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Online first! Das war lange die Prämisse des weltgrössten Streaminganbieters Netflix. Produktionen des Unternehmens waren als Stream zu sehen, nicht im Kino.
«Roma», der neue Netflix-Film von Regisseur Alfonso Cuarón, ist jetzt auf der Leinwand zu sehen, bevor er auf die Bildschirme kommt. Das lohnt sich auch unbedingt. Der Film ist ein schwarzweisses Meisterwerk.
Das sehen auch die Kritiker so: Am 75. Filmfestival Venedig wurde «Roma» mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Er gilt auch als möglicher Oscar-Kandidat.
Titelgeberin für «Roma» ist nicht die italienische Hauptstadt. Der Film spielt in jenem Stadtteil von Mexiko City, in dem Alfonso Cuarón seine Kindheit als Spross einer mittelständischen Familie verbrachte.
«Roma» ist eine persönliche Erzählung über soziale Gräben zwischen spanischstämmigen und indigenen Mexikanern, die tief in der Gesellschaft verankert sind. Und über Mütter, über Frauen und ihren Kampf, den sie führen müssen – egal auf welcher Seite des Grabens.
Gewohnt wird in der Wäschekammer
«Roma» spielt 1970/71 – mitten in einer unruhigen Zeit, als Studierende für Freiheit demonstrieren und von einer von der Regierung finanzierten Miliz zusammengeschossen werden.
Hauptfigur des Films ist die junge Mixtekin Cleo, die für die Familie von Sofia den Haushalt macht und die vier Kinder versorgt, zusammen mit ihrer Freundin Adela.
Während die Familie in einem hellen, grossen Haus wohnt, teilen sich die beiden Freundinnen eine winzige Kammer, die auch noch als Wäsche- und Bügelzimmer dienen muss.
«Roma» und der Ritterschlag für Netflix
Die Netflix-Produktion «Roma» wurde am 75. Filmfestival Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Es war das erste Mal in der Festivalgeschichte, dass der Preis für den besten Film an einen Streaming-Anbieter ging.
Cleo verliebt sich in einen Mann, von dem man nur weiss, dass er Martial Arts betreibt, und wird schwanger. Aber als sie ihm von der Schwangerschaft erzählt, lässt er sie mitten in einer Kinovorstellung sitzen.
Unüberwindbare Konflikte
Doch nicht nur Cleo hat Probleme: Sofias Mann, ein wohlhabender Arzt, verlässt die Familie, ohne sich auch nur zu melden.
Regisseur Cuarón fokussiert aber nicht auf einen Konflikt zwischen Herrin und Dienstmädchen. Dieser Umgang ist meistens respektvoll und freundlich.
Aber der gesellschaftliche Graben ist gross, unüberwindbar, «auf perverse Art in die Gesellschaft eingeschrieben», schreibt Cuarón im persönlichen Statement zum Film.
Wie man in einem Schwarzweiss-Film Farbe zeigt
Alfonso Cuarón hat nicht nur die Geschichte geschrieben und Regie geführt. Er war auch für die Kameraarbeit verantwortlich und hat den Film in hellem Schwarzweiss gedreht.
Das steht «Roma» gut. Auch so sind die Hundehäufchen plastisch genug, die sich im Lauf des Films in der Toreinfahrt ansammeln.
Auch schwarzweiss ist die Wäsche, die von unzähligen indigenen Dienstmädchen auf den Dächern des Viertels mühsam gewaschen und aufgehangen wird, bunt genug.
Wer die Hundehäufchen entfernt
Schon die erste Einstellung des Films ist voller Schönheit und Symbolik. Die Kamera zeigt einen schmutzigen Plattenboden, zu hören sind Wischgeräusche. Bis plötzlich ein Schwall Wasser über den Boden gegossen wird.
Und nun spiegelt sich im Boden das Tor nach Aussen und der Himmel, wo gerade ein Flugzeug vorbeifliegt – die unerreichbare Freiheit spiegelt sich im Putzwasser. Es ist natürlich Cleo, die einmal mehr die Einfahrt von den Hundehäufchen befreit.
Eine Liebeserklärung
Auf beiden Seiten sind – auf Seiten der spanischstämmigen Mittel- und Oberschicht und auf der Seite der benachteiligten indigenen Bevölkerung – sind es die Frauen, die am meisten leiden. Roma ist ein wunderschöner aber auch traurigen Film.
Alfonso Cuarón hat gesagt, dieser Film sei ein intimes Porträt der Frauen, die ihn erzogen hätten. Eine Liebeserklärung an sie. Damit meinte er sowohl seine Mutter als auch sein indigenes Kindermädchen.