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Es gibt Filme, deren Titel beim Zuschauer eine bestimmte Erwartungshaltung auslösen: was kann man erwarten von einem Film mit dem Titel The Hitch-Hiker? Vielleicht ein schnörkelloses B-Movie als Kammerspiel für drei Personen, zwei biedere Durchschnittsmänner (und einstige army buddies), die auf einem Wochenendtrip in die Gewalt eines psychopathischen Kriminellen geraten? Genau das bietet der Film, der mit dem schönen Vorspruch beginnt «This is the true story of a man, a gun and a car …», bevor er mit der Nahaufnahme von Füssen, einem Schrei aus dem Off, Schüssen und einer zu Boden fallenden Handtasche noch während des Vorspanns die Gefährlichkeit seiner Titelfigur in lakonischer Kürze zu etablieren weiss. Für die beiden Freunde, die den Anhalter mitnehmen, wird es ein zermürbender Trip, zuerst im Auto, später zu Fuss durch eine unwirtliche Felslandschaft, stets die Pistole des Psychopathen auf sich gerichtet, der an sadistischen Spielchen Gefallen findet und keinen Zweifel daran lässt, dass er sie töten wird (wie schon mehrere andere Menschen zuvor), wenn sich ihre Nützlichkeit für ihn erschöpft hat.
Das Überraschende an diesem Film ist die Tatsache, dass er von einer Frau inszeniert wurde: Ida Lupino, Cineasten bekannt als leading lady in den Filmen des Warner-Bros.-Studios während der vierziger Jahre, wo sie meist eine taffe Frau, zum Beispiel an der Seite von Humphrey Bogart (High Sierra) oder John Garfield (The Sea Wolf) verkörperte. Weitaus weniger bekannt ist, dass sie darüber hinaus später auch hinter die Kamera wechselte, ihre eigene Produktionsfirma hatte und als Regisseurin zwischen 1949 und 1954 sechs Spielfilme inszenierte (bei denen sie auch an den Drehbüchern beteiligt war), mit einem Nachschlag 1966, zudem über dreissig Episodenfolgen für Fernsehserien (darunter je drei für The Untouchables und The Fugitive), ist weitaus weniger bekannt. Sie tat das zu einer Zeit, wo sonst keine anderen Frauen in Hollywood hinter der Kamera standen, war damit singulär in der zeitlichen Lücke, die zwischen Dorothy Arzner (letzter Film: First Comes Courage, 1943) und Elaine May (Regiedebüt: A New Leaf, 1971) klafft.
The Hitch-Hiker funktioniert nicht nur als dichter Thriller, sondern vermittelt darüber hinaus auch einige Einblicke in gesellschaftliche Zwänge und Rollenzuweisungen, wenn die Angelpartie den beiden Männern auch die Möglichkeit bietet, für ein Wochenende der verlorenen Jugend nachzuhängen, der Zeit, als sie noch frei waren von den Zwängen, die jetzt Beruf und Familie setzen. Der unmittelbar im Anschluss gedrehte The Bigamist entwickelt das weiter, schon mit seinem Titel, der geradezu ein Spiel mit den Zuschauererwartungen treibt: Der Mann mit den zwei Frauen (damaliger deutsche Verleihtitel) lässt eher an ein Melodrama denken, wäre vielleicht aber auch als Komödie denkbar, in deren Mittelpunkt ein rastlos Getriebener steht, der in dieser Hinsicht Chaplins Monsieur Verdoux ähnelt.
Ida Lupinos Film ist weder das eine noch das andere und auch kein exploitation movie, eine weitere Möglichkeit, die das Thema nahelegt. The Bigamist erzählt im nüchtern-realistischen Tonfall des Nachkriegsfilms von einem Ehepaar, das nicht nur das Leben, sondern auch die Arbeit miteinander teilt, Kleinunternehmer, die ein Geschäft mit Tiefkühlung betreiben, sie im Büro, er im Aussen- und Kundendienst. Für eigene Kinder hat da die Zeit nie gereicht. Als sie jetzt ein Kind adoptieren wollen, kommt heraus, dass der Mann bereits Vater eines kleinen Jungen ist und zudem mit dessen Mutter verheiratet. Eine lange Rückblende enthüllt, wie es dazu kam. Die andere Frau hat er auf einer seiner Dienstreisen kennengelernt, in einem Restaurant, wo sie als Bedienung arbeitet. Aus Freundschaft wurde mehr, die Schwangerschaft allerdings hat sie ihm verschwiegen, ihn verlassen und sich als alleinerziehende Mutter durchgeschlagen, bis es ihm eines Tages gelang, sie wieder ausfindig zu machen.
Mag auf den ersten Blick die Ehefrau diejenige sein, die mit ihrer Fixierung auf das Geschäft das Unheil heraufbeschwört, so gelingt es dem Film mit dem Fortschreiten seiner Handlung den Zuschauer Anteil nehmen zu lassen an den widerstreitenden Gefühlen aller drei Hauptfiguren – der vom Hamsterrad des Kapitalismus geschwächte Mann nicht als Opfer einer Femme fatale wie im Film noir, sondern als Opfer gesamtgesellschaftlicher Normen, denen er nicht gerecht werden kann.
Lupinos Filme erzählen Geschichten vom Überleben, dem Kampf gegen widrige Umstände und den moralischen Entscheidungen, die die Protagonisten dabei treffen müssen.
In Hard Fast and Beautiful ist das eine junge Tennisspielerin, von ihrer ehrgeizigen Mutter in immer neue Wettbewerbe (und in fragwürdige Sponsorenverträge) gedrängt, die entscheiden muss, wie lange sie dieses Spiel noch mitspielen will. In Not Wanted (Lupinos Regiedebüt, bei dem sie – ungenannt – die Regie für den erkrankten Elmer Clifton übernahm) ist es ein junges unverheiratetes Mädchen, das schwanger wird, das Kind weggeben muss, um durch Arbeit ihr eigenes Überleben zu sichern, und später ein Baby entführt, in Never Fear eine junge Tänzerin, die von der diagnostizierten Polioerkrankung aus der Bahn geworfen wird, in Outrage eine junge Frau, die nach einer Vergewaltigung in ihrem Heimatort stigmatisiert wird. Das sind, summiert man ihre Geschichten in einem Satz, Themen- und Thesenfilme, doch die Inszenierung arbeitet dagegen an mit ihrer Vielschichtigkeit der Figuren und der Nüchternheit der Inszenierung.
In Lupinos ganz eigenem Blick auf die Wirklichkeit floss ihre Vergangenheit bei Warner Bros. ein, dem Studio, das einen unprätentiösen Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit richtete, vor kontroversen Themen am wenigsten zurückschreckte und auch den Kampf gegen den Faschismus auf der Leinwand am nachhaltigsten führte. Es spiegeln sich aber auch ihre eigenen privaten Lebensumstände mit ihren komplexen Verhältnissen zwischen Arbeit und Liebe. In The Bigamist wird die Ehefrau von Joan Fontaine verkörpert, der Ex-Frau von Produzent Collier Young, der in zweiter Ehe mit Lupino verheiratet war – die in diesem Film zudem die Rolle der anderen Frau übernahm. Zusammen hatten Young und Lupino die Produktionsfirma The Filmakers gegründet, die auch das Ende ihrer Ehe überdauerte.
The Filmakers waren ein Experiment in Hollywood, angestossen durch die Entscheidung des Obersten Gerichts von 1948, die die vertikale Integration der Filmfirmen verbot, die im klassischen Studiosystem von der Produktion über den Verleih bis zu den Kinos alles in einer Hand vereinigte. Stars waren nicht länger an Siebenjahresverträge gebunden, die sie zwangen, in Filmen zu spielen, die das Studio für sie aussuchte und mit denen sie oft auf bestimmte Stereotype festgelegt wurden (wie es Lupino bei Warners selber erfahren hatte), manche wurden jetzt ihre eigenen Produzenten, aber so weit wie bei den Filmakers wurde die kreative Unabhängigkeit wohl sonst nirgendwo getrieben. Dass sie auch den Vertrieb von The Bigamist selber übernahmen, erwies sich als grosser finanzieller Rückschlag für Lupino und Young, die Abwanderung zum seriellen Fernsehen (für das sie von 1956 bis 1968 als Regisseurin tätig war) war eine Konsequenz daraus.
Der enge Zusammenhalt einer Gruppe von Filmemachern war bei The Filmakers tatsächlich im Kern ein familiärer, ging aber auch darüber hinaus – Edmond O’Brien, der «Bigamist» war auch einer der beiden Freunde in The Hitch-Hiker, bei Private Hell 36 agierte Lupino vor der Kamera mit ihrem dritten Ehemann Howard Duff, für das Drehbuch zeichneten Lupino und Collier Young gemeinsam verantwortlich, für die Regie engagierten sie Don Siegel, der die Geschichte zweier Polizisten, langjährige Partner und Freunde, die sich über die Frage entzweien, ob man sich kriminelle Beute einverleiben darf, gewohnt schnörkellos umsetzte. Sam Peckinpah, der hier als Siegels Assistent fungierte, gab Lupino 1972 eine schöne Altersrolle als Mutter von Steve McQueen im Rodeofilm Junior Bonner, dem bis 1978, ihrem letzten Auftritt vor der Kamera, leider nichts Ebenbürtiges mehr folgte.
Eine Reihe von Festivals (darunter im letzten Jahr die Viennale, erst kürzlich das in Fribourg, derzeit im Filmpodium Zürich, im Juli im Berliner Arsenal) haben Ida Lupinos Arbeit hinter der Kamera gewürdigt, zumindest in Wien blieb der Publikumszuspruch hinter den Erwartungen zurück. Für die Kunst des Unspektakulären und Ambivalenten sind die Zeiten zweifellos schwerer geworden. Trotz verschiedenster englischsprachiger Buchveröffentlichungen gilt deshalb: für das Publikum bleibt das Werk von Ida Lupino noch zu entdecken.