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Vor zwei Jahren unterhielten sich der israelische Musiker Daniel Barenboim und der palästinensische Philosoph Edward Said über den Zusammenhang von Musik und Gesellschaft. Nach Saids Tod sind ihre Gespräche auf Deutsch erschienen.
Daniel Barenboim und Edward W. Said wählten die Freundschaft. Keine Selbstverständlichkeit angesichts des politisch-historischen Hintergrundes der beiden Weltbürger, im Gegenteil. Der 2003 verstorbene palästinensische Philosoph Edward Said ist in Jerusalem geboren, in Ägypten aufgewachsen, studierte in England und lehrte in den USA. Er wurde vor allem durch das Buch «Orientalismus» – sein Opus magnum – zur wichtigsten Stimme im schwierigen Verständnis zwischen Orient und Okzident. Der in Argentinien geborene Musiker Daniel Barenboim hat einen israelischen Pass und leitet heute – nach einer frühen Weltkarriere als Pianist – die Staatsoper Berlin sowie das Chicago-Sinfonieorchester. Barenboim löste jüngst einen Tumult in der Knesseth aus, weil er in der Dankesrede für den ihm verliehenen Wolf-Preis des Staates Israel die Unabhängigkeitserklärung Israels zitierte, die allen Bürgern die gleichen sozialen und politischen Rechte gewährt, und fragte, wie weit Vertreibung, Besetzung und Beherrschung eines andern Volkes durch das eigene diese Grundvoraussetzungen verletze. Die Entgegnung des Präsidenten Mosche Katsav war spitz: Künstlerische Freiheit sei keinerlei Rechtfertigung für deplatzierte Bemerkungen. Dass Barenboim das Preisgeld von 100 000 Dollar an Musikprojekte palästinensisch-israelischer Jugendlicher weiterreichte, war für viele Abgeordnete ein weiterer Grund für den Boykott der Staatsfeier.
Frieden im Kleinen
Über das leidenschaftliche Interesse an der Welt der Musik und Philosophie hinaus verbindet Said und Barenboim die Sorge um die Welt. Dazu dezidierte Meinungen zu haben und diese öffentlich zu äussern, ist den allermeisten MusikerInnen ein Graus. Für Philosophinnen und Gelehrte ist das naheliegender, doch hat die öffentliche Positionierung auch bei ihnen Seltenheitswert.
Die eskalierte Situation in Palästina und Israel war für Barenboim und Said die Triebkraft, ihre musikalisch-philosophischen Gedanken an der Wirklichkeit zu messen. Mit ihrem Experiment «West-Östlicher Diwan» realisierten sie ein Modell für einen gangbaren Frieden im Kleinen: 1999 trafen sich unter ihrer Leitung zum ersten Mal arabische, israelische und deutsche junge MusikerInnen zu Workshops, wo miteinander gelebt, Programme erarbeitet und aufgeführt wurden. Selbst überall und nirgendwo zuhause, ertrotzt Barenboims und Saids Modell ein Stück geistiger Heimat jenseits der Zwangslogik von Gewalt und Gegengewalt.
Die sechs jetzt im Band «Parallelen und Paradoxien» publizierten Gespräche fanden vor Publikum in New York statt – vor dem 11. September 2001. Auch wenn vordergründig von Politik die Rede ist, ist die Musik stets präsent – und umgekehrt. Wer erfahren will, wie ein Dirigent sich mit Partituren auseinander setzt, wie ein Crescendo oder Piano bei verschiedenen Komponisten dirigiertechnisch «hergestellt» wird, erfährt auch, was es mit dem israelischen Tabu, Wagners Musik zu spielen, auf sich hat. (Said: «Du bist Jude, ich bin Palästinenser» (...). Barenboim: «Wir beide sind semitisch; Wagner wäre gegen uns beide.») Wer die politische Brisanz von Saids These über die Verwandtschaft von Beethovens Kampf um Freiheit und Odysseus’ Kampf mit dem einäugigen Zyklopen bei Homer versteht, wird diesen mäandernden palästinensisch-israelischen Dialog als einen Spiegel der Conditio humana begreifen: Da wuchs in Ägypten ein kleiner palästinensischer Junge mit der Kultur von Kolonialmächten auf und in Argentinien ein Klavier spielender Junge mit dem Wissen um den Holocaust: Beide einte Jahre später die Überzeugung, dass Geschichte und Kultur nicht zu nationalen Gefängnissen und Treibhäusern für Vorurteile werden dürfen.
Kontroverse um Wagner
Die Themen sind komplex. Die Sprache ist einfach. Es sind Gespräche ohne Hierarchie. Trotzdem werden Kontroversen ausgetragen. Am paradoxesten dort, wo es um Richard Wagner geht. Barenboims Verehrung für den Komponisten, sein um Objektivität bemühtes Plädoyer zugunsten des Opernreformers und Orchesterzauberers strandet an Saids Unverständnis über so viel Toleranz. Said: «Der unglaublich eitle und redselige R. W., der Europa nicht nur mit seiner Musik, sondern auch mit seinen üblen Pamphleten überzog und überzeugt davon war, dass seine Werke Verkörperungen deutschen Wesens und Schicksals seien (...).» Momente wie diese zeigen den Mut, auf beiden Seiten zu provozieren, um über Missverständnisse zum Verstehen zu finden.
Bekanntlich hat Barenboim am Israel-Festival vor drei Jahren Wagners Vorspiel zu «Tristan und Isolde» dirigiert – ausserhalb des Programms, als Zugabe. Auf Einwand des Palästinensers Said, dass Wagners antisemitische und xenophobe Weltsicht nie blosse Fantasie und Einbildung gewesen sei, sondern realisierte, was als selbstverständlicher Bestandteil seine Zeit prägte, wehrt sich der Israeli Barenboim. Er weigert sich, Musik deshalb schuldig zu sprechen, weil Hitler sie liebte – für ihn sage das mehr über den Missbrauch von Musik aus als über den Antisemitismus der Person (nicht des Komponisten) Richard Wagners. Auf Saids Frage: «Würdest du Wagner zum Abendessen einladen?», erwidert Barenboim: «Wagner? (...) Vielleicht, um ihn zu beobachten, aber ganz bestimmt nicht um des Vergnügens willen!»
Dieses Buch ist nicht nur deshalb anregend und bewegend, weil es über Fragen der Musik, der Wissenschaft und der Gesellschaft reflektiert, sondern auch, weil es Zeugnis einer seltenen Freundschaft ist, deren Manko die Heimatländer der beiden Dialogpartner in die realpolitische Tragödie trieb, vor der die Welt heute steht.