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Pascaline Sordet
17. Mai 2021
Die Serie «Double vie» wurde von Léo Maillard, Marie Fourquet,Victor Rodenbach und Julie Gilbert geschrieben.
Am 2. Dezember erscheint ein erster Erfahrungsbericht auf einer bisher unbekannten französischsprachigen Facebook-Seite, deren Abonnentenzahl in den Tagen danach rapide ansteigt: «Paroles de scénaristes». Unter den Hashtags #Invisibilisation und #RéappropriationDuTravail berichtet eine erste Betroffene anonym: «Ich nahm in meiner Heimatstadt an der Vorpremiere des ersten Spielfilms teil, dessen Drehbuch ich gemeinsam mit einer anderen Autorin geschrieben hatte. Die (sehr bekannte) Regisseurin war auch anwesend. Als sie in das Projekt einstieg, stand die erste Fassung des Drehbuchs bereits. Die Regisseurin wusste nicht, dass ich im Saal war. Auf die Frage, woher die Idee zur Geschichte stammt, antwortete sie, jemand habe ihr ein Tagebuch zukommen lassen, das sie sehr berührte, und sie habe daraufhin gemeinsam mit ihrem Co-Autor das Drehbuch geschrieben.» Wenige Wochen später wurde bekannt, dass es sich um Anne Fontaine und ihren Film «Les Innocentes» handelte.
Ein zweiter Erfahrungsbericht folgt. Die Autorin Sabrina B. Karine schreibt: «Ich reichte bei der Drehbuchförderung des CNC ein Spielfilmprojekt ein, das ich allein geschrieben hatte. Im Dossier war ich als Kontaktperson für jegliche Anliegen aufgeführt. Das CNC rief dennoch den Regisseur an, um ihm mitzuteilen, dass das Drehbuch dem Plenum vorgelegt würde, und lud ihn allein ein, um das Projekt der Kommission vorzustellen.» Noch am selben Tag kommen zehn weitere Erfahrungsberichte hinzu, am darauffolgenden Tag doppelt so viele. Schliesslich greift der Kultur-Newsletter der Zeitung «Libération» das Thema auf und fragt sich, was in der kleinen Welt der französischen DrehbuchautorInnen vor sich geht.
Eine lange Liste von Missständen
Unverschämt tiefe Löhne, Machtmissbrauch, Verträge die nicht eingehalten werden, Aneignung fremder Arbeitsergebnisse, Missachten und Geringschätzen seitens der Partner: Die Liste der Diskriminierungen, welche die französischen DrehbuchautorInnen nun öffentlich machen, ist lang. Der Schweizer Drehbuchautor Léo Maillard, der unter anderem an «Station horizon», «Double vie» und «Helvetica» gearbeitet hat, ist der Gruppe beigetreten, «da eine Welle der Mobilisierung durch die Branche ging», doch er sieht Unterschiede zur Situation in der Schweiz: «Wer gemobbt wird, hat das Bedürfnis, darüber zu sprechen. In der Schweiz habe ich nie Missbräuche seitens der Produzenten oder des Fernsehens erlebt, eher mangelnde Kenntnis unserer Arbeitsbedingungen und unserer prekären Situation.»
Die AdministratorInnen von «Paroles de scénaristes» fordern die Betroffenen auf, die Projekte zu anonymisieren und nicht zu viele Details über die Produktionen zu verraten, doch bald erscheinen einige Fälle, die eindeutig identifiziert werden können. Die Auseinandersetzungen rund um die Stellung der Drehbuchautoren Vincent Poymiro und David Elkaīm bei ihrer Arte-Serie «In Therapie» und die öffentlichen Äusserungen von Fanny Herrero zu ihrer Serie «Dix pour cent» verhelfen der Facebook-Seite zu grosser Medienresonanz. Die Menge und Häufigkeit des Missbrauchs zeigen, dass die Entwicklungsphase viele Fallstricke birgt und im Interesse der Filme und Serien strenger beobachtet werden sollte.
Neben Missbräuchen und unlauteren Praktiken zeichnen sich zwei Problemkreise ab: die unangemessene Entschädigung aufgrund des Machtgefälles zwischen ProduzentInnen und DrehbuchautorInnen sowie die Frage der künstlerischen Kontinuität und somit der Rolle, die den DrehbuchautorInnen in der Produktions- und Postproduktionsphase eingeräumt wird.
Wer ist Showrunner?
In der Schweiz schreiben viele Filmschaffende die Drehbücher ihrer Film- und Fernsehprojekte selbst. «Ausführende Regisseurinnen und Regisseure gibt es bei uns praktisch nicht», erklärt Max Karli, Produzent bei Rita Productions. «Wir müssten soweit kommen, dass Filmschaffende bereit sind, Geschichten von anderen umzusetzen. Jemand könnte eine erste Folge drehen und eine andere Person die weiteren Folgen nach dem Muster der ersten realisieren.» Diese Arbeitsweise bedingt, dass die erzählerische und künstlerische Kohärenz von jemand anderem gewährleistet wird. In gewissen Ländern übernimmt der Chefautor oder die Chefautorin die Rolle des Showrunners. Dieser ursprünglich aus den USA stammende Beruf ist in Frankreich aufgrund der grossen Anzahl Serien zunehmend verbreitet.
Max Karli, dessen neue Serie «Sacha» sich derzeit in Postproduktion befindet, erklärt sich das Fehlen eines Showrunners nach amerikanischem Vorbild bei Schweizer Serien mit der bescheidenen Grösse des Westschweizer Marktes. «Ich weiss nicht, ob das Arbeitsvolumen bei uns ausreichend ist für ein solches Modell. Bei Serien mit mehreren Staffeln wäre dies denkbar. Der Chefautor oder die Chefautorin könnte dann mit dem Schreiben fortfahren, anstatt sich um die Regiearbeit zu kümmern. Denn wenn man zwischen zwei Staffeln vier Jahre verstreichen lässt, verliert man das Publikum.»
François-Christophe Marzal, Drehbuchautor und Regisseur von «Tambour Battant», übernahm bei der Serie «10», die 2010 von RTS ausgestrahlt wurde, als Drehbuchautor und Produzent die Rolle des Showrunners, «doch dies ist keine etablierte Funktion». Das Mitspracherecht bei der künstlerischen Umsetzung muss also vertraglich gesichert werden. Als Beispiel nennt er eine Serie, bei der «die DrehbuchautorInnen aushandelten, dass sie beim Casting und Dekor mitreden dürfen und ihnen verschiedene Schnittversionen zugeschickt werden. Wird dies nicht ausdrücklich verlangt, so haben sie keinerlei Mitspracherecht.»
Drehbuchautor und künstlerischer Leiter
Vor diesem Hintergrund hat Léo Maillard ein Modell künstlerischer Leitung entwickelt, die er als Fortsetzung der Drehbucharbeit am Set bezeichnet. So kann er sich an der künstlerischen Umsetzung beteiligen, das Drehbuch wenn nötig direkt am Set umschreiben oder gar kürzen und zugleich die Gesamtkohärenz der Serie sicherstellen. «Bei ‹Double vie› wurden fast täglich Szenen gestrichen», so Maillard. «Uns wurde bereits in der ersten Drehwoche bewusst, dass wir die Teams überforderten und dass das Drehbuch zu lang war. Also haben wir viele Szenen gestrichen und uns auf das Wesentliche konzentriert. Der Druck war enorm, doch es ging nicht anders.» Für die Serie «Station Horizon» übernahm Maillard eine ähnliche Rolle, an der Seite der Regisseure und Produzenten Romain Graf und Pierre-Adrian Irlé.
Es ist jedoch eher selten, dass DrehbuchautorInnen an den Dreharbeiten mitwirken: «Damit müssen sie leben, es sei denn sie realisieren den Film selbst», erklärt Max Karli. «Wenn die Dreharbeiten beginnen, ist ihre Arbeit beendet.» Ursula Meier ist in dieser Hinsicht eine seltene Ausnahme: «Wenn es Änderungen gibt, bittet sie Antoine Jaccoud, das Drehbuch umzuschreiben.»
Die Idee zur Rolle eines künstlerischen Leiters ist aus einer Frustration entstanden, die Léo Maillard 2012 anlässlich seiner ersten Serie «CROM» erfuhr, die er schrieb und Bruno Deville inszenierte. «Bruno ist mein Freund, doch während der Dreharbeiten war ich als Autor nicht mehr gefragt. Unser System ist noch zu sehr auf die Regie ausgerichtet. Ich habe nicht den Anspruch, die Leitung zu übernehmen, doch ich kann die erzählerische Kohärenz gewährleisten, die Brücke schlagen zwischen Drehbuch und Endprodukt.»
Anerkennung und Lohn
Ein weiterer wunder Punkt ist, wie so oft, die Entschädigung. Eine im Januar 2020 erschienene Studie des ARF/FDS zeigte auf, dass DrehbuchautorInnen gemäss einer Umfrage generell wenig verdienen. Gemessen an den tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden, kommt die Studie zum Schluss, verdienen DrehbuchautorInnen für Kinospielfilme im Monat durchschnittlich 3ʼ633 Franken brutto. Zu den Fernsehproduktionen waren die Daten zu spärlich, um repräsentativ zu sein, und wurden deshalb nicht einbezogen.
Also haben die DrehbuchautorInnen ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen und versuchen derzeit, eine Tabelle mit Richtlöhnen zu erstellen, wie es sie vom SSFV für technische Berufe gibt. «Uns wurde bewusst, dass es sehr schwierig, wenn nicht unmöglich ist, die Löhne der DrehbuchautorInnen zu erheben», erzählt Projektleiter François-Christophe Marzal. «Geld ist ein Tabuthema, die Leute wollen nicht sagen, wie viel ihnen bezahlt wird. Wir packen das Thema deshalb anders an: Wir legen fest, wie viel Zeit jeder Arbeitsschritt in Anspruch nimmt, und vergleichen dies mit dem Honorar anderer Filmschaffender, zum Beispiel der EditorInnen.» Die Tabelle soll angeben, wie viel Zeit es braucht, um ein Konzept, eine Folge oder eine Rollenbeschreibung zu verfassen. Danach wird unter Berücksichtigung der Erfahrung, der Arbeitszeit und der Ausbildung der AutorInnen ein Referenzlohn pro Woche berechnet, mit drei verschiedenen Stufen. Die Arbeiten dazu und die genaue Ausgestaltung der Tabelle sind noch im Gange.
Der ARF/FDS hatte 2012 bereits einen Leitfaden zur Entschädigung für Drehbuch und Regie veröffentlicht, allerdings nicht mit Wochenlöhnen, sondern pro Auftrag und abhängig vom Gesamtbudget des Projekts. «Die ProduzentInnen tun so, als existierten diese Richtwerte nicht», so François-Christophe Marzal. «Sie betrachten sie als reine Empfehlungen. Die Normen des SSFV erkennen sie an, weil das Bundesamt für Kultur sie dazu zwingt. Diese Vorgabe kann jedoch durch Beteiligungen umgangen oder angepasst werden, was bei schwer finanzierbaren Projekten durchaus angebracht ist.» Indem im Budget ein Reallohn und im Finanzierungsplan eine Beteiligung angegeben wird, können die wahren Kosten der Arbeit sichtbar gemacht werden, auch wo einzelne Filmschaffende bereit sind, einen Teil ihres Lohnes in das Projekt zu investieren.
All dies ändert nichts am Machtgefälle, das die französischen DrehbuchautorInnen so heftig anprangern: «Selbst wenn man auf dem Papier eine faire Entschädigung erhält, dauert alles immer länger als geplant», schliesst François-Christophe Marzal. DrehbuchautorInnen werden pro Auftrag bezahlt. Sie tragen folglich einen Teil des Risikos von Latenzzeiten und unvorhergesehenen Änderungen, die es bei der Entwicklung eines Films oder einer Serie immer gibt. In den letzten zehn Jahren hat sich ihre Situation aber verbessert, auch in der Schweiz. Mehr Transparenz in den Budgets, mehr Anerkennung in der Promotion, garantierte Mindestbeträge wenn die Serie in Produktion geht, usw. Der Erfahrungsaustausch hat hier Fortschritte und eine wahre Solidarität ermöglicht. «Wird es bald eine Art Generalstände der Schweizer DrehbuchautorInnen geben?», fragt sich Léo Maillard. «Oder eine Gilde der DrehbuchautorInnen?» Warum auch nicht...
▶ Originaltext: Französisch