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Published by Monika Schubarth
Posted on März 24, 2015
Was wäre wenn…. Für Thomas Brussig scheint eins klar zu sein: Wenn die Mauer nicht gefallen wäre, wäre er ein weltberühmter Autor geworden. In der DDR hätte es eine Brussig-Affäre gegeben, er wäre als Redner zu internationalen Kogressen eingeladen worden und hätte dabei, völlig en passant und unbeabsichtig, Bewegendes erreicht. Frauen hätten sich ihm zu Hauf hingegeben und seine Bücher wären in den Bibliotheken ununterbrochen ausgeliehen.
Für Brussig wäre es in der DDR super gelaufen. Für seine Frau leider etwas weniger. Wegen der bereits erwähnten Brussig-Affäre wäre der erfolgreichen Seilspringerin die Teilnahme an Olympia verweigert worden. Die Sperre wäre dann zwar irgendwann wieder aufgehoben worden, aber erst zu einem Zeitpunkt, zu welchem bei Spitzensportlerinnen in der Regel das Alter zuschlägt. So richtig schlimm scheint der weltberühmte Autor Thomas Brussig diesen Bruch in der Karriere seiner Frau ohnehin nicht zu finden. Bedauerlich schon, schlimm nicht. Viel schlimmer wäre es für ihn gewesen, sein grosses, historisches Versprechen, welches er anlässlich einer Preisverleihung gegeben hatte, zu brechen: Bevor nicht jeder aus der DDR ausreisen darf, wird auch er es nicht tun. Bevor nicht jeder eine Telefon besitzt, will auch er keines haben. Und bevor nicht jeder Kundera lesen darf, wird er, der preisgekrönte Autor Thomas Brussig, die Lektüre von Kunderas Romanen verweigern.
Für seine Frau bedeutet dieses Versprechen, dass sie für ihren Mann nicht nur auf die eigene Karriere verzichten muss, sondern sich auch kein Telefon ins Haus holen kann, zu einer Zeit, in welcher auch in der DDR längst einigermassen flächendeckend Mobiltelefone Einzug gehalten haben, aber noch nicht ganz jeder Landstrich erschlossen worden ist. Denn Brussigs DDR entwickelte sich weiter. Auf Honecker folgte eine neue, liberalere Regierung. Die Reisefreiheit ist längst nicht mehr eingeschränkt und Bürgern der DDR ist es sogar erlaubt, sich ihren Unterhalt in der BRD zu verdienen. Brussig selbst ist es möglich, in der BRD auf Lesereise unterwegs zu sein, beim S. Fischer Verlag unter Vertrag zu stehen und sein Buch so zu vermarkten, wie es auch West-Autoren tun. Brussig reist von Frankfurt über München nach Hamburg und zeigt sich verwundert und angeekelt über die Konsumgüter, die in Westdeutschland noch den hintersten Winkel besetzen. Er profitiert von den Möglichkeiten, kann sich danach aber in eine Heimat zurückziehen, mit der er verwachsen ist.
Brussigs Begeisterung für seine eigenen Möglichkeiten und den Übermut, mit dem er seine fiktive Karriere beschreibt, geraten manchmal in die Nähe zur Grenze zum Grössenwahn und darüber hinaus und wirken leicht nervig. Und doch weist er auf seine humorvolle Art darauf hin, dass die Wiedervereinigung ihm und vielen Anderen die Möglichkeit genommen hat, die zu werden, die sie ursprünglich hätten werden wollen. An der Fussball WM 2006 wären die Besten (BRD) gegende die Besten (DDR) angetreten. Allein um des Fussballs Willen hätte die Wiedervereinigung nie stattfinden dürfen.
Aus Thomas Brussig ist auch im wiedervereinten Deutschland ein viel beachteter Autor geworden. Dafür gesorgt hat nicht zuletzt die Wiedervereinigung, über die Brussig in all seinen Büchern schreibt. Vielleicht wäre er ohne sie tatsächlich ein Überflieger in der DDR-Literatur geworden. Aber darum geht es wohl gar nicht. „Das gibts in keinem Russenfilm“ erzählt einfach nur von der Entwicklung, welche die DDR und ihre Bürger hätten machen können, wenn ihnen die Wiedervereinigung nicht in die Quere gekommen wäre. Ob die Realtität allerdings tatsächlich so grossartig geworden wäre wie in Brussigs Träumen, bleibt dahingestellt.
Thomas Brussig, Das gibts in keinem Russenfilm, S. Fischer 2015