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Ficus
L. (Feigenbaum), Gattung aus der Familie der Urtikaceen, Milchsaft führende Bäume oder aufrechte oder klimmende Sträucher mit meist abwechselnden, ganzrandigen oder gezahnten oder gelappten, bleibenden oder abfallenden Blättern, die vor der Entwickelung in oft verwachsenen, später meist abfallenden Nebenblättern eingerollt liegen. Die Blütenstände stehen einzeln oder zu mehreren in den Achseln oder sind bisweilen an blattlosen Zweigen zu einer terminalen Ähre oder Traube geordnet.
Die
Blüten stehen zahlreich in einem hohlen, meist kugeligen bis birnförmigen, auf dem
Scheitel mit enger
Mündung versehenen
Receptaculum (und zwar männliche und weibliche in demselben
Receptaculum oder getrennt), welches zu einer
fleischigen, viele
Achenen einschließenden
Scheinfrucht auswächst. Etwa 600
Arten in den gesamten
Tropen, meist in
Asien,
[* 2]
Australien,
[* 3] Polynesien, wenige
Arten in gemäßigten Klimaten.
Ficus
Carica L. (gemeiner Feigenbaum, s. Tafel
»Nahrungspflanzen
[* 4] II«),
ein bis 10 m hoher Baum oder Strauch mit knorrigem, hin- und hergebogenem Stamm, hellgrauen Ästen, gestielten, herzförmigen, handförmig drei- oder fünflappigen oder ungeteilten, rauhhaarigen, abfallenden Blättern, blüht meist zu verschiedenen Zeiten im Herbst oder Frühjahr und trägt meist einzeln stehende, birnförmige Scheinfrüchte (Feigen) und zwar in drei Formen. Gegen Ende des Winters entstehen am obern Teil der vorjährigen Äste die Grossi, welche nur weibliche Blüten enthalten.
Alle übrigen
Feigen entspringen aus den Blattwinkeln der in demselben Jahr entwickelten
Zweige; am untern Teil stehen die Forniti,
welche vor dem Blattfall reifen und nur sehr selten einzelne (und dann monströse) männliche
Blüten
enthalten, aber doch keimfähige
Samen
[* 5] hervorbringen, am obern die Cratiri, welche nach dem Blattfall den
Winter hindurch bleiben
und keine männlichen
Blüten enthalten. Die
Grossi des kultivierten
Baums bleiben stets steril. Neben den zahllosen
Varietäten
des kultivierten Feigenbaums kommt noch der sogen. wilde Feigenbaum (Capri
ficus)
vor, dessen
Früchte ungenießbar sind, aber neben weiblichen auch männliche
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Blüten enthalten. Letztere entwickeln sich aber erst kurz vor der Fruchtreife. Der Feigenbaum stammt aus dem semitischen Vorderasien, aus Syrien und Palästina. [* 7] Homer und Hesiod kennen ihn noch nicht; erst Archilochos (700 v. Chr.) erwähnt die Feigen als Produkt seiner heimatlichen Insel Paros. Später hatten Sikyon und Attika die besten Feigen. Hier ließ Demeter [* 8] dem Phytalos, der sie gastlich aufgenommen, den Feigenbaum als Geschenk aus der Erde sprießen. Die Kultur des Feigenbaums wurde Führerin zu edlerer Sitte und die Feige bald allgemeines Lebensbedürfnis.
Ein Gesetz verbot ihre Ausfuhr aus Attika. Die Denunzianten derjenigen, welche gegen dies Gesetz nach auswärts Handel mit Feigen trieben, wurden als Sykophanten gebrandmarkt, ein Wort, welches erst später eine andre Bedeutung erhielt (s. Sykophant). Mit der griechischen Kolonisation kam die Feige nach Italien. [* 9] Romulus und Remus wurden der Sage nach unter einem Feigenbaum von einer Wölfin gesäugt. Zur Kaiserzeit gab es zahllose Kulturvarietäten, und wie noch heute, war die Feige besonders im S. ein allgemeines Nahrungsmittel [* 10] des Volkes.
Gegenwärtig findet sich der Feigenbaum an vielen Orten Europas verwildert; er gedeiht in Frankreich, an der Südküste Englands und noch in den südlichen Rheinländern, wird aber in Norddeutschland meist als Kalthauspflanze behandelt. Wegen seiner Früchte wird er vielfach kultiviert. Im S. wird er hochstämmig gezogen; bei uns gedeiht er am besten in Spalierform an südlichen Mauern, verlangt aber im Winter sehr gute Deckung. Man vermehrt ihn durch Ableger und Wurzelausläufer.
Die Reife der Früchte wird sehr beschleunigt, wenn man, sobald sie ausgewachsen sind und sich zu verfärben beginnen, in das Auge [* 11] derselben einen Tropfen Olivenöl bringt. Dies Mittel ist durchaus untrüglich, die so behandelten Früchte sind in 8 Tagen reif, die übrigen 14 Tage später. In den südlichern Ländern spielt ein kleines Insekt aus der Ordnung der Hautflügler [* 12] und der Familie der Chalcidier, Blastophaga grossorum Grav. an manchen Orten eine große Rolle bei der Feigenkultur. Es entwickelt sich in den Blüten, das Männchen schlüpft aus, befruchtet das Weibchen, und dieses nimmt aus der fast reifen Feige Blütenstaub mit, um in eine Feige der folgenden, halb herangewachsenen Generation zu gelangen, wo es seine Eier [* 13] in weibliche Blüten legt.
Diese verwandelt sich dadurch in Gallen mit tauben Samen. Man pflanzt nun wilde Feigenbäume in die Feigengärten oder hängt mit den Feigenwespen erfüllte Früchte auf die Zweige des kultivierten Feigenbaums. In den Früchten des letztern gelingt das Anbohren der weiblichen Blüte [* 14] und das Ablegen der Eier dem Insekt nicht, wohl aber bestäubt dasselbe die weiblichen Blüten mit dem mitgebrachten Pollen und bewirkt dadurch die Entwickelung keimfähiger Samen in vollkommen ausgebildeten Feigen. Diese Manipulation (Kaprifikation) war ursprünglich vielleicht unabweislich, gegenwärtig aber wird sie nicht überall ausgeübt, und es scheint, als habe der kultivierte Feigenbaum die Fähigkeit erworben, auch ohne Bestäubung der Blüten und ohne Entwickelung keimfähiger Samen saftige und süße Früchte zu produzieren.
Die Feige bekommt bei uns nur selten den rechten Wohlgeschmack. Man unterscheidet gelbliche, grünliche, purpurrote, braune und fast schwarze; sie sind birnförmig, sehr zartschalig und enthalten gallertartiges, durchscheinendes, goldgelbes, rötliches oder purpurrotes Fleisch. An luftigen, schattigen Orten oder in Öfen [* 15] getrocknete Feigen bilden einen bedeutenden Handelsartikel; sie sind hell gelbbraun, mit einem zarten weißen, mehligen Überzug, der aus Traubenzucker besteht, innen fleischig trocken oder durchscheinend musartig.
Die besten sind die Smyrnaer Tafelfeigen, welche in Schachteln oder Kistchen zusammengedrückt in den Handel kommen und sich durch feinen honigartigen Geschmack auszeichnen. Die griechischen Feigen, besonders die von Korfu [* 16] (Fraccagani) und die Kranzfeigen, welche meist zu 100 Stück auf Bastschnüre gezogen und dabei platt gedrückt sind, sind dickschaliger, weniger süß, aber haltbarer als die Smyrnaer. Die bessern von dieser Sorte heißen Calamata. Die italienischen oder Genueser Feigen sind mehr in die Länge gezogen als die Smyrnaer, sonst ihnen ähnlich; die kalabresischen kommen meist in Körben zu uns (Korbfeigen).
Triester oder venezianische Feigen nennt man die kleinen aus Dalmatien und Istrien [* 17] kommenden von geringer Güte. Unter den französischen sind die Marseiller die besten, demnächst die Comtatschen von Avignon. Man gebraucht sie meist als Bestandteil des Desserts, wenig zu erweichenden Umschlägen und zu Brustthee, hier und da auch zur Bereitung von Spiritus. [* 18] Getrocknet und braun geröstet liefern sie den Feigenkaffee, welcher dem echten Kaffee in mäßiger Dosis beigemischt schöne Farbe und einen vielfach sehr beliebten Geschmack erteilt.
Der Wiener Kaffee soll seinen Ruhm dieser Beimischung verdanken. Die Feigen enthalten die gewöhnlichen Fruchtbestandteile und in dem gewöhnlichen halbtrocknen Zustand etwa 60-70 Proz. Zucker. [* 19] Sie halten sich wenig länger als ein Jahr und unterliegen dem Schimmel, [* 20] den Milben und dem Insektenfraß; auch entwickelt sich in ihnen ein säuerlicher scharfer Geruch und Geschmack. Unter dem Namen Feigenkäse kommt aus Spanien [* 21] und Portugal ein Präparat in den Handel, welches aus den auserlesensten Feigen, geschälten Mandeln, Haselnüssen, Pinien, Pistazien, feinen Kräutern und Gewürzen besteht und in Form eines Käses zusammengepreßt ist.
Ein ähnliches Präparat ist der Feigenkuchen, der in Griechenland [* 22] aus halb getrockneten Feigen bereitet wird, die kreuzweise in vier Teile zerschnitten, fest aufeinander gelegt, mit fein gepulvertem Thymian bestreut, wohl auch mit Mandeln und Nüssen untermischt, zusammengepreßt und im Ofen getrocknet werden. Das Holz [* 23] des Feigenbaums ist äußerst leicht, zart und schwammig und dient bisweilen zum Polieren von Metallen. Die alten griechischen Ärzte brauchten die Blätter, die einen scharfen Milchsaft enthalten, zu Umschlägen bei Geschwülsten, Skorpionstichen, Bissen von tollen Hunden, Warzen und Feigwarzen, die unreifen Früchte bei Krankheiten des Uterus.
Des Milchsaftes des Feigenbaums bedienten sich die alten Maler als Bindemittels der Farben.
Ficus Sycomorus L. (Maulbeerfeigenbaum,
ägyptischer Feigenbaum), in Ägypten
[* 24] und im ganzen Orient, mit 12-15 m hohem, sehr dickem Stamm, großer,
weiter, schlaffer Krone, eirunden, herzförmig-eckigen, auf beiden Seiten glatten Blättern und in Doldentrauben zusammenstehenden,
kleinen Früchten (Maulbeerfeigen, Pharaofeigen, Adamsfeigen, ägyptische Feigen). Diese sind 2-3 cm lang, birnförmig, schmutzigweiß
und grün gestreift, mit vielen lanzettlichen, blaßroten Schuppen besetzt, schmecken süß und gewürzhaft und werden häufig
gegessen. Das Holz ist sehr dauerhaft, fast unvergänglich und diente zur Anfertigung der Mumiensärge.
Ficus religiosa L. (heiliger Feigenbaum, Pappelfeigenbaum, Asvatha) ist ein hoher Baum Ostindiens mit großer, hoher Laubkrone,
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großen, herzförmigen, beständig im Wind spielenden Blättern und kleinen Früchten. Dieser Baum ist den Hindu heilig (s. unten). Aus seinem Milchsaft bereitet man Kautschuk, auch liefert er Bastfasern zu Seilen, und eine Schildlaus, Coccus laccae Ker., veranlaßt durch Stiche in die jungen saftigen Triebe die Bildung von Gummilack.
Ficus elastica Roxb. (Gummibaum), in Ost- und Hinterindien
[* 26] und auf den Sundainseln, ein großer Baum mit dickem,
von Luftwurzeln umstricktem Stamm, gewaltiger Laubkrone und großen, länglich spitzen, lederartigen, glänzenden, dunkelgrünen
Blättern, liefert hauptsächlich das indische Kautschuk und wird seit langem bei uns als Zierpflanze und fast unverwüstliche
Zimmerpflanze
[* 27] kultiviert. Norddeutsche Handelsgärtnereien, besonders in Berlin,
[* 28] treiben damit ausgedehnten
Handel selbst bis Paris.
[* 29]
Ficus indica Roxb. (Baniane), ein Baum Ostindiens mit sehr dickem Stamm, großer, breiter, flacher Krone mit
länglichen, stumpfen, am Grunde fast herzförmigen, tiefgrünen, glänzenden Blättern und in den Blattachseln paarweise
stehenden, kugeligen, weichhaarigen Blütenkuchen. Von den horizontal verlaufenden Ästen gehen Luftwurzeln
herab, greifen in den Boden ein und werden bald zu neuen Stämmen. So wächst der Baum nach allen Seiten hin durch Jahrtausende
fort und bildet einen Wald, der Tausende von Menschen aufnimmt. Er ist den Brahmanen heilig, und neben ihm steht als zweiter
heiliger Baum die oben genannte Asvatha, welche später von den Buddhisten so bevorzugt wurde, daß man
nach dem Vorkommen des einen oder des andern Baums bei Tempelruinen entscheiden kann, ob Brahmanen oder Buddhisten das Heiligtum
geweiht.
Die Baniane liefert wie die Asvatha Kautschuk, Gummilack und Bastfasern. Auch mehrere andre Arten liefern Kautschuk, und von
Ficus ceriflua
Jungh., auf Java (und Sumatra), stammt vegetabilisches Wachs.
Ficus australis W. aus Neuholland,
Ficus macrophylla
Roxb. aus Ostindien
[* 30] u. a. werden als schöne Gewächshauspflanzen bei uns kultiviert, besonders auch
Ficus stipulata Thunb., aus China
[* 31] und Japan, mit kleinen, herzförmigen Blättern, sehr üppig wachsend, an Wänden und Stämmen
emporkletternd, im Alter aber wie unser Epheu einen aufrechten Stamm bildend.
Ficus domestica Roxb. (traubiger
Feigenbaum), ein ungeheurer Baum mit einem Stamm, der aus mehreren zu bestehen scheint und an den Wurzeln so große Kammern bildet,
daß man sich darin verbergen kann, wird in Indien auf den Märkten gepflanzt wegen des großen Verbrauchs der jungen
Blätter, die vom gemeinen Volk roh zu Fischen gegessen werden.
Vgl. Gasparrini, Nova genera, quae super nonnullis Fici speciebus struebat (Neap. 1844);
Derselbe, Ricerche sulla natura del caprifico e del fico e sulla caprificazione (das. 1845);
v. Solms-Laubach, Herkunft, Verbreitung und Domestikation des gewöhnlichen Feigenbaums (Götting. 1882);
Mayer, Zur Naturgeschichte der Feigeninsekten (»Mitteilungen aus der zoologischen Station zu Neapel« [* 32] 1882).