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Grenzüberschreitenden Nahverkehr gibt es seit über hundert Jahren. Er entwickelt sich stetig weiter, wie die Beispiele Basel und Schaffhausen zeigen. Auch im Tessin und der Westschweiz wird ausgebaut.
Von Vinzenz Schläfli
Schon 1860 war die schweizerische Centralbahn mit dem neu gebauten Bahnhof in Basel an das französische Schienennetz angeschlossen. Auch mit dem Tram konnten Basler früh die Grenze ins nahegelegene Frankreich überqueren. 1900 fuhren die Basler Strassenbahnen mit der Linie nach St. Louis erstmals über die Landesgrenzen. Grenzüberschreitender Nahverkehr war an der Tagesordnung und wurde rege genutzt. Über 100 Jahre später gibt es in Europa einen Binnenmarkt, der den freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und vor allem Personen garantiert, die Landesgrenzen verwischen immer mehr. Das heisst, auch der öV überquert mühelos Grenzen, befördert tausende Passagiere mit Bahn, Bus und Schiff und dies mit einem einheitlichen Tarifsystem – oder?
Im Bau befinden sich zwei grenzüberschreitende Projekte der SBB. Einerseits die FMV Ferrovia Mendrisio–Varese, welche das Tessin (Mendrisio) und Italien (Varese) miteinander verbindet und eine rasche Eisenbahnverbindung zum Flughafen Mailand-Malpensa ermöglicht. Andererseits das Mega-Projekt «Léman Express», der grössten grenzüberschreitenden S-Bahn Europas, die die Agglomeration Genf näher zusammenbringt.
Mendrisio-Varese: alt und neu nutzen
Die Bahnstrecke von Mendrisio nach Varese soll den starken Durchgangsverkehr, der von Grenzgängern in dieser Region verursacht wird, bremsen. Ausserdem wird eine schnelle Verbindung zum Mailänder Flughafen Malpensa geschaffen. Dieses Projekt besteht aus der Reaktivierung einer alten Bahnstrecke von Mendrisio nach Stabio sowie einer Neubaustrecke ab Stabio bis Varese. Ursprünglich geplant war eine Inbetriebnahme der ganzen Strecke im Jahr 2015. Die Strecke auf Schweizer Boden zwischen Mendrisio und Stabio wird seit 2013 befahren. Auf italienischer Seite haben Probleme mit arsenverseuchtem Aushub und Rechtsstreitigkeiten mit dem früheren Generalunternehmer zu mehrjährigen Verzögerungen geführt. Die Bauarbeiten wurden Ende 2015 wieder aufgenommen, können aber kaum vor Ende 2018 vollendet werden. Dennoch steht hier ein bedeutendes Projekt für den grenzüberschreitenden öV vor der Vollendung. «Das Potential dieser neuen Verbindung wird in der schweizerischen Öffentlichkeit unzureichend wahrgenommen: Die Reisezeit von Lugano zum Flughafenbahnhof Malpensa könnte über Varese auf etwas über eine Stunde reduziert werden», sagt Ernst Rota von fokus-oev-schweiz.
Das Potential dieser Linie ist enorm, im erweiterten Einzugsgebiet sind 600‘000 potentielle öV Nutzer wohnhaft. Zudem ist der Anteil der Bahn am Gesamtverkehr vergleichsweise tief, was auf der andern Seite das Potenzial umso grösser macht.
Léman Express: Lücken schliessen
Das grösste und bedeutendste Projekt befindet sich in der Metropolregion Genf mit über einer Million Menschen. Hier wird auf Schweizer Boden mit dem Infrastruktur Projekt Cornavin–Eaux-Vives–Annemasse (CEVA) eine Lücke zwischen dem französischen und dem schweizerischen Bahnnetz geschlossen. Die Neubaustrecke zwischen La Praille und Eaux-Vives verbindet bereits bestehende Strecken auf schweizerischer und französischer Seiter. So soll mit dem Léman Express die grösste grenzüberschreitende S-Bahn der Schweiz entstehen, die SBB erwarten täglich 50‘000 Reisende. Die Reisezeit der grenzüberschreitenden Pendler verkürzt sich stark, von heute 45 Minuten im Bus auf 22 Minuten im Zug, umsteigefrei gelangt man von Annemasse nach Genf Cornavin. «Wenn im Dezember 2019 CEVA fertiggestellt ist, erhält der Léman Express seine grenzüberschreitende Dimension. Eine Flotte von 40 Zügen verkehrt dann auf insgesamt 230 Kilometern Bahnstrecke in der Schweiz und Frankreich», erklärt Sylvain Telley, Kommunikation und Public Relations SBB.
Mit einem Ticket über die Grenze?
Die Tarifstruktur für grenzüberschreitende Linien gestaltet sich leider nicht so einfach. Momentan kostet eine Einzelfahrt vom benachbarten Deutschland in die Schweiz oder umgekehrt je nach Fahrtrichtung unterschiedlich viel. Je nachdem braucht es zudem zwei Tickets, eines für die Schweiz und eines für Deutschland. Der Tarifverbund Nordwestschweiz (TNW) und der deutsche Verkehrsbund Regio Lörrach (RVL) arbeiten an einer Lösung. Adrian Brodbeck, TNW Geschäftsführer, sagt: «Das Ziel ist, ein durchlässiges grenzüberschreitendes Tarifsystem zu schaffen, das in beiden Verbünden gültig ist.» Bereits in einem Jahr wollen die beiden Verbünde danke einer einheitlichen, grenzüberschreitenden Tarifstruktur benutzerfreundlicher werden.
Auch mit Frankreich werden einheitliche Tarifangebote angestrebt. Für die Tramlinie 3, die Ende Jahr eröffnet werden soll, gibt es bereits eine Lösung, die allerdings nur auf dieser einen Linie gültig sein wird. Das grosse Ziel ist, in Basel eine trinationale Tarifstruktur einzuführen, welche die Kundenfreundlichkeit extrem steigern und den öffentlichen Nahverkehr von Ländergrenzen befreien würde.
Mit Flextax ein grenzüberschreitender Tarifverbund in Schaffhausen bereits Wirklichkeit. Schon 1988 schlossen sich die Deutsche Bahn, die SBB, PostAuto sowie die Verkehrsbetriebe Schaffhausen VBSH und die damalige ASS (Autoverbindung Schaffhausen-Schleitheim) zum Abonnentenverbund zusammen. Somit war Flextax der erste grenzüberschreitende Tarifverbund. «Die Zusammenarbeit mit den schweizerischen und deutschen Verkehrsunternehmen ist ausgezeichnet und von gegenseitigem Verständnis geprägt», sagt Thomas Romer, Geschäftsführer des Flextax.
Das Einzugsgebiet dieses Tarifverbundes ist natürlich bedeutend kleiner als in Basel. Hier wurde eine elegante und kundenfreundliche Lösung gefunden. Angeboten werden im integralen Tarifverbund nicht nur Monats- und Jahresabonnemente, sondern auch Einzelbillette, Tageskarten, Mehrfahrtenkarten. Auf den Fahrplanwechsel im Dezember 2017 wird der Flextax-Verbund in den Verbund «Ostwind» integriert, dieser hat mit Liechtenstein und Voralberg grosse Erfahrung mit grenzüberschreitendem Verkehr und wird die tarifarische Zusammenarbeit mit den deutschen Nachbarn erhalten und weiterentwickeln.