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Genossenschaft und Kantonsverfassung im Vordergrund
An den ersten Versammlungen bilden zwei Themen die Schwerpunkte: Der Kampf für mehr politische Rechte, genauer für eine neue Zürcher Kantonsverfassung, und die Suche nach Mitteln, die Lebensbedingungen der Arbeiterfamilien zu verbessern. An der zweiten Versammlung referiert der Präsident über die verschiedenen Arten von Genossenschaften, zu denen sich die Arbeiter in Frankreich, England und Deutschland zusammengeschlossen haben. In Töss neigt man dabei am ehesten den Produktionsgenossenschaften zu: «Die Produktivgenossenschaften sind das Mittel zur Lösung der sozialen Frage» wird argumentiert, da man nur in einer Produktivgenossenschaft den vollen Arbeitsertrag erhalte, «und nicht nur einen Lohn zur Deckung des Notwendigsten …».
Für eine Produktivgenossenschaft fehlt jedoch vorerst das Geld. Dafür wird am 6. August 1965 von der Vereinsversammlung des Arbeitervereins Töss – dem übrigens bald auch Mitglieder aus Veltheim und Wülflingen angehören – eine Kommission eingesetzt, die nach Möglichkeiten zur Verwirklichung eines eigenen Konsumgeschäfts suchen soll.
Die Mitgliederbewegung des Arbeitervereins verläuft zuerst, auch in Anbetracht der relativ hohen Mitgliederbeiträge, recht erfreulich. Ende 1865 haben sich 105 Mitglieder eingeschrieben. Zwei Monate später sind es jedoch nur noch 87, acht mehr als ein Jahr zuvor bei der Gründung. «Die Fabrikanten sehen den Arbeiterverein nicht gerne, Arbeiter werden unter Druck gesetzt, bekommen Angst um ihre Stelle, treten aus dem Arbeiterverein aus oder erst gar nicht ein» vermeldet dazu der Präsident. Trotzdem machen die Unentwegten weiter. Die Revision des kantonalen Fabrikgesetzes wird diskutiert, die kantonalen Wahlen von 1866 geben Gesprächsstoff ab, und im September 1866 tritt die Konsumkommission erstmals mit einem konkreten Antrag vor die Versammlung: Sie schlägt vor, nach dem Vorbild der englischen Arbeitergenossenschaften eine eigene Warenvermittlung aufzuziehen. Wein und Kartoffeln werden eingekauft und zum Selbstkostenpreis an die Mitglieder vermittelt. Aber «das Geschäft bringt zunächst keine wesentlichen Vorteile». Zu hoch sind die fixen Kosten, zu gering die Beteiligung.
Erste politische Initiativen
Einer der ersten politischen Höhepunkte des Arbeitervereins ist die Bekämpfung des «Systems Escher», der Verfassung des Kantons Zürich, die den Stimmberechtigten lediglich die Wahl des Kantonsrates zulässt. Dieser wählt dann die Regierung, die National- und Ständeräte. Initiativen und Referendum sind noch nicht bekannt. Zusammen mit den Winterthurer Demokraten rund um Landbote-Redaktor Salomon Bleuler, der noch viele Jahre eng mit den Arbeitern aus Töss zusammenarbeiten wird – bis sich Ende der siebziger Jahre sich die Demokraten und die Arbeitervereine trennen. Noch ist es aber nicht soweit. Die Arbeiter mobilisieren für Demonstrationen und Kundgebungen. In Winterthur, Uster, Bülach und Zürich sollen sie stattfinden und für eine Totalrevision der Verfassung werben. Das Grossuntemehmertum, bis jetzt die bestimmende Kraft im Kanton Zürich, mit dem Eisenbahngewaltigen Alfred Escher an der Spitze, wird von den liberalen Demokraten und der Arbeiterschaft bedrängt. Dem Obersten und Ständerat Rieter aus Töss nützt es nichts, dass er am Tag der Kundgebungen an seinen Spezi Escher in Zürich telegraphieren kann: «Der Himmel ist voll Sympathie – es schneit und regnet wie noch nie!» Trotz Regen und Schnee läuft das Volk zusammen, und am 18. April 1869, nach vier Jahren Einsatz, findet im Tössemer Hirschen ein einfaches Fest statt: Die Zürcher Stimmberechtigten haben der Totalrevision der Kantonsverfassung zugestimmt und sich selbst ein umfassendes Stimm- und Wahlrecht zugestanden. Künftig können auch Behörden gewählt, Initiativen und Referenden lanciert werden. Auch der Arbeiterverein Töss hat einen Paragraphen an diese Verfassung beigesteuert: Da den Tössemern das Geld für eine Genossenschaftsgründung fehlte, forderten sie die Förderung des Genossenschaftswesens durch staatliche Hilfe. Als Paragraph 23 wird diese Forderung in der neuen Verfassung festgehalten. Er ist auch heute noch gültig.
Fragwürdiger «Sieg» beim Fabrikgesetz
Der nächste Brocken steht vor der Türe: Die Abstimmung über das kantonale Fabrikgesetz. Es sieht als Fortschritt ein Verbot der Kinderarbeit bis zum 12. Altersjahr und eine Beschränkung der Arbeitszeit für Kinder zwischen 12 und 14 Jahren auf sechs Stunden vor. Für die Arbeiter aus Töss gehen diese Forderungen zu wenig weit. Sie wollen den 10-Stunden-Tag für alle, ein Verbot der Kinderarbeit bis zum 14. Altersjahr. Für 14 bis 16jährige soll zudem die Arbeitszeit auf acht Stunden beschränkt werden. Der Tössemer Arbeiterverein steht mit seinen weitergehenden Ideen fast alleine da. Ein Teil der Arbeiterorganisationen, auch die Kreise um Hermann Greulich, sind für das Gesetz. Die Textilarbeiter aus dem Zürcher Oberland dagegen lehnen es wie die Tössemer Arbeiter ab – aber aus den entgegengesetzten Gründen: Sie sind gegen eine Beschränkung der Arbeitszeit für die 12 bis 14jährigen – zusammen mit den Fabrikanten. Ein Flugblatt wiederspiegelt deren zynische Argumentation, indem es darin heisst: «Wenn nun ein Kind per Tag 12 Arbeitsstunden hat, so bleiben zur Erholung: Eine Stunde zu Mittag, 3 Stunden zur Bewegung im Freien oder für jugendliche Spiele und Beschäftigungen überhaupt und 8 Stunden für die nächtliche Ruhe. An Samstagen kommen ihnen diesfalls noch zwei Stunden mehr zugute. Der Gesundheit der Fabrikkinder ist somit möglichst Rechnung getragen. Wenn aber die Kinder nur einen halben Tag arbeiten dürfen, was soll man dann mit ihnen während des anderen halben Tages anfangen? Und wenn sie dann künftig nur den halben Lohn heimbringen, werden sie dann nicht schlechter genährt und geringer gekleidet werden müssen als bisher?»
In den nächsten Jahren bekommt der Arbeiterverein Töss Mühe mit «der Politik». Dies rührt nicht zuletzt aus der Enttäuschung über den von Töss aus stark forcierten Zusammenschluss in einem kantonalen Arbeiterverein. Dieser wird in Zürich zwar gegründet, stellt sich aber im Zusammenhang mit der Revision der kantonalen Verfassung und dem Kampf um das kantonale Fabrikgesetz als Instruments des Unternehmertums heraus. Zudem wirtschaftet der kantonale Arbeiterverein schlecht und muss schliesslich liquidiert werden. Auch die Tössemer müssen an die Schulden beitragen, überstehen dies aber im Gegensatz zu den Vereinen am Zürichsee, die sich auflösen müssen. So lässt sich die Einsicht finden: «Wenn nun der Arbeiterverein Töss dadurch, dass er dem kantonalen Arbeiterverein während einiger Jahre angehörte, in seiner Entwicklung etwas gehemmt wurde, so ist doch nicht zu bestreiten, dass er damit zu seinem eigenen Konsumgeschäft gekommen ist». Dieses Geschäft wird anfangs 1869 am Standort des heutigen Coop-Centers an der Zürcherstr. 135 eröffnet. Nach einem Jahr wird eine Bäckerei gepachtet und damit ein erster Schritt zu der schon von Anfang an ins Auge gefassten Produktiv-Genossenschaft gemacht.