Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03374.jsonl.gz/3329

Lausanne und die Architektur
Ein Netzwerk von sich überlagernden Ebenen
VON CLÉMENT CREVOISIER
In Lausanne ist die Architektur durch die Hanglage und die damit verbundenen einfachen und komplexen baulichen Massnahmen geprägt: Vorsprünge, Überlagerungen, Terrassierungen, Einpassungen in das Gelände, Durchbrüche…
Die herrschenden Bischöfe der mittelalterlichen Stadt hatten als erste den Altstadthügel besiedelt. Ihre Paläste, der frühere Bischofssitz und das Schloss Saint-Maire, liegen an den beiden Enden des Altstadthügels, während die Kathedrale zuoberst erbaut wurde. Die Besteigung des Kirchenturms über die Wendeltreppe aus dem achten Jahrhundert sollte man sich nicht entgehen lassen. Von oben sieht man durch die gotischen Säulen auf die Stadt hinunter und kann deren Formgebung und deren Lage am See vor dem Hintergrund der Alpen gut erkennen.
Hohe Ziele
Die Gebäude um den Platz Saint-François sind ein klarer Ausdruck der wirtschaftlichen Prosperität um das Jahr 1900. Banken, grosse Geschäfte und weitere prachtvolle Bauten erinnern an die glorreiche Geschichte der Stadt. Es wurde darüber diskutiert, ob eine Niederlassung der neuen Post so hoch erbaut werden solle, dass sie die Turmspitze der Franziskanerkirche überragt hätte. Dies wagte man aber dann schliesslich doch nicht. 30 Jahre danach wurden mit dem Hochhaus Bel-Air modernistische Akzente gesetzt und die hochfliegenden Pläne dieser Generation in die Tat umgesetzt. Zwischenzeitlich wurde die Stadt mit der Errichtung von monumentalen Brücken als Netzwerk von sich überlagernden Ebenen strukturiert.
Die Terrassierung und die sanfte Hangneigung wurden für die Errichtung der «Campagnes» genutzt. Diese Landgüter wurden im 18. Jahrhundert in der Umgebung von Lausanne erbaut. Die lokale Aristokratie liess sich dort gediegene Villen errichten. Die prachtvollen und sorgfältig gepflegten Parks, die diese Gebäude umgaben, nutzten die Möglichkeiten der schönen Landschaft und luden einsame Spaziergänger zum Träumen ein.
Die Flüsse Flon und Louve schlängeln sich heute irgendwo unter der Stadt durch. Dank dem Römischen Frieden konnte sich die Hafenstadt Lousonna stark entwickeln. Davon übrig geblieben sind nur die Fundamente und die Relikte des Hafens, des Markts, der Basilika und des Tempels. Diese sind die ältesten Elemente des architektonischen Erbes der Stadt Lausanne. Besichtigt werden können sie in Vidy, ganz in der Nähe des Römischen Museums, in dem die Geschichte nachgezeichnet wird.
Architektonische Experimente
Mit dem Tunnel La Barre, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet wurde, machte Lausanne die ersten Erfahrungen mit Untertunnelungen. Solche Durchbrüche sind auch heute noch ein Experimentierfeld für die Architektur. Die Erfordernisse im Zusammenhang mit der Umwelt, dem verdichteten Bauen und den öffentlichen Verkehrsmitteln haben auch in diesem Jahrtausend mehrere unterirdische Baustellen zur Folge.
So führt die LEB-Bahnlinie von der Avenue d’Echallens bis zum Bahnhof Flon unter der Stadt durch. Der dekonstruktivistische Architekt Bernard Tschumi betonte die Komplexität dieses ausserordentlichen Standorts, an dem die Haltestellen der LEB und der Metrolinien M1 und M2 sowie die Strassen der Place de l’Europe und der Grand-Pont übereinander angelegt werden.
Von diesem Standort aus haben die Besucher der Stadt zwei Möglichkeiten. Sie können wieder zum Turm der Kathedrale hochsteigen – den man am besten von der Grand-Pont aus sieht – oder mit der M2 nach Ouchy fahren und dort die Weite des Sees geniessen. In beiden Fällen werden sie mit ihrer Wahl zufrieden sein.
Mit der freundlichen Mitarbeit von Nicole Christe (Amt für Architektur), Bernard Apothéloz (Amt für Stadtplanung) und Frédéric Sardet (Stadtarchiv).
Service d'architecture
Rue du Port-Franc
18
2e étage
Case postale 5354
1002 Lausanne
Tel +41 21 315 56 22
Fax +41 21 315 50 05