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Erfahrungsbericht März 2019
Nun sind schon einige Monate vergangen seit dem letzten Newsletter. In Indien sind wir noch an der Landüberschreibung, welche nun schon so gut wie abgeschlossen ist. Wir sind in den Startlöchern um mit dem Bau des Kids Care’s zu beginnen.
Aktuell bin ich in unserem schon bestehenden Kids Care in Nepal, im Thomas Kids Care in unserem Projektdorf in Ghole Tole. Die zwei Monate in denen ich schon wieder hier bin, vergingen wie im Flug. Das Team im Kids Care hat sich noch einmal mehr gefestigt. Die Mitarbeiter sagen immer wieder, dass nun das Kids Care zu ihrem zweiten Zuhause geworden ist. Natürlich gibt es immer wieder grössere und kleinere Herausforderungen denen sich das Team stellen muss. Vor einigen Wochen zum Beispiel hat ein Junge unseres Kids Care’s auf dem Heimweg mit einem Ast gespielt. Er wollte ein Mädchen, das er kennt und das am Strassenrand sass, erschrecken und fuchtelte mit dem Ast vor ihrem Gesicht herum. Der Ast, der mit Dornen versehen war, traf das linke Auge des Mädchens. Das Mädchen musste sogleich ins Spital gebracht werden. Sie wurde so schwer getroffen, dass sie sofort operiert werden musste und ebenso weitere Operationen nötig waren. Die Ärzte gaben uns wenig Hoffnung, dass das linke Auge des Mädchens in Zukunft wieder sehtüchtig wird. Der Junge, der das Mädchen verletzt hatte, hat selbst eine sehr bewegende Geschichte. Er selbst wurde vor 5 Jahren von einem Motorfahrzeug angefahren und hat sich dabei Hirnverletzungen zugezogen. Seit diesem Unfall hat der Junge Schwierigkeiten sich selbst zu spüren, sowie Probleme mit der Feinmotorik. Sein Vater ist alkoholabhängig und schlägt seine Frau und den Jungen, wenn er betrunken ist. Somit hat der Junge nie gelernt, mit seinen Schwierigkeiten, die durch die Hirnverletzung ausgelöst wurden, umzugehen.
Die Familie des Mädchens ist in grosser Sorge um ihr Kind, das vielleicht das linke Auge für immer verloren hat. Nun begann zwischen den Familien ein grosser Streit. Die Familie des Jungen versuchte, für die Operation des Mädchens finanziell aufzukommen, jedoch mussten sie dafür Geld ausborgen, da sie selbst nicht genug hatten. Der Junge wurde von der Familie des Mädchens bedroht. Sie sagten ihm; wenn er sich wieder ins Dorf traue, werden sie ihm das Auge ebenso ausstechen. Diese Art von Streit ist hier „Gang und Gäbe“. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Der Junge war eingeschüchtert und kam nicht mehr ins Kids Care, was natürlich der Situation nicht half. Als ich im Dorf eintraf wurde ich gleich über die Situation informiert. Wir hatten mehrere Gespräche mit beiden Familien und konnten so die Situation entschärfen. Die Finanzierung der weiteren Operation wurde von Hope is life übernommen, so dass sich die beiden Familien nicht weiter verschulden und dass trotzdem die notwendige Operation durchgeführt werden konnte. Situationen in diesem Ausmass sind zum Glück selten, jedoch kleinere Probleme die sich zu einem grösseren Streit entwickeln, treffen wir immer wieder an. Ein weiteres dieser Beispiele ist: Als ich eines Abends ins Bett wollte, hörte ich im Dorf lautes Geschreie und Gefluche einer Frau und eines Mannes. Erst wartete ich ab, ob sich die Lage von selbst beruhigt. Als es dann jedoch lauter wurde, ging ich ins Dorf, um nachzuschauen was los ist. Ein junger Mann, bekannt für seine Ausraster am Abend im betrunkenen Zustand, hatte einen Streit mit einem Elternpaar. Sie beschuldigten ihn, durch sein Geschrei ihren Kindern Angst eingejagt zu haben. Die Frau wollte mit einem dicken Stock auf den betrunkenen Mann los. Dies hätte wohl mit einem Krankenhausaufenthalt geendet. Durch ein Gespräch beruhigte sich die Frau und mit Hilfe eines unserer Hope is life Mitarbeiter, der ebenso dazu kam, führten wir den betrunkenen Mann weg vom Haus der Familie. Nach einem langen Gespräch hat sich der Mann soweit beruhigt, dass wir sicher sein konnten, dass er nun nach Hause zu seinem Vater gehen wird, um seinen Rausch auszuschlafen. Am nächsten Tag thematisierten wir die Situation mit dem jungen Herrn. Er versucht den Alkoholkonsum zu minimieren, was ihm bis anhin gelungen ist.
Nun zu sehr erfreulichen Nachrichten aus unserem Projektdorf in Nepal. Unser Projekt „Menstruation ein Gesundheitsrisiko“ entwickelt sich schnell und wir alle sind enorm motiviert um viele Frauen und deren Männer zu erreichen. Es ist wichtig, dass sich das Bewusstsein der Hygiene während der Menstruation verändert und dann auch umgesetzt wird. Ebenso setzen wir uns gegen die Stigmatisierung der Frauen während der Menstruation ein. Nun nach monatelangem, hartnäckigem dranbleiben, um die staatliche Bewilligung zu erhalten, um mit noch mehr Frauen arbeiten zu können, waren wir endlich erfolgreich. Wir erhielten von der Regierung die Bewilligung mit 81 Frauengruppen und 10 Schulen arbeiten zu dürfen. Dies ist ein enormer Erfolg. Ein Jahr lang wurden wir immer wieder vertröstet. Zum Teil war unser Team nach Sitzungen mit der Regierung völlig demotiviert. Sie wurden beschimpft, dass man doch nicht über dieses Thema spreche, dass es doch kein Thema sei mit welchem man arbeite… Doch nun haben wir es geschafft!
Auch unsere Näherinnen hier in Nepal sind enorm fleissig. Sie haben schon über 1000 Binden produziert. Die Produktion läuft so gut, dass wir auch Binden von hier in unseren Projektdörfern in Indien verteilen können, um auch da weitere Aufklärungsarbeit leisten zu können.
Dann bekamen wir Besuch von zwei freiwilligen Mitarbeiterinnen aus der Schweiz Barbara und Mirjam. Die beiden brachten Musik und Gesang in unser Kids Care und ins gesamte Dorf. Barbara ist sich mittlerweile schon wieder am Verabschieden und reist in ein paar Tagen wieder in die Schweiz zurück. Sie hat die Kinder, das Team und weitere Dorfbewohner in Gesang unterrichtet. Durch die englischen Lieder wurde nicht nur das Singen, sondern ebenso die englische Sprache verbessert. Mirjam wird noch einige Wochen bei uns verbringen. Sie unterrichtet Blockflöte und Gitarre. Die Kinder, das Team, wie auch andere Dorfbewohner haben grosses Interesse an der Musik. Auch Menschen mit Alkoholerkrankung nutzen den Unterricht, um den Alkoholkonsum zu reduzieren. Es macht mir enorme Freude, wenn ich schon von weitem fröhlichen Gesang und Musik höre, wenn ich zum Kids Care komme. Um die Freude an der Musik und dem Singen zu teilen, gingen wir heute in eine sehr abgelegene Entzugsklinik (mehr eine Hütte), um zu musizieren und zu singen. Unser Besuch war enorm berührend. Die Patienten der Entzugsklinik haben bei den nepalesischen Songs begeistert mitgesungen und selbst auch Gitarre gespielt. Am Ende mussten wir ihnen versprechen bald wieder zu kommen. Unser Ziel, mit dem Singen und Musizieren Freude zu bereiten war uns gelungen.
In derselben Entzugsklinik unterrichte ich ebenso die Gewaltfreie Kommunikation. Die Veränderung die diese wenigen Stunden GFK mit sich gebracht haben, ist sehr eindrücklich. Nach Aussagen des Leiters verringerte sich die Gewalt in der Klinik um einiges. Früher stand im Speisesaal ein „Käfig“, der Gewaltausbrüche verhindern sollte. Heute liegt dieser zertrümmert hinter dem Haus, da er nicht mehr benötigt wird.
Herzliche Grüsse
Andrea