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Aus der Entfernung betrachtet scheint die US-amerikanische Politik eine ziemlich klare Sache zu sein: Wer in Ihrem Land politischen Erfolg haben will, der ist entweder reich oder berühmt, am besten aber beides zusammen. Bestimmt gibt es Nuancierungen, die über den Atlantik hinweg nicht mehr auszumachen sind. Mir scheint aber, dass in Ihrem Land entweder die einflussreichen Familien die Fäden ziehen, wie die Kennedys, Clintons und Bushs, oder aber Celebrities. Arnold Schwarzenegger, Ronald Reagan und Clint Eastwood sind nur die berühmtesten Politiker, die einst Schauspieler waren. Gemäss Wikipedia gibt es nur in Indien und auf den Philippinen mehr Filmstars in der Politik als in den USA. Dafür regiert bei Ihnen ein Mann, von dem man sich zuweilen wünscht, er möge nur schauspielern.
Aber da Sie, liebe Frau Nixon, vom Fach sind, können Sie sehr wohl zwischen der bitteren Realität und einem schlechten Film unterscheiden. Und weil Sie der amtierenden politischen Elite etwas entgegensetzen wollen, sind Sie selbst in die Politik eingetreten und kandidieren als Demokratin für das Amt der Gouverneurin von New York.
Ich bewundere Ihren Willen und die Selbstlosigkeit, das glamouröse Filmset gegen ein miefiges Büro in Albany eintauschen zu wollen. Schliesslich legen Sie für diese Kandidatur eine grosse Karriere auf Eis: Wegen Ihrer Rolle als Miranda in «Sex and the City» sollte Ihr Name eigentlich im Lexikon unter P wie Populärkultur stehen. Doch Sie konnten sich trotz dieses Erfolgs künstlerisch weiterentwickeln, wurden für Charakterrollen preisgekrönt und am Broadway gefeiert. Trotz der bequemen Distanz zur Realität, die man Fiktion nennt, nehmen Sie die Verantwortung wahr, die Berühmtheit mit sich bringt: Sie wollen die soziale Ungleichheit bekämpfen, die nach Ihrer Aussage in keinem anderen US-Bundesstaat so gross ist wie in New York.
Schauspieler sind Wundertüten, wer weiss schon, welche Person sich hinter ihren Rollen wirklich verbirgt. An Ihren Absichten zweifle ich aber keine Sekunde, schliesslich kennen Sie nicht nur dieses privilegierte Leben: Sie sind allein mit Ihrer Mutter in New York aufgewachsen und haben sich schon als Kind mit Schauspielerei das Geld für das Studium verdient. Sie haben damals eine öffentliche Schule besucht und schicken auch Ihren Sohn auf eine solche, was in New York City nun wirklich keine Selbstverständlichkeit ist. Und Sie haben jahrelang für die Rechte der LGBTQ-Community gekämpft und aus Ihrer eigenen Homosexualität nie ein Geheimnis gemacht.
Ob Sie die Rolle der Politikerin nicht nur überzeugend zu spielen, sondern auch gut auszufüllen wissen, kann ich nicht beurteilen. Es ist mir klar, dass ich Ihnen Vorschusslorbeeren erteile, einfach weil ich Sie schon immer mochte. In «Sex and the City», der Serie, die ich trotz aller blinder Flecken noch heute als feministisches Highlight meiner Jugend verteidigen würde, war die neurotische Carrie Bradshaw nur vordergründig der Star. Nein, Ihre Figur war es, die mit Ihrer No-Bullshit-Attitüde und Ihrem Stil als Vorbild taugte. Ich weiss, Sie haben diese Rolle nicht erfunden, aber in meinem Kopf werde ich Sie nie von der Miranda trennen können, die ich immer so bewundert habe.
Ich finde es mutig, dass Sie sich nicht scheuen, zu den altbekannten Waffen zu greifen, um ihr Ziel zu erreichen. Für das Kampagnen-Video setzen Sie auf die konservative Familienidylle und zeigen sich mit Ihrem jüngsten Sohn Max im New Yorker Apartment. Nur dass da ganz selbstverständlich eine Frau an Ihrer Seite zu sehen ist, Ihre Frau, Christine Marinoni. Gerade so, als wäre es in der Politik kein Nachteil, eine Frau zu sein und noch dazu lesbisch.
Sie nehmen es auf sich, als «unqualifizierte Lesbe» beschimpft zu werden. Und anstatt «Fake News» zu schreien, reagieren Sie mit Humor und verteilen Pins mit dieser Aufschrift an Ihre Anhängerinnen. Gemäss den letzten Prognosen liegen Sie noch weit hinter dem amtierenden Gouverneur Andrew Cuomo zurück, der bereits für die dritte Amtszeit kandidiert. Aber bis zur Wahl im November werden Sie noch einige Ihrer charmanten und cleveren Auftritte haben, und mit Ihrer Kandidatur haben Sie bereits erreicht, dass ihr demokratischer Gegner weit weniger rechts politisiert als bis anhin. Die Medien lieben Sie, und als Schauspielerin wissen Sie die Massen zu bewegen – und das für einmal nach links.
Mit Hochachtung,
Ihre Barbara Loop