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Vorwort
Die damalige Poprevolution war vielschichtig und spiegelte sich in der Musik, auf der Theater- /Broadway-Bühne, in TV-Sendungen sowie in der grafischen Kunst wider. Neben Liechtenstein, Warhol und anderen Künstler der Pop-Art, entstand in San Francisco mit dem Aufkommen psychedelischer Musik ab Mitte der 60’s eine weitere Sparte von Kunst – das Musikposter.
Einführung
In der zweiten Hälfte der 60's waren es nicht Radio/TV Spots oder Inserate, sondern fast ausschliesslich Poster, die auf ein Event für Hippies und die Subkultur hinwiesen. Im Hippie-Mekka San Francisco und der grösseren Umgebung kamen sie in bunten Farben, in heraus stechenden Formen und sehr psychedelisch daher. Ihre visuelle Wirkung erinnert an einen LSD-Trip. Sie hingen überall, an jeder Telefonzelle und an jedem Fleck Wand in den Musik- und Kleidershops. Für Künstler öffnete sich damit eine neue Türe; nämlich mit ihrer Kunst überall präsent zu sein. Um die Bedürfnisse von Konzert-Promotern, Plattenfirmen, Head Shops und anderen Eventveranstaltern der Hippiebewegung abzudecken, sprossen in der Bay Area überall Grafikstudios aus dem Boden. Die grössten und berühmtesten waren wohl Family Dog, Bill Graham Presents, Berkeley Bonaparte, Neon Rose, The Food, Sparta Graphics, Mouse Studios, Western Front und East Totem West.
Siebzig Jahre früher
Das Poster als Medium ist nicht neu. Es war nicht einmal amerikanisch – es entstand um 1890 in Europa, um für Tanzbälle, Theater, Bücher und Produkte zu werben. In der Blüte der "Art Nouveau" entstanden Poster wie auf der rechten Seite oben eines zu sehen ist. Mit stilistischen Mitteln, wie Sehnsucht erweckende Mittelalter-Nostalgie und japanische Blumenarrangements, sowie von William Morris inspiriert, schufen die damaligen Künstler wie Jules Cheret, Alphonse Mucha, Maxfield Parrish und Henri de Toulouse-Lautrec ihre Art von psychedelischen Postern - sie hätten ideal in die Haight-Ashbury Szene der Sixties gepasst.
San Francisco
Ihre Nachfolger vermischten diese Stilmittel mit neuen Ideen und Inspirationen. Sie fanden den Weg zum psychedelischen Poster über verschiedene Wege. Rick Griffin beispielsweise war ein Surfer und durch seine T-Shirts und Comics war er international schon bekannt, bevor er sich ans kreieren von solchen Poster machte. Victor Moscoso und Joe McHugh andererseits hatten lange in der Kunstschule geübt. Neben den bereits erwähnten, waren da noch Künstler wie Stanley Mouse, Alton Kelley, John Van Hamersveld, David Singer, Sätti, Bonnie McLean, Wes Wilson und Gary Grimshaw. Sie alle hatten zum Ziel, ihren Zeitgeist - eine Explosion an Licht, Sound und Bewegung - visuell zu interpretieren. Sie waren berühmt in ihren Kreisen und waren Teil der Szene. Und doch mussten sie etwas zu Essen haben und die Rente bezahlen - ein kleines bisschen Kommerz in ihrer Kunst war also unausweichlich. Interessant ist ihr Krieg, den sie zwischen purer Selbstdarstellung und Kommerz führten. Dies erklärt wahrscheinlich warum die Schrift ziemlich schwer zu lesen ist. Der Betrachter musste in erster Linie Musiker, Ort und Datum erkennen können, doch für die Künstler war dies zweitrangig. Ihre verzerrte Schrift, die besser in die Formen passte, entstellte somit nicht ihre kunstvollen Bilder. Es war eine Art von Code. Wer sich durch die Schönheit der Poster angesprochen fühlte, versuchte auch die Information zu „entziffern“, was mit etwas Übung bald kein Problem mehr war – die anderen nahmen sich gar nicht erst die Mühe und hätten sowieso nicht zum angepriesenen Event gepasst.
Turn on, tune in, drop out!
Nicht zu verleugnen ist, was LSD und andere bewusstseinserweiternde Drogen für einen grossen Einfluss auf die Künstler ausübten. Sie versuchten oft, ihre „Visionen” von der anderen Welt auf Papier zu bringen. Ich möchte hier nicht auf die Pro und Kontras zur Einnahme dieser Drogen eingehen. Fakt ist, dass mehr als einer der Künstler Drogenprobleme bekam und beinahe sein Leben zerstörte. Dennoch – was dabei an grafischem Output hervor kam, war oft von brillianter Klarheit. Man könnte auch die spät-mittelalterlichen Gemälde von Hieronymus Bosch betrachten. Er wurde Mitglied in einem Zirkel, in dem sie Wege fanden, Toxine in Pilzen heraus zu lösen, aus dem viel später einmal LSD entstand. Vergleicht man seine Bilder, welche vor und nach seinen Erfahrungen entstanden sind, erkennt man, was solche Drogen für eine Macht ausüben können.
Zitat von Joe McHugh, einem Poster Künstler aus San Francisco: "I always thought what I was doing with posters had something to do with LSD. The idea of a poster before then was to promote something - a product or an event. I was promoting something, too, but it wasn't a product. It was that acid change of mind. And I felt proud of it, blessed to be part of that whole movement, privileged to have the opportunity. I took it seriously. As a publisher I felt responsible for putting out a spectrum of what was happening. We weren't representing rock music, per se. We were representing a time and a spirit."
"Be sure to wear some flowers in your hair..."
…ein Aufruf des Musikers Scott McKenzie, der in seinem Hit “San Francisco” von 1967 das Lebensgefühl der Hippies von der S.F. Bay Area in alle Länder und hintersten Winkel der Erde brachte. Um sich beim Lesen dieser Arbeit auch über den Zeitgeist in Amerika gegen Ende der sechziger Jahre im Klaren zu sein, möchte ich in diesem Kapitel kurz darauf eingehen. Der „Summer of Love“ 1967 änderte den Spirit der Jugendlichen. Lange Haare verdrängten den von den englischen Beatles importierten Pilzkopf, die Kleider wurden bunter, man interessierte sich für indische Weisheiten und alternative Daseinsformen. Die Stimmen gegen den sinnlosen Vietnamkrieg wurden wahrnehmbar laut, Studentenunruhen begannen an den Universitäten, mit Drogen wurde vermeintlich das Bewusstsein erweitert, Bürgerrechtler und die Black Panther waren im Vormarsch wie noch nie zuvor, und in Monterrey, Kalifornien, fand das erste gigantische Openair statt, an dem all die grossen Stars der Stunde auftraten und dies vor allem ganz im Zeichen von Friede und Liebe stand. The Who, Janis Joplin, Jimi Hendrix, Byrds, Grateful Dead, Otis Redding, Ravi Shankar, Jefferson Airplane Quicksilver Messenger Service, Moby Grape und wie sie alle hiessen. Es waren mehrheitlich Bands aus der San Francisco Gegend, welche zum ersten mal alle zusammen kamen. Doch man kannte sich bereits; Kaliforniens Musiker waren eine grosse Familie und manche lebten selbst im Hippie-Quartier „Haight-Ashbury“, verkehrten mit Konzert Promotern wie Bill Graham, der mit seinem „Fillmore West“ ein legendäres Konzertlokal betrieb, das kaum eine damals bekannte Band nicht im Programm hatte. Sie trafen sich mit Autoren und Lebenskünstlern der Beat-Generation wie Allen Ginsberg oder Neal Cassady und waren einfach Teil der ganzen Szene. Was ab 1967 Amerika und ab 1968 Europa in den Bann von Frieden und Liebe zog, braute sich schon seit ein paar Jahren in San Francisco zusammen. Auch LSD-Guru Dr. Timothy Leary war längst mit von Partie. Noch bevor das Wort „Hippie“ der Bevölkerung ein Begriff war (ein von den Medien erfundenes Wort) und noch bevor LSD und Cannabis illegal wurde (1967), fanden in San Francisco sogenannte Acid-Tests statt. Die Besucher „schmissen“ Trips während Jefferson Airplane oder Grateful Dead Jam-Sessions veranstalteten und im Hintergrund psychedelische Muster aus Licht und Ölprojektionen liefen.
Aus heutiger Sicht vermag dieser ganze Zustand, diese Art von „anders sein“ bei den Jungen und „Andersdenkenden“ von damals ziemlich „schräg“ erscheinen. Im Nachhinein war es sicherlich toll, dabei gewesen zu sein; frei von Sorgen und Verpflichtungen und mit dem Glauben, man könne die Gesellschaft verändern. Doch schlussendlich währte die Hippie-Bewegung nicht lange. Ab 1970 war die Hoffnung auf eine bessere, gewaltfreie Welt grösstenteils wie weggeblasen. Der Vietnamkrieg tobte krasser denn je, der kalte Krieg hatte sich mit dem Wettlauf zum Mond einem neuen Höhepunkt zugewandt, von schlechten Trips hatte man langsam genug und sie öffneten auch nicht neue Pforten im Gehirn, und Blumen im Haar konnten sowieso nichts an der Weltlage ändern. Und so kam schon bald der Glam-Rock und Disco-Sound, welcher definitiv die 70er Jahre einläutete. Das Nachhaltigste und Beste aus dieser Zeit ist definitiv die Musik, diese Musikposter und eine teilweise vermehrt weltoffenere, sozialere und verständnisvollere Gesellschaft.
Die Welle schwappt über
Doch nun zurück zu den Musikpostern. Erstaunlich war, wie zahlreich sie erschienen. Nicht weniger als zehn verschiedene Poster kamen wöchentlich neu dazu! Ab 1967 gab es überall Poster Shops im Lande, die teilweise über 25'000 Exemplare monatlich verkauften. Der Poster-Boom wirkte sich bald auf ganz Amerika und England aus.
Zwar nicht in psychedelischer Ausdrucksweise, dafür in überdimensionaler Grösse, schaute 1966 in New York Marlon Brando oder Humphrey Bogart auf den Betrachter hinab. Bardot, Belmondo etc. folgten. Der Poster-Boom an der Ostküste brachte auch die grossen Andy Warhol oder Roy Lichtenstein Reproduktionen, sowie riesige Op-Art Poster (optische Illusionen) heraus.
Das stilistische Zeichen Haight-Ashburys war viktorianisch. Teilweise weil das Hippie Quartier in diesem Stil erbaut wurde, weil Bands wie die Charlatans oder Paul Revere & The Raiders viktorianische Klamotten trugen und weil die Künstler vom viktorianischen Stil der 1890's beeinflusst waren. Hiermit hätte der Poster-Boom auch in England seinen Anfang haben können. "Art Nouveau" ist schliesslich Teil der britischen Tradition. Ausserdem gab es da inzwischen auch massenhaft psychedelische Drogen und das trendige „Swinging London“ war schliesslich vor San Francisco Anfang/Mitte der 60's der Mittelpunkt der Erde. Englische Zeitungen wie "International Times" und vor allem "Oz" waren aber in anderen Bereichen Grafikpioniere: Das Überdrucken von einer bis drei Farben und Schriften, die fast unleserlich waren, wäre heute in „seriösen“ Zeitungen nicht mehr vorstellbar. Diese Technik wurde von den amerikanischen Poster übernommen.
Die weitere Entwicklung
Dass diese psychedelische Form von Kunst nun zum Alltag gehörte zeigte sich daran, dass General Electric den New Yorker Künstler Peter Max mit einer Werbekampagne beauftragte, in welcher Uhren und Tücher mit stilgerechten Mustern verziert wurden. Jedes Mainstream-Magazin verwendete von nun an Elemente dieser Kunst und der deutsche Poster Künstler Heinz Edelmann zeichnete in diesem Stil den Trickfilm "Yellow Submarine" für die Beatles.
Doch die Galerien, Kritiker und Kunstjournale ignorierten die Artisten damals völlig, die solch grossartige Kunstwerke wie die Rockposter kreierten. Ein nicht namentlich genannter hoher Repräsentant des San Francisco Museum of Modern Art brachte anfangs der 70er Jahre mit seiner Aussage genau das auf den Punkt, was der amerikanische Mainstream im generellen und das Kunst-Establishment aus San Francisco im speziellen dachte: "the drug crazed ravings of filthy, sex obsessed hippies."
Heutzutage sieht das anders aus. Original-Poster dieser Zeit werden teuer gehandelt und dienen vor allem zu dekorativen Zwecken. Da wird klar, dass die Künstler heute sagen: "Wo wart ihr, als wir euch brauchten?" Die meisten Poster, vor allem diejenigen aus der „Bill Graham Presents“ und „Family Dog“ Reihe, sind inzwischen nummeriert und abgebildet in Sammler-Hilfswerken wie „A Collector's Guide to Psychedelic Rock Concert Posters, Postcards and Handbills 1965-1973“ von Eric King aufgelistet – komplett mit aktuellen Marktpreisen und Aufsätzen zu vielen der einzelnen Poster. So ist es schwer sich vorzustellen, dass es noch Ende der 70er nur ein paar Dutzend seriöse und ein paar hundert Gelegenheits-Sammler gab, wovon die meisten in der Umgebung von San Francisco wohnten.
Die Farben, Formen und verzerrten Schriftzüge von damals finden heutzutage im Zuge der Retro-Kultur wieder Einhalt in unserem Leben. So staunte ich nicht schlecht, als ich kürzlich in einem Zürcher Kleiderladen für junge Leute unechte Vinyl-Plattenhüllen als Dekoration an den Wänden sah, auf denen mit hippen Sprüchen und in eben genau solchen Schriftzügen für die Jeansmarke „Miss Sixty“ geworben wurde.