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Das Foto ist ein rares Zeugnis aus der Zürcher Dada-Zeit; generell sind nur wenige historische Aufnahmen überliefert. Ernst Linck, mit Fotostudio unmittelbar neben dem Café Odéon, übernahm damals alle fotografischen Aufnahmen der Marionetten-Inszenierung von König Hirsch. Das Bildmotiv hat Werkcharakter, noch mehr aber faszinieren die Künstlerin der Marionetten, Sophie Taeuber, und Hans Arp selbst. Sein Blick will erwidert werden, und ihr Schauen lässt uns suchen. 1915 lernten sich die beiden in der Galerie Tanner kennen, 1922 heirateten sie. Die Freundschaft mit Hans Arp führte Sophie Taeuber in den Dada-Kreis ein. Sie beteiligte sich mit künstlerischen Beiträgen an Dada, stiftete aber auch Verbindungen zu anderen Zürcher Kulturorten: zur Schule für Bewegungskunst von Rudolf von Laban, an der sie seit Sommer 1915 Schülerin war und zum Kunstgewerbemuseum, wo sie ab 1916 als Leiterin der Textilklasse textiles Entwerfen, Sticken und Weben unterrichtete. Auf der Dada-Bühne überzeugte sie durch ihre abstrakten, bizarren Tänze, welche die konventionelle Praxis herausforderten. Ihr bildnerisches Werk hingegen, das zum Teil in enger Zusammenarbeit mit Arp entstand, gelangte erst später an die Öffentlichkeit. An der Ausstellung der Künstlervereinigung «Das Neue Leben» (1919) zeigte sie im Kunsthaus Zürich erstmals Dada-Köpfe und Marionetten, die anschliessend auch in die letzte Zürcher Dada-Zeitschrift, Der Zeltweg (1919), aufgenommen wurden. Die Formensprache dieser aus Kuben, Kegeln und Kugeln gefertigten Marionetten weist Ähnlichkeiten mit den symmetrischen Holzschnitten von Arp auf, die wie Schablonen zu einzelnen Marionettenteilen wirken. Dada-Köpfe, Marionetten und Taeubers eigenwillige Textilarbeiten zeugen alle vom produktiven Dialog zwischen «Kunst und Leben», wie er von den Dadaisten gefordert und später im Bauhaus radikal eingelöst wurde.
Taeubers siebzehn Marionetten entstanden zu dem Märchenstück König Hirsch von Carlo Gozzi (1720–1806). Alfred Altherr, der Direktor von Kunstgewerbemuseum und Kunstgewerbeschule, hatte den Bau eines Marionettentheaters an der Werkbund-Ausstellung 1918 auf dem Bellevue-Platz initiiert und u.a. Sophie Taeuber mit der Gestaltung von Marionetten und Bühnenbild beauftragt. Die Pionierleistung in der Abstrahierung der Figuren und im konkreten Bühnenbild wurde im Bekanntenkreis gepriesen («les décors et les personnages firent sensation», Tristan Tzara). Skepsis von leitender Stelle und die grassierende Spanische Grippe führten aber dazu, dass das Stück nur dreimal gespielt wurde – notabene in einer aktualisierten Fassung von René Morax und Werner Wolff als Parodie auf die Psychoanalyse mit den Marionetten «Freudanalytikus» (Sigmund Freud) und «Dr. Komplex» (C. G. Jung).
Foto auf der Rückseite oben rechts mit Tinte beschriftet: «1918 / Eigentum Erika Schlegel-Taeuber / von Sophie erhalten». Unten rechts: Stempel des Fotografen «Ernst Linck / Photographie / Rämistr. 3 Zürich». Provenienz: Hans Bolliger, Zürich, 1980.