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«Der Aufstieg Asiens – ist er eine Gefahr?» So lautete die Vorgabe für Chris Patten an seinem Vortrag an der Universität Zürich, zu dem ihn das Europa Institut an der Universität Zürich eingeladen hatte. «Die Frage trifft den Punkt nicht», so Pattens lakonische Antwort, «denn der Aufstieg ist eine Tatsache.» Zudem, so Patten, wenn sich die Lebensumstände für zweieinhalb Milliarden Menschen verbesserten, könne dies wohl kaum eine Gefahr darstellen. Die Frage stelle sich also vielmehr nach der Bedeutung dieses Aufstiegs. «Er wird die Welt verändern, in der wir in den kommenden Jahren leben werden», ist Patten überzeugt.
Als ehemaliger britischer Minister für die Überseeentwicklung und als letzter Gouverneur von Hong Kong hat Patten den Aufstieg der beiden Mächte Indien und China aus nächster Nähe mitverfolgt. Er kennt den Wandel von Shenzhen vom verschlafenen Fischerdorf zum pulsierenden «kapitalistischen Alptraum» aus eigener Anschauung, die der begnadete Erzähler dem Zürcher Publikum auch eloquent und mit einem guten Schuss britischen Humors zu vermitteln wusste.
Wirtschaftsriesen Indien und China
Indien sei dank der «majestätischen Grösse» der indischen Demokratie von Hungersnöten, «Gulags» und dem Zerfall wegen ethnischer Spannungen verschont geblieben, zollte Patten dem Land Respekt. In den zukunftsgerichteten Industriezweigen, die nicht der staatlichen Regulierung anheim gefallen seien – Telekommunikation, Software, Pharma – finde ein dynamisches Wachstum statt.
China habe sich in den vergangenen vierzig Jahren von einem Land mit einer katastrophalen, selbst-verschuldeten Hungersnot in die «Werkstätte der Welt» transformiert. Heute sei es das Land mit den grössten Importen und Exporten. Patten zeigte sich überzeugt, dass China, im Gegensatz zu Indien, ohne einen Systemwechsel die weitere wirtschaftliche Entwicklung nicht bewältigen wird. «Ich glaube nicht an die Vereinbarkeit eines wirtschaftlich liberalen mit einem politisch streng autoritären System», so Patten.
Derzeit gebe es zwei Pole in der politischen Diskussion in China. Einerseits befürchte die Kommunistischen Partei, mit der zunehmenden Liberalisierung der Wirtschaft auch je länger je mehr die Kontrolle über den Staat zu verlieren. Dem gegenüber stehe die Meinung, dass es China ohne eine Öffnung nicht gelingen wird, genügend Arbeitsplätze zu schaffen, um die soziale Stabilität im Land zu erhalten.
Von Gewinnern...
Erstaunlich sei der Aufstieg Indiens und Chinas nur, wenn man den Blick auf die Geschichte ausblende so Patten. Denn vor der Industriellen Revolution hätten die beiden Länder 50 Prozent des weltweiten Brutto-Inland-Produkts bestritten. Zwar werde es wahrscheinlich nie mehr so weit kommen, aber Patten schätzt, dass in ein paar Jahrzehnten der Anteil Indiens und Chinas wieder bei 30 Prozent liegen wird.
Im Westen sei es derzeit so, dass die Gewinner dieses Aufstiegs keine Notiz davon nähmen, die Verlierer hingegen schon. Gewinner sind nach Pattens Ansicht vorab die Konsumentinnen und Konsumenten in den USA, die in ihren Supermärkten von billigen Produkten aus Asien profitierten. Einzelne Grosshandelsketten hätten in der Zwischenzeit grössere Handelsbeziehungen mit China als ganze Länder, so Patten. Zweitens profitierten die Hauseigentümer in den USA von tiefen Zinsen, die indirekt über die Ersparnisse der Chinesen finanziert seien.
...und Verlierern
Zu den Verlieren der Entwicklung gehörten nicht die unqualifizierten Arbeitnehmer im Westen, sondern zunehmend die Besser-Qualifizierten. Die Ansicht, dass in Indien und China unqualifizierte Arbeit zu tiefen Löhnen erbracht werde, stamme von gestern. Heute heisse die Gleichung hochqualifizierte Arbeit zu tiefen Löhnen. Angesichts von 14'000 jungen Informatikern, die das Softwareunternehmen Infosys in Bagalore ausbilde, könne er die Furcht etwa der Deutschen vor den billigen polnischen Spenglern nicht nachvollziehen, so Patten.
Mit China und Indien rechnen
Auf der politischen Ebene sei es heute nicht mehr möglich, irgend eines der drängenden Probleme, wie etwa die Nichtweiterverbreitung von Atomtechnologie, Hunger, Umweltfragen, ohne Indien und China anzugehen. «Und zwar nicht in dem Sinne, dass die westlichen Länder Indien und China sagen, was sie zu tun haben», meinte Patten. Die beiden Länder müssten an den Entscheidungsprozessen beteiligt sein. Als Beispiel nannte Patten die Krise in Darfur. Hier sei die UNO blockiert gewesen, weil ein Veto von China gedroht habe. China bezieht zehn Prozent seines Öls aus dem Sudan. Als «alter Europäer», meinte Patten, mit einem Seitenhieb auf die US-Regierung, sei er zutiefst überzeugt davon, dass die Vereinten Nationen den Rahmen, für eine solche multilaterale Weltordnung bilden müssten.
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