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Idealbild einer Pfahlbauersiedlung, gemalt von Rodolphe-Auguste Bachelin, 1867. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum
Die Schweizer tauchen auf
Im 19. Jahrhundert dachte man, dass die ersten Schweizer Pfahlbauer gewesen sind. Ein inspirierender Gedanke, aber leider nicht ganz richtig, wie sich später herausstellte.
«Als sich die Sonne über die Wälder senkte, schleppten die Männer die Pfähle an den Seestrand. Einige Tage später befahl Hatt das Einschlagen der Pfähle. An jeden banden sie oben einen Stock und bohrten ihn vom Floss oder Einbaum aus so tief als möglich in den Sand.» So baut sich die Sippe im Bestseller «Die Pfahlbauer am Moossee» eine neue Bleibe.
Die Geschichte dieses Büchleins begann im ungewöhnlich trockenen Winter 1854. Damals fiel der Wasserspiegel im Zürichsee auf einen Tiefststand und bei Obermeilen tauchten Holzstümpfe, Knochen, Keramik und allerlei Gegenstände aus Holz und Stein aus dem eisigen Wasser auf. Ferdinand Keller, Naturwissenschaftler und Theologe, veröffentlichte daraufhin seine «Pfahlbauer-Theorie». Inspiriert hatten ihn Herodot sowie Reiseberichte aus Neuguinea. Die «ersten Schweizer», so Keller, siedelten auf hölzernen Plattformen im See.
Kellers Theorie schlug ein wie eine Bombe: Die ersten Schweizer waren Pfahlbauer gewesen – ein Sonderfall in Europa. Die wenige Jahre zuvor als moderner Staat gegründete Schweiz dürstete nach einer eigenen Geschichte – und hier erhob sich ein Mythos aus den Fluten des Zürichsees wie die Venus von Botticelli. Die Leute waren fasziniert von der Idee, dass ihre Vorfahren auf Plattformen über dem Wasser gelebt hatten, und die Regierung repräsentierte die Schweiz an der Pariser Weltausstellung von 1867 mit einem eigens angefertigten Pfahlbauerbild. Noch Jahrzehnte später – in den 1930er-Jahren – verkaufte sich das Büchlein über «Die Pfahlbauer vom Moossee» über 200’000 Mal.
Die heutige Archäologie hingegen zeichnet ein etwas anderes Bild. Der helvetische Sonderfall lässt sich nicht aufrechterhalten, Pfahlbauer-Siedlungen wurden in über 30 Ländern Europas entdeckt, wenn auch etwas gehäuft im Alpenraum. In der Schweiz sind über 500 Siedlungen belegt, über 50 davon gehören seit 2011 zum UNESCO-Welterbe. Diese Siedlungen lagen allerdings nicht, wie zunächst vermutet, ständig im Wasser, sondern je nach Jahreszeit auch am Ufer, auf Inseln oder in sumpfigem Gelände. Das war vor allem in Winter der Fall. Archäologen sprechen deshalb auch nicht mehr von Pfahlbauten, sondern von Feuchtbodensiedlungen.
Unverändert erhalten geblieben ist hingegen die Faszination für das Leben der Ahnen, die man sich wohl als hart arbeitende Bauern vorstellen muss, die zwischendurch auf etwas Birkenteer herumkauten. Nebst solchen «Kaugummis» sind aber auch Pfeile, Messer, Backschaufeln, Schmuck und natürlich Tongefässe erhalten geblieben. Diese waren zwar zerbrechlich, aber ihr Material beständig, und so sind die verschiedenen Kulturen denn auch nach der Machart der Keramiken benannt: die Bandkeramik-, Schnurkeramik-, oder Glockenbecherkultur. Nicht wenige Fundstücke sind heute in Museen zu bewundern. Viele davon lagern in Vitrinen und manche damit wiederum auf Stelzen.
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