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Die Schnipselsprache, die Stefan Weber in seinem Buch «Das Google-Copy-Paste-Syndrom» sehr anschaulich schildert, trifft jetzt auf das Lesen: Auf den Seiten von Lernpfade bin ich auf eine Homepage aufmerksam geworden, die mit dem Slogan « Too busy for books? Read them by e-mail.» wirbt. Unter http://www.dailylit.com/ bekommt man ein Buch nach und nach in Teilen per E-Mail geliefert.
Und wenn man es dann auch noch schnell lesen muss, kopiert man den Artikel einfach in die Box auf Spreeder und kann ihn dort schnell lesen. Zum kontinuierlichen Training kann man nach und nach die Geschwindigkeit erhöhen.
Das tönt doch mal gut. Wirklich??
Wie will man denn Zusammenhänge, Argumentationsstrukturen verfolgen, wenn man Literatur in Schnipseln vorgesetzt bekommt, die man nicht einmal selbst auswählen kann? Wie kann ich denn Argumentationszusammenhänge erschliessen, wenn der Text an mir visuell Wort für Wort vorbeirauscht? Wie kann ich zurückblättern? Gewiss hat schnelles Lesen Vorteile, dient meines Erachtens nach aber nur dem ersten Überfliegen eines Textes. Als «Lesen» kann man es eher nicht bezeichnen, vielleicht eher als scannen.
Ich stimme Stefan Weber zu, dass man wieder neue Seminare an Universitäten braucht. Es sollte folgende Inhalte haben:
- Die Nutzung von real-materiellen Archiven und Bibliotheken; Quellenpräzision
- Nicht so sehr das schnelle, auf Hypertext fokussierte überfliegende Lesen in Netzmedien, sondern das verlangsamte, konzentrierte, reflektierende und kritische Lesen von Printmedien (von Büchern über Zeitschfitfen bis zu Zeitungen) und Netzmedien
- Das Exzerpieren (handschriftlich oder direkt in den PC getippt)
- Das kritische Be- und Hinterfragen eines gelesenen Textes und Entwickeln darauf aufbauender eigener Ideen
- Kreatives Schreiben (handschriftlich und am PC)
- Das Vortragen/Referieren/Präsentieren ganz ohne Powerpoint und andere Medientechniken; klassische Rhetorik
- Rationale Argumentationsführung bei Diskussionen und Kontroversen.
Quelle: Weber, S. (2007). Das Google-Copy-Paste-Syndrom. Wie Netzplagiate Ausbildung und Wissen gefährden. Hannover: Heise Verlag, S. 111-112.
Ein Seminar wie oben beschrieben müsste man im Rahmen der Bologna-Reform an allen Hochschulen integrieren und für alle Studierenden verpflichtend machen (meines Erachtens nach übrigens ebenso wie die Lektüre des gesamten Buches zu Beginn des Semesters).