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Geist & Gesellschaft
16.10.2012
Die Baumeister im Mittelalter schöpften ihr Wissen aus der praktischen Ausbildung und ihrer Erfahrung. Mit der zunehmend komplexen Bauweise in der Gotik stiegen auch die Anforderungen an den Beruf.
Von Sandra Flückiger
Im Hoch- und Spätmittelalter differenzierte sich das Baugewerbe aus: Die Arbeitsteilung stieg, und damit auch der Arbeits- und Organisationsaufwand. Entsprechend fand eine Spezialisierung im Wissen statt. So gab es schon damals Steinmetze, Zimmerleute, Klempner, Maler, Drechsler, Fussbodenleger, einfache Arbeiter, Hilfsarbeiter oder Knechte.
«An der Spitze der Hierarchie standen der Baumeister und der Bauverwalter», erklärte Jens Rüffer, Privatdozent am Institut für Kunstgeschichte der Uni Bern. Im Rahmen der Ringvorlesung des Berner Mittelalter Zentrums (BMZ) hielt er einen Vortrag zum Thema «Der mittelalterliche Baumeister als Experte».
Während der Verwalter im Normalfall ein Kleriker war und sich um die Organisation, den Zahlungsverkehr und die Beschaffung der Materialien kümmerte, entstammte der Baumeister den Steinmetzen und war mit den praktischen Abläufen betraut. Der Baumeister ging somit aus einem Handwerkerberuf hervor und verfügte über ein anwendungsorientiertes Wissen, das der Herstellung eines Objekts diente.
Sein Wissen schöpfte der Baumeister, auch Parlier genannt, aus der praktischen Erfahrung – der Experientia. «Der mittelalterliche Baumeister war im wahrsten Sinne des Wortes ein Experte. Der Handwerker weiss wie etwas geht – im Gegensatz zum Gelehrten, der weiss, warum etwas geht», erläuterte Rüffer. So konstruierten Handwerker ein Fünfeck beispielsweise mithilfe eines Zirkels – was keine mathematisch korrekte, sondern eine pragmatische Näherungslösung darstellt.
Der Übergang von der Romanik zu den anspruchsvolleren gotischen Gestaltungsprinzipien in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts mit Skelettbauweise, gesteigerten Bauvolumina, der Einführung von Masswerk und den immer komplexer werdenden steinernen Gewölben, erforderte von den Baumeistern ein differenziertes und umfassendes Wissen.
So widmete sich der Baumeister zunehmend Aufgaben wie dem Bau von Maschinen, der Vorbereitung der Baustelle, der Konstruktion, der Anfertigung von Schablonen für die Steinmetze und dem Zeichnen von Architekturplänen – sei es auf Pergament oder direkt als Ritzzeichungen auf den Boden oder die Wände der Bauwerke. «Es gab einen Wandel vom handwerklich orientierten zum konstruierenden, planerisch und unternehmerisch tätigen Meister», fasste Rüffer zusammen.
Mit den handwerklichen Anforderungen stieg auch das Sozialprestige der Baumeister, wie das Beispiel von Peter Parler illustriert: Er gilt als einer der grössten Dombaumeister des Mittelalters und war unter anderem der Schöpfer des Prager Veitsdoms und der Prager Moldaubrücke. Parler ist nicht nur auf einer Büste im Dom abgebildet, sondern wurde auch dort bestattet.
Trotz der zunehmend komplexen Aufgaben war es den Baumeistern möglich, gleichzeitig mehrere Baustellen zu unterhalten, da sie vor allem planerische Aufgaben wahrnahmen. «Die Bauherren reisten auch, um andere Bauwerke in Augenschein zu nehmen», sagte Rüffer. So präsentierte sich bereits damals ein ähnliches Berufsbild, wie wir es heute kennen.