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Im Bestand der Alten und Seltenen Drucke der ETH-Bibliothek befindet sich vom Augsburger Verleger Johann Andreas Erdmann Maschenbauer (1719-1773) eine Beschreibung des Erdbebens von Lissabon. Es ereignete sich am 1. November 1755 und war weit über Europa und Nordafrika spürbar.
In zahlreichen Zeitungen wurde über das Erdbeben berichtet, dessen Epizentrum vermutlich vor der portugiesischen Küste lag. Lissabon war damals eine der grössten und wichtigsten Handelsstädte Europas und wurde durch die starken Erdstösse, dem darauffolgenden Tsunami und Grossbrand fast vollständig zerstört (Scholz 2012, 88). Ca. 30’000 bis 100’000 Menschen verloren bei der Katastrophe ihr Leben (Reisch 2018, 125).
Maschenbauer veröffentlichte zwei Monate nach dem Erdbeben eine umfassende Darstellung der einschneidenden Ereignisse und beschrieb das Erdbeben in Lissabon wie folgt:
Es ward der 1ste November, als der Aller Heiligen Tag, welcher klar und hell aufgegangen, mit einem schönen und stillen Wetter begünstiget, das angehalten hat, bis gegen 9 Uhr, da ein ungestümer Wind kam, und ein entsezlicher Sturm zur See, wodurch das gewaltige Erdbeben ausgebrochen, zu gleicher Zeit, als der Tagoflus unglaublich hoch anschwellete. Die erste Erschütterung nöthigte schon viele zur Flucht, als sie gesehen, wie theils Kirchen, Palläste und viele Häuser einstürzten. Zur gleichen Zeit barsten die Hausthüren, und sprangen aus ihren Angeln; auch die Mauern und Erker stürzten ein. Kurz! es schiene, als ob der jüngste Tag gekommen sey, und kein Stein auf dem anderen bleiben solte […].Maschenbauer 1756, 29
Viele weitere Städte in der Umgebung wie Setubal, Coimbra, Braga, Cadiz, Sevilla und Conil de la Frontera waren vom Erdbeben stark betroffen:
Setubal. Diese Stadt ist mit ihren Festungswerken und berühmten Seehaven am 1. Nov. gleichfalls vergangen: indeme keine sonderliche Spur von demjenigen, was erwehnte Stadt vormals war, übrig ist; weil die widerholte Stösse, und die brausende Meereswellen das Ihrige gemeinschaftlich beigetragen, Setubal, diese schöne Handelsstadt, zu verschlingen […].Maschenbauer 1756, 31
Und auch in Nordafrika lagen Städte in Trümmern:
Diese nemliche unteirdische Bewegung hat sich gegen Spanien über jenseits des Meeres auch an denen Africanischen Küsten verspühren lassen: so, dass einige Städte in Africa nächst am Meer ziemlich Schaden gelitten. Wie dann nicht allein die grosse Stadt Maquinez in Africa durch eine dergleichen Erderschütterung, oder Erdenstos, an dem nemlichen ersten November bei nahe gänzlich über einen Haufen geworfen worden […].Maschenbauer 1756, 25
Trotz der schweren Folgen dieser Katastrophe wertete Maschenbauer das Erdbeben nicht als eine Strafe Gottes (Reisch 2018, 125). Er ordnete die Ereignisse nach dem positiven Weltbild der Aufklärung ein, indem er die Welt mit der Metapher von einem perfekt funktionierenden Uhrwerk beschrieb, bei dem alles nach bestimmten Gesetzmässigkeiten nach dem Willen Gottes funktionierte:
Der Bau der Welt hat seine Ausdehnungen in einer genauen Richtigkeit: ihre Triebfedern laufen in der vortreflichsten Ordnung: Alles bewegt sich darinnen; alles lauft herum und nach gewissen Stunden, Tagen, Monaten, Jahren und Seculis kommt alles wieder auf den nemlichen Punct. […] Man solte aber billig erwägen, dass er ordentliche Lauf der Natur eben sowohl durch die göttliche Würkung regieret wird, als die ausserordentlichen und wunderbaren Begebenheiten. Alle Begebenheiten sind unter Gottes Regierung, und vollziehen seinen Willen.Maschenbauer 1756, 5-6
Maschenbauer stellte verschiedene Theorieansätze vor, um die Entstehung von Erdbeben nach «physicalischen Gründen» zu erklären. Er beschrieb Theorien, die im 18. Jahrhundert vorherrschend waren. Der am häufigsten vertretene Erklärungsansatz ging davon aus, dass sich in natürlichen Hohlräumen unter der Erde Stoffe wie Salpeter und Schwefel entzünden und die Erde erschüttern konnten. Weitere Erklärungsversuche führten Erdstösse auf die plötzliche Erwärmung und Ausdehnung von unterirdischen Gewässern zurück. Zum Teil wurden auch astronomische Einflüsse vermutet und die These vertreten, dass Kometen, die sich der Erdbahn näherten, einen Einfluss auf die Erd- und Wasserbewegungen haben könnten (Maschenbauer 1756, 23).
Auch wenn die von Maschenbauer vorgestellten Erklärungsansätze keine endgültigen Erklärungen für die Ursachen von Erdbeben lieferten, ging er doch davon aus, dass für alle Naturphänomene eine sinnvolle Ursache angenommen werden konnte, auch für solch eine verheerende Katastrophe. Er zitierte einen Gelehrten, der alle Naturerscheinungen als ein «Bedürfnis der Natur» auffasste. Diese konnten aus der unmittelbaren Sicht von einzelnen Menschen eine Katastrophe darstellen, in Bezug auf Gottes Wirken auf der Welt ergaben sie aber einen Sinn, der von den Menschen erforscht und erklärt werden konnte:
Das Exempel einer mit spirituosen Flüssigkeit angefüllten Bouteillen macht die Sache begreiflich: Selbige mus nothwendig zerspringen, wann der Pfropf der Gewalt der Gährung wiederstehet. So ist es bei nahe mit dem Erdbeben; welches ein berühmter Französischer Gelehrter überhaupt, gleichwie alle Phänomena, durchaus für Bedürfnisse der Natur hält: so, wie die Cometen, welche, seiner Theorie nach, die Ausdünstung der Erden an sich ziehen, um den Himmel zu erfrischen. So sind auch unter andern die feuerspeiende Berge Vesuv, Aetna etc. für die benachbarte Einwohner zwar Uebel, jedoch so nöthige Uebel, dass man sehr undankbar gegen den Schöpfer seyn müste, wenn man sie nicht als Wohlthaten ansehen wolte, ohne welche die Erde denen Menschen, wo nicht ein unerträglicher, doch wenigstens ein sehr beschwerlicher Wohnplaz seyn würde […].Maschenbauer 1756, 5
Literatur:
Scholz, T. (2012): Distanziertes Mitleid: Mediale Bilder, Emotionen und Solidarität angesichts von Katastrophen. Frankfurt: Campus Verlag.
Reisch, H. (2018): Philosophie der Neuzeit und Aufklärung: Ein Neustart. In: Kleine Geschichte der Philosophie. Wiesbaden: Springer.