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Als Jobcoach gibt es fast jeden Tag Situationen, die mir nicht aus dem Kopf gehen oder die mich zum Lachen bringen. Meistens handelt es sich um Episoden, die nur das Leben schreiben kann, oder um Sätze, die der eine oder andere Teilnehmer raushaut. Ich liebe es, mit Stellensuchenden zu arbeiten. Hier sind einige Geschichten.
Duzen oder Siezen
Ich arbeite an mehreren Schulen. Eine von ihnen legt Wert darauf, dass die Jobcoaches ihre Klasse siezen, auch wenn diese sich untereinander duzen. Am ersten Unterrichtstag wurde ich von einer älteren Dame angesprochen. “Darf man Sie duzen oder muss man dich siezen?”. Ich erklärte ihr die Situation. Die Dame steht auf und ruft in die Klasse: “Wir werden abstimmen! Wer damit einverstanden ist, dass sie uns duzt, hebt die Hand”. Alle Hände gehen nach oben. Sie lächelt und sagt: “Siehst du! Die Mehrheit gewinnt”.
Nennen Sie drei Schwächen
Ich erkläre den Stellensuchenden, dass sie bei Vorstellungsgesprächen oft aufgefordert werden, ihre Stärken und Schwächen zu nennen. Sie sollten sich darauf vorbereiten, auf diese Fragen zu antworten. Die drei Stärken stellen fast nie ein Problem dar. Sie fallen den Teilnehmenden leicht. Bei den Schwächen ist es schwieriger. “Ich weiss nicht, was ich schreiben soll. Ich glaube, ich habe keine Schwäche”, sagt eine junge Frau. Ein Aufruf aus der Klasse: “Schreib doch einfach Selbstüberschätzung”.
Praktische Lösung für den Personalverantwortlichen
Ein Logistiker kommt auf mich zu und zeigt mir eine Stellenanzeige. Er erklärt mir, dass dies sein Traumjob sei. Ich rate ihm, vor dem Absenden seiner Bewerbung anzurufen. So könne er seine Chancen verbessern. Er schaut mich skeptisch an, greift aber schliesslich nach seinem Handy und verlässt den Raum. Nach ein paar Minuten kommt er mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck zurück. “Es funktioniert wirklich. Sie haben mir gerade einen Termin für das Vorstellungsgespräch angeboten”. Jetzt ist meine Neugier geweckt und ich will mehr wissen. “Was hast du ihnen am Telefon gesagt?” “Ich habe gesagt, dass sie jetzt die Online-Anzeige löschen können. Ich bin jetzt hier!”
Schliesslich bin ich jemand
Ich habe eine Teilnehmerin zu ihrer beruflichen Laufbahn befragt: “Was genau hast du bei der Polizei gemacht?” – “Ich war jemand!” – “Wie meinst du das?” – “Jemand muss Kaffee kochen, jemand kann diesen Bericht schreiben, jemand sollte samstags arbeiten – ich war dieser jemand!”
Schneller als die Polizei erlaubt
Eine Frau erzählte mir, dass sie keinen Führerschein habe. “Hast du die Fahrprüfung noch nicht abgelegt?”, fragte ich sie. “Doch, aber ich musste meinen Führerschein abgeben. Ich bin ein bisschen zu schnell gefahren”. – “Bist du geblitzt worden?” – “Nein, ich habe die Polizei überholt”.
Das ganz besondere Kompliment
Ein Kunde aus sehr einfachen Verhältnissen wollte mir ein Kompliment machen. Er schüttelte mir höflich die Hand, nickte freundlich und sagte: “Sie sind eine voll schöne Frau, Sie haben bestimmt voll schöne Kinder!”…
Ich war sehr beeindruckt von diesem “We are Familiy”-Fall
Ich diskutierte mit einem jungen Mann über das Nachholen einer Berufsausbildung. “Könntest du mit diesem niedrigen Lehrlingslohn leben? Ich meine, in deinem Fall würde das bedeuten, dass du in den nächsten zwei Jahren von weniger als 1000 CHF leben müsstest”. – “Hören mal”, sagte er sehr ernst, “Ich bin Albaner! Auch wenn meine Eltern nicht verstehen, warum ich eine Lehre machen will, werden wir immer eine richtige Familie sein. Sie werden mich unterstützen und sehr stolz auf mich sein, wenn ich mein Abschlusszeugnis in der Tasche habe!” – Eine solche Aussage könnte viele neidisch machen.
Lücken im Lebenslauf
Im Unterricht haben wir über Lücken im Lebenslauf gesprochen. Viele Personalverantwortliche haben sich darauf eingeschossen, daher ist es für den Bewerber wichtig, die Lücken zu erklären. Da der Lebenslauf ein offizielles Dokument ist, darf auch nicht gelogen werden. Um dies der Klasse anhand eines Beispiels zu erklären, habe ich die Geschichte eines jungen Mannes erzählt, der zwei Jahre im Gefängnis verbracht. Hier wurde er in die Gartenarbeit eingeteilt. In seinem Lebenslauf stand später “Hilfsgärtner, Kanton XX”. Die Klasse fand das sowohl lustig als auch inspirierend.
In der Pause kam ein älterer, vornehm aussehender Mann auf mich zu. “Zwei Jahre? Das ist doch gar nichts”, sagte er “Bei mir waren es in meiner Jugend acht Jahre”. Ich war verblüfft. Ich hätte nie gedacht, dass dieser Herr jemals etwas Schlechtes getan hatte. Er hatte fantastische Abschlüsse. Er half Menschen, machte Freiwilligenarbeit und erzog seine Kinder zu guten Menschen. Wieder einmal zeigt sich, dass es extrem wichtig ist, Menschen eine zweite Chance zu geben.