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Am Wochenende kehrte Walter Zbinden mit einer Goldmedaille im Reisegepäck von den Senioren-Europameisterschaften (EM) in der Türkei nach Hause. Glücklich über den Gewinn des EM-Titels, nachdem er schon vor zwei Jahren Hallen-Weltmeister und Europameister bei den Über-70-Jährigen (M70) geworden war. Etwas weniger zufrieden war er mit seinen übersprungenen 2,70 m, zumal er vor zwei Jahren den EM-Titel mit 3,10 m errungen hatte. «Ich habe mich eine Woche vor dem Wettkampf an der Leiste verletzt», führt er einen der Gründe für seine für ihn bescheidene 2,7 m an. «Im Training überspringe ich locker drei Meter», sagt er, doch die Verletzung hinderte ihn an der EM in Izmir mit jedem zusätzlichen Sprung immer mehr.
Seine schärfsten Konkurrenten blieben jedoch auf dieser Höhe hängen. «Ich war allen Konkurrenten hoch überlegen», fügt er bei, obwohl er es mit ehemaligen Spitzenathleten zu tun bekommt, die 5,60 m und 5,40 m übersprungen haben und gar den Weltrekord innehatten. Er weist hingegen eine Bestleistung von 4,10 m auf, die er als 40-Jähriger geschafft hatte. Und wenn er mit 73 Jahren nicht so viel an Höhe eingebüsst hat wie diese ehemaligen Topleute, so führt er dies auf seine gute Technik zurück. «Ich habe erst mit 35 Jahren mit Stabhochsprung begonnen und hatte damals nicht die Trainingsmöglichkeiten und das Material wie diese Athleten», ergänzt er.
Am Kehlkopf operiert
Stolz ist er aber dennoch auf seine Leistung, weil er sich vor einem Jahr einer schweren Kehlkopf-Operation unterziehen musste, nachdem bei ihm als sehr seriös lebendem Nicht-Raucher ein Krebsleiden an den Stimmbändern diagnostiziert worden war. Und heute kann er nur sprechen, wenn er auf einen Knopf an einer Vorrichtung unten am Hals drückt. Diese hindert ihn auch leicht beim Anlauf. «Wenn ich einen 100-m-Sprint mache, so muss ich die Vorrichtung wegnehmen, um genügend Luft zu bekommen», sagt er, wohl wissend, dass dann eine Infektionsgefahr besteht, wenn die Luft direkt vom Loch unten am Hals in die Luftröhre dringt. «Während zehn Monaten konnte ich den Kopf nicht bewegen», hält er fest und weist darauf hin, dass auch die Ärzte heute ob seinen Leistungen nur so staunen. «Schon drei Tage nach der Operation bin ich aufgestanden und habe versucht zu gehen. Da haben die Ärzte gesagt, ja, das ist ein Sportler. Der will wieder gesund werden.»
Im Aufbau
Und er wurde wieder gesund. «Ich habe selber nicht daran geglaubt, dass ich wieder stabhochspringen kann», erklärt er. Er konnte das Training erst vor fünf Monaten wieder aufnehmen. «Vor fünf Monaten musste ich wieder das ABC des Stabhochspringens lernen. Ab diesem Herbst kann ich wieder mit dem eigentlichen Aufbau beginnen», sagt er und meint damit, dass er den Absprung, das optimale Krümmen des Stabs und das senkrechte Hochschleudern der Beine speziell trainieren kann.
Körperlich und geistig fit
In der Tat ist Stabhochspringen eine sehr anspruchsvolle Disziplin, bei der Schnelligkeit, Kraft und Technik gefragt sind. Viermal wöchentlich trainiert Walter Zbinden noch und fühlt sich topfit. «Beim Bankdrücken stemme ich noch 80 Kilogramm hoch», sagte er und gibt zu verstehen, dass dies in seinem Alter nicht schlecht sei. Vor allem auch Reckübungen stehen auf dem Trainingsprogramm, um die Bauchmuskulatur zu stärken. «Und in meinem Alter müssen die Automatismen stimmen. Während eines Sprungs kann man nicht noch Korrekturen vornehmen», hält er fest und bemerkt, dass das Stabhochspringen nicht nur körperlich fit hält, sondern auch geistig. «Ja, Kopfarbeit ist wichtig. Ich muss mir den Sprung immer wieder im Kopf durchgehen lassen», verrät er.
Die Faszination, die diese Sportart auf ihn ausübt, die Genugtuung, mit EM- und WM-Medaillen nach Hause zu kehren und im beachtlichen Alter gute Leistungen zu vollbringen, motiviert ihn immer wieder, das harte Training auf sich zu nehmen. «Das Stabhochspringen hat mir auch geholfen, die schwere Krankheit zu überwinden und nicht mit meinem Schicksal zu hadern», betont er. «Statt zu grübeln, bin ich trainieren gegangen.»
An ein Aufhören denkt Walter Zbinden überhaupt nicht. Nach dem EM-Titel hat er sich ein neues Ziel gesetzt. Er will den Weltrekord von 3,30 m der M70 knacken. Und er hofft, dass er nach einem guten Aufbautraining, wie er sagt, an der nächsten EM in Lyon in Hochform ist. Und dann kann der Düdinger auch mit dem Auto anreisen und mehrere Stäbe mitnehmen. Muss er nämlich fliegen, so nimmt er nur einen Stab als «Handgepäck» mit.
Ein Spätberufener
Walter Zbinden ist eigentlich ein spät berufener Stabhochspringer. Erst mit 35 Jahren entdeckte der vormalige Sprinter diese Disziplin. «Der CA Fribourg, dem ich damals angehörte, suchte für die Schweizer Vereinsmeisterschaften einen Stabhochspringer», begründet er seinen Disziplinenwechsel.
Eine Rückkehr zum Sprint schliesst Zbinden, der auch als erfolgreicher Trainer beim TSV Düdingen tätig war, nicht gänzlich aus, sollte es mit dem Stabhochspringen zu schwierig werden. «Aber vorläufig konzentriere ich mich aufs Stabhochspringen, wo meine Medaillenchancen sicherlich grösser sind.» az