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Peter Hagmann, Neue Zürcher Zeitung (11.05.2010)
«Der ferne Klang» von Franz Schreker als aufregende Premiere am Opernhaus Zürich
Damals, in den Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg, war Franz Schreker in aller Munde. Hatte er Aufsehen erregt mit dem «Fernen Klang», seiner ersten abendfüllenden Oper, und zog er dann nach mit vielerorts aufgeführten Stücken wie den «Gezeichneten» und dem «Schatzgräber». Bald war er ein gemachter Mann, zumal er 1920 zum Direktor der Hochschule für Musik in Berlin berufen worden war. In den zwanziger Jahren erlahmte dann freilich das Interesse an seiner fiebernden Klangsinnlichkeit, und als die Nazis an die Macht kamen, war Schreker bald aus Amt und Würden entfernt.
Sänger-Darsteller
Später, in den Jahren vor und nach der Wende von 1989, kam Franz Schreker ein zweites Mal breite Aufmerksamkeit zu. Nach einer als sensationell empfundenen Aufführung der «Gezeichneten» an der von Michael Gielen geleiteten Oper Frankfurt 1979 kam es zu einer recht eigentlichen Schreker-Renaissance, erst an kleineren Bühnen wie Bielefeld und St. Gallen, dann auch an grösseren Häusern. Das Opernhaus Zürich schloss sich der Bewegung 1992 mit einer radikal zusammengestrichenen, das Werk entstellenden Produktion der «Gezeichneten» an. Seither gab es in Zürich viel von Verdi und weniger von Schreker, nämlich gar nichts mehr. Und ist es um den Komponisten überhaupt wieder ruhig geworden.
Jetzt aber: «Der ferne Klang» – in einer Produktion, mit der die Zürcher Oper nach Massen punkten kann. Wie in vielen, ja eigentlich allen Stücken Schrekers geht es da um den Künstler zum einen, zum anderen um die Beziehung zwischen Imagination und Realität. Fritz ist ein Komponist, der rastlos und egoman nach einem Klang sucht, Grete eine junge Frau mit wenig Zukunft, die sich ihm hingeben möchte, aber um der Kunst willen verlassen wird. Sie gerät auf die schiefe Bahn, überlebt jedoch; er kommt zu Ansehen und Geld, wenn auch nicht zu seinem Klang. Am Ende scheitert Fritz mit seinem Werk, findet dafür Grete wieder – und stirbt, wie es sich für eine Oper gehört.
Zwei Lebenswege, zwei Geschichten der Vergeblichkeit: Der Regisseur Jens-Daniel Herzog und der Ausstatter Mathis Neidhardt nehmen das beim Wort. Das Geschehen ist auf der Lebensuhr der Drehbühne angeordnet und zieht sich durch fünf Räume vom Anfang zu einem Ende, das wieder an den Anfang anschliesst. Gewiss entstammt das von Schreker selbst geschriebene Textbuch seiner Lebenswelt, doch haben das Sujet wie auch seine psychologisch feinsinnige Durchführung so viel Überzeitliches an sich, dass die Verlegung in die Gegenwart legitim wirkt. Fritzens Aufbruch erfolgt denn in einem schäbigen Zimmer der fünfziger Jahre, der Mittelakt spielt zwei Jahrzehnte später in einem Etablissement der gehobenen Klasse, während der Künstler und seine verhinderte Muse am Ende in einem anonymen, leeren Raum der Jetztzeit wieder aufeinandertreffen.
Was Kostümbildnerei und Maske hier leisten, ist an sich schon ein Wunderwerk. Seine Erfüllung findet es darin, dass sich die beiden Protagonisten von Herzog, einem Mann des Schauspiels, zu einer Ausformung ihrer Partien haben motivieren lassen, die weit über das Opernmässige hinausgeht. Als Fritz gibt Roberto Saccà nicht nur seinem glänzenden Tenor Raum, er lässt auch den noch unsicheren Jüngling, den arrivierten Mann und schliesslich den gebrochenen Alten sehen. Nicht weniger eindrücklich die Grete von Juliane Banse, die vom Mädchen über die Edelnutte zur alten Frau wird – und sich ihrer Aufgabe in jeder Hinsicht voll überlässt. Dass Herzog zu naturalistischer Darstellung neigt, entspricht dem Werk in hohem Mass, bringt dem Abend aber auch Momente erschütternder Wirkung. Dies nicht zuletzt dank der uneingeschränkten Mitwirkung des Chors (Leitung: Ernst Raffelsberger) und des riesigen, aber durchwegs von Individuen bevölkerten Ensembles mit Irène Friedli und Stefania Kaluza, Valeriy Murga und Oliver Widmer in prägenden Auftritten.
Klangrausch
Da kann es einem bisweilen schon recht kalt werden. Und das trotz oder besser: dank einer musikalischen Auslegung, die in hohem Mass auf Klang und Farbe setzt. Am Pult Ingo Metzmacher, der das Werk 1988 als noch ganz junger Dirigent für Brüssel erarbeitet hat und schon damals erkennen liess, über wie viel Affinität er zu Schrekers Handschrift verfügt. Im Musikalischen bietet die Drehbühne allerdings Knacknüsse. Oft ist sie stark belegt, was den kleinen Raum der Zürcher Oper noch zusätzlich verengt. Das nimmt der Musik die Weite, die sie benötigt (und die sie 1991, zum Ende der Ära Drese, an der Wiener Staatsoper erhalten hat). Und bedrängt die Stimmen, wie der im Lyrischen verankerten Juliane Banse bisweilen anzuhören war. Aber Metzmacher weiss die Schnitte und die Überblendungen, die schimmernden Flächen und die scharfen Linien mit einzigartiger Sensibilität in ein Ganzes einzubinden. Und da ihm das Orchester der Oper Zürich keinen Wunsch schuldig bleibt, stellt sich hier ein Klang ein, der intensives Strahlen verbreitet und noch lange nachhallt.