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Die Schlacht von Verdun dauerte 300 Tage, vom 21. Februar 1916 bis zum 20. Dezember. Die Armee des deutschen Kaiserreichs versuchte, den Durchbruch durch die französische Frontlinie zu schaffen und den seit Herbst 1914 anhaltenden und zermürbenden Stellungskrieg zu beenden.
Der Plan misslang. Die französischen Streitkräfte widerstanden dem massiven deutschen Flächenfeuer und dem anschliessenden Ansturm der Infanterie. In den folgenden Wochen und Monaten entwickelte sich die Schlacht zu einem blutigen Abnützungskrieg.
Schüler aus Verdun wissen kaum Bescheid
Die Stadt Verdun legt grossen Wert darauf, die Erinnerung an die Schlacht für die Nachwelt zu bewahren – mit Denkmälern, Museen und kulturellen Veranstaltungen. Auch darf am ehemaligen Schlachtfeld nichts verändert werden. Eine Umfrage am städtischen Gymnasium von Verdun, dem Lycée Jean-Auguste Margueritte, zeigt jedoch, dass nur ein Teil der örtlichen Schülerinnen und Schülern über die Schlacht Bescheid weiss und sich überhaupt dafür interessiert. Franck Meyer unterrichtet am Lycée Geschichte und glaubt, dass in Frankreich in Sachen Erinnerung einiges im Argen liege.
Franck Meyer, was heisst es für Sie als Geschichtslehrer, an einem derart geschichtsträchtigen Ort wie Verdun Gymnasiastinnen und Gymnasiasten zu unterrichten?
Franck Meyer: Ich fühle mich in der Pflicht, über den Ersten Weltkrieg und die Schlacht von Verdun besonders gut informiert zu sein, besser als dies vielleicht bei anderen historischen Themen für den Unterricht nötig ist. Ich bin selbst in Verdun aufgewachsen und kenne die Schauplätze sehr genau, ebenso die historischen Quellen, die Augenzeugenberichte, die Soldatenbriefe. Wie bei keinem anderen Thema ist hier die Fachkompetenz wichtig. Nur so kann ich bei den Jugendlichen glaubwürdig sein und ihnen ein Gefühl für die damalige Zeit vermitteln.
Wie viel wissen die Jugendlichen, die Sie unterrichten, von den Ereignissen vor hundert Jahren?
Erstaunlich wenig, obwohl sie ja alle aus Verdun oder aus der Umgebung stammen. Die Jungen erwerben ihre historischen Kenntnisse und ihr historisches Bewusstsein, gerade auch was die Lokalgeschichte betrifft, praktisch ausschliesslich in der Schule. In den Familien geschieht diesbezüglich kaum etwas. Dies kann man mit Fug und Recht beklagen.
Und was bedeutet das für Ihren Unterricht?
Es bedeutet, dass wir Geschichtslehrer uns bewusst sein müssen, dass es ausser uns niemanden gibt, der dafür sorgt, dass die Erinnerung an den Schrecken von damals bei der heranwachsenden Generation nicht völlig verblasst.
Die Medien?
Die tun praktisch nichts. Die Medien sind gross darin, Angebote zur Zerstreuung anzubieten – gerade für Jugendliche. Programme, die zum Nachdenken, zur Reflexion über die Vergangenheit anregen würden, gibt es praktisch keine. Es ist primär die Aufgabe der Schule, dass über die Jugendlichen in den Familien der Prozess des Erinnerns lebendig bleibt.
Ist es denn so wichtig, sich zu erinnern?
Es gibt in Frankreich kaum eine Familie, die nicht direkt oder indirekt vom Ersten Weltkrieg betroffen war. Als Geschichtslehrer möchte ich den Jugendlichen helfen, einen Faden zur Vergangenheit zu spinnen. Nur so sind sie in der Lage, die Welt, in der wir heute leben, zu verstehen und auch die Fehler zu vermeiden, die damals zum Krieg geführt haben. Es scheint mir wichtig, jungen Menschen zu vermitteln, dass die lange Zeit des Friedens und der Prosperität, in der wir heute in Europa leben, keine Selbstverständlichkeit ist …
… sondern dass sich die Umstände schnell ändern können?
Exakt. Die Geschichte lehrt uns, dass alles vorläufig ist, dass nichts in Stein gemeisselt ist, dass es nichts Endgültiges gibt. Schauen Sie in die Ukraine! Was dort derzeit passiert, ist ein Schulbeispiel dafür, dass der Frieden immer gefährdet ist und ihm Sorge getragen werden muss.
Wie gehen Sie damit um, wenn Schülerinnen und Schülern das Interesse für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit fehlt?
Als Lehrer in Verdun bin ich in der privilegierten Situation, dass ich vor der Haustüre Anschauungsunterricht betreiben kann. Und gerade wenn ich meine Schülerinnen und Schüler auf das Schlachtfeld führe und mit ihnen die Granattrichter, die Laufgräben und die Festungen besuche, spricht dies die Emotionen an. Ich habe es schon oft erlebt, dass vermeintlich Desinteressierte plötzlich begonnen haben, Fragen zu stellen.
Ob ein derartiger Krieg heute wieder möglich wäre?
Zum Beispiel, ja, denn diese Frage stellt sich von selbst, wenn man auf dem Schlachtfeld steht. Und so gesehen ist Verdun heute nicht nur ein Symbol für den Schrecken des Krieges sondern auch eines der Versöhnung und der europäischen Einigung.
Lässt sich die Erinnerung an die Schlacht von Verdun langfristig wach halten?
Der stärkste Feind der Erinnerung ist die Zeit. Was weit zurückliegt, geht irgendwann vergessen. Da gilt es, Gegensteuer zu geben, in der Schule, in den Medien, in der Politik. Aber natürlich wird in jedem Fall – je mehr Zeit vergeht – der Kampf gegen den kollektiven Erinnerungsverlust immer schwieriger.
Zur Person
Franck Meyer ist Geschichtslehrer am Lycée Jean-Auguste Margueritte in Verdun. Die Stadt erinnert mit Denkmälern, Museen und kulturellen Veranstaltungen an die Schlacht. Eine Umfrage am Lycée zeigt jedoch, dass sich nur ein Teil der Schüler für die Schlacht interessiert. Meyer glaubt, dass in Sachen Erinnerung in Frankreich einiges im Argen liege.