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Elvis Presley wird für immer als der King of Rock & Roll bekannt sein, aber nur wenige würden Chuck Berrys Status als den wahren Paten des Rock’n’Roll bestreiten. „Wenn du Rock & Roll einen anderen Namen geben willst, nenn ihn einfach Chuck Berry“, meinte einst John Lennon über das grosse Vorbild der Beatles. Elvis mag die Krone getragen haben, Chuck Berry war Rock ’n’ Roll. Nun ist der US-Pionier des Rock’n’Roll am Samstag in seinem Haus, wie die Polizei in St. Charles County (US-Bundesstaat Missouri) mitteilte, im Alter von 90 Jahren gestorben.
Chuck Berry wurde am 18. Oktober 1926 in St. Louis als Charles Edward Berry geboren und war vor allem als Gitarrist für den Rock & Roll und die gesamte Rockmusik stilprägend. „Mit seiner Gitarre schuf er ein einzigartiges Rock-’n’-Roll-Vokabular“, schrieb einst der Rock-Publizist Ernst Hofacker, „mit seinem Spiel definierte er das kleine Einmaleins für jeden, der nach ihm die Gitarre in die Hand nahm, um damit zu rocken.“ Chuck Berry ist der Vater der Rockgitarre. Der Rhythm and Blues der 40er-Jahre war noch stark von Bläsern geprägt. Berry hat die Bläserriffs übersetzt, auf sein Instrument übertragen und etablierte damit die Gitarre als führendes Instrument der Pop- und Rockmusik. Dabei hat er die Gitarre wie im Chicago Blues als Rhythmus- und Solo-Instrument eingesetzt. Spielte rhythmische Figuren auf den tiefen Saiten, melodische Figuren als Antwort auf die Gesangsstimme (Call & Response) und schuf 1954 auf dem Song „Maybellene“ das erste grosse Gitarrensolo der Rockgeschichte.
„Maybellene“ war eine Adaption des Country-Songs „Ida Red“ aus dem Jahr 1938, den Berry mit neuem Text in eine Rock-’n’-Roll-Nummer verwandelte und damit den nationalen Durchbruch schaffte. Der Song stürmte nicht nur Platz 1 der Rhythm and Blues Charts, sondern auch Platz 5 in der landesweiten US-Pop-Hitparade. Dies zu einer Zeit notabene, als ein weisser Jüngling namens Elvis Presley gerade seine ersten Gehversuche unternahm und „That’s All Right“ aufnahm. Chuck Berry war also nicht nur früher da als Elvis, er war auch der erste Afroamerikaner, der mit afroamerikanischer Musik auch die weissen Amerikaner erreichte. Er wurde zum Star, zu einem grossen Entertainer, der mit dem „Duckwalk“ ein Markenzeichen und Show-Element schuf, das etwa auch AC/DC-Gitarrist Angus Young in sein Programm aufnahm. Chuck Berry hat in der Folge mit Hits wie „Sweet Little Sixteen“, „Roll Over Beethoven“, „Back In The USA“, „Rock ’n’ Roll Music“ und vor allem „Johnny B. Good“ absolute Klassiker des Rock & Roll geschaffen.
Chuck Berry war ein Kind des schwarzen Mittelstandes. Literatur, Theater und Bibelzitate gehörten zur geistigen Grundnahrung des Elternhauses. Seine Songlyrics sind denn auch gespickt mit Wortspielereien und erzählen vom Leben, spiegeln die Wirklichkeit und machen auch nicht vor sozialkritischen Inhalten Halt. Etwas, das im amerikanischen Pop der 50er-Jahre eine Rarität war. Insofern kann Chuck Berry sogar als ein Vorläufer von Bob Dylan, des Literatur-Nobelpreisträgers, gesehen werden. Elvis war ein genialer Interpret und Entertainer, der die Massen bewegen konnte. Aber im Gegensatz zu Chuck Berry war er weder Innovator noch Songschreiber. Aus musikalischer Sicht hat Chuck Berry den King um Längen überragt und ist mehr Rock ’n’ Roll als jeder andere. Rock’n’Roll war für Berry nicht nur eine Musikrichtung, sondern auch künstlerischer Ausdruck und zugleich der erste Schritt zu einer nicht mehr in Schwarz und Weiß getrennten Popkultur. In seiner Musik verschmolzen Elemente von Blues, Rockabilly und Jazz zu einigen der zeitlosen Songs Nordamerikas. Berry hatte grössten Einfluss auf fast jeden, der Rockstar-Ambitionen hatte, wie Keith Richards, Paul McCartney, John Lennon und Bruce Springsteen, um nur einige zu nennen. Sowohl die Beatles als auch die Rolling Stones und die Beach Boys coverten seine Songs. Von Bob Dylan wurde die Rocklegende einmal als „Shakespeare des Rock’n’Roll“ bezeichnet.
1984 wurde Berry mit dem Grammy ausgezeichnet, zwei Jahre später wurde er das erste Mitglied der „Rock’n’Roll Hall of Fame“. Privat musste Berry immer wieder Dämpfer einstecken. Nach seinen ersten grossen Hits wurde er Anfang der 1960er-Jahre zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, weil er sexuellen Kontakt zu einer Minderjährigen hatte. Nach seiner Haft nahm er zwar weiter Musik auf, doch die Zeit der ganz grossen Erfolge war vorbei. 1979 folgte eine zweite Haft wegen Steuerhinterziehung. In den 1990er-Jahren gab es Vorwürfe von früheren Mitarbeiterinnen seines Restaurants, er habe sie heimlich gefilmt. „Alle 15 Jahre, so scheint es, mache ich einen grossen Fehler“, schrieb er in seinen Memoiren. Und auch im hohen Alter hatte Berry noch jede Menge zu erzählen: An seinem 90. Geburtstag im vergangenen Oktober kündigte er die Veröffentlichung seines ersten Albums seit fast vier Jahrzehnten an. Das Album mit dem schlichten Titel „Chuck“ hatte er in Studios rund um seinen Geburtsort St. Louis aufgenommen. Berry widmete das Album seiner Frau Themetta Berry, mit der er fast 69 Jahren verheiratet war. „Mein Schatz, ich werde alt! Ich habe an dieser Platte lange Zeit gearbeitet. Jetzt kann ich meine Schuhe an den Nagel hängen“, hatte der Musiker erklärt. Das Album soll im Laute des Jahres erscheinen.
Seine Auftritte waren selten geworden. Doch den Abtritt von der Bühne hat er immer wieder dementiert. „Solange ich noch ein wenig sehe und höre, mich noch ein wenig bewegen kann, mache ich weiter“, liess er verlauten. Ein Rock ’n’ Roller gibt nicht auf! Danke Chuck, für all die inspirierende Musik, die du uns gegeben hat. Du hast Licht in unsere Teenager-Jahre gebracht. Deine Texte haben andere überstrahlt und ein merkwürdiges Licht auf den amerikanischen Traum geworfen. Chuck, du warst grossartig und deine Musik ist in uns für immer… Danke für alles! Und nun zeigs denen da oben! Go Chuck! Go, go, go!