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Brief von Roland Näf¶
Sehr geehrter Ballerfreund
Zuerst möchte ich Ihnen für das engagierte und interessante Mail danken. Da ich unzählige zustimmende und kritische Mails erhalten habe, ist es mir leider nicht mehr möglich auf die einzelnen erwähnten Aspekte individuell einzugehen. Meine Haltung bzw. Argumente finden Sie auf meiner Homepage, alle von Ihnen erwähnten Aspekte habe ich schon diskutiert aufgrund von Fragen der Presse:
Zusammengefasst halte ich fest, dass Aggressivität und Gewaltanwendung nie monokausal erklärt werden können. Ich gehe also nicht davon aus, dass Sie als engagierter Mail-Schreiber zum Täter werden. Jene, auf deren Verhalten ich ziele, werden sich kaum bei mir melden (ausser vielleicht die paar, die sich anonym verlauten liessen und mich als Zielscheibe einsetzen wollen). Die Komplexität der menschlichen Psyche verbietet es, einzelnen Ursachen einen entscheidenden Einfluss zuzuweisen. Das ist mir als Wissenschaftler (pädagogische Psychologie) wichtig. Aber in Anbetracht der schrecklichen Gewalt, die von einzelnen Jugendlichen ausgeübt wird, gilt es zu Gunsten der möglichen Opfer alle Massnahmen zu ergreifen, welche die Wahrscheinlichkeit von gewalttätigen Übergriffen vermindern. Dazu gehören die Bekämpfung von Killerspielen genauso wie die Erschwerung des Zugangs zu Waffen. Ebenso erachte ich die Bekämpfung des Alkoholkonsums als wichtig. Aber Achtung, genauso wenig, wie ich den Alkohol vollständig verbieten will, möchte ich auch nicht Videogames radikal aus dem Verkehr ziehen. Meine Standesinitiative ist sehr differenziert: Ich will dazu beitragen, dass der Begriff "Killerspiele" gesetzlich definiert wird. Es handelt sich dann um Killerspiele, wenn das Töten von Menschen oder menschenähnlichen Wesen zum Spielerfolg beiträgt (Punkte oder Erreichen eines höheren Levels). Meine Definition hängt mit Forschungsergebnissen der Neurologie zusammen: Dopamin (Glückshormon, für Lernprozesse entscheidend) wird ausgeschüttet, wenn der Spieler für die virtuell ausgeübte Gewalt belohnt wird. Oder noch etwas einfacher gesagt: Werden in einem Game die Anwendung von Gewalt mit Punkteabzug bestraft und anderseits Verhinderung von Gewalt, Schutz von Menschen oder solidarische Handlungen mit Punkten belohnt, ist das Spiel für mich in Ordnung.
Ihr Mail mit vielen guten Argumenten überzeugt mich davon, dass Sie persönlich kaum zum Täter werden, der Realität nicht von virtueller Gewalt unterscheiden kann. Aber Sie sollten sich bewusst sein, dass es viele junge Männer mit grossen psychischen Problemen gibt, bei welchen die Auswirkungen nichts zu tun haben mit der Faszination, mit der Sie in Ihrem Mail Ihr Hobby beschreiben. Aber seien wir ehrlich, es ist doch kein Problem faszinierende Games zu entwickeln, die auch ohne virtuelle, grausame Gewalt die Gamer-Gemeinschaft mit guter Grafik und strategisch anspruchsvoll zu begeistern vermögen. Warum brauchen Sie persönlich eigentlich virtuelles Töten, um auf Ihre Rechnung zu kommen? Gehen Sie bitte in sich und analysieren Sie Ihre Gefühle!
Mit freundlichen Grüssen
Roland Näf