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Mario De Caro: Unser freier Wille? Er ist gar nicht so frei (wenn man genau hinsieht)
von Valeria Camia
Wenn wir vor einem Hindernis abrupt innehalten, noch bevor wir uns darüber bewusst werden; oder wenn wir im Restaurant ein Gericht wählen und nicht die anderen: Warum tun wir das? Sind unsere Entscheidungen das Ergebnis einer bewussten und willentlichen individuellen Wahl? Manche behaupten, dass unsere Entscheidungen nichts weiter sind als der Effekt einer Reihe Veranlagungen und Konditionierungen, die ausserhalb unserer Kontrolle liegen… Viele Philosophen, vom Heiligen Augustinus über Thomas von Aquin bis hin zu Descartes, Leibniz und Kant, nur um ein paar zu erwähnen, haben versucht, «unseren» freien Willen zu verteidigen, bis der amerikanische Neurophysiologe und Psychologe Benjamin Libet in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts durch wissenschaftliche Experimente zu verstehen versuchte, ob der freie Wille «physiologisch» überhaupt möglich sein. Bei einem dieser Experimente wurde eine Gruppe Freiwilliger gebeten, einen Finger zu krümmen, wenn sie den Impuls verspürten, dies zu tun; dann sollten diese Personen anhand einer Uhr sagen, in welchem Moment sie die Entscheidung getroffen hatten, den Finger zu bewegen. Das während des Experiments aufgezeichnete Elektroenzephalogramm aber zeigte, dass ihr Gehirn bereits viele Millisekunden, bevor die Entscheidung bewusst wurde, eine gewisse, erkennbare Aktivität zeigte.
In den letzten 45 Jahren wurden weitere neurowissenschaftliche Untersuchungen über den Willen – also jene gewollte Handlung, mit der wir erfassen, was wir erreichen möchten und wie – durchgeführt und heute wissen wir, dass wir manche Handlungen weniger bewusst ausführen als wir lange glaubten. Aber haben wir deswegen keinen freien Willen? Darüber haben wir mit Mario De Caro gesprochen, Professor für Moralphilosophie an der Università di Roma Tre, Visiting Professor an der Tufts University und Protagonist der auf der Webseite des LAC (Lugano Arte Cultura) veröffentlichten dritten Videokonferenz über die Sprache im Rahmen des Projekts Lingua Madre (Muttersprache) in Kooperation mit Ticino Scienza.
Professor De Caro, die Neurowissenschaften haben sich mit dem Zusammenhang der neuronalen Aktivität des Menschen und seinem Denken, seinem Handeln befasst. Ist es angesichts dieser Sichtweise, nach der die Entscheidungen von der funktionalen Struktur des Gehirns in einem bestimmten Moment abhängen, noch zulässig, das Konzept des freien Willens zu gebrauchen?
«Das Argument der Neurowissenschaften – so De Caro – ist interessant und wichtig, vor allem wegen seiner Auswirkungen auf das Konzept des Bewusstseins (also auf das, wie wir die Welt „wahrnehmen“), aber im Hinblick auf den nicht existierenden freien Willen ist es unzufriedenstellend. Zum einen wird von den Personen bei den neurowissenschaftlichen Tests nicht verlangt, in Situationen der Ungewissheit Entscheidungen zu treffen (Situationen, die Hierarchisierung der Präferenzen verlangen): Sie werden nur aufgefordert, eine Taste zu drücken oder eine andere! Um die Existenz des freien Willens nachzuweisen, bräuchte es hingegen einen Vergleich mit moralisch komplexen und rational komplizierten Entscheidungen. Ausserdem definieren die Neurowissenschaftler den Moment der Entscheidung als den Moment, in dem man den Impuls verspürt, etwas zu tun. Allerdings ist der Impuls, etwas zu tun, weder eine ausreichende noch eine notwendige Bedingung für eine freie Entscheidung: Wenn wir den Entschluss fassen, zu sprechen, kann das auch erfolgen, ohne dass wir den Impuls verspüren. Der Impuls zu niesen hingegen ist keine freie Entscheidung».
Kann man also behaupten, dass der freie Wille eine Art «Bewegungsspielraum» in einem bereits determinierten Universum ist?
«Ja, so kann man das sagen. Wie bewusst und rational dann die Art und Weise der Entscheidung ist, ist eine andere Frage, die bis heute diskutiert und untersucht wird. Nach der jüngsten Forschung im Bereich der kognitiven Wissenschaften hat der freie Wille wenig mit unserem Handeln zu tun und wir gelangen zu Entscheidungen anhand von Faktoren, die wir nicht kennen, die mit dem Instinkt oder der Gewohnheit zu tun haben, um dann im Nachhinein einen Beweggrund zu erfinden, der das erklärt, was wir getan haben, so als hätten wir es bewusst gesteuert. Genau auf dieser Annahme – dass unsere Entscheidungen beeinflusst werden (oder beeinflussbar sind) – basiert die Werbung. Man weiss beispielsweise, dass es sich bei den meistverkauften Produkten in Supermärkten um die handelt, die in den mittleren Regalen positioniert werden. Beim Einkaufen ist man häufig in Eile und kauft einfach das, was gerade zur Hand ist. Ich aber glaube, dass wir die Fähigkeit zur Ausübung des freien Willens besitzen, wenn wir ihn als Fähigkeit definieren, durch wohl überlegte Entscheidungen wählen zu können».
Sich gegen äussere Konditionierungen wie z.B. durch Werbung und Marketing, aber auch im Bereich der Politik und Wirtschaft zu wehren, falschen Experten zu misstrauen und Demagogen zu entlarven ist nicht immer leicht…
«Die Reflexion und Bildung spielen bei der Ausübung des freien Willens eine ganz entscheidende Rolle. Wissen wir, dass wir eine wichtige Entscheidung treffen müssen (ich denke da an den Umzug in ein anderes Land, eine neue Arbeit, usw.), ist es ratsam, innezuhalten, Alternativen und Konsequenzen zu überdenken, anstatt zuzulassen, dass das kognitive Unterbewusstsein (also unsere emotionalen Zustände) die Entscheidungen determinieren. Auch das Lernen und die Bildung helfen uns sicherlich, zu unterscheiden, nachzudenken, kritisch zu denken, auch im Hinblick auf die Wahrscheinlichkeit. Ich wiederhole, die besten Entscheidungen trifft man durch Abwägen der „Pro“ und „Contra“ für unser Leben und unsere Moral, dazu aber braucht es kritische Tools, die es uns unter anderem ermöglichen, im realen Alltag nicht Gefahr zu laufen, in die kognitive Isolation zu stürzen, uns beispielsweise in den kognitiven Blasen der sozialen Medien, die uns vorgefertigte und unkritische Entscheidungen anbieten, zu verschliessen».
Bleibt die Tatsache, dass wir den Maschinen viel näher sind, als wir denken…
«Betrachtet man den eigentlichen Unterschied, sind wir natürlich verschieden. Die Maschinen haben noch nicht die dem Menschen eigene Gesamtintelligenz, auch wenn sie kreative Elemente besitzen (beispielsweise Schachspiel-Programme). Die Lage könnte sich allerdings ändern, und wir sind den Maschinen heute viel ähnlicher, als es uns gefällt. Unsere Freien Entscheidungen sind viel weniger, als wir wahrhaben möchten, und, etwas vereinfacht, wir wählen zwischen Optionen oft automatisch, so als hätten wir ein Programm im Kopf, das uns zu einer bestimmten Entscheidung veranlasst».