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Das fotografische Werk der Schriftstellerin und Journalistin Annemarie Schwarzenbach ist noch zu entdecken. Eine erste kuratierte Auswahl ihrer Bilder zeigt das Zentrum Paul Klee in Bern.
Der schattenspendende Zweig, den Annemarie Schwarzenbachs Ehemann, Claude A. Clarac, in seiner rechten Hand hält, erlaubt es dem französischen Diplomaten, trotz des steilen Mittagslichts direkt in die Kamera zu blicken. Wer mag wohl die Idee mit dem Schattenspender für das Gesicht gehabt haben? Es bleibt das Geheimnis des Paars Clarac-Schwarzenbach.
Und der ornamentartige Schatten der Blätter, diagonal auf Claracs Brust? War das Zufall oder bewusst inszeniert, um Assoziationen mit einer Schärpe wachzurufen? Die dominanten Diagonalen, die sich durch Badetücher, Körper, Arme und Beine ergeben, lassen eine äusserst präzise, spannungsvolle Komposition erkennen. Das Spannungsverhältnis war jedoch weit mehr als ein formalästhetisches: Der zweite sonnenbadende Mann, in der Verlängerung der Diagonale hinter dem Botschaftssekretär, war das der Lover des homosexuellen Auslandvertreters? Und weshalb hatte ihn die ebenfalls homosexuelle Schwarzenbach mit auf das Bild genommen?
Die durchkomponierte Fotografie, 1935 in Farmanieh, Teheran, aufgenommen, hat gute Chancen, eine neu entdeckte Ikone zu werden. Sie war wohl für private Zwecke gedacht. Dennoch gehört die Inszenierung mit der eigenwilligen Bildidee zu den besonders gelungenen des erlesenen Fotoarchivs, das Annemarie Schwarzenbach im Verlauf von knapp zehn Jahren offenbar mit dem Ziel aufgebaut hatte, dieses längerfristig zu vermarkten. Doch dazu sollte es nicht kommen. Die hochbegabte Tochter einer begeisterten Amateurfotografin und eines der reichsten Industriellen der Schweiz starb im Jahr 1942 34-jährig: ein kurzes Leben voller seelischer Probleme, Spannungen und Konflikte.
Die einstige Lieblingstochter
Vom Morphium, 1932 in Berlin zum ersten Mal konsumiert, sollte sie nicht mehr loskommen. Hinzu kamen Konflikte mit ihren Eltern. Sie lebte ihre Homosexualität mit wechselnden Beziehungen zu Aktivistinnen offen aus, ein Dorn im Auge ihrer engsten Verwandten: Alfred Emil Schwarzenbach und Renée Schwarzenbach-Wille sympathisierten mit den Nazis, während ihre einstige Lieblingstochter, bekennende Antifaschistin, versuchte, sich mit Klaus und Erika Mann und anderen Gleichgesinnten gegen die politische Entwicklung in Europa zur Wehr zu setzen.
Die Karriere als Reportagefotografin hatte 1933 nicht ganz freiwillig begonnen. Äussere Umstande zwangen die 25-jährige Journalistin und promovierte Historikerin, fortan selber zur Kamera zu greifen. Die Zusammenarbeit mit der befreundeten Fotografin Marianne Breslauer war an den Nazis gescheitert. 1933 erhielt Breslauer als Jüdin in Deutschland Berufsverbot. Schwarzenbachs Förderer Arnold Kübler, Chefredaktor der «Zürcher Illustrierten» und später Leiter der Kulturzeitschrift «Du», erwartete nun auch fotografische Arbeiten von der brillanten Feuilletonistin und Reisejournalistin. Insgesamt 300 Texte, oft begleitet von ihren Fotografien, sollte sie in namhaften Schweizer Zeitungen und Zeitschriften publizieren.
Beim Schreiben fand Annemarie Schwarzenbach zu sich selbst, beim Fotografieren als genussvolle Konzentration im Hier und Jetzt offenbar ebenso. Die meisten ihrer Bilder sind denkbar unspektakulär. Schwarzenbachs Interesse galt alltäglichen Szenen, Kindern, Frauen, Männern, die lebens- und überlebenswichtige Tätigkeiten verrichteten. Handwerker, BäuerInnen, Feld- und Bauarbeiter, Tiere, Architektur, Strassenszenen und Landschaften verstand sie ebenso in ihren visuellen Mikrokosmos zu integrieren wie die Menschen aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis.
Mit ihrer zweiäugigen Rolleiflex fing sie den perfekten Moment auf das Vortrefflichste im quadratischen Format ein. Ihr Blick richtete sich nicht nur auf PassagierInnen auf dem Dampfer bei der Überfahrt im Nordatlantik, Kamelkarawanen, spielende Hunde, einfache Holzhütten und Gebäudekomplexe. Soziale Zusammenhänge durchschaute sie leicht, sie thematisierte Armut, das Leben ausgebeuteter Feld- und Minenarbeiter, schlechte Arbeitsbedingungen, Rassendiskriminierung.
Erholung im Luxushotel
Die sozialkritischen Themenkomplexe standen in krassem Widerspruch zum extravaganten Leben, das die superprivilegierte Kosmopolitin führte. Sie war eine der wenigen Frauen, die sich in den dreissiger Jahren frei bewegen konnten. Mit einem Automobil, selbst am Steuer, in Vorder- und Hinterasien, in Europa, Amerika und Afrika unterwegs, genoss die Reisejournalistin die Entdeckungen in den fremden Ländern, profitierte als reiche Tochter mit akademischer Ausbildung und ihrem französischen Diplomatenpass allerorts vom Kontakt zu Forschern und lokalen Würdenträgern – und erholte sich von den Strapazen der Reisen in mondänen Fünfsternehotels.
Auf den 15. November 2017, anlässlich des 75. Todestags von Annemarie Schwarzenbach, digitalisierte das Schweizerische Literaturarchiv ein Konvolut von 3000 des insgesamt 7000 Fotografien umfassenden Archivs und machte sie online einsehbar. Mehr als siebzig Jahre nach dem Ableben der androgynen Industriellentochter mit dem filmreifen Leben sind die Bilder gemeinfrei.
Einen kuratierten Einblick in das Schaffen der Fotopionierin erlaubt derzeit das spartenübergreifende Zentrum Paul Klee mit 200 Fotografien, in sechs Themengruppen gegliedert. Ergänzt werden die Lichtbilder mit einer Vitrine, in der Karteikarten als Beispiele des schwarzenbachschen Archivsystems liegen, und einer zweiten mit Repliken der Rückseiten einiger Originalfotografien, die Annemarie Clarac zur besseren Vermarktung mit dem Pseudonym Dr. Clark gestempelt hatte. Hier war wohl der Ungar André Friedmann ihr Vorbild gewesen, dem der Durchbruch in Paris 1935 erst gelang, nachdem er sich unter dem Namen Robert Capa als angeblicher US-Journalist neu erfand.
Angesichts der Qualität vieler Fotografien lässt sich erahnen, welchen Namen sich Annemarie Schwarzenbach als Reportagefotografin hätte machen können, wenn sie selbst oder eine Bildagentur sich der Veröffentlichung und Vermarktung ihrer Werkgruppen angenommen hätte. Mit ihrem humanistischen Blick wäre sie auch eine Anwärterin als Vollmitglied der 1947 gegründeten Bildagentur Magnum gewesen. Viele besonders unkonventionelle Fotografien gilt es noch zu entdecken.
Bereits zwanzig Jahre vor Robert Franks «The Americans» gelangen ihr Fotografien, mit denen sie das Thema Rassendiskriminierung in einem einzigen Bild auf den Punkt bringen konnte. In Scotts Run, West Virginia, entstand 1937 eine solche Aufnahme: Auf einem Werbeplakat sind als gezeichnete Figuren ein strahlend lächelnder, weisser Farmer und seine Tochter zu erkennen, er legt ihr die linke Hand auf die Schulter, sie hält ein mit Margarine bestrichenes Brot in der Hand. Aus dem Sprössling soll etwas werden, das verrät auch der leicht ironische Slogan ganz links im Bild: «Wie Unkraut spriessen».
Orientierungslos, ja gar hoffnungslos wirken hingegen die drei schwarzen Männer und der kleine schwarze Junge in Fleisch und Blut rechts im Bild, die mit hilfloser Erwartung in alle Himmelsrichtungen blicken. Sie hätten es in den dreissiger Jahren in Amerika niemals auf ein Werbeplakat geschafft – auch nicht gezeichnet.
«Aufbruch ohne Ziel. Annemarie Schwarzenbach als Fotografin». Zentrum Paul Klee, Bern, bis 3. Januar 2021. www.zpk.org