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sich aber, als Napoleon dem italienischen Kabinett Anzeige von der bevorstehenden Räumung des Kirchenstaats durch seine Truppen machte, noch bereit finden, auf die Septemberkonvention von 1864 zurückzukommen und die Integrität des päpstlichen Besitzes anzuerkennen. Aber die Katastrophe von Sedan [* 2] änderte die gesamte europäische Lage. Die italienische Regierung war außer stande, dem einmütigen Ruf der Nation nach Roms Besitz längern Widerstand zu leisten. Am richtete der Minister des Äußern ein Rundschreiben an seine Vertreter bei den fremden Mächten, worin er ihnen mitteilte, daß die italienische Regierung die für die gemeinsame Sicherheit des Papstes und Italiens [* 3] notwendigen Punkte des römischen Gebiets besetzen werde, daß sie aber nach wie vor bereit sei, sich mit den Mächten über die Sicherung der geistlichen Unabhängigkeit des Papstes zu verständigen.
Gleichzeitig rückten die italienischen Truppen in den Kirchenstaat ein. Nur zum Schein, und um die äußere Gewalt konstatieren zu können, befahl der Papst, Rom [* 4] zu verteidigen. Erst nachdem Bresche geschossen war, zog die Armee Viktor Emanuels 20. Sept. in das jubelnde Rom ein. Der Vatikan [* 5] blieb dem Papst zu ausschließlichem Besitz. Ein schon früher an den Papst gerichtetes Schreiben Viktor Emanuels blieb ebenso ohne Wirkung wie die spätern Schritte der Regierung, eine Versöhnung herbeizuführen. In der Encyklika vom 1. Nov. exkommunizierte Pius IX. alle Urheber und Teilnehmer der Besetzung Roms; aber das Dekret des Königs vom 8. Okt., welches die Einverleibung Roms aussprach, blieb nichtsdestoweniger unangefochten. Die 2. Okt. vorhergegangene Volksabstimmung hatte das Resultat, daß unter 167,000 Wählern 135,600 ihre Stimmen abgaben und 134,000 mit Ja und 1507 mit Nein stimmten.
Kurz vorher hatte der Papst das vatikanische Konzil vertagt, welches die Unfehlbarkeit seiner Entscheidungen über Glauben und Sitte dekretiert hatte. Nach dieser maßlosen Selbstüberhebung erfolgte der jähe Sturz und der Zusammenbruch der weltlichen Macht des Papsttums. Obwohl nun eine Verständigung zwischen der päpstlichen Kurie und I. nicht möglich war, bemühte sich die Regierung doch, der katholischen Welt den Beweis zu liefern, daß das Oberhaupt derselben in Rom ganz unabhängig sei.
Die im Mai 1871 publizierten sogen. Garantiegesetze gewährten dem Papst alle Bürgschaften. Die Person des Papstes ward darin für heilig und unverletzlich erklärt gleich der des Königs und mit strengen Strafen jede Ehrenkränkung des Papstes bedroht. Der Papst behielt seine Leibgarde und seine Residenzen, welche volle Immunität genießen und namentlich auch zur Zeit eines Konklaves jeder Einmischung der bürgerlichen Obrigkeit unzugänglich sein sollten.
Selbst eigne Post und Telegraphen [* 6] zu halten, gestatteten die Garantiegesetze dem Papste. Die päpstlichen Gesandten und die der fremden Staaten beim Papst genossen die Bürgschaften des Völkerrechts. Der Papst sollte seine kirchlichen Erlasse in Rom durch Plakate und auf jede Weise ohne Staatskontrolle veröffentlichen können. Der König verzichtete auf seine Patronatsrechte bei Ernennung der Bischöfe. 5 Mill. Lire, welche bei der Einnahme Roms sich im Staatsschatz vorfanden, wurden dem Papst zurückgestellt und ihm von seiten des Staats eine jährliche Dotation von 3,225,000 Lire ausgeworfen.
Diese günstigen Bestimmungen wurden von dem Papst zwar im wesentlichen dadurch wirkungslos gemacht, daß er sich jeder Versöhnung unzugänglich erwies und 15. Mai noch einmal feierlich keine Garantie von der »subalpinischen« Regierung annehmen zu wollen erklärte; vielmehr spielte Pius IX. die heuchlerische Rolle des Gefangenen im Vatikan weiter, ohne freilich die unfehlbare Leitung der Kirche aus der Hand [* 7] zu geben. Indes, unterstützt von dem leichten Temperament des Volkes, ließen sich König und Regierung hierdurch wenig anfechten. Am war von den Kammern die Verlegung des Regierungssitzes nach Rom beschlossen und 10. März die Expropriation von zehn großen Klöstern daselbst zur Unterbringung der Ministerien angeordnet worden. Am 30. Juni folgte die Verlegung, 2. Juli hielt der König seinen glänzenden Einzug in Rom und erwiderte der Deputation von 100 Munizipien, die ihn im Quirinal, seiner neuen Residenz, begrüßte: »Ja, wir sind in Rom und werden darin bleiben«. Die meisten auswärtigen Gesandten verlegten ebenfalls ihren Sitz nach der neuen Hauptstadt, wodurch die Mächte ihre Anerkennung des Geschehenen aussprachen.
Italien als geeintes Königreich.
Am wurde das Parlament auf dem Monte Citorio in Rom eröffnet durch eine Thronrede des Königs, welche das Werk seines Lebens, die Einheit Italiens, hiermit für vollendet, für die Zukunft die Organisation der Freiheit und Ordnung als die höchste Aufgabe erklärte. Vor allem galt es, die Finanzen des Staats zu regeln. Da man der Herstellung des Einheitsstaats bisher alle andern Rücksichten untergeordnet und für die Errichtung einer starken Land- und Seemacht und deren stete Kriegsbereitschaft wiederholt große Anleihen zu wenig günstigen Bedingungen kontrahiert hatte, so waren die Staatsschulden auf 8 Milliarden, ja mit Zurechnung der Schatzscheine und Banknoten mit Zwangskurs auf 10 Milliarden gestiegen, die jährlich 460 Mill. an Zinsen erforderten.
Die Regelung der Finanzen und die Beseitigung des Defizits, welches Sella [* 8] für 1872 auf 80 Mill. Lire angab, und das er in fünf Jahren beseitigen zu können hoffte, erwiesen sich daher als schwieriger, als man gedacht, obwohl die wirtschaftliche Entwickelung des Landes seit 1861 einen ungeheuern Aufschwung genommen und die regelmäßigen Einkünfte sich außerordentlich vermehrt hatten: die Eisenbahnen, die Zahl der Reisenden, der Telegraphenverkehr hatten sich verdreifacht, die Ausfuhr überstieg 1871 zum erstenmal die Einfuhr um 90 Mill., die ordentlichen Einnahmen waren von 458 auf 1056 Mill. Lire gestiegen.
Das Defizit ohne Erhöhung der Steuern zu beseitigen, war aber um so weniger möglich, als die für die Unabhängigkeit des Landes unumgänglich notwendige Wehrhaftmachung desselben neue Opfer erforderte. Daher legte Sella der Kammer 1873 eine Reihe von Steuergesetzen vor, welche, ohne den Abgabendruck zu verschärfen, die Einnahmen so vermehren sollten, daß das Gleichgewicht [* 9] im Staatshaushalt hergestellt wurde. Schon machte es sich aber bemerkbar, daß die bisher herrschende Partei, die Consorteria, in der Kammer nicht mehr eng zusammenstand.
Die bisher verdeckten Gegensätze sowohl politischer als volkswirtschaftlicher Art traten hervor und sprengten die ministerielle Majorität. Die Deputierten trugen Bedenken, den Steuerdruck in irgend einer Form zu vermehren, und verweigerten die Beratung der Steuervorlagen. Daher traten Lanza und Sella zurück, und Minghetti übernahm den Vorsitz im Ministerium und die Finanzen. Es gelang ihm in der That, infolge von Ersparnissen, verbunden mit der natürlichen Vermehrung der Einnahmen, das Defizit 1875 aus dem Budget zu beseitigen und durch ¶
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ein neues Bankgesetz die Abschaffung des Zwangskurses für das Papiergeld anzubahnen.
Von besonderer Bedeutung wurde das Ministerium Minghetti für die auswärtige Politik Italiens. Die Haltung Frankreichs nach dem deutsch-französischen Krieg flößte I. allerdings einige Besorgnis ein. Thiers war stets ein ebenso heftiger Gegner der Einheit Italiens wie der Deutschlands [* 11] gewesen; um so bereitwilliger ging er daher auf die Wünsche der Klerikalen ein, die, über die Besetzung Roms von Wut entbrannt, am liebsten die Schmach von 1870 durch einen Kreuzzug nach I. getilgt hätten. Es blieb nicht nur der französische Botschafter beim Vatikan, sondern Thiers gab ihm 1872 auch einen Militärattaché bei und empfing beim internationalen metrischen Kongreß in Paris [* 12] den Pater Secchi als Gesandten des Souveräns des Kirchenstaats, wogegen er damit zögerte, den Sitz des französischen Gesandten am italienischen Hofe von Florenz [* 13] nach Rom zu verlegen. Im Hafen von Civitavecchia ankerte eine französische Fregatte, der Orénoque, um im Notfall den Papst bei der Flucht aus der Gefangenschaft aufzunehmen. Da I. Bedenken tragen mußte, allein einen Krieg mit Frankreich zu wagen, so suchte es bei den Ostmächten, Österreich [* 14] und Deutschland, [* 15] eine Stütze.
Nachdem bereits 1872 Kronprinz Humbert nebst Gemahlin einen Besuch in Berlin [* 16] gemacht, trat, nach Thiers' Sturz und nach dem Emporkommen der Ultramontanen in Frankreich im Mai 1873, der König selbst in Begleitung Minghettis und des auswärtigen Ministers Visconti-Venosta im September 1873 eine Reise nach Wien [* 17] und Berlin an, welche in I. mit großen Beifallsbezeigungen begleitet, und durch welche Italiens Anschluß an das Dreikaiserbündnis besiegelt wurde. Hierdurch ward die italienische Regierung so gekräftigt, daß sie Frankreich gegenüber energischer auftreten konnte, im Oktober ihren Gesandten Nigra von Paris zeitweilig abberief und das Klostergesetz, welches die Aufhebung fast aller Klöster und den Verkauf ihrer Güter anordnete, auch in Rom streng durchführte. Frankreich gewährte I. 1874 die Genugthuung, daß es die Fregatte Orénoque abberief. Im Frühjahr 1875 erwiderte Kaiser Franz Joseph in Venedig, [* 18] im Oktober Kaiser Wilhelm in Mailand [* 19] die Besuche des Königs.
Indes trotz dieser Erfolge wurde das Ministerium Minghetti, nachdem wiederholte Angriffe der Linken 1875 mit Mühe durch Erteilung von Vertrauensvoten abgeschlagen worden waren, im März 1876 infolge des Abfalles eines Teils der bisherigen Majorität, nämlich des linken Zentrums und der sogen. Toscaner oder Liberisten, zur Opposition gestürzt. Hiermit hatte die Herrschaft der Consorteria, der altliberalen Partei, welche sich um den Kern des alten sardinischen Parlaments gebildet hatte, ihr Ende erreicht, nachdem sie 1860-76 die Regierung in Händen gehabt und die Einheit des Königreichs geschaffen sowie die Finanzen geregelt hatte.
Das neue Kabinett ward von den Führern der Linken unter dem Vorsitz von Depretis gebildet; neben alten Radikalen und Garibaldinern hatten besonders die Süditaliener in demselben das Übergewicht. Bei den Neuwahlen erlangte es das entschiedenste Übergewicht; die ministerielle Partei zählte in der Deputiertenkammer 400 Stimmen, die Altliberalen nur 100. Als ihre Hauptaufgaben bezeichnete die Partei die Abschaffung der besonders drückenden Mahlsteuer und die Reform des Wahlgesetzes durch Erweiterung des Stimmrechts.
Aber sobald die Regierung mit positiven Gesetzvorlagen vor die Kammer trat, stieß sie bei ihrer eignen Partei wiederholt auf Widerstand, und die Zersplitterung in der Linken, welche sich in mehrere Gruppen auflöste, wurde durch den Ehrgeiz und die Eifersucht ihrer Führer immer größer und unheilbarer. Die versprochenen Hauptreformen verzögerten sich. Die durchgebrachten Gesetze über den obligatorischen Elementarunterricht und über die Inkompatibilität, welch letzteres alle Geistlichen, Universitätsprofessoren und die meisten Beamtenklassen von der Deputiertenkammer ausschloß, befriedigten nicht. Daher fanden wiederholt Ministerkrisen und ein fortwährender Ministerwechsel statt.
Der König verhielt sich streng konstitutionell und fügte sich der Majorität der Kammer. Als Viktor Emanuel plötzlich starb, folgte ihm sein einziger Sohn, Humbert (Umberto). Derselbe befolgte genau die politischen Grundsätze seines Vaters. Im März 1878 bildete der alte Republikaner Cairoli ein neues Ministerium der Linken, mußte aber schon im Dezember wieder Depretis weichen; indem sich einzelne Gruppen der Linken mit der Rechten vereinigten, vermochten sie auch gegen die Majorität ihrer Partei die Minister zu stürzen.
Depretis scheiterte schon im Juli 1879 an der Mahlsteuervorlage, welche infolge der Opposition des Senats noch nicht erledigt war. Das neue Ministerium Cairoli erlangte in der Kammer nur die Annahme des Gesetzes über die schrittweise Abschaffung der Mahlsteuer, welcher 1880 auch endlich der Senat zustimmte, und vereinigte sich im November 1879 mit Depretis, der in das Kabinett eintrat, um die zweite Aufgabe der Linken, die Wahlreform, sowie ferner die Abschaffung des Zwangskurses in Angriff zunehmen.
Die von der Regierung ausgeschlossenen Führer der Linken, wie Crispi, Zanardelli, Grimaldi u. a., vereinigten sich mit der Rechten und setzten ein Tadelsvotum gegen das Kabinett Cairoli durch. Das letztere antwortete darauf mit der Auflösung der Kammer, erlangte aber bei den Neuwahlen im Mai keine Besserung seiner Stellung, wenn auch die oppositionelle Linke vorläufig sich der Angriffe enthielt und die neue Kammer, nachdem das Ministerium die Gesetzentwürfe über die Wahlreform und die Abschaffung des Zwangskurses vorgelegt hatte, demselben 30. Nov., allerdings mit geringer Majorität, ein Vertrauensvotum erteilte.
Der letztere Entwurf, welcher bestimmte, daß die Noten der Banken (1860 Mill.) teils eingezogen und durch 640 Mill. Gold- und Silbergeld ersetzt, teils in Staatspapiergeld verwandelt werden sollten, das stets in Gold [* 20] einzulösen sei, wurde im April 1881 Gesetz und, nachdem eine Anleihe von 644 Mill. aufgenommen worden, mit der Ausführung begonnen, die ohne Schwierigkeiten von statten ging, so daß I. einen bedeutenden Fortschritt in der Heilung seiner Finanzverhältnisse zu verzeichnen hatte. Die Rente, welche 1870 auf 30 herabgesunken war, stieg fast auf pari, und auch die Handelsbilanz besserte sich in außerordentlicher Weise. Die Beratung der Wahlreform wurde aber durch ein Ereignis der auswärtigen Politik unterbrochen.
Unter dem Einfluß ihrer doktrinär-radikalen Idee hatten nämlich Depretis und Cairoli die engen Beziehungen zu den drei Kaisermächten gelöst und es vorgezogen, eine Politik der freien Hand zu befolgen, in der Hoffnung, durch diese am leichtesten von den Umständen Vorteil zu ziehen und I. eine neue Gebietsvergrößerung verschaffen zu können. Ja, die Minister duldeten sogar, daß 1878 die Agitation der Italia irredenta ganz offen die Annexion von Welschtirol und Istrien [* 21] nebst Triest [* 22] als italienischen ¶