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Ein Justizskandal im Jahr 1895?
Ein einseitiger Briefwechsel – Von Kathrin Utz Tremp *
Fortsetzung FN vom 23. August 03
Der Brief an den Gerichtspräsidenten (Nr. 15) besteht aus einem Doppelblatt im Format 27 x 21,5 cm, dem normalen Format von Isidors Briefen, dicht beschrieben, und einem beigelegten Zettel im Format 21 x 13 cm, auf dem er seinen Brief beendet. Er verflucht den Gerichtspräsidenten und seine Familie bis in die dritte Generation, er schwört bei Gott und auf den Kopf seines geliebten Kindes und seiner geliebten Frau, dass er unschuldig sei, schildert die Szene auf der Bank beim Bürgerspital in allen Farben und vor allem aus seiner Sicht. Der gleiche Brief geht gleichentags an den Vater des Gerichtspräsidenten, Modeste Bise, der ihn wohl seinem Sohn weiterreichen sollte (Nr. 17). Seinen eigenen Advokaten, Joseph Cosandey, verdächtigt B. der Komplizenschaft mit dem Gerichtspräsidenten, dessen Cousin er ist, und mit der Villard, die ihm ein grosses Kindbettgeschenk gemacht habe (Brief Nr. 18).
Umschläge voller Briefe, Zettel,
Visitenkarten, Totenbilder
Isidor B. stopfte seine Briefumschläge voll mit Briefen, Zetteln, Visitenkarten und Totenbildern. In einem wiederum an den Gerichtspräsidenten Emil Bise gerichteten Brief (Nr. 2) steckt ein Totenbild von Elisabeth Brugger, geboren am 26. Januar 1822, gestorben am 19. Februar 1895. Isidor hat sich nicht gescheut, auf das Bild und auf die Rückseite zu schreiben: «Mademoiselle Elise Brugguer, sortez de la tombe pour venir avec moi d’un commun accord te maudire, Emile … .» «Tante Lisebeth» scheint eine Tante von B. oder von Bise gewesen zu sein.
In einem weiteren Brief an Modeste Bise (Nr. 3), den Vater des Gerichtspräsidenten, liegt das gleiche Totenbild, ebenfalls wieder vorn und hinten beschrieben. Demnach hätte «Tante Lisebeth» vor zwei Jahren die Nachricht gebracht, dass der Gerichtspräsident Frau und Kind verlassen und Trappist habe werden wollen, er, der Isidor verurteilt hatte, weil er angeblich auf der Bank beim Bürgerspital gesagt hatte, dass er die Frauen nicht liebe und gut ohne sie auskommen könne . . .
In einem weiteren Brief (Nr. 4) stecken – wie in einer russischen Puppe – vier weitere Briefe, darunter ein kleiner, rosaroter Umschlag mit zwei rosaroten Kärtchen mit abgerundeten Ecken (Abb. 3). Diese Briefe stammen von Blanche Zoffet oder Poffet und sind an den «Lieben Papa B.» gerichtet. Blanche war die Freundin von Victor Z., durch sie hatte B. den Maler Z. überhaupt erst kennen gelernt; er hatte ihr gestattet, in seinem Laden auf ihren Freund zu warten, die Liebschaft also begünstigt. Und als Blanche für zwei Jahre weggehen wollte, hatte B. versucht, ihr eine Stelle beim Konfiseur im Hochzeitergässlein zu besorgen, um sie zurückzuhalten. Blanche war trotzdem weggegangen und diente jetzt in Marseille. Sie schrieb regelmässig an Isidor und seine Frau: am 17. Februar, am 17. März, am 29. Mai und am 21. Juli 1895, und liess auf dem rosaroten Kärtlein auch Viktor, mit dem sie ebenfalls in Korrespondenz stand, grüssen («Un bonjour mais un grand à Victor»).
Mit diesen beigelegten Briefen versuchte B. zu beweisen, dass auch Z. alles andere als schwul sei. In ihrem letzten Brief, vom 21. Juli 1895, reagierte Blanche mit grosser Bestürzung auf die Anklage gegen Isidor B. und ihren Freund, von der B.s Frau ihr geschrieben hatte.
Der anonyme Brief
Im Briefumschlag Nr. 5 findet sich schliesslich auch der anonyme Brief, den Isidor B. am Vorabend von Fronleichnam, am 12. Juni 1895, erhalten hatte. Der kleine Briefumschlag ist denn auch am 11. Juni 1895 abgestempelt, der Brief, ein kleines Doppelblatt, nur auf der Vorderseite beschrieben, lautet folgendermassen: «Monsieur, Je vous averti qui cour des bruit orible a votre égard comme sodomiste et encore des conseille terible que vous donné a des marie pour pas avoir danfants» (Abb. 4).
Da Isidor B. glaubte, dass die Hebamme Adele Villard diesen Brief geschrieben habe, legte er auch noch eine Schriftprobe von ihr bei: ein Blatt mit den Strophen dreier Lieder, die wahrscheinlich in einem Gesangsverein gesungen wurden. Den Brief, der das ganze Konvolut begleitet und der an den Notar Schorderet (Chorderet) gerichtet ist, unterschreibt Isidor B. mit seinem Namen und dem Attribut: der lebendig Tote (mort vivant).
«Grand Succès du Jour»
und Visitenkarten
Nicht wenigen Briefen legt Isidor B. auch einen handgeschriebenen Zettel bei, der das Programm zu einer Art Operette enthält. Diese ist betitelt: «Grand Succès du Jour. L’assassinat de l’honneur» und wird von Anton Villard, seiner Frau Adele, dem Polizisten Renevey und dem Advokaten Joseph Cosandey gesungen und gespielt, alles Personen, denen Isidor die Schuld an seinem Unglück zuschreibt. All die Programmzettel, rund zwanzig, hat er eigenhändig abgeschrieben, wobei er es nicht unterlässt, wie ein Notar die Richtigkeit der Abschrift zu bestätigen: «Pour copie conforme: L’homme mort vivant» (Abb. 5).
Diese Operette zeigt so richtig die Verzweiflung, in der der Lebensmittelhändler sich befand, nicht zuletzt auch wegen seiner Frau und seines Kinds. In einem seiner Briefe (Nr. 43) schreibt er denn auch, dass er am 5. November 1895 verrückt geworden sei und seinen Glauben an Gott verloren habe. Dass Isidor ein geachteter Mann gewesen war, bezeugt auch die Tatsache, dass er eine hübsche Visitenkarte besass, die er ebenfalls fünf Briefen beilegte: «Isidore B., Négociant, Fribourg».
Appellation zurückgewiesen
Inzwischen war der Herbst ins Land gegangen, und Isidor B. hatte trotz seiner Verzweiflung gegen das am 24. Juli ergangene Urteil appelliert, und war, zu seiner tiefen Bestürzung, am 11. Dezember 1895 abgewiesen worden. Sein «Komplize», der Maler Viktor Z., hatte gar nicht erst appelliert, sondern die Stadt Freiburg und die Schweiz schon gleich nach dem Urteil verlassen – nachdem er sich zunächst aus dem Fenster hatte stürzen wollen. Seine Schwestern hatten ihn im letzten Augenblick retten können und ihn nach Bern gebracht, wo er, versehen mit einem Empfehlungsbrief, den Zug nach Frankreich bestieg (Brief Nr. 43, Postskriptum).
Nun blieb auch Isidor, nach seinem eigenen Ehrgefühl und demjenigen seiner Zeitgenossen, keine andere Wahl, als zusammen mit Frau und Kind auszuwandern. Briefen, die er einem Brief an seinen Freund Eduard Gougain (Nr. 6) beilegt, lässt sich entnehmen, dass er zuerst in Chartres und dann in Paris nach einem Geschäft gesucht und schliesslich in Paris eines gefunden hatte. B.s Frau Louise, die in seinen Briefen eher im Hintergrund geblieben war und nicht einmal mit Vornamen genannt wurde, scheint das Schicksal der kleinen Familie in die Hand genommen und die Emigration nach Paris, wo B. auch schon früher gewesen war, tatkräftig vorangetrieben zu haben; sie scheint fest zu ihrem Mann gehalten und den Anklagen gegen ihn keinen Glauben geschenkt zu haben.
Das ganze Staatsarchiv nimmt
an Isidor B.s Schicksal teil
Während Isidor B.s Briefe inventarisiert wurden, hat das ganze Archiv an seinem Schicksal teilgenommen und geholfen, zusätzliche Dokumente (Gerichtsakten, Zivilstandsakten) zu suchen. Die Kollegen und Kolleginnen fragten jeden Tag nach Neuigkeiten von Isidor, die sich, da die Briefe sich nicht chronologisch ordnen lassen, auch nicht in so chronologischer Reihenfolge einstellten, wie wir es gern