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| Athanasius (295-373) - Vier Reden gegen die Arianer (Orationes contra Arianos)

Zweite Rede
27.
Doch jetzt bringen sie folgendes vor: Sieh doch, er1 hat das Volk auch durch Moses aus Ägypten geführt und durch ihn das Gesetz gegeben, obschon auch er2 ein Mensch war: so kann also das Ähnliche durch das Ähnliche entstehen. Das hätten sie aber nicht so unverhüllt heraussagen sollen, wenn sie sich eine große Beschämung hätten ersparen wollen. Denn Moses wurde nicht gesandt um zu schaffen, auch nicht, um das Nichtseiende ins Dasein zu rufen und die ähnlichen Menschen zu bilden, sondern nur, um als Diener Worte an das Volk und an den König Pharao zu richten. Es liegt aber darin ein großer Unterschied, weil das Dienen Sache der entstandenen Wesen ist, die Knechte sind. Schaffen und Bilden aber ist allein die Sache Gottes und seines Wortes und seiner Weisheit. Darum also kann man beim Schöpfungsakt niemand andern finden als nur das Wort Gottes; denn "alles ist in Weisheit gemacht worden"3, und "ohne das Wort ist nichts entstanden"4. Für Dienstverrichtungen aber steht nicht bloß ein einziger, sondern es stehen aus der Gesamtheit viele zur Verfügung, die der Herr nach Belieben absendet. Denn viele Erzengel, viele Throne und Mächte und Herrschaften und Tausende von Tausenden und Myriaden von Myriaden stehen zum Dienste da und stehen bereit, abgesandt zu werden. Und viele Propheten, und zwölf Apostel, und Paulus, und Moses, und zwar nicht bloß Er, sondern auch Aaron mit ihm, und hernach siebzig andere wurden mit dem Heiligen Geiste erfüllt; und den Moses löste ab Jesus, der Sohn des Nave, und diesen die Richter und jene nicht einer, sondern viele Könige. Wenn nun der Sohn ein Geschöpf wäre und zu den entstandenen Wesen gehörte, so müßte es auch viele Söhne geben, damit Gott auch viele solche Diener hätte, wie es auch bei den übrigen Gattungen eine Menge gibt. Wenn man aber so etwas nicht wahrnehmen kann, anderseits es aber viele Geschöpfe, aber nur Ein Wort gibt, wem wird hieraus nicht klar, daß der Sohn von [S. 157] der Gesamtheit sich unterscheidet und nicht mit den Geschöpfen seine Stellung teilt, sondern dem Vater eigen ist? Deshalb gibt es auch nicht viele Worte, sondern nur ein einziges Wort des Einen Vaters und ein einziges Bild des Einen Gottes gibt es. Doch sieh, sagen sie, auch die Sonne ist nur Eine und die Erde nur Eine. Nun sollen sie in ihrem Unverstand behaupten, auch das Wasser sei Eines und das Feuer Eines, damit sie vernehmen, daß jeder geschaffene Gegenstand Einer ist in seiner Wesenheit, für die übertragene Aufgabe und Dienstleistung aber der einzelne allein nicht ausreicht und genügt. Denn Gott sprach: "Es sollen Lichter werden an der Feste des Himmels zur Beleuchtung der Erde, und um den Tag und die Nacht zu trennen, und sie sollen zum Zeichen dienen und zu Zeiten und zu Tagen und zu Jahren"5. Dann sagt er: "Und Gott machte die zwei großen Lichter, das Licht zur Herrschaft über den Tag, das kleinere zur Herrschaft über die Nacht und die Sterne; und er setzte sie an die Feste des Himmels, damit sie auf der Erde leuchten und über den Tag und die Nacht herrschten"6.
1: Gott.
2: Moses.
3: Ps. 103,24.
4: Joh. 1,3.
5: Gen. 1,14.
6: Gen. 1,16-18.