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gesehen, aus deren veränderter Lage die Rotationszeit mit Sicherheit zu 24 ⅔ Stunden berechnet, auch die Neigung des Marsäquators gegen seine Bahn zu etwa 29° abgeleitet werden konnte. Die Anwesenheit einer dichten Atmosphäre, welche ihrer Zusammensetzung nach mit der der Erde sehr große Ähnlichkeit [* 2] hat, ließ sich ebenfalls nachweisen, endlich auch aus der Verschiedenheit der Flecke, daß ein großer Teil derselben dem Marskörper angehöre, ein andrer Teil dagegen durch Vorgänge in der Atmosphäre zu erklären sei.
Neben den dunkeln, in mannigfachen Farbenabtönungen vorhandenen Flecken lagern blendend weiße Flecke um Nord- und Südpol des Marsäquators. Aus der Neigung des Äquators gegen die Bahn folgt Wechsel der Jahreszeiten, [* 3] und zwar, in ähnlicher Weise wie auf der Erde, nur mit dem Unterschied, daß infolge der großen Exzentrizität der Bahn daselbst für die nördliche Hemisphäre das Frühjahr- und Sommerhalbjahr dem Herbst- und Winterhalbjahr gegenüber einen Überschuß von 76 Tagen hat, wogegen die Differenz bei uns nur 8 Tage beträgt. In deutlichem Zusammenhang mit den Jahreszeiten steht eine nicht zu verkennende Veränderlichkeit jener weißen Flecke, so zwar, daß, wenn auf der betreffenden Hemisphäre Sommer ist, der Polarfleck derselben an Ausdehnung [* 4] abnimmt, im Winter dagegen zunimmt.
Während im Winter der weiße Fleck Ausläufer bis zu 45° Marsbreite aussendet, zieht er sich im Sommer bis auf 8-10° um den Pol herum zusammen. Es liegt sehr nahe, diese Flecke als Eis- und Schneezonen zu erklären, wie sie auch unsre Pole umlagern. Weiter ist nun die Annahme nicht zu gewagt, daß wir in den dunkeln Flecken Ozeane und Seen, in den hell hervortretenden Länder, Kontinente zu erblicken haben, welche je nach den bemerkbaren Licht- und Farbentönen Unterschiede andeuten, die uns ja auch auf der Erde nicht fremd sind.
Diese allgemeinen Ähnlichkeiten sind nun durch vermehrte Detailbeobachtungen so weit geführt, daß wir von der Marsoberfläche vollständige Karten besitzen, an der Hand [* 5] derer im Laufe der Zeit die Veränderungen nachgewiesen werden können. Freilich haben uns auch die mächtigen Fernrohre, zuerst durch Schiaparelli, Gebilde auf dem Mars [* 6] erkennen lassen, für die uns zunächst jede Erklärung fehlt. Schiaparelli fand anfangs einfache, den Mars nach allen Richtungen durchziehende schwarze Linien, von denen in späterer Zeit vielfach Verdoppelungen festgestellt wurden.
Der gewissenhafte und vorsichtige Forscher nennt sie, um einen Ausdruck für sie zu haben, Kanäle und Kanalsysteme, verwahrt sich aber dagegen, sie mit ähnlichen künstlichen Anlagen auf der Erde zu identifizieren. In der That ist schon die Breite [* 7] solcher Kanäle, die oft auf etwa 60 km, in gewissen Fällen auf 200-300 km geschätzt werden kann, dabei sich sehr veränderlich zeigt, geeignet, hier dem »Aufschwunge unsrer Einbildungskraft Zügel anzulegen«, mehr aber sicher noch, wenn man nach Vergleichen mit Thatsachen, wie wir sie auf der Erde können, für das folgende, oft wahrgenommene Phänomen suchen will.
Schiaparelli hatte Kanäle in ihrer gewöhnlichen Form wahrgenommen, wenige Tage, vielleicht nur Stunden darauf zeigt ein solcher Kanal [* 8] sich nach einem bisher ganz unerklärten Umformungsprozeß plötzlich doppelt, also aus zwei sehr nahe bei einander befindlichen Streifen zusammengesetzt, die gewöhnlich gleichförmig und parallel laufen. In vielen Fällen konnte man durch eine genaue Vergleichung mit den umgebenden Einzelheiten nachweisen, daß einer der beiden Streifen genau oder doch ungefähr die Stelle des frühern einfachen Kanals behauptet hat; indes ist diese Regel nicht allgemein, in einzelnen Fällen trifft weder die eine noch die andre der neuen Bildungen mit dem alten Kanal zusammen, die Übereinstimmung der Hauptrichtung und der Lage ist dann nur eine beiläufige, jede Spur des alten Kanals verschwindet, um den beiden neuen Linien Platz zu machen etc. Bietet uns nun danach der Mars Erscheinungen, für die uns das Analogon auf der Erde fehlt, so ist damit keineswegs die Unmöglichkeit der Bewohnbarkeit ausgesprochen.
Von andern namhaften Gelehrten wird den Astronomen eine zu große Ängstlichkeit in der Aufstellung neuer Hypothesen, die weiter befruchtend wirken können, vorgeworfen. So bespricht E. Schröder (Professor der Mathematik an der technischen Hochschule in Karlsruhe) [* 9] in seiner Rede »Über das Zeichen« (1890) diese neuen Entdeckungen in folgender Weise: »Während auf der irdischen Landkarte die Grenzen [* 10] von Land und Wasser sich auf den ersten Blick schon darstellen als das zufällige Produkt von sinnlos waltenden Naturkräften, machen auf dem Mars dieselben unverkennbar den Eindruck, mit Absicht angelegt oder doch aus dem natürlichen Zustand erheblich berichtigt zu sein durch zweckbewußte Wesen. Vor allem die schnurgeraden, oft wie mit dem Lineal gezogenen Kanäle von nicht selten 4000 km Länge, davon meist zwei (vielleicht als Konkurrenzkanäle?) in größerm Abstand einander parallel gehen, lassen auf Bewohner schließen, die in der Technik uns riesigweit voraus sind. Dieser Schluß wird aber noch durch eine Menge Gründe gestützt, von denen ich nur einen andeuten will. Nach der Laplace-Kantschen Hypothese über die Entstehung unsers Planetensystems, der einzig haltbaren und auch dadurch gestützten, daß wir die von unsern Planeten [* 11] einst durchgemachten Entwickelungsphasen in allen Stadien an fernen Systemen noch heute beobachten, ist Mars viel älter als die Erde, vielleicht um ein paar hundert Jahrmillionen in der Kultur uns voraus! Wie weit würden wir erst selbst nach einem solchen Zeitraum sein? - So kann ich es nur noch für eine Frage von wenigen Jahrhunderten halten, daß wir mit Marsbewohnern optisch oder sonstwie in Korrespondenz treten werden. Sobald einmal auch nur ein Zeichen beliebig hin und her gesandt werden kann, z. B. bei sternheller Nacht, in Gestalt gleichzeitigen Aufleuchtens von sehr vielen, dicht über große Flächen verteilten elektrischen Bogenlampen, so bildet dessen Unterbrechung ein zweites Zeichen, und wird man sich alsbald gegenseitig mitteilen können, daß hüben und drüben mathematikverständige Analysten oder Algebristen wohnen, indem man z. B. von diesseits die dyadische Darstellung von π meldet, und vielleicht von jenseits diejenige der in der Analysis eine ebenso wichtige Rolle spielenden Irrationalzahl e zur Antwort erhält!« Hiermit nähert sich nun freilich Schröder dem Münchener Astronomen Gruithuisen, der in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts auf Grund seiner ausgedehnten Mondbeobachtungen den Vorschlag machte, um mit den Mondbewohnern, von deren Existenz er überzeugt war, in Korrespondenz zu treten, etwa die [* 1] Figur des pythagoreischen Lehrsatzes, des rechtwinkeligen Dreiecks mit den drei Quadraten in großem Maßstab [* 12] über ganze Länderstrecken hinweg aufzutragen, z. B. sie in Raps zu säen, worauf die Mondbewohner mit andern geometrischen Figuren antworten würden. Hätte nun auch beim Mond [* 13] wegen der viel größern Nähe ein solcher Versuch mehr Aussicht auf Erfolg, als bei dem so entfernten Mars, so liegt nun doch außer Zweifel, daß ¶
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der Mond aller Vorbedingungen für organisches Leben entbehrt, indem wir ihn uns als vollkommen öde, ohne Wasser und Luft vorzustellen haben. Dem gegenüber sind, wie oben ausgeführt, die Verhältnisse beim Mars erheblich günstiger. Keiner der übrigen Körper des Sonnensystems bietet in ähnlichem Grade Aussicht auf die Bewohnbarkeit.
Mit wenigen Worten können wir über die fernern Planeten, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun, hinweggehen. Von maßgebender Seite ist auf Grund neuer Beobachtungsresultate die Ansicht ausgesprochen, daß der Kern des Planeten Jupiter noch sehr heiß sein müsse, die geringe mittlere Dichtigkeit, die schnellen Veränderungen und Bewegungen in der Atmosphäre des Körpers, die verschiedene Rotationsgeschwindigkeit, die sich für die äquatorealen Gegenden und solche unter höherer Breite ergibt, lassen kaum eine bessere Erklärung zu. Beim Vorhandensein dieses Zustandes werden vulkanische Eruptionen in riesigem Maßstab höchst wahrscheinlich häufig auftreten, wodurch die Bildung der Streifen mit allen Einzelheiten erklärlich werden. Es werden nämlich die hierbei emporgeschleuderten glühenden Gase [* 15] und Dämpfe über der Ausströmungsöffnung die Wolkendecke durchbrechen, und da diese eruptiven Massen eine geringere Rotationsgeschwindigkeit haben, so muß dann die Bildung eines dunkeln Streifens erfolgen, der in der Rotationsrichtung liegt.
Derartige Vorgänge sprechen nicht für eine Bewohnbarkeit im engern Sinne. Ganz dasselbe gilt vom Saturn, aller Wahrscheinlichkeit nach auch vom Uranus und Neptun, bei denen sich noch die Schwierigkeiten gegen jene Möglichkeiten durch die ungeheure Ferne vermehren, in welcher dieselben sich von der Sonne [* 16] befinden. Wir brauchen hier also nicht erst die große Masse jener Planeten im Vergleich zur Masse der Erde, ihre geringe Dichtigkeit, die beim Jupiter kaum wechselnden Jahreszeiten, die besondere Lage der Achse des Uranus und dergleichen heranzuziehen.
Ohne jeden wissenschaftlichen Hintergrund sind die Phantasien über das Vorkommen von Organismen auf Kometen [* 17] und Nebelflecken, mögen sie nun als gasförmige Körper oder als Anhäufungen von Fixsternen, die unsrer Sonne vergleichbar sind, erkannt worden sein. Und wenn von bekannten englischen und deutschen Naturforschern als Ursache für die erste Entstehung organischen Lebens auf der Erde angeführt worden ist, daß unser Planet möglicherweise die ersten Keime durch meteorische Körper aus fernen Welträumen erhielt, so sind solche Äußerungen wohl kaum ernsthaft zu nehmen, oder doch nur insofern, als damit die Überzeugung von der Möglichkeit der Bewohnbarkeit andrer Welten ausgesprochen wurde.
Die Fixsterne [* 18] sind als Sonnen anzusehen, an Größe und Masse vielfach der unsrigen überlegen, sie fallen also auch nicht in das Gebiet bewohnter Welten. Wenn wir aber in Betracht ziehen, daß durch die Spektralanalyse [* 19] die Gleichheit der Materie auf der Sonne und ihren Planeten, speziell der Erde, in den wesentlichsten Teilen nachgewiesen ist, daß ferner andre Fixsterne nach derselben Forschungsmethode wieder aus gleichen Stoffen zusammengesetzt gefunden wurden wie unsre Sonne, sich auch in demselben Aggregatzustande befinden, so dürfen wir den Gedanken als durchaus berechtigt ansehen, daß auch jene Sonnen von Planeten umgeben sind, die ähnlich dem Mars und daher der Erde die Bewohnbarkeit als möglich oder selbst wahrscheinlich erscheinen lassen.
Vgl. die übrigens mit Vorsicht aufzunehmenden Werke von C. Flammarion, Les mondes imaginaires et les mondes réels (19. Aufl., Par. 1884) und »La pluralité des modes habités« (31. Aufl., das. 1890; deutsch, Leipz. 1865);
R. Proctor, The orbs around us (neue Ausg., Lond. 1886).