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Das Dissertationsvorhaben „Arktischer Heizraum. Die energetische Erschliessung der Halbinsel Kola 1928-1987“ befasst sich mit der Herstellung technogener Räume, die der Energieversorgung im äussersten Nordwesten der Sowjetunion dienten. Dieses Unterfangen trug prometheische Züge. Die Halbinsel Kola verfügte kaum über eigene fossile Brennstoffe, war nur sehr dünn besiedelt und von einem harten Klima gezeichnet. Seit dem ersten Fünfjahresplan (1928-1932) mobilisierte die Moskauer Zentralmacht die relevanten Akteure für den ‚Krieg‘ gegen die feindliche Natur des Nordens – Wissenschaftler, Ingenieure und ein Heer von Arbeitern mussten Extremes leisten, um die monatelangen Polarnächte mit elektrischem Licht zu besiegen: Zwangsarbeiter errichteten Staudämme im mal sumpfigen, mal frosterstarrten Tajgaboden; endlose Schneisen wurden in die Wälder gerodet und Kohle von sowjetischen Minen aus dem fernen, norwegischen Spitzbergen eingeschifft.
Zwei entscheidenden Prozessen der arktischen Energieerschliessung geht das Dissertationsvorhaben auf den Grund. Erstens wird untersucht, wie Wissen, Arbeitskraft, Maschinen und eine ideologische Einbettung der Kampagne vom Zentrum in die Region übertragen wurden. Bevor die Bautrusts damit beginnen konnten, Kraftwerke und Hochspannungsleitungen zu errichten, war eine gewaltige wissenschaftlich-technische und propagandistische ‚Invasion‘ nötig. Sie sollte die Region aus ihrem Dornröschenschlaf der Rückständigkeit wecken. Dass dabei auch in grossem Masse auf Wissen und Arbeitskräfte der Nachbarstaaten Norwegen und Finnland zurück gegriffen wurde, verdeutlicht, wie sehr das Sowjetregime bei dieser Erschliessungsaktion an seine Grenzen stiess. So interessieren auch die Verschiebungen und Anpassungen, die das Erschliessungs-Dispositiv erfuhr, als es den „Korridor der Modernisierung“ (Josephson) in die karge Landschaft schlug.
Als zweiter wichtiger Gesichtspunkt werden die Aushandlungsprozesse zwischen wissenschaftlichen Experten, lokalen Parteifunktionären, den Moskauer Ministerien und der breiten Öffentlichkeit analysiert. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie Entscheidungen für bestimmte Technologien begründet wurden: Im arktischen Kontext mussten eingespielte argumentative Muster neu formatiert werden. Viele Komponenten von Energieinfrastruktur kamen im hohen Norden nicht zum Tragen, Technik musste dort neue Sinne und Visionen produzieren. Von weither gelieferte Kohle war nicht mehr kostengünstig, Stauseen verloren ihre Bedeutung als Orte der Mobilität, Erholung und Wasserversorgung. Internationale Verflechtung, strategische Überlegungen und der gebetsmühlenartig wiederholte Superlativ, das nördlichste Energiesystem der Welt aufzubauen, rückten ins Zentrum der Rhetorik von Experten, Bürokraten und Massenmedien.