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Das Artilleriewerk Reuenthal ist in vielerlei Hinsicht für den Schweizerischen Festungsbau und die Schweizerischen Festungsmuseen ein besonderes Werk. Es war sowohl Prototyp für die Grenz-Artilleriewerke
als auch für die Festungsmuseen in der Schweiz. Aber der Reihe nach.

Idee und Planung
[ Fortsetzung von Kapitel Zurzach ]
Noch als Oberst und Kommandant der Infanteriebrigade 12 machte sich Eugen Bircher Gedanken, wie er den Auftrag zur Grenzsicherung im Abschnitt zwischen Kaiserstuhl und Stein lösen wollte. Er kannte 1928
in seinem Abschnitt 5 feste Rheinübergänge und weitere waren in Form von Rheinkraftwerken in Planung. Gestützt auf seine Rekognoszierungen und seine Ahnung, was auf Europa und die Schweiz zukommen werde,
hat er im Juli 1934 seine legendäre Denkschrift verfasst.
Birchers Denkschrift von 1934
Diese Studie beginnt mir einer Analyse der deutschen Möglichkeiten und Vermutungen über die Absicht des Dritten Reichs. Er ging bereits damals davon aus, dass sich das Reich in eine Militärdiktatur
entwickeln werde und in 15 bis 20 Jahren (!) über ein angriffsbereites Heer verfügen würde. Frankreich tödlich zu treffen, wäre nach Vollendung der Maginotlinie für ein motorisiertes Heer nur noch über
die Schweiz und anschliessend durch die Burgunder-Pforte möglich. Bircher zog bereits eine Koalition zwischen Deutschland und Italien in Betracht, dies obwohl sich diese beiden Mächte damals noch mehr
als reserviert gegenüber standen. Dadurch würde die Bedeutung der Schweiz noch wesentlich erhöht. Kerngedanken, welche ihn den Bau von Befestigungen fordern liessen, waren unter anderem, dass
Befestigungen wegen ihrer Verzögerungswirkung einen Durchmarschanreiz vermindern, die Stärke des Feldheeres erhöhen, die paralysierende Wirkung von Befestigungen gegen einen strategischen Überfall und
wegen der psychologisch beruhigenden Wirkung (!), welche Befestigungen auf Armee und Bevölkerung ausüben.
Bircher stellte dann ein Szenario eines deutschen Schlages gegen die Schweiz dar. Er analysierte im Detail die Möglichkeiten mit Bahn und Strasse gegen die Schweiz aufzumarschieren. Er skizzierte eine
operativ günstige Verteidigungslinie zwischen Sargans - Zürich - Basel - der späteren Limmatlinie -, machte aber auch auf ihre Schwäche aufmerksam. Unter anderem wäre die Mobilisation gefährdet, weil
die Rheinlinie preisgeben würde.
Aus diesen Überlegungen heraus forderte Bircher die Notwendigkeit des Baus eines in die Tiefe gestaffelten Gürtels von Bunkern und rechnete mit total 300 Stück solcher "Blockhäuser". Ziel des
Bunkergürtels sollte die Verhinderung eines ungestörten Rheinüberganges auf Brücken oder Geniemitteln und die Verzögerung eines gegnerischen Vorstosses ins Landesinnere sein.
Parallel dazu forderte er die Organisation eines von der Feldarmee unabhängigen, lokal rekrutierten und schnell einsatzbereiten Grenzschutzes - aus welchem dann die Grenzbrigaden hervor gehen sollten.
Bundesrat Rudolf Minger war stark beeindruckt über diese Denkschrift und verlangte von der Generalstabsabteilung eine Stellungnahme dazu. Diese Denkschrift war der Auslöser, welcher dann zu all den
Aktivitäten in Sachen Grenzschutz und Befestigungsbauten führten.
Befestigungen am Rhein entstehen
Bereits in seiner Denkschrift hat Bircher in seinem Abschnitt zwischen Kaiserstuhl und Leibstadt 19 mögliche Standorte für MG Bunker erkundet und aufgeführt. Ebenso regte er den Bau eines "kleines Forts
in der Gegend zwischen Reuenthal" an. Ihm war aufgefallen, dass der alte Rheinlauf beim eben neu erbauten Kraftwerk Albbruck - Dogern bei niederem Wasserstand auf einer Länge von ca. 4 km durchwatbar
war. Dieser Übergang sollte durch das Fort Reuenthal gesichert werden. Wie solche Anlagen auszusehen hatten, wusste Bircher genau, konnte er doch im Sommer 1934 Teile der damals modernen Maginotlinie
besichtigen.
Anlässlich einer örtlichen Rekognoszierung durch die damaligen Kommandanten - zu welchen auch Bircher gehörte - wurden die ersten Bauetappen der auszuführenden Tankbarrikaden und Werke definitiv
festgelegt. Bei diesem Anlass wurde dann auch der Bau des Artilleriewerks Reuenthal beschlossen.
Technisch-Taktischer Plan des AW Reuenthal
Baugeschichte des AW Reuenthal
Es war nun Aufgabe des eben wieder neu eröffneten B.B.B. die konkrete Projektierung an die Hand zu nehmen. Es sollte ein Werk mit zwei 7.5 cm Kanonen errichtet werden. Die Aushubarbeiten begannen am 1.
März 1937. Im Juni war der Rohbau fertig und man begann mit den Installationen. Im April 1939 wurde das nun neue AW Reuenthal der Truppe übergeben. Es war das einzige AW, welches bei der
Generalmobilmachung im September 1939 fertig gestellt war. Neben den zwei Bunkerkanonen verfügte es über zwei Stände mit jeweils einem MG-Stand, Lmg-Stand und Beobachterstand. Dazu kam die Infrastruktur
für die Truppe und Technik.
Noch bevor die Truppen das Werk bezogen, wurde am 1. Juli 1939 mit den Arbeiten eines neuen Notausganges und Frischluftzufuhr begonnen. Über einen 287 Meter langen Stollen wurde der Bunker Ost mit dem
Werk verbunden. Den Bau des Infanteriehindernisses überliess man der Truppe. Im Frühjahr 1940 waren die Arbeiten am Notausgang abgeschlossen. Weitere Bunker zur Aussenverteidigung wurden aus
Kostengründen ursprünglich abgelehnt. Es wurde jedoch ein Unterstand für eine IK beim alten Reservoir errichtet. Waren zu Beginn des Aktivdienstes 63 Mann für das Werk eingeteilt, so waren es am Ende des
Aktivdienstes schon 159. Damit waren die Unterkunftskapazitäten längst gesprengt und Teile der Mannschaft mussten in Baracken ausserhalb des Werks untergebracht werden.
Man mag heute über das Kaliber der damals eingebauten 7.5 cm Kanonen lächeln, jedoch war dieses Kaliber das am meisten verwendete Kaliber in der Armee. Die Bunkerkanone war ein halbautomatisches Geschütz
und eine schweizerische Neuentwicklung. Mit ihr konnten bis zu 15 Schuss pro Minute abgefeuert werden auf eine Distanz von 11 km. Sie eignete sich auch hervorragend als Panzerabwehrkanone. Als solche
wurde sie auch im Artilleriewerk Heldsberg eingesetzt. Dank dem eingesetzten Zielpanorama über dem Geschütz konnte damals
schon bei Nacht und schlechter Sicht auf vorausberechnete Punkte geschossen werden. Gemäss Rapport vom 10.6.1940 waren im Werk 8016 Granaten für die beiden Geschütze gelagert.
Zweimal hatte die Besatzung mit ihren Scharfschiessübungen für Grenzverletzungen und entsprechende diplomatische Proteste gesorgt.
Aufgabe der Festung und Übergabe an den Verein Festungsmuseum Reuenthal
Die rasante Entwicklung der Militärtechnik und -taktik während des Krieges und in den Nachkriegsjahren führte bald dazu, dass das Werk Reuenthal an Bedeutung verlor. In den 50er Jahren wurde aus dem
Artilleriewerk ein starker Infanteriestützpunkt mit Artillerie. In den 60er und 70er Jahren kam dann langsam endgültig das Aus für das Werk. Es entstanden moderne Festungsminenwerfer, welche die Rolle
des Werks übernahmen. Schlusspunkt hinter das Artilleriewerk wurde am 30. April 1979 gesetzt, als beide Geschütze demontiert wurden.
1988 erfolgte dann die endgültige Entklassifizierung des Werks. Das Werk wurde vom Verein Festungsmuseum Reuenthal übernommen, die beiden Bunkerkanonen wieder eingebaut und 1989 als erstes
Festungsmuseum in der Deutschschweiz eröffnet. Seither hat sich viel getan. Das Werk ist heute Museum, welches neben der Geschichte des Werks, auch eine umfangreiche Waffensammlung zeigt. Der Verein
betreut über 40 Aussenwerke und stellt diese wieder instand. Informationen zum Museum sind zu finden unter www.festungsmuseum.ch.
Wir sagen Danke!
Wir danken an dieser Stelle dem Verein Festungsmuseum Reuenthal und Frau Hug, welche uns zu einer Besichtigung des Werks und der Aussenwerke eingeladen hat. Wir können jedem Festungsinteressierten nur
empfehlen, dieses Werk oder eines der zahlreichen Aussenwerke zu besuchen. Die Vielfalt der Anlagen und Ausstellungen laden zum Verweilen ein und zeigen viele Aspekte des Befestigungsbaus, wie er sonst
praktisch nicht mehr zu sehen ist. Ein herzliches Danke allen Mitgliedern des Vereins, welche uns die Fotodokumentationen der Anlagen ermöglicht haben!

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