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Fische und Klimawandel
Heute treffen wir Nadine* im Sensebezirk, um über ihre Leidenschaft, das Fischen, zu diskutieren. Während der Fischfangperiode, von Anfang März bis Anfang Oktober, begibt sie sich nach Plaffeien, dem Heimatdorf ihres Vaters. «Ich mag es, hierhin zu kommen, sobald der Winter vorbei ist. Ich geniesse die Momente der Einsamkeit und es erinnert mich auch an meinen Vater. Als Kind hatte ich die Gewohnheit, ihn dahin zu begleiten, wo er aufgewachsen ist. Er liebte es zu angeln und wir verbrachten zahlreiche Stunden am Fluss, um Forellen zu fangen, die wir dann am selben Abend im Familienkreis assen.» Leider für Nadine wird es immer schwieriger, Forellen (salmo trutta fario) zu fangen, denn sie werden immer seltener.
Mit dem Klimawandel ist in den letzten Jahren auch die Wassertemperatur tendenziell angestiegen. Die Fische leben deshalb in weniger angenehmem, für ihre Entfaltung weniger geeignetem Wasser und entwickeln leichter Krankheiten. «Wissen Sie, die Tage, an denen ich Forellen fange, sind seltener geworden. Und wenn ich mal welche rausziehe, dann sind sie oft krank. Zum Glück sind sie trotzdem vollkommen essbar. Ich hätte nie gedacht, dass dies hier passieren könnte. Dabei ist die Sense einer der letzten Flüsse, der grösstenteils in natürlichem Zustand bewahrt ist.»
Nadine hat Recht. Entlang ihrer 38km gehört die Sense zu den letzten Fliessgewässern des Landes, die in ihrem natürlichen Zustand bewahrt sind. Die einzigen menschlichen Eingriffe sind gewisse künstliche Schwellen, weshalb sowohl die Fischer wie auch die Wissenschaftler über das Verschwinden der Forellen erstaunt sind. Die Gründe für den Rückgang dieser Fischart sind wahrscheinlich bei den immer öfter auftretenden übermässig hohen Wassertemperaturen zu suchen. Die Obergrenze der täglichen mittleren Temperatur, welche Forellen tolerieren können, liegt bei 18°C. Werden diese Fische über einen längeren Zeitraum höheren Temperaturen ausgesetzt, beginnt sich ihr Gesundheitszustand zu verschlechtern. Dieser ist ohnehin bereits durch die proliferative Nierenkrankheit (Parasit tetracapsuloides bryosalmonae) und verschiedene andere, die Gesundheit der Fische gefährdende Phänomene auf eine harte Probe gestellt. Problematisch ist das Versiegen der Fliessgewässer aufgrund von Trockenperioden, aber auch das Ausbleiben von Hochwasser, was langfristig zu einer Kolmation (starke Ablagerung von Sedimenten) der Fliessgewässer führen kann. Da das Hochwasserrisiko in Zukunft zunehmen sollte, könnte es sich positiv auswirken, indem es eine zu starke Sedimentation der Fliessgewässer verhindert.
Um das Problem besser zu verstehen, hat der Bund im Rahmen der Anpassung an den Klimawandel ein Pilotprojekt zu fischgerechtem Wasserbau auf die Beine gestellt. Es erlaubt den Kantonen, das vorhandene Wissen auszutauschen und wasserbauliche Lösungen vorzustellen, dank welchen die einheimischen Fischarten und -bestände in unseren Gewässern erhalten werden können. Zudem hat dieses Projekt zum Ziel, die Bewirtschaftungspraxis der Fischereibehörden und der Fischereiverbände im Lichte der Klimaerwärmung zu überprüfen. Der Wasserbau betrifft den Schutz der Menschen und ihrer Siedlungen vor Hochwassern und die Renaturierung der Fliessgewässer.
Im Kanton Freiburg wird in Zusammenarbeit mit dem Kanton Bern ein provisorisch Klimawandel: Sense-Schwarzwasser genanntes Projekt entwickelt. Das Untersuchungsgebiet beinhaltet das Schwarzwasser im Kanton Bern, die Kalte Sense und die Warme Sense flussaufwärts, sowie die Sense von Zollhaus (blauer Kreis auf der Karte) bis zur Mündung in die Saane unterhalb von Laupen (oranger Kreis). Es ist bewiesen, dass die Temperatur der Fliessgewässer in den letzten 30 Jahren signifikant gestiegen ist. Gemäss dem kantonalen Projekt sind die Forellenbestände in der Sense seit 1990 um 80% zurückgegangen. Andere Fischarten, wie zum Beispiel der Döbel, kommen hingegen in den Genuss besserer Bedingungen und weisen seit 2010 zunehmende Bestände auf.
Wissen Sie, die Tage, an denen ich Forellen fange, sind seltener geworden…
Ich hätte nie gedacht, dass dies hier passieren könnte. Dabei ist die Sense einer der letzten Flüsse, der grösstenteils in natürlichem Zustand bewahrt ist.
Angesichts des drastischen Rückgangs der Forellen, befindet sich Nadine in einem Dilemma. «Ich überlege es mir immer ernsthafter, den Ort zu wechseln, um weiterhin Forellen fischen zu können. Zum Beispiel flussaufwärts, oberhalb des Dorfes, wo das Wasser frischer ist, oder in die Kalte Sense, in Richtung des Kantons Bern.» Die sogenannte Kalte Sense verdankt ihren Namen ihrer Quelle, dem Gantrischsee, welcher höher liegt als der Schwarzsee (Quelle der Warmen Sense) und der Tatsache, dass sie oft im Schatten liegt, wodurch ihre Wassertemperatur tiefer bleibt. «Die Kalte Sense wäre eine gute Option. Mit meinem Patent könnte ich in diesem Abschnitt, der im Kanton Bern liegt, fischen gehen, er ist aber zu weit entfernt vom Fliessgewässer, in dem ich schon immer gefischt habe. Deshalb zögere ich jetzt, die Warme Sense in Richtung Schwarzsee zurückzuverfolgen oder sonst anzufangen, Döbel zu fischen, aber die haben zu viele Gräten.»
Nadines Dilemma ist durchaus verständlich. Der Klimawandel zwingt uns alle, uns anzupassen und uns aus unserer Komfortzone herauszubewegen, und dies in zahlreichen verschiedenen Bereichen. Um den Forellen die Möglichkeit zu geben, über ihren ersten Sommer hinaus zu überleben, wurde 2018 vom Kanton beschlossen, die Abschnitte, in denen die Temperaturen das Überleben der Jungfische erlauben, mit Setzlingen zu besetzen. Ein Vergleich mit dem Schwarzwasser, das der Sense nach wie vor ähnlich ist, zeigt jedoch, dass es den Forellenbeständen dort offenbar besser geht. Ein Monitoring wird deshalb eingerichtet werden, um die Entwicklung der Fischarten in diesen zwei Fliessgewässern zu beobachten. Die Besatzmassnahmen werden infolge dieses Projekts mit dem Kanton Bern diskutiert werden.
- David Mauron -
* fiktive Person