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26. Oktober 2020
Hinter der Idee der Kreislaufwirtschaft steckt die Vision einer abfallfreien Wirtschaft, bei der keine gesundheits- und umweltschädlichen Materialien verwendet und Rohstoffe dauerhaft einem Kreislauf zurückgeführt werden. Im Zuge des Bevölkerungswachstums und der damit verbundenen Urbanisierung werden schweizweit jedes Jahr bis zu 80 Millionen Tonnen Baustoffe benötigt, wovon nur rund 10 Prozent mit aufbereiteten Recyclingbaustoffen abgedeckt wird. Auf der anderen Seite stellen die mineralischen Bauabfälle, mit ca. 10 Millionen Tonnen pro Jahr, den grössten Abfallstrom dar.
Von Rosalie Basten, Hochschule Luzern
Jüngste Beobachtungen zeigen, dass die chinesische Stadt Shenzhen aus einer relativ armen Vergangenheit Fortschritte in Richtung einer effizienten Kreislaufwirtschaft insbesondere im Bausektor gemacht hat. Shenzhen wurde in den 1980er Jahren im Zuge der Reform und Öffnung Chinas als experimentelle Sonderwirtschaftszone eingerichtet und hat sich von einem kleinen Fischerdorf zu einer von vier Tier-1-Städten in China nach Peking, Shanghai und Guangzhou entwickelt. Im Jahr 2019 lebten rund 13 Millionen Menschen in Shenzhen, welche zusammen das dritthöchste Bruttoinlandsprodukt in China erwirtschafteten. Nach Angaben des Housing and Construction Bureau (HCB) von Shenzhen gibt es 42 offiziell registrierte Bauabfallrecyclingunternehmen, von denen auf einigen Baustellen kein Abfall anfällt. Bemerkenswert ist, dass dies bei anhaltendem Wirtschaftswachstum mit einem BIP-Anstieg von 6,7% im Jahr 2019 geschah (SBSM, 2019).
Auf der Grundlage der Ergebnisse einer von der Universität Hongkong veröffentlichten Studie werden im Folgenden die vier Strategien erläutert, die zum Erfolg der Kreislaufwirtschaft in Shenzhen führen.
Die Schließung aller Deponien durch die Regierung sandte klare Signale an die Akteure in der Bauwirtschaft. Um die illegale Deponierung von Abfällen zu verhindern, werden Baugenehmigungen nur erteilt, wenn ausreichende Entsorgungskapazitäten gewährleistet werden. Eine Kooperation mit der Recyclingindustrie ist daher unerlässlich. Um die Recyclingindustrie zusätzlich zu unterstützen, hat die chinesische Regierung im Januar 2020 Chinas erste Bauschutt-Entsorgungsquote eingeführt. Diese bestimmt die Menge an Bauabfall, die von einer Baustelle entfernt werden kann, je nachdem, ob es sich um Neubau, Renovierung oder Abriss handelt.
Neben den gesetzlichen Bestimmungen wurden auch Anreizsysteme eingeführt, die den Einsatz von Recyclingprodukten monetär belohnen bzw. hohe Strafen verhängen, wenn Bauprojekte zu viel Abfall erzeugen oder nicht termingerecht abgeschlossen werden.
Zusätzlich zu den staatlichen Interventionen wurden einige marktorientierte Maßnahmen zur Förderung der Kreislaufwirtschaft ausgearbeitet. Erstens haben viele Recycling-Unternehmen für Bauabfall in Shenzhen ein abgestuftes Gebührensystem eingeführt, das von der Zusammensetzung des erhaltenen Bauabfalls abhängt, um die Qualität der recycelten Produkte zu kontrollieren. Dieses System soll verwandte Interessengruppen dazu ermutigen, die Sortierung vor Ort durchzuführen, um qualitative Bauabfälle zu erhalten und somit hochwertige Recyclingprodukte herzustellen. Die vor Ort hergestellten recycelten Zuschlagstoffe werden in der Regel als Füllmaterialien für Baugruben in anderen Bauprojekten in der Nähe verwendet. Die Reichweite für den Verkauf der recycelten Gesteinskörnungen ist in der Regel, aufgrund der hohen Transportkosten, auf einen Umkreis von 5 km beschränkt. Bevor ein Angebot für ein bestimmtes Abbruchprojekt abgegeben wird, erfolgt eine Vorprüfung, um festzustellen, ob es in der Nähe genügend Bauprojekte gibt. Bei hoher Nachfrage werden die erhobenen Dienstleistungsgebühren entsprechend reduziert.
Darüberhinaus profitiert das Abfallrecycling in Shenzhen von den Bestimmungen der Provinz Guangdong, die den Abbau von Flusssand und Flussstein verbieten. In den letzten Jahren hat dies zu einem erheblichen Preisanstieg bei den Zuschlagstoffen, die aus Neumaterial gebrochen werden, geführt. Folglich haben die Preise für recycelte Produkte einen komparativen Vorteil gegenüber Neuware.
Die Recyclingindustrie in Shenzhen hat sich auf Technologien zur Entwicklung der Kreislaufwirtschaft fokussiert, insbesondere im Bereich der Abfallverarbeitungstechnologien, welche die Marktaufteilung der Abfallbehandlung vor Ort und außerhalb des Standorts ermöglichen. Die Koexistenz von zwei Arten des Recyclings schafft einen Spielraum für die Recyclingunternehmen und ermöglicht mehr Flexibilität. Die Vorteile des Recyclings vor Ort umfassen geringere Investitionskosten, niedrigere Transportkosten und eine einfachere Verwaltung. Dennoch muss diese Art des Recyclings aufgrund der begrenzten Kapazität, der Platzbeschränkungen am Standort, der Projektdauer und der Verfügbarkeit der Ausrüstung durch stationäre Recyclinganlagen ergänzt werden. Jedes Unternehmen produziert einzigartige Produkte, was den Unternehmen die Macht gibt, die Marktpreise dieser Produkte zu bestimmen, um rentabel zu bleiben.
Seit 2018 hat die Regierung in Shenzhen den Einsatz eines neuen Fahrzeugtyps für den Transport von Bauabfällen verbindlich vorgeschrieben. Der neue Fahrzeugtyp ist intelligent und verfügt über ein GPS-Überwachungssystem. Auf diese Weise darf der Fahrer des Fahrzeugs nur noch auf einer bestimmten Straße fahren, um den Bauabfall zu transportieren.
Um die Recyclingindustrie zu fördern, hat Shenzhen einen bilateralen Bindungsmechanismus zwischen Recycling- und Abbruchunternehmen in Kraft gesetzt, den es bisher in keiner anderen Wirtschaft gegeben hat. Er geht auf eine Vorschrift der HCB von Shenzhen aus dem Jahr 2017 zurück, in der festgelegt ist, dass jedes Abrissprojekt mit einer Bruttogeschossfläche von >500 m² zunächst der HCB zur Genehmigung vorgelegt werden muss. Das Abbruchunternehmen muss sich mit einem Recyclingunternehmen zusammenschließen, um das Abbruchprojekt als Einheit auszuschreiben. Wenn sie den Zuschlag erhalten, müssen diese beiden Unternehmen das Gelände zusammen betreten, um sicherzustellen, dass der Abfall ordnungsgemäß behandelt wird.
Dieser Mechanismus ist der Schlüssel zur Sicherung der Rentabilität von Recyclingunternehmen durch zwei Einnahmequellen. Zum einen ist dies die Dienstleistungsgebühr, die in der Regel vom Stakeholder entsprechend der Menge des vor Ort verarbeiteten Abfalls gezahlt wird. Zum anderen die Erträge aus dem Verkauf von Recyclingprodukten an Dritte.
Gegenwärtig hängt die Nachhaltigkeit der Bauabfallrecyclingindustrie in Shenzhen von weiterer politischer Unterstützung und wirtschaftlichen Subventionen ab. Obwohl eine Bauabfall-Recyclingindustrie der effektivste Ausgangspunkt ist, ist sie doch ein End-of-pipe-Ansatz. Es sollten proaktivere Strategien in Betracht gezogen werden, die im Einklang mit der Philosophie der Kreislaufwirtschaft stehen, wie z.B. die Erhaltung und Bewahrung bestehender Anlagen. Gegenwärtig reagieren die Unternehmen in den meisten Fällen auf die Anreizsysteme der Regierung. Unter Beibehaltung einer zugänglichen Politik sollten die Unternehmen dazu angeleitet werden, die Kreislaufwirtschaft als Geschäftsgrundsatz zu übernehmen, damit die gesamte Baubranche in einer Kreislaufwirtschaft arbeiten kann, der den langfristigen Wohlstand aufrechterhält. Es muss auch in Betracht gezogen werden, dass das starke staatliche Eingreifen, anderswo nicht reproduziert werden kann. Dieser Vorteil ist in der Tat eine inhärente Stärke Shenzhens, die innerhalb des übergreifenden Planwirtschaftssystems Chinas entwickelt wurde.
Für die langfristige Aufrechterhaltung der Kreislaufwirtschaft müssen weitere Maßnahmen wie Qualitätszertifikate, Landnutzungs- und Wirtschaftssubventionen sowie veränderte Philosophien zu Wirtschaftswachstum und Umweltschutz eingeführt werden. Modellrechnungen des Bafu zeigen, dass heute rund zwei Drittel der Bauabfälle rezykliert und verwertet werden, ein Drittel landet nach wie vor auf Deponien. Dennoch decken Recyclingbaustoffen nur rund 10 Prozent der jährlich benötigten Baustoffe ab. Dieser relativ niedrige Anteil hängt damit zusammen, dass Recyclingbeton noch nicht überall in der Bauindustrie akzeptiert wird – nicht zuletzt, weil er etwa gleich viel kostet wie Primärbeton. Theoretisch kann dieser Rohstoff jedoch immer wieder recycelt werden und fällt somit nie aus der Kreislaufwirtschaft heraus.
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