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Was versteht man eigentlich unter dem Begriff:
“Für die Indianer ist die Erde sehr viel mehr als nur Mittel zur Erhaltung ihrer Existenz. Sie ist die Basis ihres gesellschaftlichen Lebens und mit ihrem Glaubens- und Wissens-System engstens verbunden. Die Erde ist für sie nicht nur ein Teil der Natur, sondern ebenso bedeutend wie diese – eine kulturgesellschaftliche Ressource“.
(Alcida Rita Ramos “Sociedades Indígenas“ )
Also ist es notwendig, dass auch eine offizielle Anerkennung der Indianer und ihrer differenzierten gesellschaftlichen und kulturellen Realität diesen Zusammenhang unbedingt berücksichtigen muss. Im konstitutionellen Text der brasilianischen Regierung wird dem ausführlich Rechnung getragen – er präsentiert zum Beispiel im Paragrafen 1 des Artikels 231 den Beschluss über die traditionell von Indianern besetzten Ländereien wie folgt: “Gebiete, die von ihnen permanent bewohnt werden, die von ihnen für ihre produktiven Aktivitäten genutzt werden, die unentbehrlich zur Erhaltung ihrer ambientalen Ressourcen sind, notwendig für ihr Wohlbefinden und ihre physische wie kulturelle Fortpflanzung, entsprechend ihren Sitten, Gebräuchen und Traditionen“. Gebiete die, entsprechend dem Zusatz XI des Artikels 20 der Constituição Federal “als Eigentum der Union verbleiben“, und die durch den Paragrafen 4 des Artikels 231 “unveräusserlich und nicht übertragbar sind, sowie die Rechte auf sie unanfechtbar“.
Der Prozess der “Demarkation“ ist ein administratives Mittel, um die Grenzen eines Territoriums zu verdeutlichen und unbestreitbar festzulegen, welches traditionell von Indianern besetzt ist. Und es gehört zur Aufgabe der Regierung, dass sie mit dieser Demarkation:
- eine historische Schuld gegenüber den Ureinwohnern dieses Landes einlöst;
- dafür sorgt, dass die Bedingungen zum physischen und kulturellen Überleben dieser Völker gegeben sind;
- die kulturelle Verschiedenheit Brasiliens durch diese Massnahme geschützt wird;
- alles in Erfüllung und im Sinn des Artikels 231 der Constituição Federal.
Immer wenn eine indianische Kommune ihre Rechte über ein bestimmtes Gebiet anmeldet, muss die Regierung entsprechend Paragraf 1 des Artikels 231 der CF diesen Anspruch überprüfen, das Gebiet identifizieren und die Demarkation seiner Grenzen vornehmen – sowie den gesamten Vorgang notariell beglaubigen und registrieren lassen – und es vor Invasion und Missbrauch schützen. Die offizielle Demarkation der Indianer-Territorien (IT) ist also von fundamentaler Bedeutung für das physische wie kulturelle Überleben der unterschiedlichen Indianervölker, die in Brasilien existieren, und deshalb war dies auch ihre erste und wichtigste Forderung an die Regierung.
Ein anderer Aspekt, der hier nicht unerwähnt bleiben soll, ist die Tatsache, dass man mit dem Schutz der Indianer-Territorien gleichzeitig auch für die Erhaltung eines riesigen biologischen Erbes eintritt und auch das mehr als tausend Jahre alte Wissen der Ureinwohner hinsichtlich dieses Umfelds mitverteidigt. Zum Beispiel kennen die eingeborenen Völker Amazoniens mehr als 1.300 verschiedene Pflanzen, denen sie medizinische Qualitäten zuschreiben – wenigstens 90 davon werden bereits kommerziell genutzt. Zirka 25% der in den USA üblichen Medikamente besitzen aktive Substanzen, welche von Pflanzen aus tropischen Wäldern stammen. Auch deshalb ist die Erhaltung der Indianer-Territorien so wichtig, weil uns eine Bewahrung ihrer Kultur gleichzeitig auch die Erhaltung dieser natürlichen Ressourcen garantiert.
Verteilt über die verschiedenen Regionen Brasiliens und angesiedelt auf den unterschiedlichsten Biotopen – Regenwald, Buschsteppe, Savanne, Flussufer etc. – haben die eingeborenen Völker sich im Lauf der Jahrhunderte ein überaus reichhaltiges Wissen über ihre Umwelt angeeignet und, dank ihrer traditionellen Art und Weise der Nutzung dieser natürlichen Ressourcen, sind sowohl die Quellen der Flüsse als auch die Flora und Fauna stets frei von beeinträchtigenden Einflüssen geblieben – während die so genannten “Zivilisierten“ der Natur stets bleibende Schäden zufügten, wo immer sie in ihre Idylle einbrachen.
Der Schutz der Indianer-Territorien ist also auch eine strategische Massnahme für unser Land. Einerseits sichert sie ein altes Recht der Indianer und garantiert die Mittel zu ihrer physischen und kulturellen Existenz, andererseits sichert sie auch den Schutz der brasilianischen Biodiversität und des Wissens, welches ihre rationale Nutzung erlaubt.
In der Praxis hat sich der Indianerschutz und die Demarkation der Indianer-Territorien auch für die brasilianische Regierung als vorteilhaft erwiesen, wie ein Beispiel der Kampa-Indianer der TI-Kampa, vom Rio Amônia, (Bundesstaat Acre) im peruanischen Grenzgebiet zeigt: Sie lieferten ein gutes Beispiel der Integrität und Solidarität mit ihrem brasilianischen Lebensraum, als sie sogar gegen den Willen ihrer Angehörigen auf der peruanischen Seite verhinderten, dass diesseits der brasilianischen grenze Bäume abgeholzt und eine heimliche Landepiste für den internationalen Drogenhandel angelegt wurde – indem sie kurzerhand die brasilianischen Behörden benachrichtigten.
Die Fläche der 441 Indianer-Territorien, deren Demarkations-Prozesse sich wenigstens in der Phase “identifiziert“ befinden, beträgt 98.954.645 Hektar – und das macht 11,58% der Fläche Brasiliens aus. Weitere 139 Indianer-Territorien befinden sich in der Phase “zu identifizieren“ – und ihre mögliche Fläche ist in der oben angegebenen noch nicht enthalten. Ausserdem existieren viele weitere Gebiete, die von Indianern bewohnt, aber noch in der Phase der “Untersuchung“ befinden, das heisst, noch definiert werden muss, ob sie oder nicht, Chancen haben, als ITs anerkannt zu werden.
Und wie geschieht nun eine solche Demarkation? Als Grenzen eines IT greift man, wenn möglich, auf natürliche Gegebenheiten zurück, wie Fluss- oder Bachläufe, Seen oder Meeresufer. Auch Strassen können als Grenzen gelten – und im Notfall auch “Linhas secas“ (trockene Linien), so genannt, weil in diesem Fall weder Wasserläufe noch Strassen vorhanden sind. Entlang solcher “trockenen“ Alternativ-Grenzen werden nach ihrer topografischen Vermessung eine drei Meter breite Piste angelegt und im Abstand von maximal 1 km Beton-Markierungen im Boden verankert, in die auf der Oberseite ein Bronzestab eingelassen ist mit der Inschrift “Justiz-Ministerium, FUNAI, Nummer und Typ der Markierung, Jahr der Demarkation und der Hinweis “Protegido por Lei“ (gesetzlich geschützt).
Der administrative Prozess der Regulierung eines Indianer-Territoriums endet mit seiner Registrierung im Katasteramt des entsprechenden Distrikts seines Bundesstaates – parallel dazu wird er auch in den Analen des Landwirtschafts-Ministeriums in Brasília eingetragen.
Wird die Präsenz von Nicht-Indianern in einem solchen Indianer-Territorium festgestellt, werden in der Identifikationsphase zusätzlich sämtliche notwendigen Daten dieser Bewohner und ihrer Güter erfasst, um später analysiert und nach der Enteignung entsprechend entschädigt werden zu können.
Soweit diese kurze Zusammenfassung eines in der Realität viel komplizierteren und deshalb auch so langwierigen Prozesses, der immer noch andauert. An ihm sind vor allem in der Identifikationsphase auch Ethnologen und Anthropologen beteiligt, die in der Regel die Interessen der Indianer vertreten und als Berater der Regierung fungieren. In vielen Fällen sind aber die Indianer selbst, mittels weniger gebildeter Vertreter ihres Volkes, auch schon in der Lage, für sich selbst zu sprechen. Alles in allem demonstriert Brasilien sein ernstes Interesse an einer, nicht nur für seine eigenen Ureinwohner zufrieden stellenden, sondern auch für andere Nationen dieser Welt beispielhaften, Lösung für ein fruchtbares Miteinander.