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Marianne Zelger-Vogt, Neue Zürcher Zeitung (29.04.2008)
Modest Mussorgskys «Boris Godunow» im Zürcher Opernhaus
Das erste Bild zeigt das Volk in heutiger Winterkleidung und mit grossen Taschen vor einer bühnenhohen grauen Mauer, im letzten Bild stirbt der Zar unter goldenem Umhang vor einem mehrstufigen Podest, dazwischen reihen sich die Szenen wie in einem historischen Panoptikum: Mönche und Bojaren mit wallenden Bärten, ein Chronist wie aus einem altmeisterlichen Hieronymus-Gehäuse, eine folkloristisch kostümierte Schankwirtin, Variété-Glanz im Umkreis der machtgierigen polnischen Prinzessin Marina und immer wieder Todessymbole – Schädel, Gerippe, ein Engel. Auf vieles spielen Klaus Michael Grüber und Ellen Hammer in ihrer von Eduardo Arroyo (Bühne) und Rudy Sabounghi (Kostüme) ausgestatteten Inszenierung von Modest Mussorgskys «Boris Godunow» an, selbst surrealistische Elemente wie ein Zeppelin finden darin Platz.
Der Vorteil dieser «offenen» Konzeption ist, dass sich in die vom Brüsseler Théâtre de la Monnaie stammende Produktion für das Zürcher Remake problemlos der dort gestrichene Polen-Akt einfügen liess (gespielt wird die Fassung von 1872, jedoch ohne die Revolutionsszene von Kromy). Doch die Nachteile überwiegen bei weitem. Die Aufführung zerfällt, sie bietet von allem etwas, doch nichts ganz, stellt beziehungslos Requisiten vor bald blauen, bald schwarz-goldenen Hintergrund, und selbst das energiegeladene Dirigat von Vladimir Fedoseyev, der die Schärfen und Härten von Mussorgskys Instrumentation bis zur Schmerzgrenze ausreizt, während das reaktionsschnelle Orchester in den lyrischeren Teilen auch eine feinere Klangkultur pflegt, schafft keinen dramatischen Zusammenhalt.
Wie vor neun Jahren in der letzten Zürcher Inszenierung von Mussorgskys russischem Historiendrama nach Puschkin verkörpert Matti Salminen den mächtigen Zaren, der an seiner Schuld – der Ermordung des rechtmässigen kleinen Zarewitsch – zerbricht. David Poutneys Regie war damals ganz auf die Titelfigur fokussiert, unterstützt durch die Wahl der Urfassung. Im Bilderbogen, den Grüber und Arroyo entworfen haben, ist Boris dagegen bloss eine – freilich imposante – Figur auf dem Schachbrett, das den Bühnenboden bildet und die Welt meint. Auf seinem mit Goldfarbe geschminkten, maskenhaften Gesicht lässt sich kaum ablesen, was im Innern des von Schreckensvisionen und Wahnvorstellungen heimgesuchten Herrschers vor sich geht. Erklärt das den Eindruck, dass Salminens nach wie vor gewaltiger, voll klingender Bass an diesem Abend weniger Schattierungen und Zwischentöne zur Verfügung hat, als man es von ihm gewohnt ist?
Doch nicht nur Boris, auch die übrigen Darsteller erhalten von der Regie kaum Sukkurs. Bei den Zarenkindern Fjodor und Xenia fällt das weniger ins Gewicht, für sie genügt das ausnehmend schöne vokale Potenzial von Martina Welschenbach und Rebeca Olvera. Dass aber die auch stimmlich wenig charakteristische, auf grossen dramatischen Ton setzende Marina von Luciana D'Intino den ersten Teil ihres Auftritts damit bestreitet, dass sie ihr langes Haar kämmt, und den zweiten mit unbeholfenen Tanzschritten füllt, lässt die Kontrastwirkung des Polen-Aktes verpuffen. Und wenn ein so begabter Darsteller wie Reinaldo Macias in der Rolle des falschen Dimitri, der mit Marinas Unterstützung den Zarenthron zu usurpieren versucht, nur herumsteht, bis er schliesslich beim Stichwort «Aufs Pferd! Zum Kampf!» tatsächlich in den Sattel steigt, fragt man sich, ob es bei dieser Produktion eine Personenregie überhaupt gegeben hat.
Sängerisch zählt Macias' Grigori/Dimitri mit seinem resonanzreichen, gut sitzenden Tenor zu den Glanzlichtern des Abends, zusammen mit Pavel Daniluks würdigem Chronisten Pimen, Vladimir Stoyanovs markantem Jesuiten Rangoni sowie Rudolf Schaschings durchtriebenem Intriganten Schujski. Letzterer entwickelt sogar Ansätze zu einer echten Charakterrolle. Für die weiteren Partien kommt ein Grossaufgebot an Sängerinnen und Sängern zum Einsatz, und der Chor hat mehrere eindrückliche Auftritte. Doch eine eigentliche Protagonistenrolle gesteht ihm die Inszenierung nicht zu, denn sie sieht im Volk nur die gesichtslose, ewig leidende, nicht auch die manipulierbare Masse. – Mussorgskys Meisterwerk hätte Besseres verdient.