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Heinrich von Geymüller ist als der polyglotte Erforscher der italienischen und der französischen Renaissance-Architektur berühmt. Weniger bekannt ist es dagegen, dass er die Schweiz am ersten internationalen Denkmalpflegekongress im Jahr 1889 in Paris vertrat – und nicht etwa Johann Rudolf Rahn (vgl. NIKE-Bulletin 3/2005).
Geymüllers Tätigkeit als Denkmalpflege-Experte beschränkte sich auf den Kanton Waadt, wo er seine Jugendjahre verbracht hatte und fast 25 Jahre lang einen Sommersitz besass. Noch lange bevor die Waadt im Jahr 1898 als erster Schweizer Kanton ein Gesetz zum Schutz der Baudenkmäler erliess, mischte sich Geymüller als Kritiker von Eugène-Emmanuel Viollet-le-Duc ein. Die Standfestigkeit des Vierungsturms der Kathedrale von Lausanne gab bereits seit Jahren Anlass zu Besorgnis, als die Behörden 1872 Viollet-le-Duc als Experten beriefen. Sein Restaurierungsprojekt unterdrückte das Achteckgeschoss mit seinen acht Wimpergen (= Ziergiebeln) und veränderte damit die vertraute Silhouette. In einem Pamphlet empfahl Geymüller dem Grossen Rat eindringlich, den Kredit zu beschliessen, aber Viollet-le-Duc aufzufordern, sein Projekt zu überarbeiten und die Silhouette zu bewahren. Diese Kritik wie auch diejenige an Viollet-le-Ducs Restaurierungsprogramm für die gesamte Kathedrale blieben jahrelang erfolglos. Sie wurden immerhin in den Protokollen der Kommissionen veröffentlicht, denen Geymüller angehörte.
Seinen internationalen Ruhm begründete das Werk über die ursprünglichen Pläne von Sankt Peter in Rom (2 Bände, in Lieferungen 1875–1880). Der Tafelband brachte Architekturzeichnungen in Faksimiledrucken von bisher unerreichter Treue dank dem Verfahren der Heliogravüre und «Rekonstruktionen», visualisierten Hypothesen zu den aus den Zeichnungen des 16. Jahrhunderts erkennbaren Projektierungsphasen in vervollständigten Grundrissen, Aufrissen, Schnitten und Perspektiven. Der zweisprachige Textband, an dessen Formulierungen grosse Gelehrte wie Jacob Burckhardt und Herman Grimm im Deutschen, Henri Delaborde und Gustave Gruyer im Französischen feilten, umfasst auch eine Monografie zu Donato Bramante. In dieser und späteren Schriften behandelte Geymüller zahlreiche weitere Architekten der italienischen Renaissance, so Leonardo, Raffael und Michelangelo als Architekten. Hier wie im Werk über die Familie Ducerceau stehen die Architekturzeichnungen im Vordergrund.
Am Ende seines Lebens konnte er noch das zeitweilig mit Carl von Stegmann geleitete zehnbändige Werk über die Architektur der Renaissance in der Toskana abschliessen, während von den geplanten drei Bänden über die Baukunst der Renaissance in Frankreich nur zwei Bände erschienen sind. Das von Geymüllers Calvinismus geprägte Werk über Architektur und Religion erschien erst nach seinem Tod. Kollegen und Erben haben den schriftlichen und zeichnerischen Nachlass Geymüllers in bester Absicht nach Sachgebieten auf drei Standorte verteilt: Basel (Persönliches: Universitätsbibliothek und Staatsarchiv), Graz (Renaissance: Institut für Kunstgeschichte der Universität) und Lausanne (Denkmalpflege: Bibliothèque cantonale; weiteres Material liegt in den Archives cantonales).
Bild: Frontispiz in «Architektur und Religion»