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Einleitung
Liebe Freunde, wir alle kennen sie: Die ultimativen technischen Übungen, die uns versprechen uns in technischer Hinsicht (nicht zwangsläufig in musikalischer) zu steigern.
Im Internet finden wir sie tonnenweise, z.B. in Form von Videos – der Ablauf ist meist sehr ähnlich:
1) Die technische Übung wird langsam gezeigt
2) Die tech. Übung wird in einem „Affenzahn“ gezeigt
(manchmal auch in umgekehrter Reihenfolge)
Ist dies wirklich alles, was wir von einer tech. Übung wissen sollten?
Ich behaupte NEIN, weil ich gerne wissen möchte, was diese Übung trainiert und was nicht. Gibt es Aspekte die möglicherweise nur in Teilen trainiert werden? Wenn ich einige (zusammengehörende) Teile trainiere und andere nicht, was hat das dann für Konsequenzen?
Die Konsequenzen können jahrelanges(!) nachüben zu einem späteren Zeitpunkt sein, weil die nicht wirklich eingeübten Bewegungsabläufe Dich jedesmal wenn sie zur Anwendung kommen verhindern, dass Du etwas sauber spielen kannst oder es überhaupt spielen kannst!
Dies sollte für Dich nun genug Anlass sein, meinen Gedanken zu der untenstehenden Übung folgen zu wollen.
Vorbereitung
Lade Dir bitte das angehängte PDF-Dokument runter – es enthält eine Transkription des hier geschriebenen.
Aufbau des PDF-Dokuments
Ganz einfach: Jede Übung ist durch einen vertikalen, fetten Strich abgetrennt. Jede Übung sollte jeweils wiederholt werden, wie dies in der Notation auch angegeben ist. (Doppelpunkte). Zwischen den Übungen sind Pausen einzuschieben, also nicht einfach das ganze Blatt durchspielen, sondern Übung nach Übung.
Ich muss gestehen, dass ich Dir an dieser Stelle nur einen kleinen Einblick geben kann – wenn wir meine Idee weiterspinnen würden, wäre das PDF-Dokument schnell auf 10 Seiten angewachsen. Aber Du kannst die grundsätzlichen Gedanken sicherlich auch anhand dieser Kurzversion nachvollziehen.
Die Übungsidee
Unsere Übung, die wir etwas analysieren werden ist in den Takten 1-2 niedergeschrieben.
In der Tabulatur siehst Du, die Tonfolge, welche unsere Übung bildet. Unsere Übung verläuft zuerst nur über 2 Saiten (E- und A-Saite) und der Fingersatz der Greifhand ist in den kleinen Kreisen angegeben.
Auffallend ist, dass wir durchwegs Downstrokes (=Abschläge) spielen, wobei dies ganz normal ist.
Übe die angegebene Tonfolge nun mit Metronom wie angegeben, achte darauf, dass jede Note sauber klingt und keine Pausen (auch nicht ganz kleine) zwischen den einzelnen Noten auftreten
Die nächste Übung siehst Du im letzten Takt auf der ersten Linie (Takt 3).
Diese Übung unterscheidet sich von der ersten, indem wir einen Wechselschlag anwenden und die Übung in Sechzenteln notiert ist. Falls Dir Sechzentel noch zu schnell sind, kannst Du einfach Achtelnoten spielen.
Führe nun auch diese Übung so sauber aus, wie Du es mit der Letzten getan hast.
Wenn wir bescheiden wären, wär's das jetzt schon – aber heute geben wir uns unbescheiden und versuchen die kleinen Fähigkeiten, die Du für diese Übung brauchst genauer zu untersuchen:
Analyse der Übung
1) Deine Anschlaghand muss einen kontinuierlichen Sechzentelrhythmus spielen können.
2) Du musst zwischen den Fingern Deiner Greifhand eine gute Synchronisation haben
3) Die Anschlaghand muss mit der Greifhand gut synchronisiert sein
4) Du solltest mit der Anschlaghand problemlos Saitenwechsel vollziehen können
5) Du solltest mit der Greifhand problemlos Saitenwechsel vollziehen können
6) Du solltest keine Probleme mit Outside-Picking haben (siehe später)
Hallo? Noch da? Ich hoffe, dass Dich die Auflistung nicht abschreckt. Eine so einfache Übung und derart viele Bereiche, die davon betroffen sind? Ja, so ist es nun mal. In der Tat ist es so, dass ich mich nur auf die primär wichtigen Dinge beschränkt hab'. Die Folgen davon habe ich nicht mal erwähnt.
Die Konsequenzen der Analyse
Die Konsequenz der obigen Auflistung ist, dass Du jeden Punkt durch Deine Fähigkeiten abdecken musst. Wenn Du auch in nur einem einzelnen Punkt Schwächen hast, wirkt sich die sehr unangenehm auf den Erfolg mit dieser Übung aus.
Die Folgeübungen
Folgende (Vor-)Übungen können wir aus der ursprünglichen Übung ableiten – im Prinzip bereiten Dich diese (Vor-)Übungen erst auf unsere Übung vor. Das Lustige daran ist, dass diese Vorübungen erst nach der Analyse der eigentlichen Übung entstehen können! Stell' Dir also mal vor, was passiert, wenn niemand Deine Übungen analysiert… ganz einfach: Du wirst beim Üben ineffizient, weil Du gar nicht weisst, was Dir bei Deiner Übung am meisten Probleme bereitet. Im Gegenteil: Du übst immer die ganze Übung, obwohl Du wahrscheinlich nur in einem Teil ein Problem hast. Du isolierst auf diese Weise das Problem nicht und kannst so auch nicht gezielt gegen das Problem angehen.
Erste Folgeübung
Diese Übung findest Du in Takt 4. Sie ist nichts anderes, als fliessende Sechzentelnoten auf einer leeren (nicht gegriffenen) Saite zu spielen. Betone hierbei jeweils die erste von 4 Noten, also jeweils die Noten, welche auf die Zählzeit 1, 2, 3, 4 kommen.
Übe dies auf allen Saiten, weil sich der Saitenwiderstand auf jeder Saite anders anfühlt. Exemplarisch habe ich die Übung in Takt 5 nochmals auf der A-Saite aufgeschrieben.
Zweite Folgeübung
Diese findest Du in Takt 6 des PDF's.
Bei dieser Übung geht es darum, dass Du ohne sehr schnelle, kontinuierliche Bewegungen der Greifhand die Synchronisation zwischen den Fingern Deiner Greifhand und der Greifhand/Anschlaghand trainierst. Dazu spielen wir jede Note 4x. Der Trick dabei ist, dass Deine Greifhand für den Wechsel der Noten nur gleich viel Zeit hat, als wenn Du jede Note nur 1x spielen würdest. jedoch gönnst Du der Greifhand nach jeder Bewegung eine längere Pause, inder sie sich „erholen“ kann. Somit verliert sie viel weniger früh die Kontrolle über die gespielten Noten und Du kannst die Synchronisation zwischen den einzelnen Fingern in einem höheren Tempo aufbauen, als Du tatsächlich spielen kannst. Dies verschafft Dir in gewissen Sinne eine „Präzisionsreserve“.
Dritte Folgeübung
Nun wollen wir die Früchte unserer Arbeit aber auch ernten. Wir üben nun die Übung, welche in Takt 7 beginnt.
Diese Übung ist identisch mit der Vorherigen, jedoch schlagen wir jede Note nur noch 1x an. Auch hier wechseln wir die Saite nicht – alles spielt sich auf derselben Saite ab, was wir in der nächsten Übung ändern werden!
Vierte Folgeübung
Siehe Takt 8.
Dies entspricht nun tatsächlich „unserer“ Übung, jedoch wird jede Note noch 4x angespielt.
Möglicherweise fragst Du Dich, warum ich bei 4 Noten die Anschlagrichtung angegeben habe, obwohl diese Anschlagrichtungen nicht aus der Reihe (des kontinuierlichen Wechselschlags) tanzen.
Diese Frage kannst Du Dir selbst beantworten, wenn Du meinen folgenden Überlegungen folgst! 😉
Outside Picking
Was ist denn das?
Wir sprechen von Outside-Picking, wenn wir unmittelbar nacheinander 2 Noten spielen, welche auf benachbarten Saiten liegen und die Anschlagrichtung Deines Plektrums so ist, dass die Saite auf der die 2te Note liegt vom Plektrum umgangen werden muss, also von „aussen“ angeschlagen wird.
Inside Picking
Ist somit das Gegenteil: Die Anschlagrichtung für die zweite Note ist so, dass die Saite auf der die zweite Note liegt eben nicht umgangen werden muss.
Inside- und Outside – Picking (und fünfte Folgeübung)
Physikalisch ist es nun mal so, dass jeder zurückgelegte Weg auch Zeit braucht und komplexere Wege (Kurven) mehr Zeit benötigen.
Auf unsere Anwendung bezogen bedeutet dies, dass Inside Picking schneller ist, als Outside Picking!
Tatsächlich ist es so, dass beides vorkommt und entsprechend trainiert werden muss. Stell' Dir vor, Du seist in einer der beiden Pickingarten besser als in der anderen und Du versuchst eine Linie (z.B. eine Solopassage) zu spielen, welche beide Arten enthält: Immer wieder wirst Du hier an der gleichen Technik scheitern – und wenn Du denn Grund dafür nicht kennst kann es sein, dass Du in Deinem Fortschritt hängen bleibst!
Also hier definitiv ein Grund zu wissen, was man tut.
In Takt 10 siehst Du „unsere“ Übung, welche, wie wir sehen, Outside Picking trainiert.
In Takt 11 wurde die Linie so gewählt, dass natürlich Inside Picking zur Anwendung kommt.
Es geht also auch darum symmetrische Übungen (in irgendeiner Weise symmetrisch, es gibt da verschiedene Sichtweisen) selbst zu „konstruieren“, denn nur so kanns Du einigermassen sicher sein, nicht einseitig zu üben.
Dies braucht teilweise etwas (manchmal auch viel) Erfahrung – Dein/e Lehrer/In kann Dir sicher weiterhelfen. Falls Du Autodidakt bist, kannst Du z.B. auch nur periodisch in einen Check-Up Unterricht (z.B. zweimonatlich 120 Minuten), welcher sich solchen Themen sehr gut annehmen kann.
Letzte Folgeübung
Takt 12.
Ein Nachteil bei unserer Übung ist es, dass wir immer mehrere Töne auf der zweiten Saite spielen. Wir müssen nie nur einen Ton spielen und dann wieder auf die erste Saite wechseln. Also wirst Du dies auch in einem Solo nur schlecht können, bzw. genau dort Zeit verlieren: Somit abschliessend eine Übung, welche in Achteltriolen gespielt wird und uns trainiert einen schnellen Saitenwechsel zu vollziehen.
Abschlussgedanken
Du musst sicherlich nicht jede technische Übung so zerlegen, wie wir das eben getan haben, aber es tut jedem gut einmal zu sehen, was hinter einer offensichtlich einfachen Übung so alles steckt.
Habe ich „alles“ geschreiben? Das ist natürlich falsch – dies war erst ein Einstieg. Wie anfangs erwähnt könnte man diese Übung nun auf 10 Seiten erweitern, was aber den Umfang dieses Beitrags bei weiten sprengen würde.
Wenn Dich solche Themen interessieren und Du Autodidakt bist, möchte ich Dir empfehlen, Dich periodisch bei einem guten Gitarrenlehrer für einen Check-Up zu melden. Effizient sind z.B. Check-Ups welche 120 Minuten dauern und zeitlich lose, beispielsweise in 2-monatigem Abstand abgehalten werden.
Viel Spass bei Deinen technischen Übungen!
Erstpublikation: 2007.08