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Mandelentzündung
Die akute Mandelentzündung (Tonsillitis oder Angina tonsillaris) ist ein Krankheitsbild, das gerade in der kalten Jahreszeit bei Kindern häufig vorkommt. Die Tonsillen (Tonsillae palatinae oder Gaumenmandeln) sind im hinteren Abschnitt der Mundhöhle, links und rechts neben dem Zäpfchen zu finden. Sie sind stark eingefurcht, um ihre Funktion zu vergrössern, denn sie nehmen in den ersten Lebensjahren vor allem Abwehraufgaben wahr. Kommt der Mensch nun in Kontakt mit Viren oder Bakterien, müssen diese zuerst die Gaumenmandeln passieren. Dabei funktioniert die Mandel mit ihren Abwehrzellen als Frühwarnsystem für den menschlichen Körper.
Die Gaumenmandeln sind nicht das einzige Organ in der Mundhöhle, das diese Aufgabe übernimmt. Es gibt noch viele andere wie die Zungenmandel (Tonsilla lingualis), die Seitenstränge oder die Rachenmandel (Tonsilla pharyngea oder Polypen). Allerdings sind die Gaumentonsillen das am häufigsten erkrankte Organ dieser Gruppe.
Dr. med. Neuner Thomas zum Thema:
Vergrösserte Gaumenmandeln - ohne akute Entzündung - sind bei Kindern sehr häufig. In einigen Fällen kann dies zu Atem-, Schluck- und Sprachproblemen führen. Als Folge treten bei den betroffenen Kindern vermehrt Appetitlosigkeit, Entwicklungsstörungen oder Mittelohrentzündungen auf.
Eine akute Tonsillitis zeichnet sich durch eine stark schmerzhafte Schwellung und Rötung der Tonsillen aus. Häufig finden sich auch eitrige Beläge. Das Kind hat Halsweh, Schluckbeschwerden und mitunter Mundgeruch. Häufig besteht Fieber. Eine solche Mandelentzündung verheilt in den allermeisten Fällen folgenlos, wenn sie gut behandelt wird. Eine einfache Tonsillitis ohne Fieber kann mit Halswickeln und schmerzstillenden Lutschtabletten gelindert werden. Sind allerdings Bakterien wie Streptokokken im Spiel, ist ein Antibiotikum angezeigt.
Tritt die akute Entzündung mehrmals im Jahr auf, so spricht man von einer chronischen Tonsillitis. Sie kann meist nicht mehr allein mit Medikamenten, sondern nur noch durch die chirurgische Entfernung der Mandeln (Tonsillektomie) behandelt werden. Diese operative Entfernung ist vor allem dann zwingend erforderlich, wenn die Mandeln ständig vergrössert sind und somit zu Atem oder Schluckbeschwerden führen, wenn eine chronische Entzündung vorliegt oder mehr als drei Erkrankungen pro Jahr auftreten, oder wenn es durch die Streuung der Bakterien im Körper bereits zu einer Beteiligung von Herz, Nieren oder Gelenken gekommen ist.
Die Tonsillektomie ist für den HNO-Arzt eher ein kleinerer Eingriff, und Mandeloperationen gehören bei uns zu den häufigsten chirurgischen Massnahmen. So kurz die Operation aber auch dauern mag, in der Folgezeit ist sie bis zu mehrere Wochen sehr schmerzhaft. Ausserdem kommt es in bis zu 5% der Fälle zu einer Komplikation, meist Nachblutungen. Gerade bei kleinen Kindern kann schon ein geringer Blutverlust gefährlich werden. Zudem sind es nicht immer Massenblutungen, die zu befürchten sind. Bei so genannten Sickerblutungen können grosse Blutmengen unbemerkt verschluckt werden und dann zum schwallartigen Bluterbrechen und/oder Kollaps des Herz-Kreislaufsystems führen.
Aus diesen Gründen sollte die Entscheidung für eine Mandeloperation gut überlegt sein und mit dem Hals-Nasen-Ohren-Arzt ausführlich diskutiert werden. Insgesamt sind die Ärzte heute zurückhaltender geworden. Werden die Mandeln zu früh entfernt, kann das eine geschwächte Immunabwehr zur Folge haben. Die Operation wird vor dem vierten Lebensjahr meist nur vorgenommen, wenn ein medizinischer Grund (s.o.) vorliegt. Früher wurde auch zur Vorbeugung vor Folgeerkrankungen operiert.
Seit Ende der 1990er werden Jahre zunehmend Teilentfernungen, sogenannte Tonsillotomien, mittels Laser vorgenommen. Bei dieser Technik erhält der Operateur die Tonsillenkapsel und schont die grösseren zuführenden Gefässe. Dadurch ist das Blutungsrisiko deutlich geringer und der Patient hat weniger und kurzfristiger Schmerzen. Ein Krankenhausaufenthalt ist in der Regel nicht notwendig.
Wissen
Newsticker
Mandelentfernung kann auch krank machen | 07.06.2019
Die Mandeln, egal ob im Rachen oder am Gaumen, sind ein Teil unseres Immunsystems und helfen uns, Krankheitserreger frühzeitig abzuwehren – sind sie häufig im Einsatz und dauerhaft vergrössert (Mandelentzündung), können sie u.a. Atemprobleme und Dauerschnupfen verursachen. Hier kann es sinnvoll sein, die Mandeln ganz oder teilweise zu entfernen. Eine aktuelle Untersuchung aus Dänemark an 1,2 Mio. Kindern zeigte nun, dass die Entfernung der Mandeln auch langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit haben kann. Besonders deutlich (bis dreifach erhöhtes Risiko) war das bei Erkrankungen der oberen Atemwege, Asthma und chronischen Lungenerkrankungen. Bindehautentzündungen und Mittelohrenzündungen traten etwa doppelt so oft nach Mandeloperationen auf. Langfristig scheint also eine Mandelentfernung ihr Ziel, chronische Infektionen einzudämmen, oftmals zu verfehlen und sollte deshalb wohl überlegt sein.
Nutzen fraglich | 25.07.2018
Die Entfernung von Gaumenmandeln oder Polypen wird häufig bei Kindern durchgeführt, um chronische Mandelentzündungen, Mittelohrentzündungen oder Atembeschwerden zu behandeln. Als Teil des sich noch entwickelnden Immunsystems schützen sie aber sowohl direkt als auch indirekt vor Krankheitserregern, indem sie andere Immunreaktionen stimulieren. Wirkt sich die frühe Entfernung von Mandeln oder Nasenpolypen deshalb negativ auf die spätere Gesundheit aus? Eine Forschergruppe wertete die Daten von 1.2 Mio. dänischen Kindern aus: Wurden bei den Kindern bis zum neunten Lebensjahr die Mandeln oder Polypen entfernt, stieg ihr Risiko für spätere Atemwegserkrankungen, Infektionen und Allergien auf das fast Dreifache an. Eine Entfernung von Polypen ergab ein etwa doppelt so hohes Risiko für eine chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD), Erkrankungen der oberen Atemwege und Bindehautentzündungen. Im Gegensatz dazu seien die langfristigen Vorteile einer Operation meist gering gewesen.
Letzte Aktualisierung : 27-07-18, BH