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Herr Höpflinger, als Familiensoziologe kennen Sie sich aus mit der Ehe. 50 Prozent aller Paare in der Schweiz werden geschieden. Das Armutsrisiko für Frauen ist danach häufig gross, vor allem wenn sie minderjährige Kinder versorgen müssen. Würde man eine Umfrage durchführen, so würde wohl die Mehrheit die alleinerziehenden Frauen als eine vom Schicksal getroffene Gruppe ansehen. Dieser Auffassung wird jedoch auch widersprochen. Dir Armut sei selbstverschuldet, heisst es, da sich geschiedene Frauen bewusst für ihre Situation entschieden hätten. Eine Entscheidung, die ihnen leichter falle, weil sie wüssten, dass es ein soziales Auffangnetz gibt.
Man muss hier differenzieren. Studien zeigen, dass alleinerziehende Frauen eine sehr heterogene Gruppe sind. Etwa landen bei weitem nicht alle in der Armutsfalle. Ein Drittel erholt sich relativ rasch und ist nach einer Scheidung sogar besser dran: Probleme fallen weg, das Selbstbewusstsein steigt und beides kann dazu beitragen, dass die Frauen mehr aus sich selber machen, auch wirtschaftlich. Für die verbleibenden zwei Drittel gestaltet sich die Situation nach einer Trennung jedoch tatsächlich deutlich schwieriger.
Wenn die Hürden der Trennung höher wären, so wie noch vor der Liberalisierung des Scheidungsrechts, wäre dann für diese Frauen der Anreiz nicht grösser, eine Ehekrise durchzustehen?
Ich frage mich, ob das familiensoziologisch funktioniert. Zwei Beobachtungen sprechen dagegen. Erstens hat die Scheidungsrate in der Schweiz zugenommen, bevor die Scheidungsgesetze liberalisiert wurden. Das Scheidungsrecht hat nur eine Entwicklung nachvollzogen, die in der Gesellschaft zuvor schon stattgefunden hatte. Zweites hat man dort, wo die Scheidungshürden höher sind, wie etwa in Italien, mehr Ehen, bei denen die Partner getrennt leben. Eine striktere Gesetzgebung löst das Problem also nicht.
Und wie stehen Sie zur der Aussage, dass ein dichtmaschiges staatliches Auffangnetz die privaten Trennungskosten kleinerwerden und daher die Bereitschaft steigen lässt, die Ehe aufzulösen?
Für die USA hat man klar festgestellt, dass sozialstaatliche Leistungen die Rate der Alleinerziehenden erhöht hat. Ähnliches gilt auch für England. Dort haben Alleinerziehende den Vorrang beim Bezug günstiger Staatswohnungen. Wer bei gleichem Einkommen verheiratet ist, bekommt hingegen diese Wohnungen nur schwer. Damit sind durch Sozialleistungen eindeutig Anreize gesetzt worden, die das Alleinerziehen fördern.
Gibt es solche Fehlanreize auch in der Schweiz?
In der Schweiz bieten nur relativ wenige Kantone bedarfsorientierte Leistungen. Wobei man im Blick behalten muss, dass der Wegfall jeglicher Unterstützung langfristig zu mehr Kosten führen würde. Für einen Drittel der Geschiedenen mit kleinen Kindern kann es entscheidend sein, dass die Verarmung abgefedert wird, damit die Frauen wieder auf die Beine kommen, sei es durch Unterstützung seitens der Eltern oder seitens des Staats. Und dann gibt es noch den letzten Drittel, jenen, der längerfristige Probleme hat, unabhängig von der Scheidung. Hier löst die ökonomische Absicherung durch den Staat die persönlichen Probleme nicht, etwa mangelnde Bildung, mangelnde Familienplanung oder eine Mutterschaft, die als Ersatz für eine Ausbildung gewählt wird. Wir haben derart verschiedene Gruppen unter den Alleinerziehenden, dass man da auf ganz unterschiedliche Massnahmen setzen muss. Das ist eine sehr komplexe und nur schwer zu lösende Aufgabe für den Gesetzgeber.
Also Finger weg von der ganzen Aufgabe? Uud vielleicht sogar wieder nichtstaatlichen Institutionen wie den Kirchen das Feld überlassen, die ja auf diesem Gebiet einen recht reichen Erfahrungsschatz haben?
Die Kirchen waren und sind noch inflexibler als der Staat. Für sie ging es vor allem darum, die Sexualität der Frau zu kontrollieren.
Man könnte das auch als eine Form von Familienplanung betrachten.
Das war nicht die Motivation. Für die katholische und später auch die reformierte Kirche ging es um Macht. In Teilen der Schweiz hatten wir früher gutorganisierte religiöse Diktaturen. Die Stärkung einer ausschliesslichen Zweierbeziehung zwischen Mann und Frau schwächte…