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Finanzkrise: Nichts gesehen oder nichts verstanden?
Die «Oxford Review of Economic Policy» hat ihre neuste Ausgabe der Frage gewidmet, ob das makroökonomische Theoriegebäude in Folge der Finanzkrise neu geschrieben werden müsse. Dazu haben die Herausgeber eine Reihe von amerikanischen Ökonomen gefragt, die dem neukeynesianischen Lager zuzurechnen sind.
«Die grosse Mässigung» war eine Fehlannahme
Man nennt die Neukeynesianer auch Salzwasser-Ökonomen, weil ihre Anhänger meist an den Universitäten der Ost- und der Westküste beheimatet sind. Sie glauben, dass der Staat mittels Geldpolitik die Konjunktur gut zu steuern vermag. Demgegenüber sind die Neuklassiker, die wegen ihres Schwerpunkts in Chicago auch Süsswasser-Ökonomen genannt werden, staatskritischer. Sie glauben, dass die Konjunktur weniger von geldpolitischen Massnahmen als von Produktivitätsschwankungen getrieben wird.
Die Finanzkrise brachte die Neukeynesianer in Verlegenheit, weil sie vor der Finanzkrise die Botschaft verbreiteten, dass die Geldpolitik so gut geworden sei, dass das Problem der Konjunkturschwankungen fast verschwunden sei. Um zu verdeutlichen, dass ein neues Zeitalter angebrochen sei, sprachen sie von der «Great Moderation», der grossen Mässigung.
In der Tat wurden die Ausschläge seit den 1980er-Jahren kleiner, wie die Grafik zeigt (Quelle):
Die Finanzkrise widerlegte das Vertrauen in die mässigende und allmächtige Rolle der Geldpolitik. Offenbar hatte man etwas Wichtiges ignoriert.
Alles andere als einig
Die «Oxford Review» fragt nun, wie wichtig die ignorierte Realität für die Zukunft der makroökonomischen Theorie sei. Erwartungsgemäss fielen die Antworten auf die Frage der Herausgeber alles andere als einheitlich aus. Hier eine Auswahl von drei Antworten.
- Eine versöhnliche Position nimmt Olivier Blanchard ein. Er glaubt, dass man immer noch auf dem richtigen Pfad sei und die Grundannahmen des neukeynesianischen Modells (bekannt unter dem Namen DSGE-Modell) richtig seien. Man müsse aber das DSGE-Modell korrigieren, erweitern und mit weiteren Modellen ergänzen.
- Kritisch reagiert hingegen Joseph Stiglitz. Er hält die Grundannahmen des DSGE-Modells für unbrauchbar. Die sogenannte Mikrofundierung des Makromodells, das heisst die Annahme, dass die Grundlage der Makroökonomie das nutzenmaximierende Individuum (Homo oeconomicus) sei, habe zu wenig mit der Wirklichkeit zu tun. Drei Dinge müssten viel stärker berücksichtigt werden: die Ergebnisse der Informations- und der Verhaltensökonomie, der Finanzsektor und die heterogenen Interessen der Marktteilnehmer.
- Paul Krugman sieht hingegen überhaupt keinen Handlungsbedarf. Man habe das Ausmass der Krise überschätzt – nicht weil das theoretische Rüstzeug und die relevanten Daten gefehlt hätten, sondern weil man den relevanten Daten nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt habe: «While there was a failure to forecast the crisis, it did not come down to a lack of understanding of possible mechanisms, or of a lack of data, but rather through a lack of attention to the right data.»
Von allen drei Antworten ist aus meiner Sicht diejenige von Krugman am wenigsten überzeugend. Wenn man relevante Daten übersieht, hat das in der Regel systematische Gründe. Anderseits ist es zweifellos richtig, dass ein Paradigmenwechsel wie in den 1930er- und den 1970er-Jahren nicht stattgefunden hat. Offenbar hält sich die theoretische Erschütterung durch die Finanzkrise in Grenzen. Die Lehrbücher sind nicht umgeschrieben worden. Woran dies liegt, ist Thema für einen weiteren Blogbeitrag.