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Latein ist Teil unserer Kultur
Die Universität Basel hat beschlossen, zum Herbstsemester 2012 das Lateinobligatorium für das Master-Examen in den Fächern Geschichte und Kunstgeschichte abzuschaffen. Das ist eine schlechte Nachricht. In den letzten Jahren hat die Universität Basel schrittweise bereits für eine Reihe anderer geisteswissenschaftlicher Fächer das Lateinobligatorium abgeschafft, sogar in Sprachfächern wie Französische Philologie, obwohl jedermann weiss, dass das Französische eine Tochtersprache des Lateinischen ist — ebenso wie Italienisch, Spanisch, Portugiesisch und Rumänisch. Die Begründung für diese Massnahmen lautete und lautet auch jetzt wieder, dass immer weniger Studienanfänger von den Gymnasien Latein mitbrächten und die Universität Basel infolgedessen durch die Aufhebung des «Lateinzwangs» mehr Studenten gewinnen könne. Damit ist der Gaul von hinten aufgezäumt. Wir sind der Auffassung, dass eine Universität nicht die Aufgabe hat, möglichst viele Studenten zu gewinnen, sondern der Gesellschaft möglichst qualifizierte Absolventen zuzuführen. Wenn die Studienanfänger nicht mehr genügend vorgebildet sind, muss die Universität sich dafür einsetzen, dass die Studienvoraussetzungen an den Gymnasien verbessert werden. Die Universität darf sich nicht an die Gymnasien anpassen, sondern die Gymnasien müssen sich an die Universität anpassen. Vom Niveau der Universitäten hängt weltweit das Niveau der gesellschaftlichen Führungsschichten ab.
Latein ist keine beliebige Fremdsprache, sondern ein wesentlicher Teil des Fundaments unserer westlichen Kultur. Die fortschreitende Zerstörung dieses Fundaments gefährdet zusehends den in Jahrhunderten darauf errichteten Bau. Der deutliche intellektuelle Qualitätsverfall in den Führungsschichten der westlichen Demokratien beruht wesentlich auf der Vernachlässigung dieses Fundaments. In Wahrnehmung unserer Verantwortung für die Erhaltung eines hohen Bildungsniveaus in der Gesellschaft appellieren wir an die Leitungsgremien der Universität Basel, den Beschluss zur Abschaffung des Lateinobligatoriums in den Fächern Geschichte und Kunstgeschichte zurückzunehmen und in diesem Zusammenhang ihre gesamte Latein-Strategie im Sinne von Wissenschaftlichkeit und Qualitätssicherung grundsätzlich zu überdenken.
Prof. Dr. Peter Blome, Prof. Dr. Joachim Latacz, Prof. Dr. Kurt Tschopp, Prof. Dr. Anton Bierl, Hans-Ueli Gubser, PD Dr. Beat Meyer-Wyss, Prof. Dr. Rudolf Wachter, Prof. Dr. Hans-Peter Mathys, Prof. Dr. Robert Kopp, Dr. Hansjörg Reinau-Krayer, Dr. Anne-Marie Kaufmann-Heinimann, Dr. Karl Schweizer, Prof. Dr. J. Thomas Lambrecht, Prof. Dr. Jürgen von Ungern-Sternberg.
Artikel aus der BaZ vom 14.9.2012: PDF