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Der interessanteste Mann der Kanadier steht beim Spengler Cup an der Bande und dort ist er nicht mal der Chef: Dave King. Aber seine eigene Weisheit hat ihn gegen Dynamo Minsk eingeholt.
Dave King ist da. Seine Präsenz gibt einem altmüde gewordenen Hockeychronisten das gute, beruhigende Gefühl der ewigen Jugend. Die Zeit ist stehen geblieben. Dave King ist immer noch da.
King, nicht zu verwechseln und nicht verwandt mit gleichnamigen Rockstars, Schauspielern und Sängern, betritt 1972 bei der Universität von Saskatchewan den Planeten Eishockey. Er hat ihn bis heute nicht verlassen. 1982 führt er die Kanadier zum U20- WM-Titel und er wird ab 1983 zum «Ralph Krueger des kanadischen Hockeys»: King führt die kanadische Nationalmannschaft bis und mit den Olympischen Spielen 1992 in Albertville.
Dave King personifiziert das Programm der kanadischen Nationalmannschaft. So populär der Sport in Kanada auch sein mag – Eishockey ist sogar als Nationalsport in der Verfassung verankert – so schwierig ist es, die kanadische Nationalmannschaft auch nur zu finanzieren. Denn alle Aufmerksamkeit gilt der NHL, den Stanley Cup-Playoffs und den grossen drei Juniorenligen. Ganz nach dem Motto: «Team Canada bei der WM? Na ja, ganz nett. Aber lasst uns wieder über das grosse Hockey reden!»
Dave King gelingt zwar kein historischer Triumph. Aber immerhin reicht es dreimal zu Silber. Bei der WM 1989 und 1991 und beim Olympischen Turnier von 1992. Davos kennt der Kanadier nicht nur wegen des Spengler Cups. Im Januar 1992 bereitet er die Kanadier rund um Superstar Eric Lindros (der sich weigert, für das damalige NHL-Team von Quebec zu spielen und deshalb für die Nationalmannschaft zur Verfügung steht) in Davos auf das olympische Turnier von Albertville vor.
Zu Beginn der 90er-Jahre ist Dave King schon eine Legende und wechselt nun erstmals für drei Jahre in die NHL (Calgary). Er arbeitet als Assistent oder Cheftrainer für Montreal, Columbus und zuletzt Phoenix. Zwischendurch hat es ihn immer wieder in die grosse, weite Hockeywelt hinausgezogen – nach Deutschland (Hamburg, Mannheim), nach Russland (Magnitogorsk, Jaroslawl, wo er den gefeuerten Sean Simpsons ersetzt) und nach Schweden (Malmö). Und sogar nach Japan, wo er eine Saison lang Nationaltrainer war (1995/96). Über seine Erfahrungen in Magnitogorsk hat er ein lesenswertes Buch geschrieben («King of Russia»).
Der grosse Triumph, der Gewinn eines WM-Titels oder einer Landesmeisterschaft, gelingt ihm nach 1982 nicht mehr – aber 2005 triumphiert er als Kanadier mit Magnitogorsk beim Spengler Cup. Es sind sowieso nicht Titel und Triumphe, die diese grandiose Karriere prägen. Triumphe und Titel haben schon so viele Coaches gefeiert. Aber nur wenige haben so viele Menschen inspiriert, so viel für das Eishockey getan wie Dave King.
Verdientermassen ist er bereits in die Ruhmeshalle des kanadischen Eishockeys und des Internationalen Eishockeyverbandes aufgenommen und mit dem höchsten kanadischen Verdienstorden «Order of Canada» geehrt worden. Die höchste Auszeichnung, die es in Kanada für eine Zivilperson gibt.
Nun ist Dave King schon 69 Jahre alt – und erneut zum Spengler Cup gekommen. Nicht als Cheftrainer. Den Posten überlässt er dem einstigen NHL-Verteidiger-Saurier Luke Richardson, einem ehemaligen AHL-Trainer. King begnügt sich mit der Rolle eines Assistenten – und ist doch viel mehr als das. Er ist der Mentor seines Chefs.
Er sagt, er hätte ja eigentlich unter der warmen Sonne von Phoenix ein beschauliches Leben gehabt. Ein bisschen Golf, ein bisschen Beratung für den lokalen NHL-Club. Aber dann hätten ihn die Kanadier wieder gerufen. «Und da konnte ich nicht Nein sagen.»
Noch ist offen, ob die NHL-Profis 2018 beim olympischen Turnier dabei sein werden. Also bereiten die Kanadier Plan B vor: ein kanadisches Nationalteam ohne NHL-Profis. Zusammengestellt vorwiegend mit den besten Kanadiern, die in Europa oder Russland spielen. Bereits der Deutschland Cup war ein Testlauf. Der Spengler Cup ist ein weiterer Test, was mit einem Nationalteam ohne NHL-Profis möglich ist. Und niemand, aber wirklich niemand, kann geeigneter sein, um so ein Programm zu managen als Dave King. Er ist wieder auf einer Mission und es ist tatsächlich so, als sei die Zeit stehen geblieben – nur seine Haare sind inzwischen weiss geworden. Ansonsten strahlt er den gleichen mitreissenden Optimismus aus wie damals, als er vor 40 Jahren seine Karriere begonnen hat.
Nun hat ihn gestern seine eigene Weisheit eingeholt. Dave King pflegt seine Coaching-Seminare mit der launigen Bemerkung abzuschliessen: « … aber wenn Sie keinen guten Torhüter haben, dann vergessen Sie alles, was Sie soeben gehört haben.» Die Kanadier haben gegen Dynamo Minsk aus einem einzigen Grund 4:7 verloren: Sie hatten mit Drew MacIntyre den schwächeren Goalie.