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Der Motor stotterte, dann erstarb er. Elfriedes Blick wanderte zur Tachonadel, die über die 100 strich und sich langsam, aber sicher der 80 näherte. Gut, dass die Autobahn um diese Zeit nur wenig befahren war. Sie setzte den Blinker und lenkte den Toyota auf den Pannenstreifen, wo er langsam ausrollte.
Am liebsten hätte sie den Kopf auf das Lenkrad gelegt und die Augen geschlossen. Das leichte Wackeln ihres Autos und das Brummen schwerer Motoren liess sie jedoch in die Realität zurückkehren. Sie schaltete die Warnblinkanlage ein und überlegte, wo das Pannendreieck in ihrem Auto war. Im Kofferraum? Beim Reserverad? Dann blickte sie auf die Uhr. Bald würde es hell werden und der Verkehr zunehmen. Elfriede zog ihre Handtasche vom Beifahrersitz auf ihren Schoss und kramte darin nach ihrem Handy. "Bermudadreieck" nannte ihr Freund ihre grosse Tasche aus hellem Leder. Weil darin angeblich alles verschwand und nie wieder auftauchte. Blödsinn, fand Elfriede. Ihre Tasche war eben geräumig. Sie fand darin meist schnell, was sie suchte. Nur heute nicht.
Ihr Handy war noch in der Küche beim Aufladen. Shit, shit, shit! Elfriede hieb mit der Faust auf das zerkratzte Lenkrad und fluchte gleich nochmal, weil ihre Handaussenseite vom Schlag schmerzte. Was konnte sie tun? Wie war das früher gewesen, bevor jeder jederzeit und überall telefonieren konnte? Sie blickte in den Rückspiegel. Rund 200 Meter entfernt befand sich eine orange Säule. Notruf. Genau. So ging das. Elfriede öffnete die Fahrertür und schlug sie sogleich wieder zu, als sie das durchdringende Tuten eines Schwertransporters vernahm. Dann lieber die andere Tür. Sie kroch über ihre Tasche, die sich wie ein beleibtes Haustier auf dem Beifahrersitz lümmelte und stiess die Tür auf. Der Wind zerzauste ihr die morgens sorgfältig drapierte Föhnfrisur, während sie auf dem Pannenstreifen zur leuchtenden Säule eilte.
Elfriede drückte den silbernen Knopf und wartete. Darauf, dass eine Stimme knisternd durch den Autobahnlärm und den Wind drang. Sie hielt ihr Ohr näher an die kreisförmig angeordneten Löcher, hinter denen sich wohl der Lautsprecher verbergen musste. Nichts. Sie drückte erneut auf den Notrufknopf und bückte sich zum Lautsprecher hinab, während sie ihre Arme fest um ihren Körper schlang. Hätte sie doch die wärmere Jacke genommen! Gut, wer rechnete schon mit einer Panne. Ihr Auto kam frisch aus der Werkstatt. Obwohl. Ein halbes Jahr lag der letzte Service bereits zurück. Oder war es länger her? Elfriede runzelte die Stirn, das Ohr fest an das kalte Lautsprechergehäuse gepresst. Dann schlug sie mit der Faust dagegen. Fluchte laut. Drückte wie eine Furie auf den silbernen Knopf. Hieb mit dem Fuss gegen die Säule. Erst als ein LKW-Fahrer sie anhupte und ihr den Vogel zeigte, hörte sie auf.
Wo sich die nächste Notrufsäule befand, wusste sie nicht. Und ob diese funktionieren würde, ebenso wenig. Langsam ging sie zurück zu ihrem Auto, dessen blaumatte Lackierung im ersten Tageslicht schimmerte. Ungeachtet der inzwischen regelmässig vorbeifahrenden LKWs öffnete sie die Fahrertür und sank auf den Sitz. Sie blickte hinüber zu ihrer Tasche, die jedoch, wie immer, keine Ratschläge erteilte. Dann drehte sie den Schlüssel im Zündschloss, trat auf die Kupplung und löste die Handbremse. Der Motor sprang leise summend an. Sie legte den ersten Gang ein und drückte aufs Gas. Der Toyota schnurrte wie eine Katze und beschleunigte.
Ha! Elfriede schlug mit der flachen Hand aufs Lenkrad und zog ihre Mundwinkel auseinander, so dass es für Aussenstehende wie ein Grinsen aussah. Dann schaltete sie die Warnblinkanlage aus und zog ihr Auto nach links. Blick auf die Uhr. Sie würde es rechtzeitig schaffen zum Wochenend-Workshop. "Weg mit dem Stress" war das Motto. Strategien für ein entspannteres Leben. Eigentlich hatte sie das gar nicht nötig. Doch ihre Chefs hatten darauf bestanden. Es ihr als Wellness-Wochenende verkauft. Vier-Sterne-Hotel mit Spa, alles inklusive. Und das nur wegen dem Vorfall mit dem neuen Kunden. Der nun kein Kunde mehr war. Doch daran war der hundertprozentig selber schuld. Sie war entspannt! Und wie!