Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03150.jsonl.gz/2372

«Sie war nicht nett. Sie war selten höflich.» Patricia Highsmiths Biografin Joan Schenkar fand wenig schmeichelhafte Worte für die erfolgreiche Autorin: «Niemand, der sie gut kannte, hätte sie grosszügig genannt. Patricia Highsmith war so etwas wie das Negativ eines alten Fotos, bei dem alles Schwarze weiss und alles Weisse schwarz war.»
Highsmith galt als eigenwilliger Mensch, undurchschaubar und widersprüchlich. Sie war verschlossen, füllte aber Tausende Seiten Tage- und Notizbücher über sich selbst.
Faszination für gespaltene Persönlichkeiten
Patricia Highsmith wäre am 19. Januar 100 Jahre alt geworden. Sie kam 1921 in Fort Worth, Texas, auf die Welt, lebte zuerst in den USA, dann in Europa. Zuletzt in der Schweiz, wo sie 1995 starb.
Schon als junges Mädchen war sie fasziniert von gespaltenen Persönlichkeiten und zwanghaften Verhaltensweisen. In einem Interview sagte sie einmal, sie habe sich bereits mit sechzehn, siebzehn Jahren dafür interessiert, was in der Psyche eines Mörders vor sich gehe.
Familienleben als Grund für einen Mord
Highsmith war eine Frau mit vielen Obsessionen, sagt Ulrich Weber, der ihren Nachlass im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern, Link öffnet in einem neuen Fenster verwaltet: «Eine Obsession ist sicher das Verhältnis zu ihrer Mutter, das extrem komplex und ambivalent war. Eine zweite ist ihre Homosexualität, ihre lesbische Prägung. Eine dritte Obsession ist Gewalt – oder der Komplex von Gewalt und Schuld.»
Ihre Mutter verliess Highsmith, als sie ein Baby war. Ein Leben lang fühlte sie sich von ihrer Mutter verraten. Highsmith notierte folgendes: «Es gibt eine einzige Situation, die mich zur Mörderin werden lassen könnte. Das ist das Familienleben. Das Zusammensein.»
Ihre Homosexualität lebte Highsmith in jungen Jahren in New York zwar intensiv aus – aber stets im Versteckten.
«Der talentierte Mr. Ripley»: eine Frage der Identität
Highsmiths Obsessionen spiegeln sich auch in ihrem Werk. Es ging ihr weniger darum, ein Verbrechen zu erzählen und aufzuklären, als – beispielsweise im Zusammenhang mit ihrer Homosexualität – um die Frage der Identität.
Exemplarisch dafür steht ihr wohl berühmtester Roman «Der talentierte Mr. Ripley»: Der mittellose Tom Ripley bringt seinen reichen Freund um und nimmt dessen Identität an. Was bedeutet es, fragt Highsmith, wenn man seine Identität so einfach wechseln kann? Welche Bedeutung kommt einem «Alter Ego» zu?
Diese grundsätzliche Frage nach der Identität trägt wesentlich dazu bei, dass Highsmiths Geschichten heute als Klassiker gelten. Sie hat Figuren erschaffen, die die Leserschaft sympathisch findet und deren abnormales Verhalten sie nachvollziehen kann. Auch, wenn die eigenen Wertvorstellungen dadurch ins Wanken geraten.
Die Highsmith-Biografin Joan Schenkar hat über Highsmiths Figuren treffend gesagt: «In jedem lächelnden Mundwinkel findet sich ein wenig Blut.» Damit wäre die Meisterin des Psychothrillers wohl zufrieden gewesen.