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Gerhart Hauptmanns «Soana»
«Noch in beträchtlicher Entfernung davon wurde der Bach in zwei Arme geteilt, die sich wieder vereinigten, durch ein kleines grünes Inselchen, das Francesco liebte und oft besuchte, weil es mit einigen jungen Apfelbäumen, die dort Wurzeln geschlagen hatten, sehr lieblich war. Und Adam zog seine Schuhe aus und trug seine Eva dort hinüber. ‹Komm, oder ich sterbe›, sagte er mehrmals zu Agata. Und sie zertraten Narzissen und Osterlilien mit dem schweren, fast trunkenen Gang der Liebenden. (...) Die Hütte schien zum Empfang der Liebenden vorbereitet. Hier schienen heimliche Hände von dem nahenden Feste der heimlichen Menschwerdung verständigt worden zu sein: denn es waren Gewölke von Licht um die Hütte, Gewölke von Funken, Leuchtkäfer, Glühwürmchen, Welten, Milchstraßen, die manchmal in Garben gewaltig aufstiegen, als wollten sie leere Welträume neu bevölkern. Sie quollen und schwebten so hoch über die Schlucht, daß man Sterne des Himmels davon nicht mehr unterschied. (...) Und so sanken sie, ineinander verschlungen, auf das Laublager.»
Gerhart Hauptmann: Der Ketzer von Soana (1918)
«Reisende können den Weg zum Gipfel des Monte Generoso in Mendrisio antreten oder in Capolago mit der Zahnradbahn, oder von Melide aus über Soana, wo er am beschwerlichsten ist.» Reiseführerartig beginnt eine fast vergessene Novelle von Gerhart Hauptmann: Der Erzähler trifft auf einer Wanderung im Monte Generoso-Gebiet einen zottigen Berghirten, der ihn in seine Hütte einlädt und bewirtet. Dann beginnt er aus seinen Aufzeichnungen, der «Erzählung des Berghirten», vorzulesen, worin die sündige Liebe zwischen einem Priester aus der Gegend und einem Hirtenmädchen detailreich geschildert wird.
Nach einem ersten Liebesakt im Pfarrhaus fliehen die beiden in einer schwülen Nacht aus Soana über «Wiesenpfade», «zwischen Maulbeerbäumen, unter Rebenguirlanden, ungesehen von Terrasse zu Terrasse». In einer kühlen Schlucht bietet ein Inselchen nochmals Schutz (Zitat). Über viele Seiten schildert Hauptmann die sexuelle Lust der beiden, ehe die Erzählung abbricht. Der Wanderer möchte gerne wissen: Was geschah mit dem Mädchen, was mit dem Priester? Das Ende des «Ketzers von Soana» ist nicht ganz eindeutig und sei hier nicht verraten, aber wer will, kann darin durchaus ein sehr unkonventionelles Happy-End sehen…
Gerhart Hauptmann (1862-1946) war ein grosser Tessin-Fan. Zwischen 1897 und 1901 verbrachte er die Frühjahrssaison in Rovio und bestieg den Monte Generoso zweimal. Später pflegte er Kontakte zur internationalen Künstlerszene in Ascona und auf dem Monte Verità. Auch andere Figuren aus Hauptmanns Werken sind im Tessin anzutreffen: Seinen «Till Eulenspiegel» aus dem gleichnamigen Roman liess er in der Pontebrolla-Schlucht zu Tode stürzen. Hauptmann wurde 1912 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt. (BP)
In Soana ist mit guten Gründen Rovio zu vermuten: Ein von etwa 500 Menschen bewohntes beschauliches Grenzdorf im Kreis Ceresio, bei Lugano im Kanton Tessin. Der Name des Dorfes ist wohl dem italienischen Wort «Roveto» entlehnt, das Akazie bedeutet – mit diesen sind die Südhänge des Dorfes dicht bewachsen. In 500m Höhe, sonnig am Rande des Monte Generoso, hat man einen schönen Blick über den Luganersee und in Richtung Capolago. Rovio hat mehrere öffentliche Brunnen, die aus römischen Sarkophagen hergestellt sind, und fünf Kirchen – auf eine Kirche fallen also 100 Einwohner.