Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03218.jsonl.gz/2726

An Nachrichten, die sprachliche Bilder beinhalten, erinnert man sich besser. Metaphern lösen Aktivitäten im Hirn des Empfängers aus. Wenn sie bewusst verwendet werden, kann ihre Wirkung auch in Fachtexten positiv genutzt werden.
Wenn eine Figur als „stark wie ein Löwe“ bezeichnet wird, werden beim Leser die Eigenschaften des Raubtiers abgerufen und auf den Beschriebenen übertragen. Die Wörter „bärenstark“ oder „lammfromm“ aktivieren eine grössere Hirnregion als „sehr stark“ oder „sehr fromm“, weil sie mehr Informationen enthalten: eine ganze Bild- und Erfahrungswelt. Bilder sind zudem mit Emotionen verknüpft.
Floskeln und tote Metaphern
Einige Bilder sind jedoch bereits so abgedroschen, dass sie nicht mehr wirken. Sie sind als Floskeln so oft verwendet worden, dass sie im Empfängerhirn keine Reaktion mehr auslösen. Sie sind in die Alltagssprache eingegangen, sodass wir sie nicht einmal mehr als Metapher erkennen. Es handelt sich dabei um „tote Metaphern“. Etwa: „das Gesicht verlieren“, „die Haare stehen einem zu Berge“, „bei Einbruch der Nacht“. Heute gibt diese Art von Metaphern vor allem Hinweis auf einen schlechten Text (denn ein guter Text ist präzise). Manche Metaphern sind sogar gängige Bezeichnungen geworden, etwa das „Tischbein“, der „Handschuh“ oder die „Warteschlange“.
Euphemistische Metaphern
Vor allem in tabuisierten Bereichen sind euphemistische Metaphern beliebt. Hierbei handelt es sich um Bilder, die einen Zustand besser wirken lassen, als er tatsächlich ist, indem sie vom Eigentlichen ablenken. Beispiele sind etwa „von uns gehen“ anstelle von „sterben“ oder „Hand an sich legen“ für „Selbstmord begehen“. Auch in der Politik oder in der Unternehmenskommunikation ist diese Art der Metaphorik verbreitet. Man denke an den Ausdruck „Kollateralschaden“ für „zivile Opfer“ im Krieg oder „Personenunfall“ für „Schienensuizid“ in der Kommunikation der Bahngesellschaften. Hier wird versucht, durch die Überlagerung mit einem positiven oder neutralen Bild die negativen Gefühle abzufangen.
Metaphern mit einer Richtung
Unter den Metaphern, die in die Alltagssprache eingegangen sind, gibt es auch solche, die in mehreren verschiedenen Ausdrücken vorkommen. Dabei handelt es sich um bestimmte Denkweisen oder Perspektiven. Ein Beispiel ist: „Gut ist oben.“ Dieses Bild zeigt sich etwa in den Ausdrücken „es geht aufwärts“, „den Höhepunkt bzw. Tiefpunkt erreichen“, „down sein“, „niedergeschlagen“, „uppers“, „im siebten Himmel“. Hierbei scheint es sich um eine Grundüberzeugung zu handeln, obwohl beispielsweise im Radsport Steigungen weniger angenehm sind als Abfahrten. Vielleicht steckt dahinter die protestantische Arbeitsethik. Allerdings hatten wohl bereits die Römer ein ähnliches Konzept, wie sich zum Beispiel im Sprichwort „per aspera ad astra“ zeigt.
Metaphern dekodieren
Um die Kraft der Metaphern nutzen zu können, sollte man sie bewusst einsetzen. Zunächst gilt es, Metaphern zu erkennen und sie danach genau zu analysieren. Wozu dient die Überlagerung der Bilder? Welche Eigenschaften werden vom Bild (etwa dem Bären) übernommen (die Grösse und die Stärke), welche nicht (dass sie einen Winterschlaf machen und in der Regel bloss 30 Jahre alt werden)? Ein Lamm ist sehr wahrscheinlich weder besonders sanftmütig noch besonders brav und ausserdem ein Herdentier, das gerne gegessen und/oder geopfert wird. Es gilt, „blinde Flecken“ zu suchen. Eigenschaften zu finden, die nicht zutreffen. Und stets zu hinterfragen, wozu das Bild dient. Zum Beispiel gibt es eine schöne Analyse des Begriffs „Verkehrsinsel“: Die Insel soll das künstliche Bauwerk als natürliches darstellen, das den „Verkehrsfluss“ garantiert. Die Metapher dient also dazu, das Bauwerk zu naturalisieren.