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Wirtschaft im Gespräch: Ökonom Dani Rodrik sucht spezifische Entwicklungsanreize
Er war über zwanzig Jahre Professor in Harvard, bevor er kürzlich an das Institute for Advanced Studies (IAS) nach Princeton wechselte. Von der Anerkennung, die Dani Rodrik unter Ökonomen geniesst, zeugt nicht nur eine 16 Seiten lange, beeindruckende Literaturliste, sondern auch seine zeitweise Tätigkeit als Mitherausgeber von so renommierten Zeitschriften wie dem «Journal of Economic Perspectives», dem «Journal of International Economics» oder seine Mitgliedschaft im Advisory Board der «Review of Economics and Statistics». Trotzdem sind Rodriks Arbeiten häufig unorthodox und tragen das Wort «rethink» im Titel.
Modelle als Fabeln
Er rate jüngeren Forschern jeweils, die gängige Meinung zu hinterfragen, sagt der 57-Jährige im Gespräch am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos. Um das zu können, müsse man aber zuerst die anerkannten Standard-Techniken der Volkswirtschaft beherrschen.
Ursprünglich in der Türkei als Sohn eines Selfmade-Geschäftsmanns aufgewachsen, war Rodrik der Erste in der Familie, der studierte, nachdem ihn der Vater an ein College in die USA geschickt hatte und er in Harvard zu Undergraduate-Studien zugelassen worden war. Dort sei er von der Bibliothek fasziniert gewesen. Mit mangelhaften Englischkenntnissen habe er in ihr zuerst ein sehr unsoziales Leben verbracht, erinnert sich Rodrik. Eigentlich habe er politische Sozialwissenschaften studieren wollen, weil er sich für Fragen von Demokratie und Entwicklung interessiert habe und habe wissen wollen, wieso einige Länder sehr erfolgreich seien und andere weniger. Doch dann habe er zum Glück gemerkt, dass man als trainierter Ökonom gut auch politisch relevante Fragen stellen kann.
Rodrik wirft Ökonomen der angewandten Wissenschaften vor, in der Öffentlichkeit oft unlauter Pauschalurteile zu vertreten. Er sehe jedes Modell wie eine Fabel, das mit seinen Annahmen eine Welt kreiere. Der gute Ökonom müsse auf die Umstände hinweisen und fähig sein, je nach Problemstellung zwischen den Fabeln hin und her zu springen. So sei etwa Freihandel im traditionellen Modell immer das Beste. Trotzdem habe in vielen Entwicklungsländern die Öffnung nicht funktioniert. Das liege auch an den dortigen, nicht perfekten Institutionen. So habe er beispielsweise in früheren Arbeiten zur Handelstheorie gezeigt, dass es in gewissen Situationen wohlstandsfördernder ist, wenn eine Regierung Restriktionen aufrechterhält und nicht durch Subventionen ersetzt.
Reale Wirtschaftspolitik bedeutet für Rodrik das Denken in «second-best-solutions». Er ist der Überzeugung, dass meist aus zweitbesten Situationen das Beste gemacht werden sollte. Das gelte genauso für nicht vollkommen funktionierende Arbeitsmärkte in Europa wie für Schwellenländer mit schlecht aufgestellten Rechtssystemen oder Finanzmärkten. Durch «perfekte» Reformen in einem Bereich einen Idealzustand herzustellen, funktioniere meistens nicht. Das zeigen Rodriks Erfahrungen etwa in der Türkei, Südafrika, El Salvador oder Äthiopien. Stattdessen komme es stark auf die zeitliche Abfolge und das Zusammenspiel von Reformen an.
Das Paradebeispiel für Erfolg mit graduellen Reformen und zweitbesten Lösungen ortet Rodrik in China. Dass das Reich der Mitte zuerst Sonderwirtschaftszonen schuf, in denen die institutionellen Bedingungen kleinräumig neu gesetzt und kontrolliert werden konnten, während ineffizientere Staatsbetriebe im Rest des Landes die Leute beschäftigt hielten, ist für Rodrik genauso ein Geheimnis von Chinas Erfolg wie die Kapitalverkehrskontrollen, die es dem Land längere Zeit erlaubt haben, seinen Wechselkurs unterbewertet zu halten. Gesicherte Eigentumsrechte sind für den US-amerikanisch wirkenden Ökonomen mit türkischer Ehefrau ein zentrales Element erfolgreicher Entwicklung. Doch in China illustrieren seiner Ansicht nach Formen von privatem Unternehmertum mit Beteiligung der öffentlichen Hand, wie es im Transformationsprozess besser gelingen kann, die Interessen von Bürokratie und Politik mit denjenigen des Unternehmertums in Übereinstimmung zu bringen. Ob das Land dadurch in einem suboptimalen Staatskapitalismus steckenbleibt, muss sich erst noch zeigen.
Mehr Inflation als Lösung?
Die Entwicklung in der Euro-Zone sieht Rodrik eher pessimistisch. Er glaubt, dass zu viel Energie im Streit um ideale Strukturreformen verwendet werde und zu wenig darauf, wie es gelingen könne, in den Krisenstaaten tatsächliche Verbesserungen der Produktivität und damit Wettbewerbsfähigkeit zu erzielen. Pakte zwischen den Sozialpartnern hätten vielleicht notwendige Kostenanpassungen ermöglicht, doch inzwischen glaubt Rodrik, dass die Regierungen in den Krisenländern dazu bereits zu viel politisches Kapital verspielt haben. Ganz in der gegenwärtig in den USA vorherrschenden Argumentationslinie sieht Rodrik die Lösung nun in einer höheren Inflation, mehr Konsum in Deutschland und Transfers an die Schwächeren. Sollte dafür der politische Wille fehlen, erwartet Rodrik ein Auseinanderbrechen der Währungsunion. Auch dafür sollte dann aber trotz den damit verbundenen hohen kurzfristigen Kosten eine beste zweitbeste Lösung gefunden werden.