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Landbesitz nur einige mit der Hauptstadt nicht in Verbindung stehende Enklaven umfasst. Vor der Reformation gehörte blos
ein kleiner Landstrich am linken Ufer der
Rhone zur Stadt, die dann das Gebiet um
Saint Gervais und die eben genannten Enklaven 1536 erwarb,
die vorher Eigentum des
Bischofes, des Chorherrenstiftes und zweier
Klöster gewesen waren.
Nach der Angliederung der oben namentlich aufgeführten 22 Gemeinden verteilte sich die Bevölkerung des Kantons Genf
wie folgt:
Ew.
Stadt Genf
22300
13 reformierte Gemeinden
9139
6 französische Gemeinden
4350
16 savoyische Gemeinden
12700
Total
48489
Von seinem Eintritt in die Eidgenossenschaft an hat sich Genf
einer bemerkenswerten Blüte und, mit wenigen
Ausnahmen, einer ruhigen Entwicklung zu erfreuen gehabt. Immerhin sind auch während dieser Periode noch einige Ereignisse
der Erwähnung wert. Durch das Beispiel von Eynard entflammte 1827 eine grosse Begeisterung für die Griechen, die in einer
öffentlichen Gabensammlung ihren Ausdruck fand. Eine wohltätige Nachwirkung hatten in Genf
der Sturz von
Karl X. und die Julirevolution, indem die Verfassung von 1814 im Sinne einer Erweiterung der Volksrechte revidiert wurde.
Endlosen Debatten und Streitigkeiten rief 1840-43 die Neuorganisation der Stadtverwaltung, die am sogar zu einem
Aufruhr führten. Als drei Jahre später der Grosse
Rat sich weigerte, der Aufhebung des Sonderbundes
beizustimmen, brach am in Genf
eine Revolution aus; die am folgenden Tage unter dem Vorsitz von James Fazy veranstaltete
grosse Volksversammlung beschloss Auflösung des Grossen Rates und Ernennung einer neuen, provisorischen Regierung, die dann
die von den
Bürgern am angenommene neue Verfassung ausarbeitete.
Zum
Schlusse unseres kurzen geschichtlichen Ueberblickes wollen wir nur noch dreier wichtiger Ereignisse gedenken: 1864 verursachte
der Sturz von James Fazy einen heftigen Aufruhr. Als nämlich durch den Ausfall der
Wahlen vom 22. August James Fazy von der Regierung
ausgeschlossen ward, verwundeten Flintenschüsse mehrere Teilnehmer an dem den Weibeln folgenden Zug
der
Bürger. Der Staatsraat rief eidgenössische Hilfe an, und es folgte ein Aufsehen erregender Prozess gegen die Anstifter
des Komplotes, die dann von den eidgenössischen Geschworenen frei gesprochen wurden. 1870 wütete in Genf
der Kulturkampf, dessen
einer Führer Antoine Carteret war. Im Oktober 1902 endlich brach ein Streik aus, der allgemein zu werden
und den Charakter eines wirklichen Aufstandes anzunehmen drohte, von den Behörden jedoch rasch unterdrückt werden konnte.
Bibliographie.
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H.
Genèveà l'époque de l'Escalade. 1902.
französisch
Genève, italienisch
Ginevra. Hauptstadt des Kantons Genf;
liegt in der SW.-Ecke der
Schweiz und am sw. Ende des
Genfersees. Die Kathedrale
St. Pierre liegt in 46° 12' 4" N. Br. und 3° 49' 0" OL. von Paris (oder 6°
09' 15" OL. von Greenwich).
Genfs Lage zeichnet sich weniger durch grossartige landschaftliche Umgebung als durch Lieblichkeit
und Anmut aus, in welcher Beziehung sie eine der schönsten der ganzen
Schweiz ist. Der die Stadt bespühlende
See und Fluss,
sowie der weite
¶
mehr
Rahtuen der sanftgeschwungenen Juraketten und der firngekrönten Alpen Savoyens geben ihr einen ganz eigenartigen Reiz. Die
in ihrem Oberlauf stürmische und trübe Rhone hat ihr Geschiebe im See abgelagert und verlässt ihn bei Genf
als rasch fliessender
und wohl regulierter Strom, dessen dunkelblaue Fluten einen starken Gegensatz bilden zu dem schlammigen
Wasser der kurz unterhalb der Stadt einmündenden Arve. Aus den Wassern der zwischen den beiderseitigen Quaianlagen Genfs in
der Richtung O.-W. abfliessenden Rhone tauchen zwei kleine Inselchen auf, die IleJean Jacques Rousseau und die Ile kurzweg.
Diese ist die grössere und misst etwa 300 m in die Länge und 40 m in die Breite. Die aus dem See austretende
Rhone hat bei der obersten Brücke eine Breite von 262 m, dann wird ihr Bett zusehends schmäler, bis die Breite bei der untersten
Brücke von Genf
von einem Ufer zum andern nur noch 80 m beträgt. Nach der Aufnahme der Arve fliesst der Strom
zwischen hohen Steilufern hin, die aus Ablagerungen quaternären Alters bestehen. Im Weichbild der Stadt selbst ziehen sich
zwei Stauwehre über die Rhone, deren eines oberhalb der Ile den rechten Flussarm und deren anderes unterhalb der Ile den linken
Flussarm quert.
Diese Werke regeln die Wasserverhältnisse und dienen dazu, den Spiegel des Genfersees auf der zwischen den
Uferstaaten vereinbarten Höhe (d. h. zwischen PN -1,30 m u. PN -1,90 m) zu erhalten. (Das konventionelle Zeichen PN bedeutet
die absolute Höhe des eidgenössischen Fixpunktes an der Pierre à Niton [im Hafen von Genf], der der gesamten schweizerischen
Hypsometrie als Grundlage dient und 376,86 m über dem Mittelwasserstand des Mittelländischen Meeres liegt).
Näheres über diese Wehranlagen und über die Verwendung der Wasserkraft der Rhone werden wir später in dem die industriellen
Anlagen der Stadt Genf behandelnden Abschnitt mitteilen. Da die Rhone in ihrem Oberlauf zahlreiche Zuflüsse mit
Wildbachcharakter erhält, schwankt ihre Wassermenge auch bei dem Austritt aus dem See noch innerhalb ziemlich weiter Grenzen.
Am 6 August 1901 führte sie hier in der Sekunde ein Maximum von 595 m3Wasser u. am 13. Januar u. 8. Dezember desselben Jahres ein
Minimum von 70 m3Wasser, während die mittlere Wassermenge des Jahres 263 m3 pro Sekunde betrug.
Die mittlere jährliche Wasserführung (aus den letzten 13 Jahren berechnet) belief sich auf 248 m3 pro Sekunde, während
die Monatsmittel für denselben Zeitraum folgende Zahlen lieferten:
m3
Januar
123
Februar
133
März
146
April
142
Mai
236
Juni
392
Juli
499
August
464
September
337
Oktober
209
November
154
Dezember
122
Daraus
ergibt sich, dass die Rhone im Juli und August ihre maximalen Wassermengen führt, was sich daraus erklärt, dass die
meisten ihrer Zuflüsse oberhalb Genfs von Gletschern gespiesene Wildbäche sind, die eben wegen der im Hochsommer am intensivsten
vor sich gehenden Eisschmelze gerade in diesen Monaten am wasserreichsten sind. Noch beträchtlicher
sind die Wasserstandsschwankungen der Arve, die ja ein typischer Wildbach ist. Diese Schwankungen bewegten sich 1890 von einem
Minimum von 6,6 m3Wasser pro Sekunde (am 7. März) zu einem Maximum von 437 m3Wasser pro Sekunde (am 31. August). Vergl.
Bæff, B. Les eaux de l'Arve.Genève 1891.
Die Stadt Genf wird von der Rhone in zwei ungleiche Hälften zerschnitten. Der Stadtkern am rechten Ufer, das lange Zeit nur
eine Vorstadt bildende QuartierSaint Gervais, nimmt heute eine wichtige Stellung ein, indem hier der Hauptbahnhof, das Postgebäude
und zahlreiche glänzende Gasthofbauten stehen. Weithin ziehen sich hier heute die Häusermassen, die stellenweise bis auf
den Boden der angrenzenden Aussengemeinden übergreifen. Dieser Stadtteil steigt vom Ufer der Rhone allmählig bis zu den
Höhen um das Dorf Le Petit Saconnex an. Links der Rhone liegt die genferische Altstadt, die die meisten
der öffentlichen Bauten umfasst und an die sich fast alle geschichtlichen Erinnerungen knüpfen. Sie steht auf einem Hügel,
der zum Flusse steil abfällt, nach der entgegengesetzten Seite dagegen sanft geböscht ist. Das Ganze der Altstadt wird beherrscht
von den drei ehrwürdigen Türmen der Kathedrale Saint Pierre.
Sieben Brücken vermitteln den Verkehr zwischen den beiden Flussufern. Ueber die Zeit der ersten
Erbauung der beiden ältesten, die die Ile mit den beiden Ufern verbinden, fehlt jede Angabe. Im Jahre 1670 zerstörte eine
furchtbare Feuersbrunst beide Brücken zusammen mit den an ihnen auf Pfählen stehenden Häusern. Diese ursprünglich von
einander getrennt angelegten zwei Inselbrücken wurden erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts zu
einer einzigen grossen und durchgehenden Brücke vereinigt und bilden jetzt zu beiden Seiten der Insel gleichsam je einen breiten
Platz, wo die Wochenmärkte ihre Stelle gefunden haben. Diese zwei alten Inselbrücken genügten dem Verkehr bis zum
Beginn des 19. Jahrhunderts. Dann wurde 1829 Unter der Leitung von General Dufour der Pont des Bergues
erbaut, dessen Fahrbahn bis 1880 aus Holz bestand. Die Brücke bildet einen Winkel, dessen stromaufwärts gerichteter Scheitel
vor der Ile des Barques oder Ile Rousseau liegt. Es folgten im Laufe des 19. Jahrhunderts der Reihe nach
die Passerelle
¶
die 1880 vollendeten Passerelles de l'Ile und endlich unterhalb der Stadt der 1890 erbaute Pont deSous Terre.
Rechtes Ufer.
Die Stadtanlage am rechten Ufer der Rhone bestand ursprünglich blos aus dem in Gestalt eines unregelmässigen Dreieckes erbauten
QuartierSaint Gervais, dessen Grundlinie sich vom Pont des Bergues bis zum Pont de la Coulouvrenière an die
Rhone anlegte und dessen Scheitel an der Place des Vingt-deux Cantons lag. Diese einstige Vorstadt hat sich bis auf den heutigen
Tag noch ihr eigenartiges Gepräge zu wahren vermocht und besteht aus engen, von hohen Häuserreihen
begleiteten Strassen, aus düstern und mannigfach gewundenen Gässchen und aus dunkeln und feuchten Höfen.
Auch die Bevölkerung von Saint Gervais war in ihrer Gesamtheit von den Bewohnern der Quartiere am linken Ufer durchaus verschieden,
welcher Unterschied sich aber seit der Entwicklung von Genf
zu einer Weltstadt vielfach verwischt hat. (Vergl.
darüber: Monnier, Ph. Causeries genevoises.Genève 1901). Während der letztvergangenen Jahre hat das QuartierSaint Gervais
zahlreiche Umwandlungen erfahren: breite Verkehrszüge sind durchgebrochen und zahlreiche der alten Häuser mit ihrem mittelalterlichen
Anstrich sind abgetragen worden.
Damit hat das Quartier in gesundheitlicher Beziehung gewonnen, in malerischer aber bedeutend verloren. In
der Folge haben sich dann daran neue Stadtteile angeschlossen, so das am Seeufer sich hinziehende QuartierLes Pâquis, die
in der Nähe des Bahnhofes liegenden QuartiereMontbrillant und Les Grottes, ferner La Servette und Saint Jean. Rings herum schliesst
sich ein breiter Villengürtel an, der bis auf Boden der Gemeinde Le Petit Saconnex übergreift. Die genannten
Quartiere werden von einer der Hauptsache nach Handel und Gewerbe treibenden Bevölkerung bewohnt, während sich die
geistigen Interessen mehr auf die Stadtteile links der Rhone konzentrieren. Immerhin finden sich auch im rechtsufrigen Genf
eine
Anzahl von später zu erwähnenden Unterrichtsanstalten.
Saint Gervais und seine Nachbarquartiere stehen auf einer vom Rhoneufer (375 m) aus langsam bis 400 und 420 m
ansteigenden Höhe. Die hauptsächlichsten Strassenzüge dieser Stadtteile gehen im rechten Winkel von der Rhone ab und führen
mit mässiger Steigung hinaus zu den Aussenvierteln, während andere vom Bahnhofe ausstrahlen. Die bedeutendste und belebteste
dieser Verkehrsadern ist die breite Rue du Mont Blanc, die Saint Gervais von Les Pâquis trennt und vom Bahnhof
aus in gerader Linie zur Rhone sich hinabzieht. Die im QuartierSaint Gervais noch schmalen
Quais erweitern sich gegen den See
hin, wo sie ihrer schattigen Baumreihen und schönen Aussicht auf den Mont Blanc und die Savoyer Alpen
wegen von Spaziergängern stets belebt sind.
Am rechtsufrigen Seequai steht auch das Braunschweig-Denkmal, das von der Stadt Genf dem ihr sein ganzes Vermögen hinterlassenden
Herzog Karl II. von Braunschweig 1879 errichtet worden ist. Dieses ungefähr zwei Millionen Franken kostende Mausoleum ist
dem testamentarisch bestimmten Wunsch des Herzogs entsprechend im Stile des Grabmales von Can Signorio
della Scala m. Verona gehalten. Die Ausführung des vom Architekten Franel geleiteten Bauwerkes ist eine bemerkenswert sorgfältige,
doch steht sein Kunstwert in keinem Verhältnis zur aufgewendeten Arbeit und zu den hohen Kosten.
Das in gotisch-lombardischem Stil gehaltene Denkmal besteht aus weissem und rotem Marmor und enthält
im Mittelgeschoss einen Sarkophag mit der vom Bildhauer Iguel geschaffenen Statue des Herzogs, während die sechs Ecken mit
den Standbildern von sechs seiner Vorfahren geschmückt sind. Die das Ganze einst krönende, vom Bildhauer Caïn ausgeführte
Reiterfigur hat ihres grossen Gewichtes wegen seither wieder herabgenommen werden müssen und steht nun
in den das Denkmal umgebenden erhöhten Gartenanlagen, deren Eingang mit Löwen und phantastischen Tiergestalten aus rotem
Marmor (von Iguel gehauen) gehütet wird.
Der seiner tyrannischen Regierung wegen von seinen Untertanen 1830 verjagte Herzog liess sich in Genf
nieder, wo er am starb,
nachdem er sein auf 16½ Millionen Franken geschätztes Vermögen testamentarisch dieser Stadt vermacht
hatte. Eine Gräfin von Civry, die sich als natürliche Tochter des Herzogs ausgab, hat später dieses Testament angegriffen;
der daraus sich entspinnende Rechtsstreit dauerte mehrere Jahre und hat 1901 sein Ende damit gefunden, dass die Pariser Gerichte,
bei denen der Prozess anhängig war, zu Gunsten der Stadt Genf entschieden.
Längs des rechtsufrigen Quais stehen prunkvolle Hotelbauten und auch der elegant ausgeführte Kursaal, in dessen Nähe am die
Kaiserin Elisabeth von Oesterreich dem Mordanschlag eines italienischen Anarchisten zum Opfer gefallen ist. Weiterhin kommt
man zu reizenden Anlagen, die sich längs dem See hinziehen und mit schattigen Bäumen mancherlei Art bepflanzt
sind. Es ist dies der Park Mon Repos, der 1899 von einem Genfer Bürger, Philipp Plantamour, der Stadt Genf hinterlassen worden
ist. Schwenkt man vom Quai in die Rue du Mont Blanc ein, so sieht man zunächst rechterhand die 1853 von
Monod in gotischem Stil erbaute schmucklose englische Kirche und dann, etwas höher oben, das neue eidgenössische Postgebäude,
ein 1895 erstelltes mächtiges Bauwerk mit statuengeschmückter Säulenfront.
Aus dem Häusergewirr der ehemaligen rechtsufrigen Vorstadt erhebt sich die ehrwürdige Kirche Saint Gervais. Die Zeit ihrer
Erbauung ist schwierig festzustellen, weil
¶
mehr
ihre verschiedenen Teile nicht aus derselben Epoche stammen. Die Aussenmauern bestehen aus Backsteinen, die Kapellen aus gehauenen
Bausteinen. Im Jahre 122 soll hier eine kleine Kapelle erstellt worden sein, die vielleicht mit der Gruft der heutigen Kirche
Saint Gervais identisch ist; darüber erhob sich dann später eine weit grössere Kirche, über deren
Existenz freilich erst 1218 eine Urkunde Auskunft bietet. Zu dieser Zeit war die Kirche reich begütert und verfügte über
so ansehnliche Einnahmen, dass ihr Pfarrer zu Gunsten eines der Kreuzzüge eine ziemlich bedeutende Summe spenden musste. 1455 baute
Bischof François de Mies den Glockenturm um. Nahe dem Temple de Saint Gervais steht die 1859 erbaute, dem
staatlichkatholischen Gottesdienst eingeräumte Kirche Notre Dame, ein in gotischem Stil gehaltener Bau ohne architektonisches
oder geschichtliches Interesse. Neben diesen Gotteshäusern besitzt das rechte Ufer noch eine Reihe von anderen religiösen
Bauten, so die amerikanische Kapelle (Emanuel Church), die reformierte Kirche in Les Pâquis, die römisch-katholische
Kirche zum h. Antonius von Padua in Servette und zahlreiche kleine Kapellen, die den verschiedensten Kultusrichtungen dienen.
Obwohl das geistige Leben Genfs, wie schon bemerkt, hauptsächlich am linken Ufer sich konzentriert, besitzt doch auch unser
rechtsufriger Stadtteil wichtige Unterrichtsanstalten, wie die 1876 erbaute Gewerbeschule (École des
Arts Industriels), die aus dem Jahre 1878 stammende Uhrenmacherschule (Ecole d'Horlogerie), sowie die Handwerkerschule
(École professionnelle) und das Technikum, die beide in einem im Quartier de la Prairie stehenden hufeisenförmigen Gebäude
(1884 erbaut) untergebracht sind. Ferner sind über die verschiedenen Quartiere des rechten Ufers noch zahlreiche Kleinkinder-
und Volksschulen verteilt.
Vor dem Legat des Landgutes Mon Repos durch Philipp Plantamour bestanden im rechtsufrigen Stadtteil nur zwei öffentliche
Anlagen, die Cropettes mitten im QuartierMontbrillant und der Jardin de Saint Jean längs der Rhone, in dessen Mitte die Denkmalbüste
von James Fazy steht.
Zwischen die beiden Stadthälften dringt das zusehends sich verschmälernde Seeende ein und bildet so
einen natürlichen Hafen, der seewärts durch zwei rechtwinklig
vom Ufer abgehende Hafendämme geschützt ist. Den rechtsufrigen
Damm, die sog. Jetée des Pâquis, schliesst ein Leuchtturm mit Drehfeuer ab; gegenüber zieht sich die Jetée des Eaux Vives
in den See hinaus, nahe an deren Ende ein mächtiger Springbrunnen seinen dicken Wasserstrahl 90 m hoch
in die Lüfte senden kann.
Von diesen Hafendämmen aus gesehen zeigt sich das Stadtbild von Genf
von seiner vorteilhaftesten Seite: prachtvoll ist der Kontrast
zwischen den den Horizont abschliessenden Bergrücken, den weissschimmernden Quais, den malerischen Turmsilhouetten und
alten Häusern einerseits mit dem azurblauen Wasser des Sees und Flusses und den Baumreihen an den Ufern und auf der Rousseauinsel
andererseits. Dieses ganze harmonische Bild muss auf jeden der Stadt vom See her nahenden Reisenden unfehlbar einen mächtigen
Eindruck machen. Den Hafen beleben eine Menge der verschiedensten Schiffe und Schiffchen: Dampfer, Frachtschiffe
mit ihren grossen lateinischen Segeln, die den Verkehr von Ufer zu Ufer besorgenden Schraubenboote, Lustschiffchen etc. Da
die Jagd im Hafen untersagt ist, belustigen sich hier im Winter in aller Sicherheit ganze Schaaren von Möven und wilden Enten.
Den untern Abschluss des Hafens bildet die reizende He Rousseau, die mit Pappeln bepflanzt ist und das
von Pradier ausgeführte und 1834 eingeweihte Bronzedenkmal von Jean Jacques Rousseau trägt. Vor dieser Zeit hiess das Inselchen
die Ile des Barques. Weiter flussabwärts wird die Rhone durch eine weitere, grössere Insel (kurzweg l'Ile genannt) in zwei
Arme geteilt, die ganz mit hohen Häusern überbaut ist und an deren oberem Ende ein weitläufiges Bauwerk
direkt aus dem Wasser aufsteigt. Es ist dies das die Stadt Genf einst mit Trinkwasser versorgende ehemalige Pumpwerk, das
heute zur elektrischen Lichtzentrale umgestaltet ist.
Die erste Turbine wurde 1708 am linken Flussarm eingerichtet; ihre letzten Ueberreste sin erst 1884 bei
Anlass von Arbeiten im Flussbett verschwunden. 1843 stellte man in dem jetzt noch bestehenden Gebäude eine neue Turbine
auf. Mitten auf der Insel lehnt sich an die Häuser ein zum linken Ufer hinüberschauender alter viereckiger Turm an, der der
Ueberlieferung nach von Julius Caesar erbaut worden sein soll. In der That errichtete dieser im Jahr 58 v. Chr.
an dieser Stelle einen
¶
mehr
den Flussübergang hütenden Turm, der aber später wieder zerstört wurde und an dessen Stelle 1200 Jahre später der BischofPierre de Cessons eine feste Burg erbaute. Dieser Burgletzter Ueberrest ist der heutige Turm, die sog. Tour de l'Ile, die vor
Kurzem mit Sorgfalt und Diskretion restauriert worden ist. Am Fusse dieses ehrwürdigen Denkmales aus
längst vergangenen Zeiten wurde Philibert Berthelier, der Märtyrer der Unabhängigkeit Genfs, am mit dem Schwert
hingerichtet.
Das untere Ende der Ile trägt eine gedeckte Markthalle und setzt sich in ein Stauwehr fort, das sich an das quer über dem
linken Flussarm stehende und der Fassung der Wasserkraft der Rhone dienende Bauwerk anschliesst. Mit ihren
alten, baufälligen und zum Teil auf Pfählen direkt über dem Wasser sich erhebenden Häusern und Häuschen war die Insel einst
eines der malerischsten QuartiereGenfs. Vor Kurzem erst hat diese ganze Herrlichkeit grossen und schönen Neubauten Platz machen
müssen.
Linkes Ufer.
Auch hier kann man einen ziemlich gut umgrenzten Kern unterscheiden, dessen alte Quartiere in vieler Hinsicht dem Stadtteil
Saint Gervais gleichen. Um diesen zuweilen die Altstadt genannten Kern haben sich dann nach und nach neue Quartiere gruppiert,
die heute schon weit über die Grenzen der Stadt Genf auf Boden der Gemeinden Plainpalais und Les Eaux Vives
übergreifen. Die Altstadt zieht sich von der Mont BlancBrücke bis zur Inselbrücke längs der Rhone hin und steigt die nahe
dem Flusse gelegenen steilen Hänge des von der altertümlichen Kathedrale Saint Pierre gekrönten Hügels hinan.
Hauptverkehrsadern sind hier die dem Fluss parallel verlaufenden Rue du Rhône und Rues Basses. Dazwischen
öffnen sich weite Plätze: Longemalle, der Molard und die Fusterie. Auf der hie und da mit Recht das genferische Forum geheissenen
Place du Molard haben sich eine grosse Anzahl von wichtigen Ereignissen der Geschichte Genfs abgespielt. Trotzdem die Bedürfnisse
der Neuzeit dem Molard viel von seiner ursprünglichen Gestalt geraubt, hat er sich zusammen mit dem ihn gegen den See hin
abschliessenden mächtigen Turm doch noch ein sehr malerisches Gepräge zu erhalten vermocht. An der Place de La Fusterie steht
der dem Dienste der reformierten Landeskirche eingeräumte Temple Neuf oder Temple de La Fusterie, eine 1708 im
Bau begonnene aber erst sieben Jahren später vollendete und eingeweihte Kirche von nur geringem architektonischen oder geschichtlichen
Interesse.
Die früher den Jahrmärkten und Messen dienenden Rues Basses wurden bis 1822 zu beiden Seiten von Holzschuppen eingeengt, deren
breite Vordächer (die sog. dûmes) von hohen Pfeilern gestützt waren. Bis zu dieser Zeit hatte sich
die Unterstadt überhaupt ihr
mittelalterliches Gepräge noch ganz erhalten, und damals reichte auch der See noch bis beinahe
an den TurmMolard heran. Einige Jahre nach dem Abbruch der Schuppen und Vordächer gab der Bau der Quaianlagen dem Quartier
sein heutiges Aussehen; immerhin sind auch seither noch neue Strassen durchgebrochen und ganze Häuserreihen
niedergelegt worden, an deren Stelle grosse moderne Bauten getreten sind.
Von den Rues Basses zweigen zahlreiche unregelmässige, enge und steile Gassen ab, an denen hohe, vielfach noch aus dem 14. und 13. Jahrhundert
stammende Häuser stehen und die durch schmäle Gässchen und düstere Durchgänge mit einander in Verbindung
stehen. Mehrere dieser gegen die Kathedrale Saint Pierre hin konvergierenden Gassen erinnern in ihren Namen (Rue d'Enfer, Rue
du Purgatoire, Rue du Paradis, Rue des Limbes, Rue de Toutes Ames) noch an die Zeiten vor der Reformation, da hier
Glieder der niedern Geistlichkeit u. Kirchendiener aller Art ihren Wohnsitz hatten.
Heute sind sie als Sitz von Kleinhandwerkern und Trödlern volksreich, stark belebt und voller Lärm. Mitten in diesem Gewirr
liegt das Quartier La Madeleine, dessen alte Häuser sich um die Kirche La Madeleine schaaren. Dieses im Spitzbogenstil gehaltene
und von einem Glockenturm aus karolingischer Zeit flankierte alte Gotteshaus stammt aus unbekannter Zeit
(vielleicht aus dem 11. Jahrhundert), hiess zuerst Saint Oyen de Joux und wurde später zum Temple de Sainte Marie Madeleine
umgetauft. Rings herum zog sich einst ein Friedhof. In einem Zeitraum von 96 Jahren ist die Kirche zweimal
(1334 und 1430) vom Feuer verwüstet worden.
Zuoberst über den steilen Hängen der Altstadt thront weithin sichtbar das bedeutendste Gotteshaus von Genf,
die Kathedrale Saint Pierre
(404 m), das alte Wahrzeichen der Stadt Genf. An dieser Stelle sind seit den ältesten Zeiten der Reihe nach zahlreiche religiöse
Bauten gestanden. Zuerst ein unter Marcus Aurelius ums Jahr 170 n. Chr. durch Feuer zerstörte Apollotempel,
von dem heute noch einige Ueberreste vorhanden sind. Neu aufgebaut, ward der Tempel im ersten Dritteil des 4. Jahrhunderts
zur christlichen St. Peterskirche umgewandelt, von Chlodwig bei seiner Eroberung des Burgunderreiches (zu dem auch Genf
gehörte)
niedergebrannt, später von Gondubald neu errichtet und vom Erzbischof Avitus von Vienne 516 geweiht. Als später die Kirche
zu zerfallen drohte, liess König Konrad der Friedliebende das ganze Gebäude abtragen und an seiner Stelle eine neue Basilika
aufrichten, die aber erst viel später unter Konrad dem Salier ums Jahr 1035 vollendet wurde. Seit dieser
Zeit hat die Peterskirche unter manchem Missgeschick gelitten: 1291 liess sie Graf Amédée de Genevois durch Feuer verwüsten;
1334,
¶
mehr
1349 und 1430 wurde sie nochmals vom Feuer heimgesucht und mehr oder weniger schwer beschädigt, und 1556 schlug der Blitz
in einen ihrer Glockentürme. So erklären sich die im Laufe der Zeit an der Kathedrale Saint Pierre vorgenommenen mannigfaltigen
Umbauten und das verschiedene Alter und die sehr wechselnden Stilarten ihrer einzelnen Teile. Heute ermangelt
der Bau, wenigstens äusserlich, vollständig jeder architektonischen Einheitlichkeit, indem z. B. der korinthische Portikus
und die gotische und romanische Basilika durchaus nicht zu einander passen.
Durch seine schönen und wohltuenden Proportionen bemerkenswert ist dagegen das Innere der Kirche. Die Kathedrale als Ganzes
hat die Gestalt eines lateinischen Kreuzes; ihr dreifach gewölbtes Längsschiff ist 62 m lang und das
Querschiff 37 m breit. Ueber diesem letzteren erheben sich die drei Türme: der N.- und S.-Turm und dazwischen ein eleganter
Spitzturm. Im N.-Turm befindet sich die vom Gegenpapst Clemens VII. gestiftete berühmte Glocke «La
Clémence», deren Gewicht 6500 kg beträgt;
der S.-TurmN.-Turm ist vor Kurzem im gotischen Stil aus dem
Beginn des 16. Jahrhunderts restauriert worden.
Beide Türme sind je etwa 40 m hoch. Der im gotischen Stil des 15. Jahrhunderts
1898-99 erbaute Spitzturm steht an der Stelle eines einstigen (wahrscheinlich aus dem 15. Jahrhundert stammenden) Glockentürmchens,
ist 68 m hoch und enthält ein Glockenspiel.
Der den Chorherren zur Wohnung dienende Cloître stand zwischen der N.-Front der Kirche Saint Pierre und dem jetzigen Gefängnis
L'Évêché (das selbst wieder den Évêché de Saint Pierre ersetzt hat) und umschloss die Gräber des Schriftstellers und
Vertrauten von Heinrich IV. Agrippa d'Aubigné (gestorben 1630 im Exil in Genf),
des Barons Johann von Kaunitz
(dessen Körper bei der Eröffnung des Zinnsarges 115 Jahre nach seinem Tode vollkommen erhalten geblieben war), des Staatsmannes
und Chronisten MichelRoset, von Théodor de Bèze und vielen anderen berühmten Persönlichkeiten.
Nachdem der Cloître 1721 abgebrochen worden war, führte man die in ihm befindlichen Grabsteine in die
Kirche Saint Pierre über, wo sie heute noch zu sehen sind. Rechts
vom Seiteneingang zur Kirche bemerkt man ferner noch einen
auf zwei Löwen ruhenden schwarzmarmornen Sarkophag mit moderner sitzender Figur aus der Hand des Bildhauers Iguel: es ist
dies das Grabmal des Herzogs Heinrich von Rohan (Führers der Reformierten zur Zeit von Ludwig XIII.,
bei der Belagerung von Rheinfelden 1638 getötet), seiner Gemahlin Marguerite de Sully und ihres Sohnes Tankred. In der Makkabäerkapelle
hat man die Reste des Grabmales des Kardinals Jean de Brogny, der das Konzil zu Konstanz leitete und 1426 starb,
wieder aufgefunden.
Das Innere von Saint Pierre ist geschmückt mit Glasmalereien, mit geschnitzten Kirchenstühlen aus dem 15. Jahrhundert und
dem angeblichen Stuhl Calvins. An die S.-Front der Kathedrale lehnt sich die gotische Makkabäerkapelle an, die vom Kardinal
de Brogny 1406 erbaut worden ist, früher dem Gymnasium und der theologischen Fakultät als Hörsaal
eingeräumt war und im Zeitraum 1878-88 restauriert und mit Glasmalereien geschmückt wurde. (Vergl. Blavignac. Descriptiondel'églisedeSaint Pierre in den Mémoires de la Soc. d'hist. et d'archéol.Tome IV, 1845).
Gegenüber der Kathedrale und von ihr durch eine Gasse getrennt lehnt sich an die Häuser eine der ältesten
Kirchen Genfs an, früher Sainte Marie La Neuve oder Notre Dame La Neuve, heute l'Auditoire geheissen. Die Zeit ihrer Erbauung
ist nicht bekannt, doch muss sie auf jeden Fall erst nach dem Jahr 1100 erstanden sein. Heute dient sie dem Konsistorium
und dem Kapitel der Geistlichen (Compagnie des Pasteurs) als Sitzungslokal.
Im gleichen Stadtteil finden wir noch eine Anzahl von anderen kirchlichen Bauten verschiedener Konfessionen. Wir wollen davon
nur die in der Rue des Granges stehende Kirche Saint Germain erwähnen, von deren Entstehung man nur weiss, dass sie schon 1218 vorhanden
war. Nachdem sie 1334 einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen, baute man sie zu einer uns ebenfalls unbekannten
Zeit neu auf. 1803 überliess man die Kirche für drei Jahre dem römisch-katholischen Kultus; heute ist sie der altkatholischen
Landeskirche eingeräumt.
Auch die Oberstadt weist ein ihr eigentümliches Gepräge
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