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Wie der rote Bazillus nach Zürich Wiedikon fand
Aufgrund meines Studiums habe ich in den letzten Monaten viel Zeit im Sozialarchiv verbracht. Aus Neugier bestellte ich ein paar Archivschachteln der SP 3. Als Erstes fiel mir eine Broschüre von 1993 in die Hände. Diese wollte die neuen Bewohner des Gehrenholz- und Tiergartenquartiers über die SP 3 informieren. Von einem Thomas Marthaler liest man da, der „mit zwanzig die ganze Gesellschaft subito verbessern wollte“, sich mit 27 aber etwas mässigte und der SP beitrat. Auch nach dem Lesen des kurzen Lebenslaufs von Elsy Bisig-Herzig würde ich gerne mehr über sie erfahren. So entstand die Idee, mit ein paar Blitzlichtern zurückzuschauen auf unsere Geschichte. Ich möchte in einer kleinen Serie jeweils einem Dokument, einer Person, oder einem bestimmten Ereignis genauer nachgehen und euch davon berichten.
Unser Gründungsmoment
Den Anfang macht -wie trivial- unser Gründungsmoment. In einem kleinen Heft von 1925 feierte die SP 3 ihr 20-jähriges Bestehen und der damalige Vorstand blickte auf die Anfangszeit der jungen Partei zurück: „Schon vor der Stadtvereinigung [1893] und hauptsächlich aber seither siedelten sich immer mehr Leute in Wiedikon an und damit nistete sich auch der rote Bazillus in diesem ehemals ausschliesslich bürgerlichen Quartier ein, der trotz kräftigen Gegenmassnahmen nicht mehr zu vertreiben war.“
Weiter erfährt man, dass die sozialdemokratische Mitgliedschaft Wiedikon als Untergruppierung aus dem Grütliverein hervor ging. Der Grütliverein war ein nationaler Verein für Handwerksgesellen und Arbeiter im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhundert. Er ist mit den Anfängen der SP schweizweit eng verknüpft.
Das sozialdemokratische Tagblatt „Volksrecht“ war für viele Arbeiter unerschwinglich, da sie verpflichtet waren als Grütliverein-Mitglied den „Grütlianer“ zu erwerben. Um dem „Volksrecht“ mehr Gehör zu verschaffen, stellte ein Jean Briner den Antrag den „Grütlianer“ für fakultativ zu erklären. Dies wurde im Grütliverein auf nationaler Ebene „mit grossem Mehr abgelehnt. Hierauf stellte Briner den Antrag, neben dem Grütliverein eine Sozialdemokratische Mitgliedschaft mit schärferer Linksrichtung zu gründen.“ Auch laut den weiteren Ausführungen der Genossen im Vorstand von 1925 war Jean Briner die zentrale Gründungsfigur unserer SP Sektion 3. Er war der erste Präsident und er sollte zwischen 1928 und 1942 als Stadtrat und zwischen 1926 und 1943 als Nationalrat bekannt werden. Im Online-Archivkatallog des Sozialarchivs finden sich denn auch Tonaufnahmen und Bilder von Jean Briner.
Unsere Gründerväter
Und so kommt man dem Bild von unseren Gründervätern, welches unkommentiert im ersten Protokollbuch klebt, etwas genauer auf die Spur. Der junge Mann in der Mitte (dritter von rechts) ist Jean Briner. Und die Zeitung, welche auf dem Tisch ausgebreitet ist, nimmt wohl daher so viel Platz ein, weil sie den Ausschlag für die Gründung gab. Im Nachhinein wurde mit Bleistift das linke Auge von Jean Briner nachgezeichnet und die Zeitung mit dem Titel „Vorwärts“ versehen. Aber hat der/die Nachbessernde etwas verwechselt? Es war doch laut unserer Genossen von 1925 das „Volksrecht“?
Der erste Vorstand, wie er sich auf dem Bild präsentiert, bestand laut dem Beitrag zu Geschichte von 1925 aus:
Jean Briner; Präsident; August Strebel, Vizepräsident; Jakob Kopp, Aktuar; F. B. Göcking, Sekretär; Rinderknecht, Kassier; U. Koch, Stellvertreter des Sekretärs; O. Bürgi, Bibliothekar
Aber wer ist wer? Und wer fehlt? Diese Fragen bleiben leider offen.
Sozialdemokratische Frauengruppe
Mit dem Gründungsmoment ist es so eine Sache. Unsere Jubiläen orientieren sich am Jahr 1905, als die sozialdemokratische Mitgliedschaft innerhalb des Grütlivereins gegründet wurde. Aber erst mit dem Austritt des Grütlivereins aus der Kreispartei Zürich 3 1916, wurden die Sozialdemokraten als Alleinerben eine eigenständige Partei. Komplett war die Partei jedoch noch nicht. Denn erst „am 2. März 1918 erfolgte die Gründung der sozialdemokratischen Frauengruppe mit Lina Gubler als Präsidentin, nach dem ein Jahr zuvor das Verhältnis zum damaligen Arbeiterinnenverein nicht die erwartete günstige Auswirkung gezeitigt hatte. Unsere Frauengruppe, wohl eine der rührigsten im Lande, darf hier ein besonderes Kränzchen der Anerkennung und des Dankes gewidmet werden für die umsichtige und zielsichere Arbeit, die sie seit ihrer Gründung auf dem ihr zugewiesenen Spezialgebiet der Aufklärung und Bildung der Genossinnen leistete. Näher auf ihre Tätigkeit einzutreten, so verlockend es wäre, gestattet uns der zur Verfügung gestellte Raum nicht.“
Zehn Zeilen in einer 15-seitigen Jubiläumsschrift. Na das ist aber grosszügig, liebe Genossen.