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Stan Wawrinka sitzt in einem kleinen Raum im Court Philippe Chatrier. Es ist Samstagmittag, und es ist Zeit, Geschichte zu schreiben. In gut 24 Stunden wird er im Final des French Open gegen Rafael Nadal antreten. Der Spanier gilt als Tennis-König von Paris. Er hat auf den Sandplätzen Roland-Garros’ 78 von 80 Partien gewonnen. Im Final hat ihn noch keiner geschlagen. «Es wird», sagt Wawrinka, «eine riesige Herausforderung.» Doch dann fügt er an: «Ich weiss, ich kann gewinnen.»
Wawrinka trägt ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift «Stan the Man» – und darüber ein Bild, das ihn zeigt, wie er den Zeigefinger an die Stirne hebt. Die Geste ist zu einem Brand im Tennis-Zirkus geworden – wie das Lachen von Martina Hingis, die Freudentränen von Roger Federer. Seit seinem ersten Grand-Slam-Sieg 2014 am Australian Open ist es das Markenzeichen Wawrinkas. Seht her: Ich habe es in mir.
Jahrelang hatte Wawrinka seine Karriere im Schatten von Roger Federer verbracht. Er war der andere Schweizer, jener, der früher oder später verliert. Das Bild klebte an ihm wie Kautschuk, weil Federer einfach zu gross, zu perfekt ist. Erst kürzlich, zu Beginn des French Opens, ist Wawrinka in einer Zeitungskolumne als Zauderer dargestellt worden, der gegen die eigene Unzulänglichkeit kämpft.
«Was sich wirklich verändert hat, ist mein Denken.»
Er, der in den vergangenen drei Jahren drei Grand-Slam-Titel an drei verschiedenen Turnieren gewonnen hat. Er, der daneben fünfmal im Halbfinal eines Majors stand. Er, der nun auch in Paris der letzte ist, der Nadal stoppen kann. Kein anderer war in den letzten zwölf Monaten an den wichtigen Turnieren konstanter: nicht der Weltranglisten-Erste Andy Murray, nicht der langjährige Dominator Novak Djokovic und auch nicht Roger Federer.
«Das T-Shirt», sagt Wawrinka, «symbolisiert den Unterschied meiner ersten und meiner zweiten Karriere. Natürlich bin ich in den letzten Jahren auch physisch oder spielerisch besser geworden. Doch was sich wirklich verändert hat, ist mein Denken.»
Das hat viel mit Magnus Norman zu tun. Seit vier Jahren arbeitet Wawrinka mit dem Schweden zusammen. Norman hat ihn gelehrt, an die eigenen Möglichkeiten zu glauben. Bereits im dritten Major unter ihm erreichten Wawrinka in New York den ersten Halbfinal, vier Monate später war er in Melbourne ein Grand-Slam-Sieger.
Der Einfluss von Magnus Norman
Während andere Spieler sich mit ehemaligen Grössen umgeben und sie in ihre Spielerboxes setzen, mehr als dekorative Accessoires denn als echte Helfer, haben Wawrinka und Norman am gemeinsamen Erfolg gearbeitet. Wegen der Arbeit mit dem Romand wurde Norman Ende letzter Saison als Trainer des Jahres ausgezeichnet. Mats Wilander, einst ein Grand-Slam-Sieger und die Nummer 1, heute ein aufmerksamer Beobachter der Szene, sagt, Norman sei der beste Trainer auf der Tour.
Wawrinka sagt, die ständigen Diskussionen nach den Spielen, aber auch in den Trainings auf dem Court oder danach beim Essen, hätten ihm geholfen, ein besserer Spieler zu werden. Wenn er auf dem Platz stehe, dann schalte er sein Gehirn auf Automatik um. «Ich weiss, dass ich überall und immer gewinnen kann. Das heisst nicht, dass ich nicht gelegentlich den einen oder anderen grossen Match verliere. Aber ich habe Vertrauen in mich und in die Arbeit, die ich in den letzten Monaten, den letzten Jahre geleistet habe. Ich weiss: Wenn ich mental präsent bin, dann bin ich nur schwer zu schlagen.»
Wenn Wawrinka dann wieder einmal eine besonders hohe Hürden genommen hat, wie zuletzt am Freitag im Halbfinal gegen Andy Murray eine mentale Abnützungsschlacht gewinnt, dann geht sein Zeigfinger an die Stirn und der Blick in die Box zu Magnus Norman. Die beiden sind das jüngste Erfolgsduo im Tenniswunderland Schweiz – wie vor ihnen Martina Hingis und ihre Mutter und Trainerin Melanie Molitor, wie Roger Federer und Mirka, die nicht nur die Ehefrau ist, sondern auch die wichtigste Bezugsperson in seiner beispiellosen Karriere.
Bacsinszky als nächste Siegerin?
Hingis, Federer und Wawrinka haben zusammen 26 Grand-Slam-Titel gesammelt. Sie sorgen dafür, dass die Schweiz zumindest im Tennis ein Sonderfall ist. Die Erfolgsgeschichte hält mittlerweile mehr als 20 Jahre. Nur die USA mit ihren 770 000 Lizenzierten waren in den zwei letzten Jahrzehnten noch erfolgreicher als die Schweizer – und das auch nur dank Serena Williams, die im Frauen-Tennis eine ähnliche Ausnahmeerscheinung ist wie Roger Federer bei den Männern.
Schon oft wurde dem Schweizer Tenniswunder das nahe Ende prognostiziert. Stattdessen wird die Basis immer breiter. Timea Bacsinszky fehlten in Paris gegen die spätere Siegerin Jelena Ostapenko zwei Punkte, um erstmals in ihrer Karriere einen Major-Final zu erreichen. Heinz Günthardt sagt: «Sie hat zu 100 Prozent einen Grand-Slam-Sieg in sich.»
«Wenn ich dereinst meine Karriere beenden werde, will ich nichts bedauern.»
Ihre Karriere hat einige Parallelen zu jener Wawrinkas – nicht nur wegen den Wurzeln in Lausanne und ihrem Trainer Dimitri Zavialoff, der Wawrinka in den ersten Jahren auf der Tour betreut hatte. Wie Wawrinka in Federers Schatten stand, lebte Bacsinszky lange im Schatten von Hingis.
Die Vergleiche mit dem Tennis-Wunderkind waren für sie in ihren ersten Jahren eine Belastung. Letzte Woche sagte sie: «Ich wurde ständig mit ihr verglichen. Vieles wäre für mich anders gelaufen, wenn Martina nicht so erfolgreich gewesen wäre. Mit ihr verglichen zu werden war einerseits eine Ehre; aber ich war damals 16 Jahre alt und nicht wirklich bereit dafür.»
Wawrinka feierte seinen ersten grossen Erfolg 2008 mit dem Doppelsieg an den Olympischen Spielen in Peking an der Seite von Federer. Bacsinszky gewann vor acht Monaten in Rio Olympia-Silber zusammen mit Hingis. Doch ihre wirkliche Inspiration findet sie in der Karriere von Wawrinka und der Beharrlichkeit, mit der er sie verfolgt. «Er ist hingefallen, aufgestanden, wieder hingefallen und erneut aufgestanden. Bis er eines Tages entschied, nicht mehr zu fallen. Nun ist er dreifacher Grand-Slam-Sieger.»
Wer weiss: Vielleicht kommt schon am Sonntag ein vierter Titel für Wawrinka hinzu, ein 27. für das Tenniswunderland. Inspiration von aussen braucht der Romand nicht. Er holt sie in sich selber. «In der Leidenschaft, die ich für das Tennis habe, in der Lust, meine Träume zu erfüllen. Wenn ich dereinst meine Karriere beenden werde, will ich nichts bedauern.» Zu bedauern gibt es wahrlich nichts.
Heinz Günthardt: «Stan hat früher oft gezögert. Heute geht er mit einem Plan auf den Platz»
NZZ am Sonntag: Stan Wawrinka steht in seinem vierten Grand-Slam-Final. Wie erklären Sie sich, dass er immer dann am besten ist, wenn es wichtig wird?
Heinz Günthardt: Physisch ist er immer bereit. Die Schläge, die Beine sind da. Aber Tennis findet nun einmal auch im Kopf statt. Wenn man an einen Ort zurückkommt, an dem man bereits erfolgreich gewesen ist, dann löst das positive Emotionen aus. Und oft reichen allein die, um eine ganz andere Dynamik ins Spiel zu bringen.
Man hat manchmal den Eindruck, dass sich Wawrinka vor allem auf die Grand-Slam-Turniere konzentriert und ihm alles andere nicht so wichtig ist.
Ganz sicher nicht bewusst. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass an Grand-Slam-Turnieren alles ein wenig anders ist als sonst. Das fängt bereits damit an, dass über drei Gewinnsätze gespielt wird. Es gibt ein gewisses Kribbeln, dass man nicht künstlich kreieren kann.
Vor zwei Jahren im Final gegen Novak Djokovic hat Wawrinka einen nahezu perfekten Match gespielt. Wie ist sein Tennis heute?
Er hat sein Spiel in den letzten Jahren nicht verändert. Er spielt einfach mit mehr Überzeugung. Man muss nicht alles können. Wichtiger ist es, dass man gewisse Dinge besonders gut kann. Stan hat früher oft gezögert. Heute geht er mit einem Plan auf den Platz und weiss: Wenn ich den durchziehe, dann kann ich auch gewinnen.
Es ist also reine Kopfarbeit?
Es zeigt sich immer wieder, wie wichtig der Kopf ist. Der Viertelfinal zwischen Andy Murray und Kei Nishikori etwa hatte zwei völlig gegensätzliche Geschichten. Zuerst dominierte Nishikori, dann Murray. Es war nur die Einstellung, die während des Matchs gewechselt hat.
Was muss Wawrinka machen, dass er im Final gegen Rafael Nadal eine Chance hat?
Er muss gut Backhand spielen und versuchen, Nadals Bälle früh zu nehmen. Nur so wird es ihm gelingen, sie longline zu spielen und zu verhindern, dass er mit seiner Rückhand ständig gegen die Vorhand des Linkshänders Nadal spielen muss. Das ist auf Dauer nicht angenehm.
Lange schien das Schweizer Tennis allein aus Roger Federer zu bestehen. Nun spielt auch Wawrinka regelmässig in grossen Finals. Timea Bacsinszky stand im Halbfinal. Was ist geschehen?
Wawrinka und Bacsinszky spielen schon eine ganze Weile auf absolutem Topniveau. Doch wenn man einen Superstar wie Federer hat, werden alle anderen mit ihm verglichen, und dann tendiert man schnell dazu zu denken: Es gibt nur ihn. Federer ist einzigartig. Aber Wawrinka wäre mit seinen drei Major-Titeln an drei verschiedenen Turnieren in den meisten anderen Ländern ein Superstar.
Hat Federer die Entwicklung der anderen Spieler gehemmt?
Im Gegenteil. Er ist der Beweis dafür, was möglich ist. Wenn Sie mit einem wie ihm trainieren und Sie gewinnen den einen oder anderen Satz, dann ist das wie ein Aha-Erlebnis. Man realisiert: He, ich bin ja gar nicht so weit weg. Das beflügelt.
Sie waren zu Ihrer Zeit der einzige Topspieler der Schweiz. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Es war schwierig, zumal es vor mir auch noch nie einen Schweizer gegeben hatte, der auf dieser Stufe erfolgreich gewesen war. Es fehlte eine Figur, an der ich mich orientieren konnte.
Nach Ihnen hatte die Schweiz immer einzelne gute Spieler: Es kamen Jakob Hlasek, Marc Rosset, dann Martina Hingis.
Das war auch Zufall. Wenn es ein Rezept für den Schweizer Erfolg gäbe, hätte man diesen längst kopiert. Es braucht Glück und eine günstige Konstellation. Das Umfeld in der Schweiz, um eine Tenniskarriere zu lancieren, ist gut. Es fängt bereits damit an, dass es sehr viele Tennisplätze und Tennisklubs gibt. Keiner muss weit fahren, um Tennis zu spielen.
Nächste Woche kehrt Roger Federer in Stuttgart auf die Tour zurück. Hat es Sie überrascht, dass er die Sandsaison ausliess?
Federer ist gut genug, dass er auch auf Sand gewinnen kann. Gleichzeitig hätte er hier nicht so spielen können wie zuletzt auf den Hartbelägen. Er hätte sein Spiel leicht umstellen müssen. Und das wollte er offensichtlich nicht, weil er das Gefühl halten wollte. Sein Halbvolley funktioniert nur, wenn er ihn mit absoluter Überzeugung spielt.
Noch vor einem Jahr sagten alle, die Zeit von Federer und Nadal sei abgelaufen. Nun haben genau die zwei die erste Hälfte der Saison dominiert. Was sagt das aus über das Tennis?
Zuerst einmal sagt es etwas über den Journalismus aus, der nicht mehr ohne Schlagzeilen auskommt. Zu schreiben, er spiele so wie immer, geht nicht mehr. Entweder ist jemand besser als jemals zuvor, oder aber es ist unmöglich, dass er noch einmal einen Grand-Slam gewinnt. Dazwischen gibt es nichts mehr. Das würde nicht der neuen Online-Kultur entsprechen, die nicht ohne Superlative auskommt. Und sportlich heisst das Comeback der beiden, dass das Tennis sich nicht so schnell entwickelt, wie das gewisse Menschen sehen möchten. Wir erleben eine aussergewöhnliche Phase. Federer und Nadal sind Ausnahmespieler. Wir sollten das einfach geniessen.
Interview: Daniel Germann
Schweizer Top-Ten-Spieler: Von Jakob Hlasek bis Belinda Bencic
Jakob Hlasek, 52, stiess als erster Schweizer in die Top Ten vor (7). 1988 qualifizierte er sich für das Masters und erreichte nach Siegen gegen Lendl, Agassi und Mayotte die Halbfinals.
Marc Rosset, 46, war der zweite Schweizer Top-Ten-Spieler (9). 1996 stiess er in Roland-Garros in die Halbfinals vor, er scheiterte am Deutschen Stich. Karrierehöhepunkt war der Olympiasieg 1992.
Patty Schnyder, 38, stand immer ein wenig im Schatten von Martina Hingis, erreichte 2004 in Melbourne den einzigen Grand-Slam-Halbfinal und war im Ranking zu ihrer besten Zeit die Nummer 7.
Martina Hingis, 36, war in den 1990er Jahren der erste Schweizer Tennisstar. Vor ihrem 17.Geburtstag gewann sie 3 ihrer 5 Grand-Slam-Einzeltitel und wurde die Nummer 1. Nur in Paris siegte sie nie.
Roger Federer, 35, ist mit 18 Grand-Slam-Titeln und 302 Wochen an der Weltranglistenspitze der Superstar des Tennis. Im Januar gewann er nach halbjähriger Verletzungspause das Australian Open.
Stan Wawrinka, 32, trat 2014 in Melbourne aus dem Schatten Federers und entwickelte sich zum Topspieler. 2015 siegte er in Paris, 2016 in New York. Heute bestreitet er seinen vierten Final.
Timea Bacsinszky, 27, galt in ihrer Jugend als nächste Hingis, scheiterte aber am Druck und der Erwartungshaltung ihres Umfeldes. Sie etablierte sich im zweiten Anlauf in der Weltspitze.
Belinda Bencic, 20, stand 2014 als 17-Jährige am US Open in den Viertelfinals. 2015 wurde sie Newcomer des Jahres , im Februar 2016 stiess sie in die Top-Ten vor (7). Seither kämpft sie mit Verletzungen.