Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03657.jsonl.gz/881

Volume 14
Ralf-Henning
Steinmetz
Exempel und Auslegung
Studien zu den ‹Sieben weisen Meistern›
Fribourg/Suisse, 2000, XII+220 p.
ISBN 3-7278-1288-5
Die ‹Sieben weisen Meister› wurden in der frühen Neuzeit häufiger gedruckt als jeder andere weltliche Erzähltext in deutscher Sprache (ca. 60 Auflagen zwischen 1473 und 1620). Diese Vulgatfassung geht, wie fast alle der insgesamt 14 deutschen Fassungen, auf die mittellateinische ‹Historia septem sapientum› zurück (vor 1342), auf der auch zahlreiche Bearbeitungen in fast allen anderen europäischen Volkssprachen beruhen. Die meisten deutschen Fassungen haben die Intention ihrer Vorlage mehr oder minder getreu bewahrt. In der Rahmenerzählung streiten zwei Parteien mit Hilfe von Exempeln über den Fall und um das Leben eines zu Unrecht der Vergewaltigung angeklagten Prinzen. Eine genaue Textanalyse vor dem Hintergrund der altfranzösischen Vorlage der ‹Historia›, des ‹Roman des sept sages de Rome› (vor 1200), belegt die These, dass eine regelhafte Diskrepanz in der argumentativen Qualität der Beispielerzählungen auf die Absicht des lateinischen Autors zurückgeht. Durch die wiederholte Gegenüberstellung passender und unpassender Auslegungsverfahren bietet er eine rein narrative Kritik der argumentativen Exempelverwendung. Die geistigen Grundlagen für dieses ungewöhnliche Vorhaben finden sich bei den im Mittelalter gelesenen Autoren der antiken Argumentationslehre. Die Möglichkeit, durch die Umarbeitung einer vorhandenen Erzählsammlung den unangemessenen Umgang mit Erzähltexten zu kritisieren, liegt in der strengen kontrastiv-argumentativen Struktur der ‹Meister›, für die in der Weltliteratur keine Parallele bekannt ist. Der Autor der ‹Historia› hat das Potential der Sammlungsstruktur erkannt und die unterschiedliche Überzeugungskraft der Exempelauslegung für seine Absicht eingesetzt.