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Lectio XII
Stadionanlagen, wie man sie heute aus dem Fussballsport kennt, haben ihre Vorbilder in der Antike. Zunächst mag man dabei an das gewaltige Colosseum denken, das im 1. Jh. n. Chr. in Rom erbaut wurde, und das dank der raffinierten Architektur rund 50’000 Zuschauenden Platz bot (vergleiche dazu: das Letzigrund-Stadion hat bei einem Fussballspiel Platz für ca. 30’000 Besucher*innen).
Tatsächlich greift aber auch dieses antike römische Bauwerk auf Bekanntes zurück, nämlich auf die griechischen Theateranlagen. Diese dienten allerdings nicht als Bühne für Sport und Spiel, sondern es fanden dort literarische Wettkämpfe statt. Mehrere Dichter liessen ihre Theaterstücke aufführen; streng geregelt bestand eine Aufführung aus drei ernsten Stücken, denen ein komisches Stück folgte: Drei Tragödien und eine Komödie.
Eine der berühmtesten Theateranlagen, die heute noch erhalten sind, ist das Dionysostheater in Athen. An dessen Architektur lässt sich gut erkennen, dass die Griechen stets die bereits vorhandene Hanglage für die Errichtung eines Theaters nutzten; sie betteten sozusagen das Theater in die Landschaft ein. Bei der Grösse des Dionysostheaters kann man leicht vergessen, dass das Theater ursprünglich zu einem Heiligtum gehörte. Da dem Bühnenspiel im Laufe der Zeit aber immer mehr Bedeutung zukam, entwickelte sich das Theater bereits bei den Griechen zum Hauptelement des Heiligtums; Tempel und Altar traten immer mehr in den Hintergrund.
Die kultische Verbindung lässt sich aber auch im Namen «Dionysostheater» erkennen: Die Theater-Wettkämpfe wurden einmal jährlich zu Ehren des Gottes Dionysos durchgeführt. Der Eintritt war kostenlos und die Aufführungen allen Athenerinnen und Athenern zugänglich. Die Veranstaltungen waren stets gut besucht, denn in ihnen wurden Probleme behandelt, die das ganze Volk und sein Zusammenleben betrafen, z.B. Krieg und Frieden, Pflicht und Entscheidungsfreiheit, Gehorsam und Auflehnung, Gewalt und Macht, das Verhältnis zwischen Menschen und Gottheiten, Männern und Frauen.
Die bekanntesten Dichter der griechischen Antike waren Aischylos, Sophokles und Euripides, die alle im 5. Jh. v. Chr. lebten, als das griechische Theater seine Blütezeit erlebte. Ihre Werke klingen bis heute nach und werden häufig auf modernen Bühnen inszeniert. Bereits die Römer*innen liessen sich von der Intensität dieser Texte verzaubern, und so wundert es nicht, dass auch römische Autoren sich von ihnen inspirieren liessen. Die Geschichte der Medea, die du in dieser Lektion kennenlernst, wurde uns zwar vom Römer Seneca überliefert; dieser schielte bei der Verfassung seines Werkes jedoch auf die gleichnamige Tragödie des Euripides.