Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03459.jsonl.gz/1278

Was macht eine Familie aus? Eine Gemeinschaft, die Geborgenheit durch gegenseitige Liebe und Respekt ermöglicht? Vielleicht. So oder ähnlich jedenfalls definieren viele Erwachsene den Familienverbund. Dem 14-jährigen Luca ist das ein bisschen zu geschwollen und kompliziert. Für ihn besteht seine Familie einfach aus seinen zwei getrennt lebenden Müttern und ihm selber. Er liebt sie, sie lieben ihn. Das ist seine Familie.
Er findets «mega doof», dass die Erwachsenen dauernd so ein Theater um seine Lebenssituation machen und wissen wollen, ob ihm denn nichts fehle. Beispielsweise ein Vater. «Ich weiss nicht, wie es ist, wenns anders wäre. Aber ich weiss, dass es gut ist, so wie es ist», sagt er selbstbewusst. Wenig anfangen kann der 14-Jährige deshalb mit der Definition, bei der eine Familie durch zwei Beziehungen charakterisiert wird: nämlich durch die Beziehung zwischen Mann und Frau und jener zwischen Eltern und Kindern. Bei sich und bei seinen Klassenkameraden findet er eine ganz andere Realität. Viele Eltern sind geschieden und wohnen allein oder mit anderen Partnern. Den genauen Überblick hat er nicht. «Eine in meiner Klasse hat irgendwie drei Väter», sagt Luca.
Keine Probleme mit Definitionen hatte auch die heute 26-jährige Paula, von Beruf Pädagogin. Zumindest als Kind, denn sie bekam, was ein Kind braucht: Liebe, Konstanz, Zusammenhalt. Für sie war es das Normalste der Welt, dass ihre Mutter während ihrer Kindheit zwei aufeinanderfolgende Beziehungen zu Frauen hatte und sie dann jeweils zu dritt eine kleine Familie bildeten. Irgendwann in der Pubertät realisierte sie aber, dass andere das nicht so normal fanden. Als sie einer Schulkameradin sagte, dass ihre Mutter lesbisch sei, war diese entsetzt und wollte wissen, ob sie von ihrer Mutter begrapscht werde. Da realisierte Paula mit einem Schlag, dass die Gesellschaft die Lebensform ihrer Mutter ablehnt und voller Vorurteile ist.
Ihre Mutter soll sie begrapschen? So ein Blödsinn. Trotzdem wurde Paula unwohl, und sie bekam Angst vor Ablehnung. Sie übte sich im Schweigen. «Als pubertierendes Mädchen realisierte ich nicht, dass sich nicht meine Familie, sondern die Gesellschaft hätte ändern müssen», sagt Paula rückblickend. Damals hätte sie an ihrer Lebensform gern etwas geändert. Heute sieht sie diese jedoch als grosse Bereicherung in ihrem Leben.
In den wenigen Jahren, die seit Paulas Jugend vergangen sind, hat sich gesellschaftspolitisch einiges geändert. So hat sich zum Beispiel die Schweiz in einer Abstimmung dafür entschieden, dass gleichgeschlechtliche Paare Ehepaaren weitgehend gleichgestellt werden sollen. Ein Blick in andere westliche Länder bestätigt es: Schwule und Lesben bekommen Rechte und werden immer weniger diskriminiert.
Jugendliche ticken anders
Und deren Kinder? Wenn darüber debattiert wird, ob Homosexuelle gute Eltern sind, argumentieren die Gegner unter anderem, dass Kinder von gleichgeschlechtlichen Eltern gehänselt und ausgegrenzt werden könnten. «Wieso meinen eigentlich immer alle Erwachsenen, dass ich gehänselt werde?», fragt Luca. Wer glaubt, Luca sei Meister im Verdrängen oder wolle den coolen Helden spielen, der täuscht sich. Luca gehen die Probleme und die Fragereien der Erwachsenen einfach auf die Nerven: «Die haben irgendwie keine Ahnung, wie wir Jugendlichen sind», sagt er und findet, dass die Erwachsenen «also so was von anstrengend» sein können - im Vergleich zu seinen Kollegen. Diese wissen, dass er zwei Mütter hat, und nehmen es locker zur Kenntnis. Sie wissen, dass die eine Frau seine leibliche Mutter ist, die andere deren langjährige Lebensgefährtin war und er trotz deren Trennung beide als Mutter bezeichnet. Da die beiden Frauen Nachbarinnen sind, wohnt er ein paar Tage in der Woche bei der einen, dann wieder bei der anderen. «Wenn jemand damit Mühe hat, dann ist das nicht mein Problem», sagt er.
Kein Geheimnis daraus gemacht
Luca weiss, dass es andernorts vielleicht nicht so einfach für ihn wäre wie in der Stadt Zürich. Beispielsweise auf dem Land. Oder in Schulen, in denen - anders als in seiner Schule - nicht verschiedene Kulturen aufeinanderprallen und die Kinder nicht gelernt haben, tolerant zu sein. Dass seine Kollegen seine Familienform aber akzeptieren, wie sie ist, führt er darauf zurück, dass diese «halt eben was im Kopf haben» und Homosexualität im Unterricht thematisiert wird. Weil seine Mütter mit ihrer Lebensform offensiv umgehen und kein Geheimnis daraus machen, nutzt auch Luca die Chance, offen darüber zu sprechen.
Nur über eins mag Luca nicht reden: über seinen Vater. Schon gar nicht, wenns nachher im Beobachter steht. Ausser ihn und seine Mütter gehe das nämlich niemanden was an. Ähnlich sieht das Paula: «Kinder von heterosexuellen Eltern fragt man ja auch nicht, ob sie im Ehebett oder im Reagenzglas gezeugt wurden.»