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Sybille Krämer
Sprache, Sprechakt, Kommunikation
Sprachtheoretische Positionen des 20.Jahrhunderts
Suhrkamp 2001
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Wozu dieses Buch?
Dieses Buch bietet drei Lesarten an: (I) Es ist zuerst einmal ein Kompendium, das einführt in belangvolle und anschlußfähige Positionen der Sprachreflexion im 20. Jahrhundert. Es bietet, was Wittgenstein eine "übersichtliche Darstellung" genannt hat. Also eine Darstellung, die schon durch das Prinzip ihrer Anordnung über das, was dabei geordnet wird, etwas zu verstehen gibt.
(2) Es liefert überdies eine Diagnose zur Verfassung moderner Sprachtheorien. Die Diagnose lautet, daß sich die meisten Sprachtheorien danach unterscheiden lassen, ob sie Befürworter oder Gegner des "Zwei-Welten-Modells" sind.
Das Zwei-Welten-Modell meint eine stillschweigende Voraussetzung in der sprachtheoretischen Arbeit, die Gebrauch macht von der Unterscheidung zwischen einer "reinen" Sprache bzw. Kommunikation, verstanden als ein grammatisches oder pragmatisches Regelsystem, und dessen Realisierung bzw. Aktualisierung im jedesmaligen Sprechen und Kommunizieren. kraemer-sprache9
(3) Schließlich liefert dieses Buch eine Landkarte der zeitgenössisch wirksamen Sprachtheorien, auf der sich die Richtung abzeichnet, welche die Weiterarbeit zu nehmen hat. In dieser Perspektive ist es allerdings signifikant, daß diese einzuschlagende Richtung nicht etwa dadurch profiliert wird, daß gewisse Positionen explizit kritisiert werden.
Ferdinand de Saussure
Ludwig Wittgenstein
Strukturalismus
Systemtheorie
Humberto Maturana / Francisco Varela
Niklas Luhmann
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Die Idee, daß die Sprache ein Medium ist, scheint von kaum zu überbietender Schlichtheit. Wer immer über Sprache nachdenkt, wird medialen Aspekten der Sprachlichkeit - irgendeine - Bedeutung zumessen. Und doch ist etwas an dieser Idee ungewöhnlich. Und das kommt in den Blick, wenn wir verstehen, warum der Sachverhalt, daß Sprache ein Medium ist, gerade ausschließt, daß Sprache durch Medien realisiert wird.
Erinnern wir uns an das dem Zwei-Welten-Modell zugrunde liegende Schema: Die Sprache verhält sich zum Sprechen wie eine Regel zu ihrer Anwendung oder wie ein Muster zu seiner Aktualisierung, wobei Anwendung und Aktualisierung sich unter jeweils defizienten Bedingungen vollziehen, so daß die Sprach- und Kommunikationskompetenz zur Form, deren Ausübung im wirklichen Sprechen jedoch zu deren Deformation wird.
In der "Logik" dieses Ansatzes liegt es, daß Sprache bzw. Kommunikation in ihrem universalen und überzeitlichen Formaspekt medienindifferent konzipiert wird. Medien zählen dann zu den einschränkenden Bedingungen, unter denen der faktische Sprachgebrauch sich vollzieht. Sie sind in dem ZweiWelten-Modell auf der Anwendungsebene lokalisiert: Medien sind Realisierungsphänomene. Wir wollen das die "marginale Medialität der Sprache" nennen. Luhmann dagegen wird zum Proponenten einer "konstitutionellen Medialität der Sprache".
Die Darstellung seines Sprachkonzeptes kommt also nicht aus ohne Rekonstruktion seines Medienbegriffes. Dieser Medienbegriff wird von Luhmann im Rahmen der Medium/Form-Unterscheidung eingeführt und akzentuiert.
Wir haben davon gesprochen, daß in dieser Medienperspektive die Sprache - gemessen am logoszentrierten Sprachkonzept - ganz andersartige Konturen gewinnt. Im Kern geht es bei dieser "Andersartigkeit" um eine Neukonzipierung des für alle Sprach- und Kommunikationstheorien grundlegenden Formbegriffs. Form gilt Luhmann nicht länger mehr als eine zeitresistente Struktur, sondern als ein zeitverbrauchender Vollzug. Und es ist Luhmanns Medium/Form-Unterscheidung, in deren Zusammenhang begründet wird, warum Medien unabdingbar sind, damit diese Form-verstanden-als-ein-Vollzug sich ereignen kann. Luhmanns Medientheorie ist philosophisch folgenreich als eine Theorie der Form.
George Spencer-Brown: Laws of Form
Louis Kauffmann
Konditionierte Koproduktion
Dirk Baecker
Form und Formen der Kommunikation
Suhrkamp 2005
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Wir optieren im Folgenden nicht für einen literaturwissenschaftlichen Medienbegriff, der Medien als unbestimmt, aber bestimmend definiert, sondern für einen soziologischen Medienbegriff, der Medien als unbestimmt, aber bestimmbar definiert. Wir beobachten Kommunikation nicht daraufhin, dass sich in ihr etwas zeigt, wovon sie nichts weiß (aber woher weiß es der Literaturwissenschaftler?), sondern daraufhin, dass sie laufend erprobt, variiert und reproduziert, was sie voraussetzen muss, um überhaupt etwas erproben, variieren und reproduzieren zu können.
Die Sprache ist ein erster und dramatischer Fall. Sie ist, worauf Luhmann immer wieder hingewiesen hat, ein so auffälliger Wahrnehmungs-sachverhalt, dass vor allem sprachfähige Organismen wie die menschlichen kaum an ihr vorbeikommen. Wenn jemand spricht, hört man nicht unbedingt zu, aber auf jeden Fall hin, in der eigenen Familie, im Büro, im Zug oder im Fernsehen. Wenn jemand spricht, ist nicht zu leugnen, dass er handelt (weswegen die Sprache ein erstes und zivilisations-entscheidendes funktionales Äquivalent zur Gewalt ist) und als Beobachter erster Ordnung Feststellungen in die Kommunikation einsteuert, deren Inhalt möglicherweise Beobachtungen zweiter Ordnung sind. Wie kann man dazu motiviert werden? Gibt es nicht unzählige Gründe, lieber den Mund zu halten und sich nicht festzulegen? Und nimmt die Anzahl der Gründe nicht eher zu denn ab, wenn man sich einmal auf Sprache eingelassen und mit ihr Erfahrungen gesammelt hat? Es verfügt ja nicht jeder über die Eloquenz, mit jeder sprachlichen Festlegung auf einen spezifischen Sinn auch mögliche andere Festlegungen immer in Reserve zu halten. Und ist nicht das mögliche Hauptmotiv der Sprache, seine eigenen Vorstellungen versuchsweise so zu artikulieren, dass ein anderer seine Vorstellungen mit diesen Vorstellungen beschäftigen kann, ebenfalls eher ein Grund, sich auf die entsprechenden Risiken des Missverständnisses und des allzu genauen Verstehens gar nicht erst einzulassen?
Wie überwindet die Sprache diese Unwahrscheinlichkeitsschwelle der Besetzung von Situationen mit Ausrufen, Ausdrücken, Mitteilungen und Geschichten, die andere mitbekommen und die erst einmal im Raum stehen, bevor dann die Zeit über sie hinweggeht und sie mehr oder minder zuverlässig wieder vergessen werden? Welche Selektivität kann sicherstellen, dass im genannten Sinne trotzdem zum Sprechen motiviert werden kann? Zum einen ist es sicherlich hilfreich, dass sprachliche Kommunikation, wie gerade angedeutet, ereignishaft verfasst ist. Jemand sagt etwas und schweigt dann wieder, wie lange auch immer man zuweilen darauf warten muss. Die Kommunikation ist ein Ereignis, das auftaucht und wieder verschwindet und in dieser Form ein Reproduktionsproblem stellt (wie geht es weiter?), das in kritischen Momenten mächtiger als das Motivationsproblem ist. Das heißt, man steuert etwas bei, damit es weitergeht, verlässt sich dabei darauf, dass auch der eigene Beitrag wieder verschwindet, und spricht möglichst so, dass andere anschließen können, ohne dass man sich auf Dinge festgelegt sähe, auf die man sich nicht festlegen möchte. Das setzt eine Kunstfertigkeit voraus, die Teilnehmer unterschiedlichster Konversationen, wie Harvey Sacks gezeigt hat, perfekt beherrschen. Und zum anderen ist es sicherlich ebenso hilfreich, dass sich vielleicht nicht in den gängigen Theorien der Sprache und der Kommunikation, dafür aber in der gesellschaftlichen Praxis die Auffassung durchgesetzt hat, dass wir einander nicht in die Köpfe schauen können und daher zwischen dem, was jemand sagt, und dem, was jemand meint, immer eine Differenz besteht, die anschließend bearbeitet werden kann, wenn man feststellt, dass die Kommunikation entgleist ist.
Entscheidend jedoch für die Motivation zur Sprache scheint neben ihrer Ereignishaftigkeit und der Differenz des Bewusstseins ein dritter Umstand zu sein, nämlich die nur sprachlich gegebene Fähigkeit, zu allem, was in der Welt gesprochen und besprochen werden mag, sowohl Ja als auch Nein sagen zu können. Ich kann mir etwas anhören und anschließend Nein dazu sagen. Ich kann sogar selbst etwas sagen und anschließend mehr oder minder elaboriert Bedingungen mobilisieren, die es mir erlauben, es zu verneinen, obwohl ich selbst es gesagt habe: »Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?« Das kann man zwar nicht oft sagen und nicht zu jedem, aber man kann es sagen. Rene A. Spitz hat die menschliche Fähigkeit, Nein zu sagen, auf bestimmte Verhaltensoptionen im Umgang zwischen Mutter und Kind (die Brust annehmen oder ablehnen) zurückgeführt und als Element der Bewusstseins- und Urteilsfunktion des Ichs beschrieben, die gegeben sein muss, damit jemand sich auf die Kommunikation beziehen, aber auch wieder von ihr zurückziehen kann. Wir übersetzen dies in unserem Zusammenhang in die Formulierung, dass die Möglichkeit, Ja und Nein zu sagen, die Teilnehmer an einer Kommunikation mit dem immer mitlaufenden und sehr unterschiedlich zu dosierenden und zu nuancierenden Zwang konfrontiert, Ja oder Nein zu sagen. Das geschieht in den seltensten Fällen in binärer Ausschließlichkeit, sondern kulturell codiert in mehr oder minder ausgebauten Möglichkeiten, Ja zu sagen, wenn man Nein meint, und umgekehrt, aber es geschieht immer und garantiert in einer Form, die sicherstellt, dass man sich dosiert und nuanciert auf ein Sprechen einlassen kann, dessen Sinnimplikationen je nach fremder und eigener Reaktion (à la Karl Weick - oder war es Karl Valentin: »Wie kann ich wissen, was ich meine, bevor ich höre, was ich sage?«) anschließend zwar nicht restlos, aber doch vielfältig wieder umgebaut werden können. Um unsere mit Blick auf die Zweiwertigkeit unserer Logik (wahr oder falsch) eingeschränkte Optik für den Blick auf diese Dosierungen und Nuancierungen zu öffnen, empfiehlt Matthias Varga von Kibed das Studium der zahlreichen Negationsmöglichkeiten in der buddhistischen Logik: »Ja«, »Nein«, »Ja, aber«, »Nein, und doch« usw.
Mit anderen Worten, wer spricht, muss sich entscheiden und kann sich anschließend, je nach Geduld der Gesprächspartner, umentscheiden. Das ist die Selektivität, die mich motivieren kann, es auch einmal zu versuchen, und die mich auch dazu motivieren kann, jemandem zuzuhören. Die Vermutung ist hier nicht, dass wir uns zur Sprache motiviert sehen, weil es so reizvoll ist, den anderen dennoch zu überzeugen. Die Selektivität, auf die es in unserem Modell ankommt, ist nicht der beschränkte Horizont des anderen, den ich wieder und wieder bearbeite, damit er auch in das Glück kommt, zu verstehen, was ich schon verstanden habe. Sondern die Vermutung, auf die es uns ankommt, ist, dass wir uns zur Sprache motivieren, weil wir wissen, dass wir im unbestimmten Raum ihrer Möglichkeiten immer nur bestimmte Möglichkeiten auswählen, diese anschließend korrigieren können und mit alldem keinen bestimmenden Einfluss darauf haben, wie der andere versteht und korrigiert, was er sagt und was er hört. Wir lassen uns auf die Sprache ein, um herauszufinden, was sie leistet, und weil wir genau das nicht wissen.
Wie aus gescheiten Affen dumme Menschen wurden
Eine Geschichte der Sprache
Lucy in the Sky with Diamonds
...Da begannen meine Enkelinnen, viele Kinder zu produzieren, jedes Jahr eines. Und seither leben die Menschen in Gruppen zusammen, in denen nicht mehr jeder jeden kennt, wo man ständig mit Fremden zusammentrifft. Seither haben die Menschen Angst voreinander. Sie müssen auch Angst haben, denn das Gefährlichste im Leben sind die Fremden. Johansen sagt mir, dass man heute die Menschen unterscheidet nach Völkern und dass man das Lebensgebiet dieser Völker Staaten nennt. Ich habe beobachtet, dass in diesen Völkern keiner mehr den andern kennt und keiner mehr dem andern vertrauen kann. Das ist schlimm. Wenn man den anderen nicht mehr vertrauen kann, dann werden die Menschen krank. Sie wollen dann immer mehr. Und wenn sie immer mehr haben, wächst eine neue Angst: Man könnte etwas verlieren. Wir hatten nie etwas zu verlieren. Wir wussten damals, dass wir alles miteinander teilen mussten. Dann gabs für alle genug. Ich sage Ihnen, die Heutigen, die Homo sapiens, sind eigenartige Tiere. Sie haben das Zusammensein verlernt. Es gibt so viele von ihnen, dass sie sich nicht mehr verstehen können.
Mensch und Sprache: boe_sprache.html