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Jucaro ist ein armes vergessenes Fischerdorf an der kubanischen Südküste in der Provinz Ciego de Avila. Rund 1700 Menschen leben hier, mehr als 50 Häuser wurden zerstört. Auf der Strasse zum Dorf begegnet uns kein einziges Auto, und auch sonst keine Menschenseele.
Am Donnerstag 7. September wurde kurzfristig um 16 Uhr zur Evakuation aufgerufen. Der Rettungsdienst des Staates holte die Bevölkerung mit Lastwagen ab. Menschen, die keine Möglichkeit hatten, bei der Familie unterzukommen, brachten sie in ein Evakuationszentrum in der Ortschaft Venezuela. Adriana Hernandez Paez (53) und ihr Mann Fernando Morales Andreo (66) sind mit dem organisierten Transport bis in die Stadt Ciego gefahren worden und fanden dort Unterschlupf bei ihrer Tochter. Aufgrund dieses kurzfristigen Aufgebot konnten sie nur das Nötigste mitnehmen: Medizin für ihren Mann und einen Sack mit Kleider zum Wechseln. Am Freitagmorgen um 2 Uhr traf der Hurrikan «Irma» mit voller Wucht ein. Die Stadt Ciego de Avila wurde nicht allzu sehr in Mitleidenschaft gezogen und bei ihrer Tochter waren sie in Sicherheit.
Im Wasser bis zu den Schultern
Am Dienstag kehrten sie zu ihrem Haus zurück. Sie wussten von Bekannten, dass ihr Haus zerstört worden war. Sie konnten sich aber nicht vorstellen wie sehr, bis sie es dann selber gesehen haben. Der Wind hat das Dach abgerissen. Wie hoch das Wasser stand, wissen sie nicht sicher, sie vermuten mehr als ein Meter über dem Boden. Ein Nachbar erzählt, dass er erst ganz am Schluss bereit war zu gehen, als ihm das Wasser bis zu den Schultern kam. Er habe sich nicht vorher evakuieren lassen, weil er sein Hab und Gut, inklusive Tiere, habe retten wollen, erzählt er.
Adriana und Fernando wohnen direkt am Meer. Er war früher Fischer. Adriana ist die gute Seele des Dorfes, alle kennen sie und sie kennt alle. Sie hatte täglich für rund 20 bedürftige ältere Menschen ein Frühstück angeboten, dies im Rahmen eines Projektes der Caritas Cuba. Als ich ihr viel Stärke wünschte, winkte sie ab - wenn sie etwas habe, dann dies.
Zurzeit wohnen Adriana und Fernando bei ihrer zweiten Tochter und zwei Enkelinnen in Jucaro. Auch sie waren evakuiert worden und auch ihr Haus wurde vom Meerwasser überflutet. Aber die Strukturen des Hauses wurden nicht zerstört. In der Zwischenzeit ist alles getrocknet und sie können wieder im Haus leben. Jetzt bieten sie mit der Unterstützung von Caritas Cuba ein warmes Essen für mehr als 100 Personen pro Tag an. Im Hof hinter dem Haus haben sie eine improvisierte Kochnische eingerichtet. Gekocht wird mit Kohle. Zwar ist dieser Dorfteil wieder am Stromnetz angeschlossen, aber mit einer elektrischen Kochplatte könnten sie nicht für so viele Leute kochen. Zudem ist Strom teuer, ein Viertel des Minimumlohns von 200 Pesos müssen sie für ihren Grundbedarf einsetzen. Auch Fernando hilft gerne mit, für alle ist es eine sinnvolle Beschäftigung.
Adriana und Fernando begleiten uns zu ihrem zerstörten Haus. Der Staat ist die Strasse am Aufräumen. Überall sind noch Überreste der Überschwemmung zu sehen, Algen und was das Meer sonst noch alles angeschwemmt hat. Mancherorts steht das Wasser auch eine Woche nach der Katastrophe noch. Vor jedem Haus liegen Matratzenfüllungen in der Sonne zum Trocknen. An einen Ersatz ist nicht zu denken. In Kuba ist eine Matratze auch zur normalen Zeiten kaum erhältlich und zudem sehr teuer. Elektriker sind am Werk beim Haus von Adriana und Fernando. Sie entfernen alle Kabel des Stromanschlusses. Es sei zu gefährlich, es könnte ein Feuer geben, sagen sie uns. Zuerst muss das Haus wieder aufgebaut werden. In der Nachbarschaft hört man vereinzelt Hämmern, Leute sind am Aufräumen, sie retten, was es zu retten gibt.
Viele Menschen ziehen weg
Was Adriana und Fernando planen? Sie wollen vorsichtig auseinandernehmen, was vom Haus noch steht, und mit allem anderen herumliegenden Material das Haus wieder aufbauen. Ob sie Hilfe bekommen werden, wissen sie nicht. Alle im Dorf hoffen darauf. Aber von den Schäden an der Südküste wird wenig berichtet, und die Erfahrung zeigt, dass nicht allen geholfen wird. Es gibt noch immer viele beschädigte oder zerstörte Häuser von vergangenen Wirbelstürmen – in Pinar del Rio seit dem Sturm im Jahr 2008 oder in Santiago nach Hurrikan Sandy im 2012. Wie mir die Mitarbeiterin der Caritas Cuba erklärt, ist dies ein Grund für interne Migration. Diejenigen, die anderswo Familien haben, ziehen dorthin. Zurück bleiben die, die nicht so stark betroffen wurden, denen geholfen wurde und die ganz Armen, für die auch interne Migration keine Option ist. Das Nachbarhaus steht wie ein Wunder noch, aber das übernächste Haus liegt ganz am Boden. Die Kinder spielen im Abendlicht in den Ruinen.
Als wir das Dorf verlassen, hören wir Musik auf dem Hauptplatz. Eine Kulturgruppe veranstaltet ein Konzert. Dies ist oft der Fall nach einer Katastrophe, Kulturgruppen tun sich zusammen und spielen für die Bevölkerung. Auch das ist Kuba.
Text und Bilder: Karin Mathis, Caritas Schweiz