Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03536.jsonl.gz/575

Badens Satellit wurde dreimal gegründet
Dättwil Vor 200 Jahren entstand die Gemeinde Dättwil mit Rütihof und Münzlishausen unter Zwang
von Peter Meier, Präsident Chronikgruppe Rütihof (Mittelland Zeitung vom 9.12.2005)
Vor 200 Jahren, am 9. Dezember 1805, ratifizierte der Kleine Rat in Aarau das Gemeindereglement, das Dättwil, Münzlishausen und Rütihof zuvor unter Druck genehmigt hatten. Das im dritten Anlauf und als letzte Gemeinde des jungen Aargaus geborene Dättwil überlebte immerhin 156 Jahre.
200 Jahre Gemeinde Dättwil - haben wir das nicht schon einmal gefeiert? Tatsächlich: Bereits im Jahr 1998 gedachte man in Baden Süd des Jubiläums. Am 17. Mai 1798 nämlich hatten Senat und Grosser Rat der Helvetischen Republik anlässlich ihrer Tagung in Aarau den Zusammenschluss der Höfe Dättwil, Rütihof, Segelhof, Hofstetten und Münzlishausen zur Gemeinde «Dätwyl und Rüti-Hof» verfügt. Doch der Zusammenhalt des neuen Gebildes war locker, die gegenseitige Zuneigung gering und die politische Arbeit zermürbend.
Erpresstes Einvernehmen
Vor allem die von den französischen Truppen geforderten Abgaben führten dazu, dass die neue Gemeinde einigermassen funktionieren musste. Beispielsweise im Sommer 1799: Die Besatzungstruppen verlangten von der Gemeinde Dättwil die Lieferung von 700 Pfund Fleisch. Um dies bezahlen zu können, nahm die «Munizipalität Dättwil» von Caspar Ludwig Netscher in Mellingen ein Darlehen auf. «Da die Bürger frühzeitig einsehen lernten, dass dergleichen Geld-Aufnahmen sie ohnumgänglich in Schuldenlasten versetzen würde, so wurde von den Bürgern beschlossen, dass dem Bürger Netzer seine Summ zurück erstattet werden soll» heisst es im Dättwiler Steuerregister. Der Druck von aussen führte also zu einem gewissen Einvernehmen in der Gemeinde.
Hartnäckige Weigerung
Als Napoleon 1803 die Helvetische Republik versinken liess und als Vermittler der nicht nur in Dättwil zerstrittenen Schweizer auftrat, schuf er eine neue Staatsordnung, die der damaligen Schweiz besser entsprach. Doch wieder machte Dättwil nicht mit. Im August 1803 wurden in allen aargauischen Gemeinden die Gemeinderäte gewählt, aber Dättwil weigerte sich hartnäckig, dasselbe zu tun. Der Streit unter den Ortsteilen dauerte an. «Der rechtliche und gewerbige Kantonsbürger soll nicht mit heimat- und sorglosen Ansassen den Lohn und die Früchte der Arbeit und Tätigkeit theilen und verschwenden müssen», schrieben die Bewohner des Hofes Dättwil. Die Vermittlungsversuche der Kantonsregierung fruchteten nichts. Am 12. September 1804 verlor der Kleine Rat - er entsprach dem heutigen Regierungsrat - die Geduld und beschloss: «Die Einwohner nachgenannter Höfe sind unter der Benennung ‹Gemeinde Dättwil› als politische Bürgergemeinde anerkannt: Dättwil, Rütihof, Münzlishauserhof, Mumpellerhof, Hochstrasserhof, Sägelhof.» Somit wäre dies das zweite Gründungsdatum. Treibende Kraft in dieser Angelegenheit war der Badener Bezirksamtmann Johann Ludwig Baldinger. Dieser ging dabei so weit, der Kantonsregierung auch noch den Anschluss der im Kreis Rohrdorf liegenden Höfe Holzrüti, Vogelrüti und Sennhof an Dättwil vorzuschlagen. Diese Idee wurde aber nicht weiterverfolgt.
Doch zum Funktionieren kam die Gemeinde Dättwil auch diesmal nicht. Die Dättwiler Hofbesitzer wollten die ihnen aufgezwungene politische Ehe mit Rütihof und Münzlishausen wieder auflösen und lieber eine eigene Gemeinde bilden oder noch lieber sich der Stadt Baden anschliessen. (Beim Eingemeindungsstreit um 1960 war es dann umgekehrt, da wollten Rütihof und Münzlishausen zu Baden, Dättwil aber nicht!)
Alte Regelung wieder in Kraft
Kompliziert wurde die Angelegenheit noch dadurch, dass der Weiler Muntwil («Mumpellerhof») und der Hof Eschenbach auch Dättwil zugeteilt wurden, obwohl sie vorher jahrhundertelang zu Birmenstorf gehört hatten. Anfang 1805 wurde in dieser Beziehung die alte Regelung wieder in Kraft gesetzt und damit einer der Streitpunkte erledigt. Aber noch im März jenes Jahres schlugen die Dättwiler harte Töne an: In Rütihof liessen sich «mehrere Familien vorfinden, die bey einem vorzüglich der Liederlichkeit ergebenen Beruff ohne alles Vermögen sind» und «deren Besitz sich wesentlich auf junge rüstige Weiber beschränkt».
Regierung und Parlament des Kantons gaben nicht nach. Die Bürger von Dättwil, Rütihof und Münzlishausen genehmigten am 18. Oktober 1805 unter Druck ihr Gemeindereglement, drei Wochen später wählten sie den Gemeinderat. Am 9. Dezember 1805, also genau heute vor 200 Jahren, ratifizierte der Kleine Rat in Aarau das Reglement und damit war im dritten Anlauf Dättwil als letzte Gemeinde des jungen Aargaus geboren.
Immerhin 156 Jahre alt wurde die Ehe dieser Dörfer, obwohl die ganz grosse Liebe zwischen Dättwil einerseits und Rütihof/Münzlishausen andererseits nie erblühte. Aber nebeneinander leben und miteinander handeln lernte man trotz gelegentlicher Scharmützel doch.
Auf den Jahresbeginn 1962 wurden die drei Dörfer nach Baden eingemeindet. Die explosive bauliche, wirtschaftliche und bevölkerungsmässige Entwicklung hat seither die Gegensätze, aber auch die Besonderheiten weitgehend verschwinden lassen.
E-Mail: <email-pii>
Bild: Hof in Dättwil, dahinter Hügel mit Galgen, 1767
Graph. Sammlung Zentralbibliothek Zürich
(Johann Balthasar Bullinger, 1713-1793)