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Auch wenn es aus den meisten Schlagzielen mittlerweile herausgefallen ist, treibt das SARS-CoV-2-Virus auch weiterhin sein Unwesen in der Welt. Gerade diejenigen Regionen und Länder, die auf dem Höhepunkt der Pandemie am wenigsten Fälle verzeichnet hatten, verzeichnen nun massive Anstiege an Fällen. Neben China, das immer noch seine «Null-COVID»-Strategie verfolgt, ist auch Antarktika davon betroffen.
Seit Ende letzter Woche ist die grösste Station in Antarktika, die US-amerikanische Station McMurdo, von einem COVID-Ausbruch betroffen. Von den gegenwärtig 993 Menschen, die auf der Station leben, sind 64 aktive Fälle bekannt und 98 positive Tests wurden seit Anfang Oktober verzeichnet, wie die National Science Foundation in einer Mitteilung am 7. November bekanntgegeben hat. Die meisten der Fälle verlaufen mild und alle Betroffenen seien in ihren Zimmern isoliert.
Bereits am 5. November hatte die NSF einen Reisestopp zur McMurdo-Station verhängt und damit die Station für die nächsten zwei Wochen für Flüge gesperrt. «Die Verwaltung bemüht sich, die Dichte der Bevölkerung zu verringern, um die Möglichkeit einer Übertragung zu reduzieren», schreibt die NSF in ihrer Mitteilung über die Gründe für den Stopp. Ausserdem gilt ab sofort eine Maskenempfehlung für alle und eine 5-tägige Quarantänepflicht für diejenigen Personen, die in Richtung Amundsen-Scott-Station am Südpol oder Feldarbeiten ausserhalb unternehmen müssen. Positiv getestete Personen müssen ebenfalls 5 Tage isoliert werden, weitere fünf Tage zu jedem Zeitpunkt Masken tragen und können erst wieder an ihre Arbeitsorte, wenn sie zwei negative Testresultate vorweisen können. Vom Reisestopp ausgenommen sind alle Reisen, die aus gesundheitlichen oder sicherheitsrelevanten Gründen unternommen werden müssen. Die NSF, die für die Verwaltung der Station und den gesamten US-Antarktisprogrammes verantwortlich ist, wird über Änderungen der Massnahmen, sowohl Lockerungen wie auch weitere Restriktionen, informieren.
Der Ausbruch von COVID auf McMurdo kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt, denn die meisten Länder, die nationale Antarktisforschungsprogramme betreiben, haben bereits ihre Leute entweder vor Ort oder sind unterwegs. Und da McMurdo für Länder wie Neuseeland oder Italien, die in der Region rund um das Rossmeer ihre Stationen haben, der logistische Hauptanlaufpunkt ist, betrifft der Stopp nicht nur das US-Antarktisprogramm, sondern dürfte auch Verzögerungen bei diesen Ländern haben. Erst vor zwei Wochen hatte die neuseeländische Regierungschefin Jacinda Arden die neuseeländische Scott Base, die nur drei Kilometer von McMurdo entfernt ist, um sich über die Fortschritte des Umbaues der Station und über das neuseeländische Antarktisforschungsprogrammes selbst ein Bild zu machen. Sämtliche logistische Arbeit der Scott Base läuft über McMurdo und obwohl Antarctica New Zealand noch keine Informationen veröffentlicht hat, dürfte der Unterbruch auch sich auch auf dessen Arbeiten auswirken, besonders wenn die Massnahmen verlängert werden. Auch im Tourismusbereich dürfte der Ausbruch seine Spuren hinterlassen und mögliche Schiffsbesuche der Station, die sowieso schwierig sind, eher unwahrscheinlich werden lassen.
Der Ausbruch auf McMurdo ist bisher der grösste bekannte Ausbruch von COVID in Antarktika. Den ersten Ausbruch darf sich die chilenische Basis Bernardo O’Higgins an der Westseite der antarktischen Halbinsel zuschreiben. Hier waren im Dezember 2020 insgesamt 36 Personen mit COVID infiziert und die gesamte Station musste evakuiert werden. Erst nach umfangreichen Reinigungsarbeiten wurde die Station wieder freigegeben. Zwischenzeitlich wurden dann auch grössere Ausbrüche auf der belgischen Station «Princess Elisabeth Antarctica» und auf der argentinischen Grossstation Esperanza verzeichnet, wo jeweils 30 beziehungsweise 24 Personen erkrankt waren. Dies, obwohl die Länder alle grosse Anstrengungen unternommen hatten, um ein Einschleppen der Krankheit nach Antarktika zu verhindern. Denn keine der Stationen würde über genügend Möglichkeiten verfügen, schwere Krankheitsverläufe adäquat behandeln zu können und Evakuierungen sind schwierig und langwierig, was eine Gefahr für Betroffene darstellt. Deswegen sind auch immer noch Schutzmassnahmen bei den nationalen Antarktisprogrammen aktiv. Der Ausbruch auf McMurdo zeigt aber, wie schwierig eine Umsetzung bleibt.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal
Beitragsbild: Cody Johnson, USAP / NSF, CC BY-SA-ND-NC 4.0