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Ein Gespräch mit Historiker Valentin Groebner über die leere Altstadt von Luzern, das falsche Mittelalter und importierte Selbstbilder.Dieser Inhalt wurde am 28. Juni 2020 - 11:00 publiziert
Ursprünglich wollte ich mit Ihnen ja über Overtourism sprechen – damit wird es dieses Jahr wohl nichts…
Ich glaube doch. Overtourism und Undertourism hängen sehr eng zusammen.
Inwiefern?
Die grosse Leere, die man während der Corona-Krise in Luzern besichtigen kann, ist ja erst durch die unglaublich intensive touristische Nutzung ermöglicht worden.
Tourismus erzeugt Zonen ohne Bewohner?
Sagen wir: Sonderwirtschaftszonen.
Wie wurde Luzern zu einer so erfolgreichen Touristendestination?
In Reiseberichten aus dem 18. Jahrhundert wird Luzern als trauriges, altmodisches Städtchen beschrieben, repressiv und rückständig. Arthur Schopenhauer hat das auf den Punkt gebracht: "Ein kleines, schlecht gebautes, menschenleeres Städtchen. Aber die Aussicht ist göttlich." Denn das hatte Luzern zu bieten: Die Aussicht. Es gibt wenige Städte, von denen man über einen See direkt nach Süden aus auf Berge sehen kann, die fast das ganz Jahr schneebedeckt sind. Das geht in Genf, das geht in Montreux und eben hier, in Luzern. Und dieser See entsprach dem romantischen Blick, der im 19. Jahrhundert entstand, ganz besonders.
Was meinen Sie mit dem romantischen Blick?
Dieser Blick wurde letztlich von englischen Touristen importiert, die ab dem Ende des 18. Jahrhunderts die Schweiz besuchten. Einer davon war der Maler William Turner, der mit Schweizer Sujets einer unberührten Urlandschaft erstmals tiefe, romantische Empfindungen erzeugte - für seine sehr wohlhabenden britischen Kunden.
Die Schweiz war zuvor ein Ort, den man widerwillig durchquerte, wegen der Berge als Verkehrshindernisse und dem schlechten Wetter; und die Einwohner benutzten eigenartige Sprachen, die man nicht verstand. Die gebildeten Reisenden des 19. Jahrhundert machten dann die Innerschweiz zu einer Kompensationslandschaft der Industrialisierung. Gute Luft und sauberes Wasser wurden im restlichen Europa ein knappes Gut und machten aus den Alpen einen Gegenpol der Industrialisierung, wo es vermeintlich noch so war «wie früher».
Die Schweiz, die Seen, die Berge wurden im Lauf des 19. Jahrhunderts zu dem Ort, an dem die negativen Erscheinungen der Industrialisierung temporär wieder gut gemacht werden können – wenn man es sich leisten kann, dorthin zu fahren.
Birmingham, Manchester und Luzern gehören in gewisser Weise zusammen: In Nordengland wurde in dreckigen Textilfabriken das Geld verdient, und die Fabrikanten erholten sich davon in der Schweiz - in Hotels, die selbst eine Art rosa Fabriken waren, in derselben Stahlbetonweise gebaut wie die Textilfabriken im Zürcher Oberland und anderswo.
Dieses Bild der Schweiz kam von aussen, sagen Sie?
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Innerschweiz eine der ärmsten Regionen Europas. In den 1830ern herrschten hier Armut, Hunger, ja bürgerkriegsähnliche Zustände: Es gab politische Morde, Freischarenzüge und Aufstände – und all das wurde durch die romantischen Idyllen von Leuten wie Turner und John Ruskin plötzlich zum Verschwinden gebracht.
Die Innerschweiz ist durch Touristen mit einer besonders schönen Vergangenheit ausgestattet worden– nachträglich. Nationalgeschichten werden zu jener Zeit überall erfunden; aber hier wurden diese Erfindungen in zugespitzter Weise mit dem Fremdenverkehr verbunden. In gewisser Weise wurden die Alpen durch den Tourismus dann selbst zur Industrielandschaft, zu einer Sonderwirtschaftszone.
Wie veränderte dieser romantische Blick Luzern?
Das Problem war: Dort, wo dieser Blick am schönsten ist, hörte die Stadt auf. Da waren sumpfige Wiesen und eine mittelalterliche Brücke. Also baute man die Hotels ab den 1830er Jahren nicht mehr in der Stadt, sondern ausserhalb. Die Stadt wanderte mit riesigen Hotelneubauten ans Seeufer. Und damit von dort schön auf die Berge geschaut werden konnte, wurde in den 1830er und 1840er Jahren die alte mittelalterliche Brücke abgerissen, weil sie das «falsche Mittelalter» war.
Was heisst das, das falsche Mittelalter?
Das falsche Mittelalter ist eines, das man nicht romantisch besetzen kann. In Luzern wurden, wie in allen Städten zu jener Zeit um 1840, die mittelalterlichen Stadtmauern abgerissen – denn die stehen der Entwicklung im Weg. In Luzern blieb ein kleines Stück davon bestehen, am Hang, wo es dem Wachstum der Stadt nicht im Weg war. Und das wurde sofort mit öffentlichen Mitteln restauriert: Man brauchte es als Kulisse für die neuen Hotels.
Warum beginnt man in jener Zeit nicht nur die Alpen, sondern auch das Mittelalter zu idyllisieren?
Die Industriestaaten des 19. Jahrhunderts sind alle dermassen jung, dass sie nichts notwendiger brauchten als eine möglichst alte Nationalvergangenheit, einen historischen Urgrund.
Was bedeutete das für Luzern?
Eine touristische Destination brauchte eine möglichst spektakuläre Altstadt: Also baute man sich die Altstadt, die man haben wollte. Am besten sieht man das an der Jesuitenkirche in Luzern. Deren Türme sind jünger als der Luzerner Bahnhof: Die kamen im späten 19. Jahrhundert dazu, damit die Kirche noch barocker und damit weit älter aussieht. Noch heute gibt es, ein paar Schritte von der Kirche entfernt, die so genannte Suidtersche Apotheke, die aussieht wie eine ganz alte Apotheke aus dem 16. Jahrhundert, obwohl sie in den 1830er-Jahren errichtet wurde.
Die Vermittelalterlichung hatte dabei verschiedene Phasen: In den 1890ern schmückte man die Hausfassaden mit dekorativer Neogotik, in den 1940er Jahren wurden die dann mit trutzig-urchigen Mittelalterkämpfern à la Hodler ergänzt: Tapfere Landknechte mit ordentlich Bizeps und in weissen Hirtenhemden – boys in the hood. Das war dann ein vollkommen anderes Mittelalter.
Richtig touristifiziert wurde Luzern in den 1970er Jahren: Da hat man vor die Jesuitenkirche einen barocken Vorplatz mit einer Treppe und Balustraden à la Venedig hingebaut – das ist die Theaterarchitektur des Altstadttourismus.
Wieso kam dieser Schub in den 1970er Jahren?
In den 1970er Jahren kam der Flug- aber auch der Bustourismus. Und der umtriebige Tourismusdirektor Kurt Illi hat damals den asiatischen Markt eröffnet. Es begann eine rasante Wachstumsphase, die abgesehen von ein paar Dämpfern um 2001 und 2008 bis jetzt andauerte – und die ist nun vorerst wohl etwas vorbei. Mit der Corona-Krise haben wir in Luzern zum ersten Mal die 1970er Jahre verlassen. Immerhin konnte man durch die Leere das touristische Abziehbild, die Fototapete hinter dem touristischen Alltag erstmals deutlich sehen.