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Schmerzreaktion
(Auszug aus meiner Anatomiearbeit über rheumatische Erkrankung mit näherer Erläuterung der Fibromyalgie und Polymyalgie)
Der Schmerz hat lebenswichtige Warn- und Schutzfunktion.
Grundsätzlich können alle Rezeptoren (Mechano-, Chemo-, Thermo-, Photorezeptoren und Nozizeptoren des peripheren Nervensystems) Schmerzen auslösen bei entsprechender Überreizung, hauptsächlich aber sind es die Nozizeptoren (sogenannte freie Nervenendigungen), die am Schmerzgeschehen beteiligt sind. Sie kommen weitaus am häufigsten vor (in der Haut, den Sehnen, Muskeln und in den Gelenken).
Erfassen die Nozizeptoren ein Signal einer Noxe (schädigendes Ereignis), leiten sie dieses Signal sowohl über myelinisierte (ummantelte) schnelle Nervenfasern (A-Fasern) als auch über unmyelinisierte, langsamere C-Fasern weiter bis zum Rückenmark (Hinterhornstrang), wo sie auf andere Bahnen umgeschaltet werden. Im Rückenmark wird der lebenswichtige Reflex (z.B. das Wegziehen der Hand von einer heissen Herdplatte) ausgelöst: Es sind Zellen im Rückenmark, welche die Reflexreaktion auslösen und nicht das Gehirn! Der erste, schnellere Reiz löst den hellen, scharfen und klar erfassbaren Schmerz aus, welcher schnell abklingt. Der zweite, langsamere Reiz hat dumpfen, brennenden Charakter, ist schwerer zu lokalisieren und klingt auch weniger schnell ab.
Die Schmerzwahrnehmung geschieht nicht einfach linear, vielmehr wird der Schmerzimpuls durch verschiedene biopsychosoziale Faktoren beeinflusst, weshalb er sich nicht objektiv messen lässt: Schmerz ist ein individuelles Geschehen. Die Wahrnehmung, die Qualität und die Intensität des Schmerzes werden beeinflusst durch:
- frühere Schmerzerfahrungen und damit zusammenhängende emotionale Erlebnisse
= kognitive Komponente
- aktuelle Befindlichkeit (z.B. Müdigkeit), seelisches Befinden, Emotionen (bei chronischen Schmerzen spielt diese Komponente eine bedeutende Rolle)
= affektive, emotionale Komponente
- Blutdruck und Herzfrequenz steigen, Pupillen weiten sich, Atmung wird eingeschränkt, bei visceralen Schmerzen starke vagale Reaktion wie Übelkeit/Erbrechen
= vegetative Komponente
- Bewegungseinschränkung, Schonhaltung, Reflexbewegungen
= motorische Komponente
- Psychologische und kulturelle Einflüsse, Stellenwert, der dem Schmerz beigemessen wird, Aufmerksamkeitsgrad (dem Schmerz gegenüber aber auch dem Betroffenen gegenüber = sekundärer KrankheitsgewinN)
= bewertende Komponenten
- Akuter Schmerz oder chronischer Schmerz
= zeitliche Komponente
Diese Komponenten beeinflussen sich gegenseitig und wirken je nachdem hemmend oder verstärkend auf die Schmerzwahrnehmung.
Dem Körper steht eine weitere Möglichkeit für die Modulation von Schmerz zur Verfügung: Das absteigende Hemmsystem. Hormone wie Endorphin, Enkephalin, Serotonin und Noradrenalin wirken als Schmerzinhibitoren und hemmen die Reizleitung, steuern somit die Schmerzwahrnehmung, z.B. um den Organismus in gewissen (z.B.. lebensbedrohlichen) Situation weiterhin handlungsfähig zu halten.
Schmerztherapie
Die Schmerztherapie ist immer abhängig von der Schmerzursache. Es gehören dazu:
- Beseitigung der Ursache der Schädigung
- Medikamentöse Therapie (Auswirkungen auf das vegetative Nervensystem)
- Physikalische Therapie (Akupunktur, Triggerpunkttherapie, elektrische Therapie, manuelle Therapie wie z.B. Atemtherapie Middendorf, Wärme-/Kältebehandlungen)
- Entwickeln von Schmerzbewältigungsstrategien (besonders wichtig bei chronischen Schmerzen)
Wie kann Schmerz Chronifizieren
Sich ständig wiederholende Schmerzreize oder lange anhaltende Schmerzreize lösen einen Chronifizierungsprozess aus.
Ein Grossteil der Nozizeptoren hat eine besonders hohe Reizschwelle, sie bleiben auch bei intensiven Reizen stumm (schlafende Nozizeptoren). Werden nur die niedrigschwelligen Nozizeptoren erregt, entstehen Schmerzen in einem normalen Ausmass. Gereizte Nozizeptoren schütten einen Neurotransmitter aus, die Substanz P, die eine Entzündungsreaktion einleitet, in welcher das Gewebe mehr durchblutet wird und zusätzliche (schlafende) Nozizeptoren aktiviert werden. Dies verstärkt den Schmerz. Wiederholt sich dieser Reiz andauernd, senkt sich die Reizschwelle der Nozizeptoren massiv, sodass sie sogar auf Reize reagieren, die an sich nicht schädigend sind. Die nervalen Entladungsmuster werden intensiviert, es erfolgt ein massiv erhöhter Einstrom im Rückenmark, was eine Entladungsänderung spinaler Zellen verursacht. Hier befindet sich die erste Umschaltstelle, wo der Reiz zum ersten Mal biochemisch moduliert wird (gebremst oder verstärkt). Ein komplexes Regulationssystem zwischen den schnellen A-Fasern und den langsameren C-Fasern kann zu einer stärkeren Entladung führen, welche durch die Freisetzung von Endorphinen wiederum gebremst werden. Somit kommt der Reiz im Grosshirn stärker oder schwächer an. Oder aber die Freisetzung von Endorphinen wird reduziert und der Neurotransmitter GABA ausgeschüttet; dieser wiederum hemmt die Produktion von Endorphin. Nun wird der Schmerzreiz ungefiltert, in voller Stärke an das Gehirn weitergeleitet. Das zentrale Nervensystem wird immer weiter sensibilisiert und die Schmerzwahrnehmung im Gehirn zusehends verstärkt. Nervenzellen verfügen zudem über eine Art Gedächtnis: Sie lernen, nach wiederholter Reizung schneller und intensiver zu reagieren, man spricht von der „neuronalen Plastizität“. Somit hinterlässt jeder Schmerzreiz aus der Peripherie Spuren im Rückenmark (Tom Laser, 2004).
Es entsteht ein Teufelskreis:
Die gesteigerte Erregbarkeit (Hyperalgesie) hält die Schmerzwahrnehmung schlussendlich aufrecht, auch wenn der ursprüngliche Schmerzreiz nicht mehr vorhanden ist. Das zentrale Nervensystem verwandelt sich von einem hochschwelligen zu einem niedrigschwelligen System und auch die anderen Sinnesrezeptoren in der Peripherie (Oberflächen- und Tiefensensibilität) erfahren ebenfalls eine massiv gesteigerte Sensibilisierung, wodurch schon die leichteste Berührung abnorm starke Schmerzen auslösen kann.
Wenn man bedenkt, dass Schmerzsignale ebenfalls durch das limbische System geleitet werden, wird offensichtlich, wie erheblich das seelische Wohlbefinden des Menschen beeinträchtigt wird. Der Schmerz an sich wird zur Noxe, zum Stressfaktor mit entsprechender Auswirkung auf das vegetative Nervensystem: Der Schmerz wird zu einer eigentlichen Krankheit.
Es wird offensichtlich, wieso die Signalkaskade möglichst schon gar nicht entstehen soll. Der vielschichtigen Schmerztherapie muss deshalb grosse Beachtung geschenkt werden. Vielschichtig deswegen, weil unterschiedliche Schmerzursachen unterschiedliche Therapierung erfordern.
(Copyright Regula Leuthold)