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Der literarische Weg von Burma nach Bern kann ein steiniger sein. Für die Schriftstellerin Wendy Law-Yone ging er mit schmerzlichen Erfahrungen einher, hielt aber auch tiefgreifende Erkenntnisse bereit. 1947 in Mandalay geboren, wuchs sie unter den grausamen Bedingungen der burmesischen Militärdiktatur auf und immigrierte in die USA. Hätte sie nicht das Werk Friedrich Dürrenmatts entdeckt, wäre diese Zeit für sie um einiges leidvoller verlaufen. Doch der grosse Schweizer Autor veränderte ihr Leben.
Von diesem geistigen Einfluss erzählt die Autorin in ihrem neuen Buch «Dürrenmatt and Me», einer autobiografischen wie postkolonialen Schrift, die auf Vorträgen ihrer Gastprofessur an der Universität Bern basiert. In eleganten, schnörkellosen Sätzen schildert Law-Yone, wie sie als junge Frau bei der Räumung des Goethe-Instituts auf die Lektüre des «Besuchs der alten Dame» stösst. Der Stil des Stücks, sein schwarzer Humor und die ausgelebte Böswilligkeit hinterlassen bei ihr einen bleibenden Eindruck.
Es beginnt eine langjährige Auseinandersetzung mit dem Thema Rache, das sie nach der rechtswidrigen Inhaftierung ihres Vaters und der Vertreibung aus dem Heimatland nicht loslässt. Dürrenmatts Werk, in das Wendy Law-Yone immer tiefer eintaucht, wird zu einer Oase inmitten seelischer Dürre, zu einem Ort literarischer Selbstermächtigung. Hier findet sie die Kraft, jene Erlebnisse während der Militärdiktatur narrativ zu verarbeiten.
Wenn die Autorin diese Lebensphase beschreibt, klingt sie beinahe melancholisch. Aus ihren Ausführungen spricht grosse Bewunderung, die bisweilen in Ehrfurcht umschlägt. Der Meister aus Bern erscheint als die alles überragende Autorität. Law-Yones Wertschätzung für ihn geht so weit, dass sie von einer «fast intimen Beziehung» spricht. Einige Passagen lesen sich sogar wie eine Liebeserklärung: «Es waren meine Deutschstunden, die mich zu Dürrenmatt führten, es ist Dürrenmatt, dem ich meinen zweiten Roman verdanke, und er war es auch, zu dem ich für meinen dritten Roman zurückkehrte.»
Wendy Law-Yone: Dürrenmatt and Me. Die Passage einer Schriftstellerin von Burma nach Bern. Berlin: Verbrecher-Verlag, 2021.