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Das Gebäude Mühlegasse 3 und 5 sind aus dem Niederdorf nicht mehr wegzudenken. Eigentümer Dieter Jenny gibt einen Einblick in ihre Geschichte - vom Mittelalter bis ins heute.
Das Niederdorf im Mittelalter
Im Frühmittelalter bestand das «Niedere Dorf» hauptsächlich aus einfachen Holzbauten von Handwerksleuten, Schmiden etwa, oder Webern. Das ländliche «Niedere Dorf» wurde erst nach der Jahrtausendwende als Stadtteil Zürichs wahrgenommen. Noch immer prägten aber Handwerkshäuser das Ortsbild nahe der Limmat. Die Limmat war im Mittelalter Zürichs Lebensader: Wasserversorger, Verkehrsweg, Abwasser- und Müllentsorger, Arbeitskraft und nicht zuletzt des Henkers Werkzeug. Mancher Unhold wurde in Körben oder zugenähten Säcken dem Wasser der Limmat anvertraut und strandeten dann möglicherweise irgendwo leblos an den Gestaden Hönggs. Schöpfräder über der Limmat lösten die früher gebräuchlichen Wasserstampfi ab. Mit der Wasserstampfi wurde Grundwasser gepumpt. Die Schöpfräder arbeiteten selbständig, angetrieben durch den Zug des Flusses. Das Wasser wurde über Teuchel (hölzerne Röhren) zu den Brunnen geführt. Weil die Ehgräben der Stadt in die Limmat entwässerten, kam es zu Cholera- Typhus- und Ruhrfällen in der Stadt. Das besserte sich, als die öffentlichen Brunnen mit Quellwasser aus nahe gelegenen Quellen gespiesen wurden. Nicht nur Schöpfräder befanden sich an der Limmat, sondern auch zahlreiche Mühlen wurden mit der Kraft der fliessenden Limmat betrieben.
Die Anfänge und das erste ständige Kino der Schweiz
Am Oberen Mühlesteg war seit dem 14. Jahrhundert auch die Müllerfamilie Brentschink tätig. Im Haus Mühlegasse 5, damals ein Doppelwohnhaus, hatten die Brentschinks unter anderem ihre Rossstallungen und die Remise. Seit 1357 trägt das Haus den Namen «Brentschinkenhaus». Seit 1632, möglicherweise nach dem Zusammenschluss der beiden Hausteile, erhielt die Mühlegasse 5 den Namen «Zur Schwarzen Stiege». 1772 kaufte Müllermeister Johannes Wehrli die Mühle über der Limmat samt Wohnhaus mit Stallungen und Remise. Familie Wehrli betrieb die Mühle während 235 Jahren. 1907 wurde der Müllereibetrieb Wehrli mit der Stadtmühle zusammengelegt und Familie Wehrli verkaufte die Mühle und das Haus «Zur Schwarzen Stiege». Die Mühle kaufte die Stadt und das Haus eine Genossenschaft namens Allianz (später Allianz AG). Diese erwarb gleichzeitig auch das Haus Mühlegasse 3. Die Genossenschaft Allianz gehörte Eduard Hess von Zollikon. Die Allianz nutzte 1907 die frei gewordene Remise, um dort den «Erstklassigen Kinomatographen» RADIUM zu etablieren: «Platz für 300 Personen, grosse Bildfläche». Das erste ständige Kino der Schweiz! Eduard Hess vererbte sein Vermögen und damit auch die Allianz AG mit den beiden Liegenschaften Mühlegasse 3 und 5 an seine beiden Nichten Nelly und Charlotte Dornacher. Die Dornacher-Töchter betrieben das Kino zeitweise selber, Charlotte an der Kasse und Nelly, die praktische, am Projektor.
Eine kunterbunte Mieterschaft prägt die Gebäude
1994 zogen sich die beiden, inzwischen älter gewordenen, Damen aus dem Kinogeschäft zurück und vermieteten die Räumlichkeiten. Es folgte der Umbau von einem hervorragenden Studi-Kino in ein wenig attraktives und eher schmuddeliges Sexkino.
Die Damen Dornacher hatten gewiss ein gutes Herz. Die Wohnungen im Haus Nr. 5 waren günstig, der Ausbaustandard und der Allgemeinzustand allerdings auch nicht besonders gut. Wegen der bescheidenen Mieten, und wohl auch wegen der Anziehungskraft des Kinos, wohnten im Haus viele junge Künstler, welche noch nicht arriviert oder keine guten Kaufleute, jedenfalls dankbar für die günstige Wohngelegenheiten mitten in der Stadt, waren. Fotografen, Schauspieler, Filmautoren, Theatermitarbeitende und andere Angehörigen des brotlosen Gewerbes bewohnten und bereicherten das Haus. Heute noch immer bekannte Namen zierten die Türschilder: Fotograf Jakob Tuggener, Kabarettist Zarli Carigiet, Schauspielerin Lotte Lieven oder Filmemacher Hans-Ulrich Schlumpf, sie alle wohnten für kürzere oder auch längere Dauer an der Mühlegasse 5.
Im Haus Nummer 3 führte seit 1965 Captain Jo (welcher auch bis vor wenigen Jahren das Seemannslokal «Aarfähre» betrieb) die Haifischbar. Die Haifischbar gibt es noch heute an der Mühlegasse 3. Captain Jo, offenbar ein Meister des Jammerns, vermochte Nelly Dornacher, welche in der Allianz AG für die Finanzen zuständig war, häufig davon zu überzeugen, wie schlecht das Geschäft mit nackter Haut laufe und dass man über den Mietzins sprechen müsse – was man auch mehrmals tat, mit erfolgreichem Ergebnis für die Haifischbar. Wenige Jahre vor dem Verkauf der Liegenschaften wurde der Mietvertrag mit Captain Jo verlängert. Der Mietvertrag wurde samt dem Namen «Haifischbar» zu einem beeindruckenden Preis an einen Nachfolger verkauft. Das ist nach unserem Schweizerischem Mietrecht möglich. Die neue Langfristigkeit dieses Mietvertrages sollte dann bei der Sanierung des Hauses Nummer 5 noch erhebliche Probleme bereiten, weil die Haifischbar, zwar im Haus Nummer 3 angesiedelt, auch im Haus Nummer 5 ein paar Quadratmeter belegte.
Die Sanierung, ein denkwürdiges Bauprojekt
VERIT Immobilien bewirtschaftete den gesamten Immobilienbestand der (inzwischen verstorbenen) Damen Dornacher, darunter auch die Liegenschaften der Allianz AG. Der Zustand der Liegenschaft Mühlegasse 5 erforderte dringend Sanierungsmassnahmen. Nelly und Charlotte Dornacher mochten sich dieser Aufgabe nicht mehr stellen. Sie, beziehungsweise die Allianz AG, verkauften die Liegenschaften an der Mühlegasse anfangs 2006 an eine Privatperson. Und nun begann die lange Phase der Planung. Es war der neuen Eigentümerschaft wie auch der Bewirtschaftung klar, dass der Eingriff in die alte Bausubstanz erheblich sein würde und dass die tiefgreifenden Massnahmen sehr frühzeitig mit der Denkmalpflege und der Archäologie der Stadt Zürich zu koordinieren seien. Die konstruktiven Gespräche ermöglichten, dass die Planer von Anfang an wussten, wo sie die Grenzen des Eingriffes zu setzten hatten. Weil das Gebäude Nummer 5 nicht unterkellert war, waren die Untersuchungen des Grundes für die Grabungsteams der Archäologie ein gefundenes Fressen. Die frühmittelalterlichen Fundamente, die ehemaligen Feuerstellen, die Knochenfunde und Werkzeuge interessierte indessen offenbar weniger als der Fund alter Kinoplakate und Programmhefte im Dachstock aus den Jahren 1907 bis 1914. «Der spektakuläre Fund vermehrt den bisher bekannten Filmplakatbestand aus dieser Zeit erheblich», schrieben die Archäologen. Plakate, welche in mehreren Exemplaren vorhanden waren, durfte die Bauherrschaft behalten. Sie schmücken heute das Treppenhaus des ehemaligen «Radium». Auch die alten Projektoren sind übrigens noch in der Liegenschaft. Sie bereichern heute die Räumlichkeiten des Hairstylisten «PerfectHair», welcher sich an der Mühlegasse 5 in einem Teil des Erd- und 1. Obergeschosses sehr attraktiv eingerichtet hat.
Die Zusammenarbeit zwischen der Bauleitung und den Ausgrabungsteams war hervorragend. Man wusste stets Bescheid über das Programm der Archäologen und, soweit dies möglich war, wurde mit den Grabarbeiten auch auf das Bauprogramm Rücksicht genommen. Der Ausgrabungsleiter verstand es, die Bauherrschaft und die Bauleitung für seine Arbeit zu begeistern. Er erklärte auf eindrückliche Weise die einzelnen Schritte, die Methodik und die Ergebnisse seiner Arbeit.
Ebenso erfolgreich war übrigens auch die Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege. Dank der guten Vorbereitungsarbeiten gab es während der Bauausführung wenig Probleme, die wirklich Kopfzerbrechen bereiteten. Eine etwas groteske Situation entstand, als die Feuerpolizei den Ersatz der Treppe vom ersten Obergeschoss ins Erdgeschoss verlangte, weil die Stufen nicht den Normen als Fluchttreppe entsprachen. Auf der anderen Seite bestand die Denkmalpflege auf der Beibehaltung und Restaurierung des sehr schönen schmideisernen Treppengeländers in der ursprünglichen Gestaltung.
Der Vorschlag, dass doch das Problem behördenintern gelöst werde, wurde verworfen (eine Krähe pickt der anderen bekanntlich nur ungern ein Auge aus). Aber schliesslich gab die Feuerpolizei nach mehreren Besprechungen und Begehungen mit Fluchtsimulationen nach. Treppe samt Geländer präsentieren sich heute hervorragend.
Schwieriger waren die Verhandlungen mit der Haifischbar. Der Zuschauerraum des Nightclubs ragte nämlich (mit einem flächenmässig unbedeutenden Teil) in das Gebäude Mühlegasse 5. Aber exakt dort sollte der neue Liftschacht aufgebaut werden. Natürlich waren das die für den Betrieb des Nightclubs wertvollsten Flächen, absolut umsatzentscheidend und existentiell bedeutend. Aber auch dieses schier unlösbar scheinende Problem konnte letztlich zur allseitigen Zufriedenheit gelöst werden: Die Haifischbar wurde mit ins Sanierungsprogramm aufgenommen, mit dem Betreiber wurde ein neuer Mietvertrag abgeschlossen, welche auch das Restaurant Da Vinci (heute Kormasutra) zum Gegenstand hatte – und der Liftschacht samt Lift konnte am vorgesehenen Ort realisiert werden.
An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass die Verhandlungen mit allen Mietern in den beiden Häusern an der Mühlegasse 3 und 5 über die Verlängerung oder die Auflösung von Mietverträgen stets, zwar durchaus hart, aber korrekt geführt werden konnten. Nebenbei bemerkt: Die Eigentümerschaft wie auch die Mieter im Haus Nummer 5 respektieren und akzeptieren die Haifischbar als jahrzehntealte, zu Zürich gehörende «kulturelle» Institution, die hier ihren Platz haben soll. Mancher Student mit lockerem Lehrplan und ebensolcher Einstellung zum Leben erinnert sich wohl gerne an ausschweifende Nächte im Dörfli mit der letzten Station «Haifischbar».
Eine Symbiose aus Alt und Neu
Die denkmalpflegerisch geschützte farbliche Gestaltung der Fassade und des Treppenhauses erhielt das Radium 1928. Diese wurden sorgfältig und mit enger Begleitung der Denkmalpflege restauriert und das Haus präsentiert sich heute im Wesentlichen so, wie es vor fast hundert Jahren in Erscheinung getreten ist. Natürlich wurden im Innern die wertvollen Bauteile sorgfältig erneuert. Insbesondere die Dachbalken im Dachgeschoss, welche zu den ältesten Zürichs gehören (14. Jahrhundert), die Kassetendecke im 2. Obergeschoss (frühes 17. Jahrhundert), die Treppe mit dem schmideisernen Geländer zum 1. Obergeschoss (18. Jahrhundert) und das überaus aufwendig gestaltete Nussbaumtäfer mit Kachelofen (im Empirestil), ebenfalls im 2. Obergeschoss, wurden mit grossem Aufwand instand gestellt. Sie geben dem Haus an der Mühlegasse seinen Charakter. Der Einbau des Nussbaumtäfers mit Ablage und Kachelofen wird übrigens Müllermeister Johannes Wehrli zugeschrieben.
Dieter Jenny, 5. Februar 2020