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Auf unserer Reise von der Bretagne zurück in die Schweiz übernachteten wir in Pithiviers, einem kleinen Städtchen in Zentralfrankreich. Der malerische Ort zählt knapp 9000 Einwohner und liegt nur 80 Kilometer südlich von der französischen Metropole Paris, entfernt. Ein Hotel zum Übernachten war schnell gefunden und liess uns zum Erkunden am Abend noch etwas Zeit. Am darauf folgenden Morgen war gerade Markttag und wir genossen vor der Weiterreise die Atmosphäre des belebten Marktlebens in einem kleinen Park im Stadtzentrum von Pithiviers. Ein Gemüse- und Früchteverkäufer hielt uns zwei Hälften einer grossen Aprikose entgegen und lud uns ein, diese auszuprobieren. Und als wir ein Kilo kauften, sagte der gutgelaunte Gemüsebauer nur: «Ca marche, ce truc!» (dieser Trick funktioniert).
Bevor wir die mehr als 600 Kilometer des verbleibenden Heimweges unter die Räder nahmen, besuchten wir die grosse Kirche von Pithiviers. Wir entdeckten in einer Nische einen aus Holz geschnitzten Franziskus von Assisi mit einem Kind auf dem Arm. Dies ist eine populäre Darstellung des Heiligen aus Italien, die in vielen Kirchen anzutreffen ist. Stets gütig und freundlich blickt der berühmte Mönch aus Assisi in die Welt und erinnert uns an die wahren Werte des Lebens: an Liebe, Menschlichkeit und Gottvertrauen. Vielleicht hat sich auch Heinrich Federer von so einem Bild des Franziskus inspirieren lassen. In seiner Kurzgeschichte «Das letzte Stündlein des Papstes» erzählt er von Innozenz dem Dritten, der auf dem Sterbebett liegt. Der Mächtige hat nur noch einen Wunsch, er möchte den Beistand des Bettlermönches, der ihn vor Jahren um die Erlaubnis bat, arm sein zu dürfen. Doch Franziskus konnte nicht kommen, er musste zuerst einem blindem Armen zu essen geben und den Strassenkindern Geschichten aus der Bibel erzählen, während er sie mit erbettelten Früchten ernährte. Die Welt der Mächtigen war nicht die seine. Er suchte die Armut und die Bedürfnislosigkeit um sich ganz seiner Aufgabe widmen zu können.
Doch kehren wir zurück zu der Franziskus-Statue und der Kirche. Beim Rundgang entdeckten wir, dass es hier noch eine zweite, fast lebensgrosse Figur des Mannes gibt, der zu den Vögeln gepredigt hat. Vor einem riesigen Glasfenster steht der Mönch, mit einer Bibel in der rechten Hand. mit dem linken Zeigefinger weist er nach oben, eine Geste die auf das Göttliche hinweist. Hier tritt Franziskus nicht als der verklärte Heilige auf, der im Freien lebt und seine Gebete an Schwester Sonne und Bruder Mond richtet. Hier treffen wir einen Franziskus, der sich entschieden als Lehrer an die Menschen richtet und zur Busse aufruft. Das passt zu dem Mann aus Assisi, denn Franziskus gründete selbst einen Mönchsorden und verfasste zahlreiche Gesänge, Gebete, Briefe und – nicht ganz freiwillig – die Regeltexte der Franziskaner. Der von ihm gegründete Orden wurde in den kommenden Jahrhunderten zum grössten der katholischen Kirche.
Als wir die Kirche wieder verliessen, befanden wir uns wieder mitten im Markttreiben. Was hätte Franziskus wohl getan, wenn er aus der Kirche in dieses lebhafte, ja laute Treiben zwischen den vielen Markttständen und Menschen hineingeraten wäre. Sicher wäre er auf die Menschen zugegangen, er was Asket, suchte aber stets auch die Gemeinschaft und den Kontakt zu den Menschen im Alltag. Und dann wäre er vielleicht zu dem Bauer mit den saftigen und frischen Früchten gegangen, arm, ohne ein einziges Geldstück. Aber sicher hätte er den Marktstand nicht mir leeren Händen verlassen…