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"Was beliebt?" fragte am 2. Oktober 1880 das "Fräulein vom Amt" in Zürich den ersten Anrufer im ersten Telefonnetz der Schweiz.
Damals als unnütze Spinnerei abgetan, ist das Telefon aus dem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken.
"Das Pferd frisst keinen Gurkensalat" soll 1861 der erste Satz gewesen sein, der jemals über ein Telefon gesprochen wurde. Was der deutsche Physiker Johann Philipp Reis damit meinte, fragte sein Freund am anderen Ende allerdings nicht.
"Die Menschen wussten nicht, dass wechselseitige Gespräche möglich waren," sagt Kurt Stadelmann vom Museum für Kommunikation in Bern. "Handhabung und Technik des Telefons überstiegen ihre Vorstellungskraft, die Pioniere galten als Spinner und Träumer."
Vergessene Pioniere
Reis hatte 1861 das erste Telefon entwickelt, doch die bedeutenden Wissenschafter liessen sich nicht davon überzeugen. Nicht besser erging es dem Pariser Telegrafenbeamten Charles Bourseul. Er hielt 1854 einen Vortrag über elektrische Sprachübertragung - und galt fortan als "harmloser Irrer".
Während die Telefonpioniere Bourseul und Reis in Vergessenheit gerieten, eroberte Alexander Graham Bell damit die Welt. Zwei Stunden vor seinem Konkurrenten Elisha Gray meldete er 1876 in Boston das Patent an.
Auch der Gehörlosenlehrer Bell musste kämpfen: "Ich kann einen Taubstummen reden machen, ich werde auch Eisen zum Sprechen bringen", entgegnete er seinen Kritikern. Am 5. April 1877 wurde die erste Telefonlinie eröffnet.
Test am Sängerfest
Ende 1877 führte die Schweizer Telegrafendirektion erste Telefonversuche durch, blieb aber trotz Erfolgen skeptisch. Die Wende brachte der Test, das Sängerfest in Zürich nach Basel zu übertragen:
Der Gesang sei klar und deutlich vernommen worden, schrieb die "Neue Zürcher Zeitung".
Start mit 98 Abonnenten
Nach vielen Diskussionen erteilte der Bundesrat der privaten "Zürcher Telephon-Gesellschaft" die Konzession, in Zürich eine "Central-Telephon-Station" zu betreiben.
Am 2. Oktober 1880 wurde das erste Stadtnetz mit 98 Abonnenten in Betrieb genommen. Den Luxus eines Telefons konnten sich neben wenigen Privatpersonen nur Banken, Juristen, Hotels, städtische Ämter, der Verlag Orell Füssli oder die "Neue Zürcher Zeitung" leisten.
"Der Anrufer kurbelte an seinem Wandapparat die Zentrale an, wo eine Klappe herunterfiel," beschreibt Stadelmann die Anfänge der Telefonie. Das "Fräulein vom Amt" stöpselte sich ein, fragte "Was beliebt?" und verband mit dem gewünschten Gesprächspartner, der mit Name und Adresse genannt wurde. Nummern gab es noch nicht.
Das Lausanner Telefonverzeichnis von 1883 war hierzulande das erste mit zweistelligen Nummern. Zum Standard seien Telefonnummern erst in den 1890er-Jahren geworden, so Stadelmann.
Grosse Nachfrage
In der Zentrale arbeiteten tagsüber sechs Frauen und nachts ein Mann. Die Bevölkerung war "entzückt von diesem Wunder der Welt": 1881 wurden täglich 600 Verbindungen hergestellt, 1882 waren es 2000.
Kaum war das Zürcher Stadtnetz eingerichtet, wurden Begehren nach weiteren Konzessionen laut. Die Landesregierung aber wollte keine privaten Gesuche mehr bewilligen, sondern eigene Netze bauen und betreiben. 1885 kaufte der Bund die Zürcher Telephon-Gesellschaft zurück.
Ab 1881 folgten Netze in Basel, Bern, Genf und weiteren Städten. 1883 ging die erste interurbane Linie zwischen Zürich und Winterthur in Betrieb.
Epochale Veränderungen
Im 20. Jahrhundert verbreitete sich die Festnetz-Telefonie rasch über die gesamte Schweiz. 1978 ging die Telefonie in die Luft, das erste nationale Autotelefonnetz, Natel A, wurde eingerichtet.
Ende der 1970er Jahre brach in der Telefongeschichte eine neue Epoche an: die Digitalisierung. Und 10 Jahre später begann der heute noch anhaltende Boom der Mobiltelefonie.
1982 zählte die damalige PTT drei Millionen, heute gibt es 3,9 Mio. Festnetz-und 6,3 Mio. Handy-Anschlüsse.
Internet: Förderer und Konkurrent
Festnetz-Anschlüsse werden heutzutage intensiv genutzt, vor allem dank der Internet-Datenübertragung via ADSL.
Und genau von dort erwächst der herkömmlichen Telefonie starke Konkurrenz: VoIP, Voice over IP, auf deutsch Telefonieren via Internet.
Blick in die Zukunft
Als grösste Rivalin des Festnetzes entpuppt sich jedoch die mobile Telefonie. Ihre jüngste Vertreterin, UMTS, steht für die neuesten Standards. Denn, so wie das Aufkommen des Telefons vor 125 Jahren die Gesellschaft verändert und geprägt hat, verändert sie sich zusehends mit der Verbreitung der mobilen Kommunikation.
Das Internet wird den Menschen in Zukunft überall zur Verfügung stehen. Statt der Stimme werden immer mehr Daten übertragen. Egal wo wir uns befinden, wir werden Zugang zu unseren Daten haben.
Und in nicht allzu ferner Zukunft wird man mit einem einzigen Gerät drahtlos mündlich, schriftlich und audiovisuell kommunizieren, arbeiten und die Freizeit gestalten.
swissinfo und Agenturen
Fakten
1877: Erste Versuche mit Telefonverbindungen im Raum Bern
1880: 1. Telefonnetz der Schweiz in Zürich
1886: Der Bund übernimmt Zürcher Telefonnetz.
1900: Tessin wird ans Schweizer Telefonnetz angeschlossen
1900: Telefonate nach Deutschland möglich
1911: Selbstwahltelefone kommen auf den Markt
1922: 1. vollautomatische Telefonzentrale der Schweiz in Zürich
1923: Einführung der Auskunft, Dienstnummer 11
1944: Trägertelefonie (mehrere Gespräche auf einer Leitung)
1966: Einführung der internationalen Selbstwahl
1978: 1. nationales Autotelefonnetz Natel A
1982. 3 Mio. Telefonanschlüsse in der Schweiz
1987: Natel C, digitaler Mobilfunk
1993: Natel D, nach internationalem GSM-Standard
2000: Versteigerungen von UMTS-Konzessionen in der Schweiz
2004: 3,9 Mio Festnetz- und 6,3 Mio. Handy-Anschlüsse