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In einer mehrteiligen Serie erzählt «Bluewin» die Geschichten von Sportlern, die es trotz eines Handicaps weit gebracht haben. Teil 5: Shaquem Griffin.
Es sind laute Schreie, die Tangie Griffin vor 20 Jahren aus dem Schlaf wecken. Sie rennt in die Küche und findet ihren vierjährigen Sohn vor, der mit einem Fleischmesser versucht, sich die Hand abzuschneiden. Der kleine Shaquem hält die Schmerzen nicht mehr aus.
Shaquem wurde mit einer missgebildeten Hand geboren. Seine Finger waren im Mutterleib abgeschnürt worden und konnten sich deshalb nicht richtig entwickeln. Jede Berührung löst unfassbare Schmerzen aus. Als er seine Mutter in jener Nacht auffordert, ihm die Hand abzutrennen, vereinbart diese am nächsten Morgen beim Arzt einen Termin für eine Amputation.
«Es war eine Erleichterung, als die Hand weg war», sagt Shaquem Griffin im November 2017 der «Sports Illustrated». Damals ist er 22 Jahre alt, ein talentierter Football-Spieler und steht kurz vor dem Sprung in die NFL. Am College überzeugt er mit starken Leistungen. Sein Trainer sagt, er habe nie einen Spieler gesehen, der mehr trainiert habe als Griffin. Doch schöne Worte sind dem Linebacker nicht genug. «Ich will mehr sein als eine 'Feel-Good-Story'», sagt er. Griffin will den Durchbruch schaffen. Wie sein Zwillingsbruder Shaquill, der 2017 von den Seattle Seahawks gedraftet wird.
Kurz vor dem Ziel kommen die Zweifel
Seit seiner Kindheit träumt Shaquem Griffin davon, in der National Football League (NFL) zu spielen. Dass dies noch nie einem Spieler mit nur einer Hand gelungen war, verunsichert ihn nicht. Zu seinem Glück behandeln ihn auch die Eltern gleich wie seinen kerngesunden Bruder, lassen die Behinderung nicht als Ausrede gelten. «Mein Vater wollte nicht, dass ich irgendwelche Ausreden suche, warum ich den Ball nicht gefangen habe», erinnert sich Shaquem in der «Sports Illustrated». Und gibt zu: «Ich habe einige Bälle ins Gesicht bekommen, bevor ich gelernt habe, sie zu fangen.»
Die Zwillingsbrüder erhalten schliesslich ein Stipendium der University of Central Florida. An der Universität wird Shaquem Griffin vom Trainer kaum beachtet, wird schliesslich ins Scout-Team degradiert und darf auch nicht ins Trainingslager mit. Als Gerüchte die Runde machen, man habe ihn nur an die Universität geholt, um den talentierten Bruder Shaquill anzulocken, beginnt Shaquem selbst zu zweifeln.
Er spielt mit dem Gedanken, seinen grossen Traum aufzugeben, verlässt das College und hilft dem Vater, Autos abzuschleppen. Bis ihm eines Tages ein Kunde eine zerrissene Fünf-Dollar-Note in die Hand drückt und sagt: «Nichts ist leicht im Leben! Arbeite weiter an dir.» Es ist ein Weckruf. Griffin geht zurück ans College und spielt wieder Football.
«Es ist keine traurige Geschichte»
Als das Team einen neuen Trainer anheuert, bekommt der Linebacker eine neue Chance – und nutzt sie. Er trainiert wie nie zuvor, überrascht die Scouts mit seinen Leistungen und wird zum Saisonende sogar von der American Athletic Conference zum Verteidiger des Jahres gewählt.
Und der Höhenflug findet kein Ende. Im April 2018 wird Griffin tatsächlich von den Seattle Seahawks gedraftet und unterschreibt beim NFL-Team, bei dem auch sein Bruder spielt, einen Profivertrag über vier Jahre. Wenige Monate später gibt er sein Debüt in der besten Football-Liga der Welt und wird damit zum ersten einhändigen NFL-Profi der Geschichte. Shaquem Griffins Geschichte gleicht einem Märchen. Oder einem Drama mit Happy End. Oder wie Griffin selber sagt: «Es ist keine traurige Geschichte, es ist einfach meine Geschichte.»