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Historisches Archiv der Region Biel, Seeland und Berner Jura
Marguerite Weidauer-WallendaStadt Biel - übrige Orte - Filme und Kinematographie - Frauen - Freizeit - Kulturelle Veranstaltungen - Lebensformen - Persönlichkeiten - Unternehmen
Marguerite Weidauer-Wallenda war die "Königin der Schausteller" und eine der ersten Schweizer Cineastinnen. Meisterhaft hat sie Kino und die aufkommende Unterhaltungsindustrie verbunden
Herkunft und Kindheit
Marguerite Wallenda wurde am 24. Juli 1882 in Mainz geboren, als Tochter des Panoptikum-Besitzers Philipp Wallenda und der Zürcher Seiltänzerin Anna Suter geboren. Mit ihrer Familie kam Wallenda als kleines Kind nach Biel. Biel - von dem berühmten Clown Grock einst als unbürgerlichste Stadt der Schweiz bezeichnet - galt zu jener Zeit als Treffpunkt des fahrenden Volkes. Wallenda besuchte die städtischen Schulen, sie sprach den Bieler Dialekt und Französisch, später auch Italienisch. Sie beabsichtigte Medizin zu studieren, ihr Vater gestattete ihr dies jedoch nicht. So zog sie mit der Schaustellerfamilie von Stadt zu Stadt.
Die Filmpionierin
Diese Lebensart behielt sie bis ins hohe Alter bei. Schon in ihrer Jugend, kaum war die Kinematografie erfunden worden, faszinierte sie die Welt der bewegten Bilder. Als 17-Jährige mietete Marguerite Wallenda eine Kamera und einen Projektor des Filmpioniers Georges Hipleh-Walt. Als 23-Jährige konnte sie sich ein Wanderkino kaufen, mit dem sie - allen Anfangsschwierigkeiten zum Trotz - durch die Schweiz tourte. Wie Georges Hipleh-Walt zeigte sie sowohl eingekaufte Filme als auch Eigenproduktionen. Zum Beispiel filmte sie Bielerinnen und Bieler auf den Strassen und Plätzen der Stadt, fuhr sodann mit dem Zug nach Paris, um ihre Filme dort entwickeln zu lassen und führte ihre Aufnahmen 36 Stunden später den staunenden Amateurakteuren vor. Ihre Vorführungen auf Marktplätzen und an Karnevalsveranstaltungen zogen zunehmend ein grosses Publikum an. Als 1912 der deutsche Kaiser der Schweiz einen Besuch abstattete, erhielt Wallenda den offiziellen Auftrag, dieses Ereignis auf Film festzuhalten. Das Dokument ging als Vorläufer der Filmwochenschau in die Geschichte ein.
Heirat und Schaustellergeschäft
1908 verheiratete sich Marguerite Wallenda mit Heinrich Weidauer, einem Tierbändiger. Die Ehepartner erhielten 1910 das Schweizer Bürgerrecht, 1934 wurden sie Burger von Biel. Wichtig für den Erfolg der Unternehmung waren unter anderem gute Beziehungen zu den Polizeibehörden. In diesem Zusammenhang entstand Wallendas Freundschaft mit Walter König, der 1939 Polizei-Adjunkt, 1943 Polizeiinspektor der Stadt Biel wurde.
Das Unternehmen Weidauer-Wallenda galt in der Schweiz als das weitaus grösste und bestrenommierte. Weit herum bekannt wurde es unter anderem durch seine Figur-Acht-Bahn: Mit dieser Rummelplatz-Attraktion, die 1921 auf Bestellung Weidauer-Wallendas von einem Berliner Architekten erbaut worden war, zog das Ehepaar fortan durch die Schweiz. Ab 1928 verfügte es zudem über ein Autodrom mit elektrisch betriebenen Autos. Sie bemerkte dazu: "Als junges Unternehmerpaar sind wir Risiken eingegangen, und es hat funktioniert." Nach dem Tod ihres Mannes 1941 führte Marguerite Weidauer-Wallenda das Schaustellergeschäft während 27 Jahren alleine weiter. Sie hielt das bisherige Angebot der Unternehmung aufrecht und ergänzte es mit neuen Attraktionen. Mit ihrer Truppe bot sie ihr Unterhaltungsprogramm zehnmal pro Jahr mindestens eine Woche lang an allen grösseren Orten der Schweiz an. Die Tourneen begannen jeweils an der Bieler Fasnacht, der Zibelemärit in Bern stellte das Ende der Reisen dar. Im Winter wurden die Anlagen in Nidau überprüft und auf die folgende Saison vorbereitet. Das letzte Mal wurde die Figur-Acht-Bahn im Jahr 1968 an der Bieler Braderie errichtet. In den 47 Jahren Einsatzzeit dieser in der Schweiz einzigartigen Attraktion kam es zu keinem einzigen Unfall.
Ehrenpräsidentin des Schweizerischen Schaustellervereins
Marguerite Weidauer-Wallenda war sowohl als tüchtige Geschäftsfrau und autoritäre Chefin wie auch als eigensinnige Persönlichkeit geachtet. Ihr Fleiss galt als vorbildlich. Sie meinte dazu: "Ich arbeite den ganzen Tag über, abends lege ich mich todmüde zu Bett, am folgenden Tag geht es wieder los. Ich mag das." 1952 wurde sie vom Schweizerischen Schaustellerverein zur Ehrenpräsidentin erkoren. In Biel, wo sie an der Ländtestrasse eine Villa bewohnte, wurde Weidauer-Wallenda "Madame" genannt, war sie als exzentrisches Stadtoriginal bekannt. 1965, zum 60-Jahre-Jubiläum der Firma, lud sie den ganzen Gemeinderat der Stadt Biel ein.
Lebensabend und Tod
Nach dem Verkauf ihrer Liegenschaft im Jahr 1969 zog die 87-Jährige in ihren Salonwagen nach Nidau, der sich am einstigen Winterstandort der Figur-Acht-Bahn befand. Im Wohnwagen verbrachte sie ihre letzten Lebensjahre. Marguerite Weidauer-Wallenda starb am 15. Juni 1972 in Bern. Um das Vermögen, das sie hinterliess, kam es zu einem Gerichtsprozess, schliesslich wurden in einem Vergleich Walter König neunzig, ihrem langjährigen Angestellten Bergerhofer zehn Prozent ihres Vermögens zugesprochen.
Marguerite Weidauer-Wallenda ist die dritte Frau, welcher im Bieler Jahrbuch ein Nachruf gewidmet ist. Seit dem Jahr 2000 trägt in Biel eine Strasse ihren Namen.
Quellen: KULTUR ELLE 1/2021,
Autor: Manuela Di Franco, Christoph Lörtscher / Quelle: Diverse 2021