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Es gibt bis anhin keine Übersichtsdarstellung, welche die F. oder Sozialhilfe in der ganzen Schweiz behandeln würde. Die Entwicklung der F. folgte aber in allen Orten oder Kantonen seit dem MA ähnl. Grundsätzen.
Im MA war die F. Aufgabe der Kirche. Die Bischöfe waren von Anfang an für die Armen ihrer Diözese zuständig. Die ersten Spitäler waren bischöfl. Einrichtungen, später wurden sie meist von geistl. Orden gestiftet (Spital, Hospiz). Diesen Einrichtungen kamen Schenkungen von Gläubigen zugute, die an ihrer Beerdigung oder ihrem jährl. Todestag Geld- oder Nahrungsspenden an die Armen ausrichten liessen. Bettler, Kranke, Findelkinder, arme Wöchnerinnen, Mädchen ohne Aussteuer und arbeitsunfähige Greise gehörten zu den hauptsächl. Fürsorgeempfängern der Hospize und Bruderschaften. Im SpätMA entstand die Gemeindefürsorge: Die Städte gründeten Spitäler und bezahlten den Anwalt der Armen (z.B. in Vevey).
Die ma. F. beruhte auf einer positiven Sicht des Armen als Abbild Christi. Armut galt als Tugend, die Armen wie auch Reichen Wege zum Seelenheil eröffnete, indem die Bedürftigen Demut zeigen und die Vermögenden Almosen verteilen konnten. So hatte jeder Bedürftige Anrecht auf kirchl. und private Almosen, und die Institutionen der F. kümmerten sich unterschiedslos um die "guten" wie auch die "schlechten" Armen. Im ausgehenden SpätMA setzte sich jedoch langsam die Auffassung durch, Armut sei ein Übel und der "schlechte" Arme unnütz, ja eine Gefahr für die Gesellschaft, da er unstet und müssig sei und die christl. Bräuche nicht respektiere. Diese Haltung prägte die F. ab dem 16. Jh.
Autorin/Autor: Anne-Lise Head-König / MD
Der gesellschaftl. Wandel des 16. Jh. veränderte die Fürsorgepraxis und die Einstellung der Obrigkeiten gegenüber den Armen grundlegend. Drei Entwicklungen waren ausschlaggebend für die ersten Versuche einer systematischen, staatl. Fürsorgepolitik: die Bevölkerungszunahme, die nicht von einem hinreichenden Wirtschaftswachstum begleitet wurde, die konjunkturell und strukturell bedingte Arbeitslosigkeit, aufgrund derer grosse Bevölkerungsgruppen auf Arbeitssuche umherzogen, sowie die Aufwertung der Arbeit im Zuge der Reformation, die dem ma. Tugendideal der Kontemplation widersprach. Die öffentl. Fürsorgepolitik, die im 16. Jh. eingeführt wurde, beruht auf drei bis ins 20. Jh. geltenden Grundsätzen: auf der Betreuung des Armen durch seine Heimatgemeinde, der Aufstellung von Kriterien für Fürsorgeberechtigte sowie auf der allmähl. Zentralisierung der öffentl. Unterstützungsleistungen. Durch Letztere sollte u.a. die nicht-staatl. F. ersetzt werden, die jedem Bedürftigen direkt von Hand zu Hand und daher ohne Selektionskriterien geleistet wurde.
1551 entschied die eidg. Tagsatzung, dass sich fortan jede Gem. oder Pfarrei um ihre eigenen Armen kümmern solle. Diese Entscheidung beruhte auf dem bereits 1491 verabschiedeten Grundsatz, dass jeder Ort für die F. verantwortlich sei. Die Gem. mit der F. zu betrauen - z.T. eine Folge der Finanzschwäche der Zentralgewalt - war nicht ungewöhnlich: Auch in England und Frankreich sollten die Städte, Gem. und Pfarreien selbst für ihre Armen sorgen. Das Ziel war, die Armen an dem Ort zu unterstützen, wo ihre Bedürfnisse bekannt waren, sie jedoch auch in ihrer Bewegungsfreiheit einzuschränken und dort zurückzubehalten, wo sie einfacher zu kontrollieren waren. Diese Politik setzte sich in der Schweiz nur langsam durch, zunächst in den Städten, dann auch auf dem Land. Solange die Gemeinderessourcen nicht zu sehr beansprucht wurden, wurde den Bedürfnissen entsprechend geholfen. Mangels ausreichender Mittel entstanden in ländl. Gemeinden spät, oft erst im 18. Jh., Armenfonds, die durch Schenkungen, Bussen und Zinsen von Darlehen an vermögende Dorfbewohner gespiesen wurden. Als im 17. und 18. Jh. die Zahl der Bedürftigen stieg, wurden deren Angehörige zur F. verpflichtet, manchmal bis zum vierten Verwandtschaftsgrad. Diese Regelung setzte sich nach und nach in der ganzen Schweiz durch.
1681 verabschiedete die Tagsatzung einen weiteren Grundsatz: Arme, die ausserhalb ihres Kantons herumzogen und bettelten, oder aber nach Ansicht ihrer Wohngemeinde vom Heimatort ungenügend betreut wurden, sollten in ihre angestammte Gem. abgeschoben werden. Im ersten Fall waren grosse Bevölkerungsgruppen betroffen; man schätzt für die Mitte des 18 Jh. im Kt. Luzern den Anteil der Nichtsesshaften und Obdachlosen auf gesamthaft 10% der Bevölkerung (Randgruppen). In der Folge wurden zahlreiche Bettlerjagden veranstaltet und die Nichtsesshaften karrenweise aus dem Kanton geschafft.
Die Verpflichtung der Heimatgemeinde zur F. erklärt teilweise die bis zur Verfassung von 1874 verbreitete Diskriminierung von sozial schlechtgestellten Menschen. Sie führte auch zu Massnahmen, die auf möglichst wenige und möglichst kostengünstige Arme abzielten. Beispielsweise erliessen einige Kantone Heiratsbeschränkungen für Arme, um den Anteil potentieller Fürsorge-Empfänger einzudämmen, limitierten die Freizügigkeit oder förderten im 19. Jh. aktiv die transatlant. Auswanderung.
Bis ins 19. Jh. hatten die Städte weit mehr Mittel für die F. zur Verfügung als ländl. Gemeinden. Im 18. Jh. war der Sozialbeitrag Genfs pro Kopf viermal grösser als etwa der von Glarus. Zahlreiche Landbewohner strömten deshalb in wirtschaftlich schwierigen Jahren in die Städte. Der Anteil der von der F. Unterstützen betrug in normalen Zeiten rund 10% der Bevölkerung, in Krisenzeiten bis zu 50% und mehr. Wider Willen entwickelte sich die Stadt zum Zufluchtsort. Im Gegensatz zum MA wurde jedoch die Hilfe ab dem 17. Jh. nur noch von Fall zu Fall und die Unterkunft oft nur für ein bis zwei Nächte gewährt. Im 17. Jh. mussten in gewissen Gem. auswärtige Arme sogar schwören, nicht wiederzukommen, wobei Meineid scharf geahndet wurde.
Auch die Vielfalt der Fürsorge-Einrichtungen zog bedürftige Menschen in die Stadt: neben den Pflegeanstalten und Spitälern bestanden u.a. Hilfsfonds, die für Bedürftige von bestimmter Herkunft sorgten (in Genf z.B. ein franz., ital. und ein dt. Fonds), sowie Zunftkassen bzw. für bestimmte Berufsgruppen bestimmte Unterstützungsfonds.
Die meisten Gesetzgebungen hielten fest, dass F. in erster Linie Kindern, Witwen mit unmündigen Kindern und Alten zukommen sollte, formulierten jedoch kein explizites Recht auf Unterstützung. Die hohe Zahl unterstützungsbedürftiger Erwerbsloser führte jedoch rasch zu neuen Selektionskriterien. Alter, Invalidität oder Unglücksfälle berechtigten nun nicht mehr zwangsläufig zu Fürsorgeleistungen. Der Begriff der Arbeit trat in den Vordergrund: "Schlechte" Arme, die Müssiggang und Bettelei einer geregelten Tätigkeit vorzogen und das Mitleid der Öffentlichkeit missbrauchten, sollten diszipliniert werden. So entstanden ab dem 17. Jh. Zwangsanstalten. Nur die "wahren" oder "guten" Armen hatten Anspruch auf F. Ab dem 18. Jh. wandte man ein weiteres Kriterium an: die Einstellung gegenüber der Arbeit. Arbeiten allein genügte nicht mehr; man musste seine Arbeit lieben und in Ruhe und Ordnung leben.
Dank einer systematischeren Fürsorgepolitik konnten Bedürftige gezielt unterstützt werden. Die Formen der F. waren vielfältig, doch blieben sie bis ins 20. Jh. unzulänglich. Anstalten boten nur beschränkt Aufnahmeplätze; bis ins 19. Jh. überstieg ihre Zahl nie einen Viertel der dauerhaft notleidenden Bevölkerung einer Stadt. Direkthilfe am Wohnsitz, die den überwiegenden Teil der F. ausmachte, beinhaltete bis zum Anfang des 20. Jh. Lohnzuschüsse und Versorgung von Kindern und Alten, aber auch Verteilung von Hilfsgütern und Geld, Finanzierung von Thermalkuren oder Medikamentenkauf, Übernahme der Arztkosten und sogar Zahlung der Aussteuer.
Autorin/Autor: Anne-Lise Head-König / MD
Im 19. Jh. wurde die F. in allen Kantonen schrittweise vereinheitlicht. Im ausgehenden 19. Jh. entstanden die ersten Sozialversicherungen, welche die bisherigen fürsorger. Massnahmen grösstenteils ersetzten.
Die gesetzl. Vereinheitlichung der F. erfolgte mit zeitl. Verschiebungen: 1870 bestand in mehreren Kantonen noch kein entsprechendes Gesetz (Solothurn, Neuenburg, Waadt, Basel-Stadt, Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden, Tessin, Genf). 50 Jahre später war ein solches ausser im Kt. Appenzell Ausserrhoden überall in Kraft. Das Gesetz deckte folgende Punkte ab: Hilfsinstanzen, Ausmass und Modalitäten der Leistungen, Rückerstattung der Hilfe, Ressourcen, Disziplinarmassnahmen. Ferner regelte es auch die zivilrechtl. Folgen der F.: 1914 z.B. waren Fürsorge-Empfänger in 17 Kantonen vom Stimm- und Wahlrecht ausgeschlossen. Nach Auffassung mancher Historiker bezeugen Fürsorgepraxis und -gesetzgebung den Willen der polit. Elite, die unteren Bevölkerungsschichten zu disziplinieren.
Eine Frage stellte sich in der 2. Hälfte des 19. Jh. immer wieder: die Übertragung der F. von der Heimat- auf die Wohnsitzgemeinde. Obwohl 1860 lediglich 59% der Schweizer noch in ihrer Heimatgemeinde wohnten - 1910 waren es 34% - setzte sich das Prinzip der F. durch die Wohnsitzgemeinde nur langsam durch: Vor 1914 galt es bloss in den Kt. Bern (1857) und Neuenburg (1889), bis 1939 in zehn weiteren Kantonen (Zürich, Luzern, Baselland, Schaffhausen, Appenzell Innerrhoden, St. Gallen, Aargau, Tessin, Waadt, Wallis). Vier Konkordate (1923, 1937, 1959, 1967), die ersten beiden zwischen den Deutschschweizer, das letzte zwischen allen Kantonen, verpflichteten die Wohnsitzgemeinde zur F., doch musste der Heimatort einen Teil der Hilfe zurückzahlen. 1977 wurde endlich ein Bundesgesetz geschaffen - das erste nach dem sehr beschränkten von 1875, das bis 1978 gültig war -, das die Spitalkosten für transportunfähige Personen sowie die Bestattung auswärtiger Kantonsbürger regelte.
Es waren jedoch v.a. private und kirchl. Hilfsvereine, mit denen die F. vom Anfang des 19. Jh. an - in einigen grossen Städten wie Genf und Lausanne (Armenfonds 1755) sogar früher - an die demograf. Entwicklungen angepasst wurde. In grösseren Ortschaften, wo die Heimatberechtigten weniger als 50% der Einwohner ausmachten, kümmerten sich Vereine (Hilfsvereine, Wohltätigkeitsvereine) zeitweise um die Nichtbürger, indem sie mit deren Heimatgemeinden verhandelten (Korrespondenz, Verteilung der Hilfe, Kontrolle). Zudem gründeten Emigranten gleicher Herkunft eigene Hilfsgesellschaften (Deutsche, Italiener, Österreicher, Deutschschweizer in der Romandie). Diese Art von Unterstützung am Wohnort nannte sich freiwillige Armenpflege, im Gegensatz zur amtl. oder öffentl. F.
Im 19. Jh., v.a. im letzten Drittel, entstanden zudem auf Initiative Privater, aber auch der Gemeinden und Kantone, zahlreiche Heime und Anstalten (Anstaltswesen). Die Heime waren zunächst für mehrere Bevölkerungs- und Altersgruppen bestimmt, spezialisierten sich dann aber: Es entstanden Heime für Waisen und Findelkinder, Anstalten für schwererziehbare Jugendliche, Zucht- und Arbeitshäuser für Erwachsene, Heime für Alkoholiker und Betagte, Kliniken für unheilbar und für psychisch Kranke wie auch Kinderspitäler. Alle diese Institutionen verfolgten pädagog. oder philanthrop. Zwecke. Gleichzeitig verstärkte sich die Rolle des Staates durch Kontrollorgane und finanzielle Beteiligung.
Seit der 1. Hälfte des 19. Jh. sind die Kantone für Gesetzgebung und Reglementierung der F. zuständig, doch blieb die Ausübung der F. den Gem. überlassen. Seit etwa 1850 übernehmen auch die Kantone gewisse Aufgaben. Der Kt. Bern schuf 1859 eine Direktion des Armenwesens für Berner ausserhalb ihres Heimatkantons. In Genf übernahm das Hospice général diese Aufgabe ab 1867-68. In Zürich und Schaffhausen dagegen blieben ähnl. Initiativen zu Beginn des 19. Jh. fruchtlos. Die Rolle der Kantone bestand im Wesentlichen darin, die Arbeit der Gem. zu überwachen, diese finanziell zu unterstützen und sich an der Schaffung und am Betrieb von Anstalten zu beteiligen. Die private Wohltätigkeit verfügte z.T. über beträchtl. Mittel. Da eine systemat. Untersuchung fehlt, sind die Verflechtungen zwischen privater, kommunaler und staatl. F. schwer einzuschätzen. Der Bund schliesslich war nie treibende Kraft der F. Er verteilt aber 10% der Einnahmen aus dem Alkoholmonopol an die Kantone. Diese Gelder, die für die Bekämpfung des Alkoholismus bestimmt sind, wurden v.a. zur Subventionierung von Heimen für Alkoholiker wie auch von Arbeitsheimen für Erwerbslose verwendet.
Seit der Schaffung der Sozialversicherungen Ende des 19. Jh. hat sich die Bedeutung der F. grundlegend gewandelt. Heute gilt die F. als letztes Auffangnetz im System der Sozialversicherungen und wird nicht mehr als allgemeines Mittel zur Armutsbekämpfung eingesetzt (Sozialstaat).
Die Professionalisierung der F. ist von der Geschichtsschreibung noch kaum untersucht. Während in der 2. Hälfte des 19. Jh. die Funktion des Anstaltsleiters mit Wohnsitz am Arbeitsplatz entstand, entwickelte sich im 1. Drittel des 20. Jh. der Beruf des Sozialarbeiters, den zunächst v.a. Frauen ausübten (Sozialarbeit). Nach dem 1. Weltkrieg wurden in Genf, Luzern und Zürich besondere Schulen gegründet, um den nunmehr anerkannten Bedarf an hinreichend ausgebildetem und bezahltem Personal zu decken. Die Sozialarbeiter vereinigten sich in verschiedenen überkant. Verbänden: Groupement romand des institutions d'assistance publique et privée (1923), Schweiz. Armenpfleger-Konferenz (1906, heute Schweiz. Konferenz für Sozialhilfe), die seit 1903 die Monatsschrift "Der Armenpfleger" herausgibt (später "Zeitschrift für öffentliche Fürsorge", heute "Zeitschrift für Sozialhilfe"), Cartel romand d'hygiène sociale et morale (1918) und Schweiz. Armenerzieherverein (heute Berufsverband Soziale Arbeit), der bereits im 19. Jh. ins Leben gerufen wurde. Seit 1908 versammeln sich die für die F. zuständigen Regierungsräte regelmässig in der Konferenz der kant. Fürsorgedirektoren.
Eine Reihe von Studien versuchte einen Überblick über die versch. Fürsorgepraktiken zu geben: Bern führte bereits 1764 eine Untersuchung über die Empfänger von Fürsorgeleistungen durch. Auf gesamtschweiz. Ebene erschienen erste Statistiken zum Pauperismus 1875 (für 1870), 1901 (für 1890), 1916 (interkant. F. 1911-12). Versch. Werke verzeichnen die bestehenden Institutionen und behandeln das Thema der F. wissenschaftlich. Zeitschriften wie die "Schweizerische Zeitschrift für Gesundheitspflege und Archiv für Sozialfürsorge" (ab 1900, unterschiedl. Titel) vermitteln ein gutes Bild der Entwicklung der F.
Autorin/Autor: Thierry Christ / MD