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Die Galgen von Münchenstein und Reinach
Herr K. / 28.Oktober 2006:
Mit Interesse las ich Ihren Beitrag über den Galgen auf dem Gellert. Ich bin in Münchnstein aufgewachsen und wir spielten als Kinder im Galgenbruderholz, das ist ein Wald beim Predigerhof. Hat dieser Name auch mit einem Galgen zu tun, den es hier vielleicht früher mal gegeben hat?
Antwort von altbasel.ch:
Der Flurname Galgenbruderholz hat in der Tat mit einem Galgen zu tun. Man hörte früher auch oft die Flurnamen Galgenholz und Galgenbrünneli. Der Galgen des Amtes Münchenstein befand sich bis in die Neuzeit hinein an einer Stelle auf dem Bruderholz, hart am Rande des Bannes der Gemeinde Münchenstein. Hinrichtungsplätze, sogenannte Hochgerichte, legte man vorzugsweise am Rande eines Bannes an, möglichst weit weg von bewohntem Gebiet.
Hochgerichte galten als unheimliche, gar verfluchte Stätten. Gehenkte liess man oft als mahnendes Beispiel am Galgen hängen, bis sie infolge Verwesung (und hungriger Vögel) stückweise hinabfielen. Der Galgen von Münchenstein wurde an einem Ort errichtet, wo man ihn von der Reinacherstrasse, einer wichtigen Verkehrsroute, aus sehen konnte. Die Absicht dahinter war es, dass der Galgen weit herum warnend sichtbar sein sollte.
Blick von der Heiligholzstrasse in Münchenstein auf die beiden ehemaligen Hochgerichte am Rande des Bruderholz. Links der Hügel im Reinacherbann wo der Galgen des Fürstbischofs stand, rechts der heute bewaldete Sporn des Bruderholz wo sich früher der Münchensteiner Galgen erhob.
Der Münchensteiner Galgen hatte einen Nachbarn, nämlich den fürstbischöflichen Galgen im Reinacher Bann. Dieser erhob sich auf einem Nachbarhügel und war somit ebenfalls weitherum sichtbar. Dort wo im Banne Münchensteins heute die Dillackerstrasse auf die Amselstrasse stösst, und wo sich der 1487 genannte Busslinsbrunnen befand, verläuft die Grenze zwischen Reinach und Münchenstein in einem Tälchen hinauf auf das Bruderholz.
Durch das Tal führt ein Weg zum Predigerhof. An seiner ersten Weggabelung kann man gegen Reinach hin einen bewalteten Hügelsporn erkennen. Auf ihm stand der fürstbischöfliche Galgen. Auf der Münchensteiner Seite, unweit der Stelle wo die Hochspannungsleitung durch den Wald verläuft, stand in der spitzen Ecke des Hochplateaus über dem Tälchen der Galgen von Münchenstein. Die Galgen standen einen kräftigen Steinwurf voneinander entfernt.
Die Galgen auf den exponierten Höhen mussten immer wieder erneuert werden, da ihnen Wind und Wetter zusetzten. Der Reinacher Galgen wurde 1697 von Fürstbischof Wilhelm Jakob Rinck von Baldenstein erneuert, wofür Eichen aus dem Predigerholz herhalten mussten. Das Münchensteiner Hochgericht war 1703 umgeknickt; der Basler Bürgermeister Lukas Burckhardt mahnte den Obervogt in Münchenstein, den gefallenen Galgen wieder aufrichten zu lassen.
Auch aus dem Jahr 1726 ist zu vernehmen, dass der Galgen verfault und umgefallen sei. Erneut musste man sich auf Schloss Münchenstein mit der Erneuerung des Galgens befassen. Es war dies eine delikate Sache, denn für einen Handwerker war die Arbeit ein einem Galgen eine entehrende und unwürdige Arbeit. Davon ist auch 1752 zu hören, als sich das Münchensteiner Hochgericht wiederum in einem baufälligen Zustand befand.
Die Stelle an der sich einst der fürstbischöfliche Galgen im Banne Reinachs erhob. Nichts erinnert mehr an die grauenvolle Richtsstätte. Der Standort gegenüber dem Münchensteiner Galgen war kein Zufall; es galt die Macht über Leben und Tod gegenüber dem evangelischen Basel zu demonstrieren.
Die Sanierung im Juni 1752 war ein umständliches Spektakel. Muttenzer Zimmerleute mussten die Eichen auswählen und sie nach dem Fällen vorbereiten. Dann wurden die Balken durch Landvogt Emanuel Fäsch inspiziert und für gut befunden. Handwerker aus dem ganzen Amt Münchenstein waren zur Aufrichtung des neuen Galgens aufgeboten worden. Vor Arbetsbeginn garantierte ihnen der Landvogt, dass diese Arbeit ihre Ehre nicht beflecke.
Das Ansehen der Beteiligten bliebe unversehrt, denn die Arbeit geschehe auf Befehl. Quasi als Bestätigung dessen schlug beim Aufrichten des Galgens der Landvogt den ersten Nagel ein. Nach ihm schlugen die Vögte von Pratteln, Muttenz und Münchenstein sowie der Meier von Binningen weitere Nägel ein. Dies demonstrierte den Handwerkern, dass sich die Obrigkeit wie sie daran beteilige, und niemand etwas zu befürchten habe.
Den Aufzeichnungen des Schreibers ist zu entnehmen, dass bei dem Anlass auch Tambouren und Pfeiffer zugegen waren. Landvogt und Schreiber hatten keine Lust, stehend zu warten bis die Arbeit vollendet war, und ihre Gesässe scheuten das Niedersitzen auf nackter Erde. Folglich mussten aus Münchenstein Stühle mitgebracht werden. Nachdem der Galgen fertiggestellt war, begab sich die ganze Gesellschaft zurück nach Münchenstein.
Wie es auch in Basel nach Arbeiten am Galgen bezeugt ist, wurde auch in Münchenstein ein gemeinsames Essen für alle Beteiligten in einem Wirtshaus offeriert. Der Schreiber hielt fest, dass man sich dabei nicht in die Haare geriet und alles friedlich abgelaufen sei. Am Ort des einstigen Hochgerichts von Münchenstein traten bis ins 20.Jh bei Erdarbeiten Knochen von Gehenkten zutage, die am Ort ihres Todes verscharrt wurden.
Querverweis:
>> Der Galgen auf dem Gellert
Literatur:
Karl Loeliger "Krumm wie Galgenholz" im Baselbieter Heimatbuch Band VIII, 1959, Herausgegeben von der Kommission zur Erhaltung von Altertümern des Kantons Basellandschaft, Seiten 112 bis 116
Josef Baumann, Grenzen und Grenzsteine des Fürstbistums Basel, 2001, Verlag des Kantons Basel-Landschaft, ISSN 0480-9971, ISBN 3-85673-269-1, Seite 137
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