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«Unsere Jugend war geprägt durch krankhaften Konkurrenzkampf»
Die Zwillinge Eva und Rita Fleer, 30, rivalisierten als Teenager so heftig, dass sie räumlich getrennt werden mussten. Eva ist heute als Lehrerin und Trainerin für subjektorientierte Kommunikation mit Babys in Bremgarten BE tätig. Sie hat zwei Töchter, 3 Jahre und 9 Monate. Rita ist Ökonomin und lebt in Baden AG.
Eva: «In unserer frühen Kindheit haben wir viel und gerne miteinander gespielt. Unser Konkurrenzkampf begann mit dem Start der Pubertät. Jedenfalls wurde er ab diesem Zeitpunkt auffällig heftig, die Strukturen dafür wurden sicherlich schon früher gelegt. Rita und ich sind in einem kleinen Dorf aufgewachsen. Das hatte zur Konsequenz, dass wir ab Schulbeginn immer zusammen in eine Klasse gingen. Unsere Eltern waren ausserdem Lehrer an dieser Schule. Sie haben uns beide von der ersten bis zur vierten Klasse unterrichtet.»
Rita: «Von uns wurde erwartet, dass wir gute Leistungen erbringen. Wir waren auch beide disziplinierte und sehr gute Schülerinnen. Unsere Noten wurden von unserem Umfeld stark verglichen. Wenn ich bei einer Prüfung eine 5 heimbrachte und Eva eine 5,5, dann kam relativ schnell die Frage auf: ‹Warum hast du die halbe Note besser nicht auch hingekriegt?› Dieses Gefühl, Anerkennung nur zu bekommen, wenn man die entsprechende Leistung erbracht hat, hat sich irgendwann verselbständigt.»
Eva: «Wir haben dann auch noch beide mit Eiskunstlauf angefangen. Das ist ohnehin eine sehr konkurrenzgetriebene Einzelsportart. Wir haben uns also permanent miteinander verglichen. Mein Selbstwertgefühl hing davon ab, ob ich genauso gute oder bessere Leistungen als Rita abliefern konnte. Gelang das nicht, hatte ich das Gefühl, weniger wert zu sein.»
Rita: «Ich habe heimlich das Tagebuch von Eva gelesen, um herauszufinden, ob sie mehr gelernt oder trainiert hat, als sie zugegeben hat. Ich habe strenge Diät gehalten, die zu einer starken Essstörung wurde: Ich habe zum Beispiel heimlich mein Müesli weggeschmissen, damit Eva mehr frühstückt als ich.»
Mein Selbstwertgefühl hing davon ab, ob ich genauso gute oder bessere Leistungen als Rita abliefern konnte.
Eva: «Wir haben auch in unserem Freundes- und Bekanntenkreis Intrigen gegen die andere gesponnen, Gerüchte in die Welt gesetzt und versucht, uns gegeneinander auszuspielen. Es gab Zeiten, in denen wir in der Garderobe beim Eiskunstlauf nicht miteinander gesprochen haben. Irgendwann haben unsere Eltern entschieden, dass es so nicht mehr weitergeht, weil es für uns beide gesundheitlich gefährlich wurde. Rita ist dann mit 16 Jahren zu unseren Grosseltern gezogen, die im gleichen Ort wohnten.»
Rita: «Wir haben seitdem nicht mehr zusammen gewohnt. Ich bin nach der Matur direkt nach Bern zum Studium gezogen. Dass wir uns danach wieder annähern konnten, hängt sicher damit zusammen, dass wir sehr unterschiedliche Wege eingeschlagen haben. Die Vergleichsmöglichkeiten fielen weg. Zu einer weiteren Annäherung kam es, als Eva vor drei Jahren zum ersten Mal Mutter wurde. Wenn wir uns trafen, ging es dann vorrangig um ihre Tochter, deren Gotte ich inzwischen bin.»
Eva: «In unserer Herkunftsfamilie ist dieses Thema ein rotes Tuch. Wir haben es bislang noch nicht geschafft, uns aus einer neutralen Perspektive über die Fehler der Vergangenheit auszutauschen. Ich habe mich vor der Geburt meiner Kinder mit dem Thema Rivalität und Geschwisterverhältnis beschäftigt. Dabei ist mir auch noch einmal klargeworden, was zu dieser irrsinnigen Eifersucht geführt hat. Wir waren uns einfach sehr ähnlich und sind von unserem Umfeld stark verglichen worden. Ich blicke inzwischen mit Milde auf unsere Teenagerjahre. Ich habe auch keine Ambitionen mehr, mich so zu vergleichen, weil ich ganz einfach genau weiss, was ich mir selbst wert bin.»