Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03570.jsonl.gz/1020

Gegründet 1905, hat der Schweizer Heimatschutz während des letzten Jahrhunderts die Geschichte der Schweiz im Bereich Heimat- und Naturschutz massgebend geprägt. Der Schweizer Heimatschutz ist die älteste nationale Umweltorganisation.
Der Schweizer Heimatschutz wurde am 1. Juli 1905 in Bern ins Leben gerufen. Gruppierungen aus den Kantonen Basel, Bern und Graubünden sowie aus der Waadt und Zürich waren bei der Gründung aktiv. Der Zusammenschluss kam unter dem Eindruck der fulminanten wirtschaftlichen, industriellen und touristischen Entwicklung im ausgehenden 19. Jahrhundert zustande und bezweckte den Heimat-, Denkmal- und Naturschutz im weitesten Sinn. Von Anfang an stand aber auch die Förderung der Baukultur im Vordergrund – erstmals erwähnt wurde der Begriff «Baukultur» in der Zeitschrift des Schweizer Heimatschutzes bereits im Jahr 1911.
Die Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg stand unter dem Zeichen der Mobilisierung für Heimat, Natur und Nation, in der der Schweizer Heimatschutz seine Anliegen mit zum Teil pathetischen Worten verbreitete und eine weite Bevölkerungsschicht für seine patriotischen Ziele zu sensibilisieren vermochte. Ab den 1940er-Jahren folgte eine Phase, die der Verankerung des Schutzgedankens diente. Erfolgreich setzte sich der Schweizer Heimatschutz dafür ein, dass seine Bestrebungen in die Bundesverfassung aufgenommen wurden, zum Beispiel mit dem Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz im Jahr 1967.
Ab Mitte der 1970er-Jahre erfolgte eine Neuorientierung des Verbands, die eingeleitet wurde durch die ökologische Kritik am zunehmenden Verbrauch nichterneuerbarer Ressourcen und dem steigenden Druck auf die Umwelt. Zielsetzungen wurden neu formuliert und Handlungsformen überdacht. Mit einem neuen Leitbild trug der Schweizer Heimatschutz um die Jahrtausendwende den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Rechnung.
Der Verband hat seinen Namen im Verlauf der letzten Jahrzehnte mehrmals geändert. Im deutschsprachigen Raum war er bis 1967 als «Schweizerische Vereinigung für Heimatschutz» bekannt, ab 1968 als «Schweizer Heimatschutz». Im Französischen lautete der Name von 1905 bis 1939 «Ligue pour la conservation de la Suisse pittoresque», von 1940 bis 1971 «Ligue suisse de sauvegarde du patrimoine national», von 1972 bis 1999 «Ligue suisse du patrimoine national» und ab 2000 «Patrimoine suisse». Auf Italienisch wurde aus der «Lega svizzera per la salvaguardia del patrimonio nazionale» ab 2000 der «Heimatschutz Svizzera» und im Jahr 2019 «Patrimonio svizzero». Auf Rätoromanisch lautete die Bezeichnung bis 2000 «Lia svizzra per la protecziun da la patria», danach «Protecziun da la patria».
In seiner über 100-jährigen Geschichte hat der Schweizer Heimatschutz viel bewegt und erreicht. Ein Einblick in einige der wichtigsten Erfolge und Ereignisse der ersten 100 Jahre, von 1905 bis 2005.
Die Hochindustrialisierung um die Wende zum 20. Jahrhundert ruft in der Schweiz einen wachsenden Bau- und Investitionsdruck hervor. Gegen die damit verbundenen Eingriffe in das Landschafts- und Ortsbild formiert sich Widerstand. Verschiedene Künstlerinnen und Künstler, Architekten und freiberuflich Tätige gründen lokale Oppositionsgruppen, um sich gegen die Preisgabe traditioneller, kultureller Werte an Fortschritt und moderne Technik zu wehren. Als der Solothurner Grosse Rat 1905 beschliesst, die Solothurner Turnschanze, Teil eines Wehrgürtels im Kern der Stadt, niederzureissen, schliessen sich die Oppositionsgruppen landesweit zusammen. Die Gründung des Schweizer Heimatschutzes erfolgt am 1. Juli in Bern auf einer von mehr als 100 Personen besuchten Versammlung. Zweck des Vereins ist gemäss Statuten von 1906 der Schutz der Schweiz in ihrer natürlichen und geschichtlich gewordenen Eigenart. Erster Präsident wird Albert Burckhardt-Finsler aus Basel. Im ersten Vorstand ist auch eine Frau vertreten: Marguerite Burnat-Provins aus La Tour-de-Peilz. Bis 1914 wächst die Zahl der Mitglieder auf 5938 Personen an. 15 Sektionen vertreten die Anliegen des Vereins.
Das erste Jahrzehnt heimatschützerischer Tätigkeit ist geprägt von Optimismus und Glauben an die Wirksamkeit der privaten Initiative. Auf den Einsatz für die Erhaltung der Solothurner Turnschanze folgen schon bald weitere Interventionen: u.a. gegen eine Bahn auf das Matterhorn, den Abbruch des Pierre des Marmettes bei Monthey oder den Umbau der Rathausgasse in Aarau. Am zahlreichsten sind die Einsprachen gegen neue Bergbahnprojekte und Eisenbahn-Linienführungen. Das heimatschützerische Gedankengut wird durch die Zeitschrift «Heimatschutz» verbreitet, die anfangs sechsmal, später viermal pro Jahr erscheint. In der Öffentlichkeit profiliert sich der Schweizer Heimatschutz mit Ideenwettbewerben, u.a. für einfache Wohnhäuser in Zürich, und mit Empfehlungen zur gesetzlichen Einschränkung von Strassenreklamen. Das Landwirtshaus zum «Röseligarten» an der Landesausstellung 1914 in Genf, entworfen von Architekt Karl Indermühle, wird zum Aushängeschild des Schweizer Heimatschutzes im Hinblick auf eine vorbildliche Bauentwicklung in der Schweiz.
Die Stimmung des ersten Jahrzehnts wird ab 1915 getrübt durch erste grössere interne Auseinandersetzungen zu Strategien und Leitbild des Vereins. Das Verhältnis zwischen Vorstand und Sektionen ist gespannt. Eine stärkere Koordination der verschiedenen Aktivitäten wird gefordert, für die Einrichtung einer Geschäftsstelle fehlen allerdings die finanziellen Mittel. Verstärkt wird die interne Krise durch eine massive Kürzung der Unterstützungsgelder des Bundes im Jahr 1915. Trotzdem beschliesst der Schweizer Heimatschutz 1915 die Gründung einer Verkaufsgenossenschaft, die sich der Förderung der Volkskunst und dem Verkauf von «echt schweizerischen» Reiseandenken widmet. Die Zahl der Mitglieder nimmt nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs stark ab. Von 1918 bis 1924 steigt die Zahl allerdings wieder um 2000 Mitglieder auf 6931 Personen an.
Meinungsverschiedenheiten bestehen nicht nur hinsichtlich der Haltung gegenüber neueren architektonischen Strömungen, sondern auch in Bezug auf die Nutzung der Wasserkraft. Die Eingliederung von Seepromenaden in städtische Siedlungsformen, welche der Vorstand begrüsst, stösst bei verschiedenen Mitgliedern auf Kritik. Die Auseinandersetzung wird in der Öffentlichkeit ausgetragen und ruft negative Stellungnahmen zur Tätigkeit des Vereins hervor. Der Schweizer Heimatschutz zieht sich in der Folge vermehrt aus der aktuellen Architekturdiskussion zurück. Auch in der Haltung gegenüber den Kraftwerkprojekten am Silsersee und im Urserental sind sich die Mitglieder des Vereins uneinig. Während die Gegner mit der Zerstörung des Landschaftsbildes argumentieren, verweisen die Befürworter auf die Wirtschaftlichkeit der Projekte. Geschlossen tritt der Schweizer Heimatschutz hinsichtlich überirdischer Starkstromleitungen auf. Er interveniert in verschiedenen Fällen erfolgreich gegen deren Führung, die das Landschaftsbild beeinträchtigt. In Zusammenarbeit mit Architekten und Fachleuten aus Unternehmen und Politik formuliert er Gestaltungsvorschläge, bereits 1920 erfolgt eine Eingabe an den Bundesrat.
Der Schweizer Heimatschutz überlässt verschiedene seiner periphereren Aufgabengebiete zielverwandten Organisationen und konzentriert seine Tätigkeit auf die Erhaltung der historischen Bausubstanz in ländlichen und städtischen Gebieten. Die Trachten- und Volksliederkommission des Schweizer Heimatschutzes macht sich 1926 als Schweizerische Trachten- und Volksliedervereinigung selbständig. 1929 wird die Verkaufsgenossenschaft aufgelöst. Deren Aufgabe übernimmt 1930 das Schweizer Heimatwerk. Auch in finanzieller Hinsicht stellt sich der Schweizer Heimatschutz auf eine neue Grundlage. Der Erlös der Bundesfeierspende von 1933 kommt vollumfänglich dem Schweizer Heimatschutz und dem Schweizerischen Bund für Naturschutz (später: Pro Natura) zu. Der Schweizer Heimatschutz setzt den Erlös für den Aufbau einer Geschäftsstelle ein. Ernst Laur, Sohn des Bauernsekretärs Laur und Geschäftsführer von Heimatwerk und Trachtenvereinigung, wird 1934 erster Geschäftsführer. Die Mitgliederzahl steigt bis 1934 nur geringfügig auf 5971 Personen an.
Die internen Auseinandersetzungen über Strategien und Leitbild des Vereins nehmen im dritten Jahrzehnt ab, dafür treten grössere Spannungen im Verhältnis zum Schweizerischen Werkbund auf. Der Schweizer Heimatschutz spricht sich dezidiert gegen die «Neue Sachlichkeit» in der Architektur aus und gerät dadurch auf Konfrontationskurs zum funktionalistisch ausgerichteten Flügel des Werkbunds. Nach heftigen Auseinandersetzungen bessert sich Ende der 1920er-Jahre das Verhältnis. Der Schweizer Heimatschutz anerkennt, auch unter internem Druck, gewisse neue Baustile an, die Rücksicht auf bestehende historische Bauformen nehmen. Der Werkbund beschliesst, neben der neuen Sachlichkeit auch altes Kunstgewerbe zu fördern. 1930 schliesst sich der Schweizer Heimatschutz mit zielverwandten Organisationen zum Forum Helveticum, einem Dachverband der grossen kulturellen Landesverbände, zusammen. In Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Bund für Naturschutz arbeitet der Schweizer Heimatschutz zu Beginn der 1930er-Jahre Vorschläge für eine eidgenössische Gesetzgebung zum Natur- und Heimatschutz aus. Die Umsetzung scheitert, der Bundesrat erteilt dem Begehren 1935 eine abschlägige Antwort.
Die Führung einer Geschäftsstelle ermöglicht dem Schweizer Heimatschutz eine verstärkte Zusammenarbeit mit den Behörden. 1936 setzt der Bundesrat nach seiner abschlägigen Antwort auf ein Natur- und Heimatschutzgesetz eine Eidgenössische Natur- und Heimatschutzkommission ein, in der auch der Schweizer Heimatschutz mit einem Sitz vertreten ist. Im Forum Helveticum unterstützt der Schweizer Heimatschutz die Gründung der Arbeitsgemeinschaft Pro Helvetia, welche seit 1939 als Arbeitsgemeinschaft die Bestrebungen des Schweizer Heimatschutzes mit finanziellen Beiträgen fördert. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs erhält der Schweizer Heimatschutz vom Bund den Auftrag, im Rahmen eines Arbeitsbeschaffungsprogramms Instandstellungen von Häusern in verschiedenen Landesteilen zu planen. Leiter der Planungsstelle wird Max Kopp, Mitglied des Schweizer Heimatschutzes. Die Öffentlichkeitsarbeit des Schweizer Heimatschutzes wird anhand von Dia-Vorträgen, einer gezielten Pressearbeit und der Zusammenarbeit mit der Programmdirektion von Radio Beromünster erweitert. Die Mitgliederzahl steigt nach einem massiven Rückgang Ende der 1930er-Jahre auf 5839 Personen im Jahr 1944.
Die Tätigkeiten des Schweizer Heimatschutzes konzentrieren sich in dieser Phase der «Geistigen Landesverteidigung» v.a. auf die Erhaltung von Bauern- und Bürgerhäusern sowie Sakralbauten. Die Hinwendung zu volkstümlicheren Formen der Architektur wird grundsätzlich gutgeheissen, der Heimatstil wird allerdings auch als «falsche Romantik» dargestellt. An der Landesausstellung von 1939 wird das Thema Heimatschutz auf der Höhenstrasse behandelt. Während des Zweiten Weltkriegs hält sich der Schweizer Heimatschutz mit Interventionen stark zurück. Gegen den Bau von militärischen Einrichtungen wird grundsätzlich keine Einsprache erhoben, einzig Bach- und Flusskorrekturen, die ohne Rücksicht auf landschaftliche Formen sowie Flora und Fauna vorgenommen werden, werden kritisiert. Auch gegen Kraftwerk-Projekte wendet sich der Schweizer Heimatschutz nur selten, da diese als notwendig erachtet werden, um die Versorgung des Landes mit Energie aufrecht zu erhalten. Bei den Kraftwerk-Projekten im Bündner Rheinwald und in Rheinau hält der Schweizer Heimatschutz allerdings an seiner ablehnenden Haltung aus den Vorkriegsjahren fest.
Mit der Taleraktion erschliesst sich der Schweizer Heimatschutz in der frühen Nachkriegszeit eine weitere Quelle zur Finanzierung seiner Tätigkeit und gleichzeitig eine neue Form der Öffentlichkeitsarbeit. Zusammen mit dem Schweizerischen Bund für Naturschutz führt der Schweizer Heimatschutz 1946 erstmals einen Verkauf von Schokoladetalern durch, dessen Erlös dem Schutz des Silsersees zugutekommt. Der Schokoladeverkauf, an dem sich Schülerinnen und Schüler aus der ganzen Schweiz beteiligen, wird in den nachfolgenden Jahren wiederholt. Die in goldfarbene Aluminiumfolie verpackten Schokoladetaler werden mit den Jahren zum Markenzeichen von Natur- und Heimatschutz. Ebenfalls 1946 wird die vom Bund eingesetzte Planungsstelle in eine feste Bauberatungsstelle des Schweizer Heimatschutzes umgewandelt. Die Mitgliederzahl steigt massiv an, 1954 zählt der Schweizer Heimatschutz 8602 Mitglieder.
Die Bauberatungsstelle unter der Leitung von Max Kopp konzentriert sich v.a. auf einzelne Bauten und Baugruppen in ländlichen Gebieten. Für verschiedene, auf dem Taler abgebildete Projekte arbeitet Kopp Restaurierungs- oder Umbauvorschläge aus. Prominentestes Talerobjekt ist die Neugestaltung von Rigi-Kulm. Die beiden historischen Kulm-Hotels aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden 1951 abgebrochen und ersetzt durch ein längliches, viergeschossiges, von Max Kopp entworfenes Berghaus. Die «Wiederherstellung» von Rigi-Kulm wird in der Taleraktion von 1951 prominent in Szene gesetzt. Die Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Bund für Naturschutz verläuft aber nicht reibungslos. Ende der 1940er-Jahre opponiert der Schweizerische Bund für Naturschutz gegen das geplante Wasserkraftwerk am Spöl im Schweizerischen Nationalpark. Der Schweizer Heimatschutz hingegen stimmt dem Projekt unter einigen Vorbehalten zu. Die neusten Pläne für ein Rheinau-Kraftwerk-Projekt lehnt der Schweizer Heimatschutz zu Beginn der 1950er-Jahre zwar ab, im Unterschied zum SBN beteiligt er sich aber nicht aktiv am Widerstand. Die Differenzen zum Schweizerischen Bund für Naturschutz bleiben bis weit in die 1950er-Jahre bestehen.
Die seit den 1930er-Jahren vorangetriebene Zusammenarbeit mit den Behörden trägt Früchte. Der Schweizer Heimatschutz beteiligt sich an der Ausarbeitung eines Verfassungsartikels zum Natur- und Heimatschutz, der 1962 vom Volk mit grossem Mehr angenommen wird. 1955 bildet sich auf Initiative von Schweizer Heimatschutz, Schweizerischem Bund für Naturschutz und Schweizerischem Alpenclub die Kommission für die Inventarisation schweizerischer Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (KLN). 1963 wird unter der Leitung des Schweizer Heimatschutzes eine zweite Kommission eingesetzt, die ein Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder von nationaler Bedeutung (ISOS) erstellen soll. Mit der Architektin Annemarie Hubacher-Constam nimmt 1959 erstmals seit der Gründung wieder eine Frau im Vorstand Einsitz. Die Mitgliederzahl steigt bis 1964 auf 10'119 Personen an. Der Schweizer Heimatschutz ist in allen Kantonen der Schweiz mit Sektionen vertreten.
Die stark wachsende Flächenbeanspruchung für das Wohnen und Wirtschaften beobachtet der Schweizer Heimatschutz mit Unbehagen. Er beschliesst, sich vermehrt mit Fragen der Planung auseinanderzusetzen. V.a. Hochhäuser auf dem Land werden als Bedrohung des Landschaftsbildes wahrgenommen. Den Nationalstrassenbau hingegen unterstützt der Schweizer Heimatschutz und fordert lediglich eine harmonische Strassenführung. Obwohl bäuerliche Kulturgüter gemäss Credo des Schweizer Heimatschutzes eigentlich an Ort und Stelle erhalten werden sollten, spricht er sich auch für die Notwendigkeit eines Freilichtmuseums für schweizerische Bauernhäuser aus. Ende der 1950er-Jahre schwenkt der Schweizerische Bund für Naturschutz auf die gemässigte Linie des Schweizer Heimatschutzes ein. Beide unterstützen die Verständigungsvorlage des Bundesrates zum Kraftwerk-Projekt am Spöl, die 1958 in einem Referendum vom Schweizer Volk angenommen wird. Ein radikalerer Kreis von Naturschützerinnen und Naturschützern distanziert sich von der kompromissbereiten Haltung der beiden Vereine und gründet 1960 den Rheinaubund (später: Aqua Viva). Dieser setzt auf finanzielle und politische Unabhängigkeit von Behörden und Wirtschaftsverbänden und politisiert im Gegensatz zu Schweizer Heimatschutz und Schweizerischem Bund für Naturschutz mit unkonventionellen Aktionsformen in der ausserparlamentarischen Opposition.
Im Schweizer Heimatschutz setzt eine Phase des Umbruchs ein, die stark personell bedingt ist. 1966 tritt Ernst Laur nach 32 Jahren von seinem Amt als Geschäftsführer des Schweizer Heimatschutzes zurück. 1968 gibt Max Kopp nach 24 Jahren seine Tätigkeit als Bauberater des Schweizer Heimatschutzes auf. Ihre Ämter werden in der Folgezeit auf eine grössere Anzahl Personen verteilt. Die Kompetenzen der Hauptversammlung, bisher oberstes Organ des Schweizer Heimatschutzes, werden 1967 aufgrund der wachsenden Mitgliederzahl der neu geschaffenen Delegiertenversammlung übertragen. Die eigentliche Geschäftsführung obliegt nun einem geschäftsführenden Ausschuss des Zentralvorstandes, dem die Geschäftsstelle zur Seite steht. Die Veränderungen führen zu grösseren internen Debatten über Zielsetzung und Leitbild des Vereins. Mehrere Mitarbeiter der Geschäftsstelle geben ihre dortige Tätigkeit schon nach kurzer Zeit wieder auf. Die Zahl der Mitglieder hingegen steigt bis 1974 fast um das Doppelte auf 18’553 Personen an.
Mit Inkrafttreten des Bundesgesetzes über den Natur- und Heimatschutz im Jahr 1967 verfügt der Schweizer Heimatschutz über ein neues Mittel der politischen Einflussnahme, das Verbandsbeschwerderecht. Der Fokus des Schweizer Heimatschutzes richtet sich stärker als bisher auf den Ortsbild- und Landschaftsschutz. Siedlungs- und Verkehrsplanung werden zu neuen Schwerpunkten des Schweizer Heimatschutzes. Das Leitbild des Vereins wird in den Statuten von 1967 entsprechend definiert: Die harmonische Entwicklung des Landschafts- und Siedlungsbildes soll über die Erhaltung des Bestehenden hinaus gefördert werden. Umgesetzt wird diese Forderung u.a. durch den Wakkerpreis. Dieser wird seit 1972 an Gemeinden vergeben, die sich um die beispielhafte Bewahrung ihres Ortsbildcharakters unter Einbezug neuer architektonischer Elemente verdient gemacht haben. Die Bauberatung richtet ihre Tätigkeit nun stärker auf Gebäudegruppen und den Schutz ganzer Ortsbilder statt auf einzelne Gebäuderenovierungen aus. Zur Beurteilung von Projekten zieht sie weitere Fachkräfte aus Architektur, Planung und Recht bei.
In der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre nimmt der Schweizer Heimatschutz nach weiteren internen Auseinandersetzungen um Zielsetzung und Leitbild eine fundamentale Standortbestimmung vor. Auslöser sind neben inhaltlichen Fragen die wachsenden Koordinationsaufgaben der Geschäftsstelle, die nur teilweise bewältigt werden können. Die bisherige Subventionspolitik des Schweizer Heimatschutzes, die nach dem Giesskannenprinzip kleine Beiträge an verschiedenste Projekte verteilt, wird intern ebenfalls in Frage gestellt. Debattiert wird zudem, inwiefern der Schweizer Heimatschutz mit parteipolitischen Gruppierungen sympathisieren darf. Der Schweizer Heimatschutz setzt verschiedene Kommissionen zur Überprüfung seiner Tätigkeit ein und bestellt 1976 den Geschäftsausschuss neu. Das Präsidium übernimmt im selben Jahr mit Rose-Claire Schüle erstmals eine Frau. 1978 formuliert der Schweizer Heimatschutz an einer Klausurtagung in Genf die so genannten Genfer Thesen, die dem Schweizer Heimatschutz eine neue inhaltliche Orientierung geben sollen. Die Mitgliederzahl wächst bis 1984 weiter an, allerdings nicht mehr so stark wie im vorangehenden Jahrzehnt.
Die Genfer Thesen von 1978 fordern vom Schweizer Heimatschutz ein umfassendes Umweltdenken und eine stärkere Ausrichtung auf gegenwarts- und zukunftsbezogene Problemstellungen. Der Schweizer Heimatschutz soll sich vom lediglich reagierenden, protestierenden Schutz der Heimat abwenden und eine Strategie des schöpferischen und dynamischen Handelns entwickeln sowie die private Initiative fördern. Bei der Totalrevision der Statuten von 1979 werden die Genfer Thesen zu einem grossen Teil übernommen. Die Öffentlichkeitsarbeit wird in den folgenden Jahren durch einen Pressedienst, eine eigene Publikationsreihe sowie Informations- und Sensibilisierungskampagnen ausgeweitet. 1984 vergibt Schweizer Heimatschutz erstmals den Heimatschutzpreis, mit dem Aktionen zur Erhaltung von bedrohtem Lebensraum und Vorstösse zur Verbesserung der Lebensqualität von Seiten einzelner Initiativträger und Organisationen unterstützt werden. Auf gesetzgeberischer Ebene engagiert sich der Schweizer Heimatschutz weniger erfolgreich. Sowohl das Raumplanungsgesetz wie auch das Umweltschutzgesetz werden in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre so stark revidiert, dass der Schweizer Heimatschutz nur mit Vorbehalt die Vorlagen unterstützt.
Die geforderte Strategie des schöpferischen und dynamischen Handelns kommt im Verlauf der 1980er- und frühen 1990er-Jahre immer seltener zum Zug. Die Hauptaktivitäten sind wiederum von einem reagierenden und protestierenden Handeln geprägt, der Schweizer Heimatschutz tritt v.a. mit Einsprachen und Beschwerden in der Öffentlichkeit in Erscheinung. Die Subventionen werden weiterhin auf verschiedene kleinere Projekte verteilt. Die fehlende Dynamik im Bereich der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit schlägt sich im Mitgliederbestand nieder. Nachdem dieser 1985 mit 24'663 Mitgliedern den Höchststand erreicht, nimmt die Zahl bis 1994 um 4700 Personen ab, was von Seiten des Schweizer Heimatschutzes vor allem auf die fehlende Einbindung von neuen, jungen Mitgliedern zurückgeführt wird.
Der Schweizer Heimatschutz versucht insbesondere, seinen Einfluss auf die Bundespolitik zu stärken und nimmt kritisch Stellung zu den Gesetzesrevisionen im Natur- und Heimatschutzgesetz sowie im Umweltschutz- und im Raumplanungsgesetz. Zu Beginn der 1990er-Jahre arbeitet eine Arbeitsgruppe des Schweizer Heimatschutzes klare Richtlinien für Gutachten und eine Einsatzdoktrin für Rechtsmittel im Bereich des Beschwerderechts aus. Gleichzeitig geht der Schweizer Heimatschutz von einer zurückhaltenden Verkehrspolitik zu einer offensiveren über und schwenkt in verschiedenen Fragen auf die Linie der Umweltorganisationen WWF Schweiz, Schweizerischer Bund für Naturschutz, Schweizerische Gesellschaft für Umweltschutz und Verkehrsclub Schweiz ein. Ein Wandel zeichnet sich auch in der Vergabe des Wakkerpreises ab. 1989 geht der Preis an die Stadt Winterthur, deren Ortsbildcharakter von der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts stark geprägt worden ist. 1990 würdigt der Schweizer Heimatschutz die Bestrebungen der Stadt Montreux zur Erhaltung ihres bautouristischen Erbes aus dem 19. Jahrhundert. 1993 wird die Gemeinde Monte Carasso bei Bellinzona für ihre Ortsplanung in der von Zersiedelung geprägten Agglomerationsgemeinde ausgezeichnet. Der Schweizer Heimatschutz wendet sich damit explizit der Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts zu und weist die Gestaltung von städtischen und halbstädtischen Siedlungsformen als neuen Schwerpunkt heimatschützerischer Tätigkeits aus.
Der Schweizer Heimatschutz strebt einen wirkungsvolleren Auftritt in der Öffentlichkeit an und definiert den Ausbau der Informations- und Öffentlichkeitsarbeit als vordringliche Anliegen. Die geforderte Bildungsoffensive kann nicht im erhofften Tempo umgesetzt werden. Auftritt und Erscheinungsbild des Schweizer Heimatschutzes hingegen werden seit dem Jahr 2000 umfassend erneuert. Noch im gleichen Jahr werden die Vereinsnamen in den vier Landessprachen einander angeglichen. Das neu geschaffene Logo wird bis 2004 von einer grossen Zahl der Sektionen übernommen. Mit der Publikationsreihe «Baukultur entdecken», einer Serie von Architekturspaziergängen, wird das Interesse für Baukultur in einer breiten Bevölkerungsschicht gefördert. Eine Rote Liste im Internet informiert über Bauten von architektonischem oder historischem Wert, deren Zerfall durch Zusammenführung interessierter Kreise verhindert werden soll. Bei der Subventionierung von Projekten wendet sich der Schweizer Heimatschutz vom bisherigen Giesskannenprinzip ab. Er spricht sich für höhere finanzielle Beiträge an wenige, dafür umfangreiche Projekte aus, die er aktiv mitgestaltet. Die Geschäftsstelle wächst bis 2004 auf sieben Mitarbeitende an. Der Mitgliederrückgang wird gebremst, der Schweizer Heimatschutz zählt 2004 16’026 Mitglieder.
Die Tätigkeit des Schweizer Heimatschutzes wird bestimmt vom Kampf gegen den Abbau in der Heimat- und Naturschutzpolitik. Der Schweizer Heimatschutz schliesst sich mit den beschwerdeberechtigten Verbänden auf nationaler Ebene zusammen, um eine gemeinsame Strategie für die langfristige Sicherung des Verbandsbeschwerderechts zu entwickeln, das seit den 1990er-Jahren von bürgerlicher Seite unter Beschuss gerät. Er wehrt sich ausserdem gegen den Abbau in der Denkmalpflege durch den neuen Finanzausgleich und wirkt beim Referendum zur Revision des Raumplanungsgesetzes aktiv mit. Im Jahr 2004 sind die Vorbereitungen für zwei grosse Heimatschutz-Projekte – das Heimatschutzzentrum und die Stiftung Ferien im Baudenkmal – abgeschlossen. Deren Realisierung erfolgt zu Beginn des 11. Jahrzehnts heimatschützerischer Tätigkeit.
Chronik Schweizer Heimatschutz 1905–2005
(inkl. Résumé en français) zum Download
100 Jahre Schweizer Heimatschutz: 1905–2005
Jubiläumsausgabe der Vereinszeitschrift vom Februar 2005.
Seit seiner Gründung 1905 pflegt der Schweizer Heimatschutz seine Vereinszeitschrift und veröffentlicht jährlich mehrere Ausgaben auf Deutsch und Französisch. Dieser umfangreiche Bestand ist über E-Periodica zugänglich und bereichert das «Baugedächtnis Schweiz Online» um eine bedeutende Stimme im Chor der Architektur- und Bauzeitschriften dieses Landes.
E-Periodica ist die Plattform der ETH-Bibliothek für digitalisierte Schweizer Zeitschriften. Sie dient als professionelles Recherchewerkzeug, das eine Volltextsuche über den gesamten Bestand oder nur einzelne Zeitschriften oder Themen erlaubt. Das Angebot wird laufend durch aktuelle Ausgaben ergänzt.
Heimatschutz/Patrimoine
Alle Jahrgänge der Zeitschrift seit 1905 sind im Zeitschriftenarchiv von E-Periodica einsehbar. Die neusten Jahrgänge werden Schritt für Schritt ergänzt.