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SRF News: Edwin Somm, der ehemalige ABB-Schweiz-Chef, hat die ‹Brown Boveri› (BBC) in einem Interview mit der «Nordwestschweiz» einst als ‹Schweizer Apple-Konzern› bezeichnet. Herr Werner Catrina, ein kühner Vergleich?
Werner Catrina: Zur Gründerzeit und auch in späteren Phasen hatte die BBC enormes technisches Potential. Der Brite Charles Brown und der Deutsche Charles Boveri erkannten im elektrischen Strom den Schrittmacher einer anbrechenden neuen Zivilisation. Die beiden Elektroingenieure lernten sich in der Maschinenfabrik Oerlikon kennen, beide waren innovative Techniker und Macher.
Wie ist die BBC entstanden?
Mit privatem Startkapital – geliehen vom begüterten Zürcher Seidenindustriellen Baumann, Boveris Schwiegervater, der an das Projekt glaubte – gründeten die beiden 1891 in Baden die Brown Boveri. Der Standort bot sich an, weil die krisengeschüttelte Stadt billiges Land für die Fabrik bereitstellte und die frisch gegründete Firma dort das Limmatkraftwerk realisieren konnte. Damit begann die Firmenphilosophie: dort Produktionsstätten hochzuziehen, wo die Absatzmärkte sind; der Grundstein für die später weltweit operierende BBC mit Werken rund um den Globus. Bereits im Jahr 1900 gründete man die Tochtergesellschaft im deutschen Mannheim, weitere Ableger in anderen Ländern folgten.
Was hat die Erfolgsgeschichte begünstigt?
Zunächst der Standort Schweiz, der seit jeher offen für technische Innovation und neue Geschäftsideen war. Das Land hat innovative Köpfe magnetisch angezogen, visionäre Tatmenschen wie der Zürcher Politiker Alfred Escher, Gründer der ETH und Eisenbahnunternehmer, wirkten im 19. Jahrhundert als Schrittmacher. Die Schweiz als Land der Wasserkraft bot innovativen Firmen riesige Möglichkeiten. BBC nutzte dieses Potential, entwickelte und baute Turbinen, Hochspannungsleitungen, Trafostationen und auch Lokomotiven und entwickelte später – bei BBC-Mannheim – sogar einen Atomreaktor, dem freilich kein kommerzieller Erfolg beschieden war.
Der Sinn für die Gemeinschaft und für kulturelle Werte ist seit der Gründung der ABB weitgehend verloren gegangen.
Die BBC hat auch früh auf Diversifikation gesetzt.
Ja, das war ein Treiber des Erfolgs. Schon in den 1920er-Jahren experimentierte man mit Turboladern, die Verbrennungsmotoren viel effizienter machten. Und BBC profilierte sich im riesigen Markt für Schiffsmotoren als Leader. Mit der Patentierung eines neuartigen Rotors für Dampf- und Gasturbinen 1933 und der ersten Verbrennungs-Gasturbine der Welt zur Stromproduktion öffnete die Firma ein weiteres zukunftsträchtiges Geschäftsfeld.
Wie bewerten Sie die BBC-Firmenkultur?
Die Firmengründer engagierten sich auch in der Gemeinde Baden, im Kanton und in Gremien der Eidgenossenschaft. Sie waren auch kulturell interessiert, ihre Interessen gingen über das Geschäft hinaus. Sidney Brown, der Bruder des Gründers, sammelte Bilder von Cezanne, Gauguin und andern grossen Künstlern. Dieser Sinn für die Gemeinschaft und für kulturelle Werte ist später, namentlich seit der Gründung der ABB, weitgehend verloren gegangen.
Welche Rolle haben Ausbildung und Forschung gespielt?
Schon in der Aufbauphase hat die BBC Lehrlinge ausgebildet und bereits 1918 die vorbildliche Brown-Boveri-Werkschule eingerichtet. Weiter investierte das Unternehmen im Laufe der Jahrzehnte Hunderte Millionen Franken in die Forschung, die man freilich nur zum Teil in ertragreiche Geschäfte verwandeln konnte. Weniger fortschrittlich waren Rechnungswesen und Marketing. Man erfasste zum Beispiel die Profitabilität der einzelnen Divisionen lange Zeit nicht detailliert, sondern eruierte das Gesamtergebnis des Konzerns. Bei einer genauen Analyse in den 1970er-Jahren zeigte sich beispielsweise, dass die Abteilung Turbolader-Abteilung mehr Profit machte als der gesamte Konzern.
Percy Barnevik erschien sozusagen als der Mann, der über das Wasser läuft.
Das Versäumnis hat der Fusion der BBC mit dem schwedischen Elektrotechnikkonzern Asea den Weg geebnet…
Verwaltungsratspräsident Franz Luterbacher hat die Gefahr – während des Ölschocks Mitte der 1970er-Jahre – erkannt. Er heuerte den ehemaligen Nationalbankpräsidenten Fritz Leutwiler als seinen Nachfolger an. Leutwiler redete Klartext über die inzwischen prekäre Lage der BBC. Mit dem damaligen Hauptaktionär, Stefan Schmidheiny, reiste er zur Firma Asea nach Schweden, die ein ähnliches Geschäftsfeld wie die BBC nach einer radikalen Reorganisation viel erfolgreicher managte. Man traf sich zu mehrwöchigen Gesprächen mit Peter Wallenberg, Mehrheitsaktionär von Asea, und dem jungen, dynamischen CEO Percy Barnevik. Im August 1987 war die Fusion der beiden Firmen zu ABB beschlossene Sache – eine Meldung, die weltweit wie ein Blitz einschlug.
War die Hochzeit ein Befreiungsschlag für die angeschlagene BBC?
In meinem Jubiläumsbuch «BBC-Glanz, Krise Fusion» wird detailliert geschildert, wie der Supertanker BBC fast auf Grund gelaufen wäre und wie man ihn durch die Fusion und die Zerschlagung alter Strukturen wieder seetüchtig machte. Jedoch für kürzere Zeit als man dachte...
Die ABB verkaufte mit den Sparten Kraftwerke und Eisenbahnen ihre Herzstücke.
Kritiker monieren, die BBC hätte sich unter ihrem Wert verkauft.
Weil das Übernahmeangebot nur den Börsenwert berücksichtigte und die Innovationen und Patente ausser Acht liess, fühlten sich viele aus der alten BBC über den Tisch gezogen, zumal die Schweden im Management jetzt die Fäden zogen. Doch die Verantwortlichen waren von den operativen Kompetenzen von Percy Barnevik geblendet; er erschien sozusagen als der Mann, der über das Wasser läuft.
Dabei hat Barnevik massgeblich zum Niedergang der BBC beigetragen.
Als Barnevik den neuen Konzern radikal reorganisierte – er hat unrentable Bereiche unverzüglich gestrichen und Tausende Profitzentren eingerichtet – frohlockten die Stake- und Shareholder zunächst unisono. Rasch begann ABB mit einer weltweiten Einkaufstour. So erwarb man auch die amerikanische Combustion Engineering, die mit Asbest arbeitete. Das hatte wegen Asbestklagen einen Milliardenverlust zur Folge. Der immer wieder umgebaute Konzern geriet ins Schlingern, angeschlagen ernannte Barnevik mit dem Segen des Verwaltungsrates 1997 den Landsmann Göran Lindahl zu seinem Nachfolger.
Konnte die neue operative Leitung die ABB aus dem Schlamassel ziehen?
Der Führungswechsel setzte den Abwärtsstrudel erst recht in Gang. Die ABB verkaufte mit den Sparten Kraftwerke und Eisenbahnen ihre Herzstücke, Moody’s stufte den Konzern auf miserable B1 herab, und der Aktienkurs fiel unter Lindahls Nachfolger Centerman im Jahr 2002 von 18 auf 1,41 Franken. Dann kam auch noch heraus, dass sich Barnevik klammheimlich eine «Pension» von 148 Millionen Franken zugeschanzt hatte. Nach dem öffentlichen Aufschrei gab der gestrauchelte Topmanager einen Teil der Summe zurück. Erst unter Jürgen Dormann, dem nächsten CEO, konnte ABB einigermassen genesen. Dormann sagte 2003: «Es gibt keinen Befreiungsschlag, nur langwierige, harte Arbeit zur Rückgewinnung des Vertrauens.»
Wie steht die ABB heute da?
Die ABB ist bescheidener, eine normale Firma, geworden. ABB beschäftigt jetzt weltweit in Bereichen wie Industrieautomation oder Energietechniksysteme 135'000 Mitarbeitende in 100 Ländern. Der Umsatz sank 2015 um 11 Prozent auf noch 36,5 Milliarden US-Dollar. ABB ist aber in diesen Geschäftsfeldern gut aufgestellt, kämpft jedoch in einem schwierigen Weltmarkt.
Das Gespräch führte Christine Spiess.
Geschichte durch zwei Weltkriege geprägt
|Die 125-jährige Geschichte der ABB war auch durch zwei Weltkriege geprägt. Während der Konzern im ersten Konflikt auf Sparflamme lief, hat die damalige BBC im zweiten Weltkrieg in alle Richtungen exportiert. Mit Blick auf die Tochterfirma in Mannheim wurde dann auch der Vorwurf laut, die BBC kooperiere zu stark mit dem deutschen Feind. Die Alliierten bombardierten das Werk Mannheim im Jahr 1941. Die Nachkriegszeit bescherte der BBC mit dem Wiederaufbau in Europa volle Auftragsbücher.|
Werner Catrina
BBC + Asea = ABB
Die Asea Brown Boveri (ABB) war 1988 aus der Fusion der schwedischen Asea und der schweizerischen BBC entstanden. Die Asea wurde bereits 1883 als Elektriska Aktiebolaget in Stockholm gegründet. Die Gründung der Brown, Boveri & Cie. (BBC) folgte 1891.
Goldener Fallschirm
Der Schwede Percy Barnevik, der von 1988 bis 1996 CEO und bis 2001 VR-Präsident der ABB war, hat mit einer exorbitanten Abgangsentschädigung von Geschichte geschrieben. 148 Millionen Franken hat er sich damals auszahlen lassen. 2002 bezahlte er 90 Millionen zurück. Ob freiwillig oder auf Druck des Verwaltungsrat, ist strittig.