Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03242.jsonl.gz/2479

«Vergleicht man das Orchester von Berlioz mit dem von Schumann», urteilte Pierre Boulez 1977 gesprächsweise und in deutlicher Parteinahme für seinen französischen Landsmann, «so ist das wie Tag und Nacht: im einen Fall eine wunderbare orchestrale Vorstellungsgabe, im anderen Fall etwas Mattes, Farbloses. Die Instrumentation bei Schumann entspricht natürlich dem, was er geben wollte, aber man fühlt doch, dass sein Denken auf diesem Gebiet nicht sehr fortgeschritten war.» Mit dieser Ansicht stand und steht Boulez nicht allein. So sehr man Schumann für den unbändigen Schaffensrausch und die Experimentierfreudigkeit bewundert, mit der er sich im «Sinfonienjahr» 1841 der orchestralen Grossform zuwandte, so hartnäckig hält sich das Verdikt, die Instrumentationskunst gerade des Sinfonikers Schumann sei zweifelhaft: Zu massig, zu farblos klinge sein Orchestersatz, kurz: «zu dick» und nicht durchhörbar auf die vielen feinen Details dieser Musik. Kein Geringerer als Gustav Mahler hat aus dieser Überzeugung heraus weitgehende Retuschen für sämtliche Sinfonien vorgenommen (womit er nur einer weitverbreiteten Praxis folgte): Über 350 Änderungen, die sogar in Schumanns Harmonik eingreifen, sind es beispielweise in der Zweiten, fast 500 im Falle der Vierten Sinfonie. Eine faszinierende Hörerfahrung, wie Riccardo Chaillys 2007 entstandene Einspielung dieser «verbesserten Fassungen» mit dem Leipziger Gewandhausorchester beweist!
In den letzten beiden Dekaden haben indes Dirigenten der historischen Aufführungspraxis wie John Eliot Gardiner oder Nikolaus Harnoncourt gezeigt, dass die Vorurteile Schumann gegenüber schlicht und einfach auf einer falschen Prämisse beruhen: dem viel zu grossen spätromantischen Orchesterapparat. Aus lediglich rund 50 Musikern setzte sich das Leipziger Gewandhausorchester zusammen, als es 1846 Schumanns Zweite Sinfonie zur Uraufführung brachte – kein Vergleich zu den heutigen Hundertschaften! Als die Originalklangbewegung Schumann von der «falsche Patina des spätromantischen Orchesterklangs» befreite, wie Gardiner es formulierte, waren dessen Sinfonien plötzlich ganz anders zu erleben: Die thematischen Haupt- und Nebenwege – und damit die kontrapunktischen Finessen – traten mit einem Mal klar zutage. Der kompakte Orchestersatz gewann dank der fein abgestuften Balance zwischen Streichern und Holzbläsern, die nicht mehr «zugedeckt» wurden, eine ganz neue Farbigkeit und zugleich jene kompakte, agile Straffheit, die Schumanns Zeitgenossen so faszinierte. Dass dieser Ansatz nicht nur auf einen kleinen Kreis von «Spezialisten» beschränkt blieb, sondern in der «Mitte der musikalischen Gesellschaft» angekommen ist, davon zeugen neuere Einspielungen der Schumann-Sinfonien etwa von David Zinman (mit dem Tonhalle-Orchester Zürich, 2003), Thomas Dausgaard (mit dem Swedish Chamber Orchestra, 2006/07) oder Paavo Järvi (mit der Kammerphilharmonie Bremen, 2010/11). Und auch auf die Gesamtaufnahme des kanadischen Shootingstars Yannick Nézet-Seguin, die dieser Tage herauskommt, darf man gespannt sein.
Und Bernard Haitink? Er greift solche Ansätze auf, das hat er schon in den vergangenen Spielzeiten bei LUCERNE FESTIVAL bezeugt: 2008/09, zu seinem 80. Geburtstag, «gönnte» er sich (und uns Hörern) einen grandiosen Beethoven-Zyklus, dem 2010/2011 ein nicht weniger eindrücklicher Brahms-Zyklus folgte. Überraschend schnelle Tempi und eine kleine Besetzung, die klangliche Transparenz ermöglichte – das waren wesentliche Kennzeichen dieser beiden Aufführungsreihen. Allzu scharfe Attacke und allzu kleingliedrige Phrasierung sind Haitinks Sache indes nicht; stattdessen profitieren seine Deutungen von der langen Erfahrung dieses Ausnahmedirigenten, von seinem Gespür für die kompositorische Tektonik einer Partitur, für ihre grossformale Gliederung und den planvollen, packenden Aufbau von Steigerungskurven, wie sie etwa auch der Übergang ins Finale von Schumanns Vierter Sinfonie verlangt.
Umso neugieriger sind wir auf den neuen Schumann-Zyklus, mit dem Haitink nun bei LUCERNE FESTIVAL seinen 85. Geburtstag feiert: Am 5. April sowie am 26. und 28. August 2014 bringt er sämtliche Sinfonien Schumanns zur Aufführung, dazu das Klavier- , das Cello- und das Violinkonzert (mit Murray Perahia, Gautier Capuçon und Isabelle Faust) sowie die düstere Manfred-Ouvertüre und die viel zu selten aufgeführte Werkfolge Ouvertüre, Scherzo und Finale op. 52 (die ursprünglich ebenfalls eine Sinfonie werden sollte). Haitinks Partner ist auch diesmal das formidable Chamber Orchestra of Europe, dessen Schumann-Zyklus mit Nikolaus Harnoncourt aus den Jahren 1993 bis 1995 massgeblich zur Neubewertung des Romantikers beitrug und deshalb bis heute – zu Recht! – als Referenz gilt.
Malte Lohmann | Redaktion