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Wie Joiz-Moderatorin Gülsha Adilji ihre Kindheit in der Ostschweizer Provinz erlebt hat. Welchen Einfluss ihr ausländischer Hintergrund auf ihre Weltsicht hat. Und warum sie sich über die Hasspost freut, die sie bekommt.
WOZ: Frau Adilji, Ihre Mutter stammt aus Pristina, ist aber ursprünglich Türkin. Ihr Vater wuchs als Albaner in einem serbischen Dorf nahe der kosovarischen Grenze auf. Wie gut kennen Sie die Heimat Ihrer Eltern?
Gülsha Adilji: Früher, vor allem vor dem Kosovokrieg Ende der neunziger Jahre, haben wir unsere Verwandten regelmässig besucht. Inzwischen bin ich nur noch selten dort, ich fahre lieber nach Amsterdam in die Ferien als in den Kosovo. Und einige meiner Verwandten sind mittlerweile in der Schweiz, ich muss also auch gar nicht in den Kosovo, um sie zu sehen. Meine Eltern und meine jüngere Schwester sind hingegen etwa alle zwei Jahre dort. Vor allem für meine Schwester hat die Familie einen sehr hohen Stellenwert.
Sie sind in der Industriekleinstadt Niederuzwil geboren. Wie war es, als Tochter von Einwanderern in der Ostschweizer Agglomeration aufzuwachsen?
Ich habe viele sehr gute Erinnerungen an Niederuzwil, es war eine tolle Zeit. In meiner Kindheit hat meine Herkunft nie eine Rolle gespielt, auch nicht in der Schule. Ich wurde zwar von den anderen Kindern gehänselt – aber nur, weil ich mit meiner Kurzhaarfrisur wie ein Junge aussah, nie wegen meines ausländischen Namens. Wie kompliziert meine Herkunftsverhältnisse sind, habe ich erst später begriffen.
War Ausländerfeindlichkeit bei Ihnen zu Hause ein Thema?
Es kann natürlich sein, dass ich es verdrängt habe, ich kann mich aber nicht erinnern, dass meine Eltern je von rassistischen Anfeindungen berichtet hätten. Dies kann jedoch auch daran liegen, dass meine Familie mit unserem migrantischen Hintergrund immer sehr humorvoll umgegangen ist: Mein Vater hat zum Beispiel ständig Witze über seinen ausländischen Namen gemacht.
Ihr Vater kam in den siebziger Jahren als Saisonnier in die Schweiz, später holte er Ihre Mutter nach. In den neunziger Jahren wurde Ihre Familie eingebürgert. Wie haben Sie diesen Prozess erlebt?
Ich weiss noch, dass es ziemlich lange gedauert hat, bis wir eingebürgert wurden. Als sich meine Eltern, meine beiden Schwestern und ich auf der Gemeindeversammlung in Uzwil vorstellen mussten und über unsere Einbürgerung abgestimmt wurde, war ich ungefähr vierzehn. Damals habe ich den Vorgang nicht hinterfragt. Heute finde ich das Einbürgerungssystem jedoch nicht mehr zeitgemäss.
Welche Rolle spielt Ihr serbisch-türkisch-albanischer Hintergrund für Ihre Identität?
Eine sehr grosse. Ich glaube etwa, mich besser in andere Menschen hineinversetzen zu können als jemand ohne ausländische Wurzeln. Auch dass ich auf Rassismus äusserst allergisch reagiere, liegt sicher an meinem Hintergrund. Ich würde behaupten, dass ich die Welt grundsätzlich anders betrachte als jemand, für den Begriffe wie «Heimat» oder «Herkunft» mit einer bestimmten Nationalität verbunden sind: Nationalistisches oder patriotisches Gedankengut finde ich zum Beispiel ziemlich absurd. Es ist für mich auch nicht nachvollziehbar, wie die Landeszugehörigkeit für jemanden identitätsbildend sein kann. Es ist doch lächerlich zu behaupten: «Ich bin Eidgenosse, und das macht mich speziell.»
Sie definieren sich nicht über Ihre Nationalität?
Für mich spielt mein migrantischer Hintergrund schon eine Rolle, bestimmt sind gewisse Eigenschaften auch darauf zurückzuführen. Ich habe mich mit dem Thema Heimat aber immer ganz anders auseinandergesetzt, ich definiere mich nicht über meine Nationalität. Meine Identität ist natürlich von meinen persönlichen Erfahrungen geprägt, von allem, was ich in meinem Leben bisher erlebt und gesehen habe. Was genau meine Identität ausmacht, ist aber eine höchst philosophische Frage, die ich auf die Schnelle nicht beantworten kann (lacht).
Sehen Sie sich selbst als Aushängeschild irgendeiner Community?
Nein, ich würde mich nie als Aushängeschild einer Gruppe bezeichnen. Ganz im Gegenteil: Ich finde es falsch, sich einer bestimmten Community zugehörig fühlen zu wollen, denn dies schafft eine künstliche Unterscheidung zwischen «uns» auf der einen und «ihnen» auf der anderen Seite. Ich kann auch nicht verstehen, warum sich eine Gruppe lediglich aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Nationalität zusammenfinden sollte. Klar ist dies ein Punkt im Lebenslauf, aber er ist bei weitem nicht der wichtigste.
Die «Weltwoche» hat 2012 in einem Porträt über Sie geschrieben, Sie hätten «geradezu den zwinglianischen Arbeitsethos verinnerlicht». Sind Sie eine Mustermigrantin?
Es liegt sicher auch an meiner Herkunft, dass ich so viel mediale Aufmerksamkeit erhalte. Der eine oder andere nimmt mich wohl auch als Mustermigrantin wahr. Ich habe aber noch nie erlebt, dass mich jemand auf das Migrantinnensein reduziert hat – vielleicht auch, weil sich bisher niemand getraut hat, mir das ins Gesicht zu sagen. Ich bekomme zwar ab und zu Hasspost, aber nie rassistische. Wenn ich einen entsprechenden Brief in der Hand halte, freue ich mich immer, dass die Zuschauer nicht meinen Hintergrund, sondern meine Arbeit hassen.
Gülsha Adilji hat ihren Moderationsjob beim TV-Sender Joiz zum Jahresende gekündigt. Ein Angebot des SRF liegt bisher nicht auf dem Tisch.