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Die schwäbischen Reichsstädte legen die Stellung, Rechte und Pflichten der vier Länder Appenzell, Hundwil, Urnäsch und Teufen im Bündnis mit ihnen fest
Druck: Chartularium Sangallense IX (1373-1381), bearbeitet von Otto P. Clavadetscher und Stefan Sonderegger, St.Gallen 2003, S. 323, Nr. 5646.
Die Bedingungen für die Aufnahme der Appenzeller in den Städtebund wurden nicht in der Bündnisurkunde vom 26. September 1377, sondern in einer auf den 22. Mai 1378 datierten, viel grösseren Urkunde festgehalten. In Ulm, der Hauptstadt des Schwäbischen Städtebundes, beschlossen die Reichsstädte, die «Ländlin» Appenzell, Hundwil, Urnäsch und Teufen, die in den Bund eingetreten seien und Gehorsam geschworen hätten, der Obhut der beiden Städte Konstanz und St.Gallen zu unterstellen. Die beiden nahen Reichsstädte sollten – sofern sie nicht selber teilnahmen – die Appenzeller an den Zusammenkünften vertreten. Dies erinnert an die Stellung von Schirmorten, wie sie die Eidgenossenschaft kannte: St.Gallen und Konstanz sollten als Delegierte des Städtebundes den Appenzellern beistehen – «zu ihnen schauen, sie in allen Sachen versorgen, ihnen beistehen und sie steuern». Aus dieser Formulierung und den Einzelbestimmungen ist zu schliessen, dass die Aufnahme der Appenzeller an gewisse Bedingungen – z. B. an die Schaffung eines Rates – geknüpft wurde. Wie ein solcher Landrat gewählt wurde, entzieht sich unserer Kenntnis. Es ist möglich, dass dies in Form einer Landsgemeinde geschah, über deren Frühgeschichte man sehr wenig weiss.
Hinweise zur Transkription
Transkribieren Sie u/v nach dem Lautwert (also z.B. «und» für «vnd», «uff» für «vff» oder «Ulme» für «Vlme»). Fügen Sie über der Zeile stehende Vokale hinter dem darunter stehenden Vokal ein. Beachten Sie, dass Distinktionszeichen über dem u, welche der Unterscheidung vom Buchstaben n dienen, weggelassen werden. Zeichen über dem u, die nach heutigem Lautwert ein ü meinen, werden hingegen als solche ergänzt. Wortteile, die optisch getrennt erscheinen, aber sinngemäss zusammengehören, werden als ein Wort transkribiert (z.B. «anlegen» anstelle von «an legen»).
Wir, dez hailigen Roemischen richs stete, die den bunde mit ainander haltent in Swaben und alz wir uff dis zite ze Ulme by ainander
gewesen sien, bekennen und urkunden allermenglich mit disem briefe, alz die erbern und wisen von den lendlyn Appenzelle, Huntwile,
Urnesch und Tiuffen zuo uns in unsern bunde komen sint und den gelobt und gesworn hant, dar umbe und wan si irer sache und gebrechen niht
allweg für gemainen unsern bunde komen und die erzellen und fürgelegen mugen, so haben wir diu selben vier lendliu und teler
den fürsichtigen und wisen unsern lieben aydgenozzen, den burgern der stat ze Costentz und och den burgern der stat zuo sant Gallen, enpholhen, also daz die selben zwo stete mit vollem gwalt von unser aller wegen zuo den egenanten vier lendlyn luogen und si in allen iren sachen, gebresten und
notdürften versorgen, bigestan, stiuren und beholffen sin in aller der maynunge, alz hie nach begriffen ist.
Die Appenzeller hatten die zwischen den Städten vereinbarten rechtlichen und politischen Vereinbarungen zu übernehmen. Dazu gehörten die Geheimhaltungspflicht sowie die Anerkennung der Herrschaftsordnung. Letzteres drückt sich in der Formulierung aus, die Appenzeller hätten die Steuer, die sie von alters schuldig waren, weiterhin zu entrichten. Hingegen durften sie sich wehren gegen ungerechtfertigte Abgabensteigerungen oder gegen sonstige Übergriffe. In solchen Fällen konnten sie auf die Unterstützung ihrer «Schirmstädte» Konstanz und St.Gallen oder sogar des ganzen Bundes zählen. Das ist ein wesentliches Element mittelalterlicher Bündnisse. Die Vertragsparteien waren zu gegenseitiger Hilfeleistung verpflichtet.
Erklärungen
allermenglich: sämtliche
erbern: die ehrbaren
lendlyn: Ländlein
fürlegen: darlegen
teler: Täler
enpholen: anempfohlen
notdürften: Notwendigkeiten
stiuren: steuern, lenken
Es suln och alle lantlüt in den vorgenanten vier
lendlyn den egenanten drizehen mannen, oder ir si denne minder oder mer, sweren zuo den hailigen gelert ayde, umb stiuran und umb
ander redlich sache gehorsam und gewaertig ze sint an alle geverde. Waer aber, daz dehain lantman in den egenanten vier lendlyn den niht
gehorsam sin woelten, ir waer ainer oder mer, lützel oder vil, der selben lib und guot suln sich die andren lantlüt och underziechen untz an
gemainen unsern bunde. Sy sullen och die vorgenanten drizehen man, oder ir si denne minder oder mer, schirmen und aller gerehter redlicher
sache bigestendig und beholffen sin an allermenglichs irrunge und widerrede gen allermenglich, ob in ieman dehainen unlust, wider-
driesze oder bekrenkunge anlegen oder tuon woelte.
Was sich in diesem Bündnis mit verschiedenen süddeutschen Städten 20 Jahre vor den Appenzeller Kriegen präsentiert, sind die Anfänge einer Verfassung des Appenzellerlandes. Diese orientierte sich an den Verfassungszuständen der Städte. Im 14. Jahrhundert verfügten Stadträte über eine nahezu obrigkeitliche Stellung. Der auf Aufforderung der Städte neu zu wählende Appenzeller Landrat stand dem nicht nach: Die Landleute hatten ihm Gehorsam zu schwören und sollten ihn ohne Widerrede gegen jegliche Angriffe schützen.
Erklärungen
lantlüt: Landleute, Bewohner des Landes Appenzell, Einwohner, Einheimische
vorgenanten: die vorhin genannten
egenanten: die vorhin genannten
minder: weniger
stiuran: die Steuern
gewaertig: bereit, dienstbereit
an alle gevaerde: ohne jegliche Gefahr
dehain: kein
lantman: Bewohner des Landes
lützel: wenig
untz: bis
schirmen: schützen
allermenglichs: sämtlich
irrunge: Hindernis
widerdriesze: Ärger, Unwille, Widerwärtigkeit, Beeinträchtigung
bekrenkunge: Angriff, Schädigung