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Die Zucht von Zitrusgewächsen gehörte für die Adelshäuser Europas zum guten Ton. Für Orangen und Pomeranzen legten sie prestigeträchtige Orangerien an. Diese werden heute wieder genutzt – oft für gesellschaftliche Anlässe.
Nicht erst seit Goethes «Italienischer Reise» träumen die Menschen im kalten Norden vom Land, wo die Zitronen blühen. Schon seit Jahrhunderten begeistern sie sich für edle Zitrusfrüchte. Zunächst waren es nur die Adligen, die reichen Bürger und der Klerus, die sich die teuren Pﬂanzen und den umständlichen Transport aus Italien leisten konnten. Sie sprachen von den Orangen und Bitterorangen (Pomeranzen) als «goldene Äpfel». Diese Bezeichnung geht auf die Herakles-Sage in der griechischen Mythologie zurück, in der die drei Hesperiden Hesperia, Aegle und Erytheia die goldenen Äpfel, bei denen es sich nur um Orangen handeln konnte, bewachten. Trotzdem gelang es Herakles, dem Sohn des Zeus, mit einer List an die streng bewachten goldenen Äpfel zu kommen.
In der Figur des Herakles sahen sich die Adligen der Renaissance und des Barock gerne gespiegelt. Um Macht und Stärke nach aussen kundzutun, stellten sie Herakles-Skulpturen in ihren Gärten auf. Die goldenen Äpfel, die in der Sage mythologisch verklärten Orangen, zogen gleich mit in die Gärten ein. Die Zitrusgewächse waren so begehrt und wertvoll, dass die Adligen eigene Gebäude für die pﬂanzlichen Kostbarkeiten bauen liessen: Orangerien.
Verschiedene Typen von Orangerien
Ursprünglich verstand man unter Orangerien die Zitrusbäumchen und andere südländische Gewächse in transportablen Behältern. Die Wortbedeutung änderte sich jedoch im Lauf der Zeit. Heute ist das Wort Orangerie nahezu zum Synonym für das Orangeriegebäude selbst geworden. Dieses hiess im Barock noch Pomeranzenhaus.
In Deutschland gab und gibt es die meisten Orangerien. Der Arbeitskreis Orangerien in Deutschland e.V. berichtet von etwa 300 Bauwerken – teils gut erhalten und restauriert, teils restaurierungsbedürftig. In den anderen Ländern Europas ist diese Architekturform eher selten oder gar nicht vorhanden. Gartenhistoriker unterscheiden bei den Orangeriebauten fünf Typen, je nach Einbindung ins Gartengelände:
● Orangerie als Pointe de Vue, als Abschluss der Sicht- und Wegachse: Weikersheim (1719), Seehof bei Bamberg (1733)
● Orangerie als Vorhofgebäude: Schloss Charlottenburg (1709) in Berlin, Hannover-Herrenhausen (1720), Schloss Schönbrunn (1754) in Wien
● Eigenes Orangeriequartier mit Orangerie-Gewächshäusern: Darmstadt (1719), Schwetzingen (1761), Benediktinerkloster Seligenstadt (1757), Kloster Bronnbach (zweite Hälfte 18. Jahrhundert)
● Orangerien in Hanglage: Versailles (1684), Grosssedlitz bei Dresden (1720), Weilburg-Hessen (1710)
● Orangerie als eigenständiges, schlossartiges Gebäude: Kassel-Karlsaue (1701), Neue Orangerie von Schloss Sanssouci in Potsdam (1851), Ansbach (1726), Hofgarten Eremitage Neues Schloss Bayreuth (1749)
Internet
www.ak-orangerien.de
Die Begeisterung für Zitrusgewächse setzte nördlich der Alpen um 1490 ein, als Jovianus Pontanus' Werk «De hortis Hesperidum» mit einer ausführlichen Beschreibung der Zitruskultur Süditaliens erschien. Daraufhin entstanden überall in mitteleuropäischen Städten so genannte Hesperidengärten.
Die Adligen und Patrizier der damaligen Zeit strebten zunächst danach, im Freien Orangenhaine anzulegen, so wie sie sich Landschaften in Süditalien und auf Sizilien vorstellten. Ein unmögliches Unterfangen, denn Zitrusbäumchen brauchen in kühleren Geﬁlden einen Winterschutz, sie können nicht einfach so im Freien stehen. So begann man die Pﬂeglinge mit abschlagbaren Überbauten aus Holz zu schützen. In Stuttgart wurde 1568 die erste abschlagbare Orangerie auf deutschem Boden gebaut. In Deutschland erreichten die temporären Holzverschläge auch ihre vollkommenste Ausbildung. Weitere Häuser entstanden unter anderem in Dresden, Kassel, Heidelberg, Pillnitz und Wien.
Auch der Nürnberger Kaufmann Johann Christoph Volkamer sammelte um 1700 in seinem Pomeranzenhaus mit abnehmbarem Dach und abnehmbarer Fensterfront Zitrusgewächse; es sollen 49 Sippen gewesen sein. An das Überwinterungshaus schloss sich ein Duftzimmer an, in dem man im Winter den betörenden Zitrusduft geniessen konnte. Seine eigene Sammlung inspirierte Volkamer wohl zu seinem Werk «Nürnbergische Hesperides» mit der Beschreibung von 81 Zitrussippen anhand von 117 Kupferstichen. Das Buch erschien 1708 und fand gleich reissenden Absatz. Bereits im gleichen Jahr wurde eine zweite, erweiterte Auﬂage gedruckt. In einem dritten Band setzte er die Beschreibung von weiteren Zitrussippen fort. Diese Veröffentlichungen entfachten die Sammelleidenschaft von Fürsten und Patriziern vollends. In Nürnberg erinnern die Hesperidengärten an diese bedeutende Phase der Gartengeschichte. Heute spielen die Zitrusgewächse in diesem restaurierten Gartenensemble allerdings nur noch eine Nebenrolle.
Die abschlagbaren Pomeranzenhäuser wurden mit immer aufwändigeren Konstruktionen noch bis etwa 1700 gebaut. Eine Fortentwicklung waren Pomeranzenhäuser mit fester Ummauerung und abnehmbarem Dach. Da standen die Pomeranzen und Zitronen im Erdreich, im Sommer im Freien, im Winter überdacht. Für Wärme sorgten eiserne Öfen.
Bei den Orangerieformen der Barockzeit ging es vor allem um die Architektur des Gebäudes und um die Einordnung ins Gartengelände. Nebenbei dienten sie natürlich auch als Überwinterungsort für die frostempﬁndlichen Zitrusgewächse. Zunehmend versuchten die Hochwohlgeborenen, sich bei der Grösse der Orangeriegebäude gegenseitig zu übertreffen. Die Orangerie in Ansbach ist 102 Meter lang. Das Orangerieschloss in der Kasseler Karlsaue misst 140 Meter. Die berühmte Orangerie in Versailles wartet mit 155 Metern Länge auf, übertroffen von Schönbrunn bei Wien mit 189 Metern und der Neuen Orangerie im Park Sanssouci zu Potsdam mit 300 Metern Länge, wobei die beiden Pﬂanzenhäuser, die jeweils an den Mittelbau mit einer Kunstgalerie anschliessen, jeweils 103 Meter lang sind. Die Potsdamer Orangerie ist eigentlich ein architektonischer Anachronismus, liess König Friedrich Wilhelm IV. sie doch erst ab 1851 bauen, zu einer Zeit, in der dieser Gebäudetyp längst aus der Mode gekommen war.
In der Barockzeit wurden Pomeranzen und Zitronen fast nur noch in Kübeln oder Töpfen kultiviert, während sie vorher auch ausgepﬂanzt direkt im Erdreich standen. Die Schlossgärtner platzierten die runden oder viereckigen und oft weiss gestrichenen Holzkübel im Orangerieparterre vor dem Orangeriegebäude in festen Mustern: im Karree, im Kreis oder im Halbrund. In einzelnen Gärten standen die Zitrushochstämmchen in Gefässen aus toskanischer Terrakotta. Das Orangerieparterre wurde zum Aushängeschild fürstlicher Gartenanlagen. In den berühmten Gärten in Versailles und in Hannover-Herrenhausen wird diese besondere Gestaltungsform bis heute eindrucksvoll präsentiert.
Die Inventare der Adelshäuser listeten die Gewächse akribisch auf. Sie galten als eigentliche Vermögenswerte. Die Inventarliste des Schlosses Weikersheim in Franken von 1745 beispielsweise führt auf: «Ausgepﬂanzt 14 Stück grosse Orange-Bäum, 6 mittlere Orange-Bäum, 22 etwas kleinere, und weitere südländische Gewächse, dazu in eisenbeschlagenen Holzkübeln 45 grosse Orange-Bäum und Citronen sowie 349 Orangenbäume in verschiedenen Grössen, teils importiert, teils selbst gezogen.» Solche Zahlen waren nicht ungewöhnlich für barocke Gärten.
In Weikersheim und an anderen Grafen- und Fürstenhöfen breiteten sich allmählich andere Gartenmoden aus. Der Kieler Gartentheoretiker Christian Cay Lorenz Hirschfeld schrieb 1780 in seiner «Theorie der Gartenkunst»: «…die Unterhaltung einer grossen Orangerie in Deutschland ist nicht allein deswegen abzuraten, weil sie sehr kostbar ist und viel Wartung erfordert, sondern auch, weil diese Bäume unter uns kranke Fremdlinge sind, unserer rauhen Luft ungewohnt, sich immer nach den Gewächshäusern, ihren Spitälern, sehnen...» Diesem Rat folgten seine Zeitgenossen zunehmend.
Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts verloren die Zitrusgewächse zunehmend ihre Bedeutung. Sie verschwanden weitgehend von den Fürstenhöfen und machten pﬂegeleichteren Kübelgewächsen Platz. Der natürlich arrangierte englische Landschaftsgarten löste die formalen Barockanlagen ab. Und zur Überwinterung frostempﬁndlicher Gewächse baute man ab dem 19. Jahrhundert, als es die technischen Möglichkeiten erlaubten, Glashäuser mit Eisenträgern und -sprossen und grossen Glasﬂächen. Die Orangeriegebäude mit ihren relativ kleinen Fensterﬂächen hatten endgültig ausgedient.
Doch heute erinnert man sich wieder an die barocke Gartenkultur. Gartendenkmalpﬂeger lassen Orangeriegebäude aufwändig restaurieren. Einige werden tatsächlich in ihrer ursprünglichen Funktion zur Überwinterung von Zitrusgewächsen genutzt. Andernorts wie in Ansbach dienen die historischen Orangeriegebäude nur als Kulisse für Zitruspﬂanzen-Sammlungen, die im Sommer im Parterre davor aufgestellt stehen. Die Orangeriegebäude selbst wurden häuﬁg umfunktioniert in Restaurants und Ausstellungsräume.
Zitronen und Bitterorangen sind die häuﬁgsten Arten auf den heutigen Orangerieparterres. Sie können bei guter Pﬂege sehr alt werden und sich zu prachtvollen Einzelstücken mit Charakter entwickeln. Als Hochstämmchen eignen sich besonders die Pomeranzen, die eine gut belaubte Krone entwickeln. Diese beiden Arten sind jedoch nur eine dürftige Auswahl, verglichen mit der Vielfalt an besonderen Sorten, die die Gärtner in der Barockzeit kultivierten.
Mit dem wieder erwachenden Interesse an historischen Orangeriegebäuden erwachte bei den Gartenliebhabern jedoch auch das Interesse an historischen Zitrusarten und -sorten. In den grossen Schlossgärten wie in Versailles und im Blühenden Barock in Ludwigsburg wurden umfangreiche Sammlungen neu aufgebaut – nicht zu vergessen die ganz besondere Sammlung auf der Insel Mainau im Bodensee mit rund 50 teils sehr raren Arten und Sorten, die sich im Sommer vor dem Schloss präsentieren.
Die eigene Orangerie
Die Zitruspﬂanzenkultur ist etwas für Leute mit grünem Daumen. Temperatur, Licht, Substrat, Bewässerung und Düngung müssen stimmen. Die optimale Wintertemperatur liegt bei 11 bis 12 Grad Celsius. Nach dem Einräumen im Oktober sollte man nur sehr sparsam alle 10 bis 14 Tage giessen. Ab Ende Februar, wenn der Neuaustrieb beginnt, jede Woche vorsichtig wässern. Nach den Eisheiligen Mitte bis Ende Mai die Kübel ins Freie stellen.
Ein heisser, trockener Sommer ist günstig für Blüte und Fruchtausbildung. Schädlich ist eine niedrige Lufttemperatur, eine niedrige Temperatur im Kübel und zu viel Luftbewegung. Mit der Erdmischung haben schon Generationen von Gärtnern experimentiert. Als optimal für Zitrusgewächse gilt ein Substrat mit niedrigem pH-Wert von 5,5 bis 6. Es ist fertig gemischt im Handel erhältlich. Nur so können die für die Pﬂanze nötigen Spurenelemente wie Eisen freigesetzt werden. Bei Eisenmangel färben sich die Blätter zwischen den Blattadern gelb. Daraus leitet sich auch der Rat ab, kalkarmes (Regen-)Wasser mit niedrigem pH-Wert zum Giessen zu verwenden. Zur Vorbeugung von Eisenmangel empﬁehlt sich ein Spurennährelementdünger.
Bezugsquellen:
Spezielle Kübelpﬂanzengärtnereien
• www.eisenhut.ch
• www.hortushesperidis.it
• www.oscartintori.it
Bilder: © MEDIA CONSULTA, Mike Auerbach / FOTOLIA / Brunhilde Bross-Burkhardt / Veronika Anders