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Tobler goes digital
Ein studentisches Transkrip-tions- und Editionsprojekt macht die Lieder des Appen-zellers Johann Heinrich Tobler für alle Chöre zugänglich.
Helen Gebhart — «Alles Leben strömt aus Dir / Und durchwallt in tausend Bächen / Alle Welten; alle sprechen: /
Deiner Hände Werk sind wir!»
So geht die erste Strophe des Liedes «Ode an Gott», welches 1825 in der Sammlung Lieder für den appenzellischen Sängerverein gedruckt wurde und heutzutage als Landsgemeindelied des Kantons Appenzell Ausserrhoden bekannt ist. Komponiert wurde es von Johann Heinrich Tobler, der im Jahr 1777 in Trogen, AR geboren wurde und dort von 1803–1816 als Landschreiber fungierte. Obwohl Tobler keine musikalische Ausbildung absolvierte, war ihm das gemeinsame Singen und die Schaffung eines neuen Liedrepertoires ein grosses Anliegen. So schrieb er 1829: «wie wähnte ich mich glücklich, als ich es dahin brachte, einen kleinen Kreis von Jugend- und Gesangfreunden um mich her zu sammeln und unter denselben bessere Lieder einzuführen als die bisherigen waren.» (zitiert nach A. Tunger, 1989, S. 34). Dieser Erneuerung des Liedguts nahm sich Tobler gleich selber an, indem er zahlreiche Lieder für verschieden besetzte Chöre komponierte, die er in Sammlungen, wie Lieder im gesellschaftlichen Kreis zu singen (1807) und Geistliche Lieder (1823) selbst herausgab. Die meist drei- bis vierstimmigen Lieder verfügen über eingängige Melodien, die Tobler sammelte oder selbst komponierte und dann mehrere meist parallel geführte Stimmen hinzufügte. Über 230 Lieder sind heute noch von Tobler erhalten und werden in der Kantonsbibliothek Ausserrhoden und dem Staatsarchiv Herisau aufbewahrt.
Von dieser Fülle an Liedern sind heute bis auf das Landsgemeindelied nur noch wenige bekannt und werden eher selten gesungen. Ändern will dies eine Gruppe von Studierenden der Universität Bern. Das Projekt Tobler goes digital hat zum Ziel, eine Edition der 235 erhaltenen Liedern von Tobler anzufertigen und diese auf einer eigens dafür geschaffenen Website der breiten Öffentlichkeit im PDF Format zur Verfügung zu stellen. Initiiert wurde die Edition von Heidi Eisenhut, der Leiterin der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden und dem Dirigenten und Komponisten Rudolf Lutz, der mit seiner Landsgemeindekantate Toblers Musik auch musikalisch rezipierte. Auch zwei Jubiläen stehen mit der digitalen Edition in Verbindung: die diesjährige 200-Jahr-Feier der Sonnengesellschaft Speicher, deren Gründungsmitglied Tobler war und das 2025 stattfindende 200-Jahr-Jubiläum des Appenzeller Sängerfestes.
Seit November 2020 arbeiten Viviane Sonderegger (Projektleitung), Lynn Beutler, Pablo D. Cáceres Aranibar, Sarah Fankhauser, Noémie Felber, Thomas Tschudin und Kathleen Zakher neben dem Studium an diesem Projekt, welches im Juli 2021 abgeschlossen wird. Die Grundlage der Arbeit sind die Drucke der Lieder, welche das Projektteam von der Appenzeller Kantonsbibliothek als Scans zur Verfügung gestellt bekommen hat. In der ersten Phase des Projekts mussten die Lieder Note für Note in ein digitales Notationsprogramm übertragen und da die Lieder in Stimmbüchern herausgeben wurden, erstmals Partituren erstellt werden. Auf diese Transkriptionsphase folgte die Korrekturphase und die Recherche zu den Texten der Lieder und daraufhin die letzte Phase des Projekts, in welcher sich das Projektteam mit Chorleiter*innen traf, um deren Wünsche für eine Edition der Chorlieder berücksichtigen zu können. Besonders achtete das Team darauf, Ausgaben zu erstellen, die für die Benützung in verschiedensten Chören geeignet sind.
Mit viel Herzblut dabei
Wenn Studierende bei Editionen mitarbeiten, dann oftmals als Hilfswissenschaftler*innen in einem Projekt, welches von Expert*innen geleitet wird. Nicht so bei Tobler goes digital, wo jeder Arbeitsschritt vom studentischen Team selbst erarbeitet wurde. Im Gespräch mit den Projektmitarbeitenden fällt sofort das Herzblut auf, welches sie in die digitale Edition stecken und die Freude und Begeisterung, die die gemeinsame Arbeit in ihnen entfacht.
In wöchentlichen Sitzungen treffen sie sich, um die Fortschritte der Edition zu diskutieren und gemeinsam Entscheidungen zu fällen. «Es ist viel learning by doing, dieses Editionsprojekt zu machen und darum auch eine grosse Bereicherung» führt Kathleen Zakher aus. Gerade das Erstellen der Editionsrichtlinien war eine Herausforderung für die Studierenden. «In Marathonsitzungen haben wir die Editionsrichtlinien durchgesprochen. Den Weg bei allen Schritten selber zu finden, war nicht immer ganz einfach, aber umso mehr lehrreich», erzählt Viviane Sonderegger, die Leiterin des Projekts. In Momenten, wo das Team an seine Grenzen gestossen ist, konnten sie bei Cristina Urchueguía, Professorin für Musikwissenschaft an der Universität Bern und beim Editionsphilologen Christian von Zimmermann um Rat fragen. Die Motivation der Editor*innen, welche alle Musikwissenschaft studieren oder studiert haben, ist gross und vielseitig begründet. Einige Mitglieder haben einen persönlichen Bezug zum Appenzell und den Liedern Toblers und für alle bietet es die Möglichkeit, theoretische Kenntnisse praktisch anzuwenden. «Die Lieder für die Nachwelt zu konservieren und durch die Website zugänglich zu machen, ist uns ein grosses Anliegen», erklärt Lynn Beutler. Besonders schön finden sie dabei, dass durch ihre Arbeit die Tobler-Lieder wieder zum Klingen gebracht werden können.
Die Website www.toblerdigital.ch steht ab dem 1. August allen interessierten Personen zur Verfügung.