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Updated: Dec 16, 2020
Das Thema des heutigen Blogs ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Herzensangelegenheit. Auf unserer Reise zu den imposantesten Barockklöstern der Schweiz im Februar 2021 werden wir uns nicht nur in der Zeit von ca. 1600-1750 aufhalten. Wir werden mit dem St. Galler Klosterplan ins Frühmittelalter und damit in die Anfangszeit klösterlichen Lebens schauen, wir werden in den Schatzkammern der Klöster Objekte aus dem späten Mittelalter und der beginnenden Neuzeit sehen. Wenn wir nach Muri fahren, dann besuchen wir einen Ort, der am Ende des Frühmittelalters im Jahr 1027 durch Ita von Lothringen und ihren Ehemann, den habsburgischen Grafen Radbot gegründet worden ist. Der Aufbau des Klosters erfolgte wenige Jahre später durch Mönche aus Einsiedeln. Die Habsburger blieben bis 1415, als die Eidgenossen den Aargau eroberten, Schirmherren und liessen sich ab 1030 dort auch vereinzelt beisetzen. Davor schon hatte der habsburgische Einfluss auf das Kloster abgenommen. Zwei Gründe können hier als Erklärung dienen. Erstens verlagerte die Hauptlinie der Habsburger 1282 ihren Herrschaftsmittelpunkt nach Wien. Zweitens hatten die Habsburger mit der Gründung des Klosters Königsfelden durch Agnes von Ungarn 1308 ein Konvent im Aargau, das durch gezielte Förderung eine wesentlich größere Bedeutung in der Region und darüber hinaus genoss. Mit dem Übergang an die Eidgenossen wurden auch noch die letzten Verbindungen zum Hause Habsburg abgebrochen, für das Kloster verbesserte sich die Situation in der Folge. Damit könnte dieser Blog auch schon enden: Zugegeben, es wäre kein guter geworden.
Muri tritt im 20 Jh. jedoch wieder aus der Provinzialisierung heraus und betritt die Bühne der internationalen Politik. Zu Ende des Ersten Weltkrieges bahnt sich in der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie die Revolution an. Nicht nur Österreicher und Ungaren, sondern auch Slowenen und Kroaten, Tschechen und Slowaken strebten nach Nationalstaaten. Mit dem Vertrag von Saint-Germain von 1919 mit Österreich und dem Vertrag von Trianon 1920 mit Ungarn wurden von Seiten der Siegermächte die Gebietsabtretungen und Grenzen der Nachfolgestaaten der k.u.k. Monarchie festgelegt und offiziell bestätigt. Für den letzten österreichischen Kaiser und ungarischen König, Karl I. von Österreich (in Ungarn als Karl IV. König von Ungarn), der bereits im November 1918 die Verzichtserklärungen in Österreich und Ungarn, nicht aber eine Abdankung unterschrieben hatte, bedeutete das ein Leben im Exil. Am 23. März 1919 reisten der Kaiser und seine Familie in die Schweiz. Dort lebte die kaiserliche Familie auf Schloss Wartegg in Rohrschach, später in Prangin am Genfersee. Damit hatten die Habsburger sämtliche Rechte in Österreich verloren, auch jenes der Bestattung in der Kaisergruft in Wien.
An dieser Stelle kommt Muri ins Spiel: Nachdem Kaiser Karl I. 1922 nach einer Erkältung auf Madeira starb, wurde sein Leichnam einbalsamiert und auf der Insel in der Kirche Nossa Senhora auf Madeira beigesetzt. Traditionell wurde dem Leichnam das Herz entnommen und in einer eigenen Urne bestattet. Der traditionelle Ort hierfür wäre die Loretokapelle in der Augustinerkirche in Wien gewesen – auch hier war der Zugang aber verwehrt, das Herz verblieb vor Ort. Man erinnert sich in diesem Moment an die alte Gründung des Klosters Muri im Aargau. Im März 1970 unterzeichnete Erzherzog Rudolph, Sohn von Karl I., einen Vertrag mit der dortigen katholischen Kirchgemeinde zur Nutzung der Loretokapelle im Kloster Muri als neuen Bestattungsort der Familie Habsburg-Lothringen. Unter der Kapelle wurde in der Folge eine Gruft ausgehoben. Bereits ein Jahr später konnte die Herzurne von Karl I. nach Muri gebracht werden und weihte damit quasi die neue Familiengruft ein. Die Urne befindet sich aber nicht in der Gruft, sondern in einer gemauerten Stele hinter dem Altar an der Rückwand der Kapelle. Ihr folgte 1989 die Herzurne der letzten Kaiserin, Zita von Bourbon-Parma. Da sich in der Zwischenzeit der politische Wind gewendet hatte, konnte ihr einbalsamierter Körper wieder in die Kaisergruft unter der Kapuzinerkirche in Wien gebracht werden. In der Gruft selbst fanden unter anderem die Erzherzöge Robert (1996), Rudolph (2010) und Felix (2011) ihre letzte Ruhe.
Das Kloster Muri ist damit die älteste bekannte und zugleich auch die jüngste Grablege des Hauses Habsburg. Da lacht das Herz!
Fabian Felder
Der Blick in die Loretokapelle in Muri verrät kaum, dass hier die Herzen des letzen österreichischen Kaiserpaares ruhen.