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Simone de Beauvoir entzog sich den Konventionen: Sie führte eine offene Beziehung mit Jean-Paul Sartre und war bisexuell, wie sie in ihren Briefen und Tagebüchern bekannte, die aber erst nach ihrem Tod erschienen. Und de Beauvoir engagierte sich für das Abtreibungsrecht und gegen den Vietnamkrieg.
Jetzt bietet ein bisher unveröffentlichter Roman tiefere Einblicke in ihre Vergangenheit. «Les Inséparables», «Die Unzertrennlichen», zeige Simone de Beauvoir von einer anderen Seite, sagt die Geschlechterforscherin und Beauvoir-Expertin Esther Redolfi.
«Sie ist immer als eine sehr selbstsichere, kalte Persönlichkeit aufgetreten. An diesem Werk zeigt sie sich von ihrer freundschaftlichen Seite, von ihrer leidenschaftlichen und zerbrechlichen Seite.»
Gefangen im streng katholischen Korsett
Die Erzählung bleibt nah an Simone de Beauvoirs Leben. Zaza und Simone lernen sich in einer katholischen Mädchenschule kennen. Simone, im Buch Sylvie genannt, bewundert die lebendige, blitzgescheite Andrée, wie Zaza im Buch heisst.
Es war die perfekte freundschaftliche Beziehung, die Simone de Beauvoir wahrscheinlich in ihrem Leben immer wieder vermisst hat.
Doch Andrée wird früh in das enge Korsett ihrer grossbürgerlichen, streng katholischen Herkunft gepresst. Während Sylvie sich immer mehr emanzipiert, zerbricht Andrée an den Erwartungen, die an sie als Frau gestellt werden. Sie stirbt mit knapp 22 Jahren an einem viralen Infekt.
Zwänge des Patriarchats und die perfekte Freundschaft
«Die Unzertrennlichen» illustriert Beauvoirs berühmten Satz «Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.» Der schnörkellos geschriebene Roman bietet eine messerscharfe Darstellung von Zwängen im Patriarchat. Er beschreibt aber auch die Zuneigung, die Sylvie für Andrée empfindet.
Der Roman zeigt ihr Bedürfnis nach Nähe und Intimität. Trotzdem ist er kein Bekenntnis zur lesbischen Liebe, so Esther Redolfi: «Das war wirklich eine reine freundschaftliche Beziehung, die perfekte freundschaftliche Beziehung, die Simone de Beauvoir wahrscheinlich in all ihrem Leben immer wieder vermisst hat.»
Simone lebte den Traum für beide
Die tiefe Freundschaft prägte auch de Beauvoirs eigene Emanzipationsgeschichte. «Simone de Beauvoir hat den Traum, den beide gemeinsam geträumt haben, für auch für Zaza gelebt. Den Traum einer emanzipierten, selbstbewussten Frau, die sich gegen die heuchlerische damalige Gesellschaft gewandt hat.»
«Die Unzertrennlichen» zeigt, welche Kraft intime Beziehungen zwischen Frauen haben können. Nicht zuletzt räumt der Roman mit der Vorstellung auf, dass Jean-Paul Sartre die erste grosse, prägende Figur in Beauvoirs Leben war. Tatsächlich war es eine Frau, Zaza.