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Fragmente einer Brüderlichkeit aufbauen
Von 1996 bis 2006 lebte ich in Tokio in Japan, in einer der Fokolar Gemeinschaften. Die Begegnung mit einer völlig anderen Kultur als der meinen, mit einer Sprache und einer Schrift, die keine mögliche Verbindung zum Westen haben, hat mich beeindruckt, verändert und bereichert.
Die ersten Jahre waren sehr herausfordernd. Ich war die meiste Zeit mit dem Studium der Sprache beschäftigt und versuchte auch, die Leute um mich kennen zu lernen und zu verstehen. Am Anfang fühlte ich mich völlig verloren, ohne kulturelle Bezugspunkte, Kategorien und Werte, die den meinen ähnlich waren.
Mir half der Satz aus dem Evangelium: "Was immer ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan". (Mt 25,40). Es war klar, dass ich in jedem Menschen Jesus erkennen und ihm begegnen konnte.
Ich besuchte eine Schule zum Lernen der japanischen Sprache. Einmal wurden wir gebeten, ein Thema zu entwerfen, um eine aus Langeweile entstandene Erfindung darzustellen. Auf Japanisch, natürlich! Es schien mir, dass es in diesem Land alles gab und dass die Technologie sehr entwickelt war... Lange Zeit konnte ich nichts ausdenken... Es war im Sommer während der Regenzeit, als ich sah, wie eine meiner Freundinnen vom Fokolar nach der Arbeit zurückkehrte. Takako gelang es ihren Regenschirm auf dem Fahrrad zu halten, aber... ihre Brille war völlig beschlagen und voller Regentropfen. Ich versetze mich in ihre Lage, und da war die Erfindung:... Scheibenwischer für die Brille.
Nach dem Schulabschluss hatte ich die Gelegenheit, einige Monate auf einer anderen Insel zu leben, im Herzen von Nagasaki im Süden Japans, wo 1543 die portugiesischen Missionare landeten und das Christentum brachten. Es waren besondere Monate dank des engen Kontaktes mit all den Geschichten über Treue zum Glauben und grossem Mut nach der Zerstörung durch die Atombomben, die das Herz Japans trafen.
Man schlug mir vor, die Mariapoli vorzubereiten und zu gestalten. Dort lernt und übt man sich darin, das neue Gebot Jesu zu leben: "Das ist mein Gebot: dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe" (Joh 15,12). Dies ist das einzige Gesetz der Mariapoli in allen Breitengraden der Welt. Meine Gruppe bestand aus etwa 30 Mädchen im Alter von 4 bis 8 Jahren. Ich hatte die Schule für Japanisch abgeschlossen, aber ich sprach wie ein geschriebenes Buch, unverständlich für Mädchen in diesem Alter, und ich selbst verstand fast nichts von dem, was sie sagten. Mariko, eine der Fokolarinnen, mit der ich zusammenlebte, hatte eine wunderbare Idee: Megumi Chan, eines der Mädchen, die an der Mariapolis teilnehmen sollten, zu bitten, ihr unsere Schwierigkeiten mitzuteilen. "Riam ist Portugiesin, sie ist erst seit zwei Jahren in Japan und kann immer noch nicht sprechen. Würdest du ihr helfen, die Mariapolis für alle Mädchen zu organisieren und dabei immer die Liebe unter euch und mit allen zu bewahren? Megumi Chan, sie ist gerade 6 Jahre alt, versteht das Problem und macht grosszügig mit. Einen Teil dieses Tages verbrachten wir gemeinsam, am Boden beim Malen riesiger Plakate mit Zeichnungen einiger Begebenheiten aus dem Leben Jesu, den ersten Abenteuern von Chiara Lubich und ihren Gefährtinnen während des Krieges in Trient... Von diesem Moment an spürten wir untereinander die Gegenwart, die Jesus uns versprochen hatte: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen" (Mt 18,20).
Es war eine wunderbare Erfahrung, wir verbrachten 5 Tage miteinander, sangen, spielten, teilten kleine oder grosse Zeichen der Liebe miteinander und auch mit allen Teilnehmern. Megumi Chan, ein wahrer Schutzengel, war sehr darauf bedacht, das, was ich zu vermitteln versuchte, für alle zu "übersetzen". Trotz einigen unerwarteten, geschälten Knien, kleinen "normalen" Unfällen, fehlte es nie an Freude und Mitgefühl. Und ich glaube sagen zu können, dass Jesus zu jeder Zeit seinen Platz hatte und sich immer gut unter uns befand. Dies bestätigt auch, dass das Alter keine Rolle spielt, wenn es darum geht, eine Erfahrung mit Gott zu machen.
Danach kehrte ich nach Tokio zurück, um meine Arbeit wieder aufzunehmen. In der U-Bahn wurde ich, wie so oft, wegen des Volumens meiner Haare angeschaut, üppige gelockte Haare, etwas Seltenes im Land der aufgehenden Sonne! Eines Tages aber beobachtete mich ein 4-jähriges Mädchen, dessen strahlende kleine Augen aus einem schönen Gesicht hervor schauten: eine Mischung aus dem Afrikanischen und Japanischen und ... ein sehr üppiges, gelocktes Haar. War es dieser Umstand, den wir gemeinsam hatten, dass Sana Chan ihre Augen nicht von mir abwenden konnte? Ein, zwei, drei Tage und jedes Mal, wenn wir im selben Abteil sassen, starrte sie mich an... An einem bestimmten Punkt konnte ich nicht mehr widerstehen. Neben ihr sass ihre schöne, junge, japanische Mutter, und wir fingen an miteinander zu plaudern. Diese Begegnungen wurden immer häufiger, und es war ganz normal, sie nach Hause, ins Fokolar, einzuladen, um die anderen, mit denen ich wohnte und unseren Lebensstil kennen zu lernen. Es war eine Gelegenheit, ihre Geschichte eingehend zu erörtern mit all den Herausforderungen, denen so viele "gemischte" Familien ausgesetzt sind, in denen einer Ausländer ist.
In einer stark "zurückhaltenden" Gesellschaft habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Liebe uns dazu bringt, kleine Fragmente der Brüderlichkeit aufzubauen. Es genügt, über ethnische Unterschiede oder Ausdrucksformen hinaus auf all die einzugehen, denen wir gerade begegnen.