Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03519.jsonl.gz/1809

"Interpretieren" heisst ...
- im konstruktiven Fall, kinetische Energie als Signal und mithin als sekundäre Energie aufzufassen.
- im deutenden Fall, die Zuordnung eines Signales zu einem System durch einen deutender Beobachter
Beispiel Anti-Blockier-System:
Der Konstrukteur interpretiert das durchgedrückte Bremspedal als Wunsch des Autofahrers möglichst rasch anzuhalten und verhindert, dass die Räder blockieren.
Einigen Autofahrer (den Rennfahrern) tut er damit manchmal Unrecht, was in der alltäglichen Verwendung des Ausdruckes "Interpretation" zum Ausdruck kommt.
Interpretieren heisst kinetische Energiel als Signal und mithin als sekundäre Energie aufzufassen. Wenn ich die Bremse betätige, kann meine Energie konstruktiv dazu verwendet werden, die Bremszangen an den Bremsscheibe zusammenzudrücken. In diesem Falle wird meine Energie zum Bremsen verwendet. Mein Zug an der Bremse kann aber auch als Signal interpretiert werden. Im primitiveren Falle wird dann mit dem Bremshebel ein Servomotor gesteuert, der die Bremsernergie liefert. Der Bremser muss im Sinne der "manipulativen Kommunikation" nur noch wenig befehlende Energie aufwenden, der Servomotor leistet dann die eigentliche Bremsarbeit. Im entwickelteren Falle interprtiert der Konstrukteur des Fahrzeuges das durchgedrückte Bremspedal nicht mehr direkt als Signal zur Vollbremse, sondern als Wunsch des Fahrers möglichst rasch anzuhalten, was heisst, dass die Räder nicht blockieren dürfen. Mit dem Bremspedal wird dabei ein Antiblockiersystem gesteuert, das seinerseits den Servomotor der Bremse so steuert, dass die Räder so stark wie möglich gebremst werden, aber nicht blockieren. Diese letztere Interpretation des durchgedrückten Bremspedals ist manchmal "falsch" - was konstitutiv für Interpretationen ist. Geübte Autofahrer drücken, wie man im Rallyesport deutlich beobachten kann, das Bremspedal oft nicht zum Anhalten durch, sondern weil sie die Räder wirklich blockieren wollen, weil gezieltes Schleudern in den Kurven häufig mit Zeitgewinn verbunden ist.
Zur Physik: Natürlich wird ein Fahrzeug nicht mit der Energie des Fahrzeugführers gebremst, sondern mit der Wärme, die an der Bremsscheibe erzeugt wird. In diesem - impliziten - Sinne lässt sich auch eine normale Bremsanlage kommunikativ verstehen. Hier geht es aber um explizite Konstruktionen wie das ABS.
Bremse
Das Interpreter-Programm interpretiert nichts, es ist - wie jedes Programm - ein konstruiertes Mittel, mittels welchem der Programm-Hersteller die Eingaben des Benutzers interpretiert. Ich erläutere die Interpretation anhand eines ABS.
Ein Interpreter ist immer ein Lebewesen, in unserem Zusammenhang immer ein Mensch. Was der Mensch beim Interpretieren macht, verstehen wir genau soweit, wie wir die Mittel, die er einsetzt verstehen. Mittel verstehen oder erklären heisst, sie sprachlich zu re-konstruieren, also die Konstruktion der Mittel zu beschreiben.
Konstruieren heisst bereits hergestellte Halbfabrikate (Artefakte) durch materielle Formgebung (Strukturierung) so umzuformen, dass sie einer konkreten Organisation einverleibt werden können. Deshalb kann man Konstruktionen zeichnerisch - in Konstruktionszeichnungen - vorwegnehmen.
Literatur:
"Antiblockiersysteme beispielsweise tragen der Tatsache Rechnung, dass der nicht geschulte Autofahrer die Bremse auch dann noch durchdrückt, wenn die Räder bereits rutschen, obwohl er bremsen, nicht schleudern will. Solche Teilmaschinen verhindern, dass sich Handlungen, die auf falschen Vorstellungen beruhen, negativ auswirken. Antiblockiersysteme etwa "übersteuern" die Vorstellung, dass durchgedrückte Bremsen oder blockierte Räder das Auto optimal verzögern. In solchen scheinbar "fehlertoleranten" Maschinen wird das menschliche Steuern "interpretiert" und technisch übersteuert. Natürlich interpretiert ein Antiblockiersystem nichts. Der Ingenieur, der ein solches System (ein)baut, interpretiert das durchgedrückte Bremspedal in einem Auto als Wunsch des Fahrers, das Auto möglichst rasch anzuhalten. Solche Interpretationen - deshalb heissen sie Interpretationen - sind häufig falsch. Geübte Autofahrer drücken, wie man im Rallyesport deutlich beobachten kann, das Bremspedal oft nicht zum Anhalten durch, sondern weil sie die Räder wirklich blokkieren wollen, was in den Kurven häufig mit Zeitgewinn verbunden ist. (Todesco, R.: Technische Intelligenz, 126f)
S.J Schmidt, 1987:68 Zur Interpretation in der Literaturwissenschaft
Vgl. im Gegensatz dazu Interpretationsfreiheit unter dem Stichwort Formale Sprache, bei Krämer, 1988 resp. bei Keil-Slawik, 1990, (2), 155!
Für den Wissenschafter ist die Stellung der Nadel eines Amperemeters "ein Kriterium nur für den 'Wert' des Stroms. Um sie zu interpretieren, braucht er nur zu entscheiden, auf welcher Skala das Messgerät abgelesen werden soll. Für den Laien andererseits ist die Stellung der Nadel kein Kriterium für irgend etwas anderes. Um sie zu interpretieren, muss er die ganze innere und äussere Verdrahtung untersuchen, mit Batterien und Magneten experimentieren u.a.m. Im metaphorischen wie im buchstäblichen Sinne von 'Sehen' fängt die Interpretation dort an, wo die Wahrnehmung endet. Die zwei Vorgänge sind nicht identisch; und was die Wahrnehmung der Interpretation zu Vervollständigung überlässt, hängt sehr von Art und Ausmass früherer Erfahrung und Ausbildung ab" (Kuhn, 1978, 209).
Anmerkung zu Kuhn: Genau verkehrt, man kann nicht wahrnehmen, ohne davor eine Interpretation geleistet zu haben. Sinnlich sind Nervenzustände, die können wir aber nur interpretiert erleben und wahrnehmen.
Zur Musiktheorie:
"Die elektronische Musik der fünziger Jahre war von der ausdrücklichen Absicht motiviert, die Unvollkommenheit des Interpreten durch die Perfektion der Maschine zu ersetzen. Darüber hinaus dominierten bis in die späten sechziger Jahre hinein Kompositionsformen, welche eine quasi subjektfreie Arbeitsweise in die Erstellung der Partituren hineintrugen. Immer wieder konnte man auch Komponisten als Interpreten erleben, welche erklärtermassen durhc Einspielungen eigener Werke die Genauigkeit ihrer schriftlichen Notaion noch ergänzen wollten. Wenn wir dagegen den Entschluss Gustav Mahlers betrachten, alle Metronomangaben aus den Drucken seiner Sinfonien wieder entfernen zu lassen, weil an sich selbst erfahren hatte, wie sehr die Gesetze der Interpretetation von den Gesetzen der schriftlichen Notation verschieden sind, spürt man die Brisanz des Themas". (...) Der Komponist begreift plötzlich eine grosse Terz, die Farbe einer Klarinette so neu, als ob es noch nie Klarinetten oder Terzen gegeben hätte. Um diese Erfahrung festzuhalten, erfindet er eine Formulierung und bringt diese in einen bestimmten Kontext ein. Diese Formulierung - die Form der schriftlichen Aufzeichnung, die der Komponist wählt - ist zwar zweifellos ein Werk seiner individuellen Intelligenz, aber es ist bereits Interpretation: Interpretation dessen, was er vorher spontan empfangen hat. Meisterschaft ist die Kongruenz der gewählten Form mit der unwillkürlich empfangenen Nicht-Form. Die Form allein aber mit ihren beschreibbaren Eigenschaften als das Schöpferische anzusehen, ist ein charakeristischer Irrtum, welcher die tiefe Blindheit der von der Einseitigkeit technologichen Denkens verunstalteten Existenzerfahrung unserer Epoche spiegelt. Ist die Schrift des Autors schon Darstellung, so ist das Tun des Interpreten <
R. Todesco: Irreführende Metaphern in der Informatik