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Die zwei wichtigsten Agro-Treibstoffe sind „Biosprit“ und „Biodiesel“. Unter Biosprit versteht man Ethanol, welches aus zucker- und stärkehaltigen Pflanzen wie Zuckerrohr, Mais, Zuckerrüben, Weizen oder Soja gewonnen wird und herkömmlichem Benzin beigemischt wird. Biodiesel hingegen besteht aus pflanzlichen Ölen (oder tierischen Fetten) und wird direkt als Benzin-Ersatz verwendet. Am häufigsten wird dafür Raps-, Sonnenblumen- oder Palmöl verwendet. Die aus der Biomasse gewonnenen Treibstoffe werden von ihren Befürwortern hoch gelobt als „erneuerbare“ und „klimaneutrale“ Alternativen zum allmählich schwindenden Erdöl. Obwohl die Kritik zunimmt, setzt die Industrie immer mehr auf die Agrotreibstoffe. Weltweit werden bereits rund 18 Milliarden Liter „Biodiesel“ jährlich hergestellt – Tendenz steigend.
Die ökologischen und sozialen Folgen der zunehmenden Produktion sind höchst bedenklich: Mit „Bio“ haben die Agrotreibstoffe nämlich wenig bis nichts zu tun. Die benötigten Öl- und Stärkepflanzen werden fast ausnahmslos in grossflächigen Monokulturen und unter starkem Dünger- und Pestizideinsatz kultiviert. Häufig werden die teils gentechnisch manipulierten Pflanzen auf Flächen angebaut, welche auf der Rodung von Regenwäldern oder der Trockenlegung von Moorgebieten basieren. Dies trifft besonders auf Palmölplantagen in Malaysia und Indonesien sowie auf Soja- und Zuckerrohrfelder in Brasilien zu. Aufgrund der Waldrodungen und der damit verbundenen CO2-Emissionen, sowie dem hohen Ressourcenverbrauch für die Produktion (Wasser, Boden, Energie) fällt die Klimabilanz der „klimaneutralen“ Treibstoffe negativ aus. Verschiedene Studien belegen, dass herkömmliches Benzin vielfach weniger Schadstoff-Emissionen verursacht als Biodiesel. Selbst wenn dafür kein Regenwald gerodet wird, setzt die intensive Stickstoff-Düngung stark klimawirksame Stickoxid-Gase frei.
Agrotreibstoffe sind nur dann moralisch vertretbar, wenn sie aus organischen Abfällen erzeugt werden. Hans-Niklaus Müller
Neben den ökologischen Problemen stellt sich die Frage, ob es moralisch überhaupt vertretbar ist, Nahrungsmittel an Autos statt an Menschen zu „verfüttern“, während Millionen Menschen Hunger leiden. Befürworter der Agrotreibstoffe bejahen diese Frage mit dem Argument, dass die Agrarfläche, die einzig der Agrotreibstoff-Produktion dient, heute „erst“ 1-2 % der weltweiten Ackerfläche ausmacht. Doch „was die Nahrungsproduktion in Bedrängnis bringt, ist nicht die Tatsache, dass überhaupt Energie auf dem Acker erzeugt wird, sondern dass dies unter Verzerrung der Wettbewerbsbedingungen durch Subventionen, gesetzliche Rahmenbedingungen und Ausbeutung der Umwelt geschieht“, betont Felix zu Löwenstein, Fachmann für Ökolandbau. Damit ist gemeint, dass die Produktion von Biotreibstoffen heute vielerorts steuerlich begünstigt und subventioniert wird. Dadurch konkurriert sie zunehmend mit der Nahrungsmittelproduktion und beeinflusst die Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt. Aufgrund der steigenden Nachfrage könnte eine dezentrale, kleinbäuerliche Produktion der Agro-Treibstoffe für die Bauern armer Länder sogar eine Chance sein, um die Armut zu bekämpfen. Stattdessen liegt die Produktion jedoch weitgehend in den Händen multinationaler Unternehmen, die sich dazu grosse Agrarflächen in Entwicklungsländern aneignen. Dabei kommt es immer wieder zu Landenteignungen und Vertreibung der lokalen Kleinbauern, die so ihre Lebensgrundlage verlieren (vgl. Umweltnetz-Beitrag Landgrabbing – Die dritte Welt im Ausverkauf, 17. Dez 2012).
In der Schweiz wird der Agrotreibstoff steuerlich begünstigt, jedoch nur unter Einhaltung bestimmter Nachhaltigkeitskriterien. So soll verhindert werden, dass die Treibstoffe in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stehen und in den Entwicklungsländern zu Abholzungen und/oder zu Vertreibungen von Einheimischen führen. Verschiedene Beispiele haben aber gezeigt, dass diese Kriterien offensichtlich nicht immer eingehalten werden. So wurde kürzlich das Genfer Unternehmen Addax Bioenergy durch den Runden Tisch für Nachhaltige Biotreibstoffe (RSB) zertifiziert, obwohl bekannt war, dass der Anbau von Bioethanol durch Addax in Sierra Leone auf Landenteignungen basiert und die lokale Ernährungssicherung gefährdet.
Mit der Petition „Brot statt Benzin“ will die Alliance Sud zusammen mit weiteren Schweizer NGOs die sozialen und ökologischen Vorschriften für die Agrotreibstoff-Produktion verschärfen: indirekte Landnutzungsänderungen und Verdrängungseffekte in Entwicklungsländern zugunsten der Biokraftstoffproduktion sollen in die Bewertung miteinbezogen werden. Die parlamentarische Initiative «Agrotreibstoffe: Indirekte Auswirkungen berücksichtigen» nimmt die Forderung der mit 60‘000 Unterschriften unterstützten Petition auf. Nachdem die Umweltkommission des Nationalrates (UREK) der Vorlage kürzlich zugestimmt hat, liegt der Entscheid nun beim Parlament.
Weiterführende Infos
Medienmitteilung Alliance Sud: «Brot statt Benzin!» – Petition nimmt erste Hürde, 02. Mai 2013
Publikation, Erklärung von Bern: Bis zum letzten Tropfen – Wie Agrotreibstoffe den Kampf um Ressourcen verschärfen (2008)