Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03593.jsonl.gz/1674

Der erfundene und der echte Zaun des Bruder Klaus
Bruder Klaus werden zwei Zaun-Zitate zugeschrieben. Das eine ist berühmt, dürfte aber gefälscht sein. Das andere ist unbekannt, dafür echt.
Jenes lautet: «Machet den Zaun nicht zu weit!» Erfunden hat es 1537, ein halbes Jahrhundert nach dem Tod des Eremiten, der Luzerner Gerichtsschreiber Hans Salat. Dieser war einer der begabtesten Wortführer der Innerschweiz gegen die Reformation. Ein Jahr vor seiner Biografie über Niklaus von Flüe hatte er die Streitschrift «Chronik vom Anfang des neuen Unglaubens» veröffentlicht (worauf der Zürcher Reformator Heinrich Bullinger mit der Polemik «Salz zum Salat» gekontert hatte).
«Machet den zun nyt zuo wyt!»: Hans Salats Einspruch gegen die Ausweitung der Eidgenossenschaft richtete sich gegen die Ausbreitung der Reformation in der Romandie. Robert Durrer, der Pionier der Bruder-Klausen-Forschung, hat 1917 in seinem Quellenwerk dazu geschrieben: «Die angebliche Warnung, den Zaun der Eidgenossenschaft zu erweitern, fällt zeitlich zusammen mit den Bestrebungen (des reformierten) Genfs, in den schweizerischen Schutzkreis zu treten, und mit dem Widerstand der Katholiken, die Neuerwerbungen Berns im Waadtland als eidgenössisches Territorium anzuerkennen.»
Ein Nationalheiliger gegen die Romandie?
Dass der historische Bruder Klaus gegenüber einer friedlichen Expansion durchaus offen gewesen sei, habe er dadurch bewiesen, dass er «den Widerstand seiner Landsleute gegen die Aufnahme von Freiburg und Solothurn gebrochen hat». Durrer betont dabei, dass «gegenüber Freiburg von den Gegnern gerade die welsche Nationalität ins Feld geführt worden» sei.
Interessant ist weiter, dass Salat sein Zaun-Zitat gar nicht mit der Stanser Tagsatzung verbindet. In der heute gängigen Geschichte richtete der Mystiker sein «Machet den Zaun nicht zu weit!» direkt an die streitenden Ratsherren in Stans.
Ein solcher Zusammenhang wurde aber erst ein Jahrhundert danach durch den deutschen Konvertiten Johann Joachim Eichhorn erfunden. Von dem in Obwalden wirkenden Kaplan stammt auch die Legende, Bruder Klaus habe sich während des Stanser Verkommnisses von 1481 persönlich im Ratssaal aufgehalten. Pikant ist, dass der später nationalistisch umgedeutete Zaun auf eine Schweiz ohne Romandie hinausläuft.
Der Zaun, der arme Leute hindert
Der andere Zaun, der wirklich von Bruder Klaus stammt, gehört zu einer Vision des Eremiten, die von Zeitgenossen weiter erzählt wurde. In der sogenannten Brunnenvision wurden «sehr arme» Leute, «die schwere Arbeit taten», durch einen Zaun daran gehindert, im «leuchtenden» Innenraum aus einem Brunnen zu schöpfen, der durch einen «Tabernakel» gespeist wurde.
Es gab zwar ein «Gatter», aber durch dieses gelangte nur, wer den dort stehenden Abzockern einen Batzen bezahlen konnte: «Und bis die Leute das alles bezahlt hatten, waren sie so arm und schwach, dass sie nicht mehr die Kraft hatten, hereinzukommen; sie waren am Verhungern.»
Nicht national, sondern sozial
Die Stossrichtung der Brunnenvision ist nicht national, sondern sozial. Der Schriftsteller Hans-Rudolf Hilty interpretierte den Zaun als «Zollschranke» auf dem Weg zum «Brunnen der Gnade». Geschichtlich möge man «an Ablass denken» oder «an die fortschreitende Geldmacherei bei Wallfahrtsorten» oder an die grassierende «Käuflichkeit der Behörden».
Woran man gegenwärtig denken soll, ist eine gute Frage für das laufende Bruder-Klausen-Jahr.