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Die klimatischen Bedingungen in Tokio sind für die zwei- und vierbeinigen Olympioniken eine Herausforderung. Während sich viele Schweizer Athletinnen und Athleten im Hitzelabor in Grenchen (SO) auf die extreme Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit, mit denen man in der japanischen Hauptstadt rechnen muss, vorbereitet haben, war ein solches Training für die Pferde unmöglich. Umso mehr Vorkehrungen werden vor Ort getroffen, um das Wohlergehen der Pferde in der feuchten Hitze Tokios zu gewährleisten.
An den Olympischen Spielen von Barcelona (ESP) 1992 wurde offensichtlich, dass zahlreiche, auch gut trainierte Pferde unter den heissen, trockenen Klimabedingungen litten: Manche wurden lethargisch, andere kollabierten – glücklicherweise nahm keines der Pferde schweren Schaden, aber das hätte auch anders kommen können. Seither hat die FEI intensiv mit der Forschung und der Veterinärmedizin zusammengearbeitet, um die Auswirkung der Hitze und Luftfeuchtigkeit auf die Leistung der Pferde besser zu kennen und an Turnieren unterstützende Massnahmen treffen zu können. Diese Bemühungen trugen bereits an den Olympischen Spielen von Atlanta (USA) 1996 erste Früchte und kamen auch in Rio (BRA) 2016 zum Einsatz. Basierend auf diesen Erfahrungen wird für die diesjährigen Olympischen Spiele und Paralympics von Tokio (JPN) seitens des Weltreiterverbands (FEI) kein Aufwand gescheut, um das Klima für die Pferde erträglich zu machen.
Kühleinrichtungen soweit das Auge reicht
An den beiden Austragungsorten der Pferdesportdisziplinen, dem Equestrian Park Baji Koen (Dressur, Springen) und dem Sea Forest Park (Cross Country) sind die vierbeinigen Athleten in modernen, klimatisierten Ställen untergebracht. Das ist wichtig, denn die Pferde hatten keine Zeit, sich an die neuen Klimabedingungen anzugewöhnen. Deshalb sollen sie so viel Zeit wie möglich in den grosszügigen, gekühlten Boxen verbringen, um ausgeruht in den Wettkampf starten zu können und sich danach rasch zu erholen.
An den Austragungsorten der Reitsportwettkämpfe stehen zudem Schattenzelte, Sprühvernebler und mobile Kühleinheiten zur Verfügung. Ausserdem gibt es uneingeschränkten Zugang zu Eis und Wasser. Nicht umsonst hat die Schweizer Pferdesportdelegation zudem einen Tiefkühler nach Tokio einfliegen lassen, um jederzeit Kühlgamaschen für die Pferde zur Hand zu haben.
Ständige Temperaturüberwachung
Um die Klimabelastung der Pferde in Tokio tief zu halten, wurden die Reitsportwettbewerbe nach Möglichkeit in die frühen Morgenstunden oder auf das Tagesende gelegt, wenn die Temperaturen angenehmer sind.
Ausserdem werden die Klimabedingungen auf dem Wettkampfplatz überwacht. Um zu beurteilen, wie belastend ein Sommertag für Pferd und Mensch ist, reicht der Blick auf das Thermometer nicht aus – im Gegenteil sind die Temperaturangaben oft irreführend, da sie im Schatten gemessen werden. Weitere wichtige Klimafaktoren für die Bestimmung des sogenannten Hitzestresses sind die Luftfeuchtigkeit, die Windgeschwindigkeit sowie der Winkel (Tageszeit) und die Stärke (Bewölkung) der Sonneneinstrahlung. Ein Mass, das all diese Komponenten berücksichtigt, ist der sogenannte «Wet Bulb Globe Temperature»-Index (WBGT-Index). Dieser kommt in Tokio zum Einsatz – während des Cross wird dieser Index alle 15 Minuten erhoben.
Darüber hinaus werden die Pferde in der Arbeit von Wärmebildkameras überwacht. Damit kann man die Körpertemperatur des Pferdes aus einer Distanz von 5 bis 10 Metern im Auge behalten und bei einer Überhitzung intervenieren. Diese Methode hat den Vorteil, dass man die Reiterin bzw. den Reiter bei der Vorbereitung nicht stören muss und trotzdem sieht, wie es dem Pferd geht. Dank den mobilen Kühleinheiten können Pferde, die überhitzen, jederzeit – auch während des Cross – angehalten und gekühlt werden.
Zur Bestimmung des WBGT-Index werden die Luftfeuchtigkeit mit einem Kolben («Wet Bulb») und die Temperatur bei direkter Sonneneinstrahlung im Inneren einer schwarzen Kugel («Globe») gemessen. | © Gowe Group
Pferde und Hitze
Die Forschungsarbeiten, die in den letzten Jahren durchgeführt wurden, haben gezeigt, dass gut trainierte Pferde mit Hitze besser klarkommen als mancher zweibeinige Athlet. Dies bestätigt auch Thomas Wagner, Veterinär des Spring-Teams in Tokio: «Tiere sind generell anpassungsfähiger und robuster und gewöhnen sich schneller an klimatische Veränderungen.»
Dennoch erhitzen sich Pferde aufgrund der grösseren Muskelmasse schneller als Menschen. Dies gilt es im Training, aber auch bei der Vorbereitung auf dem Turnierplatz zu beachten. Damit das Pferd trotz Hitze optimal auf den Wettkampf vorbereitet werden kann, empfiehlt es sich, eine oder mehrere Abkühlungsperioden vorzusehen. Beispiel: 20 Minuten Aufwärmen, intensive Kühlung mit Kaltwasser, 20 Minuten Aufwärmen, intensive Kühlung mit Kaltwasser, Wettkampf.
Dank umsichtigem Management könne Pferde auch im anspruchsvollen Klima Tokios Höchstleistungen erbringen, ohne ihre Gesundheit zu gefährden, sofern die Grenzen unserer vierbeinigen Freunde respektiert werden. Ganz nach dem olympischen Motto: Höchstleistung, Freundschaft, Respekt!