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Vom Arzt zum Betreuungsmanager
Paul Ignaz Vogel
Nach der Blutentnahme im Labor ging ich ins Wartezimmer. Der Betreuungsmanager (Managed Care) holte mich dort ab, setzte sich an sein Chefpult und bat mich - wie bei einer Einvernahme - ihm gegenüber Platz zu nehmen. Er schob mir sein Notebook schräg über die Tischplatte zu, damit ich auch ein bisschen Einsicht gewinnen könnte und erläuterte mir im Fachjargon meine Blutwerte, die im Labor automatisch in den Computer eingegeben worden waren.
Über eine Gesundheitsmassnahme, welche von meiner Zusatzversicherung bezahlt werden sollte, entstand eine heftige Diskussion. Eigentlich sei er gegen die vorgeschlagene Massnahme, meinte mein Betreuungsmanager. Das Gespräch erhitzte sich zusehends, plötzlich explodierte mein Gegenüber und beschimpfte mich aufs Heftigste. So etwas gehöre sich nicht, was ich soeben gesagt hatte, meinte der Betreuungsmanager. Managed Care in einer Gruppenpraxis mittlerer Grösse. Der Arzt oder die Ärztin als neoliberaler CEO für Leib und Seele der ausgelieferten PatientInnen. Arbeit im Bonus-Malus-System. Herrschaft wird sichtbar.
Sodann forderte mich der Interessenvertreter der Krankenkasse auf, ich sollte mich auf den Schragen begeben. Ich zog die Schuhe aus und legte mich ergeben hin, entblösste den Oberarm. Er setzte das Blutdruckgerät an. Zweimal mass er, dann legte er das Gerät ab und sagte kopfschüttelnd; „Das ist zuviel, 190“. Ich entgegnete, dass das davon komme, dass ein Arzt seinen Patienten beschimpfe. Nachdem ich mich aufgerichtet hatte und mir die Schuhe zuband, doppelte ich nach und griff frontal die Krankenkassen an. Sie seien ein Instrument zur Ausbeutung der Menschen geworden, sie übten sich in ähnlichen kriminellen Methoden wie die Grossbanken, indem sie Anlagefehler an der Börse zu schlimmen Verlusten tätigten. Möglichst viel einkassieren, möglichst wenig leisten. Und den Krankenkassen ginge es nur um Kostensenkung und Gewinnoptimierung, um die Interessen der kapitalintensiven Apparatemedizin und der Pharmaindustrie. Nicht um die Menschen.
Schliesslich hielt ich meinem verduzten Betreuungsmanager den Besuch von Bundesrat Didier Burkhalter in seiner Gruppenpraxis vor. Burkhalter war damals noch Chef des Eidgenössischen Departementes des Innern. Er hatte eines Tages meinen Betreuungsmanager besucht und sich selbst in Szene gesetzt. Die rührende Werbung für Managed Care war am Schweizer Fernsehen in der Tagesschau ausgestrahlt worden.
Trotz meiner alarmierenden Blutdruckwerte entliess mich mein Betreuungsmanager bedenkenlos. Darauf wechselte ich - nach fast zwanzigjähriger freiwilliger Erfahrung mit dem Managed Care (einst HMO) - ins Hausarztsystem und übergab die Obhut über meine Gesundheit wiederum einer Arztperson meiner freien Wahl, einem Menschen, einer Hausärztin in einem Netzwerk.