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Department of Para Pedagogic Practices: Peça da India
The Department of Para-Pedagogic Practices ist eine achtteilige Serie von Installationen/Publikationen, die sich kritisch mit den zeitgenössischen Veränderungen in der Region des Indischen Ozeans auseinandersetzt. Die Serie entsteht als Antwort auf die planetarische Wende und ihre komplexen Verflechtungen mit dem Indigenen, dem Dekolonialen, dem Technologischen und seinen kosmo-ästhetischen Potenzialen. Die erste Installation/Veröffentlichung der Serie mit dem Titel “Peça da India” verwebt die komplexe Geschichte der Textilherstellung und des Textilhandels in Indien (17.-20. Jahrhundert). Sie konstruiert eine Parapädagogik zum katastrophalen Erbes des europäischen Handels in Indien und seiner weitreichenden Auswirkungen auf den transatlantischen Menschenhandel.
Bis zum 17. Jahrhundert, als Indien 25 % der weltweiten Textilien produzierte, waren Textilien das wichtigste maritime Handelsgut zwischen Indien und der Welt. Die Geschichten darüber, wie diese Zahl bis zum Ende der britischen Kolonialherrschaft 1947 auf nur noch 2 % sank, werden in der kolonialen Geschichtsschreibung jedoch allzu oft verschwiegen. Wandteppiche (weisses Gold), die in Indien auf Webstühlen gewebt wurden, wurden von Europäer*innen getragen oder auf Kaminsimsen in ihren reicheren Häusern ausgestellt und als Peça da Índia oder Boa Peça (übersetzt: ein Stück Indien / gutes Stück) bezeichnet. Dieser portugiesische Ausdruck, entstanden in der Mitte des 17. Jahrhunderts, verwandelte sich berüchtigterweise auch in die Werteinheit, die im Handel mit versklavten Personen der Kolonien in Westafrika verwendet wurde.
Mit versklavten Personen Handelnde auf dem afrikanischen Kontinent tauschten diese massgeschneiderten Peça da India gegen Millionen menschlicher Körper ein, die über die mittlere Passage reisten. Unbewusst, aber unauslöschlich mit diesen ethischen Implikationen behaftet, sollte die Herstellung und der Handel mit Textilien aus Indien im Laufe des nächsten Jahrhunderts der Kolonialherrschaft weitere Gewalt erleiden, angetrieben durch die komplexe paneuropäische Entwicklung von Industrialisierung und Kapitalismus.
In der Shedhalle, einer ehemaligen Seidenfabrik in der jahrhundertealten Roten Fabrik in Zürich, bezieht sich diese Arbeit auch auf die eigenen technisch-finanziellen Verstrickungen der Schweiz mit anderen europäischen Kolonialnationen. In europäischen Textilfabriken (wie der Roten Fabrik), in denen Textilien in noch nie dagewesenen Mengen produziert wurden, fand eine gross angelegte Industriespionage statt, die das komplizierte Know-how der indischen Textilherstellung ausspionierte und Indien schliesslich völlig seiner wichtigsten wirtschaftlichen Grundlage beraubte.
Die Installation umfasst ein 24 Meter langes Stück ungewebter Baumwolle, eine Konstellation von 7 Stücken zerrissener und vernähter Seide mit einer Größe von 1 Peça*, die spezifisch kodierte Darstellung eines spekulativen digitalisierten Stoffes sowie weitere Stoffe und Utensilien aus dem Handel der Kolonialzeit, die aus lokalen öffentlichen und privaten Schweizer Archiven ausgeliehen wurden. Eine Publikation im Zusammenhang mit dieser Installation wird in der nächsten Auflage der Arbeit zusammen mit weiteren indigen-fabrizierten Stoffstücken folgen.
Die Konstellation von Text- und Textilarbeiten in der Installation/Publikation “Peça da India” wirft die Frage auf, wie wir die Binaritäten von Unterdrückenden und Unterdrückten in dekolonialen Praktiken überdenken können, wie wir verschlossene Narrative der Vergangenheit aufdecken und die Knoten zeitgenössischer Nationalstaaten und Wohlstandsbildung freilegen können.
* Jede Peça, ein in Indien gewebtes Stoffstück, mass sieben palmos (Handbreite) und brachte eine gesunde versklavte Person im Alter zwischen 15 und 25 Jahren ein; weitere Abzüge wurden für körperliche Abweichungen und Altersabweichungen vorgenommen.
als Teil der Protozone12: Syncretic Sites
Shruti Belliappa (geboren in Bangalore, lebt in London) ist Schriftstellerin, Historikerin für Nachkriegs- und zeitgenössische Kunst und Theoretikerin, die sich in ihrer Arbeit mit Gegenkartografien, Liminalität und Technologien der Zugehörigkeit auseinandersetzt. Derzeit ist sie Doktorandin an der Goldsmiths University (Visual Cultures) und erforscht klangliche Epistemologien und räumliche Gerechtigkeit in den postnationalen Grenzgebieten des Mekong. Seit 2016 ist sie Gründungsherausgeberin von Hanuman Editions (eine Nachfolge der kultigen Hanuman Books-Reihe), einer geplanten Publikationsreihe über die planetarische Avantgarde, und schreibt an ihrem ersten Roman Home is the Place You Left.
Kiraṇ Kumārs (geboren in Bangalore; lebt in Auroville/Berlin) Praxis liegt an der Schnittstelle von Tanz, kritischer Geschichtsschreibung und spekulativem Computing. Ausgehend von verkörperten und konzeptionellen Untersuchungen yogischer und tāntrischer Praktiken artikuliert er Diskontinuitäten im zeitgenössischen Denken durch Performance, Schreiben und visuelle Kunst. Seine Arbeiten wurden im Jeu de Paume Paris, auf der Singapur Biennale und in der Gessnerallee Zürich gezeigt sowie bei Performance Research Books, dem transcript Verlag und Archive Books veröffentlicht. Er hatte Forschungsstipendien am Berlin Centre for Advanced Studies in Arts and Sciences (2016-18), der Akademie für Theater und Digitalität (2021), der Akademie Schloss Solitude (2022/24) und dem Medienwerk.NRW (2023).
Credits:
Shruti Belliappa & Kiraṇ Kumār
Research/Beratung: Sourav Das, Textildesigner & Revivalist
Weber*in (Baumwolle): Asif Ansari, indigene Weber*in in der dritten Generation aus Maheshwar (Indien)
Näher* (Seide): Malek, S K Abdul Saleem
Custom-Coding: Matthias Härtig
mit Leihgaben aus dem Bestand des Schweizerischen Nationalmuseum Zürich und dem Club zur Geduld Winterthur
Wir danken für die freundlichen Leihgaben des Schweizerischen Nationalmuseum, Zürich
Wir danken dem Club zur Geduld in Winterthur für die freundliche Leihgabe
Wir danken focusTerra für die freundliche Leihgabe