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Ruth Wysseier über das Vogelsterben in der Kohlemine
In einer Anhörung vor dem US-Kongress erklärte der 38-jährige Frank Stephens vor drei Jahren: «Ich bin ein Mensch mit Downsyndrom, und mein Leben ist lebenswert. Es ist sogar grossartig.»
Aus drei Gründen fände er es besser, Forschungsgelder zu sprechen, um Leute wie ihn zu unterstützen, anstatt auf die «Endlösung» mittels pränataler Tests und selektiver Abtreibung zu setzen: Erstens könnte Downsyndrom-Forschung zu einem Durchbruch in der Krebs- und der Alzheimerbehandlung führen. Zweitens zeigten Studien, dass Menschen mit Downsyndrom und deren Angehörige glücklicher seien als der Durchschnitt der Gesellschaft. Und drittens erklärte er: «Wir sind die Kanarienvögel in der eugenischen Kohlemine*. Wir geben der Welt die Chance, über ethische Grundsätze nachzudenken, wenn entschieden wird, welches Leben lebenswert ist.»
Auch wegen Covid-19 wird der Sauerstoff knapp: In Grossbritannien hat die Hilfsorganisation Mencap vor ein paar Tagen Alarm geschlagen, weil es in Spitälern diskriminierende Weisungen gab, Covid-19-PatientInnen mit Downsyndrom oder ähnlichen Lernbehinderungen sollten nicht beatmet werden. Sie würden zudem nicht prioritär geimpft, obwohl sie einer Risikogruppe angehören.
Es sieht nicht gut aus für Frank und die anderen Kanarienvögel. Unsere Zeit ist zwar dank Frühförderung und Integration die beste je, um mit Downsyndrom zu leben, aber auch die schlechteste: In Dänemark und Island werden fast hundert Prozent aller Föten mit dieser Diagnose abgetrieben, in Frankreich gegen achtzig, in den USA gegen siebzig. «Die letzten Kinder mit Downsyndrom», titelte «The Atlantic» im Dezember eine grosse Recherche über pränatale Tests. Auch wenn kaum jemand öffentlich sagt, man wolle das Downsyndrom eliminieren, summieren sich die individuellen Entscheide für eine selektive Abtreibung dazu. Der Test gibt der Frau die Wahl – und stellt sie vor ein unmögliches Dilemma: Wie kann sie sich wissentlich für ein (Wunsch-)Kind entscheiden, das behindert sein wird?
Luca Trapanese hat es getan, dank ihm mausert sich ein sehr hübsches Kanarienvögelchen gerade zum Instagram-Star**: Das Mädchen heisst Alba, wurde mit dem Downsyndrom geboren und gleich nach der Geburt zur Adoption freigegeben. Alba wurde dem alleinstehenden zukünftigen Vater, Luca Trapanese aus Neapel, angeboten, nachdem sie von einer ganzen Reihe von adoptionswilligen Familien abgelehnt worden war. Seither spielen, lachen, tanzen die beiden und sind dauerglücklich, wie es üblich ist auf Instagram. Es ist eine Geschichte nach meinem Gusto, sentimental und herzerwärmend, und die Kleine erinnert mich an meine Nichte, als diese in diesem Alter war.
Zwar irritiert mich diese Inszenierung schon, der Vater vermarktet sich als Held, die Kleine ist seine Trophäe, und doch: Vielleicht werde ich Luca Trapanese noch einmal dankbar sein, dass er mit seiner Insta-Alba den Menschen mit Downsyndrom ein Denkmal setzt.
Ruth Wysseier ist Winzerin am Bielersee. Sie hat ihre Nichte Kelly, die mit Downsyndrom geboren wurde und gleich alt ist wie Frank Stephens, in der WOZ porträtiert: «Ein Lob des Eigensinns» (siehe www.woz.ch/-880).
* Kanarienvögel wurden im Bergbau als Warnvögel eingesetzt, weil sie aufhören zu zwitschern, wenn die Konzentration von giftigen Grubengasen ansteigt.
** #Trapaluca.