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Die Methode war zumindest originell: Professor Rosling bat rund 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Jahreskonferenz, mittels einer interaktiven Bedienkonsole sechs Fragen über den Zustand der Welt zu beantworten. Er zeigte damit, dass der Kenntnisstand der Öffentlichkeit über die demografische Entwicklung, die Durchimpfungsraten und die Lebenserwartung auf weltweiter Ebene häufig unzureichend ist. Fazit: Nur gestützt auf solides Wissen kann die Entwicklungszusammenarbeit ihren Auftrag optimal erfüllen.
Professor Rosling, Ihre Botschaft ist unmissverständlich: Die breite Öffentlichkeit ist über entwicklungspolitische Fragen schlecht informiert.
Ich würde sogar weitergehen und behaupten, das gilt auch für viele Fachleute. Ich bin häufig schockiert über die Ergebnisse meiner Umfragen. Wer weiss schon, dass die durchschnittliche Impfrate bei Masern bei Kindern unter fünf Jahren 87 % beträgt? Wer weiss, dass die Menschen heute weltweit durchschnittlich 70 Jahre alt werden? Zu wenige. Dabei sprechen die Zahlen für sich. Und die Ergebnisse sind sichtbar.
Im Bereich der Bevölkerungsentwicklung sagen Sie voraus, dass im Jahr 2100 zwei Kinder pro Paar die Norm sein werden, auch in Afrika.
Nehmen Sie die Hauptstadt von Äthiopien, Addis Abeba: Die durchschnittliche Fertilitätsrate beträgt dort heute1,6 Kinder pro Frau. Ich habe keinen Zweifel daran, dass es Afrika gelingen kann, seine Geburtenraten zu senken. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Bevölkerung schrumpfen wird. Im Gegenteil: Die Bevölkerungszahl in Afrika wird sich aufgrund des demografischen Trägheitseffekts und der steigenden Lebenserwartung verdoppeln oder verdreifachen. Im Zuge einer besseren Bildung und der Senkung der Kindersterblichkeit werden letztlich aber alle Paare auf der Welt weniger Kinder haben.
Es besteht also kein Anlass zur Beunruhigung?
Man hält mich zu Unrecht für einen gutgläubigen Optimisten. Natürlich kann ein Krieg, eine Pandemie oder eine grosse Finanzkrise alles zunichtemachen. Aber ich möchte der oft heraufbeschworenen Gefahr einer Bevölkerungsexplosion die realen Fakten und die Verhaltensänderungen entgegenhalten, die in unseren westlichen Gesellschaften und auch in vielen Schwellenländern stattgefunden haben.
Ihrer Meinung nach hat die Mehrzahl der Länder also mehr Fortschritte im Gesundheitsbereich erzielt als bei der Reduktion der Armut. Wie ist diese ungleiche Entwicklung zu erklären?
Im Gesundheitsbereich haben wir im Laufe der Zeit neue Technologien entwickelt, das Wissen verbessert. Und vor allem haben wir endlich ein paar dumme Praktiken aufgegeben, wie beispielsweise stillende Mütter zur Verwendung von künstlicher Milch anzuhalten, oder Verhütungsmittel und Abtreibungen zu verbieten. Diesbezüglich hat sich mein Heimatland Schweden bis zu den Liberalisierungen im Jahr 1958 quergestellt. Andererseits ist es sehr viel schwieriger, solide Institutionen aufzubauen, die ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum gewährleisten können.
Sie bestreiten nicht, dass es in den Randregionen gewisser Länder stellenweise immer noch extreme Armut gibt. Was soll man den Pessimisten entgegnen, die glauben, dass namentlich Afrika es niemals schaffen wird?
Dass wir den Kampf gewinnen werden. Auf dem Höhepunkt der Ebola-Epidemie erhielt ich einen Anruf der liberianischen Regierung mit der Bitte, die Entwicklung der Epidemie zu analysieren und sie bei der Krisenbewältigung zu unterstützen. Ich habe nur Bewunderung übrig für das hochprofessionelle Engagement einer Hand voll hochrangiger Vertreter des Gesundheitsministeriums. Und gleichzeitig wurde mir klar, wie stark man den reichen Norden in Angst versetzen muss, damit den Ländern des Südens wirksame Mittel zur Verfügung gestellt werden. Es ist hart, aber schliesslich hat es sich gelohnt. Ich schliesse daraus, dass mit Beharrlichkeit und echtem Willen auch der Kampf gegen die Armut zu gewinnen ist. Wir müssen in erster Linie in die schwächsten Länder und Regionen investieren.
Das tun die DEZA und viele andere Geber bereits.
Aber viel zu wenig! Erklären Sie mir, weshalb die Ärmsten weniger öffentliche Entwicklungshilfe erhalten als die Menschen in Schwellenländern. Die Zahlen sprechen einmal mehr für sich: Die internationale Gemeinschaft gewährt der Zentralafrikanischen Republik weniger öffentliche Entwicklungshilfe als China. Das ist ein echtes Problem, das uns zu denken geben sollte.