Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03131.jsonl.gz/2785

Superhelden
Superhelden und Afrofuturismus
Der Film Black Panther nahm weltweit mehr als 1,3 Milliarden US-Dollar ein[29] und löste eine Flut von Artikeln, Talk-Show-Diskussionen, Reportagen etc. aus. Der Konsens: Black Panther sei nicht nur ein weiterer Superhero-Film von Disneys Marvel Studios, sondern ein kulturelles Phänomen. Der Film folgt dem Trend (oder verstärkte diesen), in Hollywood mehr Hauptrollen für nicht-weisse SchauspielerInnen zu schaffen. Doch der Hype um Black Panther ist als Teil einer längeren Entwicklung zu verstehen, deren vielfältige Schauplätze weit über Hollywood und der westlichen Welt gehen. Eine Tatsache aber bleibt: Schwarze Superhelden sind gerade angesagt.
Black Panther zeigt jedoch auch das Spannungsfeld, in dem sich dieser Trend bewegt. So löste der Streifen Diskussionen darüber aus, ob er nicht eine verzerrte US-zentrische Sicht auf Afrika wiedergebe.[30] Superhero-Comics und -Filme mit schwarzen Charakteren bewegen sich seit ihrer Entstehung zwischen positiver Darstellung und profitorientiertem Ausschlachten afrikanischer und afroamerikanischer Kultur. Seit den frühen 1970er-Jahren findet man vermehrt politische und soziale Themen in Superhero-Comics als Zeichen einer Entwicklung weg von klassischen Gut-vs.-Böse-Narrativen und weg von der langen Tradition apolitischer Superheroes.[31] In diesem Kontext entstanden erste schwarze Superheroes bei Marvel und DC Comics.[32] Diese Helden wurden zum einen erschaffen, um die zeitgenössischen Rassenunruhen in den USA zu thematisieren, aber ebenso, um den blühenden Markt der Blaxploitation-Filme in die Comic-Welt zu transferieren. Diese Comics standen und stehen aber immer wieder unter Kritik wegen ihrer oft schablonenhaften Darstellung afroamerikanischer Milieus.[33]
Schon immer war der US-Comic-Markt wegweisend im Superhero-Genre. So entstanden erste Superheroes für den afrikanischen Markt erst nach dem Erfolg der in Amerika entstandenen Charaktere. Die Kluft zwischen der Kommodifizierung und dem genuinen Wunsch nach mehr afrikanischen Helden und popkulturellen Narrativen aus oder über Afrika war und ist dabei auch in den afrikanischen Comic-Szenen zentral. Es überrascht nicht, dass zwei der grössten Comic-Szenen des afrikanischen Kontinents in seinen grössten Wirtschaftszentren beheimatet sind: Südafrika und Nigeria. Die ersten dort vermarkteten Superheroes findet man ab den 1970er-Jahren, einer Zeit, die in den beiden Ländern sehr unterschiedlich war: Nigeria war in dieser Dekade noch eine sehr junge, postkoloniale Demokratie, die mit den Folgen von Neokolonialismus zu kämpfen hatte; am offensichtlichsten wohl in der Form von Geschäftsbeziehungen und Abhängigkeiten von der früheren Kolonialmacht. Südafrika hingegen erlebte gerade den tragischen Machthöhepunkt des totalitären Apartheid-Regimes. Die 1960er- und 1970er-Jahren waren gekennzeichnet durch das strengere Umsetzen der Rassengesetze und den darauffolgenden Protesten und der oft blutrünstigen Repression des Staates. So überrascht es nicht, dass die zwei ältesten Superheroes dieser Länder diese Kontexte reflektieren.
Der für Nigeria erschaffene Comic Powerman zum Beispiel wurde in England dank Investoren aus der Werbebranche produziert.[34] Der Comic enthält einerseits Klischeehaftes und Exotisierendes (bspw. Powermans Leoparden-Überhosen), andererseits haben die Geschichten oft modernisierende Untertöne, wie z.B. die Darstellung eines Kampfes zwischen Natur und Elektrifizierung.[35] Hingegen war Südafrikas erster Superheld Mighty Man ein Produkt staatsnaher Lobbyisten und Teil eines grösseren Propagandaprojekts der Apartheid-Regierung.[36] Mighty Man ist dabei ein apolitischer, schwarzer Polizist, der nachts Kleinkriminelle in den Ghettos bekämpft. Beide Superhero-Comics hatten entweder ihren Ursprung im Ausland oder wurden durch ausländische Mittel initiiert[37] . Doch gab es auch gravierende inhaltliche Abweichungen, bedingt durch die unterschiedliche politische Lage. In Powerman erscheinen zwar paternalistische und neokoloniale Züge, diese sind jedoch nicht so ausgeprägt wie bei den propagandistischen Abenteuern Mighty Mans.
Die heutige Szene in beiden Ländern richtet sich nach neuen politischen und kulturellen Tendenzen. Dabei ist besonders die Kunstbewegung des Afrofuturismus, die auch für die Ästhetik von Black Panther massgebend war, wichtig. Moderne Comics aus Südafrika und Nigeria haben die Gemeinsamkeit, dass ihre Produzenten (die nun alle aus den Ländern selbst kommen) neue, positive, heroische Vorbilder zeigen wollen, die aus Afrika stammen und mit denen sich eine lokale Leserschaft identifizieren kann. Die Comic-Szene in Lagos basiert dabei auf vielen unabhängigen, internetbasierten Verlagen, die allesamt versuchen, zusammenhängende Comic-Universen im Stil der grossen US-Verlage zu kreieren. YouNeek Studios, Comic Republic und Vortex Comics sind nennenswerte Beispiele. In Südafrika feierte hingegen das Superhelden-Projekt Kwezi des afrofuturistischen Künstlers Loyiso Mkize grosse Erfolge. Doch die Spannung zwischen politischer Aussage und Kommerzialisierung bleibt. So sind die meisten dieser Comics Genre-Klischees verpflichtet und ihre HeldInnen haben dementsprechend nicht immer ein grosses politisches Bewusstsein[38] . Aber das Superhero-Genre bietet KünstlerInnen die Möglichkeit, politische Diskurse in eine populäre Form einzubinden, um die altbekannten Formeln mit neuen Inhalten zu füllen. Der momentane Trend hat diese Bewegung zum Politischen noch verstärkt; das Publikum dafür ist derzeit gross. In Zukunft werden wohl noch einige weitere Superheroes über Lagos, Johannesburg und andere Metropolen Afrikas fliegen.
YouTube-Playlist