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Zwei Reliquien gibt es im Präsidentenpalast von Mirafl ores, dem neogotischen Zuckerbäckergebäude in Venezuelas Hauptstadt Caracas: In einem Glaskasten, auf roten Samt gebettet, das Schwert des südamerikanischen Nationalhelden Simón Bolívar. Und auf einem Regal die spanische Erstausgabe von Jean-Jacques Rousseaus «Gesellschaftsvertrag». In seinem merkwürdig engen Büro öffnet Präsident Hugo Chávez den Glaskasten und legt mir feierlich das Schwert in die Hand: «La espada de Bolívar» (Bolívars Schwert), sagt er. Dann nimmt er das Buch: «El libro del amigo de Bolívar» (das Buch des Freundes von Bolívar). Bis ins ferne Venezuela wirkt heute die Anziehungskraft des Uhrmacherkindes aus Genf. Am 28. Juni ist Rousseaus 300. Geburtstag. Genf organisiert seit Jahresbeginn Kolloquien, Ausstellungen, Konzerte, Opernabende, Lesungen in der Stadt und im umliegenden Frankreich. Kürzlich kamen sogar zwei «Spiegel»-Redaktoren nach Russin, um mich für eine Titelgeschichte ihrer Illustrierten zu Ehren Rousseaus zu befragen.
REVOLUTIONÄR. Genf hat sich vieles zu verzeihen. Mit 16 Jahren ist der Halbwaise Rousseau seinem bornierten Vormund, Pfarrer Lambercier, entflohen. Er kehrte erst 1754, bereits weltberühmt, nach Genf zurück. Dort wurde er aber wieder verjagt. Und der herrschende Staatsrat liess die beiden Werke «Der Gesellschaftsvertrag» und «Emile oder über die Erziehung» vor dem Rathaus verbrennen. Der libertäre Landstreicher und autodidaktische Grossintellektuelle eilte von Fluchtort zu Fluchtort. Von Paris nach London, von Môtiers, das zum damals preussischen Neuenburg gehörte, ins bernische Hoheitsgebiet, auf die Petersinsel im Bielersee. Er lehnte jede königliche Pension, jede private Hilfe ab und starb bitterarm 1778 in Ermenonville bei Paris. Seine Weigerung, königliche Hilfe anzunehmen, drückt aus, dass er eine naturgegebene Macht des Adels bekämpfte. Im «Gesellschaftsvertrag» begründet er Herrschaft vielmehr mit dem «allgemeinen Willen» und dem «Gemeinwohl». Es dient allen, weil alle willens sind, ihm ihre privaten Interessen unterzuordnen. Das Werk wurde zum Handbuch der französischen Revolutionäre. Diese brachten Rousseaus Leichnam 1793 in das Pariser Pantheon. An seinem neuen Grab fand Karl Marx im Februar 1848 die Inspiration für seine Theorie des Klassenkampfes. Es gibt ein unlösbares Rätsel Rousseaus. Im «Emile» steht der revolutionäre Satz, der die moderne Pädagogik begründet: «Das Kind gehört weder seiner Familie noch der Gesellschaft, sondern einer zukünftigen Freiheit.» Freiheit, Unabhängigkeit, Solidarität – die Grundpfeiler der Philosophie Rousseaus. Bis heute übt er mit seinem Glauben an Gott, die Demokratie und die Souveränität der Völker einen wohltätigen Einfluss aus. Er war ein Genie.
RABENVATER. Er war gleichzeitig ein Scheusal. Mit der Wäscherin Thérèse Levasseur zeugte er fünf Kinder. Gegen den Widerstand der verzweifelten Mutter verstiess er eines nach dem anderen und überliess sie dem Waisenhaus von Paris. Im 18. Jahrhundert bedeutete das für die meisten Kinder ein Todesurteil. Ein tragisches Mysterium: Ein Mensch kann Scheusal und Genie zugleich sein. Der Beweis: Jean-Jacques Rousseau.
Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein jüngstes Buch, «Der Hass auf den Westen», erschien auf deutsch im Herbst 2009.
work, 24.05.2012
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