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1869: Michail Bakunin – Der Satan der Revolte im Locarnese
Als Bakunin nach seinem abenteuerlichen Leben als Philosoph, Revolutionär, Gefangener des Zaren und Gegenspieler von Marx in der Ersten Internationale im November 1869 nach Locarno kam, war er hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, weiterhin aktiv in die Geschichte einzugreifen im Vertrauen auf die revolutionäre Potenz der lateinischen Völker (Italien und Spanien), und demjenigen nach Rückzug ins Private, an einem idyllischen, ruhigen Ort seiner Familie eine Bleibe zu verschaffen. Vorschüsse auf die Übersetzung von Karl Marx’ «Kapital» ins Russische sollten die finanzielle Grundlage für das Leben im Locarnese abgeben, doch überzeugte ihn der junge Aktivist Netschajew erneut von der Notwendigkeit der revolutionären Propaganda in Russland. In Locamo schrieb Bakunin seine polemischen Schriften gegen Mazzini, gegen die Zentralisierung der Staatsgewalt und damit für den Föderalismus in der Schweiz. Locamo war auch der Schauplatz der kurzen und intensiven Freundschaft mit dem italienischen Anarchisten Carlo Cafiero, der für Bakunin die Villa La Baronata in Minusio kaufte, die für die nachfolgende Anarchistengeneration zum obligatorischen Wallfahrtsort wurde.
1885: Baronessa Antonietta Saint-Léger – Der botanische Garten als irdisches Paradies
Selten hat ein Frauenschicksal die Boulevardpresse so beschäftigt wie das Schicksal dieser deutschstämmigen Russin. «Vom Zarenhof ins Armenasyl» hiessen die Stationen dieses ereignisreichen Lebens. Von 1885 bis 1928 war die Baronin Herrin der Brissago-Inseln, von wo aus sie ihre weitverzweigten Unternehmungen in Italien und auf dem Balkan leitete und versuchte, ihre Erfindungen, wie die Herstellung von Öl aus Heuschrecken, zu verwerten. Die Schweiz verdankt ihr und ihrem Nachfolger auf den Inseln, dem deutschen Warenhauskönig Max Emden, einen wunderbaren botanischen Garten. Die Begegnung der Baronessa mit James Joyce bereicherte die Weltliteratur um eine der schönsten Abgrenzungs-Definitionen gegen das Aussergewöhnliche, das Joyce in ihrer Gegenwart empfand und das er im Hinblick auf die Ethik des Schriftstellers allgemein formulierte: «Ein Schriftsteller sollte nie über das Aussergewöhnliche schreiben. Das ist recht für einen Journalisten.»
1889: Aktiengesellschaft Fraternitas – Das Kloster als Wunschvorstellung
1889 erschien in der Zeitschrift «Lux», dem Mitteilungsblatt der «Internationalen Akademie für spiritistische und magnetische Studien» in Rom, die Ankündigung der Gründung einer Aktiengesellschaft namens Fraternitas. Ziel der Gesellschaft war die Errichtung eines Laienklosters auf einem Hügel in der Umgebung Locarnos, «in einem freien Land, in reiner Luft, fern von der Welt», zur Aufnahme der «Studenten» der Theosophie und des Okkultismus, um ihnen ein der Idee der Bruderschaft der Menschheit konformes Leben zu ermöglichen. Besitzer des Terrains auf der damaligen Anhöhe La Monescia ob Ascona, dem heutigen Monte Verità, und Verfasser des Aufrufs war Dr. Alfredo Pioda, Philosoph, Historiker, liberaler Politiker und Nationalrat aus Locarno, Präsident der theosophischen Loge H.P. Blavatsky in Mailand, zu grossen Taten aufgerufen, seit ihn in seinen Knabenjahren Garibaldi in Locamo umarmt hatte. Mit ihm signierten lauter Engvertraute der Gründerin der neuen Theosophischen Gesellschaft, Helena Petrowna Blavatsky – die Gräfin Constance Wachtmeister und Franz Hartmann. Zur Klostergründung kam es zwar nicht, wahrscheinlich weil Alfredo Pioda in der liberalen Revolution vom 11. September 1890 im Tessin die wichtige Rolle des Mittlers zwischen den zerstrittenen Parteien übernahm und so die Politik seine Energien band.