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Als ich neulich in der Werbeagentur, in der ich ab und zu arbeite, die Aufgabe bekam, ein neues Produkt eines Schweizer Telekommunikationsunternehmens anzupreisen, fand ich in den Unterlagen des Auftraggebers ein erstaunliches Argument für sein Produkt: Es ist aus der Schweiz.
Als Beleg dafür, warum das ein positives Kriterium für ein Produkt ist, das die Kommunikation zwischen Menschen erleichtern soll, unabhängig von ihrer Hautfarbe, ihrer Sprache und ihrem Aufenthaltsort auf dem Planeten, wurde ein Artikel aus der Gratiszeitung 20 Minuten angeführt, aus dem hervorging, dass 86 Prozent aller Schweizer stolz auf ihr Land seien. Den Kern des Artikels bildete eine Aussage der Soziologin Cintia Meier-Mesquita:
«Wir sind stolz, weil wir wissen, dass wir mit unseren politischen Entscheidungen oder täglichen Arbeit zur guten wirtschaftlichen Situation der Schweiz beigetragen haben.»
Die wirtschafltiche Situation der Schweiz ist ohne Frage gut. Aber darf ein Bauer aus Graubünden deswegen stolzer auf sein Tagwerk sein als ein Bauer aus Vietnam? Darf ein Appenzeller, der am 9. Februar für die Masseneinwanderungsinitiative gestimmt hat, stolzer sein als ein Bayer, nur weil sich dessen Meinung zur angemessenen Anzahl Ausländer im Land nicht so ohne weiteres in die Verfassung schreiben lässt? Und vor allem: kann eine gute wirtschaftliche Situation wirklich das oberste Ziel einer Gesellschaft sein?
Ich meine damit gar nicht den so sehr Inhalt der Entscheidungen, über den man natürlich auch viel sagen könnte, oder die Art und Weise der Entscheidungsfindung. Es geht mir hier nur um die Haltung dazu. Was berechtigt einen Menschen, Stolz zu empfinden?
Die katholische Kirche, über die man natürlich auch viel sagen könnte, hat dazu eine klare Position: für sie ist Superbia die erste der sieben Hauptsünden. Nach Gregor dem Großen tritt Stolz in vier Formen auf:
1. das Gute, das man besitzt, sich selbst zuzuschreiben
2. es zwar auf Gott zurückführen, aber auf Rechnung der eigenen Verdienste setzen
3. sich Vorzüge beilegen, die man nicht besitzt
4. Vorzüge, die man besitzt, mit Selbstgefälligkeit und Verachtung anderer hervorkehren
Dabei grenzt die katholische Moraltheologie den Stolz ganz klar ab von der Selbstachtung, die ebenso wie die Achtung des Mitmenschen eine positive Pflicht ist, nach Ferdinand Elger bestehend «in der richtigen Schätzung dessen, was wir an uns und anderen finden.»
Ich bin vor einigen Jahren aus der Kirche ausgetreten. Aber ich muss zugeben, Gregors Charakterisierung des Stolzes trifft das Gefühl sehr gut. Wenn ich stolz bin, weil ein Junge namens Mario Götze einen Ball in zugegeben unnachahmlicher Weise ins Netz eines Tores in Brasilien befördert, im letzten Spiel eines großen Turniers, sind die Formen 3 und 4 ganz klar erfüllt. Und wenn ich meine zweijährige Tochter eine Weile ansehe, fühle ich sehr bald entweder Form 1 oder (agnostisch gebrochen) Form 2.
Wenn ich sie dann noch ein bisschen länger ansehe, wie sie zum ersten Mal das Kleid trägt, das meine verstorbene Großmutter gestrickt hat, und sich dabei aufrecht mit erhobenem Kopf und mit ausgebreiteten Armen hinstellt, wird mir klar, dass es nur eine Gruppe Menschen gibt, die ehrlich und wirklich Stolz empfinden kann: Kinder.
Alle anderen müssen irgendwann lernen, dass das, worauf sie stolz zu sein meinen, vielleicht gar nicht so schrecklich viel mit ihnen selbst zu tun hat.
Ich weiß, dass das harte Arbeit ist. Ich arbeite jeden Tag daran, nicht allzu stolz darauf zu sein, dass ich so eine wundervolle Frau habe. Und eine gesunde, liebe Tochter. Dass die beiden einen Schweizer Pass besitzen und ich einen deutschen. Dass wir, wenn uns die politische Lage nicht gefällt, unsere Meinung äußern dürfen, und gehört werden. Dass wir, wenn wir hart arbeiten, zurecht hoffen dürfen, dafür belohnt zu werden. Dass wir ein Dach über dem Kopf haben, in einem friedlichen Land, umgeben von anderen friedlichen Ländern. Dass wir genug zu essen haben. Und zu lesen.
Ich arbeite jeden Tag daran, dankbar zu sein. Ich weiß nicht genau wem. Aber das macht nichts. Dankbarkeit ist eines der wenigen Gefühle, die auch ohne Gegenüber wirken. Genau wie Glück.