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Gar verschieden sind die Verhältnisse zwischen Dienstmädchen und Kindern. Sind die Kinder schlecht erzogen, können sie ein Mädchen tyrannisieren, dass es oft kaum zum Aushalten ist. Sie können es so weit bringen, dass ihre Eltern nur mit Mühe Dienstboten halten können. Ein solches Beispiel habe ich im Welschland selber gesehen. Ich lernte ein Mädchen kennen, das bei einer reichen Familie in Stellung war. Dasselbe hatte sich auch der Kinder anzunehmen, eines Mädchens und eines Knabens. Von diesen Kindern, hauptsächlich vom Knaben, musste sich das Mädchn viele Grobheiten gefallen lassen. Es waren nicht böse Kinder, aber etwas launenhaft, und sie haben dem Mädchen das Leben oft so verleidet, dass es am liebsten fortgelaufen wäre. Es ist aber immer wieder geblieben, es war sehr gut bezahlt, und die Frau war sehr gut mit ihm.
Wie viel schöner ist es dagegen in Familien zu dienen, wo die Kinder einem die Achtung nicht versagen, sondern ein herzliches Verhältnis gepflegt wird. In dieser Hinsicht war ich gut plaziert. Ich war bei einer Familie mit zwei Knaben im Alter von 1 1/2 und 5 Jahren. Ich habe beide sofort in mein Herz geschlossen. Der blondgelockte Ältere, der so oft für ein Mädchen gehalten wurde, war sehr nett gegen mich. Ich merkte bald, dass ich in eine Atmosphäre der Höflichkeit versetzt war, und es kostete mich anfangs wirklich Mühe mich mit der welschen Art vertraut zu machen. Der Fünfjährige, ein sehr aufgewecktes Kind, half mir dabei. Er plauderte und fragte mich in einem fort und ich verstand noch so wenig. Er ging dann oft zu seiner Mutter, dass sie ihm Dolmetscherdienste leiste. Gross war seine und meine Freude als ich anfing zu verstehen und ihm Antworten geben konnte. Wenn letztere etwa verdreht waren, fragte er altklug: „Nicht wahr! Es ist nicht leicht französisch zu lernen?“
Als der Kleine sprechen lernte, bereitete er allen manch‘ ergötzliche Stunde. Unvergesslich bleibt mir, wie er, noch nicht zweijährig, schon den Anfang eines Liedes „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen konnte. Wenn er abends in seinem Bettchen lag, sang er oft mit seinem süssen Stimmchen „Voici Noel, o douce nuit…“ bis er einschlief.
Zuweilen, wenn meine Herrschaft ausging des Abends, waren mir die Kinder anvertraut. Es geschah dann oft, dass eines der beiden erwachte und nach seiner Mutter verlangte. War’s der Kleine so weckte er auch den Grossen (er konnte sehr energisch schreien); ich hatte oft meine liebe Not, die ängstlichen Gemüter wieder zu beruhigen. Den Kleinen musste ich öfters etwas auf den Arm nehmen zur Tröstung, dem Älteren musste ich versprechen bei ihm zu bleiben, bis seine Mama komme. Wenn aber beide wieder schliefen, begab ich mich auch zur Ruhe. Meine Frau wünschte nur, dass ich alle Türen offen lasse, um die Kinder hören zu können.
Während des Tages waren mir die Kinder wenig überlassen. Es war dir Mutter, die sie pflegte und sich mit ihnen abgab. Ich schätzte diesen Zug sehr an ihr, ich an ihrer Statt würde die Kinder auch nicht alljährlich einem anderen Dienstmädchen anvertrauen.
Der Jüngste, infolge einer Krankheit etwas zart, war der ausgesprochene Liebling seiner Umgebung. Er war geradezu unwiderstehlich mit seinen leuchtenden, blauen Augen. Kein Wunder, dass er etwas verwöhnt wurde; es war auch mir oft schwer seinen Bitten ein Nein entgegenzusetzen.
Unter Umständen konnte er aber auch ziemlich eigensinnig sein. Das zeigte sich immer wenn er in seinem Element, im Wasser war. Es war dann jeweils eine kleine Kunst, ihn „ins Trockene“ zu bringen, denn er protestierte mit Armen und Beinen dagegen. –
Er wird sich noch oft im Leben gegen Unliebsames wehren müssen, vielleicht höre ich noch einmal etwas von ihm. Bin ich verhältnismässig nur kurze Zeit bei dieser Familie gewesen, habe ich doch an diesen Kindern so viel Freude erlebt, dass sie meine schönste Welschland-Erinnerung bleiben.
(Aus: Deutsche Aufsätze von F. Keller, Pfyn)