Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03418.jsonl.gz/2172

Der Bischof von Genf, Lausanne, Freiburg und Neuenburg, Charles Morerod, hat den Rücktritt von seinem Amt nicht ausgeschlossen. Sollte er feststellen, dass er grosse Fehler gemacht habe, sei es besser zu gehen, sagte er in einem Interview.
Der Freiburger wollte sich im am Donnerstag publizierten Interview mit «Arcinfo» nicht zu den Vorwürfen gegen ihn äussern. Denn eine Untersuchung sei im Gange.
Die Ergebnisse der Untersuchung warte er mit Gelassenheit ab, sagte er im gleichentags publizierten Interview mit «La Liberté». Sein Amt als Bischof läge ihm aber nicht besonders am Herzen. «Wenn ich von meinem Amt zurücktreten müsste, wäre das für mich eine Befreiung», sagte er der Freiburger Zeitung.
Der «SonntagsBlick» hatte in der aktuellen Ausgabe Vorwürfe gegen ihn publik gemacht, wonach er nach der Meldung von Missbrauchsfällen nicht eingeschritten sein soll. Einen Priester soll er dennoch befördert haben.
Vom Studienbefund der Universität Zürich zu sexuellen Missbrauchsfällen und deren Vertuschung in der katholischen Kirche zeigte sich Morerod nicht überrascht. Bei der Sichtung von Archiven habe er mehrmals Dokumente an Orten gefunden, wo sie nichts zu suchen gehabt hätten, sagte er.
Zwischen 2012 und 2016 gab es laut der Studie in der Diözese von Morerod keine Fachstelle für Fragen rund um sexuellen Missbrauch. Die zuständige Kommission sei «insbesondere auf Wunsch einiger Opfer» nicht erneuert worden, sagte Morerod darauf angesprochen. «Ich wollte dann eine neue Westschweizer Kommission bilden», sagte er. Dies habe aber nicht funktioniert.
Der Bischof empfing die Betroffenen also persönlich: «Es war sehr selten, dass ich selbst die Untersuchungen durchführte.» Denn er habe die Fälle selbst gemeldet. Über die Zeit ohne Anlaufstelle zeigte er sich «überhaupt nicht glücklich».
Morerod ging auch auf die Missbrauchsfälle von fünf Priestern in seiner Diözese ein. Sie standen 2020 unter Verdacht, pädophile Handlungen begangen zu haben. In zwei Fällen sei die Justiz zum Schluss gekommen, dass es keinen Grund für eine Strafverfolgung gab, sagte er.
In weiteren Fällen waren die Taten juristisch verjährt. Die Personen müssten überwacht werden, sagte Morerod. Eine psychologische Betreuung werde beantragt.
«In den problematischsten Fällen kann ich einem Priester sein Amt entziehen oder ihn in seinem Wirkungsbereich stark einschränken», sagte Morerod. Das seien Massnahmen, die er nach eigenen Angaben relativ kürzlich ergriffen habe.
Die Universität Zürich hatte am Dienstag eine Studie veröffentlicht, die 1002 Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche in der Schweiz seit der Mitte des 20. Jahrhunderts dokumentiert. Den Forschern zufolge handelt es sich dabei nur um die Spitze des Eisbergs, da die meisten Fälle nicht gemeldet und Dokumente vernichtet wurden. (sda)