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"Europa endet dort, wo Orthodoxie und Islam beginnen..."
Eine politische Annäherung (Samuel Huntington)
Der amerikanische Politologe Samuel Huntington (1927-2008) schreibt in seinem berühmt gewordenen Buch "Kampf der Kulturen" (München - Wien 7. Aufl. 1998; Original: The Clash of Civilizations, New York 1996), illustriert durch die rechts abgebildete Karte:
"Was ist Europa? Europas Grenzen im Norden, Westen und Süden werden durch große Gewässer gezogen, von denen das südliche klar unterscheidbare Kulturen trennt. Aber wo endet Europa im Osten? Wer soll als Europäer und damit als potentielles Mitglied der Europäischen Union, der NATO und vergleichbarer Organisationen gelten?
Die zwingendste und gründlichste Antwort auf diese Fragen liefert die große historische Scheidelinie, die seit Jahrhunderten westlich-christliche Völker von muslimischen und orthodoxen Völkern trennt. Diese Linie geht auf die Teilung des Römischen Reiches im 4. Jahrhundert und auf die Errichtung des Heligen Römischen Reiches im 10. Jahrhundert zurück. Ihren gegenwärtigen Verlauf nimmt sie seit mindestens fünfhundert Jahren. Im Norden verläuft sie entlang der heutigen Grenze zwischen Finnland und Russland und den baltischen Staaten (Estland, Lettland, Litauen) und Russland, durch das westliche Weißrussland, durch die Ukraine, wo sie den unierten Westen vom orthodoxen Osten trennt, durch Rumänien zwischen Transsylvanien mit seiner katholisch-ungarischen Bevölkerung und dem Rest des Landes, und durch das frühere Jugoslawien entlang der Grenze, die Slowenien und Kroatien von den anderen Republiken trennt. Auf dem Balkan fällt die Linie natürlich mit der historischen Grenze zwischen dem österreichisch-ungarischen und dem osmanischen Reich zusammen. Diese Linie ist die kulturelle Grenze Europas, und in der Welt nach dem Kalten Krieg ist sie auch die politische und wirtschaftliche Grenze Europas und des Westens.
Ein kultureller Ansatz liefert eine klare und eindeutige Antwort auf die Frage, die Westeuropäer bewegt: Wo hört Europa auf? Es hört dort auf, wo das westliche Christentum aufhört und Orthodoxie und Islam beginnen" (S. 252).
Die Debatte zeigt, dass die Frage nach den Ostkirchen nicht nur eine religiöse, sondern zugleich eine politische Frage ist und auch eine Frage nach dem Verstehen unserer geschichtlichen Herkunft. Bei genauerer Lektüre wird schnell klar, dass Huntington seine Aussage nicht normativ und ausgrenzend versteht, sondern eher kritisch gegenüber dem Selbstbewusstsein der westlichen Zivilisation eingestellt ist:
„Das Konzept einer ‚universalen Kultur’ ist ein typisches Produkt des westlichen Kulturkreises ... Im ausgehenden 20. Jahrhundert dient das Konzept einer universalen Kultur dazu, die kulturelle Dominanz des Westens über andere Gesellschaften und die Notwendigkeit der Nachahmung westlicher Praktiken und Institutionen durch andere Gesellschaften zu rechtfertigen. Universalismus ist die Ideologie des Westens angesichts von Konfrontationen mit nichtwestlichen Kulturen" (92). „Die Nichtwestler betrachten als westlich, was der Westen als universal betrachtet. Was Westler als segensreiche globale Integration anpreisen, zum Beispiel die Ausbreitung weltweiter Medien, brandmarken Nichtwestler als ruchlosen westlichen Imperialismus. Insoweit Nichtwestler die Welt als eine einzige sehen, sehen sie sie als Bedrohung" (93). Modernisierung bedeutet nicht notwendig Verwestlichung" (113). „Die Hindernisse, die nichtwestliche Kulturen einer Modernisierung entgegensetzen, sind nichts, verglichen mit jenen, die sie einer Verwestlichung entgegensetzen ... Auf mancherlei ganz elementare Weise ist die Welt insgesamt dabei, moderner und weniger westlich zu werden" (114). „Der naheliegendste, entscheidendste und stärkste Grund für den weltweiten Aufschwung der Religion ist genau derjenige, der eigentlich den Tod der Religion bewirken sollte: es ist die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Modernisierung, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die ganze Welt erfaßt hat. Althergebrachte Identitätsquellen und Herrschaftssysteme sind geborsten" (146). „Fragen der Identität gewinnen Vorrang vor Fragen des Interesses" (147).
Huntington ordnet "Religion" als Poltiologe unter die konfliktstiftenden Identitätsfaktoren ein, er weist mit Recht auf Versuchungen hin, unterschätzt aber das transnationale, versöhnende und friedenstiftende Potential des christlichen Glaubens. Auf jeden Fall hilft seine Beobachtung, die Ostkirchen von vornherein auch als ein "zivilisatorisches" Phänomen zu betrachten.