Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03115.jsonl.gz/367

Viel Freude beim Zuhören.
Die Filmemacherin Nicole Vögele entdeckt in Taipeh die Nacht, in der das Nichts aus dem Vollen schöpft: https://www.nzz.ch/zuerich/film-closing-time-nicole-voegele-spuert-in-taipeh-der-nacht-nach-ld.1468271
Oft frage ich mich, ob ich dies oder jenes richtig oder falsch gehandelt habe. Ich gebe zu, dass ich nicht immer sehr effizient bin, wenn ich über mein Verhalten reflektiere. Meistens vertraue ich, dass es einen tieferen Sinn gibt, warum dies oder jenes geschieht. Das Denken stört meistens unser Handeln. Vor allem solche Ratgeber-Tipp wie „wo liegt Deine Stärke?“ oder „Wo sind die Schwäche zu überwinden?“ Muss man seine Stärke ausbauen, wenn man in dieser Welt erfolgreich handeln will? Muss man seine Stärke zeigen, wenn man eine Position ausbauen will? Ich denke in diesem Moment oft an die Geschichte von Panda!
Panda. Fast jeder kennt Panda. Panda hat drei schlimmste Schwäche: Er bewegt sich zu langsam, ist Einzelgänger, und hat zu wenig Lust auf Sex. Der Panda konnte vor und während der Eiszeit nicht erfolgreich gegen anderen Tiere um Lebensraum kämpfen, so dass eine Flucht in die Bergen oder Hochebene notwendig war. Die Konsequenz dieser Flucht ist auch die Umstellung auf den Vegetarismus. Weil die Paarungszeit so kurz und zu knapp (Einzelgänger müssen zusammenkommen….), hält die Population an der Grenze und die Nahrung ausreichend sein kann. Seine erfolgreiche Gegner wie Mammute überlebten zum beispiel die Eiszeit nicht, auch wenn sie stark genug waren, ihre Ressourcen und Lebensraum gegen Panda zu verteidigen. Wer ist stärker? Der Überlebte ist stärker, weil er geflohen war? Oder derjenige, der freiwillig aus der Zeitgeschehen würdevoll ausgeschieden ist?
Der Panda hat seine Schwäche erkannt und anerkannt. Er hat entsprechend gehandelt, ohne viel Wertung zu wagen. Er hat überlebt bis heute. Vielleicht ist der wirklich Stärkere nicht wirklich gewollt, stark zu sein. Er will bloß nach seiner Vorstellung leben. Die Flucht in die Höhe, wo die Anderen nicht wollen, gibt einem einen unabhängigen Raum, etwas zu verwirklichen, ein bescheidendes Dasein in der Freiheit zu gestalten – wie das Volk Dogon.
Atong (mein Teelehrer in Taiwan) sagte mir oft, dass der Tee und der Mensch sehr ähnlich sind. Oriental Beauty ist entstanden, weil die Zikaden gnadenlos die Teeknospe befallen haben! Das Volk Haka, das Oriental Beauty zu dem weltberühmten Oolong macht, verlor den Kampf im 19. Jahrhundert gegen anderen Einwanderer aus Quanzhou, zum Beispiel Anxi und Zhangzhou (Fujian Provinz in China) und floh in die Bergen. In den Bergregion um Taoyuan konnten sie ihr Leben nach ihrer freien Vorstellung gestalten und arbeitete sehr hart an ihr Paradies. Heute ist der Preis Oriental Beauty im Hochsommer so hoch, dass man sich fragen muss, wo die Grenze von Scham und Gier liegt.
Oolong aus den von Zikaden befallenen Teeknospe heißt Oriental Beauty. Ursprünglich war es ein Abfallprodukt, weil die Ernte stark geschädigt war. Aus dieser zu verschmähenden Pflückgut ist ein großartiger Tee geworden. Mixiang oder Guifei Oolong nennen wir, wenn das Pflückgut ebenfalls von Zikaden befallen sind, aber die Blätter sind reif anstatt Knospe. Das heißt, aus von Zikaden befallenden reifen Teeblätter kann man Guifei oder Mixiang Oolong produzieren! Die Geschichte von „Guifei Oolong“ ist ebenfalls eine Geschichte aus einer verherrenden Natur-Katastrophe! Eine Erdbeben zerstört die Teegarten Dong Ding Berg. Die Teebauer versuchte aus diesem Schaden etwas Sinnvolles zu gestalten, um ihr Zuhause zu sichern!
Gewöhnlich will ein Verbraucher einen einwandfreien Tee, der weder von Schädlingen befallen war, noch behandelt wird. Wenige Teeliebhaber erkennen in solchen „geschädigten“ Pflückgut einen großartigen Tee, der aus der Schwäche der Natur entstanden ist und in einer Verwandlungskunst entwickelt wird. Solcher großartiger Tee hat ein riesen Potential, wenn man ihn reifen lässt! Der Schwächere, der von Schädlingen attackiert wurde, wird großartig durch die Zeit, wenn wir ihn ohne zusätzliche Handlung in Ruhe lässt!
Nicht die Flucht ist beschämend, sondern eine nach der Kondition unbewusste Handlung. Unsere Schwäche sind unser Chance!
Teepflanzen und seine Zikaden.
Meng Lin, ich finde, du hast sehr viel dafür geleistet, dass du dich nicht unbedingt einsam fühlen musst. Ein paar gute Leute sind immer da und wollen sicherlich, dass es allen gut geht. So empfinde ich das, und bin dankbar, dass du imstande bist, so einen Laden zu führen, wo man hingehen kann und auch Leute treffen kann, über die man sich freut, wenn man sie sieht. So einfach empfinde ich das und wünsche dir viel Energie. Und Kunst ist ein grosser Energiegeber, sie ist wie eine mächtige elektrische Batterie, die dem Menschen doch auch in schwierigen Zeiten Kraft spendet. Und der Mond leuchtet nicht von allein, er reflektiert die Sonne, und wir auf Erden erfreuen uns des Lichtes, der Sonne und der Sterne:-).
Meine Zeile über Einsamkeit und Gemeinsamkeit hat L. zum Nachdenken gebracht und heute bekam ich einen langen Email zu lesen, das mich ermutigen sollte, sich nicht einsam in Zürich zu fühlen.
Ich fühle mich nicht allein. Einsam-Sein ist nur ein Zustand ohne Konnotation und bietet einen Raum, mich selbst zu begegnen. Ich pflege jeden Tag diesen Raum – also meine Einsamkeit, auch wenn meistens Menschen um mich sind. Gerade wenn Menschen um mich sind, muss ich um so mehr diesen Raum beschützen!
Wie oft habe ich mich gefragt, was bringt mir eine Tasse Tee? Was bringt Shui Tang in Zürich? Was bringt Tee dieser Welt? Wozu ich? Diese Frage wird oft brennend, wen viele Menschen im Kaufrausch sind und sich in Shui Tang irrten. Was bringt das?
Was bringt eine Tasse Tee in dieser Welt im Krieg, vor einem ausbrechenden Krieg oder nach einem verheerenden Krieg?
Umgekehrt kann ich mich fragen, kannst Du dem Tee jeden Tag 17 Minuten geben? Kann ich mir selbst jeden Tag 17 Minuten geben? Wenn Du es Dir nicht jeden Tag geben kannst, dann vielleicht einmal wöchentlich oder gar nur 17 Minuten in einem Leben? Warum nur 17 Minuten? Tee kann Dir weder Reichtum noch Rum geben. Genau wie die Poesie. In dem Kampf der Erlebnisgesellschaft kann Tee nur weiter nach hinten treten und ans Ecke gedrängt werden.
Die Zahl 17, 1+7 = 8. Nummer 8 ist der Anfang nach einem Zyklus und das Symbol der Unendlichkeit.
Wie wäre es ein Tag ohne Duft aus einer Tasse, keine Farbe in dem See meiner Schale? In diesen 17 Minuten hast Du Duft in der Nase, Aromen im Gaumen, und Bilder im Kopf. In diesen 17 Minuten kann ich den Ruf aus dem Wald hören, das Nordlicht auf meinem Dach ahnen und die Verbindung zu jemandem, der mir am Herzen liegt, spüren. Diese kurzen 17 Minuten ist wie ein heiliger Raum, der mir Klänge und Töne schenkt – in einer desillusionierten Welt.
Neulich schrieb Tim mir, dass er sich so sehr auf den ersten Schnee in Zürich freut. „Warum?“ „Weil in diesem Moment Magie über Zürich herrscht!“ Dieser Sad-Boy berührt mich immer wieder mit seiner nebensächlichen Bemerkung. Kannst Du Dich noch an den Tee erinnern, der Deine schöne dunkle Seite des Lebens offenbart? Ich weiß nicht, ob er es noch genau weiß. Ich weiß, dass er die Funken aus der anderen Welt wahrnehmen kann und dass er etwas in seinem Leben hat, was ihm nährt und flüstert, wenn er auf der Suche ist! Er wird sich rechtzeitig an dem Geschmack des Tees erinnern!
Ich warte auch auf dem ersten Schnee. Der erste Schnee bleibt nicht, bringt alles durcheinander und bedeckt das, was die Zeit vergessen will.
Kannst Du Dir jeden Tag 17 Minuten Zeit geben, für eine Tasse Tee? Oder anders formuliert für Deine Einsamkeit! Und wenn der erste Schnee kommt, lass Dich in diesem 17 Minuten von der Magie Zürichs verzaubern!
Der erste Schnee kam am Sonntag in Einsiedeln. Als ob alles bedeckt und klanglos wurde. Langsam und deutlich fielen Flocken in die Hände. Klanglos froren Sie dort ein , wo sie gefallen sind.
Zurückgekehrt. Immer noch müde und vielleicht ein bisschen Ablehnung von der Struktur, der ich unterordnen muss. Jiri kam zu Besuch und was wäre das Richtige fürs Moment? 8892 Pu Er Gushu von Wang, Manyuan! Ein Hauch Erde und Laub von tiefen Wald. Er spendet Trost und Wärme. Mit der schönen frischen Duanni Kanne von Yu, Jiaojiang zeigte uns der 8892 sein einmaliges Gesicht! Noch nie habe ich diesen 8892 in dieser reinen eleganten Aufguss erlebt! Nicht schwer, nicht zu erdig. Der klare rötliche Ausguss war beflügelt und streichelte unsere Herzen so klangvoll wie der erste Schnee in Einsiedeln!
René und seine Freunde aus Berlin hatten gute Antenne und rochen den klangvollen 8892! Später kam Nico. Wir diskutierten über die Symbolik von Ameisen und Kürbis auf der Kanne und in der chinesischen Ästhetik. Ich erzählte von der Anregung durch Jean-Sebastien in Einsiedeln über den Begriff “ Wort (siehe Prolog von Johannes Evangelium) “ und „Logos“ im Vergleich mit dem Begriff „Wort“ in dem Orakel Schriften der alten China.
Jiri sagte, er würde beim Schneien den sanften schmeichelnden wilden Qimen aus Huangshan trinken. Ich nickte meinen Kopf. Jedenfalls sollte ein Tee sein, der mich beim Zuhören von Schnee nicht stört. Jedenfalls sollte ein Tee sein, der mich beim Schneerieseln begleitet. Jedenfalls sollte ein Tee sein, der Schneeflocken in meinen Händen zu erklingen bringt.
Ich kann nur Tee für andere Menschen zubereiten, wenn ich an diesen Tee glaube.
Es gibt etwa, was ich als eine Schwelle bezeichnen würde. Ich muss selbst meine Schwelle überwinden.
Was bedeutet denn „glauben“? Ist es eine Wertung? Ich „glaube“ einen Tee, weil er gut ist?
In diesem Sommer üben wir sehr intensiv für unseren Teekonzert und es ist immer eine bereichernde Zeit für meinen Teeweg. Durch das Begleiten von den Teilnehmern komme ich immer tiefer in meinem Innern. Ich beobachte dass manche oft kreative Ideen haben und spannende Vorstellung zum Seinen Gongfu Cha haben, aber vielleicht weil es zu „einfach“ ist, cool zu sein, fällt es plötzlich an Erwartung von eigenem Tee! Man dreht sich um einen Kreis. Dem Teetisch fällt plötzlich an Geschichte.
Dann frage ich mich, wie wäre es mit mir? Es wirkt sich tatsächlich anders bei mir aus. Ich will Veränderung und Experiment. Ich will, dass mein Teetisch nicht zu fassen ist, weil ich mich entwickeln will. Es ist diesmal so. Dann möchte ich beim nächsten Mal anders machen, vielleicht scheitere ich, aber ich habe es versucht.
Weil ich eine innere Schwelle habe, muss ich zuerst an den Tee glauben. An einem Tee glauben, geht es nicht an Demuth vorbei. Demut gibt mir einen Raum, den Tee zuzuhören und sich an ihn anzunähern. Was spricht er zu mir?
Nach vielen Jahren mit Tee im Leben zu leben erkenne ich ein wahres Glück. Mein Glück von meinem Leben ist, dass ich ein gutes Wahrnehmungsvermögen habe. Aber ohne Demut fällt einem schwer die einfache Schönheit des Lebens wahrzunehmen! Demut ist eine Haltung zum Leben, Demut ist der Anfängergeist des Seins.
Ich kann nur den Tee für Gäste zubereiten, an den ich glaube. Früher lerne ich den Tee zu verstehen, an den mein Lehrer glaubt. Ich weiss von Demut. Heute ist mein Lehrer selten mit mir, während ich Lehrer wurde für anderen. Ich lerne, die Notwendigkeit, den Anfängergeist zu pflegen, zu üben, wo ich Demut finden und behalten kann. Manchmal bei Menschen, die mir widerspieln wollen und können, und manchmal durch Scheitern. Scheitern ist ein gutes Stück im Leben!
Die Strassen sind oft bunt, voll und ereignisreich, sind selten der Ort, wo man gerne verweilt. Man passiert. Am Teetisch ist der Ort, wo man bleiben will.
Die erste Teekanne, der Anfängergeist.
Für unser Teekonzert üben die Teefreunde ganz fleissig. Bei jedem Mitmachen lernt man immer ein Stück mehr über Tee, manchmal auch ein Retrospektive über den eigenen Teeweg.
Das schwierigste bei Teetisch Gestalten ist, was für Kanne und welche Teetassen! Wie passen die Sachen zusammen und wie bringe ich alles zu einer inspirierende Landschaft. Manchmal entdeckt man die Gewohnheit, die man selbst angehaucht hat und dachte, dass man es von Meng-Lin gelernt hätte. In solcher Auseinandersetzung und Übungen wird der Teegeist erfrischt.
Natürlich lässt nicht jeder von mir korrigieren, weil man den eigenen Kopf hat. Es ist nicht immer angenehm für mich, in solcher Situation ruhig zu bleiben, aber es ist eine gute Übung, zu lernen, Abstand zu nehmen. Jeder Teilnehmer nimmt ein Stück seine eigene Geschichte mit, die mit mir nichts zu tun hat. Und das sollte so blieben.
Oft unterhalten wir, wie gehen wir mit der Form der Kanne um, oder welche Form wäre besser für diese Landschaft, die man gerne präsentiert. Sehr oft merkt man, dass die erste Teekanne, die man kaufte, nicht immer die ideale Kanne ist, für den weiteren Teeweg oder für solche Anlässe. Bedeutet es, dass es falsch war? War es ein Fehltritt?
Simon schickte uns Fotos von seiner ersten Teekanne in Shui Tang und seiner ersten Kollektion von Holzofen Brand von Künstler Chen, Xuanheng. Ich sehe in seiner Kollektion ebenfalls meinen eigenen Teeweg und den Künstler Weg von Chen. Ich sehe, was für Kanne ich damals erwerben konnte und im Vergleich mit denen, was ich heute in Shui Tang anbot. Wie ursprünglich und mit welchem Anfängergeist, Chen seine Werke formte! Was für gute günstige Yixing Kanne noch auf den Markt zu erwerben gab und was für Fake man heute auf dem Markt überschwemmt. Zehn Jahre Shui Tang, Zehn Jahre Wohlstand chinesischer Gesellschaft. Die Veränderung ist stark.
In seiner Kanne ist ein Heuschreck abgebildet. Die Schrift kann ich leider nicht gut lesen. Heuschreck, Chan. Das wird häufig als Symbol von Zen (Chan) in der bildenden Kunst angewendet. Wusste Simon damals schon, dass er mit seinem Zenweg beschreiten wollte? War es ein Zeichen?
Teekanne erwerben ist oft wie ein Orakel….
Die erste Kanne ist ein Meilenstein und immer der Ruf unserem Anfängergeist. Wir haben oft von ganz unten angefangen. Ich habe mit Tetley Teebeutel meinen Teeweg begonnen. Muss ich mich schämen? Muss man schämen, wenn man eine ganz banale Kanne kaufte, als man noch gar keine Ahnung hat? Nein. Das ist ein Stück der schönen Erinnerung vom Anfänger!