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"Das Wetter. Der Himmel. Es ist ja wieder bewölkt! Wie kann das möglich sein?" Ich kann mir einfach alles nicht erklären.
Mein Vater versteht mich nicht. Er weiss nicht was ich meine. Ich stehe auf und trete an das grosse Fenster heran. Ein altmodisches, aber wunderschönes Fenster. Die Sonne ist nirgends zu erkennen. Ein grauer Himmel, sonst nichts. Ich sehe den Schutt und die Verwüstung, die der Krieg herbeigeführt hat.
Ich betätige den Fenstergriff und versuche es zu öffnen. Der Griff hat sich schon ein wenig bewegt, als mich mein Vater zurück hält: "Tu das nicht! Du solltest das Fenster nicht öffnen, das ist nur mir erlaubt. Ich habe dieses Zimmer bekommen, weil das hier für mich bestimmt war. Und wenn ich das Fenster in deiner Gegenwart öffnen würde, dann könntest du ernsthaft in Lebensnot sein.", mein Vater schaut mich eindringlich an. "Aber ich versuche es ja gerade zu öffnen, nicht du. Du hast gesagt wenn du es öffnen würdest. Ich verstehe nicht", ich schaue ihn verwundert an. Er schaut genauso zurück. Wie auf Knopfdruck erhellt sich sein Gesicht.
"Du bist meine Tochter und hast meine Gene. Du bist auch in der Lage mein Fenster zu öffnen und in meine Welt einzutreten. Aber ich glaube du solltest es besser nicht ausprobieren. Es könnte trotzdem noch gefährlich sein." Ich lasse meine Hand vom Griff los und drehe mich wieder zu meinem Vater um. Wir machen uns auf die Suche nach meinem Zimmer.
Als wir aus der Zimmertür hinaustreten, bleibt mein Vater plötzlich starr stehen. Ich sehe wie sein Körper bebt.
"Was ist denn los?", frage ich besorgt. Ich trete näher an ihn heran, will ihn abstützen. Doch dann richtet er sich wieder auf und alles ist normal. Ich habe das Gefühl, dass er ein kleines wenig jünger aussieht und da fällt mir auf, dass mein Vater fast gar nicht gealtert ist. Das letzte mal als ich ihn gesehen habe muss so um die zehn Jahre her sein, da war ich ungefähr acht, weshalb er jetzt eigentlich älter aussehen müsste. Mein Vater erklärt mir ruhig: "Dieses Haus hat es an sich. Man altert hier nicht und jedes mal wenn man eine längere Zeit in seinem Raum verbracht hat und ihn dann wieder verlässt, kommt man wieder in das Alter zurück mit dem man den Raum betreten hat."
"Das heisst also, wenn ich das richtig verstehe, dass man in seinem eigenen Raum altert, aber im Haus und anderen Räumen nicht? Was bedeutet überhaupt der eigene Raum?", frage ich.
"Das mit dem Raum wirst du gleich sehen. Und ja du hast richtig verstanden. Ausserdem muss man hier draussen nichts essen oder trinken. Es ist möglich, aber nicht notwendig. Es ist so als würde man in einer Zeit feststecken und keine einzige Sekunde verstreicht. Also hast du nie Hunger oder Durst, wenn du dich hier im Haus befindest. Ausser in deinem Raum, dort ist es lebensnotwendig Lebensmittel zu dir zu nehmen. Deine Lebensmittel, die du mitgenommen hast, könntest du also theoretisch wieder zurückstellen. Aber das ist nicht nötig, weil sich an der Stelle wo du sie weggenommen hast, wahrscheinlich schon wieder etwas neues befindet. Auch dort bleibt die Zeit stehen. Nichts verändert sich. Es ist auch nicht möglich hier draussen Suizid zu begehen, getötet oder Krank zu werden. Nur im eigenen Zimmer ist es möglich zu sterben. Die Wunden heilen hier draussen von selbst und Krankheiten bleiben in dem Stadium in dem sie waren, als man das Haus betreten hat. Wir haben hier schon ganz unterschiedliche Fälle von Menschen im Haus," sagt mein Vater.
Ich habe noch so viele Fragen, also komme ich wieder auf unser Gesprächsthema von vorhin zurück: "Was verbirgt sich denn hinter den Fenstern? Ist dadurch schon einmal jemand verletzt worden?", frage ich meinen Vater neugierig. Zuerst breitet sich Stille zwischen uns beiden aus. Mein Vater schweigt, dann sagt er zögernd: "Quentin ist daran gestorben. Ich habe das Fenster geöffnet, als ich meinem Raum, das erste mal betreten habe. Ich wollte nur ein wenig frische Luft in den Raum lassen. Es hat ihn verbrannt. Am Schluss war er nur noch ein Haufen voller Asche. Wahrhaftig ist er einfach daran verbrannt. Es war so als würde er mit Benzin überschüttet werden und vom Licht verbrannt werden. Aber ohne Benzin. Einfach so."
Mein Vater ist total verwirrt. Ich weiss, dass er noch nie mit jemandem darüber geredet hat.
Ich nehme seine Hand und drücke sie.
"Das tut mir aufrichtig leid. Du konntest nichts dafür, das wusstest du nicht."
"Doch ich trage die Schuld. Ich wusste es zwar nicht, aber trotzdem war ich es, der das Fenster geöffnet hat. Leider habe ich dadurch auch noch Amanda verloren. Sie ist durch den Tod von ihrem Mann Quentin zerbrochen. Danach war ich alleine. Ich kannte niemanden, bis ich dann irgendwann die Leute hier kennen lernte. Ich werde sie dir nachher vorstellen."
Der Gang ist lang und wenn man um jede Ecke geht, dann kommt man am Schluss wieder an den Ausgangspunkt: Die Treppe, mit der ich nach oben gekommen bin. Wir sind schon fast alle Zimmer auf dieser Ebene abgelaufen. Mein Vater läuft zielstrebig voran. Bei jedem Zimmer wirft er einen kurzen Blick auf jede Tür.
"Auf was schaust du?", erkundige ich mich bei ihm.
"Jeder im Haus bekommt ein Zimmer. Wenn ein Neuling das Haus betritt wird ihm automatisch ein Zimmer zugewiesen. Der Name steht dann auf der Wand über der Tür", antwortet er.
Das ist mir bisher noch gar nicht aufgefallen. Ich habe mich die ganze Zeit gewundert, weshalb mein Vater so zielstrebig durch das Haus läuft. Aber jetzt wird mir alles klar. Ich halte ebenfalls die Augen nach meinem Namen offen.
Auf einmal sehe ich ihn.