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Die brasilianische Sängerin Ithamara Koorax, die von Antionio Carlos Jobim als «die neue Elis Regina» bezeichnet wurde, will sich nicht auf ein Genre festlegen lassen. Ob Jazz-Standards, Bossa Nova, Fusion oder Villa-Lobos: Ithamara Koorax singt alles mit Leidenschaft und erweist sich als veritable Verwandlungskünstlerin. Im «Jazz Talk» spricht Ithamara Koorax über ihre Idole, die Pflege ihrer Stimme und die Zusammenarbeit mit dem Schweizer Trompeter Peter Schärli.

Jazz Talks

Den Entschluss, Sängerin zu werden, fasste Ithamara Koorax, die 1965 in Rio de Janeiro auf die Welt kam, bereits im zarten Kindheitsalter. Das Faible für Musik wurde ihr sozusagen in die Wiege gelegt: Ihre Mutter war Opernsängerin, ihr Vater ein grosser Musikliebhaber, der sich von der ersten Bossa-Nova-Welle mitreissen liess. Während acht Jahren genoss Ithamara Koorax klassischen Klavierunterricht, sie sang in einem Chor, der viele Preise gewann. Als Teenager entdeckte sie den Jazz, wobei sie sich insbesondere für Schlagzeuger und Trompeter begeisterte. Heute bezeichnet Koorax den Jazz als «grossartigen Mix von allem», fügt aber hinzu: «Ich bin keine Amerikanerin, ich habe meine eigenen Wurzeln. Musik ist universell, aber meine Stimme ist individuell.»
Im Laufe des Gesprächs wird die Liste von Sängerinnen, denen Ithamara Koorax ihre Bewunderung zollt, immer länger - das klassische Jazzsängerinnen-Triumvirat (Billie Holiday, Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan) fehlt da ebenso wenig wie so unterschiedliche Ikonoklastinnen wie die Bop-Furie Betty Carter und Helen Merrill mit ihrer verführerischen Nikotin-Stimme. Auch ausserhalb der amerikanischen Jazz-Tradition hat Koorax zahlreiche Vorbilder - an erster Stelle nennt sie die Polin Urszula Dudziak und ihre Landsmännin Flora Purim.
Mit Dudziak und Purim teilt Koorax die Fähigkeit, ihre Stimme in ganz hohe Piepsregionen vorantreiben zu können: «Dass ich das kann, habe ich zufällig entdeckt. Man kann sich das nicht antrainieren - entweder man hat es oder man hat es nicht. Für die normale Stimme ist es nicht gut, wenn man die Stimmbänder auf diese Art strapaziert. Ich verwende diese ganz hohen Töne nur dann, wenn es musikalisch Sinn macht.» Ithamara Koorax ist sich sehr wohl bewusst, dass die Stimme ein äusserst heikles Instrument ist, das gepflegt und gehegt werden will. Sie raucht nicht und versucht, so viel wie möglich zu schlafen. Wenn sie in Europa ist, trinkt sie sehr viel Wasser, da ihr das trockene Klima besonders zu schaffen macht. Regelmässige Pilates-Übungen sind ein fester Bestandteil ihres Fitness-Programms. Ein gesunder Körper ist für sie die Voraussetzung für eine gesunde Stimme.
Die Frage, ob Ithamara Koorax eine Jazzsängerin ist, die auch Bossa Nova singt, oder doch eher eine Bossa-Nova-Sängerin, die auch Jazz singt, ist obsolet. Koorax bezeichnet sich selbst als Eklektikerin und trifft damit den Nagel auf den Kopf: Jazz (im Sinne von Standards aus dem «Great American Songbook») und Bossa Nova (prägend war für Koorax in dieser Hinsicht die Zusammenarbeit mit den Bossa-Nova-Pioniern Jobim und Bonfa) bilden zwar einen wichtigen Teil ihres Œuvres, dazu kommen aber auch etliche andere Musikrichtungen wie zum Beispiel Fusion oder Interpretationen von Stücken des brasilianischen Komponisten Heitor Villa-Lobos. Ithamara Koorax will sich ganz bewusst nicht einengen lassen und darum hat sie sich mit Arnaldo DeSouteiro einen Produzenten gesucht, der ihre musikalische Offenheit und ihren Hang zu Opulenz teilt. Über die Zusammenarbeit mit Creed Taylor, der in den 70er-Jahren auf dem Label CTI Jazz in Fusion-Sauce kochte, spricht Koorax mit riesiger Begeisterung. Juristische Winkelzüge führen dann leider dazu, dass das Album, das dabei entstand, nicht veröffentlicht werden konnte.
Auf ihren aufwändig produzierten Alben arbeitet Koorax nicht nur mit Musikern aus ihren diversen eigenen Bands zusammen, sondern mit zahlreichen Gastmusikern (z.B. Ron Carter, John McLaughlin, Gonzalo Rubalcaba, Dom Um Romao, Luiz Bonfa) und unterschiedlichen Arrangeuren. Ithamara Koorax, die in Brasilien mit Songs für populäre Feierabend-TV-Serien berühmt wurde, ist nicht nur in ihrer Heimat ein Star (kein Geringerer als Antonio Carlos Jobim bezeichnete sie als «die neue Elis Regina»), sondern hat auch in Asien (v.a. Japan) und den USA eine grosse Fangemeinde. Zu ihren Fürsprechern zählt mit Ira Gitler ein einflussreicher Doyen der Jazzkritik und in den Polls des Magazins Down Beat ist sie seit einigen Jahren in den vorderen Rängen zu finden (und zwar in den Kategorien «female singer», «beyond musician» und «beyond album»). Dave Brubeck hat ein Stück für sie geschrieben.
Einen geradezu intimen Kontrapunkt zu dieser Glanz-und-Gloria-Seite von Ithamara Koorax bildet ihre kongeniale Kooperation mit dem Schweizer Trompeter Peter Schärli, die dank der Vermittlung des inzwischen verstorbenen Perkussionisten Dom Um Romao zustande kam. Romao spielte in den 70er-Jahren nicht nur mit der amerikanischen Fusion-Gruppe Weather Report, sondern auch mit der Innerschweizer Electricjazz-Freemusic-Formation OM. Romao liess den Kontakt zur CH-Szene nicht abbrechen und so kam es, dass sich seine Wege eines Tages mit denjenigen von Peter Schärli kreuzten. «Bei meiner ersten Tournee mit Peter Schärli hätte auch Dom Um Romao dabei sein sollen, doch er starb kurze Zeit davor. Wir haben dann darauf verzichtet, ihn durch einen anderen Perkussionisten zu ersetzen», erzählt Koorax im Dachstock der Jazzschule Luzern, wo ihre erste Probe mit der Gruppe von Schärli stattfand.
Die Zusammenarbeit mit einem bloss aus Trompete (Schärli), Piano (Hans-Peter Pfammatter) und Kontrabass (Thomas Dürst) bestehenden Trio empfindet Ithamara Koorax als grosse Herausforderung: «Es ist nicht leicht, die Musik mit einer solchen Kombination zum Tanzen zu bringen.» Für sie bekommt der Bossa Nova in diesem Kontext eine ganz spezielle, europäische Note.
Tom Gsteiger