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Während man bei uns über Beschränkungen der mobilen Telefonie nachdenkt, feiert man auf der Karibik-Insel ihre Befreiung von den Ketten der staatlichen Bevormundung - Ein Willkommensgruß von Leonardo Padura Fuentes
Gut möglich, dass der eine oder andere abgelenkte Leser bei einer der seltsamsten Nachrichten dieser Tage gedacht haben mag, es handle sich um eine Zeitungsente oder besser noch darum, dass er aus Versehen eine alte Zeitung in Händen halte. Es geht um die Nachricht, dass die in Kuba lebenden (!) Staatsbürger/innen frei und höchstpersönlich einen Vertrag für einen Mobiltelefonanschluss abschließen dürfen. Außerdem ist es ihnen nun gestattet, EDV-Geräte, DVD-Rekorder und Mikrowellenherde in den Geschäften mit Fremdwährungszahlung zu kaufen. Sie dürfen auch in den Luxushotels auf der Insel wohnen. Allerdings nur dann, wenn sie genug "Hartwährung" besitzen, um in Dollar oder Euro zu zahlen.
Diese Nachricht hat jedenfalls zu Recht Verwunderung bei denen ausgelöst, die nur oberflächlich über Kuba informiert sind - und ein ironisches Lächeln bei all jenen, die sich mit der komplexen und verworrenen, schwer nachvollziehbaren Realität auf dieser karibischen Insel besser auskennen.
Dass gerade wir Kubaner zu den letzten Erdbewohnern gehören, die einen freien Zugang zur Mobiltelefonie - und damit zur Kommunikationsrevolution des vergangenen Jahrhunderts - bekommen, steht wahrhaftig im Gegensatz zum Image, das wir von uns selbst als fortschrittliche Menschen pflegen. Das Gleiche gilt natürlich auch für das Recht auf Anschaffung von DVD-Rekordern und PCs, was bisher nur stillschweigend geduldet war.
Lange Leitung
Immerhin war Kuba einmal das erste hispano-amerikanische Land, das Anfang des 19. Jahrhunderts eine Eisenbahn hatte - und zwar noch vor Spanien, der damaligen Kolonialmacht. Es war auch das erste, wo eine telefonische Verbindung hergestellt wurde (übrigens ein Werk des US-italienischen Erfinders Antonio Meucci und nicht von Graham Bell). Dann war es das zweite Land in der westlichen Hemisphäre, das TV-Übertragungen eingerichtet hatte, viel früher als in den meisten Ländern Europas. Es ist auch das erste Land Lateinamerikas, dem es gelungen ist, das Analphabetentum nach einer gigantischen Kampagne im Jahr 1961 auszulöschen - und einen Bürger in den Kosmos zu schicken.
Fast überflüssig erscheint es da noch, die gängigen Slogans zu wiederholen, dass wir das "gebildetste Land der Welt" sind und am engagiertesten, wenn es darum geht, internationale Solidarität zu üben. Aber keine dieser geschichtlichen und aktuellen Bedingungen hat es geschafft, die Kubaner zumindest gleichzeitig mit dem Rest der Welt ins neue Jahrhundert hinüberzubringen.
Der Zugang zu diesen Technologien, die sich nun den Bewohnern dieser mythischen und magischen Insel bieten, die immer für Überraschungen gut ist, ist allerdings teuer: Die Optionen sind nur in "harter Währung" erhältlich, was dazu führen kann, dass ein einfaches Telefongespräch mit einem Mobiltelefon (ein bis zwei Minuten) den Anrufer wie auch den Empfänger umgerechnet in nationaler Währung (kubanische Pesos) einen ganzen Tageslohn kosten würde, zumindest wenn die betreffende Person zu den vielen zählt, die im Staatsdienst beschäftigt sind und demnach ein durchschnittliches Monatsgehalt von 400 Pesos beziehen - also kaum mehr als zwölf Euro.
Das macht allerdings nichts, meinen die Leute: Hauptsache wir haben endlich "Celulares"! Eigentlich stimmt das aber auch nicht, denn ein guter Teil der Kubaner, die sich nun den Luxus leisten können, ein Mobiltelefon am Gürtel zu tragen und/oder einen DVD-Rekorder im Wohnzimmer bzw. einen PC im Arbeitszimmer aufzustellen, haben dies auch schon vor der Legalisierung durch die neue Regierung von Präsident Raúl Castro getan - eine Regierung, die mit diesem Schritt aber endlich begonnen hat, die schon seit langem versprochenen Änderungen zu verwirklichen.
Im Grunde bedürfen diese Reformen also nur noch einer Unterschrift unter ein Dekret, dessen Text allerdings schon längst unter dem Druck des wirklichen Lebens geschrieben worden ist.
Seit einigen Jahren höre ich immer wieder, dass die Kubaner eitel und exhibitionistisch seien und lieber gut gekleidet herumlaufen, als sich gut zu ernähren. Meine Lebenserfahrung ist es, dass an den Klischees im Allgemeinen etwas dran ist. Nun, ich habe in den letzten Jahren das Aufblühen dessen beobachten können, was wir hier als "Spekulation" bezeichnen. Das ist die Kunst, ostentativ zu zeigen, dass man etwas besitzt und genießt, was sich andere nicht leisten können. Soweit ich mich erinnere, hat nur der seit 50 Jahren staatlich geregelte Besitz eines Autos die "Spekulation" übertroffen, die sich mit dem Mobiltelefon verbindet. Bisher hatten nur Ausländer und Funktionäre von Unternehmen mit ausländischem Kapital die Chance, einen Mobiltelefonanschluss zu bekommen. Aber die "Spekulanten" haben Schlupflöcher gefunden, wie sie den Anspruch auf einen Anschluss von den Privilegierten übertragen bekommen oder sogar erkaufen konnten.
Das Mobiltelefon am Gürtel ist bald zu einem Symbol für wirtschaftlichen Erfolg geworden, auch wenn viele das Gerät nur dazu nutzten, um den Anrufer zu identifizieren und dann rasch in den ersten fünf Gratissekunden der Verbindung zu antworten: "Ich ruf zurück." Danach suchen die Betreffenden eiligst ein öffentliches Telefon auf, das mit kubanischen Geldmünzen funktioniert. Ein Mobiltelefon hatte man also nicht zum Telefonieren, sondern um zu zeigen, dass man eins besitzt.
Enormer Fortschritt
Vielleicht sind für den abgelenkten Leser, der da dachte, er hätte eine alte Zeitung in die Hände bekommen, auch diese so typisch kubanischen Nachrichten nur ein Ausdruck karibischer Folklore. Die Tatsache aber, dass die Bewohner dieser Insel zum ersten Mal in legaler Weise ein Telefon besitzen können, das ihnen nicht der Staat zugewiesen hat, oder einen Film auf DVD ansehen können, der nicht vom Staat vermittelt wurde, oder ein EDV-Gerät besitzen können, das Informationen unabhängig vom Staat bearbeiten und speichern kann, ist viel mehr als ein Zeitsprung. Es ist ein enormer und bedeutungsvoller Gewinn an Selbstständigkeit und Unabhängigkeit in einem Land, dessen Leben schwer belastet ist durch Kontrollen und Verbote.
Deshalb heiße ich das Mobiltelefon und das, was an Potenzial in seiner kleinen physikalischen Erscheinung steckt, herzlich willkommen.
(Leonardo Padura Fuentes/© IPS, Übersetzung: Federico Nier-Fischer, Michele Joerg Ronceray/DER STANDARD, Printausgabe, 12./13. April 2008)