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Notanden über erratische Erscheinungen im Rheingebiet
Von Friedr. v. Salis, Ingenieur.
A. Gebiet des Vorderrhein.
Tavetsch und Medels entsandten in das untere Rheingebiet: Granit, Gneiss, Granitgneiss, grüne Schiefer u.a. m.
Rei Acletta ( Disentis ) haben ehemalige Gletscher gewaltige Geschiebsmoränen von Granit und Gneiss zurückgelassen, Schuttwälle, wie man sie nicht leicht anderswo in solcher Mächtigkeit sieht.
Der linkseitige Abhang von Disentis bis Brigels und darüber hinaus ist mit grossen Granitblöcken übersäet. Vorzüglich zahlreich finden sich dieselben auf dem Plateau zwischen Brigels und Andest 1300 bis 1400 m über Meer.
Aus der Gegend von Truns, Puntaiglas und Piz Nèr stammen die sehr charakteristischen Puntaiglas-Granite und schwarzen Syenite, welche in grossen Höhen am linken Abhänge hie und da vorkommen;
unter anderem in Kunkels, auf dem Calanda 2040 m il. M. und bis nach dem Kanton St. Gallen und Appenzell. Meine Sammlung enthält ebenfalls ein Stück aus dem Bette der Goldach.
Die Val Zavragia liefert Verrucano und bunte Schiefer, und finden sich hievon mancherorts am rechtseitigen Abhänge grosse Blöcke, namentlich so auf Alp über Obersaxen 1500 m ü.M. Ebenso ein grösser Block bei der Versamer-Brücke, Bonaduzerseits.
Auf der Terrasse von Obersaxen und Flond sind die erratischen Gesteine, worunter Puntaiglas-Granite, in grösser Menge anzutreffen. Puntaiglas-Granite nahmen auch den Weg nach dem Glenner-Gebiet, woselbst solche an der Strasse, südlich von Luvis, sich vorfinden. Woher diese auf der rechten Seite vorkommenden Granite herrühren, kann nicht mit Bestimmtheit angegeben werden, es erscheint jedoch wahrscheinlich, dass eine gleiche Species wie am Piz Puntaiglas auch im Yal Cristallina anstehe. Unter den von mir gesammelten Medelser-Graniten sind solche, die ihm nahe stehen.
Auf dem Gottesacker in Luvis, 1000 m hoch, begegnet man einem grossen Granitblock, der muthmasslich vom Lukmanier oder der Greina abstammt und in seiner obern Kante eine ausgemeisselte Vertiefung enthält, welche wahrscheinlich als Behälter für Weihwasser gedient hat, oder veilleicht gar heidnischen Ursprungs ist.
Granitische Findlinge sind ebenfalls ziemlich häufig zwischen Flond und der Ilanzer-Begräbnisskirche St. Martin.
In auffallend grosser Anzahl und in schönen, grossen Exemplaren finden sich Gneisse abgelagert zwischen Meierhof und dem Grat gegen Piz Mundaun auf der Alp von Obersaxen u. s. w. in der Höhenzone von 1600—1700 m ti. M.
Auf der Ostseite des Piz Mundaun kommt in gleicher Höhe nichts Erratisches vor, weil daselbst, ohne Zweifel nach der Eiszeit, die Erdoberfläche gegen den Glenner zu abgerutscht ist.
Auf dem Plateau von Ober-Castels liegen dagegen von Vals herstammende Gneissblöcke in unzähliger Menge und sind die an der Lungnetzerstrasse, Furth-Yalgronda-Villa, verwendeten Geländersäulen aus dortigem Lager bezogen worden.
Von dem bei Buccarischona ( Vals ) durchsetzenden weissen Marmor findet sich erratisch nicht viel vor; ( bei Furth ein Stück notirt ).
Dieses mächtige Marmorband bildet die Grenze und den Uebergang von dem Bündnerschiefer zu den krystallinischen Gesteinen. Innerhalb desselben erheben sich die Granite und Gneisse etc. bis in die höchsten Höhen; hievon finden sich noch Ueberreste in Valendas und Versam. Zwischen diesen beiden Ortschaften thürmen sich mächtige Schuttwälle von Dolomitgestein auf, welche ihren Ursprung einem ausgedehnten, nach der Eiszeit eingetretenen Bergsturz vom Vorab und dem Piz Segnes herab verdanken und den Rhein und den Safierbach ( Rabiusa ) zu einem Seebecken aufstauten. Von Laax bis Trins werden aus obigen Gründen keine Findlinge angetroffen.
Puntaiglas-Granite kommen auch noch vor auf dem ausgedehnten Plateau zwischen der Weihermühle und dem Dorfe Rhäzüns.
B. Gebiet des Hinterrhein ( uebst Plessur und Lamlqaart ).
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Hier ist die Mannigfaltigkeit der Thalverzweigungen, wie auch diejenige der vorkommenden Felsarten eine weit grössere.Von dem im Rheinwald und Schams anstehenden Protogin begegnen wir zahlreichen Exemplaren auf beiden Thalabhängen bis Reichenau. Eine Unzahl grösser Blöcke liegen am Rande der Nollaschlucht in der Untergemeinde Tschappina auf circa 1600 m ü. M. Der ganze Heinzenberg und das Domleschg zählen grosse Mengen hievon bis in eine Höhe von 2000 IQ ü. M.: Alpetta am Heinzenberg und Alp Danis gegenüber.
Ein auf dem Gebirgsgrat vom Piz Curvèr gegen Mutten anstehender Gabbro entsandte bis 100 Cub.M. messende Blöcke nach dem Ausläufer von Obermutten 1900—2000 m ü.M. Yon der gleichen Felsart liegen auch mächtige Blöcke im Rheinbette bei der Ausmündung des Reischenbachs, in der Via Mala und bei Rongellen.
Das am Staffel Mutten gefundene Stück weissen Marmors kann vom Splügnerberg oder von Avers herstammen, oder aber auch aus Val Faller oder vom Piz Scalotta herrühren, und den direkten Thalweg gegangen sein, während es anderseits den Weg über Obermutten dahin genommen haben müsste.
Auf Mutten-Staffel mit circa 1700 m Höhe werden eine grosse Masse mächtiger Findlinge angetroffen, be- sonders krystallinische Gesteine, Granite, Gabbro, grüne Schiefer u. s. w. Erstere rühren her vom Septimer, der Gabbro von den Höhen über Stürvis und die grünen Schiefer vom Piz Piatta.
In Mutten wurde auch ein Gabbro mit Diallag gefunden, wie ich ihn ebenfalls über Salux in Sars gesammelt habe. Diese Exemplare werden daher wahrscheinlich von den Gab- brolagern in Ferrera und Val Nandrö abstammen.
Die Gegend unter und über Salux, bis 1700 m ü.M., bietet eine Musterkarte von erratischem Gestein. Daselbst finden sich Saussurite, Conglomerate, grüne Schiefer, Kalkblöcke und weisser Marmor u.a. m. und kommen die Saussurite vom Septimer und der weisse Marmor vom Val Faller und Piz Scalotta.
Bei Tiefenkastels kommen grossartige Geschiebsmoränen und viele Findlinge vor, überhaupt ist das Thal von Mutten bis Wiesen reich an erratischen Findlingen aller Art. Die daselbst vorkommenden grünen Granite und Saussurite brechen vom Piz Err und der linken Albulaseite, rothe Verrucano-Conglomerate und grüne und rothe Quarzporphyre von Bergün, dem Sandhubel und der Maienfelder-Furka.
Die weissen grossblätterigen Gneisse vom Weiss horn, am Fluelapass und dem rechtseitigen Kamme ob Davos-Dörfli, trifft man schon in grosser Menge bei der Thalverengung unter Glaris in den Zügen. Sie kommen ferner vor in Beifort, auf der Lenzerhaide und auf dem Joch 2010 m il. M.
Verschiedene grosse Trümmer der schönsten Hornblende auf der Lenzerhaide ( höchster Punkt der Strasse 1540 m ü. M. ) rühren her vom Schwarzhorn in Dischma ( Davos ) oder, was wahrscheinlicher ist, vom Parpaner Rothhorn.
Im Rabiusathal sind die rothen Verrucano-Conglo-merate, die graugrünen Quarzporphyre und die Granite sehr häufig. Letztere können vom Albula oder vom Schwarzhorn über Churwalden kommen.
Das Vorkommen von Graniten und Saussuriten auf
m'der Alp von Scheid 1900 m, dem Malixerberg 1960 m
und den Spontisköpfen 1900™ ü. M. legt davon Zeug-
niss ab, dass der Stätzergrat als eine Insel aus dem
einstigen Eismeer emporragte.
Auf Brambrüsch ob Chur 1600 m habe ich Gabbro-mitDiallag, gleich demjenigen von Mutten und Salux gefunden.
Bei der Ausmündung des Plessur- und des Rabiusa-thales in die Rheinebene haben sich " ebenfalls mächtige Ablagerungen von Geschiebsmoränen gebildet. Man erinnere sich an den Rosenhügel, die Schuttmassen vom Mühlerain gegen Passugg, den Grosstommahügel bei Maladers u.a. m.
Das Thal Schanfigg ist desgleichen sehr reich an erratischen Geschieben sehr verschiedener Grosse und Beschaffenheit. Diorite, Spilite, Variolite kommen vom Hörnli westlich von Arosa, Serpentin und weisser Marmor aus der Churer-Alp ( Arosa ), bunte Schiefer, Verrucano, rothe und grünliche Quarzporphyre und rothe Verrucano-Conglomerate aus dem Welschtobel und von der Maienfelder-Furka, Granit, weisser Kalk und Serpentin von dem Davoser-Gebirge des obern Theils.
Ein bei Guscha ( Gemeinde Fläsch ) 1240 m ü. M. gefundener Dioritporphyr stammt wahrscheinlich aus Arosa.
Es mag hier noch Erwähnung davon geschehen, dass an der Maienfelder-Furka, Aroserseite, unweit der Passhöhe 2300-2400 m eine mächtige ausgedehnte Seitenmoräne vorkommt und aus verschiedenen Geschieben zusammengesetzt ist unter denen Kalk und Conglomerate vorherrschen. Jenseits des Grates in der Kummeralp auf der Höhe von 2350 m hat sich dagegen eine gewaltige Endmoräne von Verrucano-Conglomeraten abgelagert.
In das Landquartgebiet und weit über dasselbe hinaus schickten die vielen Spitzen des Silvretta-gebirges die bekannten gelblichweissen Gneisse und Glimmerschiefer. Das bedeutendste Lager hievon sieht man an dem Wege von Luzein nach St. Antönien auf der Rüti 1300-1400 m ü.M., woselbst solche Trümmer in Masse liegen: höchstes Vorkommen dieser Findlinge am Kreuz zwischen St. Antönien und Schiers.
Die äussersten Wanderblöcke von den Silvretta-gneissen begegnete ich auf dem Fläschberg und auf Guscha 1220 m ü. M. '
Die Uebereinstimmung in dem Vorkommen massenhafter Ablagerung grosser Felsblöcke in der Höhenzone von 1600-1700 m — Obersaxen, Salux, Mutten — deutet mit Bestimmtheit darauf hin, dass die Oberfläche der Gletscherströme im Rheingebiet durch viele Jahrhunderte, ja Jahrtausende, auf jener Höhe sich erhalten habe. Ohne den Verhältnissen Zwang anzuthun, kann angenommen werden, dass auch die Lager von Brigels, Tschappina und Pany sich in der gleichen Höhenzone befunden haben und in Folge Senkung der Unterlage der Standort ein anderer geworden sei.
Die höchste Erhebung der Gletscheroberfläche kann für das Churerthal auf die Höhe von 2100 m festgesetzt werden. Auch auf dieser Höhe müssen die Gletscher der Eiszeit mindestens während einer Dauer von 400-500 Jahren gestanden haben, um dem auf der Haldensteiner-Alp vorfindlichen Puntaiglas-Granite die erforderliche Zeit für seine Reise anberaumen zu können.
Zu Vervollständigung dieses Materials zu Anfertigung einer Gletscherkarte für das Rheingebiet beliebe man die im Jahrbuche VIII niedergelegten Aufzeichnungen über Gletscherschliffe u. s. w. nachzulesen.