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Eine Vorbemerkung. Zünfte sind nicht gleich Zünfte. Wo immer das Zunftwesen bis zur Gegenwart bei Leben und Kräften geblieben ist, tat es dies auf je eigene Weise. Hier wird von den Zünften Zürichs gesprochen.
Die Zünfte, die mit der Brun’schen Zunftverfassung am 16. Juli 1336 zugelassen wurden, blickten von den Berufen her auf die Bevölkerung. Als «Beruf» galt jene Tätigkeit, die in einer arbeitsteiligen Wirtschaftsordnung von den Menschen erlernt und ausgeübt wurde. Grundsätzlich jedermann wurde in diesem planwirtschaftlich-kartellistischen System einem Beruf zugerechnet und als Berufsmann einer Zunft. Zur Zunft zur Schiffleuten zum Beispiel gehörten die Fischer, die Schiffer, die Karrer (Fuhrleute), die Seiler und die Tregeln (Träger, Dienstmänner und Boten). Über Jahrhunderte hinweg bildeten die Zünfte ein umfassendes, fast alle Bereiche berührendes oder gar bestimmendes Gesellschaftssystem; neben ihren wirtschaftlichen Funktionen griffen sie auch ins politische, militärische, religiöse, rechtliche und soziale Leben ein.
Mit der Invasion der Franzosen und den staatsrechtlichen Umwälzungen der Helvetik kam diese Ordnung 1798 an ihr Ende – und doch nicht ganz. Denn im 19. Jahrhundert etablierten sich die Zünfte als zivilrechtliche Vereine, welche keine politischen, sehr wohl aber weiterhin gesellschaftliche Funktionen ausübten. Mehr noch: neben die historischen Zünfte traten seit 1867, meistens im Zusammenhang mit Eingemeindungen, neue Zünfte, so dass heute neben zwölf historischen auch vierzehn Zünfte der neueren Linie anzutreffen sind.1 Es gibt daher eine zweifache «Hackordnung»: Erstens neigen die historischen Zünfte, durch ihr Alter gesalbt, dazu, gönnerhaft auf den Nachwuchs aus den Quartieren hinabzusehen. Und innerhalb der historischen Zünfte halten sich manche von ihnen für umso feiner, je weiter oben sie in der Brun’schen Liste rangieren.
Die angestammten Berufe werden in den historischen Zünften heute meist nur noch ausnahmsweise ausgeübt, und die neuen Zünfte knüpfen gar nicht mehr an einen Beruf an. Dass das Zunftwesen auch jene erfasst, die noch nicht oder nicht mehr erwerbstätig sind, wird zu einem seiner Vorteile. Denn Alt und Jung finden so zusammen. Wenn die Handwerke historisch die Ausbildung der Lehrlinge und Gesellen regelten, so kennen die Zünfte nun für die Jungen eine eigene Mitgliedschaftsform: Als «Stubengesellen» gehören sie früh dazu. Man achtet auf sie, sie achten aufeinander und lernen dabei, wie man sich in der Gesellschaft bewegt. Schon im Kindergarten- und Primarschulalter können Zünftersöhne am Zunftleben, an Familienanlässen teilnehmen und am Sechseläuten mitmarschieren.
Sodann fallen Zünfter, die ihre Berufstätigkeit altershalber aufgeben, nicht aus allen Listen und der Einsamkeit anheim, sondern bleiben in einen Kreis eingebunden, der ihnen regelmässigen Austausch sichert. Ihre zünftige Präsenz und der soziale Kontakt können sich durch mehr oder weniger formelle «Stämme» sogar verstärken. Selbst wenn jemand aus Gesundheitsgründen an den Zunftanlässen nicht mehr teilnehmen kann, reisst die Verbindung nicht ganz ab; er bekommt Post und gelegentlichen Besuch. Kurzum: jeder zählt, in der Zunft nimmt man am Leben der andern teil.
Zünfter kennen kaum weniger Abstürze, Scheidungen, Karrierebrüche als andere Männer. Gerade in solchen Krisen kann die Zunft helfen – als ein Netz, das hält, wenn andere Stricke reissen. Die Zünfte schliessen niemanden aus, der privat oder beruflich falliert, solange damit kein ehrenrühriges Verhalten verbunden ist. Ganz im Gegenteil bieten sie jemandem festen Boden, der etwa seine Frau oder Stelle oder beides verliert. Wer sie noch hat, dem bedeuten sie daher eine soziale Versicherung. Ungefähr so kann man den Wahlspruch der Zunft zur Schiffleuten verstehen: «Auf Wellen und vor Anker treu».
Als Zünfter werden nur Männer aufgenommen. Das mag unter Diversity-Gesichtspunkten ein Mangel sein. Aber Institutionen, die sich seit 1336 am Leben zu erhalten verstanden haben, sind nicht gezwungen und auch nicht dazu geneigt, sich jeder Strömung anzupassen. Der flüchtige Zeitgeist ist nicht der Kompass, nach dem sie sich zu richten haben. Dass es sich um Männerclubs handelt, ist von Bedeutung. Denn würden Frauen aufgenommen, entfaltete sich eine Geschlechterdynamik, welche das Zunftleben stark verändern würde. Dass die Zünfte heutiger Prägung andererseits eigentliche «Männerbünde» wären, ist zu bezweifeln. Wenn man will, kann man zwar Initiationsrituale erkennen. Freilich walten dabei keine starken Kräfte, ein militärisch-monastischer Korpsgeist kommt nicht auf, und homoerotische Anwandlungen begegnen eher selten. Das gemeinsame Besäufnis ist, wo es dies denn je gegeben hat, stark aus der Mode gekommen. Leistungen äusserlicher Anpassung werden nur geringe abverlangt: An festlichen Anlässen trägt man einen dunklen Anzug und das Zunftabzeichen, am Sechseläuten die Tracht. That’s it. Es werden keine besonderen Frisuren und Rasuren oder gewagte Tattoos gefordert. Auch sonst sind die Zünfter keineswegs so einheitlich, wie man sich das von aussen vorstellen mag. Es gibt, was etwa die Einkommens- und Vermögenssituation betrifft, beträchtliche Unterschiede.
Die Zunft basiert auf der Familie. Man begegnet in ihr männlichen Verwandten, Vätern und Söhnen, Enkeln und Onkeln, Grossvätern und Schwiegersöhnen, und wenn man will, so bilden die Zünfte insgesamt eine grosse Familie. Man weiss von vielen kraft ihres Familiennamens, wo sie «zünftig» sind. Oft bestehen zudem freundschaftliche Beziehungen. Man trifft also in diesem Kreis vertraute Gesichter und fühlt sich unter ihnen geborgen. Sie bilden Heimat, eine Leib und Seele erlabende Oase in der Wüste der täglichen Zumutungen. Diese Verbundenheit bekundet sich zum Beispiel darin, dass über die offiziellen Anlässe hinaus weitere Begegnungen herbeigeführt werden. Oft feiert man in der Zunftstube auch private Anlässe, Hochzeiten, Taufen, runde Geburtstage. Die Zünfte umfassen rund 100 bis 200 Mitglieder, was erlaubt, dass sich meidet, wer sich nicht mag. Der Stubenmeister weiss und berücksichtigt dies bei der Festsetzung der Tischordnung. Manchmal sind die Mitzünfter auch Geschäftspartner. Allerdings ist das aktive Akquirieren von Aufträgen verpönt, und der Versand von Werbematerial wird wenig geschätzt.
Die meisten Zünfter leben vor allem in ihrer eigenen Zunft. Viele halten aber auch Kontakt zu anderen Zünften. Wer in seinem Umfeld Persönlichkeiten begegnet, die ebenfalls Zünfter sind, entdeckt darin eine kontaktfördernde Gemeinsamkeit. Vielleicht geht man nun pfleglicher miteinander um. Jedenfalls ist besondere Aggressivität unter Zünftern nicht beliebt. Dabei bleibt zu beachten: Zünfter gehören nicht qua Zunftmitgliedschaft zu einer Funktionselite. Da die Zünfte keine Pfründe zu verteilen haben, kommen auch Zünfter nur durch Leistung zum Zug.
In Republiken kennt man Dynastien nach monarchischem Muster nicht. Bei uns sind es die Zünfte, die wie kaum eine andere republikanische Einrichtung die Geschlechterfolge erkennen lassen. So sind etwa in der Zunft zur Schiffleuten mit den Wolffs und den Wasers in direkter männlicher Abfolge immer noch zwei Familien vertreten, die schon 1336 aufgeführt waren. Andererseits kommt es immer wieder vor, dass ein Sohn nicht in den Spuren seiner Väter wandeln will. Das mag diese schmerzen, ist aber hinzunehmen. Umgekehrt lässt sich auch feststellen, dass ein Sohn erst in einem gewissen Alter Sinn für das zünftige Leben entwickelt.
Söhne und Schwiegersöhne werden in aller Regel deutlich leichter aufgenommen. Das meritokratische Prinzip spielt meist nur bei den Kandidaturen Aussenstehender. Worin die Meriten liegen müssen, wird unterschiedlich beurteilt. Manche Zünfte versuchen, Prominenz anzuziehen, andere legen den Wert eher darauf, dass ein Kandidat gut zur Zunft passt und einen substantiellen Beitrag zu leisten verspricht. «Sechseläuten-Zünfter», nämlich solche, die sich nur beim Frühlingsfest blicken lassen, sind gemeinhin nicht erwünscht.
Was ist der Preis der zünftigen Kohäsion? Im Kreis der Zünfte wird die Grossstadt Zürich zu einer Kleinstadt, und die hat, sagt die Sage, der Teufel gemacht. In Kleinstädten vergisst man nicht. Spannungen und Streit zwischen einzelnen Zünftern können sich zu solchen zwischen Familien auswachsen, an die man sich noch nach Jahrzehnten dunkel erinnert. Alte Geschichten, Mentalitäten und Animositäten bleiben unproduktiv präsent. Das Ressentiment vermag sich aufklärungsresistent über Generationen zu halten.
Dies widerspricht eigentlich dem zünftigen Geist. Denn nach ihren Zweckbestimmungen pflegen die Zünfte nicht nur Tradition, sondern auch Freundschaft. Beides sind unbezweifelbare Werte, welche dem Zunftleben einen ebenso unbezweifelbaren Sinn geben. Unter die Pflege der Tradition fallen manche äusseren Formen. So heissen die Präsidenten nicht Präsidenten, sondern Zunftmeister oder Constaffelherr. Alle Zünfte haben weiterhin eine Zunftstube, in der sie sich wie eh und je zu Speis und Trank treffen. Dass es aber nicht darum geht, die Asche zu bewahren, sondern das Feuer weiterzutragen, wird in allen Zunftstuben in Erinnerung gehalten.
Ein starkes Element zünftiger Identität ist die Rede. Keine Zusammenkunft, bei der nicht der Zunftmeister das Wort ergriffe, und auch von den Gästen werden zündende Reden erwartet. Die Zünfte setzen damit starke rhetorische Akzente und tragen zur zürichdeutschen Sprachkultur bei. Zunftreden bilden eine eigene, sowohl von der «Oral History» als auch linguistisch leider noch wenig erforschte Gattung, deren beste Vertreter den Rahmen performativer Kleinkunst sprengen. Das Telos der zünftigen Rede ist das Lachen. Zunftreden sind erstens für den Augenblick und zweitens nicht für die Öffentlichkeit bestimmt und unterstehen dabei keinen «Regeln», welche irgendwelche Instanzen unter dem Titel der politischen Korrektheit festgelegt haben.
Auf wann immer man den Beginn der Schweiz datiert – 1291 oder 1351 –, die (historischen) Zürcher Zünfte halten ungefähr dasselbe Alter wie die Eidgenossenschaft. Sie haben deren ganze Geschichte mitgemacht. Wer sie als Folklore abtut, hat ihr Wesen daher vollkommen missverstanden. Die Zünfte (der historischen Linie) atmen den Geist der Republik. Zwischen Staat und Zünften gab es keine Differenz, die Zünfte waren Teil des (damals korporatistischen) Staatswesens. Das Verständnis einer Republik, die im Dienste der Bürger steht (und nicht umgekehrt), prägt die Zünfte bis heute. Sie wehren sich gegen eine vom Bürger abgesetzte Regierung und Verwaltung. «Der Staat sind wir», so lautet noch heute die Losung. Die allermeisten Zünfter denken auch in diesem Sinne «bürgerlich». Sie unterhalten ein Verständnis vom Staat, das nicht auf Delegation der Verantwortlichkeit an eine «Classe politique» hinausläuft, sondern auf die Umsetzung des Milizgedankens. Man sieht das Heil nicht im Staat und plädiert dafür, dass der Bürger selbst verantwortlich ist und bei Bedarf selbst anpackt. Natürlich ist nach und nach auch ins Bewusstsein gedrungen, dass die Frage «Wer ist ‹wir›?» immer neu zu beantworten bleibt. Zu Rudolf Bruns Zeiten repräsentierten die Zünfte mehr oder weniger die ganze Bevölkerung. Heute sind die rund 4000 Zünfter ein statistisch irrelevantes Grüppchen, welches sich keine Hoffnung machen darf, in der seit Jahrzehnten links regierten Stadt Zürich politisch viel auszurichten.
Natürlich gilt das Bekenntnis zur Miliz auch nach innen. Wer angefragt wird, eine zünftige Funktion zu übernehmen, lehnt dies nur im äussersten Notfall ab, auch wenn der Einsatz für die Zunft finanziell nicht entschädigt wird.
Um noch einmal auf die Spannung zwischen den Jahrhunderten und dem Tag zu sprechen zu kommen: Zünfte reagieren auf den wechselnden Zeitgeist mit einer Mischung von Anpassung und Resistenz. Man bleibt nicht stur beim Hergebrachten, wo es überständig geworden ist. Manche Bräuche und Gewohnheiten werden durchaus an veränderte Rahmenbedingungen und Wertungen angepasst: So wird nicht mehr geraucht auf der Stube, es wird, was sich in den Zunftarchiven anhand von Protokollen und Abrechnungen überprüfen lässt, wesentlich weniger getrunken als in früheren Dekaden, und bei Veranstaltungen unter der Woche bricht man beizeiten auf, weil der nächste Tag wieder ein Arbeitstag voller Anstrengungen sein wird. Gegen all das hätten Zwingli und Calvin nichts einzuwenden gehabt.
Die Globalisierung mit ihren Zentrifugalkräften, der Dynamisierung der geographischen und sozialen Mobilität, der sich dauernd erhöhende berufliche Leistungsdruck im Hamsterrad kalter Effizienz – dies alles ruft nach Gegenkräften, und es macht übersichtliche, in sich selbst ruhende, seit sehr langem bewährte Organisationen wie die Zünfte mit ihrem ausgewogenen Mass an Bindung und Freiheit attraktiv. Gäbe es sie nicht schon seit bald siebenhundert Jahren, so müsste man sie erfinden. Sie könnten ein Modell sein für Verbindungen, die sich auch in anderen Zusammenhängen menschenfreundlich schaffen liessen.
1Zu den historischen Zünften gehören die Gesellschaft zur Constaffel, die Zunft zur Saffran, die Zunft zur Meisen, die Zunft zur Schmiden, die Zunft zum Weggen, die Vereinigten Zünfte zur Gerwe und zur Schuhmachern, die Zunft zum Widder, die Zunft zur Zimmerleuten, die Zunft zur Schneidern, die Zunft zur Schiffleuten, die Zunft zum Kämbel und die Zunft zur Waag. Seit dem 19. Jahrhundert hinzugekommen sind die Stadtzunft, die Zunft Riesbach, die Zunft zu den drei Königen, die Zunft Fluntern, die Zunft Hottingen, die Zunft zu Wiedikon, die Zunft Wollishofen, die Zunft Hard, die Zunft zu Oberstrass, die Zunft St. Niklaus, die Zunft Höngg, die Zunft zur Letzi, die Zunft Schwamendingen und die Zunft Witikon.