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Kapitel 24: Lieblingsbänke
»Ah. Du willst meine Hilfe?«, fragte der Púca, als ließ er sich ihre Frage durch den Kopf gehen. »Waren wir da nicht bereits vor 95 Jahren in London? Unter dem Dach des kleinen Theaters, als …«
»Ich erinnere mich«, sagte sie, vielleicht etwas zu forsch. »Dieses Mal geht es nicht um mich. Es geht um Aidan.«
Der Púca nickte langsam.
»Die selbstlose Bonnie Bahookie«, sagte er träge. »Die Tänzerin, die des Lebens müde ist, weil sie glaubt, alles gesehen und alles gemacht zu haben.«
Glenna spitzte die Ohren, als sie ihre eigenen Worte wiedererkannte.
»Woher …« Er unterbrach sie mit einer Handbewegung.
»Was genau willst du von mir?«
»Ich will, dass das du mir meine Fähigkeiten nimmst. Damit ich sterblich werde wie ein normaler Mensch.«
»Damit deine Seele attraktiv wird für die Wilde Jagd und den Cusith«, sagte er neutral.
Sie fragte nicht weiter, woher er das wusste. Sie würde keine richtige Antwort erhalten.
»Ja.«
»Ich kann dir nicht helfen, Bonnie.«
Ihr Kopf fuhr herum und sie blickte ihn unter zusammengezogenen Brauen her an.
»Du kannst nicht oder du willst nicht?«, fragte sie.
Er hielt ihrem Blick stand.
»Ich kann nicht«, sagte er fest. »Auch wenn ich wollte, es liegt nicht in meiner Macht, dir deine Fähigkeiten wieder zu nehmen. Nur das Hohe Gericht könnte das.«
Bonnie schauderte bei der Erwähnung. Sie hatte keine Lust, sich mit dem Hohen Gericht der Anderswelt anzulegen, ganz abgesehen davon, dass ihr dazu nicht die Zeit blieb. Von ihnen angehört zu werden war keine Frage von Stunden, sondern von Monaten oder Jahren. Die Wesen der Anderswelt hatten keine Eile.
Sie seufzte, da sie diese Antwort wohl hinnehmen musste.
Eine schwere Hand lag auf einmal auf ihrem Bein und sie verkrampfte sich automatisch. Er nahm sie sofort weg und hinterließ einen wärmenden Fleck, der schnell verblasste.
Sie fragte sich, was Jamie aus der ganzen Unterhaltung ziehen mochte.
»Warum denkst du, dass du bereit bist zum Sterben, Bonnie?«
Glennas Mundwinkel zuckten. Jamie und der Púca würden sich vermutlich blendend verstehen.
Sie atmete erneut tief durch und lieferte sich einen Starrwettkampf mit einem der Elternschwäne, der erwartungsvoll auf ihrer Höhe umher paddelte.
Auf einmal erinnerte sie sich an Dorothy, wie sie immer mit einem breiten Lächeln von der Schwanenfamilie mit den acht Küken erzählt hatte, als wären sie gemeinsame Bekannte. Glenna hätte jetzt gerne Brot dabei gehabt.
»Es gibt noch so vieles da draußen«, fuhr der Púca fort und machte eine ausladende Armbewegung.
»Dorothy ist tot«, sagte sie und der plötzliche Schmerz in ihrer Brust überraschte sie selbst.
»Das ist es nicht«, sagte der Púca sanft, aber bestimmt. »Du hast viele Leute vor ihr überlebt.«
Ihr Hals zog sich eng zusammen, als Glenna spürte, wie die Tränen in ihr hoch wogten.
»Die anderen waren nicht meine Töchter«, raunte sie.
Sie blinzelte, als ihre Sicht verschwamm.
»Ah«, sagte der Púca, als verstünde er auf einmal.
Glennas Mundwinkel zuckten, als die Schwanenfamilie ihren Weg fortsetzte. Die zwei weißen Höckerschwäne schwammen voraus, die acht Küken folgten.
Glenna runzelte die Stirn. Nein. Es waren nur sieben.
»Jedes Wesen trauert, weißt du«, sagte der Púca. »Aber nur der Mensch lässt zu, dass der Tod eines anderen auch noch lange Zeit später einen solchen Einfluss nimmt.«
Glenna zählte die grauen Jungschwäne erneut. Sieben. Eines fehlte.
»Tiere akzeptieren das Geschehene und leben weiter«, erklärte der Púca. »Würden sie das nicht tun, würden sie ihr eigenes Leben und das der anderen Zurückgebliebenen riskieren. Und das wäre eine Schande, die sich die Natur nicht leisten kann.«
Die Schwanenfamilie zog weiter und Glenna spürte, wie sie den Stein, der in ihrem Magen lag, irgendwie mitnahmen.
»Dorothy hatte ein gutes Leben«, sagte sie versöhnlich. »Sie konnte ihr Leben abschließen. Schön verpackt, wie das letzte Kapitel eines Buches. Keine losen Stränge, keine offenen Enden. Sie hat es sogar mit einem Schleifchen veredelt, indem sie auf ihrer Lieblingsbank am Shannon River gehen konnte.«
Sie konnte nicht anders, als den Tränen ihren Lauf zu lassen.
»Ich bin etwas eifersüchtig«, gestand sie. »Ich werde nie so gehen können, weil ich nicht weiß, wann es so weit sein wird. Meine losen Enden sind in der Welt verteilt. Ich habe nicht einmal eine Lieblingsbank.«
Der Púca fuhr mit der Hand über das Holz, auf dem sie saßen und klopfte zweimal kurz darauf.
»Diese hier scheint mir solide«, sagte er und setzte ein Lächeln auf, das etwas mehr wie das von früher schien.
Glenna lachte und tupfte dann mit dem Mittelfinger eine Träne von ihrer Wange. Er reichte ihr ein schwarzes, zusammengefaltetes Stofftuch und Glenna nahm es dankend an.
Sie trocknete ihre Tränen und seufzte, als sie die weißen Flecken auf dem schwarzen Stoff sah. Sie würde wohl aussehen, als lerne sie gerade erst, wie man Make-up auftrug. Sie trug das Make-up nicht, um andere Leute zu beeindrucken, trotzdem schämte sie sich gerade so vor dem Púca, der selber kein bisschen gealtert war.
»Sag es mir.« Sie blickte ihm direkt in die Augen, auch wenn es ihr Herz jedes Mal in ein aufgeregtes Rasen versetzte. »Kann ich sterben?«
Das Gold in seinen Augen glänzte und für einen kurzen Moment glaubte, Glenna ihr Spiegelbild darin zu sehen. Nur war es nicht ihr wirkliches Spiegelbild, sondern das Gesicht von Bonnie Bahookie, der jungen Frau von vor 95 Jahren.
War es das, was er wirklich vor sich sah?
»Du bist sterblich, Bonnie«, sagte der Púca. »Aber ich weiß nicht, wann deine Zeit kommen wird. Vielleicht bald. Vielleicht in tausend Jahren.«
Sie seufzte.
»Was weißt du eigentlich?«, fragte sie und entlockte ihm wieder ein kehliges Lachen.
»Ich weiß, dass du gerade einfach etwas müde bist. Dass du dein Fahrrad die letzten dreißig Jahre lang ebenfalls nicht oft gefahren bist und dass es vor sich hin rostet und du es vielleicht tief in dir drin ganz gerne wieder benutzen würdest.«
Glenna blinzelte und presste die Lippen aufeinander.
»Wovon sprechen wir hier genau?«
Er zuckte die Achseln, schmunzelte aber ab ihrer verwirrten Miene.
»Wenn du mir gerade vorgeschlagen hast, dass ich mal wieder Sex haben sollte, frage ich mich wirklich, was in euch alle gefahren ist die letzten Tage.«
Er legte den Kopf in den Nacken und lachte schallend.
»Das ist nun deine Interpretation, Bonnie. Aber zugegeben, dieses Fahrrad hast du immer vorzüglich zu beherrschen verstanden.«
Das Blut schoss in Glennas Gesicht und sie tupfte sich erneut die Wangen mit dem Tuch, um es zu verbergen.
»Das ist neu«, sagte der Púca schmunzelnd.
»Was?«
»Dass du ab solchen Unverschämtheiten errötest.«
Sie seufzte und blickte auf das Wasser hinaus. Die Schwanenfamilie war inzwischen weitergezogen. Sie lebten weiter wie all die Tage zuvor. Was auch immer mit dem letzten Küken geschehen war, es hatte nicht dazu geführt, dass sie sich in ihrem Elend ertränkten. Die Schwanenmutter hatte nicht einfach aufgehört zu schwimmen, weil sie versagt hatte.
»Bonnie«, sagte der Púca und ein Unterton hatte sich in seine Stimme gemischt, den sie nicht recht deuten konnte. »Wenn du so unbedingt sterben willst, warum tust du es dann nicht einfach?«
Sie musterte ihn skeptisch. »Einfach so? Wie soll das gehen?«
»Ich habe nicht gesagt, dass es einfach ist.« Er nickte mit dem Kinn in Richtung Fluss. »Aber Menschen tun es immer wieder.«
Ein Band legte sich um ihren Hals bei dem Gedanken daran.
»Ist das dein Ernst?«
»Ist es deiner?«
Sie schnaufte Luft durch die Nase ein und aus, dann reckte sie wieder das Kinn.
»Vielleicht später«, sagte sie fest. »Momentan gibt es ein Menschenleben zu retten. Und wenn du mir dabei nicht helfen willst, bleibt das an mir hängen.«
Der Púca schmunzelte weiterhin. »Sieht ganz so aus.«
Glenna erhob sich von der Bank und wollte sich abdrehen, als ihr in den Sinn kam, dass sie noch immer das schwarze Tuch umklammert hielt.
Sie streckte es dem Púca entgegen, doch dieser legte seine langen Finger auf die ihren und schob sie leicht in ihre Richtung.
»Behalte es.«
»Wirklich?«, fragte sie beinahe etwas amüsiert. »Ein Pfand? Damit du irgendwann einmal darauf zurückkommen kannst, um mir einen Strick daraus zu drehen?«
Er legte den Kopf schräg und blickte sie tadelnd an.
»Was habe ich jemals getan, um dieses Misstrauen zu verdienen?« Aber er wartete keine Antwort ab. »Es ist ein Geschenk.«
Glenna zögerte. Die Worte weckten tatsächlich so etwas wie ein schlechtes Gewissen in ihr. Vielleicht tat sie ihm unrecht. Seit sie sich 1923 getrennt hatten, hatte er nichts getan, was das Misstrauen rechtfertigen würde. Außer der Tatsache, dass er nun mal ein Púca war.
Sie legte das Tuch auf den Rand der Bank und schenkte ihm ein halbherziges Lächeln.
»Leb wohl, Bonnie«, sagte er, als sie sich abwandte. »Wie lange auch immer.«
Vorschau auf das Kapitel „Alte Bekannte“ von nächster Woche: