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Orchesterkompositionen Schütters wurden erstmals in den Dreissiger- und Vierzigerjahren durch Alexander Schaichet und Hermann Scherchen aufgeführt.
1947 war die erstmalige Aufführung der Sinfonie durch Hans Haug am Radio Bernmünster vorgesehen, wurde aber aus technischen Gründen kurz vorher abgesagt. Damit war ihr Schicksal besiegelt. Sie wurde beiseite gelegt und in den 60er Jahren überarbeitet. Um 1970 folgten Versuche und Skizzen zu einer Neufassung unter Einbezug von Arbeiten mit Zwölftonreihen, die aber zu keinem befriedigenden Ergebnis führten und nicht weiter verfolgt wurden. Im Sommer 1999 ging der Komponist daran, eine Neubearbeitung von Grund auf vorzunehmen. Hierzu bemerkte er, das Stück habe infolge der langen Ruhezeit eine 'merkwürdige Wandlung' erfahren.
Die Sinfonie ist kurz, wurde im Laufe ihrer Entstehungsgeschichte immer kürzer, geraffter und konzentrierter, bedingt durch immer neue Distanz zur Sache und Selbstkritik, formal als «Sinfonie in einem Satz» eher der barocken Form der Sinfonia vergleichbar. Aus einem gewissen Anspruch an Ehrlichkeit wurden ursprünglich neoklassizistische Konzessionen, «Gefälligkeiten», wie Schütter sie nennt, die in den Dreissiger- und Vierzigerjahren als echt erschienen, verworfen. Sie scheinen nur noch durch. Später wurden daraus Zwölfton-Themen, die sich dann aber auf ein 7-Ton-Motiv reduzierten, das heute harmonisch gebunden ist und in Form von zwei Themen das Stück bruchstückartig durchläuft. Ein Thema daraus bereitet den Schluss vor, der als Ganzes apotheotischen Charakter annimmt und im Wesentlichen unverändert aus den Manuskripten von 1939 übernommen wurde. In der Mitte des Stückes ist ein rumänisches Volkslied eingearbeitet, überliefert durch eine rumänische Sopranistin, mit der Meinrad Schütter 1939 in Rom zusammenarbeitete. Dieses Motiv erscheint in den einzelnen Stimmen melodisch und rhythmisch variiert.
Von heute aus gesehen ist diese Musik eine Art Dokumentenmappe, eine Sammlung notierter kleiner Ereignisse und Einfälle sich behauptender Erinnerungen, Tagebuchausschnitten vergleichbar, die mit dem Leben des Komponisten direkt in Zusammenhang stehen, eine Musik der Brüche und Abbrüche, Stilmischungen und Perspektivenwechsel, die sich aus der langen Entstehungszeit ergaben, ein Passagenwerk. Eine Musik, die Natur und Biographie des Komponisten in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit spiegelt, Autobiographisches und Persönliches: «... mein Leben», wie Meinrad Schütter - nicht ohne Selbstironie - hierzu bemerkt. Nicht zuletzt auch ein Grund des Liegenbleibens, das dieses Stück erfuhr, neben seiner weiteren Funktion, später u.a. auch kompositorisch technisches Versuchsfeld zu werden. Testgebiet. Und an eine Veröffentlichung wurde nicht mehr gedacht.
Die Sinfonie ist ein Stück Musik, das zur Ganzheit, zu einer dem Künstler analogen Persönlichkeit geworden ist, die Formulierung schaffender Phantasie aus eigenen Wurzeln, fragmentarisch erlebt - ganzheitlich zusammengefasst, wobei hier die einzelnen Teile nicht in ein beliebiges Nebeneinander von gleicher Gültigkeit (Gleichgültigkeit) gebracht sind, sondern polarisieren und kontrastieren in kleinen abgerundeten Formen, die mit Eigenleben erfüllt sind. Für den Zuhörer könnte man als bildlichen Vergleich eine frei im Raum stehende Stele, Skulptur oder Säule mit reich gearbeitetem Kapitell nehmen, die es zu umwandern gilt. Man betrachtet nur Teile und Fragmente daraus, die sich aber doch zu einem Ganzen fügen. Meinrad Schütter, kein Reisender, aber ein Hin- und Herfahrender, der stets unterwegs ist, immer aufbrechend, 'unruhig wandernd' und neugierig, in quasi heimatlicher Enge sich befindend und dabei doch von grosser Weltoffenheit. Meinrad Schütter: «... ich weiche der Tonalität aus, wo ich kann, tat dies bereits 1939, und es würde mir schwer fallen, zur Tonalität zurückzukommen. Ich sehe das als ein Ausweichen vor der Problematik unserer Tage.»
Ute Stoecklin