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«Mein damaliger Auftraggeber, der Liberté-Chefredaktor François Gross, wollte, dass ich ihm über das wahre Leben in Nova Friburgo berichte.» So lautete der Auftrag an Raphaël Fessler, als er sich 1981 auf seine erste Reise in den Bundesstaat Rio de Janeiro machte. Was damals über die Freiburger Kolonie in Brasilien bekannt war, stammte aus einer Arbeit von Martin Nicoulin, «La Genèse de Nova Friburgo», von 1973. Nicoulin hatte die Migration der insgesamt 2013 Schweizer vor 200 Jahren aus historischer Sicht aufgearbeitet.
Raphaël Fessler, ein ehemaliger Primar- und Sekundarlehrer, der dann als frei schaffender Reporter und Fotograf für «La Liberté» arbeitete, sollte Impressionen aus dem Nova Friburgo der frühen 1980er-Jahre einfangen. «Meine ersten Eindrücke waren, dass die Landschaft dort dem Sense- oder dem Greyerzerland ähnelt. Es ist sehr grün, hat Flüsse und bis zu 2200 Meter hohe Berge», so Fessler. «Und überall stiess ich auf Schweizer Namen.»
Die Brasilianer mit den Schweizer Namen waren sich aber ihrer Herkunft gar nicht bewusst, so Fessler. Französisch sprach kaum jemand, und das letzte «Lioba» sei im Hinterland Rio de Janeiros um 1860 gesungen worden. Fessler besuchte Gefängnisse, Spitäler, Behindertenheime und Schulen. Und er stiess auf Favelas, die heute meist verschwunden sind. «Es hatte damals viele Häuser aus Holz. Darin wohnten Brasilianer aus dem Landesinnern auf dem Weg nach Rio de Janeiro, oder solche, die von der Grossstadt wieder zurückgekehrt waren, weil sich der Traum vom Reichtum nicht erfüllt hatte.»
Katastrophenhelfer
Raphaël Fessler kehrte mit Material für eine Vielzahl von Sozialreportagen zurück. «Und ich war infiziert von einem Virus.» Kein Krankheitserreger, sondern eine Bindung, die den heute 70-Jährigen nie mehr losliess. 65 Reisen und ein Engagement auf vielerlei Ebenen sind es inzwischen geworden. Seit zwölf Jahren ist er inzwischen Präsident der Vereinigung Freiburg-Nova Friburgo. Und er sitzt im Verwaltungsrat des Casa Suiça nahe Nova Friburgo. Dort wird seit 1987 Käse und Schokolade hergestellt. Seit 1996 sind in einem Museumsteil die Schweizer Wurzeln vieler Einheimischer visualisiert.
«Ein Merci habe ich eigentlich nie gehört.»
Raphaël Fessler
Koordinator Freiburg-Nova Friburgo
«Ich kündige es gar nicht mehr gross an, wenn ich nach Brasilien reise», sagt er. «Ich arbeite ohnehin mehr in Brasilien als hier.» Nur einmal habe ihn seine Frau auf seinen Reisen begleitet, aber sie zeigte immer Verständnis für sein Engagement. Besonders intensiv wurde es für Fessler, als 2011 ein Erdrutsch in Nova Friburgo 800 Todesopfer forderte und 10 000 Personen obdachlos machte. «Ich habe die Initiative ergriffen und über vier Monate viel Energie investiert», sagt er. «Eigentlich zu viel.» Im Namen der Vereinigung Freiburg-Nova Friburgo betrieb der nun selbständige PR-Berater Fundraising. 350 000 Franken kamen zusammen, davon 100 000 Franken vom Kanton und 30 000 Franken von der Stadt Freiburg. Insgesamt sechs Projekte für den Wiederaufbau seien mit dem Geld finanziert worden.
«Aber mit Geld allein war es nicht getan. Es brauchte eine Begleitung», so Fessler. «Es ist leicht, in Brasilien Geld zu verlieren. Deshalb flossen damals alle Mittel über die Casa Suiça und das Schweizer Konsulat in Rio de Janeiro.» Rückblickend sagt Fessler: «Ich könnte es nicht mehr machen, wenn sich so eine Katastrophe nochmals ereignen sollte.»
«In den Medien hiess es, die Schweiz habe Geld gegeben. Das ist aber nicht wahr. Die Glückskette beispielsweise machte nicht mit, weil dazu eine Anfrage vom brasilianischen Staat hätte kommen müssen, was aber nicht der Fall war. Nicht die Schweiz, sondern unsere kleine Vereinigung hat das Geld aufgetrieben», blickt er zurück. Anerkennung gab es dafür kaum. «Ein Merci habe ich eigentlich nie gehört.»
Die letzte Mission
Seit einiger Zeit hat Raphaël Fessler ein letztes Engagement in Angriff genommen: die Jubiläumsfeierlichkeiten Nova Friburgos. Am 16. Mai sind es 200 Jahre, seit die Gründungsakte unterschrieben wurde (die FN berichteten). Dazu reist eine stattliche Freiburger Delegation für eine Woche nach Nova Friburgo.
«Es gibt hier wie dort Feierlichkeiten», so Fessler. «Das Konzept in der Schweiz beruht auf Partnerschaften mit existierenden Events, die das ganze Jahr über stattfinden.» So ist Nova Friburgo etwa Teil des Festivals Les Georges, des Freiburger Filmfestivals, des Internationalen Folkloretreffens, des Marché Concours in Saignelégier, der Bolzenfasnacht oder der Alpabzüge. Dazu gibt es kulturelle Austausche. Zum Beispiel legt am Jubiläumstag Fri-Son-DJ Mugabo in Nova Friburgo auf, und im Dezember ist ein DJ aus Brasilien im Fri-Son zu Gast.
Der Festakt am 16. Mai in Nova Friburgo ist Sache der dortigen Behörden. Jährlich findet dort am 16. Mai ein Umzug statt. Er dauert in der Regel drei Stunden, dieses Jahr könnten es aber bis fünf Stunden werden, meint er: «Eine Sorge ist, wie wir die Festansprachen unterbringen.» Und er fügt an: «Ich gewöhne mich einfach nicht an die Organisation der Brasilianer. Sie sind Meister des Improvisierens, das stresst uns. Aber sie sind in letzter Minute doch immer bereit.»
Nach dem Jubiläum will Raphaël Fessler das Präsidium der Vereinigung Freiburg-Nova Friburgo abgeben. «Es ist Zeit für jüngere Kräfte. Die jetzigen Vorstandsmitglieder gehen gegen die 80 Jahre zu.» Auch aus dem Vorstand der Casa Suiça möchte er spätestens nächstes Jahr austreten. Bereits seit einigen Jahren hätten die Brasilianer die Schlüssel in der Hand, um autonom zu arbeiten. Nun sollten nur noch Schweizer dort mitmachen, die auch in Brasilien leben, so Fessler.
Noch einmal wird Raphaël Fessler ab dieser Woche sein übliches Hotelzimmer in Nova Friburgo beziehen und in ein Büro umwandeln. Dass damit eine Ära zu Ende geht, zeigt sich vor allem in einem: Frau Fessler ist dieses Mal mit von der Partie.