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Agile Bürokratie
Kann man Verwaltungen agil werden lassen?
Bevor man drauflos «agilisiert», müsste man sich überlegen, ob und wo Verwaltungen agil werden sollen. Am Rande der Bürokratie stehend können sich diese nicht wirklich von Bürokratie lösen.
«Complience» – die Einhaltung der Vorschriften – ist sozusagen der Selbstzweck dieser Organisationen. Keine Fehler machen, immer konform sein. Immer der selbst definierten Norm entsprechen.
Imitieren
Agile Teams wird man in einer Organisation umsetzen können. Ein grosses Whiteboard aufstellen, «Post-it beschreiben und rumschieben».
Cargo-Kult: Ein Begriff zum Googeln, wenn man nicht die Flugzeuge, Funkgeräte oder Satellitenschüsseln aus Stroh im inneren Auge nicht sieht.
Agilität ist mehr als das imitieren von Tätigkeiten. Agilität ist auch eine Denkhaltung.
Agile Ausschreibungen
Wie agil Verwaltungen oder Bürokratien sind, merkt man, wenn diese Dienstleistungen ausschreiben. Da werden Firmen gesucht, die sich auf ein Los bewerben.
Denkt man ein wenig über den Losinhalt nach, merkt man schnell, dass es in der realen Welt kaum eine Firma geben würde, die 100 Scrum Master einfach so liefern kann. Können die Firmen dies, würden die wohl nicht das leisten, was man darunter verstehen würde und somit nicht der «qualitativen Güte» eines Scrum Masters entsprechen.
Gesucht ist ein Coach für ein Team. Dieser Coach muss auch zum Team passen; weniger zum ausgeschriebenen Los.
Beispiel: Softwaretester
Wie schreibt man z.B. einen «Softwaretester» in der agilen Welt aus? In sämtlichen Modellen ist der Softwaretester ein Mitarbeiter, welcher in einem Team agiert. «Ein QA-Spezialist unter Teammitgliedern.» Ein Teammitglied, welches sich die Methoden des methodischen Testens angeeignet hat; aber eben auch andere Tätigkeiten im Team ausübt.
Wird die Suche nach einem Softwaretester in einer agilen Welt funktionieren, in der Skills und Profile nach T-, Pi-, M-Shaped spezifisch für ein Team gesucht werden? Müsste man Qualität nicht neu denken und den Mythos «Testen = Qualität» eliminieren?
«Lean first»
Kann man Verwaltungen agil «werden lassen»?
Ja, man kann. Während man bei Firmen eher Bottom up die Agilität einführt, müsste man bei Verwaltungen m.E. einen anderen Ansatz wählen.
Die Starren, sehr trägen Vorgaben der Complience zerstören jede Form von echter Agilität. Das geht so weit, dass man Menschen in solchen Organisationen anders behandeln muss als andere Menschen. Karl darf man zum Kaffee einladen, während Frédéric seinen Kaffee selber bezahlen muss.
Weitere Kuriositäten
Die Mitarbeiterin mit einem Master-Uni-Abschluss googelt für sämtliche Weihnachtsgeschenke die Preise und schickt diese an die Lieferanten zurück, falls die Geschenke den offiziellen Listenpreis von CHF 50.- auch nur knapp übersteigen. Dass der Lieferant diese Geschenke an alle seine Kunden schickt und der Lieferant die Geschenke daher mit Rabattierung einkaufen konnte, geht unter. Complience ist wichtiger als die Geste. Damit geht auch ein Stück Kultur verloren.
Schlanke Regulierung
Sie ahnen es bereits: Natürlich braucht es Regeln, gerade in einem regulatorischen Umfeld. Über brauchbare Regeln muss man länger nachdenken als über «Verbote regulatorischer Natur». Daher wird man in einigen Organisationen über sinnvolle Regeln nachdenken müssen, will man den Weg der Agilität beschreiten.
Ein Blick auf den ersten Punkt im agilen Manifest – «Individuen und Interaktionen mehr als Prozesse und Werkzeuge» – entlarvt, dass bereits der erste Punkt in einer überregulierten Welt voller Complience ignoriert wird.
Mit «Dark Scrum» – dem ignorieren von agilen Werten – wird man Agilität nicht leben können.
Überregulierte, bürokratische Organisationen könnten mit dem «Lean-Gedanken» die Grundlagen für die Einführung von echter Agiliät schaffen.
«Weg vom Elfenbeinturm der Verbote …
… hin zum Leuchtturm der leichten Regeln.»
Dank einfacheren Regeln fällt eine grosse Hürde für die Einführung der Agilität in Bürokratien.