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Warum Gesundheitsförderung?
Editorial
Von Felix Küchler
Seit ich 1975 für ein Jahr in den Sudan flog, um die eritreischen Flüchtlinge zu unterstützen, beschäftigen mich die Frage: Was sollte auf unserem Planeten anders laufen, damit möglichst alle Menschen ihr ganzes angeborenes Gesundheits- und Lebenspotential entfalten können? Meine Antworten auf diese eigentliche Sinnfrage sind geprägt durch das langjährige persönliche Erleben im ländlichen Westafrika. Dabei wurden mir ein Buch und zwei Dokumente zu wichtigen Begleitern.
Maurice Kings “Medical Care in Developing Countries” (1967) zeigt mit einfachen aber dramatischen Graphiken, dass Arme, dezentral Lebende einen stark beschränkten Zugang zu medizinischen Dienstleistungen haben. Sein Postulat ist: "Taking Services to the People". Mobile Kliniken waren dann eine zeitlang Mode. Leider treten Krankheiten und Notfälle nicht nur am Morgen vor dem Erscheinen des weissen Landrovers mit dem roten Kreuz auf.
Die Alma-Ata Deklaration (1978) nennt die Ursachen von schlechter Gesundheit beim Namen: Armut, mangelndes politisches Engagement für die als Menschenrecht definierte Gesundheit , einseitige Investitionen in das Kurative, fehlende Selbstbestimmungs- und Partizipationsmöglichkeiten der Bevölkerungen. Die hohen Ausgaben für Militär und Waffen werden kritisiert und eine neue, gerechte, Wirtschaftsordnung gefordert. Die vorgeschlagene Strategie zum Erreichen von Gesundheit für alle ist "Primary Health Care" (PHC).
Beim Studium der Ottawa-Charta (1986) fallen die vielen Gemeinsamkeiten zwischen Gesundheitsförderung und Primary Health Care auf. Beide fordern auf, neue Wege zu gehen und über die Grenzen der Medizin hinaus zu sehen. Alle Bereiche, die Einfluss auf Gesundheit haben, sollen mit einbezogen werden. Es sind dies vor allem Bildung, Land- und Viehwirtschaft (Ernährung), Infrastrukturen (z.B. Wasser und Abwasser, Wohnen, Kommunikation) und der Wirtschaftssektor. Gesundheit ist eine gesamtpolitische Aufgabe. Die Eigenverantwortung des Individuums und der Gemeinde müssen zugelassen und gefördert werden.
In Entwicklungsländern sind Primary Health Care und Gesundheitsförderung seit Jahrzehnten als geeignete Strategie anerkannt und umgesetzt. Industrialisierte Länder könnten und sollten von den Erfolgen lernen. Ich bin überzeugt, dass wir wesentliche Fortschritte für unsere Gesundheit und Lebensqualität nicht mehr von einer weiteren Perfektionierung des kurativen Systems erwarten dürfen.
Gesundheitsförderung heisst jene Faktoren begünstigen, welche zum Erhalten und Verbessern der Gesundheit beitragen. Viele dieser Gesundheitsressourcen sind in und um uns vorhanden. Es gilt lediglich deren Entfaltung zu ermöglichen. Für unsere Überflussgesellschaften hiesse dies beispielsweise: die Lust an der körperlichen Aktivität wiederentdecken, Entspannung als Wert in der Gesellschaft neu positionieren, einen schonenden Umgang mit der Umwelt pflegen, den Manipulationen der Zigarettenindustrie entgegentreten.
Die allermeisten Neugeborenen sind gesund und haben alle Voraussetzungen, für eine volle Entfaltung ihres Lebens. Die einen treffen günstige Bedingungen an, viele nicht. Es ist für die Menschheit ein erreichbares Ziel, mit den krassen Ungerechtigkeiten aufzuräumen. Zahlreiche Gesundheitsprofessionelle leisten dazu einen wertvollen Beitrag. In diesem Bulletin berichten einige davon.
Wir danken ihnen.
Felix Küchler