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Im Kontext des Wirtschaftsbooms in den 1950er Jahren, der gesellschaftskritischen 68er-Bewegung und der beiden Ölkrisen 1973 und 1979/80 wurden in der breiten Öffentlichkeit vermehrt Kritik am dominierenden Kapitalismus geübt und Alternativen diskutiert. Auch neoliberale Philosoph*innen mischten sich in die Kontroverse rund um das kapitalistische Wirtschaftssystem und die Rolle des Staates ein. Als Befürworter des Kapitalismus – doch ebenfalls in Abgrenzung gegen den Staat – versuchten sie zu argumentieren, dass der Kapitalismus in seiner reinsten Form das beste aller Wirtschaftssysteme sei. Alle drei Referenten des Panels setzen sich mit der Entstehung neoliberaler Ideologien im angelsächsischen Raum, deren Verbreitung in der Gesellschaft und der öffentlichen Debatte rund um das kapitalistische Wirtschaftssystems und die Rolle des Staates auseinander.
VOJIN SAŠA VUKADINOVIĆ (Basel) richtet in seinem Beitrag Gegen den Staat. Die objektivistische Bewegung und der laissez-faire capitalism als einziger der Vortragenden den Fokus auf eine weibliche Person als Akteurin. Im Weiteren scheint das jedoch eher ein Zufall zu sein als eine bewusst gefällte Entscheidung, da der Tatsache, dass die russisch-amerikanische Philosophin Ayn Rand (1905–1982) eine Frau ist, keine weitere Beachtung geschenkt wird. Es sind vielmehr ihre philosophischen Überlegungen, die im Zentrum des Interesses stehen. Ausgehend von seiner Forschung zum Objektivismus (eine von Ayn Rand begründete philosophische Richtung) zeichnet Vukadinović die Vernetzungen der Vertreter*innen dieser philosophischen Strömung, des sogenannten „Kollektivs“, nach und beleuchtet die Rolle des Staates in der Philosophie des Objektivismus. Der Staat an sich wird im Objektivismus als eine Diktatur verstanden, rationale Moral und Egoismus als wichtigstes Gut betrachtet und zugleich ein Laissez-faire-Kapitalismus befürwortet. Ziel der Objektivist*innen war die Popularisierung ihrer Idee und somit die Bestrebung, über den Status einer Denkschule hinweg zu kommen. Die Auflösung des Kollektivs Ende der 1960er Jahre sei laut Vukadinović ironischerweise einer irrationalen internen Liebesaffäre geschuldet. In ihrem Kommentar verweist LAURA RISCHBIETER (Konstanz) auf die nur scheinbare Auflösung der Gruppierung und erwähnt im Kontrast dazu die jährlichen Spenden von über 8 Millionen Euro an das Ayn-Rand-Institut in Irvine (CA). Diese liessen vermuten, dass neoliberale Ideen noch immer hoch im Kurs stehen.
SÖREN BRANDES (Berlin) beleuchtet am Beispiel von zwei angelsächsischen Fernsehserien, wie neoliberale Netzwerke in den 1970er und 1980er Jahren ihre Ideen unter ein breites Publikum bringen. Dabei spielt das Narrativ des Staates als „Feind“ eine wichtige Rolle. Die beiden ausgewählten Serien Free to Choose (PBS, 1980, nach dem gleichnamigen Buch von Milton Friedman) und Yes Minister/Yes, Prime Minister (BBC, 1980–1988) beschreiben einen Konflikt zwischen den „einfachen“ Bürger*innen und den „selbstinteressierten staatlichen Eliten“. Mit diesem soll gezeigt werden, dass die einfache Bürger*in sich nur auf den freien, deregulierten Markt verlassen kann und nicht auf den „Steuerstaat“, der ihr das Geld aus der Tasche ziehen will. Visuell inszeniert wird dieser Konflikt vor allem in Free to Choose sehr augenscheinlich. Erhellend ist darüber hinaus, dass sich die Produzenten, Fernsehautoren und weitere für die Umsetzung prägenden Figuren meistens schon durch neoliberale Netzwerke wie beispielsweise die Mont Pèlerin Society kannten. Auf die Nachfrage der Kommentatorin, warum ausgerechnet in den 1970er Jahren das Bestreben aufkam, neoliberale Ideen in dieser Form zu popularisieren, hat Brandes noch keine abschliessende Antwort. Er geht aber davon aus, dass hierfür die Krisen der 1960er und 1970er Jahren – die er nicht nur als ökonomische Krisen, sondern ebenso als politische Legitimationskrisen einordnet – eine wichtige Rolle spielten. Diesen sei man mit der Popularisierung neoliberaler Ideen und Konzepte wie die Public Choice Theory entgegengetreten. Aus dem Publikum kommt die Anregung, dass die visuelle Strategien der Fernsehserien stärker in die Analyse einbezogen werden müssten: Wissenschaftliche und analytische Instrumente zur Untersuchung von Filmen als Medium scheinen noch nicht ausreichend berücksichtigt. Offen bleiben daher Fragen wie: Wie funktioniert die Visualisierung von Reichtum? Sind Bilder automatisch normativ aufgeladen?
MAURICE COTTIER (München) hebt hervor, es sei zwar wichtig und richtig, die Rolle neoliberaler Netzwerke zu beleuchten, jedoch reiche dies nicht aus um zu erklären, wieso neoliberales Gedankengut einen solchen Aufschwung erfahren habe. Cottier will seinerseits auch die Gegenseite betrachten und stellt die These auf, dass „die Linke“ es verpasst habe oder nicht in der Lage gewesen sei, überzeugende Alternativen zu den neoliberalen Theorien zu entwickeln. Ein „linkes Utopie-Vakuum“ sei entstanden, so Cottier, was er am Beispiel des Ökonomen John Kenneth Galbraith (1908–2006) illustriert, den er dem „linken Lager“ zuordnet. Galbraith sah im Staat ein demokratisches Mittel, um die Dominanz privater Konzernen zu brechen und forderte in den 1970er Jahren einen „New Socialism“. Seine Gesellschaftsdiagnose ähnelt dabei interessanterweise derjenigen des Neoliberalen Milton Friedman (1912–2006). In ihrem Kommentar stellt Laura Rischbieter unter Bezugnahme auf diese Ideen Galbraiths dessen Qualifizierung als politisch „links“ in Frage: Cottier verweist als Antwort auf die Selbstpositionierung Galbraiths. Allgemein bleibt die Frage offen, wen der Referent genau mit dem „linken Lager“ meint. Eine exaktere Definierung der politischen „Lager“ wäre für die weitere Forschung daher wünschenswert.
In ihrem Résumé fragt Laura Rischbieter nach dem Reichtum, den Auswirkungen und Folgen, die in den drei Referaten diskutiert werden: Entscheidend scheinen die Auswirkungen des modernen Steuerstaates, der sich in den 1980er Jahren in Form der De- oder Re-Regulierung der Finanzmärkte manifestierte. Am Beispiel von Fernserien als Sinnbilder ökonomischer Modelle zeige Brandes mit mediengeschichtlichem Zugang, inwiefern normative Ethik den untersuchten Serien unterliege. Rischbieter kritisiert, dass die Public Choice Theory als Argument der Analyse nicht genüge.
Im Ergebnis zeigt sich, dass mit den drei Vortragsthemen dieses Panels – dem „Kollektiv“ um Ayn Rand als philosophischer Basis, den Fernsehserien als Instrument zur Popularisierung dieser Ideen und der Figur Galbraith als deren akademischem Pendant – deine facettenreiche Betrachtung neoliberaler Ideologien, deren jeweiliger Staatsverständnisse und den öffentlichen Diskursen möglich ist.
Panelübersicht:
Vukadinović, Vojin Saša: Gegen den Staat. Die objektivistische Bewegung und der laissez-faire capitalism
Brandes, Sören: Villen und Champagner: Politiker und Bürokraten in neoliberalen Fernsehserien um 1980
Cottier, Maurice: Reiche Privatwirtschaft, armer Staat: John Kenneth Galbraiths Gesellschaftskritik
Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 5. Schweizerischen Geschichtstagen