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Die S. war um 1910 mit 18% des Gesamtexports der grösste Exportzweig der Schweizer Wirtschaft. Von ihr lebte in der Ostschweiz (St. Gallen, Thurgau, beide Appenzell) mehr als ein Fünftel der Bevölkerung. Ihren ersten Aufschwung nahm sie nach Mitte des 18. Jh. als Handarbeit im Kettenstich mit Stickrahmen. Zentrum war die Stadt St. Gallen, von wo sie sich zunächst auf das umliegende Land, dann auf das Vorarlberg und Schwaben ausdehnte (zu kunstgewerbl. Formen der S. Textilkunst). Um 1790 stickten 30'000 bis 40'000 Frauen und Mädchen für die sankt-gall. und appenzell. Kaufleute, die über das Verlagswesen den gesamten Produktionsprozess vom Entwurf der Muster bis zum Export nach Frankreich und anderen europ. Ländern kontrollierten (Verlagssystem). Die S. förderte nicht nur die Spezialisierung der Appenzeller Handweberei auf feine Baumwollgewebe, sondern sie regte auch den Aufbau von Zwirnereien für die Herstellung des Stickgarns an (Baumwolle). Der Wechsel der Mode um 1800 beendete diese erste Blüte.
Ab 1820 erlebte die S. dank der Einführung einer neuen Sticktechnik, dem Plattstich, und der Erschliessung neuer Märkte in Amerika einen neuen Aufschwung. Die steigende Nachfrage und die dadurch auftretenden Produktionsengpässe förderten Bestrebungen zur Entwicklung einer Stickmaschine. Schon 1827/28 glückte dem Elsässer Josua Heilmann zwar die erste Konstruktion, doch es bedurfte noch langjähriger Versuche, bis es der St. Galler Firma Rittmeyer gelang, eine Handstickmaschine zu entwickeln, mit der sie marktgängige Produkte herzustellen vermochte. Kurz vor 1850 gründeten die Rittmeyer eine erste Stickfabrik mit zwölf Maschinen, die je die Arbeit von ungefähr vierzig Stickerinnen ersetzten. Einem ersten noch zaghaften Aufschwung der Maschinenstickerei in den 1850er Jahren - die Maschinenartikel stiessen ausser in Brasilien und Havanna auf den Märkten zunächst auf Misstrauen - folgte 1865 der eigentl. Durchbruch. Die Anzahl der Stickmaschinen stieg von 770 auf über 10'000 um 1876. 1890 waren in den drei Ostschweizer Kantonen rund 18'000 Maschinen aufgestellt, die meisten in Sticklokalen von Heim- oder Einzelstickern, die ihre Aufträge über Fergger und Stickfabrikanten oder auch direkt von den Exporteuren erhielten. V.a. in den 1880er Jahren verlagerte sich das Schwergewicht der Herstellung von der Fabrik auf die billiger produzierende Heimindustrie. In der Fabrik- wie Heimstickerei war Sticken jedoch eine reine Männerarbeit, das Einfädeln und Auswechseln der über 300 Nadeln dagegen besorgten Frauen und Kinder. Ende des 19. Jh. erfuhr die S. mit der Einführung der 1863 von Isaak Gröbli erfundenen Schifflistickmaschine, die ihres mechan. Antriebs wegen eine acht- bis zehnfache Leistungssteigerung erbrachte, einen weiteren Aufschwung. Finanzkräftige Handelskreise, darunter auch amerikan. Firmen errichteten Fabriken mit 100 und mehr Maschinen. Kurz nach 1900 erhielt die Schifflimaschine durch Stickautomaten, die ganz ohne Sticker auskamen und eine noch höhere Produktivität erzielten, Konkurrenz. Die grosse Nachfrage sowie die Produktevielfalt sorgten aber dafür, dass die versch. Maschinen und Betriebsformen nebeneinander existieren konnten. In Appenzell Innerrhoden behauptete sich sogar die alte Plattstich-Handstickerei. Infolge des radikalen Modewechsels geriet die S. zwischen 1920 und 1921 in eine schwere Krise: Zehntausende verloren ihre Arbeit, Tausende von Maschinen wurden verschrottet. In den 1950er Jahren setzte eine gewisse Erholung ein. Technolog. Neuerungen (leistungsstärkere Stickautomaten, computergesteuerte Produktion) führten 1982 zu einem neuen Exporthöhepunkt, trieben den Konzentrationsprozess voran und machten die S. zu einem hoch spezialisierten, beschäftigungsarmen Zweig der Textilindustrie. Um auf dem Weltmarkt bestehen zu können, konzentrieren sich die Unternehmen auf Spezialprodukte und Neuheiten mit höchstem Qualitätsanspruch (z.B. Haute Couture, klimatisierende Stoffe oder feuerfeste Materialien).
Literatur
– A. Tanner, Das Schiffchen fliegt, die Maschine rauscht, 1985
Autorin/Autor: Albert Tanner