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Wie misst man den Wert eines Menschen?
Auch ohne Sklavenhandel werden Menschen gemessen und gewertet. Was das mit Menschen und ihrer Welt macht und was es mit unserem Wirtschaftssystem zu tun hat, damit befasst sich diese Kolumne und fragt sich, ob es so etwas wie den wahren Wert eines Menschen gibt.
Meine Schwiegermutter, eine im Grunde herzensgute Frau, pflegte mich mit den Worten zu begrüssen: «Hast du ein wenig zugenommen?» Ich tendiere eher zu Mager- denn zu Fettsucht, so dass sie nicht riskierte, in ein Fettnäpfchen zu treten. Trotzdem kam diese Bemerkung immer etwas schräg bei mir an. Ich fühlte mich gemessen, taxiert und auf mein Äusseres reduziert, und stellte mir lebhaft vor, wie sich Kühe an einem Viehmarkt fühlen könnten.
Wie misst man den Wert eines Menschen? In Kilos? In der Anzahl Falten? Anhand von Diplomen, die die Wände zieren? Oder an der Grösse des Geldbeutels? Ist eine Sportlerin mehr wert als eine Akademikerin? Was ist der Wert eines Reinigungsangestellten, der unsere Umwelt sauber macht, verglichen mit demjenigen eines Geschäftsmannes, der zusammen mit hochkarätigen Personen Geldwäsche betreibt? Wie vergleicht man den Wert einer Mutter, die den Kindern Leben gibt, mit dem eines Geistlichen, der für das ewige Leben zuständig ist? In welcher Währung misst man die Werte von Mann und Frau? Was ist ein gerechter Wert, wenn die Massstäbe verschieden sind, weil sie die Bewertungsunterschiede schon in sich tragen?
Werte sind auch kulturell verschieden. So haben Luxusgüter in reicheren Gesellschaften einen grösseren Stellenwert als in ärmeren Ländern, die ums blosse Überleben kämpfen. Dafür sind die Menschen in reicheren Ländern «vereinzelter» und einsamer als solche in ärmeren Ländern, bei denen Familien- und Dorfgemeinschaften mehr Bedeutung haben. Wir leben in einer egozentrischen Gesellschaft, in der Haben und Schein wichtiger sind als das Sein, in der Blender mehr leuchten als die Lichtquelle, die sie beleuchtet. Wir zelebrieren eine «Kunstwelt», werden zu parasitären «Mitlebenden» von TV-Serien und überzeugen uns dann durch unzählige Selfies, dass wir tatsächlich lebendig teilhaben an unserer realen Umwelt. Wir leben in einer Spiegelwelt mit einem verborgenen Zugang zur Welt hinter den Spiegeln, den einst «Alice im Wunderland» beschritt, und fragen uns, was denn nun eigentlich die realere Welt ist.
Wir sind eine Nation von Einzelkämpfern, in der «Fair- und Teamplay» nur in institutionalisierten Mannschaftssportarten zelebriert wird. Ansonsten werden wir schon von Kind auf darauf trainiert, allein und gegeneinander zu agieren. Wir lernen, uns zu immer höheren Leistungen und immer mehr Besitztümern anzutreiben und schaffen es sogar, uns selber zu konkurrenzieren. Wir haben Angst, weniger wert zu sein als alle andern und nie zu genügen. Angetrieben werden wir durch Glücksversprechungen der Werbebranche und durch unser immer aufgeblähteres Wirtschaftssystem, das einem endlosen Wachstum zustrebt und von folgsamen, lenkbaren «Ameisen-Menschen» fleissig am Leben erhalten wird.
Ich weigere mich, eine Ameise zu sein! Alles in mir schreit nach innehalten, aussteigen aus diesem Hamsterrad des täglichen Leerlaufs, bei dem wir uns immer mehr von unseren wirklichen Werten entfernen. Es geht nicht darum, einem Körperideal zu entsprechen, sondern darum, uns in unserem Körper wohlzufühlen und zu spüren, was ihm gut tut. Wichtig ist nicht, um jeden Preis und möglichst lange zu leben, sondern auch ein kurzes Leben intensiv und erfüllt zu verbringen. Und es geht auch nicht darum, immer mehr Besitz anzuhäufen, sondern darum, das zu kaufen, was wir wirklich brauchen, um zufrieden zu leben. Doch Antworten auf unsere wahren Bedürfnisse finden wir nur in uns selber.
Es ist an der Zeit, unseren Blickwinkel zu weiten, uns von unserer engen Nabelschau zu lösen und unseren höchsten Wert, unser Mensch-Sein, zu leben. Ein Mensch-Sein, das zu Mitgefühl und Grossherzigkeit fähig ist, mit Kreativität und liebevollem Humor über sich selbst hinauswachsen kann und für ein WIR lebt, statt nur für das kleine EGO. So hören wir auf, eine Spur der Zerstörung hinter uns zu lassen, und wirken stattdessen an einer für alle lebensfähigen Welt und Gesellschaft.
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