Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03558.jsonl.gz/2558

Die Epigraphik umfasst alles Geschriebene (griechisch graphein) auf (epi) dauerhaftem Material. Wenn sich ein zukünftiger Archäologe mit der Epigraphik unserer Zivilisation befasste, wäre er wahrscheinlich sehr enttäuscht: Er fände nämlich nur einige Inschriften an Giebeln öffentlicher Gebäude, einige Sockel- und wenig aussagekräftige Grabinschriften. Zum Glück waren die Zivilisationen der Antike viel mitteilsamer! Auf uns überlieferten Steinen oder anderen Materialien haben sie öffentliche und private Dokumente aller Art festgehalten. Als die Zivilisationen der Antike Dokumente auf dauerhaftes Material meißelten, taten sie dies in der Hoffnung, diesen Schriftstücken eine gewisse Dauer zu verleihen. Dieses Ziel wurde mehr als erreicht, wenn wir an die Hunderte von griechischen Texten denken, die wir bislang gefunden haben und noch jedes Jahr finden! Diese Dokumente sind entweder an ihren Fundorten, d.h. in situ - gemäß dem epigraphischen Fachvokabular - verblieben oder in späteren Gebäuden wiederverwendet worden. Es kommt auch vor, daß sie sich einfach an einem anderen Ort befinden.
Die Inschriften lassen zahlreiche Rückschlüsse auf Aspekte des Alltags zu, über die sich die litterarischen Autoren ausschweigen. Zum Beispiel enthalten die Grabinschriften, die auch Epitaphen - Inschriften auf (epi) einem Grabmal (taphos) - genannt werden, nicht nur wie die heutigen Grabsteine den Namen des Verstorbenen und eine Altersangabe, sondern auch Gedanken über die Unvermeidbarkeit des Todes, die Kürze des Lebens oder andere Themen. Von öffentlichen Dokumenten seien verschiedene Vorschriften und Gesetztexte erwähnt, die jedem zur Kenntnis gebracht werden sollten. Vor allem aber sticht eine sehr breite Kategorie von Texten heraus: Die Ehrendekrete. Oft verabschiedeten die Bürger einer Poleis ein Dekret zu Ehren eines Amtsinhabers, der sich im Vorjahr bei der Bewältigung seiner Aufgabe besonders ausgezeichnet hatte. Damit ein solcher Text sinnvoll war, muβte er an die Öffentlichkeit gebracht werden. Deshalb beschloβ die Stadt, ein solches Dekret in Stein zu meißeln und öffentlich auszustellen, anstatt es im Archiv verschwinden zu lassen.
Die Wissenschaft dieser Inschriften gestattet es, die Grundlagen der antiken Zivilisationen zu illustrieren. Von England bis Ägypten und von Portugal bis Syrien zeugen Steininschriften von der römischen Anwesenheit. Über 200'000 davon sind gefunden worden; sie dürften wesentlich zahlreicher gewesen sein. Sich den notwendigen Stein zu beschaffen, den Text meißeln zu lassen und einen geeigneten Ort zu erwerben war teuer. Warum haben Tausende von Römern dafür Geld ausgegeben ?
Eine römische Inschrift ist kein Plakat im modernen Sinn des Wortes. Die Römer kannten auch das Plakat (Holztafeln oder hastig auf Mauern gemalte Inschriften). Dennoch konnte man den Steininschriften, wie wir heute unseren Werbeplakaten, an allen Durchgangsorten, Straßen, öffentlichen Plätzen, Tempeln oder Kreuzungen begegnen. Sie stellten das offizielle Kommunikationsmittel schlechthin dar, aber von ihrer Natur her unterschieden sie sich von unseren Plakaten: Sie waren dafür bestimmt, sehr lange zu halten. Ihr Hauptziel war es, das Andenken an einen Menschen wachzuhalten. Deshalb zählten die Inschriften häufig die Karriere und die Verdienste der erwähnten Person auf. Die Art der auf Stein gemeißelten Dokumente ist von großer Vielfalt: Sockel von Statuen, Grabplatten, in Gebäuden eingebaute Inschriften, Grenzsteine, Altäre, Mosaikinschriften, Weihplatten, usw. Diese Monumentalinschriften beinhalteten nur Großbuchstaben, um das Lesen aus grosser Ferne zu erleichtern, denn sie waren manchmal sehr hoch platziert. Der einfache Römer, der wenig alphabetisiert war, konnte zudem die Großbuchstaben leichter entschlüßeln als die Kleinschreibung. Die Kursivschrift wurde hingegen für Graffitis und auf Keramik geschriebene Inschriften benutzt.