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Am 1. September 2015 beschloss die UNO-Vollversammlung die Transformation der Welt. Die als «Aktionsplan für die Menschen, den Planeten und den Wohlstand» angepriesene Agenda 2030 enthält 17 Nachhaltigkeitsziele, gegliedert in 169 Unterziele. Endlich würden wir die eine Erde auf Dauer und für alle bewohnbar erhalten können, so das Versprechen. Offenbar wird erneut geglaubt, den Stein der Weisen gefunden zu haben, um daraus Aktionspläne für die gesamte Menschheit ableiten zu können. Skepsis ist geboten.
Deshalb soll hier eine lange Geschichte der Nachhaltigkeit erzählt werden. Die Geschichte ist gedacht, um etwas bescheidener das eigene Handeln zu beurteilen und um die kurze Zeitspanne, in der wir über Nachhaltigkeit reden, zu reflektieren.
Vom Ich zum Wir
Unsere Geschichte beginnt weder mit dem Brundtland-Bericht noch mit dem sächsischen Berghauptmann Hans Carl von Carlowitz, der zuweilen als Begründer des Nachhaltigkeitsprinzips bezeichnet wird. Der Beginn unserer langen Geschichte der Nachhaltigkeit liegt in der Zeit, als sich die Frühmenschen noch nicht von anderen Primaten abgespalten hatten. Sie begann, als nichtmenschliche Primaten Probleme durch Nachdenken zu lösen suchten, indem sie, so der Anthropologe Michael Tomasello, Schlussfolgerungen gedanklich für Handlungen simulierten, die sie noch nicht begangen hatten. Sie waren fähig, gedanklich vorauszuschauen. Eine wesentliche Grundlage der Nachhaltigkeit war entstanden.
Wie Tomasello weiter schreibt, begann die Abspaltung des Frühmenschen von anderen Primaten, als aus dem oben beschriebenen zukunftsgerichteten Ich-Denken zweitpersonales Denken wurde. Aus Ich und Du wurde Wir. Es zeigte sich, dass gemeinschaftliche, zweitpersonale Tätigkeiten erfolgreicher waren. Wollten zwei erfolgreich sein, hatte jeder eine eigene individuelle Rolle zu erfüllen. Man musste lernen, eine gemeinsame Wir-Handlung zugleich aus der Ich- und der Du-Perspektive zu denken. Eine weitere Grundlage für Nachhaltigkeit war entstanden.
Diese 2-Ebenen-Struktur mit ihrer gleichzeitigen Gemeinsamkeit und Individualität beinhaltete eine zweitpersonale Moral, die aus zwei ineinander verwobenen Kodizes besteht. Der eine Kodex bezieht sich auf die Gemeinsamkeit: «Den Hirsch haben wir erlegt.» Der andere Kodex hebt die Individualität hervor – «Dieser Speer ist mein» – und denkt zugleich in der Perspektive des anderen: «Jener Pfeil ist dein.» Diese Reziprozität führt zurück in Richtung Gemeinsamkeit: «Dieser Pfeil ist nicht mein, er ist dein.» Tomasellos Homo moralis sieht sich selbst im Spiegel als die von Bart Wilson beschriebene «Property Species», und umgekehrt. Eine weitere Grundlage der Nachhaltigkeit war entstanden.
Vor vielleicht 150 000 Jahren, so Tomasello, wurden die Gruppen der modernen Menschen grösser. Zu jener Zeit entwickelte sich aus dem «Ich-Du-Wir» ein «Ich-Du-Er-Sie-Wir». Intimer Kontakt mit jedem der Gruppe war für den Aufbau zuverlässiger Kooperationsbeziehungen nicht mehr im ausreichenden Mass möglich. Aus locker strukturierten Zusammenschlüssen entstanden durch die Schaffung kultureller Konventionen und Normen sich selbst identifizierende Kulturen. Mitgefühl und Gruppenloyalität wurden im Laufe der Zeit nicht nur auf die lebenden Mitglieder einer Kultur ausgedehnt, sondern auch auf die Vorfahren und die Nachkommen der Gruppe. Es entstanden generationenübergreifende Kulturen. Sie verbanden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander. Eine nächste Grundlage für Nachhaltigkeit war entstanden.
Aber halt, fehlt in der «Ich-Du-Er-Sie-Wir-Gruppe» nicht ein Personalpronomen? Doch: das «Es». Bart Wilson hat dieses Es beschrieben: Ich oder du oder er oder sie haben nicht nur Beziehungen untereinander, sondern auch zu den Dingen, zum Speer, zum Pfeil und so weiter. «Sie hat den Pfeil» beschreibt ihre gleichzeitige Beziehung zum Speer und zu anderen Menschen in der Gruppe: Weil sie den Pfeil hat, hat sie auch das Eigentum. Bart Wilson hat dieser Ich-Es-Du-Beziehung ein ganzes Buch gewidmet: Menschen projizieren das Eigentum in den Gegenstand.
Die Gruppe moderner Menschen ist eine «Ich-Du-Er-Sie-Es-Wir-Gruppe». Ohne Klarheit über die vielen «Es», die sich inmitten der Gruppe befinden, ist die Existenz der Gruppe durch Streit und Kampf ständig bedroht. «Du sollst nicht stehlen» ist eine friedensstiftende Kodifizierung des Es im Wir der Gruppe. Eine weitere Grundlage der Nachhaltigkeit war entstanden.
«Du sollst nicht stehlen», die Kodifizierung des Eigentums, war zugleich eine wesentliche Voraussetzung der Überwindung des Kurzzeithandelns. Denn, wie Hans-Hermann Hoppe ausführlich darstellt, wo fortwährend gestohlen wird, das Saatgut, der Tierbestand, das Haus nicht sicher sind, lohnen sich Investitionen in die Zukunft nicht. Die Entstehung von dauerhaften Kulturen infolge des Übergangs von der zweitpersonalen zur kollektiven Intentionalität war recht erfolgreich, wenn man das Populationswachstum und die räumliche Verbreitung der modernen Menschen als Kriterien heranzieht. Doch die Lebensweise war parasitär, wie Hoppe schreibt. Die Menschen verwendeten ausschliesslich die von Natur aus vorkommenden Pflanzen, Tiere und Dinge. Sie fügten dem Land nichts hinzu.
Die Entwicklung von den parasitären zu dauerhaften Wirtschaftsweisen vollzog sich während der sogenannten neolithischen Revolution. Die reine Aneignung dessen, was die Natur bereithielt, wurde ersetzt durch die aktive Bewirtschaftung des Landes. Durch Ackerbau und Viehzucht, später auch durch Forstwirtschaft, wurden Konsumgüter nicht nur produziert, sondern die Natur wurde angereichert; ihre Produktivität verbesserte sich oftmals. Die nachhaltige, sprich die dauerhafte Landbewirtschaftung war entstanden.
Populationswachstum liess die Gruppen moderner Menschen mit ihrer kollektiven Intentionalität bald an ihre Grenzen stossen. Denn diese Gruppen waren Wir-bezogen. Ihr und Sie wurden skeptisch bis feindlich betrachtet. Doch mit zunehmenden Populationsgrössen wurden Ihr- und Sie-Kontakte häufiger.
Die Herausbildungen von «Wir-Ihr-Sie-Beziehungen» wurden möglich, weil die Menschen aus langer und schmerzreicher Erfahrung allmählich lernten, den anderen Gruppen, Ihr und Sie, nicht nur misstrauisch, ablehnend oder feindlich gegenüberzustehen, sondern diese gewähren zu lassen. Die Freiheit entstand. Sie ist, wie Friedrich August von Hayek ähnlich formulierte, ein Artefakt der «Wir-Ihr-Sie-Beziehungen» zwischen Fremden mit der kristallisierten Erfahrung, wie Menschen friedlich zusammenleben können. Das heisst, die Entdeckung der Freiheit ist ein Ergebnis kultureller Evolution, ein geschichtlich-empirischer Befund und keine transzendentale Idealisierung, wie der Rechtswissenschafter Jens Petersen hervorhob. Und sie bildet eine weitere Grundlage von Nachhaltigkeit.
Natürlich waren die «Wir-Ihr-Sie-Beziehungen» zunächst Beziehungen zwischen einzelnen Individuen der Wir-Ihr-Sie-Gruppen: «Als zum ersten Mal ein Mitglied irgendeines kleinen wilden Stammes ein Stück Salz auf der Stammesgrenze in der Hoffnung zurückliess, ein Mitglied eines anderen Stammes werde es finden und dafür etwas anderes als Geschenk zurücklassen, begann sich etwas Neues zu entwickeln», schreibt Hayek.1 Persönliche Koordination innerhalb der Gruppe musste irgendwie durch unpersönliche Koordination ergänzt werden.
Diese Form der Koordination beschreibt der Ökonom Avner Greif in einem Beispiel: «Am 28. März 1210 vereinbarte Rubeus de Campo aus Genua, eine Schuld von 100 Mark Sterling im Namen von Vivianus Jordanus aus Lucca (Toskana) in London zu begleichen. Es ist nichts Aussergewöhnliches an diesem Vertrag. Tausende ähnlicher Verträge aus der spätmittelalterlichen Periode von 1050 bis 1350 haben überlebt. Händler aus abgelegenen Ecken Europas reisten in die Fremde, um mit anderen Güter zu tauschen: per sofortiger oder zukünftiger Lieferung, per Bar- oder Kreditzahlung. Alle Tauschformen existierten… Derartige Tauschsituationen zeichneten sich dadurch aus, dass die Entscheidungen der Händler unabhängig von der Reputation des Partners stattfanden.»2 Die «Ich-Du-Er-Sie-Es-Wir-Gruppe» wurde ergänzt durch «Wir-Ihr-Sie-Beziehungen»3. Bemerkenswert daran ist, so Greif, dass der unpersönliche Tausch aus dem kommunalen Haftungssystem, also auf der Basis des Wir, entstand. Und zwar zu einer Zeit, als die exponentielle Zunahme der Erdbevölkerung noch in der Ferne lag.
Unpersönliche Nachhaltigkeit
Sie werden fragen, was der unpersönliche Tausch mit Nachhaltigkeit zu tun hat. Das ist einfach gesagt: Wir brauchen uns nicht einzubilden, dass bei acht und zukünftig mehr Milliarden Menschen auf der Erde Nachhaltigkeit allein durch Mitgefühl, Solidarität und Nächstenliebe ermöglicht wird. Unpersönliche Koordination ist unumgänglich.
Friedrich August von Hayek fragte bereits vor über 70 Jahren, wie es der Menschheit gelinge, die Koordination zu ermöglichen, wo doch das Wissen der Menschheit in den Milliarden zählenden Köpfen der Menschen nur stückweise, unvollständig, widersprüchlich und in der Zeit veränderlich verteilt sei und es keinen «Weltwissensrat» gebe, der das Wissen der Milliarden von Menschen sammeln und systematisieren würde.
Wie wir wissen, entdeckte Hayek, dass die Preise, die beim Kaufen und Verkaufen von Gütern entstehen, die notwendigen Informationen enthalten, die die Koordination der Milliarden von Menschen ermöglichen. Letztlich koordinieren die Menschen ihre Handlungen durch unzählige Käufe und Verkäufe in einem dichten Netzwerk bilateraler Tausche. Wenn Sie beispielsweise eine Flasche Coca-Cola kaufen, senden Sie unbemerkt über mehrere aneinander gekoppelte Käufe und Verkäufe eine Information an die Bauern im Sudan, Akazien zu pflanzen. Denn aus diesen Akazien wird Gummi arabicum gewonnen, der als Stabilisator E-414 in der Coca-Cola enthalten ist. Sie haben durch den Kauf der Coca-Cola nicht nur etwas gegen Ihren Durst unternommen, sondern unbemerkt einen Beitrag zur Aufforstung degradierter Böden geleistet.
Mit anderen Worten: Der Marktprozess ist ein gigantisches Netzwerk für die Koordination der Milliarden von Menschen. Eine weitere Grundlage, Nachhaltigkeit global werden zu lassen.
Nachhaltigkeit durch Demokratie?
Und was ist mit Politik, dem zweiten grossen Netzwerk menschlicher Kooperation? Sind Politik im allgemeinen und Demokratie im besonderen etwa keine Grundlage der Nachhaltigkeit? Das lässt sich, bezogen auf die Demokratie anonymer grosser Gesellschaften, empirisch nicht so einfach beurteilen, wie Douglass North, John Joseph Wallis und Barry Weingast gezeigt haben.
Demokratien als Ordnungen mit freiem Zugang zu politischen Organisationen existieren historisch gesehen erst seit kurzem. Der historische Beleg, ob mit ihrer Hilfe gesellschaftliche Stabilität, wahrscheinlich eine Eigenschaft für Nachhaltigkeit, über längere Zeiträume erreicht werden kann, ist noch nicht erbracht. Zwar stimmt eine Vielzahl theoretischer und empirischer Einzeluntersuchungen optimistisch, doch ein Automatismus ist Demokratie offenbar nicht, wie Hayek schon vor 45 Jahren warnte: Der Wettbewerb um Sonderinteressen und das Regieren als Umsetzung des uneingeschränkten Willens der Mehrheit tragen das Potenzial in sich, die junge Pflanze Demokratie wieder zu zerstören.
Anpassungsfähigkeit als Schlüssel
Obwohl wir am Ende unserer langen Geschichte der Nachhaltigkeit angelangt sind, sind wir nicht am Ende der Geschichte der Nachhaltigkeit angelangt. Die Zukunft allerdings ist offen. Denn das langfristige, generationenübergreifende Handeln der Milliarden von Menschen ist ständigen unerwarteten Änderungen ausgesetzt. Die Änderungen des zukünftigen Wissens und der Technologien, die Veränderungen der menschlichen Lebensweisen, die ständigen Veränderungen der natürlichen Umwelt sowie der unendlich komplexen Verknüpfungen zwischen all diesen Änderungen lassen sich nur schwer oder gar nicht einschätzen. Nachhaltigkeit bedeutet auch, zu lernen, mit den unvorhergesehenen Änderungen umzugehen.
Ironischerweise scheint das Ersinnen und Einführen immer neuer Nachhaltigkeitsindikatoren der Nachhaltigkeit selbst zuwiderzulaufen. Denn sie binden Menschen an Wege, die es infolge unvorhergesehener Änderungen zu verlassen gälte. Es scheint, dass Gesellschaften, die Versuch und Irrtum fördern und damit erfolgreiches Anpassen an das Unvorhergesehene ermöglichen, eher zur Nachhaltigkeit neigen als Gesellschaften, die auf das Einhalten einmal gesetzter Ziele pochen, wie North, Wallis und Weingast gezeigt haben.
Es gibt keine Garantie, dass wir Menschen Lösungen für neuentstandene Probleme finden. Aber Versuch und Irrtum eröffnen Möglichkeiten, dass wir solche Lösungen finden können.
Friedrich August von Hayek: Eine sich selbst bildende Ordnung für die Gesellschaft. In: Hayek: Rechtsordnung und Handelnsordnung. Aufsätze zur Ordnungsökonomik. Herausgegeben von Manfred E. Streit. Tübingen: Mohr Siebeck, 2003, S. 31. ↩
Avner Greif: The Birth of Impersonal Exchange: The Community Responsibility System and Impartial Justice. In: Journal of Economic Perspectives, 20 (2), S. 221–222. ↩
Die Idee, die Personalpronomen zur Figuration gesellschaftlicher Kooperation zu verwenden, stammt vom Soziologen Norbert Elias, vgl. z.B. Norbert Elias: Was ist Soziologie? Weinheim und München: Juventa, 2009, S. 132–139. ↩