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Überleben in Cleveland
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Wenn die Stadt zum Dorf wird
Nr. 6 -
Cleveland schrumpft. In den letzten sechzig Jahren ist die Bevölkerungszahl von 900000 auf etwas mehr als 400000 gesunken. Die Verbliebenen suchen in der Brachenlandschaft nach Strategien für ein neues Stadtleben.
«Es gibt hier so viel Land, und die Erde ist so fruchtbar», sagt Mansfield Franzier. Wir stehen mitten in einem Wohnquartier in der alten Industriestadt Cleveland an der Hough Street und betrachten Franziers «Rebberg von Château Hough». Die Reben des rund sechzigjährigen Afroamerikaners sind fachmännisch an Pfählen und Maschendraht hochgezogen. Er hat sie erst im vergangenen Frühling eingepflanzt, sie tragen also noch keine Früchte. Nächstes Jahr hofft Franzier dann schon auf eine gute Ernte der weissen Traminette- und der roten Frontnactrauben. Diese Sorten vertragen auch die harten Winter des amerikanischen Nordens. Spätestens 2013 will Franzier aus dem Saft seiner Trauben Wein herstellen, möglichst zusammen mit BesitzerInnen von anderen Weingütern, die in der Stadt entstehen sollen.
Cleveland war einst Modellmetropole des Kapitalismus. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörte sie zu den grössten und reichsten Städten der USA. Cleveland war das Zentrum der Stahlproduktion und neben Detroit das Herz der Autoindustrie. Vom einstigen Reichtum der Stadt zeugen auch heute noch die Art-déco-Wolkenkratzer und die gigantischen Stahlbrücken, die über den Cuyahoga River führen.
Der Niedergang
Doch von den einstigen Fabriken, die die Stadt geprägt haben, sind heute meist nur noch Ruinen übrig. Lebten 1950 noch weit über 900 000 Menschen in der Stadt, sind es derzeit noch rund 400000. Zuerst zog die weisse Mittelschicht in die Vorstädte, dann riss eine Wirtschaftskrise nach der anderen die Stadt immer tiefer in den Abgrund. Dieser Trend hat sich auch mit Beginn des neuen Jahrhunderts fortgesetzt. Nur das vom Hurrikan Kathrina zerstörte New Orleans hat in den letzten Jahren mehr EinwohnerInnen verloren als Cleveland. Die Finanzmarktkrise von 2008 hat die Stadt dann nochmals besonders hart getroffen.
In Cleveland wüteten die schlimmsten Kredithaie der USA. Sie drehten den verarmten BewohnerInnen sogenannte Subprime-Kredite auf ihre Häuser an, obwohl offensichtlich war, dass diese unmöglich die jährlich steigenden Zinsen würden zahlen können, die im Vertrag vereinbart waren. Anders als in Kalifornien oder Florida war auf steigende Bodenpreise hier nie zu hoffen. So kam es zuerst in Cleveland zu Tausenden von Zwangsräumungen.
Die Stadt Cleveland verklagte daraufhin die Investmentbanken der Wall Street, die sie für die Krise verantwortlich machte. Der Schweizer Regisseur Jean-Stéphan Bron hat den Prozess inszeniert und aus der Fiktion einen Film produziert. Ende Januar erhielt er dafür den Solothurner Filmpreis. Ob der reale Prozess allerdings stattfinden wird, ist höchst fraglich. In erster Instanz ist die Klage bereits abgewiesen worden.
Breite Unterstützung für Abrisspolitik
Mansfield Franzier hat für den Aufbau seines Weinguts 15 000 Dollar von einer Stiftung mit dem Namen Reimagining Cleveland erhalten. «Zuerst wollten sie mir nichts geben, doch glücklicherweise hat sich ein Freund für mich eingesetzt, der dort arbeitet.» Franzier ist in Cleveland eine bekannte Figur. Er schreibt im Internet auf verschiedenen Blogs. Seine Vergangenheit als «outlaw» ist von mehreren langjährigen Gefängnisaufenthalten geprägt. Die Erfahrungen aus dieser Zeit hat er, wie seine politische Kritik an den sozialen Zuständen in den USA, im Buch «From behind the wall» niedergeschrieben. Wie will er nächsten Herbst seine Weintrauben vor möglichen Dieben schützen? «Das bereitet mir keine Sorgen», antwortet er. Er sei in der Nachbarschaft bekannt und werde respektiert. Seine Weintrauben würden sich für den Direktverzehr auch nicht besonders gut eignen. «Ausserdem», sagt er grinsend, «werde ich ein Schild mit der Warnung ‹Vorsicht Killerbienen› aufstellen.» Franzier zeigt dabei auf einen selbst gebastelten Unterstand, in dem sich einige wilde Bienen eingenistet haben.
Der wirtschaftliche Niedergang ist in Cleveland vorab im Osten der Stadt zu beobachten. Allein im Zuge der Finanzkrise mussten 15000 Häuser von ihren BewohnerInnen verlassen werden, schätzt Stadtforscher Dennis Keating. Die früheren HausbesitzerInnen konnten ihre Hypotheken nicht mehr bedienen und zogen weg. Doch die Kreditgeber, in deren Besitz die Häuser übergehen, zeigen wenig Interesse an zumeist heruntergekommenen Holzhäusern, die in Gegenden stehen, wo niemand hinziehen will. So lässt die Stadt die Häuser abreissen. «Ein Haus-abriss kostet zwischen achttausend und zehntausend Dollar», sagt Keating. «Um nur schon all die durch die Finanzkrise verlassenen Häuser abreissen zu können, brauchte die Stadt Cleveland mehr Geld, als sie von der Bundesregierung in den letzten Jahren an Hilfe bekommen hat.»
In den betroffenen Quartieren ist man mit der Abrisspolitik der Stadt einverstanden. Nichts befürchten die zurückgebliebenen BewohnerInnen mehr als eine weitere Verslumung. Leer stehende Häuser gelten hier als Anziehungspunkt für Kriminelle. Marc Gentt und Farai Malianga wohnen in Slavic Village, einem Stadtteil im Osten Clevelands. Die Häuser der beiden Nachbarn gehören zu den letzten, die an der löchrigen Strasse noch stehen. Wird ein Haus in ihrer Strasse verlassen, informieren sie die Stadtbehörden, damit die ein Abrisskommando vorbeischicken. Beim Spaziergang durch Slavic Village zeigen Gentt und Malianga einen Gemeinschaftsgarten, in dem sie selber Gemüse ziehen. Wenn es schon viel zu wenig Arbeitsplätze für die verbliebenen BewohnerInnen gibt, so versuchen diese wenigstens ihre Lebenskosten tief zu halten – mit Selbstversorgung. Auch Hühner werden mittlerweile in Cleveland gezüchtet.
Ein wichtiger Pfeiler des neuen Stadtlebens von Cleveland sind Quartierorganisationen, in denen sich die BewohnerInnen gegenseitig unterstützen. Gentt und Malianga sind Mitglieder des Siebzigerclubs, der AnwohnerInnenvereinigung der 70. bis 79. Strasse. Man trifft sich einmal pro Monat. Zentrale Figur im Club ist Barbara Anderson, die in Brons Cleveland-Film porträtiert wird. Projekte des Siebzigerclubs gibt es viele: So soll eine leer stehende Fabrikhalle gleich neben Andersons Wohnhaus in ein Quartierzentrum verwandelt werden. «Man könnte dort alte Kleider sammeln und damit einen kleinen Handel aufziehen», hofft Malianga.
Hilfsbereite Banker
Eine Stütze der Quartierorganisierung ist die Organisation Empowering and Strengthening Ohio’s People (ESOP). Sie hilft den Quartiergruppen mit Rat und Tat. Ausserdem berät ESOP Leute, die ihre Hypotheken nicht bezahlen können und denen der Rauswurf droht. In den letzten Jahren hat sich ESOP vehement gegen die Kredithaie eingesetzt und Demonstrationen vor den Banken organisiert. Heute ist das Verhältnis von ESOP zu einigen Banken erstaunlich gut. Der Organisation gelingt es oft, Umschuldungsverträge auszuhandeln. Das schon fast freundschaftliche Verhältnis zu einem Teil der Bankenwelt zeigt sich während eines Besuchs bei ESOP. Während an diesem Tag zwei Dutzend Beschäftigte der Organisation fast ununterbrochen am Telefon sitzen und überschuldete HausbesitzerInnen beraten, schneien unerwartet drei Herren in Anzug und Krawatte in das Büro. Angeführt wird die Gruppe von Marc Stefanski, Präsident und CEO der Third Federal, eines von seinem Vater gegründeten Finanzinstituts, das sich auf das Hypothekargeschäft spezialisiert hat und in den Bundesstaaten Ohio und Florida aktiv ist. Vor einigen Jahren hatte die Bank mit insgesamt rund tausend MitarbeiterInnen ihren Hauptsitz bewusst nach Slavic Village verlegt, um ein Zeichen gegen die drohende Verslumung zu setzen.
Weil der Sitzungsraum gerade belegt ist, begeben sich die Banker zusammen mit ESOP-Geschäftsführer Mark Seifert und der ESOP-Präsidentin Inez Killingsworth in die kleine Küche. Am Küchentisch werden Neuigkeiten ausgetauscht, die Banker geben gute Tipps, wie ESOP ihren Einfluss bei den Behörden besser geltend machen könnte. Bevor die Banker nach der Plauderei noch die versammelten ESOP-Leute herzlich umarmen und aufbrechen, überreichen sie Killingsworth ein kleines Spendencouvert. Dar-in befindet sich ein Scheck über 250000 Dollar.
Die Third Federal Bank will weiterhin in Cleveland Geschäfte machen und Hypotheken verkaufen. Sie zählt zu den seriösen Banken. Seit Jahren arbeitet sie mit ESOP zusammen und vergibt günstige Kredite für den Hauskauf. Subprime-Kredite, die die grossen Investmentbanken an der Wall Street zu ihren Spekulationen genützt haben, hat sie nie vergeben.
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