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Die Gebärdensprache ist für viele gehörlose Menschen die Muttersprache und der Schlüssel zur Verständigung. Gehörlose sind visuelle Menschen – sie «hören» mit den Augen. Die Gebärdensprache ist eine visuell-manuelle Sprache. Zur Gebärdensprache gehören die Hände, die Arme, die Körperhaltung, das Lippenbild und die Mimik. Gebärdet wird in einem sogenannten «Gebärdenraum» vor dem Körper. Dort bilden die Gebärden Vergangenheit und Zukunft ab und beschreiben Personen und Ereignisse. Wer gebärdet, baut ein Sprachbild auf.
Ein kurzer Film des Fingershops zeigt am Beispiel: «Die Katze springt auf den Tisch», wie dies in Gebärdensprache umgesetzt wird.
Die Gebärdensprachen drücken visuell alles aus, was gesprochene Sprachen ausdrücken können. Je nachdem, in welchem Umfeld Gehörlose aufwachsen, sind sie ausschliesslich Lautsprachnutzer beziehungsweise mehr oder weniger starke Gebärdensprachnutzer. Wer die Gebärdensprache schon als Kind im familiären Umfeld kennen lernt, entwickelt ein stärkeres Sprachbewusstsein und findet auch leichter Zugang zur gesprochenen Sprache.
Eine natürliche Sprache mit eigener Grammatik
Die Gebärdensprache ist eine natürliche Sprache. Sie entwickelt sich in einer Sprachgemeinschaft, genau wie die gesprochene Sprache. Darum gibt es auf der Welt auch viele verschiedene Gebärdensprachen. Die Gebärdensprache hat ihren eigenen Wortschatz, ihre eigene Grammatik, sie kann abstrakte Begriffe, Gefühle und auch Poesie darstellen. Kurz, die Lautsprache und die Gebärdensprache unterscheiden sich darin, dass die eine mit phonischen Lauten und die andere mit dem körperlichen Ausdruck operiert. In der Schweiz werden drei Gebärdensprachen benutzt: Deutschschweizerische Gebärdensprache (DSGS), Französische Gebärdensprache (LSF-CH) und Italienische Gebärdensprache (LIS-CH). Die Deutschschweizerische Gebärdensprache unterscheidet sich von der Deutschen Gebärdensprache und kennt fünf regionale Dialekte: Zürich, Bern, Basel, Luzern und St. Gallen. Die Gebärdensprachgemeinschaft in der Schweiz umfasst mindestens 20'000 Personen, nicht mitgerechnet sind hörende Familienmitglieder, welche die Gebärdensprache als Zweitsprache nutzen.
Zum Verständnis untereinander benutzen Gebärdende verschiedener Nationen häufig American Sign Language (ASL) oder International Signs, künstliche Gebärden, die als «Verkehrssprache» erfunden wurden – ähnlich wie die gesprochene Sprache Esperanto. Die verschiedenen Gebärdensprachen unterscheiden sich jedoch weniger voneinander als die verschiedenen Lautsprachen. Gebärdende Gehörlose können sich deshalb einfacher über Sprachgrenzen hinweg verständigen.
Das praktische und unterrichtstaugliche Handbuch «Glossierung der Deutschschweizerischen Gebärdensprache» richtet sich vor allem an Fachleute, welche Gebärdensprache unterrichten oder bilingualen Sprachunterricht erteilen. Es ist ebenfalls für interessierte Gebärdensprachbenützer gedacht, welche wissen wollen, wie die Glossierung funktioniert. Das Handbuch kann im Internet kostenlos heruntergeladen werden.
Dieses interaktive Lexikon des Schweizerischen Gehörlosenbundes funktioniert als elektronisches Wörterbuch in Gebärden- und Schriftsprache. Die Gebärden und ihre Bedeutungen sind mittels Text in der jeweiligen Schriftsprache und mit gebärdensprachlichem Video dargestellt.
www.signsuisse.sgb-fss.ch
Das Fingeralphabet ist eine Ergänzung zur eigentlichen Gebärdensprache. Es kommt dann zum Einsatz, wenn für Begriffe keine Gebärden existieren, vor allem bei Namen und Fremdwörtern. Diese werden dann mit dem Fingeralphabet buchstabiert.
Ein Hilfsmittel für die lautsprachliche Kommunikation ist das lautsprachbegleitende Gebärden (LBG). Beim lautsprachbegleitenden Gebärden wird jedes lautsprachlich gesprochene Wort mit Gebärden aus der Gebärdensprache illustriert. Dazu wurden für Wörter der deutschen Sprache Gebärden aus der deutschen Gebärdensprache übernommen oder neue Gebärden erfunden. Zusätzlich kommen weitere Zeichen zur Anwendung, die die grammatikalischen Eigenheiten der Lautsprache deutlich machen, beispielsweise Zeichen für Hilfsverben, Artikel etc. LBG ist somit keine eigenständige Sprache, sondern ein Hilfsmittel zur Visualisierung der Lautsprache. Diese künstlich entstandene Kommunikationsmethode soll Gehörlosen helfen, die deutsche Lautsprache besser zu erlernen. Bei der freien Kommunikation unter sich benutzen Gehörlose nie LBG, sondern die Gebärdensprache.
Ergänzte Lautsprache (ELS) – auch Cued Speech genannt – ist ein Kodiersystem, das das Lippenlesen unterstützt. Das System ist einfach: Sämtliche Vokale und Konsonanten werden abgebildet, und zwar mittels einer Kombination aus drei Dingen: dem Lippenbild, der Handform und dem Ort, wo die Handform realisiert wird. Konkret ergeben acht verschiedene Handformen in Kombination mit dem Lippenbild den korrekten Konsonanten, Vokale werden angezeigt durch eine von fünf Stellen rund um den Mund, wo die Handformen zur Ausführung kommen. Ein PDF des Vereins Ergänzte Lautsprache VELS informiert darüber, was ELS ist.
www.edls.ch und www.vels.ch.
Bei mehrfachbehinderten Kindern unterstützen verständliche und leistbare Gebärden die Kommunikation. Grundlage ist das Buch «Wenn mir die Worte fehlen» von Anita Portmann. Es umfasst eine Begriffs- und Gebärdensammlung für Menschen mit einer geistigen Behinderung, die sich mit Hilfe der Lautsprache nicht oder nur ungenügend verständigen können. Das Handbuch mit der dazugehörigen DVD basiert auf der über 30-jährigen Erfahrung der Autorin. Mit der Sammlung von mehr als 800 Begriffen wird es möglich, sich trotz den kommunikativen Einschränkungen im Wesentlichen zu verständigen. Die Sammlung ist auch als App erhältlich.
Der Verein zur Förderung der Gebärdensprache bei Kindern setzt sich dafür ein, dass Kinder mit Hörbehinderung einen Zugang zur Gebärdensprache erhalten. Um aber die Gebärdensprache nutzen zu können, ist es notwendig, dass auch Hörende einen Zugang zu dieser Sprache erhalten und das notwendige Wissen über den Sinn und Zweck der Gebärdensprache zugänglich ist.
www.gebaerden-sprache.ch
Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher übersetzen von Schweizerdeutsch oder Hochdeutsch in die Deutschschweizer Gebärdensprache (DSGS) und umgekehrt. Sie kommen dort zum Einsatz, wo Gehörlose auf Hörende treffen. Die Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik HfH in Zürich bietet als einzige Schweizer Hochschule einen Bachelor-Studiengang Gebärdendolmetschen an. Die sechs-semestrige Ausbildung befähigt zum Dolmetschen zwischen Menschen mit Hörbehinderung auf der einen und hörenden Menschen auf der anderen Seite – und zwar in unterschiedlichen Kommunikationssituationen. Das Studium Gebärdensprachdolmetschen ist wissenschaftlich aufgebaut und dennoch praxisnah. Vermittelt werden Kenntnisse in angewandten Sprach- und Translationswissenschaften sowie in Soziologie und Interkulturalität. Theoretisches Wissen wird mit praktischen Erfahrungen verknüpft und reflektiert. Neben Praktika in unterschiedlichen Settings ist der Ausbau der eigenen Dolmetsch-Kompetenz ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung. Ein Film der HfH informiert über den Bachelor Gebärdensprachdolmetschen.
www.hfh.ch
Die Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik bietet seit 2016 eine Ausbildung zur Fachperson Gebärdensprache (FAGS/AGSA) an. Die Teilnehmenden der Ausbildung werden befähigt, Gebärdensprachkurse für Erwachsene selbständig durchführen zu können. Sie erwerben die Grundlagen der Linguistik und Soziologie der Deutschschweizer Gebärdensprache (DSGS) und vertiefen ihre Kenntnisse über die Kultur der Gehörlose. Weiter lernen sie den Umgang mit heterogenen Gruppen und festigen ihre Fähigkeiten im Umgang mit erwachsenen Ausbildungsteilnehmenden. Die Ausbildung richtet sich an gehörlose, schwerhörige und hörende Menschen, die Interesse an der Gebärdensprache und an der Kultur gehörloser Menschen zeigen. Die Studierenden erwerben Kompetenzen im Entwerfen von Vorlagen für Planung, Durchführung und Erarbeitung des Unterrichts und der Evaluation. Sie sind in der Lage, komplexe Prozesse von Lerngruppen zu erkennen, zu reflektieren, adäquat zu intervenieren und Lernende in ihrem konkreten Bildungs- und Lernprozess zu unterstützen. Nicht zuletzt soll die FAGS (AGSA) auch den Gehörlosen selbst eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung in ihrer Sprache und Kultur ermöglichen. Weitere Informationen zur FAGS-Ausbildung im PDF.
Der SGB-FSS bietet die Möglichkeit an, als Gasthörer an der Ausbildung zur Fachperson Gebärdensprache (FAGS) teilzunehmen. Zielgruppe sind Gebärdensprachbenutzende bzw. Fachpersonen, die im Gehörlosenwesen arbeiten. Angeboten werden einzelne Module aus der regulären Ausbildung. Für diese Weiterbildung ist die Deutschschweizerische Gebärdensprache (DSGS) die Unterrichtsprache. In bestimmten Fällen kann ein Gebärdensprachdolmetschender zur Verfügung gestellt werden – wenn die Lehrkraft keine DSGS-Kenntnisse hat. Ansonsten wird während des Unterrichts in DSGS kommuniziert; das bedeutet, dass auch Gastteilnehmende bzw. Fachpersonen hohe Gebärdensprachkompetenz haben sollen, um dem Unterrichtsinhalt folgen zu können. Mehr Informationen dazu unter www.sgb-fss.ch.
Der Verlag Fingershop wurde 2005 von Marina Ribeaud, gehörlos, und Patrick Lautenschlager, hörend, gegründet. Das Ziel war und ist noch immer, Bücher zu verlegen, welche Gebärdensprache und Gehörlosigkeit thematisieren. Bis zur Erscheinung des ersten Buches «Das Gebärdensuchbuch» gab es noch keinerlei Bücher, welche Kindern diese Sprache vermitteln. Heute umfasst das Sortiment des Verlags Bücher, Spiele und anderes für gehörlose Kinder. Von Büchern für den ersten Spracherwerb über Kinderbücher bis hin zu Büchern für den Einstieg in die Gebärdensprache finden Sie hier alle notwendigen Büchern, Spiele und Lernhilfen.
www.fingershop.ch