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Jubiläumskultur, wie wir sie heute kennen, hat eine Geschichte: Seine Ursprünge hat das Jubiläum in der jüdisch-christlichen Tradition, säkularisiert wurde es erst im Kontext der Reformation. Das 19. Jahrhundert schliesslich war so jubiläumsfreudig, dass man es auch als das «Jahrhundert der Jubiläen» bezeichnete.
Vom Alten Testament zum Ablassjahr
Das Feiern von Jubiläen in regelmässigen Abständen von 10, 20, 25, 50 oder 100 Jahren erscheint uns heute als Selbstverständlichkeit; unsere öffentliche Erinnerungs-, Fest- und Ausstellungskultur wäre ohne Jubiläen nicht denkbar. Und auch im privaten Bereich wird die zyklische Wiederkehr von Jahresdaten etwa in Geburtstags- oder Ehejubiläen ganz selbstverständlich zelebriert: Das Feiern von Jubiläen entspringt einer weitgehend unhinterfragten Mischung aus Traditionsbewusstsein und Konvention.
Fragt man nach den Ursprüngen der christlichen Jubiläumstradition, wird man zumeist auf das Alte Testament verwiesen: Nach Leviticus 25,8-31 sollte auf sieben siebenjährige Zyklen ein Ruhejahr, das sogenannte «Jubeljahr» folgen. In diesem sollte jeder zu seinem Grundbesitz und zu seiner Sippe zurückkehren, Sklaven sollten freigelassen werden, und die Saat und Ernte sollten für ein Jahr ruhen. Die Idee des jüdischen Jubeljahres floss im Mittelalter in die christliche Ablasspraxis ein. Mit der Einführung des ersten Heiligen Jahres durch Papst Bonifaz VIII. im Jahre 1300 war ein Mechanismus geschaffen worden, der für die Etablierung des Jubiläumszyklus von zentraler Bedeutung wurde und darüber hinaus im Sinn der mittelalterlichen Theologen eine qualitative Aufwertung bedeutete: Anstelle der irdischen Schulden sollten im christlichen Jubeljahr die geistigen Schulden erlassen werden.
Der grosse Zustrom der Pilger, den das Heilige Jahr 1300 erreichte, liess das ursprünglich auf 100 Jahre festgelegte Intervall zwischen den Heiligen Jahren bald variieren: Seit 1475 findet das Heilige Jahr alle 25 Jahre statt, womit eine bis heute gültige Masseinheit für Jubiläumszyklen festgelegt wurde. Die Praxis, 30-Jahr-Feiern zu veranstalten, setzte sich erst im 19. Jahrhundert allmählich durch. Die Erfindung und Reglementierung des Heiligen Jahres durch das Papsttum veranschaulicht in bildhafter Weise dessen «Verfügbarkeit über die Zeit» im vorreformatorischen Kontext. Die kirchliche Herrschaft über die Zeitstrukturierung ging mit einer monopolistischen Kompetenz zur Festlegung von Festtagen einher. Wollte man sich nicht dem Verdacht aussetzen, die päpstliche Autorität in Frage zu stellen, konnte man höchstens im Geheimen eigene Termine zum Feiern profan-historischer Ereignisse festlegen.
Reformation und Gegenreformation
Es erstaunt daher nicht, dass entsprechende Konkurrenzbestrebungen seit dem 16. Jahrhundert vom konfessionellen Gegenlager aus betrieben wurden. Einer der entscheidendsten Impulse für eine Pluralisierung und Säkularisierung der Jubiläumskultur ging von den frühen Universitätsjubiläen aus: Die reformierten Universitäten von Tübingen, Heidelberg, Wittenberg und Leipzig distanzierten sich mit ihren Jubiläumsfeiern im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert entschieden von der römisch-katholischen Jubiläumskultur und initiierten damit eine konkurrierende Jubiläumskultur. Auch das 1617 gross gefeierte 100-Jahr-Jubiläum des Lutherischen Thesenanschlags und das 1655 abgehaltene 100-Jahr-Jubiläum zum Augsburger Religionsfrieden demonstrierten eine scharfe ideologische Abgrenzung vom päpstlichen Jubel- und Ablassideal.
Im Kontext der Aufklärung wurden einzelne historische Ereignisse, welche für die Entwicklung der Menschheitsgeschichte von besonderer Bedeutung schienen, in Form einer Jubiläumsfeier begangen. Auch die Obrigkeit wusste das historische Jubiläum bald zu ihrem Vorteil zu nutzen; das Bürgertum und die Fürstenhäuser veranstalteten seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert regelmässig Jubiläumsfeiern, mit dem Ziel, sich dabei selbst in Szene zu setzen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Stadtjubiläen zu einem wesentlichen Bestandteil stadt-bürgerlicher Fest-Kultur. Noch ungenügend ist erforscht, inwiefern sich diese Repräsentationsfeiern der Oberschicht auch auf Vorbilder römischer Säkularfeiern bezogen.
Im 20. Jahrhundert fand – parallel zu einer Jubiläumskultur, die sich weiterhin auf positiv konnotierte Ereignisse bezog – auch eine Transformation des Jubiläumsgedankens statt. «Schwierige Jubiläen» (Winfried Müller) standen an, wenn sich negativ konnotierte politische Ereignisse jährten. Erinnern und Vergessen bekamen im Kontext der Katastrophen des 20. Jahrhunderts nicht nur in der Geschichtswissenschaft, sondern auch im öffentlichen Diskurs eine neue Bedeutungsdimension. Für Anlässe, die sich Jahrestagen wie etwa der Machtergreifung von Adolf Hitler widmen, ist weniger von Jubiläen, als von jubiläumszyklischen Gedenktagen zu sprechen. Sie evozieren ein periodisches Gedenken an bestimmte Ereignisse, komplementär zur linearen und zyklischen menschlichen Zeiterfahrung.