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Carlos Leal: «Für diesen Job muss man verrückt sein»
Carlos Leal spielt in der LGBTQ-Kultserie «The L Word: Generation Q» an der Seite seines Jugendschwarms Jennifer Beals. Zwar lebt er in Los Angeles, er hat für Hollywood aber nicht so viel übrig. Was ihn dort hält, erzählt der Lausanner «Bluewin».
Es ist fast Mitternacht in L.A., doch ein wacher und gut gelaunter Carlos Leal lässt sich auf unser Interview ein.
Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Rolle in «The L Word: Generation Q». Wie haben Sie diese bekommen?
Für diese Rolle habe ich lustigerweise an keinem Casting teilgenommen. Mein Agent hat ein «Reel» mit meiner Arbeit geschickt, und die Macher der Serie waren direkt interessiert und haben mir die Rolle gegeben. Es war echt lustig, da ich gerade an mehreren Castings für verschiedene Projekte teilgenommen hatte. Dann sprach mein Agent auf einmal von einem Projekt, von dem ich nichts wusste, und für das ich spielen durfte: «The L Word» (lacht). Gewöhnlich muss man an einem Casting, manchmal sogar an Casting-Serien teilnehmen, bevor man eine Rolle bekommt. Es ist immer viel Mühe, bis man an einen Leckerbissen gelangt. Diesmal habe ich es nicht so schwer gehabt.
War es für die Rolle ein Vorteil, spanische Wurzeln zu haben?
Ja. Grundsätzlich bekomme ich auf dem amerikanischen Markt viel mehr Latino-Rollen als auf den frankophonen Märkten. Ein paar frankophone Rollen habe ich schon erhalten, aber ich würde sagen, dass 70 Prozent meiner Rollen Latino-Rollen waren.
Kann es von Vorteil sein, wenn man einen französischen Akzent hat?
Manchmal schon. Heute ist Hollywood sehr offen für Rollen für Nicht-Amerikaner. Es gibt etwas von allem. Ich arbeite an verschiedenen Akzenten. Ich habe schon Italiener gespielt, sogar Deutsche, die Englisch sprechen.
Sich das anzueignen, ist sicher schwierig …
Es ist einfach eine Menge Arbeit! Aber durch viel Übung erzielt man gute Ergebnisse bei den Akzenten. Seit ich hier bin, konnte ich diese «Arbeitswerkzeuge» perfektionieren. Man wird eher seltener von mir verlangen, einen Amerikaner zu spielen. Also setze ich meinen Fokus auf andere Möglichkeiten.
„Jennifer Beals kennt die Geschichte noch nicht“
Sie sind einer der wenigen Schweizer, die es in Hollywood geschafft haben und die von ihrem Gehalt als Schauspieler leben können. Woran liegt das?
Die Deutschschweizer reizt eher Berlin, ein paar Hollywood, während die Westschweizer von Paris träumen. Paris war auch mein erster Zielort, an dem ich meine Schauspielkarriere gestartet habe. Aber ich muss sagen, dass mir Paris nicht viele Türen geöffnet hat, auch wenn ich noch einigermassen gut davongekommen bin. Ich bin dann nach Spanien gezogen, wo es viel besser um meine Karriere stand, bevor ich hier in L.A. gelandet bin, wo es ebenso viel besser läuft. Ich bin sehr anspruchsvoll, darum bedeutet «Durchbruch» etwas Grösseres für mich. Aber es ist wahr, ich kann gut von meinem Gehalt als Schauspieler leben. Seitdem ich in L.A. bin, habe ich das Glück gehabt, an vielen Projekten teilnehmen zu können.
Haben Sie ein besseres Durchhaltevermögen als andere Künstler, die in Hollywood ankommen?
Es hat sicherlich damit zu tun, aber vor allem bin ich nicht mit «leeren Koffern» angekommen. Ich hatte vorher schon viel in der Schweiz, in Deutschland, in Frankreich und in Spanien gearbeitet. Diese Erfahrungen haben mir viel Selbstvertrauen geschenkt. Auch Leute, mit denen du hier arbeitest, vertrauen dir dadurch mehr, denn Hollywood hat einen gewissen Respekt vor europäischem Kino. Viele Schauspieler kommen mit «leeren Koffern» an und haben schlichtweg zu wenig Erfahrung. Ich habe sofort den richtigen Agenten gefunden. Neuankömmlinge haben nicht immer das Glück, sich mit den richtigen Leuten zu umgeben. Im Nachtleben hoffen viele Leute darauf, die richtigen Leute wie Produzenten oder Casting-Direktoren kennenzulernen. Aber Hand aufs Herz: Jemanden auf einer Party zu treffen, der dir eine Rolle in seinem Film gibt, ist recht unwahrscheinlich. Die Chance beträgt zwei Prozent, würde ich tippen. Ich weiss, ich breche damit ein Mythos ...
Und wie besteht man erfolgreich ein Casting?
Man braucht sehr viel Selbstvertrauen und Ideen, die die Casting-Direktoren verblüffen. Ein untypisches Profil wird geschätzt. Ich spreche fünf Sprachen, ich war mal ein Rapper – das ist schon speziell in Hollywood. Am Anfang zitterten meine Knie noch bei Castings, heute weniger, haha. Ich erlaube mir gewisse Freiheiten, gehe Risiken ein und mache unerwartete Dinge. Das Wichtigste ist, dass man in Erinnerung bleibt.
Wie was zum Beispiel?
Manchmal verändere ich die Wahrnehmung einer Figur. Manchmal geht der Plan auf, und die Casting-Anwesenden staunen – und manchmal geht’s daneben. Und falls ich nicht der Richtige für die Rolle bin, ist es trotzdem wichtig, herauszustechen, damit man sich an dich erinnert. Denn Casting-Direktoren kontaktieren Schauspieler gern noch mal zu einem späteren Zeitpunkt, wenn sie positiv überrascht worden sind.
War es nicht merkwürdig, Jennifer Beals, die Sie vor einigen Jahren bewunderten, plötzlich zu treffen?
In Europa weiss man nicht unbedingt, was sie nach «Flashdance» gemacht hat. Sie hat jede Menge Rollen in amerikanischen Serien gespielt, darunter in der ersten Staffel von «The L Word». Sie ist wirklich eine herausragende Schauspielerin. In meinem persönlichen Werdegang war sie eine Art Boomerang, da ich durch «Flashdance» angefangen habe, mich für Hip Hop zu begeistern, zu einem Zeitpunkt, zu dem ich noch nicht wusste, welche grosse Rolle der Hip Hop in meinem Leben noch spielen würde. Ein paar Jahre später habe ich Sens Unik gegründet. Dann ging es zur Schauspielerei, und heute bin ich hier. Letztens las ich mit Jennifer Beals Szenen, und plötzlich dachte ich: «Das ist doch unglaublich. Vor dreissig Jahren war ich mehr oder weniger in sie verliebt, und jetzt sitzen wir beide hier» (lacht).
Haben Sie ihr erzählt, dass sie dank ihr zum Hip-Hop gekommen sind?
Jennifer Beals kennt die Geschichte noch nicht. Aber ich werde sie ihr bald erzählen.
Wie finden Sie sie denn nun in Real Life?
Sie ist fantastisch, sehr talentiert und immer noch genauso hübsch. Wir spielen in keiner Szene zusammen, aber man trifft sich ab und zu am Set.
Wie weit sind Sie mit den Dreharbeiten?
Ich fange in wenigen Tagen mit der dritten Folge an.
Was bedeutet es für Sie, in einer «Queer-Serie» mitzuspielen?
Für ein solches Projekt zu arbeiten, ist unbestreitbar wichtig in 2019. Dass es so eine Serie wie «The L Word» gibt, ist essenziell.
Ist es eine ganz neue Welt, die man da betritt?
Ja, total. Schon allein während des Drehs ist alles anders, da 80 Prozent der Leute Frauen sind. Alle Drehbuchautoren sind Frauen sowie alle Casting-Direktoren, was recht selten ist. Es ist ziemlich genial und speziell, mit so vielen Frauen am Set zu sein. Es ist sehr angenehm, und die Atmosphäre ist auch eine andere.
Haben Sie denn etwas gelernt, was sie über die LGBTQIA-Community (lesbisch, gay, bisexuell, transgender, queer, intersexuell oder asexuell) nicht wussten?
Nein, aber viele neue Ausdrücke! Manche Ausdrücke im Skript hatte ich noch nie gehört. Ausdrücke, deren Definition man in keinem konventionellen Wörterbuch, sondern in einem «Urban Dictionary» findet. Das ist ziemlich lustig.
Können Sie uns ein wenig mehr über den Charakter Rodolfo, den Sie spielen, verraten?
Er ist ein Latino in seinen Fünfzigern und der CEO eines grossen Pharmaunternehmens. Ein Mann, der viel Macht hat. Rodolfo hat eine Tochter, die er sehr liebt und beschützt. Diese Frau, die eine der Hauptfiguren in der Serie ist, arbeitet für ihn. Aber die Dinge werden sich ändern, weil sie andere Ambitionen hat – professionell und privat. Sie liebt eine Frau.
Wie lebt es sich in Hollywood?
Da ich selbst Sohn von Immigranten bin, fühle ich mich in Los Angeles, Stadt, die man als Schmelztiegel der Kulturen bezeichnen kann, sehr wohl. Diese Stadt gehört denen, die daran teilhaben wollen. Hollywood hingegen ist für mich eher ein Konzept, eine Traumvorstellung, eine Illusion … Das Wort steht für Glanz. Hollywood bedeutet aber auch viele Lügen – Selbstlügen im Grunde genommen, da jeder in Hollywood das reininterpretiert, wovon er träumt. Doch wenn man hierherkommt, versteht man die Mechanismen. Ich bin kein grosser Fan von Hollywood, aber es ist eine Etappe in meiner Karriere.
In welche Stadt würde es sie ziehen, wenn diese genau die gleichen Möglichkeiten wie L.A. bieten würde?
Na dann würde ich Paris nehmen! Aber wenn ich nach L.A. gekommen bin, ist es nicht umsonst, sondern weil ich wirklich eine internationale Karriere anstrebe. Manchmal bin ich enttäuscht von dem, was Hollywood zu bieten hat. Im Fernsehbereich gibt es viele sehr gute Möglichkeiten, was im Kinobereich meiner Meinung nach nicht der Fall ist. Ich bin eher in europäisches Kino verliebt. Hier gibt es wenig Autorenfilme. Natürlich würde ich keine Rolle in einem Blockbuster verneinen, auch wenn es nicht das ist, was mich reizt.
„Der Hip-Hop war ein Werkzeug um meinen Mund aufzumachen“
Was wäre denn Ihre Traumrolle?
Es ist keine Rolle, sondern eher mit Leuten zu arbeiten, die «intelligentes» Kino oder Fernsehen machen. Intelligent nicht im Sinne von intellektuell, sondern eher im Sinne von ergreifend, bewegend, aufrüttelnd ... – Filme, die berühren. Ich würde selbstverständlich in «Captain America» mitspielen, doch vielmehr würde es mich reizen, mit dem Regisseur Paul Thomas Anderson zu arbeiten und Autorenfilme, welche eine lupenreine Sicht der Welt zeigen, zu machen.
Welche Kompromisse mussten Sie für Ihren Beruf als Schauspieler eingehen?
Das Leben als Künstler geht grundsätzlich mit Kompromissen einher. Man stellt sich das Schauspieler-Dasein so reizvoll vor, aber vergisst die Konkurrenz und Härte des Alltags. Eigentlich ist es ein komplett verrückter Job. Für diesen Job muss man verrückt sein! Ich habe das Glück, eine stabile Familie und Freunde zu haben. Egal welchen Job man in der Filmwelt ausübt, man weiss nie, was morgen passieren wird. Man muss ein gutes Rückgrat haben. Im Zweifel leben, ist der grösste Kompromiss. Heute ergattert man eine Rolle, morgen klingelt das Telefon schon nicht mehr – das ist das Leben als Schauspieler. Und das betrifft alle Schauspielniveaus.
Instagram nutzen Sie auch, um Ihre Meinung zu sagen oder Ihrem Ärger Luft zu machen. Ist diese Direktheit etwas, was Sie in Ihrer Zeit als Rapper gelernt haben?
Der Hip-Hop war definitiv ein Werkzeug, um meinen Mund aufzumachen. Heute habe ich dieses Werkzeug nicht mehr. Wenn ich also anders meinen Mund aufmachen kann, dann tue ich es. Aber da ich keine 20 mehr bin, würde ich es nicht unbedingt durch rebellisches Verhalten tun.
Fehlt Ihnen der Hip-Hop denn nicht? Oder das Auftreten auf einer Bühne?
Der Hip-Hop fehlt mir nicht. Auf der Bühne zu sein und Musik mit dem Publikum zu teilen, das hingegen schon. Das wird mir immer fehlen. Es ist so ein starkes Gefühl, das sich nicht einfach wegpacken lässt. Ich liebe die Arbeit als Schauspieler, aber ich habe die Musik nie wirklich aufgegeben. Ich arbeite übrigens gerade an neuen Titeln …
Was hören Sie denn privat für Musik?
Hip-Hop, aber eher für meinen elfjährigen Sohn, der Hip-Hop liebt, zum Beispiel jenen aus Atlanta oder Toronto. Ich interessiere mich heute weniger für kommerzielle, eher für alternative Musik.
Die Dreharbeiten von «The L Word: Generation Q» haben bereits begonnen. Die Serie wird ab Herbst 2019 auf dem US-Sender Showtime zu sehen sein.Zurück zur Startseite