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Am 11. November 2020 sprechen wir mit Rebekka Hufendiek
Braucht die Psychologie Ideologiekritik?
Die Psychologie ist eine Wissenschaft, die das menschliche Verhalten, das Denken, Wahrnehmen und Empfinden sowie deren Organisation, Entwicklung und Ursachen zum Gegenstand hat. Als empirische Wissenschaft hat die Psychologie den Anspruch durch Experimente zu verallgemeinerbaren Ergebnissen, Regelmäßigkeiten und Gesetzmäßigkeiten zu gelangen, die unserem Erleben und Verhalten zugrunde liegen.
Bei der Betrachtung prominenter psychologischer Theorien und Grundannahmen aus dem letzten Jahrhundert wird schnell deutlich, dass psychologische Befunde häufig eng mit ideologischen Vorannahmen verbunden waren. So argumentiert etwa der Kinderpsychologe Bruno Bettelheim, dass Autismus auf eine frühkindliche Bindungsstörung zu einer "emotional kalten" Mutter zurückzuführen sei. Bettelheim legt damit in der Konsequenz nahe, dass arbeitende Mütter die Gesundheit ihrer Kinder aufs Spiel setzten. Im Diagnostic and Statistic Manual of Mental Disorders dem Handbuch der einflussreichen American Psychiatric Association war Homosexualität bis 1973 als psychische Erkrankung gelistet.
Mit Blick auf die Vergangenheit ist es oft leichter ideologische Vorannahmen zu entdecken und ihre normativen Voraussetzungen zu kritisieren als mit Blick auf die Theorien der Gegenwart. Ich möchte in meinem Vortrag allerdings vorschlagen, dass die empirische Psychologie genau deshalb die philosophische Ideologiekritik braucht. Viele Fragen der Psychologie lassen sich gar nicht unabhängig von normativen und damit schnell auch unreflektierten ideologischen Vorannahmen erforschen und es ist Aufgabe der Philosophie diese zu analysieren und zu kritisieren. Wie das Verhältnis von Ideologie und Wissenschaft aussieht und wie das Verhältnis von Ideologiekritik und empirischer Forschung aussehen sollte, können wir anschliessend gemeinsam diskutieren.
Rebekka Hufendiek hat seit Oktober 2020 eine SNF-Förderprofessur an der Universität Bern inne. Sie leitet dort ein Forschungsprojekt mit dem Titel: Explaining Human Nature. Empirical and Ideological Dimensions. Sie hat in Berlin mit einer Arbeit über Emotionstheorien promoviert und interessiert sich für verschiedenste Fragen im Zusammenhang mit dem Verhältnis von Natur und Normativität. In letzter Zeit interessiert sie sich vor allem für die Frage, ob und inwiefern ideologische Annahmen die empirische Erforschung des Menschen prägen.