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Vor kurzem bin ich auf die Webseite «We Are Change Switzerland» gestossen. Diese Webseite macht auf den ersten Blick den Eindruck eines Nachrichtenblogs, worauf auch die Beschreibung auf der Hauptseite deutet:
Auf den zweiten Blick aber wird schnell klar, dass Aufklärung bei «We Are Change» eine eigentümliche Färbung hat:
«We Are Change» vertritt die Verschwörungstheorie, die offizielle Erklärung für Terroranschläge vom 11. September 2001 entspreche nicht der Wahrheit und tatsächlich sei die US-Regierung an den Anschlägen beteiligt gewesen.
Einige der We Are Change-Mitglieder erklären ihre Ansicht in einem Fernsehbeitrag des Regionalsenders TeleTop:
Der 9/11-Verschwörungstheorie möchte ich mich in diesem Blogeintrag nicht gross widmen: Zum einen sind die vermeintlichen 9/11-Verschwörungs-Indizien seit Jahren entkräftet, zum anderen sind die Argumente für unterschiedliche Verschwörungstheorien auf der We Are Change-Seite eher oberflächlicher Natur. So wird z.B. eine Klimawandel-Verschwörung mit altbekannten Missverständnissen von Vorgestern begründet (Skeptical Science ist ein gutes Nachschlagewerk in Sachen Klimawandel), und die Fluoridierungs-Verschwörung wird mit dem Satz
Ist es nicht erstaunlich, dass ein und die selbe chemische Substanz, Natriumfluorid, beim Patentamt als Rattengift, bei der Pharmazulassungsstelle als Medikament und beim Gesetzgeber als "essentieller und physiologisch nützlicher Stoff" geführt wird?
eingeleitet (Das ist in etwa so erstaunlich, wie der Umstand, dass wir an zu wenig Wasser und an zu viel Wasser sterben können).
Viel spannender scheint mir die Frage, warum Verschwörungstheorien überhaupt Anklang finden - oder auch nicht.
Die Nachfrageseite: Warum glauben Menschen an Verschwörungstheorien?
Zunächst ist von Interesse, warum ein Individuum einer Verschwörungstheorie Glauben schenken sollte. Die Ausgangslage ist an dieser Stelle ein reduktionistisches Modell eines vernunftbegabten, isolierten, vergangenheitslosen Individuums: Menschen sind aber emotionale, soziale und biographische Wesen - ich beachte hier also nur einen kleinen Auschnitt der möglichen Gründe für individuelles Glauben an Verschwörungstheorien.
- Verschwörungstheorien liefern Antworten: Nicht-Wissen ist ein in der Regel unangenehmer Zustand; es scheint geradezu ein biologischer Imperativ, Ereignisse aller Art in sinnstiftende Muster anzuordnen.
- Verschwörungstheorien sind eine Form des Eskapismus: Eine Verschwörungstheorie kann eine Möglichkeit darstellen, das Alltagsleben mit Spannung und Abenteuer zu füllen.
- Verschwörungstheorien emanzipieren: In einer überaus komplexen, ausdifferenzierten Lebenswelt können uns Verschwörungstheorien vermitteln, wonach wir alle streben: Selbstbestimmung und Wissen darüber, wie die Welt wirklich funktioniert.
- Verschwörungstheorien können ein Verlangen nach Gerechtigkeit befriedigen: Wenn die wenigen Mächtigen die vielen Schwachen unterdrücken, wollen z.B. auch die We Are Change-AktivistInnen nur das Richtige tun.
- Und zu guter Letzt: Verschwörungen existieren. Nicht zuletzt Watergate, die Mutter aller Verschwörungen, hat gezeigt, dass konspirative Kräfte durchaus ein ernstzunehmendes Problem sein können - also lieber auf Nummer sicher gehen und eine Verschwörung zu viel als eine zu wenig wittern.
Die Angebotsseite 1: Gelegenheitsstrukturen
In diesem Abschnitt möchte ich einige mögliche Faktoren der «externen» Angebotsseite ansprechen: Was für Kontextfaktoren können die Attraktivität von Verschwörungstheorien positiv beeinflussen?
Auch hier möchte ich mich eher zusammenfassend-vereinfachend halten, und fasse stichwortartig Dinge zusammen, welche für sich genommen weiterer Ausführung (und empirischer Prüfung) bedürfen.
- Neue Kommunikationskanäle: Die technischen Entwicklungen der letzten ca. 20 Jahre haben das Mass technikgestützer Kommunikation rasant expandieren und deren kosten sinken lassen. Insbesondere die verschiedenen Kommunikationskanäle, denen das Senden und Empfangen von Daten über das Internet zugrunde liegt, haben der Verbreitung von Verschwörungstheorien Vorschub geleistet.
Da Verschwörungstheorien nicht selten anprangern, die klassischen Massenmedien würden die Wahrheit unterdrücken, ist ein dezentrales Kommunikationsnetzwerk wie das Internet nicht nur Mittel zum Zweck der Informationsverbreitung, sondern Teil der Verschwörungsideologie: Der Umstand, dass die jeweilige Verschwörungstheorie in den klassischen Massenmedien keine grosse Resonanz findet, wird als Teil der Verschwörung gedeutet, und damit entsteht durch die Nutzung des Internets ein die Verschwörung stärkender Mechanismus der selbsterfüllenden Prophezeihung.
- Hoher Grad der sozioökonomischen Entwicklung: Verschwörungstheorien verbreiten sich eher unter gebildeten und materiell sicheren Menschen. Der Mechanismus dahinter ist verhältnismässig einfach: Gemäss der Logik z.B. der Maslow'schen Bedürfnispyramide haben Menschen, deren existenzielle Sicherheit nicht in Frage steht, eher die Kapazitäten, sich abstrakteren Dingen zu widmen (Dieses Prinzip hat Bertolt Brecht in der Dreigroschenoper mit «Zuerst kommt das Fressen, dann kommt die Moral» treffend beschrieben.).
- Boulevardjournalismus: Wie regelmässige Leserinnen und Leser des skeptiker-blogs wissen, ist Boulevardjournalismus weniger an der Wahrheit als an gut klingenden Geschichten interessiert. Verschwörungstheorien passen oft in das Konzept der boulevardisierten Medienlogiken: Sie lassen sich prächtig emotionalisieren und personalisieren; Konfliktinszenierung und Skandalisierung sind Verschwörungstheorien inhärent; Verschwörungstheorien betreiben eine starke Komplexitätsreduktion der Wirklichkeit.
- Gesellschaftliche Krisen: Wie genau eine «Krise» zu definieren ist, ist erstaunlich schwierig zu bestimmen. Ganz allgemein gehalten, handelt es sich dabei um Phasen rasanten Wandels bestimmter gesellschaftlicher Teilsysteme, welche von «Entweder-Oder»-Konflikten geprägt sind (im Unterschied zu «Mehr-oder-Weniger»-Konflikten zu Normalzeiten).
Wenn derartige gesellschaftsweit wahrnehmbare Umbrüche stattfinden, können sich normalerweise eher periphere Akteure und Erklärungsansätze, wie eben Verschwörungstheorien, stärker Gehör verschaffen.
- «Astroturfing»: Wenn sich Individuen kollektiv und eigenmotiviert für bestimmte Dinge einsetzen, wird gerne der Begriff des «grass roots»-, also des Graswurzel-Phänomens als Beschreibung verwendet. Gemeint ist damit, dass es sich um eine «von unten» gerichtete kollektive Aktivität handelt.
In Fällen, in denen zwar vordergründig eine «grass roots»-Aktivität stattfindet, diese aber in Tat und Wahrheit durch wenige einflussreiche Partikularinteressen orchestriert wird, welche nicht Teil dieses Kollektivs sind, wird gerne der abwertende Begriff «Astroturfing» als Beschreibung verwendet (Astroturf ist eine US-amerikanische Kunstgras-Marke). Ein aktuelles Beispiel für Astroturfing ist die US-amerikanische «Tea Party»-Bewegung: Obschon das genaue Ausmass an Astroturfing schwer zu quantifizieren ist, scheint offensichtlich, dass privatwirtschaftliche Akteure die Tea Party usurpierten und mithalfen, teils wilde Verschwörungstheorien über den angeblichen kommunistischen Diktaktor in spe, Präsident Barack Obama, zu verbreiteten.
Die Angebotsseite 2: Eigenschaften von Verschwörungstheorien
Für Verschwörungstheorien selber gehe ich davon aus, dass vor allem zwei Faktoren deren Attraktivität bestimmen: Deren Realitätsnähe und Konsequenzen.
- Realitätsnähe: Eine Verschwörungstheorie wird desto eher auf Interesse stossen, je stärker sie an tatsächliche Personen, Gegenstände, Ortschaften und Ereignisse anknüpft und diese miteinander verwebt.
Die attraktivsten Verschwörungstheorien sind jene, welche als Prämissen vor allem wahre Dinge nehmen und daraus die verschwörungstheoretischen Schlüsse ziehen. Je mehr unbewiesene oder gar offen fantastische Elemente eine Verschwörungstheorie als Prämissen einbaut, desto weniger attraktiv die Schlüsse (Als Fallbeispiel kann die Verschwörungstheorie der Reptilien-Ausserirdischen dienen: Die Voraussetzungen für die Verschwörung, die Existenz der Reptilienausserirdischen, ist unbewiesen, und entsprechend sind die gezogenen Schlüsse wenig ansprechend - soll die Theorie geglaubt werden, ist nicht nur unkritisches Denken, sondern sehr ressourcenintensiver «suspension of disbelief» nötig).
- Schwere der Konsequenzen: Der zweite Faktor für überzeugende Verschwörungstheorien ist die Frage nach den Auswirkungen der Verschwörung.
Wenn eine Verschwörungstheorie ein verhältnismässig belangloses Ereignis erklärt, mag die Theorie vielleicht sehr realitätsnah sein, bleibt aber uninteressant. Eine Minimalanforderung ist, dass die Anzahl der durch die Verschwörung direkt Betroffener höher sein muss als die Anzahl der VerschwörerInnen. Darum sind staaten- oder gar weltumspannende Verschwörungstheorien besonders attraktiv: Eine verhältnismässig kleine Gruppe hintergeht Millionen, wenn nicht gar Milliarden von Menschen.
Fazit
Die obigen Ideen sollen Denkanstösse liefern, um einzuschätzen, warum Verschwörungstheorien auf Interesse stossen können, oder auch nicht. Zusammengefasst ergibt sich folgendes skizzenhaftes Modell der relevanten Faktoren:
Offensichtlich ist diese Ideensammlung alles andere als vollständig. Zu betonen ist auch, dass es sich hierbei um ein theoretisches Brainstorming handelt - ob diese Annahmen tatsächlich helfen, Verschwörungstheorien zu verstehen, wäre in einem weiteren Schritt zu prüfen.