Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03195.jsonl.gz/1658

Das Rezept ist einfach: Man nehme eine wissenschaftlich nachgewiesene Tatsache und ziehe sie in Zweifel. Zum Beispiel indem man die Ausgangsfrage aufs Neue stellt, als hätte es nie eine Antwort darauf gegeben. Oder indem man schlicht etwas anderes behauptet. Dann teile man den Medien mit, dass die journalistische Ausgewogenheit gebiete, über diese vom wissenschaftlichen Konsens abweichende Meinung zu berichten. Teils tun Medien dies geflissentlich – und schon entsteht der Eindruck einer Kontroverse über ein Thema, das eigentlich längst erledigt war.
Wissenschaftsbashing als Lebensinhalt
Lernen konnte man dieses Rezept bereits Ende der 1950er Jahre mit einem Blick auf die USA: Eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern schloss sich dort mit Privatfirmen und Denkfabriken zusammen, «um wissenschaftliche Beweise anzufechten». Zu jener Zeit lag ihnen daran, den bereits bekannten Zusammenhang zwischen Rauchen und Gesundheitsschäden zugunsten der Tabakbranche zu verschleiern, um ein Riesengeschäft zu schützen. Ihre bisherige Vita verlieh diesen Forschern eine Glaubwürdigkeit, die sie aber nur noch im Feldzug gegen die Wissenschaft einsetzten. Kein eigenes, nennenswertes Forschungsresultat hatten sie von da an zu bieten, sie verlegten stattdessen ihre Kräfte darauf, «das Werk und die Reputation anderer» anzugreifen.
Im minutiös erarbeiteten Buch von Erik M. Conway und Naomi Oreskes von 2010, Merchants of Doubt, lässt sich detailreich nachlesen, wie das «Netzwerk des Leugnens» aufgebaut wurde. Zig Millionen flossen während Jahrzehnten in von der Tabakindustrie finanzierte Forschungsprojekte, die mitunter zeigen sollten, dass genetische Voraussetzungen oder die Industrialisierung gleichermassen/ähnlich/stärker für Lungenkrebs verantwortlich sind. Kongressabgeordnete wurden mit Druckmaterialien versorgt, JournalistInnen zu Schulungen eingeladen, Kommissionen mit Advokaten des Zweifels besetzt. Weil sich die Taktik, «Wissenschaft mit Wissenschaft zu bekämpfen», auch im Zusammenhang mit dem sauren Regen oder dem Ozonloch bewährt hatte, verlegte man sich ab Ende der 1980er Jahre – teilweise mit demselben Personal – auf das neueste, brennendste Wissenschaftsthema: den menschlichen Faktor im Klimawandel.
Die Strategie des Anzweifelns
Zwei Tricks waren besonders erfolgreich, um die etablierte Wissenschaftsmeinung zu untergraben. Erstens: Den nicht genehmen WissenschaftlerInnen wurde ihre wissenschaftliche Redlichkeit zum Nachteil ausgelegt. Das geht ganz simpel, denn Wissenschaft stellt ihre Ergebnisse nie mit 100%-iger Sicherheit dar (nicht jede/r stirbt an Lungenkrebs, die/der raucht; nicht alle Mechanismen des Klimawandels sind bekannt). Differenzierungen, Aussagen in Prozenten sowie Risikoabwägungen wurden der Forschung gezielt als Ungenauigkeit und Wissenslücke ausgelegt. Wo Wahrscheinlichkeiten – seien sie noch so hoch – als wissenschaftliches Resultat präsentiert werden, springt der Zweifel in die Prozentlücke: Genau da, so der politisch motivierte, rhetorische Winkelzug, könnte ja der eigentliche Ort der Wahrheit liegen.
Eine Gegen-Behauptung ist aber ohne öffentliche Resonanz noch nichts wert. Es gilt also, die Medien zum Mitmachen zu bewegen. Diese stecken selber in einer verzwickten Lage: Eigentlich sollen sie kritisch sein, aber auch unvoreingenommen und repräsentativ. Gleichzeitig möchte kein Journalist/keine Journalistin echte Neuigkeiten verpassen. Medien brauchen permanent gute Geschichten, und diese müssen im Tagesgeschäft verdammt schnell entstehen. Hier kommt der zweite entscheidende Trick im Geschäft mit der Skepsis zur Anwendung: Der ausgestreute Zweifel muss als Neuigkeit dargestellt und die Medien müssen zugleich an ihre demokratischen Grundsätze erinnert werden, die es gewissermassen als ihre meinungsbildende Pflicht erscheinen lassen, auch über das behauptete Gegenteil des Wissensstandes zu berichten. Um ihnen die Arbeit zu erleichtern, übermittelt man gleich das einschlägige Dossier an die Redaktion und bietet sich grosszügig als Gesprächspartner an.
«False balance» in den Medien
Das kann zu enormen Verzerrungen in der Debatte führen. Plötzlich werden aus vermeintlichen Fairnessgründen Minderheitsmeinungen und Behauptungen, die nicht auf solider Forschung beruhen, medial gleich gewichtet wie die wissenschaftliche Konsensmeinung. Damit erreicht Wissenschaftsbashing sein Ziel: Es wird der Anschein einer Kontroverse erweckt. Man nennt dieses Medienphänomen «false balance». Davon spricht auch der ETH-Klimaforscher Reto Knutti: Mit dieser Strategie werde aktuell in den USA «vorgegaukelt, es gäbe einen Streit unter Experten: Zu einer Anhörung im Parlament vergangene Woche wurden vier Klimaforscher eingeladen; einer vertritt den wissenschaftlichen Konsens, die anderen drei stehen für eine gegenläufige Minderheitsmeinung ein. Wer recht hat, ist irrelevant – es reicht der Eindruck, dass alles umstritten ist» (NZZ, 7.4.2017).
Nichts Neues unter der Sonne
Genau nach diesem Schema versuchte auch die «Weltwoche» (30.3.2017) mit dem Artikel «Es ist die Sonne» eine klassische Aussage von Klimawandelleugnern neu ins Spiel zu bringen: «Nicht der Mensch, die Sonne erwärmt das Klima.» Diese Behauptung ist so alt wie das Wissen darum, dass die Menschen die grösste Verantwortung für den Temperaturanstieg auf der Erdoberfläche tragen (Conway/Oreskes verweisen auf diesen Evergreen der Klimawandelskeptiker schon auf Seite zwei ihrer Einleitung).
Zuerst wirft der Verfasser des «Weltwoche»-Artikels einem Schweizer Forscher vor, er habe 2013 bei der Präsentation des damals neuesten Berichts des Weltklimarats (IPCC) über das Wichtigste «hinweggesehen»; die Graphiken zeigten nämlich eigentlich, dass sich die Schwankungen in der Sonnenintensität mit dem Temperaturverlauf auf der Erde deckten. («Schritt 1: Diffamiere einzelne Wissenschaftler; wirf ihnen Ideologie vor.») Eigentlich also sei die Sonne Treiberin der Klimaerwärmung. Eine Behauptung, so der Verfasser weiter, die durch eine neue Schweizer Studie zur Frage Klima/Sonne unterstützt und durch die dazugehörige Medienmitteilung des Schweizerischen Nationalfonds belegt werde. («Schritt 2: Spiele Wissenschaft gegen Wissenschaft aus.») Aufgrund dieser Medienmitteilung schmiedet der Verfasser seine verkürzte Kausalkette: «Jetzt kommen Schweizer Forscher ‚erstmals‘ zur Erkenntnis, dass sich der Klimawandel nur mit der Sonnenaktivität erklären lässt.» («Schritt 3: Behaupte das Gegenteil der gängigen Wissenschaftsmeinung.») Zu guter Letzt wirft er den Medien vor, dass dies «eine solche Sensation» sei, dass «natürlich» die grossen Printmedien nicht darüber berichteten. («Schritt 4: Unterstelle den Medien, undemokratisch zu sein!») Wir finden hier alle Zutaten zum Wissenschafts-Verunglimpfungs-Rezept bestens vorgeführt.
Jetzt nur mal so fürs Protokoll: Der Bericht des Weltklimarats von 2013 geht auf die Sonnenaktivität ein. Nur decken sich die dort einsehbaren Graphiken nicht mit dem globalen Temperaturanstieg seit den 1970er Jahren und können die Klimaerwärmung nicht erklären (IPCC 2013, FAQ 5.1). Ebenfalls ist die Art und Weise, wie die Medienmitteilung des Nationalfonds in der «Weltwoche» wiedergegeben wird, gelinde gesagt, ungenau. Es kann konstatiert werden, dass eine weitere nützliche Zutat für das Hochkochen von Zweifeln die Losung ist: «Scher‘ dich nicht um die Fakten; lügen geht schneller als lesen.»
Sensationslust und Relativierung
Schaut man sich die Medienmitteilung vom 27.3.2017 einmal genau an, dann ist auch die Pressestelle des Schweizerischen Nationalfonds vor der Sensationslust nicht gefeit: Es wird zwar das Resultat des Weltklimarats referiert, «dass die Sonnenaktivität in der jüngeren Vergangenheit und auch der nächsten Zukunft keine Bedeutung für den Klimawandel hat» (zum Beispiel nachzulesen IPCC 2014), unmittelbar anschliessend aber wird die durch ihre eigene Institution geförderte Studie damit angepriesen, dass sie diese Annahme des IPCC «relativiere». Nun, diese «Relativierung» muss wiederum stark relativiert werden, was die Medienmitteilung auch selber deutlich macht: Die neu vorgestellten Modelle stützten die Vermutung, dass sich das Erdklima um 0,5 Grad abkühlen könnte, wenn die Sonnenaktivität ihr nächstes Minimum erreiche. Aber: Es lasse sich nicht genau sagen, wann das der Fall sein soll (50 bis 100 Jahre). Das Verhalten «der Sonne in den nächsten Jahren bleibt allerdings Spekulation», weil die vorhandenen Daten erst ein paar Jahrzehnte abdeckten und darin noch keine signifikante Schwankung in der Sonnenaktivität zu finden sei. Die Ergebnisse der Studie, so wird ein Forscher zitiert, «bleiben eine Hypothese», und eine Abkühlung würde «den menschgemachten Anstieg der Temperatur keineswegs kompensieren»; denn falls doch ein Einfluss feststellbar wäre, würde dieser zu spät eintreffen.
Ein Interview im «Tages-Anzeiger» (10.4. 2017) beginnt dennoch mit der Frage, ob dieselbe neueste Studie die Resultate des IPCC «relativiere». Der Atmosphärenphysiker an der ETH Zürich antwortet, dies sei tatsächlich eine «umstrittene Frage innerhalb unserer Forschergemeinschaft» gewesen, er persönlich würde das aber «nicht so ausdrücken». Das stärkste Argument gegen diese Frage liefert er gleich selber: «Wir sind von einer anderen Hypothese als der IPCC ausgegangen.» Ihre neuen Klimasimulationen beruhten auf der Prämisse, dass die Sonnenaktivität stärker abnehme als bisher angenommen. Wie der Interviewte weiter ausführt, zeigten die Modelle eine Abkühlung von einem Viertel Grad in 50 bis 100 Jahren, die «Sonnenphysiker» müssten aber erst noch durchrechnen, «ob eine solche Abkühlung tatsächlich physikalisch erklärbar ist.» Auf die fortschreitende Erderwärmung hätte aber auch ein positiver Bescheid keinen Einfluss: «Wir stehen beim Klimawandel mit dem Rücken zur Wand, weil wir bis heute die CO2-Emissionen nicht in den Griff kriegen.»
Gut ausbalanciertes Wissen
Es ist – wie letztlich die Medienmitteilung des Nationalfonds betont und die Seite im «Tages-Anzeiger» in einer «good balance» vorführt – immer noch die bestbelegte Hypothese, dass der CO2-Ausstoss auf der Erde die Klimaerwärmung des Planeten zu weitesten Teilen verursacht und vorantreibt. Das Jahr 2015 war das durchschnittlich wärmste seit Messung, nur übertroffen durch das Jahr 2016. Mit solchem Wissen verbindet sich auch eine wissenschaftliche Haltung: Solange die Resultate mit erdrückender Beweislast für die eine Annahme sprechen, gibt es keine Veranlassung, dieselbe aufzugeben zugunsten einer Hypothese auf viel wackligerem Fundament. Diese Haltung muss insbesondere gegen mächtige Interessen und finanzstarke Gruppierungen verteidigt werden.
Eine Enttäuschung für alle diejenigen, die dachten, sie könnten die Verantwortung für ihr ressourcenintensives Leben den kosmischen Läuften übertragen, denen man nun wirklich wehrlos ausgeliefert ist. Und eine Aufgabe für die berichtenden und meinungsbildenden Medien hierzulande, das Rezept zur Wissenschaftsverunglimpfung und seine Spielarten («Manipulation!» – «Fake!») zu durchschauen.
Lesenswert zu diesem Thema: Conway, Erik M., Naomi Oreskes: Merchants of Doubt. How a Handful of Scientists Obscured the Truth on Issues from Tobacco Smoke to Global Warming, Bloomsbury 2010. Die deutsche Übersetzung davon erschien 2014 unter dem Titel Die Machiavellis der Wissenschaft. Das Netzwerk des Leugnens enthält aber bedauerlicherweise viele orthographische und stilistische Fehler.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Ariane Tanner ist Historikerin aus Zürich. Ihre Dissertation, Die Mathematisierung des Lebens. Alfred James Lotka und der energetische Holismus im 20. Jahrhundert, erschien im März 2017 bei Mohr Siebeck in Tübingen. Das wissenschaftshistorische Buch behandelt die Mathematisierung von ökologischen Phänomenen und globale Erklärungsmodelle, die auf Energieflüssen basieren.
Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann, Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Corina Lanfranchi, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Ariane Tanner ist Historikerin aus Zürich. Ihre Dissertation, Die Mathematisierung des Lebens. Alfred James Lotka und der energetische Holismus im 20. Jahrhundert, erschien im März 2017 bei Mohr Siebeck in Tübingen. Das wissenschaftshistorische Buch behandelt die Mathematisierung von ökologischen Phänomenen und globale Erklärungsmodelle, die auf Energieflüssen basieren.
- Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann, Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Corina Lanfranchi, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.