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Gastbeitrag von MATTHIAS HASLER.
Am Anfang waren alle Käfer
Der 1965 geborene Japaner Satoshi Tajiri besass schon immer eine nicht gerade mainstream-mässige Leidenschaft: Insekten. Er sammelte sie, in Wäldern, Seen, Flüssen oder Feldern und entwickelte immer wieder neue Techniken, um sie anzulocken. Seine Freunde nannten ihn schon lange Konchū-hakase, also „Dr. Insekt“.
Aber Satoshi Tajiri besass auch ein grosses Glück: Er war Spieleentwickler und führte seine Leidenschaft schon als Student weiter. Ein Spiel, in dem man Käfer fangen konnte und diese gegeneinander ankämpfte. Sein Spiel nannte er zunächst „Kapselmonster“, allerdings konnte er sich die Rechte dafür nicht sichern, weil die frühere Version von Yu-Gi-Oh den Namen für sich bereits gesichert hatte. Mit Freunden gründete er in den Achtzigern Game Freak, ein Spielemagazin. Er schrieb aber auch unter diesem Pseudonym für andere japanische Videospielmagazine. 1989 gründete er, wieder mit Freunden, eine Videospielfirma mit demselben Namen.
Die von Game Freak geschaffenen Spiele wurden vornehmlich von Nintendo, Sega oder Sony für den SNES oder Sega Mega Drive gepublisht. Als „Dr. Insekt“ schliesslich zum ersten Mal mit dem Gameboy in Berührung kam, fühlte er sich wieder sehr für sein Insektenspiel erinnert. Kleine Käfer, die durch das Linkkabel zweier Gameboys krabbeln, weil sie gegeneinander kämpfen oder getauscht werden.
Als das Spiel dann, als „Poket Monsters Rot“ und „Poket Monster Grün“ fertig gestellt war, stellte sich Nintendo zunächst quer. An den Erfolg dieser Serie wollten sie nicht so recht glauben. Zu ungewöhnlich war das Konzept und zu kompliziert schien es für eine Kinderkonsole wie den Gameboy zu sein. Schliesslich kamen sie aber Game Freak doch entgegen und publizierten das Spiel in einer kleinen Auflage, die, wir ja wissen längst nicht ausreichten. Pokémon Rot, Blau und Grün konnten sich weltweit über 31 Millionen Mal verkaufen. Bis heute gingen, einschliesslich der Spinoffs, die Pokémonspiele insgesamt fast 280 Millionen Mal über den Ladentisch.
Von der ursprünglichen Idee ist nicht mehr viel übrig geblieben: Es gibt noch den Käfertyp. Ein Typ, der sich zwischen all den Elementbasierenden Typen wie Feuer, Elektro, Wasser, Gestein und Pflanzen nach wie vor etwas seltsam einreiht. Gleichzeitig ist es aber diesem Typ zu verdanken, dass das Typensystem von Pokémon von Anfang an komplexer wurde und nicht ausschliesslich auf Elementen basiert. Immerhin mussten die Vögel, als natürliche Feinde der Käfer, auch integriert werden und der Gift-Typ, weil nun mal nicht jedes Insekt giftig ist. Und gleichzeitig öffnete der Käfertyp auch anderen biologisch anmutenden Typen das Tor: Es gibt auch noch Drachen und Feen zum Beispiel.
Von den ursprünglichen Käfern blieben einige dem Spiel enthalten: Die Raube Raupy beispielsweise, die zu einem Schmetterling wird. Oder Hornliu, dass zu einer Biene wird und quasi der natürliche Rivale zu dem erst genannten darstellt. Aber auch Quaputzi, eine Kaulquappe, die zu einem Frosch oder zu einem Muskelprotz werden kann blieben erhalten.
Und mit ihnen feierte auch ein anderes, geliebtes Featture seinen Einzug in die Pokémonserie: Das Entwickeln der Schützlinge. Am deutlichsten ist es natürlich nach wie vor bei den Käfern zu beobachten, die sich traditionell von einer Raube zu seinem Kokon und schliesslich zu einem herum flatternden Wesen entwickeln. Aber auch alle anderen Pokémon erhielten Weiterentwicklungen: Der Setzling, der zur Blume wird, die Eidechse, die zum geflügelten Drachen wird oder das Pferd, dass zu einem flammenden Einhorn mutiert. Wer immer eines der kleinen Geschöpfe fing, konnte mit Sicherheit davon ausgehen, dass es sich entwickeln und stärker wird.
Als Hommage an die Ursprünge der Serie blieben ihr auch noch eine gewisse Trainerklasse erhalten: die Käfersammler, die unermüdlich durch Wälder streifen, Käfer fangen und sie schliesslich gegeneinander ankämpfen lassen. Durch die aus den Kämpfen gewonnen Erfahrungspunkte entwickeln sie sich schliesslich weiter. Es ist wohl kein Zufall, dass fast jedes Pokémonspiel mit diesem Szenario beginnt.
Das die ganze Pokémonwelt ausserdem aus der Erfahrungswelt eines Kindes entstammt, führt auch bis heute dazu, dass die Spiele sich nicht an pädagogischen Grundsätzen orientieren, sondern an der Neugier und der Abenteuerlust. Wie sagte die Mutter des Protagonisten treffend? „Irgendwann kommt dieser Tag, an dem alle Jungen ihr Zuhause verlassen, um ein Abenteuer zu erleben“. Hausaufgaben, Schule, oder sonst irgendeine berufliche Ausbildung? Vergesst es! Die Vorstellung Erwachsener hat keinen Platz bei Pokémon, weil hier handelt es sich um die Traumwelt eines Kindes! Dabei rutscht das Ganze, gerade auch in den ersten Editionen, nicht ins infantile herab, weil durchaus ernste Themen angeschnitten werden. In der Stadt Lavendia beispielsweise gab es nicht nur eine Art Friedhof-Turm, in welchen man Geisterpokémon fangen konnte, sondern auch eine kleine Geschichte von Tragosso. Seine Mutter wurde von den Bösewichten des Spiels getötet und er trägt jetzt den Schädel seiner Mutter als Helm. Tragosso ist das vermutlich traurigste Pokémon aller Zeiten (besonders weil es auch nicht besonders stark ist…).
Erwachsene und Kinder
„Eine unglaubliche Reise in die Welt der POKéMON erwartet Dich! Eine Welt voller Wunder, Abenteuer und Geheimnisse! Kurz gesagt, ein Traum wird wahr!“
Professor Eich, zum Spielbeginn von Pokémon Rot und Blau
Das Spiel (veröffentlicht am 27. Februar 1996) schlug in Japan ein wie eine Bombe und schon nach kurzer Zeit war die kleine Auflage der Spiele ausverkauft, so dass Nintendo weitere nachliefern musste. Die Urversionen der Taschenmonster verkaufte sich ausschliesslich in Japan über 10 Millionen mal. Weil sich Pokémon Grün aber schlechter verkaufte, designte Game Freak auf Basis der roten Version eine neue Rot-Version, sowie eine blaue. Diese Versionen erschienen auch erstmals ausserhalb Japans und lösten rund um den Globus einen noch nie dagewesenen Hype aus. Neben den Spielen erschienen zeitgleich auch eine TV-Serie und allerlei Merchandise-Artikel, die man natürlich unbedingt haben musste!
Das Spiel erschien aber in einer Zeit, in der Computerspiele noch etwas neuer waren und daher auch öfters kontrovers über dein Einfluss der Spiele auf Kinder diskutiert wurden. Selbst meine Mutter fühlte sich damals veranlasst, mir zu sagen, dass es nicht okay sei, Tiere in so kleine Bälle einzusperren und sie nur fürs Kämpfen zu halten (wobei ersteres ja doch recht heuchlerisch ist, wenn man sich ansieht, wie manche Tiere in der echten Welt wirklich eingesperrt sind, aber das ist ein anderes Thema). Neben dieser Pokéball und Fangproblematik gab es noch weitere Schwerpunkte der Kritik: Rossana beispielsweise, ein schwarzes, blondes Pokémon, dass an eine etwas dicklichere Frau mit Brüsten erinnerte, sorgte in den USA für Unmut, weil es rassistisch und sexistisch zugleich sei, so dass die gute Rossana schliesslich violett eingefärbt wurde.
Was schliesslich auch für wenig Begeisterung sorgte, war die Kommerzialisierung der Erziehung. Erstmals hatte ein Spiel wirklich eingeschlagen wie eine Bombe: Auf dem Schulhof spielte wirklich jeder und jede dieses Spiel und die Erwachsenen standen da, und kratzten sich am Kopf. Die begleitete Merchandising-Kampagne mit allerlei anderem Spielzeug und der täglichen Berieselung durch den Anime am Nachmittag sorgten ebenfalls für rote Köpfe. Man kritisierte, dass die Kinder dadurch zu sehr an japanische Grafiken gewöhnt würden und dass sie zu sehr an Pokémon oder Nintendo gebunden würden. Und das Ziel von dem ganzen sei ja möglichst viel Geld zu generieren und nicht den Kindern gerecht zu fördern. Ausserdem würden sich die Kinder zu sehr mit den Pokémon auseinander setzten und u. a. deren Attacken oder Entwicklungen lernen, nicht aber Dinge aus der wirklichen Welt und daher nur sinnloses Zeug lernen.
Man ahnt bereits, warum Pokémon damals eine solche Sogwirkung entwickelte: Die Welt der Pokémon entstammte wie gesagt einer Erfahrungswelt eines Kindes. Es bot dem Spieler eine eigene, komplette Welt, die man nach Belieben erkunden konnte. Dabei kämpfen die Pokémon wirklich gegeneinander, aber das war nicht wie damals von den Erwachsenen angeprangert Gewaltverherrlichung sondern ein Wettbewerb (was wiederum ebenfalls als Gewaltverherrlichung gedeutet wurde). Es ging darum, dass man seine Pokémon fing, aber sie an der Seite des Spielers gross wurden. Ein Ausdruck davon ist auch die Geschichte des Spiels, die sich in den Grundzügen bis heute immer wieder erhalten hat: Ziel des Spiels ist es nicht, jemand zu besiegen, zu unterwerfen oder töten, sondern einfach der Beste zu sein. Zum Champion zu werden. Und den Pokédex, das Lexikon aller Pokémon, zu füllen. Das dabei durchaus moralische Werte eine Rolle spielte, wurde dem Kind in Form des Rivalen und Team Rocket vor Augen geführt: Team Rocket war eine kriminelle Organisation, die aus den Pokémon Profit machen wollte und sie unter anderem auch stahl. Logisch, dass sie ihre Pokémon nicht gut behandelten und logisch, dass nur böse Menschen ihre Pokémon nicht gut behandeln. Der Rivale wiederum ist zwar nicht kriminell, aber recht selbstverliebt und arrogant. Verliert er, gibt er nur seinen Pokémon die Schuld und nicht sich selber, als Trainer seiner Schützlinge. Weil er sie also nicht mit Liebe und Leidenschaft gross zieht, sondern als Kampfmaschinen, ist auch er zum Scheitern verurteilt. Der Spieler jedoch, der bekommt von allen NPC immer wieder gesagt, wie vorbildlich er sich um seine Taschenmonster kümmert und sie sehr sie ihn mögen würden. Nichts ist in einem Pokémonspiel schliesslich schöner, als von Route zu Route zu rennen um zu schauen, ob es dort neue Pokémon gibt. Und schliesslich zu schauen, wie sie sich entwickeln und was sie erlernen. Es ist eine so lebens- und beziehungsbejahende Grundhaltung, die den Spieler so glücklich machte. Das Kind war nicht nur in einer erwachsenenlosen Welt des Spasses und der Erkundung, sondern er war auch eine Inkarnation der Tugend.
Ein stockkonservatives Spiel
Heute gehört Pokémon zu den erfolgreichsten Serien in Nintendos Sortiment und auch, neben Mario und Zelda, zu den langlebigsten. Das Gameplay der Spiele wurde immer erweitert: Zuerst wurde die Zucht ermöglicht, damit man auch an die Babyformen gewisser Pokémon kommen konnte. Es ist übrigens bis heute ein mysteriöses Geheimnis, wie Pokémoneier entstehen, wenn man zwei Pokémon zugleich in die Pension gibt und sie sich gut verstehen…
Ausserdem war es dadurch möglich, bestimmte Attacken weiterzuvererben. Später kamen dann Wesen hinzu, welche die Attribute der Pokémon verändern. Ein aufgewecktes Wesen führt beispielsweise zu einem besseren Angriff, während ein eher behagliches Wesen eine bessere Verteidigung hat. Ausserdem wurden noch Fähigkeiten eingeführt: Manche Pokémon können beispielsweise Wasser absorbieren oder andere paralysieren den Gegner bei Berührung. Auch diese Dinge können natürlich weitervererbt werden.
Immer wieder wurde auch versucht, Pokémonwettbewerbe ausserhalb der Kampfarena zu etablieren. So laufen die Pokémon beispielsweise über Laufstege um an Schönheitswettbewerben teilzunehmen oder spielen in Pokéwood in Filmen mit. Mehr als ein Beiwerk ist es allerdings nie geblieben.
Gewandelt hat sich auch der Rivale: War er in den ersten beiden Generationen noch ein echter Rivale, wurde er zunehmend einfach zu einem Freund, dem man öfters mal wieder begegnet. In der lieben Welt der heutigen Pokémon hat es keinen Platz mehr für Rivalitäten.
Jede Generation bietet auch eine verbrecherische Organisation, denen man das Handwerk legen muss. War das früher noch Team Rocket, dass eine Art Diebesbande mit Mafia-Struktur war, sind es heute allesamt Gruppierungen die ein höheres Ziel verfolgen. Oftmals ist es, aus irgendwelchen Gründen, die Vernichtung der Menschheit. Das Ganze ist aber so unbedrohlich und lustig in Szene gesetzt, dass die Dramaturgie nicht wirklich zum Fliegen kommt.
Das Pokémon eine sehr konservative Serie ist, sieht man alleine schon an der Grafik. Erst 2013 wagte man den Schritt in der dritte Dimension, was ja immerhin fast 15 Jahre nach Zelda der Fall war. Änderungen am Gameplay sind immer nur minim und häufig so komplex, dass ein nicht passionierter Spieler sie kaum zur Kenntnis nehmen muss.
Auch sind sehr regelmässig die jeweils neuen Pokémon-Generationen umstritten. Waren die erste und auch die zweite Generation irgendwie einfach da, sorgte ab der dritten Generation jede irgendwie für noch mehr Augenrollen. Es mag heute zwar über 700 verschiedene Pokémon geben, aber die einzig wahren sind für viele nur die ersten 151. Ein Zeichen, dass die mit Pokémon ausgewachsenen Kinder von damals noch heute die Perspektive auf die Spiele prägen? Obwohl es sicherlich nach wie vor viele Kinder gibt, die Pokémon das erste Mal spielen, zeigt ein Blick ins Internet aber unmissverständlich, dass eine nicht unbeachtliche Anzahl Spieler älter als 20 Jahre sind. Wer in Foren blickt, wo sich die Spieler vorsichtlich über ihr Alter austauschen, sieht, dass die meisten zwischen 21 und 29 Jahre alt sind, die jüngsten Spieler sind zwischen 17 – 19 Jahre alt. Vielleicht liegt es daran, dass sich noch jüngere Spieler gar nicht erst in Foren anmelden, sondern sich auf Instagramm oder Youtube rumtummeln, aber man kann den Eindruck einfach nicht los werden, dass die Pokémonspieler wesentlich erwachsener sind, als man zunächst vermuten würde. Umso erstaunlicher ist es, dass Game Freak und Nintendo an ihrer immer kindlicher werdenden Serie festhalten und nicht mit ihren Kunden „mitgealtert“ sind. Ein Sinnbild dazu ist Ash, der Held der Animeserie. Seit 1997 bereist er während fast tausend Episoden in 19 Staffeln die Welt, um zum aller besten Trainer zu werden. Auch durch 19 Kinofilme ist er seither geflimmert. Aber gealtert ist er, ähnlich wie die Simpsons, keine Sekunde.
Und so scheint Pokémon zwanzig Jahre nach dem Erscheinen sich treu zu bleiben: Jede Generation ist eine Reise in eine eigene Welt, die ein wahnsinnig kompliziertes Gameplay bieten kann (mit dem man sich aber als normaler Spieler nur beschränkt auseinander setzten muss), die sich nicht an den Regeln der Erwachsenen mit all ihrem ökonomischen Druck orientiert und stetig lieber und netter wird.