Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03547.jsonl.gz/889

Der 80-jährige Hans Hossle aus Brugg hat von 1963 bis zur Schliessung 1972 in der Automontage Schinznach gearbeitet. Er erinnert sich gern an diese besondere Epoche in der Schweizer Automobilgeschichte zurück, als die AMAG Fahrzeuge der Marken Chrysler und Dodge montierte und ihnen einen Swiss Finish verpasste.
Herr Hossle, Sie haben 9 Jahre lang in der Automontage Schinznach gearbeitet. Wie sind Sie zur AMAG gekommen?
Hans Hossle: Geboren und aufgewachsen bin ich in Baar, also ganz in der Nähe, wo heute die AMAG ihren Hauptsitz hat. Später zogen meine Eltern mit der Familie in den Aargau, wo mein Vater in Windisch in einer Spinnerei Arbeit fand. Dort arbeitet ich dann als junger Mann auch. Damals hiess es, dass die AMAG in Schinznach gute Löhne bezahle. Deshalb ging ich im Alter von 23 Jahren an einem Donnerstag bei Herrn Huter vorbei, dem damaligen Chef der Automontage. Am Montag darauf konnte ich schon mit der Arbeit beginnen. Das war im Jahr 1963.
Sie haben den guten Lohn erwähnt. Wie viel verdiente man denn damals bei der AMAG?
Anfänglich arbeitete ich im Stundenlohn. Pro Stunde erhielt ich 4.80 Franken. Erst nach fünf oder sechs Jahren wurde ich mit einem festen Arbeitsvertrag ausgestattet. Der Monatslohn betrug dann 970 Franken. Zum Vergleich: Das Mittagessen in der Kantine kostete seinerzeit 1.50 Franken. Wenn man sich noch etwas dazuverdienen wollte, konnte man sich hin und wieder am Samstag für Arbeitsvorbereitungen melden. Und wenn man nach der Arbeit im Birrfeld noch mithalf, Bahnwagen zu entladen, hat man für 2 Stunden 70 Franken bekommen.
Wie sind Sie von Ihrem Wohnort Brugg jeweils zur Arbeit nach Schinznach gekommen?
Ich fuhr damals einen VW Käfer und meistens mit ihm auch zur Arbeit. Aber die AMAG bot damals auch einen Shuttle-Bus-Service an. Die Mitarbeiter, die am weitesten weg wohnten, holten am Morgen auf der Strecke nach Schinznach Kollegen zuhause mit einem VW Bus ab und fuhren sie am Abend wieder zurück. Ein Bus fuhr sogar zwischen Deutschland und der Automontage hin und her.
Was war genau Ihre Aufgabe in der Automontage?
Da muss ich etwas ausholen. Wir bauten ja in Schinznach zu meiner Zeit hauptsächlich die drei Modelle Chrysler Valiant sowie Dodge Dart und Barracuda zusammen. Die Einzelteile kamen in Holzkisten per Schiff von Detroit nach Rotterdam und von dort weiter mit der Bahn nach Schinznach. Die Verzollung wurde direkt auf dem Gelände der AMAG abgewickelt, wo sich eigens dafür ein Zollfreilager befand. Mein Job war es, zusammen mit zwei Kollegen die Kisten entgegenzunehmen, zu öffnen und zu überprüfen, ob der Inhalt mit den mitgelieferten Papieren übereinstimmte.
Wie muss man sich das vorstellen?
In einer Holzkiste waren zum Beispiel 24 Motoren verpackt. Die Vergaser und die Schrauben waren in den Zwischenräumen verstaut. Sämtliche Teile für 24 Autos fanden in 12 Kisten Platz. Natürlich stimmte der Inhalt nicht immer mit den Papieren überein. Manchmal wurden nur linke Kotflügel geliefert, so dass man die rechten nachbestellen musste. Bis diese dann da waren, ging es 4 bis 6 Wochen. Deshalb haben wir immer ein kleines Lager mit Teilen unterhalten, damit die Montage weitergehen konnte. Das Holz der Kisten holte jemand einmal pro Woche ab.
Was war sonst noch speziell an diesen Lieferungen?
Alle Karosserieteile waren für den Transport über den Atlantik eingefettet, um sie vor dem Meerwasser zu schützen. Deshalb mussten sie bei uns in der Montage zuerst gewaschen werden, bevor sie in die Spenglerei gingen. Es kam auch vor, dass Karosserieteile Dellen hatten, die ausgemerzt werden mussten. Im Spritzwerk wurden sie dann in der bestellten Farbe der Kunden gespritzt oder in Farbe getaucht.
Kam tatsächlich jedes einzelne Teil aus Detroit nach Schinznach?
Nicht ganz. Zwar lieferten die Amerikaner jede Schraube und jede Mutter an. Doch die Autoscheiben bezogen wir von einem Hersteller in der Schweiz. Das Glas wäre für die lange Reise zu anfällig für Schäden gewesen.
Wie viele Autos wurden pro Tag in der Automontage zusammengebaut?
Wir arbeiteten auf zwei Fertigungslinien. Die interne Vorgabe war, dass wir pro Tag acht Autos montierten – von Montag bis Freitag. Meistens schafften wir aber neun Stück. Dann bekamen wir eine Stunde mehr ausbezahlt. Insgesamt arbeiteten rund 140 Leute in der Automontage, darunter 10 bis 15 Lehrlinge. Alle Arbeiten wurden von Hand erledigt, nichts war automatisiert. Manchmal kamen Chrysler-Leute aus den USA bei uns vorbei, um zu schauen, wie wir arbeiten. Einer sagte einmal: «Was Ihr in einem Jahr macht, schaffen wir an einem Vormittag.»
Machten alle Mitarbeiter immer dasselbe oder wechselte man sich mit den Tätigkeiten ab?
Es war eine komplette Spezialisierung. Jeder machte immer gleiche Arbeit. 50 Wochen im Jahr. Im Sommer hatten wir 2 Wochen Betriebsferien. Das war’s. Einer war zum Beispiel für die Testfahrten zuständig. Mit jedem Fahrzeug, das die Automontage verlassen hatte, fuhr er auf dem AMAG Gelände und auf öffentlichen Strassen herum, zum Beispiel den Bözberg hoch.
1972 war dann Schluss mit der Automontage. Wie war das für Sie und ihre Kollegen?
Das war natürlich ein einschneidender Entscheid. Aber das Montieren von Autos aus den USA lohnte sich für die AMAG nicht mehr. Ich erinnere mich noch genau: Im März 1972 wurden alle Mitarbeiter der Automontage ins Schulhaus in Schinznach zu einer Infoveranstaltung eingeladen. Dort wurde die Schliessung auf Ende September bekanntgegeben. Wer eine neue Stelle fand, konnte sofort gehen. Wer wie auch ich bis zum Schluss blieb und mithalf, alle Aufträge noch zu erledigen, bekam zusätzlich 4000 Franken ausbezahlt. Am letzten Tag gab es eine feierliche Schlusszeremonie.
Wie ging es dann für Sie beruflich weiter?
Mit Glück und Zufall kam ich nach meiner Zeit bei der Automontage zur Schweizer Armee. In der Kaserne Brugg konnte ich zunächst als Schiessplatzwart und später -chef arbeiten. Bis zu meiner Pensionierung.
Mit welchen Gefühlen denken Sie an Ihre Lebensphase bei der Automontage zurück?
Es war eine schöne Zeit, an die ich mich sehr gern zurückerinnere.