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dk. Neben dem grossen Werk von Lew Tolstoi, dessen bedeutende Romane «Krieg und Frieden» (1869) und «Anna Karenina» (1878) einen herausragenden Platz in der Weltliteratur einnehmen, verdienen es auch die erst lange nach ihrem Tod veröffentlichten Schriften seiner Frau Sofja Tolstaja, gewürdigt zu werden.
Sofja Tolstaja wuchs in einer bürgerlichen Arztfamilie auf, ihr Vater führte eine gutgehende Praxis in Moskau. Ihre Eltern legten grossen Wert auf die Erziehung und Bildung ihrer Töchter. Sie ermöglichten Sofja die Ausbildung zur Hauslehrerin an der Moskauer Universität. Dies war damals die bestmögliche Ausbildung für Mädchen. Sofja war auch künstlerisch begabt und verfasste nach ihrer Ausbildung die Erzählung «Natascha». 1862, mit 18 Jahren, heiratete sie den um viele Jahre älteren Grafen und bedeutenden Schriftsteller Lew Tolstoi. Nach ihrer Heirat widmete sie sich ganz der Förderung des schriftstellerischen Werks ihres Mannes und der Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder. Lew Tolstoi und sie verbrachten glückliche Jahre auf dem Gut Jasnaja Poljana, wo sie auch eine Schule für Bauernkinder einrichteten. Sofja nahm rege Anteil an der Entstehung von «Krieg und Frieden», diskutierte den Roman mit ihrem Mann und verfertigte jeweils die Abschriften für seine Manuskripte, bevor sie in den Druck gingen. Sie schreibt damals über diese Zusammenarbeit: «Mir scheint, dass sein Roman ‹Krieg und Frieden› hervorragend wird. Alles, was er mir vorlas, rührte mich zu Tränen.»1 In den nächsten Jahren entstanden «Anna Karenina» und viele Erzählungen und Legenden. Nach 19 glücklichen Jahren auf dem Land entschloss sich das Ehepaar 1881, nach Moskau umzuziehen, um den ältesten Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Beide waren jedoch in der Stadt nicht glücklich und freuten sich, wenn sie nach Jasnaja Poljana zurückkehren konnten. Bei Lew Tolstoi vollzog sich allmählich ein innerer Wandel, er sehnte sich nach einem schlichteren und am Geistlichen orientierten Leben. Er wandte sich religiösen Fragen zu, lehnte das Leben der Oberschicht ab, das er als sinnentleert empfand, und strebte ein Leben in Armut und tätiger Nächstenliebe an, vor allem auch, weil ihn die Armut der Arbeiter in den Städten und der Bauern auf dem Land erschütterte. Seine Frau konnte diese Entwicklung nicht ganz nachvollziehen, sie erlebte es als Ablehnung ihrer Familie. Es stellte sich eine geistige Entfremdung zwischen den Ehepartnern ein, obwohl sie sich nach wie vor liebten. Sofja nahm weiterhin Anteil an Tolstois Werken wie dem für die Schule geschriebenen «Buch Alphabet» und den «Vier Lesebüchern»2, die Erzählungen zu Geschichte, Physik, Biologie und Religion enthielten, um Kindern moralische und soziale Werte zu vermitteln.
Die «Kreutzersonate» sagte Sofja auf Grund des darin zum Ausdruck kommenden Frauenbildes nicht zu. Sie begann, wieder zu schreiben und verfasste den Roman «Eine Frage der Schuld» aus der Perspektive einer Frau. Es entstanden weitere Erzählungen wie «Lied ohne Worte» oder Erzählungen für Kinder wie «Das Skelettpüppchen». Auch für verschiedene Zeitungen verfasste Sofja Aufsätze wie einen vielbeachteten Aufruf zu Spenden für die Hungernden des Jahres 1891. Beide organisierten damals Hilfen für die von Missernten betroffenen Bauern. Die geistige Entfremdung zwischen den Ehepartnern blieb bis zum Lebensende von Lew Tolstoi im Jahre 1910 bestehen. Ein Grund hierfür mag auch sein, dass Sofja es ablehnte, dass ihr Mann die Eigentumsrechte an seinem Werk dem russischen Volk übertrug und das Gut Jasnaja Poljana den Bauern zum Eigentum übergeben wollte. Nach seinem Tod erklärte sich auch seine Frau mit dieser Regelung einverstanden, und seine Tochter Alexandra erfüllte später seinen Wunsch, das Gut den Bauern zu übertragen.Beide Persönlichkeiten werden der Nachwelt mit ihren herausragenden literarischen Werken und ihrem wohltätigen Wirken für die russische Bevölkerung unvergesslich bleiben.Im Roman «Eine Frage der Schuld» wird das Leben einer jungen Frau im Russland des 19. Jahrhunderts geschildert. Sofja Tolstaja beschäftigt sich in diesem Roman mit der Frage, was eine glückliche Beziehung zwischen Mann und Frau ausmacht und was sie scheitern lässt. Anna, die Heldin des Romans, geht eine Ehe mit dem sehr viel älteren Fürsten Prosorski ein, der Anna heiratet, weil er vor allem an einer körperlichen Liebe zu ihr interessiert ist. Erst nach der Heirat erfährt Anna, dass er in der Gegend als Frauenheld bekannt ist. Anna jedoch ist auf der Suche nach reiner Liebe, die durch die geistige Übereinstimmung der Ehepartner entsteht. Die Frage, was wirkliche Liebe ist, durchzieht den ganzen Roman. Anna leidet im Laufe der Ehe an der egoistischen Haltung ihres Mannes, der sie mit seiner Eifersucht plagt.Sie fühlt sich hingezogen zu Bechmetew, einem Freund ihres Mannes, der an ihrem inneren geistigen Leben Anteil nimmt und sich mit Freude ihren Kindern zuwendet. Dies führt immer wieder zu heftigen Eifersuchtsanfällen ihres Mannes, der anfängt sie zu hassen, weil er sie nicht vollständig in Besitz nehmen kann. Obwohl Anna ihm die Treue hält und sich immer wieder neu um ihn bemüht, endet die Ehe tragisch. Über dieses Ehedrama hinaus erfährt der Leser vieles über das Leben auf dem Land im Russland des 19. Jahrhunderts, was den Roman zu einer spannenden Lektüre werden lässt. •
Tolstaja, Sofia. Eine Frage der Schuld. München, 6. Aufl. 2010.
1 Tolstaja, Sofja. Eine Frage der Schuld. S. 231
2 Ebd. S. 257
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