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Die Schweizer Schauspielerin Stephanie Hottinger ist festes Ensemblemitglied des Halleschen Kabaretts «Die Kiebitzensteiner». Wie kam es dazu? Was ist typisch am ostdeutschen Kabarett? Seniorweb traf die Künstlerin in Berlin.
Die gebürtige Schweizerin Stephanie Hottinger schloss ihr Schauspielstudium an der HdK in Bern ab. Ihr Erstengagement führte sie nach Coburg. Danach folgten Engagements in Berlin, eine Kindertheatertournee in Deutschland, eine eigene Kindertheaterproduktion in der Schweiz und verschiedene nationale und internationale Projekte. Zwischen 2009 und 2017 organisierte und leitete sie diverse theaterpädagogische Projekte (EDERED, EUROCAMP, Kultur macht stark).
Seit 2008 ist Stephanie Hottinger festes Ensemblemitglied des Halleschen Kabaretts «Die Kiebitzensteiner». Seit Sommer 2018 leitet sie zusammen mit ihrem Kollegen Micha Kost das Traditions-Kabarett. Sie ist dort auch in allen Programmen zu sehen. Im Berliner Kindertheater gab sie im Winter 2013 ihr Debüt und war bis 2016 in verschiedenen Produktionen zu sehen. Von 2016 – 2019 gastierte sie im Kabarett «Leipziger Pfeffermühle», von 2019 – 2021 war sie als Gast im Kabarett «Die Oderhähne» in Frankfurt/ Oder zu sehen. Stephanie Hottinger ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann und der gemeinsamen Tochter in Berlin.
Seniorweb: Weshalb wurden Sie Schauspielerin?
Stephanie Hottinger: Im Alter von zwei Jahren wollte ich unbedingt Migros Kassiererin werden. Damals arbeiteten die angestellten Damen noch an ratternden Registrierkassen- ein herrliches Geräusch. Meine Lieblingskassiererin trug eine hochgetürmt-toupierte Rothaarfrisur im 60-er Jahre Stil. Ich fand, sie strahlt unglaubliche Kompetenz aus. Mit drei Jahren begeisterte ich mich für Zapfsäulen und den Benzingeruch an der Tankstelle. Mein angestrebtes Berufsziel: «Benzinerin». Auf die Liste kamen im Lauf der Jahre: Bestatterin (Friedhöfe liebe ich auch heute noch), Balletttänzerin, Skilehrerin (nicht nur wegen des Après-Ski) und Konditorin. Im Alter von 10 Jahren sah ich an einem Samstagabend den Billy Wilder Film «some like it hot». Ein Mann, der sich mit solch unglaublicher Lust in eine Frau versetzt so sehr, dass er am liebsten eine Frau bleiben möchte. Diese Spiellust entfachte auch die meine und ich realisierte, dass ich als Schauspielerin all meine Berufswünsche ausleben kann!
Was waren die Highlights Ihrer bisherigen Karriere?
Ich spielte schon in meiner ersten Spielzeit die «Nina» in Tschechows «Möwe». Die grösste Herausforderung war hier, trotz eines Zeitsprunges von zwei Jahren diese Figur psychologisch nachvollziehbar zu spielen. Es folgten «Polly» in der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht. Hier faszinierte mich besonders die Zerrissenheit zwischen echtem Gefühl und Kalkül. Eine für uns heute immer noch sehr aktuelle Situation. Die «Audrey» aus «Der kleine Horrorladen» ist das klassische Mauerblümchen. Dieser typischen Opferrolle eine Portion Widerständigkeit einzuhauchen machte mir großen Spass. Sehr beeindruckt hat mich die Zusammenarbeit mit dem Komponisten und Regisseur Anton Prestele. In seiner steirischen Wirtshausoper «Heimatlos» sang und spielte ich die Rolle der Maria. Die Oper ist eine kritische Auseinandersetzung mit populären Heimatklischees. Ich liebte an dieser Figur das Abgründige, Schräge, Schrille und das pralle Leben.
Die Schauspielerin während eines Auftritts.
Ein Highlight der anderen Art ist die Tatsache, dass ich diesen Beruf schon zwanzig Jahre ausübe, ohne aufgegeben zu haben. Denn Gelegenheiten hätten sich einige geboten. Die Leidenschaft für den Beruf war und ist gross und die Lust darauf, immer wieder Neues zu entdecken ein starker Antrieb. Ein Highlight der näheren Vergangenheit markiert für mich die Eröffnung der neuen Spielstätte im Volkspark in Halle als Leiterin des Traditionskabaretts «Die Kiebitzensteiner» im September 2021.
Haben Sie eine Traumrolle?
Im Moment lese ich die Biographien von Simone de Beauvoir und Albert Camus. Ich liebe es, Menschen zu beobachten, sie zu studieren, ob in Büchern oder im Leben. Jeder Mensch spielt eine Rolle und zeigt damit, was oder wen sie oder er im Leben darstellen will. Also: das Kabarett des Lebens bietet zahlreiche verführerische Charaktere. Sie orientieren sich an unserer Zeit und ihren Neurosen. Da habe ich mich noch lange nicht satt gespielt.
Weshalb wechselten Sie vom klassischen Theater zum Cabaret?
Willkommen bei den «Kiebitzensteinern» in Halle.
Das war eine ziemlich menschliche Angelegenheit. Zu dieser Zeit hatte ich gerade meine «Sicherheit» am Landestheater gegen meine «Freiheit» als selbständige Künstlerin getauscht. Eine Kollegin wurde schwanger und bat mich, sie am Kabarett in Halle zu vertreten. Das direkte Spiel mit dem Publikum, welches ich von der Guckkastenbühne eines Stadttheaters nicht kannte, war eine aufregende Herausforderung und erweiterte mein künstlerisches Repertoire.
Was ist typisch am deutschen Cabaret?
Ich denke, „Das Deutsche Kabarett» gibt es nicht wirklich. Aufgrund der ehemaligen Teilung Deutschlands gab es auch im Bereich der Kunst und Kultur Unterschiede zwischen den beiden deutschen Staaten. In meiner bisherigen Arbeit habe ich mich stark mit dem DDR-Kabarett befasst. Es gibt eine Anekdote, die mir mein Kollege und ehemaliger Intendant des Frankfurt/Oder-Kabaretts erzählte: In der DDR gab es, wie anderswo in diesem Staat, auch im Kabarett Zensur. Viele Themen wurden daher verschlüsselt auf die Bühne gebracht, so dass die Zweideutigkeit immer vom Publikum erkannt werden musste, damit man die Inhalte verstehen konnte. Ein klassisches Programm bestand aus einer Abfolge von unterschiedlichen Nummern / Szenen. Als die von der Zensur verbotene Nummer in besagtem Programm gespielt werden sollte, trugen die Darsteller eine Bank auf die Bühne. Daran hing das Schild: «Frisch gestrichen». Die Bank blieb eine halbe Minute auf der Bühne stehen. Das Publikum lachte, klatschte und freute sich ob einer scheinbar völlig unlustigen Tatsache. Aber natürlich hatten die Zuschauer sofort begriffen, dass eine Szene gemeint war, die der Zensur zum Opfer gefallen war.
«Der Dialog mit dem Publikum verläuft nicht immer reibungslos.»
Ich will damit verdeutlichen, dass die Zuschauer in der DDR völlig andere Theatersehgewohnheiten entwickeln mussten als jene in der BRD. Dort konnte man seine Kritik ohne Angst vor Konsequenzen offen auf einer Bühne äussern. Die Zeiten haben sich, wie wir wissen aber geändert, und vor allem das ältere Publikum ist hier in Halle teilweise irritiert davon, dass man ja alles sagen kann! Da ist sozusagen nichts mehr gefährlich «Reizvolles» an so einem Kabarettabend. Mein Problem mit dem jüngeren Publikum ist hingegen oft, dass die satirische Überhöhung, die heute immer noch ein gutes Mittel ist, um Kabarett zu machen, vom jüngeren Publikum nicht erkannt wird. Das Publikum nimmt das Geschehen auf der Bühne als reales Abbild und fühlt sich teilweise bestätigt in einer Haltung, gegen die wir als Kabarettisten eigentlich anspielen wollen. Kabarett ist für mich immer die Suche nach dem Dialog mit meinem Publikum. Und der verläuft nicht immer reibungslos.
Kabarett heisst auch, in die Sterne gucken.
Spürt man in Berlin und Halle den Einfluss des ehemals ostdeutschen Kabaretts?
Wie ich oben schon andeutete, beeinflussen die Wurzeln des ostdeutschen Kabaretts immer noch unsere Arbeit in Halle. Wir bleiben der Tradition des Ensemblekabaretts treu und suchen nach Themen, die uns und unser Publikum bewegen. Jedoch sind wir nicht mehr «die Helden», die sich «was trauen» und «den Parteifutzis da oben den Spiegel vorhalten». Die Frage ist, ob es heute nicht viel mehr darum gehen muss, das Augenmerk darauf zu legen, dass die Gefahr der Polemik die grösste für unsere Gesellschaft ist und dass schwarz-weiß Haltungen in unserer Zeit gar nicht mehr möglich sind. Unsere Welt ist vernetzt, es gibt unendlich viele Abhängigkeiten und «moralische Reinheit» ist nur möglich, wenn am anderen Ende der Kette «jemand büssen muss». Unser Kabarett «Die Kiebitzensteiner» versucht, weniger Antworten parat zu haben, dafür mehr Fragen zu stellen. Ich möchte nicht als «Bestätigungskasper» auf der Bühne stehen. Trotzdem will ich mein Publikum zum Lachen bringen und gut unterhalten. Ein Spagat, der manchmal Muskelkater verursacht.
Weshalb wählten Sie Berlin als Ihren ständigen Wohnsitz?
Mein Mann hatte noch einen Koffer in Berlin. Und der stand in seiner kleinen Schöneberger Wohnung. Ich zog zu ihm, um meine Laufbahn als «selbständige Künstlerin» standesgemäss einzuläuten.
Sie wuchsen in Bern auf. Fühlen Sie sich wohl an der Spree?
Stephanie Hottinger (Mitte) spielt, tanzt und singt.
Ich halte es da mit Frau Annelise Bödecker, die folgendes über Berlin sagte: «Die Berliner sind unfreundlich und rücksichtslos, ruppig und rechthaberisch, Berlin ist abstossend, laut, dreckig und grau, Baustellen und verstopfte Straßen, wo man geht und steht, aber mir tun alle Menschen leid, die nicht hier leben können».
Wie bringen Sie das Familienleben und ihren herausfordernden Beruf unter einen Hut?
Ich habe das grosse Glück, eine Familie mit guten Nerven und liebevollem Verständnis zu haben.
Könnten Sie sich eine Rückkehr in die Schweiz mit der Familie vorstellen?
Natürlich, warum denn nicht? Im Herzen bleibe ich, wo auch immer ich bin, ein «Bärner Meitschi». Dagegen komme ich einfach nicht an.
Würden Sie Ihr Kabarett-Programm im Rahmen einer Tournee gerne in der Schweiz zeigen?
Das wäre ein spannendes Experiment und eine Herausforderung, der ich mich gerne stellen würde. Befreundete Kabarettensembles haben bereits in der Schweiz gastiert und sind begeistert. In meinem Fall gibt es sogar noch einen Heimvorteil. Von meiner Seite steht einem Gastauftritt in der Schweiz nichts im Wege.
Verstehen die Bernerinnen und Berner die Pointen, den Witz Ihrer Halleschen Programme?
Unsere Programme beziehen sich zu einem geringeren Teil auf hallesche Stadtpolitik, und die ist so absurd, wie überall. Die meisten Inhalte der Programme reflektieren Phänomene unserer Gegenwart, die uns als Europäische Bürgerinnen und Bürger betreffen: soziale Ungerechtigkeit, Gleichberechtigung, Migration, Globalisierung, Digitalisierung, die Entwicklung der Demokratien etc.
Was machen Sie zur Erholung in Ihrer Freizeit? Treiben Sie Sport?
In Halle gibt es einen traumhaften Wald. Die Heide. Dort gehe ich leidenschaftlich gerne joggen und sehe den Jahreszeiten beim Wechsel zu. In Berlin verlagere ich meine sportliche Aktivität ins Fitnessstudio und gehe dort auch gerne in die Sauna. Inspiration hole ich mir in Museen, Cafés, Theater und Kino. Berlin ist voll davon. Ich lese alles Mögliche, was mein Interesse weckt und höre unterschiedliche Musik. Viele dieser Aktivitäten lassen sich zusammen mit meiner Familie gestalten, was zusätzlich Freude bereitet.
Alle Fotos: © Steffen Schellhorn