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Ski schon vor 132 Jahren in einem französischen Roman
VON D. FISCHER ', BADEN
Ist das möglich? werden Sie sich beim Lesen dieses Titels fragen. Der Ski in der westeuropäischen Literatur zu einer Zeit, als die Freude an der alpinen Naturschönheit erst am Erwachen war und ihren Niederschlag höchstens in wissenschaftlichen Werken fand? Nur ganz allmählich stellte sich ja die Begeisterung für das Hochgebirge in der Zeichen- und Malkunst ein. Und noch eine Weile dauerte es, bis sie sich auch in der Dichtung offenbarte.
Aber nun gar eine winterliche Bergtour und ihre Ermöglichung durch den Ski, wo doch dieses nordische Verkehrsmittel in Mitteleuropa erst gegen Ende des letzten Jahrhunderts bekannt wurde und noch jahrelang nur als touristisches Hilfsmittel zur Ermöglichung eines leichteren und schnelleren Abstiegs von Pässen und Gipfeln im Schwarzwald, im Jura, in den Vogesen und in den Voralpen Verwendung fand? Vorher hatten sich die Bergler und auch unsere Pioniere des Winteralpinismus je nach der Gegend hölzerner, mit Schnüren an die Stiefel gebundener Leiterchen oder ovaler Schneereifen bedient, um im Tiefschnee und im Bruchharsch besser vorwärtszukommen.
Aber tatsächlich beschrieb schon um die Mitte der dreissiger Jahre des 19. Jahrhunderts der französische Schriftsteller Honoré de Balzac ( 1799 bis 1850 ) in dem eigentümlichen Roman « Séraphita » eine Bergbesteigung in Norwegen auf Ski. Ausgerechnet er, der doch noch keinen solchen Schneeschuh hatte sehen können und noch nie in einem der skandinavischen Länder gewesen war. Zudem war er infolge seiner völlig sitzenden Lebensweise frühzeitig korpulent geworden, dem Trunke, aber freilich auch einem rastlosen Schreibfieber verfallen.
Mit seinem umfassenden Hauptwerk, der « Comédie humaine », deren wohl bedeutendste Romane « Le Père Goriot » und « Eugénie Grandet » sind, gilt Balzac als der repräsentativste Vertreter der Übergangszeit von der Romantik zum Naturalismus in der französischen Literaturgeschichte. Bei dem erwähnten Buch « Séraphita » handelt es sich jedoch im Grunde um ein Werk, das im Gewande eines 1 Als Quelle diente der im Jahrbuch 1933 des Schweizerischen Skiverbandes in französischer Sprache erschienene Aufsatz von Charles Gos: « Honoré de Balzac et le ski ».
Romans eigentlich die mystizistische Gedankenwelt des Philosophen Swedenborg wiedergeben wollte. Der Faden der Liebesgeschichte ist dünn und schwach. Der sonst so phantasiestarke Dichter erliegt hier seiner Tendenz. Und in der Beschreibung jener nordischen Landschaft ist er auf Schritt und Tritt bloss Gelesenem oder Vernommenem verpflichtet - oder dem, was er an Bergen in der Schweiz gesehen hatte ( wovon noch die Rede sein wird ). Dem aufmerksamen Leser muss denn auch die gehemmte Schreibweise des sonst doch so gewandten Schriftstellers auffallen. Um so verwunderlicher ist die bis in manche Einzelheit genaue Schilderung solcher Latten, wie sie jenes Liebespaar zu der allerdings phantastisch schwebend und mühelos dargestellten Besteigung des polarwindumtobten, während des strengen Winters 1799/1800 tiefverschneiten Gipfels im Massiv des Falberg beim Stromfjord und zur erst recht beschwingten Abfahrt benützt. Vom Dichter ist freilich sowohl dieser Berggipfel als das Hilfsmittel zu seiner Bewältigung ganz und gar symbolhaft als der erhabene Ruf nach einem vergeistigten Empor gedacht. Die Ski des Mädchens sind ein Klafter, d.h. etwa 1,95 Meter, die des jungen Mannes aber doppelt so lang, also gegen 4 Meter. Zwar waren jene nordischen und auch unsere Ski der Frühzeit, entsprechend dem Tiefschnee und ihrer Verwendungsart, länger als heutzutage und vorne viel stärker aufgebogen.
Davon weiss der Schreibende auch noch etwas zu erzählen, hatte er als bloss Mittelgrosser doch während eines Winter-Grenzdienstes zur Zeit des Ersten Weltkriegs von einem alten Onkel aus Ste-Croix ob Yverdon 2,30 Meter lange Bretter mit Meerrohrbindung erhalten, die sich dieser einst aus Norwegen hatte kommen lassen, und dazu einen langen Haselstock, unten versehen mit einer winzigen Metallscheibe und oben mit einer durch ein Löchlein geführten Lederschlaufe. Obschon diese Ski schon stark abgenützt und überhaupt veraltet waren, erhielten sie bei der Schätzung zwecks Versicherung einen hohen Wert zuerkannt, weil sie aus Hickoryholz statt, wie die meisten ganz oder fast neuen, aus Eschenholz waren. Aber anstelle der gefährlichen Meerrohrbindung war damals bereits die aus Lederriemen mit Strammer und einem Stemmloch durch den Ski im Gebrauch oder neben ausländischen Marken eine umständliche Langriemenbindung. Ein Berner Oberländer im gleichen Zug, der uns Baslern zugeteilt war, sprach mir den langen Stock ab und lieh mir dafür ein paar eher kurze Stöcke mit grossen Meerrohrtellern. Und bald erkannte ich, dass der Kamerad auch mit seiner Warnung vor der sich bei einem Sturz nicht leicht zu lösenden Bindung recht gehabt hatte. Im Aufstieg liess sich der Absatz der breiten, runden Bergschuhe mit aufgenageltem Riemchen kaum höher heben als beim heutigen Kabel-Diagonalzug, wenn dieser nicht ganz auf höchste Spannung eingestellt ist.
Darum war es für die Skifahrer der Frühzeit wie eine Erlösung, als die Firma Attenhofer in Zürich eine Tourenbindung anbot, die kein Stemmloch mehr benötigte und daher im Aufstieg sehr angenehm war - bis auf die Schneestollen unter den genagelten Ledersohlen! Aber als der Telemarkbogen mehr und mehr durch den Christianiaschwung verdrängt wurde und ein Diagonalzug bloss durch die « Amstutzfeder » mit Riemchenbefestigung um den Knöchel bewirkt wurde, konnte dieser Christbaumschmuck bald nicht mehr befriedigen. So kamen denn ungefähr gleichzeitig mit immer raffinierteren Skischuhen und Gummisohlen auch die verschiedenen Kabelbindungen auf.
Nun aber zurück ins 19. Jahrhundert! Und die Breite der Ski, wie Balzac sie angibt? Schmal wie ein Kinderfuss! Denken wir da nicht an moderne Langlaufski, die aber für eine vorbereitete Loipe berechnet sind, in der sie möglichst ungebremst gleiten sollen? Die Dicke der Bretter wird mit « kaum zwei Finger breit » angegeben. Die Bindung besteht aus Seehundsfellriemen. Und um die allerdings auch so noch unglaubhafte Behendigkeit des Aufstiegs zu erklären, erwähnt der doch ganz unsportliche Verfasser wahrhaftig nicht etwa unter den Ski befestigte Tannenzweige, sondern Steigfelle aus Rentierfell und beschreibt sogar eine Spitzkehre richtig. Nur sagt er kein Wort von dem einst einzeln gebrauchten Skistock, der mit beiden Händen schräg vor dem Körper gehalten wurde und bei einer solchen Länge der Bretter um so notwendiger zur Erhaltung des Gleichgewichts war.
Sicher ist, dass Balzac kurz vor und während der Inangriffnahme seines erwähnten Romans sich in der Schweiz, nämlich 1833 in Neuenburg und ein Jahr später in Genf, aufhielt und dort angesichts der schnee- und eisbedeckten Hochalpen von seiner Geliebten und nachmaligen Gattin, der alt-adligen polnischen Gräfin Eveline de Hanska, veranlasst wurde, ein geistig höherstehendes Werk, « etwas Erhabenes », zu schreiben. Das waren seine bisherigen Romane offenbar in ihren Augen nicht, da sie diese prüde, aber überschwängliche Dame durch eine stellenweise starke Sinnlichkeit abgestossen hatten.
So tat nun eben bis gegen Ende 1835 der französische Dichter, was schon genau 30 Jahre früher Friedrich Schiller in seinem « Wilhelm Tell » getan hatte: Er beschrieb ein ihm unbekanntes Land und dessen andersgeartetes Volkstum bloss auf Grund der Lektüre einschlägiger Bücher und auf mündlichen Mitteilungen fussend. Nur hatte Honoré de Balzac nicht das Glück, einen Ägidius Tschudi und einen Johannes von Müller als gründliche Kenner von Land und Leuten und einen Johann Wolfgang von Goethe als genialen Berichterstatter zu haben! Auch war Balzac schliesslich nicht ganz Schiller. Doch hat nicht auch dieser, wie alle weltberühmt gebliebenen Dichter, allerlei Schriften hinterlassen, die kaum mehr lesenswert sind? Aber im einzelnen werfen auch solche vergessene Werke Sachfragen auf, die für einen engem Kreis von Fachleuten und geistig regsamen Laien von Interesse bleiben.