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Beim Katalogisieren von Handschriften liegt das Augenmerk hauptsächlich auf dem Inhalt; der Beschreibstoff ist meist sekundär. Bisweilen birgt aber auch das Material spannende Überraschungen – so zum Beispiel bei der Handschrift mit der Signatur A VI 12. Der Papiercodex aus dem dritten Viertel des 15. Jahrhunderts enthält theologische Quaestiones und Disputationes (wissenschaftliche Abhandlungen und öffentlich gehaltene Streitgespräche) des Johannes Heynlin de Lapide. Auf den ersten Blick einfach und schmucklos, hat es der Band allerdings in sich.
Die Erörterungen in A VI 12 stammen aus Heynlins Zeit an der Sorbonne. Sie wurden von einer Vielzahl verschiedener Hände – unter anderem Heynlins eigener – aufgezeichnet, jeweils ein Text auf einer eigenen Papierlage. Dadurch, dass der Band also nicht mit einem durchgehenden Lauftext «gefüllt» wurde, blieb am Ende einer Lage oft etwas Platz frei, und es gibt vergleichsweise viele leere Seiten. Ebenfalls aufgrund der stückweisen Entstehung bestehen die Lagen aus ganz verschiedenen Papiersorten. Diesen beiden Umständen ist nun das besondere Merkmal des Bandes zu verdanken: zahlreiche verschiedene, gut sichtbare Wasserzeichen.
Wasserzeichen sind eine Eigenheit der europäischen Papierproduktion, die bereits im 13. Jahrhundert in Italien aufkam. Es handelt sich dabei um Markierungen im Papier, die durch Anbringen flacher Drähte auf dem Schöpfsieb entstehen: Wo der Draht lag, ist die aus der Bütte geschöpfte Faserschicht etwas dünner und das Papier daher durchscheinender.
Wie auch andere Handwerker ihre Erzeugnisse mit einem persönlichen Zeichen kennzeichneten – vgl. zum Beispiel die runenartigen Steinmetzzeichen –, so brachten auch die Papiermacher ihren Berufsstolz auf diese Weise zum Ausdruck. Zunächst war es ein Zeichen pro Papiermühle, das im Laufe der Zeit mit sogenannten Beizeichen ergänzt werden konnte – entweder zur Unterscheidung von anderen Mühlen mit dem gleichen Sujet oder um anzuzeigen, dass eine bereits bestehende Mühle unter neuer Leitung weiterproduzierte. Auch zur Kennzeichnung verschiedener Papierqualitäten kamen Wasserzeichen zum Einsatz. Sekundäre Funktionen waren praktischer oder schlicht dekorativer Natur; so konnte Papier mit einem Wasserzeichenraster liniert werden, und im 18. Jahrhundert kam Briefpapier mit Blumen in den Ecken auf. Heute erlauben uns Wasserzeichen, Rückschlüsse auf Entstehungsort und -zeit eines Papierbogens und damit ganzer Schriftstücke zu ziehen.
Neben verbreiteten Sujets wie Krone (hier mit Lilie), Ochsenkopf oder gotischem p und Alltagsgegenständen wie Kanne, Schaufelrad, Turm oder Anker finden sich in A VI 12 auch Wappen, zum Beispiel eines mit Lilien und Delfinen, und mythische Sujets wie ein Einhorn und eine Meerjungfrau.
Die untenstehenden Abbildungen wurden mithilfe einer hinter die Blätter gelegten Leuchtfolie angefertigt. Die ganze Handschrift kann HIER auf e-codices durchgeblättert werden, allerdings sind die Wasserzeichen dort schwieriger zu erkennen: