Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03275.jsonl.gz/2956

In einem Protokollbuch der Basler Holeegemeinde findet sich zum Jahr 1914 der folgende Eintrag:
„Man ahnte nicht, dass am 19. Juli die Sänger sich für lange Zeit das letzte Mal trafen – Krieg zog in die Lande – viele Brüder mussten einrücken*.“
Da geschichtlich bedingt viele Mitglieder der ursprünglich amischen Holeegemeinde in der elsässischen und südbadischen Nachbarschaft wohnten, war sie in besonderer Weise vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges tangiert. Das bekam offenbar auch der 1897 gegründete „Gesangverein der Mennoniten-Gemeinde Basel“ zu spüren.
Interessanterweise wurde aber in der benachbarten Schänzli-Gemeinde in Muttenz, die ebenfalls einige Mitglieder im grenznahen Ausland hatte, im Kriegsjahr 1915 just ein solcher Chor gegründet.
Dieses Jahr begeht dieser Chor sein 100jähriges Jubiläum. Es ist geplant, auch seine Geschichte etwas näher zu untersuchen. Man darf gespannt sein, was dabei alles zum Vorschein kommt – vor allem auch über die Beweggründe zu seiner Entstehung inmitten der Zeit des Ersten Weltkrieges.
Eine der ältesten Fotos des Chores dürfte die obenstehende Aufnahme sein. Sie ist undatiert, stammt aber wohl aus der Zeit um 1920. Eine später erstellte Legende nennt die Namen der abgebildeteten Sängerinnen und Sänger. Die fast ausschliesslich bernischen Heimatorte sind bezeichnend für die Herkunft der Gemeindeglieder, deren Vorfahren meist im 17. und 18. Jahrhundert ihre Heimat verlassen mussten, und die nun – meist auf Umwegen via den Jura oder das grenznahe Frankreich – in die Region Basel gekommen waren und hier in der Regel grössere und kleinere Bauernhöfe bewirtschafteten: Die Amstutz aus Sigriswil, die Oberli aus Lützelflüh, die Moser aus Rüderswil oder Landiswil, die Gyger aus Eriz, die Gerber aus Langnau, die Graber aus Huttwil, die Geiser aus Langenthal oder die Nussbaumer aus Lüterkofen/SO, aber ursprünglich ebenfalls aus dem Bernbiet, nämlich aus Gross-Höchstetten. Aus der letztgenannten Familie stammt auch der Dirigent zur Zeit der Aufnahme. Es ist der aus dem Jura ins Baselbiet zugezogene Samuel Nussbaumer (1866-1944), gleichzeitig auch Prediger und Ältester der Gemeinde sowie späterer Präsident der Altevangelischen Taufgesinnten-Gemeinden (Mennoniten) der Schweiz und erster mennonitischer Landrat des Kantons.
* Zur Geschichte des weitgehenden Verlustes der täuferischen Gewaltverzichtsposition bei europäischen Mennoniten vgl. den Blogbeitrag zu Pierre Kennel und zum Ersten Weltkrieg bzw. die Ausführungen in „Glaube und Tradition in der Bewährungsprobe„.