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DIE GESCHICHTE VON ACEROLA 1979
Dr. Anton Korgo
Acerola, oder auch Antillen Kirsche genannt, stammt aus Mittelamerika. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde sie nach Nordosten von Brasilien gebracht und auf kleinen Flächen kultiviert. Als in 1978 ein junger Absolvent der Basler Universität ein Beratungsvertrag bei einer brasilianischen Lebensmittelfirma erhalten hat, kam auch die Familie nach. Um die Weihnachtszeit sah man in einem Lebensmittelladen schöne frische Kirschen, importiert aus Argentinien, und aus Neugier kaufte man eine kleine Menge um den Weihnachtstisch zu bereichern. Zuhause ankommend, hat seine Ehefrau die Hausangestellte gefragt ob sie Kirschen kennt, und die Antwort war verblüffend – ja, wir haben auch solche Früchte aber die heissen hier Acerola. Und tatsächlich, Tage später wurden die Acerola-Sträucher, auf sich selbst verlassen, aber voll beladen mit roten Kirschen, im Garten der Lebensmittelfabrik gefunden und gleich ins Labor gebracht. Ab dem Tag begann die Acerola ihren Ruhm aufzubauen und die Märkte im Inland wie auch als Exportartikel zu erobern.
Bereits ab 1979 wurden die verfügbaren Mengen an Acerola sukzessiv zu ersten 5.000 kg Fruchtmark verarbeitet und in 20 Liter Blechdosen, versehen mit 2 Polybeuteln, verpackt und eingefroren. Es wurden viele Analysen, auch an Inhaltstoffe, gemacht, nicht nur in Fabriklabor als auch in brasilianischen und europäischen Laboratorien, und die Resultate in Fachzeitschriften publiziert. Auch wurden Rezepturen entwickelt um sie dem Markt anzubieten. Parallel dazu hat man den Anbau gefördert um die notwendigen Mengen zu sichern und dem Markt anbieten zu können. Da die Pflanze schon nach dem 2. Jahr ertragsfähig ist, konnte man auf diese Weise sehr schnell die Früchteproduktion erhöhen.
Um auf dem europäischen Markt Muster und auch Produkt für Probelieferungen zu haben, hat man die bereits vorproduzierte Menge an Fruchtmark nach Holland verschifft und dort eingelagert. Es wurden unzählige Muster und «Probekanister» an die europäischen Fruchtsaftabfüller versendet, und die Acerola an allen wichtigsten Lebensmittelmessen promoviert, Vorträge an den Kongressen und Symposien gehalten und in Fachzeitschriften die Bedeutung der Acerola und des hohen Vitamin-C Gehaltes hervorgehoben, aber das praktische Interesse blieb aus. Acerola war unbekannt und nicht genug attraktiv im Geschmack. Das hohe natürliche Vitamin-C Gehalt wurde nicht erkannt als Vorteil, weil in den 80 er Jahren die Welle an Multivitamingetränken auf zugegebenen synthetischen Vitaminen bestand, und von den Behörden an deren deklarierten Mindestmengen kontrolliert war. Die in Acerola erhaltenen natürlichen Vitamine schwankten im Gehalt und passten in die bürokratische Schablone nicht. Ausserdem die synthetischen Vitamine waren für die damaligen Begriffe billiger als die natürlichen.
Der grösste Teil des ersten Exports hat man nicht nützen können und musste leider im Lager entsorgt werden.
Anders verhielt sich der Innlandmarkt in Brasilien. In der Zeit als die ersten Mengen von Früchten auf die lokalen Frischfruchtmärkte kamen, litt Brasilien unter Lebensmittel-Skandal von zu hohen Konservierungsmittelzugaben zu Fruchtsäften, und die Konsumenten kauften lieber frische Früchte um diese selbst zu Hause auszupressen. So entdeckte man auch Acerola, die man eigentlich nur auf dem Frischfruchtmarkt offerieren konnte, weil die optimistische Vision über industrielle Verarbeitung und Exporte ins Wasser gefallen ist. Zusätzlich, eine Reportage in brasilianischem Fernsehen hat dem Acerola Konsum einen Turboantrieb verliehen, die Preise schnellten bis auf 5 Dollar pro kg Frucht und diese Euphorie hat dann auch das Interesse für den Anbau geweckt. Plötzlich bauten auch die Anwälte, Zahnärzte und andere Eliteleute in den Dörfern die Acerola an, als gute Anlage.
Wie es so im Leben geht, gerade zu der Zeit der hohen Preise hat ein bedeutender Fruchtsaftabfüller in Europa Interesse gezeigt, Acerola-Saft abzufüllen, mit der Bedingung, 600.000 kg Acerola Mark in vorab zu erhalten, um sicher zu sein dass man bei Bedarf und Nachfrage den Markt beliefern kann. Die neue Herausforderung wurde, wenn auch mit Problemen, erfüllt, weil die Fruchtpreise von Acerola haben sich zwischenzeitlich stabilisiert, bedingt durch grössere Anbaufläche. Leider der Abfüller hat seine Absichten geändert und stellte die bereits gekauften Mengen wieder zu Verfügung. Glück stand wieder auf der Seite des Pioniers, weil die gesamte Menge hat er nach Japan verkauft und endgültig die Erfolgstory für Acerola in Wege geleitet. Die japanische Firma hat später selbst eine Fruchtsaftfabrik in Brasilien gebaut, und zusammen mit den etwa 3 dutzend brasilianischen Firmen werden heutzutage schätzungsweise 100 Millionen kg an Acerola Früchten produziert und davon ein grosser Teil in diverse Fruchtprodukte verarbeitet. Die Acerola wird jetzt auch in anderen tropischen Ländern erfolgreich kultiviert, und man kann sogar im Tropenhaus Frutigen (CH) einige produzierende Acerola-Sträucher finden. Antrieb dazu wird durch den hohen Gehalt an Vitamin C gegeben.
Ein Acerola-Strauch im Garten wird für das Haus so bewertet als ob man eine Apotheke aufmachen würde.
Bekanntlich enthalten die Acerola-Früchte sehr hohe Mengen an natürlichem Vitamin C, und sind heutzutage in Form von verschiedensten Produkten in Markt bekannt, wie zum Beispiel Acerola-Saft, Acerola Mark oder Püree, und sogar als Vitamintabletten in den Apotheken. Mit der Tendenz, die synthetischen Vitamine durch die natürlichen zu ersetzen, wird der Acerola eine noch erfolgreichere Zukunft vorausgesagt.