Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03121.jsonl.gz/3316

Vor hundert Jahren nahm in Russland die grosse, blutige Revolution ihren Lauf – an sie wird jetzt auch in Basel erinnert. Gleich beim Barfüsserplatz wehen rote Fahnen, und zwar am Spielzeug Welten Museum am Steinenberg. Hier wird derzeit die Sammlung des in Moskau geborenen und in England lebenden Sammlers und Kunsthändlers Vladimir Tsarenkov gezeigt.
Und dieser Schatz ist absolut einzigartig: Die meisten der ausgestellten Porzellanobjekte aus den Jahren 1917 bis 1927 wurden als Einzelstücke oder nur in kleinen Serien hergestellt. Unter den 64 russischen Avantgardekünstlern reihen sich auch Namen wie Kazimir Malevich, Vasiliy Kandinsky oder Nikolai Suetin ein, wobei Malevich und Kandinsky nur die Entwürfe für die Porzellanstücke gestalteten. Suetin dagegen malte seine Entwürfe gleich selber auf das Porzellan.
In den 1980er-Jahren begann der damals noch in Paris lebende Kunsthändler seine Sammlung russischer Kunst bestehend aus Zeichnungen, Gemälden, Silber und Porzellan aufzubauen. Seit 15 Jahren spezialisierte er sich auf revolutionäres Porzellan. «Ausser mir sammelt nur noch ein russischer Banker diese spezielle Art von Porzellan», sagt Tsarenkov. Verschiedene Objekte aus der grossen Sammlung Tasarenkovs werden 2017 in zwölf Museen auf der ganzen Welt zu sehen sein. Alle Werke in der Ausstellung, sowie weitere 400 stehen sonst zu Hause bei Tsarenkovs in zehn Schaukästen. «Teilweise sind die Objekte relativ eng in den Vitrinen ausgestellt», sagt Kuratorin Laura Sinanovich schmunzelnd. Der Sammler lebe in und mit den Objekten.
Russische Porzellanmanufaktur existiert bis heute
Die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Leningrad gegründete Kaiserliche Porzellanmanufaktur (KPM) arbeitete ausschliesslich für den Zarenhof, belieferte die verschiedenen Paläste mit Essgeschirr und Ziergegenständen. Nach der Februarrevolution wurde der Name in die Staatliche Porzellanmanufaktur (SPM) geändert, um ab 1925 in Lomonosov-Porzellanmanufaktur (LPM) umbenannt zu werden, zu Ehren des russischen Wissenschaftlers Michail Visilyevich Lomonosov. Noch heute werden dort in kleiner Stückzahl Teller und Tassen in hervorragender Qualität produziert. Einige der raren Objekte sind im Museumsshop käuflich zu erwerben.
Mehr als nur Agitationsdarstellungen
«Um die grosse Bandbreite der in diesen zehn Jahren hergestellten Objekte zu demonstrieren, haben wir uns entschieden nicht nur nach Stilrichtungen auszustellen, sondern suprematistische Objekte neben verspielten Märchenfiguren», sagt Laura Sinanovich. Ein klassisches Beispiel von suprematistischem Design ist die in der Schau ausgestellte halbe Tasse von Malevich. Sie ist klar strukturiert, wobei die Funktionalität nicht im Vordergrund stand.
Zwischen 1917 und 1927 herrschte eine Aufbruchsstimmung, die Künstler waren motiviert. «Wie man weiss, kam es anders, aber zu der Zeit waren die Künstler sehr frei. Vieles hatte nebeneinander Platz», so Sinanovich. Sowohl Agitations-Darstellungen, als auch Märchenfiguren und das in Russland schon damals sehr populäre Ballett waren sehr beliebt. Beispielsweise hatte Elena Danko, eine der vielen Künstlerinnen dieser Zeit, sowohl Pfeifen spielerisch bemalt und daneben Krieger und Soldaten erschaffen.
Revolution auf dem Schachbrett
Einzigartig sind auch ihre Schachfiguren, die ohne Schachbrett auskommen. Hier kämpft die Rote gegen die weisse Armee. Wobei die weisse Armee für den Zaren (König) steht und als Tod dargestellt ist. Die mit dem Füllhorn dargestellte Königin schmeisst das Geld heraus, die beiden Läufer sind überhebliche Husaren. Die roten Figuren wiederum zeigen das arbeitende Volk. Die Königin ist die Ernte, die Bauern nehmen die Ernte entgegen. Es gibt nur noch wenige vollständig erhaltene Schachfiguren. Die hochwertigen Arbeiten werden heute in Auktionen auch als Einzelfiguren angeboten.
Lenins Auftritt in Basel
Natürlich darf in der Ausstellung ein Name nicht fehlen. Wladimir Iljitsch Lenin, verantwortlich für die Oktoberrevolution 1917, kam im November 1916 auf Einladung einiger russischen Akademiker und Studenten der Universität Basel von Zürich anreisend in die Rheinstadt, um einen Vortrag zu halten.
Im Lokal «Casa del Popolo», in der St. Johanns-Vorstadt, dem heutigen «Chez Donati» hielt er seinen Vortrag. Die Erscheinung Lenins soll die etwa 30 anwesenden Personen mit Schrecken erfüllt haben, wie der Basler Historiker Gustaf Adolf Wanner schrieb. Auch seine Rede habe die Anwesenden wenig überzeugt, so soll sie den Eindruck eines kalt überlegenden, harten Theoretikers hinterlassen haben.
--
Ausstellungsdaten: 22. April bis 8. Oktober 2017