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Wie der Luzerner Rudolf Bucher die Rega mitgründete
Mit elf Jahren beobachtete der junge Rudolf Bucher fasziniert, wie der erste Zeppelin über Luzern flog. Nachn seinem Medizinstudium machte er sich daran, die neue Technologie des Fliegens einzusetzen, um Menschenleben zu retten. So hatte er schliesslich massgeblichen Anteil an der Gründung der Rega im Jahre 1960.
Die ersten erfolgreichen Ballonfahrten in Luzern reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück. Zwei Pionieren, Franz Placid und Franz Xaver, gelang es, unbemannte Ballone über dem Vierwaldstättersee fliegen zu lassen. Der Politik gefiel dieses Unterfangen überhaupt nicht und schon bald wurden die Luftfahrten in Luzern verboten. Es musste noch ein ganzes Jahrhundert vergehen, bis das Fliegen schliesslich gesellschaftstauglich wurden.
1910 wurde in Luzern die erste Genossenschaft, die sich mit dem Fliegen beschäftigte, mit dem Namen «Aero Luzern» gegründet. Im Tribschen, wo heute die Eishalle steht, wurde die erste Luftschiffstation eröffnet. Schon im Herbst 1910 flogen erste Zeppeline von Luzern nach Zürich. Auch wenn dieses Unterfangen schon nach wenigen Jahren eingestellt wurde, bildeten diese Entwicklungen die Grundsteine für die wichtige Stellung, welche Luzern in der Entwicklung der Luftfahrt einnehmen sollte.
Ein grosses Spektakel
Flüge über Luzern waren ein sehr beliebtes Schauspiel. Zahlreiche Menschen versammelten sich jeweils draussen, um Flugshows zu bestaunen. Einer der vielen Begeisterten war Rudolf Bucher, Sohn eines Arztes aus St. Niklausen. Während eines warmen Sommertages im Jahre 1911 war der 12-jährige Rudolf mit seinem Vater in der Nähe des Sees und verfolgte gebannt die Flüge eines französischen Piloten, welcher mit seinem «Aviatik-Doppeldecker» riskante Manöver über dem Vierwaldstättersee zum Besten gab.
«Es war ulkig anzuschauen, wie er seine Kiste ganz einfach herumschlenzte, ohne diese auch nur im Geringsten in die entsprechende Winkelneigung zu legen. […] Obschon wir vom Fliegen nicht viel verstanden, so stellten wir diesem drolligen Piloten frühzeitig keine gute Prognose» beschrieb er in einem Buch, welches 1959 publiziert wurde. Eines dieser zahlreichen riskanten Manöver war schliesslich zu viel des Guten. Der französische Pilot verlor die Kontrolle über seinen Doppeldecker und stürzte senkrecht in den See.
Knapp dem Tod entkommen
Zufälligerweise waren Rudolf Bucher und sein Vater in der Nähe des Absturzortes. Im See ragte noch ein Teil des Fluggeräts aus dem Wasser. Kurzerhand nahm sich sein Vater ein nahes Ruderboot und ruderte mit seinem Sohn so schnell er konnte Richtung Unfallort. Rudolf beobachtete angespannt, wie sein Vater ins Wasser sprang, den bewusstlosen Piloten unter Wasser packte und ihn auf das Boot beförderte. Erst beatmete er ihn und danach nähte er kurzerhand die grosse Platzwunde des Franzosen.
Mit blutverschmierten Händen und überfordert von den Geschehnissen verfolgte Rudolf, wie der Franzose langsam wieder sein Bewusstsein erlangte. Dieses einschneidende Ereignis sorgte dafür, dass der Junge die folgenden Wochen mit schlaflosen Nächten zu kämpfen hatte. Trotzdem, oder vielleicht genau wegen diesem Ereignis, sollte er sein Leben später der Rettung von Menschen in extremen Situationen widmen. Seine Begeisterung für das Fliegen konnte durch den Unfall nicht gebändigt werden.
Eine steile berufliche Karriere
Wie sein Vater absolvierte auch er das Studium der Medizin in Zürich. Während des Studiums machte er Bekanntschaft mit einigen Piloten, welche ihn immer wieder auf abenteuerliche Flüge in den Alpen mitnahmen. So verstärkte er seine Expertise und Begeisterung für das Fliegen. Schon in seinen Zwanzigern machte er sich erste Gedanken, wie die Medizin von der neuen Technologie profitieren konnte.
In seiner Freizeit setzte sich Rudolf Bucher oftmals mit Physikern und Aerodynamikern zusammen, welche das Ziel hatten, ein «absturzsicheres» Flugzeug zu bauen. Doch viel weiter als zur Phase des Modellbaus kam er mit seiner kleinen Gruppe nicht. Dennoch war Bucher einer der Ersten, die in den neueren, helikopterähnlichen Fluggeräten ein taugliches Mittel für den Einsatz bei Rettungen sahen.
Der nimmermüde Bucher wurde zu dieser Zeit auch Zentralpräsident der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft (SLRG) wo er sich insbesondere für die Rettung von Menschen in Bergen einsetzte. Daneben arbeitete er als leitender Arzt der wissenschaftlichen Abteilung der Universitätsklinik Basel.
Ärztemission im Weltkrieg
Nach vielen Jahren Arbeit in der Universitätsklinik ging er zum Militär und widmete sich dort dem Forschungsgebiet der Vollblut- und Blutplasmatransfusionen. Dies führte dazu, dass er 1941 Chef des Blutspendedienstes der Armee wurde. Während des Zweiten Weltkrieges nahm Bucher an einer – neutralitätspolitisch fragwürdigen – Ärztemission an der Ostfront teil.
Der Historiker Martin Illi beschreibt, dass ihn vor allem sein medizinisches Interesse dazu bewegte. Dort wurde er jedoch Augenzeuge einer Massenerschiessung von 62 russischen Geiseln durch die Nazis und erhielt Kenntnis von der Massenvernichtung der Juden durch sie. Seine Bemühungen, die schweizerische Öffentlichkeit über die Vorgänge an der Ostfront aufzuklären, wurden durch die Behörden verhindert.
Einsatz für die Menschlichkeit
Dennoch führte diese Mission dazu, dass er sich noch stärker «für die Menschlichkeit» einsetzen wollte und beschloss, nach Kriegsende eine zivile Flugrettungsorganisation zu gründen. Seine Bemühungen resultierten schliesslich in der Gründung der «Schweizerischen Rettungsflugwacht» (SRFW), welche 1952 innerhalb der Schweizerischen Lebensrettergesellschaft (SLRG) entstand.
In den Folgejahren fanden erste erfolgreiche Rettungen in Gebirgen und Gletschergebieten statt, während sich die Flugwacht immer mehr verselbstständigte. 1960 wurde sie schliesslich gänzlich von der Lebensrettergesellschaft losgelöst und so entstand die Rettungsflugwacht (Rega), wie wir sie heute kennen. Der Luzerner avancierte zu einem Pionier der Flugrettung. Heute ist ihm ein grosser Anteil der Gründung zuzuschreiben.
- Martin Illi: Historisches Lexikon der Schweiz
- Alfred Waldis und Otto Britschgi: Flugpioniere in und über Luzern (2000, Comenius Verlag)