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Dass das Leben die merkwürdigsten Geschichten schreibt, vergessen wir im Alltagstreiben allzu schnell. Deshalb lieben wir Geschichten, in der sich Unerhörtes im Alltag ereignet. Solche Geschichten erzählt der 1947 geborene, in Brooklyn lebende Paul Auster.
In «Das rote Notizbuch» legt er «true stories» vor, Begebenheiten, die er selbst erlebt hat oder vom Hörensagen kennt. Manchmal braucht er «keine drei Minuten», um eine zu erzählen. Die Thematik des Zufalls durchzieht diese Miniaturen wie ein roter Faden. Im Zufall realisieren sich die Möglichkeiten, die im Alltäglichen schlummern.
Manchmal greift der Zufall spektakulär ins Geschehen ein. So in der Erzählung über den jugoslawischen Partisanen aus dem Zweiten Weltkrieg, der am gleichen Tag zweimal knapp dem Tod und einmal einer Beinamputation entrann: Der Arzt «hatte die Säge schon angesetzt, als wieder eine Detonation ertönte. Das Dach der Hütte brach ein, die Wände klappten zusammen, das Lazarett war zerstört. Und wieder einmal verlor S.s Onkel das Bewusstsein. (...) Als er diesmal aufwachte, fand er sich in einem Bett wieder. Die Laken waren weich und sauber, in dem Zimmer roch es angenehm, und sein Bein war noch da, wo es hingehörte. Gleich darauf sah er einer schönen jungen Frau ins Gesicht. Sie hielt ihm lächelnd einen Löffel Brühe an den Mund.»
Am Schluss fehlt der Hinweis nicht, dass der Mann später als Versicherungsvertreter sein Dasein fristete. Darin zeigt sich, worum es Auster geht: um die Irritation gewohnter Sehweisen. Nicht zuletzt handeln die Kurzgeschichten auch von Austers eigener Existenz. 1973, als er, noch völlig unbekannt, die ausgefallensten Jobs annahm, verwaltete er mit einer Freundin ein abgeschiedenes Anwesen in Südfrankreich. Die Besitzer aber entlöhnten die beiden so kärglich, und das Geld für Übersetzungen überwiesen die Verleger so spät, dass sie eines Tages schier eine Dose Hundefutter geöffnet hätten - wäre da nicht der Zufall zu Hilfe gekommen ...