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Allan Porter und die Zeitschrift ˂camera˃
Autoren brauchen Verlage, Maler brauchen Galerien und Museen, damit es zu Begegnungen mit Lesern und Betrachtern kommen kann. Dahinter steckt ein Auswahlprozess, in dem die Kultur wertet: Was ist es wert, gedruckt oder gezeigt zu werden? Bis in die 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein gab es nur sehr wenige Museen, die Fotografien ausstellten. Die Kuratoren waren der Meinung, dass fotografische Bilder nicht denselben Rang beanspruchen können wie Skulpturen, Grafiken oder Gemälde.
Die Fotografie hat etwas Subversives. Sie taucht eines Tages als neue technische Möglichkeit auf, verdrängt zu einem Teil die herkömmliche Malerei, erobert mit ihren immer handlicheren und kostengünstigeren Apparaten den Massenmarkt und verändert die Zeitschriften und Zeitungen. Das einzelne Bild dient zu einer Art Beglaubigung der Wahrheit eines Berichts. Bildserien werden zu Reportagen, die auf neuartige Weise erzählen. Schon nach kurzer Zeit ist die Fotografie nicht mehr wegzudenken. Aber was ist das fotografische Bild sonst noch? Wie soll man es deuten und einordnen?
Der in Philadelphia 1934 geborene Allan Porter ist einer der Pioniere in der Deutung der Fotografie. Von früher Jugend an malend und überhaupt an bildenden Kunst leidenschaftlich interessiert, hat er das grosse Glück, in seinen Studienjahren Malern, Schriftstellern und Musikern der „Beat Generation“ zu begegnen, die ganz neue Sichtweisen entwickelten, ausprobierten und damit Kunst und Gesellschaft grundlegend veränderten. Es gab keine festen Bastionen mehr. Der Weg war frei für den unvoreingenommenen Blick auf die Fotografie.
Porter durchlief in den USA verschiedene Stationen, in denen er als Künstler und Gestalter zum Zuge kam. Unter anderem war Art Director bei der Zeitschrift Holyday, er entdeckte die Möglichkeiten der Teppichkunst und er wirkte an bahnbrechenden Ausstellungen in Moskau und in Seattle mit. Auf diese Weise schuf er sich nicht nur ein Netzwerk international bekannter Namen, sondern er wurde selbst zu einer Art Star in der Avantgarde.
1963 wurde John F. Kennedy ermordet. Diesen Mord stellte Porter in einen Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg. Es hiess, Kennedy habe die Beendigung dieses Krieges in einer bereits vorbereiteten Rede ankündigen wollen. Kreise, die von Krieg profitierten, stünden hinter dem Mord. In dieser Atmosphäre entschloss sich Allan Porter, nach Europa zu gehen. Zudem wollte er sich als Kind von Auswanderern und als erster in der Familie, der eine Universität besuchen konnte, stärker mit der europäischen Kultur auseinander setzen.
In Luzern erschien seit 1922 eine Zeitschrift für Fotografie, die in ihrer Zielsetzung immer ehrgeiziger wurde und sich immer stärker international ausrichtete: ˂camera˃. Diese Zeitschrift richtete sich an Publikum aus Laien und Fachleuten, das sich für die technische und ästhetische Entwicklungen der Fotografie interessierte. Der damaligen Herausgeberin Alice Bucher, Leiterin des C. J. Bucher Verlages, war Allan Porter unter anderem deswegen aufgefallen, weil er in der Werbeagentur Jean Reiwald in Basel von sich reden machte. Da die Zeitschrift wegen wirtschaftlicher Probleme eine neue Ausrichtung brauchte, bat sie Porter, dafür einmal ein Exposé zu verfassen. Er tat das umgehend und wurde 1965 prompt als Redakteur eingestellt. Schon 1966 wurde er Chefredakteur.
Da hatte ein Künstler sein Medium gefunden oder ein Medium seinen Gestalter: ein Glücksfall sondergleichen. Er machte die Zeitschrift zu einem „Museum ohne Wände“, wie er es in Anlehnung an einen Buchtitel von André Malraux, „Voix du silence“, 1974 nennen sollte. Museum heisst nicht „museal“, sondern bezeichnet die Entwicklung eines Kanons, also von Referenzen, die den Stand der Fotografie markieren und damit Massstäbe setzen.
Allan Porter hatte als Chefredakteur ein von vielen gerühmtes Gespür für diejenigen Fotografinnen und Fotografen, deren Bilder über den Tag hinaus Bestand haben würden. Dazu kam seine Leidenschaft für das Schreiben und Gestalten – immerhin hatte er Grafik studiert. Fotografie sei ein literarisches Medium sagte und sagt er immer wieder, und er selbst ist bis heute ein bemerkenswerter Analytiker und Erzähler geblieben. Anekdote und Diagnose wechseln sich bei ihm ab, und man merkt dabei, dass ihm ein Meer von Assoziationen zur Verfügung steht.
Im Dezember 1981 wurde ˂camera˃ eingestellt. Vorhergegangen waren wirtschaftliche Probleme des Verlags C. J. Bucher und eine Übernahme durch Ringier. Wie weit bei dieser Entscheidung der Auflagenrückgang der Zeitschrift ˂camera˃ von knapp 50.000 auf etwa 12.000 eine Rolle gespielt hat, lässt sich nicht genau sagen. Jedenfalls traf dieser Beschluss Allan Porter unvorbereitet.
Seitdem gibt es keine vergleichbare Zeitschrift mehr. Man mag darüber spekulieren, dass sich die Museen zunehmend der Fotografie angenommen haben und in der Schweiz in Winterthur mit der Fotostiftung und dem Fotomuseum Institutionen geschaffen wurden, die auf ihre Weise die Arbeit von ˂camera˃ weiterführen. Aber das ist nicht dasselbe.
Ein anderer Grund dafür, dass ˂camera˃ keine Nachfolgerin gefunden hat, mag in der Entwicklung der Fotografie selbst liegen. Allan Porter, nach wie vor leidenschaftlicher Beobachter, Analytiker und durchaus auch Prognostiker, spricht davon, dass die Zeit des gedruckten Bildes zumindest in seiner Ausschliesslichkeit an ein Ende gekommen ist. Fotos werden immer häufiger auf Displays betrachtet. Der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan hat in den 60er Jahren den berühmt gewordenen Satz geprägt: „Das Medium ist die Botschaft.“ Damit drückte er aus, dass Produktionsweisen, Maschinen oder Kommunikationsmittel nicht einfach zur Herstellung und Verbreitung von Inhalten verwendet werden, sondern diese Inhalte gleich mit prägen.
An der Fotografie lässt sich dieser Satz immer wieder belegen. So hat das Aufkommen der digitalen Fotografie die Bilder stark verändert. Da die Fotografen aufgrund der grossen Speicher nahezu beliebig viele Bilder machen können, diese schnell verbreitet werden und fast noch schneller in den Bildermassen wieder verschwinden, werden die Fotos immer beliebiger, um nicht zu sagen: banaler. Und mit feiner Ironie merkt Allan Porter an, dass insbesondere junge Fotografen kaum noch Zeit hätten, sich mit ihren eigenen oder anderen Fotos grundlegend auseinanderzusetzen, da sie ständig telefonieren müssten.
Gerade vor diesem Hintergrund erscheint es doppelt wünschenswert, dass die sechs Jahrzehnte ˂camera˃ von 1922 bis 1981 wieder zugänglich werden. Im Kunsthaus Zürch hat es 1991 eine Ausstellung gegeben und 2006 im Kunstmuseum Luzern. Aber das ist nicht dasselbe. Jetzt wird etwas anderes gebraucht:
Aus Anlass der Einstellung von ˂camera˃ vor 30 Jahren im Dezember 1981 sollte eine lückenlose digitale Reproduktion angefertigt werden. Allan Porter verfügt über alle Hefte. Es gibt genügend Doku-Zentren für die einwandfreie Reproduktion. Es sollte möglich sein, Subskribenten und Förderer zu finden, so dass der finanzielle Aufwand, der ohnehin nicht allzu hoch sein dürfte, kein ernsthaftes Hindernis sein dürfte.
Wozu diese Reproduktion? In ˂camera˃ sind sechs Jahrzehnte Fotogeschichte vereint, wie man sie in dieser Art woanders nicht findet. Allein schon die Tatsache, dass ein kleiner Schweizer Verlag dieses Produkt in 35 Ländern angeboten hat, weist auf die Besonderheit hin. Und je stärker sich die Fotografie verbreitet und die Museen sie auch in ihrer ganzen Beliebigkeit ausstellen, desto interessanter wird, noch einmal mitzuerleben, wie sich dieses Medium im „Museum ohne Wände“ dargestellt und nach seinem gültigen Ausdruck gesucht hat.
Die Abbildungen stammen aus dem Band: Nadine Olonetzky, Ein Amerikaner in Luzern. Allan Porter und ˂camera˃ - eine Biografie, Verlag Pro Libro Luzern, 2007
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