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Einige französische Kritiker werfen Claude Chabrol schon seit geraumer Zeit vor, Originalität würden seine Filme nur noch in der Wahl der Schauplätze beweisen. Sie liessen sich allein durch ihre Topographie noch voneinander unterscheiden: La cérémonie und Au cœur du mensonge spielen in der Bretagne, La fleur du mal im Bordelais, La demoiselle d’honneur in der Region von Nantes.
Es ist allerdings erstaunlich, geradezu unerklärlich, weshalb der Regisseur so lange um Lyon einen Bogen macht – allein schon wegen der ausgezeichneten Küche und der urbanen Architektur, in der sich eine historisch gewachsene Mentalität des Verbergens offenbart und wo mancher Hinterhof so verwinkelt wie ein Labyrinth ist. In seinem neuen Film zeigt er keines von Beidem unmittelbar, aber die Aura der Stadt ist dennoch sorgsam in ihm aufgehoben. Man darf sich der Gewissheit anvertrauen, dass der hingebungsvolle Gourmet Chabrol während der Dreharbeiten vorzüglich getafelt haben wird. Aber er macht sich einen Spass daraus, lauter Restaurantszenen zu zeigen, in denen nie gegessen wird. Keine schlechte Strategie für einen Krimi, in dem sexuelle und andere Perversionen zwar eine tragende Rolle spielen, der aber mit grosser Keuschheit gefilmt ist.
Den Titel darf man als Metapher lesen, am Ende aber auch wortwörtlich nehmen. Gabrielle, die muntere Wetterfee eines Lokalsenders, ist zwischen zwei Männern hin- und hergerissen: dem älteren, erfolgreichen Schriftsteller Charles, einem anspruchsvollen Hedonisten und durchtriebenen Frauenhelden, und dem verwöhnten, sich selbstgewiss dandyhaft gebenden Industriellensohn Paul. Nach einer Orgie wird Charles seiner Geliebten überdrüssig und stürzt sie dadurch in eine tiefe Depression. Paul will sie heiraten – beide Männer verbindet eine seit langem gepflegte Feindschaft –, aber seine Eifersuchtsphantasien münden in Wahn und Gewalt.
Das Drehbuch, das Chabrol zusammen mit seiner Stieftochter Cécile Maistre geschrieben hat, ist inspiriert von einem Skandal, der die New Yorker Gesellschaft zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erschütterte und bereits zwei Filmen als Vorlage diente: The Girl in the Red Velvet Swing (dessen expressiver Farbdramaturgie Chabrol und sein Kameramann Eduardo Serra eine deutliche Hommage erweisen) und Ragtime (Milos Formans Adaption des gleichnamigen Romans von E. L. Doctorow). Bereits La fleur du mal beruhte auf einem realen amerikanischen Kriminalfall aus dem letzten Jahrhundert, der Affäre um Rosie the Riveter. Die Herkunft des Stoffes mag den Eindruck einer zeitlichen Verschiebung erklären, den La fille coupée en deux erweckt. Chabrols Filme spielen schon seit langem in einer imaginären Gegenwart; unmittelbare Zeitgenossenschaft mag man diesem Regisseur nur noch bedingt unterstellen. Der Angelpunkt seines neuen Films ist eine durchaus altmodische Vorstellung dessen, was schockierend ist und eine junge Frau aus der Bahn werfen könnte. In der Darstellung ihrer verrückten, rückhaltlosen Liebe zu einem älteren Mann stösst der Film auf ein kapitales Glaubwürdigkeitsproblem; nicht einmal als Suche nach einem Ersatzvater ist sie hinreichend überzeugend motiviert.
Der Gestus des Anachronistischen verdankt sich einerseits der hintergründigen Unschuld, die sich der Regisseur auch nach über fünfzig Filmen bewahrt hat, der Bereitschaft, sich nach wie vor von der menschlichen Natur verstören zu lassen. Chabrols Filme ähneln einander nicht zuletzt deshalb, weil sie nichts als Gewissheit voraussetzen: Der Befund bürgerlicher Abgründe ist für sie keine selbstverständliche Prämisse, sondern das Resultat eines Prozesses, auf den sich Chabrol mal inspiriert, mal phlegmatisch einlässt. Seine Lust an der Karikatur weist diesmal gewisse Schleifspuren auf. Den Kontrast zwischen alteingesessener Bourgeoisie und vulgärer Medienwelt hätte er nuancenreicher zeichnen können. (Gleichwohl hegt man wenig Zweifel, dass sein satirischer Furor zielsicher trifft.) Fast beiläufig gerät die Wiederholung zu einem Leitmotiv des Drehbuchs, als eine allerdings gegensätzliche Triebfeder der beiden männlichen Hauptfiguren. Der gealterte Schwerenöter Charles ist ein Routinier der Verführung, dessen Frau übrigens als eine stillschweigende Komplizin in seine Affären eingeweiht ist. Pauls Verhalten hingegen wird vom Wiederholungszwang diktiert; nach und nach legt der Film Schichten einer verdrängten Familiengeschichte frei, um zu einem Kindheitstrauma zu gelangen, dem er noch immer verhaftet ist.
Oft nehmen Chabrol und Serra die Figuren im Profil auf, lassen ihnen so eine unergründete, zweite Seite. Diese Aura des Rätselhaften wird von der Montage besiegelt. Etliche Szenen enden mit einem Fragezeichen, weil die Abblenden ein wenig rascher gesetzt werden, als man es eigentlich erwartet. Derlei Stolpersteine verweisen auf eine auf den ersten Blick undurchsichtige Gemengelage der Motive und geheimen Unterströmungen. Chabrol treibt ein listiges Spiel mit Gaukelei und Illusion (das Fernseh- und Literaturmilieu sind mit Bedacht gewählt), bei dem die Zauberei am Ende eine wichtige, ordnende Rolle spielt. Insgeheim verbirgt sich in seinem neuen Film die Geschichte einer magischen Verwandlung. Gabrielle, die noch bei ihrer Mutter wohnt und der es auf sympathische Weise an sozialem und beruflichem Ehrgeiz gebricht, muss zu Reife und Autonomie finden. Ehrgeizig wird sie am Ende immer noch nicht sein, aber auf dem Weg der Selbstfindung ist sie ein gutes Stück vorangekommen. Dass sie am Ende nicht mehr zweigeteilt ist, darf man als Indiz für die skeptische, augenzwinkernde Sympathie ihres Regisseurs nehmen.