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Archive der Macht – Archive der Ohnmacht
Freitag, 10. Juni
09:15 bis 10:45 Uhr
Raum 3148
Archive waren traditionellerweise Machträume par excellence im doppelten Sinne: Zum einen dokumentierten sie Herrschaftshandeln, hielten die entsprechenden Akten aber geheim und entzogen sie damit der öffentlichen Kritik. Zum anderen sicherten sie Dokumente, die zukünftiges Herrschaftshandeln unterstützten. Die Archivstürme zu Beginn der Französischen Revolution, mit denen die Bauern die Urkunden über die verhassten Feudalrechte vernichten wollten, legen davon beredtes Zeugnis ab. Parallel zur Demokratisierung politischer Systeme verloren die staatlichen Archive in der Regel schrittweise ihren Charakter als arkane Räume und wurden zu Gedächtnisinstitutionen, die gerade auch die Kontrolle und Kritik vergangenen Herrschaftshandelns durch die Öffentlichkeit, inklusive die historische Forschung, sowie die Gewährleistung von Rechtssicherheit ermöglichen sollten. Gegenläufige Tendenzen – die Einschränkung des Archivzugangs parallel zum Abbau demokratischer Rechte – sind ebenfalls bekannt.
Ein weiteres Charakteristikum demokratischer Archivlandschaften sind Institutionen, die auch die Ohnmacht und Ansätze zu Gegenmacht dokumentieren. Teilweise wird diese Aufgabe von staatlichen Archiven wahrgenommen, die neben ihrem Kernauftrag, der Dokumentierung staatlichen Handelns, auch Körperschaftsarchive zivilgesellschaftlicher Akteure sowie Personennachlässe übernehmen. In vielen Fällen sind es aber (häufig private) Spezialarchive, die sich etwa um die Nachlässe von Verfolgten, Unterdrückten und AussenseiterInnen oder die Akten von Protestaktionen, Emanzipationsbewegungen oder Opfervereinigungen kümmern.
Die Überlieferung der Dokumente jener, die durch staatliches Handeln Ohnmacht und Unterdrückung erfuhren, wirft vielfältige Fragen auf. Sollen sie ihre Akten dem Staat und seinen Archiven anvertrauen? Wer erhält Zugang – in staatlichen wie in privaten Archiven? Und wer stellt im Falle privater Spezialarchive die notwendigen Ressourcen zur Verfügung, damit die "Akten der Ohnmacht" trotz zunehmendem Aufwand, den digitale Daten und audiovisuelle Dokumente verursachen, langfristig erhalten bleiben?
Das Panel will diese Fragen im internationalen Kontext und in Bezug auf die schweizerische Archivlandschaft thematisieren und dabei zu einem Dialog zwischen ArchivarInnen und forschenden HistorikerInnen einladen. Das Spannungsverhältnis zwischen Macht und Ohnmacht im Archiv soll dabei sowohl als historisches beziehungsweise zu historisierendes Phänomen als auch in Bezug auf seine forschungspraktische Relevanz diskutiert werden. Die Referentin Trudy Huskamp Peterson ist eine international ausgewiesene Expertin der Thematik. Die ehemalige Präsidentin der American Society of Archivists ist derzeit Präsidentin der Human Rights Working Group des International Council on Archives. Als Gründungsdirektorin der Open Society Archives in Budapest und Beraterin von Truth Commissions in Südafrika, Honduras und Sierra Leone sowie Autorin zahlreicher Publikationen verfügt sie über vielfältige Perspektiven auf den Themenkomplex "Archive der Macht – Archive der Ohnmacht". Der Referent Urs Kälin hat als stv. Direktor und Archivar des Schweizerischen Sozialarchivs massgeblich zum Aufbau einer der bedeutendsten Sammlungen von Beständen zu Ohnmacht und Gegenmacht in der Schweiz beigetragen. Er überblickt die einschlägigen Bestände in den Schweizer Archiven und das Spannungsfeld zwischen den Interessen von Aktenbildnern, in den Quellen dokumentierten Drittpersonen und der Forschung.