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Sendetechnik der Götter
Bitte glaube jetzt nicht, ich selber sei Gott oder gottähnlich. Ich bin lediglich als göttlicher Geleitsmann über alle Details informiert. Es geht um ein grosses Geheimnis, um die älteste Technik der Menschheit und es gibt nur wenige, die von der Funktionsweise wissen. Glaube mir, es ist gut so!
Ausserdem ist Wissen bekanntlich Macht. Geben wir aber dem ganzen Volk die Macht über eine Technik, so sind immer welche dabei, die diese Macht missbrauchen. Wir müssen damit rechnen, dass jede Technik, die in die falschen Hände geraten ist, über kurz oder lang gegen uns selber gerichtet wird. Damit wir aber nicht zu Opfern unserer eigenen Technologie werden, müssen wir die Zahl der Wissenden klein halten und streng darauf achten, dass keiner plaudert und kein schriftliches Dokument verfasst wird.
Die Brücken, für die du als Pontifex Maximus verantwortlich bist, sind rundfunktechnischer Natur. Es sind die drahtlosen Verbindungen, die du als oberster Rundfunktechniker herstellen wirst zwischen einem Tempel, also einer Sendestation, und einem Orakel oder einfach nur einem Altar als Empfangsstation.
Das Rundfunkwesen, musst du wissen, ist ein knallhartes Geschäft, ein Wirtschaftsfaktor und natürlich ein Machtfaktor. Wer die ganze Macht im römischen Reich innehaben wollte, musste auch das Rundfunkwesen beherrschen und der Priesterschaft vorstehen. Bemüht haben sich deshalb viele darum, aber erfolgreich waren erst Caesar und Augustus. Letzterer war als erster römischer Kaiser zugleich Pontifex Maximus. Dabei hatte er im Gegensatz zu dir keinen technisch ausgebildeten Lehrer, der ihm alles genau erklären konnte.
Wir müssen wohl davon ausgehen, dass Kleopatra eine Trägerin des Geheimwissens war und dass sie bei all diesen Vorgängen ihre Finger im Spiel gehabt hat. Sie sass schliesslich auf dem ägyptischen Pharaonenthron und wurde als Göttin verehrt. Eigentlich war es logisch, dass die Bemühungen von Cäsar und Antonius ein hoffnungsloses Unterfangen waren, über ein Verhältnis zu diesem Frauenzimmer an das alte Geheimwissen heranzukommen. Genau genommen waren sie der Kleopatra völlig ausgeliefert. Sie liess alle spüren, wer der Geheimnisträger ist, und wer damit Macht über wen hat. Selbst von Ägypten aus konnte sie per Funktechnik jederzeit auf das Geschehen in Rom Einfluss nehmen.
Augustus war Roms neuer Hoffnungsträger, wenn es ihm gelingen sollte, sich aus der funktechnischen Abhängigkeit von den ägyptischen Pharaonen zu befreien.
Du musst nicht glauben, dass jeder an der Sende- und Empfangstechnik irgendwie Beteiligte, auch zugleich in das gesamte Geheimwissen eingeweiht ist. Die meisten Priester wissen nur soviel, wie sie zur Erfüllung ihrer Aufgaben unbedingt benötigen.
Wer aber einen neuen Gott an unserem Götterhimmel einführen will und vielleicht sogar selber als Gott verehrt werden will, der muss sowohl die Sendetechnik als auch die Empfangstechnik beherrschen und wirklich alles wissen. Im alten Ägypten musste der Pharao mindestens einmal im Jahr beweisen, dass er die Technik noch beherrschte. Sonst wurde er ausgewechselt und als Geheimnisträger war das damit zugleich sein Todesurteil. Das waren zwar harte, aber durchaus erfolgreiche Sitten.
Du musst wissen, dass ein so grosses Reich wie das römische Imperium überhaupt nur durch eine leistungsfähige Kommunikation regierbar ist. Von Cicero stammt der Ausspruch: «Wir haben die Völker der Erde bezwungen dank unserer Sendetechnik.»! 3.2 Den Begriff Sendetechnik hat er mit Frömmigkeit und Gottesfurcht umschrieben, damit seine technisch ungebildeten Zuhörer ihn besser verstehen können. Auch wenn nicht alle den Worten Ciceros folgen konnten, so hatte er auf jeden Fall recht.
Die Götter und ihre Vertreter, die diensthabenden Techniker
Die Götter stehen immer in einer Verbindung zu den Sendeanlagen. Deshalb ist jeder Tempel einem Gott geweiht. Bedient wird so ein Sender von einem Tempelpriester, dem Techniker vom Dienst. Der ist natürlich sterblich und kann ausgewechselt werden. Deshalb ist sein Name nicht weiter wichtig. Wenn er auf Sendung geht, meldet er sich auch nicht mit seinem Namen, sondern mit dem des unsterblichen Gottes.
Die Bevölkerung und selbst einige auf untergeordnete Aufgaben spezialisierte Priester wissen nichts Genaues über den Zusammenhang zwischen dem Techniker vom Dienst und dem Gott, den er vertritt. Sie sollen auch gar nichts davon wissen, denn es wäre nicht gut für ihre Gottgläubigkeit.
Bei den journalistisch aufbereiteten, veröffentlichten und uns heute überlieferten Auseinandersetzungen zwischen den diensthabenden Göttern ging es immer um Sendelizenzen. Es ging also um die Festlegung von Sendezeiten, von Sendecodes und von Sendefrequenzen. Diese drei Problemkreise müssen wir noch der Reihe nach genauer behandeln, da sie gerade für dich von grosser Wichtigkeit sein werden.
Die Wellenlängen der Heiligtümer des Apollon und der Artemis
Vielleicht ist dir schon aufgefallen, dass jede Rundfunkanstalt in vielen Fällen im Besitz mehrerer Sendefrequenzen ist, oder weniger technisch ausgedrückt: Jedem Gott sind oftmals mehrere Tempel geweiht. Jeder einzelne Tempel schwingt auf einer bestimmten Frequenz. Diese ist ihm in der Regel vor Baubeginn zugeteilt worden, da sie die Bauform und die Baugrösse bestimmt.
Betrachten wir als Beispiel die Tempelgruppe des Apollon-Heiligtums auf der griechischen Insel Delos. Dort stehen zwei Tempel nebeneinander. Zum einen der noch sehr einfach als Antennentempel aufgebaute erste Apollontempel aus der Mitte des 6. Jahrhunderts v.Chr., der auf einer Frequenz von 15 MHz gearbeitet hat. Auf der anderen Seite der als Peripteros gebaute zweite Apollontempel mit 13,6 MHz und dazwischen der dritte Apollontempel mit 21 MHz. Der Apollon der Naxier war auf 8 MHz zu hören. Aus dem 2. Jahrtausend v.Chr. stammt der winzige kykladische Tempel mit einer Sendefrequenz von 25 MHz, der aber nur im Nahbereich zur Verständigung von Insel zu Insel einsetzbar war. Je kleiner nämlich ein Tempel und je höher also seine Frequenz ist, um so weniger Erdstrahlung kann als Erregerleistung genutzt werden und dementsprechend geringer ist auch seine Sendeleistung.
Das Olympieion: der Zeustempel
Wie du siehst, ist ein grosses Fachwissen über Rundfunkwellen und ihre Frequenzen notwendig, wenn es darum geht, einen optimalen Sender zu bauen. Unsere Priester haben lange daran gearbeitet, um sich all die erforderlichen Kenntnisse anzueignen, die ich jetzt in meinen Lektionen an dich ganz persönlich weitergeben darf.
Kein Baumeister wollte oder konnte das Risiko eingehen, ein gigantisches technisches Objekt zu realisieren, das hinterher seine Funktion nicht genügend erfüllt. Nicht einmal die Götter wussten Rat, und die Machthaber strichen sofort ihre Gelder. Schliesslich wollte man eine überragende Technik und keine sinnlosen Prestigeobjekte.
Alle Augen richteten sich nun auf Agrigent, wo die Experimente mit unterschiedlicher Frequenz und Wellenlänge die entscheidende Antwort liefern sollten. Wegen der einstellbaren Frequenz des Experimentiersenders sollte er dem Göttervater Zeus persönlich geweiht werden.
Man baute das Olympieion von Agrigent. Um sicher zu gehen, wählte man für die äusseren Abmessungen die bis dahin erfolgreichsten Masse und das waren die des Hera-III-Tempels auf Samos. Im Innern konnte die Cellalänge in festen Längenabschnitten durch Verschieben eines Eisengitters, der heiligen Schranke, frei gewählt werden.
Einstellbar waren besonders vier Frequenzen, die zwei Mittelwellenfrequenzen 2,3 MHz und 2,64 MHz, sowie auf Kurzwelle 3,09 MHz und 3,7 MHz. Zur Not konnten auch noch höhere und niedrigere Frequenzen, bis 1,7 MHz, erzeugt werden.
Nach Fertigstellung des Olympieion dauerte es nicht lange, und die vermutete Grenzfrequenz fand durch systematisches Forschen eine wissenschaftliche Bestätigung. Zudem hatte der Sender bei 3,09 MHz eine beachtliche Sendeleistung, mit der er über alle bestehenden Anlagen besonders im westlichen Mittelmeerraum zu dominieren vermochte. Hier war unmittelbar das Interesse und der Herrschaftsanspruch der Karthager berührt, und die beendeten auch sofort das Treiben der Griechen und alle weiteren Experimente, indem sie das Heiligtum eroberten und die Stadt vernichteten. Kurze Zeit später wurde Agrigent wieder zurückerobert, um dann doch wieder an die Phönizier verloren zu gehen. 65 Jahre später wurde die Stadt erneut befreit, neu besiedelt und zu einer neuen Blüte gebracht. Durch den ständigen Wechsel der Besitzer gelangten innerhalb weniger Jahre alle, auch die Gegner der Griechen, in den Besitz der Forschungsresultate, indem jeder eigene Versuche unternahm und Erfahrungen sammelte. Bevor die Tempelanlage jedoch wieder an die andere Seite verloren ging, war man bemüht, schnell noch die Experimentiereinrichtung zu vernichten.
Priesterin von Delphi: Empfängerin Pythia auf Dreifuss mit Lorbeerzweig.
Öl auf Leinwand, John Collier, 1891. Foto: wikimedia.org
Sende- und Empfangsqualität
Sender
1. Arbeitet ohne Einschränkung, wenn der Tempel schwingt (Tempel, Zikkurat, Bundeslade etc.).
2. Erhöhen der Redundanz durch ein Versmass (Hexameter, vierhebige Jamben etc.).
3. Ggf. nächtlicher Sendebetrieb um der Störstrahlung der Sonne zu entgehen.
Empfänger
1. Rauschen der Blätter (Orakel Dodona; Bäume, zum Beispiel Eiche).
2. Klingen eines eisernen Kessels (zum Beispiel über einem Felsspalt).
3. Per Dreifuss (Lauschen, Pendeln; zum Beispiel über einem Felsspalt).
4. Per Tempelschlaf (auf einem Tempelturm).
5. Eingeweideschau
(Unbeeinflussbar; auf einem Altar, vor oder im Tempel).
6. Vogelschau (Hospizien).
Optimierung der Sendetechnik
Wie du dir denken kannst, sind beim Entschlüsseln telegraphisch vermittelter Texte Übertragungsfehler möglich. Eine Verbesserung dieses Umstandes ist durch das Einführen und Einhalten eines bestimmten Versmasses möglich. Fehlende Zeichen lassen sich dann relativ leicht ergänzen und der zusammenhängende Text durch Prüfen des Rhythmus kontrollieren. Wir Techniker würden das so ausdrücken: Durch die Verwendung von Hexametern lässt sich die Redundanz der Nachrichtenübermittlung erhöhen. Die griechischen Götter haben von dieser Möglichkeit auch Gebrauch gemacht.
Als weitere Fehlerquelle treten zusätzlich atmosphärische Störungen auf. Wir können sie weder beeinflussen noch verhindern. So ist es besser, wenn wir den Sendebetrieb beispielsweise während eines Gewitters völlig einstellen. Viele Tempel gehen nur nachts auf Sendung, weil dann zumindest eine Störstrahlungsquelle, nämlich die Sonne, ausgeschaltet ist.
Das Schwingen kann man als Knistern hören und manchmal auch sehen.
Vereinzelte Corona-Entladungen zeugen davon, dass die Cella aufgeladen ist. Es ist lebensgefährlich, einen schwingenden Tempel zu betreten, musst du wissen. Schon mehrfach ist von tragischen Betriebsunfällen berichtet worden, bei denen Unkundige, meist neugierige Jugendliche, nachts heimlich in den Tempel geschlichen sind, um sich dort zu verstecken. Am nächsten Morgen hat man dann ihre Leichen entdeckt².
Wann und wie oft man auf Sendung gehen kann, ist in erster Linie eine Standortfrage. Nicht umsonst wird bei den Römern die Landvermessung von den Auguren höchstpersönlich durchgeführt und nur der Oberpriester selber legt Lage und Ausrichtung der Tempel fest.
Sehr häufig teilen die Götter den empfangenden Priestern oder Priesterinnen die Weissagungen durch Träume mit. Dazu müssen sich die Personen an ganz bestimmten Stellen zu einem Tempelschlaf niederlegen.
In Delphi bildet das Allerheiligste ein Erdspalt, über dem der Dreifuss der Pythia steht³,⁴. Hauptproblem bei diesen Methoden ist, dass subjektive Empfindungen der Empfangsperson ausgewertet werden. Sinn- oder Selbsttäuschungen sind absolut nicht auszuschliessen. Deshalb wird heutzutage die Eingeweideschau bevorzugt. Aber auch diese Methode funktioniert nicht immer mit gleichbleibender Zuverlässigkeit. Genau wie Menschen, die unterschiedlich empfindlich auf Signale im Äther reagieren, garantieren auch die Eingeweide der Opfertiere keine absolut konstante Empfangsqualität. Bei den Zuckungen von Leber oder Milz sind allerdings willentliche Beeinflussungen ausgeschlossen, da die Tiere erst unmittelbar vor der Eingeweideschau getötet werden.
Anmerkungen
1 G. Gruben: Die Tempel der Griechen, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1986, 4. Auflage, Seite 147
2 Herodot: Historien, Kröner Verl. 1971, Stuttgart, 4. Auflage, Taschenausgabe Band 224, Übers. v. Horneffer, Seite 14
3 Georg Luck: Magie und andere Geheimlehren in der Antike, Kröner Verlag, Stuttgart Bd. 489, 1990, S. 343-344, Quellen 73: «Die delphische Pythia gab unverständliche Laute von sich, wenn sie in Ekstase geriet, und es war die Aufgabe der Priester, daraus einen verständlichen Text zu machen, in der archaischen Zeit in Hexametern, später offenbar auch in Prosa.»
«Für die Griechen war es etwas Selbstverständliches, dass Pythien und Sibyllen in einer Sprache redeten, die nur Eingeweihten zugänglich war.»
4 H. Schneider: Das griech. Technikverständnis, S.23: Homer über die Dreifüsse des Hephaistos: «Zwei Dinge sind hier zu beachten, einmal die Selbstbewegung der mit Rädern versehenen Dreifüsse, zum anderen die Charakteristik dieser Bewegung.»
Auszüge aus dem Buch
Sendetechnik der Götter von Konstantin Meyl,
Indel Verlag 2004.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors und Verlegers.
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