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Geboren in Armut, umgeben von Gewalt, leben ohne Hoffnung.
Aber dann ein Besuch, der alles verändern sollte.
Das ist Silas. Und das ist ein Teil seiner Geschichte.
Am Ende des Beitrags kommst du zum Video.
Wenn du die Geschichte lieber hörst, als liest:
Die Geschichte startet im Slum Mathare Mitte der 80er Jahre:
Mathare ist eine Reihe von Slums in Nairobi, Kenia. In einem Gebiet von 7.25 km2 lebt eine halbe Million Menschen unter widrigsten Verhältnissen. Mit 68.941 Personen pro km2 ist Mathare über sechsmal dichter besiedelt als New York City. Dicht an dicht beherbergen instabile Wellblech- oder Holzhütten, im Durchschnitt zwei mal zwei Meter, etwa 10 Personen pro Hütte. In der Regenzeit werden diese Behausungen regelmässig durch Fluten weggerissen, ihre Bewohner zum Teil mit ihnen. In keinem der Slums gibt es befestigte Strassen, geschweige denn andere Infrastruktur, wie Wasser-, Stromleitungen oder Abwasser. Durch die Armut und fehlende Hygiene ist die Säuglingssterblichkeit in Mathare sehr hoch, ebenso das Risiko der Mütter, an den Folgen einer Geburt zu sterben. Andere häufige Todesursachen in den Slums sind AIDS oder Mord. Das Leben dort ist gefährlich, die Kriminalität ist sehr hoch. Das Gebiet wird von Banden beherrscht, die von BewohnerInnen nicht nur Schutzgeld, sondern auch Miete fordern. Um sich dieses Leben leisten zu können, gehen nur wenige Kinder in die Schule. Meist müssen sie betteln oder durch den Verkauf von Müll Geld sammeln. Drogen und Waffen spielen bereits bei den Jüngsten eine grosse Rolle.
An diesem Ort kommt Silas als erstes Kind seiner Eltern zur Welt. Seine Grossmutter trennte sich Jahre zuvor von ihrem Mann und konnte sich kein Leben ausserhalb des Slums leisten. So wuchsen auch die Eltern von Silas in Mathare auf. Seine Kindheit und Jugend verbringt Silas in einer kleinen Hütte mit sieben Personen – mit seinen Eltern, seiner Schwester und dann seinem Bruder, seiner Grossmutter und der Tante. Dinge, die er aus dem Slum nicht kennt sind Sicherheit, Stabilität, sauberes Wasser, Privatsphäre, Abwasser, ein dauerhaftes Dach über dem Kopf. Er lebt in ständiger Angst. Tag für Tag. Silas wächst ohne gute Vorbilder auf. Schafft es jemand raus aus dem Slum, kehrt die Person nie wieder zurück. Hoffnungslosigkeit durchzeichnet das Leben des kleinen Jungen. Wenn Silas am Morgen aufwacht und zum ersten Mal einen Schritt vor die Hütte macht, weiss er nicht, ob er wieder eine ermordete Person sieht. Der Tod ist für ihn von klein auf nicht nur eine Realität, sondern ein ständiger Begleiter. Schüsse, Brände, Krankheiten, Drogen – und wieder hat es einen seiner Freunde getroffen. Aber er lebt noch.
Silas und seine Geschwister haben die Möglichkeit, eine Primarschule zu besuchen. Eine schreckliche Realität, der die Kinder fast wöchentlich in die Augen sehen müssen: Auf ihrem Schulweg werden Personen lebendig verbrannt. Um in diesem Umfeld bestehen zu können, braucht jeder seine Gang und das so früh wie möglich. Mit sieben Jahren gerät Silas in einen Streit mit einer anderen Gruppe. Durch die harten Schläge wird er bewusstlos. Kurz danach probieren ihn andere im nahegelegenen Fluss zu ertränken. Wie durch ein Wunder überlebt er. All die Bilder kann der Junge nur schwer verarbeiten, so greift er mit neun Jahren zu seinem ersten Joint.
Silas ist zehn Jahre alt, als eine neue Hoffnung an seine Hütte klopft: Vor ihm steht ein junger Mann und eine Frau. Der Mann erzählt von einer Kirche in der Nähe, wo sie regelmässig Treffen für die Kinder des Slums anbieten. Dort warte ein spannendes Freizeitprogramm und eine warme Mahlzeit auf ihn. Ein Ehepaar aus einem anderen Land würde für ihn eine Patenschaft übernehmen. Er erhalte Unterstützung für die Schule, nehme an Camps teil, könne ein Musikinstrument lernen, gutes Essen essen und mehr über Jesus erfahren. Silas und seine Eltern sind begeistert und willigen ein. Die Organisation, Compassion, registriert ihn als 45. Kind des Projekts. So wächst er heran und geniesst die Vorteile, die er durch die Patenschaft erfahren darf. Neue Vorbilder treten in sein Leben, seine Vision und sein Ansporn wächst: Er möchte sich und seine Familie vor diesem Leben im Slum retten. Das Ehepaar schreibt ihm von nun an regelmässig Briefe, in denen sie Silas aus ihrem Leben erzählen und für ihn beten. Voller Freude schreibt er zurück.
Während Silas behüteter durch seine Jugend geht, beginnt sein kleiner Bruder Peter mit zehn Jahren starke Drogen zu konsumieren. Er umgibt sich immer mehr mit Personen, die ihm nicht guttun. Er verkauft ungefragt Sachen aus dem Haushalt seiner Eltern und schwänzt die Schule. Da die ganze Familie von der Unterstützung Compassions profitiert, kann auch Peter auf eine weiterführende Schule gehen. Eines Tages gerät er jedoch in einen Konflikt und muss ins Krankenhaus. Während Silas ein Internat besucht, in dem er besser versorgt werden kann als im Slum, will Peter in einer Tagesschule bleiben. Immer wieder ist er jedoch in Streitigkeiten und Kämpfe verwickelt. So wechselt er innerhalb eines Jahres in fünf verschiedene Schulen, bis er sie mit 14 Jahren ganz hinschmeisst.
Heute vermutet Silas, dass Peter ADHS hatte und das Schulsystem ihm nicht gerecht wurde. Regelmässig musste sein Bruder Schläge von Lehrern erdulden und genügte nie. Die Gangs und Drogendealer hingegen schienen ihn so zu akzeptieren, wie er war.
Silas macht zeitgleich seinen Abschluss an der High School. Durch weitere Unterstützung seiner Paten beginnt er ein Statistikstudium an einer 400km weit entfernten Universität. Für einige Monate sieht er seinen Bruder gar nicht mehr. Über das Telefon erzählt ihm Peter, dass er keine Schuhe mehr hat. Silas möchte sich in den kommenden Tagen auf den Weg machen, um Schuhe für ihn zu kaufen. Ein paar Tage später telefoniert Silas mit seinen Eltern. Seine Mutter ruft ihn mehrere Tage hintereinander mit der Frage an, wann er endlich mal wieder nach Hause käme. Nach dem dritten Anruf ist Silas verunsichert. Trotz seiner stressigen Prüfungsphase packt er seine Sachen und reist zu einem Familientreffen. Dort angekommen, tritt ihm seine Mutter mit Tränen in den Augen gegenüber. Peter sei tot. Vermutlich hat ihn die Polizei bei einer Drogenfahndung erschossen.* Stille. Schmerz.
Wie in Trance packt Silas nach ein paar Tagen seine Sachen, fährt zurück zu seiner Uni und schreibt seine Prüfungen. Sein Studium schliesst er wenig später erfolgreich ab. Er findet einen guten Job und kann sich ein schönes Leben leisten.
Silas hat sein Ziel erreicht: Raus aus dem Slum. Seiner Schwester und seinen Eltern hat er auch helfen können – für seinen Bruder war es zu spät. Mit der Zeit hat er gelernt, sich in der Spannung zwischen schmerzvoller Vergangenheit und hoffnungsvoller Zukunft zu bewegen.
Es ist Silas Überzeugung, dass Compassion ihn herangezogen hat. Durch die Investition von ihm völlig fremden Menschen hat er eine neue Perspektive erhalten. Zusammen mit der Ermutigung, dass er mehr erreichen kann, beeinflusst das sein Leben bis heute. Er hat praktisch gelernt, sich für die Schule zu engagieren, sich aus Problemen im Slum rauszuhalten, zu beten und dann seinen Weg zu suchen. Silas Leben hat sich für immer verändert. Er glaubt fest, dass Gott gute Gedanken hat und Menschenleben verändern kann. Seine Begeisterung für Compassion ist so gross, dass er seit ein paar Jahren selbst in der Organisation mitarbeitet. Er liebt es, das weiterzugeben, was er einst empfangen hat.
Heute ist Silas der Mann, der vor den Hütten der Kinder steht und Tag für Tag ihre Hoffnungsgeschichten bezeugt.
Ich würde mir gerne erlauben, noch ein paar persönliche Worte an dich, liebe Leserin/ lieber Leser, zu richten:
Ich habe auf meiner Reise so viel lernen dürfen. Aber eines liegt mir besonders am Herzen. Wir reden immer davon, dass eine uns ferne Kultur, ein uns fernes Land, wie «eine andere Welt» ist. Das ist aber nicht so. Das Schreckliche und gleichzeitig Wunderschöne ist doch, dass es die gleiche Welt ist. Mir ist bewusst, dass wir es nicht wortwörtlich meinen. Und doch macht es mit uns, dass wir uns innerlich distanzieren. Vielleicht auch, um uns vor dem Schmerz der anderen Realität zu schützen. Es ist unsere Welt. Gemeinsam. Ich glaube es ist unser Auftrag, unsere Augen nicht zu verschliessen. Wir sind ein privilegierter, geringer Anteil dieser Erde. Lasst uns das WIR sehen und die Dinge anpacken, die uns aufs Herz gelegt werden. Danke für deine Zeit!
* Man weiss bis heute nicht, wie Peter wirklich zu Tode kam. Das machte die Situation für die gesamte Familie noch schwerer – nicht zu wissen wie, wo und warum – keine Antworten auf all die Fragen.
(bas)
01 | Anfrage
Ich hatte die Ehre, Ende Januar bis Mitte Februar mit einem anderen Projekt in Kenia und Tansania zu sein. Für ein kombiniertes Bühnen- und Filmmusical flogen wir als Team dorthin und filmten Szenen dafür. Von Anfang an hatte ich den grossen Wunsch, die Zeit auch für ein Digezzprojekt zu nutzen. Ich dachte zu Beginn sehr gross, war mir jedoch bewusst, dass die Zeit für ein eigenes Projekt knapp sein würde. Wie knapp, wusste ich noch nicht. Von der Projektleiterin kam noch die Anfrage, ob ich ein Video über den Sozialpartner Compassion produzieren könne. Zumindest probieren könnte ich es, dachte ich mir. Der Vorteil sei: Einer der Schauspieler für das Musical ist kenianischer Mitarbeiter von Compassion und hat selbst eine bewegende Story, die eine geniale Grundlage für das Video bieten würde. Mit diesen Informationen und einer ordentlichen Ladung Aufregung im Gepäck, machte ich mich auf den Weg nach Afrika.
02 | Idee
Vor Ort merkte ich schnell, wie wenig Zeit tatsächlich bleiben würde. Als Silas zu unserer kleinen Truppe hinzustiess, dauerte es noch eine Weile, bis er mir seine Story erzählen konnte. Aber dann – ein halber freier Tag: Silas und ich sassen in Sansibar und er erzählte mit stundenlang seine Geschichte. Gespannt und unter Tränen hörte ich ihm zu. Auch diese Zeit hatte nicht gereicht. Aber es reichte, um mir einen ersten Eindruck und ein schlagendes Herz zu geben. Ein Herz für das, was er erlebt hat und was Compassion in dieser Welt verändern möchte. Ich habe eine Nacht drüber geschlafen – oder eher drüber gegrübelt und gebetet und kam auf eine Idee: Silas sprach davon, wie sehr die Briefe seiner Paten ihm geholfen haben und wie dankbar er ihnen sei. Er habe aber schon lange nicht mehr von ihnen gehört.
Warum solle er also nicht seinen Paten einen Dankes-Brief schreiben? Wieder unter Tränen schrieb ich den Brief. Ein Stück weit, und doch nie genug, fühlte ich mich wie Silas in dem Moment. Am nächsten Tag las ich ihm den Brief vor. Gerührt sagte er, dass das perfekt sei und wir das unbedingt umsetzen sollten. Ich war sehr erleichtert, Worte gefunden zu haben, die er so unterschreiben konnte. Da die Zeit immer knapper wurde, entschied ich mich, die Bilder möglichst einfach zu gestalten: Papier, Stift und er. Um das Ganze persönlicher zu machen, sollte er den Text lesen. Das Besondere an dem Ganzen ist, dass Silas im Musical von Zuschauern gesehen wird und diese bereits eine Sympathie zu ihm aufgebaut haben. In der Pause wird dann der Film von Compassion gezeigt. Er ist also bereits eine bekannte Person und Stimme. Seine Geschichte zu kennen, wird die Zuschauer noch mehr mit ihm connecten.
03 | Produktion
Insgesamt hatte ich sehr wenig Zeit, um die Bilder und den Ton zu kreieren. Für mich (als nicht zu begabte Filmemacherin) eine echte Herausforderung. Besonders mit der Belichtung habe ich gekämpft – es war Gegenlicht in einigen Szenen. Den Ton haben wir im Nachhinein nochmal als Off-Text aufgenommen.
Technik:
Sony A7 mit Standardobjektiv
Ronin S
MKE 600 und Zoom H6
04 | Nachbearbeitung
Zurück zu Hause konnte ich kaum warten, mir seine Geschichte wieder und wieder anzuhören. Also habe ich die Bilder gesichtet und die Tonspur geschnitten. Weil das Projekt jedoch bis Ende des Jahres Zeit gehabt hätte, musste es noch ein bisschen zur Seite gelegt werden. Schliesslich habe ich die Bilder auf den Ton angepasst, Untertitel geschrieben und ein wenig Colorgrading probiert. Für die Musicalversion erstellte ich noch Slides mit Informationen und Hinweisen zum Video (die sind hier jetzt nicht drin) und bereite einen zweiten Cut mit extra Bildmaterial von Compassion vor.
05 | Musik
Nach ewig langer Suche eines mir lieben Liedes in verschiedensten Libraries, gab ich auf. Letztlich entschied ich mich, selbst etwas zu komponieren und nahm es mit Logic Pro X auf. Was mir an Letzterem gefällt, ist die Möglichkeit, die Musik auf emotionale Besonderheiten im Schnitt anzupassen. Ich kann selbst bestimmen, welchen Effekt sie Musik an welchem Punkt haben soll. Mit bestehenden Liedern ist das jeweils ein Glücksfall oder Bedarf viel Schnippelei.
06 | Learnings
- Eine schlechte Exposure kann einfach nicht mehr ausgeglichen werden
- Colorgrading bei S-Log-Aufnahmen ist schwer und vermutlich nicht mein Ding?
- Lieber zu viele als zu wenig Bilder
- Suche einen ruhigen Ort für Tonaufnahmen, Natur kann man immer noch im Sound Design faken
- «Lower your expectations», sonst bist du insgesamt gehemmt