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Unser Freund Farrar
Von Paul Montandon.
Einer der treusten Freunde unseres Landes und unserer Gebirgswelt ist dahingegangen. Captain John Percy Farrar starb am 18. Februar dieses Jahres im Alter von 71 Jahren, nach einem Krankenlager von mehreren Wochen an den Folgen eines Schlagflusses. Der Tod des körperlich noch ungewöhnlich kräftigen und elastischen Mannes war für seine Freunde eine schmerzliche Überraschung. Er war Ehrenmitglied unseres Vereins, ebenso der französischen und italienischen Alpenklubs, des Akademischen Alpenklubs Bern und anderer alpiner Genossenschaften. Die « Times » vom 22. Februar veröffentlichte über ihn einen sachkundigen Artikel, welchen wir, übersetzt und mit kleinen Ergänzungen versehen, hier zunächst wiedergeben:
« Farrar war ein Meister des Bergsteigens und ein Mann, der in der alpinen Literatur eine bedeutende Stellung erreicht hatte. Dem Bergsport ergab er sich seit 1881 bis zu seinem Tode fast ohne Unterbruch. Die Anzahl seiner Besteigungen ist eine enorme. Sein Ruf war zu allen denen gedrungen in England wie auf dem Kontinent, die sich für den Alpinismus interessieren, und die Zahl seiner Freunde im In- und Ausland war eine sehr grosse.
In der alpinen Literatur trat er sogleich hervor, als er 1909 an der Seite G. Yelds Mitredaktor des Alpine Journal wurde.Von 1919 an war er einziger Schriftleiter und blieb es bis 1926. Zuerst Vizepräsident, waltete er von 1917 bis 1919 als Präsident des englischen Alpenklubs. Seine anziehende Persönlichkeit und seine unermüdliche Energie und Schaffenskraft als Redaktor bewirkten, dass er in sehr kurzer Zeit mit den meisten hervorragenden Bergsteigern und Führern Europas und anderer Erdteile bekannt wurde. Seine Kenntnis des Französischen und Deutschen kamen ihm hierbei zustatten. Die Folge war, dass das Alpine Journal ein ausserordentlich gut informiertes alpines Fachblatt wurde. Farrars Kenntnis der europäischen Bergwelt war eine unerreichte. Auch war er immerfort bereit, der jüngeren Generation mit Hilfe und Rat beizustehen. Sie wird ihn sehr vermissen.
Captain Farrar war ein Bruder des am 19. Mai 1915 in Südwestafrika an Wunden verstorbenen Obersten Sir George Farrar, Baronet, sowie Teilhaber der Firma Farrar Brothers, South African Merchants in London. Er betätigte sich seinerzeit am südafrikanischen Krieg, wo er die Victoria Medaille und das D.S.O. ( distinguished Service order ) erhielt. Im Jahre 1900 wurde er schwer verwundet. Sein einziger Sohn, Captain J. H. Farrar, fiel am 9. Mai 1915 in Auber-Fromelles im Alter von 27 Jahren. » So weit die«Times ». Wir können hier beifügen, dass es Farrar und seiner Frau nach Friedensschluss, trotz langen Nachforschungen auf dem Kriegsschauplatz, nicht gelang, die letzte Ruhestätte ihres Sohnes ausfindig zu machen.
Farrar war ein Bergsteiger grossen Stiles. Seinem starken Temperament entsprach es, dass er sich am liebsten an schwierigen und schwierigsten Problemen mass. Er hat wohl sämtliche nennenswerten Hochturen in den Alpen, auch die grössten und längsten, ausgeführt. Statt langer Aufzählungen, die mangels eines Verzeichnisses doch nicht vollständig wären, mögen hier nur einige der bemerkenswertesten herausgegriffen sein: so die zweite Besteigung des Mont Blanc über die Aiguille Blanche und den Peutereygrat in einem heulenden Sturm « wie von tausend Wölfen », mit Daniel und B. Maquignaz; die Mont Blanc-Brenva Route im Harteis, mit D. Maquignaz und Chr. Klucker; die Südwand des Bietschhorns, mit D. Maquignaz; die riesige Westwand des Weisshorns, mit dem Führer Joh. Grill genannt Köderbacher, zweite Begehung, mit Biwak; den Südostgrat des Finsteraarhorns; beinahe alle Gipfel des Monte Rosa in einem Tage; das Nordend von Macugnaga auf neuem Wege; das Lauitor, Ebnefluhjoch, Schmadri-und Grossjoch ( neu ), noch in den letzten Jahren; wenigstens fünf Besteigungen des Matterhorns ( inklusive der Galerie Carrel, letzte Überschreitung des Berges noch 1920 ); alle bedeutenden Chamonix Aiguilles; den Watzmann über die Ostwand, mit Köderbacher usf. Von den grossartig wilden Gipfeln der Dauphiné bis zu den Ostalpen ist ihm wohl kein irgendwie bedeutender Gipfel, keine interessante Route unbekannt geblieben. Jede Art bergsteigerischer Schwierigkeit hatte Reiz für ihn. So hat er z.B. auch die sehr steilen Grasgipfel der Höfats im Allgäu aufgesucht, wobei er zum erstenmal Steigeisen verwendete. Später, in den Eisstufen des Ebnefluhjoches, liess er sie am Rucksack hängen, denn « er sei zu alt, um in Eisstufen auszugleiten !» Doch mit dem allem erschöpfte sich die Bedeutung dieses aussergewöhnlichen Bergsteigers keineswegs. Zum Unterschied der Nur-Kletterer interessierten Farrar auch die Ersteigungsgeschichte der grossen Berge, der Lebenslauf und die Taten der alten Pioniere und der Naturforscher, die charakteristischen Eigenschaften der guten Führer alten und neuen Schlages usw. Er stöberte eine ganze Anzahl alter Führerbücher auf und gab deren Wichtigstes mit Porträts wieder. So wie er über seinen lieben und grossen Daniel Maquignaz, den « unübertroffenen » Köderbacher, Ulrich Lauener und mehrere Walliser Führer schrieb, so hatte er auch versprochen, Chr. Kluckers, des « old gentleman », Nachruf für das Alpine Journal zu verfassen. Es ist sehr zu bedauern, dass Krankheit ihn wahrscheinlich an der Ausführung dieses Vorhabens verhindert hat.
Seine Studien im Alpine Journal über die verschiedenen Mont Blanc-Wege, über die Gletscherpässe südlich von Lauterbrunnen, über die Nord-und Ostseite des Monte Rosa, über Hudson und das Matterhornunglück von 1865, über Hugi und die erste Finsteraarhornbesteigung, über die Süd- und die Ostseite des Bietschhorns, über die Mount Everest-Expeditionen sowie über viele der frühesten englischen Bergsteiger sind Beweise seiner grossen Belesenheit, seines historischen Sinnes und seiner genauen Kenntnis der alpinen Besteigungsgeschichte. Sie sind getragen von einer unerreichten Ortskenntnis und einer erstklassigen Beherrschung der alpinen Technik. Als Schriftleiter des Alpine Journal veröffentlichte er zum ersten Male eine Menge Bilder und biographische Notizen über jene verstorbenen Pioniere und Führer und sicherte ihr Andenken. Sein Stil hat Mark und Saft — ohne Phrasen — es ist ein Genuss, seine Arbeiten zu lesen. In jedem Wort fühlt man die Autorität.
Farrar hatte Verständnis und warme Anerkennung für jede tapfere Tat, welche unsere jungen Stürmer in den Bergen vollführten — nicht bloss für diejenigen seiner Landsleute — und auch für die weniger auffallenden ihrer älteren Kollegen. Manch junger und alter Schweizer Bergsteiger hat eine Reihe von Briefen von ihm erhalten. Er war frei von Chauvinismus. Deswegen hatte er auch Verehrer und Freunde auf dem ganzen Kontinent, bei Alten und Jungen. Er war stets bestrebt, das Band zwischen englischen und unsern schweizerischen Bergsteigern enger zu knüpfen.
Seine Bergfahrten unternahm er in der Regel in Begleitung erstklassiger Führer, war übrigens ein unabhängiger, vorzüglicher Gänger. Er erzählte selber, zwanzig Jahre nach seiner grossen Peuterey-Fahrt von 1893, dass er und seine zwei Führer damals « lean and fit » gewesen seien « wie Wolfs-hunde ». Sein alpines Glaubensbekenntnis spricht er u.a. mit den Worten aus: « Jede Besteigung, die ich noch nicht gemacht habe, ist für mich eine erste Besteigung. » Und ferner: « Es scheint mir manchmal, dass der höchste Genuss nicht in der Besteigung selber liegt, sondern eher in dem auf sie folgenden verfeinerten Gedenken an das Erlebte. Die Erinnerung ist dann befreit von der Beschwerung durch Anstrengung und Entbehrung. Jene tiefste Befriedigung tritt erst dann ein, wenn die Strenge der Tat sich in die Ruhe des Vollführten aufgelöst hat. » Seine letzte grössere Bergfahrt war, wenn wir nicht irren, der Bifertenstock im Sommer 1928. Ein Gipfel in Kanada und eine Spitze in der Mont Blanc-Gruppe sind nach ihm benannt.
Farrar war aktives Mitglied des Mount Everest-Organisationsausschusses und vertrat den englischen Alpenklub als dessen Präsident unter anderem 1920 am alpinen Kongress in Monaco. Er hat, ausser 1911 in Kanada, keine aussereuropäischen Expeditionen unternommen. Hingegen führten ihn seine Geschäfte öfters nach Südafrika. Von seiner letzten Reise nach dem Kap kehrte er nordwärts quer durch ganz Afrika zurück, an den grossen Seen vorbei ins Niltal und nach Kairo, eine heisse Reise, wie er berichtete.
Der Verfasser dieser Notiz traf Farrar zum erstenmal im Jahr 1904 am Fuss der Dent du Géant. Mit den zwei Maquignaz kam er von der Cabane des Jorasses her über alle Gräte. Wegen eines Augendefektes war sein Anblick im ersten Momente kein unbedingt einnehmender. Unsere Gesellschaft sprach eine Zeitlang mit ihm, dann lief er zwischen seinen zwei Führern über die Felshänge hinab in einem Tempo, zu dem wir Führerlose grosse Augen machten und um welches wir ihn beneideten.
Rev. Coolidge in Grindelwald, diese hochgelehrte, stets kampflustige alpine Autorität, sprach einst mir gegenüber von einer gewissen « alpinen Bande » ( a gang ), in welcher damals auch Farrar begriffen war, gegen den er Grund zu klagen zu haben glaubte. Die anderen zwei Mitglieder der « Ver-brechergesellschaft » darf ich nicht nennen, da sie noch leben. Es war für uns amüsant zu lesen, mit welch gutmütiger Nachsicht, gemischt mit Humor und aller gebührenden Hochachtung für seinen zeitweiligen Gegner Farrar jeweils von dem « grossen Weisen » in Grindelwald sprach. Dank Farrar liess die Versöhnung nicht lange auf sich warten.
Ich hatte Farrar in der Folge, als er an der Spitze des Alpine Club stand, eine grosse Ehrung zu verdanken. Aber noch lieber als diese bleibt mir als Andenken an ihn der Schluss eines seiner letzten Briefe, in welchem er von dem fast Gleichaltrigen mit den Worten Abschied nimmt: « Well, take care of yourself my boy », Ausdruck einer ihm innewohnenden Herzlichkeit, welche dieser starken und durchaus nicht sentimentalen Persönlichkeit alle Herzen öffnete.
Er wird uns fehlen.
Anmerkung: An weiteren von Farrar ausgeführten bemerkenswerten Turen können wir noch beifügen den Nordgrat des Wetterhorns ( neu ), den Mönch über den Nollen ( im Aufstieg und Abstieg ), die Ebnefluh über den Nordgrat ( neu ), die Ostwand des Schreckhorns im Abstieg, den Col des Hirondelles usf. Einem unserer unternehmendsten und sympatischsten jungen Bergsteiger schrieb er das bedeutungsvolle Wort: « Remember, ultimately this is the best man who comes through »: Denken Sie daran, schliesslich ist derjenige der beste Mann, welcher durchkommt.
Obige Notizen können nicht Anspruch auf Vollständigkeit und unbedingte Korrektheit erheben. Die Mainummer des Alpine Journal wird durch Farrars Kollegen einen kompetenten Nachruf bringen.