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Kleine Vorrede
Mein Lektor sass mir per Skype gegenüber.
Lächelnd, wie immer.
Wir hatten einige offene Fragen im Manuskript geklärt, über ein paar Semikola gestritten und viel gelacht.
Dann verkündete er: «Noch was zum Paris-Kapitel…»
Ich dachte, er würde ein, zwei Anmerkungen vortragen von der Detailliertheit der vorherigen.
Doch er sprach: «…ich glaube, das streichen wir.»
Er lächelte noch immer. Er ist ein freundlicher und sanfter Mensch.
Starr vor Schreck glotzte ich in meinen Laptop.
«…streichen?», fragte ich, das Wort leise aussprechend.
«Streichen!», sagte er fröhlich.
«Warum!», rief ich verzweifelt.
Ich hatte Dutzende von Stunden an dem Kapitel gearbeitet, tagelang recherchiert dafür und eine Kunsthistorikerin verrückt gemacht.
«Weil es zum Ende des Buches hin kommt und einen ganz neuen Handlungsstrang eröffnet, wo wir aber eigentlich die beiden bisherigen auflösen müssten», sagte mein Lektor, «zudem spielt es in Paris, während der Rest des Buches in Berlin und Umgebung stattfindet.»
Ich suchte fieberhaft nach Gegenargumenten.
Mir fiel nicht mal eines ein.
Wenn ich über mein Buch spreche, sage ich oft «Wir haben entschieden» oder «Das wollten wir nicht so machen». Ich meine mich und meinen Lektor. Es ist ein Gemeinschaftswerk. Ich schreibe, und er überwacht mich. Verlaufe ich mich, ruft er mich zurück. Sehe ich den Weg nicht, zeigt er ihn mir. Mache ich eine dieser furchtbaren Verdoppelungen, in denen im selben Satz «Ergänzung» und «ergänzt» steht, sucht er ein Synonym. Er ist im gleichen Masse hart, klar und sanft, und ich kann tun, was ich will: Ich kann kein perfektes Buch schreiben, höchstens ein gutes. Die Vollendung ist das Werk des Lektors, und wenn sie bedeutet, dass ein ganzes Kapitel rausfliegt, so soll mir das recht sein. Umso mehr, wenn ich es hier wieder reinschmuggeln kann.
Thomas Meyer, September 2014
Johann Kirchhoff, ein schlanker Mann von zweiunddreissig Jahren, dessen weit in ihren Höhlen liegende Augen stets etwas müde wirkten und der nicht mehr viele Haare hatte, dafür sehr lange, sass mitten in Paris auf dem Stamm eines umgestürzten Baumes, ein Skizzenbuch in seinem Schoss.
Mit einem vierkantigen Rötel zeichnete er, was sich vor ihm ausbreitete: eine Gruppe von Menschen, Männer und Frauen in Kleidern aus Seide, Calamank und Sammet, überspannt von Platanen und Kastanien. Ein Jüngling hielt eine Laute in der Hand, ein gescheckter Hund sprang herum, und am Rand erhob sich eine steinerne Skulptur aus Engelsfiguren.
Der Hund war Kirchhoff nicht gelungen; die Proportionen stimmten nicht. Er entfernte ihn mit einem zwiefachen Streich des Handballens vom Papier und setzte den Rötel noch einmal an.
Überall auf der Skizze waren Buchstaben zu finden; ein A auf zwei Bäumen in der Nähe, ein B auf jenen hinten, ein C auf den einen Kleidern, ein D auf den anderen, und mitten im Himmel stand ein grosses E. In kleineren Ausgaben war es auch neben einigen der Personen zu sehen.
Kirchhoff fing nicht nur die Formen ein, sondern auch die Farben.
Am unteren Rand der Skizze hatte er sie notiert: Dunkelgrün, Ocker, Koralle, Hellblau, Berlinisch-Blau.
Jemand trat neben ihn. Kirchhoff blickte kurz hoch und sah das lächelnde Gesicht eines ungefähr fünfundzwanzigjährigen Mannes mit einer hohen Stirn. Er trug einen walnussbraunen Justaucorps, eine schwarze Culotte, Schuhe mit riesigen Schnallen, ein weisses Seidenhalstuch und eine silbergraue Perücke, die ihm bis über die Schultern fiel.
«C’est très joli», lobte der junge Mann die Skizze.
«Merci beaucoup», sagte Kirchhoff, wandte sich wieder seiner Arbeit zu und strich sich die dünnen Haare aus dem Gesicht.
Der Mann begehrte zu wissen, in welchen Farben das Bild gemalt werden würde – er verstehe leider die Wörter…