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Errol Morris dürfte jedem, der sich mit Dokumentarfilm beschäftigt, ein Begriff sein. Sein 1988 erschienener Film The Thin Blue Line kann wohl ohne Übertreibung als Meilenstein der Gattung bezeichnet werden, der wesentlich dazu beigetragen hat, das Re-Enactment als ernstzunehmendes Stilmittel zu rehabilitieren. Morris beschäftigt sich in seinen Filmen in der Regel mit ur-amerikanischen Themen. Sein neustes Buch ist deshalb eine ziemliche Überraschung: In The Ashtray (Or the Man Who Denied Reality) zieht Morris gegen seinen früheren Professor Thomas Kuhn zu Felde. 1
Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen
Wenn ich unter allen Büchern, die ich gelesen habe, das auswählen müsste, das mein (wissenschaftliches) Denken am nachhaltigsten geprägt hat, würde meine Wahl zweifellos auf Kuhns Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen fallen. Kuhns Buch ist ein Klassiker der Wissenschaftstheorie und taucht regelmässig in Listen der einflussreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts auf. – Worum geht es? Die Geschichte der (Natur-)Wissenschaft wird oft als Erfolgsgeschichte dargestellt, als eine sukzessive Anhäufung von Wissen und damit einhergehend der stetigen Verfeinerung wissenschaftlicher Modelle. Mit dieser Vorstellung räumt Kuhn auf. In seiner Darstellung ist Wissenschaft keine allmähliche Annäherung an eine objektive Wahrheit, kein linearer Prozess, der auf ein Ziel hin zuläuft, sondern eine bis zu einem gewissen Grad zufällige Angelegenheit, die von Krisen und Umbrüchen – eben Revolutionen – geprägt ist.
Kuhn unterscheidet zwischen Revolutionen und Phasen normaler Wissenschaft. Letztere sind dadurch gekennzeichnet, dass ein Set von allgemein akzeptierten Verfahren, Erkenntnissen und Zielen existiert, derer sich Wissenschaftlicher bedienen bzw. die sie anstreben. Man weiss, was man erreichen will, auf welchen Wege man dies zu tun hat und anhand welcher Kriterien die Ergebnisse bewertet werden. Diese Gesamtheit bezeichnet Kuhn als Paradigma. In Phasen normaler Wissenschaft herrscht Gewissheit, dass sich Probleme innerhalb des bestehenden Paradigmas lösen lassen. Wissenschaftliche Arbeit besteht nach Kuhn deshalb normalerweise vor allem aus Rätsel-Lösen („puzzle solving“) innerhalb des etablierten Paradigmas, also gewissermassen dem Auspolstern des bestehenden Gerüsts, und nicht aus dem Entwickeln umstürzender Thesen.
Früher oder später gelangt das Paradigma aber an seine Grenzen; es treten Anomalien auf. Ist die Zahl der Anomalien zu gross, gerät das Paradigma in eine Krise und eine Phase revolutionärer Wissenschaft setzt ein, in deren Verlauf neue Modelle entwickelt werden, welche die Anomalien zwar erklären können, dem bestehenden Paradigma aber fundamental widersprechen. Ab einem gewissen Punkt etabliert sich ein neues Paradigma, das von nun an die Basis normaler Wissenschaft darstellt.
Ein entscheidender – und umstrittener – Punkt in diesem Modell ist, dass der Übergang vom alten zum neuen Paradigma kein geordneter rationaler Prozess ist. Entscheidend ist nach Kuhn nicht, dass das neue Paradigma objektiv besser ist bzw. dass die Vertreter des neuen Ansatzes ihre Kollegen mit Argumenten überzeugen können. Letzteres sei oft gar nicht möglich. Denn zum einen kann das neue Paradigma zu Beginn zwar mit den – oder zumindest manchen – Anomalien umgehen, es ist aber zwangsläufig nicht so umfassend wie das alte, kann also (noch) nicht allen bis dahin bekannten Phänomenen gerecht werden.
Die Umwertung aller Werte
Fast noch wichtiger ist, dass eine Revolution nach Kuhn zu einer Umwälzung der bestehenden Nomenklatur und der angelegten Massstäbe führt; Begriffe erhalten eine neue Bedeutung, die Rahmenbedingungen und Beurteilungskriterien verändern sich grundlegend. Das alte und das neue Paradigma sind in letzter Konsequenz nicht vergleichbar, stellen unterschiedliche Welten dar, sie sind in Kuhns Worten inkommensurabel. Die Anhänger des alten Paradigmas können das neue schlechterdings nicht verstehen, da sie in einer anderen Welt leben.
Kuhns Buch war ungeheuer einflussreich, wurde und wird aber auch kritisiert. Dazu gleich mehr. Zuerst aber etwas zu meiner Begegnung mit Struktur. Ich las das Buch kurz nach Beendigung meines Grundstudiums, und die Lektüre war für mich ungemein erhellend. Denn was tat ich in meinem Studium denn anderes, als gewisse Verfahren und Bewertungsmassstäbe einzuüben? Einzig und allein deshalb, weil sie aus dem Mund meiner Dozenten kamen, also dem etablierten Paradigma entsprachen. Und waren meine Seminararbeiten, in denen ich kleinste Detailfragen anhand dieser eingeübten Verfahren zu klären versuchte, nicht just das, was Kuhn als normale Wissenschaft bezeichnet?
Zugleich erschien mir Kuhns Buch auch als Warnung vor Überheblichkeit und Selbstzufriedenheit. Die aristotelische Physik war nicht einfach Unsinn, sondern sehr wohl imstande, gewisse Phänomene zu erklären. Ebenso das ptolemäische Weltbild. Mit anderen Worten: Weder waren Menschen früherer Epochen, die glaubten, dass die Sonne um die Erde kreist, naive Idioten, noch können wir heute sicher sein, dass nicht auch unser Verständnis der Welt dereinst durch ein komplett anderes ersetzt wird.
Stark oder schwach?
Im Vorwort seines Buchs erwähnt Kuhn, wie wichtig ein Jahr am Center for Advanced Studies in the Behavioral Sciences in Stanford war für ihn. Hier traf der ausgebildete Physiker Kuhn auf Sozialwissenschaftler und war überrascht, dass in diesen Disziplinen selbst bei grundlegenden methodologischen Fragen keine Einigkeit herrschte. Diese Erfahrung war wesentlich für die Formulierung des Paradigma-Begriffs.
Für einen Geisteswissenschaftler ist das, was Kuhn hier beschreibt, Alltag. Die Vorstellung, dass ein Phänomen mit ganz unterschiedlichen Begriffen und Herangehensweisen adäquat erfasst werden kann, ist uns nicht fremd. Vielmehr sind wir konkurrierende, teilweise fundamental gegensätzliche Ansätze – eine Pluralität von Paradigmen – gewohnt. Das mag auch ein Grund sein, weshalb Kuhns Buch in den Geistes- und Sozialwissenschaften so populär wurde – es entspricht unserer Erfahrung.
In meinen Augen hat Kuhns Buch einen grossen Schwachpunkt: Es ist nicht klar, ob es sich bei seinem Grundgedanken um eine starke oder eine schwache These handelt. Kann von einer Revolution nur dann gesprochen werden, wenn tatsächlich völlig neue Verfahren und Massstäbe eingeführt werden, oder geht es auch um kleinere Verschiebungen? Kuhn ist diesbezüglich sehr schwammig, und beide Interpretationen – die schwache wie die starke – haben ihre Probleme. Wie verschiedene Kritiker festgestellt haben, gibt es letztlich nur sehr wenige Beispiele, bei denen der Paradigmenwechsel so vollständig ist wie von Kuhn beschrieben. Kuhn arbeitet in Struktur mit drei Hauptbeispielen: die Wende vom geozentrischen hin zum heliozentrischen Weltbild, die Ablösung der Phlogistontheorie durch Lavoisiers Sauerstoffchemie sowie Einsteins Relativitätstheorie, die die klassische newtonsche Physik ablöste. In den ersten beiden Fällen lässt sich argumentieren, dass mit den neuen Paradigmen überhaupt erst die moderne Wissenschaft entsteht. Der Wechsel von newtonscher zu einsteinischer Physik wiederum geht zwar mit einem neuen Verständnis der Welt einher, völlig inkommensurabel sind die beiden Modelle aber nicht. Physik, wie sie heute in der Schule gelehrt wird, folgt noch immer in weiten Teilen Newton, ohne dass sich daraus fundamentale Widersprüche mit der Relativitätstheorie ergeben würden.
Versteht man Kuhns Ansatz als starke These, stellen wissenschaftliche Revolutionen seltene Ausnahmen dar, die sich zudem fast ausschliesslich in vormodernen Zeiten beobachten lassen. Weder die Beschreibung der DNA durch Watson und Crick und das daraufhin entstandene Feld der modernen Genetik noch die Neuerungen auf dem Gebiet der Informatik wären dann wissenschaftliche Revolutionen. Damit drängt sich die Frage auf, ob Kuhns Paradigmen-Modell für moderne Forschung überhaupt noch relevant ist oder nicht eine vergangene Phase beschreibt.
Legt man Kuhn dagegen weniger eng aus und nimmt seine mitunter kategorischen Aussagen eher als rhetorische Zuspitzungen, erscheinen wissenschaftliche Revolutionen schnell als nicht sonderlich spektakuläre Verschiebungen des wissenschaftlichen Konsens, die nicht mehr allzu weit von einem traditionellen Verständnis sukzessiven Fortschritts entfernt sind.
Egal, wie man Kuhn versteht, scheint mir die Einsicht elementar, dass sich eine wissenschaftliche Disziplin immer bis zu einem gewissen Grad selbst vorgibt, was überhaupt wie erforscht werden kann – und was nicht.
Was hat das aber alles mit Errol Morris zu tun?
Der Aschenbecher
Morris studierte in den frühen 1970er-Jahren bei Kuhn, wurde von diesem nach einer hitzigen Debatte über eine Hausarbeit, die Kuhns Missfallen erregte, aber zuerst mit einem Aschenbecher beworfen – daher der Titel des Buchs – und dann aus der Universität befördert.
Morris bezeichnet den Rauswurf heute als Glücksfall, doch wenn The Asthray etwas deutlich macht, dann, dass der Zusammenstoss mit Kuhn tiefe Wunden bei ihm hinterlassen hat. Der Regisseur macht aus seinem Herzen denn auch keine Mördergrube und schreibt explizit: »Many may see this book as a vendetta. Indeed it is.«
Kuhn war nach allgemeiner Einschätzung kein einfacher Zeitgenosse, doch Morris lässt wirklich kein gutes Haar an seinem früheren Professor. Kuhn erscheint in The Ashtray unter anderem als Dogmatiker, als intolerant, als Diktator und als gefährlicher Scharlatan.
Für Morris hatte Kuhn nicht bloss einen miesen Charakter, er ist in seinen Augen Vertreter einer schädlichen Ideologie, ein Prediger eines totalen Relativismus, der die Existenz der Realität leugnet – siehe den Untertitel von The Ashtray –, ohne dabei selbst an diese Position zu glauben.
What’s the difference between being convinced by Einstein that special relativity is true and E = mc2 and being convinced by Hitler that the Protocols of the Elders of Zion is true and Jews should be eradicated from the face of the earth (91).
Dieses Zitat fasst Morris’ Bedenken gut zusammen. Seiner Auffassung nach sind für Kuhn alle Aussagen gleichwertig, gibt es keine Möglichkeit, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden.
Die angeführte Stelle illustriert auch, wo Morris falsch liegt. Man kann durchaus geteilter Meinung sein, ob es Inkommensurabilität zumindest in ihrer starken Form tatsächlich gibt. Was Morris in seinen zahlreichen Attacken aber weitgehend ausblendet, ist, dass Kuhn nicht irgendwelche Behauptungen untersucht, sondern Modelle der (wissenschaftlichen) Welterklärung. Die Relativitätstheorie ist ein erklärungsmächtiges Modell, das empirisch überprüfbare Aussagen ermöglicht, und damit etwas grundlegend anderes als Hitlers Antisemitismus. 2
Nach Morris streitet Kuhn rundweg ab, dass eine Realität überhaupt existiert. 3 Ich habe Kuhn nie so verstanden. Skeptizismus ja, kompletter Relativismus nein. 4 Schon alleine deshalb nicht, weil ein Paradimga nicht einfach eine Geschichte ist, die sich jemand ausdenkt, sondern ein Modell, das in der Lage ist, gewisse empirische Phänomene zu erklären.
Die Suche nach der Wahrheit
In The Thin Blue Line stellt Morris den angeblichen Tathergang eines Mordes nach und weist auf diese Weise nach, dass sich das Verbrechen unmöglich so abgespielt haben kann, wie von den verschiedenen Zeugen behauptet. In der Folge wurde der Prozess neu aufgerollt und der unschuldig zum Tode verurteilte Randall Dale Adams frei gesprochen. Fragen von Wahrheit und Lüge stehen im Zentrum von Morris’ Schaffen.
Es ist somit nicht völlig überraschend, dass The Ashtray immer wieder zur Behauptung zurückkehrt, dass es sehr wohl möglich sei – dass es möglich sein muss –, zwischen „wahr“ und „falsch“ zu unterscheiden. Morris ist zweifellos nicht dumm und hat sich offensichtlich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Umso seltsamer wirkt dieser naive Realismus. Denn eine abschliessende Bewertung, ob eine Aussage zur Realität „wahr“ oder „falsch“ ist, würde einen objektiven Standpunkt ausserhalb der Welt bedingen. Dass wir einen solchen nicht einnehmen können, gehört aber spätestens seit Kant zum erkenntnistheoretischen Einmaleins (was zu einem früheren Blogeintrag passt). 5
Morris’ Buch ist keine typische geisteswissenschaftliche Monografie, sondern ein grossformatiges, sorgfältig gestaltetes Hardcover mit zahlreichen Abbildungen. Der Autor folgt nicht strikt einer Argumentationslinie, sondern begibt sich immer wieder Nebenstränge – von Don Quijote über Jorge Luis Borges bis zur Wahrheit über Hippasos von Metapont. Ausserdem schiebt Morris regelmässig Interviews mit mehr oder weniger bekannten Experten ein.
Einige dieser Interviews sind sehr aufschlussreich. Mir ist nicht klar, inwieweit Morris selbst dies bewusst ist, aber Noam Chomsky beispielsweise scheint mir in dem kurzen Gespräch, das in The Ashtray enthalten ist, Kuhns Skeptizismus weitgehend zu stützen.
Fazit: Ein seltsames Buch, das sein Ziel weitgehend verfehlt. Kuhn mag als Mensch unausstehlich gewesen sein, die in Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen formulierte Einsicht scheint mir aber bei allen Einschränkungen grundlegend. Im Grunde sollte sich jeder, der je eine Universität betritt, mal mit diesen Fragen beschäftigen. Zugleich können wir aber froh sein, dass Kuhn Morris seinerzeit so schäbig behandelt hat. Andernfalls wäre dieser vielleicht nie Regisseur geworden.
Zitierte Werke
Feyerabend, Paul K.: Wider den Methodenzwang.Suhrkamp: Frankfurt a. M. 1999.
Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Suhrkamp: Frankfurt a.M. 1980 (11935).
Morris, Errol: The Ashtray. (Or the Man Who Denied Reality).The University of Chicago Press: Chicago/London 2018.
Anmerkungen:
- Das Buch geht auf eine Reihe von Blog-Einträgen zurück, die Morris ursprünglich für die New York Times verfasst hat. Siehe hier, hier, hier, hier und hier. ↩
- Relativ früh erwähnt Morris auch Trumps Behauptung, an seiner Amtseinsetzung seien mehr Menschen anwesend gewesen als bei jener Obamas. Für Morris ein Beispiel für die Gefährlichkeit von Kuhns Ansatz, denn dieser erlaube es nicht, diese Falschaussage als solche zu entlarven. Hier liegt Morris aber eindeutig falsch. Eine offensichtlich unwahre Behauptung wie jene Trumps ist keine Aussage auf der Basis eines wissenschatflichen Modells, sondern schlicht eine Lüge. Es gibt kein Paradigma, innerhalb dessen diese Behauptung wahr wäre (Trumps egomane Sicht auf die Welt ist kein Paradigma). ↩
- Morris wärmt in diesem Zusammenhang diverse Klischees über die angebliche zersetzende Wirkung postmoderner Ansätze auf; folgt man dieser Argumentation hat die postmoderne Philosophie Trump, Brexit und Klimaleugner zu verantworten. ↩
- Morris‘ Darstellung von Kuhns Ansatz entspricht eher dem, was Paul Feyerabend in Wider den Methodenzwang beschreibt. Aber Feyerabend taucht bei Morris ebensowenig auf wie Ludwik Fleck, der in seinem 1935 erschienenen Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache viele von Kuhns Einsichten vorwegnahm. ↩
- Morris führt den Philosophen Saul Kripke als Kronzeugen gegen Kuhn an. Ich bin in Philosophie zu wenig bewandert, als dass ich ausführlich auf diese Passagen eingehen könnte, ich hatte beim Lesen von Morris’ Ausführungen aber stets den Eindruck, dass Kripkes Überlegungen auf einer ganz anderen Ebene angesiedelt sind als jene Kuhns und sich die beiden Ansätze nur begrenzt vergleichen lassen. Wohl ein Fall von Inkommensurabilität. Siehe dazu auch David Kordahls Rezension. ↩