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Bild des Monats Dezember 2011: Die Welt in Schrift und Bild
Mittelalterliches Wissen über die Welt ist durch Texte oder Karten überliefert. Zum Teil in derselben Handschrift abgebildet, interagieren die beiden medial unterschiedlichen Formen der Vermittlung in vielfältiger Hinsicht miteinander. Dies lässt sich am Beispiel der Lambeth-Karte aus dem 13. Jahrhundert zeigen, die im Kontext verschiedener historiographischer und geographischer Texte überliefert ist.
Die Karte präsentiert eine Darstellungsform ihrer Zeit, die das Weltbild mit einer Figur Christi verschränkt. Der mit einem Durchmesser von 5cm sehr kleine Erdkreis erfasst die drei bekannten Kontinente Asien, Europa und Afrika. Die eingeschriebene T-Form markiert die Grenzen zwischen den Kontinenten (das Mittelmeer als Senkrechte, die Flüsse Don und Nil als Waagrechte). Dieses oft verwendete Schema füllten die Autoren der Lambethkarte auf originelle Weise mit Kreisen, die sie mit den Namen von Provinzen und Städten beschrifteten.
Die kartographische Darstellung steht in enger Beziehung zu ihrem Textumfeld: Sie befindet sich auf derselben Manuskriptseite wie ein Kapitel der sogenannten Historia Brittonum, welche eine Genealogie der Briten sowie eine Aufzählung von Provinzen der Welt in Listenform tradiert. Der Kartenseite folgt mit der Abschrift der Imago Mundi des Honorius Augustodunensis (12. Jh.) eine Beschreibung der Welt. Offensichtlich diente dieser Text als Quelle für die Kreise auf der Lambethkarte: Diese nämlich sind nicht in erster Linie nach geographischen Kriterien verortet, sondern nehmen das Zeilen- und Spaltenschema der Imago Mundi auf. Zwischenstufe in diesem Übertragungsprozess vom Text ins Bild sind Inschriften an den Seitenrändern des Textes, die ausgewählte Toponyme wiederholen und so für einen Eintrag in die Karte aufbereiten. Der Kartenseite vorangestellt ist zudem ein kurzes Exzerpt von Honorius' Elucidarium, einer theologischen Summe. Die hier formulierte Idee der Omnipräsenz Gottes an allen Orten der Welt wurde von den Kartenautoren mit der umgebenden Christusfigur bildlich
umgesetzt.
Die Lambethkarte reflektiert somit als synoptisches Diagramm ihre Textumgebung. Zugleich beeinflusst sie während des Leseprozesses das Verständnis und die Interpretation der Texte, indem sie ihnen eine bestimmte Verstehensweise der Welt voranstellt. Karte und Umgebungstexte stehen so in einem diskursiven Spannungsverhältnis, in dem die Lambethkarte als übergeordnete Gesamtschau Wirkung entfaltet.