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Im Alter von neun Jahren erblindete Oluwakemi. Ihr Vater konnte ihre Blindheit nicht akzeptieren und brachte sie zu obskuren Heilern und Medizinmännern, aber alles vergeblich. Durch die Unterstützung ihrer Mutter lernte sie Braille und Mobilitätstechniken, und schließlich bekam sie die Chance Medienwissenschaften zu studieren. Heute plant sie die Gründung von “Eagle’s Voice”, einer Organisation, die sehbehinderten und blinden Frauen durch Journalismus-Training die Möglichkeit bietet, sich zu belastbaren Führungspersönlichkeiten zu entwickeln.
Die Stimme des Adlers
“Kamera läuft! Drei, zwei, eins! Action!”
Das Studiosignal blinkt, eine spezielle Taste vibriert, um anzuzeigen, dass alle Mikrofone bereit sind.
“Guten Tag, liebe Hörerinnen und Hörer von Dare to defer! Ich freue mich, Sie heute bei unserer Sendung begrüßen zu dürfen! Und wir haben wieder einen wichtigen Gast in unserem Studio …”
Die Zuhörer können ihr verschmitztes Lachen hören, während der Programm-Jingle durch einen einfachen Klick auf das mit Braille beschriftete Bedienfeld ein- und wieder ausgeblendet wird.
"Frau Oluwatossin!"
Eine andere Szene: Etwa 100 Personen sitzen in einem Saal, um die neu ernannten Minister der Regierung Nigerias in ihr Amt einzuführen. Der Moderator begrüßt die Bildungsministerin, “Frau Oluwatossin!”. Sie betritt die Bühne, winkt gemütlich in die klickenden Kameras und lächelt das aufgeregte Publikum an. In ihrer rechten Hand hält sie einen weißen Stock.
Und wieder eine Szene in einem klimatisierten Büroraum. Zwölf ernst dreinblickende Männer in schwarzen Anzügen, mit glänzenden Schuhen sitzen um einen ovalen Tisch und beobachten eine Frau in einem gewagten bunten Kleid, die selbstbewusst auf hohen Absätzen vor einem Bildschirm mit Diagrammen und Zahlentabellen auf und abläuft. Mit freundlicher, aber selbstbewusster Stimme erklärt sie die Einzelheiten des Jahresfinanzberichts des Unternehmens. Ihr Zeigestock ist ein weißer Stock. Ihre Notizen bestehen aus einem Stapel von Braille-Aufzeichnungen.
Vaters Liebling
Ist das nur Wunschdenken oder ein Ziel in Reichweite? Begleiten Sie mich zunächst einmal einige Jahre zurück in meine Kindheit.
“Das kann nicht sein! Meine Tochter?! Das darf meinem Kind nicht passieren! Wir haben diese Krankheit nicht in der Familie!”
Die Aggression und Angst meines Vaters richtete sich gegen meine Mutter, die täglich Schläge erfuhr. Während sie ihren Schmerz aber hinter einem Lächeln verbarg, war ich verwirrt. Waren nicht meine Augen Schuld an all dem? Ich fühlte mich schuldig und weinte mich jede Nacht in den Schlaf. Ich ahnte nicht, dass dies ein neuer Anfang eines weiteren Lebensabschnitts war.
Als kleines Mädchen war ich immer der Liebling meines Vaters. Er war stolz auf mich, und da ich mich für Naturwissenschaften interessierte, schlug er vor, dass ich Pharmakologie studieren sollte.
Streichhölzer
Eines Tages, als ich versuchte, ein Streichholz anzuzünden, um das Abendessen für die Familie zuzubereiten, drangen die Partikel des Streichholzes in mein linkes Auge ein, und das war der Beginn meines Sehverlusts.
Später, auf dem Weg zur Schule, wurde mir schwindlig. Meine Sicht war verschwommen und mein Vater gab mir eine Kräutermedizin und ein Glas Milch. Er glaubte, dass ich unter Stress litt. Er wusste nicht, dass bei mir eine Netzhautablösung diagnostiziert werden würde.
Nach mehreren kostspieligen Operationen beschloss ich, dass ich keine chirurgischen Messer mehr an meine Augen lassen würde. Damals hatte ich ein sehr geringes Selbstwertgefühl, denn ich musste meine Ausbildung abbrechen, meine Klassenkameraden ließen mich im Stich, und sogar meine unmittelbaren Cousins und Cousinen gingen mir aus dem Weg. Alle taten so, als ob alles in Ordnung wäre und damit verschlimmerten sie das Gefühl, dass hier etwas “Unaussprechliches” vor sich ginge.
Schuldzuweisungen und Medizinmänner
Während mein Vater meiner Mutter die Schuld gab, zeigte er mir mit jeder Handlung, dass er die Erblindung nicht akzeptieren würde.
So wurde ich durch ihn zu verschiedenen Medizinmännern gebracht, die mich im Fluss baden, im Dschungel übernachten und seltsame Mixturen trinken ließen, um mein Augenlicht wiederherzustellen. Alles umsonst.
Eine Freundin meiner Mutter riet ihr, mich in die Pacelli-Schule für blinde und sehbehinderte Kinder zu bringen. Dort erhielt ich die notwendige Einführung in Blindentechniken wie die Brailleschrift und das Mobilitätstraining.
So konnte ich meine Ausbildung fortsetzen und wieder in die Gesellschaft integriert werden. Meine Mutter unterstützte mich während meiner gesamten Neuorientierung. Aber mein Vater versuchte alles zu boykottieren.
Schuldzuweisungen und Medizinmänner
Oft schlug er meine Mutter mit einer Peitsche, wenn sie zu spät vom Markt nach Hause kam. Er verlangte von ihr, dass sie auf ihr blindes Kind aufpasste. All das schwächte mein Selbstvertrauen. Meistens wollte ich einfach nur das Haus verlassen und mich von dem Chaos zu Hause fern halten. Eines Tages warf er das Gepäck meiner Mutter hinaus und forderte sie auf, sich von der Familie zu trennen. Sie blieb standhaft und sagte, sie würde nirgendwo hingehen.
Nach der Sekundarschule entschied ich mich für ein Studium von Medien Kommunikation.
Stärkung des Selbstvertrauens
Während meines Studiums stellte ich fest, dass es nur wenige Frauen mit Behinderungen an der Universität gab. Die Gründe dafür waren, dass einige nicht selbstständig mit dem Computer umgehen konnten; andere kämpften noch damit, ihre Behinderung zu akzeptieren. Um nicht als frustrierte und einsame blinde Frau zu enden, beschloss ich, mich an allen Aktivitäten zu beteiligen. In meinem zweiten Jahr entwickelte ich ein Sensibilisierungsprogramm für das Campusradio. Diese Aktion stärkte mein Selbstvertrauen und meine Kommunikationsfähigkeiten. Das Programm zielte darauf ab, die Einstellung zu Behinderungen zu ändern.
Aber die große Chance kam nach dem Schulabschluss: In Nigeria kann man sich für ein National Youth Service Corps (NYSC) entscheiden. Die Absolventen werden in einen anderen Staat entsandt, um dort ein Jahr lang in einem sozialen Projekt zu arbeiten. Ich wurde in den Bundesstaat Zamfara in Nordnigeria verschickt, vierundzwanzig Autostunden von meinem Wohnort entfernt. Diese Erfahrung stärkte meine Mobilitätsfähigkeiten, gab mir das Selbstvertrauen, allein zu reisen, und half mir, meine Kommunikationsfähigkeiten und mein Selbstbewusstsein zu verbessern. Mir wurde klar, dass jede Frau mit einer Behinderung die Möglichkeit erhalten muss, sich selbst zu entdecken.
Langer Weg vor uns
Das Nigeria, das ich mir vorstelle, ist ein Land, in dem blinde und sehbehinderte Frauen Führungspositionen in einflussreichen Bereichen wie Politik, Unternehmen und Medien einnehmen. Aber um dieses Ziel zu erreichen, haben wir noch einen langen Weg vor uns. Wir brauchen drastische Veränderungen in der Einstellung der patriarchalischen nigerianischen Gesellschaft, und wir brauchen eine angemessene Ausbildung für blinde und sehbehinderte Frauen, die bereit sind aus ihren Komfortzonen zu treten und die sogar in der Lage sind, der in Nigeria unterschätzten weiblichen Führungskraft im Allgemeinen eine Stimme zu geben.
Um blinde und sehbehinderte Frauen auszubilden, werden wir eine Journalistenschule mit angeschlossener Radiostation einrichten. Eagle’s Voice wird ein Inkubator für blinde Frauen sein, die in der Gesellschaft aufsteigen, Führungspositionen übernehmen und sich mit nicht weniger zufriedengeben als selbst über wichtige Belange entscheiden zu können.