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Es erscheint zunächst sicher seltsam dass ich in der zweiten Buchbesprechung schon eine Erzählung auswähle, die gemeinhin dem Kanon der deutschsprachigen Literatur zugeordnet wird; an die man aber kaum denken würde, wenn es um Fantasy oder verwandte Genres geht. Diese Wahl ist erklärungsbedürftig, allerdings auch nicht schwer zu rechtfertigen.
„Als Georg Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt.“ So beginnt Kafkas „Verwandlung“, manche betrachten diesen Satz zu Recht als so hervor-ragend, dass sie ihn auswendig gelernt haben. Und dieser Satz hat es auch in sich: Die gesamte Handlung entwickelt sich aus diesem ersten Satz und ist davon bestimmt (ähnliches werden wir bei Stephen Kings Zyklus „The Dark Tower“ feststellen können).
Georg Samsa ist also in ein Ungeziefer, einen Käfer verwandelt worden. Während der ganzen Erzählung geht es dann darum, mit der Familie ein mögliches Zusammenleben zu finden unter diesen seltsamen Umständen und Samsas Versuch, weiterarbeiten zu können, bis er schlussendlich stirbt und zusammen mit Abfall aus der Wohnung entsorgt wird.
In den Interpretationen zur „Verwandlung“ und zu Kafka allgemein hat man sich bisher extrem auf den Vater-Sohn-Konflikt konzentriert. Auch hat man sich oft damit begnügt, irgendwelche Parallelen zwischen Kafkas Biographie und seinen fiktiven Figuren aufzuspüren. Kafkas Biograph Reiner Stach hat aber ganz richtig bemerkt, dass es Kafka auf unvergleichliche Art gelungen ist, biographisches in seine Erzählungen einzuflechten, ohne dass sie für das Verständnis relevant werden. Ein Leser, der Kafkas Biographie nicht kennt, kann die „Verwandlung“ genau so gut verstehen wie einer, der sie kennt.
Darum möchte ich im weiteren auf diese Thematik nicht eingehen, sondern das Unheimliche in dieser Erzählung betrachten: „Die Verwandlung“ ist keine Horrorgeschichte. Sie setzt das Unheimliche nicht für Schock-Effekte ein, bzw. um beim Leser emotionale Reaktionen hervorzurufen. Aber der Text befremdet. Von Anfang wird Samsas Verwandlung in einen Käfer nicht als etwas irreales behandelt. Keine der Figuren gerät ob dieser Verwandlung in Verwirrung oder Panik, wie man es eigentlich erwarten würde. Vor allem Georg Samsa selber sieht in seiner Verwandlung kein Hindernis, weiterzuarbeiten und für sich und seine Familie aufzukommen. Allerdings wird im Verlauf immer klarer, dass Georg Samsa nach seiner Verwandlung für die Familie nicht mehr von Nutzen ist. Es wird über Samsas Beseitigung nachgedacht. Noch befremdender wird die Geschichte, wenn Samsa bekennt, mit seiner eventuellen Beseitigung völlig einverstanden zu sein und diese sogar begrüsst. Und schliesslich scheint es der Familie sogar erst dann richtig gut zu gehen, nachdem Samsa gestorben ist.
Eigentlich müsste der Leser Samsa bemitleiden. Georg Samsa ist derart mit dieser menschenverbrauchenden Arbeitswelt verbunden, dass er sich bereitwillig für andere aufbraucht, masslos, so dass er nicht bemerkt, dass er sich im Grunde selber zerstört. Doch die Verwandlung in ein Ungeziefer verhindert das. Erleichterung ist es, was der Leser verspürt, wenn die Erzählung endlich zu Ende ist und damit auch Samsas Leben, gleichzeitig wird sich ob diesem Empfinden vermutlich auch schlechtes Gewissen im Leser regen.
Insgesamt ist die Erzählung „realistischer“ Art, allerdings beinhaltet sie ein Element des Unheimlichen, das über die ganze Handlung dominiert, so dass diese Erzählung auch für Leser interessant ist, die normalerweise nicht viel für kanonisierte Literatur übrig haben.
by Steppenwolf