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Pedro Lenz über unsportliche Versuchungen
Die meisten von uns sehen sich ein Sportereignis an und denken dabei an das, was sie sehen, an ein Fussballspiel, ein Radrennen, einen Boxkampf oder einen Tennismatch. Wir verfolgen Sportanlässe, weil wir wissen wollen, wie sie ausgehen. Wüssten wir das Resultat zum Voraus, wären wir wohl gar nicht im Stadion oder vor dem Fernseher. Solange das Ergebnis ungewiss ist, können wir uns freuen oder ärgern, wir können mit mehr oder weniger Emotionen dabei sein. Und wenn das Ereignis vorbei ist, gehen wir normalerweise zur Tagesordnung über.
Ein bisschen anders verhält es sich in Ländern, in denen Sportwetten weitverbreitet sind. Mir selbst fiel das einst auf, als ich ein paar Monate in Glasgow verbrachte. Dort wetten manche Sportfans auf alles, was sich bewegt. Überall in der Stadt gibt es Wettbüros. Wenn es stark regnete, unterbrach ich meine Stadtspaziergänge jeweils, um in einem dieser unzähligen Wettbüros auf eine kurze Aufhellung zu warten. Meistens waren es arbeitslose Männer mittleren Alters, die ihre Tage in solchen Häusern verbrachten. Sie wetteten auf Hunderennen, auf Pferderennen, auf Cricketspiele oder auf Dinge, auf die zu wetten ein Laie gar nie kommen würde. Von welcher Seite wird im Meisterschaftsspiel zwischen Aberdeen FC und Inverness der erste Eckball gespielt? Wie viele Gelbe Karten zeigt der Schiedsrichter beim Match zwischen Heart of Midlothian und Motherwell? In welcher Minute zückt der Schiedsrichter die erste Gelbe Karte? Welches Team foult am meisten? Es gibt praktisch nichts, worauf jene Männer in Glasgow nicht gewettet hätten.
Der Unterschied zwischen nichtwettenden und wettenden Sportfans ist vergleichbar mit dem Unterschied zwischen AmateursportlerInnen und Profis. Erstere fiebern aus reiner Freude mit, Letztere stehen quasi berufshalber auf den Tribünen oder vor den Bildschirmen. Die Männer, denen ich in den Wettbüros der Stadt Glasgow begegnete, waren jedenfalls keine Amateure. Sie kannten sich in praktisch allen Sportarten bis ins letzte Detail aus.
Wer viel und mit hohem Einsatz wettet, muss viel lesen, viel verstehen und viel rechnen. Alles ist eine Frage der Quote. Vereinfacht gesagt geht es beim Wetten immer darum, der Wahrscheinlichkeit zu begegnen. Je unwahrscheinlicher ein Ereignis ist, desto höher ist der Wettertrag für jene, die darauf gewettet haben, dass es eintrifft. Deswegen haben unwahrscheinliche Ereignisse eine hohe Quote.
Das klingt vielleicht ziemlich einfach. Es gibt jedoch viele Faktoren, die diese Einfachheit verkomplizieren. Einer dieser Faktoren ist der menschliche Drang, das vermeintlich Unkontrollierbare kontrollierbar zu machen. Wenn etwa bei einem Match, bei dem zwei Tennisspieler gegeneinander antreten, der Favorit verliert, können jene, die auf den Aussenseiter gesetzt haben, viel Geld gewinnen. Je mehr Geld im Spiel ist, desto grösser ist die Versuchung, ein Spiel zu manipulieren.
Jetzt berichten britische Medien, im Männertennis stünden sechzehn der fünfzig weltbesten Spieler unter Verdacht, Spiele abgesprochen zu haben.
Wer sich darüber wundert, unterschätzt möglicherweise die finanzielle Dimension dieses Geschäfts. Wo viel gewettet wird, ist viel Geld im Umlauf. Wird einem Tennisprofi für eine absichtliche Niederlage ein Honorar versprochen, das wesentlich höher ist als sein mögliches Preisgeld, kann er durchaus in Versuchung geraten, dem Resultat ein wenig nachzuhelfen. Noch ist nicht bewiesen, dass die neusten Anschuldigungen tatsächlich zutreffen. Aber falls es stimmt, hat eine weitere Sportart ihre Unschuld verloren.
Das gleiche Phänomen ist selbstverständlich auf jede Sportart übertragbar, bei der gewettet werden kann. Und da es im Sport praktisch nichts gibt, auf das nicht gewettet wird, würde ich lieber nicht darauf wetten, dass nur im Tennis betrogen wird.
Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Seine letzte Sportwette verlor er auf der Pferderennbahn von Meran.