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von Philipp Hunziker
Letzten Sonntag wurden die Legislative und Exekutive des Kantons Zürich neu gewählt. In diesem Kontext veröffentlichte Tagesanzeiger.ch/Newsnetz gestern einen Artikel mit dem Titel “«-ic» und «-gün» wurden fleissig gestrichen”. Die Autoren Daniel Schneebeli und Hélène Arnet behaupten im Wesentlichen, dass Kantonsratskandidaten/innen mit Namen ausländischer Herkunft überdurchschnittlich oft von Parteilisten gestrichen wurden. Der Artikel wirft mehrere interessante Fragen auf: Wurden die Instrumente des Kumulierens und Panaschierens verwendet, um Vorurteile gegenüber Personen gewisser Herkunft politisch zum Ausdruck zu bringen? Haben folglich Schweizer/innen mit Namen ausländischer Herkunft mehr Mühe ein politisches Amt zu erlangen (zumindest im Kanton Zürich)? Leider verbleibt der Artikel im Tages-Anzeiger auf der Stufe der Mutmassungen und verwehrt so eine definitive Antwort auf diese Fragen.
Schneebeli und Arnet begründen die provokant formulierte Schlagzeile mit einigen Beispielen von Kandidaten mit “eindeutig ausländischen” Namen, welche ihren Wahlresultaten nach zu urteilen von vielen Wählern von ihren Parteilisten gestrichen worden sind. Das Problem einer solchen Vorgehensweise ist, dass sie keine Rückschlüsse darauf zulässt, inwiefern Kandidierende mit ausländischen Namen öfter gestrichen wurden, als jene mit „schweizerischen“ Namen. Dass das Ziehen korrekter Schlussfolgerungen bei einer selektiven Betrachtung von Fällen schwierig bis unmöglich ist, wird auch aus einem Nachfolgeartikel auf Tagesanzeiger.ch ersichtlich. Dort wird beschwichtigend darauf hingewiesen, dass auch “Schweizer” Kandidaten dem Rotstift zum Opfer fielen, und “ausländische” Kandidaten Plätze gut gemacht haben.
Statistik statt Mutmassungen
Ein möglicher Weg um diese Probleme zu umgehen ist das Betrachten der Wahlergebnisse mittels einer statistischen Analyse, welche Daten zu allen Kandidierenden umfasst. Eine solche erlaubt es systematisch zu überprüfen, ob Kandidaten mit ausländisch klingenden Namen öfter von Wahllisten gestrichen wurden als andere Kandidaten. Zudem erlaubt die statistische Herangehensweise das Messen dieses Effektes bei gleichzeitiger Berücksichtigung anderer einflussreicher Faktoren, zum Beispiel die ursprüngliche Listenplatzierung der Kandidaten.
Um zu ermitteln, ob die These des Tages-Anzeigers auch tatsächlich zutrifft, habe ich die Wahlresultate vom letzten Sonntag (bereitgestellt vom statistischen Amt des Kantons Zürich) in einem Datensatz zusammengestellt. Der Datensatz basiert auf allen Kandidierenden der Kantonsratswahlen und enthält Informationen zu deren Parteizugehörigkeit, Listenplatz, Wahlbezirk, Alter, Name, Beruf und Wahlresultat. Diesem Datensatz habe ich eine zusätzliche Variable hinzugefügt, welche indiziert, ob die Herkunft des Namens eines Kandidaten oder einer Kandidatin ausserhalb von Westeuropa zu liegen scheint. Die geographische Einschränkung ist zugegebenermassen willkürlich und ungenau, sie wiederspiegelt aber, dass die schweizerische Sprachenvielfalt eine Abgrenzung zwischen „schweizerischen“ und „ausländischen“ Namen nur in sehr groben Kategorien zulässt. Die Codierung insgesamt ist natürlich hochgradig subjektiv, sie sollte aber für einen einfachen Test der These genügen. Insgesamt identifiziere ich 33 von 1720 Kandidierende als Personen mit Namen „ausländischer“ Herkunft.
Des Weiteren habe ich eine Variable erstellt, welche das Geschlecht der Kandidierenden indiziert. Diese Variable erlaubt das Überprüfen einer weiteren, verwandten These mit demselben Datensatz. Neben Vorurteilen bezüglich der Herkunft von Kandidierenden könnte es durchaus auch sein, dass Frauen systematisch öfter von Parteilisten gestrichen werden als männliche Kandidaten. Gemäss meiner Codierung sind 566 der 1720 kandidierenden Personen weiblichen Geschlechts.
Schliesslich wurde für alle Kandidierenden die Anzahl verlorener Plätze nach der Wahl berechnet, das heisst die Differenz zwischen dem Listenplatz eines Kandidierenden und der relativen Anzahl Stimmen, die er erhalten hat. Hatte zum Beispiel eine Kandidatin den ersten Listenplatz inne, holte aber nur am viert meisten Stimmen, so hat sie drei Plätze verloren. Hat die Kandidatin ihren Platz halten können oder hat sie sogar zugelegt, ist die Anzahl verlorener Plätze gleich null. Die Anzahl verlorener Plätze kann als (grober) Indikator dafür verwendet werden, wie oft der entsprechende Kandidat von der Parteiliste gestrichen wurde.
Mit einem geeigneten statistischen Modell habe ich nun den Effekt verschiedener Variablen, mitunter das Geschlecht des Kandidierenden und die (subjektive) Herkunft des Namens, auf die Anzahl verlorener Plätze geschätzt. Für statistisch versierte Leser/innen: Da es sich bei der abhängigen Variable um „underdispersed count data“ handelt, habe ich für die Schätzung ein Negatives Binomialmodell verwendet. Neben dem Namen und dem Geschlecht der Kandidierenden wurden folgende Kontrollvariablen eingefügt: Potentielle Abstiegsplätze misst um wie viele Plätze der entsprechende Kandidat gegeben seiner Listenplatzierung überhaupt absteigen konnte (letztplatzierte Kandidaten können zum Beispiel nicht absteigen). Die Variable Bisher gibt an, ob der Kandidat bereits in der Legislaturperiode 2007 – 2011 Kantonsrat war. Jahrgang und die quadrierte Version davon messen schliesslich ob das Alter eines Kandidaten einen (nicht-linearen) Effekt auf die Anzahl eingebüsster Plätze hat.
Der Effekt von Vorurteilen
Tabelle 1 zeigt die Ergebnisse dieser Untersuchung. Kolonne 1.1 zeigt die Ergebnisse wenn wir alle Parteilisten betrachten, Kolonne 1.2 beschränkt den Datensatz auf Parteilisten linker Parteien (SP, Grüne und AL), Kolonne 1.3 auf Mitteparteien (FDP, CVP, glp, BDP, EVP und andere), und Kolonne 1.4 auf Rechtsparteien (SVP, EDU und SD). Die Tabelleneinträge geben die geschätzten Koeffizienten für die Variablen an, wobei ein positiver Koeffizient bedeutet, dass die Variable einen positiven Einfluss auf die Anzahl verlorener Plätze hat (und umgekehrt). Die Sterne signalisieren statistische Signifikanz, und die Werte in Klammern dienen deren Berechnung.
Zuerst zur Untersuchung mit allen Listen (Kolonne 1.1). Die Kontrollvariablen zeigen die erwarteten Effekte: Potentielle Abstiegsplätze haben einen positiven Effekt auf den realen Verlust von Listenplätzen, bisherige Kandidierende stiegen weniger oft ab, und sowohl sehr junge als auch sehr alte Kandidaten standen einem grösseren Risiko gegenüber, überdurchschnittlich oft von ihrer Parteiliste gestrichen zu werden. Die interessanten Resultate sind aber die folgenden: Sowohl Frauen als auch Kandidierende mit Namen ausländischer Herkunft wurden häufiger von ihren Parteilisten gestrichen als vergleichbare andere Kandidaten und Kandidatinnen. Wenn wir die nur schwer interpretierbaren Schätzer aus Kolonne 1.1 entsprechend umformen ergeben sich folgende Zahlen: Über alle Listen hinweg verloren Kandidierende mit Namen ausländischer Herkunft 2.7 mal mehr Plätze als ein vergleichbarer anderer Kandidat. Frauen verloren 1.2 mal mehr Plätze.
Kolonne 1.2 zeigt des Weiteren, dass der Effekt bei Kandidaten mit Namen ausländischer Herkunft auch auf Parteilisten linker Parteien statistisch signifikant ist. Der Effekt ist zwar kleiner als bei den Mitteparteien (2.2 mal mehr Platzverluste versus 3 mal), aber selbst Wähler linker Parteien scheinen Kandidaten mit ausländischem Namen überdurchschnittlich oft von der Parteiliste gestrichen zu haben. Überraschenderweise ist der Effekt bei den Rechtsparteien nicht signifikant, dies ist jedoch mit grosser Wahrscheinlichkeit darauf zurück zu führen, dass der Datensatz auf deren Parteilisten nur zwei Kandidaten mit Namen ausländischer Herkunft identifiziert.
Kolonnen 1.2 bis 1.4 zeigen auch, dass der Effekt bezüglich den weiblichen Kandidatinnen ausschliesslich von den Parteien des rechten Spektrums herrührt. Während das Geschlecht der kandidierenden Personen keinen Einfluss auf das Wahlverhalten von Links- und Mittewählern zu haben scheint, streichen Wähler/innen von Rechtsparteien überdurchschnittlich oft Frauen von ihren bevorzugten Wahllisten. Auf den Wahllisten der rechten Parteien verloren Frauen im Schnitt 2.4-mal mehr Plätze als vergleichbare Männer.
Alles in allem zeigt sich also folgendes Bild: Über alle Parteigrenzen hinweg scheinen es Personen mit Namen ausländischer Herkunft schwieriger zu haben ein politisches Amt zu erlangen, als Personen mit „Schweizer“ Hintergrund. Frauen stossen hingegen nur bei Rechtsparteien auf „Widerstand“ von ihren Wählern. Diese Ergebnisse müssen nachdenklich stimmen: Welche Signale senden sie an zukünftige Schweizer? Wie kann diesen tief verwurzelten Vorurteilen begegnet werden? Und, nicht zuletzt, wie gut funktioniert das Prinzip der demokratischen Repräsentation wenn Wähler sich offenbar so einfach von Vorurteilen leiten lassen?
Über den Autor: Philipp Hunziker ist Master Student am Center for Comparative and International Studies (CIS) der ETH Zürich und arbeitet am Lehrstuhl für Internationale Konfliktforschung (ICR) derselben Hochschule.