Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03420.jsonl.gz/2741

Hans-Peter Studer
Mysterium Geld
Das Wesen des Geldes verstehen lernen heisst,
die Zukunft neu gestalten
Geld ist in unserer neuzeitlichen Gesellschaft ein Tabu, das noch nie wirklich
hinterfragt wurde. Das sagt ausgerechnet der ehemalige belgische Zentralbankier
und Währungshändler Professor Bernard Lietaer. Er hat zwei aussergewöhnliche
Bücher geschrieben: Mysterium Geld" und Geld der Zukunft".
Darin zeigt er auf eindrückliche Weise, dass die Art unseres Geldes
wesentlich mit der jahrtausendelangen Unterdrückung weiblicher Werte
zusammenhängt. Entsprechend regiert Geld heute die Welt. Das müsste
nicht so sein: Wir können den Charakter des Geldes so verändern,
dass es wieder dem Leben dient.
Es war einmal eine Zeit, da arbeiteten die Menschen im Durchschnitt sechs
Stunden pro Tag und nur vier Tage pro Woche. Zusätzlich erfreuten sie
sich jährlich an mindestens 90 offiziellen Feiertagen und genossen
täglich vier reichhaltige Mahlzeiten mit mehreren Gängen. Dies
war nicht nur bei der Oberschicht so, sondern auch bei den einfacheren Leuten,
die über kein eigenes Land verfügten.
Das Hochmittelalter als Blütezeit der europäischen
Kultur
Das ist nicht etwa ein schönes Märchen, sondern es war
einmal Realität - bei uns hier in Europa, in der Zeit des Hochmittelalters
von ungefähr 1000 bis 1300 n.Chr. Damals lebten die Menschen zunehmend
in einem beachtlichen Wohlstand, der auf alle Bevölkerungsschichten
verteilt war. Gewerbe und Handel blühten, neue Bewässerungssysteme
wurden gebaut und Land urbar gemacht. Zudem war dies die Zeit der grossen
Kathedralen: Über Generationen hinweg entstanden riesige, filigrane
Zeugnisse menschlicher Schaffenskunst, die noch heute unzählige Touristen
in ihren Bann ziehen.
Erstaunlicherweise waren die meisten dieser Kathedralen einer Frau - der
Jungfrau Maria - geweiht: Nôtre Dame de Paris, Nôtre Dame de
Chartres etc. Überhaupt kam den Frauen damals eine wichtige gesellschaftliche
Stellung zu. Viele von ihnen waren eigenständige Gewerbetreibende und
Unternehmerinnen, Wächterinnen, Steuereintreiberinnen, Musikerinnen,
Schriftstellerinnen, Heilkundige. Manche wirkten darüber hinaus in
weltlichen und kirchlichen Führungspositionen. Zudem wurden auf Münzen
- wie kaum je zuvor und selten danach - auch Frauen abgebildet, die tatsächlich
lebten, zum Beispiel Äbtissinnen.
Geld, das zu horten sich nicht lohnte
Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass in dieser Zeit die Städte,
die lokalen Fürsten, Äbte und Äbtissinnen das Recht hatten,
eigenes Geld herauszugeben, mit dem es eine besondere Bewandtnis hatte:
Vorerst alle fünf bis sechs Jahre und später auch in kürzeren
Abständen wurde es verrufen, das heisst, es musste gegen neues Geld
eingetauscht werden. Dabei war es üblich, dass drei neue gegen vier
alte Münzen eingewechselt werden mussten. Vom Gewinn lebte der jeweilige
Fürst oder Abt - mehr und mehr anstelle sonstiger Steuern und Abgaben.
Man nannte dieses System damals Renovatio Monetae". Eine weitverbreitete
Ausprägung der immer wieder mit einem Abschlag, einer Demurrage, versehenen
lokalen Geldsysteme waren die sogenannten Dünnpfennige, die Brakteaten".
Das waren sehr dünne Silbermünzen, die nur einseitig geprägt
wurden. Sie dienten als lokale Tauschwährung. Gold- und massive Silbermünzen
gab es damals zwar auch, sie wurden jedoch zur Hauptsache im Fernhandel
und zum Kauf von Luxusgütern verwendet.
Die lokalen Demurrage-Währungen waren beim Volk zwar verständlicherweise
nicht sehr beliebt. Sie hatten jedoch zur Folge, dass die Kaufkraft der
Währungen in fast ganz Europa während langer Zeit sehr stabil
blieb. Das heisst, es gab damals kaum Inflation. Zudem erhöhte sich
die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Denn nun war kaum mehr jemand daran
interessiert, diese Dünnpfennige als Ersparnis auf die Seite zu legen.
Das lokale Geld wurde vielmehr rasch wieder ausgegeben und - auch zugunsten
künftiger Generationen - in langfristige Investitionen gelenkt: in
die Verbesserung des Bodens, der Verkehrswege, der Produktions- und Bewässerungsanlagen,
in Wind- und Wassermühlen, in Weinpressen und in die besagten Kathedralen.
Diese hatten nämlich nebst der religiösen und spirituellen Bedeutung
auch eine wichtige ökonomische Funktion: Sie zogen Pilger an, die der
betreffenden Stadt über viele Generationen hinweg zusätzlichen
Wohlstand bescherten.
Der Archetyp der Grossen Mutter"
In seinem Buch Mysterium Geld" erläutert der ehemalige
belgische Zentralbankier und Währungshändler Bernard Lietaer all
diese, in unserem heutigen Geschichtsbild oft nicht enthaltenen Gegebenheiten
auf faszinierende Weise. Und er macht deutlich, dass sie nicht einfach zufällig
nebeneinander stehen, sondern dass es Zusammenhänge zwischen ihnen
gibt - nicht nur zwischen der Art der verwendeten Währungen und dem
damaligen wirtschaftlichen Aufschwung, sondern auch hinsichtlich der Rolle
der Frau und des Weiblichen.
Das Hochmittelalter bildete nämlich eine der wenigen Epochen in einer
mehr als 5000-jährigen Geschichte des Patriarchats und partiarchaler
Werte, in denen das Weibliche und die Frauen nicht unterdrückt wurden.
Diese patriarchalen Werte hängen nicht zuletzt mit unserem Gottesbild
zusammen - im Christentum beispielsweise sind alle drei Teile der heiligen
Dreieinigkeit männlich.
Wie Lietaer deutlich macht, haben sie aber auch mit der Unterdrückung
des Archetyps der lebensspendenden Grossen Mutter" zu tun. Ein
Archetyp ist ein starkes, kollektiv verinnerlichtes und meist unbewusstes
Bild, das dennoch wegleitend für unser Fühlen und Handeln ist.
Wenn ein Archetyp unterdrückt wird, verschwindet er nicht, sondern
manifestiert sich in seinen Schatten. Beim Archetyp der Grossen Mutter sind
es die Schatten der Gier und der Angst vor Knappheit.
Die Schatten patriarchaler Monopolwährungen
All dies wiederum hängt sehr direkt mit der Art des gebräuchlichen
Währungssystems zusammen. Eine patriarchale Währung ist eine zentralistische,
früher von einem König oder Kaiser und heute von einer Nationalbank
herausgegebene Monopolwährung. Sie duldet grundsätzlich keine
komplementären Währungen neben sich, wie das seinerzeitige Experiment
mit einer Lokalwährung in der österreichischen Kleinstadt Wörgl
deutlich machte, das trotz seines eindrücklichen Erfolgs anfangs der
Dreissiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts von der Nationalbank abrupt
gestoppt wurde.
Damit eine auf Schuldverpflichtungen beruhende Monopolwährung ihren
Wert behält, muss sie knapp sein. Diese Knappheit vergrössert
sich noch mit dem Anreiz und der Möglichkeit, dieses zentralistische
Geld horten zu können. Beides wird dank dem Zins und Zinseszins zusätzlich
gefördert - und hat dann eben Gier auf der einen und Knappheit auf
der anderen Seite zur Folge.
Verbindendes Element zwischen diesen beiden Schatten des unterdrückten
Archetyps der Grossen Mutter ist die Angst, die Angst vor dem Verlust der
zusammengerafften Schätze und die Angst vor dem Mangel an Geld, heute
zudem auch die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Der Kampf um das
knappe und knapp gehaltene Monopolgeld führt damit sehr direkt zu einem
weiteren Merkmal patriarchaler Gesellschaften, nämlich zu einer Überbetonung
von Wettbewerb und Konkurrenz, die schliesslich auch in Kriege münden
können - Erscheinungen, die uns bis heute noch nur allzu vertraut sind.
Getreidegutschriften als Landeswährung
Dass diese Zusammenhänge zwischen dem gesellschaftlichen Stellenwert
des Weiblichen, der Art des Währungssystems und dem wirtschaftlichen
Wohlergehen nicht nur rein spekulativer Natur sind, verdeutlicht Bernard
Lietaer an einem weiteren historischen Beispiel.
Im alten Ägypten gab es ebenfalls eine Zeit, in der wie im europäischen
Hochmittelalter zwei Währungen parallel verwendet wurden. Für
den Fernhandel gebrauchte man ausländische Münzen. Als landesinterne
Währung jedoch wurde ein Geldsystem verwendet, das sogar noch höher
entwickelt war als dasjenige im Hochmittelalter. Es bestand aus Lagerquittungen
für Getreide in Form von Tonscherben, auf denen amtlich vermerkt war,
zu welchem Zeitpunkt welche Menge Getreide in einem Speicher eingelagert
worden war.
Diese Quittungen, Ostraka genannt, wurden dann auch als Geld zum Tausch
von Waren verwendet. Dieses System war ebenfalls mit einem Abschlag verbunden,
der das Horten verhinderte und das Geld im Umlauf hielt. Und zwar bestand
die Demurrage hier in einer zeitabhängigen Lagergebühr, die dann
fällig wurde, wenn jemand das auf dem Ostrakon vermerkte Getreide wieder
aus dem Speicher abholen wollte.
Diese ägyptische Komplementärwährung wurde somit nicht von
einem Pharao zentral geschöpft und knapp gehalten, sondern sie entstand
gleichsam von unten her, mit der Menge des produzierten und eingelagerten
Getreides. Auch sie hatte eine - noch weit längere - Phase der wirtschaftlichen
Prosperität zur Folge. Nicht von ungefähr galt Ägypten damals
als Kornkammer der Antike und als reichstes Land der bekannten Welt.
Die Wertschätzung der Frau im alten Ägypten
Interessanterweise war darüber hinaus im alten Ägypten
auch die Stellung der Frau eine ganz andere als sonst üblich. Sie war
in den meisten gesellschaftlichen Bereichen dem Mann gleichgestellt und
zum Beispiel im Eherecht weit besser geschützt als in umliegenden Ländern.
Ägyptische Frauen konnten Grundbesitz und persönliches Eigentum
erwerben, besitzen und verkaufen. In öffentlichen Ämtern waren
sie zwar relativ selten vertreten, allerdings gab es in der Zeit von 3000
bis 1000 v.Chr. vier Frauen, die offiziell die mächtigste Position
im Land, diejenige des Pharaos, inne hatten.
Zudem wurde zu jener Zeit mit Isis eine Frau als höchste ägyptische
Gottheit verehrt. Ihr kam eine herausragende Stellung als Erlöserin
und als Quelle der Weisheit und des Lebens zu. Oft wird sie als lebensspendende
Mutter zusammen mit ihrem Sohn Horus gezeigt. Sie bildet damit eine direkte
Vorläuferin für die Darstellungen der Mutter Gottes mit dem Jesuskind
und im besonderen für die Schwarze Madonna, deren Farbe das Weibliche
in seiner eigenen Machtform symbolisiert. Wie Lietaer aufzeigt, erhielt
die Gestalt der Schwarzen Madonna genau zu jener Zeit des Hochmittelalters
eine herausragende Bedeutung, als auch die damaligen Demurrage-Währungen
weit verbreitet waren.
Parallelen des wirtschaftlichen Niedergangs
Eine weitere Parallele zwischen dem alten Ägypten und dem Hochmittelalter
besteht darin, dass beide Epochen ein abruptes Ende fanden, als die Demurrage-
von Monopol-Währungen abgelöst wurden. Im Ägypten geschah
dies unter dem Einfluss der Römer, die dort ihr eigenes Geldsystem
und mit ihm den Zins einführten. Als Folge verarmte Ägypten rasch
und wurde nach einer jahrtausendelangen Blütezeit zu einem Entwicklungsland,
als das es bis heute gilt. Gleichzeitig verschwand auch der Isiskult, und
die vergleichsweise privilegierte Stellung der Frauen löste sich auf
und wich wieder der Unterdrückung.
Im Mittelalter hatte das Verschwinden der lokalen Demurrage-Währungen
zwei Gründe. Einerseits missbrauchten manche lokalen Machthaber das
System dahingehend, dass sie das Geld immer rascher verriefen, um sich so
persönlich bereichern zu können. Zum anderen zentralisierte sich
die staatliche Macht immer stärker. Ende des 13. Jahrhunderts war das
französische Königreich so gross geworden, dass die Münzen
nicht mehr verrufen werden konnten. Nicht zuletzt zur Finanzierung von Kriegen,
die nun Europa überzogen, beanspruchten die Könige das Recht zur
Geldschöpfung wieder für sich allein.
Die Folgen für die Bevölkerung, die zuvor markant zugenommen hatte,
waren dramatisch. Mit dem Verschwinden der Demurrage-Währungen kam
es zu einem wirtschaftlichen Niedergang, zu Hungersnöten und zu einem
deutlichen Bevölkerungsrückgang. Dieser beschleunigte sich zusätzlich,
als fünf Jahrzehnte danach die Pest ausbrach. Auch mit der gleichberechtigten
Stellung der Frau hatte es nun für viele Jahrhunderte ein Ende. Die
jetzt einsetzenden Hexenverfolgungen führten zu einer nie dagewesenen
Unterdrückung des Weiblichen und mancherorts zu einer eigentlichen
Ausrottung der Frauen - mit anderen Worten zu einem tatsächlichen Rückfall
ins finstere Mittelalter", das uns als solches aus der offiziellen
Geschichtsschreibung bekannt ist, aber eigentlich nur die Zeit des Spätmittelalters
betrifft.
Komplementärwährungen im Trend einer neuen
Zeit?
Heute nun leben wir in einer Zeit, in der das Weibliche allmählich
wieder einen grösseren Stellenwert erhalten hat. Interessanterweise
ist es auch eine Zeit, in der lokale Komplementärwährungen gleichsam
aus dem Boden spriessen. Während anfangs der 80er Jahre erst eine Komplementärwährung
- nämlich das WIR-Geld in der Schweiz - existierte, sind es heute weltweit
bereits 2600 lokale Währungssysteme, von Time Dollars oder LETS bis
hin zu Ithaca Hours und Talenten.
Sind sie gleichsam Zeichen und Vorboten einer nicht allzu fernen Zukunft,
in der Werte wie Kooperation, Gerechtigkeit, Mässigung und Rücksichtnahme
einen neuen Stellenwert erhalten und uns davor bewahren, unsere wirtschaftliche
und gesellschaftliche Selbstzerstörung des Immer-Mehr und Nie-Genug
bis zum bitteren Ende fortzuführen? Lesen Sie mehr dazu im folgenden
Interview mit Bernard Lietaer.
Komplementärwährungen als Lösungsansatz
für unsere gesellschaftlichen Probleme
Professor Lietaer, eines Ihrer beiden Bücher heisst Mysterium
Geld". Warum ist das Geld ein Mysterium?
Das Geldsystem wird in jeder Gesellschaft als etwas Transparentes
und als einzig mögliches erachtet. Das war zu allen Zeiten so, auch
als die Leute noch Federn oder Salz als Geld" benutzten. Wenn
aber etwas ganz selbstverständlich ist, dann bedeutet das auch, dass
es uns nicht wirklich bewusst ist. Und das, wessen wir uns nicht bewusst
sind, ist immer das grösste Mysterium.
Es gibt ja auch die Redewendung Über Geld
spricht man nicht".
Das ist ein Aspekt davon. Geld ist ein Tabu. Es ist unhöflich,
jemanden zu fragen, wieviel Geld er hat und woher es kommt. Auf der archetypischen
Ebene sind die drei grössten Tabus in unserer Gesellschaft Sexualität,
Tod und Geld. Alle drei stammen eigentlich vom selben Archetyp ab. Dieser
Archetyp, nämlich derjenige der Grossen Mutter", wird in
unserer Kultur unterdrückt.
Das Interessante ist, dass wir in den Sechziger und Siebziger Jahren mit
der sexuellen Revolution das Tabu der Sexualität angegriffen haben.
In den Achtziger und Neunziger Jahren mussten wir dann aufgrund der AIDS-Problematik
zusätzlich das Tabu des Todes angehen und auch mit unseren Jungen über
Tod und Sexualität sprechen. Weil alle drei Tabus denselben Ursprung
haben, glaube ich, dass wir nun das dritte Tabu, das Mysterium Geld, ebenfalls
angehen werden. Ich fordere mit meinen Büchern sozusagen das letzte
Tabu der Gesellschaft heraus.
Welche Rolle spielt dabei der Archetyp der Grossen
Mutter"?
Die Grosse Mutter" war ein sehr wichtiger Archetyp in
unserer menschlichen Geschichte. Sie war die überragende Gottheit,
vielleicht zehnmal länger als unserer männlicher, patriarchaler
Gott, an den wir heute gewohnt sind. Sie war weltweit sehr weit verbreitet.
Aber die Grosse Mutter erlebte in den vergangenen 6000 Jahren eine schlechte
Geschichte. Sie wurde in jeder Zivilisation, die wir als höhere bezeichnen,
unterdrückt.
Mit entsprechenden Folgen?
Wenn ein Archetyp unterdrückt wird, dann meldet er sich als
Schatten zurück, eigentlich als zwei polare Schatten. Im Fall des Archetyps
der Grossen Mutter" sind es Gier und Knappheit, wobei es die
Angst ist, die diese Schatten schöpft. Wir haben auf diesen Schatten
unser Geldsystem errichtet, und auch die gesamte moderne Ökonomie baut
seit Adam Smith darauf auf. Das Geld muss knapp sein, sonst hat es keinen
Wert.
Seit ungefähr 500 Jahren haben wir zudem die Zinsen, die das unendliche
Akkumulieren von Geld und damit auch die Gier fördern. Sie sind ein
Mechanismus, der die Gier rechtfertigt. Wenn man Sicherheit will, muss man
viel Geld akkumulieren. Das ist in unserem kollektiven Denken der einzige
Weg, um vor der Zukunft sicher zu sein. So gesehen ist Ökonomie dann
die Allokation knapper Ressourcen durch individuelle Gier. Wir haben also
eine ganze Theorie entwickelt, die auf diesen Schatten basiert. Der Schlüssel
dazu ist unser modernes" Geld.
Das allerdings ist den meisten Ökonomen gar nicht
bewusst?
Interessanterweise tun die Ökonomen so, als sei Geld völlig
transparent. Man kann ein Doktorat haben in Ökonomie und nie wissen,
was Geld ist. Man weiss zwar viel darüber, was Geld tut, aber was Geld
ist, diese Frage darf man nicht stellen. Geld ist lediglich eine Vereinbarung,
kein Ding. Es ist eine Vereinbarung in einer Gesellschaft, und folglich
können wir sie auch ändern.
Entsprechend kann Geld ganz verschiedene Ausprägungen
haben?
Das beste Konzept, das ich bis jetzt gefunden habe, ist das taoistische
Yin-Yang-Konzept. Alle unsere indogermanischen Sprachen trennen. Wenn man
bei uns ein Wort, ein Konzept definiert, ist es immer durch Trennen. Die
Taoisten machen das anders, sie definieren die zwei Gegensätze als
Teil eines Ganzen auf einer höheren Ebene.
Wir haben Yang-Geld. Das ist unser normales Geld. Es ist hierarchisch, und
es ist knapp. Es akkumuliert, und es schafft Wettbewerb. Es ist ein patriarchales
Konstrukt. In matrifokalen Gesellschaften, die das Weibliche ehrten, hatte
man demgegenüber kein Monopol des Geldes als Spitze einer Hierarchie.
Dort hatte man vielmehr zwei verschiedene Geldsysteme. Ein Yang-System für
den Fernhandel und ein Yin-System für den internen Tausch.
Dieses lokale Geld war nicht hierarchisch, sondern völlig demokratisch.
Es war auch nicht knapp. Die Leute selbst schöpften das Geld, zum Beispiel
die Bauern in Ägypten, indem sie das Getreide in den Speicher brachten.
Es war ein Geld, das Kooperation und nicht Wettbewerb hervorrief. Es war
auch ein Geld, das floss und sich nicht konzentrierte. Es war ein Liegegeld
mit einer Liegegebühr, entsprechend den Lagerkosten. Wenn man eine
solche Art von Yin-Geld hat, dann besteht absolut kein Interesse, es zu
akkumulieren. Darum fliesst das Geld in alle Ebenen der Gesellschaft. Auch
die Armen hatten Zugang zu Geld. Das ergab eine ganz andere Dynamik.
Das damalige Geld kam also allen Bevölkerungsschichten
zugute?
In London hat man zum Beispiel beim Bau der U-Bahn interessante Entdeckungen
gemacht. Unter anderem wurden die gefundenen Gebeine aus der prähistorischen
Zeit bis heute systematisch untersucht. Wir meinen heute, wir seien grösser
sind als die früheren Generationen. Der normale Mann in London im Hochmittelalter
war jedoch fast so gross wie wir heute und zudem sehr stark. Und die Frauen
waren damals im Durchschnitt sogar einen Zentimeter grösser als die
Frauen heute! Der Wendepunkt in der durchschnittlichen Körpergrösse
kam dann im 14. Jahrhundert und zwar vor dem Ausbruch der Pest.
Das alles ist ein starkes Indiz für die damalige Lebensqualität,
die im Gegensatz zu später auch den unteren Bevölkerungsschichten
zugute kam. Die Leute arbeiteten damals vier Tage pro Woche, hatten 90 Tage
Ferien im Jahr, sechs Stunden Arbeit pro Tag, vier Mahlzeiten - auch die
Leute ohne eigenes Land. Als der Graf von Sachsen versuchte, die tägliche
Arbeitszeit von sechs auf acht Stunden zu erhöhen, gab es eine Revolution.
Heute können wir davon nur träumen. Damals gab es insgesamt eine
bessere Ernährung und eine bessere Lebensqualität. Das ist eigentlich
sehr schockierend.
Immerhin sind die Frauen und das Weibliche heute im
Begriff, wieder einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft zu erhalten,
und auch die Frage nach unserem Geld und seinen Wirkungen wird vermehrt
gestellt?
In den vergangenen 50 Jahren sind wir noch nicht auf einer matrifokalen
Ebene angelangt. Aber es ist deutlich, dass Frauen heute gebildeter sind
als früher. Sie haben mehr Freiheit und ökonomische Unabhängigkeit.
Wir haben auch ein neues Bewusstsein von der Wichtigkeit des Weiblichen
in unserer Gesellschaft. Das wachsende ökologische Bewusstsein ist
nur eines der Zeichen dieses Wandels. Selbst ein Phänomen wie das Internet
gehört dazu. Ein Computer an sich ist ganz Yang, aber diese Computernetze
sind ganz Yin, chaotisch und unendlich. Das Konzept des Chaos stammt aus
dem Sanskrit und bedeutete ursprünglich unendliches Werden".
Genau das ist das Internet.
Ein weiteres Phänomen sind die Yin-Komplementärwährungen,
die innert kurzer Zeit und ohne vorgängigen Crash weltweit entstanden
sind. Daran wird wiederum ersichtlich, dass die archetypische Ebene des
Geldes verbunden ist mit der Rolle des Weiblichen in einer Gesellschaft
und dass daraus ganz neue Möglichkeiten entstehen. Ich bin deshalb
sehr optimistisch für die Zukunft.
Komplementärwährungen sind also ein wichtiger
Schlüssel zur Lösung wichtiger Probleme unserer Gesellschaft?
Ich nenne diese Währungen komplementär, weil sie das normale
Geld nicht ersetzen und auch dem normalen Geld keine Schwierigkeiten bereiten.
Das ist wichtig zu begreifen. Darum ist es kontraproduktiv, das zu stoppen
zu versuchen. Wir haben heute ganz verschiedene, schwerwiegende Probleme:
Die Überalterung der Gesellschaft, die Arbeitslosigkeit, das Umweltproblem
und die Währungsinstabilität. Sie alle können wir mit komplementären
Währungen angehen.
Wie etwa wollen wir das mit unserem normalen Geldsystem bezahlen, wenn statt
in den Sechziger Jahren 9% plötzlich 25% der Bevölkerung über
65 Jahre alt sind? Die Japaner sind hier einen sehr kreativen neuen Weg
gegangen, nämlich über Zeitgutschriften. Sie haben ein anderes
Geld geschöpft. Es heisst Hureai Kippu", was soviel bedeutet
wie Pflege-Beziehungs-Gutschrift".
Wie funktioniert dieses System?
Wohnt eine ältere Person in meiner Strasse, die keine Einkäufe
mehr machen und sich zuhause nicht mehr selber helfen kann, dann müsste
sie in ein Altersheim. Das kostet viel. In Japan gilt: Ich kaufe für
diese Person ein, ich helfe ihr bei der Essenszubereitung oder beim Baden,
und dafür erhalte ich Kredit gemäss einem Tarif. Die Einheit sind
Pflegestunden und nicht Yen. Zwischen neun und fünf gilt eine Stunde
für eine Stunde, ausserhalb dieser Zeitperiode sind es 1,5 Stunden,
für Körperhilfe sogar 2 Stunden pro geleisteter Stunde.
Diese Zeiteinheiten werden mir auf meinem Konto gutgeschrieben, und wenn
ich krank bin, kann ich mir damit selber helfen lassen. Viele Japaner schicken
ihre Guthaben auch ihren Eltern, die in einer anderen Stadt oder in einem
Dorf leben und die damit dort Hilfe in Anspruch nehmen können. Andere
wiederum helfen aus Freude und schenken ihre Guthaben der Non-Profit-Organisation,
die sie verwaltet.
Umfragen haben im übrigen gezeigt, dass die Japaner zufriedener sind
mit den Leistungen des Hureai Kippu"-Systems als mit denjenigen
professioneller Pflegedienste. Sie sagen, dass die Beziehung zu den Pflegenden,
die mit Zeitgutschriften entschädigt werden, eine andere Qualität
hat. Das macht auch deutlich, dass Geld nicht einfach wertneutral ist, wie
die ökonomische Theorie behauptet, sondern dass es einen klaren Einfluss
auf die Art unserer Beziehungen hat.
Wie löst sich darüber hinaus das Problem
der Währungsinstabilität über Tausch- geldsysteme?
Die Komplementärwährungen haben die Rolle eines Sicherheitsnetzes
im Fall des Zusammenbruchs der herkömmlichen Währung. Ich bin
der Meinung, dass der Crash in Deutschland in den zwanziger Jahren mit Komplementärwährungen
hätte gelöst und damit das Entstehen des Nationalsozialismus hätte
vermieden werden können. Ein Zusammenbruch in einem monopolisierten
Geldsystem unterwandert die Demokratie. Sie ist dann gar nicht mehr möglich.
Die ganze Mittelklasse verschwindet, und Angst macht sich breit. Das ist
der Grund, warum ich glaube, dass es so wichtig ist, ein Sicherheitsnetz
zu entwickeln, wobei ich noch immer hoffe, dass wir dieses Netz letztlich
nicht brauchen werden.
Was sind die wichtigsten Voraussetzungen für die
Einführung einer Komplemen- tärwährung?
Die erste Bedingung ist Leadership. Die Basis eines Geldsystems ist
immer Vertrauen. Es braucht deshalb Leute, die in den Augen anderer Menschen
vertrauenswürdig sind. Die zweite Voraussetzung ist Professionalität.
Viele Probleme entstehen, weil ein System nicht professionell geleitet wird.
Ich denke, dass es Zeit ist, um zu beginnen, diese Dinge auch offiziell
zu unterstützen. In mittlerweile dreissig Staaten der USA werden heute
Angestellte dafür bezahlt, dass sie Time-Dollar-Systeme begründen.
Diese Systeme funktionieren, sobald sie professionell geleitet werden. Heute
besteht auch die erforderliche Computer-Software. Die Chinesen haben vor
zwei Monaten ebenfalls mit einem Hureai Kippu"-System begonnen.
Dort leben mehr als eine Milliarde Menschen. Wir hier scheinen noch etwas
zuzuwarten.
Eine weitere Voraussetzung für das Funktionieren einer Komplementärwährung
ist wahrscheinlich ein genügend dichtes Netz von Anbietern und Nachfragern?
Ja, aber man kann auch über eine Clearingstelle mit anderen
Systemen zusammenarbeiten. Wenn man über die 2600 weltweit existierenden
Systeme tauschen kann, dann ist dieses System natürlich viel besser
als ein kleiner Tauschring. Diese Vernetzung ist ein Ziel, das allerdings
nicht von allen gewünscht wird. Es ist nur eine Möglichkeit. Aber
wenn Sie zum Beispiel nach Mexiko gehen, dann gehen Sie dort auf eine Bank
und holen Pesos. In den Ferien ein anderes Geld zu gebrauchen finden wir
ganz normal, und wenn das nicht möglich wäre, wäre es schwieriger
zu leben.
Benötigen diese Komplementärwährungen
für ihr Funktionieren einen Abschlag, oder reicht es, wenn kein Zins
darauf bezahlt wird?
Wenn Geld eine Vereinbarung ist, kann man grundsätzlich vereinbaren,
was man will. Ich kann selber sagen, ob ich das Geld annehme oder nicht
und wenn ja, zu welchen Kondititionen. Das ist auch mit normalem Geld so.
Es gibt keine allgemeine Regel, dass man sagen kann, es müsse unbedingt
einen Abschlag geben. Viele dieser Systeme haben keinen Abschlag, und es
steckt auch keine kommerzielle Absicht dahinter. Die Leute in Japan würden
sich sehr wundern, wenn auf ihre Zeiteinheiten ein Abschlag erhoben würde.
Wie aber werden all jene reagieren, die von der heutigen
Monopolwährung profitieren, wenn plötzlich immer mehr Komplementärwährungen
entstehen?
Nietzsche hat gesagt: Geld ist das Brecheisen der Macht. Darum ist
das Geldmonopol ein Machtmittel. Wenn die Menschen eine Möglichkeit
haben, ihre Tauschbeziehungen anders zu regeln, dann vermindert das die
zentralisierte Macht. Aber ich glaube, wenn wir in unserer Zivilisation
mit ihrer zentralisierten Macht noch weiter fortschreiten, dann haben wir
bald keine Zivilisation mehr. Unsere extrem zentralistische Entwicklung
bedroht allmählich das Überleben auf dem gesamten Planeten. In
Kalifornien habe ich ein kleines Schild gesehen: No planet, no business."
Die heutigen Führungskräfte sehen das allerdings
noch nicht so ganz ein. Die haben ihre Quartalszahlen und wollen mit ihren
Unternehmen weiter wachsen?
Das, was ich gesagt habe, ist die Konsequenz, wenn wir weiterfahren
mit diesem Spiel, wie es heute ist. Dann wissen wir eigentlich, wo es endet.
Das macht keinen Sinn. Mein Ziel ist es, den Übergang, in dem wir heute
bereits sind, sanft auszugestalten. Man kann einen solchen Übergang
traumatisch bewerkstelligen - über ökologische und politische
Zusammenbrüche -, oder man kann das auf zivilisierte Weise tun. Ich
bin der Meinung, dass die zivilisierte Weise besser ist. Der sanfte Weg
geht über komplementäre Geldsysteme. Das ist keine Revolution,
da wird lediglich etwas ergänzt, was heute noch nicht besteht. Das
ist eine realistische und im wahrsten Sinn naheliegende Möglichkeit.
Herzlichen Dank für dieses spannende und aufschlussreiche Interview!
Buchhinweis
Die beiden Bücher von Bernard A. Lietaer Geld der Zukunft"
(2.Auflage 1999) und Mysterium Geld" (1. Auflage 2000) beide
im Riemann-Verlag München erschienen können Sie zum Preis von
Fr. 35.90 bzw. Fr. 37.80 bestellen. Email genügt.
Weitere Informationen zum Thema finden Sie auf der deutschen Homepage von
Bernard Lietaer: www.futuremoney.de.
Mysterium Geld
Vom Fluch zum Segen
Unter diesem Titel findet am 15. Juni 2001 an der Paulus Akademie Zürich
eine Tagung statt, an der Professor Bernhard Lietaer im Zentrum stehen wird.
Auskunft und Anmeldung bei Paulus-Akademie, Carl Spitteler-Strasse 38, 8053
Zürich-Witikon. Tel. 01 381 34 00, Fax 01 381 95 01, E-Mail: <email-pii>,
Homepage: http://www.paulus-akademie.ch/veranstaltungen.
Top