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Mehr Literatur- als Philosophiegeschichte: der vierte und abschliessende Band von Fritz Mauthners Geschichte des Atheismus.
Als allererstes wendet sich der Autor gegen die Vertreter eines stinkenden Lichts (einer pervertierten Aufklärung). Die Dunkelmänner, die er meint, sind vorwiegend Vertreter der Romantik, die sich ebenso auf Voltaire oder Rousseau berufen, wie die Aufklärer selber. Aber auch Mendelssohn kriegt nochmals eines aufs Haupt. Nur wenige Autoren des ausgehenden 18., beginnenden 19. Jahrhunderts will er von diesem Stigma ausgenommen wissen, darunter Forster, Lichtenberg, Jean Paul – alle zu ihrer Zeit mehr oder weniger offene Anhänger der Französischen Revolution, alle (gemäss Mauthner) mehr oder weniger versteckte Spinozisten. Bei der Darstellung von Kant weist Mauthner zuerst auf dessen Lehrer und Vorgänger als Universitätsprofessor in Königsberg, Knutzen, hin, behauptet dann eine Abhängigkeit von Kants (politischer) Philosophie von Rousseau (der für Mauthner überhaupt der Lichtträger jener Zeit ist) und interpretiert ihn dann unter dem Einfluss des „als ob“ Vaihingers. Mauthners Schwäche für unbekannte Autoren und Werke zeigt sich nicht nur bei seiner Kant-Interpreation. Auch beim unabdingbar in diese Wendezeit gehörenden Atheismus-Streit um Fichte geht er einerseits von Fichtes Verhältnis zur Französischen Revolution aus, nimmt andererseits den Aufsatz Forbergs, den Fichte ja ’nur‘ herausgegeben hat, zum Anlass eines längeren Exkurses. Goethes lavierendes Verhältnis zum Atheismus folgt als nächstes. Hier muss Mauthner zu Gute gehalten werden, dass er Goethe weder im Atheismus-Streit um Fichte noch überhaupt beschönigt. Dennoch haben wir mit Goethe wieder einen von Mauthners absoluten Lieblingen vor uns, einen der seine eigene gottlose Mystik vertreten haben soll. (Was diese gottlose Mystik genau ist, erklärt Mauthner erst ganz am Schluss seines Atheismus-Werks – wir kommen also noch darauf.)
Mit Goethe endet das dritte Buch. Das vierte beschreibt das 19. Jahrhundert und führt bis in Mauthners Gegenwart (die Geschichte des Atheismus ist von 1920 bis 1923 erschienen). Die Romantik mit ihren katholisierenden Tendenzen kommt naturgemäss schlecht weg; aber auch für Schleiermacher hat er wenig übrig. Nicht viel höher als die Romantik schätzt er den (frühen) Sozialismus; dessen Bestrebungen zu einer Emanzipation der Frau erwähnt er sogar – ohne dass ganz klar wird, wie er, Mauthner, selber denn nun dazu steht. Im übrigen sind offenbar nur Männer an der Frauenemanzipation beteiligt. Mit meist nicht sehr schmeichelhaften Kurzportraits von Saint-Simon, Owen, Fourrier, Comte und Cousin geht Mauthner, einmal mehr mäandernd wie kaum einer, vom abstrakten, politischen oder philosophischen Denken in eine geografische Einteilung über, und dann gleich in die Literatur. Flaubert ist an der Reihe mit seiner heimlich lachenden, ganz antichristlichen Schrift „La tentation de Saint Antoine“. Einmal mehr deklariert Mauthner also einen Antichristen gleich zum Atheisten. Von Flaubert zu Zola ist nur ein Schritt, und den tut Mauthner denn auch. Bei Zola ist es die Trilogie um Pierre, einen jungen Priester, (Lourdes, Rome, Paris) aus den Jahren 1894-1898, die es Mauthner angetan hat. Und wenn er schon beim französischen Naturalismus steht, wird Anatole France gleich angehängt, und Bergson (den er immer noch, wie schon im Wörterbuch, dem Pragmatismus zurechnet) erhält auch gleich nochmals Schläge. Mit einem seiner typischen Sprünge hüpft Mauthner dann nicht nur geografisch nach England, sondern auch um 100 Jahre zurück – Lord Byron, dann der Schöpfer der modernen Logik Mill (von Frege oder Russell scheint Mauthner nie gehört zu haben), Darwin (aber nur ganz kurz im Vergleich zu der seitenlangen Abhandlung über Mill – Naturwissenschaften waren Mauthners Ding nicht), Spencer (ohne dass klar wird warum – ausser dass Spencer für Mauthner die Gelegenheit ist, Haeckel eins auszuwischen), zurück zu den Dichtern mit Coleridge und selbst Keats, zuletzt sogar die Heilsarmee.
Erneuter Sprung: Fünfter Abschnitt: Deutsche Philosophie nach Hegel. Der Abschnitt beginnt, wie es bei Mauthners unsystematischer Vorgehensweise nicht anders zu erwarten war, mit einer länger Darstellung nicht der Philosophie nach Hegel, sondern der von Hegel. Mauthner mag Hegels dialektischen Dreischritt nicht (und vielleicht ist das der Grund, warum ein Marx kaum erwähnt wird, ein Engel gar nicht, während sogar der Küchenphilosoph Brillat-Savarin sich findet). Lieber als Hegel ist unserem Mauthner natürlich Schopenhauer (von dem er aber selbstverständlich auch wieder nur weniger bekannte Werke vorstellt und interpretiert). Da er von Schopenhauer aus philosophiegeschichtlich nicht wirklich weiter kommt, muss er zu den Hegelianern zurückkehren. Es folgt der ehrliche und tapfere Strauß. Auch bei Strauß betont Mauthner das Antichistliche mehr als das Atheistische. Von Strauß ist es – über dessen Jugendwerk Doktor Strauß und die Württemberger ein kleiner Schritt zum hier von mir nicht erwarteten Friedrich Theodor Vischer, zu dessen Autobiografie und dessen Roman Auch Einer, der u.a. eine Verhohnepipelung des romantischen Katholisierens umfasse. Mauthner mäandert, und nach der Abschweifung zu Vischer kehrt er zurück zum atheistischen Hauptstrom in der deutschen Philosophie, zu Feuerbach. Dessen Materialismus und dessen Hegelei schätzt er allerdings wenig. (Während bei Vischer ein bisschen Hegelei halt in Kauf genommen werden muss – konsistent und logisch war Mauthner nie bei seiner Einteilung in Lieblinge und Bêtes noires.) Auf Feuerbach folgt Stirner – seinerseits nun einer der absoluten Lieblinge Mauthners. Stirner ist für ihn quasi der Kulminationspunkt des Atheismus, und es ist interessant zu sehen, wie Mauthner bei Stirner den Atheismus preisen kann, die anarchistische Seite aber verschweigt. (Wie er auch Bakunin kaum erwähnt.) Bruno und Otto Bauer werden erst nach Stirner erwähnt – aber als seine Lehrer. Warum Mauthner von Stirner zu La Rochefoucauld, und damit nicht nur geografisch nach Frankreich, sondern auch zeitlich ein Vierteljahrtausend zurück, springen muss, wenn er dann Stirner doch haushoch über den Franzosen stellt, entzieht sich meinem Verständnis. Aber es entzieht sich ihm auch, warum er Stirner überhaupt derart hoch stellt. Man darf Stirners Werk – wie gesagt – als eine grandiose parodistische Kritik Feuerbachs auffassen. Nun, dürfen darf man, zwingend ist das nicht. Es folgt – Mauthner mäandert weiter – Heinrich Heine als letzter Hegelianer. Eine zwingende Logik steckt auch dahinter nicht.
Ebensowenig beim Übergang zum Materialismus im Sechsten Abschnitt. Darin kriegen Haeckel und sein Monismus einmal mehr ihr Fett weg. Wir werden noch sehen, warum. Es folgt als Siebter Abschnitt: Das junge Deutschland – 1848 – Von Gutzkow zu Keller. Auflehnung gegen die Ergebnisse der Restaurations-Zeit ist wohl die zusammenfassende Klammer hier. Dabei kann Mauthner auch hier nicht beim Thema bleiben: Nicht nur der Zeit nach, sondern auch als ein Gegenspieler gegen das junge Deutschland gehört Friedrich Hebbel (geb. 1813, gest. 1863) an diese Stelle. Hebbel nämlich wird dem mehr journalistischen Wirken des Jungen Deutschland entgegen gestellt – und ‚Journalismus‘ ist für Mauthner ein Schimpfwort. Gottfried Keller, nicht nur weil er von Feuerbach her kommt, gehört tatsächlich in diese Reihe. Seine Werke zeichnen sich durch eine völlige Abwesenheit metaphysischer Entitäten aus. Bismarck hingegen, dessen Zeitalter der achte Abschnitt gewidmet ist, hätte man wohl eher weniger erwartet. Freilich kann ein Realpolitiker keine Rücksicht auf Gott nehmen. Warum Eduard von Hartmann allerdings in diesem Abschnitt figuriert, ist schwieriger zu erklären – ausser natürlich, man akzeptiere wie Mauthner als Qualifikation schärfste Kritik der protestantischen Theologie.
Nun wäre Mauthner schon fast in seiner eigenen Gegenwart. Einige (heute völlig unbekannte) Namen fallen bereits. Da entschliesst sich der Autor zu einer erneuten Kehrtwendung. Percy Bysshe Shelley wird plötzlich als Einfluss auf Lord Byron erkannt und vorgestellt. Über Hegel (zum wiederholten Male!) kommen wir nun aber zu Ibsen und Tolstoi. Beides wohl Ankläger der bisherigen christlichen Religion, ansonsten aber könnten sie nicht verschiedener sein. Vor allem Tolstoi als De-facto-Atheisten dargestellt zu sehen, berührt seltsam. (Kreuz- und Angelpunkt ist natürlich einmal mehr die gottlose Mystik, zu der sich auch Mauthner bekennt.) Es folgt für einmal der „Lehrer“ vor dem „Schüler“ – Burckhardt vor Nietzsche. Nietzsches Hass gegen das Christentum ist legendär; im Übrigen überschätzt Mauthner – auch zeitbedingt – den guten Friedrich Wilhelm, kann ihn auch grösstenteils gar nicht richtig einschätzen, da er in vielem den Fälschungen von Nietzsches Schwester ausgesetzt ist.
Es folgt zum Schluss der zehnte Abschnitt – pathetisch überschrieben mit Der Friede in gottloser Mystik. Was allerdings Gerhart Hauptmann, der sein Mäntelchen in jeden politischen oder metaphysischen Wind hängen konnte, hier verloren hat, entzieht sich meinem Verständnis abermals und ist wohl nur dadurch zu erklären, dass Mauthner zeitlich viel zu nahe an Hauptmann stand, um ihn einschätzen zu können. Als Literaturkritiker müssen wir uns Herrn Mauthern sowieso verbeten haben. Im zehnten Abschnitt wird nun endlich – aber natürlich auch nur nach diversen Digressionen (Kirche und Schule ebenso wie nochmals Zola, erstmals Steiner, aber auch Taoismus und Buddhismus, die Mauthner beide nicht versteht, wiederum wohl zeitbedingt; sogar der Erste Weltkrieg und seine Folgen für den Glauben der Bevölkerung werden in extenso diskutiert) – wird deutlich, sagte ich, was Mauthner unter seiner gottlosen Mystik versteht. Mauthner lehnt den Materialismus ab (er hält ihn und Haeckels Monismus für aussterbend), weil er auf die letzten Fragen nach dem Woher, Wohin und Warum der Menschheit keine Antworten geben könne; ist aber gleichzeitig der Meinung, dass diese letzten Fragen eigentlich nicht beantwortet werden könnten, driftet also derart in einen Agnostizismus („wir werden es nie wissen“), bei dem er sich auf keinen geringeren als – Goethe beruft.
Was ihm an den Mystikern (noch einmal werden der Kusaner, Meister Eckhart und Angelus Silesius bemüht) gefällt, was ihn dazu führt sein eigenes Bekenntnis „mystisch“ zu nennen, ist wohl der Versuch der Mystiker, das Unnennbare zu benennen – und die Ekstase.
Man lasse mich also diese Besprechung, die Besprechung der ganzen Mauthner’schen Geschichte des Atheismus, schliessen mit ein paar Zeilen eines Anthroposophen, von dem gar so weit entfernt Mauthner halt dann eben doch nicht ist:
Laß die Moleküle rasen …
Laß die Moleküle rasen,
was sie auch zusammenknobeln!
Laß das Tüfteln, laß das Hobeln,
heilig halte die Ekstasen!
(Christian Morgenstern)