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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

99. Vortrag
1.
Was heißt das, was der Herr vom Heiligen Geiste sagt, da er versprach, er werde kommen und seine Jünger alle Wahrheit lehren oder sie in alle Wahrheit einführen: „Denn er wird nicht aus sich selbst reden, sondern was er hören wird, das wird er reden“? Dies hat nämlich Ähnlichkeit mit dem, was er von sich selbst sagte: „Ich kann von mir nichts tun, wie ich höre, richte ich“1. Indes als wir dies näher erklärten, haben wir schon gesagt, man könne es vom Menschen verstehen2, so daß der Sohn seinen Gehorsam, wodurch er gehorsam wurde bis zum Tode am Kreuze, vorausgesagt zu haben schien, sowie den künftigen Gehorsam im Gerichte, durch welches er die Lebendigen und die Toten richten wird, weil er dies als Menschensohn tun wird. Darum hat er gesagt: „Der Vater richtet niemand, sondern hat alles Gericht dem Sohne gegeben“, weil im Gerichte nicht die Gestalt Gottes, in welcher er dem Vater gleich ist und in welcher er von den Gottlosen auch nicht gesehen werden kann, sondern die Gestalt des Menschen erscheinen wird, in welcher er auch um ein geringes unter die Engel gestellt worden ist, obwohl er dann in Herrlichkeit, nicht in der früheren Niedrigkeit kommen wird, sichtbar jedoch sowohl für die Guten wie für die Bösen. Daher sagt er auch: „Und er hat ihm die Gewalt gegeben, Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist“3. Aus diesen Worten erhellt, daß im Gerichte nicht jene Gestalt sich zeigen wird, in welcher er, da er in ihr war, es für keinen Raub hielt, Gott gleich [S. 1001] zu sein, sondern jene, die er bei seiner Selbsterniedrigung empfing. Denn er hat sich selbst erniedrigt, indem er Knechtsgestalt annahm4, in welcher er seinen Gehorsam auch zum Vollzuge des Gerichtes hervorgehoben zu haben scheint, da er sagte: „Ich kann nichts aus mir selbst tun; wie ich höre, richte ich“. Adam nämlich, der eine Mensch, durch dessen Ungehorsam die vielen zu Sündern gemacht worden sind, richtete nicht, wie er hörte, weil er das, was er hörte, übertrat und aus sich selbst das Böse tat, das er vollbrachte, da er nicht Gottes Willen, sondern den seinigen tat; dieser aber, der eine Mensch, durch dessen Gehorsam die vielen zu Gerechten gemacht worden sind5, war nicht bloß gehorsam bis zum Tode am Kreuze, an dem er als der Lebendige von Toten gerichtet wurde, sondern er versprach, auch im Gerichte gehorsam sein zu wollen, in dem er richten sollte über die Lebendigen und die Toten, und darum sagte er: „Ich kann nichts aus mir selbst tun; wie ich höre, richte ich“. Aber was vom Heiligen Geiste erwähnt wird: „Denn nicht wird er aus sich selbst reden, sondern was er immer hören wird, das wird er reden“, werden wir es etwa wagen anzunehmen, dies sei vom Menschen oder von der Annahme irgendeines Geschöpfes gesagt? Hat ja in der Trinität bloß der Sohn die Knechtsgestalt angenommen, welche mit ihm zur Einheit der Person verbunden wurde, d. h. so, daß der Sohn Gottes und der Sohn des Menschen der eine Jesus Christus ist, damit nicht etwa nicht eine Trinität, sondern eine Quaternität von uns verkündet werde, was von uns ferne sei. Wegen dieser einen, aus zwei Substanzen, der göttlichen und der menschlichen, bestehenden Person, redet er bisweilen, sofern er Gott ist, wie wenn er sagt: „Ich und der Vater sind eins“6; bisweilen, sofern er Mensch ist, wie: „Denn der Vater ist größer als ich“7, und in diesem Sinne, so haben wir angenommen, sei auch dies von ihm gesagt worden, worüber ich jetzt handle, nämlich: „Ich kann nichts aus mir selbst tun; [S. 1002] wie ich höre, richte ich“. Betreffs der Person des Heiligen Geistes aber erhebt sich eine große Schwierigkeit, wie der Ausspruch zu verstehen sei: „Denn er wird nicht aus sich selbst reden, sondern was er immer hören wird, das wird er reden“, da ja in ihr nicht eine andere Substanz die der Gottheit, eine andere die der Menschheit oder irgendeines andern Geschöpfes ist.
1: Joh. 5, 30.
2: 19―22. Vortr.
3: Joh. 5, 22. 27.
4: Phil. 2, 6 f.
5: Röm. 5, 19.
6: Joh. 10, 30.
7: Joh. 14, 28.