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Kamikaze Mozart
Roman
Übersetzt von Maria Hoffmann-Dartevelle
Daniel de Roulet: Die menschliche Simulation [1]272 Seiten, 12 x 19 cm, gebunden mit Schutzumschlag
September 2013
978-3-85791-711-0
Fumika, japanische Musikstudentin in Berkeley, verliebt sich in den Schweizer Physiker Wolfgang, der im Team von Robert Oppenheimer an der Atombombe baut. In Japan hat ihre Familie für sie einen Mann bestimmt, den sie noch nie gesehen hat und der Kamikaze-Anwärter bei der Luftwaffe ist. Nach dem Überfall der Japaner auf Pearl Harbor wird Fumika mit den andern 130 000 «feindlichen Elementen» interniert. In der Wüste von Santa Fe, wo die Internierten beim Bau von Wolfgangs Reaktor eingesetzt werden, sehen sie sich wieder. Wolfgang hat sich inzwischen ganz in den Dienst der «Bombe gegen die Nazis» gestellt, und die Liebe zu einer «Feindin» bringt ihn jetzt in Schwierigkeiten. «Kamikaze Mozart» ist ein virtuoser Roman über das Wettrennen um die Atombombe: von Lise Meitners Entdeckung der Atomspaltung über den nicht mehr kriegsnotwendigen Abwurf der Atombombe bis zur Kernschmelze in Lucens 1969, in der die Schweizer Träume von der «Bombe» untergingen.
© Yvonne Böhler
Daniel de RouletDaniel de Roulet, geboren 1944, war Architekt und arbeitete als Informatiker in Genf. Seit 1997 Schriftsteller. Autor zahlreicher Romane, für die er in Frankreich mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde. Er lebt in Genf.
Maria Hoffmann-Dartevelle1957 in Bad Godesberg geboren, studierte Romanistik und Geschichte in Heidelberg und Paris. Seit Mitte der Achtzigerjahre u.a. als freiberufliche Übersetzerin tätig. Übersetzte neben Sach- und Kinderliteratur Romane, Essays, ein Hörspiel und Liedertexte französischer, Schweizer, spanischer und südamerikanischer Autoren, darunter René Crevel, Alberto Giacometti, Marcel Lévy, Joseph Bialot, Michel Quint, Tito Topin, Daniel de Roulet, Amélie Plume, Noëlle Revaz, Pascal Rebetez, Rafael Alberti, Manuel Altolaguirre, César Aira, Rubén Blades, Silvio Rodriguez, Fito Paez.
Eines Abends auf dem Campus ...Eines Abends auf dem Campus schaut Oppie im Labor vorbei, das in einem Kellergeschoss hinter dem Kampanile liegt. Die Ergebnisse weichen um den Faktor zwei von den Berechnungen ab. Wolfgang versteht diese Ungenauigkeit nicht, für den Professor aber bedeutet der klare Faktor zwei, dass es sich nicht um einen banalen Irrtum handeln kann. Um eine ganze Oktave habe man sich vertan, sagt er. Er fragt Wolfgang geradeheraus, ob er noch immer Geige spielt. Wolfgang bejaht, Diplom in einem Monat. Darauf stellt Oppie eine sonderbare Frage: «Werden wir mit Ihrem Mozart den Krieg gewinnen?»
Im ersten Augenblick weiß Wolfgang nicht, was er erwidern soll. Oppie spricht sich nicht wirklich gegen Musik aus, aber sein kleiner Satz über Mozart lässt Zweifel aufkommen. Fortan achtet Wolfgang genau darauf, wie lange er Geige spielt, als raube er diese Stunden den Kriegsanstrengungen. Bei seiner Diplomprüfung lässt er sich von Fumika begleiten, einer bildhüb schen japanischen Pianistin, der er nicht den Hof zu machen wagt. Als der Name Steinamhirsch auf der Liste der bestande nen Diplomprüfungen auftaucht, gratuliert ihm Oppie. Und doch liegt im Blick des Meisters ein Hauch von Missbilligung.
Wolfgang bittet ihn nicht, seine Gedanken auszusprechen. Schließlich reitet Oppie doch täglich aus, genau wie Professor Scherrer. Ist angesichts der vordringlichen Bekämpfung des Nationalsozialismus nicht auch Reiten Zeitverschwendung? Da die Frage offen bleibt, sieht Wolfgang den schwarzen Kasten seiner Gagliano schief an. Am Tag nach dem Diplomkonzert, als er das Rosshaar seines Geigenbogens mit Kolophonium bestrichen hat, nimmt er den kleinen stumpfen Bleistift zur Hand, mit dem er die Bogenstriche notiert, und schreibt in Großbuchstaben auf den grünen Umschlag einer Köchelpartitur: «Werden wir mit Ihrem Mozart den Krieg gewinnen?»
Da ihm ein Nein auf einmal selbstverständlich erscheint, klappt er den Geigenkasten zu und beschließt, das weiße Seidentaschentuch, den Bogen und das schöne Instrument, das ihm seine Mutter geschenkt hat, nie wieder in die Hand zu nehmen ... Nach der Niederlage der Nazis, wenn wieder Frieden in der Welt herrscht ... Wenn ich nach Europa zurückkehre und eine Frau finde, wenn ich wieder französischen Wein trinke und die Schweizer Armee demobilisiert wird, erst dann wird die Musik wieder zu ihrem Recht kommen, erst dann werde ich den schwarzen Holzkasten wieder öffnen und auf meiner kostbaren Gagliano spielen. Sogar mehrere Stunden täglich.
Er traut sich nicht, seiner Mutter zu schreiben, dass er die Geige aufgibt und folglich nie Dirigent werden wird. Gewiss ahnt sie es bereits. Solange man sich beides erlauben konnte, hat er die Musik und die Erforschung der Materie mit ganzer Kraft betrieben, die Atomphysik zum Wohl der Menschheit, die Geige für sich selbst. Doch irgendwann bringen die Ereignisse jedermanns Privatleben durcheinander.
Auch Fumika sagt er nichts von seinem Entschluss. Was er für sie empfindet, geht sie nichts an, solange er ihr seine Liebe nicht gestanden hat. Sie wäre die dritte Frau in seinem Leben. Nach Heidi Stähelin und Lise Meitner.
Einige Zeit darauf bestellt ihn Oppie in sein Büro und schlägt ihm vor, in Enrico Fermis Labor in Chicago zu wechseln. Eine neue, diesmal von den Militärs kontrollierte Mission. Amerika erweist ihm eine große Ehre. Obwohl er Schweizer Staatsbürger ist, wird er an einem internationalen Projekt mitarbeiten, bei dem sich die Wissenschaft untermittelbar dem Kampf gegen den Nationalsozialismus zur Verfügung stellt.