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KAMAGASAKI - Ein Slum in Japan?
Wenn man durch das wohlorganisierte, saubere und sehr freundliche Japan reist, wie ich das diesen Sommer gemacht habe, kann man sich schlecht vorstellen, wo sich hier soziale Probleme verstecken sollen. Ein solcher Ort findet sich in Osaka, im Stadtteil Kamagasaki in der Nishinari Area.
Hiroya, mein Kollege von der Aichi Prefectural University, den ich in Südkorea anlässlich der Weltkonferenz der Sozialarbeitenden kennengelernt habe, beschäftigt sich mit der Problematik Armut und hat für uns einen Study Trip organisiert. So kommt es, dass wir uns an einem Freitag am Bahnhof treffen und nach Kamagasaki fahren, wo bereits Herr Orita auf uns wartet. Herr Orita ist nicht nur Direktor beim Social Welfare, er ist auch Sozialarbeiter und Gründer der zivilgesellschaftlichen Stadtteilorganisation Kamagasaki Community Regeneration Forum.
Residential Home und Notunterkünfte
Kamagasaki ist eine Männerwelt, das fällt einem rasch auf, wenn man durch die Strassen läuft. Von den rund 25'000 Menschen, die hier leben, sind nur etwa 10% Frauen. Unser Rundgang beginnt im Wohnheim für ältere und beeinträchtigte Männer, der Social Welfare Foundation. Der ganze Komplex ist riesig und verfügt über eine Kantine, in der die Bewohner schichtweise ein Essen pro Tag erhalten. Unter den Leuten auf der Strasse ist das gute Essen bekannt, so dass diese Unterbringung von vielen bevorzugt wird. Allerdings ist es das Social Welfare, welches den Antragstellern einen Platz zuweist und wenig Raum für eine freie Wahl lässt. Im Haupthaus, welches eher wie ein Spital aussieht, sind 100 Männer in drei- und vier-Bett-Zimmern untergebracht. In Japan sind Zimmer allgemein sehr klein (rund 11 m2 ist üblich), so bleiben auch hier neben den Betten der Bewohner nur wenige Zentimeter Freiraum. Dem Haus angeschlossen ist eine Notunterkunft mit 200 Betten, aufgeteilt in ungefähr je zehn Doppelbetten pro Raum, die mit einem Vorhang versehen sind, was etwas Privatsphäre gewährleistet. Um hier übernachten zu können, müssen die Männer in einem Büro der Welfare-Organisation ein Ticket holen, womit sie dann berechtigt sind, zwei Nächte hier zu verbringen. Der Aufenthalt kann bis maximal zwei Wochen verlängert werden. Weit grösser wirkt die Notschlafstelle einer privaten Organisation.
Was für einen Stellenwert Privatsphäre hat, wird wenig später in der grossen Halle des Airin Labour and Welfare Center ersichtlich. Diese zweistöckige Halle, die grösser als ein Fussballfeld ist und im oberen Stockwerk über (mehrheitlich leerstehende) Büros und kleine Restaurants verfügt, wurde von der Gemeinde errichtet als Ort der Arbeitsvermittlung. Die Grösse dieses abweisenden, klotzigen Gebäudes lässt erahnen, wie viele Taglöhner einst hier nach Arbeit suchten. Heute zeigt sich die Halle in aller Tristesse. Es riecht nach alten Mauern und ungewaschenen Körpern, auf dem Boden liegen in der ganzen Halle verteilt Männer in mittleren Jahren schlafend auf Kartons, manche unter einem aufgespannten Regenschirm, andere haben sich einen richtigen Wall gebaut, hinter dem sie sich hingelegt haben. Sie alle haben für heute keine Arbeit gefunden. Einst ein Ort verbunden mit Hoffnung auf Arbeit und Einkommen, ist diese Halle nun nur noch ein Ort der Verzweiflung und Armut, aus der die alten Männer nicht mehr finden werden.
Nicht weit entfernt von dieser Halle haben sich einige Männer in einem Park mit blauen Blachen und allerlei Material kleine Hütten gebaut, wo sie sich in der Nacht verkriechen können. Am Strassenrand sieht man überall ältere Männer herumsitzen. Manche diskutieren miteinander, viele sitzen einfach ruhig da, manche mit einer Dose Bier in der Hand. Wieder andere spielen ein Brettspiel miteinander oder laufen mit ihren Habseligkeiten durch die Strassen.
Finden die Taglöhner eine Arbeit, können sie sich damit ein Essen und eine Übernachtung in einem Cheap Hotel leisten. Ansonsten sind sie auf eines der Notunterkünfte angewiesen oder bleiben gleich auf der Strasse. Sozialhilfe können sie nur beziehen, wenn sie über 65 Jahre alt oder behindert sind. Ob für eine Notunterkunft oder für Sozialhilfe, für beides ist eine Vorsprache beim Amt nötig, was viele nicht wollen und deshalb lieber auf der Strasse bleiben. Eine Pension oder eine Arbeitsausfallversicherung haben nur die wenigsten.
Kamagasaki ist als grösster Slum Japans bekannt. Hierher verirren sich zwar Backpackers, aber keine Touristen, die den Sehenswürdigkeiten im modernen Osaka nachgehen. Ginge es nach der Stadtverwaltung, wäre Kamagasaki längst «aufgewertet». Während für eine staatliche Intervention das Geld fehlt, drängen sich Neubausiedlungen mit teuren Wohnungen an das alte Kamagasaki. Im Stadtteil selbst sind pfiffige Unternehmer längst aktiv geworden und haben einige der «Cheap Hotels», wo die Taglöhner für wenig Geld übernachten können, in Backpacker Hostels oder einfache Businesshotels umgewandelt. Die Menschen, die hier leben und zuhause sind, fühlen sich zunehmend bedrängt und befürchten irgendwann vertrieben zu werden.
Soziale Arbeit im öffentlichen Raum
Hier setzen verschiedene NGOs an, wie zum Beispiel jene von Herr Orita, der mit seinem Regeneration Forum Organisationen und Aktivitäten im öffentlichen Raum vernetzt und mit Aktivitäten versucht die Bevölkerung zusammen zu bringen und die Lebensqualität im Quartier zu stärken. Soziale Arbeit in Kamagasaki heisst eigentlich Strassenarbeit. Es gibt ältere und kranke (Stichwort: mental health) Männer, die nur sehr schwer erreichbar sind. Sie bräuchten niederschwellige Beratung und Beziehungsangebote auf der Strasse, doch für eine offizielle Strassensozialarbeit fehlen die nötigen finanziellen Mittel. So bleibt die niederschwellige Arbeit im Stadtteil abhängig von privaten Wohltätigkeitsorganisationen und vom Engagement Einzelner. Allem voran geht es erstmal um das Sichtbarmachen der Not der Bewohner von Kamagasaki, dem einstigen Ort der Hoffnung.
https://en.wikipedia.org/wiki/Kamagasaki
http://www.kamagasaki-forum.com/en/index.html
http://wordpress.tokyotimes.org/kamagasaki-japans-biggest-slum/