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Horizonte 22/2006
Dan Brown behauptet in seinem Buch «Sakrileg», dass Maria von Magdala, der Jüngerin Jesu, im Laufe der Kirchengeschichte furchtbares Unrecht geschehen sei. Aus der «Apostolin der Apostel» habe man in der kirchlichen Tradition eine Hure gemacht. Und all das, um eine Wahrheit zu verdrängen, die für die (römisch-katholische) Kirche höchst gefährlich sei: Dass nämlich Jesus von Nazaret mit Maria von Magdala verheiratet gewesen sei und sogar eine Tochter mit ihr gezeugt habe, deren Nachfahren noch heute in Frankreich leben.
Im Folgenden soll es nicht um die abstrusen Behauptungen um eine Ehe Jesu gehen, sondern darum, was man wirklich von den historischen Quellen her zu Maria von Magdala sagen kann und was im Laufe der Kirchengeschichte daraus geworden ist.
Zunächst einmal: Nicht alles, was Dan Brown über Maria von Magdala sagt, ist von vornherein Unsinn. Maria von Magdala ist im Laufe der Kirchengeschichte tatsächlich furchtbares Unrecht geschehen. Schon früh nämlich wurde ihre Gestalt mit der von drei anderen biblischen Frauen verschmolzen:
Die namenlose «stadtbekannte Sünderin», die nach dem Lukasevangelium (7,36-50) im Hause Simons, des Pharisäers, Jesu Füsse mit Öl salbt; die namenlose Frau, die nach dem Markusevangelium (14,3-9) in Betanien im Hause Simons, des Aussätzigen, Jesu Haupt salbt; Maria von Betanien, die Schwester der Marta und des Lazarus, die nach dem Johannesevangelium (12,1-11) in ihrem gemeinsamen Haus Jesu Füsse salbt und mit ihrem Haar trocknet.
Maria von Magdala kommt zwar in keiner einzigen dieser Salbungsgeschichten vor. Und doch genügte die Namensgleichheit mit Maria von Betanien zusammen mit dem Hinweis, dass Jesus aus Maria von Magdala sieben Dämonen ausgetrieben habe (Lukas 8,2), sie zur «stadtbekannten Dirne» und «Sünderin» hoch zu stilisieren. Papst Gregor d. Gr. schliesslich verordnete 591 in seinen Magdalenenpredigten, dass Maria von Magdala, Maria von Betanien und die salbende Sünderin aus Lk 7 ein und dieselbe Person seien. Und es dauerte bis 1978, dass die römisch-katholische Kirche das in ihrem Brevier wieder rückgängig machte.
Die Evangelien hingegen erzählen nicht von einer Salbung Jesu durch Maria von Magdala, sondern anderes:
In sämtlichen Evangelien wird sie (mit nur einer Ausnahme!) als erste unter den Frauen genannt, die Jesus von Nazaret vom Anfang in Galiläa bis unter das Kreuz nachgefolgt sind. Wie Petrus bei den männlichen Jüngern nimmt sie die erste Stelle bei den Frauen ein. Sie war bei seiner Grablegung dabei und konnte bezeugen, wohin man Jesus gelegt hat. So konnte sie auch durch ihren Besuch beim Grab die erste Zeugin der Auferstehungsbotschaft werden, die sie dann als «Apostolin der Apostel» den Jüngern verkündet.
Dan Brown belegt seine Behauptung, dass Maria von Magdala in der frühen Kirche eine wesentlich wichtigere Rolle gespielt habe, mit Hinweisen auf apokryphe Evangelien wie dem Philippusevangelium und dem Mariaevangelium. Diese zeigen tatsächlich eine frühchristliche Tradition, nach der Frauen zumindest in Teilen der Kirche eine bedeutende Rolle gespielt haben. Alle diese Evangelien sind aber lange nach den neutestamentlichen Evangelien entstanden und entstammen gnostischen Kreisen. Die Gnosis muss man sich als eine Art «Gegenkirche» zur römischen Kirche vorstellen, die sich bekanntlich auf den Apostel Petrus berief. Für die Gnostiker aber war es Maria von Magdala gewesen, der Jesus alle Geheimnisse anvertraut und den Auftrag gegeben hatte, sein Werk weiterzuführen.
Heute weiss man, dass diese gnostischen Evangelien bewusst gegen die kirchlichen vier Evangelien verfasst wurden und bewusst die Leitungsstrukturen Roms angreifen wollten. Das war einer der Gründe, warum die römische Kirche die Gnosis zur Ketzerei erklärte und ihre Schriften vernichten liess. Erst seit dem letzten Jahrhundert liegen dank archäologischen Funden Originaldokumente der Gnostiker vor.
Dieter Bauer, Bibelpastorale Arbeitsstelle
Susanne Ruschmann: Maria von Magdala. Jüngerin – Apostolin – Glaubensvorbild. 56 Seiten, CHF 6.00. – Ein guter Überblick zur biblischen Gestalt der Maria von Magdala, aber auch zu dem, was die Kirchengeschichte aus ihr gemacht hat.
Bibel und Kirche 55 (4/2000): Maria Magdalena. CHF 10.00. – Im Themenheft der Zeitschrift «Bibel und Kirche» zu Maria von Magdala wird sowohl auf die biblischen wie auch die apokryphen Traditionen eingegangen, mit einem Blick auch in die früh- und ostkirchlichen Traditionen findet.