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- Carte blanche
Weiterbildung auf azorianisch
Unser Autor verbrachte den Corona-Winter 2020/2021 auf der Azoreninsel Santa Maria. Dort wurde er kurzerhand zum Berufsbildner. Sein Schüler liess ihm keine andere Wahl.
Ich habe Paulo kennengelernt, weil er auf meinem Boot einige Reparaturen ausführte. Paulos Alter ist schwer einzuschätzen. Sein kurz geschnittenes Haar ist pechschwarz. Aber die Falten im Gesicht sind tief und es fehlen ihm ein paar Zähne. Ich weiss, dass er zwei Söhne hat. Die seien bereits im Erwachsenenalter, erzählte mir Paulo. Deshalb schätze ich sein Alter auf etwa 50 Jahre – mehr oder weniger. Paulo lebt auf der Azoreninsel Santa Maria, auf der ich den Corona-Winter 2020/2021 verbracht habe, auf meinem Boot lebend im Hafen von Vila do Porto.
Die Azoren sind ein Archipel aus neun Inseln mitten im Atlantik. Sie gehören zwar zu Portugal. Aber die Azorianer sind ein eigener Menschenschlag. Er ist geprägt von der bitteren Armut, die die Inseln bis kurz vor der Jahrtausendwende fest im Griff hatte und viele zum Auswandern zwang. Aber auch der raue Atlantik, der die Inseln vom Rest der Welt abschneidet und der sie gleichzeitig ernährt, hat sie geformt. Die meisten Insulaner sind davon überzeugt, in einem Paradies zu leben, das jedoch vom Überfluss des Festlandes genauso wenig weiss wie vom Luxus, sich einen Beruf aufgrund von Wunsch und Fähigkeiten zu wählen.
Santa Maria wirkt noch etwas abgelegener als andere Inseln der Gruppe. Der Hauptort Vila do Porto ist ein in sich gekehrtes Dorf aus kleinen Häusern, gut versteckt hinter einer hohen Klippe und beschützt von einem Fort. Dieses hielt früher Piraten und Invasoren ab. Heute blicken von seinen Mauern die Jugendlichen aufs Meer hinaus und unterhalten sich über ihre Zukunftsaussichten. Nur wenige Touristen finden hierher. So fehlen auch Hotels und Unterhaltungsangebote, die Beschäftigung und Einkommen bieten könnten.
Deshalb ist Paulo nicht unglücklich, auf der lokalen Bootswerft arbeiten zu können. Jeden Tag ist er auf dem Gelände am Hafen anzutreffen, selbst samstags. Allerdings muss er immer zuerst seine Kühe versorgen, bevor er zur Arbeit fährt. Kühe hat hier fast jeder, der Grund und Boden besitzt. Die EU subventioniert die Viehhaltung. Man nimmt, was man bekommen kann.
Auf meinem Boot hat Paulo vor allem Löcher gespachtelt und neue gebohrt. Er hat Kabel verlegt. Er kletterte in den Mast hoch, um am Rigg zu arbeiten, und er hat sich in den engen Ankerkasten im Bug gequetscht. In den Stunden, die er bei mir gewerkelt hat, erzählte er mir ein wenig aus seinem Leben. Er hat auf einer Fischereischule eine Ausbildung erhalten, war in der Schweiz und hat dort für die SBB gearbeitet. In der Schweiz war der Lohn zwar in Ordnung. Aber die Insel fehlte ihm. Und auch seine Frau, die nachkommen durfte, war nicht glücklich geworden im Binnenland. So war Paulo auf die Azoren zurückgekehrt. Ein wenig Schweizerdeutsch spricht er noch immer. Aber am Ende unterhalten wir uns doch auf Englisch.
Paulos kleinen, dunklen Augen entgeht nichts. Wie ein Habicht, der auch das Wappentier der Azoren ist, blickt er sich um. Sein Blick fiel auch auf meine Fallen, jene Taue, mit denen die Segel am Mast hochgezogen werden. Diese Fallen waren an den Enden nicht mit Knoten versehen, sondern mit Spleissen.
Spleissen ist eine uralte Technik in der Seefahrt. Mit ihr werden beispielsweise Schlaufen – oder in der Seemannssprache Augen – in ein Tau gearbeitet. Dazu wird das kurze Ende in das längere verflochten. Ein Spleiss hält wesentlich besser als eine geknotete Schlaufe und sieht erst noch viel hübscher aus. Während Paulo sich mit traditionellem Tauwerk, bei dem mehrere Stränge – oder Kardeelen – zu einem Seil gedreht werden, bestens auskennt, sind ihm moderne Kernmantel-Geflechte ein Rätsel mit sieben Siegeln. Diese modernen Taue bestehen, wie es der Name sagt, aus einem Mantel und einem Kern. Um in diese Taue ein Auge zu spleissen, müssen Kern und Mantel in- und übereinander geführt werden: den Mantel durch den Kern, den Kern über den Mantel. Am Ende sieht man jedoch lediglich eine perfekte Schlaufe, die das Tau abschliesst.
Genau dieser Art sind die Spleisse auf meinem Boot.
«Kannst du das?», fragte mich Paulo.
Ich nickte.
«Dann komm ich vorbei und du zeigst es mir.»
Das war keine Frage und schon gar keine Bitte. Paulo hatte sich ganz einfach zu einer Weiterbildung eingeladen.
Er liess sich dann doch Zeit. Erst als ich ankündigte auszulaufen, kam er vorbei, kurz nach fünf an einem Donnerstag. Das Tau, an dem wir üben würden, brachte er mit. Ich steuerte die Werkzeuge bei: Schere, Stifte und vor allem die sogenannten Fits, Hohlnadeln verschiedener Grössen, mit denen man Mantel und Kern miteinander verbindet.
Damit ich einen exakten Spleiss hinbekomme, kann ich auf meinen Spickzettel nicht verzichten. Paulo aber schaute einfach nur zu, wie ich die Abstände auf dem Tau markierte, den Kern aus dem Mantel herausschälte und die Schlinge formte.
Ob er sich denn keine Notizen machen wolle, fragte ich ihn.
Nein, antwortete er, er würde sich jetzt alles merken und dann zuhause die Schritte aufschreiben.
Der letzte Akt bei einem Augspleiss mit einem Kernmantelgeflecht benötigt etwas Kraft. Der Mantel des langen Endes wird über einen Rest des Kerns «gemolken», so sagt man im Fachjargon. Es ist ein wenig wie Zauberei. Aber mit jedem Zug verschwindet ein Stück des Kerns, bis die Schlinge vollendet ist.
Paulo mangelt es nicht an Kraft, und er lachte, als er mit festem Griff am Tau zog. Ich schloss den Spleiss mit einem Takling ab, einem Faden, den ich am Schluss um den Hals der Schlaufe wickelte und vernähte. Das war’s. Paulo hielt das Tau in die Höhe, betrachtete den Spleiss von allen Seiten. Er war zufrieden.
Nun könne er etwas, das andere hier nicht könnten, sagte er und erklärte, dass bis jetzt Taue zum Spleissen auf die Nachbarinsel São Miguel geschickt worden waren. Diese liegt 100 Kilometer nördlich und nur alle zwei Wochen pendelt das Versorgungsschiff hin und her.
«Nach São Miguel?», fragte ich ungläubig.
Paulo nickte und grinste verschmitzt.
«Nun eben nicht mehr», sagte er.
Ich ahnte, dass ich Paulo eben zu einer besseren Position in der Werft verholfen hatte. Sein Boss setzt die Leute ganz gezielt aufgrund ihrer Fähigkeiten ein. Der eine arbeitet nur mit Holz und bohrt Löcher, der andere darf mit Dichtungsmitteln umgehen. Der Chef allein kümmert sich um Elektronik. Die Arbeit mit Tauen war sozusagen unbesetzt.
Ich bin zwar etwas stolz auf meinen ersten Einsatz als Berufsbildner. Auf der anderen Seite wird mich auch bewusst, woran es eben in vielen Gegenden der Welt nach wie vor mangelt: Zur Spleisstechnik, die ich Paulo beigebracht habe, gibt es auf YouTube hunderte Videos. Ich selbst habe es mir über Tutorials im Netz beigebracht. Aber wer keinen Computer besitzt, kommt auch nicht ins Internet, dem bleibt eine wichtige Quelle zum selbstgesteuerten Lernen verschlossen.
Doch scheint es noch einen anderen Grund zu geben, weshalb Vorbeikommende wie ich plötzlich zum Ausbilder werden. Der Wille, seine Mitarbeiter weiterzubilden, ist nicht nur beim Werftpatron bescheiden. Auch in anderen Unternehmungen lässt man die Leute zwar arbeiten – nicht selten für den Mindestlohn von 600 Euro pro Monat –, investiert aber nicht in ihr Fortkommen. Sie klein zu halten, ist nicht selten die Strategie der Bosse, die sich keine Konkurrenz heranziehen möchten. Das ist wahrscheinlich ein ebenso kurzsichtiger wie aussichtsloser Plan. Denn auch auf einer Insel ist der Lernhunger nicht totzukriegen.
Ronald Schenkel ist freier Journalist und Segler. Er unterstützt die EP redaktionell.