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Mit 62 Jahren fängt das Studium an
Ernst Rosser hat gerade sein Studium abgeschlossen. Er will zeigen, dass auch alte Menschen noch was taugen.
Ich würde ihn schon erkennen, meinte Ernst Rosser am Telefon. Er sei etwas älter als der Durchschnitt und habe graue, nein, sehr hellblonde Haare. Wir finden uns beim blauen Sofa im Lichthof am Rande des Irrgartens aus Stellwänden, der sich Career Days nennt. Eine Karriere hatte Ernst bereits hinter sich, als er mit dem Studium in Allgemeiner Geschichte und Historischen Hilfswissenschaften begann. Seine Haare sind tatsächlich durchgehend weiss, doch er wirkt alles Andere als alt und gebrechlich.
Im weissen Hemd sieht er eher wie ein Geschäftsmann aus. Er ist kein typischer Student, und manche würden ihn wohl für einen Silberschopf-Auditor halten. Doch Ernst ist ein frischgebackener lic. phil. «Die brauche ich ja nicht mehr» witzelt er mit einem Wink zu den Ständen, die CV-Checks und Praktika-Vermittlungen anbieten. Ernst kommt direkt von seiner letzten mündlichen Lizprüfung und wirkt gelöst. Er schwebe, meint er sogar, als wir uns zum Kaffeeautomaten bewegen. Ernst ist 68 Jahre alt und hat nun sein Liz im Sack. Zum ersten Mal studiert hat er 1967. Ohne Unterstützung durch die Eltern finanzierte er sich sein Studium mit Nebenjobs, die ihn bis weit in die Nacht hinein wach hielten. Von den Globuskrawallen erfuhr er deshalb erst aus der Zeitung. Die Studierenden würde er nicht generell als politischer bezeichnen als heute. «Das waren ein paar linke Fanatiker. Wer arbeiten musste und nicht ‹fils à papa› war, hatte keine Zeit für Krawalle.»
Mit 60 entlassen
An einem seiner Studijobs ist er dann hängengeblieben. Durch einen Todesfall stieg er in einer Marktforschungsfirma gleich in die Führung auf. «Die Uni sagte mir damals nichts mehr. Ich hatte eine Aufgabe, das war spannend.» Ende der Achtzigerjahre vertiefte er sich immer mehr in der Informatik, kaufte sich seinen eigenen Computer und gründete seine eigene AG. Mit 55 liess er sich bei einer Firma anstellen, die sein Know-how brauchen konnte. Und ihn mit 60 durch einen Jüngeren ersetzte. «Ich musste merken, dass man mit meiner Haarfarbe in der EDV keine Chance mehr hat.»
Nach dem Schock wagte er einen Neustart. «Ich habe mich auf meine Vergangenheit besonnen, um eine Zukunft zu haben. Der Grund, das frühere Studium nochmal aufzunehmen, war, mich geistig wieder zu betätigen.» Von den Studis und Profs werde er meist als «normaler Student» angesehen. Nur einmal habe ihm ein Privatdozent beibringen wollen, wer hier der Chef sei. Dass seine Profs mehrheitlich jünger sind als er, störe ihn nicht. «Ich habe schliesslich nicht die ganze Zeit einen Spiegel dabei und merke in einer Diskussion nicht, wie alt ich bin.»
Nachwuchshistoriker
Das Studium habe sich grundlegend verändert seit den Sechzigern. «Ich habe als Jäger und Sammler angefangen. Das Problem war, Quellen zu finden und sich Informationen zu beschaffen. Heute muss man aus unzähligen Quellen auswählen.» Stolz zeigt er seine Lizarbeit, die 700-seitige Transkription der ersten Zuger Stadtrechnung. In Form einer CD. Sie ist das kombinierte Wissen eines Historikers und eines Informatikers. Und dort sieht Ernst auch seine Zukunft. In der Geschichte würden die Möglichkeiten der Digitalisierung noch nicht optimal genutzt. Der «Nachwuchshistoriker» Rosser will hier seinen Beitrag leisten. Und damit auch beweisen, dass das alte Eisen noch was taugt.