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Da rennt er, die Schnürsenkel nur halbwegs gebunden, eben so, dass es gerade reicht. Bis zur Zugtür, bis zum Raucher, der nervös an seiner Zigarette zieht und dabei regelmässig mit dem Fuss aufs Trittbrett stampft. Locker hüpft der Angekommene in den Zug, stark atmend natürlich, und findet einen Platz. Er findet immer einen Platz. Obwohl er die vollen Züge satt hat, ist es doch besser für ihn während der Rush Hour zu fahren. Dann, wenn seine Artgenossen es auch tun, denn sie verstehen die Regeln. Die Regeln des Zugfahrens. Der Höflichkeit wegen murmelt er noch immer keuchend die Worte: „Ist da noch frei?“, wobei er sich noch im selben Moment setzt und der bereits sitzenden Person ein paar Sekunden bleiben, um die Tasche vor dem Verdrücktwerden zu retten. Man sieht ihn nicht gerne, weil er immer etwas genervt ist. Der Profipendler.
Obwohl die Spezies Pendler von den Fahrzeugen Nutzen zeihen, die bereits im Namen suggerieren, dass sie für die Öffentlichkeit verfügbar sind, schätzen sie es doch sehr unter sich zu sein. Aus dem einfachen Grund, weil alle anderen das Zugfahren nicht verstehen, was mit um der Grund für sein genervtes Dasitzen ist. Die Frau neben ihm zieht aus der soeben geretteten Handtasche ein Schinkensandwich und beisst gierig hinein. Der Pendler tut das nicht. Er isst nicht im Zug und schon gar keine riechenden oder warmen Dinge. Genervt greift er zu seinem wichtigsten Utensil, das bereits griffbereit in der Jackentasche liegt und nur darauf wartet, in die Ohren gesteckt zu werden. Der Pendler macht niemals den Fehler, seine Kopfhörer zu vergessen, oder fast nie. Seine Telefonate beschränken sich auf die Worte. „Bin im Zug, melde mich später.“ Er redet nicht. Er hat kein Gepäck auf dem Sitz. Er geht nicht aufs WC. Er nimmt nicht seine Kinder mit. Er zieht nie seine Schuhe aus. Er löst kein Billett. Er sitzt einfach da und döst vor sich hin.
Der Schinken ist gerade dabei, in der Majonäse zu versinken und kurz davor, im Mund der Sitznachbarin zu verschwinden. Die Symbiose resultiert in einem ekelerregenden Gestank. Trotzdem, der Profipendler schafft es in seinen obligaten Erholungsschlaf zu fallen. Aber nicht irgendwie, er beherrscht es, den Mund geschlossen zu halten, die Tasche so umwickelt zu haben, dass sie ihm niemand klauen könnte, keine Geräusche von sich zu geben und den Kopf nicht rhythmisch fallen zu lassen. Nicht nur das, er beherrscht es auch, alle Geräusche, bis auf die Aussagen der utsprecher gekonnt auszuschalten. Trotzdem bemerkt er, dass die Leute nervös werden, beginnen zu packen. Der Reiseführer einer Seniorengruppe lärmt durchs Abteil: „Jetzt müssen wir uns dann beeilen,“ und ermutigt damit seine Anhänger ebenso nervös herumzuzappeln. Das Gestolper beginnt, noch mindestens drei Haltestellen bis zum Ziel, entnimmt der noch immer dösende Pendler dem Verhalten der Masse. Vor den Türen tummeln sie sich, um den letzten Part ihrer Reise stehend zu verbringen, startbereit, den Ausstieg nicht zu verpassen.
Dann, der Zug fährt ein, die Senioren balancieren aufs Terrain und bleiben unmittelbar vor der Tür stehen. Und da flitzt er wieder, der Pendler, genervt zieht er schwungvoll seine Tasche mit sich und schlängelt an den Stehengebliebenen geschickt vorbei. Er eilt, das tut er am Bahnhof immer, er bleibt nie stehen und schaut nicht zurück.