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Seit den neunziger Jahren übernehmen die Mädchen in den Mittelschulen das Zepter. Auf zwei Knaben kommen heute im Schnitt drei Mädchen, die sich gemeinsam Richtung Matur aufmachen, und am Ende schliessen sie meist noch erfolgreicher ab. Die Buben bleiben zurück. Wo liegt das Problem? Werden Mädchen systematisch bevorzugt und Buben ebenso systematisch benachteiligt, wie der bekannte Kinderarzt und Jugendkenner Remo Largo befürchtet? Oder liegen andere Gründe vor?
Es ist bekannt, dass Mädchen im Teenageralter den Knaben auf den meisten Gebieten voraus sind. Es kann auch gut sein, dass Mädchen einfach fleissiger sind als Jungen in diesem Alter. Genauso dürfte es zutreffen, dass es unter Jungen eher als «uncool» gilt, abends zu lernen, als für Mädchen.
Nicht wegdiskutiert werden darf aber die Tatsache, dass die heutigen Schulen mit ihren Lehrplänen den Mädchen eher entgegenkommen. So ist es für Knaben sicher ein Nachteil, dass die eher ihre Interessen weckenden Fächer Biologie, Chemie und Physik auf entscheidenden Schulstufen zusammengelegt wurden, während die Bedeutung der Sprachfächer, wo Mädchen traditionell besser abschneiden, erhöht wurde.
Dennoch soll hier nicht dafür plädiert werden, es genüge, den Schulplan einfach wieder vermehrt den Knaben anzupassen. Schon gar nicht sei hier der Eindruck erweckt, mit der Einstellung von mehr Lehrern statt Lehrerinnen könnte das Problem gelöst werden.
Entscheidend für die Schule und den bestmöglichen Erfolg von Jungs und Mädchen wird vielmehr sein, wie gut es die Bildungsinstitute schaffen, Mädchen und Knaben dort abzuholen, wo sie sich fürs Lernen begeistern können. Und das betrifft eben nicht nur, was gelehrt wird, sondern vor allem, wie ein Stoff vermittelt wird (siehe Artikel zum Thema). So wissen wir, dass Knaben eher über Wettbewerbssituationen und das Experimentieren abzuholen sind als über die reine Wissensvermittlung durch Auswendiglernen. Darin liegt eine Chance für alle.
Ein zukunftsgerichteter Ansatz zu einer spannenderen Schule für Knaben lässt sich etwa herauslesen aus einem Nebenresultat der Pisa-Studie. Sie zeigte schon 2003, dass sich Knaben doppelt bis dreimal so stark wie ihre Schulkolleginnen dafür interessieren, wie man sich im Internet vernetzt, wie man Computer programmiert und wie man mit Hilfe aus dem Internet lernen kann.
Diese moderne Art der Bildung wird unser Leben in den nächsten Jahren schneller verändern, als uns vielleicht lieb ist. Wenn sich die Schulen hier noch stärker öffnen und das Lernen in Netzwerken aktiv fördern, holen sie die Knaben nicht nur bei ihren ureigenen Interessen ab, sondern sie holen auch den diesbezüglichen Rückstand der Mädchen auf. Und sie lehren alle in der Klasse jene Qualitäten, auf die es für die Jobs von morgen ankommt.