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Die aktuelle psychiatrische Literatur diskutiert kontroverse Themen: Wie gestalten wir zukünftig den diagnostischen Prozess – und braucht es überhaupt noch psychiatrische Diagnosen? Sind heute nicht «transdiagnostische» Ansätze erfolgversprechender? Wie können wir die Bedeutung einer dialogisch verfassten Befunderhebung betonen, um nicht zu sagen: verteidigen?
Im vorliegenden Heft kommen all diese Aspekte zum Tragen: Ivanova et al. stellen Interventionen bei emotionaler Dysregulation in Fällen vor, bei denen die betroffene (oft junge) Person zwar leidet, die Kriterien einer spezifischen Diagnose aber noch nicht erfüllt sind. Verschiedene Stadien («stages») einer solchen Dysregulation führen zu unterschiedlichen Interventionen. Dieser Ansatz hat einen «transdiagnostischen» oder, besser, «vordiagnostischen» Charakter. Auch im Beitrag von van Assche et al. geht es um ein komplexes Phänomen, um Alexithymie nämlich, die bei Menschen mit multipler Sklerose in der Korrelation mit Bildgebungsbefunden untersucht wird. Psychopathologische und neurobiologische Ebene zeigen sich hier als notwendig aufeinander verweisend – und nicht etwa als sich gegenseitig ersetzend.
Ein ausdrücklich «transdiagnostisches» Vorgehen wählen Martinez et al., indem sie bei psychischen Erkrankungen einen gestörten Prozess der Bedeutungszuweisung («aberrant salience») postulieren und empirisch untersuchen. Die Fähigkeit zur Herstellung eines tragfähigen «Sinnes» des sozialen Kontextes ist gerade bei psychotischen Erkrankungen häufig beeinträchtigt: Alltägliche Situationen wirken irritierend oder bedrohlich. In diesem Beitrag zeigen psychotische Personen häufiger Defizite in der Sinngebung komplexer Situationen, wohingegen basale Einschränkungen auf der Wahrnehmungsebene bei einem breiteren Spektrum psychischer Erkrankungen auftreten. Daraus lese ich, dass «transdiagnostisches» Denken uns sehr wohl weiterbringen kann, aber nicht etwa bedeutet, dass die von der tradierten Psychopathologie herausgearbeiteten Merkmale psychotischen Erlebens ihre Funktion als Orientierungsmarken verlieren.
Die Beziehung zwischen Gesellschaft und Psychiatrie, ein unerschöpfliches Feld von Debatten, bildet den Hintergrund für den Beitrag von Alves et al. zum Einfluss der COVID-19-Pandemie auf die Inanspruchnahme psychiatrischer Notfallstationen in einer Region Portugals. Entgegen ihrer Annahme finden die Autoren/innen eine markante Reduktion, vermeiden aber wegen der nicht repräsentativen Gruppe weitgehende Schlussfolgerungen. Jedoch weisen sie mit Nachdruck darauf hin, dass eine derart verminderte Inanspruchnahme das Risiko der Unterversorgung gerade von besonders unterstützungsbedürftigen Personen birgt. Von einem nicht minder aussagekräftigen Blickwinkel gehen Lubrano et al. das Spannungsfeld von Gesellschaft und Psychiatrie an: Die Analyse des US-amerikanischen Thrillers «Clean, Shaven» (1993) rückt das Hinterfragen klischeehaft-pejorativer Vorannahmen über psychisch Kranke in den Vordergrund.
Das notwendig mehrdimensionale Fach Psychiatrie wird, plakativ gesagt, durch die Klammer der Interpersonalität zusammengehalten, wobei der therapeutischen Beziehung besondere Bedeutung zukommt. Ein solches personenzentriertes Denken spricht aus Sollbergers Betrachtungen über ein Gemälde von Paul Goesch wie aus Whittles «First-Person-Account»-Beitrag. Letzterer zeigt, wie es gelingen kann, aus psychotischem Erleben trotz aller Belastung und allem Leid auch Chancen erwachsen zu lassen – ein ermutigender Text.
Im abschliessenden Interview mit Stefan Büchi geht es um die Relevanz des «Wie», also der Art und Weise, wie Psychotherapie im interpersonalen Kontakt tatsächlich geschieht, für den Behandlungserfolg. Besonders vielversprechend erscheint mir dieser Ansatz, sofern er auch «in der Breite» Anwendung findet, also in der Akutpsychiatrie und in der Langzeitbehandlung chronisch erkrankter Menschen.
Im Namen der Redaktion wünsche ich Ihnen eine gehaltvolle, zum Weiterfragen anregende Lektüre, die Sie mitten in aktuelle Debatten unseres Faches führen wird.
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