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Hysterie
(vom grch. hystéra, Gebärmutter), [* 2] Mutterplage, Mutterstaupe, eine eigentümliche, unter sehr verschiedenartigen Symptomen auftretende Nervenkrankheit, welche sich hauptsächlich durch Störungen der Empfindlichkeit (Sensibilität), der Bewegung (Motilität), der geistigen Funktionen und der Ernährung kundgiebt und welche fast nur bei Frauen, und zwar in der Zeit der Geschlechtsreife vorkommt. Die Sensibilitätsstörung zeigt sich entweder als allgemeine Erhöhung der Reizbarkeit (Hyperästhesie) in einer Steigerung der Schärfe der Sinne, die häufig Quelle [* 3] großen Unbehagens wird, ferner in gewissen Idiosynkrasien oder auch in einem Zustande anhaltender Erregung gewisser Nervengebiete.
Andererseits macht sich häufig Empfindungslosigkeit geltend. Die Hyperästhesie, welche gewöhnlich als Nervenschwäche bezeichnet wird, verleiht den Kranken eine oft außerordentliche, ans Wunderbare grenzende Schärfe der Sinne, insofern dieselben durch den Geruch, das Gefühl, das Gehör [* 4] Unterschiede wahrnehmen, welche Gesunden völlig entgehen; Licht [* 5] ist ihnen zu hell, eine Farbe zu grell, ein Geruch zu stark, ein Geräusch unerträglich, die Gesunde gewöhnlich finden.
Außerdem lieben sie Sinneseindrücke (z. B. Gerüche), die Gesunden zuwider sind, während sie solche, die Gesunden angenehm, widerlich finden. In (meist einseitigem) Kopfschmerz, der oft nur an einer kleinen umschriebenen Stelle des Schädels empfunden wird (clavus hystericus), in heftigen Gelenkschmerzen (arthropathia hysterica), Flimmern vor den Augen, Brausen in den Ohren, anhaltenden unangenehmen Geruchsempfindungen macht sich die Nervenerregung weiterhin häufig geltend.
Aber auch die Empfindungslosigkeit ist oft so groß, daß sich diese Kranken ohne Schmerzensäußerung stechen, brennen und andern schmerzhaften Eingriffen unterwerfen lassen. Daneben haben sie eine verkehrte Wahrnehmung von innern Organen: Herzklopfen, erschwertes Atmen, abnorme Gefühle im Magen, [* 6] in der Speiseröhre, in welcher häufig die Empfindung entsteht, als steige eine Kugel vom Magen zur Kehle hinauf (sog. hysterische Kugel, globus hystericus) u. dgl. Krämpfe und Lähmung sind nicht selten, schwinden aber oft überraschend schnell; die Krämpfe äußern sich entweder nur als vereinzelte Zuckungen gewisser Muskelgruppen, besonders der Arme, oder als kompliziertere konvulsivische Paroxysmen (sog. Lach-, Wein- und Gähnkrämpfe), oder endlich als heftige Konvulsionen des ganzen Körpers, welche die größte Ähnlichkeit [* 7] mit epileptischen Krämpfen darbieten können (Hysteroepilepsie).
Das Bewußtsein ist bei den hysterischen Krämpfen zwar nicht normal, aber doch nicht vollständig erloschen. Besonders hochgradig werden diese Krampfzustände unter dem Einflüsse solcher Nervenreize, welche hypnotischen Schlaf veranlassen (s. Hypnotismus). Neben den Krämpfen kommen auch hysterische Lähmungen vor, welche bald nur einzelne Muskelgruppen, einen Arm, ein Bein, die Kehlkopfmuskeln, bald eine ganze Körperhälfte betreffen, welche das Eigentümliche haben, daß sie oft ebenso schnell vorübergehen oder ihren Sitz wechseln, als sie entstanden sind, und daß die gelähmten Muskeln [* 8] in ganz normaler Weise auf den Reiz des elektrischen Stroms reagieren. Auch hysterische Kontrakturen sind häufig; sie treten teils für sich allein, teils mit Lähmungen, Anästhesien und andern hysterischen Symptomen auf und sind oft sehr hartnäckig.
Mit großer Leichtigkeit tritt bei Hysterischen ein oft überraschend schneller, meist unmotivierter Wechsel der Stimmung, ein oft ganz plötzlicher Übergang von ausgelassener Heiterkeit in tiefe Traurigkeit ein, doch sind sie meist traurig, wehmütig, verzweifeln an ihrem Geschick, selbst wenn ihnen alles, was das Leben beglückt, zu Gebote steht, und haben ein großes Bedürfnis, sich auszuklagen und auszuweinen. Als eigentümliche psychische Erscheinung macht sich auch ein Drang, sich wichtig und interessant zu machen, ihre körperlichen Leiden [* 9] jedermann mitzuteilen sowie eine große Neigung zu Übertreibungen und zu Betrug geltend, während das Denkvermögen sich in gesunder Weise äußert.
Doch geht in höhern
Graden und bei längerm Bestehen die
Krankheit zuweilen auch in
Geisteskrankheit (Hysteromanie, Hysteromelancholie),
insbesondere in Verrücktheit über. Im
Somnambulismus (s. d.) findet die
Krankheit den höchsten
Grad ihrer Ausbildung. Neben
der
Hysterie kommen oft
Krankheiten der Geschlechtsorgane vor, und diese sind häufig die
Ursache derselben.
Doch ist dies nicht immer der Fall, und auch nicht jede Geschlechtskrankheit macht hysterisch.
Man findet die
Hysterie häufig bei kinderlosen, unglücklich verheirateten Frauen,
Witwen und alten
Jungfrauen, und hier ist, wenn
nicht Geschlechtskrankheiten vorliegen, das niederschlagende
Bewußtsein eines verfehlten Lebens als
Ursache anzusehen. Die
Nichtbefriedigung oder unnatürliche Befriedigung des
Geschlechtstriebes trägt an der
Krankheit viel seltener
die Schuld, als oberflächliche
Ärzte behaupten. Oft ist die
Anlage zur
Hysterie angeboren und durch falsche Erziehung gesteigert,
auch wird diese allgemeine
Störung des Nervenlebens durch
Blutarmut (infolge von starken Blutverlusten, erschöpfenden
Krankheiten
und übermäßig langem
Stillen) hervorgerufen. Wo sich die Grundursache nicht heben läßt, ist verständiger
Zuspruch, geregeltes thätiges Leben oft von großem
Vorteil; der
Krankheit wird in vielen Fällen durch eine vernünftige
Erziehung vorgebeugt. Insbesondere ist bei der Erziehung der Mädchen schon frühzeitig darauf hinzuwirken, daß die letztern
schon von früher
Jugend auf Gemütsbewegungen zu bemeistern, unerhebliche
Schmerzen leicht zu ertragen
lernen und in jeder
Beziehung geistig und körperlich abgehärtet werden. Ist die
Krankheit einmal ausgebrochen, so ist außer
der
¶
mehr
Beseitigung eventueller körperlicher Störungen (Bleichsucht, Blutarmut, Gebärmutterleiden u. dgl.) eine fortgesetzte und verständige psychische Behandlung der Kranken von der allergrößten Wichtigkeit, über welche sich allgemeine Regeln nicht wohl ausstellen lassen, sondern welche in jedem gegebenen Falle nach der Individualität der Kranken von einem erfahrenen und sachkundigen Arzt im einzelnen genau angegeben und sodann von der Umgebung der Kranken sorgfältig und beharrlich durchgeführt werden muß. Vielfach empfehlen sich Land-, See- und Gebirgsaufenthalte, Kaltwasserkuren oder die Behandlung in geschlossenen und gut geleiteten Anstalten, über die Behandlung der hysterischen Lähmungen s. Metallotherapie. -
Vgl. Valentiner, Die und ihre Heilung (Erlangen [* 11] 1852);
Amann, Über den Einfluß der weiblichen Geschlechtskrankheiten auf das Nervensystem
mit besonderer Berücksichtigung der
Hysterie (2. Aufl., ebd. 1874);
Iolly, und Hypochondrie (in Ziemssens «Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie», Bd. 12, 2. Hälfte, 2. Aufl., Lpz. 1877).