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Schlangen: Mythologie und Natur
Schlangen und Drachen
Das zweigeteilte Buch ist der Begleitband zu einer interdisziplinären Ausstellung zweier Braunschweiger Museen. Einleitend zeichnet Jürgen Tubach in einem sehr interessanten Aufsatz die Rolle von Schlangen- und Drachenwesen in Märchen, Sagen und religiöser Mythologie quer über den Globus nach. "Drachenschlange, Mädchenopfer und Held als Retter gehören normalerweise zum klassischen Repertoire von Märchen, in denen ein schlangenartiges Ungeheuer vorkommt." (S. 26) Während die Schlange in vielen Kulturen als göttliches Wesen gilt, das Unheil abwehrt und sogar Glück bringt - in der indischen Mythologie beispielsweise treten Schlangen als Beschützer auf und können menschliche Gestalt annehmen - begegneten die alten Israeliten den Schlangen mit einer gewissen Scheu; sie zählten wegen ihrer Schuppen zu den unreinen Tieren und galten im Volksglauben als klug und listig. Allmählich glitten sie wegen ihrer List und Tücke in die Kategorie "Böse" ab. Doch auch im alttestamentarischen Schöpfungsbericht von Adam, Eva und der Schlange symbolisiert die Schlange "keineswegs das Böse, sondern nur den Zweifel." (S. 13) Im Mittelalter setzte sich dann die Vorstellung durch, "die Schlange sei die Verkörperung des Bösen schlechthin." (S. 114) In der frühen Neuzeit schließlich, ab dem 17. Jahrhundert, tritt die Schlange "aus dem Schatten eines mythischen Wesens heraus, zeigt sich nun als ein Teil der göttlichen Schöpfung" (S. 181) und wird in die entstehenden Naturaliensammlungen aufgenommen. Naturforscher beginnen, sich auch für Schlangen zu interessieren. Ein Beispiel dafür ist das "Schlangenbuch" von Konrad Gesner (Zürich 1589), "eine grundtliche und vollkomme Beschreybung aller Schlangen, so im Meer, süsen Wassern und auff Erden ir wohnung haben" (S. 194).
Beim Drachen hingegen handelt es sich "um eine ins Extrem gesteigerte Schlange, der auch Züge anderer Tiere" anhaften (S. 27). In germanischen Sagen ist der Drache oft ein recht friedliches Tier, das nur zum schrecklichen Ungeheuer wird, wenn man es stört oder ihm den Schatz, den es bewacht, entreißen will. Auch in China gilt der Drache als gutes Wesen. Zum Vertreter des Bösen und einer gottesfeindlichen Macht hingegen wird der Drache in einem monotheistischen Weltbild.
Im Hauptteil des Kataloges werden 80 Objekte einzeln und sehr ausführlich besprochen: Münzen, Skulpturen, Teller, eine Teekanne, Kästchen und Bilder mit Schlangen- oder Drachenmotiven von der Antike bis in die neuere Zeit. Viele zeigen "den ambivalenten Charakter der Schlange deutlich: einerseits Symbol für Fruchtbarkeit, Regeneration und Schutzkraft mit der Gabe der Weissagung gesegnet, andererseits Erddämon und personifiziertes Chaos." (S. 28)
Der zweite Teil des Bandes beschäftigt sich mit der Biologie der Schlange. Die fast 4000 Schlangenarten entwickelten sich vermutlich aus den deutlich älteren Echsen. Die ältesten Schlangenfunde sind knapp 100 Millionen Jahre alt und stammen aus Israel.
Dass Schlangen keine Beine haben, hat Vorteile, wie Ulrich Joger erklärt: Das Schlängeln ist eine ökonomische, den Energieverbrauch minimierende Fortbewegungsweise. Schlangen sind die "wahren Energiesparer unter den Reptilien" (S. 16). Wie das Schlängeln und andere Winde- und Kriechbewegungen von Schlangen funktionieren, wird im Detail dargestellt. Der Allgemeinheit weithin unbekannt sein dürfte, dass es auch Flugschlangen gibt, die sich aus großer Höhe von Bäumen stürzen und dabei ein gutes Stück vorankommen. (S. 31)
Fotos einer Afrikanischen Eischlange während des Verschlingens eines ganzen Vogeleis belegen noch weitere erstaunliche anatomische Besonderheiten der Schlangen.
Interessant ist auch das Kapitel über die Fortpflanzung der Schlangen. Nicht alle legen Eier, sondern es gibt auch Lebendgebärende. Wenige Arten bebrüten ihre Eier. Die dazu notwendige Wärme erzeugen sie durch kräftezehrendes Muskelzittern.
Interessant ist auch der Aufsatz von Nikolaus Stümpel, in dem u.a. geschildert wird, wie eine Kreuzotter im Jahresverlauf lebt.
Den Abschluss dieses Teils bildet wiederum ein Aufsatz von Ulrich Joger, in dem er z.B. den erhaltenen Überresten von Schlangen und Drachen nachgeht, so mittelalterlichen "Schlangeneiern", die sich als Seeigel herausstellen, oder den Knochenbelegen von Ungeheuern aus europäischen "Drachenhöhlen", die sich als Bären entpuppen.