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Witebsk
Witebsk oder auch Wizebsk (weißrussisch Віцебск; russisch Витебск) ist das Zentrum des nördlichen Belarus. Mit über 360.000 Einwohnern ist Witebsk die viertgrößte Stadt des Landes.
Die Stadt wurde an den hohen Ufern der Flüsse Düna und der Witba errichtet, letzterer gab der Stadt ihren Namen. Gemäß einer Überlieferung aus dem 18. Jahrhundert gründete die Fürstin Olga die Stadt Witebsk im Jahr 974 und errichtete sie als Festung. Zuerst von baltischen Volksstämmen bewohnt, entwickelte sich die Stadt bald zum Siedlungszentrum von Slawen und Kriwitschen. Die günstige geografische Lage trug maßgeblich zum raschen Wachstum und Aufblühen der Stadt im Laufe der nachfolgenden Jahrhunderte bei. Im Jahr 1021 wurde Witebsk zum ersten Mal in der Nestorchronik erwähnt.
Im Stadtzentrum befindet sich auch heute noch der Schlossberg, der die Residenz des Fürsten beherbergte. Am Fuß des Berges lebte die einfache Bevölkerung, Händler und Handwerkmeister. Bereits im 12. Jahrhundert wurde in der Stadt die erste Steinkirche errichtet, die orthodoxe Mariä-Verkündigungs-Kirche. Ihr war eine Schreibwerkstatt angeschlossen, in der wichtige religiöse Schriften und Chroniken verfasst und vervielfältigt wurden.
Nachdem Wsieslaw von Polozk im Jahr 1101 gestorben war und seine sechs Söhne das Fürstentum unter sich aufgeteilt hatten, entstand das Witebsker Fürstentum unter der Herrschaft von Swjatoslaw. Er wiederum vererbte es an seinen Sohn Wassilko weiter, der später zum Polozker Fürsten aufstieg.
Zwischen den Jahren 1165 und 1167 verlor das Witebsker Fürstentum allmählich an Bedeutung und geriet unter den Machteinfluss des Fürsten von Smolensk (russische Stadt im Osten). Dessen Herrschaft währte allerdings nicht lange, bald erhielt Witebsk seine Unabhängigkeit wieder.
Am Ende des 12. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts fiel Witebsk in die Einflusssphäre des litauischen Fürsten. Der erste litauische Fürst in Witebsk war Tautvilas, der die dynastischen Verbindungen zwischen Litauen und Witebsk vertiefte. Seit dem Jahr 1320 gehörte Witebsk zum Großfürstentum Litauen. Im Jahr 1508 wurde die Woiwodschaft Witebsk gegründet. Im Jahr 1597 bekam die Stadt das Magdeburger Recht, nach dem Aufstand der Einwohner gegen die Einführung der Kirchenunion verlor sie im Jahr 1623 allerdings dieses Recht und andere Privilegien wieder.
Zu dieser Zeit übte die Adelsfamilie der Sapieha (belarussisch: Сапега) den größten Einfluss in Witebsk und Umgebung aus. Die Spiehas besaßen große Ländereien in der Woiwodschaft Witebsk.
Während des 17. Jahrhunderts entwickelte sich Witebsk zum einem bedeutenden Zentrum des Handels und des Handwerks. Durch die Folgen des Großen Nordischen Krieges (1700-1721) dezimierte sich die Bevölkerung stark und die Stadt verlor an wirtschaftlicher Bedeutung. Zu Ende des 18. Jahrhunderts lebte die Stadt allerdings wieder auf, die Bevölkerungszahl wuchs, und bald war Witebsk nach Mogiljow die zweitgrößte Stadt auf belarussischem Territorium.
Die Witebsker Woiwodschaft wurde in Folge der ersten Teilung Polens im Jahr 1772 Teil des Russischen Imperiums. Dadurch bekam die Stadt die Möglichkeit auf Russland als Handelsplatz zuzugreifen. Im Zuge dessen wurden viele jüdische Siedler neue Einwohner der Stadt.
Während des Kriegs mit Frankreich im Jahr 1812 wurde Witebsk von Napoleons Soldaten besetzt. Am 28. Juli 1812 erreichte Napoleon die Stadt und stand vor der Entscheidung vor Ort auszuharren und zu überwintern oder aufgrund der schlechten Versorgungslage und Verkehrswege weiter in fruchtbarere und besser erschlosseneres Gebiet in Russland vorzurücken. Nach der Vereinigung der russischen Armeen bei Smolensk blieb Napoleon allerdings nur noch die Option den Feldzug in Richtung Moskau fortzusetzen. Bekanntlich rannte er damit in sein Unglück und unterlag den Russen in den entscheidenden Winterschlachten.
Der napoleonische Russlandfeldzug (im russischen Vaterländischer Krieg, nicht zu verwechseln mit dem Großen Vaterländischen Krieg, Bezeichnung für den zweiten Weltkrieg) hinterließ in der Stadt große Zerstörung, erst Mitte des 19. Jahrhunderts war der Vorkriegsstand in allen Lebensbereichen wieder erreicht.
Die weiteren Entwicklungen der Stadt waren mit dem Ausbau der Infrastruktur verbunden, wie dem Bau von Straßen und der Eisenbahn. Am Ende des 19. Jahrhunderts kamen erstmals moderne Produktionspraktiken in Witebsk zum Einsatz. Eine belgische Aktiengesellschaft baute erste Wasserleitungen sowie die erste Straßenbahn in Belarus und errichtete die Flachsspinnerei „Dwina“.
Nach Angaben der Volkszählung von 1897 waren über 50% der Bevölkerung Juden, Russen und Belarussen machten lediglich 40% an der Gesamtbevölkerung aus. Witebsk zählte damit zu den größten jüdischen Zentren in Osteuropa.
Die sowjetische Macht kam in Witebsk am 9. November 1917 zum Tragen. In den Fabriken wurde die Kontrolle durch einzelne Arbeiterräte übernommen. Als ein Ergebnis dessen und der fortschreitenden Modernisierung stieg die Leistungsfähigkeit der Betriebe rapide an. In verschiedenen Industriebereichen wie z.B. Werkzeug- und Maschinenbau, Schuh- und Möbelindustrie, wurde bis zur Einführung der ersten Fünfjahrespläne fast ein Drittel der gesamten belarussischen Industrieproduktion hergestellt.
In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde Witebsk zum Zentrum des modernen Kunstlebens. Marc Chagall gründete die Volkskunstschule, wo Maler verschiedener Ausrichtungen und Stile wie Jehuda Pen, Kasimir Malewitsch, Robert Falk und Mstislaw Dobuschinski arbeiteten. Sie organisierten Ausstellungen, nahmen an Seminaren und Kongressen teil und gestalteten in ihrer Kunstauffassung die ganze Stadt wie ein lebendiges Museum. Kasimir Malewitsch und seine Gleichgesinnten prägten die Kunstwelt mit ihren Verein UNOWIS (Bejaher der Neuen Kunst) maßgeblich. Diese Kunstschule ist als Wizebsker Schule der abstrakten Kunst weltweit bekannt. Zur gleichen Zeit wirkte in Witebsk der bekannte russische Philosoph und Literaturwissenschaftler Michail Bachtin.
Vom 11. Juli 1941 bis zum 26. Juni 1944 war Witebsk von den Nazis besetzt. Der Krieg brachte der Stadt schwere Verluste bei. Von der Vorkriegsbevölkerung von über 180.000 Einwohnern überlebten nur wenige. Die Stadt wurde zu über 90% zerstört. Der Aufbau begann sogleich nach dem Ende des Krieges, 1946 begannen die ersten Fabriken wieder zu produzieren. In der Nachkriegszeit entwickelte sich Witebsk nach den Generalplänen der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) wie viele andere Städte der Sowjetunion.
Das moderne Witebsk ist eines der größten Industriezentren der Republik Belarus und ein Zentrum für Kultur und Wissenschaft. Die Altstadt mit ihren Kirchen und Plätzen zählt zu den schönsten in Belarus, die Lage direkt an der Düna trägt ihr übrigens zur Beschaulichkeit bei.
Über die Grenzen hinweg bekannt ist Witebsk auch durch sein internationales Kultur- und Sängerfest Slawjanskij Basar. Das Festival findet jährlich vom 9. bis zum 13. Juli statt und versammelt tausende Teilnehmer und Zuschauer aus nah und fern.
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