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Waffenschmiede
Steckborn, eine bis anhin unbekannte Waffenschmiede in der Schweiz
Von Hugo Schneider
Über den Antiquitätenmarkt gelang dem Schweizerischen Landesmuseum
in Zürich der Ankauf eines Jagdstutzers mit Steinschloß aus der Zeit
um 1700. Der Lauf weist den Namen „STECKBOREN" auf und die Schloßplatte
enthält den Namen „HANHART". Steckborn ist ein kleines mittelalterliches
Städtchen am Südufer des südwestlichen Armes des Bodensees und war
handwerklich besonders durch seine Erzeugnisse im Bereich der Keramik
und des Zinns bekannt. Daß auch das Waffenhandwerk in größerem Ausmasse
heimisch war, entging dem Wissenschafter bis anhin völlig.1
Durch die durch Sotheby in London angebotene Jagdwaffe wurden wir erst zu
weiteren Nachforschungen angeregt . Obwohl die Archivprobleme in Steckborn
nicht genügend gelöst sind, und keinerlei Regesten des dortigen Materials
existieren, lohnte sich die mühevolle Arbeit doch. So konnten im ersten
Anlauf 11 Büchsenmacher, 8 Büchsenschäfter, 1 Degenschmied und 4 Waffenschmiede
festgestellt werden. Sie waren alle im Zeitraum zwischen 1660 und 1770 tätig.
Die Zahl ist, gemessen an der damaligen Einwohnerzahl, so groß, daß es sich in
keiner Weise nur um städtische Handwerker gehandelt haben kann, welche lediglich
für den Bedarf der kleinen Stadt arbeiteten.
Aus allen ragt Hans Heinrich Hanhart heraus und zwar nicht nur deswegen, weil über ihn die meisten Nachrichten gesammelt werden konnten, sondern weil aus seiner Hand auch ein Belegstück vorliegt, das sich durch besondere Qualität auszeichnet, eben diese jüngst erworbene Jagdwaffe.3 Hanhart entstammte einem alten Steckborner Bürgergeschlecht, welches heute noch blüht. Er wurde 1664 in seiner Vaterstadt geboren. Wo er seine Lehre bestanden hat konnte bis heute nicht abgeklärt werden. Eine gewisse Zeit verbrachte er im nahe gelegenen Städtchen Bischofszell. Er verstarb in Steckborn 1737. Neben ihm sind noch vier weitere Büchsenmacher derselben Familie bekannt: Christoph I., erwähnt 1697, Christoph II., erwähnt 1740-1770, Hans Balthasar, erwähnt 1693-1741 und Hans Kaspar, erwähnt 1749-1755. Die verwandtschaftlichen Beziehungen unter diesen fünf Hanharten sind nicht in allen Teilen klar. Wir wissen lediglich, daß Hans Balthasar der jüngere Bruder von Hans Heinrich war, bei dem er auch die Lehre bestanden hat. - Hans Heinrich muß eine recht gut gehende Werkstatt geleitet haben, denn es ist uns bekannt geworden, daß mindestens fünf Lehrlinge bei ihm den Beruf erlernt haben: Martin Grübel aus Schaffhausen, 1695-1699, David Labhardt, 1700-1703, Anton Hotz, 1710-1713, Bartholomäus Zingg aus St.Gallen, 1719-1722 und sein Bruder Hans Balthasar.
Beschreibung der erworbenen Waffe:
Achtkantiger Eisenlauf mit bombierten Schrägflächen, Laufmündung mit Ringwulst. Auf der Laufoberseite graviert „STECKBOREN"; eingeschobenes Eisenvisier mit einer starren und einer beweglichen Kimme; eingeschlauftes Messingkorn; auf der Schwanzschraube graviert „35"; sieben Züge. Hahn und Schlossplatte aus Eisen, geschnitten mit Kartusche und Trompete mit Stander sowie Trophäen. Auf der Kartusche „STECKBORE/N", auf dem Stander „HAN/HART". Das Gegenblech mit Ranke mit hornähnlichem Fortsatz. Abzugbügel und drei fazettierte Ladstockhülsen aus Eisen; Kolbenplatte aus Eisen mit Schulterbuckel und punktierter Zahl „35"; Stecher. Schaft aus Maserholz, leicht geschnitzt; Kolben mit Wangenstütze links mit wohl später eingelegtem, mit Jagdszene geschnitztem, ovalem Medaillon und Kugellade mit Schiebedeckel rechts. Auf dem Kolbenhals eingelegte, eisengeschnittene Portraitbüste eines Angehörigen des Ordens vom Goldenen Vlies. Gesamtlänge 117,3 cm, Lauflänge 79,5 cm; Kaliber 1,4 cm.
Betrachtet man die Waffe als Ganzes, so fallen die feine Beschaffenheit und die Eleganz auf.
Man merkt, daß nicht ein Meister am Werk war, der lediglich feldtüchtige Kriegswaffen herzustellen
gewohnt war, sondern sich auf Jagdwaffen spezialisiert hatte und den Stücken nach eigenem Gutdünken
einen gewissen Schmuck zu verleihen suchte. So fällt bei der Schlossplatte auf, daß Hanhart offenbar
Vorlageblätter für seine Eisenschnittarbeiten zur Verfügung hatte.
Durchgeht man das Büchsenmacher-Musterbuch von C. Jacquinet aus Paris, das 1660 dort ediert worden
ist, so wird augenscheinlich, dass beim Blatt 4 derselbe Putto mit der nämlichen Kartusche, jedoch
seitenverkehrt, von Hanhart übernommen worden ist
Diese Tatsache ergibt, daß Hanhart feinere Waffen herstellte, und es bleibt die Frage offen, wo er den Abnehmerkreis für diese Produkte gefunden hat. Dass es sich nicht um ein Einzelstück handelte geht aus der Zahl „35" hervor, welche ganz offensichtlich eine Mengenzahl ist, was bedeutet, daß diese Büchse zu einer Serie gehörte. Dass es eine Inventarzahl für eine spätere Rüstkammer wäre, ist wohl aus der Wiederholung auf Lauf und Kolbenkappe heraus abzulehnen.
Aus der schriftlichen Dokumentation lässt sich erkennen, daß Hanhart für hochgestellte Persönlichkeiten des süddeutschen Raumes arbeitete. Das gleiche läßt sich auch aus der oben beschriebenen Waffe ablesen. Bemerkenswert ist, daß sie auf dem Kolbenhals das erwähnte in Stahl gearbeitete Bildnis eines An¬gehörigen des Ordens vom goldenen Vlies trägt. Die Büchse, in die Zeit um 1700 zu datieren, veranlaßt uns, den in diesem Medaillon Dargestellten in diesem Zeitraum als lebend zu betrachten. Die Überprüfung der Mitgliederlisten des Ordens sowie die Tracht und das Aussehen des Portraitierten lassen vermuten, es könne sich um das Bildnis des Kurfürsten Maximilian II. von Bayern handeln. Er war 1692 in den Orden aufgenommen worden. Berücksichtigt man, daß die Waffe außerdem die Nummer „35" trägt, so scheint Hanhart eine ganze Serie solcher Jagdstutzer hergestellt zu haben. Ob für Maximilian oder ein anderes adeliges Haus in Süddeutschland produziert wurde, welches die Reihe an den Kurfürsten dediziert hätte, läßt sich aus der man¬gelhaften Quellenlage nicht eruieren. Damit schließt vorläufig die Aussage über Hans Heinrich Hanhart. Lediglich in den Zürcher Zeugamtsrechnungen von 1709 stießen wir noch einmal auf diesen Familiennamen: „199 Pfund 8 Schilling" wurden von der Stadt bezahlt „Mr. Hanhart zu Stäkbohren pr. 236 kühlte Grenadiergrieff, 28 geschweifte Talons ... und 10 Dotzet Ladstäken-Montierungen ... über abzogne ... wegen etwas Fehlers an Griffen ..."". Um welchen Hanhart es sich handelte, kann nicht mit Sicherheit ausgemacht werden. Es komme11 in Frage der erwähnte Hans Heinrich, Christoph I. und Hans Balthasar. Interessant sind die Produkte, welche der Steckborner dem Zürcher Zeughaus lieferte. Bei den „kühlten Grenadiergrieffen" handelt es sich wohl weniger um Säbelgefäße, denn um Abzugbügel, welche eine besondere Härtung verlangten. Als „Talons" wurden Kolbenkappen angesprochen, und unter den „Ladstäken-Montierungen" sind die Hülsen aus Metall zu verstehen, welche auf der Unterseite des Schaftes montiert wurden. Dieser Hanhart hatte also Garniturteile zu Ordonnanzgewehren für das Zürcher Militär zu liefern. Neben den Hanhart sticht eine weitere Familie aus der Waffenschmiedegruppe heraus. Es handelt sich um die Büchsenschäfter Füllemann, ebenfalls ein altes, noch lebendes Geschlecht aus Steckbom. Es ließen sich auch hier fünf Vertreter desselben Handwerkes nachweisen und zwar für ziemlich genau den gleichen Zeitraum, wie den der Büchsenmacher Hanhart, 1674-1765. Es handelt sich um Christoph 1. 1695-1750, Christoph II., 1750, Hans Melchior I., 1674-1678, Hans Melchior II., 1748-1765 und Moritz, 1715-1726. Es kann leider bis jetzt die genealogische Abfolge noch nicht vorgewiesen werden. Fest steht lediglich, daß Christoph II. seine Lehre bei Hans Melchior II. Füllemann bestand. Keinem Zweifel kann hingegen unterliegen, daß diese Büchsenschäfterdynastie eng mit den Büchsenmachern Hanhart zusammengearbeitet hat. Die Hanhart vermittelten den Schäftern Füllemann erst die Arbeits- und damit die Lebensgrundlage. Und das Handwerk muß recht gut geblüht haben. Dies läßt sich aus der Leistung der Büchsenmacher ableiten und wird außerdem durch den Umstand bestätigt, daß die Füllemann nicht nur schäfteten sondern auch Nachwuchs ausbildeten. So war Hans Melchior I. Lehrmeister von Jürg Gilg aus Salenstein in der Nähe von Steckborn. Ebenso besaß Hans Melchior II. nachweislich mindestens zwei Lehrlinge, nämlich Christoph II. Füllemann und Heinrich Albertin. Zuweisbare Arbeiten sind bis anhin nicht bekannt. An weiteren Waffenschmieden zu Steckborn wären noch zu nennen: Erhart Teucher (Deucher, Döcher) Büchsenschäfter 1660; Simon Farner, Büchsenmacher 1670. Er bestand die Lehre bei seinem Vater, der als Huf- und Waffenschmied in Stammheim, Kt. Zürich, auch in der Nähe des Rheins, tätig war; Johann Graf, Büchsenmacher 1736; Martin Grübel, Büchsenmacher 1695-1699, aus Schaffhausen stammend; er hat die Lehre bei Hans Heinrich Hanhart gemacht; Salomon Guhl, Büchsenmacher, erwähnt 1790; Hans Heinrich Horber, Waffenschmied, erwähnt 1670-1691; Hans Ulrich Horber, Büchsenmacher, erwähnt 1678-1705, wobei die verwandtschaftlichen Verhältnisse der beiden Horber nicht geklärt sind; David Labhardt, Büchsenmacher, erwähnt 1700-1707, der die Lehre, wie bereits erwähnt, bei Hans Heinrich Hanhart bestand; Hans Heinrich Labhardt, Büchsenmacher, geboren 1657-1683, wobei wir auch hier den Verwandtschaftsgrad noch nicht kennen; Jakob Ottenschweiler, Waffenschmied, erwähnt 1678, aus Flaach, Kt. Zürich, in der Nähe des Rheins, stammend; Hans Jakob Schneider, Degenschmied, erwähnt 1678-1683; Leonhard Wilhelm, Waffenschmied, erwähnt 1691. Leider kennen wir von keinem ein Erzeugnis. Es lassen sich bis zur Zeit keine weiteren Daten über diese genannten Waffenschmiede eruieren. Hingewiesen werden muß noch, daß der Begriff „Waffenschmied" in der Schweiz in allen Jahrhunderten seit dem Mittelalter gebräuchlich war. Eine Spezialisierung wie Büchsenmacher oder Degenschmied ist in diesem Fall nicht möglich. Der Begriff kam daher, weil in unserem Land der Absatz zu klein war, als daß sich eine strenge zünftige Spezialisierung gelohnt hätte. Deshalb haben wir schon mehrmals darauf hinweisen dürfen, daß im Bereich der Eidgenossenschaft es nicht ungewöhnlich war, wenn ein Plattner auch Zweihänder herstellte oder ein Büchsenmacher sich in gleicherweise mit der Fabrikation von Halbarten oder Langspießen beschäftigte.