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Die Frau ist wütend. «Ihr wisst nicht einmal, wie man einen Weihnachtsbaum schmückt», schnauzt sie ihre Angestellten an. «Wo seid ihr denn aufgewachsen, in einer Höhle?» – «Nein», antwortet Rahima, «im Krieg.»
Sarajevo 2012: Der Krieg ist seit gut sechzehn Jahren beendet, doch noch immer ist er im Alltag der Menschen allgegenwärtig. Auch im Leben von Rahima. Die 23-jährige Frau hat ihre Eltern im Krieg verloren und lebt mit ihrem vierzehnjährigen Bruder Nedim in einem tristen Quartier in der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Sie schlägt sich mit einem Küchenjob in einem schicken Restaurant durch. Als ihr Bruder das iPhone des Sohns eines Ministers kaputt macht und sie es ersetzen soll, reicht ihr Lohn nicht aus.
In «Children of Sarajevo» erzählt die Regisseurin Aida Begic («Snow») von den Kindern des Kriegs, die heute erwachsen sind. Noch sechzehn Jahre nach Kriegsende zuckt Rahima zusammen, wenn Jugendliche Feuerwerke abbrennen – der Krieg ist in den Köpfen noch lange nicht vorbei.
Es sind kleine und alltägliche Dinge, die Aida Begic in ihrem starken und eindringlichen Spielfilm festhält und die jeweils viel erzählen: wie Rahima ihre Arbeitskleidung anzieht und mit grosser Sorgfalt ihr Kopftuch bindet, wie sie das Essen für ihren Bruder und den Nachbarsjungen zubereitet, während die beiden Computergames spielen, oder wie sie nachts vor der weihnachtlich beleuchteten Villa des Ministers steht und schaut. Überzeugend stellt Marija Pikic die ernste und verschwiegene Rahima dar. Die Kamera bleibt stets nah bei ihr, schaut ihr über die Schulter, begleitet sie auf Schritt und Tritt.
Wenn man Rahima durch die trostlosen Strassen von Sarajevo begleitet, dank wackliger, auf ihren Rücken gerichteter Handkamera unmittelbar dabei, erinnert «Children of Sarajevo» an «L’enfant» (2004) der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne. Sucht die junge Frau dort nach ihrem Baby, das ihr Freund verkauft hat, so folgt Rahima ihrem kleinen Bruder, der ihr langsam abhandenkommt.
Children of Sarajevo. Regie: Aida Begic. Bosnien-Herzegowina 2012. Ab 28. März 2013 in Deutschschweizer Kinos