Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03612.jsonl.gz/718

Boden auf (Abbildungen einiger Säulenformen findet man in den Erläuterungen am Schluß des Buches unter «Säule»).
In den späteren Gräbern erscheint der Pfeiler achtkantig (s. Fig. 11), dann sechzehnkantig gestaltet und werden die Schmalseiten zwischen den Kanten in Rinnen ausgetieft (Kanellierung); der Schaft steht nicht mehr unmittelbar auf dem Boden, sondern auf einer abgerundeten Scheibe; oben wird dem Auflageträger noch eine viereckige Platte untergeschoben, während über dem Architrav ein Gesims angebracht wird, welches die Form von Querhölzern nachahmt.
Wurde so der Pfeiler - den ich den «natürlichen» nennen will, weil er die bei der Aushöhlung von Felsen stehengebliebene Stützmasse darstellt - zur Säule ausgestaltet, so trat um diese Zeit bereits auch eine «erfundene» Säulen-Art auf, welcher Pflanzenformen zu Grunde liegen.
Vier Rund-Stämme, welche am Fuße zusammengepreßt sind und nach oben sich verjüngen, erscheinen verbunden, u. z. unterhalb des oberen Endes durch eine Reihe von Bändern, die Seilen entsprechen. Der Teil über dieser Seilschlinge erhält nun die Gestalt einer vierteiligen geschlossenen Lotosblume (einer Art Wasserrose, in der Form nicht viel verschieden von der bei uns vorkommenden), und damit war ein weiteres Säulenglied, der Knauf - Kapitäl - eingeführt.
Aus dem sechzehnkantigen, mit Rinnen versehenen Pfeiler und dem vorgenannten Rundstamm-Bündel ergab sich dann die reine Rundsäule, bei welcher nun auch der Knauf eine verschiedenartige Ausgestaltung erhielt. In dieser zeigt sich aber kein besonderer «künstlerischer» Fortschritt. Das Vorbild des Lotoskelches bleibt bevorzugt.
^[Abb.: Fig. 16. Felsentempel von Abu Simbel.] ¶
Die ursprünglich vierteilige Form wird jedoch in zweierlei Art verändert. Die eine ist, daß der Blumenkelch zu einer vollständigen runden Masse wird, welche man mit bunten Schriftzeichen verziert. Bei der anderen tritt statt des geschlossenen der geöffnete Blumenkelch auf, dessen Grundform dann in mehrfacher Weise verändert und ausgestaltet wird.
Gegen die ganze Lotosblumen-Form des Knaufes wird von dem Standpunkt unserer heutigen Anschauung aus eingewendet, daß sie eine unmögliche Vorstellung, einen inneren Widerspruch zwischen Mittel und Zweck enthält; weder die Spitze einer Knospe noch die ausgebreitete Blüte vermag die Last eines Gebälkes zu tragen, sie muß zusammengedrückt werden.
Eine seltsame Abart von Säulenknäufen kommt daneben noch vor. Auf dem Säulenschaft ruht unvermittelt ein vierseitiges Gebilde auf, das auf jeder Seite ein Menschenantlitz zeigt; auf diesen vier Köpfen sitzt ein Würfel, welcher Außenseiten eines Tempels zur Darstellung bringt. Das ist eben auch keine sehr glückliche Verbindung. In der übrigen Gestalt der Säule blieb auch die - aus der Nachahmung zusammengebundener Stämme hervorgegangene - untere und obere Einschnürung beibehalten, welche eine Anschwellung in der Mitte bedingt. Der im ganzen Bauwesen leitende Grundgedanke, durch Masse zu wirken, kommt natürlich auch bei den Säulen zum Ausdruck, die fast immer wuchtiger und umfangreicher sind, als es für den Zweck unbedingt notwendig wäre, so daß ein gewisses Mißverhältnis störend auftritt. (Abbildungen der wichtigsten Säulenformen findet man am Schlusse des Buches in den Erläuterungen unter «Säule».)
Verzierungen. In rein baulichen Verzierungen entwickelten die Aegypter auch keine sonderliche Erfindungsgabe und hielten an den frühesten Formen fest. Es sind dies der Rundstab, der mit einem Band umwunden ist, und die vorspringende Hohlkehle, welche eine Deckplatte trägt.
Die oft überreiche Bedeckung der Innen- und Außenwände mit Inschriften und bemalten, halberhabenen Bildniswerken (Reliefs) und die Aufstellung von recht zahlreichen freien Bildhauerarbeiten in den Räumen mußte die im Grunde genommen ärmliche Einfachheit der rein baulichen Formengebung verdecken.
Bildnerei. Wie in der Baukunst Fertigkeit und Scharfsinn sich weitaus mehr ausprägen als Gedankenschwung und Erfindungsgeist, so sehen wir dies auch in der Bildnerei, und wie dort, sind gleichfalls hier die Schöpfungen der älteren Zeit eigentlich erfreulicher als jene der späteren. Eine der frühesten, die schon erwähnte Sphinx, ist nicht nur wegen der Arbeit an sich bemerkenswert, sondern auch wegen der verhältnismäßig bedeutenden Vollendung in der Wiedergabe eines ausdrucksvollen Menschenantlitzes. In der Zeit um 2600 v. Chr. hatte die Bildnerei schon eine Stufe der Vervollkommnung erreicht, welche in der That unsere Bewunderung herausfordert. Die hier gegebenen Beispiele von Werken aus dieser Zeit können dies bekräftigen.
Streben nach Naturtreue. Das Hauptgewicht legte die ägyptische Bildnerei auf die Darstellung des Kopfes, beziehungsweise Gesichtes, und strebte hierbei die vollste «Natur-
^[Abb.: Fig. 17. Der Tempel von Elephantine. (Nach Perrot und Chipiez.)]
^[Abb.: Fig. 18. Grundriß des Tempels von Elephantine.] ¶
Wahrheit" an. Diese erscheint auch in erstaunlicher Weise erreicht, was eine unausgesetzte Schulung voraussetzt. Der Grund hierfür ist ebenfalls in den religiösen Vorstellungen, oder besser gesagt, in jenen von der Fortdauer des Menschen nach dem Tode zu suchen. Bei den Gräbern habe ich schon erwähnt, daß in jedem derselben ein Standbild des Verstorbenen hinterlegt wurde, in welchem der «Ka» desselben wohnte oder fortlebte. Der Ka wurde als das vollkommen getreue Ebenbild des Menschen aufgefaßt, und folgerichtig mußte höchste Naturtreue auch dem Standbilde eigen sein. Alle Fertigkeit richtete sich daher auf diesen Punkt, und mit ihrer zähen Thatkraft gelangten die Aegypter wirklich zu einer Meisterschaft in dieser Hinsicht. Doch eben nur in dieser Richtung; und ohne weiteres er-
^[Der folgende Text ist unvollständig.]
vergeistigte Wiedergabe der menschlichen Form; es hätte dies ja geradezu dem Zweckgrunde
lt hatten, daß das innere Wesen des Menschen
auspräge, aber zum Verständnis der Bedeutung
Einzelnen offenbar nicht gelangt sind, so erklärt
lderen Körperformen bei ihrer Bildnerei weniger
ind übrigens die älteren Werke besser als die
schließlich über eine gewisse Stufe der Vervoll-
Entartung führt, so ging es auch hier.
Behandlung des Stoffes - zuerst wurde über
wurden Fortschritte gemacht, ebenso auch in der Genauigkeit der Linienführung und in der Anordnung der einzelnen Teile; dennoch wirken
^[Abb.: Fig. 19. Sphinx von Giseh. (Photographie.)] ¶