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Neun nicht noble Nobelpreis-Entscheide
- Freitag, 7. Oktober 2016, 10:29 Uhr
Nicht alle der erlauchten Ehrungen wurden von Fachkreisen begrüsst. Mit der Wahl des «Vaters des Gaskriegs», einer paranoiden Aktivistin und eines brachialen Nervenarztes hat sich das Nobel-Komitee offenkundig vertan. Das waren allerdings nicht die einzigen fragwürdigen Entscheide der Jury.
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Europäische Union (Nobelpreis für Frieden, 2012)
Die Freude hält sich in Grenzen, als 2012 nicht eine engagierte Person, sondern eine Institution mit dem Friedensnobelpreis geehrt wird: die Europäische Union. Die Begründung: Die EU hätte «über sechs Jahrzehnte zur Entwicklung von Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa beigetragen». «Ein Witz», stänkert der tschechische Präsident Vaclav Klaus. «Ein Aprilscherz», rügen auch die britischen Tories. Und scharf schiesst Amnesty International: Die EU sei der Auszeichnung nicht würdig, weil sie Menschen durch Abschottung in Not bringen würde.
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Barack Obama (Nobelpreis für Frieden, 2009)
2009 wird der amtierende US-Präsident Barack Obama mit dem Nobelpreis für Frieden ausgezeichnet. Kritiker stören sich nicht nur an den Vorschusslorbeeren, sondern werfen konzeptuelle Fragen auf: Mit der Auszeichnung werde keine Leistung gekürt, sondern ein Auftrag erteilt. Auch hat sich der US-Präsident durchaus nicht nur mit sozialem Handeln hervorgetan, er hat auch leere Versprechungen gemacht: Das Gefangenenlager Guantanamo ist bis heute in Betrieb. Obama selbst quittiert die Ehrbekundung mit den Worten, er hätte «den Preis nicht verdient.» Vielleicht mehr eine Geste der Betreten- statt der Bescheidenheit?
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Wangari Maathai (Nobelpreis für Frieden, 2004)
Als erste Afrikanerin nimmt Wangari Maathai 2004 den Nobelpreis für Frieden in Empfang. Sie fördert engagiert die Frauenpolitik, mit der sie Wasser- und Umweltschäden zuvorkommen will. Im Westen, in dem die Nachhaltigkeit in aller Munde ist, wird sie gefeiert, in ihrer Heimat geschmäht. Auch mit der Auszeichnung geadelt, misslingt ihr in Kenia die Kandidatur als Präsidentin und Abgeordnete. Später macht sie mit wirren und mitnichten friedensfördernden Verschwörungstheorien von sich reden. So behauptet sie etwa, dass der Westen das Aidsvirus gezüchtet habe, um Schwarze auszurotten.
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Yassir Arafat (Nobelpreis für Frieden, 1994)
Freiheitskämpfer oder Terrorist? Für einen weltweiten Aufschrei sorgt 1994 der Entscheid des Nobelkomitees, gemeinsam mit Schimon Peres und Yitzhak Rabin auch PLO-Chef Yassir Arafat auszuzeichnen. Alle drei sollen sich um den Frieden im Nahen Osten bemüht haben. Als Anführer der palästinensischen Fatah – das bezweifelt kaum jemand – hat Arafat aber über Jahrzehnte Anschläge auf israelische, jordanische und libanesische Ziele verübt. Ein Komiteemitglied ist über die Auszeichnung Arafats derart erzürnt, dass es noch vor der Verkündung der drei Sieger zurücktritt.
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Antonio Egas Moniz (Nobelpreis für Medizin, 1949)
Für eine vermeintlich vielversprechende Operation wird der portugiesische Neurologe Antonio Egas Moniz 1949 mit dem Nobelpreis für Medizin geehrt. Bei der Lobotomie, einer Operation am offenen Hirn, werden Nervenbahnen und Teile der Hirnmasse durchtrennt. Dies soll Patienten mit schweren psychischen Krankheiten Linderung bringen – etwa bei Psychosen oder Depressionen. Die Folgen sind jedoch gravierend: Zahlreiche Patienten sterben, andere tragen schwere Hirnschäden davon, und auch vermeintlich erfolgreiche Eingriffe führen zu Persönlichkeitsveränderungen. Die Behandelten bleiben oft emotions- und antriebslos zurück.
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Paul Müller (Nobelpreis für Chemie, 1948)
1948 wird der Schweizer Paul Müller mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet – für die Entdeckung der starken Wirkung von Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT) als Insektizid. DDT wird grossflächig in der Landwirtschaft eingesetzt und hilft massgeblich mit, die Verbreitung von Malaria und Typus zu bekämpfen. Doch bald wird klar: DDT ist nicht nur nützlich, sondern auch sehr giftig. Es lagert sich im Gewebe von Mensch und Tier ab, gilt als stark krebserregend und stört den Hormonhaushalt. So legen etwa Greifvögel plötzlich Eier mit dünneren Schalen, was zu erheblichen Bestandseinbrüchen führt. 2001 hat ein internationales Abkommen das Insektizid verboten.
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Robert Cecil (Nobelpreis für Frieden, 1937)
Nichts gegen die Verdienste von Robert Cecil. Der britische Diplomat und Politiker schreibt immerhin ein Memorandum, «wie die Gelegenheiten für künftige Kriege verringert werden könnten.» Hernach erarbeitet er eine Satzung, mit der er den Grundstein für den Völkerbund legt. Als er aber 1937 den Nobelpreis für Frieden einheimst, sticht er zwangsläufig einen weit berühmteren Mitkandidaten aus: Mahatma Gandhi. Der indische Intellektuelle, der als Friedenskämpfer in Reinform gilt, geht 1947 noch einmal leer aus. 1948 steht er wieder auf der Liste, wird aber noch vor der Preisverleihung ermordet. Bürokratische Hindernisse und andere gesuchte Einwände verhindern, dass Gandhi posthum geehrt wird.
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Fritz Haber (Nobelpreis für Chemie, 1918)
Für die Entdeckung, wie aus Stickstoff und Wasserstoff Ammoniak gewonnen werden kann, nimmt Fritz Haber 1918 den Nobelpreis für Chemie entgegen. Ammoniak dient mit Salpetersäure zur Herstellung von Düngemitteln. Allerdings blendet das Nobelpreiskomitee Habers prekäre Rolle im Ersten Weltkrieg aus. Mittels Versuchen mit Phosgen und Chlorgas entwickelt er das entscheidende Verfahren für die Herstellung von Giftgas – der neuen Massenvernichtungswaffe. Die deutschen Gastruppen formiert Haber gleich selbst und lässt sie Tausende Alliierte töten. So geht der deutsche Chemiker nicht nur als Nobelpreisträger in die Geschichte ein, sondern erntet auch den Namen «Vater des Gaskriegs».
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Sully Prudhomme (Nobelpreis für Literatur, 1901)
Schon 1901, als der Nobelpreis zum allerersten Mal verliehen wird, ruft der Entscheid des Komitees Kopfschütteln hervor. ‹Wer ist Sully Prudhomme?›, mögen sich schon die Zeitgenossen gefragt haben. Und ‹Wer ist Sully Prudhomme?› fragt sich erst recht die Nachwelt. Dass die Wahl 1901 auf den französischen Poeten fällt, dürfte auch mit einem prominenten Mitstreiter zusammenhängen: Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi ist der Jury laut eigenen Angaben zu exzentrisch und zu anarchistisch. So weit, so klar? Böse Zungen behaupten schon damals, dass die Schweden nur die nahen Russen vor den Kopf stossen wollen.
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Sendungsbeitrag zu diesem Artikel
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Juan Manuel Santos bekommt Friedensnobelpreis
Aus Tagesschau vom 7.10.2016
Der Friedensnobelpreis 2016 geht an den kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos. Damit ehrt ihn das Nobelkomitee in Oslo für seine unermüdlichen Anstrengungen, den über 50-jährigen Bürgerkrieg in Kolumbien zu beenden.
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