Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03571.jsonl.gz/3065

Zwei Essays
... von Rolf Italiaander und R. Kaenel / Bichon
Im Nachlass von Eugen Laubacher / Charles Welti fand sich eine Korrespondenz mit Rolf Italiaander. Zwei Briefe vom Februar 1951 und Juni 1952 bezogen sich auf Jean Genet und einen langen Aufsatz, den Italiaander über Genet geschrieben und mit der Bitte um Veröffentlichung an die Redaktion des Kreis geschickt hatte. Laubacher lehnte ab, weil die Abhandlung zu lang sei und weil von Genet noch nichts auf deutsch vorliege. Hingegen wolle er später gerne für den französischen Teil einige Abschnitte auswählen. Deshalb bat er den Autor, ihm den 23-seitigen Aufsatz zu überlassen.
Und so blieb dieser, verfasst im Winter 1951/52, in einer Schublade liegen, wo wir (Ernst Ostertag und Giuseppe Caffagnini) ihn im November 1999 fanden. Auf dem Titelblatt steht schlicht "Jean Genet, von Rolf Italiaander, für Hans Henny Jahnn" mit einem Zitat aus Genets Roman "Journal du Voleur", erschienen 1949. Diesen Aufsatz hat Italiaander gekürzt und überarbeitet als Vorwort in sein Büchlein "Jean Paul Sartre über Jean Genet" genommen (S. 7), das der "Querelle"-Spezialausgabe von 1955 beigegeben war (siehe "Querelle de Brest"). Andere Teile davon setzte er in das abschliessende Kapitel desselben Bändchens unter den Titel "Stimmen führender Autoren" (S. 47).
Im Herbst 1963 liess Eugen Laubacher einen auf zwei Hefte verteilten ebenso langen wie spannenden und glänzend formulierten Essay über Jean Genet und seinen Roman "Querelle" erscheinen, verfasst von R. Kaenel / Bichon: "Une Perle dans la Boue". Bichon schloss mit den Worten:1
"La dernière page du roman est très caractéristique du genre dit 'Genet': grandiose, échevelée, follement boursouflée, incompréhensible, sauf dans ses grandes lignes - une sorte de 'Cantique des cantiques' à l'usage de fous. Mais dans son désordre fantasmagorique, cette page traduit bien l'adieu de Genet à 'Querelle', l'adieu d'un amoureux à son plus bel ami. - 'En voilà des histoires pour un vulgaire gibier de potence', pensera-t-on. - Sans doute, ami lecteur, mais n'oublions pas que la beauté a des droits que n'a pas la laideur.'"
Hinter dem Pseudonym Bichon verbarg sich der in Basel ansässige französisch sprechende Schweizer R. Kaenel, wie Briefe im Nachlass von Eugen Laubacher / Charles Welti beweisen. Mit zahllosen Beiträgen und Kurzgeschichten war er ab 1948 ein ebenso geistreicher wie zuverlässiger Mitarbeiter des französischen Teils und blieb es bis zum Ende. Ein zweiteiliger Essay über Marcel Proust war eine seiner ersten Arbeiten für die Zeitschrift2.
Ernst Ostertag, April 2005