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Annette Hug liest gegen Amazon an
Als ich dem Zugführer das Buch zeigte, das ich gerade las, lächelte er: «Das steht mir noch bevor!» Mit einer Hand fuhr er über den Titel: «Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen», ein Roman von Andrej Platonow, in der Übersetzung von Renata Lande 2018 bei Suhrkamp neu herausgebracht. Das Foto einer weiten, leeren Graslandschaft ist direkt auf den Leineneinband gedruckt.
Platonow hat sich als staatstreuer Kommunist verstanden, aber der sowjetische Staat sah das anders. «Tschewengur» konnte 1927 nicht veröffentlicht werden. Der Autor beschreibt die ersten Jahre der Russischen Revolution als unheimliche und mächtige Aufwallung von Gefühl, von neuen Eindrücken, Verzweiflung, Gewalt und Hingerissenheit in einer Welt, die zum ersten Mal auch für Handwerker und Bauern das Versprechen enthält, sie könne verstanden und verändert werden. Der Autor beschreibe die Revolution als wirres Geschehen, angetrieben von Wirrköpfen und komischen Käuzen, fand Maxim Gorki. Platonow starb 1951, und seine beiden grossen Romane wurden erst nach der Wende publiziert.
«Das liegt bei mir noch auf dem Stapel», sagte der Zugführer, den ich als Buchhändler kannte. Er nannte mir einen polnischen Schriftsteller, der Platonow als Lieblingsautor bezeichne; als stünden wir wieder zwischen Regalen, wo er mir erste Hinweise auf russische Surrealisten gegeben hatte. Mit dem Laden seis nicht mehr gut gelaufen, deutete er an. Könnte er in Zukunft vielleicht seinen Dienstplan posten?
Kürzlich trat ich in eine Buchhandlung, die immer voller wird. Stöbernd stand ich herum, als ein älterer Herr nahe bei der Kasse ein Buch fotografierte. Das mache er jetzt immer so, sagte er. Die Buchhändlerin antwortete sehr höflich: «Ja, das ist jetzt möglich, sagt man – wobei es auch Leute geben soll, die dann zu Hause auf Amazon bestellen …» Im Schaufenster krachte eine Reihe ausgestellter Bücher ein. Schon war ich die einzige Kundin im Laden und ging mit der Buchhändlerin zum Schaufenster, um das Durcheinander zu betrachten. «Jetzt brauch ich zuerst eine Pause», sagte sie. «Darf ich Sie einen Moment allein lassen?» Halb gebückt vom Aufheben eines weiteren Buchs, das heruntergefallen war, deutete sie vor dem Hinausgehen auf die Spitze eines Stapels: «Das soll sehr gut sein, tönt unglaublich.» Also kaufte ich, als sie zurückkam, «Ingrid Wiener und die Kunst der Befreiung» von Carolin Würfel, im Januar bei Hanser Berlin erschienen. Die Autorin zeichnet darin das Leben einer Künstlerin nach, die als Teenager in den späten fünfziger Jahren Teil der künstlerisch-literarischen Wiener Gruppe wird.
Ingrid Wiener ist dabei, als eine Lesung von der Polizei beendet wird, weil einer ein Klavier mit der Axt zerschlägt, ein Motorroller durch den Mittelgang des Zuschauerraums fährt und das Publikum nicht mehr weiss, was geschehen wird und wie es sich verhalten soll. Was dabei kultige Männerpose ist, was befreiender Ausbruch aus bürgerlichem Kulturdünkel, ist in diesem Buch schwer auszumachen – die einfach-persönliche Sprache der Autorin setzt sich in fast schon perfider Weise vom alten Gestus der Provokation ab. Dabei verflüchtigt sich aber auch die revolutionäre Wucht, die doch heute nötig wäre, zum Beispiel, um Monopole im Buchmarkt zu sprengen.
Annette Hug ist Autorin in Zürich. Sie empfiehlt Andrej Platonow und nimmt sich vor, nach Originaltexten vergessener Situationistinnen zu suchen.