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Diop: Gibt es weitere Beispiele in den Koans aus dem Shoyoroku, die auf die Integration von Form und Leerheit zeigen?
WW: Ja. Eines Tages rief Enkan seinen Diener: „Bring mir den Rhinozeros-Fächer!“ Der Diener sagte: „Der Fächer ist zerbrochen.“ Enkan sagte: „Wenn der Fächer schon zerbrochen ist, dann bring mir das Rhinozeros zurück!“ Der Diener gab keine Antwort. Enkan will damit ausdrücken: Wenn die Form ist bereits zerbrochen ist, dann bring mir die Leerheit zurück.
Diop: Das klingt ziemlich absurd.
WW: Nun ja, wenn wir es mit dem gewöhnlichen Verstand begreifen, ist es sicher so.
Diop: Sie sprachen vorhin die Wesensnatur an. Ich kann sie in diesem Beispiel nirgends finden, nicht einmal ansatzweise. Das Ganze klingt für mich einfach nur komisch und grotesk.
WW: Diesen Streich spielt uns nur unser Verstand, mit dem wir alles beurteilen und zergliedern. Sie können daraus ersehen, wie winzig dieses Denkprogramm in Wirklichkeit ist und wie wenig wir damit in der Lage sind, das Leben ganz zu erleben.
Diop: Können Sie denn nichts über diesen Fächer sagen?
WW: Ich bin nicht in der Lage, Koans zu erklären und ich möchte auch nicht in den Ruf kommen, dieses zu tun. Ich kann Koans immer nur ein klein wenig aufhellen, erfahren müssen wir sie selbst.
Diop: Sie weichen meiner Frage aus.
WW: Nun gut. Zur Aufhellung des Koans kann ich Ihnen sagen, dass das Material der Griff des Fächers damals in China aus dem Horn des Nashorns gefertigt wurde.
Diop: Das hilft mir wenig weiter.
WW: Die Form des Fächergriffes war aus dem Horn des Nashorns, war also besonders fest und wertvoll. Was aber, so frage ich Sie, ist aber nun der Fächer?
Diop: Der Fächer ist einfach der Fächer.
WW: Sehen Sie, das ist das Problem. Fragen Sie ein vierjähriges Kind und es wird Ihnen die Lösung bringen.
Diop: Sie meinen, wenn ich vier Jahre alt wäre, wäre es einfacher für mich?
WW: Ja. Um in diese Wirklichkeit der Koans einzudringen, reicht es vollkommen, vier Jahre alt zu sein. Mehr Verstand benötigen Sie nicht.
Diop: Sie wollen damit sagen, ich bin zu intellektuell?
WW: Genau. Wir haben es uns angewöhnt, ständig unseren Verstand zu gebrauchen. Irgendwann gelingt es uns nicht mehr, ohne ihn zu arbeiten. Was also ist ein Fächer?
Diop: Ein Fächer hat einen Griff, der aus unterschiedlichem Material sein kann und einen aufklappbaren Teil, der meistens aus verstärktem Papier gefertigt ist. Man benützt ihn, um sich damit kühle Luft zuzufächeln.
WW: Gut definiert. Fragen Sie einmal ein Kind, was ein Motorrad ist. Glauben Sie, es erklärt Ihnen, dass es zwei Räder hat, eines hinten und eines vorne, einen Lenker, einen Tacho, Bremse und Kupplung, einen Sattel und Lichter?
Diop: Nein.
WW: Das Kind wird sagen: „brumm, brumm“.
Diop: Ja.
WW: Das ist Zen. Das Kind erklärt nichts, es ist das. Es ist das Motorrad und gleichzeitig derjenige, der darauf sitzt.
Diop: So einfach ist das?
WW: Ja. Enkan bat einfach seinen Diener, ihm den Fächer zu bringen. Wahrscheinlich war es ziemlich heiß an diesem Tag. Der Diener wusste jedoch, dass der Fächer kaputt war. Sicher war der Griff des Fächers abgebrochen. Aus diesem Grund sagte er zu Enkan: „Der Fächer ist zerbrochen“. Was willst du damit?
Diop: Eine ganz alltägliche Geschichte?
WW: Ja. Bis hierher. Aber dann nützt Meister Enkan die Gelegenheit, seinen Diener in die tiefe Wahrheit des Zen zu stoßen und sagt: „Dann bring mir das Nashorn!“
Diop: Der Diener schwieg.
WW: Ja. Er wusste in diesem Augenblick nicht, was der Meister damit meinte, oder vielleicht doch?
Diop: Sie sprachen vorher von der Wesensnatur.
WW: Ja. Unsere Wesensnatur zeigt sich immer in der vollkommenen Identität von Form und Leere. Die Form des Griffes ist zerbrochen, das Anhaften an die Form ist aufgegeben, Leib und Leben sind verloren.
Diop: Damit bekommt das Koan eine ganz neue Wendung.
WW: Ja. Die Antwort des Dieners „der Fächer ist zerbrochen“ deutet darauf hin. Der Schüler „weiß“, worum es geht: Fächer und ich sind eins. Ich habe Leib und Leben verloren.
Diop: „Dann bring mir das Nashorn“, sagt Enkan daraufhin.
WW: Ja. Er will sagen: Wenn du Leib und Leben verloren hast, dann zeige mir deine Wesensnatur in diesem Augenblick. Enkan aber schwieg, er sagte kein Wort.
Diop: Soll das nun heißen, dass er es nicht konnte oder war sein Schweigen die Antwort auf die Frage des Meisters?
WW: Das herauszufinden, überlasse ich Ihnen. Jedenfalls bemühten sich einige Zen-Meister anstelle des Dieners um eine Antwort. Diese Antworten wurden immer von Setcho kommentiert. Tosu sagte: „Ich würde es schon bringen, aber das Horn am Kopf wäre unvollständig.“
Diop: Was meinte Tosu damit?
WW: Er wollte damit zum Ausdruck bringen, dass ohne Form die Leerheit nicht vollständig ist. Tosu tadelt dabei möglicherweise die Antwort des schweigenden Mönches, der sich in die Leerheit zurückzieht. Beides gehört zusammen und ist nicht voneinander zu trennen.
Diop: Welchen Kommentar gibt Setcho dazu ab?
WW: Setcho sagt dazu: „Ich brauche eben dieses unvollständige Horn am Kopf.“
Diop: Das klingt für mich aber nun ganz anders als bei Tosu.
WW: Setcho schafft es, mit seiner Aussage das Gleichgewicht zu Tosu wieder herzustellen. Dort der Bereich der Leere, hier der Bereich der Form. Was vielleicht spöttisch klingen mag, ist hier Ausdruck vollkommenen Gleichgewichts.
Diop: Was sagen die anderen Meister dazu?
WW: Sekiso sagte: „Wenn ich es Euch, Meister, zurückbrächte, wäre für mich nichts da.“
Diop: Wie muss ich das verstehen?
WW: Sekiso könnte auch gesagt haben: „Ich würde euch die Leerheit gerne zurückgeben, aber was hätte ich dann noch? Alles wäre dann leer-leer.“
Diop: Was sagte Setcho zu dieser Antwort?
WW: Setcho sagte dazu: „Das Rhinozeros ist noch da.“ Er meint, die Wesensnatur wäre trotzdem noch da. Nichts kann verloren gehen, nichts kann zerstört werden. Shifuku löst das Problem auf seine eigene Weise. Er zeichnete einen Kreis und schrieb das Zeichen „Ochs“ hinein.
Diop: Was wollte Shifuku damit zum Ausdruck bringen?
WW: Der Kreis ist ein Zeichen für Ganzheit. In diesem Kreis, der vollkommen leer ist, befindet sich das Nashorn, die Form. Beide sind untrennbar miteinander verbunden. Die Form kann nicht aus der Leerheit herausfallen. Aus diesem Grund kommentiert Setcho beinahe vorwurfsvoll: „Warum bist du damit nicht schon früher herausgerückt?“
Diop: Gibt es noch eine weitere Antwort?
WW: Ja. Hofuku sagte: „Meister, Ihr seid im fortgeschrittenen Alter. Stellt bitte einen anderen an!“
Diop: Was meint Hofuku damit?
WW: Er deutet an, dass Enkan damit überfordert ist.
Diop: Ist das nicht respektlos?
WW: Nein. Das ist das größte Kompliment, das er machen konnte. Er will damit sagen, lasst einfach alles so wie es ist und hört auf, euch darüber Gedanken zu machen. Er hat es doch nicht mehr nötig in seinem fortgeschrittenen Alter, in seiner Erfahrung, dass er darauf eingeht.
Diop: Und Setcho?
WW: Setcho sagte dazu: „Schade! So viel Arbeit ohne Verdienst!“
Diop: Was will Setcho damit andeuten?
WW: Enkan hat sich so geplagt und nichts ist dabei herausgekommen. Kein Verdienst, kein Lohn. Nur dies.
Diop: Gibt es im Shoyoroku noch weitere Koans, in denen Setcho als Kommentator auftritt?
WW: Ja, das Beispiel sechsundzwanzig. Dazu gibt auch Ummon seinen Kommentar ab. Aber davon das nächste Mal.
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