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Der überwunden geglaubte Handelsprotektionismus ist zurück, und angetrieben wird er paradoxerweise von den ehemaligen Treibern der Globalisierung, den USA und Grossbritannien. China – heute schon die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt – ist drauf und dran, eine neue Weltordnung anzuführen, und zwar nicht mehr als «billiger» Produktionsstandort für westliche Unternehmen, sondern als nächste grosse Konsum- und Handelsnation. Die Geschichte seines Wirtschaftswunders ist wohlbekannt: Zwischen 1978 und 2016 wuchs die weltweite Wirtschaftsleistung, gemessen am BIP (derzeitige Dollar), um den Faktor 9 – die chinesische aber fast um das 75-Fache. Der Anteil Chinas an der Weltwirtschaft wuchs entsprechend von weniger als 2 Prozent im Jahr 1978 auf heute 15 Prozent. 800 Millionen Menschen in einem Land mit mehr als einer Milliarde Einwohnern entkamen der Armut. Damit erhöhte Chinas Wirtschaftswachstum die Wohlfahrt eines Fünftels der Menschheit und transformierte die globale Situation in bezug auf Vermögen und Ungleichheit. Noch immer gehört China zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt, mit einem jährlichen Wachstum von fast 7 Prozent – auch wenn diese Zahl heute deutlich niedriger ist als in den vergangenen Jahrzehnten.
Generationen künftiger Historiker werden auf dieses Kapitel der Menschheitsgeschichte sehr genau zurückschauen, um dieses «Wunder» zu ergründen. Mit Sicherheit aber wird keiner von ihnen die Rolle übersehen, die Chinas riesige Einwohnerzahl dabei spielte: Dem wirtschaftlichen (Wieder-)Aufstieg des Reichs der Mitte ging eine historisch einmalige Transformation seiner Bevölkerung unmittelbar voraus – die durchschnittliche Lebenserwartung stieg innerhalb zweier Jahrzehnte um fast 30 Jahre. Wurden Chinesen in den 1950er Jahren kaum älter als 40, erreichten sie in den 1970ern durchschnittlich das 70. Lebensjahr. Im Gefolge solch dramatischer gesundheitlicher Verbesserungen sowie weiterer unterstützender Faktoren sank die Geburtenrate rapide: Innerhalb eines Jahrzehnts reduzierte sich die Zahl der Kinder pro Mutter um mehr als die Hälfte.
Demographische Dividende
Chinas historisch einmaliger wirtschaftlicher Aufstieg profitierte massgeblich von einer sog. «demographischen Dividende». Eine immer gesündere Bevölkerung sowie rasch und eindrücklich gesunkene Geburtenraten eröffneten eine einzigartige Situation: Eine grosse Zahl junger Arbeitskräfte stand bereit, und diese musste auch vergleichsweise geringe Ressourcen für ihre Kinder aufwenden. Zudem waren die Eltern dieser Generation noch relativ jung: sie stellten ebenfalls kaum Versorgungsansprüche. Die niedrige Geburtenrate und die Erwartung eines längeren Lebens führten auch zu steigenden Ersparnissen und zu mehr Investitionen in die Ausbildung der Kinder. Diese «demographische Dividende» – das Ergebnis einer günstigen Entwicklung des Abhängigenquotienten – trug ganze 15 bis 20 Prozent zum Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens während der letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts bei.
Zukünftige Forscher könnten nun annehmen, die Koexistenz rasanten Wirtschaftswachstums mit der strengsten staatlichen Geburtenkontrolle der Menschheitsgeschichte deute darauf hin, dass der chinesische Boom ab den 1980er Jahren eine Folge jener beispiellosen Bevölkerungspolitik sei. Bei näherer Betrachtung (Abbildung 1) zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Als die Einkindpolitik eingeführt wurde, war der Rückgang der Geburtenrate zum grössten Teil bereits abgeschlossen. Bereits in den 1970er Jahren halbierte sich diese von mehr als 5 Kindern pro Frau bis auf etwas mehr als 2 Kinder. Ein solch drastischer Rückgang basierte auf Verbesserungen von Gesundheit, Ausbildungsniveau besonders der weiblichen Bevölkerung sowie der Beschäftigungsquote und einem staatlichen Programm der Familienplanung mit drei erklärten Zielen: spätere Heirat, längere Intervalle zwischen Geburten, weniger Geburten. Vielen ist allerdings nicht bewusst, dass dieses Programm schon in den späten 60ern aufgelegt wurde. Es war alles andere als freiwillig, wenn auch weit weniger drakonisch als die Einkindpolitik ab 1979. Gleichzeitig kam es vielen Chinesen entgegen: angesichts verbesserter Lebens- und Gesundheitsbedingungen – insbesondere einer verminderten Säuglings- und Kindersterblichkeit – war man weniger auf eine hohe Geburtenrate angewiesen.
Die nächste Phase des Rückgangs kam in den 1990er Jahren, als die chinesische Wirtschaft, angetrieben von Binnenmigration und Urbanisierung, an Dynamik zulegte. Die Geburtenrate fiel unter die magische Zahl von zwei Kindern pro Paar. Die Zahl einheimischer Migranten – vor allem solcher, die vom Land in die Stadt zogen – stieg zwischen 1990 und 2000 von 30 Mio. auf 120 Mio. und bis 2010 auf 250 Mio. Heute leben mehr als 60 Prozent aller Chinesen in städtischen Regionen. 1980 waren es gerade einmal 20 Prozent. 2013 wurde die Einkindpolitik teilweise und 2015 dann endlich ganz aufgehoben. Doch der erhoffte Wiederanstieg der Geburtenraten ist bis heute ausgeblieben: Die Einkindpolitik hatte viele Paare – vor allem in den Städten – gezwungen, sich auf ein Kind zu beschränken, und auf diese Weise womöglich zum Entstehen einer gesellschaftlich bisher kaum hinterfragten Einkindnorm beigetragen.
Ein «neues» Problem: China schrumpft
Heute, da China sich anschickt, eine einkommensstarke Gesellschaft zu werden, befindet sich das Land in einer gänzlich anderen demographischen Situation: Innerhalb der nächsten 10 Jahre wird die Bevölkerungszahl zu schrumpfen beginnen. Zugleich ist jener Rekord in Gefahr, den China seit Tausenden von Jahren hält: das bevölkerungsreichste Land der Welt zu sein. Die Zahl der jungen Menschen, die in den Arbeitsmarkt eintreten (im Alter von 20 bis 24 Jahren; Abbildung 2, erste Zeile), hat ihren Höhepunkt schon 2010 mit 110 Mio. überschritten und befindet sich bereits in einer Abwärtsbewegung. Innerhalb z.B. der nächsten 15 Jahre wird diese so wichtige Gruppe um 1∕3 auf unter 75 Mio. abnehmen: Eine solch massive Verminderung der Anzahl neuer Arbeitsmarktteilnehmer wirkt sich nicht nur auf den Arbeitsmarkt selbst aus, sondern auch auf den Konsum – von z.B. Elektronik und Autos über Mode und Kosmetik bis hin zum Wohnen. Bei wahrscheinlich anhaltend niedrigen Geburtenraten wird dieser Rückgang junger Arbeitskräfte bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts anhalten.
Im Gegensatz zum Abwärtstrend beim Arbeitsmarktnachwuchs wird die Zahl älterer Menschen in China aber rapide ansteigen: Von 2010 bis 2030 wird sich die Anzahl der Menschen im Alter über 60 Jahre mehr als verdoppeln – von 173 Mio. auf 377 Mio. − und dann mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung stellen. Die Anzahl von Menschen über 65, die noch 2015 lediglich 10 Prozent ausgemacht hatte, wird sich ebenfalls nahezu verdoppeln. So wie diejenige von Menschen über 80, die von 2015 bis 2030 von 25 Mio. auf 50 Mio. steigen wird (Abbildung 2). Das bedeutet: im Jahre 2037 wird es in China wahrscheinlich mehr über 80jährige geben als Menschen zwischen 20 und 24 – dem Alter, in dem junge Menschen in den Arbeitsmarkt einsteigen.
Es ist also alles andere als ausgemacht, dass China eine ähnlich gelungene Entwicklung nehmen wird wie manche seiner Nachbarländer, die erst zu Ländern mit mittlerem Einkommen wurden und sich dann zu Hocheinkommensländern weiterentwickelten. Zum Zeitpunkt als Japan, Südkorea und Taiwan ihren Status als Gesellschaften mit mittlerem Einkommen erreichten, rangierte deren Alterungsrate zwischen 4 und 6 Prozent. Erst nach 20 Jahren kontinuierlichen Wirtschaftswachstums stiessen sie in jenen Bereich vor, den China vor kurzem erreicht hat: 8 Prozent Alterungsrate. Anders ausgedrückt: China beginnt seinen Aufstieg zu einem Hocheinkommensland mit einer Alterungsrate, wie sie andere Gesellschaften erst am Ende längerer Phasen kontinuierlichen Wirtschaftswachstums erreichten. Nachdem diese den Status als Hocheinkommensländer erreicht hatten, erlebten Japan, Südkorea und Taiwan in den letzten Jahrzehnten überaus niedrige Wachstumsraten. Es dürfte demnach kein Zufall sein, dass Chinas Wirtschaftswachstum seit den frühen 2010er Jahren, als seine «demographische Dividende» aufgebraucht war, deutlich abbremste: von einer zweistelligen Rate bis zum heutigen Stand von 6 bis 7 Prozent.
Ausblick
Chinas neue demographische Landschaft bietet zunächst nie dagewesene Möglichkeiten: Während die Anzahl von Arbeitsmarktneulingen weiter sinken wird, ist das Ausbildungsniveau in dieser Gruppe so hoch wie nie zuvor in der Geschichte Chinas. Vor zweieinhalb Jahrzehnten hatten nur 10 Prozent junger urbaner Chinesen einen Hochschulabschluss. Der Anteil ist heute viermal so hoch. Einen ähnlichen Anstieg durchlief Japan während der 1970er und Südkorea während der 1980er Jahre. Kontinuierliche Verbesserungen der Lebens- und Gesundheitsbedingungen haben zudem dazu geführt, dass gegenwärtige und künftige Arbeitskräfte so gesund sind wie nie zuvor. Die chinesischen Arbeitskräfte von morgen werden mit Sicherheit länger arbeiten können und dabei auch deutlich produktiver sein. Jahrzehnte beispiellosen Wirtschaftswachstums, Einkommensanstiegs und Vermögensaufbaus haben eine gewaltige Menge Kapital und Ersparnisse geschaffen. Wie in anderen alternden Gesellschaften haben sich auch in China niedrige Zins- und Inflationsraten als wesentliche Merkmale einer New Economy herausgestellt. Getrieben von wachsender Nachfrage seitens einer alternden Bevölkerung, erlebt der E-Commerce fabelhafte Wachstumsraten, die noch weiter steigen werden. Der Anteil des E-Commerce am Einzelhandel lag 2017 in China mit 23 Prozent fast dreimal so hoch wie in der Schweiz (7,5 Prozent) und immer noch mehr als doppelt so hoch wie im europäischen Durchschnitt (8,8 Prozent) und den USA (9,0 Prozent). Ähnliche Potenziale für webbasierte Technologien dürften im Gesundheitswesen, dem Bereich Pflege und anderen Dienstleistungen liegen, die in alternden Gesellschaften zwangsläufig an Bedeutung gewinnen.
Mit seinem Anspruch, zum Hocheinkommensland zu werden, steht China angesichts enormer demographischer Umbrüche aber auch vor schweren Herausforderungen – sowohl wirtschaftlich als auch politisch. Anders als andere alternde Gesellschaften ist China damit belastet, dass hier mehr als ein Drittel aller Familien nur ein einziges Kind haben – das Erbe der wenig durchdachten Einkindpolitik. Die chinesische Regierung hat die Rolle eines paternalistischen Staates eingenommen und kann es sich kaum leisten, ihrer Bevölkerung nicht wenigstens ein Minimum an Sozialfürsorge zu gewährleisten. Staatliche Ausgaben für Bildung, Gesundheit und Alterssicherung sind längst deutlich stärker gestiegen als Militärausgaben. Die Alterung der Bevölkerung wird diese Ausgaben rasch in die Höhe treiben, was wiederum Auswirkungen auf die Finanzierung und Realisation enorm teurer Investitionsprojekte wie «One Belt, One Road» haben dürfte. China befindet sich derzeit noch im Aufwärtstrend hinsichtlich wirtschaftlicher Expansion und Einkommenswachstums. Seine langfristigen demographischen Aussichten werden diese Entwicklung jedoch mit grossen Herausforderungen konfrontieren. Auf die Antworten von politischer Führung und Bevölkerung darf man gespannt sein.