Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03160.jsonl.gz/113

Absagen mit Stil
Weshalb es sich für Firmen lohnt, mehr Effort in die Absageschreiben zu stecken. Firmen lehnen unpassende Kandidaten in der Regel mit standardisierten, floskelhaften Absageschreiben ab.
- von Manuela Specker -
Frauen erledigen keine kreativen Aufgaben im Zusammenhang mit der Aufbereitung der Cartoons für die Leinwand, da diese Arbeit allein von jungen Männern durchgeführt wird. Daher kommen Mädchen für das Ausbildungsprogramm nicht infrage»: Der Brief des Disney-Konzerns an die US-Amerikanerin Mary Ford, datiert aus dem Jahr 1938, liess keine Zweifel offen, dass sie im Unternehmen nicht erwünscht war. Immerhin konnte sie sich nicht darüber beklagen, den wahren Grund dafür nicht erfahren zu haben: ihr Geschlecht.
So ein Fall wäre heute undenkbar, allein wegen des Diskriminierungsverbots. Eine Firma würde sich hüten, den wahren Grund zu nennen, suchte sie explizit einen Mann. Heute müssen in allen Stelleninseraten beide Geschlechter angesprochen werden. Das heisst natürlich nicht, dass Diskriminierungen – ob bewusst oder unbewusst – nicht mehr geschehen, wie ein Experiment der Universität Konstanz zeigt. Wissenschafter verschickten 528 fiktive Online-Bewerbungen, die eine Hälfte davon unter den Namen «Tobias Hartmann» und «Dennis Langer», die andere unter «Fatih Yildiz» und «Serkan Sezer». Trotz genau gleicher Qualifikation erhielten Bewerber mit deutschem Namen häufiger eine positive Antwort. Manche Unternehmen bekundeten Interesse an den Bewerbern mit deutsch klingendem Namen, während sie den vermeintlich türkischen Bewerbern nicht einmal eine Absage schickten.
Es liegt aber nicht immer an Vorurteilen, wenn Jobsuchende keine Antwort erhalten: wo Firmen mit austauschbaren Bewerbungsschreiben überhäuft werden, die nur so strotzen von Floskeln («Ihr Inserat hat mich auf Anhieb angesprochen», oder: «Ich bewerbe mich bei Ihnen, weil ich eine neue Herausforderung suche»), müssen sich Kandidaten nicht wundern, wenn sie ignoriert oder mit nichtssagenden Zeilen abgespeist werden. Standardschreiben liegen bis zu einem gewissen Grad in der Natur der Sache: In grösseren Unternehmen dominieren solche Absageschreiben, da ansonsten die Flut an Bewerbungen nicht zu bewältigen wäre. Zudem ist es auf der Grundlage schriftlicher Unterlagen allein nahezu unmöglich, individuell auf die Kandidaten einzugehen.
Je weiter der Rekrutierungsprozess fortgeschritten ist und je grösser der Aufwand für die Bewerber, desto zwingender wird es allerdings für die Firma, nachvollziehbare Gründe für die Absage zu liefern. Das ist mitunter ein Eiertanz, denn eine Absage nehmen Bewerbende schnell einmal persönlich. Gerade wenn sie mehrere Absagen zu verdauen haben, kann dies arg am Selbstwertgefühl kratzen.
Ein stilvolles «Nein» zeichnet sich deshalb dadurch aus, dass in der Absage dem Kandidaten erklärt wird, weshalb er nicht zur offenen Position passt. Mit anderen Worten: Es gibt keine schlechten Kandidaten, nur unpassende Positionen. Im Idealfall erfahren die Bewerber auch, was sie beim nächsten Mal besser machen können. Gerade wer es bis zum Vorstellungsgespräch geschafft hat, sollte sich nicht scheuen, auf eigene Faust Feedback bei den Firmen einzuholen. Einen rechtlichen Anspruch, die wahren Gründe einer Absage zu erfahren, gibt es allerdings nicht. Ein Unternehmen, das langfristig denkt und als attraktiver Arbeitgeber gelten will, nimmt sich aber die Zeit, seine Überlegungen darzulegen, sei es schriftlich oder telefonisch. Selbst Floskeln können sympathisch verpackt werden. Das Beratungsunternehmen Kienbaum hat 2009 die besten Absageschreiben erkoren, darunter auch TNT Express GmbH. In einem ihrer Absageschreiben heisst es, dass es manchmal nur kleine Nuancen seien, die eine Entscheidung zwischen guten Bewerbern ausmachen würden. Das kommt allemal besser an als ein «Leider geben wir einem anderen Kandidaten den Vorzug. Vielen Dank für Ihre Bewerbungsunterlagen, die wir Ihnen zu unserer Entlastung zurücksenden».
Letztlich geht es den Unternehmen auch darum, ihren Ruf nicht zu schädigen, da ein rüpelhafter Umgang mit Bewerbenden früher oder später den Rekrutierungsprozess negativ beeinflusst.
(Photo: FOTOLIA)