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Häuser, Häuser, Häuser. Kleine und grosse, bescheidene und prächtige, mit luftigen Veranden und sauber gekehrten Vorplätzen, papierbespannten Fensteröffnungen und weit ausladenden Dächern, eine unübersehbare Flut von ineinandergeschobenen, verschränkten, in ihrem Auf und Ab erstarrten Wogen aus Holz, Schilf und Stroh. Breite Strassen, enge Gassen, weite Plätze, Tempelanlagen mit Gärten, manche von ihnen grün und lieblich, andere karg und streng, bestehend aus einer Fläche Sand, in den man mit einem Rechen schnurgerade Furchen gezogen hatte, und einigen mit Bedacht hineingepflanzten Steinbrocken.
Handwerkstuben, Papierschöpfereien, Schnitz-, Schmiede- und Schreibwerkstätten, Sake-Brennereien, Algenröstereien, Sojabrauereien, einfache Gaststuben, vornehme Teehäuser und zwielichtige Schenken, Strassenverkäufer, Arbeiter, Beamte und Gelehrte, Frauen und Kinder, Karren mit Früchten, Stoffballen, Reis, Holz und vielem mehr. Und diese Stimmen, dieses Plappern, Rufen und Schreien, dieses betriebsame Summen, Rädern, Hämmern und Klopfen, ohne Unterlass die Ohren bedrängend: So empfing mich Kyoto, die altehrwürdige Kaiserstadt, als ich sie am Nachmittag des nächsten Tages erreichte. Ich war zum ersten Mal hier, und was ich vorfand, war eine riesige Stadt aus Holz, Bambus, Stroh und Papier, möglichst leicht gebaut, damit sich ein Strassenzug nach einer allfälligen Feuersbrunst rasch wieder aufbauen liess.
Die Burg Nijo hatte ich schnell gefunden. Alle Strassen schienen dort, am Brennpunkt der Macht, zusammenzukommen. Die Anlage war gewaltig und von einem Wassergraben sowie einer hohen Mauer umgeben, die von den mächtigen Giebeln der Paläste im Innern überragt wurde wie von den Schwingen ungeheuerlicher Urvögel. Viel konnte ich nicht sehen, aber was ich sah, war nicht das Werk eines feinsinnigen Herrschers, sondern eines Machtmenschen, wuchtig, bedrohlich und hochfahrend.
Als genau das war die Burg vor wenigen Jahren denn auch erbaut worden: als Symbol der Macht, die der Kriegsherr Tokugawa Ieyasu dem Kaiser in langen Kriegen entrissen hatte. Nun herrschte der Kriegsherr als siegreicher Shogun über das Reich der aufgehenden Sonne, als wäre er der rechtmässige Tenno.
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(Hans Herrmann, aus «Schwertmeister», Bonsai-Thriller aus dem alten Japan, Neobooks, 2016)