Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03202.jsonl.gz/1827

Die Nationalmannschaften überraschen bei der WM mit taktischen Revolutionen:
Dreier- und Fünferketten erleben eine Renaissance, die „Manndeckung“ kehrt zurück.
Weltmeister Spanien? In der Vorrunde gescheitert. Außenseiter wie Algerien und Costa Rica setzten dagegen Ausrufezeichen, weil sie auf ungewöhnliche taktische Mittel zurückgriffen. Die WM 2014 ist eine WM der Überraschungen. Sie deutet einen Wandel der Taktiktrends im Weltfußball an. Diese drei Erkenntnisse brachte sie bislang hervor.
1. Das Verschwinden des 4-2-3-1
Weltmeisterschaften sind Spiegel taktischer Entwicklungen ihrer Zeit. Meist greifen Nationaltrainer jene Systeme auf, mit denen Klubteams aktuell erfolgreich sind. Die wenigen Wochen, die Nationalmannschaft und Trainer vor einem Turnier miteinander verbringen, lassen kaum Zeit für die Entwicklung komplexer eigener Systeme.
Es ist daher kein Zufall, dass bei der WM 2010 das 4-2-3-1 die Formation schlechthin war. Im selben Jahr standen sich im Champions-League-Finale mit Inter Mailand und Bayern München zwei Teams gegenüber, die jeweils mit dieser Formation antraten. In Südafrika vertraute dann knapp die Hälfte aller Teams auf das 4-2-3-1. Es waren vor allem erfolgreiche Nationen wie Deutschland, die Niederlande und Weltmeister Spanien.
Nun ist das 4-2-3-1 bei der WM in Brasilien zwar nicht verschwunden. Quantitativ erreicht es sogar seinen Zenit: 18 der 32 Nationen verwendeten es bislang zumindest einmal. Davon schieden allerdings elf bereits nach der Vorrunde aus.
Bei den Spitzenmannschaften hat dagegen ein Umdenken eingesetzt: Im Achtelfinale wählten nur noch acht der 16 Teams das 4-2-3-1.
2. Die Wiederentdeckung der Dreier- und Fünferkette
Nicht nur das 4-2-3-1 wird seltener: Auch vom Dogma der Vierer-Abwehrkette lassen mehr und mehr Nationen ab. Vier Achtelfinalisten verteidigten mit einer Dreier- oder Fünferkette, mit den Niederlanden und Costa Rica schafften zwei den Einzug ins Viertelfinale. Zum Vergleich: In Südafrika gab es in der K.-o.-Runde nur eine Mannschaft, die nicht mit vier Verteidigern spielte: Marcelo Bielsas Chile (3-4-2-1).
Die Niederlande und Costa Rica bauen jeweils auf eine defensive Fünferkette. Der Clou dabei: hervorstechende Verteidiger, die das Mittelfeld verstärken und den Zwischenlinienraum schließen können. Diese Bewegung macht die Teams flexibel, anders als bei einer Viererkette geht sie nicht zulasten der hintersten Abwehrreihe. Prescht ein Spieler vor, bleiben noch vier, die viel Raum abdecken.
Neu ist das nicht. 1990 setzten etwa neben Weltmeister Deutschland zahlreiche andere Nationen auf ein 3-5-2. In der jüngeren Vergangenheit schien die Viererkette jedoch derart etabliert, dass der Variantenreichtum der WM in Brasilien wie eine kleine Revolution wirkt.
3. Die Renaissance der Manndeckung
Dass die Viererkette zuletzt lange das Maß der Dinge war, lag auch daran, dass die Manndeckung als Inbegriff für unmodernen Fußball galt. Statt Abwehrspezialisten, die die gegnerischen Stürmer beschatteten und vom Libero abgesichert wurden, setzten moderne Teams auf konsequente Raumdeckung und das Übergeben von Gegenspielern. Dabei deckt jeder Profi je nach Position des Balls eine Zone, in der er sein Gegenüber bewacht. Sobald dieser den Bereich verlässt, übernimmt ein Mitspieler.
Zwar werden in Brasilien keine klassischen Manndeckungen praktiziert, bei denen dem Gegner überallhin gefolgt wird. Die Mannorientierungen sind jedoch stärker geworden. Algeriens Spieler gaben gegen Deutschland ihre Position häufig auf, um Toni Kroos und Co. möglichst schon bei der Ballannahme zu stören. Chiles Superstar Arturo Vidal attackierte beim Sieg über Spanien Spielmacher Sergio Busquets unablässig. Die entstandenen Lücken wurden von Mitspielern besetzt. Ähnlich verteidigen die Niederlande. Die Kunst dabei ist, 90 Minuten lang aufmerksam zu bleiben - und zugleich die Kraft aufzubringen, nach Balleroberungen selbst zu stürmen. (Spiegel Online)
Drei Männer für ein Halleluja - "neue" Verteidigungstaktik im Fussball!
Juventus Turin spielt seit Jahren mit einer Dreierkette in der Abwehr, an der WM begeisterten oben aufgeführte Teams mit diesem taktischen Mittel. Nun hat der Trend in der Super League Einzug gefunden
Am ersten Spieltag der neuen Saison spielte die Hälfte aller Super League Teams mit nur drei Verteidigern. Darunter sämtliche Meisterschaftsanwärter; Basel, Zürich, GC und YB. Dazu Aufsteiger Vaduz. Was noch vor einigen Jahren undenkbar war, ist Tatsache: die Abkehr von der traditionellen Viererkette mit zwei Innen- sowie einem rechten und linken Aussenverteidiger.
Die Dreierkette in der Defensive ist weitaus komplexer, als sie auf dem ersten Blick wirken kann. Aufgrund der drei nominellen Verteidiger, die jedoch situativ von bis zu drei weiteren Mittelfeldspielern unterstützt werden kann, ergeben sich taktisch variable Möglichkeiten, mit der Ausrichtung von extrem defensiv bis zur absoluten Offensive alles zu spielen. Wenn sich die beiden defensiven Flügelspieler zurückfallen lassen und der zentral defensive Mittelfeldspieler sich eng vor den Innenverteidigern positioniert, hat man eine extrem kompakte Fünferreihe mit losem Element, das situativ ins Pressing gehen kann.
Die Räume sind dann sehr eng, die Zentrale komplett verdichtet und bei Ballgewinn stehen genug Anspielstationen zur Verfügung, um nicht einfach ins Gegenpressing zu geraten. Ebenso kann sich die Dreierkette offensiv so ausrichten, dass die Flügelspieler entweder in die offensive zentrale abdriften und dort als Raumspieler fungieren oder sie agieren als Flügelstürmer und somit Breitengeber, womit die eigentlichen Offensivspieler sich zentral frei bewegen können. Die verbliebenen drei Verteidiger können dann weiterhin entweder auf einer Linie verteidigen oder sogar extrem breit stehen, sodass der zentrale Verteidiger bis ins Mittelfeld vorrückt und somit das Gegenpressing unterstützt und situativ sogar eine Zweierkette defensiv hinterlässt – hierfür bedarf es jedoch schnelle Verteidiger und einen gut mitspielenden Torhüter, da der defensive Raum, welcher abgedeckt werden muss, mitunter die gesamte eigene Hälfte sein kann.
In allen Varianten der Dreierkette bietet sich aber vor allem das Dreiecksspiel an: Jeder Spieler hat, wenn die Laufwege stimmen, immer mindestens zwei Spieler seitlich vor sich, die er problemlos und risikofrei anspielen kann. Diese Aufteilung ist somit für ballbesitzorientierte Mannschaften hervorragend geeignet.
Insgesamt lässt sich sagen, bietet die Dreierkette enorm viele taktische Varianten, die sowohl gegen Gegner mit Flügelstürmern als auch mit einem Zweiersturm oder nur einer echten Spitze funktionieren.