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Das Wichtigste in Kürze:
- Die Geschichte Müllheims war besonders kirchlich geprägt, weil das Dorf unter der Grundherrschaft des Klosters Reichenau und später des Bischofs von Konstanz stand.
- In den ältesten Dokumenten ist zunächst von Kapellen die Rede, das Dorf gehörte kirchlich zu Pfyn. Erst im 14. Jahrhundert wurde Müllheim eine eigene Kirchgemeinde.
- Die Müllheimer Kirchbürger nahmen in aller Ruhe die Reformation an.
- Auf Betreiben des Bischofs von Konstanz wurde 1607 die katholische Messe wieder eingeführt. Von da an war die Kirche paritätisch.
- Erst mit dem Bau der Marienkirche 1966 wurde das Simultanverhältnis aufgelöst.
Ein Blick zurück
Von einer Kapelle bei Müllheim wurde erstmals aus dem Jahre 1270 berichtet. Sie gehörte „ad parochialem ecclesiam de Honberg“, also zur Pfarrei Homburg. „Vor dieser Kapelle musste die Matrone Adelheid, die Witwe des Ritters Johannes von Müllheim, zu Gunsten des Stiftes St. Johann in Konstanz Verzicht auf den Hof „Hub“ im Dorfe Müllheim schwören.“ Bei dieser „capelle Sancti Nicolai“ handelt es sich um die Homburger Kapelle St.Nikolaus in Oberkappel.
Es wurde auch vermutet, dass der Schwur vor einer Kapelle bei Langenhart geleistet worden sei. Zu der Existenz dieser Kapelle gibt es zwei Hinweise. Zum einen schrieb Pfarrer Steger im Jahre 1765: „Die Cappellsleute von Langenhart mussten per jus fundatis in die 1530 zerstörte Kapelle einen Grundzins zahlen. Diese lag nächst bei Müllheim unweit der Landstrass auf Constanz.“ Zum andern stand auf der Deckelseite eines Buches der ehemaligen Bürgergemeinde Langenhart: „Im Heckenmoos ob Müllheim bestand bis zur Reformation eine Kapelle“.
Eine weitere Kapelle stand in der Nähe des Kehlhofs. Vermutlich war sie zunächst die Eigenkapelle der Ritter von Müllheim. «Sie wurde später in einen Speicher umgewandelt.»
Im Zusammenhang mit Geldsammlungen für einen Kreuzzug wird 1275 eine „ecclesia in Mulhain in decanatu Diessenhoven“ genannt. Diese „ecclesia“, damit kann Kirche oder Kapelle gemeint sein, wurde von einem Leutpriester betreut. Dieser war seltsamerweise zugleich für die Kirche in Efrringen (Amtsbezirk Lörrach, Deutschland) zuständig.
Die Reformation
Die Reformation scheint in Müllheim zunächst keine grossen Wellen geworfen zu haben.
Gesichert ist, dass in dieser Zeit ein Kaplan in Müllheim tätig war, der bereits in reformatorischem Geist wirkte. Dieser Heinrich Feer wurde 1527 von Müllheim nach Frauenfeld berufen. Über ihn heisst es in einem Synodalprotokoll: „ Mit Meister Heirich Feer ist geredt, an seiner Lehr werde Besserung verspürt, jedoch klage man, dass eine Person zu ihm gehe, die ärgerlich sei, deswegen solle er diese Person meiden oder aber sich mit ihr verehelichen.“
Sein Nachfolger in Müllheim, Andreas Klingler, hatte andere Sorgen: „ … und bat um Hülfe und Rot, dass sin Mangel und Notdürft gütlich betrachtet werde. Er habe ein baulos Haus, worin er weder vor Wind noch Regen sicher sei. Er habe auch bei 200 Untertanen zu versehen“ , Müllheim sei „ … eine alte Pfarre an vielbegangener Strasse“ und wohl imstand, ein Pfarrhaus zu bauen.
Mit Sicherheit ab 1530 (zur Zeit der Kappeler Kriege) war Müllheim eine reformierte Kirchgemeinde.
Das Simultanverhältnis
Man hatte sich also 1607 an einer Gesandten-Konferenz in Müllheim auf einen Kompromiss geeinigt. Die Evangelischen durften ihre Prädikatur aufrecht erhalten, während die katholische Messe ab sofort wieder eingeführt wurde. Müllheim wurde paritätisch, die Kirche wurde im Simultanverhältnis benutzt.
Ein Vertrag regelte die Ansprüche der beiden Parteien:
- Der kath. Gottesdienst soll im Sommer bis 8, im Winter bis 9 Uhr dauern.
- Der Altar solle zwar mit einem Gitter versehen, der Chor aber offen bleiben.
- Die Katholischen sollen ihre Zeremonien, wie es an anderen Orten üblich sei, ausführen.
- Die Sakristei kann von beiden Teilen benutzt werden, es erhält jeder einen Schlüssel.
- Die Katholischen sollen ihren eigenen Taufstein bei den Weiberstühlen aufstellen.
- Wachs und Oel soll aus dem Kirchenfonds angeschafft werden.
Die Evangelischen hatten das Schiff zu unterhalten, während die Katholiken, resp. der Bischof von Konstanz, für den Chor zuständig waren. Das Einkommen hatte der evangelische Pfarrer mit seinem neuen katholischen Amtsbruder zu teilen, das Kirchenvermögen blieb gemeinsam. Der erste katholische Pfarrer war von 1607 – 1647 Georg Eigenmann. Gleichzeitiger reformierter Prädikant war Wolfgang Jäger.
Im Frühling 1713 wurde der „Mühlheimer Landsfrieden“ erneuert. Darin ging es besonders um die beidseitige Nutzung des Kirchengutes.
Pfarrer Heinz Egger schrieb 1978: „Man sollte sich bewusst werden, welch grosse Leistung ein solches Simultanverhältnis damals war. In weiten Teilen Europas wurde der Bruderkrieg der Christen mit Erbitterung und blutig ausgetragen, wurde man mit dem „falschen“ Glauben verfolgt, um Heim oder gar Leben gebracht. Und gleichzeitig wohnten in Müllheim Katholiken und Protestanten Haus an Haus, ja, sie benutzten sogar die selbe Kirche.“