Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03648.jsonl.gz/3193

«Unser täglich Brot …»
Es war zur Zeit des Japanisch-Chinesischen Krieges, als die Japaner in China einmarschierten und alle Ausländer in Internierungslager inhaftierten. In diesen Lagern waren alle möglichen Leute versammelt, vor allem Geschäftsleute, aber auch Lehrer und einige Missionare. Zu letzteren gehörte auch Christopher Willis. Während er wegen der im Lager herrschenden Gottlosigkeit betrübt zu Gott flehte, kam ihm die Idee, einen Bibeltext in grossen Lettern aufzuschreiben und im Speisesaal aufzuhängen. Bevor er interniert wurde, hatte er noch die Gelegenheit genutzt und bei einem Ausverkauf Zeichenpapier, Farbe und Pinsel erworben.
Mr. Willis wusste, dass es nutzlos war, bei der Lagerleitung eine Genehmigung zu erwirken; doch erhielt er vom Direktor der Internierten, Mr. Grant, grünes Licht für seine Aktion. So schrieb er ein Plakat von 1,50 Meter Länge und 1 Meter Breite. Früh am Sonntagmorgen hängte er es an einer Schmalseite des Raumes auf. Der Text lautete:
Vater unser
Der Du bist im Himmel
Geheiligt werde Dein Name
Unser täglich Brot gib uns heute
Die Reaktionen auf diese Verse waren unterschiedlich. Die Lagerleitung meinte, es müsse entfernt werden, weil sich die Katholiken und Juden angegriffen fühlten. Aber der Sprecher der Katholiken sagte, das Plakat habe nur einen Fehler: Es müsste eingerahmt werden. So stiftete Mr. Willis einige Bretter von seinem Bett für einen Rahmen. Die Juden sagten, der Text stünde wortwörtlich in ihrem Gebetbuch und solle hängenbleiben.
Monate später sollte im besagten Speisesaal ein Theaterstück aufgeführt werden, und weil das Plakat schlecht zum Bühnenstück passte, wurde es abgenommen und in eine Ecke gestellt. Am nächsten Morgen wurde beim Frühstück angekündigt, es sei kein Brot vorhanden. Der Mehlvorrat sei aufgebraucht. Das ging drei Tage so. Dann sagte jemand: «Das liegt bestimmt am Plakat! Der Vers ›Unser täglich Brot gib uns heute‹ wurde weggenommen, und seitdem haben wir kein Brot mehr.» Einer rief: «Das Plakat ist unser Glücksbringer; es muss wieder an die Wand!" Die es abgenommen hatten, hängten es an seinen Platz, und bald gab es wieder genügend Brot.»
Einige Monate später stand ein weiteres Spiel auf dem Programm. Diesmal hängten die Akteure einen schweren Vorhang über das Plakat. Wieder gab es kein Brot; der Hefevorrat war vertrocknet. Die Leute beschwerten sich solange über die Bühnenbildner, bis diese gezwungen wurden, den Vorhang abzunehmen, woraufhin das Brot wieder auf den Tischen erschien.
Dasselbe geschah noch ein drittes Mal. Die Verse wurden abgenommen und hinter das Klavier gesteckt. Es gab kein Brot. Ein früherer Brauereibesitzer sagte zu Mr. Willis: «Das Plakat müsste angenagelt werden, damit es niemand mehr abnehmen kann.» Mr. Willis meinte daraufhin, der Exbrauer sollte die Sache gleich in die Hand nehmen.
Das Plakat blieb an der Wand, bis das Lager aufgelöst wurde; und es hat nie wieder an Brot gemangelt.
Unsere heutigen Probleme sind nicht vergleichbar mit den Existenzängsten von Kriegsgefangenen. Bei uns ist es vielleicht die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise oder eine private Finanzkrise, die zu Existenzängsten führt. Was hängt als Antwort auf unsere Existenzängste an der Wand?
Wer frei von Existenzängsten ist, gibt auch bereitwillig denen, die weniger haben und (noch mehr) leiden.
Überarbeitung: Jesus.ch
Zum Thema:
(Private) Finanzkrise: Wege aus der Schuldenfalle
Datum: 15.11.2011
Autor: William Mac Donald
Quelle: Ein Gott der Wunder tut