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| Dr. R. C. Kukula, Einleitung zu Tatians Rede an die Bekenner des Griechentums. In: Frühchristliche Apologeten und Märtyrerakten Band I. Aus dem Griechischen und Lateinischen übersetzt von Dr. Kaspar Julius (Aristides); Dr. Gerhard Rauschen (Justin, Diognet); Dr. R.C. Kukula (Tatian); P. Anselm Eberhard (Athenagoras). (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 12) München 1913.

Einleitung zu Tatians Rede an die Bekenner des Griechentums
Ort und Zeit
Sehr widerstreitende Meinungen sind endlich auch über Ort und Zeit unserer Rede geäußert worden. Man hat ihren Schauplatz nach Rom, nach Athen, nach dem Orient verlegt, ihre Abfassung auf die Jahre 150 bis 155 (gleichzeitig mit Justins Apologie), nach 163-167 (vermutliche Zeit von Justins Martyrium), endlich um 172/173 (Rückkehr Tatians in den Orient) zu fixieren versucht. Da ich mich hier in eine Sonderkritik dieser Hypothesen nicht einlassen kann, beschränke ich mich auf eine kurze Begründung meiner eigenen Anschauung. Daß Tatians Rede mit ihren vehementen Angriffen gegen alle Erscheinungen des griechisch-römischen Kulturlebens weder vor einem „echtrömischen“ noch vor einem „echtgriechischen“ Publikum möglich gewesen wäre, ist wiederholt mit gutem Rechte hervorgehoben worden. Der Titel Λόγος πρὸς Ἕλληνας darf nicht irreführen 1: nur im Oriente , wo Griechen und Römer Haß gesät und geerntet hatten, konnte Tatians aufreizende Polemik Gehör und Beifall finden. Also muß, wenn nicht alles trügt, der Schauplatz seiner Rede ins Morgenland, ihre Abfassung in die Zeit nach 172, ziemlich lange nach dem Tode Justins, verlegt werden, als Tatian nach seiner Heimkehr den syrischen Gemeinden das Evangelium in ihrer Sprache gab und ἐν τῇ Μέσῃ τῶν Ποταμῶν eine eifrige Missionstätigkeit entfaltete. Die Anfänge des Christentums in den Euphratländern liegen bekanntlich noch sehr im Dunkeln. Aber fest steht die Tatsache, daß die syrische Kirche von allem Anfang an bis ins vierte Jahrhundert das Evangelium nur in der Gestalt von Tatians Diatessaron gekannt und benützt hat: „Nicht bloß die Parteigenossen Tatians (die Enkratiten)“, sagt Theodoret von Kyrrhos (circa 393-457) haer. fab. comp. 1, 20, „haben dieses Buch [S. 193] gebraucht, sondern auch die Anhänger der apostolischen Lehren, indem sie den Trug der Zusammenfassung nicht erkannten, sondern arglos das Diatessaron als bequemes Kompendium benutzten“. Ganz das Gleiche hätte Theodoret auch von Tatians „Rede an die Bekenner des Griechentums“ sagen können. Denn wie das Diatessaron, so zeigt auch die „Rede“ starken Einfluß der gnostischen Lehren, wie ich unten in den Anmerkungen zu Kap. XIII 4, XV 3 und 9, XVIII 2, XX 2 und 4, XXIII 5 und XXXV 4 hervorzuheben Gelegenheit nehme; aber dieser häretische Charakter kommt wie im Diatessaron 2 doch nur nebenher zum Ausdruck und konnte daher von katholischer Seite um so leichter übersehen werden, als die „Schönheit und Nützlichkeit“ des Hauptinhaltes außer Frage stand (vgl. Euseb, hist. eccl. IV 29, 6). Tatians Λόγος πρὸς Ἕλληνας bietet uns also durch zwei besonders hervorstechende Eigenschalten, den „echt orientalischen Griechenhaß“, dem er Ausdruck gibt, und den unzweifelhaft häretischen Charakter, der ihm anhaftet, volle Gewähr dafür, daß seine Abfassung ebenso wie die des Diatessaron erst nach Tatians Rückkehr in seine morgenländische Heimat, also in seiner häretischen Lebensperiode, nicht vor 172/173 erfolgt ist. Beide Werke, die Rede und die Evangelienharmonie, verdanken trotz ihrer ψευδοδοξία ihre Verbreitung und Erhaltung dem Umstande, daß sich in Syrien die Anschauungen Tatians unbehindert durchsetzen konnten und auf lange Zeit hinaus zu behaupten vermochten; ihre autoritative Geltung spricht zugleich für die schon von anderen ausgesprochene Vermutung, daß man in Tatian den Missionär der Euphratländer zu sehen habe.
Damit möchte ich schließen und mir weitere Ausführungen für andere Gelegenheit vorbehalten. Die hier gebotene Übersetzung wird ihre Unabhängigkeit von den älteren Versionen 3 in der Regel aus sich selber [S. 194] rechtfertigen müssen; an jenen Stellen aber, an denen sie sich auch vom Texte der bisher maßgebenden Schwartzschen Ausgabe 4 emanzipieren mußte oder neue Deutungen der lectio vulgata darbietet, wird sie durch Fußnoten gestützt, die zur Orientierung des Leser. mit einem Sternchen gekennzeichnet wurden. Damit soll natürlich der Benützer meiner Version keineswegs ermächtigt werden, nach Vorzügen oder Mängeln der folgenden Arbeit etwa bloß in den besternten Anmerkungen zu suchen: denn auch eine Übersetzung; zumal des Tatian, will und kann gerechter Weise nur als Ganzes beurteilt werden.
1: S. darüber meinen Aufsatz in der Festschrift für Gomperz, Wien 1902, S. 359 ff., und unten meine Anmerkung zur Überschrift der Rede.
2: Vgl. Bardenhewer, Gesch. d. altkirchl. Liter. S. 259.
3: Erwähnung verdienen die Übersetzungen ins Deutsche von Gröne, Kempten 1872; Harnack, Gießen 1884 (Univ-Progr.), ins Französische von Puech in Recherches sur le Discours aux Grecs de Tatien, Paris 1909, S. 107-158
4: Tatiani oratio ad Graecos recensuit Eduardus Schwartz in „Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur“ von Gebhardt und Harnack, IV. Band, Heft 1, Leipzig 1888