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Liebe Leserin, lieber Leser
Der Mann, der unserem Verlag den Namen gab, gründete 1883 im Aargau ein Gratisblatt. Jahre später tauchte Jean Frey in Zürich auf, besass inzwischen eine Druckerei und die 1920 gegründete Zeitung «Sport». Und als der Grossneffe des Gründers, Max Frey, das operative Zepter übernahm, blühte diesem das Schicksal des Familienunternehmers: knappe Kassen und viele liebe Onkel und Tanten, die bereit waren, gegen Bares ihre Aktien abzutreten. Die Frey-Firma, diagnostizierte jedenfalls der langjährige «Weltwoche»-Chefredaktor Jürg Ramspeck, «hatte an diffusen Besitz- und Führungsverhältnissen Schaden genommen». Das war 1950. Was folgte, war mehr vom Gleichen: Als Max Frey keine Lust mehr verspürte, durfte sein Sohn Hand anlegen, ein 26-jähriges Greenhorn in der Branche. Das wusste der Herr Papa sehr wohl und verkaufte 1987 gegen einen Check von über 200 Millionen Franken seinen Verlag samt Druckerei dem Financier Werner K. Rey. Und so ging die Odyssee dieses Hauses munter weiter: Rey schnappte sich den stattlichen Immobilienbesitz, und als er Pleite machte, wurde der Verlag zweimal verpfändet. Dann kam Beat Curti, der Detailhändler mit dem Verlegerherzen, der den Rückzug antrat, als er 1994 in den Zürcher Wirteskandal um den Chefbeamten Raphael Huber verwickelt wurde. Es folgten die Basler Mediengruppe, die an der Jean Frey AG fast verzweifelte, und schliesslich Tito Tettamanti, Kapitalgeber auf Zeit. Die einzige Konstante in all diesen Jahren: diffuse Besitz- und Führungsverhältnisse.
Und jetzt also Axel Springer, Deutschlands grösster Zeitungsverlag. Benannt nach jenem Mann, der die «Bild»-Zeitung erfand und die «Welt» verlegte, mit Ersterer ins Visier wütender Studentenproteste der 68er geriet und mit Letzterer selbst während der schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges publizistisch für die Wiedervereinigung einstand. Stationen einer deutschen Biografie eines im Jahre 1912 Geborenen. «Eine widersprüchliche Persönlichkeit», urteilt Biograf Michael Jürgs über Axel Springer. Aus dessen jungen Jahren finden sich laut Jürgs lediglich «Betrachtungen eines zutiefst Unpolitischen». Und das mag Springer auch gewesen sein, als er 1946 seinen Verlag gründete und zunächst TV- und Frauenzeitschriften verlegte. Springers kritischer Biograf schreibt aber auch: «Im Gegensatz zu vielen seiner Generation hat Axel Springer das nazistische Terrorregime nicht zu einem bedauerlichen Fehler der Geschichte verdrängt. Er spricht deutlich von den Verbrechen der Deutschen und empfindet diese Schuld der Nation, deren Ursachen er allerdings nie analysiert, immer auch als persönliches Versagen. Er leistet wie kein anderer Deutscher Wiedergutmachung an den Juden.»
Dieser Geist des Verlegers, wohl weniger politisches Statement als Ausdruck der Verantwortung für das eigene Tun, weht im Hause Springer noch immer, «in jüngster Zeit wieder stärker», konstatiert der heutige Springer-Chef Mathias Döpfner im BILANZ-Gespräch. Verantwortung schafft Orientierung in einer unübersichtlich gewordenen Welt, und für BILANZ gehören erstmals in der dreissigjährigen Geschichte des Magazins diffuse Besitz- und Führungsverhältnisse im Hause der Vergangenheit an.