Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03187.jsonl.gz/221

WOZ: Frau Matter, am 24. September haben sich die Gehörlosenschulen der Deutschschweiz und der Gehörlosenverband Sonos in einer offiziellen Stellungnahme für die jahrzehntelange Unterdrückung der Gebärdensprache entschuldigt. Welche Bedeutung hatte diese Geste?
Sonja Matter: Die Entschuldigung war ein wichtiges Zeichen für die Gehörlosen in der Schweiz. Ein bedeutender Anstoss dafür kam von der internationalen Konferenz zur Bildung und Erziehung Gehörloser in Vancouver von 2010. Damals wurde eine Entscheidung des «Taubstummenlehrer»-Kongresses in Mailand von 1880 rückgängig gemacht, an dem Gehörlosenpädagog:innen beschlossen hatten, die Gebärdensprache aus den Gehörlosenschulen zu verbannen.
Mit welcher Begründung lehnte der Kongress die Gebärdensprache damals ab?
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde die Gebärdensprache einerseits stark abgewertet, sie galt als minderwertiges Kommunikationssystem. Andererseits nahm der Anpassungsdruck auf gehörlose Menschen zu: Zahlreiche Pädagog:innen verlangten, dass die Gehörlosen lautsprachlich kommunizierten, um sich so in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren. Erst in den 1980er Jahren setzte sich hier, insbesondere dank der Gehörlosenaktivist:innen, langsam ein Wandel durch.
Was forderte diese Bewegung, abgesehen von der Anerkennung der Gebärdensprache?
Die Aktivist:innen forderten insbesondere, dass gehörlose Menschen selbstständig für ihre Rechte einstehen können. Sie mussten sich also zunächst vom Paternalismus befreien, der ihnen auch von Fachpersonen entgegengebracht wurde. Sie wollten nicht mehr ausschliesslich als Menschen mit einer Behinderung, sondern als kulturelle Minderheit mit eigener Sprache wahrgenommen werden.
Ist es folglich nicht mehr korrekt, von Gehörlosen als Menschen mit einer Behinderung oder Beeinträchtigung zu sprechen?
Den Aktivist:innen ging es darum, die Kategorien von «Normalität» und «Behinderung» kritisch zu diskutieren. Sie betonten, dass sie mit der Gebärdensprache eine Sprache hätten, mit der sie alles ausdrücken können. Es war ein wichtiger Schritt für die Gehörlosenbewegung, sich kritisch mit dem Begriff «Behinderung» auseinanderzusetzen. Gleichzeitig blieb unbestritten, dass Gehörlose Beeinträchtigungen erfahren – insbesondere durch die vielen Hürden, welche die Mehrheitsgesellschaft für sie bereithält.
Inwiefern bestehen diese Hürden bis heute?
Die offizielle Anerkennung der Gebärdensprache in der Schweiz bleibt eines der wichtigsten Themen, denn sie hat weitreichende Implikationen: So fehlen etwa nach wie vor oft die Mittel fürs Dolmetschen. Kritisch anzumerken ist, dass der Bundesrat wenige Tage nach der Entschuldigung von Sonos und den Gehörlosenschulen einen Bericht veröffentlichte, in dem er sich gegen eine rechtliche Anerkennung der Gebärdensprache aussprach. Im Bericht erkennt er allerdings das Unrecht an, das man den Gehörlosen angetan hat.
Welches Unrecht?
Gehörlose Kinder wurden bis in die siebziger Jahre und zum Teil darüber hinaus in Gehörlosenschulen gebracht. Diese waren in der Regel als Internat geführte «Taubstummenanstalten», wie man sie früher nannte. Dort unterlagen die Kinder dem Zwang, lautsprachlich zu kommunizieren, was gleichzeitig mit einer rigorosen Unterdrückung der Gebärdensprache einherging.
Gibt es da Parallelen zu fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, also etwa zu «Anstalten», in die man die Kinder von Fahrenden oder aus armen Familien gesteckt hat?
Auch gehörlose Menschen waren in der Schweiz von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen betroffen. Wie andere Heime waren die «Taubstummenanstalten» während einer langen Zeit relativ abgeschlossene Institutionen; Kinder waren unterschiedlichen Gewaltformen ausgesetzt.
Also ging es insbesondere um physische Gewalt?
Diese spielte eine wichtige Rolle. So hat man etwa in manchen Schulen die Kinder gezwungen, die Hände hinter den Rücken zu halten, damit sie nicht gebärden. Ziel war es, die Kinder unter allen Umständen zur Verwendung der Lautsprache zu erziehen – oft aber mit mässigem Erfolg. Im Rahmen unseres Forschungsprojekts interviewten wir Gehörlose, die noch in solchen Institutionen aufgewachsen waren. Für einige war es traumatisierend, dass sie sich nicht mehr in Gebärdensprache, die sie als Muttersprache bezeichnen, ausdrücken durften.
Ist das Thema sexualisierte Gewalt in Heimen für Menschen mit Hörbeeinträchtigung aufgearbeitet?
Es gibt einzelne historische Studien zu Gehörloseninstitutionen in der Schweiz, die auch sexualisierte Gewalt thematisieren. Es besteht allerdings weiterhin ein Forschungsbedarf in diesem Bereich.
Sie beziehen sich in Ihrer Forschung explizit auf die Disability Studies, die Behinderung nicht als medizinische Kategorie, sondern vielmehr als soziales Konstrukt betrachten.
Ja, die Disability Studies führten einen wichtigen Perspektivenwechsel ein. Im Fokus stehen nicht individuelle Defizite, sondern die Frage, wie eine Gesellschaft Normalitätsansprüche herstellt und damit Ausschlüsse produziert. Die Disability History hat gezeigt, dass sich Vorstellungen darüber, wer als «behindert» gilt, über die Zeit verändert haben. Wir nehmen in unserer Forschung zudem eine intersektionale Perspektive ein, da Mehrfachdiskriminierungen in der Geschichte der Gehörlosen sehr wichtig sind. Gehörlose Frauen beispielsweise waren vielfach besonders marginalisiert.
Inwiefern ergibt es überhaupt Sinn, von der Kategorie Behinderung oder «abled/disabled» zu sprechen, wenn damit ganz unterschiedliche Lebensrealitäten gemeint sein können – etwa die eines Querschnittgelähmten, eines Gehörlosen oder einer mehrfach behinderten und kognitiv stark eingeschränkten Frau?
Mir scheint es wichtig, die grundsätzliche Vulnerabilität von Menschen anzuerkennen. Für alle Menschen besteht zu jeder Zeit das Risiko, auf die Unterstützung anderer angewiesen zu sein. Die Gehörlosenaktivistin Patty Hermann-Shores hat in einem Interview mit uns gesagt, die Vision müsste eigentlich sein, dass man nicht immer von gehörlosen und nichtgehörlosen Menschen spricht. Also dass man diese Kategorien nicht ständig reproduziert und zementiert. Aber es bleibt eben ein Paradox: Um Ungleichheiten benennen zu können, müssen wir Kategorien bilden, bevor wir sie anschliessend wieder auflösen können.
Sonja Matter (44) ist Senior Researcher am Historischen Institut der Universität Bern und leitet das vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierte Projekt «Integriert oder ausgeschlossen? Die Geschichte der Gehörlosen».