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Etwa fünfzig Meter entfernt gab es noch den Trakt F. Dieser lag etwas ausserhalb, gehörte aber grundsätzlich auch zum Tierheim. Er lag nicht mehr im eingezäunten Bereich und war für jedermann offen zugänglich. In diesem Trakt waren die Arztpraxis und das Tierspital. Hierher kamen die Tiere, die geimpft, operiert oder behandelt werden mussten.
Nebst dem Tierheimspital war es eine normale Tierarztpraxis, die auch von Externen aufgesucht wurde. Vom Tierheim aus sah man die Patienten, wenn sie hingebracht oder abgeholt wurden. Es war ein ständiges Kommen und Gehen. Für die Tierheimkatzen mit rotem Halsband war dieses Haus eine willkommene Abwechslung. Sie legten sich im Freigelände auf eine der zahlreichen Liegeflächen und schauten dem Treiben vor den Toren zu.
Sie sahen die Menschen, wie sie ihre Tiere in Transportkäfigen brachten. Viele der Patienten waren nicht sonderlich begeistert und miauten oder bellten ununterbrochen. Sie spürten die Angst, die von diesen Tieren ausging und hörten ihre angstvollen Schreie. Dennoch waren sie ihnen neidisch. Diese Tiere durften nach der Behandlung wieder in ihr Zuhause zurück. Sie hofften so, dass auch sie eines Tages in einem solchen Transportkäfig das Tierheim verlassen dürften.
Direkt neben dem Tierspital wohnte Dr. Ritter. Er war der Chef-Tierarzt und hatte sich neben der Praxis ein stattliches Wohnhaus errichtet. Wie es im Tierheim so üblich war, nannten sich alle beim Vornamen. So kannten ihn alle auch nur unter dem Namen "Thomas". Seine Liebe zu den Tieren war nicht zu übersehen. In seinem Wohnhaus lebten nebst seiner Familie auch drei Hasen, vier Meerschweinchen, ein Schäferhund und der Kater Lucky. Thomas war ein liebevoller Mensch. Er widmete sein ganzes Leben dem Wohl der Tiere. Schon oft hatte er Tiere bei sich aufgenommen, gesund gepflegt und wieder in die Natur entlassen. Von manchen Schützlingen konnte er sich jedoch nicht mehr trennen. Sie durften bei ihm bleiben und mit ihm leben.
Auch Lucky war einer dieser Kandidaten. Er war vor drei Jahren zu Thomas gekommen, nachdem er einen schlimmen Unfall gehabt hatte. Thomas hatte sofort gesehen, dass Lucky noch ein Jungtier war und die Heilungschancen recht gross waren. Er verarztete den kleinen Kater und versuchte seinen Besitzer zu finden. Da Lucky ein Perserkater war, bestand grosse Hoffnung, dass sich die Besitzer melden würden. Doch niemand interessierte sich für den Grauen. Es gab keine einzige Rückmeldung, auch nicht auf seine Zeitungsanzeige und die Radiomeldung. Keiner vermisste Lucky. Es schien, als gehöre der kleine Kerl niemandem. Lucky durfte deshalb, als es ihm besser ging, in der Praxis bleiben. Meistens lag er im Wartezimmer auf dem Katzenbaum und beobachtete die Menschen und Tiere, die sich bei Thomas Rat holten.
Früher, als Thomas noch in der alten Praxis tätig war, war sein Arbeitsort vom Wohnhaus getrennt. Am Abend musste Lucky in die Transportboxe. Dann brachte ihn Thomas zu sich nach Hause. Nein, das passte dem guten Lucky gar nicht. Auch wenn er genau wusste, dass der Arbeitsweg recht kurz war, schrie er aus Leibeskräften. Jede Fahrt war eine Tortur, sowohl für Thomas als auch für Lucky.
Gott sei Dank waren diese Zeiten vorbei. Vor zwei Monaten war Thomas mit seiner Familie dann hierher gezogen. Jetzt war der Weg zur Arbeit nur noch 200 Pfoten weit. Lucky konnte nun so oft nach Hause wie er wollte. Oft pendelte er zwischen Wohnhaus und Praxis hin und her, besuchte mal Thomas, dann wieder seine Frau und die Kinder. Im Sommer lag er meistens draussen vor der Praxis auf der Gartenbank und begrüsste oder verabschiedete die Patienten. Auf dem Nussbaum vor dem Tierspital war sein Baumhaus. Dort oben war sein Hochsitz angebracht, von dem er die ganze Region überblicken konnte. Im Tierspital war Thomas der Chef, hier war es Lucky. Von seinem Baumhaus hatte er die ganze Gegend im Blick. Er sah in die Gehege des Tierheimes und dahinter in den Wald. Und niemand machte ihm den luxuriösen Platz streitig. Es war einfach ein herrliches Leben. Eigentlich war er ganz froh, dass ihn niemand vermisst hatte und er hier bleiben konnte.
In regelmässigen Abständen überprüfte Lucky sein Revier. Er kontrollierte die Grenzen, schnupperte an jedem Pfosten, ob neue Kater in der Gegend waren. Er wusste über alles Bescheid, was in der Region passierte.
Mindestens ein Mal pro Tag schlenderte er zum Freigehege der Katzen im Trakt A. Dort wohnte seit ein paar Wochen eine wunderschöne Langhaarige. Erst war sie etwas zickig, denn sie war ihm neidisch auf die Freiheit, die er genoss und die ihr versagt blieb. Doch schon bald spürte sie, dass Lucky ein lieber Kerl war und dass es ihr nichts nutzte, wenn sie so abweisend zu ihm war. Lucky konnte auch nichts dafür, dass Amira kein Zuhause mehr hatte. Er verbrachte viel Zeit bei ihr. Und dann war es passiert. Er hatte sich in die Schöne verliebt. Regelmässig legte er sich dicht an den Zaun und streckte seine Pfote durch die Maschen. Amira tat dasselbe von der anderen Seite. So waren sie sich nah, obwohl sie durch einen Zaun getrennt waren.
Lucky erzählte seiner neuen Freundin von den Geschehnissen ausserhalb des Heimes. Er sah ja so viel und konnte seine Erlebnisse derart spannend schildern, dass Amira den Eindruck bekam, alles selbst erlebt zu haben. Erst vor wenigen Tagen hatte Lucky von einem Kater gehört, der sechs Jahre untergetaucht war. Diese Geschichte musste er seiner Angebeteten erzählen. Er legte sich dicht an sie und begann mit der Geschichte, die ihren Ursprung in Zürich hatte.