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Heute geht es weniger um eine Software – als vielmehr um die Würdigung einer bemerkenswerten Ausdauerleistung. Es gilt zu berichten, dass Inkscape in der Version 1.0 erschienen ist. Inkscape ist ein quelloffenes Programm zur Bearbeitung von Vektorgrafiken, das in etwa mit Adobe Illustrator zu vergleichen ist.
Die Veröffentlichung der Version 1.0 geschah am 4. Mai 2020. Sie ist deswegen bemerkenswert, weil es das Programm seit November 2003 gibt. Mit anderen Worten: Es war fast 17 Jahre lang in einer 0.x-Version erhältlich. Eine Versionsnummer mit einer Null am Anfang assoziiert man mit einem unfertigen, noch in der Testphase befindlichen Softwareprodukt.
Man nennt das auch Betaphase. Und Inkscape dürfte eine der längsten Betaphase in der Softwaregeschichte durchlaufen haben. (Die Version 1.0 selbst war drei Jahre lang in Entwicklung, wie man diesem Blogpost hier entnehmen kann.)
Die Zeitdauer ist noch länger, wenn man berücksichtigt, dass Inkscape nicht bei Null gestartet ist. Das Projekt basiert auf einem Vorgänger namens Sodipodi. Dieser wird wird seit längerem nicht mehr gepflegt. Er reicht seinerseits bis ins Jahr 1999 zurück. Ein Mann namens Raph Levien machte sich damals daran, einen Editor für das Scalable Vector Graphics-Format (SVG) zu entwickeln.
Inskape entwickelte sich aus einer Abspaltung von Sodipodi. Wie man hier lesen kann, waren sich die Entwickler nicht einig, wohin die Reise gehen sollte:
Das Ziel von Inkscape ist, ein vollständig konformer SVG-Editor zu sein, während für Sodipodi SVG eher das Ziel ist, ein Vektor-Illustrationsprogramm zu werden.
Jacke wie Hose, ist mein Eindruck – allerdings habe ich auch bis heute nicht verstanden, was der Unterschied zwischen Libre Office und Open Office sein soll. Ich nehme an, dass man in die Entwicklung involviert sein muss, um diese Feinheiten zu verstehen.
Zurück zum Thema: Ich habe versucht herauszufinden, weswegen das Entwicklerteam im Mai den Zeitpunkt für gekommen hielt, auf die Versionsnummer 1.0 zu wechseln. War nun der Funktionsumfang endlich ausreichend gross? Die Software stabil genug? Die Oberfläche ausreichend hübsch und bedienerfreundlich? Oder sind ihnen einfach die Zahlen unter eins ausgegangen?
Um es vorwegzunehmen: Ich bin nicht auf den ausschlaggebenden Grund gestossen – auch nicht nach der Lektüre des Blogposts Von den Wurzeln und dem Wachstum des Inkscape-Projektes nicht. Die grösste Neuerung der Version 1.0 ist Integration von GTK3. Das GIMP-Toolkit ist eine Programmbibliothek für Benutzeroberflächen. Die dritte Version kann nun auch Monitore mit hoher Auflösung (HiDPI, bzw. Retina in der Mac-Welt) ausreizen. Aber das kann es eigentlich nicht sein, oder?
Ich würde vermuten, dass es einfach an der Zeit war. Inkscape macht auch unter Windows einen ausgereiften Eindruck. Die Software funktioniert zuverlässig und hat einen beeindruckenden Funktionsumfang – und sie ist ein Aushängeschild für die Open-Source-Welt. Es ist daher mehr als berechtigt, wenn Bryce Harrington, einer der Entwickler der ersten Stunde, dieses Projekt als grossen Community-Effort lobt:
Es ist kaum zu glauben, dass Inkscape auch nach so vielen Jahren ein quicklebendiges Projekt ist, das fast ausschliesslich von Freiwilligen vorangetrieben wird. Wir wussten, dass wir die Saat für ein tolles Stück Software in der Hand hielten, als wir mit dem Projekt begonnen haben. Aber wir hatten keine Vorstellung, wie weit verbreitet und populär es werden würde.
Da ich kein Illustrator bin, habe ich nie intensiv mit Inkscape gearbeitet. Aber nichtsdestotrotz gehört das Programm seit zwanzig Jahren einfach dazu. Persönlich würde ich mir ein etwas forscheres Entwicklungstempo wünschen und etwas mehr Trendbewusstsein wünschen. Denn auch wenn die Oberfläche in den letzten Jahren besser und hübscher geworden ist, erinnert das Programm mit seiner Optik an die Software-Gepflogenheiten der 1990er-Jahre. Und wegen der Farbfelder am unteren Rand auch an CorelDraw 6.
Aber natürlich anerkenne ich, dass ein von Freiwilligen getragenes Projekt seine Ressourcen knallhart priorisieren und gezielt einsetzen muss. Und ich nehme an, dass die Inkscape-Leute genau das tun. Und ja, mir ist auch bewusst, dass sich manche Nutzer in der Open-Source-Welt den Modeströmungen bei der kommerziellen Software bewusst verschliessen. Ich habe öfters von Leuten gehört, die Open-Office deswegen nutzen, weil es dort kein Menüband gibt wie bei Microsoft-Office und weil die Software noch einen ganz klassischen Ansatz mit Menüs, Dialogboxen und schlichtem grauem Programmfenster fährt.
Das ist okay, weil wenn die inneren Werte stimmen. Das tun sie bei Inkscape, weswegen ich bestens mit der bünzligen Oberfläche leben kann. Und zur Not habe ich jederzeit die Möglichkeit, auf den schickeren Affinity Designer auszuweichen (Diese App sollte Adobe Angst einjagen).
Ein Vorteil hat die gemächliche Entwicklung jedenfalls: Meine Inkscape-Besprechung vom Januar 2013, Vektoren kostenlos zurechtbiegen, ist noch (fast) brandaktuell.