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Die helvetische Verfassung vom März 1798 bestimmte Thun zur Hauptstadt des neuen Kantons Oberland. Diese Aufwertung der früheren bernischen Untertanenstadt ermöglichte den Thuner Burgern nicht nur eine politische Beteiligung auf städtischer, sondern neu auch auf kantonaler und nationaler Ebene. Zudem erhielten die Hintersässen erstmals Mitspracherechte. Fortschrittliche Angehörige der bisherigen städtischen Oberschicht übernahmen die politische Führung in der Stadt und beteiligten sich massgeblich an der Regierung des neuen Kantons. Die Mediationsverfassung, die 1803 von den Franzosen angeordnet wurde, um die Unruhen auf dem Schweizer Territorium in den Griff zu bekommen, hob den Kanton Oberland wieder auf und integrierte ihn in den Kanton Bern. Die Hoffnungen der Thuner Politiker auf mehr Einfluss und Ansehen waren damit zwar hinfällig, doch die konkrete Erfahrung der politischen Mitgestaltung während der Helvetik blieb in den Köpfen präsent. Dies führte dazu, dass sich auch Thuner Burger in der liberalen Bewegung engagierten, die 1830/31 den Kanton Bern in einen modernen Staat umgestaltete, mit einer Verfassung und – wenn auch eingeschränkten – demokratischen Mitsprache- möglichkeiten. Von grösster Bedeutung für die Entwicklung der Stadt Thun war der Entscheid der Eidgenossenschaft von 1818, hier die Zentralschule für die Armee einzurichten und damit Thun zum wichtigsten Waffenplatz der Schweiz zu machen. Von der Anwesenheit der Armee in der Stadt profitierte in den folgenden Jahrzehnten vor allem das Gastgewerbe, denn die Militärangehörigen mussten vor Ort verpflegt werden. Für viele Thunerinnen und Thuner stellte der Waffenplatz hingegen eine Belastung dar: Da die Armee vorerst über keine eigenen Bauten verfügte, waren immer wieder Soldaten und Offiziere in privaten Haushalten einquartiert.
1841 kaufte die Eidgenossenschaft von der Burgergemeinde einen Teil der Thuner Allmend, um den Waffenplatz ausbauen zu können. Mit der revidierten Bundesverfassung von 1874 erhielt der Bund überdies mehr Kompetenzen bei der Landesverteidigung, und die Armee weitete die militärische Ausbildung und damit den Betrieb auf dem Waffenplatz Thun massiv aus. Das ganze Gelände der Allmend war nun dem Einfluss der Stadt weitgehend entzogen. Die Armee baute hier Zeughäuser und eröffnete 1868 an der Allmendstrasse die Kaserne für 1160 Mann und 400 Pferde.
Die liberale Kantonsregierung verankerte in der Verfassung von 1831 neue Rechte und Pflichten, die zahlreiche Lebensbereiche betrafen und die Partizipationsmöglichkeiten für viele Einwohner verbesserten. Die Niederlassungs- und Gewerbefreiheit erweiterte den unternehmerischen Spielraum. Diesen wusste vor allem die Familie Knechtenhofer zu nutzen. Sie investierte ab den 1830er-Jahren in die Hotellerie in Hofstetten und betrieb ab 1835 das erste Dampfschiff auf dem Thunersee. Der Thuner Tourismus florierte, weitere Hotels entstanden und boten neue Arbeitsplätze.
Ein zentrales Element der neuen Ordnung war das Schulobligatorium, das der Kanton 1835 einführte; die Gemeinden waren für die Umsetzung verantwortlich. In Thun etablierte sich nun die öffentliche Primarschule neben der burgerlichen Stadtschule; 1859 wurden die beiden Schulen fusioniert. Für die männliche Jugend entstanden weiterführende Schulen wie 1838 das Thuner Progymnasium und 1859 die Handwerkerschule, für die Mädchen gab es ab 1859 die städtische Mädchensekundarschule.
Das Aquarell von Johannes Knechtenhofer zeigt die Hauptgasse im Jahr 1808. Im Zentrum des Bildes steht das Zunfthaus zu Schuhmachern. Der Durchgang unter dem Haus, das sogenannte Mühleloch, führt zu den Mühlengebäuden an der Aare. Aus einem Keller springen Ziegen; offenbar dienten einige dieser Räume unter dem Hochtrottoir auch als Ställe.
Doch trotz besserer Schulbildung und wirtschaftlichem Aufschwung war die Armut in Thun bis ins 20. Jahrhundert allgegenwärtig. Nicht nur alte und kranke Menschen waren ihr ausgeliefert, viele Thunerinnen und Thuner verdienten damals zu wenig, um sich das Lebensnotwendige leisten zu können. Es gab noch keinen Schutz gegen Armutsrisiken wie Unfall, Krankheit oder Verwitwung. Deshalb gründeten Handwerker und Arbeiter in Thun ab 1828 erste Hilfskassen zur gegenseitigen Unterstützung in Krankheitsfällen. Ab 1847 organisierten sich Thuner Handwerksgesellen und Arbeiter im Grütliverein, der sich als Selbsthilfe- und Arbeiterbildungsorganisation, aber auch als politischer Vertreter seiner Mitglieder verstand.
Den Frauen blieb zwar die politische Mitsprache versagt, und das vorherrschende bürgerliche Familienideal band sie an den Haushalt, doch auch sie erhielten mit der Regeneration und 1847, als die Geschlechtsvormundschaft abgeschafft wurde, mehr Handlungsmöglichkeiten. Einige Thunerinnen arbeiteten selbständig als Wäscherin, Glätterin oder Schneiderin, die ihr Geschäft meist in ihrer Wohnung betrieben. Weitaus die meisten berufstätigen Frauen waren aber Dienstbotinnen. Ein Teil von ihnen arbeitete im Sommerhalbjahr in den Hotels, die andern waren in Ober- und Mittelschichthaushalten beschäftigt.
Im religiösen Bereich traten die katholische Kirche und erste Freikirchen neben die evangelisch-reformierte Kirche. Zudem war nun die Pressefreiheit garantiert. Ab 1838 erschien in Thun mit dem «Thuner Wochenblatt» eine lokale Zeitung, die über die Welt und die Ereignisse in Thun berichtete und öffentliche Diskussionen förderte. Gleichzeitig blühte das Vereinsleben auf: Die politischen Kräfte organisierten sich in Vereinen, um sich in Abstimmungs- und Wahlkämpfen zu engagieren, und wohltätige Unterstützungskomitees versuchten besonders in Krisenzeiten die Lebensumstände der armen Bevölkerungsschicht zu verbessern. Zudem bildeten sich zahlreiche Vereine, die sich dem Theater, der Orchestermusik, dem Gesang, dem Schiessen oder der körperlichen Ertüchtigung widmeten.