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Das Fahrrad als Instrument der Emanzipation
Editorial aus TRACÉS 13-14/2015
Wer Rad fährt, tut unbestreitbar etwas für seine Gesundheit und für die Umwelt. Das ist bekannt, denn Politiker und Kommunikatoren, die die Aufgabe haben, für dieses Transportmittel zu werben, wiederholen es immer und immer wieder. Allerdings geht dabei manchmal vergessen, dass das Fahrrad auch ein erstaunliches Vehikel für mehr Autonomie und Nähe ist: Die Radfahrer erstrampeln sich einerseits eine gewisse Unabhängigkeit und haben andererseits die Möglichkeit, eng mit der Stadt verhaftet zu bleiben und die Topografie einer Gegend quasi am eigenen Leibe zu er-«fahren».
Das Fahrrad ist nämlich ein höchst politisches Instrument, das zur Emanzipation bestimmter Bevölkerungsgruppen beigetragen hat. In der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts bekamen die Arbeiterklassen das Recht auf Vergnügungstouren, die nur dank dem Fahrrad möglich waren. Die allgemeine Verbreitung des Radfahrens trug ausserdem zur Befreiung von Frauen und Heranwachsenden bei. «Ein Fahrrad ist etwas Individuelles und schlecht zu kontrollieren. Mit dem Fahrrad kann man sich nach Gutdünken im Nahbereich fortbewegen, d.h. es erscheint als Gefahr für das patriarchalische System und unglaublich befreiend für die Frauen, aber auch für die Jugendlichen, die sich aus den familiären Fesseln lösen.»1 Ein Fortbewegungsmittel, das der Emanzipation der Frau dienlich ist, hat zwangsläufig seine Feinde. So prangern Anfang des 20. Jahrhunderts einige Pseudowissenschafter die schädlichen Folgen des Radfahrens an, das als obszön gilt: «[…] die Bewegungen der Schenkel beim Radfahren erzeug[en] Reibung von Schamlippen und Klitoris und verleit[en] die Frauen zu unzüchtigem Tun.»2
Selbst wenn dieser Ausspruch des Urbanitätsphilosophen Thierry Paquot auf vergangene Zeiten Bezug nimmt, so haben die Worte dennoch nichts von ihrer Brisanz verloren. Das Fahrrad bietet einen Grad an Unabhängigkeit, die demjenigen des Fussgängers ähnlich ist, allerdings mit der Möglichkeit, sich schneller fortzubewegen. Mit dem Fahrrad hat man im Handumdrehen einen Parkplatz, man kann sofort stoppen und umdrehen oder flanieren. Es ist zweifellos das funktionalste Transportmittel auf kurzen Strecken und ideal für die Fortbewegung in Ballungsräumen. Genau wie die Fortbewegung zu Fuss trägt auch das Radfahren in der Schweiz und in anderen Ländern, in denen die Gesellschaft altert, zur Eigenständigkeit und sozialen Integration von älteren Menschen bei.
Das Fahrrad bleibt auch ein Mittel zum Ausdruck oder zur Wahrung der eigenen Unabhängigkeit bzw. wird sogar als Mittel zum Stellen von Forderungen verwendet. Die afghanische Frauenmannschaft im Radsport kämpft z.B. nicht nur um einen Platz ihres Landes auf dem Siegerpodest bei den Olympischen Spielen 2020, sondern vor allem dafür, den Frauen in Afghanistan das Radfahren nahezubringen, für die dieses Fortbewegungsmittel als unmoralisch gilt.
Anmerkungen
- Thierry Paquot: «La bicyclette urbaine: histoire et représentations», in: Urbanisme, Paris, 2009
- Dr Ludovic O’Followell: «Bicyclette et organes génitaux», Ed. Baillière, Beauvais, 1900