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Die Krim wurde bereits vor dem Jahr 2014 einmal von den Russen annektiert: Im Jahr 1783 hatte sich das Zarenreich die Halbinsel und Gebiete der heutigen Ukraine von den Osmanen einverleibt. Zar Alexander I. liess damals das fruchtbare «Neurussland» durch Kolonisten aus dem Westen besiedeln.
Auch eine verarmte Gruppe von etwa 60 Deutschschweizer Familien, viele aus dem Knonauer Amt im Kanton Zürich, brach in eine neue Existenz auf. Im Herbst 1803 zogen 247 Menschen los. Es sollte eine Reise gegen viele Widrigkeiten werden, vor allem, weil versprochene Reisekosten-Kredite nur vorgegaukelt waren. Die Fahrt mit Schiffen und Pferdewagen führte über Regensburg, Wien, Bratislava, Rosenberg, Lviv. Erst im Sommer 1804 kamen die hungrigen, geschwächten Emigranten auf der Krim an. An Ostern 1805 wurde ihnen dann fruchtbares Land – wenn auch nur halb so viel wie versprochen – in einem Dorf überlassen, wo zuvor Krimtataren gehaust hatten.
Die Schweizer nannten ihr Dorf «Zürichtal». Sie bauten stattliche Höfe mit Kellern. Auf dem Estrich wurde Fleisch getrocknet und Getreide aufbewahrt. Zu jedem Haus wurde ein Wasserlauf von zwei Wasserreservoirs auf dem Hügel über dem Dorf gebaut. Die Zürichtaler lebten von Ackerbau und Schafzucht. Nach schwierigen Anfangsjahren wirtschafteten sie immer besser.
Wie die Siedlung 1839 ausgesehen hat, schildert Pfarrer Emil Kyber, der 1831 als Pastor gekommen war: «Zürichtal ist von der Natur in mehrfacher Beziehung begünstigt. Es liegt in der Nähe vom nordöstlichen Vorsprung des Krimschen Gebirges, an Bache Jendol. Von Osten her verdeckt dem Wanderer eine Iange, den Bach einfassende Hügelkette den Anblick des Dorfes, bis er an deren mit Weingärten besetzten Abhange eintritt. Nach Westen zu liegt es frei und ist schon stundenweit sichtbar mit seinen rothen Ziegeldächem. Gegen Norden begrenzt ein anmuthiges Wäldchen von wilden Obstbäumen, Ulmen, Weiden und Silberpappeln und im Süden entfaltet das benachbarte Gebirge eine wahrhaft liebliche Schweizerlandschaft.»
Zürichtal galt eine Zeit lang als vornehmste Kolonie auf der Krim. Die Bewohnerzahl war gestiegen, auch dank vieler deutschen Einwanderer. Die zweite und dritte Generation der Zürichtaler sprach Russisch und Tatarisch, aber auch schwäbisch-schweizerdeutsche Mundart. Schwierig wurde es nach der bolschewikischen Revolution 1917. Viele Schweizer Nachfahren wurden als Krim-Deutsche betrachtet. Sie wurden enteignet und Zürichtal in eine Sowchose verwandelt. 1941 liess Stalin viele Bewohner nach Kasachstan deportierten. Zürichtal wurde in «Zolotoe Pole» unbenannt – das goldene Feld.
Noch heute stehen einige der von Schweizern erbauten Wohnhäuser. An einem Dorfende auch die 1860 erbaute weiss getünchte Kirche, allerdings ohne Glockenturm, der gesprengt worden war. Auf der anderen Seite ragen die Spitztürme der Moschee in den Himmel, umgeben von trockener Steppe – dem goldenen Feld.
Kulturellen Austausch und Wanderungsbewegungen zwischen der Schweiz und Ukraine gab es schon seit der Regierungszeit von Zar Peter der Grosse Anfang des 18. Jahrhunderts. Die ersten ukrainischstämmigen Schweizreisenden waren meist Gelehrte, Studenten oder Künstler. So gehörte Graf Gregor Razoumowsky 1783 in Lausanne zu den Gründern der Société des Sciences Physiques. Weitere historische Persönlichkeiten waren der Schriftsteller Nikolai (Mykola) Gogol, dessen Denkmal in Vevey steht, der Historiker und politische Denker Michail Dragomanov, der Physiker Sergei Podolinsky, die Erzählerin Marko Wowtschok, der Rechtshistoriker Maxim Kowalewsky und die Dichterin Lesja Ukrajinka.
Umgekehrt waren Schweizer im zaristischen Grossreich stets als gute Fachleute willkommen gewesen: als Offiziere in der Armee, als Erzieher, Gouvernanten, Lehrer am Hof und bei den Adligen. Als Architekten und Ingenieure, Käser oder Zuckerbäcker, die Konditoreien und Kaffeehäuser in Kiew, Odessa und Charkov gründeten.
Als Erzieher von Zar Alexander I. war der Waadtländer Frédéric-César de La Harpe daran beteiligt, dass eine zweite Schweizer Kolonie in «Neurussland» gegründet wurde. Zumindest bekam der Botaniker Louis-Vincent Tardent dank der Vermittlung von de La Harpe einen Beschluss vom Zaren, der ihm Siedlungsland an der westlichen Schwarzmeerküste zuwies. Der Waadtländer wollte eine Weinkolonie im südlichen Bessarabien, wie die Gegend hiess, gründen.
Der Kolonistenzug bestand nur aus etwa 30 Personen, hauptsächlich Waadtländer Weinbauern. Am 19. Juli 1822 brachen die Schweizer in Vevey auf. Sie reisten mit Pferdewagen über München, Wien, Brünn, Lviv und Chisinau in die Stadt Akkermann, heute Bilhorod. Dort, etwa 60 km von Odessa, an der Lagune der Dnjestr-Mündung ins Schwarze Meer, lag ihr Ziel. Für ihre über 2000 km lange Reise hatten sie nur etwas mehr als drei Monate gebraucht. Am 29. Oktober 1822 kamen sie ins ehemals türkische Dorf Asha-abag – es bedeutet «untere Gärten». Die Romands verkürzten den Namen auf Chabag. Später wurde daraus Schabo.
Die kleine Siedlung wuchs hauptsächlich dank Deutschweizer und deutschen Kolonisten. Gesprochen wurde Deutsch und Französisch. Ab 1840 ging es wirtschaftlich voran, auch weil die Weine von Schabo in immer besserer Qualität produziert wurden und sogar Medaillen gewannen. 1850 zählte die Kolonie 53 Familien oder 269 Personen. Nach 1917 wurde das Leben auch hier, wie im Zürichtal, schwierig. Bessarabien fiel zwar nicht unter kommunistische Herrschaft, denn es wurde von Rumänien besetzt. 1940 fiel das Dorf aber dennoch in sowjetische Hände. Die Kolonisten reisten überstürzt ab. Viele hatten ihren Schweizer Pass behalten und konnten in die alte Heimat zurückkehren. Wer blieb, wurde deportiert.
Nach dem Wegzug der Kolonisten taten sich einige Arbeiter zusammen und gründeten eine Sowchose. Diese wurde dann im Jahr 2003 von einem georgischen Unternehmer aufgekauft. Auch 1100 Hektar Weinberge liess er neu bepflanzen und die Weinproduktion modernisieren. Schabo-Weine werden in viele Länder exportiert. Hier wurde auch das erste Weinkulturzentrum der Ukraine eröffnet.
Für dieses Jahr hätte man ein grosses Fest feiern wollen: 2022 markiert das 200-jährige Jubiläum der einst helvetischen Siedlung Schabo.
Welcher Antrieb sich bei Fahrzeugen im Strassenverkehr durchsetzen würde, war um 1900 noch völlig offen. In den USA fuhren ungefähr je ein Drittel mit Dampf-, Benzin- und Elektroantrieb. Die ersten Benzinautos waren alles andere als zuverlässig, aufwändig im Betrieb und mussten mühsam angekurbelt werden.