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Eugster Howard
Howard Eugster - Züst (1861-1932)
Der Weg von der Kanzel zur Arbeiterbewegung…
Howard Eugster wurde am 14. November 1861 in New York als erstes Kind einer wohlhabende Textilkaufmannsfamilie geboren. Kurz nach der Geburt seines Bruders Arthur 1863 starb seine Mutter an Kindbettfieber. Dieser Schicksalsschlag bewog den Vater 1865 mit seinen 2 Söhnen in die Schweiz zurückzukehren. Im Jahr 1866 verstarb auch noch der Vater, so dass die 2 Brüder zu Vollwaisen wurden. Im Hause des Onkels Arnold Eugster und seiner Schwester Elise in der Röhrenbrugg (Link) konnten die Knaben eine wohlbehütete Jugendzeit verbringen.
Nach der Grundschule in Speicher besuchte Howard Eugster das angesehene Lerbergymnasium in Bern. Nur kurz wandte er sich zunächst dem Studium der Mathematik zu. Da ihm dies aber nicht wirklich entsprach, brach er das Studium ab und studierte wie sein Bruder Arthur in Neuenburg, Basel und Berlin Theologie. Der Grund dafür dürfte auch gewesen sein, dass die zwei jungen Studenten nach dem frühen Tod ihres geliebten Pflegevaters von Ortspfarrer Gottfried Lutz angenommen und in pietistisch-konservativem Geist erzogen wurden.
Nach dem Theologiestudium, welches er im Jahre 1887 in Speicher mit der Ordination zum Pfarrer abschloss, führten ihn diverse Vikariate nach London, St. Gallen, ins Baselland und nach Hundwil. Hier übernahm Howard Eugster das 1887 Pfarramt, welches er 21 Jahre ausüben sollte. Mit dem Antritt des Pfarramtes brachte Howard Eugster mit Anna Theodora Züst, der Tochter eines angesehenen und einflussreichen Fabrikanten und Gemeindehauptmans aus Heiden, gleich auch eine Pfarrfrau nach Hundwil, mit der er 7 Kinder grosszog Zusammen engagierten sie sich stark fürs Dorf Hundwil und deren sozialen Einrichtungen wie: Armenpflege, Wöchnerinnen und Krankenpflegeverein sowie die Kinder und Jugendfürsorge. Im Pfarrhaus Hundwil waren auch die einfachsten Leute willkommen und so wusste man dort auch von der Not der Weber-Heimarbeiter.
Unter dem Einfluss des religiösen Sozialisten Christoph Blumenhard engagierte sich Howard Eugster zunehmend sozialpolitisch, was ihm von seinen Gegnern den verächtlichen Titel „Weberpfarrer“ einbrachte.
Politisches Wirken:
• 1900 Gründung des Appenzellischen Weberverbandes
• 1903 Gründung des Schweizer Textilarbeiterverbandes
• 1901 bis 1913 Gewerkschaftssekretär und Redaktor der Zeitung „der Heimarbeiter“
• 1900 bis 1913 Kantonsrat mit Fokus auf die Anliegen der Arbeiterschaft und der späteren SP
• 1908 Wahl in den Nationalrat, dem er bis zu seinem Tod 1932 angehörte
• 1913 Wahl in den Regierungsrat des Kantons Appenzell AR bis zu seinem Rücktritt Ende 1931
Bei der Wahl in den Nationalrat sah sich Howard Eugster genötigt, sein Pfarramt in Hundwil aufgeben. Die von politischen Misstönen begleitete Wahl hatte im der ganzen Schweiz grosses Aufsehen erregt. Die Bürgerlichen versuchten mit allen Mitteln, die Wahl des „Weberpfarrers“ zu verhindern. Trotzdem wurde Howard Eugster bereits im ersten Wahlgang klar gewählt, was vor allem auf seine Persönlichkeit zurückzuführen war und nicht auf seine Parteizugehörigkeit. Die Angehörigkeit zum gemässigten Parteiflügel half ihm, parteiübergreifenden Einfluss im Bundesparlament zu nehmen.
Als Regierungsrat setzte sich Howard Eugster vor allem für eine bessere Sozialgesetzgebung ein, forderte mehr Schutz für Arbeiter/innen, schränkte Kinderarbeit ein, förderte die Berufsausbildung und verbesserte das Gesundheitswesen. Er gründete eine Pensionskasse für Lehrer und Staatsangestellte und förderte den Ausbau der Tuberkulosefürsorge sowie das Pflegekinderwesen und kämpfte jahrelang für eine Alters- und Hinterlassenen-Versicherung.
Trotz grosser Anfeindungen wegen seines Engagements für die einfache Arbeiterschicht wurde er immer wieder im Amt des National- und Regierungsrates bestätigt.
Obwohl die politischen Ansichten der Gebrüder Howard und Arthur Eugster nicht unterschiedlicher hätten sein können (Arthur war ein Mann der Wirtschaft), war ihre Familienbande von innigster Liebe füreinander geprägt.
Nach dem Umzug von Hundwil nach Speicher im Jahre 1908 wohnte er im Haus seiner Kindheit in der Röhrenbrugg. Er setzte sich auf Gemeinde-, Kantons- und Bundesebene für die Belange der Textilarbeiter/innen ein. Herz und Atemwegeerkrankungen zwangen Howard, das Amt des Regierungsrates per Ende 1931 abzugeben. Das Amt des Nationalrates behielt er bis zu seinem Tode inne.
Am 18. April 1932, also nur 14 Tage später starb Howard Eugster im beachtlichen Alter von 71 Jahren in Speicher.
Über 1500 Leute nahmen in der Kirche Speicher Abschied vom beliebten „Weberpfarrer“, darunter Verbands, Partei- und Gewerkschaftsvertreter, politische Gesandte und viele betagte Textilarbeiter.
Im Nachruf wurde Howard Eugster-Züst folgendes attestiert:
• Liebenswürdigkeit
• Konzilianz
• Arbeitsbereitschaft
• Fleiss und Schaffenskraft
• Ehrlichkeit gegen sich selbst
• Güte
Die Gemeinde Speicher ehrt die Brüder Eugster mit dem Eugsterweg.
Text:Paul Hollenstein Speicher 2016
Quellen:
"Einig aber nicht einheitlich" Buch zu 125 Jahre sozialdemokratische Partei der Schweiz
"Von Pfarrherren zu Staatsmännern" Begleitschrift zur Ausstellung im MfL Speicher