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François-Henri Lavanchy-Clarke dreht einen Familienfilm,
1898, koloriert
ProgrammZeitung aus dem Novemberheft 2022, S. 7
Auf den Spuren eines Multitalents
Dagmar Brunner
Ein bedeutender Schweizer Filmpionier kommt zu späten Ehren: François-Henri Lavanchy-Clarke.
Wie kann es sein, dass eine so schillernde, kreative und breit vernetzte Persönlichkeit in Vergessenheit geriet?
100 Jahre nach dem Tod von François-Henri Lavanchy-Clarke (1848–1922) kann diese Frage nicht abschliessend beantwortet werden. Sie ist wohl im facettenreichen Wesen des umtriebigen Waadtländers begründet, der zugleich fromm und frech, ein Tüftler und Entertainer, clever und sozial engagiert war.
Seit Jahren erforscht der Basler Medienwissenschaftler Hansmartin Siegrist akribisch dessen Leben und Werk, was zu einer reichhaltigen Publikation, einem Universitäts-projekt und nun auch zu einem Dokumentarfilm und einer Ausstellung geführt hat. Präsentiert wird dabei nicht nur die Person, sondern ein umfassendes, packendes Zeitpano-rama. Es entführt uns in die vielschichtige, von Grandezza und Grausamkeit geprägte Belle Époque, vermittelt neben Einblicken in Biografie und Weltgeschehen Erhellendes über die Anfänge der Schweizer Film- und Kinogeschichte und den Umgang mit historischen Filmdokumenten.
Frühe Filmperlen.
François-Henri Lavanchy wurde in Morges geboren, war im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 Krankenpfleger beim Schweizerischen Roten Kreuz und engagierte sich danach lebenslang international für Sehbehinderte und Blinde. Weltoffen und sprachgewandt wirkte er als Missionar in Ägypten, heiratete die Engländerin Jenny Clarke (deren Nachnamen er seinem anfügte) und wurde ein gewiefter Unternehmer mit kühnen Werbemethoden: Bankier, Schokoladenfabrikant, Seifenindustrieller. Als Technikfan experimentierte er auch mit Fotografie und Film und veranstaltete an der Expo 1896 die ersten kinemato-grafischen Vorführungen in der Schweiz. Eine Szene, die er im selben Jahr auf der Mittleren Brücke drehte, gilt als erster Basler Film.
Der aktuelle Dokumentarfilm und die Ausstellung im Museum Tinguely zeichnen dieses abenteuerliche Leben mit viel bisher unbekanntem Material nach, das Siegrist und sein Team in diversen Archiven auftreiben konnte, etwa in Lavanchy-Clarkes Villa in Cannes. Unter anderem entdeckten sie rund 50 seiner frühesten Kurzfilme mit Schweizer Sujets. Kompakt und kurzweilig, bilderreich und mit passender Begleitmusik werden ein verkannter Pionier der Mediengeschichte, sein spektakuläres Wirken und seine bewegte Zeit lebendig.
Dokfilm «Lichtspieler – Wie Lavanchy-Clarke die Schweiz ins Kino holte», Produktion www.pointdevue.ch, 102 Min., läuft derzeit in den Kultkinos Basel, www.kultkino.ch
Ausstellung «Kino vor dem Kino: Lavanchy-Clarke, Schweizer Filmpionier»: bis So 29.1.23, Museum Tinguely, www.tinguely.ch
Buch: Hansmartin Siegrist, «Auf der Brücke zur Moderne. Basels erster Film als Panorama der Belle Époque»: Christoph Merian Verlag, 2019. 440 S., über 600 Abb., br., CHF 49