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Peking
[* 3] (d. h. nördliche Hauptstadt), Hauptstadt des chines.
Reichs,
Residenz des
Kaisers, liegt unter 39° 45' nördl.
Br. und 116° 28' 48'' östl. L. v. Gr., in einer
nur 37 m ü. M. erhobenen
Ebene, ganz nahe den südöstlichsten
Ausläufern der Bergzüge, welche das
Plateau
der
Mongolei im S. begrenzen, zwischen den
Flüssen Wenho und
Peiho und durchflossen von drei
Bächen, welche, zum
Kanal
[* 4] von Tatung
vereinigt, bei Tungtscheu in den
Peiho sich ergießen. Die Stadt nimmt einen
Raum von 6340
Hektar ein, doch ist
ein großer Teil dieses
Raums nicht von Wohnhäusern, sondern von
Gärten,
Tempeln, großen
Teichen und verlassenen
Palästen
eingenommen.
Peking besteht aus der nördlichen Tatarenstadt, einem regelmäßigen
Viereck,
[* 5] und einer durch eine 9 m hohe und
sehr breite
Mauer davon geschiedenen Chinesenstadt, welche eine größere
Ausdehnung
[* 6] nach O. und W. besitzt.
Beide Städte sind von Mauer und Graben umgeben. Die Chinesenstadt ist zwar nicht die volkreichste, hat aber dafür den bedeutendern Verkehr. Die Tatarenstadt ist zwar regelmäßiger gebaut, aber keineswegs besser, ausgenommen bei den auswärtigen Gesandtschaften und den langen Triumphalstraßen, welche auf Marmorbrücken mit symbolischen Tierfiguren die Kanäle überschreiten. Die Straßen sind breit, aber sehr staubig, unreinlich und voll Gruben stinkenden Unrats; sie kreuzen sich in rechten Winkeln.
Die Häuser sind niedrig, jene der Privaten von armseligem Ansehen; die Häuser der bessern Klassen sind von der Straße durch eine hohe Mauer abgeschlossen und haben im Innern des Gevierts große Hofräume. In allen Richtungen sind Bäume durch die Stadt zerstreut. Der Straßenverkehr ist, besonders in der Chinesenstadt, außerordentlich groß; beim Gehen kommt man mit Fußgängern, Sänften, einspännigen und zweispännigen Fuhrwerken stets in starkes Gedränge.
Den Mittelpunkt der Tatarenstadt bildet die kaiserliche Stadt, umgeben von einer Mauer, deren vier Thore sich nach den vier Himmelsgegenden öffnen. Den größern Teil dieser Stadt nehmen ein künstlicher See und Baumanlagen ein. Zwei Hügel erheben sich hier, deren einer die ganze Stadt beherrscht. Die Gebäude bestehen aus einer Menge von Einzelhäusern, alle aus roten Backsteinen erbaut; die Dächer des Palastes sind gelb (die Farbe des kaiserlichen Hauses), jene der Mandarinen und Regierungsbüreaus, die alle in der kaiserlichen Abteilung der Stadt liegen, hellgrau, die Tempeldächer dunkelblau; die großen freien Plätze sind mit farbig glasierten Ziegeln gepflastert.
Innerhalb dieser vor dem Palastviertel sich ausdehnenden Tatarenstadt steht in der Südostecke die alte Sternwarte [* 7] der jesuitischen Missionäre mit ihren kunstvollen Instrumenten chinesischer Arbeit, darunter ein 2 m im Durchmesser haltender Himmelsglobus, auf welchem die Sternbilder durch kupferne Abbildungen dargestellt sind. Die russische Sternwarte enthält eine ausgezeichnete Sammlung chinesische Werke, die Lazaristenmission ein sehr schönes Naturalienkabinett.
Dagegen ist die früher so umfassende Bibliothek der kaiserlichen Akademie bei der Einnahme der Stadt durch die Engländer und Franzosen ihrer größten Schätze beraubt worden. Unter der Mingdynastie wurden in den hier von der Regierung unterhaltenen Schulen Siamesisch, Birmanisch, Persisch, Türkisch, Tibetisch und Dialekte der Völker im südwestlichen China [* 8] gelehrt; seit dem Opiumkrieg hat man eingesehen, daß die Kenntnis des Englischen, Französischen, Deutschen und Russischen weit wichtiger ist.
Etwa 5 km außerhalb der Mauer steht der Tempel [* 9] der Glocke, mit der berühmten großen (eisernen) Glocke (1250 Ztr. schwer); vor einem der Westthore liegt der sehenswerte Begräbnisplatz der Jesuiten, die sich durch ihre Missions- wie wissenschaftlichen Arbeiten berühmt gemacht haben, vor einem der Nordthore der Friedhof der Europäer. Nahe der Mauer der Chinesenstadt residieren die Gesandten der europäischen Mächte und befindet sich die russische Kolonie sowie die wenigen christlichen Kirchen und europäischen Anstalten (Hospitäler etc.) der Stadt.
Die dem Tatarenteil vorliegende Chinesenstadt ist das bürgerliche
Peking mit seiner aus
Chinesen,
Mandschu,
Mongolen, Koreanern,
Japanern, Tibetern etc. gemachten bunten
Bevölkerung;
[* 10] hier liegen alle Warenhäuser und Verkaufsbuden,
von deren Dächern ein
Wald von
Stangen emporragt, jede ein in der
Luft flatterndes, mit dicken
Buchstaben bemaltes Aushängeschild
von
Papier tragend. Der großartige
Eindruck, welchen das rege Verkehrsleben, die große Zahl stattliche Spitztürmchen,
Brücken
[* 11] und glockenbehängter
Tempel machen, wird verwischt durch die zahlreichen
Beweise des
Verfalls einstiger
Größe.
Die Straßen gleichen eher einem Bachbett, knietief liegt Schutt und Trümmerwerk aller Art; übelriechender Staub, von jedem Luftzug in dichten Schichten emporgewirbelt und Gesichts- wie Geruchswerkzeuge beleidigend, überdeckt alles. Im südlichsten Teil der Chinesenstadt stehen zwei Tempel, welche an Größe mit dem kaiserlichen Palast wetteifern, der Tempel des Himmels und der Tempel des Ackerbaues. Der erstere erhebt seine mit Fayence [* 12] und Holzschnitzereien in Blau, Rot, Goldgelb und Grün geschmückte und von zwei übereinander sich erhebenden Dächern gekrönte Rotunde auf einer hohen Marmorterrasse; der zweite ist zwar kleiner, aber noch höher gelegen, hat drei Dächer und ist von einem wahren Wald von Säulen [* 13] umgeben, welche die Balkone und Treppen [* 14] stützen und zieren.
Hier liegt auch der »heilige Acker«, auf welchem der Kaiser früher jährlich mit einem Pflug [* 15] von Elfenbein und Gold [* 16] eine Furche pflügte. Die Buddhisten besitzen in der Tataren- und in der Chinesenstadt je ein Kloster für 2-3000 Insassen, welche Bauten ebenso wie die kaiserlichen Tempelgebäude in gutem Stand erhalten sind. Die Bevölkerung wird sehr verschieden angegeben: wie es scheint, weil einige auch die Umgegend hinzurechnen, während andre ihre Zahlangaben auf die Stadt allein beziehen.
Die letzte amtliche chinesische
Zahlung, die bekannt ist (1845), ergab: 1,648,814 Einw. für
Peking, 2,553,159
für
Peking mit den
Distrikten Dassin und Wanpin;
neuere Reisende gehen bis auf 900,000, ja (Bretschneider) bis auf 500,000 Einw. herunter.
Eine Stadtverfassung hat
Peking nicht; die
Bevölkerung wird durch den Polizeistock in
Ordnung gehalten, das Polizeikorps
ist auf 90
Stationen verteilt. Von
Militär liegen kaum 10,000 Mann Miliztruppen in der Stadt; die
Garde
garnisoniert nördlich von
Peking in dem 1860 arg verwüsteten Sommerpalast
Juan min juen, die Feldtruppe neuerer
Organisation
am untern
Peiho. An
Schul- und Bildungsanstalten ist
Peking reich; seit 1868 besitzt es eine
Universität unter der Leitung des
durch seine chinesischen Übersetzungen von
Wheatons und
Bluntschlis
»Völkerrecht« bekannten
Dr.
Martin mit
einem
Kollegium europäischer
Lehrer aller
Nationen.
Peking ist Sitz des Generalinspektors der Seezölle
(Sir
Robert
Hart), der mit
einem
Stab
[* 17] von
Sekretären von dort aus den europäisch organisierten Zolldienst der 19 Vertragshäfen leitet. Als oberste
¶
mehr
Behörde für die Regelung der auswärtigen Angelegenheiten hat ebenfalls in
Peking seinen Sitz das Tsungli-Yamen, ein meist aus
Präsidenten der exekutiven Departements bestehendes Kollegium. -
Peking wurde gegründet vom Kaiser Chubilai 1279, der hierher seine
Residenz von Nanking verlegte, umgebaut vom Kaiser Junglo 1471, 1644 von den Mandschu beim Sturz der Mingdynastie
geplündert, 1662 und 1730 von Erdbeben
[* 19] heimgesucht, wobei 300,000 und 100,000 Einw. umkamen; wurde die Stadt
von englisch-französischen Truppen besetzt, welche dieselbe erst nach Unterzeichnung des Friedens wieder räumten (s. China,
S. 21). Bereits 1728 hatten die Russen eine Kolonie in
Peking gegründet; englische Gesandte residieren hier
zeitweise seit dem Opiumkrieg, französische, italienische, deutsche folgten 1861.
Vgl. Bretschneider, Die
Pekinger Ebene und
das benachbarte Gebirgsland (Ergänzungsheft Nr. 46 zu »Petermanns Mitteilungen«, 1876);
Jametel, Pékin, souvenirs de l'empire du milieu (das. 1887).