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Hühnerfleischkonsum im Mercosur
Kontinuität und Wandel urbaner Ernährungssysteme und -praktiken am Fallbeispiel der Städte Paraná, Curitiba und Asunción (seit 1990)
Die globale Nachfrage nach Fleisch steigt kontinuierlich. Weder ökologische Probleme noch die Kritik am Fleischkonsum und dessen Folgen zeigen Auswirkungen auf den weltweiten Verbrauch. Der Mercosur, mit Argentinien, Brasilien und Paraguay, gehört schon seit längerem zu den weltweit führenden Exporteuren von Rindfleisch. Die höchsten Wachstumsraten liegen jedoch nicht mehr im Handel mit Rindfleisch, sondern mit Geflügelfleisch. Hühnerfleisch aus den Ländern des Mercosur lässt sich heute fast überall auf der Welt finden – vor allem auf den asiatischen Märkten, aber nicht zuletzt auch in der Schweiz. Insbesondere Brasilien hat sich zu einem der Global Player in diesem Geschäft entwickelt und beherbergt seit einigen Jahren den grössten, fleischverarbeitenden Konzern weltweit (JBS Foods), der in 15 weiteren Ländern vertreten ist und täglich bis zu 14 Millionen Geflügeltiere schlachtet. Auch in Argentinien hat sich in den letzten 30 Jahren eine Industrie entwickelt, die Hühnerfleisch mittlerweile zu sehr günstigen Preisen anbieten kann. In Paraguay dominiert nach wie vor die Produktion von Rind- und Schweinefleisch, doch lassen sich hier im Untersuchungszeitraum ebenfalls Ambitionen zum Ausbau der Produktion von Hühnerfleisch beobachten.
Trotz der immensen Bedeutung, die Hühnerfleisch aus dem Mercosur auf dem Weltmarkt hat, ist der Grossteil der Produktion für den inländischen Markt bestimmt. Dies ist das Ergebnis einer seit den Neunzigerjahren steigenden Nachfrage wachsender städtischer Konsumgesellschaften der Region nach Hühnerfleisch aus dem Supermarkt. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen analysiert das Forschungsprojekt den Wandel von Ernährungssystemen und -praktiken in drei Städten des Mercosur (Paraná, Curitiba und Asunción). Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Frage, wie industriell produziertes Hühnerfleisch seit 1990 zunehmend in die Konsumgewohnheiten der Bevölkerung der drei Städte integriert wurde. Im Gegensatz zu bereits vorliegenden Studien zur Fleischproduktion werden die betreffenden Regionen durch diese Analyse von Konsum- und Ernährungspraktiken nicht mehr allein als Exporteure von Rohstoffen begriffen. Vielmehr rückt die wichtige Rolle in den Mittelpunkt, die ihre Bevölkerungen als Konsumenten spielen.
Das Projekt thematisiert vergleichend die lokalen Veränderungen der Distribution und des Konsums von Hühnerfleisch, um Wandel im Ernährungsverhalten sowie die Transformationen urbaner Ernährungssysteme anhand von Fallbeispielen im Kontext globaler Zusammenhänge zu analysieren. Hierzu gehören kritische Diskussionen um den Konsum industriell produzierter Hühner, unter Berücksichtigung zeitgenössischer Diskurse zu (guter) Ernährung, Gesundheit und Wohlstand. Die Untersuchung knüpft an aktuelle Debatten zur Konsum- und Ernährungsgeschichte in der globalisierten Welt, zu urbanen Ungleichheitsstrukturen wie auch zur Stadtgeschichte in vergleichender Perspektive an und verbindet so politisch-ökonomische Analysen mit einer kulturgeschichtlichen und ethnografischen Herangehensweise.