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Von einem Psychoanalytiker. Der Begriff Burnout steht für «Ausbrennen» und wurde in den 70er-Jahren vom amerikanischen Psychoanalytiker Herbert Freudenberger geprägt. Er stellte fest, dass Menschen in sozialen Berufen – also dort, wo sich Helfer und Klient gegenüber stehen – vermehrt Erschöpfungszustände erleiden. Weil die Betroffenen ihren Zustand tatsächlich als «ausgebrannt» erleben, setzte sich der Begriff auch in der Alltagssprache durch. Spätestens in den 1990er-Jahren wurde deutlich, dass das Phänomen in vielen Berufsgruppen zu finden ist. Eine einheitliche und breit abgestützte Definition von Burnout existiert allerdings bis heute nicht. Zu den typischen Merkmalen gehört eine körperliche, geistige und emotionale Erschöpfung, die über einen längeren Zeitraum andauert.
Stress mit Burnout am Arbeitsplatz
Nein. Ende des 19. Jahrhunderts sprach man von Nervenschwäche und subsumierte das diffuse Beschwerdebild unter dem Begriff der «Neurasthenie». Im Vordergrund standen Ermüdungssymptome nach langen Krankheiten, gepaart mit weiteren Begleiterscheinungen wie Angst und Nervosität. Die Diagnose war auch Ausdruck der Moderne, mit deren beschleunigtem Rhythmus nicht alle zurechtkamen. Neurasthenie diente also auch dazu, den Zustand geistiger Überforderung zu bezeichnen. Die heutigen Burnout-Fälle wären Ende des 19.Jahrhunderts klinisch am ehesten diesem Bereich zugeordnet worden. In der Schweiz wird Burnout heute vor allem mit Überlastung oder Überforderung am Arbeitsplatz in Verbindung gebracht.
Ja. 34 Prozent der Schweizer Erwerbstätigen fühlen sich häufig oder sehr häufig gestresst am Arbeitsplatz. Dies ergab im Jahr 2010 eine Untersuchung des Staatssekretariates für Wirtschaft (Seco). Zehn Jahre zuvor waren es 27 Prozent. Interessanterweise hat sich jedoch der subjektiv wahrgenommene, allgemeine Gesundheitszustand in der gleichen Zeitperiode praktisch nicht verändert. Das lässt vermuten, dass geäussertes Stressempfinden auch im Kontext von sozialer Akzeptanz und von medialen Effekten zu sehen ist. Je mehr über das Thema Stress und Burnout berichtet wird, desto höher dürfte die Tendenz des Einzelnen sein, Stresssymptome zu äussern, ohne dass diese zwingend eine relevante Veränderung auf den subjektiv empfundenen Gesundheitszustand hätten
Nicht im eigentlichen Sinne. Im Diagnoseschema ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation WHO gilt Burnout nicht als eigenständige Kategorie, sondern wird aufgelistet unter den «Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten führen». In der Praxis wird oft von Burnout gesprochen, obwohl es sich eigentlich um eine affektive Störung handelt. Das Gefühl des Ausgebranntseins kann aber auch die Folge von anderweitigen psychischen wie somatischen Beschwerden sein. Weil der Zustand zu Folgekrankheiten führen kann, ist eine medizinische Abklärung sinnvoll. Aber: Längst nicht jeder Erschöpfungszustand hat etwas mit Burnout zu tun. Wer sich nach einer zeitlich begrenzten Anstrengung erschöpft fühlt, ist nicht etwa krank, sondern muss sich schlicht und einfach Erholung gönnen.
Nicht zwingend. Der Begriff Burnout wird heute inflationär verwendet, oft liegen zu wenig medizinisch relevante Beschwerden vor, oder aber es werden andere Erkrankungen überdeckt. Da dem Begriff Burnout noch immer etwas Heroisches anhaftet – wer ein Burnout erleidet, hat einmal viel geleistet – ist diese Diagnose viel schneller zur Hand als beispielsweise eine Depression, die noch immer stark stigmatisiert ist. Das ist problematisch, weil dies eine rasche und adäquate Behandlung unter Umständen erschwert und das Risiko einer Chronifizierung erhöht – gerade bei psychischen Erkrankungen.
Untersuchungen zeigen, dass eine Depression in der Regel nicht isoliert vorkommt, sondern gleichzeitig ernsthafte körperliche Beschwerden nach sich zieht wie Rückenbeschwerden und Schlafstörungen. Schlaf beispielsweise wird in seiner klinischen Bedeutung massiv unterschätzt, da Schlafstörungen einen eigenen Risikofaktor darstellen und die Gefahr einer späteren Invalidisierung steigern. Es wird also deutlich, dass die Etikette «Burnout» dem meist komplexen Zusammenwirken von somatischen und psychischen Beschwerden nicht gerecht wird.
Stress ist das Symptom. Die übermässige Arbeitsbelastung gilt oft als Ursache für ein Burnout. Doch es greift zu kurz, alleine die Arbeitsbedingungen für diesen Zustand verantwortlich zu machen. Oft spielen auch die hohen Ansprüche mit hinein, die Arbeitnehmende an sich selber stellen. Besonders gefährdet sind jene, die ihr Selbstwertgefühl ausschliesslich aus der Arbeit beziehen. Solchen Menschen fällt es schwer, auch einmal Nein zu sagen und Grenzen zu setzen. Es liegt also im Interesse eines jeden Arbeitgebers, wenn ein Mitarbeiter vollen Einsatz leistet und dabei haushälterisch mit den Energien umgeht – anstatt für kurze Zeit alles zu geben und danach aus Erschöpfung unproduktiv zu werden, die Freude am Job zu verlieren und für längere Zeit auszufallen. Die Selbstverantwortung ist ein zentraler Faktor in der Burnout-Prävention. Es stehen sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer in der Pflicht.
Keine Arbeit zu haben ist schlimmer. Arbeit kann je nach individueller Konstitution ohne Zweifel krank machen. Insbesondere ein schlechtes Arbeitsklima sowie soziale Konflikte am Arbeitsplatz wirken sich ungünstig aus. Es gibt aber zunehmend Hinweise, dass sich Arbeit insgesamt eher positiv auf die psychische Gesundheit auswirkt. Das weiss jeder aus eigener Erfahrung, der arbeitslos ist und sich erfolglos um Jobs bewirbt. Untersuchungen zeigen zudem, dass das Vorhandensein eines Arbeitsplatzes die Dauer von psychischer Erkrankung senkt und den Heilverlauf positiv beeinflusst.
Arbeit verschafft Identität, Bestätigung und steigert den Selbstwert; keine Arbeit zu haben ist der viel grössere Stress, auch aufgrund einer fehlenden Tagesstruktur. Deshalb ist es problematisch, wenn bei der Diagnose «Burnout» oder bei psychischen Krankheiten wie Depressionen oder Angststörungen undifferenziert und meist (zu) lange krankgeschrieben wird. Die OECD konstatierte deshalb auch jüngst in ihrem Bericht, dass sich Schweizer Firmen nachweislich zu wenig darum bemühen, Menschen mit psychischen Störungen im Arbeitsleben zu halten. Vor allem bei leichten psychischen Störungen ist eine Arbeitsunfähigkeit oftmals rein medizinisch betrachtet nicht evident. Unter dem Aspekt der Arbeitsintegration kann sich eine vorschnelle Krankschreibung kontraproduktiv auswirken.
Eine menschenorientierte Führung. Ein entscheidender Faktor ist die Führungs- und Unternehmenskultur. Werden die Mitarbeitenden für ihre Arbeit wertgeschätzt? Wie ist die Arbeit organisiert und die Arbeitslast verteilt? Besteht eine Feedback-Kultur, in der man auch offen zu Fehlern stehen kann? Konstruktive Kritik, Fairness in der Bewertung und im Umgang – das Sozialverhalten und überhaupt das Arbeitsklima tragen viel dazu bei, ob und wie jemand mit Belastungen am Arbeitsplatz fertig wird. Hinzu kommt die individuelle Konstitution: Was für die einen Stress bedeutet, ist für die anderen eine willkommene Herausforderung.
Eine reife Führungspersönlichkeit geht auf individuelle Stärken und Schwächen ein, anstatt alle über einen Leisten schlagen zu wollen. Nur so haben auch psychisch instabile Mitarbeitende eine Chance, sich am Arbeitsplatz bewähren. Davon profitieren alle. Gemäss OECD belaufen sich heute die Kosten für die Schweizer Wirtschaft infolge psychischer Krankheiten auf rund 19 Milliarden Franken, insbesondere wegen der Produktivitätsverluste.
Nein. Firmen, die in die Gesundheit der Mitarbeitenden investieren, profitieren auch in betriebswirtschaftlicher Hinsicht. Ein ganzheitlich implementiertes betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) erhöht sowohl die Motivation als auch die Identifikation mit dem Unternehmen. Das reduziert die krankheitsbedingten Ausfälle.
Um ein gesundheitsförderndes Umfeld zu schaffen, das auch einem Burnout vorbeugen kann, genügt es allerdings nicht, jede Woche eine Obstschale aufzustellen. Prozesse, Strukturen und die Führung müssen unter die Lupe genommen und je nachdem angepasst werden. Wie steht es beispielsweise um das Stressmanagement im Betrieb? vivit, das Kompetenzzentrum der CSS für Gesundheit und Prävention, unterstützt zum Beispiel Unternehmen darin, die individuellen Bedürfnisse zu ermitteln und geeignete Strategien zu definieren.
(Bildquelle: © Martinan/iStockphoto)