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Als erstes fallen ihre Rasta-Locken auf, dann ihre dunkle Haut. Erst als drittes nimmt man ihren grossen und erdigen Geigenton zur Kenntnis. Geboren irgendwo in Afrika, aufgewachsen in den USA, in einer Familie mit sechs Kindern und keinem Vater, gehört Tai Murray zu den wenigen African-Americans, die es in der klassischen Musik ganz nach oben geschafft haben.
Als Wunderkind kommt sie bereits mit acht Jahren nach Bloomington an die renommierte Indiana University, vier Stunden entfernt von Chicago, wo sie lebt. Die Grossmutter übernimmt den Fahrdienst, während die Mutter als Lehrerin Geld verdient und den grossen Einsatz aller mit dem Satz quittiert: «It takes a village to raise a black violinist.»
Vorbild für die, die kommen werden
Als Kind unter Studierenden und Professoren stand sie damals ziemlich allein da. Auch heute als Geigerin, Solistin mit African-American Background, gibt es weit und breit nicht ihresgleichen. Vorbilder? Nein, das kennt sie nicht. Aber gerne ist sie heute anderen Vorbild, sagt sie. «In erster Linie spiele ich Geige. In zweiter Linie bin ich eine Frau. Und als drittes erst bin ich schwarz.»
Obschon die USA heute von einem afro-amerikanischen Präsidenten angeführt werden, und überhaupt viel Sensibilität entwickelt worden ist zwischen Weiss und Schwarz, scheint es, dass die klassische Musikbranche wenig bis gar nichts davon mitbekommen hat.
In den grossen Orchestern sitzen gerade mal vier Prozent schwarze Musikerinnen und Musiker, bei den Solisten wird die Luft ganz schnell dünn. Am besten etabliert haben sich noch die Sängerinnen. Wobei hier wohl eher ihr exotisches Aussehen der Grund dafür ist – in der Oper lässt sich das gut inszenieren. Aber ausser ein paar Pianisten und Dirigenten, wie Wayne Marshall oder André Watts oder Kwamé Ryan, findet man kaum Namen von schwarzen Musikern, die international Karriere machen.
Musik hat keine Hautfarbe
Woran liegt das? Tai Murray, die viel über sich und ihre Rolle im Klassik-Business nachdenkt, sagt spontan: Es liegt sicher nicht an der Musik. Die hat so wenig eine Hautfarbe wie sie ein Geschlecht hat. In den USA liege es am Schulsystem, dass die klassische Musik aus den Lehrplänen gestrichen wurde. Es braucht also Eltern mit Geld und Zeit, denen Kultur, Bildung und insbesondere die klassische Musik wichtig ist. Trotzdem ist Tai Murray der Überzeugung: Noch ist sie allein, aber nicht mehr allzu lange. «Da kommen noch viele!»
Erstaunlicherweise sieht es in Europa, wo Kevin John Edusei als Sohn einer Deutschen und eines Ghanaers aufgewachsen ist, diesbezüglich anders aus. Da gehört der Musikunterricht nach wie vor zum Schulstoff, der Besuch einer Musikschule sollte jedem Kind möglich sein.
Kevin John Edusei wurde Dirigent, ohne dass die Farbe seiner Haut je Thema war. Zielstrebig wie er ist, hat er sich zur Maxime gemacht, nur das zu tun, «wovon ich überzeugt bin und was mich fasziniert. Das versuche ich mir zu greifen, und das lass ich dann auch nicht mehr los.» Damit fährt er gut, hat er doch ein paar wichtige Dirigenten-Wettbewerbe gewonnen und ist überzeugt, dass er seiner Qualität und nicht seiner Hautfarbe wegen gebucht wird.
Orchester im Wandel: viele Musiker kommen aus Asien
Ist die klassische Musik in Europa also weniger ausschliessend? Wohl kaum. Die Diskussion über schwarze Musiker in der klassischen Musik sei einfach weniger ein Thema, weil es viel weniger Menschen mit afrikanischen Wurzeln gebe als in den USA. Grundsätzlich geht Kevin John Edusei als Dirigent davon aus, dass bei ihm dieselben Massstäbe wie bei anderen Kollegen angelegt werden, wenn er vor ein Orchester tritt.
Die Orchester sind heute viel offener als noch vor 50 Jahren, wo man doch lieber unter sich blieb: die älteren Herren, respektive die weissen Westeuropäer. Da ist in letzten Jahren viel gegangen, sagt Edusei, nicht zuletzt auch, weil mittlerweile so viele Musiker aus Asien in europäischen Orchestern sitzen, und längst nicht mehr nur auf den hinteren Plätzen.