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Der Stiftsbibliothekar Cornel Dora schlägt das Tuch über einer Vitrine zurück. Unter dem Glas liegt ein kostbares Stück Pergament. Es ist eines der ältesten Dokumente der Ausstellung: Ein Fragment aus dem Werk des Dichters Vergil, das ungefähr 400 nach Christus entstanden ist, wahrscheinlich in Rom.
«Capitalis quadrata» heisst die Schrift, in der das Werk verfasst ist. Diese Buchstaben sehen unseren heutigen Grossbuchstaben ähnlich, aber lesen können wir das Dokument nur mit Mühe. Das liegt daran, dass die Schrift «durchläuft», sagt Dora. Zwischen den einzelnen Wörtern gibt es im 5. Jahrhundert noch keine Leerzeichen.
Ein irisches Fragmentchen
Die Römer gliederten ihre Texte noch nicht wirklich. Die Iren hingegen entwickelten im frühen Mittelalter die Schriftkultur bedeutend weiter. Sie kennzeichneten als erste die Satzanfänge mit grösserem Buchstaben und fügten Abstände und Satzzeichen ein.
Von dieser innovativen Entwicklung zeugt ein Fetzen Pergament. Es sieht aus wie ein unfertiger Scherenschnitt, es ist löchrig und einige Teile fehlen. Trotzdem ist es eines der Lieblingsstücke von Cornel Dora. «Dieses irische Fragmentchen fesselt mich am meisten», sagt er. Es sei von grosser kulturhistorischer Bedeutung. «Irland, ganz am Rande der Welt, hat ganz Zentrales für unsere Kultur geleistet».
Das Auge liest mit
Sprung vom 7. ins 9. Jahrhundert: Unter der Herrschaft Karls des Grossen wird die sogenannte karolingische Minuskel gefördert. Die Schrift setzt den Grundstein für unser heutiges Buchstabensystem. Karl der Grosse legte Wert darauf, dass die Schrift einheitlicher und die Kommunikation erleichtert wurde. Möglichst viele in seinem Reich sollten die Schrift lesen können.
Die karolingische Minuskel sei eine schöne Schrift, sagt Cornel Dora. «Wenn die Schrift eine gewisse Wirkung haben soll, dann muss sie schön sein». Schon damals sei der Mensch vor allem durch die Augen geleitet worden.
Nur Geübte erkennen Details
Trotz der einheitlicheren Schreibweise unter Karl dem Grossen entwickelten sich regionale Unterschiede. Im Kloster St. Gallen etwa hatte man einen eigenen Stil, aber die Details sind so klein, dass sie nur Geübte erkennen können. Wie Cornel Dora: Er beugt sich über die Vitrine und studiert die Handschrift. «Beim ‹M› geht der Mittelstrich etwas nach links».
Als Ende des 13. Jahrhunderts mehr und mehr die Städte und Universitäten die Klöster ablösten und die Buchproduktion übernahmen, rückte auch die karolingische Minuskel in den Hintergrund.
Erst die Humanisten griffen im 15. Jahrhundert wieder auf diese Schrift zurück, die dann für die ersten Buchdrucke diente. Die lateinische Schrift ist die Grundlage unserer gedruckten Buchstabenschrift, wie wir sie heute kennen und verwenden.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 29.11.2016, 16:50 Uhr.
Ausstellungshinweis
Die Ausstellung «Im Paradies des Alphabets. Die Entwicklung der Schrift» ist noch bis 12. März 2017 in der Stiftsbibliothek St. Gallen zu sehen.