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«Schreibt ein Hotel rote Zahlen, wird es spannend für mich»
Warum ist das so?
Ich bin überzeugt, dass viele junge Hotelfachfrauen Karriere machen wollen, doch dann kommt die Liebe, sie heiraten, haben Kinder – und sie kommen beruflich nur mühsam weiter. Der Wiedereinstieg ist schwierig, da braucht es oft «Vitamin B». Viele Toppositionen in der Hotellerie werden unter der Hand vergeben.
Sie haben als eine der ersten Frauen das berühmte Brown’s Hotel in London geführt.
Ja, aber nur achtzehn Monate, dann wurde es verkauft.
In den meisten Hotelbereichen dominieren die Frauen – auf der Etage, also im Housekeeping, im Sales und Marketing, im Front Office –, nur auf der Chefetage sind sie kaum präsent.
Vielleicht hängt das mit der persönlichen Entwicklung und der Lebensgestaltung der Frauen zusammen. Familie und Chefposition? Beides gleichzeitig? Geht das? Ich meine, wer ein Hotel führt, benötigt viel Energie. Man ist oft zwölf bis sechzehn Stunden auf den Beinen. Daneben noch eine Familie und Kinder betreuen?
Yvette Thüring
Sie arbeiten seit fast 50 Jahren in der Hotellerie und haben eine einzigartige Karriere gemacht.
In der gehobenen Hotellerie arbeite ich seit 1990. Wobei: Vor fünf Jahren kam ich zurück nach Basel mit der festen Absicht, meine Hotelkarriere zu beenden. Nach der Eröffnung des «Swissôtel Dresden am Schloss» arbeitete ich 2014 für den Event «Basel Tattoo». Ich war damals 64 und wollte mein Leben etwas ruhiger gestalten. Mehr Freizeit, freie Wochenenden …
Wie sind Sie dann wieder in der Hotellerie gelandet?
Das Management der «Baselworld» fragte mich, ob ich nicht Lust und Zeit hätte, das Medienzentrum der Uhren- und Schmuckmesse zu betreuen. Ich habe dann bei «Basel Tattoo» Ferien eingereicht und den Job an der «Baselworld» übernommen. Das war 2016. Während der Messe traf ich auf einen ehemaligen Swissôtel-Gast. Er erzählte mir, dass er seine Uhrenfirma an einen Unternehmer aus China verkauft habe. Einige Wochen später rief er mich an. Er habe einen Job für mich – das Hotel Le Mirador Resort & Spa am Genfersee. «Sie meinen das Hotel Kempinski», fragte ich. Er sagte: «Nein, nicht mehr ‹Kempinski›, es ist nun ein unabhängiges Haus und gehört dem chinesischen Unternehmer, dem ich meine Uhrenfirma verkauft habe.»
Und wie haben Sie reagiert?
Ich sagte: «Vielen Dank für das Angebot, aber ich habe meine Hotelkarriere beendet.» Er brauche aber meine Hilfe und mein Know-how, betonte er und machte mir ein Angebot als Beraterin. Toll, dachte ich. Consulting! Genau das Richtige in meinem Alter.
Und so landeten Sie wieder in der Hotellerie …
Nein, nicht direkt. Ich habe eine Consulting GmbH gegründet und mein Engagement bei «Basel Tattoo» um 20 Prozent reduziert. Ab Mai 2016 fuhr ich jeden Montag an den Genfersee mit der Absicht, den Leuten im «Le Mirador» ein paar Tipps zu geben – als Beraterin.
In welchem Zustand präsentierte sich das «Le Mirador» damals?
Es war in einem schlechten Zustand. Viele Dinge funktionierten nicht, es gab keine Kaffeelöffel, nichts. Das Haus schrieb tiefrote Zahlen. Ein Sanierungsfall. Die Mitarbeitenden des Hotels drängten mich: Übernehmen Sie doch bitte das Haus – und zwar als General Manager!
Ihre Antwort?
Kommt gar nicht in Frage, ich habe meine Hotelkarriere beendet. Doch nach reiflicher Überlegung und intensiven Gesprächen mit meinem Mann sagte ich zu. Okay, ich mache das, denn das schöne Haus und der chinesische Besitzer verdienen, dass das «Mirador» wieder auf die Beine kommt.
Sie sagen, das Hotel sei in einem schlechten Zustand gewesen. Was war denn der Grund?
Ich muss dazu sagen: Bis 2010, als Eric Favre das Haus führte, war es in einem tollen Zustand. Die Krise kam nach seinem Weggang in den Jahren 2011 bis 2016. Das Haus war auch eine Zeit lang wegen Renovationen geschlossen. Es gehörte damals dem deutschen IT-Unternehmer und Multimillionär Hartmut Lademacher. Er verkaufte das Hotel später dem heutigen Besitzer aus China, dem Unternehmer Hon Kwok Lung. Hon Kwok Lung ist auch in der Uhrenindustrie tätig und besitzt unter anderem die Schweizer Uhrenmarken Eterna und Corum.
Und jetzt führen Sie das «Le Mirador» im Auftrag des chinesischen Besitzers. Wie lange bleiben Sie noch?
Bis Ende 2019. Derzeit suche ich einen Nachfolger, wobei ich bereits einen sehr guten Kandidaten in Aussicht habe. Doch Hon Kwok Lung würde mich gern noch länger als General Manager behalten. Inzwischen haben wir in Aussicht gestellt, dass ich das Hotel nach meinem Rücktritt weiterhin begleiten werde – als Beraterin.
Yvette Thüring im Ruhestand! Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen!
Moment mal. Ich werde in diesem Jahr 69. Abgesehen davon, will ich ja noch was tun. Jedoch möchte ich endlich wieder mal ein Buch lesen oder ein Konzert besuchen, ohne dabei einzuschlafen. Oder die schöne Schweiz bereisen.
Wo steht das «Le Mirador Resort & Spa» heute? Haben Sie den Turnaround geschafft?
Das Haus steht – finanziell gesehen – wieder gut da. 2018 erzielten wir im Food-and-Beverage-Bereich sogar einen Gewinn. Es herrscht auch ein neuer, junger Geist im Hause. Die Mitarbeitenden sind stolz, dass sie hier arbeiten dürfen. Nach drei Jahren Yvette Thüring braucht es jetzt neue Inputs. Der neue Chef soll das Resort auf der heutigen stabilen betriebswirtschaftlichen Grundlage weiterentwickeln.
Das Haus stehe finanziell wieder gut da, sagen Sie. Schreiben Sie wieder schwarze Zahlen?
Nein, doch das aktuelle Ebitda liegt ganz knapp unter der schwarzen Linie.
Wo liegt eigentlich der Jahresumsatz im «Le Mirador»?
Aktuell bei 9,5 Millionen Franken. Zu den Glanzzeiten, vor dem grossen Umbau, waren es rund 13 Millionen Franken.
Warum geriet das Hotel in den Jahren 2010 bis 2016 in Schieflage?
Es sind verschiedene Faktoren. Einerseits war da ein Besitzer, der die Nase voll hatte, ständig Millionen in das Haus zu buttern. Bis Ende 2015 stand das Haus unter der Regie von Kempinski. Doch das Hotel war oft nicht in der Lage, Rechnungen zu bezahlen, weil sich der Cashflow alles andere als rosig präsentierte. Zudem stimmte der Zimmermix nicht, denn es gab fast nur Suiten. Dies verunmöglichte ein effizientes Yield-Management. Dazu lag es auch an der Führung des Hauses. Die Konstellation war ungünstig.
Das «Le Mirador» ist aktuell ein Fünfsternehaus und Mitglied von The Leading Hotels of the World und von Swiss Deluxe Hotels. Warum haben Sie bei der Hotelklassifizierung auf den Zusatz «Superior» verzichtet?
Einige Dinge entsprechen derzeit nicht mehr den Standards der Fünf-Sterne-Superior-Hotellerie. Deshalb sind auch Renovierungsarbeiten im historischen Gebäude im Gange.
Yvette Thüring
Und bei The Leading Hotels sind Sie mit gutem Gewissen (noch) dabei?
Ja.
Wie würden Sie die aktuelle Positionierung des Hotels umschreiben? Was ist das Besondere in diesem Haus – neben der fantastischen Lage und Aussicht?
Das «Le Mirador» ist seit vielen Jahren ein kleiner Leuchtturm an der Riviera. Nach den Krisenjahren hat das Haus jetzt wieder einen guten Ruf.
Aber das hat mit der Positionierung nichts zu tun.
Richtig. Das «Le Mirador» setzt auf Erholung, Gesundheit, Fitness und Genuss. Es ist das ideale Naherholungsresort, man erreicht uns von Bern aus in weniger als einer Stunde. Lausanne ist fünfzehn Minuten entfernt, Genf knapp eine Stunde. Doch auch als Business- und Tagungshotel sind wir bekannt und gut gelegen. In der Region Vevey/Montreux sind einige Weltkonzerne zu Hause: Nestlé, Philip Morris und andere. Zu unseren Kunden gehört auch das EDA in Bern, das Aussenministerium. Die Friedensgespräche von Zypern 2017 fanden hier im «Le Mirador» statt.
Bekannt ist das Hotel auch für seine Angebote im Bereich Medical Wellness.
So ist es. Dabei geht es nicht um sogenannte Schönheitschirurgie. Im Zentrum stehen Themen wie Long Life, Entgiftung, Botox, Detox und solche Dinge. Wichtige Themen sind auch Ernährung und Schlaf.
Und wie läuft das Medical-Geschäft?
Es läuft recht gut an, doch einige Dinge sind noch in der Aufbauphase.
Woher kommen Ihre Gäste?
42 Prozent sind Schweizer, Schwerpunkt Deutschschweiz. Es folgen Deutschland, Amerika, England und diverse Länder wie China.
Das Hotel gehört jetzt, wie gesagt, dem Chinesen Hon Kwok Lung. Wird das Resort schon bald zum «Mekka der Chinesen» am Lac Léman, wo vor allem chinesische Gesundheitstouristen absteigen?
Nein, das glaube ich nicht. Herr Hon Kwok Lung besitzt ja auch keine andern Hotels in China.
Frau Thüring, Sie haben überall auf der Welt Hotels geführt. Was macht für Sie das «Le Mirador» so spannend?
Wie kann ich diesem Fass ohne Boden einen Boden geben und gleichzeitig die Qualität des Hauses nachhaltig verbessern. Wie schaffe ich es, Trends zu erkennen und dem Haus neue und kreative Ideen zu vermitteln …
Doch am Ende geht es immer um den finanziellen Erfolg. Sie wollen das Haus möglichst rentabel führen.
Natürlich! Bliebe der finanzielle Erfolg aus, hätte ich keine Befriedigung.
Eigentlich ist das «Le Mirador» ein typisches Mäzenen-Hotel. Jahrelang butterte der deutsche Unternehmer Hartmut Lademacher viele Millionen in das Haus, jetzt macht das der Chinese Hon Kwok Lung.
Grosse Investitionen könnte das Haus ohne Investor im Hintergrund tatsächlich nicht tätigen. Trotzdem ist es mein Ziel, operativ schwarze Zahlen zu schreiben. Das Haus muss in jedem Fall wirtschaftlich geführt werden.
Werden Sie bereits 2019 schwarze Zahlen schreiben?
Ja. 2015 und 2016 waren dunkelrot, 2017 war rosarot, 2018 war fast hellgrau.
Sprechen wir über Ihre lange Karriere als Hotelfachfrau, Managerin und Gastgeberin. Warum sind Sie eigentlich Hôtelière geworden?
Ich wollte als junges Mädchen nicht an die Universität und habe deswegen das Gymnasium verlassen. Mein Vater machte mich mit Fredi Kienberger bekannt. Kienberger war damals Direktor im «Les Trois Rois» in Basel. Er wollte mir die Hotelfachschule schmackhaft machen. «Mach aber zuerst die Handelsschule», sagte er.
Und Sie gingen an die Handelsschule?
Richtig. Ich sagte mir: Im Gegensatz zum Gymnasium lerne ich an der Handelsschule brauchbare Dinge wie Schreibmaschineschreiben und Stenografie. Nach vier Jahren erhielt ich das Handelsdiplom.
Wie alt waren Sie?
Fast 20. Die Hotelfachschule in Lausanne besuchte ich jedoch nicht, denn ich hätte bis zum Eintritt in die Schule über ein Jahr warten müssen. «So, und jetzt will ich arbeiten», sagte ich mir. Meine erste Stelle fand ich in London. Ich arbeitete im Park Lane Hotel, später folgte das «Waldhaus» in Sils-Maria.
Und dann sind Sie ausgewandert.
Ja, genau. Das war 1971. Ich ging mit meinem ersten Freund nach Südafrika. Man konnte damals gratis nach Südafrika fliegen. Die Flugtickets wurden vom südafrikanischen Staat offeriert.
Warum?
Südafrika suchte Auswanderer. Leute, die sich dort ansiedeln. Ich arbeitete als Mädchen für alles in einem Hotel in Kapstadt. Später wollte ich meinen Bruder in Hongkong besuchen. Wir reisten via Australien nach Hongkong, wo ich ebenfalls in einem Hotel arbeitete. Über Mexiko reiste ich dann wieder nach Hause. Ich hatte damals übrigens nie Ambitionen, Karriere zu machen. Für mich waren diese Reisen und Aufenthalte so etwas wie «Arbeitsferien».
Und was haben Sie in Basel gemacht?
Da ich mangels Geld nicht zurück nach Mexiko konnte und eine Stelle beim damaligen Bankverein nicht antreten konnte, nahm ich einen Job im Luftreisebüro der Swissair in Basel an. Das war so um 1973.
Was haben Sie dort gemacht?
Flugtickets ausgestellt, Flüge verkauft. Dann packte mich einmal mehr das Fernweh. Also packte ich meinen Koffer und flog nach Neuseeland. Später ging ich dann nach Australien.
Weshalb wollten Sie damals wieder zurück in die Schweiz?
Mein Vater war Architekt. Meine Familie hatte einen Landgasthof, eine Reitschule und andere Dinge. Dann baute mein Vater ein neues Haus. Er baute es für meinen Bruder, der Koch und Bauer war. Er sollte den ganzen Betrieb übernehmen. Mein Vater war damals bereits über 70. Am 8. Dezember 1980 wurde das neue Hotel Engelbad in Mariastein im Kanton Solothurn eröffnet. Und ich sollte den Betrieb führen. Deshalb machte ich 1979 das Wirtepatent.
Sie haben das Hotel Engelbad wirklich geführt?
Ja. Das war allerdings eine schwierige Zeit.
Dann wanderten Sie nach Neuseeland aus.
Nein, ins Hotel Basel nach Basel. Gastgeber war damals der berühmte Otto Baeriswyl. Doch das Hotel gehörte der Caspar-E.-Manz-Gruppe. Ich machte dort eine ganze Menge: Rezeption, Service, Etage … Nach gut einem Jahr wollte ich mich beruflich verändern – und ein damaliger Direktor der Caspar-E.-Manz-Gruppe, Pierre-André Schwarzenbach, schickte mich nach Genf und Lausanne. Im Hotel Continental in Lausanne installierten wir den ersten Computer. Man wollte mich dann in die Verkaufsabteilung versetzen, doch ich landete in einem Manz-Hotel in Fribourg. Aus dem geplanten Monat sind dann drei Jahre geworden.
Und wie hat sich Ihr Privatleben entwickelt?
Ich habe mich verliebt. Und ich habe mein Leben auf den Kopf gestellt. Zen-Buddhismus, Meditationen und solche Sachen waren jetzt mein Thema.
Wer war denn der neue Freund an Ihrer Seite?
Ein Engländer. Wir packten unsere Sachen und pilgerten auf die Insel Kreta. Dort wollten wir leben. Ich wurde Vegetarierin, Windsurferin, Buddhistin …
Und wie lange dauerte das buddhistisch-vegetarische Kreta-Abenteuer?
Nach knapp sechs Monaten kam das Aus. Eine gute Freundin machte mich dann auf Swissôtel aufmerksam. Sie gab mir den Rat: «Geh hin, die suchen Leute!»
Und Sie haben sich bei Swissôtel beworben.
Ja, aber die wollten mich anfänglich in den Verkauf stecken. Ich dagegen wollte an die Front. Man bot mir dann eine Stelle in China an. Dort wurde das erste Joint-Venture-Projekt von Swissôtel realisiert. «Wollen Sie dorthin?», fragte mich Jacques Künzli, der damals im Hauptquartier von Swissôtel arbeitete. Sofort! Ich, Buddhismus und China – passt doch hervorragend.
Sie waren damals 37.
Ja. Geplant war ein Aufenthalt in China von sechs Monaten, doch es wurden neun Monate. Der neue Swissôtel-Chef holte mich dann zurück ins Office nach Zürich. «Wir brauchen Sie hier in Zürich für Corporate Rooms Division», sagte er. Super, dachte ich. Ich besuchte Swissôtels in aller Welt: New York, Chicago, Brüssel, Seoul … Es wurden laufend neue Hotels eröffnet. Auch das «Bellevue Palace» in Bern und das «Lausanne Palace» waren damals Swissôtels. Ich hatte in meinem bisherigen Leben noch nie so viel gelernt wie in dieser Funktion.
Was war denn Ihre Aufgabe in der Corporate Rooms Division bei Swissôtel?
Ich sollte in allen Häusern Minimumstandards einführen – weltweit. Einige Hoteldirektoren hatten sich am Anfang geweigert, die Standards umzusetzen. Melchior Windlin vom «Bellevue Palace» in Bern war dagegen, dass seine Mitarbeiter Namensschilder tragen, und die Gattin des Direktors vom «Montreux Palace» war dagegen, dass die Papierhygienestreifen über den WC-Schüsseln eliminiert wurden. Ich sagte: «Schauen Sie, Frau Frei, wir sind ein Fünfsternehotel, das macht man nicht mehr.»
1989 erhielten Sie ein neues Angebot von der Manz-Hotelgruppe.
Der damalige Südamerikachef der Gruppe, Peter Broglie, rief mich an und sagte: «Frau Thüring, ich würde Sie gern nach Ecuador schicken.» Die Manz-Hotelgruppe hatte damals Häuser in Ecuador, Mexiko und Lima. Mein Wunsch war es, nicht in Ecuador, sondern in Mexiko zu arbeiten – und so hatte ich 1990 meine erste internationale Stelle als General Manager. Nach dem Verkauf des Oro Verde Hotels Puerto Vallarta folgte Ecuador. In Cuenca führte ich vier Jahre lang das «Oro Verde».
Die Caspar-E.-Manz-Gruppe hatte dann aber Probleme mit ihren Hotels in Südamerika.
Richtig. Und ich erhielt ein Angebot von Reto Wittwer, damals Chef der Kempinski-Hotels. Er wollte mich nach Brasilien schicken, doch das Engagement kam nie zustande. Für einen Freund führte ich dann ein Ramada-Hotel in den USA.
In der Zwischenzeit haben Sie ja wieder geheiratet.
Ja, meinen heutigen Mann. Er stammt aus Mexiko. Wir sind seit Februar 1990 zusammen. Ich wollte damals wieder zurück in die Schweiz. Der Grund war meine Mutter. Ich erhielt dann aber über eine Jobvermittlungsfirma ein Angebot von Swissôtel. Das war 1999.
Schon wieder Swissôtel …
(lacht) Sie sagen es! Wenige Tage später sass ich im Büro von Meinhard Huck, dem späteren CEO und Präsidenten von Swissôtel. Der Hauptsitz der Gruppe war damals noch nicht in Zürich, sondern in New York. Also musste ich nach New York jetten und mich dort offiziell vorstellen. Im Herbst 1999 setzte ich meine berufliche Laufbahn bei Swissôtel fort. Ich führte das Swissôtel Zürich-Oerlikon. Doch im Januar 2001 rief mich Meinhard Huck wieder an: «Ich brauche dich in Amsterdam».
Uns Sie gingen nach Amsterdam …
Jawohl.
Und dann wurde Swissôtel an die Raffles-Gruppe verkauft.
Ja. Ich sagte Meinhard Huck: «Lieber Meinhard, da bleibe ich nicht lange, ich möchte zurück in die Schweiz.» Später rief er mich wieder an und sagte: «Die Schweiz, kommt gar nicht in Frage! Du darfst nach London.»
Und wie haben Sie reagiert?
Super! London, tolle Stadt! Ich hatte die einmalige Chance, das legendäre und traditionsreiche Brown’s Hotel mitten in Mayfair zu führen, und das als eine der ersten Frauen in so einer Chefposition. Das war 2002 und 2003. Ich wäre wahrscheinlich heute noch dort, wenn Raffles das Hotel nicht verkauft hätte. 2003 ging das «Brown’s» an die Luxushotelgruppe von Sir Rocco Forte.
Was folgte nach London?
Basel, meine Heimatstadt. Da führte ich das Swissôtel Le Plaza – über fünf Jahre lang. Ich war dort sehr glücklich, bis dieser Headhunter auftauchte …
Und was bot er Ihnen an?
Ein Hotel in Mexiko-Stadt. Am Anfang war ich überhaupt nicht interessiert, doch dann überzeugte mich der Headhunter: «Schauen Sie sich das Haus doch mal an.»
Sie haben also Swissôtel erneut verlassen und den Job in Mexiko angenommen.
Ja. Ich konnte ja nicht anders. Das war im Dezember 2008. Doch ich dachte mir: Die wollen mich doch nicht. Ich mit meinen 58 Jahren …
Sie haben den Job erhalten.
Ja, aber drei Jahre später wollten mein Mann und ich zurück in die Schweiz. Meinhard Huck hat mich dann wieder zurückgenommen. Im September 2011 schickte er mich nach Dresden.
Und was war mit der Schweiz?
«Später», sagte Huck. «Geh jetzt erst mal nach Dresden.» 2012 wurde das Swissôtel in Dresden sehr erfolgreich eröffnet. Wir waren auf Tripadvisor in Deutschland eine Zeit lang sogar die Nummer eins.
2014 kam der grosse Umbruch bei Swissôtel.
Richtig, und in Dresden wollten wir nicht bleiben. Für mich war das Haus in Dresden ein wunderbarerer Abschluss meiner Hotelkarriere.
Yvette Thüring
Dann kamen Sie zurück in Ihre Heimatstadt Basel, wurden bei «Tattoo Basel» aktiv, später im «Le Mirador» am Genfersee – und der Kreis der Yvette Thüring schliesst sich …
Das kann man so sagen.
Yvette Thüring als Rentnerin auf dem Sofa beim Nachmittagstee. Unvorstellbar!
Ich höre ja nicht ganz auf und bleibe der Branche treu. Ich bin offen für Projekte und Beratungen. Abgesehen davon, habe ich noch eine Idee …
Und die wäre?
Es gibt Hunde- und Babysitting, warum nicht auch Hotel-Sitting? Denken Sie an kleine Hotels. Das Direktionspaar kann nie eine Woche am Stück in die Ferien. Ich biete ihnen eine professionelle Lösung an – und hüte ihr Hotel während ihrer Abwesenheit. Natürlich setzt das gegenseitiges Vertrauen voraus.
Sie spielen die «Grossmutter», die nicht zum Enkel, sondern zum Hotel schaut.
Genau.
Wenn Sie auf die letzten fünf Jahrzehnte zurückschauen, was waren Ihre persönlichen Highlights?
Grundsätzlich schaue ich nie zurück. Dort, wo ich gerade bin, gefällt es mir immer am besten. Doch die Zeit im Brown’s Hotel in London war für mich schon so etwas wie ein Highlight. Das ist ein derart einzigartiges, traditionsreiches Haus. Jede Mauer im Hotel verkörpert eine Geschichte. Wunderbar. Und dann ist da noch die erfolgreiche Eröffnung des Swissôtel Dresden Am Schloss am 1. April 2012 …
Sie waren damals in London eine der ersten Frauen in der Position eines General Managers.
Ja, Anfang der Siebzigerjahre gab es in den Londoner Hotels im Front-Office-Bereich nur Männer, auch in den Chefetagen wirkten nur Männer. Und dann kommt eine Schweizerin daher und führt eines der ältesten und bekanntesten Hotels in Grossbritannien. Das war in der Tat ein Highlight.
Weitere Highlights?
Oh, da gibt es noch viele. Ich hatte viele spannende Gäste, habe enorm viel gelernt in all den Hotels zwischen Südamerika, Europa und Asien. Ich hatte oft auch prominente Politiker und Diplomaten, Schriftsteller oder Stars im Hotel. Ich lernte auch viele junge Mitarbeitende kennen. Ihren Weg zu verfolgen, war für mich stets sehr spannend.
Die Hotellerie ist eben ein «Menschengeschäft», alles dreht sich um Menschen.
So ist es. Deshalb hatte ich auch immer Freude an diesem Business. Für ein Hotel arbeiten ist eben mehr als nur ein Job, das ist, wie viele sagen, eine Leidenschaft.
Und wenn Hotels rote Zahlen schreiben, Führungsprobleme haben …
… wird es spannend für Yvette Thüring. Dann ist und war es mein Ziel, diese Häuser wieder in die schwarzen Zahlen zu führen. Den Turnaround zu schaffen, ja, das war für mich stets eine besondere Genugtuung.
Wie viele Hotels haben Sie in den knapp 50 Jahren geführt?
Als General Manager habe ich bisher zehn Hotels geführt.
Sie haben in Hotels auf allen Kontinenten gearbeitet.
Ja.
Sie haben eine unglaubliche Erfahrung in der internationalen Hotellerie. Geben Sie dieses Wissen jetzt auch weiter?
Ja, klar. Wenn jemand etwas wissen will, bitte sehr!
Die Hotellerie steckt derzeit mitten in der digitalen Transformation. Hatten Sie nie Mühe mit dem Wandel von der analogen zur digitalen Hotelwelt?
Nein. Ich musste mich anpassen und all die neuen Dinge lernen, oft ohne Hilfe.
Sie haben in den Siebzigerjahren noch Telexmeldungen verfasst und Reservationen auf der Schreibmaschine getippt.
Ja, klar. Ich habe die ganze Entwicklung von A bis Z miterlebt: Telex, Fax, Schreibmaschine, die ersten Computer, die ersten Mobiltelefone …
Sind Sie auch in den sozialen Medien präsent?
Ja. Auf Instagram, Twitter und LinkedIn. Oft habe ich keine Zeit dafür, aber die neue digitale Welt ist auch bei der 69-jährigen Yvette Thüring angekommen (lacht). Wobei ich die Szene der Blogger und Influencer mit gemischten Gefühlen verfolge.
Mal ganz ehrlich: Fasziniert Sie die digitale Welt, wo viele Dinge anonym und rein technisch ablaufen? Stichwort künstliche Intelligenz.
Das, was man Reengineering nennt, interessiert mich seit Jahren. Die Softwareentwicklung, die laufende Anpassung der Systeme – hoch spannend! Oft frage ich mich: Was können wir technisch und operativ noch optimieren, wo können wir noch Synergien nutzen, vielleicht etwas lernen … Nur etwas ist nicht mein Ding: Routine.
Was würden Sie einem jungen, vielleicht 25-jährigen Absolventen der Hotelfachschule raten, bevor er seine Karriere als Hotelier beginnt?
Bleib deinen Werten treu. Unsere Schweizer Werte wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Qualitätsbewusstsein sind nach wie vor aktuell und – auch im Ausland – erfolgsentscheidend. Schaue immer wieder in den Spiegel und frage dich: Mache ich meinen Job mit Freude? Wenn ja, zeige deine Freude und Begeisterung im Hotelalltag.
Wollten Sie eigentlich nie ein eigenes Hotel führen?
Das Geld, um ein Hotel zu kaufen, hatte ich nie. Doch glauben Sie mir: Ich führe jedes Hotel so, wie wenn es mein eigenes wäre. Ich komme zwar von der Kettenhotellerie, aber bevor ich einen Entscheid fälle, frage ich mich: Würde ich als Besitzerin des Hauses auch so entscheiden?
Ein schönes Schlusswort. Yvette Thüring, herzlichen Dank für das Gespräch.
Wer ist Yvette Thüring?
Yvette Thüring wurde am 11. August 1950 geboren. Seit September 2016 führt sie als General Manager das Fünfsternehotel Le Mirador Resort & Spa auf dem Le Mont-Pèlerin oberhalb von Vevey. Von Juni 2014 bis September 2016 war sie Business-Manager von «Basel Tattoo» (Grossanlass mit internationalen Militärbands). Von 2011 bis 2014 wirkte die gebürtige Baslerin für Fairmont International Hotels & Resorts. Sie war u. a. General Manager im Swissôtel Dresden am Schloss. Vorher war Yvette Thüring für die Gruppe Presidente Hotels & Resorts in Mexiko tätig, ebenfalls in der Position eines General Managers.
Der Blick auf ihre fast 50-jährige Hotelkarriere zeigt: Yvette Thüring führte Hotels in aller Welt, so zum Beispiel das Swissôtel Le Plaza Basel, das traditionsreiche Brown’s Hotel in London (damals Raffles), das Swissôtel Amsterdam und das Swissôtel Zürich (Resident Manager). Dazu kommen Hotels in Texas (USA), Ecuador, Mexiko, Brasilien (Rio de Janeiro) und China. Yvette Thüring ist mit J. Alberto Vazquez Palma (Bürger von Mexiko und der Schweiz) verheiratet. Das Paar hat keine Kinder. Ihr Ehemann ist ebenfalls im Hotel Le Mirador Resort & Spa tätig.
Zahlen & Fakten
Le Mirador Resort & Spa
– 1904: Eröffnung des ersten Hotelgebäudes.
– 1975 bis 1983: Die amerikanische Harvard Business School bringt ihren Campus für ihr europäisches Ausbildungsprogramm im «Le Mirador» unter.
– Seit 1995: Mitglied bei The Leading Hotels of the World und Mitglied bei Swiss Deluxe Hotels.
– 1998: Der deutsche Unternehmer
Hartmut Lademacher kauft das Hotel und unterzeichnet einen Managementvertrag mit Kempinski-Hotels. 2009: Eröffnung eines zusätzlichen Hotelflügels, Sanierung des historischen Gebäudes, neuer Empfangsbereich,
45 neue Junior-Suiten und 2 neue Executive Suiten plus neue Seminarräume
– 2015: Das Hotel setzt auf Unabhängigkeit und verlässt die Kempinski-Gruppe.
– 2016: Die chinesische Gruppe Citychamp Dartong erwirbt das «Le Mirador Resort & Spa».
– Zimmer und Suiten: 63.
– Gastronomie: internationale Küche
(«Le Patio») und japanisches Lokal («Hinata»).
– Bankettsäle: 10 (für bis zu 150 Personen).
– Spa (Givenchy): 1750 Quadratmeter.
– Health & Wellness Center.
www.mirador.ch