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Die Indianer erzählen, dass dermaleinst in einem bestimmten Indianervolk ein junges Paar gelebt haben soll, das keine Kinder bekommen konnte. Also entschlossen sie sich, den obersten Gott Tupã um diese Gunst zu bitten, ohne die ihr Leben ihnen nicht vollkommen schien.
Tupã erhörte ihr Flehen und segnete sie mit einem hübschen Knaben, der schöne tiefschwarze Augen hatte. Das Kind wurde von jedermann im Dorf gern gesehen – es war immer fröhlich, hatte für jeden ein gutes Wort, war gütig und sogar gewitzt. Seine guten Eigenschaften machten die Runde, von Mund zu Mund, und schliesslich hörte auch Jurupari, der Geist des Bösen, von diesem Wunderknaben des Tupã und beschloss, eifersüchtig, wie er nun einmal war, dem Knaben etwas anzutun.
Jurupari verstand es, sich in jedwede Art von Mensch, Tier oder Pflanze zu verwandeln. Und eines Tages, als der Indianerknabe sich allein im Wald befand, um Früchte einzusammeln, näherte sich der böse Geist dem Jungen in Gestalt einer giftigen Schlange. Da dieser aber vor keinem Tier Angst zu haben schien – alle Tiere des Waldes waren seine Freunde – hob er die Schlange vom Boden auf, um sie zu streicheln – in diesem Moment biss sie ihn in die Hand.
Als man den Knaben fand, war das Leben schon aus ihm gewichen. Grosser Schmerz und tiefe Trauer erfasste alle, die ihn gekannt – der ganze Stamm verfiel in tiefe Depression – und der gute Tupã, beeindruckt von dem Unglück dieses Waldvolkes, beschloss, ihnen zum Trost ein Zeichen zu geben. Er erschien der Mutter des Knaben im Traum und befahl ihr, die Augen des Kindes vom Körper getrennt in der Erde zu vergraben. Nach einiger Zeit kam an dieser Stelle eine Pflanze hervor, die noch keiner der Waldbewohner je gesehen hatte – und deren Früchte menschlichen Augen glichen. Sie nannten sie Guaraná – Menschenaugen.
Von ihrer Heimat Amazonien hat sich die Guaraná (Paullinea cupana H.B.K) zwar auch an andere Regionen Brasiliens angepasst, aber nur im Regenwald findet man ihre ursprüngliche Form – in grossen Konzentrationen im Gebiet der Flüsse Rio Madeira – Tapajós, Amazonas und am Oberlauf der Flüsse Maraú und Andira.
Wie die Biologin Sônia Lorenz berichtet, grenzen diese Gebiete alle an das traditionelle Territorium der Sateré-Maué-Indianer. Sie waren es, die die Kultivierung der Guaraná einführten, das heisst, sie verwandelten die wild wachsende Kletterpflanze in eine Kulturpflanze und entwickelten die nötigen Techniken zu ihrer Nutzung für den Menschen.
Ein anderer Indianerstamm erzählt von der Guaraná…
…dass sie aus den im Boden verscharrten Augen des Sohnes von Onhiámuaçaba hervorspross, einer Indianerin, welche alle Pflanzen des Waldes und ihre Anwendung zum Wohle der menschlichen Gesundheit gekannt haben soll.
Diese Indianer erzählen, dass ihr Sohn, kaum hatte er ein bisschen sprechen gelernt, von seiner Mutter die Nüsse einer bestimmten Baumart verlangte, welche sie an einem heiligen Ort des Stammes gepflanzt hatte, an dem sogar die Steine sprechen konnten. Aber dieser heilige Ort stand unter der Obhut ihrer Brüder, den Onkeln des Kindes, und diese widersetzten sich dem Wunsch der Mutter und trachteten ihrem Sohn nach dem Leben. Kaum konnte der auf seinen zwei Beinen gehen, sahen ihn die Tiere des Waldes, wie er mit Hilfe einer Bambusgerte die Nüsse vom heiligen Baum schlug und sie dann genüsslich verspeiste. Sie meldeten den Frevel seinen Onkeln, und die liessen ihn kurzerhand von Raubtieren in Stücke reissen. Als die Mutter herbeieilte, war es bereits zu spät – weinend vergrub sie die Reste ihres Sohnes an einem besonderen Platz, zwischen den Wurzeln eines Urwaldriesen. Die verzweifelten Tränen der Mutter benetzten ein kleines Pflänzchen, das über den Gebeinen ihres Sohnes aus der Erde spross: aus seinem linken Auge wuchs das „falsche Guaraná“, welches der Volksmund auch mit Guaranarana bezeichnet, und das zu nichts zu gebrauchen ist – aus dem rechten Auge dagegen wuchs das Guaraná-verdadeiro (das echte Guaraná).
Auch verschiedene Tiere kamen aus dem Grab ihres Sohnes hervor, die sich im Wald verliefen und schliesslich auch ein kleiner Junge, der erste Indianer des Stammes der Mané – die sich deshalb heute die „Kinder des Guaraná“ nennen. Der Begriff Uaraná in ihrer Sprache bedeutet „Menschenauge“ oder auch „ähnlich einem Auge“. Tatsächlich sind die Früchte des Guaraná rot wie Blut und, wenn sie reif sind, platzen ihre Schalen auf und präsentieren einen schwarzen Kern, der in einer weissen Haut liegt – diese Anordnung ähnelt auf verblüffende Art und Weise einem menschlichen Auge, und es entsteht der Eindruck, dass jede Guaraná-Rispe aus Hunderten von Augen besteht.
Die Indianer wissen allerdings, dass es zu spät für eine Ernte ist, wenn die Guaraná-Früchte an den Zweigen reifen. Darüber hinaus haben sie sich hinsichtlich ihrer Verwendung und Verwertung ein grosses Wissen angeeignet. Besonders die Indianer vom Stamm der Sateré-Maué sind bekannt als wahre Meister in der Herstellung des Endprodukts, das ebenfalls den Namen Guaraná trägt.
Sein Herstellungsverfahren hat sich aus traditionellen Erfahrungen und Praktiken der Eingeborenen im Laufe der Jahrhunderte entwickelt – ein langwieriger und aufwendiger Prozess, der bereits mit der Auswahl der pflanzlichen Ableger im Regenwald beginnt, die dann auf einem zu diesem Zweck ausgesuchten Terrain eingesetzt werden – eine Guaraná-Pflanzung entsteht. Sie braucht zwei bis drei Jahre, bis die eingesetzten Ableger Frucht tragen. Zum richtigen Zeitpunkt werden ihre fast reifen Rispen gesammelt, die Früchte geschält und ihre Samen gewaschen, um die sie umgebende weisse Haut zu entfernen. Nach dem Trocknen werden die Samenkerne während einiger Stunden langsam geröstet. Dann füllt man die gerösteten Kerne in Säcke ab, auf die man von aussen eindrischt, um so ihre Schalen zu lösen. In Handarbeit entfernt man schliesslich die Schalen ganz und zerquetscht die sauberen Kerne in einem Mörser, unter Zusatz von wenig Wasser. Die so gewonnene dicke Paste wird gut durchgeknetet und schliesslich in eine Form gebracht, die kleine, so genannten „Pães de Guaraná“ (Guaraná-Brötchen) hervorbringt. Diese Brötchen werden nach dem Trocknen von den indianischen Frauen gewaschen und langsam geräuchert – während zweier langer Monate auf niedriger Glut – bis sie endlich fertig sind zum Verbrauch.
Um den zum Verbrauch bestimmten Guaraná-Puder zu bekommen, werden die „Brötchen“ oder Guaraná-Stäbe von den Indianern mittels eines Steins mit rauer Oberfläche geraspelt – manche Stämme benutzen als Raspel auch die getrocknete, mit unzähligen Zäpfchen besetzte Zunge des Pirarocú-Fisches. Zum Konsum wird der geraspelte Guaraná-Puder in Wasser gelöst und dann getrunken – wann immer man Lust hat oder zu besonderen zeremoniellen Anlässen. Neben seiner traditionellen Stabform, kann man heute den Guaraná-Puder auch in Dosen auf dem Markt finden oder als flüssigen Extrakt, sowie in Form von Guaraná-Syrup. Darüber hinaus ist das energiereiche Produkt Bestandteil von Formeln zur Fabrikation von unzähligen Erfrischungsgetränken in Flaschen.
Nicht nur die Indianer – auch die Zivilisierten interessieren sich längst für die besonderen Eigenschaften und heilenden Qualitäten, die diesem Produkt zugeschrieben werden. Nach volkstümlichen Theorien soll die Guaraná den menschlichen Organismus stimulieren, die Verdauung regulieren, Schweiss treibend wirken, ein gutes Herztonikum sein, verbrauchte Energie zurück geben und sogar als Aphrodisiakum seine Qualitäten haben.