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Medium und Form:
Diese Unterscheidung hat zunächst den Vorteil, daß sie von Zeit abstrahiert und damit das Problem des »noch nicht« löst. Medien und Formen werden immer miteinander, also gleichzeitig reproduziert. Das Medium ist nicht die noch unbestimmte Zukunft möglicher Formen. Es wird vielmehr mit jeder Form appräsentiert. - Unterscheidung von Medium und Form ist daher immer eine historisch bewährte Unterscheidung. Sie legt aber damit noch nicht fest, welche Formen künftig gebildet werden (mit welchen Absichten Kinder künftig erzogen werden). Sie ist, anders gesagt, selber eine Form im allgemeinen Medium von Sinn, mit der die Gesellschaft es möglich macht, Bestimmtheit (Form) und Unbestimmtheit (Medium) zu reproduzieren und dabei selbstgeschaffene Ungewißheit auszuhalten.
Kognition ist, von ihrer Funktion her gesehen, kein Copieren oder Repräsentieren von Umweltgegebenheiten im System. Sie leistet vielmehr die Erzeugung von Redundanzen, die es dem System ersparen, Informationserarbeitung zu wiederholen. Redundanzen werden als Wissen markiert, sie werden wiedererkennbar registriert und dann »ökonomisch« eingesetzt, um allfällige Prüfung neuer Informationen zu konzentrieren und zu beschleunigen. So kann Kognition dem System dazu verhelfen, sich vorübergehend auf Lagen einzustellen, und darin liegen in einer veränderlichen Welt bedeutende Vorteile. Aber genau diese Spezialisierung schließt es aus, daß Kognition auch die strukturelle Weltangepasstheit der Systeme garantieren kann.
luhmann_erziehung82
Medium:
Die Idee des „Mediums" ist, dass es einen Bereich von losen Kopplungen massenhaft vorkommender Elemente gibt: Luftpartikel, physikalische Lichtträger - „Licht" ist kein physikalischer Begriff, aber der Begriff für das Medium, in dem wir etwas sehen. Ohne Licht, das kann man sehr schnell ausprobieren, sehen wir nichts. Das heißt, es gibt offenbar eine Differenz zwischen einem unsichtbaren Medium und einer sichtbaren „Form", wie ich jetzt sagen würde, oder Gestalt.
Daraus folgt die Möglichkeit, mit einer Unterscheidung zu arbeiten, die in der heutigen Literatur im Allgemeinen mit den Ausdrücken lose Kopplung/feste Kopplung wiedergegeben wird. Das hat in der Systemtheorie teilweise eine andere Tendenz angenommen, die ich im Moment einmal außer Acht lasse, die Tendenz nämlich, dass man sagt, lebensfähige, stabile Systeme müssten lose gekoppelt sein: Es darf nicht alles von allem abhängen; es muss Interdependenz unterbrochen werden und so weiter. In dieser gleichsam präsystemtheoretischen Unterscheidung von Medium und Form sagt man, dass es zunächst einmal massenhaft Elemente gibt, die ihren Status als Element nicht einer bestimmten Kopplung verdanken, jedoch das Material bieten, aus dem Kopplungen hergestellt werden können.
Eine zweite Uberlegung ist, dass das Medium stabiler ist als die Formbildung. Ein Geräusch verklingt, ein Objekt kann verschwinden, aber trotzdem sehen und hören wir mithilfe eines Mediums jeweils etwas anderes. Das führt in gewisse Probleme mit klassischen Vorstellungen von Stabilität. Denn die Stabilität liegt gerade nicht in den Formen. Stabil ist etwas, was lose gekoppelt ist, was keine Form hat, was in der klassischen Sprache „Materie" oder „Unbestimmtheit" ist. Alles, was Stabilität gewinnt, wird damit unsicher, prekär und temporär, es gilt für eine bestimmte Zeit. Man formuliert einen bestimmten Satz, und er verklingt und wird nie wieder benutzt oder aufgezeichnet und dann bei Gelegenheit wieder aktiviert, aber inzwischen haben wir anderes zu tun. Das ist eine merkwürdige Mischung von Dauerhaftigkeit des Möglichen auf der einen Seite und temporärer Formbildung, die zur Reproduktion der Möglichkeiten führt. luhmann_system223
Form: luhmann_semantik159
Jede Form dient der Bezeichnung von etwas durch sie Bestimmtem und damit der Unterscheidung von allem, was im Moment unbeachtet bleibt. Wissen bewährt sich erst als eine Zwei-Seiten-Form: mit der Seite des Vertrauten und Wiederverwendbaren und mit dem darum herumliegenden, unbeachteten »unmarked space«. Die Form bleibt auf das durch sie Bezeichnete, in unserem Falle also das Gewußte gerichtet und legt dessen Wiederholung, Kondensierung, Konfirmierung, Generalisierung nahe. Dabei bleibt das Nichtbezeichnete, eben der unmarked space, ausgeschlossen, aber als ausgeschlossen eingeschlossen.luhmann_erziehung97
...diese Grenzlinie, wenn sie markiert wird, auch als "form" bezeichnet, deswegen spricht er von den "laws of form". Eine "form" hat zwei Seiten. Sie ist nicht nur eine schöne Gestalt oder ein Objekt, das man sich kontextfrei vorstellen kann, sondern sie ist eine Sache mit zwei Seiten. Wenn man sich ein kontextfreies Objekt vorstellen will, dann hat man es mit einem Objekt in einem "unmarked space" zu tun: ein Zeichen, ein Kreis oder etwas anderes auf einem weißen Blatt oder etwas Bestimmbares in der Welt, in der auch anderes vorkommt, das aber im Moment nicht bestimmt wird. "Form" ist eine prinzipiell zweiseitige Sache, in unserem Fall System und Umwelt.Ich vermute, dass mit diesem sehr allgemeinen Formbegriff, den wir auch von der spezifischen mathematischen Verwendung bei Spencer Brown abkoppeln können, eine sehr allgemeine Theorie entwickelt werden könnte, die auch über die Systemtheorie noch einmal hinausgeht. Wir hätten es mit einer Theorie nur einseitig verwendbarer Zweiseitenformen zu tun. Ich deute das jetzt hier nur an, weil darin Möglichkeiten liegen, den systemtheoretischen Ansatz trotz seiner universellen Prätention und trotz seiner im Augenblick besonders gut entwickelten Wissenschaftlichkeit - das heißt, es gibt viel Literatur zur Systemtheorie - noch einmal zu relativieren und sich zu überlegen, ob man nicht eine darüber hinausgreifende allgemeine Theorie der Formen entwickeln könnte und diese dann auf den Zahlenbegriff, auf die Mathematik, die Semiotik, die Systemtheorie, auf die Medium-Form-Differenz zwischen loser Kopplung und strikter Kopplung und anderes beziehen könnte.Die Konsequenz für diese Vorlesung, das heißt für die Systemtheorie, liegt darin, dass man das "System" als eine Form bezeichnen kann mit der Massgabe, mit dem Formbegriff immer die Differenz von System und Umwelt zu bezeichnen. luhmann_system72
Man kann dies mit Hilfe des Formbegriffs verdeutlichen, den George Spencer Brown seinen »Laws of Form« zu Grunde legt. Formen sind danach nicht länger als (mehr oder weniger schöne) Gestalten zu sehen, sondern als Grenzlinien, als Markierungen einer Differenz, die dazu zwingt, klarzustellen, welche Seite man bezeichnet, das heißt: auf welcher Seite der Form man sich befindet und wo man dementsprechend für weitere Operationen anzusetzen hat. Die andere Seite der Grenzlinie (der »Form«) ist gleichzeitig mitgegeben. Jede Seite der Form ist die andere Seite der anderen Seite.
Keine Seite ist etwas für sich selbst. Man aktualisiert sie nur dadurch, daß man sie, und nicht die andere, bezeichnet. In diesem Sinne ist Form entfaltete Selbstreferenz und zwar zeitlich entfaltete Selbstreferenz. Denn man hat immer von der jeweils bezeichneten Seite auszugehen und braucht die Zeit für eine weitere Operation, um auf der bezeichneten Seite zu bleiben oder die formkonstituierende Grenze zu kreuzen.
Kreuzen ist kreativ. Denn während die Wiederholung einer Bezeichnung nur deren Identität bestätigt (und wir werden später sagen: deren Sinn in verschiedenen Situationen testet und damit kondensiert), ist das Hin- und Herkreuzen keine Wiederholung und kann daher auch nicht zu einer einzigen Identität zusammengezogen werden. (Spencer Brown unterscheidet entsprechend zwei Axiome: (1) „The value of a call made again is the value of the call“; und (2) „The value of a crossing made again is not the value of the crossing“) Das ist nur eine andere Version für die Einsicht, daß eine Unterscheidung sich bei ihrem Gebrauch nicht selbst identifizieren kann. Und eben darauf beruht, wie wir am Beispiel der binären Codierung ausführlich zeigen werden, die Fruchtbarkeit des Kreuzens.
Dieser Begriff der Form, hat zwar eine gewiße Ähnlichkeit mit Hegels Begriff des Begriffs insofern, als für beide der Einschluß einer Unterscheidung konstitutiv ist. In den Begriff des Begriffs hat Hegel jedoch sehr viel weitergehende Ansprüche eingebaut, die wir weder mitvollziehen können noch benötigen. Anders als die Form im hier gemeinten Sinne übernimmt es der Begriff, das Problem seiner Einheit selber zu lösen. Er beseitigt dabei die Selbständigkeit des Unterschiedenen (im Begriff Mensch zum Beispiel die Selbständigkeit der gegeneinandergesetzten Momente Sinnlichkeit und Vernunft), und dies mit Hilfe der spezifischen Unterscheidung von Allgemeinem und Besonderem, mit deren Aufhebung sich der Begriff als einzelner konstitniert. Daran kann hier nur erinnert werden, um dagegen zu setzen: Form ist gerade die Unterscheidung selbst, indem sie die Bezeichnung (und damit die Beobachtung) der einen oder der anderen Seite erzwingt und die eigene Einheit (ganz anders als der Begriff) gerade deshalb nicht selber realisieren kann. Die Einheit der Form ist nicht ihr »höherer«, geistiger Sinn. Sie ist vielmehr das ausgeschlossene Dritte, das nicht beobachtet werden kann, solange man mit Hilfe der Form beobachtet. Auch im Begriff der Form ist vorausgesetzt, daß beide Seiten in sich durch Verweisung auf die jeweils andere bestimmt sind; aber dies gilt hier nicht als Voraussetzung einer »Versöhnung« ihres Gegensatzes, sondern als Voraussetzung der Unterscheidbarkeit einer Unterscheidung.
Jede Bestimmung, jede Bezeichnung, alles Erkennen, alles Handeln vollzieht als Operation das Etablieren einer solchen Form, vollzieht wie der Sündenfall einen Einschnitt in die Welt mit der Folge, daß eine Differenz entsteht, daß Gleichzeitigkeit und Zeitbedarf entstehen und daß die vorausliegende Unbestimmtheit unzugänglich wird. Der Formbegriff unterscheidet sich damit nicht mehr nur vom Begriff des Inhalts; aber auch nicht nur vom Begriff des Kontextes. Eine Form kann im Unterschied von etwas zu allem anderen liegen, ebenso auch im Unterschied von etwas zu seinem Kontext (etwa eines Bauwerks zu seiner städtischen oder landschaftlichen Umgebung), aber auch im Unterschied eines Wertes zu seinem Gegenwert unter Ausschluß dritter Möglichkeiten. Immer dann, wenn der Formbegriff die eine Seite einer Unterscheidung markiert unter der Voraussetzung, daß es noch eine dadurch bestimmte andere Seite gibt, gibt es auch eine Superform, nämlich die Form der Unterscheidung der Form von etwas anderem. Mit Hilfe dieser für einen Formenkalkül, für ein Prozessieren von Unterscheidungen entwickelten Begrifflichkeit kann man auch die Unterscheidung von System und Umwelt interpretieren.luhmann_ges60
http://userpage.fu-berlin.de/~sybkram/medium/kraemer2.html
http://userpage.fu-berlin.de/%7Esybkram/medium/kraemer2.html#1h
Sybille Krämer
Form als Vollzug oder: Was gewinnen wir mit Niklas Luhmanns Unterscheidung von Medium und Form?
2. Ein kleines Brevier der Medientheorie von Niklas Luhmann
2.1. Kulturstiftung durch verhinderte Nähe
Beginnen wir elementar: Wo Medien sind, muß eine Distanz gegeben sein. Entgegen der in den pragmatischen Kommunikationstheorien hervorgehobenen Bindungskraft und dem Konsenspotential der Kommunikation, kann in der Luhmannschen Perspektive Kommunikation ihre gesellschaftsbildende Rolle überhaupt nur spielen, weil sich in ihr "Information auf Distanz" (193) zuträgt. Gesellschaft und Kultur beruhen auf dem Zwischenraum und der Zwischenzeit von Distanzleistungen. Medien heben Distanz nicht auf, sondern ermöglichen und transformieren sie. Kommunikationstheoretisch gewendet heißt das: Da Kommunikation in höchstem Maße unwahrscheinlich ist - aufgrund von mehreren kontingenten Umständen, die hier nicht zu erläutern sind (dazu: 190ff.) -, ist es die Aufgabe der Medien, das Unwahrscheinliche der Kommunikation wahrscheinlicher zu machen - dabei allerdings auch neue Unwahrscheinlichkeiten zu provozieren. Medien interessieren Luhmann somit als Kommunikationsmedien. Kommunikationsmedien sorgen für die Fortsetzbarkeit des Kommunikationsgeschehens, durch das sich Gesellschaft und Kultur erzeugen und erneuern.
Es gibt drei Typen dieser medialen Vorsorge: Die Sprache, die Verbreitungsmedien und die Erfolgsmedien, besser bekannt unter dem Namen "symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien". Gemeinsam ist ihnen, keine Informationen zu übertragen (194, 201). Dafür aber stellen sie Spielräume bereit für die Differenzierung von Medium und Form. [p.161] Wie diese Differenzierung dann vollzogen wird, macht die Verschiedenartigkeit der Medien aus.
2.2. Warum Medien der blinde Fleck bleiben
Das Verhältnis von Medium und Form ist zuerst einmal ein kombinatorisches Phänomen, ein Kombinationsspiel "loser und strikter Kopplung der Elemente" (198). Das Medium bietet ein Repertoire lockerer Elemente, aus denen durch feste Zusammenfügung die Form entsteht, so etwa wie aus Sprachlauten Worte, aus Worten Sätze, aus Sätzen die Gespräche sich fügen.
Drei Merkmale der Medium/Form-Differenz sind wichtig:
Medium und Form bedingen sich welchselseitig, das eine ist nicht ohne das andere zu haben. Doch das Verhältnis beider ist asymmetrisch: die Form setzt sich durch, dafür aber braucht sie Zeit und wird auch selber dabei verbraucht. Das Medium dagegen bleibt passiv, es ist ein Potential, welches durch Formgebung nicht verbraucht, vielmehr erneuert wird. So sind die Formen temporär und flüchtig; die Medien jedoch sind - gemessen an der Form - dauerhaft. Überdies ist die Form sichtbar - das Medium bleibt dagegen unsichtbar.
Medien eröffnen einen Raum kombinatorischer Möglichkeiten, also Formbildungen potentialiter. Im Horizont dieser Modalisierung des Medienbegriffes (Medien sorgen für Möglichkeiten) ist jede aktualisierte Form in je zwei Versionen thematisierbar: Einmal als Form in genau der bestimmten Kopplung, die sie eben ist; und zum andern als Form, die ihre Konsolidierung dem Ausschluß all der anderen ebenfalls möglichen Formen verdankt. Formen sind somit immer bezogen auf "ausgeschaltete Possibilitäten" (352), also auf abwesende, nicht realisierte Formversionen: Das Charisma der Form - das ist ein das Luhmannsche Oeuvre durchziehendes Motiv - wurzelt in und spielt mit diesem Sichtbarmachen des Unsichtbaren.
Medien und Formen sind keine Entitäten, sondern Differenzen (60), also Unterscheidungen, die es nicht einfach gibt, sondern die vom Beobachter gemacht werden. Was in einer bestimmten Perspektive ein Medium ist, kann dann in einer anderen Perspektive zur Form werden. Es ist dieser Stellungswechsel, der deutlich macht, daß Luhmanns Medium/Form-Unterscheidung von der traditionellen Materie/Form-Unterscheidung durchaus abzuheben ist.