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Sinn oder Konkurrenz?
Als Ausgangspunkt der künstlerische Reise von Edward Wright und Jennifer Kuhn diente zunächst eine Fotografie von René Burri. Burris Arbeit zeigt die Villa «quadra san cristobal» des mexikanischen Architekten Luis Barragan. Als Kuhn und Wright das Sujet intensiv betrachteten, fiel ihnen nicht nur die starke architektonische Komposition der Fotografie auf, sondern auch die Rolle, die das Wasser spielt. Es durchbricht die lineare und flächige Strenge der Bildkomposition und verstärkt diese. Als erster Versuch spiegelten sie, jeder für sich, Burris Fotografie, in der Hoffnung, dass das Ergebnis die Betrachtenden vage daran erinnert, ein Bild in einem Spiegel oder auf der Wasseroberfläche zu sehen. Die fertiggestellten Werke wurden nebeneinander gehängt. Es schien, dass die persönliche Umsetzung der fotografischen Vorlage lediglich die eigene innere Befindlichkeit der Malerin und des Malers widerspiegelte. Zusammen oder eben nebeneinander ergaben sie keinen dritten und neuen Sinn. Eher entstand die Frage, ob sie in Konkurrenz zueinander stehen.
Können sich Bilder unterstützen?
Nachdem diese ersten zwei grossformatigen Gemälde fertig waren, wählten Kuhn und Wright eine Fotografie aus Luzern. Sie haben sich die Spreuerbrücke in Luzern angeschaut und fanden dort ähnliche architektonische Prinzipien wie auf den Fotos von René Burri. Diesmal malte Kuhn den unteren Teil des Bildes und Wright den oberen. Es stellte sich die Frage, die die beiden Kunstschaffenden während der gesamten Vorbereitung ihrer aktuellen Ausstellung verfolgte: Funktioniert die Methode, auf unabhängigen Leinwänden zu arbeiten und diese dann zu einem Bild zusammenzufügen? Welche Möglichkeiten bieten sich diesen zwei so unterschiedlich arbeitenden Maler:innen? Können sich die Bilder zumindest gegenseitig auf eine greifbare Weise unterstützen?
Schnelle Entscheidungen
Die ursprüngliche Idee, das gleiche Motiv spiegelverkehrt zu erarbeiten, die Werke nebeneinanderzustellen und dann eine neues zusammenhängende Bild entstehen zu lassen, scheiterte. Weder wurde durch die Spiegelung das Thema betont noch eine bestimmte Stimmung
erzeugt. Die entstandene Symmetrie erzeugte kein Muster, das Motiv war vielleicht zu eindeutig, zu realistisch. Somit war die Wirkung höchstens eine Art langweilige Harmonie. Diese Aufgabe war schwierig. Da waren zu viele Regeln und zu viele Einschränkungen. Kuhn meint dazu: «Ich war mir unseres Auftrages sehr bewusst. Ich wollte mich aus meiner Komfortzone herausbewegen, weil ich merkte, dass die knappen Fristen eine ganz andere Herangehensweise erforderten. Normalerweise nehme ich Ölfarbe und arbeite in Schichten. Die Trocknungszeit gibt mir genug Raum, über die nächsten Schritte nachzudenken, es bestimmt mein eigentliches Arbeitstempo. Für diese Ausstellung musste ich viel schnellere Entscheidungen treffen. Das hatte zur Folge, dass der Inhalt meiner Bilder viel straffer wurde. Auch bediente ich mich mehr an schnelltrocknender Acrylfarbe. Ich bedauerte dies aber nicht. Vielmehr war es erfrischend und hat mir grossen Spass gemacht.»
Wasser als zentrales Element
Als Wright und Kuhn bewusst wurde, dass sie die zwei Hälften eines Bildes oder zwei Versionen eines Bildes nicht zu einer Beziehung zwingen konnten, eine Verbindung, die die Bilder selbst nicht zu haben schienen, einigen sie sich darauf, passende Leinwandformate und nur ein bestimmtes Foto als Ausgangspunkt zu verwenden. «Wir haben versucht, weniger an formale Ähnlichkeiten zu denken als an Farbkombinationen: Welche Farben können wir beide verwenden, damit die Bilder, wenn sie zusammenhängen, nicht miteinander kämpfen.», so Kuhn. Zu diesem Zweck fertigte Wright während der Arbeit ein Farbmuster an. Kuhn nutzte diesen Farbentwurf als Ausgangspunkt für ihr eigenes Bild, obwohl das meiste davon schliesslich übermalt wurde. Die Regeln, die sich innerhalb der einzelnen Werke entwickelten, hatten letztendlich Vorrang vor den vorher festgelegten Konzepten. Im weiteren Verlauf kamen Fotografien aus Australien dazu. Menschen, die in einem Fluss schwimmen oder mit dem Kanu unterwegs sind. Das Wasser war ein zentrales Element, welches die beiden verschieden umgesetzt haben. Die Künstlerin betont: «Die amorphe Natur der Spiegelungen ermöglicht eine Freiheit der Form. Wasser widerspiegelt seine Umwelt. Darüber hinaus steht das Wasser in enger Verbindung zur rätselhaften Tiefe des Unterbewussten. Die Tiefe des Wassers gleicht der Tiefe der Seele. Es erscheinen Menschen, die knietief in ihren Gedanken versunken sind.»