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Claire Parkes-Bärfuss, ehemaliges Waisen- und Heimkind 101 Jahre alt
Zeugnis ablegen. Autobiografien und Biografien von Menschen, die es geschafft haben, gibt es unzählige. Hunderttausende aber standen ihr ganzes Leben lang auf der Schattenseite des Lebens. Ihre Namen und ihr Schicksal gingen vergessen. Dank der Journalistin Simone Müller, welcher Claire Parkes-Bärfuss mit 100 Jahren ihre bewegende Lebensgeschichte erzählte, kam diese tolle Biografie zustande. Das Portrait einer starken, eigenwilligen Frau, die 55 Jahre hart arbeitete und ausser für kurze Zeit in Neuseeland nie wirklich eine Heimat fand. Sich trotz vieler widriger Umstände nicht beugen liess und einen eigenständigen Weg einschlug. Das Buch ist eine überaus wertvolle, aufwendige Würdigung dieses Einzelschicksals. Chapeau!
Claire Parkes-Bärfuss kam 1913 in einer kinderreichen Laufentaler Arbeiterfamilie zur Welt. Von den 14 Kindern überlebten nur deren vier älter als 25 Jahre. Mangel, Verlust, vielfältige Not und Enge bestimmten ihre Kindheit. Dem frühen Tod des Vaters folgte die Mutter schon bald nach einer damals häufigen Tuberkulose-Erkrankung. Die verbliebenen Kinder wurden von den Laufentales Behörden bei Bauern verdingt oder in zwei Luzerner Kinderheimen platziert. Als ob die zwangsweise Entwurzelung nicht schon genug des Leids wäre, unterbanden die Heimleitungen auch den Kontakt unter den Geschwistern. Eine Schwester und ein Bruder wurden adoptiert. Klara, wie sie damals noch hiess, kam nach der Schule als Dienstmädchen in Privathaushalte.
Ausbeutung, miserable Kost, Einschränkung und Gewalt bestimmten teilweise weiter ihren Alltag. Und ihren Drang nach Veränderung der Lebenssituation versuchte man zu torpedieren. Aber Klara zog als Hausangestellte quer durch die Schweiz, lernte französisch und italienisch bevor sie 1947 für 1 Jahr nach Paris fuhr und 1949 nach England auswanderte. Die Heirat mit 42 Jahren mit dem traumatisierten Kriegsveteranen Stanley Parkes brachte für sie keine Beruhigung: Die beiden zogen von einer Arbeitsstelle und Unterkunft zur nächsten und wanderten für ein paar Jahre sogar nach Neuseeland aus. Ein kurzes Glück von einem eigenen Haus, von neuen Wurzeln blühte ihnen dort. Plötzlich aber wollte Stanley unbedingt nach London zurück und Claire geht mit ihm, obwohl sie es nicht wirklich will. Noch aber sind die Wanderjahre nicht zu Ende. 2013 kehrte die 99-jährige Claire Parkes-Bärfuss in die Schweiz zurück, in ihren Heimatort im Berner Emmental, dem kleinen Dorf, das sie nur flüchtig kennt.
Über London und Neuseeland nach Eggiwil - Die Geschichte der Claire Parkes-Bärfuss, Simone Müller, Verlag hier+jetzt, 2015.
P.S. Am 25. Juni konnte ich Claire Parkes-Bärfuss zusammen mit der Autorin Simone Müller in ihrer Alterswohnung in Eggiwil besuchen. Absolut phänomenal die geistige Klarheit, das erstaunliches Gedächtnis bis in kleinste Details dieser Frau mit 101 Jahren nach dem arbeitsreichen Leben und den vielen Prüfungen.
Walter Zwahlen