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13.12.2017 - Judith Stamm
13.12.2017
Judith Stamm
Literatur und Politik
Gibt es eine gegenseitige Einflussnahme? Das Podiumsgespräch blieb eine abschliessende Antwort schuldig.
Gegen 200 Personen fanden sich im 1865 von Leonhard Zeugheer entworfenen und heute denkmalgeschützten, prächtigen Zeugheersaal des Hotels Schweizerhof in Luzern ein. Die literarische Gesellschaft Luzern veranstaltete ein Podiumsgespräch unter dem Titel „Literatur und Politik“. Wie der Präsident Peter Schulz in seiner Begrüssung ausführte, war der Anlass gleichsam eine Wiederaufnahme des Themas, das 2014 am selben Ort erörtert worden war. Damals stand die berühmte Rede von Carl Spitteler im Mittelpunkt, die er 1914 gehalten hatte. Das Verhältnis von Literatur und Politik sollte am heutigen Abend vertieft betrachtet werden.
Von links: Moritz Leuenberger, Dorothee Elmiger, Erwin Koller, Peter von Matt
Wieder nahmen am Podium der ehemalige Bundesrat Moritz Leuenberger und der Literaturwissenschaftler Peter von Matt teil. Die junge Generation war durch die schon mit verschiedenen Preisen bedachte aufstrebende Schriftstellerin Dorothee Elmiger vertreten. Erwin Koller, vielen bekannt aus den Sendungen „Sternstunden“ des Schweizer Fernsehens, leitete das Gespräch.
Interessant war, wie im Verlaufe des Abends zwei Typen von Literaten, Schriftstellern herauskristallisiert wurden. Der eine arbeitet in seiner Klause, tritt aber einmal öffentlich auf, wenn ihm die Situation gebietet, das Wort zu ergreifen. Dabei wurde auf das Beispiel von Carl Spitteler zurückgegriffen, der am Anfang des Zweiten Weltkrieges, als die Romandie und die Deutschschweiz Gefahr liefen, sich zu entfremden, mit seiner Ansprache „Unser Schweizer Standpunkt“ eine Spaltung des Landes verhinderte. Als entgegengesetztes Beispiel wurde Günther Grass genannt, der mit der Zeit zu allem „etwas“ gesagt habe.
Eine amüsante Anekdote steuerte alt Bundesrat Moritz Leuenberger bei mit seiner Erinnerung, dass er in einer Botschaft des Bundesrates über Umweltprobleme ein passendes Zitat von Friedrich Dürenmatt habe verwenden wollen. Das sei ihm im Gremium rausgestrichen worden mit der Begründung: „Die Bürger wollen Geld, nicht Literatur“. Aber Leuenberger erzählte auch, dass bei einer Autobahn eine Untertunnelung gemacht worden sei. Weil einmal im Jahr dort dänische Zugvögel landeten, auf die man habe Rücksicht nehmen wollen. Nicht immer sei es die Ökonomie, die Priorität erhalte. Dabei wies er auf das Stück von Dürrenmatt „Der Besuch der alten Dame“ hin, in dem sehr wohl dem Geld die Priorität vor dem Leben eingeräumt werde.
Den Voten von Peter von Matt merkte man gut an, dass ihm die Sprache der Politiker überhaupt nicht behagt. Die Politik schematisiere die Sprache. Die Literatur entwickle immer wieder eine neue, andere Sprache. Von der Literatur werde auch erwartet, dass sie aufzeige, was dazwischen stehe, wenn die Standpunkte verhärtet seien. Oder dass gesagt werde, was sonst niemand sage. Von der Politik würden Begriffe geprägt, die dann von allen immer und immer wieder benützt würden. Offensichtlich unterschätzte er, dass Politiker mit ihrer Sprache nicht die Seelen zu Höhenflügen verleiten wollen. Sie wollen mit ihren Anliegen verstanden werden, und zwar von möglichst vielen Menschen.
Von Matt rühmte sich auch, dass er in seinem Leben nur eine einzige Erstaugustansprache gehalten habe. Moritz Leuenberger bekannte, dass es von ihm viele solcher Ansprachen gegeben habe, in allen drei Landessprachen. Dabei habe er festgestellt, dass er das Wort „Heimat“ nicht ins Französische habe übersetzen können. Seine Wahl sei dann auf das Wort „four“ gefallen, im Sinn von „Herdfeuer“. Das sei von den Zuhörenden verstanden worden.
Die Gesprächsrunde griff auch immer wieder auf literarische Beispiele zurück, etwa auf „Martin Salander“ von Gottfried Keller oder auf die Rolle, die Heinrich Böll zu seiner Zeit spielte. Und widmete sich in Variationen den Begriffen Heimat, Grenzen, Fremde.
Dorothee Elmiger brachte mit ihren Beiträgen jeweils einen ganz anderen Ansatz in die Diskussion ein. Für sie seien die Fragen schon immer da. Schreibend frage sie dann: „Wie nähere ich mich der Welt?“, „wie führe ich das alles zusammen?“
In einer Schlussrunde wurden die Anwesenden gefragt, welche Gedanken zu Weihnachten sie dem Publikum mitgeben wollten. Geblieben ist mir vor allem die Antwort von Dorothee Elmiger. Sie wird am Weihnachtsabend in einem Haus arbeiten, in dem Menschen der verschiedensten Nationalitäten aus- und eingehen. So „nähert sie sich der Welt“, nicht nur schreibend, sondern im praktischen Tätigsein, in der lebendigen Begegnung!
Titelbild: Peter Schutz, Präsident literarische Gesellschaft Luzern
Fotos: Josef Ritler
Dorothee Elmiger: „Einladung an die Waghalsigen“, DuMont Verlag, Köln, 2010, ISBN 978-3-8321-9612-7
Dorothee Elmiger: „Schlafgänger“ DuMont Verlag, Köln, 2014, ISBN 978–3-8321-9472-1
Peter von Matt: „Don Quijote reitet über alle Grenzen: Europa als Raum der Inspiration“ Schwabe Verlag, Basel, 2017, ISBN 978-3-7965-3737-0