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Das Ende der Bescheidenheit
Wirtschaftlich stehen wir ja nur deshalb so gut da, weil unser Wohlstand das Ergebis einer bemerkenswerten Bescheidenheit ist, die über weite Strecken nicht einmal wirklich unser Verdienst war, sondern aus Not erzwungene Tugend. Ausgestattet mit ein paar Privilegien innerhalb des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, haben die Eidgenossen es verstanden, im Gerangel der europäischen Mächte Nischen und Freiräume aller Art für sich zu »ergattern«. Allerdings gelang das meist nur, indem sie die Mächte gegeneinander ausspielten, denen sie sich ausgewogen andienten, sei es mit Söldnern oder mit guten Handelsbeziehungen.
Doch während Portugal und Spanien, England, Frankreich, Holland, Belgien und Deutschland sich anschickten, nach und nach die Welt zu erobern, verboten die europäischen Grossmächte den Eidgenossen 1815 sogar, auch nur als Söldner in fremden Diensten etwas hinzuzuverdienen. So blieb vielen bis zum ersten Weltkrieg nur die Auswanderung nach Amerika! Den »Zurückgebliebenen« allerdings ist das Leben in erzwungener Bescheidenheit, Sparsamkeit und Fleiss nicht schlecht bekommen! Dass seit der Mitte des 18. Jahrhunderts mehrere Regionen der Schweiz kontinuierlich zu den wettbewerbsfähigsten der Welt gehören, ist kein Zufall! Die innovative Anpassungsfähigkeit dieser Regionen bis heute beweist, dass erfolgreiches Wirtschaften in kapitalistischen Verhältnissen keine Frage von Markttheorien, sondern eine sozio-kulturelle Errungenschaft ist.
Die Schweiz ist ein lebensfähiges System
Die selektive, kleinräumige Staatenbildung, die sich weitgehend auf freie Zusammenschlüsse von Bundesgenossen beschränkte (ausser dem Tessin also fast keine widerspenstigen Untertanengebiete besetzten), ermöglichte im Verlauf der Jahrhunderte die Entwicklung einer Gesellschaft, deren solide Verfassung (rechtlich wie materiell) strikt von unten nach oben – bottom up – aufgebaut und abgesichert ist. Inzwischen kann die Systemtheorie mit Computersimulationen nachweisen, dass exakt diese Konstruktionsweise beides, Agilität wie Stabilität eines Systems, optimiert. Informationstheoretisch gesehen ist die Schweiz ein »komplexes adaptives System«, zu deutsch: ein lebensfähiges.
Die vergleichsweise hohe Akzeptanz der staatlichen Autorität und die Verinnerlichung allgemeiner Werte, eine hohe Bereitschaft und Fähigkeit, Konflikte durch Kompromisse zu lösen, sozialer Friede infolgedessen und politische Stabilität: das waren zumindest bis zur Jahrhundertwende die hervorragenden Charakteristika unseres Landes.
Ein wesentlicher und oft unterschätzter Vorteil unserer kleinräumigen Ökonomie besteht allerdings auch darin, dass sie uns von den grössten Problemen sozialer und ökologischer Verwahrlosung verschonte, die in anderen Ländern immer gigantischere Ausmasse annehmen. Wie die Arbeiterschaft im 19. Jahrhundert das Elend der Proletarisierung nie in vollem Ausmass zu spüren bekam, so halten sich auch die sozialen Probleme bis heute in überschaubaren Grenzen. Aufgrund der feinmaschigen Sozialnetze nicht nur in Gemeinden und Kantonen, sondern vor allem den Städten sind wir in der Lage, einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Immigration erstaunlich gut zu verkraften. Nirgends nimmt die soziale Desintegration bei uns das Ausmass an, das für Banlieus und Suburbs in Paris, London etc., aber auch für Lyon, Marseilles oder Barcelona charakteristisch ist, von Neapel ganz zu schweigen. Dasselbe gilt in noch höherem Mass für das ökologische Desaster, das der industrielle Raubbau weltweit angerichtet hat.
Die Schweiz als solche muss zum Exportschlager werden
Nach schweizerischen Masstäben ist die Verantwortungslosigkeit, mit der die Modernisierung anderswo vorangetrieben wird, unverständlich. Trotzdem profitieren wir davon, indem wir Rohstoffe und Waren zu Dumpingpreisen importieren. Sind wir nicht machtlos gegen die ökonomischen und ökologischen Sünden der andern? Das ist die Kehrseite der schweizerischen Bescheidenheit: die Zurückhaltung auch da, wo solidarisches Engagement angebrachter wäre. Dasselbe gilt ja auch im Landesinnern! Was brauchen sich Zuger und Schwyzer um die sozialen Probleme zu kümmern, die Basel, Zürich oder Genf bewältigen und mit öffentlichen Geldern bezahlen müssen? Steuerparadiese verdanken ihr Dasein zum grossen Teil der Tatsache, dass sie sich reihenweise um Probleme, mit denen andere zu kämpfen haben, foutieren können, wie sehr sie umgekehrt als schwache Regionen auch der Ausgleichszahlungen zur Bewältigung allgemeiner Aufgaben erfreuen. Im Landesinnern lassen sich Ungleichgewichte dieser Art aufgrund eben jener soliden Verfassung des demokratischen Regelwerks allerdings gut bewältigen. Letztlich wissen wir, was wir einander schulden! Umso grösser ist die Gefahr der Illusion, wir könnten uns durch Abschottung nach aussen hin gegen die Misere der andern absichern. Ironischerweise zeigt aber gerade der hohe Kurs, in dem die Schweiz samt ihrer Landeswährung jetzt wieder stehen, das Illusorische dieser Abschottung! Denn zu den Flüchtlingen, die aus allen Weltregionen bei uns Obdach suchen, gehören auch die Vermögenden, die ihre Schäfchen, ob weiss oder schwarz, bei uns ins Trockene bringen wollen. Die Situation ist paradox: je besser die Abschottung gelingt, desto kräftiger der Zustrom! Wir sind Opfer des eigenen Erfolgs. Und dagegen gibt es nur ein Rezept: die zu allem entschlossene Öffnung! Nicht nur Uhren und andere Luxusartikel, die Schweiz als solche muss zum Exportschlager werden. Entweder wir helfen nach Kräften mit, die Welt zu verschweizern, oder wir gehen mit ihr unter!
Eines müsste nach dem Debakel der Finanzwirtschaft immerhin klar sein: Qualität ist wieder gefragt! Gerade die Schweiz als Bollwerk der Banken müsste begriffen haben, dass es an der Zeit ist, den reinen Finanzjongleuren den Rücken zu kehren und sich auf solide Werte der Realwirtschaft zu besinnen. Der US-Investor Warren Buffett, ein Spezialist auf diesem Gebiet, hat die Devise vorgegeben: die Zeit der Gier ist vorbei, gefragt ist mutige Weitsicht, die auf stabile Fundamente baut. Statt also nur durch Ausweitung der Geldmenge danach zu trachten, nominal die Währung auf erträglich tiefem Niveau zu halten, sollte die Schweiz sich substanziell engagieren, um das realwirtschaftliche Umfeld nach Kräften zu stabilisieren, und das heisst: gezielt zur Stärkung gerade der schwächsten Regionen Europas beizutragen. Hundert Jahre lang haben schweizerische Firmen billige Arbeitskräfte aus Italien, Spanien, Portugal importiert, um hoch-qualifizierte Produkte zu exportieren. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt gekommen, in radikaler Kehrtwendung durch Direktinvestitionen nicht in Südostasien, sondern in Italien, Griechenland, Spanien und Portugal zur Konsolidierung Europas beizutragen. Tatsächlich sind solche Verlagerungen ja längst und mit Erfolg im Gang, etwa wenn die Firma Kuhn-Rikon ihre Pfannen in Italien herstellt. Dabei darf der rührig-konservative Unternehmer Thomas Minder durchaus in Frage stellen, ob eine solche Produktion das Label der schweizerischen Qualitätsware verdient. Schweizerischer Tradition entspricht allerdings, diese Frage an der Sache selbst – an der sachlichen Qualität des Produkts – zu prüfen. Nachdem auch schon in der Schweiz viele ausländische Arbeitskräfte bei der Herstellung dieser Pfannen mitgewirkt haben, ist nicht ohne weiteres einzusehen, warum dieselben Arbeitskräfte auf italienischem Staatsgebiet zwangsläufig schlechtere Waren herstellen sollten! Qualität ist gefragt und muss überprüft werden. Und der Kern der Qualität ist die Sachlichkeit!
Warum verschaffen wir uns nicht Zugang ans Meer?
Wenn der Franken zu stark zu werden droht, lohnt es sich, im Ausland einzukaufen! Warum also übernimmt die SBB nicht die marode italienische Staatsbahn, um sie auf Vordermann zu bringen? Hat nicht vor Monaten ein italienischer Minister in bizarrer Verkennung der ökonomischen Realität das exakte Gegenteil vorgeschlagen? Die Schweiz könnte kontern! Und sollten die Italiener das Angebot abschlagen, wären die Portugiesen oder Griechen vielleicht umso dankbarer, ihre Züge im schweizerischen Taktfahrplan verkehren zu lassen. Ja sogar französische Bahnangestellte würden ihre Streiklust vielleicht zügeln, wenn ihr Lohn nach Massgabe eines schweizerischen Gesamtarbeitsvertrags und in Franken ausbezahlt würde. Ein Honiglecken würde das Projekt zwar nicht. Und nach dem Debakel der Swissair müssten wir uns auch darauf gefasst machen, nur müdes Lächeln für den Vorschlag zu ernten. Im Dienst der guten Sache aber müssten wir die Grösse haben, darüber hinwegzusehen.
Statt also ziellos Euro aufzukaufen, die in Monaten, wenn nicht Wochen vielleicht wertlos sind, sollten wir versuchen, für unser gutes Geld reale Werte zu bekommen. Warum verschaffen wir uns bei der Gelegenheit nicht endlich einen direkten Zugang ans Meer, indem wir Ligurien und das Piemont samt Turin und Genua ins schweizerische Territorium eingemeinden? Nicht militärisch, versteht sich, sondern durch Volksabstimmung in den beiden Regionen und Verhandlungen mit der italienischen Regierung, die allerdings wohl eher dafür zu haben wäre, Kalabrien oder Lampedusa an die Schweiz abzutreten. Why not? Die extrem bescheidenen Verhältnisse des Mezzogiorno in gut-schweizerischer Manier in eine bessere Verfassung zu bringen, wäre kein leichtes, aber ein ehrenwertes Unternehmen. Warum sollten die Kalabresen schlechtere Schweizer sein als die Tessiner, zumal etliche von ihnen ja schon mehrere Jahre in der Schweiz gelebt und gearbeitet haben. Nach ihrer Rückwanderung (oder an ihrem zweiten Wohnsitz) wären sie vielleicht nicht abgeneigt, auch ihrer ursprünglichen Heimat einige der schweizerischen Annehmlichkeiten angedeihen zu lassen.
Oder wie wär’s, wenn die Schweiz die Aufgabe übernähme, die Säuberung Neapels zu organisieren, etwa mit Hilfe jener Jugendlichen, die mit dem Slogan »Piazza pulita« vor einige Zeit damit angefangen haben, das Problem in quasi-schweizerischer Manier selbst an die Hand zu nehmen!? Ja, vielleicht beginnt sie in solchen, sich da und dort formierenden Jugendbewegungen ganz von selbst, jene »Verschweizerung« der Welt, von der Dürrenmatt gesprochen hat. Zumindest die Restrukturierung Europas müssten mit helvetischen Ressourcen tatkräftig unterstützen: Hilfe zur Selbsthilfe beim gesamteuropäischen Versuch, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen!
Absage an jede Art von Reduit-Politik
Jede helvetische Exklave in der Landkarte Europas, jenes eidgenössische Protektorat oder Projekt könnte dazu beitragen, die aufgeblasene Brüsseler Administration zu entlasten und zugleich einen beträchtlichen Teil unserer finanziellen Überkapazität zu absorbieren. Zugleich wäre jedes derartige Engagement eine zukunftsträchtige Investition in die Prosperität jenes wirtschaftlichen Umfelds, von dem die Schweiz seit eh und je in höchstem Mass abhängt. Denn in der soziokulturellen Substanz ist Europa besser als sein Ruf! Und damit gleicht es in hohem Mass jenen maroden Unternehmen, mit deren Übernahme Warren Buffett reich geworden ist.
Sachlicher gesprochen: nicht Abkapselung und Schadensbegrenzung, sondern realwirtschaftliches Engagement als Beitrag zur Konsolidierung Europas ist das einzige Rezept, das uns aus dem gegenwärtigen Dilemma befreien könnte. Die Schweiz kann sich nur erhalten, indem sie sich dafür hergibt, zur Lösung der Probleme der andern beizutragen, und zwar substanziell. Das erfordert eine Absage an jede Art von Reduit-Politik, stellt im übrigen aber einen Tauschhandel in gut-schweizerischer Manier dar. Denn unabhängig war die Schweiz noch nie. Sie ist autonom, aber durch und durch auf die Nachbarn angewiesen. Und nachdem die Welt uns Jahrhunderte lang zur Bescheidenheit gezwungen hat, zwingt sie uns nun auch noch dazu, diese Bescheidenheit, der wir unseren Reichtum verdanken, aufzugeben und dafür Mitverantwortung zu übernehmen für ein Unternehmen, dessen stille Teilhaber wir sind, ob uns das passt oder nicht, seit Anbeginn auf Gedeih und Verderb: Europa als Wirtschaftsmacht gerade auf der Basis der Heterogenität.
Die Schwierigkeiten der Umsetzung sind immens, seien sie rechtlicher, sozialer oder logistischer Natur. Auf der Basis von Private-Public-Partnership-Initiativen müsste eine ganze Palette von Projekte diskutiert werden, um Möglichkeiten unternehmerischer Grenzüberschreitungen auszuloten und in die Wege zu leiten, seien es auf der Ebene von KMU oder der kommunalen Verwaltung. Dazu erforderliche Mittel könnten zum Teil aus einem Staatsfonds stammen, der aus den SNB-Euroreserven und anderen Quellen zu äufnen wäre. Kurzfristige Gewinne sind dabei nicht zu erwarten, im Gegenteil, doch der zunehmende Isolationismus, der uns in jeder Hinsicht zusehends in die Enge treibt, ist keine Alternative. Denn wie sehr Europa gegenwärtig auch mit der inneren Koslidierung ringt, immer deutlicher zeichnet sich dabei auch ab, in welch hohem Mass die Globalisierung seit den Zeiten von Christoph Kolumbus im Keim und im Kern bis heute ein europäisches Projekt ist. Und das heisst: in Europa – und im Herzen Europas in der Schweiz – muss sich entscheiden, ob das Unternehmen der Globalisierung gelingt oder im Desaster endet. In Dürrenmatts Worten: »Entweder die Welt verschweizert, oder sie geht unter.«
1) Rolf Niederhauser ist Schriftsteller aus Solothurn und lebt heute in Basel. Er ist Gründungsmitglied der Solothurner Literaturtage, hat Romane und Erzählungen geschrieben. Er war auch als Journalist tätig und verfügt - eher selten für einen Schweizer Autor - über viel ökonomisches Fachwissen.