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von Esther Levy, Gymnasiallehrerin
Adelbert von Chamissos Novelle «Peter Schlemihls wundersame Geschichte» ist heute noch aktuell und eine lohnende Lektüre.
In einer 9. Klasse eines Hamburger Gymnasiums besprach ich mit den Schülern zunächst die bekannte Ballade «Das Riesenspielzeug» von Chamisso. In der Ballade aus dem Jahr 1831 geht es darum, dass die Tochter des Burgherren Niedeck im Elsass, der als Riese beschrieben wird, beim Spielen einen Bauern entdeckt, der seine Felder bestellt. Sie hält ihn für Spielzeug und nimmt ihn mitsamt Pflug und Pferd mit nach Hause. Dort wird sie von ihrem Vater streng zurechtgewiesen. Er befiehlt seiner Tochter, den Bauern wieder dahin zu tragen, wo sie ihn hergenommen hat, und zwar «ohne Murren». Denn, so erklärt er ihr, ohne den Bauern und seine Arbeit auf dem Feld hätten auch die Riesen kein Brot zu essen.
Ich erarbeitete mit den Schülern zwei Themen dieser Ballade: Zunächst die Belehrung des Riesenmädchens, denn es handelt aus Unwissen und Neugier unüberlegt und selbstsüchtig. Durch die Zurechtweisung des Vaters merkt das Mädchen, dass es einen Fehler gemacht hat. In der Aufforderung des Vaters, den Bauern zurückzubringen, wird deutlich gemacht, dass Kinder erzogen und belehrt werden sollen, damit sie sich im späteren Leben richtig verhalten können. Darüber hinaus habe ich mit den Schülern über die Bedeutung der Bauern gesprochen. Die Schüler waren sich einig, dass alle Menschen auf die Arbeit der Bauern angewiesen sind. Sie vermuteten, dass der Verfasser Adelbert von Chamisso sozial eingestellt war.
In der anschliessenden Stunde begannen wir gemeinsam mit der Lektüre des «Schlemihls». Die Geschichte des armen jungen Mannes, der in einer Hafenstadt ankommt und sich nichts sehnlicher wünscht, als zu schnellem Reichtum und zu Anerkennung in der Gesellschaft zu finden, machte die Schüler gespannt. Die Sprache war für sie zum Teil nicht einfach zu verstehen, aber Begriffe und inhaltliche Fragen zum Text klärten wir immer wieder zusammen. Die Handlung der Geschichte ist folgende:
Peter Schlemihl trifft in einer reichen Gesellschaft einen seltsamen Mann, der alle materiellen Wünsche der Anwesenden sofort erfüllt. Ihm bietet er für seinen Schatten unerschöpflichen Reichtum in Form des Fortunati Glückssäckel an. Dies ist ein Säckel, der mit Goldstücken gefüllt ist und sich niemals leert. Geblendet von der Gier nach Geld und Ansehen, geht Schlemihl auf den Tausch ein. Im weiteren Verlauf erfährt der Leser jedoch, dass er auf Grund des fehlenden Schattens von seinen Mitmenschen gemieden und verspottet wird. Er ist nun ein reicher Mann, findet aber keinen Anschluss an eine Gemeinschaft, seine Liebe zu Mina scheitert. Nur ein treuer Diener hält zu ihm. Nach einem Jahr bietet der Teufel ihm einen erneuten Handel an, den Schatten gegen seine Seele einzutauschen. Schlemihl lehnt dies ab, er wirft den Glückssäckel weg, verzichtet auf das Geld und gelangt durch Zufall in den Besitz von Siebenmeilenstiefeln. Diese tragen ihn schnell von einem Teil der Erde zum anderen. Er findet schliesslich sein Glück und seine Lebenserfüllung in einem tätigen Leben als Naturforscher.
Nachdem wir die Novelle ganz gelesen und alle die Handlung verstanden hatten, erörterten die Schüler Themen, die ihrer Meinung nach in dieser Novelle angesprochen werden:
• Wer kein Geld hat, wird als minderwertig betrachtet.
• Wenn man anders ist, wird man ausgeschlossen.
• Lebenseinstellung: Nur an das Materielle denken und nicht an das, was wichtig ist im Leben.
• Liebe, Freundschaft, Treue.
• Geld kann einem den Verstand verdrehen.
• Bedürfnis, in die Gesellschaft aufgenommen zu werden.
Ich fragte die Schüler bei ihren Aussagen, wo das in der Novelle stehe.
Bei der Feststellung, dass die Aussicht auf schnelles Geld «einem den Verstand verdrehen kann», wie eine Schülerin sagte, bezog sie sich auf das Gespräch zwischen Schlemihl und dem seltsamen grauen Mann zu Beginn der Novelle. Schlemihl findet diesen Mann, der alles hervorzaubern kann, unheimlich, lässt sich aber dann doch auf den Handel mit ihm ein. In der Novelle heisst es: «‹Fortunati Glücksseckel›, fiel ich ihm in die Rede, und wie gross meine Angst auch war, hatte er mit dem einen Wort meinen ganzen Sinn gefangen. Ich bekam einen Schwindel, und es flimmerte mir wie doppelte Dukaten vor den Augen.»1 Die Schülerin sagte: «Schlemihl war in diesem Moment geflashed, so wusste er nicht, was er tat.»
Immer wieder rätselten die Schüler über die Bedeutung des Schattens in der Novelle. Ein Schüler schlug vor: «Er steht dafür, in die Gemeinschaft integriert zu sein.»
Indem die Schüler einzelne Personen näher beschrieben, merkten sie, wie aktuell diese Geschichte ist. Eine Schülerin charakterisierte in ihrer Arbeit Schlemihls Diener so:
«Bendel, dessen Name ein sprechender Name ist, der ‹Band› bedeutet, bindet sein Schicksal an das von Schlemihl. Dies bedeutet, dass er ihm sehr treu ist und immer für ihn da ist und ihm hilft, ihn versteht. Er bleibt auch bei ihm, als er erfährt, dass dieser keinen Schatten hat, denn es ist ihm nicht wichtig, was die anderen denken. Für ihn sind das Ansehen in der Gesellschaft, der Reichtum ohne Bedeutung. Daher ist Bendel das komplette Gegenteil von Schlemihl, dem dies am Anfang sehr wichtig ist. Schlemihl ist eigennützig, denkt nur an sein eigenes Wohl. Da ist Bendel ganz anders, da er am Ende mit dem Geld, das ihm Schlemihl schenkt, sich nicht allein daran bereichert, sondern er baut mit Minas Hilfe ein Hospital für Kranke auf. Er ist ein sozialer Mensch, der sich um das Wohlergehen seiner Mitmenschen sorgt.»
Die Schüler kamen zu dem Schluss, dass solche Werte und Verhaltensweisen heute noch wichtig sind.
Die Aktualität dieser Novelle betont der Literaturwissenschaftler Winfried Freund, der im Zusammenhang mit Schlemihl auf die Individualpsychologie Alfred Adlers hinweist.2 Freund schreibt, zu Beginn der Novelle sei Schlemihl von egoistischem Geltungsstreben beherrscht, auf Grund seiner Erfahrungen wachse dann sein Bewusstsein des Gemeinschaftsgefühls. Er zitiert Adler:
«Der Mensch ist eine ausserordentlich empfängliche Basis für Minderwertigkeitsgefühle aller Art. In dem Moment, da ein Minderwertigkeitsgefühl auftritt, beginnt eigentlich erst der Prozess seines Seelenlebens, die Unruhe, die nach einem Ausgleich sucht, die nach Sicherheit und Vollwertigkeit verlangt.»3 In einem weiteren Zitat heisst es: «Wir können einen Menschen nicht anders beurteilen, als indem wir die Idee des Gemeinschaftsgefühls an seine ganze Haltung, an sein Denken und Handeln heranbringen und es daran messen. Dieser Standpunkt ist uns deshalb gegeben, weil die Stellung jedes Einzelnen innerhalb der menschlichen Gesellschaft ein tiefes Gefühl für die Zusammenhänge des Lebens erfordert.»4
Schlemihl gelange, so Freund, zu der Selbsterkenntnis, zur Einsicht in die soziale Natur des Menschen. Im zweiten Teil der Novelle werde deutlich, dass nicht das Geld, sondern das auf die Gemeinschaft bezogene Handeln im Vordergrund stehe. Schlemihl ziehe aus seinen Fehlern den Schluss, in der Forschung der menschlichen Gesellschaft zu dienen.
Bei Adler lesen wir:
«… wenn wir uns bewusst sind, dass es durch eine vertiefte Selbsterkenntnis möglich ist, uns selbst entsprechender zu verhalten, dann ist es auch möglich, auf andere, insbesondere auf Kinder mit Erfolg einzuwirken und zu verhüten, dass ihr Schicksal blindes Fatum wird … Wenn wir das zustande bringen, dann hat die Kultur der Menschheit einen entscheidenden Schritt nach vorwärts getan, und es besteht die Möglichkeit, dass eine Generation heranwächst, die sich dessen bewusst ist, selbst Herr ihres eigenen Schicksals zu sein.»5
Eine Schülerin meinte über die Entwicklung Schlemihls: «Es war also nicht nur negativ, dass Schlemihl keinen Schatten mehr hatte. Dadurch hat er sein Inneres gefunden und gelernt, die wichtigen Eigenschaften des Menschen zu schätzen.»
Ein anderer Schüler schreibt über die Bedeutung des Gemeinschaftsgefühls in dieser Novelle:
«Die Novelle zeigt, dass der Einsatz für die Gemeinschaft einen erfüllt und glücklich macht. Nur so kann eine Gesellschaft auch funktionieren. Wenn nämlich jeder nur an sein eigenes Wohl denkt, alle nur auf sich selbst bezogen sind, dann ist es doch eine furchtbare Welt voller Hass und Neid. Es ist doch auch schön, andere glücklich zu sehen, zu wissen, dass man ihnen, wenn es nur eine kleine Tat ist, etwas Gutes getan hat. Wenn es auch so Einrichtungen wie das in der Novelle von Bendel und Mina gegründete Hospital gibt, dann gibt es auch mehr Zusammenhalt, da man gemeinsam helfen will.»
Zu Chamissos Leben stellte ich kleinere Texte zusammen, so dass die Schüler Parallelen zwischen Chamisso und Peter Schlemihl in der Novelle entdecken konnten. Hier seien nur einige Aspekte aus Chamissos wechselreichem Leben erzählt:
Adelbert von Chamisso (1781–1838)wurde in einer adligen Familie in Frankreich auf einem Schloss geboren. Die Familie musste während der Französischen Revolution flüchten. Mit 14 Jahren kam er nach Berlin. Chamisso litt in Berlin unter einer franzosenfeindlichen Stimmung, obwohl er gute Freunde gefunden hatte. Bei Besuchen in Frankreich fühlte er sich auch ausgeschlossen. 1811 lebte er eine Weile als Gast bei Madame de Staël, die vor Napoleon aus Frankreich in die Schweiz geflüchtet war. Dort entwickelte er seine Leidenschaft für die Botanik.
Zurückgekehrt nach Berlin zog er 1813 nicht in den Krieg gegen Napoleon. Er wollte, so schrieb er, nichts niederbrennen und niemanden massakrieren. Wer sagte ihm denn, dass «die Völker nicht den Zwist der Könige, sondern die Könige den Zwist der Völker führten».6
So verbrachte Chamisso einige Monate in dem brandenburgischen Dorf Kunersdorf im Oderbruch. Die Familie des Staatsrats Itzenpliz, der als hervorragender Landwirt bekannt war, und die weltoffenen märkischen Adligen nahmen den verarmten französischen Gast auf. Chamisso beschäftige sich mit der Botanik und machte sich auf den Gütern seiner Gastgeber nützlich. In den Mussestunden schrieb er «Peter Schlemihls wundersame Geschichte». Nach der Niederlage Napoleons kehrte er nach Berlin zurück und beschäftigte sich mit seinen naturwissenschaftlichen Studien. Er las Rousseau, in dessen Schriften er sein Ideal verwirklicht sah: «Nur Bürger will ich sein, nur von wenigen gekannt, aber von wenigen geliebt.»7 In einem Brief schrieb er 1814: «Ich beschloss, mich dem Studium der Natur zu widmen, sobald ich erkannt hatte, dass ich hier (Berlin) ein Fremder bin, dort (Frankreich) durch meinen Hass gegen die Tyrannei vom öffentlichen Leben ausgeschlossen sei.»8
Für Chamisso wurde es wieder schwierig, als Napoleon im März 1815 von der Insel Elba zurückkehrte und die Mobilmachung der preussischen Armee erfolgte. In dieser Situation bewarb er sich als Naturforscher für die Teilnahme an einer russischen Expedition zur Erforschung des nördlichen Polarmeeres. Diese Expedition wurde für ihn eine dreijährige Forschungsreise um die Welt.
Eine Schülerin schrieb zu der Frage, welche Parallelen zwischen dem Autor Chamisso und der Figur Schlemihl deutlich werden:
«Selbst wenn Schlemihl erst nach Reichtum und Anerkennung in der reichen Gesellschaft sucht, findet er am Ende die Wahrheit über das Glück. Schlemihl interessiert sich für die Botanik wie Chamisso und beschäftigt sich bis zu seinem Tod damit. Ausserdem haben beide eine schwarze Kurtka getragen. Am Ende haben beide die gleiche Auffassung, was wichtig ist im Leben: einem Traum nachzustreben, sich eine Aufgabe zu suchen und der Gesellschaft weiterzuhelfen. Sie wissen beide, dass manche Sachen die Gesellschaft zerstören, der Drang nach Reichtum und einem guten Status, und dass Kriege nicht die richtige Weise sind, Probleme zu lösen.»
Ich denke, dass die Beschäftigung mit dem Leben von Adelbert von Chamisso und seinem Werk in vielerlei Hinsicht sehr lohnenswert ist. Die Werte, die er in seinem Werk vermittelt, gilt es auch heute zu leben. Es macht immer wieder Freude, mit Schülern im Deutschunterricht diese wichtigen Themen zu besprechen. •
1 Adelbert von Chamisso. Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Frankfurt am Main 2012, S. 23
2 Winfried Freund. Chamisso, Peter Schlemihl, Geld und Geist. Paderborn 1980
3 Alfred Adler. Menschenkenntnis. Zitiert nach Freund, a.a.O., S. 85
4 Ebda., S. 85
5 Ebda., S. 85, 86
6 Werner Feudel, Adelbert von Chamisso, Leipzig 1988, S. 69
7 Ebda., S. 86
8 Ebda., S. 86, 87
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