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Die Lebenszeit Vinzenz Pallottis (1795–1850) ist hineingestellt in grosse gesellschaftliche, wirtschaftliche, wissenschaftliche und kirchliche Umwälzungen, zwischen Morgenröte der Französischen Revolution und Vorabend der «Gott-ist-tot»-Idee. In den Augen der römischen Revolutionäre galt er als reaktionär, in den Augen der römischen Kirchenleitung als revolutionär. Wer war Vinzenz Pallotti und warum ist sein Leben von solcher Bedeutung, dass ihn die Kirche im Jahre 1963, hundertdreizehn Jahre nach seinem Tod, zum Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils heilig gesprochen hat? Tatsächlich geben der Zeitpunkt der Heiligsprechung und die lange Zeitdauer bis zur Heiligsprechung einen interessanteren Aufschluss über sein Leben, als die vielen, frommen Biografien, die allzu oft ihre eigenen, zeitbedingten Vorstellungen eines heiligen Lebens über diese Persönlichkeit gestülpt haben. Kann man ein Kämpfer sein, ohne sich gleichzeitig mit Gegnern anzulegen? Kann man ein Aktivist sein, ohne das Gebet zu vernachlässigen? Kann man seiner Zeit voraus sein, ohne die naheliegenden Herausforderungen zu übersehen? Kann man Farbe bekennen, ohne Misstrauen und Missverständnisse riskieren zu wollen? Solche Spannbreiten umfasst das Leben von Vinzenz Pallotti.
Alle sind Apostel
Seine kirchenpolitische und theologische Zeit war weit entfernt etwa von der Idee, dass dem Weltlichen eine gewisse Autonomie zukommt. Die Französische Revolution, die Säkularisierung und Ideen wie Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit konnten unter dem Eindruck des zusammenfallenden Kirchenstaates für viele nur vom Teufel sein. Papst Gregor XVI. schreibt 1832 in seiner Enzyklika «Mirari vos»: «Und aus dieser höchst abscheulichen Quelle des Indifferentismus fliesst jene widersinnige und irrige Auffassung bzw. vielmehr Wahnsinn, einem jeden müsse die Freiheit des Gewissens zugesprochen und sichergestellt werden» (DH 2730). Drei Jahre später hatte Vinzenz Pallotti die Vision von einer Kirche, in der alle zur Mitarbeit berufen sind und Verantwortung tragen, Laien und Kleriker. Und er lässt keinen Deutungsspielraum: Alle sind Apostel! Dies in einer Zeit, in der nur der Papst und die Bischöfe diesen Titel beanspruchen und der Klerus «veramtet» und auf Privilegien besonnen seine Aufgabe vernachlässigt. Oft hört man die Meinung, Heilige seien die Antwort Gottes auf die Not der jeweiligen Zeit. Es braucht nicht vertiefte Kenntnisse der Kirchengeschichte, um diese These z. B. an Benedikt von Nursia, Franz von Assisi oder Hildegard von Bingen zu be wahrheiten. Nur allmählich und unspektakulär verborgen in seinem Wirken zeigt sich, dass sie auch für Vinzenz Pallotti zutrifft. Die Not seiner Zeit könnte man mit dem Begriff «Verweltlichung» umschreiben. Die Antwort Pallottis bestand nicht in der Ablehnung der Welt, sondern in der Weltzugewandtheit. Die Welt selber – so seine Spiritualität – erzählt von Gott, und der Mensch selber, als Subjekt des Glaubens, lässt mit seiner Verantwortung, mit seinem Willen, seiner Liebe, seiner Hoffnung und seinem Glauben «den Gott der unendlichen Liebe» sozusagen empirisch erfahrbar werden. Der wahre Gottesbeweis ist der Mensch selber mit seiner Sittlichkeit, mit seinem moralischen Gewissen und mit seiner Möglichkeit, am Heil des Nächsten mitzuwirken.
Der wahre Gottesbeweis – der Mensch
Diese Entdeckung ist die Grundlage seiner eigentlichen Idee: Alle sollen Apostel sein, alle können auf unterschiedliche aber gleichwertige Art und Weise den Glauben verkünden. Es soll ein Ruck durch die Kirche gehen, eine Bewegung, die alle Getauften erfasst. Damit hat Vinzenz Pallotti nicht nur Ideen zur Erneuerung des besonderen Priestertums entwickelt, sondern das Potenzial der Laien entdeckt, die Kraft des gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen! Fast neunzig Jahre später wird ihn Papst Pius XI. deswegen alsVisionär der «Katholischen Aktion» bezeichnen, denn erst dieser Papst erklärt in seiner Antrittsenzyklika 1922, dass auch die Laien am hierarchischen Apostolat der Kirche Anteil haben und Mitverantwortung tragen. Aber Pallotti wollte die Laien nicht bloss für die Wiedergewinnung wichtiger Positionen in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur instrumentalisieren. Die Laien sollen nicht nur Verantwortung für eine katholische Kultur wahrnehmen, sondern er erkannte in seiner Idee eine pfingstliche Kirche, in der der Geist Gottes selbst die Unterschiede von Klerus und Laien, Frauen und Männern, ja sogar von jeglicher Spaltung, auch in der Kirche, zu versöhnen und zu verbinden weiss und darin seine Kraft entfaltet, das Angesicht der Erde zu erneuern. Hier liegt wohl der eigentliche Grund dafür, dass es bis zur Heiligsprechung über hundert Jahre dauerte. Apostel sein war etwas, das die kirchliche Hierarchie ausschliesslich für sich beanspruchte. Zwar gab Papst Pius IX. der Gesellschaft einen kirchenrechtlichen Status, aber sie durfte bis 1947 ihren eigentlichen Namen, nämlich «Katholisches Apostolat», nicht tragen. Nomen est omen! Tatsächlich brauchten die Pallottiner selber sehr lange, ihre eigentliche, von Vinzenz Pallotti zugedachte Rolle zu erkennen und nach Kräften zu verwirklichen. Geholfen hat ihr dabei ganz wesentlich das Zweite Vatikanische Konzil und die Anerkennung des Heiligen durch Papst Johannes XXIII. Ein Jahr vor seinem Tod schreibt Pallotti in seinem Tagebuch, es brauche für die Erneuerung der Kirche unbedingt ein Konzil und kommt zur Überzeugung, dass das «Katholische Apostolat» im Sinne eines Konzils für die Erneuerung arbeiten solle. Die Zwangsumbenennung in «Fromme Missionsgesellschaft» (Pia Societas Missionum PSM) hat die eigentliche Idee zurückgedrängt, wenn nicht sogar in Vergessenheit geraten lassen. Aber auch Vinzenz Pallotti selber trägt in einem gewissen Sinne Schuld an dieser zögerlichen Entwicklung seines Gedankengutes: In seinen Schriften finden wir mehr Offenheit und Interpretationsspielraum als klare Konzepte, Strukturen und Organigramme. Was sich aber wie ein roter Faden durch alles zieht, ist die unerschütterliche Überzeugung, dass alle berufen sind, am Erlösungswerk Jesu Christi nicht nur teilzuhaben, sondern auch teilzunehmen und am Kommen des Reiches Gottes mitzuarbeiten. Heute würden wir vielleicht sagen: Alle Christen sollen Seelsorger sein, Frauen, Männer, Kinder, Gesunde, Kranke, Kleriker und Laien. Um es mit den Worten Pallottis auszudrücken: «Die wichtigste Angelegenheit, die es in der Welt überhaupt geben kann, ist die Rettung einer Seele» (Opusculum über das Katholische Apostolat 1838, Dok XXIb).
Verborgene innere Logik
Für diese Überzeugung steht sein Wirken und Handeln. Rein äusserlich betrachtet fehlt ihm eine erkennbare Strategie. Er kümmert sich bis zur Erschöpfung um das Naheliegende, Probleme haben Vorrang. Wir würden heute wohl anmahnen, dass bei aller Aktivität die Nachhaltigkeit richtungweisend sein muss. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass Vinzenz Pallotti nach einer inneren Logik vorgeht. Man kann nur staunen, wie viele Beziehungen über alle sozialen Schichten er unterhält. Diese sozialen Beziehungen erlauben ihm, für fast jedes Problem eine Adresse abzurufen und auf unbürokratische Situation Hilfe zu leisten. Im Zusammenhang mit dieser Begabung steht auch die Überzeugung, dass Zusammenarbeit wohl die gottgewollteste Art von Apostolat sein muss. Er begründet dies mit Bildern: Die Dreifaltigkeit, die Heilige Familie und im Zönakulum setzt er den Abendmahlssaal mit dem Pfingstsaal in eins. Er lässt dies malen und gibt dem Künstler den Auftrag, im Pfingstsaal Maria und den Aposteln andere Personen hinzuzufügen. Die Universalität des Apostolates erkennt er auch im Bild der Anbetung der drei Weisen: Auch sie fanden Christus und brachten Kunde. Er verlässt sich denn auch fast unbekümmert darauf, dass seine unzähligen Initiativen eine fruchtbare Zusammenarbeit auslöst und fragt nicht danach, wie viel seine eigene menschliche Kraft verträgt und vermag. «Politik und Mystik» war ein bemerkenswerter Slogan der Theologie der Basisgemeinden. Ein tiefes, mystisches Leben hat Vinzenz Pallotti vor Vereinseitigung bewahrt. «Aus mir kann ich nichts. Mit Gott kann ich alles!» (OC VIII, 367). Darum trachtet er in vielen seiner Texte mit grosser Sehnsucht danach, sich von Gott verwandeln zu lassen, christusähnlich zu werden. Christus soll sich gleichsam erneut inkarnieren im Menschen. Aber der Gott der Liebe wartet auf die freie Hinwendung, auf das freie Ja des Menschen. Hier sah Vinzenz Pallotti deutlicher und schmerzlicher die Zerrissenheit des Menschen. Alles, was ich zum Heil brauche, bekomme ich von Gott – aber ich weigere mich, es anzunehmen. In diesen Abgrund der möglichen Verfehlung des eigentlichen Zieles des Menschen sah er wohl deutlicher, als wir gewöhnlichen Menschen.
Heiligsprechung am 20. Januar 1963
Papst Johannes XXIII. hat diesen Menschen bewusst zu Beginn des Konzils am 20. Januar 1963 zu den Ehren der Altäre erhoben. Er hat persönlich interveniert, als man die Feierlichkeiten wegen des Konzils nach San Paolo fuori le mura verlegen wollte: Nein, es musste der Petersdom sein! Damit wollte er den «Apostel Roms», wie Vinzenz Pallotti schon zuLebzeiten genannt wurde (wie übrigens auch der hl. Philipp Neri, zu dessen Altarstufen der kleine Vincenzo als Messdiener gedient hatte), auf das Fundament jenes Apostels stellen, auf das sich der Papst selbst beruft und in dessen Autorität er das Konzil einberufen hatte. Er deutete die Heiligsprechung als gutes Zeichen für ein Gelingen des Konzils, das tatsächlich in seinen Dokumenten das Apostolat der Laien nicht mehr weiterhin in hierarchischer Abhängigkeit vom Amt deutet, sondern vom Auftrag Jesu Christi selbst herleitet. Ja, der Papst bat um die Fürsprache des neuen Heiligen für das Vorhaben des Konzils und sagt in seiner Ansprache am 20. Januar 1963: «Dass nun dieses überaus beglückende Ereignis [der Heiligsprechung; Verf.] in jene bedeutsame Zeit fällt, in der das Ökumenische Konzil stattfindet, lässt mit Grund zuversichtlich erhoffen, dass daraus reicher, fruchtbarer Segen spriesst. Wir haben nämlich das feste Vertrauen, dass dieser Mann in seinen bewundernswerten Tugenden und mit seinem unermüdlichen Fleiss (…) immer wieder begeistern kann, an die Erneuerung des christlichen Lebens heranzugehen, zu der diese grosse Stunde der Kirche alle aufruft.» Der manchem als eigentlicher Konzilspapst geltende Paul VI. besuchte nur zwei Monate nach seiner Wahl zum Papst den Sarkophag des hl. Vinzenz Pallotti. In seiner Ansprache nannte er Pallotti einen «Vorläufer» und «Entdecker», er habe «dem Gewissen der Laien sozusagen einen Stoss versetzt und dadurch neue Kraftquellen erschlossen. Er hat ihnen ihre Möglichkeiten zum Bewusstsein gebracht und die Christenheit um eine Vielzahl von Berufungen bereichert (…). Das also ist die höchst aktuelle Weisung Vinzenz Pallottis an unsere Zeit: Wir müssen den Ruf – wie man heute sagt – nach der Mündigkeit der Laien wirklich ernst nehmen» (Ansprache Pauls VI. am 1. September 1963 in Frascati). Das Jubiläum der Heiligsprechung ist für uns Pallottiner Anstoss zur zeitgemässen weiteren Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils,das einen wesentlichen Punkt in der Vision von Kirche unseres Gründers aufgenommen und umgesetzt hat.
Vinzenz Pallotti
Vreni Merz: Vinzenz Pallotti – Ein leidenschaftliches Leben. (Kösel Verlag) München 2012, 191 Seiten.
Die Lektüre dieses neuen, reich bebilderten Buches über Vinzenz Pallotti (1795–1850) führt auf ansprechende Art und Weise durch die Zeitgeschichte, den römischen Alltag, das Leben und Wirken dieses leidenschaftlichen Menschen und damit durch die Anfänge des Pallottinerordens. Der Leser, die Leserin wird hingeführt in die direkte Begegnung, ins direkte Gespräch mit Vinzenz Pallottti. Die Autorin spricht ihn, den Sozialapostel seiner Zeit, direkt an, stellt Fragen, auch kritische Fragen aus dem Blickwinkel unserer heutigen Zeit. Wir werden Zeugen der Dramaturgie von Pallottis Lebens. Dies geschieht interessant und abwechslungsreich durch Verwendung verschiedener Register literarischer Möglichkeiten. Von erzählender biografischer Beschreibung wird gewechselt zu szenischer Darstellung in direkter Rede oder klärenden Hinweisen über Ort und Zeit des Geschehens und hie und da auch zu betrachtenden Gedanken. Dieses Vorgehen ist umso verständlicher, wenn man bedenkt, wer die Autorin dieses Werkes ist. Es handelt sich um Vreni Merz, die als praxiserfahrene Religionspädagogin und Dozentin viele von den heute aktiven Seelsorgerinnen und Seelsorgern auf den Weg in den Religionsunterricht begleitet und dabei stets auf die Notwendigkeit der Benutzung vielfältiger Gestaltungsmöglichkeiten hingewiesen hat. Im Oktober 2011 verstarb sie leider viel zu früh. Dieses Buch, ihr letztes Werk, ist eine kleine Kostbarkeit. Dargestellt als direkte Begegnung mit einem visionären, tiefgläubigen, vom Evangelium inspirierten Mann der Kirche, der im damaligen Rom die Herausforderungen seiner Zeit erkannte und entsprechend handelte und andere zum Handeln animierte. «Gesellschaft des katholischen Apostolates» nannte Vinzenz Pallotti die Gemeinschaft seiner Freunde. «Katholisch» verstanden als universell offen für alle Gutgesinnten ohne Standesunterschied. Gemäss Pallotti können nicht nur Mitglieder der kirchlichen Hierarchie im eigentlichen Sinne des Wortes «apostolisch» tätig sein, sondern alle Getauften. Vreni Merz bringt es auf den Punkt, wenn sie Don Vincenzo wieder einmal direkt anspricht und sagt: «… deiner Ansicht nach sind alle fähig, Grosses zu vollbringen: Kinder, Frauen und Männer, Arme und Reiche, auch Schwache und sogar Sterbende – egal welchen Standes, welcher Herkunft und welchen Alters». Der ursprüngliche Name der Gesellschaft wurde, weil zu progressiv, zwei Jahre nach Pallottis Tod verboten und erst 1947 wieder erlaubt. Vinzenz Pallotti war durchaus ein Vordenker des Zweiten Vatikanischen Konzils – und dies nicht nur theoretisch, sondern auch in der Praxis. Am 20. Januar 2013 jährt sich die Heiligsprechung von Vinzenz Pallotti zum 50. Mal – ein guter Grund, seine Persönlichkeit durch neuste Erkenntnisse und in aktueller Betrachtung kennenzulernen. Dieses Buch ist empfehlenswert – durchaus auch geeignet als Geschenk nicht nur für Seelsorgerinnen und Seelsorger.
Josef Stübi