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Hernán Ronsino wuchs in der argentinischen Pampa auf. Lange Zugfahrten liessen ihn darüber nachdenken, wie sich Züge auf die Organisation der Zeit niederschlagen.
Übersetzt von Luis Ruby
Vor etlichen Jahren, noch zur Zeit des Studiums, fuhr ich an den meisten Wochenenden von Buenos Aires nach Chivilcoy, um meine Familie zu besuchen. Die Zugfahrt dauerte fast drei Stunden. Auch die anderen Passagiere waren überwiegend Studenten. Wir fuhren als Freunde, in der Gruppe. Musste ich jedoch aus irgendeinem Grund alleine reisen, so verbrachte ich die Zeit gerne mit einer Art Schreibspiel. Einem literarischen Experiment in der besten Tradition der Autorengruppe Oulipo. Das Spiel bestand darin zu schreiben, solange wir in Bewegung waren. Man durfte erst aufhören, wenn der Zug in den nächsten Bahnhof einfuhr. Das Spiel diente als Fingerübung – denn man musste fortlaufend schreiben, ohne Plan, ohne so recht zu wissen, worüber oder mit welchem Ziel, dicht am Absurden oder Deliranten entlang, doch in jedem Fall zur festgesetzten Stunde, als stünde man vor einer entscheidenden Instanz, vor der unabweisbaren Dringlichkeit der Zeit. Dabei verschränkte sich das Schreiben mit der Idee der Bewegung selbst.
Beim Anblick eines Körpers in der Schwebe, der ohne Unterlass schrieb, befiel die Passagiere, die im Zug in meiner Nähe sassen, eine angespannte Neugier. Es ist irritierend, jemandem zuzusehen, der die ganze Zeit nur schreibt. Der Moment des Schreibens findet ja eigentlich nicht in der Öffentlichkeit statt. Er löst dort eine gewisse Unruhe aus. Wie wenn jemand an einem Ort singt, an dem so etwas nicht vorgesehen ist. Oder wie wenn ein sonderbar gekleideter Mensch die Blicke derer auf sich zieht, die für Ordnung und Normalität stehen. Man schreibt in einem intimen Raum, ohne freilich aus den Augen zu verlieren, dass alles Schreiben einen Dialog mit der Gesellschaft sucht oder in Gang bringt. Seitdem glaube ich: Schreiben heisst, in Bewegung zu sein und sich einer Zeit auszusetzen, die drängt.
Die tiefgreifende Verbindung zwischen Schreiben und Fo...
Vom Schreiben und der Eisenbahn
Hernán Ronsino wuchs in der argentinischen Pampa auf. Lange Zugfahrten liessen ihn darüber nachdenken, wie sich Züge auf die Organisation der Zeit niederschlagen.