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Der Streik der Angestellten der Schifffahrt auf dem Schweizer Becken des Lago Maggiore, der Mitte Juli zu Ende ging, wird wohl in die Geschichte eingehen: Das Anliegen der Streikenden war sehr verständlich, sie forderten die Fortführung ihres Arbeitsvertrages und dass sie als im Tessin lebende Angestellte auch übliche Tessiner Löhne bekommen sollten. Ungewohnt aber war, dass den streikenden Angestellten gar kein Arbeitgeber zum Verhandeln gegenüberstand. So konnten die Gewerkschaften die Angelegenheit ganz an sich reissen und den Streik über die Massen und zum grossen Schaden des Tourismus in die Länge ziehen. Ein Streik darf nie zur Erpressung verkommen, er sollte vielmehr den Dialog zwischen den zwei betroffenen Partnern fördern. Dies beweist der römische Historiker Livius mit seiner Beschreibung eines Streiks, der vor mehr als 2500 Jahren im alten Rom stattgefunden hat. Es ging damals um die zugewanderten Plebejer, die im Unterschied zu den eingesessenen Patriziern in der Politik nicht mitmachen durften, aber dennoch Militärdienst leisten und Steuern zahlen mussten. Sie beschlossen aus Protest die Stadt Rom zu verlassen und zogen auf den sogenannten heiligen Berg ausserhalb der Stadt. Dadurch legten sie das öffentliche und private Leben in Rom lahm und der altgediente und weitherum beliebte Senator Menenius Agrippa wurde beauftragt, die Verhandlungen mit dem streikenden Volk zu führen.
Der Historiker Livius hat uns überliefert, mit welcher Rede und mit welcher Argumentation er vors Volk getreten ist: «Einst empörten sich die Glieder des Körpers gegen den Magen, weil sie glaubten, er allein sei untätig, während sie alle arbeiteten. So weigerten sie sich, weiterhin ihren Dienst zu tun. Die Hände wollten keine Speise mehr zum Munde führen, der Mund sie nicht mehr aufnehmen und die Zähne sie nicht zermahlen. Doch als die Glieder nun ihren Plan ausführten, spürten sie bald, dass sie durch solche Weigerung sich selbst am meisten schadeten. Jetzt erst erkannten sie nämlich, welche Bedeutung der Magen für sie habe: dass er die empfangene Speise verdaue und dadurch allen Gliedern Leben und Kraft verleihe. So hielten die Glieder es doch für besser, sich mit dem Magen zu versöhnen. – Und was will meine Fabel euch sagen?« schloss der kluge Agrippa. »Dass auch im Staate keiner ohne den andern bestehen kann, nur in der Eintracht liegt die Kraft.« Diese Rede überzeugte die Plebejer, dass auch sie die reiche Erfahrung und die Staatskunst des Senats auf die Dauer nicht gut entbehren könnten. Doch nicht eher kehrten sie zurück, als bis die Patrizier ihnen ihre Forderungen zugestanden hatten. Von nun an wurden Volkstribunen gewählt, die jedes gegen die Plebejer gerichtete Gesetz für ungültig erklären konnten.» (Titus Livius, «Ab urbe condita», 2,32)