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Kapitel 1
Die Habenula: Hort der Enttäuschung
Meine absolute Lieblingsbelanglosigkeit: Dr. Marie Skłodowska-Curie erschien zu ihrer eigenen Hochzeit in ihrem Laborkittel.
Eigentlich ist das eine ziemlich coole Geschichte: Ein befreundeter Wissenschaftler machte sie mit Pierre Curie bekannt, die beiden gestanden einander verlegen, dass sie gegenseitig ihre wissenschaftlichen Veröffentlichungen gelesen hatten, flirteten bei ein paar Bechergläsern flüssigem Uranium, und er machte ihr noch im selben Jahr einen Antrag. Doch Marie war nur nach Frankreich gekommen, um ihr Studium zu absolvieren, also lehnte sie schweren Herzens ab und kehrte nach Polen zurück.
Tragisch, oder?
An dieser Stelle hatte die Universität von Krakau, Bösewicht und unbeabsichtigter Amor dieser Geschichte, ihren großen Auftritt, indem sie sich weigerte, Marie eine Stelle zu geben, schlicht und einfach, weil sie eine Frau war (was für eine Glanzleistung, liebe U von K …). Ziemlich arschig, so viel ist klar, aber es hatte den positiven Nebeneffekt, dass Marie zurück in Pierres liebevolle, noch nicht radioaktive Arme trieb. Die beiden wundervollen Nerds heirateten 1895, und Marie, die damals nicht gerade viel verdiente, kaufte sich ein Hochzeitskleid, das bequem genug war, dass sie es jeden Tag im Labor tragen konnte. Bewundernswert pragmatisch, die Frau.
Natürlich wird die Geschichte um einiges weniger cool, wenn man circa zehn Jahre vorspult und erfährt, dass Pierre von einer Kutsche überfahren wurde und Marie und ihre zwei Töchter allein zurückblieben. Man schaue sich das Jahr 1906 genauer an, und da ist schon die Moral von der Geschicht’: Darauf zu vertrauen, dass Leute für immer bei einem bleiben, ist eine ganz schlechte Idee. Auf die eine oder andere Art verlassen sie einen alle. Entweder rutschen sie an einem regnerischen Morgen auf der Rue Dauphine aus und werden von einer Kutsche überrollt. Oder sie werden von Außerirdischen entführt und verschwinden in den unendlichen Weiten des Weltalls. Oder vielleicht haben sie auch sechs Monate vor eurer geplanten Hochzeit Sex mit deiner besten Freundin, so dass du die Hochzeit absagen musst und einen Haufen Geld verlierst.
Der Phantasie sind in diesen Dingen einfach keine Grenzen gesetzt.
Angesichts dessen könnte man wohl sagen, dass die U von K als Bösewicht eine Nebenfigur bleibt. Nur damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich liebe die Vorstellung, wie Dr. Curie in ihrem Hochzeitskleid-Schrägstrich-Laborkittel aufPretty-Woman-Art nach Krakau zurückmarschiert und ihre zwei Nobelpreise in die Höhe reckend schreit: »Großer Fehler. Riesengroßer Fehler.« Doch der wahre Bösewicht, der Marie nächtelang weinend an die Decke starren ließ, ist der Verlust. Die Trauer. Die Vergänglichkeit, die den menschlichen Beziehungen immanent ist. Der wahre Bösewicht ist die Liebe: ein hoffnungslos instabiles Isotop, das sich ständig dem spontanen Kernzerfall hingibt.
Und niemals dafür zur Rechenschaft gezogen wird.
Aber was ist es, auf das man zählen kann? Was Dr. Curie über all die Jahre niemals, aber auch wirklich niemals im Stich gelassen hat? Ihre Neugier. Ihre Entdeckungen. Ihre Leistung.
Die Wissenschaft. Denn auf die Wissenschaft ist Verlass.
Was genau der Grund ist, der mich vor Freude kreischen lässt, als dieNASA mich benachrichtigt, dass ich zur Leiterin vonBLINK, eines ihrer angesehensten Forschungsprojekte in Sachen Neurotechnik, ausgewählt wurde – ich! Bee Königswasser! Kreischend mache ich Luftsprünge in meinem winzig kleinen, fensterlosen Büro auf dem Campus der National Institutes of Health in Bethesda. Kreischend male ich mir die phantastische Technologie aus, die ich fürNASA-Astronauten entwickeln werde. Bis ich mich daran erinnere, wie papierdünn die Wände sind und dass mein linker Nachbar schon mal offiziell Beschwerde gegen mich eingelegt hat, weil ich es gewagt habe, Frauen-Neunziger-Alternative-Rock ohne Kopfhörer zu hören. Also halte ich mir die Hand vor den Mund, beiße hinein und hüpfe so leise wie möglich auf und ab, während mich eine nie gekannte Begeisterung durchflutet.
Ich fühle mich, wie sich Dr. Curie damals gefühlt haben muss, als sie Ende 1891 endlich an der Universität von Paris angenommen wurde: als sei die Welt der (vorzugsweise nicht radioaktiven) wissenschaftlichen Entdeckungen endlich in greifbare Nähe gerückt. Es ist bei Weitem der bedeutendste Tag meines Lebens, der zugleich ein phänomenales Wochenende einleitet. Die Highlights:
Ich erzähl meinen drei Lieblingskolleginnen die große Neuigkeit, wir gehen zur Feier des Tages in unsere übliche Bar, trinken mehrere Runden Lemon Drops und spielen lachend nach, wie uns Trevor, unser hässlicher mittelalter Chef, gebeten hat, uns bloß nicht in ihn zu verlieben. (Männer in der akademischen Welt tendieren dazu, an Größenwahn zu leiden – alle außer Pierre. Pierre hätte so etwas nie getan.)
Ich färbe meine rosa Haare lila. (Zu Hause, denn angehende Akademiker können es sich nicht leisten, zum Friseur zu gehen. Hinterher sieht meine Dusche aus wie eine Mischung aus einer Zuckerwattemaschine und einem Einhorn-Schlachthaus, doch seit dem Waschbär-Vorfall – glaub mir, du willst nicht wissen, was da passiert ist – war ohnehin klar, dass ich die Kaution nicht zurückbekommen werde.
Ich gehe zu Victoria’s Secret und kaufe mir hübsche grüne Unterwäsche, ohne mich wegen der exorbitanten Kosten schlecht zu fühlen (obwohl mich seit Jahren niemand mehr in Unterwäsche gesehen hat und es, wenn es nach mir geht, noch sehr lange dabei bleiben wird).
Ich lade mir den Runter-von-der-Couch-ab-zum-Marathon-Fitnessplan runter, mit dem ich schon ewig anfangen will, und mache meinen ersten Lauf. (Danach humpele ich, meinen Ehrgeiz verfluchend, zurück nach Hause und stufe mich sofort auf ein Runter-von-der-Couch-ab-zu-ganzen-fünf-Kilometern-Programm hinab. Ich kann nicht glauben, dass manche Leute jeden Tag Sport machen.)
Ich backe Leckerlis für Finneas, den betagten Kater meiner betagten Nachbarn, der mich oft besucht, um sich ein zweites Abendessen abzuholen. (Zum Dank zerkratzt er meine Lieblings-Converse. Dr. Curie in ihrer unendlichen Weisheit war wahrscheinlich ein Hundemensch.)
Alles in allem habe ich einen Wahnsinnsspaß. Ich bin nicht einmal traurig, als das Wochenende vorbei ist und ein Montag wie jeder andere folgt – mit Experimenten, Besprechungen, Tiefkühlessen und Dosenlimo an meinem Schreibtisch, während ich endlose Datenberge auswerte –, doch mit der Aussicht aufBLINK fühlt sich selbst Altbekanntes neu und aufregend an.
Ich will ehrlich sein: Vor der Zusage war ich geradezu krank vor Sorge. Nachdem innerhalb von sechs Monaten vier meiner Anträge für Forschungsgelder abgelehnt worden waren, konnte ich mir so gut wie sicher sein, dass meine Karriere stagnierte – womöglich sogar vorbei war. Jedes Mal, wenn mich Trevor in sein Büro rief, bekam ich Herzrasen und Schweißausbrüche aus Angst, er werde mir sagen, dass mein jährlich befristeter Vertrag nicht verlängert würde. Die letzten paar Jahre, seit ich meinen Ph.D. gemacht habe, waren nicht gerade spaßig.
Aber damit ist jetzt Schluss. Bei derNASA zu arbeiten bedeutet einen riesigen Sprung auf der Karriereleiter. Nicht umsonst habe ich mich bei einem erbarmungslosen Auswahlverfahren gegen Goldjungen durchgesetzt wie Josh Martin, Hank Malik und sogar gegen Jan Vanderberg, diesen grässlichen Kerl, der so angestrengt über meine Forschung herzieht, als könne er damit eine olympische Medaille gewinnen. Ich mag Rückschläge erlitten haben, ziemlich viele sogar, aber meine nun schon zwei Jahrzehnte andauernde Besessenheit vom menschlichen Gehirn hat mich endlich an diesen Punkt gebracht: Ich bin Leitende Neurowissenschaftlerin beiBLINK. Ich werde Ausrüstung für Astronauten entwickeln, die ihnen im Weltall von Nutzen sein soll. Das macht es mir möglich, Trevors ebenso klammen wie sexistischen Fängen zu entfliehen. Das ermöglicht mir einen langfristigen Vertrag und...