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Bei einer Führung durch den in den sechziger Jahren in Bonn erbauten Kanzlerbungalow wies der sonst gut informierte Guide unter anderem auf die Kontroverse hin, die 1965 durch die Möblierung ausgelöst wurde. Denn: Statt auf west-deutsche Wertarbeit zu setzen, hätte man sich damals für amerikanische Sessel der Gebrüder Eames entschieden, um die Fortschrittlichkeit der jungen Republik zu unterstreichen.
Dass man Charles Eames und Ray Eames durchaus mit männlichen Designern in Verbindung bringen kann, hat neben den Vornamen auch mit den stereotypen Vorstellungen von Entwerfern des zwanzigsten Jahrhunderts zu tun. Fast ausnahmslos stammen die Klassiker des modernen Möbeldesigns aus männlicher Feder. Selbst Charlotte Perriand – eine der wenigen berühmten weiblichen Vertreterinnen des Fachs – wurde bei ihrer Bewerbung von Le Corbusier zunächst mit dem Hinweis abgewimmelt, dass er in seinem Büro niemanden brauche, der Kissenbezüge besticke.
Auch das Rollenverständnis der Eames der jeweilige Anteil an ihrem Gesamtwerk wurde in den letzten Jahren kontrovers diskutiert. Dagegen nimmt sich die Sache mit den Vornamen denkbar einfach aus: Die geborene Bernice Alexandra Kaiser wurde von ihrem Bruder Ray-Ray genannt. Die Hälfte davon verwendete sie alsbald als eigenen Vornamen und als sie 1941 Charles Eames heiratete, war aus ihr Ray Eames und im Verlauf der Jahrzehnte auch die Hälfte des wohl berühmtesten Designduos geworden.
Zuvor war Ray mehrere Jahre Schülerin des nach New York emigrierten Künstlers Hans Hofmann, von dem wichtige Impulse für Entwicklung der abstrakten Malerei in den USA ausgingen. Von dort gelangte sie an die Cranbrook Academy of Art in Michigan, wo sie Charles Eames kennen lernte, der zusammen mit Eero Saarinen gerade an einem Beitrag für einen Möbelwettbewerb des Museum of Modern Art in New York werkelte. Mit Möbeln, die teilweise aus neuartig geformten Sperrholz gefertigt waren, holten Saarinen und er den ersten Preis, während in Europa bereits der Zweite Weltkrieg tobte. Charles hatte nach einigen Semestern Architektur 1930 ein eigenes Büro in St. Louis eröffnet und war Ende der dreissiger Jahre an die Cranbrook Academy gekommen, wo er wenig später auch unterrichtete.
Es muss wohl Liebe auf den ersten Blick gewesen sein, denn nach kurzer Zeit entschlossen sich Charles und Ray zu heiraten – und Cranbrook mehr oder weniger überstürzt in Richtung Kalifornien zu verlassen. Denn Charles war gerade erst von seiner ersten Frau, mit der er eine Tochter hatte, geschieden und wollte offenbar sein altes Leben hinter sich lassen.
In Los Angeles angekommen, experimentierten Charles und Ray weiter an der dreidimensionalen Verformung von Sperrholz. Allerdings nicht mit Blick auf Möbel, sondern für die Militärindustrie. Denn mit dem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg ging in den USA die Entwicklung neuartiger Materialien einher, von denen nach dem Krieg auch die Möbelindustrie profitierte. Für das US Militär entwarf das Duo Sperrholzschienen, mit denen sich die Beine verwundeter Soldaten stabilisieren liessen. Mit dem gleichen Material schufen sie organisch geformte Skulpturen – kunstgewordene Experimente, mit denen sie die Verformungsmöglichkeiten testeten. Auf der Basis dieser Arbeiten entstanden in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre die ersten Stühle und Tische, die ab 1949 vom Möbelhersteller Herman Miller in grossen Serien produziert wurden. Mit ihren anatomisch geformten Sitz- und Rückenflächen, die an die Reliefs von Jean Arp erinnerten, dem filigranen Stahlrohrgestell und flexiblen Gummipuffern, mit denen Holz und Metall verbunden wurde, sprengten sie die von traditioneller Formgebung geprägten Vorstellungen, die bis dahin in den USA verbreitet waren. Die Eames verstanden es, Kunst und Technik in einem alltäglichen Gebrauchsgegenstand wie einem Stuhl zu vereinen.
Damit war das Fundament ihres Erfolgs gelegt. In Venice Beach richteten sie ihr Büro ein und beschäftigten bald ein ganzes Team begabter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die Entwicklung ikonischer Entwürfe wie die verbreiteten Fiberglas-Schalenstühle oder den berühmten Loungechair in Holz und schwarzem Leder massgeblich prägten. Charles’ und Rays Interessen gingen dabei weit über das Möbeldesign hinaus: Tausende Fotografien sind erhalten geblieben, dazu kommen zahlreiche Kurzfilme, deren berühmtester unter dem Titel „Powers of Ten“ eine Schnellreise von den Weiten des Universums bis in die Engen der Atomstruktur zurücklegt. Hinzu kommen szenografische Entwürfe für Ausstellungen wie die von IBM 1961 lancierte Mathematica, wo anhand anschaulicher Modelle in die Welt der Zahlen eingeführt wurde.
Aber auch die geschickte Selbstinszenierung des Mann-und-Frau-Teams verhalf der Marke Eames zu ihrer Einzigartigkeit: Mal sieht man sie in ihrer Arbeit vertieft, mal unter den selbst entworfenen Stuhlbeinen liegend und bald auf dem Motorrad sitzend mit Ray am Lenker und Charles Tabakpfeife rauchend. Berichte über das von ihnen ebenfalls in Venice Beach errichtete Wohnhaus, das einem architekturgewordenem Mondrianbild glich und in dem sie ihr Vorstellung der Einrichtung als Collage anstelle eines Gesamtkunstwerks propagierten, passten perfekt zum Optimismus der Nachkriegszeit.
Bei so viel amerikanischem Traum, wundert es nicht, dass neben aller Begeisterung in den letzten Jahren auch kritische Stimmen laut wurden. In den Blickpunkt geriet dabei vor allem die Rolle von Charles Eames, der üblicherweise alleine als verantwortlicher Designer für die Entwürfe genannt wurde. Das monumentale Werk von Marylin und John Neuhart über die Eames-Möbel oder auch der Dokumentarfilm von Jason Cohn und Bill Jersey zeichnen das Bild eines charismatischen, aber mitunter selbstsüchtigen Stardesigners, der die Lorbeeren für die Arbeiten, die in seinem Büro entstanden ungern mit seinen Mitarbeitern teilte. Auch das Bild des strahlenden Traumpaars wird so lange abgeklopft, bis es Risse erhält. Affären von Charles werden ebenso zum Thema wie die Rolle von Ray Eames, die von den einen über Charles gestellt wird und von den andern als naive Trittbrettfahrerin geschildert wird.
Dass solche Diskussionen letztlich wenig zu einem besseren Verständnis des Eames’schen Oevre beitragen, zeigt die ursprünglich von der Barbican Art Gallery in London konzipierte Ausstellung, die nun im Vitra Design Museum zu sehen ist. Der Fokus liegt auf den Werken selber und nicht auf ihren Schöpfern. Eindrücklich sind dabei die Möbelgruppen aus Sperrholz und Fiberglas. Anhand der Exponate wird nachvollziehbar, wie sich die Eames quasi ein Leben lang um ihre Entwürfe kümmerten. Denn mit Erreichen der Serienreife war für sie die Arbeit nicht getan: Über Jahre hinweg nahmen sie zusammen mit den Herstellern Verbesserungen vor, um sich so dem perfekten Möbel Stück für Stück anzunähern. Wer die faszinierenden Evolutionen vertiefen möchte, findet zudem im anlässlich der Ausstellung herausgebrachten Eames Furniture Source Book reichlich Material.
Im Zentrum der Ausstellung stehen aber nicht bloss die Möbelentwürfe, die vor allem in der ersten Schaffenshälfte der Eames eine dominierende Rolle spielten. Gezeigt werden auch zahlreiche Ausschnitte aus Ausstellungen und Filmen, die ebenso unterhaltsam wie lehrreich sind. Hinzu kommen mit grafischen Arbeiten und architektonischen Entwürfen weitere Facetten ihres Werks. Trotz der beeindruckenden Vielzahl ausgestellter Objekte sprengt die Welt der Eames die engen Museumsräume. In den auf dem Campus verteilten Ausstellungsräumen wie dem Feuerwehrhaus von Zaha Hadid oder dem Schaudepot von Herzog & deMeuron findet man deshalb ergänzende Präsentationen und Filmvorführungen, die einen Charles Eames Forderung „take you pleasure seriously“ gerne nachkommen lassen.