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Die Profitrate sinkt: Hatte Marx recht, schafft sich der Kapitalismus von selbst ab?
Sinkende Profitrate: Hatte Marx recht, schafft sich der Kapitalismus von selbst ab?
Die Profitrate, also das Verhältnis der erzielten Gewinne zum eingesetzten Kapital, schwankt in der Schweiz stark je nach Verlauf der konjunkturellen Zyklen. Längerfristig gesehen ist diese Kennziffer aber seit einigen Jahrzehnten rückläufig. Hatte Marx also recht und schafft sich der Kapitalismus mit der Zeit selbst ab? Wie kann die Profitrate richtig berechnet werden und was bedeuten deren Höhe und Verlauf für die Wirtschaftsentwicklung?
Die Profitrate kann als Steuerungsgrösse einer Unternehmung oder einer Volkswirtschaft verstanden werden. Sie bestimmt also zum Beispiel darüber, ob und wie viel investiert wird, und gilt auch als Massstab für die Verwertungsbedingungen des Kapitals. Die Mehrwertrate hingegen bezeichnet das Verhältnis der Profite zu den Löhnen und ist ein Mass für die Verteilung der Wertschöpfung zwischen Kapital (Profite) und Arbeit (Löhne).
Umverteilung geht weiter
Tendenziell ist die Profitrate in den letzten Jahrzehnten gesunken, das zeigen unsere Daten. Bereits Marx erwähnte zahlreiche Faktoren, mit denen es dem Kapital gelingen kann, den Fall der Profitrate aufzuhalten oder rückgängig zu machen, wie die Erhöhung der Mehrwertrate durch Rationalisierung, die Verbilligung der Arbeits- kosten etwa durch Globalisierung oder die «Verwohlfeilerung des Kapitals», das heisst Kapital sparenden technischen Fortschritt. Besonders die beiden letzten Faktoren dürften dazu geführt haben, dass sich die Profitrate in den letzten Jahrzehnten etwas stabilisiert hat – auch wenn sie weiter leicht rückläufig ist. Die Masse an Profiten und Vermögenseinkommen können auch durchaus zunehmen, während die Profitrate fällt. Dies war ab den 1950er-Jahren der Fall und trifft auch für die Schweiz zu: Die absolute Profitmasse hat kräftig zugenommen, mindestens im gleichen Ausmass wie die Summe aller Lohnbestandteile. Bis zur neoliberalen Wende hin zur Doktrin des Shareholder-Value orientierten sich viele Unternehmen offenbar eher an der Entwicklung der Profitmasse als an der reinen Kapitalrentabilität.
Profitrate halbiert
In der Grafik werden die Resultate von zwei verschiedenen Berechnungsmethoden verglichen. Dabei zeigt sich, dass die aktuelle Profitrate gemäss Berechnungen aus Amherst (EPWT) ca. 3 Prozent beträgt, gemäss den Denknetz-Berechnungen liegt sie aber bei rund 20 Prozent. Würde als massgebende Periode zum Beispiel fünf Jahre anstatt einem Jahr gewählt, wäre der Unterschied bedeutend kleiner.
Bezüglich der relativen Veränderung der Profitrate sind die Ergebnisse im Zeitverlauf sehr ähnlich, was die Grafik verdeutlicht. Die Profitrate nahm in der Nachkriegszeit ab den 1950er-Jahren bis zum Beginn der 1980er-Jahre stark ab, von über 40 Prozent auf rund 26 Prozent (Denknetz-Daten). Diese «sozialdemokratische» Periode war in ganz Europa gekennzeichnet durch starkes Wachstum, Systemkonkurrenz sowie Reformen im Arbeitsrecht und der Sozialversicherung. Mit der neoliberalen Wende in den 1980er-Jahren stabilisierte sich die Rate und nahm, unterbrochen von der Dotcom-Krise, wieder leicht zu bis zur Finanzkrise 2008, danach ging sie wieder leicht zurück. Über die gesamten 60 Jahre gesehen, ergab sich ziemlich genau eine Halbierung der Profitrate, und zwar gemäss beiden Berechnungsmodellen. Gemäss EPWT ist dieser Verlauf in der Schweiz ähnlich wie in den meisten anderen Industrieländern. Er entspricht durchaus der marxschen These des tendenziellen Falls der Profitrate durch die veränderte «organische Zusammensetzung» des Kapitals, also dem immer höheren
Quellen: EPWT, https://dbasu.shinyapps.io/World-Profitability/, BfS VGR, eigene Berechnungen
Anteil fixen Kapitals (zum Beispiel Maschinen und Gebäude) am gesamten, für eine Periode eingesetzten Kapital. Einen Hinweis darauf, wie sich die organische Zusammensetzung des Kapitals verändert hat, ergibt sich auch aus der VGR: Während bis zu den 1980er-Jahren die Abschreibungen in der Schweiz nur einen Bruchteil der Summe aller Lohn- und Sozialleistungen ausmachten, übersteigen allein die Abschreibungen (noch ohne Nettoinvestitionen) heute die Gesamtsumme aller Lohnbestandteile.
Offenbar ist es in den letzten Jahrzehnten, trotz massiver Rationalisierungen, Globalisierung, Finanzialisierung usw., schwieriger geworden, Kapital rentabel zu verwerten. Grundsätzlich muss aber eine allgemeine Tendenz der Profitrate auch kritisch hinterfragt werden, kommt es doch immer auch auf die gewählten Referenzwerte und auf die Länge der betrachteten Periode an. Denkbar ist auch, dass die Profitrate wieder steigt und es wäre aufschlussreich, die jeweiligen Phasen genauer zu untersuchen. Hier steht noch einiges an analytischer Arbeit an.*
Hans Schäppi, Roland Herzog, Hans Baumann
*Eine Arbeitsgruppe im Denknetz wird an diesem Thema weiterarbeiten.
Der vollständige Artikel kann in der Denknetz-Zeitung Nr. 13/2023 gelesen werden.