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Albert M. Wolters. Creation Regained: Biblical Basics for a Reformational Worldview. Eerdmans: Michigan 2005 (2. Auflage). 155 Seiten. 11,99 Euro / 7,93 Euro (Kindle).
Albert M. Wolters (*1942) ist emeritierter Professor des Redeemer University College (Ontario, Kanada). Er lehrt und schreibt in der Tradition des Neo-Calvinismus und ist profunder Kenner ihrer Begründer Abraham Kuyper (1837-1920) und Herman Bavinck (1854-1921) ebenso wie der Nachfolgegeneration mit D. H. Vollenhoven (1892-1978) und Herman Dooyeweerd (1894-1977).
Der Titel ist Programm des Buches: Es geht um die Skizze (Basics) der Stützpfeiler einer Weltsicht (Worldview) aus biblischer-heilgeschichtlicher Optik (Biblical), die sich selbst in Anlehnung an ihr reformiertes Erbe das Etikett „Reformational“ gegeben hat. Es geht im Wesentlichen darum, neben der individuellen Heilsabsicht Gottes seinen Plan für die Erneuerung dieser Schöpfung wieder ins Blickfeld zu bekommen (Creation Regained). Das Buch kurz und allgemeinverständlich im Sinne einer Einführung gehalten.
Zuerst definiert Wolters den Begriff „Weltanschauung“ (S. 4-10). Es geht um Überzeugungen (beliefs) über alle möglichen Dinge (things), bei denen es möglich ist, einen Standpunkt einzunehmen. Diese Überzeugungen sind von reinen Gefühlen zu unterscheiden, weil ein kognitiver Anspruch damit verbunden ist. Es sind Grundüberzeugungen, die mit den letzten Fragen zu tun haben, mit denen wir als Menschen konfrontiert sind. Die einzelnen Überzeugungen hängen miteinander zusammen und bilden eine Art Rahmen bzw. Muster. Es geht also um den Gesamtrahmen von Überzeugungen eines bestimmten Menschen. Jeder Mensch verfügt über einen solchen Denkrahmen, sei es bewusst oder unbewusst. In der Regel wird er dann sichtbar, wenn er zu einer bestimmten Frage Stellung nehmen muss. Die Weltanschauung funktioniert wie ein Kompass oder eine Landkarte. Dabei können sich einzelne Überzeugungen auch durchaus widersprechen, so wie auch ein Schiff durch einen Sturm zwischendurch von seiner Position abkommen kann. Es geht um die ausschlaggebenden Faktoren der Überzeugungen, welche bestimmte Handlungen veranlassen. Wie ist die Beziehung zwischen Weltanschauung und Bibel? Die christliche Antwort darauf lautet: Unsere Weltanschauung muss durch die Bibel gestaltet und getestet werden. Die Christen sind aufgefordert, ihre Überzeugungen permanent mit der Bibel abzugleichen. Tun sie dies nicht, werden sie in der Regel die gerade aktuelle Überzeugung der säkularisierten Umgebung übernehmen. Nun gibt es einen hohen gesellschaftlichen Druck, die Grundüberzeugungen auf Gebiete von Kirche, Theologie und privater Moral zu beschränken. Dies sind Bereiche, welche für Kultur und Gesellschaft praktisch irrelevant sind. Bei vielen Christen hat sich zudem die Meinung festgesetzt (als Teil ihrer inneren Landkarte), dass die Bibel nur am Rand mit säkularen Gebieten wie Politik, Kunst oder Wissenschaft zu tun hat. Die Bibel entwirft zwar eine Sicht auf Kirche und Gott, jedoch nicht auf die gesamte Welt. Damit werden diese Gebiete den säkularen Überzeugungen preisgegeben.
Den längsten Abschnitt bildet der erste Teil über die Schöpfung. Diese umschliesst nicht nur den Bereich der Naturwissenschaften, sondern alles Geschaffene (25). Unter Gesetz schliesst Wolters sowohl die Naturgesetze, über die Gott unmittelbar regiert, sowie mittelbar von Gott gesteuerte Normen für die Menschen mit ein (15-16). Diese Normen würden für alle menschlichen Institutionen wie Schulen oder Unternehmen ebenso wie für Künstler und Ästheten gelten. Durch Weisheit können Menschen diese Normen entdecken (29). Durch das Gewissen passen sie sich zudem intuitiv an die Schöpfungsnormen an (31). Dadurch werde die Heilige Schrift jedoch nicht abgewertet, betont Wolters (37). Sei sei der Lampe eines Minenarbeiters gleich, die seinen Arbeitsplatz ausleuchte (38). Die Bibel erscheine als verbaler Kommentar zur Sprache der Schöpfung. Ergänzt werde diese durch Entdeckungsarbeit des Menschen, etwa durch empirische Studien und historische Erfahrung (39). Den Auftrag des Menschen, diese Arbeit zu tun, habe der Mensch im Paradies erhalten (Gen 1,28, sogenanntes „Kulturmandat“). Die Geschichte widerspiegle die Entfaltung des von Gott geschenkten Potentials durch den Menschen (43). Der Mensch werde dadurch zum Partner Gottes.
Exegetisch unterlegt Wolters diese Gedankengänge durch Rückgriff auf verschiedene Bibelstellen und –abschnitte. Für den zweigeteilten Begriff des Gesetzes zieht er Psalm 147,15-20 heran, für den Entdeckungsprozess der Weisheit Sprüche 1,22f sowie 8,4+22f+27-30. Einen wichtigen Stellenwert in der Begründung nimmt zudem Jesaja 28,23-29 ein (Gott unterweist einen Bauern bei der Bestellung der Felder). Das Erkennen von Gottes Willen (Kolosser 1,9) sieht Wolters in einem erweiterten Sinn, nämlich bezogen auf Gottes Schöpfungsnormen. Ebenso interpretiert er den Begriff des Gesetzes in Matthäus 5,17 als „Normativität von Gottes Schöpfungsordnung“. Die Bibel beginne mit einem Garten und ende mit einer Stadt (Offb 21,24+26). Darin sieht Wolters den Hinweis auf die im Lauf der Zeit durch Menschen erarbeiteten kulturellen Schätze.
Der zweite Teil über den Sündenfall und dessen Konsequenzen ist kürzer gehalten. Im Vordergrund steht der Gedanke, dass das in der Schöpfung vorhandene Potential vom Menschen missbraucht wird. Gottes gute Schöpfung seufzt unter der Last dieses Missbrauchs (Röm 8,19-22). Die Sünde ist keine Abschaffung der ursprünglichen Ordnung, sondern eine „fremde Dimension“, die in die Schöpfung eingedrungen sei (57). Hier führt Wolters die beiden Begriffe von Struktur (structure) und Richtung (direction) ein. Anstatt einen Aspekt der Schöpfung herauszunehmen und für das Drama der Sünde verantwortlich zu machen, geht es vielmehr um die Richtungsänderung der bereits existierenden Struktur (61). Gott drückt dieser Struktur unabhängig von ihrer Richtung seinen Stempel auf (62). Der biblische Begriff „Welt“ bezeichnet daher die „Totalität des unerlösten Lebens ausserhalb von Christus“, das durch die Sünde dominiert wird (63). Wer nicht zwischen Struktur und Richtung unterscheidet, leistet der Zweiteilung des Lebens in „gute“ und „schlechte“ Bereiche Vorschub (65).
Im dritten Teil über die Erlösung beleuchtet Wolters den Prozess der Wiederherstellung bzw. Wiedergewinnung. Er betont, dass darin die gesamte Schöpfung eingeschlossen sei (69). Den Begriff „Heil“ (griech. soteria) deutet er als „Gesundheit“. Jesus steht in der Funktion des heilenden Arztes. Die von Gott versöhnten Menschen, Gottes neue Schöpfung, sind zur Erneuerung in jedem Bereich der Schöpfung gerufen (73). Dieses Wirken geschieht im Bewusstsein des Spannungsfelds, dass ein Teil der Wiederherstellung bereits im gegenwärtigen Leben erfolgt („jetzt schon“), die volle Erfüllung jedoch noch aussteht („noch nicht“). Die Wiederherstellung bedeutet jedoch nicht, nach Eden zurückzukehren und damit die Uhr zurückzustellen (77). Heiligung betrifft den Erneuerungsprozess des gesamten Lebens (91), mit dem Evangelium als erneuernde Kraft (121). Dieser Prozess vollzieht sich in Form einer Reformation. Während (säkulare) Revolutionen auf die Zerstörung der vorhandenen Struktur abzielen, erkennt die Reformation in jeder noch so verkehrten Richtung einen Anknüpfungspunkt und leitet eine Kurskorrektur ein. So lautet das Motto Erneuerung anstelle von Abschaffung oder sich-selbst-überlassen-werden (95).
Wolters sucht diese Kategorien anhand der Beispiele Aggression, Begabung, Sexualität, Sexualität und Tanz anzuwenden. Er betont, dass keine simplen Lösungen generiert werden können. Insbesondere kommt das Struktur-Richtungs-Motiv zum Tragen. Ein Eingriff auf die Schöpfungsstruktur Gottes findet dann statt, wenn sie missbraucht wird oder auf andere, Gott direkt verantwortliche Strukturen übergreift.
Wolters schafft es, auf knappem Raum und mit klaren Definitionen die Weltanschauung einer ganzen Bewegung zu skizzieren. Dies ist meines Wissens kaum einem anderen Denker aus seiner Richtung so gut gelungen. Dadurch hat das Buch seit dem Erscheinen (1985) zahlreiche Leser angezogen. So wurde etwa Randy Alcorn sehr von Wolters Ausführungen über Matthäus 19,18; Apostelgeschichte 3,21 und Römer 8,18-23 angesprochen. Wolters Auslegung habe ihn bei der Entwicklung der persönlichen Eschatologie (Zukunftslehre) entscheidend geprägt: Die Seele wandert nicht an einen entfernten Ort, der für Engel passend geschaffen worden sei. Gott vollende vielmehr seinen Plan, um seine Geschöpfe auf einer Erde leben zu lassen, die vom Fluch befreit sei.
Den exegetischen Argumenten im ersten Teil über die Schöpfung vermochten mich nicht richtig zu überzeugen. Ist es legitim, Kolosser 1,9 oder die personifizierte Weisheit in Sprüche 1+8 auf Gottes Schöpfungsnormen zu beziehen? Insbesondere die These, dass jede soziale Institution ihre eigene Natur und ihre eigene Schöpfungsstruktur besitze, teile ich nicht. Bei den Institutionen Familie, Kirche und Staat sehe ich die biblische Herleitung. Wie jedoch eine Schule, ein Betrieb oder ein Bildhauer die Schöpfungsnormen erahnen, erspüren oder entdecken sollen, ist für mich nicht schlüssig hergeleitet. Ebenso vermisste ich bei Kapitel über den Sündenfall den Einbezug der Ursprungssünde mit dem zentralen Text aus Römer 5.
Das tut jedoch der Grundsatzaussage keinen Abbruch, dass wir die Lehre der Schöpfung stärker ins Zentrum rücken müssen. Zentral scheint mir der Hinweis am Ende des Kapitels, dass Gottes Gesetz keine Einschränkung darstellt – wie dies im heutigen Verständnis oft unüberlegt interpretiert wird -, sondern die eigentliche Entfaltung bedingt (50).
Den wichtigsten Ertrag des Buches sehe ich im Struktur-Richtungs-Motiv. Die Anwendung dieses Modells kann gewohnte Gedankengebäude zum Einsturz bringen. Ich wäre vorher nicht auf den Gedanken gekommen, das Thema der natürlichen und geistlichen Gaben (sowie deren Zusammenhang) aus dieser Perspektive anzusehen. Fazit: Zum Lesen empfohlen – mit geöffneter Bibel.