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Silvia meldet sich telefonisch. Sie kommt direkt vom Totenbett ihrer Mutter. Dort wacht sie im Wechsel mit Ihrer Schwester seit fast einem Monat bis ihre Mutter endlich sterben kann. Sie hat jetzt ein Gefühl, dass es in den nächsten Stunden soweit sein könnte. Im Grunde ist sie dankbar für die Zeit die sie mit ihrer Mutter verbringen kann. Sie hat das Gefühl, dass sie sich durch die Stille im Raum, die Mutter ist nicht mehr ansprechbar, der Mutter wieder annähern konnte.
Silvia erzählt davon, dass sie gerne die Vergebung ihrer Mutter hätte. Sie wartet seit Jahren auf diese Vergebung und hofft, dass ihr jetzt, da ihre Mutter nicht mehr sprechen kann, der Pfarrer bei der Beisetzung einen Brief oder eine Nachricht ihrer Mutter übergeben wird. Es kann doch nicht sein, dass ihre Mutter ihr nicht vergeben kann.
Die Mutter hatte nie verstanden, wie Silvia sich von ihrem Mann scheiden lassen konnte und hat dies immer als Sünde ausgelegt. Silvia hingegen empfand es nicht als sündhaft aber die Vergebung ihrer Mutter ist ihr bis heute sehr wichtig. Sie möchte nicht, dass die Mutter stirbt ohne darüber gesprochen zu haben.
Vergeben hat etwas damit zu tun, dass jemand einem anderen etwas gibt. Ich frage Silvia ob sie wirklich glaubt, dass ihre Mutter in dieser Hinsicht etwas zu geben hätte. Silvia seufzt, im Grunde nicht. Wenn sie ehrlich ist, weiss sie, dass ihre Mutter nicht dazu in der Lage ist. Genau hier knüpfe ich an, kann es sein, dass ihre Mutter wirklich nicht vergeben kann, weil sie daran glaubt, dass nur Gott Sünden vergeben kann? Silvia ist erstaunt von dieser Auslegung.
Mit Gott hat Silvia in ihrer Wahrnehmung keine Rechnung offen, da sei alles in Ordnung. Sie wollte nur die Vergebung ihrer Mutter. Wenn sie aber darüber nachdenke, könne es wirklich sein, dass ihre Mutter nicht in der Lage sei, Sünden zu vergeben.
Wissen Sie was, das erleichtert mich, meine Mutter hat mich nicht gemieden oder mir die Liebe gekündigt. Sie hat mich akzeptiert und geliebt auch wenn ich in ihren Augen eine Sünde begannen habe. Silvia sagt sie fühle sich viel freier, das habe irgendwie den Knoten in Ihrem Herzen gelöst. In diesem Moment erhält Silvia die SMS-Nachricht ihrer Schwester, dass die Mutter verstorben sei.
Silvia weint, aber sie sagt, sie habe in den letzten Minuten erhalten was sie sich von Ihrer Mutter gewünscht habe, sie sei dankbar, dass sie vor dem Tod erkannt habe, dass ihre Mutter ihr nichts zu vergeben hatte.