Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03607.jsonl.gz/1503

ZUM MELODRAMMA COMICO: «IL VENTAGLIO» (UA: 1831)
Der Inhalt ist rasch erzählt: Die junge Barbara lässt einen Fächer (ventaglio) fallen, der dabei entzwei geht. Ihr Liebhaber Evaristo kauft sofort einen neuen, traut sich aber nicht, ihn der Angebeteten zu überreichen, da diese ständig in der Obhut der wachsamen Tante steht. Deshalb bittet er die kecke Marinella, den Postillon d’amour in seinem Namen zu spielen. Als Gegenleistung verspricht er ihr, sich bei ihrem Bruder Moracchio dafür einzusetzen, dass sie endlich ihren Schuhmacher Crespino heiraten kann. Allerdings hat auch der Wirt Valentino ein Auge auf Marinella geworfen; er und Crespino versuchen nun den anscheinend einflussreichen Professore Roccamonte als Fürsprecher bei Barbaras Tante zu gewinnen, was dieser, schlitzohrig wie er ist, beiden gleichzeitig verspricht.
Als Marinella und Evaristo sich zu nächtlicher Stunde für die Übergabe des Fächers treffen, werden sie von der ganzen Dorfgemeinschaft heimlich beobachtet, was eine Flut von Verdächtigungen, Verleumdungen, Eifersuchtsszenen bis hin zu Handgreiflichkeiten führt. Im Tumult geht der harmlose Fächer, Auslöser des Tumults, verloren. Er wird anderntags von Roberto, einem weiteren Bewerber um Barbaras Gunst gefunden. Ebenfalls mit der Protektion des Professors hält er bei der ältlichen Tante um die Hand der Nichte an und setzt den Fächer als Brautgabe ein. Doch die alte Dame bezieht den Antrag auf sich selbst, was zu erneuten Missverständnissen und Ärger führt. Doch wie es sich für eine Opera buffa gehört, gelangt der Fächer schliesslich doch noch in die Hände Barbaras. Ebenso findet sich ein Dokument, dass bestätigt, dass Marinella entgegen der Vorstellung ihres Bruders Morrachio ihren Gatten frei wählen darf: den Schuster Crespino. Zurück bleiben am Ende zwei glückliche Paare und einige frustrierte Akteure, die leer ausgehen, sich aber mit einer opulenten tavolata all’italiana trösten.
Musikalische Probe zu «II ventaglio» im Sommer 2019
Il ventaglio wurde am 19. April 1831 in Neapel im Teatro Nuovo uraufgeführt, jenem Theater, das im Gegensatz zum aristokratischen San Carlo mehrheitlich volksnahe und komödiantische Werke auf die Bühne brachte. «Il risultato – un trionfo», schrieb ein zeitgenössischer Kritiker nach der Première. Il ventaglio ist Raimondis einzige Oper, die einen wirklich durchschlagenden Erfolg verzeichnen konnte, den sie nicht zuletzt ihren überaus spritzigen und temporeichen Ensembles verdankt – «nicht Mozart, nicht Cimarosa, nicht Rossini, sondern von allen dreien ein wenig, ausgeführt mit exquisiter Delikatesse», wie ein anderer Kritker ausführte.
Domenico Gilardoni hat das sprachlich überaus gelungene Libretto aufgrund einer Komödie von Carlo Goldoni verfasst. Dieser hatte das Theaterstück ursprünglich unter dem Titel L’éventail 1763 für Paris geschreiben und es 1765 in Venedig – nun in !taliensich und mit durchschlagendem Erfolg – zur Aufführung gebracht. Originaler Schauplatz ist ein norditalienisches Kaff, in der aktuellen Inszenierung der FREE OPERA COMPANY wurde es zum mediterraner Badeort und aus der Dorfgemeinschaft eine Schar Sommerfrischler, denen jede Abwechslung, und sei sie noch banal, willkommen ist.
Bruno Rauch
Frontispiz des Librettos, 1865