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Um 1900 breiteten sich in den westlichen Gesellschaften verschiedenste neureligiöse Bewegungen aus. Während die voranschreitende Säkularisierung die traditionellen Bindungen an religiöse Institutionen lockerte, öffneten sich in der individualisierten Konsumgesellschaft immer weitere Räume für neue Glaubenssysteme. Viele orientierten sich an asiatischen Religionen und Philosophien, andere stützten sich auf neopaganische „Naturreligionen“ oder versuchten die monotheistischen Religionen zu „erneuern“. Zu den bis heute bekanntesten Neuschöpfungen dieser Zeit gehörte die Theosophie und Anthroposophie. Unheilvoll wirkten sich in späteren Jahren die völkischen Germanenreligionen und das sogenannte Deutschchristentum aus.
In diesem religiösen Schmelztiegel aus Freikirchen, Neuheidentum, Esoterik und Okkultismus breitete sich auch die Mazdaznan-Bewegung aus. Erste Niederlassungen wurden um 1900 in den USA gegründet. Später breitete sich Mazdaznan auch in Europa aus. Die Lehre bezieht sich auf den Zoroastrismus, der sich im iranischen Kulturraum vor über 2‘500 Jahren etablierte, verwendet aber auch Elemente aus verschiedenen anderen Religionen wie dem Buddhismus und dem Christentum. Mazdaznan stützt sich auf spezifische Körper- und Atemübungen in Anlehnung an Tantra- und Yogapraktiken und eine strenge, vegetarische Ernährungslehre mit Trennkost und Vollkornprodukten. Daraus ergaben sich starke Überschneidungen mit der lebensreformerischen Lebensweise und entsprechende Kontakte zu Akteuren und Vereinigungen aus der Lebensreformbewegung.
Die Schweiz entwickelte sich ab 1915 zum europäischen Knotenpunkt der Mazdaznan-Bewegung. In Herrliberg am Zürichsee wurde ein erster Versammlungsraum mit Küche und Übernachtungsmöglichkeiten aufgebaut. Später folgte eine Druckerei für den Aryana-Verlag und ein Versandhaus für Gebäck und Körperpflegeprodukte. Bis zu 200 Menschen lebten in den 1920er Jahren in der Siedlung. Zu den bekanntesten Bewohnern gehörte zwischen 1923 bis 1926 der Bauhaus-Lehrer Johannes Itten. Mit der "Ontos"-Kunstschule und -Werkstätte für Handweberei baute er die Aryana-Siedlung 1923 weiter aus. Auch die bekannte Ausdruckstänzerin Suzanne Perrottet, die sich zuvor in Rudolf von Labans Tanzschule auf dem Monte Verità aufhielt, hat einige Zeit in Herrliberg gelebt. Vertreter der Schweizer Lebensreformbewegung wie Werner Zimmermann und Max Bircher-Benner bekundeten gewisse Sympathien für die Mazdaznan-Bewegung, lehnten die Vereinigung jedoch wegen ihrer stark reglementierten und hierarchisierten Struktur als „Sekte“ ab. Mit dem Verkauf einiger Gebäude löste sich die Aryana-Siedlung 1930 auf, bis heute weisen aber immer noch einige Strassennamen auf die Siedlung hin. Zudem lassen sich mehrere Gebäude mit ihren typischen Gartenanlagen besichtigen.