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Ukraine Die schmierigen Freundschaften des Kreml
Adrià Budry Carbó. Mitarbeit: Agathe Duparc, 29. März 2022
Diesen Winter verrieten die Stiefelspuren von Eliteeinheiten und die Abdrücke von Panzerraupen im Schnee die starke militärische Präsenz entlang der russisch-ukrainischen Grenze. Zeichen einer bevorstehenden Invasion? Es handle sich bloss um militärische Manöver – beschwichtigte der Kreml am frühen Morgen des 24. Februar.
Während Schnee das Geräusch von Stiefeln dämpft, täuscht das Rattern von Eisenbahnkonvois selten über den fatalen Lauf der Geschichte hinweg. Im Januar hatte der staatliche Ölkonzern Rosneft seine Bahnlieferungen von Kerosin, Diesel und Benzin an die in sieben Grenzregionen der Ukraine und Weissrusslands stationierte russische Armee vervierfacht. «Im Februar erreichten diese Liefermengen 14 000 Barrel pro Tag», berichtete das Analyseunternehmen Energy Intelligence, das vor einem drohenden Bewegungskrieg gewarnt hatte.
In den Kreisen der Trader heisst es, Rohstoffe würden die Wirtschaft antreiben. In Russland, wo etwa 10% der weltweiten fossilen Brennstoffe produziert werden, sind Gas und Öl auch Treibstoff des Krieges. Sie bescheren dem Land einen jährlichen Erlös von 200 Milliarden US-Dollar. Im Jahr 2021 hing der russische Staatshaushalt zu 36% von diesen Exporten ab, heute angesichts der explodierenden Preise und des wirtschaftlichen Ruins des Landes sogar noch stärker.
Zuverlässige Partner in der Schweiz
Der Konzern Rosneft ist der Eckpfeiler von Wladimir Putins Staatskapitalismus. 1993 im Rahmen der Privatisierung staatlicher Unternehmen gegründet, profitierte Rosneft 2006 vom Konkurs des privaten Ölkonzerns Yukos, nachdem dessen Chef, der Oligarch Michail Chodorkowski, verhaftet worden war. Der Ölriese beliefert seit der Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 offiziell das russische Verteidigungsministerium. Mit dem Preisanstieg im vergangenen Jahr schnellten seine Einnahmen um 46% auf 121 Milliarden US-Dollar in die Höhe, was dem Doppelten des staatlichen Militärbudgets entspricht. Als BP 2011 in das Unternehmen einstieg, warnte das Magazin The Economist den britischen Ölmulti bereits: «Rosneft ist kein normales Unternehmen.»
Doch der russische Megakonzern konnte sich immer auf die grossen Handelshäuser mit Sitz in der Schweiz verlassen, die den Grossteil seines Öls absetzten oder ihm Geld vorstreckten. Seit 2011 hat Rosneft auch sein Handelsgeschäft in Genf angesiedelt.
Laut der Schweizer Botschaft in Moskau werden rund 80% des russischen Rohstoffhandels über die Finanzplätze Genf, Zug und Lugano abgewickelt. Die Zahl ist bereits seit mehreren Jahren im Umlauf, doch es gibt keine detaillierte Datenbasis oder etwa eine Aufgliederung nach den verschiedenen fossilen Energieträgern (Öl, Gas, Kohle). Bei Rohöl und Ölprodukten gehen die Schätzungen von Public Eye derzeit von 50 bis 60% aus.
Unsere Recherche zeigt, dass die Ölströme seit Beginn des Krieges keineswegs versiegt sind. Nach unserer Zählung auf Basis der automatisierten Schiffsverfolgung von Greenpeace verliessen zwischen dem Kriegsbeginn am 24. Februar und dem 21. März 326 Tanker russische Häfen, darunter 26 mit Flüssigerdgas beladene Schiffe. Im Zuge des US-Importembargos haben die meisten europäischen Länder zwar ihre Einkäufe von russischem Rohöl im Vergleich zu 2021 um die Hälfte reduziert. Doch der Kreml konnte den Schaden dank der raschen Umleitung der Ölströme in Grenzen halten. Die Türkei beispielsweise erhöhte ihre Importe von in Schwarzmeerhäfen geladenem Öl im Vergleich zum März 2021 um 240%, wie aus Daten hervorgeht, die Public Eye von VesselsValue, einer auf Schiff- und Luftfahrtmärkte spezialisierten Website, zur Verfügung gestellt wurden (siehe Grafik). Die in der Schweiz ansässigen Handelshäuser kamen ihrer Rolle als Logistiker auch in schwierigen Zeiten nach.
Schaulaufen der Schweizer Ölkonzerne im Schwarzen Meer
Laut Angaben von Schiffsmaklern, die uns die Rechercheplattform SourceMaterial zur Verfügung gestellt hat, belegen in der Schweiz ansässige Händler die ersten Plätze in der Rangliste der grössten Käufer von russischem Öl in den Monaten Februar und März. An der Spitze steht das Genfer Unternehmen Litasco, Tochtergesellschaft des grössten privaten russischen Ölproduzenten Lukoil, das im Februar und März schätzungsweise mit mindestens 3,36 Millionen Tonnen russischem Öl gehandelt hat. Das sind etwa 24,6 Millionen Barrel oder das Äquivalent von ungefähr 41 Tankern mittlerer Grösse.
Danach folgen die Handelsunternehmen Vitol und Trafigura, die sich um den zweiten Platz streiten (rund 17,2 Millionen bzw. 12,8 Millionen Barrel). Auch der russische Staatskonzern Rosneft ist in der Rangliste vertreten, obwohl er offenbar Schwierigkeiten hat, Terminals zum Entladen seiner Fracht zu finden. Überraschender ist, dass ein unbekanntes, ebenfalls in Genf ansässiges Unternehmen namens Paramount, im Februar und März 11,7 Millionen Barrel erworben haben soll. Nach der Invasion am 24. Februar scheinen die Volumina von Trafigura, Paramount und Litasco sogar zu steigen.
In den Häfen von Taman und Tuapse scheint der Krieg, der auf der anderen Seite des Schwarzen Meers tobt, das Schaulaufen der Ölkonzerne kaum zu stören. Gemäss den Daten von SourceMaterial werden die von Vitol, Trafigura oder Glencore gecharterten Tanker mit russischem Gasöl, Diesel oder Naphtha beladen. Die drei Konzerne hatten Ende 2021 gerade Ausschreibungen für diese leichten Ölprodukte des Unternehmens Rosneft dazugewonnen, das auf der Ostseite des Schwarzen Meeres eine Raffinerie betreibt.
Auf Anfrage von Public Eye teilt Trafigura über eine Sprecherin mit, dass sie die uns vorliegenden Zahlen bestreitet, aber nicht bereit ist, uns Details zu den verschifften Mengen zu liefern, die «Monat für Monat im Einklang mit unserer vertraglichen Vereinbarung liegen». Paramount spricht zwar von «korrekten» Zahlen, bestreitet aber den Trend: «Seit Beginn des Krieges in der Ukraine gab es keinen spezifischen Anstieg.» Glencore antwortete nicht auf eine detaillierte Liste von Fragen, liess uns aber eine Stellungnahme zukommen, wonach der Konzern «sich nicht mehr an neuen Handelsaktivitäten mit Rohstoffen russischen Ursprungs beteiligen wird, es sei denn, er wird von den zuständigen Regierungsbehörden dazu aufgefordert». Litasco reagierte nicht auf unsere Bitte um Stellungnahme.
Die Destinationen der Tanker auf dem Schwarzen Meer sind die Türkei, der Libanon oder Südeuropa: Malta, Griechenland und Italien sind die Länder, die am meisten von den rund 7,8 Millionen Barrel an Rohöl und Ölprodukten abhängen, die Russland vor der Krise exportiert hat. «Von Europa aus betrachtet könnte man meinen, dass das russische Öl weniger gefragt ist», gesteht Vitol-Chef Russell Hardy «aber es ist schwierig, die Pipelineströme zu ändern, und viele Raffinerien haben keine Alternativen.» Am 22. März erinnerte er auf dem jährlich in Lausanne stattfindenden Rohstoffgipfel, dem FT Commodities Global Summit, erneut daran, dass Europa für die Hälfte seines Verbrauchs auf russischen Diesel angewiesen ist.
Die Doppelmoral der Rohstoffhändler
Nach Schätzungen der Recherche-Plattform SourceMaterial hat Vitol seit Kriegsbeginn ganze sieben Tanker mit russischem Öl im Gesamtwert von rund 100 Millionen US-Dollar beladen. Auf Anfrage bestätigt eine Sprecherin des Konzerns die derzeitige Verladung von Öl in russischen Häfen, behauptet aber, dass «ein grosser Teil davon aus Kasachstan stammt und im Rahmen bestehender Terminverträge geliefert wird». Wo immer möglich, suche man nach nicht-russischen Bezugsquellen, heisst es bei Vitol, das wie seine Konkurrenten nach eigenen Angaben alles unternimmt, um den europäischen und weltweiten Energiebedarf zu decken. Mit der bemerkenswerten Ausnahme von Vitol verurteilten Glencore, Trafigura und Gunvor in einer Pressemitteilung unaufgefordert die Gewalt des Krieges in der Ukraine und seine «verheerenden» Auswirkungen für die Menschen. Sie kündigten zwar an, ihre Beteiligungen an bestimmten Unternehmen oder ihre Investitionen in Russland zu überprüfen, doch die Händler äusserten sich weitaus weniger zu ihren langfristigen Lieferverträgen mit dem Kreml oder den sogenannten «Spot-Verträgen», bei denen Lieferungen über einen kurzfristigen Zeitraum vereinbart werden.
Trotz des von Joe Biden verhängten Embargos für die Einfuhr von russischem Rohöl in die USA war dieser Handel zumindest bei Redaktionsschluss nicht illegal, solange er andere Länder als die USA betrifft. Dennoch ist die Aufregung in den Handelssälen oder in den Compliance-Abteilungen der grossen Handelshäuser spürbar. Ein Risikomanager berichtet von «mehr als 50 Stunden Wochenarbeitsstunden seit der Invasion», denn «in solchen Zeiten können die Trader auch den grössten Gewinn machen.» Die meisten Händler bestreiten jedoch, über neue Verträge für russisches Rohöl oder russische Ölprodukte zu verhandeln.
An den Konferenzen des Rohstoffgipfels in Lausanne traten die Direktoren der verschiedenen Konzerne abwechselnd auf die Bühne und versicherten, dass sie zwar keine neuen «Spot-Verträge» mehr mit den Staatsunternehmen des Kremls abschliessen würden, jedoch gezwungen seien, längerfristige und vor Beginn des Konflikts unterzeichnete Vereinbarungen einzuhalten.
Alles andere als gewöhnliche Unternehmen
Die Schweizer Händler hatten schon immer eine besondere Beziehung zum Kreml, aber wohl keiner von ihnen hat einen solchen Grad der Abhängigkeit vom russischen Öl erreicht wie Gunvor vor 15 Jahren. Der Genfer Handelskonzern wurde im Jahr 2000 von Gennadi Timtschenko, einem schwerreichen Oligarchen und engen Vertrauten von Wladimir Putin, mitgegründet. Schon bald bezog es bis zu einem Drittel des Öls, das Russland produzierte, und vierzehnfachte so seinen Umsatz, der im Jahr 2007, auf dem Höhepunkt dieser ungewöhnlichen Beziehung, 43 Milliarden Dollar betrug.
Bei seinen Versuchen, sich Öl aus der Republik Kongo zu sichern, stellte sich Gunvor 2010 als eine «von Putin heimlich kontrollierte Organisation» vor und versprach den kongolesischen Offiziellen, dass «die Türen Russlands sich für Abkommen über wirtschaftliche Zusammenarbeit öffnen würden.» Dies geht aus den umfangreichen Recherchen zu Gunvor im Kongo hervor, die Public Eye 2017 publiziert hatte. Gunvor setzte die Diversifizierung und Expansion auf dem afrikanischen Kontinent fort und setzte bald auch auf Lateinamerika.
2014 kam es zur Invasion der Krim und Gennadi Timtschenko wurde auf die Sanktionsliste der USA gesetzt. Gunvor und sein nunmehr lästiger Oligarch waren gezwungen, sich zu trennen. Letzterer verkaufte seine 44% Anteile für die bescheidene Summe von 1 Milliarde Dollar an seinen schwedischen Geschäftspartner Torbjörn Törnqvist – offiziell nur wenige Stunden vor der Verhängung der Sanktionen.
Nach dem Gewinn mehrerer Ausschreibungen Ende 2020 und Anfang 2021 markierte das Jahr 2021 für Gunvor mit einem Anstieg von 163% das Comeback der russischen Kohlenwasserstoffe. Laut einem Finanzdokument des Händlers, das Public Eye vorliegt, machten diese insgesamt 13,2% der Liefermengen von Gunvor aus. Auf dem Podium des Rohstoffgipfels in Lausanne spielte der Direktor des Konzerns dieses Engagement jedoch herunter. Klar scheint zu sein, dass Gunvor nicht mehr der bevorzugte Händler des Kremls ist.
Ein Platz im Herzen des Kremls
Und da es in der Natur der Trader liegt, Lücken zu füllen und Chancen zu ergreifen, hat sich der Konkurrent Trafigura schnell einen Platz im Herzen des Kremls erobert. Und das dank eines Finanzinstruments, das vom Trader und Glencore-Gründer Marc Rich bekannt gemacht wurde: Vorauszahlungen.
Nachdem Rosneft sich als Folge einer raschen Expansion stark verschuldet hatte, bot Trafigura dem Ölkonzern 2013 einen einzigartigen Deal an: einen Vorschuss von 1,5 Milliarden US-Dollar, der in naher Zukunft durch zukünftige Ölieferungen zurückgezahlt werden sollte. Dies verschaffte Rosneft einen finanziellen Spielraum und sicherte dem Händler Trafigura ein stabiles Ölvolumen zu einem im Voraus festgelegten Preis.
Doch die Beziehungen zur Schweiz wurden noch enger: Ende 2016 sicherte sich Glencore einen Anteil an Rosneft. Gemeinsam mit dem katarischen Staatsfonds QIA erwarb der Zuger Rohstoffriese 19,5% der Anteile an dem Staatsunternehmen. Damit wurde Glencore neben den 50% des Kremls und den 19,75% des Ölkonzerns BP zum dritten Grossaktionär von Rosneft und hatte dadurch einen gesicherten Zugang zu etwa 220 000 Barrel Öl pro Tag.
Vor allem die Tatsache, dass es sich um eine gewagte Operation handelte, lässt aufhorchen. Glencore legte für die Aktien nur 300 Millionen Euro auf den Tisch, QIA hingegen 2,5 Milliarden US-Dollar, während die russische Bank VTB 11 Milliarden US-Dollar bereitstellte. Die VTB ist in den Händen des Kremls und steht heute unter Sanktionen; die 11 Milliarden sind der grösste Bankkredit, den je ein Schweizer Rohstoffhändler erhalten hat. Wladimir Putin schien mit dem Geschäft so zufrieden zu sein, dass er dem damaligen Glencore-Chef Ivan Glasenberg 2017 persönlich eine Auszeichnung verlieh. Im September 2018 wurden die 14% der Aktien, die Glencore hielt, an eine Tochtergesellschaft von QIA verkauft; Glencore behielt noch einen Anteil von 0,57%. Damit wurde eine weitere Phase dieses rätselhaften Deals besiegelt.
Auch in der Arktis ist die Schweiz dabei
Als Wladimir Putin im Oktober 2020 per Verordnung die Eroberung der im Eis des arktischen Festlandsockels eingeschlossenen Öl- und Gasvorkommen einleitete, war es nur logisch, dass in der Schweiz ansässige Konzerne beim Projekt Vostok Oil mitmachten. Trafigura tätigte mit 7 Milliarden US-Dollar für 10% der Anteile die grösste Investition in der Geschichte des Unternehmens, Vitol investierte im Rahmen eines Konsortiums halb so viel. Laut Reuters waren die Verhandlungen mit Gunvor und Glencore hingegen erfolglos verlaufen.
Für die Händler fossiler Brennstoffe ist das Projekt Vostok Oil verlockend, Denn Wladimir Putin hat grosse Pläne: Er will bis zu 150 Milliarden US-Dollar investieren sowie 15 Industriestädte und 800 Kilometer Pipelines bauen, um langfristig 2 Millionen Barrel pro Tag zu gewinnen und die Rivalen aus dem Nahen Osten und den USA auf dem Markt für schwarzes Gold endgültig zu verdrängen. All das ist der Klimaerwärmung zu verdanken, die den Rückgang des ewigen Eises verursacht.
Nur wenige Banken rissen sich um die Finanzierung dieses Geschäfts. Trafigura bestätigte lediglich, dass die Transaktion «grösstenteils durch langfristige Schulden» finanziert worden sei, ohne die Namen der Gläubiger zu nennen. Laut der Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg streckte die russische Bank Credit Bank of Moscow dem Händler das Geld vor.
Stark exponierte Banken
Doch das Geschäft mit russischem Öl ist für die Banken von grosser Bedeutung. Laut Angaben des niederländischen Forschungsinstituts Profundo haben Credit Suisse und UBS zwischen 2016 und 2021 gemeinsam mehr als 29 Milliarden US-Dollar an russische Öl- und Gasunternehmen geliehen. BNP Paribas, die ihre Genfer Abteilung für Rohstofffinanzierungen Ende 2020 geschlossen hat, engagiert sich im Geschäft mit russischem Öl und Gasim selben Zeitraum mit Krediten im Wert von annähernd 47 Milliarden US-Dollar. Die Genfer Privatbank Pictet hält Aktien im Wert von rund 508 Millionen US-Dollar von russischen Konzernen im Bereich fossile Energien; damit rangiert sie in Europa an dritter Stelle der entsprechenden Rangliste.
Doch seit dem Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar und der Übernahme des EU-Sanktionspakets durch die Schweiz sind die Banken zurückhaltender geworden. Auch wenn es nicht offiziell verboten ist, russisches Rohöl oder russische Ölprodukte zu kaufen, sind die Kredite plötzlich versiegt. «Die Banken haben sich klar geäussert, dass sie kein russisches Rohöl und keine Handelsströme aus Russland mehr finanzieren wollen», sagte Muriel Schwab, Finanzchefin von Gunvor, am Rohstoffgipfel in Lausanne.
Die Folge für die Branche: Es ist viel schwieriger geworden, Geschäfte zu finanzieren, eine Ladung zu garantieren, ein Schiff oder gar ein Terminal zu finden, um das Rohöl abzusetzen.
Der Kurs der von Credit Suisse gehandelten Anleihen von Gunvor, Glencore und Trafigura brach ein, wie das Finanznewsportal Inside Paradeplatz enthüllte. Und die Handelsunternehmen sehen sich zunehmend mit Nachschussforderungen konfrontiert. In Zeiten schwankender Rohstoffpreise (der Preis für ein Barrel Brent schwankt derzeit je nach Verlauf des Kriegs in der Ukraine um mehrere Dutzend Prozentpunkte) können sich die Kosten für eine Rohölladung um das Doppelte erhöhen. Ebenso wie die Bargeldsummen, die von den Banken zur Absicherung der Transaktionen verlangt werden.
Nachschussforderungen als Alarmzeichen
Laut Bloomberg soll Trafigura angesichts der steigenden Preise unter milliardenschweren Nachschussforderungen gelitten haben, und somit unter der Notwendigkeit, sich Liquidität zu verschaffen, um die Bestände seiner Frachter zu decken. Am 8. März gab der Händler bekannt, dass er von einem Bankenkonsortium einen Kredit in Höhe von 1,2 Milliarden Dollar (der am 23. März schliesslich auf 2,3 Milliarden Dollar aufgestockt wurde) aufgenommen habe, um der «extremen Schwankung in der Weltwirtschaft infolge der Krise in der Ukraine» zu begegnen. Trafigura soll laut Bloomberg auch mit privaten Investoren im Gespräch sein, die an einer Kapitalbeteiligung von 2 bis 3 Milliarden interessiert sind. Eine Premiere.
Während der internationale Druck auf das russische Öl zunehmend steigt, entledigte sich Trafigura Anfang März einer Ladung russischen Rohöls, indem sie einen Rabatt von mehr als 28 US-Dollar pro Barrel gegenüber dem Referenzstandard Brent gewährte. Käufer war der Ölriese Shell, der als einer der ersten seinen Rückzug aus dem Russlandgeschäft angekündigt hatte. Er erntete öffentliche Kritik, entschuldigte sich und schwor schliesslich, kein russisches Öl mehr zu kaufen. Auch BP liess verlauten, dass es seine Käufe von russischem Öl auf dem Spotmarkt einstellen werde. Laut der Bloomberg-Journalistin Helen Robertson wird ein Barrel Öl der russischen Sorte Urals nun mit einem Abschlag von 31 Dollar verkauft. Litasco, die Genfer Tochter der russischen Lukoil, sucht weiterhin nach Abnehmern.
Auch die meisten Schweizer Händler scheinen ihre Verträge bis zum Ende einhalten zu wollen. Es sei denn, sie werden durch Sanktionen gegen russisches Öl daran gehindert. In den Gängen des Rohstoffgipfels von Lausanne ist ein unabwendbares Schicksal spürbar, auf das sich alle vorzubereiten scheinen. Der Berater Jean-François Lambert bringt die allgemeine Stimmungslage auf den Punkt: «Man kann nicht mit der linken Hand Stinger-Raketenwerfer liefern und mit der rechten Hand Öl und Gas kaufen.»