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Reflexartig hatte sie den Brief zunächst zur Seite gelegt, wollte ihn bereits ins Altpapier befördern. Doch dann nahm sie das Blatt nochmals zur Hand, studierte die Einladung genauer. Ihre Gymnasiumsklasse sollte sich treffen, in knapp zwei Monaten, in einem beliebten Ausflugslokal am Fluss. "Wir sind oder werden demnächst alle 50!" stand da in grossen Lettern geschrieben. Das sei ein Grund zum Feiern, hiess es weiter. Unterschrieben von Stephan, Marco, Lisa und Steffi. Auch bekannt als Dreamteam - so hatten sie ihre Clique während der Schulzeit getauft.
Sie fand die vier keineswegs traumhaft. Eher ein menschgewordener Albtraum. Zumindest wenn sie zusammen waren. Früher hatte sie schleunigst Reissaus genommen, wenn Stephan und seine Entourage aufgetaucht waren. Ausserhalb der Schulzeit, versteht sich. Die übrige Zeit sass sie ja eingesperrt mit diesen vier Clowns im Unterricht. Und jetzt ein Klassentreffen. Klar, dass das Dreamteam dahinter steckte.
Sie liess die Einladung sinken. Gab es einen einzigen Grund, an dem Treffen teilzunehmen? Wenn Nicole käme, ja. Die würde sie gerne mal wieder sehen. Und vielleicht Tristan. Aber ob er ihr mittlerweile verziehen hatte? Sie knetete ihre Unterlippe. Am besten wäre es, wenn sie sich unter einem Vorwand von dem Treffen abmelden würde.
Die Einladung blieb also liegen. Zeitschriften, Rechnungen und ein Abstimmungscouvert deckten sie zu. Bis der Zettel einen Monat später wieder ans Licht befördert wurde. "Gehst du da hin?", fragte ihr Mitbewohner Peter, der für die Zahlungen in ihrer Zweier-WG zuständig war und regelmässig den Poststapel durchging. Sie brauchte einen Moment, bis sie sich an das bevorstehende Klassentreffen erinnerte. "Eher nicht", sagte sie, griff dann aber nach dem Blatt und stellte ihre Kaffeetasse darauf ab. Peter, der sich über sie gebeugt hatte, meinte: "Ich würde auf jeden Fall gehen. Stell dir vor, die Leute von früher - das wird sicher total lustig." Als er ihren zweifelnden Gesichtsausdruck sah, legte er nach: "Und wenn sie dich nerven, gehst du nach Hause. Mensch, mach dir einen schönen Abend!"
Peter meldete sie kurzerhand per E-Mail an, vergass nicht, anzugeben, dass sie laktoseintolerant war und klopfte ihr ermutigend auf die Schulter.
Drei Wochen später war es dann soweit: Sie stand vor dem Restaurant am Fluss. Gelächter und Stimmengewirr waren von der Terrasse zu hören. Sie zupfte am Ausschnitt ihres geblümten Kleides herum und fragte sich erneut, was sie hier machte. Dann gab sie sich einen Ruck und öffnete die Türe des Restaurants, tauchte in eine Wolke aus Essensgerüchen uns abgestandener Luft ein. Kurze Zeit darauf betrat sie die Terrasse, wo sie zunächst stehen blieb, um sich zu orientieren. Die meisten Plätze an der langen Tafel waren schon besetzt. Sie ging am Tisch entlang, wo bereits eifrig diskutiert, gelacht und geredet wurde. In der Mitte der Tafel sass das Dreamteam, natürlich. Stephan sah noch genauso grosskotzig aus wie früher. Mit halboffenem Hemd und Goldkettchen lehnte er in seinem Stuhl und zeigte sein selbstzufriedenes Grinsen. Dann fiel sein Blick auf sie. Sein Lächeln erstarb, er beugte sich hinüber zu Marco. Dieser stellte sein Proseccoglas ab und begrüsste sie übertrieben fröhlich. "Schön, dass du kommen konntest!" Auch Stephan zwang sich zu einem Kopfnicken. "Wir haben keine Tischordnung, da hinten gibt es noch einen freien Platz." Marco deutete auf das Ende der Tischreihe.
Sie lächelte höflich und ging in die gezeigte Richtung. Sah Pedro, den Physikstar, die schöne Andrea, die, wie sie wusste, mittlerweile beim Fernsehen arbeitete. Zudem Öko-Robert, der schon vor 35 Jahren immer Birkenstock-Sandalen getragen hatte. Dann sah sie den letzten freien Platz, ganz am Rand der Terrasse. Gegenüber sass ein Mann mit dunklen Haaren, der mit dem Finger Achten auf die Tischdecke zeichnete.
"Hallo, Tristan", sagte sie und setzte sich ihm gegenüber. Er blickte auf und sah zunächst verwundert aus. Dann zornig. Doch nur für kurze Zeit. Schliesslich lächelte er über das ganze Gesicht. Er griff nach ihrer Hand. "Dich hätte ich nicht erwartet. Aber, Mensch! Der Abend ist gerettet!" Er schnappte sich ein Glas Prosecco und hielt es ihr hin. "Du bist noch genauso umwerfend wie früher", sagte er und liess sein Glas gegen ihres klirren.
Sie nippte am Prosecco und fragte sich, ob ihr Abend gerettet war. Er könnte vielleicht ganz lustig werden. Mal sehen, dachte sie, und liess den Blick über die ehemalige Klasse schweifen. Dann leerte sie ihr Glas in einem Zug und reckte das Kinn. Oh ja, es würde lustig werden.