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Konrad Falke: Wengen
Redaktion.
Seealpen. Er wird gelegentlich auf Karten und bei älteren Militärschriftstellern auch Col de ( oder du ) Clapier genannt, darf aber nicht mit dem gleichnamigen, in der Hannibalfrage spukenden Paß in den Cottischen Alpen verwechselt werden. Der Col Lombard endlich, von dem Mr. Coolidge in der Märznummer 1913 der Revue Alpine plaudert, ist ein den Anwohnern unter diesem Namen gänzlich unbekannter Paß in der Kette der Aiguilles d' Arves, welchen Mr. Coolidge selber am 27. Juli 1877 „ touristisch " erschlossen hat, der aber militärische Antezedenzien besitzt, indem er, wie Mr. Coolidge nachweist, am 10. August 1708 von den Truppen Villars mit Sack und Pack überschritten wurde. Nicht mit Unrecht nennt diese Coolidge „ des Alpins avant la lettre ".
In einem als „ Hypothese " bezeichneten und im „ Anzeiger für Schweizerische Geschichte ", 1916, Nr. 103, veröffentlichten Aufsatz sucht Dr. Coolidge den Beweis zu führen, daß unter der Villa Gestinum, wo Herzog Berchtold V. von Zähringen, der Rector Burgundiae, bei einem 1211 gegen den Bischof von Sitten von Bern aus unternommenen Streifzug ins Wallis geschlagen wurde, nicht, wie bisher seit Justinger immer angenommen wurde, Obergestelen im Goms, sondern Niedergestelen bei Raron zu verstehen sei. In diesem Falle wäre der Kriegszug nicht über die Grimsel, sondern über den Lötschenpaß gegangen, dessen nachgewiesene Begehung damit um ein Jahrhundert hinaufgerückt würde. Dr. Coolidge hat seine Beweise mit großer Umsicht und Sachkenntnis zusammengestellt. Es ist mir momentan nur eines noch unklar, nämlich, worauf sich seine These stützt, daß das Val d' Illiez in alter Zeit Vallis Illiaca inferior, das Lötschental Vallis Illiaca superior geheißen habe. Wäre dies urkundlich festgelegt, so würde ich nicht anstehen, seine Hypothese als bewiesen zu betrachten.Redaktion.
Konrad Falke: Wengen. Ein Landschaftsbild. Rascher & Co., Zürich und Leipzig 1913.
Dieses mit 16 wundervoll ausgeführten Kunsttafeln ausgeschmückte Wanderbild gehört in einem gewissen Sinne, obwohl es der Verfasser nicht haben will, zur Reklameliteratur. Soll es doch eingestandenermaßen zu seinem größeren Werke „ Im Banne der Jungfrau ", das ich in S.A.C.J.. XLV pag. 401 — 4 charakterisiert habe, eine Ergänzung bilden. Auf Umwegen kommt der Verfasser auch hier wiederholt auf die Jungfraubahn, ihren Gründer, ihren Bau, Betrieb und Verkehr zurück. Daß die warme Schilderung auch für den rasch aufstrebenden Kurort Wengen Stimmung machen soll, ist selbstverständlich. Aber das müssen wir Konrad Falke unumwunden zugeben, daß seine Naturbilder nicht „ im Dienste einer wenig sachlichen Reklame stellen ", daß sie vorurteilsfrei, vornehm und überzeugend sind. Wie man d:is von einem so geübten Schriftsteller, der nicht wie ein Journalist oder Redaktor zum Schnellschrei-ben verdammt ist, erwarten darf, ist sein Stil durchweg dem Stoffe angemessen, mag er uns nun auf einem Rundgang um Wengen herum oder auf die Mettlenalp, Wengernalp und Seheidegg und weiter auf Lauberhorn und Männlichen führen, oder mögen wir ihm auf der entgegengesetzten Talseite nach Isenfluh, Murren, Gimmelwald, Stechelberg, Trachsellauenen, Obersteinberg und Oberhornsee folgen; mögen wir mit ihm den Staubbach, den Trümmelbach oder die Ausblicke von den verschiedenen Stationen der Jungfraubahn bewundern. Überall ist seine Sprache gleich schön und anschaulich. Von diesem Vorzug seines Buches werden die Leser der französischen ( Übersetzung von C. Boutibonne ) und englischen ( Übersetzung von Thomas B. Donovan ) Ausgabe natürlich nur einen Abglanz verspüren. Entschieden der Reklame und mehr noch der Herbeiziehung fremder als schweizerischer Gäste dienen die Schilderungen des Schlußkapitels über Winterleben, Wintergäste und Wintersport in Wengen. Zu den Anfangsworten desselben: „ Engländer haben zuerst unsere Gebirge durchforscht und ihre hohen und höchsten Gipfel bestiegen " werden kundige Leute auch in England den Kopf schütteln. Noch zwei Aussetzungen literarischer und geschichtlicher Natur habe ich an Konrad Falkes Text zu machen. Wenn er ( S. 24 f. ) im Anschluß an das im Angesicht des Staubbachs, 9. Oktober 1779, entstandene Gedicht Goethes: Gesang der Geister über den Wassern, sagt: „ Im Kreislauf des Wassers die ewige Wiederkehr des Seelischen zu ahnen, entsprach der Geistesrichtung des achtzehnten Jahrhunderts, dessen Verständnis für die Natur der Alpen nur so weit reichte, als es in ihr ein Gleichnis für menschliches Leben und Schicksal erblicken konnte ", so tut er damit dem 18. Jahrhundert noch zu viel und Goethe viel zu wenig Ehre an. Wenn irgendwo, ist Goethe in diesem Gedicht ein moderner Mensch, und wenn es irgend etwas spiegelt, so ist es die tiefgreifende Wandlung, welche die Schweizerreise von 1779 und der Anblick des Hochgebirges in dem durch verschiedene Ereignisse aus dem seelischen Gleichgewicht gekommenen Dichter hervorbrachte und deren Wirkung sich nur mit der ähnlichen durch die italienische Reise von 1786/7 vergleichen läßt. Der „ Gesang der Geister über den Wassern " ist weit mehr als ein sentimentales Spiel mit lieblichen und erhabenen Motiven; es ist in jeder Zeile ein Goethe'sches Erlebnis. Um das zu merken, braucht man nur die Briefe an Frau von Stein, die davon handeln, aufmerksam zu lesen. Und dafür, daß Goethe am Staubbach nur „ die Lieblichkeit dieser Naturerscheinung entzückte, ja ihm die Wüste des Hochgebirges erst erträglich machte ", kann ich in seinen Schriften so wenig einen Beweis finden, als für die angebliche erste Fassung des Titels als „ Gesang der lieblichen Geister in der Wüste ". Und daß Goethe die Erhabenheit auch der Gletscherwelt im Innern spürte, während seine Seele mit diesem Gedichte beschäftigt war, geht aus den Worten hervor, welche er am 14. Oktober zu Thun eigenhändig niederschrieb: „ Kein Gedanke, keine Beschreibung, noch Erinnerung reicht an die Schönheit und Größe der Gegenstände und ihre Lieblichkeit in solchen lichteren Tageszeiten und Standpunkten. " Denn unterdessen war er, anhand eines in Bern gekauften Reiseführers von Pfarrer J. S. Wyttenbach, auf dem Obersteinberg und am Oberhornsee „ am Ausfluß des Tschingel-Gletschers und vor dem Tschingel-Horn ", auf dem Untern und Obern Grindelwaldgletscher gewesen, über die Große Scheidegg gegangen und im Haslital bis Guttannen hinaufgestiegen, alles bei klarem Wetter. Über die Namen Jungfrau, Mönch und Eiger wiederholt etwas zögernd Konrad Falke ( S. 61/2 ) die von mir längst abgetanen Vermutungen von Hartmann, welche eben nicht auf „ historischen Quellenforschungen " beruhen. Er hätte sie ganz weglassen und dafür die schlichte Wahrheit einsetzen dürfen, daß die „ Jungfrau " von Thomas Schöpf 1577 wegen ihrer Unzugänglichkeit so getauft wurde, daß der Name Mönch ursprünglich dem Schwarz-Mönch oder vielmehr einem großen, wie ein Kapuziner aussehenden schwarzen Felszahn anhaftete, welcher gegen Lauterbrunnen aus den Stellifluhfelsen heraustritt, daß der Eiger in einer Urkunde von 1252 als Mons Egere auftritt. Uneingeschränktes Lob kann ich den Abschnitten und Einzelstellen spenden, wo Konrad Falke von Hochgipfeln im Bezirk von Wengen spricht, und namentlich der pietätvollen Art, mit welcher er der im Gebiet der Jungfraubahn vorgekommenen Unglücksfälle und der Verunglückten gedenkt.Bedaküon.