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Was haben Videospiele mit Marxismus zu tun? Nun, da wäre zuerst einmal ein Jahresumsatz von über vierzig Milliarden US-Dollar. Hinzu kommen Hunderttausende ArbeiterInnen in der Herstellung, im Vertrieb und im Marketing von Soft- und Hardware, in komplexen Produktionsketten über den Globus verteilt. Und am Ende sind Videospiele vor allem «eine komplexe kulturelle Ware» und nicht bloss «Opium fürs Volk».
Das zumindest schreibt Jamie Woodcock in seinem Buch «Marx at the Arcade» (Haymarket Books 2019). Der Soziologe der Uni Oxford liefert darin eine marxistische Analyse der Videospielindustrie, denn eine genaue Betrachtung der Produktion, Verbreitung und des Konsums von Games erlaube wertvolle Einsichten in das «Innenleben des zeitgenössischen Kapitalismus».
Das Resultat ist unterhaltsam und erhellend. So zeichnet Woodcock zum Beispiel die vielschichtigen Zusammenhänge zwischen dem militärisch-industriellen Komplex und der Entstehungsgeschichte von Videospielen nach. Die ersten Games entstanden oft als Ablenkung während der Arbeit an militärischen Projekten. Und noch heute gibt es einen wechselseitigen Austausch mit den populären Egoshootern. Es ist erfrischend, dass der Game-Afficionado Woodcock dabei nicht in eine verkürzte Kritik von Gewaltspielen verfällt, sondern ihre Beliebtheit nachvollziehbar macht.
Aus marxistischer Sicht sind die Arbeitsbedingungen von Game-EntwicklerInnen besonders interessant. Hier präsentiert sich die Techzukunft der individualisierten und gewerkschaftlich unorganisierten Arbeitswelt. Woodcock berichtet zum Beispiel von der systematischen Praxis der «Crunch Time» – der Phase kurz vor der Veröffentlichung –, wenn ArbeiterInnen Achtzigstundenwochen aneinanderreihen, nur um kurz darauf entlassen zu werden, weil sie erst wieder bei der nächsten Crunch Time benötigt werden. So ist das Buch am Puls der Zeit, wenn es die aktuelle Entstehung von Gewerkschaften und Solidarität in der Videospielindustrie nachzeichnet. Und Woodcock erklärt, warum sich die Linke nicht bloss nörgelnd mit Games befassen darf. Angesichts deren kultureller Bedeutung versucht die Alt-Right-Bewegung nämlich längst, Einfluss zu nehmen. Das Buch ist also nicht nur für jene lesenswert, die als Kind nachts heimlich unter der Bettdecke Game Boy spielten.