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Wandernde Fische?
Fische wandern. Nicht mit Stock und Hut wie wir, aber sie tun es. Und es ist für einen Fisch mindestens so anstrengend wie für uns, denn Fische wandern in der Regel gegen den Strom. Das bedeutet gerade in den Gewässern der Schweiz, dass die Fische bergauf durch Stromschnellen und Schwellen schwimmen müssen. Im Laufe der Evolution haben sich viele einheimische Fischarten daran angepasst und meistern dies hervorragend, darunter die Bachforelle oder die Seeforelle. Wer jemals gesehen hat, wie Fische gegen starke Strömung schwimmen, weiss, wie elegant und zugleich kraftvoll sie ihren Körper dabei bewegen. Das Wandern ist für die Fische nicht Selbstzweck oder Freizeitbeschäftigung, sondern Notwendigkeit zum Erhalt der Population. Mit dem Wandern erschliessen sich Fische neue Nahrungsquellen, oder sie wandern zu ihren Laichgebieten, um sich fortzupflanzen. Die vom Menschen errichteten massiven Verbauungen der Gewässer, zum Beispiel für die Stromerzeugung, verhindern jedoch das Wandern der Fische: Wie sollen sie meterhohe Staumauern überwinden?
Die Aare-Kraftwerke in Thun
In der Aare bei Thun befinden sich zwei Wasserkraftwerke unterhalb des Schwäbis: Das eine mit einer quer durch den Fluss reichenden Staumauer, es trägt den Namen «AAREwerk 62», weil es 1962 gebaut wurde; das andere liegt etwas seitlich davon, es heisst «AAREwerk 94» und wurde 1994 erbaut. Sie wandeln die in der Wasserströmung der Aare vorhandene Energie über mechanische Turbinen in Strom um. Jährlich erzeugen die beiden Kraftwerke circa 38 Millionen Kilowattstunden Strom, was einem Fünftel des Thuner Strombedarfs entspricht. Was gut ist für uns, ist es aber noch lange nicht für die Fische. Sie können die mehr als sechs Meter hohen Mauern des Wehrs nicht überwinden und damit nicht mehr stromaufwärts wandern. Um weiterhin die Fischwanderung zu ermöglichen, hat der Kanton die Konzession zum Betrieb der Kraftwerke mit der Auflage erteilt, dass eine Fischtreppe gebaut wird.
Wie funktioniert eine Fischtreppe?
Die wandernden Fische werden in einen künstlichen Wasserlauf gelockt, der das Wasserkraftwerk umgeht. Da Fische immer gegen den Strom schwimmen, werden sie durch eine sogenannte «Lockströmung» veranlasst, zum Eingang der Fischtreppe zu schwimmen. Innerhalb der Fischtreppe schwimmen die Fische durch eine Reihe aufeinanderfolgender Becken, die durch Lücken in den Abtrennungen zwischen den Becken miteinander verbunden sind. Jedes nachfolgende Becken liegt wenig höherals das vorherige. Auf diese Weise gewinnen die Fische an Höhe. Nach Überwindung jeder Stufe können sich Fische in dem darüber gelegenen Becken ausruhen, bevor sie die nächste «Treppenstufe» in Angriff nehmen.
Die Fischtreppe in Thun wurde zu Beginn der 1960er-Jahre erbaut, als man noch sehr wenige Erfahrungen mit solchen Anlagen hatte. Daher weist sie Schwachstellen auf, wie die zu kleinen Aufstiegsbecken oder die zu geringe Wassermenge. Das hat zur Folge, dass die Thuner Fischtreppe von vergleichsweise wenig Fischen benutzt wird; pro Jahr von lediglich rund 800. Zum Vergleich: Die neu gebaute Fischtreppe am Kraftwerk Hagneck, bei der Einmündung der Aare in den Bielersee, wird jährlich von etwa 45 000 Fischen benutzt. Es ist daher geplant, die Thuner Fischtreppe zu sanieren und zu verbessern. Das entsprechende Baugesuch soll noch diesen Sommer eingereicht werden.
Welche Fischarten benutzen die Fischtreppe in Thun?
In erster Linie nutzen Barben die Fischtreppe. Wer schon einmal den Göttibachsteg am Aarequai überquert hat, ist diesen Fischen schon begegnet. Aber auch Bachforellen, Egli und Trüschen wandern durch die Thuner Fischtreppe.
Die Thuner Aarewerke sorgen auch für Fisch-Nachwuchs. In einem Raum unterhalb der Fischtreppe werden vom Fischereiverein Thun junge Bachforellen und Äschen erbrütet und so lange angefüttert, bis sie gross genug sind, um in den Fluss ausgesetzt zu werden. Die kleinen Fische bleiben zunächst in der Aare unterhalb der Kraftwerke, denn sie haben noch nicht genug Kraft, um die Fischtreppe zu überwinden. Erst ältere Fische verfügen über genug Muskelmasse, um die anstrengende Wanderung durch die Fischtreppe zu überstehen. Das ist übrigens ein bemerkenswerter Unterschied zwischen wandernden Fischen und Menschen: Fische wandern besser, je älter sie sind, bei uns fällt das Wandern im Alter schwerer.
In der Schweiz wurden in den 1950er- bis 1980er-Jahren die Gewässer massiv verbaut, mit vielen nachteiligen Folgen für die Flussökosysteme und für die darin lebenden Fischpopulationen. Die mit der Gewässerverbauung verbundenen Probleme sollen nun gelöst werden, zum Beispiel durch Renaturierungen, aber auch durch den vermehrten Bau von Fischtreppen. Es ist zu hoffen, dass durch solche Massnahmen die bedrohte Fischfauna der Schweiz für die junge Generation erhalten bleibt, denn derzeit stehen 58 Prozent der 55 Schweizer Fischarten auf der Roten Liste der gefährdeten Arten.