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Naturidylle mitten im Unheil
Manchmal aber spielt Religion eine atmosphärisch beiläufige Rolle, wie in Verdis „Die Macht des Schicksals“, in Mascagnis „Cavalleria rusticana“ oder in Puccinis „Tosca“.
Die Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten in den Jahrzehnten nach der Reformation haben in Giacomo Meyerbeer (1791–1864) ihren überragenden Gestalter gefunden. Seine Oper „Les Huguenots“, die 1836 in Paris ihre Uraufführung erlebte, wurde zur erfolgreichsten „grossen Oper“ des 19. Jahrhunderts. Bis zum Jahr 1900 zählte man über 1000 Aufführungen dieses über vier Stunden dauernden Werks.
Gewagte Thematik
Dass ein Massaker wie jenes der Pariser Bartholomäusnacht am 24. August 1572 zum Thema für die Bühne werden sollte, war eine gewagte Entscheidung. Damals ermordeten die Katholiken mit der Duldung, ja sogar auf Befehl von Katharina de Medici die Führer der calvinistisch orientierten Hugenotten und metzelten Tausende von Protestanten nieder. Der aus einer deutsch-jüdischen Berliner Familie stammende Meyerbeer wagte es, das grausame Geschehen auf die Bühne zu bringen und landete nach einer 4-jährigen Entstehungszeit mit diesem Werk einen sensationellen Erfolg.
Es war sehr klug von Meyerbeer und seinem Librettisten Eugène Scribe, dabei weitgehend auf historische Figuren zu verzichten und das Geschehen ins Reich der Fiktion zu verlagern. Die einzige real existierende und historisch dokumentierte Person, die in Meyerbeers Oper auftritt, ist Marguerite de Valois (1553–1615), die Tochter von Katharina de Medici, Schwester von Karl IX. und ab 1570 katholische Ehefrau des protestantischen Heinrich von Navarra. Der französische Hof war bemüht, die interkonfessionellen Fehden zu minimieren und die Duldung der Hugenotten zu fördern. Dies gerade durch Ehebündnisse zwischen Katholiken und Protestanten.
Bis Heinrich von Navarra im Jahr 1598 als König Henri IV. das sogenannte „Edikt von Nantes“ unterzeichnete, welches den Calvinisten in Frankreich Gewissensfreiheit, öffentliche Religionsausübung und volle Bürgerrechte garantierte, hat es nach der Bartholomäusnacht noch gut 25 Jahre gedauert. Doch der „Reine Margot“, wie Marguerite de Valois genannt wurde, erging es nicht gut. Henri IV. hat sie verstossen und in die Verbannung geschickt. Heute gilt Marguerite de Valois als eine hochgebildete, lebens- und sinnenfreudige Frau, die nicht nur interessante Memoiren und Briefe zu schreiben verstand, sondern Gelehrte und Künstler ihrer Umgebung zu begeistern und offenbar einige davon zu ihren Liebhabern zu machen verstand.
Ein Lutherchoral
Als wiederkehrendes Motiv seiner Oper wählte Meyerbeer den Lutherchoral „Eine feste Burg ist unser Gott“. Daneben freilich zieht er alle Register, die ein Opernkomponist seiner Zeit zur Verfügung hat. Es gibt in dieser Oper grandiose Ensemble- und Chorszenen ebenso wie eindrückliche Arien und Duette, welche in faszinierender Weise die Belcanto-Tradition und die virtuosen Techniken der Stimmführung und dramatischer Zuspitzung weiter entwickeln. Ohne Meyerbeers „Les Huguenots“ sind Werke wie Verdis „Don Carlos“ oder Wagners „Die Meistersinger“ völlig unvorstellbar. In diesem Werk ist der Grund gelegt für alles, das von Paris kommend in der Entwicklung der Opernkunst europaweit stilbildend wurde.
So blieb es denn auch bis zum aufkommen des „Verismo“, wo Staatsaktionen, Weihe- und Festszenen, Prozessionen und öffentliche Hinrichtungen verdrängt wurden zugunsten von individuelleren und intimeren Leiden und Dramen. Wir wollen nicht vergessen, dass Meyerbeer zudem ein Pionier war für den Einsatz neuer Instrumente im Opernorchester, etwa der Bass-Klarinette, oder aber für extrem kühne und innovative Lösungen in der instrumentalen Begleitung von Arien, eine Entwicklung, die später in den Werken von Berlioz und Wagner die interessanteste Fortsetzung erfuhr.
Eine Koloraturarie
Die Arie, die uns hier beschäftigt, steht am Anfang des zweiten Aktes. Wir befinden uns im Loiretal vor Schloss Chenonceaux. Marguerite von Valois besingt die Schönheit der Landschaft, eingeleitet von virtuosen Flötengirlanden und begleitet von Harfenklängen. „O beau pays de la Touraine!“ Die „lächelnden Gärten und das Murmeln der Bäche“ bringen ihr Ruhe und Frieden, laden die junge Frau zum Nachsinnen und Träumen ein. Eine Wohltat in einer Zeit, in welcher Luther und Calvin, diese Diener des Himmels der strengen Zucht, mit ihren Streitigkeiten die Erde mit Blut besudeln.
Marguerites Page und einige ihrer Ehrendamen am Hof unterstützen die Königin von Navarra in ihrer Beschwörung des Gottes der Liebe, der doch anstelle der kriegerischen Mächte überall herrschen sollte. Für immer sollten die dunklen Chimären von diesem Ort des Friedens und der Naturschönheit verbannt bleiben. Ihr Wunsch wäre, dass in ihrem Herrschaftsbereich nur der Gott der Liebe das Sagen haben: „Sous mon empire / on ne respire / que pour sourire / au dieu d’amour.“ Dies ist ein ganz und gar trügerischer Wunsch in einer Zeit der blutigen Kämpfe, der konfessionellen Streitigkeiten und der blinden Waffengewalt. Die Arie der Marguerite endet mit einem lauten Seufzer: „Ah!“ Der Eifer der Rechthaberei, der gegenseitige Hass und der Griff zu den Waffen werden im Fortgang des Geschehens als Grundton die Handlungen der betroffenen Figuren bestimmen.
Eine mustergültige Sängerin
Meyerbeer verlangt in dieser Arie von der Sopranistin allerhöchste Koloraturkunst. Viele grosse Sängerinnen haben dieses Bravourstück in ihr Repertoire aufgenommen, von der damaligen Maria Callas bis zur heutigen Diana Damrau. Ausgewählt ist hier eine Stimme, die in den 50-er und 60-er Jahren zu den glänzendsten ihres Faches gehörte: jene von Joan Sutherland.
Die Australierin war in dieser Zeit auf den Bühnen aller Kontinente eine der meist gesuchten und gefeierten Koloratursopranistinnen. Mit ihrer Leichtigkeit, Intonationspräzision, aber gleichzeitig auch mit ihrer eigenartigen weichen Fülle von Wohlklang ist sie einzigartig. Ihr Fach nennt man gern „soprano d’agilità“ – also ein Sopran von hoher Wendigkeit, man könnte auch übersetzen: von extremer Gewandtheit und Gelenkigkeit, oder gar von eleganter Schlankheit und Schwerelosigkeit. Der Titel einer ihrer Biographien lautet: „La Stupenda“: die grossartige, die uns zum Staunen bringt.