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© Foto by Aurel Schmidt
Philosophie der Wüste
Neues Buch: Erzählungen des libyschen Schriftstellers Ibrahim al-Koni
Von Aurel Schmidt
Die Wüste ist ein wunderbarer, magischer Ort. Das ist sie auch für den libyschen Targi-Schriftsteller Ibrahim al-Koni. Aber für ihn ist sie auch ein abweisender, bedrohlicher, grausamer Ort. Die Menschen, die dort leben, haben eine Vorstellungswelt entwickelt, die ganz auf den Ort bezogen ist. Das Erste, was man über die kurzen Erzählungen im Band "Meine Wüste" sagen kann, ist die Tatsache, dass zwar darin Menschen auftreten, aber selten in personalisierter Form. Sie werden meistens nur titularisch "die Stammesführer", "der fahrende Seher", "der Bote", "der Zauberer", "die Verständigen" und so weiter genannt.
"Die Wüste ist für Menschen bestimmt,
Der Mensch ist unfrei. Er muss sich den Verhältnissen, der Ordnung der Wüste, anpassen und unterordnen. Es ist der Autor, der die Wüste aus persönlicher Erfahrung kennt und dies sagt. al-Konis Menschen sind abhängig von der Wüste, in der sie leben, und diese Wüste ist streng, auch würdevoll, aber auf keinen Fall zum Spassen.
Das Mädchen Tasidert fragt in einer Erzählung: Warum hat Gott die Wüste als Wüste geschaffen? Die Antwort, die es bekommt, heisst: Damit sie dem als Zufluchtsstätte dient, der frei sein will.
Die "weglose Wüste" tritt bei al-Koni in einer doppelten Rolle auf: Als Ort der Freiheit und Verheissung, den er in wunderbaren poetischen Worten besingt, aber ebenso auch als Ort der Prüfung und, wenn diese Prüfung nicht bestanden wird, als Ort der Strafe und des Grauens. Jenseits der Wüste ist nichts als Abgrund, steht an einer Stelle. Der Mensch muss seine ganze Kraft aufbringen, um es in der Wüste auszuhalten, und er muss vor allem bereit sein zu sterben, um frei zu sein. In solchen Sätzen gibt al-Koni seine Philosophie an die Leserschaft weiter. Es ist eine von der Wüste geprägt Philosophie.
"Die Menschen bei al-Koni freveln
In den meisten Erzählungen des Bandes wiederholt sich das gleiche Thema. Die Menschen freveln, sie befolgen nicht die Gesetze des Lebens, sie machen sich gottähnlich und werden dafür zur Rechenschaft gezogen.
Verschiedene der Erzählungen des Bandes hat der Autor in der Nähe von Thun, wo er heute meistens lebt, geschrieben. 2005 wurde ihm der Grosse Literaturpreis des Kantons Bern verliehen.
Die vierseitige Erzählung "Das Gold auf dem Berg" hat Ibrahim al-Koni "der Schweiz gewidmet". Ihre Handlung: Ein Eremit wird von Menschen, die in ihrer Gier vermuten, dass er einen kostbaren Schatz verbirgt, gefoltert und zum Schluss lebendig begraben. Später zeigt sich, dass das Grab leer ist. Zur Strafe für das frevelhafte Verhalten versiegt die Quelle, aus der die Menschen getrunken haben. Man könnte sich denken: Eine gelungene Übertragung der Blüemlisalp-Sage in das Wüstenmilieu.
Da ich keine Arabischkenntnisse habe, kann ich die Übersetzung nicht beurteilen, aber vieles kommt mir an der gezierten Bonbon-Sprache merkwürdig vor. Zum Beispiel, wenn von Rittern die Rede ist. Könnten damit nicht eher Reiter gemeint sein? Ich habe auch grosse Zweifel, ob al-Koni Wörter gebraucht, denen im Deutschen Ausdrücke wie "stoppen" oder "Plebs" entsprechen. Dass viele Fachbegriffe nicht näher erläutert werden, führt dazu, dass Leser und Leserinnen oft durch das Buch irren wie durch die weglose Wüste. Die Absicht kann das aber kaum gewesen sein.
Dass die Faszination trotzdem erhalten bleibt, muss an der imaginativen Erzählweise des Autors liegen.
Das Buch ist im Lenos Verlag erschienen, hat 208 Seiten und kostet 18 Franken.
26. Juni 2007
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