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FV-72 | Wie beeinflusst familienexterne Betreuung die Erwerbstätigkeit von Eltern
Prof. Dr. Kurt Schmidheiny, Anja Roth
Angewandte Ökonometrie
Forschungsgegenstand
Welche Bedeutung hat der Zugang zu familienexterner Betreuung für die Erwerbstätigkeit von Eltern? In der Schweiz ist der Mutterschaftsurlaub vergleichsweise kurz und Eltern sind deshalb schon früh auf externe Kinderbetreuung angewiesen, um einer Arbeitstätigkeit nachgehen zu können. Trotz eingeschränktem Zugang zu Krippen und hohen Betreuungskosten ist die Erwerbstätigkeit von Müttern in der Schweiz relativ hoch. Jedoch arbeitet ein Grossteil der Mütter Teilzeit. Die Arbeitstätigkeit von Männern nimmt hingegen nach der Geburt eines Kindes oft sogar zu, vermutlich um den Erwerbsausfall durch die Mutter zumindest zu einem gewissen Grad zu kompensieren. Es stellt sich deshalb die politikrelevante Frage, ob sich der verbesserte Zugang zu familienexterner Betreuung positiv aufs Arbeitspensum der Frau und auf die Lohndifferenz zwischen Mutter und Vater auswirkt.
Problemstellung
Das Lohnprofil von Frauen scheint stark durch die Mutterschaft determiniert zu werden. Eine neue Studie aus Dänemark (Kleven et al., 2018) zeigt, dass das Erwerbseinkommen von Frauen nach der Geburt ihres ersten Kindes um circa 30 Prozent sinkt. Das Einkommen steigt zwar mit dem Alter des Kindes wieder etwas an, bleibt aber selbst 20 Jahre nach der Geburt noch etwa 20 Prozent unter dem Einkommen vor der Geburt. Weitere Studien für Schweden (Angelov, Johansson, Lindahl, 2016), und Norwegen (Bütikofer et al., 2018) bestätigen den Effekt und
zeigen weiter, dass dieser über verschiedene Einkommens- und Bildungsgruppen hinweg zu gelten scheint. Diese Resultate wurden im skandinavischen institutionellen Umfeld, mit
ausgedehntem Elternurlaub und stark subventionierter flächendeckender Kinderbetreuung, dokumentiert. So ist es wenig überraschend, dass erste Schätzungen für die Schweiz mit ihrer, im Vergleich, weniger ausgebauten Kinderbetreuung einen durchschnittlichen Lohnrückgang für Frauen nach der Geburt um etwa 70 Prozent zeigen. Ein deskriptiver Vergleich von Frauen in
Gemeinden mit und ohne Krippen im Jahr 2010 zeigt, dass der Einkommensrückgang von Frauen nach der Geburt eines Kindes in Gemeinden ohne Krippen um circa 15 Prozentpunkte grösser ist. So stellt sich die Frage, ob der Zusammenhang zwischen Kinderbetreuung und Erwerbstätigkeit von Müttern kausal ist oder ob Familien in Gemeinden mit Kinderbetreuung sich einfach grundlegend von solchen in Gemeinden ohne Kinderbetreuung unterscheiden. Auch hiermit haben sich schon verschiedene internationale Studien beschäftigt. Während einige Studien grosse positive Effekte von einer Ausweitung familienexterner Betreuung auf die Arbeitstätigkeit der Eltern finden, zeigen andere Studien keinen Effekt.1 Zielsetzung
Ziel dieses Projekts ist ein genaueres Verständnis der Wirkung von familienexterner Kinderbetreuung auf die Arbeitstätigkeit der Eltern. Von besonderem Interesse ist hierbei, in welchem Alter des Kindes der Zugang zu Krippen gewährleistet sein muss, damit besonders Mütter nicht langfristig ihr Erwerbspensum reduzieren oder Stellen unter ihrem Qualifikationsgrad annehmen. Dies soll im schweizerischen institutionellen Kontext empirisch untersucht werden.
Bedeutung und Nutzen
Die Forschungsfrage ist von grosser gesellschaftspolitischer sowie wissenschaftlicher Relevanz. Trotz hohem Bildungsabschluss reduzieren Frauen ihr Erwerbspensum nach der Geburt eines Kindes stark, was sich langfristig auf die Löhne von Frauen und damit auch auf die Lohnschere zwischen Mann und Frau auswirkt. Unsere Forschungsergebnisse sollen Aufschluss darüber geben, wo öffentliche Gelder am gewinnbringendsten eingesetzt werden können, um die Gleichheit von Frau und Mann in Erziehungs- und Erwerbsarbeit zu fördern.