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Wenn ich Cézanne, van Gogh, Picasso oder Gaugin sehen will, gehe ich ins Museum – oder in eine Kunstsammlung. Meisterwerke lagern kaum privat, obwohl ich einiges schon ganz privat sehen durfte. In den sechziger Jahren gab es Einladungen zum Tee bei Jägglis: Studentinnen und Studenten des Konservatoriums durften beim Tee die schönsten Werke des Impressionismus betrachten. Das war die Villa, die heute «Villa Flora» heisst. Wie kam das? Peter Jäggli studierte damals am Konservatorium Musik, und Willi Gohl, dessen Direktor, hatte damit eine bevorzugte Verbindung zu seinen Eltern, den Nachfahren der Kunstsammler Jäggli und Hahnloser, die bei Renoir, Bonnard etc. direkt eingekauft hatten und sich eine der schönsten privaten Sammlungen der Schweiz eingerichtet haben. Dass die Sammlung immer noch besteht und nicht auseinandergerissen und verkauft wurde, gehört zu den wunderbaren Dingen der Kunstwelt. Heute wird von den Erben grosser Sammler munter verkauft, oft verschwinden auf diese Weise Meisterwerke in privaten Gemächern oder in weit entfernten Museen. Wer kauft vor allem ein? Bis vor ein paar Jahren rissen sich die bedeutendsten Museen an Auktionen u.a. bei Sotheby's um Werke, die dort angeboten wurden: Damien Hirst, Mark Rothko, Pablo Picasso, Paul Cézanne, Pierre-Auguste Renoir etc. erreichten unwahrscheinliche Preise.
Heute hat sich einiges geändert. Eine 32-jährige Frau ohne jede spezielle wissenschaftliche Ausbildung in bildender Kunst kauft zu astronomischen Preisen ein. Diese junge Dame hat zwar kein Studium aber einen Haufen Geld: Ihr Jahresbudget zum Kunst shoppen beträgt EINE MILLIARDE DOLLAR. Damit kann sie locker jedes Museum überbieten. Wie heisst diese reiche Frau? Sheikka Al Mayassa bint Hamad bin Khalifa Al-Thani, die Schwester des Emirs von Katar. Wo hängt sie die schönen Einkäufe auf? Im Museum, und zwar im eigenen, das heisst genau genommen in den beiden in ihrem Auftrag von Herzog und de Meuron gebauten in Katar. Da der Platz dort schon knapp wird, hat sie ein grösseres in Auftrag gegeben, das von Jean Nouvel geplant wird.
Mein Jahres-Budget für Kunst beträgt lediglich 480 Franken. Das ist der Jahresbeitrag des Galerievereins Winterthur. Ich kann dann alles anschauen, was noch bei uns geblieben ist. Wenn ich aber zum Beispiel den Kartenspieler von Cézanne sehen möchte, dann übersteigt das mein Budget. Ich müsste 1495 Franken für die Reise und 15 Franken für den Eintritt ins Museum bezahlen, in Katar natürlich. Schon bald werden wir die grossen Meisterwerke vergangener und gegenwärtiger Zeiten im Ausland anschauen müssen. Der Ausverkauf hat begonnen. Die Villa Flora ist wegen Geldmangel geschlossen. (Die Stadt hätte 600 000 Franken investieren müssen und mochte das nicht...) Wer jetzt diese Sammlung betrachten will, kann sie ab März in Hamburg besuchen (Kosten: Reise 490.--, Eintritt ?).
Das Ehepaar Steiner-Jäggli hat die Sammlung zusammengehalten, die Villa für die Öffentlichkeit freigegeben und ist ins umgebaute Kutscherhaus umgezogen. Robert Steiner ist vor zwei Wochen gestorben – sein Wirken hinterlässt wichtige Spuren. Solche Menschen braucht die Kunstwelt weiterhin.
André Bernhard,
3.3.2015, 114. Jahrgang, Nr. 62.
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