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Das Geräusch einer Schnecke beim Essen
Die Liebe der Autorin zu einer Schnecke begann mit ihrer Krankheit. Von einem Urlaub in Europa kam die Journalistin mit einer unbekannten Infektion zurück, die sie jahrelang ans Bett fesselte. Eine Freundin brachte ihr ein Ackerveilchen mit einer Schnecke, die während eines Jahres zur wichtigsten Begleiterin und Trösterin der Patientin wurde.
Bailey war in dieser Zeit so geschwächt, dass eine kleinste Armbewegung zu einer grossen Anstrengung wurde. Menschliche Besuche ermüdeten sie rasch, doch die Schnecke bewegte sich genau im richtigen Tempo, um die Aufmerksamkeit der kranken Frau auf sich zu ziehen.
Mit scharfer Beobachtungsgabe beschreibt Bailey den Alltag ihrer Schnecke. Wie das Tier des nachts vom Topf ihres Pflänzchens aus auf Erkundungszüge ging und immer wieder an denselben Schlafplatz zurückkehrte, da und dort ein quadratisches Loch in einem Stück Papier hinterlassend. Wie es während des Essens mit dem Kopf nickte. Wie es neue Nahrung mit den Fühlern sorgfältig inspizierte.
Der Schleim wird zum faszinierenden Klebstoff
Die Autorin beginnt sich mit der Schnecke zu identifizieren und träumt davon, sich wie die Schnecke in einen Winterschlaf zurückzuziehen und erst wieder hervorzukriechen, wenn die Ärzte ihre Krankheit heilen können. Die Krankheit thematisiert sie zwischendurch direkt, meist aber bildet diese einen diskreten Hintergrund für die Geschichte der Schnecke. Statt dass der Leser zum Voyeur wird, versetzt er sich in die Patientin hinein und kriegt das Gefühl vermittelt, selber aus seinem Bett heraus die Schnecke zu beobachten.
Die Autorin flicht dabei laufend Fachwissen über Weichtiere ein. Die Schleimspur erregt keinen Ekel, sondern Faszination über ein Material, das sowohl als Klebestoff als auch als Gleitmittel taugt. Die Schnecken werden von Schädlingen zu erfolgreichen Tieren, die auf Vogelflüssen über Meere reisten und so sämtliche Kontinente besiedelten. Im Kapitel über das Liebesleben zitiert sie viktorianische Quellen, die damals die Leser in prüden Ländern erröten liessen.
Als ihre Schnecke Nachwuchs kriegte, fanden sich unter Baileys Bekannten eine ganze Reihe von Leuten, die – entzückt durch ihre Berichten – eines der Tiere adoptierten. Auch der Leser wird im Laufe der Lektüre mit dem Gedanken spielen, sich eine Schnecke als Haustier zuzulegen. Bailey allerdings hat ihr Tier respektvoll wieder in Freiheit entlassen, als sich die Krankheitssymptome besserten. Denn wer als gesunder Mensch Schnecken beobachten will, braucht kein Terrarium, sondern muss sich nur die Zeit nehmen, am Wegrand stehenzubleiben. Nach der Lektüre dieses Buches ist die Chance gross, dass man dies auch wirklich mal tut – und dann hat sich das Lesen gelohnt.

Elisabeth Tova Bailey: