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|(aus: Ernst Rudin. Der Dichter und sein Henker? Lorcas Lyrik und Theater in deutscher Übersetzung, 1938-1998. Kassel: Reichenberger, 2000)
Der 'Fall Lorca' ist in der Geschichte der Literatur-Übersetzung ins Deutsche ein Ausnahmefall. Kein anderer Übersetzer wurde in selbem Mass angefeindet wie Beck, keinem anderen Übersetzer wurde ein auch nur annähernd vergleichbares Medienecho zuteil. Dies ist zum Teil sicher den Eigenheiten seiner Übersetzung zuzuschreiben. Für das Ausmass der "Affäre Beck" sind aber noch zwei weitere Faktoren verantwortlich:
- Lorcas Marktwert. Federico García Lorca ist zwar einer der wichtigsten spanischen Dichter dieses Jahrhunderts, aber das Interesse an ihm in und ausserhalb Spaniens geht weit über seine literaturgeschichtliche Stellung hinaus. Ramón del Valle-Inclán ist ihm als Theaterschaffender ebenbürtig; Antonio Machado und Juan Ramón Jiménez sind nicht weniger wichtige Lyriker als er. Ihre öffentliche Ausstrahlung ist aber viel geringer als jene Lorcas, und im deutschen Sprachraum ist dieses Gefälle noch ausgeprägter als in Spanien. Mehr als jeder andere spanische Dichter ist Lorca Legende, Mythos und Symbol. Zu diesem Status tragen seine facettenreiche Persönlichkeit, die Umstände seines Todes sowie die Vielschichtigkeit seines Werks bei. Lorca ermöglicht es verschiedenen Gruppen, sich auf ihn zu berufen, und je nach Gruppe wird dann der Andalusier, der Zigeunerdichter, der Avantgardist oder der homosexuelle Künstler Lorca zur Symbolfigur erhoben. [...] Solche Vereinnahmungen zu bestimmten Zwecken pflegen die komplexe Figur Lorcas zwangsläufig zu reduzieren. Dies haben auch die Feierlichkeiten zu seinem hundertsten Geburtstag in Spanien gezeigt, bei denen Flamencorhythmen allgegenwärtig waren, während das politische Engagement des Dichters und seine Homosexualität weitgehend ausgeklammert blieben.
- Die für den Übersetzer ungewöhnlich vorteilhaften Verträge mit der Familie Lorca, die Beck nicht nur zum Alleinübersetzer machten, sondern ihm auch Tantiemen zusprachen, die weit über den in der Branche üblichen Ansätzen liegen. Die Tatsache, dass Lorca der meistgespielte spanischsprachige Autor und Bernarda Alba seit Jahrzehnten das meistgespielte spanische Theaterstück im deutschen Sprachraum ist, sorgt für einen Tantiemenkuchen von beachtlicher Grosse. Wenn der Übersetzer sich nun von diesem Kuchen die Hälfte abschneidet, statt des Stückchens, das seiner Zunft sonst zusteht, müssen sich die übrigen Tantiemenberechtigten mit entsprechend kleineren Stücken begnügen.
Ohne die Sonderstellung des Dichters Lorca und ohne die Sonderstellung des Übersetzers Beck wäre das Interesse an den Eigenheiten der Übersetzung bedeutend kleiner und der "jahrzehntelange Skandal eines verballhornten und folklorisierten deutschen Lorca" (Schütte) würde nicht existieren. (326-327)
Quelle: Ernst Rudin. Der Dichter und sein Henker? Lorcas Lyrik und Theater in deutscher Übersetzung, 1938-1998. Kassel: Reichenberger, 2000.