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Der östliche Haupteingang der Universität Zürich ist den neuen Quartieren zugewandt, die um 1900 am Hang des Zürichbergs entstanden. Hier an der Rämistrasse wird man mit anspielungsreicher Repräsentationsarchitektur empfangen. Eine grosse Halbrotunde dominiert als Mittelrisalit die Eingangsfront. Über dem halbzylindrischen Eingang markieren im zweiten Obergeschoss hohe Fenster den repräsentativsten Universitätsraum, die Aula. Erst auf den zweiten Blick erkennt man rechts vom Haupttrakt zurückversetzt einen weiteren Flügel – das einstige Biologische Institut mit Zoologischem Museum. Ebenfalls aus der Mittelachse der Eingangsfassade verschoben ist der Universitätsturm, er guckt über das Kollegiengebäude hinaus. Mit dieser unregelmässig erscheinenden Plastizität in der gesamten Fassadenflucht erhebt das Gebäude im unmittelbaren Kontext den Anspruch auf Neuartigkeit. Deutlich weicht es von der Symmetrie des benachbarten, fünfzig Jahre vor der Universität errichteten Eidgenössischen Polytechnikums (der späteren ETH) von Gottfried Semper ab.
Die Halbrotunde
Ein konvex ausschwingender Mittelrisalit als Ort für Aula und Hörsäle war bei den damals jüngeren Universitätsbauten an und für sich kein Novum. Doch Moser führte mit seinem Aula-Vorbau eine wesentliche Neuerung ein: Er setzte in die Halbrotunde einen Haupteingang ein. Damit wandelte er die geläufige Handhabung dieses Architekturelements um. Die Halbrotunde ist in der Architekturgeschichte zumeist als eingangslose Apsis gestaltet, das heisst als Ausbuchtung, die ein Gebäude abschliesst. Ein markantes Beispiel dafür ist der gotische Predigerchor, der auch vom Hochschulhügel aus sichtbar ist. Bei der Universität wird das zumeist rückseitige Fassadenelement der Apsis durch die Eingangsnutzung zum Hauptfassadenelement. Die Architekturgeschichte erscheint umgedreht.
Karl Moser hat die Halbrotunde in den Jahren des Universitätsbaus auch am Badischen Bahnhof in Basel (1910–13) mit dem Vorbau des Restaurants 1. und 2. Klasse architektonisch umgesetzt – ebenfalls auf der Seite der Eingangsfassade, jedoch ohne Eingangsfunktion. Prominente Beispiele, wo konvexe Fassadenelemente Eingänge aufnehmen, finden sich im Barock, so etwa in St. Gallen, wo Curjel & Moser 1907 ein Zweigbüro eröffneten, und zwar mit dem Eingang in der zentralen Rotunde der Stiftskirche. Dass der Barock für Mosers Hauptgebäude eine bedeutende Rolle spielte, zeigt sich an den Mansardwalmdächern, die seine Eingangshalbrotunde wie auch das Kollegiengebäude und das Biologische Institut bekrönen. Sie nehmen die Dachform des unterhalb der Universität liegenden Rechbergguts auf. Das Haus zum Rechberg (1759–70) war 1899 als provisorisches Kollegiengebäude für die Universität angekauft worden; es weist im Übrigen auf der Gartenseite ein polygonales Mittelrisalit auf.
Vergleich mit dem ETH-Gebäude
Der Barockbezug bettet die Universität in den lokalen Kontext ein. Moser geht mit seinem universitären «Regionalismus» allerdings noch weiter. Vom Zürichberg aus fiel der Blick auf das alte Kantonsspital und den halbzylindrischen Hörsaal seines (heute noch vorhandenen) klassizistischen Anatomiegebäudes (1842) – in einer Ansicht von 1914 genau in der Sichtachse vor der Eingangshalbrotunde der Universität.
Doch der Vergleich mit Barockbauten und Gebäuden des historistischen 19. Jahrhunderts lässt weniger die Gemeinsamkeiten als die Unterschiede hervortreten. Das zeigt sich deutlich beim Polytechnikum. Schon 1914 wurde diskutiert, ob ihm mit Mosers Universität eine architektonische Konkurrenz erwachsen sei. Tatsächlich lag eine doppelte Konkurrenzsituation vor: einerseits zur Neorenaissance des Semper-Baus, andererseits zu dessen Erweiterung mit Eingangshalbrotunde und Kuppel durch Gustav Gull (1858–1942) – den Erbauer des Landesmuseums (1898) mit seinen Formen der Spätgotik und Frührenaissance; mit Gull war Moser seit Anfang der 1880er Jahre befreundet.
Der Vergleich mit Gulls Polytechnikum-Erweiterung birgt durchaus Brisanz. Denn Mosers Eingangshalbrotunde fehlte noch in der Eingabe zum Universitätswettbewerb von 1908 und kam erst mit dem Bauprojekt von 1910 hinzu. Sie entstand damit parallel zur Halbrotunde Gulls, die dieser in seinem preisgekrönten Wettbewerbsbeitrag zu Um- und Neubauten für das Eidgenössische Polytechnikum von 1909 entwarf. Die Polytechnikum-Erweiterung erfolgte zwar erst ab 1915, aber Gulls Entwurf wurde im Januar 1910 publiziert und – brisanter – Karl Moser war Mitglied der Wettbewerbsjury.
Gull platzierte im ersten Obergeschoss seiner Eingangshalbrotunde analog zur Universitätsaula das Auditorium maximum. Bis dahin war der Hauptrepräsentationsraum des Polytechnikums die Aula hinter Sempers stadtseitiger Palastfassade, wo sie wie bei Mosers Universität durch hohe Rundbogenfenster angezeigt wird.
Der Vergleich der halbzylindrischen Eingangsbauten der beiden Hochschulen verdeutlicht Mosers Distanzierung von den Formen des Polytechnikums. Gull knüpfte für seine Eingangslösung an der Halbrotunde des Wettbewerbsbeitrags Friedrich Bluntschlis (eines Semper-Schülers) für das Eidgenössische Parlamentsgebäude in Bern von 1885 an; Moser verwendete ein gänzlich anderes Fassadensystem. Bei Gull ist der Rundbau von Mauern und dem kolossalen Säulenumgang geprägt; bei Moser ist die Fassade in Fenster aufgelöst, sie tritt nur mit den Pfeilern massiv in Erscheinung. Man sprach damals von der «mauerlosen Architektur der Neuzeit».
Traditionsbezüge der Konstruktion
Moser begründete seine Konstruktionswahl mit dem gesteigerten Bedürfnis nach Licht in Hochschulbauten. Letztlich handelt es sich um eine Weiterentwicklung des gotischen Wandsystems, wie es in Zürich mit den hohen Lanzettfenstern des Predigerchors markant in Erscheinung tritt. Und wie beim Predigerchor mit den Stützpfeilern sticht an der bergseitigen Eingangsfassade der Universität die Pfeilergliederung hervor. Moser gestaltete sie allerdings nicht in gotischen Formen. Die Pfeiler sind bei ihm als Pilaster geformt, das heisst als aus der Wand leicht herausragende Halbsäulen mit rechteckigem Schaft. Ihrer Herkunft nach stammen sie aus der Antike. Moser mischt so gotisierende Konstruktion mit antikischen Formen. Sie zeigen sich an der bergseitigen Fassade mit verschieden variierten Pilastergestaltungen.
In den Flügeln beidseitig der Halbrotunde stützen flach gemauerte Pilaster das Dachgebälk. Die Pilasterzone im dritten Obergeschoss ist durch Reliefierung hervorgehoben. Das querrechteckige, durch einen flachen Buckel ausgezeichnete Feld, das von einem Wulst unter dem Gebälk abgeschlossen wird, nimmt dabei die Stelle des Kapitells antiker Säulen ein. Der Vergleich mit den korinthischen Kapitellen vor Sempers Aula oder den ionischen Kapitellen bei Gulls Halbrotunde zeigt Mosers Position: Wo ein Antikenbezug erkennbar wird, erscheint er in abstrahierten und in diesem Sinn modernen Formen. Das lässt sich auch an den Pilastern seiner Halbrotunde ablesen. Sie sind kanneliert, das heisst, durch senkrechte Einschnitte reliefiert. Doch anstelle der üblichen Stege zwischen den Hohlrillen, wie sie Sempers Aula-Säulen aufweisen, treten hier breitere, konvexe Rippen hervor. Und an der Stelle des üblichen Kapitells führen querrechteckige, abgeschrägte Blöcke zu den Fassadenpfeilern zurück. So losgelöst vom Wandsystem diese Kapitell-Abbreviaturen erscheinen, sie zeigen darin doch einen genau definierten Platz an: die Stelle nämlich (Kämpferzone genannt), wo die Rundbogen der Aula-Fenster ansetzen.
Zurückgenommene Ornamentik
Wie sind diese Abstraktionen und Variationen herkömmlicher Architekturelemente zu verstehen? Sie verdeutlichen einerseits die damalige Modernität von Mosers Universität, die gerade auch in der zurückgenommenen Architekturornamentik zum Ausdruck kommt. Andererseits ist diese Ornamentik noch dem Spätjugendstil verpflichtet, deutlich in der Kapitellabstraktion der Fassadenflügelpilaster und der geometrisierenden Jugendstilornamentik der kleinen Voluten, welche die Schlusssteine im Dachgebälk über den Fenstern im dritten Obergeschoss verklammern.
Relief-Triptychon
Jugendstilformen zeichnen auch die Bauplastik an und vor der Eingangshalbrotunde aus. Über den drei Eingangstüren ist das Relief-Triptychon Die Menschheit empfängt den göttlichen Funken der Erkenntnis (1913) von Paul Osswald (1883–1953) angebracht: zwei schwebende Männerakte, der rechte mit Fackel in der Hand, flankieren einen sitzenden Frauenakt. In den querrechteckigen Flächen, die zwischen den Pilastern das erste vom zweiten Obergeschoss trennen, sind abwechselnd Osswalds Reliefs von Opferflammen und Tauben des Heiligen Geists eingefügt. Vor den Rotundenpilastern stehen monumentale Palmetten-Kandelaber. Die «Lichtbringer» dieser bauplastischen Elemente weisen den Weg den Studierenden, die von Osswalds monumentalen Sitzakten eines Mannes und einer Frau in Empfang genommen werden. Die Akte stellen den Studierenden das Licht der Erkenntnis in Aussicht. Diese symbolistische Überhöhung spielt indessen zusammen mit Mosers raffiniertem Umgang mit herkömmlichen und neu interpretierten Architekturelementen. Im Kontext des Hochschulquartiers und der lokalen Architektur laden sie dazu ein, in Mosers Universitätsgebäude selbst eine wissenschaftliche und kulturelle Erkenntnisleistung verkörpert zu sehen – das Universitätsgebäude als «Lehrgebäude» im materiellen Sinn.
Michael Gnehm
Weiterführende Literatur und Links
Hans Bloesch: Plastische Arbeiten von Paul Osswald. In: Das Werk; Jg. 1, Heft 4, April 1914,
Franz Müller: Meditieren statt repräsentieren. Der skulpturale Bauschmuck der Universität. In: Kunst Bau Zeit 1914 2014: Das Zürcher Universitätsgebäude von Karl Moser, hrsg. von Stanislaus von Moos und Sonja Hildebrand, Zürich 2014, S.294-311.