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Militärisch blieb die Schweiz zwar von den zerstörerischen Auswirkungen des Ersten Weltkriegs verschont. Die zunehmend intensivere Kriegführung wirkte sich aber stark auf den neutralen Kleinstaat aus. Dessen Exekutivorgane wurden mehr gestärkt als in manchen kriegführenden Ländern, sodass von einer Implosion des Verfassungsrechts gesprochen werden muss. In diesem staatlichen Ausnahmezustand, dem sogenannten Vollmachtenregime, spielte die Militärjustiz eine zentrale Rolle.
Untersucht wird die Militärjustiz in einem demokratischen Rechtsstaat, der stark eingeschränkt war. Der Bundesrat übertrug die Ahndung von Vergehen gegen die meisten seiner Notrechtsbeschlüsse zwischen 1914 und 1920 der Militärgerichtsbarkeit, wodurch diese in Bezug auf ein ganzes Spektrum von Delikten auch für die Zivilbevölkerung zuständig wurde. Die Militärjustiz wurde damit zur Basis einer neuen Rechtsordnung, die keineswegs statisch blieb, sondern eine Entwicklung nahm, die tief in die zivile Gesellschaft hineinreichte. Sie wirkte nicht nur als Zentralinstanz zur Festigung und Förderung der Disziplin in einer durch Drill und Schikanen strapazierten Truppe. Vielmehr war sie auch Mittel und Ursache für Skandalisierungsdynamiken im öffentlichen Raum sowie Kristallisationspunkt für sozialen Protest und diente im Gegenzug als Instrument der Einschüchterung und Zurückdrängung der Arbeiterbewegung. Der Autor zeigt, gestützt auf eine reiche Quellenbasis, dass es bei den damit verbundenen Auseinandersetzungen um weit mehr ging als nur um den Modus Operandi einer Sondergerichtsbarkeit.
«Insgesamt hat der Verfasser eine gut strukturierte, quellengesättigte, detailreiche und scharfsinnig argumentierende Arbeit vorgelegt, die das zeitgenössisch hoch brisante Thema der schweizerischen Militärjustiz im Ersten Weltkrieg und der Landesstreikzeit erstmals umfassend analysiert. [...] Zu Recht ist Sebastian Steiners Studie mit dem Berner Institutspreis für die beste eingereichte Dissertation ihres Jahrgangs ausgezeichnet worden.»
«Die hier zu besprechende Dissertation zur Militärjustiz der Schweizer Armee entstand im Rahmen des SNF-Sinergia-Projektes ‹Die Schweiz im Ersten Weltkrieg›. Sie ist dabei die einzige Arbeit, die sich mit einem Aspekt der durch Generalmobilmachung zum Aktivdienst aufgebotenen Staatsbürger-Armee befasst. [...] Die Arbeit zeigt sich als akribisch in der Recherche und in der Auswertung der Quellen. Die Analytik und die Resultate sind fast immer differenziert, aber durchgehend an der zeitgenössischen Problemwahrnehmung und parteipolitischen Beurteilung der zunehmend vom Klassenkampf inspirierten Parteilinken der SP orientiert.»
«Sebastian Steiner befasst sich in Unter Kriegsrecht mit einem Aspekt der Geschichte der Schweiz im Ersten Weltkrieg, der bislang kaum in den Fokus der historischen Forschung gelangt ist. [...] Für die Geschichte der Militärjustiz vor dem Ersten Weltkrieg führt der Autor vor allem zwei Elemente aus, die großen Einfluss auf das [...] Geschehen in der Untersuchungsperiode nahmen: zum einen der Sachverhalt, dass der Bundesstaat noch nicht mit einem zivilen Strafrecht ausgestattet war, die Verständigung über elementare Voraussetzungen und Strukturen des Strafens demnach nicht vorhanden war, zum anderen, dass das Militärstrafgesetz nicht nur sehr alt war, sondern auch anerkanntermaßen drakonische Strafen beinhaltete. [...] Die Studie [überzeugt] in ihrer Bewältigung und Strukturierung eines überaus weiten Feldes, sodass wichtige Erzählstränge nachvollziehbar und für weitere Arbeiten nutzbar werden. Wie der Autor selbst betont, wäre das von ihm genutzte Material noch unter verschiedenen Aspekten weiter auswertbar. Die Studie wird dafür eine wichtige Orientierungshilfe leisten.»
Diese Publikationsreihe umfasst sechs Dissertationen zur Geschichte der Schweiz im Ersten Weltkrieg. Die Arbeiten verbindet ihre transnationale Perspektive, welche auf die vielfältigen Austausch- und Interaktionsprozesse zwischen der Schweiz und den kriegführenden Ländern fokussiert. Obwohl die Folgen des Ersten Weltkriegs für die weitere Entwicklung des Landes ausgesprochen wichtig waren, stand seine Erforschung lange im Schatten des Zweiten Weltkriegs und machte erst nach der Öffnung zahlreicher Archive seit den 1970er-Jahren Fortschritte. Hundert Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs findet dieser Zeitraum nun auch in der Schweiz die ihm gebührende Aufmerksamkeit.