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Nives hat kürzlich ihren Mann verloren, nach langjähriger Ehe. Zuerst gefasst, bald aber einsam auf ihrem Hof, beschließt sie, ihr Lieblingshuhn Giacomina ins Haus zu holen, und muss erstaunt feststellen, wie gut ihr diese Gesellschaft tut. Als Giacomina sich eines Abends plötzlich nicht mehr bewegt, weil sie zu lange auf die Waschmaschinenwerbung gestarrt hat, gerät Nives in Panik: Sie ruft Loriano Bottai an, den befreundeten Tierarzt, den sie wie alle anderen Dorfbewohner seit Jahrzehnten kennt. Was folgt, ist ein Gespräch, das wiederholt unerwartete Wendungen nimmt, Unausgesprochenes entlarvt, Beziehungsgeflechte offenlegt, in die Abgründe einer verpassten Liebe blicken lässt und schlussendlich die Frage stellt, was ein Leben eigentlich ausmacht – die verpassten oder die gelebten Chancen?
Anteo Raulli ging nach draußen, um den Mansch in den Schweinetrog zu kippen, aber anstatt der Essensreste landete er selber drin, voll aufs Gesicht, der Schlag hatte ihn getroffen. Als er nach zehn Minuten immer noch nicht zurück war, warf Nives einen Blick aus dem Küchenfenster und sah ihn dort liegen, den Eimer daneben, und Ciclamino, das nicht recht kapierte, was Sache war, fand sich mit der Lage ab und begann, das Ohr seines Herrchens anzuknabbern.
»Du Schuft!«, schrie sie und eilte hinaus. Sie packte ihren Mann an den Füßen und zog ihn auf den Kies, wo er in Sicherheit war. Als sie ihn auf die Seite kippte, schimmerte ihr der blanke Wangenknochen ihres Mannes entgegen, die Wange war weggefressen, die Backenzähne lagen in einer Art bleckendem Grinsen frei, bei dem nicht einmal Blut austrat. Das Schwein hatte mit seiner Zunge alles schön aufgeschlabbert. Anteo Raullis Lid war hochgezogen, er schien auf seine Nasenspitze zu starren. Nives betrachtete ihn, während der Wind in ihren Dutt fuhr und ihr immer wieder Haarsträhnen ins Gesicht wehte. Schließlich sagte sie laut: »Ich hatte dir doch gesagt, geh nicht raus bei diesem Nordwind.« Dann sah sie zu dem Tier, das den Blick auf sich spürte und sofort mit dem Schwänzchen zu wedeln begann, als wolle es sagen: »Krieg ich noch mehr?« Die Frau drehte sich um, ging langsam zum Haus zurück und trat ein, ohne die Tür hinter sich zuzuziehen. Gleich darauf kam sie wieder heraus, mit San Francesco fest in beiden Händen – so nannten die Raullis ihr Jagdgewehr. »Komm, Kleines«, murmelte sie und ließ mit dem Daumen die Sicherung hochschnellen. Das Schwein schien die Gefahr zu wittern, fing an, in den Schmodder zu stampfen, und schüttelte sich. Als Nives ans Gehege trat, grunzte Ciclamino aus voller Kehle, einzelne Töne klangen wie ein Pfeifen. Es war schon drauf und dran, sich in seine Hütte zu verziehen, war aber plötzlich wie gebannt von dem Gewehrlauf, den die Frau auf es richtete. Der Schuss traf es mitten in die Stirn. Ciclamino kippte zur Seite, die steifen Beine zuckten noch nach. Dabei braucht man kein Experte zu sein, um zu wissen, dass man Schweine töten sollte, ohne dass sie es mitkriegen. Sonst versaut die Angst ihnen die Muskeln und überhaupt nimmt das Fleisch Schaden. Und die Schwarte auch.
Nives weinte nicht, nicht einmal bei der Beerdigung. Ganz anders die Tochter, die aus Frankreich kam und die ganze Zeit heulte wie eine Sirene, vom Leichenschauhaus bis zur Predigt vor dem Ofen der Einäscherung. Nives weinte auch nachher nicht, zu Hause. Im Gegenteil, sie hielt dem Appetit des Schwiegersohns und der Enkel stand, die sich wie gewohnt auf die hausgemachten Tortelli freuten: Kaum hatte sie das gute Kleid abgelegt, ging sie in die Küche, zog Schubladen und Fächer auf und machte sich mit dem Mehl zu schaffen.
»Mama, wir müssen uns überlegen, was wir mit dir machen«, lag ihr die Tochter in den Ohren, stets ein Taschentuch in Reichweite.
Nives rollte mit den Augen. »Laura, wenn du noch mal damit kommst, schmeiß ich mich in den Ofen. Hier fehlt mir nichts. Was soll ich denn eurer Meinung nach tun, in die Languedoc kommen? Da käm ich mir ja vor wie unter Marsmenschen. Ich hab einen Schwiegersohn und Enkel, von denen ich nicht mal die Namen aussprechen kann. Mit siebenundsechzig lässt man nicht einfach alles stehen und liegen. Und außerdem, wer kümmert sich dann um das Vieh?«
Sie musste sich am Riemen reißen, denn hätte sie sich gehen lassen, hätte das Gespräch eine andere Wendung genommen. Also setzte sie es in Gedanken fort: ›Euch juckt es, den Hof zu verkaufen, und ob. Die Pachteinnahmen der Felder, die ihr jeden Monat pünktlich einstreicht, reichen euch nicht. Die Bandini überweisen, und hopp, schon ist alles in Richtung Pyrenäen verschwunden. Ein Getue beim Anblick des Vaters, wie er mit verbundenem Gesicht in der Kiste liegt, und gleichzeitig rumrechnen, wie ihr von Neujahr bis Neujahr auf Reisen gehen könnt. Ich seh ihn schon, den jungen Franzosen, wie er vor Glück wiehert.‹
Sie blieben eine Woche. Beim Abschied fing die Tochter wieder mit den Krokodilstränen an, weil es sie befremdete, die Mutter in diesen öden Räumen weitab von aller Welt zurückzulassen. »Wir haben ein hübsches Zimmer, das nur auf dich wartet«, sagte sie und warf sich in eine Umarmung, die Nives quer erwischte, mit hängenden Armen und den Gedanken, die wiederholten: ›Da kannst du lange warten.‹ Dann bückte sie sich zu den Jungs. Sie waren ganz nach dem Vater geraten: blond und maulfaul. Noch nie hatten sie es fertiggebracht, ihrer Oma direkt in die Augen zu schauen. Erst nach ein paar Tagen wurden sie etwas lockerer, wenn es gewöhnlich wieder an die Abreise ging. ›Schau an, was aus unserem Schlag geworden ist‹, dachte Nives und presste den beiden Knaben einen Kuss auf die Köpfe, die im Licht des aufkommenden Frühlings glänzten. Dem Schwiegersohn gab sie die Hand. Ein Meister der Höflichkeit, keine Frage, aber steif wie eine Salzsäule. Einer von der Sorte, der man ein Messer in die Rippen stoßen muss, damit sie ein Gefühl zeigen. Ganz anders als die Tochter, die mit dem Jammern nicht mehr aufhören wollte, sodass Nives schließlich deutliche Worte fand: »Ich bin ja noch nicht tot.« Sie sagte es einfach so heraus, teils um die Spannung zu lösen, teils um sich Luft zu machen. Laura fand das allerdings gar nicht witzig, in Anbetracht des Trauerfalls kam es ihr wohl unpassend vor. Ihre Miene verdüsterte sich, als wäre sie in ihrem Innersten peinlich berührt worden. »Wiedersehen, Mama«, seufzte sie und gab ihr einen letzten Streifkuss auf die Wange. Dann stiegen sie in den großen Mietwagen. Nives sah ihnen nach, wie sie auf dem Schotterweg davonfuhren und danach auf der Landstraße verschwanden. Die beiden Jungen drehten sich nicht um, um aus dem Heckfenster zu winken. Es blieb ein Staubschleier, der eine Weile anhielt. Dann war Poggio Corbello wieder wie immer, ohne Eindringlinge. Nives sah zum Schweinetrog hinüber, wo ihr Mann plötzlich sein Leben ausgehaucht hatte. Sie fragte sich, wie weit die Catani wohl seien, die in den letzten zwanzig Jahren mit dem Schlachthof gut
reich geworden waren. Am Tag des Unglücks waren sie wie der Blitz zur Stelle gewesen, die hundertdreißig Kilo von Ciclamino abzutransportieren, hatten aber noch keine Abrechnung geschickt. »Jeder Verkauf ist eine Qual«, murmelte sie. Und trat ins Haus.
Die erste Nacht fand sie keinen Schlaf. Solange die Verwandtschaft da war, war dies nie vorgekommen, nicht einmal mit dem Schock der Tragödie, die noch in der Luft hing. Sie lag da auf ihrer Seite des Bettes, und sofort wurde ihr klar: Wenn sie die Augen schloss, überkam sie ein Gefühl, als könne sich das gewohnte Zimmer während des Schlafs in etwas anderes
verwandeln. Auf einmal war es nicht hinnehmbar, dass die Welt sich einfach weiterdrehte. Außerdem kam es ihr vor, als liege Anteo direkt in ihrem Rücken. Die Müdigkeit war groß, und zweimal hätte sie beinahe die Oberhand gewonnen, aber wenn sie es wagte, locker zu lassen, gingen schlagartig die Lider wieder hoch, unter heftigem Herzklopfen. Dazu noch von einem widerlichen Gefühl aufgewühlt, das nach ein paar Augenblicken zum Glück verflog, als wisse sie nicht recht, wo sie sich befinde. Seltsam, weil eigentlich keinerlei Zweifel bestehen konnte. Sie wohnte seit knapp einem halben Jahrhundert auf der Anhöhe, es gab keinen Widerpart, der diesbezüglich hätte Verwirrung stiften können. Höchstens wäre noch das alte Haus infrage gekommen, wo sie geboren war und das sie noch lebhaft in Erinnerung hatte, aber das betraf wirklich ein anderes Leben. Im zweiten Delirium des Dämmerschlafs überkam sie eine Plage: Sie hörte ihren Namen rufen, vernahm die deutliche Stimme ihres Mannes: »Nives!«, wie aus dem Zimmer nebenan. Ein Timbre, das endlos die Tage gezeichnet hatte, von ihren jungen Jahren bis jetzt. So dachte sie die ganze Zeit an ihn und fasste sich ein Herz, bis das erste Gezwitscher der Schwalben aufkam: ›Anteo hat mich mein Leben lang begleitet, von zwanzig bis in die sechziger Jahre rein. Ein halber Traum, der nach Halluzination aussieht, ist normal, ich bin ja kein Monster.‹
Als sie im Bad in den Spiegel sah, hätte sie fast gefragt: ›Wer ist die denn?‹ Die durchwachte Nacht sah man ihr auch dann noch an, als sie das Vieh versorgte. Unter der Haut musste sie gegen ein Zittern ankämpfen. Ihr Blickfeld war am Rand verschwommen.
Die Käfige erbebten, als sie kam, die Kaninchen versuchten wie wild, sich an die vordersten Plätze des Futterlochs zu drängen. Dann ging sie mit dem Eimer für das Hühnerfutter an die Seite des Hauses und schloss den Hühnerstall auf. Die Hennen stürzten im Pulk heraus. Nives suchte nach Giacomina, die wegen ihrer rechten Kralle, die nur noch aus einer knolligen
Zehe bestand, immer etwas hintanblieb. Anteo hatte immer wieder darauf gedrängt, sie angesichts des Schadens, den sie an einem Nachmittag durch den entlaufenen Köter der Potenti erlitten hatte, zu schlachten. »Die angebissene Kralle kann von heute auf morgen zum Wundbrand werden. Besser, sie landet bei uns auf dem Teller als im Müll.« Nives schüttelte stets verneinend den Kopf.
Giacomina stand nun still vor der Bäuerin. Sie war es inzwischen so gewohnt. Sie sah zu ihr auf, mit leicht geneigtem Kopf, das Auge starrte blöd ins Leere. Die Frau fühlte sich diesem Ausdruck einer Elenden sehr zugetan, wie ein Fragezeichen, das der Welt zu sagen schien: ›Was mach ich hier? Hast du ne Ahnung?‹ Diese Spur von Bewusstsein verschwand im Nu, wie üblich, als eine Garbe Körner eine Handbreit neben ihrem Schnabel auf die Erde fiel: Die Henne stürzte sich darauf. Um sich beim Fressen auf den Beinen zu halten, musste sie den linken Flügel leicht abspreizen, um das verkrüppelte Bein auszugleichen. Nives sagte halblaut: »Freundchen, ich lebe schon immer so.« Und sie blieb dort, damit das elende Geschöpf
fressen konnte, sie passte auf, dass die anderen Hühner ihr das Futter nicht streitig machten. Danach kümmerte sie sich um den Gemüsegarten.
Bald stellte sie fest, dass das Alleinsein das Landleben stark veränderte. Die Stunden wollten einfach nicht mehr vergehen, und das setzte ihr zu. Die gewohnten Erledigungen ließen sich anders an. Nives ging auf die neue Lage mit einer gewissen Verbissenheit ein: ›Bin ich mir etwa nicht genug?‹, fragte sie sich. Dies in fortgeschrittenem Alter festzustellen war ein herber Schlag, den sie nur ungern einsteckte. Jede Verrichtung fühlte sich dadurch schwerer an: Die Gemeinsamkeit war weg. Vor allem die kleinen, unbedeutenden Dinge wie ein Glas Wasser zu trinken. Keine Sau war da, um zu sagen: ›Was für eine Hitze‹, einfach so, um ein paar Worte zu wechseln.
kulturtipp
»Zwei ganze Leben packt der 1976 in der Toskana geborene Autor mit viel Witz und Feingefühl in seinen klugen Roman. Seine ausdrucksstarke, bildhafte Sprache übersetzt Walter Kögler treffend.«
BRIGITTE Woman
»Genial gut!«
ORF2
»Ein kleines Buch aber großes Vergnügen, [...] haarsträubend komisch. Ich habe das selten erlebt, dass ein Buch mit so einem Setting so gelungen ist.«
Presse am Sonntag
»Diese wunderbaren Romane einen nicht nur die prägnanten Titel und die relativ kurze Form, sondern auch, dass man sie nicht aus der Hand legen will. Perfekt zum Verschenken, auch an sich selbst.«
DLF Kultur Lesart
»So weit, so skurril und wirklich witzig beschrieben. Man muss viel lachen.«
Badischte Neueste Nachrichten
»In einer klaren, sachlichen Sprache erzählt Naspini all diese Bösartigkeiten. Sehr geschickt legt er immer wieder falsche Fährten. Der Roman handelt davon, was aus einem Leben hätte werden können, wenn man sich nur getraut hätte.«
WDR3 Gutenbergs Welt
»Unbedingt zu empfehlen. Am Anfang ist es ein eher komischer Roman, der aber eine ziemlich interessante Wendung nimmt.«
Badische Zeitung
»Sacha Naspini ist ein Freund unverblümter Worte, die zupacken, wo es nötig ist, und sich um den Rest nicht scheren. Ganz nebenbei ruft die Darstellung menschlicher Unzulänglichkeiten in diesem dialogreichen Roman neben Mitgefühl immer wieder auch helles Gelächter hervor.«
Buchkultur
»Eine köstliche Lektüre mit ungeahnten Höhen und Tiefen, die so manche Überraschung über das kleine italienische Dorf bereithält. Auch die Übersetzung ist gelungen!.«