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Was muss vorliegen, damit Menschen eine Gemeinschaft bilden? Diese Frage scheint in der heutigen Zeit von grosser Relevanz zu sein, wenn sich die Argumente rund um die Asyl- und Migrationspolitik immer wieder um die Angst eines Kulturverlustes auf Grund mangelnder Integration in die Gesellschaft drehen. Aber ist es nicht vielmehr die Angst vor einem mangelnden Gemeinschaftssinn, welche den Kern der Debatte darstellt? Bei der Untersuchung der analytischen Unterscheidung zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft tritt diese Überlegung klar zutage.
Nicht jede Gesellschaft ist eine Gemeinschaft
Sieht man eine Gruppe von Bauarbeitern, welche alle dasselbe Ziel verfolgen, ein Haus zu bauen – oder stellen wir uns die Schweizer Bevölkerung vor, deren Bürger alle in einem friedlichen Wohlfahrtsstaat leben möchten –, würde man nicht unbedingt von einer Gemeinschaft sprechen. Folgt man dem amerikanischen Philosophen Charles Taylor benötigt eine demokratische Gesellschaft tatsächlich eine gewisse Gemeinschaftlichkeit, die er u.a. durch einen gemeinsamen Identifikationspool sowie durch akive Partizipation mit den eigenen Anliegen auf einer politischen Ebene hergestellt sieht.1
Vermutlich lässt sich das Haus auch erbauen, wenn sich die Gruppe der Bauarbeiter gegenseitig feindlich gesinnt ist und der so genannte „Gemeinschaftssinn“ als Zusammengehörigkeitsgefühl fehlt. Aber funktioniert dies auch hinsichtlich dem Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft? Wohl kaum. Die Frage liegt deshalb nahe, die Kriterien einer Gemeinschaft genauer unter die Lupe zu nehmen.
Innere Einigung als Kriterium
Einer dieser Versuche, das Wesen von Gemeinschaften zu charakterisieren, geht auf die deutsche Philosophin Gerda Walther zurück, welche 1923 mit ihrem Werk „Zur Ontologie der sozialen Gemeinschaften“ eine weitreichende Analyse lieferte. Abgegrenzt zum Begriff der „Gesellschaft“, welche ohne das oben angedeutete Zugehörigkeitsgefühl charakterisiert werden kann, zeigt Walther, welche Prozesse notwendigerweise zu solch einer inneren Verbundenheit führen. Grundlegend ist die, in Walthers Worten, „innere Einigung“, welche nicht nur auf unterschiedliche Arten der Unter-, Gleich- oder Überordnung der eigenen Person gegenüber der Gemeinschaft geschehen kann, sondern auch in unterschiedlichen Intensitätsgraden.
Eine warme Welle
Auch wenn Walthers Umschreibungen dieser Prozesse ausufernd sind und sich der Eindruck der Beschreibung eines subjektiven Erlebnisses nicht abschütteln lässt, weist Walther auf einen sehr wesentlichen Gesichtspunkt hin: Ein Gemeinschaftsgefühl bedeutet nicht zuletzt, dass ein höchstpersönlicher und emotionaler Zugang der einzelnen sich in einer Gemeinschaft befindenden Personen unerlässlich ist.
So fragt Walther: „Was geht da vor sich? Eine warme, bejahende seelische Welle von grösserer oder geringer Wucht durchflutet plötzlich oder weniger jäh und heftig oder ruhig und mild das ganze Subjekt oder nur einen Teil oder eine ganz „dünne“ Sphäre desselben. (…) Es ist, als trüge diese Welle das ganze Subjekt mit seinem erschauenden, von ihr durchdrungenen Ich seelisch hin zu seinem Einigungsobjekt.“ (2)
Fehlende Gleichgültigkeit
Es scheint also, dass die emotionale Involviertheit der einzelnen Personen der ausschlaggebende Punkt ist, wenn es um den gemeinsamen Identifikationspool wie auch um die aktive Beteiligung geht. Schaut ein jeder in sich hinein, wird kaum jemand eine absolute Gleichgültigkeit gegenüber der Schweizer Bevölkerung oder gegenüber der demokratischen Gesellschaft verspüren. Auch wenn sich dies bestreiten lässt, ist es sinnvoll, sich Folgendes vor Augen zu führen: Gerade bei Personen, welche im Gegensatz zu den in der Schweiz geborenen Personen, Hindernisse überwinden mussten, um in der Schweiz leben zu können, wäre es gar widersprüchlich eine Gleichgültigkeit gegenüber „der Schweiz“ anzunehmen.
1 Charles Taylor, Wieviel Gemeinschaft braucht die Demokratie? (Winter 1992/1993) In: Wieviel Gemeinschaft braucht die Demokratie? Aufsätze zur politischen Philosophie, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 2002, ISBN 3-518-29269-6, S. 11-29.
2 Gerda Walther, Zur Ontologie der sozialen Gemeinschaften, 1923, S. 35