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Eigentlich war ich auf der Suche nach einer Biografie Laurence Sternes, war mir doch, was Wolfgang Hörner der kleinen Werkedition bei Galiani beigefügt hat, etwas arg kurz geraten. Und dieses Büchlein hier schien mir nach der Beschreibung meine Wünsche zu erfüllen.
Tat es aber nicht. Um es gleich zu sagen: Hans von Trothas A Sentimental Journey ist keine Biografie. Ja, das Büchlein setzt ein Basis-Wissen über Sternes Leben sogar voraus. A Sentimental Journey stellt einen Exkurs dar in Literatur- und Philosophiegeschichte, auch eine Art Psychogramm des Verfassers der Empfindamen Reise und des Tristram Shandy. Dabei erhebt von Trotha keineswegs den Anspruch, etwas völlig Neues, bisher Unerhörtes zu liefern.
Da wird zum Beispiel die Frage erörtert, wie es kommt, dass die Epoche der Aufklärung zur Gefühlsseligkeit finden konnte, die wir im Tristram Shandy wie in der Empfindsamen Reise antreffen. Hans von Trotha postuliert diesbezüglich neben den literarischen Einflüssen eines Cervantes oder eines Rabelais die philosophischen eines Locke oder Hume. Der Sensualismus, der davon ausgeht, dass wir nichts in unserm Geist haben, das wir nicht vorher durch die Sinne aufgenommen haben, führte Sterne zu einer Betonung des Gefühls (bzw. der Gefühle):
Sterne kombinierte Locke und Hume, also die Lehren des Sensualismus, mit der alten Schule der Humoralphysiologie, nach der die Mischung von Körpersäften Geist und Gesundheit buchstäblich beeinflussten. Daraus destillierte er eine Physiologie der Empfindungen und eine Körpersprache des Empfindsamen. […] Sensualismus, Humoralphysiologie und Humoralpsychologie sind für Sterne eine naturgegebene Trias, deren Zusammenspiel er lediglich beschreiben muss, um der Wahrheit der Empfindung auf den Grund zu kommen.
Vom Sensualismus zum Sex ist es in dieser Betrachtungsweise kein großer Schritt, was die vielen Doppeldeutigkeiten und feuchten Anspielungen im Buch quasi philosophisch legitimiert. (S. 116)
So haben wir in Deutschland zunächst zwei Rezeptionsstränge: Die eher aufklärerische (Lessing, der den deutschen Neologismus „empfindsam“ erst prägte für den englischen Neologismus „sentimental“) und die eher gefühlsselige mit Laurence Sternes Meisterschüler Jean Paul – auch wenn beide Rezeptionsstränge (wohl auch mangels Kenntnis des Originals) den sexuellen Basso Continuo Sternes weitgehend ignorierten.
Überhaupt die Literaturgeschichte: Hans von Trotha erstellt auch Paralellen zwischen Sternes Tristram Shandy und Marcel Prousts À la recherche du temps perdu: Beide Werke sind serialisiert erschienen, über Jahre verteilt; bei beiden Werken ist der erste Band auf Kosten des Autors erschienen; beide Male finden wir einen stark subjektivierten Ich-Erzähler vor; beide Male wurde dieser Ich-Erzähler vom Publikum sofort und sehr stark mit dem Autor identifiziert. (Wobei – und das erwähnt von Trotha nicht – Proust sich von dieser Identifikation eher distanzierte, Sterne sie in einem grossen Ausmass selber übernahm, Briefe auch schon mal mit Shandy oder Yorick unterzeichnete. Ebenfalls einer erweiterten Diskussion würdig wäre wohl die Frage, wie weit auch in Bezug auf sexuelle Anspielungen Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Werken / Autoren bestehen.)
Den schlechten Ruf, in den der Autor bei seinen viktorianischen Kollegen (allen voran William Makepeace Thackerey) geriet, erklärt von Trotha – richtiger-, aber banalerweise – mit einer geänderten Kultur, die die kleinen Schweinereien des georgianischen Vorgängers nicht mehr tolerierte, wie es dessen Zeitgenossen noch selbstverständlich getan hatten. Dafür sei Sternes Einfluss auf die deutsche Literatur schon immer bedeutend gewesen, und es auch im 19. Jahrhundert geblieben. So sehr, dass – so Hans von Trotha – die englische Literaturgeschichte immer wieder auf die deutsche verweist, wenn es um die Relevanz des Autors Sterne geht.
Alles in allem nicht uninteressant, elegant geschrieben – aber leider nicht, was ich suchte.
Hans von Trotha: A Sentimental Journey. Berlin: Wagenbach, 2018