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Zibira, Eringerrind aus gutem Hause, steht in der Arena des römischen Amphitheaters von Martigny, einen Streifen Oktobersonne auf dem Rücken. Breitbeinig, den Kopf tief gesenkt, die Augen gross, rollend, funkelnd. Jede Faser ihres drallen Körpers ist gespannt. Sie scharrt mit dem rechten Vorderfuss. Sie knurrt. Sie sucht eine Gegnerin, die ihrer würdig ist. Eines von diesen 16 anderen Rindern im Ring, manche von ihnen laut muhend, die Artgenossinnen zum Kampf aufrufend. Eine Königin wird man Zibira nennen, wenn sie sie alle besiegt.
Von diesem Adelstitel ahnt Zibira freilich nichts, und was in ihrem Kopf vorgeht, weiss niemand. Aber jener von Horst Wyssen explodiert beinahe. Tausend Fragen schiessen ihm durch den Schädel. Der Kantonspolizist aus Agarn ist Hobbyzüchter. Er hat Zibira als Kalb gekauft, für viel Geld, wegen der guten Gene und als Geschenk für seine Frau.
Doch Wyssen weiss: Zu einer erfolgreichen Ringkuh gehört mehr als eine vielversprechende Abstammung. Zibira ist zwar die Tochter von Zira, Königin der Alp Etoile; Enkelin von Azur, Königin von Raron; ihr Grossvater ist der Vater von Manhattan, Königin der Königinnen von Aproz. Doch wie wird Zibira ihren ersten grossen Match meistern? Wird sie sich unter den ersten sieben ihrer Kategorie klassieren und sich für den nationalen Final in Aproz qualifizieren, wo sie vor rund 15'000 Zuschauern als eine von 240 Kühen kämpfen wird? Oder wird sie Pech haben und schon am Anfang auf zähe Rivalinnen treffen, die ihr die Kräfte rauben? Wird sie unglücklich getroffen werden und Angst kriegen? Oder wird sie die ersten Schwünge gar verlieren, so dass ihr bald die Lust vergeht? Vieles hängt von der Tagesform ab, der Laune, dem Glück.
Die Anspannung vor dem Wettkampf
Die Ungewissheit ist das Schlimmste. Sie zehrt auch an den Nerven von Horst Wyssens Vater, dem pensionierten Transportunternehmer Armin Wyssen, und sie raubt ihm vor dem Kampftag den Schlaf. Jetzt stehen beide am Rand des Rings, Vater und Sohn, ruhelos, angespannt bis in die Spitzen, vollgepumpt mit Adrenalin und unfähig, irgendetwas anderes wahrzunehmen als das Geschehen in der Arena.
Stundenlang haben sie zuvor bei den Tieren im Schatten auf den Final der Rinderkategorie gewartet – bis dorthin hat es Zibira schon mal geschafft. Sie standen im Kreis mit ihresgleichen, im ohrenbetäubenden Lärm der Treicheln von rund 200 Kühen. Zwischen den Kuhfladen stehend, tranken sie ein Gläschen Fendant mit Züchtern aus allen Teilen des Wallis, vom Handwerker bis zum Millionär. Sie schauten, wer alles hier ist, mit welchen Tieren, und spekulierten über die Chancen dieses oder jenes Kollegen. Sie diskutierten ganze Stammlinien über viele Generationen zurück, mal auf Walliserdiitsch, mal auf Französisch. Sie erfuhren, welches Tier wohin verkauft wurde, berichteten von ihren Besuchen in anderen Ställen. Sie flanierten kurz über das Gelände, vorbei an der Festwirtschaft und an den Ständen, wo Händler T-Shirts mit aufgedruckten Ringkühen oder Portemonnaies aus Eringerleder feilboten. Die Arena betraten sie kaum; was dort passierte, sprach sich herum.
Wer bekommt die besten Gene?
Sie reden viel, diese Ringkuhzüchter, aber sie geben niemals Geheimnisse preis. Zwar verbindet sie die Liebe zur Eringerkuh, diesem fast schwarzen, kompakten und vor allem kampflustigen Tier. Doch der Wettkampfgeist macht aus ihnen Konkurrenten. Und als solche schenken sie sich nichts. Die meisten von ihnen halten Ringkühe als Hobby und retten so ein Stück bäuerlicher Vergangenheit in die Gegenwart. Doch sie verhalten sich, als ginge es ums nackte Überleben.
Ein Stier mit gutem Kampfblut wird eher zum Schlachten ins Unterland verkauft, als dass sein Besitzer riskierte, dass sich die guten Gene im Wallis verbreiten und dem Konkurrenten nützen. Der Konkurrent durchforstet eher die eidgenössische Tierverkehrsdatenbank, macht diesen einen Stier im Unterland ausfindig und holt ihn in seinen Stall, als dass er sich die Chance entgehen liesse. Für einen guten Samenspender ist jede Finte recht und kein Aufwand zu gross. Denn eine Kuh, die im Ring gut «sticht», wie es heisst, bringt dem Besitzer viel Anerkennung, vielleicht auch Geld. Für die Siegerin von Aproz, die nationale Königin der Königinnen, sollen schon 45'000 Franken geboten worden sein.
Zibira steht jetzt Kopf an Kopf mit einer Rivalin namens Bijou. Die beiden haben die Hörner ineinander verhakt, stemmen die Schädel gegeneinander und legen ihr ganzes Gewicht hinein. Sie stossen, minutenlang, bis die Körper pumpen und die Zungen aus den Mäulern hängen. Dann, plötzlich, geht ein Raunen durchs Publikum. Zwei andere Kühe sind hart aufeinandergeprallt, ein Horn blutet, ein Tier wird weggeführt, ein Arzt legt ihm hinter den Kulissen einen Verband an.
Verletzungen seien selten, heisst es. Bei der Eingangskontrolle werden die Papiere der Tiere überprüft, und der Tierarzt schaut per Ultraschall, ob auch alle trächtig und somit nicht stierig sind. Die Tiere erhalten Nummern auf die Leiber gemalt, sie werden kategorisiert: Die Rinder kämpfen unter sich, ebenso die Erstlingskühe, die erst einmal ein Kalb ausgetragen haben. Alle anderen werden gewogen und in drei Gewichtsklassen eingeteilt. Man schleift allen die Hörner stumpf, um die Verletzungsgefahr zu senken. Doch an diesem Matchtag in Martigny gehen mindestens vier Tiere mit einem blutenden Horn vom Platz.
Zibira lässt sich nicht ablenken, stösst und presst und drückt und keucht, versucht, mit einer zackigen Kopfbewegung die Stellung zu verändern und neu anzugreifen. Bijou weicht keinen Millimeter. Noch einmal holt Zibira Anlauf, und dieser Stich sitzt: Endlich wendet Bijou sich ab und rennt davon.
Wie verläuft ein Wettkampf?
Damit hat Bijou diesen Schwung verloren und erhält einen Minuspunkt. Die Tiere kämpfen grundsätzlich alle freiwillig, ängstliche oder lustlose scheiden schnell aus. Denn auch für jede vermiedene Konfrontation gibt es einen Minuspunkt. Hat ein Tier drei davon auf dem Konto, muss es den Ring verlassen. Die Kuh, die einen Schwung gewinnt, erhält dafür einen Pluspunkt. Am Ende bleiben sieben Tiere übrig, die unter sich die Rangierung ausmarchen, jede gegen jede. Die Kuh mit den meisten Punkten wird Königin ihrer Kategorie. Am Schluss des Tages treten die Königinnen aller Kategorien – ausser der der Rinder – gegeneinander an und erküren so die Königin der Königinnen.
Den Überblick über das mitunter komplexe Geschehen behält eine Jury. Die Halter der Tiere dürfen den Ring nicht betreten, ausser den Kühen sind dort nur die «Rabatteure» zugelassen: kräftige, schwitzende, mutige Männer in roten T-Shirts, mit Stöcken ausgerüstet. Sie sorgen dafür, dass stets nur zwei Kühe gegeneinander kämpfen, und führen auf Anweisung der Jury Tiere zusammen, die noch nicht aufeinandergetroffen sind. Es ist ein gefährlicher Job. Kämpfende Tiere vergessen alles um sich herum und stossen sich manchmal erstaunlich schnell quer durch den ganzen Ring. Ausserdem sind die Rabatteure stets der Kritik ausgesetzt. Wenn beim Zusammenführen zweier Tiere einem davon auch nur der kleinste Vorteil erwächst, machen sich Zuschauer und Halter sofort lautstark bemerkbar. Auch die Jury wird bei vermeintlichen Fehlentscheiden schonungslos ausgepfiffen.
Zwei Kühe hat Zibira schon besiegt, beide in langen, kraftraubenden Kämpfen. Auf Horst Wyssens Stirn zeichnen sich Sorgenfalten ab. Wird sie durchhalten? Ist sie zäh genug? Später erzählt sein Vater Armin, er habe auch schon ein Tier freiwillig zurückgezogen – aus psychologischen Gründen. «Wenn sie müde ist und anfängt zu verlieren, schlägt das auf die Moral, und sie wird vielleicht gar nicht mehr kämpfen wollen.»
Die Psyche der Ringerkühe richtig verstehen
Eringerkühe, muss man wissen, sind zarte Wesen, im Innersten zerbrechlich. Eine Königin, die einmal entthront wird, steckt das nicht ohne weiteres weg. Man habe, erzählt Armin Wyssen, schon mal eine gute Ringkuh zwei Jahre lang aufpäppeln müssen, bis sie wieder kämpfen wollte. «Sie hat auf der Alp gegen eine andere verloren, dann taugte sie im Ring nichts mehr.» Man dürfe solche Tiere dann nur noch mit Gegnerinnen zusammenlassen, gegen die sie gewinnen können, damit sie sich irgendwann wieder als Königin fühlen. «Sie sind uns Menschen sehr ähnlich.»
Oder ist es umgekehrt? Sicher ist: Auch ohne Adelstitel haben diese kleinen, dunklen Kühe aus dem Eringertal im Wallis einen hohen Stellenwert. Ihre dicken Schädel müssen sie für vieles hinhalten, sogar für Werbeplakate von Banken. Sie sind längst Symbole geworden, stehen für Eigensinn, Mut und Durchsetzungskraft. Und sie ähneln damit tatsächlich den Wallisern selbst – oder zumindest dem Bild, das sich viele vom «typischen Walliser» machen als einem, der sich auflehnt gegen alles, was von oben diktiert wird.
Deswegen verwundert es auch kaum, dass die Eringer ihr Dasein exakt diesen Eigenheiten verdanken. Denn dass es sie als eigene Rasse gibt, ist nicht selbstverständlich. Mehr als ein Jahrhundert lang wollten die Landwirtschaftsbehörden die Walliser Bauern dazu bringen, den dürftigen Milchertrag ihrer Eringer durch gezielte Zucht zu steigern, teilweise auch durch Kreuzungen. An den Viehschauen wurden die kleinen Bergkühe belächelt. Die Milch einer Eringer reiche gerade für das eigene Kalb und einen Café crème, frotzelten manche.
Sozusagen eine Antikuh
Doch den Wallisern sind «die Schwarzen» ans Herz gewachsen. Keine andere Kuh bewegt sich so leichtfüssig im steilen Gelände, keine kämpft so verbissen um den Vorrang in der Herde. Und genau für diese Kampflust liebten die Menschen sie schon immer. Sie liessen die Kühe in den Dörfern zusammen, um zu sehen, wer Dorfkönigin ist. Das Gleiche taten sie im Sommer auf der Alp, wo Kühe aus verschiedenen Gemeinden zusammenkamen und eine Alpkönigin ausmarchten – das ist heute noch so. Später kamen die regionalen Kämpfe im Tal im Ring auf, Stechfeste oder Matches genannt.
Statt nur auf die Milchleistung setzten viele Halter von Eringern aufs Horn: Sie melkten die Kühe nach dem Kalben nicht lange weiter, damit sie Muskeln ansetzen statt praller Euter. Das war gegen die Vorschrift: Ein Stier, dessen Mutterkuh nicht lange genug gemolken wurde, durfte etwa nicht ins Herdbuch eingetragen werden und stand damit offiziell nicht als Samenspender zur Verfügung. Den Züchtern war das egal. Sie wussten, in welchen Ställen diese Stiere standen, und schreckten nicht davor zurück, die Papiere der Nachkommen zu fälschen. Die Eringerkuh ist sozusagen die Antikuh unter den Kühen. Inzwischen wurden die Vorschriften gelockert, illegale Stiere gibt es nicht mehr, und im Herdbuch wird bei vielen Tieren auf die besondere Kampflust und die erreichten Ränge bei Stechfesten hingewiesen.
Kampflust, das braucht auch Zibira heute an diesem sonnigen Oktobertag im Ring. Wenn sie sich für den Final in Aproz qualifiziert, wird sie im Frühling, einige Wochen vor dem grossen Match im Mai, Trainingseinheiten absolvieren. Horst Wyssen wird mit ihr marschieren, zuerst nur im flachen Gelände, dann immer etwas steiler und weiter, schliesslich auch mit ihr rennen. «Chomm, chomm», wird er sie sanft ermuntern, ab und zu wird er ihr das herabhängende Seilende zurück ins Halfter stecken, damit es sich nicht verheddert. Er wird ihren Hals kurz tätscheln, und allein in diesen Handgriffen wird herzzerreissend viel Liebe stecken.
«Wenn sie Muskelkater bekommt...»
Zibira, die nun etwa 650 Kilo wiegt, wird ihm folgen wie ein Hündchen, hin und wieder den Kopf recken, die frühlingswarme Bergluft wittern. Sie wird auf eine quer über dem Weg liegende Lärche stossen – und sofort anfangen, gegen den Baum zu kämpfen, wild bockend mit den Hörnern stechen, sich im Geäst verheddern, kaum herausfinden. Das wird ihren Meister nicht wundern, aber freuen: Zibiras Kampflust, sie hat den Winter überstanden.
Zu lange wird man aber nicht trainieren, ein kurzer Spurt noch, dann wird man zurückfahren in den heimischen Stall. «Wenn sie Muskelkater bekommt, vergeht ihr die Freude», mahnt Halter Wyssen. Eringerkühe, man weiss es ja, sind zarte Geschöpfe.
Im Stall wird Zibira auf 34 Artgenossinnen treffen. Horst und Armin Wyssen werden die Tiere füttern, sie melken, bürsten, mit ihnen sprechen, sie streicheln. «Beziehungspflege» nennen sie das mit der gebotenen Ernsthaftigkeit. Eine Kuh müsse die Stimme ihres Meisters erkennen, eine Verbundenheit zu ihm spüren und ihm aus freien Stücken folgen. Für die Kämpferinnen wird es eine Extraportion Kraftfutter geben. Und für die anderen auch ein bisschen. «Wenn sie mich anschauen mit ihren grossen Augen, bringe ich es einfach nicht übers Herz, sie ganz leer ausgehen zu lassen», sagt Armin Wyssen.
In der Arena von Martigny haben sich die Publikumsränge gefüllt. Nach dem Sieg über Bijou trifft Zibira auf einen weiteren zähen Brocken. Frisson heisst sie: Schauder. Ein solcher ergreift nun auch Horst und Armin Wyssen. Es ist wieder ein langer Kampf, sie bangen mehr denn je um Zibiras Kräfte, beobachten sie ruhelos, wandern mit ihr mit, wägen ab, ob sie abbrechen und Zibira aus dem Kampf nehmen sollen. Am Rand stehen einige Tiere bei ihren Haltern, die ihnen Brot zur Stärkung geben. Sie können im Moment nicht kämpfen, weil sie gegen eine derjenigen antreten müssen, die noch in Aktion sind.
Siegerinnen und Verlierinnen nebeneinander
Es ist die Situation, die alle Züchter fürchten: Die Kuh verausgabt sich, während die künftigen Rivalinnen sich ausruhen können. Daher versucht beim Eintreten in die Arena jeder, den besten Platz zu erwischen, möglichst neben Gegnerinnen, die man als nicht so stark einschätzt. Glück und Unglück liegen im Ring nah beieinander.
Das Glück ist heute auf Zibiras Seite: Mit einem kräftigen Nachstoss schlägt sie Frisson in die Flucht und wird damit tatsächlich Rinderkönigin, denn gegen alle anderen im Ring hat sie bereits gewonnen. Vater und Sohn liebkosen ihre Heldin, küssen sie, liegen sich in den Armen. Die Konkurrenten klopfen ihnen die Schultern, das Publikum applaudiert. Zibira erhält einen Blumenkranz und später eine Siegertreichel. Vor allem aber Ruhm und Ehre.
Als Letztes die Blutentnahme. Die Kontrollen auf Anabolika und Schmerzmittel wurden vor 15 Jahren auf Verlangen der Züchter eingeführt. Immer wieder gab es Gerüchte. Laut dem Walliser Veterinäramt wurde aber noch kein Tier positiv getestet.
Die Wyssens erleben einen Winter mit vielen Stallbesuchen – alle wollen Zibira und auch ihre Artgenossinnen begutachten. Kaufangebote schlagen die beiden aus. Im Mai werden sie ihre Zibira in die Arena von Aproz führen, angespannt bis in die Spitzen. Sie ist nun eine Erstlingskuh, denn im Winter hat sie zum ersten Mal gekalbt. Als Erstling wird sie um den Haupttitel kämpfen dürfen; sie könnte nationale Königin der Königinnen werden. Schlaflose Nächte sind Armin Wyssen gewiss.