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Die Sommerspiele 2016 werden in Rio de Janeiro stattfinden. Was zunächst nach Schiebereien klang, war vielleicht einfach der Sieg des am wenigsten Unbeliebten.
Es war der grösste Moment im Leben des Carlos Nuzman: Er hatte sich unsterblich gemacht am Abend des 2. Oktober 2009, als der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) Jacques Rogge verkündete, dass Rio de Janeiro die Olympischen Sommerspiele 2016 ausrichten darf. Carlos Nuzman, 67, Bewerberchef und IOK-Mitglied, sass neben Brasiliens Staatspräsident Luiz Inácio da Silva. Sie sprangen auf, es gab kein Halten mehr, Schreie, Jubel, Tränen. Lula heulte noch anderthalb Stunden später auf einer Pressekonferenz und brauchte ein Handtuch, um seine Wangen einigermassen zu trocknen. Nuzman sass neben ihm und drückte Lula einen innigen Kuss auf die Schläfe. Einer der schrillsten Momente des Abends. Herzzerreissend brasilianisch.
Wenige Tage darauf verweigerte Nuzman, der vier Monate am Stück um die Welt gereist war und für Rio geworben hatte, die Antwort auf die Frage, ob der olympische Sport eine Antikorruptionsagentur brauche. Nuzman, eigentlich eine Frohnatur, der seinen Redefluss kaum stoppen kann, schaute plötzlich ganz ernst. Seine Lippen spitzten sich. «Ich muss erst lesen, was in den Zeitungen steht», zischte er. Dann drehte er ab und kehrte flink in den Sitzungssaal zurück.
Befürchtet Nuzman vielleicht mediale Enthüllungen, dass er sich zum Thema Korruption lieber nicht äussert, bevor er die Tagespresse gelesen hat? Hat es gar damit zu tun, dass sein Name in den vergangenen Jahren genannt wurde, wenn es in Brasilien um Misswirtschaft und Korruption ging, etwa bei der Austragung der Panamerikanischen Spiele 2007?
Ein Ständchen für Havelange
Hinter einem Nebelschleier aus Sympathieschlagworten – Sonne! Strand! Samba! Jugend! Lebensfreude! Caipirinha! Karneval! – lässt Rio tatsächlich viele Fragen offen. Oft genug haben die jetzt unterlegenen Rivalen, weniger die aus Chicago, mehr die aus Madrid und Tokio, gemunkelt, Rios Bewerbung sei ein Betrug gewesen. Der schlechteste Bewerber mit den frechsten Versprechen habe am Ende gewonnen. Ausserdem seien Nuzman und seine Leute nicht zimperlich gewesen, wenn es gegolten habe, IOK-Mitglieder zu ködern.
Solche Gerüchte gibt es immer bei Olympiabewerbungen. Doch das Misstrauen ist begründet: Denn als Übervater der brasilianischen Offerte agierte jener Mann, der einst 24 Jahre lang den Fussball-Weltverband Fifa beherrschte und mit einem anrüchigen System des Gebens und Nehmens überzog: João Havelange, Vetternwirtschaftler par excellence. Havelange, inzwischen 93 Jahre alt, ist auch der Dienstälteste im Olympiakonzern, wo er seit 1963 Sitz und Stimme hat. Im Jahr 2016 würde Havelange übrigens 100 Jahre alt. Wer den hoch aufgeschossenen Cäsaren in Kopenhagen erlebte, kann sich gut vorstellen, dass sie ihm zur Eröffnung der Sommerspiele in jenem Olympiastadion, das bereits seinen Namen trägt, ein Ständchen singen werden. Präsident Lula ist jedenfalls fest entschlossen: «In sieben Jahren feiern wir gemeinsam im Olympiastadion Havelanges Geburtstag.»
Dass Chicagos Bewerbung chancenlos blieb und bereits im ersten Wahlgang mit kläglichen achtzehn IOK-Stimmen scheiterte, überraschte auch die gut bezahlten Lobbyisten der Bewerberstädte. Da konnten selbst Barack und Michelle Obama nichts retten, der Frust in der sogenannten olympischen Familie sitzt zu tief: Seit Jahren streiten das IOK, 204 Nationale olympische Komitees und 35 Olympische Sportfachverbände mit dem US-amerikanischen Olympiakomitee (USOC) über eine Neuaufteilung der Marketingeinnahmen. Nach einem Vertrag aus den neunziger Jahren kassiert das USOC 12,75 Prozent aus den TV-Verträgen des IOK und zwanzig Prozent aus den Sponsorenverträgen – mehr als alle anderen Olympischen Komitees zusammen. Zu jenen einflussreichen Olympiern, die gegen Chicago mobilmachten, zählte auch der Schweizer Multifunktionär Denis Oswald, IOK-Mitglied, Präsident des Ruder-Weltverbandes und Chef der Vereinigung olympischer Sommersportverbände. Und selbst IOK-Präsident Rogge war genervt von der Arroganz und Sturheit der Amerikaner. Schliesslich schnitt Chicago noch schlechter ab als New York im Wettbewerb um die Spiele 2012, trotz des neuen Präsidenten und der politischen Kehrtwende in den USA.
Sarkozys Deal mit Lula
Tokios Bewerbung, im zweiten Wahlgang mit zwanzig Stimmen beendet, war nie ernsthaft im Rennen. Blieb noch Madrid, Finalist gegen Rio, unterstützt von IOK-Ehrenpräsident Juan Antonio Samaranch, der allein für rund dreissig Stimmen im IOK bürgt. Die Kandidatur von Madrid scheiterte aber unter anderem daran, dass nur wenige der europäischen IOK-Stimmen an Madrid gingen. Europa will sich nicht um die Chance für die Sommerspiele 2020 bringen – Premier Nicolas Sarkozy hatte mit Brasiliens Präsident Lula sogar ein Abkommen geschlossen, Rio zu unterstützen, wenn sich Brasilien in vier Jahren bei der Bewerbung von Paris revanchiert.
Wer einen Augenblick lang die Betrachtungen über politische Allianzen und mögliche korruptive Vorgänge vernachlässigt, die derlei Entscheidungen immer prägen, muss feststellen: Allein Rio de Janeiro hatte in diesem Milliardenbusiness ein Einzelargument, das nicht zu schlagen war: Noch nie fanden die Spiele in Südamerika statt. Ob Brasilien die Mammutprojekte Fussball-WM 2014 und Olympia 2016 wirklich stemmen und alle Versprechen halten kann, ist eine ganz andere Frage. So viel steht allerdings fest: Den Privatgeschäften des künftigen Olympiaorganisators Carlos Nuzman als Advokat und Immobilienmakler wird es kaum schaden.