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Nachbau des menschlichen Genoms, künstliche Intelligenz, autonome Roboter: neue Technologien, die in die Schöpfung eingreifen, machen Angst. Angst davor, dass sich solche Organismen verselbständigen, dass sich menschliche Erfindungen irgendwann gegen die Menschen richten, die sie erfunden haben.
In der Legende vom Golem hat diese Angst einen treffenden Ausdruck gefunden. Der Mythos von diesem grossen, ungeschlachten Riesen, der aus unbelebter Materie geformt wird und zum Leben erwacht, stammt aus dem Judentum. Er ist ein Rückgriff auf die biblische Vorstellung, in der Gott Adam aus Lehm erschafft.
Wütender Golem auf Prags Strassen
Eine Geschichte seiner Entstehung geht so: Der Prager Rabbi Judah Löw schafft im späten 16. Jahrhundert mit Hilfe von ganz bestimmten Buchstabenkombinationen aus der jüdischen Mystik eine Figur aus Lehm. Sie soll ihm bei der täglichen Arbeit zur Hand zu gehen.
Er nennt ihn Golem, was in rabbinischer Tradition etwas bezeichnet, das unfertig oder noch ungeformt ist. Stumm soll er einfache Arbeiten für die Gemeinde verrichten.
Damit der Golem zum Leben erwacht und zu arbeiten beginnt, legt ihm der Rabbi jeweils einen Zettel mit dem Namen Gottes unter die Zunge.
An jedem Sabbat muss der Zettel entfernt werden, weil dann nicht gearbeitet werden darf. Doch als er dies eines Tages vergisst, zieht der Golem wütend durch die Strassen und zerstört alles, was ihm in den Weg kommt.
Theologische Fragen
Der bekannte Rabbiner Tovia Ben-Chorin, der seit 2015 der jüdischen Gemeinde St. Gallen vorsteht, kennt diese Legenden aus der jüdischen Mystik gut. Sie werfen, sagt er, interessante theologische Fragen auf: Wie nah kann der Mensch Gott kommen? Wo liegt die Grenze zwischen beiden?
Ben-Chorins Vater hat ihm eine weitere Geschichte erzählt: Im Prager Ghetto war der Golem fürs Wasserholen zuständig.
Als der Rabbi am Freitag vergass, dem Golem den Zettel mit dem Wort Gottes aus dem Mund zu nehmen, kam es beinahe zu einer Überschwemmung.
Inspiration für den «Zauberlehrling»
Der Golem hörte nicht auf, Wasser herbeizutragen. Im letzten Moment, kurz vor Beginn der Sabbatruhe, konnte man ihm den Zettel entfernen und so die Zerstörung des Ghettos verhindern.
Das erinnert an ein berühmtes Motiv der Literatur: jenes vom Lehrling des Hexenmeisters, der eine Handvoll Besen zum Leben erweckt. Er schrammt damit haarscharf an einer Katastrophe vorbei.
Goethe soll, als er seine berühmte Ballade vom «Zauberlehrling» schrieb, vom Prager Golem inspiriert worden sein.
Stoff für Science-Fiction und Horror
Auch für die Sci-Fi- und Horror-Genres bietet der Golem reichlich Stoff. Er wurde und wird bis heute in Kunst, Comic, Literatur und Film in zahlreichen Variationen durchgespielt.
Höhepunkt des Golem-Kultes ist Gustav Meyrinks Roman «Der Golem» von 1913 und dessen stumme Verfilmung durch Paul Wegener mit dem Titel «Der Golem, wie er in die Welt kam».
Wahrheit auf der Stirn
Die Parallelen zur Robotik liegen auf der Hand und sind hochaktuell, wenn man sich die vielen autonomen Helfer in Haushalt, und Verkehr vor Augen führt, die in den letzten Jahren entstanden sind. Doch der Vergleich zu Robotern hinkt in einem wesentlichen Punkt.
Der Golem sei nicht vollständig von Menschen kontrolliert, eben weil er die vier Buchstaben des Gottesnamens «JHWH» im Mund und das Wort «Wahrheit» auf der Stirn trage, sagt Rabbi Tovia Ben-Chorin.
Tovia Ben-Chroin ist fasziniert von der mystischen Golem-Figur, weil sie zeige, wie sich das Judentum auf Entwicklung vorbereite. Oft ohne sich dessen bewusst zu sein.
Ein Lehrstück über den Umgang mit Technologie
Tatsächlich gibt es im Judentums – anders als in vielen christlichen und islamischen Kreisen – eine grosse Offenheit gegenüber modernen Technologien, gerade zum Beispiel gegenüber der Fortpflanzungsmedizin.
Der Golem, findet Rabbi Ben-Chorin, stelle in gewisser Weise den Prototypen eines modernen Roboters dar. Die Sage verweise auf den Zwiespalt im Umgang mit modernen Technologien.
Diese Technologien seien dazu da, dem Menschen zu dienen. Aber wir sollten aufpassen, dass sie nicht über uns herrschen. Ben-Chorin selber hat jedenfalls noch nie versucht, einen Golem herzustellen.
Sendungshinweis
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