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Möchten Sie lieber Embryo Nummer 3, männlich, rothaarig, mit erhöhtem Risiko für eine entzündliche Darmerkrankung? Oder Embryo Nummer 2, weiblich, hellhäutig und später vermutlich überdurchschnittlich intelligent?
Eltern, die sich für eine künstliche Befruchtung entscheiden, könnten bald einmal eine solche Wahl treffen. Denn neuerdings bieten Firmen in den USA und in Finnland die «Embryo Selektion» anhand eines polygenen Risikoprofils an.
Polygen heisst, dass nicht nur ein bestimmtes Gen des Embryos untersucht wird (wie das etwa bei bestimmten Erbkrankheiten der Fall ist), sondern viele Gene. Bei den allermeisten Krankheiten und Eigenschaften – von der Haarfarbe bis zum Verhalten – ist nämlich nicht nur ein Gen entscheidend, sondern mehrere Gene.
Haut- und Augenfarbe vorhersagen
«Wir können kosmetische Eigenschaften recht gut vorhersagen und herausfinden, wer blond ist, rothaarig, blaue Augen hat; wer helle Haut hat, dunkle Haut …», sagte beispielsweise Stephen Hsu, Co-Gründer der Firma «Genomic Prediction» schon vor zwei Jahren in einem Interview. Trotz starker Nachfrage seitens der Eltern werde seine Firma solches «kosmetisches Zeugs» aber nicht anbieten, fügte er an. Falls die Genanalyse des Embryos jedoch ergebe, dass das Kind «in Gefahr ist», kleinwüchsig zu werden, werde man die Eltern warnen.
Anders als «Genomic Prediction» scheine «myome.com» hingegen im Rahmen einer Studie bereits Vorhersagen zur späteren Intelligenz und dem Einkommen des künftigen Kindes zu machen, berichteten Wissenschaftler kürzlich im «New England Journal of Medicine» mit Verweis auf eine Website, die jetzt nicht mehr abrufbar ist.
Wahrscheinlichkeit für einen Hochschulabschluss
Hohes Cholesterin, Bluthochdruck, Schizophrenie, Diabetes, Hautkrebs, Neigung zum Herzinfarkt, Alzheimer – für mehr als 25 Krankheiten und Eigenschaften bieten Firmen laut dem Artikel bereits eine polygene Embryo-Selektion (ESPS) an. Dabei wird abgeschätzt, wie wahrscheinlich es ist, dass das Kind im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für gewisse Krankheiten oder Eigenschaften mitbringt.
Solche Aussagen basieren auf grossen Studien, bei denen die Merkmale verschiedener Menschen mit ihren Genen verglichen wurden. Eine dieser Studien fand zum Beispiel einen Zusammenhang zwischen einem bestimmten Genprofil und der Ausbildungsdauer.
Fast 1’300 Genvarianten stehen demnach im Zusammenhang mit dem schulischen Durchhaltevermögen. Je nach genetischer Ausstattung betrug die Wahrscheinlichkeit, einen Hochschulabschluss zu erreichen, nur zehn Prozent oder aber bis zu 60 Prozent.
In Zukunft treffsicherer und preiswerter
Es brauche «dringend eine gesamtgesellschaftliche Diskussion» über diese Art von Embryo Selektion, fordern die 13 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihrem Artikel, denn:
- die Prognosen mittels ESPS werden künftig treffsicherer, die Technik ausgefeilter und der zu erwartende Nutzen der Embryo Selektion damit grösser. Überdies werde die künstliche Befruchtung preiswerter. All das zusammen könnte «den Markt für ESPS» vergrössern, argumentieren sie. Es stelle sich auch die Frage, ob alle Menschen gleichermassen Zugang zu dieser Methode erhalten werden oder nicht.
- Vor dem Hintergrund historischer eugenischer Richtlinien sei die Auswahl eines Embryos nach Kriterien wie etwa Intelligenz oder späterem Einkommen «tief beunruhigend».
- Die Entscheidung, beispielsweise für oder gegen eine bestimmte Haar- oder Hautfarbe oder bestimmte Gesichtszüge, könnte rassistische Ideen von der vermeintlichen «Überlegenheit» bestimmter Merkmale befördern.
- ESPS-Entscheidungen über mehrere Generationen hinweg könnten tiefgreifende gesellschaftliche Konsequenzen mit sich bringen und beispielsweise die Ungleichheit verstärken.
Zu hohe Erwartungen geweckt
«Eine gesellschaftliche Diskussion ist tatsächlich dringend. Die ESPS stellt uns vor schwierige ethische Herausforderungen», sagt die Rechtsprofessorin Andrea Büchler von der Universität Zürich, die sich intensiv mit der Fortpflanzungsmedizin befasst. Büchler präsidiert die Nationale Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin. «In der Schweiz ist die ESPS verboten, die Präimplantationsdiagnostik kennt einen klar definierten, engen und ausschliesslich medizinisch orientierten Anwendungsbereich», sagt Büchler. Es könne aber niemand Paare daran hindern, in Länder zu reisen, in denen diese Embryo-Selektion bereits angeboten werde. «Wichtig ist, dass den Eltern klar dargelegt wird, wie aussagekräftig solche Schätzungen bei einem Embryo in einem solch frühen Stadium überhaupt sind.»
Die Autoren des Fachartikels spielen das am Beispiel der Ausbildungsdauer durch:
- Die grosse Mehrheit der Studien wurde an Erwachsenen mit europäischer Abstammung gemacht. Personen europäischer Abstammung mit den besten «Ausbildungsgenen» drücken demnach rechnerisch rund 1,55 Jahre länger die Schulbank, verglichen mit zufällig ausgewählten Personen. Das gilt aber nur, wenn man verschiedene Familien untersucht. Innerhalb der Familie sind die Unterschiede kleiner, weil der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, wie das Sprichwort sagt.
Die Gene der Eltern lassen nur eine gewissen Bandbreite zu. Die Frage sei daher, ob es wirklich so viel bringe, wenn Eltern den Embryo gezielt auswählen, anstatt den Zufall walten zu lassen. Denn innerhalb der Familie bringt die Wahl des «schulmässig besten» Embryos mittels ESPS rechnerisch gerade mal ein zusätzliches halbes Jahr Bildung. Hat das Kind afrikanische Wurzeln, sind es durchschnittlich knapp drei Monate, weil das europäische Genprofil für lange Ausbildung nur bedingt übertragbar ist.
- Bei vielen Eigenschaften spielen nicht nur die Gene, sondern auch die Umweltbedingungen eine grosse Rolle – Ernährung, schulische Förderung durch die Eltern … Solche Faktoren lässt die polygene Embryoselektion jedoch ausser Acht. Anstatt der 1,55 Jahre mehr Ausbildung könnten es unter anderen Umweltbedingungen auch nur 1,36 Jahre mehr sein.
Ob das aber auch für die Kinder gilt, die jetzt noch im Embryostadium sind, ist mehr als fraglich. Denn die Umweltbedingungen, unter denen die Studienteilnehmer aufwuchsen, waren ganz anders als sie bei den künftigen Kindern sein werden. Immerhin liegen eine oder zwei Generationen dazwischen.
- Die Vorhersagen des ESPS sind noch mit grossen Unsicherheiten behaftet. Bei europäischer Abstammung und besten «Ausbildungsgenen» könnte die Ausbildungsdauer anstatt 1,55 Jahre auch 4,2 Jahre mehr oder aber 3,2 Jahre weniger sein. Die werdenden Eltern geben also unter Umständen Geld für eine Prognose aus, die sich als Fehlschluss erweist.
- Mit den erwünschten Genen sind biologisch oft noch weitere Eigenschaften verquickt. Welche das sind, ist aber heutzutage vielfach noch nicht bekannt. So steige zum Beispiel mit mehr «Ausbildungsgenen» auch das Risiko für eine bipolare Störung, also einer psychischen Erkrankung, bei der die Betroffenen wechselweise depressiv oder manisch sind. Im ungünstigen Fall wählen die Eltern einen Embryo aus, der später im Leben zwar einen Hochschulabschluss erwirbt, aber psychisch schwer leidet.
- Die Risikoverminderung, welche die polygene Selektion suggeriere, sei oft nur klein: Das absolute Risiko, dass ein Kind (mit europäischen Vorfahren) später zum Beispiel kleinwüchsig ist, reduziere sich dank der Embryo-Selektion von der durchschnittlichen, kleinen Wahrscheinlichkeit von etwa 2,3 Prozent auf 0,5 Prozent. Wird dies den Eltern aber in relativen Zahlen präsentiert, dann beträgt die Risikoreduktion dank ESPS rund 78 Prozent (weil 1,8 Prozent von 2,3 Prozent dieser Reduktion entsprechen). Oder in Zentimetern ausgedrückt: Der Embryo der Wahl wird später im Leben nur gerade 2,5 Zentimeter grösser.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.