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12. Juni 2019
Hexen, Mörder, Dirnen und Brandstifter
Am 4. Juni trafen sich 22 Landfrauen in Baden, um an einer Abendführung teilzunehmen. Fröhlich sassen wir an diesem heissen Abend am Theaterplatz bei einem kühlen Getränk und warteten auf unsere Führerin, Pia Kriese. Pünktlich begann sie und warnte uns vor der «schweren Kost», die wir uns ausgesucht hatten. Anhand einer Luftaufnahme gab sie uns zuerst eine Übersicht von Baden.
Von den Römern war das Bäderquartier erbaut worden, von um 850 stammt die erste Kirche. Die Stadt war immer grösser geworden und die Häuser reichten bis an die Limmat. Die Industrie war entstanden und durch die BBC 1891 sehr bedeutend geworden.
Im Mittelalter bis zur Französischen Revolution war der Tod allgegenwärtig; die Lebenserwartung war relativ klein, das Kindersterben gross, und immer wieder grassierten Seuchen. In dieser Zeit herrschte eine andere Gerichtsbarkeit: Ein Angeklagter konnte erst nach einem Geständnis verurteilt werden. Um dieses Geständnis zu bekommen, wurde allerdings «munter drauflos gefoltert».
Im Bäderquartier ging es feuchtfröhlich zu und her. So heisst es in einem Spruch:
Aussen Wasser, innen Wein,
lasst uns alle fröhlich sein.
Bevor Baden zur Stadt wurde, lebte man mehr oder weniger nach diesem Spruch. Die hohen Herren erholten sich nach einer Sitzung gerne bei den Bädern. Die Dirnen, die meist dort ihrem Gewerbe nachgingen, wurden manch einem angetrunkenen Herrn, der zu viel schwatzte, zum Verhängnis. «Sie haben mich verhext!», hiess es dann.
Für Gott das Fenster geöffnetAber beginnen wir weiter vorne in der Geschichte: Um das Stadtrecht zu erhalten, musste Baden befestigt werden. So entstanden eine Stadtmauer mit Wachtürmen und Gräben rundherum. Frau Kriese zeigt uns eine Stelle, von wo wir sehen konnten, wie tief der Graben war. Teilweise führte er auch Wasser.
Im 18. Jahrhundert wurden grosse Teile der Gräben wieder aufgefüllt und die Mauern abgebrochen, und Baden bekam eine neue Gerichtsbarkeit. Pia Kriese erzählte uns, wie die Hohe Gerichtsbarkeit funktionierte: Anfangs wurden die Gerichte im Freien abgehalten. Die Öffentlichkeit war zugelassen, ja sogar erwünscht. Die Badener glaubten, dass Gott nur im Freien alles sehen und hören könne. Später wurden Gerichte in einem Saal abgehalten, aber bei offenen Fenstern, damit Gott mithören konnte.
Auf einem Plan zeigte uns Frau Kriese die verschiedenen Hinrichtungsstätten in und um Baden und erklärte uns an Verbrechensbeispielen, welche Todesstrafe der Täter dafür bekam.
Foltern ja, sterben neinWir spazierten in den unteren Teil von Baden in die Gasse, wo die Handwerker wohnten. Auch das Haus des Henkers steht noch dort. Sie erklärte: «Der Beruf des Henkers war ein geächteter Beruf. Der Henker hatte nicht nur den Vollzug der Todesstrafe durchzuführen, sondern musste die Gefolterten jeweils auch wieder zusammenflicken, damit sie die nächste Folter überstanden. Denn es durfte nicht geschehen, dass einer durch die Folter starb. Er musste vor dem Vollzug der Strafe sein Verbrechen gestehen.»
Der Henker war dadurch sehr kundig in der Anatomie, und wenn er und seine Familie es schafften, aus diesem Beruf auszusteigen, wurde der Henker meist Arzt, Zahnarzt, Tierarzt oder Heilkundiger. Der Henker war auch Abdecker; nahm tote Tiere auseinander, enthäutete sie und machte aus den Knochen Seife.
So entstand auch die Seifenfabrik Steinfels in Zürich: Es war ein Henker, der seinen Erstberuf an den Nagel hängte, einen neuen Namen annahm und neu Steinfels hiess.
1430 bis 1780 war die Zeit der Hexenverfolgung. Als Hexe definiert wurde jemand, der mit dem Teufel ein Komplott eingegangen war. Vieles, was nicht erklärt werden konnte, wurde als Hexerei abgetan. Man suchte einfach einen Sündenbock für etwas: Seuchen, Überschwemmungen, Ernteausfälle, Trockenheit usw. Aber auch etwas unbequeme Kreaturen wurden mit allerlei Beschuldigungen zu Hexen gestempelt. «Der Hexenhammer», ein Buch von Heinrich Kramer, beschreibt auf vielen Seiten, was alles eine Hexe ausmacht.
Vom Privileg, geköpft zu werdenMarie Bodmer war eine Badener Hexe. Als uneheliches Kind eines Pfarrers wurde ihr das Privileg eingeräumt, geköpft zu werden – statt verbrannt wie andere Hexen. Es gab auch noch ein anderes kleines Privileg, damit eine Hexe schneller sterben durfte. Sie bekam eine Halskrause, die mit Schwarzpulver gefüllt war. So wurde ihr vor dem qualvollen Tod durch Verbrennung einfach vorher der Kopf weggesprengt. (Da kommen bei mir Erinnerungen an den Zürcher Böög am Sächsilüüte!)
Kindsmörderinnen wurden hingegen «einfach ertränkt», an Händen und Füssen gefesselt von der Brücke in die Limmat gestürzt. Hatte dann eine solche das Glück, die Fesseln zu lösen und sich zu retten – tja, das können doch nur Hexen! Auch Selbstmörder wurden nochmals ertränkt.
Wir gingen weiter zum Stadtturm, der bis 1840 ein Wehrturm gewesen war. Dann kam eine neue Gerichtsbarkeit und er wurde zum Gefängnis – damals relativ komfortabel mit Heizung und später mit WC und laufendem Wasser. 1984 (!) wurde dieses Gefängnis aufgehoben, weil die Zellen nicht mehr der Norm entsprachen. Wir haben die Zellen gesehen – grauenhaft!
Der Turmer, auch ein geächteter Beruf, wohnte zuoberst im Turm und hatte aber eine sehr wichtige Zusatzaufgabe: Rundum musste er nach Gefahren Ausschau halten. Sah er etwas, wurde in dieser Richtung eine Fahne hinausgehängt. Je weiter die Fahne draussen war, desto weiter weg befand sich die Gefahr.
Die Aussicht dort oben ist gewaltig: Man sieht weit über Baden hinaus. Langsam machten wir uns auf den Abstieg, und vor dem Turm verabschiedeten wir uns von Pia Kriese. Es war eine mega spannende Führung.
Im Dachrestaurant «Torre» liessen wir den Abend bei einem kühlen Getränk ausklingen und spülten so den gruseligen Knoten im Magen weg, der durch all die Erzählungen von Frau Kriese entstanden war. Man muss sich wirklich fragen, wie Menschen so brutal sein können! Aber ist es heute anders?
Patrizia Bleiker
Bericht: Landfrauenverein