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In seinem Grusswort zu Beginn des Kolloquiums bedankte sich der Rektor der UZH, Michael Hengartner, bei den britischen Partnerorganisationen und er bezeichnete Churchills Rede als gedankliches Fundament, auf dem nicht nur der Marshall-Plan, das grosse wirtschaftliche Wiederaufbauprogramm der USA in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern die Idee eines geeinten und kooperativen Europas überhaupt aufbauen konnte. Hengartner betonte, wie zentral die Zusammenarbeit in Europa heute gerade in der Forschung sei.
Triumph und Niederlage
Nach einleitenden Bemerkungen des Direktors des Churchill Archives Centre an der Universität Cambridge, Allen Packwood, und einem Vortrag des UZH-Alumnus und Buchautors Werner Vogt zu Churchills Beziehungen zur Schweiz stellte Lord Watson of Richmond die Zürcher Rede Churchills in ihren historischen Kontext. 1945 war für den britischen Staatsmann ein Jahr des Triumphs und gleichzeitig der Niederlage, sagte der ehemalige Radiomoderator und Buchautor («Churchill’s Legacy: Two Speeches to Save the World»). Einerseits galt er als Bezwinger des Nazi-Regimes, andererseits wurde er als Premier abgewählt.
In einem Moment der Niedergeschlagenheit erreichte ihn die Anfrage für eine Rede im Frühjahr 1946 im amerikanischen Fulton (Missouri), die als Eiserner-Vorhang-Rede berühmt werden sollte. Darin machte Churchill den Amerikanern die Gefahr deutlich, die von Stalins Russland ausging. Eine Folge, so Lord Watson, war die Truman-Doktrin. In seiner Zürcher Rede schlug Winston Churchill dann sechs Monate später das damals Undenkbare vor – eine Versöhnung von Frankreich und Deutschland, die er Grundlage als für ein vereintes Europa sah. Churchill schob mit diesen beiden legendären Reden 1946 in Fulton und Zürich Prozesse an, die für die Weiterentwicklung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend waren, so Lord Watson, und etwa den Weg zur Nato vorspurten.
Gedenkveranstaltungen bieten immer auch Gelegenheit, sich mit der Gegenwart zu beschäftigen. Gestern vor 70 Jahren, am 19. September 1946, hielt Winston Churchill, der britische Premierminister im Zweiten Weltkrieg und damalige Oppositionsführer, in der Aula der Universität Zürich eine weltweit beachtete Rede. In seiner Ansprache an die akademische Zürcher Jugend skizzierte der berühmte Staatsmann seine visionäre Idee eines geeinten Europas, das auf dem kriegsgebeutelten Kontinent wieder für Frieden, Sicherheit und Freiheit sorgen sollte. Sein Plädoyer für «Vereinigte Staaten von Europa» schloss er mit den denkwürdigen, auf einer Gedenktafel in der Aula in Stein gemeisselten Worten: «Let Europe arise!»
Fundament für Europa
Gestern nun, auf den Tag genau 70 Jahre später, diskutierten in derselben Aula der Universität Zürich vorwiegend aus Grossbritannien stammende Wissenschaftler, Publizisten und Politiker über den Kontext und die historische Bedeutung von Churchills Rede. Und sie debattierten über ihre Relevanz heute, in einer Zeit, in der die EU nicht zuletzt nach dem Austritt der Briten aus der Union vor grossen Herausforderungen steht. Zur Veranstaltung eingeladen hatte das Europa Institut an der UZH. Unterstützt wurde es vom Churchill Archives Center und der University of Cambridge.
Phrasendrescher und Ideengeber
Für den Historiker David Reynolds (University of Cambridge) war Winston Churchill nicht nur der grosse Phrasendrescher des 20. Jahrhunderts, sondern auch ein Politiker, der grosse Ideen – wie eben diejenige der Versöhnung der Erzfeinde Frankreich und Deutschland – lancieren konnte. «Weil er in der Zeit der Zürcher Rede nicht mehr das Amt des Premierministers bekleidete, konnte er kreativ sein und er hatte die Freiheit Ideen zu äussern, ohne auf Details behaftet zu werden», sagte Reynolds. Seine Rede wertete der Historiker als Meilenstein auf dem langen und kurvenreichen Weg Europas.
Die Frage, ob Churchill selber sich vorstellen konnte, dass Grossbritannien einmal Teil der von ihm angeregten «Vereinigten Staaten von Europa» sein könnte, führte zuvor zu einem kleinen Historikerstreit. Der niederländische Autor Felix Klos («Winston Churchill – Father of Europe») legte in seinem Statement dar, dass der britische Staatsmann sich Grossbritannen durchaus als Teil des losen europäischen Staatenbundes vorstellen konnte, der ihm vorschwebte. Dem widersprach Historiker und Buchautor Andrew Roberts vehement. Für den Politiker Churchill sei es immer klar gewesen, dass sein Land sich zwar als Freund und Verbündeten, nicht aber als Teil einer europäischen Union sah. «Zuoberst stand für ihn der Commonwealth of Nations», sagte Roberts.
Ambivalente Briten
Die anschliessende, rein britisch besetzte Gesprächsrunde unter der Leitung der BBC-Journalistin Bridget Kendall gab Einblicke in das ambivalente Verhältnis Grossbritanniens zu Europa gestern und heute. Zur Debatte stand die Relevanz von Churchills Zürcher Rede 2016. Lord Powell, der unter Premierministerin Margret Thatcher und Premierminister John Major als Privatsekretär und Berater amtete, sprach von oszillierenden Blicken britischer Regierungen auf Europa, die die neuere Geschichte des Landes durchzogen – während Margaret Thatcher etwa eher desillusioniert war, reagierte Tony Blair später enthusiastisch auf Europa. Zur Relevanz der Zürcher Rede meinte Lord Watson: «Churchill dachte strategisch, er sah das grosse Bild.» Das müssten wir auch heute tun, wenn wir uns über die Zukunft von Grossbritannien und Europa Gedanken machten.
Churchills Visionen leben
Laura Sandys, die Leiterin des pro-europäischen European movement United Kingdom und Tocher von Lord Duncan-Sandys, der Churchill beim Verfassen seiner Zürcher Rede unterstützte, sah in dieser ein Glaubensbekenntnis für Europa. Churchill, gab sich Sandys überzeugt, hätte dem Brexit nicht zugestimmt. Sie sprach sich im weiteren dafür aus, dass wir auch heute die Visionen und den Optimismus, den der Staatsmann nährte, leben müssten. Ganz anders sah der Brexit-Befürworter Andrew Roberts Churchills Haltung zu Europa. Roberts betonte, Churchill hätte Europa als eine bestimmte Zivilisationsform aufgefasst, mit der EU hätte das nichts zu tun gehabt. Zu den Folgen des Brexit sagte Roberts, Grossbritannien habe sich mit dem Entscheid keineswegs isoliert, das Land sei nach wie vor gut eingebettet – etwa als Mitglied der G20, des Commonwealth of Nations und der Nato. So wurden an diesem anregenden Spätnachmittag an der UZH viele Differenzen deutlich und entsprechend blieben viele Fragen zur Position Winston Churchills, aber auch zum Verhältnis Grossbritanniens gegenüber der EU offen.
Das Schlusswort des Kolloquiums gehörte schliesslich dem Urenkel Churchills, Randolph Churchill. Sein Urgrossvater habe in der Schweiz in jungen Jahren unter anderem den Monte Rosa bestiegen, erwähnte dieser. Den Gipfel seiner Karriere hat Winston Churchill dann erst viel später erklommen. Sein grosser und nachhaltiger politischer Einfluss, der auch von seiner Zürcher Rede ausging, wurde am wissenschaftlichen Kolloquium gestern in der Aula der UZH deutlich.
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