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Puccini, La Rondine- Opernhaus Zürich
Der Flug der Schwalbe
Das Opernhaus Zürich präsentiert in einer Schweizer Erstaufführung Puccinis «La Rondine. Das eher unbekannte, weil selten gespielte Werk, bietet akustische und optische Feinheiten, die einen Besuch in jedem Fall wert sind. Für die Umsetzung sorgt die Zusammenarbeit eines spezialisierten Teams unter der Regie von Christof Loy und der musikalischen Leitung von Marco Armiliato. Die schwierig zu singenden Hauptrollen wurden durch Ermoneta Jaha, Sandra Jamaouri, Benjamin Bernheim und Vladimir Stoyanov mit Herz und Seele ausgefüllt. Aber auch die Chorpassagen konnten sich durchaus hören lassen.
Gioiello-Das Juwel
Giacomo Puccini ist, als letzter Grossmeister der italienischen Oper, bekannt für seine vertonten Liebesgeschichten. Die eine bezaubernder als die andere, umkreisen sie bis heute als ewige Ohrwürmer die Welt. Allen voran «La Bohème» und «Tosca», aber auch «Manon Lescaut», «Madama Butterfly» und «Turandot», um nur die bekanntesten zu nennen. Die Entscheidung, eine eher selten aufgeführte Oper des Komponisten herauszubringen, war für das Opernhaus Zürich eine echte Herausforderung. Besonders was die Besetzung der schwer zu singenden Partien betrifft. Da es von «La Rondine» keine endgültige Fassung gibt, schien für die Produktion die ursprüngliche Fassung von 1917 am schlüssigsten.
Durch die luftig-beschwingte Erscheinung mag die, als «Commedia lirica» betitelte Komposition, einigen Ohren wie eine Operette erklingen. Aber, auch wenn manche Sequenzen einen ironisch-zynischen Ton anschlagen mögen, war es dem Komponisten ein Anliegen, das operettenhafte des Librettos, durch seine Partitur mit melodischen Wendungen ohne vollständige Kadenzen und einem vorwärtstreibenden Konversationsstil mit ariosen Inseln, zu veredeln.
Sein «Juwel» wie er es nannte, löste zu seiner Zeit Verwirrung darüber aus, in welchen Musikstil es sich einfügen würde. Er war sich aber sicher, dass die Nachwelt deren Wert erkennen würde. Uraufgeführt wurde die "La Rondine" 1917 im politisch neutralen Monaco. Damit entging Puccini nicht nur dem Wettstreit zwischen Oper und Operette, sondern auch dem nationalistischen, der den ersten Weltkrieg entfachte.
Das Geld kostet viel
Die Liebesgeschichte des Librettos spielt in Paris. Wie der Titel «La Rondine» (Die Schwalbe) andeutet, geht es um eine Kurtisane. Unter der damals patriarchischen Gesellschaftsordnung, in der die Frauen auf die eine oder andere Art einer materiellen Abhängigkeit ausgeliefert waren, hatten sie kaum Optionen, Karriere zu machen. Deshalb gleicht das Los der Protagonistin dem gewählten Schicksal vieler prominenter Frauenfiguren der damaligen Kunst.
Als Waisenkind bei ihrer Tante aufgewachsen, trifft Magda als Siebzehnjährige im Café Bullier auf einen jungen Studenten. Vor sich selbst erschrocken, flieht sie vor den eigenen Gefühlen und trifft erst viele Jahre später wieder auf den jungen Provinzler Ruggero. In der Zwischenzeit musste Magda das Leben in weniger romantischen Zügen erfahren. Sie verkauft Schönheit und Körper, wird von einem zum nächsten Herren weitergereicht, bis sie schliesslich zur Kurtisane des Bankiers Rambaldo wird, der ihr ein Leben in Luxus ermöglicht. Doch macht das Geld allein bekanntlich nicht glücklich und ein Mäzen sei selten ein Adonis. Deshalb kann Magda den jungen Studenten aus dem Café nicht vergessen. Sie sehnt sich im innersten nach der romantischen Liebe, die sie nie erfahren durfte und die zutiefst schmerzliche Leere ihres Herzens ausfüllen soll. Wie eine Schwalbe wagt sie die Reise zum Licht, muss sich aber desillusioniert zurücksegeln, weil sie ihr bisheriges Leben und das was es aus ihr gemacht hat, nicht einfach abstreifen kann.
Pure Emotion
Mit der albanischen Sopranistin Ermonela Jaho und dem französischen Tenor Benjamin Bernheim fand die Produktion zwei hochspezialisierte Interpreten für die Hauptrollen.
Um die Emotionen auf das Publikum übertragen, müsse man selbst den Schmerz kennen, meint Bernheim an der Matinee vor der Premiere. Und sie war spürbar, die Emotion, besonders in den Arien des Liebespaares und im Ausdruck aller Fragilitäten, die das Werk anzubieten hat. Auch wenn die Übergänge in die Pianissimo-Höhen bei Jaho farblich nicht gänzlich homogen verschmelzen. Diese wurden zeitweise vom Orchester nahezu komplett geschluckt. Auffallend homogen fliessen hingegen die beiden Stimmfarben Jahos und Bernheims ineinander und lassen keinerlei Zweifel an der tiefen Verbundenheit aufkommen.
In nichts nachgestanden sind in ihrer stimmlichen Performance Sandra Hamaoui als Lisette und Vladimir Stoyanov als Rambaldo, wie auch alle Solistinnen und Solisten in den Nebenrollen.
Bemerkenswert auch die saubere Phrasierung und voluminöse Gestalt der wunderbaren Chorpassagen des Werkes, die unter der Einstudierung von von Ernst Raffelsberger ebenfalls breite Zustimmung findet.
Gefällig und stimmig auch die Ausstattung von Etienne Plüss und Barbara Drosihn, die in proustscher Lebensart mit dem "Gebäude der Erinnerung" einen noblen und gleichzeitig zartfühlenden Rahmen samt Kostümierung bietet. Ohne ausfälliges Drumherum auch die Inszenierung von Christof Loy, die sich im Wesentlichen auf die Seelenzustände konzentriert und den Stimmführungen den Fokus auf angenehme Weise überlässt.
Jedenfalls auf der ganzen Line eine gelungene Produktion, die an der Premiere einen vollbesetzten und tobenden Saal hinterlässt, auch beim aussergewöhnlich hohen Anteil an jungem Publikum.
Vorstellungen noch bis zum 28. Oktober 2023
Infos und Tickets
Carmela Maggi
18. September 2023