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Mit «Lovecraft Country» veröffentlichte der New Yorker Autor Matt Ruff 2016 einen phantastischen Roman von aktueller Brisanz – auch wenn er 1954 spielt. Vor dem Hintergrund der bis 1965 geltenden Rassentrennungsgesetze gerät der 22-jährige afroamerikanische Kriegsveteran und Science-Fiction-Fan Atticus Turner mit seinem Umfeld in eine okkulte Verschwörung mächtiger weisser Männer, inklusive Tentakelmonster und ferne Planeten.
Ruff schuf gleichzeitig einen entlarvenden historischen Gesellschaftsroman und eine spritzige Sci-Fi-Horrorstory im Universum von H. P. Lovecraft (1890–1937).
Ein genialer Schachzug: Lovecraft wird einerseits für seine phantasmagorischen Geschichten und kosmischen Horrorwelten vergöttert, andererseits für seine unverhohlene Xenophobie verteufelt. Dass Ruff ein Lovecraft’sches Abenteuer aus der Perspektive alltagsrassistisch geplagter Afroamerikaner schildert, verleiht dem Buch eine besonders vielschichtige Kraft.
Schon 2017 wurde «Lovecraft Country» als HBO-Serie angekündigt, produziert von J. J. Abrams («Lost», «Cloverfield»), Jordan Peele («Get Out», «Wir») und Showrunnerin Misha Green. Green sorgte bereits mit der bis heute leider nicht auf Deutsch erschienenen historischen Sklavenaufstands-Serie «Underground» für Furore.
Das Serienformat ist für «Lovecraft Country» ideal, konzipierte Ruff das Ganze doch ursprünglich als TV-Serie. In den ersten sieben Kapiteln des Buches steht jeweils eine andere Person aus Atticus’ Verwandtschaft im Mittelpunkt, ehe das letzte die Stränge zusammenführt.
In der Serie, deren erste Staffel zehn Episoden umfasst, tragen die afroamerikanischen Hauptfiguren andere Familiennamen, und der Haupt-Antagonist ist kein Mann, sondern eine Frau. Doch nach einem spektakulären Traum-Prolog folgt die Serie dem Narrativ des Romans: Atticus Freeman (Jonathan Majors) reist nach Chicago, um seinen Vater Montrose (Michael K. Williams) zu finden. Dort angekommen, erfährt er von Onkel George (Courtney B. Vance), dass Papa seit Tagen verschwunden ist. Mit George und seiner Jugendfreundin Letitia (Jurnee Smollett) fährt Atticus nach Massachusetts. Alles weist darauf hin, dass der dort ansässige weisse Okkultist Braithwhite und dessen Tochter Christina (Abbey Lee) Montrose verschleppt haben.
Die Serie, die auf Sky Show läuft, ist mindestens so aktuell und gesellschaftlich relevant wie das Buch, auch dank dem jüngsten Erstarken der «Black Lives Matter»-Bewegung. Und sie funktioniert für Anhänger der Vorlage genauso wie für Fans von Jordan Peele und Misha Green. Staffel eins führt die faszinierende Story «full circle» (so heisst auch die letzte Folge) und beweist zugleich, dass sich das Konzept problemlos weiterführen lässt.
Daher wäre eine zweite Staffel wünschenswert, ja sogar höchst spannend. Vielleicht wirkt Matt Ruff mit. Er mag an sich keine Fortsetzungen seiner Werke, doch in einem Interview betonte er, dass «Lovecraft Country» die Ausnahme sein könnte. Hoffen wir’s mal.
Sky Show; Horrorserie, 1. Stf.
Mit Jonathan Majors, Jurnee Smollett, Abbey Lee u. a. Showrunner: Misha Green
Origineller, cleverer Mix aus Horrorshow und Sozialstudie
USA 2020, seit 13. November