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FLURNAMEN ZWISCHEN SANETSCH UND GEMMI
(dazu Karte)
Rundbrief Nr. 13 des Deutschschweizerischen Schulvereins, Zürich 1993, S. 4-7.
von Rolf Marti, Saanen
Es ist noch nicht lange her, dass das Bundesgericht den Grenzverlauf zwischen der Gemeinde Lenk im Kanton Bern und der Gemeinde ... im Wallis mit drei zu zwei Stimmen knapp bestätigt hat. Der Grenzverlauf auf der Wasserscheide, so hatte die klagende Partei geltend gemacht, sei auf eine willkürliche kartographische Darstellung von 1870 zurückzuführen. Anderseits war seither die Hoheit der Gemeinde Lenk bis in die neunziger Jahre nicht bestritten worden. Der folgende Beitrag zeigt auf, dass die Karten der Eidgenössischen Landestopographie den überlieferten und in der Region weiterhin lebendigen Flurnamen immer weniger Rechnung tragen. Der Aufsatz wird hier leicht gekürzt wiedergegeben. R.W.
Die Bezeichnung des Gletschers südlich des Wildstrubels als Glacier de la Plaine Morte auf der Landeskarte der Schweiz schien die These der Walliser zu stützen. Zudem ist der Gletscher vom Wallis her leichter zugänglich, während er gegen die Lenk steil abfällt. Dem ist entgegenzuhalten, dass der Gletscher von der nächsten Berner – wie Wallisergemeinde gleich weit entfernt liegt. Von der Berner Seite kann der Wildstrubel sogar trockenen Fußes bestiegen werden. Zudem war der Retzliberg, wie die Gegend früher hieß, ein alter Übergang der Lenker. Man muss wissen, dass im 16. Jahrhundert, vorab im schweizerischen Alpenraum, eine kleine Eiszeit stattfand. Diese brachte markante Gletschervorstöße. Der fast ebene Gletscher brachte den Verkehr über den Retzlipass, dessen Name auf den Karten fehlt, zum Erliegen.
Seltsame Karten der Eidg. Landestopographie
Zum französischen Namen des Gletschers ist zu sagen, dass er unbedeutend älter als die Grenzverschiebung von 1870 ist. Unterwalliser übertrugen ihn von einer großen, öden Steinlandschaft südlich des Kleinen Weißhorns auf den Gletscher. So wie dort dürfte es vor der Vergletscherung ausgesehen haben. Die Eidgenössische Landestopographie in Wabern bei Bern wendet hier schon lange eigenwillige Namensformen an. Wildstrubelgletscher ist der gebräuchliche Name dafür, was noch an der Lage der Wildstrubelhütte auszumachen ist. Diese ist älter als die Namensverschiebung der Landestopographie. Aus unerfindlichen Gründen hat die Kartenananstalt den Namen Wildstrubelgletscher dem Lämmerngletscher im Gemmigebiet gegeben! Letzteren Namen setzte sie dafür anstelle des Rothorngletschers. Dieser kleine Gletscher, westlich ob dem Gemmipass gelegen, muss seitdem einen Stiefmutternamen tragen!
Eigenartige Grenzverläufe
Auf dem Gemmipass reicht die Grenze weit Richtung Kandersteg hinab. Sie ist dabei weiter gezogen, als für die Schafalpung von Leukerbad notwendig wäre. Die Grenze könnte auch über Rinderhorn – Schwarenbach verlaufen.
Ähnlich am Sanetschpass (deutsch richtig Saanenetzsch, welsch Sénin). Nach der Überlieferung kamen vom Wallis deutschsprachige Sennen auf die Alpen am Sanetsch. Diese waren zuvor vom Oberland nach Savièse (deutsch Safiesch) gezogen, wo sie mit der zeit frankophon wurden.
Verliefe die Grenze auf dem Rawilpass auf der Wasserscheide, so müsste sie 600 Meter südlicher sein! Der Name Rawil ist deutschen Ursprunges und kommt aus dem Wallis. Die französische Form „Les Ravins" setzte sich nicht durch. Der Lac de Tseuzier müsste logischerweise Rawilsee heißen, weil darin die Rawilalp unterging. Die Alpe Tseuzier besteht heute noch. Auf einem Prospekt von Anzére aus den fünfziger Jahren liest man: „On arrive par là sur les alpages de Nieder-Rawyl und vom Wildhorngletscher, heute Glacier des Audannes.
Verschwundene deutsche Namen
Südlich des Rawilpasses, auf der Walliser Seite also, ist der Name Rawilhorn neben Six des Eaux Froides auf der Karte fast nicht zu erkennen. Nur das Wetzsteinhorn steht deutlich über dem Sex des Molettes. Vergebens sucht man den Geltenpass (Col du Brochet), den Steinenbergggletscher (Glacier du Brochet), das Steinenberghorn (Mont Pucel) beim Wildhorn. Auch fehlen die Rawilfurka (Col des Eaux Froides), der Rawilgletscher (Glacier des Eaux Froides), der Wetzsteinpass (Col de la Plaine Morte) südwestlich, das Klein Weißhorn nordöstlich des Rohrbachsteins. Die Wasserscheide, nördlich welcher der Wildstrubelgletscher liegt, wird im Westen begrenzt durch den Wildstrubelhut (Pointe de Vatseret), das Tothorn (so auch auf der Karte, Sex Mort) und den Hohtannengrat (les Faverges). Was geht hier sprachlich vor? Auf verschiedenen alten Karten finden wir den Leisberg (Bella Lui) beim Wildstrubelgletscher, Austragungsort der Ski-Weltmeisterschaften von 19... Auf der Simmler-Karte von 1682 wird außerdem außerhalb des hier beleuchteten Gebiets ein Viertausender Gipfel mit Wys Zehn Horn (= Weißzahnhorn) bezeichnet, den wir sonst als Dent Blanche kennen.
Auf der Nordseite des Sanetschpasses, wo das Walliser Gebiet bis auf 2'000 Meter hinabreicht, finden sich auf der Landeskarte nur noch die Namen Verlornenberg (Lapi di Bou) und Dürrseeli. Die übrigen deutschen Namen fehlen bis zur Passhöhe. So Auf der Flüh (Les Montons), Schafberg (Petit-Gros Monton, ursprünglich übersetzt Mouton), Äußerer und Innerer Saanenetzschboden, Gumme (Creux de la Lé), Gummenspitz (Sex des Fours), Gummenfirn, Kreuzboden, Kreuzalp (Grande Croix), Arpeligrat (Arête de l’Arpille).
Karte des besprochenen Gebiets: