Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03556.jsonl.gz/2045

Burkholder, Grout & Palisca: History of Western Music
1960 zum ersten Mal erschienen (damals noch von Palisca alleine verfasst), hat sich History of Western Music zu einer Art Klassiker der Musikgeschichte gemausert: Es ist das einzige seiner Art, das in einem einzigen Band die gesamte Geschichte der westlichen Musik seit 2’300 v.u.Z. bis in die Gegenwart abdeckt. Burkholder ist unterdessen der dritte Autor, der daran arbeitet.
Ich habe die 7. Auflage von 2006 vor mir (mittlerweile ist das Buch, glaube ich, bei der 10.), in einer speziell für die Folio Society bearbeiteten Form. Einiges allzu Technisches und Pädagogisches wurde entfernt. (Der Text ist ursprünglich als Lehrbuch für amerikanische Studenten der Musikwissenschaft gedacht.) Daneben wurden auch US-amerikanische Termini durch britische ersetzt; die Rechtschreibung der britischen angepasst. In der vorliegenden Form ist der Text auch dem interessierten Laien zugänglich. Er wurde meines Wissens nie auf Deutsch übersetzt.
Da das Buch in den USA für US-amerikanische Bedürfnisse geschrieben wurde, werden ein paar Dinge nicht erstaunen: So wird bei der Besprechung der christlichen Sakralmusik im Mittelalter immer wieder auf das Psalmieren in der jüdischen Synagoge hingewiesen, obwohl das musikgeschichtlich ganz sicher keinen Einfluss auf die Entwicklung der westlichen Musik gehabt hat. So werden, wo immer möglich, Frauen als Komponistinnen hervorgehoben, obwohl weder Fanny Mendelssohn-Bartholdy noch Clara Schumann – ungeachtet der Qualität ihrer Werke – einen historischen Einfluss hatten oder haben. So wird last but not least am Ende des 20. Jahrhunderts, bei der Schilderung der populären Musik fast ausschliesslich die US-amerikanische Tradition berücksichtigt; Europäisches oder Lateinamerikanisches scheint nicht zu existieren. Ein bisschen weniger ‚political correctness‘ in den beiden ersten, ein bisschen mehr im letzten Fall wäre angebracht gewesen.
Ansonsten haben wir tatsächlich eine empfehlenswerte Zusammenstellung vor uns. Zwar kämpfen die Autoren des öfteren mit der Einteilung der Epochen: ‚Klassik‘ dampft unterm Strich zusammen zu ‚vorbildhaft‘, ’nachahmenswert‘ und beinhaltet praktisch nur Haydn und Mozart (was ich ‚Wiener Klassik‘ nenne), Bach ist ‚Barock‘, und der Rest des 18. und das gesamte 19. Jahrhundert ist ‚Romantik‘, mit Ausnahme von Beethoven, der irgendwo dazwischen komponiert – aber die Nomenklatur von Epochen ist immer problematisch. Den Autoren gelingt es im Grossen und Ganzen, eine konzise und verständliche Geschichte der verschiedenen Musikstile und -ausdrucksformen zu liefern. Leitmotiv ist die Entwicklung der Musik weg vom Laien, hin zum professionellen Performer wie Zuhörer. Noch Haydn oder Mozart lieferten Werke, die für den einfachen Hörer ‚eingängig‘ waren, aber auch dem geschulten Zuhörer musikalische Leckerbissen und Überraschungen boten. Atonale oder serielle Musik richtet sich nur noch an einen kleinen Kreis ausgewählter Experten. (Weshalb sich die sog. ‚Pop-Musik‘, die populäre Musik mit einer neuen Eingängigkeit zu etablieren vermochte.) Die Autoren zeigen auch auf, wie sich ursprünglich populäre Strömungen, wie z.B. der Jazz, im Laufe der Zeit zu elitärer ‚Kunst-Musik‘ verändern, weil Komponisten immer auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen sind.
Das Buch umfasst rund 1’000 Seiten, davon ist ein Viertel Anhang: Index, weiterführende Lektüre usw. Spannende Lektüre und Nachschlagewerk in einem – nur zu empfehlen.
Ach ja … Enheduanna war Hohepriester der Stadt Ur in Akkad, und lebte um ca. 2’300 v.u.Z. Er ist der früheste uns namentlich überlieferte Komponist und schrieb Hymnen an die Mondgötter Nanna und Inanna. Allerdings kennen wir nur die Texte; Musik zu notieren, ist eine viel spätere Kunst. Auch darauf gehen die Autoren des vorliegenden Textes ausführlich ein.