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Ein typisch französisches Sachbuch, dachte ich nach den ersten paar Seiten, etwas abgehoben, etwas sprachverliebt. Doch dann las ich weiter. Zögernd zuerst, dann zunehmend fasziniert, und am Schluss bedauerte ich, dass ich so ein Buch nicht schon viel früher in die Hände bekommen habe, möglichst schon als Literaturstudentin. Pierre Bayard, der selber französische Literatur an der Universität Paris 8 lehrt, gibt ohne Umschweife zu, dass er oft über Bücher spricht, die er nur oberflächlich oder gar nicht gelesen hat. Und er treibt dem Leser, der Leserin jede übertriebene Ehrfurcht vor der Literatur und den grossen Namen aus, das Unbehagen, wenn man in ein Gespräch verwickelt wird über ein Buch, das man eigentlich gelesen haben sollte, das man aber nur überflogen, weitgehend vergessen oder gar nie geöffnet hat.
Er macht das sehr unterhaltsam mit Beispielen aus der Literatur. So etwa mit Umberto Ecos Klassiker Der Name der Rose, der von einem Buch handelt, das niemand wirklich gelesen hat, weil alle, die es versuchten, am Gift, das sich an die umblätternden und dann wieder mit Speichel befeuchteten Finger haftete, gestorben sind. Oder er erzählt von Montaigne, dem berühmten Autor der Essais, der ein so schlechtes Gedächtnis hatte, dass er sich nicht mehr an die gelesenen Bücher erinnerte, ja nicht einmal mehr wusste, was in seinen eigenen Texten stand und dann seine eigene Methode entwickeln musste, um doch darüber sprechen zu können. Ein amüsantes Intermezzo ergibt sich in Graham Greenes Der dritte Mann: Rollo Martins, der unter dem Pseudonym Buck Dexter Westernromane schreibt, wird bei seinem Besuch in Wien unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg von der Kulturabteilung seiner Botschaft mit einem andern Dexter, Autor von hoher Literatur verwechselt. Da er auf deren Unterstützung angewiesen ist, spielt er mit und bestreitet eine Konferenz mit einem literarisch interessierten Publikum und Fans von Benjamin Dexter, obwohl er keine Zeile von seinem Namensvetter gelesen hat. Oscar Wilde seinerseits rät dringend davor ab, gewisse Bücher zu lesen. Einige Autoren finden auch, man dürfe nicht zu viel lesen, weil man sonst in seiner eigenen Kreativität behindert werde und der Bibliothekar in Musils Mann ohne Eigenschaften liest gar kein Buch, weil er ja das grosse Ganze im Blick behalten muss und sich nicht von einzelnen Büchern vereinnahmen lassen will.
Das sind nur einige Beispiele. Bayard entwickelt seine Thesen Schritt für Schritt und nimmt uns mit auf eine überraschende Entdeckungsreise, macht klar, dass die aktuelle Stimmung, der kulturelle Hintergrund, die Reife der lesenden Person, ihr Erinnerungsvermögen, ihr eigenes geistiges Universum, ebenso wichtig sind wie das, was im Buch steht. Im besten Fall tritt dieses innere Buch mit jenem, das wir gerade lesen, in einen fruchtbaren Dialog. Leserinnen und Leser erinnern sich meist nur an Teile eines Buches, vielleicht an die Intrige, an eine Szene oder eine Schilderung, die sie besonders beeindruckt hat, an Details, die ihre Aufmerksamkeit geweckt haben. Man kann sehr gut ein spannendes Gespräch führen über ein Buch, von dem man nur ein paar Seiten gelesen oder eine Kritik in einer Literatursendung gehört hat, meint Bayard. Manchmal geht es dem Gesprächspartner ja gleich, auch wenn es keiner zugeben würde, und auf der Grundlage weniger Informationen erschafft sich jeder seinen eigenen Roman. Sich vom Gewicht des von Andern Geschriebenen zu befreien kann Anstoss sein, das eigene innere Buch, das die Wahrnehmung filtert und gewichtet, besser wahrzunehmen,mehr in das zu vertrauen, was man selber zu sagen hat.
Und jetzt frag ich mich, warum ich denn nun das Buch von Bayard von Anfang bis zum Schluss gelesen habe. Das müssen Sie nicht, ausser Sie haben Lust dazu. Aber darin zu schmökern lohnt sich auf alle Fälle. Elisa FuchsKlappentext:
L'étude des différentes manières de ne pas lire un livre, des situations délicates où l'on se retrouve quand il faut en parler et des moyens à mettre en œuvre pour se sortir d'affaire montre que, contrairement aux idées reçues, il est tout à fait possible d'avoir un échange passionannant à propos d'un livre que l'on n'a pas lu, y compris, et pout-être surtout, avec quelqu'un qui ne l'a pas lu non plus.Über die Autorin / über den Autor:
Pierre Bayard, né en 1954, est professeur de littérature française à l'Université Paris 8 et psychanalyste. Il est l'auteur de nombreux essais, dont Qui a tué Roger Ackroyd?, Et si les œuvres changeaient d'auteur? ou Aurais-je été résistant ou boureau? Ce livre a été traduit en une trentaine de langeus et s'inscrit dans un cycle qui comprend également Comment parler des lieux où l'on n'a pas été?Preis: CHF 27.90