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Der Übergang vom grossen I zum Doppelpunkt gestaltet sich unerwartet mühelos. Vielleicht weil die kleinen Punkte in den Worten fast verschwinden. Die neue Form sei nicht mehr an die Zweigeschlechtlichkeit gekoppelt. Wenn da «Beschützer:innen» steht, seien damit auch Menschen gemeint, die sich weder als Frau noch als Mann verstehen. Ihnen ist der leere, undefinierte Raum zwischen den zwei Pünktchen gewidmet, denke ich mir. Beim Chinesischlernen ist das zur Gewohnheit geworden: eigene Erklärungen entwickeln, wenn das Auswendiglernen schwerfällt.
Für viele chinesische Schriftzeichen gibt es mehrere wissenschaftliche Hypothesen, was sich die mystischen Schreiber (oder vielleicht sogar Schreiber:innen) dachten, als sie aus Tausenden von Zeichnungen Zeichen formten. Heute bestehen die meisten Schriftzeichen aus einem Teil, der als Schlüssel des Bedeutungsfeldes dient, und einem anderen Teil, der eine Ahnung davon gibt, wie das Zeichen in der Standardsprache Mandarin in etwa ausgesprochen wird. Eine chinesische Autorin erklärte mir einmal, worin die Herausforderungen dieser Schrift für einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch bestehen. Wobei ich hier eher von Schriftgebrauch sprechen müsste, denn in der gesprochenen Sprache hört man das Geschlecht der Wörter nicht, es gibt nur ein Personalpronomen, die Wörter verändern sich nie, Substantive und Adjektive haben also keine Endungen.
Alles paletti? Nein, sagte die chinesische Autorin. Die Bedeutungen, die in einem Zeichen angelegt sind, seien oft sexistisch. Das war mir schon in den ersten Sprachstunden aufgefallen. Der Lehrer erklärte die Zeichen für Mensch, «ren»: 人, Frau, «nü»: 女 und Mann, «nan»: 男. Das erste Zeichen zeige verkürzt den Oberkörper und die Beine eines kräftig ausschreitenden Mannes. Während das Zeichen für Mann (男) einen Acker (田) mit dem Zeichen für Kraft und Stärke (力) kombiniere, zeige das Zeichen für Frau (女) einen gebückten Menschen, der auf dem Feld Früchte einsammele. Schlimmer wurde es beim Zeichen «an» für Friede und Sicherheit: 安. Hier sehe man eine Frau unter einem Dach. Das heisse: Der Mann kann ruhig und sicher sein, wenn seine Frau im Haus eingeschlossen sei und nicht fremdgehen könne. Ob das eine Machofantasie jenes Lehrers war oder eine wissenschaftliche Hypothese, habe ich nicht überprüft. Verschiedene Chines:innen waren überrascht, als ich ihnen davon erzählte. Sie denken sich gar nichts oder etwas anderes beim Zeichen 安. Jene Autorin schien aber genau zu wissen, wovon ich sprach, und zeigte mir zahlreiche Zeichen, die Frauen als Bedeutungsträgerinnen für Feigheit und Schwäche verwenden. Drei Forscher:innen in Taiwan haben die These untersucht, dass im Schriftsystem eine Grundtendenz vorliege, Weibliches negativ zu konnotieren. Sie kamen zum Schluss, dass in einem kleinen Sample junger Taiwaner:innen schon die Zuordnung von «positiv» und «negativ» zu bestimmten Eigenschaften wie «unzufrieden» oder «gebraucht» uneinheitlich sei. Und sie befördern die Hoffnung, dass das Selberlesen der Zeichen ganz neue Geschichten produzieren kann.
So fühle ich mich etwas weniger daneben, wenn ich mir 安 in Verbindung mit einem friedlichen Glas Wein denke, das die Frau genüsslich trinkt, wenn sie abends von der Arbeit nach Hause kommt.
Annette Hug ist Autorin in Zürich. Die hier erwähnte Studie von Rong-Ju Cherng, Chu-Lin Chang und Jenn-Yeu Chen hat sie auf der Plattform academia.edu gefunden.