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Vom Autor leicht angepasste Version des gleichnamigen Artikels in der April 2001 Ausgabe der kispi-zytig (Personalzeitschrift Universitäts-Kinderklinik Zürich). Mit freundlicher Genehmigung.
Fotos von Hermann Oberli, Andreas Meyer und Hansjörg Hinrichs
Wer Dr. Oberli auf eine Flying-Doctor-Visite in ein District Hospital auf den Solomon Islands begleitet und mit einer Propellermaschine über die Marovo-Lagoons fliegt, glaubt sich in einem Traum zu wähnen. Einsame Inselchen mit einer einzigen Palme erheben sich aus türkisblau schillerndem Wasser, üppiger Regenwald bedeckt grössere Inselgruppen. Nach holpriger Landung auf einer Schotterpiste zeigt ein Blick hinter die traumhaften Kulissen die Schwierigkeiten aber auch die Erfolge des Schweizer Chirurgen Dr. Hermann Oberli, nachhaltige orthopädische Chirurgie und Unfallchirurgie auf den Salomon-Inseln zu etablieren.
Land und Leute
Die seit 1978 unabhängigen, zum Commonwealth gehörigen Solomons, von den Einheimischen - vor dem sinnlosen Bürgerkrieg des letzten Jahres - auch Happy Isles genannt - werden von ca. 400'000 Einwohnern, davon 90% Melanesier, 10% Polynesier und einer chinesischen Minderheit bewohnt. Die Inselgruppe im Südwestpazifik umfasst ca. 1000 Inseln mit einer Ausdehnung des Staatsgebietes von 1600x800 km. Erreicht werden die Solomons am besten von Brisbane (AU) aus, von wo 2x pro Woche der einzige Düsenjet der SolomonAir das Hauptstädtchen Honiara anfliegt. Die Luft, die einem beim Verlassen des Flugzeuges entgegenschlägt, ist heiss, feucht, tropisch und von verschiedenen Düften wie Ananas, Mangos etc. durchsetzt. Die Menschen sind von ausgesprochener Bescheidenheit, freundlich, zurückhaltend, zuweilen (wenn es ums Beschaffen von Röntgenbildern geht) lähmender Langsamkeit. Die Solomons gehören zu den ärmsten Ländern der Welt. Exportiert wird Fisch, Tropenholz und neuerdings Gold.
Wan Tok-System
Wer die selbe Sprache spricht, ist ein Wan Tok (von One talk = eine Sprache) quasi ein Verwandter. Für ihn hat der Solomonese zu sorgen, wenn er nichts zu essen hat; ihn hat er zu beherbergen, wenn er keine Bleibe hat. Was bei uns durch die AHV/IV geregelt ist, wird dort durch das Wan Tok-System übernommen. In der ursprünglichen dörflichen Struktur ein Segen - man hilft sich aus beim Fischen und Jagen - in der Stadt hemmt das System jedoch jegliche wirtschaftliche Prosperität. Eröffnet z. B. ein Solomonese aus KiraKira in Honiara ein Restaurant, werden seine Wan Tok alle bei ihm speisen wollen. Die Krankenschwestern des Central Hospitals beherbergen zeitweise 9 oder sogar mehr Gäste, welche sie auch zu ernähren haben. Die zunehmende Landflucht führt zu einer grossen Arbeitslosigkeit in der Hauptstadt, nicht zuletzt einer der Gründe für die politische Instabilität und den ethnischen Konflikt der letzten Jahre.
PT 109
Als Kommandant des Schnellbootes PT 109 kämpfte der nachmalige Präsident John F. Kennedy um die Rückeroberung, der von den Japanern im 2. Weltkrieg besetzten Inselgruppe. Sein Boot wurde von einem japanischen Kreuzer gerammt, und Kennedy rettete sich mit den Überlebenden seiner Mannschaft auf "Kennedy Island", von wo sie schliesslich von Solomonesen geborgen und in Sicherheit gebracht wurden. Heute sind die Wracks der in den grössten Seeschlachten des 2. Weltkrieges gesunkenen Schiffe beliebte Tauchziele der wenigen Touristen.
Health System
Das Gesundheitssystem besteht aus dem Central Hospital in der Hauptstadt Honiara mit 300 Betten und 7 District Hospitals (20-150 Betten) in den Provinzen. Sog. Outpatient-Departments werden als erstinstanzliche Anlaufstellen von Schwestern betrieben. Das Central Hospital besteht aus den Abteilungen Pädiatrie, Chirurgie, Innere Medizin, Gynäkologie-, Geburtshilfe (mehr als 3000 Geburten jährlich) und Augenheilkunde. Das Gesundheitsbudget für rein medizinische Güter (exklusive Personalkosten, Betriebskosten für Spital etc.) beträgt 4.50 sFr/Jahr/Person, in der Schweiz belaufen sich diese Kosten auf mehr als 4200.-. Die Behandlung im Spital ist gratis, auf dem Privé (4-Bettzimmer) zahlt man 20 Solomon Dollars pro Tag (ca. 3 Fr). Seit längerer Zeit herrscht auf den Solomons verzweifelter Ärztemangel, so dass einige Spitäler ohne Ärzte betrieben werden müssen.
Doktor Oberli und Doctor Tovosia
Der nun seit 7 Jahren auf den Solomons wirkende Dr. Oberli hat inzwischen den Oberarzt Dr. Silent Tovosia zum ersten Unfallchirurgen ausgebildet. Dieser hat ein entsprechendes Examen vor einer Australischen Expertenkommission mit Erfolg bestanden. Dieses erlaubt ihm aber nur, sich ausschliesslich auf den Solomons als Chirurg zu betätigen. Damit soll der für dieses Land verheerende Braindrain verhindert werden. Die einheimischen Chirurgen weisen sich durch grosses operatives Geschick und eine erstaunliche klinische und diagnostische Fertigkeit aus.
Die Unfallchirurgie gewinnt wegen des immer dichteren Verkehrsaufkommens einen zunehmend wichtigeren Stellenwert. Grümpelturniere gehören zu den häufigsten Unfallursachen der leidenschaftlich fussballspielenden Solomonesen. Die sammelnden, fischenden und jagenden Inselbewohner sind auf die intakte Funktion ihrer Extremitäten eminent angewiesen um Überleben zu können.
Hem Save KaiKai - oder Anamnese auf Insulanisch
Wenn ein Patient kein Englisch (offizielle Landessprache) oder zumindest Pidgin English spricht, versucht man im Spital, eine Schwester derselben Insel bzw. derselben Sprache (deren es über 72 gibt) als Dolmetscherin zu finden. In Pidgin gestaltet sich die Systemanamnese ungefähr folgendermassen: Hem Save KaiKai: kannst du essen (=gastroenterologische Anamnese); Hem Save LukLuk: kannst du sehen (=neurologische Anamnese); Hem Save MiMi: kannst du pinkeln (=nephrologische Anamnese). Nachdem man den Patienten über die Operation aufgeklärt hat: I cutem belly blo yu (ich schneide Dir Deinen Bauch auf), ist der Patient meist einverstanden und unterschreibt die obligatorische Consentform; dazu wird sein Zeigefinger mit dem Kugelschreiber blau gefärbt und an die entsprechende Stelle gepresst.
Chefvisite - Swiss time
Pünktlich, Swisstime - ein in der Chirurgischen Abteilung des Central Hospital fest etablierter Begriff - beginnt am Montagmorgen um 7.45 Uhr der Röntgenrapport an dem kleinen Negatoskop, welches gerademal Platz für 1 Röntgenbild aufweist. Anschliessend begibt sich der Chef Consultant und Dr. Oberli mit den Oberärzten, Assistenten und Physiotherapeuten auf die Chefvisite. Oft liegen mehrere Menschen in den Betten der chirurgischen Säle. Improvisation ist ein Gebot nicht nur im Operationssaal, wo Zangen aus der einzigen Eisenwarenhandlung der Insel aufsterilisiert werden oder eine Tauchflasche zum Betrieb der AO-Bohrmaschine umgebaut wurde. Auch auf der Abteilung ist Phantasie gefragt, damit Overheadextensionen funktionieren. Dr. Oberli kennt seine rund 60 Patienten, jeder Lokalbefund wird anlässlich der Visite ausgebunden und inspiziert. Manchmal schwingt etwas Ungeduld in seiner Stimme, wenn das vor 3 Wochen verordnete Röntgenbild immer noch nicht angefertigt wurde oder Jeremia in der "Rehabilitationsabteilung" seit 4 Monaten immer noch auf seine Prothese wartet. Immer wieder kann Dr. Oberli beim Rundgang - nicht ohne etwas Stolz - auf eine Neuerung im Spital oder in der chirurgischen Behandlung hinweisen, die kürzlich eingeführt wurde.
Malaria - Hit by a coconut
Das Krankheitsspektrum ist riesig, die Befunde eindrücklich. Die Solomons gehören mit einer Inzidenz von 600/1000 zu einem Hochrisikogebiet für Malaria. Sie ist mit eine der häufigsten Todesursachen. Neben anderen Tropenkrankheiten wird auch Lepra noch gesehen. Präoperativ muss bei jedem Patienten die Malaria ausgeschlossen werden. Die Einweisungsgründe lassen einem bisweilen etwas schmunzeln. "Hit by a coconut" steht da bei dem 12 Monate alten Säugling mit Schädelhirntrauma, "fell from a Mangotree" bei dem Knaben mit offener Unterschenkelfraktur. Das Schmunzeln vergeht einem, wenn man sich die Schmerzen vorstellt, die ein verunfallter oder erkrankter Patient während des stunden-, oft tagelangen Transportes zu Fuss oder mit dem Kanu zu erleiden hat. Viele Wunden sind deshalb superinfiziert, Frakturen bei Eintreffen nur notdürftig mit Brettern versorgt.
Dermatom aus dem Kispi - Operationstisch aus Altdorf
Ein von Dr. Meuli gespendetes, funktionstüchtiges und im Kispi ausrangiertes Dermatom tut seine wertvollen Dienste bei der Verpflanzung von Haut auf den Solomons alleweil. Mit Lieferung der "alten" Operationstische aus dem unterirdischen Spital in Altdorf besitzen die Solomons nun die modernsten OP-Tische im Südpazifik. Jedes Jahr werden mehrere Container mit medizinischem Material - alles Sammelgut aus Schweizer Spitälern - nach den Solomonen verschifft. Das Material wird in der Schweiz vorgängig auf sinnvolle Verwendbarkeit geprüft. So macht es z. B. wenig Sinn, 200 Liter Kontaktlinsenreinigungsflüssigkeit zu spenden, wenn kein einziger Solomonese Linsen trägt. Auch die nach Munda gesandte Abluftanlage zur Bearbeitung histologischer Proben ist kaum zu gebrauchen, das nächste Pathologische Institut befindet sich in 2000 km Entfernung in Australien (beides reale Beispiele!). Dringend gebraucht hingegen werden Medikamente (z. B. Antibiotika, Analgetika), gebrauchte elastische Binden oder anderes - intaktes - medizinisches Material und Gerätschaften.
Minimal invasive versus minimally equipped
Die Patienten auf den Solomons lehren uns Bescheidenheit, Geduld und - Dankbarkeit, "zuhause" in der Schweiz von einem der wohl besten Gesundheitssystemen profitieren zu dürfen. Eltern müssen auf den Solomonen nicht von der segensreichen Wirkung der Impfungen überzeugt werden. Im Gegensatz zur minimal invasiven Chirurgie des Westens verlangt die minimal ausgerüstete Chirurgie im Südpazifik Sorge und Sparsamkeit mit den wertvollen medizinischen Gütern. Der Einsatz als Arzt - sei es auf den Solomons, sei es in ähnlichen Institutionen anderer Länder - gehört zu einer der wertvollsten Erfahrung der ärztlichen Tätigkeit überhaupt.Weitere Informationen unter:
www.hermannoberli.ch oder beim Verfasser.
Andreas Meyer-Heim
Corrigendum:
Bei der Vorbereitung für die "Webversion" des Artikels, welcher in der Aprilnummer 2001 der Personalzeitschrift der Universitäts-Kinderklinik Zürich publiziert worden ist, begann Dr. Oberli in Zusammenarbeit mir der Universität Basel mit dem Einrichten einer "Telepathologie". Histologische Proben können zukünftig in Honiara verarbeitet und mittels Internet nach Basel zur Befundung gesandt werden. D. h. neu ist Dr. Oberli nach Absprache auch an Gerätschaften und Material für Verarbeitung von histologischen Schnitten interessiert.
Dr. Andreas Meyer-Heim ist Kinderarzt am Kinderspital Zürich. Er war von November 1994 bis Februar 1995 als Volontärarzt auf den Salomon-Inseln tätig und besuchte Dr. Oberli und das Spital Honiara nochmals im November 1998.