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Placebos – so genannte Scheinmedikamente – würden häufig mit einer Täuschung von PatientInnen gleichgesetzt, schreibt Leonie Pahud auf higgs, dem unabhängigen online-Magazin für Wissen in der Schweiz. Doch diese negative Auffassung sei überholt, wie die Forschung der vergangenen 20 Jahre zeige.
Der Begriff Placebo wurde bereits vor rund 250 Jahren im Zusammenhang mit Medizin verwendet, liest man im spannenden Beitrag. Ein schottischer Arzt gab damals einem Patienten eine Dosis Senfpulver mit, von der er aber kaum eine Wirkung erhoffte, bloss weil der Patient eben erwartete, dass der Artz etwas unternimmt.
Ausgangspunkt der vertieften Erforschung des Placebo-Effektes war eine Notlüge im Zweiten Weltkrieg. Als nämlich in einem Lazarett das Morphin ausgegangen war, spritzte eine Krankenschwester einem schwer verwundeten Soldaten kurzerhand eine Kochsalzlösung – und diese wirkte schmerzlindernd und erlaubte sogar eine Operation. Da der Mangel an Morphin im Lazarett keine Seltenheit war, wiederholte sich der Vorgang und nach dem Krieg untersuchte der Militärarzt Henry K. Beecher an der Harvard Medical School das Phänomen wissenschaftlich. higgs schreibt: «Im Jahr 1955 veröffentlichte Beecher im viel beachteten Aufsatz ‹The Powerful Placebo› die Resultate seiner Studien an über 1000 Patienten. Darin schätzte er, dass rund ein Drittel der Patienten auf Placebos, also eine Scheinmedikation oder Scheinbehandlung, reagieren würden. Damit veränderte sich das medizinische Denken grundlegend. Denn davor musste ein Medikament einfach wirken, seit Beechers Beitrag muss es besser wirken als ein Placebo.»
Für die Wirkung von Placebos gibt es viele Gründe: Neben der Tatsache, dass viele Krankheiten mit der Zeit von selbst heilen, sind es in erster Linie neuropsychologische Phänomene, welche die Selbstheilungskräfte des Körpers aktivieren. Scheinbehandlungen lösen im Gehirn Prozesse aus, «die zur Ausschüttung von körpereigenen Hormonen und anderen Botenstoffen führen, die an dieselben Rezeptoren binden wie die normalen Medikamente.» schreibt Pahud. Entscheidend sei dabei die Erwartung an die Therapie oder die Tablette. Und diese Erwartung wird ganz wesentlich auch von der Haltung der ÄrztIn oder der Pflegemitarbeitenden geprägt. Auch reagieren nicht alle PatientInnen gleich gut auf Placebos.
Sogar Operationen, die nicht wirklich durchgeführt wurden, können zur Heilung beitragen. higgs verweist dabei auf eine eindrückliche finnische Studie mit 146 Minikusriss-PatientInnen: «Eine Hälfte der Patienten erhielt die richtige Operation, die andere wurde nur zum Schein operiert, während Nachbehandlung und Pflege nach der OP für beide Gruppen gleich blieb. Der Vergleich zwischen den normal und den ‹placebo-operierten› Personen Monate später erbrachte eine merkwürdige Erkenntnis: Die Scheinbehandlung hatte genau gleich gut geholfen wie die Operation. Der Zustand beider Gruppen hatte sich bezüglich Lebensqualität und Schmerzen deutlich verbessert. Beide gaben an, mit dem Eingriff mehrheitlich zufrieden zu sein und ihn bei Bedarf gar zu wiederholen.» Lesen Sie hier den ganzen higgs-Beitrag im Original.
Unter dem Titel «Die Placebo-Wirkung ist der wichtigste Effekt in der Medizin» hat kürzlich die SonntagsZeitung ausführlich über ein Experiment berichtet, in dem schmerzhafte Stellen, die durch Wärme versucht wurden, mit einer angeblich heilenden Salbe behandelt wurden. Den ganzen Beitrag können sie hier als PDF herunterladen.