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Wer in der kalten Jahreszeit regelmässig entlang des Murtensees unterwegs ist, hat vielleicht auch schon einmal das Glück und die Musse gehabt, einen Trupp Graugänse beim Baden oder Weiden beobachten zu dürfen. Jemand, der das berufsmässig tun kann, ist Elmar Bürgy. Seit 1995 ist er als Wildhüter und Fischereiaufseher im mittleren und unteren Seebezirk tätig und kennt sich dementsprechend mit den gefiederten Wintergästen aus.
Die zweitgrösste Gänseart Europas–hauptsächlich im Norden und Osten des Kontinents sowie in Asien beheimatet–kann während des Winterzuges in ganz Europa und eben auch im Seebezirk angetroffen werden. «Die Graugänse kommen jedes Jahr aus Norddeutschland zu uns in die Winterferien. Danach kehren sie in den Norden zurück, um zu brüten», sagt Bürgy und fügt an: «Bei uns wurden bis- lang noch keine Brutpaare festgestellt.» Anhand von Wasservogelzählungen geht die Schweizer Vogelwarte in Sempach davon aus, dass die Murten- und Neuenburgerseeregion zu den wichtigsten Graugans-Winterresidenzen des Landes gehört. Im November 2011 wurden in der Schweiz rund 1500 Vögel gezählt, was im Vergleich mit den Novembermonaten der Vorjahre einen deutlichen Spitzenwert darstellt. Über die Hälfte aller Graugänse wurde in besagter Region gezählt.
Gut organisierte Truppe
Graugänse, welche als die wilden Vorfahren der domestizierten Hausgänse gelten, werden etwa 17 Jahre alt und können eine Körpergrösse von 90 Zentimeter, eine Flügelspannweite von 180 Zentimeter und ein Gewicht von bis zu vier Kilogramm erreichen, wobei der Ganter–wie das männliche Exemplar einer Graugans auch genannt wird–um einiges grösser und schwerer wird als sein weiblicher Artgenosse. Im Gegensatz zu vielen anderen Vogelarten unterscheiden sich die Graugansgeschlechter aber nicht in ihrem Federkleid.
Graugänse ernähren sich rein vegetarisch und fast ausschliesslich über Wasser; dabei weiden sie gerne kurze Gräser- und Kräuterarten ab. Bei Greng, wo sich die Wintergäste jeweils in einer grösseren Gruppe niederlassen, kann beobachtet werden, wie gut die Vögel organisiert sind: «Der Kundschafter sucht einen sicheren Fressplatz für die Gruppe aus. Während die anderen Gänse am Fressen sind, halten mehrere Aufpasser Ausschau, damit sich niemand unbemerkt der Schar nähern kann. Lauert Gefahr, etwa durch einen Fuchs, wird laut geschnattert und die ganze Gruppe zieht von dannen», erklärt Bürgy.
Die Tiere, die ihr Leben in komplexen und variablen Sozialverbänden verbringen, leben wie alle Wildgansarten monogam und bleiben in der Regel lebenslänglich mit ihrem Partner zusammen. Damit unterscheiden sie sich von der Mehrzahl der Tiere, denn Monogamie ist im Tierreich die grosse Ausnahme. So leben zwar rund 90 Prozent aller Vogelarten monogam, aber nur in Form einer Saisonehe – also lediglich während der Paarungs- und Brutzeit.
Dabei liegen die Vorteile einer Monogamie besonders hinsichtlich Energieeinsparung klar auf der Hand: Wer in langjähriger Paarbeziehung lebt, muss sich nicht mit Partnersuche, Balzzeremonien oder Konkurrenzkämpfen abmühen und kann die eingesparte Energie auf Nistplatzwahl, Nestbau und Brutpflege konzentrieren. Auch die Arbeitsteilung gestaltet sich so einfacher. Während die Gans für das Bebrüten der Eier zuständig ist, wacht der Ganter über den Brutplatz und sein Weibchen. Das Liebesleben der Gänse hat mit jenem des Menschen aber noch mehr gemein: So sind sowohl gleichgeschlechtliche Paarbeziehungen (zwei Ganter) als auch Dreiecksbeziehungen (zwei Ganter, eine Gans) bereits dokumentiert worden.
Nur in Sachen Scheidungsfreudigkeit scheinen Graugänse etwas konservativer eingestellt zu sein als die Zweibeiner dieser Welt. Während die Neuverpaarung nach dem Dahinscheiden eines Partners ein häufiges Phänomen darstellt, kommen Ehetrennungen zwischen lebenden Partnern nur äusserst selten vor.
Zum Vergleich: Die Scheidungsrate der Bürger des Kantons Freiburg lag im Jahr 2011 bei 49,9 Prozent.
Verwendete Literatur: Konrad Lorenz, Das Jahr der Graugänse, 1978, und Erich Rutschke, Die Wildgänse Europas, 1987.