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Zum Autor Nassim Taleb
Nassim Nicholas Taleb (Jg 1960), bekannt durch seinen Bestseller «Der Schwarze Schwan», hat sich als Forscher, Essayist und Kapazität auf dem Gebiet der Wahrscheinlichkeitsrechnung einen Namen gemacht. Nach Taleb ist «Wahrscheinlichkeit nicht einfach eine Berechnung der Chancen, sondern die Akzeptanz der fehlenden Sicherheit unseres Wissens und die Entwicklung von Methoden zum Umgang mit unserer Ignoranz». Sein Frühwerk hat in gewisser Weise auch eine selbst-therapeutische Aufgabe für Taleb, ist es doch für den ehemaligen Börsenhändler auch ein Eingeständnis, dass «alles zufälliger ist, als wir glauben».
Buchkritik und Zusammenfassung
Taleb spricht sich nicht gegen Tugenden wie Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen aus, aber sagt, dass Glück demokratisch sei und «zufällig» jeden treffen könne, unabhängig von seinen Fähigkeiten. Wegen der systematischen Unterschätzung der Rolle des Zufalls will Taleb mit diesem Buch die Wissenschaft verteidigen, beziehungsweise die irregeleiteten Wirtschaftswissenschafter korrigieren. Zuweilen erscheinen seine Einsichten wie «Abrechnungen», wenn er über «unterbelichtete» Kollegen spricht, die mit Ihrer Strategie Glück hatten und zufällig mit Geld überschüttet wurden – und sich auf diesen «Erfolg» dann etwas einbildeten. Aber niemand akzeptiert eben die Zufälligkeit seines eigenen Erfolges.
Taleb zeigt anhand von vielen Beispiele an, dass die meisten Ergebnisse der Wahrscheinlichkeitsrechnung der Intuition zuwiderlaufen. So versichern sich Menschen ungern gegen etwas Abstraktes, sondern lieber gegen ein anschauliches Risiko. Journalisten kriegen bei Taleb auch ihr Fett ab, er hält sie für «die schlimmste Geissel unseres Zeitalters», weil sie simplifizieren, Ursache und Wirkung verwechseln oder auch Richtigkeit und Verständlichkeit.
Taleb sieht in der heutigen Informationsflut analog Robert Shiller einen negativen Einfluss und wiederholt: «Ein Fehler wird nicht von Ereignissen nach dem Entscheidungszeitpunkt bestimmt, sondern anhand von bis dahin verfügbaren Informationen».
Von Erkenntniswert für Finanzplaner ist auch der Hinweis auf den Irrtum, der durchschnittliche und der mittlere Wert seien dasselbe, dem der Investor Jim Rogers genauso wie der Philosoph Robert Nozick erliegen sind. Letzterer behauptete, dass «nicht mehr als 50% der Menschen überdurchschnittlich vermögend sein können». Klar ist das möglich: Wenn 9 von 10 Personen ein Vermögen von 30’000 $ und einer nur 1’000 $ besitzen, dann liegt das Mittel bei 27’100 $, aber 90% sind überdurchschnittlich vermögend!
Der Freigeist Taleb ist überzeugt, dass der «grösste Teil der Ökonometrie nutzlos und viele Erkenntnisse der Finanzstatistiker gar nicht wissenswert» seien. Das wirtschaftswissenschaftliche Denken vorangebracht hätten aber vor allem Kahnemann und Tversky, welche Regeln im menschlichen Denken identifizierten, die nicht rational sind. Erstens denken wir bei Entscheidungen nicht, sondern verwenden Heuristiken, und zweitens machen wir schwere Wahrscheinlichkeitsfehler», folgert Taleb und vermutet: Viele heutige Probleme seien darauf zurückzuführen, dass wir uns sehr viel schneller über unseren Lebensraum hinaus entwickelt haben als unsere Gene. Und darauf, dass wir uns einbildeten, «Risiken wissenschaftlich messen» zu können (Merton/Scholes)
Seine Ausflüge ins Philosophische zeigen eine grosse Belesenheit und sind amüsant, zuweilen schweift Taleb aber selber ins Anekdotische ab. Das Buch ist auch aus heutiger Sicht noch aktuell und lesenswert: Taleb war in vielfacher Hinsicht seiner Zeit voraus. Fazit: Als Finanzplaner sollten wir Informationen öfters hinterfragen und langfristig denken. Weil die Evolution nicht vorausblickend ist.
© Reto Spring
Dipl. Finanzplanungsexperte NDS HF, CFP®
Präsident Finanzplaner Verband Schweiz, Zürich