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Vor 25 Jahren zerfiel die UdSSR. Heute wird die Sowjetzeit vor allem in Russland gern verklärt. Hoch im Kurs steht insbesondere die repräsentative Architektur der Stalin-Ära. Gedanken aus raumplanerischer Sicht.
In Moskau ist ein Stadtspaziergang zu den Prunkbauten des sozialistischen Klassizismus ein Highlight jedes touristischen Programms. Die Zwölfmillionenmetropole würde heute ganz anders aussehen, hätte Josef Wissarionowitsch Stalin – wie viele Despoten – nicht vom Beginn bis zum Ende seiner drei Jahrzehnte währenden Schreckensherrschaft versucht, die Hauptstadt seines Reichs nach eigenen Vorstellungen umzugestalten.
Schon kurz nach dem Tod Lenins 1924 tat sich der neue Machthaber mit dem Vorschlag hervor, dem Staatsgründer eine 100 Meter hohe Statue zu widmen – als «Krone» des geplanten Palasts der Sowjets. Mit 415 Metern sollte das projektierte Politik- und Kulturforum als höchstes Gebäude der Welt die Überlegenheit des Sozialismus veranschaulichen. Das gewaltige Bauvorhaben aus der Feder des Architekten Boris Iofan hätte an der Stelle der 1932 gesprengten Christus-Erlöser-Kathedrale nicht nur den nahen Kreml als neues Zentrum Moskaus überstrahlt – es wäre zum Mittelpunkt der Sowjetunion, ja der gesamten «progressiven Welt» geworden.
Kulissen für Aufmärsche und Paraden
Zur Realisierung gelangte jedoch nur das Fundament, denn bei Ausbruch des «Grossen Vaterländischen Kriegs» 1941 wurde das Projekt stillgelegt und danach nicht wieder aufgenommen. Die Idee einer städtebaulichen Umgestaltung Moskaus trieb man dennoch voran, basierend auf dem «Generalplan zur Stadterneuerung» von 1935. Dazu gehörte eine grundlegende Modernisierung Moskaus. In heute nicht mehr vorstellbarer Geschwindigkeit wurde das Stadtgebiet durch Eingemeindungen mehr als verdoppelt und der Bau des weitläufigen Metronetzes in Angriff genommen. Man schuf ausgedehnte Grün- und Erholungsflächen, verbesserte die Wasserversorgung und machte die beiden Flüsse Moskwa und Jausa schiffbar. 200 000 BauarbeiterInnen mussten diesen Generalplan umsetzen – die meisten von ihnen waren Häftlinge, Opfer von Stalins «Säuberungen».
Der brachiale Umgang mit der gewachsenen Stadtstruktur Moskaus lag weniger in technischen Notwendigkeiten als in der Gigantomanie des Diktators begründet. Die zentrale Strasse Moskaus, die Gorki-Strasse, wurde von ursprünglich siebzehn auf bis zu siebzig Meter verbreitert und durch prunkvolle Gebäude neu gefasst: erwünschte Kulissen für Aufmärsche und Paraden. Stalins Planer sahen auch vor, den Roten Platz auf die doppelte Grösse zu erweitern, wozu das berühmte Kaufhaus GUM, das daran anschliessende Stadtviertel und sogar die Basilius-Kathedrale geschleift werden sollten. Um diese Umbrüche dem Volk «verständlich» zu machen, organisierte die staatliche Propaganda Vorträge der Architekten, Ausstellungen mit farbenprächtigen Plänen und aufwendigen Modellen, aber auch Exkursionen zu den Baustellen. Verhindert wurde die vollständige Demolierung des alten Moskau paradoxerweise nur durch den Zweiten Weltkrieg.
1947 beschloss Stalin, Moskau an acht ausgewählten Standorten mit Hochhäusern zu versehen. Die Stadt war durch die höhere Bebauung nicht nur wichtiger Orientierungspunkte, sondern auch ihrer einst malerischen Silhouette beraubt, nachdem rund 400 Kirchen und Klöster abgerissen worden waren. Stattdessen sollten nun Wolkenkratzer an topografisch exponierten Stellen das Relief Moskaus verdeutlichen und an den Schnittpunkten der breiten Verkehrsschneisen die neue Stadtstruktur ersichtlich machen. Stalin, der die Sowjetunion mittlerweile im Wettstreit mit den USA sah, forderte, dass die Bauten keine Kopien ausländischer Hochhäuser sein dürften, sondern von russischer Architekturtradition geprägt sein müssten.
Wiederaufbau zerstörter Städte
Der herausragendste der sieben ab 1949 realisierten Türme ist zweifellos der Komplex der Lomonossow-Universität auf den Leninbergen (heute: Sperlingsberge) im Südwesten der Stadt. Das mehrgliedrige, 240 Meter hohe Gebäude von Lew Rudnew wurde zur Dominante des neuen Moskau. Rudnew hatte mit einem in den dreissiger Jahren erbauten Regierungsgebäude im kaukasischen Baku jenen «sowjetischen Stil» kreiert, der heute auch verächtlich als «Zuckerbäcker-Architektur» bezeichnet wird. Der gebürtige Kaukasier Stalin – der wie Hitler die klassische Moderne ablehnte – war damals derart begeistert von der Monumentalität und dem reichen, plastischen Dekor, dass er Rudnews Architektur zur Maxime erhob, um sowjetische Grossstädte zu modernen Metropolen auszubauen.
Allgemein dominierten bei Stalins Bauten Grösse und Form über Zweckmässigkeit und Funktion: Die imposante Lomonossow-Universität zeichnet sich im Inneren durch immens lange Wege aus. Und die neu geschaffenen, überbreiten Boulevards blieben jahrzehntelang fast leer, da ein massenhafter motorisierter Individualverkehr politisch gar nicht gewollt war. Im Wohnbau wiederum errichtete man grosszügige Einfamilienwohnungen mit hohen Räumen, die sich in der Praxis aber vier bis fünf Familien teilen mussten.
Aus heutiger Sicht wirken die realitätsfremden Grossprojekte, als hätte man bewusst vom damaligen Alltag mit seinen enormen wirtschaftlichen und sozialen Problemen ablenken und gleichzeitig eine scheinbar nahe und bessere Zukunft verheissen wollen, die dann doch nicht erreicht werden konnte. Das Utopische der stalinistischen Architektur war allerdings nicht so sehr die Form, denn die war früheren Epochen entlehnt. Die Utopie lag darin, gebaute Räume mit Vorstellungen zu besetzen, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hatten.
Dennoch oder gerade deshalb wurden die in Moskau erprobten Planungsprinzipien auf die gesamte Sowjetunion übertragen – auch nach dem Krieg, der das halbe Land verwüstet hatte. Bereits in den dreissiger Jahren begann die Ausbeutung der reichen Kohle-, Öl- und Erzlager sowie die Verarbeitung dieser Rohstoffe östlich der Wolga wie auch in der Ukraine – stets verbunden mit stalinistischen Stadtgründungen.
Als Erstes entstanden freilich stets die Industriekombinate, während die ArbeiterInnen noch in Baracken hausten. Ob in Donezk, Kusnezk, Murmansk oder im städtebaulichen Paradebeispiel Magnitogorsk – die Wohnungen, Schulen und Spitäler, Parks, Kultur- und Sporteinrichtungen dieser neuen Städte wurden immer erst im Nachhinein errichtet. Doch auch das ist nur die halbe Wahrheit der propagandistisch verklärten Urbanisierung der Sowjetunion: Weite Teile des nördlichen Russland und Sibirien liess Stalin nicht durch heldenhafte ProletarierInnen, sondern durch ein Heer von ZwangsarbeiterInnen kolonisieren, die unter unvorstellbaren Bedingungen den wirtschaftlichen Aufschwung des jungen Staats ermöglichten.
Urbanistische Zwangsbeglückung
Nach 1945 standen der Wiederaufbau der zerstörten Städte sowie der Umbau der wichtigsten Zentren der Sowjetunion an. Und es galt, den sowjetischen Stil auch in die neuen Bruderstaaten zu exportieren: Das Prinzip der Gorki-Strasse fand in der Warschauer Marschalkowskaja ebenso Anwendung wie in der Berliner Stalin-Allee. Und so wie der Kulturpalast im Zentrum der polnischen Kapitale, hätte auch in der Hauptstadt der DDR ein Hochhaus Marke Rudnew entstehen sollen: an der Stelle des gesprengten Berliner Stadtschlosses. Während die urbanistische Zwangsbeglückung im Stil des «Stalin-Empire» damals von vielen als Insignie des sowjetischen Imperialismus empfunden wurde, rezipieren mittlerweile selbst westeuropäische Architektur- und PlanungstheoretikerInnen den Städtebau und die Ästhetik der heutigen Karl-Marx-Allee im Osten Berlins oder des wiedererrichteten Zentrums von Minsk durchaus positiv.
Der Gestaltungsdrang der Stalin-Ära beschränkte sich freilich nicht auf Architektur allein: Zeittypische Malereien und Mosaike schmücken die palastartigen Stationen der Moskauer Metro. Passend zu den Prunkbauten entwarf man auch das Interieur – meist sehr schwere, dunkle Möbel. Selbst um alltägliche Gebrauchsgegenstände kümmerten sich die stalinistischen Designer – darunter Geschirr, das mit Darstellungen des geplanten Sowjetpalasts, mit Flugzeugen oder Armeeaufmärschen dekoriert war. Auch die ersten sowjetischen Limousinen der Marke Cajka stammen aus dieser Zeit. Man kann also durchaus von einem stalinistischen «Gesamtkunstwerk» sprechen.
Dieser Luxus fand mit dem Tod des Diktators 1953 und der Offenlegung seiner Schreckensbilanz durch Chruschtschow ein jähes Ende. Schon zu Stalins Lebzeiten gab es viel zu wenige Wohnungen – nun, da Millionen von politischen Gefangenen aus den Straflagern entlassen wurden, drohte dem Land eine massenhafte Obdachlosigkeit. Chruschtschow wandte sich von jeglicher Baukunst ab und setzte auf die Standardisierung und Industrialisierung des Bauens, um rasch und kostengünstig Versäumtes nachzuholen. Laufende Grossprojekte, die er von seinem Vorgänger geerbt hatte, wurden vielfach eingestellt. Das Fundament des Sowjetpalasts im Zentrum Moskaus etwa diente fortan als öffentliches Schwimmbad.
Das ehrgeizigste Projekt Stalins
Heute stehen die «Stalinkas» aus den dreissiger bis fünfziger Jahren selbst bei der Bevölkerung wieder hoch im Kurs, zumal danach eigentlich nur noch minderwertig geplant und gebaut wurde. Im Gegensatz zu den uniformen und mangelhaften Plattenbauten der sechziger bis achtziger Jahre sowie zur Billigarchitektur vieler spekulativer Projekte in Anlehnung an schlechte westliche Vorbilder seit 1991 erfreuen sich die grosszügigen und soliden Ziegelbauten der Stalin-Zeit am russischen Wohnungsmarkt reger Nachfrage, insbesondere bei einer zahlungskräftigen Klientel. Von der Geschichte revidiert wurde hingegen das ehrgeizigste Projekt Stalins: Die Fragmente des Palasts der Sowjets liessen die MoskauerInnen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion endgültig abtragen – um die Christus-Erlöser-Kathedrale originalgetreu wieder zu errichten.
Reinhard Seiss (46) ist Raumplaner, Filmemacher und Fachpublizist in Wien sowie Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung.