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Man erzählt sich gern, er sei klein gewesen. Nicht Napoleons Penis, der ganze Napoleon. Dieser grosse Mann, der sich selbst zum Kaiser krönte und ganz Europa den Krieg brachte. Wahrscheinlich aber hat man seinen majestätischen Körper einfach mit verschiedenen Ellen gemessen. Den französischen Fuss (32,48 cm), mit dem ihn sein Kammerdiener einst vermass, mit dem englischen (30,48 cm) gleichgesetzt, obwohl dabei zwei Zentimeter unwiederbringlich verloren gingen.
Vielleicht aber haben die Briten die Umrechnung auch mit voller Absicht so schludrig vollzogen – um den Franzosenkaiser wenigstens propagandistisch klein zu halten.
So oder so landeten seine 168 Zentimeter am Ende auf dem Autopsietisch seines Leibarztes Francesco Antommarchi auf St. Helena. Auf diese kleine Insel mitten im Südatlantik war Napoleon verbannt worden, nachdem er 1815 die Schlacht bei Waterloo verloren hatte.
Umstanden von 17 französischen und britischen Beamten, Ärzten, Dienern und dem Abbé Ange Vignali begann Antommarchi damit, die Leiche aufzuschneiden. Napoleons Leber und der vom Krebs zerfressene Magen landeten in mit Ethanol gefüllten Gläsern. Auch sein Herz wurde ihm aus der Brust genommen, um es, wie in Napoleons letztem Willen verfügt, seiner Frau zu übergeben, was allerdings nie geschah.
So manch ein napoleonisches Körperteil soll an jenem Tage von der Insel geschmuggelt worden sein. Die bei der Leichenschau anwesenden Männer, so hiess es in Paris bald, hätten sich ganz heimlich über die kaiserlichen Zähne, Nägel, Haarlocken, ja sogar über die Splitter seiner Rippen und verschiedene Stücke seines Darms hergemacht.
In die heiligen Hände des Abbé Vignali gelangten keinerlei solcher Souvenirs zweiten Ranges. Zum Dank, dass er Napoleon die letzte Ölung spendete und seine Beerdigung ausrichtete, wurde er von diesem mit einem silbernen Becher, einem Taschentuch und dessen weissen Reithose bedacht. In den Besitz des besten Stücks des französischen Monarchen muss er jedoch auf weitaus unrühmlichere und klandestinere Weise gelangt sein.
Ob der Leibarzt Napoleons Penis willentlich abgesäbelt hat oder ob ihm in der kaiserlichen Leistengegend ganz plötzlich das Messer ausgerutscht ist? Wir wissen es nicht. Vielleicht hat sich am Ende gar der Priester selbst in einem unbeobachteten Moment des royalen Genitals bemächtigt. Dies muss wohl einer dieser ewiglich dunklen Flecke der Geschichte bleiben. Ein modriges kleines Plätzchen, das der Sonnenstrahl der Wahrheit niemals erreichen wird.
Jedenfalls kehrte Abbé Vignali danach mit jenem Intimstklau in der Tasche nach Korsika zurück – auf den Geburtsboden des Kaiser selig – und unterliess es dabei auch nicht, gar zünftig mit dessen abgezwacktem Glied herumzuprahlen. Nach seinem Tode ging seine Sammlung napoleonischer Artefakte an seine Verwandten, die sie 1916 an eine britische Buchhandlung weiterverkauften.
Für 2000 Dollar erstand sie 1924 ein gewisser Dr. Rosenbach aus Philadelphia, der das Kernstück seiner Sammlung im Museum of French Art in New York zeigte – in einem kleinen Schrein, würdevoll auf blaue Seide gebettet. Doch die viele Luft der vergangenen 103 Jahre schien dem Exponat gar nicht bekommen zu sein. Die Frauen, die an ihm vorübergingen, kicherten ungehalten, zeigten auf das Objekt hinter der Glasvitrine, das aussah wie ein «misshandelter Streifen Wildleder-Schnürsenkel» oder ein «verschrumpelter Aal».
Welch grässlichen Worte die «TIME» für das Stück fand, mit dem Napoleon einst eine Dynastie zu gründen hoffte!
Im Jahr 1977 endete dann dieses harsche Leben für den Phallus, er fand ein Zuhause, das ihn fortan vor dem Gespött der Leute abschirmte. John K. Lattimer aus New Jersey, Amerikas führender Urologe, ersteigerte ihn für 3000 Dollar an einer Pariser Auktion und verwahrte ihn in einem Köfferchen unter seinem Bett.
Lattimer war nicht nur ein eifriger Sammler historischer Objekte, er fügte der Menschheitsgeschichte auch eigenhändig ein paar Zeilen hinzu.
Im Zweiten Weltkrieg diente er als Chirurg und während der Nürnberger Prozesse zählten Hermann Göring und Albert Speer zu seinen Patienten. Als Experte für Ballistik wurde er 1972 von der Kennedy-Familie gebeten, das Attentat auf John F. Kennedy zu begutachten.
Für einen Mann von solch beachtlichem Schnitt war Napoleons Penis kein Witz. Er war ein historischer Schatz, dem es den ihm gebührenden Respekt zu zollen galt. In 30 Jahren erwiesen sich nur zehn Menschen als würdig genug, einen Blick auf Lattimers Kleinod zu werfen. Der Urologe sorgte dafür, dass es kein einziges Foto von seinem wertvollsten Besitz gibt.
Und als er 2007 mit 92 Jahren starb, vererbte er seiner Tochter nicht allein Napoleons Genital, sondern auch die angemessene Haltung, die man ihm gegenüber einzunehmen hatte. Ein Angebot von mindestens 100'000 Dollar für das gute Stück schlug sie aus. Und gezeigt hat sie es bis anhin einzig dem New Yorker Historiker und Journalisten Tony Perrottet, der Autor des Buches «Napoleon's Privates».
Sie ging mit ihm in den Keller, wo sie einen Koffer hervorkramte, in dem sich eine verschnürte Holzbox befand, die wiederum in rosa Papier eingewickelt war, das, beim Enthüllen ein schwarzes Lederetui freigab, verziert mit dem napoleonischen Emblem. Und darin befand sich nun das so lange vor der Öffentlichkeit verborgene Zeugungsorgan.
Doch die Kameramänner dürfen nicht filmen. Und so wird das Aussehen des nun fast 200 Jahre lang allein stehenden, nicht konservierten Glieds des französischen Kaisers weiterhin einzig in der Vorstellungskraft der Menschen geformt, die sich für solcherlei interessieren mögen.
Apropos Penisse von berühmten Männern ...
... Der des russischen Wunderheilers Grigori Rasputin scheint nicht ganz so zusammengeschrumpelt wie derjenige von Napoleon. Er misst angeblich sagenhafte 28,5 Zentimeter. Seit 2004 wird das Mönchsglied im ersten russischen Erotikmuseum in St.Petersburg gezeigt. Den präservierten Penis hatte der Arzt und Organisator der Ausstellung, Igor Kniaskin, von einem französischen Antiquar gekauft. Die Echtheit des Exponats wird allerdings angezweifelt.