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Dieser Beitrag ergänzt meine Einschätzung der Folgen der Reaktorhavarie in Tschernobyl im April 1986 sowie der Reaktorhavarien in Fukushima Daiichi im März 2011.
Tsuda Toshihide, Yamamoto Eiji und Suzuki Etsuji hielten 2013 einen Vortrag zu Schildrüsenkrebs bei Unter-19-Jährigen in Fukushima ("Thyroid Cancer under 19 years old in Fukushima, Japan", Environmental Health Perspectives, 2013) und zeigten auf, dass die Erkrankungsrate an Schilddrüsenkrebs mit der Distanz zu den havarierten Kernkraftwerken abnimmt. Im Vergleich zum langjährigen japanischen Mittelwert von jährlich 5 Erkrankungen pro Million Jugendlicher fanden die Autoren eine 26-fache Erkrankungsrate im Umkreis von 50km der Reaktoren. In einer Entfernung von 50km bis 80km fanden sie eine Erhöhung auf das 19-fache. Die Autoren schlossen einen rein diagnostischen Effekt durch die systematische Untersuchung aller Jugendlichen aus.
Der aktuelle Stand der Schilddrüsenkrebsfälle bei Jugendlichen in Fukushima ist auf Fukushima Voice (englisch) zusammengefasst. Kinder und Jugendliche, welche zum Zeitpunkt der Havarie jünger als 18 Jahre alt waren und in der Präfektur Fukushima lebten, werden bis zu ihrem 20. Altersjahr alle zwei Jahre auf Schilddrüsenkrebs untersucht, danach alle fünf Jahre. Die ersten Untersuchungen sind grösstenteils abgeschlossen. Es wurden etwa 380'000 Kinder und Jugendliche untersucht. In 103 Fällen wurde Schilddrüsenkrebs festgestellt und operativ entfernt. In weiteren 23 Fällen besteht zur Zeit der starke Verdacht auf Schilddrüsenkrebs. Derlei Verdachtsfälle bestätigten sich zuvor zu 99%. Bis Ende März 2015 wurden somit 126 Erkrankungen an Schilddrüsenkrebs diagnostiziert. Das entspricht einer Erkrankungsrate von jährlich 84 pro Million Kinder seit April 2011. Da 2011 keine Fälle auftraten und 2012 nur wenige, beträgt die jährliche Krebsrate jetzt etwa 150 pro Million Kinder. Jugendliche in der Präfektur Fukushima erkrankten 2013 und 2014 rund 30× so häufig an Schilddrüsenkrebs wie vor 2011.
Gegen diese Zahlen wird öfter eingewendet, dass sie auf die systematische Untersuchung zurückzuführen seien. Wenn dem so ist, müsste sich statistisch zeigen lassen, dass die Untersuchungen Schilddrüsenkrebs einfach nur viel früher entdecken - also lange bevor der Krebs die Jugendlichen wegen Beschwerden zum Arzt treibt. Deshalb habe ich aus der Schweizer Krebsstatistik die Zahlen zu Schilddrüsenkrebs beigelegt. Die statistischen Daten zu Krebs und Bevölkerung habe ich wie früher beschrieben vom Bundesamt für Statistik übernommen und ausgewertet.
- Die Erkrankungsrate der unter 40-Jährigen steigt insgesamt jährlich um 6-7% im Vergleich zu 1983-1987. In der Fünfjahresperiode 2006 bis 2010 erkrankten 2.6× soviele Jugendliche und junge Erwachsene an Schilddrüsenkrebs wie 1983-1987.
- Wer 1983-1987 jünger als 20 Jahre alt war, erkrankte 1988-1992 31% öfter an Schilddrüsenkrebs als die damalige Verleichsgruppe. 1993-1997 waren es 56% mehr, 1998-2002 108% mehr und 2003-2007 wurde 139% öfter Schilddrüsenkrebs diagnostiziert als in den gleichen Altersgruppen 1983-1987.
- Kinder unter zehn Jahren erkranken sehr selten an Schilddrüsenkrebs. Mit zunehmendem Alter steigen die Erkrankungsraten stark an, was auf eine mehrjährige Latenz zwischen Krebsentstehung und Diagnose hinweist.
Da auch die beste Frühdiagnose kleinste Krebszentren kaum erkennt, kann eine Vorsorgeuntersuchung den Zeitpunkt der Krebsentdeckung allenfalls um fünf bis zehn Jahre vorverlegen. Würden beispielsweise alle Schilddrüsenkrebse der 10- bis 29-Jährigen zehn Jahre früher entdeckt, so würde bei den 0- bis 19-Jährigen eine signifikant höhere Erkrankungsrate beobachtet.
Es stellt sich also die Frage, um wieviele Jahre früher Schilddrüsenkrebs diagnostiziert werden müsste, um den beobachteten Anstieg der Erkrankungen vollständig der früheren Diagnose zuordnen zu können.
In obiger Tabelle ist die Erkrankungsrate der 15- bis 19-Jährigen aus der Fünfjahresperiode 1983-1987 grau markiert. Folgt man diesen Jugendlichen über die Jahre (rötlich markierte Zellen), so ergibt sich für die Zeitdauer von 1983 bis 2007 eine Gesamtrate von 1'045 Neuerkrankungen pro Million. Das heisst dass bei einem von tausend Jugendlichen zwischen ihrem 15. und 40. Altersjahr Schilddrüsenkrebs entdeckt wurde. Dies ist die beobachtete Inzidenzrate 1983 bis 2007.
Wären die Inzidenzraten über die Zeit konstant geblieben, also so wie sie 1983-1987 waren, so wäre bei den Jugendlichen deutlich weniger Krebs festgestellt worden. Die Inzidenzrate basierend auf 1983-1987 wäre nur 517 pro Million, also etwa die Hälfte der beobachteten Rate. Würde der Schilddrüsenkrebs jedoch durchschnittlich fünf oder zehn Jahre früher entdeckt, so würde Krebs bei 825 respektive 1'042 pro Million gefunden. Dieses Beispiel zeigt, dass eine um zehn Jahre frühere Diagnose die Verdoppelung der beobachteten Inzidenzrate relativ zu 1983-1987 erklären könnte.
Für die Altersklassen der 5- bis 29-Jährigen von 1983-1987 müsste der Schilddrüsenkrebs durchschnittlich etwa zehn Jahre früher diagnostiziert werden. Die 30- bis 44-Jährigen von 1983-1987 müssten ihre Diagnose rund 5 Jahre früher erhalten. Bei Kindern unter 4 Jahren und Leuten ab 45 wäre Schilddrüsenkrebs etwa im selben Alter entdeckt worden wie 1983-1987. Da meines Wissens in der Schweiz nach/wegen Tschernobyl keine umfassenden Vorsorgeuntersuchungen durchgeführt wurden, sind die beobachteten Inzidenzraten meines Erachtens mehrheitlich auf eine effektiv höhere Zahl an Erkrankungen zurückzuführen.
Fazit | Bezüglich den Folgen von Fukushima halte ich fest, dass eine 30× höhere Erkrankungsrate an Schilddrüsenkrebs nicht durch die Früherkennung erklärt werden kann. Eine umfassende Untersuchung von Kindern und Jugendlichen führt allenfalls kurzfristig zu einer Verdoppelung oder Verdreifachung der diagnostizierten Fälle, wie sich anhand der ausführlichen Schweizer Krebsstatistik zeigen lässt. Da sich Krebs bei Kindern und Jugendlichen ziemlich schnell entwickelt, wird er in aller Regel schon nach kurzer Zeit entdeckt, was den möglichen Diagnoseeffekt verkleinert.
In der Präfektur Fukushima ist deshalb eine 10-30× höhere Erkrankungsrate an Schilddrüsenkrebs auf die in Fukushima Daiichi freigesetzte Radioaktivität zurückzuführen.