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von Fabian Küng, Jakob Obrecht, Waltraud Hörsch
mit Beiträgen von Heinrich Boxler, José Diaz Tabernero, Ebbe Nielsen und Hans-Christian Steiner.
Die Ruine Kastelen, westlich von Alberswil zwischen Sursee und Willisau gelegen, ist die bedeutendste Burgruine des Kantons Luzern. Innerhalb einer ausgedehnten
Burgstelle erheben sich hier die Reste eines Wohnturms, daneben befindet sich ein Sodbrunnen. Weiteres Mauerwerk über der Erdoberfläche ist nicht erhalten.
Aus vormittelalterlicher Zeit konnten bei den Untersuchungen neben neolithischen, eisenzeitlichen und römischen Einzelfunden die Spuren einer spätbronzezeitlichen
Siedlung erfasst werden (etwa 11501000v.Chr.). Zahlreiche Lesefunde zeugen davon, dass sich diese Siedlung einst über die gesamte Hügelkuppe erstreckt hatte.
Im Hochmittelalter (11./12. Jh.) bestand auf dem Burghügel eine hölzerne Burganlage, zu der keine historischen Quellen greifbar sind. Im Gelände manifestiert sie sich noch heute im Wehrgraben, der die Burgstelle in zwei Plateaus teilt. Auf dem westlichen Plateau erbrachten die archäologischen Untersuchungen den Nachweis von Pfostenlöchern und Palisadengräben. Aufgrund dieses Befundes lassen sich drei zeitlich aufeinanderfolgende Türme rekonstruieren.
Die Burg Kastelen ist bei ihrer erstmaligen urkundlichen Erwähnung im Jahr 1257 im Besitz der Grafen Hartmann IV. und Hartmann V. von Kyburg. Die dendrochronologische Datierung belegt, dass die Grafen den Bau der steinernen Burganlage kurz zuvor veranlasst haben müssen: Die Bauarbeiten am Wohnturm waren um 1251 im Gang, als wahrscheinlich erscheint mit Blick auf die Bauetappen eine Bauzeit zwischen 1249 und 1253. Im Bau der Burg Kastelen äussert sich eine kyburgische Herrschaftsintensivierung im damaligen Aargau, in deren Kontext auch die um 1256 erfolgte Stadtgründung im nahen Sursee gehört.
Bauliche Qualität, Grösse der Anlage und Schriftquellen sprechen dafür, dass Kastelen als gräfliche Residenz neben Kyburg, Mörsburg und Burgdorf bestimmt war.
Der architektonische Charakter des Wohnturms widerspiegelt diese Bedeutung: Das freistehende, donjonartige Gebäude, geprägt von vier Wehrerkern, vertritt mit seinem Buckelquadermauerwerk und den zahlreichen aufwendigen Fensteröffnungen exemplarisch die Monumentalarchitektur der staufischen Zeit. Durch seine konsequente Gestaltung nimmt der Wohnturm eine herausragende Stellung in der schweizerischen Burgenlandschaft ein.
Der Wohnturm war ein reiner Wohnbau. Im dritten Obergeschoss befanden sich die gräflichen Wohnräume, an bester Lage ist hier die heizbare Stube zu fassen. Im ersten Obergeschoss lag die Hauskapelle. Räume, die auf eine öffentliche beziehungsweise gesellschaftliche Nutzung hindeuten, fehlen im bauzeitlichen Raumprogramm.
Sämtliche übrigen Bauten der Burg Kastelen sind heute verschwunden, die Geländemerkmale erlauben jedoch Aussagen zur Gesamtanlage: Eine weit gefasste Ringmauer umschloss die umlaufende Terrasse, die als Wirtschaftsbereich zu interpretieren ist. Die höher gelegenen Burgplateaus waren als herrschaftliche Bereiche deutlich abgesetzt. Auf dem Westplateau erhebt sich die Ruine des Wohnturms. Beim grösseren Ostplateau ist von einer peripheren Bebauung auszugehen, zu welcher der «Bau Ost» gehörte. Dieser wird als repräsentatives Steingebäude interpretiert, das unter anderem einen Saal und die Küche beherbergte. Mit dem Aussterben der Grafen von Kyburg 1263/64 verlor die Burg Kastelen ihre vorgesehene Funktion. Sie gelangte in habsburgischen Besitz und erscheint 1306 im Habsburger Urbar nur noch als Zentrum einer kleinen Herrschaft und Sitz des Ministerialadels. In der weiteren Besitzergeschichte spiegelt sich der gesellschaftliche Wandel der herrschenden Oberschicht: Nach dem Zusammenbruch der habsburgischen Herrschaft im Aargau 1415 geht die Lehensherrschaft über die Burg an die eidgenössische Stadt Luzern, auf den Ministerialadel folgen als Lehensträger ab 1481 Vertreter der städtischen Führungsschicht.
Der fortschreitende Bedeutungsverlust der Burg zeigt sich darin, dass sie gegen Ende des 15. Jh. nur noch saisonal als Land- und Jagdsitz bewohnt war. Einschneidend war die Umgestaltung unter Hans-Ulrich Heinserlin um 1605, der den Wohnturm zum Landschloss ausbauen und den Rest der Anlage schleifen liess. Der Wohnturm präsentierte sich neu mit zwei Erkern und einem Stufengiebel. Nach dem Konkurs Heinserlins 1644 fiel die Herrschaft an die Stadt zurück.
1653 wurde Kastelen als Symbol obrigkeitlicher Macht zu einem Nebenschauplatz im Bauernkrieg. Eine Bauernschar stürmte den leer stehenden Wohnturm und versuchte erfolglos, ihn zu brechen. Nach der Niederschlagung des Aufstands mussten die Bauern den Wohnturm auf eigene Kosten wiederherstellen. Historische Quellen zeigen, dass in jenen Jahren gerade das Dorf Alberswil ein soziales Pulverfass war.
Mit der Übernahme der Herrschaft durch die Familie von Sonnenberg 1680 und der Errichtung eines neuen Schlosses am Burghügel verlor der alte Wohnturm jede praktische Funktion. Luzern liess das vernachlässigte Gebäude 1743 schliesslich bis auf die Aussenmauern abbrechen.
Die weiteren 250 Jahre sind Zerfallsgeschichte. Mehrere Anläufe seit den 1960er-Jahren, die Ruine zu retten, scheiterten. Erfolgreich waren erst die Bemühungen des Vereins Burgruine Kastelen, der die Restaurierung mit grossem Engagement umgesetzt hat. Heute ist die Ruine Kastelen als geretteter Zeuge einer wechselvollen Geschichte nicht nur beliebtes Ausflugsziel, sondern auch Wahrzeichen der gesamten Region.