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Von Murgab bis Karakul überqueren wir den höchsten Punkt unserer Reise. Danach gehts runter zum Karakul-See und naiv wie wir sind, glauben wir, wir hätten das ärgste hinter uns. Wir quartieren uns für die Nacht in einem «Homestay» ein und rechnen damit, die nächsten Tage ohne grössere Probleme über die Grenze nach Kirgistan zu rollen.
Der intensiv blaue Karakul-See liegt in der weiten, von Bergen umgebenen Ebene und ist fast surreal schön. Das Tüpfchen auf dem «i» sind die zottigen Yaks, die vor dem See grasen, völlig unbeeindruckt vom beissend kalten Wind.
Das kleine Dorf besteht aus einer Ansammlung dieser eckigen, etwas windschiefen, weissen Hütten. Dazwischen wie immer Kinder, die uns eilig entgegenrennen, sobald sie uns sehen. Frauen mit farbigen Kopftüchern, eingepackt in warme Mäntel und mit diesen typischen, wadenhohen, gefütterten Innenschuhen gehen geschäftig umher, holen Wasser am Brunnen oder karren Dung, um den Ofen einzuheizen.
Wir kommen bei einer jungen, zurückhaltenden Frau unter, die aber schlagfertig auf die dummen Sprüche der Jungs unserer Gruppe reagiert. Wir bekommen ein warm geheiztes, mit Teppichen ausgelegtes Zimmer, wo wir alle fünf nebeneinander unsere Mätteli ausrollen. Sobald wir etwas aufgewärmt sind, wagen wir uns wieder raus. Es soll einen Laden geben im Dorf. Und wir hoffen auf ein paar Snickers, ein paar Konserven und vielleicht sogar ein paar Zwiebeln.
Die Kinder des Dorfes heften sich sofort an unsere Fersen und führen uns zum ersten Laden, nachdem sie bemerken, dass wir etwas orientierungslos umherstreunen. Leider ist der Laden geschlossen und sie führen uns in einen Hinterhof und hinein in einen Raum mit ein paar Regalen an der Wand. Sie sind fast alle leer. Wir finden ein paar Nudeln. Und Süssigkeiten. Immerhin. Wir füllen sackweise «Täfeli» ab und hoffen, dass sie einigermassen geniessbar sind. Die Besitzerin des Ladens hat sichtlich Mühe, die Zahlen auf den Geldnoten zu lesen. Brille hat sie keine. Wir verteilen einen Teil der gekauften Süssigkeiten unter den Kindern, die uns umringen und lassen mehr Geld da, als wir eigentlich bezahlen müssten. Und fühlen uns einmal mehr hilflos angesichts der Lebensumstände, die wir hier antreffen. Besonders im Kontrast zu unserer teuren Ausrüstung und den unendlichen Möglichkeiten, die wir haben. Einfach weil wir das Glück hatten in Europa das Licht der Welt zu erblicken.
Zurück im warmen Haus gibt es eine Suppe und dann Teigwaren mit ein paar Streifen Rüebli und einigen Bröckli Yakfleisch. Nach dem Znacht können wir duschen. Neben dem Wohnhaus, in einem kleinen Hüttli steht ein Dungofen in einem gekachelten Raum. Es ist wunderbar warm und auf dem Ofen steht ein altes Ölfass, voll mit heissem Wasser. Dieses kann man in einem Chübel mit kaltem Wasser mischen und «duschen».
Aufgewärmt, gestärkt und sauber machen wir uns am nächsten Tag auf richtung Kirgistan. Die ersten paar Kilometer haben wir Rückenwind, dann dreht die Strasse etwas und wir haben Seitenwind. Abgesehen davon, dass es saukalt ist, kommen wir immer noch recht zügig voran. Nach dem ersten kurzen Pass machen wir Mittagspause und kochen Instant-Nudeln im Windschatten der Strassenböschung.
Als wir uns wieder auf die Velos schwingen, sehen wir im Tal vor uns etwas durch die Luft wabern. Wir stellen ziemlich bald fest, dass es Staub ist, der vom starken Gegenwind aufgewirbelt und uns direkt ins Gesicht geblasen wird. Gring abe u fahre. Viel anderes bleibt uns nicht übrig.
Ungefähr zum gleichen Zeitpunkt als der Asphalt zur Schotterstrasse wird, wechselt auch das Material, das uns ins Gesicht geblasen wird. Aus Staub wird Schnee. Sowohl die Strasse, als auch das Wetter werden immer übler und ziemlich bald schon beschliessen wir, unsere Zelte aufzuschlagen. Wir finden eine Grube neben der Strasse, die etwas Windschutz bietet, sind aber trotzdem schon innert kürzester Zeit im warmen Schlafsack.
Es schneit munter weiter und die Nacht wird ziemlich frostig. Am Morgen ist das Wasser in unseren PET-Flaschen gefroren und der Wind weht immer noch eiskalt und unerbittlich aus der für uns falschen Richtung. Die Wolken aber haben aufgerissen und es bietet sich uns ein spektakuläres Panorama mit frisch eingeschneiten Bergen.
Ich trage mittlerweile so ungefähr alle Kleider, die ich dabeihabe. Meine Finger und Zehen sind trotzdem bereits nach den ersten beiden Kilometern kaum mehr spürbar. Es geht ziemlich bergauf und die Strasse wird immer schlechter. Ich tschaupe bis ich fast keine Luft mehr bekomme, in der Hoffnung so meine Finger und Zehen etwas aufzuwärmen. Leider ohne Erfolg.
Doch vielleicht haben die Soldaten an der Grenze ja einen Ofen. Auch das ist aber leider nicht der Fall. Nachdem der mürrische Soldat in seinem Kabäuschen (ohne Heizung!) meinen Pass gestempelt hat, will ich einige Meter zurückgehen um im Windschatten einer Mauer auf die anderen zu warten. Sofort hält mich aber ein Soldat mit Gewehr auf. Ich darf natürlich nicht zurück nach Tadschikistan. Auch nicht einige Meter. Ich versuche ihm zu erklären, dass ich nur Windschatten suche. Zuerst auf Englisch, dann mit viel Mimik und Gestik. Vergebens. Offenbar kann sich ein tadschikischer Soldat nicht vorstellen, dass jemand im Juni Windschatten sucht. Irgendwann bin ich so ausgekühlt und verärgert, dass ich einfach hinter die Mauer gehe. Er wird mich ja wohl kaum erschiessen. Aber er stellt sich einige Meter von mir weg hin und beobachtet mich scharf. Von mir aus.
Nachdem alle ihre Ausreisestempel im Pass haben, fahren wir den letzten Kilometer zum Pass hinauf. Die Strasse ist mittlerweile recht schlammig und Sicht haben wir keine im Nebel. Doch pünktlich als wir oben ankommen reisst der Nebel auf und wir sehen rund um uns die atemberaubende Berglandschaft. Und die Abfahrt nach Kirgistan. Normalerweise mag ich ja wenn es runter geht. Diese Schlammpiste finde ich allerdings mässig berauschend, zumal meine Finger und Füsse bereits jetzt vor Kälte schmerzen. Im oberen Teil geht es ja noch. Da ist der Boden mehrheitlich gefroren und schneebedeckt. Je weiter runter wir kommen, desto mehr ist der Schnee jedoch geschmolzen und verwandelt die Dreckpiste darunter in puren Schlamm.
Als wir 20 Kilometer später die Asphaltstrasse und den kirgisischen Grenzposten erreichen, sind unsere Velos über und über mit rötlichem Schlamm bespritzt. Meine Gangschaltung hat so viel Dreck abbekommen, dass die dauernd springt und das Geräusch, das beim bremsen entsteht tut schon fast körperlich weh. Zu meinen Zehen und Fingern äussere ich mich nicht noch einmal. Wer hätte gedacht, dass das (jedenfalls für mich) schwierigste Stück des Pamir-Highway die letzten paar Kilometer aus dem Pamirgebirge raus ist?
Doch nun wird alles besser. Wir haben Asphalt, die Sonne scheint und da kein Verkehr herrscht, können wir kurz nach dem Grenzposten auf der trockenen, von der Sonne etwas aufgeheizten Strasse pick-nicken. Vor uns erstreckt sich eine verschneite Ebene mit Jurten, Schaf-, Pferde- und Yakherden. Wir sind definitiv in Kirgistan angekommen. Hinter der Ebene ragt die nächste Bergkette auf. Doch noch viel beeindruckender ist der Blick zurück. Die gigantischen Berge des Pamirgebirges, die majestätisch über dieser Idylle thronen sind unvorstellbar schön.
Aber jetzt einfach nur über die Ebene zu radeln und den Ausblick geniessen wäre fast ein bisschen zu einfach. Darum wartet Frau Holle noch mit einer Überraschung auf. Zehn Kilometer vor dem Dorf, wo wir uns in einem Gasthaus einquartieren wollen, schüttelt sie ihre Bettdecken noch einmal so richtig. Und zwar so, dass es waagrecht schneit. Aber wir wissen ja, das warme Gasthaus ist nicht mehr weit.