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Sie haben zum Thema Sklavenhandel geforscht. Wann und wie waren Schweizer am atlantischen Sklavenhandel beteiligt?
Robert Labhardt: Seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts stellten Schweizer Stoffe her, die dann mit Schiffen nach Afrika gebracht wurden. Dort wurden die Stoffe gegen Afrikaner getauscht, die als Sklaven weiterverkauft wurden.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sind viele junge Kaufleute, vor allem aus Neuenburg und Basel, in die französischen Sklavenhandels-Städte gegangen, und haben dort ihre Firmen eröffnet. Vor allem in Nantes, der Stadt mit dem grössten Sklavenhandel.
Sie haben an einem Buch mitgearbeitet, in dem es um die Beteiligung der Basler Welthandelsfirma Burckhardt & Cie. am Sklavenhandel geht. Wie sah diese Beteiligung genau aus?
Man kann aufgrund des Firmenarchivs nachweisen, dass zwischen 1780 und 1792 drei Generationen der Firma Burckhardt an insgesamt 21 Sklavenfahrten beteiligt waren: in Form von Aktien, von Beteiligungen an Versicherungen, und in Form von Indienne-Lieferungen, von bedruckten Baumwoll-Stoffen für den afrikanischen Markt.
Hat sich die Firma Burckhardt in grösserem Umfang am Sklavenhandel beteiligt, als andere Schweizer Kaufleute und Investoren?
Andere haben sich nur hin und wieder beteiligt, etwa durch Tuch-Lieferungen oder Finanzierungen. Bei den Burckhardts ging es so weit, dass der Sohn in Nantes ein Sklavenschiff gekauft und für Westafrika ausgerüstet hatte. Dieses Unternehmen mündete in einem Fiasko, bei dem rund 70 Prozent der 300 Sklaven umkamen.
Es kommt immer wieder das Gerücht auf, dass auch die Firma Merian, zu der die Christoph Merian Stiftung gehört, in den Sklavenhandel verwickelt war. Was ist da dran?
Das stimmt so nicht. Der Vater des berühmten Stifters Christoph Merian war zu der Zeit, in der die Schweiz am Sklavenhandel beteiligt war, Bankier in Basel. Er hat dem jungen Burckhardt eine Anschubfinanzierung für dessen Geschäft in Nantes gegeben. Eine direkte Beteiligung kann nicht nachgewiesen werden. Es kann ihm aber nachgewiesen werden, dass er keine moralischen Bedenken gegen den Sklavenhandel hatte. Dieser war ihm nach der französischen Revolution vielmehr ökonomisch zu riskant geworden.»
Inwieweit war der Rest der Schweiz in die Geschäfte mit Afrika verwickelt?
Aufgrund traditioneller Geschäftsbedingungen zu Frankreich muss man vor allem die Romandie erwähnen, allen voran Neuenburg. Die haben viele Tuch-Fabrikanten nach Nantes geschickt, aber auch nach Bordeaux oder Nancy. In Genf und in der Ostschweiz gab es auch einige Financiers, die den Sklavenhandel unterstützten. Ausserdem gab es ostschweizerische Sklavenhalter auf Plantagen in Surinam oder Südamerika.
Wo steht die Schweiz mit der Aufarbeitung der Vergangenheit in Bezug auf den Sklavenhandel?
Das Jahr 2005 war das von der UNO ausgerufene Jahr der Sklaverei, und damals erschien eine ganze Reihe von Untersuchungen zur Beteiligung der Schweiz an Sklaven-Unternehmungen. Der Bund wurde aufgerufen, Stellung zu beziehen, inwieweit er sich an der wissenschaftlichen Aufarbeitung beteiligen würde. Doch der Bund fühlte sich als Staat nicht verantwortlich. Er sagte, es sei Sache der Kantone oder privater Initiativen, das aufzuarbeiten.
Wie steht es aktuell mit der Aufarbeitung?
Es kommt erst heute eine Art Netzwerk-Forschung in Gang. Eine Forschung, die fragt, wie Schweizer Handelshäuser und Finanzhäuser in das gesamteuropäische Kooperationsnetz eingebunden waren.
Zur Person
Robert Labhardt ist ein Schweizer Germanist, Historiker und Kunsthistoriker. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2002 arbeitete er als Gymnasial-Lehrer und seit 2002 zusätzlich als Dozent für Fachdidaktik Geschichte an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz.
Literaturhinweis
Peter Haenger, Robert Labhardt, Niklaus Stettler: «Baumwolle, Sklaven und Kredite», Christoph Merian Verlag, 2004.