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Anlässlich des 80. Geburtstags von Eberhard Fischer zeigt das Museum Rietberg mit «Kunst im Blick» frühe Fotografien aus dem Archiv des Kunstethnologen und ehemaligen Direktors des Museums Rietberg (1972-1998) und ehrt damit sein bis heute unermüdliches Schaffen für das Verständnis der Kultur Westafrikas und Indiens.
Im Alter von 18 Jahren reist Eberhard Fischer 1960 gemeinsam mit seinem Vater, dem Heidelberger Kunstethnologen Hans Himmelheber (1908-2003), zum ersten Mal in das westafrikanische Landesinnere von Liberia, um das Maskenwesen zu erforschen. Vom Vater angeleitet, assistiert ihm sein Sohn als Fotograf, Dokumentarfilmer, Interviewer und Beobachter, der jeden Arbeitsschritt der Bildhauer beim Schnitzen der Masken oder anderer Objekte minutiös dokumentiert.
Eberhard Fischer filmt die Dan-Bildhauer Si und Tame beim Maskenschnitzen. Foto: © Hans Himmelheber, Liberia Nyor Diaple, 1960. Museum Rietberg.
Der erste Teil der Ausstellung ist dem Aufenthalt im Dorf Nyor Diaple in Liberia gewidmet, wo Himmelheber und sein Sohn die Holzschnitzer-Familie besuchten, mit der der Vater durch frühere Aufenthalte befreundet war. Hier beobachtete Eberhard Fischer, wie sich sein Vater im Umgang mit der Dorfbevölkerung verhielt und übte sich in der Blickschulung der «beobachtenden Teilnahme». Zur Initiation schickte ihn der Vater in den Urwald, wo er während zehn Tagen allein von Dorf zu Dorf wanderte, fotografierte und forschte. Diese Schulung war für Fischer prägend.
Von Tompione (1935-1990) geschnitzter Kopf am Griff eines Zermoniallöffels mit dem Porträt seiner Tochter. Foto: © Eberhard Fischer, Liberia, Nyor Diaple, 1960. Museum Rietberg, Zürich.
Die Grundsätze der teilnehmenden Beobachtung galten in den 1960er- und 1970er-Jahren in der Ethnologie als wichtigste Methode. Dabei galt es, sich nicht nur für die Objekte fremder Kulturen, sondern sich auch für die Menschen durch längeres Zusammenleben zu interessieren und sie wertzuschätzen. Eberhard Fischer entdeckte, dass die Maskenschnitzer ihre Werke zwar nach einem bestimmten Grundmuster herstellten, durch ihre Persönlichkeit jedoch einmalige Kunstwerke schufen. Die Schnitzer beteiligten sich zudem aktiv an den Recherchen und wurden Mitautoren mehrerer von Fischers Publikationen.
Nirona-Töpfer an der Drehscheibe. Foto: © Eberhard Fischer oder Haku Shah, Indien, Matanumadh, 1970-71. Museum Rietberg.
Die ausgestellten Fotografien zum indischen Kunsthandwerk entstanden im Rahmen eines Forschungsprojekts, das Eberhard Fischer nach seinem Ethnologie-Studium in Basel, am National Institute of Design (NID) in Ahmedabad 1965/66 durchführte. Das NID war vier Jahre zuvor von der indischen Regierung gegründet worden, um das Kunsthandwerk in der Gesellschaft aufzuwerten in Anbetracht der voranschreitenden Industrialisierung. In diesem Kontext befassten sich Eberhard Fischer und sein indischer Kollege Haku Shah (1934-2019) gemeinsam mit der Dokumentation und Erforschung von Kunsthandwerk und Kunsthandwerkern in Gujarat.
Eberhard Fischer zeigt einen komplexen Webplan auf Papier, ein Geschenk der Adivasi Weberinnen. Foto: rv
Die ästhetischen Ideale in Fischers Fotografien folgen dem Diskurs zur Bedeutung von Kunst und Handwerk, etwa wenn er künstlerische Elemente bei gewöhnlichen Gebrauchsgegenständen wie Holzwiegen oder Kinderspielzeug erkennt. Durch Nahaufnahmen von unterschiedlichen Schnitzmustern, etwa auf Stützen von Holzliegen, vermittelt er die Variationsbreite indischer Schnitzkunst. Oder er entdeckt über Grenzen hinweg Formen verschiedener Objekte, wie etwa von indischen Wasserkrügen, die sich mit solchen aus Westafrika vergleichen lassen.
Der letzte Teil der Ausstellung präsentiert Fotografien aus Eberhard Fischers Forschungsprojekt im Süden Gujarats, das er zusammen mit Haku Shah durchführte. Im Zentrum steht die Ritual- und Alltagskunst einer bäuerlichen Adivasi-Gruppe. Adivasi meint wörtlich «Ureinwohner», indigene Bevölkerungsgruppen mit eigener Sprache und Kultur, die als Minderheit ausserhalb der hinduistischen Gesellschaftsordnung stehen und bei Hindu-Nationalisten als rückständig und ungebildet gelten. Bis heute gibt es Bestrebungen, Adivasi-Gruppen aus ihren Dörfern zu vertreiben, sie umzusiedeln und zum Hinduismus zu bekehren.
Ein monumentales, doppelköpfiges Holzkrokodil der Adivasi. Foto: © Eberhard Fischer, Indien, Amdavadi, 1969, Museum Rietberg.
Als lokal verwurzelter Künstler konnte Haku Shah seinem Kollegen einen ersten Zugang zu den Adivasi-Dörfern seiner Heimat vermitteln. Mit Serienfotografie wollte Fischer möglichst viel «objektive Realität» einfangen. Es war ihm ein Anliegen, die schon damals in Auflösung begriffene Kultur der Adivasi fotografisch festzuhalten, damit sie wenigsten in Bildern für die nachkommenden Generationen sichtbar bleibt.
Kunstvoll geschnitzte Nudelpresse, die beim rituellen Einsatz mit Silbermünzen geschmückt wird. Foto: © Eberhard Fischer, Indien, Jamkhadi, 1969, Museum Rietberg.
Die Schwarz-Weiss Aufnahmen in den Vitrinen zeigen in einer dichten Folge alltägliche und rituelle Handlungen der Adivasi. So sieht die Betrachterin, wie das doppelköpfige Krokodil, eine der wichtigsten Tiergottheiten der Adivasi Süd-Gujarats, bearbeitet, oder wie Nudeln in einer kunstvoll geschnitzten Nudelpresse rituell hergestellt wurden. Die beiden jungen Forscher hatten zudem auch die Gelegenheit, einem rituellen Begräbnis bei den Adivasi beizuwohnen, was sie mit einem Film dokumentierten, der im Untergeschoss des Museums gezeigt wird.
Alle S/W Fotografien: Geschenk der Erbengemeinschaft Hans Himmelheber, Museum Rietberg.
Bis 10. April 2022
«Kunst im Blick – Fotografien von Eberhard Fischer um 1970 aus Westafrika und Indien», im Museum Rietberg, Zürich
Vgl. auch Beitrag zum Nachlass der Fotosammlung Hans Himmelheber: «Junge Kunst und koloniales Erbe»