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Der 'Homo Oeconomicus'
Wie rational ist der Mensch tatsächlich?
Ist der Mensch ein nutzenoptimierender Egoist?
Der Beschreibung des menschlichen Verhaltens als Wirtschaftssubjekt (z.B. als Konsument) wird in der Ökonomie traditionell das Modell des 'Homo Oeconomicus' zugrunde gelegt.
Der Homo Oeconomicus wird als vollständig über die Märkte informierter, rationaler und egoistischer Nutzenoptimierer angenommen.
Die Realität ist freilich vielschichtiger: Ein zentraler Kritikpunkt an der Theorie des Homo Oeconomicus ist die Annahme, dass der Mensch seine ökonomischen Entscheide rein vernunftsbasiert, d.h. auf einer rationalen Basis fällt. Wie die moderne Verhaltensökonomie (» Daniel Kahneman) zeigt, hält diese Annahme einer kritischen Überprüfung nicht stand. Menschen entscheiden oft intuitiv, nehmen die Realität selektiv wahr und lassen sich in ihren Entscheiden von (kulturellen) Werten, Gefühlen und Wunschbildern leiten.
So überschätzen Optimisten beispielsweise häufig ihre beruflichen Fähigkeiten, oder sie kaufen sich ein Auto oder ein Haus, das sie sich, rational betrachtet, gar nicht leisten könnten. Risikoaverse Personen hingegen halten an alten Gewohnheiten fest, die rational nicht zu begründen sind.
Aus objektiver Sicht, d.h. von aussen betrachtet, entspricht die Vorstellung des rationalen Nutzenoptimierers also nicht der Realität. Aus subjektiver Sicht hingegen, in der gegebenen Situation und Verfasstheit des einzelnen Menschen, werden die eigenen Entscheide meist durchaus als vernünftig wahrgenommen (» Rationalisierung).
Man müsste also nicht von einem rationalen sondern eher von einem rationalisierenden Nutzenoptimierer sprechen.
Voraussetzung für rein rationale Entscheide ist die Markttransparenz, d.h. die Verfügbarkeit von neutralen und überprüfbaren Fakten zu den angebotenen Produkten und Dienstleistungen. In der Praxis ist es manchmal trotz Internet schwierig, zu jedem Zeitpunkt vollständig über die Märkte informiert zu sein.
Einmal abgesehen von der Verfügbarkeit von entsprechenden Informationen, kann der Aufwand der Informationsbeschaffung den Nutzen übersteigen. Die Erfahrung zeigt aber, dass sich die Wirtschaftssubjekte im Rahmen eines Aufwand-Nutzen-Kalküls angemessen zu informieren versuchen.
Die Selektion, Interpretation und Gewichtung der Informationen findet jedoch nicht immer nach rational nachvollziehbaren Kriterien statt (siehe oben).
So werden z.B. beim Kauf eines neuen Autos die Leistung, die maximale Geschwindigkeit und die Grösse oft viel höher gewichtet als es die Alltagssituation in den allermeisten Fällen als sinnvoll erscheinen lässt.
Menschen sind grundsätzlich soziale Wesen
Menschen sind nicht nur egoistische Nutzenoptimierer, sondern grundsätzlich soziale Wesen mit einem gewissen Mass an Empathie (Gewissen, Mitgefühl) sowie einem Sinn für Moral, Fairness und Gemeinwohl. Mindestens im engeren sozialen Kontext (Familie) wird die Optimierung des individuellen Nutzens meist den Bedürfnissen des kleinen Kollektivs untergeordnet.
Menschen haben einen Sinn für Fairness
Die Frage stellt sich jedoch, inwieweit dies auch über den eigenen sozialen Kontext hinaus der Fall ist. Verhaltensökonomische Experimente, wie z.B. das » Ultimatumspiel legen den Schluss nahe, dass eine universelle menschliche Tendenz zu fairem Verhalten besteht. Der Mensch hat demnach, je nach kulturellem Hintergrund, ein Gefühl für faires Verhalten und zudem die Tendenz, unfaires Verhalten zu sanktionieren (siehe dazu auch das » Interview mit Armin Falk in der 'Zeit Online' vom 11. Februar 2009).
Menschen haben systematische Schwächen
Im Kapitel zu den » menschlichen Antriebsfaktoren wurde festgestellt, dass der Mensch aufgrund seiner Abgrenzung vom Absoluten ein starkes Gefühl von 'Ich' und 'Mein' (Ego) entwickelt und als Folge eine Tendenz zu systematischen Charakterschwächen (» Sieben Hauptlaster) aufweist.
Die Erfahrung zeigt, dass Einsicht, Empathie und der Sinn für Fairness und Gemeinwohl nicht immer ausreichen, um sich aus eigenem Antrieb zum Nutzen des Ganzen zu verhalten. Während sich Menschen im engeren persönlichen Umfeld (Familie, Freunde) bzw. unter sozialer Kontrolle in der Regel einigermassen sozial verhalten und mit den eigenen Ressourcen (Geld, Zeit, etc.) sorgfältig und sparsam umgehen, werden Dinge, die einem nicht selbst gehören, nicht im gleichen Masse geschont.
- Freie Güter (Boden, Luft, öffentliche Güter und Dienstleistungen) werden meist verschwendet (Moral Hazard).
- Wo ohne grossen Einsatz profitiert werden kann, wird dies auch getan (Trittbrettfahrer-Effekt).
- Regeln und Gesetze werden, oft unter Einsatz von grosser Kreativität, zum eigenen Vorteil maximal ausgereizt.
- Im Streben um Geld, Macht und Status sind viele Menschen nicht sehr wählerisch in ihren Mitteln.
- Die meisten Menschen sind zudem bequem und verzichten nur ungern auf eigene Vorteile zugunsten der Umwelt oder des Wohlergehens unbekannter Dritter – erst recht, wenn diese weit weg bzw. erst in der Zukunft leben.
- Sich für das Gemeinwohl zu engagieren fällt oft schwer.
- In vielen Fällen ist weder die Fähigkeit noch die Bereitschaft gross, sich mit den komplexen Hintergründen der aktuellen Herausforderungen auseinanderzusetzen.
"Moral ist in erster Linie eine Frage der Umstände und des Umfeldes – und in einem viel geringeren Masse eine Frage von Überzeugungen. Konkret heisst das: Wenn die Leute bereit sind, fair zu spielen, dann bin ich es auch. Wenn die anderen aber unfair spielen, dann passe ich mich nach unten an. Wir Menschen sind eben lieber die Bösen als die Dummen. Wir bringen unseren Kindern die üblichen moralischen Werte bei, trichtern ihnen aber auch immer wieder die Ausnahmen ein – und leben sie selbst vor: Sei friedlich und nicht aggressiv, aber wenn du geschlagen wirst, dann wehr dich gefälligst! Wir lehren das Kind, die Wahrheit zu sagen, wissen aber, dass es mit dieser Maxime allein im Leben unglücklich wird. Also bringen wir ihm auch bei, ab und an zu lügen."
Der Philosoph Richard David Precht im Tages Anzeiger vom 28.12.2011
Der Mensch ist für sich betrachtet kein vollständig informierter, rationaler und egoistischer Nutzenoptimierer im absoluten Sinne. Insofern ist das Modell des Homo Oeconomicus überholt.
Betrachtet man jedoch ein sozioökonomisches System als Ganzes, verhalten sich die Menschen tendenziell durchaus im Sinne von subjektiv-rationalen egoistischen Nutzenoptimierern – vor allem in einem anonymen sozialen Kontext.
Für die Gestaltung von praktisch umsetzbaren wirtschafts- und unternehmenspolitischen Rahmenbedingungen muss diesen menschlichen Verhaltensmustern angemessen Rechnung getragen werden.
Es stellt sich nun die Frage, inwiefern die verschiedenen Wirtschaftssysteme diesem Anspruch gerecht zu werden vermögen.
Version vom 04. August 2020
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