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Der häufige Konsum von Lakritze in der Schwangerschaft könnte der Hirnentwicklung des Feten schaden. Eine Spätfolge ist möglicherweise eine gestörte kognitive Entwicklung, die in einer Studie im American Journal of Epidemiology (2009; doi: 10.1093/aje/kwp272) beobachtet wurde.??
Die Gruppe um Katri Räikkönen von der Universität Helsinki hat 321 Kinder untersucht, deren Mütter während der Schwangerschaft teilweise größere Mengen Lakritze konsumiert hatten. Lakritze ist in Finnland bei jüngeren Menschen sehr beliebt.??
Es ist schon länger bekannt, dass die in der Lakritze enthaltene Glycyrrhizinsäure die Placentabarriere für Steroide schädigt. Die Feten sind dadurch stärker den Stresshormonen der Mutter ausgesetzt, was die schädlichen Einflüsse erklären könnte, die Räikkönen jetzt festgestellt hat.
Kinder, welche pränatal mit mehr als 500 mg Glycyrrhizinsäure (entsprechend rund 100 Gramm Lakritze) ausgesetzt waren, schnitten im Alter von acht Jahren gleich in mehreren Tests zur kognitiven Entwicklung schlechter ab. ?
Sie zeigten einen kleineren Wortschatz, ein schlechteres erzählerisches Gedächtnis und ein eingeschränktes räumliches Vorstellungsvermögen. Die Konzentrationsfähigkeit war reduziert, die Neigung zum Übertreten von Regeln und zum aggressiven Verhalten erhöht.??Diese Auswirkungen waren dosisabhängig, was für eine Kausalität des entdeckten Zusammenhanges spricht. Auch wenn die Studie letztlich nicht beweisend ist, sollten Schwangeren besser auf Lakritze während der Schwangerschaft verzichten, empfehlen die Autoren.
Quelle:
www.aerzteblatt.de
Kommentar & Ergänzung:
Lakritze wird gewonnen aus Süssholz (Glycyrrhiza glabra), einer Pflanzenart aus der Unterfamilie Schmetterlingsblütler (Faboideae) innerhalb der Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae). Diese Art ist in der Mittelmeerregion und in Westasien beheimatet. Süssholz enthält unter anderem Glycyrrhizin, ein Gemisch aus K- und Ca-Salzen der Glycyrrhizinsäure. Dieses Glykosid, das der Lakritze ihren Geschmack verleiht, besitzt etwa die 50-fache Süßkraft von Rohrzucker.
Zur Wirkung von Süssholz
Süßholzwurzel wirkt aufgrund der enthaltenen Saponine, hauptsächlich der Glycyrrhizinsäure, auswurffördernd, sekretolytisch und sekretomotorisch (schleimlösend). Bei Süßholzextrakten wurde eine antibakterielle und antimykotische (pilzhemmende) Wirkung nachgewiesen. Charakteristische Anwendungsgebiete sind Husten, Bronchialkatarrh und andere Erkrankungen der oberen Atemwege.
Bei Gastritis und Magengeschwüren wird die Süßholzwurzel ebenfalls angewendet. Die experimentell und klinisch belegte entzündungswidrige und krampflösende Wirkung ist noch nicht vollständig geklärt. Der nachgewiesene entzündungshemmende Effekt der Glycyrrhizinsäure soll jedoch nicht durch eine Hemmung der Prostaglandinbiosynthese, sondern durch Einfluss auf die Wanderung der Leukozyten zum Entzündungsort entstehen.
Herstellung der Lakritze
Bei der Herstellung der Lakritze werden die Inhaltsstoffe aus den Wurzeln extrahiert und eingedickt. Vermischt mit Gelatine, Stärke, Agar, Anis, Fenchelöl, Pektin und Zuckersirup und teilweise Salmiak werden die üblichen Lakritzformen produziert.
Die schwarze Farbe, die Lakritze in der Regel hat, ist künstlich erzeugt.
In den Niederlanden und Skandinavien ist Lakritze (nl. drop, dän. lakrids) stark verbreitet und wird in den verschiedensten Geschmacksrichtungen und Formen als Süßigkeit angeboten. Vor allem wird zwischen süßem (nl. zoet, dän. sød) und salzigem (nl. zout, dän. salted) unterschieden. Hauptsächlich in Skandinavien wird der Lakritze Salmiak beigemischt, welches sehr intensiv im Geschmack ist. Auch in Norddeutschland sind Salmis (Salmiakpastillen) sehr beliebt. In den meisten europäischen Ländern dagegen kennt man ausschliesslich süße Lakritze. Im süddeutschen Sprachraum, in der Schweiz sowie in Österreich wird die süße Lakritze mundartlich häufig auch Bärendreck genannt, weil der Ulmer (später Nürnberger) Süßwarenfabrikant Karl Bär auf viele Lakritzarten teilweise europaweite Patente innehatte.
Lakritze in der Schwangerschaft
Die Studie postuliert einen schädigenden Einfluss von Lakritze in der Schwangerschaft, den es meines Erachtens ernst zu nehmen gilt. Es ist gut belegt, dass Lakritze in hohen Dosen den Umgang des Organismus mit Steroiden beeinflussen kann.
Das Problem stellt sich allerdings deutlich stärker in Skandinavien als in Mitteleuropa, sind doch die im Norden konsumierten Lakritzemengen um ein vielfaches höher.
Es gibt aber auch Leute in Mitteleuropa, die quasi auf einen “Lakritzetrip” kommen und dann diese Süssigkeit täglich in exorbitanten Mengen konsumieren.
Davon würde ich nach dieser Studie mit Nachdruck abraten.
Das ist aber auch nicht empfehlenswert für “Unschwangere”, weil Lakritze in hohen Dosen den Elektrolythaushalt des Körpers beeinflussen und dadurch zu Bluthochdruck, Kopfschmerzen und Ödemen führen kann.
Es gibt jedoch keine Hinweise dafür, dass gelegentlicher Konsum von Lakritze in moderaten Mengen schaden könnte. Das gilt auch für gelegentliches Kauen eines “Süssholzstengels” oder für den Konsum von Süssholzwurzel als Bestandteil einer Hustentee-Mischung.
Die zugeführte Menge an Glycyrrhizinsäure dürfte hier tiefer liegen.
In der Schwangerschaft sieht die Sache jedenfalls für den Lakritze-Konsum aber schon etwas anders aus. Beim ersten Überfliegen des Berichtes im “Aerzteblatt” habe ich gemeint, die angegebene Dosierung von 100g Lakritze sei pro Tag gemeint. So hohe Dosierungen dürften in Mitteleuropa Ausnahmen sein.
Beim genaueren Lesen realisierte ich aber, dass da gar nichts steht von “pro Tag”. Wenn die Dosierung von 100g aber gemeint wäre pro Schwangerschaft, dann bräuchte es sehr wenig für eine mögliche Schädigung.
Klärung bringt hier die Originalpublikation im American Journal of Epidemiology:
“In comparison to the group with zero-low glycyrrhiza exposure (0-249 mg/week), those with high exposure (500 mg/week) had significant decrements in verbal and visuospatial abilities and in narrative memory…. and significant increases in externalizing symptoms and in attention, rule-breaking, and aggression problems…The effects on cognitive performance appeared dose related.”
(Quelle: http://aje.oxfordjournals.org/cgi/content/abstract/kwp272v1)
Negative Einflüsse fand die Studie also in der Gruppe mit mehr als 500mg Glycyrrhizinsäure pro Woche, entsprechend etwa 100g Lakritze wöchentlich.
Das ist nicht so dramatisch wie wenn es schon bei 100g auf die ganze Schwangerschaft gerechnet zu solchen Problemen kommen könnte (was die wörtlich Formulierung im Aerzteblatt nahelegt).
Aber 100 g / Woche ist eine Menge, die eine durchschnittliche Lakritzeliebhaberin durchaus verzehren kann.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse
Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital
Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch
Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch