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Exotische Inseln sind seit je mit der Vorstellung einer neuen, besseren Welt verbunden. Je deutlicher die eigenen zivilisatorischen Mängel wahrgenommen werden, desto mehr wächst die Sehnsucht nach einem noch unberührten irdischen Paradies. Rolf Lappert knüpft in seinem neuen Roman an diesen Topos an, kehrt ihn aber radikal um. Gleich zwei Protagonisten schickt er nacheinander auf eine winzige philippinische Insel, auf der eine düstere Endzeitstimmung herrscht. Dabei geht es Lappert keineswegs um eine effektvolle Abenteuerkulisse. Vielmehr entwirft er in seinem Roman ein apokalyptisches Szenario, das sich durchaus als Parabel auf eine verkommene und dem Untergang geweihte Zivilisation lesen lässt.
«Auf den Inseln des letzten Lichts» erzählt die Geschichte der Geschwister Megan und Tobey O’Flynn, die auf einer schäbigen Farm im Südwesten Irlands aufwachsen. Die Mutter hat die Familie bereits früh verlassen. Der Vater, ein missmutiger Trinker, überlässt Hof und Kinder ihrem Schicksal. Mit achtzehn geht Tobey nach Dublin und beginnt eine erfolglose Karriere als Punkgitarrist. Megan nimmt ein Studium der Tiermedizin auf, das ihr von einem Praktikum in einem Schlachthaus allerdings gründlich verleidet wird. Eine Zeitlang kämpft sie als militante Tierschützerin, heiratet den falschen Mann und flüchtet schliesslich nach Manila, wo sie Gelegenheitsarbeiten für einen australischen Ethnologieprofessor erledigt. Von ihm erfährt sie von einer Gruppe internationaler Wissenschafter, die auf einer abgelegenen philippinischen Insel Primatenforschung betreiben. Megan gelangt auf das namenlose Eiland, das auf keiner Karte verzeichnet ist. Bei ihrer Ankunft befindet sich die Forschungsstation allerdings bereits im Zustand fortgeschrittener Auflösung. Die Primaten laufen als kostümierte Zirkusnummern umher, und die wenigen verbliebenen Wissenschafter geben sich gar nicht erst die Mühe, irgendeine Forschungstätigkeit vorzutäuschen. Nach Wochen trägen Nichtstuns findet Megan heraus, dass auf einer beinahe identischen Nachbarinsel ein grosses Labor existiert, in dem im Auftrag skrupelloser Pharmakonzerne mit tödlichen Viren experimentiert wird und dazu Hunderte von Menschenaffen in engen Käfigen gehalten werden. Noch grösser ist das Entsetzen, als sie in einem der Käfige ein völlig verwahrlostes und offenbar vertiertes Mädchen entdeckt, das ebenfalls Teil des zynischen Forschungsprogramms ist. Von Lebensekel überwältigt, flieht Megan den Ort des Schreckens und schwimmt hinaus aufs Meer.
Der hier geradlinig skizzierte Plot wird im Roman in einer Art doppelter Zeitschleife erzählt. Megans Erlebnisse auf der Insel bilden den zweiten, spannungsgeladenen Teil der Geschichte. Im ersten, zeitlich jedoch nachfolgenden Teil, wird von Tobeys Suche nach seiner Schwester erzählt, die bei seiner Ankunft auf der Insel bereits tot ist. Die Umkehrung der Chronologie mag erzählerisch reizvoll sein, erweist sich aber für den Leser als überaus quälend. 250 Seiten lang folgt er Tobeys Anstrengungen, irgendetwas über Megans Schicksal in Erfahrung zu bringen, um am Ende mit nicht mehr als dem falschen Grab und ein paar Briefen und Zeichnungen dazustehen. Zudem sind in den Text zahllose Hinweise und Nebenhandlungen eingeflochten, die in einem diffusen Ungefähr verbleiben und die Geschichte zusehends zerfransen lassen. Wenn es Lapperts Absicht war, mit der wie in Zeitlupe sich entfaltenden Handlung die drückende, lethargische Atmosphäre auf der Insel wiederzugeben, so ist ihm das zweifellos gelungen. Nur ist zu befürchten, dass bis zum spannenden Schluss nicht wenige Leser auf der Strecke geblieben sind.
Rolf Lappert: «Auf den Inseln des letzten Lichts». München: Hanser, 2010