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Oder sollten wir das Genre vielleicht Nu-Postrock-Revival nennen?
Vor Jahren noch wurde die Geschichte von Pop- und Rockmusik modern konstruiert, nämlich als zeitliche Abfolge von Genren und Stilen. Ein Stil setzt sich durch und erschöpft sich. Dann war Zeit, dass er von einem jüngeren abgelöst wurde. So entwickelte sich aus Garagerock, Glam und aus Glam, Punk etcetera etcetera. Die Abfolge konnte eine sanfte Weiterentwicklung sein oder wie im Fall von Punk ein Spektakel, eine Revolution. Ein Genre oder Stil hatte so gesehen eine Verfallszeit, wurde irgendwann überwunden, war vorbei. Wer geschmacklich an einem veralteten Genre hing, war genauso vorbei wie die Musik. Gute alte Welt!
Seit die Postmoderne in der Popmusik angekommen ist und sich breit gemacht hat, existieren alle Genres gleichzeitig. Alles ist möglich: Swing, Easylistening, Rockabilly.
Manchmal kommen die Genres auch in Wellen: Postrock-, Garagerock, Disco-Revival. Und wenn man diese Wellen benennen möchte, dann greift man zu Vor- oder Nachsilben: Retro-dies, Retro-das, XY-Revival, Neo-dies, Neo-das, New-dies, New-das.
Für Musikdatenbanken, die Genrebezeichnungen zur Beschreibung der Musik enthalten, stellt sich schon bei der zweiten Revivalwelle das Problem ein, wie man das Revival vom Revival bezeichnen soll. «Postpunk-Revival-Revival» oder «Neo-Postpunk-Revival»? Vielleicht werden wir dann zur Versionsnummer greifen müssen: «Psychedelicrock 3.0». Ich bin echt ratlos und die Not wird grösser, je länger die Postmoderne dauert.
Das Video von Groundislava ist ein Paradebeispiel für ein Hypnagogicpop-Video, von der Machart (Verwendung analoger Bildmedien als Quelle für Bild-Samples) und von der Thematik her (Medienarchive). Regie und Produktion: The Great Nordic Sword Fights.
Damon Albarn (Blur, Gorillaz) benutzt in verschiedenen Zusammenhängen und Bandprojekten eine ähnlich aus-Alt-mach-Neu Metaphorik: Die Müllhalde (die archivierte Geschichte), aus der Elemente neu kombiniert werden und so eine neue Welt (ein neues Werk) ergeben.
Im Magazin Artikel von Jean-Martin Büttner über Albarn „Der elastische Engländer“ (Magazin Nr. 20 (2012), S. 26-31) steht, wie Albarn die Abfallhalde der Hauptstadt von Mali, Bamako, beeindruckt hat: «Er sah Frauen und Kinder, die bei sengender Hitze nach Verwertbarem suchten. Das eingesammelte wurde weitergegeben, sortiert, geputzt, geflickt, neu zusammengesetzt, zum Laufen gebracht und am Strassenrand weiterverkauft: als Werkzeug, als Computer, als Motor. Der Musiker war von dieser Rückverwandlung so beeindruckt, dass er heute noch davon redet. Sieht er darin eine Metapher für sein eigenes Vorgehen? „Das hat etwas. Obwohl es bei mir möglicherweise umgekehrt funktioniert. ich fördere Schätze aus meiner Mine und verwandle sie in Abfall.“» In Mali nahm Albarn Alben auf wie die folgenden:
«Mali Music» (2002)
«Rocket Juice And The Moon» (2012)
Das Gorillaz-Album «Plastic Beach» (2010) erzählt die Geschichte der Band (die bekanntlich aus Comics-Figuren besteht), die in einem künstlich geschaffenen Headquarter auf See lebt, einer Insel gemacht aus dem Abfall der Industriestaaten und aus schwimmendem Plastik, der für die Weltmeere eine zunehmende Bedrohung darstellt.
Science Fiction der Vergangenheit (schon recht intensiv durchdekliniert)
Avantgarden des 20. Jahrhunderts (siehe Cankun-Video unten, das mit einem der futuristischen Manifeste arbeitet)
Utopien früherer Zeiten (z.B. Francis Bacon (1624): The New Atlantis, der in sonologischen Kreisen berühmte Para 72)
Visionen (wie z.B. die Apokalypse)
Was haben diese Stoffe gemeinsam?
Es handelt sich um nicht wahr gewordene oder nicht auf die beschriebene Art wahr gewordene Projektionen in die Zukunft und heutige Gegenwart). Es entsteht eine Differenz, die produktiv exploriert werden kann. Wenn man sich die Projektion in die Zukunft und die Gegenwart je als Klarsichtfolie vorstellt, die man übereinanderlegt, entsteht ein auf interessante Weise unscharfes Bild.
Beides sind rhapsodische Stücke. «Rhapsodisch» ist ein Stück, wenn es auf die konventionelle Song-Form (= Abwechslung von Strophen und Refrain) verzichtet und statt dessen stilistisch heterogene Teilen hintereinander setzt.
Dann kann man anhand dieser Beispiele einen Unterschied zwischen modernem und postmodernem Pastiche ausmachen: Die Beatles und Queen komponieren die Teile selbst (Moderne), das «Elephant Love Medley» besteht aus lauter Zitaten aus bekannten Liebesliedern (Postmoderne).