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Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in den Ländern Ostasiens hat sich der Kampf um Rohstoffe und strategische Ressourcen in den letzten Jahren weiter verschärft. Der wachsende Wohlstand in dieser Region geht einher mit einer zunehmend strategischen Verwundbarkeit – was in der Regel dazu führt, dass die Regierungen ihre Armeen aufrüsten. So überrascht es nicht, dass die Rüstungsausgaben in Ost- und Südostasien deutlich steigen, während sie in anderen Weltregionen stagnieren oder sinken. Ost- und Südostasien sind zu gefährlichen Wetterecken der Weltpolitik geworden.
Die erhöhte Verwundbarkeit betrifft allerdings nicht nur die rohstoffhungrigen Industrie- und Schwellenländer. Putins scheinbarer Coup, als er in Reaktion auf Sanktionsdrohungen der Amerikaner und Europäer anlässlich der Ukrainekrise die Chinesen als Abnehmer des russischen Erdgases ins Spiel brachte, könnte sich für die russische Wirtschaft schon bald als Bumerang erweisen: Die Russen liefern nämlich zu einem Preis an China, bei dem sie kaum Gewinne machen. Und das, obwohl die russische Wirtschaft dringend auf Einnahmen aus dem Verkauf von Erdgas angewiesen ist. Zudem bedarf sie westlicher Technologien und Investitionen, um ihre Fördermethoden zu modernisieren.
Man könnte nun vermuten, die wechselseitigen Abhängigkeiten würden die Kooperationsbereitschaft der Staaten erhöhen. Tatsächlich aber entstehen regionale und temporäre Ungleichgewichte, in denen das Risiko militärisch ausgetragener Konflikte steigt. Die kürzlich ausgerufene strategische Partnerschaft zwischen Russland und China dürfte alles andere als einträchtig und harmonisch sein. Die vielen chinesischen Ingenieure und Arbeiter in Sibirien werden bei den Russen Ängste hinsichtlich der zukünftigen Kontrolle dieser Gegend auslösen. Die vertraglich geregelte Lieferung von Rohstoffen, eigentlich die zivilisierteste Form ihrer Verteilung, wird zu einem Kampf um die De-facto-Kontrolle Ostsibiriens werden.
Wie sehr Chinas Rohstoffhunger die weltpolitischen Konstellationen verändert hat, zeigt sich auch in Afrika. Mit China als Abnehmer gewinnen afrikanische Länder an Widerstandskraft gegenüber Sanktionsdrohungen des Westens. Das zeigt sich in Simbabwe wie auch im Sudan: Als die USA und die EU angesichts massiver Menschenrechtsverletzungen Sanktionen verhängten und die Wirtschaftsbeziehungen einfroren, trat China an die Stelle der europäischen und amerikanischen Wirtschaftspartner: Die Sanktionswaffe ist stumpf geworden. In der Folge stiegen die wirtschaftlichen Kosten für die Durchsetzung normativer Standards. Man wird sich in der EU und in den USA künftig genau überlegen, welchen Preis man für die Beachtung von Menschenrechten noch zu zahlen bereit ist. Anders gesagt: Mit der wachsenden Konkurrenz um strategische Ressourcen wird die Sorge der internationalen Gemeinschaft um die Beachtung der Menschenrechte geringer. Sonderlich gross ist sie ohnehin nie gewesen. Die normativen Standards der Weltordnung erodieren in dem Masse, wie der Kampf um Rohstoffe an Intensität zunimmt.
Die Gewinner des steigenden Rohstoffhungers sind die rohstoffreichen Länder. Nicht nur, weil die Einnahmen dieser Staaten steigen, sondern auch, weil die herrschenden Eliten so über die erforderlichen Mittel verfügen, um der Bevölkerung das Interesse an grösserer politischer Mitsprache «abzukaufen».
In Ländern, in denen der Staat die erforderlichen finanziellen Mittel aus der Besteuerung von Arbeit und Vermögen bezieht, hat sich eine Ordnung entwickelt, in der das Parlament als Vertretung der steuerzahlenden Bürger über die Verwendung der Staatseinnahmen entscheidet. In den euro-atlantischen Revolutionen des 17. bis 19. Jahrhunderts ist dieses Recht durchgesetzt worden.
In Staaten, die auf der Ausbeutung und dem Verkauf von Bodenschätzen beruhen, fehlt diese Besteuerung als Element in der Machtfrage. In diesen Ländern bestehen bis heute neopatrimoniale Ordnungen, in denen der Staat der untergeordneten Bevölkerung gibt, nicht nimmt. Dieser Staat wird häufig durch eine Herrscherfamilie personifiziert, die sich als fürsorglicher Wohltäter inszeniert. Wo genug Geld vorhanden ist, klappt das meist – jedenfalls solange keine relevante Gruppe systematisch benachteiligt wird. Steigende Rohstoffpreise kommen der Stabilität neopatrimonialer Regime zugute. Die Kehrseite: Solche Systeme blockieren den Wandel und verhindern gesellschaftliche und politische Modernisierung.
Wie die Verknappung von Rohstoffen durch steigende Nachfrage den Wettbewerb verschärft und das Risiko bewaffneter Konflikte erhöht, zeigt der Konflikt zwischen China, Japan und Korea um eine unbewohnte Inselgruppe im Ostchinesischen Meer. Es ist das zurzeit prominenteste Beispiel von vielen. Bemerkenswert ist, dass in diesen Konflikten fast immer China eine zentrale Rolle spielt. Das liegt nicht nur am enormen Rohstoffbedarf Chinas, sondern auch daran, dass sich die Chinesen infolge des früheren europäisch-amerikanisch-japanischen Kolonialismus und Imperialismus systematisch benachteiligt fühlen und diese Benachteiligung nun durch aggressives Auftreten wettmachen wollen. Sie treten fordernd auf und fühlen sich im Recht.
Nicht nur darin gleichen sie dem wilhelminischen Deutschland im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert. Fast zwangsläufig entstehen so antihegemoniale Koalitionen, die durch die Furcht vor dem mächtigen China zusammengehalten werden und deren geostrategischer Profiteur die USA sind. Sie bieten den Kleineren Schutz und haben dadurch während des zurückliegenden Jahrzehnts ihre Position im pazifischen Raum deutlich verbessert.
Wer von Rohstoffen abhängig ist, will auch die Handelswege, auf denen diese transportiert werden, gesichert wissen oder unter seine Kontrolle bringen. Solange China ein sich grösstenteils selbst versorgendes Agrarland war, hatte es kein Interesse am Aufbau von Seestreitkräften, die eine überregionale Rolle zu spielen vermochten. Das hat sich mit der Entwicklung zum Industriestaat geändert: China ist durch die langen überseeischen Transportrouten für Rohstoffe verwundbar geworden. Durch den Aufbau einer beachtlichen Kriegsflotte sucht es diese Verwundbarkeit zu begrenzen. Dieses Bestreben läuft auf ein Kräftemessen mit den USA hinaus, was nicht ohne Reaktion der Amerikaner bleiben wird. Ein maritimes Wettrüsten im pazifischen Raum wird immer wahrscheinlicher: China will die Gefahr einer ökonomischen Strangulation beseitigen, die USA wollen ihre globale Dominanz nicht verlieren.
Der Kampf um die Hoheit auf den Weltmeeren wird dadurch verschärft, dass es, anders als bei klassischen Territorialkonflikten, keine klassischen Grenzen gibt. Ozeane wie auch die Polkappen sind im Unterschied zum Festland keiner Aufteilungsordnung unterworfen. Es dominieren entweder die technologisch führenden oder die militärisch mächtigsten Akteure. Solange beide identisch sind, ist das kaum ein Problem. Das ändert sich, sobald militärische Macht eingesetzt wird, um Akteure, die ihren Technologievorsprung bei der Rohstoffgewinnung ausnutzen, an ihrem Vorhaben zu hindern. Hier liegt ein erhebliches Konfliktpotential, und das umso mehr, als es keine von potentiellen Konkurrenten anerkannten Regulationsmechanismen und Schlichtungsinstanzen gibt.
Dass internationale Nichtregierungsorganisationen, etwa Greenpeace, in diesen Konflikten als Anwalt der Natur oder der Menschheit mitmischen, macht die Chancen einer Konfliktbegrenzung eher geringer als grösser. NGO bearbeiten in der Regel nur ein Themenfeld. Dadurch sind sie weniger kompromissfähig als Staaten, die auch bereit sind, Kompromisse auszuhandeln.
Selbstverständlich gäbe es auch Mechanismen, um Konflikte einzudämmen und zu begrenzen. Der wichtigste Hebel besteht darin, einer weiteren Rohstoffverknappung entgegenzuwirken, indem man mit bereits in den Kreislauf der Güter eingespeisten Rohstoffen sorgsamer umgeht, diese mittels Recycling einer Wiedernutzung zuführt oder indem man durch innovative Techniken bisher nicht förderbare Rohstofflager erschliesst, wie das zurzeit beim Fracking oder bei der Sonnenenergie der Fall ist.
Beides ist freilich nur konfliktdämpfend, wenn es mit Bedacht betrieben wird. Ein rapider Preisverfall von Rohstoffen könnte zu einer wirtschaftlichen und politischen Destabilisierung führen. Die langfristigen Kosten in Form von innergesellschaftlichen Kriegen und Flüchtlingsströmen würden den kurzfristig erzielten Vorteil bei weitem übertreffen.
Bereits heute zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und Clankriegen führt der Kampf um eine der wichtigsten Ressourcen – das Wasser. Dieser Konflikt wird sich infolge des Bevölkerungswachstums in einigen Weltregionen noch verschärfen. Dabei muss zwischen einem Kampf ums nackte Überleben und der Monopolisierung von Wasser als einer strategischen Ressource unterschieden werden. Letzteres ist ein Projekt, das nur von Staaten durchgeführt werden kann. Es besteht im Bau von Staumauern und der Anlage riesiger Wasserreservoirs, die entweder der Bewässerung eigener Anbauflächen dienen oder das Wasser zurückhalten, damit es gegen ein Entgelt an die Anrainerstaaten abgegeben werden kann.
Was früher kostenlos zur Verfügung stand, wird ein Wirtschaftsgut. Wer darüber verfügt, kann Einnahmen erzielen, die sonst nur bei Bodenschätzen möglich sind. Das ist einerseits nachvollziehbar, würde es doch arme Regionen mit hohen Gebirgen und entsprechend grossen Regenmengen wirtschaftlich stärken, aber andererseits ist dies eine weitere Drehung an der Schraube, mit der bisher kollektive Güter privatisiert werden. Zudem handelt es sich dabei um gravierende Eingriffe in die Ökologie wie Ökonomie grösserer Räume, deren Reichtumsverteilung dadurch grundlegend verändert wird.
Es ist kaum zu erwarten, dass die Betroffenen diese Eingriffe in den Wasserhaushalt widerstandslos akzeptieren werden: Staumauern sind hochgradig vulnerabel und laden zur Bombardierung geradezu ein. Am Nil und am Euphrat, aber auch am Indus und Ganges ist mit solchen Auseinandersetzungen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zu rechnen. Die Redewendung «das Wasser abgraben» bekommt eine neue, dramatische Bedeutung.
Bereits akut ist der Wassermangel in der Sahelzone; er führt immer wieder zu Gewaltkonflikten zwischen den Clans der Viehzüchter. Im Südsudan sind während der letzten Monate daraus schon kleine Kriege geworden. Auf den ersten Blick sind dies innerafrikanische Konflikte, die uns Europäer nicht berühren. Über kurz oder lang resultieren daraus aber Flüchtlingsströme, denen der Weg nach Europa die einzige Überlebenschance ist. Schon deswegen lassen sich Konflikte um Rohstoffe kaum lokalisieren. Sie greifen um sich und destabilisieren ganze Grossräume. Man sollte ihnen nicht abwartend zusehen.