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Vor 15 000 Jahren besiedelten Menschen und ihre Hunde den amerikanischen Kontinent. Die heutigen Haushunde in der Region sind alle Nachfahren des Eurasischen Wolfes. Hingegen wurde kein lokaler Vertreter der Familie der Hunde domestiziert. Dies konnte Marcelo Sanchez, Paläontologe an der Universität Zürich, mit genetischen Analysen archäologischer Knochenfunde bestätigen. Zusammen mit seiner Kollegin Valentina Segura vom National Scientific and Technical Research Council in Argentinien ging er der Frage nach, weshalb keine der 19 auf dem Kontinent vertretenen wilden Hundearten domestiziert wurde.
In der Studie wurden die biologischen Merkmale, die eine Domestizierung überhaupt möglich machen, bei allen wilden Hundearten detailliert untersucht. Dazu gehören Fügsamkeit, Flexibilität beim Futter oder die Fähigkeit, sich in Gefangenschaft zu reproduzieren. Gemäss den Forschenden erfüllen der Kojote und der Waldhund diese Anforderungen. Weshalb also wurden sie nicht domestiziert? Mögliche Gründe dafür sind die Aggressivität der jungen Kojoten oder die Krankheitsanfälligkeit des Waldhundes.
Kein Bedarf für einen zweiten Begleiter
Eine weitere Erklärung könnte die Weltanschauung bestimmter Gemeinschaften im Amazonasbecken sein, wo – bis heute – noch keine archäologischen Hinweise für die Haltung von Haushunden vor Ende des 19. Jahrhunderts gefunden wurden. «Die anthropologische Forschung zeigt, dass die Vorstellungen dieser Gesellschaften von den Beziehungen zwischen den Lebewesen eine Domestizierung unmöglich machten», erklärt Sanchez. Dies gilt jedoch nicht für den gesamten amerikanischen Kontinent, der durch eine grosse Vielfalt von Kulturen und Weltanschauungen geprägt ist. Für Sanchez ist auch plausibel, «dass kein weiterer Bedarf zur Domestizierung bestand, weil die neuen Völker Amerikas bereits Haushunde besassen».
So gewann der Eurasische Wolf auch in Amerika die Oberhand. «Man könnte bis zu einem gewissen Grad von Zufall sprechen», meint Sanchez. «Aber wichtige Gründe sind sicher auch dessen biologische Merkmale sowie seine Verbreitung in Gebieten, die während der Altsteinzeit ein starkes Bevölkerungswachstum verzeichneten.» Neben der Domestizierung dieser einen Wolfart gab es auf dem amerikanischen Kontinent noch zahlreiche und komplexe Verbindungen zwischen den Menschen und anderen wilden Hundearten, was vielfältige archäologische Spuren hinterlassen hat.
«Es gibt viele Möglichkeiten der Beziehung zwischen Mensch und Tier, die weit über eine starre Dualität von Domestikation und Wildheit hinausgehen.»Aurélie Manin, Zooarchäologin
In Gräbern zum Beispiel wurden Knochen von Wölfen, Kojoten und Füchsen gefunden. Diese Tiere wurden zudem symbolisch dargestellt. Jungtiere dieser Arten werden zum Teil auch heute noch in menschliche Obhut genommen. «Die unterschiedlichen Grade der Integration wildlebender Caniden in diesen Gesellschaften zeigen, dass es viele Möglichkeiten der Beziehung zwischen Mensch und Tier gibt, die weit über eine starre Dualität von Domestikation und Wildheit hinausgehen», erklärt Aurélie Manin, Zooarchäologin an der Universität Oxford. Am häufigsten werde eine Definition der Domestizierung verwendet, die auf den Nutzen für den Menschen ausgerichtet sei – durch die kontrollierte Reproduktion einer Art. Das sei ein Erbe der westlichen Kultur des 19. Jahrhunderts. «In zahlreichen historischen, aber auch heutigen Gesellschaften trifft diese sehr menschzentrierte Definition jedoch nicht zu.»
Lässt sich nachweisen, ob Gemeinschaften überhaupt schon vor der Entdeckung Amerikas wilde Hunde im Sinne der westlichen Definition domestiziert hatten? Es gibt schon deshalb keine einfache Antwort, weil es oft sehr schwierig ist, die Knochenreste eindeutig einer Art zuzuordnen. Doch die Forschung macht Fortschritte: Manin hat kürzlich eine Methode zur Analyse von Hundegebissen entwickelt, mit der sich die Art zuverlässiger bestimmen lässt.