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Neben assyrischen und ägyptischen Sammlungsstücken galt das Interesse von Giuseppe Sinopoli im Besonderen der Kunst der Griechen. Auf diesem Gebiet hatte er eine Sammlung aufgebaut, die an Vielseitigkeit, Systematik und in ihrer historischen Ausrichtung andere Privatsammlungen weit in den Schatten stellt.
Man würde vielleicht erwarten, daß die Sammlungsstücke eine Verbindung zur Musik erkennen lassen müßten, aber nur auf einer einzigen attisch-rotfigurigen Vase (Ar. 79) klingt das Thema Musik durch diese Darstellung eines Kitharaspielers an - ein Meisterwerk der klassischen Zeit aus Athen.
Die anderen Werke der Sammlung haben nichts mit der beruflichen Tätigkeit ihres Besitzers zu tun, sie könnten ebenso gut von einem Archäologen für ein Museum ausgewählt worden sein. Genau diese Qualifikation hatte sich Sinopoli neben seinen anderen Fähigkeiten ja auch in seinen letzten Lebensjahren erworben. Kurz vor seinem Tode hat Sinopoli im Jahre 2000 das Studium der Archäologie und Orientalistik bei Paolo Matthiae in Rom abgeschlossen, ist aber wenige Tage vor dem Rigorosum, das ihm den zweiten Doktorhut eingetragen hätte, gestorben. So ist es der Blick und die Kenntnis des Fachmannes, die diese Sammlung zusammentragen half.
Die Sammlung griechischer und italischer Kunstwerke von Giuseppe Sinopoli umfasst mit ihren Objekten, von denen etwa 130 publiziert sind, eine Zeitspanne von ca. 3000 Jahren. Es sind vertreten als früheste Werke Objekte der prähistorischen Kykladenkultur des 3. Jahrtausend v. Chr. und Werke der minoisch-mykenischen Kultur aus der Bronzezeit.Als frühestes griechisches Gefäß ist eine Pyxis aus der geometrischen Epoche des 8. Jhs. v. Chr. mit einem Deckel hervorzuheben, dessen Griff in Gestalt von Pferden geformt ist (siehe Bild).
Die Sammlung umspannt auch einen weiten geographischen Bereich, der sich von den Kunstzentren Kretas, Zyperns und Kleinasiens bis nach Athen, Korinth, Sparta und Unteritalien erstreckt. Es ist ein ungeheuer weites Spektrum, welches die Sammlung Sinopoli aufweist. Alle Epochen, alle wichtigen Werkstätten und typischen Gefäßformen sind vertreten.
Der Schwerpunkt der Sammlung liegt sicher auf der Bildwelt der Griechen des 6. und 5. Jhs. v. Chr. und auf den griechischen "Vasen" (siehe nebenstehendes Bilkd). Das Wort "Vase" ist dem Italienischen entlehnt; in der Archäologensprache ist damit die Feinkeramik im Gegensatz zur groben Gebrauchskeramik gemeint. Die Feinkeramik besteht aus fein gereinigtem, geschlämmten Ton, ist kunstvoll auf der Töpferscheibe gedreht, die Oberfläche ist veredelt und teilweise mit schwarzem Glanzton bedeckt, so daß figürliche Darstellungen und Ornamente entstehen. Schließlich sind diese Tongefäße mit ihrer Bemalung in einem Brennofen bei fast 1000° haltbar gemacht. Diese bemalten Vasen hatten ihre Funktion in einem Bereich jenseits des Alltags. Sie wurden den Göttern geweiht, in den Gräbern den Toten beigegeben, vor allem aber gehörte diese "Luxuskeramik" zur geselligen Form des antiken Weintrinkens, dem Symposion.
|Die meisten der in der Sammlung vertretenen Vasen sind Geräte für den Weintrinker und Geschirr für das antike Symposion. Dazu gehören eine korinthische Kanne mit zweizonigem Tierfries (625-600 v. Chr.) (Bild 3) oder eine Trinkschale wie diese Sianaschale von 550-540 v. Chr. (Bild 4).|
|Bild 3||Bild 4|
|Bemerkenswert viele, sehr große Kratere, Mischkessel, um Wein und Wasser zu vermischen, sind in der Sammlung Sinopoli, wie man sie sonst nur in den großen Museen wie London oder Paris findet (Bild 5), darunter zwei attische Beispiele des 5. Jh. V. Chr., der eine Krater mit der Darstellung des Odysseus, der sich unter dem Bauch eines Widders verbirgt, um aus der Höhle des Polyphem fliehen zu können (Bild 6).|
|Bild 5||Bild 6|
|(Bild 7) Amphoren und Lagergefäße auch für Wein, die mit ihren figurenreichen Darstellungen Gesprächsstoff beim Gelage oder Ausgangspunkt von literarischen Rezitationen boten, gehören ebenfalls dazu.|
|Bild 7|
|Ein Teil dieser Gefäße verweist mit seinen Bildern von Gelagen und Tänzern auf diese antike Trinkkultur, z. B. der trunkene Zecher auf einer rotfigurigen Amphora (Bild 8) oder die Darspellung aines Gehages auf dem schwarzfigurigen Krater (Bild 9). (Bild 10) Ein Korinthischer Krater gehört ebenfalls zu diesem Darstellungskreis. Im Fries zeigt er jene possenartig kostümierten Tänzer im Komós, dem antiken Fest des Weines und des Rausches, die im Archäologenjargon "Dickbauchtänzer" genannt werden, obwohl das unter dem Kostüm dick ausgepolsterte Gesäß das eigentliche Merkmal dieser Posse darstellt.|
|Bild 8||Bild 9||Bild 10|
Andere Bilder erzählen zum Genuß des Betrachters von Göttern, Helden, vom Menschenleben, Krieg, Muße oder Sport. Abgebildet ist auf dieser schwarzfigurigen Amphora uf der einen Seite Herakles im Kampf mit dem nemeischen Löwen, auf der Rückseite Athena, die einen Giganten bekämpft (Bild 11).Die meisten dieser Gefäße sind in Athen hergestellt worden, das bedeutendste Fabrikationszentrum schwarzfiguriger und rotfiguriger Vasen des 6. und 5. Jhs. v. Chr., der archaischen und klassischen Zeit. An keinem anderen Ort wurden jemals vergleichbare Tongefäße mit diesem Glanz der Oberfläche und dieser leuchtenden Kraft der roten Tonfarbe hergestellt. In seinen letzten Lebensjahren hat der Maestro seiner Sammlung noch ein besonderes Meisterwerk hinzufügen können. Ein Werk, das mit dem Oeuvre des Vasenmalers Exekias verbunden werden kann, des bedeutendsten Künstler des 6. Jh. v. Chr. (Bild 12). Es handelt sich um eine bauchige Halshenkelamphora der Zeit um 540-530 v. Chr. mit der Darstellung der Athena im Kampf mit einem Giganten auf der rechten Seite im Bild, und dem Kampf des Theseus mit dem Minotauros links im Bild.
|Bild 11|
|Bild 12|
Mit größter Meisterschaft haben in der Zeit vom 6. bis zum 4. Jh. v. Chr. die Töpfer Griechenlands und Unteritaliens diese Bilder geschaffen, die uns von der komplexen Realität menschlichen Daseins in der Antike zwischen Kult, Mythos und Leben erzählen. Die Sammlung Sinopoli lud in der Ausstellung ein, durch das griechische Bilderreich dieser Zeit zu schreiten, die fremde Welt der griechischen Kultur an uns vorbeiziehen zu lassen, und uns mit dieser Welt vertraut zu machen. Der Sammler Giuseppe Sinopoli hat diese Werke und ihre Bilder zusammengestellt, um die Botschaft weiterzugeben, welche die Künstler der Antike auf diesen Gefäßen den damaligen Benutzern vermittelten und die von dem schöpferischen Genie der Griechen genauso berichten wie die Werke der Dichter, ihre Dramatiker, Redner und ihre Philosophen.
Giuseppe Sinopoli hat nach einer Darstellung auf dieser lakonischen Schale seiner Sammlung den Namen "Aristaios" gegeben (Bild 13). Der langgewandete, bärtige Mann mit dem gebogenen Stab in der Hand, der links im Bild der Göttin Artemis gegenübersteht, könnte Aristaios darstellen, eine ungewöhnlich schillernde mythologische Gestalt, der unter anderem die Musen in der Heilkunst und Weissagung unterrichtete. Er war mit seherischen Fähigkeiten ausgestattet und galt als der Erfinder der Kultivierung des Olivenbaum und der Bienenzucht. Es ist bezeichnend, daß der Maestro als selbst mit so vielen Fähigkeiten ausgezeichneter Mensch diesen vielseitigen Sohn des Apollon als seine Leitfigur gewählt hat.
|Bild 13|
War es ein Zufall der Geschichte oder schicksalhafte Fügung, daß die Sammlung von Giuseppe Sinopoli an zwei Universitätsmuseen ausgestellt wurde, die der Archäologe Otto Jahn in der Mitte des 19. Jh. begründet bzw. geleitet hatte? Der Hochschullehrer Otto Jahn führta als erster archäologische Seminare in Deutschland durch, als Archäologe hat er die Erforschung der griechischen Vasenmalerei und Ikonographie befördert. Viel bekannter ist aber der Musikhistoriker Otto Jahn durch seine bahnbrechende Mozart-Biographie, die heute noch als grundlegende Arbeit Gültigkeit besitzt, durch die von ihm beförderte Wiederentdeckung von Johann Sebastian Bach und durch seine textkritische Ausgabe von Beethovens Leonore, mit der er Maßstäbe in der modernen Editionstechnik gesetzt hat.
Otto Jahn und Giuseppe Sinopoli, der sich diesen Vergleich gern gefallen ließ, verkörperten ein ähnliches Spektrum von Interessen und Begabungen. In der Person beider verwirklichte sich Goethes Forderung wahrlich, "daß allem und jedem Kunstsinn der Sinn für die Musik beigestellt sein müsse".Joachim Raeder