Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03471.jsonl.gz/276

Als Daniel aus dem sonnigen Herbststag in die Diele trat, brauchten seine Augen einige Zeit, bis sie sich an das trübe Licht gewöhnt hatten. Der Flur erstaunte mit einer Enge, die er in der Villa von Frau Knitterbrecht nicht erwartet hätte. Es schien, als hätte man möglichst wenig Platz für den Eingang vergeudet, damit mehr Wohnraum zur Verfügung stand. Kaum zwei Leute konnten hier nebeneinanderstehen. Fünf Schritte weiter vorne klebte eine Treppe mit schmalem Geländer an der linken Wand und führte ins obere Stockwerk, rechts verlor sich der Korridor im Dunklen. Daniels Nackenhaare kribbelten. Einen kurzen Moment dachte er darüber nach, einfach wieder zu gehen, aber die Aussicht auf zusätzliches Taschengeld gewann die Oberhand. »Was bist du doch für ein Feigling«, schimpfte er mit sich selbst, und er beschloss, zu bleiben.
»Hier oben, Junge. Komm hoch.« Die Stimme krächzte wie der Rabe an einem Wintermorgen, und Daniel bereute seine Entscheidung fast sofort.
Den Nebenjob hatte ihm die Nachbarin Frau Gehrenscheidt zugetragen. Sie war die Mutter von Mathilde, die eine Klasse über ihm besuchte. Alle in der Schule beneideten Mathilde, weil sie für die reiche Frau Knitterbrecht Mittwoch nachmittags Besorgungen verrichten durfte und dabei ganz schön zusätzliches Taschengeld verdiente. Doch ihre Tochter könne das jetzt nicht mehr machen, meinte Frau Gehrenscheidt, weil sie beim Spielen von einem Kirschenbaum gefallen sei und sich dabei beide Beine gebrochen habe. Ob Daniel nicht Lust hätte, für sie einzuspringen und etwas dazu zu verdienen? Doofe Frage, natürlich hatte er Lust!
»Wo bleibst du denn, willst du mich noch lange warten lassen?«, beschwerte sich der Rabe.
Daniel raffte seinen Mut zusammen und kletterte die Treppe hoch. Auf halber Höhe fiel ihm ein protziger Bilderrahmen ins Auge, doch bevor er genauer hinsehen konnte, rollte etwas über den Boden. Ein helles Ticken warnte ihn. Eine Glasmurmel hüpfte von Stufe zu Stufe auf ihn zu, und er wich ihr zum Geländer aus, als könnte sie ihn beißen, zuckte aber sofort zurück, als die Brüstung nachgab. Beinahe wäre er hinuntergestürzt. Erst jetzt bemerkte er, dass der Handlauf schon mehrmals notdürftig ausgebessert worden war und gefährlich lottrig wirkte. Da kann man sich ja den Hals brechen!, ärgerte er sich. Die Murmel erreichte mit einem letzten »Tick« den Dielenboden und verschwand im Dunkeln. Daniel holte tief Luft, um seinen Schrecken zu überwinden. Sein Blick fiel dabei auf das Gemälde. Es zeigte das Portrait von Frau Knitterbrecht. Einer unglaublich dicken Frau Knitterbrecht! Der Maler hatte es nicht geschafft, sie vollständig auf die Leinwand zu bannen, ihr Körper wurde links und rechts durch den goldenen Rahmen beschnitten. Vom unteren Bildrand her starrte ihm ein schmächtiger Junge entgegen, knapp konnte er noch seine Schultern erkennen, auf denen Frau Knitterbrechts Pranken ruhten. Es sah aus, als wäre es der Knabe nicht wert gewesen, als ganzer Mensch auf dem Bild verewigt zu werden. Die Augen glänzten traurig.
Tick, tick, tick. Wieder sprang ihm eine Murmel entgegen, doch dieses Mal ignorierte er sie, und nach einigen Tritten erreichte Daniel den obersten Absatz. Beinahe wäre er über die Gestalt gestolpert. Sie lehnte an der Wand gegenüber der Treppe, im Halbdunkeln, mit gespreizten Beinen, zwischen denen sich ein Dutzend Murmeln sammelten. Der Schatten tippte eine hellblaue mit dem Zeigefinger an, sie kullerte zur ersten Stufe und tick, tick, tick, sprang sie in die Tiefe. Daniel erkannte ihn. Er war älter, größer, hatte dunklere Haare, aber es war eindeutig der Junge auf dem Bild. Nur die Augen. Sie blickten nicht mehr traurig, sondern kalt, leer, aus schwarzen Höhlen.
»Hallo, ich bin Daniel«, versuchte er das Eis zu brechen, und streckte dem Jungen unsicher die Hand entgegen. Doch dieser gab keine Antwort, musterte ihn desinteressiert und schnippte die nächste Murmel in die Tiefe.
»Ich bin hier, Daniel, komm rein.«
Die heisere Stimme wehte von rechts aus einem offenstehenden Eingang, hinter dem schummriges Licht flackerte. Daniel ließ seine Hand sinken und seufzte. Wenn der seltsame Bursche nicht reden wollte, dann sollte er es eben bleiben lassen. Er spürte seine Blicke wie Nägel in seinem Rücken, als er über die Türschwelle trat.
Er stand in einem riesigen Zimmer, fast schon ein Saal. Ein dunkelbrauner, nein, eher schwarzer Boden knarrte unter seinen Füssen, während er sich neugierig umschaute. Alles in diesem Raum bestand aus diesem düsteren Holz: Tisch, Stühle, Sofa, ein deckenhohes Wandregal mit staubigen Büchern, Lampenständer, Kommoden, Hocker, ein Schaukelstuhl; sogar die Arme des monströsen Kronleuchters unter der Decke waren aus Holz geschnitzt, halb abgebrannte Kerzenstummel steckten in vertropften Fassungen. Daniel fragte sich, wie Frau Knitterbrecht wohl an die Kerzen rankam.
»Tritt näher, damit ich dich besser sehen kann.«
Sie thronte hinter einem schweren Pult vor einem Fenster aus Bleiglas, das vom Fußboden bis zur Decke reichte; ihre Gestalt wirkte im schwachen Gegenlicht wie ein drohender Dämon.
»Setz dich,« forderte sie ihn auf, und wies auf einen Sessel mit hoher Rückenlehne ihr gegenüber, während sie aufstand und neben ihren Arbeitstisch trat. Erst jetzt war sie deutlich zu erkennen, und Daniel konnte seine Überraschung kaum verbergen.
Sie war nicht mehr dick. Im Gegenteil. Ihre Haut glänzte ledrig und klebte an brüchigen Knochen; das schwarze Kleid mit weißen Rüschen an Handgelenken und Hals flatterte wie ein Bettlaken um ihre dürre Gestalt und konnte doch nicht verbergen, dass ihre Bewegungen nicht mehr geschmeidig wie früher, sondern hölzern und ängstlich waren. Ihr Gesicht erinnerte an die Rinde einer tausendjährigen Eiche; der dünne Hals an zerbrechliches Glas.
»Nun, mein Junge,« krächzte der Rabe. »Mir wurde gesagt, du seist ein fleißiges, zuverlässiges Kerlchen und du würdest gerne dein Taschengeld etwas aufbessern. Ist das so?«
Eine Stimme in Daniels Kopf schrie Alarm. »Hier ist was faul, nimm die Beine in die Hand und hau ab, solange du noch kannst!« Doch seine vorwitzige Zunge war schneller.
»Was kann ich für Sie tun, Frau Knitterbrecht?«
Was meint ihr? Soll ich die Geschichte weiterschreiben? Ist sie spannend genug? Ich würde mich über Eure Kommentare freuen.