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Chirurgenkongreß.
Der 19. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie wurde in Berlin [* 2] durch v. Bergmann mit einer Rückschau auf das Wirken der verewigten Kaiserin Augusta und mit einem Nachruf für R. v. Volkmann eröffnet. Den ersten Vortrag hielt dann Kappeler - Münsterlingen über Äther- und Chloroformnarkose. Gegenüber der in neuerer Zeit hervorgetretenen übertriebenen Empfehlung des Äthers und der Überschätzung der Gefahren des Chloroforms stellt sich der Vortragende auf die Seite des Chloroforms und hält es für geboten, behufs Abweisung der Äther-Enthusiasten auf Verbesserung der Methode des Chloroformierens zu sinnen und durch eine zuverlässige Statistik die wirklichen Gefahren der Chloroformnarkose von der vermeintlichen unterscheidbar zu machen. In ersterer Hinsicht kommen die Versuche in Betracht, durch Feststellung der Wirkungsweise verschiedener Mischungen von Chloroformdämpfen mit Luft die Narkose ungefährlicher zu gestalten.
Paul Bert und Kronecker haben nachgewiesen, daß die Gefahr sich nicht allein nach der Menge des aufgenommenen Chloroforms bemißt, sondern daß es sich wesentlich auch darum handelt, die Konzentration der eingeatmeten Chloroformdämpfe zu kontrollieren. Kronecker fordert, daß die Narkose nur mit Apparaten bewirkt werde, welche genaue Bestimmung des Verhältnisses zwischen Chloroform und Luft gestatten. Die bisherigen Apparate sind ungenügend, doch konnte Vortragender mit einer Modifikation des Junkerschen Apparates gute Erfolge erzielen.
Hierbei ist der äußerst geringe Chloroformverbrauch bemerkenswert. Auf 150 Narkosen kam ein durchschnittlicher Chloroformverbrauch von 13,9 ccm für eine Narkose. Die Zeitdauer, bis zu welcher die Kranken durchschnittlich anästhesiert waren, betrug nur 8-8,5 Minuten. Starke Aufregungszustände wurden nur bei Trinkern, Erbrechen nur in 7 Proz. aller Fälle beobachtet. Behufs Aufstellung einer brauchbaren Statistik fordert der Vortragende die Mitglieder des Kongresses zu einer Sammelforschung über diese Frage aus. v. Bergmann, welcher diese Angelegenheit befürwortet, erklärt die Bereitwilligkeit des Büreaus, das Material zu sammeln und zu bearbeiten.
Thiem - Kottbus teilt im Anschluß an den Vortrag mit, daß der leichte Grad der Bromäthylnarkose, den man als eine Art Hypnose bezeichnen kann, bei geeigneten Personen und für kleine Operationen brauchbar, die eigentliche Bromäthylnarkose aber durchaus verwerflich sei, weil sie sowohl während als nach der Anwendung große Gefahren für den Patienten in sich berge. Bruns - Tübingen [* 3] sprach hierauf über die Behandlung von tuberkulösen Gelenk- und Senkungsabscessen mit Jodoforminjektionen.
Das Jodoform hat zweifellos eine antituberkulöse Wirkung. Besonders günstig wirkt es bei kalten Abscessen, wo das in den Hohlraum eingespritzt Jodoform dauernd in innigem Kontakt mit den tuberkulösen Prozessen steht. Die Heilungsdauer ist freilich eine lange, doch wurde in 100 Fällen 80mal Heilung erzielt. Auch 10 Fälle von Senkungsabsceß bei Wirbelkaries heilten nach Jodoformeinspritzung dauernd. Relativ gute Erfolge geben auch die tuberkulösen Gelenkerkrankungen; es wurde mehr als die Hälfte geheilt, zum Teil die schwersten Formen, in sehr zahlreichen Fällen trat wesentliche Besserung ein.
Auch andre Ärzte wußten von günstigen Erfolgen zu berichten. Bruns und Nauwerck haben früher pathologisch-anatomische Befunde an kalten Abscessen publiziert. Sie konnten das Aufhören der tuberkulösen Wucherung und das Verschwinden der Bacillen konstatieren, dann sahen sie, daß eine lebhafte zellige Infiltration der Tuberkelknötchen eintrat, daß diese der Nekrose anheimfielen und endlich normale Granulationen an die Stelle der tuberkulösen Prozesse traten. Rydygier - Krakau [* 4] machte kurze Mitteilungen über die Endresultate nach Unterbindung der zuführenden Arterien bei Kropf, und zum Schlusse sprach Schuchardt - Stettin [* 5] über Entstehung der subkutanen Hygrome. Die bisherige Annahme, daß die Hygrome ¶
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auf Exsudationen in erweiterte Bindegewebsspalten beruhen, sei unhaltbar, dieselben entstehen vielmehr durch chronisch entzündliche Prozesse im Bindegewebe selbst; sie können sich daher auch ganz unabhängig von präformierten Bindegewebsspalten an jeder beliebigen Stelle im Bindegewebe selbst entwickeln.
In der zweiten Sitzung sprach Madelung - Rostock [* 7] über die operative Behandlung der Nierentuberkulose und verteidigte auf Grund eigner Erfahrungen den Satz, daß die operative Behandlung der chronischen Nierentuberkulose, in bestimmten ausgewählten Fällen und zur rechten Zeit unternommen, statthaft sei. Er erörterte die Schwierigkeiten der Diagnose und leitete daraus die Unmöglichkeit ab, die Nierentuberkulose im Anfangsstadium operativ zu bekämpfen.
Die Berechtigung, eine tuberkulöse Niere zu exstirpieren, erkennt der Vortragende nur an, wenn bereits der größere Teil der Niere zerstört ist und die Schmerzen, welche die Patienten erdulden, dem Chirurgen das Messer [* 8] in die Hand [* 9] geben. Bei der relativen Ungefährlichkeit der Operation und der geringen Blutung, welche sie verursacht, wird sie auch in vorgeschrittenen Stadien des Leidens gut ertragen. Allein berechtigt ist die Nephrektomie, die selbst dann angezeigt ist, wenn bereits tuberkulöse Prozesse von einiger Ausdehnung [* 10] in andern Organen bestehen.
Der Einfluß auf das Allgemeinbefinden ist stets ein guter. Graser - Erlangen [* 11] sprach hierauf über Wurmfortsatz-Peritonitis und deren operative Behandlung. Die frühere Ansicht, daß bei Erkrankungen in der rechten Bauchgegend wesentlich vom Blinddarm ausgehende Prozesse in Betracht kommen, weicht in neuerer Zeit mehr und mehr der Erkenntnis, daß dieselben ihren Ausgang vom Wurmfortsatz nehmen. Die Erfolge der internen Behandlung der Erkrankungen des Wurmfortsatzes sind nun keineswegs sehr günstige. In 177 Fällen ergab sich eine Mortalität von 30 Proz., bei Kindern unter 15 Jahren eine solche von 70 Proz. Allgemein gilt die Perforation des Wurmfortsatzes in die Bauchhöhle als sehr gefährlich, und dem gegenüber tritt die chirurgische Behandlung vollkommen in ihr Recht, seitdem Mikulicz und Krönlein gezeigt haben, daß dieselbe den Verlauf günstig zu beeinflussen vermag.
Selbst in anscheinend hoffnungslosen Fällen kann noch Hilfe gebracht werden, auch ist es ohne Nachteil, bestehende Verlötungen zwischen den Darmschlingen zu lösen. Auch chronische Fälle, bei denen man im allgemeinen geneigt ist, exspektativ zu verfahren, können unter Umständen zur Operation auffordern. Namentlich die Amerikaner sind in dieser Hinsicht sehr weit gegangen und haben sogar vorgeschlagen, den erkrankten Wurmfortsatz prophylaktisch zu entfernen. Zum Schluß sprach Herzog - München [* 12] über die feinern Vorgänge beider Bildung des Nabelringes und gelangt zu dem Schluß, daß die Bildung des Nabels weniger als eine Narbenbildung, sondern wesentlich als die Umformung von embryonalem in geformtes Bindegewebe aufzufassen ist.
In der dritten Sitzung sprach König - Göttingen [* 13] über Darmresektion, über Diagnose und Operationstechnik. Der zweite Vortrag von Mikulicz - Königsberg [* 14] betraf den Hämoglobingehalt des Blutes bei chirurgischen Erkrankungen mit besonderer Rücksicht auf den Wiederersatz nach Blutverlusten. Die Untersuchungen des Vortragenden beziehen sich auf 400 Fälle und umfassen über 4000 Einzelversuche, welche vor der Operation und in bestimmten Zeiträumen nach derselben ausgeführt wurden.
Von den an keinen konstitutionellen Erkrankungen leidenden Personen erreichten nur wenige den normalen Hämoglobingehalt des Blutes; der Durchschnitt betrug 81,6 Proz.; der höchste Gehalt fand sich bei Individuen im 3. Lebensdezennium, der niedrigste bei Kindern unter 10 Jahren. Frauen standen in jedem Alter auf einer niedrigern Stufe als Männer; der Unterschied betrug 6-12 Proz. Noch auffallender waren die Unterschiede mit Bezug auf die Regeneration des vorher vorhanden gewesenen Hämoglobingehalts nach Blutverlusten. Am schnellsten regeneriert sich das Blut bei Männern im 3. Lebensdezennium (10 Tage im Mittel), am langsamsten bei alten Frauen, welche fast die dreifache Zeit gebrauchen.
Das Minimum des Blutgehalts tritt nicht sofort nach dem Blutverlust zu Tage, sondern es liegt ein Zeitraum dazwischen, der von der Größe des Blutverlustes abhängig ist: je größer der Blutverlust, desto später tritt das Minimum ein. Die Zeit schwankt zwischen 3 und 10 Tagen und ist bei Frauen größer als bei Männern, im spätern Alter größer als im jugendlichen. Auch die Zeit des Wiedereintritts des frühern Hämoglobingehalts ist von der Größe des Blutverlustes abhängig.
Auf einen Blutverlust, der 5 Proz. Hämoglobinverlust entspricht, kommen im Mittel etwa 5 Tage Regenerationszeit. Das Maximum des Verlustes an Hämoglobingehalt des Blutes wurde in einem Falle beobachtet, in welchem derselbe von 70 auf 48 Proz. sank. Ein Herabsinken des Hämoglobingehalts unter 20 Proz. überlebte keiner der Patienten. Man könnte daran denken, diese Verhältnisse zum Ausgangspunkt einer Berechnung zu machen, wie weit die Chirurgie ihre Grenzen [* 15] stecken darf, indem man durch Erweiterung solcher Untersuchungen etwa das Minimum feststellt, welches Menschen in bestimmten Lebensperioden und bei bestimmten Erkrankungen ertragen können, und dies mit dem ebenfalls berechneten Maximum an Hämoglobinverlust in Parallele [* 16] stellt, der bei dieser oder jener Operation beobachtet ist.
Bei der Ausdehnung seiner Untersuchungen auf Kranke mit Tuberkulose und gutartigen oder bösartigen Geschwülsten ergab sich sowohl die Herabsetzung des Hämoglobingehalts als die Erhöhung der Regenerationszeit in auffallender Weise. In einzelnen Fällen von Tuberkulose überschritt, wenn infolge der Operation eine Verbesserung des Allgemeinbefindens eintrat, der Hämoglobingehalt des Blutes die vor der Operation gemessene Höhe oft um ein Erhebliches.
Ferner konnte nach der Exstirpation bösartiger Geschwülste konstatiert werden, daß, wenn der Kranke recidivfrei operiert war, der Hämoglobingehalt innerhalb der bestimmten Frist zur alten Höhe zurückkehrte. War aber die Exstirpation keine radikale oder trat ein Recidiv ein, so kam es nicht zum vollen Ersatz des ursprünglichen Hämoglobingehalts. Gluck - Berlin sprach hierauf über Naht und plastischen Ersatz von Defekten höherer Gewebe [* 17] und über die Verwertung resorbierbarer und lebendiger Tampons in der Chirurgie und Zabludowski - Berlin über die Technik der Massage. Er berichtet über eine Reihe von Erfolgen der Massage in Fällen traumatischer Neurosen, in denen allerdings, wie er zugibt, das psychische Moment der Behandlung den Hauptanteil an der günstigen Beeinflussung der hysterischen Patientinnen zu haben scheint. In andern Fällen von wirklichen Neuritiden oder Perineuritiden, in denen die gewöhnlichen Manipulationen als zu schmerzhaft nicht ertragen wurden, führte die Ausübung einer Art diskontinuierlichen Druckes zum Ziel. Endlich erwähnt er Heilungen sehr hartnäckiger Obstipationen durch Massage in Knieellbogenlage. ¶
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In den in der königlichen Klinik abgehaltenen Sitzungen sprach Ponfick - Breslau [* 19] über Leberresektion und Leberrekreation. Bei chirurgischen Eingriffen in die Leber kommen vor allem ihre zentrale Lage im Kreislauf [* 20] und die die venöse Zirkulation beherrschenden Wechselbeziehungen des Pfortadersystems in Betracht, viel weniger die sekretorische Funktion der Leber, welche für die Unterhaltung des Lebens nicht so wichtig erscheint. Die Versuche wurden durch Abbinden [* 21] einzelner Stücke mittels Catguts an Kaninchenleber angestellt u. lieferten überraschende Resultate.
Bei Entnahme von 0,25 des Leberparenchyms wurde der Eingriff durchaus leicht ertragen. Bei Entnahme der Hälfte traten anfangs Störungen ein, nervöse Symptome, Appetitlosigkeit, indes erholten sich die Tiere nach wenigen Tagen und hielten sich monatelang gesund. Bei Entfernung von 0,75 der Leber waren die Tiere im Anfang sehr stark angegriffen, aber mehr als ein Dutzend der Tiere hat die Operation vollkommen überstanden. Nach diesen Operationen trat nun eine unerwartet energische Neubildung von Lebergewebe ein; es wurde alles Entnommene gedeckt, ja es kann sogar eine Vermehrung über das normale Volumen hinaus stattfinden. In fünf Tagen wurden 80 Proz. der entnommenen Substanz neu gebildet; je radikaler der Eingriff, desto rascher verlief die Rekreation.
Israel und Wolff berichteten über gelungene Züchtung des Strahlenpilzes (Actinomyces) außerhalb des tierischen Organismus und Übertragung seiner Reinkultur aus Tiere. Die Kenntnis der Aktinomykose wies bisher eine Lücke aus, da über die Reinkultur des Pilzes noch keine Übereinstimmung herrschte, namentlich war noch keine Impfinfektion gelungen. Nun haben die Genannten eine solche erreicht. Sie kultivierten den Pilz [* 22] anaerobisch auf Agar und in Hühnereiern und erzielten zwei sehr verschiedene Formen, die aber, entsprechend auf das andre Nährmaterial gebracht, ineinander übergingen.
Bei der Impfung [* 23] auf Kaninchen [* 24] entstand typische Aktinomykose. Lauenstein - Hamburg [* 25] berichtete über sehr günstige Erfolge, die mit Macewens Radikaloperation der Brüche erzielt worden sind, König - Göttingen über Klumpfußbehandlung. Die eine Zeitlang angewandten blutigen Operationen zur Beseitigung von Klumpfuß [* 26] haben sich so wenig bewährt, daß man wieder zum Redressement (Zurechtbiegen des verkrüppelten Gliedes) zurückgekehrt ist. König hat letztere in einfacher Weise so ausgebildet, daß jetzt kaum noch ein Klumpfuß derselben widerstehen dürfte.
Die Methode hat sich so gut bewährt, daß die Göttinger Klinik von Patienten jetzt förmlich überschwemmt wird. Vor dem Redressement erleichtern zwei Schnitte dasselbe außerordentlich: die Tenotomie der Achillessehne und die Durchschneidung der Plantaraponeurose. Der Fuß wird mit seiner stärksten Prominenz, wo dieselbe sich auch befindet, auf ein dreikantiges Holz [* 27] als Hypomochlion gelegt, und indem der Operateur den vordern und hintern Teil bis zum Unterschenkel hinaus als eine Masse in die volle Hand nimmt und das Gewicht seines darübergelegten Körpers als Belastung auf die beiden Händehebel wirken läßt, werden die verbogenen Knochen [* 28] mit hörbarem Krachen auseinander gesprengt.
Dann wird eine starke Dorsalbiegung des Fußes erzwungen. Nach dem Redressement wird der Fuß nur mit einem leichten Verband [* 29] umhüllt und der Patient möglichst bald zum Gehen gebracht. Es sind 3-4 Sitzungen zur Erreichung des guten Resultates notwendig; in jeder derselben wird der Punkt der jeweiligen größten Prominenz angegriffen. Es folgte die Geschichte zweier bemerkenswerter Fälle von Gehirnverletzung. Rosenberger - Würzburg [* 30] behandelte einen Knaben, dem das Seitenwandbein eingeschlagen war.
Der Knabe vermochte weder zu sprechen noch durch Gesten sich verständlich zu machen, obschon man deutlich merkte, daß er verstand, was man von ihm wollte. Er schüttelte oder nickte mit dem Kopfe, wenn man ihm dies vormachte, selbständig aber war er dazu nicht im stande. Es erwies sich, daß eine Eiterung an der verletzten, obenhin verheilten Stelle vorhanden war. Die Entfernung mehrerer Knochensplitter und Reinigung der wiedergeöffneten Wunde führten schließlich zur Heilung.
Zuerst gewann das Kind die mimische Ausdrucksfähigkeit, später auch die Sprache [* 31] wieder. Der zweite Fall betrifft einen Mann, der eine Verletzung des linken Seitenwandbeines durch Schlag erlitten hatte. Nach anscheinend erfolgter Heilung stellten sich Anfälle epileptischer Art ein, die sich nach Zahl und Heftigkeit rasch steigerten, und bei denen unter anderm sehr starke Krämpfe im rechten Bein zu beobachten waren. Die Untersuchung der Wundstelle ergab das Vorhandensein eines feinen Fistelganges. Derselbe wurde bis in die Tiefe des Gehirns hinein verfolgt, wobei man auf eine große, mit Eiter gefüllte Höhlung stieß. Nach Entfernung des Eiters heilte die Wunde aus, der Kranke ist völlig genesen und Hoffnung auf dauernden Erfolg vorhanden.