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Wochen-Zeitung
Hirnerschütterungen sorgen im Eishockey immer wieder für lange Ausfälle. Dennoch ist das höchste Gebot, die Geduld nicht zu verlieren.
«Ich ging richtiggehend K.o.», beschreibt Joël Genazzi den Zusammenprall, den er Mitte Januar in einem Spiel gegen die Kloten Flyers erlitt. «Ich war eigentlich selber Schuld. Ich hatte den Puck nicht unter Kontrolle, blickte stets nach unten, ohne mich je umzusehen.» – «Genazzi war einige Minuten bewusstlos», erinnert sich Armin Brunner, Teamarzt der SCL Tigers. «Die Atmung und der Puls waren normal.» Wenige Minuten später, der Spieler wurde auf einer Bahre in die Garderobe transportiert, gab der 25-Jährige erste, undeutliche Laute von sich. «Nach fünf Minuten konnte er die Frage, wo er sich befinde, wieder verständlich mit ‹im Eisstadion› beantworten.»
«Ein fast korrekter Check»
«Der Check des Klotener Spielers Viktor Stancescu war eigentlich ‹fast korrekt›», meint der Arzt. «Er traf Genazzi mit der Schulter von unten am Kinn.» Dass der Einzelrichter der Liga, Reto Steinmann, ein Verfahren gegen Stancescu eröffnete, zeigt laut Armin Brunner, dass Hirnerschütterungen im Eishockey heute ernster genommen würden als noch vor wenigen Jahren. Bei seinen Patienten stelle der Hausarzt hingegen fest, dass Hirnerschütterungen oft nicht wahrgenommen würden. «Ich hatte kürzlich mehrere Patienten, die Aufgrund von Hirnerschütterungen Beschwerden aufwiesen», berichtet Brunner. «Ein Sturz hat oft mehr als eine dicke Beule zur Folge.»
Im Eishockey war es in den Neunzigerjahren üblich, dass ein Spieler nach einer Hirnerschütterung im nächsten Match wieder auf dem Eis stand. «Von einer Hirnerschütterung wurde nur gesprochen, wenn eine Bewusstlosigkeit vorlag», erklärt Armin Brunner. «In Kanada führte unter anderem ein Ereignis zum Umdenken: Ein Spieler, der mit dem Kopf hart aufgeprallt war, spielte weiter. Er war aber derart desorientiert, dass er seinen eigenen Torhüter bezwang, die Hände hoch riss und jubelte.»
Beim Aufprall wird das Gehirn, welches von Hirnwasser und Schleimhäuten umgeben ist, an den harten Schädelknochen gestossen. Der Nachteil des robusten Schädels ist, dass in ihm kein Platz ist, wenn das Hirn anschwillt. Folgen des hohen Drucks sind Kopfschmerzen, Übelkeit, Bewusstseinsverlust, Sehstörungen oder Orientierungslosigkeit. In schweren Fällen kann die Hirnerschütterung eine lebensgefährliche Hirnblutung auslösen. Diese kann auch noch Wochen oder Monate nach dem Unfall auftreten. Nach einer Hirnerschütterung sind laut dem Teamarzt der SCL Tigers vor allem zwei Dinge wichtig: Ein gutes Gespür, was der Körper verträgt, und viel Geduld. Wer sich zu früh zu viel zumutet, kann dies teuer bezahlen. Dies zeigt das Beispiel eines ehemaligen Spielers der SCL Tigers: Jukka Tiilikainen spielte in der Saison 2004/05 bei verschiedensten Klubs; für ein paar wenige Matches auch im Emmental. Der Finne erlitt innert kurzer Zeit mehrere Hirnerschütterungen. In der anschliessenden Saison bestritt er noch fünf Spiele in der schwedischen Liga. Danach musste er seine Karriere an den Nagel hängen. Armin Brunner musste mehr als ein Jahr nach Tiilikainens Engagement bei den SCL Tigers für eine Versicherung einen ausführlichen Bericht über den damaligen Gesundheitszustand verfassen. «Wie ich informiert bin, war der Spieler dann für eine längere Zeit invalid und konnte keiner Erwerbstätigkeit nachgehen», erklärt Armin Brunner. Mittlerweile scheint es Jukka Tiilikainen wieder besser zu gehen. Gemeinsam mit Mika Rautakallio ist er als Spieleragent tätig. Hirnerschütterungen forderten auch bekannte Opfer: So mussten die NHL-Stars Eric Lindros und Paul Karya ihre Karriere wegen mehrfachen Hirnerschütterungen aufgeben.
Schritt für Schritt steigern
So düster sieht die Zukunft Joël Genazzis nicht aus. Er durfte das Spital bald wieder verlassen, weil es keine Hinweise auf eine Hirnblutung gab. Trotzdem konnte er sich zunächst nur in einem abgedunkelten Zimmer aufhalten. «Bei meinem ersten Spaziergang musste ich eine Sonnenbrille aufsetzen», erinnert er sich. «Der eh schon grelle Schnee blendete mich so sehr, dass ich die Augen nicht öffnen konnte.» Der Spaziergang war ein erster Schritt zurück ins Leben. Stufenweise konnte der 25-Jährige seine Aktivitäten erhöhen, dies ohne Beschwerden zu haben. «Das Aufbauprogramm funktioniert mit sechs Stufen», erklärt Armin Brunner. «Die nächste Stufe kann jeweils nach einem beschwerdefreien Tag erklommen werden. Daher dauert es nach einer Hirnerschütterung mindestens sechs Tage, bis ein Eishockeyaner wieder spielen kann.» Joël Genazzi habe sich rasch von der Hirnerschütterung erholt und habe auch wenig über Schmerzen geklagt, berichtet Brunner. «Als er zum ersten Mal wieder auf dem Eis stand und eine halbe Stunde alleine herumkurvte, war er fix und fertig; er musste sich noch etwas mehr Ruhe gönnen.» Die Schwere einer Hirnerschütterung einzuschätzen, ist auch für den erfahrenen Hausarzt und Sportmediziner nicht einfach. Eine Stütze ist hier der so genannte Impact-Test, bei dem die Leistung des Hirns sichtbar gemacht wird. Vor dem Start der Meisterschaft hat jeder Spieler einen solchen Test gemacht. Im Fall von Joël Genazzi konnte der Arzt anhand der aktuellen Ergebnisse nun einschätzen, wie fit das Hirn des Spielers wieder ist.
In dieser Saison waren bei den SCL Tigers bereits sechs Spieler von einer Hirnerschütterung betroffen. Mark Popovic, nominell stärkster Verteidiger der SCL Tigers, fiel für mehr als die halbe Saison aus und wird wohl erst in den Playouts wieder aufs Eis zurückkehren. Für Jakob Kölliker, Sportchef der SCL Tigers, sind Hirnerschütterungen beim Engagement eines neuen Spielers sehr wohl ein Thema: «Wenn ich sehe, dass einer während mehreren Saisons immer wieder Ausfälle hatte, macht mich das schon stutzig.» In den USA und Kanada würden Verletzungen genauer dokumentiert als dies in europäischen Ligen der Fall sei. «Wir unterziehen jeden potenziellen Spieler einem Gesundheits-Check», meint Jakob Kölliker.
Obwohl die Spieler selber ein Interesse daran haben müssten, dass es möglichst wenige Attacken Richtung Kopf gibt, steige die Zahl solcher Tätlichkeiten unter anderem wegen dem immer höheren Tempo tendeziell an, sagt Reto Steinmann, Einzelrichter für Disziplinarsachen der Swiss Ice Hockey League. «In letzter Zeit ist auffällig, dass sich oft ein dritter Spieler an einem Zweikampf beteiligt.» Bringen die Sanktionen denn nichts? «Das ist eine philosophische Frage. In der Tat frage ich mich manchmal, ob die Spielsperren überhaupt etwas bringen. Harte Strafen sind nicht immer hilfreich. In den USA können Gerichte bei schweren Straftaten die Todesstrafe verhängen, dennoch ist die Kriminalität hoch.» Die wohl einzige nützliche Massnahme wäre, so Reto Steinmann, die Checks ganz einfach zu verbieten. «Aber Eishockey ohne Körperkontakt wollen die Fans und damit die Klubs sicher nicht.»
Kritische Eltern
Armin Brunner, Teamarzt der SCL Tigers, sieht in weicheren Banden und in der Ausrüstung der Spieler noch Verbesserungspotenzial. «Ich denke, dass man die Helme noch verbessern könnte. Bei Schlägen von unten, wie dies bei Joël Genazzi der Fall war, kann der Mundschutz den Schlag entscheidend abfedern.»
Grundsätzlich fordert der Arzt ein Umdenken, damit künftig die Zahl solcher Verletzungen abnimmt. Auch zum Schutz der Sportart selbst. «Im Raum Zürich, wo das Freizeitangebot noch grösser ist als hier im Emmental, haben die Klubs festgestellt, dass die Eltern ihre Kinder aus gesundheitlichen Gründen lieber nicht ins Eishockey schicken», weiss Brunner. Bei den Junioren würden Hirnerschütterungen sehr selten auftreten, weil langsamer und weniger kraftvoll gespielt werde. «Ab dem Elitejuniorenalter nehmen die Verletzungen dann zu, weil die Spieler in diesem Alter körperlich die grössten Fortschritte machen.»
Mittlerweile steht Joël Genazzi wieder in Meisterschaftsspielen auf dem Eis. Hat er keine Bedenken, dass er von den gegnerischen Spielern besonders hart angegangen wird? «Die sollen kommen. Ich bin parat», meint der Spieler. «Primitive Angriffe sind gefährlich – nicht nur bei einem Spieler, der nach einer Verletzung wieder ins Spielgeschehen eingreift.»