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Fleischkonsum als Hauptursache für Welthunger
Gäbe es weniger Hunger in der „Dritten Welt“, wenn sich plötzlich alle vegetarisch ernähren würden? Abgesehen davon, dass es eine sehr hypothetische und somit nutzlose Frage ist, lässt sie sich klar mit einem „Nein“ beantworten.
Akuter Hunger (also eine Hungersnot) und chronischer Hunger (dauerhafte Unterernährung) betreffen derzeit laut FAO rund 795 Millionen Menschen. Somit verbuchen wir Jahr für Jahr weitere Erfolge im Kampf gegen den Hunger!
Leider ist das kein Anlass zur Freude. Vor einigen Jahren wurden die Berechnungsgrundlagen der FAO angepasst, und man geht heute von kleineren Menschen und beim Kalorienverbrauch von einem „bewegungsarmen Lebensstil“ aus. Als Hungernder zählt zudem nur, wer ein ganzes Jahr über Hunger litt – also zeitlich beschränkte Hungersnöte durch Dürren und Überschwemmungen, gestiegene Preise (wozu auch Spekulationen mit Lebensmitteln wesentlich beitragen) oder kürzere kriegerische Handlungen bleiben oft unberücksichtigt. Die FAO-Zahlen sind also sehr, sehr vorsichtige Schätzungen, die mit der Anzahl der tatsächlich knurrenden Mägen nur in einem bedingten Zusammenhang stehen. Man will eine „zu hohe Einschätzung der Unterernährung vermeiden“. Die Angst vor dieser Überschätzung („overestimate“) tritt als Begründung im „ESS / 14-04 Advances in Hunger Measurement: Traditional FAO Methods and recent innovations“ übrigens recht häufig auf. Ein wesentlicher Teil des Erfolgs in der weltweiten Hungerbekämpfung geht zudem schlicht auf die verbesserte Lage in China und Vietnam zurück.
Zusätzlich zu diesen offiziellen Hungernden sind rund 2 Milliarden Menschen mangelernährt, weil wegen einseitiger Ernährung lebenswichtige Nährstoffe fehlen; die schwerwiegenden Folgen für die Gesundheit sind nicht immer unmittelbar sichtbar, wirken sich aber besonders auf Kinder aus.
Weltagrarbericht.de (eine Website, die im Wesentlichen auf dem Weltagrarbericht beruht) geht davon aus, dass die gesamte weltweite landwirtschaftliche Produktion reichen würde, um die ganze Menschheit, ja sogar bis 14 Milliarden Menschen zu ernähren, wenn diese Agrarprodukte auch tatsächlich und ausschliesslich als Lebensmittel eingesetzt würden. Übernimmt man zudem die etwas hoch gesetzte Schätzung, dass rund 30 % der verfügbaren Ackerfläche für Tierfutter verwendet werden, sprechen diese Zahlen scheinbar eindeutig für die Behauptung, dass Fleischkonsum die Hauptursache sei für Welthunger.
Allerdings sind die Zahlen mindestens so theoretisch wie die der FAO und würden zudem erlauben, die ganze Menschheit trotz Tierfutter zu ernähren.
Zweifellos trägt der wachsende Bedarf an Futtermitteln zum Welthunger bei, aber es handelt sich dabei lediglich um einen Faktor von vielen:
- Der wichtigste Aspekt ist vermutlich die Armut. Sogar arbeitende Menschen verdienen manchmal schlichtweg nicht genug, um sich ernähren zu können. Kleinbauern können sich beispielsweise Saatgut nicht leisten oder müssen es für die Ernährung verwenden. Die steigenden Preise, mitverursacht durch Spekulation, tragen das Ihre dazu bei, dass Arme klischeegerecht am Hungertuch nagen
- Landgrabbing – Konzerne kaufen oder pachten riesige Flächen, beispielsweise in Afrika, und produzieren dort Kaffee, Tee, Lebensmittel für die reichen Länder, Biotreibstoff und natürlich Tierfutter. Sie bezahlen zudem teilweise lausige Löhne, weshalb sich die Arbeiter nicht immer gut ernähren können (siehe oben)
- allgemein der Anbau obiger Produkte in Hunger- oder solchen Gebieten nahe liegenden Regionen (bewirkt u. a. eine Erhöhung der Preise für Lebensmittel)
- Kriege, Politiker und War Lords, welche die Verteilung von Lebensmitteln, aber auch deren Anbau, verhindern
- Naturkatastrophen, die durch den Klimawandel an Häufigkeit zunehmen werden
- Umweltverschmutzung und Rodungen, aber auch Klimawandel und das an sich natürliche Voranschreiten der Wüstengebiete vernichten jährlich riesige Flächen fruchtbares Ackerland
- Schlechte Infrastruktur – es fehlen die Möglichkeiten für Transport und Lagerung, aber auch Bewässerungssysteme. Entsprechende Investitionen könnten helfen, die Erträge zu steigern, vor allem durch zuverlässigere Bewässerung
- allgemein die schlechte Verteilung der Nahrungsmittel, was oft als Hauptursache angeführt wird. Das ist zwar nicht ganz falsch, aber kaum zu beheben. Stattdessen müsste sichergestellt werden, dass die Leute vor Ort sich selbst versorgen können bzw. Zugang zu qualitativ guten Nahrungsmitteln haben aus nahe gelegenen Regionen
Wie gesagt, Tierfutter trägt zum Hunger in der Welt bei, aber für all die aufgeführten Punkte müssten Lösungen gefunden werden, damit der Welthunger besiegt werden kann. Veganer und strikte Vegetarier, in geringerem Masse auch Ovo-Lacto-Vegetarier, tragen aber wenigstens ein bisschen dazu bei.