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In den meisten OECD Ländern befindet sich die Lücke zwischen arm und reich auf dem höchsten Niveau seit 30 Jahren. Im Durchschnitt verdienen die reichsten zehn Prozent in diesen Ländern neunmal mehr als die ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung. In den USA, Israel und der Türkei beläuft sich dieses Verhältnis auf 14 zu eins und in Mexico sogar auf 27 zu eins. In China und Indien ist dieses Problem ebenfalls klar erkennbar.
Deutet sich hier ein unaufhaltsamer Trend an oder gibt es Lösungsansätze, welche dieser Problematik Abhilfe leisten können? Im Folgenden möchte ich Ihnen das Konzept des «Inclusive Growth» (zu Deutsch: einschliessendes Wachstum) vorstellen, welches sich genau mit dieser Thematik beschäftigt und mögliche Lösungsansätze aufzeigt.
Was ist Inclusive Growth?
Es gibt unzählige Definitionen von verschiedenen Autoren für den Inclusive Growth Ansatz, wobei keine davon als die einzig richtige angesehen wird. Ausserdem existieren unzählige andere Begriffe und Konzepte, welche sich mit einer ähnlichen Thematik auseinandersetzen. Der Einfachheit halber möchte ich mich hier explizit auf die Bedeutung von Inclusive Growth fokussieren.
Gemäss dem Wirtschaftswissenschaftler Cielito Habito (2009) liegt einschliessendes Wachstum vor, wenn eine Erhöhung des Bruttoinlandproduktes (BIP) in einem Land zu einer markanten Reduktion der Armut führt. In diesem Fall wird das Ganze jedoch in absoluten Zahlen betrachtet. Das soll heissen, dass gemäss dieser Definition auch dann von Inclusive Growth die Rede sein kann, wenn sich die Ungleichheit in einer Volkswirtschaft erhöht, da das einzige Kriterium die Besserstellung der armen Bevölkerungsschicht ist.
Zu behaupten, dass sich dieser Ansatz lediglich auf die ärmste Bevölkerungsschicht eines Landes fokussiert, wäre zudem zu kurz gegriffen. Dieser Meinung ist auch der Entwicklungsökonom Stephan Klasen (2010), welcher seine Definition für den Inclusive Growth Ansatz etwas breiter gefasst hat. Gemäss ihm sollten alle Teile der Bevölkerung unabhängig von der finanziellen Situation vom wirtschaftlichen Aufschwung eines Landes profitieren, damit von Inclusive Growth die Rede sein kann.
Eine Definition, welche nicht nur monetäre Aspekte berücksichtigt, nennen der Ökonom und die Ökonomin Ifzal Ali und Hyun H. Son (2007). Sie sind der Ansicht, dass Wachstum als «einschliessend» bezeichnet werden kann, wenn es die Chancengleichheit und die durchschnittlichen sozialen Aufstiegschancen eines Individuums in der Bevölkerung erhöht. Eine ähnliche Position vertritt die Afrikanische Entwicklungsbank (2012: 2). Sie definiert Inclusive Growth als «ökonomisches Wachstum, welches zu mehr sozio-ökonomischen Chancen für eine grössere Anzahl an Personen, Regionen und Ländern in einem Umfeld von Fairness, Gerechtigkeit und politischer Vielfalt führt.»
Wie kann Inclusive Growth erreicht werden?
Es gibt viele verschiedene Handlungsvorschläge, welche zu einschliessendem Wachstum führen können. Es gilt jedoch zu beachten, dass es keine universell anwendbare Musterlösung gibt, welche in jedem Land gleichermassen angewendet werden kann. Die Determinanten für Wachstum sind länderspezifisch und hängen unter anderem vom Einkommensniveau, der bestehenden Armut und der Vermögensverteilung ab. Ausserdem spielen Faktoren wie die geographische Lage, die demographische Situation und die politischen Rahmenbedingungen eine nicht zu vernachlässigende Rolle, wenn es um die Evaluation von geeigneten Handlungen geht.
Eine naheliegende Massnahme zur Reduktion der Ungleichheit und der Erreichung von einschliessendem Wachstum stellen Umverteilungen seitens des Staates zu Lasten der Reichen und zu Gunsten der Armen dar. Gemäss der Weltbank (2009) ist dies langfristig gesehen jedoch keine geeignete Lösung. Vor allem in Ländern, in denen das jährliche Durchschnittseinkommen unter USD 700 liegt, ist es theoretisch unmöglich mittels solcher Handlungen die Armut zu bekämpfen.
Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hat in einer Publikation aus dem Jahr 2016 andere Handlungsvorschläge aufgezeigt. Demzufolge ist es in erster Linie wichtig, effektive Institutionen und öffentliche Güter in einem Land zu etablieren. Neben elementaren Aspekten wie beispielsweise der Rechtssicherheit oder einer ausreichenden Wasserversorgung, sind ein funktionierendes Bildungssystem sowie ein entwickelter Finanzsektor unerlässlich, um den ökonomischen Output zu vergrössern und die Armut zu reduzieren.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist gemäss dem Seco der Arbeitsmarkt. Bezüglich dieser Thematik sollte es das Ziel einer Regierung sein, mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Ausserdem sollte den Unternehmen der Zugang zum Kapitalmarkt sowie zu gut ausgebildetem Personal ermöglicht werden. Allerdings geht es in dieser Thematik nicht nur um die Quantität, sondern auch um die Qualität der Arbeitsplätze. Diese sollten im besten Fall gewissen Mindestanforderungen entsprechen, um ein humanes und gerechtes Arbeitsumfeld zu schaffen. Als Ergänzung zu diesem Handlungsvorschlag können Aspekte aus einer Publikation der Weltbank (2009) herangezogen werden. Sie weist darauf hin, dass nicht nur das Arbeitsplatzwachstum, sondern vielmehr auch das Produktivitätswachstum eines der angestrebten Ziele sein sollte, denn eine erhöhte Produktivität generiert das Potential für steigende Löhne und höhere Renditen.
Weitere Massnahmen, welche zur Erreichung von Inclusive Growth führen können, sind gemäss dem Seco die Erhöhung des Handels sowie die Förderung der Wettbewerbsfähigkeit. Heutzutage durchlaufen Güter eine komplexe Wertschöpfungskette und dabei gelingt es Unternehmen aus Entwicklungsländern nicht immer, im vollen Umfang am geschaffenen Wert zu partizipieren. Durch die richtigen ökonomischen Rahmenbedingungen kann die Produktivität in Entwicklungsländern erhöht werden und die betroffenen Unternehmen entwickeln sich langsam aber sicher zu einem immer wertvolleren Glied in der jeweiligen Wertschöpfungskette.
Fazit
In diesem Blogbeitrag durfte ich aufzeigen, dass es potentielle Lösungen zur Bekämpfung von Ungleichheit gibt. Inclusive Growth kann unter anderem durch die oben erwähnten Massnahmen erreicht werden und dazu führen, dass alle Anspruchsgruppen und Bevölkerungsschichten von wirtschaftlichem Wachstum profitieren können. Es gilt jedoch zu beachten, dass dies bei weitem nicht die einzigen Lösungsansätze sind und diese nicht in jeder Volkswirtschaft gleichermassen angewendet werden können.
Auch wenn sich die Ungleichheit in vielen Ländern auf dem höchsten Stand seit 30 Jahren befindet, besteht jedoch in gewisser Weise Anlass zum Optimismus. Denn in den letzten 20 Jahren hat sich der Anteil der Menschen, die in extremer Armut leben, nahezu halbiert.
Literaturhinweise:
- Cielito F. Habito: Patterns of Inclusive Growth in Developing Asia: Insights from an Enhanced Growth-Poverty Elasticity Analysis, 2009
- Stephan Klasen: Measuring and Monitoring Inclusive Growth: Multiple Definitions, Open Questions, and Some Constructive Proposals, 2010
- Ifzal Ali, Hyun H. Son: Defining and measuring inclusive growth: application to the Philippines, 2007
- African Development Bank: Annual Report, 2012
- Staatssekretariat für Wirtschaft: Inclusive Growth as the key to poverty reduction, 2016
- Worldbank: What is inclusive growth, 2009
- Rafael Ranieri, Raquel A. Ramos: Inclusive growth: building up a concept, 2013
- OECD: Inclusive Growth, Stand: 3. Mai 2018, Link: http://www.oecd.org/inclusive-growth/
- Hans Rosling: Factfulness. Wir wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist, 2018