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Es ist meines Erachtens wichtig, dass die Terroranschläge vom 11. September 2001 gründlich und in Ruhe von der Wissenschaft neu untersucht werden. Nachdem die Bush-Administration und zahlreiche Journalisten sich zum Thema geäussert haben, liegt der Ball nun bei der Wissenschaft und den Historikern. Sie schreiben die Geschichte.
Das Thema ist sehr kontrovers und die Meinungen gehen weit auseinander. Trotzdem darf die Wissenschaft 911 nicht scheuen, es muss zu einer «Historikerdebatte» kommen. Die Version der Bush-Administration blind zu übernehmen, würde den grundlegenden Prinzipien der Wahrheitssuche widersprechen. Wir brauchen eine offene, sachliche, wissenschaftliche Debatte über alle offenen Fragen, unter anderem den Einsturz von WTC7, die Bilder vom Pentagon-Einschlag, die Nicht-Reaktion der Luftwaffe und Insider Trading.
Ich beobachte die 911-Forschung seit dem Tag der Anschläge. Als Historiker und Friedensforscher habe ich 1998 im Rahmen meiner Dissertation damit begonnen, die NATO-Geheimarmeen, Operation Gladio und inszenierten Terror in Europa im Kalten Krieg zu untersuchen. Damals haben mir viele Experten von dieser Forschung abgeraten. Terror sei kein aktuelles Thema, niemand interessiere sich dafür. Andere Experten meinten, durch Geheimdienste und Spezialeinheiten inszenierter Terror sei ein viel zu heikles Thema, damit würde ich mir meine akademische Karriere ruinieren. Ich habe nicht auf die gut gemeinten Ratschläge gehört und vier Jahre an Universitäten im In- und Ausland geforscht. Just im September 2001 habe ich an der Universität Basel mein Doktorexamen im Bereich Zeitgeschichte mit dem Thema Geheimarmeen und inszenierter Terrorismus abgelegt.
Wenige Tage vor dem Examen sass ich vor dem Fernseher und habe mit Bestürzung die Anschläge mitverfolgt. Dass in demselben Monat, in welchem ich meine langjährige Forschung abschloss, der grösste Terroranschlag der Gegenwart stattfand, hat mich stark beeinflusst. Mein Forschungsthema war plötzlich sehr gefragt, die Dissertation zu den NATO-Geheimarmeen und inszeniertem Terror wurde in 10 Sprachen übersetzt (auf Deutsch bei Orell Füssli) und über 10’000 mal verkauft.
Vor allem aber wollten meine Studentinnen und Studenten unbedingt wissen, was denn meine Meinung zu 911 sei. Ich las viel und wartete, bis im Juli 2004 der 600 Seiten lange Kean-Report publiziert wurde. Der offizielle Bericht zu 911 bestätigte die Version der Bush-Regierung und erklärte, die Terroranschläge seien im Auftrag von Osama Bin Laden durch 19 muslimische Terroristen durchgeführt worden (SURPRISE-Theorie). Gleichzeitig behaupteten andere Bücher und verschiedene Internetseiten, kriminelle Elemente in der Bush-Administration hätten die Anschläge bewusst zugelassen (LIHOP-Theorie: Let it Happen on Purpose) oder gar selber inszeniert (MIHOP-Theorie: Make it Happen on Purpose) um durch Kriege im Ausland Erdöl und Erdgas zu erbeuten und in den USA die Bürgerrechte einzuschränken.
Weil alle drei Theorien implizit von einer geheimen Absprache von zwei oder mehr Personen ausgehen, müssen alle drei als Verschwörungstheorien bezeichnet werden. Um die drei Theorien SURPRISE, LIHOP und MIHOP genauer zu beleuchten, führte ich im Sommersemester 2005 am Historischen Seminar der Universität Zürich ein Kolloquium zu 911 durch, im Sommersemester 2007 wiederholte ich das Kolloquium an der Universität Basel. Die Studentinnen und Studenten mussten sowohl den Kean-Report wie auch Bücher von Prof. David Ray Griffin studieren. Griffin vertritt die These, die Bush-Administration habe die Welt belogen. Im Unterricht wurde intensiv und kontrovers diskutiert. Es gab (und gibt) keine abschliessende «Wahrheit», sondern vielmehr ein Bewusstsein, dass viele Fragen offen sind und sich daher eine neue, unabhängige 911-Untersuchung aufdrängt.
Ich bin mir bewusst, dass ein Wissenschaftler ernsthafte Probleme bekommen kann, wenn er zu 911 forscht. Zum vierten Jahrestag der Anschläge habe ich trotzdem im September 2005 in Zürich eine Einladung zu einem öffentlichen Vortrag angenommen und die ungeklärten 911-Fragen inklusive WTC7 offen angesprochen. Ich war damals als Senior Researcher an der ETH-Forschungsstelle für Sicherheitspolitik angestellt und ein Bericht über meinen Vortrag erschien in der Hauszeitung ETH Life. Darauf kam es zu heftigen Reaktionen. Einige lobten meinen Mut, als ETH-Forscher heikle Fragen zu 911 zu stellen, während andere mich arg beschimpften und gar den guten Ruf der ETH Zürich gefährdet sahen. Als ich ein Jahr später zum fünften Jahrestag im September 2006 einen längeren Artikel zum ungeklärten Einsturz von WTC7 im Tages Anzeiger veröffentlichte, kam es erneut zu heftigen Reaktionen. Sogar die US-Botschaft in Bern protestierte und erklärte, es gehe nicht an, dass Schweizer Wissenschaftler die offizielle 911-Geschichte anzweifeln.
Der Druck ist gross, am einfachsten wäre es, zum Thema zu schweigen. Doch das darf für Historiker keine Option sein. Wir müssen über die Vergangenheit sprechen. Es gibt heute sehr viele Menschen, welche im vertraulichen Gespräch erklären, dass sie sehr darauf hoffen, dass eine differenzierte historische 911-Forschung zumindest in der Schweiz möglich ist. Ich gehe davon aus, dass die Debatte über 911 auch in Zukunft kontrovers bleibt. Ich hoffe aber, dass wir sachlich bleiben können und alle Argumente in Ruhe und mit Respekt anhören können. Ich bin sicher, dass diese Homepage einen wertvollen Beitrag zu diesem wichtigen Diskurs leisten kann.