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Titel
Syphilis,
venerische Krankheit, Lustseuche (Lues venereae), eine ansteckende specifische Infektionskrankheit von langsamem Verlauf, die im wesentlichen aus einer von der Infektionsstelle ausgehenden, allmählich den ganzen Körper durchdringenden Vergiftung besteht, die sich in Form eigenartiger, leichterer und schwererer entzündlicher Prozesse in den verschiedensten Geweben und Organen kundgiebt; sie ist die weitaus wichtigste und gefährlichste der ansteckenden Geschlechtskrankheiten.
Die
Ursache der S. ist zweifellos ein Mikroorganismus, wenn auch der Nachweis einer bestimmten Bakterienart als
Ursache der
S. mit Sicherheit noch nicht erbracht wurde. Die von Lustgarten beschriebenen
Syphilisbacillen scheinen mit ungefährlichen,
im Sekret der
Vorhaut (Smegma) häufig vorkommenden
Bakterien identisch zu sein. Die S. entsteht stets
durch
Ansteckung, und zwar fast allein durch innige Berührung eines gesunden Körperteils mit einem kranken, also zumeist
durch Beischlaf, sehr selten in anderer
Weise, z. B. durch
Kratzen mit den von
Syphilisgift beschmutzten
Nägeln, durch Berührung
von Gegenständen, die durch das Sekret syphilitischer
Geschwüre beschmutzt worden sind
u. dgl.
Hinsichtlich der Krankheitserscheinungen lassen sich bei der S. drei verschiedene Formen unterscheiden:
1) die primäre S. oder der harte Schanker, die an der Stelle der stattgehabten Ansteckung sich entwickelnde örtliche Affektion;
2) die sekundäre S., die durch den Übertritt des syphilitischen Giftes in das Blut und in die Gewebe [* 2] des Körpers entstehenden Allgemeinerscheinungen, besonders Haut- und Schleimhauterkrankungen;
3) die tertiäre S., die oft erst nach Jahren und noch später auftretenden Erkrankungen der Knochen [* 3] und innern Organe. Die beiden letztgenannten Formen pflegt man wohl auch als konstitutionelle S. zu bezeichnen, weil bei ihnen nicht mehr ein einzelnes Organ, sondern der ganze Körper von dem Gift durchseucht ist.
Der gewöhnliche Verlauf der S. ist nun der, daß sich drei bis vier Wochen nach erfolgter Ansteckung an der Stelle, wo die Ansteckung stattfand, also in der Regel an den Geschlechtsteilen, ein kleines, vom Kranken oft übersehenes Bläschen oder Knötchen bildet, das sich bald verhärtet und in ein unreines mißfarbiges Geschwür mit knorpelharten Rändern umwandelt (harter oder indurierter Schanker, Ulcus durum, auch wohl als primär-syphilitisches Geschwür, syphilitischer Primäraffekt oder Initialsklerose bezeichnet).
Das primär-syphilitische Geschwür läßt sich nicht auf bereits sekundär Erkrankte überimpfen, sondern nur auf Gesunde und erzeugt bei diesen dann wieder konstitutionelle S. Gleichzeitig mit dem harten Schanker stellen sich schmerzlose, nur selten in Eiterung übergehende Anschwellungen der Leistendrüsen (indolente Bubonen), bald auch der Lymphdrüsen des übrigen Körpers ein, und während das Schankergeschwür unter geringer Narbenbildung abheilt, treten etwa zwei Monate nach der Ansteckung auf der Haut [* 4] rotfleckige, schuppige oder knotige Ausschläge (syphilitische Exantheme oder Syphiliden) auf.
Die Form der syphilitischen Hautaffektionen ist außerordentlich mannigfaltig; bald sind es rote halblinsengroße runde Flecken, die nach längerm Bestehen eine schmutzige braunrote Färbung annehmen ¶
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und schließlich unter leichter Abschuppung wieder verschwinden (Roseola syphilitica), bald kleine braunrote nicht juckende Knötchen, die vereinzelt oder in Gruppen auftreten (Lichen syphiliticus), bald größere flache Knoten, die mit dünnen Epidermisschuppen überdeckt sind und mit einer gewissen Vorliebe an den Handtellern und Fußsohlen auftreten (Psoriasis syphilitica), bald kleinere oder größere Eiterbläschen oder Pusteln (Ecthyma syphiliticum), bald kleine Entzündungen der Talgfollikel der Haut (Acne syphilitica); mitunter bilden sich auch größere Krusten und Borken, unter denen sich ein Geschwür entwickelt (Schmutzflechte, Rupia syphilitica).
Mit Vorliebe finden sich syphilitische Hautausschläge auf der Stirn, in welchem Falle sie als Venusblütchen oder Venuskrone (Corona [* 6] Veneris) bezeichnet werden. Neben den Hautausschlägen bilden sich bei der S. noch eine Reihe von andern Affektionen aus, als Geschwüre in der Mundhöhle, [* 7] namentlich am harten und weichen Gaumen, die bei Vernachlässigung den Gaumen leicht durchbohren und so schwer zu heilende Sprachstörungen hervorrufen können; ferner Geschwüre in der Nase, [* 8] die bei Vernachlässigung ein Einsinken der Nase bewirken, breite Kondylome oder Feigwarzen (s. d.), Schleimpapeln im Mund und Rachen, Geschwüre im Kehlkopf, die Erstickungsgefahr verursachen können, Augenentzündungen, Hirnaffektionen u. dgl. Charakteristisch für diese sekundär-syphilitischen Gewebserkrankungen ist die Ausbildung einer eigentümlichen Geschwulstform, des Syphiloms oder der Gummigeschwulst (Gumma), die namentlich die innern Organe (Leber, Lunge, [* 9] Milz u. s. w.) befällt und eine kleinzellige Infiltration der Gewebe bewirkt.
Für die tertiäre S. sind namentlich die Erkrankungen der Knochen und Knochenhäute (Schienbeine, Stirnbein, Gesichts- und Vorderarmknochen)
als Merkmale betrachtet worden. Die Knochen schwellen dabei an und sind, namentlich nachts, sehr schmerzhaft. Auch kann es
während dieser Periode zu mancherlei schweren Entartungen in verschiedenen innern Organen, insbesondere
in der Leber, den Nieren, den Lungen, im Gehirn
[* 10] und Rückenmark, kommen, die man unter dem Namen der Eingeweide
syphilis (visceralen
S.) zusammenzufassen pflegt. So leicht zugänglich die S. der Heilung ist, wenn die Behandlung zeitig begonnen und zweckmäßig
und konsequent durchgeführt wird, so schwere Folgen kann eine Vernachlässigung und falsche Behandlung
derselben haben.
Als Heilmittel bedient man sich in den meisten Fällen des Quecksilbers und des Jodkaliums; doch leisten diese nur in der Hand [* 11] des Arztes das, was sie sollen. Am wirksamsten erweist sich das Quecksilber in der Form der Schmier- oder Inunktionskur, bei welcher täglich 3–5 g grauer Quecksilbersalbe mit der Hohlhand unter gleichmäßigem kräftigem Druck in die Haut verschiedener Körperstellen eingerieben und so dem Blutstrome einverleibt werden. Wo die Schmierkur nicht durchführbar ist, reicht man Quecksilberpräparate innerlich oder bedient sich subkutaner Einspritzungen von Sublimat oder Quecksilberalbuminat.
Zur Verhütung der chronischen Quecksilbervergiftung (s. d.) sind während jeder Quecksilberkur Mund und Zähne [* 12] gehörig rein zu halten und ist der Mund öfters mit einer Lösung von chlorsaurem Kalium auszuspülen; sowie der Kranke über schlechten Geschmack im Munde und über Verdauungsstörungen klagt, ist das Quecksilber auszusetzen. Bei veralteter S. zieht man die Anwendung des Jodkaliums sowie den Gebrauch von Schwefelbädern (Aachen, [* 13] Nenndorf u. a.) vor.
Noch ist zu erwähnen, daß sich die konstitutionelle S. auch auf die Kinder vererbt, wenn eins der Eltern zur Zeit der Zeugung mit derselben behaftet ist (hereditäreS.). In vielen Fällen sterben die Kinder zeitig, in andern bleiben die Kinder siech und kränklich. (S. Skrofulose.) Bei der angeborenen S. finden sich auf der Haut der Neugeborenen häufig zahlreiche, erbsengroße oder noch größere, mit eiteriger Flüssigkeit gefüllte Blasen (Pemphigus syphiliticus). Wegen der leichten Übertragbarkeit der S. auf die Nachkommenschaft sollen Syphilitische nicht früher als vor Ablauf [* 14] von vier Jahren und auch dann nur eine Ehe eingehen, wenn sie mindestens ein Jahr lang von allen Rückfällen verschont geblieben sind. Eine wirksame Bekämpfung der S. ist nur durch die strengste sanitätspolizeiliche Überwachung der Prostitution, die hauptsächlich zur Verbreitung der S. beiträgt, zu erreichen.
Wann die S. zuerst beobachtet wurde, ist nicht ermittelt; die Angabe, daß sie erst nach der Entdeckung Amerikas aufgetreten und im Altertum unbekannt gewesen sei, hat neuerdings viel von ihrer Glaubwürdigkeit verloren. In größerer Verbreitung trat die Krankheit zuerst am Ende des 15. Jahrh. auf, wo sie als Franzosenkrankheit (Morbus gallicus) im Heere Karls VIII. von Frankreich großes Unheil anrichtete. Der Name S. wurde zuerst von dem Veroneser Arzt Fracastorius (1521) gebraucht.
Vgl. Ricord, Vorlesungen über S. (übersetzt von Gerhard, Berl. 1848);
von Bärensprung, Die hereditäre S. (ebd. 1864);
Geigel, Geschichte, Pathologie und Therapie der S. (Würzb. 1867);
Lewin, Die Behandlung der S. mit subkutanen Sublimatinjektionen (Berl. 1869);
Fournier, S. und Ehe (übersetzt von Michelson, ebd. 1881);
Zeißl, Lehrbuch der S. (5. Aufl., Stuttg. 1888);
Sigmund, Vorlesungen über neuere Behandlungsweisen der S. (3. Aufl., Wien [* 15] 1883);
Rosenbaum, Geschichte der Lustseuche im Altertum (5. Aufl., Halle [* 16] 1892);
Pingler, Die S. (Berl. 1895);
Proksch, Die Geschichte der venerischen Krankheiten (2 Tle., Bonn [* 17] 1894-95);
van Niessen, Der
Syphilisbacillus (Wiesb. 1896).