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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Neuntes Buch
55. Bestätigung auf Grund des Zusammenhanges.
[S. 132] Diese Freude also, sagt er, entspringe der Liebe, weil die Liebe über das Bekenntnis sich freue, daß Jesus in der Herrlichkeit des Vaters sei. Das Verdienst zur Wiedererlangung dieser Herrlichkeit fügte er gleich mit den Worten hinzu: „Der Fürst dieser Welt kommt nämlich, und gegen mich hat er nichts.”1 Nichts hat der Fürst dieser Welt gegen ihn; denn wenn er auch in der Stellung als Mensch erfunden wurde, so blieb er doch in der Ähnlichkeit des Sündenfleisches außerhalb der Sünde2 des Fleisches, indem er wegen der Sünde über die Sünde im Fleische das Urteil sprach.3 Indem er das aber ganz auf den Gehorsam gegen das väterliche Gebot bezog, fügte er hinzu: „Doch damit die Welt wisse, daß ich den Vater liebe und ich so handle wie der Vater mir das Gebot gegeben hat ― so steht auf, wir wollen von hier weggehen.”4
Eilends erhebt er sich, um aus Liebe zur Vollendung des väterlichen Gebotes das Geheimnis des körperlichen Leidens zu vollenden. Dennoch eröffnete er zugleich das Geheimnis der körperlichen Hineinnahme, durch die wir ihm wie dem Weinstock als die Rebzweige innesein sollten, da wir als Rebzweige keine nutzbringende Frucht bringen würden, wenn er nicht der Weinstock geworden wäre. Deswegen mahnt er uns, wir sollten durch den Glauben an seine Menschwerdung in ihm bleiben, damit wir dem Wesen seines Fleisches inneseien wie die Rebzweige dem Weinstock, weil das Wort Fleisch geworden ist.5 Von dieser angenommenen körperlichen Erniedrigung hat er damals die Gestalt der väterlichen Erhabenheit gesondert, als er sich für die Einheit der Rebzweige als den Weinstock bezeichnete und den Vater als den besorgten Gärtner dieses Weinstockes aufwies, dessen unnütze [S. 133] und ertraglose Rebzweige er abschneiden und zum Verbrennen bestimmen würde.
Er sagte also: „Wer mich gesehen hat, der hat auch den Vater gesehen” und: „Die Worte, die ich spreche, die spreche ich nicht von mir aus, sondern der Vater, der für immer in mir ist, er tut seine Werke”6 und: „Glaubt mir, daß ich im Vater bin und der Vater in mir ist.”7 Um damit das Geheimnis der Geburt und das Geheimnis der Leibesannahme kundzutun, kam er im Verlauf der Worte dahin zu sagen: „weil der Vater größer ist als ich”.8 Um die Grundlage für die einwandfreie Berechtigung zu diesem Wort erkennbar zu machen, fügte er das Beispiel von dem Gärtner und dem Weinstock und den Reben hinzu, indem er dadurch die Annahme der körperlichen Erniedrigung aufwies. Hier, so lehrte er, sei der Ursprung zu seiner Pflicht, zum Vater zu gehen, und zu der frohen Liebe, wenn er zum Vater gehe, weil der Vater größer sei als er. Von ihm würde er nämlich die Verherrlichung wiederempfangen; bei ihm und in ihm müsse er verherrlicht werden, nicht in neuer Ehre, sondern in der früheren; nicht in einer fremden, sondern in derjenigen, die er früher bei ihm innegehabt hatte.9
Wenn er also nicht zu ihm hin verherrlicht werden soll, d. h. daß er in der Herrlichkeit Gottes des Vaters sei, so schreibe die Schmach (dafür) dem Wesen zu; wenn aber die Tatsache, daß er von ihm verherrlicht wird, eine Überlegenheit bedeutet, so erkenne, daß der Vater in der Überlegenheit des Verherrlichens größer ist!
1: Joh. 14, 30.
2: Vgl. Hebr. 4, 15.
3: Röm. 8, 3.
4: Joh. 14, 31.
5: Joh. 15, 1―6.
6: Joh. 14, 9 f.
7: Joh. 14, 11.
8: Joh. 14, 28.
9: Vgl. Joh. 17, 5.