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Sie tasten sich sorgfältig an die gefüllte Teetasse heran. Wie geht es Ihren Augen?
Das Sehvermögen nimmt allmählich ab. Ich habe zwei Lupen. Die kleinere davon trage ich stets auf mir, die andere liegt im Arbeitszimmer und ist lichtverstärkt. Damit kann ich gerade noch die Titel der «Financial Times» lesen – obschon sie leider auch dort immer kostengünstiger und mit einem Minimum an Schwärze drucken. Ich markiere die wichtigsten Titel, meine Frau liest dann vor. Schreiben geht besser als Lesen, auch dank einer vergrösserten Tastatur. Ich höre viel Radio und bleibe so relativ gut informiert.
Welche Sender hören Sie?
BBC und den französischen Sender Europe 1.
Wie kommt es, dass ein Autor Ihrer liberalen Grundausrichtung – eine Ihrer Aufsatzsammlungen trägt den Titel «Against Politics» – ausgerechnet in Frankreich lebt?
Eine gute Frage; die Berührung mit dem öffentlichen Raum dieses Landes gehört in der Tat zu den schmerzvolleren Erfahrungen meines Lebens. Ungarn, Österreich, Australien, England: ich bin ein bisschen herumgekommen, habe in Ungarn, Österreich, Australien und England gelebt. Auch im Quervergleich ist der öffentliche Raum Frankreichs, ist die Mentalität der französischen Elite wenig sympathisch. Was soll’s. Abseits des öffentlichen Raums lässt es sich gut aushalten. Hier lebe ich mehr oder weniger isoliert, treffe weder hohe Beamte noch Politiker. Aber warum Frankreich? Zufall und Umstände, würde ich sagen. Zu Beginn der 1960er Jahre hatte ich keine permanente Anstellung in Oxford. Hinzu kam, dass meine erste Frau sich dort weniger wohl fühlte und nach Frankreich ziehen wollte. Und so geschah es denn, dass wir 1962 nach Paris wechselten.
Lassen Sie uns vorne beginnen. Sie wurden in Ungarn geboren, der Name Ihrer Familie schrieb sich dort mit einem z?
Jaszay, das ist richtig. Der Name ist abgeleitet von der kleinen Stadt Jászó, die bis zum 16. Jahrhundert der Familie gehörte und dann vom König einem religiösen Orden übergeben wurde.
Jaszay – ein adliges Geschlecht?
Nein. Keine Titel, keine Aristokratie, sondern landed gentry. Meine Eltern waren die Gutsherren der Gegend, ihr Gut umfasste rund 800 Hektar fruchtbares Land und beschäftigte 40 Familien. Wir hatten Tiere, viele Tiere: Pferde, Kühe, Schweine – Schweine, die manchmal an Pest starben und dann von Zigeunern verzehrt wurden, ohne dass einer von ihnen je zu Schaden gekommen wäre.
Hatten Sie Geschwister?
Ja, einen Bruder und zwei Schwestern; ich war das jüngste von vier Kindern. Die anderen konnten besser reiten, also gab ich jeweils vor, Reiten nicht wirklich zu mögen; das machte die Sache erträglicher.
Pferde, Reiten, ein Gut auf dem Land: das tönt idyllisch.
Man wird ohne Einschränkung sagen dürfen, dass ich eine sehr behütete und glückliche Kindheit hatte. Das nächste Dorf hiess Aba und lag in rund sieben Kilometern Entfernung.
Dort gingen Sie zur Primarschule.
Nein. Bis zum Alter von 10 Jahren wurde ich, ebenso wie meine Geschwister, zu Hause von unserer Mutter unterrichtet. 90 Minuten täglich, dazu gab es immer Aufgaben. Nach Aba ging es in der Regel nur am Sonntag, mit der Kutsche zur Kirche.
Würden Sie Ihr Elternhaus als religiös beschreiben?
Die Bezeichnung religiös gilt vor allem mit Blick auf unsere Mutter, die sehr fromm war.
Ihr Vater?
Ihn würde ich zwar nicht als unreligiös, aber auch nicht als fromm bezeichnen. Ich denke, den Liberalismus habe ich von meinem Vater. Er war wirklich der liberalste Mensch, den man sich vorstellen kann. Und niemals hob er seine Stimme. Ich erinnere mich gut an eine Episode, die seine Art verdeutlichen mag. Damals war ich 14jährig und ein bisschen frühreif. Alles Militärische faszinierte mich, eben hatte ich ein Kompendium für Generalstabsoffiziere mit viel Herzblut gelesen. Unter dem Eindruck der Lektüre ging ich zu Vater und eröffnete ihm,…