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Kinder
Was machen bei Traumsuse und Zappelphilipp?
Herausragende Persönlichkeiten wie Pablo Picasso, Albert Einstein und Wolfgang Amadeus Mozart vollbrachten grosse Werke. Klar ist, dass sie sich dadurch von der durchschnittlichen Masse abhoben – es wird ihnen sogar nachgesagt, dass sie ADHS hatten.
Die Kinder sind unkonzentriert, impulsiv und unruhig – diese Eigenschaften sind typisch beim Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS). Eine Sonderform ist das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS), bei dem die Kinder viel vor sich hinträumen. Dies kommt mehr bei Mädchen vor, wohingegen Jungs eher zappelig sind. Rund 50 Prozent der betroffenen Kinder zeigen auch noch im Erwachsenenalter gewisse Symptome.
Keine Erfindung unserer Zeit
Schon im 19. Jahrhundert schilderte der Psychiater Hoffmann die klassischen Erscheinungsformen in dem Buch «Struwwelpeter». Unsere heutige Definition stammt aus den 1980er-Jahren, doch bereits anfangs des 20. Jahrhunderts wurde diese Verhaltensauffälligkeit in einer medizinischen Fachzeitschrift von dem Arzt Still näher beschrieben. Er erwähnte ausdrücklich, dass es sich um eine angeborene Konstitution handelt. Ihm zufolge sind nicht eine falsche Erziehung oder unvorteilhafte Umwelteinflüsse verantwortlich. Damit räumte er sehr früh mit dem Vorurteil auf, dass Kinder mit ADHS schlecht erzogen wurden. Und welche Ursachen stecken tatsächlich dahinter? Es werden mehrere Einflüsse diskutiert, doch im Vordergrund stehen genetische Faktoren. Studien zeigen, dass Veränderungen in bestimmten Hirnstrukturen und deren Funktionen zugrunde liegen.
Ungesunde Süsswaren?
Untersuchungen legen nahe, dass verschiedene künstliche Farbstoffe und der Konservierungsstoff Natriumbenzoat ein hyperaktives Verhalten bei Kindern begünstigen. Die wissenschaftlichen Daten wurden von der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA als unzureichend eingestuft. Dennoch müssen in der EU seit 2010 alle Lebensmittel mit solchen Zusatzstoffen einen Warnhinweis aufweisen. Und wie sieht es mit der Behauptung aus, ADHS wird durch Zucker begünstigt? Es gibt zwar Anhaltspunkte, doch Studien konnten diesen Zusammenhang bislang nicht eindeutig bestätigen. Es gibt allerdings Hinweise, dass der Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel helfen kann.
Sanfte Hilfe
Bevor eine schulmedizinische Behandlung eingeleitet wird, suchen manche Eltern nach einer natürlichen Alternative. In Drogerien gibt es eine Vielzahl an Präparaten, die eine passende Ergänzung zur Schulmedizin sein können. Beispielsweise kann die Bachblütentherapie seelische Ungleichgewichte wieder in Einklang bringen. Es können individuelle Mischungen hergestellt werden, was genauso bei Spagyrik-Sprays möglich ist. Beliebte Bestandteile sind hier schlafförderndes Melissa und aggressionsabbauendes Staphisagria. Für kräftige Nerven ist auch das Schüssler Salz Nr. 5 bekannt, und das Schüssler Salz Nr. 2 ist ein wichtiges Kinder- und Entwicklungsmittel. Zur körperlichen Stärkung eignet sich zudem das Aufbaupräparat von Strath, dessen Wirkung in einer Studie untersucht wurde. Auch die Aromatherapie bietet verschiedene Möglichkeiten. So hat sich ätherisches Pfefferminzöl bei Schulkopfschmerzen bewährt, und eine Duftlampe mit Orangenschalenöl sorgt für eine gute Atmosphäre bei den Hausaufgaben. Und falls Sie einmal nicht weiter wissen, kann der Verein ELPOS (www.elpos.ch) Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen vermitteln. Der Alltag ist sicherlich nicht immer einfach, doch jedes Kind ist einzigartig, wofür wir es so lieben sollten, wie es ist.
Interview
Im Gespräch mit Dr. med. Johannes Kasper, Facharzt für Neurologie FMH sowie Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Luzern.
Wie stellen Sie die Diagnose ADHS? Gibt es eindeutige Erkennungssymptome?
Zuerst lasse ich die betroffene Person bei einem offenen Interview reden, um herauszubekommen, wo der Schuh am meisten drückt. Wenn dabei bestimmte Stichwörter fallen, werde ich natürlich hellhörig. Hier hake ich dann gezielt nach. Ein strukturierter Fragenkatalog hilft bei der weiteren Abklärung. Auffällig sind schulische Probleme – gerade Legasthenie (Lese-Rechtschreib-Schwäche) und Dyskalkulie (Schwierigkeiten beim Rechnen) sind oft mit ADHS verknüpft. Spannungen im sozialen Umfeld sind ebenfalls häufig – Beziehungsprobleme bei Erwachsenen sind keine Seltenheit. Von Interesse ist selbstverständlich auch die Familiengeschichte, da ADHS erblich ist. So ist es von Interesse, ob es auffällige Persönlichkeiten innerhalb der Verwandtschaft gibt. Hilfreich sind ausserdem Fremdinformationen von Eltern, Freunden oder Partnern. In einem technischen Teil führe ich zudem ergänzende psychologische Tests durch. Und schliesslich besteht noch die Möglichkeit, ein quantitatives Elektroenzephalogramm (EEG) durchzuführen. Damit kann festgestellt werden, ob veränderte Hirnströme vorliegen. Dies alles liefert Hinweise, um eine Diagnose zu stellen. Ein eindeutiges Ja oder Nein gibt es allerdings auch durch technische Befunde nicht. ADHS bleibt die Diagnose eines erfahrenen Klinikers.
Ist ADHS eine Modediagnose, die oft vorschnell gestellt wird?
Nein, ADHS ist definitiv keine überbewertete Modediagnose, sondern bittere Realität. Es ist vielmehr so, dass ADHS bei zig Kindern und Erwachsenen nicht oder erst spät diagnostiziert wird. Eine frühe Diagnose hätte ihnen jedoch häufig viele negative Erfahrungen ersparen können. Deshalb ist Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit, bei den Lehrern und vor allem auch innerhalb der Ärzteschaft so wichtig.
Welche Therapien empfehlen Sie?
Bei ADHS sind Medikamente die erste und wichtigste Behandlungsstrategie – vor allem bei schweren Formen sind sie notwendig. In 70 Prozent der Fälle werden mit Methylphenidat (z.B. in Ritalin®) gute Ergebnisse erzielt. Einmal Methylphenidat bedeutet übrigens nicht immer Methylphenidat. So ist es mit fortschreitender Gehirnentwicklung zuweilen nicht mehr notwendig. Oder es wird überflüssig, weil eine bestimmte Schwelle im Leben überstiegen wurde. Ein gutes Beispiel ist ein Jugendlicher, der endlich den richtigen Beruf gefunden hat. Generell habe ich beobachtet, dass sich ein ADHS-Betroffener im richtigen Umfeld sehr wohl fühlt und gute Arbeit leisten kann.
Wie stehen Sie der Alternativmedizin gegenüber?
Homöopathie zeigt bei Kindern manchmal günstige Effekte. Generell halte ich Omega-3-Fettsäuren, Zink und Vitamin B6 für empfehlenswerte Nahrungsergänzungen. Des Weiteren profitieren viele Menschen von der regelmässigen Einnahme von Vitamin D. Es wird nämlich vielfach unterschätzt, dass auch im sonnigen Sommer ein Mangel vorliegen kann. Ausreichend Vitamin D ist allerdings für unsere Knochen wichtig, und es wirkt sich positiv auf unsere Stimmung aus. Ausserdem werden mit der Neurofeedback-Methode teilweise gute Erfolge erzielt – es ist jedoch mit einem grossen Aufwand verbunden. Ich selbst setze in erster Linie schulmedizinische Behandlungsmethoden ein, vor allem weil ich in meiner Praxis häufig schweren Formen von ADHS gegenüberstehe.
Empfinden Sie eine psychologische Therapie als sinnvoll?
Coaching ist sehr effektiv. Etwa anhand von Checklisten wird der Tagesablauf kontrolliert – dies soll Struktur in den Alltag bringen. Hier können sich Eltern oder Partner sehr gut einbringen. Psychotherapie zeigt jedoch keinen grossen Nutzen auf die ADHS-Kernsymptome: Die Patienten verlassen nach der Sitzung das Zimmer, und alles ist in der Regel wie weggeblasen. Psychotherapie ist jedoch notwendig bei vielen der Begleiterkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen.
Gibt es etwas, das Ihnen besonders am Herzen liegt?
Es ist eine grosse Studie geplant, um die Biomarker und genetischen Gegebenheiten bei ADHS näher zu beleuchten. Ich wünsche mir, dass dadurch irgendwann ein gezielterer Einsatz der Medikamente möglich wird. Gleichzeitig ist mir viel daran gelegen, dass die Menschen ihre Vorurteile gegenüber ADHS abbauen.
Text und Interview: Monika Lenzer