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Am Bau des Felsenweges waren mindestens sechs italienische Arbeiter beschäftigt. Sie kamen alle aus Norditalien und gehörten damit zu den schätzungsweise 180‘000 Norditalienerinnen und Norditalienern, welche um die Jahrhundertwende in der Schweiz arbeiteten. Die meisten hatten keine berufliche Ausbildung und waren in ihrer Heimat in der Landwirtschaft tätig. In der Schweiz arbeiteten viele von ihnen entweder in der Textilindustrie oder auf dem Bau. Insbesondere die Arbeit auf dem Bau war sehr gefährlich. Unzählige Arbeiter verloren in jener Zeit ihr Leben auf den vielen Baustellen im ganzen Land. Allein der Bau des Gotthard Eisenbahntunnels forderte 199 Menschenleben.
Die beiden tödlichen Unfälle beim Bau des Felsenweges ereigneten sich 1905. Der zwanzigjährige Felice Brambilla und der einige Jahre ältere Giuseppe Piazza starben beide bei Arbeiten am hinteren Teil des Weges. Brambilla rutschte auf einem gefrorenen Gerüstbrett aus und stürzte ab. Piazza wurde beim Vorbereiten von Sprengarbeiten von einem herabstürzenden Felsbrocken erschlagen.
Wie wurde der vordere Teil des Weges, von den Bürgenstock Hotels bis zum Felsenwegkänzeli, gebaut?
Die Arbeiten am Felsenweg dauerten insgesamt rund drei Jahre. Das vordere Teilstück, von den Hotels bis kurz vor das Felsenweg-känzeli, liess Franz Joseph Bucher-Durrer bereits in den 1890er-Jahren bauen. Für diesen Teil mussten die Arbeiter vor allem Bäume fällen, mit Pickel und Schaufel Gestein abtragen und einen Naturweg anlegen. Wo dies nicht möglich war, bauten die Arbeiter Trockensteinmauern (Abb. 2), so wie es beim Strassen- und Eisenbahnbau in steilem Gelände üblich war.
Abb. 2: Aufbau einer Trockensteinmauer. Charakteristisch ist die Bauweise ohne Mörtel.
Dazu schichteten sie Steine, welche sie davor abgetragen hatten, zu einer Mauer auf. Zur Verankerung und Stabilisierung der Mauer wurden in regelmässigen Abständen Keil- und Bindesteine eingebaut. Abschliessend hinterfüllten sie diese Mauern mit Bauschutt. Trockensteinmauern sind sehr stabil. Noch heute besteht ein beachtlicher Teil des Felsenweges aus Trockensteinmauern, so z.B. auch der Abschnitt am Standort von Frage 4.
Wie wurde der hintere Teil des Weges, vom Felsenwegkänzeli bis zum Honeggkänzeli gebaut?
Der hintere Teil des Weges wurde in der Zeit zwischen dem Frühjahr 1903 und Herbst 1905 gebaut. Auch der Bau dieses Wegabschnitts war reine Handarbeit. Wo möglich wurde der Weg mit Pickel, Schaufel und Brecheisen in den Felsen gehauen oder gesprengt. An Stellen, an denen der Felsen dafür zu instabil war, wurden Tunnel und Galerien angelegt. Im hintersten Teil wurde mit Tramschienen und armierten Betonplatten ein Gehsteg errichtet. Höchstwahrscheinlich ging man dabei ganz ähnlich vor, wie beim Bau des Steges in der Aareschlucht (Abb. 3).
Abb. 3: Ausschnitt aus einer Ansichtskarte vom Stegbau in der Aareschlucht
Wie Abbildung 4 zeigt, wurden dort auf bereits fertiggestellten Stegabschnitten lange Balken überlappend befestigt. Am vorstehenden Teil des Balkens wurde mit Seilen eine Plattform aufgehängt. Auf diesen Plattformen sassen die Arbeiter und befestigten die Aufhängung für den nächsten Stegabschnitt in der Felswand.
Abb. 4: Foto vom Stegbau in der Aareschlucht
Warum verliessen die italienischen Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Heimat?
Wie Abb. 5 zeigt, war die Schweiz im Vergleich mit den umliegenden Ländern bereits am Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert wohlhabend. Zudem erlebte die Schweiz insbesondere im Unterschied zu Italien eine gewaltige Industrialisierung. Die Nachfrage nach Arbeitskräften war in der Folge derart gross, dass sie der einheimische Arbeitsmarkt nicht zu sättigen vermochte.
Abb. 5: Entwicklung des BIP pro Kopf der Schweiz im internationalen Vergleich 1890-2005
Diese Umstände zogen viele Italienerinnen und Italiener an, welche in ihrem Land kaum Chancen auf ein ausreichendes Auskommen hatten. Zudem erlebte Italien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine schnelle Verarmung breiter Schichten der Bevölkerung. Die Menschen litten unter massiven Steuererhöhungen, unter den Folgen der Bildung eines nationalen Marktes und der fehlgeschlagenen Bodenreform. Davon besonders betroffen waren die ländlichen Gebiete im Norden und im Süden des Landes, was in den Auswanderungsstatistiken jener Jahre deutlich zum Ausdruck kommt (Abb. 6).
Abb. 6: Auswanderung aus Italien. Regionale Entwicklung in absoluten Zahlen 1876-1915
Warum verliessen gleichzeitig viele junge Schweizerinnen und Schweizer ihre Heimat?
Erstaunlich ist der Umstand, dass zeitgleich mit der italienischen Einwanderung viele Schweizerinnen und Schweizer ihre Heimat verliessen. Wie in Norditalien handelte es sich auch in der Schweiz vorwiegend um junge Leute aus ländlichen Gebieten mit geringer Industrialisierung. Den zahlenmässigen Höhepunkt erreichte die Auswanderung in den 1880er-Jahren, als innerhalb von zehn Jahren über 90‘000 Personen die Schweiz verliessen. Davor und danach waren es rund 40‘000 Personen pro Jahrzehnt. Die aufkommenden neuen Transportmittel, wie Eisenbahn und Dampfschiffe, aber auch die Tätigkeit von Auswanderungsagenturen (Abb. 7) begünstigten die Wanderbewegungen.
Abb. 7: Inserat der Auswanderungsagentur Zwilchenbart im Nidwaldner Kalender um 1900
Nicht selten förderten auch Gemeindebehörden die Auswanderung, um damit soziale Probleme loszuwerden. Entgegen der landläufigen Meinung war aber die damalige Auswanderung aus der Schweiz trotz grosser ländlicher Armut oftmals nicht Auswanderung aus purer Not. Die Schweizerinnen und Schweizer wanderten um die Jahrhundertwende mehrheitlich auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen aus. Um die Jahrhundertwende wäre genügend Arbeit vorhanden gewesen. Viele Auswanderer zogen jedoch den Wegzug der Arbeit auf dem Bau oder in der Fabrik vor, die keinen guten Ruf hatten.
Unter welchen Bedingungen lebten und arbeiteten die italienischen Arbeiter in der Schweiz?
Allgemein bekannt ist, dass Josef Bucher-Durrer einen wenig zimperlichen Umgang mit seinen Arbeitern pflegte. Damit war er in seiner Zeit keine Ausnahme. Zeitgenössische Quellen berichten von unhaltbaren Zuständen in den Unterkünften der Arbeiter, die zumeist von den Arbeitgebern in der Nähe der Baustellen zur Verfügung gestellt wurden. Auch die Arbeitsbedingungen gaben Anlass zu Klagen. Die Arbeiter litten unter langen Arbeitstagen, tiefen Löhnen, gefährlicher und gesundheitsschädigender Arbeit. Immer wieder kam es deshalb zu Aufständen. Italienische Gewerkschafter versuchten die Arbeiterschaft zu organisieren und der italienische Staat richtete sich mit Ratgebern an seine Landsleute in der Schweiz. Auch das Verhältnis zu den Einheimischen war gespannt. Diese fürchteten sich vor der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Aus diesem Grund kam es mehrmals zu gewaltsamen Auseinandersetzungen.