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Forum des Jungen Films, Berlin.
1980 erschien dieser Text auf einer Seite im Cinébulletin. Damit er möglichst gut zugänglich ist, habe ich ihn hier mit Zwischentiteln versehen.
Aus der zeitlichen Distanz fällt mir auf, dass 'des Jungen Films' damals für Eingeweihte eine Abgrenzung von Opas Kino war. Ein grösseres Publikum dachte dabei wohl (schon damals) eher an Nachwuchsfilmer, in Unterscheidung von den Arrivierten, deren Filme im Internationalen Wettbewerb programmiert wurden.
(Im Forum des Jungen Films wurden die frühen Filme von vielen Autoren gezeigt: Praunheim, Kluge, Angelopoulos, Tarkowski, Kaurismäki, Wong Kar-Wai, Souleyman Cissé.)
(Das Forum wurde von 1971-2000 von Ulrich und Erika Gregor geleitet.)
Bin ich ein Idealist?
Brief von Urs Graf an das Internationale Forum des Jungen Films Berlin.
Liebe Gregors,
wie versprochen suche ich mein Anliegen noch aufzuschreiben, für das Sie sich inmitten des grossen Forum-Organisations-Trubels so viel Zeit für ein ruhiges Gespräch nahmen. Dafür und vor allem für die Offenheit, mit der Sie auf unsere Kritik und Anregungen eingingen, möchte Ihnen Beat Müller vom Schweizerischen Filmzentrum und ich herzlich danken.
Das 'Forum des Jungen Films' eine Gegenveranstaltung zum Internationalen Wettbewerb.
Bei der Gründung des Forums des Jungen Films in Berlin war klar, dass es sich dabei um eine Gegenveranstaltung zum Wettbewerb der Berlinale handelt. Gegen den sog. Kommerz wurden thematisch, politisch, ästhetisch andere Filme gesetzt; und auch dagegen, Filme im Wettbewerb gegeneinander antreten zu lassen. Das entsprach der damaligen politischen Situation, war eine selbstverständliche Haltung (kurz nach 68!).
Und so selbstverständlich scheint mir heute das Zusammengehen (oder die Annäherung?) von Wettbewerb und Forum (beispielsweise Ausweis für beide Veranstaltungen gültig). Diese Annäherung ist Abbild einer allgemeinen politischen Situation und der Situation in der Filmproduktion:
Auf der einen Seite Wettbewerb: Ein grosses Angebot von Filmen, die den herkömmlichen Kinofilmnormen grundsätzlich entsprechen, sich aber an ein «gehobeneres» Publikum wenden. (Der übliche Kinoschund wird natürlich weiterhin in riesigen Mengen produziert und verbreitet, doch scheint er nach dem Donner- und jetzt de Hadeln-Konzept in Berlin weniger als früher erwünscht zu sein, was übrigens einen Teil des angereisten Film-Grosshandels frustrierte.)
Forum als B-Programm.
Auf der andern Seite Forum: Bescheidenere Filme und gewagtere Filme; auch schlechte Filme zu ach so wichtigen sozialen Fragen; und Filme, die den Kino(besitzer)erwartungen nicht entsprechen; aber auch Filme von Leuten, die sich zuerst einen Namen machen wollen, bevor sie das Risiko eingehen, sich beim Wettbewerb anzumelden. (Dieses Jahr sagte eine Zuschauerin an einer Filmdiskussion, dieser Film sei sehr gut gewesen, und wie es denn komme, dass er im Forum laufe und nicht beim Wettbewerb angenommen worden sei. Das Publikum applaudierte. - Forum als B-Programm.)
Wie gesagt, diese Programme sind Ausdruck einer realen Situation. Nun erwarte ich aber vom Forum mehr als die Reproduktion dieser Situation - ich erwarte, dass die aktuelle Situation auch thematisiert, zum Thema der Diskussion gemacht wird. In einem Wettbewerb ist es klar, dass die Konkurrenten gegeneinander antreten - im Forum dürfte es eigentlich möglich sein, dass Filmer, Filminteressierte, Presse, Verleiher und Spielstellen ein gemeinsames (politisches) Interesse haben, dass bessere Filme entstehen, dass Filme besser eingesetzt und aufgenommen werden.
Wem solche Gedanken grundsätzlich unrealistisch scheinen, den wird das Folgende nicht interessieren.
Das Gesicht des Forums.
Ziel wäre, dass der einzelne Film im Forum-Programm weniger allein steht, sondern auch aus einem allgemeinen Diskussionszusammenhang heraus betrachtet wird. Ich zweifle nicht daran, dass das Forum ein Selbstverständnis hat, aber es muss dieses im Chaos der Gesamtveranstaltung auch zeigen können: Das Gesicht des Forums.
Wer dieses Jahr eine Eintritts-Karte besass, entschied sich einmal für einen Film des Wettbewerbs, dann für die deutsche Informationsreihe, für die 3-D-Retro oder die Billy Wilder-Retro, ging zwischendurch in eine Veranstaltung des «Marktes», dann ins Forum oder ins Kinderfilmprogramm. Er entschloss sich für einen einzelnen Film. Viele Zuschauer sahen sich einem Chaos von Filmen gegenüber, das sich bald auch in ihrem Kopf breitmachte. Ich kenne einige Leute, die aus solchen Gründen mitten drin abgereist sind.
Wie könnte das Forum wieder zu einem Gesicht kommen, das ein Interesse weckt, welches sich nicht nur auf den einzelnen zufällig vom Zuschauer ausgewählten Film beschränkt, sondern sich auch auf Entwicklungen (und Erstarrungen) des Filmschaffens richtet.
Abgesehen vom allgemeinen Überangebot:
Suche nach Formen für das Forum.
Ich glaube, dass wir im gemeinsamen Gespräch auf einige Lösungsmöglichkeiten gestossen sind:
Weniger Filme (möglichst auch weniger Parallelveranstaltungen).
Beibehalten der kleinen Diskussionen direkt nach allen Filmvorführungen, wo ein Vertreter des Films anwesend ist (und vielleicht auch am nächsten Tag?).
Darüber hinaus braucht es aber noch weitergehende Diskussionen, die nicht bei jedem Film geführt werden können (sonst müsste das Programm so weit reduziert werden, dass es nur noch ein Workshop für eine kleine Gruppe von Teilnehmern wäre).
Eine 'Reihe' innerhalb des Programms mit einem Diskussionszusammenhang.
Also müsste eine Reihe von wenigen ausgewählten Filmen (aus dem Forum-Programm) in einen Diskussionszusammenhang gestellt werden. So würde jeden oder jeden zweiten Tag eine Vorführung dieser Reihe mit anschliessender Diskussion (oder vielleicht würde man besser sagen «Arbeit») von mindestens 3 Stunden bis etwa anderthalb Tagen durchgeführt.
Diese Reihe müsste von einer Person betreut werden. Dieser «Betreuer» könnte jeweils zusätzliche Materialien beschaffen und eine Einleitung zur Arbeit geben. Auch Gruppenmitglieder könnten natürlich solche Funktionen übernehmen.
Es ist klar, dass die kontinuierliche Anwesenheit mindestens eines Kerns dieser Arbeitsgruppe notwendig ist (also Anmeldung?). Die Arbeit an den einzelnen Filmen müsste aber doch so gestaltet werden, dass Leute, die nur einmal dabei wären, sich auch beteiligen oder mindestens der Arbeit folgen könnten. Dafür wäre es notwendig, dass einleitend der Stand der allgemeinen Diskussion, der grundsätzlichen Interessen, Standpunkte, Widersprüche, schon erarbeiteter Hypothesen (auch im Interesse der Kerngruppe) dargestellt würden.
Zwischenergebnisse veröffentlichen und fürs Forum-Publikum auflegen.
Die Ergebnisse der Arbeit würden von einzelnen Gruppenmitgliedern oder einer Kleingruppe schriftlich festgehalten, widersprüchliche Meinungen von den Vertretern der verschiedenen Seiten auch offen in Stichworten dargestellt. So könnten (nicht abschliessende, sondern anregende) Texte entstehen, zu einzelnen Filmen, zu bestimmten Formen der Filmarbeit, zu allgemeineren Problemen von Produktion, Technik, Gestaltung. Diese Texte würden verteilt und aufgelegt, wie alle anderen Forum-Materialien. Eine kleine Gruppe (zu der jeder dazustossen kann) würde die Auseinandersetzung mit Filmen weiter führen, als es denen möglich ist, die von Film zu Film rennen und abends einen wirren Kopf haben. Auch für die Filmkritik könnten solche Materialien zu einem etwas vertiefteren Filmverständnis führen, was ja auch nichts schaden würde.
Ein Thema, beispielsweise.
Die gestalterischen Fragen nicht vermeiden, wenn es um wichtige Themen geht, wenn Solidarität vorausgesetzt zu sein scheint.
Was nun könnte Thema eines solchen Workshops sein? Mich interessiert an der Filmarbeit vor allem das, wozu ich keine fertige Meinung habe, dem ich zwiespältig gegenüberstehe. Mich interessiert: Die Haltung des Filmemachers zu seinem Thema und damit zu den Zuschauern des Films (nicht das verbale Programm des Filmers, sondern das, was sich aus seinem Werk ablesen lässt).
Einfach gefragt: Geht es ihm darum, das Thema durch seine filmische Arbeit zu erarbeiten? oder andern etwas zu zeigen? andern etwas mitzuteilen? oder andere von etwas zu überzeugen?
Hinter diesen simplen Fragen steht die allgemeinere Frage nach der politischen Haltung des Filmemachers. Man hat sich angewöhnt, 'solidarisch' über solche Haltungen hinwegzusehen, wenn es um so wichtige und bewegende soziale Themen geht, um so wichtige Inhalte. Dieses Schweigen ist bedenklich, und wir müssen wieder miteinander über solche Dinge reden, wenn wir darauf setzen, dass es noch Leute gibt, die gemeinsame Ziele haben, die daran interessiert sind, gemeinsam zu lernen, solidarisch Kritik zu üben.
Filmische Interessen jenseits von Ideologie und von Markt.
Ich möchte mit aller Deutlichkeit betonen, dass es mir nicht um eine Kritik des diesjährigen Forum-Programms geht, dass ich aber der Meinung bin, dass gute Filme nicht genügen, um unsere gemeinsame Arbeit weiterzuführen - zu lernen aus Fragwürdigem und Gewagtem, aus gutem, schlechtem und bravem Handwerk. Ich gehe davon aus, dass es gemeinsame Ziele noch gibt, dass wir im Forum des Jungen Films, trotz aller Marktmechanismen, nicht nur gegeneinander als Konkurrenten auftreten wollen. Bin ich ein Idealist?
Herzlich Urs Graf
PS: Was ich hier aus den Erfahrungen am Forum in Berlin geschrieben habe, gilt genauso für andere Filmveranstaltungen. Für die Solothurner Filmtage 1980 scheinen ähnliche Bedürfnisse bestanden zu haben, deren Realisierung dann aber an einer zu wenig durchdachten Programmierung der Gespräche scheiterte.