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Das erste Zentrum für die Herstellung von Spielkarten in der Schweiz war Basel. In dieser Stadt entstanden im 15. Jahrhundert die Deutsch-Schweizer Karten. Sie haben sich bis in die heutige Zeit als „Schweizer Bild“ mit den Farben Schilten, Rosen, Eicheln und Schellen erhalten. Später, im 17. Jahrhundert, wurde Basel von Epinal überflügelt. Erst im 18. Jahrhundert wurden wieder Spielkarten in erwähnenswerten Mengen in der Schweiz produziert, und es war der westliche Landesteil, der für diese Entwicklung sorgte. Im frühen 18. Jahrhundert arbeiteten gleich mehrere Kartenmacher in der Gegend um die Stadt Solothurn, wo der französische Botschafter residierte.
Vor allem war es das Dorf Mümliswil, im Guldental zwischen den Jurahügeln Hauenstein und Passwang, im Kanton Solothurn, das im Verlauf des 18. Jahrhunderts die grösste Bekanntheit erlangte. Schon seit dem 16. Jahrhundert bestand eine Papiermühle in Mümliswil und trotz vielen Höhen und Tiefen konnte sich die Papierindustrie bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts halten. Ebenso wie an anderen Orten entwickelte sich die Herstellung von Spielkarten parallel zur Papierfabrikation. Es ist nicht möglich, das genaue Jahr zu bestimmen, in dem die ersten Spielkarten in Mümliswil gefertigt wurden, aber man darf davon ausgehen, dass es am Anfang des 18. Jahrhunderts war.
Im Jahr 1731 taucht erstmals der Name Rochus Schär auf (auch Schar, Schaer Schärr Scherr), des späteren Gründers der Kartenmacher-Dynastie Schär.
Er wurde 1697 in Luthern im Kanton Luzern geboren und muss als Junge nach Mümliswil gekommen sein. über seinen beruflichen Werdegang ist nichts bekannt, aber man kann sicher annehmen, dass er als Papiermacher in einer Papiermühle anfing. 1732 heiratete er Anna Maria Jäggi, die Tochter von Nikolaus Jäggi der schon 1719 gestorben war. 1734 verliert sich zwischenzeitlich die Spur von Rochus Schär aus Mümliswil. 1743 taucht er in Baden, Kanton Aargau, wieder auf, wo er als Kartenmacher arbeitete. Zu dieser Zeit arbeitete dort auch der Kartenmacher Bernhard Nikolaus Lang (1721 - 1799), und er heiratete 1740 Barbara Jäggi, eine Schwester von Schär’s Frau Anna Maria. Schär’s Söhne wurden 1738, 1743 und 1744 geboren. Irgendwann muss Schär seine Arbeit nach Mümliswil zurück verlegt haben, denn ein Tarot von 1741/1744 trägt die Inschrift Mümliswil. Um 1748 scheint Schär Pächter oder sogar Besitzer der Papiermühle geworden zu sein. Zwei Jahre später beschreibt er sich selber auf einem Tarot als Kartenmacher und Graveur.
Die Kartenmacherei muss in den folgenden Jahren wirklich floriert haben, denn Schär brachte seine Produkte bis nach Zurzach. Es war hier zur Sommer-Sonnenwende, am Tag der heiligen Verena, dass der wichtigste Handelmarkt der damaligen Schweiz abgehalten wurde. Händler und Hersteller der ganzen Eidgenossenschaft und aus den Nachbarländern hatte Stände oder sogar feste Verkaufsläden dort. Es gibt Hinweise, dass Rochus Schär schon vor 1768 ein gut platziertes Geschäft an der St.Moritz Chorhol in Zurzach hatte. Vielleicht wurden die ersten Spielkarten von Zurzach aus in den Schwarzwald exportiert. Rochus Schär starb 1773 in Mümliswil. Seine drei Söhne Franz Leonzi, Franz Bernhard und Peter Rochus waren ebenfalls Kartenmacher, aber wir kennen keine Einzelheiten über die ersten Abschnitte ihrer Laufbahnen. Nach dem Tod des Vaters führten sie sein Geschäft gemeinsam weiter, aber um 1755 machten sich Franz Leonzi und Franz Bernhard selbständig. Es ist nicht klar, ob auch Peter Rochus ein eigenes Geschäft begann oder ob er als Partner bei einem seiner Brüder einstieg.
Nach einem Erbteilungplan der noch zu Lebzeiten der Mutter aufgesetzt wurde, erhielt jeder der Brüder seinen Anteil an Werkzeugen Ausrüstung und Material. Die Schär-Brüder erhielten 1773 das Ehrenbürgerrecht von Mümliswil. Sie lebten im „Herrenhüsli“ einer Liegenschaft oberhalb des Dorfes an der alten Passwang-Strasse, die ein Herrschaftshaus und eine Scheune in „Reckenkien“ umfasste.
Neben den Schär-Brüdern arbeiteten auch andere Nachkommen von Nikolaus Jäggi in der Karten-Herstellung. Der Enkel von Nikolaus, Johann (1744-1795), der in der „Fürstlen“ westlich des Dorfes Mümliswil lebte ist ebenfalls mehrfach als Kartenmacher erwähnt. Johann, ein Cousin von Joseph Jäggi stellte ein Marseille-Tarot her, von dem heute noch eine Kopie existiert. Anders als die Schärs betrieben die Jäggis die Kartenmacherei nur nebenbei, sie hatten ihr Haupteinkommen aus der Landwirtschaft. 1882 ging die „Fürstlen“ in Flammen auf, und obwohl nicht viel vor dem Feuer gerettet werden konnte, wurden die wertvollen Druckplatten für die Karten-Herstellung vor der Zerstörung bewahrt. Für einige Zeit fabrizierte die Familie in einem Haus namens „Im Rank“ weiter. Der letzte Kartenmacher aus der Jäggi-Familie, Joseph Jakob, eröffnete eine Druckerei in Mümliswil, aber mit seinem Tod war die Spielkarten-Herstellung in Mümliswil für alle Zeiten vorbei.
Vorher jedoch war das Management der Schär-Brüder verantwortlich für einen wahren Boom der Spielkartenherstellung in Mümliswil und ihre Karten waren weitum in Gebrauch. Wie früher ihr Vater besuchten auch sie den alle zwei Jahre stattfindenden Zurzacher Handelsmarkt. Franz Leonzi Schär scheint der erfolgreichere Unternehmer gewesen zu sein. Sein jüngerer Bruder der 1743 in Baden geboren worden war, heiratete 1775 Barbara Jecker. Die Söhne aus dieser Ehe, Johannes und Bernhard führten die Kartenherstellung nach dem Tod des Vaters um 1800 gemeinsam mit der Mutter weiter unter dem Namen „Bernhard Schär’s Witwe und Söhne“.
Obwohl die Obrigkeit versuchte, die Spielleidenschaft der Bevölkerung mit Gesetzen und Verboten zu bekämpfen, stiegen im Gegenteil die Verkäufe in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts weiter an. Ein Faktor, der zur Verbreitung der Spielkarten beitrug, war ein neues Spiel namens „Jass“ welches aus Holland in die Schweiz gekommen sein muss. Die Reduktion der Kartenzahl von 48 auf 36 pro Ries in dieser Periode zeigt den Einfluss des Jass.
Die Schweiz blieb nicht unberührt von den politischen Entwicklungen, die Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts abliefen. Die Invasion der Franzosen und die Umwandlung von einem losen Staatenbündnis zu einer zentralistisch regierten „einigen und unteilbaren helvetische Republik“ bescherte auch den Kartenmachern viel Ärger und Verdruss. Im Bemühen neue Quellen für Steuereinkünfte zu erschliessen, führten die Obrigkeit u.a. eine Steuer auf allen Spielkarten mit französischem Bild ein. Sieben Schweizer Centimes mussten auf jedes normale Ries bezahlt werden und sogar 15 auf ein Tarot. Karten für den Export waren von den Steuern befreit. Der Import von ausländischen Karten war verboten.
Die Kartenmacher waren alles andere als erfreut über diese Massnahme. Trotzdem gibt uns dieses Steuerstempel-Gesetz einen wertvollen Einblick in die Kartenmacherei in der helvetischen Republik. So wurden zwischen April 1801 und März 1803 3250Pik-Asse, 9724 Schellen-Achten und 484 Tarots gestempelt. Die hohe Anzahl von französischen Karten beruht teilweise auf der Präsenz der Franzosen in der Schweiz. Karten, die für den Export bestimmt waren, sind in dieser Statistik nicht enthalten. Zusammen mit dem Kanton Freiburg (Kartenmacher-Familie Burdel) und dem Kanton Leman (Familie Vachet in Lausanne) war der Kanton Solothurn einer der grössten Erzeuger von Spielkarten.
Am 19. März 1801 platzierte Franz Leonzi Schär in der „Hurterische Schaffhauser Zeitung“, einer Zeitung, die einen grossen Teil von Süddeutschland abdeckte, eine Anzeige, in der er alle ausländische Verkaufsgeschäfte aufforderte sich schriftlich bei ihm zu melden. Damit er ihnen Muster seiner Karten senden konnte. Die Anzeige erklärte, dass er für jene von seinen Freunden, welche nur kleine Mengen von Karten benötigten, zwei Lager unterhielt, eines bei Johannes Diez in Waldkirch und eines bei Johannes Ganttert in Birkendorf. „Bernhard Schär’s Witwe und Söhne“ lancierten eine ähnliche Anzeige am 17. Juni 1801 und auch sie beabsichtigten, Lager im „Breisgau, Schwarzwald und anderen Orten“ zu erstellen.
Die Verfassungsänderung im März 1803 führte in verschiedener Hinsicht zu einer Periode der Unsicherheit. Die Steuerstempel-Behörden verlangte weiterhin ausstehende Steuern, unternahm aber gleichzeitig nichts gegen ungestempelte Spielkarten die auf den Markt kamen. In heftigen Worten beklagte sich Franz Leonzi Schär in einem Brief vom 15. Juni 1803 über die ungerechte Behandlung durch die Obrigkeit und die daraus resultierenden Schwierigkeiten der Kartenmacher.
Die landesweite Steuer auf Spielkarten wurde abgeschafft, als die Steuerhoheit im August 1803 an die Kantone überging. Während einige Kantone die Steuer weiterhin verlangten, schafften andere sie vollständig ab. Man darf bezweifeln, dass die Kartenmacher über diesen Mangel an Einheitlichkeit froh waren. In der Gemeinde Mümliswil machten sich sowohl die Schärs als auch die Jäggis mit harter Arbeit und Effizienz einen Namen. So ist es nicht erstaunlich, dass mehrmals Familienmitglieder in die lokalen Behörden gewählt wurden. Franz Leonzi Schär war der erste der ein politisches Amt bekleidete. Nach der Ablösung der alten Konföderation, wurde einer von Franz Bernhards Söhnen, Bernhard Schär in den Gemeinderat gewählt.
Aufgrund seiner Fähigkeiten wurde Peter Leonz Schär, Franz Leonzi’s ältester Sohn gleichzeitig in den Gemeinderat und als Gemeindeschreiber gewählt, obwohl er erst 23 Jahre alt war. Bei mehreren Gelegenheiten bat er um Befreiung vom Dienst in der Gemeinde, da am Ende ganze Tage im öffentlichen Dienst ihn davon abhielten, seinem Vater in der Kartenmacherei zur Hand zu gehen und so zu helfen, die grosse Familie zu ernähren. Peter Leonz Schär, das älteste von sieben Kindern, hatte den Hauptteil der Führung des Kartenmacher-Geschäfts übernommen, da der Vater mit 70 Jahren den Anforderungen nicht mehr gewachsen war. 1803 wurde er sogar zum kantonalen Richter in Solothurn ernannt. Unglücklicher weise starb dieser aussergewöhnliche Vertreter der Familie Schär, der als eifriger Verfechter der helvetischen Republik auch glühende Briefe als Unterstützung der liberalen Gesinnung der ländlichen Bevölkerung an die Bundesregierung schrieb, kurz danach einen frühen Tod. Später übernahm auch sein Bruder Franz Joseph Schär einen aktiven Part in der Politik. Auch er war Kartenmacher und arbeitete um 1803 sogar einige Zeit in Nürnberg. Nach dem Tod seines Bruders musste er die Führung des väterlichen Geschäfts übernehmen.
Einer von Franz Bernhard Schär’s beiden Söhnen, Bernhard zog nach Balsthal. Der andere Johannes Schär heiratete 1799 Catharina Jäggi, die Tochter des Kartenmachers Joseph Jäggi. Es scheint, dass Johannes das Kartenmachergeschäft nicht mehr als Haupterwerb betrieben hatte. Ab 1810 führte er ein Tabak-Mühle in Mümliswil und handelte mit Kleidern und Gewürzen. Er starb bereit 1814 und hinterliess vier minderjährige Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne.
Ein Enkel, Bernhard Schär, 1826 – 1896, Sohn eines Johannes Schär, der seinen Namen auch „Scherr“ schrieb, war der letzte Kartenmacher der Familie. Er gab diesen Beruf in jungen Jahren auf und zog nach Biberist um dort in der Papierfabrik zu arbeiten.
Bernhard Schär wurde immer noch als Kartenmacher, wohnhaft im „Herrenhüsli“, ausgewiesen, als er 1866 in den Gemeinderat gewählt wurde.
Im 19. Jahrhundert verlor Mümliswil, das mittlerweile mehr als 1000 Einwohner umfasste, rasch die führende Rolle in der Schweizer Kartenmacherei. Bei einer Zählung der Unternehmer um 1812 waren noch vier unabhängige Kartenmacher in Mümliswil aufgeführt. Ein Bericht über den Handel in Solothurn 1826 erwähnte noch eine Kartenfabrik in Mümliswil, die ihre Produkte im süddeutschen Raum vertrieb bis die hohen Zölle diesem Handel ein Ende bereiteten. Der Bericht betont, dass diese Industrie aussterben werde, wenn die Bedingungen nicht besser würden. Es ist nicht ganz klar, welche Firma gemeint war, aber es scheint sich um jene von Franz Joseph Schär gehandelt zu haben. Der lokale Mümliswiler Chronist Beat Walter nennt vier unabhängige Kartenmacher um1830: Franz Joseph Schär, unterstützt von seinem jüngeren Bruder Philipp, Johann Schär im „Herrenhüsli“, Joseph Jäggi in der „Förstlen“ und schliesslich Johann Propst über den nichts weiter bekannt ist. Er erwähnt, dass alle Kartenmacher persönlich an der Messe in Zurzach anwesend waren. Ein Bericht des Kleinen Rates von Solothurn über das Finanzjahr 1836/37 gibt uns einen Hinweis auf den Umfang der Karten-Produktion zu jener Zeit: „Ein Kartenmacher in Balsthal und fünf in Mümliswil beschäftigen 13 bis 15 Personen in der Produktion von Karten aller Art zum Spielen ebenso wie zum Schreiben. Die jährliche Produktion von Packen könnte gut 15000 Ries sein, deren Wert auf etwa 10000 Franken geschätzt werde. Beschränkungen im ausländischen Market könnten die Industrie jedoch etwa die Hälfte ihres Umsatzes gekostet haben.“
Das Handelsregister listet für 1850 noch einen Kartenmacher in Balsthal und drei in Mümliswil auf. Aber nach der Schliessung der Mümliswiler Papiermühle 1840 und der zunehmenden Konkurrenz von neu gegründeten Karten-Fabriken wurde die Produktion bedeutungslos. Trotzdem waren an der Solothurner Handelsmesse 1855 immer noch Spielkarten und in Schachtel-Entwürfe von Bernhard Schär aus Mümliswil, dem letzten Kartenmacher der Schär-Familie, zu sehen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verschwanden die Mümliswiler Spielkarten vollständig vom Schweizer Markt, nachdem sie sich über ein Jahrhundert lang halten konnten und sich einen Namen machten.
Wir danken Miss Sylvia Mann Rye Sussex für die Erlaubnis,
dieses Schär-Spiel aus ihrer Sammlung zu reproduzieren.
AGM AGMÜLLER
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