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Hintergründe eines Bestsellers
Die Aufnahme zeigt ein Mädchen bei der konzentrierten Arbeit an einem Spulrad, offensichtlich in häuslicher Umgebung: Rechts ist ein Kachelofen erkennbar, an der Wand hängt ein Werbegeschenk einer Schuhhandlung. Die Fotografie war Teil der Schweizerischen Heimarbeit-Ausstellung, die 1909 in Zürich stattfand. Sie gehört seit Jahren zu den am meisten bestellten Bildern aus den Beständen des Sozialarchivs und wird in erstaunlich vielfältigen Kontexten verwendet. Wieso wurde aus der schlichten Aufnahme ein Bestseller?
Heimarbeit gehörte seit der Industrialisierung zur wirtschaftlichen Realität. In der Schweiz war sie in vielen Branchen verbreitet: in der Stickerei und Weberei, beim Holzschnitzen, Strohflechten und Bürstenbinden, in der Tabakverarbeitung und in der Uhrenindustrie. Die Mechanisierung verdrängte zwar in gewissen Branchen wie der Spinnerei schon früh die häusliche Produktion. Trotzdem kam die eidgenössische Betriebsstatistik 1905 auf die Zahl von rund 100’000 in der Heimindustrie Beschäftigten. In der Regel handelte es sich um einen Zusatzverdienst, für den häufig auch die Arbeitskraft von Frauen und Kindern mobilisiert wurde. Die tatsächliche Zahl der Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter dürfte allerdings um einiges höher gelegen haben. Die Erhebungen für die Betriebsstatistik wurden im Sommer durchgeführt, also ausgerechnet dann, wenn die Heimarbeit wegen saisonaler Beanspruchung durch landwirtschaftliche Arbeiten sowieso eher in den Hintergrund trat. Zudem hatte man darauf verzichtet, unter 14-Jährige mitzuzählen. Die Vernachlässigung der Kinderarbeit führte dazu, dass die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft nachträglich versuchte, diese Zahl zu eruieren. Allerdings verweigerte mehr als die Hälfte der Kantone ihre Zusammenarbeit bei dieser Enquête. Schliesslich legte man sich auf eine Schätzung von 25’000 Kindern fest, die in der Hausindustrie beschäftigt waren. Das entsprach fast 10% aller schulpflichtigen Kinder!
Die weitverbreitete Kinderarbeit war ein zentraler Kritikpunkt an der Heimarbeit. Miserable Löhne, unhygienische Verhältnisse wegen des Zusammenfallens von Wohn- und Arbeitsräumen, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse und die fehlenden sozialen Absicherungen bei Arbeitsausfällen waren zwar schon lange bekannt, gerieten aber nach der Jahrhundertwende in den Fokus des öffentlichen Interesses. 1906 fand in Berlin eine erste Ausstellung zur Heimarbeit statt, die europaweit Aufsehen erregte. 1907 richtete die Schweizerische Vereinigung für die Förderung des internationalen Arbeiterschutzes ein Gesuch an den Bundesrat, eine grossangelegte Enquête zur Heimarbeit durchzuführen und endlich für ihre gesetzliche Regulierung zu sorgen. 1908 schliesslich begannen unter der Führung des Schweizerischen Arbeiterbundes die Vorbereitungen für eine Schweizerische Heimarbeit-Ausstellung. Deren Ziel sollte es sein, Arbeitsprodukte auszustellen, das Leben der Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter bildlich darzustellen und die Problematik mit statistischen Angaben zu Produktionsbedingungen und Löhnen zu beleuchten.
Dem Arbeiterbund gelang es, die Finanzierung der Ausstellung durch die Eidgenossenschaft sicherzustellen. Im Juli 1909 öffnete die erste Schweizer Heimarbeit-Ausstellung im Zürcher Hirschengraben-Schulhaus ihre Tore. Wie geplant hatte man eine Fülle von Heimarbeit-Produkten zusammengetragen und jedes mit ausführlichen Angaben zum Herstellungsprozess und zur Entlöhnung versehen. Die Turnhalle funktionierte man zur Arbeitshalle um, wo man in kleinen Kojen Seidenbandweberinnen, Holzschnitzlern, Stickerinnen und Tabakarbeitern bei ihren Tätigkeiten zuschauen konnte. Im Rahmen der Ausstellung engagierte sich auch das Sozialarchiv (damals noch «Zentralstelle für soziale Literatur der Schweiz») mit einer Literaturzusammenstellung zum Thema Heimarbeit.
Eine wichtige Rolle spielten die eigens für die Ausstellung hergestellten Fotografien. Über 30 Sujets ermöglichten es den Besucherinnen und Besuchern, Menschen bei der Heimarbeit zu sehen. Das war durchaus ein Novum. Arbeitende Menschen wurden kaum fotografiert, traditionell standen Produkte oder Maschinen im Fokus der Industrie- und Gewerbefotografie. Auf den Fotos war nun aber zu sehen, in welch beengten und oft ärmlichen Verhältnissen die Heimarbeiten verrichtet wurden.
Die Fotos verfehlten ihre Wirkung nicht. Viele Ausstellungsrezensionen der Arbeiterpresse erwähnen sie lobend, etwa auch in der Zeitung «Die Vorkämpferin»: «Gar viel wissen sie zu erzählen dem, der mit warmempfindendem Herzen sich ihrer Betrachtung hergibt.» – Leider sind nur wenige Originalabzüge erhalten geblieben, die einen Rückschluss auf die Urheberschaft erlauben würden. Immerhin ist klar, dass in der Zentralschweiz der Fotograf Adolf Odermatt aus Brunnen für die Ausstellungsmacher unterwegs war. Er fotografierte auch den eingangs erwähnten Sozialarchiv-Besteller, dessen offizielle Bildlegende lautete: «Siebenjähriges Mädchen am Spulrad, Schwyz».
Die Fotografien dienten als Vorlage für eine Postkartenserie, die in einer Auflage von 170’000 Exemplaren produziert wurde. Sie konnte an der Ausstellung erworben werden; eine einzelne Postkarte zum Preis von 20 Rappen galt als Eintrittskarte. Das damals äusserst populäre Kommunikationsmedium als Billett umzufunktionieren erwies sich als kluger Schachzug. Für einen bescheidenen Preis erstand man sich neben dem Eintritt eine Postkarte und verbreitete später per Post das Bild der Heimarbeit in der Schweiz und in der Welt.
Die bis heute anhaltende Beliebtheit des Mädchens am Spulrad liegt vor allem in ihrer vielfältigen Verwendbarkeit. Die Aufnahme dokumentiert einen damals vertrauten Arbeitsvorgang in der Heimweberei: Die Spulen, die später im Webstuhl verwendet werden, müssen auf dem Spulrad mit dem entsprechenden Faden bestückt werden. Dieser Vorgang galt als eher anspruchslos, repetitiv und mühselig, weshalb er oft alten Frauen oder eben Kindern übertragen wurde. Das auf der Aufnahme zentral postierte Mädchen wirkt ernst und konzentriert. Man darf annehmen, dass es aufgrund des Fototermins in gute Kleider gesteckt und frisiert wurde. Der Arbeitsplatz ist lichtdurchflutet und in Nähe einer Wärmequelle. Diese Art der Inszenierung ermöglichte später eine Verwendung auch in anderen Kontexten als der Thematisierung von Kinderarbeit in der Heimindustrie. Die Verharmlosung kann so weit auf die Spitze getrieben werden, dass die Aufnahme «die gute alte Zeit» illustriert, in der auch die jüngsten Familienmitglieder in gemütlicher Umgebung einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen.
Die an der Ausstellung gezeigten Fotos verfolgten grundsätzlich aufklärerische Zwecke: Dank der Detailtreue der Aufnahme sollte der Arbeitsablauf erkenn- und rekonstruierbar werden. Und wegen des Einbezugs des räumlichen Kontextes sollte klar werden, wie miserabel die Arbeitsbedingungen oft waren. In vielen Fällen gelang dies. Im Fall des Mädchens am Spulrad machte die Ästhetik den Absichten vielleicht einen Strich durch die Rechnung. Das gewinnende Aussehen des Mädchens am Spulrad und die an sich heimelige Umgebung machten es möglich, unangenehme Aspekte auszublenden: Sollte ein Kind in diesem Alter nicht eigentlich in der Schule sein? Erhält es einen Lohn? Oder wird seine Arbeitskraft ausgebeutet, um den ohnehin kargen Heimarbeitsverdienst nicht noch mehr zu schmälern? Wenn die Stube gleichzeitig Arbeitsort ist, wo bleibt dann der Platz fürs gemütliche Beisammensein, Essen, Spielen?
Die Wirkung der Fotos an der Ausstellung kann nur noch bruchstückhaft rekonstruiert werden. Immerhin erwähnen alle Rezensionen der vielfältigen Arbeiterpresse den eindrücklichen dokumentarischen Wert der Aufnahmen. Auch dies ist ein Indiz dafür, dass diese Form der bildlichen Wiedergabe von Arbeitsprozessen unter Einbezug der Arbeitenden neu und höchst willkommen war. Lediglich die Zeitung «Der Textil-Arbeiter» merkte kritisch an: «Was sie freilich nicht zeigen, das ist das Elend. Es sind Künstlerkarten, deren Wert nicht auf agitatorischer Seite, sondern viel mehr darin liegt, dass die Bilder unsere Kenntnisse von der Heimarbeit erweitern und deren Verzweigtheit und Vielseitigkeit aufdecken. Die Karten werden gewiss grossen Absatz finden.»
Im Hirschengraben-Schulhaus wurden die Fotos kombiniert mit Tafeln, auf denen neben der Art der Heimarbeit und Angaben zur ausführenden Person auch der Lohn vermerkt war. Die Stundenlöhne schwankten zwischen 6 und 50 Rappen und waren rot hervorgehoben, um dem Anliegen einer besseren Entlöhnung Nachdruck zu verleihen.
Im Rahmen der Ausstellung fand der erste Schweizerische Heimarbeiterschutzkongress statt. Die vorwiegend männlichen Referenten zählten am zweitägigen Anlass die Hauptkritikpunkte auf: die niedrigen Verdienstmöglichkeiten, die weitverbreitete Kinderarbeit, die durch Heimarbeit bedingten unhygienischen Arbeits- und Wohnformen sowie die fehlende Gesetzgebung. Einer der Redner war übrigens Paul Pflüger, der Gründer des Schweizerischen Sozialarchivs. Er hielt ein flammendes Plädoyer für eine gesetzliche Regelung der Heimarbeit auf eidgenössischer Ebene. Ausserdem sprach er sich dafür aus, die Arbeiterschaft endlich zu organisieren, auch wenn er gewisse Zweifel am Erfolg hegte. Er zweifelte an der Organisierbarkeit von Frauen, die den grössten Teil der Heimarbeit erledigten, weil ihr «Berufs- und Kollegialitätssinn äusserst minim entwickelt» sei.
Nach dem Publikumserfolg in Zürich wurde die Heimarbeit-Ausstellung im Herbst 1909 in Basel gezeigt. Die Bemühungen, auf legislativer Ebene den Missständen einen Riegel zu schieben, wurden 1910 mit einem ersten internationalen Heimarbeit-Kongress in Brüssel weiterverfolgt. 1912 fand in Zürich die zweite Austragung statt. Einem kontinuierlichen Druckaufbau versetzte dann der Erste Weltkrieg – wie so vielen anderen sozialpolitischen Anliegen – einen empfindlichen Dämpfer.
Ein kleiner Teil des Ausstellungsmaterials – u.a. ein paar «Etiquetten» mit wichtigen Daten zur Heimarbeit – landete im Sozialarchiv. Dazu gehört auch ein Originalabzug des Mädchens am Spulrad. Die Postkarte mit demselben Motiv taucht immer wieder in Archivablieferungen auf; die hohe Auflage hatte für eine zuverlässige Verbreitung gesorgt. Vor wenigen Jahren schliesslich haben wir den Archivbestand der Schweizerischen Zentralstelle für Heimarbeit übernommen. Bestandteil ist eine Serie von 31 Glasdias, die mit «Heimarbeit-Ausstellung» beschriftet sind. Ob an der Ausstellung 1909 in Zürich und Basel noch mehr Fotos gezeigt wurden, lässt sich nicht mehr eruieren. Die 31 Aufnahmen erlauben aber einen einmaligen Einblick in ein düsteres Kapitel Schweizer Industriegeschichte.
Material zum Thema im Sozialarchiv:
- Sachdokumentation
KS 331/21a-d: Ausführliche Dokumentation zum Thema Heimarbeit in der Schweiz; enthält u.a. den Führer zur schweizerischen Heimarbeit-Ausstellung 1909 von Jacob Lorenz und die Verhandlungen des ersten allgemeinen Schweizerischen Heimarbeiterschutzkongresses vom 7. und 8. August.
- Bild + Ton
F 5099: Der Bestand der Schweizerischen Zentralstelle für Heimarbeit ist online, darunter auch die 31 Glasdias mit den an der Ausstellung gezeigten Motiven.
Weiteres Bildmaterial ist in der Datenbank Bild + Ton mit einer Abfrage «Heimarbeit 1909» zu finden.