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Und so beginnt sein Tag. Wenn du es ganz genau wissen willst. Er steht im kalten, nassen Morgenlicht vor der Tür und pinkelt auf den steinigen Boden. Er wird wach, steht auf, tappt über den rohen Holzfussboden und öffnet die Tür. Er zieht die Schlafanzugshose herunter und der ganze, in einer langen Nacht angestaute Harn strömt auf den steinigen Boden und hinunter zum Fluss, der dem Meer entgegenfliesst. Die Erleichterung. Die abgrundtief seufzende Erleichterung. Er muss sich am Türrahmen festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Er blickt auf das aufgewühlt wirbelnde Wasser. Vorbeifahrende Boote, totes Holz, Treibgut. Ein ertrunkenes Tier, das sich langsam in der Strömung dreht. Manchmal winken die Leute in den Booten, aber er winkt nicht zurück. Er hat sie nicht eingeladen, hier durchzufahren, wenn er nach dem Aufwachen pinkeln geht. In ihren glänzenden weissen Booten mit der verchromten Reling und den getönten Scheiben und der Badeleiter hinten am Heck. Als ob man in diesem Fluss jemals baden würde. Vorbeifahren können sie, wenn sie unbedingt wollen, aber sie brauchen nicht zu glauben, dass er zurückwinkt. Nicht, wenn er die Hände voll hat.
Manchmal ist am anderen Ufer ein Mann und angelt. Er ist zu weit weg, als dass man sein Gesicht erkennen könnte, man weiss also nicht, ob der Mann sieht, was er hier tut. Aber selbst wenn – ihm wäre das nicht peinlich. Das ist jetzt sein Haus, und nichts kann ihn davon abhalten, auf seinen eigenen Grund und Boden zu pinkeln, wenn er morgens aufwacht.
Die Boote kommen meist in den Sommermonaten hier durch, aber der Angler ist das ganze Jahr über da. Eine Menge Ausrüstung besitzt er. Er hat zwei oder drei verschiedene Angelruten und Ständer, in denen sie stehen, und einen grossen Metallkasten mit einer Menge Schubfächern und Boxen und Einsätzen, auf dem sitzt er, aber er steht ständig auf, um die vielen Schubfächer und Einsätze zu öffnen. Als ob er was suchen würde. Als hätte er keine Ordnung da drin. Im Wasser hat er ein langes Netz hängen, das offene Ende ist am Ufer festgemacht. Da hinein setzt er die Fische, wenn er sie gefangen hat. Warum? Man weiss es nicht. Vielleicht zählt er sie gern. Oder vielleicht macht es ihm Spass zuzusehen, wenn er sie in den Fluss zurücksetzt, die durch die Luft springenden Silberblitze, wie sie eine Sekunde zappeln und flossenschlagen, als versuchten sie zu fliegen. Vielleicht hat er auch gern ein bisschen Gesellschaft.
Dann hat er noch ein anderes Netz, einen grossen, viereckigen Kescher am Ende eines langen Stiels. Sollte er irgendwann einmal die Nase vollhaben von den ganzen Angelruten und Rollen und Würmern und Schubfächern, in denen er doch nichts findet, könnte er sich einfach ans Ufer setzen und das Netz durchs Wasser ziehen, bis etwas darin hängen bleibt. Wie ein Kind am Strand. Wie ein kleiner Junge, mit einem kleinen, bunten Bambuskescher.
Wie ein kleiner Junge, dessen Vater ihm zeigen wollte, wie man mit so einem Kescher umging, und ihn dabei ins Wasser fallen liess. Am Meer. Als sie draussen auf dem Anleger waren, und der Vater des Jungen fuhr mit dem Kescher durch das klare Salzwasser, hin und her, und der Junge zog ihn am Arm: Ich will auch mal, lass mich auch mal, aber der Mann liess den Kescher ins Wasser fallen. Der kleine Junge wollte, dass er hinterhersprang und ihn wieder herausholte, aber sein Vater musste ihm sagen: Es tut mir schrecklich leid, aber das kann ich nicht. Und der kleine Junge wollte, dass er ihm einen neuen kaufte, und der Mann musste wieder sagen: Es tut mir schrecklich leid, aber das kann ich nicht. Der Junge fing an zu weinen, und es gab nichts, was der Mann hätte tun können. Er hätte ihn auf den Arm nehmen können.
Was für Sachen einem manchmal durch den Kopf gehen. Da steht er am frühen Morgen da, guckt jemandem beim Angeln zu, pinkelt auf den steinigen Boden, der hinunter zum Fluss führt, denkt an nichts Böses und dann taucht mit einem Schlag ein Mann in seinem Kopf auf, der den Kescher seines kleinen Sohnes verliert. Das war ja nun wirklich lange her. Dass er keinen neuen Kescher kaufen konnte, um den Kleinen zu trösten. Den kleinen Jungen mit den roten Haaren.
Jeden Morgen steht er da und betrachtet den Fluss, die Äcker, den Himmel. Er versucht abzuschätzen, wie das Wetter sich heute entwickeln wird. Er entscheidet, welche Arbeiten er im Laufe des Tages verrichtet, ob am Baumhaus oder am Floss. Er denkt ans Frühstück. Er denkt darüber nach, ob er losgehen und noch mehr Holz besorgen soll.
Es ist schon etwas schwer zu verstehen, warum die Leute auf den Booten winken. Vielleicht finden sie es ja seltsam, draussen auf dem Wasser zu sein. Sie fühlen sich allein oder irgendwie unwohl und schon ein wenig besser, wenn sie winken. Oder sie glauben, das gehört sich so. Vielleicht rufen sie auch Ahoi!, wenn sie an einem anderen Boot vorbeifahren. Man weiss ja nie. Die Männer auf den Frachtschiffen winken nicht. Eins kommt ungefähr einmal pro Woche vorbei, ein Frachtkahn, der Schotter geladen hat, und die Männer auf dem Schiff haben noch nie jemandem gewinkt, seit er hier ist, weder ihm noch dem Angler noch einem der anderen Boote. Auf der Fahrt flussaufwärts ragt der Frachter ganz weit aus dem Wasser heraus, seine hohen Stahlwände sind zerbeult wie eine Blechtonne. Aber wenn er dann voll beladen wieder flussabwärts fährt, dann sieht er ganz anders aus. Tief liegt er im Wasser, gleichmässig und langsam stampft er voran, und ein Mann mit einer flachen, blauen Kappe läuft an Deck herum, über das die Wellen klatschen, und macht es mit einem Wischmopp an einem langen Stiel sauber.
Und oft fragt er sich, was passieren würde, wenn der Mann ins Wasser fiele, ob er sich als guter Schwimmer erweisen würde, ob der Bootsführer in der Lage wäre, den Kahn anzuhalten und seinen Kollegen wieder an Bord zu ziehen. Oder ob der Schiffer ertrinken und hier tot angespült werden würde, am Ufer seiner kleinen, schottrigen, steinigen, zum Wasser hin abfallenden Parzelle.
Was er tun würde, wenn es dazu käme, weiss er nicht. Ob er hinuntergehen und den Mann herausholen oder ihn wenigstens aus dem Wasser ziehen würde. Er ist sich nicht sicher, ob er dazu in der Lage wäre. Körperlich. Seelisch. Vielleicht wäre es ja besser, auf die Zuständigen zu warten. Vielleicht wäre es ja seine Aufgabe, zur Telefonzelle am Yachtclub zu laufen und den notwendigen Anruf zu tätigen. Dann würden die zuständigen Amtspersonen kommen und wahrscheinlich sagen: Danke schön, das haben Sie gut gemacht. Das war besser so, dass Sie die Leiche nicht angefasst haben, gut gemacht. Dann würden sie Fotos machen: von dem steinigen Boden, der Leiche, den Füssen, die immer noch in den Fluss hingen. Profis, Experten mit der entsprechenden Ausrüstung, würden kommen und ihn aus dem Wasser ziehen und mitnehmen.
Sie bräuchten die entsprechende Ausrüstung.
Und es gäbe nichts, was der zweite Mann auf dem Frachtkahn tun könnte. Das Schiff ist sehr lang, da könnte er nicht einfach ans Ufer steuern und festmachen, könnte nicht angerannt kommen und schreien: Wo ist er, wo ist er, lebt er noch? So würde es sich garantiert nicht abspielen. Er würde einfach weiter Kurs halten müssen, den Frachter zum nächsten Anleger lenken, an dem er allein sicher festmachen konnte, und dann zu Fuss hierher zurückkehren. Vielleicht wären die Zuständigen in der Zwischenzeit längst da gewesen und hätten seinen toten Kollegen mit dem Wischmopp mitgenommen.
Er stellt sich den Kapitän am Steuerrad des schwer beladenen Frachtkahns vor, der über die Schulter zu der Stelle im Wasser starrt, an der sein Kollege hineingefallen ist. Das wäre sicher nicht leicht. Zwei Männer, die Tag für Tag so zusammen ihren Job verrichten, die sind sich doch bestimmt sehr nah. Die kommen doch sicher sehr gut miteinander zurecht. Denselben Flussabschnitt rauf und runter, laden und Ladung löschen, Leinen werfen, Leinen los, ohne viel Worte, weil man sich bei dem Motorenlärm nur schwer versteht und weil es ja sowieso nicht viel zu sagen gibt. Aber mit einem Blick und einem Nicken verständigen sie sich, da kann man sich schon sehr nah kommen, sie kennen einander wahrscheinlich besser als ihre sonstigen Verwandten und Bekannten. Und dann rutscht einer von dem nassen Gangbord ins Wasser und sein Kollege kann nur den Hals verdrehen und gucken, die Wasseroberfläche schliesst sich über ihm, als wäre nichts passiert, und der Wischmopp schwimmt flussabwärts, hinaus zum Meer.
Er denkt viel darüber nach. Aber wer weiss. Vielleicht lohnt es sich gar nicht, sich damit zu beschäftigen. Es scheint eher unwahrscheinlich, dass man wissen muss, wie man sich in so einem Fall korrekt verhält. Aber völlig ausgeschlossen ist es ja nicht. So etwas kommt vor. Öfter, als man denkt. Leute fallen ins Wasser und verschwinden, und wenn sie wieder auftauchen, sind sie ertrunken. Es ist nicht ausgeschlossen. So etwas gibt es.
Vielleicht ist das ja der Grund, weswegen die Männer auf den Frachtkähnen nicht winken. Sie müssen sich konzentrieren. Sie wissen, was alles passieren kann. Sie nehmen den Fluss ernst.
Er beobachtet sie, wenn sie vorbeituckern, den Mann mit der blauen Kappe und dem Wischmopp und den Mann am Steuerrad, und fragt sich, ob sie ihn auch sehen. Ob sie den Angler sehen, wenn er da ist, was öfter vorkommt, oder ob sie ausser dem Fluss und der Strömung und dem Wetter und einander überhaupt nichts wahrnehmen.
Er stellt sich vor, dass sie das Wetter ziemlich genau im Auge behalten, die beiden. Ja, das Wetter behalten wir immer im Auge, würden sie wahrscheinlich sagen, wenn sie jemand fragte, wenn sie abends in den Yachtclub kämen und jemand würde ihnen einen ausgeben und sie danach fragen, wie das war, auf so einem schweren Pott den Fluss rauf und runter zu fahren. Vom Wetter sind wir schon sehr abhängig.
Er behält das Wetter ebenfalls genau im Auge, von seiner Warte am Flussufer aus. Es verändert sich relativ langsam. Das anziehende Wetter ist von weitem zu sehen: wie die Wolken aufreissen, wie ein Regenschleier über die Felder zieht. Manchmal denkt er, dass es interessant wäre, das alles aufzuzeichnen. Die Windgeschwindigkeiten, Temperatur, Regenmenge, solche Daten. Aber dazu bräuchte man Ausrüstung und Messgeräte, und er ist sich nicht sicher, wo man so etwas herbekäme. Wahrscheinlich müsste man dazu in die Stadt.
Aber manchmal ist er schon erstaunt, wie anders die Gegend hier aussieht, wenn das Wetter umschlägt. Da steht er früh morgens in der Tür, und der Regen vom Vortag ist weg und da sind keine Wolken mehr und es sieht aus, als ob es nie Wolken gegeben hätte und nie wieder geben wird, so klar und blitzblank und riesig ist der Himmel, und alles, was vorher grau war, ist frisch und duftend wie frisch gesägtes Holz. Und ein anderes Mal steht man dann da und sieht die Hand vor den Augen nicht, der dicke Nebel hängt über dem Fluss und ausser den Bäumen rund ums Haus ist nichts zu sehen. Vom Fluss ist nichts zu hören als das gedämpfte Plätschern der Wellen am steinigen Strand. Das gegenüberliegende Ufer ist völlig verschwunden, und er hat keine Ahnung, ob der Angler mit seinen Ruten und seiner Ausrüstung nun da ist oder nicht. Der Angler sieht nicht so aus, als ob ihn ein bisschen Luftfeuchtigkeit vom Angeln abhalten würde, aber man weiss es nicht.
Es ist frustrierend, darüber nicht Bescheid zu wissen. Er ist ein Mensch, der gern Bescheid weiss. Über das, was in seiner unmittelbaren Umgebung vor sich geht. Woher der Wind weht. Manchmal hat er schon darüber nachgedacht, ob er hinüberlaufen soll zu der Angelstelle des Mannes, um das herauszufinden. Aber da läuft man eine ganze Weile, und so viel Zeit hat er nicht. Er hat zu tun. Das wären fast zehn Kilometer, die Strasse runter, am Yachtclub vorbei, ins Dorf, an der Post vorbei bis zum Aussiedlerhof, zur neuen Brücke und dann die ganze Strecke am anderen Ufer wieder zurück.
Und was sollte er dem Mann sagen, wenn er dort hinkäme. Das wäre eine peinliche Situation.
Die Leute nennen sie die neue Brücke, dabei muss sie mittlerweile zwanzig oder dreissig Jahre alt sein.
Nicht nur das Wetter kann umschlagen. Es ist erstaunlich, wie neu jeder Tag aussieht, welch unterschiedlicher Ausblick sich jeden Morgen bietet, wenn er ins Freie tritt und auf den steinigen Boden pinkelt: Wie hoch das Wasser steht, wie der Himmel aussieht, wie sich die Luft an seiner Haut anfühlt, die Richtung, in die der Dampf aus den Kühltürmen am Horizont weht, die Zahl der Blätter an den Bäumen, die Fussabdrücke von Vögeln und kleinen Tieren im weichen Schlick am Ufersaum, die Farbe des vorbeiziehenden Flusses.
Wie sich die Fliessgeschwindigkeit je nach Wasserstand verändert, das ist wirklich erstaunlich. In letzter Zeit hat es heftig geregnet. Der Fluss nimmt Anlauf, das schnell fliessende Wasser ist braun vom vielen Lehm, der von den Feldern hineingespült worden ist, das Wasser steigt und rast dem Meer entgegen, strömt um die Biegungen und über Felsen oder Bäume oder gesunkene Boote hinweg, die ihm im Weg sind, alles, was da glaubt, es könne einfach bleiben, wo es ist. Der Fluss spült es weg, reisst es los, nimmt es mit, lockeres Erdreich und Steine an den Böschungen, Bäume mit empfindlichem Wurzelwerk, einen Stapel Paletten, den man zu nah am Wasser hat stehen lassen. Alles wird mitgerissen, wie Menschen in einer Menschenmasse, wie in einem Fussballstadion, wenn zu viele Menschen auf zu kleinem Raum sind und etwas passiert und alle anfangen zu drängeln. Wenn alle anfangen zu rennen, da kann kein einzelner Mensch mehr stehen bleiben oder einen Bogen darum machen, es ist eine einzige grosse Bewegung aller, und dann braucht man sich nicht zu wundern, was passiert, wenn man versucht, diese Wucht einzudämmen, wenn da ein Zaun aufgestellt wird und jemand sagt: zurücktreten, nicht rennen, es ist ja genug Platz für alle da, verteilen Sie sich, treten Sie zurück, hören Sie auf zu drängeln!
Wenn es nicht genug Platz gibt. Wenn zu viele Menschen an einem Ort sind, und jemand stellt einen Zaun hin und sagt: hören Sie auf zu drängeln.
So ist er. Der Fluss. Wenn es zu stark geregnet hat. Seine Wucht ist enorm und kann den Tod bringen: Man muss an eine Menschenmasse denken, die weggespült wird, und keiner kann sie aufhalten und sie kommt an einen Zaun und jemand sagt: Hören Sie auf zu schieben. In einem Fussballstadion. Alle drängeln sich durch eine kleine Öffnung und es gibt nicht genug Platz und keiner kann mehr stehen bleiben. Und da ist ein Zaun und jemand steht hinter dem Zaun und sagt: Hören Sie auf zu drängeln, können jetzt bitte mal alle aufhören zu schieben.
An so was muss er einfach denken, wenn er den Fluss so sieht.
Es gibt auch Zeiten, da fliesst der Fluss ganz ruhig. Wenn es aufgehört hat zu regnen. Ist der Fluss erst ein paar Tage lang wie ein wilder Stier voller Schlamm und Gewalt vorbeigedonnert, fällt der Wasserspiegel wieder; die Strömung wird langsamer, löst sich vom hohen, ausgewaschenen Ufer und kommt fast zum Stillstand. Die Sonne in Splittern und Scherben auf der Wasseroberfläche, wie Alufolienfetzen, die stromaufwärts von Kindern auf einer Brücke ins Wasser geworfen werden. Dann sieht der Fluss tatsächlich aus, als ob man darin schwimmen könnte. Nicht, dass er das je gemacht hätte. Er hat hier noch nie jemanden schwimmen sehen. Wahrscheinlich sollte man das auch lieber nicht tun.
*
So beginnt also sein Tag. Falls das wirklich jemanden interessiert. Der Morgen kommt zu den zersprungenen Fensterscheiben des Hauses hereingekrochen. Er steht im Türrahmen, pinkelt auf den steinigen Boden und denkt über all das nach, was ich gerade geschildert habe. Er sieht sich den Fluss an, den Himmel, das Wetter und überlegt, was er den Tag über arbeiten soll. Das Wichtigste zuerst. Das Baumhaus ist, abgesehen vom Dach, fast fertig, aber das Floss ist noch lange nicht so weit.
Das Baumhausdach ist wichtig.
Er denkt über die Leute auf den Schiffen nach und den Angler und die Kinder flussaufwärts, die Sachen ins Wasser werfen, die Stöcke und Schiffchen hineinwerfen und in Plastikflaschen geschobene Nachrichten. Er stellt sich vor, die Flaschen würden zufällig auf seinem Grundstück ans Ufer gespült werden und er würde den Schraubverschluss aufdrehen und das Stück Papier glätten. Er denkt an die Kinder auf der Brücke, die den in der Strömung kreiselnden Schiffchen und Flaschen hinterherschauen. Er stellt sich vor, wie sie eine Hand an die Stirn halten, um sie möglichst lange nicht aus den Augen zu verlieren. Zwei sind es, ein Junge und ein Mädchen, das Mädchen jetzt fast elf, der Junge achteinhalb. Rothaarig wie ihr Vater. Er stellt sich vor, wie das Mädchen sich abwendet und sagt: Komm schon, wir müssen Mum einholen, und der Junge erwidert: Aber ich kann meins immer noch sehen, echt! Und er hält seine kleinen Hände wie ein Fernglas vor die Augen.
Und was würde in diesen Nachrichten stehen?
Klare Sicht bis weit hinüber zu dem Feld in der Ferne, schwache Frühmorgensonne glänzt auf dem Fluss. Aber der Wind frischt auf, Regen ist im Anzug.
Gelbe Weidenblättchen wehen über den steinigen Boden und in den Fluss und treiben davon wie winzige Frachtkähne auf dem Weg zum Meer.
Und wenn es losgeht, werden sie nichts verstehen. Sie werden sich Regenmäntel anziehen, nach draussen gehen und ihre Regenschirme gegen die Himmelsgewalt zücken. Sie werden den Wetterbericht hören und warten, dass es aufhört zu regnen, damit sie die Wäsche nach draussen hängen können. Aber es wird nicht aufhören. Das müssten sie verstehen, aber das werden sie nicht.
Das Baumhaus ist fast fertig. Anfangs ging es nur langsam voran; er wusste nicht, wie man so etwas baut. Er musste mehrere verschiedene Techniken ausprobieren, bevor er wirklich vorankam. Damals war es noch nicht ganz so dringend. Mittlerweile pressiert es. Es ist sozusagen zwingend erforderlich, dass es bald fertig wird. Das Baumhaus besteht hauptsächlich aus alten Paletten. Die sind einfach zu besorgen, und dass es nicht so perfekt aussieht, ist ja auch egal. Ihre Aufgabe erfüllen sie.
Aus dem Yachtclub haben es ein paar Leute mitbekommen. Sie müssen es beim Vorbeifahren von der Strasse aus gesehen haben. Als er das letzte Mal in den Club kam, haben sie ihn ausgelacht. Einer hat ihn gefragt, ob er der schweizerische Robinson wäre, und wenn ja, wo sei der Rest seiner Robinsonfamilie. Da wäre ihm beinah die Hand ausgerutscht, da hätte er dem Kerl beinah einen dicken gläsernen Aschenbecher an den Kopf geknallt oder ihn mit seinem dicken Hintern vom Barhocker gestossen. Aber das hat er nicht getan. Er passt jetzt besser auf. Wenn er nicht aufpasst, dann passiert schnell mal ein Unfall oder etwas Unangenehmes. Also hat er ihnen nicht die Meinung gesagt. Sie haben ihm eine Menge Fragen gestellt, wofür er das Baumhaus baut und warum es so hoch ist und was er machen wird, wenn es mal richtig weht. Er hat nur geantwortet, er hätte Holz herumliegen gehabt und sich gedacht, er würde es einfach mal ausprobieren, und als jemand sich mit den Fäusten an die Brust getrommelt und einen Tarzanschrei ausgestossen hat, da ist er aufgestanden und gegangen. Er hat nicht mal die Tür hinter sich zugeknallt und sich auch nicht umgedreht, als er sie hinter seinem Rücken lachen hörte.
Wer weiss, warum sie den Schuppen Yachtclub nennen. Eine Yacht hat keiner von denen.
Wie sie gelacht haben. Manche Leute haben das verdient, was auf sie zukommt.
Es ist vielleicht nicht das schönste Baumhaus der Welt, aber seinen Zweck erfüllt es. Es ist schwierig, alles ganz genau richtig hinzukriegen, wenn man fünfzehn Meter hoch in der Luft sitzt. Es ist schon schwierig genug, das Holz da hochzuschaffen. Zu zweit ginge das einfacher. Oder zumindest schneller. Aber er ist allein, da ist also einiges an sorgfältiger Planung notwendig. Gehirnschmalz. Und harte Arbeit.
Er braucht Dachpappe. Oder eine alte Plastikplane, wenn er keine Dachpappe auftreiben kann. Das Dach ist wichtig. Für das Dach muss er sich Zeit nehmen. Und dann ist da natürlich noch das Floss. Die Grundstruktur ist schon da – Tonnen und Paletten –, aber mit der Verschnürung muss er sich noch mal befassen. Letztendlich kommt es ja auf die Stabilität der ganzen Konstruktion an. Irgendein Wetterschutz wird wahrscheinlich auch notwendig sein, ein Häuschen oder ein Rahmen für eine Plane. Wenn ein Floss so viel Gewicht tragen kann.
Wenn das Wetter umschlägt, kommt der Wolkenbruch meistens von Osten her angezogen. Man kann praktisch dabei zusehen, wie sich die Wolken formieren, wie eine Armee, die sich am Horizont zusammenzieht und nur noch auf den Marschbefehl wartet. Und wenn der Regen dann kommt, ist es eher ein Sturmangriff als ein Aufmarsch, dann prasselt es auf den Fluss ein, das klingt, als würde man eine Schachtel Nägel auf dem Holzboden ausleeren. Doch wenn das Unwetter so plötzlich und zornig heranzieht, dann geht es meistens auch genauso schnell wieder vorbei, und hinterher ist die Luft wie blankgescheuert.
Aber es wird eine Zeit geben, in der das Unwetter nicht wieder aufhört. Wenn die Wolken sich sammeln und nicht mehr weiterziehen und der Regen unentwegt auf die Erde fällt. Und manche werden vorbereitet sein, und andere nicht.
Er fragt sich, was der Mann am anderen Flussufer wohl macht, wenn er nicht dort sitzt. Wenn er nicht angelt. Wahrscheinlich ist er pensioniert, und deswegen kann er auch so oft dort sitzen und angeln. Eigentlich sieht er nicht alt genug aus, um schon pensioniert zu sein, so wie er sich bewegt und bei dem vielen Gewicht, das er mit sich herumschleppt. Vielleicht hat er sich ja krankschreiben und frühpensionieren lassen. Vielleicht hat er früher bei der Polizei gearbeitet, bei der Polizei wird man oft krank und frühpensioniert, wegen seelischer Belastung zum Beispiel, wenn zum Beispiel etwas passiert ist. Es gibt Dinge, die passieren können, wenn man bei der Polizei arbeitet, es gibt Dinge, die einen aus der Bahn werfen oder seelisch belasten können. Sachen, die man mitansieht, zum Beispiel, oder miterlebt.
Wenn man zum Beispiel vor einer Menschenmenge steht und sagt: Hören Sie auf zu drängeln, es ist ja genug Platz da, Sie brauchen nicht zu schieben. Oder wenn man hinter dem Zaun steht und sagt: Treten Sie zurück, hören Sie auf zu drängeln. Und später sieht man dann die Absperrungen, Stahlabsperrungen, durchbrochen und zerdrückt wie Schilfhalme.
Es könnte schwierig für jemanden werden, nach so einem Erlebnis weiter seinen Beruf auszuüben, so etwas mit sich herumzuschleppen, ohne sich von der seelischen Belastung beeinträchtigen zu lassen. Angeln wäre da wahrscheinlich der ideale Ausgleich: die Ordnung, die Stille, die Einsamkeit. Niemand, der schreit oder schiebt. Niemand, der Erklärungen fordert. Nur der Fluss, der gelassen vorbeizieht. Der Himmel, das sich wandelnde Licht, das silberne Glitzern, wenn das Netz ausgeleert wird und die Fische zurück in die Sicherheit des Flusses gleiten.
Natürlich könnte es auch etwas ganz anderes sein. Das war ja reine Spekulation. Vielleicht war es ganz anders.
Wenn es kommt, wird es ganz plötzlich kommen und über die Felder heranrasen wie eine rachsüchtige Menschenmasse, eine unaufhaltsame Flut brodelnden Zorns. Sie werden dastehen und gaffen, an der Bushaltestelle, im Eingang von Geschäften, aus der vorgeblichen Sicherheit verriegelter Autos heraus, und sie werden den Kopf schütteln und sagen: Das Wetter ist ja wirklich entsetzlich, und sie werden nicht wissen, was sie da sagen.
Und die beiden Kinder auf der Brücke, die Papierfetzen ins Wasser werfen und zusehen, wie das Wasser höher steigt – vielleicht werden sie ja schlau genug sein, um zu verstehen, was da geschieht, vielleicht werden sie auf einen Baum klettern und am Horizont nach einem sicheren Ort Ausschau halten. Oder vielleicht werden sie vor Verzweiflung ihre Schirme nehmen und kleine Boote daraus machen und sich auf ihnen von der Strömung wegtragen zu lassen. Aber vielleicht sind sie ja jetzt schon zu gross dafür.
Und jedes Mal, wenn es so aussieht, als würde der Regen aufhören, werden die Menschen aus den Häusern treten und hinauf in den Himmel blicken. Sie werden ihre Gesichter heben und sich nassregnen lassen, während sie in die heller werdenden Wolken starren, bevor sie sich wieder in die Sicherheit der Häuser zurückziehen, der Schlafzimmer im Obergeschoss, der Dächer.
Das werden die ersten paar Wochen sein. Bevor sie verstehen.
Und wenn es dann so weit ist, werden die Menschen von der tobenden Strömung des neuen Flusses weggerissen und fortgeschwemmt werden. Und er wird ihnen nicht helfen können. Aber er wird Ausschau halten, und wenn er zwei Kinder vorbeischiessen sieht, zwei rothaarige Kinder mit aufgerissenen Augen, dann wird er einen langen Kescher ausstrecken, den er dafür bereithält, und er wird sie herausziehen, wird sie abtrocknen und schön warm anziehen und ihnen etwas zum Abendessen kochen. Und dann können sie alle zusammen in dem Baumhaus wohnen, bis es vorbei ist, und wenn den Kindern langweilig wird, dann können sie Papier und Wachsmalstifte nehmen und malen, Nachrichten schreiben oder kleine Schiffchen falten. Und wenn sie wirklich weg müssen, dann haben sie ja das Floss. Sie werden vorbereitet sein.
Momentan ist der Himmel klar, aber bald fängt es wieder an zu regnen. Er kann es riechen.
Manchmal wird es gerade erst hell, wenn er aufwacht. Es tut gut, dort zu stehen und zuzusehen, wie der Morgen in die Welt gekrochen kommt, der Fluss vor ihm nichts als ein Schatten, die kalte Luft an seiner Haut. Das ist ein Geschenk. Manchmal kann er eine ganze Stunde so dastehen und zusehen, wie die Formen und Farben aus der Dämmerung hervortreten. Die Gräben und Kanäle, die wie Silberfäden glitzern.
Manchmal ist die Welt wunderschön. Wirklich schade darum.
Aber dass man eine Stunde so damit zubringt, die Ankunft des Morgens zu beobachten, das ist selten. Das tun die Leute nicht. Die meisten nehmen sich nicht mal einen Augenblick Zeit, um das erste Mal Wasserlassen am Morgen zu geniessen, so wie er das tut. Die Leute sind so beschäftigt. Die putzen sich die Zähne, während sie auf dem Klo sitzen, um ein paar Minuten einzusparen. Essen ihr Frühstück im Stehen. Sie haben keine Zeit, der Farbe zuzusehen, die in den neuen Tag hineinsickert. Sie haben Termine, Besprechungen, Unterlagen. Sie haben keine Zeit, einander zuzuhören, keine Geduld, wenn sich jemand nicht richtig ausdrücken kann. Sie haben keine Zeit, herumzustehen und sich jemanden anzuhören, der nichts sagt ausser: Ich kann das nicht erklären, oder: Ich weiss nicht, wie ich es sagen soll. Es gibt Wichtigeres, das erledigt werden muss, und ein Mann, der den Tag damit verbringt, am Fenster zu stehen, der passt in diese reibungslos funktionierenden und erfüllten Leben einfach nicht hinein.
Das sind diejenigen, die Ohren haben und nicht hören und Augen haben und nicht sehen. Das sind diejenigen, die nichts verstehen werden, wenn es so weit kommt.
Sie sagen vielleicht, dass sie es verstehen. Sie sagen, sie wissen, es dauert eine Weile, bis man darüber hinweg ist. Aber eines Tages gibt es dann Geschrei und eine zittrige Stimme, die sagt: Ich habe keine Zeit, mich damit zu beschäftigen. Dann der Aufprall von Gegenständen auf harten Oberflächen, hilfloses Gefuchtel, Kinder, die weinend danebenstehen.
Niemand hat Zeit. Alle sind beschäftigt und haben wichtige Dinge zu tun. Sie brauchen jemanden, der funktioniert. Sie brauchen jemanden, der, selbst nach dem, was geschehen ist, wieder zur Arbeit gehen kann. Schweigen und Stillstehen und Nachdenken bringen kein Brot auf den Tisch.
So beginnen jetzt seine Tage. Er hat mich gebeten, dir davon zu berichten. Er wacht auf, er geht über den rohen Holzfussboden, er hält sich am Türrahmen fest und pinkelt auf den steinigen Boden.
Er betrachtet den Stand des Flusses und die Farbe des Himmels. Er blickt hoch zum halb fertigen Baumhaus, zum Floss, und er plant seine Arbeit für den Tag.
Bald fängt es an zu regnen. Und die Leute werden es nicht verstehen. Sie werden Hüte aufsetzen und Mäntel anziehen, die Regenschirme aufklappen und sich hineinstürzen in das, was sie tun müssen. Ihre geschäftigen Tage. Ihr erfolgreiches und wichtiges Leben.
Er fand, du solltest das wissen.
Illustration: Christina Baeriswyl.