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Dem Bau von Karl Mosers Universität ging eine längere Planungsphase voraus. Darunter fällt die Arbeit der Anfang 1906 eingesetzten Baukommission des akademischen Senats unter dem Präsidium des Zoologen Arnold Lang (1855–1914) und ein Entwurf, den Friedrich Bluntschli (1842–1930) ausgearbeitet hatte, sowie ein öffentlicher Wettbewerb, der im August 1907 ausgeschrieben wurde.
Das Vorprojekt Bluntschlis
Bluntschli war als Nachfolger Gottfried Sempers Architekturprofessor am Eidgenössischen Polytechnikum und Erbauer etwa der Kirche Enge in Zürich. Im Februar 1906 erhielt er vom Regierungsrat des Kantons Zürich den Auftrag zur Erarbeitung von Skizzen für die Neubauten der Universität Zürich. Zwischen Februar 1906 und März 1907 erarbeitete er einen ersten Entwurf. In darauf folgenden Sitzungen kritisierten Mitglieder der Baukommission, namentlich Robert Rittmeyer (1868–1960, Architekt des neo-klassizistischen Kunstmuseums in Winterthur) und Gustav Gull (1858–1942, Architekturprofessor am Polytechnikum), dass der Entwurf zu wenig auf das Terrain Rücksicht nehme. Bluntschli reagierte zwar auf das gegen die Stadt leicht abfallende und gegen Süden stark geneigte Gelände insofern, als er für das Biologische Institut ein separates Gebäude oberhalb des Rechbergguts projektierte und das gesamte Kollegiengebäude auf eine Terrasse stellte. Gull forderte aber eine Anpassung der gesamten Gebäudedisposition an das Terrain, dass also nicht das Gelände dem Gebäude, sondern dieses jenem angepasst werde.
Variante des Vorprojekts
Aufgefordert, diese Anregungen zu prüfen, entwarf Bluntschli in kurzer Zeit eine Variante seines Vorprojekts, bei der das Kollegienhaus und das Biologische Institut über eine abgestufte Terrasse aneinandergefügt wurden. Auf den gesamten Komplex bezogen, bedeutete diese Gebäudeverteilung ein Abrücken von der Symmetrie, wie sie bei Sempers Polytechnikum gegeben war und die Bluntschli beim Universitätsneubau beibehalten wollte. Doch Bluntschli versuchte die Verschiebungen zu korrigieren: Zwei Ecktürme mit steilen Pyramidendächern flankieren die stadtseitige Kollegienhausfassade und heben die Symmetrie dieses Gebäudeteils hervor. Symmetrie galt Bluntschli als architektonisches Zeichen einer Universität. Sie wird durch einen Segmentgiebel in der Fassadenmitte zusätzlich betont, darin das Wappen des Kantons Zürich, «um das Gebäude als ein staatliches und öffentliches weiter zu charakterisieren».
Ein Wettbewerb wird durchgeführt
Im Juni 1907 kam es zur entscheidenden Sitzung der Baukommission, in der Bluntschlis überarbeiteter Entwurf jedoch keine Mehrheit – weder dafür noch dagegen – fand. Der Regierungsrat entschied, einen Wettbewerb «unter den in der Schweiz ansässigen und aus der Schweiz stammenden Architekten» auszuschreiben. Bluntschli konnte nur noch konstatieren, dass ihm damit «tatsächlich der Auftrag entzogen» war. Es blieb ihm noch, dass sein Entwurf als «Vorarbeit zur Aufstellung eines Wettbewerbprogramms» diente und Ende August 1907 in der Schweizerischen Bauzeitung publiziert wurde.
Das Siegerprojekt
Unter den 34 Entwürfen, die bis zur Eingabefrist Ende Januar 1908 eingereicht wurden, erhielt das Projekt mit dem Kennwort «Künstlergut» von Curjel & Moser den ersten Preis. Der Projektname bezieht sich auf den oberhalb des Rechbergguts gelegenen Gebäudekomplex, den die Zürcher Künstlergesellschaft als Kunstakademie und Ausstellungsgebäude nutzte und der 1910 für den Universitätsneubau abgerissen wurde. Die Wettbewerbsjury lobte an Curjel & Mosers Projekt, dass das Kollegiengebäude im Vergleich zu Bluntschlis Vorprojekt zur Bergseite hin zurückgelegt sei und so «die gewünschte Anpassung an das Terrain, die Erzielung eines genügenden Vorplatzes auf der Westseite vor dem Kollegiengebäude und eine gute Gruppierung der Baumassen gegen die Stadt» erreicht würde.
Zweiter Preis
Auch das zweitrangierte Projekt «Akropolis» des Berner Architekturbüros Bracher & Widmer mit M. Daxelhofer biete «in seiner Hauptanlage eine der beachtenswertesten Lösungen». Doch obwohl die Anpassung an das Terrain ähnlich wie Curjel & Moser gelinge, wurde kritisiert, dass bei der grundsätzlich richtigen Zurücklegung des Kollegiengebäudes von der stadtseitigen Bauflucht «das davorliegende, tiefer gelegene Gelände unnötigerweise durch Terrassenanlagen wieder erhöht» werde.
Dritter Preis
Bei der Beurteilung der Wettbewerbseingaben spielte eine nicht unwesentliche Rolle, inwiefern sie sich für abzusehende künftige Erweiterungen eigneten. Dies kommt in der Kritik des drittplatzierten Projekts «Hohe Schule» von Georges Epitaux & Joseph Austermeyer in Lausanne zum Ausdruck. Es war der einzige prämierte Entwurf unter jenen Eingaben, die die «Anordnung der Bauten im Sinne des von Prof. Bluntschli ausgearbeiteten Vorprojektes» vornahmen. Dabei schaffe die Gesamtdisposition dadurch, dass das Kollegiengebäude direkt an die stadtseitige Baulinie an der Künstlergasse vorgerückt werde, eine ungünstige Situation für eine spätere Erweiterung: Diese würde eine symmetrische Verdoppelung des Biologischen Instituts südlich des Kollegiengebäudes erfordern, wodurch sich ein lang gestreckter Bau auf schräger Ebene ergäbe, der gegenüber dem Polytechnikum «viel zu gewaltig» ausfiele.
Unterschiede zum ausgeführten Bau
Was sind die Besonderheiten von Curjel & Mosers Wettbewerbsprojekt? Gegenüber dem schlussendlich ausgeführten Bau weist es einige Unterschiede auf. Eine Detailperspektive mit einer Variante des turmartigen Eckaufbaus, der als Scharnier zwischen Biologischem Institut und Kollegiengebäude agiert, zeigt, wie der stadtseitige Eingang zum Kollegiengebäude noch erhöht angelegt und über eine Freitreppe erschlossen ist. Ausser dem noch nicht projektierten hohen Universitätsturm ist ein weiterer wesentlicher Unterschied zum ausgeführten Bau die Gestaltung der Kollegienhausfassade an der Rämistrasse: Vorgesehen war anstelle der dann gebauten Eingangshalbrotunde ein fünfachsiger, parallel zur Fassade geradlinig vorspringender Portikus, der von einer Balustrade mit sechs Statuen bekrönt und mit einem auf ein Attikageschoss folgenden flachen Glockendach abgeschlossen worden wäre.
Die Wettbewerbsjury hielt zudem fest, dass der Eingang zum Biologischen Institut als eingeschossiger, konvexer Portikus, der zudem aus der Symmetrieachse heraus um eine Achse zur Stadtseite hin verschoben ist, «eine bedeutendere Ausgestaltung erfahren» dürfe. Die Anregung wurde mit dem dann umgesetzten monumentalen Portikus, der in die Symmetrieachse der Fassade zurückverschoben wurde, auch aufgegriffen.
Gipfel eines «Gebäudebergs»
Insgesamt legten Curjel & Moser jenes Wettbewerbsprojekt vor, das die geforderte Anpassung an das Terrain durch eine Anordnung der einzelnen Gebäudeteile am radikalsten löste, nämlich so, dass der gesamte Gebäudekomplex in sich durch eine radikale Asymmetrie charakterisiert wurde. Der Universitätsneubau entsprach so dem Gelände als «Gebäudeberg», dessen Gipfel die Massen mit dem turmartigen Eckaufbau ordnend zusammenhielt.
Michael Gnehm
Weiterführende Links
Bluntschli, Friedrich: Skizze zu den Neubauten der Universität in Zürich. In: Schweizerische Bauzeitung 49/50, Heft 8 (1907), S. 96–100.
Zu den Wettbewerbsprojekten vgl.: Wettbewerb für die Universitätsbauten in Zürich. In: Schweizerische Bauzeitung 51/52, Heft 13 (1908), S. 162–167.