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Peter Zürn zur Lesung am 4. Fastensonntag SKZ 8/2008
Alttestamentliche Lesung: 1 Sam 16,1–13
Neutestamentliche Lesung: Eph 5,8–14.
Die Leseordnung lässt immer wieder Teile des biblischen Textes weg. So auch bei der heutigen Lesung, die von der Salbung Davids erzählt. Der Blick auf die Lücken eines Textes kann sehr erhellend sein.
Mit Israel lesen
Dadurch, dass in der Leseordnung Vers 1a wegfällt, fehlt die Frage Gottes an Samuel: «Wie lange willst du noch um Samuel trauern?» Mit Vers 2 fällt Samuels Frage weg: «Wie kann ich da hingehen? Saul wird es erfahren und mich umbringen.» Und mit Vers 4 fallen die Stadtältesten von Bethlehem weg, die Samuel «zitternd» entgegengehen und ihn fragen: «Bedeutet dein Kommen Frieden?»
Schliesslich verkürzt die Leseordnung den Prozess, bei dem Isais Söhne der Reihe nach gemustert werden. Der biblische Text mutet es uns zu, zuerst dem Ältesten, Eliab, zu begegnen, dann dem Abinadab und schliesslich dem Schima. Dreimal werden grosse Hoffnungen geweckt und enttäuscht: «Ihn habe ich nicht erwählt.» Ich habe in einem Bibliodrama einmal den Schima gespielt. Ich stand im Schatten meiner beiden älteren Brüdern, war eben immer nur der Dritte. Plötzlich werde ich nach vorne gerufen, stehe im Licht. Ja, Gott sieht nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Er sieht nicht nur die ersten, er sieht auch die dritten – Gross war meine Enttäuschung, als ich hörte, dass ich nicht erwählt, dass ich verworfen bin. Wütend wurde ich, voller Hass auf David. Ich wollte ihm antun, was Samuel von Saul befürchtete.
Es gibt eine enge Beziehung zwischen Bibliodrama und jüdischer Bibelauslegung, dem Midrasch. Der Midrasch interessiert sich besonders für die Lücken im Text, für das, was nicht ausdrücklich gesagt wird, und für die Fragen, die ein Text aufwirft. Die Auslegung füllt diese Lücken und gibt mögliche Antworten auf diese Fragen. Hintergrund dafür ist eine bestimmte Vorstellung von der Bibel: Sie besteht aus weissem Feuer auf schwarzem Feuer. Das schwarze Feuer sind die Buchstaben des Textes, das weisse Feuer sind die Räume zwischen den Buchstaben, die Zwischenräume und Lücken des Textes. Bibelauslegung ist kreative und aktualisierende Deutung, «immer in den Grenzen, die das schwarze Feuer setzt und mit dem Ziel, durch das Lodern des weissen Feuers, das schwarze Feuer besser zu verstehen».1 Die Leseordnung hat bei ihren Kürzungen oftmals die Tendenz, biblische Texte vereindeutigen zu wollen, sie auf ein Motiv hin auszurichten. Das sorgt dafür, dass der Raum für das weisse Feuer eingeengt wird.
Die Leseordnung scheint sich in 1 Sam 16 nicht für Gefühle zu interessieren, nicht für die Trauer Samuels, nicht für seine Angst vor Saul, die wohl aus seiner Frage in Vers 2 spricht, nicht für das Zittern der Stadtältesten, als sich Samuel ihrer Stadt nähert, und nicht für die Gefühle der verworfenen Söhne. Das ist in diesem Falle besonders schade, denn so viele intensive Gefühle von Männern kommen selten so deutlich zum Ausdruck. Beinahe könnte man meinen, die Leseordnung schlüpft in die Rolle Gottes, der ja ebenfalls nicht viel Verständnis für Samuels Trauer zu zeigen scheint: «Wie lange willst du noch um Saul trauern? Ich habe ihn doch verworfen» (16,1). Es ist doch alles klar und entschieden. Wozu dann noch diese hinderlichen Gefühle?
Zugegeben, über die Gefühle der nicht erwählten Söhne sagt der Bibeltext nichts, aber dadurch, dass er die drei Ältesten zeigt und beim Namen nennt, gibt er ihnen doch viel Raum. Er macht es möglich, sich in sie hineinzuversetzen und mit ihnen mitzufühlen. Die rabbinische Auslegung ist überzeugt, dass alles, was in einem Text vorkommt, von Bedeutung ist. Ganz besonders wichtig aber ist, was in einem Text dreimal vorkommt. In 1 Sam 16 kommen drei Brüder Davids namentlich vor. Sie sind nicht nur Kulisse für David. Sie sind wichtig. Ihre Geschichte mit David ist auch biblisch nicht zu Ende. Sie setzt sich in 1 Sam 17,12 fort. Die in Kapitel 16 nicht ausgedrückten aggressiven Gefühle werden von Eliab in 17,28 f. ausgelebt. Das Schlussbild unseres Textes, in dem David «mitten unter seinen Brüdern gesalbt wird», trägt eher die Züge einer Verheissung, wie sie sich auch in Psalm 133 findet. Die sieben Brüder werden mit ihrem Vater in 16,5 von Samuel geheiligt. Sie treten als Geheiligte beim Opfer mit Gott in Beziehung.
Die Leseordnung scheint sich auch nicht für Fragen zu interessieren, jedenfalls nicht für alle. Sie lässt einzig eine der Fragen des Textes stehen, die Frage Samuels an Isai: «Sind das alle deine Söhne?» (16,11). Was unterscheidet diese Frage von den anderen? Sie führt zur Entscheidung, zur Lösung des Problems, wer denn nun zum neuen König gesalbt werden soll. Sie schafft endlich Klarheit und Eindeutigkeit. Sie führt aus dem Wirrwarr der Gefühle und Konflikte heraus. Für den biblischen Text sind auch die anderen Fragen wert gestellt zu werden. Auch die Gefühle, die darin zum Ausdruck kommen, auch die unterschiedlichen Personen und Lebenswege, die damit verbunden sind, sind Teil der Geschichte der Menschen mit Gott. Diese Geschichte kann nur vielstimmig erzählt werden. Entsprechend ist es auch nicht das Ziel des Midrasch, zu einer eindeutigen Auslegung zu kommen. Nach der jüdischen Tradition hat jeder der sechshunderttausend Menschen, die beim Empfang der Tora am Sinai standen, einen anderen Aspekt der Tora gehört und verstanden. Gott sprach mit einer Stimme, aber die Menschen hörten viele. Der Empfang der Tora ist kein einmaliges Ereignis, er wiederholt sich immer wieder, von Generation zu Generation. Jede Generation hat die Aufgabe, die Tora neu auf die jeweilige Situation hin auszulegen. Das geschieht wiederum vielstimmig. «Der Midrasch lässt unterschiedliche Antworten nebeneinander zu (. . .) in dem Wissen, dass Gott immer grösser ist als jede Deutung, die Menschen vornehmen.»2
Mit der Kirche lesen
Im Brief an die Gemeinde von Ephesus spricht Paulus darüber, was «sich für Heilige gehört» (5,3). Wie Isai und seine Söhne sind die Frauen und Männer der Gemeinde geheiligt. In der Verbindung mit Gott sind sie «Licht geworden » und sollen «als Kinder des Lichts» leben (5,8). Lesen wir die folgenden Weisungen doch einmal mit Blick auf ihren (und unseren) Umgang mit der Heiligen Schrift: «Alles, was aufgedeckt ist, wird vom Licht erleuchtet. Alles Erleuchtete aber ist Licht» (5,13–14). Das ist die grosse Einladung zum Aufdecken und Erhellen alles Verborgenen. Die Bilder vom Licht und vom Feuer liegen nahe beieinander. So deckt sich die Weisung des Paulus mit der jüdischen Tradition, das weisse Feuer lodern zu lassen, um so das schwarze Feuer besser zu verstehen. «Alles, was aufgedeckt ist, wird vom Licht erleuchtet», auch die verwirrenden Gefühle, auch die schwierigen Fragen ohne eindeutige Antworten. «Du, wach auf aus dem Schlaf und steh auf von den Toten» (5,14 nach der Bibel in gerechter Sprache), ruft Paulus euphorisch jeder Frau und jedem Mann der Gemeinde zu. Ein vielstimmiger Chor von wachen und aufgeweckten Menschen wird das weisse Feuer zum Lodern bringen.
1 Uta Pohl-Patalong: Bibliolog. Stuttgart 22007, 32. Was Pohl-Patalong hier für den Biblio log ausführt, trifft auch auf die eng verwandte Form des Bibliodramas zu und geht zurück auf ihren jüdischen Lehrer Peter Pitzele.
2 Ebd.