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Für ein paar Tage bin ich wieder einmal in meiner Geburtsstadt Bern, wo ich auch meine Kindheit verbracht habe. Für meine Freunde, die nicht in der Schweiz leben, fasse ich hier ein paar „Ortsgeheimnisse“ zusammen. Bern ist nicht die Hauptstadt der Schweiz, sondern nur Regierungssitz. Bern ist auch der Sitz des Weltpostvereins, dem alle Länder angehören, denke ich. Auf meinen Reisen rund um die Welt habe ich aber ab und zu den Verdacht, dass nicht alle Mitgliedsländer hinter den gemeinsamen Beschlüssen stehen, denn in einigen Ländern funktioniert die Post nicht so, wie es sich der Weltpostverein in Bern das wohl ausgedacht hat.
Architektonische Betrachtungen
Architektonisch fällt Bern gegenüber anderen Städte durch die Arkaden auf – in Bern „Lauben“ genannt -, die mindestens die vier fast geradelinig verlaufenden Hauptgassen vom Hauptbahnhof bis zum Bärengraben auf beiden Seiten säumen. Man kann dadurch bei Regen einen Grossteil der Stadt trockenen Fusses abwandern und die teilweise seltsamen Architekturperlen bewundern.
Gegenüber anderer deutschschweizerischen Städten fällt in Bern der Einfluss französischen Architekturgutes auf, z.B. bodentiefe Fenster mit einem französischen Balkon. Wie in anderen schweizerischen Städten waren auch in Bern die Handwerkerzünfte, sogenannte „Vennergesellschaften“, massgebend. Die Mitglieder waren aber schon im 15. Jahrhundert eher Adelige, Grosskaufleute, Schreiber, Apotheker und Künstler, denn als Mitglieder einer Zunft kamen sie zu bedeutenden Ämter der Stadt. Hier in Bern schmücken überlebensgrosse Zunftzeichen die ehemaligen Zunftsitze.
Ein weiterer Punkt, der mir sympathisch auffällt, ist die Öffnung grosser Plätze für das Publikum. Auf dem Bundesplatz und dem Münsterplatz stehen frei bewegliche Tische und Stühle zur freien Benutzung bereit, während der obere Waisenhausplatz, der Bärenplatz und der obere Kornhausplatz fast ausschliesslich mit Restauranttischen aufgefüllt sind.
Die Aare ist in Bern ein zentrales Element
Durch Bern fliesst der Fluss „Aare“. Später fließt die Aare in den Rhein. In Bern hat die Aare mit knapp 10 km/h noch immer eine recht hohe Fließgeschwindigkeit. Man kann ihr nicht widerstehen (weder statisch, noch emotional). Sie hat sich tief in den Untergrund eingefressen, was zu einer beachtlichen Höhendifferenz zwischen Stadt- und Aareniveau führte. So überspannt das eindrückliche Stahlfachwerk z.B. der Kornhausbrücke, die seit der Fussballweltmeisterschaft 2008 auch die holländische Bezeichnung „Korenhuisbrug“ führt, den Fluss in stattlichen 50 Metern Höhe.
Die Höhendifferenz manifestiert sich auch in zahlreiche Holztreppen, einem Lift sowie der kürzesten Standseilbahn der Schweiz. Sie führt von der Bundesterrasse in’s Marzili hinunter, überwindet ca. 30 Meter Höhendifferenz und ist bloss 100 Meter lang. Unweit der Bergstation ragt majestätisch das stets beflaggte Bundeshaus mit seinen drei Kuppeln in die Höhe. Böse Zungen behaupten jeweils, das sei das Verwaltungsgebäude der Marzilibahn.
Die Kornhausbrücke verbindet die Altstadt mit dem Nordquartier, in dem sich die Kaserne, die Allmend und das Wankdorfstadion befinden, wo 1954 das „Wunder von Bern“ stattfand. Am diesseitigen Ende des Brücke gibt es auch eine Strasse, die nach dem Berner Mathematiker Ludwig Schläfli benannt ist („Three quarks for Muster Mark, Einstein and Schläfli“).
Die grosse Fliessgeschwindigkeit der Aare erfreut Schlauchbootbesitzer und Schwimmer, denn es geht alles von alleine. Es ist noch früh, ich glaube, das Wasser hat noch nicht mal annähernd 15 Grad. Dennoch habe ich zwei Wagemutige erwischt, die erstaunlich nahe am Wehr noch in’s Wasser sprangen. Man kann überall in der Stadt Aareschwimmbeutel kaufen, in welchen man beim Schwimmen Kleider, Handy und Badetuch mitzieht und die mit „Aare-Böötle“ (mit einem Boot unterwegs sein), „Aare-Schwumm“ (Substantivierung des Verbs „schwimmen“) oder „äuä“ bezeichnet sind. „Äuä“ ist ein typisch berndeutscher Ausdruck und bedeutet entweder „nein, überhaupt nicht“ oder, fragend betont, „tatsächlich? Was du nicht sagst!“.
Das Gespensterhaus und das Münster
Die Aare macht in Bern einen großen, aber recht engen Mäander. Die ursprüngliche Stadt wurde 1191 in diesen Mäander hineingebaut, wo bereits eine Trutzburg der Herren von Zähringen stand. Es war also nur eine recht kurze Stadtbefestigung nötig. Die Altstadt oder Innere Stadt, wurde von Napoleon in farbige Quartiere aufgeteilt, weil seine Soldaten Analphabeten waren und die Strassenschilder nicht lesen konnten. Das Quartier, welches der ehemaligen Zahringerburg am nächsten stand, war das Weisse Quartier (wie könnte es anders sein?). Dort gibt es eine Herrengasse und eine Junkerngasse (ein Junker ist ein Angehöriger des Adels ohne Ritterschlag, in Bern „Patrizier“ genannt). Eines der Patrizierhäuser in der Junkerngasse hatte in einem schmalen Haus gegenüber Pferdeställe. Da niemand darin wohnte, nisteten Marder und verursachten unerklärliche Geräusche, weshalb abergläubische Leute (heute würde man von „Verschwörungstheoretikern“ sprechen) behaupteten, dass Geister und Gespenster in diesem Haus ihr Unwesen treiben würden. Mutige Menschen, die probeweise eine Nacht in diesem Haus verbrachten, seien am nächsten Tag tot aufgefunden worden. Später wurde ein Verwaltungsarchiv in diesem Haus eingerichtet, was den Komödianten Alfred Rasser zu der Behauptung veranlasste: „Von dem Moment an, als Beamte dort einzogen, gab es plötzlich überhaupt keinen Geist mehr“.
Am Ende der Junkergasse steht das 100 Meter hohe Münster, ganz aus ziemlich porösem Sandstein gebaut, der im nahen Ostermundigen, der Heimat des Bondgirls Ursula Andres, abgebaut wurde. Daher ist das Münster eine ewige Baustelle, denn der Sandstein bröckelt ständig. Der gotische Bau ist jedoch eindrücklich und ein architektonisches Kunstwerk. An gut sichtbarer Stelle kann man noch heute die in den Sandstein eingemeisselte Aufforderung des begnadeten Steinmetz‘ lesen: „Mach’s na“ (mach es nach!).
(Foto mit Machs naa)
Das sakrale Bauwerk wurde vom Deutschen Orden in Auftrag gegeben und während des ganzen 15. Jahrhunderts über erbaut, konnte dann aber bloss ein paar wenige Jahre als katholische Kirche genutzt werden. 1529 wurden im Zuge der Reformation alle Altäre und Heiligenbilder abgetragen. Der Sohn Klaus des Münsterpfarrers Albert Schädelin ist der Autor des bekannten Berner Romans „Mein Name ist Eugen“.
Der Platz vor dem Hauptportal des Münsters ist eingerahmt mit stattlichen Patrizierhäuser. Eines davon war das Wohnhaus der legendären Madame de Meuron, die jeweils mit dem Höhrrohr die Antwort auf ihre Frage erwartete, ob er etwas sei oder Lohn beziehe. Interessant wurde es, als sie in der alten Berner Metzgerei Lobsiger vom ebenfalls schwerhörigen Metzger Elsener bedient wurde, der allerdings bereits ein Hörgerät hatte. Auf die Frage Elseners: „Was wünschen Sie, Frau de Meuron?“ setzte sie das Höhrrohr an und fragte: „Was sagen Sie, Herr Elsener?“, worauf Elsener das Höhrgerät lauter drehte und zurück fragte, was sie gesagt habe. Leider ist nicht überliefert, ob Frau de Meuron jemals zu ihrem Fleisch gekommen ist. Nicht schlecht gestaunt habe ich fast ein halbes Jahrhundert später, als ich in einer Metzgerei in Kloten einen Metzger angetroffen habe, der noch mit Elsener beim Lobsiger arbeitete.
Auf der Südseite des Münsters befindet sich die Münsterplattform, auf Berndeutsch „Pläfe“ genannt (Verballhornung von „Plattform“), die den Standplatz der Kirche gegen die tief darunter fliessende Aare abstützt. Die Münsterplattform diente zunächst als Friedhof, später als Parkanlage. Im 17. Jahrhundert stürzte der Student Theobald Weinzäpfli hoch zu Ross über die 30 Meter hohe Stützmauer und überlebte (das Pferd nicht).
Im Zuge der französischen Revolution war die Plattform kurze Zeit Hinrichtungsstätte.
Von der Plattform führt ein Fahrstuhl in die Matte, wie das Quartier unterhalb des Münsters heisst. In der Matte befand sich eine grosse Kornmühle, die durch die Aare betrieben wurde sowie die Schiffanlegestelle. Die Matte ist deshalb das St. Pauli Berns und wurde bezeichnenderweise auch das „Schwarze Quartier“ genannt (wie könnte es anders sein?).
Auf der gegenüberliegenden Seite der Matte war der alte Bärengraben. Mein Grossvater war dort Polizist und musste jeweils ausrücken, wenn ein angetrunkener Student am Geländer des Bärengrabens Kunststücke vorführte. Nicht immer kam er rechtzeitig! Meine Mutter ging derweil in der Matte bei der Lehrerin Rosa Pulver zur Schule. Sie fasste die Geschichte von Bern in einem kleinen Kindervers zusammen, den mir meine Mutter oft vortrug. Leider weiss ich nur noch Bruchstücke. Es lautet ungefähr so:
Vor paarne hundert Jahre
isch gstande a dr Aare
äs Schloss im grüene Wald.
……
Der Herzog het la boue (bauen),
ä Stadt isch worde bald.
……
„Vom Tier, wo mir chöi jage,
söll d’Stadt dr Name trage“,
seit druf zu ihm ä Gsell.
Sie hei vor usse gfunge
äs Tier, grad äm-e-ne Stutz.
Was isch’s ächt gssi? Ä Mutz!
Drum het Stadt zersch gheisse „Bäre“,
hüt heisst si „Bärn“.
Du chasch gseh üses Wappetier im Bäregrabe.
So wie dert „dänne d’Spatze“,
dr Bär wehrt mit der Tatze,
so wei mir wehre üsem Find.
Der Schluss lässt sich verstehen, wenn man bedenkt, dass Frau Pulver das Gedicht vermutlich während des ersten Weltkrieges geschrieben hat.
Hommage 2021
Die Lehrerin, Rosa Pulver, war vermutlich eine selbstbewusste Bernerin und hat ihre Schülerinnen zu ebensolchen selbstbewussten Frauen erzogen. Zum 50jährigen Jubiläum des Frauenstimmrechts findet in Bern das Hommage2021-Projekt statt. In der Altstadt sind an allen Ecken und Nischen 52 Portraits von Pionierinnen angebracht, die sich in den letzten 100 Jahren für die Gleichberechtigung eingesetzt haben, sei es Schriftstellerin Elisabeth Müller, die Romane über selbstbewusste Frauenfiguren schrieb, sei es die Skiweltmeisterin Corinne Rey-Belet, die 33jährig einem Frauenmord zum Opfer fiel oder sei es die Mathematikerin Sophie Piccard, die sich als erste Professorin durchsetzte. Rosa Pulver fehlt leider.
Lesen Sie in paar dieser Frauenportraits auf https://hommage2021.ch/portraits. Sie sind sehr spannend! Zwischen dem 6. und 13. August 2021 finden dann auf dem Bundesplatz Feiern mit musikalischen und anderen Darbietungen statt. Ein Grund, Bern zu bereisen! Bern ist immerhin auf dem Platz 14 der weltweit lebenswertesten Städte, noch vor Toronto oder Hamburg.