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Dies ist (noch) keine Legende, sondern eine wahre Geschichte über den grossen Häuptling Penon – die allerdings alle Komponenten besitzt, um vielleicht einmal zur Legende zu werden. Am 7. Februar 2011 starb im Dorf “Pedra Branca“ des Indianer-Territoriums der Krahô (Bundesstaat Tocantins) der grosse Häuptling Pedro Penon.
Vielleicht sollte man ihn besser den “Weisen Pedro Penon“ nennen. Eigentlich war er beides: ein grosser Häuptling seines Volkes während seiner Jugend und ein grosser, weiser Mann im fortgeschrittenen Alter. Er starb in einem Alter von ungefähr 95 Jahren – so wie die Weisen dieser Welt zu sterben pflegen: er verlosch langsam, wie die Flamme einer Kerze, und bis zu seinem letzten Atemzug gab er seinem Volk gute Ratschläge.
Was ich von seinem Leben weiss, hat er mir selbst erzählt – in Gesprächsfragmenten, im Lauf unseres Zusammenlebens. Als er von seinem Volk auserwählt wurde, die Führung im Dorf Pedra Branca zu übernehmen – dem grössten der drei Krahô-Dörfer, die zu jener Zeit existierten – war er noch relativ jung. Gerade hatte er sein Studium in der Stadt Carolina (Bundesstaat Maranhão) begonnen. Er war damals einer der Wenigen, die schreiben und lesen konnten, vielleicht haben sie ihn deshalb gewählt. Sein Volk befand sich in einer prekären Situation zu jener Zeit. Gerade hatten sie ein furchtbares Massaker überstanden, ausgelöst von Viehzüchtern im Gebiet von Itacajá. Das war im Jahr 1940.
Die Regierung hatte Truppen geschickt, um die Verantwortlichen des Gemetzels zur Verantwortung zu ziehen und sprach von der Gründung einer “Inspetoria des S.P.I.“ (Indianerschutz) im Territorium der Krahô, das damals noch nicht demarkiert war. Das Volk war voll Furcht und ziellos – viele Dinge geschahen zur gleichen Zeit: Soldaten, Waldläufer, Indianerforscher, Journalisten, viele Versprechungen, die Regierung sprach von Demarkation des Krahô-Territoriums. Dieser chaotische Moment verlangte nach einem Führer, der in der Lage war, diese Probleme bis ins kleinste Detail zu verstehen – der es verstand, mit jenen Leuten zu reden und zu verhandeln. Vielleicht, weil Penon der einzige Krahô war, der zu der damaligen Zeit riskierte, ausserhalb seines Dorfes zu studieren, wählten sie ihn zu ihrem “Parrití“ (Chef des Dorfes), obwohl er eigentlich nach Krahô-Reglement noch zu jung dafür war.
Aber sie hatten gut gewählt – Penon wurde ein grosser Häuptling. Er führte die Demarkierung des Krahô-Territoriums an, das heute mit 320.000 Hektar wahrscheinlich die grösste Fläche im Mittleren Westen Brasiliens ist, auf der das Biom “Cerrado“ in seinem Originalzustand erhalten worden ist. Als Penon bemerkte, dass die Demarkierungsarbeiten nicht voran gingen, nahm er einen langen Marsch in die Stadt Goiânia unter seine Füsse, um von dort aus per Anhalter nach Rio de Janeiro zu reisen, wo es ihm schliesslich gelang, mit dem damaligen Präsidenten Getúlio Vargas über sein Anliegen zu reden.
Definitiv wurde die Demarkierung des Territoriums der Krahô erst im Jahr 1951 vollendet. Peron kontrollierte persönlich den Rückzug der unzähligen Landbesetzer, die sich auf dem Gebiet niedergelassen hatten, das jetzt offiziell den Krahô gehörte. Neben seiner Qualität als Führungspersönlichkeit, war Penon auch ein grosser Diplomat. Im Lauf der darauf folgenden Jahre vermittelte er unermüdlich zwischen den Agenten der Regierung, die tatsächlich einen Indianerschutz-Posten in ihrem Grenzgebiet errichtet hatten, und der regionalen Bevölkerung, verhinderte immer wieder Konflikte zwischen ihnen und seinem Volk. Mit der Zeit bekam er den Ruf eines energischen, ehrlichen und ernst zu nehmenden Mannes, der sein gegebenes Wort einlöst – sowohl bei den Vertretern der Regierung als auch unter der Bevölkerung der Region.
Penon blieb Chef von Pedra Branca bis zum Jahr 1985, als er diese Verantwortung an seinen ältesten Sohn übertrug. Am Tag der Übergabe stützte er sich auf einen Stock – mehr als Symbol, denn aus Notwendigkeit – und wurde von seinem Volk als “Mekore“ (Alter, weiser Mann) bestätigt.
Obwohl er nun offiziell unter die “Ältesten des Dorfes – die Senioren – gezählt wurde, vollbrachte er als alter Mann wahrscheinlich eine seiner grössten Heldentaten: 1987 führte er eine Gruppe junger Krahô-Krieger in die Stadt São Paulo, um die “Kyiré“ zurück zu holen, eine halbmondförmige Streitaxt aus Stein – eine den Krahô heilige Reliquie, die sich damals im paulistanischen Museum für Völkerkunde befand. Um seine Forderung durchzusetzen, blieb der alte Indianer drei Monate lang ununterbrochen in der Monsterstadt – alle seine Begleiter wechselten sich aus nach wenigen Tagen.
Penon hatte sich dermassen in die Rolle eines Krahô-Kriegers auf der Suche nach seiner kulturellen Identität hineinversetzt, dass ihm weder Kälte noch Hunger etwas auszumachen schienen – deshalb nannten ihn seine Begleiter bald “Ikran-ken“ – Kopf aus Stein. Aber er bekam schliesslich die begehrte Axt vom Museum. Zuhause begann er dann sofort mit einem Rekapitulierungsprozess unter der Jugend, betreffs der Geschichten und Gesänge, die mit der historischen Steinaxt verwoben sind.
Mit der Zeit erblindete der alte Penon – wegen eines Katarakts, der seine Iris bedeckte. Das andere Auge hatte er schon lange vorher verloren, wegen einer missglückten Operation, die von Studenten der Universität in Goiânia durchgeführt worden war. Deshalb weigerte er sich auch entschieden, sich erneut operieren zu lassen.
Der Prozess seiner Erblindung war dann vor etwa zehn Jahren definitiv abgeschlossen. Von da an bewegte er sich nur wenig, und wenn, benutzte er stets seinen alten Stock, um sich vorwärts zu tasten. Ein paar Jahre weiter begannen seine Gelenke zu versteifen, und er konnte nicht mehr gehen. Jedoch legte er absoluten Wert darauf, bei allen Versammlungen des Dorfes dabei zu sein – und wenn sie ihn dazu auf dem Rücken hintragen mussten. Und niemals lehnte er es ab, egal zu welcher Stunde auch immer, jedem, der ihn aufsuchte, die alten Geschichten seines Volkes zu erzählen.
In den letzten Jahren wurde er dann auch noch taub. Jedoch kein Zittern seiner Hände, kein Stöhnen, kein Unbehagen oder irgendwelche Reklamationen waren ihm anzumerken oder von ihm zu hören – es sei denn, dass sein Volk ihn nun nicht mehr wie früher aufsuchte – aber er wollte weitermachen, seinem Volk “com a garganta“ (mit der Kehle) helfen, wie er sich ausdrückte. Er starb still, ohne Aufhebens, so wie nur die Weisen zu sterben wissen.
Ich hatte die Ehre und das Privileg, ein Freund und Schüler Penons sein zu dürfen¹ – mehr als zwanzig Jahre meines Lebens. Ich verdanke ihm einen grossen Teil meiner gesammelten Erfahrungen und der Haltung in meinem eigenen Leben. Für mich ist er ein grosser Meister, und er selbst hat mir vor wenigen Jahren erzählt – als er bereits blind war und sich kaum noch bewegen konnte – dass er konstante spirituelle Visionen habe, in denen er mit “Papam“ (Gott) redete“.
Penon wird sich in einen Vogel, einen Nasenbär, ein Gürteltier, einen Baum oder einen Stern verwandeln in den langen Geschichten oraler Tradition seines Volkes – und von den sukzessiven Generationen durch die folgenden Jahrhunderte nicht vergessen werden.