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Der Abend beginnt mit einem Harakiri: Mitten im blütenweissen Salon und zu sanfter Musik schneidet sich die Japanerin Charlotte (Kuan-Ling Tsai) mit einem scharfen Messer den Bauch auf. Während sie stirbt, fallen blutrote Rosenblätter aus ihrem Mund.
Autor erlangte Weltruhm – vor allem wegen Suizid
Der Beginn mit einem stilisiert-rituellen Selbstmord ergibt Sinn; denn auf diese Weise brachte der homosexuelle, politisch wie persönlich höchst eigensinnige Autor Yukio Mishima (1925-1970) sich und seinen Freund um. Mit diesem Akt, mehr noch als mit seinem Werk aus Romanen und Theaterstücken, wurde er weltberühmt.
1965 entstand das Stück «Madame de Sade», das nun in Zürich in der Regie des Letten Alvis Hermanis gespielt wird. Ein sprachlich dichter Text für sechs Schauspielerinnen, die wie Trabantinnen um den Marquis de Sade kreisen.
Gespräche über einen Abwesenden
Die Damen stecken in üppigen, sanft farbigen Kostümen, tragen hochfrisierte Perücken und debattieren. Ihr Thema ist der abwesende Marquis de Sade, diese «Arbeitsbiene der Lust», wie die ihm treu ergebene Gattin Renée (Friederike Wagner) ihn charakterisiert.
Natürlich hat jede der Damen ihre eigene Story mit dem grosszügig Lust und Leiden spendenden, vergötterten und verachteten Lüstling. Davon erzählen sie zweieinhalb Stunden lang mit stilisierter Theatralik, mal nach klassisch französischer Art deklamierend, mal japanisierend. Und dabei geben sie alles: sie wippen und tänzeln, stöhnen, wispern und lutschen, kreischen und flüstern und taumeln somnambul über die Bühne.
Starke Schauspielerinnen vermögen das Stück auch nicht zu retten
Schauspielerisch und technisch sind sie virtuos: Renées Schwester als Sades Geliebte ( Lisa-Katrina Mayer), die keifend-empörte Mutter Madame de Montreuil (Sunny Melles), die frömmelnde Baronesse de Simiane (Susanne-Marie Wrage) und die nach Lust lechzende Comtesse de Saint-Fond (Miriam Maertens).
Und dennoch: Das auf der Bühne vorgeführte Gerede lässt mehr und mehr kalt. Als Lesetext, gespickt mit Ungeheuerlichkeiten, Komik und Satire, mögen die Lust/Leid-Pirouetten über de Sade ja noch funktionieren. Als Theater wirken sie, jedenfalls in der Inszenierung von Regisseur Alvis Hermanis und seinem Team, bald mal nur noch einschläfernd.