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Wer gern Erzählungen von Ernest Hemingway liest und wer gern wieder einmal Venedig besuchen würde, dem sei «Der von den Löwen träumte» empfohlen, ein Roman von Hanns Josef Ortheil. Er schreibt über den Besuch des berühmten Mannes und fügt etwas Fiction dazu.
Im Herbst 1948 reist Ernest Hemingway mit seiner vierten Frau Mary Welsh von seinem Wohnsitz auf Kuba nach Venedig, denn er leidet unter Depressionen und befürchtet, nicht mehr schreiben zu können. Wie eine grossartige Filmszene verfolgen wir, wie Hemingway in seinem eigenen Buick in Venedig ankommt, mit Chauffeur und der italienischen Übersetzerin seiner Bücher. Das glänzend rote Automobil muss in den Garagen bleiben, die für alle vom Festland kommenden Fahrzeuge bereitstehen. Von nun an bewegt man sich zu Fuss, in der Gondel, auf den Fährschiffen und mit einem privaten Fischerboot.
Der erste Empfang des Schriftstellers, Journalisten, Kriegsreporter, passionierten Fischers und Jägers spielt sich in der nächstgelegenen Bar ab. In Bars wird Hemingway in den folgenden Monaten noch unzählige Male anzutreffen sein. Nun führt der Autor weitere Handlungsträger ein, die Familie Carini. Sergio Carini ist gelegentlich Reporter einer venezianischen Zeitung und erhielt den Hinweis, dass ein wichtiger Fremder eintreffen würde. Er hatte Hemingways Fotografie schon oft in den Zeitungen gesehen, so dass er ihn sofort erkennt. Sein Ziel ist es, so viele Informationen wie möglich über diese Berühmtheit zu erhalten, was ihm zunächst gelingt, aber mit der Zeit erfährt er immer weniger, so dass er schliesslich seinen hochgesteckten Traum, ein Buch über Hemingway in Venedig zu schreiben, aufgeben muss. Siebzig Jahre später übernimmt Hanns Josef Ortheil diese Aufgabe. – Unwillkürlich denkt man hier an die Papparazzi und den Prominentenkult in unserem Jahrtausend. 1948 war man vielleicht weniger aufdringlich. Solche leicht ironischen Anspielungen findet man in diesem Roman an verschiedenen Stellen.
Paolo, Sergios Sohn, wird zu Hemingways Bootsführer und mit der Zeit zu seinem Vertrauten. Nachmittags lässt sich Hemingway gern durch die stillen Kanäle fahren. Auch Sergios Tochter Marta erhält eine Aufgabe: Sie soll Hemingways Frau in der Stadt und beim Einkaufen begleiten, denn Mary kann kein Wort Italienisch. Carinis wohnen in der Lagune, auf Burano. Die Inseln spielen eine wichtige Rolle im Roman, denn durch die Vermittlung der Familie Carini mietet sich Hemingway im Laufe der Zeit in der im Winter leerstehenden Locanda Cipriani auf Torcello ein und findet dort die Musse zum Schreiben.
Dass Hemingway unter einer hartnäckigen Schreibblockade leidet, wird uns Leserinnen und Lesern gut verständlich. Ruhelos bewegt sich der Amerikaner durch die Stadt, von der Bar zum Kiosk und dann zur nächsten Bar – er versucht, der Situation, am Schreibtisch zu sitzen und nicht schreiben zu können, auch mit Unmengen von Alkohol zu entkommen. Dass er aber unter hartnäckigen Depressionen leidet, scheint im Roman nicht sehr plausibel, viel zu interessiert ist Hemingway am venezianischen Müssiggang, viel zu leutselig, wenn auch manchmal ruppig verhält er sich. – Der von den Löwen träumte ist ein Roman, keine Biografie. Der Titel spielt darauf an, dass ein Mensch wie Hemingway stets auf der Suche nach «Grösse» ist, wie immer diese zu verstehen ist, hier in Venedig ist schliesslich die Entenjagd das Grösste, was er erlebt, – und mehr noch die Erscheinung der 18-jährigen Adriana, in die sich Hemingway sofort verliebt, fast ohne Rücksicht auf seine Frau, mit der er erst ein Jahr verheiratet ist.
Dem passionierten Jäger und Frauenheld gelingt es, seine Zeit einzuteilen: Er schreibt wieder regelmässig, fühlt sich mit Adriana wieder jung, ohne seine Ehefrau Mary zu sehr zu provozieren, und trinkt, so viel ihm beliebt. Gerade als die Leserin anfängt, sich zu langweilen ob all dem Champagner oder Gin und dem Manövrieren zwischen den Ansprüchen der Ehefrau und der platonischen, aber heftigen Liebe, wechselt der Autor den Ton: Paolo, den Hemingway inzwischen als seinen jungen Freund bezeichnet, erhält ein Päckchen mit einem schmalen Buch. Paolo beginnt zu lesen und kann nicht aufhören. Es ist die Geschichte, die Paolo ihm auf einer früheren gemeinsamen Bootsfahrt vorgeschlagen hatte. Und diese Erzählung überzeugt den jungen Mann hundertmal mehr als Hemingways Roman über Venedig Über den Fluss und in die Wälder. – Wenn der Schriftsteller bisher noch nicht genug Anerkennung gefunden hatte, dann durch diese neue Erzählung, für die er bald zwei der wichtigsten Literaturpreise erhalten sollte. – Dass der noch kaum erwachsene Paolo Carini dazu die Idee geliefert hat, ist selbstverständlich nicht wahr, aber gut erfunden.
Hanns-Josef Ortheil, 1951 in Köln geboren, hatte aufgrund belastender Ereignisse in seiner Familie zuerst schreiben gelernt, bevor er zu sprechen begann. In seiner Jugend galt seine Liebe sowohl der Musik – dem Klavierspielen – als auch dem Schreiben. Seine Karriere als Pianist musste er früh aufgeben, als Schriftsteller hat er eine zahlreiche Leserschaft für sich gewonnen. Seine Bücher, in denen stets Heiterkeit und Tiefe zusammengehen, sind leicht zu lesen. Ortheil ist als Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim tätig.
Hanns-Josef Ortheil, Der von den Löwen träumte. Roman. Luchterhand Literaturverlag 2019. 352 Seiten. ISBN: 978-3-630-87439-5
Titelbild: Markuslöwe, Piazza di San Marco / Wolfgang Moroder / wikimedia.commons.org