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Aus der Sicht einer Betroffenen (Teil 3)
In meiner beruflichen Auszeit kam mir die Idee, aus einem kurzen Besuch bei meiner Mutter einen langen zu machen. Ich wollte einmal einen ganzen Tag mit ihr verbringen, vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Die Leitung der Sonnweid in Wetzikon hat schnell grünes Licht gegeben und das Personal über meine Anwesenheit informiert. Der Besuch bei meiner Mutter mit dem Mikrofon war ein journalistisches Experiment, aber auch ein persönliches.
Ich gehöre nicht zu jenen Geschwistern, die unsere Mutter häufig besuchen. Immer wieder hatte ich Mühe, ihr zu begegnen, weil ich häufig den Eindruck hatte, sie mehr zu stören als zu erfreuen. Von Bern mit dem Zug anzureisen, nur um zu erleben, wie sie an mir vorbei geht, wenn ich sie begrüssen möchte und ihr dann auf ihren endlosen Spaziergängen hinterherzulaufen: Das fand ich trist. Ich ging daher monatelang nicht mehr zu ihr und überliess die Stippvisiten den anderen Geschwistern, die in oder in der Nähe von Wetzikon leben.
Biografie
Die Mutter von This Wachter lebte sechs Jahre lang in einer Wohngruppe in der Sonnweid in Wetzikon, nachdem ihre Demenz seit dem Tod ihres Mannes 2008 ein selbstständiges und auch durch Angehörige unterstütztes Leben zuhause verunmöglicht hatte. Wachters Mutter hat sechs Kinder grossgezogen (drei Töchter und drei Söhne). Sie war ausgebildete Primarlehrerin, hat aber vorwiegend als Hausfrau gearbeitet. Der Vater war Ingenieur und arbeitete zuletzt in der Chefetage der SBB. Die Eltern stammen beide aus dem Zürcher Oberland. Die Familie lebte in Wetzikon. Frau Wachter verstarb am 15. Januar 2017 86-jährig in der Sonnweid.
Um sechs Uhr morgens klingelte ich an der Pforte der Sonnweid. Das Team des Nachtdienstes führte mich zu meiner Mutter, die gerade dabei war aufzuwachen. Und das war denn auch der einzige Moment des Tages, als ein Lächeln (des Wiedersehens?) über ihr Gesicht huschte.
Der Tag verlief eigentlich völlig unspektakulär. Da ich mich einzig für mein Mittagessen zurückzog (während sie döste), blieb ich ständig an ihrer Seite. Auch bei der Morgen- und Abendtoilette war ich dabei. Es war mein Ziel, möglichst viel aus ihrer Perspektive wahrzunehmen – fast zwei Stunden mit ihr und anderen dementen Bewohnerinnen an einem Tisch zu sitzen, gab mir einen guten Eindruck davon, wie man schon nur beim Dabeisein in eine Art Demenztrance verfallen kann…
Ich habe den Tag mit ihr nicht als belastend empfunden, vor allem auch, weil mich die positive und zugewandte Art der Pflegenden getragen hat. Ich denke, das geht meiner Mutter genau so. Auch wenn ich ihren Zustand nicht sehr erbaulich finde, ist der Umgang mit ihr würdig.
Mein Mikrofon half mir, eine gewisse Distanz zu wahren, auch gegenüber meinen eigenen Gefühlen.
Und die Freiheit, die man meiner Mutter lässt, zum Beispiel in jedes Zimmer hineinzuspazieren und jeden Gegenstand, der ihr in die Hände kommt, mitlaufen zu lassen, diese Freiheit ist für Menschen in diesem Zustand wohl ein hohes Gut.
Meine Geschwister, die meine Mutter häufiger besuchen als ich, haben mein Experiment und die Audioreportage sehr geschätzt. Nie hat jemand von ihnen einen ganzen Tag miterlebt. Wie ein solcher vom Anfang bis zum Ende abläuft, war denn auch für sie interessant zu erfahren. Meine Mutter gehört zu den Ersten, die abends zu Bett gehen. Dass dies bereits um 18.30 Uhr der Fall war, kam mir nach diesem für mich nicht ganz leichten Tag ziemlich entgegen…
This Wachter hat diese Audio-Reportage ausschliesslich auf dem iPhone produziert (von der Aufnahme mit einem ansteckbaren Stereo-Mikrofon bis zum mehrspurigen Schnitt). Das war für ihn zwar technisches Neuland, stellte sich im Umfeld eines Pflegeheims wie der Sonnweid aber als gut geeignet heraus, weil Aufnahmen mit einem Smartphone sehr diskret sind, da man damit kaum auffällt.
erschienen: 29.09.2016