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Anastasius Hartmann aus dem Luzerner Seetal
Unter den Missionsbischöfen, die aus der Schweiz stammen, ragt der Kapuziner Anastasius Hartmann hervor, dessen Todestag wir heuer zum 150. Mal begehen. Er gehörte im 19. Jahrhundert zu den wegweisenden Pionieren der Weltmission.
Bischof Anastasius wurde am 24. Februar 1803 als Alois Hartmann in einem stattlichen Bauernhaus in Altwis im Luzerner Seetal als siebtes von zehn Kindern geboren, von denen sechs früh verstarben. Er wurde stark geprägt durch die Frömmigkeit, aber auch der Belesenheit seines bäuerlichen Elternhauses: Sein Vater Josef Jakob Hartmann verfügte, eher aussergewöhnlich, als einfacher Bauer über eine Hausbibliothek mit geistlichen und profanen Werken. Seine Mutter Barbara übte einen starken spirituellen Einfluss auf den jungen Alois aus.
Wilder Bub
Alois Hartmann war ein wilder, ungestümer und neugieriger Bub, der seine Umgebung auch mal mit Streichen neckte. Bereits im Alter von 11-12 Jahren wurde ihm aber klar, dass er Priester werden wollte, was seine Mutter und Geschwister von Beginn weg sehr, seinen Vater aber anfänglich überhaupt nicht, erfreute. Es war dann der Kaplan der Pfarrei Hitzkirch, Josef Hofstetter, der ihn ermunterte, aufs Gymnasium in Luzern zu gehen. Weil er aber dort durch die Aufnahmeprüfung fiel, wechselte Alois Hartmann – ohne Wissen und Einverständnis seiner Eltern – ans jesuitisch geprägte Kollegi in Solothurn, da dort keine Aufnahmeprüfung verlangt wurde. Dort gehörte er unter den 42 Mitschülern bald zu den besten. Er kam in Kontakt mit den Kapuzinern und bat bereits in seinem ersten Jahr in Solothurn um Aufnahme in den Orden. Am 17. September 1821 erhielt er im Kapuzinerkloster in Baden das Ordenskleid des heiligen Franziskus und, auf die ewige Profess hin, ein Jahr später auch den definitiven Namen Anastasius.
Seelsorger, Ausbildner, Schriftsteller
20 Jahre lange wirkte er jetzt als Kapuziner in der Schweiz: Zuerst war er bis 1826 Student in Philosophie und Theologie in Baden – am 24. September 1825 wurde er in Freiburg zum Priester geweiht – dann zwischen 1826 – 1830 Seelsorger in verschiedenen Pfarreien Luzerns.
Aus dieser Zeit ist auch noch eine Predigt erhalten geblieben, die er an die versammelte Bevölkerung nach der Hinrichtung von Elisabetha Müller aus Ebikon hielt, die ihr neugeborenes Kind getötet hatte. Anastasius Hartmann hatte im Auftrag des Regierungsrates die Verurteilte auf die Hinrichtung vorbereitet und begleitet.
Am Provinzkapitel der Kapuziner in Luzern wurde Anastasius Hartmann schliesslich 1830 das Amt des Novizenmeisters im Kloster Freiburg übertragen, wo er bis 1839 die Novizen ins Ordensleben einweihte und sie als Theologieprofessor auch durch das Studium begleitete. Unter seinen Schülern befand sich auch der spätere Kapuzinerprovinzial Maximus Kamber, der über seinen Lehrer schrieb, Anastasius Hartmann habe auch bei den Novizen gesucht, vor allem den inneren Menschen nach dem Vorbild Jesu und des heiligen Ordensvaters zu gestalten und er sei ein Feind jeder mechanischen Dressur und bloss äusserer Formen gewesen.
In seiner Freiburger Zeit beginnt Anastasius Hartmann auch zunehmend, geistlich-besinnliche Literatur zu schreiben.
Herzenswunsch Missionar
Doch noch immer konnte sich Anastasius seinen tiefsten Herzenswunsch, Missionar zu werden, nicht erfüllen. Diesen Wunsch hegte er bereits von Kindsbeinen an. Er verstärkte sich während des Noviziats in Solothurn, wo Anastasius die Profess anfänglich nur ablegen wollte, falls man ihm zusichere, später in die Mission gehen zu können (was ihm einen scharfen Verweis einbrachte).
Der junge Ordensmann fügte sich und erst in den Jahren 1839-40 drängte diese innere Stimme erneut an die Oberfläche. Bereits wollte Anastasius Hartmann seine Pläne definitiv begraben, da die Provinzleitung zuerst den Antrag ablehnte. Da nahm der Rat die Frage nochmals auf und fällte einstimmig einen positiven Entscheid. Damit wurde Anastasius Hartmann der erste Schweizer Kapuziner-Missionar in Übersee. Er war überglücklich: «Ich gehe in die Missionen, weil mich eine innere Berufung dazu drängt, so dass ich darin einzig und allein den Willen Gottes erkennen muss.»
Via Rom nach Indien
Jetzt gab es für Anastasius Hartmann kein Halten mehr: Bereits am 8. September 1841 hielt er in Hitzkirch die Abschiedspredigt. Doch erneut machten ihm seine Oberen einen Strich durch die Pläne. In Rom angekommen, eröffnete ihm sein Ordensgeneral Eugen von Rumilly, dass Anastasius Hartmann als Professor am Missionskollegium vorerst in Rom bleiben müsse.
Erst zwei Jahre später, am 22. November 1843 konnte er mit zwei Mitbrüdern nach Agra, im Westen des Bundesstaats Uttar Pradesh in Indien, aufbrechen. Nach mehrmonatiger Reise schrieb er, glücklich am 6. März 1844 in Agra, dem Sitz der Apostolischen Vikare, angekommen: «Ich bin vollkommen zufrieden. Ich habe nun keinen anderen Wunsch und keine andere Sorge mehr, als den christlichen Glauben hier mit Gottes Gnade und Segen zu beleben und auszubreiten.»
Dieser Aufgabe widmete sich Anastasius Hartmann in Indien ingesamt über 20 Jahre mit grossem Engagement und voller Leidenschaft, unterbrochen nur von einer Europareise und einem Romaufenthalt (als Generalprokurator und Präsens des Ordens) von 1856-1859. Zuerst war er einfacher Missionar in Agra und Gwalior (1844-1846), dann wurde er vom Papst nach der Bischofsweihe am 19. März 1846 zum Apostolischen Vikar in Patna (1846-1849) im Nordosten Indiens bestimmt, anschliessend zum apostolischen Administrator (1849- 1854) und zusätzlich apostolischen Vikar (1854-1856) in Bombay, die letzten Lebensjahre schliesslich erneut als apostolischer Vikar in Patna.
«Prophetische Gestalt»
Hier sein immenses Wirken in Indien zu beschreiben, würde zu weit führen. Der Theologe und Kapuziner Walbert Bühlmann würdigt Anastasius Hartmann in seiner Biographie (1966) als eine prophetische Gestalt in der Kirche, die manche Forderungen des zweiten Vatikanischen Konzils vorweggenommen habe. Bischof Anastasius war «offen für die Zeichen der Zeit», versuchte den Glauben in Indien zu inkulturieren, indem er die einheimische Sprache Urdu lernte, «damit ich … auf öffentlicher Gasse predigen kann, aber auch, damit ich für die armen Christen die nötigen Bücher verfassen kann, einen grösseren Katechismus, ein gutes Gebetsbuch, das Neue Testament.»
All das hat er später ausgeführt, aber noch vieles mehr: Er errichtete neue Pfarreien, Schulen, Kinderheime und Seminare. Er bereiste unermüdlich sein Bistum auch über weite und unwegsame Strecken hinweg. In Bombay rief er eine Mittelschule ins Leben, woraus das noch heute bestehende, berühmte St. Xavier's University College entstand. 1850 gründete Bischof Anastasius Hartmann den «Bombay Examiner», die älteste, heute noch existierende, katholische Zeitung Indiens.
Kardinal Gracias von Bombay sagte später über den Schweizer Missionsbischof: «Alles, was das katholische Bombay zu dem macht, was es heute ist, geht auf Bischof Hartmann zurück: das katholische Erziehungswesen, das Priesterseminar, die katholische Presse.»
Vielfältiges Wirken – trotz Krankheit
Daneben kämpfte Anastasius als Bischof gegen die Gefahr schismatischer Tendenzen in der katholischen Kirche Indiens. Er setzte sich während seines Europaaufenthaltes in London vor dem Unterhaus für die Gleichberechtigung der katholischen mit der anglikanischen Kirche in Indien ein. Und er förderte den einheimischen Klerus. Ebenso war er für eine bessere Zusammenarbeit der verschiedenen (konkurrierenden) Orden und Bischöfe in den Missionen. Zunehmend aber belasteten ihn gesundheitliche Probleme.
Bereits vom ersten Missionsjahr weg litt er unter der damals unheilbaren Tropen-Dysenterie (Bakterienruhr), die ihn auch immer wieder in tiefe Depressionen stürzte: «Ich fühle mich wie ans Kreuz genagelt, den Kopf von Sorgen zerstochen wie von Dornen. Doch Gott hat immer geholfen, er wird auch weiter helfen», schrieb er.
Am 24. April 1866 starb er nach einer Cholera-Attacke in Kurji, St. Joseph`s Orphanage (nahe Patna), wo sich zu diesem Zeitpunkt seine Residenz befand. Zuerst wurde er in der St. Joseph’s-Kapelle in Bankipore begraben, später wurde sein Leichnam in die Kathedrale St. Joseph in Allahabad überführt.
Papst Johannes Paul II. anerkannte am 21. Dezember 1998 den heroischen Tugendgrad seines Lebens und verlieh ihm den Titel «Ehrwürdiger Diener Gottes».
Beat Baumgartner
Die letzten Tage von Bischof Anastasius
Osterwoche 1866 in Patna, wo Bischof Anastasius Hartmann die letzten Jahre seines Lebens gewirkt hatte, sich bis zum letzten verausgabend für die Betreuung der weitverstreuten katholischen Gemeinden des Vikariats und in rastlosem Einsatz für die Einheit und die Rechte der katholischen Kirche Indiens. Doch etwas war anders in diesen Tagen, fiel seinem Sekretär P. Antoine Marie Gachet auf: «Die letzte Woche war er den ganzen Tag auf den Füssen und immer voll beschäftigt. Er ordnete alles in den Archiven, durchstöberte Briefe, verbrannte den einen, legte den andern in Bünde.»
Dann wollte der Bischof noch schnell nach mit dem Zug nach Jumalpore, wo ihm die ostindische Handelskompagnie ein Stück Land für eine Kirche angeboten hatte. Zwischen den Verhandlungen schrieb er zwei Briefe, die letzten von insgesamt 30‘000 (sic!) und kehrte dann in der Nacht vom Sonntag auf den Montag nach Kurji zurück.
Bischof Anastasius Hartmann, der zeitlebens unter Krankheiten gelitten hatte, hatte sich damit zu viel zugemutet. Er brach zusammen, fing an zu erbrechen – der Arzt diagnostizierte Cholera – und nach einer längeren Agonie, nach Empfang der letzten Ölung und Ablegen der Beichte verstarb er am 24. April 1866 um 20.30 Uhr im Beisein von Gachet in seinem Zimmer in Kurji.
Gachet erinnert sich später in leicht humorvoller Weise an diese Stunde: «So oft man dem hochwürdigen Herrn nahelegte, er solle sich schonen und ein wenig rasten, da hatte er immer die gleiche Antwort bereit: ‚In meinem Grabe werde ich einmal zum Ruhen Zeit genug finden.‘»