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Geheimnisse eines unbekannten Kulturvolkes
Das Schweizer Autokennzeichen CH (Confoederatio Helvetica) nimmt es vorweg: Zwischen uns und den Kelten gibt es eine Beziehung. Die Helvetier waren Kelten. Das Historische Museum Bern zeigt bis am 18. Oktober die Ausstellung "Kunst der Kelten".
Die Ausstellung "Kunst der Kelten" ist jedoch keine Suche nach historischer Identität. Es ist eine wissenschaftliche Darstellung von Objekten, die von keltischen Völkern im Zeitraum von 700 vor Christus bis 700 nach Christus hergestellt wurden. Im Gegensatz zu den Römern bildeten die Kelten nie eine Art Staat mit einer zentralen Herrschaft.
"Das Ziel der Ausstellung ist, die Kunst der Kelten darzustellen. Kunst wird in der Archäologie anders gefasst als bei den Kunsthistorikern. Kunst war damals mehr im Alltag und der Religion verankert, als dies vielleicht heute der Fall ist", erklärt die Mit-Kuratorin Sabine Bolliger, Konservatorin Abteilung Ur- und Frühgeschichte des Historischen Museums Bern.
Kultureller Austausch von Süden nach Norden
Die Interessierten erfahren zwei Punkte: Erstens hatten die Völker der Kelten eine eigenständige Kultur und stellten grossartiges Kunsthandwerk her und zweitens fand zwischen den Kelten und den Griechen und Römern in der Antike ein kultureller Austausch statt. Dieser Austausch war nicht gegenseitig, sondern verlief von Süden nach Norden.
Die einzigen schriftlichen Quellen über die Menschen, die vor Jahrtausenden in der heutigen Schweiz und grossen Teilen von Kontinentaleuropa und auf den britischen Inseln lebten, stammen aus der griechischen und römischen Antike.
Es sind Berichte von Historikern und Kriegsberichte, wie "De bello gallico" (Der gallische Krieg) von Julius Cäsar. Cäsar stellt die Kelten als blütdrünstig und brutal dar und rechtfertigt damit seine Feldzüge gegen sie.
Für die Römer waren die Kelten Barbaren. Was allerdings die Kelten von den Römern hielten, ist nicht überliefert.
Halsringe als Statussymbole
Die Ausstellung beinhaltet 450 Werke aus vierzehn Jahrhunderten. Die Stücke stammen aus ganz Europa. Gezeigt werden Schmuckstücke, Gebrauchsgegenstände aus Bronze, Eisen, Silber und Gold, auch Waffen und kultische Objekte.
Auffallend sind die dicken, goldenen Halsringe, die als Statussymbole gewertet werden. Je dicker der Reif, umso höher war die Position des Trägers oder der Trägerin in der Gesellschaft. Sowohl in keltischen Männern- als auch in Frauengräbern wurden solche Halssringe gefunden.
Hielten es die Kelten in der Frühzeit eher mit ornamentalen Mustern, findet man gegen Ende des 5. Jahrhunderts vor Christus neue Motive auf den Gegenständen: Es sind Gesichter und Mischwesen sowie ab 300 vor Christus plastische Darstellungen von pflanzenähnlichen Motiven.
Es handelt sich dabei laut den Kuratoren um eigenständige Schöpfungen der Kelten, die keinen Bezug zur klassischen Kunst des Mittelmeerraums haben.
Raffiniert haben die Kunsthandwerker durch die Zuhilfenahme von Symmetrien oder Spiegelungen versteckte Augenpaare oder Münder eingearbeitet. Von den versteckten Gesichtern ist nicht klar, ob ihnen eine tiefere Bedeutung zukam oder ob sich eine kreative Lust am Verwirrspiel durchsetzte.
Micky Mouse-Ohren als Statussymbol?
Die Unterschiede zwischen den Völkern waren gross: Während die Römer ihre Gottheiten in Menschengestalt abbildeten, stellten die Kelten ihre Gottheiten als Tiere dar. Figürliche Darstellungen von Menschen gibt es kaum.
Umso überraschender war 1994 der Fund einer Steinstatue in einem keltischen Hügelgrab aus dem Jahr 400 vor Christus bei Glauburg-Glauberg in Hessen. Die auffälligen Ohren dieser Staute erinnern heutige Besucherinnen und Besucher ein bisschen an Mickey Mouse. Mit einer antiken Statue römischer oder griechischer Herkunft ist dieser keltische Krieger nicht zu vergleichen.
Bei dem Skelett im Grab wurde auch ein Drahtgestell gefunden, das – wie vermutet wird- mit Leder oder einem anderen organischen Material überzogen war und von der Form her mit den Micky-Mouse-Ohren übereinstimmt. Die Haube wird Blattkrone genannt.
Auch die Blattkrone könnte – wie die Halsringe - ein Statussymbol gewesen sein, ihre nähere Funktion ist jedoch nicht entschlüsselt. Es ist nicht bekannt, ob die Träger solcher Kronen als Helden, Anführer oder gar als göttliche Ebenbilder angesehen wurden.
Deutschschweizer sind eher Alemannen
Die Beispiele der seltsamen Kopfbedeckung und der versteckten Fratzen zeigen, dass die Kelten als allfälliges identitätsstiftendes Urvolk nicht richtig taugen.
"Es ist nicht so einfach zu sagen, wir seien die Nachfahren der Kelten. Gerade die Deutschschweizer gehen eher auf die Alemannen zurück. Aber durch die Völkerwanderung hat sich so vieles mit Vielem vermischt, dass jeder von uns auch etwas Keltisches hat. Und wohl auch etwas Römisches", sagt Sabine Bolliger dazu.
Die keltische Kultur konnte bis jetzt wenig entschlüsselt werden, ein tiefgreifendes, gesichertes Verständnis für ihre Geisteswelt hat sich noch nicht ergeben. Wir stehen im Historischen Museum Bern einem geheimnisvollen Kulturvolk gegenüber, das wir nicht kennen.
Eveline Kobler, swissinfo.ch
Infos zur Ausstellung
Das Historische Musem Bern ist jeweils am Dienstag bis Freitag von 10Uhr bis 20Uhr geöffnet, am Samstag und Sonntag von 10Uhr bis 17 Uhr.
Audioguides sind in deutscher und französischer Sprache erhältlich.
Es gibt einen speziellen Audioguide für Kinder von 8 bis 12 Jahren.
Das Begleitbuch "Kunst der Kelten" ist auf Deutsch, Französisch und Englisch erhältlich.
Die Ausstellung ist noch bis am 18. Oktober zu sehen.
Der Fürst von Hochdorf
Einem vollständig erhaltenenen Fürstengrab schenkt die Ausstellung viel Raum: Zum ersten Mal ausserhalb Deutschlands ist im Historischen Museum Bern der Goldschatz des Keltenfürsten von Hochdorf zu sehen.
Es handelt sich um einen spektakulären Grabfund aus der Nähe von Stuttgart, der aus dem Jahr 530 vor Christus stammt. Das historische Museum hat dieses Fürstengrab nachgebaut.
Der Fürst wurde auf einem bronzenen Sofa in einer Grabkammer aus Eichenstämmen bestattet. Zu den Grabbeigaben zählt ein vierrädriger Prunkwagen, auf dem ein bronzeverziertes Pferdegeschirr und ein hölzernes Doppeljoch gefunden wurden.
Im Garten des Museums in Bern wurde eine "Keltenschmiede" eingerichtet, in der das Totenbett, eine bronzene Liege, vor den Augen des Publikums nachgebaut wird. Dabei kann das Publikum die alten Handwerkstechniken kennenlernen.
Die Keltenschmiede ist Dienstags, Mittwochs und Sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnelt.
Die Schlacht bei Bibracte
Über die Schlacht bei Bibracte 58 vor Christus berichtet Julius Cäsar in "De bello gallico" (der gallische Krieg). Seinen Feldzug gegen die Helvetier, die Rauriker, die Boier, die Latobriger und die Tulinger, unternahm er, weil die Stämme unter der Führung des Kelten Divicos versuchten, ihr Stammesgebiet zu verlassen und in die Saintonge im südwestlichen Gallien auszuwandern.
Über die Helvetier schreibt Cäsar, sie hätten vor dem Auswandern ihre Häuser niedergebrannt.
Nach der Schlacht bei Bibracte, die die Helvetier verloren, wurden sie in ihr ehemaliges Stammesgebiet – in die Schweiz- zurückgeschickt.
Das historische Lexikon der Schweiz bemerkt dazu: "Ein vesuchter Auszug aus dem eigenen Land eignet sich schwerlich für den patriotischen Diskurs."
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