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Schwimmen zwei junge Fische des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in der Gegenrichtung unterwegs ist. Er nickt ihnen zu und sagt: „Morgen Jungs. Wie ist das Wasser?“
Und die zwei Jungen schwimmen eine Weile weiter, und schliesslich wirft der eine dem anderen einen Blick zu und sagt: „Was zum Teufel ist Wasser?“
So beginnt das Buch „Das hier ist Wasser – Anstiftung zum Denken.“ Im Jahre 2005 wurde David Foster Wallace (New York Times: …mit gleicher Leichtigkeit traurig, lustig, albern, herzzerreißend und absurd sein; oder alles auf einmal“, Pulitzer-Preis nominiert) gebeten, vor dem Abschlussjahrgang des Kenyon College über ein Thema seiner Wahl zu sprechen. Es ist die einzige Rede, die er je gehalten hat. Die Rede wurde als Buch „This is Water“ in 2009 veröffentlicht.
Mir gefällt dieses Buch nicht nur wegen der ungeheuerlichen Sprachgewalt, seinen langen Sätzen, die trotzdem sofort Sinn machen, sondern auch, weil sein Zynismus immer wieder zum Lächeln zwingt, es in Minuten gelesen ist, man holt es gerne immer wieder hervor und weil es ein praktischer, philosophischer Ratgeber ist, den man sogleich versteht.
Zu lernen, „wie zu denken“ bedeutet zu lernen, wie man Kontrolle findet über das Wie und das Was man denkt. Es ist einfach, unser ganzes Leben ohne Reflexion, sozusagen im allgemeinen Standard im Sinne „so sind die Dinge halt“, zu verbringen, anstatt zu denken und zu entscheiden, das Leben mit anderen Augen zu betrachten. Die einzige Wahrheit ist, dass wir es sind, die entscheiden, wie wir das Leben betrachten und wie wir uns aus unseren Erfahrungen und Beobachtungen einen Sinn konstruieren.
Die nachfolgende stichwortartige Zusammenfassung möchte informell sein, enthält Zitate aus der englischen Ausgabe (frei übersetzt) und den einen oder anderen meiner Gedanken zum Thema:
• Der Sinn, den wir für unser Leben konstruieren, ist genährt durch unsere persönliche und absichtsvolle Auswahl, die wir treffen. Es sind bewusste Entscheidungen, wenn wir wollen.
• Zu oft glauben wir so stark an Dinge, dass wir gar nicht erkennen wollen oder hinterfragen können – wir sind arrogant, vertrauen blind darauf, dass wir Recht haben – ein limitiertes Verständnis, das uns gefangen hält, so umfassend, dass der Häftling nicht einmal merkt, dass er sich in seinem selbst geschaffenen Gefängnis befindet.
• Ein grosser Teil der Dinge, die wir automatisch für richtig halten, so zeigt sich im Laufe der Zeit, sind schlicht und ergreifend nicht wahr, beinahe wahnhaft oder paranoid. (Hier darf man über sich schmunzeln…)
• Unser natürliches Umfeld, unsere natürliche Einstellung, unsere Konfiguration ist tief und buchstäblich egozentrisch. Es gibt keine Erfahrung die wir machen, in der wir uns nicht im Zentrum sehen. Wir sehen alles um uns herum durch genau diese Brille.
• Es ist äussert schwierig, wachsam und aufmerksam zu bleiben, anstatt von den konstanten Monolog im Hirn hypnotisiert zu werden.
• Wir müssen lernen zu wählen, wem oder was wir Aufmerksamkeit schenken und zu wählen, wie wir aus der Erfahrung Bedeutung und Sinn für uns entwickeln.
• Es ist nicht im Geringsten ein Zufall, dass sich Erwachsene, die Suizid mit einer Schusswaffe begehen, in den Kopf schiessen.
• Die natürliche Voreinstellung (Standardeinstellung) ist zu denken, ich bin die Mitte der Welt und bin meine unmittelbaren Bedürfnisse und Gefühle und deren Befriedigung
• An den meisten Tagen, wenn wir uns bewusst sind, können wir beschliessen und uns erlauben, die Welt mit anderen Augen zu sehen und erkennen damit, dass wir die Wahl haben. Wenn wir wirklich gelernt haben, wie wir denken und wem wir Aufmerksamkeit schenken wollen, dann wissen wir, dass wir immer die Wahl haben.
• Jeder verehrt etwas. Wir müssen nur wählen, was wir verehren wollen.
• Der Trick ist, die Wahrheit weit vorne zu halten, im täglichen Bewusstsein.
• Das heimtückische an den Formen der Verehrung, der Anbetung (Geld, Macht, Berühmtheit, Schönheit etc.) ist nicht, dass sie böse oder sündig sind; es ist, dass sie sich unbewusst manifestieren, sie werden zu Standardeinstellungen, die unser Denken und Verhalten im Hintergrund schrittweise beeinflussen und jegliche Reflexion im Keim ersticken.
• Die wirklich wichtige Art von Freiheit beinhaltet Aufmerksamkeit, Bewusstsein, Disziplin, Anstrengung und die Fähigkeit, sich wirklich um andere zu kümmern und für sie, immer und immer wieder, in kleinen unzähligen, unsexy Schritten, etwas beizutragen. Das ist wirkliche Freiheit. Die Alternative ist die Standardeinstellung, Bewusstlosigkeit, Hamsterrad – das konstante, nagende Gefühl, etwas Unendliches gehabt und gleichzeitig verloren zu haben.
• Die grösste der Fragen ist nicht jene über das Leben nach dem Tod. Die Kapital-Wahrheits-Frage ist die des Lebens vor dem Tod. Es geht darum, dreissig oder fünfzig oder achtzig zu werden, ohne sich selbst in den Kopf schiessen zu wollen.
• Der reale Wert der Bildung hat nichts mit Noten oder Zeugnissen zu tun, sondern mit der Fähigkeit, aufmerksam zu sein – zu erkennen, was real und notwendig ist, was uns so oft verborgen bleibt, obwohl es direkt vor unseren Augen liegt – daran müssen wir uns immer wieder erinnern.
Dies hier ist Wasser
Es ist unvorstellbar schwierig, bewusst und erwachsen zu leben, tagein und tagaus. Dies meint, ein Klischee ist wahr: Unsere Bildung ist in der Tat eine Lebensaufgabe und hört nie auf. Mit
„Ich wünsche Ihnen mehr als Glück“
beendete David Foster seinen Vortrag – und dem schliesse ich mich an.
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