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Von der Schifflände zum Harzgraben
Vom Rheintor weg stromaufwärts fiel die Böschung des Münsterhügels steil ins Wasser ab. Mit Ausnahmedes ersten Hauses am Rheinsprung, das durch einen kleinen Torbogen - Merian gibt hier eine kleine Landestelle an - mit dem wuchtigen Turm verbunden war, und den wenigen anschliessenden Bürgerhäusern bis zum "Kranichstreit", standen die Bauten hier alle erhöht über dem Fluss. Hohe gezinnte Mauern stiegen aus den Fluten auf, mehrfach übereinander gestaffelt. Die unterste, die noch heute in leichten Knicken die alte Uferlinie markiert, wies in der Nähe des Universitätsgebäudes, dem sogenannten "Unteren Kollegium", eine Reihe von aufgemalten Basler Wappenschilden auf. Hinter dieser äusseren Mauer erhoben sich weitere, die entweder Terrassengärten unter sich abgrenzten und stützten oder auf denen die Häuser am oberen Rheinsprung und an der Augustinergasse sich erhoben. Noch heute erfüllt es uns mit Staunen, wenn wir an der letztgenannten Gasse eines der schmalen Bürgerhäuser betreten und in ihm nicht nur in die oberen Geschosse, sondern auch in zahlreiche, unter dem Niveau der Gasse gelegene steigen können, bis wir endlich auf einer Aussentreppe in den weiterhin steil zum Rhein abfallenden Garten gelangen. Im Mittelalter genügte diese hohe Aussenmauer der Häuserzeile für die Abwehr eines Feindes, zumal bei vielen Bauten die oberen Fachwerkgeschosse noch über den Kellersockel hinausragten. Im 16. Jahrhundert jedoch war man nicht mehr so sicher, dass ein Angriff auf diese Seite unmöglich sei. So wurde die dem Ufersaum entlang führende Zinnenmauer geschaffen, die unterhalb der Pfalz mit drei Türmen in halbrund ausspringender Form versehen war.
Die Pfalz gehörte unzweifelhaft zur Rheinufer-Befestigung. Sie war in der heute erhaltenen Gestalt von Ruman Faesch 1502-1510 geschaffen und mit Figurenschmuck versehen worden. Von der Plattform aus konnte der ganze Strom innerhalb der Stadt überwacht werden. Als in der Reformationszeit die benachbarte Niklauskapelle dem Kultus entfremdet und deren Inneres ausgeräumt worden war, brauchte man den Raum zum Einstellen der Geschütze; in Kriegsfällen konnten diese leicht durch die neu an der Seitenwand ausgebrochene Tür herausgeholt werden. Deshalb hiess die Kapelle bis ins 18. Jahrhundert das "Stuckhaus"; noch Emanuel Büchel bezeichnete es so, als er in den 1770er Jahren die verblichenen Wandmalereien des profanierten Gotteshauses mit seinem Stift festhielt.
Oberhalb der Pfalz war die Zinnenmauer dem Rheinufer entlang weitergeführt; sie sicherte hier die Böschung hinter dem Bischofshof. Anschliessend erhob sich, etwas gegen den Fluss vortretend, der Ramsteinerhof, der noch auf den Merian'schen Stadtprospekten als adliges Sesshaus mit hohen Zinnengiebeln erscheint. Deutlich erkennen wir hier den ältesten Stadtabschluss, der dem "Fürstengässlein" nach zum Rhein lief und später mit einer kleinen Bastei vor dem Ramsteinerhof abschloss. Als die Stadt dann bis zum Harzgraben vorrückte, wurde das Ufer durch einen weiteren Adelssitz, den späteren Utenheimer- oder Hohenfirstenhof, gesichert, dessen mächtige Gartenterrassen mit ihren Mauern ebenfalls einen Teil der Rheinufer-Befestigung bildeten.
Die Ecke des Stadtberings von 1200 war hinter dem Harzgraben, der vom St. Albanschwibbogen zum Rhein hinabführte, mit besonderen Sicherungsanlagen versehen. Ausser einer grösseren Höhe besass diese Mauerecke turmähnliche Häuser, von denen die eine, gegen die Pfalz hinblickend, zwei Treppengiebel aufwies. Noch 1760 hielt Büchel diesen Zustand fest. Bis heute haben sich diese Wehrbauten erhalten; sie sind im Gartenhaus und im Kapellchen der Vischer'schen Liegenschaft wiederzufinden.
Aber im 16. Jahrhundert empfand man diese Stelle der Stadtbefestigung noch immer als zu schwach beschützt und stellte als unteren Abschluss des Harzgrabens eine rechteckige Bastei dazu, die bereits auf Merians Darstellung von 1615 erscheint. 1648 standen auch hier einige "Feldstücklein" zur Abwehr eines etwaigen, auf dem Fluss nahenden Feindes bereit. Diese Bastei, die besonders deutlich auf Bildern von Kandidat Weiss und Anton Winterlin vom Anfang des 19. Jahrhunderts dargestellt ist, muss erst beim Bau der Wettsteinbrücke 1876/79 gefallen sein.
Vom Harzgraben zum St. Alban-Letziturm
Die St. Albanvorstadt war an dem sie Füssen begleitenden Uferbord ebenfalls durch eine Zinnenmauer gesichert, die bis zum Mühlenberg in vier Winkeln vorprellte. An den zum Rhein vortretenen Winkelspitzen sassen polygone Wachttürmchen, die eine geschweifte Haube trugen. Schon Specklin hatte wohl 1582 eine ähnliche Uferbefestigung vorgeschlagen; da sie aber Merian in seiner Stadtansicht von 1615 noch nicht dargestellt hat, wird sie wohl erst in der gefährlichen Zeit des Dreissigjährigen Kriegs nach dem 1623 abgelieferten Gutachten von Adam Stapf entstanden sein.
Wie alt die Mauer war, welche dem Mühlenberg entlang von der Höhe der Vorstadtgasse schräg zum Rheinufer hinabführte, ist schwer zu sagen. Sie kann bereits zur frühen Siedlung des Klosters St. Alban gehört haben und somit aus der Zeit stammen, da zwischen dieser und der benachbarten Stadt noch eine unbebaute Lücke vorhanden war. Dieser ersten Umwehrung wird auch der wuchtige Turm zuzuschreiben sein, der sich dort erhob, wo der die Halde hinabsteigende Mühlenberg den Ufersaum erreichte. Das mehrgeschossige Bauwerk hiess der "Untere Lindenturm"; Büchel bezeichnete ihn als "Lochbrunnen", weil an seiner stromaufwärts gerichteten Seite eine Treppe zu dem aus mehreren Röhren sprudelnden "Lochbrunnen" führte. Schon Merian stellte diesen Brunnen dar, dessen Rückwand, an die Turmmauer gelehnt, Barockornamente aufwies. Auf der Rheinseite zeigt sich auf Merians Stich von 1615 zudem ein zugemauertes Rundbogentor, während auf der Seite gegen den Mühlenberg ein kleiner Wohnbau anschloss, der bis ins 19. Jahrhundert hin bestand. Auch das Wachttürmlein, das Büchel auf dem Mauerteil am Mühlenberg wiedergibt, wird durch ein Aquarell aus der Zeit um 1820 festgehalten. Ebenso besass der Lindenturm in diesen Jahren noch sein auf drei Seiten von Zinnen umgebenes, nach innen abfallendes Pultdach; sicher wird auch das kleine Törlein, das oberhalb des Turms in die baumbestandene Halde zwischen Albanvorstadt und Ufermauer führte, bis in die 1860er Jahre seinen Dienst getan haben.
Der "Obere Lindenturm" trat nur wenige Schritte vom vorher genannten entfernt in den Rhein vor, und zwar dort, wo der östliche Querflügel des Klosters, über die Ufergasse durch einen Torbau verlängert, bis zum Fluss vorstiess. Auf einem breiten, aus Quaderwerk errichteten mehrgeschossigen Steinhaus ruhte zu oberst ein Fachwerkgeschoss mit einer Reihe von dreiteiligen Fenstern. Es scheint, dass dieser wenig fortifikatorisch aussehende Bau in seinen unteren Teilen ursprünglich die Abortanlage des Klosters enthielt. Die beiden "Lindentürme" mitsamt dem Torbau des Klosters mussten weichen, als der Rheinweg angelegt wurde, der die ganze Umgebung völlig veränderte.
Oberhalb des "Oberen Lindenturms" mündete der eine Arm des St. Albanteichs durch eine rundbogige Öffnung der Ufermauer in den Rhein. Links und rechts von ihm standen, seine Kraft bis zuletzt ausnützend, einige Mühlen. Die an den oberen Lindenturm anstossende "Spisselimühle" musste mit dem ersteren verschwinden, während von der benachbarten "Lippismühle" (Albantal 1) noch einige Teile erhalten sind. Von hier an zog die Ufermauer mit Zinnenkranz stromaufwärts; hinter ihr stand eine Reihe von kleinen Bürgerhäusern, wie sie noch heute die Landseite des kleinen Platzes säumt. Dort wo dieses Plätzchen auf der Ostseite aufhörte, machte die Ufermauer einen Knick nach auswärts. Hier lag die alte St. Germanskapelle, durch deren Untergeschoss ein Durchgang zu einem kleinen Landeplatz hinabführte. Büchel zeigt uns diesen als mit Sträuchern bewachsen; auf einer seiner Zeichnungen sehen wir auch einen Eckerker am Obergeschoss des Kapellenbaus sitzen. Das kleine Gotteshaus, das in der Reformationszeit profaniert und als Wachtstube benützt wurde, tritt unter den verschiedensten Namen auf, so von 1798 bis 1834, und 1852 wieder, als Jeremias- oder Ulrichskapelle, 1837 als Nikolauskapelle. Noch auf dem Plan von L.H. Löffel aus den Jahren 1857/59 ist das kleine Gebäude (Albantal 21) zu erkennen, wie hier auch noch der ganze Verlauf der alten Uferbefestigung eingezeichnet ist, obwohl schon damals der davor aufgeschüttete Rheinweg verlief.
Nahe daneben erhob sich an der Mauer der mächtige Fachwerkgiebel einer aus gotischer Zeit stammenden Mühle, die 1862 "Almosenmühle" hiess, früher aber als "Untere Schleife" in den Akten erscheint. Sie nützte die Kraft des oberen Teicharms an der linken Seite des Auslaufs aus. Das Wasser wurde hier, nachdem es bis zuletzt seinen Dienst getan hatte, durch eine breite, mit einem Gatter gesicherte Rundbogenöffnunf in den Rhein entlassen. An der rechten Seite des Teicharms lag ferner die "Herbergmühle", die, wie ein Bild aus der Zeit um 1850 zeigt, mit einem hölzernen Oberbau auf der Ufermauer sass; Büchel dagegen zeichnete hier drei bis oben gemauerte Bauten, die sich mit Satteldächern bis zum obersten Eckturm der alten Stadtbefestigung hinzogen.
Der "St. Alban-Eckturm", wie er 1648 genannt wurde - 1849 hiess er der "innere Letzeturm" - erhob sich auf quadratischem Grundriss zu stattlicher Höhe und wurde oben durch Zinnen abgeschlossen. Zur Sicherung dieser bedeutsamen Stelle Basels hatte man zudem auf der Rheinseite des Turms einen Laubenbau angefügt und den in den Rhein auslaufenden östlichen Stadtgraben mit einer Quermauer abgeschlossen, die, dem auf Merians Stich gezeigten Dach nach zu schliessen, einen Wehrgang besass. Im späteren 17. Jahrhundert wurde diese Stadtecke jedoch verstärkt und am äusseren Ende der landseitigen Grabenmauer ein kleiner Turm erbaut, der heute noch erhaltene "Letziturm".
Es kam also den Stadthäuptern noch in jenen Zeiten, da die Befestigungswerke immer mehr aus Erde aufgeworfen wurden, darauf an, dass die Reisenden, die zu Schiff den Fluss herab in die Stadt einfuhren, hier an der weit vorgeschoebenen Spitze Basels durch einen mit Plastiken ausgeschmückten Turm begrüsst wurden. Dass er uns erhalten blieb, freut uns besonders deshalb, weil er in markanter Weise - gemeinsam mit dem Rest des Thomasturms bei der St. Johannschanze - die gewaltige Ausdehnung der Altstadt Grossbasels festhält.