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Vom Garten in den Wald
Der Umgang mit pflanzlichen Neuankömmlingen fordert Politik und Gesellschaft. Von den Erfahrungen der Südschweiz können die Kantone auf der Alpennordseite viel lernen.
Das Bundesgesetz, das die Kommunen dazu zwingt, die Anzahl der kalten Betten, also der nur für Touristen errichteten und während des Jahres nur über kurze Zeiträume bewohnten Wohnungen («Zweitwohnungen»), zu begrenzen, ist eine kluge Massnahme. Dadurch wird die zersiedelte Bebauung und die darauf folgende Ausweitung der städtischen Erschliessungsnetze begrenzt. Darüber hinaus wird auch unproduktiven Investitionen Einhalt geboten, die mit Ausnahme von Steuereinnahmen keine Vorteile für die ansässige Bevölkerung generieren. Wenn die Nachfrage nach Tourismus und die entsprechenden Besucherströme konstant bleiben, die im Tessin aus den Regionen nördlich der Alpen kommen, kann man davon ausgehen, dass eine Reduzierung der Ferienwohnungen zum verstärkten Bau von Hotels oder neuen Formen des kollektiven zeitlich begrenzten Wohnens führen wird. Auch die Tendenz von älteren Touristen, sich südlich der Alpen niederzulassen, wird nicht abnehmen.
Die Landschaft des Systems, die der Grund für den regionalen Tourismus ist, bildet auch die grosse potenzielle wirtschaftliche Ressource des Kantons. Claudio Ferrata erläutert sehr deutlich, dass es sich dabei keineswegs um eine natürliche Ressource handelt. Die Landschaft, die wir heute kennen, ist im Laufe der Zeit durch die touristische Nutzung entstanden, die Ferrata als «messa in turismo» bezeichnet, also durch eine langsame, aber tief greifende Umwandlung in Funktion der kulturellen Erwartungen der Besucher. Dieses Phänomens muss man sich im vollen Masse bewusst sein, wenn man eine Politik zur Steuerung dieser Veränderungen vorantreiben will, soweit dafür die kulturellen Ressourcen und die politischen Fähigkeiten vorhanden sind.
In vielen stark touristisch genutzten Gebieten, insbesondere an den Seeufern, ist die ungeordnete Dichte der einzelnen Häuser so hoch, dass der eigentlich zur Nutzung des Gebiets erforderliche Raum nicht mehr vorhanden ist. Judit Solt unterstreicht, dass das Ferienhaus dazu verdammt ist, das Idyll, das seine Daseinsberechtigung darstellt, selbst zu zerstören. Das Haus wird so geplant, dass das gewünschte Panorama gesehen werden kann und alles Unerwünschte ausgeblendet wird. Dazu gehören andere Häuser, Strassen und die Infrastruktureinrichtungen, die die eigentliche Stadt bilden. Wenn die einzelnen Häuser Tausende sind und ihre ungeordnete Dichte so hoch ist, dann wird die Suche nach dem Panorama immer partieller und unbefriedigender, bis hin zu seiner Negierung.
Ein weiterer Aspekt ist die Qualität der Architektur von Ferienhäusern, welche die Redaktion von archi in Heft 1/2015 aus einem besonderen Blickwinkel betrachtet. Wir befassen uns dazu mit Häusern, die von Deutschschweizer Architekten oder von Architekten aus dem Raum nördlich der Alpen geplant wurden.
Das grosse Thema der Beziehung zwischen der Architektur des Bauwerks und der Geografie und der Geschichte des Orts wird von einem zweiten Thema überlagert, dem der Kultur des Architekten, wenn diese an einem Ort entsteht und ausgeübt wird, der eine andere Geografie und Geschichte besitzt. Mit der Immanenz der Geschichte der ganzen Geschichte eines bestimmten Ortes, über die Ludovico Quaroni in einem wertvollen Essay aus dem Jahr 1969 über die römische Architektur spricht, muss man sich auseinandersetzen. Im Fall eines «ausländischen» Architekten wird diese Herausforderung schwieriger.
Luca Ortelli hebt unter den vielen interessanten Beispielen die Casa Malaparte auf Capri von Adalberto Libera hervor, die beim Thema Architektur und Landschaft nie fehlen darf In diesem Zusammenhang interessiert mich das Thema der Beziehung zwischen diesem spezifischen und aussergewöhnlichen Bauwerk und der gesamten Geschichte des Ortes. Mich interessiert der Bezug auf die ausgeschmiegte Treppe, die man erklimmen muss, um die Chiesa dell’Annunziata auf Lipari zu betreten, die eine ähnliche Form aufweist wie jene der Treppe der Casa Malaparte und die in vollem Masse dem kulturellen Universum dieses Teils des Mittelmeers angehört. Weiterhin interessiert mich die Beziehung zwischen der grossen Terrasse und der theatralischen Treppe mit dem ellipsenförmigen, weiss verputzten, gemauerten Windschutz dem einzigen weissen Element des Hauses , der an die Formensprache der rationalistischen Kultur erinnert und unverzichtbar ist, um den Raum zu gliedern und in Richtung Horizont meisterhaft abzuschliessen.
Das 1964 vom Zürcher Alfred Altherr im Centovalli gebaute Haus ist unter den hier veröffentlichten Beispielen das Bauwerk, welches die engste und die poetische Beziehung zur Landschaft und gleichzeitig zur gesamten Geschichte der architektonischen Kultur der Region südlich der Alpen bildet. Diese Beziehung geht nicht nur auf die mutige Entscheidung zurück, die Raumverteilung nach der modernen nordischen Kultur zu interpretieren, sondern auch auf die wichtigen Bezüge zu den Werken des lombardischen Rationalismus, die Bekrönung des Baukörpers und das lange Portal, welches das äussere Band der Terrasse abdeckt und das getrennt von dem dahinterliegenden Baukörper zum charakteristischen, an die Landschaft gerichteten Element wird. Die Casa Cattaneo in Cernobbio hat eine ähnliche Bekrönung wie das Haus von Altherr. Auch viele andere Gebäude des Rationalismus am Comer See und in der Lombardei schliessen in Richtung Himmel mit ähnlichen Portalen ab. Die Moderne zu interpretieren bedeutet, im modus hodiernus zu bauen: intensiv leben und das eigene Zeitalter darstellen.
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