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Die Zahlen sind atemberaubend – im wahrsten Sinn des Wortes: 973 von 1’000 Menschen auf der Erde atmen regelmässig Schadstoffe ein. Diese Statistik hat das «Air Quality Life Index»-Projekt der Universität von Chicago letzten Monat veröffentlicht. Und dieser AQLI gilt als der Goldstandard der weltweiten Luftqualitäts-Forschung. Die neusten Ergebnisse berücksichtigen die von der Weltgesundheitsorganisation im letzten Herbst abgesenkten Grenzwerte von zehn auf fünf Mikrogramme Partikel Feinststaub pro Kubikmeter Luft.
Es überrascht nicht, dass die Luftqualität in armen Ländern, wo sich die Industrialisierung erst im Aufbau befindet, schlechter ist. Doch auch in wohlhabenderen Gegenden ist der Anstieg dramatisch. In den USA etwa lagen die Zahlen vor der neuen WHO-Regelung bei rund acht Prozent, neu sind es 93 Prozent. Und in Europa stieg die Zahl von 47 auf 95,5 Prozent. Kein einziges Land der Welt genügt heute den WHO-Standards, einzig drei kleinere Inseln verfügen über das, was als gesunde Luft gilt.
Aber wie ungesund ist ungesunde Luft wirklich? Die Luft ist nicht überall gleich ungesund, aber global gesehen sind die Auswirkungen besorgniserregend.
- Geschätzte zehn Millionen Menschen sterben jedes Jahr daran.
- Gegen acht Millionen dieser Todesfälle werden der Luftverschmutzung aufgrund fossiler Brennstoffe zugeschrieben. Das ist jeder fünfte Todesfall.
Auch wenn sich die Schätzungen unterscheiden, kommen alle auf Millionen. Jedes Jahr fordert schlechte Luft um die zehn Millionen Opfer, das sind 100 Millionen in einem Jahrzehnt und 400 Millionen während einer durchschnittlichen Lebenszeit. «Es sind unfassbare Zahlen», schreibt David Wallace-Wells in der «New York Times». Wallace ist Autor des Buches «The uninhabitable Earth».
Dennoch taucht Luftverschmutzung kaum je als offizielle Todesursache in den Statistiken auf. Kein Arzt schreibt «Luftverschmutzung» als Todesursache auf die Todesbescheinigung. In Grossbritannien, wo jährlich geschätzte 40’000 Menschen an den Folgen schlechter Luft sterben, wurde Luftverschmutzung im Jahr 2020 zum ersten Mal als Todesursache bei der neunjährigen Ella Adoo-Kissi-Debrah festgehalten, die an Asthma starb. Der Tod dieses Mädchens hat ein neues Gesetz angestossen. Ellas Gesetz gesteht jetzt Britinnen und Briten das Recht auf gesunde Luft zu.
Zwei Drittel der Weltbevölkerung atmen Luft, die mit mehr als 25 Mikrogramm Schadstoffen per Kubikmeter belastet ist. Das ist fünf Mal höher als der neue WHO-Grenzwert. In Indien würde laut AQLI die Einhaltung der neuen Werte die Lebenserwartung einer Milliarde Menschen um mehr als fünf Jahre verlängern. In Delhi sogar um zehn Jahre.
Wie bei allen Schadstoffbelastungen geht es auch bei schlechter Luft nicht nur um die Letalitätsrate. Belastete Luft verursacht eine ganze Reihe von Leiden: Atemwegserkrankungen, Herzkrankheiten, Krebs, Schlaganfälle, Alzheimer, Parkinson, Demenz… Die Liste ist lang. Dazu kommen kognitive Defizite, eingeschränktes Erinnerungsvermögen und Sprache, Frühgeburten und niedrige Geburtsgewichte, ADHS und Autismus, Geisteskrankheiten, Depressionen, Selbstmorde.
Laut dem «State Global Air Report 2021», sterben jährlich eine halbe Million Neugeborene an Luftverschmutzung. Das entspricht einem Fünftel aller Todesfälle. In Südasien fordert sie laut dem Wissenschaftsmagazin The Lancet geschätzte 349’000 Totgeburten und Fehlgeburten pro Jahr, mehr als eine in 15 Schwangerschaften. In Indien werden rund 100’000 Todesfälle bei Neugeborenen der Luftverschmutzung zugeschrieben. Es gibt andere Studien, die rund sechs Millionen Frühgeburten berechnen und gegen drei Millionen untergewichtige Neugeborene pro Jahr.
Dass Gegenmassnahmen durchaus etwas bewirken, zeigt Der «Clean Air Act», der in den USA aufgrund der Luftverschmutzung eingeführt wurde. Er rettet geschätzte 370’000 Leben jährlich. Und China, wo zwischen 2000 und 2016 über 30 Millionen Todesfälle der extrem schmutzigen Luft zugeschrieben wurden, hat die Verschmutzung um fast die Hälfte gesenkt. Damit ist die durchschnittliche Lebenserwartung um rund zwei Jahre gestiegen. Dennoch stirbt immer noch etwa eine Million Menschen jedes Jahr daran. Ähnliche Zahlen gelten für den Afrikanischen Kontinent, der wesentlich weniger dicht bevölkert ist.
Der Ausstieg aus der Verbrennung fossiler Treibstoffe dürfte grosse Wirkung zeigen. Luftverschmutzung scheint etwa gleich viele Todesfälle zu verursachen wie Krebs, zu dem sie beiträgt. Aber weniger als Herzkrankheiten, die sie ebenfalls mitverursacht. Anders als gesundheitsschädigenden Faktoren wie Alkohol oder Tabak kann ihr fast niemand entgehen.
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Dieser Artikel fasst einen Beitrag von David Wallace-Wells in der «New York Times» zusammen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.