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aus dem Kunstmuseum Hamburg
Zu der im „Tanin“ kürzlich veröffentlichten Bemerkung, daß die Türkei beim Ausbau der Bagdadbahn am persischen Golf auf den Hafen von Kuweit nicht angewiesen sei, berichtet die „Deutsche Orient-Korrespondenz“.
Der Plan, den Endpunkt der Bagdadbahn von Kuweit fortzuverlegen und nach einer den englischen Eingriffen mehr entrückten Stelle zu versetzen, ist nicht neu. Schon im Jahre 1908 beim Abschluß des Konzessionsvertrages mit der Bagdadbahngesellschaft ließ die Türkei die Frage offen, an welchem Punkte die Bahn das Ufer des Persischen Golfs erreichen würde. Zu diesem Verfahren wurden die Kontrahenten teils durch das bekannte Verhalten Englands in der Kuweitfrage, teils auch durch technische Erwägungen bewogen. Aus gleichen Gründen prüfte man alsdann die Frage, welche Orte etwa für die südliche Endstation der Bagdadbahn in Frage kämen.
Bassra am Schatt-el-Arab kann trotz der vor der Mündung des Stromes bei Faö gelegenen Barre von allen Seedampfern erreicht werden, die den Verkehr mit Indien und Europa vermitteln; aber die Tiefenverhältnisse im breiten Strombette des Schatt-el-Arab sind doch derart, daß Bassra den Ansprüchen eines erweiterten Schiffsverkehrs auf die Dauer nicht genügen würde. Daher hat sich die Türkei nach einer andern Stelle umgesehen, die geeigneter wäre, als Endstation der Bagdadbahn zu dienen.
Nach Untersuchung der nächsten Uferstrecken in der Nähe des Schatt-el-Arab hat man hierfür schon vor vier Jahren die Bucht von Chor Abdallah ins Auge gefaßt. Die Bucht liegt westlich vom Schatt-el-Arab zwischen dem Mündungsgebiet des Stromes und der großen Insel Bubijan. Ihre Tiefenverhältnisse können durch Baggerung leicht so gestaltet werden, daß eine Hafenanlage größeren Stils in der Bucht geschaffen werden könnte. Auch für den Fall, daß Kuweit als Endstation gewählt würde, wären umfangreiche Baggerarbeiten erforderlich, weil die Einfahrt in die Bucht von Kuweit Untiefen aufweist, die beseitigt werden müßten, wenn bei Kuweit ein größerer Seehafen entstehen sollte. Vor Kuweit bietet aber Chor Abdallah der Türkei den Vorteil, daß jene Bucht vollständig von Länderstrecken umgeben ist, deren Zugehörigkeit zur Türkei unbestritten ist. Der türkischen Kegierung könnte es also niemand verwehren, wenn sie die Bagdadbahn dort endigen ließe. Auch der Umstand, daß Chor Abdallah von Bassra, der nächsten Garnisonstadt aus wesentlich rascher zu erreichen ist, als Kuweit, würde dafür sprechen, die Endstation der Bagdadbahn nach jener Bucht zu verlegen. Jedenfalls ist soviel sicher, daß die Erbauer der Bagdadbahn auf Kuweit nicht angewiesen sind und daher auch keinesfalls genötigt wären, die von England Kuweits wegen etwa gestellten Forderungen coute que coute anzunehmen.
Die von deutscher Seite wegen der Bagdadbahn geführten Verhandlungen mit der Türkei haben im März d. J. ihren Abschluß vorläufig darin gefunden, daß die von der deutschen Kapitalgruppe geleitete Bagdadbahngesellschaft ihr ausschließliches Anrecht auf den Ausbau der Südstrecke Bagdad-Bassra aufgab, damit aber zugleich sich selbst freie Bahn verschaffte für die Ausführung des Bahnbaues bis Bagdad und andererseits den Weg freilegte für die Verhandlungen zwischen der Türkei und England wegen des Ausbaues der Südstrecke, wobei sie sich vorbehielt, im Falle eines ihr nicht zusagenden Ausganges dieser Verhandlungen den Bau wieder selbst in die Hand zu nehmen. Gegen das von der Bagdadbahngesellschaft eingeschlagene Verfahren war nichts einzuwenden, erwies es sich doch meiner Ueberzeugung nach nur als die notwendige Folge der in Südmesopotamien und am Persischen Golf herrschenden politischen Machtfaktoren. Nur gegen einen Punkt des Märzabkommens hatte ich Bedenken: eie bezogen sich auf die Konzessionierung der Zweigbahn Osmanieh-Alexandrette im Osten der zilizischen Ebene; ich brachte sie im folgenden Artikel zum Ausdruck, schloß damit aber zugleich bis auf weiteres in der „Deutschen Orient-Korrespondenz“ die Akten „Bagdadbahn“.
D. O. K. 1911, 24. März.
Text aus dem Buch: Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte, Verfasser: Wiedemann, Max.
aus dem Kunstmuseum Hamburg
Siehe auch:
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Vorwort
Die Türkei, Deutschland und die Westmächte.
Deutschlands Verhältnis zur Türkei
Der Verkauf deutscher Kriegsschiffe an die Türkei
Die Sorgen der türkischen Marine um ausreichende Transportschiffe
Frankreich — noch immer die „christliche Vormacht“ im Orient
Frankreich als Lehrmeister der neuen Türkei
Eine türkische Studienreise nach Frankreich
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Überraschungen
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Nervosität
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Übertreibungen
Der Streit um die Bagdadbahn
Deutschland und die Bagdadbahn
Die Bahn von Bagdad nach Damaskus
Der Anteil Deutschlands am Handelsverkehr in Bassra und Bagdad
Einiges über Kapitalanlagen in türkischen Eisenbahnbauten und über die Bagdadbahn
England deckt im Streit um die Bagdadbahn seine Karten auf