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Echo Monroe und Bob Dean
”Er war damals ein sehr schniekes braves Jüngelchen. Rundlich und pausbäckig; nicht so mager wie er es dann später war. Ein Babygesicht. Und still. Ich hätte mich gar nicht für ihn interessiert, denn schliesslich kam er aus dem richtigen Milieu und ich aus dem falschen. Es war eine Frage von reich und arm. Man kam entweder aus einem gutsituierten Elternhaus, oder wie in meinem Fall, aus einer Bruchbude. Das unterschied das richtige Milieu vom falschen.” (Echo über Dylan, in: Scaduto, S. 26)
Als Bob Dylan sich noch Robert Zimmerman nannte und 16 Jahre alt war, also 1957, lernte er ein Mädchen kennen, das von der ärmeren Seite in Hibbing stammte. Die blonde Schönheit hiess Echo Helstroem und träumte davon, eine berühmte Schauspielerin zu werden. Bob war in einer ähnlichen Verfassung, identifizierte er sich doch mit dem zornigen Rebellen James Dean. Beide gaben sich ihren Träumen hin und erlebten zusammen eine märchenhaft schöne Romanze, schmiedeten Heiratspläne.
"Wir liebten uns wirklich. Jeder lacht über Kids, die sich verlieben; jeder meint, die wüssten doch gar nicht, was das ist und so; aber das stimmt nicht. Kids wissen das." (Echo Helstrom über Bob und Echo, zit. nach Scaduto, S. 36)
"Lass mich dir sagen, dass keine deine Schönheit übertrifft, aber ich glaube, das habe ich dir schon einmal gesagt... In Liebe für das schönste Mädchen der Schule." (Robert Zimmerman in Echo Helstroms Schuljahrbuch von 1958, zit. nach Robert Shelton, S. 67)
Doch zunächst war Echo von Robert Zimmerman überhaupt nicht angetan. Ihre erste Begegnung schildert sie folgendermassen:
Ich sass mit einer Freundin im L&B. Das war die Eisdiele in der Howard Street, wo sich alles traf. Bob war oben in der Moose Lodge gewesen, das lag direkt über dem L&B, und hatte Gitarre und Klavier gespielt mit den Jungs in seiner Band. Er hatte damals eine neue Band, nicht die von der Talent Show mit Nara und den anderen. Er kam mit seinen Freunden runter und stand dann draussen unter einer Strassenlaterne, machte Faxen und jodelte durch die Gegend, und ich dachte 'Wer ist denn dieser Spinner? Ich kannte ihn überhaupt nicht. Er und ein anderer Junge, John Buckland, kamen dann rein und gingen zu uns rüber und quatschten uns an. Wollten uns abschleppen, nehme ich an. Ich glaube, ich hatte meine Motorradjacke an, und Jeans. Sehr halbstark, jedenfalls für Hibbing.” (Scaduto, S. 26f.)
Als Bob hörte, was Echo so alles über Musik wusste, war er sofort begeistert, und das Feuer entflammte über das Thema Musik.
Anfänglich verschwieg Bob seine Liebe zu Hause und schmuggelte Echo ein und aus, wenn seine Eltern nicht da waren. Ihr "locus amoenus", der Ort, der für beide das Paradies ihrer ersten grossen Liebe bedeutete, war die Hütte auf dem Maple Hill im Süden von Hibbing. Shelton hat in seiner Biographie das Bild wie ein Gemälde festgehalten:
"Nachmittags, wenn Helstrom nicht da war, faulenzten Echo und Bob vor der Hütte. Bob kauerte auf den Holzstufen, mit einer Gitarre auf dem Schoss, während sein goldhaariges Mädchen auf einer kleinen hölzernen Schaukel sass und mit dieser im Takt pendelte. Bob improvisierte Strophen. "Die Lieder, die er für micht gesungen hat", erinnerte Echo sich, "waren meistens Rhythm and Blues oder Talking Blues. Er hat die einzelnen Texte nicht wiederholt, wie die meisten Sänger es taten. Seine waren immer verschieden und haben fast immer eine Geschichte erzählt." 1968 war die Schaukel arg verrostet und verwittert, bewegte sich aber immer noch in dem Wind vom Maple Hill. Ich hatte das Gefühl, die Schaukel sei Dylans "Rosebud", der langgesuchte Schlüssel zur verlorenen Kindheit." (Shelton, S. 63)
Under The Red Sky
Entstanden im März 1990, veröffentlicht auf Under The Red Sky, September 1990
Wobei ich "Kindheit" ersetzen würde durch "Idylle", die alle Idealvorstellungen einer ersten richtigen Liebe enthält.
Zu diesem Bild passt am besten ein ganz später Song, in dem diese märchenhaft-unschuldige Hänsel-und-Gretel-Geschichte wiederauftaucht: "Under the red sky". Darin heisst es:
"There was a little boy and there was a little girl. And they lived in an alley, under the red sky..." (Es gab einen kleinen Jungen und es gab ein kleines Mädchen. Und sie lebten in einer Allee unter dem roten Himmel...)
Dylan hat selber darüber gesagt, das sei über seine Heimatstadt (Don Was, in Wanted Man. In search..., S. 221) Es ist ein Lied, das aus weiter Ferne, wie von einem anderen Planeten aus, nochmals die Verhältnisse von Hibbing reflektiert, und zwar in einer Märchenparodie. Der "Mann im Mond" ist der ältere Dylan, weit weg von dem allem. Als er zurückkommt, trocknet der Fluss aus ("and the river went dry"): das Alte ist zerstört, kehrt nie wieder.
Das Bild vom ausgetrockneten Fluss finden wir wieder im Video-Clip von ”Can't Wait” (Time Out Of Mind, 1997), und zwar im Zusammenhang mit seinem versiegten Strom des Engagements für die Menschheit. Dylan singt, als das Bild eingeblendet wird: ”My sense of humanity is going down the drain.” (Mein Sinn für die Mensschheit geht den Bach hinunter.) Dylan hatte nie viel für Nostalgie übrig, er ist, zur Zeit von "Under the red sky" in einer recht pessimistischen Grundstimmung, die bis heute anhält. Dennoch hat er noch viel Zärtlichkeit für das Gute übrig, und das scheint auch in diesem Song wieder auf. Er hat einen grundsätzlichen Horror vor der Wiederholung, wohl vor allem deshalb, weil er, wie die meisten Menschen, in seinen Beziehungen immer wieder dasselbe erlebt hat. Und dennoch, bei aller Konstanz bewirkt jede neue Wunde eine Veränderung: "Never gonna be the same again" heisst ein Song der 80er Jahre.
Er wollte dort natürlich auch weg, weil er musikalisch keine Zukunft hatte, anderswo aber lockte vielleicht das grosse Los:
"'Als ich ihn kennenlernte, war bereits klar, dass die Musik seine Zukunft sein würde. Wir wussten von vornherein, dass es für ihn keinen anderen Weg gab, um aus Hibbing herauszukommen.(...) Ich akzeptierte das und stellte mich darauf ein, dass er nach Beendigung der Schule fortgehen würde. Weg von Hibbing.'" (Echo Helstrom, in Scaduto, S. 36)
Der erwähnte trockene Fluss steht aber nicht nur für die tote Vergangenheit, sondern, konkreter, auch für den wirtschaftlichen Zerfall der Gegend. Echo und Bob hielten es dort nicht mehr aus, wollten weg. Sie erinnert sich:
"Ich konnte es nicht abwarten, wegzukommen. In Hibbing gab es eine enorme Unfreundlichkeit, die man in anderen kleinen Städten nicht fand. Ich glaube, nur andere kleine Städte in der Iron Range waren auch so, wegen gleicher wirtschaftlicher Probleme. Als wir mit der High School fertig waren, wurden beinahe die Minen geschlossen. Deshalb haben wir fast alle die Stadt verlassen." (zit. nach Shelton, S. 66)
Die Vergangenheit lässt sich jedoch nicht so schnell abschütteln, indem man einfach weggeht und sie verleugnet (was Bob Dylan immer wieder getan hat, zumindest in der Öffentlichkeit), sie taucht auch bei Bob Dylan immer wieder auf, wenn auch oft in kaum erkennbarer Gestalt und Deformierung. Mag sein, dass sich die ursprüngliche Idylle nicht auf Echo reduzieren lässt. Besonders in einem späten Song wie "Under the Red Sky" verschmelzen viele Erinnerungen aus einem langen, spannenden und vielfältigen Leben, in dem es viele Frauen gab, bei denen Dylan vermutlich immer wieder das Gleiche suchte, die Wiederkehr jenes einmaligen Gefühls der totalen Liebe, nach dem man wahrscheinlich das Leben lang vergeblich sucht, wenn man es einmal verloren hat. Sicher hat er es eine Zeit lang bei Suze Rotolo wiedergefunden, später vielleicht bei Joan Baez und bestimmt bei Sara, der Frau, die er heiratete. Für Suze spricht übrigens einiges in "Under the Red Sky". Ganz am Anfang, als Suze und Bob gerade frisch verliebt waren, tauchte ein berühmter Sänger, Jack Elliott, auf und meinte, er könne Suze die Augen verdrehen. Als er merkte, dass sie nur Augen für Bob hatte, lässt er leicht verärgert den Spruch fallen, die beiden kämen ihm vor wie Hänsel und Gretel im tiefen Wald. Dieser Satz verbreitete sich und blieb an ihnen hängen. (Hetmannn, S. 62) Übrigens scheint Dylan deswegen nicht böse gewesen zu sein, denn er nahm ihn 1975 auf seine gigantische "Rolling Thunder"-Tour durch Amerika mit.
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