Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03325.jsonl.gz/1342

26.06.2019 Uman
Am Morgen laufe ich schon vor der offiziellen Oeffnungszeit (neun Uhr) zum Sofivka Park, doch er ist schon offen und ich kann hinein. Der Eintritt ist mit 50 UAH für ukrainische Verhältnisse recht hoch. Es hat geteerte Wege durch Wald und an kleinen, künstlich angelegten Weihern vorbei. Ich gelange zum Haupteingang, wo je eine Statue von Fürst Potocki und seiner Frau Sofia, nach der der Park benannt ist, stehen. Sofia war eine schöne Griechin, deren Lebenswandel manche Wikipedia-Seite füllt. Unweit des Eingangs sind drei künstliche Wasserfälle. Durch einen kleinen Tempel gelangt man zum ersten Stausee, dem „Nyzhnii Stav“ (unterer Stausee), in dem eine grosse Fontäne betrieben wird. Das Ufer ist mit Blumenbeeten bepflanzt. Griechische Statuten schmücken den Park. Das "Valley of the Giants" besteht aus riesigen Felsbrocken, die wie zufällig aufgeschichtet sind. Nach einem längeren Spaziergang im Wald, wo ich auf einen inoffiziellen Eingang stosse, laufe ich dem Palast entlang und gelange zum „Verchyi Stav“, dem oberen Stausee. Hier vergnügt sich eine Schulklasse mit Pedalos, während die Lehrerin mit dem Megafon Anweisungen gibt. Die beiden Passagierboote sind nicht in Betrieb. Ich laufe dem Ufer entlang, ein paar Kilometer bis zum oberen Ende und dann auf der anderen Seite wieder herunter. Hier besuche ich noch die Insel der Anti-Circe. Hier steht der „Pink Pavilion“ (1850). Auf dem Rückweg laufe ich eine andere Route und gelange zu einem Fasanenkäfig aus Holz (nicht mehr in Betrieb), „Thetis Grotto“ (1796-1802, eine Statue hinter einem Wasserfall), der Calypso Grotto (1796-1802, ein Wasserfall in einer Grotte aus riesigen Felsbrocken) und am Schluss wieder zurück zum Haupteingang. Dort verlasse ich den Park, schnappe mir einen Shwarma, kaufe eine Flasche Wasser und laufe zum Zentralnyi Park. Gleich daneben ist in der ehemaligen katholischen Kirche das „Kunstmusem“. Eine heterogenere Kunstausstellung habe ich noch selten gesehen. Auf der linken Seite ist – teilweise witzige und nicht völlig talentfreie – Hausfrauenkunst. Zudem hat es ein paar gute Plastiken, z.B. G.P. Petrazhevich, Am Dnjepr. In der ehemaligen Apsis sind diejenigen Bilder, die mit ziemlicher Sicherheit in dieser Kirche gehangen haben, als sie noch in Betrieb war, z.B. Hl. Barbara (18. Jhdt). Leider darf man wegen „Renovationsarbeiten“ gar nicht näher an diese heran. Auf der rechten Seite sind die echten Kunstmalereien, z.B. G. Podkhalyusin, Haus des Dekabristen S. Volkonsky (1914); K. Krzhyzhanovskyi, Pani Irena (1917); A. Metla, Beim Thoralesen (2014) und zu meiner grössten Ueberraschung Pieter Breughel d.J., Hochzeit, leider hinter spiegelndem Glas. Ich möchte gerne die Katakomben des Klosters besuchen, doch diese sind geschlossen. Vor dem Ensemble „Stary Uman“ gibt es ein Denkmal für die Opfer von Tschernobyl. Als ich Richtung Ortsmuseum laufe, komme ich am Denkmal für die Gefallenen des Krieges von 2013 vorbei. Kaum eine Stadt, die nicht ein paar Dutzend Gefallene aufweist. Ein ehemaliges Kino im Fake-Renaissance-Stil bröckelt vor sich hin. Das Ortsmuseum entpuppt sich wiederum als Sammelsurium von allem Möglichen. Vor sich herrottende ausgestopfte Tiere, Steinzeitwerkzeuge, historische Waffen, ein Schrank mit hebräischen Schriften, neuere Geschichte, ein Saal für den Krieg mit der roten Armee, ein Saal für den zweiten Weltkrieg, ein Saal für die Kriege in Afghanistan und Angola(!!, die UdSSR war ja offiziell gar nie dort). Es gibt je ein Gemälde von Graf Potocki und von Sofia Potocki. Eine Thorarolle soll angeblich dem Rabbi Nachman von Brezlaw gehört haben. Nach dem Museumsbesuch laufe ich zum Taras Shevshchenko Denkmal (keine ukrainische Stadt, die nicht ein solches hat) und gleich darunter den neuen Musical Fountains, die aber noch gar nicht fertig sind. Arbeiter legen noch Bodenplatten, andere installieren Lampen und Lautsprecher oder entwirren kilometerweise Kabel. Ein vergleichbarer Schriftzug wie „I love Uman“ hat nun bald auch jede Stadt in der Ukraine. Ich laufe dem Ostazhyvskyi Stausee entlang. Vom Weg kann man nicht abweichen, auf der rechten Seite ist ein Industriekombinat, das nicht mehr in Betrieb wirkt. Nach dem Kombinat biege ich dann doch rechts ab und gelange erst zu einem Haus mit einem Denkmal davor, auf dem steht: "Hier wurde 1903 die leninistische Zeitung "Iskra" heimlich gedruckt. Kurz danach kommt der völlig überwachsene Friedhof bei der Sviato-Uspenska-Kirche. Mehrere Personen, die ich hier treffe, scheinen hier auf dem Friedhof zu leben. Beim Weiterlaufen komme ich an einem Markt vorbei, wo ich Gemüse für mein Nachtessen kaufe. Im Supermarkt hole ich noch ein Stück Käse und Eier dazu. Am Sofivska Park vorbei gelange ich wieder zurück zum Kenguru Hostel, wo ich mich von den Strapazen der langen Wanderung in der Hitze erholen muss.