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6. April 2021
Royal – Baden
Website: royalbaden.ch
Hier steht es, das Royal, ein wenig verloren, erdrückt von Gebäuden aus Glas und Beton. Das kleine Juwel von Baden hat es indes nicht nötig, sich künstlich aufzublasen. Es wirkt wie ein Mahnmal aus einer bewegten Geschichte, einer sehr kontroversen.
Das Cinema Radium wird zum Zankapfel von Baden
Vieles von dem, was heute selbstverständlich zu sein scheint, war früher Anlass zur Zensur durch die Moralapostel. In Baden kam es um 1912 zu einem heute skurril anmutenden Diskurs, bei dem nebst Kirche und Staat die Bevölkerung mit stark polarisierenden Meinungen teilnahm. Mittelpunkt der Debatte war die Sittlichkeit und Sicherheit bei Kinovorführungen. Kinofilme wurden von der katholischen Obrigkeit des Städtchens als verderbliche Unterhaltung betrachtet, man sprach vom „Kinofieber mit seinen illusionären Traumwelten und lasziven Stummfilm-Diven“. Solche Unterhaltung konnte niemals gutgeheissen werden. Kurze Zeit später legte eine ältere Dame aus Paris, Madame Marie Antoine, ein Gesuch für die Bewilligung eines Lichtspieltheaters in Baden ein. Dank der Hartnäckigkeit der Pariserin wurde eine Aufhebung des Kinoverbotes für Baden erreicht, dem Bau des ersten Kinos stand nichts mehr im Weg und wurde zum Symbol für den erfolgreichen Kampf einer Geschäftsfrau gegen eingerostete Moralvorstellungen und Angst vor neuer Unterhaltungsformen.
Vom Radium zum Royal
Das Radium hatte dennoch keinen leichten Stand. Die Veranstaltungen durften nur unter strenger polizeilicher Kontrolle durchgeführt werden. Ausserdem waren im Gegensatz zu Aarau in Baden die Zensur von Filminhalten sehr viel restriktiver. Es durften keine Filme mit Mord-, Raub- und Ehebruchszenen gezeigt werden, was erhebliche Wettbewerbsnachteile bedeutete. Der Rest der Kinogeschichte ist schnell erzählt: Das Radium wurde 1935 von Eugen Sterk übernommen und in „Royal“ umbenannt. Die Namensgebung sollte dem Kino mehr Exklusivität verleihen. Bis 2008 blieb das Royal, zuletzt als Studiokino, in Betrieb. Im Jahr 2010 gab es Bestrebungen das Royal abzureissen und durch 13 Parkplätze zu ersetzen. 2017 hätte es in ein Baubüro des Umbaus des angrenzenden Postareals umfunktioniert werden sollen. Beide Pläne konnten durch Petitionen und den unermüdlichen Einsatz vieler freiwilliger Helfer abgewendet werden.
Das Royal überlebt und wird facettenreich
Ab 2011 setzte sich die neu gegründete IG Royal und der Verein „Kulturbetrieb Royal“ für das kleine Juwel ein, es ging um mehr, als nur den Fortbestand eines kleinen Kinobetriebes. Man wollte für den Raum Baden eine Kulturstätte schaffen. Viele schweisstreibende Verhandlungen, unterstützt von Demonstrationen der Bevölkerung und über 7000 gesammelte Unterschriften waren notwendig, um das Kulturhaus Royal 2018 in einen sicheren Hafen zu bringen, weg von immer wieder neu zu verhandelnden Zwischenlösung, zu einem Mietvertrag für 20 Jahre. Mit frischem Wind in den Segeln und einem Crowdfunding konnte der Verein Kulturhaus Royal unter dem Motto „Royal Forever“ die finanziellen Mittel sammeln, um das Kulturhaus sanft zu renovieren und die Mietkosten für mehr als drei Jahre zu sichern.
Zu Gast im Royal
Betritt man das Royal, präsentiert sich das charmante Gebäude als liebevolle Symbiose aus beinahe 100 Jahren Geschichte. Das Ambiente versprüht Wärme und man fühlt sich auf Anhieb wohl. Ein Blick auf das Veranstaltungsarchiv zeigt, dass das Royal seinen Namen als Kulturstätte mehr als verdient. Ob Film, Musik, Jam-Sessions, Podiumsdiskussionen, Lokalität am OOAM-Festival oder interkultureller Treffpunkt, hier findet alles einen geeigneten Rahmen. Aktuell wird fleissig renoviert und mit liebevoller Hingabe verschönert. Während ich einen Blick hinter die Kulissen werfen durfte, stellte ich mir vor, wie es sich wohl anfühlen würde, hier ein Konzert erleben zu können. Für mich steht fest, dass ich hierher zurückkehren werde.
Text und Bilder: Christian Wölbitsch