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«De Stahel vo de Ligi gaht»
In der Altstadt ist der stattliche Mann eine bekannte Erscheinung und eine geschätzte Persönlichkeit, ein schöner Teil der Bevölkerung hat schon mit ihm zu tun gehabt. Nun lässt sich Hugo Stahel von der Städtischen Liegenschaftenverwaltung pensionieren.
Die Nachricht, dass Hugo Stahel von der «Ligi» Ende Juni in Pension geht, hat sich in der Altstadt ausgebreitet wie ein Lauffeuer. «Was, de Stahel gaht?!», war eine oft gehörte Reaktion. Und aus der Stimme klang Überraschung und nicht selten Bestürzung. «De Stahel» kennt hier jedermann, zumindest wer in einer städtischen Liegenschaft wohnt, und das wiederum tut rund ein Viertel der Bevölkerung.
Dass der städtische Liegenschaftsbestand so gross ist, hat unter anderem damit zu tun, dass die Stadt in früheren Jahrzehnten ganze Häuserzeilen aufkaufte, um Strassenprojekte zu verwirklichen oder um Platz für neue Amtshäuser zu schaffen. Projekte, die glücklicherweise nie realisiert wurden. Die Altstadt war indessen als Wohngebiet lange nicht begehrt, einfache Leute lebten hier, in engen, dunklen Behausungen, in die niemand investieren mochte. Erst in den Sechziger-, Siebzigerjahren begann man die Häuser systematisch zu sanieren. «Zuerst kamen die Schipfe-Häuser dran», erinnert sich Hugo Stahel, «dann Gasse um Gasse, zuletzt die Häuser Brunngasse 4, 6, 8 und die Spiegelgasse 2, 16 und 18.»
Zunächst dachte man beim Sanieren noch oft an Auskernen, erst die Rettung der Mühlegasse 12 leitete ein politisches Umdenken ein, auch der durch den Widerstand der Bevölkerung verhinderte Abbruch der Häuserzeile an der Chorgasse anfangs der Achtzigerjahre, die einer Wohnsiedlung hätte weichen sollen.
Nicht überrenovieren
Seither setzt man auf sanfteres Renovieren, in enger Zusammenarbeit mit Archäologie und Denkmalpflege. Als Hugo Stahel 1973 bei der «Ligi» begann, als Verwalter zuständig für die städtischen Altstadt-Liegenschaften, legte er bei einfacheren Umbauten auch mal noch selber Hand an. Sein Credo bis heute lautet: «Nicht überrenovieren! Es sollen normale Menschen hier wohnen und sich wohl fühlen können.» Das bedeutete Verzicht auf Luxusvarianten, was sich in tragbaren Mieten niederschlug. Generationen von Mietern sind dafür dankbar. «Leider werden die Vorschriften all der verschiedenen Ämter und Fachstellen dauernd verschärft und sollten auch in den Altstadtgebäuden umgesetzt werden. Aber versuchen Sie mal zum Beispiel im Grimmenturm eine rollstuhlgängige Wohnung mit einem den feuerpolizeilichen Vorschriften entsprechenden Fluchtweg zu schaffen und dann sollten noch die energetischen Vorschriften eingehalten werden…» Diese Entwicklung mit der einhergehenden Verteuerung der Mieten macht ihm zu schaffen. Einen Mietzinssprung brachte zuerst die Umstellung auf Kostenmiete vor zwanzig Jahren und nun die Neubewertung der Liegenschaften vor etwa zwei Jahren, was eine Mieterhöhung bei einem Mieterwechsel zur Folge hat. Stahel ist übrigens seit 1999 als Teamleiter zuständig für die Kreise 1, 5, 6, 7 und 8, die Altstadt betreut er nach wie vor selbst.
Gute Durchmischung
Bei Vermietungen achtete Hugo Stahel immer auf eine gute Durchmischung und er versuchte das Seine beizutragen, das Handwerk in der Altstadt zu erhalten. Was leider vor allem durch das neue Verkehrsregime stark erschwert werde, weil Gewerbetreibende ihre Fahrzeuge kaum mehr irgendwo hinstellen können und nur noch zu eingeschränkten Zeiten zufahren.
Wichtig war ihm überdies, dass Verwurzelte hier im Quartier bleiben können, möglichst auch die folgende Generation. So kam es, dass er Familien hat kommen sehen, deren Kinder inzwischen selber Eltern geworden sind. Er pflegt ein partnerschaftliches Verhältnis zu den Mieterinnen und Mietern. «Früher waren Mieter Bittsteller, das hat sich geändert.» Stahel ist überzeugt, dass eine gewisse Grosszügigkeit und Toleranz sich langfristig auszahlt. Deshalb hat er zwischendurch mal ein Auge zudrücken können statt auf irgendwelchen Paragrafen herumzureiten, wie das bei anderen Verwaltungen teilweise noch gemacht wird. «Gesunder Menschenverstand» nennt Stahel das, was alle so gern für sich beanspruchen und was man ihm gerne sofort zugesteht, wenn man ihn reden hört und mehr noch, wenn man über ihn reden hört. Über Stahel schlecht reden hört man eigentlich höchstens diejenigen, die gerade eine begehrte Wohnung nicht erhalten haben.
«Es ist eine Kunst, zu den Objekten die passenden Menschen zu finden», sagt er. So versuchte er immer abzuschätzen, ob Interessenten für eine Wohnung mit den übrigen Bewohnerinnen und Bewohnern eine einigermassen harmonierende Hausgemeinschaft bilden würden.
Etwas anderes ist die Vermietung von Ladenlokalen. Da bringt manchmal auch eine aufwendige Suche nicht die gewünschte Branche, den idealen Mieter. Was tun, wenn sich für einen Keller, der prädestiniert ist als Weinkeller, keine Weinhandlung finden lässt? Wenn auch eine temporäre Vermietung als Zwischennutzung nur einen Zeitgewinn bringt, aber keine geeigneten Interessenten? Dann muss man trotzdem irgendwann entscheiden und vermieten, sich mit dem Machbaren zufrieden geben.
Häuser und Menschen
Hugo Stahel wird nach seiner Pensionierung wegziehen von Zürich. Er wird mit seiner Frau umziehen ins St. Galler Rheintal, das ihnen in den vergangenen vierzig Jahren zur zweiten Heimat geworden ist. Das dortige Ferienhaus wird zum neuen Wohnsitz. Dort, wo auch sein Pilzsammelgebiet ist. Gibt es denn etwas, was er dort vermissen wird? «Na euch! Die Altstadt! Die Menschen!»
Die Wohnungen in städtischen Liegenschaften in der Altstadt sind von einem Menschen vermietet worden, der es besser machen wollte als er es zuvor selber erlebt hatte. Von einem, der die Häuser gern hat und die Menschen.
«Was, de Stahel gaht?!» Der Schreck ist verständlich. Die gute Nachricht: Charles Irniger, der Mann an der Seite von Hugo Stahel, der Mann vor Ort, der das Technische regelt, der immer da ist, wenn man ihn braucht, innert kurzer Zeit: er bleibt. Und noch eine gute Nachricht: die Nachfolgerin von Hugo Stahel heisst Jennifer Palmy. Jennifer Palmy hat Häuser gern und sie hat gern Menschen.
«De Stahel gaht?! Da müemer öppis mache!» So reagierten einige, nach dem ersten Schreck.
Sie planen ein Fest zum Abschied, für Hugo Stahel. Welchem Liegenschaftsverwalter wird bei seinem Abschied von der Mieterschaft ein Fest ausgerichtet?
Elmar Melliger
Abschiedsfest
«Auf Immer-Wiedersehen», so lautet das Motto des Abschiedsfests für Hugo Stahel. Es findet statt am Dienstag, 21. Juni ab 18 Uhr auf dem Leueplätzli, bei jeder Witterung (allenfalls im nahen Kellerraum). Die Gäste bringen etwas für das gemeinsame Buffet mit (Salate oder Desserts) und etwas für auf den Grill (Geschirr und Besteck von zu Hause mitnehmen), Getränke sind am Fest erhältlich. Freiwillige Helferinnen und Helfer mögen sich bitte bei Helen Faigle im Laden melden.
Mit Musik von «Tramgleis», von Adrian Weyermann und mit dem Altstadtchor.