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Interview
«Tief in meiner Seele bin ich wirklich dieser verrückte Quatschkopf»
Star-Comedian Jim Carrey (58) erklärt, warum er sich selber mit einem Klippenspringer vergleicht. Und er gibt zu, dass er viel zu oft eine Maske aufhat und er sich gerade auf einem Selbstentdeckungstrip befindet.
Jim Carrey
Filmstar und Neo-Buchautor
Natürlich war Jim Carrey schon in der Schule der Klassenclown, wurde dann Stand-up-Comedian, und bald handelte man den kanadisch-US-amerikanischen Doppelbürger als neuen Jerry Lewis (1926–2017). Seine ausgeprägte Mimik und Stimmimitationen wurden sein Markenzeichen. Nach Komödienerfolgen («Ace Ventura», «The Mask») zeigte er in «Eternal Sunshine of the Spotless Mind» und in «The Truman Show» sein Talent für dunkle, dramatische Figuren.
Auch sein eigenes Leben war nicht frei von Tragödien, seine letzte Freundin wählte 2015 den Freitod. Man hörte kaum noch etwas von Carrey – nur sporadische Meldungen, dass er vom Malen besessen sei. Zuletzt tauchte er wieder auf, als Fiesling Dr. Robotnik im Actionspass «Sonic the Hedgehog» sowie als Imitator des neu gewählten US-Präsidenten Joe Biden in der TV-Show «Saturday Night Live». Soeben ist auch sein halb autobiografischer Roman «Memoiren und Falsch- informationen» auf Deutsch erschienen.
Jim Carrey, in den 90ern waren Sie berühmt für verrückte Rollen und Ihr Gummigesicht. Waren Sie es nie leid, auf den albernen Grimassenschneider reduziert zu werden?
Nein, ich war immer sehr dankbar, dass ich damit so grossen Erfolg hatte. Ehrlich gesagt: Tief in meiner Seele bin ich wirklich dieser verrückte Quatschkopf. Ich bringe Menschen gerne zum Lachen und nutze dafür jede Chance. Sogar, wenn ich mit Fremden im Aufzug stehe. (Lacht.) Ich liebe es, der Clown zu sein, der die Dinge sagt, die sich niemand zu sagen traut. Was meinen Humor betrifft, war ich immer schon ein Klippenspringer, der mit allem durchgekommen ist, weil er das richtige Timing hatte.
«Mit Humor kann ich die Wahrheit leichter ansprechen.»
Warum ein Klippenspringer?
Ein Klippenspringer in Acapulco weiss, wann die Flut kommt, damit er den Sprung in die Tiefe überlebt. So gehts mir auch – ich weiss instinktiv, wann ich einen Witz landen kann und wann nicht. Mein Humor entsteht aber immer aus tiefer Liebe. Ich liebe mein Publikum und will es gut unterhalten – auch wenn ich mich zum Narren machen muss! Ich kann die peinlichsten Dinge anstellen, weil ich es liebe, in strahlende Augen zu sehen, wenn ich Quatsch mache.
Woher kam plötzlich das Bedürfnis, wie besessen zu malen und nun sogar ein Buch zu schreiben?
Das war alles immer schon in mir. Ich habe mein ganzes Leben lang gemalt, gezeichnet und geschrieben. Aber jetzt war der richtige Moment, um an die Öffentlichkeit zu gehen. Nicht, weil ich glaube, dass ich damit genauso erfolgreich sein werde, sondern weil ich spüre, dass ich das Publikum vielleicht etwas enttäuschen muss, um selbst daran zu wachsen. Manchmal müssen Dinge schiefgehen, damit man ihren Wert erfassen kann. Erst, wenn etwas nicht funktioniert, probiert man etwas Neues aus.
Sie wollten vermeiden, durch Wiederholung vorhersehbar zu werden?
Das Leben ist vorbei, wenn nichts Neues passiert, also zwinge ich mich manchmal, etwas völlig Unerwartetes zu machen. Ich weiss, dass das Publikum den albernen Jim Carrey will, aber ich weiss auch, dass ich den ernsten Jim Carrey brauche, um voranzukommen. Wenn das Publikum den ernsten Carrey nicht genauso liebt wie den albernen, ist das nicht schlimm. Aber ich bin es mir schuldig, andere Facetten auszuprobieren.
Woher stammt das Alberne in Ihnen?
Mein Vater war immer gut aufgelegt, er hatte definitiv Entertainerqualitäten. Er ist ständig in verschiedene Rollen geschlüpft und hat immer etwas Albernes ausprobiert, Grimassen gezogen oder Leute imitiert. Ich habe ihn dafür bewundert – und natürlich habe ich versucht, ihm näher zu sein, indem ich selbst zum Spassvogel wurde. Gleichzeitig war ich auch ein nachdenklicher Junge, der in seinem Zimmer sass, Bücher verschlang und auf kleinen Zetteln Notizen machte, die das Universum erklären sollten. Für meine philosophische Seite habe ich lange keinen Ausdruck finden können. Vielleicht deshalb muss ich sie nun rauslassen! In meinem Leben stecke ich gerade in der Phase einer kreativen Explosion.
Wer in solch eine lustige Familie geboren wird, der muss ja zwangsläufig ein Komiker werden.
Ja, in unserer Wohngegend war meine Familie bekannt dafür, jeden Gast zum Lachen zu bringen. Die Leute haben sich in die Hose gemacht vor Lachen. Es gab aber noch einen anderen Grund, warum ich lustig sein wollte: Meine Mutter hatte es schwer im Leben, ihre Eltern waren Alkoholiker. Das hat sie seelisch mitgenommen. Deshalb habe ich versucht, sie aufzumuntern und zum Lachen zu bringen.
Hape Kerkeling, einer der erfolgreichsten Komiker im deutschsprachigen Raum, hat dasselbe erlebt: Er versuchte, seine depressive Mutter aufzuheitern.
Die meisten Komiker haben eins gemeinsam: Es gibt in ihrem Leben jemanden, den sie glücklich machen wollen, indem sie immer lustig und gut gelaunt sind. Davon abgesehen, war bei uns meine sensible Mutter die Künstlerin der Familie. Von ihr habe ich meine Liebe zur Malerei und Bildhauerei. Wenn ich mich jetzt künstlerisch ausdrücke, dann fühlt es sich an, als würde ich viel Zeit mit meiner Mutter verbringen.
Haben Ihre Eltern Ihre Erfolge noch erlebt?
Ja, sie haben noch meinen Durchbruch mit «The Mask» mitbekommen – und waren selig. Danach sind sie kurz hintereinander gestorben.
Worüber schreiben Sie in Ihrem Buch?
Es geht darin um die Maske, die wir konstruieren, wenn wir in die Welt hinausgehen. Jeder von uns strebt nach einer Rolle, um draussen zu funktionieren. Ich lebe in Hollywood. Dort versucht jeder, so wie Marilyn Monroe zu sein. Aber niemandem gelingt es – es ist ja nicht mal ihr selber gelungen. Trotzdem träumen wir alle davon, mehr zu sein, als wir sind.
Marilyn Monroe zerbrach wohl nach Ihrer Theorie genau daran.
Sie war nie wirklich glücklich. Bei niemandem funktioniert es, dauerhaft vorzugeben, mehr zu sein, als man ist. Wir wollen etwas Authentisches, und dabei schaffen wir diese komplexe Illusion mit einer Maske, die wir uns aufsetzen, die uns aber auch davon abhält, wirklich wir selbst zu sein. Marilyn hat auf der Schauspielschule versucht, ihre Rolle zu finden, und am Ende hat sie eine schillernde, begehrte Kunstfigur gespielt, die sie überhaupt nicht glücklich gemacht hat. Um sich selbst zu entdecken, muss man riskieren, alles zu verlieren, was man zuvor aufgebaut hat.
Klingt einfacher, als es wohl ist. Mal ganz ehrlich: Sind Sie gerade auf einem Selbstentdeckungstrip?
Natürlich! Auch ich wollte jemand sein, der alle in seinen Bann zieht. Meine Maske, die ich mir überzog, sollte die Eintrittskarte sein, die garantiert, dass man von jedem geliebt wird. Man trägt immer mehr Schichten auf, denn man hofft, mit jeder Schicht noch wunderbarer zu werden. Das geht so lange weiter, bis man akzeptieren muss, dass man in eine Illusion investiert hat, die sich nie auszahlen wird. Dann erst akzeptiert man, dass man ein ganz normaler Mensch ist …
… und damit alles andere als perfekt?
Ja, ein Mensch ist nie perfekt, ein Mensch ist manchmal auch ein verletzliches, ängstliches Wesen. Auch diese Teile muss man lieben und annehmen, statt sie von einer übermächtigen, überirdischen Rolle zerquetschen zu lassen.
Bei den Golden Globes haben Sie auf der Bühne gefrotzelt, dass Sie davon träumen, einen dritten Globe zu gewinnen, denn dann hätten Sie es «endlich geschafft».
Mit Humor kann ich Dinge ansprechen, die sonst keiner anspricht. Die Wahrheit ist dann leichter anzunehmen. Bei der Verleihung sitzen ja nur Menschen, die auf der Suche nach Anerkennung sind. Über die Schwere des Lebens lachen zu können, ist wichtig! Vor mir sah ich Denzel Washington lachend den Kopf schütteln. Er dachte sich bestimmt: «Dieser Clown traut sich was!» Ja, genau darum geht es! Ich sage die Sachen, die sonst keiner sagt – und ich komme damit durch, weil ich einen Witz daraus mache.
Jim Carrey, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.