Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03352.jsonl.gz/3060

Vor fünf Jahren zog sich Jorden Gähler aus dem Profigeschäft zurück und nahm einen Bürojob an. Mittlerweile spielt der Ostschweizer mit Rapperswil-Jona in der National League. Der 25-Jährige über die Gründe für seinen damaligen Rücktritt und den Weg zurück.
Jorden Gähler, sind Sie ein einfacher und umgänglicher Typ für einen Trainer?
Jorden Gähler: Ich finde schon, aber es wissen nicht alle, wie sie mit mir umgehen müssen. Daher habe ich schon von vielen meiner Trainer das Gegenteil gehört. Einige halten mich für einfach, andere wiederum nicht.
Warum?
Wenn ich etwas frage, will ich ein Ja oder Nein als Antwort. Ein Beispiel: Es gibt einen Spieler, der kaum zum Einsatz kommt. Er geht zum Trainer und fragt nach den Gründen. Als Antwort erhält er, dass er alles richtig mache und sich einfach etwas gedulden müsse. Viele Spieler geben sich mit diesen Floskeln zufrieden. Ich nicht. Wenn mir ein Trainer sagt, dass ich schlecht bin und kaum spiele, weil ich das und das falsch mache, weiss ich wenigstens, woran ich bin.
Ist das der Grund, warum Sie vor fünf Jahren zwischenzeitlich zurückgetreten sind?
Das Problem war, dass ich als Junior nie hart für den Erfolg arbeiten musste. Die Unterschiede zwischen den guten Spielern und dem Rest sind auf der Stufe des Nachwuchses sehr gross. Ich war jung und talentiert, spielte in allen Nachwuchsnationalteams. Dank meines Talents kam ich auch mit einer weniger professionellen Einstellung zu meinem ersten Profivertrag.
Diesen haben Sie als 18-Jähriger bei Kloten unterschrieben. Was geschah dann?
Zuerst einmal fühlte ich mich bestätigt in dem, was ich gemacht habe – und wie ich es gemacht habe. Das war in meinen Fall vielleicht falsch, weil ich ohne harte Arbeit zu diesem Vertrag kam. Dann trainierte ich als 18-Jähriger mit den Profis und realisierte, dass ich körperlich unterlegen war. Spielerisch war ich auf der Höhe, aber ich hatte noch nie auf diesem Niveau gespielt. Dazu kam, dass ich selten eingesetzt wurde und keine Fehler machen durfte. Es kam vieles zusammen.
Dann kam die Ausleihe zum HC Thurgau, und Ihre Karriere kam zum Erliegen. Was war passiert?
Beim HC Thurgau lief zu Beginn alles gut. Dann bekam ich immer weniger Eiszeit, und irgendwann hat mir der Trainer gesagt, dass er mich nicht mehr will. Den Spass am Eishockey hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits verloren, und ich wollte nicht noch den Hampelmann machen. Ich fragte mich, warum ich mir das alles antun soll, wenn ich sowieso keine Chance erhalte. Da hörte ich halt auf und suchte mir einen Job.
Wie schwer war dieser Schritt zurück in einen normalen Beruf?
Es lässt sich darüber streiten, ob ich es gerne gemacht habe. Aber es gab Rechnungen zu bezahlen, ich hatte keine Wahl. Also nahm ich eine 80-Prozent-Stelle in einem Uhrenladen an.
Wie kamen Sie zurück zum Eishockey?
Kollegen von mir spielten in der 1. Liga bei Winterthur. Ihnen fehlte noch ein Spieler, da bin ich eine Woche lang ins Training gegangen. Ich fand eine tolle Mannschaft und einen Trainer vor, mit dem ich ein gutes Verhältnis hatte. Also entschloss ich mich, dort zu spielen und nebenbei zu arbeiten.
Dem EHC Winterthur gelang sofort der Aufstieg in die NLB. Sie waren wieder an der gleichen Stelle wie bei Ihrem Rücktritt …
Ich habe mir überlegt, ob ich das nochmals machen will. Dann habe ich entschieden, dass ich es nochmals versuche – und zwar richtig. Die NLB war für mich nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zurück in die höchste Liga. Erstmals habe ich mit dem nötigen Biss und Einsatz trainiert.
Woher kam dieser Wille?
Ich wollte nicht als 60-Jähriger auf dem Sofa sitzen und mir den Vorwurf machen, es nie richtig angegangen zu haben. Warum habe ich nicht jedes Training genutzt, um mich zu verbessern? Warum habe ich nicht jeden Tag alles gegeben? Diese Fragen wollte ich mir nicht stellen müssen.
Sie überzeugten und landeten kurz darauf bei Kloten in der NLA. Der Durchbruch blieb aber aus und Sie gingen im Sommer 2017 zu Rapperswil-Jona – und einmal mehr in die Zweitklassigkeit. Warum?
Bei Kloten lief mein Vertrag aus und die Verantwortlichen wollten mich nicht mehr. Bei Rapperswil-Jona sah ich die grösste Chance, möglichst schnell zurück in die NLA zu kommen.
Trainer bei den St. Gallern ist Jeff Tomlinson. Ist er ein Trainer, der Ihre Fragen mit Ja oder Nein beantwortet?
Er kann klare Ansagen machen. Obwohl ich in der Aufstiegssaison nicht viel zum Einsatz kam, lernte ich sehr viel von ihm und den Assistenztrainern. Anfangs waren sie überrascht, wie schwach mein Defensivspiel ist. Ich wusste aber, dass ich als ehemaliger Stürmer genau da meine Defizite habe. Deshalb war diese Ehrlichkeit kein Problem für mich. Im Gegenteil, ich schätze das sehr. Die Trainer hatten das Recht, mich nicht spielen zu lassen. Dank dieser Kritik konnte ich jedoch an mir arbeiten und je länger die Saison dauerte, desto mehr kam ich zum Einsatz – eben weil ich mich anhand des Feedbacks des Trainerteams verbessert habe.
Sie sind doch noch als Stammspieler in der NLA gelandet. Fühlen Sie sich in Ihrem Handeln und Ihren Entscheidungen bestätigt?
Wenn ich unsere Resultate anschaue, darf sich niemand in unserer Mannschaft bestätigt fühlen. Und ich würde noch nicht so weit gehen und sagen, dass ich angekommen bin. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass ich mich verstecken muss. Aber natürlich gibt es Spieler in der Liga, die viel besser sind als ich. Für mich und das Team ist es immer noch ein Herantasten.
Sie kennen sowohl die Amateur- als auch die Profiliga. Was sind die Unterschiede?
Die Spieler in der 1. Liga kommen nach einem langen Arbeitstag in die Garderobe und wollen Spass haben. In der NLA ist das Eishockey vor allem eines: Arbeit. Den Spass musst du dir notfalls in der Freizeit holen. In den Amateurligen ist der Sport dein Hobby, bei den Profis dein Beruf.
Wo sind Sie in drei Jahren?
Vielleicht spiele ich irgendwo Eishockey, vielleicht sitze ich an einem Bürotisch. Der Sport ist schnelllebig, die richtige Einstellung oder Talent garantiert dir nicht, dass dich ein Club will. Es kann plötzlich alles vorbei sein.