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Interview mit Derek
Rayne (†1998)

Derek Rayne war ein äusserst renommierter Richter. Einst wurde er als der "Jüngste All Round Richter der Welt" bezeichnet, nachdem er 1950 für alle Rassen autorisiert worden war. Während mehr als 50 Jahren war er auch ein hervorragender Züchter von Pemwelgi Corgis (und Fox Terrier). Er besass auch so bekannte Hunde wie Eng. & Am. Rockrose of Wey, Ch. Nebriowa Miss Bobbisox und Ch. Elskling of Foxlore, die Sieger vieler Klubschauen und Best in Shows aller Rassen wurden. Den ersten Corgi sah er auf der Crufts und wurde kurz darauf der stolze junge Besitzer eines mittelmässigen Corgis. Jahre später kaufte er den englischen Champion Bowhit Pivot. Dieser wurde der erste amerikanische Champion und war der erste Corgi, der Gruppensieger in Amerika wurde. Pivot war ein Halbbruder von Dookie im Besitz der damaligen Prinzessin Elizabeth. Er war auch ein Halbbruder des berühmten Eng. Ch. Rozavel Red Dragon im Besitz der renommierten internationalen Richterin Thelma Gray. Derek Rayne wurde 1915 in Surrey England geboren. 1938 zog er nach Kalifornien, wo er bis zu seinem Tod 1998 lebte.
Am. & Eng. Ch. Bowhit Pivot
Folgendes ist Teil eines Interviews, das in Kalifornien mit Mr. Derek Rayne geführt wurde (aus The Cardigan News-Bulletin 1978, Nr. 3)
F: Können Sie uns verraten, wie Sie Richter wurden?
A: Als Erstes hatte ich den Vorteil, dass ich schon als Kind mit meinem Grossvater auf Hundeausstellungen ging. Er züchtete und stellte Irish Terrier aus. Die Ausstellungen in England waren damals immer mit Boxen* und während ich auf meinen Grossvater wartete, lauschte ich den alten Terrier-Männern. Während sie ihre Hunde trimmten, redeten sie und wenn ich still war und nicht in die Quere kam, erzählten sie mir viel Wissenswertes. Auf den Ausstellungen ging es damals viel gemütlicher zu und her als heute und ich lernte viel. Diese Möglichkeit gibt es heute nicht mehr.
Dann, als ich nach Amerika kam, war ich oft Ringsekretär. Ich versuchte möglichst für Richter zu arbeiten, die ich bewunderte wie Alva Rosenburg, Walter Reeves und einige der grossartigen Richter, die wir in diesem Land hatten. Wenn es beim Richten eine Pause gab, erklärten sie gerne, warum A der bessere Hund war als B. Indem ich Fragen stellte und mich nach dem Richten mit ihnen unterhielt, lernte ich viel. Ich glaube nicht, dass man nur durch Lesen des Standards viel lernt. Ein Anfänger kann den Standard lesen, dass er auf seinen Hund passt, und glauben, dass er den "perfekten Hund" hat (den es natürlich nicht gibt)!
Von grösstem Nutzen für einen Richter ist Erfahrung. Ich bin mir bewusst, dass ich am Anfang meiner Richterkarriere viele Fehler machte. Zurückschauend steigt mir beinahe die Schamröte ins Gesicht, wenn ich an einige dieser Fehler denke. Es waren ehrliche Fehler, aber damals hatte ich noch nicht genügend Hunde gesehen. Heute kann ich überall hingehen und bei jeder Rasse, die in den Ring kommt, sehe ich vor meinem inneren Auge alle die grossartigen Hunde, die ich von der betreffenden Rasse gesehen habe. Erfahrung spielt beim Richten eine sehr wichtige Rolle. Ich hoffe, dass ich nicht richte, bis ich senil bin. Leider wissen gewisse Richter nicht, wann es Zeit ist aufzuhören. Aber ich finde, dass ältere Richter, wenn sie gewissenhaft sind, in der Regel die besten Richter sind.
Der Richter muss auf den Verwendungszweck der Rasse Rücksicht nehmen, ausser bei den Gesellschafts- und Begleithunden. Ein scheuer oder ein zu schwerer Corgi, der wie ein Basset gebaut ist (zu tief gestellt) taugt nicht als Hütehund. Man darf nicht vergessen, dass sie ausweichen müssen, wenn die Kuh nach dem Heeler (Fersenschnapper) kickt. Ein schwerfälliger und langsamer Hund würde in die Nase getreten und das wäre das Ende des Corgis. Also müssen sie, wie ein Boxer. ein Leichtgewicht sein im Gegensatz zu einem Schwergewicht. Viele der heutigen Corgis sind dabei, diese Beweglichkeit zu verlieren. Sie werden so schwer gezüchtet, dass sie ihren Zweck als Hütehunde nicht mehr erfüllen können
F: Warum haben einige der englischen Gästerichter solch schwere Hunde auf die ersten Plätze gestellt?
A: Weil sie schwer sind in England. Wenn sie über steiniges Terrain oder eine Weide mit Grasbüscheln rennen müssten, würden sie mit dem Brustkorb aufschlagen und hätten grosse Mühe vorwärts zu kommen. Auf gemähtem Rasen oder dem Betonboden einer Hundeausstellung, wo sie nichts behindert, schaffen sie es problemlos, aber können Sie sich vorstellen, wie diese Hunde sich in steinigem Terrain bewegen würden? Das ist bei vielen Rassen geschehen. Wir haben auf bestimmte Merkmale gezüchtet und sind vom Original abgekommen. Die Corgis, die in den ersten Büchern abgebildet sind, waren viel höher auf den Beinen.
F: Alle sprechen in den höchsten Tönen von Ihrem Richten.
A: Nun es gibt Leute, die nie der gleichen Meinung sind wie der Richter Man darf nicht vergessen, dass Richten keine Wissenschaft ist. Man kann nicht einfach Daten eines Hundes eingeben und ein Resultat erwarten. Die Hunde verändern sich laufend und die Richter deuten den Standard unterschiedlich. Ein Richter legt mehr Wert auf Typ, ein anderer auf die Ringpräsenz des Hundes und wieder ein anderer auf guten Körperbau. Ich kritisiere nie einen Richter, denn ich finde, der Aussteller bezahlt für SEINE Meinung und wenn er unter mir ausstellt, bezahlt er für MEINE Meinung. Es geht um Vergleich. Hunde lassen sich nicht wissenschaftlich richten.
F: Ich weiss nicht, ob ich diese Frage stellen soll, denn es ist vielleicht ein etwas heikles Thema.
A: Für mich gibt es keine heiklen Themen.
Q: Das habe ich auch gehört, Sie seien sehr direkt. Wir Anfänger sind beunruhigt über die Politik, die beim Richten mitspielt. Gewisse Richter lassen Hunde gewinnen, weil sie mehr auf den Hundeführer als auf den Hund achten. Das ist vermutlich unvermeidlich?
A: Ich denke, es gibt gute, schlechte und gleichgültige Richter. Wahrscheinlich gibt es mehr mittelmässige. Sie machen ihre Arbeit einigermassen gut aber nicht hervorragend. Ich finde aber auch, dass einige ausgesprochen schlecht sind. Ich glaube nicht, dass die Politik darin besteht, dass der Handler oder Aussteller den Richter kontaktiert. Ich glaube viel eher, dass wenn ein Richter die Rasse nicht kennt, er den Hund eines bekannten Handlers wählt, weil er davon ausgeht, dass dieser die Rasse kennt und nicht einen schlechten Hund vorführen würde. Ich glaube, dass in vielen Fällen der Handler auf Grund des Unwissens des Richters gewinnt und nicht aus Unredlichkeit.
F: Wenn das der Fall ist, welchen Rat haben Sie für uns Anfänger?
A: Ich wäre vorsichtig, unter wem ich ausstelle, und es gibt viele Richter, die grossen Wert darauf legen, wie sich der Hund zeigt. Persönlich lege ich nicht allzu viel Wert auf das Vorführen oder die Ringpräsenz des Hundes. Ich will keine Namen nennen, aber es gibt unter den Corgi-Leuten einige, die ihre Hunde nicht besonders gut vorführen. Ich erinnere mich, wenn Frank Sabella Ch. Rockrose of Wey für mich ausstellte, neigte sie dazu, ihre Ohren flach zu halten. Wenn er sie im Ring bewegte und zum Richter zurückkehrte, warf er einen Kieselstein, so dass sie mit einem äusserst aufmerksamen Ausdruck auf den Richter zutrabte und mit den Ohren spielte anstatt sie nach hinten zu legen. Das nenne ich smartes Handling im Wissen um die fehlende Ringpräsenz der Hündin.
F: Was missfällt Ihnen an den Handlern?
A: Ich mag es nicht, wenn die Handler Leberkekse im Ring herumstreuen, weil sie es damit für die anderen Hunde schwer machen. Wenn ein Hund beim Traben plötzlich einen Leberkeks entdeckt, gerät er aus dem Tritt. Er wird versuchen, den Keks zu ergattern, und das ist nicht gut. Ich mag es auch nicht, wenn Handler dem Richter zeigen wollen, dass der Hund einen geraden Rücken hat, indem sie ihm mit ihrer Hand auf die Hinterhand oder den Rücken hauen. Ein guter Richter kann sehen, dass der Hund einen geraden Rücken hat. Viele Handler streichen dem Hund wiederholt über den Rücken, um zu zeigen, wie gerade er ist, oder sie heben den Hund vorne auf und lassen ihn fallen, um zu zeigen, was für eine perfekte Front er hat. Ein Richter braucht so etwas nicht und übertriebenes Handling ärgert mich. Ich mag auch keine Handler, die im Ring mit dem Richter sprechen. Gelegentlich sagt jemand, den ich wirklich gut kenne, im Ring "Hallo, Derek". Das mag ich nicht. Nicht weil ich ein Snob bin; nach der Ausstellung gehe ich gerne mit ihnen zu einem Drink, aber im Ring versuche ich, professionell zu sein. Ich versuche, den Ausstellern gegenüber freundlich zu sein, aber ich nenne sie nicht bei ihrem Namen. Ich mag keine Aussteller, die zu ihren Freunden sagen, "ich kenne diesen Richter!"; die wenigsten Richter mögen das. Wenn Anfänger auf eine Ausstellung gehen und sehen, dass der Richter im Ring mit dem Handler spricht, denken sie "Aha, er kennt diesen Mann." Das macht einen schlechten Eindruck. Natürlich kennt der Richter einige Leute besser als andere, aber er sollte mit ihnen kein Gespräch anfangen.
F: Das ist genau, warum wir Anfänger, wenn wir das sehen, den Eindruck haben, dass hinter den Kulissen viel Politik im Spiel ist.
A: Ja, und deshalb rede ich nie. Viele Leute denken, dass ich ein Wichtigtuer bin. Tatsächlich war mein Spitzname in der Umgebung von Seattle "Der Wichtigtuer". Das bin ich nicht, aber ich zeige mich bewusst abweisend auf Ausstellungen, weil ich fühle, dass viele Leute mich beobachten, viele kleine Leute!
Übersetzung: ANo
* * * * *
*) Früher gab es auf den Ausstellungen lange Reihen von offenen Holzboxen, die etwas erhöht und mit einer dünnen Wand voneinander getrennt waren, und wo sich die Hunde aufhielten, wenn sie nicht im Ring waren, zurechtgemacht oder kurz ausgeführt wurden. Dort konnte das Publikum die Hunde einer bestimmten Rasse finden, die Richterberichte lesen und die Rosetten der Sieger bewundern und sich mit den Züchtern oder Ausstellern unterhalten. Mit der Zeit wurde das Aufstellen und Abräumen der Boxen sowie deren Aufbewahrung jedoch zu teuer und es wurde davon abgesehen.
Boxen auf der Crufts 1983