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Man könnte genausogut schreiben: «Ein reiches Land steht kurz vor dem Bankrott.»
Wie wir bereits am ersten Tag von Dulgun, dem Juniorchef von Explore Mongolia anlässlich unserer Stadtführung durch Ulanbaatar erfahren, hat die Mongolei eine der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung der Welt. Die Mongolei soll kurz vor dem Staatsbankrott stehen, so Dulgun. Gleichzeitig verfügt die Mongolei aber über gewaltige Bodenschätze. So soll es in der Mongolei nebst Erdöl, Erdgas und anderen Bodenschätzen, die zweitgrössten Gold-, die zweitgrössten Kupfer- und die drittgrössten Kohlevorkommen der Welt geben. Doch auf einem Geld- und Goldberg sitzen, macht noch lange nicht reich. Vor allem dann nicht, wenn die Anderen – gemeint sind die Russen und die Chinesen – einem diesen Reichtum wortwörtlich unter dem Allerwertesten wegstehlen. Dies tönt hart – ist es auch. Besonders für die Mongolen. Um dies zu verstehen, muss man unbedingt die Geschichte und die Machtverhältnisse in dieser Region besser kennen.
Zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert, d.h. zu Zeiten von Dschingis Khan und dessen, vor allem in China genauso berühmten Neffen Kublai Khan, erstreckte sich das mongolische Reich vom Chinesischen Meer (China / Peking) bis zu den Toren Europas am Schwarzen Meer (Türkei / Istanbul). Damals stuften die Mongolen die Völker der Welt in verschiedene Klassen ein. Noch hinter den Arabern teilte Dschingis Khan das Volk der Chinesen in die unterste Klasse Mensch ein, erklärt uns Dulgun. Dies würden ihnen die Chinesen noch heute, Jahrhunderte nach der Ära Dschingis und Kublai Khans, immer noch nicht verzeihen. Dulgun vermutet, dies sei einer der Gründe, weshalb kaum ein Chinese die Mongolei bereise.
Dschingis Khan, der zusammen mit seinen berittenen Kriegern die Welt vor allem mit Pfeil und Bogen erobert hat, soll einmal sinngemäss gesagt haben: «Es ist leicht ein Land zu erobern – jedoch schwer, dieses zu regieren». Wie recht er doch haben sollte. Im Laufe der Jahrhunderte brach das mongolische Grossreich wieder in seine Einzelteile auseinander. Im Süden, Osten und Westen der heutigen Mongolei entstand China, das bevölkerungsreichste Land der Erde. Die über 6'000 Kilometer lange, Chinesische Mauer, nota bene das einzige Bauwerk der Erde, welches auch vom Mond als solches erkennbar ist, haben die Chinesen bereits 1'400 Jahre vor Dschingis Khan errichtet. Dies aus Angst vor Überfällen durch kriegerische Stämme des Nordens, u.a. der heutigen Mongolei. Dies half China dennoch nicht. Dschingis Khan hatte auf der anderen Seite der Mauer verbündete, welche ihm im 12. Jahrhundert Einlass gewährten. Im Norden der Mongolei formierte sich Russland, das mit seinen fast 18 Millionen Quadratkilometern das heute mit Abstand grösste Land dieser Erde ist. Während sich die südlichen und nördlichen Nachbarn zu Weltmächten entwickelten, blieb die 1,56 Millionen Quadratkilometer grosse Mongolei, mit ihren heute nur gerade drei Millionen Einwohnern, in seiner Entwicklung förmlich stehen. Die Mongolei, isoliert und ohne Meeranstoss, sah sich plötzlich von zwei aufstrebenden Grossreichen komplett eingeschlossen.
Zwar rief die Mongolei im Jahre 1923 ihre Unabhängigkeit aus. Doch bereits damals war eigentlich kar, die Mongolei hatte den Wettstreit um die Vormacht in Asien längst verloren. Immer wieder erhoben beide Nachbarn Anspruch auf Teile der Mongolei; politisch letztmals in den 30er Jahren, als die Russen ins Land einmarschierten und Besatzungs- und Schutzmacht spielten. Und wirtschaftlich sind es heute sowohl China, als auch Russland, welche an den enormen Bodenschätzen der Mongolei nicht nur interessiert sind, sondern diese gewissermassen auch für sich beanspruchen. Konzerne beider Länder bauen in der Mongolei Erze, Edelmetalle und Kohle ab. Wobei, wie so häufig in solchen Fällen, nur ein kleiner Teil des Gewinns im Ursprungsland selber verbleibt.
Politisch ist die Mongolei zwar ein eigenständiges und unabhängiges Land. De facto wird das Land aber von Russland und von China gesteuert und regiert. Oder wie Buom treffend sagen würde: «Wenn die Mongolen mit den Chinesen ein Geschäft machen wollen, dann teilt die mongolische Regierung ihre Absichten zuerst den Russen mit. Die Russen verhandeln dann im Hintergrund mit den Chinesen und umgekehrt.» Der Vorteil: Solange diese beiden Nachbarn miteinander reden können und keinen Krieg führen, dürften die Mongolen ihre Unabhängigkeit bewahren können. Um dieses fragile Gleichgewicht zu bewahren, versuchen sich die Mongolen neutral und taktisch klug zu verhalten. Kennen wir doch irgendwie auch von unserer Schweiz. Nur mit folgendem Unterschied: Während wir Schweizer wirtschaftlich attraktiv sein wollen und viel Geld in Technik, Wissen und Wirtschaft investieren, versuchen die Mongolen ihr «Dilemma» mit möglichst wenig Attraktivität und wenig Auffallen zu lösen. Und darüber hinaus überlassen sie ihre gewaltigen Bodenschätze weitgehend ihren mächtigen Nachbarn.
Dies ist letztlich der hohe Preis, den ein reiches, armes Land, für seine Souveränität und Unabhängigkeit bezahlt.
Pünktlich um 7.30 Uhr holt uns die Tochter von Buom mit ihrem tollen SUV Mercedes in unserem Hotel ab und fährt uns zum Bahnhof. Um 08.30 Uhr sitzen wir im Zug in Richtung Peking. Diesmal in einem der chinesischen Eisenbahngesellschaft. In unserem Erstklass-Zweierabteil sind beide Betten übereinander angeordnet. Vis à vis gibt es am Fenster noch einen kleinen Sitz. Speziell: Ins obere Bett kommt nur, wer noch etwas sportlich ist und sich getraut, den Tisch am Fenster als Kletterhilfe zu benutzen. Denn eine Leiter gibt es keine.
Zu Gunsten von einem kleinen Waschraum, der sich zwischen zwei Kabinen befindet und abwechslungsweise von beiden Kabinen benutzt werden kann, ist das Zugabteil mit knapp 2,5 m2 noch kleiner, als dasjenige der russischen Wagen. Dafür läuft das chinesische Rollmaterial bedeutend ruhiger, als das russische. Trotzdem, bis wir in dieser Nacht zum Schlafen kommen, wird es sehr spät. Gegen 19.30 Uhr erreichen wir auf der mongolischen Seite den Zoll. Bis die Mongolen den ganzen Zug abgefertigt, die Visagenkontrolle beendet haben und der Pass am richtigen Ort gestempelt ist, dauert es gut eineinhalb Stunden. Wobei dies erst der Anfang ist. Danach fährt der Zug gut zwanzig Minuten weiter zum chinesischen Zoll. Dort beginnt dasselbe Spiel von vorne - einfach mit anderen netten Herren und Damen. Mittlerweile zeigt die Uhr 22.30. Das Schönste und für jeden Eisenbahn-Fan das bestimmt Interessanteste kommt jetzt.
Die Russen, Mongolen und Chinesen kennen bei ihren Zügen zwei unterschiedliche Spurbreiten. Während die Chinesen dieselbe Spurbreite, wie wir Mitteleuropäer haben, erklärt uns ein vielgereister Deutscher, hätten die Russen und die Mongolen eine andere Spurbreite. Mir scheint, die fahren "breitspuriger", als die Chinesen. Statt einfach die Fahrgäste in einen bereitgestellten Zug umsteigen zu lassen - so ähnlich würden wir dies vermutlich in der Schweiz oder in Europa machen, wechseln die Chinesen bei jedem einzelnen Wagen das gesammte Rollmaterial aus. Bei unserem Zug sind dies bestimmt fünfzehn Wagen. Und das dauert. Zuerst das Rollmaterial vom Wagen lösen, danach den Aufbau mit einem Hebekran zusammen mit den im Wagen befindenden Fahrgästen rund einen Meter anheben, dann das alte Rollmaterial entfernen und das passende unter den Wagen schieben und den Wagen wieder abgesenken und mit dem Rollmaterial verbinden. Das Ganze macht nicht nur einen ohrenbetäubenden Lärm, sondern dauert auch noch geschlagene vier Stunden. Nachts um zwei Uhr können wir schliesslich unsere Reise fortsetzen und schlafen. Die chinesischen Pritschen sind ein klein wenig weicher und dürften etwas breiter sein. Dafür ist die Kabine insgesamt noch kleiner, als bei den russischen Wagen.
Für die meisten Touristen ist Ulanbaatar so etwas wie das Eingangstor zur Mongolei. Hier befindet sich der internationale Flughafen und hier verkehren die wichtigsten internationalen Züge auf der südlichen Transsib-Route zwischen Moskau und Peking. Ulanbaatar, die Hauptstadt der Mongolei, zählt eine Million Einwohner (Tendenz klar zunehmend). So lebt heute bereits jeder Dritte Mongole in Ulanbaatar.
Nebst wenigen Klöstern, von denen aber keines älter als etwa sechzig Jahre alt ist, weil unter dem Kommunismus in den 30er Jahren praktisch alle religiösen Einrichtungen des Landes dem Erdboden gleichgemacht wurden, gibt es in Ulanbaatar noch schöne Museen. So u.a. ein sehenswertes kulturhistorisches. Doch daneben strahlt die Millionenstadt, welche tagsüber (ausser vielleicht sonntags) permanent unter einem Verkehrschaos sondergleichen und im Herbst und Winter unter viel Smog leidet, überhaupt keinen Charme aus. Man muss nicht Architekt und auch nicht Städtebauer sein um den Eindruck zu bekommen, in Ulanbaatar existiere kein wirklich funktionierendes städtebauliches Konzept - eher ein Wildwuchs aus dem Boden schiessender Hochhäuser. Schön angelegte und gepflegte Parks, wie in anderen Grossstädten haben wir weder bei unserer Stadtführung am ersten, noch am letzten freien Tag unserer Weiterreise entdeckt. Und trotzdem, Ulanbaatar hält zwei Rekorde ganz besonderer Art. 1. Ulanbaatar soll mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von -2 Grad die kälteste Hauptstadt der Erde sein. Und 2. ist Ulanbaatar diejenige Hauptstadt dieser Erde, welche am weitesten von einem Meer entfernt liegt. Schon verrückt, was intelligente Menschen so alles herausfinden. Vielleicht waren es einfach auch nur findige, mongolische Geschäftsleute aus dem Bereich Marketing, welche etwas brauchten, mit dem man für diese Stadt werben konnte. Doch wir meinen, Ulanbaatar ist keine Stadt, die man unbedingt gesehen haben muss. Das wenige Interessante hat man locker in einem Tag gesehen, sofern man nicht gerade mit dem Auto im Stau steckenbleibt.
Viele Touristen besuchen die Mongolei, weil sie von den endlosen Weiten, dem besonderen Licht, den wunderschönen Farben und den einzigartigen Wolkenstimmungen angezogen, in der Mongolei unheimlich schöne Fotomotive vorfinden, ohne dabei stundenlang darauf warten zu müssen, bis sich vor der Linse alle Touristen verzogen haben. Auf andere warten in den gewaltigen, nahezu menschenleeren Steppen, den gigantischen Wüsten und den hohen Gebirgen der Mongolei noch echte Abenteuer. Wer sich hier falsch ausgerüstet auf Touren begibt, der handelt fahrlässig. Denn eine Panne abseits der gängigen Touristenrouten kann fatale Folgen haben. Hier schleppt Dich kein TCS und auch keine ADAC ab. Wer hier eine Panne hat und nicht gleich auch noch ein geübter Automechaniker ist, kann irgendwo im Nirgendwo gut und gerne mehrere Tage sitzen- bzw. steckenbleiben; auf einen zufällig vorbeikommenden Nomaden warten oder stundenlange Fussmärsche unternehmen um sich selbst Hilfe zu besorgen. Das Gute ist, ausserhalb der Hauptstadt helfen alle einander. Denn früher oder später trifft es sowieso Jeden. Ein rechter Teil der Mongolei ist mittlerweile am Handynetz. D.h. wenn man Glück hat, kann man sich notfalls auch so noch Hilfe organisieren.
Nebst einzigartiger Landschaften und gastfreundlicher Menschen haben uns aber noch ganz andere Dinge in der Mongolei fasziniert. Nämlich, wie viele Mongolen, insbesondere aber die Nomaden der Mongolei es schaffen, ihre Traditionen über Jahrhunderte zu bewahren und gleichzeitig den Fortschritt der Zivilisation zu nutzen. So trifft man in Ulanbaatar auf viele gläubige Buddhisten und Schamanisten und ältere buddhistische Klöster unmittelbar vor oder zwischen modernen Hochhäusern. Anmerkung: Nahezu alle buddhistischen Klöster der Mongolei, sind nicht älter, als etwa 60 bis 70 Jahre. Denn in der Zeit des Kommunismus gab es 1930 eine regelrechte Welle der Zerstörung. So wurden in der Mongolei in dieser Zeit fast sämtliche religiösen Einrichtungen dem Erdboden gleichgemacht.
Andere, fast noch grössere Gegensätze, als religiöse Bauten und moderne Hochhäuser in der Hauptstadt der Mongolei, trifft man auf dem Lande bei den Nomaden. So steht fast vor jeder Jurte eine Satellitenschüssel, sowie mindestens ein Motorrad um das Vieh zusammenzutreiben. Und in der Jurte steht ein Fernseher, sowie ein Handy. Das Kurioseste was wir auf unserer Reise je gesehen haben (s. Fotoalbum), war ein relativ moderner Kinderwagen, der vor einer Jurte parkiert war. Nichts als Steppe rundherum; keine Siedlung und keine Strassen weit und breit und der nächste Nachbar mindestens 20 Kilometer entfernt. Was ein Kinderwagen mit kleinen Rädern im unebenen Gelände und in dieser Abgeschiedenheit verloren hat? Wir wissen es nicht. Ein herrliches Fotomotiv war es aber allemal.
Nebst diesem technischen Fortschritt lebt die Landbevölkerung der Mongolei aber doch eher ärmlich. Sanitäre Einrichtungen nach westlichem Standard sucht man hier vergebens. 100 Meter von der Jurte entfernt ein Plumpsklo; d.h. ein Loch im sandigen Boden und ein paar Bretter darüber, fertig! Keine Duschen – nur Katzenwäsche. In der Jurte zwei harte Betten, einen Ofen, einen Altar und ein paar aufgehängte Auszeichnungen, welche man bei Pferde- oder Kamelrennen gewonnen hat und selbstverständlich ein Foto der ganzen Familie mit allen Kindern und Enkeln neben oder über dem Altar, sind zusammen mit ihren Ziegen-, Schaf-, Yaks- oder Kamelherden oft die ganze Habe dieser Menschen. Einfache, für unsere Begriffe eher ärmliche Menschen, gezeichnet vom Leben und trotzdem stets mit einem herzlichen Lächeln und einem Strahlen im Gesicht zeichnet diese Nomaden aus. Griesgrämigen oder unzufriedenen Nomaden sind wir auf unserer ganzen Mongoleireise nie begegnet. Und gegen allfällige Einsamkeit haben die Nomaden immer noch ein oder zwei Wässerchen im Köcher. Gemeint sind die selbstgebrauten Säfte oder der einheimische bzw. russische Wodka.
Nicht jeder der in einer Jurte wohnt, ist zwingend ein Nomade. Es sei denn, man zähle die 500'000 Touristen, welche jedes Jahr die Mongolei bereisen und meist auch in Jurten schlafen, ebenfalls zur Spezies der Nomaden. Doch wer weiss, vielleicht sind wir (Marion und ich) wiedergeborene Nomaden. Denn unsere Reisegewohnheiten könnte man ein Stückweit auch als nomadisch bezeichnen.
Gewiss ist, die Nomaden der Mongolei bewohnen seit Jahrhunderten diese so typischen, igluartigen, mit Stoff bezogenen, runden Behausungen, genannt Jurten. Aus simplen ziehharmonikaartigen Gartenzäunen à la Hornbach wird der Aufbau / das Rund einer Jurte gebildet. Die Grösse einer Jurte bestimmt sich anhand der Anzahl dieser Ziehgeflechte. Für eine Jurte braucht es mindestens drei Geflechte. Viele Jurten bestehen indes aus 5 bis 6 solcher. Beim Jurteneingang, der immer in Richtung Süden ausgerichtet ist, wird vom Boden bis Oberkant Holzgeflecht ein Türrahmen, sowie eine Türe eingepasst. Das Dach wird in der Mitte der Jurte mit zwei oder vier etwa 2,5 Meter langen Holzpfosten abgestützt. Das Dach selber besteht aus einem wagenradähnlichen Gebilde. Vom «Wagenrad» gehen dann eine Vielzahl von Abstrebungen hinunter auf den Holzzaun. Zuletzt wird das Ganze mit Isolationsmatten und Stoff eingepackt – und fertig ist die Jurte. (Von mir etwas vereinfacht und laienhaft beschrieben. Bin halt weder Nomade, noch Architekt).
Übernachtungen in Jurten
In der Mongolei unterscheidet man grob 3 Arten von Jurtenübernachtungen. A. Jurtencamps B. Extra Ger und C. Jurtenübernachtungen bei den Nomaden.
Jurtencamps
Jurtencamps verfügen meist über 20 oder mehr, schön in Reihen aufgebaute, mit dem Eingang stets nach Süden gerichteten Jurten. Hinzu kommen Ökonomiegebäude aus Holz oder Stein mit Restaurant, Aufenthaltsmöglichkeiten, sowie einer Vielzahl an Toiletten, Waschmöglichkeiten, sowie Kalt- und Warmwasserduschen. Eine Übernachtung in einem Jurtencamp beinhaltet im Normalfall einerseits ein Frühstück und andererseits meist auch ein Abendessen (Halbpension). Die Jurtencamps sind so etwas wie die Hotels unter den Jurten. Jurtencamps unterscheiden sich von anderen Jurtenübernachtungen dahingehend, dass Jurtencamps praktisch ausnahmslos über Strom verfügen. Jede einzelne Jurte ist mit einer elektrischen Glühbirne sowie mindestens einer Steckdose ausgestattet. Auf einer Mongoleireise können Übernachtungen in Jurtencamps wichtig sein, wenn es darum geht, Batterien bzw. Akkus aufzuladen.
Extra Ger
Als Extra Ger bezeichnet man eine Vielzahl von Jurten (meist mindestens 10 bis 20 Jurten), welche an touristischen Hotspots aufgestellt sind. Häufig verfügen lokale Tourorganisationen, wie z.B. Explore Mongolia, über Extra Gers. Diese sind dann nur für eigene Gäste bestimmt. Die Besonderheit: Extra Gers besitzen keine Ökonomiegebäude und auch keine Restaurants. Gekocht und gegessen wird in der Regel in einer speziell dafür bestimmten Jurte. Das Essen muss jeder, bzw. jede Gruppe selber mitbringen. In der Mitte einer jeden Jurte – übrigens auch bei den Jurtencamps, wie auch bei den Jurten der Nomaden – steht ein kleiner Holzofen aus Eisen von dem ein langes Ofenrohr durch das Dach der Jurte ins Freie führt. So ein Ofen dient einerseits als Kochherd und andererseits als Heizung. Des weiteren sucht man in den Extra Gers vergebens nach Steckdosen. Und die sanitären Einrichtungen fallen bedeutend einfacher aus, als in den Jurtencamps. So kann es sein, dass es in einem Extra Ger entweder gar kein Warmwasser gibt oder dieses nur für eine beschränkte Zeit am Tag verfügbar ist. Dann nämlich, wenn das heisse Wasser durch Solarstrom oder einen Generator erzeugt wird. Das Wasser der Extra Gers stammt in der Regel aus einem nahegelegenen Brunnen oder Bach. Extra Gers könnte man bei uns mit einfachen Herbergen oder Alphütten vergleichen.
Jurtenübernachtungen bei den Nomaden
Jurtenübernachtungen bei Nomaden ist mit Abstand die primitivste aller drei Jurtenübernachtungsarten. Kein Strom; in der Regel keine Duschen; gewaschen wird mit kaltem Wasser aus einem Kübel oder einer Petflasche. Die Betten sind häufig kaum mehr als 1,7 Meter lang und relativ schmal. Weiter bestehen die Betten aus einem Holzbrett auf einem Bettgestell, welches mit einem dünnen Laken bezogen und bestenfalls leicht gepolstert ist. Als Decke dient eine einfache - eine Art gesteppte - Decke. Geheizt und gekocht wird ebenfalls mit einem kleinen Ofen in der Mitte der Jurte. Diese Art der Übernachtung könnte man als sehr einfache Übernachtung auf einer Alp bezeichnen. Im Gegensatz zu den beiden anderen Übernachtungsarten bekommt man aber hier eine Art «Familienanschluss». Und genau das macht den ganz besonderen Reiz von Jurtenübernachtungen bei Nomaden aus. Doch ohne Dolmetscher geht hier so gut, wie gar nichts. Denn so wenig wie der Durchschnittseuropäer mongolisch versteht und spricht, sprechen Mongolen – und schon gar nicht Nomaden – irgendeine Fremdsprache. Auf jeden Fall keine, welche bei uns in Europa gesprochen wird. (Ausnahme: allenfalls russisch).
Das Nomadenleben
Von den drei Millionen Mongolen sind gut 700'000 oder knapp 25% Nomaden. Jede Nomadenfamilie lebt in der Regel alleine für sich. D.h. die Nomaden bilden keine grösseren Gemeinschaften. So stehen ihre weissen oder hellgrauen Jurten weit auseinander und kilometerweit übers Land verstreut. Nomaden der Mongolei ziehen in der Regel ein- bis zweimal pro Jahr weiter. D.h. in aller Regel einmal vom Winter- ins Sommerquartier und zurück. Die Distanzen dazwischen können durchaus 60 bis 80 Kilometer betragen. Für das Aufstellen, bzw. Abbrechen und Zusammenpacken einer Jurte braucht es zwei Männer (Jurten auf- und abbauen ist Männersache). Geübte Männer stellen eine Jurte in gerade mal einer Stunde auf. Frauen machen den Haushalt, melken Kühe, Stuten und Kamele, kochen und verarbeiten die Milch oder teilweise auch die Wolle der Schafe, der Ziegen und der Yaks. Die Männer sind eher draussen bei ihren Herden. Speziell: In der Mongolei, einem Land mit 1,56 Millionen Quadradkilometern, was ungefähr 39 Mal der Schweiz entspricht, leben 3 Millionen Mongolen und rund 60 Millionen (20 x mehr) Nutztiere, wie Schafe, Ziegen, Yaks, Kühe, Pferde und Kamele. Von den drei Millionen Einwohnern lebt eine Million in der Hauptstadt Ulanbaatar. Verteilt man die gesamte mongolische Bevölkerung auf die Grösse des Landes, so trifft es etwa zwei Mongolen auf einen Quadratkilometer. Ohne die Stadtmenschen in Ulanbaatar wären es sogar nur ein Einwohner pro km2. Als Vergleich: In der Schweiz leben ungefähr 200 Menschen auf einen km2. Abgesehen von den harten Lebensbedingungen, strenge, bis zu minus 40 Grad kalte Winter, gefolgt von trockenen und heissen Sommern mit eher wenig Niederschlägen und einer vielfach kargen Vegetation, geniessen die Viehherden viel Bewegungsfreiheit ohne Zäune. Alle Herden wandern ähnlich, wie deren Halter. Morgens, nachdem sie am Abend zuvor zurückgetrieben und gemolken wurden, wandern sie von den Jurten los. Dorthin, wo es die besten Gräser und Kräuter gibt; treffen und vermischen sich mit anderen Herden – Schafe mit Ziegen, Kühen, Yaks und Pferden buntgemischt und abends werden sie dann von den Herdenbesitzern wieder über viele Kilometer zurückgetrieben. Die «altmodischen» Hirten verrichten diese Arbeit vom Rücken eines Pferdes oder Kamels, manchmal begleitet von Hunden. Und die «modernen» Hirten treiben ihre Herden aus dem Sattel von Motorrädern - ohne Hundegebell, dafür mit lautem Hupen. Ein ziemlich witziges und kurioses Bild. Tradition trifft auf Moderne! Dieses Hin- und Herwandern grosser Herden und das Hin- und Hertreiben der Herden durch die Nomaden wiederholt sich Tag für Tag bei jedem Wetter. An heissen Sommertagen genauso, wie an eisigkalten Wintertagen.
Fazit:
Das Nomadenleben und die verschiedenen sehr herzlichen Begegnungen mit Nomaden haben uns stark beeindruckt. Wir trafen immer auf offene Türen und auf äusserst gastfreundliche Menschen. Mit von Wind und Wetter gegerbten, braunen Gesichtern erzählten sie uns voller Stolz über ihr Leben. Und das Wenige, das sie besassen, haben sie immer mit uns geteilt. Wir durften Yakmilch, Milchtee, gegorene Stutenmilch und Yoghurtschnaps trinken und Yakyoghurt und getrockneten, säuerlich riechenden Quark essen, soviel wir wollten. Und zum Schluss haben uns die Nomaden davon meist immer noch etwas als Wegzehr mitgegeben. Mit diesem, nicht mehr ganz jungen Nomaden (s. Foto) habe ich «Schere, Stein, Papier» auf nomadisch gespielt. Lustig war’s. Hab’ mehrfach gewonnen, obwohl ich die Spielregeln gar nie wirklich begriff. Kunststück, nach der dritten Tasse Yoghurtschnaps!
Sich für ihre Gastfreundschaft mit Geld bedanken, wäre für Nomaden eine grosse Beleidigung. Doch man darf einen kleineren oder auch grösseren Geldschein als Opfer beim Altar hinlegen (in jeder Jurte einer Nomadenfamilie steht immer jeweils am Nordende der Jurte, direkt dem Eingang gegenüber ein Altar / s. Foto links des Nomaden). Mit diesem Geldschein bittet man die Götter, sie mögen einem auf der Weiterreise wohl gesinnt sein und beschützen. Von Battuul, unserer Reiseleiterin, wollten wir später aber doch noch genauer wissen, was mit unserem beim Altar zurückgelassenen Geld wirklich passiert. Sie sagte uns, nachdem wir gegangen seien, würden die Nomaden das geopferte Geld für eigene Zwecke verwenden. Wären ja blöd, wenn nicht. Würden wir ja vermutlich auch so machen, denke ich mir.