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Der Schulunterricht gestaltete sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eher unstrukturiert.
Turnen und Kadetten
Auch ausserhalb der Schulstuben nahmen die Schüler rege an Aktivitäten teil, die oft eng mit der Schule verbunden waren. So erfreuten sich die Kadettenkorps im Kanton Aargau grosser Beliebtheit und wurden sogar zum Pflichtfach für die männlichen Bezirksschüler. Im Laufe der Zeit entstand parallel zum Kadettenunterricht der Turnunterricht, der ersteren nach und nach verdrängte.
Kadettenkorps
Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wurden in verschiedenen Schweizer Städten Kadettenkorps nach französischem Vorbild gegründet. Neben der patriotischen Gesinnung hatten sie zum Ziel, Knaben zwischen ca. 10 und 15 Jahren auf den Militärdienst vorzubereiten und gleichzeitig einen Beitrag zur körperlichen Betätigung der männlichen Jugend zu leisten. Neben militärischen Übungen und Manövern traten die Kadetten bei Festen in feierlichen, bunten Paraden auf, wobei auch das Selbstbewusstsein der Knaben gestärkt werden sollte.
Das Aarauer Kadettenkorps bestand seit 1789 und war somit das älteste im Kanton Aargau. Für die männlichen Bezirksschüler herrschte hier im Gegensatz zu anderen Kantonen ein Kadettenobligatorium. Im Laufe des 20. Jahrhunderts löste jedoch der Turn- und Sport-
unterricht die Kadettenübungen nach und nach ab, obwohl er anfänglich als Vorbereitung auf den Waffenunterricht gedacht war (Schulgesetz von 1865). Mit dem Bundesgesetz über Turnen und Sport von 1972 löste der Kanton Aargau seine Kadettenkorps schliesslich auf.
Literatur
Wälty, Peter J., Lasst uns mit den Waffen scherzen! Militärische Jugenderziehung als nationalpädagogisches Konzept des aufgeklärten Patriotismus der Eidgenossenschaft. Betrachtet am Beispiel des Aarauer Kadettenkorps während der Jahre 1789 bis 1853. Unveröff. Lizentiatsarbeit Universität Zürich 1995.
Zschokke, Rolf. 150 Jahre Aarauer Kadetten, 1789-1939. Aarau 1939.
Schmidt, G.. Beiträge zur Geschichte des Kadettenkorps Aarau. Aarau 1889.
Schulbücher
Der Schulunterricht gestaltete sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eher unstrukturiert. Dies betraf auch das Unterrichtsmaterial. Kantonsübergreifende Schulbücher im heutigen Sinn gab es nicht, oft verfassten Lehrern selbst ein Lehrmittel für den täglichen Unterricht. Man arbeitete zudem mit biblischen Texten, dem Katechismus und teilweise schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit ABC-Büchern.
Der tägliche Unterricht
Der tägliche Unterricht bildete den Rahmen des Schüleralltags. Schon vor der Schaffung des heutigen Aargaus war das 1799 von Pfarrer Johann Adam Imhof erarbeitete ABC-Buch für Leseanfänger als einziges Lehrmittel vorgesehen, um Lesen zu lernen. Gleichwohl verwendeten viele Gemeinden noch lange Lehrmittel aus der Zeit vor der Kantonsgründung. Sie sparten so die Kosten für die Buchanschaffung. Es gab aber auch inhaltliche Bedenken gegen das neue Werk. Die alten Büchlein bestanden aus Bibelzitaten und Gebeten, während Imhof zusätzlich auch aufklärerische Begriffe und Abschnitte aus der Pestalozzi-Schrift "Lienhard und Gertrud" einbaute. Zusätzlich enthielt sein Buch ein Kapitel über die Grundlagen des Rechnens.
Für die fortgeschritteneren Schüler kam - je nach Konfession ein reformierter oder katholischer - Katechismus zur Anwendung. Wer es noch weiter brachte, durfte in der Kinderbibel lesen. Daneben machten die Schullehrer auch einfache Rechenübungen und sangen mit der Klasse Kirchenlieder.
Der Schlendrian fand mit dem Schulgesetz von 1835 ein Ende. Dem weitverbreiteten Schuleschwänzen wurde der Kampf angesagt. Die 1837 und 1841 von Seminardirektor Augustin Keller verfassten "Lehr- und Lesebüchlein für die unteren Klassen der aargauischen Gemeindschulen" und "Das Lehr- und Lesebuch für die mittleren und oberen Klassen der aargauischen Gemeindeschulen" wurden als obligatorisch erklärt. Während das Buch für die Leseanfänger sich auf Buchstaben- und Silbenlesen konzentrierte, aber auch bereits einfache Erzählungen enthielt, finden sich im Buch für die Fortgeschrittenen auch Syntax und Grammatik, sowie Erd- und Naturkunde. Dazu kamen Erzählungen, Gedichte und Reime. Die fehlenden Gebete mussten später vom Kantonsschulrat nachgeliefert werden.
Im gleichen Zeitraum wurden nach und nach auch Karten, Sammlungen und Geräte zum Anschauungsunterricht angeschafft. Auch hier spielte Augustin Keller eine massgebliche Rolle.
Literatur
Imhof, Johann Adam. ABC-Buch für Kinder. Aarau 1799.
Keller, Augustin, Lehr- und Lesebüchlein für die unteren Klassen der Aargauischen Gemeindeschulen, vom Kleinen Rathe bestimmt. Sarmensdorf 1837.
Fuchs, Matthias. "Dies Buch ist mein Acker". Der Kanton Aargau und seine Volksschullesebücher im 19. Jahrhundert. Aarau 2001.
Geselligkeit
Schülerverbindungen spielten oft eine wichtige Rolle im Leben der Schüler und förderten Kameradschaften bis weit über die Schul- und Ausbildungszeit hinaus. Die "Libertas" des Lehrerseminars Wettingen, deren Depot sich im Staatsarchiv befindet, ist ein schönes Beispiel für die Aktivitäten einer solchen Verbindung.
Geselligkeit: Libertas Wettingen
Ausserhalb des Unterrichts schlossen sich Schüler und Studenten zu Verbindungen zusammen. Als prominentes Beispiel soll hier die Schülerverbindung "Libertas" des ehemaligen Lehrerseminars Wettingen genannt werden. Sie wurde 1929 als Abstinentenverbindung ins Leben gerufen und formulierten ihre Ziele mit der Pflege von Literatur, Musik, Kunst, Sport, Naturwissenschaften, Geschichte und nicht zuletzt Kameradschaft und Geselligkeit. Wanderungen und Lager gehörten ebenso zum Programm der Libertaner wie Diskussionen und Vorträge.
Einen Einblick in Aktivitäten der Libertaner geben das Tagebuch der Fuchsen (1938-39), Gedichte aus der humoristischen Zeitung "Süssmostpresse" der Libertas (1942) und eine Erinnerung an die Libertanerzeit in den 1930er Jahren.
Die Aktivitas der Verbindung wurde 1980 aufgehoben, während der 1950 gegründete Altherrenverband bis heute fortbesteht.
Literatur
Mühlemann, Hans et al., Chronik der Libertas Wettingen, 1929-1979. 30 Jahre Verein ehemaliger Libertaner, 1950-1980 (Festschrift). Brugg 1979.
Disziplin
Disziplinarverfahren aus dem 19 Jahrhundert zeigen auf, dass auch die damaligen Schüler Vorschriften missachteten und Straftaten begingen, was oft harte Bestrafung nach sich zog. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass Schuleschwänzen und Herumstreunen oft mit bitterer Armut verbunden waren, deren Bekämpfung für die Sittengerichte und die Schulpflegen ein grosses Problem darstellte.
Disziplinarfälle
Sträfliches Handeln von Schülern fiel von 1798 bis 1835 in die Kompetenz der Sittengerichte. Später waren die Schulpflege und der Gemeinderat verantwortlich für Disziplinarfälle. Darunter fielen nicht nur Diebstähle, unsittliches Handeln und Schuleschwänzen, sondern auch unerlaubte Wirtshausbesuche. Das Schwänzen der Schule wurde nicht selten von den Eltern selbst motiviert, da diese nicht auf die Arbeitskraft der Kinder verzichten konnten. Oft war Armut Triebfeder, die Kinder zuhause zu behalten und in die tägliche Arbeit einzubinden. Die Sittengerichte und die Schulpflege versuchten, durch harte Bestrafung der Kinder und Eltern gegen diese Umstände anzukämpfen.
Die folgenden Beispiele aus verschiedenen Gemeinden zeigen einerseits Vergehen und
die getroffenen Massnahmen aus dem 19. Jahrhundert, andererseits auch Vorschläge, mit welchen dem sittlichen Verfall der Gesellschaft entgegen gewirkt werden sollte.
Schulreisen
Schulreisen stellten eine willkommene Abwechslung zum alltäglichen Unterricht dar und wurden auch von den Lehrern begrüsst. Daneben war auch der Besuch des Fotografen für die Klassenfotos etwas besonderes. Zahlreiche Bilder aus dem 19. und 20. Jahrhundert geben Einblicke in diese nicht alltäglichen Ereignisse, die die Routine des Schulalltags durchbrachen.
"Lustreisen"
Schon im 19. Jahrhundert organisierten die Volksschulen für ihre Schüler sogenannte Lustreisen zu bekannten Schweizer Orten. Beliebte Ziele waren der Vierwaldstättersee, das Bündnerland oder das Tessin. Schulreisen sollten gleichzeitig ein Ansporn und eine Belohnung für Fleiss und gutes Betragen sein. Für die damaligen Kinder war es nicht selten das erste Mal, dass sie in einen anderen Kanton reisen durften und fremde Städte oder Regionen kennenlernten. Man besuchte Museen, Denkmäler und Kirchen, machte Spaziergänge oder Wanderungen. Die Schulreisen wurden dementsprechend mit viel Spannung und Freude erwartet. Die Durchführung einer solchen Reise bedurfte allerdings viel Vorbereitung, finanzieller Mittel und vor allem auch der Erlaubnis durch die Schulpflege oder den Gemeinderat.
Schulreisen an der Alten Kantonsschule 1886-1915
Neben den Berichten sind Fotos anschauliche Zeitzeugen von Schulreisen aus dieser Zeit. Im Bestand der Alten Kantonsschule Aarau finden sich solche Bilder aus der Zeit zwischen 1890 und 1940.