Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03473.jsonl.gz/3506

Schmetterlinge.
[* 2]
Unsre Kenntnis der fossilen
Arten dieser zerbrechlichen
Tiere war bisher sehr gering; man kannte in größerer
Zahl nur Nacht
schmetterlinge, namentlich
Motten,
Wickler und andre Klein
schmetterlinge aus Bernsteinstücken, und neigte,
da man
aus bestimmten
Gründen die Nacht
schmetterlinge als die ältere
Gruppe ansehen muß, zu der
Annahme, daß
die
Tagschmetterlinge erst in jüngster Zeit aufgetreten seien und ihre Mannigfaltigkeit ausgebildet hatten.
Allein diese Ansicht hat beträchtlich modifiziert werden müssen, seit zu dem knappen Dutzend bisher bekannter Tagfalter eine größere Anzahl in vortrefflicher Erhaltung aus oligocänen Schichten von Florissant (Colorado) gekommen und von Skudder beschrieben worden ist. Bei den lebenden Schmetterlingen fällt uns, wenn wir die Stufenleiter der Familien hinaufsteigen, eine zunehmende Verkümmerung der Vorderbeine auf. Bei den beiden niedriger stehenden Familien der Hesperiden und Papilioniden sind sie normal entwickelt und im Bau den beiden andern Paaren ähnlich.
Bei den Lycäniden (inkl. Lemoniinae und Lycaeninae) sind sie bei den Männchen in größerer oder geringerer Ausdehnung [* 3] verkümmert, bis zum gänzlichen Verlust der Endbewaffnung, während sie beim Weibchen noch vollständig sind. Bei der höchststehenden Familie der Nymphaliden sind sie (mit alleiniger Ausnahme der kleinen Gruppe der Libytheinae, welche darin mit den Lycaeninae übereinstimmt) in beiden Geschlechtern und oft bis zu einer außerordentlichen Ausdehnung verkümmert.
Bei der fossilen Prolibythea sehen wir die Vorderbeine der Weibchen erhalten und bei Nymphalites verkümmert, in beiden Fällen stimmen sie in allen wesentlichen Punkten mit dem überein, was wir bei lebenden Angehörigen der Gruppe zu finden erwarten müßten, und beweisen so, daß schon in der frühsten Epoche, aus der bis jetzt S. bekannt geworden sind, die eigentümlichen Verschiedenheiten, welche den Fortschritt der Formen bezeichnen, vorhanden waren. Wir müssen demnach entweder eine große Beschleunigung der Entwickelungsweise in jener Zeit, zu welcher S. (und Blumen) zuerst erschienen, ¶
mehr
annehmen, oder das Auftreten der S. auf eine viel ältere Periode zurückverlegen, als diejenigen sind, aus denen wir bisher Proben besitzen. Was den Charakter dieser fossilen amerikanischen S. betrifft, so ist ihre Allgemeinerscheinung deutlich subtropisch und amerikanisch, die tertiären S. Europas zeigen vorwiegend ein subtropisches ostindisches Gepräge.
Über die Farben der S., deren Anordnung bestimmte genealogische Schlüsse gestattet (vgl. Insekten, [* 5] S. 446), hat F. G. Hopkins einige Untersuchungen angestellt, welche zeigten, daß die meisten Farben auf physikalischer Wirkung beruhen, sogen. optische Farben sind, die nur wenig durch die natürliche Färbung der Grundlage beeinflußt werden. Indessen sind doch viele Farben auch durch Pigmente bedingt, wie die grünen und karminroten, die einem schnellen Ausbleichen im Lichte unterliegen, und namentlich der lebhaft zitronengelbe vieler Verwandten unsrer Weißlinge (Piëriden).
Letzterer Farbstoff, der sich bei den einheimischen Arten in reinster Entwickelung bei den Zitronen- und Aurorafaltern findet, kann durch einfache Behandlung mit heißem Wasser ausgezogen werden und gibt dann, mit Salpetersäure eingedampft, auf Zusatz von Ammoniak oder Kalilauge eine deutliche Murexid-Reaktion. Es ist dies ein lehrreicher Hinweis darauf, daß die Farben der Schmetterlingsschuppen, ähnlich wie man es bei Vogelfedern schon lange angenommen hat, hauptsächlich aus den Abfallstoffen des Körpers (also hier der Puppen) gebildet werden, denn dieser Farbstoff ist ein Derivat der Harnsäure.
Die blasser gefärbten einheimischen Arten geben auf den Kopf etwas weniger als 1 mg Farbstoff, größere ausländische Verwandte, wie namentlich die Callidryas-Arten, lieferten 4-5 mg. Die nähere Untersuchung ergab eine nahe Verwandtschaft mit Mycomelinsäure, einem gelben Abkömmling der Harnsäure. E. Krause hat beobachtet, daß, abgesehen von der gelben oder orangefarbenen Grundfarbe bei vielen dieser Piëriden, ein blauer Schiller vorhanden ist, der nur bei wenigen Arten für das unbewaffnete menschliche Auge [* 6] erkennbar, aber sogleich wahrzunehmen ist, wenn man den Schmetterling [* 7] durch Kobaltglas betrachtet, welches das leuchtende, den Schiller verdeckende Gelb abblendet. Es ist daraus auf eine erhöhte Farbenempfindlichkeit des Schmetterlingsauges zu schließen.
Auf einem andern Felde bewegen sich die Beobachtungen, welche A. Fritze über den Saison-Dimorphismus und -Polymorphismus japanischer S. angestellt hat. Wir haben in Deutschland [* 8] meist nur dimorphe Arten, bei denen aus der überwinterten Puppe ein oft von dem der Sommerbrut ganz verschieden aussehender Schmetterling erscheint, wobei dann Weismann gezeigt hatte, daß hier ein unmittelbarer Einfluß der äußern Temperatur auf die Entwickelung stattfindet, sofern durch Aufbewahrung von Sommerpuppen in einem Eiskeller [* 9] die Entwickelung so verzögert wurde, daß daraus die kleinere Frühlingsform hervorging.
Die Art, bei welcher die Verschiedenheit der beiden Formen bei uns am auffallendsten ist, so daß sie zu der Doppelbenennung Vanessa Levana und V. prorsa Anlaß gegeben, kommt nun auch in Japan [* 10] vor, aber merkwürdigerweise kannte man dort keine verschiedene Frühlingsform. Fritze stellte nun fest, daß ein von unsrer Frühlingsform ganz verschiedener und bisher als besondere Art betrachteter Schmetterling (V. burejana Brem.) dort die Stelle der Levana-Form vertritt.
Ähnliche Doppelgängerei treiben dort auch Terias biformis Pryer und Thecla arata Brem., auffallender aber ist der Polymorphismus mancher japanischer Arten. Zu ihnen gehört dort unser Schwalbenschwanz [* 11] (Papilio Machaon L.), dessen erste Generation in Gestalt kleiner Individuen mit vorwiegend gelblicher Färbung auftritt, worauf bedeutend größere und dunkler gefärbte Generationen folgen. Die gegen den Herbst auftretenden Formen sind dann wieder etwas kleiner und heller. Ein noch auffälligeres Beispiel liefert Terias multiformis Pryer, der in der Frühlingsform einfarbig gelb, in der Sommerform mit schwarzem Rande auf Vorder- und Hinterflügeln versehen ist; bei den vielen Zwischenformen sind aber nur selten zwei völlig gleiche Individuen der Art zu erhalten.
Eine Reihe sehr merkwürdiger Beobachtungen sind anden Raupen und Puppen verschiedener Schmetterlingsarten angestellt worden. W. Müller beobachtete in Brasilien [* 12] die Blattrippen bauenden Raupen sehr vieler Nymphalidenarten aus den Gattungen Gynaecia, Ageronia, Myscelia, Catonephele, Eunica, Temenis, Epiphile, Callicore, Haematera, Catagramma, Adelpha, Prepona, Siderone, Anaea und Protogonius. Die Eier [* 13] dieser Raupen werden auf der Unterseite der Blätter ihrer Futterpflanzen abgesetzt, und das junge ausgeschlüpfte Räupchen sucht dann so lange am Blattrand, bis es die Spitze entdeckt hat, bei der es zu fressen anfängt und nicht eher ruht, bis es die Mittelrippe des Blattes von der Spitze aus mehrere Zentimeter freigelegt hat.
Dann trägt es seinen Kot in kleinen Ballen dorthin und verlängert die Rippe gewöhnlich um mehr als das Doppelte der freigelegten Ausdehnung, indem es den Kot geldrollenartig anklebt und mit Gespinstfäden verfertigt. So verfahren die Raupen bis zur zweiten, ja in manchen Fällen bis zur vierten Häutung und ruhen an der künstlich verlängerten Rippe, wo ihr dunkler Körper fast unkenntlich erscheint, um so mehr, als manche Arten die Gewohnheit haben, sich durch Anheftung kleiner, unregelmäßiger Fraßstückchen an ihrer Ruhestelle noch besser zu verbergen.
Bei einzelnen Arten, wo die Eier in größerer Zahl auf einem und demselben umfangreichern Blatte abgelegt werden, nehmen die Räupchen je eine Nebenrippe des Blattes in Angriff und verlängern dieselbe durch ihren Anbau, um sich die gewohnte Schlafstelle herzurichten; nach der vierten Häutung aber hören alle mit dem Rippenbauen auf, da die Raupe zu schwer geworden ist, um an den verlängerten Rippen zu ruhen, und gewöhnlich durch Ausbildung von Farben, Zeichnungen, Dornen etc. andre Mittel, nicht leicht erkannt zu werden, erlangt haben.
Alle Arten der vorgenannten Nymphaliden-Gattungen, mit Ausnahme der vier letzten, besitzen lichtempfindliche Puppen, über die ebenfalls W. Müller eingehende Beobachtungen angestellt hat. Die meisten dieser Puppen sind, wie die Mehrzahl der Schmetterlingspuppen überhaupt, am Hinterende ihres Körpers aufgehängt, und der Kopf hängt in der Ruhelage senkrecht nach unten. Sobald aber Licht [* 14] zu ihrem meist schattigen Aufhängungsplatz dringt, krümmen sich die meisten vom Lichte hinweg, einige so stark, daß der Vorderkörper nahezu einen rechten Winkel [* 15] mit dem Aufhängungslot bildet, und verharren in dieser nicht ohne Muskelanstrengung denkbaren Stellung, bis es wieder dunkel geworden ist. Einige empfinden den Lichtreiz nur langsam und bedürfen einer Erschütterung, gleichsam eines Aufrüttelns aus dem Puppenschlaf, um sich vom Lichte fortzuwenden; andre aber, wie diejenigen der Dynamine- und Adelpha-Arten, sind gegen den Reiz des zerstreuten Tageslichtes so empfindlich, daß sie ¶
mehr
sich zu oft wiederholten Malen von der einen nach der andern Seite wenden, wenn sie innerhalb eines mit Klappen versehenen dunkeln Behälters bald von der einen, bald von der andern durch direktes Tageslicht getroffen werden. Der Reiz wirkt, wenn nicht gar zu oft innerhalb eines Tages wiederholt, jedesmal nach wenigen Minuten. Viele Puppen, die an der Unterseite von Blättern aufgehängt sind, wie die der letztgenannten beiden Gattungen, werden durch diese Abwendung vom Licht und Krümmung um 45-90° nicht nur für alle schräg von oben nahende Puppenfresser schwerer findbar, sondern entgehen außerdem der Gefahr, von den unter das Laub eindringenden Strahlen der Morgen- oder Abendsonne erreicht zu werden. Denn direkte Besonnung betäubt die Puppen, daß sie sofort schlaff herabsinken u. sich nur wieder erholen, wenn die Besonnung nicht lange gedauert hat.
Bei dieser Lichtflucht der Mehrzahl ist es um so auffälliger, daß die Puppen einer kleinern Gruppe, namentlich die Arten von Myscelia, Catonephele und Callicore, nicht die Gewohnheit teilen, sich an der Unterseite horizontaler Flächen, also im Schatten, [* 17] aufzuhängen, sondern sich frei an der Oberseite wagerechter oder an den Seiten senkrechter Flächen anheften, so daß sie nicht hängen, sondern mehr oder weniger aufrecht stehen und dadurch natürlich viel mehr der Gefahr ausgesetzt sind, vom Lichte getroffen zu werden.
Beobachtungen und Versuche, die W. Müller an derartigen Puppen anstellte, ergaben nun, daß sich diese Puppen nicht vom einfallenden Lichte weg, sondern demselben zuwenden, wofür sie eine dreiseitige Beweglichkeit nach rechts, links und dem Rücken besitzen, während sich die andern Puppen ihrer Familie meist nur nach rechts und links wenden können. Vielleicht sind sie ungenießbar, so daß sie sich frei sehen lassen dürfen, und stellen sich (wie die Kompaßpflanzen) nur darum in die Achse des einfallenden Lichtes ein, weil sie dann am wenigsten von demselben belästigt werden.
Eine sehr merkwürdige Beobachtung hat J. ^[Jules] Fallou an den Puppen der Bombyciden gemacht, nämlich: daß sich schon im Puppenzustand die geschlechtliche Differenzierung und Anziehungskraft geltend macht. Er beobachtete bei der Zucht des gewöhnlichen Seidenspinners (Bombyx Mori), wie Männchen in großer Zahl geflogen kamen und sich auf eine Schachtel setzten, in welcher einige dem Ausschlüpfen nahe Individuen weiblichen Geschlechts enthalten waren. In entsprechender Weise beobachtete Seebold, daß Kokons des großen Nachtpfauenauges (Saturnia Pyri), die er in einem Gewächshause aufbewahrte, eines Abends Männchen herbeizogen, die sich außen an die Glasfenster setzten und dort die ganze Nacht über ausharrten, obwohl erst am darauffolgenden Tage ein Weibchen auskroch.
Bei vielen Schmetterlingen ermöglichen sekundäre Geschlechtscharaktere eine leichte Unterscheidung der Geschlechter. So sind z. B. bei den Bläulingen die Geschlechter in der Farbe unterschieden, bei andern in der Bildung der Fühler, wieder bei andern, besonders bei auswärtigen Arten, ist die Gestalt der Flügel eine abweichende, bei manchen Arten besitzen nur die Männchen ausgebildete, die Weibchen dagegen verkümmerte Flügel, und bei der Gattung Psyche gleicht gar das Weibchen eher einem in einem Sack steckenden Wurm [* 18] als einem Schmetterling, während das Männchen normal gebildet ist.
Eine wichtige Rolle spielen auch die Männchenschuppen, eigentümlich gestaltete, nur den männlichen Individuen der einzelnen Arten zukommende Schuppen, welche entweder, wie bei den Weißlingen, unter den andern, die Flügel bekleidenden Schuppen verstreut und dann nur bei mikroskopischer Untersuchung nachweisbar, oder in ihrem Vorkommen auf bestimmte Teile der Flügel oder des Körpers beschränkt und dann, indem sie sich auch durch Gestalt und Färbung auszeichnen, mit bloßem Auge erkennbar, zum Teil sogar sehr auffallend sind. Da sie häufig auch mit Duft absondernden Organen in Verbindung treten, indem sie wesentlich mit zur raschen Verflüchtigung des duftenden Sekretes beitragen, werden sie auch als Duftschuppen, Duftflecken etc. zusammengefaßt.
Sie erscheinen häufig in Gestalt dicker Büschel oder langer, in diesem Fall in einer Furche der Beine befindlicher Pinsel, die im Moment des Gebrauches entfaltet werden. Bei sehr vielen Schmetterlingen fehlen aber derartige auffallende Unterscheidungsmerkmale, beide Geschlechter gleichen sich völlig und erst genauere Untersuchung läßt Differenzen erkennen. Es finden sich nämlich unterscheidende Merkmale an der Brustregion des neunten Abdominalsegments beim Männchen und an entsprechender Stelle beim achten und neunten Abdominalsegment des Weibchens. Dort zeigt das Männchen eine feine kurze Linie, welche die mit zwei kleinen ovalen Lippen versehene Öffnung des Samenstranges darstellt, während das Weibchen zwei feine lineare Vertiefungen besitzt: die Öffnungen der Begattungstasche und des Eierganges. Bei mehreren Heteroceren findet sich aber nur eine Öffnung an der Spitze einer dreieckigen Platte des neunten Segments, welche sich in das achte Segment hineinschiebt.
Zur Litteratur: Spannert, Die wissenschaftlichen Benennungen der europäischen Groß
schmetterlinge (Berl. 1889);
Eimer, Die Artbildung und Verwandtschaft bei den Schmetterlingen (Jena [* 19] 1889).