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Der eigentliche Star der beliebten Dramaserie «Charité» ist nicht etwa ein Halbgott in Weiss, sondern die namensgebende, weltbekannte Klinik in Berlin. Ins Deutsche übersetzt bedeutet «Charité» Nächstenliebe, Wohltätigkeit, Barmherzigkeit. Und die wurde bisher in allen Staffeln gelebt und gezeigt. Seit 2017 lässt sich das Publikum fesseln durch Geschichten um Patientenschicksale, medizinische Errungenschaften oder prägende geschichtliche Ereignisse.
Staffel 1 spielte Ende des 19. Jahrhunderts und widmete sich dem medizinischen Fortschritt, insbesondere der Arbeit des «Bazillen-Vaters» und Virologen Robert Koch (1843–1910). Staffel 2 handelte im Schatten des Zweiten Weltkrieges und porträtierte unter anderem Ernst Ferdinand Sauerbruch. Der Chirurg galt als Pionier der Thoraxchirurgie. Ein finsteres Kapitel für Berlin und das Charité-Klinikum wurde in der dritten Staffel geschrieben, als der Mauerbau 1961 den Klinikalltag überschattete.
Und nun wagen die Macher für die vierte Staffel ein besonderes Experiment: Es geht in die Zukunft. Die Handlung ist im Sommer 2049 angesiedelt, in dem Temperaturen um 45 °C und heftige Niederschläge an der Tagesordnung sind. An der Charité befasst sich die Mikrobiologin Maral Safadi (Sesede Terziyan) mit einem unbekannten, aggressiven Bakterium. Schon bald hat sie den Verdacht, dass dieser Erreger tausende Jahre isoliert im Permafrost von Grönland lag. Durch die Klimaerwärmung und die Gletscherschmelze gelangte das Bakterium schliesslich in die Nordsee, wo sich Dr. Marals Patient infiziert hatte.
Die Belegschaft der Charité ist an allen Fronten gefordert, zudem spaltet eine neue Gesundheitsreform die Gesellschaft: Krankenkassen erstellen für jeden Versicherten einen sogenannten Scorewert. Der gibt Auskunft über den Gesundheitszustand und die entsprechende Lebenserwartung jedes Menschen. Je nach Scorewert soll der Patient eine Behandlung erhalten – oder eben nicht!
So kommt es, dass eine lebenswichtige Organtransplantation im letzten Moment abgeblasen wird, weil der Scorewert des Empfängers zu niedrig ist. Chirurgin Seda Safadi (Adriana Altaras), Marals Mutter, operiert trotzdem – allerdings heimlich. Und in der Folge nimmt sie in einer Art «Schattenklinik» immer wieder Eingriffe an Patienten mit niedrigem Scorewert vor, weil die verweigerte Organtransplantation leider kein Einzelfall war.
Alles Horrormärchen? Abstruse Zukunftsvisionen? Die Macher von «Charité» haben für die vierte Staffel keineswegs bloss in die Kristallkugel geschaut und sich eine spannende Story zusammengereimt. «Wir haben in der Entwicklung und Vorbereitung sehr viele Gespräche mit ganz verschiedenen Zukunftsforschern und anderen Expertinnen geführt», erklärt Regisseurin Esther Bialas. «Daraus haben wir eine mögliche zukünftige Welt geformt.»
Natürlich bleibe so etwas immer eine Prognose, könne aber einen soliden Ausblick gewähren, so die 42-Jährige. «Ausserdem haben wir sehr viel mit diversen Wissenschaftlerinnen und Forschern korrespondiert und sie zu vielen Details unserer Vision befragt.» A
llen Schreckensszenarien zum Trotz zeichnet die vierte Staffel von «Charité» aber nicht nur ein bedrohliches Bild der Medizin der Zukunft. Es gibt auch Errungenschaften und Neuerungen, die Hoffnung machen. So könnte etwa neu eine Traumatherapie im Cyberverse Patienten helfen, psychosomatische Lähmungen zu überwinden. Und auch der künstlichen Intelligenz wird eine wichtige Rolle in der Medizin der Zukunft zukommen.
Auf die Ärztin oder den Pfleger – also auf den Menschen – kann aber auch die Medizin der Zukunft nicht verzichten. Wie das Gesundheitswesen in 25 Jahren aussieht, weiss niemand.
Medizingeschichte der Zukunft schreiben – geht das überhaupt? «Das müssen am Ende natürlich die Zuschauerinnen und Zuschauer entscheiden», sagt Jörg Schönenborn, Fiktion-Koordinator der ARD, die diese Serie produziert. Die Sorgfalt, mit der auch in dieser Staffel wieder recherchiert wurde, mache ihn jedoch zuversichtlich, so Schönenborn.
Die neuste «Charité»-Staffel bietet bewegende Geschichten rund um Freundschaft, Zwietracht, Liebe und Trauer. Anders als bisher ist es aber nicht mehr ein medizinhistorischer Rückblick, sondern eine Zeitreise – in eine Welt, in der uns manche Frage begegnen wird, die sich bereits heute aufdrängt.
Dramaserie (1–6/6)
Mit Sesede Terziyan, Angelina Häntsch, Gina Haller, Timur Isik
Donnerstag, 4. April, 20.15 Uhr, Arte
Ab 9. April auch in der ARD