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Vom 19. - 25. September 2014 waren wir in Berlin. Die ersten drei Tage mit der Gruppe SFMM (Schweizer Freunde Mechanischer Musik), anschliessend machten wir die Stadt noch alleine unsicher.
Mit dem SFMM besuchten wir das Gründerzeitmuseum im Gutshaus Mahlsdorf (um 1815 erbaut). Das Museum wurde am 1.August 1960 von Charlotte von Mahlsdorf (Lothar Berfelde) eröffnet und beherbergt Europas grösste zusammenhängende Sammlung von Gegenständen aus der sogenannten Gründerzeit (19.Jahrhundert). Die Gruppe interessierte sich natürlich besonders für die mechanischen Musikinstrumente aus den Jahren 1880 bis 1900. - Im Untergeschoss besichtigten wir aber auch die berühmte „Mulackritze“, in der der Maler Heinrich Rudolf Zille (1858-1949) regelmässig zu Gast war. Wie seine Bilder dokumentieren die Ausstattung von 1890, die Verbotsschilder sowie die Hurenstube ein Stück Berliner „Milljöh“. Es ist die einzige noch erhaltene Zille-Kneipe Berlins. - Wir besuchten auch das Fränkische Museum im eindrucksvollen Museumsbau am Spreeufer. Hier präsentiert das Stadtmuseum Berlin vielfältige Objekte zur Kultur und Geschichte Berlins. Auch bei diesem Besuch konzentrierte sich das Interesse der Gruppe auf die sehr schöne Sammlung mechanischer Musikinstrumente (Walzenspieldosen, Plattenspielwerke, Drehorgeln, Pianolas und Orchestren) von denen die Kuratorin uns zahlreiche Musikbeispiele hören liess.
An vielen Orten von Berlin begegneten wir den Spuren des Kalten Krieges (1947-1989). Die Berliner Mauer, Mitte August 1961 gebaut und am 9. November 1989 gefallen, trennte auf rund 45 km den Sowjetsektor (Ostberlin) vom Amerikanischen, dem Britischen und dem Französischen Sektor (Westberlin). Die Gesamtlänge der Grenzanlage um Westberlin betrug 167,8 km und machte Westberlin zu einer „Insel der Freiheit“ umgeben vom kommunistischen Ostdeutschland. Der Checkpoint Charlie war einer der bekanntesten Grenzübergänge (nur für Militärpersonal und Diplomaten). Im Oktober 1961 standen sich hier gefechtsbereite Panzer der UDSSR und der USA in Sichtweite gegenüber! Nach Öffnung der Sektorengrenze am 9. November 1989 wurde der Kontrollpunkt abgebaut. Heute sind die Nachbauten eine Attraktion für unzählige Touristen, die sich gegen ein kleines Entgelt mit „falschen Besatzungssoldaten“ (uniformierte Schauspieler) fotografieren lassen!
Nach der Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland liess man Teile der Mauer bewusst stehen. 1990 bemalten 118 Künstler aus 21 Ländern diese Mauerfragmente (1316 Meter) zwischen dem Ostbahnhof und der Oberbaumbrücke entlang der Spree. Die 101 grossformatigen Bilder direkt auf die Mauer gemalt standen für die Freude über die Überwindung des „Eisernen Vorhangs“ in Europa. Diese Gemälde wurden unter dem Begriff East Side Gallery schnell zu einer weltbekannten Open-Air-Galerie mit inzwischen mehr als 3 Millionen Besuchern pro Jahr. Im Laufe der Jahre sind viele Bilder der East Side Gallery stark verwittert oder durch Graffiti beschädigt worden. Die Sanierung im Jahr 2000 war eine wichtige Etappe in den Bemühungen, die Bilder zu bewahren. 40 der stark angegriffenen Bilder wurden restauriert, die Betonflächen geglättet und die noch vorhandenen Kunstwerke mit einem Speziallack versehen, der eine leichte Entfernung von Graffiti möglich machen sollte. Ein Grossteil der Gemälde blieb sanierungsbedürftig. Im Oktober 2008 begann eine erneute Sanierung der East Side Gallery. Zur Wiederherstellung der Motive wurden die Künstler der Werke, die ausfindig gemacht werden konnten, nach Berlin eingeladen, um ihr Bild ein zweites Mal an die Mauer zu malen. Dieser Aufforderung kamen 87 der noch lebenden 115 Künstler nach.-
Den Besuch bei der East Side Gallery empfanden wir als unerfreulich, sind doch leider die meisten Bilder völlig überschrieben und nur noch schlecht zu erkennen. Zudem hat es sehr viele Touristen, die sich der Bedeutung des Ortes offenbar nicht (mehr) bewusst sind und nur darnach trachten, schnell ein Selfie mit den Mauerresten als Hintergrund zu machen. Die meist sehr jungen Leute lachen und scherzen unbeeindruckt von der Tragik, die diese Trennungsmauer über Jahre für die Menschen in der geteilten Stadt brachte und hinterlassen viel Unrat in Form von leeren Bierdosen und Verpflegungsbehältern.
Mit dem Bau der Mauer stand das Brandenburger Tor, eines der Wahrzeichen Berlins, mitten im Sperrgebiet. Das frühklassizistische Bauwerk (26 Meter hoch) wurde auf Anweisung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II errichtet. Die Quadriga auf dem Brandenburger Tor wurde 1793 gefertigt. Nach der Schlacht bei Jena hat Napoleon 1806 die Quadriga als Beutekunst nach Paris gebracht. Nach dem alliierten Sieg über Napoleon wurde die Quadriga 1814 wieder nach Berlin zurückgebracht und seither heisst der Platz davor „Pariser Platz“. Das daran liegende Hotel Adlon ist eines der luxuriösesten Hotels in Deutschland. 1905 erbaut, überstand es den Weltkrieg, brannte aber nach Besetzung und Plünderung durch die Rotarmisten ab. Es wurde 1984 gesprengt und 1997 als Neubau wieder am Pariser Platz eröffnet.
Der Potsdamer Platz war einer der verkehrsreichsten Plätze Europas, daher wurde ab 1924 hier die erste Verkehrsampel aufgestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag er jedoch weitgehend in Trümmern. Nach dem Mauerbau bis Mitte der 1970er wurden fast alle Gebäude abgerissen und einer der breitesten Todesstreifen Berlins entstand. Bis zur Öffnung der Mauer im Jahr 1989 fristete der Platz ein Dasein als innerstädtische Brache. Während der 1990er Jahre wurde der Platz zur grössten innerstädtischen Baustelle Europas. Entstanden ist ein Komplex von sieben futuristischen Gebäuden.
Berlin ist eine Stadt mit sehr langer und wechselhafter Geschichte, der wir nicht ausweichen wollten. Die Beschäftigung mit verschiedenen Epochen von grosser Macht- und Gewaltansammlung in dieser Stadt empfanden wir als interessant, aber auch als sehr belastend. Darum war der Anblick eines Berliner BigBike eine willkommene Abwechslung. Mit diesem speziellen Fahrrad sind gute Freunden und Kollegen auf einem grossen Gemeinschaftsrad unterwegs. Man radelt an Hand von fertigen Tourenvorschlägen selbständig durch die Hauptstadt, oder nimmt einen ausgebildeten Stadtführer mit an Bord, der die kulturellen und politischen Informationen zur Verfügung stellt. In jedem Fall ist als „Kapitän“ ein ortskundiger, geschulter Chauffeur dabei, der das Gefährt sicher durch den Stadtverkehr lenkt. Die Bikes werden umweltfreundlich mit reiner Muskelkraft fortbewegt. Die Maximalgeschwindigkeit von ca. 6 km/h kann dank leistungsfähiger Bremsen auch auf leichtem Gefälle eingehalten werden. Diese Art von Stadterfahrung ist ein Gemeinschaftserlebnis bester Art!
Besonders angetan haben es uns einige der bekannten architektonischen Sehenswürdigkeiten.
Der Gendarmenmarkt ist einer der schönsten Plätze Berlins. Bis 1770 befanden sich hier die Pferdeställe des Reiterregiments „Gens d’armes“. Friedrich der Große befahl die Umgestaltung des Platzes und es entstand ein Nationaltheater. Friedrich
Wilhelm II beauftragte einen Neubau des Theaters, das jedoch 1817 vollständig ausbrannte. Der jetzige Bau ist eines der klassizistischen Hauptwerke des Architekten Schinkel und wurde 1821 als königliches Schauspielhaus eröffnet. Nach schweren Schäden im Weltkrieg wurde es erst 1984 wieder als Konzerthaus Berlin in Betrieb genommen. An die Französische Friedrichstadtkirche, die bis 1705 für reformierte Glaubensflüchtlinge aus Frankreich (Hugenotten) errichtet wurde, und die gegenüberliegende Neue Kirche ließ der preußische König Friedrich II. 1785 zwei Türme anbauen, den Französischen Dom und den Deutschen Dom. Der Bezeichnung Dome kommt aus dem französischen und bedeutet Kuppel („le dôme“). Die Gebäude dienen ausschließlich der städtebaulichen Wirkung und Prachtentfaltung.
1443 wurde durch Kurfürst Friedrich II der Bau eines Schlosses begründet. Umgebaut zur Königs- und Kaiserresidenz wurde es ab 1699. Das Berliner Schloss brannte im 2.Weltkrieg aus und wurde ab 1950 abgerissen, um den Marx-Engels Platz anzulegen. 1973 errichtete die DDR auf dem Grundstück den Palast der Republik. Nach der Wende wurde das scheussliche und mit Asbest verseuchte Gebäude abgerissen und der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses beschlossen.
Das Reichstagsgebäude am Platz der Republik in Berlin ist seit 1999 Sitz des Deutschen Bundestages. Der ursprüngliche Bau wurde bis 1894 im Stil der Neorenaissance errichtet. Er beherbergte sowohl den Reichstag des Deutschen Kaiserreiches als auch den Reichstag der Weimarer Republik. Durch den Reichstagsbrand von 1933 und durch Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs schwer beschädigt, wurde das Gebäude in den 1960er Jahren in modernisierter Form wiederhergestellt und nach der Wiedervereinigung von 1991 bis 1999 noch einmal grundlegend umgestaltet(Architekturgemeinschaft Norman Forster). Der Zugang zum Reichstagsgebäude ist ohne Anmeldung mit langen Wartezeiten und in jedem Fall mit grossen Sicherheitsprüfungen verbunden, aber der Besuch des Plenarsaales und der Weg hinauf in die Kuppel lohnen sich wirklich!
Das Nikolaiviertel ist das älteste Wohngebiet Berlins, wurde aber im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört. Im Zuge der 750-Jahr-Feier der Stadt Berlin im Jahr 1987 wollte man in der damaligen DDR das alte Viertel wieder aufbauen. Eine Reihe von kleinen Bürgerhäusern, vor allem im Umkreis der Nikolaikirche, entstand in historischen Formen vollständig neu. Im Zuge des Wiederaufbaus des Viertels wurden die wenigen vorhandenen Gebäude restauriert und ansonsten zahlreiche Neubauten, teils mit historisierenden Fassaden, teils in angepasster industrieller Plattenbauweise besonderer Art mit Giebeln, Ornamenten und schmiedeeisernem Zierrat errichtet.
Seit fast 800 Jahren prägt die Nikolaikirche das Zentrum Berlins. Die feldsteinernen Untergeschosse der Zwillingsturmanlage gelten als die ältesten Räume Berlins. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts prägt ihre charakteristische Doppelturmanlage die Silhouette der Stadtmitte. Seit 1939 wird sie nicht mehr kirchlich genutzt Im Zweiten Weltkrieg zerstörte ein Bombenangriff 1944 die Nikolaikirche fast völlig und sie blieb eine Ruine bis zu ihrem Wiederaufbau ab 1984. Nach der deutschen Wiedervereinigung konstituierte sich 1991 hier das erste frei gewählte Gesamtberliner Abgeordnetenhaus.
Von all den Gebäuden hat uns die evangelische Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am meisten beeindruckt. Sie gilt als Wahrzeichen des Berliner Westens. Durch die Bombardierung geriet das Kirchengebäude in der Nacht zum 23.November 1943 in Brand, was sowohl zum Zusammenbruch des Dachstuhls über dem Kirchenschiff als auch zum Abknicken der Spitze des Hauptturms führte. Die Ruine wurde vorerst ihrem Zerfall überlassen. Erst 1956 begann man, den einsturzgefährdeten Chor abzureissen. Im März 1957 gewann Egon Eiermann den Architekturwettbewerb zum Neubau der Kirche. Sein Modell sah zu Gunsten eines modernen Neubaus den vollständigen Abriss der Ruine vor. Diese Pläne verursachten eine ungewohnt leidenschaftliche öffentliche Debatte. Sie endete mit einem Kompromiss, der sowohl vom Architekten als auch von den Bürgern widerstrebend akzeptiert wurde. Die 71Meter hohe Ruine des alten Hauptturms blieb, bautechnisch gesichert, als Mahnmal gegen den Krieg erhalten (in Berlin „Hohler Zahn“ genannt). Dieser Turm ist umgeben von einem vierteiligen Bauensemble nach den Entwürfen Eiermanns. Ein Charakteristikum der neuen Gebäude sind die gerasterten Wände, die aus insgesamt mehr als 20‘000 einzigartigen Glasfenstern bestehen. Der französische Glaskünstler Gabriel Loire hatte sie in seiner Werkstatt in Chartres vorbereitet. Besonderes starkes, farbiges Glas wurde in unregelmäßige, kleine Teile zerschlagen, zu quadratischen Formen geordnet und in Betongitter eingefügt. An den Bruchflächen der Glasstücke wird das einfallende Licht zusätzlich gebrochen, ähnlich dem Effekt bei geschliffenen Edelsteinen. Nachts wirken die Bauten farbig illuminiert, tagsüber sind die Innenräume in das vorwiegend blau getönte Licht getaucht. Die doppelwandige Konstruktion des Zentralbaues hält den Lärm der nahe gelegenen, belebten Straßen fern. Das ist wichtig, denn die neue Kirche wird für Gottesdienste und Konzerte genutzt. Die beeindruckende Orgel wurde 1958–1962 erbaut und hat über 5.000 Pfeifen. Natürlich besuchten wir ihretwegen einen Gottesdienst in der Gedächtniskirche, um einen Eindruck von der Tongewaltigkeit dieses Instrumentes zu erhalten. Sehr berührt hat uns die Zeichnung „Madonna von Stalingrad“, ein Bild entstanden in der Schlacht um Stalingrad (August 1942 bis Februar 1943). Es trägt die Unterschrift „1942 Weihnachten im Kessel – Festung Stalingrad – Licht, Leben, Liebe“. Gezeichnet wurde es von Dr. Kurt Reuber (evangelischen Pfarrer und Oberarzt im dortigen Lazarett) mit Holzkohle auf die Rückseite einer russischen Landkarte.
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