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Film in Rumänien Das rumänische Kino ringt mit dem Erbe der Diktatur
- Mittwoch, 19. April 2017, 8:19 Uhr
Das rumänische Kino beschäftigt sich seit der Jahrtausendwende immer wieder mit der tief verwurzelten Alltagskorruption, einem Erbe der Ceaușescu-Diktatur.
Das Ende der rumänischen Diktatur nach 1989 bedeutete auch das Ende der staatlich gelenkten Filmproduktion. Von rund sechshundert Kinos überlebten in der Folge knapp vierzig (heute sind es etwa siebzig), die Bevölkerung wich aufs Heimkino aus, Video und später vor allem illegale DVD-Kopien dominieren bis heute.
Aber ab der Jahrtausendwende etablierte sich eine neue Generation rumänischer Filmemacher. Nach ihren ersten Festivalerfolgen im Ausland begann die Filmpresse von einer «neuen rumänischen Welle» oder gar dem «rumänischen Filmwunder» zu schwärmen. Das lag am spezifischen Blick, der dokumentarisch einfachen Inszenierung und dem überhöhten Realismus, die diese Filme auszeichneten.
Systemkritik mit Humor
Einer der ersten dieser internationalen Festivalerfolge war 2005 «Der Tod des Herrn Lazarescu» (Moartea domnului Lăzărescu) von Cristi Puiu, die grotesk realistische Schilderung der Sterbensodyssee eines kranken alten Mannes von Spital zu Spital.
System- und Haltungskritik wurde ergänzt durch Humor, poetische Momente und einen abgeklärten Ton, der das Zusammenspiel gesellschaftlicher Akzeptanz und systemimmanenter Absurditäten betonte.
Zwei Jahre später landete Cristian Mungiu am Filmfestival von Cannes mit «4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage» (4 luni, 3 săptămâni și 2 zile) seine eigene, distinktive Version des neuen rumänischen Stils. Der Film erzählte von den Gefahren, der Verkommenheit und der Korruption rund um die verbotene Abtreibung im kommunistischen Rumänien, die dank der ebenso verbotenen Verhütung eine tiefe gesellschaftliche Doppelmoral erzeugte.
Die Geschichte zweier Studentinnen, die einem skrupellosen Abtreibungsarzt ausgeliefert sind, verwies auf die Struktur von Puius «Lazarescu» und zugleich auf die Wurzeln moralischer Verkommenheit und Korruption in der Diktatur.
Skeptisch gegenüber dem «Filmwunder»
Es folgten dutzende von Filmen, auch von anderen rumänischen Filmemachern. Gemeinsam ist ihnen, dass sie nur dank ausländischen Koproduzenten entstehen konnten, dass sie eher für den Festivalmarkt konzipiert waren und dass sie in Rumänien selber kaum ein Publikum fanden. Zumindest bis der Ruf des «rumänischen Filmwunders» dafür sorgte, dass ein DVD-Schwarzmarkt für ein spezifisches Publikum entstand.
Cristiana Mungiu versuchte darüber hinaus nach seinem Cannes-Erfolg mit «4 Monate…» ein breiteres Publikum zu erreichen mit einem mobilen Kino und einer Tournee. Im Übrigen blieb Mungiu gegenüber der Idee eines rumänischen Filmwunders stets skeptisch.
Die einzige Gemeinsamkeit der meisten dieser Filme bestehe darin, dass sie alle mit dem Erbe des alten Regimes zu kämpfen hätten und etwa gleichzeitig auf Anerkennung gestossen seien.
Entwicklung in verschiedene Richtungen
Dass Mungiu damit richtig liegen dürfte, zeigte sich am letzten Filmfestival von Cannes. Sowohl er wie auch sein Pionier-Kollege Cristi Puiu waren mit je einem neuen Film vertreten.
Aber während Mungiu mit «Bacalaureat» seinen erzählerischen Stil weiterführte, thematisch bei der rumänischen Gesellschaft und ihren Wunden aus der Diktatur blieb und deren Spuren in der Gegenwartskorruption aufzeigt, hat Puiu seinen Stil und seine Erzählweise radikal verändert.
Puius «Sieranevada» hat keine klassische Dramaturgie mehr, keine eigentliche Erzählstruktur, und dafür eine fast schon theatralisch angelegte, nicht ganz konsequente Einheit von Zeit und Ort.
Puiu schildert ein chaotisches Familientreffen, an dem alles verhandelt wird, was die rumänische Gesellschaft ausmacht. Das Erbe des Kommunismus, der Rückzug in die orthodoxe Kirche, Verschwörungstheorien, Rücksichtslosigkeit, Machismo und Verzweiflung.
Gemeinsam bleibt beiden Filmen der Rückgriff auf die Vergangenheit, die Überzeugung, dass die Wurzeln der aktuellen gesellschaftlichen Korruption dort zu suchen sind. Gemeinsam bleibt auch der internationale Festivalerfolg und die Anerkennung nicht zuletzt bei vielen Exil-Rumänen, denen diese Erzählungen aus der Heimat Brücke und Auseinandersetzung zugleich bedeuten.
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