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Je länger die Eurokrise dauert, desto mehr drängt sich die Frage auf, warum Europa so zersplittert ist. China und Indien sind ebenfalls alte Zivilisationen, aber haben die politische Einheit seit langem konsolidiert.
Vor allem die Homogenität Chinas – mit Ausnahme der westlichen und südwestlichen Zonen – ist eindrücklich und aus europäischer Sicht kaum zu verstehen. Bei Indien könnte man vielleicht noch argumentieren, dass es sich um einen föderalen Staat handle, bei dem die zentrale Macht relativ schwach ist. Trotzdem: Auch Indien hat funktionierende Institutionen auf Bundesebene und eine einheitliche Währung, die unbestritten ist.
Glücklicherweise sind in den letzten Jahren interessante vergleichende Studien erschienen. Die Globalisierung der Wirtschaft hat auch die historische Forschung globalisiert. Es ist wieder erlaubt und erwünscht, die grossen Fragen zu stellen. Eine gewisse Zeit durfte man nur Mikrostudien verfassen. Es galt als überheblich, wenn man grosse Vergleiche anstellte. Diese Zeit ist zum Glück vorbei.
Besonders lohnend ist das Buch Rome and China (Oxford University Press). Es ist vor allem deshalb anregend, weil es alle denkbaren Faktoren systematisch durchdiskutiert, ohne den Anspruch zu erheben, den Stein der Weisen gefunden zu haben.
Die populäre Erklärung, wonach Europa geographisch viel zersplitterter ist als China, wird zum Beispiel gut widerlegt. Wenn man die physische Karte Chinas genauer anschaut, entdeckt man schnell, dass es ein Nord- und ein Südchina hätte geben müssen. Zwischen Peking und Schanghai ist es relativ flach und klimatisch ziemlich homogen. Südlich von Schanghai ist es feuchter, heisser und gebirgiger. Hier wurde seit langem Reis angebaut, während im nördlichen Teil Getreideanbau vorherrschte.
Und wenn man in die Geschichte Chinas zurückblickt, hat es tatsächlich immer wieder Phasen gegeben, in dem südliche gegen nördliche Territorialeinheiten kämpften. Eine auf den natürlichen Bedingungen beruhende Erklärung genügt demnach nicht.
Entscheidend scheint vielmehr folgender Vorgang im 5. und 6. Jahrhundert gewesen zu sein: Die aus der westlichen Prärie einfallenden Völker, die China eroberten, vermochten die bürokratische Tradition des chinesischen Kaiserreichs wieder zu beleben und zu stabilisieren, während die aus dem Norden und Nordosten einfallenden Germanenvölker die Restauration des Römischen Reichs nicht schafften. (siehe dazu den ausgezeichneten Aufsatz von Walter Scheidel)
Wie man diesen Unterschied erklären kann, ist unklar. Möglicherweise spielte das Militärische ein Rolle: Germanen kämpften zu Fuss, die asiatischen Invasoren auf dem Pferd. Zudem entschädigten die Germanen ihre Heerführer mit Land, die asiatischen Reitervölker mit Gütern. Der erste Mechanismus förderte die Feudalisierung und die Entstehnung des Nationalstaats, der zweite Mechanismus stärkte die Loyalität gegenüber dem obersten Feldherrn.
Wie auch immer: Der europäische Weg hin zum zersplitterten Kontinent ist vor langer Zeit eingeschlagen worden bzw. China ist schon seit langem ein relativ homogener Staat. Vielleicht wäre es besser, man würde sich mit dieser Tradition versöhnen, als mit allen Mitteln versuchen, die Vereinigten Staaten von Europa zu bauen. Umgekehrt darf man auch nie vergessen, dass Chinas Grösse eine ungeheure Hypothek darstellt. Das Land hat zwar enorme geopolitische und wirtschaftliche Macht, aber ob es in der Lage sein wird, den schnellen Wandel zu verdauen, steht nach wie vor in den Sternen.