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Gott zur Ehre
Der Cäcilienchor Münchenstein ist so alt wie die Pfarrei Münchenstein. Im Januar 1907 wurde die Pfarrei Münchenstein offiziell gegründet. Die Messe musste aber vorerst in der Kirche von Arlesheim gehalten werden. Am 8. Dezember 1907 konnte der erste Gottesdienst im Rohbau des neu erbauten Betsaales gefeiert werden, unter einfachsten Verhältnissen: Auf kahlem Erdboden stehend, die Fenstern notdürftig verhüllt mit Emballagen gegen den Zugwind. Man ist geneigt zu sagen passend zur Weihnachtsgeschichte. Die Kirchenbänke stammten von Aesch, dazu kamen einfache Stühle und eine Tribüne für den Kirchenchor.
Zur feierlichen Liturgie gehörte jedoch notwendigerweise auch die entsprechende Kirchenmusik. Das Motu-Proprio von Papst Pius X, das kirchenmusikalische Gesetzbuch aus dem Jahre 1903, hält grundsätzlich fest: „Die Kirchenmusik ist ein wesentlicher Bestandteil der feierlichen Liturgie.“
Bald fanden sich einige Herren zusammen, um mit Pfarrer Lötscher kirchlichen Gesang zu pflegen. Geprobt wurde in der Wohnung des Pfarrers. Der historische Gründungstag des Kirchenchores fand am 16. Dezember 1907 statt: „Nach Beendigung der Gesangsprobe wird von H.H. Pfarrer Lötscher ein Statutenentwurf vorgelegt und die Gründung eines röm. kath. Kirchenchores beantragt und ohne Opposition genehmigt. Alsdann wird der Vorstand bestellt.“ So steht es im ältesten Protokollbuch geschrieben. Als Ehrenpräses wurde Pfarrer Lötscher gewählt, der auch gleich die musikalische Leitung übernahm. Als erster Präsident amtete Daniel Moser. Insgesamt gehörten 7 Männer zum Gründungsverein.
Über die Tätigkeit des Chores in den ersten Jahren liegen nur spärliche Berichte vor. Anfänglich hatte der Verein mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Pfarrei Münchenstein war ja eine Diasporapfarrei, ihre Angehörigen waren zugewanderte, meist arme Arbeiter und Handwerker. Sie stammten vorwiegend aus den katholischen Stammlanden der Schweiz und mussten sich gegen die Ortsansässige reformierte Bevölkerung behaupten.
Auch fehlte es weitgehend an Geldmittel. Vieles konnte nur durch freiwillige Spenden beschafft werden. Trotzdem herrschte ein reger Chorbetrieb mit über 70 Gesangstunden und 7 Theaterproben. Um 1911 wurden 11 Aktiv-, 12 Passiv- und 1 Ehrenmitglied erwähnt. Trotz der geringen Mitgliederzahl beteiligte sich der Chor aktiv an den Dekanats-Cäcilienfesten. Der Mitgliederbeitrag betrug damals 50 Rappen. Um dem pflichtbewussten Probenbesuch nachzuhelfen, wurden ferner Geldstrafen eingeführt: 5 Rappen für Zuspätkommen, und 20 Rappen für Proben-Schwänzen!
Vom Männerchor zum Cäcilienchor
In der ersten Zeit sangen nur Männer. Im Jahre 1914 vereinigte sich der Chor mit dem neu gegründeten kath. Gemischtenchor, ein mutiger und damals umkämpfter Schritt, der jedoch musikalisch gesehen viele neue Möglichkeiten brachte und dem lang gehegter Wunsch um Aufnahme von Frauen entgegenkam.
Der damalige Männerchor beschäftigte sich vorwiegend mit Choralgesängen, erarbeitete sich aber bald im Verlaufe der Jahre einige mehrstimmige Messen. Zum Jahresprogramm gehörte auch die alljährliche Weihnachtsfeier mit Liedern und Theaterstücken. Als erste Organistin wirkte das Fräulein Verena Wyss, die den Chor und die Gemeinde auf dem Harmonium begleitete.
Die musikalische Leitung lag anfänglich in den Händen des Pfarrers. Die Suche nach einem geeigneten Dirigenten gestaltete sich schwierig. Von 1922 bis 1924 leitete Arthur Stöcklin den Chor. Er führte erstmals technische Uebungen für Aussprache, Tonsatz etc. ein, die grossen Zuspruch fanden. Am 20. August 1922 fand zum ersten Mal ein grösserer Ausflug auf den Bürgenstock statt. 1927 herrschte ein gespanntes Verhältnis zwischen Chor und Dirigent Hans Ebner aus Basel. Der Dirigent habe mit der Auswahl der auszuführenden Musik zu hoch gegriffen, meinten die einen, während die anderen klagten, der Chor sei schuld durch seine Schluderei. Wegen diesen Zwistigkeiten wurde daraufhin der Gemischtenchor aufgehoben und ein neuer „Katholischer Cäcilienchor Münchenstein-Neuewelt“ gegründet und Karl Ley als neuer Dirigent berufen.
Choral oder Mozart?
Auf Grund der kirchenmusikalischen Werke, die im Laufe der Jahrzehnte aufgeführt wurden, lässt sich eine bemerkenswerte Entwicklung und grosser Stilwandel feststellen. Die ersten Jahrzehnte standen ganz im Zeichen der cäcilianischen Bewegung (Reform gegen die stark verweltlichte Kirchenmusik). Es wurden zu jener Zeit nur Messen der gutgemeinten, doch eher stillosen „Cäcilianer“ gesungen (Filke, Faist, Gruber, Wassmer u.A.) Seit den Dreissiger Jahren richtete man sich strikter nach den päpstlichen Weisungen. Die Choralpflege wurde wieder intensiviert und mehr Volksgesang eingeschaltet. Zum Beispiel musste auf bischöfliche Weisung hin ein mal monatlich ein Volkschoralamt gesungen werden. Ebenfalls erfuhren Werke der römisch-klassischen Polyphonie (Palestrina, Orlando di Lasso u.A.) sowie der verwandten venezianischen Schule (Hassler, Corce u.A.) stärkere Berücksichtigung. Daneben erklangen Messen aus der Wiener Klassik (Mozart, Haydn) und der Romantik (Wöss, Bruckner, Rheinberger). Aber auch Werke neuer neuerer Komponisten (Huber, Hilber, Pfiffner) wurden nicht vergessen.
Die amtliche Kirchenleitung achtete unter Anderem darauf, dass nur wahre Kirchenmusik zur Aufführung kam. 1932 zum Beispiel konnte die auf Ostern vorgesehene „Missa brevis in B“ von W.A. Mozart nicht gesungen werden. Durch einen Denunzianten informiert verbot Bistumspräses Frey aus Luzern die Mozartmesse gemäss bischöflicher Verordnung.
Auf der eigenen Empore
Zu Beginn der Dreissiger Jahre stand auch für den Cäcilienchor der geplante Kirchenbau im Vordergrund. Die feierliche Einweihung der neuen „Franz Xaver-Kirche“ am 26. September 1932 wurde auch für den Cäcilienchor zur grossen Herausforderung. Wie haben da wohl die Sängerherzen höher geschlagen, im glücklichen Bewusstsein, auf der Empore der neuen Kirche das erste Messopfer mit dem jubelnden Gesang der Orchestermesse „Panis angelicus“ von Wassmer mitzufeiern. Jetzt befand sich der Chor in der glücklichen Lage, erstmals das Dekanatsfest des Dekanats-Cäcilienverbandes in den neuen Räumen zu organisieren. Die Tagung fand am Pfingstmontag 1934 statt und ging als schöner Erfolg in die Vereinsgeschichte ein.
Das Festmenu kostete damals Fr. 2.50 und umfasste Suppe, Kartoffelstock mit Braten , Gemüse, Salat und Dessert. Zur Stärkung nach den Einsingproben wurde ferner eine „Znünisuppe“ mit Brot für 35 Rappen angeboten. Seit der Einweihung der Kirche wurde es zur Tradition, jeweils an Weihnachten, aber auch an anderen hohen Festen des Kirchenjahres Orchestermessen zu singen.
Der Kriegsausbruch von 1939 schränkte den Vereinsbetrieb durch die Abwesenheit vieler Männer im Aktivdienst stark ein. Doch versäumten diese nicht, im Rahmen des Möglichen am Chorleben teilzunehmen. Zur Entlastung des Chores setzte der Pfarrer monatlich eine Volkssingmesse an. Somit sind vom Chor monatlich noch zwei mehrstimmige Aemter und eine Choralmesse zu gestalten.
Nach Kriegsende erlebte der Chor einen grossen Aufschwung und die Mitgliederzahl stieg bald auf weit über 50 aktive Sängerinnen und Sänger.
Endlich eine Orgel
Noch fehlte aber eine eigene Orgel in der Pfarrkirche. Seit vielen Jahren sammelten die Pfarreiangehörigen fleissig Geld für eine richtige Orgel. 1951 kam der grosse Freudentag: die „Königin der Instrumente“ liess ihre ersten rauschenden Akkorde in unserer Kirche erklingen. Am 4. Mai 1952 wurde sie von Abt Basilius von Mariastein feierlich eingeweiht. Ab Februar 1952 engagierte der Kirchgemeinderat auch einen eigenen Organisten in der Person von Eduard Kaufmann.
Anlässlich des 50 Jahr Jubiläums der Pfarrei feierte der Chor ebenfalls sein Jubiläum mit einem Einkehrtag in Mariastein, mit einem Jubiläumsausflug und einem festlichen Gottesdienst mit der „Missa brevis in D“ und dem „Laudate Dominum“ von W. A. Mozart.
Am 29. Mai 1961 fand das Dekanatscäcilienfest wiederum in Münchenstein statt. Der Verband feierte zugleich sein 75 Jähriges Bestehen. Über 600 anwesende Sängerinnen und Sänger erlebten die Uraufführung der „Missa unanimi voce“ von Heino Schubert.
Zum 60-jährigen Jubiläum erschien eine Schallplatte des Cäcilienchores. Wenige Jahre später musste Karl Hügin nach 23-jähriger Tätigkeit als Chorleiter und Organist aus gesundheitlichen Gründen demissionieren. Sein unvergessliches Wirken fand über die Gemeinde hinaus grosse Anerkennung.
Sing dem Herrn ein neues Lied
Das 2. Vatikanische Konzil brachte wesentliche Änderungen in der Liturgie der Heiligen Messe. Die Landessprache wurde in den Mittelpunkt gerückt und neue Gesänge in der Volkssprache gefordert. Der Gregorianische Choral ebenso wie die traditionellen lateinischen Werke der grossen Meister liefen Gefahr, in den Hintergrund zu geraten. Diese neue Situation stellte an die Kirchenchöre und deren Leiter wie auch an die Pfarreileiter grosse Anforderungen. Es galt, einen Mittelweg zu finden zwischen Tradition und Moderne, deutschem Volksgesang und lateinischen Messen.
In den Jahren 1971/73 erfolgte der Umbau der Kirche. Der Altar wurde in die Mitte des Kirchenraums versetzt. Leider musste auch die Orgel wegen gravierender Mängeln und wegen der Neukonzeption des Kirchenraumes entfernt werden. Die neue Orgel, wofür der Chor einen wesentlichen Beitrag stiftete, fand ihren neuen Platz nunmehr im ehemaligen Chorraum, Dort stellte sich künftig auch der Chor zum sonntäglichen Gottesdienst auf, um im Angesicht der anwesenden Gläubigen mit festlicher Musik den Gottesdienst mitzugestalten.
Licht und Schattenseiten
Durch die Initiative des damaligen Dirigenten Othmar Lenherr wurde 1975 zum ersten mal ein Konzert in der Pfarrkiche, damals noch am Bettag, mit Werken von Bach und Heiller veranstaltet. Inzwischen ist dieser kirchenmusikalische Anlass zu einer liebgewordenen Tradition und zu einem kulturell bedeutenden Anlass geworden, der seit 1989 alle zwei Jahre stattfindet.
Im Jahre 1982 feierte der Chor sein 75-jähriges Jubiläum mit einem ausgewählten Programm. An Ostern Uraufführung des deutschen Osterpropriums von P.J. Lenherr für Chor, 3 Oboen und Orgel. Dazu gestalten befreundete Chöre der Umgebung unsere Gottesdienste mit. Höhepunkt bildete das festliche Konzert „Musica Bohemica Antiqua“ mit Werken von F.X. und Simon Brixi. Ausserdem führte eine viertägige Jubiläumsreise ins Südtirol.
Grosse Differenzen zwischen der Pfarreileitung und dem Kirchenmusiker führten 1993 zur Entlassung des langjährigen Organisten und Chordirigenten Othmar Lenherr. Der Chor geriet in grosse Schwierigkeiten, viele Mitglieder erklärten ihren Rücktritt. Doch das Kirchenchorschiff überlebte auch diesen Sturm und blieb seiner Pflicht gegenüber der Kirche und der musica sacra treu. Mit der jungen Dirigentin Franziska Meier begann bald ein neuer Aufschwung.
Im Jahre 1997 wurde das 90-jährige Jubiläum mit feierlichen Orchestermessen und einem Festakt gefeiert. Unvergesslich bleiben vor allem die musikalischen Einlagen, die der Chor an den Pfarreifesten zur Unterhaltung bot, zum Beispiel der Tanz des berühmten Schwanenballetts, oder der Auftritt als Monkeys Singers in braunen Kutten. Heute singen wieder weit über 30 aktive Sängerinnen und Sänger begeistert mit, nunmehr unter Leitung des Dirigenten Rolf Herter.
Neue Herausforderungen
2007 feierte der Cäcilienchor zusammen mit der Pfarrei sein 100jähriges Jubiläum. Doch es blieb keine Zeit, auf den Lorbeeren auszuruhen. Unsere heutige Wohlstandsgesellschaft hinterlässt auch bei den Kirchenchören ihre Spuren. Es wird zunehmend schwieriger, Menschen für den Kirchengesang zu begeistern.
Gleichzeitig befinden wir uns mitten in einem grossen kulturellen Wandel. Neue Formen in der Liturgie und in der Kirchenmusik werden verlangt. Sie stellen eine grosse Herausforderung dar. Mit dem Volk gemeinsam zu singen, daneben neue moderne Formen der Kirchenmusik einzustudieren, gleichzeitig die kostbaren Werke aus dem reichen Schatz der Kirchenmusik zu pflegen, ist eine anspruchsvolle aber auch beglückende Aufgabe eines jeden engagierten Chores. So können wir auch in Zukunft unserer Aufgabe gerecht werden, durch die Musik Gott zu ehren und den Menschen Freude zu bereiten.
(geschrieben anlässlich des 100-jährigen Jubiläums 2007)