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Aus der Geschichte der Schulwacht Berg und von der langen Reise einer Schulbank
Hoch oben auf der Allmannkette
Hoch oben auf der Allmannkette zwischen Bachtel und Hörnli, auf beinah 1’000 m, liegen seit alters die Weiler Fehrenwaltsberg und Ghöch. Auf der Passhöhe zwischen Bäretswil und Fischenthal scheiden sich die Bäche des Wasserschlosses Bäretswil. Etliche bilden die junge Aa und fliessen westwärts in den Pfäffikersee und weiter ins weite Tal der Glatt. Andere rieseln nordwärts und ostwärts via Wissenbach und Bärenbach in die obere Töss.
Zu Füssen des Weilers Fehrenwaltsberg, an der Strasse nach Gibswil, liegt in einer südlich ausgerichteten Mulde das alte Bergdorf Kleinbäretswil. Die drei genannten Orte Fehrenwaltsberg, Ghöch und Kleinbäretswil gehören mit den Höfen Sädel, Gubel, Hütten, Haberacher und Ghöchweid seit dem Mittelalter zur Gemeinde Bäretswil, obwohl sie geografisch-topografisch zum Einzugsgebiet von Fischenthal zu rechnen sind. Kleinbäretswil und wohl auch der Fehrenwaltsberg haben ihre Wurzeln bei der alemannischen Landnahme im 8. oder 9. Jahrhundert. Aus dem Flurnamenensemble von Kleinbäretswil geht hervor, dass das Dörfchen im Mittelalter eine eigene Kirche besass.
Einst Adelssitz
Der grosse Hof Fehrenwaltsberg wiederum besass im Hochmittelalter einen örtlichen Adel, genannt die «Walpensperger». Diese Herren haben vom 11. bis ins 14. Jahrhundert an den Flanken des Allmanns sowie im Raum Wappenswil und Tisenwaltsberg grössere Gebiete gerodet und im Fehrenwald eine Kapelle und vielleicht auch das kleine Kloster beim Frauenbrünneli gegründet. Kurz nach 1200 treten sie ins Gefolge der Rapperswiler, welche die Herrschaft Greifenberg errichten und die Gründung der territorialen Kirchgemeinde Bäretswil in ihren heutigen Grenzen veranlassen. Damit werden auch die Gebiete von Fehrenwaltsberg, Ghöch und Kleinbäretswil zum Kirchdorf Bäretswil geschlagen. Wiederholte Reklamationen der Gemeinde Wald in den Jahren 1499 und 1553, etliche Einwohner von Kleinbäretswil und Fehrenwaltsberg gehörten zu ihnen und deshalb sei das ganze Gebiet ihrer Gemeinde zuzuschlagen, scheitern bei der Zürcher Regierung nach Einsicht in historische Akten. Das mittelalterliche Dörfchen Perharteswilare (1150) wird schon 1342 das «kleinere Bäretswil» (Berolswil minor) genannt.
Die Murerkarte von 1566 markiert auf dem Fehrenwaltsberg noch einen Adelssitz. Doch die Walpensperger haben ihren Adelssitz bereits im 14. Jahrhundert verlassen. Sie wurden Bürger in den milderen Gefilden der Städte Rapperswil und Zürich.
Lange Geschichte der Schulwacht «Fehrenwaltsberg/Berg»
Die Kirchenchronik von Pfarrer Julius Studer (1870) will wissen, dass auf dem Fehrenwaltsberg «durch fahrende Scholare» bereits im 14. Jahrhundert Schule gehalten wurde. Dies ist durchaus denkbar, denn vom 11. bis ins 14. Jahrhundert erlebt der Ort durch den umtriebigen Ortsadel der «Walpensperger» eine gewisse Blüte. Das Adelsgeschlecht rodet in dieser Zeit nicht nur haufenweise Wald, um neue Güter und Höfe zu gründen, es nachweislich ist auch dem Beginenkloster beim Frauenbrünneli verbunden und veranlasst etwas weiter unten den Bau einer Kirche in der «Chappelen». Mit der Adelsherrlichkeit sinkt allerdings gegen 1500 auch die Blüte des mittelalterlichen Grosshofs Fehrenwaltsberg in den Staub. 1465 meldet das Kloster Rüti auf dem einsam gewordenen Berg «Heini Hürner ab Walpensperg, ist by LXXX jar alt und vorzythen des Gesslers Knecht 6 jar gesin». 1541 wird der Fehrenwaltsberg in reduziertem Umfang noch durch Ueli Egli ab dem Lee bestellt. Erst die beginnende Landknappheit veranlasst zwei Gebrüder Egli, 1553 auf dem Berg einen neuen Doppelhof zu errichten. In der Folge wird der Fehrenwaltsberg wieder zu einem Dorf mit Wohnhäusern und Flärzen oberhalb und unterhalb der Strasse. Im Sommer 1876 fallen hier bei einem Föhnsturm sieben Wohnhäuser und acht Scheunen den Flammen zum Opfer. Schaurig leuchtet der feuerrote Himmel über den Tannen des Allmanns hinunter ins Kirchdorf. Von diesem Schadenfeuer hat sich der traditionsreiche Berg-Weiler nie mehr erholt. Auch in den Jahren 1951 und 2006 werden auf dem Fehrenwaltsberg ein Flarz bzw. eine Scheue durch Feuer zerstört.
Für die Jahre 1641/42 melden die kirchlichen Akten eine Schule auf dem Fehrenwaltsberg. Im regionalgeschichtlichen Vergleich ist das auffallend früh, denn die vergleichbaren Orte Adetswil, Wappenswil Bettswil, Tanne oder Hof eröffnen ihre Schulen erst zwischen 1702 und 1738 im Zug der steigenden textilen Heimindustrie.
Der Berg scheint um 1690 über einen begabten Schulmeister zu verfügen, denn 40 Schüler für die Bergwacht sind im Vergleich zu den 70 Schülern im Kirchdorf doch eine stattliche Zahl. Die Zahl der Schüler schwankt in der Folge mit der Qualität der Lehrer:
- 1650 Marx Bodmer ab dem Fehrenwaltsberg
Hans Jakob Egli von Kleinbäretswil
Hans Isler-Egli, des Küfers Sohn von Wappenswil
- 1690 Dessen Sohn, der nicht nur «Teutsch aller Gattung zierlich schreibt, sondern auch Hebräisch Griechisch und Latein, so dass er auch einen gelehrten Bauern abgeben könnte, wenn die Übung und die Mittel vorhanden wären». Woher hat Schulmeister Isler alle diese Sprachkenntnisse? Wahrscheinlich hat sie ihm Dekan Hans Kaspar Fels in Bäretswil beigebracht. Isler scheint auch ein guter Pädagoge zu sein. Die Schule blüht, 1696 steigt die Zahl der Schüler auf 50! In den 1720er sinkt die Zahl der Schüler auf unter 20. Schullehrer Georg Egli von Kleinbäretswil hat mit Wiedertäufern zu kämpfen, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken wollen, da sie «zu jung zum Beten» seien.
- 1775 wird durch die Schulreform auch auf dem Berg neben der Alltagsschule eine Repetierschule eingeführt. Die Zahl der Schüler bleibt bis 1825 mit je ca. 30 Schülern pro Abteilung ziemlich konstant.
- 1837 entschliessen sich die Bergler Hausväter, in der Mitte zwischen den Ortschaften und Höfen nach kantonalem Musterplan eine eigene Schulstube samt einer Lehrerwohnung zu errichten. Deshalb bauen sie ein neues Schulhaus auf das sonnige Zelgli des Hofes Fehrenwaltsberg. Das Gebäude misst 36 Schuh mal 40 Schuh im Geviert. Das Schulzimmer umfasst eine Fläche von 768 Quadratschuh (69 m2). An die Kosten von 9751 alten Franken steuert der Staat 1600 Franken bei.
Der erste Unterricht im Schulhaus Fehrenwaltsberg wird am 21. Dezember 1837 gehalten. Das öffentliche Schulgebäude, das die Bergler Hausväter entsprechend ihrem Vermögen gemäss Beschluss der «Gemeindsversammlung» durch Schulsteuern berappen, wird umgehend zum schulischen sowie auch zum kulturellen Zentrum der Schulgenossenschaft Berg. Denn auch die Bergler fühlen sich zuerst ihrer Schulwacht zugehörig. Bäretswil ist weit weg. Ins ferne Kirchdorf gehen sie über die Eisrüti zum Gottesdienst, auf den Friedhof, zum Steuern zahlen und mit dem Zylinder ans Nachtmahl. Etliche lassen sich in der näher gelegenen Fischenthaler Kirche konfirmieren. Im Schulhaus trifft man sich im Männer- oder Töchterchor, zur Instrumentalmusik, zu Vereinsanlässen und Silvesterfeiern. Auch der Frauenverein, die Sonntagsschule, Abendgottesdienste, Urnenabstimmungen und Weihnachtsfeiern finden im zentral gelegenen Schulhaus statt. Mit einem Wort: Das Schulhaus Fehrenwaltsberg ist für mehr als ein Jahrhundert identitätsstiftendes Schul-, Kultur- und Gemeindehaus für die ganze Schulwacht Berg.
Fünf bis sechs Jahrzehnte nach dem Bau des Schulhauses (1837) sind die alten Schulbänke durchgescheuert. Die Bergler Hausväter scheuen keine Kosten und bestellen um 1890 bei der jungen Möbel- und Schulbankschreinerei R. Muggli in Rothrist eine ganze Serie neuer Holz-Bänke mit hübschem Eisenrahmen. Diese auserlesenen Schulmöbel erfüllen ihren Zweck für weitere 60 Jahre. Gebräuchlich sind damals sonst eher billigere, kistenartige Tisch-Bank-Konstruktionen, wie sie zum Beispiel im benachbarten Schulhaus Bettswil noch bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus in Gebrauch sind. In den 1950er Jahren erfolgt in der Schulgemeinde Bäretswil der Wechsel zu den modernen Stühlen und Tischen der Marke EMBRU Rüti / ZH.
Schulbank aus dem späten 19. Jahrhundert vom Schulhaus Fehrenwaltsberg. Die Bergler Hausväter liessen sich ihre Schulbänke etwas kosten; die Bänke des benachbarten Schulhauses Bettswil zum Beispiel waren bis 1952 noch ganz aus Holz konstruiert. Die ehemalige Schulbank-Schreinerei Muggli, die als traditionelles Familienunternehmen in Rothrist bis heute existiert, führt ihren Betrieb seit über 130 Jahren weiter. Malermeister Ferdinand König, ehemals Bäretswiler Gemeinderat, hat die Bergler Schulbank renoviert und Ende November 2022 dem ostschweizerischen Schulmuseum in Amriswil übergeben.
Unserem ehemaligen Gemeinderat und Malermeister Ferdinand König ist es gelungen, eine altertümliche Schulbank des Schulhauses Berg zu retten und aufwändig zu renovieren. Diese Bank hat nicht nur während 60 Jahren sechs bis acht Schulklassen gesehen. Sie könnte uns auch erzählen von stillen und hitzigen Schulgemeinde-Versammlungen, von gut besuchten Instrumental- und Gesangskonzerten, von heimeligen Weihnachtsfeiern, lauten Silvester-Unterhaltungen und erheiternden Schauspielen, ebenso von Sonntagsschul-Stunden, Abendgottesdiensten, Schulexamen, Projektwochen, Frauenvereins-Versammlungen, Urnenabstimmungen, Bauern-Zusammenkünften, öffentlichen Informationsversammlungen und kulturellen Veranstaltungen. Am 29. November 2022 übergibt Ferdinand König diese Schulbank als letzten Zeugen einer verflossenen Ära der Schulwacht Berg (Bäretswil) dem ostschweizerischen Schulmuseum in Amriswil.
Vor allem durch den motorisierten Individualverkehr ab den 1960er Jahren beginnt sich das traditionelle Kulturleben der Schulwacht Berg allmählich aufzulösen. 1980 unterzieht die Primarschulpflege das Schulhaus nochmals einer letzten Renovation. Nach der Pensionierung von Geri Guggenbühl im Jahr 2001 beschliesst die Primarschulpflege – nicht ohne heftigen Widerstand aus Teilen der Bevölkerung – die Mehrklassen-Schule aufzuheben und die Schüler der Schulwacht Berg mit dem Schulbus ins Schulhaus Maiwinkel zu transportieren. 2009 verkauft die Gemeinde Bäretswil das ehrwürdige Schulhaus ob Kleinbäretswil für Fr. 1,05 Millionen. 2002 schliesst auch der Landwirtschaftliche Konsum in Kleinbäretswil wegen mangelnder Rendite seine Tore. Damit nicht genug, muss das Dorf 2015 auch noch auf seine Käserei verzichten.
A. Sierszyn, 26.11.2022
siehe auch: Schule Berg, von A. Egli