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Rotwelsch kommt von rot, einem alten Wort für «falsch», und welsch, für eine romanische, fremde, unverständliche Sprache. Es ist eine im Mittelalter entstandene Gaunersprache wie das Berner Mattenenglisch, eine Art Geheimcode der unteren Zehntausend. Der Zweck des Rotwelschen ist es, von der Obrigkeit nicht verstanden zu werden. Kassiber (aus der Zelle geschmuggelter Zettel), Blüte (gefälschte Banknote), baldowern (auskundschaften) oder mopsen (stehlen) – eine ganze Reihe von Begriffen haben es zwar in unseren Alltag geschafft, die meisten anderen aber bleiben unverständlich.
Der Polente, der Polizei, war das seit jeher ein Dorn im Auge. Anfang der dreissiger Jahre durchforstete das preussische Innenministerium seine Personalakten, um jemanden zu finden, der Rotwelsch, Jiddisch und Zigeunersprachen beherrschte. Mit Erfolg: Die Beamten stiessen auf den Studenten Siegmund Wolf, der als Jugendlicher lange mit Fahrenden umhergezogen war. Wolf wurde nach Berlin zitiert, wo man ihm Studiengeld und einen Vertrag anbot. Seine Aufgabe: eine umfassende Literaturrecherche und das Anlegen eines Rotwelsch-Wörterbuchs.
Kurz vor Kriegsbeginn ging Wolfs Vokabular an einen Verlag in Leipzig – und fiel dort prompt einem Bombenangriff zum Opfer. Nach Kriegsende brauchte Wolf volle elf Jahre, um das Manuskript wiederherzustellen. 1956 war es endlich soweit: In Mannheim erschien das «Wörterbuch des Rotwelschen» mit gegen 6500 erklärten Ausdrücken, zur grossen Genugtuung der Polizei und zum grossen Verdruss der Gauner.