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Samstag, 29. November 2008, 19:00 Uhr
Vortrag von Arnold Hottinger:
Islamwissenschaftler und Arabist,
Nahost-Korrespondent und Publizist,
Ehrendoktor der Universität Basel
(→ mehr)
Die Zusammenhänge zwischen Kultur und Politik
in der islamischen Welt
Von den kulturellen Wurzeln der heutigen Krise
Ein Vortrag mit anschliessender Diskussion mit Arnold Hottinger, bekannt als Spezialist für Nahostfragen und langjähriger Berichterstatter bei NZZ und Radio DRS, Buchautor
Es gibt nicht eine islamische Kultur, sowenig wie man von einer christlichen Kultur sprechen kann. Die christliche unterteilen wir selbstverständlich geographisch in jene verschiedener Länder und Nationen, eine französische, italienische, spanische, englische, deutsche etc. Sowie auch in Epochen, antik, mittelalterlich, barock, modern etc. Das gleiche gilt auch vom Islam, er überspannt viele Länder mit unterschiedlichen Kulturen in einem weiten Raum zwischen Marokko und Indonesien, wobei die Hauptkultursprachen auch verschiedene Kulturen markieren: Arabisch, Persisch, Türkisch, Urdu, Hindi, Indonesisch, um nur die allerwichtigsten zu nennen. Und natürlich haben die islamischen Kulturen auch verschiedene Epochen durchgemacht, die jedesmal ihre eigenen kulturellen Züge aufweisen.
Der Gesamtablauf der Geschichte der islamischen Kulturen unterscheidet sich stark von dem europäischen Geschichtsschema, das einen Ablauf von Altertum, Mittelalter, Renaissance, Reform und Gegenreform, Aufklärung, Revolution, Industrierevolution, kennt.
Im Bereich der islamischen Welt sind die grossen Einschnitte: Islamisierung im Nahen und Vorderen Orient bis Indien ( 7. Jhdt) mit Herrschaft der Araber ( vom 8. bis zum 12. Jhdt). - Was der europäischen Völkerwanderung entspricht, kommt erst nachher, im 13. Jahrhundert mit der Zerstörung der bisherigen islamischen Hochkultur durch die Mongolen (wobei Nordafrika und Aegypten weitgehend verschont bleiben, aber auch an den Folgeerscheinungen leiden). Darauf erfolgt der Uebergang der Herrschaft an neue Völker: Türken, Perser, Indische Mischvölker ( drei Grossreiche im 16. Jhdt : Osmanen, Perser, Moghuln ), mit noch späterem Hineinreichen tief in den Osten, Indonesien bis hin nach China, sowie nach Schwarzafrika.
Seit dem 19. Jahrhundert und bis in die heutige Zeit hinein erleben die islamischen Kulturen Krisen, die durch die Machtüberlegenheit und den Machteinfluss der sog. Westlichen Welt entstehen, ab 1850 Vorkolonialismus; dann Kolonialismus (bis 1946), seither formelle Unabhängigkeit aber wirtschaftliche und kulturelle Abhängigkeit vom "Westen", mit zunehmender Globalisierung im Stil der westlichen, nicht der eigenen islamischen Welt.
Die heutige Krise geht so weit, dass sie mit Identitätsverlust droht. Dies wird uns Arnold Hottinger anschaulich an der Architektur aufzeigen. Auch an den Literaturen, an den unterschiedlichen Musiktraditionen und an der Miniaturmalerei liesse sich dieser Identitätsverlust aufzeigen.
Arnold Hottinger sagt: "Die politische Krise ist eine Begleiterscheinung und Folge dieser kulturellen Krise. Der Ausweg kann nicht eine Rückkehr zu einer (mehr oder minder realistisch verstandenen) islamischen Vergangenheit sein, die fremde Modernisierung ist viel zu weit fortgeschritten und unverzichtbar geworden. Vielmehr muss eine neue Identitätsfindung erreicht werden, in der die Moderne (obgleich europäischer Wurzel) in der Welt des Islams Raum finden und fruchtbar werden kann."