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Sie ist schön geschminkt, adrett gekleidet, die Tasche gepackt, eine Wollmütze ist drin, eine Zeitung schaut auch heraus. Sie hat alles dabei ausser Geduld. Ach ja, die Agenda habe ich vergessen, die hat sie auch dabei, die schwarze Agenda, die sie jetzt vor mir aufmacht und auf eine handgeschriebene Adresse zeigt. Ich lese die schöne Schrift. Die Adresse ergibt Sinn, alles andere nicht mehr. Es sind Namen und angefangene Sätze. Sie tippt mit ihrem rot lackierten Fingernagel darauf und ihre Miene zeigt Entschlossenheit:
„So, eine von euch steht jetzt auf und macht mir die Tür auf“.
„Sie wissen ganz genau was sie wollen Frau M.“, erwiderte ich, konform validierender Haltung. „Sie sind unermüdlich unterwegs, denn sie wissen ja, wer rastet, der rostet.“
Sie nickt, meine Antwort scheint sie zufrieden zu stellen. Sie blättert weiter in ihrer Agenda und ein schwarzweiss Foto fällt heraus. Sie hebt es auf und kommt näher um es mir zu zeigen. „Das ist Michael, mein Mann“, sagt sie. „Er ist ein gut aussehender Mann“, erwidere ich. Sie lächelt, schaut mich lange an und sagt mir gerade heraus, dass er tot ist. Ich spreche mein Beileid aus. Sie zuckt mit den Schultern. Sie hat mehrere Fotos dabei, zeigt mir noch eines, wo sie selber abgebildet ist, jung, elegant wie sie neben einem Oldtimer posiert. Ich mache ihr ein Kompliment und sie lächelt erneut. Sie verabschiedet sich plötzlich und wir wünschen uns gegenseitig einen schönen Tag. Ich musste ihr die Tür nicht mehr aufmachen, das hat sie zum Glück vergessen. Zumindest für den Moment.
Ein paar Minuten später ist sie wieder im Büro. Sie setzt sich an unseren Besprechungstisch, schaut lange aus dem Fenster und sagt: „So, ich hoffe ich kann hier warten, mein Mann holt mich ab, wir gehen in die Apotheke.“
Ich sage eine Weile nichts, bin selber kurz überfordert, nicke aber und suche nach genaueren Informationen in ihrer Biografie.
Das Leben im Jetzt
Das war meine erste Begegnung mit Frau M. Seitdem haben wir einiges zusammen erlebt, ich weiss dies, sie nicht mehr. Frau M. leidet an Demenz, sie ist Anfang 70, sehr sportlich, pflichtbewusst und zielstrebig. Sie packt mehrmals täglich ihre Tasche, klopft an alle möglichen Türen und sucht nach Lösungen. Die Geschichten sind unterschiedlich. Oft ist es die Apotheke wo sie hinwill. Dann ihr Hausarzt, der gerade angerufen hat um ihr ein Ergebnis mitzuteilen. Manchmal muss sie dringend einkaufen, weil sie Gäste erwartet oder ihr Mann hat einen Termin, er kommt ja bald und holt sie ab, ihre Tochter braucht sie, ihr alter Vater kommt nicht zurecht. Unterlagen müssen irgendwo hingebracht oder Anträge ausgefüllt werden. Sie ist plötzlich meine Chefin, ich mache meine Arbeit nicht richtig, sie beschwert sich, sie schimpft mit mir.
Sie kommt und geht in mein Büro und die Geschichten sind immer ein wenig anders, nur eins bleibt unverändert: Sie ist hartnäckig mit ihren Anliegen, konsequent und ausdauernd. Sie hat viel erlebt in ihrem Leben und die Vergangenheit rutscht in die Gegenwart und sie erlebt sie immer wieder, klar, deutlich, unwiderruflich im Jetzt, ein Jetzt das dringend innovative Lösungen braucht.
Wunderwerk Betreuung - so wertvoll, fast unbezahlbar
Frau M. unerschöpfliche Energie zu befriedigen bedeutet jemand muss ihr Rede und Antwort stehen. Nicht im klassischen Sinne, ihre Fragen können nicht realitätskonform beantwortet werden. Es würde sie nur in eine Krise stürzen. Ein Mensch mit Demenz weiss nicht, dass seine Realität eine andere ist wie unsere. Unser Verstand versucht ständig sich anzupassen und sucht die Zusammenhänge. Wenn die Welt um uns herum vertraut ist und Sinn ergibt, dann fühlen wir uns sicher und wenn keine logische Erklärung in Sicht ist, macht sich Unruhe und Unsicherheit breit.
Das bedeutet, dass wir Pflegenden ständig versuchen müssen ihre fragile Realität und somit die Normalität des Menschen mit Demenz aufrechtzuerhalten. Eine Wunde zu behandeln kann aufwändig sein, einen bettlägerigen Bewohnenden zu pflegen ist auch nicht immer einfach, aber ist immer noch kein Vergleich mit der Betreuung eines Menschen, dessen Überzeugungen einer ganz anderen Normalität entspricht. Es kostet Kraft und Energie viele Male am Tag das Gleiche zu hören, zu sagen, oder sich auf unerwartete Situationen einzustellen, sich beschimpfen zu lassen, dabei Ruhe zu bewahren und immer in der validierenden, wohlwollenden und professionellen Haltung zu bleiben. Es gibt Techniken, Richtlinien und Empfehlungen im Umgang mit Menschen mit Demenz, aber keine Patentlösungen und jede Begegnung ist einzigartig.
Frau M. braucht kaum Hilfe bei der Körperpflege, sie ist körperlich eine rüstige Frau, kann sich selber waschen und ankleiden. Ihre eigenen Ressourcen werden von uns unterstützt und gefördert. Sie hat Gedanken und Ziele, die sie beschäftigen und die sie unbedingt umsetzen will und dabei braucht sie unglaublich viel Unterstützung von uns. Es ist nicht ihr reiner Bewegungsdrang, dafür hätten wir unseren schönen Garten oder sie hätte die Möglichkeit mit einem JPS-Gerät loszulaufen. Nein, sie möchte ihre Ideen und Ziele erreichen und dabei braucht sie unsere Hilfe. Kaum hat sie alleine das Haus verlassen, geht sie zum nächsten Hauseingang und klingelt Sturm. Das hätte Frau M. früher nie getan, die stolze und elegante Frau, weil sich das nicht gehört, aber die an Demenz erkrankte Frau M. ist überzeugt davon, dass dort ihre Tochter wohnt und diese Überzeugung verteidigt sie unerbittlich. Es geht keine Sekunde darum etwas richtig zu stellen, ein Mensch mit Demenz hat immer recht. Es geht darum es auszuhalten, die Ruhe zu bewahren und die Situation so umzubiegen, dass es für den Menschen mit Demenz wieder stimmt.
Das ist Betreuung, schwer zu beschreiben und genauso schwer mit einem Instrument zu messen oder zu erfassen.
Menschen wie Frau M. sind keine Ausnahme, sondern in unserer Institution die Regel. Die Zeiten von satt, sauber, zufrieden sein, ein wenig Haushalt machen und rumsitzen entsprechen nicht unserer Realität und unserem Arbeitsalltag. Der Geist und die Seele unserer Bewohnenden braucht eine andere Art von Betreuung und Pflege und Medikamente können auch keine Wunder bewirken, wohl aber unsere Mitarbeitenden mit ihrer Geduld, Empathie und ihrem Geschick.
Der Weg ist das Ziel
Jeder Tag fordert uns neu heraus. Frau M. hat sich mittlerweile bei uns eingewöhnt und ist daheim. Dank der engen Zusammenarbeit im Team, den Angehörigen und mit ärztlicher Unterstützung findet sie sich immer besser zurecht. Sie schläft nachts und sie packt ihre Tasche nicht mehr so oft und will gehen. Das ist schon ein grosser Erfolg. Sie hat einen Bewohnenden gefunden, von dem sie glaubt es sei ihr Mann und ihn umsorgt sie liebevoll. Das ist für sie beruhigend und eine gute Beschäftigung. Der männliche Bewohner, der auch an Demenz leidet nimmt es einfach hin, wenn sie ihn liebevoll „Schatz“ nennt und mit ihm in den Garten geht. Schwierig wird es, wenn die Ehefrau zu Besuch kommt und das Gefühl hat wir müssten unbedingt richtigstellen, dass Frau M. im Irrtum ist. Dies ist leider nicht möglich und es ist unglaublich schwierig für Angehörige diese andere Welt auszuhalten aber es ist für demente Menschen das einzig Richtige. Wir fühlen uns oft hilflos und unser gesamtes Wertesystem wird torpediert und auf den Kopf gestellt. Es fühlt sich verkehrt und falsch an, aber für die Angehörigen, die wir lieben und an Demenz leiden ist es so richtig. Das wollen wir Pflegenden erreichen, ein Stück Vertrautheit, Sicherheit und Normalität für unsere Bewohnenden.
Der Weg dahin ist holprig und es braucht viele Gespräche, Überraschungen, Höhen und Tiefen, aber nur so kommen wir ans Ziel, damit auch gestern heute sein kann.