Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03549.jsonl.gz/2524

Tanja
«Dank Cannabis komme ich am Morgen aus dem Bett.»
Tanja kümmert sich um ihre Mitmenschen. Dies schon seit sie ein Kind ist. Sie federte die manischen Schübe ihrer Mutter ab, betreute ihre kleine Schwester und war ihrer Familie eine Stütze, als ihr Vater an Lungenkrebs starb.
Dass sich Tanja um sich selbst kümmern muss, lernte sie mit 16 Jahren auf die harte Tour, als eine Hirnhautentzündung für vier Monate ihren Körper lahmlegte. Sie erlitt starke Kopfschmerzen, Fieber, konnte ihre Gliedmassen nicht mehr bewegen und sie war extremer Orientierungslosigkeit ausgeliefert. «Ich war nicht mehr in der Lage, meine Arme und Beine zu kontrollieren und ich brachte kein verständliches Wort mehr über die Lippen,» erzählt Tanja. Sie wurde fast einen Monat lang im Spital behandelt. Tanja kam zwar wieder auf die Beine, musste aber ihre Lehre abbrechen, weil sie wegen der Krankheit zu oft fehlte.
Um sich auf ihren Werdegang zu konzentrieren, verliess sie das Elternhaus und absolvierte eine neue Ausbildung als Fachfrau Betreuung und wollte danach das Studium zur Sozialpädagogin beginnen. Doch sie wurde erneut ausgebremst. Dieses Mal waren es die zunehmend starken Rückenschmerzen. Trotz ihres jungen Alters hat man bei Tanja Arthrose im Rücken diagnostiziert und zudem ein Lumbospondylogenes Syndrom festgestellt. Die Schmerzen im Rücken strahlten auch in Tanjas Beine. Bis zu dem Punkt, an dem sie diese nicht mehr spüren konnte. «Ich hatte Morgen, an denen ich mich nicht aufrichten und an den Bettrand sitzen konnte – geschweige denn Aufstehen.»
Tanja machte daraufhin einen Monat lang eine Reha. Diese tat ihr gut. Neben einfachen körperlichen Tätigkeiten wie Spazieren testete sie auch CBD-Tropfen, um den Schmerz zu lindern. Das CBD zeigte bei Tanja jedoch keine Wirkung, abgesehen von starker Müdigkeit. Besserung brachten ihr dann die THC-Tropfen. Dieser Wirkstoff hilft ihr auch heute noch, eine Distanz zu ihrem Schmerz zu schaffen.
Verworrenes Krankheitsbild ohne Aussicht auf Besserung
Doch nach einigen Monaten entwickelten sich bei Tanja starke Kopfschmerzen, Drehschwindel und ihre Gelenke entzündeten sich. Zudem nisteten sich die Schmerzen wieder in ihrem Rücken ein. Tanja konnte sich kaum auf etwas anderes als auf ihren Zustand konzentrieren. Was ist nur los?
Die Diagnose, mit der Tanja heute seit 10 Jahren lebt, ist vielseitig: schwere Fibromyalgie, Borreliose, Migräne, schwere ME/CFS (Erschöpfungssyndrom) und eine Trigeminusneuralgie. Ihr Krankheitsbild ist so verworren, dass man die Ursachen nicht mehr bekämpfen kann. Um die schlimmsten Schmerzen zu vermeiden, schottet sie sich ab. Denn Geräusche, schnelle Bewegungen und Licht lösen Schwindel und Schmerzen bei ihr aus.
Wenn sie sich nach draussen wagt, riskiert sie, dass ihr Körper kollabiert und sie ihren Orientierungssinn verliert. Dieser Zustand kann über einige Stunden aber auch einige Tage anhalten. Um einen solchen Kollaps vorzubeugen, hat Tanja auf Rat ihrer Ärztin stets einen Joint dabei. Bei ersten Anzeichen der Symptome kann sie mit einigen Zügen am Cannabis den überwältigenden Schwindel und die betäubenden Schmerzen abwenden.
«Cannabis gibt mir Lebensqualität»
Cannabis zeigt bei Tanja mehrere Wirkungen: Nach einem oder zwei Zügen an einem Joint kann sie den morgendlichen Drehschwindel und die Übelkeit lindern und somit dem Brechreiz zuvorkommen. Weiter hilft ihr Cannabis, sich selbst zu mobilisieren und aus eigener Kraft am Morgen ihre Gliedmassen zu aktivieren und aufzustehen. Eine Distanz zum Schmerz und mehr Energie kann sie dann mit etwas mehr THC (halber bis ganzer Joint) gewinnen. Gerade wenn das versagende Nervensystem starke Kopfschmerzen auslöst, hilft Tanja einen Joint, einen klaren Kopf zu bekommen.
Ein konstantes Level an THC im Körper erlaubt es Tanja rund zwei bis vier Stunden pro Tag auf den Beinen zu sein. Doch je mehr sie unternimmt, umso stärker kommen die Schmerzen zurück, sobald sie sich danach hinlegt. Ab da hilft mehrheitlich nur Ruhe, totale Abschottung von Licht, Lärm und anderen Reizen. Cannabis hilft Tanja, solche Energiestürze abzufedern und besser einzuschlafen.
Wie viele Menschen, die sich mit Cannabis therapieren, kann auch Tanja sich noch genau an das erste Mal erinnern, als sie das Medikament einnahm: «Nach den ersten zwei Zügen an einem Joint fühlte ich mich wie neu geboren. Ich hatte das Gefühl, dass ich Bäume ausreissen könne.» (Eine beachtliche Aussage von einer Frau, der oftmals die Kraft fehlt, sich morgens im Bett aufzusetzen.)
Sie brauchte eine Weile, bis sie eine Quelle für qualitativ hochwertiges Cannabis fand. Denn die Qualität entscheidet darüber, wie gut das Heilmittel wirkt. Diese Unannehmlichkeit nimmt sie in Kauf, um ihre vielseitigen Strapazen zu überwinden.
Ein Versteckspiel
Damit Tanja durch den Tag kommt, haltet sie sich stets auf einem gewissen THC-Level. Dass sie dieses Heilmittel so oft einnimmt, erzählt Tanja nur ihrem engsten Umfeld. Wenn sie entfernte Verwandte, Freunde oder Bekannte trifft, verzichtet sie auf ihr Medikament. «Als Cannabis-Patientin verspüre ich noch immer eine gewisse Scham. Viele sehen das Heilmittel noch immer als etwas Negatives und mich somit als eine faule Kifferin,» erzählt sie.
Doch Tanjas Geschichte passt nicht zu einer Faulenzerin, sondern vielmehr zu einer Kämpferin. Trotz extremen Einschränkungen wirkt sie positiv und fürsorglich. Auf die Frage wie sie das schafft sagt sie: «Ich zwinge mich dazu, mich zu bewegen und nach draussen zu gehen. Auch wenn ich das nur für 5 Minuten schaffe. Ich weiss, dass ich das für meine psychologische Gesundheit brauche.» Diese kurze Zeit im Tageslicht geniesst sie dafür in vollen Zügen: «Du lernst kleinere Sachen zu schätzen, als wenn du gesund bist.»((Kasten))
Tanja kämpft mit mehreren Krankheiten gleichzeitig, was ihr Krankheitsbild verworren macht und die Heilung unmöglich.
Bei diesem Syndrom haben die Schmerzen ihren Ursprung in der Lendenwirbelsäule. Von dort breiten Sie sich in die benachbarten Körperteile aus. Das Syndrom umfasst verschiedene schmerzhafte Zustände, die durch degenerative Veränderungen, Entzündungen, Verletzungen oder Verspannungen der Muskeln, Bänder und Wirbel der Lendenwirbelsäule verursacht werden können. Typische Symptome sind Rückenschmerzen, Steifheit, eingeschränkte Beweglichkeit und gelegentlich Ausstrahlung der Schmerzen in die Beine.
Arthrose
Bei Menschen mit Arthrose wird der Knorpel im Laufe der Zeit dünner und kann sich sogar ganz abnutzen. Dadurch reiben die Knochenenden direkt aufeinander, was zu Schmerzen, Steifheit und Bewegungseinschränkungen führt. Die Gelenke können auch anschwellen und entzündet sein. Arthrose kann in verschiedenen Gelenken auftreten, wie zum Beispiel in den Knien, Hüften, Händen oder Wirbelsäule. Die genauen Ursachen für Arthrose sind nicht immer klar, aber Alter, genetische Veranlagung, wiederholte Belastung der Gelenke, Verletzungen oder Übergewicht können das Risiko erhöhen. Arthrose ist eine chronische Erkrankung und kann nicht geheilt werden.
Myalgische Enzephalomyelitis / Chronic Fatigue Syndrome (Erschöpfungssyndrom)
Die Hauptsymptome sind extreme Müdigkeit und Erschöpfung, die nicht durch Ruhe oder Schlaf verbessert werden. Schon kleine Aktivitäten wie Zähneputzen, Duschen oder Kochen können zur Tortur werden. Weitere häufige Symptome sind Muskel- und Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme (Gehirnnebel), Schlafstörungen, empfindliche Lymphknoten, Schwindel und Probleme mit dem Verdauungssystem. Bisher gibt es für ME/CFS noch keine zugelassene Behandlung oder Heilung.
Fibromyalgiesyndrom
Fibromyalgie ist eine chronische Erkrankung, die durch grossflächige Schmerzen im Körper gekennzeichnet ist. Typischerweise sind die Schmerzen drucksensitiv. Sogar leichte Berührungen können schmerzhaft sein. Begleitend zu den chronischen Schmerzen kommen chronische Erschöpfung, Schlafstörungen, Regulationsstörungen im vegetativen Nervensystem (führt u.A. zu Verdauungsbeschwerden), Muskelverspannungen, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme. Fibromyalgie schlägt zudem häufig auf die Psyche, was zu Depressionen führen kann.
Borreliose
Typischerweise treten bei Borreliose in den frühen Stadien grippeähnliche Symptome auf. In fortgeschrittenen Stadien kann Borreliose zu einer Vielzahl von Symptomen führen, wie Gelenkschmerzen und -schwellungen, neurologischen Problemen wie Taubheitsgefühl, Muskelschwäche und Gedächtnisproblemen sowie Herzproblemen.
Trigeminusneuralgie
Eine Trigeminusneuralgie äussert sich in starken einseitigen Gesichtsschmerzen, die blitzartig einsetzen und immer wiederkehren. Die Lebensqualität der Betroffenen kann dadurch stark eingeschränkt sein. Ursache für diese Schmerzerkrankung ist häufig eine Kompression des Trigeminusnervs durch ein benachbartes Blutgefäss. Der Trigeminus (Nervus trigeminus oder 5. Hirnnerv) ist ein in drei Hauptäste geteilter Nerv. Er führt sowohl sensible Fasern für die Versorgung von Stirn und Gesicht als auch motorische Fasern für die Kaumuskulatur. Bei der Trigeminusneuralgie handelt es sich um eine Schmerzerkrankung im Versorgungsbereich der sensiblen Nervenfasern.