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Eines der grossen Rätsel um Carl Albert Loosli (1877-1959) ist auch nach der Studie von Dariusz Komorowski nicht geklärt: Wie ist es möglich, dass ein Verdingbub wie Loosli, der bis 1897 in der Zwangserziehungsanstalt Trachselwald sitzt und im Herbst 1899 als Morphiumsüchtiger in die Irrenanstalt Waldau eingewiesen wird, trotzdem bereits ab 1900 journalistisch arbeitet, ab 1905 auch als regelmässiger Leitartikler, spätestens ab 1910 nebenbei anwaltschaftlich im Dienst der berühmtesten Kulturschaffenden des Landes, Carl Spitteler und Ferdinand Hodler – und daneben als Satiriker, Mundartpoet und Sachbuchautor jungverheiratet mit kleinen Kindern Manuskript um Manuskript fertig stellt (nicht alle sind gedruckt worden)?
Dieses Rätsel bleibt. Aber daneben hat Komorowski, der als Germanist an der Universität Wrocław (Breslau) lehrt, eine Studie vorgelegt, die die Publizistik des jungen Loosli ausserordentlich kenntnisreich in der damaligen intellektuellen Debatte um Modernität und nationale Identität verortet.
Der Feuilletonist im «Nicht-Ort»
C. A. Loosli arbeitet ab 1900 in Bern für verschiedene Blätter als Feuilletonist. Komorowski zeigt einleitend, dass er sich damit in die Tradition von Heinrich Heine stellt, der als Mitbegründer des modernen Feuilletonismus gilt. Heine plädierte für die Erweiterung des Begriffs des Poetischen im Sinn der Verbindung von Dichtung und Publizistik. Die subjektive kleine Form des Feuilletons, die sich daraus ergibt, baut nach Komoroswki «das im Augenblick Erfahrene und Erlebte in einer Assoziationskette zu einer ästhetischen Form».
Originell ist Looslis Perspektive. Feuilletonismus steht damals für die Publizistik der grossen Blätter in den urbanen Zentren (allerdings hat auch Bern damals in der Person des «Bund»-Redaktors Joseph Victor Widmann einen international bedeutenden Feuilletonisten). Die tendenzielle Grossstadtperspektive des Feuilletons führt damals dazu, dass es die Provinz überspitzt zum Ort der Rückständigkeit und der Anti-Moderne macht. Komorowski weist nach, dass der pointierte Regionalismus, den Loosli in seinen Feuilletons vertritt, nicht provinziell, sondern Strategie ist: Loosli unterstreicht damit, dass kulturpolitisch gesehen der Regionalismus wichtiger ist als die Konstruktion der nationalen Identität der Schweizer (Frauen waren damals bei einer solchen Fragestellung noch nicht einmal mitgemeint). Komorowski: «Während die übergreifende ‘Nationalisierung’ der Identität die Subjekte zwingend verortet, ent-ortet Loosli sich selbst in einen intellektuellen ‘Nicht-Ort’.»
Der Intellektuelle mit der Narrenkappe
Komorowski attestiert dem jungen Loosli ein geradezu «souveränes Spiel mit der Öffentlichkeit». Als Feuilletonist habe er sich konsequent eine Rolle aneignet, mit der damals auch andere gespielt haben: die Rolle des Aufklärers im Gewand des «weisen Narren», die die europäische Publizistik seit Erasmus von Rotterdam («Lob der Torheit», 1511) und François Rabelais («Gargantua und Pantagruel», 1532) kennt.
Für Komorowski ist klar, dass Loosli «zum grossen Teil dank dem angenommenen Narrenhabitus» seine intellektuelle Souveränität verteidigt. So kann er «nicht nur das Philistertum in seiner Engstirnigkeit und Heuchelei kritisieren, sondern auch eine Distanz zu den ihm nahe stehenden sozialen Schichten des Bauerntums und der Arbeiterschaft bewahren».
Deprimierend aktuell – um ein Thema der damaligen Identitätsdebatte herauszugreifen – sind Looslis Stellungnahmen gegen den Entscheid der offiziellen Schweiz, mit der Einführung des 1. Augusts im Jahr 1891 die nationale Identität mit dem Mythenmüll von 1291 begründet zu haben anstatt mit der historisch erwiesenen, republikanisch-demokratischen Tat der Bundesstaatsgründung von 1848. Komorowski: «In der Begegnung des heldengeschichtlich orientierten nationalen Diskurses mit dem Diskurs der Moderne sieht Loosli einen unüberbrückbaren Widerspruch.» Es ist der gleiche Widerspruch, den 1990 Niklaus Meienberg betont hat in seiner Stellungnahme gegen die «700-Jahr-Feier» der Eidgenossenschaft; und es ist der gleiche, den heute HistorikerInnen gegen die 1315- und 1515-Rhetorik der SVP-Mythomanen geltend machen. «In seinem modernen Geschichtsverständnis», so Komorowski über Loosli, «verdankt die Eidgenossenschaft ihre Entwicklung und ihre kulturelle und nationale Souveränität nicht einem Wilhelm Tell, sondern dem realen Menschen, der imstande war und ist, frei zu denken und zu handeln.»
Klar Gedachtes gegen «Literatur»
Das steht nicht in der Studie von Komorowski, aber man darf es nach ihrer Lektüre durchaus schliessen: C. A. Loosli war schweizweit einer der bedeutenden Autoren des 20. Jahrhunderts. Dummerweise gewichtet die Literaturgeschichte der Deutschschweiz so, dass dem Kanon der «Grossen» nur angehören kann, wer das klare Denken dem fiktiven Fabulieren untergeordnet hat. Deshalb spielt Loosli nur ausser Konkurrenz mit – umso mehr als seine «Vorstellung vom literarischen Schaffen», so Komorowski, «an der ersten Stelle dem ethischen und erst danach einem ästhetischen Prinzip untergeordnet» gewesen sei. Das hat natürlich gar nix mit richtiger Schweizer Literatur zu tun.
Folgerichtig ist C. A. Loosli nach der ausserakademisch initiierten Kampagne von 2006 bis 2009 unterdessen wieder ins Glied der Namenlosen zurückgetreten worden. Es ist kein Zufall, dass das – neben Erwin Martis (noch unabgeschlossener) Biografie – bedeutendste Stück Sekundärliteratur über C. A. Looslis (auch) literarische Bedeutung in Polen geschrieben worden ist.
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PS. Vom 19. bis zum 21. August 2016 will die Stadt Bern das 1919 eingemeindete Dorf Bümpliz mit einem Stadtfest feiern (weil die erste urkundliche Nennung von «Pimpenymgis» auf das Jahr 1016 zurückgeht). Vorschlag: C. A. Loosli, den «Philosophen von Bümpliz», nicht vergessen!