Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03585.jsonl.gz/1522

Epilepsien sind eine Gruppe ganz unterschiedlicher Erkrankungen. Allen ist gemeinsam, dass von Zeit zu Zeit Anfälle auftreten, meist ohne erkennbaren Anlass.
Epileptische Anfälle werden durch Funktionsstörungen des Gehirns hervorgerufen. Ihre Erscheinungsbilder sind weitgehend davon abhängig, welche Bereiche des Gehirns betroffen sind.
Epileptische Anfälle werden in zwei Gruppen eingeteilt: in "fokale Anfälle", die von einem umschriebenen Teil des Gehirns ausgehen, und in "generalisierte Anfälle", die von Anfang an das ganze Gehirn einbeziehen. Die Zuordnung bezieht sich nur auf den Anfallsbeginn. Grundsätzlich kann sich jeder fokale Anfall im Verlauf auch zu einem generalisierten Anfall entwickeln.
Epileptische Anfälle sind Störungen des Gehirns aufgrund kurz dauernder, vermehrter Entladungen von Nervenzellen. Es gibt mehr als dreissig Formen epileptischer Anfälle und noch mehr Formen von Epilepsien, weil diese auch in einer Kombination mehrerer verschiedener Anfallsformen einhergehen können. Jeder betroffene Mensch hat in der Regel nur eine Epilepsieform mit ein bis drei verschiedenen Anfallsformen. Die Abstände zwischen den einzelnen Anfällen können sehr stark schwanken und liegen zwischen Sekunden und mehreren Jahren.
Das Wort Epilepsie kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Ergriffenwerden", „Gepacktwerden" oder „von etwas befallen oder erfasst sein". Im Altertum bezeichnete man Epilepsien auch als „Morbus sacer" oder „Heilige Krankheit" und gab ihnen damit eine Sonderstellung, die sie auch heute noch manchmal haben. Viele Menschen glauben, es sei ganz einfach, einen epileptischen Anfall zu beschreiben. Jemand stosse aus heiterem Himmel einen Schrei aus, verliere das Bewusstsein, werde dann steif, beisse sich gegebenenfalls auf die Zunge und falle um. Er halte den Atem an und werde blau, krampfe dann für eine gewisse Zeit an Armen und Beinen, bis er vor Erschöpfung in eine Art Tiefschlaf verfalle. Hinterher klage er unter Umständen über Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen, Schwindel oder Muskelkater; manchmal komme es auch zu einem willkürlichen Urinabgang.
Es stimmt zwar, dass diese Beschreibung für eine häufige Form epileptischer Anfälle (den so genannten Grand mal-Anfall oder generalisierten tonisch-klonischen Anfall) zutrifft, aber diese Anfallsform ist nur eine von vielen.
Durch die große Vielfalt von Erscheinungsformen epileptischer Anfälle ist eine allgemeine Definition der Erkrankung "Epilepsie" schwierig.
Epileptische Anfälle können sehr unterschiedlich aussehen. Sie können ohne Schrei und Bewusstlosigkeit einhergehen, ohne Steifwerden, Zungenbiss und Umfallen, ohne Blauwerden und Krampfen. Sie können so unscheinbar wirken, dass weder die Betroffenen irgendetwas davon bemerken noch dass Nichtfachleuten etwas auffällt, wenn sie einen Anfall direkt sehen. Einziges Zeichen eines epileptischen Anfalls kann z. B. eine Unaufmerksamkeit von fünf bis zehn Sekunden Dauer oder das kurze Zucken eines Armes sein.
Aufgrund der Vielfalt der Erscheinungsformen epileptischer Anfälle ist eine allgemeine Definition schwierig. Eine für alle Anfallsformen gültige Definition epileptischer Anfälle könnte lauten: Epileptische Anfälle sind relativ kurz dauernde, plötzliche Änderungen des Bewusstseins, Denkens, Verhaltens, Gedächtnisses, Fühlens oder Empfindens oder der Anspannung der Muskulatur aufgrund einer vorübergehenden Funktionsstörung von Nervenzellen im Gehirn in Form vermehrter und einander gegenseitig aufschaukelnder elektrischer Entladungen. Diese Definition ist zwar richtig, aber viel zu lang, um sie behalten zu können und im Alltag zu verwenden. Man kann epileptische Anfälle deswegen vereinfachend auch als Ausdruck einer vorübergehenden Funktionsstörung von Nervenzellen definieren, wobei die Auswirkungen davon abhängen, welche Funktion die beteiligten Nervenzellen normalerweise haben.
Jede Nervenzelle und jeder Nervenzellverband im Gehirn kann „epileptisch" werden, was dazu führt, dass sie in ihrer normalen Tätigkeit gestört oder unterbrochen werden.
Wenn die Zellen für die Geruchsempfindung verantwortlich sind, kommt es zu einer Riechstörung; sind sie normalerweise für das Sehen verantwortlich, kann es beispielsweise zu Wahrnehmungen von Blitzen oder anderen Lichtreizen kommen. Sind sie am Gedächtnis beteiligt, drückt sich dies in einer Störung des Lernens und gegebenenfalls auch in einer Unterbrechung des Bewusstseins mit hinterher bestehender Erinnerungslücke aus.
Die Medikamente, die zur Epilepsie-Behandlung eingesetzt werden, heissen zwar „Antiepileptika“, Sie haben jedoch keinen Einfluss auf die Erkrankung an sich. Sie blockieren die Krampfanfälle, indem sie die Schwelle des Gehirns für Anfälle erhöhen. Es werden also nicht die Epilepsie-Ursachen, sondern die Epilepsie-Symptome behandelt. Aus diesem Grund werden Antiepileptika auch häufig Antikonvulsiva (Mittel gegen Krämpfe) genannt.
Damit wird deutlich, dass die Medikamente keine heilende Wirkung auf die Epilepsie haben. Tatsächlich müssen 60% aller Epilepsie-Patienten ihr Leben lang Medikamente einnehmen.
Im Laufe des Lebens verschwinden die Epilepsie-Ursachen eher selten. Durch eine Operation kann jedoch der Auslöser in manchen Situationen beseitigt werden, so dass die Epilepsie als geheilt bezeichnet werden kann, was jedoch eher selten der Fall ist. Vor allem beim Auftreten von Epilepsien im Kindesalter gibt es für manche Formen gute Prognosen, die ein Absetzen der Medikamente möglich machen, ohne dass erneut Anfälle auftreten. Auch im Erwachsenenalter kann in manchen Fällen ein Absetzen der Medikamente erwogen werden. Ein Absetzen der Medikamente darf aber in jedem Fall nur nach intensiver, ärztlicher Beratung erfolgen und sollte, selbst bei jahrelanger Anfallsfreiheit, niemals im Alleingang geschehen.
Ist die Diagnose Epilepsie gestellt und ist klar, um welche Epilepsieform es sich handelt, wird fast immer mit einer Therapie mit Medikamenten begonnen. Zur Behandlung stehen eine Vielzahl von Medikamenten zur Verfügung, jedoch wirken nicht alle Medikamente bei allen Epilepsieformen. Es gibt Medikamente, die nur bei fokalen Anfällen wirksam sind und solche, die nur bei generalisierten Anfällen wirken. Wieder andere wirken bei beiden Anfallsformen oder nur bei ganz bestimmten Epilepsie-Syndromen. Um das am besten verträgliche Medikament zu finden, müssen bei der Medikamentenwahl weitere Faktoren wie z. B. das Alter des Patienten und eventuell weitere eingenommene Medikamente berücksichtigt werden. Etwa die Hälfte aller Epilepsie-Patienten werden mit dem ersten Medikament, das sie erhalten, anfallsfrei. Bei den übrigen wird üblicherweise ein anderes Medikament verschrieben, worunter weitere 20% anfallsfrei werden. Die Patienten, die weiter Anfälle erleiden, werden häufig mit einer Kombination aus verschiedenen Medikamenten behandelt. Letztlich können 2/3 aller Epilepsie-Patienten durch eine Therapie mit Medikamenten anfallsfrei werden.
In allen Fällen ist es besonders wichtig, dass die Medikamente regelmässig und zu festen Zeiten eingenommen werden. Nur so kann die bestmögliche Wirksamkeit erreicht werden.
Bestimmte Epilepsieformen können operativ behandelt werden. So kann z. B. der Ort im Gehirn, von dem die Epilepsie ausgeht, operativ entfernt werden oder es werden Verbindungen im Gehirn durchtrennt, wodurch eine Ausbreitung des epileptischen Anfalls verhindert werden kann. Anhand spezieller Untersuchungsmethoden kann festgestellt werden, ob ein Patient für eine solche Operation in Frage kommt.
Seit einigen Jahren gibt es auch die Möglichkeit, Epilepsien mittels „Neurostimulation“ zu behandeln. Hier stehen unterschiedliche Verfahren zur Verfügung. Das wohl bekannteste ist die sogenannte Vagusnerv-Stimulation. Der Vagusnerv steuert viele innere Organe und zum Teil die Beweglichkeit. Hierbei wird in einer Operation ein kleines Gerät im Brustbereich implantiert, das mit einer Elektrode verbunden ist, die im Halsbereich den Vagusnerv stimuliert. Wegen seiner Ähnlichkeit zu einem Herzschrittmacher wird dieses Gerät oft auch als „Hirnschrittmacher“ bezeichnet. Die Theorie hinter dieser Methode ist, dass durch die Reizung des Vagusnervs Impulse ins Gehirn weitergeleitet werden und dort bestimmte Hirnbereiche beeinflussen, wodurch Krampfanfälle verhindert werden. Mittlerweile gibt es auch Stimulationsgeräte, die rein äusserlich anwendbar sind. Allerdings ist noch nicht klar, wie wirksam diese sind.
Der Ausdruck „epileptische Anfälle" ist eine Sammelbezeichnung, hinter der sehr unterschiedliche Krankheiten stecken können. Bei sehr vielen Menschen findet sich allerdings auch mit den heute zur Verfügung stehenden Methoden keine fassbare Ursache für die Anfälle. Nicht jeder epileptische Anfall ist auch gleichbedeutend mit einer Epilepsie.
So kann es bei jedem Menschen im Rahmen von akuten Erkrankungen des Gehirns (zum Beispiel bei einer Eiterung im Gehirn, einem sogenannten Hirnabszess) zu epileptischen Anfällen kommen. Auch bei schweren Kopfverletzungen, Situationen, in denen das Gehirn nicht genug Sauerstoff bekommt, oder bei der Einnahme einer Überdosis von Medikamenten kann es zu wiederholten epileptischen Anfällen kommen. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um eine Epilepsie, sondern um Anfälle, die aufgrund der akuten Erkrankung bzw. der akuten Schädigung des Gehirns auftreten.
Von einer Epilepsie spricht man erst, wenn mindestens 2 epileptische Anfälle ohne erkennbare äussere Ursache - sozusagen spontan - aufgetreten sind. Die Ursachen für eine Epilepsie sind zahlreich. Zum Beispiel kann sich eine Epilepsie als Spätfolge einer Schädelverletzung oder einer angeborenen Veränderung des Gehirns erst Jahre nach dem Ereignis entwickeln. Bei anderen Epilepsieformen findet man in den verschiedensten Untersuchungen gar keine auffälligen Veränderungen. Diese Epilepsieformen werden dann als idiopathisch bezeichnet, was bedeutet, dass keine erkennbare Ursache für die Epilepsie zu finden ist.
Epilepsien gehören immer noch zu den Erkrankungen, denen in der Öffentlichkeit mit einer Vielzahl falscher Vorstellungen und Vorurteile begegnet wird, obwohl das Fachwissen gerade in diesem Bereich in den letzten Jahrzehnten erheblich zugenommen hat.
Schon der berühmte griechische Arzt Hippokrates (460 – 375 vor Christus) hatte erkannt, dass Epilepsien auf einer Störung im Gehirn beruhen, aber es dauerte bis zum 19. Jahrhundert, bis sich diese Überzeugung auch im ärztlichen Handeln und – wenngleich sehr zögerlich – zunehmend auch im allgemeinen Bewusstsein niederschlug.