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|aus: Informationsblatt Nr. 1/1990

"Keine Philosophie der Welt kann das grosse Fragen der Menschheit so wirksam beantworten wie Theosophie ... Theosophie ist die Essenz aller Philosophien, wie sie die Essenz aller Religionen ist. Sie befriedigt den Intellekt, ist logisch, wissenschaftlich und klar und schleicht sich in die Herzen mit ihrer Botschaft der Brüderlichkeit und des Mitleids ein wie der köstliche Duft einer Blume, wie der zarte Hauch der Mutterliebe." Mit diesem Wort (zit. in "Informationsblatt über Theosophie in Deutschland", April-Juni 1989) beschreiben Anhänger der Theosophie deren Wesen und ihre Fähigkeit zur Ausbreitung. Die Theosophische Gesellschaft in der Schweiz (Adyar) registriert allerdings einen Rückgang von 7 Logen im Jahre 1985 auf 3 Logen im Jahre 1989. In der BRD ist die Theosophische Bewegung in mindestens ein halbes Dutzend Richtungen mit einer nicht sehr grossen Mitgliederzahl aufgespalten. 1975 haben die verschiedenen Gesellschaften gemeinsam an der Hundertjahrfeier der Theosophischen Bewegung teilgenommen. 1988 trafen sich Theosophen verschiedener Richtung in Würzburg, um des vor 100 Jahren erschienenen Hauptwerkes von Helena Petrowna Blavatsky (1831-1891), der Gründerin der Theosophie, zu gedenken. Das Buch erschien unter dem Titel "Die Geheimlehre" mit dem Untertitel "Die Synthese von Wissenschaft, Religion und Philosophie" (2 Bd. mit über 1500 Seiten).
Die Mitgliederzahlen von theosophischen Organisationen vermitteln indessen nur ein unvollständiges Bild von der Theosophie heute. Ein Verzeichnis theosophischer Literatur in deutscher Sprache aus dem Jahre 1988 füllt immerhin 16 Seiten. Es enthält die verschiedenen Werke von H.P. Blavatsky, zahlreiche Bücher ihrer Nachfolgerin Annie Besant (1847-1933) und vieler weiterer Autoren. Theosophische Anschauungen haben in unterschiedlicher Akzentuierung in zahlreiche weitere religiöse Vereinigungen Eingang gefunden. Wie H.-J. Ruppert von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Stuttgart festhält, gehört die Theosophie als Überlieferin westlicher okkulter und östlicher religiöser Anschauungen zu den wichtigsten Vorläufern der New Age-Bewegung (H.-J. Ruppert, New Age-Endzeit oder Wendezeit? 1985). Theosophische Gedanken, auch in der Version von Alice Ann Bailey (1880-1949), tauchen denn auch in den verschiedensten New Age-Lehren auf.
Nach den Aussagen von H.P. Blavatsky führt die Theosophie zu einer neuen Gotteserkenntnis. Als Quellen dienen ein direktes Gott-Schauen sowie östliche religiöse Anschauungen. Zu den grundlegenden Ideen der Theosophie, an denen unbedingt festzuhalten ist, gehört die "Einheit allen Seins". Theosophen haben die Unterscheidung von Gott (Schöpfer) und Schöpfung aufgegeben. Mensch und Natur und Göttliches sind ihrem Wesen nach eins (vgl. "Theosophie heute", 1988/2, S.51). Der Weg zur Verwirklichung dieser Einheit, d.h. der Weg aus der Materie in die Vergeistigung, ist allerdings lang. Er erstreckt sich über eine Reihe von Leben. Die Theosophen rechnen mit sich wiederholenden Reinkarnationen.
Was Theosophen als "christlichen" Glauben ausgeben, hat mit dem biblischen Evangelium von Jesus Christus nur mehr wenig zu tun. Der Theosoph F. Knollmann meint in seinem Aufsatz "Das Christentum in neuer Sicht" (o.J.): "Die Grundlagen des wahren Christentums beruhen nicht auf historischen Begebenheiten, auch nicht auf schriftlichen Überlieferungen, sondern sie liegen einzig in den Urgründen des Menschenwesens. Christus wohnt im Menschen; in ihm ist er 'gekreuzigt' und 'begraben' unter der Macht der Selbstsucht und Unwissenheit. In ihm will er zur 'Auferstehung', d.h. zur Selbsterkenntnis seines wahren Wesens gelangen." Christlicher Glaube kann, will er sich selber nicht untreu werden, diese Sicht nicht nachvollziehen. Er weiss auch um die innere Verbindung mit Christus; aber es handelt sich nicht um einen Christus aus den "Urgründen des Menschwesens", sondern um Jesus Christus, wie er gelebt und gelitten hat und am dritten Tag auferstanden ist.