Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03263.jsonl.gz/13

Emil Zopfi
Die Fotos, welche durch die Links abrufbar sind,
stammen aus dem Archiv des Ortsmuseums Linthal.
Am 15. November 1930, einem regnerischen Samstagmorgen, gibt ein
alter Mann im Postbüro Zürich Hottingen ein Telegramm auf, adressiert
an den Landammann des Kantons Glarus. "Absturz scheint nahe. Empfehle
Anordnung zu Räumung und Flucht." Der Kilchenstock bei Linthal lastet dem 81jährigen Albert Heim auf der Seele, der Doyen der Schweizer Geologie fühlt sich von
Behörden und Bevölkerung missverstanden, er glaubt, seine unablässigen
Warnungen vor einer gewaltigen Bergsturzkatastrophe würden von
den Betroffenen nicht ernst genommen. "Warnt er nicht kräftig
und es kommt der Sturz unverhofft, so wird er beschuldigt. Warnt
er sehr kräftig, so kann eine Panik entstehen. Und wenn es dann
wieder etwas stille steht, so wird der Geologe, der Angst gemacht
hat, furchtbar verdammt und beschuldigt", hat er wenige Tage zuvor
in einem zehnseitigen Brief in zittriger Handschrift dem Linthaler
Pfarrer Friedrich Frey geschrieben. Er drückt das Dilemma eines Wissenschaftlers aus,
der eine Katastrophe ankündigt, von der die Betroffenen nicht
wissen wollen.
Die Gefahr eines Bergsturzes am Kilchenstock ist im Herbst 1930 jedoch so akut geworden, dass die Regierung in Glarus handeln muss. Drei Tage nach Heims Telegramm warnt sie in einem Aufruf die Einwohner von Linthal und empfiehlt, "wertvolle Gegenstände in sichere Verwahrung zu geben und entbehrliche Mobilien bei Verwandten unterzubringen". In der Gipfelzone des Berges, der sich wie ein gewaltiger, pyramidenförmiger Schutthaufen unmittelbar östlich des Dorfes erhebt, rutscht eine Felsmasse von geschätzten 100 000 Kubikmetern mit einer Geschwindigkeit von einem Zentimeter pro Tag zu Tal. Vier tiefe Runsen durchfurchen den Schutzwald, seit Monaten prasseln Steinschläge herab; im Frühling hat eine riesige Schlammlawine, ein sogenannter Murgang, die Gärten und Felder zwischen dem Dorf und dem Bergabhang meterhoch mit Schutt überdeckt. Sonntag und Werktag wird an einem Schutzwall gebaut, der das Geschiebe vom Dorf fernhalten soll. Ein Fluchtplan ist ausgearbeitet, ein Wachdienst aufgezogen, Scheinwerfer installiert, welche im Notfall den Berg wie ein Gefechtsfeld beleuchten sollen.
Zwei Tage nach dem ersten Aufruf, nach einer Sitzung mit dem offiziellen Gutachter Rudolf Staub, Professor am Lehrstuhl für Geologie von ETH und Universität Zürich, erlässt der Regierungsrat den dramatischen Appell, einen Teil des Dorfes zu evakuieren. "Die Erfahrungen beim Bergsturz von Elm im Jahre 1881 zeigen, dass die Bewohner nie an einen Bergsturz glauben wollten und sich in Sicherheit wiegten, bis es zu spät war." Am Freitag, also eine Woche nach Albert Heims Telegramm, mobilisiert die Militärdirektion Sappeure und Infanterie, um den Betroffenen, die nur bedächtig zum Aufbruch rüsten, bei der Flucht zu helfen. "Zum Schluss räumte man fast zwangsweise", erinnert sich ein Augenzeuge. Schliesslich sind 61 Häuser verlassen und 513 Menschen evaquiert, während sich einige bis zuletzt der Räumung widersetzen. Zum Beispiel der "Coiffeur Fritz", ein Dorforiginal, der weder den Experten vertraut noch den Behörden, sondern allein seiner Katze. So lange diese nicht fliehe, erklärt er, hätten auch die Menschen nichts zu befürchten.
Die Geschichte des Kilchenstocks bei Linthal ist ein Lehrstück über das Verhalten von Menschen angesichts einer prognostizierten Katastrophe. Die Linthaler hatten zu wählen zwischen den Erkenntnissen der Wissenschaftler, den Anordnungen der Politiker und eigener Erfahrung, eigenem Gefühl, eigenen Interessen. Die Entscheidung, zu gehen oder zu bleiben, wird schliesslich zur Glaubensfrage. "Wie sollte ich, der Pfarrer, mich hierin verhalten?" schreibt Friedrich Frey, der sich seiner Rolle in diesem Augenblick wohl bewusst ist. "Ich wusste, dass man auf mein Verhalten mit Sperberaugen hinsah. Das Verhalten der Regierung, die sagte: lieber zu viel evaquieren als zu wenig, hielt ich grundsätzlich für richtig. Mit dem Zeitpunkt war ich nicht einverstanden." Mit einem Trick gelingt es den Behörden schliesslich, auch den Pfarrer zum Auszug zu bewegen. Sie räumen das Gemeindearchiv im Pfarrhaus. "Da glaubten die Menschen auf der Strasse, der Pfarrer ziehe aus, er 'fliehe'. Das hatte zur Folge, dass viele ihr Hab und Gut zusammenräumten und anderswo Platz suchten."
Eine Kirche hat dem Berg den Namen gegeben und damit eine gewisse Symbolik verliehen. 1283 erbaut, stand die erste Linthaler Kirche während rund siebenhundert Jahren unbehelligt am Fuss des bewaldeten Abhangs, der steil aufsteigt bis zum Gipfelgrat, tausend Meter über der Talsohle. Zur Zeit der Industrialisierung wurde Holz geschlagen, es lag sozusagen vor der Tür, es wurde Raubbau getrieben; Steine begannen vom Berg zu rollen, fielen aufs Kirchendach. Das Schiff wurde abgerissen, doch der alte Turm steht noch heute, umrankt von Stauden, in wuchernder Wildnis versteckt. Ob der Raubbau am Wald die Ursache der Felsbewegung bildete, ist wahrscheinlich aber nicht nachweisbar. Jedenfalls begannen sich Runsen gegen Ende des letzten Jahrhunderts immer tiefer in den Abhang zu fressen, Wasser schoss herab, riss Holz und Geschiebe mit sich. Die Anstösser schlossen sich zu Runsenkorporationen zusammen, verbauten und forsteten auf, doch das genügte nicht. 1909 fegte eine riesige Lawine zu Tal, und damit begann ein jahrzehntelanges Desaster.
Die neue reformierte Kirche und das Pfarrhaus stehen genau in der Fallinie der "Ätschruns", einer schrecklich steilen Schlucht, durch welche die Geologen den Hauptsturz erwarteten. Ein reichlich unangenehmer Amtsitz also; die Kirchgemeinde hatte deshalb erhebliche Schwierigkeiten, ihn im Jahr 1929 neu zu besetzen. "Ich war mir bewusst, dass es den Anschein weckte, als fliehe ich feige vor dem Kilchenstock", erinnert sich der abtretende Pfarrer Arnold Brändli. Für Friedrich Frey jedoch ist der Berg eine Herausforderung. Kaum in Linthal angekommen, steigt er hinauf bis unter den Abbruch, wo eine Schutzütte steht, und beginnt Buch zu führen über seine Beobachtungen, notiert jeden Steinschlag oder Murgang, fotografiert Felsspalten und Anrisse, misst die Temperatur in den Klüften, zersägt Tannenwurzeln, um an deren Spannung den Druck des Bergs abzuschätzen. "Vater wollte eigentlich Naturwissenschaften studieren, aber das war brotlos", erinnert sich sein Sohn. Besonders lukrativ war jedoch auch das Linthaler Pfarramt nicht, dafür umso mehr mit sozialen Aufgaben belastet. Frey war auch noch Schulpräsident, Präsident der Armenbehörde und der Krankenpflege - und schliesslich Vater von acht Kindern. Nachts beobachtete er auch noch den Himmel, entwickelte im Keller des Pfarrhauses Fotos und führte eine umfangreiche Korrespondenz, unter andern mit Albert Heim. Allmählich wurde er zum engen Vertrauten des alten Herrn, der schwer leidend war und nicht mehr selber auf den Berg steigen konnte.
"Der Gefahr bin ich bewusst. Ich habe seit meinem Hiersein in dem Sinne gewirkt, dass ich affektiv beruhigend auf die Bevölkerung einzuwirken suchte, die Behörde aber immer wieder auf die Gefahr und ihre Verantwortung aufmerksam machte", schreibt Frey in seinem ersten Brief an Heim, der sich endlich von jemandem verstanden fühlt in seiner Überzeugung, die Katastrophe sei unabwendbar. Am 18. November 1930 schickt er dem Pfarrer eine Postkarte, "in Eile, nach schlafloser Nacht: Möge das möglichste Mindestmass von Unglück über Linthal ergehen! Ich bin in Gedanken Tag und Nacht bei Ihnen." Mit der Zeit macht sich der Hobbywissenschaftler Frey den Standpunkt des berühmten Geologen so sehr zu eigen, dass er sich einen Felssturz fast herbeiwünscht, als sich der Berg einmal beruhigt: "Unsere Gegner triumphieren und haben die öffentliche Meinung wieder ganz auf ihrer Seite. Ich hoffe nur, dass ein grösserer Vorsturz dereinst die Menschen vom Berge wegjagt, sonst ist ein grösserer Menschenverlust möglich."
Am Kilchenstock wurde zum ersten Mal ein sich anbahnender Bergsturz wissenschaftlich exakt beobachtet. Millimetergenau vermass Hans Härry, ein Ingenieur des eidgenössischen Grundbuchamtes in Bern, die Bewegung der gleitenden Felsmasse und zeichnete mintuiöse Diagramme von Bewegungsrichtung und Geschwindigkeit der über zwanzig Messpunkten in der Absturzzone. Über diese Messungen wird noch heute im Glarner Hinterland erzählt, man habe vom gegenüberliegenden Braunwald aus gemessen und dabei lange nicht gemerkt, dass die Braunwalder Terrasse rutsche und nicht der Kilchenstock. Diese Überlieferung ist falsch, Härrys Messungen waren exakt, das Problem war die Interpretation der äusserst komplexen Gleitbewegung, und hier schieden sich die Geister. Im Winter kam die Bewegung zum Stillstand, der Berg "schlief ein", wie die Leute sagten. Im Sommer begann die Masse erneut zu rutschen, vor allem nach starken Regenfällen. Im Oktober und November war die Geschwindigkeit am grössten und damit die Gefahr. Grob gesagt gab es drei Szenarien: Der Berg stürzt in einem Schub, was die Katastrophe bedeutet, der Abbruch vollzieht sich in kleineren Stücken, immer noch schlimm genug, oder er bröckelt allmählich ab. Jede Prognose hatte ihre Anhänger, sowohl in der Bevölkerung wie auch unter den Experten. Eine Karikatur im "Nebelspalter" zeigt den Kilchenstock als Berggeist, der zu den ratlosen Geologen sagt: "Eure Wissenschaft in Ehren - aber ich komme, wann ich will." Auch die Wissenschaft wurde schliesslich zur Glaubenssache.
"Eine fürchterliche Katastrophe ist so wahrscheinlich, dass Schweigen meinerseits mir als Verbrechen erschiene", schreibt Albert Heim schon 1928 an den Glarner Regierungsrat und noch im Herbst 1932 hält er in seinem Alterswerk "Bergsturz und Menschenleben" an seiner Prognose fest: "Am Kilchenstock bereitet sich ein Bergsturz mit eiserner Konsequenz vor." Anschaulich schildert er, wie sich der Absturz vollziehen werde: Das Knarren und Knirschen im Innern des Bergs, die wachsende Unruhe unter den Tieren, Steinfall, Steinlawinen und dann der Hauptsturz "mit der Geschwindigkeit eines Geschosses unter furchtbarem Donnern den Berg hinab und weit über den Talboden hinaus." Heims traumatische Vision ist geprägt vom Bergsturz von Elm, den er 1881 kurz nach dem Niedergang als Gutachter besucht hat, und bei dem 114 Menschen zu Tode kamen. Es darf kein zweites Elm geben! war der Gedanke, der ihm den Schlaf raubte.
Albert Heims wissenschaftliche Karriere war aufs engste mit dem Glarnerland verbunden. Als Gymnasiast hatte er nach einer Wanderung ein Relief des Tödimassivs modelliert, Arnold Escher von der Linth hatte es begutachtet; der junge Heim wurde sein Schüler und später Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Geologie. Die Theorie seines Vorbilds Eschers von der Entstehung der Glarneralpen durch eine doppelte Gesteinsfalte erhob Heim zur Lehre - bis sie schliesslich von der modernen Deckenlehre des Franzosen Marcel Bertrand und der Westschweizer Maurice Lugeon und Hans Schardt vom Sockel gestürzt wird. Schardt wird Heims Nachfolger auf dem Zürcher Lehrstuhl und - hier schliesst sich der Kreis - erster Gutachter am Kilchenstock. Der Berg wird damit zum Schauplatz der Schlussrunde in einem jahrzehntelangen akademischen Streit.
"Dagegen halte ich denjenigen, der dann mit der Oberexpertise betraut worden ist, der richtigen Beurteilung dieses Falles nicht fähig", schreibt Heim vertraulich dem Glarner Landammann, nachdem Hans Schardt 1928 ein beruhigendes Gutachten geliefert hat, welches ein allmähliches Abbröckeln des Bergs als wahrscheinlich bezeichnet.
Die dritte Möglichkeit, also nicht die grosse Katastrophe, sondern eine Serie von kleineren Niedergängen, wurde vor allem von Rudolf Staub vertreten, ebenfalls einer grossen Persönlichkeit in der Landschaft der Schweizer Geologie. Die Freundschaft, die er einst mit Heim gepflegt hatte, war getrübt, seit Staub 1928 Schardts Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Geologie geworden war, auf dem Heim gerne seinen Sohn Arnold gesehen hätte. Ob dem Kilchenstock zerstritten sie sich endgültig, denn Staub fühlte sich durch die Darstellung seiner Gutachtertätigkeit in Heims Buch "Bergsturz und Menschenleben" gekränkt.
Während Albert Heim nach einem Vortrag im Hotel Adler in Linthal durch sein volkstümliches Auftreten und seine fast biblische Erscheinung - langes weisses Haar und Vollbart - die Einheimischen für sich einnahm, trotz seiner düsteren Prognose, war der distinguierte Staub in Linthal unbeliebt. Er fuhr im eigenen Automobil vor, hielt Distanz zum gewönlichen Volk und liess sich die Verpflegung auf den Berg tragen. Seinem Stil entsprachen seine Honorare. Für drei Begehungen verrechnete er der Gemeinde 1500 Franken - Spesen und grössere Berichte extra. Das entsprach etwa dem Jahreslohn einer Arbeiterin.
"Die Evaquierung wurde als Ihr persönlicher Racheakt angesehen. Auf Strassen, Gassen, in Wirtshäusern und Stuben hagelt es Schimpf-, Hass- und Spottreden über die Geologen und Sie besonders", schreibt ihm Friedrich Frey, als sich Staub beleidigt zeigt, weil man "Papa Heim" und nicht Ihn zu dem Vortrag nach Linthal gerufen hat.
Vehement dementiert Rudolf Staub eine Reportage des Glarner Schriftstellers und Journalisten Kaspar Freuler, der am 24. November 1930 in der NZZ schreibt, der Professor habe dem Berg noch 18 Tage Frist gegeben bis zum Absturz. Die Wissenschaftler hätten die Katastrophenszenarien nur erfunden, um durch die Expertentätigkeit Geld zu verdienen, ist eine landläufige Meinung. Schliesslich verbietet die Regierung der Presse, "übelprognostischen Berichte" zu verbreiten, um Industrie und Gewerbe nicht noch mehr zu schädigen.
Ein Unglück kommt bekanntlich selten allein. Die Weltwirtschaftskrise macht Anfang der dreissiger Jahre der lokalen Textilindustrie schwer zu schaffen, Entlassungen, Lohnabbau, Kurzarbeit sind häufig. Die Arbeit am Schutzdamm ist deshalb für viele ein willkommener Verdienst. Die Spinnerei Bebié u. Co., die in der Gefahrenzone liegt, stellt im Sommer 1930 den Betrieb ganz ein, der Besitzer Albert Bebié, früher Gemeinde- und Landrat und Initiant der Braunwaldbahn, ist mit seiner Familie ins Unterland gezogen. Das Gerücht, dass er die Fabrik nicht nur wegen der Krise, sondern auch wegen dem Kilchenstock schliesst, wird auch von der Presse kolportiert. Eine Zeitung schreibt vom "Gesuch eines Industriellen in Linthal, der bei der glarnerischen Regierung eine halbe Million Franken Schadenersatz nachsuchte für den Fall, dass sein Betrieb durch einen Felssturz Schaden nehmen sollte."
Durch die Evakuierung geraten viele Familien in Not. Der unermüdliche Pfarrer Frey wird nun auch noch Präsident eines Hilfskomitees, das Geld und Spenden sammelt, für Unterkunft und das Unterbringen von Kindern bei auswärtigen Gastfamilien sorgt; minutiös führt seine Frau Buch über jedes Paar getragener Schuhe, jeden Wintermantel oder Suppenwürfel, der eingeht und verteilt wird. 37 000 Franken bringt eine von der NZZ unterstützte Sammlung schliesslich ein, so dass jedem Evakuierten zunächst ein Weihnachtsgeld von 20 Franken ausbezahlt werden kann. Dass nicht leicht festzustellen ist, wer nun wirklich weggezogen ist und nur tagsüber zurückkehrt, um irgend etwas zu erledigen, gibt natürlich zu reden. Jedenfalls mahnt der Gemeinderat, dass "Leute, die den behördlichen Weisungen keinerlei Beachtung schenken, auf eine Unterstützung zu verzichten haben."
Ein reger Katastrophentourismus bringt auch "Experten" nach Linthal, die mit Pendeln und Wünschelruten auf den Berg steigen und die abstrusesten Theorien verbreiten, etwa unter dem Kilchenstock lagere ein Gletscher oder ein unterirdischer See. Der Astrologe Ferdinand Hoyer aus Graz stellt einen "kausalen Zusammenhang mit den kosmischen Korrelationsfaktoren des unter 9 Grad östl. Länge und 47 Grad 10 Minuten nördlicher Breite liegenden Kilchenstockes" fest und schliesst daraus, "dass der Lösungsprozess der inneren Bindung des Gesteinskonglomerates bis 19. Dezember 1930 abgeschlossen sein wird und am 20. Dezember der Bergsturz in seinem ganzen Ausmasse erfolgen könnte." Ebenso nehmen sich die Hobbydicher des Bergs und der armen Menschen an - es gibt wohl keine Schweizer Zeitung, die nicht unter dem Strich ein bewegendes Gedicht über Bangen, Hoffen und Bruderliebe eingerückt hätte.
Als 1932 ein zweiter grosse Schub vom Berg einsetzt, ist der Kilchenstock längst zum Medienereignis geworden, deutsche und italienische Zeitungen drucken Reportagen, denn Linthal ist international bekannt durch das Bergrennen am Klausenpass, das alle zwei Jahre stattfindet. Im August, während auf der gegenüberliegenden Talseite die Motoren dröhnen und dreissigtausend Zuschauer den Rennfahrern Rudi Caracciola und Hans Stuck zujubeln, lassen die Behörden die Gefahrenzone sperren. Dass diese Massnahme im Fall eines Bergsturzes nicht genügt hätte, ist der zuständigen Kommission des Regierungsrates bewusst, gibt sie doch in einem Bericht zu, "dass weitere Massnahmen getroffen würden, wenn nicht das Klausenrennen vor der Tür stünde. Sobald diese sehr einträgliche sportliche Veranstaltung vorüber ist, wird die Kommission erneut Massnahmen prüfen müssen."
Eine der Massnahmen, die auch Albert Heim empfiehlt, ist eine totale Umsiedlung des Dorfes. "In gewissen Ländern würde man eine solche Umsiedlung militärisch zwangsweise vollziehen, und die neuen Wohnungen wären zunächst Militärbaracken oder Zelte", schreibt er an den Regierungsrat. Doch so weit kommt es nicht. Nach dem Abbruch einer Felsmasse in der Nacht vom 6. November 1932 und dem Absturz von 20 000 Kubikmetern Fels, beginnt sich der Berg zu beruhigen. Ein Jahr später verzeichnet Friedrich Frey in seinen Notizheften die letzten Felsstürze. Klettert man heute durch die Abbruchzone, durch splittriges Schiefergestein und Sandsteinbänke, so stellt man fest, dass buchstäblich Gras und Gebüsch über den Schauplatz einer Katastrophe wächst, welche doch nicht stattgefunden hat. Oder noch nicht?
[ Copyright © Emil Zopfi ]