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Sozialreportage
Oswald Sigg
Krieg in Frankreich
Am Abend des Freitags, 13. November 2015, und angesichts der schrecklichen Ereignisse in Paris und vor dem Stade de France in Saint-Denis, sprach der französische Präsident sofort von Krieg. Ein abrupt hingeworfenes, vieldeutiges Wort. In den Tagen darauf ergänzte er seine Erklärung: Terroristen seien am Werk, es handle sich um den DAECH (arabische Abkürzung für «Islamischer Staat im Irak und in der Levante»), eine Jihadistische Armee. Aber, so François Hollande mit gepresster Stimme, die französische Nation erhebe sich immer wieder, nichts werde sie zerschlagen können, Frankreich bleibe fest und stark und wachsam und es werde über die Barbarei triumphieren. Der Präsident verhängte den Ausnahmezustand über das ganze Land. Am 19. Mai 2016 hat die Nationalversammlung den Ausnahmezustand im Hinblick auf die Austragung der Fussball-Europa-Meisterschaft im Stade de France (10. Juni bis 10. Juli 2016) verlängert.
Frankreich - oder besser gesagt: die Grossagglomeration Paris und ihre gut 12 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner, sie stehen seit Jahrzehnten unter einem Ausnahmezustand. Er war niemals dekretiert worden, aber stetig gewachsen. Er zeichnete sich seit jeher durch die krassen Gegensätze in den Lebensweisen zwischen Paris und seinen Agglomerationen - den Banlieues - aus. Während es sich in Paris - so scheint es - immer gut leben lässt, herrscht in den nordöstlichen Banlieues heute nur deshalb nicht die tiefste Armut, weil hier die meisten Leute von diversen staatlichen Sozialleistungen abhängig sind. Aber die Armut ist dennoch sichtbar, auf den zweiten Blick: hinter den Fassaden der alten Wohnblöcke. Auf den verwüsteten Industriebrachen. Unter den Autobahnbrücken der Périphérique. Auf den Sitzbänken neben der Kirche. In den leeren Cafés. Vor dem Postschalter. In der Métro 12. Im Bus 85. Und schliesslich in der ausweglosen Zukunft der Menschen, die, aus welchem Grund auch immer, hier wohnen müssen oder wollen.
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