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Fuchs-MdS109
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Die (T)auto-Poiesis der Gesellschaft
autos – das Selbst des Beweglichen
aute – Abermals, Wiederum
tautos – Selbigkeit im Wiederum
Autopoiesis meint nicht: Reproduktion eines Selbst, eines Etwas, eines in der Zeit identischen Dinges. Sie bezeichnet dieSELBE Reproduktion. Die Autopoiesis der Gesellschaft ist aus dieser Perspektive zunächst nichts mehr als die an Zeit gebundene Produktion von Kommunikationen, die den Anlass bieten für die Produktion weiterer Kommunikation. Sie ist Tauto-Poiesis.
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Gesellschaft – ein Un-Ding, ein Un-jekt
…im Blick auf sie (die Gesellschaft) seien weder Objektivität noch Subjektivität sinnvolle Optionen. Denn damit wird auch gesagt, dass sie ein a-topos, ein Nicht-Ort oder Un-Ort, sei und selbst keinen Raum einnehme, die in ein ordentliches Ding einzunehmen hat... Nicht einmal ein Beobachter erster Ordnung ist in der Lage, ein Ding Gesellschaft zu imaginieren. Mit jeder Operation, wie dies tut, wird das Ding Unding systematisch verfehlt.
Der Konflikt wird vermieden oder eingedämmt oder aufgeschoben, indem wir Un-jekte (in der ganzen Ambiguität dieser Formulierung) sein lassen. Oder (insofern in dieser Formulierung doch noch zu viel Ambiguität steckt): indem wir festhalten, dass Un-jekte nicht mit den klassischen Instrumenten der zweiwertigen Logik behandelt werden können. (Eben deshalb sind auch Versuche von hohem Interesse, die Logik vor dieser Zweiwertigkeit zu beobachten.Vgl. etwa R.A. Prier Archaic Logic. Symbol and Structure In Herklitus, Parmednides, and Empedikles, 1976; siehe ferner zur aristotelischen Mytho-Logik der Zweiwertigkeit, Herbst, Alternatives to Hierarchies)
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Sie bilden eine Kategorie, die in dem Moment, in dem das Schema Sein/Nichts eingesetzt wird, verschwindet. Deshalb muss das Schema für eine Theorie der Gesellschaft suspendiert werden, sogar, wie wir später behaupten werden, für die Theorie sinngebrauchender Systeme schlechthin, also auch für das Bewusstsein.
Für das Funktionieren dieses Arguments ist entscheidend, dass es um die Suspendierung (oder einer Generalignoranz angesichts) des Schemas geht, nicht um eine der Schemaseiten. Man fiele sofort in recht einfache Denkverhältnisse zurück, ginge es nur darum, das Sein der Gesellschaft (oder irgend eines Un-jektes) zu bestreiten. Die Forderung ist: Rejektion des Schemas selbst, und dann: Prüfung der Mittel, mit denen sich trotz oder gerade wegen dieses Verwerfens, trotz oder gerade wegen dieses Ausräumens und Dahin-gestellt-sein-Lassens eines in der europäischen Tradition unbestritten führenden Schemas noch denken lässt.
Zum Glück ist dieser Versuch nun alles andere als beispielslos. Es ließen sich viele Namen nennen. Gegenüber den asketischen (und trickreichen) Versuchen von George Spencer Brown besticht vor allem der von Jacques Derrida,
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Was, so lautet die Frage, geschieht mit diesem Denken, wenn die „Begriffs-Wörter“, durch die er seine Phänomene (seine Gegenstände und deren Ordnung) erzeugt, ihre Ontologie, ihres Privilegs der Seinsbehauptung und Seinsbeschreibung, beraubt werden? Was ereignet sich in dem Moment, in dem die „ Einheit des Seinssinns“, damit auch die „Einheit des Wortes“, gesprengt wird? (Derrida, Grammatologie)
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Wir könnten aus der Perspektive der hier vertretenen (oder sich ausarbeitenden) Theorie davon sprechen, dass temporisation die operative Form von Sinn bezeichnet oder eben die Verzeitlichung, die jedem Sinn inhäriert, ohne selbst je zu erscheinen.
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Die différance (mit ihr temporalisation) lässt sich, wiewohl sie das Sinngeschehen geschehen lässt, selbst nicht „versinn(bild)-lichen“. Sie ist in dieser Hinsicht paradox, und jeder Versuch der Bestimmung ist ein performativer Widerspruch. Das ist das, was wir mit Derrida an dieser Unterscheidung das nennen, was auf der Folie jeder Metaphysik der Präsenz, der ousia, des Seins monströs erscheint. Aber dieses Problem, diese Wider-Sinnig-keit liesse sich leicht ertragen, wenn es jenseits des Sinngeschehens dasjenige oder denjenigen gäbe, dessen Selbstgegenwart ausser Frage steht - ein Bewusstsein (bei Derrida) oder ein zum re-entry seiner eigenen Unterscheidung fähiges System (in unserer Sprache). Was ist mit dem Prozessor, ohne den kein Sinn Sinn machen würde und für den allein aller Sinn aufscheint?
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Die Ätherhypothese der Metaphysik
Das Bewusstsein ist das Paradigma der Selbstgegenwart. jeder Moment der Bewusstheit ist, so scheint es, aktuell. Was immer es sonst sein mag, Bewusstsein ist gegenwärtiges Vermeinen, wobei niemand, der sich mit solchen Fragen befasst, schon angesichts der empirischen Befunde zur Zeittaktung des neurophysiologischen Unterbaus daran zweifeln würde,dass diese Gegenwart phänomenale, dass sie ausgedehnte Gegenwart, dass sie specious presence (William James) sei,die man nicht ohne Not ( also nicht ohne logische Sonderinteressen) auf einen Punkt reduzieren müsse.
Bewusstsein, dass es die exemplarische Aufmerksamkeit, Wachheit, Beleuchtetheit, in die alles fällt ( von der alles aufgenommen und alles produziert wird), was Sinn als Bedeuten-für bedeuten kann. Es ist universal einzigartig in dieser Position. Aber eben dieses Privileg ist, von Derrida her gesehen, die Ätherhypothese der Metaphysik.
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Die Chance des Dagegen-Denkens und Auflösens (jener Ätherhypothese) eröffnet sich, wenn das Bewusstsein aus diesem Ort der Evidenz gerückt wird. Das gelingt, wenn die différance als dasjenige begriffen wird, das jeden Sinn, also auch den, durch den das Bewusstsein seine Epiphanie (griech. epiphaneia „Erscheinung“; aus epi „über, darauf“ und phainesthai „sich zeigen“; zusammen im Sinne von „herausragen, sich hervorheben“) erlebt, organisiert.
Das Bewusstsein ist in die Bewegung des Zu-spät, des Nachtrags, der temporalisation und der Verräumlichung eingebunden. Es ist, folgen wir Derrida, ein „Effekt“ und nicht ein Täter, und es ist Effekt (oder Oberfläche, die projiziert wird) durch das, was Nietzsche „die große Haupttätigkeit“ nennt, die immer „unbewusst“ ist. Diese Haupttätigkeit, dieses Sich-Weben von Sinn, das in dem Moment, indem es beobachtet wird, unter dasselbe Gesetz der Verschiebung fällt, konstituiert nach-rangig wie sich Bewusstsein begegnet.
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In dem Moment, in dem différance mitgedacht wird, wenn von Sinn in einer nicht-trivialem Weise die Rede ist, so also, dass die Textur, das Gewebe, das „Ge-weben“ von Sinn die Frage darstellt und nicht das, was durch Sinn bedeutet wird, in dem Moment, in dem dies möglich wird, fallen alle nominalen Bestimmungen aus und verbleibt nichts als eine Katenation (und ein Gewirk) von Ersetzungen.
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Die différance ist deshalb das Untrennbare und Namenlose, aber eben nicht als Unaussprechlichkeit, als schieres Darüber-hinaus, als das, was zu groß, zu erhaben zu sublim ist. Es ist nichts Mystisches an ihr, wie sehr man vielleicht das Phänomen der Mystik auf dieses Unnennbare (und eben nicht nur auf die Unerreichbarkeit einer Transzendenz) beziehen könnte. Sie ist die nicht aufholbare Wiedereinholung (Wiederbeschreibung) des immer gleichen Spiels der Verschiebung und der Substitution, sie ist damit auch die Vernichtung jedes einzigartigen Sinns von Sein, die Aufhebung jeder Singularität. Sie kann insofern nicht gewusst werden, sie ist einem Be-Wissen, einem Bewusstsein nicht anders zugänglich als in der Form der Ungültigkeit, die sie jedem Wissen gibt, also auch diesem, dem soeben formulierten.
Peter Fuchs