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"Ich bin für nichts als das Komponieren auf die Welt gekommen"
Einführung zum Thema „Berufung“ am Symposium in Sachseln vom 23. Juni 2006
Als ich im Internet den Begriff „Berufung“ anklickte, erschien als erstes der Beschrieb eines Paters :
„Die Berufung ist der vorhersehende Gedanke des Schöpfers über das jeweilige Geschöpf, sie ist sein Idealplan, ist wie ein Traum, der Gott am Herzen liegt...Gott, der Vater, will diesen Plan unterschiedlich und spezifisch für jedes Leben...
Die Berufung ist eine Einladung Gottes, sich entsprechend diesem Bild zu verwirklichen, und sie ist einzig, einmalig und unwiederholbar, weil dieses Bild unerschöpflich ist....“. (Willibrord Dreier)
Das ist ein theologisch-philosophischer Ansatz zum Thema „Berufung“ . Es geht darum, dass das Bewusstsein den „Plan“ erkennt und in der Lebenstätigkeit umsetzt. Die Tätigkeit ist kongruent mit dem äusseren „Auftrag“ und wird so vom Beruf zur Berufung.
Am anderen Pol der Definitionen steht Francis Crick’s Buch: „Was die Seele wirklich ist“ mit dem Untertitel „Die naturwissenschaftliche Erforschung des Bewusstseins“ . Darin wird versucht, das „Bewusstsein wissenschaftlich zu erklären: „Um uns selbst zu verstehen , müssen wir das Verhalten und die Interaktionsweise von Nervenzellen verstehen.“ (Crick , S.10) Dazu stellt er die sogenannte Erstaunliche Hypothese auf, dass es sich
bei unseren Freuden, Leiden, unseren Erinnerungen und Ziele, unserem Sinn für unsere eigene Identität und Willensfreiheit nur um das Verhalten einer riesigen Ansammlung von Nervenzellen und dazugehörigen Molekülen handelt. (Crick, S.17).
Er schliesst dabei nicht aus, dass wir Maschinen bauen könnten, um die Funktionsweise des Hirns zu verstehen. „Der mysteriöse Aspekt des Bewusstseins würde vielleicht verschwinden, seit wir darüber Bescheid wissen, was DNA, RNA und Protein bewirken können.“ (Crick, S. 315)
Berufung – d.h. die Überzeugung, etwas in äusserem oder innerem Auftrag durchführen zu müssen, wäre demnach ein durch chemische und neuronale Vorgänge gesteuerter und weitgehend erklärbarer Begriff.
Mit diesen beiden Polen habe ich die Felder abgesteckt, innerhalb derer wir uns mit dem Begriff „Berufung“ in Bezug auf die Musik beschäftigen wollen. Ich spreche exemplarisch von jenen „Komponisten und Komponistinnen, die anspruchsvolle, spannende Musik schreiben, weitab vom Mainstream, die eigene Wege suchen, die sich keine Illusionen über ihre Karrierechancen machen, die einfach komponieren müssen.“ So formuliert es der Komponist Rudolf Kelterborn in der neusten Ausgabe der Zeitschrift „dissonanz“ (Nr. 94, Juni 06, S.47).
Zu diesem „Komponieren müssen“ führe ich die Beispiele Mozart und Schubert an. Ich gehe in die Vergangenheit, weil es dort Beispiele gibt, deren „Berufung“ in allgemeiner Übereinstimmung von allen Seiten akzeptiert wird, wie immer der Begriff definiert wird, also deren Ausserordentlichkeit in ihrem Beruf nicht in Zweifel gezogen werden kann und deren Beruf und Berufung in sich übereinstimmen. Zudem gibt es von beiden Komponisten zahlreiche eigene Quellen: Im Falle von Mozart eigene Briefe und Briefe und Berichte über ihn und im Falle von Schubert, Briefe, Schriften und Tagebuchaufzeichnungen.
Zu Mozart: Vater Leopold schreibt:
Ich halte es vor Gott und der Welt für meine Pflicht, das unbegreifliche, als Gabe von oben kommende Talent Wolfgangs zu befördern.
(zitiert in Schrade S. 36)
Die Einsicht des 21jährigen Sohnes deckt sich durchaus mit der Meinung des Vaters, wenn er zu dessen Geburts-und Namenstag am 8. Nov. 1777 aus Mannheim schreibt:
Ich kann nicht poetisch schreiben; ich bin kein Dichter. Ich kann die Redensarten nicht so künstlich einteilen, dass sie Schatten und Licht
geben; ich bin kein Maler. Ich kann sogar durchs Deuten und durch die Pantomime meine Gesinnungen und Gedanken nicht ausdrücken; ich bin kein Tänzer. Ich kann aber durch Töne; ich bin ein Musikus...(Reich S.12).
Und wieder der Vater an die Schwester Mozarts, Nannerl, am 14. Februar 1785:
Hr Haydn sagte mir: ich sage ihnen vor Gott, als ein ehrlicher Mann, ihr Sohn ist der grösste Componist, den ich von Person und dem Namen nach kenne; er hat Geschmack und überdas die grösste Compositionswissenschaft. (Bauer S.145)
Und über sein Komponieren sagt Mozart:
Die mir nun gefallen (sc. die Einfälle), die behalte ich im Kopf und summe sie wohl auch für mich hin, wie andere wenigstens gesagt haben...Das erhitzt mir nun die Seele, wenn ich nämlich nicht gestört werde; da wird es immer grösser, und ich breite es immer weiter und heller aus, und das Ding wird im Kopf wahrlich fast fertig, wenn es auch lang ist, so dass ich’s hernach mit einem Blicke gleichsam wie ein schönes Bild oder einen hübschen Menschen im Geist übersehe, und es auch gar nicht nacheinander, wie es hernach kömmen muss, in der Einbildung höre, sondern wie gleich alles zusammen. (zitiert in Muthmann S.23)
Und an anderer Stelle vergleicht er seine innere Vorstellung und seine äussere Erscheinung als Individualitäten: „dass sie Mozartisch sind“ und fügt bei:“Wenigstens weiss ich, dass ich mir das Eine so wenig als das Andere gegeben habe“ . (Muthmann S.23/24).
Es ist eines der wenigen Male, in denen Mozart - im Gegensatz zu seinem Vater Leopold – darauf anspielt, dass seine „Berufung“ , seine „Kondition“ von aussen kommen könnte. Während Vater Leopold, der kirchennahe Salzburger – die Gabe „von oben“ dankbar empfindet, weisen Mozart selbst – wie auch Haydn in aufklärerischer Haltung ganz sachlich – wenn auch mit einer emotionalen Beteiligung – auf die ausserordentlichen, kreativen Fähigkeiten hin. „Guter Geschmack“ – eine eher subjektive Eigenschaft, über die in jener Zeit zahlreiche Bücher geschrieben werden – und „Compositionswissenschaft“ – eine kognitive Fähigkeit nennt es Haydn. Mozart ist aber mit dem Komponieren viel zu sehr beschäftigt (sofern er „nicht gestört wird“ ), als dass er sich analytische Gedanken macht, woher seine „Berufung“ kommt.
Mehr denkt Schubert darüber nach – wenigstens auf dem Papier - , wenn er sagt: „Verstand ist nichts als analysierter Glaube“.
Doch zuerst die Fakten: Sein Bruder Ignaz, der ihm die ersten Klavierlektionen erteilt, schreibt:
Ich war erstaunt, als er (sc.Franz Schubert) kaum nach einigen Monaten mir ankündigte, dass er nun meines ferneren Unterrichts nicht mehr bedürfe und sich von selber forthelfen wolle. Und in der Tat brachte er es in kurzer Zeit so weit, dass ich ihn selber als einen mich weit übertreffenden und nicht mehr einzuholenden Meister anerkennen musste. (zitiert in Schneider, S.32)
Da war Schubert wohl zehnjährig. Mit elf erhielt er den ersten Kompositionsunterricht bei dem Chorleiter Michael Holzner, der sagte: „Dieser hat doch die Harmonie im kleinen Finger“(Schneider S.32). Dies war in der Zeit von 1808 bis 1813, als Schubert im strengen Konvikt des Jesuitenklosters in Wien, einer Art „Konzentrationslager“ für begabte Sängerkinder, untergebracht war. Und über den 15jährigen meint – fast etwas verzweifelt – der Hoforganist Wenzel Ruzicka: „Dem kann ich nichts lehren, der hat’s vom lieben Herrgott gelernt!“ (zitiert in Mühlmann S.86). Im Kollegium traf er den 9 Jahre älteren Joseph von Spaun, dem wir wertvolle Zeugnisse verdanken:
Er vertraute mir an, dass er seine Gedanken öfter heimlich in Noten bringe; aber sein Vater dürfe es nicht wissen, da er durchaus nicht wolle, dass er sich der Musik widme. (Schneider S.36).
Spaun weiter:
Er komponierte ausserordentlich schnell, und die Zeit der Studien verwandte er unablässig zum Komponieren, wobei die Schule allerdings zu kurz kam. (Schneider S.48).
Das 8. Streichquartett in B-dur verfertigte er gemäss seiner eigenen Notiz in 4 1/2 Stunden (Schneider S.45) und über den „Erlkönig“ von 1815, als er 18jährig war, schreibt Spaun:
Wir fanden Schubert ganz glühend, den Erlkönig aus einem Buche laut lesend. Er ging mehrmals mit dem Buche auf und ab, plötzlich setzte er sich, und in kürzester Zeit, so schnell man nur schreiben kann, stand die herrliche Ballade auf dem Papier. Wir liefen damit, da Schubert kein Klavier besass, in den Konvikt... (Schneider S.45 )
Obwohl von innen heraus seine Überzeugung der „Berufung“ klar war, war es schwierig für ihn, sich – wie man heute sagen würde – „zu verkaufen“ . Er ringt sich gegenüber Spaun zu der Aussage durch:
Zuweilen glaube ich wohl selbst im stillen, es könne etwas aus mir werden,- aber wer vermag nach Beethoven noch etwas zu machen?
(Schneider S.48)
Der karriereerprobte Sänger Johann Michael Vogl sagt zu ihm:
Es steckt etwas in Ihnen; aber Sie sind zu wenig Komödiant, zu wenig Scharlatan. Sie verschwenden Ihre schönen Gedanken, ohne sie breitzu- (Schneider S.46)
1817 berichtet Freund Anselm Hüttenbrenner, Schubert habe gesagt:
‚Mich soll der Staat erhalten’ , äusserte er ein paar mal zu mir,“ich bin für nichts als das Komponieren auf die Welt gekommen’ . (Mühlmann S.88)
Am 3. August 1818 schreibt Schubert aus Ungarn an seine Freunde:
Ich lebe und komponiere wie ein Gott, als wenn es so seyn müsste. (Görner S. 17)
und am 29. Okt. an seinen Bruder Ferdinand:
Übrigens werde ich mit meinen Herzensgefühlen niehmals berechnen u. politisieren, so wie’s in mir ist, so geb’ ich’s heraus und damit Punctum. (Görner S.24)
Schliesslich schreibt er am 28. März 1824 jene Sätze über Verstand und Glaube:
Mit dem Glauben tritt der Mensch in die Welt, er kommt vor Verstand und Kenntnissen weit voraus; denn um etwas zu verstehen, muss ich vorher etwas glauben; er ist die höhere Basis, auf welche der schwache Verstand seinen ersten Beweispfeiler aufpflanzt. Verstand ist nichts als ein analysierter Glaube. (Görner S.46)
Der junge Schubert „glaubt im Stillen, es könne etwas aus ihm werden“, der ältere Schubert macht diesen Glaube an diese – sagen wir „Berufung“ – zur Voraussetzung einer Analyse, die ihn seine Situation verstehen lässt. Wenn auch das äussere Selbstbewusstsein fehlt, das innere ermutigt ihn dennoch, den äusseren Wettbewerb zu Beethoven aufzunehmen. Das Wissen um seine „Berufung“ lässt ihn schon früh die Bemerkung machen – aber eben nur zu einem Freund - , er müsse eigentlich ein Staatsgehalt fürs Komponieren erhalten (was es zu gewissen Zeiten in Wien tatsächlich gab).
Wie lässt sich an Hand dieser Beispiele die Brücke schlagen zwischen den beiden extremen Polen, die ich am Anfang beschrieben habe, einerseits „Berufung“ als von Gott vorgezeichnetes, oder neutraler „von oben“ zugeteilte Bestimmung und dem Nachweis von „Berufung“ durch hirnanalytische Beschreibung?
Vor einigen Wochen gab es in der „Sternstunde Philosophie“ des Schweizer Fernsehens eine Begegnung mit dem Neuropsychologen Prof. Lutz Jäncke von der ETH Zürich. Jäncke hat – analog zu Altenmüller in Hannover – im deutschen Sprachgebiet einschlägige hirnphysiologische Untersuchungen zum Funktionieren von musikalischen Vorgängen im Hirn gemacht. Dazu gehört natürlich auch der Beschrieb von Begabung und Berufung auf naturwissenschaftlicher Grundlage. Kann man gemäss seinen Erkenntnissen „Berufung“ wissenschaftlich nachweisen?
Seine Theorie ist bestechend: Ein Mensch in der 3. Person sei heute beschreibbar und analysierbar. Was diese Person damit mache, wie sie die Möglichkeiten verbinde, also das Funktionieren aus der 1. Person heraus, sei subjektiv und nicht voraussehbar . Wenn wir vereinfachend und im Zeitgeist transponierend Schuberts merkwürdige Aussage vom „Verstand, der nichts als analysierter Glaube“ sei, damit vergleichen, kommen wir auf eine sehr ähnliche Lösung: Vom Ich aus, der 1. Person, die sehr wohl das „Müssen“ aus einer wie auch immer gearteten und definierten Veranlagung heraus, erkennt, wird danach subjektiv gehandelt, gemäss Schubert: „so wie’s in mir ist“. Die Veranlagung selbst kann heute beschrieben und erklärt werden. Das Produkt – wie es in der 1. Person auf uns zukommt – ist individuell: ist eben stilistisch erkennbar und unterschiedlich z.B. Schuberts oder Mozarts „Streichquintett“.
Der Veranstalter hat mich ursprünglich gebeten, von meiner Erfahrung als Komponist dieses Exposé anzugehen. Ich rede nicht gerne davon, was ich „glaube“. Ich mache lieber. Was mich beim Komponieren aber fasziniert, ist das Spiel mit den unglaublichen Möglichkeiten unseres Gehörsinns. Da ist irgendwo eine Energie, die Form werden will. Damit diese Umsetzung geschehen kann, müssen wir das technische Handwerk beherrschen, die „Compositionswissenschaft“. Das Problem der Intuition aber kann ich nur in der 1. Person angehen und da könnte ich nicht viel anderes über das subjektive Müssen berichten als was wir - wenn auch 200 Jahre zurückliegend – aus den historischen Zeugnissen vernommen haben. Ich bin auch daran, die äusseren Fakten über das musikalische Funktionieren meines Gehirns zu sammeln. Vielleicht lassen sich dadurch auch mich brennend interessierende Fragen nach den Begriffen von „künstlerischer“ versus „wissenschaftlicher“ Forschung, der Gemeinsamkeit und dem Unterschied, angehen. Die Forschung über das Funktionieren eines Menschen in der 3. Person entspricht der Wissenschaft, ist verifizierbar und die Einsichten ergeben ein wiederholbares Muster. Die Forschung über das Funktionieren in der 1. Person formuliert sich in individuellen, nicht wiederholbaren und nicht festlegbaren Einheiten. Die Erkenntnis der Berufung ist eine Sache der 1. Person. Die Sache des Berufes eine der 3. Insofern widersprechen sich die beiden Anfangstheorien eigentlich nicht.
Thüring Bräm
Basel, den 11.Juni 2006
Referenzen:
Bauer, W.A. und Deutsch, O.E. 1960 Wolfgang Amadé Mozart: Briefe. Frankfurt: Fischer Bücherei
Crick, Francis. 1997 Was die Seele wirklich ist: Die naturwissenschaftliche Erforschung des Bewusstseins.Hamburg: Rowohlt Taschenbuch
Driever, Willibrord. Berufung. Internetartikel
Görner, Rüdiger (Hrsg.) 1997 (3. Auflage). Franz Schubert: Briefe, Gedichte, Notizen. Frankfurt: Insel Verlag.
Kelterborn, Rudolf 2006 Zeitschrift dissonanz Nyon: Schweizerischer Tonkünstlerverein
Muthmann, Klaus Derrick 1984 Musik und Erleuchtung München:Verlag Max Hieber
Reich, Willi (Hrsg.) 1947 (2.Auflage).MOZART Denkmal im eigenen Wort Lebensdokumente, Verlag Benno Schwabe & Co.Basel
Schneider, Marcel. 1958. Franz Schubert: mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Hamburg: Rowohlt.
Schrade, Leo 1964 W.A.Mozart Bern: Francke Verlag