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Welch eine Saison für den Schweizer Skirennsport! Am vergangenen Wochenende sicherte sich Lara Gut-Behrami den Gesamt- und den Riesenslalom-Weltcup, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass dieses Wochenende noch der Sieg in der Abfahrts- und der Super-G-Wertung dazu kommen. Marco Odermatt hat den Gesamtweltcup schon seit Ende Februar in der Tasche – bereits zum dritten Mal in Folge; gleich hinter ihm folgt auf Platz zwei Loïc Meillard. Wie Gut-Behrami gewinnt auch Odermatt zusätzlich den Riesenslalom-Weltcup und führt in Abfahrt und Super-G. Erinnerungen werden wach an die grossen Zeiten, an Bernhard Russi, Vreni Schneider, Maria Walliser, Pirmin Zurbriggen!
Wann immer Strahlemann Odermatt nach gewonnenem Rennen für das Interview vor der Kamera steht, prangt auf seiner Kappe das «Red Bull»-Logo, und in der Rechten trägt er zum Skistock bildwirksam eine Dose dieses österreichischen Modegetränks. Seine Jacke sagt unter anderem «Sunrise», «Raiffeisen», «Helvetia» und «BKW». Natürlich sind auch die Stöckli-Ski gut sichtbar in die Kamera gehalten, der Schriftzug ist gleich zweimal zu sehen auf den Ski und auf dem Bändel, der diese zusammenhält. Schauen wir die Interviews von Lara Gut-Behrami an, finden sich auf der Jacke die gleichen Sponsoren wie bei Odermatt, auf der Kappe steht «Ragusa» (der Schokoriegel dieses Namens fehlt jedoch in der Hand), und die Ski sind von Head statt von Stöckli. Ein kleiner aber feiner Unterschied findet sich auf dem Bändel, der die Ski zusammenhält (hat dieser eigentlich einen Namen?), hier steht nicht etwa der Markenname «Head», sondern «Rebels Club», illustriert mit einem stilisierten Totenkopf und darunter zwei gekreuzten Skiern, so dass der Eindruck eines «Jolly Roger», einer Piratenflagge, entsteht.
Bei der kratzbürstigen Gut-Behrami mag ein gewisser rebellischer Habitus noch irgendwie einleuchten, spätestens aber bei Wendy Holdener mit ihrem Mädchen-vom-Lande-Image und Corinne Suter, die gern das Honigkuchenpferd gibt (wir wünschen beiden gute Besserung!), wird es doch irgendwie grotesk. Menschen, die sich dafür bezahlen lassen, Produkte von Konzernen in die Kamera zu halten, werden als Rebell:innen inszeniert – wie lächerlich ist denn das? Doch statt sich kopfschüttelnd abzuwenden, kauft die Welt anscheinend fleissig die so promoteten Dinge, denn sonst würde sich das Sponsoring ja nicht lohnen. Dies gehört für mich zu den grossen Rätseln unserer Zeit.
Ich kann es mir nur damit erklären, dass wir heute halt alle irgendwie Rebell:innen sind. Seit in den 60ern und 70ern die Rockmusik im Mainstream angekommen ist, ist es auch der damit verbundene rebellische Habitus. So kommt es, dass etwa ein durchschnittlicher Familienwagen in der Fernsehwerbung als Ausdruck von Freiheit und Individualismus inszeniert werden kann, ohne dass wir darüber in Gelächter ausbrechen. Gerade die Chef-Rebellen des Rock ’n’ Roll versuchen gar nicht zu verbergen, dass sie abseits der Bühne normale Bünzlis sind – vom Sänger der Band «Metallica» etwa kursieren Fotos, die ihn in Shorts und mit Gucci-Tasche beim Shopping zeigen, und der Sänger einer Band namens «Cannibal Corpse» (deutsch: «Kannibalenleiche») posiert vor dem Christbaum mit einem Ausdruck, der jenem Corinne Suters in nichts nachsteht.
Im Februar hat der österreichische Skirennfahrer Julian Schütter im Alter von nur 25 Jahren seinen Rücktritt vom Profisport erklärt. Schütter war nicht durch Spitzenresultate aufgefallen, sondern durch seinen Klimaaktivismus. Er fuhr auf Atomic-Ski, war also nicht Teil des «Rebels Clubs» von Head. In Zeiten, da der Status des Rebellen von Marketingstrategen vergeben wird, ist echte Subversivität wohl eben: keiner zu sein.