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Eine Sozialkomödie – damals wie heute
J.M.R. Lenz “Der Hofmeister“ | Schauspielhaus Zürich, Schiffbau
Das Schauspielhaus Zürich zeigt die vierstündige Inszenierung “Der Hofmeister“ in der Regie von Frank Castorf. Eine Collage aus Heiner Müllers „Die Schlacht“ (1951), Georg Büchners “Lenz“ (1839) und Jakob Michael Reinhold Lenz’ “Der Hofmeister“ (1774), eine bäuerische Materialschlacht und eine Gesellschaftskritik von 1774 bis 2010.
Von Noémie Delfgou.
Mit der Auswahl der drei Theaterstücke überfliegt Castorf drei Jahrhunderte, zwei Kriege und endet heute bei aktuellen Polit-Themen. Genau wie 1774 Lenz im “Hofmeister“ öffentlich Kritik an den Privatlehrern ausgeübt hat, kritisiert Castorf heute die Reaktionen der Universitätsprofessoren auf die SVP Filz Kampagne. Provokante Fragestellungen werden direkt ans Publikum gestellt wie “Sind die Düütsche e Rasse?“ oder “Hört die Internationalität denn in Düütschland uuf?“
Der Hofmeister
Läuffer (Niklas Kohrt) betritt hastig die Bühne und hält den Eingangsmonolog des Hofmeisters. Seine barocke Perücke und die hohen Hacken sitzen perfekt. Geschäftig stampft er im Heuhaufen hin und her und drückt seinen Unmut über die Stelle als Hofmeister im Hause des Majors aus. Auftritt der Majorin (Ursula Doll). Sie stolziert selbstbewusst mit hochaufgesetzter, weisser Perücke und mit Stöckelschuhen halsbrecherisch über die wackelnden und kugelnden Rüben, die im Hintergrund des tiefen Bühnenraumes ausgelegt sind. Sie nimmt Läuffer mit einem strengen Blick unter die Lupe. Dieser beginnt vor Angst im Kreis davonzurennen, während sie ihn begehrend verfolgt. Ein Karussellspiel, welches immer schneller und absurder wird. Diese Szene ist typisch für weitere absurde Szenen, in denen die Schauspieler lange Wege durch den Bühnenraum zurücklegen, um darauf eine klare Bühnenanweisung zu vollziehen. Die halsbrecherischen Auf- und Abtritte der Figuren über die rollenden Rüben bilden einen köstlichen Running Gag des Abends.
Im Bühnenbild und auf der sprachlichen Ebene finden sich viele Referenzen auf das Theater. Gustchen (Lilith Stangenberg), Läuffers junge Schülerin, schreibt beispielsweise zur Strafe “Ich muss schönere Programmhefte schreiben“ und regelmässig werden Zürcher Schauplätze erwähnt wie etwa der Escherwyssplatz. Auf der Ebene des Bühnenbildes werden die Kulissenwände mit der Rückseite zum Publikum aufgestellt. Dadurch wird der Zuschauer ständig an die Theatersituation erinnert. Herr Rehaar (Aurel Manthei) wird von den Bengeln Pätus (Patrick Güldenberg) und Fritz (Franz Beil) in seine Hütte eingesperrt. Gewitzt ignoriert er jedoch die drei Kulissengestelle, die seine Hütte darstellen sollen, indem er um sie herum geht und befreit ist. Durch eine ähnliche Handhabung weiterer Theaterattribute bietet Castorf seinen Schauspielern eine Spielfreiheit, die unabhängig von der Handlung eine erfrischende Komik erzeugt.
Ein witziges Bühnenelement bietet auch das eiserne Klappbett, das in seiner Fragilität stets zusammenzubrechen droht. Die naive, apathische und stets halbnackte Gustchen mit Struwelperücke, hängt im Klappbett neben Läuffer ihren shakespeareschen Traumvorstellungen nach und singt grässlich dazu. Dann zerrt sie ihren Hofmeister hinter den Vorhang, um sich nach dem Proletenfick gräulich vor ihm zu ekeln. Die Fabel verstrickt sich immer weiter, bis Gustchen im Teich einen Suizidversuch begeht, ihr Vater sie rettet und Läuffer sich vor Reue kastriert.
Die Figuren im Hofmeister bleiben künstlich. Ihre forcierten Sprachgesten ermüden, wobei sie die Stimmbänder als auch die Ohren der Zuschauer strapazieren. Ein besonders ausgeprägtes Kreischen findet sich in den weiblichen Partien der Jungfer Hamster und Jungfer Knicks, die ohrenbetäubende Oktaven schreien, während sie auf dem Balkon ihre Schirmchen schwenken.
Hingegen ist es ein Genuss die wachsende Verzweiflung des Majors mitzuerleben, der sich in seine bäuerliche Arbeit flieht und plötzlich wie aus dem Nichts mit einem Traktor und Anhänger auf die Bühne dampfend, die Heugabel fest gepackt, den Heuhaufen zu verladen beginnt. Seine strotzende Vaterliebe zu Gustchen, als auch seine blinde Wut auf den Läuffer verleihen dem Verlauf der Komödie spannungsgeladene, emotionale Momente.
Lenz und die Schlacht
Castorf lässt einige Passagen aus Georg Büchners Novelle “Lenz“, in die Haupthandlung des “Hofmeisters“ einfliessen. Zwischendurch monologisiert Niklas Kohrt in der Doppelrolle Läuffer/Lenz grosse Teile aus dem brieflichen Austausch Lenz und Oberlins, sowie aus den bildhaften Beschreibungen über Lenz’ Reise. Auch Lenz hat sich teilweise mit der Figur Läuffer identifiziert, da er selber als Privatlehrer tätig war und grosse Abneigung gegen diese Arbeit hegte. Die Schauspieler rezitieren die Texte meist vorne an der Rampe stehend. So kommt Büchners bildhafte Sprache gut zur Geltung.
Sobald Castorf zu Texten von Müller wechseln lässt, verändert sich die Atmosphäre. Er lässt Müllers harte, kalte Sprache am Ende des Hitlerregimes von den Schauspielern deutlich ausspielen. Eine bedrückende, kämpferische Stimmung breitet sich aus. Ausserdem hält sich Castorf an die werkgetreuen Regieanweisungen Müllers, wobei er in der Szene “Die Nacht der langen Messer” das Hakenkreuz auf den Bauch des einen Bruders malen lässt. Als er dann jedoch “La Libérte“, das berühmte Gemälde von Eugène Delacroix, mit der Hakenkreuzfahne anstelle der Tricolor imitieren lässt, verlassen die ersten Zuschauer den Saal.
Die textliche Werktreue hoch drei zieht die Inszenierung in die Länge ohne Langeweile aufkommen zu lassen. Die rasanten Texte, Handlungs- und Figurenwechsel halten den Zuschauer auf Trab. Castorf ordnet die drei literarischen Texte geschickt dramaturgisch an. Teils werden die Passagen abrupt aus der Handlung losgelöst, teils entsteht ein fliessender Übergang zum nächsten Stück, wo erst nach einigen gesprochenen Zeilen klar wird, welche Figur jetzt spricht.
“Der Hofmeister“ wird durch seine übertriebenen Figuren, Perücken, und überdeutlichen Sprachgesten sehr schnell wiedererkannt. Die Charaktere wirken sehr plastisch und bedienen sich klischierten Rollenformen. Die monologisierten Partien aus “Lenz“ sind ebenfalls deutlich von der komplexen Handlungsstruktur des Hofmeisters zu unterscheiden. Daneben fliessen die Dialoge Müllers stark in die Szenen des Hofmeisters mit ein.
Die ausgedehnte, aber erfrischende Inszenierung Castorfs überzeugt dank den fliegenden Stückwechsel und dem witzigen Bühnenbild, das den meist zu plakativ und flach gespielten Figuren spannende Angebote bietet, ihre Rolle auszuspielen.
Besprechung der Aufführung vom 29. Januar 2010.
Dauer: 240 Minuten
Weitere Vorstellungen am 6., 7., 9., 10., 11. Februar 2010.
Besetzung
Läuffer. Ein Hofmeister: Niklas Kohrt
Herr von Berg. Geheimer Rat: Gottfried Breitfuss
Der Major. Sein Bruder: Robert Hunger-Bühler
Die Majorin: Ursula Doll
Gustchen. Ihre Tochter: Lilith Stangenberg
Leopold. Ihr Sohn / Jungfer Rehaar / Frau Hamster: Julia Kreusch
Fritz von Berg: Franz Beil
Pätus. Student: Patrick Güldenberg
Graf Wermuth / Bollwerk / Herr Rehaar / Schöpsen: Aurel Manthei
Wenzeslaus. Ein Schulmeister: Siggi Schwientek
Frau Blitzer / Marthe: Winnie Böwe
Lise / Jungfer Knicks: Irina Kastrinidis
Herr von Seiffenblase: Rudolf K. Rath
Regie: Frank Castorf
Bühnenbild: Hartmut Meyer
Kostüme: Jana Findeklee, Joki Tewes
Lichtdesign: Markus Keusch
Dramaturgie: Roland Koberg
Im Netz
www.schauspielhaus.ch