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Die Schweizer Bienenzüchter hoffen fest, dass Herbst und Frühling nicht zu mild ausfallen. Letztes Jahr hatte das Klima in den Bienenhäusern indirekt ein wahres Blutbad ausgelöst. Grund war die Varroamilbe, die ganze Bienenvölker ausgerottet hat.
Das Phänomen des Bienensterbens ist schon seit mehreren Jahren zu beobachten. 2007 kamen erste Berichte aus den USA.
In der Schweiz nimmt der Tod von ganzen Bienenvölkern in diesem Jahr aber richtiggehend katastrophale Ausmasse an: Von 1000 Bienenvölkern, die Wissenschafter im Rahmen einer Studie beobachtet haben, hat nur die Hälfte den letzten Winter überlebt.
Für das Bienensterben sind mehrere Faktoren verantwortlich: übermässiger Einsatz von Pestiziden und Insektiziden, Rückgang der Bio-Diversität bei den Pflanzen, Befall der Bienen mit Pilzen, Klimaerwärmung und gentechnisch veränderte Organismen. Sogar elektromagnetische Wellen spielen eine Rolle.
Hauptschuldige jedoch ist die Varroamilbe. "Verschiedene Studien zeigen, dass die Bienenvölker wegen der Belastung mit dieser Milbe Mühe haben, den Winter zu überstehen", sagt Jean-Daniel Charrière von der staatlichen Forschungsanstalt Agroscope Liebefeld-Posieux, der auch einer internationalen Expertengruppe zum Thema angehört.
Gleich tönt es seitens der Züchter. "Die Varroamilbe steht ganz klar zuoberst auf der Liste. Sie infiziert die Bienen mit Viren, so dass deren Abwehr geschwächt wird", sagt Didier Bettens, ein Imker aus dem Kanton Waadt.
Klima hilft mit
Die Varroamilbe wurde erstmals vor 30 Jahren in Westeuropa entdeckt. Was aber hat zu den massiven Verlusten vom letzten Winter geführt? "Im Winter unterbricht die Königin die Brut und es gibt keine Aufzucht von Larven mehr", erklärt Bettens.
Genau solche Larven braucht der Schädling, um sich fortzupflanzen. Da der letzte Winter aber überaus mild ausfiel, gab es in den Stöcken keine Pausen in der Aufzucht der Larven. Als Folge konnten sich die Varroamilben stark vermehren. "Statt sich auszuruhen, waren die Bienen bis Oktober mit dem Eintragen von Honig beschäftigt, was auch zu ihrer Schwächung beitrug", sagt Bettens weiter.
Die Bienenzüchter sind aber nicht vollends auf verlorenem Posten, gibt es doch verschiedene Ansätze gegen den Schädling. Als wirksamstes Mittel hat sich die Behandlung der Bienenstöcke mit Ameisensäure herausgestellt.
Dies ist aber nicht der Weisheit letzter Schluss. "Mit Ameisensäure kann man nie 100%, sondern etwa 95% der Milben vernichten", so Bettens weiter. Man müsse also darauf hoffen, so deren Verbreitung auf ein akzeptables Niveau einzuschränken.
Der Einsatz dieser organischen Säure ist jedoch nicht leicht zu handhaben. Der Einsatz muss ausserhalb der Erntezeit erfolgen, um die Qualität des Honigs nicht zu schmälern. Dazu müsse die Temperatur einigermassen hoch sein. "Ist es zu kalt, kann die Substanz zu wenig in die Stöcke eindringen."
Die Behandlung mit Ameisensäure hat auch Nebenwirkungen. Es sind Fälle bekannt, bei denen die Königin daran gestorben ist, was auch das Schicksal ihres ganzen Volkes besiegelt hat.
Die Varroamilbe
Varroa destructor ist ein Parasit, der ursprünglich aus Südostasien stammt.
Die Milbe legt ihre Eier in die Waben, wo die Bienen ihre Larvenbrut aufziehen.
Die Parasiten ernähren sich von der Körperflüssigkeit der Bienenlarve (Hämolymphe). Dadurch wird das Immunsystem der künftigen Biene geschwächt und es kann zu Missbildungen kommen.
Die Milbe heftet sich leicht an Bienenarbeiterinnen und an Hummel. Der Handel mit Bienenvölkern begünstigt die Ausbreitung
Der Parasit wurde in den 1950er-Jahren nach Europa eingeschleppt. In der Schweiz wurden Varroamilben erstmals 1984 entdeckt.
Heute sind nur Ozeanien und gewisse Regionen in Zentralafrika frei vom Parasiten.
Die asiatische Biene (apis cerana) ist gegen die Varroamilbe resistent.Infobox Ende
Lösung in der Biologie
Angesichts dieser nicht optimalen Wirkungsweise könnte die Lösung in biologischen Methoden bestehen. Eine Spur könnten europäische Bienen sein, die natürlicherweise gegen die Schädlinge resistent sind, wie dies bei den asiatischen Bienen der Fall ist.
"Die Widerstandskraft dürfte ein neues Kriterium zur Auswahl darstellen", vermutet Didier Bettens. Bisher hätten die Forscher die Königinnen aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit und ihres zahmen Charakters ausgewählt.
Diese Aufgabe wird aber nicht leicht sein. Deutsche Wissenschafter würden seit 15 Jahren in dieser Richtung forschen, ohne aber wesentlich vorangekommen zu sein, relativiert Jean-Daniel Charrière. "Eine andere Spur sind Pilze, welche die Milben befallen, nicht aber die Bienen, Larven und Stöcke", berichtet er.
Nicht der Weltuntergang
Das Verschwinden vieler Bienenvölker lässt bei einigen apokalyptische Szenarien aufkommen. Ohne Bienen keine Bestäubung, was zum Verschwinden vieler Pflanzenarten führen werde. Schliesslich hätten Menschen und Tiere nichts mehr zu essen, kurz: Das Ende der Welt.
Jean-Daniel Charrière teilt solchen Pessimismus nicht, denn er sieht die Bienen nicht vom Aussterben bedroht. Von 150 Stöcken, die auf einer Insel in Schweden sich selbst überlassen worden seien, hätten sechs überlebt. "Das zeigt, dass es genetische Möglichkeiten gibt", sagt der Forscher von Agroscope.
Imkerei in der Schweiz
Rund 19'000 Imker halten insgesamt 170'000 Bienenvölker.
Mit 4,5 Völkern pro Quadratkilometer weist die Schweiz die höchste Bienen-Dichte der Welt auf.
Pro Volk kann der Imker mit rund 10 Kilo Honig rechnen.
(Quelle: Agroscope)Infobox Ende
Zwischen Mutlosigkeit und Aufbruch
Viele Bienenzüchter haben aber die Hoffnung verloren. "Die Situation nimmt uns die Moral", gesteht Didier Bettens. "Man kann sich fragen, ob es Sinn macht, weiterzufahren. Vor allem ältere Kollegen geben auf. Nachdem sie ihr Leben lang problemlos Bienen gezüchtet hatten, haben sie trotz dem Griff zu Behandlungen alles verloren."
Als Folge gibt es für Züchter kaum mehr Bienenvölker zu kaufen. Diese sind zu einem raren Gut geworden. "Haben Bienenzüchter wirklich den Mumm, 400 Franken für ein neues Bienenvolk auszugeben, um neu anzufangen?", lautet die rhetorische Frage von Didier Bettens.
Für Jean-Daniel Charrière stellt diese Demoralisierung das schlimmste Problem dar. "Die Bienenzüchter leisten einen riesigen Effort, auch finanzieller Natur, um ihre Völker wieder aufzubauen. Dank ihrer Anstrengungen kommt es bei den Bestäubungen nicht zu einer Krise."
Für die Bienen, Pflanzen, Züchter, Freundinnen der Natur und Liebhaber des Honigs bleibt nur zu hoffen, dass der kommende Winter einer ist, der seinen Namen aufgrund tiefer Temperaturen auch verdient.
(Übertragung aus dem Französischen: Renat Kuenzi), swissinfo.ch