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Können Künstlerpartnerschaften überhaupt funktionieren? Camille Claudel und Auguste Rodin; Frida Kahlo und Diego Rivera; Jackson Pollock und Lee Krasner: Letztere wurde lange Zeit vor allem als Witwe von Pollock wahrgenommen und erst spät als eigenständige Künstlerin anerkannt. In den meisten Künstlerpartnerschaften erweisen sich die Männer als beruflich erfolgreicher. Woran liegt das?
«Diese Studentin ist stets eine Plage. Sie besteht auf ihrem eigenen Willen, anstatt die Schulregeln zu befolgen», war in ihrer Akte der National Academy of Design zu lesen. Lena Krasner, die junge New Yorkerin mit russisch-jüdischen Wurzeln, setzte sich in einem Umfeld durch, in dem die künstlerische Ausbildung für Frauen noch völlig unüblich war. Sie geriet rasch in Konflikt mit den Traditionen. Ob in der Academy, wo sie den überlieferten naturalistischen Stil ablehnte, oder privat: Als ihre ältere Schwester überraschend starb, sollte sie nach altem jüdisch-orthodoxen Brauch den Witwer heiraten – lehnte aber dankend ab.
Ihren Vornamen änderte sie zunächst in Lenore und später in Lee. Und sie nutzte das Kürzel L. K., weil sie so auch für einen Mann gehalten werden konnte. Denn wie sonst sollte sie ein Lob interpretieren, das ihr Lehrer Hans Hofmann ihren Bildern gespendet hatte: «Das ist so gut, man würde gar nicht denken, dass es von einer Frau gemalt wurde!» Krasner interessierte sich für die europäischen Avantgarden, politisierte, demonstrierte vor dem New Yorker Museum of Modern Art gegen die zeitweilige Politik des Hauses, abstrakte Kunst nicht auszustellen.
Obwohl sie zur ersten Garde und zu den wenigen Frauen der Bewegung des amerikanischen abstrakten Expressionismus zählte, stand sie lange im Schatten ihrer männlichen Kollegen. Den längsten Schatten warf dabei Jackson Pollock, mit dem sie elf Jahre lang verheiratet war. Sie galt lange Zeit als Nebenfigur, als leidgeprüfte Ehefrau eines extrovertierten Künstlerstars, später als Witwe und als Gralshüterin von Pollocks Werk. Grundsätzlich stellt sich allerdings die Frage, ob Künstlerpartnerschaften überhaupt funktionieren können, besonders, wenn beide Partner im gleichen Genre und im gleichen Segment des Kunstmarktes tätig sind. Neid und Konkurrenzdenken können die Beziehung beschädigen. Nach Thomas Bernhard ist die Künstlerehe die reinste Hölle, wie er in seinem Stück «Die Berühmten» notierte: «Sind es zwei Talente, wie gross immer, vernichten sie sich, zuerst das eine das andere, und dann umgekehrt.» In den meisten Künstlerpartnerschaften erwiesen sich die Männer als beruflich erfolgreicher. Woran liegt das?
In manchen Fällen gaben die Frauen ihre künstlerische Tätigkeit zugunsten der emotionalen Unterstützung und der Betreuung des Mannes auf. Sie trösteten ihn über Schaffenskrisen hinweg, sorgten unter Umständen auch für den Lebensunterhalt, führten den Haushalt, organisierten seinen Alltag. In vielen Künstlerehen hatten die Männer aber auch einen immensen Startvorteil: Sie waren zum Zeitpunkt der Heirat bereits viel älter, erfahrener und erfolgreicher, und damit attraktiv für jüngere Frauen, für Schülerinnen und Kunststudentinnen. Denn für diese stellte die Verbindung zu einem erfolgreichen Künstler eine der wenigen – vielleicht sogar die einzige – Möglichkeiten dar, zu beruflichem Erfolg zu gelangen.
Ältere Männer dominieren den Kunstmarkt
Schliesslich war der Kunstbetrieb des 19. und frühen 20. Jahrhunderts stark patriarchalisch bestimmt, und allein männliche Patronage konnte Türen öffnen. Berühmte Beispiele liefert die Kunstgeschichte, etwa die tragische Beziehung der Bildhauerin Camille Claudel zu ihrem 24 Jahre älteren Lehrer Auguste Rodin, oder die Ehe von Frida Kahlo mit dem 20 Jahre älteren Maler Diego Rivera, der damals bereits weltberühmt war. Während Claudel aufgrund einer psychischen Erkrankung in den Abgrund stürzte, litt Kahlo zeitlebens unter dem Lebenswandel ihres Mannes. Postum jedoch überstrahlt ihr Ruhm den von Rivera bei weitem.
Wie schwierig es ist, zu Lebzeiten gegen einen übermächtigen Künstler-Mann anzukämpfen, zeigt das Beispiel Marie Françoise Gilots. Die junge Malerin und Grafikerin hatte 1943 ihre erste erfolgreiche Ausstellung in Paris. Dabei lernte sie den 40 Jahre älteren Picasso kennen, mit dem sie dann zehn Jahre liiert war. Sie war die einzige Frau, die Picasso aus eigenem Entschluss verliess. Picasso versuchte später in drei Instanzen, juristisch erfolglos, das Erscheinen ihres Buches «Leben mit Picasso» zu verhindern. Und als Gilot nach ihrer Trennung die Malerei wiederaufzunehmen versuchte, stellte sie fest, dass Picasso bedeutenden Pariser Galerien untersagt hatte, ihre Werke auszustellen; er drohte, dass sie anderenfalls nie wieder ein Bild von ihm bekommen würden.
Wenngleich sich heute langsam ein Wandel abzeichnet, dominieren ältere Männer noch immer wesentliche Bereiche des Kunstmarkts, etwa im Hochpreissegment der Gegenwartskunst. Deshalb ist die Verbindung mit einem erfolgreichen, wesentlich älteren Künstler auch heute noch eine praktikable Aufstiegsstrategie für junge Künstlerinnen. Besonders grosse Beachtung fand die Ehe von Michaela Danowska und Jörg Immendorff. Im Alter von 17 Jahren lernte Danowska den um 34 Jahre älteren Kunstprofessor kennen, der ihr Lehrer, väterlicher Freund und Liebhaber wurde. Zudem dachte er sich den Künstlernamen Oda Jaune für sie aus. Die Hochzeit im Jahr 2000 wurde zum Medienereignis. Immendorff starb schon einige Jahre später an den Folgen einer Krankheit. Seine Witwe lebt heute als wohlhabende Alleinerbin in Paris, wo sie sich als Malerin einen Namen zu machen versucht.
Wenig bekannt ist übrigens, dass der deutsche Künstlerstar Gerhard Richter (geb. 1932) ebenfalls mit einer Künstlerin verheiratet ist. Die Malerin Sabine Moritz (geb. 1969) besuchte seine Klasse an der Kunstakademie Düsseldorf. Sie war die letzte Studentin, die Richter in seine Klasse aufnahm, bevor er seine Lehrtätigkeit aus Altersgründen aufgab. Er heiratete sie bald darauf. Während seine Karriere immer weiter Fahrt aufnahm, zog sie die Kinder gross. «Am Anfang hat sein Beispiel meine eigenen Ideen nahezu eingefroren», sagte sie 2018 anlässlich ihrer ersten Berliner Einzelausstellung.
Überschattete Ehe
Der Fall der Künstlerehe Pollock-Krasner war anders gelagert. Krasner lernte 1941 den vier Jahre jüngeren Maler Paul Jackson bei einer Gruppenausstellung kennen. Beide waren damals noch wenig bekannt. 1945 heirateten sie und gründeten eine Ateliergemeinschaft. Die Ehe war jedoch von Pollocks Alkoholmissbrauch, von seinen cholerischen Anfällen und Arbeitsblockaden überschattet. Zudem wurde Pollock durch seine Dripping-Technik und sein Action-Painting schlagartig berühmt, was dem Künstlertandem eine bedenkliche Unwucht verlieh. Während Pollock zu den wenigen Künstlern zählte, die die USA 1950 an der Biennale von Venedig repräsentieren durften, floppte Krasners erste Einzelausstellung in New York (die zudem Pollock vermittelt hatte).
Auch Pollock und Krasner lebten nach dem klassischen Modell vieler Künstlerpaare, nach dem der Mann beruflich reüssiert, während die Ehefrau ihn aufopferungsvoll unterstützt und ihre eigene künstlerische Tätigkeit vernachlässigt. Pollock begann eine Affäre mit der 18 Jahre jüngeren Künstlerin Ruth Kligman. Sein Tod infolge eines durch übermässigen Alkoholkonsum selbstverschuldeten Verkehrsunfalls, bei dem eine weitere Person umkam und seine Geliebte schwer verletzt wurde, war ein Schock für Krasner, zugleich aber der Auftakt ihrer eigenständigen Karriere: «Ich habe vor Pollock, während Pollock, nach Pollock gemalt» – betonte sie nun selbstbewusst.
1972 demonstrierte sie mit der Gruppe Women in Arts vor dem MoMA gegen die Ignoranz der Museen gegenüber Künstlerinnen. Allerdings war Krasners Streben nach künstlerischer Anerkennung auch mit Rückschlägen und Hindernissen verbunden. Ihre Resilienz und ihre Improvisationsgabe waren dabei erstaunlich. Aus Wut und Frust zerrissene Zeichnungen inspirierten sie zu Collagen. Die Schlaflosigkeit, die infolge von Depressionen auftrat, nutzte sie zur Nachtarbeit, wobei sie Farben wählte, die sowohl bei Tages- wie bei Kunstlicht identisch blieben. Als sie sich den rechten Arm brach, lernte sie mit links malen. Und den Tod ihres Mannes verarbeitete sie, indem sie sein geräumiges Atelier bezog und das Grossformat für sich entdeckte. All diese Schicksalsschläge nutzte sie für Innovationen in ihrem Œuvre. Und nicht zuletzt: Verkäufe von Bildern aus seinem Nachlass, dessen alleinige Verwalterin sie war, ermöglichten ihr die finanzielle Unabhängigkeit. In den achtziger Jahren ist sie endlich am Ziel: Sie wird in grossen Museumsausstellungen in den USA gefeiert.
Der grosse Überblick
Derzeit findet die erste Retrospektive Krasners in Europa seit Jahrzehnten statt. Alle Werkphasen sind repräsentiert, wobei der Bogen von frühen naturalistischen Selbstporträts der zwanziger Jahre bis zu abstrakten Grossformaten und Collagen des Spätwerks reicht. Die Schau beginnt mit dem Selbstporträt à la van Gogh an der Staffelei, mit dem sie sich 1928 für die Kunstklasse der National Academy of Design beworben hatte. Präsentiert werden sodann Kohlezeichnungen aus der Studienzeit und Arbeiten aus der Werkphase der «Little Images», kleinformatige abstrakte Ölgemälde.
In den «Collage Paintings» verwendete Krasner Mitte der fünfziger Jahre Überreste verworfener Zeichnungen. Das Gemälde «Prophecy» markierte eine stilistische und persönliche Zäsur, zumal sie es vor Pollocks Unfall begonnen hatte und danach vollendete. In den folgenden Werkserien «Birth», «Embrace» und «Three in Two» kehrte Krasner zu einer figürlich-kubistischen Bildsprache zurück. Die Nutzung von Pollocks geräumigem ehemaligem Atelier ermöglichte ihr die nachts gemalten Grossformate der «Night Journeys», wobei Krasner die bis zu 2,5 Meter hohen Leinwände mit langstieligen Pinseln schwungvoll und mit kraftraubendem körperlichem Einsatz bearbeitete. Ihre späten Werke aus den siebziger Jahren wie «Palingenesis» knüpfen optisch an die Farbfeldmalerei an. So hinterlässt die Lee-Krasner-Retrospektive den reichhaltigen Gesamteindruck eines Œuvres, das von vielfältigen Ausdrucksformen und intensiven Arbeitsphasen geprägt wurde.
Bern, Zentrum Paul Klee, 7. Februar bis 10. Mai.