Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03265.jsonl.gz/225

Weisse Oryx
Oryx leucoryx
© 2006 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Artwork © Owen Bell
Allen Schutzbestrebungen des Weltnaturfonds (WWF) und anderer Natur- und Umweltschutzorganisationen zum Trotz nimmt die Gefährdung der Tier- und Pflanzenwelt aufgrund der vielfältigen Eingriffe der Menschheit in das globale Ökosystem leider stetig zu. Die Roten Listen werden immer länger, und der Fortbestand vieler bedrohter Arten wird immer fraglicher. Das lässt sich leider nicht leugnen, und es zehrt manchmal an der Moral der Natur- und Umweltschützer, obschon ihnen natürlich bewusst ist, dass ohne ihr Wirken die Situation noch weit prekärer wäre. Immerhin gibt es ein paar Erfolgsgeschichten, auf die sie mit Stolz zurückblicken können und die ihrer Motivation förderlich sind - Geschichten beispielsweise von Tierarten, die bereits am Rand des Aussterbens standen und im letzten Moment noch gerettet werden konnten. Ein Beispiel hierfür ist die «Operation Oryx», in deren Rahmen es gelang, das Überleben der im arabischen Raum heimischen Weissen Oryx (Oryx leucoryx)
zu sichern.
Eine Wüstenantilope
Die Weisse Oryx - auch Weisse Oryxantilope, Weisser Spiessbock oder Arabischer Spiessbock genannt - ist eine von drei Antilopenarten in der Gattung der Spiessböcke (Oryx)
, welche innerhalb der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) zur grossen Familie der Hornträger (Bovidae) gehört. Bei den anderen beiden Arten handelt es sich um den «eigentlichen» Spiessbock (Oryx gazella)
und um die Säbelantilope (Oryx dammah)
. Mit einem Gewicht von gewöhnlich 70 bis 90 Kilogramm und einer Widerristhöhe von 80 bis 100 Zentimetern ist die Weisse Oryx zwar die kleinste der drei Oryxarten, aber immer noch eine mittelgrossse Antilope. Beide Geschlechter tragen spiessförmige, leicht nach hinten gebogene Hörner, welche eine Länge von 50 bis 80 Zentimetern erreichen, wobei diejenigen der Weibchen an der Basis etwas dünner sind als die der Männchen. Auch in ihrer Grösse und Gestalt sind Männchen und Weibchen einander sehr ähnlich, doch haben die Männchen einen etwas kräftigeren Hals.
Alle drei Oryxarten sind Wüstenantilopen. Die Weisse Oryx ist sogar in ein paar der dürrsten und heissesten Flecken der Erde heimisch. Ihre Nahrung besteht aus Wüstengräsern und anderen zähen, wenig nährstoffreichen Pflanzen, welche in solchen Regionen zu gedeihen vermögen. Wie die meisten Wüstenhuftiere wandert die Weisse Oryx bei der Nahrungssuche weit umher, denn wo Regen nicht nur selten fällt, sondern auch in jeweils nur geringen Mengen und örtlich stark begrenzt, da grünen stets nur einzelne und immer wieder andere Gebiete. Als Anpassung an die Fortbewegung auf dem weichen Wüstensand besitzt sie grosse und weit gespreizte Hufe, welche das Gewicht gut verteilen und so das Einsinken vermindern.
Während der Winter und Frühlingsmonate, wenn die Temperaturen vergleichsweise kühl sind und Regen verhältnismässig oft fällt, erstrecken sich die Streifgebiete der Oryxtrupps über eine Fläche von bis zu 2000 Quadratkilometern. In den heissen, dürren Sommermonaten schonen die Tiere hingegen ihre Kräfte und ruhen die meiste Zeit des Tages an schattigen Stellen. Ihr Streifgebiet bemisst sich dann auf höchstens ein paar hundert Quadratkilometer. In dieser Jahreszeit sind die Weissen Oryx auch stärker nachtaktiv als sonst. Einerseits können sie so eine übermässige Erhitzung des Körpers vermeiden. Andererseits vermögen sie auf diese Weise von verhältnismässig feuchter Nahrung zu profitieren, denn der starke Temperaturabfall, der in Wüstenregionen nach dem Sonnenuntergang erfolgt, erhöht die relative Luftfeuchtigkeit erheblich, weshalb die bei Tag oft staubtrockenen Wüstenpflanzen Feuchtigkeit aus der Luft aufnehmen können.
Die Körpertemperatur schwankt
Zwar trinken die Weissen Oryx gerne Wasser, wenn solches zur Verfügung steht. Sie können jedoch allein von der Feuchtigkeit leben, welche in ihrer Nahrung enthalten ist, und dies selbst am Ende des Sommers, wenn der Wassergehalt der Wüstenpflanzen minimal ist. Ihre Fähigkeit, mit Hilfe winziger Wassermengen zu überleben, übertrifft sogar diejenige des Dromedars (Camelus dromedarius)
. Vielfältige physiologische Mechanismen, welche verdunstungsmindernd und wassersparend wirken, bilden das «Betriebsgeheimnis». Unter anderem vermögen die Weissen Oryx grössere Schwankungen der Körpertemperatur - um bis zu 7,5 Grad Celsius innerhalb von 24 Stunden - unbeschadet zu erdulden: Sie lassen sich tagsüber aufheizen und nachts abkühlen. Dabei werden Höchstwerte von mehr als 46 Grad Celsius erreicht, was für die meisten anderen Säugetiere, so auch für den Menschen, tödlich wäre. Dank ihrer erstaunlichen Hitzetoleranz können die Weissen Oryx jene Flüssigkeit einbehalten, die bei anderen Säugern durch Schwitzen oder Hecheln zwecks Erhaltung der Körpertemperatur verloren geht.
Wie die meisten grösseren Huftiere sind die Weissen Oryx gesellig lebende Wesen. Sie streifen gewöhnlich in Trupps aus Erwachsenen beiderlei Geschlechts und Jungtieren in verschiedenen Altersstufen umher. Deren Grösse beträgt gewöhnlich weniger als zwölf und nur in Ausnahmefällen bis zu dreissig Individuen. Angeführt werden die Trupps von einem dominanten Männchen, welches das Vorrecht zur Paarung mit allen erwachsenen Weibchen des Trupps hat, sowie einem dominanten Weibchen, welches bei den Nahrungsstreifzügen die Richtung angibt. Jungtiere können zu allen Jahreszeiten auf die Welt kommen, doch finden die Geburten gehäuft in den Wintermonaten statt. Die Tragzeit dauert etwa 260 Tage. Meistens werden die Weibchen schon kurz nach dem Werfen erneut trächtig. Tatsächlich beträgt das Intervall zwischen zwei Geburten im Durchschnitt nur rund 300 Tage.
Fast ausnahmslos kommen die jungen Weissen Oryx einzeln zur Welt. Sie wiegen dann durchschnittlich um sechs Kilogramm. Schon etwa eine Viertelstunde nach der Geburt vermögen sie auf ihren dünnen Beinchen zu stehen, und wenig später können sie mit ihren Müttern Schritt halten. Bis zum Alter von ungefähr sechs Monaten werden sie gesäugt. Sie haben dann schon beinahe Erwachsenengrösse. Die Geschlechtsreife erreichen die jungen Männchen im Alter von sieben bis zwölf Monaten, können sich aber erst fortpflanzen, wenn sie in der Rangordnung unter den Männchen ihres Trupps an erster Stelle stehen. Die Weibchen lassen sich im Allgemeinen erstmals begatten, wenn sie dreizehn bis achtzehn Monate alt sind, bringen ihr erstes Junges also in ihrem dritten Lebensjahr zur Welt. In der freien Wildbahn dürfte die Lebenserwartung bei höchstens etwa fünfzehn Jahren liegen; in Menschenobhut haben einzelne Individuen ein Alter von über zwanzig Jahren erreicht.
1972 in den letzten Rückzugsgebieten ausgemerzt
Erwachsene Weisse Oryx haben nur wenige natürliche Feinde. Früher mussten sie sich wahrscheinlich vor Leoparden (Panthera pardus)
, Wölfen (Canis lupus)
, Streifenhyänen (Hyaena hyaena)
und Löwen (Panthera leo)
in Acht nehmen. Der Löwe ist innerhalb des Verbreitungsgebiets der eleganten Wüstenantilopen jedoch längst ausgerottet, und die restlichen der genannten Fressfeinde sind heute extrem selten.
Die Weissen Oryx waren jedoch von alters her ein beliebtes Jagdwild des Menschen. Die traditionelle Bejagung durch den Menschen zur Gewinnung von Fleisch und Leder erfolgte lange Zeit hauptsächlich vom Pferderücken aus und unter Verwendung einfacher Waffen, so dass die Bestände nicht ernstlich in Gefahr gerieten. Der Niedergang begann erst, als der Mensch um die Mitte des 20. Jahrhunderts die Zielgenauigkeit moderner Schusswaffen mit der grossen Reichweite geländegängiger Motorfahrzeuge vereinte und dadurch die Weisse Oryx selbst in ihren entlegensten Lebensgebieten aufstöbern und erlegen konnte. Deren Bestände schwanden in der Folge dramatisch.
Aus frühen Berichten lässt sich entnehmen, dass die Weisse Oryx bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts im Inneren der Arabischen Halbinsel eine weite Verbreitung aufwies. Ihre bevorzugten Lebensräume waren sandige sowie steinige Flachländer, während sie Bergregionen weitgehend mied. Im Norden besiedelte sie schwergewichtig die Wüste Nafud in Saudi-Arabien, dürfte aber auch in den Wüstengebieten des heutigen Iraks und Syriens westlich des Euphrats sowie Jordaniens vorgekommen sein. Im Süden bewohnte sie das enorme Sandmeer der Wüste Rub al-Khali («Grosse Arabische Wüste») und die angrenzenden Steinwüsten in Saudi-Arabien, die küstennahe Hadramaut-Region im Jemen und in der angrenzenden omanischen Provinz Dhofar, ferner die Sandwüsten Jiddat al-Harasis und Wahiba in Oman und in den benachbarten Bereichen der Vereinigten Arabischen Emirate. Sie kam zudem in der streifenförmigen Sandwüste Ad-Dahna vor, welche die Wüste Nafud im Norden der Arabischen Halbinsel mit der Wüste Rub al-Khali im Süden verbindet.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Verbreitungsgebiet der Weissen Oryx bereits stark geschrumpft. Die Art kam nur noch in entlegenen, sandigen Bereichen der Wüsten Nafud, Ad-Dahna und Rub al-Khali vor. In den 1930er Jahren war die Weisse Oryx in der Ad-Dahna ausgerottet, so dass die im Norden der Arabischen Halbinsel lebende Population von der im Süden heimischen getrennt war. Um 1950 war die nördliche Population ausgerottet, ebenso die Bestände am westlichen und am nordöstlichen Ende der Rub al-Khali. Damals überlebte die Weisse Oryx also nur noch entlang der südlichen und südöstlichen Ränder der Rub al-Khali im Jemen und in Oman. Von beiden Enden her schrumpfte dieses Restvorkommen in der Folge weiter zusammen. Zu Beginn der 1960er Jahre gab es frei lebende Weisse Oryx schliesslich nur noch 1. im Wadi Mitan an der Grenze zwischen dem damaligen britischen Eastern-Aden-Protektorat (heute Teil des Jemen) und Oman, 2. in der omanischen Provinz Dhofar, vor allem am Fuss des Jabal Qara, und 3. in der omanischen Wüste Jiddat al-Harasis - wo unseres Wissens im Jahr 1972 die allerletzte wild lebende Oryx abgeschossen wurde.
Erfolgreich: «Operation Oryx»
In den frühen 1960er Jahren, als die Ausrottung der Weissen Oryx in der freien Wildbahn bloss noch eine Frage der Zeit war, ergriff die britische Naturschutzorganisation Fauna Preservation Society (heute: Fauna and Flora International) die Initiative für den Aufbau einer Zuchtgruppe in Gefangenschaft. Unter dem Begriff «Operation Oryx» wurde 1962 eine Fangexpedition im Eastern-Aden-Protektorat durchgeführt. Tatsächlich gelang es, drei Männchen (von denen eines alsbald starb) und ein Weibchen einzufangen. Die drei überlebenden Tiere wurden zunächst nach Kenia in eine Quarantänestation gebracht und dann, 1963, in den Phoenix-Zoo in Arizona (USA), wo sie ähnliche klimatische Bedingungen vorfanden wie in ihrer arabischen Heimat. Dort trafen in der Folge ein paar weitere Individuen ein, welche vom Londoner Zoo sowie von König Saud aus Saudi-Arabien und von Scheich Jaber Abdullah as-Sabaha aus Kuwait (aus deren privaten Menagerien) gespendet wurden.
Diese «Herde» aus letztlich neun Weissen Oryx bildete den Kern einer wissenschaftlich intensiv betreuten Zuchtgruppe. Bis 1977 vermehrten sich die Tiere erfreulicherweise auf rund hundert Individuen, und der Bestand wuchs um bis zu siebzehn Prozent im Jahr weiter an. Nun konnte damit begonnen werden, einen Teil der nachgezüchteten Oryx in den Nahen Osten zurückzubringen, um dort weitere Zuchtgruppen aufzubauen. Die ersten Tiere gelangten 1978 nach Jordanien und Israel, und bis 1995 waren rund 130 Individuen in ihre alte Heimat - nach Jordanien, Israel, Oman, Saudi-Arabien und in die Vereinigten Arabischen Emirate - zurückgekehrt. Zunächst wurden sie allesamt in umzäunten Gehegen gehalten. In den Jahren 1982 und 1984 wurden dann erstmals Nachkommen dieser heimgekehrten Tiere in die Freiheit entlassen, und zwar in der Wüste Jiddat al-Harasis in Oman. Diese Wiedereinbürgerung verlief bemerkenswert erfolgreich: Der wild lebende Bestand wuchs bis im Oktober 1995 auf rund 280 Individuen an. In diesem Jahr wurde ein zweiter frei lebender Bestand im Schutzgebiet Uruq Bani Ma'arid im nordwestlichen Bereich der Rub al-Khali in Saudi-Arabien gegründet.
Leider kam es ab Februar 1996 in der Jiddat al-Harasis zu Wilddieberei. Mehrere Weisse Oryx wurden gefangen und aus Oman hinaus geschmuggelt, um sie an reiche private Tierhalter im Nahen Osten zu verkaufen. 1997 und 1998 nahm die Wilderei weiter zu, worauf der Oryxbestand in der Jiddat al-Harasis schnell einbrach. Im September 1998 blieben nur noch gut 100 Individuen übrig, darunter bloss etwa 25 Weibchen. Unter diesen Umständen musste der Bestand als nicht mehr überlebensfähig eingestuft werden. Im Rahmen einer Rettungsaktion wurden darum ein paar der verbliebenen Tiere eingefangen und in ein sicheres Gehege überführt. Immerhin erging es dem Bestand im saudi-arabischen Reservat Uruq Bani Ma'arid besser. Er bildet den derzeit einzigen überlebensfähigen Bestand wild lebender Weisser Oryx.
Mit ein wenig Glück dürfte sich dies allerdings bald ändern, denn Wiedereinbürgerungen von Weissen Oryx finden inzwischen an verschiedenen anderen Orten im Nahen Osten statt, so auch in Jordanien, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken. Hier wurden die 1978 aus den USA eingeflogenen Individuen im 1975 gegründeten, 22 Quadratkilometer grossen und vollständig umzäunten Shaumari-Reservat untergebracht. Der Oryxbestand ist von anfänglich elf Individuen auf über 200 angewachsen und dient seit längerem dazu, andere Länder des Nahen Ostens mit Weissen Oryx zu versorgen. Es ist im Übrigen geplant, die Weisse Oryx demnächst beim Wadi Rum, einem gut geschützten Reservat etwas südlich von Shaumari, in die Freiheit zu entlassen.
Legenden