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Lohnt es sich, in der Schweiz eine Firma zu gründen, wenn man als Angestellter bereits gut verdient? In der Ökonomie bezeichnet man das Einkommen, das ein Unternehmensgründer alternativ in abhängiger Erwerbstätigkeit verdienen könnte, als Opportunitätskosten. Die Theorie besagt, dass ein negativer Zusammenhang zwischen Opportunitätskosten und Gründungsaktivität besteht.[1] Das heisst: Je höher das tatsächliche oder potenzielle Einkommen in abhängiger Erwerbstätigkeit ist, desto weniger wird eine Person geneigt sein, diese Erwerbstätigkeit aufzugeben und stattdessen eine selbstständige Tätigkeit mit unsicheren Verdienstaussichten anzustreben.
Eine Untersuchung im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zeigt für die Schweiz jedoch auf, dass dieser negative Zusammenhang so nicht stimmt.[2] Vielmehr kann von einem weitgehend positiven Zusammenhang ausgegangen werden. Das heisst, ein Anstieg der Opportunitätskosten ist mit einer höheren Gründungsneigung verbunden. Denn: Die höchste Gründungsneigung weist die Personengruppe mit hohen Opportunitätskosten auf.
Die immer noch vergleichsweise guten Erwerbsmöglichkeiten von gering qualifizierten Beschäftigten und das soziale Sicherungssystem sind vermutlich die Gründe dafür, dass der negative Zusammenhang innerhalb der Schweiz nicht gilt. Denn nebst den Opportunitätskosten wird die Gründungsneigung einer Person von einer Reihe weiterer Faktoren beeinflusst, die dem Effekt der Opportunitätskosten zum Teil entgegenwirken können.
So streben Firmengründer nicht nur aus monetären Gründen eine selbstständige Tätigkeit an. Vielmehr steht häufig der Wunsch nach Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung im Vordergrund.[3] Dieser Wunsch wird meist erst dann verfolgt, wenn schon ein gewisser Wohlstand erreicht ist.
Zweitens nehmen nicht alle Menschen die gleichen Geschäftsmöglichkeiten wahr. Es bedarf immer bestimmter Kenntnisse und kognitiver Fähigkeiten, um Geschäftsmöglichkeiten überhaupt zu erkennen bzw. diese zu entwickeln.[4] Ein höherer Bildungsstand und mehr Erfahrungen (die üblicherweise mit hohen Opportunitätskosten einhergehen) können daher auch zu einer hohen Gründungsneigung führen.
Schliesslich sind für bestimmte selbstständige Tätigkeiten spezifische Bildungsabschlüsse notwendig. Dies gilt zum Beispiel für viele akademische selbstständige Tätigkeiten, sogenannte freie Berufe, und auch für Handwerkstätigkeiten.
Bildungsstand und Einkommen hängen zusammen
Der Einfluss des Bildungsstandes auf die Gründungsneigung zeigt sich deutlich: Die höchste Gründungsneigung findet sich für Personen mit einem tertiären Bildungsabschluss (3,2%); bei Personen mit primärem Bildungsabschluss ist diese nur halb so hoch (1,6%). Der Grund hierfür ist, dass Personen mit einem hohen Humankapital eher in der Lage sind, neue Geschäftsideen zu erkennen, und diese auch besser umsetzen können.[5] Da Bildungsstand und Einkommen stark zusammenhängen, ergeben sich hierdurch auch Auswirkungen auf den Zusammenhang von Opportunitätskosten und Gründungsneigung.
Der positive Einfluss von Bildungsstand und Humankapital wirkt dem negativen Einfluss der Opportunitätskosten – hier als Haushaltseinkommen betrachtet – auf die Gründungsneigung entgegen. In der Summe überwiegt sogar Ersteres: Die höchste Gründungsneigung zeigt sich bei Personen mit einem hohen Haushaltseinkommen von über 9000 Franken pro Monat. Über den grössten Teil des Einkommensspektrums ist der Zusammenhang von Einkommen und Gründungsrate gleichgerichtet (siehe Tabelle).
Lediglich bei Personen mit einem niedrigen Einkommen zeigt sich diesbezüglich eine Abweichung, da auch diese Personen eine erhöhte Gründungsneigung aufweisen. Die Gründungsneigung von Frauen ist tiefer als jene von Männern, die grundsätzliche Struktur ist allerdings gleich.
Anteil der Gründer in der Schweiz (nach Haushaltseinkommen und Geschlecht)
|Monatliches Brutto-Haushaltseinkommen||Männer||Frauen||Total|
|weniger als 3000 Franken||3,1%||1,7%||2,3%|
|3000 bis 6000 Franken||2,1%||1,6%||1,8%|
|6001 bis 9000 Franken||2,8%||1,6%||2,2%|
|über 9000 Franken||3,7%||2,1%||3,0%|
|Total||3,1%||1,7%||2,4%|
Anmerkung: Datengrundlage für die Tabelle ist n=24’845.
Quelle: Swisspeb (2015) / Die Volkswirtschaft
Hochgerechnet auf ein 100-Prozent-Pensum, betragen die Opportunitätskosten von Gründern durchschnittlich 8200 Franken pro Monat. Gründer schätzen also, dass sie als Angestellte mehr als der Durchschnitt verdienten. Auch dieser Befund deutet darauf hin, dass Gründer tendenziell Personen mit guten alternativen Erwerbsmöglichkeiten sind.
Mehr Unternehmensgründungen in Entwicklungsländern
Im internationalen Vergleich bestätigt sich die Theorie zu den Opportunitätskosten jedoch. So weisen beispielsweise die USA und fast alle Schwellen- und Entwicklungsländer höhere Gründungsquoten als die Schweiz auf. [6] Mit zunehmendem Wohlstandsniveau (und damit zunehmenden Opportunitätskosten) nimmt der Anteil der Personen, die eine Firma gründen, tendenziell ab. Der negative Zusammenhang lässt sich folgendermassen erklären: In Entwicklungsländern haben viele Menschen nur geringe Erwerbsmöglichkeiten (und damit auch geringe Opportunitätskosten), und eine Selbstständigkeit ist häufig die einzige Möglichkeit, den Lebensunterhalt zu bestreiten.
Mit zunehmendem wirtschaftlichem Wohlstand verbessern sich die Erwerbsmöglichkeiten, wodurch es immer mehr Menschen gibt, für die eine selbstständige Tätigkeit unattraktiv ist. Zudem haben Länder mit höherem Pro-Kopf-Einkommen meist auch stärker ausgebaute Sozialsysteme, die Menschen bis zu einem gewissen Grad auch im Falle einer Arbeitslosigkeit absichern, was die Opportunitätskosten ebenfalls erhöht und Gründungen aus der Not reduziert.[7] Insgesamt ergibt sich hierdurch ein negativer Zusammenhang von Wohlstandsniveau und Gründungsneigung.
- Amit et al. (1995).
- Bergmann (2016).
- Amit et al. (2001); Carter et al. (2003).
- Grégoire und Shepherd (2012).
- Grégoire und Shepherd (2012); Dimov (2010).
- Singer et al. (2015), S. 53.
- Wennekers et al. (2005).