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Literatur
Der Geist macht sich auf die Socken
Bereits nach den ersten paar Seiten weiss man, dass hier ein geborener Erzähler am Werk ist. Wegen so Sätzen wie: "Auf irgendeine Weise allerdings bewahrt das Unterrichten sie vor sich selbst. Im Klassenzimmer ist sie unbesiegbar. Nur das tägliche Leben fällt ihr schwer."
Die neunzehnjährige Ruth Swain ist schwer krank und darf ihr Bett nicht verlassen. Sollte sie lernen, sich zu zügeln, stehe ihr eine grosse Karriere bevor, meint ihre Lehrerin, was Ruth lakonisch mit "Dafür muss ich allerdings auch am Leben bleiben" kommentiert.
Ruth schätzt Schriftsteller, die krank waren. Etwa Robert Louis Stevenson, der einmal gesagt hat, "Glücklichsein bedeute, sich selbst zu vergessen". Sie ist eine grosse Leserin und liest sich durch die dreitausendneunhundertfünfundachtzig Bücher, die ihr Vater hinterlassen hat und es ist ganz wunderbar und höchst anregend, wie sie sich zu ganz vielen dieser Bücher äussert. Zum Beispiel über 'Salar dem Lachs', "einem Buch, das so gut ist, dass man bei der Lektüre glaubt, man wäre mitten im Fluss."
Sie erzählt von ganz Vielem und ganz Unterschiedlichem, denn "wenn man nur im Bett liegt und der Körper nirgends hin kann, macht sich irgendwann der Geist auf die Socken." Von Irland etwa, dem Eden der Lachsfischer, wo man bei gewissen Witterungen das Gefühl haben kann, das Land bestünde "nur aus See und Strom, und der Angler kann kaum wenige Kilometer zurücklegen, ohne auf ein weiteres Gewässer zu stossen, das von Lachsen und Forellen nur so wimmelt". Und sie erzählt von den Iren ("Iren lesen alles, solange es nur um sie geht"), dem Paradies-Syndrom (man versucht unermüdlich das Paradies auf Erden zu schaffen und da das nicht gelingt, ist man ständig unzufrieden), das sich bei ihr so ausdrückt: "Eigentlich wollte ich auf dem College Psychologie belegen, doch dann las ich Freuds Äusserung, uns Iren sei durch die Psychoanalyse nicht zu helfen, wir seien entweder Zu Tiefgründig oder hätten Gar Keine Tiefe".
"Die Geschichte des Regens" bietet viel Lehrreiches. Unter anderem über Hunde, die geschildert werden als "eine unbeweglich schwere Masse aus Fell und Knochen, das Herz zerrissen vom klassischen Hundedilemma aus Treue zu ihrem Herrn und dem Wissen, dass er nicht ganz dicht war. Grossvater liess sie in Frieden, und die Hunde machten sich an die Tätigkeit, mit der sie den Rest ihres Lebens verbringen sollten: sie zerkauten die diversen Orientteppiche bis aufs letzte Fitzelchen, und als ihnen diese Kost zu faserhaltig wurde, legten sie sich auf die Seite und nagten Spreissel aus dem Pechkiefernholz der Bodendielen."
Über die Iren erfahre ich, dass ihnen Direktheit wesensfremd ist, was sich auch darin ausdrückt, dass es im ganzen Land keine gerade Strasse gibt. Dafür gibt es ganz viele Katholiken, denen man damals beibrachte, dass, wer den Bund der Ehe schloss, auch gleich mit dem Leben abschliessen konnte, denn "in Irland hatten die Priester verfügt, dass für den Mann Kein Weg Zurück führte, sobald er in eine Frau eindrang."
Und von Onkle Noelie, der gar kein Onkel, sondern ein Vetter war und sich jeden Abend zum Sterben anzog, lese ich. Als er sich einen Beerdigungsanzug kaufte, wurde er gefragt, wer denn hinübergegangen sei. Die bettlägerige Ruth kommentiert: "Tut mir leid, aber das ist wirklich krank. 'Hinübergegangen'. Das ist noch nicht mal grammatikalisch korrekt. Es steht einfach so in der Gegend, vage und unbestimmt. Als würde man sagen: 'Er fuhr nach'. Hinübergegangen - wohin denn bitte schön?"
"Die Geschichte des Regens" ist ein Buch über die Liebe zu den Büchern. Erzählt wird nicht chronologisch, sondern mäandernd, also nicht dem Anfang-Mitte-Ende-Regelwerk huldigend. Wie die Gedanken im richtigen Leben gehen auch Ruths Gedanken einmal hierhin und einmal dorthin. Vom Wetter im Jenseits, "Einerseits kann es wohl kaum die ganze Zeit regnen. Aber wenn man zum Beispiel in Afrika lebt, wünscht man sich das vielleicht", zu Überlegungen zu Hoffnung und Glauben: "Um zu hoffen, muss man auch glauben. Das ist ja das Verrückte. Man muss daran glauben, dass die Zeiten wirklich besser werden. Man hat zwar keine Ahnung, wie genau, aber das wird schon. Glaube hat viel mit Blindheit zu tun."
Ich bin selten so witzig, eloquent und geistreich belehrt, aufgeklärt und unterhalten worden. "Die Geschichte des Regens" (ganz toll übersetzt von Tanja Handels) ist ein wahrer Lesegenuss! Ein Aufsteller, durch und durch!