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Seit ich denken konnte, liebte ich das Ballett.
Zu meinem vierten Geburtstag schenkte mir mein Dad meine ersten Tanzschuhe. Einen Monat später schrieb mich meine Mom an einer Tanzschule für Kleinkinder ein. Es war noch kein richtiges Ballett, doch ich liebte es mehr als alles andere. Ich hätte meine letzte Barbiepuppe hergegeben, damit ich weitertanzen durfte. Glücklicherweise drängten meine Eltern mir solch eine Entscheidung nicht auf. Wir hatten nicht viel, doch sie fanden immer einen Weg, mir alles zu bieten.
Als ich sieben war, trat ich meinem ersten richtigen Ballettkurs bei. Die anderen Mädchen waren blöd, sie nahmen es nicht so ernst wie ich. Mit acht nahm mich mein Dad zu einer Aufführung ins Royal Opern House mit. Die Tänzer waren grossartig. So wollte ich später auch mal sein. Mit elf stand ich das erste Mal auf Spitzen. Meine Mom fand, es wäre zu früh dafür, doch der Arzt und meine Ballettlehrerin hielten mich für bereit. Ich liebte das Tanzen, ich liebte das Ballett.
Seit ich zwölf war, nahm ich mehrmals im Jahr an verschiedensten Tanzwettbewerben teil. Meine Mom liebte es, mich tanzen zu sehen. Alles, was meine Eltern in mich und meinen Traum gesteckt hatten, zahlte sich aus. Mit fünfzehn erhielt ich ein Stipendium an der Royal Academy of Dance. Sie waren unglaublich stolz auf mich. Mein Dad kaufte mir sogar ein neues Tanzoutfit. Ich liebte das Ballett. Mit sechzehn fing ich an der Dance Academy an. Ich war die beste. Ich tanzte weiterhin an Wettbewerben, ich gewann. Meine Mom schaute immer zu, wenn ich tanzte. Mit sechzehn hatte ich auch meinen ersten Freund. Er verlangte, mich zwischen ihm und dem Ballett zu entscheiden. Ich hatte ihn in den Wind geschossen. Mein Dad war für mich da, baute mich wieder auf.
Mit siebzehn gewann ich meinen ersten internationalen Ballettwettbewerb. Meine Mom sass in der ersten Reihe und jubelte mir zu. Sie weinte, sie war so stolz auf mich. Mit achtzehn tanzte ich das erste Mal im Royal Opern House. Nach zehn Jahren war ich hier und hatte es geschafft. Mein Dad war stolz auf mich. Er liess sich meinen Namen tätowieren. Ich tanzte weiter. Mit neunzehn lernte ich Malcolm kennen. Er war Engländer und Architekt. Meine Mom mochte ihn, sie hatte ihm Butterkekse gebacken. Sie war keine besonders gute Bäckerin. Malcolm tat so, als würde er die Kekse lieben.
Mit zwanzig ging ich auf Tournee. Ich war Solistin. Mein Dad reiste mir wie ein Groupie nach. Meine Mom backte noch mehr Butterkekse für Malcolm. Sie vermissten mich. Mit einundzwanzig zog ich mit Malcolm zusammen. Ich war nicht viel Zuhause. Das Tanzen war mein Leben. Meine Eltern wünschten sich Enkelkinder, ich lehnte dankend ab. Mit dreiundzwanzig war ich Primaballerina. Ich verdiente gut. Malcolm verdiente auch gut, wir lebten zu zweit. Mit fünfundzwanzig tanzte ich für die Queen. Mein Dad starb, Herzversagen. Meine Mom baute mich wieder auf, sie zog in unser Haus.
Mit sechsundzwanzig wurde ich schwanger. Ich wollte das Kind nicht, ich trieb ab. Das Tanzen war mein Leben.
Mit achtundzwanzig riss ich mir die Achillessehne während einer Probe in Paris. Ich hoffte, dass es schnell wieder verheilen würde und ich zurück auf die Bühne konnte. Malcolm kümmerte sich um mich, meine Mom kochte mir Tee. Mit neunundzwanzig musste ich meinen Rücktritt bekanntgeben. Mein Fuss war dauerhaft geschädigt. Ich war traurig, wusste nicht, was ich mit meinem Leben noch anfangen sollte. Mit dreissig wurde ich wieder schwanger. Ich behielt das Kind, keine Karriere hielt mich mehr davon ab. Meine Mom freute sich, ich sah sie das erste Mal seit Dads Tod wieder lachen.
Mit fünfunddreissig fing ich in einer Tanzschule als Ballettlehrerin an. Es war nicht wie das Tanzen auf der Bühne, doch ich fand wieder ein wenig zu mir selbst zurück. Meine Mum freute sich für mich, Malcolm hätte es lieber gehabt, ich wäre noch ein wenig Zuhause geblieben und hätte mich um unsere zwei Kinder gekümmert. Mit achtunddreissig trainierte ich meinen Sohn im Ballett. Er hatte Talent. Meine Mom liebte es, ihm zuzusehen. Malcolm spielte mit unserer Tochter Handball.
Mit vierzig unterrichtete ich ausschliesslich meinen Jungen. Zwei Jahre später setzte ich mich ganz zur Ruhe. Malcolm freute sich, meine Mom übernahm weiterhin den Haushalt. Mit siebenundvierzig besuchte ich das Royal Opern House, um meinen Jungen tanzen zu sehen. Er war grossartig. Meine Mom jubelte ihm zu. Mit neunundvierzig verlor ich meine Mutter, Herzstillstand. Ich war traurig, meine Familie baute mich wieder auf. Mit fünfzig liess ich mein Mädchen gehen. Sie wollte Architektur studieren, in Amerika. Mein Junge war viel auf Tournee. Malcolm freute sich auf unsere gemeinsame Zeit. Er wollte mich auf eine Reise mitnehmen. Eine Weltreise. Ich freute mich. Auch wenn es hiess, das Leben wäre eine Reise, so freute ich mich auf diese ganz besonders. Mit fünfzig hatte ich keine Verpflichtungen mehr. Ich packte meine Koffer, nahm Malcolm und stieg ins nächste Flugzeug. Ich würde das Ballett und meine Kinder im Herzen tragen, denn ich liebte beides nach wie vor, doch nun war ich frei. Nun war ich an der Reihe.