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Christophe Büchi, Sie schreiben Ihren Vornamen mit «e» am Schluss. Ist das eine Konzession an Ihre Wahlheimat, die Romandie?
Ich bin in Freiburg geboren, und in meinem ersten Pass war das «e» bereits dabei. Das hat wohl ein Zivilstandsbeamter in der Stadt Freiburg angefügt. Das «ü» im Nachnamen ist ein Zeichen meiner Deutschschweizer Herkunft, und das «e» drückt aus, dass ich mehr als die Hälfte meines Lebens in Lausanne verbracht habe. Irgendwie macht das Sinn: Ich bin ein Mensch, der mit je einem Fuss auf beiden Seiten der Sprachgrenze steht.
Ihr auf Französisch erschienenes Buch über das Verhältnis zwischen den Sprachgemeinschaften in der Schweiz heisst «Mariage de raison»–Vernunftehe. Kann eine Vernunftehe auch lustvoll sein?
Im Begriff «Vernunftehe» hat es zwei Botschaften. Negativ ist, dass es keine Liebesehe ist, dass sie nicht auf einer grossen Leidenschaft, ja nicht mal auf einem starken Interesse basiert.
Aber positiv ist: Vernunft ist eine gute Sache. Eine Ehe, die auf einem vernünftigen Austausch von Interessen basiert, ist wahrscheinlich stabiler und nachhaltiger als eine, die auf Leidenschaft beruht.
Ist es auch im Kanton Freiburg eine Vernunftehe?
In Freiburg begegnen und kennen sich die Romands und die Deutschschweizer. Auf Schweizer Ebene ist das eher selten der Fall. In Freiburg verzahnen sich die Gemeinschaften viel stärker. Darum gibt es auch Friktionen: Berührung bedeutet auch Reibung.
Sie haben das Sprachenverhältnis zwischen Deutschschweiz und Romandie über Jahrhunderte zurückverfolgt. Können Sie drei Schlüsselmomente für dieses Verhältnis nennen?
Ich würde mit 1291 beginnen. Wenn man die Sprachengeschichte der Schweiz erklärt, muss man zuerst die Schweizer Geschichte erzählen. Damals war es noch eine reine Deutschschweizer Angelegenheit. 1481 war ganz wichtig, mit dem Eintritt von Freiburg in die Eidgenossenschaft. Erstmals trat ein teilweise französischsprachiger Stand dem Bund bei. Und dann 1798: Das ist für mich die Erfindung der mehrsprachigen Schweiz, in der drei Sprachen offiziell gleichberechtigt sind.
In der neuen Auflage Ihres Buches fügen Sie ein Kapitel für die Jahre 2000 bis 2014 hinzu und nennen es «Beruhigung» …
Ich muss präzisieren: Beruhigung mit Fragezeichen. Dieses Fragezeichen fügte ich kurz vor der Herausgabe des Buches hinzu. Als ich 2010 die Arbeit am Buch aufnahm, hatte sich der Röstigraben im Vergleich zu 2000 beruhigt: In der Europafrage fanden beide Sprachgemeinschaften einen Mittelweg. Dann kam aber die Masseneinwanderungsinitiative, die den ganzen bilateralen Weg wieder infrage stellt. Da entschied ich mich, das Fragezeichen hinzuzufügen.
Sie haben drei Themengruppen herausgehoben, die für das Verhältnis zwischen Deutsch- und Westschweiz besonders prägend sein sollen: Migration, Soziales und die Armee.
Die Armee ist da am wenigsten wichtig. So viele Abstimmungen gab es dazu nicht. Wenn es aber um den Sozialstaat, die Sozialversicherungen oder den Service public geht, gibt es jeweils einen ganz klaren Schnitt zwischen einem Lager, das einen starken Staat will–dazu gehören die lateinischen Kantone, aber auch die grossen Agglomerationen der Deutschschweiz–, und einem anderen Lager mit der Ostschweiz, der Zentralschweiz, dem Aargau: was man gemeinhin auch als «Blocherland» bezeichnet. Bei der Migration ist dieses Muster vergleichbar, wobei das Tessin da nicht mehr zum eher «ausländerfreundlichen» Lager der Westschweiz gehört.
Wie Sie schreiben, ist die Sprachenpolitik auf Stufe Schule erst seit kurzer Zeit ein Thema. Warum erst jetzt?
Das hat damit zu tun, dass Schulpolitik lange Zeit eine rein kantonale Angelegenheit war. Jetzt aber ist eine Art nationale Schulpolitik entstanden. Das ist ein neues Phänomen.
Wenn Schulpolitik auf nationaler Ebene koordiniert wird: Ist dies für ein gutes Verhältnis zwischen den Sprachgemeinschaften förderlich?
Ich sehe es eher als eine Gefahr. Ich finde zwar, dass eine gewisse Koordination nötig ist, aber wenn man den Föderalismus ernst nimmt, dann sollte man die Kantone machen lassen. Die Verkrampfung um die Polemik, mit welcher Fremdsprache man in der Schule beginnen soll, wäre gar nicht nötig. Wenn man will, dass im Verlauf der obligatorischen Schule zwei Fremdsprachen gelernt werden und ähnliche Resultate herausschauen, dann kann man auf dieser Basis den Kantonen weiter die Umsetzung überlassen.
Wenn Schüler möglichst früh eine zweite Landessprache lernen, so sollte das doch dem sprachlichen Zusammenhalt im Land dienen?
Das Motto «je früher, umso besser» wurde zu einer Art Evangelium, aber jetzt stellt man fest, dass die Resultate nicht den Erwartungen entsprechen. Durch die Vorverlegung des Fremdsprachenunterrichts wurde die Stundenzahl nicht erhöht, sondern das gleiche Pensum auf eine längere Zeitdauer verteilt. Vielleicht ist es in vielen Fällen besser, wenn man später beginnt, aber dann intensiver dahintergeht. Früh mit einer Fremdsprache anzufangen ist dann gut, wenn man in einer Immersionssituation ist. Das kann in der Stadt Freiburg funktionieren, aber im Thurgau nichts bringen.
Haben sich die Kenntnisse in der jeweils anderen Landessprache verbessert?
Ich habe das Gefühl, dass die Kenntnisse des Französischen in der Deutschschweiz eher etwas abgenommen haben, dies aber ausgehend von einem relativ guten Niveau. Dagegen haben sich die Deutschkenntnisse der Romands verbessert, ausgehend aber von einem ziemlich tiefen Niveau.
Büchi:«Freiburgs Syndic kennt man in der Schweiz nicht»
Christophe Büchi, Sie gehen in Ihrem Buch auf die Entwicklung in Freiburg ein.
Gesamtschweizerisch muss man festhalten: Das Französische ist im Vormarsch, auch dank der Immigration, und auch im Kanton Freiburg ist keine Germanisierung erkennbar. Deutschsprachige Minderheiten mögen in gewissen Gemeinden zunehmen, etwa im Vully. Aber beispielsweise die Gemeinde Marly, die häufig als Beispiel für eine Germanisierung diente, hat heute einen kleineren Anteil an Deutschsprachigen als früher.
Sie orientieren sich gerne an Urnengängen. Bei den eidgenössischen Wahlen hat Deutschfreiburg einen Sitz verloren. Ist das signifikant?
Ich denke nicht. In der Schweiz und auch in Freiburg ist augenfällig, wie unglaublich stabil die Sprachenverhältnisse sind. Es gibt kurzfristige Trends, aber die werden sehr oft wieder korrigiert. Diesbezüglich kann man völlig ruhig bleiben. Es wäre doch besser, wenn beide Seiten merkten, wie sehr es ein Trumpf ist. Dank der Mehrsprachigkeit spielt Freiburg in der Schweizer Politik eine bedeutende Rolle. Auch wirtschaftlich ist es ein Plus in der immer globalisierteren Welt.
Die Stadt Freiburg hat einen Syndic, der kein Freund der deutschen Sprache ist. Inwiefern beeinflusst er das Bild der Stadt in der Schweiz?
Den Freiburger Syndic kennt man im Rest der Schweiz nicht. Im Gegensatz etwa zu Hans Stöckli in Biel, der eine nationale Persönlichkeit ist. Dominique de Buman kannte man noch besser. Aber ich finde es wichtig, dass der Syndic durch Worte und Taten die Mehrsprachigkeit dieser Stadt zum Ausdruck bringt.
Kronfavorit für Pierre-Alain Cléments Nachfolge ist mit Thierry Steiert ein perfekt Zweisprachiger. Könnte die Stadt durch ihn eine andere Botschaft vermitteln?
Ich glaube schon. Jemand, der diese Mehrsprachigkeit lebt und demonstriert, macht Eindruck. Kollegen aus Zürich zeigen sich immer wieder beeindruckt, wie in Freiburg Leute von einer Sprache in die andere wechseln. Das ist ein bisschen das Freiburger Genie. Nur schon die zweisprachige Beschriftung des Bahnhofs: Das sehen Hunderte von Pendlern jeden Tag und nehmen es als spannend wahr.
In Gemeinden wie Murten wird die Zweisprachigkeit durch Fusionen mit rein deutschsprachigen Gemeinden etwas verwässert. Ist das problematisch?
Auch im Bündnerland ist das Thema aktuell. Ich plädiere für die Respektierung des Territorialitätsprinzips, aber eher für ein temperiertes Territorialitätsprinzip.
Was erwartet Jaun, sollte das Projekt einer einzigen zweisprachigen Gemeinde Greyerz realisiert werden?
Im Schriftverkehr müsste die neue Gemeinde wohl nicht alles zweisprachig machen, aber wenn es um Vorlagen geht, die Jaun speziell betreffen, dann braucht es Ausnahmen. Dann müsste Deutsch teilweise zur Amtssprache werden, ähnlich wie das Rätoromanische auf schweizerischer Ebene.
Mit dem neuen Schulgesetz will der Kanton die Schulsysteme der beiden Sprachgruppen angleichen. Ist eine solche Harmonisierung überhaupt nötig?
Es muss nicht immer alles bis ins Detail geregelt werden. Die Schweizer haben eine positive Neigung zu Pragmatismus: Man findet für Spezialprobleme Speziallösungen. Der Geist der Westschweizer Schule ist durch den Ausdruck «instruction publique» geprägt: relativ wenig Mitspracherecht für die Eltern und die Schulpflege, dafür ein stärkerer staatlicher Einfluss. In der Deutschschweiz ist das anders, wohl auch demokratischer, und diese Gegensätze prallen im Kanton Freiburg aufeinander.
Grundsätzlich finde ich es gut, wenn die Schulsysteme Diversität zulassen. Innerhalb der öffentlichen Bildung sollten Schuldirektionen eigene Wege gehen können, um auf vergleichbare Resultate zu kommen.
Wo sehen Sie für Freiburg Potenzial, um das Verhältnis zwischen Deutsch und Französisch zu verbessern?
Freiburg sollte noch viel stärker mit seiner Mehrsprachigkeit hausieren. In diesem Sinne finde ich den neu eingeführten Tag der Zweisprachigkeit sehr positiv. In diese Richtung müsste es gehen. Einzelne Institutionen wie die Uni nutzen das Zweisprachigkeitslabel, aber vielleicht könnte Freiburg eine Art Literaturfestival mit Fokus Mehrsprachigkeit auf die Beine stellen. Freiburg bräuchte ein jährliches Event.
Wer müsste im Kanton die Führungsrolle übernehmen?
Wohl doch die Kantonsregierung. Jemand aus der Regierung müsste sich vorne hinstellen und sagen, er bewirtschafte ab nun die Zweisprachigkeit. uh
Zur Person
NZZ-Journalist und Buchautor
1952 in Freiburg geboren, mit Thurgauer und Tessiner Wurzeln sowie einer St. Galler Gymnasialausbildung, war Christophe Büchi von 2001 bis 2014 Westschweizer Korrespondent der NZZ. Für diese ist er weiterhin als Autor tätig. Als Journalist hat sich Christophe Büchi oft dem Verhältnis zwischen der deutsch- und französischsprachigen Schweiz gewidmet. Eine erste Analyse erschien 2000 als Buch unter dem Namen «Röstigraben». 2001 und 2003 folgten Neuauflagen. «Mariage de raison» erschien 2001 als französische Version davon. Dieses Buch hat Büchi ergänzt und 2015 bei Edition Zoé neu aufgelegt.uh