Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03299.jsonl.gz/2339

Als Antje und Yvette ein weitverzweigtes Tunnelsystem unter ihrer DDR-Kleinstadt entdecken, können sie ihrem wissenschaftlichen Eifer endlich ungestört nachgehen und an ausgefallenen Apparaturen herumbasteln. Doch dann beobachtet Antje, wie ihre Schwester sich zunehmend verändert und einen gefährlichen, aber weltverändernden Plan fasst: Kann sie gar die Mauer zum Einsturz bringen?
Die Welt von übermorgen
Ich hatte der erstbesten Arbeiterin meine Glückwunschkarte in die Hand gedrückt und dafür ein dickes Buch geschenkt bekommen, dessen Schutzumschlag die Erde und einen darum kreisenden Satelliten zeigte. Hinter der Frau ratterte das Fließband weiter, und ich machte mir Sorgen über den Rückstand, den sie aufholen musste. Die Arbeiterin sagte noch etwas, aber ich wollte schnell fort. Ich drückte das Buch gegen meine Brust, rannte davon und fand mich in einer anderen Halle wieder. An einer Wand hingen Schutzbrillen, die mir gefielen, obwohl es nur billige Dinger aus Plastik waren. Ich blickte mich um, schnappte mir eine der Brillen – ich konnte sie bei meinen Experimenten gut gebrauchen –, schob sie in den Ärmel meines Pullovers und bemerkte erst jetzt, dass ein Wachmann mich beobachtete. Zum Glück glotzte der nur und begriff nichts, sodass ich genug Zeit hatte, mich unter eine andere Schulklasse zu mischen, die gerade dabei war, das Büromaschinenwerk zu verlassen.
Zu gehen, ohne etwas zu sagen, war eine schlechte Angewohnheit von mir. Aber nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil ich es vor Aufregung oft einfach vergaß. Erst auf dem Feldweg zur Tongrube wurde ich ruhig genug, um das Geschehene zu überdenken. Hatte jedes Kind ein Buch bekommen? Oder war ich mit dem Klasseneigentum geflohen? Ich blickte zum Büromaschinenwerk zurück, dessen Flachbau nur noch als ein grauer Streifen am Horizont lag. Niemand war mir gefolgt. Ich wischte über den Buchumschlag und las erst jetzt den Titel: Die Welt von übermorgen. Das klang vielversprechend. Seit Yvette und ich das Teleskop gebaut hatten, interessierten wir uns für das Weltall, und damit auch für die Erde. Und im Gegensatz zu meiner kleinen Schwester interessierte ich mich auch für Menschen; sie waren so etwas wie schwarze Löcher für mich, sie machten mir Angst, zogen mich aber trotzdem an.
Yvette saß mit geschlossenen Augen am Ufer der Tongrube, neben ihr miauten drei Katzen in einem Käfig. Da sie erst in die siebte Klasse ging, hatte sie noch keine Verpflichtungen gegenüber einer Patenbrigade. Ihre Füße steckten bis zu den Knöcheln im Wasser, und in ihren Händen hielt sie ein Stück Käse, der durch zwei Plastikschläuche mit ihrer Nase verbunden war. Sie hatte die Augen geschlossen und machte ein Gesicht, als würde sie aufmerksam lauschen. Yvette war besessen davon, Düfte nicht nur zu riechen, sondern auch zu hören.
Als die Katzen mich sahen, fauchten sie mich an, während Yvette die Schläuche aus der Nase zog.
»Wartest du schon lang?«
»Nö.«
»Guck mal!« Ich hockte mich neben sie ans Ufer und zeigte ihr die Schutzbrille und das Buch. Die Brille untersuchte sie nur kurz, aber das Buch hielt sie sich zunächst unter die Nase, dann an ihr Ohr. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich ein paar Sekunden lang auf die Informationen, die im Papier steckten.
Anfangs hatte ich mich darüber lustig gemacht, dass Yvette angeblich Gerüche hören konnte, bis ich diese Fähigkeit bei mir selbst entdeckte. Ich blieb allerdings eine Dilettantin und nahm mein synästhetisches Talent hin wie einen Fuß, der von Geburt an nur vier Zehen hat, oder wie eine tiefe Stimme, für die man ja auch nichts kann. Yvette dagegen trainierte ihre Begabung.
»Schade«, sagte sie endlich. »Das ist es nicht, nein.«
Sie schüttelte enttäuscht den Kopf. »Kommt nicht an den Käse ran … weiß nicht … Käsegebläse.«
Mit der Sprache, die ich oder Vater oder die Leute in der Stadt benutzten, hatte Yvette schon immer ihre Probleme. Sie formulierte selten einen vollständigen Satz, und sprach außerdem sehr schnell.
»Es ist zum Lesen gemacht«, sagte ich, »nicht zum Riechen.« Ich nahm ihr das Buch aus der Hand und schlug es an einer beliebigen Stelle auf.
»Weiß ich«, sagte sie. »Riechen ist wie Lesen oder eigentlich noch besser … nichts hat keinen Geruch.«
Ich blätterte durchs Buch, das uns die vom Kapitalismus befreite Welt von morgen vorstellte. Yvette schaute mir über die Schulter, zeigte ab und zu auf eine der bunten Abbildungen und fragte aufgeregt, wie die seltsamen Geräte funktionierten.
»Hinten gibt es detaillierte Baupläne und sogar einen Thesaurus.«
»Einen was? Können wir den nachbauen? Zeig mal!«
»Keine Zeit, wir müssen los«, sagte ich und stand auf. Ich nahm das Buch, hob den Katzenkäfig an und setzte mir die etwas zu große Schutzbrille auf. Wegen der im Plastik eingeschlossenen Luftbläschen sah es aus, als ob ich in ein Aquarium blickte: Die Bäume waren lodernde Schlingpflanzen, die Vögel waren Fische. Diese Art von Verwandlung gefiel mir ausgesprochen gut. Alles wirkte ein wenig künstlich und miniaturhaft.
Der kürzeste Weg zum Katzenmann, mit dem wir verabredet waren, führte den Bach entlang durch ein Wäldchen. Ich ging voran, während Yvette mir – eine Melodie summend, die angeblich aus dem Käse kam – folgte. Sie achtete niemals auf den Weg und überließ es immer mir, die Entscheidungen zu treffen. Meistens war sie zu sehr mit einzelnen Eindrücken beschäftigt und verlor schnell das Gefühl für größere Zusammenhänge. Auf die oft gestellte Frage nach unseren Berufswünschen antwortete ich meistens mit »Wissenschaftlerin« und sie mit »Nasenkünstlerin
«. Sie hielt das tatsächlich für einen realistischen Beruf.
Der Katzenmann lebte am Stadtrand wie wir, etwa vier Kilometer von unserem Haus entfernt, und er zog Katzen an wie ein Magnet. Über ihn gab es viele Gerüchte. Manche in der Stadt behaupteten, er wäre geistig zurückgeblieben und gehöre nach Mühlhausen, wo sich damals eine psychiatrische Klinik befand. In einem Vortrag an unserer Schule hatte unser Abschnittsbevollmächtigter Worgitzky ihn mal als »asoziales Element« bezeichnet und uns Kinder vor ihm gewarnt, was nur zur Folge hatte, dass ich mich noch mehr für ihn interessierte.
An den durchs Gebüsch streunenden oder in der Sonne liegenden Katzen erkannten wir, dass wir uns seiner Bretterbude näherten. Er saß im Unterhemd auf einer Bank neben dem Eingang und grillte ein auf einen Stock gespießtes Stück Fleisch über einer brennenden Mülltonne. Seine Arme und Beine waren dünn, und seine glatten, schwarzen Haare hingen unterschiedlich lang von allen Seiten des Kopfes herunter. Die ausgeleierte Hose musste er mit einer Hand festhalten, als er aufstand. Er freute sich offensichtlich, uns zu sehen, sprang barfuß auf und ab wie auf glühenden Kohlen und rief: »Broilerplaste Traktorist!«
Ich blickte fragend zu Yvette, die nur mit den Schultern zuckte, während der Katzenmann mehrmals in die Hände klatschte. Zwischendurch schnappte er immer wieder seine Hose.
»Guck mal, die ist ihm viel zu groß! Ob ihm Papas Klamotten passen würden?«, fragte Yvette.
»Dissonant penetrant, he, he … dissident Präsident!« Der Katzenmann machte eine Pause und sah uns mit großen Augen an, als ob er eine Antwort von uns erwartete. Meistens hatten wir keine Ahnung, was er wollte oder wovon er sprach, aber er war zu einer nützlichen Bekanntschaft für uns geworden, seit wir herausgefunden hatten, dass Tierkörper hervorragende geruchsleitende Eigenschaften besaßen. Wir benötigten Kadaver als Bauteile für einen Apparat, an dem wir seit ein paar Wochen bastelten. Da wir es aber nicht übers Herz brachten, die Tiere zu töten, nahmen wir die Hilfe des Katzenmanns in Anspruch. Er sammelte die toten Tiere von der Straße auf oder kümmerte sich um sie, wenn sie im Sterben lagen. Wir mussten ihm die toten Katzen mit lebenden bezahlen. Ich sagte mir, dass er uns wahrscheinlich mochte, weil wir ebenfalls am Stadtrand wohnten. Und weil wir auch ein wenig anders waren.
»Hier sind ein paar Katzen.« Ich stellte den Käfig auf den Boden und machte einen Schritt zurück. Der Katzenmann sollte mir keinesfalls zu nahe kommen.
»Obmessböker?« Er hielt mir den Bratspieß entgegen.
»Oh, danke …« Ich hob abwehrend beide Hände.
»Hab schon gegessen.«
Er lehnte den Spieß gegen die Bank, nahm eine Katze aus unserem Käfig und hielt sie prüfend in die Höhe. Sie strampelte in seinen Händen und miaute, aber als er sie streichelte, gab sie plötzlich ein Schnurren von sich, das fast wie menschlicher Gesang klang. Dann steckte er zwei Finger in das Maul des Tieres und stocherte darin herum, als ob er etwas suchte.
Ich riss mir die Schutzbrille vom Gesicht und hielt schnell meine Hand vor Yvettes Augen, doch sie stieß sie weg und sagte: »Lass mich, ich will das sehen!« Der Katzenmann schloss seine Augen, schien sich zu konzentrieren und zog ein altes Bonbon aus der Katze. Ohne Zögern steckte er es sich in den Mund.
»Mmmm … Kaskadeur tanzt in den Kellern!«
Er rieb sich seinen Bauch und bewegte seine Hüfte schlangenhaft wie ein Tänzer, wobei der Träger seines Unterhemds von seiner knochigen Schulter rutschte und eine behaarte Brust offenbarte. Am liebsten hätte ich Yvette noch mal die Augen zugehalten – was aber gar nicht nötig war, denn ihre Augen waren schon geschlossen, während sie ein Ende des Schlauchs, das sie aus dem Käse gezogen hatte, mit ausgestrecktem Arm in Richtung der Katze hielt. Sie sah aus wie eine Dokumentarfilmerin, die mit einem Mikrofon seltene Tiergeräusche aufnahm. Der Katzenmann beendete seinen Tanz, ließ einen fahren und lachte. Ich hielt mir meine Nase zu und setzte mir die Schutzbrille wieder auf, während Yvette das alles nicht zu stören schien. Das war etwas, was ich an ihr immer wieder bewunderte. Ihre Kompromisslosigkeit, ihre wissenschaftliche Strenge. »Kannst du uns die toten Tiere schon mal geben? Wir brauchen wie immer nur die Köpfe.« Ich wollte nicht dabei sein, wenn er die anderen Katzen ebenfalls untersuchte. »Unser Vater wartet auf uns.«
Auf die Erwähnung unseres Vaters reagierte er mit einem ernsten Nicken. Er nahm den Käfig, verschwand hinter seiner Hütte und kehrte kurz darauf mit einem vollen Kartoffelsack zurück. Ich legte das Buch auf den Waldboden und öffnete den Sack, der voller dunkler, getrockneter Blutflecke war. Die zehn Katzenköpfe sahen aus wie nasse Knäuel aus grauer und schwarzer Wolle. Ich spürte ein Kribbeln in meinem Nacken, als ob tausend Spinnen auf mich fielen.
Yvette und ich griffen jeweils einen Zipfel des Sacks. Wir verabschiedeten uns und gingen eilig davon, denn ganz geheuer war uns dieses Geschäft nicht. Dass ich das Buch Die Welt von übermorgen auf dem Waldboden liegengelassen hatte, fiel mir erst später ein.