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Superhelden wie wir
Superhelden
Eigentlich ist die Geschichte von Superman viel enger mit seinem Alter Ego Clark Kent verbunden, als man gemeinhin annehmen würde. Als schusseliger Journalist des Daily Planet ist er nämlich in Lois Lane verliebt, will sich aber gleichzeitig nicht an sie binden. Er macht ihr zwar sogar einmal einen Heiratsantrag - bezeichnenderweise mit dem Titel: "Die zwei Gesichter des Superman" - aber bereut es sofort und schweißt als Superman die Autotüren des Autos zu mit dem sie zur Kirche vorfährt. Da sie aber dadurch zu spät kommt, verfällt sein Angebot, das an ihre Pünktlichkeit gebunden war. War Superman, der Held der Fünfziger, etwa schizophren? Nein, denn tief im Innern wusste er, dass, wenn er Lois wirklich heiraten würde, das sein Ende als Superman bedeuten würde: "Sie würde ihn nur dazu zwingen, sein knalliges Kostüm und das Leben voller Abenteuer für etwas weniger Verfängliches aufzugeben und endlich häuslich zu werden.", schreibt Grant Morrison in seiner spannenden Romanbiographie über DC und Marvel Superhelden: Er müsste bis zum Ende seines Lebens Clark Kent bleiben. Steckt also nicht tatsächlich zumindest ein Superman in uns allen?
Superman gegen Hitler
Grant Morrison, seines Zeichens selbst einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Autoren zahlreicher Superheldencomics, führt kenntnisreich durch die vier großen Epochen der Superhelden - von ihrem ersten Auftauchen in den 1930er Jahren bis heute. Das "Golden Age", "Silver Age", "Dark Age" und "Renaissance"-Age sind die Kapitel seines Buches, die auch die Superhelden-Konjunktur bezeichnen. Grant Morrison stellt sein Genre in den Kontext von Kunstgeschichte, Wissenschaft und Mythologie und vor allem in den der zeitgenössischen Popkultur, denn die Superhelden waren die Popstars ihrer Ära. Schon im Alter von 5 Jahren habe er selbst beschlossen, ein Schreiber zu werden. "Entweder das, oder Astronaut. Oder Cowboy", denn Morrison ist selbst ein Zeitgenosse der mehr als 70 Jahre zurückreichenden Geschichte der Comics: 1938 erschien der erste Superman-Comic in der Juni-Nummer der Zeitschrift "Action Comics" und läutete damit eine Ära ein, die bis heute in immer bunteren Farben erblüht.
Batman, der Sherlock Holmes des Comic
"Für die an die Schwarzweißbilder der Kinofilme, Fotos, Zeitungen und Schundheftchen gewöhnten Leser mussten die Comics wie ein Halluzinogen gewirkt haben", schreibt Morrison über den "verführerischen Surrealismus der Superhelden". Superman verkörperte dabei eindeutig das apollinische Prinzip und sein nachgeborener ebenbürtiger terrestrischer Bruder, Batman, das dionysische. Bob Kane, damals 23, hauchte seinem Superhelden 1939 das Leben ein und schuf damit einen Charakter, der auf vorhandenes Material zurückgriff: Der Stummfilm The Bat Whisperers, Die Maske des Zorro mit Douglas Fairbanks oder D’Artagnon aus den Drei Musketieren dienten laut Morrison für Batman als Vorbild, aber auch der Pulp The Bat von 1934, ein Sherlock Holmes Verbrechensbekämpfer und The Black Bat, ein Bezirksanwalt-Comic, beeinflussten die Schöpfung des Batman. Sein erster Auftritt war dann auch tatsächlich in Detective Comics Nummer 27 vom Mai 1939, ganz großes "europäisches expressionistisches Kino", wie Morrison kommentiert.
"Schwund des Schund"
Selbst Elvis-Kostüme seiner letzten Bühnenauftritte seien von Comics (Captain Marvel) beeinflusst gewesen, aber dennoch war Mitte der Fünfziger Jahre erstmals ein Ende angesagt: Genre-Bücher verdrängten die Superhelden aus den Regalen, und überstiegen zwischen 1945 und 1954 deren Auflagen um das Dreifache. Aber der eigentliche Grund für den "Schwund des Schund" war die Publikation "Seduction of the Innocent" von Fredric Wertham. Der US-amerikanische Partner unterstellte den "Bilderbüchern" homosexuelle Neigungen sowie die Untergrabung der Autorität und Würde des Ehemanns und seiner Pflichten gegenüber Frau und Kindern: Batman lebte als Single mit Robin und Alfred in einer Villa und auch Superman blieb solo. Die Folge war der "Comic Code", der Produzenten dazu verpflichtete, sich - ähnlich wie zuvor die Filmindustrie unter dem Hays Code von 1930 - dem Diktat von Regierung und Zensur zu beugen. Ohne weiteres lässt sich also davon ableiten: Comics boomen in glücklichen Zeiten, wenn es keinen Krieg, keine Regierung und keine Zensur gibt, wie die kommenden Ären noch beweisen sollten: auf das "Golden Age" folgte das "Silver Age", das "Dark Age" und später noch das "Renaissance"-Age. Derzeit befinden wir uns wohl schon in der "Klassik".