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Iris Muhl
Es war schon immer so, dass ich Hals über Kopf Entscheidungen traf. Deshalb kam ich 1970 auch so auf die Welt.
Ich wuchs mit einem Hund namens Waldi auf, der mich liebte und den ich ebenso liebte. Mein Vater war ein Globetrotter. Er reiste beruflich um die ganze Welt, Amerika, Afrika, Europa, und sammelte Sprachen, während meine Mutter zu Hause die Kühltruhe abtaute und Kinderkatastrophen milderte.
Ich beschloss nach der Schule nach Atlanta, Georgia, zu gehen. Eine gute Entscheidung, von der ich keinen Tag bereue. Die grosse Einsamkeit in den ersten Tagen in Amerika führte dazu, dass ich nach einer Kindheit zwischen Verbotstafeln und Betriebsanleitungen endlich begann, meine ganz persönlichen Sinne zu schärfen. Ich fand innert weniger Wochen neue Freunde und hatte damals die beste Zeit meines kurzen Lebens.
Auch heute stehe ich zu dieser Ansicht: Eiskaltes Wasser hat den Effekt, dass man wach und mutig schwimmen lernt. Die erste Liebe - die heute übrigens mein Schreiben immer wieder beeinflusst - lernte ich in Atlanta kennen. Der Sohn von Immigranten aus Puerto Rico. O. P. faszinierte mich. Er sprach fliessend Spanisch und Amerikanisch und er war hochintelligent. Aus Liebe wollte ich bleiben, durfte aber nicht. Mein Visum lief nach sechs Monaten ab. 14 Jahre später rief mich O. wieder an.
Bist du immer noch verheiratet?
Ja, sagte ich ohne Bedauern. Danach heiratete er eine Amerikanerin.
Meine Arbeit als Krankenschwester liebte ich. Mein ausgeprägtes Helfersyndrom wirkte dabei stimulierend. Mittlerweile bin ich es in einigen Therapiesitzungen losgeworden. Ich war 19, als ich einen verqueren Architekten namens Michel kennenlernte.
Eines Abends stand er vor mir. Er trug einen bodenlangen Ledermantel und sah aus wie ein Gauloises Bleu rauchender Drogendealer. Ich wusste, dass er meine grosse Liebe sein würde, weil er neben Deutsch, fliessend Italienisch und Englisch sprach.
Sprachgenies faszinierten mich schon immer.
Als unsere drei Söhne geboren wurden, war ich einfach nur dankbar. Das Leben mit Kindern ist aufregend, anstrengend und jeden Tag neu. Durch meine Kinder habe ich mich innerlich verjüngt, äusserlich bin ich ein wenig gealtert, weil ich nicht gerne den Abwasch erledige.
Viele Jahre habe ich dann als Nachtwache gearbeitet, habe alte, kranke Menschen gepflegt und in den Tod begleitet. Als ich der klaren Entschlossenheit des Todes begegnete, entschied ich, keine Zeit mehr zu verlieren. Ich ging mit 28 Jahren nochmals zur Schule, erlernte das Schreiben von Grund auf, machte das Deutschdiplom der ZHK.
Danach folgte die Mitarbeit als Journalistin bei verschiedenen Zeitungen, als TV-Redaktorin beim "Fenster zum Sonntag", eine Weiterbildung beim SRF und MAZ, eine Weiterbildung zur Radioredaktorin, die Ausbildung zur Drehbuchautorin in Berlin, eine Weiterbildung zur Bilderbuch-, Kinderbuch- und Hörspielautorin am BIZE, der Lehrgang Literarisches Schreiben bei Autorin Viola Rohner und Lyriker Rolf Hermann.
In den letzten zwölf Jahren habe ich ein Dutzend Bücher veröffentlicht, Sachbücher, Romane und Bilderbücher. Unsere drei Söhne sind indessen erwachsen geworden und gehen in den Bereichen Architektur und Musik kreativen Herausforderungen nach.
Allerdings: Keiner von ihnen will schreiben.
Davon könne man nicht leben, sagen sie.
Ich muss dann leider widersprechen.
Gerade, weil ich schreibe, lebe ich.