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Augusto, unser Fahrer, benötigt für die 400 Kilometer von Curitiba nach Joaçaba sechs Stunden.
Mit Elan und Energie, sein Redefluss passt sich der Dauer und dem Tempo der Reise an, transportiert er meine Geliebte, unseren jüngeren Sohn, mich und unser Gepäck zu meiner Schwiegermutter.
Autofahren in Brasilien erfordert enorm viel Aufmerksamkeit und Geduld.
Viele Strassenabschnitte erstrecken sich bis zum Horizont, scheinen an Blähungen zu leiden, wölben sich und fallen dann ab.
Fehlende Berge vermitteln mir immer wieder das Gefühl, mich im unendlichen Raum zu bewegen.
Rassig überholt Augsto unzählige, 25 Meter lange Lastwagen, welche sich mit anderen Transportfahrzeugen duellieren.
Bei einem Lastwagen vor uns explodiert mit lautem Knall ein Pneu. Gekonnt weicht unser Fahrer den durch die Luft wirbelnden Gummiteilen aus.
Curitiba ist die Hauptstadt des Bundesstaates Paranà, welcher ca. fünfmal grösser als die Schweiz ist. Von den etwa 11 Millionen EinwohnerInnen leben fast 3 Millionen im Grossraum Curitiba auf über 900 Metern über dem Meer.
Als ich meine Geliebte 1987 in die Schweiz entführte, lebten ca. 500 bis 700 Tausend Menschen in dieser Region, welche ursprünglich von Portugiesen erschlossen und dann von polnischen, italienischen, deutschen, japanischen und syrischen ImmigrantInnen geprägt wurde.
Während Augusto durch das spärlich besiedelte Paranà rast, referiert er lautstark über die Gefahr der Drohnen, mit welchen die Polizei Rasenden nachstellt.
Er kennt jeden Busch, hinter welchem eine Radarkamera aufgestellt ist.
In einer Lanchonete lädt uns unser Filius zum Mittagessen ein.
Für 33 Reais, ca. Fr. 5.50, können wir à Diskretion aus verschiedenen Salaten, Gemüsen, Teigwaren, Reis, schwarzen Bohnen mit oder ohne Fleisch, Geflügel, gebratenem und grillierten Fleisch auswählen.
Wer gerne isst, wähnt sich in Brasilien im Paradies.
Immer wieder führt uns unsere Fahrt durch Schneisen, welche in den Atlantischen Regenwalds geschlagen wurden.
Ich stelle mir Schlangen, Jaguare und Affen vor, welche auf Ästen der Baumriesen ruhen und nicht verstehen, wieso die Menschen unter ihnen so hetzen.
Ein Grossteil des Atlantischen Regenwalds wurde in den letzten Jahrhunderten vernichtet.
Heute stehen die Überbleibsel dieses einzigartigen und fantastischen Naturparadieses unter Naturschutz.
Gigantische Aufforstungen sollen jetzt den Hunger nach Holz in diesem Teil Brasiliens stillen.
Wo keine Bäume stehen, machen sich Ackerflächen breit, grasen Kühe auf Weiden.
Etliche Grossgrundbesitzer in dieser Region kontrollieren ihren Besitz vom Flugzeug aus.
Als wir uns Joaçaba nähern, erinnert mich die Landschaft wieder an die hügelige Toskana in Italien.
Der Wohnort meiner Schwiegermutter liegt im Bundesstaat Santa Catarina, einer der kleineren brasilianischen Bundesstaaten, lediglich zweimal grösser als die Eidgenossenschaft.
Emotionen und eine schwül drückende Hitze empfangen uns. „Obrigado, lieber Augusto, gib Acht auf dich auf der Rückfahrt“.
Joaçaba, 7. März 2022
Erfrischende Lektüre, danke vielmals.
Tut gut neben den ewigen Ukraine-Kriegs-News.
Häbs schön.
Lieben Gruss
Beat