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Dank Talent, Training, Testosteron oder Prothese top? Mit AUDIO
Michael Wyss: Es dauert noch gut sechs Wochen, bis die Olympischen Sommerspiele in Tokio starten – sofern sie nicht doch noch abgesagt werden. Es geht also in die heisse Vorbereitungsphase und damit kommen auch Themen an die Oberfläche, die vor allem vor Grossanlässen für Diskussionen sorgen. Eines davon ist das der Gleichberechtigung. Sollen alle Menschen, die sich auf sportlichem Weg für die Olympischen Spiele qualifizieren, auch teilnehmen dürfen? Diese Frage dürften die Allermeisten mit Ja beantworten, es gibt aber auch Gründe für ein Jein. Es geht etwa um die Debatte bezüglich der Rechte und Möglichkeiten von intersexuellen Athletinnen wie der Mittelstreckenläuferin Caster Semenya. Sie wollte vor Gericht ihre Teilnahme bei den Frauen erstreiten – und zwar ohne ihre Testosteronwerte senken zu müssen. Ihr Antrag wurde vom internationalen Sportgerichtshof aber abgelehnt. Zu Recht!?
Melanie Gamma: Gerne würde ich sagen, du hast recht, denn die Grenze an erlaubtem Testosteron ist für alle Frauen gleich, also ist es logisch, Caster Semenya nicht starten zu lassen. Aber das ist mir zu einfach. Klar scheint sie auf den Sprintdistanzen ihren Kontrahentinnen körperlich überlegen. Aber wenn ich mir vorstelle, ich wäre an Semenyas Stelle, kann ich dir doch nicht recht geben. Ihr erhöhter Testosteronspiegel ist genetisch bedingt, sie müsste ihn mit Hormonen senken oder die innenliegenden, Testosteron-produzierenden Hoden entfernen lassen, um in der Leichtathletik als Frau zu gelten. Ich verstehe, dass sie beides nicht tun will, sondern so laufen will, wie sie geboren wurde. Das würde ich mir als Intersexuelle auch wünschen. Aber ich hätte nicht die Energie, so für mein Recht zu kämpfen wie sie – und würde auf jene längeren Distanzen wechseln, in denen ich mit erhöhtem Testosteronwert bei den Frauen starten dürfte.
mwy: Keine Frage, ich verstehe sie auch, aber versetze dich doch in die Lage der Gegnerinnen. Sie können so viel trainieren, wie sie wollen, und werden kaum je eine Chance gegen intersexuelle Athletinnen haben. Ein Beweis dafür? An den Olympischen Spielen 2016 in Rio standen mit Francine Niyonsaba, Caster Semenya und Margaret Wambui gleich drei intersexuelle Athletinnen auf dem Podest über 800 m. Und auch was den deutschen Weitspringer Markus Rehm angeht, bin ich mir nicht sicher. Am rechten Bein trägt er eine Prothese – und das ist auch sein Sprungbein. Seine Leistungen sind absolut fantastisch, es bleibt aber das Fragezeichen, ob er durch die Prothese einen Vorteil hat. Deshalb darf er zwar zuweilen bei den «normalen» Weitspringern starten, wird aber nicht gewertet.
gam: Dass intersexuelle Athletinnen bei gewissen Laufdisziplinen eine Art Bonus haben, ist nicht wegzudiskutieren. Aber ich finde es trotzdem grotesk, dass man von Semenya verlangt, Medikamente zu nehmen, um den Körper zu verändern, damit sie starten darf. Gleichzeitig kämpft man für dopingfreien Sport und gegen ungesunde Substanzen. Und im Fall von Markus Rehm sagen Experten, ein Vorteil durch seine Prothese sei wahrscheinlich, aber nicht sicher. Übrigens ist es bei Rehms Para-Springer-Konkurrenten ähnlich wie für jene von Semenya – sie haben gegen ihn keine Chance, weil er körperlich stärker und wohl auch talentierter ist. An der Para-WM 2019 sprang er 92 cm weiter als der Zweitbeste. Schwierig zu sagen, wo Fairness beginnt und endet.
mwy: Ein hundertprozentig fairer Wettkampf wird nie möglich sein, weil die Grundvoraussetzungen wie Geburtsland, Vermögen, Konstitution und Talent immer unterschiedlich sein werden. Aber wir müssen versuchen, die Regeln möglichst fair zu gestalten.
gam: Und wir müssen versuchen, Sportsleute nicht auf Prothesen oder Testosteronwerte zu reduzieren. Semenya und Rehm trainieren sicher genauso viel wie die Konkurrenz – und das verdient Respekt.