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Vom FC Aarau, der als Favorit auf die Rückkehr in die Super League gilt, bis zum FC Locarno, dem die wenigsten die Rettung vor dem Abstieg zutrauen, reicht die Challenge League nach der ersten Halbsaison als Zehnerliga. Die Tessiner beenden das Jahr allerdings mit einem Höhepunkt, dem Cup-Gastspiel des FC Basel.
Der FC Aarau oder die AC Bellinzona, aber auch der FC Winterthur sind jene, die im Frühjahr den Aufstiegsplatz unter sich ausmachen. Der FC Wil, von den Strukturen her trotz eines bis zum Sommer bezugsbereiten neuen Kleinstadions im Prinzip nicht aufstiegsbereit, steht mitten unter ihnen. Es folgen Vereine wie der FC Vaduz und der FC Lugano, die gerne zur Spitzengruppe zählten, aber einen missratenen Herbst hinter sich haben und doch zu den soliden Werten der Liga gehören.
Es gibt Klubs wie den FC Biel in seinem Exil in Neuenburg oder den FC Chiasso und den FC Wohlen, für die die auf zehn Clubs reduzierte Challenge League auch finanziell das höchste der Möglichkeiten darstellt. Und dann gibt es noch den FC Locarno, der seit seinem Aufstieg 2005 schon in der 16er-Liga und vorher in der 18er-Liga immer wieder als Abstiegskandidat galt.
Einer wie Armando Sadiku, der als «Tessiner» zum albanischen Nationalspieler aufstieg, schoss in den beiden vergangenen Saisons die Tore, die den FC Locarno oben hielten. Nun aber ist Sadiku im Dress Luganos der Topskorer der Liga; Locarno hat er verlassen nach einem letzten halbstündigen Einsatz in der Startrunde gegen den FC Winterthur. Als er als Joker an der Seitenlinie stand, führten die Winterthurer 1:0, als das Spiel beendet war, hiess es 5:0.
Locarno: Oft gelobt, selten gepunktet
In den 17 Spielen seither hat der FC Locarno nur acht Punkte gewonnen. Einen Skorer hat er nicht mehr, einzig der Genfer Drilon Pacarizi schoss mehr als ein Tor, nämlich vier. Was die Mannschaft spielerisch leistete, wurde immer wieder gelobt, hätte jedenfalls mehr als die fünf Unentschieden und den einen Sieg, ein 1:0 gegen den FC Wohlen, gerechtfertigt. Aber es fehlte eben an der Klasse in der Spitze, und es war auch der sonst so zuverlässige Torhüter, der 21-jährige Nachwuchsinternationale Miodrag Mitrovic, wesentlich fehlerhafter als gewohnt.
Zehn Punkte Rückstand auf den FC Wohlen, zwölf auf den FC Chiasso sind viel, aber nicht so viel, dass die Locarnesi den Glauben an den neuerlichen Klassenerhalt aufgegeben hätten. Vater Stefano und Sohn Gabriele Gilardi, Arzt und Präsident der eine, Sportchef der andere, streben fürs Frühjahr Verstärkungen an. Auch mit den mässigen finanziellen Reserven eines Budgets von rund einer Million Franken wollen sie nichts unversucht lassen.
Das Trainerkarussell in der «Tessiner Liga»
Allerdings wären selbst die Tessiner froh, die neue Challenge League wäre in Zukunft nicht eine «Tessiner Liga» wie zurzeit. Vier Vereine aus dem Süden in der selben Klasse, das ist zuviel. Zum einen liegt für Locarno und Chiasso, die «Kleinen», nicht mehr drin, als sich um den Klassenerhalt zu mühen. Zum andern sind die aktuellen Auftritte der beiden «Grossen» aus Bellinzona und Lugano nicht begeisternd.
In Lugano streben sie seit Jahren vergeblich die Rückkehr in die Super League an, immer wieder mit italienischem Geld, teilweise mit geradezu spektakulärem Scheitern. Zurzeit ist der Verein, mit dem Architekten Angelo Renzetti, wieder in Tessiner Hand. Es wurde auch nicht der Aufstieg als konkretes Ziel ausgegeben, aber mehr als Platz 7 mit 16 Punkten Rückstand auf Aarau hätte es schon sein sollen.
Als Trainer Davide Morandi, der erst auf die neue Saison gekommen war, durch Raimondo Ponte ersetzt wurde, war im Prinzip schon klar, dass die Saison gelaufen war. Also geht es, das sagt auch Ponte, im Frühjahr nur noch darum, «die Saison 2013/14 vorzubereiten».
Das übliche Chaos der AC Bellinzona
Die ACB ist – nur zwei Längen hinter Aarau – dagegen konkreter Aufstiegsanwärter. Er ist ja auch der einzige Verein der Liga, der sich die Promotion unmissverständlich zum Ziel gesetzt hat. Das führte auch zu einer gewissen Nervosität, als der Start unter Ponte nicht gerade rauschend ausfiel. Mit sieben Punkten aus fünf Spielen war er aber auch nicht desaströs; dennoch schickte Präsident Gabriele Giulini den neuen Trainer mangels Resultaten fort. Er holte den 35-jährigen Francesco Gabriele, ehedem Nachwuchstorhüter in Solothurn, Grenchen und Baden, der im Frühjahr als Newcomer beim FC Baden mit elf Erstliga-Siegen in Folge aufgefallen war.
Aus elf Spielen in Bellinzona sammelte der Solothurner Gabriele 25 Punkte, 2,27 im Schnitt, womit er erfolgreicher war als alle andern. Allerdings fielen die letzten Leistungen – trotz Siegen – mässig aus. Es gab auch Kritik aus Spielerkreisen; der Deutsche Markus Neumayr oder der selbst nach seiner Genesung von einer Verletzung auf der Ersatzbank belassene Hakan Yakin gelten als deren Exponenten.
Manche sagen, Gabriele sei gleichsam die Marionette des (italienischen) Sportchefs Giuseppe Bifulco gewesen. Auf jeden Fall herrschte um die ACB in den letzten Tagen vor der Winterpause wieder mal ziemliches Chaos, und so kam nun die Kunde, Bifulco und Gabriele müssten gehen, Martin Andermatt werde wohl der Nachfolger. Andermatt erhielt im Sommer keinen Vertrag mehr, nachdem er im Kampf um den Barrageplatz wegen des knapp schlechteren Torverhältnisses am FC Aarau gescheitert war.
Der Aarauer Glückstransfer
Die Aarauer haben auch jetzt wieder die Nase knapp vorne, nicht zuletzt dank eines Glückstransfers. Ihr Winterthurer Trainer René Weiler liess im Sommer den Winterthurer Davide Callà mittrainieren, nachdem dieser wegen seiner Verletzungsanfälligkeit von den Grasshoppers keinen Vertrag mehr erhalten hatte. Als sich keine interessanten Alternativen für Callà einstellten, unterschrieb er in Aarau – und steht nun mit neun Toren und sieben letzten Pässen an der Spitze der Skorerliste. So viele Punkte sammelte sonst nur noch Sven Lüscher vom FC Winterthur, mit sieben Toren und neun Assists.
Er habe «keine Aufstiegsmannschaft» liess Weiler zu Beginn der Saison wissen, mittlerweile sieht es so als, als habe er sich geirrt. Aus seiner Sicht ist – noch eher als die ACB – der FC Winterthur der Favorit Nummer 1. Der hat zwar – spielt die erste Wahl – die wohl beste Mannschaft. Aber in Aarau und Bellinzona haben sie das breitere Kader. Das wirkte sich schon mal aus, als die Winterthurer im zweiten Drittel der Vorrunde wegen Absenzen in ein Tief gerieten.
In Winterthur war allerdings der grösste Schreckmoment, als Ende Oktober Präsident und Mäzen Hannes W. Keller nach einem Aortariss in Lebensgefahr im Spital landete. In einer mehrstündigen Notoperation konnte er gerettet werden. Aber auch in der Zeit seiner Rehabilitation geht das Leben weiter, wie es für den Verein normal ist: In den nächsten Tagen wird die Unterschrift des Trainers Boro Kuzmanovic und seines Assistenten Dario Zuffi unter neue Zweijahresverträge erwartet. Und natürlich würde Kuzmanovic nichts lieber als – aufsteigen.
- In Vaduz wechselten sie ebenfalls den Trainer, vom Holländer Eric Orie zu Giorgio Contini, der bis im September Assistent Murat Yakins in Luzern war.
- Beim FC Biel werden sie geplagt, im Neuenburger Exil vor wenigen hundert Zuschauern spielen zu müssen. Es wurde gar eine Fusion mit Xamax evaluiert; doch dieser Gedanke wurde vor wenigen Tagen verworfen. Trotz durch den Umzug sehr angespannter Finanzlage sehen die Bieler ihre Zukunft in der Challenge League; und so bald als möglich wollen sie auf ihre Gurzelen nach Biel zurückkehren. Vielleicht schon mit einer Sondergenehmigung, wenn im Januar tatsächlich der Spatenstich zum «Stades de Bienne» erfolgt.
- Die Super League freut sich über einen neuen Rekord mit 12’619 Zuschauern im Schnitt pro Spiel. In der neuen Challenge League ist nach einem halben Jahr eine erste Bilanz noch wenig aussagekräftig. Sportlich ist sie zweifellos der richtigere Unterbau der Liga; attraktiver wäre sie, gehörten ihr nicht gleich vier Tessiner Vereine an. Weil überdies ein Grosser fehlt, wie es zuletzt der FC St. Gallen war, sind auch die Zuschauerzahlen eher schwächer als erwartet – mit einem Schnitt von 1650 pro Spiel (Vorjahr: 2000) – von den knapp 3000, die jeweils in Aarau oder Winterthur kamen, bis zu den paar hundert in Neuenburg, Locarno oder Chiasso.
- Natürlich sind auch die Werbe- und Fernsehgelder (noch) nicht, was sich die Vereine von der Liga wünschten. Der FC Winterthur, der sieben Mal an einem (Fernseh-)Montag spielte, erhielt dafür 91 500 Franken (jeweils 16 500 für die fünf Heim-, jeweils 5500 für die zwei Auswärtsspiel). Das ist etwas, aber natürlich nicht viel für einen Club mit einem Vier-Millionen-Budget. Noch lässt der Vermarkter der Swiss Football League, die Agentur InfrontRingier, mit dem seit Sommer angekündigten Namenssponsor auf sich warten.
- Was trotz allem für die Liga spricht: Die Aufsteiger der vergangenen Jahren bestanden auch in der Super League – vor dem FC St. Gallen auch der FC Thun, Lausanne oder Servette. Die Challenge League liefert also durchaus gute Produkte. (hjs)