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Keine zwei Jahre nach dem Abschluss des Pariser Klimaschutzabkommens ist die Euphorie der Klimaschützer verflogen. Der Ausstieg der USA zeigt, dass die Einigung nur ein weiterer Papiertiger der Klimaschutzpolitik ist.
Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die in Paris formulierten Klimaziele nicht zu erreichen sein werden. Um die globale Erwärmung auf 2 Grad zu begrenzen, dürfte die Menschheit nur noch 740 Gigatonnen CO2 in die Atmosphäre ausstossen. Diese Menge wird beim derzeitigen Trend in 20 Jahren aufgebraucht sein. Und falls das noch strengere 1,5-Grad-Ziel erreicht werden soll, müssten die Schornsteine schon in 5 Jahren aufhören zu rauchen.
Die Szenarien des Weltklimarats antworten auf diese Herausforderung mit dem Konzept der «negativen Emissionen». Darunter versteht man Techniken, die der Atmosphäre CO2 entziehen, um es dauerhaft zum Beispiel in geologischen Formationen einzulagern. Auf diese Weise könnte man – theoretisch – den jährlichen Treibhausgasausstoss reduzieren und irgendwann sogar auf negative Werte drücken.
Die CO2-Entnahme gehört zu den Methoden des sogenannten Geo-Engineerings, das wegen der gescheiterten Klimapolitik verstärkt ins Blickfeld von Politik und Wissenschaft rückt. Auch in der Schweiz ist der Trend inzwischen angekommen, wie jüngst ein Papier der Stiftung Risiko-Dialog zeigte. Darin fordern die Autoren eine öffentliche Diskussion auch hierzulande.
Schwebeteilchen in der Atmosphäre
Beim Geo-Engineering unterscheidet man zwei Varianten. Neben der Entnahme von CO2 aus der Luft oder aus den Abgasen von Schornsteinen ist dies die künstliche Beeinflussung der Sonneneinstrahlung, etwa durch Schwebeteilchen in der Atmosphäre, die das Sonnenlicht partiell ins All reflektieren und so zu einer Abkühlung beitragen.
Während die CO2-Entnahme die Ursache des Klimawandels bekämpfen würde – nämlich die zu hohen Konzentrationen von Treibhausgasen –, handelt es sich bei der Ausbringung von Schwebeteilchen um eine Symptombekämpfung.
Der Energiefluss durch die Sonne würde sinken, die Konzentration von Treibhausgasen aber könnte weiter steigen. Die Versauerung der Ozeane würde nicht gestoppt, die Ozonschicht möglicherweise geschädigt.
Trotz diesen Nebenwirkungen: Nach gegenwärtigem Stand des Wissens wäre die künstliche Beeinflussung der Sonneneinstrahlung die «einzige Methode, um die Erderwärmung effizient zu reduzieren», wie der wissenschaftliche Beirat der deutschen Bundesregierung schreibt. Sie wäre aber auch «ein gefährliches Experiment», sagt der Klimaforscher Thomas Stocker von der Universität Bern.
Denn die erwünschte Senkung der globalen Durchschnittstemperatur wäre längst nicht die einzige Folge einer solchen Massnahme. «Gleichzeitig würde man die Wolkenbildung beeinflussen und den globalen Wasserkreislauf verändern – in einigen Regionen möglicherweise mit katastrophalen Folgen», sagt Thomas Stocker.
Grenzüberschreitende Schäden
Ein anderes Problem wäre, dass man die Anwendung der Methode nicht mehr stoppen kann, ohne einen verheerenden, sprunghaften Anstieg der Temperaturen auszulösen. Denn die Schwebeteilchen verbleiben bestenfalls einige Monate in der Atmosphäre. Der bei diesem Verfahren nicht kontrollierte CO2-Gehalt der Atmosphäre würde dann umso mehr durchschlagen.
Selbst wenn solche Katastrophen vermieden würden, hätte die künstliche Beeinflussung der Sonneneinstrahlung grenzüberschreitende Wirkungen. Einige Länder würden vom gebremsten Klimawandel profitieren, andere würden unter unerwünschten Nebenwirkungen leiden. «Völkerrechtlich ist dieses Problem nicht gelöst», sagt der Jurist Thomas Cottier vom World Trade Institute der Universität Bern.
Bisher gibt es keine Uno-Konvention, die den Einsatz von Geo-Engineering regelt und die Haftungsfragen klärt. Gemäss dem Völkergewohnheitsrecht sind die Staaten jedoch verpflichtet, Aktivitäten einzustellen, die Schäden in anderen Ländern verursachen.
Ein vor dem internationalen Gerichtshof klagender Staat müsste allerdings beweisen, dass Schäden durch das Geo-Engineering eines anderen Staates verursacht wurden. Eine solche Beweisführung dürfte in der Praxis schwierig sein.
Mindestens ebenso wichtig ist laut Thomas Cottier daher das im Umweltrecht verankerte Vorsorgeprinzip, das von allen Unterzeichnern der Rio-Deklaration von 1992 akzeptiert wurde. Demnach sollen Staaten auf Handlungen verzichten, solange deren potenziell schädliche Auswirkungen wissenschaftlich nicht hinreichend geklärt sind. Eine künstliche Beeinflussung der Sonneneinstrahlung erscheint aus diesen Gründen derzeit ausgeschlossen.
Zu teuer
Bei der Entnahme von CO2 sieht es rechtlich und was die potenziellen Nebenwirkungen anbelangt besser aus. Zweifelhaft ist aber, ob die CO2-Entnahme und -Endlagerung schnell genug und im grossindustriellen Massstab überhaupt möglich sein wird. Viele der Methoden haben einen grossen Flächenbedarf und konkurrenzieren die Lebensmittelproduktion. Das gilt beispielsweise auch für den Anbau von Energiepflanzen. Sie würden der Atmosphäre CO2 entziehen, das man nach der Verfeuerung der Pflanzen in Kraftwerken abscheiden und einlagern möchte.
Und schliesslich ist die CO2-Entnahme auch noch teuer. Schon deshalb ist nicht zu erkennen, wie sie jemals im globalen Massstab realisiert werden kann. Sie setzt nämlich ein von der Weltgemeinschaft getragenes Finanzierungsmodell voraus. Denn kein Land wird die Kosten einer Technik tragen wollen, von der alle profitieren.
Damit stellt sich das genau gleiche Trittbrettfahrer-Problem, an dem die Klimapolitik schon seit Jahrzehnten scheitert und das jetzt den amerikanischen Ausstieg aus dem Pariser Abkommen erklärt. Ohne die Lösung dieses Dilemmas wird es keinen Klimaschutz geben – egal, ob man CO2 der Atmosphäre entnehmen oder von vornherein den Ausstoss reduzieren will. Es braucht daher keinen Diskurs über Geo-Engineering. Er würde den fortwährenden Selbstbetrug der Klimapolitik nur weiter chronifizieren.
Wie die Lösung des Trittbrettfahrer-Problems aussehen müsste, ist längst bekannt: Notwendig ist ein global gültiger Preis für jede Tonne emittiertes CO2. Wenn ein solcher Mechanismus nicht bald kommt, kann sich die Welt vom 2-Grad-Ziel verabschieden.