Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03257.jsonl.gz/350

Das Coronavirus soll ihn nicht unterkriegen. US-Präsident Donald Trump, 74, macht nach seinem positiven Testergebnis alles dafür, in der Öffentlichkeit keine Schwäche zu zeigen: Er lässt sich bei der Arbeit im Spital ablichten, fährt im Wagen vor die Klinik und winkt. Vier Tage später kehrt er ins Weisse Haus zurück. Kommt der Übermut vor dem Fall? Martin Dahinden, 65, war von 2014 bis 2019 Botschafter in Washington. Er kennt Donald Trump und Konkurrent Joe Biden persönlich – und empfängt uns in seiner Wohnung neben dem Berner Münster.
Herr alt Botschafter, Präsident Trump hat sich mit dem Coronavirus infiziert. Viele bezweifeln das. Sie auch?
Nein. Wenn Filmemacher Michael Moore behauptet, Trumps Diagnose sei eine Lüge, ist das an den Haaren herbeigezogen.
Während seiner Behandlung verliess er das Spital, um aus dem fahrenden Auto zu winken. Er rät den Menschen: «Habt keine Angst vor Covid-19!» Warum tut er das?
Corona gefährdet Trumps Wiederwahl wie kein anderes Thema. Die boomende Wirtschaft war das Hauptargument für ihn. Seit der Pandemie ist die Wirtschaft jedoch eingebrochen. Da der Präsident jetzt selber erkrankt ist, kann er das Virus nicht länger ausklammern. Er will das Beste daraus machen und zeigen, dass er die Krankheit als Kämpfer überwindet.
Wie wird die Infektion den Wahlausgang beeinflussen?
Umfragen zeigen, dass Joe Biden davon profitiert hat. Da wäre ich aber vorsichtig. Vor vier Jahren lagen die Voraussagen für einen Wahlsieg von Hillary Clinton auch daneben.
Wagen Sie eine Prognose?
Für mich ist das Rennen nach wie vor offen. Die letzten Tage werden entscheidend sein. Die Kandidaten können in einzelnen Schlüsselstaaten das Ruder noch herumreissen. Ich gehe von einem sehr knappen Ergebnis aus.
Wie nehmen Sie den Wahlkampf wahr?
Trump betreibt ihn alleine. Mit seiner polarisierenden Art mobilisiert er Menschen für sich, aber auch gegen sich. Die Wählerinnen und Wähler entscheiden nur für oder gegen Trump. Biden spielt da keine entscheidende Rolle.
Also ein Kampf der Sympathien.
Es gibt gar kein Messen der Argumente, wie das in einer Demokratie sonst der Fall ist. Das bedaure ich sehr.
Wie beurteilen Sie den Umgang des Weissen Hauses mit der Pandemie?
Sprunghaft. Die Regierung versucht, den Wirtschaftsboom beizubehalten und gleichzeitig das Nötigste für den Schutz der Gesundheit zu tun. Heute ist klar, dass man früher hätte Massnahmen ergreifen sollen, welche die Wirtschaft nicht beeinträchtigen. Zum Beispiel Maskenpflicht, Abstands- und Hygieneregeln.
Sie haben Donald Trump kennengelernt. Wie ist er als Person?
Er ist ein Meister im Rollenspiel. In der Öffentlichkeit ist er bedacht darauf, gut bei seiner Wählerschaft anzukommen. Im direkten Gespräch muss er das nicht, da wirkt er ganz anders. Trump weiss ganz genau, was er macht, er ist kein unkontrollierter Clown, wie er oft dargestellt wird. Fern von der Öffentlichkeit habe ich ihn in normalen Unterhaltungen erlebt. Doch auch da habe ich gespürt: Er ist jemand, der weiss, was er will. Small Talk liegt nicht drin.
Wie beurteilen Sie die Bilanz von vier Jahren Trump?
Er macht permanenten Wahlkampf. Alles, was er sagt und tut, hat einen innenpolitischen Zweck. Zugute muss man ihm halten, dass er viele Versprechen hielt. Nur wenige Pläne konnte er nicht umsetzen. Das macht ihn besonders für jenen Teil der Wählerschaft attraktiv, der dem politischen Establishment in Washington kritisch gegenübersteht.
Ist das amerikanische Volk so gespalten, wie die Medien es darstellen?
Polarisierung gab es in den USA schon immer. Man spürt sie heute einfach wieder deutlicher. Die Schere zwischen Arm und Reich ist nicht neu, aber mit der Deindustrialisierung weiter aufgegangen. Diese dauert schon 20 Jahre, ist also nicht der Ära Trump entsprungen. Gesundheits- und Bildungswesen brauchen lange Reformen, Rivalität mit Russland und China gibt es seit je, ebenso Spannungen zwischen ethnischen Gruppen. Man macht es sich zu einfach, alles in Trumps Schuhe zu schieben.
Sie kennen auch Trumps Widersacher Joe Biden. Wie ist er?
Ich habe ihn am World Economic Forum in Davos, aber auch mehrmals in Washington getroffen, als er noch Vizepräsident war. Biden war stets gut vorbereitet, jedoch schwierig einzuschätzen. Mir ist nicht klar, wo er heute politisch steht. Es ist auch nicht klar, welche Personen einflussreicher werden, sollte er gewinnen.
Gewinnt Biden, befürchten manche keine friedliche Machtübergabe.
Das halte ich für unwahrscheinlich. Dass es beim Ermitteln der Resultate zu Verzögerungen kommt, ist nicht abwegig. Möglich wären auch rechtliche Streitereien rund um die Anerkennung des Resultats. Wir werden sehen.
Wo würden Sie am 3. November das Kreuz setzen?
Ich war als Botschafter ein Beobachter, das bleibe ich. Deshalb gebe ich keinen Kommentar dazu.