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Sie ass, betete, liebte und schrieb über diese Erfahrungen. Elizabeth Gilberts Roman «Eat, Pray, Love» und dessen Verfilmung mit Julia Roberts in der Hauptrolle ist vielen bekannt. Die einen liebten, die andern hassten Gilbert dafür. Nun liegt Gilberts neuer Roman «Das Wesen der Dinge und der Liebe» vor.
Von Tanja Hammel
Wegen James Cook und ihrer Leidenschaft fürs Gärtnern entschied sich Gilbert, die Geschichte einer Botanikerin im 19. Jahrhundert zu schreiben. Drei Jahre lang hat Gilbert recherchiert, sich in die Lebensgeschichten und Arbeiten der amerikanischen Naturalistin Mary Treat (1830-1923) und der englischen botanischen Künstlerin Marianne North (1830-1890) sowie anderen Zeitgenossinnen eingelesen. Sie legt eine fesselnde Biographie vor, die zwar sprachlich kein Meisterwerk ist, aber dafür sorgt, dass man das 512-seitige (englische Ausgabe), spannend erzählte Buch nicht so schnell aus der Hand gibt. Manche Passagen sind aber auch etwas zu detailreich und langatmig geworden, lassen sich aber gut überspringen.
Der Roman handelt von der Anpassungsfähigkeit von Moos und ihrer Erforscherin Alma Whittaker. Alma ist eine gehorsame Tochter und eine überaus intelligente und fleissige Frau. Beim Ordnen der Bibliothek entdeckt sie mit zwanzig ein Buch, das sie dazu anregt, ihren eigenen Körper zu entdecken. Ihr sexuelles Verlangen wird immer stärker, und da sie keine Schönheit ist, verliebt sie sich bei jeder ihrer zwei Gelegenheiten. Den netten Verleger, der ihre botanischen Aufsätze druckt, verehrt sie, doch dieser liebt eine andere und heiratet schliesslich eine dritte. Die nächste Gelegenheit bietet sich ihr erst viel später. Diesen jüngeren Mann heiratet sie und aber verlässt ihn kurz darauf, da er ihre Bedürfnisse nicht stillt. Der Titel der deutschen Übersetzung ist daher unpassend, wird doch weniger das Wesen der Liebe ergründet, als vielmehr die menschliche Besessenheit davon und die Verhinderung der Erfüllung dieser durch zeitgenössische Konventionen und Normen.
Pendlerlektüre mit Stereotypen
Gilberts Frauenbild verwundert. Alma definiert sich über andere, sie passt sich den Launen ihres Vaters an und tut, was von ihr verlangt wird. In ihrem Selbstmittleid und Egozentrismus sieht sie nicht was um sie geschieht. Sie vertritt gängige Normen und Werte und passt sich ihrem Gegenüber an, wie das Moos, das sie über die Jahrzehnte unter dem Mikroskop studiert. Aus Angst, keine perfekte Theorie verfasst zu haben, publiziert sie ihre Erkenntnisse nicht und lässt Charles Darwin und Alfred Russel Wallace den Vortritt. Frauen haben sehr zu Darwins Erfolg beigetragen, aber ganz so weit wie in diesem Buch gingen die Studien von Wissen schaffenden Frauen damals dann doch nicht.
Die Reproduktion von gängigen Stereotypen und Vorurteilen über Homosexualität, psychische Krankheiten und über die pazifischen Indigenen wäre ebenfalls nicht nötig gewesen. Gilbert verpasst hier eine Chance zu zeigen, dass es bereits im 19. Jahrhundert Frauen gab, die anders dachten. Leider hat sich Gilbert aber für die Verbreitung konventioneller Rollenvorstellungen entschieden. Beachtet man beispielsweise, dass Lydia Ernestine Becker (1827–1890), die Autorin von «Botany for Novices», in England damals in der Frauenrechtsbewegung federführend war, so wäre es denkbar gewesen, dass Alma ein anderes Weltbild vertreten hätte.
Wer sich für Literatur aus dem und über das 19. Jahrhundert interessiert, ist mit Jane Austen und Charles Dickens besser bedient. Wer mehr über weibliche Wissen-Schaffende im 19. Jahrhundert erfahren möchte, dem seien die Tagebücher der englischen botanischen Künstlerin Marianne North «Recollections of a Happy Life, Being the Autobiography of Marianne North» und ähnliche Originaldokumente ans Herz gelegt. Dank der gelungen kurzweiligen Erzählung eignet sich der Roman aber durchaus als Pendler- und Wochenendlektüre.
Elizabeth Gilbert
Das Wesen der Dinge und der Liebe
Übersetzt von Tanja Handels, Sabine Schwenk
704 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-8270-1156-5
CHF 32,90
- Fragebuch Februar 2014 – Projekt wort:rausch
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