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Indien: Begegnungsepisoden. Wohnen, Malen, Krokodile
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D, zurzeit in Rajasthan, Indien
Deepak
Ich bin zu einem Abendessen in Deepaks Haus eingeladen. Deepak ist der Leiter der Dorfschule, die ich besucht habe. Wie üblich, ist die kleine Strasse in Bikaner nicht ohne einen Anruf bei Deepak durch den Fahrer zu finden. Wir werden an der nächst grösseren Strasse von ihm abgeholt und erreichen sie über einen holperigen Weg ohne Asphaltierung.
Es ist ein hübsches weisses Haus. Ich trete ein. In der Vorhalle stehen eine Bank und ein Tisch. Ich werde zum Chai eingeladen. Im Haus laufen eine ältere Frau, ein etwa 10-jähriger Junge, Deepak und seine Frau Amita herum. Die Frau ist eine Verwandte von Amita, der Junge der Sohn des Bruders. Deepak und Amita haben sich bewusst gegen Kinder entschieden. Das ist für Indien ungewöhnlich. Die beiden hätten „150 Kinder“ in der Schule, da müssten nicht noch eigene hinzukommen. Die Wohnung läuft über eine Hypothek, und die beiden hoffen, sie auch monatlich bezahlen zu können. Die Küche ist, wie in Indien üblich, einfach eingerichtet, eine Arbeitsplatte aus Stein, darunter einige Regale für Töpfe und Pfannen, eine Kochstelle über einer Gasflasche. An der Wand sind noch einige Regale mit Lebensmitteln und Geschirr. Durch eine Öffnung blickt man auf einen kleinen Raum, in dem ein Altar und ein Hindu-Götterbild zu sehen sind, darunter ein paar Gegenstände, die zur Verehrung benutzt werden. Deepak, den ich nach seinen Ausführungen als Pantheist (Gott und Welt sind nach dieser Lehre identisch) bezeichnen würde, erklärt, dass dieser Raum für den Gebrauch durch Amitas Mutter bestimmt sei, die streng gläubig sei und dort mehrere Stunden täglich verbringe.
Amita kocht uns ein einfaches Gericht mit Chapati und Kichererbsen in einer scharfen Sosse. Deepak ist sehr bescheiden, stellt seine Leistungen bei der Gründung und dem Betrieb seiner Dorfschule nie heraus. Er ist ein Gegner der Korruption jeder Art. Wir reden über Politik, Lehrmethoden und über die Schulpflicht in Indien. Ich lerne, dass es viele Gesetze gibt, wenig Kontrollen und korrupte Kontrolleure. Vieles lasse sich einfach nicht durchsetzen.
Später ist der Junge nicht mehr zu sehen; die andere Frau liegt auf einer Liege vor der Küche im Durchgang und schläft. Es ist spät geworden, und Deepak bringt mich in die Herberge zurück.
Vijay
Ich gehe an einem Verkaufsgeschäft vorbei, etwas abseits der Ladenstrasse gelegen. Im Schaufenster sind eine Reihe von Bildern zu sehen, die im alten indischen Stil gemalt sind, farbenfrohe Tempel und Paläste, Maharadschas auf Elefanten, verschiedene Tiere, allein auf Aquarellen, selten perspektivische Landschaftsdarstellungen, sondern meistens figürlich. In der Tür steht ein junger Mann, begrüsst mich mit „Namasté“ und fragt mich, aus welchem Land ich komme. Ich sage es ihm, und er zeigt mir direkt hinter der Tür an der Wand eine Reihe von Fotos, weist auf eines und erklärt, dass sei sein guter Freund aus Deutschland, der schon oft hier gewesen sei und den er im September wieder erwarte. Ich sehe den jungen Inder auf dem Foto, Arm in Arm mit einem älteren, freundlich lächelndem Mann. Der Inhaber der Kunstschule heisst Vijay. Er habe schon viele Touristen hier unterrichtet. Sie lernen den indischen Malstil, mit handgefertigten Farben aus Stein auf Papier, Karton oder Seide. Es werden Vierbeiner aller Art gemalt, geschmückte Elefanten und Pferde, auch einmal ein Kamel oder ein Tiger. Darstellungen von Personen sind meist Abbildungen von Maharadschas im prächtigen Gewand. Daneben lernen sie allerlei Muster und auch Sehenswürdigkeiten aus Indien zu malen. Er sagt mir, dass er für seinen Unterricht keinerlei Bezahlung annehme. Er verkaufe die Bilder, einen Teil des Erlöses erhielten die Künstler, einen Teil er. Bei einem Chai erzählt er, er habe eine Familie mit 3 Kindern.
Sein Laden hängt voll mit Bildern. Diese Art von Bildern ist in der Stadt sehr häufig. Es gibt mehrere solcher Kunstschulen am Ort, ausserdem eine Reihe von Läden, die Malereien anbieten. Oft sind es kleine Leute, die diesen Beruf schon seit Jahrzehnten betreiben. An vielen Häusern der Stadt sieht man farbenfrohe Darstellungen von Elefanten, Maharadschas, geschmückten Personen, auch einmal Tiger oder Pferde. Früher wie heute führen die Künstler aus den unteren Kasten diese Malereien aus. Die Gemälde in Museen und in den Forts und Palästen und heutige Restaurierungen werden und wurden von studierten Kollegen gefertigt. Ein Studium könne er sich aber nicht leisten. Er stehe in der Hierarchie ganz unten.
Die kleine Wegweiserin und verwaiste Kinder
In der Nähe meines Hotels in den Bergen, vergleichbar mit den Voralpen, soll es einen See mit Krokodilen geben. Gegenüber der Strasse sind ein paar Hütten aus Holz mit Strohdächern und einer Plastikplane. Ich frage eine Bewohnerin, und sie fordert ein kleines Mädchen auf, mir den Weg zu zeigen. Es tänzelt vor mir her, einen Hügel hinauf. Dann sehe ich eine Staumauer und den dunkelblau schimmernden See, in dem sich die Berge spiegeln. Vor uns her läuft ein Junge mit einer Schüssel auf dem Kopf. Er redet und singt ununterbrochen. Wir laufen über die Staumauer, das Wasser unten reicht nicht an sie heran. Ein Stück weiter gehe ich zum See hinunter. Das Mädchen weist auf eine kleine Insel, wo ein Krokodil sein soll. Ich sehe es aber nicht. Es schlafe, erklärt das Mädchen. Ich schicke es mit ein paar Rupien wieder nach Haus. Der Junge geht weiter um den See herum. Dort hinten ist ein weiterer Junge zu sehen. Es sieht ganz so aus, als ob die beiden dort leben. Sie haben Liegen auf dem Boden und allerlei andere Gegenstände.
Ich setze mich ans Ufer und beobachte den See, die Insel und die Vögel, die dort ausruhen. Die Luft trägt den Singsang des Jungen über den See zu mir hin.
Das Krokodil taucht nicht auf.
Hinweis auf weitere Indien-Berichte von Richard Gerd Bernardy