Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03656.jsonl.gz/3023

Chandras Welt waren die nebligen Berge. Ein Ort, wo das Krähen einer Krähe genauso viel bedeuten konnte wie der Rat eines Doktors. Ein Ort, wo heisses Wasser aus der Erde sprudelte und Bäume sich fortbewegen konnten wie Menschen. Ein Ort, wo einfach alles möglich war.
Chandra war hier in dem festen Glauben aufgewachsen, dass die Absicht eines Menschen im grossen Kosmos mehr gewichtete als die Früchte seiner Taten. Darum war er der Überzeugung, dass das Leben es gut mit ihm meinte.
Doch Chandras Mutter wurde krank und sein Glaube sollte auf eine harte Probe gestellt werden. Chandra brachte seine Mutter jeden Tag zu den heissen Quellen. Das warme Wasser schien ihre Schmerzen zu lindern und während seine Mutter ein heilsames Bad nahm, betete er im Tempel für ihre baldige Genesung. So wie alle anderen würde er nach dem Gebet eine Münze in den See neben dem Tempel werfen und den Krähen dabei zusehen, wie sie den achtlos liegen gelassenen Müll aus dem Wasser fischten.
Aller Gebete zum Trotz verschlechterte sich der Zustand seiner Mutter und bald konnte Chandra sie nicht mehr zu den heissen Quellen bringen. Die Reise wäre zu beschwerlich für sie. Doch Chandra ging immer noch jeden Tag zum Tempel am See und opferte dem See das wenige Geld, das er verdient hatte.
Schliesslich sagte der Doktor, Chandras Mutter würde eine Operation brauchen sonst würde sie bald für immer einschlafen. Aber die Operation war teuer und Chandra hatte nicht das nötige Geld um dafür aufzukommen. Ein Bekannter bot Chandra an, er könne für ihn arbeiten um Geld zu verdienen. Doch die Arbeit wäre im Flachland, da wo es nur kaltes Wasser gab.
Chandra wusste nicht, was er tun sollte. Er wollte seine Mutter nicht alleine lassen, doch sie brauchten das Geld für die Operation. So ging er zum Tempel am See und bat um Hilfe bei dieser schwierigen Entscheidung. Er setzte sich ans Ufer und wartete auf die Erkenntnis. Er wartete als die Nacht herein brach und er wartete immer noch als der Morgen dämmerte.
Seine einzige Gesellschaft war der Baum, der gemächlich über den See wanderte. Und natürlich die Krähen, die den See säuberten. Doch wie sollte er Klarheit gewinnen, wenn das Krähen der Krähen es ihm unmöglich machte, einen klaren Gedanken zu fassen.
Schliesslich verliess ihn die Geduld.
„Ihr blöden Krähen. Wegen euch finde ich keine Antworten.“
Er versuchte, die beiden Krähen zu verscheuchen, doch diese flatterten weiter um seinen Kopf und ihr Krähen schien noch lauter zu werden. Chandra sprang auf und verfolgte die beiden. Sie flogen dem steinigen Ufer entlang und folgten dem heissen Bach. Chandra war müde, doch die Angst um seine Mutter und die Wut auf die Krähen trieben ihn weiter voran.
Die Krähen landeten auf einem Felsvorsprung. Doch sie krähten immer noch. Chandra war verzweifelt. Also begann er zu klettern. Oben auf dem Felsvorsprung angekommen fand er das Nest der Krähen vor. Es war ein Müllberg. Die Krähen krähten weiter und flogen wild um Chandra herum. Er wollte sie fangen und fuchtelte wild mit seinen Armen durch die Luft.
Da verlor er das Gleichgewicht und landete rückwärts im Müllberg. Doch es war gar kein Abfall. Die Krähen hatten alles eingesammelt, was die Menschen in den See warfen, auch das ganze Gebetsgeld. Chandras Angst und seine Wut hatten ihn zu einem Schatz geführt, der seiner Mutter das Leben retten würde.
Manchmal kommen die Antworten einfach in einer anderen Verpackung, als man sie erwartet hat.