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Ein Wirtschaftsethiker erklärte mir einmal, dass er gerade eine Liste von Indikatoren zusammenstelle, mit denen das Verhalten globaler Wirtschaftsunternehmen objektiv verglichen werden könne. Von einem weltweit akzeptierten Bewertungsmassstab sei man allerdings noch weit entfernt. So zählten in den USA Kriterien wie «gleiche Beschäftigungschancen für sexuell anders orientierte Menschen», während die chinesischen Indikatoren stärker Gewicht auf Kriterien wie «zahlt vor dem Frühlingsfest ausstehende Löhne» und «zahlt seine Steuern» legten.
Wenn ich ihn das nächste Mal treffe, werde ich ihn fragen, was besser ist: ein chinesischer Unternehmer, der sein Dorf durch seine Batteriefabrik mit Schwermetallen verseucht, sich mit dem erwirtschafteten Geld in die USA absetzt und dort die US-Staatsbürgerschaft annimmt. Oder der Manager einer deutschen Autofirma, der alles tut, um den chinesischen Markt weiter zu erschliessen, und der dann mit seiner Familie aus dem Zentrum Beijings in eines der umliegenden Villenviertel zieht, weil der Verkehr in der Innenstadt so mörderisch geworden ist und seine Kinder saubere Luft atmen sollen.
Die Deutsche Botschaftsschule liegt aber nun einmal in der Beijinger Innenstadt. Der mehrheitlich von Automanagern (BMW, Daimler, VW) besetzte Schulvorstand beschloss deswegen, dass Geld keine Rolle spielt, wenn es um die Gesundheit der Kinder geht: Für 2,2 Millionen Franken soll eine Luftfilteranlage auf dem Schuldach installiert werden, die jedes Klassenzimmer mit gesäuberter, wohltemperierter und sauerstoffangereicherter Luft versorgt.
Ist die Luft in den Klassenräumen wirklich so schlecht? Haben die das wirklich gemessen? «Doch», sagt einer der Manager, «im BMW-Büro im 23. Stock. Was genau wir gemessen haben, weiss ich zwar nicht mehr. Doch die Werte waren teilweise schon erheblich.» Und sein Kollege von Daimler sagt: «Die Anlage filtert 99,9 Prozent des Feinstaubs heraus. Zumindest wenn Türen und Fenster geschlossen bleiben und niemand den Raum betritt oder verlässt.»
Nehmen wir nun einmal an, der erwähnte Wirtschaftsethiker bräuchte für seine Indikatorensammlung 2,2 Millionen Franken. Sollte man sie ihm bewilligen, obwohl er nicht sagen kann, was genau er damit erreichen will? Er behauptet ja nur, dass durch seine Arbeit die «wirklich sehr schlimme» Lage in China «wahrscheinlich etwas besser» würde. Oder sollte man ihm nahelegen, zur Finanzierung seiner Studien die Automanager heranzuziehen?
Wolf Kantelhardt ist WOZ-Korrespondent in Beijing.