Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03427.jsonl.gz/342

Könnten Sie uns kurz etwas über Ihre Kindheit und Jugend sagen, über Ihre Schulzeit – und dann die Jahre als Lehrer?
Meine Kindheit habe ich auf dem Land, in Hacirahmanli, einem Dorf in der Gegend von Manisa (in der West-Türkei) verbracht. Meine Familie gehörte dem Kleinbürgertum an, wir waren Handwerker, lebten allerdings in der Stadt. Nachdem die Griechen Manisa niedergebrannt hatten, sind wir aufs Land gezogen. Damals war mein Vater Steuerbeamter und trieb den Zehnten ein. Er nahm seinen Abschied und machte im Dorf einen Laden auf. Später hat er ein paar Äcker erworben und Weinberge bestellt. Er war sparsam und wollte auch mich zur Sparsamkeit anhalten, aber das ist ihm nicht wirklich gelungen. Die ersten Prügel habe ich an einem Feiertag bezogen, da hatte ich das Geld, das ich bekommen hatte, in Nullkommanichts ausgegeben.
Dorfkinder kennen sich von klein an bestens aus, wenn es um Sexuelles geht. Mit den Tieren ist man auf Du und Du, Jungen und Mädchen spielen Hochzeit und Ähnliches miteinander. Vielleicht steht deshalb das Thema Sexualität in meinen Texten im Vordergrund.
1936 gab es in Manisa keine Oberschule. Als ich die Mittelschule abgeschlossen hatte – und da wir ziemlich lange mit der Traubenlese zu tun hatten –, wollte ich es am Gymnasium in Izmir versuchen, aber da gab es keine Plätze mehr. Mein Vater wollte, dass ich ein Jahr warte, doch als ich mich weigerte, war er damit einverstanden, dass ich in Balikesir (Stadt in der West-Türkei) weiterlernte. Dort ging ich drei Jahre lang ins Internat. Das war eigentlich auch ganz in Ordnung. In der Stadt gab es einen Stand auf dem Markt, der Bücher verlieh. Ich habe bestimmt alle Romane gelesen, die da zu haben waren.
An der Universität entschied ich mich dann für ein Literaturstudium, weil ich Lehrer werden wollte. Freunde und Verwandte machten Druck; ich sollte unbedingt Medizin studieren, doch das wollte ich auf keinen Fall. Nach einem Jahr in Istanbul – damals kostete das 25 Lira im Monat – wollte mein Vater mich aber nicht mehr weiterstudieren lassen und verlangte, dass ich eine Hochschule fände, die auch für eine Unterkunft sorgte. Als die Pädagogische Hochschule mich nicht ins zweite Studienjahr aufnahm, trat ich in die Lehrerfortbildungsanstalt der Armee ein. Nach dem Abschluss unterrichtete ich etwa ein Jahr lang an der Kadettenanstalt von Maltepe, die damals in Aksehir (Kleinstadt im Regierungsbezirk Konya) angesiedelt war, Literatur – und zwar mit Vergnügen. Da ich mich an studentischen Aktivitäten beteiligt hatte, als ich an der Universität studierte, wurde ich verhaftet, vor einem Kriegsgericht zu sechs Monaten Gefängnis und zur Entlassung aus der Armee verurteilt. Das war 1946. Danach habe ich mit der Landwirtschaft und dem Schreiben auf dem Land angefangen.
Würden Sie uns kurz etwas zu Ihrem Leben und Ihren Arbeiten nach 1960 sagen?
Als ich 1976 zum zweiten Mal heiratete und mich in Istanbul niederließ, übernahm ich auf Wunsch von Ülkü Tamer – einem guten Dichter, einem guten Menschen – verschiedene Beratungsaufgaben und Übersetzungen für das Verlagshaus Milliyet und Karacan. Kurz danach arbeitete ich eine Weile für den Can-Verlag als Lektor, bis ich meinen Abschied nahm.
Vermutlich habe ich an der Universität am meisten von den Sprachwissenschaftlern Ragip Hulusi (1893–1943), Rahmeti Arat (gest.1964) und Halide Edip Adivar (1884–1964) gelernt; meine größte Chance lag jedoch darin, dass ich drei Jahre lang Schüler von Ahmet Hamdi Tanpinar (1901–1962) war. Und ich glaube, dass zum Beispiel die Vorlesungen, in denen Tanpinar von Recaizade (Mahmut Ekrem Recaizade; 1847–1914; Anm. d. Ü.) bis Marcel Proust und André Gide sprach und zwischendurch zu guter Musik überging, sowie die privaten Gespräche, die er manchmal mit mir führte, großen Einfluss auf mein Schreiben hatten.
Mit noch sehr viel mehr Persönlichkeiten verstehen Sie sich gut, sind mit vielen befreundet. Wie aber steht es um Ihre Beziehung zu den Figuren in Ihren Erzählungen und Romanen?
Natürlich hatte ich gute Beziehungen und enge Freunde unter den Leuten auf dem Land und in der Stadt, und alles, was ich beobachtet habe, fand Eingang in mein Schreiben. Doch in meinen Romanen und Erzählungen übertrage ich das alles auf eine oder mehrere erfundene Personen und gehe dabei von meinen Erlebnissen und Erfahrungen aus. Ich bin niemand, der den Leuten wichtige Botschaften vermitteln will, und schreibe, wenn mir danach ist. So wie in Briefen: »Hört mal zu, ich erzähle euch hier mal was von ein paar Leuten, vielleicht interessiert euch das auch.« Manche nehmen Anteil daran, wieder andere werfen das Buch weg.
In Ihren Romanen sind Beobachtungen, Analysen und nebensächliche Ereignisse in Hülle und Fülle vorhanden, und der Hauptstrang der Handlung scheint in den Hintergrund gedrängt zu werden. Was ist Ihrer Meinung nach wichtig?
Das sehen Sie ganz richtig. Ich versuche die Situation der Romanfiguren mit eher unwichtigen Ereignissen und konkreten Einzelheiten wiederzugeben. Abstrakte Analysen sind mir zuwider. Akribisch lasse ich mich auf Details ein.
Gibt es eine europäische Anschauung oder Schule, die Sie sich zu eigen gemacht haben? Könnten Sie uns erklären, was Sie vom Realismus halten?
Ich halte mich für einen realistischen Autor, doch nicht im Sinne eines naturalistischen Realismus. Eine Erzählung und ein Roman sind als künstlerisch gestaltete Fantasie realistisch, und das ist für mich überzeugend. In solchen Fantasien wirken manche surrealistischen Elemente noch nicht einmal befremdlich. Zum Beispiel kann Gregor Samsa in Kafkas Verwandlung zu einem riesigen Ungeziefer werden, oder die schöne Remedios in García Márquez’ Hundert Jahre Einsamkeit zum Himmel fliegen.
Erschienen in: Milliyet Sanat Dergisi (Kunst- und Literaturbeilage der Zeitung Milliyet), Nr. 227/1. November 1989
Aus dem Türkischen von Monika Carbe