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Die alte Kirche
Eine erste, wahrscheinlich dem hl. Mauritius geweihte Kirche dürfte in Seengen bereits im Frühmittelalter entstanden sein, vielleicht um das Jahr 900 oder sogar noch früher. Wie Ausgrabungen im Jahr 1969 gezeigt haben, kann heute von vier Bauperioden ausgegangen werden: eine erste in vorkarolingisch-frühmittelalterlicher Zeit, eine zweite in der karolingischen Epoche, ein dritte in romanischer und zuletzt eine vierte in gotischer Zeit.
Da die alte Kirche 1820 abgebrochen wurde und anlässlich der Grabungen von 1969 keine umfassenden archäologischen Untersuchungen möglich waren, bleiben viele baugeschichtliche Fragen der 1000-jährigen Geschichte der Vorgängerkirche des heutigen Gotteshauses unbeantwortet. Gesichert ist jedoch die um 1490 erfolgte Erweiterung der alten Kirche, welche 1496 neu geweiht wurde und danach bis 1820 in ihrer damaligen Form erhalten blieb. Doch wie sah diese Vorgängerkirche aus?
Dank einer Zeichnung
des damals erst 17-jährigen Zürcher Dichters und Künstlers Johann Martin Usteri
(1763–1827) aus dem Jahr 1780 können wir uns ein Bild der spätgotischen Kirche
von Seengen machen.
Die alte Kirche von Seengen nach einer Zeichnung von Johann Martin Usteri von Norden her gesehen. Links der nördlichen Zugangstür ist die Hallwilgruft angedeutet.
Durch einen ebenfalls von Johann Martin Usteri gezeichneten Grundrissplan, lässt sich die innere
Einteilung des Kirchraumes ableiten.
Grundriss der alten Kirche von Seengen nach Johann Martin Usteri. Gut erkennbar sind: (1) Hallwil-Gruft (letzte Ruhestätte der Herren von Hallwil) ausserhalb der Kirche, Hallwil-Kapelle im Innern der Kirche mit Gewölbedecke, (3) Taufstein, (4) Weitere Kapelle mit Gewölbedecke, (5) Chor, (6) Turm, (7) Zugänge zur Kirche, (8) Kanzel. Rechts ist der Ausschnitt eines alten Schnittes mit der Kirche Seengen um 1780 zu sehen. Er stammt von Jakob Kuhn (Original in der Zentralbibliothek Zürich).
Es handelte sich demzufolge bei der alten Seenger Kirche um ein dreischiffiges Gebäude mit 21 Metern Länge und 16 Metern Breite. Der nach Osten gerichtete Chor war mit 8.5 x 10 Metern fast quadratisch. Trotz der erkennbaren drei Kirchenschiffe lag hier keine Basilika vor, weil sich ein einheitliches Dach über alle drei Schiffe herabzog. Gegenüber dem Chor auf der Westseite der Kirche war in der Südwestecke ein Turm eingebaut. In der Nordostecke des Langhauses lag die gewölbte Hallwilkapelle, deren Deckenfelder mit Heiligenbildern bemalt waren. Sie wurden im Zuge der Reformation von 1528 übertüncht. Ausserhalb des Kirchenraumes, um einige Meter nach Westen verschoben, befand sich die Familiengruft der Herren von Hallwil. Über sie wurde 1820 der neue Kirchturm errichtet. Gegenüber der Hallwilkapelle befand sich eine weitere Kapelle.
Die Wände des Mittelschiffes waren mit Wappen der Familie Hallwil geschmückt. Der Taufstein von 1614 stand am hinteren Ende des Mittelschiffes und wurde später in die Chormitte versetzt. Nach dem Abbruch der Kirche gelangte er nach Egliswil. Die Kanzel befand sich im Übergangsbereich von Chor und Mittelschiff.
Die neue Kirche
Im ausgehenden 18. Jahrhundert sind in den Quellen des Öfteren Klagen zu finden, in welch schlechtem Zustand sich die Kirche befinde. Das Fundament des Gotteshauses und seines Turms bestünde aus «kleinsten, schlechtesten Kiesslen und Feldsteinen», wie Bauchfachleute der zuständigen eidgenössischen Orte Zürich und Bern 1793 feststellen mussten. Eine der längsseitigen Aussenmauern habe sich zudem stark zur Seite geneigt, stehe also nicht mehr senkrecht. Weiter habe sich das Holz des Dachstuhls durch Fäulnis stellenweise als morsch erwiesen. Dann seien die Mauern des Turms viel zu schwach, was zu einem über sieben Meter langen Riss geführt habe. Ständiges Zumauern dieses Schadens nütze nichts. Das Fazit: Eine Renovation kam nicht mehr in Frage.
In kürzester Zeit erstellte Pläne für einen Neubau konnten aus finanziellen Gründen jedoch nicht umgesetzt werden. Als Folge davon ging der Zerfall der spätgotischen Kirche von 1490 unaufhaltsam weiter. Nach einem Blitzschlag im Juli 1797 nahm der Turm weiteren Schaden. Jetzt zeigten sich Risse auf zwei Seiten, die man behelfsmässig mit Eisenbändern reparierte. Das Geläute konnte aber wegen der Instabilität mit Ausnahme der kleinsten Glocke nicht mehr betrieben werden. Also erging der Beschluss, die Glocken aus dem Turm zu nehmen und in ein ‹Glockenhäuschen› neben der Kirche zu verbringen. 1809 fiel ein Teil der Kirchendecke zu Boden. 1816 zeigte die grosse Glocke einen Riss und der Schwengel der kleinen Glocke brach. 1818 hielt nun auch der Kantonsbaumeister – seit 1798 war nicht mehr Bern Landesherrin im Aargau – fest, dass eine Reparatur der maroden Kirche nicht mehr in Frage komme. Im März 1819 erfolgten dann endlich die ersten Vorarbeiten für einen neuen Kirchenbau. Der Grund für die lange Verzögerung war die Gründung der neuen Kirchgemeinde Meisterschwanden-Fahrwangen im Jahr 1817 und die damit zusammenhängende Ausgliederung Meisterschwandens aus der Kirchgemeinde Seengen gewesen, wogegen sich Zürich als Inhaberin der Seenger Kollatur heftig zur Wehr gesetzt hatte.
Anfang April 1820 fand die letzte Predigt im alten Gotteshaus statt. Kaum eine Woche später stürzte der Turm kurz nach dem Mittagsläuten der Länge nach um.
Der Bau der neuen Kirche fand unter der Leitung von Baumeister Jost Kopp (1759–1830) aus dem katholischen Beromünster statt und machte das Jahr 1820 über gute Fortschritte, sodass bereits anfangs Oktober der Dachstuhl aufgerichtet und am 18. November die Einweihung gefeiert werden konnte. Die kurze Phase, in der die Seenger Bevölkerung die Gottesdienste im rund 3 Kilometer entfernten Egliswil besuchen musste, war damit überstanden. Bis der Kirchenbau ganz abgeschlossen war, dauerte es aber noch fast ein weiteres Jahr.
Die beiden neuen, in etwa gleichzeitig entstandenen Kirchen
in Seengen (1820/21) und Meisterschwanden (1820/22) gehen beide auf Pläne des
Architekten Jost Kopp zurück und unterscheiden sich einzig durch ihre Grösse.
Die Grundrisse der beiden Kirchenneubauten von Seengen und Meisterschwanden in den frühen 1820er-Jahren im Vergleich.
Der von Zürich als Kollator ausgerichtete Baukostenbeitrag von 4’000 Franken empfanden die Kirchgemeinde Seengen und der Kanton Aargau als Brüskierung. Dies führte schliesslich 1838 zum Übergang des jahrhundertalten zürcherischen Pfarrbesetzungsrechts von Zürich an den Aargau. 1838 konnte dann erstmals in der Person von Friedrich Sommerhalder von Burg bei Menziken wieder ein Aargauer Pfarrer in Seengen ins Amt eingesetzt werden.
Auch die neue Kirche
von 1820/21 musste im weiteren Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts in mehr
oder weniger regelmässigen Abständen renoviert werden. So kam es 1869 zum
Ersatz der Holzbedachung der Turmkuppel durch eine Blechverkleidung.
Gleichzeitig erhielten der Turmknopf, das eiserne Turmkreuz, die Wetterfahne
und die Kugeln und Zeiger der vier Turmuhrzifferblätter eine neue Vergoldung. Die
Kuppelabdeckung des Turms aus Blech wurde 1901 neu gestrichen und der eben
erwähnte Turmschmuck wiederum neu vergoldet. Im Jahr 1922 erhielt die Kirche
wohl zum 100-jährigen Jubiläum zwei Glasgemälde aus dem Glasmaleratelier Röttinger
in Zürich. Die Turmuhr musste 1947 ersetzt werden.
Die Kirche Seengen in ihrem heutigen Erscheinungsbild von Osten her gesehen1968–1970 fand eine Gesamtrenovation statt. Zuerst wurde unter Leitung der Kantonsarchäologie jedoch eine Grabung durchgeführt, um mehr über die 1820 abgebrochene alte Kirche zu erfahren. Im Innenraum wurden die Röttinger-Glasgemälde von 1922 wieder entfernt und eine neue Heizung eingebaut. Gleichzeitig fand eine Sanierung des Dachstuhls und die Umdeckung auf alte, handgefertigte Ziegel statt. Im Innern wurde ein neuer Sandsteinboden eingebaut und das Gestühl erneuert. Fenster, Emporensäulen und Stukkaturen wurden neu gestrichen bzw. restauriert. Seither steht die reformierte Kirche von Seengen unter eidgenössischem und kantonalem Denkmalschutz. Eine weitere Gesamtrenovation fand 1989 statt. Die Glockenrestaurierung erfolgte 2008, die Deckenrestaurierung 2012/13 und die Verstärkung des Dachstuhls 2013/15.