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von Brian Cardini
Früher war die Ansicht weit verbreitet, dass unsere Persönlichkeit insbesondere in der Kindheit und Jugend heranreift, sich nach dem Erreichen des Erwachsenenalters jedoch nicht mehr gross verändert. Heutige Forscher gehen hingegen eher von einer lebenslangen Persönlichkeitsentwicklung aus. So konnte beispielsweise die Forschung aus den letzten Jahren zeigen, dass sich die Persönlichkeit junger Erwachsener grösstenteils in eine erwünschte Richtung entwickelt: Junge Erwachsene werden zunehmend verträglicher, gewissenhafter und emotional stabiler. Spannenderweise scheint sich diese Reifung in der Persönlichkeit über alle Kulturen hinweg zu zeigen.
Forschende sind sich aber uneinig darüber, welche Prozesse zu dieser Persönlichkeitsreifung beitragen. Die Fünf-Faktoren-Theorie von McCrae und Kollegen geht davon aus, dass Stabilität und Veränderung in der Persönlichkeit ausschliesslich auf biologische Faktoren zurückgehen, die wiederum hauptsächlich von unseren Genen bestimmt werden. Die Theorie sagt dementsprechend voraus, dass der Verlauf der Persönlichkeitsentwicklung kulturell unabhängig und universell ist. Im Gegensatz dazu argumentiert die soziale Investment-Theorie von Roberts und Kollegen, dass altersabhängige Lebenstransitionen, wie beispielsweise der Bildungsabschluss, der Berufseinstieg, die Heirat, oder das Elternwerden, unsere Persönlichkeitsentwicklung entscheidend mitbeeinflussen. Laut der Theorie gestalten junge Erwachsene ihre Persönlichkeitsreifung aktiv mit, indem sie sich mit diesen neuen, sozialen Rollen auseinandersetzen. Interessanterweise können sich Kulturen stark in ihrer Erwartung unterscheiden, wann diese sozialen Rollen von den Mitgliedern der Gesellschaft eingenommen werden sollen.
Die beiden Theorien machen unterschiedliche Vorhersagen darüber, wie sich Kulturen mit verschiedenen Erwartungen an den Zeitpunkt, zu dem diese sozialen Rollen eingenommen werden sollen, in der Persönlichkeitsreifung unterscheiden. Die Fünf-Faktoren-Theorie sagt voraus, dass sich Menschen aus allen Kulturen zu ähnlichen Zeitpunkten in ihrer Persönlichkeit entwickeln. Die soziale Investment-Theorie nimmt dagegen an, dass junge Erwachsene eine schnellere Reifung in jenen Kulturen zeigen, in denen diese sozialen Rollen früher eingenommen werden.
Wiebke Bleidorn und Kollegen machten es sich zum Ziel, die unterschiedlichen Vorhersagen dieser Theorien zu untersuchen. Dafür führten die Autoren eine grossflächig angelegte querschnittliche Online-Studie durch. Insgesamt konnten in dieser Studie Daten von 884'328 Personen im Alter von 16 bis 40 Jahren aus 62 verschiedenen Kulturen berücksichtigt werden. In einem ersten Schritt erhoben die Autoren die Veränderung von zentralen Persönlichkeitseigenschaften in jungen Erwachsenen und erforschten dann in einem zweiten Schritt, ob sich die Kulturen im Zeitpunkt, zu dem diese Veränderungen auftreten, unterscheiden. Wie erwartet zeigte sich ein eindeutiges Reifungsbild der Persönlichkeit: Die Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, und emotionale Stabilität nahm im jungen Erwachsenenalter zu. Die Stärke dieser Zunahme unterschied sich jedoch unter den Kulturen. Junge Erwachsene reiften schneller in solchen Kulturen heran, in denen der Berufseinstieg generell früher erfolgt.
Die Ergebnisse von Bleidorn und Kollegen sprechen für die soziale Investment-Theorie. Obwohl die Persönlichkeitsreifung im jungen Erwachsenenalter ein universelles Phänomen zu sein scheint, gibt es dennoch erhebliche kulturelle Unterschiede im Zeitpunkt und in der Stärke dieser Veränderungen. Dabei scheint die Übernahme von neuen, sozialen Rollen die Persönlichkeitsreifung zu begünstigen. Zukünftige Studien sollten aufzeigen, dass diese Veränderungen nicht nur in einem querschnittlichen Design mit einem Messzeitpunkt auftauchen, sondern auch, wenn Personen über mehrere Messzeitpunkte hinweg gemessen werden.
Literaturangaben:
Bleidorn, W., Klimstra, T. A., Denissen, J. J. A., Rentfrow, P. J., Potter, J., & Gosling, S. D. (2013). Personality maturation around the world: A cross-cultural examination of social-investment theory. Psychological Science, 24, 2530-2540.
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