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Literatur
Eine grosse Pause
Schon lange hat Eva Biber davon geträumt, aus dem täglichen Trott auszusteigen. Der grosse Tag für die Neuausrichtung ihres Lebens kommt, als ihre Zwillinge ausziehen und zur Uni gehen. Eva entschliesst sich, fortan nicht mehr aufzustehen und im Bett zu bleiben.
Geschrieben wurde "Die Frau, die ein Jahr im Bett blieb" von Sue Townsend, der Autorin der Adrian Mole-Bücher, und wer diese kennt, erwartet nun natürlich tolle, intelligente, immer wieder überraschende, die Lachmuskeln reizende Unterhaltung - und die kriegt er auch.
Die Zwillinge heissen Brianne und Brian, sind Mathematikgenies, schlagen das Angebot des Trinity College in Cambridge aus und gehen stattdessen nach Leeds, weil dort die berühmte Lenya Nikitanova lehrt. Die beiden sind etwas eigenartig, das Mädchen wird wie folgt beschrieben: "Brianne besass eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und hörte schon bald nicht mehr zu, nickte aber und sagte 'cool', wenn es angebracht schien. Sie war ein grosses Mädchen mit breiten Schultern, langen Beinen und grossen Füssen. Ihr Gesicht war grösstenteils hinter einem langen strähnigen Pony versteckt, den sie sich nur aus den Augen strich, wenn sie tatsächlich etwas sehen wollte."
Nach ein paar Tagen im Bett, als das Telefon nicht aufhört zu klingeln, nimmt Eva den Hörer ab und wartet bis jemand spricht. "Schliesslich sagte eine gewählte Stimme: 'Hallo, ich bin Nicola Forester. Ist das der schwere Atem von Mrs. Eva Biber oder ist das ein Haustier?' Eva sagte: 'Ich bin's, Eva.' Die Stimme sagte: 'Oje. Sie klingen so nett. Leider muss ich einen Eimer kaltes Wasser über Ihre Ehe kippen.' Eva dachte: 'Warum überbringen feine Leute immer schlechte Nachrichten?' Die Stimme fuhr fort: 'Ihr Mann hat seit acht Jahren eine Affäre mit meiner Schwester.'"
Eva ist nicht sonderlich betrübt über diese Nachricht, eher erleichtert, die wöchentliche Tortur hinter sich zu haben, bei der Brian, bevor er ejakulierte, jeweils "Komm zu Papa!" rief. Nach einer Woche im Bett, kommt auf Betreiben von Ruby, Evas Mutter, Dr. Bridges zur Visite, verspürt aber das überwältigende Gefühl, sofort wieder zu gehen, als er von Eva gefragt wird, ob es möglich sein könnte, dass sie, seit der Geburt ihrer Zwillinge vor siebzehn Jahren, an einer postnatalen Depression leide ...
Evas Ehemann, Brian, Astronom von Beruf, der gerade grossen Stress hat, weil einer seiner Kollegen einen Aufsatz geschrieben hat, in dem er die statistische Gültigkeit von Brians "Abhandlung über Olympus Mons bezweifelt", sucht medizinischen Rat und erhält ein Beruhigungsmittel verschrieben; Gemeindeschwester Spears, von Dr. Lumbago aufgefordert, Eva zu besuchen, wird von dieser beschieden, sie sei nicht krank. "'Haben Sie Medizin studiert', fragte Schwester Spears. 'Nein', sagte Eva, die ahnte, worauf der Wortwechsel hinauslief. 'Aber ich bin voll qualifiziert, eine Meinung zu meinem eigenen Körper zu haben, ich studiere ihn seit fünfzig Jahren.'"
Alexander, ein "grosser, schlanker Mann mit ergrauten Dreadlocks, die ihm bis zur Taille reichten, und gut sitzenden Kleidern in dezenten Farben ...", erhält den Auftrag, Eva zur Hand zu gehen. Unter anderem dabei, die Schränke auszuräumen und ihr Bett mit ihr darin im Zimmer hin und her zu schieben.
Die Nachbarschaft beginnt sich zu wundern. "Während Alexander die alten Dielen abzog, kniete Eva auf dem Bett und blickte aus dem offenen Schiebefenster. Sie trug eine Atemschutzmaske, was schnell zu einem Gerücht in der Nachbarschaft führte, gestreut von Mrs. Barthi, der Frau des Zeitschriftenhändlers, Brian habe seine Frau mit irgendwelchen Mondbazillen infiziert und die Behörden hätten Quarantäne über sie verhängt."
Dann verliebt sich Brianne in Alexander; Poppy, Briannes und Brians nervige, usurpatorisch veranlagte Studienkollegin, eine notorische Lügnerin, ergattert sich Weihnachtsferien bei den Bibers; Titania, die Geliebte Brians - es geht, wie immer, sehr turbulent zu und her bei Sue Townsend - wird von ihrem Mann auf die Strasse gesetzt und taucht im Haus der Bibers auf, worauf sich unter anderem dieser Dialog zwischen Geliebter und Ehefrau ergibt: "Eva sagte: 'Eins müssen sie mir noch verraten. Täuschen Sie Ihre Orgasmen auch vor?' 'Gewöhnlich ist dafür keine Zeit, er ist nach ein paar Minuten fertig. Ich mach's mir selbst.'"
"Die Frau, die ein Jahr im Bett blieb" ist ein aberwitziges, unterhaltsames, gescheites und scharfsinniges Buch. "Später am Abend, nachdem Eva zwei Fernsehkomödien gesehen hatte, ohne zu lachen ...", heisst es einmal, und das ist bei "Die Frau, die ein Jahr im Bett blieb" garantiert ganz anders.
PS: Ich habe viel und laut gelacht während der Lektüre dieses cleveren Buches, das jedoch nicht einfach unter die Kategorie "humorvoll" gehört, obwohl es das zweifellos ist. Denn es ist mehr, es ist auch ein sehr wahres Buch. Nach einer Amateurproduktion, in der Brian einen überzeugenden Irren abgegeben hatte, hatte Eva noch Wochen später der Gedanke verfolgt, "dass der Wahnsinn hinter jeder Ecke lauerte und nur darauf wartete, im Schlaf in deinen Kopf zu kriechen und dich zu verschlingen."