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Zwar konnten nur 2500 Fans im riesigen Centre Bell zum Spiel gegen die Toronto Maple Leafs zugelassen werden (wie auch in zwei Partien gegen die Winnipeg Jets in Runde 2), aber die Energie, die sie auf die Spieler der Canadiens de Montréal übertrugen, war förmlich greifbar und wurde auch in der Dynamik der Partie deutlich. Wenn man ein Beispiel finden müsste für den Beleg eines Heimvorteils, dann war es dieses Spiel.
In den USA waren bereits in der Qualifikationsphase Fans in den Stadien zugelassen. Für die Playoffs 2021 wurde dann die Auslastung der Stadien noch einmal nach oben geschraubt, sofern die epidemiologische Lage es zuliess und die Anwesenden geimpft waren. Für den Extra-Schub Emotionen war also wieder gesorgt.
Nun durfte man gespannt sein, wie die statistischen Auswertungen am Ende aussehen würden. Eine Tendenz ist schon nach der ersten Playoffrunde sichtbar: Wie schon in den Jahren zuvor bleibt das Verhältnis von Heim- und Auswärtssiegen auch heuer bei 50-zu-50 Prozent. Ist also die Rückkehr der Fans in den Stadien nun also doch kein so grosser Faktor wie man gedacht hatte?
Gibt es auch einen „Heimnachteil“?
Als Heimvorteil wird die erhöhte Wahrscheinlichkeit bezeichnet, einen sportlichen Wettbewerb unter heimischen Bedingungen (zum Beispiel das „eigene“ Sportstadion), erfolgreich zu beenden. Ein absoluter Heimvorteil liegt vor, wenn die Wahrscheinlichkeit, unter heimischen Bedingungen zu siegen, grösser ist als 0.5. Von einem relativen Heimvorteil kann dann gesprochen werden, wenn die Wahrscheinlichkeit, unter heimischen Bedingungen zu gewinnen, grösser ist, als zu verlieren. Bei einer Orientierung an den gewonnenen und zu vergebenden Punkten liegt ein Heimvorteil vor, wenn mehr als 50 Prozent der möglichen Punkte zu Hause gewonnen werden ( Prof. B. Strauss).
Aus sportwissenschaftlicher und -psychologischer Sicht soll der Heimvorteil zuweilen auch ein „Heimnachteil“ sein: Wenn beispielsweise der Druck auf die Spieler, vor den eigenen Fans performen zu müssen zu gross erscheint. Oder auch, wenn aufgrund der aufgeheizten Stimmung die Spieler der gegnerischen Mannschaft sogar noch motivierter sind als jene des Heimteams. Natürlich spielen weitere Faktoren eine Rolle, wie beispielsweise der mentale Umgang der Schlüsselspieler in diesen besonderen Spielen, der so manche vielleicht spielbeeinflussende Entscheidung in den Matches herbeiführt. Einige Fachleute behaupten ja, dass der Heimvorteil besonders im Kopf stattfinde und dass die gewohnte Umgebung und Routine für den Heimvorteil ausschlaggebend sei. Bei den heutigen Profis würde der Druck, den die gegnerischen Fans ausüben würden, eher motivierend denn einschüchternd wirken. Und nicht wenige sagen sogar, dass in den Playoffs der von den eigenen Fans provozierte Adrenalin- und Motivationsschub sogar negative Folgen hätte (übermotivierte Spielweise, erhöhter Erwartungsdruck und so weiter).
Psychologischer Impact
Nun aber ist in diesen Playoffs alles anders: Die Präsenz der Fans wird nicht mehr als selbstverständlich angesehen, sondern als Bonus nach den schweren Pandemiemonaten vor leeren Rängen. Der Fan-Einfluss sowie jener aus dem direkten und indirekten Umfeld ist wieder spürbar. Die Spieler der Montreal Canadiens beispielsweise wussten vor Spiel 5 der Erstrundenserie gegen die bereits mit 3:1 Siegen führenden Toronto Maple Leafs – eine Auswärtspartie – dass bei einem allfälligen Spiel 6 zuhause dann erstmals Fans anwesend sein dürfen. „Die Motivation war enorm, wir wollten unbedingt dieses Spiel erzwingen“, war der Tenor. Indessen, in den USA, wurden die Schleusen geöffnet für eine hohe Auslastung der Stadien. Auch hier geniessen die NHL-Profis – ob sie nun vor den eigenen Fans spielen oder nicht – die wiedergewonnene Atmosphäre.
Im Stanley Cup-Semifinal zwischen Vegas und Montreal spricht man aktuell von einem gewissen Ungleichgewicht, da in Vegas das Stadion randvoll sein wird, während eben in Montreal noch immer darüber diskutiert wird, ob man im Centre Bell nicht vielleicht doch eine höhere Auslastung zulassen könnte. Beide Stadien gehören während der Saison und besonders in den Playoffs zu den lautesten und für die Gegner am einschüchterndsten.
Profis lassen sich nicht mehr einschüchtern...
Es gibt viele Studien über die Wirkung der Fans auf die Leistungen der Mannschaften, die jetzt wieder ausgegraben werden. Die meisten sind statistisch gestützt. So sagt beispielsweise Daniel Memmert, Professor am Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik an der Deutschen Sporthochschule Köln: „Einen Heimvorteil gibt es tatsächlich, er ist nachweisbar, aber er hat in den vergangenen Jahren abgenommen. Aktuell reden wir von ungefähr 50 Prozent siegreich gestalteten Heimspielen in den meisten Mannschaftssportarten. Aber der Heimvorteil hat eher weniger mit den Zuschauern im Stadion zu tun. Der Einfluss der Zuschauer wird nämlich systematisch überschätzt.“ Diese Überschätzung des Heimvorteils hat mehrere Gründe. Einige wurden schon aufgeführt, wie die Motivation, es den feindseligen Fans so richtig zu zeigen.
Die NHL-Profis sind zudem nunmehr so fokussiert auf ihre Leistung und psychologisch so gut vorbereitet, dass sie aus jeder Lage und aus jeder Emotion das Momentum ziehen können. Ausserdem: Die Schiedsrichter lassen sich weniger beeinflussen als früher. Ein Vorteil resultiere, so sagen die sportwissenschaftlichen Studien, eher aus der Vertrautheit mit der eigenen Sportstätte, dem Stadion und der Kabine. Sogar die Menschen, die einen auf dem Weg von der Kabine begrüssen und abklatschen, könnten schon eine Rolle spielen, wird in Professor Memmert zitiert. Dass die Fans aber das viel zitierte Momentum beeinflussen können, ist empirisch nicht beweisbar, aber „gefühlt" erwiesen. Speziell bei den Playoff-Auftaktspielen in der NHL und in Spiel 7 sollen, so besagen einige Untersuchungen, die Fans und der Heimvorteil entscheidend sein (diverse Quellen, u.a. Kyle McMahon). Was aber in Synergie mit der Fan-Unterstützung mitwirken müsse, sei die Übernahme des Zepters der Heimmannschaft in spielerischer, kämpferischer oder emotionaler Sicht. Oftmals ist das Momentum in den ersten beiden Playoffpartien und in Spiel 5 wirksam, weil es den Ton für die Serie angibt. Diese These ist aber alles andere als sakrosankt, nicht statistisch bewiesen und nur auf Erfahrungswerten basierend.
In einer Studie von 2002 mit dem Titel „The influence of crowd noise and experience upon refereeing decisions. Psychology of Sport and Exercise“ (durch Nevill, A. M., Balmer, N. J., & Williams, A. M.) wurde die Wirkung der heimischen Fans auf die Schiedsrichter zwar statistisch nachgewiesen. Die Profi-Referees selbst spüren aber wegen der Stimmung im Stadion kaum mehr eine Belastung oder einen Druck. Auch hier zeigte sich in den letzten zwei Jahrzehnten mit der Professionalisierung und auch dank der Digitaltechnik ein eher gegenteiliger Trend.
Joël Ch. Wuethrich publiziert wöchentlich Hintergrundberichte über die NHL in der führenden Deutschen Fachpublikation Eishockey News und hat ein ausgezeichnetes Beziehungsnetz in Nordamerika. Seit 1992 ist er Chefredaktor diverser namhafter Publikationen, unter anderem auch war er beim Slapshot sowie beim Top Hockey Chefredakteur und war zudem lange Jahre für den Spengler Cup strategisch in Marketing und PR sowie als Chefredaktor tätig. Joël Ch. Wuethrich leitet seit 1992 hauptberuflich eine crossmedial aufgestellte PR-Agentur und eine Player's Management Agentur (Sportagon), ist Crossmedia-Stratege und HF-Dozent mit Lehrauftrag für Kommunikation und Marketing. Er analysiert seit 30 Jahren als Autor/Chefredakteur in der Schweiz, Deutschland sowie in Kanada die NHL und beobachtet das Eishockeygeschehen weltweit intensiv. Der Familienvater (zwei Kinder) arbeitet in der Schweiz und in Montréal, wo ein grosser Teil seiner Verwandtschaft wohnt.