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Kio
(Emil Theodorowitsch Hirschfeld-Renard)
Emil Kio war Gründer der Illusionisten-Dynastie der Kios. In Moskau geboren, besuchte Kio die Mittelschule und wurde danach Schauspieler. Nach Auflösung der Theatertruppe mit der er in Polen spielte, arbeitete er beim Zirkus Ciniselli als Kassier, Bereiter und Akrobat. Auf Anraten des Fakirs Ben Ali lernte er bei Conradi-Horster in Berlin zaubern. 1921 ging er in die Sowjetunion zurück, wo er in den folgenden Jahren mit einem bis auf zehn Personen anwachsenden Ensemble eine aufwendige Nummer in orientalischem Stil aufbaute.
Als die politischen Umstände die Künstler zwangen, den Inhalt der Illusionsdarbietungen zu überdenken, versuchten viele, mit den Mitteln ihrer Kunst das auszudrücken, was die Zuschauer hauptsächlich interessierte. Die damaligen Bedingungen der künstlerischen Arbeit in der Sowjetunion erlaubten es, herumzuexperimentieren. Im sowjetischen Zirkus wurde eine neue Richtung der Illusionskunst geboren. Ihre Vertreter sahen es als ihre Aufgabe an, mit den Mitteln der Illusionen, motivierende Sujets, moderne Inhalte auszudrücken. Es zeigte sich, dass Illusionstricks geeignet waren, tiefere ideelle Inhalte zu transportieren.
1929 zeigte Kio als Erster eine solche Darbietung, die völlig anders war. Die Darbietung hiess "Unsere Antwort an die Interventen". Eine Grenzsäule trug die Aufschrift "Zutritt für Eindringlinge streng verboten", daneben standen zwei Wachhäuschen. Es erschien ein ausländischer General mit Diversanten. Sie versicherten sich, dass in den Schilderhäuschen niemand war und überschritten die Grenze. Unerwartet traten aus den Wachhäuschen sowjetische Grenzer und überwältigten die Diversanten. Die Tricktechnik war eine Variante von Dantes "rätselhaften Häuschen". Aber wenn man es als künstlerische Erzählung betrachtet (und das muss man ungeachtet der primitiven Plakativität), wies die Arbeit etwas prinzipiell Neues auf. Erstmals war der Trick nicht das Ziel, sondern Mittel zum Ausdruck der allgemeinen Gedanken – der Gedanken, welche in dem damaligen Moment alle Zuschauer bewegten.
Zusammen mit Schriftstellern und Regisseuren schuf Kio ein Programm mit Illusionsminiaturen damals aktueller politischer Pamphlete. Später kam er von solchen "Darbietungen" ab.
Nach über 10 Jahren auf der Bühne wechselte er 1932 zum Zirkus, wo er fortan als einer der erster Zauberkünstler Illusionen im Rund der Manege vorführte. [1]. Sein Programm bestand jetzt aus Apparate-Illusionen, die mit anderen künstlerischen Mitteln miteinander verbunden wurden. Kios Auftritt nahm eine eigene Spielzeit ein und erforderte einen gewaltigen Aufwand. Mehr als fünfzig Assistenten, eine Vielzahl gewaltiger Apparate, teure Dekorationen, Tänze, Artistik und Clownerie – all das erlaubte es Kio, seine Programme als Revue zu bezeichnen.
Der erste Erfolg auf diesem Weg war Kios Verwandlung vom rätselhaften Hindu in einen modernen ironischen Zeitgenossen, der lebensfrohe komödiantische Vorstellungen im Zirkus zeigte. Mit dem Ersetzen des orientalischen Kostüms und des Turbans durch Frack und Brille zeigte Kio, dass seine Zaubereien nicht mehr als ein Scherz, ein modernes Rätsel seien, das zu lösen er die Zuschauer aufforderte. Auch die alten Tricks wurden modernisiert. Man kann nicht mehr von mystischen Geheimnissen reden, wenn die Zuschauer lachen, wenn als schwebende Jungfrau der Clown Konstantin Berman auftrat.
Nicht minder wichtig war es, dass Kio keine Einzeltricks zeigte, sondern diese miteinander verband. Der rote Faden der Handlung entstand aus den Konflikten mit dem Clown und mit dem Manegeninspektor. Das erlaubte Kio eine logische überleitung von einem Trick zum anderen.
Kio besass ausserordentliche Managementfähigkeiten. Er lenkte ein grosses Team, leitete die Fertigung komplizierter Apparate, die mehrere Eisenbahnwaggons umfasste. Er erneuerte oft sein gesamtes Repertoire, experimentierte ständig und schuf Effekte mit unterschiedlichsten Mitteln wie der Ablenkung der Zuschauer durch das Erscheinen von Assistenten, der Nutzung von komplizierten Apparaten, Theatertechnik und anderen Tricktechniken. Die sorgfältig ausgedachte und erfindungsreiche Regie von B. Schacheta, später von A. Arnold, gab den Programmen von Kio einen guten, geschmack- und effektvollen Ablauf.
Kio, der den berühmtesten modernen Illusionisten zugerechnet wird, trat in aller Welt auf. 1965 starb er, bevor er sein sujethaftes Illusionsschauspiel schaffen konnte, von dem er seit langer Zeit träumte [1]. Seine Show wurde durch seinen jüngsten Sohn Igor Emiljewitsch (geb. 1944), der seit 1959 in der Show mitwirkte, ab 1966 (im Wesentlichen mit dem Repertoir des Vaters) im In- und Ausland fortgeführt und weiterentwickelt [2]. Zu Ehren des 100-jährigen Jubiläums seines Vaters feierte 1994 seine Galashow "Der Zauberer des XX. Jahrhunderts" Premiere.
Kios älterer Sohn Emil Emiljewitsch (geb. 1938) schuf eine eigene Illusionsshow, in der er als zerstreuter junger Gelehrter auftrat, der über die ringsherum ablaufenden Wunder erstaunt ist. Auch seine Show war in aller Welt zu sehen [1]. Er ist gegenwärtig Vorsitzender der russischen Vereinigung der Zirkusartisten [3].
[1] A. A. Vadimov, M. A. Trivas. Von den Magiern der Antike bis zu den Illusionisten unserer Tage. Aus dem Russischen frei übersetzt von Hans-Christian Solka, MagdeburgOrganisation zur Förderung der Zauberkunst in Russland