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Kein anderer Filmheld hat das Bild der Archäologie so geprägt wie Harrison Ford in der Rolle des Indiana Jones. Unzählige junge Zuschauer nahmen ihn sich in den Achtzigerjahren zum Vorbild – und beschlossen noch vor Ort im Kinosaal, später selber als Archäologe gegen Grabräuber und weitere Schurken aller Art kämpfen zu wollen.
Erfunden haben den charismatischen Altertumswissenschaftler Steven Spielberg und George Lucas. Unter anderem diente den beiden ein echter US-amerikanischer Historiker und Politiker als Inspiration: Hiram Bingham III.
Die Sache hat nur einen Haken: Bingham war gar kein Archäologe – sondern gehörte im Grunde eher zur Zunft der Grabräuber, die Indiana Jones in den Filmen so leidenschaftlich verprügelt.
Selber wäre Bingham auch nie auf die Idee gekommen, sich Archäologe zu nennen, sondern bestand Zeit seines Lebens darauf, im Lexikon «Who’s Who» als «Entdecker» geführt zu werden. Er sei es schliesslich gewesen, der die legendäre Ruinenstadt Machu Picchu in den Anden wissenschaftlich entdeckt habe. Doch nicht einmal das entspricht der Wahrheit.
Wer also ist der Scharlatan, den Spielberg und Lucas posthum in gewisser Weise zum Helden machten, wirklich? Geboren 1875 auf Hawaii, hatte seine Familie zunächst ganz andere Pläne für den jungen Hiram. Missionar sollte er werden, wie schon sein Vater und Grossvater vor ihm. Doch der Junge wollte nicht. Mit 12 lief er von zu Hause weg und versuchte, mit dem Schiff die Inseln zu verlassen. Er kam bis zum Hafen, bevor er aufgegriffen und zurückgeschickt wurde.
Zähneknirschend beugte er sich und begann nach der Schule ein Theologiestudium an der Eliteuniversität Yale. 1898 wechselte er an die University of California in Berkeley, wo er zum ersten Mal einen Kurs in einem Fach belegte, das es eigentlich noch gar nicht gab: Lateinamerikanische Geschichte.
Zwei Jahre später heiratete der Student Alfreda Mitchell, Erbin des Tiffany Juwelierimperiums. Deren Eltern waren entsetzt. Sie zahlte seine Studiengebühren, während Bingham von einem aufregenden Leben träumte und Gedichte von Rudyard Kipling las: «Etwas Verstecktes. Geh’ und finde es. Geh’ und suche hinter den Bergen – etwas Verlorenes hinter den Bergen. Verloren und wartend auf dich. Geh’!» Bevor er in die Berge zog, wechselte Bingham aber erst einmal nach Harvard und spezialisierte sich dort auf besagte lateinamerikanische Geschichte. Eine völlig absurde Studienwahl.
Das Gebiet war so neu, dass es weder Lehrer noch Prüfer gab – und damit niemanden, der ihn kontrollierte. Inspiriert von Kipling und finanziert vom Geld seiner Frau, machte der angehende Abenteurer sich auf nach Peru, um seinem Studienfach zu Inhalten zu verhelfen. Damit die Expedition einen wissenschaftlichen Anstrich bekam, setzte Bingham neben der Suche nach prähispanischen Ruinen noch die Vermessung des 73. Meridians, des höchsten Vulkans Perus, des Coropuna, sowie des noch relativ unerkundeten Lago Parinacochas mit auf die Agenda.
Was er aber in den Anden eigentlich finden wollte, war Vilcabamba, letzter Rückzugsort der alten Hochkultur der Inka vor den Soldaten des spanischen Konquistadoren Francisco Pizarro, die das Reich im 16. Jahrhundert zerstörten. Die Lage der Stadt war in alten Chroniken relativ gut beschrieben. Deshalb schenkte Bingham den Berichten der lokalen Bauern von einer Ruinenstätte am Berggipfel des Machu Picchu zunächst kaum Beachtung.
Zwar liess er sich hinführen, verlor aber nach wenigen Stunden schon wieder das Interesse und wendete sich anderen Dingen zu. Erst auf dem Rückweg schaute er noch einmal vorbei. Den schwierigen Aufstieg allerdings ersparte er sich diesmal, lieber schickte er die Vermesser seines Teams hinauf und liess sie die Ruinen untersuchen.
Erst nach seiner Rückkehr bauschte er den Abstecher auf den Machu Picchu zur Entdeckung von Vilcabamba auf, schwärmte von «Leichtigkeit und Eleganz» des «kunstvollen Mauerwerks». Dass die Ruinen nicht mit den Beschreibungen der letzten Inkahauptstadt übereinstimmten, verschwieg Bingham ebenso wie die Inschrift eines früheren Besuchers, die er am Machu Picchu auf einem Felsen gelesen hatte: «Lizarraga 1902».
Tatsächlich hat der Amerikaner – was er damals jedoch nicht ahnen konnte – auf seiner Reise auch das echte Vilcabamba gefunden, die Stätte aber nur oberflächlich untersucht und als uninteressant befunden. Binghams Schwärmereien reichten aus, um weitere Expeditionen in die Wege leiten zu können.
Archäologen heuerte Bingham allerdings immer noch nicht an. Zum einen interessierte sich kein ausgebildeter Archäologe für das ungewöhnliche Forschungsfeld. Zum anderen hielt Bingham sie schlicht für überflüssig. Artefakte und Knochen könne schliesslich jeder vom Boden aufheben, egal ob studiert oder nicht. Für die Expeditionsteilnehmer verfasste er Merkblätter mit den wichtigsten Techniken – lose zusammengeheftete Blätter, auf denen er erklärte, wie die Packlisten für die Verpflegung organisiert oder welche Hygienemassnahmen beim Aufbau eines Camps zu beachten waren.
Auch Hinweise zum korrekten Sammeln von Artefakten nahm er in die Merkblätter mit auf. «Haben Sie keine Scheu davor, reichlich Notizen zu machen», empfiehlt Bingham. Vor Ort allerdings war es schnell vorbei mit jeglicher Sorgfalt. Der dichte Bewuchs über den Ruinen wurde nicht etwa vorsichtig per Hand abgeräumt. Stattdessen tränkten die Helfer das Unterholz mit Brandbeschleuniger und liessen die Flammen die Arbeit erledigen.
Die brachiale Methode spare «Zeit, Geduld und Flüche», schwärmte Binghams Helfer Ellwood Erdis. Als Arbeiter in einer Höhle mehrere Grabstätten fanden, diese aber von blutsaugenden Vampirfledermäusen besiedelt war, entfachten sie kurzerhand ein Feuer mit den trockenen Mumienbinden. Leider seien die Knochen nun stark verkohlt, notierte Bingham lapidar.
Gesammelt wurde alles, was daheim in den USA seinen Ruf als «Entdecker» festigen konnte: eine wahllose Zusammenstellung von Keramik, Knochen, Schmuck ohne jeden Fundkontext, aber auch exotische Tiere sowie Pflanzen der Region – und jede Menge Fotos. Das beliebteste Motiv: der smarte Hiram Bingham, meist lässig an einen Felsen gelehnt, das Gewehr locker über eine Schulter geschlungen. Wer sie heute betrachtet, fühlt sich unmittelbar an einen Leinwandheld der Achtzigerjahre erinnert: Indiana Jones.
Als nach und nach bekannt wurde, dass Machu Picchu gar nicht Vilcabamba ist, sondern lediglich eine königliche Residenz, und dass er auch nicht der erste, sondern nur einer von vielen Entdeckern war, die im Laufe der Jahrhunderte ihren Fuss in die Ruinenstadt gesetzt und Berichte sowie Karten hinterlassen hatten, verlor Bingham schnell das Interesse.
Gerne verglich der selbsternannte Abenteurer sich mit Christoph Columbus. Dieser sei ja auch nicht der erste Mensch gewesen, der Nordamerika entdeckt habe, und trotzdem würde alle Welt ihn als eben diesen feiern – weil er schliesslich den Kontinent in Europa bekannt gemacht habe.
Binghams neue Leidenschaft wurde das Fliegen. Als der Erste Weltkrieg begann, meldete Bingham sich als Pilot bei der Luftwaffe der U.S. Army. Die Erfolge als Kommandant in Frankreich, der ihm weiterhin anhaftende Ruf als wagemutiger Entdecker und das Geld seiner Frau, mit der er mittlerweile sieben Kinder hatte, sorgten dafür, dass er nach dem Krieg in die Politik einsteigen konnte. 1924 wurde er Gouverneur des US-Bundesstaates Connecticut – für einen Tag, bevor er in den Senat wechselt und dort für einige Jahre undurchsichtige Politik und windige Geschäfte mit Lobbyisten betrieb.
Den Eintrag im «Who’s Who» liess er trotzdem nicht ändern. Bis zu seinem Tod stand dort als Berufsbezeichnung das zu lesen, was Hiram Bingham III. sich nach der Lektüre von Rudyard Kiplings Gedichten vorgenommen hatte, zu werden: Entdecker.