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Was meinen wir heute mit „Intuition“? Hat es noch etwas mit den philosophischen Wurzeln des Intuitionsbegriffs zu tun? Hier möchte ich zunächst ein Beispiel aus dem Alltag vorstellen, anhand dessen ich ein verbreitetes Verständnis von „Intuition“ genauer beschreiben kann.
Ihnen wird eine interessante Stelle angeboten. Nach dem Bewerbungsgespräch wird Ihnen mitgeteilt, dass Sie die Stelle erhalten. Sie müssten also nur noch zusagen. Sie wägen Vor- und Nachteile gegeneinander ab und stellen fest, dass die Vorteile überwiegen. Dennoch entscheiden Sie sich schliesslich gegen die Stelle und sagen ab. Warum? Wenn Sie jemand fragt, könnten Sie sagen, sie haben sich intuitiv gegen die Stelle entschieden. „Intuitiv“ wird in Beispielen wie diesem also eine Entscheidung genannt, die getroffen wurde ohne sich dabei bestimmter Gründe, die zur Entscheidung geführt haben, bewusst zu sein. Wir können dieses Kennzeichen von Intuition Unmittelbarkeit nennen.
Dies reicht aber zur Definition von Intuition noch nicht aus. Wenn ich beispielsweise am Kiosk ein Feuerzeug kaufen möchte und dabei die Wahl zwischen verschiedenfarbigen Feuerzeugen habe, kann ich mich für ein gelbes Feuerzeug entscheiden, ohne mir eines Grundes für diese Entscheidung bewusst zu sein. (Nehmen wir an, die Farbe meines Feuerzeugs sei mir egal.) In diesem Beispiel wird man in der Regel nicht von mir sagen, ich habe das gelbe Feuerzeug intuitiv gewählt. Dies weist auf ein weiteres Kriterium hin, nach dem wir etwas als Intuition bezeichnen: Eine Intuition ist für den Intuierenden mit Gewissheit verbunden. Dies grenzt Intuitionen von unbegründeten Meinungen und blossem Raten oder von Zufallsentscheidungen wie meiner Wahl des Feuerzeugs ab.
Verbunden mit der Gewissheit tritt ein drittes Kennzeichen von Intuitionen hinzu. Betrachten wir es wieder am Beispiel der abgelehnten Stelle: Ohne den Grund dafür nennen zu können, sind Sie sich sicher, dass Sie die Stelle ablehnen sollten. Diese Lösung steht Ihnen klar vor Augen, wie wir auch oft sagen, wobei wir natürlich nicht die wirklichen Augen und eine visuelle Wahrnehmung meinen, sondern eine Art der inneren Wahrnehmung. Mit der visuellen Wahrnehmung haben Intuitionen also offenbar gemein, dass wir sie schlagartig erfassen. Wenden wir diese drei Kennzeichen von Intuition auf das eingangs erwähnte Beispiel an: Sie lehnen den Job ab, erstens, ohne die Gründe dafür angeben zu können, zweitens, indem Ihnen die Richtigkeit dieser Entscheidung dennoch in einem hohen Mass als gewiss erscheint, und drittens, nachdem Ihnen die Richtigkeit dieser Entscheidung schlagartig bewusst wurde.
Nun stellt sich ausgehend von diesem Intuitionsverständnis die Frage: Können wir unseren Intuitionen trauen? Entschieden bejaht haben dies seit früher Zeit viele Philosophen, in deren Erkenntnistheorien Intuition eine vorrangige Bedeutung hat. Stellvertretend seien die Rationalisten René Descartes (1596-1650) und Baruch de Spinoza (1632-1677) genannt. Sie unterscheiden zwischen intuitivem und diskursivem Erkennen. Die Merkmale des intuitiven Erkennens sind diesen Philosophen zufolge dieselben, die wir oben anhand des Stellen-Beispiels hergeleitet haben: Unmittelbarkeit, Gewissheit und Schlagartiges Erfassen. Im Gegensatz dazu ist das diskursive Erkennen durch die schrittweise Ableitung von Gedankenschritten aus den vorangehenden, und somit durch Mittelbarkeit, Nicht-Gewissheit (ich „sehe“ die Richtigkeit nicht, sondern muss darauf vertrauen, dass ich in der Denkkette keinen Fehler gemacht habe) und Nicht-Schlagartigkeit gekennzeichnet. Intuitiv haben wir direkten Zugang zu Verstandeswahrheiten wie sie beispielsweise Descartes nennt: dass eine Kugel von nur einer Fläche und ein Dreieck von nur drei Linien begrenzt wird. (Demgegenüber ist durch die Sinne Wahrgenommenes den Rationalisten zufolge zweifelhaft.) Diese Beispiele würden im heutigen Verständnis kaum auf Anhieb als Intuitionen eingeordnet. Sie tragen jedoch dieselben Kennzeichen, die wir auch fürs heutige Intuitionsverständnis herausgearbeitet haben.
Eine gänzlich andere Haltung in Bezug auf die Frage, ob wir unseren Intuitionen trauen können, wird in der heutigen Zeit von vielen PsychologInnen vertreten. Sie weisen überzeugend darauf hin, dass uns Intuitionen – so sicher sie uns auch scheinen mögen – sehr oft in die Irre führen. Die interessanten empirischen Belege dazu kann ich hier nicht ausführen. Sie lassen sich sehr gut etwa bei Daniel Kahneman nachlesen (Schnelles Denken, langsames Denken, 2011). Obwohl Unterschiede zu den vorhin erwähnten philosophischen Intuitionsverständnissen bestehen, lässt sich nicht sagen, dass die Psychologen von einem gänzlich anderen Intuitionsbegriff ausgehen. Die Merkmale Schlagartigkeit, Gewissheit und Unmittelbarkeit bleiben auch in den meisten psychologischen Studien zur Intuition massgeblich. Somit stellt sich unabweisbar die Frage: Inwieweit können wir unseren Intuitionen trauen? Einige Studien weisen darauf hin, dass wir unseren Intuitionen besonders dann trauen können, wenn wir Experten auf dem entsprechenden Gebiet sind (z.B. haben Feuerwehrleute gute Intuitionen in Bezug darauf, wann sie ein brennendes Gebäude verlassen sollten). Andere Studien wiederum zeigen auf, dass auch Experten höchst anfällig für falsche Intuitionen sind – wie etwa Mathematiker für einfachste statistische Fehler in alltäglichen Zusammenhängen.
Liefert uns die Intuition nun also einen privilegierten Zugang zur Erkenntnis oder ist sie – im Gegenteil – sehr trügerisch und muss durch nicht-intuitives Denken abgesichert werden? An der Beantwortung dieser Frage sollten wir arbeiten, wenn wir herausfinden wollen, ob und wann wir auch im Alltag unseren Intuitionen trauen dürfen.
Über den Autor
Beitrag von Cyrill Mamin, M.A., wissenschaftlicher Assistent am Philosophischen Seminar der Universität Luzern