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Staunen über Mario
von Walter Kläy (Fortsetzung)
In den nächsten Jahren, in denen Venzago sich ganz dem Dirigieren zuwandte, tauchte er hin und wieder auch in Bern auf, etwa als er mit der jungen Geigerin Bettina Boller zusammen das Orchester des Berner Konservatoriums und das Publikum mit Schumanns Violinkonzert begeisterte. Man sah ihn schon als neuen Chefdirigenten für Bern, aber sein Weg ging weiter auf internationalem Parkett: Generalmusikdirektor in Heidelberg, danach Chef des Grazer Philharmonischen Orchesters und der Grazer Oper. Damals gründete er die Philharmonische Werkstatt Schweiz. Mit dieser bewirkte er mein drittes Staunen über ihn: durch die Ausgrabung von Arthur Honeggers erotisch freizügiger Operette «Les Aventures du Roi Pausole» (1992) und Schumanns Melodram «Manfred» (1994). Im Booklet zur «Manfred»-Einspielung lernte ich Venzago überdies als Musikdenker kennen, wie wir ihn noch heute erleben, wenn er, in freier Rede, seine Konzerte moderiert. In seiner «Manfred»-Einleitung lesen wir etwa Sätze wie die folgenden: «Im Unterschied zu Byron entsühnt Schumann seinen gefallenen (autobiographischen?) Helden in der Requiemsmusik zum Dramenschluss. Ergreifendere und somit theaterwirksamere Töne wurden wohl kaum je einem Gescheiterten zuteil. Wie denn überhaupt Schumanns Musik szenisch sensibelst auf die Bühnenvorgänge und deren innere psychische Momente reagiert (das Gleiche gilt übrigens auch für Schumanns andere Oper «Genoveva»).»
Nach der Leitung des Indianapolis Symphony Orchestra, der Göteborg Sinfoniker und vielen anderen Verpflichtungen – endlich! – back to the roots: ab 2011/12 ist Venzago wieder in der Schweiz tätig, als Nachfolger von Andrey Boreyko. Das Orchester und das Publikum sind begeistert. Manches Venzago-Dirigat in diesen zehn Jahren hat mich ebenfalls begeistert und erstaunt, ja: eigentlich jedes. Ob Bruckner, Brahms oder Schubert, Schumann und Unbekanntes, das er mit dem BSO zu Gehör brachte.
Staunenswert etwa Venzagos Einsatz für zwei als unspielbar geltende Opern: Zuerst Schoecks «Das Schloss Dürande» nach Eichendorffs Novelle, 1943 an der Staatsoper Berlin uraufgeführt und sogar von Herrmann Göring als «Bockmist» abqualifiziert. Der Nazi-Stil des Librettos machte sie nur noch in stark gekürzter Fassung aufführbar. Aber Mario Venzago fand, die Musik dieser Oper gehöre «zum Besten was Schoeck geschrieben hat». Ein Forschungsteam der Hochschule der Künste Bern bearbeitete zusammen mit dem Schriftsteller Francesco Micieli das Libretto gründlich und reinigte es von allen Nazi-Spuren, Venzago komponierte die umgeschriebenen Gesangstexte neu in Schoecks Stil, im Frühjahr 2018 erklang die überarbeitete Fassung konzertant im Stadttheater Bern und wurde vom Label Claves übernommen.
Nur ein Jahr später, im Januar 2019, leitet Venzago die von ihm bearbeitete Fassung der Schubert-Oper «Fierrabras» – ebenfalls ein Wagnis. Venzago scheute sich nicht, Texte in neu von ihm komponierte Rezitative zu verwandeln, er veränderte auch Schuberts Instrumentation, um der Oper zu mehr Kraft und Ausdruck zu verhelfen. Ähnlich verfuhr er mit Schuberts «Unvollendeter» Sinfonie in h-Moll, deren fehlende zwei Sätze er aus Schuberts vorhandenen Skizzen mit musikalischem Material aus der «Rosamunde»-Musik ergänzte.
Unmöglich all die Aha-Erlebnisse hier aufzuzählen, die ich seither mit Mario als Dirigent im Konzertsaal erlebte, in Bruckners Sinfonien ebenso wie in Brahms-Werken. Und den Beginn des ersten Satzes von Schuberts Grosser C-Dur-Sinfonie werde ich nie vergessen. Statt des gewohnten langsamen pathetischen Hornthemas zu Beginn «Taaaah-Taaaah-Ta / tah-tah-daa» erklang der Beginn flink und fast tänzerisch «Ta-Ta-Ta / ta-ta-daa». Ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Geht denn das, dieses rasche Tempo? Es ging. Und wie!
Und immer wieder staunte ich über die Leichtigkeit, mit der Mario aufs Podium hüpfte und das Orchester zum Leben brachte. Auch wenn ihm manchmal sicher nicht zum Lachen war. Aber ich nahm ihm die gute Laune ab.
Auf weiteres Staunen über und mit ihm dürfen wir uns freuen. Auch wir in Bern.