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Mit Bildern und Mythen von Weiblichkeit und deren Umgang setzen sich Brigitte Boothe und Annelise Heigl-Evers in ihrem Buch «Psychoanalyse der frühen weiblichen Entwicklung» auseinander, um anhand einer psychoanalytischen Entwicklungspsychologie die spezifischen Bedingungen der Möglichkeit weiblicher Freiheit aufzuzeigen.
Kulturell vermittelte Bilder von Weiblichkeit sind Ausgangspunkt für die vorliegende Untersuchung zur frühen weiblichen Entwicklung. In diesen Bildern wird die Fremd- und Selbstwahrnehmung von Weiblichkeit sowohl produziert als auch reproduziert. Dazu zählen Darstellungen sowohl in der Literatur, in der bildenden Kunst, im Film wie in theoretischen Modellen zur Entwicklung des Kleinkindes, wie sie ausgehend von Sigmund Freud in der Psychoanalyse entworfen worden sind.
Brigitte
Boothe, Anneliese Heigl-Evers, «Psychoanalyse der frühen
weiblichen Entwicklung»; Reinhardt Verlag, Basel/München 1996.
Die beiden Autorinnen begreifen solche Darstellungen als Inszenierungen, als Gestaltung eines Geschehens, das auf einen Konflikt verweist im Sinne einer Konfrontation zwischen einem tradierten, gesellschaftlich und historisch bedingten Rollenverständnis und einem von diesem zumindest unbewusst abweichenden Selbstgefühl. In dieser konflikthaften Situation liegt auch jeweils eine Herausforderung, durch die die Möglichkeit eröffnet wird, diese Situation gestalterisch so zu bewältigen, dass die überlieferten Zuschreibungen bewusst oder unbewusst modifiziert oder transformiert, vielleicht sogar revidiert werden können.
Welche Möglichkeiten zur gestalterischen Bewältigung sich eröffnen, welche Ausformungen diese Szenen annehmen können, hängt mit der frühkindlichen Entwicklung zusammen. Denn die in der Kulturgeschichte und im Alltag beobachteten Inszenierungen sind Ausformungen von Schlüsselszenen, die entsprechend psychoanalytischen und entwicklungspsychologischen Erklärungsmodellen die Entwicklung des Kleinkindes bestimmen und zur Beschreibung des idealtypischen Verlaufs der frühkindlichen Entwicklung dienen.
Die Autorinnen entwerfen ein komplexes Koordinatensystem, das, wie die Fallbeispiele zeigen, eine differenzierte Beschreibung der Einflüsse des jeweils familiären, gesellschaftlichen oder historischen Kontextes und die Rückbindung spezifisch weiblicher Haltungen an bestimmte Etappen der frühkindlichen Entwicklung erlaubt, ohne diese Einflüsse als determinierend zu erachten.
Ödipale Phase wegweisend
Um die Hintergründe der spezifisch weiblichen Entwicklung aufzuzeigen, setzen sich Boothe und Heigl-Evers kritisch mit den von Freud entworfenen Stadien der frühkindlichen Entwicklung auseinander. Sie anerkennen die bei Freud als zentral ausgewiesene ödipale Phase als wegweisend, wenden sich aber gegen die herausgehobene Bedeutung des Penisneides für die Entwicklung des Mädchens und vor allem gegen die daraus abgeleiteten negativen und abwertenden Konnotationen.
Die Autorinnen lehnen sich vielmehr an das von Jessica Benjamin entwickelte Konzept der Intersubjektivität an und führen dieses weiter. Denn das komplexe Konzept des Begehrens, das bei Benjamin im Rahmen eines Machtdiskurses angesiedelt ist, wird bei Boothe/Heigl-Evers dynamisiert: Es ist von einer doppelten Distanzierung des kleinen Mädchens von der Mutter und vom Vater auszugehen, die mit dem Gefühl der Enttäuschung verbunden ist. Diese Distanzierung eröffnet nun die Möglichkeit, in eine Phase einzutreten, in der das Kind auf sich allein gestellt ist und das passivierende Erleben in Aktivität verwandeln kann, um die erlebte Enttäuschung ex post selbst zu gestalten.
Begehren und Liebe
Diese Dynamisierung zeigt sich auf der sprachlichen Ebene, indem in den psychoanalytischen Diskurs Begriffe eingeführt werden, die einer humanistischen Tradition entstammen. So wird «Begehren», ersetzt durch «Liebe», verstanden als «existentielles Ergriffensein vom Andern»; an die Stelle des Begehrens eines Objekts durch ein Subjekt mit dem Ziel der Aneignung tritt somit die Bewegung von Subjekten aufeinander zu. In der Möglichkeit, die ödipale Urszene ex post gestalterisch zu bewältigen, liegt die Bedingung für die Möglichkeit einer weiblichen Freiheit, die in einem souveräneren Umgang mit tradierten Rollenzuschreibungen bestünde.
Nachdem die feministische Diskussion sich fast ein Jahrhundert lang an den von Freud geschaffenen Bildern der Weiblichkeit abzuarbeiten hatte, gelingt es den Autorinnen, die Diskussion um die spezifisch weibliche Entwicklung von den ideologischen Prämissen der Psychoanalyse zu befreien. Das Buch besticht durch seine anschauliche, verständliche Sprache, in der die komplexen Zusammenhänge der frühkindlichen Entwicklung vermittelt werden. Beeindruckend ist nicht zuletzt die Breite der kulturgeschichtlichen, theoretischen Verweise und den der therapeutischen Praxis entstammenden Bezüge, die aufgezeigt und ausgewertet werden.
Ursula Erzgräber
unipressedienst Pressestelle der
Universität Zürich
Nicolas Jene (<email-pii>)
http://www.unizh.ch/upd/magazin/1-97/
Last update: 09.07.97