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Als Sigmund Freud die Schwiegermutter der Queen verstümmelte
Statt einer wirkungsvollen Psychotherapie erhielt Prinzessin Alice von Battenberg 1930 eine Behandlung, die heute als schwere Körperverletzung gelten würde. Dahinter steckte Sigmund Freud. Den Fall rekonstruiert hat Psychologe Dany Nobus.
Prinzessin Alice von Battenberg war reichlich verwirrt, heisst es, als sie 1930 ins Berliner Kurhaus Schloss Tegel eingeliefert wurde. Sie hielt sich für die einzige auserwählte Braut Jesu Christi. Um seine Botschaften zu empfangen, kroch sie auf dem Boden herum. Und zur Strafe für angeblich begangene Sünden verweigerte sie jegliche Nahrung.
Der Klinikleiter und Psychoanalytiker Ernst Simmel tat sein Bestes. Leider vergeblich. Nicht nur war die Patientin schwerhörig und konnte, auf der Couch liegend, unmöglich verstehen, was der Therapeut sagte. Sie zeigte sich auch wenig offen für dessen Behandlungsansätze. Immerhin gestand sie ihm zu, die Rolle Christi für sie zu übernehmen.
Kastration zur Verjüngung
Simmel gab auf und delegierte den Fall an seinen Freund Sigmund Freud, den Vater der Psychoanalyse. Dieser war allerdings lange schon davon überzeugt, dass psychotische Menschen nicht auf Psychoanalyse ansprechen.
Für diese Patientinnen und Patienten hatte er eine andere Methode: die Kastration. Diese sollte die Verwirrten verjüngen und so wieder auf den rechten Weg bringen.
Freud war ein Anhänger der kruden Theorie, dass Hoden und Eierstöcke im Alter die Produktion von Sexualhormonen hemmen. Um die Libido sowie die Vitalität wiederzuerwecken, hilft deshalb nur die Bestrahlung der Eierstöcke bei der Frau beziehungsweise die Kastration beim Mann. Davon war er derart überzeugt, dass er selbst eine sogenannte Vasoligatur, also eine Samenleiterunterbindung, vornehmen liess.
Keine Besserung durch Bestrahlung
Die half der Libido der Männer allerdings ebenso wenig auf die Sprünge wie die Bestrahlung die arme Adlige aus ihrer Verwirrtheit befreite. So blieb Alice von Battenberg noch für Jahre weggesperrt, ehe sie auch ohne Prozeduren irgendwelcher Art wieder Kontrolle über ihr Leben erlangte.
Die interessante Geschichte haben wir dem Psychologen Dany Nobus von der Brunel University London zu verdanken. In akribischer Archivarbeit hat er die Affäre aufgearbeitet.
Nobus ist nicht nur ausgewiesener Freud-Kenner, sondern auch der ehemalige Direktor des Freud-Museums London – der Stadt, in welche der Wiener Psychoanalytiker nach der Machtergreifung der Nazis 1938 emigrierte.
Zur Autorin: Marianne Siegenthaler ist freie Journalistin und Buchautorin. Wenn sie grad mal nicht am Schreiben ist, verbringt sie ihre Zeit am liebsten im, am und auf dem Zürichsee.
Regelmässig gibt es werktags um 11:30 Uhr und manchmal auch erst um 12 Uhr bei «Bluewin» die Kolumne am Mittag – es dreht sich um bekannte Persönlichkeiten, mitunter auch um unbekannte – und manchmal wird sich auch ein Sternchen finden.Zurück zur Startseite