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In der verschütteten Erinnerung wiedergefunden: die «Tales of the City», eine TV-Serie von 1993, basierend auf einem Roman von Armistead Maupin. Schlicht grossartig!
Der Name Armistead Maupin ist mir vor ein paar Wochen einfach out oft the blue eingefallen. Erst wusste ich nicht, wo er hingehört. Doch bald dämmerte es: «Tales of the City», eine TV-Serie, die mich vor etwa 25 Jahren in ihren Bann gezogen hat. Armistead Maupin ist der Verfasser der ihr zugrunde liegenden Stadtgeschichten-Romane, die alle in San Francisco spielen. Sein Name war in den Sedimenten meiner Erinnerungen eingelagert. Weiss der Kuckuck, was ihn an die Oberfläche gespült hat.
Die Serie von 1993 ist bei Netflix zu sehen im alten Vier-zu-Drei-Format mit leicht körnigen, von einem feinen Braunschleier bedeckten Bildern und gemächlichem Erzähltempo. Sie spielt im Jahr 1976 in der queeren und dabei fast dörflichen Szene der einstigen Hippie-Metropole. Die fiktive Barbary Lane ist eine der abenteuerlich steilen Strassen über der Bay, und ihre Nummer 28 die Wohnstatt der Hauptfiguren von «Tales of the City», eine Mischung aus Asyl und Kommune, sanft beherrscht von Anna Madrigal, einer geheimnisumwobenen eleganten Endvierzigerin.
Zu dieser Community stösst die junge Mary Ann Singleton, ahnungsloses Landei aus einem Kaff bei Cleveland. Mary Ann, die allen alles zuliebe tun will, hat die Gabe, in jeden erreichbaren Fettnapf zu treten. Sie freundet sich mit dem schwulen Michael «Mouse» Tolliver an. Allein schon das sich entwickelnde Verhältnis dieser beiden zu verfolgen, ist ein berührendes Erlebnis. Immer wieder sind es Figurenpaare, die sich einander nähern oder entfremden und so das dichte Geflecht der «Tales of the City» erzeugen. Nebenbei erzählt die Serie auch die Geschichte eines Soziotops, das nach der 68-er Eruption das «alternative» Leben mit den unbewussten, aber tief eingewurzelten bürgerlichen Wertvorstellungen dieser wilden Existenzen zu amalgamieren versucht. Stets dringt der Blick der Erzählweise durch die oft schrillen Oberflächen und macht die Menschen sichtbar, die nach sich selbst, nach Verständnis, nach Liebe suchen.
Eine warme Menschlichkeit setzt sich immer wieder durch in dem oft vertrackten Gang der Dinge, und immer wieder entwickeln sich die Figuren, zeigen neue Facetten ihrer selbst. Das muss es gewesen sein, was mich an der Serie damals so sehr begeistert hatte, dass sie – mitsamt dem Namen ihres Urhebers – bis heute in den Tiefen meiner Erinnerungen schlummern konnte.
Armistead Maupin hat «Tales of the City» erst als Fortsetzungsstory im «San Francisco Chronicle» und dann als Buch veröffentlicht; dieses Verfahren war bei einer weltliterarischen Grösse wie Theodor Fontane nicht anders. Auch was die Qualität der Geschichten und der Erzählweise angeht, liegt der Stadtgeschichten-Erzähler nicht weit vom grossen Gesellschafts-Romancier des vorangegangenen Jahrhunderts. Maupin, der Fontane San Franciscos.
Die «Tales of the City» haben 2019 eine TV-Fortsetzung erhalten, basierend auf Stoffen der weiteren Maupin-Geschichten um Barbary Lane. Anna Madrigal ist jetzt neunzig, eine schlohweisse Beauty, einzelne der früheren Figuren fehlen, einige neue sind hinzugekommen. Auch diese Serie ragt deutlich aus dem üblichen TV-Niveau heraus und erzeugt nochmals den Zauber der vorherigen Stadtgeschichten. Diesmal aber wird mehr auf Spannungsdramaturgie gesetzt. Das funktioniert, geht aber auf Kosten der poetischen Leichtigkeit, die der 1993-er Serie zur Einmaligkeit verholfen hat. So oder so: Auch die neue Auflage der «Tales of the City» bietet wunderbare, kluge, herzerwärmende Unterhaltung.