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Ideologie heisst, die Sachverhalte so in Worte fassen, dass sie sich in den Dienst der Interessen jener zu stellen scheinen, die die Sachverhalte kommunizieren. Der erste Witz solcher Ideologie ist der, dass sie an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit von der grossen Mehrheit der Menschen nicht als solche erkannt und durchschaut wird, und zwar – im wahrsten Sinn des Wortes – lebenslänglich.
Der zweite Witz der Ideologie ist der, dass sie an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit von einer kleinen Minderheit von Menschen produziert und ausgenützt wird und dass diese Elite gelegentlich ein bisschen über die grosse Mehrheit der mit Blindheit Geschlagenen staunt – und darüber schmunzelt, dass diese, weil sie müssen, ihren Arbeitsplatz anbeten, mit dem andere in der Regel bedeutend mehr Geld verdienen, als sie in der Lohntüte vorfinden.
Der Witz der Ideologiekritik schliesslich ist der, dass es an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit innerhalb der mit Blindheit Geschlagenen jeweils eine zahlenmässig kaum ins Gewicht fallende kleine Gruppe gibt, die – ein merkwürdiges Phänomen – im Lauf ihres Lebens zu sehen beginnt. Diese Leute reden über das, was sie tagtäglich sehen, um die mit Blindheit Geschlagenen aufzuklären, obschon sie eigentlich wissen, dass sie mit Sicherheit nur von jenen verstanden werden, die von dem, was kritisiert wird, profitieren und darum diese kleine Gruppe der Aufklärungssüchtigen bei Gelegenheit so oder so oder so auf andere Gedanken oder zum Schweigen bringen werden.
(02.09.1994; 15.12.2007; 28.11.+02.12.2017; 09.07.2018)
Ich erinnere mich, dass ich die Bundesratswahlen am 10. Dezember 2003 im Fernsehen live mitverfolgt habe. Die Kamera war auf den eben zuvor gewählten SVP-Mann Christoph Blocher (siehe Nachträge hier) gerichtet, als im Nationalratssaal verkündet wurde, dass für die zweite Vakanz im Bundesrat der Rechtsfreisinnige Hans-Rudolf Merz gewählt worden sei. In diesem Moment hob Blocher die Arme in die Höhe wie ein Fussballspieler, dem ein Tor gelungen ist. Blochers Lachen, schien mir, hatte etwas Erstauntes – als ob er zuvor einen Moment lang daran gezweifelt hätte, die VertreterInnen der grossen Mehrheit der mit Blindheit Geschlagenen im Griff zu haben.
(23.08.2005; 02.12.2017; 22.05.+09.07.2018)