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Der Titel meines Erfahrungsberichts ist durchaus ironisch gemeint und nicht ganz ernst zu nehmen. Sie werden gesehen haben, dass ein Fragezeichen hinter "akademisches Exil" steht; es geht mir also nicht darum, Erfahrungen von Fremdheit zu beschreiben, sondern die Schwierigkeiten, aber auch die Chancen einer Tätigkeit in Deutschland anzusprechen. Mein Vortrag wird anders geartet sein als derjenige meiner Konstanzer Kollegin Mireille Schnyder, was nicht zuletzt damit zu tun hat, dass ich, nachdem Andreas Härters Anfrage gekommen war, meinen Beitrag sogleich vorbereitet habe und mich dabei von den ursprünglichen Vorgaben habe leiten lassen. Dies bedeutet, dass ich nicht in erster Linie auf Probleme der neu einzurichtenden B.A./M.A.-Studiengänge eingehen werde; ich werde außerdem auch nicht ausführlicher auf die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses eingehen. Die genannten Problembereiche bleiben für die Diskussion reserviert. Ich werde, ich wiederhole es noch einmal, das tun, was ursprünglich geplant war: ich werde Ihnen kurz die Universität vorstellen, an der ich arbeite; ich werde Ihnen in einem zweiten Schritt den doch etwas singulären Lehrstuhl, den ich aufgebaut habe, beschreiben; ich werde drittens kurz auf den Studiengang eingehen, den ich eingerichtet habe, und schließlich im letzten Teil meiner Ausführungen etwas allgemeiner Chancen und Schwierigkeiten einer Tätigkeit in Deutschland erörtern.
Ich werde den Vortrag frei halten, indem ich den Punkten folge, die Sie auf der Folie finden. Mein Vorgehen dürfte übrigens symptomatisch sein: Seit ich in Augsburg bin, habe ich gelernt, sehr ökonomisch zu handeln und von übertriebenem Perfektionismus Abschied zu nehmen. Das hängt vor allem mit dem Ausmaß an Arbeit zusammen, das mit einer akademischen Tätigkeit, insbesondere mit dem Aufbau eines neuen Lehrstuhls, eines neuen Fachs und eines neuen Studiengangs verbunden ist. Wie bereits angedeutet, werde ich keinen ausformulierten Vortrag halten und hoffe, dass es mir gelingt, in der vorgesehenen Zeit zu bleiben.
Zunächst kurz zur Universität Augsburg: Die Universität Augsburg - es handelt sich um eine der deutschen Neugründungen der 1970er Jahre - ist Ihnen wahrscheinlich nicht bekannt. Die Universität ist klein, was Nachteile mit sich bringt, aber auch Chancen bieten kann. Die Universität wurde 1970 gegründet und ist in dem Sinne keine Volluniversität, als sie nicht über eine medizinische Fakultät verfügt. Wir haben in Augsburg noch das traditionelle Fakultätensystem. Innerhalb der relativ kleinen Fakultäten gibt es in der Regel keine eigentlichen Fachinstitute. Das hat Vor- und Nachteile. Ein Vorteil ist sicher, dass es gewisse Reibungsverluste nicht gibt, die man innerhalb von Instituten kennt. Die Lehrstühle agieren relativ autonom. Gleichzeitig sind die Fakultäten wie gesagt eher klein, d.h. die Vernetzung, die Mireille Schnyder angesprochen hat, ist bei uns angesichts der doch recht guten Überschaubarkeit über die Fächergrenzen hinweg ohne größere Probleme möglich. Es handelt sich, wie gesagt, um eine kleinere Universität, die Gesamtzahl der Studierenden beträgt im Moment knapp über 14000 Studenten und Studentinnen. Allerdings explodieren seit zwei Jahren die Studierendenzahlen, dennoch bleibt Augsburg für deutsche Verhältnisse eine kleine Universität. Eine kleine Universität nun muss sich gegen die traditionsreichen großen Universitäten behaupten können. Das geht eigentlich nur, wenn man Angebote schafft, die anderswo in vergleichbarer Form oder auch Qualität nicht zu finden sind. Anders als Konstanz mit einem doch sehr guten Ruf gerade in den Geisteswissenschaften, stehen wir also unter einem großen Druck, uns zu profilieren und neuartige Angebote zu schaffen, die Studierende auch aus anderen Bundesländern anzuziehen vermögen. Der Studiengang, den ich Ihnen später kurz vorstellen werde, ist als ein solches Angebot, als eine "Nische" gedacht, mit der sich unsere Universität als eigenständige Universität mit spezifischen Angeboten präsentieren will.
Zum Lehrstuhl für Europäische Kulturgeschichte: Es gibt einige wenige kulturhistorische Professuren und Lehrstühle in Deutschland; mein Augsburger Lehrstuhl ist allerdings der bislang einzige Lehrstuhl mit der Denomination "Europäische Kulturgeschichte". Es handelt sich um einen ganz normalen Lehrstuhl der Philologisch-Historischen Fakultät. Allerdings kommt es öfters zu Verwechslungen mit dem Institut für Europäische Kulturgeschichte, und so möchte ich auch kurz auf diese Institution eingehen. Wir verfügen in Augsburg über ein interdisziplinäres Zentralinstitut, ein Institut also, das direkt dem Rektorat unterstellt ist und Professoren und Professorinnen aus verschiedenen Fakultäten als Mitglieder vereinigt. Dieses Institut, das Institut für Europäische Kulturgeschichte (IEK), 1990 gegründet mit Mitteln der Volkswagenstiftung, hat mittlerweile eine recht gut funktionierende Infrastruktur und verfügt über eine ausreichende personelle Ausstattung. Zu den Tätigkeiten des IEK gehört die Herausgabe von drei wissenschaftlichen Publikationsreihen; es werden regelmäßig Kongresse organisiert; wir laden ausländische Gastprofessoren ein, deren Forschungsaufenthalte meistens durch die Humboldt-Stiftung und die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert werden; wir sind außerdem an einem Gastprofessurenprogramm (Mercator-Professur) beteiligt. Wir unterstützen die Gastwissenschaftler bei der Beantragung ihres Projekts, bieten Ihnen gewissermaßen "Aufenthaltsrecht" im Institut (Büro, entsprechende Infrastruktur). Dem IEK ist darüber hinaus ein Graduiertenkolleg der DFG angegliedert. Da ich eine der Direktoren des IEK bin, führt dies bisweilen zu den bereits angedeuteten Verwechslungen, ungeachtet der Tatsache, dass mein Lehrstuhl mit dem Institut formaljuristisch nichts zu tun hat. Dennoch ist die Beziehung des Lehrstuhls für Europäische Kulturgeschichte zum IEK verständlicherweise relativ eng. Die Existenz des IEK und die Neueinrichtung eines Lehrstuhls für Europäische Kulturgeschichte dürfte einer der Gründe sein, weshalb die "Europäische Kulturgeschichte" vor zwei Jahren zum Profilschwerpunkt unserer Fakultät bestimmt wurde. Das bedeutet für mich zwar viel Arbeit, hat aber den Vorteil, dass ich mit meinem neuen Fach nicht am Rande stehe, sondern in die fakultätsinternen Entwicklungen in hohem Maße eingebunden bin.
Wie sieht nun die Ausstattung des Lehrstuhls aus? Ich glaube, dass gerade in Ausstattungsfragen ein Unterschied zwischen Deutschland und der Schweiz besteht: Die Bedingungen sind in Deutschland an Universitäten in mancher Hinsicht eher ungünstig; was insbesondere die personelle Ausstattung der Lehrstühle anbelangt, können sie bisweilen auch günstig sein. Ich habe im Moment, das kann sich jedoch wieder ändern, zwei volle wissenschaftliche Assistenzstellen an meinem Lehrstuhl, die ich mit einer promovierten Germanistin und einem promovierten Historiker besetzt habe. Ich verfüge außerdem über eine Reihe von studentischen Hilfskräften, was sehr wichtig ist, weil, wie Mireille Schnyder bereits erwähnt hat, Hilfskräfte wichtige Aufgaben wahrnehmen können. An meinem Lehrstuhl sind des weiteren mehrere Lehrbeauftragte tätig, zwei bieten regelmäßig Lehrveranstaltungen an, die Teil des Studiengangs sind, und weitere drei bieten momentan fachspezifische Themen an. Für Schweizer Verhältnisse dürfte dies wahrscheinlich ein relativ großes Team sein. Das Schöne daran ist, dass man mit einer größeren Gruppe von Kollegen und Kolleginnen zusammenarbeiten kann, was ich als sehr anregend erlebe. Leider haben wir in Augsburg große Raumprobleme. Es gilt generell, dass die bauliche und technische Infrastruktur in Deutschland weniger "luxuriös" ist als in der Schweiz, was mit der Unterfinanzierung der Universitäten zusammenhängt. Wir spüren dies auch in der Kürzung der Sachmittel. Als ich nach Augsburg kam, hieß es, die Lehrstühle hätten neu weitgehende Finanzautonomie, die uns überwiesenen Mittel seien übertragbar, d.h. Personalmittel könnten in Sachmittel umgewandelt werden und umgekehrt, und - sehr wichtig - wir könnten Mittel über die Jahresgrenze hinaus übertragen. Mittlerweile sieht alles leider etwas anders aus. Die Übertragbarkeit der finanziellen Mittel wird durch eine Vielzahl von Vorgaben eingeschränkt, die Übertragbarkeit über das Jahresende ist nicht mehr gewährleistet: was man nicht ausgegeben hat, wird einem weggenommen und kann zu Mittelkürzungen Anlass geben - eine, wie mir scheint, sehr unintelligente Lösung. Vor einigen Tagen wurden wir zudem mit einer Haushaltssperre konfrontiert. Das bedeutet, dass alles, was man bestellt hat, vom Tag der Haushaltssperre an, nicht mehr bezahlt werden kann. Auch wenn die dafür notwendigen Mittel auf dem Lehrstuhlkonto liegen, hat man als Professorin keinen Zugriff darauf. Der Umgang mit den Finanzen ist demnach insgesamt eher kompliziert, eine längerfristige Finanzplanung kaum möglich.
Zu unseren Forschungsschwerpunkten: Wenn man ein Fach wie Europäische Kulturgeschichte, das zugegebenermaßen einigermaßen diffus ist, profilieren soll, dann stellt sich sehr schnell die Frage: Wie macht man das? Ein Fach, das potentiell von der Antike bis zur Gegenwart reicht und potentiell eine große Zahl von Fächern integrieren kann, braucht klare Schwerpunktsetzungen. Ich kann das nicht im einzelnen ausführen und habe mich dafür entschieden, Ihnen nur einige Aspekte kurz zu benennen. Erstens: Es sind insbesondere zwei Schwerpunkte, die wir gewählt haben, Mediengeschichte und Wissensgeschichte bzw. Wissenschaftsgeschichte. Wir haben uns demnach für Bereiche entschieden, die nicht nur zu unseren Forschungsschwerpunkten passen, sondern auch nur im Rahmen eines inter- oder transdisziplinären Zugang sinnvoll bearbeitet werden können. Wir haben auch hinsichtlich der Epoche einen Schwerpunkt bestimmt, und dieser Schwerpunkt, wenn wir das auch nicht so eng sehen, liegt doch im wesentlichen in der frühen Neuzeit. Was mir in diesem Zusammenhang nicht unwichtig scheint, ist die Frage ob es eigentlich ein neues Fach "Europäische Kulturgeschichte" braucht? Gerade in den Geisteswissenschaften wird zunehmend kulturhistorisch und kulturwissenschaftlich gearbeitet, und zwar im Rahmen der traditionellen Fächer. Eine gewisse Skepsis gegenüber einem neuen Fach "Kulturgeschichte" ist deshalb gerechtfertigt. Auch ich habe mir die Frage gestellt, ob und wie ich ein neues Fach "Kulturgeschichte" aufbauen kann, wenn innerhalb der herkömmlichen Fächer kulturwissenschaftliche Tendenzen ohnehin immer mehr um sich greifen. Ich glaube, die Aufgabe eines Lehrstuhls, wie ich ihn jetzt habe, kann - zumindest ist dies meine persönliche Auffassung - nur sein, als Plattform zu dienen für aktuelle Auseinandersetzungen. Wir wollen anregen, Fachprofile zu überdenken und die Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen fördern und zugleich kritisch reflektieren. Es geht zum einen also darum zu fragen, was ist eigentlich Kulturgeschichte? Und dann: wie gehen wir unsere Arbeit an, mit welchen methodischen Zugängen wollen wir arbeiten? Dabei ist es notwendig, schrittweise vorzugehen. Zunächst habe ich versucht, mit Historikern in Dialog zu treten und ein DFG-Rundgespräch organisiert, das im Frühjahr stattfinden wird. Es handelt sich um eine Diskussionsveranstaltung, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert wird und an der an die dreißig Professorinnen und Professoren - alles Geschichtswissenschaftler - teilnehmen werden, die zum Teil schon seit längerem als Kulturhistoriker und Kulturhistorikerinnen tätig sind und sich auch zu theoretisch-methodischen Problem kulturhistorischer Forschung geäußert haben. In einem ersten Schritt wollen wir klären: welche Formen der Zusammenarbeit gibt es? Besteht die Bereitschaft, ein DFG-Schwerpunktprogramm aufzubauen? Wie können wir uns methodisch noch klarer profilieren? Und vor allem: Wie versuchen wir uns mit parallelen Entwicklungen bzw. Initiativen im Bereich der Literaturwissenschaften, der Kunstwissenschaft usw. zu verbinden. Soweit also zu ersten Überlegungen zu möglichen Forschungsschwerpunkten und konkreten Bemühungen um eine inhaltliche Profilierung.
Zur Projektbetreuung: Die Betreuung von Dissertationen ist selbstverständlich Aufgabe einer Professorin. Ich war allerdings - nicht zuletzt auch aus Zeitgründen - sehr zurückhaltend, was die Annahme von Promotionsprojekten anbelangt, und habe im Moment nur zwei Doktoranden: eine Germanistin aus München und einen Historiker aus Münster. Der Historiker aus Münster ist gleichzeitig Stipendiat des Graduiertenkollegs, an dem ich mich als Trägerin beteilige. Meine beiden Assistenten sind mit je einem Habilitationsprojekt befasst, das ich kritisch begleite. Und schließlich bietet sich mein Fach in besonderem Maße für Zweitgutachten zu Promotionsarbeiten an, was mir die große Zahl von Anfragen sehr bald deutlich gemacht hat. Zu eigenen Forschungsprojekten: Eigentlich stecke ich voller Ideen, aber ich weiß gar nicht, wann ich endlich damit beginnen kann, größere Projekte zu beantragen. Im Moment sieht es so aus, dass ich dabei bin, im Rahmen einer Forschergruppe, die wir bei der DFG beantragen wollen, ein Teilprojekt zu konzipieren. Ideen für größer angelegte Projekte sind in Diskussion, aber noch nicht konkretisiert. Ich fürchte, dass es noch zwei, drei Jahre dauern wird, bis ich wirklich etwas Größeres angehen kann. Im Moment beschränke ich mich darauf, meine drei, vier längeren Beiträge pro Jahr zu publizieren - Aufsätze und zunehmend längere Artikel für Kompendien und Studienliteratur -; außerdem habe ich zugesagt, zusammen mit einem Historiker einen Band für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft zu schreiben und schließlich bin ich Fachherausgeberin und Autorin für eine im Metzler Verlag erscheinende wissenschaftliche Enzyklopädie tätig.
Zur Lehre: Die Studienbedingungen sind in unserem Fach insofern relativ gut, als wir im Moment noch vernünftige Betreuungsrelationen haben. Dies kann sich jedoch schon bald ändern. Ich habe für den von mir eingerichteten Studiengang einen NC beantragt und eingeführt, was es uns erlaubt, mit dreißig bis vierzig Studenten pro Seminar zu arbeiten. Es gilt allerdings zu sagen, dass andere Fächer unter einer großen Überlast leiden, die uns auch betreffen könnte. So gibt es in der Neueren deutschen Literaturwissenschaft gerade mal einen Lehrstuhl, und dies, obwohl in Augsburg über 1500 Studierende im betreffenden Fach eingeschrieben sind; in Einführungsveranstaltungen sitzen da schon mal 200 Studenten. Wie gesagt, in unserem Fach sind die Betreuungsrelationen im Moment noch günstiger. So sitzen auch in meiner Vorlesung nur 150 Studierende; das sind handhabbare Zahlen. Allerdings, und auch dies ist ein wesentlicher Bestandteil der Lehre, gestaltet sich die Studienberatung und generell die Betreuung der Studierenden relativ intensiv. Die Studierenden brauchen Ansprechpartner, um ihr Studium möglichst effektiv gestalten zu können. Ich kämpfe darum, dass wir weiterhin vernünftige Studienbedingungen bieten können, stelle allerdings fest, dass dies - wenn überhaupt - nur mit Mühe gelingen dürfte, weil ein Studiengang, der dem Image der Universität nützt und erfolgreich ist, möglichst viele Studierende anziehen soll. Wir leiden insgesamt unter einem Interessenkonflikt, der wesentlich hochschulpolitische und strukturelle Gründe hat: Es werden uns laufend Ressourcen gekürzt, zugleich sollen wir immer mehr erfolgreiche Studiengänge entwickeln und anbieten, obwohl wir gar nicht über die Kapazitäten verfügen, die nötig wären, um die zahlreichen Studierenden zu betreuen. Ministerium und Universität machen erheblichen Druck, immer mehr Studierende immer aufwändiger zu betreuen, und wir Wissenschaftler und Dozenten kämpfen an allen Ecken und Enden, um einigermaßen vernünftige Arbeits- und Studienbedingungen zu gewährleisten. Wenn ich die hochschulpolitischen Entwicklungen in Deutschland betrachte, bin ich nicht sehr zuversichtlich, dass dieser Kampf zum gewünschten Ziel führt.
Zum Studiengang: Zum Studiengang Europäische Kulturgeschichte ließe sich viel sagen, und ich verzichte deshalb darauf, eine detaillierte und konkrete Beschreibung zu geben. Über die Homepage des Lehrstuhls für Europäische Kulturgeschichte finden Sie ausführlichere Informationen (www.philhist.uni-augsburg.de/lehrstuehle/kulturgeschichte). Hier nur einige kurze Hinweise: Es handelt sich um einen B.A.-Studiengang, der als konsekutiver Studiengang konzipiert worden ist, d.h. es wird noch ein Master-Studiengang folgen; der allerdings noch nicht eingerichtet wurde. Der Studiengang folgt den Vorgaben der Bologna-Declaration; dürfte, was seine formale Struktur anbelangt, in mancher Hinsicht mit den entsprechenden Studiengängen in Konstanz vergleichbar sein. Er orientiert sich inhaltlich allerdings noch, das war aus Sachzwängen nicht anders möglich, am Magisterstudiengang: er bietet ein Studium, in dem man ein Kernfach - Europäische Kulturgeschichte - und zwei Kombinationsfächer studiert. Letztere wählen die Studierenden nach bestimmten Regeln aus dem Fächerangebot des Studiengangs. Hinzu kommt ein Ergänzungsfach, das insgesamt nur 4 Lehrveranstaltungen umfasst. Der Vorteil eines solchen Modells ist, dass damit eine solide disziplinäre Grundlage vermittelt wird, da die Studierenden in den gewählten Disziplinen eine umfangreichere, fachspezifische Ausbildung erhalten. Der Studiengang sieht ein obligatorisches Auslandsemester vor. Ich habe deswegen eine Reihe von Korporationen mit europäischen Universitäten abgeschlossen, um die entsprechenden Erasmus-Plätze anbieten zu können. Obligatorischer Bestandteil des Studiengangs ist außerdem, und dies wurde von den Studierenden sehr gut angenommen, eine Sprechwerkstatt und eine Schreibwerkstatt. In der Sprechwerkstatt, die von einer Schauspielerin und Sprecherzieherin durchgeführt wird, werden mündliche Präsentationsformen und rhetorische Fähigkeiten eingeübt; in der Sprechwerkstatt, die von einem Journalisten und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit in einem großen Unternehmen durchgeführt wird, geht es um nichtwissenschaftliche Prosa, um eine Reihe von Textsorten, die die Studierenden beherrschen lernen sollen. Die Resonanz auf das neue Angebot war sehr positiv. Wir haben im ersten Jahr kaum Werbung gemacht. Die Bewilligung des Ministeriums kam zudem sehr kurzfristig, da der Studiengang innerhalb eines Jahres eingerichtet werden musste. Trotzdem haben wir mit 117 Studenten und Studentinnen aus ganz Deutschland begonnen. Aufgrund eines örtlichen Numerus Clausus bieten wir seit dem Wintersemester 32 Plätze an, auf die sich 260 Studierende angemeldet haben. Der Start verlief, trotz der mit jedem Beginn verbundenen Anfangsprobleme, insgesamt erfolgreich; die weitere Entwicklung des Studiengangs bleibt abzuwarten. Die Konzeptions- und Umsetzungsarbeit, die im wesentlichen an mich delegiert wurde, war mit einer Reihe von Problemen verbunden, von denen ich hier nur einige nennen will: Zum einen gibt es - Mireille Schnyder hat es angedeutet - ein Akzeptanzproblem; allerdings muss ich gestehen, dass ich die Konstanzer ein bisschen beneide, weil ich den Eindruck habe, dass die Diskussionskultur in Konstanz weiter fortgeschritten ist als an meiner Universität. In Augsburg waren die Widerstände gegen das neue B.A.- bzw. M.A.-Modell teilweise sehr groß. Dies gilt weniger für die Anglisten, die derartige Modelle aus dem angelsächsischen Raum schon kennen, sondern vor allem für die Historiker. Es galt also, gegen eine Reihe von Vorurteilen vorzugehen, was schwierig ist, wenn man, wie dies in meinem Fall geschehen ist, mit der Aufgabe, einen solchen Studiengang einzurichten, alleine gelassen wird. Wir befinden uns demnach im Moment in einer ambivalenten Situation: Die Studierenden wünschen, soweit ich dies beurteilen kann, neue Studienangebote; bei den Kollegen und Kolleginnen hingegen muss bisweilen noch Überzeugungsarbeit geleistet werden. Konkrete Probleme, die sich mit der Umsetzung ergeben haben, sind beispielsweise folgende: Zum einen habe ich feststellen müssen, dass die Universitätsverwaltung in Augsburg nicht vorbereitet war auf diesen neuen Studiengang. Der Studiengang ist der erste B.A.-Studiengang an unserer Fakultät, und sowohl die Studentenkanzlei als auch das Prüfungsamt, um nur einige Institutionen zu nennen, waren nicht vorbereitet, und es bedurfte sehr großer Überzeugungs- und Informationsarbeit, um die Verwaltungsstellen zur Mitarbeit zu bewegen. Es scheint mir sehr wichtig, dass die Einführung neuer Studiengänge nicht allein dem wissenschaftlichen Personal überlassen wird, sondern dass auch die Verwaltung neue Modelle mitträgt, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entsprechend schult. Ein zweites konkretes Problem stellt die Modularisierung dar, die die meisten neuen Studiengänge charakterisiert. Das damit verbundene System der studienbegleitenden Prüfungen führt dazu, dass die prüfungsrelevanten Leistungen im Rahmen des Studienganges zunehmen. Das bedeutet eine große Mehrbelastung für die Dozentinnen und Dozenten. Lassen Sie mich dies konkretisieren: Ich habe früher, ich denke da beispielsweise an die FU Berlin, in meinen Seminaren bisweilen zahlreiche Studierende unterrichtet. Allerdings hat immer nur ein Teil der Studierenden Referate gehalten und Hausarbeiten geschrieben. Auch wer 60 Leute in einer Veranstaltung sitzen hatte, musste in der Regel nicht mehr als etwa 30 Hausarbeiten korrigieren. Wenn ich jetzt im Rahmen des neuen Modells 60 Studierende hätte, hätte ich 60 Referate und Hausarbeiten zu betreuen, weil nun derartige Leistungen an die Scheinvergabe gebunden sind und die Zahl der zu erwerbenden Scheine gestiegen ist. Das Studium hat sich verdichtet, und weil die während des Studiums zu erbringenden Leistungen tendenziell eben doch mehr sind als die, die im Rahmen eines Magisterstudiengangs erbracht werden müssen, steigt auch der Betreuungsaufwand für die Lehrenden. Ein weiteres Problem, das sich in Bälde stellen wird, ist die Akkreditierung der neuen Studiengänge. Kürzlich sind wir informiert worden, dass alle neu eingerichteten B.A.- und M.A.-Studiengänge innerhalb von fünf Jahren durch Akkreditierungsagenturen evaluiert und zertifiziert werden müssen. Das ist ein sehr kostspieliges Verfahren - die Kosten tragen die Universitäten -, und es ist ein sehr aufwändiges Verfahren - den Aufwand leisten die Dozenten. Wie sich die Akkreditierung konkret gestalten wird, ist noch unklar. Die dazu notwendigen Agenturen müssen zum Teil erst noch eingerichtet werden; die Kriterien, nach denen die Studiengänge beurteilt werden sollen, sind noch nicht offengelegt. Wie sich die neue Bestimmung auf die Universitäten auswirkt, die ja versuchen, Kosten zu senken, und jetzt plötzlich mit großen zusätzlichen Kosten für jeden Studiengang konfrontiert werden, ist noch nicht klar. Skepsis ist sicher angebracht. Ein letztes konkretes Problem, das ich hier ansprechen möchte, ist die Frage der Kompatibilität der Studiengänge. Die Bologna-Declaration will ja eine größere Kompatibilität der Studiengänge und Studienabschlüsse zwischen verschiedenen Ländern und auch zwischen verschiedenen Universitäten erreichen. Ich stelle nun allerdings fest, dass das mit der Kompatibilität so eine Sache ist. Die Philosophisch-Sozialwissenschaftliche und die Philologisch-Historische Fakultät haben zwei verschiedene Credit-Points-Systeme, und dies ungeachtet der Tatsache, dass einige Studiengänge Lehrveranstaltungen aus beiden Fakultäten integrieren. Wenn es nicht einmal gelingt, innerhalb einer Universität verschiedene Fakultäten dazu zu bringen, dieselben Leistungen mit denselben Leistungspunktzahlen zu versehen, wird deutlich, wie schwierig es offensichtlich schon innerhalb einer einzigen Universität ist, kompatible Modelle einzurichten. Ob dies im europäischen Maßstab wirklich gelingen wird, bleibt abzuwarten.
Ganz kurz noch zu den Schwierigkeiten und zu den Chancen einer Tätigkeit in Deutschland: Zunächst zu den Schwierigkeiten - die Chancen sollen als an den Schluss gestellt werden, damit sie als positiver Ausblick in Erinnerung bleiben... Zum einen sind wir - die meisten unter Ihnen werden davon erfahren haben - im Moment in Deutschland in den Fängen einer Hochschulreform, die - darüber besteht an den Universitäten weitgehender Konsens - ein großes Problem darstellt und, was die Zukunft der deutschen Universitäten anbelangt, wenig Anlass zur Zuversicht gibt. Die verworrene hochschulpolitische Situation führt dazu, dass die Universitäten ständig in widersprüchlichen Forderungen gefangen sind. Wir sollen einerseits leistungsfähig sein wie Harvard, natürlich mit einem Minimum an Ausstattung, wir sollen uns als Eliteinstitutionen international profilieren und gleichzeitig mittelfristig 60% eines Jahrgangs an den Universitäten betreuen, weil die PISA-Studie gezeigt hat, dass in Finnland, das mit guten Ergebnissen aufwarten konnte, 60% eines Jahrgangs an die Universität gehen. Wie dieser Spagat zwischen Massenuniversität und Eliteuniversität mit immer dürftigeren Ressourcen zu bewältigen sein soll, erklärt uns keiner. Ein weiterer Problempunkt sind die Junior-Professuren und damit verbunden die außerordentlich umstrittene Abschaffung der Habilitation, die große Verunsicherung erzeugt hat. In Bayern ist man im Moment noch zurückhaltend; wir haben an der Universität Augsburg noch keine Junior-Professuren eingeführt, aber auch dies dürfte sich in absehbarer Zeit ändern. Nicht nur die sogenannte Hochschulreform, die übrigens zu einer deutlichen Absenkung der Professorengehälter führt und den Beruf des Universitätswissenschaftlers noch unattraktiver werden lassen dürfte, auch die für Deutschland typischen Massenuniversitäten stellen ein Problem dar. Auch wenn zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht 60% eines Jahrgangs an der Universität studieren ist in Deutschland das Problem der Massenuniversität deutlicher zu spüren als in der Schweiz. Gerade die kleineren bayerischen Universitäten leiden zum Teil unter sehr schlechten Betreuungsrelationen. Ausstattung und Zahl der Studierenden stehen in vielen Fächern nicht in einem vernünftigen Verhältnis; insbesondere die Geisteswissenschaften leiden unter ständigen Kürzungen und dies bei stetig steigenden Studierendenzahlen. Die finanzielle und infrastrukturelle Verschlechterung betrifft uns täglich und erzeugt ein Krisenbewusstsein, das der Motivation der Lehrenden wenig dienlich ist. Die Lehre an einer Massenuniversität ist zudem wenig attraktiv: man hat es oft mit Studierenden zu tun, die in der Anonymität verschwinden können, die nicht bereit sind, sich wirklich zu engagieren. Wer in der Masse untergeht, kann immer darauf hoffen, dass er irgendwie durchgeschleust wird, auch wenn er nur ein Minimum an Leistung erbringt, und dies ist etwas, was uns - meinen Kollegen und mir - großes Unbehagen verursacht. Der Eindruck, dass eine Massenuniversität mit schlechter Ausstattung die Qualität des Studiums erheblich mindert, ist sicher zutreffend. Eine dritte Schwierigkeit - und die scheint mir nun in Deutschland besonders ausgeprägt - liegt in der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftern und Verwaltung. Zwar gibt es zwischen den einzelnen Universitäten durchaus Unterschiede, gerade in Augsburg erweist sich die Verwaltung jedoch als schwerfällig und bisweilen auch inkompetent. Die deutschen Universitätsverwaltungen verstehen sich nicht so sehr als Dienstleisterinnen für die Wissenschaft und Lehre, sondern als Machtapparat, gegen den man als Wissenschaftlerin und Wissenschaftler anarbeiten muss. Wenn ich mich mal wieder über unsere bürokratische Verwaltung geärgert habe, denke ich - ich gestehe es offen - manchmal mit einer gewissen Nostalgie an meine Zeit in der Schweiz zurück.
Soweit die Schwierigkeiten, mit denen ich in den beiden vergangenen Jahren konfrontiert wurde - kurz noch zu den Chancen. Es ist zwar bekannt, dass die Gehälter an deutschen Universitäten nicht sehr hoch sind. Dafür kann, wenn man etwas Glück hat, die personelle Ausstattung besser sein. Das bedeutet, dass es auch in den Geisteswissenschaften möglich ist, einen relativ großen Lehrstuhl zu haben und mit einem Team zusammenarbeiten zu können. Das ist etwas, das ich außerordentlich schätze, auch wenn ich im Moment um meine Stellen kämpfen muss und nicht weiß, ob ich in einem Jahr noch zwei Assistenten haben werde. Was ich zweitens schätze, ist das ausdifferenzierte System der Forschungsförderung. Neben der Deutschen Forschungsgemeinschaft existieren große Stiftungen wie die VW-Stiftung oder die Thyssen-Stiftung; zu erwähnen wäre weiter die Humboldt-Stiftung. Es gibt demnach eine Reihe von finanziell gut ausgestatteten Forschungsförderungsinstitutionen, und entsprechend dicht sind auch die Möglichkeiten, Drittmittel zu beantragen. Das führt zu einer bemerkenswerten Forschungsdynamik. Was ich drittens schätze, sind die guten Vernetzungsmöglichkeiten, die ja bereits Mireille Schnyder angesprochen hat. Ich erlebe als Wissenschaftlerin in Deutschland, wie intensiv und gut die Zusammenarbeit über Universitäten hinweg funktionieren kann; erlebe zum Teil auch innerhalb der Universität eine gute Zusammenarbeit in Forschungsbelangen. Deutschland ist ein großes Land mit zahlreichen wissenschaftlichen Institutionen und einer großen Zahl kompetenter Forscherinnen und Forscher. Durch Tagungen und direkte Kollegenkontakte, durch Gutachtertätigkeit und gemeinsame Publikationsprojekte gelingt es in der Regel gut, in die scientific community eingebunden zu werden. Durch derartige Vernetzungen gelangt man schnell an wichtige Informationen, findet Partnerinnen und Partner für Projekte und gewinnt damit neue Handlungsspielräume. Was ich viertens schätze, ist die kompetitive Atmosphäre an deutschen Universitäten. Das ist mir vor Jahren bereits im Rahmen meiner Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ludwig Maximilian Universität München aufgefallen, wo es eine große Zahl von jungen und sehr guten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern gab und eine entsprechend anregende Atmosphäre herrschte. Die Nachwuchsförderung erscheint mir viel professioneller, als ich sie in der Schweiz erlebt habe. Ich sehe das auch an meinen Assistenten: beide promoviert, beide sehr jung, beide mit einer bereits beeindruckenden Publikationsliste, beide mit laufenden Buchprojekten und außerdem der Habilitation befasst. Die akademische Atmosphäre ist lebendig, das geforderte Engagement allerdings auch sehr hoch. Was ich schließlich schätze ist, dass mir die deutsche akademische Landschaft etwas weniger verfilzt vorkommt als in der Schweiz. Möglicherweise ist meine Wahrnehmung zu naiv, aber dadurch, dass Deutschland viel größer ist und eine Vielzahl verschiedener Forschungsinstitutionen kennt, sind die persönlichen Verbindungen weniger eng. Die Wahrscheinlichkeit, dass man im Rahmen eines Begutachtungsverfahrens an Kollegen gerät, die einen kennen, ist geringer und insgesamt dürfte dies dazu führen, dass Entscheidungen stärker aufgrund der Leistung und nicht so sehr aufgrund persönlicher Konstellationen und Netzwerke getroffen werden.
Soweit also mein kurzer Erfahrungsbericht. Er sollte einen zwar subjektiven, jedoch, so hoffe ich, im wesentlichen zutreffenden Einblick in die Bedingungen, unter denen Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler in Deutschland arbeiten, vermitteln. Ich danke Ihnen für Ihr Interesse und - Ihre Geduld.
Germanistik in der Schweiz. Online-Zeitschrift der SAGG 2/2003