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Wir wissen nicht, wer die alte Frau ist, die bei Sekunde 26 des Youtube-Videos «Old People Falling» stürzt. Sie war an der unteren rechten Ecke des unscharfen Bildes erschienen, machte sieben Schritte und stolperte dann über den Bordstein, der das Trottoir von der Strasse trennt. Wir wissen nur: Der Benutzer mit dem Namen Multifanboy101 hielt das für so lustig, dass er die Aufnahme auf seinem Youtube-Kanal «Funny Videos» veröffentlichte. Damit leistete Multifanboy101 nicht nur einen Beitrag zur Erheiterung der globalen Youtube-Gemeinde, sondern auch zur aufstrebenden Wissenschaft der geriatrischen Sturzforschung. Einer der 7126 Zuschauer, die den Clip bis heute aufgerufen haben, ist nämlich Babak Taati vom Toronto Rehabilitation Institute.
Taati ist Elektroingenieur. Seine Dissertation drehte sich um das automatische Erkennen und Verfolgen von Satelliten, damit diese am Roboterarm des Space Shuttles andocken konnten. Später wandte er sich einem bedeutend schwierigeren Problem zu: dem Stolpern.
Stürze gehören zu den grössten Gefahren für alte Leute. Aber sie sind nicht nur der Grund für viele Pflege- und vorzeitige Todesfälle, sie führen auch zu gewaltigen Ausgaben im Gesundheitswesen. Im Jahr 2015 allein beliefen sich die Folgekosten für Stürze von Personen über 65 Jahren in den USA auf 31 Milliarden Dollar.
Eines von Taatis Zielen bestand darin, automatisch zu erkennen, ob eine Person auf einem Video unvermittelt stürzt oder ob sie Anzeichen zeigt, dass sie nicht mehr sicher auf den Beinen steht. Das würde einerseits eine wirksame Vorsorge ermöglichen, andererseits könnten Überwachungskameras bei alleinstehenden Personen selbständig Alarm schlagen. Zudem liessen sich durch eine systematische Auswertung der Aufnahmen Hindernisse erkennen und beseitigen.
Doch Taati stiess bald auf ein Problem: Stürze sind zufällige und seltene Ereignisse. Ein Forscherteam aus Vancouver etwa musste mehr als drei Jahre Aufnahmen von Überwachungskameras in Altersheimen durchgehen, um genügend Bilder von Stürzen für eine Studie zu beschaffen. Einfacher ist es da, Versuchspersonen im Labor unter kontrollierten Bedingungen zu Fall zu bringen, etwa durch wacklige Bodenplatten oder mittels hervorschnellender Stolpersteine. Doch weil die Leute im voraus wissen, dass die gleich fallen werden, ist strittig, wieweit sich ein Laborsturz mit seinem Gegenstück in freier Wildbahn vergleichen lasse. Babak Taati brauchte richtige Stürze, und einer seiner Kolleginnen fiel ein, wo er die finden konnte: auf Youtube.
«Auf Youtube gibt es tonnenweise Clips von Stürzen», sagt Taati. Der einfache Grund: «Die Leute finden Stürze lustig.» Der Suchbegriff «funny falls» führt zu über 123000 Videoclips. Aber waren solche Amateuraufnahmen wirklich für die Forschung geeignet? Taati machte den Test. Im Sommer 2015 suchten er und seine Mitarbeiter einen Clip aus, der folgende Bedingungen erfüllte: Die Personen darin mussten alle das gleiche Hindernis passieren, und es musste sowohl Leute geben, die stürzten, als auch solche, die nicht zu Boden gingen. Überdies musste die Kamera immer den gleichen Ausschnitt zeigen und durfte sich nicht bewegen. Die Wahl fiel auf «Old People Falling» von Multifanboy101.
Taati korrigierte die Perspektive der Aufnahme und markierte von vierzehn Passanten in jedem Einzelbild des Films Kopf und Füsse. Dann liess er per Computer nach Eigenheiten im Gang einer Person suchen, an denen sich erkennen liess, ob sie beim Hindernis hinfallen würde oder nicht. In elf der vierzehn Fälle gelang ihm das tatsächlich.
Taati ist der erste, der zugibt, dass seine Studie viele Schwächen hat. Zum Beispiel weiss er nicht, ob seine Sturzopfer abgelenkt waren, zudem ist die Anzahl der Versuchspersonen klein. Aber er ist überzeugt, dass sich Youtube zur Erforschung von biomedizinischen Phänomenen eignet, die sich im Labor nur schwer studieren lassen. Dazu zählt er auch die motorische Entwicklung von Kleinkindern oder den Hergang von Sportverletzungen.
«Es ist schwierig, Säuglinge im Labor zur Mitarbeit zu bewegen», schreibt Taati in seiner Studie, «doch stolze Eltern veröffentlichen zuhauf Videos der ersten Schritte ihrer Kinder im Internet.» Auch Sportverletzungen haben sich auf Youtube zu einer beliebten Kategorie entwickelt. Sportmediziner finden Prellungen, Beinbrüche und gerissene Kreuzbänder nach Sportarten und Schweregrad sortiert in Kompilationen wie: «10 Dumbest Sport Injuries Ever» oder «Painful Soccer Injury – Tore Ligaments».
Dokumentarfilmer des eigenen Lebens
An der Universität von Pécs (Fünfkirchen) in Ungarn hat eine Forschungsgruppe 25 Youtube-Videos analysiert, bei denen es nach Sportunfällen zu epilepsieähnlichen Anfällen kam. Bisher standen kaum Aufnahmen von solchen Vorfällen zur Verfügung. Doch seit das Smartphone jeden zum Dokumentarfilmer seines Lebens gemacht hat, muss kein Forscher mehr selber zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein. Er kann sich vielmehr darauf verlassen, dass alles, was ein menschliches Gefühl in Gang setzt – sei es lustig oder traurig, rührend oder angsteinflössend –, früher oder später auf Youtube landet. Einer, der von diesem zwanghaften Mitteilungsbedürfnis profitiert, ist der Hydrologe Jérôme Le Coz vom französischen Institut für Umwelt und Landwirtschaft in Lyon.
Zu den Aufgaben von Le Coz gehört es, die Abflussmenge von Wasser in Flüssen zu bestimmen. Dazu entwickelte er ein Programm, das aus einer Sequenz von Aufnahmen die Fliessgeschwindigkeit errechnet. Zuerst verwendeten Le Coz und seine Kollegen selbstgedrehte Filme, doch dann schickte ihnen ein Amateurfilmer Clips von Überschwemmungen des Flusses Arc in den französischen Alpen, die sich ebenfalls für die Analyse eigneten. Erst jetzt dämmerte es Le Coz, dass er das weltgrösste Archiv von Überschwemmungen längst kannte: Youtube.
Überschwemmungen haben mit stolpernden Menschen gemeinsam, dass sie plötzlich auftreten und schwer vorherzusehen sind. Hinzu kommt bei Überschwemmungen, dass Messstationen oft am falschen Ort stehen oder von einer Flut zerstört werden. Andererseits schreien Naturkatastrophen danach, dokumentiert zu werden. Kaum ein Besitzer eines Kamerahandys kann dem Lockruf einer zünftigen Überschwemmung widerstehen. Lebt Stolperforscher Taati von der Schadenfreude der Menschen, so ist Le Coz auf den Schrecken angewiesen, den Naturkatastrophen verbreiten und der die Gaffer zum Handy greifen lässt. An ihnen herrscht kein Mangel: Als er etwa nach den Begriffen «Flood Boulder 2013» suchte, präsentierte ihm Youtube 65000 Videos des grossen Hochwassers am Colorado vom Herbst 2013.
Für seinen Test wählte Le Coz Youtube-Aufnahmen von der Sturzflut eines Bachs in den Alpen. Seine Methode zeigte sich traditionellen Schätzungen der Wassermenge überlegen. Allerdings eignen sich nicht alle Amateuraufnahmen für die Forschung. Le Coz erwägt, Feuerwehrleute zu instruieren und bei Hochwasserzonen Schilder mit Anleitungen zu montieren: kein Zoom, keine Schwenks, beide Ufer im Bild, Fliessbewegung erkennbar. Und die wichtigste Anweisung: Riskiere nie dein Leben für eine Aufnahme.
Andererseits ist die Dokumentation risikoreichen oder ethisch diffusen Verhaltens auf Youtube gerade ein Grund, weshalb sich die Wissenschaft dem Videoportal zuwendet. Der Nervenkitzel der Wirklichkeit lässt sich im Labor nicht nachahmen. Bei Überschwemmungen wäre es zum Beispiel nützlich zu wissen, bei welcher Strömung man noch gefahrlos durchs Wasser waten kann. Doch Experimente sind aufwendig und oft fern der Realität, in der Menschen unter Stress stehen und grosse Risiken eingehen. Eine italienische Forschergruppe untersuchte daher 125 Youtube-Videos von Personen, die bei einer Flut im Wasser standen, und bestimmte daraus, wie Fliessgeschwindigkeit, Wasserhöhe und sicherer Stand zusammenhängen.
Youtube in der Verhaltensbiologie
Das grösste Potential als Quelle wissenschaftlicher Daten dürfte Youtube in der Verhaltensbiologie haben. Das Reservoir ist unerschöpflich: Auf über 22 Millionen Kanälen gibt es vom Bakterium bis zum Elefanten jedes Tier in jeder Lebenslage zu sehen. Am Ende der Studie «Hydrodynamics of Defecation» bedanken sich die Autoren etwa beim Youtuber RandomLasagne. Seine Leistung? RandomLasagne hat ein 55 Sekunden langes Video eines kackenden Zebras hochgeladen. David L.Hu und seine Kollegen vom Georgia Institute of Technology in Atlanta benötigten es – und 18 ähnlich appetitliche Clips – für ein universelles mathematisches Modell des Stuhlgangs.
Youtube könnte auch helfen, eines der grössten Rätsel der Verhaltenswissenschaft zu lösen: das Gähnen. Andrew C.Gallup von der State University of New York in Oneonta war schon als Student fasziniert, dass es dafür keine befriedigende Erklärung gab. Später entwickelte er die These, dass Gähnen das Gehirn kühlt und damit weitere Prozesse in Gang setzt. Im Sommer 2015 dachte er über die unterschiedlichen Arten des Gähnens nach und was sie bedeuten mochten. «Da fiel mir ein, dass die Dauer des Gähnens zwischen den Tierarten variieren müsste.» Schliesslich war das Gehirn eines Elefanten grösser und brauchte länger um abzukühlen als jenes einer Maus.
Gallup wusste sofort, wo er Aufnahmen gähnender Elefanten und Mäuse herbekommen konnte, ohne selbst je einen Käfig putzen zu müssen. Er hatte aus Neugierde schon oft bei Youtube den Begriff «yawn» und den Namen einer Tierart eingegeben.
Nach kurzer Zeit hatten er und seine Studenten 205 gähnende Individuen aus 24 Tierarten von Murmeltier bis Schimpanse gefunden. Und tatsächlich hing die Dauer des Gähnens wie erwartet mit der Masse des Gehirns und der Anzahl Gehirnzellen zusammen.
Auch Gallup weiss, dass seine Daten nicht über jeden Zweifel erhaben sind. Einerseits ist unklar, wo, wann und in welchem Zusammenhang die Clips entstanden sind. Andererseits ist es gut möglich, dass die Leute im Internet vor allem ausgeprägte Verhalten teilen, es auf Youtube also nicht durchschnittliches Gähnen zu sehen gab. Doch das ist ein Preis, den er gerne bezahlt angesichts der Mühen, die es ihn gekostet hätte, Aufnahmen von gähnenden Kamelen oder Walrössern auf andere Weise aufzutreiben.
Das Essverhalten von Kindern, der Gang von Beinamputierten, das Schreien von Babies: die Youtube-Forschung hat schon vieles untersucht. Doch immer mussten die Clips dafür von Hand gesucht werden. Fortschritte bei der automatischen Bilderkennung werden diese zeitraubende Recherche in Zukunft erleichtern. Dann wird diese Art der Wissenschaft ihren wahren Trumpf ausspielen können: die schiere Menge an Daten. Die Analyse von Youtube-Videos wird das kontrollierte Experiment zwar nicht ersetzen, doch in manchen Fachgebieten lassen sich zumindest Hypothesen auf Youtube testen, bevor man den Forschungskredit beantragt. Warum eine einzige Versuchsperson aufbieten, wenn sich die Idee, die man unter der Dusche hatte, nach dem Frühstück auf Knopfdruck an 50000 Videos überprüfen lässt? Und vielleicht braucht es dereinst noch nicht einmal eine Idee. Eine künstliche Intelligenz könnte die Millionen von Katzenvideos ganz alleine durchforsten und mit einem tierpsychologischen Modell der Katze zurückkehren.
Sicher ist, dass die Zeit für die Youtube-Forschung arbeitet. Denn nicht nur die Analysewerkzeuge werden besser, auch die historische Tiefe nimmt mit jedem Jahr zu, was die Videosammlung für neue Fachgebiete interessant macht. Was dem Historiker heute Handschriften aus dem Mittelalter sind, wird dem Historiker der Zukunft ein fünfhundert Jahre altes Geburtstagsvideo sein, das zeigt, wie die Menschen Anfang des 21. Jahrhunderts gelebt haben.
Reto U.Schneider ist stv. Chefredaktor von NZZ-Folio.