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Wo Donau, Inn und Ilz sich treffen – in Passau, der Dreiflüssestadt
Passau im südöstlichen Bayern verfügt über eine besondere Lage. Nicht nur vereinen sich an diesem Ort drei Flüsse, die Stadt befindet sich auch unmittelbar an der deutsch-österreichischen Grenze und im Dreiländereck zwischen Deutschland, Österreich und Tschechien.
Zu Zeiten des Eisernen Vorhangs war die Stadt fast ein wenig an den Rand gedrängt. Das hat sich mit dem Ende des Kommunismus und im zusammenwachsenden Europa gründlich geändert.
Heute befindet sich die Dreiflüssestadt Passau nicht nur geografisch, sondern auch tatsächlich wieder im Zentrum des alten Kontinents. Wien und Prag sind von hier aus zum Beispiel genauso gut zu erreichen wie die bayerische Landeshauptstadt München. Passau ist aber auch an sich eine Reise wert.
Eine Stadt in Grenzlage
Der Zusammenfluss von Donau, Inn und Ilz hat seit jeher die Entwicklung und die Geschicke der Stadt massgeblich bestimmt. Die durch Donau und Inn gebildete Halbinsel, auf der sich heute die Altstadt erhebt, ist als strategischer Punkt geradezu prädestiniert. Schon die Römer erkannten dies und errichteten hier das Kastell „castra batava“. Der Militärposten sollte damals der Sicherung der Limes-Grenze zum benachbarten Germanien dienen. Die Grenzlage hat für Passau also Tradition. „Batava“ wurde das Lager nach dem germanischen Stamm der Bataver genannt, die hier als römische Söldner Dienst taten. Im Lauf der Jahrhunderte sollte daraus der Name „Passau“ entstehen.
Mit dem Niedergang des römischen Imperiums wurde das Gebiet Ende des 5. Jahrhunderts militärisch geräumt. Aus den zurückgebliebenen einheimischen und zugewanderten Germanen bildete sich das Volk der Bajuwaren, die an der Stelle des Römerkastells im 6. Jahrhundert eine Herzogsburg errichteten. Während dies in der Geschichte Passaus mehr eine Episode blieb, sollte ein anderes Ereignis prägend wirken. Im Jahr 739 wurde die Stadt Sitz eines Bischofs. Zeitgleich entstand das Kloster Niedernburg, das grosse Ländereien an der Ilz besass und zunächst auch die weltliche Herrschaft über Passau und seine Umgebung ausübte. Der Bischof konnte dem Kloster diese Stellung um die Jahrtausendwende dank der Gunst des Kaisers abringen. Seither bildete das Hochstift oder Fürstbistum Passau ein eigenständiges Territorium im Heiligen Römischen Reich – eine Art Puffer zwischen den mächtigen Nachbarn Bayern, Österreich und Böhmen.
Die Zeit der Eigenständigkeit sollte fast bis zum Ende des alten Reiches währen. 1803 nutzte Bayern mit der Unterstützung Napoleons die Gunst der Stunde und verleibte sich das Territorium ein. Seither werden die Geschicke der Stadt von München aus gelenkt.
Bischof und Passauer Bürger – nicht immer einträchtig
Die Zeit des Fürstbistums ist bis heute im Stadtbild lebendig, das durch die Altstadt rund um den Dom Sankt Stephan auf der Donau-Inn-Halbinsel und die Veste Oberhaus oberhalb des Zusammenflusses von Ilz und Donau bestimmt wird. In diesem Dualismus kommt auch die Gegensätzlichkeit des bürgerlichen und des geistlichen Passau zum Ausdruck. Die Festung war nicht nur lange bischöfliche Residenz, sondern auch Ausdruck des Macht- und Herrschaftsanspruchs der geistlichen Regenten. Dem versuchten sich Passaus Bürger, die in der heutigen Altstadt lebten, mehr als einmal zu widersetzen – vergeblich, hinter dicken Mauern geschützt behielten die Bischöfe immer die Oberhand.
Dass die Altstadt sich heute in einem weitgehend einheitlichen barocken Erscheinungsbild präsentiert, ist dabei einer Katastrophe zu verdanken. Im Jahr 1662 legte ein Feuer Passau weitgehend in Schutt und Asche, die Bischöfe holten daraufhin italienische Baumeister in die Stadt, die für den Wiederaufbau sorgten. Dabei orientierten sie sich am Stil ihrer Zeit – eben dem Barock.
Das Unglück sollte für die Stadt damit letztlich zum Glücksfall werden. Denn diesem Umstand verdankt Passau heute eines der geschlossensten historischen Stadtbilder in Deutschland. Die italienische Architektenkunst verleiht der Stadt ein geradezu südliches Flair, was – in Verbindung mit der Wasserlage an Donau, Inn und Ilz – manchmal auch zu der Bezeichnung „Venedig Bayerns“ geführt hat.
Noch etwas ist für die Bauweise im historischen Passau typisch: der sogenannte Salzach-Stil. Er ist in der gesamten Region von Salzach und Inn anzutreffen und fand fast ausschliesslich bei Bürgerhäusern Verwendung. Sein hervorstechendes Merkmal ist die hochgezogene Frontfassade bei Häusern, die das dahinterliegende Dach vollständig verdeckt. Diese Bauweise sollte das Gebäude grossartiger wirken lassen, hatte aber auch praktische Gründe des Brandschutzes. Um die Fassaden nicht zu erdrückend erscheinen zu lassen, wurden sie häufig mit hellen frohen Farben getüncht und mit Stuck, Erkern und anderen Dekorelementen versehen. Passaus Altstadt bietet dafür zahlreiche schöne Beispiele.
Rund um den Dom Sankt Stephan
Das imposanteste Bauwerk der Altstadt ist zweifelsohne der Dom Sankt Stephan. Der Kathedralbau sticht schon durch seine exponierte Lage auf dem höchsten Punkt der Halbinsel aus dem umgebenden Haus- und Dächerwald hervor. Bereits in spätrömischer Zeit befand sich an dieser Stelle eine christliche Kirche. Als Passau Bischofssitz wurde, entstand hier ein Dombau, der später mehrfach erneuert und erweitert wurde. Der letzte Ausbau im spätgotischen Stil fiel dabei ebenso wie der grösste Teil der Altstadt im 17. Jahrhundert dem Feuer zum Opfer.
Der Neubau war ganz dem italienischen Barock verpflichtet, wobei erhalten gebliebene gotische Reste harmonisch in die Architektur mit einbezogen wurden. Man hat den Passauer Dom deshalb auch als „barocken Dom mit gotischer Seele“ bezeichnet. Nach aussen hin zeigt sich Sankt Stephan mit einer typischen barocken Fassade mit zwei Seitentürmen und einem zentralen Kuppelturm in der Mitte. Alle drei Türme tragen Zwiebeldächer als Hauben.
Besonders eindrucksvoll ist der Innenraum. Er gilt als der grossartigste barocke Kirchenraum nördlich der Alpen – nicht nur durch seine Dimensionen, sondern auch dank seiner meisterhaften Stuckarbeiten und Fresken. Das Glanzstück ist aber die Orgel, die sich in barockem Gepränge auf der Westempore erhebt und zu den grössten der Welt gehört. Durch den gewaltigen Innenraum kann sie ihren Klang in herausragender Weise entfalten. Ein Orgelkonzert im Passauer Dom ist ein einzigartiges Erlebnis.
Kirchtürme und stolze Bürgerhäuser
Der dem Kirchenbau vorgelagerte Domplatz eröffnet dem Besucher einen freien Blick auf die Front von Sankt Stephan. Die übrigen Seiten des Platzes werden von ehemaligen Domherren-Häusern gesäumt. Das schönste davon ist zweifelsohne das Lamberg-Palais, das mit seiner reichen Fassade schon den Geist des Rokoko atmet. Unterhalb des Doms schliessen sich die neue bischöfliche Residenz (heute Diözesanmuseum) – ein typisch barocker Repräsentationsbau – und der Residenzplatz an, der von schönen Bürgerhäusern in der typischen Salzach-Bauweise umgeben wird.
Ein weiterer zentraler Ort der Altstadt ist der Rathausplatz. Er wurde an der der Donau zugewandten Seite der Altstadt-Halbinsel unweit der Ilz-Einmündung angelegt. Das hier errichtete Alte Rathaus gehört zu den wenigen Grossbauten Passaus aus vorbarocker Zeit. Es ist im Zeitalter der Spätgotik entstanden. Der markante Rathausturm zeigt sich in venezianischem Stil, ist aber tatsächlich erst im 19. Jahrhundert erbaut worden.
Sakrale Bauten finden sich im und um das Zentrum noch einige – zum Beispiel die wuchtige Jesuitenkirche Sankt Michael, deren Barock deutlich schlichter wirkt als der im Dom, oder die mit prächtigem Altarschmuck ausgestattete Stadtpfarrkirche Sankt Paul. Geradezu bescheiden schmucklos zeigt sich dagegen die alte Abtei Niedernburg, ein Ursprungsort Passaus. Die zahlreichen Kirchen verleihen der Altstadt ihr malerisches vieltürmiges Erscheinungsbild.
Dicke Mauern schützen – die Veste Oberhaus
Die Veste Oberhaus jenseits der Donau auf dem Georgsberg stellte einen starken Kontrapunkt zu den Kirchtürmen und Bürgerhäusern der anderen Flussseite dar. Der fast bedrohliche Eindruck ist kein Zufall. Tatsächlich diente der von mächtigen Mauern geschützte Baukomplex den Fürstbischöfen als sicherer Ort – nicht nur vor äusseren Feinden, sondern auch vor den Bürgern der Stadt, die mit der geistlichen Herrschaft längst nicht immer zufrieden waren. Zweimal überstanden Bischöfe hier Belagerungen ihrer Untertanen erfolgreich. Der Bau der Festung sollte von Anfang an dazu dienen, ihren Herrschaftsanspruch durchzusetzen und zu garantieren. Im Zeitalter der Reformation dienten die Kerker der Burg auch als Gefängnis für ketzerische Täufer.
Die Grundsteinlegung der Veste Oberhaus erfolgte bereits im Jahr 1219, als eine Burganlage rund um die ältere Georgskapelle an diesem Ort errichtet wurde. Im Zeitablauf wurde die Festungsanlage immer wieder erweitert und umgestaltet, so dass schliesslich der heute zu sehende vielschichtige Baukomplex oberhalb von Donau und Ilz entstand. In späteren Jahrhunderten wurde die Festung auch zu einer repräsentativen Residenz ausgebaut, so dass für die Gestaltung nicht nur der Wehrgedanke prägend blieb.
Dennoch diente die Veste Oberhaus sogar noch nach dem Ende des Fürstbistums militärischen Zwecken. Bayern stellte sie Napoleon als Grenzfeste gegen das feindliche Österreich zur Verfügung. Von der Batterie Linde der Festung hat man einen besonders schönen Blick auf die drei Flüsse Donau, Inn und Ilz und kann deren unterschiedliche Färbung gut erkennen.
Passaus Flüsse waren und sind Fluch und Segen zugleich. Der günstigen Position am Zusammenfluss der drei Gewässer verdankt die Stadt ihre Existenz und die malerische Lage. Gleichzeitig ist Passau aber auch mit am häufigsten und stärksten in Deutschland von Hochwassern betroffen. Wenn starke Regenfälle Donau, Inn und Ilz anschwellen lassen, treten die Wassermassen am Zusammenfluss regelmässig über die Ufer. Beim letzten grossen Hochwasser im Juni 2013 erreichte die Donau einen historischen Pegel-Höchststand von fast 12,9 Metern. Normal ist die Hälfte davon.
Die Passauer nehmen es vergleichsweise gelassen. Sie haben seit vielen Generationen gelernt, mit den Überschwemmungen umzugehen. Dafür profitieren sie auch von der Flusslage. Seit etlichen Jahren ist die Stadt ein beliebter Ausgangspunkt für Donau-Flusskreuzfahrten, die in der alten Bischofsstadt starten und bis ins Donau-Delta in Rumänien führen. Sie sorgen neben den Stadtbesuchern für einen florierenden Tourismus und sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.
Eine unbekannte Schönheit – die Ilz
Von den drei Flüssen ist die Ilz ausserhalb der Region sicher am wenigsten bekannt. Sie bildet über weite Strecken ein noch naturnahes und ursprüngliches Flüsschen, das sich durch die niederbayerische Landschaft schlängelt, ehe es in Passau in die Donau mündet. Das Quellgebiet liegt mitten im Nationalpark Bayerischer Wald, wo die drei Quellflüsse Kleine und Grosse Ohe sowie die Mitternacher Ohe entspringen und sich später zur Ilz vereinigen. Grosse Teile des Flusslaufs sind Naturschutzgebiet und verfügen über eine aussergewöhnliche Pflanzen- und Tiervielfalt. Oberhalb von Passau wurde die Ilz aufgestaut und formt hier den Stausee Oberilzmühle, ein beliebtes Naherholungsgebiet mit Badestrand für die Passauer.
Charakteristisch für den Fluss ist das bräunliche, manchmal fast schwarze weiche Wasser, weswegen auch manchmal von der „schwarzen Ilz“ gesprochen wird. Es unterscheidet sich deutlich von den Farben von Donau und Inn.
Das rund 40 Kilometer lange Tal der Ilz ist ein ideales Terrain für Wanderungen. Der Ilztalwanderweg und zahlreiche weitere markierte Strecken führen durch die romantische Flusslandschaft. Das Dreiburgenland mit den drei historischen Burgen Fürstenstein, Englburg und Saldenburg bildet dabei einen besonders reizvollen Abschnitt mit sanftwelligen Hügeln und einer unverfälscht ländlichen Atmosphäre. Ein Ferienaufenthalt im Umfeld der Ilz lässt sich ideal mit einer Städtebesichtigung im nahen Passau kombinieren und verbindet Natur und Kultur in harmonischer Weise. Es lohnt sich, länger in diesem Teil Bayerns zu verweilen.
Oberstes Bild: © Wolfgang Zwanzger – shutterstock.com