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Während der Schweizer Tennisstar Roger Federer Millionen verdient, mühen sich die meisten Schweizer Athleten ab, um von ihrem sauer verdienten Geld zu leben. Zwar gibt es Anstrengungen, die Sportförderung zu verbessern. Für manche aber ist es nicht Aufgabe des Staats, "Hobbys" zu unterstützen.
Laut dem Forbes Magazine hat der 17-fache Grand-Slam-Sieger Roger Federer zwischen Juni 2013 und Juni 2014 54 Millionen Franken verdient. Er ist damit der bestbezahlte Tennisspieler der Welt.
Xherdan Shaqiri, der wirblige Schweizer Fussballer, der an der Weltmeisterschaft in Brasilien einen Hattrick landen konnte, verdient beim FC Bayern München gemäss Medienberichten 3 Millionen Franken pro Jahr.
Doch für die meisten Schweizer Leistungssportler sieht die Realität ganz anders aus. Knapp die Hälfte von ihnen verdient weniger als 14'000 Franken im Jahr. Laut einem Bericht der Eidgenössischen Hochschule für Sport Magglingen (EHSM), für den fast 1000 Athleten und knapp 700 Trainer befragt wurden, können weniger als hundert Personen in der Schweiz voll vom Sport leben.
Das Eidgenössische Parlament will dies nun ändern. Der Sport spiele eine Rolle als Botschafter, heisst es. Ende September hat der Nationalrat das Postulat "Finanzierungssicherheit der Karriere von Spitzenathletinnen und -athleten" angenommen. Berufssportler sollen unter anderem einen besseren Zugang zu Hochschulen erhalten, und sie sollen eine Berufsanerkennung als Spitzensportler erhalten. Kurz zuvor hatte Swiss Olympic, der Dachverband des Schweizer Sports und zugleich das Nationale Olympische Komitee, mindestens 30 Millionen Franken mehr für Schweizer Sportverbände gefordert, um im internationalen Vergleich mithalten zu können.
"Wir lassen uns von den Einkommensverhältnissen von Roger Federer oder Xherdan Shaqiri blenden. Die grosse Mehrheit der Profisportler lebt aber unter dem Existenzminimum", sagte Nationalrat Jürg Stahl von der nationalkonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) in der Debatte. Viele Athleten haben eine Familie, zahlreiche müssen Teilzeit arbeiten.
Staatlicher Sport?
Leistungssport in Zahlen
Einkommen generell: Lediglich 16% aller Schweizer Spitzenathleten verdienten 2010 mehr als 70'000 Franken. Wintersportler verdienen generell mehr als Sommersportler. Doch auch im Wintersport müssen über 70% der Athleten mit weniger als 70'000 Fr. pro Jahr auskommen, 40% sogar mit weniger als 14'000 Fr.
Einkommen aus Leistungssport: Die überwiegende Mehrheit der Athleten generiert nur ein moderates Einkommen aus ihren sportlichen Aktivitäten. Im Schnitt sind es 25'000 Fr. pro Jahr. Es gibt aber auf jedem Beschäftigungsniveau auch Athleten, die mit Sport jährlich mehr als 100'000 Fr. verdienen. Nur ganz wenige hingegen werden dank Sport zum Millionär.
(Quelle: EHSM-Bericht "Der Leistungssport in der Schweiz")
Die Bundesbehörden wurden nun mit der Ausarbeitung eines Leistungssportkonzepts beauftragt. Dieses soll voraussichtlich Ende 2014 vorliegen, wie der Bundesrat schreibt.
Doch nicht alle – besonders nicht in Stahls Partei – unterstützen das Postulat. "Das hört sich wie eine Mindestlohninitiative für Spitzensportler an. Es entspricht nicht der Kultur der Schweiz, einen Staatssport zu etablieren, wie er heute in China üblich ist", sagte sein Parteikollege Peter Keller. Er stellte die Eigenverantwortung in den Vordergrund und fragte: "Soll der Staat involviert werden, wenn jemand sein Hobby zum Beruf machen will?"
Diese Haltung ist Jörg Schild nicht fremd. Der Präsident von Swiss Olympic und ehemalige Handball-Nationalspieler sagte gegenüber swissinfo.ch: "Ich habe immer festgestellt, dass der Wettkampfsport – im Vergleich mit anderen Ländern und aus meiner eigenen Erfahrung im Leistungssport – in der Schweizer Gesellschaft nicht vollständig anerkannt ist."
Schild hofft, die Unterstützung für das Postulat gebe der Regierung genügend Mut, um die Sportfinanzierung im Rahmen des nationalen Leistungssportkonzepts zu erhöhen.
Gegenwärtig erhält Swiss Olympic pro Jahr im Durchschnitt 38 Millionen Franken an Unterstützung. Davon stammen 25 Millionen aus den Schweizer Lotterien, etwas über 10 Millionen vom Staat und 3 Millionen aus dem Sponsoring.
Andere Länder hätten stark in den Sport investiert, sagt Schild und erwähnt dabei besonders Japan, Kanada und Norwegen. Die Schweiz müsse sicherstellen, dass sie nicht zurückbleibe.
So wurden nach den Olympischen Sommerspielen 2012 in London Fragen über die schlechten Resultate der Schweizer Athleten laut. Bei den letzten Winterspielen 2014 in Sotschi hingegen war die Bilanz mit sechs Gold-, drei Silber- und zwei Bronzemedaillen positiv.
Die zusätzlichen 30 Millionen Franken, die Swiss Olympic verlangt, würden nicht allein für die Athleten ausgegeben, sondern beispielsweise auch für mehr Trainer und kostenlose Gesundheitschecks alle zwei Jahre, so Schild.
Vorbilder
Stahl, der das Postulat unterstützt und zudem im Vorstand von Swiss Olympic sitzt, argumentiert, die Unterstützung von Athleten entspreche keineswegs einem Staatssport. "Es geht darum, jungen Menschen, die den Sport wählen, eine gewisse Sicherheit zu geben: Ausrüstung, Versicherungen, ein Einkommen, das den Druck von den Schultern der Eltern nimmt."
Die Kunst werde vom Staat unterstützt. Etwas in dieser Art könne auch dem Sport zugutekommen. "Es geht darum, dass Spitzensportler Botschafter für das Land und Vorbilder für junge Menschen sind", so Stahl.
Der Kampf der Athleten
Laut dem Schweizerischen Leichtathletikverband Swiss Athletics können in der Schweiz lediglich fünf bis zehn Leichtathleten von ihren Einkünften leben.
Einer davon war der unlängst zurückgetretene Viktor Röthlin, der erfolgreichste Schweizer Marathonläufer aller Zeiten. Dies sei allerdings erst nach der ersten Medaille der Fall gewesen, sagt er. Nach seiner Bronze-Medaille an den Europameisterschaften 2006 im schwedischen Göteborg begannen die Sponsorengelder zu fliessen. "Davor musste ich mich durchkämpfen und das gesamte Risiko tragen", sagte er gegenüber swissinfo.ch.
Zudem habe er in seiner 15-jährigen Karriere – er beendete seinen letzten Marathon am 17. August 2014 an den Leichtathletik-Europameisterschaften in Zürich auf dem fünften Platz – in der Schweiz wenig Akzeptanz als Profisportler erfahren.
"Wenn ich jemandem erzählte, dass ich Marathonläufer bin – auch nachdem ich meine erste Medaille gewonnen hatte – fragten sie: 'Ok, aber wie verdienst Du Dein Geld?' Daran sollte wohl noch gearbeitet werden, damit die Leute verstehen, dass es sich beim Spitzensport um einen Beruf und nicht nur um ein Hobby handelt."
Internationale Beispiele
Die Niederlande unterstützen 352 Athleten mit 120% des definierten Minimaleinkommens und mit Spezialabkommen, um Sport mit Studium/Karriere zu kombinieren. Finnland und Dänemark setzen auf fortgeschrittene Stipendien-Systeme für Studenten.
Weitere Nationen bieten Athleten direkt durch Aufnahme in die Armee, den Grenzschutz, die Polizei oder die Feuerwehr finanzielle und berufliche Sicherheit.
Die Schweiz schneidet in der direkten finanziellen Athletenförderung international eher schlecht ab.
(Quelle: EHSM-Bericht "Der Leistungssport in der Schweiz")
Die Schweiz müsse sich entscheiden, in welche Richtung sie gehen wolle. "Will sie in Zukunft Medaillen gewinnen und eine erfolgreiche Sportnation sein, muss sie vielleicht ganzheitlicher denken. Es reicht nicht, Athleten zu unterstützen, nachdem sie Medaillen gewonnen haben, sondern auch auf ihrem Weg dorthin: mit Ausbildung und Geld, falls sie nicht genug zum Leben haben sollten."
Der Goldmedaillen-Gewinner bei den Europameisterschaften 2010 hat 2008 bereits in die Zukunft investiert und mit "Vikmotion" seine eigene Gesundheits- und Sportberatungsfirma gegründet. Heute arbeitet er Vollzeit für sein Unternehmen.
Crowdfunding
Andere Sportler haben unkonventionellere Wege beschritten. Der 34-jährige Mike Kurt, ein Top-Kanute, gründete die Crowdfunding-Plattform "I believe in you" für Sportprojekte. Dies nach 20 Jahren Kampf, um seine eigenen Sportträume finanzieren zu können. Die Idee, dem Kulturbereich entliehen, erlaubt die private Unterstützung eines angehenden Tennisspielers oder die Übernahme von Reisekosten und Material für einen internationalen Kitesurfing-Wettkampf.
"Insgesamt sind bereits über eine halbe Million Franken für 130 Projekte zusammengekommen. Das zeigt uns, dass der Sport in der Schweiz einen hohen Stellenwert hat", sagte Kurt gegenüber dem Tages-Anzeiger.
Trotzdem glaubt auch der Kanute an mehr Geldmittel vom Staat. "In Sportarten wie Ringen, Fechten oder eben Kanufahren versagt der Markt. Dort müsste der Bund stärker unterstützend eingreifen."
(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub), swissinfo.ch