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Er war auf dem Weg zum Ruhm. Bis vor kurzem hatte er mit Miles Davis zusammengearbeitet. Er startete gerade mit dem ersten eigenen Trio durch zum Erfolg: Das war die Situation von Jazz-Pianist Bill Evans im Jahr 1961, als er plötzlich die Nachricht erhielt, dass sein Bassist Scott LaFaro bei einem Autounfall gestorben war.
Hier setzt der Roman des jungen walisischen Autors Owen Martell ein. Martell, 38, interessiert sich für die Phase, die nun folgte: eine Auszeit oder «Intermission» in Evans Karriere, als sich der grosse Jazzer von der Öffentlichkeit zurückzog.
Der private Bill Evans
Martell geht es weniger um den Musiker Evans, der nur zwei Jahre zuvor zusammen mit Miles Davis das berühmte Album «Kind of Blue» aufgenommen hatte, sondern um den Menschen. Und so stellt er sich den 32-jährigen Evans vor, wie er orientierungslos durch Manhattan irrt und den älteren Bruder Harry, der voller Sorge nach ihm sucht, erstmal nicht erkennt.
Harry nimmt Bill mit zu seiner Familie. Aber um Bill liegt ein rätselhaftes Schweigen, das niemand durchbrechen kann. Schliesslich reist Bill nach Florida zu seinen alarmierten Eltern, die Bill in derselben Mischung aus Sorge und Hilflosigkeit begegnen.
Martells literarische Fiktion zum Thema Familie
Vor «Intermission» hat Owen Martell bereits zwei Romane auf Walisisch geschrieben und erfolgreich publiziert. Vielleicht stiess er auf Evans, weil dessen Vater ursprünglich aus Wales stammte. Seinen Roman hat er in vier Kapitel gegliedert, die jeweils die Perspektive eines der vier Familienmitglieder einnehmen.
Zwar wird immer betont, wie wichtig Musik in der Familie gewesen sei, aber dies wirkt eher wie eine Behauptung. Das Thema des Romans ist vielmehr jene Sprachlosigkeit, von der nicht nur Bill befallen ist. Wenn Vater Harry mit Bill ins Pub geht, wenn Mutter nachts bei ihm wacht, dann führen sie alle eher Selbstgespräche als Gespräche miteinander.
Das tragische Leben der Brüder Evans
Martell deutet Bills Drogensucht an. Bekanntermassen war Bill Evans schon in den 1950er-Jahren heroinsüchtig. Ihn umgibt eine fast autistische Einsamkeit.
Die Leben beider Brüder enden tragisch: Harry, der schliesslich sogar seine Arbeit aufgab, um sich um Bill zu kümmern, verzweifelte und erschoss sich 1979. Nur ein Jahr später erlag Bill Evans den Folgeschäden seines Drogenmissbrauchs.
Evans bleibt ein Rätsel
Owen Martell wählt nur den kurzen Abschnitt aus dem Leben der Evans 1961, um seine eigene Fiktion hineinzusetzen. Sein Thema sind die starken familiären Bande, die die Söhne zwar einerseits zusammenhalten, möglicherweise aber auch fatal aneinanderbinden und -fesseln.
Um dies zu erzählen, hätte er nicht notwendigerweise auf den historischen Bill Evans zurückgehen müssen – über ihn erfährt man nämlich nicht mehr, als man vorher wusste.
Literaturhinweis
Owen Martell: «Intermission», Klaus Wagenbach Verlag, 2014