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In der mexikanischen Kolonialstadt Puebla ist es 5.30 Uhr morgens. Meine Freundin Lea, mein Kumpel Tschügge und ich haben die Nacht durchgemacht und sitzen seit fast drei Stunden bibbernd vor dem kleinen Tablet. Es läuft der fünfte Satz im Australian-Open-Halbfinale zwischen Roger Federer und Stan Wawrinka.
Bei jedem Punkt von Federer ballen wir die Faust und klatschen uns ab. In wenigen Momenten serviert King Roger zum Matchgewinn – doch dann, im dümmsten Moment, gerät die Internetverbindung ins Stocken und das Bild ist plötzlich völlig verpixelt.
Als Federer-Fan auf Weltreise hat man es nicht leicht. Bereits im Sommer 2015, in den ersten Reisemonaten, musste ich leiden: Bei den Finalniederlagen in Wimbledon und New York hatte ich nicht nur damit zu kämpfen, Novak Djokovics Überlegenheit zu akzeptieren. Nein, in den kleinen Hotelzimmern in Rumänien beziehungsweise Georgien machte mir zusätzlich die miserable Internetverbindung das Leben schwer.
Zudem hatte ich im Gegensatz zum jüngsten Halbfinale gegen Stan keine Leidensgenossen, mit denen ich Fachsimplen, Sprüche klopfen und Abklatschen konnte. Das führte teilweise dazu, dass mich die Leute um mich herum für verrückt hielten.
So geschehen beim Wimbledon-Halbfinale 2016. Damals sass ich in Südkorea ohne Begleitung in einer Sportbar und fluchte wie ein Rohrspatz, als sich Federers unnötige Fünfsatzniederlage gegen Milos Raonic abzeichnete. Da die anderen Barbesucher für Tennis offensichtlich nichts übrig hatten, quittierten sie meine emotionalen Ausbrüche mit verständnislosen Blicken. Für mich war das nichts Neues: Ein paar Monate zuvor bei Federers Australian-Open-Halbfinalniederlage gegen den Djoker ereilte mich in Laos das gleiche Schicksal.
Doch auch schon vor meiner Weltreise erlebte ich im Ausland ein paar bittere Federer-Momente. Meine ehemaligen Mitstudenten machen heute noch dumme Sprüche, weil ich mich 2011 auf der Studiums-Abschlussreise ein paar Stunden in mein Zimmer verkroch, nachdem der Maestro im Wimbledon-Viertelfinale gegen Jo Wilfried Tsonga eine Zweisatz-Führung verspielte.
Bei der schwer zu verdauenden Halbfinaleniederlage gegen Djokovic am US-Open 2011 war ich dann im Sprachaufenthalt in Frankreich. Und ich habe die Erklärung, wieso Federer dieses Spiel trotz zwei Matchbällen noch verlor: Es lag an meiner französischen Schlummermutter. Sie hatte mit Tennis nichts am Hut und wagte es, im wichtigsten Moment des Spiels in mein Zimmer zu kommen, um mir zu sagen, dass ich King Roger nicht mehr so lautstark anfeuern dürfe, weil es schon spät sei. Ab diesem Moment ging's bei Roger bergab. Ich nehme ihr das heute noch übel!
Meine grösste Niederlage als Federer-Fan musste ich aber 2008 beim epischen Wimbledon-Finale gegen Rafael Nadal einstecken. Damals war ich in einer Berghütte in Kanada. Zwar hatte es einen Computer mit Internetanschluss, aber die Verbindung war zu schlecht für einen Livestream. Ich musste das wohl beste Tennismatch der Geschichte deshalb per Liveticker verfolgen – inklusive den zahlreichen Unterbrechungen und dem unschönen Ende aus Schweizer Sicht.
Abergläubische Federer-Fans, die das lesen, werden jetzt sagen: Komm schnell nach Hause, Federer verliert ja immer, wenn du im Ausland mit ihm mitfieberst! Aber das stimmt nicht. Bei einem der schönsten Federer-Erfolge, dem Wimbledon-Sieg 2009 über Andy Roddick, war ich ebenfalls auf Reisen. Mein Kumpel Tschügge und ich verfolgten den nicht enden wollenden Krimi im französischen Carcassone. Und nach dem 16-14-Triumph im fünften Satz zogen wir hüpfend und singend durch die Gassen der bildschönen Altstadt.
Auch jetzt in Mexiko ist Tschügge wieder mit mir unterwegs. Doch damit nicht genug: Wir werden das Finale in Oaxaca mitverfolgen, einer mexikanischen Stadt, die wie das französische Carcasonne bildschön sein soll – und sich hervorragend dazu eignet, hüpfend und singend durch die Gassen zu ziehen. Das muss ein gutes Omen sein! Come on, Roger! Für den 18. Grandslam-Titel würde ich sogar eine stockende Internetverbindung in Kauf nehmen ...