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Astrochelys radiata ist eine sanfte, sensible und eher pazifistische Landschildkröte. In Gefangenschaft verhält sie sich ausserhalb der Paarungszeit gegenüber Artgenossen beiderlei Geschlechts meist äusserst tolerant und verträglich. Von Hand aufgezogene Strahlenschildkröten werden sehr zutraulich, lasssen sich gerne von Hand füttern und auch am Kopf kraulen. Adulte, zahme Strahlenschildkröten erkennen ihren Pfleger schon von weitem und behindern manchmal mit ihrer neugierigen, aufdringlichen und um Futter bettelnden Art Pflege- und Reinigungsarbeiten im Gehege derart, dass sie vorrübergehend in einen separaten Bereich abgetrennt werden müssen. Weibchen scheinen in der Haltung und Pflege etwas sensibler und stressanfälliger zu sein als Männchen. Wie alle Schildkröten mögen es Strahlenschildkröten nicht, wenn man sie hochhebt. Zahme Tiere tolerieren aber mit der Zeit kurze Hochhebe- und Transportmanöver ohne gleich in einen Stress- oder Abwehrmodus zu verfallen. Wildfänge oder sehr scheue Exemplare reagieren auf Anfassen und Anheben mit sofortigem, ruckartigem Einziehen der Gliedmassen. Dabei ist oft ein fauchendes Geräusch zu hören, das durch den Muskeldruck der eingezogenen Gliedmassen auf die Lungen und das schnelle Ausstossen der Luft durch die Nasenlöcher entsteht. Lässt ein vermeindlicher Störenfried nicht ab, urinieren die Tiere in weitem Strahl aus Abwehr und Protest. Eine verängstigte oder verletzte Strahlenschildkröte kann sich derart fest und krampfhaft in den eigenen Panzer zurückziehen, dass die Gliedmassen kaum mehr von Hand aus dem Panzer gezogen werden können. Dies macht eine Untersuchung und medizinische Behandlung bei Astrochelys radiata oft unmöglich.
Am Tag verbringen Strahlenschildkröten die meiste Zeit mit Futtersuche. Sie sind vor allem am Morgen und am späten Nachmittg aktiv. Während der grössten Mittagshitze dösen sie gerne im Schatten von Büschen und Stäuchern. Während lange dauernden Dürreperioden verkriechen sich die Tiere in Verstecke, um in einer Art Trockenstarre Energie und Ressourcen zu sparen. Die Körperfunktionen und der Stoffwechsel bleiben dabei stark reduziert. Diese Überlebensstrategie ist sowohl in der Wintersaison bei kühlen Nachttemperaturen als auch bei heissen Dürreperioden sehr effektiv und wird stehts durch extreme Trockenheit der Umgebung iniziiert. Die Trockenstarre wird durch die nahende Regenzeit wieder aufgehoben. Das Ansteigen der Luftfeuchtigkeit animiert die Tiere, ihre Verstecke zu verlassen, sich zu Paaren und ausgiebig zu trinken. Warm-feuchte Witterung ist der Triggereiz um den Organismus von Strahlenschildkröten wieder vollständig zu aktivieren. Wasser ist im Südesten Madagaskars ein seltenes, kostbares Gut und wird von Strahlenschildkröten bei Verfügbarkeit immer gierig aufgenommen. Während der Regenzeit sind die Tiere besonders aktiv, so dass auch die meisten Paarungen in diese Zeit fallen. Dieses besonders aktive Verhalten lässt sich auch in Gefangenschaft im Freigehegen vor, während und nach warmen Sommergewittern gut beobachten.
Bei starker und plötzlicher Erregung zeigen Strahlenschildkröten ein ganz besonderes Verhalten. Sie stemmen mit ihren kräftigen Beinen waagerecht und liftartig den Panzer vom Boden hoch, stellen sich ausgestreckt auf die Beine und verharren mehere Minuten in dieser hochgestelzten Stellung. Besonders häufig und reflexartig zeigen die Tiere dieses Verhalten bei einsetzendem Regen oder wenn man sie sanft mit lauwarmen Wasser überbraust. Der Sinn bzw. die Bedutung dieses auffälligen und etwas merkwürdig anmutenden Verhaltens ist nicht bekannt. Wir vermuten, dass diese reflexartige Bewegung evtl. durch bodennahe Vibrationen und niedrige Tonfrequenzen, wie sie von nahenden Gewittern und fallenden Regentropfen verursacht werden, spontan ausgelöst werden könnte. Der plötzliche Erregungszustand ermöglicht es den Tieren, die Lungen schnell mit viel Sauerstoff zu füllen, den Blutdruck zu erhöhen und den gesamten Organismus schneller und temperaturunabhängig zu aktivieren. Die Schildkröte könnte so schneller aus einer Tockenstarre oder einem anderen inaktiven Zustand erwachen und bei einsetzendem Regen möglichst viel Flüssigkeit aufnehmen, bevor er wieder im ausgetrockneten und wasserdurchlässigen Kalkboden versickert. Diese reflexartige «Poweraktivierung» des Organismus könnte eine Anpassung an einen sehr trockenen Lebensraum sein, um möglichst schnell und effizient den Wasserhaushalt wieder regulieren zu können.