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JOHANN HIERONYMUS KNIPHOF
BOTANICA IN ORIGINALI, 2 BÄNDE 1757-1764
EIN LEBENDES KRÄUTERBUCH
Der Titel des Werks lautet: „Botanica in originali, seu Herbarium vivum“. Er macht klar, dass es um Originalpflanzen geht, die ein lebendes Herbarium darstellen. Die Pflanzenbilder wurden im sogenannten „Naturselbstdruck“ hergestellt. Hierfür wurden echte Pflanzen gepresst und als Druckvorlage mit einem Färbemittel aus Russ und Öl eingefärbt, wobei der Druckvorgang geheim blieb. Da der Druck die Pflanzen stark strapazierte, mussten genügend Ersatzpflanzen vorliegen. Es konnten maximal fünf Papiere mit derselben Pflanze bedruckt werden. Einige Exemplare des Gesamtwerks wurden nach genauen Vorgaben koloriert.
Beim vorliegenden Exemplar handelt es sich um eine vollständige und kolorierte Ausgabe aller zwölf „Centurien“, also aller zwölf Bögen von je hundert Tafeln. Im Ganzen wurden somit 1200 Pflanzen abgedruckt. Jeder Centurie geht eine farbig illustrierte Titelseite voraus. Ein vorangestelltes Register erlaubt einen Überblick über die abgebildeten Pflanzen, wobei einzelne Pflanzen mehrfach vorhanden sind.
Da die Centurien ungebunden verkauft wurden, oblag es den Besitzern, wie sie die Pflanzenbilder aneinander reihten. Im vorliegenden Exemplar folgte der ursprüngliche Käufer bei der Bindung dem Alphabet mit Ausnahme der letzten Centurie. Die in Halle verlegten Centurien erschienen ohne erläuternde Texte; unter jeder einzelnen Abbildung stehen nur der lateinische Name und stichwortartig einige Charakteristika der Pflanze. Verweise auf die Werke von Carl von Linné sowie vom Leipziger Medizinprofessor und Direktor des Botanischen Gartens, Christian Gottlieb Ludwig, geben jene Textstellen an, die sich auf die Pflanze beziehen.
TEURE RARITÄT
Die Erstausgabe der „Botanica in originali“ mit dem Zusatz: „Das ist lebendig Kräuterbuch“ kam in mehreren Teilen 1733 heraus. Kniphof arbeitete damals mit dem Drucker Johann Michael Funcke zusammen. Die Erstauflage enthält 300 Pflanzenbilder ohne Text. Gleich schloss sich die nächste Edition mit 400 Tafeln an, die sich bis ins Jahr 1736 hinzog und auf Bitten der Leser nun auch Erläuterungen einschloss. Die Texte für die Arzneipflanzen stammten von Kniphof, jene für die Gartenpflanzen vom Gartenbauschriftsteller Christian Reichard. Trotz angekündigter weiterer Teile brach die Arbeit abrupt ab, weil der Autor Johann Hieronymus Kniphof 1736 bei einem verheerenden Stadtbrand in Erfurt sein Hab und Gut und damit auch seine Bibliothek verloren hatte. Erst 1747 versuchte er, mit demselben Verleger an die alte Tradition anzuknüpfen. Diese Ausgabe gelangte jedoch nicht in den Buchhandel.
Die vorliegende Edition kam im Verlauf von acht Jahren zwischen 1757 und 1764 heraus. Die potentiellen Käufer wurden mit Ankündigungen in Zeitungen und Zeitschriften auf das baldige Erscheinen der jeweils aktuellen Centurie hingewiesen. Da das Sammeln von hundert Pflanzen in mehreren Exemplaren zur selben Zeit zahlreiche, geschulte Personen erforderte, stellte jede Centurie eine neue Herausforderung dar. Vollständige Editionen aller zwölf Centurien sind nur sehr selten bis in die Gegenwart erhalten geblieben.
ARZT, BOTANIKER UND REKTOR
Johann Hieronymus Kniphof (1704–1763) hatte früh seinen Vater verloren. Dank der Mutter konnte er Medizin studieren und war danach als Arzt in Erfurt tätig. 1737 erhielt Kniphof eine ausserordentliche Professur an der Universität Erfurt. Von 1745 bis 1756 hatte er den Lehrstuhl für Anatomie, Chirurgie und Botanik inne, amtete schon ab 1747 als Dekan der Medizinischen Fakultät und wurde 1761 sogar Rektor der Universität Erfurt. Er verstarb während seiner zweiten Amtsperiode.
Andreas Elias Büchner, Medizinprofessor in Halle, gehörte zu Kniphofs engsten Freunden. Büchner verhalf Kniphof als Präsident der weltweit ältesten, hoch angesehenen Wissenschaftsakademie Leopoldina zu einer Mitgliedschaft in jungen Jahren. Nach Kniphofs Tod heiratete Büchner dessen Witwe. Büchner trug die Verantwortung für den Botanischen Garten in Halle. Wie Kniphof im Vorwort der vorliegenden Ausgabe festhält, geht die Neuauflage der Botanica im Original auf Büchners Bemühungen zurück. Büchner stellte auch den Kontakt zum Drucker Johann Gottfried Trampe aus Halle her.
EIN NEUES ORDNUNGSSYSTEM
Naturselbstdrucke waren keine Erfindung Kniphofs, wie er selbst betont. Bereits Leonardo da Vinci hatte ein Salbeiblatt mit diesem Verfahren gedruckt und den Vorgang detailliert beschrieben. Im 16. Jahrhundert wurden einzelne Herbarien im Naturselbstdruckverfahren hergestellt, vermutlich weil damit eine gute Alternative zu den feuchtigkeitsempfindlichen Pflanzensammlungen bestand. Die Käufer botanischer Sammelwerke waren in erster Linie Apotheker, die eine möglichst naturgetreue Vorgabe zur pharmazeutischen Pflanzenbestimmung benötigten.
Carl von Linné hatte ein Ordnungssystem auf der Basis der pflanzlichen Sexualorgane entwickelt, das die eindeutige Zuordnung jeder Pflanze ermöglichte. Mit der Etablierung seines Systems erfuhr die Botanik eine Art Bruch mit barocken Pflanzensammlungen, allerdings nach einer stufenweisen Annäherung an diese Form der Naturklassifizierung.
Im 18. Jahrhundert wurden die botanischen Illustrationen – ähnlich den anatomischen Atlanten und naturwissenschaftlichen Bildern allgemein – immer präziser. In diesem Zusammenhang erhielt der Naturselbstdruck Aufschwung als eine Methode, die Natur detailgetreu darzustellen. Kniphofs Werk „Botanica in Originali“ war in dieser Entwicklung wegweisend. Parallel dazu entstanden auch botanische Schriften, die Pflanzen idealtypisch abbildeten. Beide Traditionen lassen sich bis heute nachweisen.