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Die Loge «Arbeit» Nummer 29 in Olten
Briefgeschichten Während 101 Jahren bestand in Olten eine Guttempler-Loge zur Förderung der Volksgesundheit.
Von: Urs Amacher
Ende Oktober 1905 fand der Oltner Architekt Arnold von Arx eine Zeitung in seinem Briefkasten. Wer genau der Empfänger war, ist unbestimmt. Es gab damals nämlich zwei Architekten mit diesem Namen: Arnold von Arx-Munzinger senior und dessen Sohn Arnold von Arx junior, der 1908 zusammen mit seinem gleichaltrigen Studienfreund vom Polytechnikum (ETH) Zürich, Walter Real, an der Ringstrasse 1 ein Architekturbüro eröffnete. Bei der Zeitung handelte es sich wohl um die «Schweizerischen Abstinenzblätter. Zeitschrift zur Förderung der Totalenthaltsamkeit und der Volkswohlfahrt. Organ der schweizerischen Grossloge des Guttemplerordens und der schweizerischen Vereine abstinenter Eisenbahner und Kaufleute».
Ganz sicher ist das nicht, aber was man zweifelsfrei aufschlüsseln kann, ist der Absender: «Loge Arbeit No. 29 Olten». Wer hier eine Freimaurerloge vermutet, liegt falsch, auch wenn die Guttempler ähnliche Rituale und Symbole benutzten.
Auguste Forel in Olten
Am 31. Oktober 1896, einem Samstagabend, hielt Auguste Forel im Singsaal des Hübeli-Schulhauses einen öffentlichen Vortrag über «die Alkoholfrage vom sozialen Standpunkte aus und über den Guttempler-Orden». Professor Forel kam direkt aus Aarau, wo er am Vorabend zum gleichen Thema referiert und die Loge «Ameise» initiiert hatte.
Auguste Forel war Psychiater, Hirnforscher und Entomologe (Insektenforscher). Seit 1879 war er Direktor der Irrenheilanstalt Burghölzli in Zürich. In dieser Funktion erlebte der gebürtige Waadtländer hautnah die Probleme des Alkoholmissbrauchs. Er veranlasste die Schaffung einer Trinkerheilanstalt in Ellikon an der Thur. Gleichzeitig setzte er auf Prävention und warb für eine Alkohol-Abstinenz. 1892 gründete er in Zürich die erste Loge des Unabhängigen Guttemplerordens als Teil der aus Amerika stammenden Weltorganisation der Independent Order of Good Templars. Die Abkürzung IOGT hat sich bis heute auch im deutschsprachigen Raum gehalten. Der Entomologe Forel war auch berühmt für seine Forschungen über die soziale Welt der Ameisen, und bis vor kurzem zierte sein Porträt unsere Tausend-Franken-Banknote.
Bei Forel erhielten die lokalen Guttempler-Logen jeweils einen Namen und eine Nummer. Die Namen hatten entweder einen Bezug zum Ort oder eine ideelle Bedeutung. So erhielt die als erste konstituierte Zürcher Loge den Namen «Helvetia» und demgemäss die Nummer 1. Es folgten im Kreis 5 von Zürich die Loge «Fortschritt» Nr. 2 und die Loge «Berna» Nr. 3. In Basel entstand 1893 die Loge «Basilea» Nr. 5, in Solothurn hiess die Loge «Wengistein», in Aarau «Ameise», in Däniken «Biene».
Die Gründung der Loge Olten
Eine Woche nach Auguste Forels Referat fand im Oltner Restaurant «Bären» bereits die konstituierende Sitzung der Loge «Arbeit» Nr. 29 Olten des Unabhängigen Ordens der Guttempler (IOGT) statt. Der Vorstand bestand aus dem Hochtempler (Präsident), dem Vizetempler, dem Sekretär, dem Finanzsekretär, dem Schatzmeister (Kassier) und sieben «Hülfsbeamten». Unter den ersten Vorstandsmitgliedern finden sich Persönlichkeiten wie Robert Studer, Angestellter bei der Oltner Filztuchfabrik Munzinger, und Simon Hug, beides freisinnige Gemeinderäte in Trimbach, zudem als Kassier Edmund Husy aus Wangen, als Sekretär Arwin Walser, Vater des Landhockey-Internationalen Hugo Walser, und Franz Pfulg, Inhaber der Modellschreinerei (später Ingold).
Die Statuten umschrieben ausführlich den Vereinszweck. In konzentrierter Form findet man diesen in einem Inserat, das 1897 im Adressbuch der Stadt Olten erschien: «Der Orden bezweckt, den Kampf gegen den Genuss von Alkohol und aller berauschenden Getränke, sowie gegen die herrschenden Trinksitten, und sucht, die Mitglieder moralisch zu heben.» Die Zusammenkünfte fanden alle 14 Tage im Hübelischulhaus statt. Dabei schrieb die Loge spezielle Rituale und Passwörter vor.
Olten wird Guttempler-Hauptort
Bereits am ersten Juniwochenende 1898 veranstalteten die Guttempler einen 1. Schweizerischen Abstinententag in Olten. Tagungslokal war der Konzertsaal, am Sonntag fand ein Umzug statt mit Ziel in der Schützenmatt. Dort hielt man eine Art Landsgemeinde ab, wo Professor Forel als Redner auftrat. An dieser Tagung wurde Wilhelm Geiger, Dreher bei der Centralbahn-Werkstätte, zum Grosssekretär, das heisst zum Sekretär der gesamtschweizerischen Guttempler-Grossloge gewählt.
Da der Wohnort des Grosssekretärs automatisch auch der Geschäftssitz der Grossloge war, wurde Olten damit zur Hauptstadt des Schweizer Guttemplerordens. 1906 begann man in Olten eine Nachwuchsorganisation aufzubauen und gründete den Jugendbund «Kraft».
Vielfältiges Vereinsleben
Die Aktivitäten der Guttempler-Loge beschränkten sich nicht auf die regelmässigen Zusammenkünfte im «Hübeli». Die Loge gestaltete ihre Bunten Abende im Saal des Hotels Emmental oder Olten Hammer mit Auftritten der eigenen Theatertruppe, Volkstanzgruppe und des eigenen Chors. Dabei wurde Süssmost statt Bier oder Wein serviert, und die grosse Abendunterhaltung klang in einem gemeinsamen gemütlichen Teil zu Klängen einer Ländlerkapelle aus.
Ein Höhepunkt war jeweils die IOGT-Pfingsttagung. Die Oltner Guttempler trafen sich für ein Wochenende mit anderen Logen und vertrieben sich dort die Zeit mit Sport, Ballspielen, Volkstanz und gemeinsamem Singen. Da kam jeweils Robert Lüscher aus Wangen zum Zug, der mit seiner Gitarre die Lieder begleitete. Den Abschluss des Treffens bildete ein Umzug durch den Tagungsort, wo die Logen sich mit ihren Fahnen präsentierten und Transparente mittrugen.
Der erst 27-jährige Robert Lüscher, dessen Vater schon bei den Guttemplern mitgemacht hatte, übernahm 1939 den Vorsitz der Oltner Loge. Sein Vorgänger Humbert Zandegiacomo-Marzer hatte den Verein während 18 Jahren geführt. Robert Lüscher-Troller blieb all die Jahre Präsident bis 1995. Das 90-jährige Bestehen der Oltner IOGT-Loge «Arbeit» Nr. 29 hatte man 1986 noch gediegen feiern können. Zum Fest traf eine grosse Zahl von Gästen aus benachbarten Guttemplergruppen ein und ehrte das abstinente Geburtstagskind. Das 100-Jahre-Jubiläum erlebte die Loge nicht mehr, sie war sanft eingeschlafen und wurde kurz danach am 25. Februar 1997 offiziell aufgelöst.
Quellen: Stadtbibliothek Olten; Auskünfte: Rosmarie Weibel, Peter Werfeli, Gerhard Eglin.