Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03648.jsonl.gz/351

Wenn wir das Wort «Uraufführung» hören, denken wir sofort an zeitgenössische Musik – ein neu entstandenes Werk, welches zwar spannend, jedoch auch entsprechend fremd klingen mag. Unsere Urrauführung ist etwas speziell, denn es handelt sich um ein Werk, welches vor mehr als 200 Jahren komponiert wurde, zur Zeit Mozarts. Durch das Spiel des Schicksals wurde es jedoch nie öffentlich gespielt – bis heute!
Im Jahre 2018 wurde im Domarchiv in Feldkirch (A) eine «Sinfonia a due Violini, due Oboe, due Corni, Viola e Violone del Signore Reinegg» entdeckt. Diese Sinfonia wurde von den Herren Bernd H. Becher aus Feldkirch und Martin Gremminger aus Rheineck beim renommierten Doblinger Verlag in Wien herausgegeben. Nun sind wir sehr gespannt, als erstes Orchester überhaupt, diese alten Töne zum Leben erwecken zu dürfen und mit Ihnen zu teilen und erleben zu können.
Christoph Rheineck (1748–1797) war ein deutscher Komponist aus Memmingen. Der heute nur in Fachkreisen bekannte schwäbische Musiker zählte im 18. Jahrhundert zu den «grössten musikalischen Dilettanten in Deutschland» (Chr. F. D. Schubart), der berühmt war als Sänger, Klarinettist und Komponist musikdramatischer Werke, von Klaviermusik und Liedern. «Der Name Reinegg, oder häufiger Rheineck, ist ursprünglich ein Ortsname, der die Stelle bezeichnet, wo der Rhein in den Bodensee einfliesst. (…) Von diesem Ortsnamen leitet sich der Familienname der Rheineck her» (Memminger Geschichts-Blätter 1923). Christoph Rheineck hat auch ein Jahr in St.Gallen im Handelshaus Scherrer gearbeitet.
Im Jahr 1775 besuchte Rheineck Paris, wohin er in dieser Zeit auf Anregung des damaligen französischen Finanzministers Turgot übersiedeln wollte. Er sollte in dessen Ministerium eine Stelle bekommen, sich aber ganz dem Komponieren widmen.
Nur drei Jahre später komponierte Mozart während seines Aufenthaltes in Paris seine 31. Sinfonie und nannte sie «Pariser». Die Pariser liebten es laut und effektvoll, und so verwendet Mozart mehr Instrumente denn je: Zum ersten Mal in seinen Symphonien setzt er Klarinetten ein, ausserdem Pauken, Trompeten, Flöten, Oboen, Fagotte und Hörner. Prunkvoll ist diese Musik, aber auch komödiantisch, voller Überraschungen und Kontraste. In einem Brief an seinen Vater schrieb Mozart, wie er, um die Gunst des Pariser Publikums zu gewinnen, eine neue Kompositionstechnik «Coup d’archet» absichtlich benützte. Es handelt sich um einen sehr charakteristischen Anfang, nämlich einen Unisono-Einsatz im Forte-Tutti auf vierfach wiederholtem D mit anschliessendem Sechzehntel-Lauf aufwärts, unterlegt von Paukenwirbel. Das Publikum war begeistert und klatschte nicht nur zwischen den Sätzen, sondern auch mitten in den Sätzen, nach jedem effektvollen Lauf.
Vier Jahre später, 1782, schrieb Mozart sein 12. Klavierkonzert in A-Dur, welches wir heute in der Aufführung von Theo Lieven hören werden, und neun Jahre später, 1791, schrieb er seine Oper «La Clemenza di Tito» (Die Milde des Titus). Mit der Ouvertüre aus dieser Oper werden wir heute unsere spannende musikalische Reise durch das 18.Jahrhundert beginnen.