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Aktualisiert: 26. Feb.
Heute ist die Wollishofer Lesegesellschaft eine Bibliothek, allerdings eine mit einer besonderen Geschichte. Die 1798 gegründete Gesellschaft war zunächst ein staatsbürgerlicher Verein, aber auch ein Verein der Freundschaft. Deshalb hiess sie zu Beginn «Bürgerliche Abend-Gesellschaft»; sie wurde im gleichnamigen BLOG bereits vorgestellt.
Wann und wie wurde diese eher politische Vereinigung der Frühzeit zur «Lesegesellschaft» und zur «normalen Bibliothek»? In der Ortsgeschichte von 1993 formulierten die Autoren, die Gesellschaft sei «im Sinne der Aufklärung» gegründet worden, auch um «die Freundschaft zu pflegen und sich für das öffentliche Wohl einzusetzen». Dann folgt der Hinweis auf den Wechsel, den die Autoren aber nicht weiter belegen: «Schon etwa 20 Jahre nach der Gründung eröffnete die Gesellschaft eine Leihbibliothek.»*
Aufmerksamkeit für die Wollishofer Lesegesellschaft
an der Tramhaltestelle Morgental am 1.11.2021. Foto: MZ.
Tatsache ist, dass Mitglieder der Gesellschaft schon früh Anträge auf Beschaffung von Büchern und auf gemeinsame Lektüre von Zeitungen machten. Ein erster Antrag galt allerdings der Beschaffung von Büchern für Dritte: Im Januar 1808 stellte der Präsident, der Landchirurg Lucas Schreiber, diesbezüglich Antrag, worauf protokolliert wurde: «Einmüthig wurde angenohmen, daß 1 Dozend Bücher betitlet ‚Schweizerischer Kinder-Freund – Ein Lesebuch für Bürger- und Volksschulen in der Schweiz‘ der Schule zu Wollishofen zur Disposition übergeben werden. Asper Secretair».
In der Rechnung des Jahres 1822 finden sich erstmals genauere Angaben über Anschaf-fungen zum eigenen Gebrauch: insgesamt acht Positionen, darunter die Obergerichtlichen Annalen (mit Darstellung von Fällen des Obergerichts), Heinrich Zschokkes Schweizer Geschichte, ein Buch über das Zürcherische Pfandrecht von Wyss sowie zwei Bücher des streitbaren liberalen Schweizer Philosophen Ignaz Paul Vital Troxler. Auch Zschokkes Zeitschrift «Der Aufrichtige Schweizer Bothe» hatte man abonniert, noch nicht aber die Neue Zürcher Zeitung, die erst 1823 dazukam. 1827 protokollierte man einmal: «Schritt man zuerst, nachdem man die neuen Züricher Zeitungen, den Schweizer Bothen und die obergerichtlichen Annalen gelesen, zur Wahl eines Presidenten und Sekretärs: Gemeinde-ammann Wilhelm Hausheer im Lee sowie Wilhelm Hausheer, Med. Dr.» Die Lektüre war also wichtiger als die Wahl des neuen Führungsduos!
Johann Caspar Bluntschli. Geschichte der Republik Zürich. Zürich 1856.
Exemplar der Lesegesellschaft Wollishofen.
Vom Autor aufgestöbert im Antiquariat am 2. Juli 2021.
Fast jede Sitzung wurde nun ein neues Buch oder eine Broschüre («Prochure») vorgelegt und eine 2-3er Kommission zur Prüfung eingesetzt. Antrag in der Regel: «in unsre Bibliothek aufzunehmen». Hauptleser der angeschafften Bücher und Zeitungen waren in jenen Jahren die Mitglieder selber. Man suchte nach Möglichkeiten, die Unterlagen schneller zu den Mitgliedern zu bringen, und führte «Circulation» ein: in einer Mappe wurde die neueste Sendung in einer vorab bestimmten Reihenfolge zu den Häusern gebracht, womit die Lektüre und das Studium teils ausserhalb der Sitzungen geschah. Das gefiel aber auch nicht allen, denn für viele war gerade die gemeinsame Lektüre und die danach mögliche Diskussion die Hauptattraktion der Gesellschaft. 1854 wurde notiert, die «Bibliothek» befinde sich nun im «Hirschen», weshalb für eine Zeitlang die Sitzungen auch dort stattfanden. Im gleichen Jahr wurde eine Öffnung der Gesellschaft für «Lesung der Zeitungsblätter» beschlossen, «wozu jeder Ehrenmann Zutritt habe». Damit war die Bibliothek schon fast zur öffentlichen Institution geworden. Man diskutierte auch, die Statuten so zu ändern, dass mehr Mitglieder aufgenommen werden konnten. 1885 beschloss man, eine Gebühr für die Benutzung der Bibliothek einzuführen (jährlich 5 Franken). Im folgenden Jahr zählte man die Bücher, es waren 717 Bände!
Im 2. und 3. Jahrhundert
Nach 100 Jahren Existenz feierte die Gesellschaft 1898 ihr rundes Jubiläum! Die Eingemeindung Wollishofens lag schon einige Jahre zurück. Man schaute nach vorne und wollte Teil der Stadt Zürich sein. Die früheren eher politischen Aktivitäten, die auch dem Dorfleben zugutekamen, waren mehr und mehr einem anonymeren Vereinsleben gewichen, die Vertretung des Quartiers übernahm der Quartierverein, der 1900 gegründet worden war. Die Lesegesellschaft wurde vollends fürs Publikum geöffnet. Ab 1913 konnten (sogar) Frauen Mitglied werden!
Zunächst behielt die Gesellschaft aber den Doppelzweck – gemeinsames Anschaffen und Nutzen von Büchern ebenso wie «die freundschaftliche Zusammenkunft der Mitglieder und die Pflege familiärer Gemütlichkeit», wie es noch die Statuten von 1942 festhielten. Die heute geltenden Statuten (1993) konzentrieren sich indes auf die Bibliothek. Buchaffine kulturelle Aktivitäten sind aber natürlich trotzdem möglich. Das ist in den Augen des Blog-Autors auch wichtig, schaffen doch vor allem Begegnungen und Lesungen einen kulturellen Mehrwert gegenüber einer rein administrativ geführten Bibliothek.
Die Bibliothek der Lesegesellschaft war einst im «Hirschen», heute ist sie im Kirchgemeindehaus an der Kilchbergstrasse.
Baugeschichtliches Archiv Zürich.
Ab 1960 wurde die Bibliothek in eine öffentliche Freihandbibliothek umgewandelt. Sie wurde als öffentliche Quartier-Bibliothek anerkannt, die Unterstützung von Stadt und Kanton erhielt. Auf die Bibliotheksfunktion reduziert, wurde diese verbessert – sozusagen professionalisiert – auch wenn immer noch viel Freiwilligen-Arbeit im Betrieb steckt. Der Bestand ist inzwischen auf etwa 5000 Medien angewachsen – es gibt nicht nur gedruckte, sondern auch Hörbücher. 2016 wurden 5200 Medien ausgeliehen – eine grosse Frequenz, wenn man bedenkt, dass die Bibliothek bloss an zwei Nachmittagen, nämlich am Dienstag und Donnerstag von 15 bis 18:30 Uhr geöffnet ist!
Diese Bibliothek ist etwas besonders. Sie ist speziell auf Wollishofen ausgerichtet und bietet auch Raum für Begegnungen und Gespräche. Das hat zur Zeit wegen Corona vielleicht etwas gelitten, ist als Ziel aber weiterhin gegeben. Das Motto der Bibliothek könnte lauten: «Wir sind eine kleine, lebendigen Bibliothek, welche auf eine gute Auswahl an neuen Büchern (Neuerscheinungen) achtet.»
2017 war die Bibliothek finanziell bedroht. Die Stadt wollte die bisher gewährte Subvention streichen. Es ist dem städtischen Gemeinderat, und da vor allem – etwas überraschend – der Wollishofer Vertretung der SVP zu verdanken, dass diese Gefahr gebannt werden konnte. Nun werden wieder die vormaligen Gelder gewährt – bis auf weiteres. Heute ist die Bibliothek stark in Frauenhand. Für den Betrieb und die gesteckten Ziele eines grösseren Mitgliederbestandes wäre es nötig, wenn die Pandemie endlich zur Neige ginge. Denn die wichtigsten Anlässe – eben z.B. Autorenlesungen – können unter Pandemie-Bedingungen nicht vernünftig geplant werden.
Die drei Frauen des Vorstandes und die Bibliothekarin wünschen sich mit dem Blog-Autor weiterhin eine lebendige Wollishofer Bibliothek mit vielen lesehungrigen Mitgliedern! Sinnvoll wären in den Augen des Bloggers auch gemeinsame Projekte mit Schulen und Klassen – denn wie sollen Menschen das Lesen schätzen lernen, wenn sie nicht als Kinder wunderbare Bücherwelten erlebten!
(SB)
* Meier/Winkler, S. 142
Interessenten dürfen sich selbstverständlich per E-Mail an folgende Adresse wenden: <email-pii>.