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Mark-Anthony Turnage entdeckt schon früh seine Leidenschaft fürs Komponieren. Allerdings auf Umwegen: Als kleiner Bub – er wird 1960 in Essex geboren – interessiert er sich vor allem für Fussball, ist aber gemäss eigenen Aussagen kein besonders guter Spieler. Das Gleiche gilt für seine Klavierkünste, er findet das viele Üben ziemlich langweilig, sagt er. Improvisieren und Herumprobieren gefällt ihm besser. Im Alter von neun Jahren realisiert Mark-Anthony Turnage, dass das genau sein Ding ist. Seither hat er über hundert Werke geschrieben.
Turnages Schaffen ist umstritten. Regelmässig fallen die Reaktionen heftig aus, weil er in seinen Opern Themen aus der Unterschicht oder vom Boulevard aufgreift. Das macht dem Komponisten nichts aus. Im Gegenteil: Er liebt es, wenn seine Werke polarisieren und das Publikum spalten, wenn die Leute wütend werden und daraus eine Debatte entsteht. Für ihn ist es ein Zeichen dafür, dass seine Stücke nicht mittelmässig sind. Turnage greift in seinen Opern Themen aus der heutigen Zeit auf. Oder er versetzt Klassiker der Antike ins Hier und Jetzt.
Schönheitsoperationen und Drogenexzesse
In «Greek» aus dem Jahr 1988 lässt er das Ödipus-Drama im verruchten Londoner East End spielen. Mit dieser Oper schafft er damals den Durchbruch. «The Silver Tassie», uraufgeführt in Jahr 2000, dreht sich um das tragische Schicksal eines Fussballstars. Turnages jüngste Oper, «Anna Nicole» von 2011, erzählt die traurige und wahre Geschichte von Anna Nicole Smith, die mit Schönheitsoperationen, Drogenexzessen und als Playmate von sich reden machte.
Es sind Geschichten aus einer rauen Welt. Mit ihnen kann sich Turnage besser identifizieren als mit solchen aus gutbürgerlichen Kreisen. Er ist der Meinung, dass er damit näher ans Publikum herankommt und es direkter anspricht. Er selbst stammt aus einer kulturaffinen Arbeiterfamilie, hat eine Patchwork-Familie mit mehreren Kindern und ist fasziniert von abgründigen Kunstschaffenden wie Francis Bacon oder Rainer Werner Fassbinder.
Verrückt nach Led Zeppelin
Mark-Anthony Turnage schreibt Musik mit Ecken und Kanten; eine oft überraschend instrumentierte Musik, die Zähne zeigen kann. In jüngeren Jahren beeindrucken ihn vor allem die Komponisten der klassischen Moderne und der Avantgarde, er führt sogar eine Hitliste seiner Favoriten. Mit Rockmusik kann er damals noch nicht viel anfangen. Das ändert sich nach und nach. Mittlerweile ist Mark-Anthony Turnage richtig verrückt nach Led Zeppelin.
Die Unterscheidung von «high art» und «low art», von sogenannter E- und U-Musik, ist ihm ein Gräuel. Auf den Punkt gebracht heisst das in seinen Worten: «Miles Davis ist gleich wichtig wie Pierre Boulez». Der Einfluss von Jazz, Funk und Rock wird in seiner Musik immer wieder deutlich. Bigband-Sound kann ebenso hineinspielen wie der Broadway oder Hollywood.
Turnages milde Seite
Seit einiger Zeit zeigt Turnage sich von einer milderen Seite. Er komponiert vermehrt lyrische Stimmungen. Sein neustes Werk «Dialogue» beschreibt er als «lyrisches Konzert für Violine und Cello». Die Lyrik erscheint darin allerdings oft in einer sehr intensiven und emotional aufgeladenen Form. Ausgedehnte Passagen mit zarterer Lyrik gibt es ebenfalls, und das Stück schliesst nach einem Variationensatz mit einer Frage. Dieses Jahr wurde das Stück zum ersten Mal in Gstaad aufgeführt.