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Niall Ferguson, der letzte Woche nach dem Besuch am Davoser Weltwirtschaftsforum einen Zwischenstopp in Zürich einlegte, zog scharenweise Zuschauer an. Das Publikum, eine bunte Mischung aus allen Altersschichten, erinnerte der Historiker in seiner einstündigen Rede an den wahrscheinlich ruhmvollsten Moment für die Universität: 1946 proklamierte der britische Premier Winston Churchill vom gleichen Rednerpult aus mit dem unvergesslichen Ausspruch “Let Europe arise” ein geeintes und friedliches Europa. Diese Analogie wählte Ferguson nicht ohne Grund, das Thema des Abends lautete schliesslich: “Can Europe collapse? And might America be next?”.
China überholt alle
Wer grosse Fragen stellt, sollte auch grosse Antworten bereit haben. Schon zu Beginn machte der Professor klar, dass er nicht zu einem technischen Referat über Details ausholen werde, sondern allgemeinere Antworten geben und Ausblicke wagen werde. Deshalb konzentriere er sich auf ein Phänomen, das neben den täglichen Krisenmeldungen weniger präsent sei: den rasanten Aufstieg des Ostens. Zu Beginn machte der gebürtige Schotte Ferguson deutlich: Der Osten wächst in einem rasanten Tempo, Chinas wirtschaftliche Entwicklung stellt punkto Schnelligkeit alle westlichen Industrialisierungsprozesse in den Schatten. Der Wohlstand Chinas nimmt gleichermassen proportional zu – der durchschnittliche chinesische Bürger etwa ist nur noch fünfmal weniger wohlhabend als der durchschnittliche Amerikaner. China hat Japan wirtschaftlich abgehängt, Deutschland bei der Vergabe von Patenten überholt und steuert unbeirrt auf die Vereinigten Staaten zu, welche ihre Führungsposition laut Ferguson abgeben werden.
Killer Applications
Das grosse Wachstum des Ostens sei aber nicht ein eigentliches “Wunder”, sondern bloss ein natürlicher Prozess des Aufholens. Der Osten eigne sich jene Eigenschaften an, die dem Westen über die letzten fünfhundert Jahre zu einem unvergleichlichen Aufschwung verholfen haben. Diese Eigenschaften, sechs an der Zahl, entgingen nach und nach dem westlichen Monopolbesitz. Die Killer Applications, wie Ferguson sie nennt, gehören zu den Kernargumenten in seinem neusten Buch “Civilization” (2011). Es sind dies Wettbewerb, Wissenschaft und wissenschaftliches Denken, Rechtsstaatlichkeit, Konsumgesellschaft und Arbeitsethik. Einleuchtend und anhand von erstaunlichen Beispielen illustrierte Ferguson in Zürich den rasanten Aufstieg des Ostens und zeigte auf, wie die Killer Applications dort ihre Wirkung entfaltet haben. Zum Beispiel in der Konsumgesellschaft: “Bereits heute befinden sich von den 30 grössten Shoppingcentern 27 in Asien, drei in den USA und kein einziges mehr in Europa.” Auch wenn es um Arbeitsethik gehe, liefen uns asiatische Länder den Rang ab. So arbeite ein durchschnittlicher Südkoreaner 1000 Stunden mehr im Jahr als ein durchschnittlicher Deutscher.
Wer ist schuld an der Krise?
Die letzte dieser Applications, die bis heute exklusiv dem Westen vorbehalten sei und diesen in Sachen Innovation und Forschung weiterhin dem Osten überlegen mache, sei die Rechtsstaatlichkeit. Die verfassungsbedingte Zuweisung und garantierte Durchsetzung von Eigentumsrechten, die demokratische Partizipation und der Schutz vor Willkür seien weiterhin ausschliesslich in westlichen Ländern garantiert. Obwohl Ferguson sehr wohl auf die Währungskrise in der EU und die schwindelerregende Staatsverschuldung der USA aufmerksam machte, sieht er letztlich die momentane Krise nicht in diesen “strukturell bedingten” Problemen begründet, sondern vielmehr in den Institutionen, die solche Strukturen erst möglich machen. Korruption, Vetternwirtschaft, aber auch das Bildungssystem und die falsche Hoffnung auf den “rettenden Staat” seien, so Ferguson, primär verantwortlich für die Krise, in der sich der Westen befindet.
Britische Bescheidenheit
Zu drängenden Finanz- und Politfragen äusserte sich der sonst sehr sachkundige Professor nur am Rande. Euro-Bonds, eine Transferunion und die deutsche Dominanz in der EU-Schuldenkrise seien zwar allesamt wichtige Themen. Doch um die wahre Schwäche des Westens auszumachen, müsse man über solche Fragen hinausgehen. Dennoch schimmerten Fergusons konservativen Ansichten durch, als er sich als ausgesprochener Euro-Gegner äusserte und die Trägheit der Europäer, die mit einem zu starken Vertrauen in den Staat verbunden sei, anprangerte. Vielleicht fiel gerade deshalb sein Fazit für Europa weniger optimistisch aus: An einen erneuten Aufschwung Europas an die Weltspitze glaubt er nicht, den USA traut er es hingegen zu. Der Historiker beendete den Vortrag mit dem Satz: “In the end, the Americans always know, what is right” (Letzten Endes wissen die Amerikaner immer, was das Richtige ist – sich also nicht auf den Staat zu verlassen). Und er verzichtete bewusst auf eine weitere Anlehnung an Churchill. Angesichts des von ihm skizzierten Bildes des Ostens war auch nichts anderes als die feine britische Bescheidenheit angebracht.