Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03413.jsonl.gz/5

Im Rahmen einer meiner Feldarbeiten zur Identifizierung von Problemen und Herausforderungen in ländlichen Gemeinden, besuchte ich das Dorf Irese im Süden des Bundesstaates Ondo in Nigeria. Dort traf ich Alice, ein fünfzehnjähriges Mädchen, das deutlich älter aussah. Sie schaute nachdenklich und ich fragte sie, ob ich wissen dürfe, was sie bedrücke und ob ich helfen könne. Sie antwortete, indem sie die Führungsspitze Nigerias kritisierte. Ich fragte mich, was das mit ihrem Aussehen zu tun haben könnte oder ob das die Antwort auf meine Frage war.
Sie fuhr fort: “Schlechte Führung führt zu gesellschaftlichen Problemen, die uns familiäre Herausforderungen bereiten.” Sie klang intelligent, aber ich sagte ihr, dass sie in Rätseln sprach. Sie müsse mir ihre Situation besser erklären, damit ich wisse, wie oder wo ich ihr helfen kann. Sie sah mich von Kopf bis Fuß an und wandte sich ab, weil sie mich als einen der Politiker ansah, die in der Vergangenheit in ihre Gemeinde gekommen waren und mehrfach versprachen, Hilfe zu leisten, ohne diese je zu erfüllen. Sie nutzten die Versprechen hauptsächlich für ihre eigennützigen Interessen. Das sei die Hauptursache für alle Probleme im Land. Die Regierung kümmere sich nicht um das Wohl der Bürger.
Der Geruch der Armut
Ich bat darum, ihre Familie zu treffen zu dürfen, um ihre Situation besser verstehen zu können, doch sie zögerte, mich zu sich nach Hause zu führen. Ich fragte, warum das so sei, und sie deutete an, dass sie sich für ihre gegenwärtige Notlage schäme. Ich überredete sie und schließlich führte sie mich in ihr Haus.
Als ich ihr Haus betrat, konnte ich bereits am Eingang einen unangenehmen Geruch wahrnehmen, einen Geruch von Armut. Erst nach einem Zusammentreffen mit ihren Eltern wurde mir das Ausmaß der Scham klar, als sie erzählten, wie sie plötzlich von Wohlstand in Armut gefallen waren.
Der Vater von Alice erzählte von ihrem Schicksal, wie sie einst in einer luxuriösen Gemeinschaft im Norden Nigerias gelebt hatten, wo der Zugang zu grundlegenden sozialen Einrichtungen, einschließlich Wasser einfach war. Bis zu einer Rebellion, die viele Menschen vertrieb. Die Rebellion wurde von hungrigen und wütenden arbeitslosen Jugendlichen gegen die Regierung verursacht, die ihnen Beschäftigung versprochen hatte, das Versprechen jedoch nach zwei Jahrzehnten noch immer nicht erfüllte.
Alice und ihre Familie mussten in die dicht besiedelte Gemeinschaft Irese im Südwesten umziehen.
Kein Trinkwasser - seit mehr als 100 Jahren
Das größte Problem, mit dem die Gemeinschaft konfrontiert wurde, ist Wasserknappheit, die zu geringen Ernteerträgen und wasserbedingten Krankheiten führt. Dieser Kampf besteht fort, da diese Gemeinschaft seit über 100 Jahren kein Trinkwasser hat. Die Menschen in der Gemeinschaft müssen 16 Kilometer (hin und zurück) laufen, um Wasser aus einem Staudamm zu bekommen. Allerdings wird dieser Damm mit Tieren geteilt. Das Traurigste ist, dass Kinder und Frauen ständig Gefahr laufen, entführt und misshandelt zu werden, wenn sie diese Strecke zurücklegen. Auch Schulen leiden darunter, da Kinder meistens zu spät kommen oder überhaupt nicht teilnehmen können, insbesondere während der Trockenzeit, wenn der Zugang zu Wasser noch schwieriger wird.
Jetzt kämpfen Alice’s zwei Geschwister mit Cholera und Typhus, den vorherrschenden wasserbedingten Krankheiten in der Gemeinschaft.
Bisher keine Änderung
Ihr Vater und ihre Mutter haben versucht, Landwirtschaft zu betreiben, um zumindest bei der Ernährung und dem Einkommen zu helfen, aber die Dürresituation führt zu konstanten jährlichen Verlusten, da das geringe Einkommen für Krankenhausrechnungen und Medikamente ausgegeben wird. Daher war es undenkbar, die Kinder zur Schule zu schicken oder darüber nachzudenken.
Sie alle waren erschöpft von der Überforderung und wünschten sich Hilfe. Sie brauchten es mir nicht zu sagen, ich erkannte die Armut in ihren Gesichtern.
Von Alice’s Haus aus ging ich zum Versammlungsleiter, der allgemein als BAALE bekannt ist.
Von ihm wollte ich erfahren, welchen Einfluss diese Situation sowohl auf seine eigene Familie als auch auf die Maßnahmen seines Amtes hätte. Er erzählte mir, dass er und seine Mitarbeiter unzählige Briefe und Erinnerungen an das Ministerium für Wasserressourcen geschickt und persönliche Besuche unternommen hätten, aber dass bisher nichts geschehen sei.
Die Konsequenzen sind wasserbedingte Krankheiten und geringe Ernteerträge, die die Menschen daran hindern, ein anständiges Leben zu führen. Kinder haben besondere Schwierigkeiten rechtzeitig zur Schule zu kommen oder manchmal aufgrund der langen Fußwege zum Wasser, der Schule ganz fernzubleiben. Dadurch steigt die Anzahl der Kinder, die nicht zur Schule gehen können, was für das Land eine zukünftige Zeitbombe darstellt.