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Definition der Hauptrealität
Der Kinderpsychiater REINHARD LEMPP definiert die Hauptrealität folgendermassen:
«Die mit den Erwachsenen geteilte Realität, die gemeinsame Realität im Gegensatz zur rein persönlichen von niemandem teilbaren Nebenrealität der frühkindlichen Phase.»
In meiner Sicht entspricht die Hauptrealität der jeweils für eine bestimmte Kultur in einem bestimmten geographisch-klimatischen Umfeld für eine bestimmte Zeit optimal funktionierenden Realität.
Bei allen straff organisierten Hochkulturen ergibt sich aus der programmierten Sicherung regelmässig wiederkehrender Abläufe ein offensichtlicher Vorteil. Durch Zeit- und Kommunikationsgewinn werden diese Abläufe maximiert, vergleichbar der automatisierten Benützung eines Fahrzeuges.
Der grosse Nachteil macht sich erst allmählich bemerkbar: Er liegt in der mangelnden Anpassungsfähigkeit dieser erstarrten Systeme an die Bedürfnisse der einzelnen und an neue äussere Gegebenheiten.
Der Konsensus darüber, was ’normal‘ ist
Obwohl die sogenannte Hauptrealität in jedem spezifischen Kulturkreis die gültige Realität ist, entspricht sie nur einer Teilrealität, und zwar einer im Vergleich zu anderen möglichen Realitäten recht beschränkten. Innerhalb einer Zivilisation gewährleistet die Konsensus-Trance (CHARLES TART), dass trotz dieser abweichenden Möglichkeiten «Realität» zu erleben sich die grosse Mehrheit an diese Realität hält.
Die Notwendigkeit von Aussenseitern
Die Aussenseiter in bezug auf die Hauptrealität einer Gesellschaft, zu denen die verschiedensten Menschengruppen gehören, übernehmen für die Gesellschaft eine wichtige Funktion.
SUDHIR KAKAR präzisiert:
«Es gibt also in jeder Gesellschaft einen variablen Prozentsatz von Individuen, die ‹ausserhalb des Systems stehen›, von Auserwählten, denen die Gruppe auferlegt, bestimmte, auf der kollektiven Ebene unrealisierbare Formen des Kompromisses auszubilden, imaginäre Übergänge zu fingieren und miteinander unverträgliche Synthesen zu verkörpern.
Ohne diese Individuen existiert die Gruppe nicht, hat keine Normen und erlebt vor allem keine Entwicklung. Denn diese Persönlichkeiten, die ausserhalb der Gesellschaft stehen, sind Träger vollständiger symbolischer Potentialitäten. Sie sind Dichter, Zauberer, Wahrsager und Propheten oder Maler, Schauspieler, Visionäre, Mystiker, Kriminelle und Geisteskranke».
Nebenrealitäten
Die Nebenrealität des Kindes
Nach LEMPP leben Kinder in der Nebenrealität, wobei sie in ihren Spielen die Hauptrealität der Erwachsenen nachahmen. Diese Sekundärspiele (Sozialisation, Nachahmung, Kopieren) müssen wir jedoch klar von den Primärspielen (Lust, Neugier, Kreativität) unterscheiden. Erstere decken ein Bedürfnis nach Sicherheit ab, das durch elterliches Verhalten auf subtile Weise gefördert wird, während die primäre Spielfreude einer bereits bei der Geburt nachweisbaren Neugier und einem Drang nach Abwechslung entspricht.
Verschiedene Nebenrealitäten
Für REINHARD LEMPP gibt es einerseits die Nebenrealität der frühen Kindheit. Andererseits gehört für ihn auch die regressiv vom «normalen» Erwachsenen in Träumen und im Spiel erlebte Welt dazu. Im weiteren rechnet er gewisse, unter Stressituationen bei neurotischen Menschen sich ergebende Zustände sowie die veränderten Realitäten von sogenannt Geistesgestörten wie Schizophrene und Autisten zur sogenannten Nebenrealität.
THOMAS METZINGER würde wohl anstelle von verschiedenen Realitäten von verschiedenen mentalen Modellen sprechen.
Persönlich halte ich es für vorteilhaft, diese möglicherweise verschiedenen Welten auch sprachlich voneinander abzugrenzen. Dies scheint insbesondere dann wichtig, wenn wir versuchen, unter entwicklungspsychologischem Blickwinkel mehr Licht in diese neuen Begriffe zu bringen.
Die sogenannte Hauptrealität nach LEMPP kann also nur einer Teilrealität entsprechen. Wie ich zu zeigen versuche, finden sich innerhalb der «Nebenrealitäten» paradoxerweise nicht nur Teilrealitäten sondern sogar eine «Universalrealität», die ich mit dem anschaulicheren Begriff Zenrealität bezeichne.