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Wie zwei Inseln die Welt veränderten
Alternative Geschichtserzählungen faszinieren. Momentan sorgt in Grossbritannien beispielsweise die TV-Serie «SS-GB» für Gesprächsstoff: Sie geht der Frage nach, was mit Grossbritannien passiert wäre, wenn das Nazireich 1941 die Schlacht um England gewonnen und die Insel eingenommen hätte.
Im Rückblick erscheint der Lauf der Geschichte immer logisch, die Dinge kommen so, wie sie kommen mussten. Doch wir wissen: Die Historie ist voller Zufälle.
Um einen dieser historischen Zufälle soll es in diesem Beitrag gehen. Für einmal sprechen wir also nicht von Donald Trump, nicht von der Eurokrise, nicht vom Finanzsystem.
Es soll in diesem Beitrag im Entfernten zwar um das Thema Globalisierung und Freihandel gehen, doch im Konkreten ist es schlicht die Geschichte von zwei Inseln. Zwei geologisch eigentlich völlig unbedeutende Fleckchen auf der Weltkarte, beide rund drei Kilometer breit und nicht mehr als zehn Kilometer lang.
Die eine der beiden Inseln heisst Manhattan. Die andere heisst Run. Von der ersten haben Sie wahrscheinlich schon gehört. Von der zweiten wohl eher nicht.
Doch es gab mal eine Zeit, als Run als ungleich wichtiger und wertvoller angesehen wurde als Manhattan. Eine Zeit, als ein europäischer Staatsmann im Interesse seines Landes bewusst auf den Anspruch auf Manhattan verzichtete, um den Anspruch auf Run zu zementieren.
Die Geschichte spielt in den 1660er-Jahren.
Als die Niederlande eine Weltmacht waren
Zunächst einige Informationen zu den beiden Inseln:
Manhattan ist zu dieser Zeit Heimat von Niew Amsterdam, einer niederländischen Kolonie an der Südspitze der Insel. Ein breiter Weg verbindet Niew Amsterdam mit der Siedlung Haarlem im Norden der Insel. Die Insel Manhattan ist das Zentrum von Niew-Nederland, einer Kolonie, die sich von Cape Cod im Norden bis zur Delaware Bay im Süden erstreckt.
Run ist eine winzige Insel in der Bandasee in Südostasien, Teil des insgesamt neun Inseln umfassenden Banda-Archipels. Die Inselgruppe steht zur fraglichen Zeit fast ausschliesslich unter der Kontrolle der Niederländischen Ostindien-Kompanie (Vereenigde Oostindische Compagnie, VOC). Das Besondere an den Banda-Inseln: Sie sind der einzige Ort auf der Welt, an dem der Muskatnussbaum wächst. Die Früchte des Baums, die Muskatnuss und der Samenmantel Macis, sind in Europa zu jener Zeit von grossem Wert.
Das Monopol der VOC über den Welthandel mit Muskatnuss ist jedoch nicht vollkommen, denn die Insel Run, der westlichste Ausläufer des Banda-Archipels, steht unter der Kontrolle von englischen Händlern.
So viel zu den beiden Inseln. Nun zu den beiden Kolonialmächten:
Die Republik der Sieben Vereinigten Provinzen – auch die Republik der Vereinigten Niederlande genannt – ist in den 1660er-Jahren eine Welthandelsmacht. Die Niederländische Ostindien- sowie die Westindien-Kompanie sind Giganten, die den Handel auf den Weltmeeren – unter anderem mit begehrten Gewürzen – dominieren.
England hatte zur fraglichen Zeit soeben das gut zehnjährige republikanische Interregnum von Oliver Cromwell hinter sich und ab 1660 mit König Charles II. die Monarchie wieder eingeführt.
Die beiden Mächte hatten sich schon von 1652 bis 1654 einen Krieg geliefert. Unter Charles II. erfasst wieder eine patriotische Welle das Land; der Monarch erlässt eine Reihe von protektionistischen Massnahmen, die das Ziel haben, die Handelsmacht der Niederländer auf den Weltmeeren zu brechen.
1664 bricht der zweite Krieg zwischen England und den Vereinigten Niederlanden aus. Die Engländer annektieren Niew-Nederland; der niederländische Gouverneur Peter Stuyvesant überlasst die Insel Manhattan mit Niew Amsterdam ohne Blutvergiessen den Engländern. Diese taufen die Siedlung zu Ehren des Duke of York sofort in New York um.
Doch der Krieg wird zum Desaster für die Engländer. Die Niederländer gewinnen eine Reihe von Schlachten, besetzen die englischen Zuckerplantagen von Surinam in Südamerika und zerstören im Juni 1667 unter Admiral Michiel de Ruyter im Überfall auf Medway fast die gesamte englische Flotte in der Mündung der Themse.
Ein wertloses Monopol
Ende Juli 1667 treffen sich die Kriegsparteien im niederländischen Ort Breda zu Friedensverhandlungen. Die siegreichen Niederländer verhandeln unter der Führung von Ratspensionär Johan de Witt.
De Witt ringt den Engländern drei grosse Zugeständnisse ab: Die Niederländer dürfen fortan Güter, die auf dem Rhein stromabwärts nach Rotterdam transportiert wurden, nach England liefern. Zweitens erhalten die Niederländer Surinam. Und drittens gibt England endgültig jeden Anspruch auf die Insel Run auf. Im Gegenzug geht die Kolonie Niew-Nederland auf England über.
Der Friedensvertrag von Breda wird als Erfolg von De Witt gefeiert. Mit der Insel Run kontrollieren die Niederländer nun das gesamte Banda-Archipel und besitzen das Monopol für den Handel mit den Früchten des Muskatnussbaums.
Run im Tausch gegen Manhattan. Der weltweite Gewürzhandel ist nun fest in niederländischer Hand. Der Verlust der relativ unbedeutenden Kolonie in Nordamerika wiegt dagegen nicht schwer.
Der Rest, wie wir wissen, ist Geschichte.
Gut hundert Jahre nach dem Friedensvertrag von Breda beginnen die englischen Kolonien in Nordamerika ihre Rebellion gegen die Krone.
Wenig später, während der Napoleonischen Kriege, erlangt ein englisches Expeditionskorps kurz die Kontrolle über die Banda-Inseln. Die Zeit genügt, um Samen und Setzlinge des Muskatnussbaums – samt Erde – zu stehlen und nach Ceylon, Penang, Singapur und Sansibar zu bringen, um sie dort anzupflanzen. Das einstige Monopol der Banda-Inseln ist fortan wertlos.
Welchen Lauf die Historie wohl genommen hätte, wenn De Witt Manhattan behalten und stattdessen Run aufgegeben hätte? Wenn das Gebiet zwischen Cape Cod und der Delaware Bay eine niederländische Kolonie geblieben wäre? Wir wissen es nicht.
Heute ist Run als Teil der Republik Indonesien ein unbedeutendes Eiland mit einigen Hundert Einwohnern. Manhattan ist das Finanzzentrum der Welt.