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Trotzdem sind diese Schriften sehr lesbar, sie demonstrieren auch das sich entwickelnde Denken und Schreiben Tolstois, da sich ihre Entstehungsdaten von 1852 bis 1907 erstrecken. Und sie sind auch ein Stück Sozialgeschichte Russlands, eine Sozialgeschichte, die sich von der europäischen enorm unterscheidet, was häufig nicht zur Kenntnis genommen wird. Denn in Russland war selbst im 19. Jahrhundert das Verhältnis von Bauern/Leibeigenen zur Aristokratie von einer fast völligen Rechtlosigkeit bestimmt, einer Rechtlosigkeit, die selbst den Bauern des Mittelalters in Zentraleuropa großteils unbekannt war. Es gab keine Verträge, keine Jurisdiktion, die eine Willkürherrschaft verhindern hätten können: Die Leibeigenen waren einzig auf das Wohlwollen ihres Besitzers angewiesen, der auch noch in der Zeit Tolstois schwerste Prügelstrafen für kleine Vergehen verhängen konnte.
Dies die Welt, in der Tolstoi aufwuchs und die sich im Laufe seines Lebens sukzessive verändern sollte (wenn sich auch die realen Gegebenheiten nicht wirklich stark verbesserten durch die Aufhebung der Leibeigenschaft 1861, so entstand dadurch zumindest eine Rechtsgrundlage, die eine theoretische Einklagbarkeit von Übergriffen ermöglichte), eine Welt, deren Ungerechtigkeit ihn im Laufe seines Lebens immer stärker beschäftigen sollte. Sind die ersten Texte noch stark „geschönt“ und zeigen den Autor dem immer mitgedachten, prospektiven Leser, so sind die „Erinnerungen“, die zwischen 1902 und 1907 entstanden, vom Willen nach Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit geprägt – aber auch vom Scheitern des Autors. Denn er bricht immer wieder ab mit dem Hinweis, dass sich ihm die rechte Sprache versage, dass er dem, was er da schildern wolle, nicht wirklich gerecht werden kann.
Der als zukünftiger Besitzer seiner Bauern aufwachsende Tolstoi erkennt in einem lange andauernden Prozess die Unhaltbarkeit der russischen Zustände, obschon er selber noch lange von dieser Situation profitiert (und erst gegen Ende seines Lebens tatsächlich etwas zu ändern sucht). Aber die theoretische Auseinandersetzung mit der ungerechten Verteilung des Bodens, der faktischen rechtlichen Ungleichheit von Adel und Bauern beschäftigt ihn schon lange zuvor in seinen Schriften, die auch vor religionskritischen Aussagen nicht halt machen (er wurde von der Kirche exkommuniziert). Trotzdem konnte er sich von einem auch im Volk verbreiteten, archaischen Christentum nicht lösen (in der Erzählung Kindheit berichtet er mit ostentativer Bewunderung vom Leben eines an ihrem Hof immer wieder einkehrenden Heiligen (Gottesnarren – ich mag den Ausdruck), der beschwert mit eisernen Ketten auf dem Boden liegend seine Gebete verrichtet und um die Vergebung seiner Sünden fleht. Vielleicht war es gerade die Religiosität dieser Unterdrückten, die ihn am christlichen Glauben selbst (trotz aller Absurditäten) nicht zweifeln ließ: Denn in diesen Unterdrückten glaubte Tolstoi immer eine ursprüngliche, erstrebenswerte Menschlichkeit zu erblicken, sodass er sich eine Kritik dieses einfachen Menschen immer versagte. Entsprechend wirklichkeitsfremd waren auch seine utopischen Entwürfe einer sich im evangelisch-kommunistischen Christentum vereinigenden Menschheit: Er sah zwar die Notwendigkeit einer Revolution, war aber in Bezug auf ihre Umsetzung blauäugig und realitätsfern. Und wäre, hätte er 1917 noch gelebt, von seinen geliebten, einfachen Menschen wohl einigermaßen enttäuscht gewesen.
Leo N. Tolstoi: Kindheit / Knabenjahre / Jugendzeit / Erinnerungen. Gesamtausgabe Bd VIII.