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Frontispiz und Titelseite der deutschen Robinson-Ausgabe von 1754 (Ausschnitt).
Zentralbibliothek Zürich
Robinson Crusoe im alten Zürich
Bereits kurz nach dessen Veröffentlichung liegt 1720 die erste deutsche Übersetzung von Daniel Defoes «Robinson Crusoe» vor. Der Zürcher Aufklärer Johann Jakob Bodmer empfiehlt ihn den Zürcherinnen zur Lektüre. 1818 erscheint in Zürich ein «Kleiner Robinson zur Unterhaltung für die Jugend».
Bodmers Lesetipp für Damen findet sich in seiner nach englischem Vorbild gestalteten Wochenschrift «Die Discourse der Mahlern». Frauenlektüre ist ein neues Thema in jener Zeit. Und «Robinson Crusoe» ist eines der wenigen zeitgenössischen Bücher, die sich nach Ansicht Bodmers dafür eignen. Das «Frauen-Volck» soll aus der Lektüre schliesslich «witzig und angenehm, aber nicht gelehrt und pedantisch» werden.
Etwa 15 Jahre später erscheint Robinson in Zürich zum ersten Mal als Kinderfreund. Der Roman gelangt in die Hände des hochbegabten Schulversagers Salomon Gessner. Die Lektüre veranlasst ihn, selber Robinson-Geschichten zu schreiben. Die Sanktionen der Erzieher bewirken lediglich, dass er dabei mehr Vorsicht walten lässt. Der spätere Erfolgsschriftsteller, Buchdrucker, Verleger und erste Herausgeber der «Neuen Zürcher Zeitung» erhält so früh Gelegenheit, sich im Umgang mit der Zensur zu üben. Die Robinson-Texte des kleinen Salomon Gessner sind leider nicht erhalten geblieben. Wir wissen lediglich, dass seine Robinsone alle starke Raucher waren und dass er es liebte, die Elemente in Aufruhr zu versetzen. Gessners Robinson-Phase ist ein früher Beleg für den von Daniel Defoe kaum beabsichtigten Erfolg des Romans als Kinderbuch. Etwa 25 Jahre bevor ihn Jean-Jacques Rousseau im Erziehungsroman «Émile ou de l’éducation» als Jugendlektüre empfiehlt.
Auch im Leben eines anderen namhaften Zürchers markiert die Begegnung mit Robinson einen Wendepunkt. 1777 bekommt ihn der unglückliche Lateinschüler Hans Conrad Escher, nachmals von der Lindth, zu lesen. Zweckmässige Kinderschriften, so berichtet Escher rückblickend, habe es damals noch nicht gegeben. Umso mehr beflügelt ihn «der alte Robinson Crusoe» zum leidenschaftlichen «Bauen von spanischen Schlössern aller Art». In seinen Robinson-Fantasien erholt er sich von den Zumutungen des Schulunterrichts. «Von diesem Zeitpunkt an», so schreibt Escher in seinem persönlichen Lebensbericht, «entstand ein neues Leben in mir: Alle Eindrücke wurden lebhafter aufgefasst, alle Empfindungen lebendiger …». Robinson löst in seinem neunjährigen Leser einen eigentlichen Kreativitätsschub aus.
Des Welt-berühmten Engelländers Robinson Crusoe Leben. Frankfurt und Leipzig, 1754. Frontispiz und Titelseite der deutschen Robinson-Ausgabe von 1754. Robinson und Robinsonaden standen damals laut Ludwig Meyer von Knonau (1769–1841) so hoch im Kurs wie gegen Ende des Jahrhunderts die Ritterromane.
Zentralbibliothek Zürich
Robinson und der Weltuntergang
Der durchschlagende Erfolg des Romans hat verschiedene Gründe: Der neuartige Reportagestil Defoes vermittelt den Eindruck von Unmittelbarkeit und Authentizität. Robinson ist ein moderner Mensch aus dem mittelständischen Kaufmannsmilieu, der so fühlt und denkt wie andere auch. Der Autor lässt ihn seine abenteuerliche, angeblich in Tagebüchern notierte Geschichte in der Ich-Form erzählen. Mit einem solchen Helden können sich die grossen und die kleinen Leser identifizieren. Es kommt hinzu, dass Reisen und Bücher, insbesondere Reisebücher, zu den grossen Vorlieben der Zeit gehören.
In den 1770er-Jahren betet der kleine Ludwig Meyer von Knonau im Landvogteischloss Eglisau zum lieben Gott, er möge doch die noch nicht entdeckten Länder zu seinen Lebzeiten bekannt werden lassen und beim Weltuntergang ein paar seiner Lieblingsbücher verschonen. Zu diesen Lieblingsbüchern gehört natürlich auch «die alte deutsche Übersetzung des englischen Robinson Crusoe». Ludwig Meyer von Knonau wählte sich den Lesestoff in der Bibliothek seines Grossvaters selber aus. Zu seiner Jugendlektüre, in der die Robinsonaden einen prominenten Platz einnahmen, meinte er im Rückblick: «Diese regellosen Lesereien eines Knaben und Jünglings dürften manchem Erzieher missfallen; allein ich bin überzeugt, dass, wenn die geistige Nahrung mir von fremder Hand zugemessen worden wäre, meine Wiss- und Forschungsbegierde weniger geweckt worden und ich mit vielem Merkwürdigen unbekannt geblieben wäre.»
Auch dies verbindet die kleinen Zürcher Robinsone des 18. Jahrhunderts mit ihrem Helden; sie helfen sich selbst.
Aquatinta von Franz Hegi. In: «Kleiner Robinson, oder Abentheuer des Robinson Crusoe zur Unterhaltung für die Jugend»: Zürich: Buch und Kunsthandlung Trachsler, 1818.
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