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Weltweit verschwinden immer mehr Korallenriffe, durch Verschmutzung und Versauerung der Meere, aber auch dadurch, dass sich die Ozeane aufwärmen. Erst verlieren die Korallen ihre bunten Farben – bleichen aus –, dann sterben sie ab.
Da klang das, was israelische Zeitungen diesen Monat meldeten, wie eine Sensation: Die Korallenriffe im Roten Meer vor der Küste Israels – die zu den am weitesten nördlich gelegenen Flachwasserkorallenriffen der Welt zählen – wachsen seit einiger Zeit wieder, nachdem auch sie lange Zeit als stark bedroht gegolten hatten. Eine Anfang August vom israelischen Umweltschutzministerium veröffentliche Studie über den Zustand des Roten Meeres kommt zu dem Ergebnis, dass die Ausdehnung der Korallenriffe vor dem Badeort Eilat pro Jahr um durchschnittlich 0,5 Prozent zunimmt. Zahlen sich die Massnahmen zum Erhalt aus? Das Korallenriff vor Eilat steht unter strengem Schutz; zahlreiche Bojen signalisieren Schwimmern und Tauchern, wo zum Wohl der Korallen Bade- und Tauchverbot besteht.
Nicht alle Experten sind euphorisch
Aber können Eilats Korallenriffe tatsächlich als gerettet gelten? Für diese Annahme sei es zu früh, sagt der Vorsitzende von Israels Nationalem Institut für Ozeanografie und Süsswasserkunde, Baruch Rinkevich, gegenüber Audiatur-Online; die Grösse des Riffs sei von Jahr zu Jahr natürlichen Schwankungen unterworfen. „Die optimistischen Ansichten basieren auf Resultaten, die innerhalb der natürlichen Schwankungsbreite liegen und sind wahrscheinlich auf das Wachstum existierender Korallenkolonien zurückzuführen“, so Rinkevich. „Ich würde sagen, dass die Resultate einen stabilen Zustand des Riffs zeigen, mit einem minimalen Wachstumstrend bei der Ausdehnung, der entweder vorübergehend sein oder Vorbote eines wirklich erfreulichen Trends sein kann.“ Auf der anderen Seite gebe es auch Resultate, die Anlass zur Sorge gäben. So analysierten er und seine Kollegen derzeit etwa die Ergebnisse der Korallenansiedlung auf künstlichen Platten. Seit vier Jahren werden die Korallen monatlich gezählt, ebenso wie die Korallen in Proben, die von natürlichem Gestein entnommen werden. Einer der Orte, die Rinkevich und seine Kollegen studieren, ist das Flachwasserriff vor dem InterUniversity Institute (IUI) in Eilat. Mithilfe molekularer Werkzeuge konnten dort über 80 Korallenarten identifiziert werden. Gleichzeitig wurden deren Larven gezählt. Diese Zählung kam nur auf 25 – ein starkes Alarmsignal, so Rinkevich. „Das bedeutet eine dramatische Verringerung der Biodiversität des IUI-Riffs in der Zukunft, wenn die Larven die jetzigen Korallenkolonien ersetzen werden.“
„Wiederaufforstung“ von Riffen
Baruch Rinkevich war einer der Ersten, die darauf hinwiesen, dass aktive „Wiederaufforstung“ möglich und nötig sei. Dabei werden winzige Korallenfragmente im Labor kultiviert und dann auf Kästen mit Kunststoffnadeln geklebt, die in zehn mal zehn Meter grosse Seilnetze gebunden und dann in der richtigen Tiefe ausgesetzt werden. Auf diese Weise konnten vor der Küste von Eilat Korallenkolonien herangezogen werden, die dort, wo Korallen verschwunden waren, die Lücke füllen konnten. „Seit nunmehr zwei Jahrzehnten arbeiten wir an der Korallenzüchtung, die viel mit Forstbau und Wiederaufforstung gemein hat“,sagt Rinkevich. „Meine Behauptung – die vom israelischen Umweltministerium und einigen israelischen Wissenschaftlern derzeit noch abgelehnt wird – ist, dass wir, weil es kein einziges Beispiel dafür gibt, dass Korallen in der Nähe grosser Städte wie Eilat und Aqaba gedeihen können, neue Werkzeuge zur Wiederherstellung von Riffen entwickeln müssen, ansonsten werden sie trotz des grösstmöglichen Schutzes früher oder später absterben.“
Vor vier bis fünf Jahren, so Rinkevich, habe es nur drei Länder gegeben, die aktive Wiederherstellung von Riffen abgelehnt hätten: Australien, die USA und Israel. Im Lichte des kontinuierlichen Schrumpfens der Korallenriffe einerseits und weltweiter erfolgreicher Experimente zur Wiederherstellung von Riffen andererseits habe es sowohl in Australien als auch in den USA einen Sinneswandel gegeben: „Die australische Regierung hat dieses Jahr entschieden, 100 Millionen australische Dollar zur Wiederaufforstung von Korallenriffen zu geben. In den USA sind nicht nur Staaten wie Florida und Hawaii an solchen Projekten beteiligt, sondern auch die Behörden in Washington. Im Dezember 2018 wird es dort das erste Symposium zur Wiederherstellung von Riffen geben. Auch für die Gesundheit des Eilat-Riffes ist das wahnsinnig wichtig.“
Sind Eilats Korallen resistenter?
Andere israelische Meeresbiologen sind, was das Eilat-Riff betrifft, optimistischer als Rinkevich. Sie argumentieren, dass die dortigen Korallen resistenter gegen Meereserwärmung seien als Korallen anderswo in der Welt. Zu grosse Hitze ist einer der grössten Feinde von Korallen. „Wir haben Korallen über einen längeren Zeitraum hohen Temperaturen ausgesetzt, höheren, als den derzeitigen Sommerhöchsttemperaturen und sogar noch jenseits derer, die Modelle für das Ende des Jahrhunderts vorhersagen“, sagt Professor Fine Maoz, Meeresbiologe an der Bar-Ilan-Universität. Das Ergebnis: „Sie bleichten nicht aus.“ Laut Fine könnte das damit zusammenhängen, dass die Korallen im Golf von Eilat vor rund 6.000 Jahren vom heutigen Indien durch den Bab al-Mandab zwischen Dschibuti und dem Jemen ins Rote Meer gewandert sind. Dabei hätten sie sehr hohe Temperaturen überstehen müssen und nur die am stärksten hitzeresistenten hätten das heutige Eilat erreicht. Rinkevich ist skeptisch: Noch vor drei Jahren hätten australische Meeresbiologen behauptet, das Great-Barrier-Riff sei resistent gegen massenhafte Ausbleichung; diese Einschätzung habe sich in den letzten beiden Jahren als falsch herausgestellt. Schätzungsweise ein Drittel des Riffs ist im Zuge einer Hitzwelle 2016 abgestorben. Darum so Rinkevich, müsse man Werkzeuge entwickeln, um die Temperaturresistenz von Korallenkolonien zu verbessern.
Israel und Jordanien arbeiten Hand in Hand
Das erfordert internationale Zusammenarbeit. „Israelische Wissenschaftler aus Eilat arbeiten mit Kollegen aus aller Welt zusammen“, sagt Rinkevich. Er selbst etwa arbeite mit Wissenschaftlern aus den USA, Jordanien, Italien, Deutschland und Frankreich zusammen. Auch die für den Schutz des Roten Meeres und der Korallenriffe von Eilat und Aqaba besonders wichtige Zusammenarbeit mit dem Nachbarland Jordanien verlaufe reibungslos: „Neben der Kooperation des israelischen und des jordanischen Umweltministeriums gibt es zahlreiche gemeinschaftliche Forschungsprojekte, ich selbst arbeite derzeit an einem davon mit“, so Rinkevich.
Solche Projekte zeigen, dass das Klischee, wonach Israel in der Region isoliert sei und von all seinen arabischen Nachbarländern gemieden werde, glücklicherweise falsch ist. Der Eindruck entsteht leicht, weil Konflikte und Boykottaufrufe sich besser als Nachrichtenthemen eignen als friedliche Kooperation, die im Stillen geschieht und über viele Jahre läuft. Eines ist klar: Nur gemeinsam können die Anrainer des Roten Meeres das Gewässer und seine Bewohner, darunter die Touristenattraktion der Korallenriffe, auf Dauer schützen.
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