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Galanterie(194)
Unterstützt von Rea Eggli
Eigentlich hätte es nach Valencia gehen sollen. Jack beriet dort ein Museum, das eine Geamtschau moderner osteuropäischer Malerei plante, unter anderem mit Werken aus seinem Besitz. Doch ohne Ausweis ließ man Julia nicht an Bord, und es war der Flughafenpolizei nicht möglich, auf die Schnelle ein Ersatzdokument auszustellen.
"Das war vor 9/11 anders", stellte Jack fest. Dabei ließ er aber keinerlei Zeichen von Ungeduld oder Ärger erkennen. Er bat Julia, Moritz in Mauensee anzurufen, und nachdem auch der vergeblich gesucht hatte, schlug er vor: "Lass uns in deine Wohnung fah-ren, vielleicht hast du ihn da liegenlassen."
Dort fand sie allerdings nur den Führerschein. "Es ist mir so peinlich, Jack", sagte sie, "und ein bisschen Meeresrauschen wäre wunderbar gewesen. Jetzt können wir höchstens ins Alpamare."
"Unsinn, mit deinem Führerschein kommen wir ans Meer", sagte er, fuhr mit ihr zum Bahnhof, und sie nahmen den nächsten Zug nach Venedig. Als sie die Grenze überquerten, saßen sie gerade im Speisewagen, und tatsächlich kostete es Jack nur ein Lächeln - vielleicht auch Geld, doch wenn dem so war, bekam Julia davon nichts mit -, und die Zöllner zogen weiter.
Davor hatte Jack Julia mit einer, wie er sagte, noch höchst unvollkommenen Liste eigener Fehlleistungen unterhalten. Er hatte aber auch immer wieder gesagt: "Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass es so genau richtig gewesen war."
Sie genoss die Fahrt durch den Gotthard, den eiligen Espresso beim Umsteigen in Mailand und die Fahrt den Gardasee entlang. Am schönsten aber war die Fahrt auf dem Damm von Venezia Mestre durch die venezianische Lagune, während der lange Reihen von Pfählen und Poldern sich im diesigen Abendlicht verloren "wie die Gräten in einem schlecht filetierten Barsch", so Jack.
Er hatte während der Fahrt ein paar kurze Telefonate geführt - er sprach sehr gut Italienisch -, und als sie ausgestiegen waren und Dauerkarten fürs Vaporetto gekauft hatten, fragte er: "Möchtest du dich noch frisch machen, oder gehen wir gleich essen?"
Sie war sehr hungrig, und so bestiegen sie das nächste Schiff, um nach San Marco zu fahren. "Nor-malerweise meide ich die Gegend wie die Pest", sagte er, "aber wenn ich allein hier bin, gehe ich jedes Mal nach meiner Ankunft zu Cipriani essen."
"Und was tust du, wenn du in Gesellschaft bist?", fragte sie.
"In Gesellschaft passe ich mich an", erklärte er. "‚Mein' Venedig teile ich nicht gern. Natürlich gibt es Ausnahmen."
Offenbar gehörte sie dazu. Denn in "Harry's Bar" fragte der Kellner: "Ist das der Tisch, den Sie gewünscht haben?"
Jack nickte, und nachdem er Julia gebeten hatte, für sie bestellen zu dürfen, tat er es, ohne in die Karte zu blicken. Das Essen war schlicht und hervorragend, ein Carpaccio, Gnocchi alla Romana und Ossobuco.
"Was ich hier ja noch mehr liebe als das Essen, sind die Kellner", erklärte Jack. "Sie behandeln die Gäste nicht wie Kunden, sondern wie Freunde."
Julia konnte sehen, was er meinte, als ein ganz junges Paar ins Lokal kam. Sie hatten reserviert, allerdings erklärte das Mädchen in schlechtem Italienisch: "Wir haben nicht viel Geld, aber wir möchten unbedingt hier essen."
"Wieviel möchten Sie denn ausgeben?", fragte der Kellner, und nachdem das Mädchen ihm ihr Portemonnaie gezeigt hatte, sagte er: "Ich selbst esse am liebsten unsere Spaghetti al Pomodoro und danach gegrillte Sardinen, dazu ein Gläschen Hauswein. Und zum Nachtisch ein halbes Stück unserer Torta Meringata, ein ganzes wäre zu viel." Dann brachte er ihnen Brot und Wasser, und als der Freund des Mädchens nach Zigaretten kramte, gab er ihm so umstandslos Feuer, als hätte er sowieso gerade die Streichhölzer in der Hand gehabt, legte die Schachtel auf den Tisch und brachte einen Aschenbecher. Ähnlich erging es Julia selbst: Als sie irgendwann bemerkte, dass ihr die Serviette von den Knien gerutscht war, lag eine neue schon neben ihrem Gedeck.
Beim Nachtisch - sie teilten sich wie das junge Pärchen die Torta Meringata Classica - wollte sie wissen, wo sie schlafen würden.
"Gleich gegenüber, auf dem Dorsoduro", sagte Jack. Und nachdem sie sich hatten übersetzen lassen, gingen sie dort zunächst noch spazieren. Jack zeigte ihr, wo Gondeln gebaut wurden und wo er einmal bei Hochwasser vom Steg gefallen war, außerdem begann er eine abenteuerliche Geschichte von der alten Quarantänestation, die er aber irgendwie nicht zuende führte, denn inzwischen hatten sie wilde Katzen entdeckt und sprachen über Mona. Schließlich überquerten sie einen kleinen Platz mit einer völlig verstaubten Pappel und traten in einen nach Urin und Waschmittel riechenden Hauseingang. Jack zog einen an Bindfaden hängenden Schlüssel aus einem Briefkasten und stieg vor Julia die Treppe empor, um aufzuschließen. "Nach dir", bat er, sobald er die Tür aufgestoßen hatte, und Julia betrat eine kleine Wohnung, die aussah, als lebte darin ein altes italienisches Ehepaar, Spitzendeckchen, Nippes und Muranoleuchter inbegriffen.
"Wer wohnt hier?", fragte sie.
"Schon länger niemand mehr", sagte Jack. "Das Ehepaar, dem der Palazzo gehört, ist aufs Festland gezogen. Die meisten Leute hier haben das Geld nicht, ihre Häuser zu unterhalten, denn die Flut frisst unaufhörlich an den Fundamenten. Ich sorge dafür, dass das Nötigste getan wird, damit der Palazzo nicht gleich in sich einstürzt, dafür darf ich hier unterkommen, und die Signora sorgt sogar, wenn sie nicht gerade einen Gichtanfall hat, für frische Bettwäsche. Komm, ich zeige dir dein Zimmer."
Es lag auf den Canale della Giudecca hinaus, und als Julia die Fenster öffnete, roch es erstmals nicht nach Moder oder Kloake, sondern nach dem offenen Meer. "Jack, es ist traumhaft", sagte sie, und als er antwortete: "Das Bad ist gleich links, und mich findest du gegenüber", zeigte sie auf das schöne, breite Messingbett und fragte: "Fährt man wirklich nach Venedig und schläft dann in getrennten Zimmern?"
"Ja, zumindest in der ersten Nacht", erklärte er. "Es ist zu einfach, eine Frau zu verführen, indem man sie nach Venedig einlädt, und ich will nicht, dass du morgen bereust. Außerdem sehe ich von meinem Zimmer aus auf eine kleine Kirche, auf deren Turmspitze oft Möwen schlafen, und liebe es, am Morgen geweckt zu werden, weil das Glöcklein schlägt und die Möwen sich über den Krach beschweren."
Auch Julia erwachte früh, denn um fünf Uhr star-tete der Schiffsverkehr, allerdings blieb sie noch lange liegen, schrieb an Mona, badete in all den Geräuschen und fühlte den weichen, feuchten Wind, der die Gardinen blähte. Erst als ein vielstöckiger Luxuskreuzer sich wie eine Wand vor den Fenstern vorbeischob, musste sie darüber so sehr lachen, dass Jack sie sicherlich gehört hatte und sie ihn nicht länger warten lassen mochte.
Schon als sie ins Bad huschte, roch es nach fri-schem Kaffee, und als sie in die Küche kam, presste Jack gerade Orangen aus. Dazu hatte er frische Feigen, Joghurt und - sehr italienisch - mit Hagelzucker bestreute Hörnchen gekauft.
"Entschuldige, du wartest bestimmt schon ewig", sagte sie.
"Warten? Was ist das?", fragte er nur. "Du wirst sehen, man lebt in Venedig ein, zwei Tage, schon löst die Zeit sich auf. Die Stadt hat einen Puls, der von den Gezeiten vorgegeben ist, und der wieder ist so träge, dass er nicht mehr als Rhythmus zu begreifen ist, nur als Versicherung, dass wir noch nicht tot sind. In Venedig zu sein, hat, zumindest für mich, dieselbe Qualität, wie in den Bergen zu leben: Ich fühle mich eingebettet in eine Form von Ewigkeit - oder sagen wir besser, von Zeitvergessenheit, denn ewig ist diese bröckelnde Stadt ja ganz offenkundig nicht -, in welcher der Mensch nur Zaungast ist." Inzwischen hatte er aber bemerkt, dass sie nicht zu essen wagte, solange er sprach, und rief: "Entschuldige, ich rede da, und du verhungerst. Greif zu. Außerdem willst du bestimmt gleich raus." Und tatsächlich hatte sie schon wieder Hunger. Er selbst trank nur Kaffee und zerpflückte eine Feige, dabei sagte er: "Mauensee übrigens hat interessanterweise eine ganz andere Qualität, obwohl es fast so alt ist wie die Häuser hier und auch völlig von Wasser umgeben. Aber eben dieser Atem fehlt, die Gezeiten, ein See ist nun mal kein Meer. Selbst auf meiner kleinen Insel ist das emsige Ticken der Zivilisation, von dem das ganze Schweizer Mittelland erfüllt ist, permanent zu hören oder jedenfalls zu fühlen. Jetzt sag aber, wie hast du geschlafen?"
"Sonderbar leicht, so als würde ich schweben", sag-te sie. "Außer wenn ich hochgeschreckt bin, weil ich dachte, Mona hätte sich gemeldet. Aber kein Pieps von ihr. Und das Bett quietscht so schön. Jedesmal, wenn ich mich umgedreht habe, dachte ich, wie kann man darin Liebe machen, ohne alle Nachbarn zu wecken?"
"Es gibt hier keine Nachbarn", sagte Jack. Dann fragte er: "Willst du ans Meer?"
"Kann man denn schon schwimmen?", fragte sie.
"Nein", sagte er. "Wobei doch, ich gehe immer ins einzige Hallenbad, das liegt gleich gegenüber, auf der Giudecca, und man schwimmt mit Blick aufs offene Meer. Aber wenn du beispielsweise für Mona Muscheln sammeln möchtest, fahren wir in Gottes Namen zum Lido."
Sie lachte und sagte: "Das klingt nicht, als hättest du Lust dazu."
"Es stimmt, der Lido gehört zu den Stellen, die ich meide, wenn nicht gerade Biennale ist", erklärte er. "Ich liebe Dorsoduro, die Giudecca und die Gegend hinter den Giardini. Auch die Friedhofsinsel berührt mich immer wieder, und ich fahre gern mit dem Vaporetto über die Lagune, vor allem bei Sonnenuntergang, wenn der Himmel sich in all die schwermütigen venezianischen Farben auffächert, die man vom Muranoglas her kennt. Der Lido, San Marco, Murano dagegen, diese Orte sind besetzt von Leuten, die eine bizarre Geilheit antreibt, welche nichts, aber auch gar nichts mit dem Wesen dieser Stadt zu tun hat."
"Dann schlage ich vor, du zeigst mir deins, ich zeig dir meins", sagte Julia kokett. "Muscheln sammeln jedenfalls vertagen wir."
Und was er ihr zeigte, war berückend schön. Seine Lieblingsorte waren oft einzelne Winkel oder gar nur Blickwinkel, ein verschlammter Brückenpfeiler gehörte dazu und der Querschnitt der Gassen am Secco Marina, die, wie er sagte, wie Gemälde quadriert waren, nicht wie Häuserschluchten. Dieser Ort berührte auch Julia auf ganz eigenartige Weise, vor allem die vollen Wäscheleinen, die quer über die Gasse gespannt waren und einen bizarren Kontrast zur klassischen Vollkommenheit der Kulisse bildeten.
"Man kann sich schlicht nicht vorstellen, was es heißt, in solch fast trunkener Schönheit sein profanes Leben verbringen zu müssen", sagte Jack, und das traf es.
Über Mittag wurde es bereits recht heiß, und nachdem sie in den Giardini etwas getrunken und ein Sandwich gegessen hatten, wollte Jack in einer Galerie ein kleines Päckchen abholen, und gleich um die Ecke traf er sich kurz mit einem Menschen, der mit der Biennale zu tun hatte. Julia telefonierte währenddessen mit Mona und versprach, ihr etwas aus Glas mitzubringen.
"Dann müssen wir wohl doch nach Murano", sagte Jack, als sie ihm davon erzählte, und als Julia sagte: "Ach was, ich kaufe etwas am nächstbesten Stand", antwortete er: "Nein, das tun wir Mona nicht an. Und eigentlich liebe ich ja Murano. Die Architektur ist ganz schlicht und fröhlich, völlig anders als im Zentrum. Und um diese Uhrzeit sitzen die Touristenhorden bestimmt schon wieder in ihren klimatisierten Bussen."
Tatsächlich war die Insel fast leer, als sie übersetz-ten, und sie mussten eine Weile suchen, ehe sie einen Laden fanden, der noch geöffnet hatte. Julia entdeckte für Mona ein sehr hübsches Mobile mit fliegenden Fischen, und für sich selbst kaufte sie drei Christbaumkugeln, weil sie sich an den Farben nicht satt sehen konnte.
Und danach war es wirklich, wie Jack angekündigt hatte: Während sie im Vaporetto durch die Lagune fuhren, versank die Sonne im Dunst über dem Horizont, und über ihnen brach das Licht sich in eben jenen Farben, die zugleich so zart und unerhört kraftvoll waren. Julia tränten die Augen, vielleicht vom Fahrtwind, doch sie war sich nicht sicher, und als Jack ihr ein Taschentuch reichte, schüttelte sie lachend den Kopf und sagte: "Falls wir uns heute küssen sollten, und du schmeckst Salz, denk bitte ans Meer und nicht an Tränen."
Dem Meer waren sie nochmals ganz nahe, als sie, nicht weit vom Bahnhof, in einem Restaurant zu Abend aßen, das eigentlich nur aus zwei Zimmern mit je einem Tisch bestand. Einer war an diesem Abend ihrer, auch der Wirt, den Jack kannte und der Julia nur Principessa nannte, setzte sich öfters dazu, und mit großem Stolz servierte er ihnen den ganzen Abend lang ausschließlich Fisch, immer neuen Fisch auf großen, rohen Brettern, gegrillt, gesalzen und mit Zitrone beträufelt, dazu nichts als etwas Brot und Wein in Krügen: erst einen Aal, danach eine Brasche, einen Petersfisch, je ein halbes Dutzend Seebarben und Meeräschen, einen Butt und als Krönung einen ganzen Seeteufel. Jack hatte schon bezahlt, da kam er nochmals mit einer Schüssel frittierter kleiner Krebse, sogenannter Molle, die gerade den Panzer abgeworfen hatten und die sie im Ganzen aßen.
Als sie danach den Dorsoduro entlang zu ihrem Palazzo spazierten, durch nochmals tausend Gässlein, Lauben und Brücken, außerdem über zwei sehr schöne Plätze, auf denen sich die Studenten trafen, waren sie übersättigt und schweigsam. Dann bestand Julia aber darauf, wenigstens eine Kugel Eis zu spendieren, und als sie weitergingen, sagte sie: "Komm, gib mir mal die Hand."
"Es ist zu eng hier, um Hand in Hand zu gehen", sagte Jack, und eigentlich hatte er recht, aber er gab sie ihr dann doch. Und als sie ihn vor dem Hauseingang erstmals küsste - er schmeckte salzig, und sie dachte nicht ans Meer, sondern an Fisch -, sagte er sonderbarerweise: "Ich fühle mich, offen gestanden, etwas wie diese Krebse, ich habe gerade keinen Panzer. Nur damit du weißt, worauf du dich einlässt."
"Keine Sorge, ich werde dich nicht frittieren", versprach sie. "Und wenn doch, dann ganz zärtlich."