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Von Maya Ouabadi
Das Jahr 2020 hat mich nicht verschont. Eigentlich hat es niemanden verschont, werden Sie mir sagen.
Zunächst einmal hat der Lockdown die Revolution gestoppt, die in meinem Land, Algerien, im Gange war. Die wöchentlichen Demonstrationen, die ein Jahr zuvor begonnen haben, sind zu einem brüsken Halt gekommen. Aus persönlicher Sicht war 2020 auch das Jahr, während dem ich einen Teil meiner Familie aufgrund der Schliessung der Grenzen nicht habe sehen können, und jenes, in dem ich mich von Personen, die ich liebte, getrennt habe.
2020 war die Antithese zu 2019, ein Jahr, das auf allen Ebenen intensiv war, das Jahr unseres Erwachens als Bürger*innen zu Beginn des Hirak, und das Jahr, in dem ich endlich ein mir sehr wichtiges Projekt erfolgreich zu Ende bringen konnte: die Herausgabe der Zeitschrift für Literaturkritik "Fassl". Der Absturz war nur umso brutaler.
Doch ich kann nicht sagen, dass 2020 das schlimmste Jahr meines Lebens gewesen wäre. Was mir erlaubt, das zu denken – es klingt vielleicht idiotisch –, das ist zu einem grossen Teil die Aussicht, die ich von meiner Wohnung aus habe.
Ich wohne in Algier, in einem Quartier nahe beim Zentrum und also am Ufer des Meeres. Ich habe natürlich nicht all die Monate des Lockdowns an meinem Fenster verbracht, und diese Aussicht, die mir seit zwei Jahren gehört, habe ich auch nicht erst dank der Pandemie entdeckt. Aber das Meer täglich zu sehen, erlaubt mir ständig eine Perspektive zu haben, mir zu sagen, dass es trotz allem eine andere Seite gibt, dass das Anderswo nicht vollkommen verschwunden ist, dass diejenigen, die sich dort befinden, existieren, uns erwarten, dass sie kommen werden, dass sie wiederkommen werden, dass wir gehen werden …
Alleine in dieser Wohnung zu sein, hat mir vor allem erlaubt, in einem Verhältnis zur Zeit zu leben, das ich seit meinen Jahren an der geisteswissenschaftlichen Fakultät, nicht mehr gekannt habe. Damals hat mein Umfeld es zugelassen, mich den ganzen Tag lesen zu sehen. Nach meinem Studium hatte ich das Glück, über meinen Beruf als Verlegerin mit den Büchern in Kontakt zu bleiben, sei es um sie zu korrigieren oder sie zu kritisieren. Aber meine persönliche Lektüre, diejenige, die nicht einer beruflichen Notwendigkeit geschuldet war, wurde kompliziert. Wenn mich die Lust packte, die Arbeit zu unterbrechen, zog ich es natürlich vor, mich Filmen oder Serien zuzuwenden. Eingeschlossen konnte ich dann aber doch wieder an diese unmotivierte Lektüre anknüpfen. So habe ich beispielsweise endlich alle Bücher von Annie Ernaux gelesen oder das zweite Buch von Assia Djebar, Les impatients, ein weiterer literarischer Schock nach La soif.
2020 wurde ich aber auch von einer neuen Leidenschaft erschüttert, die mich bereits kurz vor der Pandemie beseelt hat, die Leidenschaft für Podcasts. Von meiner späten Entdeckung dieses Formats profitierend, hörte ich zwanghaft, jeden Tag, Erzählungen, Reportagen, die meine Weltanschauung auf den Kopf stellten.
Nach einigen Monaten geschah dann aber, was mir zunehmend geschieht, wenn ich mich für ein Thema oder für eine neue künstlerische Form begeistere: zuerst bin ich unglaublich angeregt, ich bewundere alles, was ich höre, ich habe Erleuchtungen, es ist berauschend, und dann – mit einem Schlag – empfinde ich einen Mangel. Die Theorien, die Konzepte, die ich entdecke, sagen mir zwar grundlegend zu, aber ich fühle verschwommen, dass es da einen Winkel gibt, der mit diesen Entdeckungen nicht abgedeckt ist, und mit der Zeit verstehe ich, dass dieser abwesende Teil der Kontext ist, nämlich unser Kontext. Das ist der Grund, weshalb ich genauso viel Annie Ernaux lesen muss wie Assia Djebar. Das ist auch der Grund dafür, dass ich beispielsweise allem, was Virginie Despentes in King Kong théorie schreibt, zustimmen kann, aber gleichzeitig diesen Mangel empfinde, aus meiner Sicht ein krasser Mangel. Offensichtlich finde ich in diesem kraftvollen Text (in dem ich mich übrigens in ganz vielen Aspekten wiederfinde) nicht das, an dem ich mich in der algerischen Gesellschaft besonders stosse. Das macht mich so aufmerksam dafür, was auf unserer Seite in der Kultur, der Forschung, der Berichterstattung gemacht wird. Es ist hier, in Algerien selber, wo wir unsere spezifischen Probleme aufstöbern und analysieren müssen. Das gilt für den Feminismus, aber auch allgemeiner für politische und soziale Fragen. Eine Vision, eine Erzählung der Welt, muss teilweise auf unserer Realität aufgebaut werden.
Und das ist der Grund dafür, dass ich, als sich mir die Gelegenheit bot, selber einen Podcast zu realisieren, die Geschichte der Stimme ausgeforscht habe, und die Rolle, die sie in Algerien in den Kämpfen, seien diese politisch oder auch intim, spielt.
Während dieser letzten Monate habe ich verstanden, dass das, was mich an den Podcasts, Romanen und Zeitschriften interessiert und anzieht, die Zeit und der Raum ist, den sie ihren Autor*innen einräumt, aber auch ihren Leser*innen und Zuhörer*innen. Wenn wir darin eintauchen, finden wir uns fern vom Tumult der Aktualität wieder, gleichzeitig mit mehr Abstand und mit mehr Elementen, um diesen zu begreifen. Das erinnert mich an die Kurzgeschichte meines Freundes Salah Badis, die den Titel trägt "Wie zeichnet man den Lärm des Meeres auf". Darin folgt man einem Toningenieur, der davon besessen ist, das Geräusch des Meeres einzufangen, nicht dasjenige der Wellen, das sich unweigerlich mit demjenigen des Windes vermischt, nein, dasjenige des Meeres! "Er stellt sich hin, dort, wo sich der Schaum zerteilt, er beugt sich ein wenig herunter, er streckt vorsichtig den Arm aus, als wäre das Meer ein Tier, das er füttern oder das er streicheln will, ein riesiges Tier, das den Horizont verschlingt. Zaki legt seine andere Hand auf seinen Helm über den Ohren, und er wartet. Ich habe ihn Hunderte von Malen in dieser Position gesehen, jedes Mal, wenn er sich am Ufer des Meeres befand, versuchte er sein Glück, er versuchte den Lärm des Meeres einzufangen."
Von meinem Fenster aus, und über Bücher, Filme und Podcasts, versuche ich ebenfalls etwas einzufangen, das schwierig zu umreissen ist: einen kleinen toten Winkel der Welt.
Aussicht aus der Wohnung © Maya Ouabadi