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Nicky und Vera - Ein stiller Held des Holocaust und die Kinder, die er rettete
Peter Sís erzählt in seinem Bilderbuch "Nicky und Vera" die wahre Geschichte eines Mannes, der 669 jüdische Kinder vor den Nationalsozialisten gerettet hat. Ein eindrückliches Kinderbuch gegen das Vergessen.
Nie wieder ist jetzt! Und ich hoffe, dass Bücher wie "Nicky und Vera" nicht nur etwas gegen das Vergessen des Holocaust beitragen, sondern ins Heute hineinwirken, so dass sich diese grauenvolle Geschichte nie mehr wiederholt.
Peter Sís, ein tschechischer Illustrator, der seit den 1980er-Jahren in den USA lebt, hatte als Kind der Nachkriegszeit immer wieder Geschichten über Überlebende des Holocaust gehört. Doch von Nicholas Winton hörte er erstmals, als er mit seinem Sohn nach Prag reiste und zufällig eine Feier zum 100. Geburtstag des "Winton-Zugs" beobachtete.
Mit dem Zug in die Freiheit
Die Geschichte von Nicholas alias Nicky Winton verknüpft Peter Sís in seinem Bilderbuch mit der Geschichte von Vera. Als Nicky 1938 aus England zu einem Freund nach Prag reiste, war sie gerade zehn Jahre alt und lebte mit ihrer Familie und ganz vielen Katzen in der Nähe von Prag. Sie waren Juden, sprachen Tschechisch und die Eltern auch Deutsch. Im Oktober marschierten die Nationalsozialisten ins Sudetenland, also in die Grenzregion der Tschechoslowakei, ein. Viele Jüdinnen und Juden flohen vor den Nazis.
Veras Mutter füllte den Keller mit zusätzlichen Lebensmitteln und Kleidern. Und dann erfuhr sie von einem Mann, der jüdischen Kindern nach England half. Das war Nicky. Als Nicky 1938 in Prag war, begriff er, dass der Krieg bald ausbrechen würde und dass er so vielen jüdischen Kindern wie möglich aus dem Land helfen musste. England nahm Flüchtlinge unter 17 Jahren auf, wenn sie in England eine Pflegefamilie fanden. Mit einigen anderen Menschen legte Nicky Listen mit jüdischen Kindern an, kümmerte sich um Pflegefamilien, besorgte die Papiere und organisierte die Ausreise der Kinder mit dem Zug nach England.
Veras Eltern entschieden, ihre Tochter mit einem solchen Zug mitzuschicken und 1939 kam sie zusammen mit 67 anderen Kindern in London an. In insgesamt acht Zügen verliessen im Sommer 1939 noch vor dem Krieg 669 Kinder Prag und kamen wohlbehalten in London an. Veras Cousins waren leider im neunten Zug, der nie mehr aus Prag abreisen sollte.
Ein Leben ausserhalb des Rampenlichts
Nicky reiste nach England zurück, als der Krieg ausbrach und war im Krieg Krankenwagenfahrer. Seine Rettungsaktion behielt er nach dem Krieg Jahrzehnte für sich, bis eines Tages seine Frau die alten Unterlagen entdeckte. In der Folge trat er sogar einmal im Fernsehen auf. Zu der Sendung wurden auch zahlreiche der geretteten Kinder, mittlerweile natürlich längst erwachsen, eingeladen, um Nicky zu überraschen.
"Ich war kein Held, sagte Nicky. Ich war nicht in Gefahr wie echte Helden. Ich habe nur gesehen, was getan werden musste."
Peter Sís erzählt sehr geschickt abwechselnd von Nicky und Vera. So bringt er ihre beiden Geschichten und den Punkt, an dem sie sich getroffen haben, zusammen und gibt nicht nur dem "Helfer" Platz, sondern auch der Überlebenden und allen Opfern des Nationalsozialismus, die nicht das Glück hatten, in einem der acht Züge zu sitzen. Die Bilder sind sehr künstlerisch in gedeckten Farben gehalten. Die Episoden um Vera eher in Brauntönen, diejenigen um Nicky in Blau. Viele Bilder wirken wie alte Fotos oder Landkarten. Aquarellierte Flächen ergänzen sich mit ganz fein strukturierten (mal gepunkteten, mal wie von einem Gewebe durchzogenen) Flächen.
Oft beinhalten Körper oder Gegenstände in Miniaturbildern ihre eigene Vergangenheit, so dass wir bei genauem Betrachten sehr viel über die Personen erfahren und uns Episoden aus ihrem Leben selber ausmalen können. Ich würde das Bilderbuch ab 6 oder 7 Jahren empfehlen. Einerseits wegen der künstlerischen Umsetzung, andererseits wegen der Komplexität der Erzählung und der Inhalte und auch wegen allem, was nicht erzählt wird, was ein gewisses Vorwissen oder ergänzende Erklärungen durch die Vorlesenden erfordert. Eine äusserst berührende Geschichte, die lange nachhallt.
Fazit
Peter Sís bietet mit "Nicky und Vera" nicht nur ein Buch gegen das Vergessen, sondern animiert uns auch dazu, darüber nachzudenken, ob wir tun würden, was Nicky getan hat. Es ist klar: Das darf gar nie wieder notwendig werden. Und deshalb gilt es, neben leisen Heldengeschichten eben auch immer wieder die Geschichten von Überlebenden und Opfern wie Vera zu erzählen.
Die Fakten
Peter Sís (Text + Illustration)
Brigitte Jakobeit (Übersetzung aus dem Englischen)
Gerstenberg Verlag
64 Seiten
Erschienen am 31.01.2022
Hardcover
ISBN: 978-3-8369-6151-6
Ab 6-7 Jahren
PS: Herzlichen Dank an den Gerstenberg Verlag für das Rezensionsexemplar.
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