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«Was beliebt?» Vom Abonnentenheftchen zum Telefonbuch
Die ersten Telefonbücher waren kleine Heftchen – in diesen Telefonverzeichnissen gab es keine Nummern, mit denen die Anschlüsse gekennzeichnet waren. Wie das Telefon als Kommunikationstechnologie ab 1925 langsam Karriere machte und wie die PTT die kleinen Heftchen zu blauen Wälzern erweiterte, erzählt diese kurze Geschichte des Telefonbuchs.
«Gebrauchsanweisung für den Abonnenten: Um mit irgendeinem andern Abonnenten zu verkehren, wird vorerst die Zentralstation angerufen, indem man, ohne das Telephon aus seinem Aufhängehaken herauszunehmen, während 2-3 Sekunden auf den schwarzen Knopf am Mikrophonkästchen drückt. Hierauf nimmt man das Telephon aus dem Haken heraus und hält es fest ans Ohr. Die Zentralstation wird dann fragen: «Was beliebt?» worauf man aus einer Entfernung von 10-20 cm in den Schallbecher mit gewöhnlicher Stimme deutlich den Namen desjenigen Abonnenten spricht, mit welchem man zu verkehren wünscht.» Telefonbuch Basel, 1882, PTT-Archiv, P-260.
Am Anfang steht das Telefon
Wer nicht gerade Digital Native ist, erinnert sich noch gut an die schweren Telefonbücher mit den hauchdünnen, engbeschriebenen Seiten. Regelmässig hat man sie bis in den 1990er-Jahren in die Hand genommen – um eine vergessen gegangene Telefonnummer zu suchen, mit Herzklopfen ein Date zu erfragen oder einfach für einen kindlichen Telefonstreich. Heute sind sie selten geworden – Zeit für einen Blick zurück!
Die Geschichte der Telefonbücher ist mit der technischen Entwicklung der Telefonie eng verknüpft. Erste Versuche mit dem neuen Medium Telefon finden in der Schweiz bereits 1877 zwischen Bern und Thun über eine Telegrafenleitung statt. Als Ergebnis hielt ein Adjunkt fest: «Nach den Versuchen, die ich bisher angestellt habe, habe ich den Eindruck erhalten, dass das Telephon ein Wunder im Zustande der Kindheit ist, das noch verschiedene Verbesserungen zu erfahren hat.» Die Wirtschaft war von dem neuen Kommunikationsmittel hingegen überzeugt. Wilhelm Ehrenberg, ein Unternehmer, der in Zürich aktiv ist, stellt 1880 dem Post- und Eisenbahndepartement ein Konzessionsgesuch, um in Zürich ein Telefonnetz zu bauen. Der Bundesrat entscheidet sich, die Konzession zu erteilen. Damit erscheint das erste Telefonbuch in der Schweiz mit der Bezeichnung «Liste der Sprech-Stationen der Zürcher Telephon-Gesellschaft» 1880 in Zürich. In diesem ersten Telefonbuch der Schweiz – eine dünne Broschüre - gibt es 99 Einträge.
Kurz nach diesem Entscheid bereute der Bund diesen wohl, denn bereits im Folgejahr tritt der Bund, gestützt auf die «Verordnung über [die] Errichtung von öffentlichen Telephonstationen» von 1880, aktiv beim Bau und Betrieb öffentlicher Telefonstationen und -netze auf. Nach dem Rückkauf des Zürcher Netzes hat der Bund schliesslich ab 1886 alle öffentlichen Netze unter seiner Führung. Es werden Telefonleitungen in der ganzen Schweiz verlegt, erst in den Wirtschaftszentren, dann folgen die interurbanen Verbindungen zwischen diesen. Damit können auch Telefonanrufe zwischen Städten geführt werden und nicht mehr nur in einem Stadtnetz. Die erste solche interurbane Telefonlinie entsteht zwischen Zürich und Winterthur und wird 1883 in Betrieb genommen.
Vom Luxusgut zum Massenkommunikationsmittel
Die Anschaffungskosten sowie die Taxen für die Gespräche für ein Privattelefon in den Anfangsjahren der Telefonie sind teuer und – wie bei allen Telekommunikationserrungenschaften – die Skepsis bei weiten Teilen der Bevölkerung gross. So haben 1881 nur wenige hundert Schweizer:innen einen Telefonanschluss. Der Nutzen eines Telefons ist aber so gross, dass sich die Skepsis schnell abbaut. Per 1882 gibt es 1‘000 Anschlüsse. 1895 sind es bereits 21‘000 Anschlüsse, 1905 dann 50‘000 Anschlüsse und bis 1915 rund 80‘000 Anschlüsse in der ganzen Schweiz. Dennoch haben aufgrund der hohen Kosten für einen Anschluss und der hohen Taxgebühren primär Gewerbetreibende und vermögende Privatpersonen ein Telefon. Das hat zur Folge, dass Gewerbetreibende früh einen Eintrag im Telefonbuch haben, aber nur wenige Privatpersonen im Telefonbuch zu finden sind. Auch ein Stadt-Land-Gefälle ist bei den Einträgen der Telefonbücher deutlich zu erkennen, denn es werden die Telefonlinien erst nach und nach in den ländlichen Raum verlegt. So verwundert es nicht, dass sich das Telefon in städtischen Zentren früher durchsetzt als in ländlichen.
Ab 1925 haben in der Schweiz bereits 154‘000 einen Telefonanschluss; dies bei einer Bevölkerung von rund 3,8 Millionen. Nach dem Zweiten Weltkrieg steigt die Zahl der Anschlüsse weiter an. So sind im Geschäftsbericht der PTT von 1945 rund 415‘000 Anschlüsse aufgeführt. Ein eigener Telefonanschluss wird langsam zur Norm und zum Massenkommunikationsmittel. Richtig zu telefonieren, muss aber gelernt sein. Daher gibt es weiterhin in den Telefonbüchern eine Anleitung zum Telefonieren. Kinder lernen sogar im Schulunterricht, mit einem Telefon und dem Telefonbuch umzugehen, so dass der Zukunft der Telefonie nichts im Wege steht. Mit jedem neuen Anschluss sinken die Kosten und die Zunahme der Anschlüsse geht durch das wirtschaftliche Wachstum in den Nachkriegsjahren rasant weiter. Im Jahr 1965 gibt es bereits 1‘466‘000 Anschlüsse, 1985 folgt ein weiterer Anstieg auf 3‘277‘000. Die Spitze ist 1995 mit 4‘318‘000 Anschlüssen erreicht. Auf Grund einer Weisung der PTT von 1992, die bis zur Liberalisierung 1997 Gültigkeit hat, ist ein Eintrag im Telefonbuch für alle Festnetzanschlüsse obligatorisch. Zwischen 1980 und 1997 besitzt praktisch jeder Haushalt in der Schweiz einen Telefonanschluss. Damit ist jeder dieser Haushalte durch einen Telefonbucheintrag erfasst. Da nicht alle Gemeinden Adressverzeichnisse herausgegeben haben, sind die Telefonbücher öffentlich zugängliche Einwohnerverzeichnisse für diese Jahre. Diese Massenproduktion an Telefonbüchern ist eine komplexe Aufgabe in der Herstellung und ein unglaublicher Papierberg. Richard Erismann, ehemaliger CEO Swisscom Directories AG, erinnert sich an eine Schätzung, dass man mit dem Papier aller Telefonbücher eines Jahres wohl einen Eisenbahnwagen von Bern nach Zürich hätte füllen können.
Bis heute (2022) erscheinen jährlich neue, analoge Telefonbücher für jede Gemeinde der Schweiz, aber die Auflagenzahl und die Zahl der Einträge sinkt kontinuierlich. In naher Zukunft werden wohl keine Telefonbücher mehr gedruckt und Telefonbücher sind dann Zeitzeugen einer analogen Welt.
Telefonbücher Für die Forschung
Telefonbücher werden als «Luxus an Transparenz und Demokratie» bezeichnet, da ihr Inhalt für alle zugänglich war und ist. Ja, und der Inhalt von Telefonbüchern ist spannend, so lässt sich unter anderem darin finden: Berufsbezeichnungen von teilweise ausgestorbenen Berufen, ausgeschriebene Vornamen, die heute merkwürdig anmuten und Schreibweisen von Nachnamen, die sich im Laufe der letzten 100 Jahre verändert haben. Vielfach werden Umlaute bei Nachnamen bei einem Umzug in ein anderes Sprachgebiet der dort gebräuchlichen Schreibweise angepasst. Auch lassen sich die Mädchennamen der Ehefrauen der im Telefonbuch eingetragenen Familien finden, die für Familienforschende von Interesse sind. Oder Wirtschaftsstandorte, neue Wohngebiete, Fabriken und vieles mehr. Diese Einträge dienen zum Beispiel heute dazu, kontaminierte Böden zu finden, da man weiss, was wann wo produziert wurde. Ganz abgesehen von der Werbung, die allein aus kunsthistorischen Gründen interessant ist. Das alles macht Telefonbücher zu einer wertvollen Informationsquelle für die Forschung. Es überrascht deshalb nicht, dass sie zu den beliebtesten Archivalien des PTT-Archivs gehören.
Telefonbücher werden erhalten
Weil das Telefonbuch ein Gebrauchsgegenstand ist, wird seit 1880 mit jedem neuen Telefonbuch das vorherige im Altpapier entsorgt. Doch die Telefonbücher sind nicht alle verschwunden. Im PTT-Archiv in Köniz werden sämtliche analogen Telefonbücher aufbewahrt – vom ersten bis zu den heutigen Local Guides. Die Telefonbücher können analog im Lesesaal des PTT-Archivs eingesehen werden und ab diesem Jahr, 2022, stehen im digitalen Lesesaal auch die digitalisierten Telefonbücher von 1880 bis in die 1950er online zur Verfügung.
Autorin
Heike Bazak
Leiterin des PTT-Archivs & Geschäftsleitungsmitglied des Museums