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Quelle: Wädenswil Zweiter Band von Peter Ziegler
Ursprünglich wurde das Abwasser aus den Wohnungen in Jauchetrögen gesammelt und von Zeit zu Zeit in die Wiesen Gärten und Pünten geleert. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wählte man auch für die Wohnhäuser immer häufiger jene Art der Abwasserbeseitigung, die für die Industrie schon seit langem angewendet wurde: man leitete das verbrauchte Wasser in den nächsten Bach. Der Töbeli- Gerbe-, und Kronenbach, der Untermosenbach, der Gulmen-, Kräh- und Sagenbach – sie alle nahmen Schmutzwasser auf und führten es jahraus jahrein dem Zürichsee zu. Lagen die Häuser und Betriebe nicht gerade am Bord eines Baches, wurden bald kleinere, bald grössere Rohrleitungen gebaut. Da diese nur auf die augenblicklichen und eng lokalen Bedürfnisse und Verhältnisse zugemessen waren, entstand in Wädenswil mit der Zeit ein Netz von Kanälen ohne System und vorausschauende Planung. Aus rund fünfzig Mündungen ergossen sich die Abwasser zwischen dem Giessen und der Au in den Zürichsee. Schon in den 1930er Jahren taugten die meist baufälligen und hygienisch mangelhaften Leitungen nicht mehr. Mit der Zunahme der Hausanschlüsse und der Verbesserung der sanitären Einrichtungen war auch der Abwasseranfall gewaltig gestiegen, und die Leitungen wurden zu eng, zu wenig aufnahmefähig. Die Mängel des Kanalsystems traten immer deutlicher zutage, anderseits nahm die Verschmutzung der Bäche und des Zürichsees, der zugleich Trinkwasser liefern musste, bedrohlich zu. Wie für andere Gemeinden drängte sich auch für Wädenswil die Sanierung der Abwasserverhältnisse auf. Die Planung eines leistungsfähigen Kanalisationssystems und einer Kläranlage für die Abwasserreinigung durfte nicht länger aufgeschoben werden.1
1936 begann das Ingenieurbüro E. und E. Meier in Wetzikon im Auftrag des Gemeinderates mit Studien für ein generelles Kanalisationsprojekt der Gemeinde Wädenswil. In den Jahren 1939 bis 1943 erwog man vor allem verschiedene Standorte für die Kläranlage. In Frage kamen Rietliau, Meierhof, Rothaushaabe, Giessen, Seegut, Staubenweidli. Man prüfte auch den Bau einer gemeinsamen Anlage mit Richterswil und plante sodann die Erstellung von zwei getrennten Anlagen – im Giessen und in der Rietliau – für Wädenswil allein.2 Obwohl das Kanalprojekt auf jahrelangen Untersuchungen und Beratungen basierte, wurde es von den Stimmberechtigten am 2. Juli 1944 verworfen. Da aber die Aufstellung eines rechtskräftigen Kanalprojektes für ein Dorf von der Grösse Wädenswils eine absolute Notwendigkeit bedeutete, wurde den Stimmbürgern eine neue Vorlage unterbreitet und in der Urnenabstimmung vom 6. Juli 1947 gugeheissen.3 Das genehmigte Projekt für die Dorfzone stützte sich auf die gegenwärtige und künftige Entwicklung der einzelnen Gebiete und Quartiere, gab Anhaltspunkte für die Dimensionierung der Kanäle und bestimmte die Rietliau als Standort der Kläranlage. Das von der Gemeinde und vom Kanton gutgeheissene Kanalisationsprojekt von 1947 sah den Bau eines 700 Meter langen Stollens durch den Bürglifelsen vor. Durch diesen Stollen sollte sämtliches Abwasser von Wädenswil-Dorf im freien Fall der Kläranlage zugeleitet werden. Das Abwasser der unteren Dorfzone musste nach diesem Projekt allerdings zuerst in den höher liegenden Stollen gepumpt werden, und zwar durch ein Pumpwerk, das in der Weinrebenanlage geplant war.
Beim Erstellen des definitiven Bauprojektes für den Stollen stiess der Projektverfasser auf geologische Schwierigkeiten. Da der Stollen immer weiter in den Berg geschoben werden musste, wurde der Kostenvoranschlag immer höher. Dies führte 1954 zu einer Überarbeitung des gesamten generellen Kanalisationsprojekts.4 Das Pumpwerk Weinrebe und der Stollen wurden fallengelassen. Der Hauptsammelkanal kam in die Seestrasse zu liegen, und die Kläranlage erhielt ein direkt vorgeschaltetes Pumpwerk. Dadurch konnte für das Klärwerk das betrieblich wie auch baulich günstige Niveau gewählt werden, und zugleich liess sich der Gemeindeteil Au – für den 1959 ebenfalls ein generelles Kanalisationsprojekt ausgearbeitet worden war – ohne Schwierigkeiten der gleichen Abwasserreinigungsanlage anschliessen. In den Jahren 1960 bis 1971 konnten die Kanäle samt eingebauten Regenwasserkläranlagen in sechs Etappen und mit einem Kostenaufwand von rund 25 Millionen Franken erstellt werden.5 Als wichtigste Leitungen sind der Hauptsammelkanal Seestrasse6 und der Hauptsammelkanal Zugerstrasse bis Tiefenhof zu nennen. Vom Giessen her fliesst das Wasser im Hauptsammelkanal Seestrasse ohne Zwischenpumpwerk mit einem Minimalgefälle von 0.8 Promille zur Kläranlage. Das Wasser aus dem Gebiet der Gemeindegrenze gegen Horgen wird bei Naglikon in ein kleines Pumpwerk geleitet, damit das Gefälle der ziemlich kleinen Wassermengen nicht unter 1,6 Promille fallen muss. Der Hauptsammelkanal, der von der hinteren Rüti zum Tiefenhof führt und auch die Hauptleitung Speerstrasse aufnimmt, ist der Kläranlage direkt angeschlossen. Das Abwasser dieses Kanals muss nicht gepumpt werden. Während für die höher gelegenen Gebiete des Dorfes das Mischsystem angewendet wurde, verwendete man in den tiefliegenden Zonen, vor allem entlang dem Seeufer, das Trennsystem. Beim Mischsystem fliessen Regenwasser und Schmutzwasser in der gleichen Kanalisationsleitung, währenddem sie beim Trennsystem je in einer eigenen Leitung geführt werden. Damit bei starkem Regen nicht die ganze Wassermenge der Kläranlage zufliesst, baute man in die wichtigsten Sammelkanäle einerseits Hochwasserentlastungen und andererseits Regenwasserkläranlagen ein. In den Regenwasserkläranlagen Standard, Gwad, Tiefenhof, Untermosen, Sagenrain, Hirschen, Plätzli und Schlossgasse wird das überlaufende Regenwasser mechanisch gereinigt und dann direkt in einen Bach oder in den Zürichsee geleitet.
Lastwagen der Gemeindewerke, 1927, mit Einrichtung für das Spritzen von Strassen.
In der Urnenabstimmung vom 17. Februar 1963 bewilligten die Stimmberechtigten einen Kredit von 6,5 Millionen Franken für den Bau einer zentralen Kläranlage in der Rietliau.7 Anfang Oktober 1967 konnte die von der Bauunternehmung Fietz+Leuthold AG, Zürich, erstellte Anlage mit dem mechanisch-biologischen Teil in Betrieb genommen werden. Im Februar 1968 wurde die Abwasserreinigungsanlage Rietliau eingeweiht.8
Wasserversorgungsnetz der Gemeinde Wädenswil, Stand 1953.
Schema der 1968 eingeweihten Kläranlage in der Rietliau.
Wie funktioniert die Wädenswiler Kläranlage? Vor dem Eintritt in die Kläranlage wird die gesamte Abwassermenge gemessen. Dann beginnt die mechanische Reinigungen. Der Feinrechen behält alle sperrigen Stoffe zurück, zerkleinert sie und gibt sie dem Abwasser wieder bei. Im belüfteten zweikammrigen Sandfang wird dann das Wasser durch Druckluft in eine langsame, walzenförmige Bewegung versetzt. Die leichten Stoffe schwimmen weiter; Sand und Steine dagegen sinken zu Boden und werden mit einer fahrbaren Saugvorrichtung entfernt. Nach fünf bis zehn Minuten gelangt das mit Sauerstoff angereicherte Abwasser in eines der vier rechteckigen Vorklärbecken, wo die absetzbaren Stoffe zu Boden sinken. Nach 1 ½ Stunden fliesst das mechanisch gereinigte Wasser, das noch zwei Drittel aller organischen Schmutzstoffe in gelöster Form enthält, ins vierteilige Belüftungsbecken. Der Schlamm, der sich im Vorklärbecken abgesetzt hat, wird in die Schlammtrichter am Beckenanfang geschoben und von dort täglich in die Schlammbelüftungsanlage gefördert. Auf die mechanische folgt die biologische Reinigung des Abwassers. Was sich bei der Selbstreinigung der Gewässer auf natürliche Weise vollzieht, wird hier in künstlichem Vorgang erreicht. Das vierteilige Belüftungsbecken wird mit feinverteilter Druckluft beschickt. Das Lufteinblasen schafft ein günstiges Lebensklima für Kleinlebewesen. Sie vermehren sich andauernd und bauen die organischen Stoffe ab. Das im Belüftungsbecken behandelte Wasser gelangt hierauf in die beiden runden Nachklärbecken, wo sich der biologische Schlamm absetzt. Nach zwei Stunden ergiesst sich das zu rund neunzig Prozent von seinen Schmutzstoffen befreite Wasser in den Ablaufkanal. In einer dritten Reinigungsstufe werden durch Beigabe von Eisenchlorid in den Ablauf des Belüftungsbeckens die Phosphate ausgefällt. Im Ablaufkanal, der unter der Seestrasse und unter dem Bahntrasse hindurchführt, erreicht dann das gereinigte Wasser in neunzig Meter Distanz vom Ufer den Zürichsee.9 Ausser den bereits erwähnten Anlagen umfasst das Wädenswiler Klärwerk ein Pumpenhaus, ein Maschinenhaus, ein Betriebsgebäude sowie eine Schlammaufbereitungsanlage. Der in den Vorklärbecken anfallende Schlamm wird durch Wasserentzug eingedickt. Dann fügt man Chemikalien – vor allem Kalk und Eisenchlorid – zu. Eine Pumpe fördert den Schlamm zur Filterpresse. Hier entstehen die Filterkuchen, die in die Kehrichtverwertungsanlage Horgen transportiert werden.10
Kläranlage Rietliau während des Baues, Februar 1968.
Peter Ziegler