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Eines Tages sitzt Peter Bichsel im Frühstücksraum des Hotels und sagt: «Das Ei ist zu weich. Ich habe schon gedacht, dass es zu weich ist: Die Eier sind immer zu weich, wenn man sie für den Film isst.»
Wir befinden uns in der zweiten Hälfte des Dokumentarfilms «Zimmer 202» von Eric Bergkraut. Als Zuschauer haben wir gesehen, wie Bichsel vom Französischen Bahnhof in Basel zum Gare de l’Est in Paris gefahren ist. Er hat dort ein reserviertes Hotelzimmer im Bahnhofsgebäude bezogen und dieses nur verlassen, um auf dem Vorplatz zu rauchen, auf einer Bank zu sitzen oder an der Rue d’Alsace, zwanzig Meter jenseits des Bahnhofzauns, immer dasselbe Bistro aufzusuchen. Bichsel war zuvor noch nie in Paris. Die Stadt scheint ihn nicht zu interessieren. Warum ist er denn hier? Nach zwei Tagen oder dreissig Filmminuten spaziert er mit dem Kamerateam ein erstes Mal rund um das Bahnhofsareal herum.
Und natürlich haben wir Bichsel erzählen gesehen. Wir haben Ausschnitte aus seinen Texten gehört – gelesen von Kollegin Ruth Schweikert –, man hat uns Rückblenden sowie aktuelle Aufnahmen aus der Schweiz gezeigt: Bilder des jungen Autors und Lehrers in den sechziger Jahren. Ausschnitte aus einem Fernsehfilm über sein erstes Buch (1964). Ein Gespräch mit dem Germanistikprofessor Peter von Matt in einem Uni-Hörsaal, in dem Bichsel – in Wahrheit ein weit gereister Mensch – zu erklären versucht, dass die Hauptfiguren seiner Bücher leider nur funktionieren, wenn sie auch in Solothurn leben könnten.
Zu Beginn sahen wir den Autor auf einer Sesselbahn über Bäume schweben und danach – zusammen mit dem Kollegen Peter Weber – als Schwingfestbesucher auf einer sehr nebligen Alp. Wir waren sogar in Bichsels Einfamilienhaus zu Gast, wo er sich sonst nie fotografieren lässt und wo er jeden Morgen als Erstes ein Menü kocht. Bichsel sass auf dem Wohnzimmersofa, fast wie für eine Homestory jener Zeitschrift, die seine Kolumnen publiziert. Ins Büchergestell hinter seinem Kopf hatte er demonstrativ, aber doch nur für Leserinnen und Leser sichtbar, die neue Werkausgabe des lange Zeit vergessenen Berner Schriftstellerkollegen Carl Albert Loosli platziert.
Trotzdem ein schöner Satz
Am 24. März wird Peter Bichsel 75 Jahre alt. Das ist sehr traurig, denn mit 75 ist das Ende eines Lebens und Werks absehbar. In Eric Bergkrauts Film sagt Peter Bichsel, er hoffe, dass die verbleibende Zeit möglichst langweilig werde und nicht etwa schnell vergehe. Bichsel-Leser würde es vielleicht nicht so stören, wenn ihm die Zeit wie im Flug verginge, weil er so beschäftigt wäre mit dem Verfassen neuer Texte. «Ich hatte ohnehin immer Angst, dass ich mir mit meiner Schreiberei das Leben verpfusche», sagt Bichsel: «Ich möchte selber jemand sein. Nicht einfach jemand sein, weil ich Schriftsteller bin.»
Allerdings: Den ganz privaten Peter Bichsel, falls dieser sich vom öffentlichen stark unterscheidet, lernen wir auch in Bergkrauts Geburtstagsfilm nicht kennen. Dazu ist der Protagonist einfach viel zu erfahren im Umgang mit Medien. Er kennt seine Wirkung, er beherrscht sie, er sagt vermutlich nichts, was er nicht sagen möchte. In seinen stets hochdeutsch geführten Interviews spricht er stets ganze Sätze; scheinbar spontane Assoziationen sind bei ihm Teil von ausgefeilten Gedanken, und selbst aus Banalitäten wie einem zu schnell gekochten Frühstücksei wird – in neuem Zusammenhang – eine überraschende Miniatur.
Peter Bichsel sei der «einzige populäre Schweizer Intellektuelle», heisst es in den Unterlagen zu Bergkrauts Film. Das stimmt wohl nicht, aber es ist trotzdem ein schöner Satz. Bichsel hat vor vielen Jahren in einer Kolumne einen Stammtischfreund über Max Frisch reden lassen, um zu zeigen, dass die Popularität eines Intellektuellen manchmal weniger mit seinen Inhalten zu tun hat als mit seinem Gestus – mit der Art beispielsweise, wie dieser gegenüber Mächtigen auftritt. Bichsel selber tritt seit Jahrzehnten als Beizengänger und linker Rotweintrinker auf, er trägt immer dieselben Kleider, die ein wenig an eine zünftische Zimmermannstracht erinnern, sodass ihn schickere Leute, etwa im Zürcher Kulturbetrieb, gerne für zurückgeblieben halten (im Schweizer Fernsehen wird er so parodiert).
Ein Autor erzählt sich selbst
An diesem Image ist Peter Bichsel selber schuld, und wer darauf hereinfällt, ist kein Bichsel-Leser. Peter von Matt sagt in Bergkrauts Film über Bichsels scheinbar einfache Geschichten: «In Wahrheit sind das hochkünstlerische Werke, durchgearbeitet bis ins Letzte. Also das hat etwas von der Feinarbeit der besten Uhrmacher in jener Gegend. Es sind hintergründige Kunstwerke, wobei das Geschehen oder das, was erzählt wird, nur ein Teil ist eines Textes, der immer gleichzeitig darüber nachdenkt: Kann ich denn überhaupt noch eine Geschichte erzählen heute?»
Und was, wenn auch das Auftreten Bichsels, die Zimmermannskluft, die zur Schau getragene Jura-Südfuss-Identität, die nasale Sprache (ein Geburtsfehler, wie man erfährt, den er als Kind nicht operieren lassen wollte), die grosse runde altmodische Brille, der Rotwein und die Zigaretten einfach Teil einer Verkleidung wären, einer Erzählung, die er nicht aufschreibt, sondern lebt?
In Wahrheit, sagt Peter von Matt, seien Bichsels Geschichten «auf dem höchsten Niveau des modernen Erzählens». Die grosse Gefahr für einen Schweizer Schriftsteller sei jedoch, dass man glaube, ihn zu kennen, ihn deshalb für «einen glatten Siech» halte und vor lauter populärer Kumpanei gar nicht bemerke, welche «radikale Kunst» er schaffe.
Jardin du Luxembourg
Peter Bichsel ist also nach Paris gefahren. Seit dem Buch «Zur Stadt Paris» (1993) hatte er gelegentlich erklärt, dass er noch nie dort gewesen sei und nie hinfahren werde. Das tönte etwas kurlig und provinziell, vielleicht auch rätselhaft und provokativ. Bergkraut gelang es, den Schriftsteller dennoch hinzulocken – angeblich mit der Tour de France, die Bichsel jedes Jahr im Fernsehen sieht und deren letzte Etappe traditionellerweise die Champs-Elysées hinaufführt. Doch die letzte Etappe der Tour hat Bichsel auch in Paris im Fernsehen angeschaut: Er ist die ganze Zeit im Hotel geblieben, fünf Tage im Zimmer 202 im Gare de l’Est, hat geredet und geredet (er wurde ja gefragt), hat wunderbare Sätze formuliert über die Liebe und die Ehe, Kunst und das Leben, über seine Kindheit, seine verstorbene Frau, über 1968 und über den Sozialismus, dem er weiterhin anhängt – bis er eines Morgens doch noch aufgebrochen ist, in den Jardin du Luxembourg, um das Karussell dort zu sehen, von dem er seit jeher wusste.
Da stand er nun, vor dem hölzernen Reitschulpferd, das bei Rilke vorkommt, und sagte mit Rührung: «Das ist ein beschriebenes Pferd. Ich kenne es aus der Literatur.» «Ich brauche Paris eigentlich nicht, aber dieses Pferd schon.» «Und dann und wann ein weisser Elefant», sagte er, Rilke zitierend: «Nur den Gare de l’Est, den liebe ich in Realität inzwischen.»
«Zimmer 202». Schweiz 2010. Regie: Eric Bergkraut. Mit Musik von Sophie Hunger. Ab 25. März in Deutschschweizer Kinos.