vom Seltsamen Nino
Mein Tischnachbar im Café sagt zu seinem Gegenüber, er sei drei Wochen in den Ferien gewesen und jetzt sei er zurück und habe keine Lust auf nichts. Er sagt, er versuche alles, um sich raufzuziehen, etwa kleide er sich so fröhlich wie möglich.
Er wedelt ein paar Hummeln weg, die ihn summend umkreisen, weil sein Hemd eine üppige Blumenwiese imitiert, und sagt: «Ich habe das gegoogelt, meine Verfassung, und bin auf das Post-Holiday-Syndrom gestossen.» Das Gegenüber nickt und sagt bedeutungsschwer: «Die Impffrage spaltet das Land. Die Fronten verhärten sich. Es ist schon wie in Israel, mit den Juden und Arabern.»
Dem Nachbarn stellen sich die sonnengebleichten Armhärchen auf, er verzieht das Gesicht und murmelt: «Dieser widerliche Wind. Greift mit seinen Eisfingern in den Nacken wie ein besonders gemeiner Cousin am Familienfest.» Das Gegenüber lacht und ruft: «Schau dir die Performance meiner Bitcoins an. Ich bin endlich wieder auf Null.»
Die Nach-Ferien-Depression, wie das Syndrom auch heisse, sei sehr verbreitet, erklärt mein Nachbar, sie betreffe zwei Drittel aller Angestellten, das habe er gelesen. Auch Tipps für den Umgang damit – etwa Ferienfotos immer wieder anschauen, das mache gute Laune. Er könne das noch nicht bestätigen, meint mein Nachbar, aber er arbeite weiter daran. Er habe sich bereits eine Entspannungsinsel in der Wohnung eingerichtet, das heisst, eine Gartenliege in die Küche gestellt, an der er sich nun regelmässig die Schienbeine aufschlage. Er gebe zu, das möge seltsam klingen, aber es sei tatsächlich erwiesen, dass es hilfreich sei, die Ferien auf diese Weise mit nach Hause zu nehmen. Dazu gehöre auch die sogenannte Bistroecke, für die er bloss zwei Hocker an ein wackeliges Tischchen habe stellen müssen, an der engsten Stelle seines Flurs. Dort sitze er nun bisweilen und lösche 95 Prozent aller Mails, ein weiterer Tipp zur Bekämpfung des Syndroms. Sein Gegenüber pflichtet ihm schulterklopfend bei: «Meine Bildschirmzeit ist letzte Woche um 95 Prozent gestiegen.»
Mein Nachbar setzt sich eine Brille mit gelben Gläsern auf und seufzt. In den Ferien sei er bei einem Parapsychologen gewesen, erzählt er. Der nenne sich Seltsamer Nino und werbe mit dem Spruch: Alle haben ein Recht darauf, glücklich zu sein. Seine Plakate waren überall, alle hundert Meter schrien sie, ihm zu vertrauen – ruf an!
Mein Nachbar besuchte den Seltsamen Nino schliesslich in dessen Büro. Der sass hinter einem schweren Tisch, umgeben von blutrotem Brokat und Heiligenfiguren, goldenen Kruzifixen und Weihrauchschwindel; living inside the Tabernakel, erzählt mein Nachbar.
Der Seltsame Nino habe ein Feuer gezündet, in einer kleinen Schale, und ihm daraus eine Zukunft gelesen. Ausgerechnet jene, in der eine alte Liebe umarmt werde.
Das Gegenüber hüllt sich in Schweigen, das nun auch meinen Nachbarn verschluckt.
Ich fröstle im eisigen Augustwind und folge mit den Augen einem Erstklässler und seinem Grossvater, der ihn soeben vom ersten Schultag abgeholt hat. Der Junge erzählt mit vor Aufregung brechendem Stimmchen von einem Geheimversteck. Der Grossvater brummt unverständlich, und der Junge nickt: Geheimversteck. Dann reisst er sich los und rennt zu einer Kartonkiste, die sich ihnen mitten auf dem Trottoir in den Weg stellt. Der Junge steckt die Nase rein und springt kopfüber hinein.
Michelle Steinbeck ist Autorin und zurück aus den Ferien.