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uns eingeschleppt wurde, ist heute der Weg durch den Suezkanal so erheblich abgekürzt und durch die Dampfschiffahrt die Fahrzeit eine so kurze geworden, daß in 18-20 Tagen ein Cholerakeim von Indien nach Italien [* 2] und dem südlichen Frankreich importiert werden kann, während wir von der Verbreitung auf dem Landweg von Indien her kaum noch etwas zu fürchten haben dürften. Man hielt bis vor kurzem die Schiffe [* 3] im allgemeinen für wenig geeignet, den Ansteckungsstoff weiter zu übertragen, und für gewöhnliche Fahrzeuge hat sich dies auch bestätigt; indessen sind nach Koch solche Fahrzeuge, welche Massentransporte von Menschen bewirken, durchaus geeignet, den Krankheitskeim auch für eine längere Seereise zu konservieren.
Die Ansteckung des einzelnen Menschen geschieht in der Weise, daß der Krankheitskeim in die Speisewege entweder durch Trinkwasser, oder durch Übertragung mittels Insekten [* 4] auf feuchte Speisen, oder durch Berührung der letztern mit infizierten Händen gelangt und unverdaut durch den Magen [* 5] in den Darmkanal dringt, wo er seine spezifische Thätigkeit entwickelt. Hierzu ist es aber nötig, daß der Magen nicht in normaler Weise funktioniert, da bei ungestörter Verdauung die Pilze [* 6] zu Grunde gehen, und wir sehen deshalb die Cholera nur bei solchen Personen auftreten, welche an Verdauungsstörungen leiden, und deshalb werden auch während einer Epidemie die meisten Erkrankungen an den Montagen konstatiert, nachdem der Magen durch sonntägliche Exzesse geschwächt war.
Eine Übertragung der Krankheitserreger durch die Luft ist unwahrscheinlich, da dieselben nach Koch in trocknem Zustand (und anders können sie durch die Luft nicht fortgeführt werden) zu Grunde gehen. Im Darmkanal, zumal wenn derselbe bereits durch Verdauungsstörungen gelitten, vermehren sich die Kommabacillen äußerst schnell, gelangen aber selbst nicht in die Blutbahn; vielmehr werden die schweren Krankheitssymptome und der häufig so plötzliche Tod wahrscheinlich durch die Aufnahme von giftigen Stoffen bedingt, welche diese Bakterien erzeugen, und welche dann in die Blutbahn gelangen.
Auf diesen immerhin noch nicht völlig geklärten Erfahrungen, welche man über das Wesen und die Verbreitungsweise des Choleragifts gesammelt hat, beruhen die Maßregeln, welche man zur Abwehr dieses schlimmen Feindes ergriffen hat, und welche in neuester Zeit, als die Epidemie von 1884 von Frankreich her das Deutsche Reich [* 7] bedrohte, in dem Erlaß des preußischen Kultusministers zur Abwehr der Cholera einen geläuterten Ausdruck gefunden haben. Zunächst ist hiernach dem Eisenbahngrenzverkehr an denjenigen Orten besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden, wo ein erheblicher Zutritt von Reisenden stattfindet.
Die Reisenden sind in den Eisenbahnkoupees von Ärzten zu besichtigen, wobei das Zugpersonal und die Mitreisenden wichtige Aufschlüsse über etwanige Krankheitserscheinungen geben können. Koupees, in denen Kranke gefunden sind, müssen geräumt und desinfiziert werden. Die Sanitätsbehörden, welche durch besondere Sanitätskommissionen in den einzelnen Ortschaften unterstützt werden müssen, haben dafür zu sorgen, daß nicht durch gelegentliche, an sich unerhebliche Erkrankungen, namentlich der Verdauungsorgane, individuelle Dispositionen für die Cholera hervorgerufen werden.
Sie haben die örtlichen Verhältnisse genau zu überwachen, besonders für möglichste Sauberhaltung der Straßen und Plätze, häufige Reinigung der Rinnsteine zu sorgen; ferner ist zu verhüten, daß Abtritte und Dunggruben in der Nähe von Brunnen [* 8] angelegt werden, überhaupt muß ein Durchsickern dieser unreinen Stoffe ins Erdreich möglichst sorgfältig vermieden werden. Brunnenwasser ist vor allen Verunreinigungen zu schützen und ist da, wo Wasserleitungen bestehen, möglichst vom Gebrauch auszuschließen.
Jedes Feilhalten von gesundheitsschädlichen Nahrungsmitteln ist strengstens zu ahnden. Herbergen, Logierhäuser und Massenquartiere von Arbeitern sind vor Überfüllung zu bewahren und auf ihre Sauberkeit hin zu kontrollieren. Für den Fall des Ausbruchs der Cholera an einem Ort ist für Entsendung hinreichend zahlreicher Ärzte, besonders in die ärmern Distrikte, zu sorgen, Märkte und Messen sind eventuell aufzuheben, ebenso erforderlichen Falls die Schulen zu schließen.
Die Kranken selbst sind entweder in ihrer Wohnung zu isolieren, oder nach einer Krankenanstalt überzuführen. Alle Gegenstände, welche mit einem Cholerakranken in Berührung gekommen waren, sind zu desinfizieren, so z. B. die transportierenden Tragen und Wagen, Betten, Wäsche etc. Das Spülen von Gefäßen etc., welche mit Cholerakranken in Berührung waren, an Brunnen ist strengstens zu verbieten und das Genießen von Speisen in Krankenräumen, auch wenn dieselben bereits geleert sind, nach Möglichkeit zu vermeiden.
Die Leichen sind womöglich in besondere Räume zu bringen, die Ausstellung derselben vor dem Begräbnis zu untersagen und das Leichengefolge möglichst zu beschränken. Eine Beunruhigung der Bevölkerung [* 9] ist durchaus zu vermeiden, es muß darauf hingewirkt werden, daß jeder sich der größten Mäßigkeit und Reinlichkeit an seinem Körper befleißigt und bei jeder Verdauungsstörung, auch wenn dieselbe ihm gering erscheint, den Arzt aufsucht. Was die Desinfektion [* 10] anbetrifft, so sind die Exkremente und wertlosen Gegenstände am besten zu verbrennen; über die Desinfektion der Wäsche, Räume etc. s. Desinfektion.
Wenn nun diese Schutzmaßregeln auch bei einmal ausgebrochener Epidemie die Ausbreitung derselben in wirksamer Weise verhindern können, so ist doch die Erklärung einigermaßen schwierig, durch welche Verhältnisse eine Epidemie definitiv zum Verschwinden gebracht wird. Wenn man annehmen kann, daß nach längerm Bestehen einer Epidemie fast alle Leute wenigstens an ganz leichten Anfällen erkrankt sind, und daß das Überstehen eines Anfalls wenigstens für kurze Zeit einen Schutz gegen neue Erkrankung bietet (obwohl es auch vorgekommen ist, daß jemand während einer Epidemie zweimal erkrankte), so muß ein derartig »durchseuchter« Ort nach einiger Zeit naturgemäß eine gewisse Immunität gegen Cholera erlangen und letztere schließlich erlöschen, womit auch die Thatsache übereinstimmt, daß gegen Ende einer Epidemie die Erkrankungen stets leichter sind. Ferner findet der Cholerakeim an der Kälte unsrer Gegenden den wirksamsten Bekämpfer.
Der Ausbruch einer Epidemie geschieht in verschiedener Weise. Häufig gelangen die ersten Fälle sehr vereinzelt zur Kenntnis, und es dauert geraume Zeit, bis plötzlich gleichzeitig eine große Anzahl von Menschen erkranken, öfters in den einzelnen Stadtteilen zerstreut, öfters an einem Punkte der Stadt, und man spricht dann von einer Explosion der Cholera. Fast nie wird eine Stadt sogleich in großer Ausdehnung [* 11] ergriffen, sondern es kann vorkommen, daß mehrere Monate lang nur vereinzelte Fälle in schwachen Epidemien fortbestehen, in dieser Weise die kalte Jahreszeit überdauern und dann, besonders bei Eintritt der wärmern Jahreszeit, sich zu einer ¶
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allgemeinen Epidemie ausbreiten. In der Mehrzahl der Fälle jedoch nimmt die Zahl der Erkrankungen schnell zu, erreicht ungefähr in der 3.-4. Woche ihr Maximum und nimmt dann allmählich wieder ab. Ebenso ist auch die Bösartigkeit der Erkrankungen und demgemäß die Zahl der Todesfälle bis zu einem gewissen Kulminationspunkt progredient und nimmt darauf langsamer, als sie angestiegen, wieder ab. In größern Städten kommen allerdings ganz gewöhnlich Nachschübe in der Zahl und Intensität der Erkrankungen vor.
Während nun schon vor dem Ausbruch oder sofort, nachdem der erste Fall sicher konstatiert ist, die wohlhabendere Bevölkerung, welche nicht durch Geschäfte zurückgehalten wird, Hals über Kopf in entferntere Gegenden, besonders in die Berge, flieht, bemächtigt sich der zurückgebliebenen Bevölkerung häufig ein panischer Schrecken, welcher gesteigert wird, sobald ein Kranker, welcher vielleicht nur über leichtes Unwohlsein klagte, plötzlich auf der Straße zusammenbricht und in kurzem verscheidet, Fälle, welche auf dem Höhepunkt der Epidemie nicht selten vorkommen.
Allgemeine Furcht vor Ansteckung durch den Nächsten bannt die meisten an das Zimmer, und anstatt durch Bewegung in frischer Luft und kräftige Nahrung den Körper widerstandsfähig zu erhalten, wird durch übertriebene Ängstlichkeit und stete Aufregung und Furcht der Körper nur empfänglicher für die Krankheit gemacht. Die Dauer einer Epidemie ist sehr verschieden, in großen Städten länger als in kleinen; so dauerten z. B. alle bisherigen Berliner [* 13] Epidemien zwischen 3 und 6 Monaten, während sie in kleinern Städten in 2-3 Monaten zu erlöschen pflegen. In jeder befallenen Stadt gibt es ferner einzelne Straßen und in diesen wieder einzelne Häuser, welche in hervorragender Weise von der Cholera heimgesucht werden, und zwar sind es keineswegs immer diejenigen, welche an hygieinisch ungünstigen Stellen liegen, sondern solche Straßen- und Häuserepidemien treten ebenso an den tief gelegenen, sumpfigen Stellen einer Stadt auf wie in den hoch gelegenen, luftigen und vornehmen Quartieren.
Selten bleibt ein Erkrankungsfall vereinzelt in einem Haus, dagegen kommt es manchmal vor, daß fast die ganze Bewohnerschaft eines Hauses im Verlauf einer Epidemie stirbt. Eine statistische Zusammenstellung der Erkrankungen zu geben, ist sehr schwierig, da zur Zeit einer Choleraepidemie jedes Unwohlsein auf die Cholera bezogen zu werden pflegt und auch die Anzahl der Todesfälle nicht immer ganz sicher zu ermitteln ist, da vielfach die Leichen von anderweitigen Kranken mit den Choleraleichen zusammengeworfen werden.
Die Sterblichkeit beträgt im Säuglingsalter fast 100 Proz., ist auch im fernern Kindesalter noch sehr ungünstig, am günstigsten zwischen dem 10. und 20. (40-50 Proz.) und auch noch bis zum 30. Lebensjahr, wird mit zunehmenden Alter wieder ungünstiger, so daß nach dem 70. Lebensjahr die Sterblichkeit wieder gegen 90 Proz. der Erkrankten beträgt. Das weibliche Geschlecht weist im allgemeinen weniger große Sterblichkeitsziffern auf. Sehr hoch ist die Durchschnittszahl der Todesfälle in Berlin, [* 14] sie betrug nämlich bei allen Epidemien über 60 Proz. der Erkrankungen.
Die Empfänglichkeit der Menschen für das Choleragift ist eine fast allgemeine. Kein Lebensalter und Geschlecht, keine Konstitution ist frei davon. Zuzeiten, wo die Krankheit in einem gewissen Bereich herrscht, leiden fast alle Menschen, auch die, welche von schwereren Krankheitsformen verschont bleiben, an gewissen Unterleibsbeschwerden, welche wahrscheinlich von einer schwachen Einwirkung des Choleragifts abhängen. Der Krankheitsverlauf beginnt nach einer zwischen Ansteckung und Ausbruch liegenden freien oder Inkubationszeit von 36-72 Stunden Dauer.
Die leichteste Form, unter welcher die Cholera auftritt, ist die eines einfachen Durchfalls, welcher zu keinen erheblichen Störungen des Allgemeinbefindens oder einzelner Körperverrichtungen führt. Die Ausleerungen sind gewöhnlich sehr reichlich, wässerig, aber weder geruchlos noch entfärbt. Nur der Nachweis der Kommabacillen ist für die Cholera charakteristisch. An jene leichteste Form der Krankheit schließen sich andre Fälle an, in welchen zu den Durchfällen stürmisches Erbrechen hinzutritt, und wo die Darmentleerungen die dünne, wässerige, geruchlose Beschaffenheit annehmen, wegen deren man sie als Reiswasserstühle bezeichnet hat, jedoch ohne daß ein namhafter Grad von Bluteindickung eintritt.
Mit dem Eintritt der reiswasserähnlichen Cholerastühle geht das Gefühl heftigen Durstes einher, welches sich zu einer quälenden Höhe steigern kann. Zu dem Durste, der Mattigkeit und Hinfälligkeit treten noch krampfhafte Zusammenziehungen gewisser Muskelgruppen, namentlich der Wadenmuskeln, hinzu, welche sich nach längern oder kürzern Pausen wiederholen. In günstig verlaufenden Fällen werden die Ausleerungen seltener und weniger kopiös, erscheinen auch wieder stärker gefärbt; endlich hört der Durchfall auf, und der Kranke geht der Genesung entgegen, welche indessen gewöhnlich eine langsame ist. In andern Fällen verschlimmert sich die Krankheit von neuem und erreicht eine bedrohliche Höhe, oder es tritt überhaupt keine Besserung ein, und die Cholerine geht in das Bild der sogen. asphyktischen (pulslosen) Cholera über.
Dies ist die schwerste Form der Cholera, sie beruht wahrscheinlich auf einer Vergiftung durch die Zersetzungsprodukte des Kommabacillus. Die asphyktische Cholera entwickelt sich in vielen Fällen aus einer Diarrhöe, welche mehrere Tage lang bestanden hatte; oft aber tritt sie auch schon wenige Stunden nach dem ersten Choleradurchfall ein. Zu quälendem Durst, Wadenkrämpfen, unaufhörlich nach jedem Trunk sich wiederholendem Erbrechen gesellt sich sehr rasch ein erschreckender Kräfteverfall.
Das Aussehen des Kranken ist furchtbar verändert: das Antlitz ist eingefallen, hohläugig, die Nase [* 15] spitz, Gesicht [* 16] und Hände sind bläulich gefärbt, der Puls ist nicht mehr zu fühlen, auch der Herzstoß nicht wahrnehmbar, die ganze Körperoberfläche fühlt sich kalt wie die eines Leichnams an. Man bezeichnet daher dieses Stadium der Krankheit als das Kältestadium (Stad. algidum). Selten klagen die Kranken dabei über Kopfschmerz, häufiger über Schwarzwerden vor den Augen, Ohrensausen und Schwindel.
Das Bewußtsein ist nicht getrübt, aber die meisten Kranken sind auffallend gleichgültig gegen die ihnen drohende Gefahr und klagen nur über den Durst und die Wadenkrämpfe. Die asphyktische Cholera verläuft sehr schnell, die Kranken sterben oft schon nach 6, 12-24 Stunden, selten dauert das Kältestadium länger als 2 Tage. In günstig verlaufenden Fällen schließt sich an das Kältestadium das sogen. Stadium der Reaktion an. Durchfall und Erbrechen lassen nach, der Puls wird wieder wahrnehmbar, das blaue Aussehen und die Entstellung des Gesichts verschwinden, es stellt sich die Harnausscheidung wieder ein, kurz, der Kranke geht, bald schneller, bald langsamer, der Genesung entgegen. An das Kältestadium der Cholera, namentlich wenn es lange dauerte, schließen sich häufig anderweite ¶