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|Marias Jungfernschaft|

Die verhängnisvollste aller Geburts- legenden ist die Mär um Marias Jungfernschaft. Auch sie hat ihre Wurzeln in archaischen Sagen und Wunsch- vorstellungen. |
Um eine Legendengestalt zu einem Halbgott zu machen, muss sie von Gott oder einem seiner Stellvertreter gezeugt worden sein. Bei Jesus übernahm das der Heilige Geist. Um die Befruchtung nun glaubhaft darzustellen, darf die Frau von ihrem irdischen Mann natürlich vorher nicht berührt worden sein.
Nur so kann Gott bzw. sein Stellvertreter sicher sein, dass das Kind auch wirklich zur Hälfte göttlichen Ursprungs sein wird und nicht doch vielleicht die Frucht des Mannes. Die Jungfräulichkeit war also in erster Linie eine dramaturgische Notwendigkeit, um die Empfängnis durch einen Gott glaubhaft erzählen zu können.
Hinzu kam religiöses Machogehabe. Der Gott einer patriarchalischen Stammesreligion würde doch seine Sexualpartnerin nicht mit einem Nebenbuhler teilen! Noch dazu mit einem menschlichen. Einem solchen Gott wäre nicht zuzumuten, sich mit einer Frau zu vergnügen, in der vor ihm schon ein menschlicher Penis war.
Die Geburt durch eine Jungfrau war zudem ein uraltes Dogma, das sich in Babylon (König Sargon von Akkad), Ägypten (Isis), Griechenland (Platon), Persien (Zarathustra), Indien (Buddha) und sogar an Roms Kaiserhof immer wieder finden ließ.
"Wer als ein ganz besonderer Mensch dargestellt werden sollte", sagt der Neutestamentler Gerd Theißen, "musste nach den orientalischen Traditionen auch auf ganz besondere Art zur Welt gekommen sein." "Analogische Fantasie" nennt Theißen Legendenbildungen dieser Art.
Göttliche Befruchtungen waren in der jüdischen Tradition zwar selten, aber nichts Ungewöhnliches. Schon das Alte Testament berichtete davon (1. Mose/Gen. 21,1-2): "Und der Herr suchte Sara heim, wie er gesagt hatte, und tat an ihr, wie er geredet hatte. Und Sara ward schwanger und gebar dem Abraham in seinem Alter einen Sohn."
Damals durfte Gott noch persönlich Sex haben, später billigten die sexualfeindlichen Kirchengründer das nur noch dem Heiligen Geist zu. Ihr Gott sollte sich nicht mit etwas so profanem abgeben.
Von einer jungfräulichen Geburt Jesu weiß der älteste Evangelist, Markus, nichts. Auch Matthäus geht darauf nicht ein, sondern erwähnt nur kurz Marias Schwangerschaft (Mt 1,18) "von dem Heiligen Geist." Ebenso ist für Johannes die Geburt Jesu kein erwähnenswertes Thema.
Allein Lukas spricht die Jungfräulichkeit Marias ein einziges Mal an, als er den Engel Gabriel verkündigen lässt, Jesus werde geboren von (Lk 1,27) "einer Jungfrau, die vertraut (verlobt) war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria."

Die immer währende Jungfernschaft und die Marienverehrung sind eine spätere theologische Errungenschaft und gehen auf das Konzil von Ephesus 431 (im Abendland das Laterankonzil 649) zurück. |
Diese ideelle Erhöhung Jesu wurde vom Patriarchen von Alexandrien initiiert, der Maria zur "Gottesgebärerin" erklärten wollte.
Danach setzte ein grandioser Siegeszug der "Madonna" durch alle Jahrhunderte ein. Obwohl alle vier Evangelisten an Maria nichts Ungewöhnliches gefunden und sie ohne sonderliche Verehrung beschrieben hatten, eroberte die nunmehr zur Gottesmutter Erhobene die Herzen der Gläubigen.
Kein Wunder, ist sie doch die einzige weibliche Heilsperson des Christentums und bei der Missionierung von Frauen von unschätzbarem Wert.
Im 6. Jahrhundert kam dann die Vorstellung auf, Maria sei auch noch leiblich in den Himmel aufgefahren, obwohl nicht ein Buchstabe des Neuen Testaments eine solche Schlussfolgerung zulässt. 1950 erklärte Papst Pius XII. diesen Aufstieg noch zum unantastbaren Glaubensgut.
Seit Jahrhunderten wird dieses Dogma ("assumptio corporalis Mariae") debattiert und immer wieder angefochten. Seine Wurzeln liegen in einem apokryphen Text aus dem 4. Jahrhundert. Obwohl sie nichts anderes als ein frommer Wunsch unserer sexualfeindlichen Kirchenväter war, feiern wir weiterhin jedes Jahr Mariä Himmelfahrt.
Seit 1854 gilt für Katholiken auch die Jungfrauengeburt als Dogma, das heißt nach Kirchenlehre absolute Wahrheit. Maria hatte demnach in ihrem ganzen Leben keinen Geschlechtsverkehr mit einem Mann und ist somit nicht erlösungsbedürftig. Ohne Sex ist nach gängiger Kirchenmeinung keine Erlösung nötig.
Dass das Wort "Jungfrau" eine fehlerhafte Übersetzung der Evangelientexte sei und eigentlich "junge Frau" bedeute, wie es in der "Zürcher Bibel" steht, ist zwar möglich, aber eher ein weiterer Möchtegern-Fakt. Denn im jüdischen Leben jener Zeit war eine junge, unverheiratete Frau immer eine Jungfrau. Alles andere war undenkbar.
Sollte es so etwas Schändliches trotzdem gegeben haben, hätte man es totgeschwiegen, und erst recht nicht in einem heiligen Buch zur Sprache gebracht.
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|©Johannes Maria Lehner|

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