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Rafael Nadal ist nicht der Typ Mensch, der über den Gartenzaun schaut, um sich Bestätigung zu holen. Im Gegensatz zu Novak Djokovic, der seit Längerem keinen Hehl daraus macht, dass er fast schon krampfhaft seine Rivalen Nadal und Federer bei der Anzahl Grand-Slam-Titel übertrumpfen will, sind solch klare Töne beim Spanier selten. Nach dem Triumph in Paris erklärte Nadal seine Lebensphilosophie: «Du kannst nicht immer unglücklich sein, weil dein Nachbar das grössere Haus, das grössere Boot oder ein besseres Telefon hat. Du musst dein eigenes Leben leben, nicht?»
Insofern könne er sich auch nicht jedes Mal Gedanken machen, dass Novak dieses Turnier hat oder Roger jenes gewinnt. Angesprochen auf Federers sehr schnelle Gratulation auf Twitter, verstieg sich Nadal sogar zur Aussage: «Ich denke, auf eine Art ist er glücklich, wenn ich gewinne und ich bin glücklich, wenn es ihm gut läuft.» Ist es dem 34-Jährigen von der Insel Mallorca also völlig egal, dass er nun zusammen mit Federer der Tennisspieler ist mit den meisten Grand-Slam-Titeln? «Ich habe immer gesagt, dass ich es lieben würde, meine Karriere als der Spieler mit den meisten Grand-Slam-Titeln zu beenden.» Nadal sagt es einfach nicht so laut wie andere.
Zahlen sprechen für Nadal
Dabei hätte er allen Grund dazu. Die seit einigen Jahren andauernde Diskussion, wer denn nun der GOAT (Grösster aller Zeiten) ist, kippt langsam zugunsten von Nadal. Es fällt immer schwerer, Argumente für Federer zu finden, nun da er im wichtigsten Kriterium nicht mehr über seinem liebsten Erzrivalen thront. Nadal ist Olympiasieger im Einzel und Doppel. Er hat mehr Masters-1000-Turniere gewonnen (36:28) und er führt in den Direktbegegnungen mit 24:16 Siegen. Für Federer sprechen dagegen die sechs Masters-Titel und vor allem die 310 Wochen als Nummer 1 der Welt, mehr als 100 Wochen länger als Nadal. Und der 39-jährige Schweizer, der im Januar in Australien nach fast einem Jahr Pause wegen einer Knieoperation nochmal angreifen will, schwingt bei den «weichen» Kriterien wie sportübergreifendem Einfluss, Ausstrahlung und Beliebtheit obenaus.
Lange Zeit war auch die Länge der Karriere ein gewichtiges Argument für Federer. Doch Nadal hält nun auch einen Rekord, den zu Beginn seiner Karriere keiner für möglich gehalten hätte. Mehr als 15 Jahre liegen zwischen seinem ersten Grand-Slam-Triumph als 19-Jähriger am French Open 2005 und dem Titel vom Sonntag. Wie es mit der Jagd nach Trophäen weitergeht, liess Nadal zunächst offen. Die Chance, bei den ATP Finals im November in London noch den einzigen wichtigen Titel zu holen, der ihm fehlt, scheint so gross wie selten. Der Spanier hat in diesem Jahr erst 26 Spiele bestritten und wäre so frisch wie noch nie.
«Ich weiss es nicht», meinte Nadal ausweichend auf die Frage nach einer Masters-Teilnahme. «In dieser Situation muss man intelligente Entscheide treffen.» Nadal war aus Angst vor dem Coronavirus nicht am US Open dabei, und er liess auch offen, ob er angesichts einer 14-tägigen Quarantäne im Januar ans Australian Open reisen will. Die Aussicht auf eine Isolation ist für den ausgesprochenen Familienmenschen, der sich nirgends so wohl fühlt wie auf seiner kleinen Heimatinsel, eine schreckliche.
Eine endlose Diskussion ohne Antwort
Sie hat aber grossen Einfluss, wie der Kampf um den GOAT weitergeht. Für Novak Djokovic waren die letzten Monate ein Rückschlag. Er war zwar der dominierende Spieler des letzten Jahrzehnts, weist aber nun drei Major-Titel Rückstand auf Federer und Nadal auf. Und bei den weichen Faktoren liegt er weit hinter seinen beiden weltweit beliebten Konkurrenten. Er könnte nur über die nackten Zahlen an den beiden vorbeiziehen. Da ändert es auch nicht viel, dass er im kommenden März Federers Rekord an Wochen als Nummer 1 brechen dürfte - vor allem, wenn sein härtester Verfolger Nadal auf weitere Turniere verzichten würde.
Am Ende ist die Diskussion um den GOAT aber sowieso müssig und am Ende wohl auch gar nicht so wichtig. Sie lässt sich nicht alleine an Rekorden messen. Die Anhänger jedes der drei Lager werden Argumente für ihren Liebling finden. Klar ist aber, dass Nadals Aktien deutlich gestiegen sind.