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Die hypergeregelte Stadt
Nichts anderes als den Untergang der Modernen Architektur erwartete unsere Autorin vor dem Besuch der ‹New Town› Milton Keynes. Lesen Sie ihren Reisebericht.
Milton Keynes ist eine ‹New Town›, die 1965 aus der langen Phase von Wohlstand und Wachstum der britischen Nachkriegszeit hervorgegangen ist. Unsere Semester-Exkursion, eigentlich auf den Spuren der Gartenstadtbewegung, führte uns hierher. Vor der Reise hatte ich die Vorstellung, das Bild der konsumorientierten Utopie-Stadt mit lächelnden Kindern auf der Strasse habe sich sicher in ein dekadentes und gefährliches Getto gewandelt. Ich hatte nichts anderes erwartet, als den Untergang der Modernen Architektur und des funktionalen Denkens, den Einsturz des Rasterkonzepts und die Monotonie des vorgeplanten Raums. Endlich konnte ich die Grenzen des architektonischen und städtebaulichen Entwerfens erleben!
So einfach war es nicht. Die autogerechte, hypergeregelte Stadt, in der das Verkehrssystem auf drei verschiedene hierarchische Ebenen gestapelt ist und die Fussgänger nie Vorrang haben, hat anscheinend die Petrolkrise überstanden. Mit unterschiedlichen Gefühlen und inneren Konflikten fuhren wir zuerst mit dem Bus und gingen nachher zu Fuss durch die Stadt. Meine Zweifel an dem optimistischen Städtebau und an der enthusiastischen Architektur aus den radikalen Jahren schwanden. Wie ein Pionier der Gartenstadtbewegung war ich für die unerwarteten menschlichen Aspekte dieser Stadt begeistert.
Auf 9’000 Hektaren sollten hier 250’000 Personen wohnen, so sah es der Masterplan von 1970 vor. Wie in einem Fraktal sind klein und gross gleichmässig vom Raster geregelt: konkrete Gebäude, soziale Mischung, abstrakte Konzepte, demokratische Gefühle und Freizeitaktivitäten. Wie im klassischen Städtebau bilden die Verwaltungsgebäude, das Einkaufszentrum, der Bahnhof und die Freizeiträume das Zentrum dieser rechteckigen Landschaft. Alles ist durch das Raster geordnet. Das ein Kilometer lange Shopping-Gebäude (1979 von den Architekten der MK Development Corporation gebaut) verkörpert das Gemeinschaftsideal. Im Erdgeschoss liegen die Läden an zwei Arkaden, 12 Meter breit, 14 Meter hoch. Durchsichtig und grandios findet man in dieser kommerziellen ‹promenade architecturale› das aggregative Wesen des ursprünglichen Konsumverhaltens.
Bis heute ist in Milton Keynes viel passiert. Es wurde gebaut, nicht gebaut und abgebaut: zum Beispiel eine 44 Meter hohe Ski-Kletter-Fliegen-Einkaufshalle, eines der ersten Multiplexkinos in Grossbritannien, der abgerissene Kinderpark von Archigram, das nie gebaute Olivetti-Hauptquartier von James Stirling. Es ist ein besonderer Ort, wo das Ideal, das Reale und manchmal auch der Unsinn sich oft begegnet sind. Wie für die Gartenstädte von Anfang des 20. Jahrhunderts war auch für diese ‹New Town› die Grundvision ‹besser wohnen›, ‹besser arbeiten› und daher ‹besser leben› zu können. Wir haben gelernt architektonischen Idealen zu misstrauen. Projekt und Bauwerk können und wollen nicht immer übereinstimmen. Obwohl Milton Keynes nicht für alle eine Traumstadt sein kann, obwohl die ursprüngliche Heiterkeit verschwunden ist, bleibt eine gewisse Ehrlichkeit in der Luft. Besser als bei den vielfältigen Fehlern dieser Epoche zeigt sich hier die Macht des Planens und der Mut, an eine positive Zukunft zu glauben. Meine Zweifel an der Architektur muss ich mir woanders bestätigen lassen.
* Linda Stagni ist Co-Redakteurin des trans magazin