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Frauen verdienen im Durchschnitt einen Viertel weniger als Männer, bei den über 45-Jährigen ist es sogar ein Drittel.
Eine neue Studie zeigt erstmals konkret die ökonomische Realität älterer Arbeitnehmerinnen in den grösseren Schweizer Städten.
"Es gibt recht viele Daten zum Thema Lohnungleichheit zwischen Mann und Frau", kommentiert Kathrin Barioli, Chefin des Gleichstellungsbüros von Zürich. "Aber über die Situation bei den älteren Arbeitnehmenden hatte man bisher überhaupt keine Informationen."
Deshalb erhielt Professor Yves Flückiger von der Arbeitsbeobachtungs-Stelle der Universität Genf den Auftrag zu einer entsprechenden Studie über die in der Privatwirtschaft Beschäftigten im Kanton Zürich. Diese machen einen Fünftel der berufstätigen Bevölkerung der Schweiz aus.
Auch dort, wo sonst Gleichstellung herrscht, ist das Alter bei Frauen ein bestimmender Faktor in Bezug auf den Lohn, wie das Team des Genfer Professors feststellte. Über 45-jährige Frauen verdienen im Durchschnitt 35% weniger als gleichaltrige Männer. Der landesweite Durchschnitt bei allen Altersklassen zusammen liegt bei 28%.
"Diese Unterschiede sind in der Schweiz viel grösser als im übrigen Europa", hält Flückiger fest.
Frauen im Kader untervertreten
Frauen über 45 sind zudem in höheren und mittleren Kaderstellen eindeutig untervertreten (8% Frauen gegenüber 19% Männer, resp. 10% gegenüber 17%).
Frauen haben Mühe, höhere Stufen zu erreichen, wo sie mehr verdienen könnten.
"Bei den Beförderungen halten sich die Vorurteile gegen die Frauen hartnäckig", erklärt Yves Flückiger. "Nehmen wir zum Beispiel die angeblich häufigere Abwesenheit am Arbeitsplatz von Frauen mit Kindern: Dieser Vorwurf erweist sich als unbegründet."
Der Professor erinnert daran, dass Männer, die Militärdienst leisten, weit häufiger an ihrer Arbeitsstelle fehlen als Frauen. Die Arbeitgeber diskriminierten also die Frauen, "wenn auch meist unbewusst".
Mutterschaft als Nachteil
Es gibt aber auch objektive Gründe für diese Lohnunterschiede. Frauen dieser Generation sind weniger gut ausgebildet als gleichaltrige Männer (16% der Frauen haben eine höhere Schulbildung, bei den Männern sind es 37%).
"Aber innert einer Generation haben die Frauen zwischen 20 und 30 die Männer in diesem Bereich (Bildung) fast eingeholt." Das hat auch Auswirkungen auf die Lohnunterschiede, die dadurch kleiner werden.
Ein weiterer Punkt ist die berufliche Erfahrung. In Frauenkarrieren gibt es wegen der Mutterschaft oft Unterbrüche, und dies schmälert die Aufstiegschancen.
Im Vergleich zu Europa sind die Frauen in der Schweiz bei Mutterschaft klar benachteiligt: Es fehlt eine Mutterschafts-Versicherung, und es gibt zu wenig Betreuungsplätze für kleine Kinder.
Zudem wirkt sich eine Heirat bei Frauen negativ auf den Lohn aus, während Männer dagegen dadurch eher aufgewertet werden.
Teilzeitarbeit der Frauen
Über die Hälfte der Frauen arbeitet Teilzeit, meist wegen familiärer Verpflichtungen. Bei den über 45-jährigen Frauen nimmt der Anteil noch zu (67%). Bei den Männern hingegen sind es weniger als 10%.
In Bezug auf den Lohn scheinen Teilzeit arbeitende Männer stärker benachteiligt zu sein, während es bei den Frauen laut dem Bericht eher als Vorteil gilt. Das heisst, die Arbeitgeber betrachten die Teilzeitarbeit nach wie vor als atypisch für Männer.
Sie glauben, dass es bei Teilzeit arbeitenden Männern an Produktivität und Ehrgeiz mangelt. Bei Frauen erscheint diese Art Anstellung dagegen als ein Zeichen grösserer Flexibilität. Diese kommt im Übrigen den Unternehmen entgegen, die je nach Sektor grosse Vorteile davon haben.
Die Frauen nehmen also eher Stellen an, bei denen Teilzeitarbeit von Vorteil ist und die ihnen helfen, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Was ihre Möglichkeiten natürlich einschränkt.
Prekäre Stundenlöhne
Laut den Genfer Soziologen haben die tieferen Frauenlöhne ihre Ursachen eher im Stundenlohn als in der verbreiteten Teilzeitarbeit.
Rund 20% der Frauen arbeiten im Stundenlohn, aber nur 6% der Männer. Dies führt zu einem um 10% tieferen Lohn bei den unter 45-jährigen Frauen, bei den älteren sind es fast 12%.
Die Auswirkungen auf die Pension
Tiefere Löhne sind aber Faktoren, die einen direkten Einfluss auf die Pension haben. Je tiefer die Beiträge, desto tiefer die AHV (Alters- und Hinterbliebenen-Versicherung).
Und die Frauen, die seit der Einführung der AHV 1948 indirekt dadurch etwas entschädigt wurden, dass sie früher pensioniert wurden, müssen nun ab 2009 wie die Männer bis 65 arbeiten.
Dazu kommen grosse Veränderungen in der Familienstruktur, namentlich die steigende Scheidungsrate, welche die Unsicherheit der Frauenrenten noch erhöht. "Die Pension müsste vom Haushalt unabhängig sein", schlägt Flückiger deshalb vor.
Zwar verringern sich die Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau mit jedem Jahr etwas, trotzdem glaubt Flückiger, dass "die Angleichung der Löhne ein Jahrhundert-Prozess" sein wird.
swissinfo, Anne Rubin
(Übertragen aus dem Französischen: Charlotte Egger)
Fakten
Frauen verdienen nach wir vor 23% weniger als Männer, bei den über 45-Jährigen sind es gar 34%.
Das Gleichstellungsgesetz (GIG) ist am 1. Juli 1996 in Kraft getreten.
Die Schweiz hat 1997 das UNO-Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau ratifiziert.
Die Schweiz ist das letzte Land Europas ohne Mutterschafts-Versicherung.
In Kürze
Die Studie untersuchte die Lage der privatwirtschaftlich Beschäftigten im Kanton Zürich.
Diese machen einen Fünftel der aktiven Bevölkerung der Schweiz aus.
Die Studie beruht auf zwei Erhebungen des Bundesamtes für Statistik von 1998:
- Schweizerische Lohnstrukturerhebung (SLE)
- Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (SAKE)
Die Studie ist repräsentativ für die grossen Schweizer Städte.