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Die Beziehung, die wir zu unseren Enkeln haben, ist eine völlig andere als diejenige zu unseren Kindern.
An meine Grossmütter erinnere ich mich bestens, ich denke oft an sie, vor allem, seit ich selber Omi bin. Sie waren starke Frauen, unabhängig und alles andere als «Heimchen am Herd».
Die eine lehrte mich, wie man rittlings vom dritten Stockwerk das Treppengeländer runterrutscht, sie erzählte mir gruselige Märchen vom «Chindlifrässer» und «Struwwelpeter», aber auch von Noah, Moses und dem Weibe Lots. Beim Kochversuch mit meiner Kinderküche ging diese in Flammen auf, was sie nicht weiter beeindruckte – im Gegensatz zu meinem Vater, der im Geiste das ganze Haus in Schutt und Asche sah. Sie hatte stets Schoggi-Stängeli in der Handtasche, um Polizisten, die sie auf den Zebrastreifen hinwiesen, zu besänftigen. Sie kochte merkwürdige Gerichte, hatte immer einen blauen Wellensittich, wärmte die Füsse im Backofen und trug elegante Hüte. Als ich «gross» war, begrüsste sie mich mit den Worten: «Bhüet di Gott, schön bisch hie, Schätzeli». Nie beschwerte sie sich, ich könnte öfters reinschauen oder es plage sie dieses oder jenes Leiden.
Die andere Grossmutter heiratete mit fünfzig einen Mann, der so alt war wie ihr Sohn. Sie durchquerte mit ihm in einem kleinen DKW ganz Afrika, lebte dort mehrere Jahre, und später bereisten sie Australien und fuhren auf dem Landweg über Kambodscha in die Schweiz zurück. Sie baute mit sechzig ein Haus. Noch mit über 100 Jahren verarbeitete sie Gemüse, Obst und Beeren aus dem eigenen Garten. Bei ihr gab es fremd anmutende Schätze zu entdecken, holzgeschnitzte Masken, bunte Glasperlenbänder, exotische Federn, riesige Landkarten, auf denen mit farbigem Garn ihre Reiserouten abgesteckt waren. Sie hatte faszinierende Geschichten auf Lager, von Wüstennächten und Dörfern, in denen das Auftauchen zweier Weissen so ungewöhnlich war, dass die ganze Dorfbevölkerung zusammenlief und man sie bewirtete, als wären sie Könige.
Meine Grossmütter, wie unschwer zu erkennen ist, haben mich tief beeindruckt, ich liebte sie von Herzen. Grosseltern und Enkel haben oft eine sehr besondere Verbindung. Ich würde gar behaupten, dass Grosseltern ihre Enkel oft mehr mit dem Herzen als mit den Augen sehen und die Kinder bei ihnen zuweilen eine Zuflucht finden, die beider Alltag verblassen lässt. Aus meiner Omi-Sicht müssen Kinder viel zu früh ihre Kinderwelt verlassen, sich dem Leistungsdruck, dem Ernst des Lebens beugen. Umso wichtiger ist es, dass Grosseltern mit ihnen Spass haben, sie ein wenig verwöhnen dürfen, ihnen ohne Erwartungen oder gar Zwang Wissen und Erfahrungen vermitteln.
Das Üben Knigge-konformer Benimmregeln überlasse ich gerne den Eltern, und ich weiss, dass kleine Kinder oft nur die Belastbarkeit Erwachsener testen wollen. So brauche ich einen lauten Furz, der bei den Kleinen für grosses Gelächter sorgt, nicht zu kommentieren, und wenn sie mit den Fingern essen, mit offenem Mund kauen oder in der Nase bohren, darf ich getrost darüber hinwegsehen. Das heisst nicht per se, dass ich unanständiges Benehmen toleriere, aber ich muss nicht auf jede Provokation reagieren, gelegentlich reicht ignorieren oder Ablenkung. So überlasse ich die Erziehung meiner Enkel vertrauensvoll den Eltern – was diese begrüssen.
Grosseltern bekommen sozusagen die Schokoladenseite des Zusammenseins mit Kindern. Als Grossmutter darf man sich kleine Albernheiten leisten. Den Wasserstrahl beim Brunnen in der Kirchgasse mit dem Daumen anhalten und dann das Wasser richtig toll über die Strasse spritzen lassen, eben doch mit den Fingern essen, pädagogisch wenig wertvolle Spiele spielen, über einen Rülpser lachen, unsinnige Geräusche von sich geben, mit Schwingbesen, Rösti-Raffel und Pfannendeckeln ein Konzert veranstalten, im Winter draussen ein Eis schlecken und bei der Bettzeit ein oder zwei Augen zudrücken.
Im Umgang mit den Enkeln und beim Beobachten meiner Kinder mit ihren Nachkommen lerne ich viel über sie und mich, und ich erkenne auch, was ich hätte anders, besser machen können: Wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiss. Diese Beobachtungen können schmerzhaft sein, Scham auslösen, richtig wehtun.
Es gehört zum Elternsein, zum Leben schlechthin, dass Fehler passieren. Natürlich – hoffentlich! – würden wir heute nicht alles so machen, wie wir es vor dreissig oder vierzig Jahren taten. Das wäre enorm tragisch, würde es doch bedeuten, dass wir uns nicht entwickelt haben, dass wir in unserer Entfaltung vor Jahrzehnten stehen geblieben sind.
Meine Elternerfahrungen kann ich mit meinen Kindern diskutieren. Ohne zu belehren, zu missionieren! Ich weiss es nicht besser als sie, ich blicke lediglich auf mehr Lebensjahre zurück. Und ich kann die Fehler, die ich gemacht habe, eingestehen. Zugeben, dass ich «es» damals nicht besser gekonnt habe. Wir alle können nicht mehr, als unser Bestes zu geben – selbst wenn das nicht immer das Richtige ist und oft nicht ausreicht. Wir alle wurden – wenn meist auch unbeabsichtigt – verletzt, missverstanden, nicht gehört. Das Eingeständnis der eigenen Unzulänglichkeiten, das kleine Sätzchen «es tut mir leid» macht nichts ungeschehen, aber es befreit und heilt.
Astrid Lindgren sagte: «Es gibt kein Alter, in dem alles so irrsinnig intensiv erlebt wird wie in der Kindheit. Wir Grossen sollten uns daran erinnern, wie das war.» Und vielleicht helfen mein Erinnern und meine Eingeständnisse meinen Kindern, ihre Elternrolle (noch) besser auszufüllen, und meinen Enkeln, eine (noch) unbeschwertere Kindheit zu erleben.