Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03634.jsonl.gz/1189

Gegenwärtig sagt man statt Wurm Hautrotz und bezeichnet die Entwickelung der rotzigen Krankheitszustände
in der Nase
[* 9] oder in den Lungen und andern Organen als Nasenrotz, Lungenrotz etc. Mit der Einwirkung des Kontagiums entsteht zunächst
an einer kleinen Stelle eine Infiltration von Rundzellen. Letztere zerfallen alsbald, und hiermit wird das Gewebe
[* 10] selbst an der
betreffenden Stelle angegriffen. Auf diese Weise entsteht das Rotzgeschwür. Oft ist das Geschwür nur sehr
klein (linsenförmige, lentikuläre Rotzgeschwüre) u. kann ziemlich glatt verheilen.
Die äußere Haut erkrankt im allgemeinen unter den gleichen Formen wie die Respirationsschleimhaut. Die infektiöse Natur
des Rotzkontagiums bedingt fast immer eine Mitaffektion der nächst gelegenen Lymphdrüsen und Lymphgefäße. An der Haut stellen
sich strangförmige Anschwellungen der Lymphgefäße mit Eiterung und Verdickung in den Lymphdrüsen ein (Wurm). Beim Nasenrotz
zeigt sich konstant eine Anschwellung und höckerige Verdickung der Kehlgangsdrüsen an der betreffenden Seite.
Auch beim Lungenrotz findet man häufig eine sekundäre Affektion in den Lymphdrüsen an der Lungenwurzel
und im Mittelfell. Gewöhnlich 2-6 Wochen nach der Ansteckung treten die ersten Krankheitszeichen offenkundig hervor, bei künstlicher
Übertragung (Impfung
[* 11] des Kontagiums) aber nicht selten schon nach 4-8 Tagen. Häufig entwickelt sich der Rotz von vornherein in
den Lungen, und dann kann ein Pferd
[* 12] Monate und Jahre an der Rotzkrankheit leiden, ohne daß bestimmte Symptome
die spezifische Affektion erkennen lassen (latenter, okkulter Rotz). Mit der Ausbildung des Rotzes entsteht gewöhnlich Nasenausfluß,
wobei die Nasenrauder durch eine schmutzige, graue oder grauweiße Masse¶
mehr
verklebt werden und eine klare, grünlich gefärbte Flüssigkeit tropfenweise aus den Nasenlöchern herabläuft. Mitunter
ist aber der Ausfluß
[* 14] äußerst spärlich und in nichts unterschieden von den bei gutartigen Erkrankungen der Respirationsschleimhaut
auftretenden Dejektionen. Auf der Nasenschleimhaut kommen kleinere und größere Geschwüre vor. Da aber nur ein kleiner Teil
der Nase der örtlichen Untersuchung zugänglich ist, so lassen sich die Geschwüre selbst bei der Benutzung
eines Spiegels nicht immer auffinden.
Die Kehlgangsdrüse wird hart und vergrößert sich bis zu dem Umfang eines Hühnereies und darüber. Beim Hautrotz entstehen
an verschiedenen Körperstellen knotige Auftreibungen und Geschwüre. Die benachbarten und oberflächlich gelegenen Lymphdrüsen
erscheinen verdickt und vergrößert. Die Sektion der rotzkranken Pferde läßt häufig noch Geschwüre und Narben in den obern
Abteilungen der Nase, in den andern Kopfhöhlen, im Kehlkopf,
[* 15] in der Luftröhre und in den Bronchien und daneben fast immer eine
kleinere oder größere Zahl von Rotzknötchen und Rotzgewächsen in den Lungen, zuweilen auch in der
Milz und Leber erkennen.
Eine Behandlung rotzkranker Pferde ist durch die neuere Gesetzgebung gegenstandes geworden. Im allgemeinen
gilt der Rotz schon seit langer Zeit als unheilbar. Die Erscheinungen können sich fast vollständig zurückbilden bei kräftiger
Ernährung und anhaltender Ruhe der betreffenden Pferde. Sie treten aber unter günstigen Nebenumständen später wieder hervor.
Aus diesem Grund sind die Mitteilungen in der ältern Litteratur von einer Heilung rotzkranker Pferde nicht
als beglaubigt anzusehen.
Das deutsche Viehseuchengesetz von 1880 bestimmt, daß die rotzkrank befundenen Pferde nach zuvoriger Feststellung ihres Wertes
und gegen Entschädigung des Besitzers unverzüglich zu töten sind. Rotzverdächtig erkrankte Pferde unterliegen der Stallsperre
so lange, bis der beamtete Tierarzt die Erkrankung als unverdächtig betrachtet oder den Rotz konstatiert.
Die der Ansteckung ausgesetzt gewesenen und deshalb verdächtigen Pferde werden unter polizeiliche Beobachtung gestellt und
können so lange, als keine verdächtigen Krankheitszeichen sich hervorthun, zur Arbeit benutzt werden; sie sind aber in besondern
Ställen zu halten und mit fremden Pferden nicht in Berührung zu bringen. Die polizeiliche Überwachung
wird mindestens sechs Monate hindurch fortgesetzt.