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«Eines Tages wurde ich wegen den Frauen und dem Wein verhaftet, da es keine Gesetze gegen Gotteslästerung gab; es war nicht der Tod, der mich umbrachte, es waren zwei bigotte Wächter, die sich meiner Seele mit Schlägen ermächtigten.» Mit diesen Worten, frei nach dem gleichnamigen Gedicht aus der «Spoon River Anthology» des amerikanischen Lyrikers Edgar Lee Masters, wird uns das Leben (oder genauer gesagt der Tod) von Wendell P. Bloyd vorgestellt. Die Sammlung besteht aus mehr als zweihundert Nachrufen, die, nonkonformistisch sowohl im Stil wie auch im makabren Inhalt, das Leben der ländlichen und provinziellen Vereinigten Staaten entmystifizierten. Die Anthologie erschien erstmals 1915 und erlebte einen grossen Erfolg, an den Edgar Lee Masters trotz seiner grossen literarischen Schaffenskraft nie mehr anzuknüpfen vermochte. Wenn die Schicksale des Gotteslästerers, des Richters, des Verrückten und des Fiedler Jones und anderer Figuren aus Spoon River Vielen so bekannt sind, dann ist dies Fabrizio de André, dem genuesischen Cantautore, zu verdanken, der 1971 auf seinem Album «Non al denaro, non all’amore né al cielo» die Anthologie von Edgar Lee Masters in Musik umsetzte. Die Stücke handeln von Lastern und von Tugenden, aber De André erklärte in unmissverständlichen Worten, was programmatisch für seine gesamte Poetik gilt: «Es versteht sich von selbst, dass mich die Tugend weniger interessiert, da sich diese nicht bessern muss. Ein Laster hingegen kann Besserung erfahren.»
Die Jahre nach den Studentenunruhen von 1968 waren für De André die produktivsten. Nach «Tutti morimmo a stento», einem Album über den Tod, und nach «La buona novella», einem von den apokryphen Evangelien inspirierten Werk, legte er sein drittes Konzeptalbum vor: Eine gemeinsame Idee verbindet die einzelnen Stücke, die so eine zusammenhängende Geschichte erzählen. In Italien war De André einer der ersten, der diese Art von Musikalben produzierte. Dieses neue Genre, die Texte, die zweideutig keinem Trend folgten und sich offensichtlich ausserhalb ihrer Zeit bewegten, krönten zusammen mit seinem unverwechselbaren Timbre den Erfolg von De André und machten ihn zu einem der grössten italienischen Cantautori des 20. Jahrhunderts. De André griff auf viele literarische und musikalische Quellen zurück. So fanden nicht nur die Gedichte von Edgar Lee Masters sondern auch die Werke von grossen Meistern des Autorenlieds wie George Brassens, Bob Dylan oder Leonard Cohen Eingang in das Erbe der italienischen Musik.
Er war gerade erst 59 Jahre alt geworden, als Fabrizio De André 1999 starb. Heute würde er seinen 78. Geburtstag feiern.
[Datum der Erstausstrahlung: Radiotelevisione Svizzera RSI, Rete Due, 18. Februar 2014, 07:05 Uhr]
Originalbeitrag anhören: www.zala.ch