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Idole der Männlichkeit
Burt Reynolds wird 80, meine Damen und Herren. Sie erinnern sich doch an Burt Reynolds? Schauspieler und legendärer Ausfalter von «Cosmopolitan», männliches Sexsymbol der Siebziger- und Achtzigerjahre und Star solcher cineastischen Meilensteine wie «Smokey and the Bandit» (deutsch: «Ein ausgekochtes Schlitzohr») oder «Cannonball Run» (deutsch: «Auf dem Highway ist die Hölle los»), Filme aus einer anderen Zeit, einer uns heute fremden Epoche der Populärkultur, als ein Ölscheich noch als Witzfigur konzipiert wurde. Und Männer noch anders aussahen. Damals wurde männliche Attraktivität im popkulturellen Mainstream weitaus grosszügiger als heute aufgefasst, nämlich im Wesentlichen als eine Frage der groben Proportionen und generellen Allüren.
Was nicht heissen soll, dass Burt Reynolds nicht sexy gewesen wäre. Der ganz junge Burt Reynolds hatte Ähnlichkeit mit dem jungen Marlon Brando. Beide sind nicht besonders glücklich alt geworden. Burt Reynolds hat Höhen und Tiefen erlebt, er weiss um das Stigma erhörter Gebete und hat den Druck und die Gnadenlosigkeit des Showgeschäfts zu spüren bekommen und auch dessen Verschärfung der Körpernormen für Männlichkeit, und wenn man «Burt Reynolds Plastic Surgery» googelt, erscheint eine endlose Galerie eindrücklicher Vorher-nachher-Bilder. Doch das Toupet blieb immer drauf, und Burt Reynolds ist jetzt das, was man im Showbusiness eine Legende nennt, und eine solche trägt, auch bei grösseren Stars als Reynolds, stets Elemente der Selbstparodie. Und so könnte man Reynolds als Relikt aus einer anderen Zeit qualifizieren, als ein erledigtes Ideal unironischer Männlichkeit einordnen, zwischen Clark Gable und Hugh Hefner (der dieses Jahr ebenfalls ein Jubiläum feiert, allerdings noch zehn Jahre mehr als Reynolds auf dem Buckel hat).
Aber Vorsicht. Nicht so schnell. Unironische Männlichkeit ist wieder im Kommen. Freilich ohne die maskuline Selbstverständlichkeit, die Reynolds an den Tag legte. Heute ist Männlichkeit eine Aufgabe, ein Projekt: die Optimierung und Aktivierung des Selbst, die Versportlichung der Sitten und Körper in einer spätmodernen Gesellschaft, in der das Wettbewerbsparadigma die Transzendenz ersetzt hat. Dem spätmodernen Mann stehen alle Möglichkeiten offen, jedenfalls im Diesseits. In einer geschlossenen Welt kommt es darauf an, seinen Platz zu finden; in einer unendlichen Welt darauf, über sich hinauszuwachsen. So ist die Logik der Einordnung ersetzt worden durch die Logik der Anstrengung, die grenzenlose Überschreitung, das endlose Überwinden seiner selbst, den Begriff der Leistung.
Körperformung zum Beispiel ist sichtbare Leistung, und der getrimmte, muskulöse Körper ist heute ein populäres Rollenmuster für virile Attraktivität, ob das Feuilleton sich dagegen sträubt oder nicht. Interessant ist die Änderung des Fortschrittsgedankens, die dahintersteht: Während früher, im letzten Jahrhundert, Fortschritt gedacht wurde anhand der Möglichkeit einer vorgegebenen, wenn auch schwer erreichbaren Perfektion, zum Beispiel verkörpert durch Burt Reynolds, ist die spätmoderne Vorstellung von Perfektion ihrem Wesen nach in gewisser Weise immer unerreichbar, getragen vom Gedanken eines unbegrenzten, unendlichen Fortschritts, unendlicher Optimierungsprojekte, die im Grunde gar nicht um den Gedanken der Perfektion kreisen, sondern den der Perfektabilität. Also könnten wir vielleicht innehalten und etwas lernen von Burt Reynolds. Genauer: aus seinem Beispiel. Nämlich: Maskuliner Charme hat nicht in erster Linie zu tun mit physischer Schönheit, mit Symmetrie und Ebenmass, noch nicht mal mit Eleganz, sondern mit einer gewissen Ausstrahlung und sicheren Selbstverständlichkeit im Auftritt, die man nur schwer trainieren kann. Das ist nicht fair, aber wahr. Und auf keinen Fall eine Entschuldigung, mit der Leibesertüchtigung aufzuhören. Happy Birthday!