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Michael Hagners kürzlich erschienenes Buch «Geniale Gehirne – Zur Geschichte der Elitegehirnforschung» ist in den deutschsprachigen Medien in den höchsten Tönen gelobt wird. Der Autor zeigt darin, dass schon lange versucht wurde, Genialität und Wahnsinn im Körper zu lokalisieren. Die Suche nach dem Abbild solcher besonderer Eigenschaften in den Windungen des Gehirns hat jedoch erst im letzten Drittel der 19. Jahrhunderts, dem «Fin de Siècle», eingesetzt. Diesen Zeitraum beleuchtete Hagner auch in seinem Referat.
Damals versuchten verschiedene Persönlichkeiten, einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Genie und Wahnsinn herzustellen. Dies war ein Versuch einer quasi-wissenschaftlichen Kulturkritik, die sich gegen zeitgenössische Kunstrichtungen wie Symbolismus oder Naturalismus und gegen Literaten von Oscar Wilde bis Emile Zola und Philosophen von Schopenhauer bis Nietzsche richtete.
Entartete Künstler
So umriss der deutsche Arzt Max Nordau in der 1896 veröffentlichten Schmähschrift «Entartung» die vordringlichste Aufgabe eines Psychiaters folgendermassen: «Er spreche zur Masse der Gebildeten, die weder Ärzte noch Rechtskundige sind. Er zeige ihnen die Geistesstörung der entarteten Künstler und Schriftsteller und belehre sie darüber, dass die Modewerke geschriebene und gemalte Delirien sind.»
Der Psychiater Cesare Lombroso sammelte Belege für diese Weltanschauung. Er gründete in Turin ein Museum, in dem er alles aufhob, was irgendwie mit Gehirnen von Genies, Geisteskranken oder Verbrechern zu tun hatte. Der Italiener vertrat insbesondere die Theorie, dass Genies mit Epileptikern gleichzusetzen seien und somit die künstlerische Inspiration einem epileptischen Anfall entspreche. An der gleichen Fakultät in Turin hatte Lombroso jedoch einen Gegenspieler: Carlo Giacomini. Dieser vertrat die Ansicht, dass äusserliche Unterschiede in den Hirnwindungen keine Bedeutung für die Ausprägung von Geisteskrankheit oder Genialität hätten.
Vom Subjekt zum Objekt
Der Streit der beiden italienischen Mediziner ging über deren Tod hinaus: In ihren Testamenten vermachten sie ihre Gehirne der Wissenschaft – und wurden so vom Subjektzum Objekt der Elitehirnforschung. Giacomini, der zuerst starb, hatte ein besonders grosses Hirn sowie eine Anomalie, die zuvor viele Ärzte als typisches Kennzeichen von Epileptikern deuteten. Zu Lebzeiten war Giacomini anderer Meinung. Die Tatsache, dass er selbst diese Anomalie trug, wurde von vielen als Beweis angesehen, dass diese nichts mit Epilepsie zu tun hat. Ganz im Gegensatz zu Lombroso: Für ihn war dies ein klares Indiz für die Äquivalenz der Genialität von Giacomini mit Epilepsie.
Nach dem Tod von Lombroso sezierte man auch sein Gehirn. Es war ausserordentlich leicht und ansonsten ziemlich unauffällig. Die Ausnahme bildete eine als «Affenspalte» bezeichnete Anomalie, von der Lombroso immer behauptet hatte, dass sie ein typisches Entartungszeichen von Verbrechern sei. Da sich Lombroso wohl kaum als Verbrecher bezeichnet hätte, widerrief damit sein Gehirn posthum die Interpretation der Affenspalte als Entartungszeichen.
Genialität als Fortschritt
Dem Versuch, Genialität als degeneriert und geisteskrank darzustellen, stand die Weltanschauung des Naturalismus gegenüber. Diese anerkannte das Genie ebenfalls als Ausnahmeerscheinung, die im Gehirn zu lokalisieren war. Für die Naturalisten war das Genie aber nicht ein degeneriertes, krankhaftes Phänomen sondern ein Fortschritt für die Gesellschaft. Ein Vertreter dieser Weltsicht war auch der Pariser Schriftsteller Emile Zola. Er war der Meinung, dass ein zeitgemässer Autor vorgehen sollte wie ein Wissenschaftler, der die Gesellschaft beobachtet. Trotz dieser «wissenschaftlichen» Einstellung wurde er von der Gegenseite ebenfalls als entarteter Epileptiker bezeichnet – eine Brandmarkung, die Zola vehement bekämpfte.
Mit seinem unterhaltsamen Referat gelang es dem Wissenschaftsforscher Hagner, die zahlreichen Zuhörer von seiner Leitthese, die er auchseinem Buch zu Grunde gelegt hat, zu überzeugen: Gehirne von so genannten Genies sind demnach nicht nur wissenschaftliche, sondern stets auch kulturelle Objekte, die Auskunft geben über die Gesellschaft, in denen diese Gehirne erforscht werden.