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Ottokars Cinétips
Billy the Kid - eine Western-Sage
Wer war Henry McCarthy, Henry Antrim oder William H. Bonnie, wie er auch geheissen wurde?
Von Ottokar Schnepf
Billy the Kid (zeitgenössische Illustration)
New Mexicos Gouverneur Richardson hat eine Begnadigung des sagenhaften Revolverhelden abgelehnt. Er sah nicht genügend Beweise dafür, dass dem Western-Helden zu Lebzeiten Gnade versprochen worden war. Diese Meldung ist am 1. Januar 2011 auf Spiegel online erschienen. Nur: Wer war Billy the Kid?
Über ihn gibt es viele Sagen und ebenso viele Filme. Deshalb auch blieb er so unsterblich wie z.B. Buffalo Bill, um den sich ebenso viele Sagen ranken. Ob Billy the Kid mit bürgerlichem Namen Henry McCarthy, Henry Antrim, respektive Kid Antrim oder William H. Bonnie hiess und am 23. November 1859 das Licht der Welt erblickte, niemand weiss es genau. Hat er neun oder 21 Menschenleben auf dem Gewissen?
Sicher überliefert sind lediglich vier Morde. Genaueres hingegen weiss man über
seinen Tod: Sein früherer Freund und späterer Sheriff Pat Garrett schoss ihm bei einem Feuergefecht in den Rücken. Kein heldenhafter Tod für einen Revolverhelden.
Filmische Huldigungen
Ein Film über Billy the Kid spielt immer sein Geld ein, er wird immer sein Publikum finden. Und nimmt man sich einen Gesetzlosen als Hauptfigur, sollte man diesen mit Sympathie behandeln. All das nahmen sich die Regisseure der Western-Filme schon früh zu Herzen.
Für die erste filmische Huldigung an einen Outlaw sorgte King Vidor 1930. Sein Western trägt als Titel einfach «Billy the Kid», entstanden nach der Buchvorlage«The Saga of Billy the Kid» von Walter Noble-Burns, die zwar auf Recherchen beruhte, bei denen sich der Autor mit den Geschichten abfand, die man ihm über Billy erzählte. Der Film handelt natürlich vom interessantesten Teil, wie Billy von seinem einstigen Freund erschossen wird. Regisseur King Vidor: «Ich habe selbst noch heute keine Lust, mir den Film anzusehen.» Aber wir vielleicht?
In «Billy the Kid Returns» wird 1938 der singende Cowboy Roy Rogers in der Kleinstadt Lincoln County ohne sein Wissen für den bereits verstorbenen Billy the Kid gehalten. Er wird von den Siedlern in deren Kampf gegen die Viehbarone wie ein Held gefeiert, und setzt ganz schnell und ohne Blutvergiessen Recht und Ordnung in Lincoln County durch.
Die gleiche Buchvorlage und denselben Titel wie zehn Jahre zuvor King Vidor benutzte 1940 Regisseur David Miller. Sein «Billy the Kid» wird vom Schönling Robert Taylor verkörpert. Der Sheriff, der ihm die tödliche Kugel verpasst, heisst diesmal Jim Sherwood. Die frühen Technicolor-Aussenaufnahmen sind atemraubend; das gute Drehbuch und Taylors Kid haben es schwer, neben diesen Reizen zu bestehen.
Debüt von Jane Russell in «The Outlaw» von Howard Hanks und Howard Hughes. Letzterer entwarf eigenhändig den Spezial-BH, der üppige Einblicke ins Decolleté der «Göttin» gewährte…
Howard Hawks «The Outlaw» ist eine sarkastische Phantasie über einige Figuren, Themen und Mythen des Westerns - und sorgte 1944 für den einzigen Skandal in der ganzen amerikanischen Filmgeschichte. Skandal Nr. 1: der beinahe blanke Busen von Jane Russell. Skandal Nr. 2: Billy the Kid und Doc Holliday schlafen mit derselben Frau. Aber ihre Liebe schenken sie nur demselben Pferd.
«The Kid from Texas» (1949) ist zugleich der erste Western mit Audi Murphy.«Hinter den einfältigen und ausdruckslosen Zügen des meistdekorierten Soldaten des Zweiten Weltkriegs lassen sich schon die inneren Qualen des Mannes erahnen, dessen Revolver immer zu schnell losgeht» (Yves Boisset, Cinema 62).
Weil Pat Garrett seinem alten Freund Billy the Kid nichts zuleide tun kann, erschiesst er ihn nur zum Schein. Das konnte 1957 mit «The Parson and the Outlaw» von Regisseur Oliver Drake nur als Scherz gemeint sein.
Arthur Penns «The Left Handed Gun» gelangte 1958 unter dem deutschen Titel «Billy the Kid» - verkauft sich besser - in die Kinos. Erstmals agiert hier der Revolverheld unter dem Namen William Bonney, gespielt von Paul Newman. Wie viele vor und nach ihm, verfälscht auch dieser Film den historischen William Bonney alias Billy the Kid. Wichtiger jedoch ist Penns Botschaft: Wenn man ein Kind daran hindert, seine Sehnsüchte auszuleben, kann man sicher sein, dass seine Aggressionen eines Tages explodieren».
Ein gross angelegter Film über Billy the Kid entstand 1970 unter der Regie von Western-Routinier Andrew McLaglen - mit John Wayne als Viehbaron Chisum in «Chisum», zu dessen Freunde Patt Garrett zählen und der Rancher Tunstall, bei dem der als Billy the Kid bekannte William Bonney arbeitet. Nicht für allzu lange, bald macht er sich auf die Socken zu interessanteren Aufgaben. Garrett wird zum Sheriff ernannt und John Wayne kümmert sich um sein Rinder-Empire. Eine trotz Panavision eher farblose Angelegenheit.
Billy Bonney, ein Mix aus Billy the Kid und William Bonney, heisst er in «Dirty Little Billy». Stan Dragoti in seinem Regie-Erstling aus dem Jahr 1972 zeigt den 17-jährigen Billy zusammen mit Mutter und angeblichem Stiefvater, und wie ihm das Schiessen und Falschspielen beigebracht wird. Er schliesst sich einer Bande von Outlaws an und wird zu dem, was ihn später berühmt macht. Eine etwas naive Demystifikation, in der Michael Pollard einen überwältigenden unsympathischen Billy abgibt.
Der bis anhin letzte Film, der sich voll mit Billy the Kid beschäftigt, stammt von «Wild Bunch»-Regisseur Sam Peckinpah und hat zwei interessante Hauptdarsteller: Kris Kristofferson als Billy und James Coburn als Garrett. Zwischen den beiden gibt es bei Peckinpah eine Art Vater-Sohn-Beziehung, und er identifiziert sich mit ihnen. Am Schluss wird Sheriff Garrett von seinen eigenen Auftraggebern umgebracht. Trotz dieser und anderer historischen Eingriffe bleibt «Pat Garrett And Billy The Kid» (1973) ein grosser Film, der beste Billy the Kid-Film überhaupt.
1988 und 1990 entstehen zwei Filme unter dem Titel «Young Guns» und «Young Guns II». Diese haben aber nur indirekt mit Billy the Kid zu tun, der von Emilio Estevez gespielt wird und von einer Rat Pack gesetzloser Deputies handelt, deren Anführer er ist. Als Western immerhin sehenswert.
Von Ottokar Schnepf