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Corona und der Klimawandel: 8 Antworten auf drängende Fragen
Sterben an Orten mit schlechter Luft mehr Menschen an Covid-19? Ist der Corona-Lockdown ein Segen fürs Klima? Und wie sieht es mit unserer individuellen CO2-Bilanz aus, jetzt wo wir nur zu Hause sitzen? Wir beantworten Ihnen hier die drängendsten Fragen.
1. Sterben an Orten mit schlechter Luft mehr Menschen an Covid-19?
Eine neue Studie der Harvard-Universität zeigt, dass Menschen, die in Regionen mit hoher Luftverschmutzung leben, eher an einer Covid-19-Erkrankung sterben. Luftverschmutzung ist aber nicht nur wegen des Coronavirus gefährlich, sondern birgt immer Risiken für die Gesundheit. Die Luftverschmutzung entsteht hauptsächlich durch das Verbrennen von fossilen Brennstoffen, zum Beispiel durch Benzinmotoren oder Kohlekraftwerke.
Um eine langfristige Lösung für saubere Luft zu finden, ist es also wichtig, dass wir so schnell wie möglich Alternativen zu fossilen Brennstoffen nutzen. Die Technologien dazu sind vorhanden, beispielsweise Elektroautos und Solarstrom. Für eine gelungene Transformation unserer Energieversorgung, unserer Mobilität und unserer Warentransporte braucht es zusätzlich auch klimafreundlichere Regeln der Politik. Wir fordern die Politik auf, diese Chance zu einer gesünderen Klimazukunft im Rahmen der Totalrevision des CO2-Gesetzes zu ergreifen.
2. Hat der Klimawandel einen Einfluss auf die Gefahr von Epidemien? Kann etwa das Auftauen des Permafrosts dazu führen?
Ja, und es ist auch schon passiert. 2016 ist ein 12-jähriger Junge in der russischen Arktis an einer Milzbrand-Infektion gestorben. Es war der erste Milzbrand-Fall in Sibirien seit 1941, und er ist direkt mit dem Tauen des Permafrosts verknüpft. Das Bakterium, das die Krankheit auslöst, kann in gefrorenen Leichen oder Tierkadavern im Permafrost in Form von Sporen Hunderte von Jahren überleben. Die Sporen können wieder aktiv werden, sobald der Permafrost taut, und werden so zur Gefahr für den Menschen. Indem der Permafrost an Stellen taut, wo auch Menschen wohnen oder zur Jagd gehen, ist mit weiteren Milzbrand-Ausbrüchen zu rechnen.
Der tauende Permafrost ist aber nicht der einzige Auslöser für Krankheiten, die durch den Klimawandel verstärkt vorkommen. Ein weiteres Beispiel sind Zecken-Erkrankungen. Der Klimawandel beeinflusst den Lebenszyklus und Lebensraum der Zecken und jener Tiere, die sie befallen. So verbreitet sich die Krankheit weiter – auch in neue Gegenden. Fazit: Der Klimawandel und die damit einhergehenden Veränderungen unserer Ökosysteme bedrohen zunehmend unsere Gesundheit. Wenn wir den Klimawandel eindämmen, schützen wir uns auch vor der Ausbreitung von Krankheitserregern und weiteren globalen Pandemien.
3. Ist der Lockdown ein Segen fürs Klima?
Nein, der Lockdown ist keine Lösung für den Klimawandel. Zwar müssen wir dringend unseren CO2-Ausstoss reduzieren. Jedoch darf dies nicht auf Kosten von Menschenleben und Lebensgrundlagen geschehen. Klimaschutz braucht keinen Lockdown, sondern einen gezielten und geordneten Umbau unseres auf fossilen Energien beruhenden Wirtschaftssystems.
Zwar hat der Lockdown in mehreren Ländern und Städten der Welt dazu geführt, dass sich die Luftqualität verbessert hat und die Treibhausgasemissionen kurzfristig gesunken sind. Die britische Tageszeitung «The Guardian» geht gar von einem Rückgang von fünf Prozent des globalen CO2-Ausstosses gegenüber jenem von 2019 aus. Die gesunkenen Emissionen sind aber lediglich das Resultat von temporären Massnahmen, deren Ziel es war, die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. Frühere wirtschaftliche Rezessionen zeigen: Die Emissionen steigen schnell wieder auf das vorherige Niveau, sobald die wirtschaftlichen Aktivitäten wieder aufgenommen werden.
4. Hat der tiefe Ölpreis einen Einfluss auf die Preise der erneuerbaren Energien?
Der Ölpreis ist mit der Corona-Pandemie zusammengebrochen, denn die Menschen fahren weniger Auto und fliegen weniger. Dass weniger fossile Brennstoffe verbraucht werden, wirkt sich zwar positiv aufs Klima aus. Der tiefe Ölpreis führt aber auch dazu, dass der Anreiz, Investitionen in erneuerbare Energien zu tätigen, geringer ist. Denn je tiefer der Preis für Heizöl und Benzin ist, desto weniger lohnt es sich finanziell, eine Wärmepumpe zu installieren oder auf ein Elektroauto umzusteigen. Um dem entgegenzuwirken, kann der Bundesrat die Lenkungsabgaben auf fossile Brennstoffe im Rahmen des aktuellen CO2-Gesetzes anheben. So würde der Endpreis beim Heizöl oder beim Benzin für die Konsumenten weniger sinken.
Im Rahmen des CO2-Gesetzes werden zwei Drittel der Einnahmen aus der Lenkungsabgabe über die Krankenversicherung und die AHV zu gleichen Teilen an die Bevölkerung und die Wirtschaft zurückverteilt. Ein Drittel fliesst in das Gebäudeprogramm, mit dem Bund und Kantone energetische Sanierungen unterstützen. Mit diesen Massnahmen kann die Schweiz aus dem tiefen Ölpreis eine Klimachance machen und ein klares Zeichen für mehr Klimaschutz setzen.
5. Hat die Tatsache, dass wir momentan weniger konsumieren, eine positive Auswirkung aufs Klima?
Die Massnahmen des nationalen Lockdowns sind keine Lösung für den Klimawandel, da sie befristet sind und viele Leute von heute auf morgen ihr Einkommen verloren haben. Einige durch den Lockdown bedingte Gewohnheitsänderungen sind aber für den Klimaschutz gut. Am meisten wirkt sich das bei den klimaschädlichen Flugreisen aus, die momentan nicht stattfinden. Die Flugbewegungen gingen global seit Mitte März um mehr als 70 Prozent zurück. Auch der Konsum von edlem Fleisch wie beispielsweise Filet ist gesunken, da Restaurants geschlossen sind. Die Emissionen sanken auch, weil kulturelle oder sportliche Anlässe oder Hotelübernachtungen nicht stattfanden. Hoch ging die individuelle CO2-Bilanz hingegen bei den Nahrungsmitteln. Vermutlich bleibt diese Bilanz aber nur kurzfristige höher, weil gerade viele Leute ihre Vorräte auffüllen.
Zusammenfassend kann man sagen, dass sich das Konsumverhalten in allen für die CO2-Bilanz relevanten Themenbereichen (ausgeschlossen Heizen) vorerst in eine umweltentlastende Richtung entwickelt hat. Es besteht aber die Gefahr, dass bei Lockerung der Massnahmen die Sparguthaben wieder in den Konsum fliessen. Und es ist unklar, wie viel von der jetzigen Konsumsituation sozialpsychologisch hängen bleibt. Denn die Politik und die Wirtschaft wollen das Konsumverhalten der Bevölkerung wieder ankurbeln. Künftig braucht es einen Konsum, der unsere tatsächlichen Bedürfnisse befriedigt, ohne die Tragfähigkeit unserer Lebensgrundlagen zu gefährden. Die Erfahrungen aus dem Lockdown können eine Chance sein, diese Änderungen mutig voranzutreiben.
6. Wirkt sich Covid-19 auch negativ auf das Klima aus?
Das Coronavirus stellt für uns alle eine direkte Bedrohung dar, die Bekämpfung des Virus und unsere Gesundheit sind jetzt prioritär. Das führte dazu, dass die Diskussion um den Klimawandel in den Hintergrund gerückt ist. Während die Welt sich mit der Covid-19 beschäftigt, werden wichtige internationale Treffen zur Koordinierung und Beschleunigung von Klimaschutzmassnahmen abgesagt. Auch die Klimakonferenz COP26, die im November in Glasgow hätte stattfinden sollen, wurde verschoben. Dieses Jahr hätten alle Staaten im Einklang mit dem Pariser Klimaabkommen ihre Klimaziele verschärfen sollen – ein wichtiger Schritt in der Bewältigung der globalen Klimakrise. Nun müssen sie andere Lösungen finden, um ihren Verpflichtungen nachzukommen.
Auch werden nationale klimapolitische Prozesse verschoben, auch in der Schweiz. Die Beratung des CO2-Gesetzes – des Schweizer Klimagesetzes – fand in der März-Session nicht statt. Sie wird voraussichtlich auf die Juni-Session verschoben. Doch gerade die Corona-Pandemie zeigt uns auf, wie notwendig Massnahmen sind, die unser Verhältnis zur Natur wieder ins Gleichgewicht bringen und unser System widerstandsfähiger und nachhaltiger machen.
7. Müssten wir für immer im Lockdown leben, um die Klimaziele zu erreichen?
Der Lockdown ist keine gute Antwort auf den Klimawandel. Aber er zeigt uns die Grösse der wirtschaftlichen Transformation an, die es zur Bewältigung des Klimawandels braucht. Damit wir das 1,5-Grad-Ziel erreichen, müssen wir die globalen Emissionen bis 2030 halbieren und bis 2050 weltweit netto null Emissionen erreichen. Das sagt uns die Wissenschaft schon seit Jahren.
Wir müssen dieses Ziel auf einem Weg erreichen, welcher der Wirtschaft und den Lebensgrundlagen nicht in dem Ausmass schadet, wie es der Lockdown tut. Wir brauchen einen geordneten Umbau unseres auf fossilen Energien bestehenden Systems auf 100 Prozent erneuerbare Energien. Die Technologien dazu existieren, wir müssen sie nur einsetzen.
8. Bietet Corona die Chance, unsere Welt endlich klimafreundlich zu machen?
Nach der Corona-Pandemie sollten wir unser Verhalten und Handeln während der Krise analysieren. Dann erkennen wir, welche Verhaltensänderungen gut für den Klimaschutz sind, etwa weniger fliegen. Die Corona-Pandemie zeigt uns, wie fragil unsere Welt ist und dass wir ein System brauchen, um globale Krise zu bewältigen und widerstandsfähiger zu werden. Der Klimawandel ist eine solche Krise, sie steht bereits auf unserer Türschwelle.
Die Politik kann zum Status quo zurückzukehren, die Emissionen klettern weiter und der Einfluss des Klimawandels auf unser Leben wird grösser. Oder die Politik packt die Chance zu einem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel. Krisen bewältigen wir nur gemeinsam, alle Menschen sind mitverantwortlich. Das Ziel des WWF ist, die Schweizer Wirtschaft und Gesellschaft vor 2040 auf Netto-null-Emissionen zu bringen. Gemeinsam schaffen wir das.
Was Sie tun können
Den Klimawandel können wir nur gemeinsam stoppen. Mit einer WWF-Mitgliedschaft verleihen Sie unserer Stimme fürs Klima politisch mehr Gewicht. Und abonnieren Sie unseren Newsletter, um über unsere Arbeit auf dem Laufenden zu bleiben.