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Das Jahr mit Bob Dylan
Der Fotograf Daniel Kramer hat Bob Dylan genau ein Jahr und einen Tag lang begleitet und porträtiert. Was er damals nicht ahnen konnte, war, dass Bob Dylan in diesem Zeitraum, den Jahren 1964/65, den Wandel vom Folkmusiker zum Rockmusiker vollzog.
Suchen, probieren, improvisieren
Die Bilder zeigen einen Dylan, der in allem Improvisierten und zum Teil Verspielten immer auch entschlossen und kompetent wirkt; eine schon damals beeindruckende Persönlichkeit. Er suchte, probierte, improvisierte, aber er schien immer schon genau zu wissen, wohin er wollte.
© Daniel Kramer/courtesy of TASCHEN
In seinen begleitenden Texten schildert Daniel Kramer, wie er sich vom ersten Moment an zu Bob Dylan hingezogen fühlte. Zuallererst sah er ihn in einer Fernsehschau. Dylan besang den gewaltsamen Tod einer Frau und die zynische Behandlung dieses Falls durch die amerikanische Justiz. Dieser Text, Dylans Stimme, sein Gitarren- und Mundharmonikaspiel veranlassten Kramer, sich um einen Kontakt zu bemühen. Das war mühsam, aber nach mehreren Monaten wurde ihm eine Stunde für eine Porträtsitzung gewährt.
Zunächst hat Dylan den Fotografen Kramer nur freundlich geduldet. Dann aber fand er einen Draht zu ihm und forderte ihn auf, ihn zu Konzerten zu begleiten. Im Laufe dieses Jahres hat Kramer auch zwei Plattencover mit seinen Fotos gestaltet: "Bringing It All Back Home" und "Highway 61 Revisited".
Die meisten Bilder sind schwarzweiss. Kramer hat, wie er selbst schreibt, den typischen Reportagefilm Kodak Tri-X verwendet und ihn standardmässig entwickelt. Für seine Fotos benutzte er unter anderem eine vergleichsweise einfache Nikon. Bei manchen Gelegenheiten hat er Mittelformatkameras eingesetzt. Auffällig ist, dass zahlreiche Fotos wie beiläufig wirken und stark an den Stil von Robert Frank erinnern.
Eine Art Trance
Unterstrichen wird der Eindruck des Beiläufigen durch die Schrifttype von Kramers Begleittexten: Schreibmaschinenschrift. Dadurch wirken seine Schilderungen wie Tagebucheintragungen und manche seiner Fotos wie Illustrationen ohne besonderen Ehrgeiz. Diese stilistischen Mittel aber sind die Resonanz auf Dylans Persönlichkeit und sein Wirken in dieser Zeit. Unversehens holen diese Bilder mit ihren Texten die Betrachter in die damaligen Situationen; es ist wie eine Art Trance.
Daniel Kramer hat sich nicht damit begnügt, wieder und wieder Schnappschüsse zu machen. Als Fotograf wollte er natürlich mehr und bat Bob Dylan in sein Studio. Nachdem er es mehrfach abgelehnt hatte, willigte er schliesslich ein. Kramer bat ihn, auf einem Hocker Platz zu nehmen. Nun war die klassische Porträtsituation hergestellt, aber sie war nur von kurzer Dauer. Denn Dylan lag es gar nicht, vor der Kamera einfach zu posieren. Also stand er auf und fing an, mit allen möglichen Gegenständen herumzuspielen.
Dylan hat, auch das geht aus den Bildern dieses Bandes immer wieder hervor, einen Sinn fürs Herumalbern und einen ausgeprägten Humor. In der Studiosituation kam Kramer nun der entscheidende Gedanke. Er machte den Hocker zu einer Art Spielzeug für Dylan und bat ihn, einen Fuss darauf zu setzen. Dylan ging auf dieses Spiel ein und machte sich zusätzlich einen Spass: halb verbarg er sein Gesicht mit der Hand und lächelte den Fotografen an. Kramer notiert, dass Dylan hier so mit der Kamera gespielt habe wie sonst mit den Interviewern und Reportern.
Unerklärtes Ende
Für die Fotos der Plattencover hat Dylan wohl die grösste Kooperationsbereitschaft gezeigt. Das lag daran, dass er und sein Manager Albert Grossmann grossen Wert auf die Bilder von Daniel Kramer legten. Bei dem Cover für „Bringing It All Back Home“ posiert die Frau von Grossmann, Sally, im Hintergrund auf einem Sofa.
Daniel Kramer erklärt nicht, warum seine Zusammenarbeit mit Bob Dylan nach genau einem Jahr und einem Tag ein Ende fand. Dylan hat sich ja, bei aller Liebenswürdigkeit, von Menschen getrennt, die ihm zeitweilig sehr nahe standen und sogar gefördert haben. Das bekannteste Beispiel dafür ist Joan Baez. Kramer hat wunderbare Bilder von den beiden gemacht. Aber als Dylan dazu überging, nicht mehr solo, sondern in Formationen aufzutreten und von der akustischen zur elektrischen Gitarre zu wechseln, gab es für Joan Baez keinen Platz mehr. Die Gründe für die Beendigung der Zusammenarbeit mit Daniel Kramer müssen ganz woanders liegen. Wir wissen es nicht. Aber die Bilder von dem einen Jahr sind bis heute so betörend, wie der junge Bob Dylan damals auf seine Mitspieler und sein Publikum gewirkt hat.
Daniel Kramer, Bob Dylan. A Year and A Day, 305 Seiten, TASCHEN 2018
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