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Prof. Bruno S. Frey hat kreative Lösungen, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Beispielsweise, dass künftig jeder sein Alter wechseln kann, um nicht in Rente gehen zu müssen. Im Nebelspalter-Interview sagt der Wirtschaftswissenschaftler Frey wie das gehen soll. Auszüge.
Um den Fachkräftemangel einzudämmen, fordert der Arbeitgeberverband die generelle Erhöhung des Rentenalters und Modelle, um bis 70 Jahre oder länger zu arbeiten? Ist das der richtige Ansatz?
Insbesondere eine Flexibilisierung halte ich für sehr wichtig. Es ist beispielsweise wirklich komisch, dass Angestellte im öffentlichen Sektor genau mit 65 rausgeworfen werden, obschon sie gerne weiterarbeiten würden. Angesichts des Arbeitskräftemangels ist das ein Riesenfehler. Ich habe da einen sehr viel weitergehenden Vorschlag.
Dieser wäre?
Eine Untersuchung hat ergeben, dass sich 80 Prozent der Menschen jünger fühlen, als sie eigentlich sind. Inzwischen kann man in Zürich für 75 Franken das Geschlecht wechseln. Warum sollte man das nicht auch beim Alter machen können? Wenn sich beispielsweise ein 70-Jähriger jünger fühlt, dann könnte er zum Staat gehen und sagen, ich bin jetzt 55. Damit würde man eine Flexibilisierung erreichen, weil man dann auch länger arbeiten könnte.
Wie wäre es mit der Pensionskasse?
Wer länger arbeitet, müsste auch eine höhere Pension bekommen. Er bezahlt schliesslich auch mehr ein. Insgesamt wäre das eine ganz smarte Flexibilisierung auf persönlicher Ebene. Jeder könnte frei entscheiden.
Könnte man sich auch älter schreiben lassen?
Ja, die Pension wäre dann einfach tiefer. Ich weiss, dass dieser Vorschlag etwas überraschend ist. Ebenso überraschend ist aber, dass man in Zürich nach einem Gespräch mit einem Beamten ohne jegliche medizinische Untersuchung das Geschlecht umschreiben lassen kann.
Der Arbeitgeberverband sagt, Arbeit müsse sich lohnen, sagt dann aber nur am Rande etwas zum Steuersystem. Dabei ist doch das fehlgeleitete Steuersystem der Elefant im Raum.
Ja, beim Steuersystem könnte man einiges bewirken. Hier könnte insbesondere bei Akademikern angesetzt werden. Wer beispielsweise Fächer wie Kunstgeschichte und Literatur studiert, verdient später kaum viel Geld. Wer dagegen einen technischen Studiengang absolviert, hat einen höheren Lohn und zahlt folglich mehr Steuern. Die Lösung wäre, dass diejenigen, die in der Arbeitswelt nicht genügend Geld machen, ihre Studiengebühren zurückzahlen müssen.
Wo könnte das Steuersystem noch angesetzt werden?
Bei der Steuerprogression. Es wäre sinnvoll, wenn der Steuersatz linear verläuft oder bei Gutverdienenden sogar sinkt. Beschäftigte, die bereit sind, mehr für die Volkswirtschaft und damit auch die Gesellschaft zu leisten, würden belohnt. Das hätte zur Folge, dass die Leute einen grösseren Anreiz hätten, mehr zu arbeiten. Aktuell ist es aber genau umgekehrt: Je mehr jemand leistet, desto grösser ist der Anteil des Lohnes, den er in Form von Steuern abgeben muss.
Wo setzt das Steuersystem noch falsche Anreize?
Also ich bin absolut dafür, dass jeder selbst entscheiden kann, bis wann und wie viel jemand arbeitet. Aber im Moment profitieren solche, die es sich leisten können, nur 60 Prozent zu arbeiten. Das darf nicht möglich sein. Der Staat soll Anreize schaffen, damit es sich lohnt, mehr zu arbeiten. Aber selbstverständlich sind auch vernünftige Arbeitsbedingungen wichtig.
Nebelspalter / Vorschläge Arbeitgeber / NZZ