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Drei Kantone, zwei Länder und ein Fluss: Zwischen Stein am Rhein und Schaffhausen trennt der Rhein nicht nur Deutschland und die Schweiz, sondern fliesst teils auch entlang der Kantonsgrenzen von Thurgau, Schaffhausen und Zürich. In der Vergangenheit führte der verzettelte Grenzverlauf nicht selten zu Unklarheiten und Verwechslungen, wie zum Beispiel bei der Bombardierung von Schaffhausen am 1. April 1944. Zwischen Öhningen (D) bei Stein am Rhein und Schaffhausen überquert man auf der rund 22 Kilometer langen Strecke fünfmal die Landesgrenze, ohne einen einzigen Zoll zu passieren.
Einen besonderen Fall bezüglich Grenzen stellen das kleine Thurgauer Städtchen Diessenhofen und seine Umgebung dar. Die älteste erhaltene urkundliche Erwähnung als alemannische Siedlung «Deozincova» stammt aus dem Jahr 757. Priester Lazarus schenkte damals dem Kloster St. Gallen diesen Weiler. Lucia Angela Cavegn betreut als Kulturbeauftragte der Stadt Diessenhofen das Museum «kunst + wissen» und befasst sich intensiv mit der Geschichte des Orts. «Diessenhofen besitzt trotz seiner nur rund 4000 Einwohnenden das Stadtrecht», erklärt sie. Graf Hartmann III. von Kyburg hatte den Ort im Jahr 1178 zur Stadt erhoben.
Als Grenzort unter Beschuss
Nach zehntägiger Belagerung wurde Diessenhofen 1460 im Zuge der Eroberung des Thurgaus von den Eidgenossen eingenommen. 1798 wurde der Bezirk dann – zur Zeit der Helvetischen Republik – dem Kanton Schaffhausen angegliedert. Dieser wurde 1800 durch österreichische Truppen besetzt, was vorübergehend den Verkehr mit den helvetischen Behörden verhinderte. Das führte am 6. Juni desselben Jahres dazu, dass der Bezirk Diessenhofen endgültig dem Kanton Thurgau zugeteilt wurde.
Während des Zweiten Koalitionskriegs (1799–1801) und des Zweiten Weltkriegs stand der Grenzort immer wieder unter Beschuss. So wurde die 1292 erstmals erwähnte Holzbrücke über den Rhein mehrmals schwer beschädigt. Sie steht noch heute als Verbindungsbrücke zwischen dem deutschen Gailingen und der Schweiz – und wird im Sommer zum Schauplatz für mutige Brückenspringer.
Verschieben der Grenzen
Der Grenzverlauf wurde auch in der jüngeren Geschichte mehrfach geändert. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, zur Zeit Napoleons dem Ersten, sollten die Grenzen schliesslich bereinigt respektive vereinfacht werden. Diesbezüglich gab es verschiedene Abkommen, Notenwechsel, Protokolle und Staatsverträge. Die Bestrebungen blieben aber ohne Erfolg. Auch die Gespräche bei den Pariser Friedensverhandlungen und dem Wiener Kongress von 1814/1815 über die Grenzverhältnisse zwischen dem Kanton Schaffhausen und dem Grossherzogtum Baden, dem damals einzigen Nachbarn des Kantons, brachten keine Lösung.
Erst im März 1839, nach Napoleon, gelang es, in einem zwischen der Schweiz und dem Grossherzogtum Baden abgeschlossenen Vertrag einige unhaltbare Grenzfragen zu beseitigen. «Darin wurden Gebietsabtretungen geregelt und der Grenzverlauf in eindeutiger Weise festgelegt», sagt Lucia Angela Cavegn.
Rebberge im Wandel
Die Schweizerische Eidgenossenschaft und das Grossherzogtum Baden beschlossen schliesslich 1854, dass die Landesgrenze zwischen der badischen Grenze unterhalb Konstanz bis zur thurgauischen Grenze beim ehemaligen Kloster Paradies überall die Mitte des Rheins, beziehungsweise die Mitte des Untersees, sein solle.
Zuvor verlief die Diessenhofer Stadtgrenze oberhalb des Rebbergs auf dem Grat und reichte bis zur Gailinger Friedhofsmauer. Auf der rechtsrheinischen Seite gehörten dem ehemaligen Kloster St. Katharinental mehrere Rebflächen. Diese verschwanden jedoch grösstenteils nach der Aufhebung des Klosters im Jahr 1869. Ebenfalls zugesetzt hatte den Reben die eingeschleppte Reblaus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie Zerstörungen während des Ersten Weltkriegs.
«Die Flächen erstreckten sich von Obergailingen bis hinunter in die Laag, Richtung Büsingen», weiss die Diessenhofer Museumsassistentin Christine Kolitzus zu berichten. Nach der Grenzverschiebung waren viele Diessenhofer plötzlich Besitzer von Reblagen auf deutschem Gebiet.
Auch ihre Familie habe solches Land besessen, erinnert sich Christine Kolitzus. «Im damaligen Vertrag wurde explizit festgehalten, dass die Stadtbürger ihre Grundstücksrechte trotz Verschiebung der Landesgrenze behalten durften.» Betroffen war vor allem die sogenannte «Setzi», eine rund vier Kilometer lange Rheinhalde von Dörflingen bis Obergailingen. Viele hätten ihre Grundstücke aber verkauft, als der Weinbau nicht mehr möglich war, so Christine Kolitzus.
Weinbau nie aufgegeben
1974 hätten aber ein Winzer und ein Schreinermeister aus Diessenhofen auf der Gailinger Ritterhalde wieder Reben angepflanzt. Fritz Orsinger und Urs Roesch, Neffe des berühmten Diessenhofer Künstlers Carl Roesch, gefiel die Idee, dass der Künstler, der sein Atelier unten am Rheinufer hatte, von seiner Terrasse auf den Rebberg schauen und ein Glas «eigenen» Wein dazu trinken konnte. Für ihr Vorhaben trotzten sie diversen Auflagen des damaligen Rebbaukommissärs. «Die Reblagen mussten neu terrassiert und quer angelegt werden», erklärt Christine Kolitzus. Das sei eine grosse Veränderung gewesen, da die Reben zuvor bis zum Wald hinauf längs aufgeteilt gewesen seien. «Bis zu 22 Personen hatten dort Teilstücke dicht beieinander», erinnert sie sich.
Noch heute reifen auf der deutschen Seite Trauben für den Diessenhofer Stadtwein: eine Erinnerung an zahlreiche Verschiebungen, Verträge und Grenzbereinigungen. Und nicht zuletzt die Verbindung zweier Orte, die zwar zwei verschiedenen Ländern angehören, geografisch und geschichtlich jedoch nahe zusammengehören.
Der bunte Vogel ennet der Grenze
Blickt man von Diessenhofen etwas weiter nach Deutschland, entdeckt man zwischen Dörflingen und Schaffhausen die deutsche Exklave Büsingen. Sie ist die einzige Gemeinde Deutschlands, die gänzlich von anderem Staatsgebiet umgeben ist. Ihr kommen aber noch weitere Besonderheiten zu: Aufgrund ihrer Lage hat Büsingen einen besonderen Staatsvertrag. In der Gemeinde gilt grundsätzlich deutsches Recht, jedoch ist sie in das schweizerische Zollgebiet eingegliedert. Für die Landwirtschaft gelten Schweizer Bestimmungen, und auch für die wirtschaftliche Kriegsvorsorge ist die Schweiz zuständig. Obwohl gesetzlich der Euro als Zahlungsmittel festgelegt ist, wird in der Praxis meist mit Schweizer Franken bezahlt.
Büsingen hat eine deutsche Postleitzahl. Diese sorgte in der Vergangenheit für viele Verwirrungen und unnötig lange Postwege. Briefe aus der Schweiz wurden zweimal über die Staatsgrenzen geschickt, bis sie schliesslich beim Empfänger ankamen. Um diesem Wirrwarr ein Ende zu bereiten, sprach Kurt Schüle, ein ehemaliger Schweizer Nationalrat, mit der Eidgenössischen Postdirektion in Bern und der deutschen Postbehörde. So erhielt die Gemeinde zusätzlich eine Schweizer Postleitzahl.
Eine weitere Besonderheit: Die Gemeindegrenze wird von 122 Grenzsteinen markiert, wovon jeder einzelne nicht nur Ortsgrenze, sondern auch Landesgrenze und EU-Aussengrenze darstellt. Der bekannteste sei der Grenzstein Nummer eins, wie die Gemeinde auf ihrer Website schreibt. Der sogenannte «Hattingerstein» befindet sich mitten im Rhein. Damit sei er der einzige, der in einem Fluss liege, und der älteste Schaffhauser Grenzstein überhaupt.
Aber warum gehört Büsingen dann nicht einfach zur Schweiz? Der Grund dafür liegt weit in der Vergangenheit. 1658 übernahm Eberhard Im Thurn zu Büsingen, ein österreichischer Lehnsherr, als Vogt Büsingen am Hochrhein. Er wurde am 10. April 1693 nach religiösen Streitigkeiten von eigenen Familienangehörigen nach Schaffhausen entführt. Für die österreichische Regierung war dies ein Eingriff in die Landeshoheit. Aufgrund der Entführung von Eberhard Im Thurn verlor Schaffhausen die Pfandschaft über die Reiatdörfer, zu denen Büsingen gehörte. Obwohl 96 Prozent der Büsinger bei einer Umfrage eine Integrierung in die Schweiz wünschten, blieb diese Forderung unerfüllt. Büsingen wurde von den Österreichern einbehalten, denn es sollte zum «Ärgernis der Schaffhauser auf ewig österreichisch bleiben». (jbe)
Grenzgeschichten: Das Weinland liegt ganz am Rand des Kantons und nahe zu Deutschland. Grenzen sind demzufolge allgegenwärtig. Und sie sind Thema unserer fünfteiligen Sommerserie.
/ az
Sehenswürdigkeiten und Ausflugstipps direkt an der Grenze
Ein Ausflug nach Diessenhofen, in die Thurgauer Stadt ennet dem Cholfirst, lohnt sich. Entlang des Rheinufers lässt es sich gemütlich spazieren und ausruhen, stets mit Blick auf den deutschen Nachbarn und die Reblagen und Hänge (siehe Haupttext). Mutige wagen einen Sprung von der Rheinbrücke in den erfrischenden Fluss, historisch Interessierte lassen sich vom Stadtführer durch verwunschene Gässchen zwischen den alten Stadtmauern führen. Und Geniesser entspannen auf einer Schifffahrt nach Schaffhausen oder Stein am Rhein.
Im Schaarenwald bei Schlatt TG erfahren Wanderer und Spaziergängerinnen auf dem historischen Lehrpfad viel Wissenswertes. Dieser führt unter anderem zu Bunkern und Unterständen aus dem Zweiten Weltkrieg und zu den Überresten eines Brückenkopfs, der 1799 durch österreichische Truppen erstellt worden war.
Ebenfalls spannend ist ein Besuch im Diessenhofer Museum «kunst + wissen», das im Oberen Amtshaus vor 60 Jahren als Stoffdruckereimuseum eröffnet wurde. Es zeigt in der aktuellen Ausstellung «Auf Tuchfühlung mit dem Kulturerbe – 60 Jahre Museum Diessenhofen» erstmals überhaupt über 100 der insgesamt mehr als 1000 erhaltenen Entwurfszeichnungen der ehemaligen Kattundruckerei. Die hölzernen Druckmodelle, reich verzierte rote Stoffe und Modelstecherwerkzeuge stammen aus der «Rotfarb- und Cattundruckerei». Diese wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von Heinrich Hanhart und Johann Conrad Huber gegründet.
Die Firma befand sich im heutigen Museumsgebäude, der Hänkiturm, ebenfalls eine Besonderheit Diessenhofens, gehörte dazu und diente zur Trocknung der gefärbten Tücher. Daher kommt auch der Name – und nicht etwa, wie fälschlicherweise oft angenommen, aus der Zeit, als ein Gefängniswärter den Turm bewohnte.
Wer sich bis zum Frühjahr 2023 gedulden kann, sollte die Gelegenheit nutzen, zur gleichen Zeit in zwei Ländern zu sein. Wie? Bei einem Besuch im Restaurant «Waldheim» in Büsingen. Denn dort verläuft die Landesgrenze quer durch die Gartenwirtschaft. Zurzeit wird das Restaurant Renovationsarbeiten unterzogen und ist ab nächstem Jahr wieder ein beliebter Ausflugstipp für Freunde geografischer Besonderheiten.
Diesen empfiehlt sich auch der «Exklavenweg», der beim Büsinger Rathaus startet. Er führt zur ehemaligen Rheinmühle, zum Junkerhaus, der Schiffsanlegestelle, zum Strandbad und bis zur östlichen Aussengrenze. Dann tangiert er das nördliche Gebiet mit Bergkirche und Rebgelände und führt zum Ausgangspunkt zurück. (jbe)