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Vorrede 1: Man glaubt es kaum, aber von Anfang an hat «Peer Gynt» seinen festen Platz auf der Festplatte meines iPod. Nicht das Stück natürlich, sondern Edvard Griegs wundervolle Bühnenmusik, die er zum Stück von Henrik Ibsen (1828–1906) komponierte. Ibsen selber schrieb sein fünfaktiges Versdrama 1867 in Italien und verstand es als dramatisches Gedicht, das eigentlich nicht für die Bühne gedacht war. Bis es eben 1876 in Kristiania (Oslo) doch noch zur Theaterpremiere kam. Grieg hat die 26 Nummern zum Stück später auf acht gekürzt, überarbeitet und uminstrumentiert zu dem, was wir heute unter den zwei Konzertsuiten kennen.
Fast hätte ich den Otto-Kalauer «Dänen lügen nicht» hingeschrieben, als sich herausstellte, dass die Herren Ibsen wie auch Grieg natürlich und bekanntlich Norweger sind (waren). Hauptsache Skandinavien. Aber der Norweger lügt. Hievon später mehr. Der eine oder die andere, ansonsten vielleicht mit Bildungsmusik gar nichts am Hut habend, kennt «Peer Gynt» doch, nämlich durch die ungemein hypnotische Melodie des 4. Satzes aus der Suite Nummer 1: Die finnischen Heavy-Cellisten Apocalyptica donnern «Hall Of The Mountain King» auf ihre Art – schneller, härter, lauter, aber auch länger – auf dem Album «Cult» (2000). Hörbar etwa im KKL bei Blue Balls am 28. Juli 2005.
Vorrede 2: Die Boa war geschlossen im Jahre 1995. Der Umbau (die Sanierung). Die Boa-Belegschaft ging gleichsam ins Exil, veranstaltete draussen am Nationalquai beim Pavillon Konzerte. Und man nistete sich drinnen ein, im Probehaus Eichhof des Luzerner Theaters, um ebendort ein Theaterprogramm durchzuziehen. Fumetto hatte wieder mal einen guten Riecher, mietete sich ausserhalb des eigentlichen Festivals seinerseits seinerzeit unter bei der Exil-Boa und veranstaltete, nachdem eine gut 10-köpfige Delegation das Stück am Uraufführungsort St. Gallen (Grabenhalle) vorvisionieren gegangen war und selbstredend für äusserst gut befunden hatte. «Lysistrata», nach dem Comic von Ralf König, eine ungemein amüsante und furios-rasante schwule Lesart des antiken Klassikers. Es spielten damals unter anderem in der freien Truppe: Jaap Achterberg, Sandra Moser, Urs Bosshardt, Taki Papaconstantinou. Das Volk strömte in Scharen, auch von auswärts. Z.B. Lukas Bärfuss, inzwischen hoch angesehener und rundum erfolgreicher Autor von Bühnenstücken, kam von Bern her nach Kriens gepilgert, um, noch Buchhändler, seine praktischen Theaterstudien zu betreiben. Regisseur Urs Steiner, der als Allererster, noch vor der offiziellen Eröffnung im Oktober 1988, in der Boa seinen «Horton» mit dem jungen Reto Ambauen inszeniert hatte, erinnerte sich noch Jahre danach schwärmend an die Inszenierung. Und freilich war immer ausverkauft. Gloriose Zeiten damals. Und, um den Bogen zu Stans zu schlagen und worauf ich hier eigentlich hinaus will: Der Momoll-Regissseur war Jordi Vilardaga (zusammen mit Jürg Schneckenburger, der auch schon beim Luzerner Ensemble Aeternam inszenierte).
Nun zu Stans. Jordi Vilardaga, der Mann mit den katalanischen Wurzeln, inszeniert hier mit Laien (was er 17 Jahre lang nicht mehr getan hat). Heute leitet er das Theater Kanton Zürich, als Gastregisseur engagiert er sich an der Mürg in Sachen «Peer Gynt», den er in Zürich schon mal auf die Bühnen gebracht hatte. In Stans ist eine Mundartversion (Übersetzung: Ruth Sicher) von Vilardagas Bearbeitung zu erleben. Der erste Satz von Mutter Aase ist immer noch der originale: «Peer, du lügsch!» Das Stück hat alles noch, was in ihm von Anfang an angelegt war, es besitzt die Modernität, die Momente vieler nach Ibsen erst gekommenen Formen wie Symbolismus, Expressionismus, Surrealismus, absurdes Theater. Es ist märchen- und zauberhaft geblieben und verbindet Fantasie mit Wirklichkeit. Vilardaga: «Wir wollen in Stans ein Fest für Auge und Ohr bieten.» Der Anspruch wird an der Mürg auch eingelöst, etwa mit prachtvollen Tableaus, mit lebendigen Bühnenbildern der skandinavischen wie auch orientalischen Art. Die Kostüme (Irène Stöckli) natürlich nicht zu vergessen. Die Bühne (von Heini Gut) ist ganz schön schräg und steil. So steil übrigens ursprünglich, dass man bei der ersten Probe vor Ort merkte, dass sie zu steil zum Spielen war, man alles abreissen musste und stracks innert weniger Tage eine weniger steile Holzkonstruktion hinzauberte.
Peer, das ist der Lügenbaron vor dem Herrn, ein Schnapstrinker, Brauträuber («spitz und bsoffe»), ein One-Night-Stander, der, Aktion «Schwanz an!», zum zwischenzeitlichen Troll droben auf dem Berg wird, was mittels einer Motorsäge bewerkstelligt wird. Die Trolle, die Beschwanzten, sind, wie sie bei ihrem ersten Auftritt in Polonaise-Formation laut skandieren, «alles geili Sieche». Apropos Tanz: Es können in Stans in dieser Reihenfolge genossen werden: Tütü-Ballet, Cancan und Bauchtanz.
Schnitt. Peer ist von Norwegens Norden her für 30 Jahre nach Amerika ausgewandert und hat es hier zu grossem Reichtum gebracht, als Reeder und Negersklavenhändler. Dann wird er (falscher) Prophet in Afrika. Und immer wieder: Märchen und Lügengeschichten. Die Geschichte von einem, «wos Läbe verspelt hed und vo einere, wo s Läbe lang gwartet hed». Es ist da nämlich noch die Liebe, die Peer im Leben verpasst und verpatzt. Am Schluss ist der Trollkönig obdachlos und jammernd, und auch der Chnopfgiesser kommt noch dreimal, um Peer eine Chance zu geben. Und einmal wird gefragt, wo in diesem Leben, bei diesem Menschen Peer, «dä Chärn» ist.
Es ist alles, genau, ein Fest für die Augen und die Ohren. Griegs Bergkönig-Stück ist, wenn auch nur kurz, zweimal zu hören, einmal vom Stehgeiger Andi Gabriel, der auch die übrige musikalische Untermalung mit Live-Auftritten verantwortet. Die, vermuteterweise im Vergleich zum norwegischen Original kernige Sprache, die Bilder, das Spiel an sich, eigentlich alles: Sie machen, dass dieser Stanser «Peer Gynt» recht grosse Freude macht.
Theatergesellschaft Stans: Peer Gynt von Henrik Ibsen, Theater an der Mürg, bis 6. April 2009, www.theaterstans.ch
Gratis-Lektüre von «Peer Gynt» in der Übersetzung von Christian Morgenstern: Hier