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11. April: Osterei I
Auf CNN kam die Meldung, dass in Südkorea, wo relativ gesehen am meisten Tests durchgeführt werden, die Gesundheitsbehörden melden, dass Leute positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden, die Covid-19 bereits durchseucht haben. Das würde bedeuten, dass die Herdenimmunitätstheorie in arge Argumentationsnöte käme.
Aber genau solche Meldungen sind problematisch, denn sie sind weder bestätigt, noch kennt man die genauen Zusammenhänge und morgen wird die Beobachtung vielleicht widerlegt (Kathrin Röggla über Prognosen). Aber irgendeiner wird sich schon finden, der diese Nachricht in den News-Beschleuniger wirft, wo sie x-Mal wiedergekäut und modifiziert wird, bis sie dereinst in einer dubiosen Verschwörungstheorie (die einzige wahre Verschwörungstheorie) eines abstrusen Sonderlings zu neuem Leben erweckt wird (Kuriositätenkabinett).
13. April: Osterei II
In der NYT schreibt der Epidmiologe Marc Lipsitch, dass die Datenlage noch zu dünn sei, um festzustellen, inwiefern Menschen, die auf SARS-CoV-2 getestet wurden, nicht wieder angesteckt werden können und wenn nicht, wie lange allenfalls ein Immunschutz halten würde. Zudem weist er auf die Befunde in Südkorea hin: »Eine Sorge hat mit der Möglichkeit einer Reinfektion zu tun. Südkoreas Centers for Disease Control and Prevention berichtete kürzlich, dass 91 Patienten, die mit SARS-CoV-2 infiziert waren und dann negativ auf das Virus getestet wurden, später wieder positiv getestet wurden. Wenn es sich bei einigen dieser Fälle tatsächlich um Reinfektionen handelte, würden dies Zweifel an der Stärke der Immunität aufkommen lassen, die die Patienten entwickelt hatten. Eine alternative Möglichkeit, die viele Wissenschaftler für wahrscheinlicher halten, besteht darin, dass diese Patienten mitten in einer laufenden Infektion einen falsch-negativen Test hatten oder dass die Infektion vorübergehend abgeklungen war und dann wieder auftrat. Südkoreas CDC arbeitet nun daran, den Wert all dieser Erklärungen zu bewerten.«
14. April: Osterei III
Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité ist – man konnte es überall lesen – zum Lieblingsfachmann geworden, der des Öfteren detailliert Auskunft über die verschiedensten Fragen hinsichtlich des Coronavirus gibt. Im Podcast Nummer 31 des NDR vom 14. April 2020 zeichnet er über das Problem der Wiederansteckung ein plastisches Bild. Covid-Patienten scheiden mit zunehmender Dauer der Krankheit die Viren wieder aus, die Anzahl sinkt vor allem ab der zweiten Woche wieder. Die Patienten erholen sich und können wieder nach Hause, sie gelten als gesund. Nun hat man in Südkorea vier bis sieben Tage nach der Entlassung aus dem Spital, die Patienten, die negativ waren, wieder getestet und manche waren positiv. Man könne das, so Drosten, mit einem Planschbecken mit Goldfischen vergleichen, wobei die Goldfische die Viren darstellen. Zu Beginn der Krankheit sei das Planschbecken voll mit Fischen. Wenn nun getestet wird, sei das, wie wenn man mit verbundenen Augen einen Eimer voll Wasser aus dem Becken schöpft. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Goldfische darin tummeln, ist groß. Wird das Prozedere eine Woche später wiederholt, sind nicht mehr so viele Goldfische im Becken, im Eimer demzufolge auch nicht mehr, und noch eine Woche später ist es vielleicht sogar wahrscheinlicher, dass keine Goldfische aus dem Becken gefischt werden, obwohl noch ein paar wenige herumschwimmen. Nochmals eine Woche später kann es aber vorkommen, dass sich einer der wenigen verbleibenden Fische im Eimer befindet. Jeder Test ist immer auch ein zufälliges Bild.
24. April: Osterei IV
Für die weitere Lockerung der Maßnahmen ist es wichtig zu wissen, ob Antikörper-Tests verlässliche Daten liefern. Die NYT meldet, eine noch nicht überprüfte Studie der UCSF, UC Berkeley, des Chan Zuckerberg Biohub und des Innovative Genomics Institute komme zum Schluss, dass von 14 untersuchten Antikörper-Tests, die im Umlauf sind, lediglich drei befriedigend sichere Daten liefern. Und sogar nur ein Test habe nie ein sogenannt falsch-positives Resultat angezeigt. Das heißt, es wurden Antiköper registriert (also positiv getestet), obwohl die Personen keine solche hatten.
25. April: Osterei V
Die WHO tweetet, dass wissenschaftlich noch keine verlässlichen Erkenntnisse verfügbar sind, inwiefern Menschen, die von Covid-19 genesen sind, vor einer weiteren Erkrankung geschützt sind. Auf der Webseite referiert die Weltgesundheitsorganisation etwas ausführlicher über neue Untersuchungen. Sie wertet in ihrem Bericht 16 Studien aus, die meisten davon aus China. Wie hoch das Schutzniveau ist und wie lange die Antikörper wirken, ist den Resultaten zufolge noch unklar. Für Immunitätspässe und Risikofrei-Zertifikate sei es definitiv zu früh. Eine garantierte Versicherung dank Antikörper gibt es noch nicht.
8. Mai: Osterei VI
In einer noch nicht von Experten geprüften Untersuchung des Virologen Florian Krammer der Icahn School of Medicine in Mount Sinai (NY) wurde festgestellt, dass alle, die an Covid-19 erkrankt sind, Antikörper produzieren und gegen eine Neuansteckung geschützt sein dürften. Wie lange diese Immunität anhält, ist aber noch nicht bekannt. Die neue Studie ist mit 1343 untersuchten Personen in und um New York City die mit Abstand größte zu diesem breit diskutierten und wichtigen Thema. Die Menge der Antikörper ist nicht abhängig vom Alter oder vom Geschlecht, und auch Menschen, die nur leichte Symptome hatten, produzierten genügend Antikörper. Der Anteil der falsch-positiven Ergebnisse konnte laut Florian Krammer mit dem von ihm verwendeten Test auf eine Wahrscheinlichkeit von weniger als 1 Prozent minimiert werden. (Quelle NYT)
15. Mai: Osterei VII
»Hinweise sprechen gegen dauerhafte Immunität«
Eine deutsche Studie hat in »Labortests festgestellt, dass zwei von acht Personen derzeit keine neutralisierenden Antikörper gegen SARS-CoV-2 mehr besitzen.« Untersucht wurde eine Gruppe von Patienten, die in Januar positiv auf SARS-CoV-2 getestet worden ist und regelmäßig nachuntersucht wird. Ob also ein Immunitätsausweis wirklich die Rolle erfüllt, für die er gedacht ist, ist fraglich. Allerdings würden bei einer Infektion Gedächtniszellen (B-Zellen) gebildet, die das Blut nach Erregern kontrollieren und – bei Befall – sofort den Befehl zur Produktion von Antikörpern geben. Das könnte dazu führen, dass – laut Virologin Isabella Eckerle der Universität Genf – bei einer Reinfektion eine eher milde Form durchseucht werden muss. Die zweite körpereigene Waffe, die nach einer ersten Infektion ebenfalls im Immunsystem gespeichert wurde, sind die T-Zellen. Sie kommen erneut zum Einsatz, um die Viren zu vernichten. Allerdings ist noch nicht bekannt, wie lange diese T-Zellen im System bleiben. Vergleiche mit anderen Coronaviren seien schwierig, die Immunität mit Antikörpern bei normalen Erkältungsviren halte zwei Jahre an. Eckerle fügt noch an, dass bei Infektionen, die eher lokal bleiben und entsprechend lokal bekämpft werden, das Immunsystem nicht so gut stimuliert wird, wie bei einer systemischen Infizierung. Das könnte auch bedeuten, dass Patienten, die nur milde vom Virus getroffen wurden, eventuell weniger Antikörper produziert haben, das heißt, dass schwer Erkrankte vielleicht von einer erhöhten Antikörperproduktion profitieren könnten. Die Antikörperfrage bleibt also ungeklärt.
19. Juni: Osterei VIII
In einer chinesischen Studie wurden 37 Leute im Distrikt Wanzhou, die einen symptomlosen Verlauf von Covid-19 durchlebt haben, auf Antikörper getestet. Nach zwei bis drei Monaten konnten bei 40 Prozent der Patienten diese Antikörper kaum mehr nachgewiesen werden. In einer gleich großen Kontrollgruppe, die einen stärkeren Verlauf hatte, wiesen nur 13 Prozent der Patienten keine Antikörper auf, schreiben die Forscher auf Nature Medicine. Die Anzahl der untersuchten Probanden ist zwar klein, dennoch deutet das Ergebnis darauf hin, dass Immunitätszertifikate keine Sicherheit bieten.
Eine zweite Studie aus China, die auf nature publiziert wurde, kommt zum Schluss, dass auch eine tiefe Konzentration von Antikörpern das Virus neutralisieren kann. »Zwischen 20 und 50 Prozent der Infizierten zeigen möglicherweise nie äußere Anzeichen der Krankheit«, schreibt die NYT. Gleichwohl zeigen sich bei einem Drittel der Probanden Anormalitäten im Blut, in Zellen und in den Lungen. Also sind Spuren eruierbar, ohne dass ein Kranksein verspürt wurde. Zudem konnten Patienten mit asymptomatischem Verlauf die Viren besser horten. Dass sei interessant, sagt die Virologin Angela Rasmussen der Columbia University, weise dies doch darauf hin, dass asymptomatische Patienten sehr wohl fähig sind, das Virus zu verbreiten. Die Immunbiologin Akiko Iwasaki der Yale University sagt gegenüber der NYT: »Diese Berichte unterstreichen die Notwendigkeit, starke Impfstoffe zu entwickeln, da die Immunität, die sich auf natürliche Weise während der Infektion entwickelt, bei den meisten Menschen suboptimal und kurzlebig ist.«
Nachtrag 1 vom 30. Januar 2021: Nicola von Lutterotti fasst in der NZZ kurz den Stand der Forschung bezüglich der Zweitansteckung zusammen. Schon seit langer Zeit stellt man sich die Frage, wie lange eine durchstandene Infektion mit den dabei gebildeten Antikörpern vor einer zweiten Ansteckung schützt. Die Ergebnisse sind bis jetzt noch nicht eindeutig. Ein wichtiger Aspekt dabei ist, wie lange die Antikörper wirken. Positiv stimmt eine Studie aus Katar. Der Wüstenstaat ist von der ersten Welle ziemlich hart getroffen worden ist. Datengrundlage sind 133’000 infizierte Personen. Von diesen Personen haben sich 15’000 Probanden eineinhalb bis vier Monate später erneut testen lassen. Dabei fielen 243 Fälle positiv aus. Die Studienautoren der Cornell University in Doha berechneten aufgrund äußerer (hier nicht ausgeführter) Umstände, dass es sich bei 54 Fällen um eine Reinfektion handelt. Das sind 0,02 bis 0,03 Prozent. Die meisten Infektionen verliefen asymptomatisch bis mild. Eine Untersuchung der Oxford University kam zu vergleichbaren Resultaten. Hier ließen sich 6’600 Spitalangestellte fünf Monate nach einem positiven Befund erneut testen, 44 Tests waren positiv. Bei zwei Probanden war eine Reinfektion wahrscheinlich, bei den anderen möglich (bei den restlichen wurden vermutlich noch Viren von der Erstinfektion festgestellt, das lässt sich nicht so genau feststellen; siehe Goldfischvergleich von Drosten). Nach überstandener Infektion, so die Forscher, geht von den Probanden eine geringe Ansteckungsgefahr aus. Bei beiden Studien waren die getesteten Personen eher jung.
Noch keine schlüssigen Ergebnisse gibt es bezüglich der Anzahl gebildeter Antikörper nach einer durchgemachten Erkrankung. Gemäß einer Studie am MIT in Cambridge (USA) gibt es Hinweise, dass ein schwerer Verlauf eher dazu führt, dass mehr Antikörper gebildet werden. Das deckt sich auch mit anderen ersten Beobachtungen. Die Virologin Alexandra Trkola vom Unispital Zürich sagt, dass Antikörper von anderen Coronaviren, die Erkältungskrankheiten auslösen, etwa ein Jahr wirken. Wie es mit SARS-CoV-2 steht, muss noch untersucht werden, es könnte sich aber in einem ähnlichen Rahmen bewegen. Sie geht davon aus, dass nach einer starken Erkrankung der Immunschutz länger hält. Problematisch sind, so Trkola, Mutationen, wie sie in Manaus gefunden wurden. Die Viren entkommen den Antikörpern und können zu einer erneuten Infektion führen. »Aufgrund der vielen Unwägbarkeiten gilt es gemeinhin als riskant, Personen mit überstandener Infektion gleichsam einen Freipass für Unbeschwertheit auszustellen«, schreibt von Lutterotti.
Nachtrag 2 nach Ostern 2021: Auch im Mai 2021 ist es noch nicht ganz klar, wie lange der Schutz durch Antikörper und andere Abwehrzellen (B- und T-Zellen) hält. Dasselbe gilt für die Impfung. Es gibt dazu verschiedene Forschungsergebnisse. Zum Teil widersprechen sie sich, zum Teil unterscheiden sich die angewendeten Methoden, so dass die Resultate nur schlecht miteinander verglichen werden können. Vermutlich lässt es sich nicht generell vorhersagen, wer wie lange geschützt ist. Die Immunsysteme reagieren unterschiedlich. Bei den einen hat die Anzahl Antikörper nach drei bis sechs Monaten stark abgenommen, bei anderen nicht. Nicht alle Untersuchungen messen die gleichen Antikörper und/oder weisen sie anders aus und/oder benutzen andere statistische Verfahren. Das führt zwangsläufig zu unterschiedlichen Interpretationen, sagte der Immunologe Christian Münz von der Universität Zürich gegenüber der NZZ bereits am 12. November 2020. Zudem könnte ein Zusammenhang bestehen zwischen der Schwere der Erkrankung und der Stärke des dabei aufgebauten Schutzes. Aber auch diesbezüglich gibt es noch nicht genügend Beweise. Und dann könnten die B- und T-Zellen einen Teil der Schutzfunktion wahrnehmen (Virenreise). Gerade die B-Zellen könnten dafür sorgen, dass das Immungedächtnis aktiv bleibt. Es bestünde, so Münz, nicht nur die Chance, dass die Symptome bei einer Zweitinfektion schwächer ausfielen, sondern auch, dass das Virus in geringerer Menge und über kürzere Zeit ausgestossen werde. Das bedeutet auch, dass diese Personen weniger ansteckend sind. Am Universitätsklinikum Tübingen kam eine Untersuchung zum Schluss, dass ebenfalls die T-Zellen enorm wichtig sind und häufig einen längeren Schutz bieten als die Antikörper. Die Anzahl Antikörper sinkt oftmals nach sechs Monaten auf ein Maß, dass sie die Viren kaum mehr erfolgreich neutralisieren können. An ihre Stelle treten nun die T-Zellen. Diese erkennen gewisse Virusbestandteile auf den befallenen Zellen und bekämpfen sie. Die T-Zellen wurden jedoch nicht bei allen Probanden in gleicher Anzahl entdeckt (Vgl. hierzu auch Immunität).