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Altersvorsorge sichern
Sepp, geboren am 1. Januar 1885, beginnt 1900 eine Lehre als Förster. Ende 1949 wird der Gemeindeförster pensioniert. Dank der soeben eingeführten AHV kann er seinen Lebensabend gut bestreiten. Während seiner 50 Arbeitsjahre hat er 120 000 Stunden gearbeitet. Statistisch gesehen hat Sepp bei seiner Pensionierung eine Lebenserwartung von 13.8 Jahren.
Jürg, geboren am 1. Januar 1955, hat seine Lehre als Forstwart 1970 angetreten. Am 1. Januar 2020 tritt er seinen Ruhestand an. Während seiner 50 Arbeitsjahre hat er 75 000 Stunden gearbeitet. Dank zunehmender Mechanisierung wurde sein Beruf sicherer und weniger anstrengend. Statistisch gesehen hat Jürg bei seiner Pensionierung eine Lebenserwartung von 20.3 Jahren.
Obwohl kalendarisch gleich alt, ist Jürg jünger geblieben als Sepp. Er musste weniger und weniger streng arbeiten. Er hat von den grossen Fortschritten der Medizin profitiert. Sepp hat bei seiner Pensionierung den Lebensabend vor sich, Jürg den Lebensnachmittag. Nicht die 65- bis 70-Jährigen gelten heute als die «jungen Alten», sondern die 70- bis 79-Jährigen.
Die beiden Säulen unserer Altersvorsorge basieren auf der Absicherung des Lebensabends. Im Umlageverfahren der AHV finanzieren primär die Erwerbstätigen die Pensionierten. Bei der Pensionskasse sparen die Erwerbstätigen und die sie beschäftigenden Unternehmen ein Alterskapital an, mit dem eine Rente bis ans Lebensende bezahlt wird. Der unaufhaltsame Anstieg der Lebenserwartung hat beide Konzepte aus dem Lot gebracht. Ein Blick auf die Entwicklung der Alterspyramide zeigt die Dramatik der Lage. 1950 betrug das Verhältnis der 40-Jährigen zu den 80-Jährigen 6.8, 2019 sank dieser Wert auf 2.3 und für 2035 wird er noch auf 1.8 geschätzt.
Kein Wunder, dass die Banken hinter dieser Entwicklung ein Geschäft wittern. Die Credit Suisse wirbt mit dem Slogan «In Zukunft sind wir 40 Jahre lang Rentner». Auf dem Plakat zwei Filzpantoffeln und die Empfehlung: mit Fonds fürs Alter anlegen. Was ein Hinweis darauf ist, dass die heutige Altersvorsorge für die Finanzierung eines Lebensnachmittags nicht ausreicht. Die Filzpantoffel zeigen, was man der älteren Generation noch zutraut. Es ist reine Mathematik. Wenn sich bei der AHV das Verhältnis der Geber zu den Nehmern dauernd verschlechtert, wird das Sozialwerk irgendeinmal kollabieren. Bei der zweiten Säule könnte man zwar das Gleichgewicht durch Anpassungen des Umwandlungssatzes und Rentenkürzungen erhalten. Nur wäre dann der gesetzliche Auftrag, dass die berufliche Vorsorge zusammen mit der AHV die Fortsetzung der gewohnten Lebenshaltung erlauben soll, nicht mehr erfüllt. Wenn man weiterhin nichts tut, mutiert die zweite Säule zum Umlageverfahren. Die Zeche bezahlen die Jungen.
An einer Erhöhung des Pensionsalters kommt man nicht vorbei. Fünf Jahre mehr einzahlen, fünf Jahre weniger beziehen: Das sichert die Altersvorsorge. Man würde dann immer noch 30 Prozent weniger arbeiten als Sepp.
Benedikt Weibel war bis 2006 SBB-Generaldirektor. Im September ist sein neues Buch «Warum wir arbeiten» erschienen.