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Mario (Name fiktiv) besuchte am 21.2.2016 als Zuschauer das Super-League-Fussballspiel St. Gallen gegen Luzern, als kurz nach Anpfiff des Spiels aus dem gegnerischen Gästesektor zwei Rauch- und Feuerwerkskörper in Richtung Spielfeld geworfen wurden. Bei der Detonation des zweiten Feuerwerkskörpers verliess Mario das Stadion. Er hatte sich gerade mal 20,3 Meter vom detonierenden Knallkörper entfernt befunden und fühlte unmittelbar nach dem Knall ein lautes Pfeifen, einen Druck im Kopf und ein Benommenheitsgefühl. Daraufhin bemerkte er, dass er auf der linken Seite weniger hörte und ein unangenehmer Druck im linken Ohr persistierte. Marios Jacke wies aufgrund des Funkenwurfs des Feuerwerkskörpers Brandlöcher auf. Acht Tage später liess er den Vorfall über seinen Arbeitgeber an seine obligatorische Unfallversicherung, die Swica Versicherungen AG, melden. Der Petardenwerfer konnte ermittelt werden und wurde (letztinstanzlich bestätigt) der schweren Körperverletzung schuldig gesprochen.
Physische und psychische Schäden
Von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebene Gutachten ergaben bei Mario eine hochgradige Innenohr-Schwerhörigkeit und einen Tinnitus zweiten Grades links sowie in psychiatrischer Hinsicht eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Die Swica teilte Mario mit, dass sie für das Explosionsereignis im Stadion nicht leistungspflichtig sei. Gemäss dem Gutachten hatte der verwendete Sprengkörper bei einer Distanz von 20,3 Metern einen Schallexpositionspegel von 112,2 dB mit einer Unsicherheit ± 4 dB. Zwar sah auch die Swica, dass ein äusserer Faktor vorlag, doch sei dieser nicht als ungewöhnlich zu betrachten, weshalb der Unfallbegriff nicht erfüllt sei und sie auch unter dem Titel einer unfallähnlichen Körperschädigung jede Haftung ablehne. Das von Mario dagegen angerufene Kantonsgericht Luzern gab ihm Recht und qualifizierte das Ereignis im Stadion als Unfall, wogegen die Swica nun vors Bundesgericht zog.
Per 1. Januar 2017 sind die mit Bundesgesetz vom 25. September 2015 revidierten Bestimmungen des Unfallversicherungsgesetzes (UVG) in Kraft getreten, darunter auch Art. 6 Abs. 2 UVG sowie der gleichermassen revidierte Art. 9 der Unfallversicherungsverordnung (UVV). Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor dem Inkrafttreten dieser revidierten Bestimmungen ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem Zeitpunkt ausgebrochen sind, werden nach bisherigem Recht gewährt. Marios Fall ist somit nach bisherigem Recht zu beurteilen.
Unfalldefinition: Äusserer Faktor als zentrales Element
Als Unfall gilt gemäss Art. 4 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) eine plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat.
Der äussere Faktor ist zentrales Element eines Unfallereignisses. Er ist das Gegenstück zur den Krankheitsbegriff konstituierenden inneren Ursache. Erforderlich ist die «Einwirkung objektiv feststellbarer, vom menschlichen Körper unabhängiger Kräfte». Das Bundesgericht stellte fest, dass die Lärmemission zwar durch das Abfeuern des Feuerwerkskörpers verursacht worden war. Marios Gehörschädigung kann aber nur durch den Schallpegel verursacht worden sein und nicht durch den Feuerwerkskörper an sich, zumal keine anderen Gesundheitsschädigungen wie Verbrennungen etc. geltend gemacht wurden. Demnach ist bei der Detonation des Kreisblitzes nicht der Feuerwerkskörper an sich als äusserer Faktor zu qualifizieren, sondern der von ihm erzeugte Lärm- bzw. Schallpegel.
Definition der Ungewöhnlichkeit
Ein äusserer Faktor ist gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ungewöhnlich, wenn er nach einem objektiven Massstab nicht mehr im Rahmen dessen liegt, was für den jeweiligen Lebensbereich alltäglich und üblich ist (BGE 142 V 219). Dabei beziehe sich das Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit nicht auf die Wirkung des äusseren Faktors, sondern nur auf diesen selbst. Somit beurteilt sich die Ungewöhnlichkeit der Lärm- bzw. Schallemission nach höchstrichterlicher Auffassung in erster Linie anhand der Werte der Schallexpositionspegel.
Zur Klärung der Frage, ob das Abfeuern des Sprengkörpers bei Mario eine schwere Körperverletzung verursacht hatte, wurden im Strafverfahren gegen den Feuerwerkswerfer zwei Gutachten eingeholt. Ein akustisches Gutachten eines Suva-Physikers, der darlegte, dass bei einmaliger Schallbelastung von 112 dB normalerweise keine bleibende Gehörschädigung zu erwarten sei und dass gemäss den Suva-Regeln die Belastung durch ein einzelnes solches Ereignis noch ohne Gehörschutz zulässig sei. Zwar liege die Eventualität einer dauernden Gehörsverletzung bei weit unter einem Prozent, könne aber trotzdem nicht ausgeschlossen werden. Sie sei nur dann möglich, wenn eine individuelle temporäre oder dauernde Schwächung oder Schädigung des Innenohrs zur erhöhten Anfälligkeit gegenüber solchen Belastungen geführt habe.
Das daraufhin veranlasste medizinische Gutachten des Facharzt FMH für Oto-Rhino-Laryngologie kam zum Schluss, dass bei Mario von einer dauernden Gehörschädigung auszugehen und diese durch das Knallereignis im Fussballstadion verursacht worden sei. Dabei seien 18 Prozent des Tonhörverlusts auf die höchstwahrscheinlich bereits zum Zeitpunkt des schädigenden Ereignisses vorhandene Altersschwerhörigkeit zurückzuführen. Der zusätzliche Hörverlust von 67 Prozent sei dem schädigenden Ereignis zuzuschreiben.
Unterschiedliche Ansätze der Gutachten
Die unterschiedlichen Antworten der beiden Gutachten bezüglich der Frage, ob die Gehörschädigung durch das Ereignis vom 21. Februar 2016 verursacht worden ist, rühren daher, dass sie verschiedene Ansätze verfolgen. Beim akustischen Gutachten liegt der Fokus auf den objektiv messbaren Werten der Schallexpositionspegel bzw. auf der Frage, ob sich der Schallexpositionspegelwert bei einem gesunden Menschen ohne allfällige Vorerkrankung gehörschädigend auswirkt.
Das medizinische Gutachten hingegen bezweckt, die konkrete Gehörschädigung zu beurteilen, allenfalls unter Berücksichtigung einer Prädisposition, die zu einer erhöhten Anfälligkeit gegenüber solchen Belastungen führen kann. Für die nach einem objektiven Massstab zu beantwortende Frage, ob der äussere Faktor ungewöhnlich ist, sind nach höchstrichterlichem Dafürhalten die im akustischen Gutachten genannten Schallexpositionspegelwerte massgebend.
Das Bundesgericht hält explizit fest, dass die medizinische Einschätzung in unfallversicherungsrechtlicher Hinsicht erst dann relevant wird, wenn der Unfallbegriff bejaht wurde und der natürliche Kausalzusammenhang zwischen der Gehörschädigung und dem Lärmtrauma zu prüfen ist. Selbst wenn also die geltend gemachte Gehörschädigung aus medizinischer Sicht natürliche kausale Folge einer äusseren Einwirkung gewesen sein mag, kann daraus kein Rückschluss auf das Merkmal der Ungewöhnlichkeit gezogen werden. Das Bundesgericht hatte in ähnlichen Fällen entschieden, dass ein Pegelwert von maximal 111 dB bzw. Spitzenwerte von 113 dB nicht ungewöhnlich seien, da deutlich unter dem Grenzwert für eine Gehörgefährdung bei Schallexpositionen liegend (Urteil 8C_280/2010 vom 21.5.2010 und 8C_317/2010 vom 3.8.2010). Die Bundesrichter ziehen als Indiz für die Beurteilung der Ungewöhnlichkeit einer Schalleinwirkung vergleichend das Bundesgesetz über den Schutz vor Gefährdungen durch nichtionisierende Strahlung und Schall (NISSG) sowie dessen Verordnung (V-NISSG) hinzu, wo in Art. 19 Abs. 1 lit. b V-NISSG statuiert wird, dass Veranstaltungen mit elektroakustisch verstärktem Schall den maximalen Schallpegel von 125 dB nicht überschreiten dürfen. Auch die von der Suva herausgegebenen akustischen Grenz- und Richtwerte für Schallimmissionen am Arbeitsplatz, die für impulsartigen Schall einen Grenzwert von 120 dB festlegen, weisen in diese Richtung.
Das Fazit des Bundesgerichts
Das Bundesgericht erachtet den einmaligen, nur sehr kurz andauernden Schallexpositionspegelwert von 112,2 bzw. maximal 116,2 dB im Rahmen eines Fussballspiels mit grosser Menschenansammlung, wo der Einsatz von Lärm verursachenden Gegenständen wie Petarden, Trillerpfeifen und Vuvuzelas üblich ist, jedenfalls nicht als ungewöhnlich. Dies gilt unabhängig davon, von welcher Schallquelle der Lärmpegel stammt. Demzufolge gilt das Ereignis nicht als Unfall und die Swica als Unfallversicherung muss nach höchstrichterlichem Befinden nicht zahlen.
Ein äusserer Faktor ist ungewöhnlich, wenn er nach einem objektiven Massstab nicht mehr im Rahmen dessen liegt, was für den jeweiligen Lebensbereich alltäglich und üblich ist.