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Jack, der das Meer nie vergessen konnte
Jack Voirol Am Montag, 11. und am Dienstag, 12. Juni ist «Die Insel ohne Ufer» im Oltner Kino Lichtspiele zu sehen. Der Dokumentarfilm erzählt von der schweizerischen Handelsflotte und vom Kapitän und Wahl-Oltner Jack Voirol.
Von: Mirjam Meier
Die angeschlagene Schweizer Hochseeflotte sorgte in den vergangenen Jahren immer wieder für Skandalmeldungen. Die in Nyon geborene Filmemacherin Caroline Cuénod geht in ihrem Dokumentarfilm «Insel ohne Ufer», der erstmals an den Solothurner Filmtagen gezeigt wurde, der Geschichte der Schweizer Hochseeflotte auf den Grund. Dabei erzählt ein alter Mann - Jack Voirol - von seinen Seereisen während des 2. Weltkrieges und ein junger Offizier besteigt ein neues Schiff. Die Schweizer Hochseeflotte entstand während des 2. Weltkrieges mit dem Gedanken, die Versorgung des Landes zu sichern, während dieses isoliert und von feindlich gesinnten Nationen umstellt war.
Vom Schweizer, der Kapitän wurde
Ein Normal-8-Farbfilm von Schiffen, dem Meer und einem kleinen Jungen flimmern im Altersheim St. Martin in Olten über den Bildschirm. Davor sitzen der 90-jährige Jacques Voirol, genannt Jack, und sein Sohn Claude. Geboren wurde der Wahl-Oltner Jack Voirol, der als einer der ersten Seefahrer unter Schweizer Flagge gilt, im südjurassischen Dorf Tavannes. Nach der Schulzeit etwas orientierungslos wurde er durch einen Artikel auf den dreimonatigen Einführungskurs auf dem Schulschiff «Leventina» im Basler Rheinhafen aufmerksam. Nach dieser intensiven Kurzausbildung arbeitete er zwei Jahre als Schiffsjunge auf der M.S. «Ticino», einem Rheinschiff, das Kohle von Rotterdam (NL) nach Basel beförderte. Unter widrigesten Bedingungen, Hunger und zwischenmenschlichen Schikanen erlernte der Jüngling das Matrosenhandwerk. «Mein Vater erzählte, dass er mehrere Decken brauchte, um sich in der undichten Kajüte vor den Tropfen und der Kälte zu schützen. Am Morgen seien die Decken allesamt durchnässt gewesen», berichtet Claude Voirol. Sogar Suizidgedanken hegte der Schiffsjunge zu dieser Zeit, weshalb er sich beim Bombenalarm jeweils nicht sonderlich beeilte, um in den Schutzraum zu kommen. Sobald er die Möglichkeit bekam, wechselte «Jack» als Schiffsjunge auf das Hochseedampfschiff S.S. «Albula» und wurde schliesslich nach der Navigationsschule in Portugal im Jahr 1944 - als knapp 20-Jähriger - bereits zum 3. Offizier ernannt. Angst habe sein Vater während des Krieges nie gehabt, obwohl sie ständig von U-Booten und Wasserminen bedroht wurden. «Mein Vater war kein guter Schüler, jedoch interessiert und las während seiner Zeit auf See zahlreiche Geschichtsbücher», erzählt Claude Voirol. Nach seiner Karriere bei der Marine habe er neben französisch und deutsch auch englisch und russisch gesprochen. Nach dem Krieg absolvierte Voirol die Rekruten- und Unteroffiziersschule in der Infanterie der Schweizer Armee, die er aufgrund seiner harten zwei Lehrjahre auf dem Rhein als «Zuckerschlecken» bezeichnete. Danach stieg er weiter die Karriereleiter empor, bis er sich schliesslich 1954 die Kapitänsmütze aufsetzen durfte.
Kapitänsmütze an den Nagel gehängt
1950 heiratete Voirol seine Schul-liebe Lily und bekam mit ihr die Söhne Claude Pierre und John Hervé. «Es war nicht immer einfach, einen Kapitän als Vater zu haben. Schliesslich war er nicht selten bis zu neun Monaten auf See», erinnert sich sein ältester Sohn. Er habe es damals nicht verstehen können, dass sich der Vater zwar freute, nach Hause zu kommen, aber gleichzeitig auch immer wieder seinen Seemannssack packen zu dürfen. Als Claude Voirol fünf Jahre alt war, begleiteten er und seine Mutter den Vater auf dem Schiff nach New York. «Mein Vater hat viel fotografiert und gefilmt, so auch auf dieser Reise.» Einige dieser filmischen Erinnerungen verwendete Regisseurin Caroline Cuénod in ihrem Dokumentarfilm. Als die Söhne schliesslich ins schulpflichtige Alter kamen, hängte Kapitän «Jack» auf Wunsch seiner Ehefrau seine Kapitäns- mütze an den Nagel. «Er wollte, dass wir zweisprachig aufwachsen, weshalb wir von Tavannes nach Rümlang (ZH) zogen, wo mein Vater als Dispatcher bei der Swissair arbeitete», erzählt Claude Voirol. Nach drei Jahren wechselte «Jack» als Handelsvertreter für hydraulische Pressen zur Firma Laesser AG in Aarburg. Die Familie zog deshalb weiter nach Olten und schliesslich nach Starrkirch-Wil.
Das Meer nie vergessen
Der Abschied vom Meer sei seinem Vater nicht leicht gefallen, bestätigt Claude Voirol, doch auch die Zeiten auf See hätten sich in den Jahren verändert. Der Druck der Reedereien welche die Kapitäne dazu zwangen, mit voll beladenen, aber reparaturbedürftigen Schiffen zu ihren günstigeren Heimathäfen zurückzukehren, habe ihm in den letzten Jahren seiner Laufbahn auf See zugesetzt. Jack Voirol, dessen Zimmer im Demenzzentrum St. Martin einer Schiffskajüte ähnelte, verstarb 2016 in seinem 92. Lebensjahr. Er hat den fertiggestellten Film nicht mehr gesehen und erkannte kaum noch seine Besucher, doch von seiner Zeit auf hoher See wusste er zu berichten, als wäre es gestern gewesen.
Kino Lichtspiele: «Die Insel ohne Ufer»
Montag, 11. Juni, 20 Uhr,
danach Gespräch mit Regisseurin Caroline Cuénod sowie der Oltner Autorin des Buches «Seemannsgarnspinnen» Carla Schmid
Dienstag, 12. Juni, 20.30 Uhr