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In diesem romantischen Epos beschreibt Nizami sehr feingliedrig die familiäre und psychologische Entwicklung der Liebenden über die Jahre, in deren Verlauf Qeis aus Verzweiflung, sich selbst vernachlässigend, sich in die Wüste und zu Tieren zurückzieht. Besessen verabsolutiert er die Liebe zum einzigen Lebensziel, zu einer Art göttlichem Mysterium, das aber letztlich wie eine sich selbst zerstörende Sucht wirkt. Er glaubt an sein inneres Licht, übersteigert seine Fokussierung auf die Liebesbindung derart wahnhaft, dass er sich immer mehr aus der Lebenswirklichkeit löst und sich des Lebens immer weiter entfremdet. Durch die wachsende Dominanz seiner „Sucht“ und Mystik kann er nichts Anderes mehr denken und fühlen. Die Menschen nennen ihn den Besessenen: Madschnun. Aber auch Leila leidet unter der unerfüllten absoluten Liebe. Sie stirbt an ihr. Bei der Todesnachricht eilt Madschnun zu ihr und legt sich in einer ihn überwältigenden Trauer und doch scheinbar erlöst über ihren Sarg. Bald darauf stirbt auch er in der Wüste.
Der Kern dieses 833 Jahre alte Epos und das Werk von Nizami sind heute immer noch aktuell. Die Themen wie Liebe und gesellschaftliche Zwänge sind zu allen Zeiten gefragt und lassen sich derart auch gut „verkaufen“, denn sie bewegen die Menschen heute genauso wie vor 900 Jahren. Sie haben grossteils dieselben Träume. Die damals wegweisend aufgezeigten philosophischen Überlegungen und psychologischen Entwicklungen der absoluten Liebe bis hin zum Wahnsinn mit seinen Auswirkungen führen uns letztlich zu der viel später entwickelten Psychoanalyse (Sigmund Freud, 1856–1939) und zu vergleichbaren heutigen Lebenskonflikten. Die anhaltende Bedeutung zeigt sich auch in den von dem Epos ausgehenden Ausstrahlungen und Anregungen auf Dritte, d.h. u.a. in den vielen Nach- und Konkurrenzdichtungen. Die früheste Nachdichtung auf Aserbaidschanisch stammt wahrscheinlich von dem aserbaidschanischen Dichter Hagigi (alias Dschahan Schah) aus dem Jahr 1412.1 Übersetzungen in europäische Sprachen erfolgten ab 1798 und erfolgen immer noch. Der Markt dafür besteht noch heute. Das Epos war eine Auftragsarbeit im Jahre 1188 mit der Patronage seitens Schirwan-Schah Ahsitan I. Wir kennen Vergleichbares von bedeutenden Musikern, Dichtern, Malern und anderen Künstlern durch Fürsten und Protagonisten, durch die Kirche und Stiftungen sowie in Form staatlicher Programme der Kultur-Förderung.
Und es gibt noch eine fortwährende Gemeinsamkeit: So wie jeder tiefere Kunstgenuss setzt auch das volle Verständnis der allegorischen Verse dieses Epos spezifisches Wissen voraus. So ist es „hilfreich“, wenn der Leser die damals verwendete astrologische und astronomische Terminologie des Ostens kennt. Denn Nizami beschreibt „große“ Persönlichkeiten zumeist mittels ihrer Horoskope in der entsprechenden Terminologie. Besonders deutlich wird es in seinem Epos „Das Alexander-Buch“ („Iskandernāme“) über den Mazedonier Alexander der Große oder in dem Epos „Chosrau und Schirin“. Entschlüsselt hat viele dieser Horoskope Nazila Abdulqasimova.2
Nizami hatte, offenbar aus gutem Hause stammend, Zugang zur Bildung und zu einer Medrese (religiöse Schule/Universität). Er kannte Ptolemäus` Werk: „Almagest“ ebenso wie Euklids „Elemente“. Er war mit den Methoden und Instrumenten der Astronomie und Astrologie bestens vertraut. Er nutzte das geozentrische Weltbild3, in dem die Erde im Mittelpunkt steht und von sieben Sphären umgeben ist, die jeweils einen der sieben (bekannten) Planeten beheimaten, die wiederum jeweils mit einem Wochentag und einer Farbe korrespondieren. Es folgen in seinem Werk u.a. noch sieben Seelenzustände und sieben Prinzessinnen. Aus den 28 Mondbahnen sowie den Bewegungen der Sonne und der Planeten durch die Tierkreiszeichen wurde der antike Kalender bestimmt. Und daraus folgerte man, Nizami auch, dass die Geschichte sowie das Schicksal eines Menschen ebenso bestimmt sind und sich in einem Horoskop vorhersagen lassen. Diese Grundüberzeugung scheint Nizami vielfach mit seinen Epen in die Literatur einzubringen.
So kennen wir nur aus dem uns überlieferten Horoskop von Nizami, den Monat und das Jahr seiner Geburt. Wir wissen daher, dass der Dichter in der aserbaidschanischen Stadt Gandscha im August 1141 geboren wurde.4 Er starb mit 68 Jahren am 12. März 1209 ebenda, sein Mauseleum liegt ganz in der Nähe. Biographische Daten über Nizami, dessen Familienname Ilyās ist,5 sind kaum und z.T. nur unvollständig vorhanden. Sein Werk „verrät“ uns sein Geburtsjahr und dass seine Mutter eine Kurdin mit adeliger Abstammung und Nachfahre der früheren Hakime (Statthalter) Gandschas war. Entsprechend wissen wir nur wenig über seine Familie.6 Dieses mag auch daran liegen, dass Nizami sein ganzes Leben in Gandscha verbrachte, ohne am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Er lebte anfangs in Einsamkeit. Nizami war Schiit in einer orthodox schiitischen Umgebung und lebte wahrscheinlich als Sufi (Mitglied eines mystischen Ordens) mit dem Titel Murschids (bzw. Scheich) auf der Suche nach der Wahrheit der göttlichen Liebe. Dabei sollte er als eine Art Eremit und zugleich als Lehrer mit Schülern leben. Die Einsamkeit mag aber auch daher rühren, dass Nizami früh verwaiste und von seinem Onkel (Chwadscha Umar) mütterlicherseits aufgezogen wurde. Hauptursächlich aber werden seine universelle Wissbegierde, seine vielen Talente sowie seine große Selbstdisziplin gewesen sein.
Nizami wurde zugleich in eine Zeit der politischen und militärischen Unruhen, aber auch der Blüte der Wissenschaften und Künste hineingeboren. Die Entwicklungen in den Wissenschaften ging von dem weitläufigen Arabischen Kalifat aus, zu dessen Teil Aserbaidschan wurde. Die Entwicklungen in der Algebra, Geometrie und Trigonometrie und den Navigationstechniken stärkten massiv die Wirtschaft und die Handels-Beziehungen u.a. via Karawanen sowie Fernhandelsnetzwerken von Afrika bis China, das Handwerk und das Städtewachstum. Die Bevölkerung Bagdads wuchs schnell auf 2 Mio. Einwohner im 11. Jahrhundert.7 Während der Herrschaft der Abbasiden (750–1258) ließen die Kalifen al-Mansur, Harun ar-Raschid und vor allem al-Ma’mūn (Almanon) große Teile der antiken griechischen Literatur aus dem Griechischen oder aus dem Syrischen übersetzen. Sie suchten so viel Wissen über die Kulturen der Antike sowie Indiens und Chinas zu erlangen, wie irgend möglich. Die Bücher, vermutlich rund 400.000, standen in Bagdad in der Bibliothek des
„Hauses der Weisheit“ und wurden von dem Universalgelehrten und Mathematiker al-Chwarizmi (gest. 850) verwaltet. Wissen war weißes Gold und galt so viel wie gelbes Gold. Die Verbreitung des Wissens vom Zentrum Bagdads bis in den Norden Aserbaidschans war möglich angesichts der größeren Toleranz und der traditionellen turk-nomadischen Demokratie der türkischen Fürstendynastie der Seldschuken (1040–1194), die die Araber im 11. Jh. besiegt und verdrängt hatten. Ungefähr mit Beginn der Herrschaft der Abbasiden wurde die Stadt Gandscha gegründet, deren Einwohnerzahl während der Lebenszeit von Nizami auf rd. 500.000 stieg und deren Ziel es war, Bagdad nachzueifern bis hin zu Universitäten, Sternwarten und einer großen Bibliothek8 namens „Dar al kutub“, die von Abulfazl al-Nakhchivani geleitet wurde.9 Gandscha florierte.10 Nizami nannte es „mein Babylon“ und nutzte alle Bildungseinrichtungen. Er verfügte offenbar über ein außerordentliches enzyklopädisches Wissen und sprach Aserbaidschan-Türkisch, Arabisch und natürlich Persisch (Farsi), die Sprache in der er schrieb. Der sich bildenden eigenen Dichterschule11 persischer Dichtung stand er quasi als „König der Dichter“ vor.
Sein erstes Epos „Schatzkammer der Geheimnisse“, schrieb Nizami, der bereits als talentierter Autor und Verfasser grandioser lyrischer Verse bekannt war, bevor er 30 Jahre alt war. Es ist eine Sammlung kurzer, moralisierender beispielhafter Geschichten, die Fragen von Verhaltensnormen und Sitten behandeln. Die Geschichten beeindrucken durch die Tiefe der philosophischen Besinnung und strahlen seine Religiosität und seinen Sufi-Mystizismus aus. Gewidmet war es Fahrettin Bahram Schah,12 der von 1165 bis 1225 in Erzincan (Kleinasien) herrschte. Dieses Epos wird später mit vier weiteren berühmten Epen zu „Fünf Schätze“ („Chamsa“ bzw. „Quintupel“) zusammengefaßt.
Nizami erregte also schon früh große Aufmerksamkeit und Bewunderung. Als Ausdruck seiner Anerkennung und seines Danks sandte Dara Muzaffar ad-Din, der Herrscher von Derbent, das sanftmütige Kiptschaken-Mädchen Āfāq als Geschenk, eine Sklavin mit einem unbändigen Naturell. Sie war scheinbar die ideale Frau für Nizami und wurde 1173 oder 1174 seine Ehefrau. Nach Ansicht vieler Forscher brachte sie die entscheidende Inspiration in sein Schaffen. Noch im selben Jahr wurde der Sohn Mohammad geboren. Nizami war für rund sechs Jahre glücklicher als je zuvor, was auch Einfluss auf seine philosophischen Überlegungen hatte. Seine Frau starb aber schon im Jahre 1180.
Im selben Jahr erhielt Nizami von Sultan Toghril III (1177–1194) den Auftrag, ein Werk über die Liebe zu schreiben. Weniger die versprochene Entlohnung, als vielmehr die Gelegenheit, das Andenken an seine geliebte Frau Āfāq auf Jahrhunderte zu bewahren, bewogen ihn zur Annahme des Auftrages. In diesem ersten romantischen Epos, das Nizami schrieb, überliefert er uns sein eigenes Horoskop (s.o.). Das Toghril III gewidmete Epos konzipierte er vor der allseits bekannten tragischen Liebe des sassanidischen Prinzen, dem späteren Schah Chosrau II zu der kaukasisch- albanischen Prinzessin Schirin. Er beschreibt kunstvoll ihre Gefühle sowie Handlungen und gibt ihnen durch ihre nachvollziehbare Charakterisierung eine erstaunliche individuelle psychologische Tiefe. Allerdings ist es nicht überraschend, sucht doch der Orient die wahre Bestimmung eines Menschen stets auf seinem Weg in sein Inneres. Zur Vertiefung der Auseinandersetzung mit der Liebe führt Nizami einen makellos reinen jungen Baumeister und Architekten namens Farhad ein, der für Schirins Liebe bereit ist, jedes Opfer zu bringen.
Nizami zeigt hier erstmalig in der Literaturgeschichte des Nahen und Mittleren Osten mit großem Erfolg die Individualität in all ihrem Reichtum, mit all ihren Widersprüchen sowie Höhen und Tiefen auf. „Chosrau und Schirin“ wird vielfach zu den größten Meisterwerken Nizamis und auch der Welt- Literatur gezählt. Des Themas haben sich danach viele herausragende Dichter angenommen wie bspw. der Uigure Mir Ali Schir Nawāʾi sowie der indische Dichter Amīr Chusrau Dehlavī.
Nizami hatte kurz nach Āfāqs Tod ein zweites Mal geheiratet. Und erneut traf ihn das Schicksal hart. Seine zweite Frau starb bereits im Jahre 1188. Im selben Jahr bekam Nizami den Auftrag für ein neues Epos. Schirwan-Schah Ahsitan I, wünschte ein Epos auf der Basis der arabischen Legende von dem glücklosen Liebespaar Leila und Madschnun. Nizami wollte den Auftrag ablehnen. Er hielt es inhaltlich für bereits abgedroschen und trocken wie Wüstensand. Dann reicherte er den Stoff mit vielen philosophischen Überlegungen und Aspekten zur Entwicklung einer wahnhaften Liebe der zu jungen erwachsenen Heranreifenden an und schrieb es innerhalb eines Jahres. (s.o.)
In beiden romantischen Epen („Chosrau und Schirin“ sowie „Leila und Madschnun“) sind viele Lieder und Mugham-Stücke enthalten. Berühmte Sänger und Musiker wie Barbed und Makis tragen alleine in „Chosrau und Schirin“ 30 Gesang- und 8 Mughamstücke vor.13 Deutlich wird die enge Verbindung zwischen traditioneller Dichtkunst und Musik in Aserbaidschan. Verfasste Verse über die Liebe zu einer Frau oder die für Gott wurden auch in traditionellen Mughams verwendet.
Hier scheint kurz eine interessante Art von Zeitgenossenschaft auf. Der wohl bedeutendste Lyriker des deutschen Mittelalters, Walther von der Vogelweide lebte von 1170 bis 1230 und damit fast zeitgleich mit Nizami. Ab ca. 1150 gab es die gesungene Liebeslyrik in ritualisierter Form zuerst auf Mittelhochdeutsch und bald auf Hochdeutsch. Es war der sog. Minnesang („Liebesgesang“) der höfischen Minnesänger. Er diente auch der Vereinheitlichung der deutschen Literatursprache und war die Folge u.a. eines neuen Frauenbildes sowie einer neuen Auffassung von der (christlichen) Liebe. Christliches und muslimisches Gedankengut strömte zeitgleich u.a. von Byzanz und aus dem Nahen Osten kommend nach Norden durch Aserbaidschan nach Georgien und Armenien. Das Frauenbild und die (göttliche) Liebe waren auch Themen im stärker muslimisch geprägten Aserbaidschan, auch hier bildete sich eine neue, verfeinerte Dichter-Sprache – es waren zentrale Pfeiler in den Epen Nizamis.
So wie in den Epen viele Lieder und Mugham-Stücke enthalten sind, so sind sie auch eine Fundgrube bezüglich der verwendeten Musikinstrumente14 und der bereits verwendeten Begriffe wie Melodie, Stimmung, Rhythmus, Harmonie, Modulation und Achtelnote.
Der Charakter seiner Werke als eine Art Enzyklopädie der aserbaidschanischen Volkskunde wird verstärkt durch die Darstellungen der Terminologie von Spielen (wie Schach und Backgammon) sowie seine Wahrnehmung von Gemälden. Er schätzte besonders die Malkunst aus Rum15 und China. An diesen interessierte ihn besonders der Realismus der Darstellung. Heutige Forscher suchen primär die ikonische Symbolik in diesen Kunstwerken. Besonders bedeutsam sind seine Erklärungen zur bildenden Kunst wie u.a. Bildhauerei und Wandmalerei sowie zur Kalligraphie und zu den bedeutenden Künstlern und Bildhauern.
Bei dieser Breite und Tiefe, auch in den Verhaltensweisen usw., kann man feststellen, dass Nizami fast schon in unseren heutigen humanistischen Vorstellungen dachte und dass seine Literatur die Kreativität in vielen Bereichen, insbesondere in der feinen und dekorativen, aber auch gestalterischen Kunst, beeinflusst hat. Es gibt in vielen Museen der Welt Kunstgewerbliches, Miniaturen sowie Motive aus seinen Epen, insb. aus Chamsa16 als verzierende Bebilderung auf Teppichen, Wandmalereien, Büchern, Waffen und Haushaltsgeschirr. Und die Motive und Stoffe seiner Literatur inspirieren (insbesondere im „Osten“) auch heute u.a. Dichter, Komponisten, Dramatiker und Designer. Die humanistischen Ideen wie Gerechtigkeit und eine gerechte Gesellschaftsordnung, Angemessenheit, Barmherzigkeit und Großzügigkeit sowie die ästhetischen Abbildungen, Bilder (Images) Nizamis im Vergleich zu heute sind Gegenstand einer gegenwärtigen Ausstellung in Moskau (März, April 2021) und werden es auch in der großen Ausstellung im Heydar-Alijev-Zentrum, Baku im Sommer 2021 sein.
Aber Nizami ist nicht nur ein philosophischer Schöngeist, sondern auch ein politischer Dichter. Sein viertes Epos „Sieben Schönheiten“ bzw. die „Sieben Bildnisse“ beendet er am 31. Juli 1196 um Mitternacht. Sein Auftraggeber war der Herrscher von Maragha, ʿAlāʾ-al-Dīn Körpe-Arslān bin Aq- Sonqor (1174–1207) aus der Dynastie der Ahmadiliden, mit den beiden Söhnen Nasr ad-Din Mohammad Schah und Ahmad Schah.
Nizami beschreibt die unterhaltsamen Abenteurer des lebensfrohen Sassanidenkönigs Bahrām Gur (Bahrām V.), der u.a. den Sinti und Roma bei der Flucht aus Indien geholfen haben soll sowie seine Überlegungen zu der zeitlosen Frage nach dem gerechten Herrscher. Dabei stellt Nizami die Lebensgeschichte des Sasssanidenherrschers in fantastischen, heiteren und lehrreichen Geschichten über sieben Schönheiten, die zu Frauen des Schahs werden bzw. seine sieben Seelenzustände sind, dar. Zugleich werden sieben Menschen aus Gefangenschaft errettet. Nizamis Intention scheint hier die Erziehung eines Herrschers sowie der Menschen sein zu können, d.h. mittels „didaktischer“ Geschichten als Lehrer zu wirken. Dazu gehört auch, dass Nizami in authentischer Weise auch das Alltagsleben im Land erzählt, das vom tyrannischen Wesir brutal auch mit Folter, Mord und Massakern regiert wird. Ein gerechter Herrscher lässt ihn hinrichten.
Noch im Jahre 1196 beginnt er das Alexander-Buch („Iskandernāme“), sein längstes und umfassendes Buch. Der erste Teil, das „Buch des Ruhmes“ („Sharaf-nāme”) beschreibt Leben, Kriege, Eroberungen und Heldentaten von Alexander dem Großen. Wenn man das erste vom zweiten Buch abheben will, dann zeigt er Alexander, fast in okzidentaler Orientierung und Fokussierung auf das Äußere, im Vertrauen auf die Ratio in seinem Umfeld bzw. der Realität. Der zweite Teil, das „Buch des Glücks“ („Ikbal-nāme”) beschreibt, jetzt fast in orientalischer Suche nach der Bestimmung des Menschen im Inneren, die Wandlung Alexanders vom Eroberer und König zu einem Philosophen und (islamischen) Propheten.
Nizami lässt Alexander den Großen in einem Kreis antiker Gelehrter diskutieren, darunter Arastun (Aristoteles), Aflatun (Platon), Sokrates, Bulunus Ruminian (Apollonios von Tyrana) Valis (Fales), Forforius (Parfiri von Tir)) und Hormus (Hermes Trismegistos), der angebliche Begründer der Alchemie, Zauberei und anderer magischer Wissenschaften. Mit diesem Kunstgriff eines fiktionalen wissenschaftlichen Disputs behandelt Nizami die Frage nach dem Ursprung des Universums bzw. der Schöpfung.
Und Nizami lässt Alexander zahlreiche Länder erkunden, bis er schlussendlich ein Land im Nordosten findet, das vollkommen zu sein scheint. Die Obrigkeit ist gerecht, es gibt weder Unterdrücker noch Unterdrückte, kein Arm und kein Reich sowie weder Diebstahl noch Betrügereien. Die Menschen werden nicht krank und sterben erst im hohen Alter. Ein weltliches Paradies als Prophezeiung oder ein andauernder Menschheitstraum?
Im Jahr 1200 stirbt Nizamis dritte Ehefrau. Er selbst geht bereits auf die „70“ zu. Viele seiner Freunde und Mitstreiter sind bereits tot. Die Einsamkeit und das Gefühl des nahenden Endes lassen ihn melancholisch werden. Am Ende von Iskandernāme bittet er seine Leser, ihn im Gedächtnis zu behalten, u.a. damit sie seine Ratschläge befolgen und ein gutes Leben haben werden.
Nizami hat insgesamt ca. 20.–28.000 lyrische Gedichte, Verse und Oden in Form zweizeiliger Strophen (Distichen) geschrieben. Sie sind in seinem Werk „Diwan“ zusammengefasst. Uns sind nur ca. 100 Verse bekannt, allerdings ohne Kenntnis der Damen, an die sie gerichtet waren.17 Auch Hölderlin, Schiller und Goethe haben Distichen verfasst.18 Dabei nimmt Goethe (1749–1832) nach der Lektüre u.a. von Arbeiten des persischen Dichters Hafez (1315–1390), der alle Epen von Nizami kennt, bzw. der nach Entdeckung derartiger Literatur aus dem Orient (Weltliteratur gemäß seiner Wortschöpfung) in seinem Spätwerk „West-Östlicher Diwan“ (1819 bzw. 1827) eine neue Sicht und Perspektive ein und schafft einen Mix aus Orient und Okzident.19 Er sieht keinen Gegensatz, sondern die Chance eines fruchtbaren künstlerischen Wettbewerbs, denn Okzident und Orient gehören zusammen, so wie für viele Deutsche u.a. auch bei Lessing. Denn das ist Weltliteratur. Es ist der größte Gegensatz u.a. zu Rudyard Kipling (1885–1936) und den Kolonialpolitikern in europäischen Ländern, für die Orient und Okzident bzw. Ost und West unüberbrückbar nie zusammenkommen werden, weil sie auf der Ebene dominanter Macht- und Geopolitik sowie kultureller Überlegenheit argumentieren. Es kann aber auch kein derartiger Gegensatz bestehen, da Teile der Identität eines jeden Volkes in Europa orientalisch-asiatischen Quellen entsprungen sind.
Nizami und Goethe, ersterer nur sehr viel früher, waren beide bis zu ihrem Lebensende als große Individuen gleich neugierig und wissensorientiert sowohl in den Natur- als auch den Geisteswissenschaften. Beide suchten stets tiefere, „göttliche“ Erkenntnis oder ausgedrückt mit dem letzten Wunsch bzw. den letzten zwei Worten Goethes „mehr Licht“.20
Nizami ist mit seinem Werk ein nationales Kulturgut Aserbaidschans und zugleich ein supranationales der Welt. Damit es weiter zwischen uns lebt und wirkt, genügt es nicht, dass Fachwissenschaftler es zunächst lesen und erforschen, um ihre Ergebnisse dann zu repräsentieren. Es muss von einem breiteren Publikum/Kreis gelesen und verstanden werden. Die Voraussetzung dafür schaffen das Elternhaus und der Kultur- und Literaturunterricht in den Schulen sowie Seminare an Universitäten, allerdings nicht in Form von Diskursen mit Injektionen von Ideologie sowie Weltanschauung, sondern in Form von fachfähigen sowie begeisterten und begeisternden Lehrkräften und Professoren.
Wilfried Fuhrmann, Prof. Dr., Potsdam
Dschingis Kadschar, Prof. Dr., Baku
Potsdam, 07.05.2021
Appendix
1.
Das genannte Fernhandelsnetzwerk von Afrika bis China lässt sich leichter vorstellen, wenn man bedenkt, dass Nizami alleine in „Chamsa“ (Die fünf Schätze) die folgenden Länder erwähnt hat: Aserbaidschan, China, Tibet, Kaschmir, Iran (Adscham), Irak, Syrien, Libanon, Jemen, Oman, Aden, Äthiopien (Habescha), Sinai, Ägypten, Maghreb, das Gebiet der Rhomäer (griechisches Byzantium), Andalusien in Spanien, Mughan (Provinz des Abbasidischen Kalifates, heute im iranischen Aserbaidschan), Schirwan (Region in Ost-Aserbaidschan), Arrān (östliches Transkaukasien, Heimat von Nizami), Abchasien (Georgien), Armaghan (Armenien), Kashkar, Transoxanien, Māzandarān, Khuzendaran, Chuzestan, Dschām, Kisir, Sarir, Hatay, Chorasan, Badashhkhan, Gimgele, Sansibar, Istachr, Ifranjat, Haveran, Dagestan, Jend, Gilan, Taras, Khitall, Kayravun, Elburs, Kannauj, Khalukh, Ark, Khazran, Zing.. Sogar den Nordpol nennt er.
2.
Genannt werden ebenso dutzende Städte in Nordafrika, Südeuropa, der Levante, auf der Arabischen Halbinsel, im Iran, im Kaukasus, in Zentralasien und in Indien, darunter Gandscha (seine Heimatstadt), Bərdə, Derbent, Tiflis, Taschkent, Buchara, Samarkand, Herat, Choresmien, Bagdad, Medina, Mekka, Şam (Damaskus), Iskandariya (Alexandria), Khalluh, Seleukia-Ktesiphon, Lahore, Farhar (Falgar), Kerman, Alan, Balch (Baktra), Merw, Zandschan, Hotan, Yagma, Ray, Isfahan, Mossul, Babylon, Jerusalem, Ghazni, Fur, Nischapur, Shahrir, Bolgar, Tūs, Gorgan, Burtas, Khazran, Buskhak, Khar, Bisra, Tamuz und andere.
- Das einzige noch existierende Exemplar dieses aserbaidschanischen Kulturgutes liegt im Britischen Museum
- „Der Neugeborene wird mit seinem Wissen und seinem Mut alle in Erstaunen versetzen, da der Glücksstern im Zeichen des Löwen steht. Er wird uns mit seinen Kenntnissen verblüffen und in den Wissenschaften reüssieren, da die Sonne im Zeichen des Widders Er wird glücklich und zufrieden sein, da Merkur im Zeichen der Zwillinge steht. Sein Mut und seine Zielstrebigkeit werden ihm den Ruhm der Welt einbringen, da Venus im Zeichen des temperamentvollen Schützen steht. Und, schließlich, wird er Kriege gewinnen, da Mars im Zeichen der Waage steht.“ Siehe Chingiz Qajar, The Zenith of the Islamic Renaissance, Sheikh Nizami Ganjevi, in: The famous sons of Ancient and Medieval Azerbaijan; o. O., o. J. [2005], 94–113. Nazila Abdulqasimova, „Nizami on the Universe“ Baku 1991.
- Aus den Arbeiten von Tycho Brahe, Johannes Keppler und Nikolaus Kopernikus (1473–1543), Domherr des Fürstbistums Ermland in Preußen entwickelte sich das heliozentrische Weltbild. Verbunden war mit der Ablösung des geozentrischen bekanntlich der Streit zwischen der Lateinischen Kirche (der „katholischen“ Kirche) und Galilei Galileo (1564–1642), der deswegen 1632 ins Gefängnis musste. Die Kirche hielt bis 1757 am geozentrischen Weltbild
- Genannt wurde er Scheich Nizami, oder Niẓāmī-ye Ganǧawī, was Nizami aus Gandscha auf Persisch bedeutet Nizami Ganjali in der aserbaidschan-türkischen Schreibweise.
- Sein vollständiger Name lautet: Ǧamāl ad-Dīn Abū Muḥammad Ilyās ibn Yūsuf ibn Zakī ibn Mu’ayyid.
- Unter der arabischen Form des Familiennamens sind in mittelalterlichen Quellen viele Angaben zu finden bspw. sein Geburtsort sowie sein Pseudonym, aber auch der Name des Vaters: Yusif, des Großvaters: Muayyad sowie seiner ersten Frau Äfäq und des gemeinsamen Sohnes:
- Demgegenüber hatte Paris um 1200 rd. 50.000 Einwohner.
- Im Kalifat des 9. Jh. blühten die Wissenschaften auf und die Statthalter (Hakime) umgaben sich mit Dichtern und Gelehrten und sie bauten Bibliotheken, in denen Werke von so bedeutsamen Gelehrten, Denkern und Dichtern wie al-Kindī, al-Chwarizmi, al-Fārābī, Ibn Sina (Avicenna), al-Bīrūnī, Al-Kashkari, Bahmanyar a.m. standen.
- In Aserbaidschan gab es damals eine ganze Reihe herausragender, Arabisch sprechender Wissenschaftler und Gelehrter, unter ihnen Größen wie die Philosophen Bahmanyar (gestorben 1066), Abu Bakr Ahmed Bardiji (gestorben 914), Abu Said Ahmed Bardayi (gestorben 929), Eynalguzat Miyanaji (1099–1131) und die Dichter Musa Shahavat (7.–8. Jh.), Ismail ibn Yassar (7.–8. Jh.), Abul-Abbas al-Ama (gestorben 718), Mansur Tabrizi und
- Positiv verliefen damals auch einige Entwicklung in „Germanien“. So erhielten Lübeck 1188 sowie Nürnberg 1200 das Stadtrecht und Hamburg den Hafenfreibrief durch Kaiser Friedrich Barbarossa.
- Vertreter dieser neuen Schule sind u.a. Quatran Tabrizi, Chaghani (Schirvani), Mahsati, Abul-Ala von Gandscha, Izza ad-Din Schirvani, Feleki Schirvani, und Mujir ad-Din Sie hinterließen tiefgründige philosophische Werke voller wissenschaftlicher Hinweise und komplexer Terminologie, voll von Mythologie und Allegorien. Eine Fundgrube für die moderne Forschung.
- Einem Historiker der Seldschuken zufolge habe Bahram nach Erhalt des Werks verkündet: „Ich würde meine gesamte Schatzkammer als Geschenk geben für dieses Buch, das meinen Namen in Versen wie Perlen verewigt Die Welt wird meinen Namen bis in alle Ewigkeit erinnern.“
- Die Titel der Gesangsstücke lauten a. „Vom Wind geschenkt”, „Perlenvorhang“, „Süßliches Getränk”, „Rache für Siyavush” und „Schirins Garten”, die Mughams heißen „Rast”, „Iraker”, „Novruzi”, „Isfahaner”, „Ushshagh”, „Rahavi”, „Zirefkand” und „Khisari.“
- Er nennt nicht nur (die auch heute noch gespielten) Instrumente, wie Saz, Ud, Berbet, Setar, Tschang, Kanun, Mushkar, Organum, Kamantsche, Rubab, Tanbur, Karna, Santur, Qus, Davul, Daf, Naqqara und Zandan, sondern auch ihre Form, die Anzahl der Saiten, wie man sie spielt und ihren Klang.
- Es geht um das Sultanat der Rum-Seldschuken, das so genannt wurde, da es sich auf byzantinischem (rhomäischem) Boden (arab. ar-Rūm) im heutigen Anatolien
- Niedergeschrieben wurde es 1543 speziell für Schah Tahmasp I (1514–1576) in Täbris von berühmten aserbaidschanischen Vertretern der Kalligraphie wie Schah Mahmud Al Nishapuri, Agha Mirak, Mir Nusawir und Muzaffar Ali. Das Buch liegt nicht in Baku, sondern im Britischen Museum, London. Das 1230 in Baku wahrscheinlich direkt von Nizamis Handschrift durch den Kalligraphen Fazlullah ibn Mohammed ibn Omar kopierte Exemplar der „Schatzkammer der Geheimnisse“ befindet sich in der Bibliothek des India Office /London (und nicht als nationales Kulturgut in Baku).
- Unbekannt ist auch, welche Frau im Grab neben Nizami ruht oder gar zugleich mit ihm beerdigt
- Die bekanntesten Verspaare sind „Brot und Wein“ (Hölderlin), „Der Spaziergang“ (Schiller), „Die Xenien“ (Goethe und Schiller) sowie „römische Elegien“ (Goethe).
- das Hafez-Goethe-Monument der zwei gegenüberstehenden Stühle in Weimar.
- das Gedicht von Frances E.W. Harper, übertragen von Stephan Hermlin: Mehr Licht!