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Schamanismus und Neoschamanismus
Der Begriff «Schamanismus» kann in einem engeren und einem weiteren Sinn verwendet werden. Im engeren Sinn wird damit eine religiöse Praxis, die ihre Wurzeln in Sibirien hat, bezeichnet, auch klassischer oder sibirischer Schamanismus genannt. Im weiteren Sinn und allgemeinen Sprachgebrauch werden jedoch Praktiken weltweit, deren konstituierendes Element der Glaube an Geister ist, als schamanisch bezeichnet. Somit erweitert und verändert sich die Wahrnehmung des Konzeptes «Schamanismus» mit der Ausweitung des zu untersuchenden Gebiets.
Der klassische/sibirische Schamanismus wurde im 17. Jahrhundert das erste Mal als religiöse Praxis in Sibirien beobachtet und schriftlich dokumentiert. Da er nicht auf schriftlichen Quellen, sondern religiösen Ritualen und Praktiken basiert, ist wenig über die Geschichte bekannt. Durch die Verbrennungen im 17. Jahrhundert, im Zusammenhang mit der Hexenverfolgung, und insbesondere durch die Verfolgung des Schamanismus infolge der kommunistischen Oktoberrevolution in der Sowjetunion, konnten nur sehr wenige Gruppierungen der ursprünglichen Schamanenkultur bis heute überdauern. Vieles was in der Wissenschaft bekannt ist, stammt somit noch aus ethnologischen Untersuchungen aus dem 17. Jahrhundert und ist stark umstritten.
Die schamanische Kosmologie ist dualistisch und besteht aus einer profanen, diesseitigen Welt und einer sakralen jenseitigen, welche den Geistern und Ahnen gehört. Der klassische Schamanismus ist animistisch und geht daher davon aus, dass alle Dinge auf der Welt eine oder sogar mehrere Seelen besitzen. Die Geister des Jenseits können – meist via einer axis mundi (Weltachse, Verbindung zwischen Jenseits und Diesseits) – zwischen den beiden Welten reisen. Der Mensch hat eine Verantwortung gegenüber dem Gesamtsystem. Krankheiten und schlechte Ereignisse werden als Nichteinhaltung der Regeln und der darauf führenden Störung der Harmonie interpretiert. Diese muss danach wieder «geheilt» werden.
Die Ekstase oder Trance kann als geänderter Bewusstseinszustand verstanden werden, welcher mithilfe von Trommeln und Kleidung mit komplexer Symbolik, in der sich Hilfsgeister befinden können, erreicht wird. Dieses Ritual ist Initiierten Schamanen und Schamaninnen vorbehalten. Durch die Ekstase kann die axis mundi überquert werden, sodass in das Jenseits gereist wird. So kann die gestörte Harmonie der Welt, die beispielsweise durch Krankheit im Diesseits ersichtlich wird, wiederhergestellt werden. Zudem werden Seelen verstorbener auf diese Art ins Jenseits übergeführt. So funktionieren Schamanen und Schamaninnen als Vermittler zwischen Hilfesuchenden und den Geistern.
Der klassische Schamanismus kam in der Vergangenheit, sowie in der Gegenwart in erster Linie in Jäger- und Hirtenvölkern vor. Somit gehören zu den zentralen schamanischen Aktivitäten die Kriegs- und Jagdzauberei, die das Glück in diesen Bereichen erhöhen soll.
Die Verbreitung des klassischen Schamanismus verändert sich je nach Definition. Nordeurasien, als Ausgangspunkt der Theoriebildung, gehört sicherlich dazu. Weitere Verbreitungsgebiete sind die Arktis, Nordchina, Tibet, Korea, Nepal und Nord- und Südamerika.
Seit den 1960er Jahren besteht in westlichen Gesellschaften eine zunehmende Anziehungskraft des Schamanismus. Populäres Interesse an Ansichten und Wahrnehmungen, die sich im Zuge älterer Diskussionen herausgebildet haben, vermischen sich dabei mit neueren Ansichten, da viele der bisherigen nicht mehr für angemessen gehalten werden. Somit entsteht ein Synkretismus, der kein einheitliches Feld darstellt, sondern von verschiedenen Kulturen und Bewegungen geprägt ist. Die Grenzen dieser heterogenen Spanne an neoschamanischen Traditionen sind fliessend.
Der Neoschamanismus ist geprägt von der, im Laufe des 20. Jahrhunderts zunehmenden, Individualisierung. So ist jeder Mensch in der Lage neoschamanische Rituale durchzuführen, welche in vielen Fällen zur eigenen Selbstverwirklichung und Selbsthilfe eingesetzt werden.
Ziel neoschamanischer Rituale und Praktiken ist oftmals die Flucht vor dem Alltag. So soll durch einen geänderten Bewusstseinszustand mit einer Parallelwelt in Kontakt getreten werden, in welcher sich Geister aufhalten. Diese haben meist einen persönlichen Bezug zum Individuum und können so Entscheidungshilfen darstellen.
Ein weiteres Ziel neoschamanischer Rituale ist die Heilung. Krankheit wird als Ausdruck eines (seelischen) Ungleichgewichts verstanden, sodass verloren gegangene Seelenanteile wieder zurückgebracht werden müssen, um das ursprüngliche Gleichgewicht wiederherzustellen. Der schamanischen Heilkunde wird von Anhängern und Anhängerinnen eine Ganzheitlichkeit zugeschrieben, die, laut diesen, in der modernen (Schul-)Medizin nicht mehr gefunden werden kann.
Der Core-Schamanismus bildet gewissermassen die Grundlage des Neoschamanismus. Er wurde vom US-Amerikanischen Anthropologen Michael Harner (1929-2018) in den 1980er Jahren begründet. In der, ebenfalls von Harner gegründeten, Foundation for Shamanic Studies (FSS) werden auch heute noch in den USA und Europa etliche Ausbildungen im Bereich des Core-Schamanismus besucht.
Der Core-Schamanismus basiert nicht auf einer bestimmten Ethnie, sondern betont die Universalität seiner Lehre. Schamanische Methoden, so Harner, sind über die verschiedenen Kontinente hinweg sehr ähnlich. Durch diese grundsätzliche Übereinstimmung kann von einer universalen Urreligion, in der Form des Schamanismus, ausgegangen werden. Dieser ursprüngliche Schamanismus habe auch in Europa existiert, sei aber durch die unterdrückerische Vorherrschaft der Religionen verloren gegangen. Der Core-Schamanismus will auf diese Urreligion zurückgreifen, sodass sie auch von der westlichen Bevölkerung wieder erlernt und ausgeübt werden kann.
Dabei wird vor allem die Reise in die nicht-alltägliche Wirklichkeit durch den veränderten Bewusstseinszustand gelehrt. Der Core-Schamanismus soll von jeder Person erlernbar sein. Die Praktiken und Methoden sind daher klar, anwendbar und effizient.