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Juni 2022 - „Europa droht eine Stagflation, wenn die Politik nicht aufpasst“, sagte der Leiter des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Michael Hüther zum Jahresanfang. Seit einiger Zeit werden die Warnungen vor einer Stagflation immer lauter. Droht uns eine Phase stark steigender Preise in Verbindung mit einem sehr schwachen Wirtschaftswachstum? Die Stagflation beschreibt ein solches Szenario. Das Wort ist eine Kombination aus den Begriffen Stagnation und Inflation. Die Gefahr einer Stagflation sieht auch die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) Christine Lagarde. Sie sagt: „Wir werden auf kurze Sicht mit höherer Inflation und niedrigerem Wachstum konfrontiert sein“. Zur Begründung verweisen beide, Hüther und Lagarde, auf den Krieg in der Ukraine. Dieser führt einerseits zu einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums, indem er zum Beispiel das Vertrauen der Konsumenten schwächt, andererseits zu steigenden Rohstoffpreisen, vor allem bei Öl und Gas.
Vielfältige Faktoren
Doch der Krieg in der Ukraine ist wohl nur der berühmt-berüchtigte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Denn schon vor dem Einmarsch russischer Truppen in das Nachbarland stiegen etwa die Energiepreise, hervorgerufen unter anderem durch die Corona-Pandemie. Ein weiterer Grund ist die internationale Klimapolitik, die eine Neuordnung der Wirtschaft erfordert. Allein der CO2-Preiseffekt, also das Einpreisen klimaschädlicher Produktionsprozesse durch eine Erhöhung der CO2-Preise, wird die Inflationsrate ankurbeln. In diesem Zusammenhang sprechen manche Beobachter deswegen schon von der „grünen Inflation“, einer durch die Klimapolitik bewusst hervorgerufenen Verteuerung von klimaschädlichen Produktionsprozessen.
Eine weitere Einflussgrösse, die eine Stagflation befördert, ist laut Hüther die Tendenz zu mehr Protektionismus, also die Abschottung von Wirtschaftsräumen. Auch diese schwächt das Wirtschaftswachstum und stärkt ganz allgemein die Inflation.
Ölkrise und Stagflation
Bereits in den 1970er- und zu Beginn der 1980er-Jahre befanden sich einige westliche Volkswirtschaften in einer Stagflation. Zeitweise schrumpfte damals etwa die US-amerikanische Wirtschaft, während die Inflationsrate zuweilen auf fast 15 Prozent stieg. Als Grund für die Stagflation in den 70er-Jahren wird vor allem auf die Ölkrise verwiesen. Weil Ölförderländer ihr Angebot als politisches Druckmittel mehrmals künstlich verknappten, stiegen die Preise für das „schwarze Gold“ rasant. Das trieb allgemein das Preisniveau nach oben und lähmte das Wirtschaftswachstum.
Ganz ähnlich scheint die aktuelle Situation zu sein. Auch in den zurückliegenden Monaten stiegen die Preise für Energierohstoffe, was wiederum die Inflationsraten nun auf breiter Front nach oben zieht. Und, wie damals bestehen die Gründe für die Inflation schon länger. Sind es heute die Corona-Pandemie und die „grüne Inflation“, die sozusagen den Boden für ein inflationäres Umfeld gelegt haben, waren es in den 70er- und 80er-Jahren politische Ereignisse in Kombination mit einer ultralockeren Geldpolitik, die das Fass zum Überlaufen brachten. „Es war die Kombination aus einer seit dem Vietnam-Krieg zu lockeren Geldpolitik und zwei Ölpreisschocks, die damals für anhaltend hohe und ansteigende Inflationsraten sorgte“, sagt etwa Klaus Bauknecht von IKB Deutsche Industriebank. Die lockere Geldpolitik haben wir aktuell auch, seit dem Ausbruch der Staats- und Finanzschuldenkrise 2008/2009 und verlängert durch die Corona-Pandemie.
Öl hat an Bedeutung verloren
Doch ist damit der Weg in die Stagflation quasi vorgezeichnet? Nein, historische Vergleiche können hilfreich sein, aber sie sind nicht kopierbar. Die Welt hat sich verändert, auch wenn gewisse Einflussgrössen, die die Stagflation befördern, damals wie heute existieren. Wie die Inflation und die Deflation, vor denen in den zurückliegenden Jahren ebenfalls häufig gewarnt wurde, ist auch die Stagflation erst einmal nur ein Schlagwort, mit dem Ökonomen versuchen, eine Vielzahl an wirtschaftlichen Entwicklungen zusammenzufassen.
Ein Unterschied ist zum Beispiel, dass die „Öl-Sensitivität“ der Weltwirtschaft abgenommen hat. Auch wenn der Ölpreis scheinbar das Geschehen in der Wirtschaft bestimmt, der Einfluss des jährlichen Ölkonsums auf das weltweite Bruttoinlandsprodukt entwickelt sich rückläufig. Zu diesem Ergebnis kommt Hitesh Jain, Analyst bei YES Securities, in einem Beitrag für die Wirtschaftszeitung The Economic Times. Lag der Anteil des globalen Ölverbrauchs am weltweiten Bruttoinlandsprodukt in den 1970er-Jahren noch bei fünf bis sieben Prozent, ist er heute auf ein bis zwei Prozent zurückgegangen. Das heisst, ein steigender Ölpreis kann heute nicht mehr den gleichen „Schaden“ in der Wirtschaft anrichten wie in früheren Zeiten.
Nicht alle Assetklassen verlieren
Auch an der Börse muss man sich nicht zwangsläufig vor einer Stagflation fürchten. Eine US-Bank hat jüngst in einer Studie untersucht, wie sich die verschiedenen Anlageklassen während der Stagnation der 1970er-Jahre verhalten haben. Ergebnis: Gute Resultate konnten Anlegerinnen und Anleger mit Gold und anderen Rohstoffen erzielen, aber auch Value- und defensive Aktien lieferten eine positive Rendite. Weniger gut entwickelten sich Wachstums-/Technologieaktien, Staatsanleihen und zyklische Werte. Das deckt sich mit der jüngsten Entwicklung am Aktienmarkt. Vor allem Tech-Aktien stehen seit einigen Monaten deutlicher unter Abgabedruck. Ob es sich dabei allerdings nur um ein temporäres Ereignis oder um ein längerfristiges Phänomen handelt, ist unklar.
Indexinvestments könnten schwieriger werden
Dennoch, die kommenden Jahre könnten durchaus schwieriger werden. Ein Blick auf den Verlauf des Dow Jones in den 1970er-Stagflationsjahren zeigt, dass sich dieser über einen längeren Zeitraum nur seitwärts bewegen konnte, allerdings unter grösseren Schwankungen. Eine Entwicklung, die einige Experten nun auch in den vor uns liegenden Jahren vermuten. Sollte es dazu kommen, sind Indexinvestments nicht unbedingt empfehlenswert. Stattdessen ist ein aktives Portfoliomanagement gefragt, das deutliche Schwerpunkte bei der Anlage setzt. Zudem können Trading-Strategien interessant sein, die temporäre Indexentwicklungen zu nutzen wissen. Das heisst, unter der Annahme, dass der SMI unter grösseren Schwankungen seitwärts läuft, wie der Dow Jones in den 70er-Jahren, können an Tagen, an denen der Index deutlich niedriger notiert, Index-Long-Positionen – etwa mit SMI Mini Future Long Zertifikaten –, an Tagen, an denen der Index vergleichsweise hoch notiert, Index-Short-Positionen – zum Beispiel mit SMI Mini Future Short Zertifikaten – jeweils antizyklisch aufgebaut werden.