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Das Filmfragment «Die Entdeckung Deutschlands» zeigt, wie das Deutsche Reich Science-Fiction für seine Propagandazwecke einsetzte.
Einen festen Punkt im All hatte Archimedes verlangt, um die Welt aus den Angeln zu heben. Der Obersten Heeresleitung des Deutschen Reichs schwebte Ähnliches vor, als sie 1916 den fünfaktigen Stummfilm «Die Entdeckung Deutschlands durch die Marsbewohner» in Auftrag gab: Vom Roten Planeten aus, so die Hoffnung, sollte die zersetzende Propaganda der Alliierten ausgehebelt und der Erste Weltkrieg gewonnen werden.
Der Film, so zeigt die Berliner Kulturwissenschaftlerin Britta Lange in ihrem knappen, aber anregenden Buch «Die Entdeckung Deutschlands», sollte den Rückhalt an der «Heimatfront» stärken. Für diese sogenannte Inlandspropaganda wurden dokumentarische Aufnahmen mit einer fiktiven Handlung vermischt: Die BewohnerInnen des Planeten Mars fangen Meldungen von britischen und französischen Agenturen ab, nach denen die Bevölkerung des Deutschen Reichs Hunger leide und das Land kurz vor der Kapitulation stehe.
Um sich vom Wahrheitsgehalt selbst zu überzeugen, reisen die MarsianerInnen – zwei Männer und eine Frau – in einer Raumkapsel nach München, wo sie mit den Einheimischen Bier trinken und Brezen essen. Es folgt eine Besichtigungstour durch Deutschland, mit ebenso erbaulichen wie lehrreichen Zwischenstationen bei Kulturdenkmälern, Waffenschmieden und Einrichtungen der Unterhaltungsindustrie. Schon bald merken die «objektiven» Gäste vom Mars, dass es so schlimm um Deutschland nicht stehen kann – eine Auffassung, zu der auch das Publikum gelangen sollte.
Diese «Verniade», wie der Science-Fiction-Stummfilm in Anlehnung an die fantastischen Romane Jules Vernes benannt wurde, kam nicht nur in Deutschland und den verbündeten Ländern der Mittelmächte zur Aufführung, sondern auch in neutralen Staaten wie Dänemark, der Schweiz oder in den Niederlanden. Aus dem Amsterdamer Filmmuseum stammt denn auch die einzige erhaltene Kopie, ein Zusammenschnitt, der sich ganz auf die Rahmenhandlung mit seinen Elementen des Abenteuerfilms und der klassischen Romanze beschränkt.
Dass das Deutsche Kaiserreich in seiner Propaganda zu den Mitteln des Kintopps griff, verdeutlicht die massenmediale Ausrichtung des Ersten Weltkriegs. Schon vor 1914 hatten sich die Lichtspieltheater in den Krieg führenden Nationen etabliert. Gezeigt wurden neben Unterhaltungsfilmen auch Dokumentationen und «Aktualitäten», die einen unverfälschten Blick auf die Wirklichkeit versprachen. Besonders in der ersten Kriegshälfte waren diese «Wochenschauen» populär: Hier konnte sich die Mehrheit der Bevölkerung ein Bild von den Schauplätzen der Kampfhandlungen machen, die fürs Kino unblutig nachgestellt wurden.
Je länger der Krieg allerdings dauerte, desto grösser schätzte die Oberste Heeresleitung den Bedarf an «seelischer und sittlicher Stärkung» ein, wie sich Propagandachef General Erich Ludendorff ausdrückte. 1917 wurde deshalb das Bild- und Filmamt (Bufa) eingerichtet, um den deutschen Rückstand in der psychologischen Kriegsführung auszugleichen. Was der konservativen Filmzensur bis dahin als Makel erschienen war, galt der militärischen Führung jetzt als Vorteil: Film sprach nicht den Intellekt der Massen an, wie der ehemalige französische Militärarzt Gustave Le Bon in seinen Schriften theoretisierte, sondern deren Emotionen.
Über den Umweg der Science-Fiction stellte «Die Entdeckung Deutschlands» den Beginn einer Filmoffensive dar, die patriotische Gefühle nicht mit plumpen Durchhalteparolen, sondern mit sinnstiftenden Fiktionen wecken sollte. Durch die ethnografische Reise der Ausserirdischen entdeckten die Deutschen das Ideal ihrer selbst: ein friedfertiges Volk, das sich von feindseligen Mächten in einen Krieg verwickelt sah. So verklärte sich die vermeintliche Aufklärung im Zeichen des Mars zu vaterländischer Wehrhaftigkeit.