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Mit 204 Fonds und 273 Mrd Dollar verwalteten Vermögenswerten ist die Bostoner Fidelity Investment die grösste Anlagefonds-Gesellschaft der Vereinigten Staaten. Sie kontrolliert 11% der Assets aller Fonds und 1% der öffentlich gehandelten Inhaberpapiere. Zu dieser riesigen Fondsfamilie gehört auch der Fidelity Magellan, der grösste und vermutlich bekannteste Aktienfonds des Landes.
Wenn eine Firma genügend Anlagefonds betreut, dann ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass einige davon unter den Spitzenreitern figurieren, andere hingegen im Keller verharren. So will es das
Gesetz der grossen Zahl. Es wäre freilich unfair zu behaupten, der langjährige Erfolgsausweis von Fidelitys Magellan-Fund fusse auf diesem Prinzip. Der mit 34,2 Mrd Dollar grösste Wachstumsfonds
der USA war lange Jahre nicht nur der gewichtigste, er war zeitweise auch der beste. Ende 1991 führte er die "Best-Performers"-Statistik über die vergangenen zehn Jahre an. Ende 1992 lag er in
derselben Statistik auf Rang drei und Ende 1993 auf Rang fünf - mit einer Performance von 441,67%. Wann immer der Manager von Fidelitys Flaggschiff den Hut nimmt, dann ist eine Meldung an
prominenter Stelle gewiss, gefolgt von einem Porträt des Nachfolgers.
Peter Lynch, der 1990 im Alter von 46 Jahren die Kündigung einreichte, um angeblich mehr Zeit für Familie und Golf zu verwenden, ist auch heute noch ein gefragter Buchautor und hochbezahlter Gastredner. Sein Nachfolger Morris Smith verliess seinen Job nach zwei Jahren, nachdem er das Vermögen von 13 auf 20 Mrd Dollar aufstockte. Der heutige Fidelity-Manager heisst Jeffrey Vinik, 33 Jahre jung; er wird vermutlich mehr zitiert als der Fidelity-Chef Edward C. Johnson der Dritte.
Nicht nur der legendäre Magellan-Fund verdient besondere Erwähnung. Der Fidelity Select Health Care Portfolio belegt per 31. Dezember 1993 in der Zehnjahresstatistik mit einem Return von 471% den vierten Platz, und der Fidelity Select Bio Tech rangiert in der Fünfjahresstatistik gar zuoberst - und zwar mit einer Rendite von 273%.
Kein anderes Unternehmen der Vereinigten Staaten kontrolliert so viele Mutual Funds wie die in Boston beheimatete Fidelity Investments: 204 Funds mit 273 Mrd Dollar Assets. Fidelity verkauft individuellen Investoren 204 eigene Fonds, und darüber hinaus verwaltet sie rund 70 Mrd Dollar für institutionelle Anleger. Damit nicht genug: Die Finanzgesellschaft kontrolliert auch den zweitgrössten Discount-Broker, die Fidelity Brokerage Services Inc. mit landesweit 77 Filialen. In der Rangliste der grössten Anlagefondsgesellschaften folgt Merrill Lynch Co., die grösste Wall-Street-Firma, weit abgeschlagen hinter Fidelity auf Platz zwei, mit 100 Fonds und 130 Mrd Dollar Vermögen. So gibt es kaum eine Spezialität, in welcher Fidelity nicht vertreten wäre: von aggressiven Wachstumsfonds über Government Bond Funds, Growth & Income Funds, High-Yield Funds, International Bond Funds und Metall-Fonds bis hin zu Geldmarkt-Fonds. Nicht zu vergessen all die branchenspezifischen "Selects", 36 an der Zahl, von Luftfahrt über Nahrungsmittel bis hin zu Versorgungsunternehmen. Jüngstes Familienmitglied ist der Global Yield Trust, der in Junk-Bonds, derivativen Anlagen und in Wertschriften aufstrebender Dritt-Welt-Ländern investiert.Trotz der breiten Diversifikation sind die grossen Fondgesellschaften bekannt für ihre Spezialität. Bei Dreyfus und Franklin beispielsweise sind es die Obligationenfonds, bei Fidelity hingegen die Aktienfonds und in letzter Zeit sogar die Wachstumsfonds.
21 "Growth Funds" findet man im Sortiment: vom Magellan über den Contrafund, den Destiny I und II, den Retirement Growth, den Growth Company, den Low-Priced Stock oder den Advisor Growth Opportunities, um nur jene mit einem Nettovermögen von über 2 Mrd Dollar zu nennen. Mit einer einzigen Ausnahme, dem OTC, verzeichneten sie 1993 alle eine höhere Performance als der S&P-500-Index und lagen auch über dem Durchschnitt aller in den USA registrierten Wachstumsfonds.
Fidelitys Maschine wird von zwei Motoren angetrieben, Forschung und Marketing. Dabei scheint letzterer angesichts des Jahresbudgets von 30 Mio Dollar mindestens ebenso wichtig zu sein. Doch das Geheimnis von Fidelitys überdurchschnittlichem Erfolg lässt sich wohl nicht in einem simplen Rezept zusammenfassen. Viel hat wohl mit ihrer Grösse zu tun. "Wir haben einen Informationsvorsprung", meinte kürzlich William Hayes, Chef von Fidelitys Aktienfonds, und zwar weil man als grösste Fondgesellschaft und als einer der bedeutendsten institutionellen Anleger zu den Managementetagen praktisch aller Publikumsgesellschaften direkten Zugang geniesst. Ein anderer Pluspunkt liegt nach Meinung von Beobachtern in der Firmenkultur, was nicht immer leicht zu beschreiben ist. Die Manager der Fonds-Familie benehmen sich - eben - wie in einer Familie. So werden Informationen routinemässig ausgetauscht und zentral gespeichert. Man jagt die jungen, aggressiven Fundmanager nicht aufeinander los, man pflegt Teamarbeit und versucht, gemeinsam die Fonds der Konkurrenzgesellschaften zu schlagen. Zum Familiengefühl trägt bei, dass die Fondsmanager oft aus den eigenen Rängen rekrutiert werden: Als Peter Lynch die Geschicke des Fidelity-Magellan zur Verfügung stellte, setzte sich Morris Smith an seine Stelle, der vorher den OTC-Portfolio verwaltete. Und der nach Isräl ausgewanderte Smith wurde seinerseits durchs Jeff Vinik ersetzt. Er zeichnete zuvor für den Fidelity Growth & Income Fund verantwortlich.
Erschienen in der Handelszeitung am 19. Mai 1994