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Wie gesund präsentiert sich heute das Schweizer Vorsorgemodell?
Auf einer Skala von eins bis zehn gebe ich dem Schweizer System eine sechs. Das Fundament des Vorsorgemodells ist ausgezeichnet. Jede einzelne Säule hat eine andere Stärke und zusammen könnten und müssten diese Säulen eigentlich ein stabiles System ergeben. Solange es in der 1. Säule genügend Nachkommen gibt, ist eine gewisse AHV-Rente im Umlageverfahren finanzierbar. Die 2. Säule ist robust, wenn beispielsweise die Geburtenrate fällt, aber die Kapitalmärkte gut laufen. Die 3. Säule ist weder von den Nachkommen, noch von der Verzinsung in der beruflichen Vorsorge abhängig, sondern vom Antrieb, individuell und steuerbegünstigt zu sparen und zu investieren.
Aber wir haben es verpasst, dynamische Elemente einzubauen, die es dem System ermöglichen, sich laufend an die sich ändernden gesellschaftlichen Realitäten anzupassen. Das aktuelle System war ausgezeichnet für die Nachkriegszeit geeignet. Für die Zukunft ist es durch die eigene Rigidität – etwa fixes Rentenalter, fixer Umwandlungssatz – gefesselt und rast ohne Reformen in die Zahlungsunfähigkeit.
Nach der Ablehnung des Reformprojekts «Altersvorsorge 2020» durch das Stimmvolk soll nun in einem ersten Schritt die AHV saniert werden. Was braucht es, um das staatliche Vorsorgewerk aus der massiven Unterfinanzierung herauszuführen?
Das Loch in der AHV ist gigantisch: Langfristig fehlen rund 1000 Milliarden Franken. Nur dank dem AHV-Ausgleichsfonds können die heutigen Renten bezahlt werden, denn die laufenden Einnahmen sind niedriger als die Ausgaben.
Würde das Wachstum der AHV-Renten gedämpft oder für eine gewisse Zeit gestoppt, so würden alle Generationen dies mittragen. Weil die AHV-Renten an den Mischindex gekoppelt sind, fällt die AHV-Minimalrente heute kaufkraftbereinigt schon sechsmal höher aus als eine Minimalrente im Jahr 1948, als die AHV eingeführt wurde. Um generationengerecht zu handeln, ist ausserdem eine baldige Erhöhung des Rentenalters notwendig. Zunächst gilt es, das Pensionierungsalter der Frauen demjenigen der Männer anzupassen. Insgesamt muss aber auch zügig das Rentenalter für beide Geschlechter mindestens im Gleichschritt mit der demografischen Veränderung angehoben werden.
Bei der beruflichen Vorsorge sollen die Sozialpartner gemeinsam Korrekturmassnahmen erarbeiten. An welchen Stellschrauben ist vor allem zu drehen, damit die 2. Säule wieder in ein nachhaltiges Gleichgewicht kommt?
Mein radikaler Vorschlag: Man sollte den Umwandlungssatz nicht senken, sondern ihn freigeben. Jede Pensionskasse wäre so selbst dafür verantwortlich, den Umwandlungssatz je nach Struktur richtig festzulegen. So könnten Pensionskassen Renten versprechen, die sie auch finanzieren können – ohne die jüngeren Generationen dabei enteignen zu müssen. Wenn in der 2. Säule ein völliger Neustart möglich wäre, würde man sicher auch die freie Wahl der Pensionskasse einführen.
Aber besteht da nicht die Gefahr, dass die Pensionskassen vor allem an jungen Leuten interessiert sind?
In einem kapitalgedeckten System mit freier Pensionskassenwahl und freigegebenem Umwandlungssatz sind junge Versicherte nicht attraktiver als ältere. Auch Rentnerkassen können problemlos funktionieren. Hingegen – ausgehend von der heutigen Situation, in der die Gelder der Jungen systematisch zur Finanzierung der Renten genutzt werden – würden gewissen Kassen die jüngeren Erwerbstätigen davonlaufen.
Bestehen bliebe der Rentnerbestand, den die Kasse nicht finanzieren könnte. Dadurch würde das System durch Transparenz zur Gesundung gezwungen, denn Pensionskassen müssten ihren Rentnern aufzeigen, um wie viel ihre Renten zu hoch sind, weil sie nicht durch deren eigenes Kapital gedeckt sind. Natürlich bin ich mir bewusst, dass ein solcher Systemwechsel politisch derzeit chancenlos ist. Trotzdem: In vielen Ländern funktioniert dieses Modell sehr gut.