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H. bzw. hist. Gesellschaften in der Schweiz sind Vereine nach Art. 60-79 ZGB, die als Vereinigungen von Geschichtsfreunden, Interessierten und Fachhistorikern die Förderung des Verständnisses für Geschichte sowie die Verbreitung hist. Kenntnisse unter ihren Mitgliedern zum Zweck haben. Sie sind mehrheitlich als Publikumsgesellschaften organisiert und besitzen in der Regel eigene Publikationsorgane.
Bereits während der Aufklärung existierte eine Reihe von Gelehrten Gesellschaften, die sich mehr oder weniger intensiv mit der Geschichte beschäftigten, namentlich die 1727 von Johann Jakob Bodmer in Zürich gegr. Helvet. Gesellschaft. H. im engeren Sinne entstanden im dt. Sprachraum ab 1810, wobei in der Schweiz schon 1811 als nationaler Verein die Schweiz. Geschichtforschende Gesellschaft gegründet wurde (in Deutschland wurde 1819 als überregionale Vereinigung die Gesellschaft für Deutschlands ältere Geschichtskunde errichtet). Ab 1826 bis ins 20. Jh. folgte in der Deutsch- und Westschweiz eine Vielzahl von regionalen, kant. und lokalen H.n. In diesen Gründungen schlugen sich zeittyp. Strömungen nieder, v.a. ein Nationalbewusstsein verstanden als Vaterlandsliebe, aus der sich das Interesse an der eigenen Geschichte und der Archäologie herleitete. Vielfach entstanden parallel zu den H.n sog. antiquar. Gesellschaften oder Altertumsvereine, und zwar als separate Vereine wie in Basel 1836 der Hist. Verein und 1842 die Antiquar. Gesellschaft oder als Vereine mit doppelter Zielsetzung wie 1832 in Zürich die Kant. Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde, die mit ihren Ausgrabungen von Pfahlbauten internat. Ansehen erlangte und heute die älteste noch bestehende Hist.Vereinigung der Schweiz ist, oder wie 1838 die Société d'histoire et d'archéologie de Genève.
Die Initiative ging teils von kleinen Gruppen aus, teils von einzelnen Persönlichkeiten wie im Fall des Gründers und Präs. der Schweiz. Geschichtforschenden Gesellschaft, Niklaus Friedrich von Mülinen aus Bern, oder des Gründers und ersten Präs. der Allgemeinen Geschichtforschenden Gesellschaft der Schweiz (AGGS), Johann Caspar Zellweger aus Trogen. Die Mitglieder der H. entstammten oft dem Kreis der Gemeinnützigen Gesellschaften, einige von ihnen gehörten den regierenden Fam. aus der Zeit vor 1800 an. Sie waren Politiker, Juristen, Pfarrer, Lehrer, Universitätsdozenten und Studenten und widmeten sich der Erforschung der Geschichte oft als Privatgelehrte oder neben ihrem Brotberuf. Durch gemeinsame Ziele verbunden, bezeichneten sich die Gelehrten und aufgeklärten Laien als "Freunde der vaterländischen Geschichte und Altertumskunde". Bis heute sind die Mitglieder mehrheitlich interessierte Laien, während Fachhistoriker die Vorstandsarbeit besorgen.
Die schweiz., kant. und regionalen H. entstanden mehrheitlich im 19. Jh., davon rund zwei Drittel während der polit. Auseinandersetzungen zwischen 1830 und 1870, während die lokalen ab den 1860er Jahren bis ins 20. Jh. hinein gegründet wurden, und zwar besonders zahlreich in den Kt. Aargau und Luzern. Einige Vereinigungen blieben klein, wie der 1862 gegr. Geschichtsverein Beromünster mit zehn Mitgliedern. Andere, heimatkundlich orientierte, fanden grossen Zulauf, so die 1932 gegr. Heimatvereinigung Wiggertal mit 1'720 Mitgliedern.
Die Entwicklung regionaler und überregionaler H. wurde durch den mühsamen Reiseverkehr per Kutsche erschwert. Während die Schweiz. Geschichtforschende Gesellschaft bis zu ihrer Auflösung 1852 faktisch ein Berner Verein blieb, wurde die 1826 geschaffene Geschichtforschende Gesellschaft Graubündens nach einer Flaute als Hist.-Antiquar. Gesellschaft 1870 neu gegründet. Als weitere wichtige überregionale Zusammenschlüsse folgten 1837 die Société d'histoire de la Suisse romande, 1841 die AGGS, 1843 der Innerschweizer Hist. Verein der Fünf Orte (seit 2006 Hist. Verein Zentralschweiz), 1847 die Société jurassienne d'émulation, die sich der Pflege der Geschichte und Heimatkunde des bern. Juras annahm, sowie 1924 die Società storica e archeologica della Svizzera italiana. Als grenzüberschreitende Gesellschaft wurde 1868 der Verein für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung errichtet.
Versch. kantonale H. gingen auf die Initiative der Bewohner der Kantonshauptorte zurück, behielten dort ihren Sitz und rekrutieren noch heute das Gros ihrer Mitglieder aus diesem Umfeld; so stammten z.B. 2001 59% der Mitglieder des Hist. Vereins des Kt. Bern aus der Stadt und Agglomeration Bern, gegenüber 41% aus dem restl. Kantonsgebiet. Geschichtsinteressierte aus den inneren Orten Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug, die im Hist. Verein der Fünf Orte vereint waren, gründeten relativ spät eigene kant. H. Nur die Luzerner Mitglieder, die periodisch die Generalversammlung des Vereins durchführten, versammelten sich in Luzern zusätzlich zu eigenen Vorträgen. Der daraus erwachsene Verein ist daher, streng genommen, ein städt. und kein kant. Zusammenschluss. In den zwei- oder gar dreisprachigen Kt. Wallis, Freiburg, Bern und Graubünden bildeten sich sprachgetrennte Vereine.
Die Landschaft der hist. Gesellschaften in den Kantonen veränderte sich im Laufe der Zeit. Einerseits schlossen sich nebeneinander bestehende H. und Altertumsvereine zu sog. hist.-antiquar. Gesellschaften zusammen wie etwa 1874 in Basel und 1927 in Luzern. Andererseits wurden seit den 1920er Jahren als altertümelnd empfundene Vereinsnamen durch zeitgemässere Bezeichnungen ersetzt. Von diesen Vereinigungen der zumeist regional, kantonal oder lokal interessierten Geschichtsfreunde unterscheiden sich die thematisch ausgerichteten, national tätigen Fachvereinigungen.
|Gründung||Gebiet||Mutation||Bezeichnung|
|1811||Schweiz||bis 1852||Schweizerische Geschichtforschende Gesellschaft|
|1826||Graubünden||bis 1870||Geschichtforschende Gesellschaft Graubündens|
|ab 1870||Historisch-Antiquarische Gesellschaft von Graubünden|
|1832||Zürich||bis 1841||Kantonale Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde|
|ab 1841||Antiquarische Gesellschaft in Zürich|
|1836/42||Basel||bis 1874||Historischer Verein (ab 1836); Antiquarische Gesellschaft (ab 1842)|
|ab 1874||Historische Antiquarische Gesellschaft zu Basel|
|1837||Romandie||Société d'histoire de la Suisse romande|
|1838||Genf||Société d'histoire et d'archéologie de Genève|
|1840||Freiburg||Société d'histoire du canton de Fribourg|
|1841||Schweiz||bis 2001||Allgemeine Geschichtforschende Gesellschaft der Schweiz (AGGS)|
|ab 2001||Schweizerische Gesellschaft für Geschichte (SGG)|
|1843||Innerschweiz||Historischer Verein der Fünf Orte (seit 2006 Historischer Verein Zentralschweiz)|
|1843||Luzern||bis 1927||Historischer Verein Luzern|
|1927-79||Historisch-Antiquarische Gesellschaft Luzern|
|ab 1979||Historische Gesellschaft Luzern|
|1846||Bern||Historischer Verein des Kt. Bern|
|1847||Jura||Société jurassienne d'émulation|
|1853||Solothurn||Historischer Verein des Kt. Solothurn|
|1856||Schaffhausen||Historisch-Antiquarischer Verein des Kt. Schaffhausen|
|ab 1940||Historischer Verein des Kt. Schaffhausen|
|1859||Aargau||Historische Gesellschaft des Kt. Aargau|
|1859||St. Gallen||Historischer Verein des Kt. St. Gallen|
|1859||Thurgau||Historischer Verein des Kt. Thurgau|
|1861/88||Wallis||1861-65||Geschichtsforschender Verein des Kantons Wallis|
|ab 1888||Geschichtsforschende Gesellschaft von Oberwallis (auch: Geschichtsforschender Verein Oberwallis)|
|1863||Glarus||Historischer Verein des Kt. Glarus|
|1864||Neuenburg||Société d'histoire et d'archéologie du canton de Neuchâtel|
|1864||Nidwalden||Historischer Verein Nidwalden|
|1868||Bodenseeraum||Verein für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung|
|1877||Schwyz||Historischer Verein des Kt. Schwyz|
|1877||Obwalden||Historisch-Antiquarischer Verein Obwalden|
|1879||Appenzell||Historisch-Antiquarischer Verein Appenzell|
|ab 1927||Historischer Verein Appenzell|
|1879||Wallis||bis 1923||Société helvétique|
|1892||Uri||Verein für Geschichte und Altertümer von Uri|
|ab 1985||Historischer Verein Uri|
|1893||Freiburg||Deutscher Geschichtforschender Verein des Kt. Freiburg|
|1893||Waadt||Société vaudoise d'histoire et d'archéologie|
|1915||Wallis||Société d'histoire du Valais romand|
|1924||Tessin/Südbünden||Società storica e archeologica della Svizzera italiana|
|1961||Basel-Landschaft||Gesellschaft für Baselbieter Heimatforschung|
|Gründung||Bezeichnung|
|1891||Schweizerische Heraldische Gesellschaft|
|1907||Schweizerische Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte (seit 2006 Archäologie Schweiz)|
|1907||Vereinigung für Schweizerische Kirchengeschichte|
|1933||Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung|
|1973||Schweizerische Vereinigung für Militärgeschichte und Militärwissenschaft|
|1980||Schweizerische Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte|
|1990||Verein Geschichte und Informatik|
|1993||Arbeitsgemeinschaft für Fundmünzen|
Vor 1800 war die Benützung von Archiven nur in Ausnahmefällen Mitgliedern der Regierung oder deren Bevollmächtigten gestattet. Daran änderte sich nach dem Niedergang des Ancien Régime vorerst nichts. Daher wurde die Öffnung der Archive für die hist. Quellenforschung zu einem der ersten Anliegen der H. Weiter schufen sie eine Reihe von Periodika und wissenschaftl. Buchreihen, u.a. als Geschichtsforscher, Archiv, Annales, Jahrbuch, Neujahrsblätter, Anzeiger, Mitteilungen und Taschenbuch bezeichnet, worin sie Abhandlungen ihrer forschenden Mitglieder publizierten. Weil der Archivzutritt lange das Privileg einzelner Forscher war, waren die H. bestrebt, wichtige Quellen zu publizieren. In der Folge erschienen Quelleneditionen im Volldruck oder als Regesten in Jahresschriften, v.a. in den "Mémoires et documents" der Société d'histoire de la Suisse romande (ab 1838), den "Mémoires et documents" der Société d'histoire et d'archéologie de Genève (ab 1840) sowie im "Geschichtsfreund" des Hist. Vereins der Fünf Orte (ab 1844). Aber auch Quellenreihen in der Form von Urkundenbüchern (Urkunden) sowie Editionen von Chroniken und Akten wurden herausgegeben. Eine besonders reiche Editionstätigkeit entfalteten die H. der Universitätsstädte sowie der Hist. Verein des Kt. St. Gallen unter seinem langjährigen Präs. Hermann Wartmann. Versch. H. beauftragten zudem Fachhistoriker mit Stadt- oder Kantonsgeschichten. Mit der Publikationstätigkeit ging ein reger Publikationentausch einher; die Bibliotheken der H. wurden der Öffentlichkeit als Teil von Universitäts- und Stadtbibliotheken zugänglich gemacht.
Die H. erhielten und sammelten aber auch Museumsgut. Diese sog. Altertumssammlungen gingen entweder an bestehende Museen oder führten zur Errichtung vereinseigener Museen wie des Rhät. Museums sowie der Museen in Appenzell, Stans, Sarnen, Schwyz, Zug und Luzern. Im Laufe des 20. Jh. sahen sich die H. immer weniger in der Lage, für diese Institutionen aufzukommen, und traten sie allmählich an die Kantone ab. Eine Ausnahme bildet in diesem Zusammenhang das Hist. Museum Uri in Altdorf. Einige H. finanzierten archäolog. Grabungen und erwarben sogar Grundstücke, in denen Funde zu erwarten waren, so z.B. die Hist. und Antiquar. Gesellschaft zu Basel das Gebiet von Augusta Raurica.
Zum Vereinsleben gehören seit Beginn neben den erwähnten Tätigkeiten auch die anlässlich der Jahres- oder Generalversammlungen gehaltenen wissenschaftl. Vorträge, ferner Vortragsreihen im Winterhalbjahr sowie Exkursionen im Frühjahr und Herbst, an denen den Mitgliedern Resultate der archäolog. Grabungen und der Denkmalpflege vorgestellt werden.
Die 1841 gegr. AGGS verstand sich in der föderalist. Schweiz nicht als nationaler Dachverband wie etwa der 1852 geschaffene Gesamtverein der dt. Geschichts- und Altertumsvereine, in dem sich die dt. H. mehrheitlich zusammengeschlossen hatten. Wie die kant. H. sah sich die AGGS vorerst als Publikumsgesellschaft, die ihre Jahresversammlungen in den Kantonen abhielt, doch zunehmend auch als Fachgesellschaft mit vielfältigen wissenschaftl. Aufgaben. Ohne Konkurrenzdenken war sie bestrebt, die hist. Forschung in der Schweiz gemeinsam mit den kant. H. voranzutreiben. So wurde sie zur Promotorin kant. und regionaler Vereinsgründungen, denen sie die Kantons- und Ortsgeschichtsforschung zuwies, während sie sich selbst v.a. mit nationalen Themen beschäftigte. Die AGGS wuchs auf diese Weise langsam in die Rolle der Dachgesellschaft hinein, bis sie ab den 1960er Jahren mit der rasch steigenden Zahl von Fachhistorikern ihre Leistungen mehr und mehr auf diese sowie auf die Ansprüche der universitären Seminare und Institute sowie der Studierenden ausrichtete. Spätestens seit der Namensänderung in Schweiz. Gesellschaft für Geschichte 2001 vertritt sie die Interessen der Geschichtswissenschaft auf nationaler Ebene.
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler