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Raghuram Rajan ist Professor an der University of Chicago. Von 2003 bis 2006 war er Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, und von 2013 bis 2016 war er Vorsitzender der Reserve Bank of India, der Zentralbank Indiens. Seit 2015 ist Rajan auch stellvertretender Vorsitzender der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel.
In seiner Funktion als Chefökonom des IWF warnte Rajan beim jährlichen Notenbanktreffen von Jackson Hole 2005 den damaligen Fed-Chef Alan Greenspan eindringlich vor einer Banken- und Finanzkrise. In der Banken- und Finanzwelt wurde er dafür belächelt. Er sei sicher nicht der Einzige gewesen, der die Krise kommen sah, sagte Rajan später. Aber er sprach das Problem im Gegensatz zu anderen offen an.
cash.ch: Herr Rajan, Anfang Januar prognostizierten Sie mit anderen Ökonomen, dass die Fed die Leitzinsen bis 5,5 Prozent anheben könnte. Gilt die Prognose noch?
Raghuram Rajan: Ich sagte, es würde mich nicht überraschen, wenn die Zinsen auf dieses Niveau steigen würden. Aber die Aussage von damals stimmt.
Sie warnen davor, dass man nicht von einer Zinssenkung der Fed in diesem Jahr ausgehen könne, wie es offenbar viele Marktteilnehmer tun. Warum?
Die Fed versucht die Märkte davon zu überzeugen, dass sie die Zinsen solange anheben wird, bis der Arbeitsmarkt Zeichen von Schwäche zeigt. Die Frage ist, wann die Fed mit den Zinserhöhungen pausieren wird. Die Märkte gehen davon aus, dass die Fed nicht bloss eine Zinspause einlegen wird. Sie rechnen auch damit, dass die Notenbank die Zinsen senken wird. Die Fed wird diesbezüglich aber sehr vorsichtig sein. Denn was die Fed verhindern will: Dass die Nachfrage nach einer Zinspause oder nach einer Zinssenkung wieder so stark zunimmt, dass sie nachdoppeln und die Zinsen wieder erhöhen muss. Das wäre meiner Meinung nach das 'Worst Case'-Szenario für die Fed. Ihr Plan wird sein, genügend Zinsschritte zu vollziehen und dann zu warten, bis sich die Wirtschaft abkühlt. Dann kann sie allenfalls die Zinsen wieder senken. Aber ich rechne nicht damit, dass die Fed dies in diesem Jahr schon tun wird.
Die Märkte sind demnach zu optimistisch?
Ja, die Märkte sind zum heutigen Zeitpunkt zu optimistisch. Die Fed hat auf verschiedene Weise den Märkten deutlich signalisiert, dass sie zu optimistisch sind.
Die Message ist offenbar nicht angekommen. Warum?
Weil die Märkte der Fed nicht glauben. Ich hatte dazu einen Beitrag in der 'Financial Times' geschrieben. Die Zentralbanken haben bis zu einem gewissen Grad ihre Glaubwürdigkeit verloren. Denn die Märkte haben das im Kopf, was im Dezember 2018 geschah. Die Märkte stürzten ab, und von der Fed kam keine Reaktion. Die Märkte glaubten dann, dass die Fed das Rückgrat nicht habe, auf ökonomische Gegebenheiten angemessen zu reagieren (Ende Dezember 2018 erhöhte die Fed die Zinsen zum neunten Mal in Folge, nahm aber gleichzeitig den Makro- und Leitzinsausblick zurück, Anm. der Fed.)
Warum sollte die Fed denn nicht bereit sein, in diesem Jahr die Zinsen zu kappen?
Der Arbeitsmarkt ist noch immer ziemlich robust, ebenso der Immobilienmarkt, und es gibt keine Anzeichen, dass die Unternehmen Leute entlassen werden. Alle Zeichen deuten also darauf hin, dass die Fed überzeugt ist, noch mehr zu tun auf der Zinsseite.
Die Notenbanken haben mittlerweile selber mehr oder weniger deutlich zugegeben, dass sie die Inflation zu lange ignoriert haben. Warum das Zögern damals?
Weil die Notenbanken Gefangene ihrer Instrumente und ihres Glaubens sind. Gerade die Fed zögerte einerseits deshalb mit Zinserhöhungen, weil das Quantitative Easing noch nicht zu Ende war. Das Instrument war eine Fed-Erfindung, und die Fed wollte das nicht beerdigen. Der andere Grund: Die Fed wollte wirklich fest von der Inflation überzeugt sein, weil der US-Kongress Billionen Dollar billigte, um die US-Wirtschaft anzukurbeln. Vor solch einem Hintergrund erhöht man nicht vorschnell die Zinsen. Ich glaube, dass die Fed etwas zu lange wartete, aber sie brauchte auch aus politischen Gründen die Evidenz von Inflation, um die Zinsen anzuheben.
Was könnte die Weltwirtschaft in diesem Jahr antreiben?
Sicher ein Kriegsende in der Ukraine. Ich denke aber vor allem an China. Die Auswirkungen der Corona-Politik und der Pandemie werden sich legen und die Wirtschaft wird sich in diesem Jahr erholen. Die Haushalte in China sind ja eher risikoavers und nicht bekannt dafür, dass sie Geld ausgeben, als gäbe es kein Morgen. Erste positive Zeichen für die Wirtschaft werden wir vielleicht schon im März oder April feststellen. Die grosse Frage ist, wie inflationär diese Erholung wird. Es könnte also eine etwas zweischneidige Sache werden.