Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03614.jsonl.gz/1443

Content language:
Das Locarno Festival würdigt während seiner 71. Ausgabe das aussergewöhnliche Lebenswerk der Gebrüder Taviani und gedenkt Vittorio Taviani, der im vergangenen April gestorben ist. Sein Bruder, der Regisseur und Drehbuchautor Paolo Taviani wird auf der Piazza Grande zugegen sein. Zu seinen Ehren wird Good morning Babilonia (1987) in der von der Cineteca nazionale (CSC) und dem Istituto Luce-Cinecittà restaurierte Fassung vorgestellt.
Mit ihrem poetischen, politischen und alles durchdringenden Werk haben die Gebrüder Taviani einige der bedeutendsten Kapitel der italienischen Filmgeschichte geschrieben. Indem sie wahre Begebenheiten aufgriffen, deren Widersprüche sichtbar machten und dem Publikum grundlegende Fragen des politischen und sozialen Zusammenlebens stellten, gaben sie in den 1960er-Jahren den Anstoss zu einem ebenso engagierten wie kunstvollen Kino. Das Locarno Festival kam 1974 durch den Film San Michele aveva un gallo erstmals mit dem grossen Talent der Brüder in Berührung und zeigte später auch La notte di San Lorenzo (1982). Beide Vorführungen wurden zum Meilenstein in der Geschichte des Festivals.
1954 begannen Paolo und Vittorio Taviani ihre Arbeit hinter der Kamera mit einer Reihe sozialpolitischer Dokumentarfilme. Aus dieser Zeit stammt der Kurzfilm San Miniato, luglio ’44, den sie gemeinsam mit Cesare Zavattini drehten. Später führten sie gemeinsam mit Joris Ivens Regie für L’Italia non è un paese povero (1960). 1962 gelang ihnen an der Seite von Valentino Orsini dank Un uomo da bruciare, mit Gian Maria Volonté in der Hauptrolle, das Spielfilmdebüt. Die Geschichte basiert auf dem Leben von Salvatore Carnevale, einem von der Mafia getöteten sizilianischen Gewerkschafter. Sie markiert den Beginn einer langen Reihe von gemeinsamen Filmen. Die Brüder blieben während ihrer gesamten Regiekarriere unzertrennlich und schufen in dieser intensiven kreativen Partnerschaft Filme wie I sovversivi (1967) und Sotto il segno dello scorpione (1969). Bald suchten sie nach neuen stilistischen Ansätzen und blickten auch ins Ausland. Der internationale Durchbruch gelang ihnen mit San Michele aveva un gallo (1972) und Allonsanfàn (1974), mit Marcello Mastroianni und Lea Massari. Beide Filme wurden in der Quinzaine des Réalisateurs am Festival von Cannes vorgestellt. Schliesslich war es Padre Padrone (1977), ihre Verfilmung des Romans von Gavino Ledda, der den Gebrüdern Taviani die Goldene Palme und den Kritikerpreis von Cannes einbrachte, überreicht von Jurypräsident Roberto Rossellini. In Italien gewannen sie mit Padre Padrone den David Speciale und einen Nastro d’Argento.
Nach Il prato (1979) drehten die Brüder Taviani einen weiteren Meilenstein: In La notte di San Lorenzo (1982) schildern die selbst aus der Toscana stammenden Filmemacher das Landleben in der Toscana während des Zweiten Weltkriegs. Dieser Film, bei dem sie erstmals mit Nicola Piovani arbeiteten, wurde auf der Piazza Grande in Locarno gezeigt. Für die Regie und das Drehbuch erhielten sie den Grand Prix von Cannes, den David und einen Nastri d’Argento. 1984 adaptierten die beiden Filmemacher erneut ein literarisches Werk: Für Kaos (1984) liessen sie sich von der Novellensammlung Novelle per un anno von Pirandello inspirieren und gewannen damit den David di Donatello für das beste Drehbuch. Zwei Jahre später erhielten sie am Filmfestival Venedig den Leone d’oro für ihr Lebenswerk und eroberten 1987 mit Good morning Babilonia, der Geschichte zweier Brüder aus der Toscana, die ihr Glück in Amerika suchen, das internationale Parkett. Historische Fresken gleichkommend sind auch Il sole anche di notte (1990), Fiorile (1993), Le affinità elettive (1996) und Tu ridi (1998). Danach wagte das Duo den Schritt ins Fernsehen und drehte Resurrezione (2001) und Luisa Sanfelice (2004). Mit La masseria delle allodole von 2007 und Maraviglioso Boccaccio von 2015 führten die Gebrüder Taviani ihre eigene Tradition der literarischen Filmadaptation fort.
2012 kehrten Paolo und Vittorio Taviani mit Cesare deve morire nach Berlin zurück. Der Film brachte ihnen den Goldenen Bären ein. Im weiteren gewannen sie auch den David di Donatello für die beste Regie und den besten Film. Ihr letztes gemeinsames Werk stammt aus dem Jahr 2017. Una questione privata wurde gemeinsam entwickelt, doch nur Paolo Taviani hat diesen umgesetzt, da Vittorio gesundheitlich bereits stark beeinträchtigt war. Mit diesem letzten gemeinsamen Film schliesst sich nach einem gemeinsamen Leben der Kreis, und im internationalen Filmschaffen klafft fortan eine grosse Lücke.
Carlo Chatrian, künstlerischer Leiter des Locarno Festivals: „Viele ihrer Filme könnten auf der Piazza Grande gezeigt werden, um die ausserordentliche Laufbahn der Gebrüder Taviani zu feiern. Good morning Babilonia ist ein Kostümfilm, der die Schönheit der italienischen Kathedralen mit der Geburt des Kinos an der amerikanischen Westküste verbindet. Doch hat er in einer Zeit, in der das Filmschaffen zusehends immateriell zu werden scheint, eine besonders starke Ausstrahlung. Good morning Babilonia ist mehr als eine Hommage an die grossartige Tradition der italienischen Filmwerkstätten. Vielmehr steht dieses Werk für ein Kino, in dem das Handwerk sich geschickt mit einem kollektiven Kunstverständnis verbindet. Ich denke, dass gerade diese Dimension der Arbeit der beiden italienischen Filmemacher und ihre ethische Grundhaltung, der sie immer treu geblieben sind, es verdienen, erinnert zu werden. Es ist für mich daher eine grosse Freude und Ehre, Paolo Taviani empfangen zu dürfen und an seiner Seite der wunderbaren Beiträge zu gedenken, die er und sein Bruder Vittorio für dieses alterslose Filmschaffen, das in Locarno jedes Jahr gefeiert wird, geleistet haben.“
Paolo Taviani wird seine Auszeichnung auf der Piazza Grande in Locarno entgegennehmen. Zu seinen Ehren wird Good morning Babilonia (1987) in der von der Cineteca nazionale (CSC) und dem Istituto Luce-Cinecittà restaurierte Fassung als Weltpremiere vorgestellt.
Die 71. Ausgabe des Locarno Festivals findet vom 1. bis 11. August statt.