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Die vergessene Geschichte der Ökonomie
Lange Zeit war es üblich, dass jede wirtschaftswissenschaftliche Fakultät in der Schweiz eine Vorlesung zur Geschichte des ökonomischen Denkens – die sogenannte Dogmengeschichte – anbot. Den Studierenden sollte vor Augen geführt werden, wie sich die wissenschaftlichen Vorstellungen in den letzten dreihundert Jahren immer wieder radikal verändert haben und wie alles ökonomische Wissen historisch bedingt ist.
Heute ist dieses Angebot bedauerlicherweise kaum mehr vorhanden. Entsprechend wird in der Ökonomie immer wieder das Rad neu erfunden, weil man alles, was älter als zwanzig Jahre ist, vergessen hat.
Wenn man die Dogmengeschichte wieder beleben will, genügt es allerdings nicht, die alten Positionen chronologisch nachzuerzählen. Man muss sie systematisch auf die aktuellen Debatten beziehen. Das ist aufwändig und verlangt ein grosses historisches und ökonomisches Wissen. Aber es gibt Vorbilder, an die man anküpfen kann, etwa die Geschichte des ökonomischen Denkens (1994) des Schweizer Ökonomen Jürg Niehans.
Besonders anregend an diesem Buch ist, wie Niehans die Selbstdarstellungen der Ökonomen demontiert und den Blick auf das Wesentliche lenkt. So weist er überzeugend nach, wie immer wieder eine intellektuelle Revolution ausgerufen wurde, die in Wirklichkeit gar keine war.
So polemisierte zum Beispiel Karl Marx unablässig gegen die englischen „Klassiker“ (Adam Smith, David Ricardo), aber der Kern seiner Theorie, die Arbeitswertlehre, ist voll und ganz der klassischen Nationalökonomie entnommen. Auch seine Konjunkturtheorie war alles andere als originell. Marx war in vielerlei Hinsicht ein konventioneller Ökonom, trotz aller revolutionären Rhetorik.
Dasselbe gilt für John Maynard Keynes. So versuchte er sich krampfhaft vom „Neoklassiker“ Arthur Cecil Pigou abzugrenzen, obwohl dieser ähnliche Positionen vertrat. Bei Keynes muss man ohnehin immer in Rechnung stellen, dass er nicht nur ein gescheiter Kopf, sondern auch ein guter Verkäufer seiner selbst war. Er konnte glänzend formulieren und nutzte seine Berühmtheit als Publizist, um seine Stellung im Ökonomenstreit zu stärken. Dass heute alle von Keynes sprechen, hat sehr viel mit seiner erfolgreichen Selbstvermarktung zu tun. Es gab auch andere innovative Köpfe in den 1930er Jahren, aber von ihnen spricht niemand mehr.
Wenn Keynes klassischer war, als er selbst behauptete, muss man auch die grosse „antikeynesianische“ Welle seit den 1970er Jahren mit Skepsis betrachten. Vor allem die vehemente Kritik der sogenannten Neuklassiker (Robert Lucas, Thomas Sargent) scheint vor diesem Hintergrund völlig überzogen zu sein. Für Niehans ist jedenfalls klar:
In Wirklichkeit bewegte sich Keynes sehr stark in der klassischen Tradition, die viel reicher, umfassender und vielfältiger war, als Keynes oder die neuklassische Ökonomie uns weismachen wollen.
Vor diesem Hintergrund ist die oft gehörte Gretchenfrage „Glaubst du an Keynes oder nicht?“ geradezu absurd. Sie zeigt nur, dass es höchste Zeit ist, die vergessene Geschichte der Ökonomie neu zu entdecken.