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Der Zauberer
Thomas Mann ist zweifellos einer der wichtigsten deutschsprachigen Schriftsteller. Für seinen ersten grossen Roman «Die Buddenbrooks» hat er 1929 den Nobelpreis für Literatur erhalten. Mit dem «Zauberberg» und mit Erzählungen wie «Tod in Venedig» oder «Tonio Kröger» hat er literarische Werke von Weltrang geschrieben.
1933 musste Thomas Mann mit seiner Familie aus Deutschland flüchten, zunächst nach Frankreich und in die Schweiz, 1938 liess er sich in den USA nieder. Während des Zweiten Weltkriegs hat er, wenn auch nach langem Zögern, mit Essays und Reden scharf gegen die nationalsozialistische Herrschaft Stellung bezogen.
Als Erzähler wahrt Thomas Mann immer eine skeptisch-ironische Distanz zu seinen Figuren. Unter Schülern und Studenten ist er berüchtigt für seine langen und komplizierten Sätze. Und das gilt nicht nur für seine Sprache: Er entstammte einer grossbürgerlichen Lübecker Familie und hat Zeit seines Lebens die Attitüde eines Grossbürgers beibehalten. Er blieb immer beherrscht, korrekt, distanziert.
Entsprechend habe ich die Werke von Thomas Mann bewundert, wurde mit ihm als Menschen aber nicht warm. Bis ich diesen Roman von Colm Tóibín gelesen hatte: «Der Zauberer» heisst das Buch. Es ist ein biographischer Roman. Colm Tóibín hat also das biografische Faktengerüst des Lebens von Thomas Mann genommen und das Gerüst emphatisch aufgefüllt mit einer Lebenserzählung. Das Spannende daran ist, dass das Buch konsequent aus der Perspektive von Thomas Mann erzählt ist: Wir klettern also in seinen Kopf und lesen, was er gedacht und gefühlt hat – oder wenigstens, wie Tóibín sich das vorstellt. Das Resultat ist ein wunderbar feinfühliger Roman über das Leben von Thomas Mann aus dessen eigener Perspektive – faszinierend.
Thomas Mann ist 1875 als Sohn eines Lübecker Patriziers zur Welt gekommen: Sein Vater war Senator und Kaufmann, die Firma Mann war in der Stadt angesehen. Seine Mutter Julia stammte ursprünglich aus Brasilien. Dass Senator Mann eine Brasilianerin ehelichte, stiess in Lübeck zumindest auf Verwunderung, wenn nicht auf Ablehnung. Man betrachtete, schreibt Colm Tóibín, die Wahl der Ehefrau so, als hätte der Senator «in italienische Gemälde oder seltene Majolika investiert, Dinge, die zur Befriedigung des Geschmacks erworben wurden, den der Senator und seine Vorfahren bis dahin aber zu zügeln wussten.» (11)
Dieses kleine Beispiel gibt vielleicht eine Vorstellung davon, wie Colm Tóibín mit zarten Strich und sprachlicher Präzision es uns Lesern ermöglicht, Thomas Mann und seine Familie gefühlsmässig zu erfassen.
Natürlich ist das Buch von Colm Tóibín ein Roman. Also eine Interpretation der biographischen Fakten. Aber es ist eine schlüssige Interpretation. Erst bei der Lektüre ist mir bewusst geworden, wie stark Thomas Mann als Jugendlicher unter dem Testament seines Vaters gelitten hat. Der Vater hat Frau und Kinder zwar nicht enterbt, er hat aber bis ins Detail verfügt, was mit seinem Vermögen passieren soll. Dass das Handelshaus verkauft werden müsse, dass Thomas zwei Beistände erhalte, wo er zur Schule gehen müsse. Für Thomas war der Tod seines Vaters nicht in erster Linie der Verlust eines Menschen, den er liebte, er verlor Prestige.
«In der Schule schien ihn jetzt, da sein Vater tot war und die Firma nicht mehr existierte, da er bei fremden Leuten in Pension wohnte, niemand mehr wahrzunehmen. Die Macht und das Ansehen, die er für sein naturgegebenes Erbteil gehalten hatte, waren restlos verflogen. Bis zum Tod seines Vaters war er eine Art Prinz gewesen, hatte den gediegenen Komfort des Elternhauses genossen und sich in dem schillernden Dasein seiner Mutter gesonnt.» (S. 46f.)
Nach dem Tod seines Vaters ist er plötzlich kein Prinz mehr, sondern nur noch ein Eigenbrötler. Aus dieser Kränkung heraus hat er schliesslich Jahre später die «Buddenbrooks» geschrieben, den Roman über den Verfall einer Familie. In Lübeck wurde er dafür gehasst, die Schwedische Akademie verlieh ihm dafür den Nobelpreis.
Colm Tóibín zeigt schön, wie stark das Werk von Thomas Mann mit dessen Leben verwoben ist, wie aus Erleben Erzählung wird. Etwa, als bei seiner Frau Katja Lungentuberkulose festgestellt wird und sie einige Monate in einem Sanatorium in Davos verbringt. Thomas besucht sie und ist fasziniert von der Atmosphäre – aus dem Erlebnis entsteht der Zauberberg. Oder als Katja und Thomas, von Triest her kommend, mit dem Schiff nach Venedig fahren und Thomas an den kürzlich verstorbenen Gustav Mahler denkt. Er stellt sich Mahler in Venedig vor – daraus entsteht «Tod in Venedig», eine seiner bekanntesten Novellen.
«Der Zauberer» heisst der Roman, weil seine Kinder Thomas Mann den Zaubrer nennen. Bei Tisch hat er offenbar immer mal wieder gezaubert und seine Kinder mit kleinen Zauberkunststücken aufgeheitert. «Papa ist ein Zauberer», sagte deshalb Sohn Klaus – Tochter Erika korrigierte ihren Bruder: «Er ist der Zauberer!» Anfangs war das nur ein Witz oder ein Mittel, die Tischrunde aufzuheitern. Doch der Spitzname blieb Thomas haften. So wurde er in der Familie «der Zauberer» genannt.
Es ist faszinierend, im Roman Thomas Mann zu folgen. Wie er seine Homosexualität nur heimlich auslebt, indem er junge Burschen am Strand beobachtet. Wie er an seinen Kindern verzweifelt. Seine Flucht in die Schweiz, dann nach Amerika. Wie er von Amerika nach dem Krieg, wie viele andere auch, wieder hinauskomplimentiert wird. Wie er es nicht aushält, in dieses Deutschland zurückzukehren und sich deshalb in der Schweiz am Zürichsee niederlässt.
Bei der Lektüre wird auch klar, welches Werk von Thomas Mann das Schlüsselwerk zu seinem Leben ist. Es sind nicht die «Buddenbrooks» und nicht der «Zauberberg», nicht der Jospeh-Roman und nicht «Doktor Faustus» – es ist «Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull». Er repräsentierte, er war eher ein Botschafter seiner selbst als eine Person.
«Als es galt, den Kauf des Hauses in Kilchberg abzuschliessen., und er und Katja vom Wagen zur Kanzlei des Zürcher Notars gegangen waren, war er sich seines Status wohl bewusst gewesen. Wer auf ihn aufmerksam geworden wäre, hätte einen Herrn in den Siebzigern gesehen, tadellos gekleidet, dessen Haltung und Gang Zielstrebigkeit und Würde verrieten. Er hatte eine Zahlungsanweisung in Höhe des Kaufpreises des Anwesens bei sich. Er war der Vater von sechs Kindern, verheiratet mit einer Frau, die sich bei den Verhandlungen mit den Eigentümern über Einrichtungsgegenstände, die im Haus verblieben, und den Vereinbarungen mit der Autowerkstatt, als eine unerbittlicheStreiterin erwiesen hatte; elf war der Verfasser vieler in einem kunstvollen Stil geschriebenen Bücher, der weder lange Sätze noch häufige Abschweifungen scheute und mit spielender Leichtigkeit die berühmten Namen des deutschen Pantheon heraufbeschwören konnte. Hanz gleich, welche Elle man anlegte: Er war ein bedeutender Mann. Sein eigener Vater wäre von ihm eingeschüchtert gewesen. Niemand allerdings wäre eingeschüchtert gewesen, der ihn dabei gesehen hätte, wie er, allein im Waschraum der Notarkanzlei, mit seinem alternden Gesicht konfrontiert wurde. Er hätte sich vielmehr gewundert über die halb spöttischen Blicke, die er sich im Spiegel zuwarf, das flüchtige listige, wissende Grinsen, das über sein Gesicht huschte, als freute er sich diebisch darüber, dass er, wie sein Felix Kroll, wieder einmal nicht aufgeflogen war.» (S. 544)
Es ist das, was dieses Buch einzigartig macht: Es macht Tomas Mann menschlich. Und das einer Erzählweise und einer Sprache, die dem Objekt des Romans alle Ehre macht. Die sprachliche Qualität des Romans ist umso erstaunlicher, als Colm Tóibín als Ire ja auf Englisch schreibt. Das Buch ist von Giovanni Bandini aus dem Englischen übersetzt worden – und wie!
Kurz: Für mich gehört der Roman über das Leben von Thomas Mann zu den besten Büchern des Jahres. Ein Lesegenuss und ein Erlebnis.
Colm Tóibín: Der Zauberer. Roman. Hanser, 560 Seiten, 40.90 Franken; ISBN 978-3-446-27089-3
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783446270893
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Basel, 20. Oktober 2021, Matthias Zehnder
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