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Das Singen ohne Worte ist weltweit verbreitet, bei indigenen Völkern (First Nations) in den USA, bei den Ureinwohnern im Polarkreis oder bei den Pygmäen in Zentralafrika. In ihrer Vorstellung haben Gesänge eine magische Wirkung, zum Beispiel zur Beschwörung dämonischer Mächte oder zum Herbeizwingen von Regen.
Wie weit die Ursprünge des Juuzes, des wortlosen Gesangs, zurückreichen, ist unklar. Man weiss, dass sich Hirten zwischen entfernten Alphütten zuriefen, Älpler das Vieh mit «Kuhreihen» zum Melken lockten oder Holzfäller sich mit Rufen und Jauchzen verständigten.
Im rauhen, abgeschiedenen Muotatal entwickelte sich eine einzigartige Form des Gesangs: der Juuz. Dies interessierte den deutschen Musikforscher Wolfgang Sichardt. Er war der erste
Musikethnologe, der 1936 explizit den archaischen Muotataler Juuz erforschte und Tonbeispiele aufnahm. 1983 und 1984 besuchte der weitgereiste schweizerisch-französische Musikethnologe und Filmer
Hugo
Zemp (*1937) das Muotatal und drehte vier Dokumentarfilme über das Juuzen. Diese Filme wurden vom französischen «Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung» (CNRS) weltweit vertrieben. Als Geschenk erhielten die Muotataler Juuzer die Filme auf Video-Kassetten. Auch die Familie von Bernhard Betschart.
Mit Juuzen aufgewachsen
Bernhard Betschart ist mit sechs Geschwistern auf dem stotzigen Bergbauern-Heimet Zinglen aufgewachsen. Die Kinder mussten überall mithelfen, im Stall, beim Heuen. Oft wurde in einer Arbeitspause oder wenn Besuch kam gejuuzt. Die Familie trat auch gemeinsam öffentlich auf. Nach der Schule half Bernhard Betschart weiterhin den Eltern auf dem Betrieb, im Winter arbeitete er auf dem Bau. «Damals wollte ich Volksmusik nichts mehr wissen. Ich war ein Rebell, wollte ausbrechen, hörte Rock ‘n’ Roll», sagt Bernhard Betschart. «Das Juuzen hatte ich zur Seite gelegt. Ich war 18 Jahre alt, als ich mir die Filme von Hugo Zemp wieder ansah. Die Juuzer von drei Männern, die ‚Fluähöflers’, zogen mich in den Bann.» Stundenlang hat Betschart alte Tonbandaufnahmen angehört und suchte nach historischen Tondokumenten. Das Feuer war wieder da: Mit seinem Freund Daniel Schmidig juuzte er spontan im Ausgang oder im Militär. 2007 gründeten sie gemeinsam «Natur pur», eine Gruppe von fünf Männern, die sich der archaischen Form des Juuzens verschrieben hat. Gejuuzt wird nach überlieferten, traditionellen Melodien. «Das ist unsere Art Gefühle auszudrücken, ohne Worte, das kommt von ganz tief innen», sagt Betschart. «Die Jüüzli klingen darum nicht nur freudig, sondern oft melancholisch. Einige wirken gar wild und verdreht. Auffallend für das Ohr von Laien sind die ‹schräg» klingenden Töne der Naturtonreihe. Dies ergibt beim mehrstimmigen Singen ungewohnte, für viele Ohren dissonant klingende Intervalle.»
Das Juuzen droht zu verschwinden
Früher wurden Jüüzli beim Eintreiben der Kühe oder beim Melken gesungen. «Heute wird das Juuzen wird nicht mehr spontan im bäuerlichen Alltag eingebaut», sagt Betschart. «Die Hektik und die Mechanisierung, lassen dies kaum mehr zu. Ich will dem Juuzen wieder mehr Raum geben. Es liegt mir am Herzen, dass uns der Naturjuuz in seiner überlieferten Form noch lange erhalten bleibt.»
Bernhard Betschart lebt von der Musik. Er ist mit dem Pirmin Huber «Ländlerorchester» und dem Männerchor «Heimweh» unterwegs, spielt Rockmusik mit der Akustikband «Black Creek» oder geht mit «Natur pur» international auf Tour.
Neben den vielen Engagements, gibt er Naturjuuz-Workshops, vor allem in München, Berlin oder Zürich. «Die Menschen in den Städten sehnen sich nach Ruhe und Ursprünglichkeit», sagt Betschart. «Der Naturjuuz berührt die Seele. Es braucht keine Worte, keine Noten. Gesungen wird nach Gehör.» Bei seinen Workshops wurde Bernhard Betschart oft gefragt, ob man diese Jüüzli hören und üben könnte. Bisher gab es nur qualitativ schlechte Handyaufnahmen oder einzelne Tonbeispiele auf Vinyl oder auf CDs, aber nichts Methodisches. Bei einer Wanderung auf der Rigi entstand bei Betschart die Idee zwei Lern-CDs aufzunehmen.
Juuzen lernen
Die beiden Lern-CDs «juuzä wiä im Muotatal», für EinsteigerInnen und Fortgeschrittene, enthalten 20 traditionell überlieferte Jüüzli, zwei archaische «Chuäreihäli» und die charakteristischen Juuz-Techniken. Bernhard Betschart hat die Naturjüüzli im Studio aufgenommen, alle Stimmen wurden von ihm persönlich einzeln abspielbar eingesungen. Die jeweiligen Einzelstimmen ermöglichen das einfache Erlernen der Jüüzli. Zu den besonderen Eigenheiten gehören unter anderem das «Steigen» des Grundtons während dem Juuzen und die untemperierte Stimmung. Diese sorgfältig ausgewählten Jüüzli sind jeweils eine Variante von vielen möglichen Versionen, ganz ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Die Titel der einzelnen Jüüzli beziehen sich auf die bäuerliche Arbeit, auf Orte oder Familien aus dem Muotatal: «Geitäbärg-Jüüzli», «Ds Wichel Wisi's», «Ds Lippschä-Jüüzli», «Mälch-Jüüzli» etc. Die erste CD eignet sich für EinsteigerInnen, die zweite CD für Fortgeschrittene. Beide Lern-CDs enthalten einen ausführlichen Beschrieb zum Naturjuuz.
Hinweis: Die beiden Lern-CDs können unter www.bernhardbetschart.com bestellt werden.