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Die erste Einstellung von Hanekes neuem Film ist eine Ansage. Das Bild ist hoch und schmal: Ein vertikales Mobiltelefon-Video.
Eine Frau seht am Ende eines dunklen Ganges im Badezimmer und putzt die Zähne. Über dem Bild Kommentare: «Gurgeln» – «Ausspucken» – «Haare» – «Licht aus» – «Bett».
«Das ist mein Hamster. Mutter sagt, er stinke. Aber das ist eine Lüge. Ich habe ihm eine von Mutters Beruhigungspillen ins Futter gemischt.»
Ein flaches Lineal wird von oben in den Käfig geschoben, schiebt den leblosen Hamster etwas zur Seite. «Es funktioniert».
Kamerafrau und Kommentatorin ist ein dreizehnjähriges Mädchen, finden wir etwas später heraus. Und dass sie das Hamsterexperiment mit ihrer von Depressionen geplagten geschiedenen Mutter erfolgreich wiederholt hat. So erfolgreich, dass ihr Vater sie zu sich holen muss, zu seiner neuen Frau mit dem neuen Kind, seiner von Isabelle Huppert gespielten Schwester und dem von Jean-Louis Trintignant gespielten Grossvater.
Zunächst aber geht das Bild auf der Leinwand in die Breite, wird scharf, zeigt eine städtische Grossbaustelle, ein tiefes Fundament mit einer hohen Betonmauer hinten. Ein Teil davon bricht ein, Erdmassen rutschen, ein überraschender, fantastischer Anblick. Und dieses Mal kommt der Kommentar aus dem Off, eine Stimme sagt: «Merde!»
Der Titel von Michael Hanekes neuem Film verkündet ein Happy End. Das ist so gemeint, der Film ist eine konsequente Weiterführung von Amour, ein Teil der Schauspieler ist eben wieder dabei, in den gleichen Rollen gar, wenn auch unter anderen Namen.
Huppert als Tochter führt die Baufirma der Familie, Trintignant als ihr Vater hat mit seinen 85 Jahren genug vom Leben; in einer der stärksten Szenen des Films wird er seiner dreizehnjährigen Enkelin den Tod seiner Frau schildern, ziemlich genau so, wie wir ihn aus Amour in Erinnerung haben.
Faszinierend sind an diesem Film, neben der üblichen Haneke-Präzision mit den vielen fixen, distanzierten Einstellungen, vor allem zwei für Haneke überraschende Züge:
Er bringt es fertig, uns die subjektiven Handy-Videos der Dreizehnjährigen so distanziert neutral unterzuschieben, wie seinerseits Bennys Video oder die anonymen Videoaufnahmen in Caché.
Und er weitet die reduzierte, konzentrierte Frage nach der Selbstbestimmung beim eigenen oder fremden Tod auf eine Reihe von Figuren mit ganz unterschiedlichen persönlichen Verfassungen aus.
Trintignants alter Mann hat dabei die klarste Position. Er will nicht mehr, aber niemand ist bereit, ihm beim Sterben zu helfen, wie er es seinerseits bei seiner todkranken Frau gemacht hatte.
Seine dreizehnjährige Enkelin dagegen leidet unter den Depressionen ihrer geschiedenen Mutter, bei der sie lebt, und versucht, diese Lebensumstände mit ziemlich radikalen Mitteln zu ändern.
Dass es Michael Haneke dabei gelingt, groteske und tragische Momente so perfekt zu balancieren, dass die resultierende Überraschung für das Kinopublikum mal in Mitleid oder Schrecken kippt und dann aber wieder in ungläubiges Lachen, das ist neu beim als humorlos verschrienen Grossmeister des moralischen Kinos.
Und dann bleiben am Ende auch wieder ein paar Sequenzen gesondert in Erinnerung, allen voran das Gespräch zwischen Grossvater und Enkelin, das so unmittelbar de Brücke zu Amour schlägt und im Arbeitszimmer über den grossen Schreibtisch hinweg gefilmt ist, als ob da eine ganze weite Landschaft zwischen den beiden Menschen läge.
Michael Haneke hat wieder etwas Neues geschaffen, und es hinterlässt wieder einen bleibenden Eindruck.