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Stefan Zweigs Villeneuve
«Am Ufer des Genfer Sees, in der Nähe des kleinen Schweizer Ortes Villeneuve, wurde in einer Sommernacht des Jahres 1918 ein Fischer, der sein Boot auf den See hinausgerudert hatte, eines merkwürdigen Gegenstandes im Wasser gewahr, und näherkommend erkannte er ein Gefährt aus lose zusammengefügten Balken, das ein nackter Mann in ungeschickten Bewegungen mit einem als Ruder verwendeten Brett vorwärts zu treiben suchte. Staunend steuerte der Fischer heran, half dem Erschöpften in sein Boot, deckte seine Blöße notdürftig mit Netzen und versuchte dann, mit dem frostzitternden, scheu in den Winkel des Bootes gedrückten Menschen zu sprechen; der aber antwortete in einer fremdartigen Sprache, von der nicht ein einziges Wort der seinen glich. Bald gab der Hilfreiche jede weitere Mühe auf, raffte seine Netze empor und ruderte mit raschen Schlägen dem Ufer zu.»
Stefan Zweigs Novelle «Episode am Genfersee» ist 1927 erschienen und spielt im Jahr 1918. Das alles ist lange her und doch wirkt der kurze, dichte Text brandaktuell. Ein Flüchtling wird auf dem Genfersee gefunden, auf einem Floss treibend. Es handelt sich um den russischen Deserteur Boris und dank eines Dometschers erfährt man von seiner traurigen Geschichte. Für einen Augenblick sieht es so aus, als würde er in Villeneuve einen Zufluchtsort finden, aber als ihm klar wird, dass die politischen Umstände, dass die Grenzen ihm keine Rückkehr in die Heimat und zu seiner Familie erlauben, geht er dorthin zurück, woher er gekommen ist: In die Fluten des Genfersees.
Stefan Zweig verkörpert den Typus des kosmopolitischen Dichters. Seine Welt, die er in den Memoiren «Die Welt von gestern» so eindringlich beschreibt, wurde im Zuge des Ersten Weltkrieges schon bröckelig, die Machtübernahme der Nationalsozialisten und der Zweite Weltkrieg zerstörten sie unwiderruflich. Im brasilianischen Exil nahm sich Zweig 1942, im Alter von einundsechzig Jahren, zusammen mit seiner Frau Lotte das Leben.
Die letzten Sätze der Genfersee-Novelle lauten: «Ein Zufall wollte es, dass derselbe Fischer am nächsten Morgen den nackten Leichnam des Ertrunkenen auffand. Er hatte sorgsam die geschenkte Hose, Mütze und Jacke an das Ufer gelegt und war ins Wasser gegangen, wie er aus ihm gekommen. Ein Protokoll wurde über den Vorfall aufgenommen und, da man den Namen des Fremden nicht kannte, ein billiges Holzkreuz auf sein Grab gestellt, eines jener kleinen Holzkreuze über namenlosem Schicksal, mit dem jetzt unser Europa bedeckt ist von einem bis zum anderen Ende.» (BP)
Die malerische Stadt am Genfersee lockt mit ihrer sehenswerten Altstadt und ihrer Lage an der «Waadtländer Riviera» am Fusse des Mont d'Avel jedes Jahr zahlreiche Besucher an. Die Stadt wurde zu Beginn des 13.
Jahrhunderts von Thomas I. von Savoyen als «Ville Neuve de Chillon» gegründet. Seit dem 19. Jahrhundert ist Villeneuve ein beliebtes touristisches Ziel. Viele berühmte Gäste weilten hier, unter ihnen Lord Byron, Richard Wagner und Oskar Kokoschka.