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Sambuco-Stausee im Tessin. Bild: Shutterstock
«Als der Damm brach, ertönte ein Ächzen, wie wenn der Himmel einstürzen und die Erde gespalten würde.» So schilderte ein Augenzeuge den Bruch des Shiantan-Staudammes in der chinesischen Provinz Henan im August 1975. Nach tagelangen Regenfällen hielt die Staumauer dem Wasserdruck nicht mehr stand. Eine Flutwelle traf auf den weiter unten liegenden, viel grösseren Banqiao-Staudamm, der ebenfalls brach. Grosse Wassermassen ergossen sich zu Tale. «Unzählige Leichen und Viehkörper trieben im Wasser, während das Schreien von Menschen zu hören war», berichteten Beobachter. Insgesamt 62 Staudämme brachen bei dem Kaskaden-Unglück. Die Katastrophe zählt zu den zehn schwersten der Menschheitsgeschichte. Etwa 26’000 Menschen starben direkt wegen dem Wasser, weitere geschätzte 150’000 erlagen den darauf folgenden Epidemien und Hungersnöten.
Der Staudammbruch in China von 1975 ist das schwerste einer langen Liste von Talsperren-Unglücken mit Dutzenden, Hunderten oder sogar Tausenden Toten. Und es drohen weitere Katastrophen. Auf das macht eine neue Studie von Wissenschaftlern der kanadischen United Nations University aufmerksam.
Viele Dämme haben die Einsatzzeit erreicht
Die Forscher haben den Zustand der weltweit rund 58’700 grossen Staudämme unter die Lupe genommen und kommen zum Schluss, dass immer mehr von ihnen die vorgesehene Einsatzzeit erreicht oder sogar überschritten haben. Gleichzeitig werde aber zuwenig für den Unterhalt und die Sicherheit der Dämme getan. Konkret sind viele der Talsperren zwischen den 1950er- und den 1970er-Jahren erbaut und für eine Lebenszeit von 50 bis 100 Jahren konzipiert worden. Die Baufälligkeit steigt.
Viele Staudämme wurden in den 1950er- bis 1970er-Jahre erbaut. Quelle: UNU-INWEH
Besonders betroffen sind Asien und Nordamerika, wo insgesamt 16’000 grosse Talsperren mit einem Alter zwischen 50 und 100 Jahren stehen. 2300 Dämme in Asien und Nordamerika sind sogar älter als 100 Jahre. In Europa ist sogar jede zehnte Talsperre schon über 100 Jahre alt. Gemäss dem Internetportal «Infosperber» sind in der Schweiz etwa drei Viertel der Staudämme älter als 50 Jahre.
Die kanadischen Forscher warnen in ihrer Studie davor, die Risiken der Talsperren ausser Acht zu lassen. Die Bauwerke sollten rechtzeitig überprüft werden. Es müsse allenfalls die Renovierung, der Neubau oder der Abriss bestehender Staudämme ins Auge gefasst werden. «Die Stilllegung von Dämmen sollte als gleich wichtig wie der Bau von Dämmen erachtet werden», heisst es im Bericht.
2000 Tote bei Talsperrenunglück in Italien
Auch mitten in Europa gab es schon schlimme Talsperren-Unglücke. Das schwerste ereignete sich 1963 in den italienischen Alpen. Damals donnerte ein Bergsturz in den Vajont-Stausee oberhalb des Städtchens Longarone. Die Staumauer widerstand der entstandenen Flutwelle zwar, doch es schwappte Wasser über den Damm. Eine 150 Meter hohe Wasserwoge «trieb einen Sturm vor sich her, der den Menschen im Tal die Haut vom Körper riss», stand in einem Bericht. Das Wasser zerstörte mehrere Dörfer, ergoss sich über Longarone und tötete insgesamt 2000 Menschen.
Besonders beunruhigend in der Studie der United Nations University ist, dass sich Vorfälle mit gebrochenen Talsperren offenbar bereits häufen. So zeigt eine in der Studie enthaltene Grafik, dass zwischen 1950 und 2004 weltweit nie mehr als 20 Staudamm-Brüche pro Fünfjahresperiode zu verzeichnen gewesen waren. In der Periode von 2005 bis 2009 gab es jedoch bereits etwa 70 entsprechende Unglücke, von 2010 bis 2014 fast 100 Unglücke und von 2015 bis 2019 sogar fast 175 Unglücke. Als Ursachen für solche Ereignisse machen die Studienautoren «strukturelle Mängel», extremes Hochwasser und Überflutungen sowie «falsche Bedienung» aus.
In den letzten Jahren hat die Zahl der versagenden Talsperren markant zugenommen. Quelle: UNU-INWEH
Tatsächlich ereigneten sich auch in jüngster Zeit Talsperren-Unglücke mit Todesopfern. Zum Beispiel führte starker Regen im Februar 2012 zum Bruch des 19 Meter hohen Staudamms Iwanowo im Südosten Bulgariens. Dabei überschwemmte eine meterhohe Flutwelle mehrere Dörfer. Acht Menschen ertranken.
Bei uns kaum bekannt ist, dass auch das schwere Erdbeben in Japan vom März 2011 ein Talsperren-Unglück ausgelöst hat. Wegen den Erschütterungen brach die 17 Meter hohe Fujinuma-Talsperre in der Präfektur Fukushima. Das Resultat waren vier Todesopfer. Weitere acht Personen werden noch immer vermisst.
Viel mehr Tote als bei AKW-Unglücken
Bemerkenswert ist, dass das Staudamm-Unglück von Fujinuma Tote zur Folge hatte - nicht aber die Atomhavarie im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi, die auf das gleiche Erdbeben und den darauffolgenden Tsunami zurückzuführen war. Gemäss Erhebungen von Wissenschaftlern - etwa der Uno - hat die ausgetretene Strahlung im AKW Fukushima aber keine Menschen getötet und wird voraussichtlich wegen der Strahlung auch künftig zu keinen Todesfällen führen. Das Atomunglück beschäftigte die hiesigen Medien jedoch monatelang, während über die Stausee-Katastrophe praktisch nichts berichtet wurde.
Ganz allgemein interessieren Talsperren-Unglücke in der Schweiz offenbar so gut wie niemanden - das, obwohl gebrochene Staudämme schon um Grössenordnungen mehr Menschenleben gefordert haben als Kernkraftwerks-Unglücke. Während kleinste fragliche Vorkommnisse beim Betrieb von AKWs ganze Zeitungsseiten füllen, machen potentielle Probleme bei Staumauern keinerlei Schlagzeilen. Es scheint, dass der Fokus hier etwas gar einseitig gesetzt ist.
United Nations University, Institute für Water, Environment and Health: «Ageing Water Storage Infrastructure: An Emerging Global Risk«, 2021
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