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Erforscherin der Literatur im Raum
Anna Wegelin
Ina Habermann, seit gut fünf Jahren Professorin für Englische Literatur seit der Renaissance, interessiert sich für Texte im Wechselspiel mit kulturellen Räumen. Das Kompetenzzentrum Kulturelle Topographien, das sie vor drei Jahren ins Leben gerufen hat und leitet, ist Ergebnis ihres kulturwissenschaftlichen Ansatzes.
Die Literaturwissenschaftlerin Ina Habermann ist eine stille Schafferin. Doch sie hat ebenso ein gutes Gespür für öffentlichkeitsrelevante Themen. So beschäftigt sie sich derzeit etwa mit britischen Europa-Diskursen und mit «Englishness », also mit bestimmten Vorstellungen nationaler Identität. In ihrer Forschung interessieren sie zwei unterschiedliche Zeitspannen und Genres: zum einen das frühneuzeitliche Drama der Shakespeare-Zeit und zum andern populäre Prosaliteratur aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, darunter Daphne du Mauriers Bestsellerroman «Rebecca» von 1938, unter dem Gesichtspunkt nationaler Mythenbildung.
Pure Lust
Ina Habermanns erster Beruf nach dem Abitur war Sekretärin. «Aus familiären Gründen erschien es mir damals opportun, eine Tätigkeit auszuüben, von der man auch leben kann», erzählt sie heute in ihrem Büro in einem denkmalgeschützten Patrizierhaus in der Basler Altstadt. Aus «purer Lust» habe sie schliesslich Literatur studiert und dann den akademischen Weg eingeschlagen: «Ich habe bald gemerkt: Das ist meine Welt.» Von 1989 bis 1995 studierte sie Anglistik an der Universität Frankfurt, daneben Germanistik und Soziologie, und arbeitete am dortigen Renaissance- Institut. Sie schrieb ihre Magisterarbeit über gegengeschlechtliche Bekleidung («Cross-Dressing») und Geschlechteridentität im elisabethanischen und jakobäischen Theater der Renaissance. Darauf absolvierte sie mit einem Stipendium ein dreijähriges Graduiertenkolleg zu «Geschlechterdifferenz und Literatur» an der Universität München. Ihre eigentliche universitäre Tätigkeit, unter der sie die Troika «Forschung, forschungsgestützte Lehre und Verwaltung» versteht, begann sie 1998 an der Universität Erlangen, wo sie während neun Jahren als Assistentin arbeitete. In ihrer Dissertation, die sie in Frankfurt einreichte und 2000 mit der Höchstnote abschloss, untersuchte sie Diskurse der Verleumdung («slander ») im englischen Renaissance-Drama und in Rechtstexten aus der Zeit um 1600.
«Middlebrow» und Common Sense
In ihrer Habilitation an der Universität Erlangen, die sie kurz vor ihrer Berufung nach Basel erfolgreich beendete, betrachtet sie «Englishness» als symbolische Form, und zwar anhand literarischer und filmischer Werke der gehobenen Unterhaltung von der Zwischenkriegszeit bis in die 1940er- Jahre. Solche Werke werden oft mit dem geringschätzenden Etikett «middlebrow» belegt, im Gegensatz zu «highbrow». Diese Begriffe stammen aus der Phrenologie, einer Lehre, welche die Intelligenz eines Menschen aus seiner Stirnhöhe abzuleiten meinte. In einem 2010 veröffentlichten Buch zeigt Ina Habermann, dass das vermeintlich Mittelmässige kultur- und literaturgeschichtlich mehr Aufmerksamkeit verdient und repräsentative Einblicke in gesellschaftliche Identitätsbildung eröffnet. «Mein Zugang zur Anglistik ist kulturwissenschaftlich», sagt Ina Habermann. Sie begreife Literatur nicht «nur» im Hinblick auf ihren künstlerischen Wert: «Mich interessiert der Bezug der Literatur zur Lebenswelt – und die Differenz zwischen den beiden.» Wichtige Impulse für diesen Ansatz, wonach jeder Text in Kontexte eingebettet ist, lieferten ihr ihre Studienzeit im «Frankfurter Kontext» – und die unzähligen Bücher, die sie als Mädchen verschlungen habe. «Ich wollte immer wissen, welche Rolle die Literatur in der Gesellschaft spielt», erzählt sie. Die «Middlebrow»-Literatur, die sich häufig auf weibliche Lebensentwürfe und -geschichten bezieht, tat es ihr besonders an: so zum Beispiel der 1946 erschienene Roman «The Pavilion of Women» von Pearl S. Buck, der sich bis heute grosser Beliebtheit erfreut, aber auch populäre Klassiker der englischen Literatur wie die Romane der Geschwister Brontë oder von Jane Austen. Der «mittlere Stil» sei «sehr typisch für die britische geistige Landschaft», sagt die Englischprofessorin. Er stehe für eine antiintellektuelle, allgemein verständliche Kultur des Common Sense: vom Empirismus und Pragmatismus in der britischen Geistesgeschichte bis zur Königsdisziplin, dem Essay, «einer gut zugänglichen Form für jene, die sich mit komplizierten Inhalten auseinandersetzen wollen». Dies alles basiere auf einer «langen demokratischen Tradition, in der die Stimme eines erweiterten Kreises von Menschen mehr zählte als in andern Ländern».
Liebe, Tod und Kleinfamilie
«Middlebrow»-Literatur und «Englishness»: Das ist bis heute einer von drei Schwerpunkten in Habermanns Forschungsarbeit. Dabei plant die Wissenschaftlerin mittelfristig, den Zeithorizont auszuweiten, etwa auf die englische Rezeption von Vergils «Georgica»-Lehrgedichten. Auch zu Shakespeare, ihrem zweiten Schwerpunkt, kehrt sie immer wieder zurück. Besonders in seinen Tragödien, sagt sie, spreche er die «sehr anschlussfähigen archaischen Themen Liebe und Tod und die Probleme der Kleinfamilie» an und packe diese in vielschichtige, komplexe Geschichten, in denen man immer wieder Neues entdecken könne. Das elisabethanisch-jakobäische Drama um 1600 sei das künstlerische Leitmedium gewesen, so Habermann: «Das Theater war der Ort, an dem wichtige gesellschaftliche Konflikte ausagiert und brennende Themen angesprochen wurden.» Ihren dritten Forschungsschwerpunkt im Rahmen ihres Engagements am Kompetenzzentrum Kulturelle Topographien – britische literarische und kulturelle Europa-Diskurse – bezeichnet Ina Habermann als den «kulturpolitischen Aspekt » ihrer Arbeit. Grossbritannien, ein «sehr zögerliches Mitglied der Europäischen Union», spiele in Europa noch immer eine besondere Rolle, meint die Anglistin. Die kulturelle Topografie Basels und der Schweiz begünstige eine derartige Betrachtung: Auch die Schweiz nehme eine randständige Rolle in Europa ein, obwohl sie geografisch im Zentrum liegt. Ina Habermann hat persönlich den Anstoss gegeben zur Einrichtung des von ihr geleiteten Kompetenzzentrums Kulturelle Topographien. 2009 startete das Zentrum als mittelfristig angelegtes Projekt der Universität Basel. Die Interdisziplinarität habe sie schon immer fasziniert, erzählt sie. Als sie feststellte, dass sehr viele Kolleginnen und Kollegen an der Universität über den Raum bzw. über kulturelle Topografien arbeiteten, habe sie diese Frage gemeinsam mit ihnen angehen wollen – «um Kräfte zu bündeln». Das Kompetenzzentrum arbeitet zurzeit vor allem zu zwei Themen: zum einen über «Grenzen Europas», wo neben einem Schwerpunkt zu Osteuropa auch ihre eigene Forschung zu britischen Europa- Diskursen angesiedelt ist, und zum andern über Basler Stadt- und Regionalentwicklung in humangeografischer und historischer Perspektive. Kulturelle Topografien – definiert als «geografische, gedachte, beschriebene und erschriebene Räume» – zu erforschen, sei nicht nur sehr produktiv, sagt die Literaturwissenschaftlerin. Raum sei auch ein «Paradigma der heutigen Zeit» und eine Weiterentwicklung der «Body»/Gender-Debatte der 1990er-Jahre. «Körper sind in den Raum eingebunden», sagt Ina Habermann, seien von Landschaften umgeben, lebten in zwischenmenschlichen, «topographischen» Beziehungen: «Raumstudien sind die Verschränkung von materieller Welt und Diskurs.» In Bezug auf «Englishness» führe dies zum Beispiel zur Frage: Wie hängt nationale Identität mit der Geografie und Topografie des Inselstaats zusammen? Eine mögliche Antwort finde sich etwa bei William Wordsworth und seiner literarischen Erschaffung des Lake Districts, des Inbegriffs der englischen Landschaft. «Die forschungsgestützte Lehre braucht eine gewisse Inkubationszeit», sagt Ina Habermann: «Doch das Kompetenzzentrum trägt immer mehr Früchte.»
Raison d’Être als Professorin
Ina Habermann liebt das Professorinnendasein, obwohl es für sie auch ein Leben neben der Universität gibt, zurzeit vor allem mit Mann und Kind. Einige ihrer Hobbys, etwa das Theaterspielen und die Musik, müssen im Moment allerdings zurückstehen. Die Universität, sagt sie, zeichne sich dadurch aus, dass Forschung und Lehre ineinander verschränkt sind: «Spitzenleistungen erbringen und gleichzeitig grosse Breite demonstrieren». Ihre Raison d’Être als Professorin sei es, ihr Wissen und ihre Erfahrung an die Studierenden weiterzugeben und es zusammen mit ihnen weiterzuentwickeln. «Die Studierenden sollen die Universität mit Kenntnissen, intellektuellem Rüstzeug und Begeisterung für die Sache verlassen », sagt sie. Für die Studentinnen ist Ina Habermann eine Art Vorbild – und ein lebender Beweis dafür, dass man als Frau eine universitäre Karriere machen kann. Aus purer Lust.