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Die Würgefeige ist ein Tropengewächs, das sein Leben an der Spitze beginnt: Seine Samen setzen sich in den Baumkronen der Regenwälder fest und schicken ihre Triebe zur Erde. Kaum dort angelangt, wachsen die Luftwurzeln der Feige rasant. In einem dichten Geflecht legen sie sich über den Stamm ihres Wirtsbaums, hindern ihn so am Wachsen und schnüren seine Lebensadern ab. Gleichzeitig überwuchern die Feigenblätter oben in der Baumkrone das ursprüngliche Laub und kappen so dessen Lichtzufuhr. Der Wirtsbaum siecht und stirbt schliesslich ab. Die Feige aber profitiert selbst vom Zerfall ihres Vorgängers: Sie nährt sich aus seinen Resten. Aufrecht stehen kann sie längst selbst – dank ihren mächtigen Wurzeln.
Der Paläontologe Martin Pickford, sonst bewandert in der Erforschung frühster Menschenknochen, hat der Würgefeige 1995 einen kurzen Aufsatz gewidmet. Auf wenigen Zeilen beschreibt er den kriecherisch wachsenden Schmarotzer aus Afrika. Der Essay dient ihm als Auftakt für eine Abrechnung sondergleichen. Denn die Abhandlung über die Würgefeige eröffnet als Vorwort sein berüchtigtes Buch «Master of Deceit – Meister des Betrugs».
Darin unterstellt Pickford seinem Gegner Richard Leakey jede nur erdenkliche Gemeinheit: Der berühmte Hominidenforscher veruntreue Gelder, halte Kollegen klein und spanne ihnen die Frauen aus. Er sei despotisch, verschlagen und arrogant. Seine Forschung sei wahnwitzig, seine Bücher wimmelten vor Fehlern, und seine Freunde seien Speichellecker. Kurz: Leakey sei ein Parasit, der seine Karriere auf Kosten anderer gemacht habe – gleich der Würgefeige.
Der Furor, mit dem Rivalen sich bekämpfen, ist für die Öffentlichkeit stets ein Schauspiel. Berühmte Duelle gehen in die Geschichte ein, sei es der Wettlauf zum Südpol von Scott und Amundsen oder der Kampf um die Medienhoheit zwischen Lady Diana und der Queen. Ob im Sport oder in der Politik, in der Kunst oder der Forschung: uns faszinieren Menschen, die nicht nur um Rekorde und Erfolge kämpfen, sondern dabei auch gegen einen fordernden Gegner bestehen müssen. Denn Rivalität verwandelt Wettkämpfe in menschliche Dramen.
So auch bei Pickford. Als er seine rasende Abrechnung veröffentlicht, ist Leakey weltberühmt – er selbst aber entlassen und ohne Grabungserlaubnis. Der Brite ist ein Emporkömmling, der gegen einen mächtigen Clan ankämpft: Die Familie Leakey zählt seit drei Generationen zur Spitze der internationalen Paläoanthropologie. Immer wieder gelingen ihr spektakuläre Knochenfunde, die Mitglieder erhalten Auszeichnungen und wichtige Posten in ihrem Heimatland Kenia. Dadurch bestimmen sie seit Jahrzehnten direkt oder indirekt darüber, wer graben darf im kenianischen Teil des Rift Valley, wo viele Forscher die Wiege der Menschheit vermuten.
Dieses Establishment der Forschung hatte Pickford die Tür vor der Nase zugeschlagen: Sein Arbeitsvertrag wurde nicht verlängert, die Lizenz für Grabungen wurde ihm entzogen. Richard Leakey beschuldigte ihn des Diebstahls wichtiger Dokumente, die genauen Umstände sind bis heute nicht geklärt. Damit werde die Erforschung unserer Vorfahren zum Monopol einer einzigen Familie, wettert Pickford in seiner Abrechnung. Nur über Umwege und Mittelsmänner erhält er danach wieder eine Konzession für Grabungen in Kenia.
Doch sein Hass auf Richard Leakey verleitet ihn zu einem weiteren verhängnisvollen Schritt: Als er im Jahr 2000 glaubt, die ältesten je gefundenen hominiden Knochen entdeckt zu haben, sieht er seine Chance gekommen, den übermächtigen Leakey endlich zu übertrumpfen. Er präsentiert die Überreste des «Millennium Man» nur wenige Tage nach dem Fund der Weltöffentlichkeit – ein sehr unübliches Vorgehen in der Forschung. Und tatsächlich tauchen schnell Zweifel auf, ob die Knochen eindeutig unseren direkten menschlichen Vorfahren zugerechnet werden könnten. Heute vermuten die meisten Forscher, dass sie eher von einem ausgestorbenen Seitenzweig der Menschheit stammten oder von einer frühen Affenart. Kollegen beschuldigen Pickford ausserdem, auf ihrem Grabungsgebiet gewildert zu haben. Pickford muss bis heute um seinen Ruf kämpfen. Leakey dagegen hat sich nie dazu herabgelassen, öffentlich über den Kampf mit seinem Kontrahenten zu sprechen.
Rivalität ist ein mächtiger Motor: Sie kann Gegner ein Leben lang zu einem Kampf um Sieg und Anerkennung antreiben. Matisse und Picasso, Porsche und Piëch, Lagerfeld und Saint Laurent – trotz allen persönlichen Erfolgen belauern Rivalen jeden Schritt des anderen argwöhnisch. Neid spielt eine grosse Rolle, aber auch gekränkte Eitelkeit, Angst ums Image und Sorge um den eigenen Stellenwert. So brauchten die Berliner Philharmoniker in diesem Jahr zwei Anläufe, um den Klarinettisten Andreas Ottensamer als ständiges Mitglied bei sich aufzunehmen. Das Haus wollte ihn, das Vertragliche war geregelt, doch das Orchester stimmte gegen ihn. Ottensamers spielerische Klasse stand ausser Frage. Aber Soloklarinettisten kann es eben nicht viele geben. Der Österreicher ist jung, selbstbewusst und erfolgreich: Mit 24 Jahren hat er bereits viele Preise gewonnen, im Sommer ist seine erste Solo-CD erschienen, und er ist der erste Klarinettist überhaupt, der einen Exklusivvertrag mit dem legendären gelben Label «Deutsche Grammophon» abschliessen konnte. Anfangs arbeitete er nebenbei als Model, tauchte in den Spalten der internationalen Klatschpresse auf: «So sexy kann Klassik sein.» Leicht vorstellbar, was die Kollegen im Orchestergraben tuscheln.
Der Wettkampf um Anerkennung kann aber auch still und leise über Statussymbole, Ränge und Auszeichnungen ausgetragen werden wie bei den Brüdern Polegato. Beruflich haben die beiden Italiener alles erreicht: Der eine ist Gründer des Schuhimperiums Geox, der andere führt Gioiosa, die grösste Proseccomarke Italiens. Seitdem trumpfen sie mit Medaillen, Banketten, Ehrenprofessuren und Posten auf. Kaum wird etwa Mario Honorarkonsul von Rumänien, ergattert Giancarlo das Honorarkonsulat von Botswana: Prestigeduelle, wie sie in erfolgreichen Familien oft üblich sind. Gerade die Literatur über Geschwisterrivalität zählt zu den Bestsellern der Psychologen- und Pädagogikszene.
Meist aber krachen Rivalen spektakulär aufeinander: «Dem gebe ich nicht mal mehr die Hand», soll etwa Hartmut Mehdorn über den Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit gewütet haben. Die beiden Männer gelten als Feinde, sind aber durch ihre Funktionen immer wieder zur Zusammenarbeit verdammt: Zunächst verantwortet Mehdorn als Chef der Deutschen Bahn den Bau des neuen Hauptbahnhofs Berlins recht eigenmächtig. Schon damals ist das Verhältnis zwischen dem Manager und dem Politiker angespannt. Wowereit nennt Mehdorn einen «Rambo-Typen», der Bahn-Manager denkt laut über einen Umzug des Konzerns nach Hamburg nach – damit verlöre die deutsche Hauptstadt ihren grössten Arbeitgeber. «Der Mann muss weg», kommentiert Wowereit auf dem Höhepunkt des Spionageskandals, als aufflog, dass die Bahn im grossen Stil ihre Mitarbeiter bespitzelt hatte, um Korruption zu verhindern. Jetzt treffen die beiden Männer im nächsten Chaosprojekt aufeinander: Seit dem Frühjahr ist Mehdorn Chef des Berliner Grossflughafens, er soll das desaströs gescheiterte Bauprojekt retten. Die Hauptstadtmedien verfolgen begeistert jede Äusserung der Kontrahenten. Eine «Blamage» sei die um Jahre verzögerte Eröffnung, ätzte Mehdorn noch als Chef der Fluglinie Air Berlin. «In China wäre das nicht passiert.» Über den Aufsichtsrat, dessen Vorsitzender Wowereit ist, urteilt er: «In solch ein Gremium gehören Experten, die etwas davon verstehen.» Da geraten zwei Platzhirsche aneinander.
Tatsächlich steigt das Testosteron von Versuchsteilnehmern an, wenn sie auf ihren Erzfeind treffen – das haben britische Evolutionsbiologen am Beispiel von Fussballern nachgewiesen. Und wer sich mit seinem Gegner auf Augenhöhe fühlt, duelliert sich besonders hart, bestätigen Studien. So analysierten Forscher der Universitäten Groningen und Amsterdam im vergangenen Jahr die Ergebnisse von Fussballspielen der deutschen Bundesliga. Demnach foulen sich die Spieler zweier Mannschaften deutlich häufiger, wenn sie in der Tabelle nahezu gleichauf liegen: Durchschnittlich 39 Verstösse pro Match zählten die Wissenschafter. Rangieren die Mannschaften dagegen stärker auseinander, sinkt der Wert um 12 Prozent. Versuchsleiter Gert Stulp sieht Parallelen im Tierreich: Gimpelweibchen etwa bekämpfen sich deutlich härter, wenn sie auf ein etwa gleich starkes Tier treffen. Einen Höhepunkt findet das Verhalten beim Siamesischen Kampffisch, der auch sein eigenes Spiegelbild angreift.
Doch nicht immer leben Rivalen ihre Konkurrenz destruktiv aus. Der Neid auf die Erfolge des anderen kann auch der entscheidende Ansporn sein, der aus einer guten Leistung eine ausserordentliche macht. Michelangelo etwa hatte den Auftrag für das Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle zunächst halbherzig angenommen. Doch als der deutlich jüngere Raffael gebeten wurde, die benachbarten Räume zu bemalen, sah Michelangelo sein Ansehen bedroht. Viereinhalb Jahre legte sich der Meister daraufhin täglich unter die Decke der Kapelle, malte das gesamte Fresko allein – und fertigte so sein heute wohl berühmtestes Werk.
Wie sehr der persönliche Wettbewerb motivieren kann, ist in zahlreichen Studien belegt: Läufer rennen schneller, wenn ein gefährlicher Rivale auf dem Feld ist. Dartspieler zielen genauer, wenn ein Gegner sich zuvor abfällig geäussert hat. Gewichtheber stemmen mehr Kilogramm, wenn sie vor dem Wettbewerb Videos ihrer Rivalen gesehen haben – die Sportpsychologie setzt die Dynamik der Rivalität seit langem als eine Art emotionales Doping ein.
Sportler richten ihre Konzentration deshalb oft ganz bewusst auf ihren ärgsten Widersacher. US-Basketballstar Larry Bird etwa sagt über seinen Langzeitkonkurrenten Magic Johnson: «Für mich gab es beim Blick auf die Tabelle immer nur uns zwei.» Und Tennisspieler Rafael Nadal über seinen Erzrivalen Roger Federer: «Wenn er sehr gut spielt, muss ich unglaublich spielen.» Viele Beobachter glauben, die beiden Tennisstars hätten ohne einander nie zu der heutigen Qualität ihres Spiels gefunden. Abseits des Court haben Federer und Nadal ein gutes, fast herzliches Verhältnis. Sie betonen, dass sie nur im Spiel Gegner seien, Privates davon trennen können. Selbst bei Niederlagen gelingt es ihnen meist, die Leistung des anderen mit ein paar Worten zu würdigen.
Das schaffen nur wenige Rivalen, im Gegenteil: Einige der erbittertsten Feindschaften entspinnen sich zwischen ehemaligen Freunden. Die Schriftsteller Gabriel García Márquez und Mario Vargas Llosa verband lange eine enge Freundschaft, heute würdigen sie sich keines Wortes mehr. Die Trainerlegenden Guardiola und Mourinho schätzten sich während ihrer gemeinsamen Zeit in Barcelona, inzwischen liegen sie im Dauerclinch. Und auch Charles Marsh und Edward Cope starteten ihre Beziehung zunächst als Freunde, bevor sie zu den Protagonisten der sogenannten «bone wars» wurden.
Diese «Knochenkriege» sind bis heute ein unübertroffenes Beispiel für die zwiespältige Macht der Rivalität, ihre motivierende Kraft und zerstörerische Energie. Die beiden Amerikaner zählen Ende des 19. Jahrhunderts zu den Wegbereitern der modernen Dinosaurierforschung. Anfangs graben sie gemeinsam, benennen sogar eigene Fundstücke nach dem anderen Forscher. Doch dann hintergeht Marsh seinen jüngeren Kollegen: Der hat ihm sein neues Grabungsgebiet gezeigt. Marsh erkennt das Potential des Areals und überredet den Besitzer, alle Funde nicht Cope, sondern hinterrücks ihm zuzuschicken. Die Freundschaft kühlt deutlich ab.
Ein Jahr später unterläuft Cope dann ein peinlicher Fehler: Bei der Rekonstruktion eines Saurierskeletts verwechselt er Hals und Schwanz des Tieres und setzt den Schädel an die Schwanzspitze. Er veröffentlicht einen Aufsatz und Skizzen der angeblich neuen Art. Sein Freund Marsh kann sich sein Gelächter über diesen Fauxpas nicht verkneifen – was ihm Cope nie verzeiht. Daraufhin gehen beide Forscher nicht nur getrennte Wege, sie trachten auch über Jahrzehnte danach, einander mit Funden und Erstbeschreibungen zu übertrumpfen. Diese Dynamik macht die «bone wars» für die Paläontologie besonders fruchtbar: Während ihrer Fehde entdecken Marsh und Cope mehr als 140 Dinosaurierarten, darunter heute so bekannte wie Stegosaurus, Diplodocus und Triceratops. Doch zugleich ist immer noch unklar, wie viele wertvolle Überreste die beiden zerstört haben. Denn die Rivalen gönnen einander keinen Knochen. Grabungsfelder, die sie für abgegrast halten, sprengen sie, um zu verhindern, dass ihr Gegner hier noch fündig werden könnte.
Unnachgiebig bekriegen sich Marsh und Cope: Sie spionieren, bestechen und stehlen. Sie werben verdiente Mitarbeiter ab und verteilen unbedeutende Knochenreste auf dem Revier des anderen, um ihn zu Fehlschlüssen zu verleiten – die Wissenschaft brauchte nach dem Tod der beiden noch Jahrzehnte, um ihre Funde zu sortieren.Zahlreiche Spezies hatten beide unabhängig voneinander beschrieben und ihnen bewusst unterschiedliche Namen gegeben, um mehr Treffer auf der Liste der entdeckten Arten verzeichnen zu können.
Beide sterben zwar mit einer gewaltigen Zahl an Veröffentlichungen und Entdeckungen – allerdings ohne einen Penny in der Tasche. Die Knochenjagd hat sie ihr gesamtes Vermögen gekostet.
Cope wollte den Kampf selbst nach seinem Tod nicht aufgeben: er vermachte seinen Schädel der Universität von Pennsylvania. Er hoffte, ein späterer Vergleich der Hirnmasse zwischen ihm und seinem ehemaligen Freund würde ihm einen letzten Triumph bescheren. Natürlich vergeblich: Marsh schlug dieses letzte Duell mit seinem Erzfeind aus.
JENNY NIEDERSTADT ist freie Journalistin; sie lebt in Hamburg.