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»Die albanische Braut«

Albanische Literatur bietet mehr als nur Kadaré: Soeben übersetzt wurde »Die albanische Braut« (»I humburi«) von Fatos Kongoli
Thesar Lumi, Thesi, besteigt zwar das Schiff, dessen Fahrt übers Meer Tausenden von Albanern eine hoffnungsvollere Zukunft verspricht, aber er verlässt es wieder, bevor es in Richtung Italien ablegt. »Heimweh nach den vertrauten Gassen, wie man so schön sagt, trieb mich nicht an.« Den Grund für sein Zurückbleiben ist in der Leere zu suchen, die von seinem Erlebten zurückbleibt, und die zu überwinden er sich nicht mehr imstande fühlt, auch fern der schwierigen Heimat nicht, die ihn in eiserner Fessel zurückhält.
In sehr bildhafter Sprache beschreibt Fatos Kongoli zuerst Thesis Kindheit, über die ein Schatten geworfen wird, als er erfährt, dass ein Onkel aus Albanien geflohen ist und die Eltern von ihm verlangen, dass er diese Tatsache totschweigt, um »von dem kanzerösen, dunklen Fleck verschont zu bleiben«. Diese Mahnung konfrontiert ihn zum ersten Mal mit jenem System, das ihn schliesslich brechen wird. »Meine seelische Verkrüppelung setzte ein, als in mir ein brennendes, entsetzliches Geheimnis zu wohnen begann, damit geriet ich auf den Pfad der ewigen Sünde.«
Der Vater schlägt den Sohn, nachdem ihn der Schulleiter Xhoda (eine Figur, die einem durch die Kapitel hindurch immer wieder erscheint) scheinbar grundlos zusammengeschlagen hat, zu Hause nochmals. Als einzige Rache bleibt dem Buben die Vergiftung des Hündchens von Vilma, der Tochter des Schulleiters, deren junger Tod den Vater zum Irren macht.
Zuerst gelingt es Thesi jedoch durch Beziehungen einen Studienplatz in Tirana zu erhalten. Dort tritt Ladi in sein Leben, der Sohn eines einflussreichen Parteibonzen, mit dem er sich anfreundet und durch den er dessen Cousine Sonja kennenlernt. »Als ich Sonjas Anwesenheit bemerkte, fühlte ich mich wie jemand, der in fremder Umgebung im Finstern gesessen hat, und plötzlich gehen die Lichter an.« Die leidenschaftliche Liebe zu Sonja, erlebt Thesi wie ein Rausch, der aber plötzlich sein Ende findet. »Als ich aufwachte, war alle Farbe aus der Welt verschwunden.« Sein Leben in der Enge der Zweizimmerwohnung, die er mit seinen angepassten, ängstlichen alten Eltern teilt, ist nur noch aushaltbar durch exzessiven Alkoholkonsum und die Hilfe von Dori, den er bei seiner Arbeit in der Zementfabrik kennenlernt. Diese Zementfabrik erstickt das Städtchen im Staub und ist für Thesi die Hölle, die ihm fast seine Gesundheit raubt. Kein Funke Hoffnung kehrt in sein Leben zurück, er versinkt in Resignation, die durch erneute Begegnungen und Erfahrungen mit dem System in vollkommene Leere mündet.
Fatos Kongolis Sprachkraft ist eine literarische Entdeckung. Er beschreibt das Leben Thesis, das wie er selbst sagt, in »tödlicher Monotonie« abläuft, schonungslos eindrücklich. Thesis einzigen Bezugspersonen geben sich auf und begehen Selbstmord beziehungsweise prostituieren sich für das System. Er jedoch spürt nur lähmende Leere und Hoffnungslosigkeit und sagt von sich selbst: »Denn offensichtlich weiss ich weder, wie man lebt, noch, wie man stirbt.« Die kraftvoll, bildhaft erzählte Geschichte ist überzogen mit dem grauen Schleier der Hoffnungslosigkeit, den man kaum erträgt, und doch packt einen die Handlung und verführt zu atemlosem Lesen. Man weiss durch den vorweggenommenen Schluss von Anfang an, dass auch ein allfälliger Funke Hoffnung, der aufkeimt, zu keiner Wende in Thesis Leben führen wird. Im Gegensatz zu den Flüchtlingen auf dem Frachter nach Italien fehlt ihm die Kraft, an ein besseres Leben jenseits der Heimat zu glauben.
Der Amman Verlag zitiert einen französischen Kritiker: »Die albanische Braut ist wie eine Taube, die die Wiederkehr des Frühlings verspricht«. Hinsichtlich der Handlung ist dies eine vollkommen schleierhafte Aussage. Kein bisschen Frühling kann man in diesem Buch entdecken, nur tiefer, grauer kalter Winter, in dem man sich wünscht, ein paar Sonnenstrahlen würden ihn durchbrechen. Der Buchklappentext verspricht das Buch ausserdem als literarischen Schlüssel zum heutigen Albanien. Von einem Kenner Albaniens habe ich mir aber sagen lassen, das Buch habe bereits historischen Wert. Die Handlung endet im Albanien der frühen neunziger Jahre, als Flüchtlinge in überfüllten Schiffen die Heimat verliessen und niemand in Europa richtig an eine Zukunft dieses Landes glaubte. Im Gegensatz zur dannzumaligen totalen Agonie seien heute einige Hoffnungsschimmer auszumachen. Diese zeigten sich nicht zuletzt darin, dass die albanische Bevölkerung die Kraft und die Grösse hatte, ihre Hilfsbereitschaft den Flüchtlingen aus Kosova anzubieten. Eine solche Wende lässt das Buch nicht erahnen, und darum kann es kaum ein Schlüssel zum heutigen Albanien sein.
Rita Morosani
Die albanische Braut von Fatos Kongoli, Meridiane 19 - Ammann Verlag; ISBN 3-250-60019-9; SFr 38.-

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