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Mit den Beobachtungen über die Londoner Sterberegister, die der Engländer John Graunt 1662 veröffentlichte, schlug die Geburtsstunde von Statistik und D. Der Ausdruck D. wurde allerdings erst 1855 in Frankreich von Achille Guillard in seiner Studie "Eléments de statistique humaine ou démographie comparée" erstmals verwendet.
Den ersten Demografen ging es aus wissenschaftl. und prakt. Gründen v.a. um die statist. Erfassung der Mortalität. Mit diesen Daten liessen sich nämlich Überlebenstafeln zur Berechnung von Leibrenten erstellen. Die Pioniere der D. waren entweder Pfarrer oder Astronomen und Mathematiker wie die Schweizer Nicolaus und Daniel Bernoulli und Leonhard Euler. Nicolaus Bernoulli führte den Begriff der Lebenserwartung ein. Euler begründete 1760 die mathematische D. Er entwarf die Theorie der stabilen Bevölkerung, indem er die Beziehungen zwischen der Mortalität, dem Gleichgewicht zwischen Geburten und Todesfällen sowie der Verteilung der Sterbefälle nach Altersgruppen definierte. Der Waadtländer Pfarrer Jean-Louis Muret, einer der grossen Demografen des 18. Jh., schuf die Begriffe der Natalität, der Nuptialität und der Mortalität. Sein Aufsatz "Mémoire sur l'état de la population dans le pays de Vaud" (1766) brachte zwei bedeutende Neuerungen: Eine ausführl. Tabelle der Kindersterblichkeit und die erste Tabelle der Frauensterblichkeit unter Berücksichtigung des Zivilstands und der Zu- und Abgänge pro Heirat.
Auch wenn sich die Veröffentlichungen zur D. häuften - in der Schweiz galten Bevölkerungsstatistiken noch in der 2. Hälfte des 18. Jh. als Staatsangelegenheiten: Muret wurde von der Berner Regierung wegen des Gebrauchs und der Publikation amtl. Dokumente gerügt, in Zürich wurde Pfarrer Johann Heinrich Waser enthauptet, weil er auf ebensolchen Dokumenten beruhende Daten zur Bevölkerung öffentlich gemacht hatte.
Emmanuel Etienne Duvillard de Durand, ein in Paris niedergelassener Genfer und ab 1805 Vizedirektor des dortigen statist. Amts, wurde durch die Sterblichkeitstafel im Anhang seines Aufsatzes über Blattern und Kuhpocken 1806 bekannt. Obgleich diese Tafel auf heterogenem statist. Material beruht, u.a. auf einer Statistik der Stadt Genf, galt sie lange als repräsentativ für die Sterblichkeitsrate im Frankreich des Ancien Régime. Auf private Initiative geht auch die akrib. Auswertung der Genfer Totenregister zurück, die im 18. Jh. von zwei Ärzten, Jean-Antoine Cramer und Abraham Joly, vorgenommen wurde. Ihre Arbeit wurde nicht veröffentlicht, Duvillard benutzte sie aber wie auch Jean Charles Léonard Simonde de Sismondi, der die meisten Angaben über die Sterblichkeit in seiner "Statistique du Département du Leman" vom Arzt Louis Odier übernahm. Erwähnt werden muss auch Louis Maillets bemerkenswerte, 1837 in Paris erschienene Studie "Recherches historiques et statistiques sur la population de Gèneve". Mehrere Genfer Ärzte, u.a. Henri-Clermond Lombard und Marc-Jacob D'Espine, untersuchten die Mortalität nach sozialer Zugehörigkeit.
Im 19. Jh. trat die D. in den Dienst der Verwaltung und hielt Einzug in den statist. Ämtern - das eidgenössische wurde 1860 gegründet - die ihr die nötigen Daten verschafften. 1927 fand in Genf der erste Weltkongress zur D. (Congrès mondial de la population) statt; die Schweiz wurde dabei von William Emmanuel Rappard vertreten. 1949 tagte der erste Nachkriegskongress der Union internationale pour l'étude scientifique de la population unter dem Vorsitz von Liebmann Hersch, Professor in Genf.
In den 1960er Jahren gewann die D. dank neuer Arbeiten und Ansätze weitere Anwendungsgebiete. So wurde dank der Methode der Familienrekonstitution des Franzosen Louis Henry, die auf der Auswertung von Pfarrbüchern beruht, auch die vorstatist. Zeit für die D. erschlossen. Mit der historischen D. entstand eine eigenständige Disziplin, die in Genf seit 1979 gelehrt wird.
Literatur
– J. Dupâquier, Pour la démographie historique, 1984
– J. et M. Dupâquier, Histoire de la démographie, 1985
– C. Behar, «Le pasteur Jean-Louis Muret (1715-1796)», in Population 3, 1996, 609-644
– J. Dupâquier, L'invention de la table de mortalité, 1996
Autorin/Autor: Alfred Perrenoud / AA