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Im ersten Teil dieses Artikels ging es um Aussagen von Bundesrat Alain Berset und des Bundesamts für Gesundheit (BAG): Es lasse sich eine Hospitalisation wegen Covid-19 verhindern, indem man 50 Personen impfe. Indem 150 Personen geimpft würden, liesse sich eine Belegung auf der Intensivstation vermeiden, behaupteten Berset und das BAG. Wie das BAG zu dieser Berechnung kam, legte es nicht offen. Professor Gerd Antes, der ehemalige Leiter von Cochrane Deutschland, kritisierte die Angaben des BAG als «grob irreführend» und «mehr als wissenschaftlich unseriös». Leicht verständlich lässt sich der Nutzen der Impfung mit einfachen natürlichen Häufigkeiten vermitteln, also zum Beispiel mit der Angabe, wie viele von 10’000 Personen mit oder ohne Impfung erkranken.
Wie beziffert man den Nutzen der Covid-19-Impfung? Zum Beispiel, indem man angibt, sie habe eine Wirksamkeit von etwa 95 Prozent, wie dies von den Herstellern der mRNA-Impfstoffe gemacht wurde. Wer den Nutzen betonen möchte, wird diese Angabe wählen, weil sie beeindruckend klingt.
Doch diese Angabe wird leicht falsch interpretiert. Selbst in der Fachzeitschrift «The Lancet Infectious Diseases» dachte der Autor eines Leitartikels, dass 95 Prozent der Geimpften vor einer Erkrankung an Covid-19 geschützt seien – ein Trugschluss, dem auch andere aufgesessen sind.
Deshalb sind sich Fachleute einig, dass nebst einer solchen relativen Angabe immer auch die absoluten Zahlen genannt werden sollten, um den Nutzen verständlich darzustellen.
Der relative Nutzen allein sagt wenig aus
In der grossen Pfizer/Biontech-Impfstudie beispielsweise hatten in den ersten zwei Monaten 162 von fast 22’000 ungeimpften Personen einen positiven Sars-CoV-2-Test, verglichen mit 8 von fast 22’000 geimpften Personen. 8 statt 162 ergibt die von der Pharmafirma angegebene Wirksamkeit von 95 Prozent. Die gleiche hohe Wirksamkeit von 95 Prozent würde aber auch ausgewiesen, wenn 162 und 8 von jeweils einer Million Ungeimpfter und Geimpfter positiv getestet würden. Mit der blossen Angabe eines relativen Nutzens von 95 Prozent kann man also wenig anfangen.
In Prozent umgerechnet, steckten sich in dieser Impfstudie etwa 0,04 Prozent der geimpften Versuchspersonen an, verglichen mit rund 0,74 Prozent der Ungeimpften. Das ergibt einen Unterschied von zirka 0,7 Prozent (0,74 minus 0,04).
Die Impfung verhinderte in zwei Monaten also die Ansteckung bei rund 0,7 Prozent der Geimpften. Mit dieser Angabe der sogenannten «absoluten Risikoreduktion» (ARR) wird der Nutzen realistisch und verständlich kommuniziert. Die alleinige Angabe der «absoluten Risikoreduktion» befeuert diejenigen, die die Impfung als unnötig darstellen möchten.
Fachzeitschriften ignorieren ihre eigenen Regeln
In den «Consort-Regeln» haben sich medizinische Fachzeitschriften verpflichtet, nie allein den relativen Nutzen (hier rund 95 Prozent) anzugeben, sondern immer auch den Nutzen in absoluten Zahlen. So können sich Fachleute ein besseres Bild machen. Eingängig ist für Fachleute auch die Angabe der NNV, also die Angabe, wieviele Personen geimpft werden müssen, damit eine Person einen bestimmten Nutzen davon hat.
All diese Werte haben der emeritierte Professor Howard Waitzkin und sein Kollege Andrew Larkin für mehrere Impfstudien ausgerechnet. Waitzkin ist Arzt und unterrichtete bis zu seiner Pensionierung als Professor für Medizinsoziologe an der University of New Mexico Studierende unter anderem in «evidenz-basierter Medizin». Seit Juli 2021 versuchen Waitzkin und Larkin ihre Analyse bei einer medizinischen Fachzeitschrift zu veröffentlichen – bisher ohne Erfolg.
Auch viele Medien verschliessen sich bewährten Methoden
«Die frühere Forderung, neben der relativen Risikominderung auch die absolute Risikominderung anzugeben, wurde während der Corona-Pandemie sowohl von der US-Arzneimittelbehörde FDA, als auch von der WHO, der US-Gesundheitsbehörde CDC, von allen grossen Fachzeitschriften und den vorherrschenden Medien fallen gelassen. Die Mainstream-Fachzeitschriften scheinen zumindest momentan auch nicht daran interessiert zu sein, das zu ändern», so Waitzkin. «Wir fragen uns, warum sich all diese Medien nun den bewährten und traditionellen Methoden der kritischen Bewertung von Impfstoffen verschliessen.»
Waitzkin und Larkin sind mit ihrer Forderung nicht allein. Auch andere Wissenschaftler betonten, wie wichtig es sei, immer auch die absolute Wirksamkeit der Impfstoffe anzugeben.
Berner Studie zur Wirksamkeit der Impfung
Anfang Dezember veröffentlichten Wissenschaftler am Berner Institut für Sozial- und Präventivmedizin, darunter auch der Epidemiologe Christian Althaus, eine Studie, in der sie die Wirksamkeit der Covid-19-Impfung untersucht haben. Das Risiko, wegen Covid-19 in ein Schweizer Spital zu kommen, war demnach für nicht oder nicht vollständig geimpfte Personen durchschnittlich 12,5-mal höher, verglichen mit zweimal Geimpften. Dieser Faktor wurde beeinflusst vom Alter, vom Abstand zwischen Impfung und Infektion und vom Monat. Die Studie ist noch nicht begutachtet worden. Sie bezog sich auf den Zeitraum vom 1. Juli bis zum 1. Dezember 2021. Die Berner Wissenschaftler, von denen die meisten auch für das BAG arbeiten, machen ausschliesslich Angaben zum relativen Unterschied. Dieser hängt nicht davon ab, ob gerade viele oder wenige Menschen infiziert sind. Die absolute Risikosenkung und die NNV haben die Wissenschaftler nicht berechnet. Anhand der Angaben in ihrer Studie ist es für die Leserinnen und Leser auch nicht möglich, beides selbst auszurechnen.
Zur Berechnung der Nebenwirkungen fehlen die nötigen Angaben
Was normalerweise ebenfalls zur guten Berichterstattung gehört, ist die absolute Häufigkeit von Nebenwirkungen, die als «number needed to harm» (NNH) bezeichnet wird. Sie gibt an, unter wie vielen geimpften Menschen einer eine Komplikation durch die Impfung erleidet.
Doch sie wird in den etlichen wichtigen Studien nicht genannt. Eine grosse, viel beachtete israelische Studie beispielsweise untersuchte zwar die Wirksamkeit der mRNA-Impfung, nicht aber die Impfkomplikationen. Waitzkin und sein Kollege versuchten, die NNH anhand der in Impfstudien angegebenen Informationen zu errechnen. Doch das war nur teilweise möglich, weil wesentliche Angaben fehlten.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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