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Flevoland – ein ziviltechnisches Kunstwerk
Dem Meer abgewonnen und zum bewohnten Kunstpark verwandelt: Das ist Flevoland, die zwölfte und jüngste Provinz der Niederlande. Hier wirkten – und wirken immer noch – Ingenieure. Sie gestalten das Land in seinen grundsätzlichen Zügen und mit punktuellen Kunstwerken der Land Art Flevoland Collection. Jüngst hat der Künstler Bob Gramsma mit WaltGalmarini für diese Sammlung ein neues Kunstwerk gebaut: eine Widerspiegelung des technischen Gesamtbauwerks, das Flevoland ist.
Flevoland besteht fast ausschliesslich aus Land, das vor mehr als 100 Jahren der Zuiderzee abgewonnen wurde. Startschuss für die Trockenlegung des 5 m unter dem Meeresspiegel liegenden Landes war das Gesetz (Zuiderzeewet) über die Abtrennung der Zuiderzee, das am 14. Juni 1918 verabschiedet wurde.
Damit setzte man den Plan des niederländischen Wasserbauingenieurs Cornelis Lely (1854-1929) um, der die trockengelegten Polder (Noordoostpolder 1940er-, östliches Flevoland 1950er- und südliches Flevoland 1960er-Jahre) und die mit dem Abschlussdeich (Afsluitdijk, 1932) verkürzte Küste und damit die Verwandlung der Zuiderzee zum Ijsselmeer allerdings selber nicht mehr erlebte. Nach ihm ist aber Lelystad benannt, Hauptstadt der durch die Einpolderung neu geschaffenen Provinz Flevoland.
Noch während das Baus dieser Polder entstand die Idee, Landschaftskunstwerke zu realisieren – als Reverenz an den menschlichen Eingriff in die Landschaft und damit an die Kunstform Land-Art, eine amerikanische Bewegung in der bildenden Kunst, die ihren Ursprung in den 1960er-Jahren hatte und in den 1970er-Jahren in den Niederlanden aktuell wurde.
Heute schmücken neun monumentale Landschaftskunstwerke teils weltberühmter Künstler wie Robert Morris, Richard Serra und Daniel Libeskind die flachen Polder. Sie nehmen alle in ihrer eigenen Form Bezug auf das Gesamtingenieurbauwerk Flevoland.
Menschliche Intervention
Das jüngste Land-Art-Werk ist «Riff, PD#18245» von Bob Gramsma – einem Schweizer Künstler mit niederländischen Wurzeln. Entstanden ist das Werk in Kooperation mit den Ingenieuren von WaltGalmarini aus Zürich und zum 100. Jahrestag des Zuiderzeewet – eines der radikalsten und eingreifendsten Gesetze zum Schutz gegen Überschwemmungen der Niederlande.
Es ist, als ob ein grosses Stück Erde aus dem Polderboden aufgestiegen sei. Westwärts gerichtet ermöglicht die Skulptur als Plattform den Blick über das flache Land in Richtung Sonnenuntergang und Vergnügungsparks unweit des Standorts am Rand des Polders. «Nicht zuletzt» meint Bob Gramsma, «stellt die Skulptur auch eine visuelle Verbindung zwischen dem Veluwemeer und dem Flevopolder dar.» Hier das Überbleibsel der Zuidermeer als Randsee, der das neue Land vom Festland hydrologisch trennt und verhindert, dass der Grundwasserspiegel des Festlands absinkt und es austrocknet. Dort wiederum die Weite des flachen Polderlands. «Ich versuche, das Unfassbare erfahrbar zu machen. Durch die elementare Freilegung der Erde, die fehlende Besetzung und die Vergangenheit, die sie verkörpert, werden wir daran erinnert, dass die Erde und ihre Geschichte – ebenso wie die kosmischen Kräfte oder Energien, die sie formen – jenseits der menschlichen Verständlichkeit liegen. Aber wir können versuchen, ihre unergründliche Präsenz in der historischen Zeit zu verstehen oder zu würdigen, wenn wir uns Zugang zu diesem exhumierten Überbleibsel verschaffen.»
So liess der Künstler einen Hügel aus 15 000 m3 Zuiderzee-Boden schütten, darin eine Vertiefung graben und ein Tragwerk einbetten, die Vertiefung mit Spritzbeton auskleiden und das gesamte Konstrukt ausgraben. Auf Pfählen lagernd und mit einer Treppe zur topfebenen Oberfläche versehen, ist nun der ausgegrabene Erdraum als Hohlkörper vermischt mit Resten des Meeresbodens über dem Polderboden sichtbar.
Das Korsett der künstlerischen Freiheit
Auf die künstlerische Idee, ein riffartiges Kunstwerk mit einer mergelstein- oder brekzienartigen Oberfläche zu schaffen, reagierten die Ingenieure mit einer Tragkonstruktion, die an einen Schiffsrumpf erinnert, zur Brücke wird und auf Pfählen fundiert ist. Andreas Galmarini von WaltGalmarini erläutert, dass «die Riff-Schale während des Bauzustands noch in der sandig-tonigen Bodenaufschüttung ‹schwamm›». Im Endzustand spannt die Skulptur nun brückenartig von Pfahlgruppe zu Pfahlgruppe. Die Phasen dazwischen waren ein Prozess, der von einer Stossrichtung, nicht aber von einem finalen Bauplan oder Bauprogramm geprägt war. Von den Planenden und den Ausführenden war Flexibilität gefragt.
Das Tragwerkskonzept für den rund 37 x 13 x 7 m grossen Körper ist gemäss der Konstruktion eines Schiffrumpfs aufgebaut, dessen Aussenhaut mit Kiel, Spanten und aufgelösten Längs- und Querschotten ausgesteift ist. Dabei war die Lage der Hauptachsen und der Pfahlgruppenmittelpunkte bereits früh im Planungsprozess festgelegt worden. Das Volumen und die Aussenhaut hingegen erhielten ihre finale Form erst während der konkreten Herstellung auf der Baustelle.
Dennoch galt es aber, dort den plangemässen geometrischen Anforderungen zu genügen, wo Schnittstellen und Übergänge von vorgängig erstellten, zu noch zu montierenden Bauteilen bestanden. So sagt Galmarini denn auch mit Nachdruck: «Dieses Nebenineinander von ‹plangemäss definiert› und ‹künstlerisch vor Ort zu bestimmen› stellte für alle Beteiligte wohl die grösste Herausforderung dar.»
Um die künstlerische Freiheit so lang und weit wie möglich offen zu halten, legten die Ingenieure das Tragkonzept so flexibel wie möglich aus – soweit dies denn machbar war. Denn das vorgegebene, knappe Budget und die bauhandwerklichen Möglichkeiten der örtlichen Unternehmungen beeinflussten die Umsetzung des Tragwerkkonzepts massgeblich. So kamen vorfabrizierte und im Spannbett vorgespannte Betonpfähle mit quadratischem Querschnitt zum Einsatz, weil diese in den Niederlanden zu tausenden eingesetzt werden und dadurch sehr günstig und flexibel erhältlich sind.
Hohlkörper trägt wie eine Brücke
Das Rammen der Pfähle war die erste physische Manifestation des Kunstwerks vor Ort. Aufgrund der Brutzeit verschiedener Vogelarten musste die Pfählung in einem bestimmten Zeitfenster erfolgen und Ende August abgeschlossen sein. Drei klassische Pfahlkopfplatten stellen den Kraftfluss von der Skulptur in die 18 Pfähle sicher. Die grösste Pfahlkopfplatte wurde ins gewachsene Terrain eingelassen und darauf die Wände des Treppenaufgangs betoniert. Die beiden kleineren, im Endzustand über Terrain schwebenden Pfahlkopfplatten wurden sozusagen «unterstopft», d. h., die entsprechenden Pfähle wurde temporär eingeschüttet.
Auf den Pfahlkopfplatten wurden Querschotten in Form von Fachwerken aus RRW-Stahlprofilen gestellt. Sie wurden in der Verlängerung der Treppenwände und direkt unterhalb der Deckebene mit HEB300-Trägern miteinander verbunden. Anschliessend wurde alles in einen Hügel aus lokaler Erde eingeschüttet, und das bisherig Erstellte verschwand für den Betrachter.
Der nächste Schritt bestand darin, die Rumpfform mit Baggern und Spaten aus dem Hügel auszugraben. Dieser schichtweise Aushub in 1 bis 3 m hohen Etappen fand unter minutiöser Anleitung des Künstlers statt. Dabei erlaubte der sandig-tonige Boden relativ steile und hohe Baugrubenwände. Gesichert wurden sie mit zweilagig bewehrtem Spritzbeton, der zugleich die Aussenhaut der Skulptur wurde.
Der obere Flansch des zentralen HEB300-Trägers wurde mit Kopfbolzendübeln versehen und mit der Deckkonstruktion zum Verbundträger ergänzt. Er bildet statisch den Obergurt der Skulptur, die wie eine zweifeldrige Brücke mit Spannweiten von knapp 7 m und etwas über 11 m sowie mit einer einseitigen Auskragung von 6.80 m funktioniert. Der Untergurt beziehungsweise die Kielrippe besteht aus einer Verdickung der Spritzbetonschale, die als klassischer Balken bewehrt wurde. Den Ober- mit dem Untergurt verbinden Pfosten aus HEB180-Profilen und justierbare Zugstangen zu einem Fachwerk.
So entstand in der Mittelachse der Skulptur ein Verbundfachwerk mit gekrümmtem Untergurt, das den gesamten Hohlkörper nach seiner Freilegung trägt. Aufgrund der offengelassenen Freiheiten in der Formgebung und der Unsicherheiten bezüglich der Steifigkeiten der einzelnen Tragelemente und der Auflager wurde das Tragsystem so ausgelegt, dass für das Eigengewicht statisch sowohl eine Bogenwirkung des Kiels als auch ein reines Fachwerktragverhalten abgedeckt wurden. In der Ebene der stehenden HEB-Pfosten dienen rundumlaufende Rippen der Aussteifung der Aussenhaut.
Das Deck wird zur Plattform
Der Rumpf wurde mit einer begehbaren Deckplatte geschlossen. Dafür setzten die Ingenieure ein im lokalen Wohnungsbau oft verwendetes Deckensystem ein – allerdings in adaptierter Form für den Aussenbereich. Das Deckensystem ist eine Art moderne Hourdisdecke: Zwischen den zentralen HEB300-Profilen und der Schale spannen im Spannbett vorgespannte und überhöhte, umgekehrt verlegte T-Träger mit einem Achsabstand von 63.5 cm. Zwischen diese Träger wurden Hohlsteinelemente aus Leichtbeton montiert, darüber ein Bewehrungsnetz verlegt und ein Überbeton aufgebracht. Die Oberfläche wurde glatt abgezogen und weist ein leichtes Gefälle auf, damit Regenwasser abläuft. Ausgebuddelt und freigelegt erreicht man das Deck des Riffs über den Treppenaufgang.
Wie ein archäologischer Fund ragt «Riff, PD #18245» aus der künstlichen Topografie des Ijsselmeerpolders. In einer aussergewöhnlichen Zusammenarbeit der Disziplinen Kunst und Ingenieurwesen entstand aus klassischen Materialien und aus herkömmlichen Baumethoden ein Kunstwerk, das alles andere als üblich und alltäglich ist. Vielmehr verdeutlicht es in seiner aussergewöhnlichen Erscheinung das Besondere seines Kontexts.
Alle neun Kunstwerke der Land Art Flevoland Collection:
«Observatorium» (1977) von Robert Morris in Lelystad
«Aardzee» (1982) von Piet Slegers in Zeewolde
«Sea Level» (1996) von Richard Serra in Zeewolde
«De Groene Kathedraal» (1996) von Marinus Boezem in Almere
«Polderland Garden of Love and Fire» (1997) von Daniel Libeskind in Almere
«Exposure» (2010) von Antony Gormley in Lelystad
«PIER+HORIZON» (2016) von Paul de Kort in Kraggenburg
«Riff, PD#18245» (2018-2019) von Bob Gramsma in Biddinghuizen
«Deltawerk» (2018) van RAAAF von Atelier de Lyon in Marknesse