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Margaret Thatcher und der Neoliberalismus
Ab und zu macht die Geschichte Tempo. Ohne dass es den Zeitzeugen gross auffällt, rutschen Gesellschaften auf eine andere Bahn. So geschah es 1979: Gleich mehrere Ideen wurden plötzlich konkret und begannen, die Welt zu verändern: der Islamismus; ein neues China; die Öko-Bewegung. Und auch: der sogenannte Neoliberalismus. Ein Standpunkt wurde zu einer Kraft.
Denn 1979 trat Margaret Thatcher als Premierministerin von Grossbritannien an, und die entschlossene Tory-Politikerin startete sogleich damit, das Rezeptbuch von liberalen Ökonomen wie Milton Friedman und Friedrich A. von Hayek anzuwenden. Sie senkte die Spitzensteuern. Sie privatisierte Staatskonzerne wie BP, BT, British Airways und British Gas, sie brachte Sozialwohnungen und Bahnstrecken auf den Markt. Sie baute beim Arbeitnehmerschutz ab, sie beschnitt die Möglichkeiten der Gewerkschaften. Sie bekämpfte vor allem die Inflation und wagte dafür hohe Arbeitslosenraten.
Mehr Freiheit, weniger Staat
Kurz: Margaret Thatcher setzte voll darauf, dass England wohlhabender werde, wenn man Firmen, Konsumenten und Arbeitnehmer sich selber überlässt. «Der menschliche Fortschritt wird am besten erreicht, indem man den freiesten Rahmen für die Entwicklung individueller Talente schafft», sagte sie einmal.
Mehr Freiheit, weniger Staat: So war nun der Zeitgeist. So lautete der Slogan, mit dem auch die Schweizer FDP 1979 in den Wahlkampf zog – und prompt ein Spitzenergebnis erzielte.
Konservativ, nicht neoliberal
Es läge also nahe, genau vier Jahrzehnte danach anhand der Thatcher-Ära eine Bilanz des Neoliberalismus zu ziehen. Aber das geht nicht. Erstens verzerrten äussere Faktoren die Entwicklung; gewisse Erfolge hatten nichts mit der Politik in England zu tun, gar nichts, sondern mit dem Ölpreis oder der Weltkonjunktur.
Zweitens drückte selbst eine Maggie Thatcher die Chicago-Doktrinen nicht lupenrein durch: Das staatliche Gesundheitssystem etwa tastete sie nicht an. Sowieso hätte sie sich selber nie als liberal bezeichnet, schon gar nicht als neoliberal. Sie nannte sich konservativ und war stolz darauf.
Die Händlerstochter aus Mittelengland wünschte sich eine moralische Gesellschaft, in der jeder so viel Verantwortung übernimmt wie möglich, für sich wie für alle. Mit ihren christlich-viktorianischen Werten tickte sie anders als die Lobbyisten, die sich später auf sie beriefen, obwohl sie bloss noch Deregulierung wollten; anders als jene Markt-Ideologen, für die mehr Effizienz einfach weniger Staat bedeutet.
«Eine moralische Gesellschaft»
«Wir wollen eine Gesellschaft, in der die Menschen frei sind, ihre Entscheide zu treffen, um Fehler zu machen, um grosszügig und mitfühlend zu sein», hat sie einmal gesagt. «Dies ist, was wir als moralische Gesellschaft verstehen. Nicht eine Gesellschaft, wo der Staat für alles verantwortlich ist.»
Als sie kam, stand ihr Land an einem Abgrund. Bei der Produktivität und beim Wachstum befand sich Grossbritannien 1979 am Ende aller ernsthaften Industriestaaten. Die Teuerung: atemberaubend. Die Arbeitslosigkeit: erschreckend. Great Britain hiess allgemein «the sick man of Europe», der kranke Mann Europas.
Inflation, Arbeitslosigkeit, Wachstum
Dann aber legte Thatcher keineswegs eine klare Erfolgsstory hin. Die Inflation stieg nochmals an – sie kam erst 1982 unter Kontrolle. Die Arbeitslosigkeit verdoppelte sich kurzfristig – sie war während der ganzen Thatcher-Ära höher als zuvor. Das Wirtschaftswachstum sackte in ihren ersten beiden Jahren ab – um dann tatsächlich an Fahrt zu gewinnen (zu den wichtigsten Wirtschaftsdaten der Thatcher-Ära).
Nachweisbar nachhaltig erscheint heute, vier Jahrzehnte später, nur eine Wirkung ihrer Politik: Die Schere zwischen Arm und Reich öffnete sich in der Thatcher-Ära drastisch. Diese Entwicklung beschäftigt das Land bis heute.
Auf der anderen Seite stand Grossbritannien nach Thatchers Abgang 1990 wieder als konkurrenzfähiges und produktiveres Land da – es folgte ein 15 Jahre langer Aufschwung. Dass die Tory-Politikerin nach den Sechzigerjahren dem Kapitalismus eine Menge Selbstachtung zurückgab: Hier wurzelt tatsächlich, dass der sogenannte Neoliberalismus dann so viel Einfluss gewinnen konnte.