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Ist «Kirchliches Milizengagement» in der Romandie ein Fremdwort?
Mitte Dezember 2015 veranstaltete die RKZ in Zürich eine Tagung zum Thema „Milizengagement – Zukunfts- oder Auslaufmodell?“. Zu den Referenten aus der Westschweiz gehörte Michel Racloz. Er ist Delegierter des Bischofsvikars des Bistums Lausanne-Genf-Freiburg. Im nachfolgenden Interview geht Michel Racloz der Frage nach ob «Kirchliches Milizengagement» in der Romandie eine andere Bedeutung hat?
Herr Racloz, nach der Tagung kam eine Frau aus der Romandie auf mich zu und sagte: „In der Romandie ist der Begriff Miliz für das Engagement in kirchlichen Gremien völlig ungebräuchlich. Trotzdem war die Tagung interessant.“ Was meinen Sie zu dieser Feststellung?
Vielleicht handelt es sich um eine Frage der Begrifflichkeit und des Zugangs. In der Westschweiz sprechen wir von Pfarreiräten oder von Mitgliedern kantonalkirchlicher Gremien und legen den Akzent auf die Freiwilligkeit ihres Engagements. Wie andere Getaufte, bringen sie ihre Kompetenzen und Erfahrungen ein, zum Beispiel in den Bereichen Verwaltung, Finanzen, Immobilien oder Kontakt mit den Gemeinden im Dienst am kirchlichen Leben. Meines Wissens, wird die Parallele mit dem politischen Milizsystem, der Armee oder den Schulbehörden in der Westschweiz nur selten gezogen. Diese Form der Freiwilligkeit in Pfarrei-Vereinen oder auf kantonaler Ebene ist anspruchsvoll, weil sie mit Verantwortung verbunden ist und ein langfristiges Engagement erfordert. Die Herausforderung, die Gremien besetzen zu können, besteht auch in der Romandie.
An Ihrem Workshop nahmen Personen aus beiden Sprachregionen teil: Deutschschweizer und Romands. Haben Sie sprachregionale Unterschiede bezüglich ihrer Art festgestellt, sich in der Kirche zu engagieren?
Die Frage ist heikel und komplex. Ich habe den Eindruck, es besteht zwischen den beiden Sprachregionen eine kulturelle Differenz in den Beziehungen unter den Behördenmitgliedern und der bischöfliche Autorität. In der Deutschschweiz tritt jeder für seine Stellung ein, die Beziehungen sind direkter und man scheut die Auseinandersetzung weniger. Vielleicht sind die Ansprüche der Laien in der Deutschschweiz höher. In der Westschweiz streben wir eher nach Konsens und Kompromiss, die gemeinsame Zugehörigkeit zur Kirche unabhängig von der jeweiligen Rolle und Zuständigkeit hat den Vorrang. Die Differenzen zwischen den Grössen der Bistümer, dem Zustand und der pastoralen Kräfte, das Profil und die Rolle der Laien im pastoralen Dienst können ebenfalls dazu beitragen, dass die Situationen unterschiedlich sind.
In der Deutschschweiz gibt es einen gewissen Trend, Milizbehörden finanziell besser zu entschädigen. Damit soll den gewachsenen Ansprüchen Rechnung getragen werden. Und es sollen auch Personen Ämter übernehmen können, die darauf angewiesen sind, etwas Geld zu verdienen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung? Gibt es in der Romandie einen ähnlichen Trend?
Ich habe keine Kenntnis von Entschädigungen für das Engagement auf Pfarrei- bzw. Gemeindeebene. Es gibt Zeichen der Anerkennung wie für andere Freiwillige in der Katechese, in der Liturgie oder in der Diakonie. Gelegentlich werden gewisse Kosten übernommen, aber das ist stark von der Finanzlage der Pfarreien und davon abhängig, was als sinnvoll und angemessen erachtet wird.
Ich bin überzeugt, dass jede und jeder Getaufte dazu berufen ist, am Leben der Kirche teilzunehmen und die Freundschaft Gottes für die Frauen und Männer in seinem Umfeld zu bezeugen. Jeder Dienst in der Kirche ist wichtig und ich finde es heikel, gewisse dieser Dienste zu entschädigen oder dies in Zukunft verstärkt zu tun. Ich denke die Menschen lassen sich bei ihrem freiwilligen Engagement von anderen Beweggründen leiten als vom Geld. Allerdings ist es entscheidend, dass der Mangel an finanziellen Mitteln kein Hinderungsgrund für kirchliches Engagement wird. Deshalb plädiere ich eher dafür, das Verhältnis zur Arbeit in unserer Gesellschaft zu hinterfragen. Wir könnten Genossenschaften oder Vereinigungen für nachhaltige Entwicklung schaffen, die es verletzlichen oder armutsgefährdeten Personen ermöglichen, einen Platz in der Gesellschaft und in der Arbeitswelt zu finden, ihre Fähigkeiten einzubringen und ein Einkommen oder einen ergänzenden Verdienst zu erzielen
Das Problem des sogenannten „dualen Systems“ wird oft als „typisch deutschschweizerisch“ dargestellt. Aber de facto gibt es z.B. auch in der Waadt, wo sie tätig sind, das Nebeneinander zweier Strukturen. Was sind Ihre Empfehlungen für eine gute Zusammenarbeit zwischen Hauptamtlichen und Milizbehörden?
Ihre Frage geht weit und ist wichtig. Ich glaube, wir müssen zuerst die tiefen gesellschaftlichen Veränderungen besser verstehen und uns zugleich von den Intuitionen, Initiativen und Optionen von Papst Franziskus leiten lassen. Kurz: Es geht darum, uns zu dezentrieren und gemeinsam auf die zentralen Aufgaben und Aktivitäten der Kirche in der Welt von heute zu schauen, die wir gemeinsam mit anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften wahrnehmen müssen.
Wir müssen uns stärker der Vielfalt unserer Kulturen, Herkunft, Lebensgeschichten und beruflichen Entwicklungen bewusst werden. Jeder Lebensbereich hat seine Logik, seine Werte und seine Kriterien, sei es das Management im Finanzbereich oder das Leben in einem Seelsorgeteam. Es geht darum, Sprache und Verständnis zu finden für diese unterschiedlichen Welten und im Licht des Evangeliums gemeinsam zu unterscheiden, was für die Einzelnen und das Zusammenleben gut und gesund ist. Ich wünsche mir eine Dynamik des Lernens, der interdisziplinären Zusammenarbeit und einer vertieften Kultur des Dialogs.
Eine der zentralen Herausforderungen ist die Qualität der Kommunikation und des Informationsaustausches zwischen den verschiedenen Akteuren. Es braucht die Bereitschaft, zwischen den verschiedenen Weltbildern «Übersetzungsarbeit» zu leisten, und ein Streben nach gegenseitigem Verständnis. Eine gesunde Zusammenarbeit erfordert auch, dass jede und jeder in seiner Stellung, seinen Besonderheiten und seinen Fähigkeiten anerkannt wird. Zudem gilt es zu beachten, dass es unterschiedliche Geschwindigkeiten und Rhythmen in der Entwicklung gibt.
Ich nehme wahr, dass noch erhebliche Spannungen bestehen. Umzusetzen, was ich beschreibe, benötigt viel Zeit und nachhaltiges Engagement. Allerdings leben wir in einer Zeit, die sehr stark auf das Unmittelbare und das Schnelle ausgerichtet ist. In der Nachfolge Jesu sind meines Erachtens Zeiten des Abstand-Nehmens, des Austausches und des gemeinsamen Rückzugs unerlässlich. Ich bin überzeugt, dass es fruchtbar ist, in solche Qualitäten des Miteinanders zu investieren.
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