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Die Schweiz ende hinter Winterthur, besagt ein überstrapaziertes Klagelied. Die Ursachen für das Klischee könnten Altlasten sein.
Regionen in Europa, die traditionell von Protestanten geprägt sind, weisen tendenziell eine höhere Wirtschaftskraft auf. Auf wirtschaftsgeografischem Kartenmaterial ist dies gut ersichtlich.
Die Einsicht, dass Konfession und Prosperität zusammenhängen, geht auf Max Weber, eine der Galionsfiguren der Soziologiegeschichte, zurück. Mit «Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus» publizierte er ein Schlüsselwerk zu diesem Thema.
Gemäss Weber haben Protestanten und Katholiken eine unterschiedliche Wirtschaftsethik. Während bei Protestanten das Gewinnstreben, das Unternehmertum sowie eine Favorisierung der Technik und des rationalen Denkens kennzeichnend ist, legen die Katholiken grösseren Wert auf eine humanistische Bildung, die eher zu Karrieren in der Wissenschaft, im Bildungswesen oder in der Kirche führt. Die Unterschiede sind in der abweichenden Auslegung der Bibel begründet.
Aus diesem Blickwinkel erstaunt es kaum, dass einige führende Bankhäuser im calvinistischen Genf sowie im zwinglianischen Zürich gegründet wurden. Dass die Limmatstadt mehr oder minder wohlwollend als «Millionen Zürich» bezeichnet wird, begründet sich auch darin, dass in der Stadt als Folge der florierenden Wirtschaft alles ein wenig teurer ist. Die höheren Löhne sowie die besseren Karrierechancen lassen viele Ostschweizer täglich nach Zürich pendeln.
Im Gegensatz zu Zürich und Genf haben nur vereinzelte Geldinstitute und Konzerne ihre Ursprünge in der Ostschweiz. Dass die Stickereiproduktion einst eine herausragende Stellung im Weltmarkt erreichte, könnte ihre Erklärung in den ehemals ausgeprägten ländlichen Strukturen finden. Sie begünstigte preisgünstige Heimarbeit als Nebenerwerb in der Landwirtschaft.
Im Herrschaftsgebiet des ehemaligen Klosters St. Gallen war die Nähe zum Katholizismus während Jahrhunderten ausgeprägt. Viele Ostschweizer Mädchen und Buben wurden in Schulen erzogen, die von dieser Glaubenslehre durchdrungen war. Die Freizeit verbrachten sie in der konfessionell geprägten Jungwacht und im KTV.
Einige von ihnen bildeten später mit ihren ehemaligen Kameraden, Mitschülern und Studienkollegen Netzwerke, die die Legislative, die Exekutive, die Partei, das Militär, die Verwaltungsräte sowie die Kirchenadministration abdeckten. Man kannte sich und hatte den passenden Stallgeruch. Die Netzwerker fühlten sich mehr oder minder ausgeprägt der katholisch-konservativen Weltsicht verpflichtet. Die Nähe zum einflussreichen Klerus gehörte traditionell dazu.
Welche eigenartigen Blüten die konfessionellen Machtverhältnisse einst trieben, erzählte kürzlich eine Wilerin im Pensionsalter, ihr reformierter Vater musste sich vor Jahrzehnten bei der Gründung seines Handelsunternehmens einen katholischen Compagnon zulegen, andernfalls hätte er die zahlenmässig grösseren Katholiken kaum in seinem Geschäft begrüssen können.
Und: bei einem heute noch benützten historischen Wiler Primarschulhaus sind die damaligen Prioritäten gut erkennbar: In den weniger besonnten Klassenzimmern wurden ehemals die reformierten Kinder unterrichtet, die katholischen sassen sozusagen auf der Sonnenseite.
So gesehen, stellt sich die Frage, ob die beklagte stiefmütterliche Behandlung der Ostschweiz nicht auch in der Geschichte der Region und ihren Machtverhältnissen ihre Ursachen hat. Die Opferrolle kann kaum eine glaubwürdige Antwort darauf sein.