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Forschung - 30.06.2023 - 09:15
Ein Papier über die Auswirkungen von Ölverschmutzungen auf die Kindersterblichkeit in Nigeria aus dem Jahr 2017 führt zu einer bahnbrechenden Untersuchung über die wahren Kosten von «Big Oil» im Bundesstaat Bayelsa, Nigeria. Von Untersuchungen durch forensische Wissenschaftler:innen bis hin zu umfassenden Aussagen von Gemeinden enthält der Kommissionsbericht überwältigende Beweise, wie die Ölförderung Land und Leben in Nigeria gefährdet und verwüstet.
2017 führten die beiden HSG-Forschenden Anna Bruederle und Roland Hodler eine Studie durch, die belegte, dass Ölförderung durch internationale Konzerne Erde und Wasser im Nigerdelta verunreinigt. Das austretende und versickernde Erdöl, die so genannten «oil spills», führten dazu, dass viele Neugeborene und Säuglinge starben. Vor allem die Gesundheit von Kindern in der lokalen Bevölkerung verschlechterte sich gravierend. Bis zu dieser Studie, die später im Journal Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht wurde, gab es keine kausalen Beweise für die Auswirkungen von Ölverschmutzungen der Erde in Nigeria auf die menschliche Gesundheit.
Für viele Entwicklungsländer ist die Ausbeutung natürlicher Ressourcen, einschliesslich Öl und Gas, eher ein Fluch als ein Segen. Vor allem, wenn die Institutionen und die Rechtsstaatlichkeit eines Landes schwach sind, führt der Reichtum an natürlichen Ressourcen oft zu Gewinnsucht, Korruption und zivilen Konflikten. Ganz zu schweigen davon, dass die Gewinnung von Ressourcen wie Erdöl und Erdgas irreversible Umweltschäden und Gefahren für die menschliche Gesundheit mit sich bringen kann.
Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas und sein grösster Ölproduzent. Es ist ein Paradebeispiel für diesen Fluch der natürlichen Ressourcen. Der «Riese Afrikas» ist bereits Opfer politischer Instabilität, ziviler Konflikte und grassierender Korruption und leidet zudem unter schwerer Umweltverschmutzung – vor allem infolge von Ölverschmutzungen. Schockierenderweise hat die nigerianische National Oil Spill Detection and Response Agency zwischen 2006 und 2020 13.250 Ölunfälle in dieser Region registriert.
Nach Ölunfällen kommen die Anwohner über verseuchtes Wasser und verschmutzte Erde mit giftigem Rohöl in Berührung; sie nehmen verseuchte Pflanzen, Wasser und Fische zu sich und atmen die verdampften Giftstoffe ein. Epidemiologische und klinische Studien zur Gesundheit deuten darauf hin, dass es schwerwiegende Folgen für die menschliche Gesundheit haben kann, Kohlenwasserstoffen und Feinstaub ausgesetzt zu sein; dabei sind ungeborene und neugeborene Kinder besonders gefährdet.
In ihrer Studie untersuchten Bruederle und Hodler die Geburtsgeschichten von über 23.000 nigerianischen Müttern. Sie fanden heraus, dass Ölverschmutzungen im Umkreis von 10 km vor der Empfängnis eines Kindes das Sterberisiko im ersten Lebensmonat stark erhöhen. Fazit: Ölverschmutzungen erhöhen die Neugeborenensterblichkeit in diesen Gebieten um 100 Prozent.
Dieses Problem mit wissenschaftlichen und kausalen Beweisen zu beleuchten, hatte eine unmittelbare Wirkung sowohl in Nigeria als auch weltweit. Die Studie wurde am 17. September 2017 veröffentlicht. Bereits im November 2017 wurden die Studie und ihre Ergebnisse von Nachrichtenagenturen auf der ganzen Welt aufgegriffen und verbreitet. Publikationen wie der Guardian, Newsweek und Al Jazeera berichteten über die Ergebnisse. Die BBC schickte ein Journalistenteam, um Opfer und Regierungsvertreter für einen ausführlichen Bericht zu interviewen. Insgesamt wurde in rund 120 Artikeln in 5 Sprachen über die Studie berichtet.
Anfang 2018 erhielt Hodler erste Anfragen. Eine der bekanntesten britischen Anwaltskanzleien für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit, Leigh Day, wollte Hodlers Rat, bevor ihre Kanzlei Shell Oil im Namen zweier betroffener Gemeinden des Nigerdeltas vor einem Londoner Gericht verklagte. Die Anwaltskanzlei berief sich auf Hodlers Arbeit. Auch Amnesty International berief sich auf die Studie. Weiterhin schloss sich eine Nichtregierungsorganisation der Studie an, die ein Buch zur Aufklärung von Kindern über Ölverschmutzungen verfasst.
«Ein Hauptmotiv für meine Arbeit in der Kommission war es, die glatte Allianz zwischen den Ölgesellschaften und der Bundesregierung zu beseitigen.»
In den vergangenen vier Jahren hat die Öl- und Umweltkommission des Bundesstaates Bayelsa (Bayelsa State Oil and Environmental Commission) die von multinationalen Ölgesellschaften verursachten Umwelt- und Gesundheitsschäden untersucht und Empfehlungen für einen neuen Rahmen zur Regelung dieser Tätigkeiten erarbeitet. Dieser soll sicherstellen, dass die Gemeinden des Landes von den Aktivitäten der Ölindustrie profitieren.
Am 16. Mai 2023 wurde der Abschlussbericht vorgestellt. Hodler war Teil des Teams und konzentrierte sich in dem Bericht vor allem auf die wirtschaftlichen Auswirkungen und die Sanierungslösungen. Zu seiner Arbeit mit der Kommission sagte Hodler: «Der Prozess war langwierig und anstrengend, aber letztendlich bin ich mit den Ergebnissen und Schlussfolgerungen sehr zufrieden.»
«Ein Hauptmotiv für meine Arbeit in der Kommission war es, die glatte Allianz zwischen den Ölgesellschaften und der Bundesregierung zu beseitigen. Die Stärkung der lokalen Gemeinschaften ist eine der Empfehlungen, von denen ich hoffe, dass sie wirklich greifen», sagt Roland Hodler.
Eine Frage, die Hodler immer noch beschäftigt, ist die Frage, wie viel Verantwortung der Westen übernehmen sollte, da unsere ölgestützte wirtschaftliche Entwicklung letztlich zur Verseuchung im Nigerdelta geführt hat. Der Kommissionsbericht wurde in Berichten der BBC, CNN und vielen nigerianischen Zeitungen aufgegriffen. Seit der offiziellen Vorstellung des Reports in London im Mai gab es keine offizielle Stellungnahme. Die zweite offizielle Vorstellung des Berichts in Nigeria soll die Ergebnisse wieder ins Rampenlicht rücken und mehr Druck auf die nigerianische Bundesregierung ausüben, die Ergebnisse umzusetzen.
2019 erhielten Anna Bruederle und Roland Hodler den HSG Impact Award für ihre Arbeit zu den nigerianischen Ölverschmutzungen. Anna Bruederle ist eine ehemalige Doktorandin der Wirtschaftswissenschaften an der Universität St.Gallen und arbeitet derzeit für eine NGO in Genf. Professor Roland Hodler ist Wirtschaftswissenschaftler am Schweizerischen Institut für Aussenwirtschaft und Angewandte Wirtschaftsforschung (SIAW-HSG) an der Universität St. Gallen und ist Forschungsbeauftragter bei CEPR, CESifo und OxCarre. Seine Forschung beschäftigt sich mit den wirtschaftlichen, politischen und sozialen Auswirkungen von ethnischen Spaltungen, natürlichen Ressourcen und ausländischer Hilfe.
Bild: iStock / Modest Franco
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