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Eine umjubelte Premiere von Mozarts «Zauberflöte» am Theater Basel: Regisseurin Julia Hölscher hält uns einen verspielt-ironischen Jetztzeit-Spiegel vor und gibt Mozarts phänomenaler Musik viel Wirkungsraum.
«Die Zauberflöte» ist ein absoluter Kassenschlager. Keine andere Oper wird weltweit häufiger aufgeführt als das Gemeinschaftswerk des österreichischen Dichters Emanuel Schikaneder und des damals 35 Jahre jungen Salzburger Komponisten. Was für die Qualität der Musik spricht, kann dabei für die Regisseure eine echte Knacknuss sein: Wie inszeniert man ein Werk, das fast alle schon einmal gesehen haben? Das in den Köpfen des Publikums als phantastisches Kostümfest oder als flauschige Kinderadaptierung herumschwirrt?
Die Regisseurin Julia Hölscher hat sich dazu entschieden, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und das ist in ihrer heutigen Lesart die Frage: Was ist ein Mann?
Der Mann als Opfer
Genau darum geht es nämlich auch in Schikaneders Libretto von 1791: Prinz Tamino gerät in die Fänge einer Schlange (der Mann als Opfer), er wird von drei Damen befreit (weibliche Kraft rettet Mann), die als Abgesandte der Königin der Nacht (Frau als Herrscherin über das irrationale Dunkle) Tamino ein Bild ihrer Tochter Pamina zeigen, die von Sarastro in seinem Weisheitstempel (Mann als Herrscher über den Intellekt) gefangen gehalten wird.
Tamino verliebt sich auf der Stelle in die Frau auf dem Bild und verspricht, Pamina zu retten (Mutter instrumentalisiert Mann; Mann verliebt sich ins äussere Bildnis; Mann benötigt Verliebtheit, um als Mann kämpfen zu können).
Für seinen Befreiungskampf wird ihm Papageno zur Seite gestellt, sozusagen sein Antibild: «Ich bin so ein Naturmensch, der sich mit Schlaf, Speise und Trank begnügt», erklärt Papageno (modern: Entschleunigung). Bei den nachfolgenden Prüfungen, die Sarastro für die beiden bereithält, um sie in den Kreis der Weisen aufzunehmen – und damit die Paarwerdung Pamina-Tamina zu ermöglichen –, versagt Papageno ziemlich bald. Dass er dennoch am Ende «sein Weibchen», seine Papagena in die Arme schliessen kann, auch wenn er weder mutig, noch zielstrebig, noch obrigkeitshörig ist, zeigt: Es gibt nicht nur eine Art des Mannseins, oder: Zu jedem Topf gibt’s auch einen Deckel.
Versteckte Anspielungen
Julia Hölscher und ihr Team haben dieses Setting mit einer schlichten Bühne (Mirella Weingarten), vielsagenden Kostümen (Susanne Scheerer) und zahlreichen versteckten Anspielungen gekonnt ins Heute geholt. Da ist zum Einen die leere, schwarze Bühne, auf der sich immer wieder fahrbare Holztürme in spartanischer Baumarkt-Optik tummeln.
Die Assoziationsmöglichkeiten sind reichhaltig: vom Kindheitstraum des Baumhauses, in dessen oberster Etage sich das Liebespaar verstecken kann, über die stilisierte Weihnachtspyramide, auf der sich halbnackte Männer im Kreis drehen, über den Kletterpark, den die heutigen Städter am freien Wochenende gerne aufsuchen, um sich selbst in der Natur zu spüren, bis hin zu den verspielten Skulpturen eines Jean Tinguely, der damit intime Männerträume nach Bauen, Werkeln und Spielen bedient (und mit dem hier wie nebenbei von dem ursprünglich auswärtigen Regieteam ein sehr Baslerisches Sujet aufgegriffen wird).
Transsexuelle Nonnen
Da sind zum Anderen die Kostüme, die in ihrer Verschiedenheit die heutige Qual der Wahl nach Identifikationsfiguren symbolisiert: Tamino trägt eine geradlinige Uniform aus dem 18. Jahrhundert, Papageno hingegen geht oben ohne. Unten trägt er einen langen, bauschigen, in verschiedenen rosa-Tönen gehaltenen Rock, der von echt männlichen Leder-Hosenträgern gehalten wird. Seine Frisur ist topaktuell: Das lange Haar zum Dutt gebunden, im Gesicht ein kräftiger Vollbart. Ein Kreativer, der gegen den Strom schwimmt, würde man denken, wenn man ihm heute auf der Strasse begegnete.
Saratsro ist hingegen ein schneidiger Jüngling im schicken Frack, dessen frisch gegeltes Haar ihn ein wenig im Widerspruch zu seiner Weisheit ausströmenden Rolle darstellt. Und im Chor der Weisen singen transsexuelle Nonnen und humpelnde Kriegsversehrte miteinander – alles Bilder also, denen wir in den unterschiedlichsten Konstellationen auch heute begegnen.
Schlichte Optik
Die Königin der Nacht ist ein Juwelen-behängtes Glamourgirl a là Marlene Dietrich, ihre Tochter entspricht dem gängigen Schönheitsideal (gross, lange Locken, schlank, mit Barbie-Oberweite); und Papagena ist wie ihr Herzmann ein Antibild mit wilder Mähne, Leggins und einem winzigen, einen Rock andeutenden Stofffetzen um die Hüfte. Und die drei Knaben (wunderbar die drei Solisten der Knabenkantorei Basel) können sich in ihrem Outfit nicht zwischen dem neumodischen Star-Wars-Kampfequipment und dem altmodischen Bubentraum vom Fliegen wie bei Astrid Lindgrens «Karlsson vom Dach» entscheiden.
Trotz dieser vielen Deutungsangebote herrscht im Optischen eine gewisse Schlicht- und Klarheit vor, der der Musik einen grossen Wirkungsraum ermöglicht. Diese süssen, perfekt ausgewogenen Melodien von Mozart werden nicht in üppigem Plüsch ertränkt, sondern so erst richtig geniessbar.
Mehr Pathos erwünscht
Herrlich sind sämtliche Auftritte der drei Damen (Bryony Dwyer, Dara Savinova und Sofia Pavone), die gesanglich als äusserst homogenes Trio auftreten; phänomenal die virtuosen Koloratur-Arien der Königin der Nacht (Mari Moriya), glaubwürdig und klangschön die lieblichen Liebesschwüre von Tamino (Sebastian Kohlhepp) an Pamina (Anna Gillingham), und besonders reizend mit seinem österreichischen Akzent: der locker-luftige Papageno (Thomas Tatzl) – und die zahlreichen Ensemble-Nummern reinster Ohrenschmaus.
Das Sinfonieorchester Basel unter Christoph Altstaedt versucht sich mit wenig Vibrato und schlanker Tongebung einer historisch informierten Spielweise zu nähern, lässt dabei aber wenig Leidenschaft spüren. Etwas mehr Pathos und etwas buntere Klangfarben hätten dieser ansonsten makellosen Interpretation gut getan.
Ratlose Senioren
Das fast alle Hauptrollen – wie auch die Regisseurin und der Dirigent – um die 35 Jahre alt sind, trägt vielleicht zu dem stimmigen Gesamtbild bei. Hier hat eine suchende Generation sich selbst den Spiegel vorgehalten. Trotz des jubelnden Premierenapplaus für alle Beteiligten ist es gut möglich, dass sich ebendiese Generation dabei gut amüsiert; ältere Semester jedoch etwas ratlos zurücklässt.
Besonders am Ende, als überraschenderweise das glorreiche Liebespaar nicht in einer innigen Umarmung hinter dem Schlussvorhang verschwindet, sondern Paminas gequälter Gesichtsausdruck den ersten Ehestreit erahnen lässt. Doch hier schliesst sich der Kreis zum Beginn der Oper. Die begann nämlich mit einer leeren Bühne, auf der sich eine von zahlreichen Scheinwerfern angestrahlte Nebelwolke sehr ästhetisch formierte. Wie ist das nun mit dem Mannsein, mit den Prüfungen, und mit der Liebe: Alles nur heisse Luft?
«Die Zauberflöte», Theater Basel. Vorstellungen bis 28. März 2016