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Ming Thein ist einer der Gründer von MING, einer unabhängigen Uhrenmarke aus Kuala Lumpur, und gleichzeitig ihr Designchef. Er ist daneben als professioneller Fotograf erfolgreich und kann zudem auf eine Managementlaufbahn zurückschauen. TICK-TALK sprach mit ihm.
Beschreiben Sie uns Ihr Elternhaus: Wie sah Ihre Kindheit aus?
Auch wenn es etwas merkwürdig klingen mag: Ich habe etliche Jahre gebraucht, um herauszufinden, wo für mich eigentlich ‚zuhause‘ war. Ich wurde in Kuala Lumpur, Malaysia, geboren, aber meine Eltern sind nach Australien ausgewandert, bevor ich zwei Jahre alt wurde. Mein Vater arbeitete als Rechnungsprüfer, meine Mutter als Hebamme. Beide sind heute in Rente. Der Job meines Vaters bedeutete häufige Umzüge – Melbourne, Wellington, danach London. Das wäre der kurze Teil – die Beschreibung meiner Kindheit ist etwas komplexer.
Ich war wohl das, was man als ein anstrengendes Problemkind bezeichnen könnte. Mein Ausweg war die Wissenschaft – und das auf der Überholspur. Um es kurz zu machen: Ich habe die High-School bereits im Alter von 12 Jahren beendet, mit 13 mein Universitätsstudium begonnen und mit 16 an der Universität Oxford in Physik abgeschlossen. Vieles davon habe ich nur verschwommen wahrgenommen, und nichts davon hat mir Freude bereitet.
Während meiner Universitätszeit erwachte in mir ein Interesse an Design, Konstruktion und Uhren allgemein – wir kennen es ja alle: Man fängt an, sich etwas intensiver mit diesen Dingen zu beschäftigen, strapaziert sein knappes Studentenbudget und ehe man sich versieht, ist man auch schon regelrecht gefangen und infiziert.
Noch bevor ich richtig verstanden habe, was da genau mit mir passiert, war ich tief involviert in den frühen Uhrenforen, nahm an obskuren Treffen in irgendwelchen Kellern teil und geriet in Verzückung über Uhren, die ich mir – so realistisch war ich dann doch – nie würde leisten können. Die Leute, die ich dort traf, waren jedoch wie Türöffner für mich – ich konnte ihre Uhren fotografieren und sie mir auf diese Weise quasi zu eigen machen. Von da an arbeitete ich zweispurig: Ich habe alles zerlegt, dessen ich habhaft werden konnte, und versucht, selber zu konstruieren. Daneben fotografierte ich, was mir gerade über den Weg lief.
Hatten Sie als Kind spezielle Ziele? Was wollten Sie werden?
Eigentlich nicht wirklich, so erstaunlich das auch klingen mag (an dieser Stelle würde meine Mutter wahrscheinlich mich – und jeden anderen im Raum – daran erinnern, dass ich gerne Lastwagenfahrer werden wollte). Ich liebte mechanische Gegenstände, mochte es, herauszufinden wie sie funktionierten, und – obwohl ich wohl zu jung war, es selber zu bemerken – ihr Design. Aber nichts davon hat wirklich bei mir eingeschlagen, bis hin zur Frühzeit meiner Karriere kurz nach der Universität, als ich langsam erkannte, dass ich absolut nicht dafür gemacht war, mich in einem Unternehmen einzuordnen. Meine beiden Optionen für einen Ausweg waren entweder Uhrmacherei (damals praktisch unerreichbar für mich) oder Fotografie (nicht viel einfacher, aber immerhin machbar).
Seitdem hat sich mein Leben in größeren Kreisen bewegt: Physik und Konstruktion, Management, Fotografie (Uhren und andere Gegenstände), Kameraherstellung, Uhrmacherei, Design…
Was ist Ihre erste wichtige Kindheitserinnerung?
Eine flüchtige Erinnerung an unsere alte Wohnung in Kuala Lumpur. Ich kann nicht viel älter als 18 Monate gewesen sein. Dann lange gar nichts. Erst als ich 3 Jahre alt war, da erinnere ich mich, eine Sandgrube im Kindergarten gebuddelt zu haben.
Hatten Sie jemals einen anderen Beruf? Welchen?
Etliche sogar. Ich fing in der Rechnungsprüfung bzw. Bilanzierung in einem der vier großen globalen Wirtschaftsprüfungsfirmen an. Die waren nämlich die einzigen, die mich direkt von der Universität angestellt haben. Ich war zu jung für die weitaus attraktiveren und auch lukrativeren Optionen im Bankwesen oder im Beratungssektor, wohin alle meine Studienkollegen strebten. Ich habe es dennoch geschafft, in letzterem Fuß zu fassen, ausgerechnet wieder hier in Malaysia. Ich habe mich ein wenig ausprobiert und dann festgestellt, dass ich mich in Malaysia an ehesten zu Hause fühle, und dies obwohl ich nie dort gewohnt hatte. Am Ende habe ich hier auch meine Frau kennengelernt.
Es folgten eine Reihe von Jobs im Finanz- und Private Equity Sektor, die ich aus Frustration nie lange behalten habe. Ich habe nebenbei versucht, eine Karriere als Fotograf aufzubauen, was anfangs auch nicht recht klappen wollte. Erst als ich für ein recht strikt geführtes, multinationales Unternehmen arbeitete, merkte ich, dass ich nun langsam wirklich die Kurve kriegen musste. Nach einiger Zeit ist es mir dann tatsächlich gelungen, eine erfolgreiche Fotografenkarriere zu starten.
Irgendwie war es komisch, aber ich habe anfangs hauptsächlich für etliche der größeren und auch kleineren Schweizer Uhrenhersteller fotografiert (darunter auch Speake-Marin). Hier konnte ich auf meine Kontakte aus den frühen Zeiten als Sammler und Mitglied diverser Uhrenforen zurückgreifen und forderte auch all jene Gefallen ein, die ich anderen in jenen Tagen getan hatte. Leider hat dies schleichend meine Liebe zu den Uhren abkühlen lassen, und daher verlegte ich meinen Fokus langsam darauf, auch andere Dinge abzulichten – hauptsächlich um nun die ‚Geschichte‘ einer Firma, eines Projektes oder eines Produktes zu erzählen. Es war mir von Beginn an klar, dass die Fotografie nur eine weitere Phase des Übergangs war. Der Markt für professionelle Fotografie befindet sich derzeit in einer Periode tiefgreifender Veränderung und Konsolidierung und ich lebe schlicht und einfach am falschen Ende der Welt, um langfristig zu den Überlebenden zu zählen.
Nach 6 Jahren als hauptberuflicher Fotograf bin ich in die Beratungsgremien von Hasselblad und DJI berufen worden. Diese Positionen nehme ich bis heute ein. Dazu kommen noch einige Fotografieaufträge (in geringem Maße als vorher) und eine ganze Reihe Aufträge im Uhrenbereich. Ich bin sicher, da wird noch etliches dazukommen – Kreativität funktioniert am besten, wenn man ihr Luft zum Atmen lässt! Und man weiß ja schließlich nie, was sich da noch an Geschäftsideen ergibt.
Meine Sammler-Freunde und ich haben MING im Jahr 2014 nach einer langen Diskussion auf dem Rückflug von einer Uhrenausstellung gegründet. Zu diesem Zeitpunkt hat das Internet den Zugang zu Zulieferern und Kunden wesentlich vereinfacht; zeitgleich sind die etablierten Marken ein bisschen zu selbstbewusst in ihrer Preisgestaltung geworden. Wir haben viele Ideen gehabt und wieder verworfen, aber im Grunde geht es uns darum: Wir möchten Uhren produzieren, von denen wir selbst begeistert sind und von denen wir glauben, dass sie ein gutes Preis-/Leistungsverhältnis bieten.
Für wen haben Sie in der Vergangenheit gearbeitet? Was hat Sie bestärkt, die aktuelle Richtung einzuschlagen?
Ich habe eine Reihe von Marken im Produktdesign beraten (derzeit noch unter Geheimhalteabkommen) und für eine große Zahl anderer fotografiert. Ich habe allerdings nie als Uhrmacher gearbeitet, noch habe ich eine formale Ausbildung darin oder als Designer genossen. Das befreit mich auf eine Art von der Bürde der Tradition. Es bedeutet aber auch, dass wir eine Menge an Fehlern machen. Ich denke, dass man dies schon als Lehrgeld bezeichnen kann.
Bei MING haben wir einige feste Grundsätze:
· Unverwechselbarkeit im Design in einer ganzheitlichen Form und nicht zum Selbstzweck
· uhrmacherische Integrität, was für uns bedeutet, dass Zeitmessung, Ablesbarkeit und die Wahl der technisch besten Lösung eminent wichtig sind, und letztendlich
· ein hoher Gegenwert.
Eine Sache mag billig und nutzlos sein, dann hat sie aber einen geringen Gegenwert, oder es ist ein teurer Gegenstand und unersetzlich, dann hat er einen großen Wert. Der Begriff ‚Wert‘ ist also unabhängig vom Preis zu sehen.
Das Design wird von mir hier in Kuala Lumpur komplett entwickelt und die Komponenten dann entsprechend unserer Spezifikationen von unseren Partnern so hergestellt, dass wir technisch gesehen die beste Lösung – gemessen am Preisrahmen – anbieten können. Unsere Uhren verfügen immer über ausreichend Wertschöpfung in der Schweiz, um sich für das Qualitätszeichen “Swiss Made” zu qualifizieren.
Als neue Marke haben wir es doppelt schwer: Wir werden kritischer betrachtet, sind als Marke eine eher unbekannte Größe und verfügen vor allem über keine der Erfahrungen oder auch der Zugangsmöglichkeiten, die ein etablierter Player genießt. Es ist daher umso wichtiger, dass wir als Team zu 100 % engagiert und überzeugt von unseren Uhren sind. Unsere Integrität ist ein enormes Kapital (was einer der Gründe dafür ist, dass limitierte Editionen auch dann limitiert bleiben, wenn die Nachfrage übergroß ist). Weiterhin möchten wir unabhängig von externen Investoren oder Crowdfunding sein und bleiben.
Was war der übelste Job, den Sie je machen mussten?
Die Frage kann ich leider nicht beantworten, ohne mir selber Probleme zu bereiten oder mir öffentlich einige Feinde zu machen. Belassen wir es dabei zu sagen, dass es sich in der Mitte zwischen dem totalen Gegenteil von Kreativität und etwas ethisch mehr als Fragwürdigem einpendelt.
Was war der schwierigste Moment in Ihrem Leben, und wie haben Sie diesen bewältigt?
Fraglos: Vater zu werden. Ich arbeite immer noch daran, und bin für Tipps und Vorschläge offen…
Wer hatte den stärksten Einfluss auf Sie? Was sind Ihre größten Inspirationen?
Meine Frau, Nadiah. Wir sind sehr offen zueinander und haben das Glück, dass wir uns einerseits ungeschminkt sagen können, was wir wirklich denken, und andererseits nachher darauf vertrauen können, dass die jeweilige Entscheidung des Anderen voll unterstützt wird. Sie hat überdies ein gutes Auge für Design und Materialen und besitzt als Bonus die magische Fähigkeit, das teuerste Objekt zu wählen, ohne das Preisschild sehen zu müssen.
Was kreative Inspirationen angeht – da würde ich sagen, dass diese von überall her kommen können und dies auch tun. Design bedeutet Komposition in drei Dimensionen. Dies ist ein Aspekt, der im Bereich des Uhrendesigns oft vergessen geht.
Wahrscheinlich nehme ich Bruchstücke von überall auf – sei es aus Malerei, Architektur, Musik, Kino oder von Automobilen … aber sicher nicht signifikant von Uhren oder der Fotografie. Ich versuche nicht so stark darauf zu schauen, was in der Industrie, in der ich gerade aktiv bin, passiert. So vermeide ich, mich durch die dort vorherrschenden Trends und Tendenzen einschränken zu lassen.
Worauf sind Sie besonders stolz?
Das ändert sich natürlich von Zeit zu Zeit. Aber gerade jetzt macht mich die Tatsache stolz, dass wir das erste Jahr als Firma überstanden haben, kostendeckend arbeiten, eine Reihe von Uhren produziert haben, welche die Leute wirklich kaufen möchten, und einen gewissen Einfluss in einem unglaublich (und dies je länger je mehr) kompetitiven Marktsegment haben.
An erster Stelle steht für mich jedoch, dass ich ein unglaubliches operatives Team sowie Investoren habe, die mir vertrauen, Partner in der Industrie, welche sich weit über das normal Maß hinaus für uns engagieren, um die Uhren exakt gemäß unseren Erwartungen bauen zu können, und natürlich einen sehr enthusiastischen Kundenstamm.
Welchen Rat würden Sie einem Zwanzigjährigen geben, der einen ähnlichen Weg wie Sie einschlagen möchte?
Die Frage stelle ich mir jeden Tag, da ich in meinem Team jemanden habe, den ich zu meinem Nachfolger ausbilden möchte! Ich denke aber, dass wir uns selber die Antworten derzeit gar nicht geben können, daher empfinde ich meinen Rat irgendwie als nicht fix und nicht greifbar. Ich versuche es einmal aus dem Stand heraus so:
1. Scheue Dich nicht, die schwierigen Fragen zu stellen, auch wenn es sonst kein anderer tut.
2. Hab keine Angst vor Risiken, zumindest solange nicht, wie man objektiv Wahrscheinlichkeiten und Gewinnerwartungen abwägt.
3. Hoffe auf das Beste, sei aber auf das Schlimmste vorbereitet.
4. Bedenke alles, was Du tun möchtest, und verdopple oder halbiere es in konservativer Richtung – wenn die Zahlen dann immer noch aufgehen – mache es!
5. Erwarte nicht ein signifikant anderes Resultat, wenn Du exakt das gleiche machst wie alle anderen.
6. Womöglich der schwierigste Rat: Du kannst Dir nicht alles zu Herzen nehmen. Andererseits aber musst Du es, um Dich zu motivieren, weit mehr zu leisten als normal. Ignoriere am besten die Meinung der Öffentlichkeit oder vertraue jemandem, der sie für Dich filtern kann.
Nennen Sie drei Dinge, die Sie in Ihrem Leben erledigen möchten.
1. Ich möchte in meinem Namen eine neue Komplikation präsentieren und diese auch kommerzialisieren.
2. Erleben, dass die Work-Life-Balance einmal ausgeglichen ist.
3. Den Hype um Gelbgold- und Bicolor-Uhren verstehen…
Wie, denken Sie, wird die Industrie in 10 Jahren aussehen?
Ich bin mir nicht sicher ob man voraussagen kann, wo sie sich in nur 2 oder 5 Jahren befinden wird. Niemand hat z. B. vorhergesehen, dass sich die Swatch Group von der BaselWorld zurückzieht. Niemand konnte sagen, dass die Baselworld Konkurs geht und keiner hat etwas von der Corona-Pandemie geahnt.
Es ist eine schöne neue Welt, die da gerade entsteht: Die traditionellen Marken bewegen sich weiter in Richtung Top-Marktsegment, was einen enormen Freiraum in der Mitte und am unteren Ende entstehen lässt, und dieser kann jetzt gefüllt werden. Die Konsumenten jedoch sind smarter geworden: reich mit Informationen ausgestattet (aber immer noch an einer durch Erfahrung gewachsenen Weisheit arbeitend), medienkompetent und nicht unbedingt traditionell, was uhrmacherische Vorlieben betrifft. Die wichtigste Konkurrenz wird im Online-Bereich liegen. Die Herausforderung dabei ist aber, das Erlebnis hier für den Kunden unterscheidbar zu machen – niemand gibt sich mehr der Illusion hin, dass eine Uhr irgendetwas anderes darstellen könnte, als ein luxuriöser und in gewissen Maßen zügelloser Erwerb. Wir erleben gerade eine Art virtuellen Landraubs. Wir sehen, wie die ‚Big Players‘ ihn als einen ausschließenden ‚Wir-oder-ihr‘-Kampf betrachten: Das ist schlichtweg nicht der Fall. Sammler erwerben unzählige Objekte, das liegt einfach in der Natur des Sammelns. Die Dinge sind also eher komplementär als kompetitiv, und dies ist genau das entscheidende Detail, was die unabhängigen und kleinen Hersteller am Leben und lebendig erhalten wird.