Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03589.jsonl.gz/2689

Migmar Dolma
2008: Olympische Spiele in China. Friedliche Proteste in Tibet werden vom chinesischen Militär brutal niedergeschlagen. Ich sitze im Wohnzimmer meiner Mutter und schaue gebannt in den Fernseher: die Unterdrückung der tibetischen Bevölkerung in der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens.
«Wer in der Schweiz wohnt und arbeitslos wird, hat einen Anspruch auf eine Entschädigung aus der Arbeitslosenversicherung.» So steht es zumindest auf der Website des RAV des Kantons Zürich. Dass die Realität eine ganz andere ist, erzählt die Geschichte meines Vaters.
Ich fühle mich nicht als Schweizerin. Das liegt nicht an mir, sondern an den Erfahrungen, die ich im Laufe meines Lebens gemacht habe, an den Äusserungen und Blicken, die mir entgegenfliegen, sobald ich durch meine Haustür trete.
An einer Party in Oerlikon spreche ich mit einem jungen Mann. Auf Englisch, natürlich. Seit ein paar Jahren lebt er in der Schweiz, arbeitet bei Glencore und wohnt in Zug. Als er mir ein Foto seiner Wohnung zeigt, verschlägt es mir die Sprache. Es sieht aus wie ein Penthouse in Manhattan.
«Die verdienen doch alle viel Geld und leben in schönen Stadtwohnungen», entgegnet mir eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, als ich sie zu überzeugen versuche, links zu wählen. Ich weiss nicht, für welche Partei sie sich schlussendlich entschieden hat.
Sonntagabend. Ich sitze noch am Esstisch und fülle meine Wahlliste aus. Meine Mutter setzt sich aufs Sofa, streckt ihre Beine aus und zeigt mit dem Finger auf ihr Wahlcouvert: «Bitte, bitte, kannst du meinen Wahlzettel auch noch ausfüllen?»
«Ich habe gerade meine Krankenkassenprämie bezahlt!», sagt mir eine Bekannte mit leuchtenden Augen. Sie ist sichtlich erleichtert. Seit zehn Jahren lebt sie in der Schweiz und arbeitet Vollzeit als Pflegehelferin in einem Altersheim im Kanton Aargau. Ihr Lohn: 3800 Franken brutto.
Die Schweiz wird nicht müde, sich selbst ihre Mythen vorzugaukeln. Zeit, ihr auch mal den Spiegel vorzuhalten. In meiner Schweiz leben Menschen, denen der Zugang zum gesellschaftlichen Leben und zur Politik verweigert wird. Sie werden am 22.