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WW: Ein Mönch fragte den Ummon: ,,Kein Gedanke erhebt sich, ist das richtig oder falsch?“
Diop: Und was antwortete Ummon?
WW: Ummon sagte: ,,Berg Sumeru“.
Diop: Was bedeutet das?
WW: Das Koan könnte auch lauten: „Was ist, wenn ich in der Leerheit sitze?“ Ummon: „Reines Beobachten.“ Der Berg Sumeru, im Sanskrit „Weltenberg“ genannt, war nach altindischer mythologischer Vorstellung der Wohnort der Götter. Nach buddhistischem Glauben ist der Sumeru von Meeren und Kontinenten umgeben. Darüber befindet sich der Bereich der Götter. Berge waren schon immer ein Symbol des Erhabenen.
Diop: So ist es auch nicht verwunderlich, wenn Menschen in unseren Tagen immer wieder versuchen, höchste Berge zu bezwingen.
WW: Im alten China bedeutete „Berg“ die Verbindung zwischen Himmel und Erde.
Diop: Aber was hat der Berg mit uns zu tun?
WW: Versuchen Sie einmal, sich hinzusetzen wie ein Berg, fest und unerschütterlich, aufrecht und majestätisch, unbewegt von allen tiefen Felsenschluchten und wunderschönen Aussichten. Nichts kann diesen Berg erschüttern. Obwohl Lawinen die Berghänge hinunterdonnern, also Gefühle und Gedanken aufsteigen, bleiben Sie unberührt davon. In diesem Koan wird die Übungsform des Shikantaza angesprochen, also das reine Beobachten und Wahrnehmen der Form und seiner Dynamik.
Diop: Das klingt wunderschön, aber wie soll ich dann mit den Gedanken umgehen, die ständig auftauchen?
WW: Zen-Meister Bankei würde darauf antworten: Gedanken, die sich einstellen, aus dem Geist zu verbannen ist wie das Abwaschen von Blut mit Blut. Vielleicht gelingt es dir, das ursprüngliche Blut fortzuspülen, doch dann bist du immer noch besudelt von dem Blut, das du zum Waschen benutztest. Und du magst weiterwaschen, solange du willst, die Blutflecken werden nie verschwinden. Da du nicht weißt, dass dein Geist ursprünglich ungeboren und unsterblich und ohne Verblendung ist, glaubst du, deine Gedanken besäßen Wirklichkeit, und so bleibst du an Geburt und Tod im Lebensrad gebunden. Du musst dir klarmachen, dass deine Gedanken flüchtig und unwirklich sind. Ohne an ihnen zu haften und ohne sie von dir zu weisen, lass sie einfach von selbst kommen und gehen. Sie sind wie Spiegelbilder. Ein Spiegel, strahlend klar, spiegelt alles, was vor ihm erscheint. Doch das Bild bleibt nicht im Spiegel. Der Buddha-Geist ist zehntausendmal klarer als jeder Spiegel und überdies wunderbar erleuchtend. Alle Gedanken verschwinden spurlos in sein Licht.
Diop: Bankei spricht davon, dass wir glauben, Gedanken besäßen Realität.
WW: Ja. Unser Problem ist, dass wir uns ständig mit unseren Gefühlen und Gedanken identifizieren. In Wirklichkeit identifizieren wir uns aber nur mit unseren Spiegelbildern, mit den Reflexionen, die an diesem Spiegel - unserem Bewusstsein - vorüberziehen. Wir sind wie kleine Kinder, die allem hinterherlaufen, was ihnen gefällt, oder weglaufen vor dem, was ihnen Angst macht. Deshalb sagt Zen: Schaue einfach alles an, was vor diesem Spiegel auftaucht, mache dich nicht daran fest, beurteile es nicht, analysiere es nicht und lass es wieder los.
Diop: Das klingt, wenn man es hört, ganz einfach.
WW: Das ist es auch. Wir müssen einfach lernen, unseren Geist ganz gelassen zu betrachten.
Diop: Was meinen Sie mit Geist? Gibt es einen Geist in mir?
WW: Nein.
Diop: Aber wer ist es dann, der hört, sieht und fühlt?
WW: Ich würde diesen Geist lieber als Nicht-Geist bezeichnen. Dieser Nicht-Geist ist es, der hört, sieht und fühlt. Nur unser Verstand ist es, der diesen Nicht-Geist ständig einfärbt.
Diop: Aber wenn ich nun davon ausgehe, dass es keinen Geist gibt, wie kann ich dann hören und fühlen?
WW: Unser Sehen, Fühlen und Hören ist in Wirklichkeit ein Nicht-Sehen, ein Nicht-Fühlen und ein Nicht-Hören. Dieses durch nichts eingefärbte Nicht-Sehen ist unser Nicht-Geist. Es ist ein Sehen, ohne zu sehen. In den Upanishaden wird dies so beschrieben: „Wer bewegt denn den Geist und entsendet ihn? Wer bringt den Lebensatem als erster hervor? Wer bewegt die Menschen dazu, Worte zu reden? Wer, welcher Gott lenkt Auge und Ohr? Das Gehör des Ohres ist er, der Geist des Geistes, das Wort des Redens, der Atem des Atems, er ist die Sehkraft des Auges. Was man nicht durch Worte aussprechen kann, das, durch das Worte ausgesprochen werden, das sollst du als Brahman erkennen, nicht das, was hier verehrt wird. Was man durch Denken nicht denken kann, das, durch das das Denken möglich wird, das sollst du als Brahman erkennen, nicht das, was hier verehrt wird. Was man durch das Auge nicht sehen kann, das, durch das das Auge sieht, das sollst du als Brahman erkennen, nicht das, was hier verehrt wird. Was man durch das Ohr nicht hören kann, das, durch das das Ohr hört, das sollst du als Brahman erkennen, nicht das, was hier verehrt wird.
Diop: Aber wie komme ich in die Erfahrung, dass es der Nicht-Geist ist, der hört, sieht und fühlt?
WW: Versuchen Sie einmal herauszufinden, wo sich dieser Geist befindet, den Sie annehmen. Ist er in ihnen oder außerhalb von ihnen oder irgendwo dazwischen? Solange Sie suchen, werden Sie ihn nie finden, denn das, was sucht, ist es bereits. Aus diesem Grund bezeichne ich den Geist als Nicht-Geist.
Diop: Aber wenn alles Nicht-Geist ist, gibt es auch keine guten und schlechten Menschen.
WW: Das ist richtig. Nur weil die Menschen einen Geist annehmen und an ihrer Existenz haften, an gut und böse, richtig und falsch, schaffen sie Karma. Das ist wie jemand, der einen Schatten in der Nacht für ein Gespenst hält. Wenn ein solcher Mensch einem wirklichen Lehrer begegnet, wird er zu seinem Nicht-Geist erwachen.
Diop: Und alle karmischen Bedingungen werden ausgelöscht?
WW: Karma entsteht nur, wenn ich an der Idee hafte, einen Geist zu besitzen. Nur dies erschafft in mir Leben und Tod und all die anderen Gegensätze. Wenn kein Geist mehr da ist, wenn da einfach nur Sehen ist, Hören oder Fühlen ohne inneren Kommentator, der nackte Augenblick also, wie Meister Eckehart sagt, gibt es weder Erleuchtung noch Illusion, ja dann ist sogar Illusion Erleuchtung, dann ist Tod das Leben und das Leben Tod.
Diop: Und Sie meinen, das alles kann ich finden, wenn ich aufhöre zu suchen?
WW: Ja. Wir können nichts erreichen.
Diop: Auch nicht Erleuchtung?
WW: Wir können nur erreichen durch Nicht-Erreichen. Was auch immer aus dem Geist heraus entsteht, ist für den Nicht-Geist nicht vorhanden. Dieser Nicht-Geist ist der Juwel, den so viele Menschen auf ihrem Weg nach innen suchen. Nicht-Geist bedeutet absolute Freiheit und Handeln ohne jeden Zwang.
Diop: Und wie soll ich aus diesem Wissen heraus üben?
WW: Seien Sie sich völlig bewusst, was gerade ist. Dieser Nicht-Geist ist unser Üben. Wir müssen ihn daher nicht suchen. Obwohl wir ihn hören, hat er keinen Laut, obwohl wir ihn sehen, hat er keine Farbe und keine Form. Selbst wenn wir in Gedanken verstrickt sind, wird er nicht verunreinigt. Dieser Nicht-Geist ist einfaches So-Sein, also ohne jegliche Unterscheidung. Und doch ist dieser Nicht-Geist in der Lage, rot und grün zu unterscheiden. Obwohl er ständig anwesend ist, bleibt er ungesehen. Das ist das Wesen des Nicht-Geistes. Früher nahm ich an, es gäbe einen Geist, der beherrscht werden müsste, heute weiß ich, dass kein Geist erfasst werden kann, dass es weder Sünde noch heilsame Taten gibt, weder Leben noch Tod noch Erleuchtung. Leben ist reines So-Sein.
Diop: Ist das das Ende aller Erfahrungen?
WW: Nein. Auch der, der Leben und Tod entkommen ist, hat noch nicht die tiefsten Tiefen ausgelotet.
Diop: Und wer das Sein losgelassen hat und das Nicht-Sein erreicht hat?
WW: Es geht weiter.
Diop: Und wer das Wunderbarste erfahren hat?
WW: Für den gilt es, dieses Wunderbare loszulassen. Es geht weiter.
Diop: Und wenn es kein unterscheidendes Denken mehr gibt?
WW: Es geht weiter.
Diop: Was will uns Ihrer Meinung nach das Beispiel vom Berg Sumeru zeigen?
WW: Wir müssen uns bei unserem Sitzen auf nichts ausrichten, denn wenn wir uns bewusst irgendetwas zuwenden, wenden wir uns ab. Das ist die Basis unserer Übung: Einfach nur sitzen und sich hineinversenken in das, was ist, ohne sich davon fesseln zu lassen. Hören wir doch einfach nur auf den Berg. Was sagt er zu uns? Ist es richtig oder falsch, wenn wir hinaufsteigen? Dürfen gefährliche Felsvorsprünge sein? Sollen wir die Aussicht bewundern oder besser weitergehen?
Diop: Der Berg schweigt, er gibt uns keine Antwort.
WW: Unsere Wesensnatur verwirklicht sich in jedem Augenblick. Es ist immer gerade das, was wir sehen, hören und empfinden. Das ist weder richtig noch falsch. Die Wahrheit liegt jenseits von richtig und falsch. Sie enthält alles. Darum ist es wichtig, sich einfach nur hinzusetzen und auf das zu schauen, was ist, jetzt, in diesem Augenblick, ohne zu beurteilen. Wir müssen sein wie dieser Berg. Das Wunder dieses Lebens zu erfahren ist unser Ziel. Wir werden das Paradies, das gelobte Land, das reine Land, Nirvana - oder wie auch sonst es noch genannt wird - nie erfahren, wenn wir uns nicht auf diesen Augenblick einlassen. Wir müssen aus unserem selbsterzeugten Traum erwachen, um in diese Ur-Wirklichkeit zurückzufinden. Seng-T’san sagt: „Der höchste Weg ist nicht schwer, wenn du nur aufhörst zu wählen.“ Im meditativen Sitzen haben wir die Gelegenheit, aus unseren alten Gewohnheiten herauszukommen und uns zu verändern. Das ist der Weg der Meditation.
Diop: Sie meinen also, wir sollten lernen, wie ein Berg zu sitzen?
WW: Ja. Um den Berg herum ziehen Wolken, doch den Berg stört es nicht. Gewitter ziehen auf, doch den Berg lässt es unberührt. Von vielen Menschen wird er bewundert, aber er lässt sich davon nicht beeindrucken. Das ist Ummons Geschenk an uns.
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