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Pedro Lenz über einen bescheidenen Zürcher im Nachbarland
Es gab eine Zeit, da galt Wien als Hauptstadt des Weltfussballs. In den 1920er Jahren war die Wiener Liga die erste und einzige Profiliga des europäischen Kontinents. Zuvor konnte Fussball nur auf den Britischen Inseln als Beruf ausgeübt werden.
Grosse Namen des Weltfussballs hatten sich ihre ersten Sporen in Österreich verdient, bevor sie im Ausland für Furore sorgten. Erwähnt seien hier etwa der jüdische Ungar Bela Guttmann, der vor dem Zweiten Weltkrieg beim SC Hakoah Wien gespielt hatte, bevor er mit viel Glück dem Holocaust entkam und später als revolutionärer Trainer grosse Teams in Südamerika und Europa prägte. Guttmann galt als Entdecker der portugiesischen Legende Eusébio und gewann 1961 und 1962 mit Benfica Lissabon den Europacup der Meister. Ebenfalls von Wien aus startete die Trainerkarriere des unvergessenen Ernst Happel, der in Belgien, Holland und Deutschland die Raumdeckung spielen liess, als die meisten Fussballer noch glaubten, Taktik sei der Name einer Stadt in Sibirien. Etwas weniger erfolgreich, aber genau so sagenumwoben wie Guttmann und Happel war der Wiener Max Merkel, der für Rapid Wien spielte und später grosse Teams wie Borussia Dortmund, Schalke 04 oder Atlético Madrid trainierte. Merkels letzte Trainerstation war übrigens 1983 der FC Zürich, ein Klub aus der Geburtsstadt eines Mannes, von dem hier noch die Rede sein soll.
Nach seinem bis heute grössten Erfolg, dem dritten Platz an der Weltmeisterschaft 1954, begann der österreichische Fussball seine internationale Ausstrahlung zu verlieren. Zwar brachte das Land immer wieder ganz grosse Fussballer wie Hans Krankl, Bruno Pezzey, Herbert Prohaska, Andreas Herzog oder Toni Polster hervor. Aber abgesehen vom überraschenden 3:2-Sieg gegen das favorisierte Deutschland an der WM 1978 gab es von Österreichs Nationalteam fast nur noch Enttäuschungen zu vermelden. Der Tiefpunkt war wohl die 0:1-Niederlage im Jahr 1990 gegen die Hobbyfussballer von den Färöer-Inseln.
Seither hat sich die Landesauswahl nur noch ein einziges Mal für eine Weltmeisterschaft qualifiziert (1998), und nach 1964 hat die Austria-Elf bloss an einer einzigen Europameisterschaft teilgenommen. Das war 2008, als sich Österreich als Gastgebernation nicht qualifizieren musste.
Wenig Hoffnung auf Besserung hatten die Sportexperten, als der Österreichische Fussballverband im November 2011 die Verpflichtung des Schweizers Marcel Koller als Nationaltrainer bekannt gab. Trainer mit Kollers Qualitäten gebe es im eigenen Land zur Genüge, klagte der Exstar und heutige TV-Experte Herbert Prohaska im ORF. Er verstehe nicht, weshalb für dieses Amt ausgerechnet ein Schweizer geholt werden müsse.
Koller hatte wenig Kredit. Doch nach einer dreijährigen Amtszeit hat der ehemalige GC-Spieler eine bessere Bilanz als seine Vorgänger der letzten zwanzig Jahre. In der Ausscheidung zur Europameisterschaft 2014 liegt sein Team an der Tabellenspitze vor Fussballnationen wie Schweden, Russland oder Montenegro. Letzte Woche schlug das kleine Österreich die Nationalmannschaft Russlands völlig verdient mit 1:0.
Kollers Kritiker sind verstummt, und alle Fussballfans im Land des Walzers reiten auf einer Welle der Euphorie. Sie haben es dem gebürtigen Zürcher schon hoch angerechnet, dass er vor ein paar Monaten ein Angebot aus der Schweiz ablehnte und stattdessen seinen Vertrag in Österreich um zwei Jahre verlängerte. Dass er mit seiner Mannschaft jetzt noch Fabio Capellos Russland schlägt, überzeugt sie vollends. Auch Herbert Prohaska schweigt nun. Und Koller bleibt selbst im Augenblick seines grossen Erfolgs der bescheidene Antistar, der er schon als Spieler gewesen ist: «Wir freuen uns kurzfristig, aber wir wissen, was noch zu tun ist», sagte er protestantisch nüchtern am ORF.
Pedro Lenz (49) ist Schriftsteller und lebt in Olten. An unserem östlichen Nachbarland mag er ausser dem Fussball den Tafelspitz und die Weindörfer Niederösterreichs.