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J.-P. Lienhards Lupe
«Ätt» heisst ad und ist Lateinisch…
Etwas Besserwisserei für Unwissende…
Von Jürg-Peter Lienhard
Was ist eine Präpostion? Und was eine Deleatur? Oder eine Ligatur?… Kleine Begriffskunde um den unbedachten Affenschwanz @
Machen wir uns keine Illusionen, denn schon Kohelet hat vor 5000 Jahren einen Blues-Groove für die gute alte Bibel komponiert: Der Berner Pfarrer und Dichter Kurt Marti (lebt immer noch, Mai 2010!) hat mich darauf gelüpft: «Es gibt nichts Neues unter der Sonne», dichtete der Prophet Salomons…
Ja, und wenn mans genau nimmt, so ist auch der Computer gar nichts Neues unter der Sonne - die Grundlagen für die Rechnerei sind vor Hunderten von Jahren, wenn nicht gar Tausenden erfunden worden. Einer der vielen Schöpfer ist der Basler «Lieni Iiler» - vielleicht allgemein besser bekannt unter seiner schriftdeutschen Schreibweise: Leonhard Euler.
Ja, und dann sprechen alle den «Affenschwanz» als «ätt» aus und korrigieren mich, wenn ich stur besserwisserisch «ad» sage. Denn das Zeichen @ ist eine Ligatur, eine typographische Zusammenfügung der beiden Buchstaben a und d und ist darüber hinaus noch eine lateinische Präposition. Die heisst auf Deutsch «zu, an, auf», und als Teil einer so hochmodernen Sache wie der «Mail-» (also auf Deutsch «Post-») Adresse erfüllt es eben genau die Aufgabe, die ihm schon seit Beginn der Buchdruckkunst (jawohl: Kunst!) zukommt. Die deutsch Beiwort geheissene Präposition ad meint, dass das Folgende zu etwas gehört.
Die Buchdruck-Kunst war ein Métier das gute Kenntnisse der griechischen und lateinischen Sprache erforderte - den damaligen Universalsprachen. Die Angehörigen der «Schwarzen Zunft», wie man den Buchdruckern sagte, entwickelten eine eigene Fachsprache, um die einzelnen Aufgaben so zu bezeichnen, dass sie alle Mitarbeiter korrekt verstanden. So beispielsweise wurde der Titel eines Artikels mit einer meist grösseren Schrift und somit an einem anderen Setzerkasten «gesetzt». Aber weil man ja Lauftext und Titel dann wieder finden und zusammenführen musste, hiess es auf dem Titelmanuskript «ad Artikel soundso…», also: «gehört ZU dem Artikel soundso…». Mit der Zeit wurde aus den beiden Buchstaben der Präposition ad das Ligatur-Zeichen @. Es entwickelte sich wohl aus dem handschriftlichen Schwung und wegen der Häufigkeit seines Bedarfes gewissermassen als «Abkürzung».
Übrigens gibts in der Schriftsetzerei noch viele andere Ligaturen. Das sind nicht nur Bequemlichkeits-Buchstabengruppen, sondern haben einen ästhetischen Sinn - denn Ästhetik ist ja der Ursprung aller Künste, zumal der Buchdruckerkunst. Auch die jahrhundertealten Ligaturen haben sich in den hochmodernen Computerschriften erhalten: zum Beispiel fi fl oder das deutsch-deutsche Scharf-S, das ich leider auf meiner schweizerdeutschen Tastatur nicht mehr installiert habe. Aber ich weigere mich drei gleichlautende Konsonanten, zumal das «s», hintereinanderzuschreiben. Aus ästhetischen Gründen!
Die Erklärung für die genannten Ligatur-Beispiele ist ebenfalls ein ästhetischer Grund: Je nach Schrift (grad hier im Wort Schrift auch noch ein weiteres Beispiel, ft) fallen die Oberlängen der beiden Buchstaben so ungünstig zusammen, dass es ein unschönes Bild ergibt, zumal in der Proportional-Schrift, die jedem Buchstaben seine originale Breite lässt. Im Gegensatz zur Schreibmaschine und deren Schriften.
«Im Blei» haben die Schriftkünstler, die Entwerfer und Grafiker sowie die Schriftgiesser für Ligaturen sogar einen einzigen Bleibuchstaben geschaffen. Auch mit dem in Deutscher Sprache so häufigen «ck», weswegen eine frühere Trennregel lautete, dass… ach, das geht mir jetzt zu weit. Aber finden Sie es nicht auch hässlich, wenn das leider so weit verbreitete Mammutprogramm «Word» das Wort «abrackern» so trennt: «abrac-kern»? Oder «abrack-ern»?
Zum Schluss noch die Erklärung für delete, das die neunmalklugen Papageien als diliit aussprechen oder gar: «Ich habe diliitet»… Auch Deleatur stammt aus dem Lateinischen und bedeutet immerhin das, wozu man es verwendet: tilgen. Nur leider ist das spezifische Zeichen für Deleatur auf keiner Computertastatur aufgedruckt; lediglich das Symbol für «Rückschritt» - meist ein Pfeil gegen die Schreibrichtung. Ich kann es auch hier im Lauftext nicht darstellen, weil es das nicht mal in der Sonderzeichen-Sammlung gibt, denn es ist ein rein handschriftliches Zeichen, das aber noch heute in der Korrektur verwendet wird. Oder Sie schauen im Duden nach, z.B. 24. Neuauflage, ab Seite 131, wo alle Korrekturzeichen angegeben sind, wie man dieses Zeichen von Hand schreibt.
Und weil Normalmenschen eben der Ligatur aus ad «ätt» oder «Affenschwanz» oder sonstwas sagen, bleibt zu hoffen, dass Sie diesen Artikel nicht ad acta legen. Sie sagen ja auch «Ade» und nicht «Ätti», oder nicht, oder doch?
Doch noch gefunden - Wikipedia sei Dank: Angebliches Deleatur-Zeichen, das aber eher wie ein Pfennig-Zeichen aussieht. Und doch: wenn die Kurven von Hand flacher gezeichnet werden, so entspricht es genau dem Korrekturzeichen.
Von Jürg-Peter Lienhard