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Domestikation des Wildschweines
Das Wildschwein (Sus scrofa) gilt als Stammform des Hausschweins und aller heutigen europäischen Hausschweinrassen. Es gehört mit zum ältesten Jagdwild des Menschen und Knochenfunde belegen, dass die Vorfahren dieser Tiere im Gebiet der heutigen Schweiz bereits in der Altsteinzeit vorkamen, also vor mehr als 2 Millionen Jahren. Das ursprünglich nur in Europa und Asien verbreitete Wildschwein gehört zu den Paarhufern und wird zum Teil in über 50 regionale Unterarten eingeteilt. Es ist ein typischer Allesfresser, der sich von Kräutern, Wurzeln, Eicheln, Bucheckern, Wirbellosen, kleinen Wirbeltieren und dergleichen ernährt.
Die Domestikation von Wildschweinen vollzog sich in verschiedenen Erdteilen unabhängig voneinander. Sie begann wohl etwa um 7000 v. Chr. und war eine Folge des Übergangs zur Sesshaftigkeit der steinzeitlichen Menschen. Die Hausschweinhaltung verbreitete sich danach rasch, da die Fütterung der allesfressenden Tiere leicht, ihre Reproduktionsrate hoch und das Fleisch beliebt waren. Bis vor wenigen hundert Jahren unterschieden sich die domestizierten Tiere äusserlich nicht sonderlich vom Wildschwein.
Verbreitung und kulturelle Bedeutung
Ab dem 3. Jahrtausend v. Chr. waren domestizierte Schweine beinahe im gesamten Mittelmeerraum verbreitet. Schweinefleisch war sowohl in der griechischen und römischen Kultur als auch bei den Galliern und Germanen sehr beliebt. Die Nachfrage nach Schweinefleisch im römischen Reich war bedeutend und aus den waldreichen gallischen Territorien wurden grosse Mengen an Wild- und Hausschweinen Richtung Süden exportiert.
Wie in anderen Religionen galt auch in der christlichen Kultur das Schwein als unrein und ist im Alten Testament ein Symbol für das Heidentum. Dieser Glaube hat dazu beigetragen, dass das Schwein im Mittelalter als ein unreines und dem Satan zugetanes Tier galt. Allerdings bedeutete das Schwein im profanen Sinne für den mittelalterlichen Bauern immer Wohlstand und Sicherheit und mutierte in der Neuzeit zu einem Symbol der Prosperität und des Glücks, so zum Beispiel in Form des Sparschweins
Schweinehaltung in Mittelalter und Neuzeit
Trotz aller Vorurteile war Schweinefleisch sehr beliebt und hatte in der Kultur des mittelalterlichen, christlichen Europas eine grosse Bedeutung. Allerdings ist wenig über die Praktiken der Schweinehaltung bis ins 13. Jh. überliefert. Zu Beginn des 14. Jh. wurde die Schweinemast jedoch bereits professionell betrieben. Die Tiere pferchte man teilweise auf dem Bauernhof ein, öfter jedoch wurden die Schweine eines Dorfes in die Obhut eines Hirten gegeben. Ein Schweinehirt konnte etwa 60 Tiere beaufsichtigen und trieb die Tiere auf Viehweiden oder zur Eichel- und Bucheckernmast in die Wälder. Wegen der grossen Bedeutung der Waldweide ist die Geschichte der Schweinehaltung stark mit der des Waldes verbunden. Es war üblich, die Grösse eines Waldstückes in der Zahl der Schweine anzugeben, die darin gemästet werden konnten. Mit Abnahme der Waldflächen und der zunehmenden Nutzung der verbliebenen Wälder wurde das Weiderecht ab dem 12. Jh. vielerorts streng überwacht und reglementiert.
Ab dem 16. Jh. führte vor allem der fortlaufende Verlust von Wäldern dazu, dass sich die Zahl der gehaltenen Schweine verringerte. In manchen Gebieten Europas gab es im 18. Jh. nur noch halb so viele Schweine als 500 Jahre zuvor, während sich die Bevölkerung in der gleichen Zeit verdoppelte. Die Verbreitung der Kartoffel brachte wieder neuen Schwung in die Schweinehaltung. Speziell auf sauren Böden, die für den Getreideanbau ungeeignet waren, liess sich die Knolle noch anbauen und ermöglichte es vielen Bauernfamilien wieder, ein oder zwei Tiere jährlich zu mästen. Am Ende der Entwicklung stand im 19. Jh. die intensive Stallhaltung und industrielle Schweinemast. Abfälle aus der sich parallel entwickelnden Kuhmilchwirtschaft, aus Müllereibetrieben, aus Spital- oder Kasernenküchen lieferten die nötige Basis dazu.
Zucht neuer Rassen und moderne Schweinemast
Während sich die domestizierten Schweine bei der Freilandhaltung im Wald immer noch regelmässig mit Wildschweinen kreuzten und diesen ähnlich blieben, entstanden im Verlauf dieser neueren Entwicklungen Schweinerassen, die sich immer mehr von ihrer Stammform unterschieden. Um die Mitte des 18. Jh. gab es in England die ersten systematischen Versuche der Entwicklung neuer Schweinerassen. Diese Kreuzungen, unter anderem mit asiatischen Schweineformen, führten zu grossen, schnellwachsenden Rassen wie zum Beispiel dem bekannten Berkshire-Schwein. Diese Tiere können im zweiten Lebensjahr bereits über 400 Kilogramm auf die Waage bringen. Gegenwärtig gibt es weltweit über 700 verschiedene Schweinerassen. Wichtige Rassen, die heute in der Zucht verwendet werden, sind Edelschwein, Landrasse und Pietrain. In der Schweiz sind das Edelschwein und die Landrasse seit Jahrzehnten die Hauptschweinerassen. Diese Tiere setzen weniger Fett an, liefern zarteres Fleisch und ausgeprägtere Schinken als manche älteren Rassen. Zudem besitzen sie ein Rippenpaar mehr als das Wildschwein.
Alte Rassen wie das Wollschwein, das wegen seiner guten Speckqualität im 19. Jh. noch weitverbreitet und zeitweilig das meistgehaltene Schwein in der Schweiz war, wurden wegen ihrem langsamen Wuchs fast vollständig verdrängt. In der intensiven Schweinemast werden die Tiere auf sehr engem Raum in Ställen gehalten. Da in diesen Betrieben auf wenig Raum viel Mist und Gülle anfällt, kommt es in Gebieten mit vielen Mastbetrieben oft zu übermässigem Düngereintrag in Felder und Gewässer. So waren bis in die 1990er-Jahre Einleitungen von Schweinegülle in den Birsig immer wieder für grosse Fischsterben verantwortlich.
DK / JS