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Erinnerungen an weltoffene Begegnungen in Marseille: Auch nach seinem Tod bringt der Historiker und Publizist Thomas Schaffroth noch immer unterschiedliche Menschen zusammen.
«Kommt doch nach Marseille, hier ist das Wetter immer schön»: Die Worte werden in den Ohren vieler nachklingen, die Thomas Schaffroth kennen und lieben gelernt haben. Thomas pflegte den Satz in den Hörer zu sprechen, auch wenn es draussen windete oder regnete. Vier Monate nach seinem unerwarteten Tod am 24. April, nach kurzer, schwerer Krankheit, wird die Lücke, die Thomas bei vielen hinterlässt, noch spürbarer.
Thomas Schaffroth, 1952 geboren, aufgewachsen in Biel und Bern, studierte an der Uni Zürich Geschichte und schloss mit dem Lizenziat ab. Er war aktives Mitglied der Arbeitsgruppe für Geschichte der Arbeiterbewegung Zürich, die 1975 im Limmat-Verlag die wichtige Dokumentation «Schweizerische Arbeiterbewegung. Dokumente zu Lage, Organisation und Kämpfen der Arbeiter von der Frühindustrialisierung bis zur Gegenwart» veröffentlichte. Das Buch hätte schon ein Jahr früher im Huber-Verlag oder Suhrkamp-Verlag erscheinen sollen – auf Druck eines Professors der Universität Zürich wurde die Herausgabe jedoch verhindert.
Kochen und Widerstand
In den siebziger und achtziger Jahren engagierte sich Thomas in verschiedenen linken Projekten und Kampagnen. So etwa bei der Mitenand-Initiative, mit der eine Grundlage für eine fortschrittliche AusländerInnenpolitik in der Schweiz gelegt werden sollte, beim «Demokratischen Manifest» gegen den Schnüffelstaat (Fichenaffäre) und in der gewerkschaftlichen Solidaritätsbewegung für die unabhängige Gewerkschaft Solidarnosc in Polen. Zudem war Thomas als Kontrabassist in der freien Improvisationsszene der Werkstatt improvisierte Musik in Zürich bekannt, wo er zahlreiche Konzerte mit MusikerInnen wie Daniel Schaffner, Fritz Hegi, Lisa Sokolov, Meret Schlegel, Guerino Mazzola, John Tchicai oder Urs Blöchlinger gab.
1982 lernte Thomas in einer Schweizer Brigade in Nicaragua seine spätere Frau Charling Tao kennen; 1986 kamen ihre Zwillingstöchter zur Welt. In einer Broschüre der Brigade ist Thomas beim Kochen zu sehen – eine Tätigkeit, die er mit Liebe pflegte und seine Gäste sehr schätzten. Sein Risotto war legendär.
Über viele Jahre arbeitete Thomas als Journalist und Korrespondent des Schweizer Fernsehens in Frankreich und war anschliessend in Beijing als freier Korrespondent für diverse Medien tätig (BaZ, NZZ, WOZ, SRF und andere). 1992 kehrte er mit seiner Familie nach Frankreich zurück. Dort lebte er zuerst in einem Pariser Vorort und arbeitete unter erschwerten Bedingungen (Thomas litt an multipler Sklerose) als Journalist unter anderem für das Politmagazin «Rundschau» und als Produzent der Politsatire «Bellevue Bar» (SRF).
Da sich sein gesundheitlicher Zustand zusehends verschlechterte, wählten er und seine Familie eine klimatisch freundlichere Gegend und zogen nach Südfrankreich. Thomas lebte über ein Dutzend Jahre in Marseille, wo er sich aktiv in das soziale und kulturelle Leben integrierte – und darüber und über weitere Themen regelmässig auch in der WOZ publizierte. So initiierte und organisierte er im Oktober 2011 verschiedene Anlässe zur Aufarbeitung der verdrängten Geschichte des Algerienkriegs in Marseille (siehe WOZ Nr. 11/12). Da er wegen seiner Krankheit nicht mehr Bass spielen konnte, trat er einem bekannten Marseiller Chor als Sänger bei. Noch letztes Jahr wirkte er bei der Uraufführung der Oper «El Cachafaz de Copi. Tragédie tango en deux actes et en vers» mit. Auch blieb er stets ein kritischer Hörer des neueren Jazz und öffnete sich, altersmilde geworden, der klassischen und der internationalen Volksmusik. Bis zuletzt bewahrte sich Thomas, trotz langjährigen Leidens, seinen Humor und sein Engagement.
«Gracias a la vida»
Thomas hat mehrere Gespräche mit dem linksexistenzialistischen Philosophen André Gorz (1923–2007) geführt, den er persönlich gut kannte (siehe WOZ Nr. 29/09). Als sich der Rotpunktverlag entschloss, Gorz’ Frühwerk «Der Verräter» 2008 neu zu veröffentlichen, bat er Thomas um ein Vorwort. Dessen Ende gibt sehr gut auch die persönliche Gedankenwelt von Thomas wieder: «Einen bleibenden Eindruck, den der Autor (…) auslöst, ist derjenige der Sympathie. Altgriechisch sympátheia, bedeutet wörtlich ‹mitleiden›. Mitleiden mit dem Verräter, der im Leben nie das tut, was er tun wollte, sondern was die Anderen und die Geschichte beschlossen haben, mit ihm anzustellen. Um diesem Risiko auszuweichen, isolieren sich viele Intellektuelle oder passen sich an. Gorz zeigte mit seinem Leben einen weiteren Weg auf, denjenigen des Widerstands. Und der Essay ‹Über das Altern› schliesst mit den Worten: ‹Man muss akzeptieren, endlich zu sein: hier und nirgendwo anders zu sein, dies zu tun und nicht etwas anderes, jetzt und nicht niemals oder immer, nur hier, nur dies, nur jetzt – allein dieses Leben zu haben›.» Thomas schliesst das Vorwort mit den Worten: «Die Einsicht in die eigene physische Gebundenheit verleiht dem Widerstand erst eine humane Ausrichtung und Würde.»
Thomas’ Wohnung im Herzen von Marseille war für viele FreundInnen in der ganzen Welt, für Jung und Alt, immer offen. Es wurde Französisch, Italienisch, Deutsch, Spanisch, Englisch, Arabisch und auch Chinesisch gesprochen. An einer bewegenden Feier haben Familie und FreundInnen mit revolutionären Liedern, die Thomas gerne sang, auf dem altehrwürdigen Friedhof und später mit einem Glas Rosé auf der Terrasse seiner Stammbeiz auf dem Cours Julien von ihm Abschied genommen. «Gracias a la vida.» Adressen und Telefonnummern wurden getauscht.
Umgeben von seinen FreundInnen und der Familie habe ich an das Lied von Georges Brassens «Les Copains d’abord» gedacht: «Quand l’un d’entre eux manquait à bord, / C’est qu’il était mort. / Oui, mais jamais, au grand jamais, / Son trou dans l’eau ne se refermait, / Cent ans après, coquin de sort! / Il manquait encore.»
Dieser Text entstand unter Mitwirkung von Charling Tao, Rosita Fibbi, Fritz Hegi und Marc Schaffroth.