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Wie in Württemberg [* 2] die demokratisch-großdeutsche Mehrheit der Abgeordnetenkammer, so suchte in Bayern [* 3] die durch ihren Sieg ermutigte Partei der Patrioten den Allianzvertrag, welchen die Regierungen zu kündigen sich weigerten, dadurch wertlos zu machen, daß sie die Stärke [* 4] des Militärs, nach Zahl und Qualität, möglichst herabsetzte. In der Sitzung vom 31. März bewilligte die Abgeordnetenkammer in dem außerordentlichen Militäretat nicht die von der Regierung verlangten 6½ Mill. Fl., sondern kaum 4 Mill., und der mit den Patrioten verbündete demokratische Statistiker Kolb verlangte eine bedeutende Abkürzung der Präsenzzeit (bei der Infanterie nur acht Monate), Verminderung der Reiterei von zehn auf sechs Regimenter, Verringerung der Zahl der Generale und Offiziere, Aufhebung der Regimentsverbände bei der Infanterie und Artillerie, Aufhebung des Kadettenkorps u. a., was auf eine völlige Auflösung eines gut organisierten stehenden Heers hinzielte.
Mit Recht wurde gesagt, daß auf diese Weise Bayern nichts andres als bewaffnete Bauernvereine bekomme. Bei der Langsamkeit, mit der die bayrische Kammermaschine arbeitete, begann die Generaldebatte über das Militärbudget erst 13. Juli. Graf Bray und Kriegsminister v. Pranckh widersetzten sich den Kolbschen Desorganisationsvorschlägen, deckten die Nachteile und Schwächen derselben auf und hielten den Zeitpunkt nicht für geeignet für organisatorische Heeresveränderungen. Am 15. Juli war die Generaldebatte geschlossen, und der Präsident setzte infolge einer Aufforderung des Ministeriums den Beginn der Spezialdebatte nicht auf den 16., sondern erst aus den 18. Juli Aber an diesem Tag wurden der Abgeordnetenkammer ganz andre Vorlagen gemacht, und von den Kolbschen Entwürfen war nicht mehr die Rede.
Am war in den französischen Kammern der Krieg gegen Deutschland [* 5] proklamiert worden, und 16. Juli war in Preußen [* 6] die Mobilmachungsorder gefolgt. Schon an demselben Tag erklärte König Ludwig, der Bündnisfall sei gegeben, und befahl die Mobilisierung der bayrischen Armee. Am 18. Juli stand nicht die Spezialdebatte über das Friedensbudget auf der Tagesordnung, sondern der vom Ministerium für den Krieg gegen Frankreich geforderte außerordentliche Kredit von 26,700,000 Fl. Die Regierungsvorlage wurde einem Ausschuß zur Begutachtung übergeben, und die Mehrheit desselben beantragte durch ihren Referenten Jörg die Verwilligung von nur 5,600,000 Fl. zur Aufrechthaltung einer bewaffneten Neutralität.
Dieser Antrag wurde aber unter dem Druck der öffentlichen Meinung, welche sich entschieden für den Krieg aussprach, und der Besorgnis, durch zaghafte Neutralität die Existenz Bayerns aufs Spiel zu setzen, in der Sitzung vom 19. Juli nach heftigen Debatten mit 89 gegen 58 Stimmen verworfen und der Schleichsche Vermittelungsantrag, womit sich die Regierung einverstanden erklärt hatte, mit 101 gegen 47 Stimmen angenommen. Dieser letztere Antrag verwilligte der Regierung »für den Fall der Unvermeidlichkeit des Kriegs« 18,260,000 Fl. Die Reichsratskammer trat in ihrer Sitzung vom 20. Juli diesem Beschluß einstimmig, ohne alle Debatte, bei. Am nämlichen Tag machte der bayrische Gesandte in Berlin, [* 7] Baron v. Perglas, im Auftrag seiner Regierung dem Grafen Bismarck die Mitteilung, daß infolge der Kriegserklärung Frankreichs an Preußen und des stattgehabten Angriffs der Franzosen auf deutsches Gebiet die bayrische Regierung auf Grund des Allianzvertrags als Verbündeter Preußens [* 8] gleich sämtlichen deutschen Regierungen in den Krieg gegen Frankreich eingetreten sei.
König Wilhelm von Preußen teilte sofort dem König Ludwig in einem Telegramm mit, daß er das Kommando über die bayrische Armee übernehme und dieselbe der unter seinem Sohn stehenden dritten Armee zuweise. Am 27. Juli traf der Kronprinz von Preußen in München [* 9] ein und wurde mit einer außerordentlichen Begeisterung aufgenommen. Die zwei bayrischen Armeekorps zogen unter v. d. Tann und Hartmann über den Rhein und machten durch ihre Tapferkeit dem bayrischen Namen überall, wo sie kämpften, Ehre. An den Siegen [* 10] von Weißenburg [* 11] und von Wörth, [* 12] an den Kämpfen bei Sedan, [* 13] vor Paris [* 14] und bei Orléans [* 15] nahmen sie den ruhmvollsten Anteil.
Das ganze Land war hocherfreut über die ehrenvollen Kriegsthaten der bayrischen Truppen. Hunderte von Adressen gingen an die Regierung ab und verlangten Anschluß an den Norddeutschen Bund. Die bayrischen Minister, in der Hoffnung, durch sofortige Ergreifung der Initiative günstigere Bedingungen zu erhalten, beantragten 12. Sept. beim König die Eröffnung von Unterhandlungen mit dem Grafen Bismarck zum Zweck einer engern Vereinigung Bayerns mit dem Norddeutschen Bund und begaben sich, nachdem eine Besprechung mit dem Präsidenten des Bundeskanzleramts, Delbrück; in München zu nichts geführt hatte, da Bayern zu viele Reservatrechte beanspruchte, Ende Oktober nach Versailles, [* 16] wo nach langen, schwierigen Verhandlungen der Vertrag Bayerns mit dem Norddeutschen Bund unterzeichnet wurde.
Durch diesen Vertrag wurde nun ein Glied [* 17] des neu zu gründenden Deutschen Reichs, nahm aber in demselben eine sehr auffallende Ausnahmestellung ein. Zwar hatte es nicht ein absolutes Veto gegen jede Erweiterung der Reichskompetenz erlangt, aber es behielt seine eigne Diplomatie, die Verwaltung des Heerwesens, der Post, der Telegraphen, [* 18] der Eisenbahnen, die besondere Besteuerung des Biers und des Branntweins, und die Bestimmungen der Bundesverfassung über Heimats- und Niederlassungsverhältnisse fanden auf Bayern keine Anwendung.
Da aber doch zugleich wesentliche Souveränitätsrechte von der Krone an den Bund und das Bundespräsidium übergingen, der Bundesfeldherr das Recht der Anordnung der Mobilisierung und das der Inspektion des bayrischen Kontingents hatte, auch die Grundlagen der Bundeskriegsverfassung sowie die Formation und Ausrüstung der Truppen auf das bayrische Heerwesen übertragen wurden, so wurde dieser Vertrag im Hinblick auf das Ganze und auf die bessernde Hand [* 19] der Zukunft von dem norddeutschen Bundesrat einstimmig und von dem Reichstag 9. Dez. mit 195 gegen 32 Stimmen genehmigt. In der Titelfrage ergriff König Ludwig die Initiative und trug unter Zustimmung sämtlicher deutscher Regierungen dem König von Preußen den Kaisertitel an.
Noch aber fehlte die Zustimmung der bayrischen Kammern zu den Versailler Verträgen, die ihnen 14. Dez. vorgelegt wurden. Die Reichsratskammer nahm sie 30. Dez. mit 37 gegen 3 Stimmen an. Das Abgeordnetenhaus wählte aber einen Ausschuß, der 29. Dez. die Verwerfung zu beantragen beschloß, und begann erst die Debatte im Plenum, die bis 21. Jan. dauerte. Jörg stellte im Namen der Patrioten den Antrag, die Verträge zu verwerfen und mit dem künftigen Deutschen Reich einen weitern Bund abzuschließen »auf Grund der innern Ausbildung des ¶
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Allianzvertrags und der Ausdehnung [* 21] jener verfassungsmäßigen Verbindung, welche durch den Zollvereinsvertrag bestehe«. Der Minoritätsantrag verlangte unbedingte Annahme der Verträge. Die Minister und die Führer der Fortschrittspartei traten sehr energisch für die Verträge ein, selbst Mitglieder der Patriotenpartei, von der nationalen Strömung fortgerissen, sprachen dafür; aber immerhin war es schwer, die nötige Zweidrittelmajorität herauszubringen.
Bei der Abstimmung am 21. Jan. waren 150 Abgeordnete anwesend; dieselbe ergab 102 Stimmen für, 48 gegen die Verträge; somit waren sie angenommen. Die Ratifikation im Bundeskanzleramt zu Berlin erfolgte 29. Jan., die Publikation der Verträge und des Reichstagswahlgesetzes 1. Febr., und Bayern war nun endlich als letztes Glied dem Deutschen Reich eingefügt. Am 18. Febr. wurde der Landtag vertagt. Alles rüstete sich zu den auf den 3. März festgesetzten Reichstagswahlen. So stark war in Folge der siegreichen Waffengenossenschaft und der Herstellung eines mächtigen Deutschen Reichs der Umschwung der Verhältnisse in dem so vielfach unterwühlten und fanatisierten Bayern, daß die Patrioten bei diesen Wahlen eine sehr bedeutende Niederlage erlitten und nur 19 ihrer Kandidaten durchsetzten, die Liberalen dagegen 29.
Bayern seit 1870.
Mitten in diese politische Bewegung, welche das ganze Land durchzitterte, fiel die durch die Beschlüsse des vatikanischen Konzils hervorgerufene religiöse und kirchlich-politische Aufregung. Der Stiftspropst und Reichsrat v. Döllinger hatte sich schon in einem Zeitungsartikel energisch gegen die Dogmatisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit ausgesprochen. Am 24. Juli, also sechs Tage nach dem Unfehlbarkeitsbeschluß, erließen 44 Professoren und Dozenten der Universität München eine öffentliche Erklärung gegen die Ökumenizität des vatikanischen Konzils und gegen das Unfehlbarkeitsdogma.
Die Regierung verbot in einem Erlaß vom 9. Aug. die Veröffentlichung der Konzilsbeschlüsse ohne vorherige Einholung des Placetum regium, d. h. der staatlichen Genehmigung. Trotz des ausdrücklichen Verbots publizierte der Erzbischof von München in seinem Pastoralblatt vom 18. Aug. die Beschlüsse des Konzils; ihm folgten die andern Bischöfe. Ja, der Erzbischof forderte von den Professoren der Theologie an der Universität München die Unterzeichnung eines Reverses, worin sie sich für die Anerkennung der Konzilsbeschlüsse aussprechen sollten.
Von den neun Professoren der theologischen Fakultät unterzeichneten sechs den Revers, drei (Döllinger, Friedrich und Silbernagel) nicht. Darauf beschloß der Senat der Universität München 24. Dez., den Unterzeichnern des Reverses einen Verweis zu erteilen und die Angelegenheit zur Kenntnis des Kultusministers zu bringen, weil der Erzbischof nicht berechtigt gewesen sei, eine solche Erklärung zu verlangen, folglich die Fakultät verpflichtet sei, dieselbe zu verweigern. So nahm der Streit immer größere Dimensionen an. In mehreren Orten bildeten sich Vereine von »Altkatholiken«, welche das Unfehlbarkeitsdogma verwarfen und erklärten, daß sie ihrem alten katholischen Glauben treu bleiben und jedem Versuch, ihnen eine neue Lehre [* 22] aufzuzwingen oder sie aus der Kirche hinauszudrängen, aktiven und passiven Widerstand entgegensetzen würden.
Auch mehrere Pfarrer gingen zu den Altkatholiken über und blieben trotz der Exkommunikation in ihrem Amte. Der Kultusminister v. Lutz lehnte es in einem Schreiben vom ab, den Bischöfen die Beihilfe des weltlichen Arms zu gewähren. In einer Kollektiveingabe an den König suchten sämtliche bayrische Bischöfe wegen Nichteinholung des Placets sich zu rechtfertigen und die von dem Kultusminister 27. Febr. ausgesprochenen Grundsätze zu widerlegen. Mehrere Bischöfe sprachen es offen aus, daß sie den Eid auf die bayrische Verfassung nur unter dem Vorbehalt der göttlichen Gesetze und der katholischen Kirchensatzungen geleistet hätten.
Dies herausfordernde Auftreten machte eine energische Zurückweisung notwendig. Da Graf Bray sich dagegen sträubte, so nahm er seine Entlassung. An seine Stelle trat Graf Hegnenberg-Dux; das Innere und die Justiz übernahmen Pfeufer und Fäustle, gut deutsch gesinnte und liberale Männer. Das neue Ministerium wies die Ansprüche der Bischöfe entschieden zurück und beantragte im Bundesrat den Erlaß eines Gesetzes gegen den Mißbrauch der Kanzel zu politischen Agitationen (Kanzelparagraphen), das auch vom Bundesrat und Reichstag beschlossen wurde.
Der Ausweisung der Jesuiten aus dem Reich stimmte Bayern zu. Bedauerlich war, daß die Regierung nicht den patriotischen Aufschwung während des französischen Kriegs benutzt hatte, um die Kammer aufzulösen und sich eine feste national und liberal gesinnte Mehrheit zu verschaffen und mit dieser eine Reihe von Reformen, wie namentlich das Schulgesetz, zu stande zu bringen, welche die Macht des Klerus untergraben konnten. Jetzt war die Mehrheit der Abgeordnetenkammer ultramontan, und die Minister hatten in derselben mit mancherlei Schwierigkeiten zu kämpfen.
Der Ausschuß der Kammer erklärte die Beschwerde des Bischofs von Augsburg [* 23] über die Verweigerung der Entfernung eines altkatholischen Pfarrers für begründet, und nur durch die Drohung des Ministers Lutz mit dem Rücktritt des ganzen Ministeriums wurde es erreicht, daß der Kommissionsantrag durch Stimmengleichheit verworfen wurde. Auch mehrere Anträge auf entschiedenere Wahrung der bayrischen Reservatrechte hatte das Ministerium abzuwehren. Die Führung desselben übernahm nach dem frühen Tod Hegnenbergs der bisherige Finanzminister Pfretzschner.
Die Beziehungen Bayerns zum Deutschen Reiche gestalteten sich in manchen wichtigen Punkten günstiger, als man geglaubt hatte. Schon erklärte der bayrische Bevollmächtigte im Reichstag, daß Bayern mehrere Reichsgesetze, welche anzunehmen es vertragsmäßig nicht genötigt sei, sofort anzunehmen wünsche, darunter besonders die Gesetze über Freizügigkeit, über Erwerbung und Verlust der Staatsangehörigkeit, über Einführung der allgemeinen deutschen Wechselordnung, über gegenseitige Gewährung der Rechtshilfe und das Strafgesetzbuch des Norddeutschen Bundes; dazu kamen das Gesetz über die deutsche Gewerbeordnung und das Gesetz über die privatrechtliche Stellung der Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften.
Das Jesuitengesetz wurde von der bayrischen Regierung veröffentlicht und den Behörden der Befehl gegeben, die Ausweisung der Jesuiten, welche, obgleich durch die bayrischen Gesetze nicht geduldet, unter dem Schutz des Bischofs Senestrey in Regensburg [* 24] eine ungestörte Existenz hatten, zu vollziehen, und als der Bundesrat die Redemptoristen als einen den Jesuiten verwandten Orden [* 25] bezeichnete, demgemäß gleichfalls seine Ausweisung anordnete, so erhielten dieselben im Juni 1873 auch von der bayrischen ¶