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Mike Müller: «Ich habe einen Hang zum Exzess»
Schauspieler Miker Müller erzählt über seine Therapien, spricht über seinen Bühnenpartner Viktor Giacobbo und sagt, wie er sich auf Bettszenen vorbereitet.
Casinotheater Winterthur, kurz nach 10 Uhr: «'Giacobbo/Müller in Therapie', Pressetag, 1. Stock» steht auf einer Leuchttafel geschrieben. Von irgendwo dringen Stimmen durch die Wände. Ist das nicht Mike Müller, der lacht? Und Viktor Giacobbo? Die beiden scheinen gut gelaunt zu sein. Und das, obwohl das Duo an diesem Morgen im Viertelstundentakt den Journalistinnen und Journalisten vorgeführt wird.
Ein paar Minuten später sitze ich Mike Müller gegenüber. «Sorry, ich war noch eine rauchen», sagt der Schauspieler. Er sieht wie im Fernsehen aus, nur noch grösser, der Bauch leicht fülliger, gut gekleidet (schwarzer Anzug, weisses Hemd). Seine Hände ruhen, die Augen lächeln. Man fühlt sich augenblicklich wohl. Wie nennt man so jemanden? Einen Gentleman, genau.
Herr Müller, wir machen heute ein Frage-Antwort-Spiel: Ich stelle Ihnen in den nächsten 30 Minuten möglichst viele Fragen und Sie antworten möglichst schnell und spontan. Passt Ihnen eine Frage nicht, sagen Sie einfach «weiter».
Mike Müller: Gut.
Olten oder Zürich?
Zürich.
Osterhase oder Lindor-Kugel?
Osterhase. Aus Nostalgie. Viele Jahre bekam ich zu Ostern einen Hasen geschenkt. Das ist heute nicht mehr so. Aber ich habe es selber eingeführt, dass mir niemand mehr einen Hasen schenkt.
Fernsehen lieber mit oder ohne Schuhe?
Ohne.
Welcher Mädchenname war für Sie geplant?
Meine Eltern haben es mir einmal erzählt, aber ich weiss es nicht mehr.
Wie sagt Ihnen Ihre Mutter?
Mike, wenn sie nostalgisch ist Michi.
Haben Sie ein Vorbild?
Nein.
Das waren zum Einstieg ein paar brave und lasche Fragen. Genug! Jetzt wird es ernsthaft.
Wirklich wahr, dass Sie eine Form von «Rampensäuigkeit» ins Rampenlicht treibt?
Ja, ja.
Wann nahmen Sie diese Rampensäuigkeit zum ersten Mal richtig wahr?
Vermutlich in der Schule, als ich zum ersten Mal ein Gedicht vortrug. Wir machten an der Kanti einen Ernst-Burren-Abend. Ich war der Kleinste und Burren lobte mich. Das fand ich wahnsinnig toll. Auf der Bühne geht es aber nicht nur um solche Erfolgsmomente, sondern es geht vor allem um die Situation, in welcher man unter erhöhter Spannung Dinge tun kann, die man sonst im Leben nicht machen kann.
Sie sind der einzige Schauspieler bisher, den ich zum Interview treffe, der auf seiner Internetseite keinen Bereich«Presseartikel/Medien» hat. Bei Ihnen gibt es nur «Projekte», «Biografie» und «Kontakt».
Ist dem so? Nun gut, meine Internetseite ist für mich eine Serviceseite. Wenn ich eine Produktion habe, dann stelle ich schon zwei, drei Zeitungsartikel dazu, so quasi als Archiv. Ich weiss dann, wo ich sie finden kann (lacht).
Bekannte Schauspieler haben meistens einen Manager. Sie nicht. Warum?
Das braucht es in der Schweiz nicht. In Deutschland bräuchte ich eine Agentur, wenn ich für den Film oder das Fernsehen arbeiten würde. In der Schweiz ist das anders. Die paar wenigen Frauen, die hierzulande casten, kennen einen relativ schnell, die Produzentinnen und Produzenten ebenfalls. Für unser neues Theaterstück «Giacobbo/Müller in Therapie» haben wir ein Booking, für mein Einmann-Stück «Gemeindeversammlung» mache ich es allein.
Ein Manager könnte Sie vor blöden Fragen und vielleicht auch vor peinlichen Bettszenen in der TV-Serie «Der Bestatter» bewahren.
Das glaube ich nicht. Das sind Dinge, die ich sowieso selber entscheiden muss. Es gibt ja auch noch so etwas wie Eigenverantwortung. Und die nehme ich gerne wahr. Ich boxe dann auch bestimmte Sachen durch, die ich haben will. Mache ich das Booking selber, bin ich näher am Geschehen. Ich habe das noch gerne. Und ich will auch wissen, was in den Verträgen steht. Bei mir steht nicht, dass der Monsieur, also ich, gerne drei rote Handtücher, zwei grüne und vier weisse und eine Flasche Roederer-Cristal-Champagner haben will und solchen Seich, weil ich sage, was im Vertrag stehen soll.
Was steht in Ihren Verträgen drin?
Mineralwasser und Früchte. Und ein warmes Essen für meinen Tourtechniker.
Dieser Mann kennt wirklich keinen Dünkel. Und das ist gut so. Momoll.
Wie bringen Sie sich vor einer Bettszene in Stimmung?
Genau gleich wie für jede andere Filmszene auch. Ein Film wird unchronologisch gedreht, das heisst, man dreht in der Regel verschiedene Szenen an einem Tag. Normalerweise habe ich bei der TV-Serie «Der Bestatter» zwei bis drei Folgen im Kopf. Wenn ich also am Morgen aufstehe, weiss ich, dass ich zum Beispiel an diesem Tag easy peasy mit dem Leichenwagen vorfahren, aussteigen, ein bisschen traurig in die Gegend herumschauen und auf ein Haus zulaufen muss. Das ist nicht schwierig. Eine Bettszene ist natürlich eine grössere Herausforderung. Aber wie gesagt: Ich weiss am Morgen immer, was mich erwartet und kann mich darauf einstellen. Und sowieso: Das Entscheidendste ist, dass man sich im letzten Moment vor einer Szene in eine Stimmung reinjagt und das Gefühl hat: So, jetzt bin ich giftig. Wissen Sie was ich meine?
Nein.
Nicht unbedingt die Spielsituation soll giftig sein, sondern dass mir Zeug in den Sinn kommt. Also, dass ich alert bin, aufmerksam. Wenn ich wachsam bin, kann ich gelassener spielen, aber ich muss da sein, frisch sein. Und das ist beim «Bestatter» mit Barbara Terpoorten immer super. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie im richtigen Moment immer einen lustigen Spruch auf Lager hat.
Eine «Tatort»-Kommissarin hat mir verraten: Auf jedem Filmset habe es immer mindestens eine Person, die Mundgeruch hat. Wahr oder nicht?
Gut möglich, aber ich weiss nicht, warum es auf dem Filmset anders sein sollte als in anderen Lebensbereichen.
Ist Parfümieren auf dem Filmset verpönt?
Ich finde es furchtbar. Ich finde es im ganzen Leben furchtbar. Ich finde, alle Menschen, die ein Parfüm kaufen, müssten zuerst einen Intensivkurs machen, was die Quantität angeht. Ich finde Parfüm eigentlich eine wunderbare Sache. Aber manchmal gibt man Leuten die Hand und muss diese nachher waschen gehen. Ehrlich gesagt, ich finde Zigarettenrauch viel weniger schlimm als zu viel Parfüm. Oder auch die Männer ...
... Mike Müller klatscht sich mit beiden Händen an seine Backen und lacht ...
... die nach dem Sport literweise Aftershave benutzen: Grausam! Ja, lieber stinkt jemand ein bisschen nach Schweiss als nach Parfüm.
Welches ist der Lieblingsduft von Viktor Giacobbo?
Er hat mehrere.
Darf er einen dieser Düfte benutzen, wenn am 5. April das Stück «Giacobbo/Müller in Therapie» im Casinotheater Winterthur Premiere feiert?
Absolut. Viktor ist keiner, der diesen Parfum-Intensivkurs belegen müsste. Es ist nämlich eines unserer Lieblingsthemen, über das wir uns hin und wieder gemeinsam aufregen. Viktor ist äusserst dezent mit Schmöckiwasser.
Es heisst, Sie sollen nach dem Ende der Satiresendung «Giacobbo/Müller» ein Jahr lang gegen Fressattacken, Jugendlichkeitswahn und Kameraphobien gekämpft haben. Ohne Erfolg. Jetzt dürfen Sie endlich wieder zusammen auf die Bühne. Sie müssen gerade der glücklichste Mensch auf Erden sein?
Absolut. – Ernsthaft: Es ist wirklich nicht ganz gelogen, denn Probearbeiten sind eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Ich probe nicht gerne exzessiv lang oder über Monate. Ich habe es lieber, wenn es um etwas geht und wenn man aufhören kann, wenn einem nichts mehr in den Sinn kommt und man heim oder in den Sport gehen kann und sich nicht langweilen muss auf einer Probebühne.
Wieviel Mal proben Sie aktuell für das Stück «Giacobbo/Müller in Therapie»?
Bis zu sechsmal pro Woche, jeweils von 10 bis 16 Uhr.
Waren Sie schon einmal bei einem Psychiater?
Noch nie.
Welche anderen Therapien ...
... doch in der RS musste ich zum Psychiater und wurde für «untauglich» erklärt. Zum Glück.
Welche Therapien haben Sie in Ihrem Leben schon gemacht?
Physiotherapie. Heuschnupfen-Hyposensibilisierung-Therapie ... Bullshit, es hat nichts genützt.
Wegen dem Rauchen haben Sie noch nie eine Therapie gemacht?
Nein. Da höre ich irgendwann von einem auf den anderen Tag auf. Das habe ich schon einmal gemacht, aber irgendwann wieder angefangen.
Haben Sie noch andere Laster?
Ja, einige. Ich esse manchmal zu viel. Ich bin phlegmatisch ... ja, nein, Sie haben nach Lastern gefragt und ich finde, phlegmatisch sein ist kein Laster. Es ist sogar recht gesund. Es stimmt, ich habe einen gewissen Hang zum Exzess. Aber das tönt jetzt so kokett wie «Ich bin eine coole Sau, ich tue gerne dumm». Ehrlich gesagt, ich habe nicht so viele Laster. Ich könnte etwas gesünder leben.
Wo gehen Sie lieber hin: Zum Arzt oder zum Coiffeur?
Zum Arzt, obschon ich eine sehr lustige Coiffeuse habe.
Riesengelächter. Da scheint jemand Spass zu haben an dieser Art von Interview. Na dann: Das muss ausgenutzt werden!
So grundsätzlich: Sind Ihnen die Menschen sympathisch?
Ja.
Sie sind 54 ...
... sieht man das? (lacht laut)
Wie gut haben Sie die Midelifcrisis überstanden?
Natürlich gibt es immer wieder Phasen oder Lebenszyklen, während denen ich mich frage: Ist das nicht ein Seich, was ich mache? Aber ob das jetzt mit einer Midlifecrisis zu tun hat? Ich glaube nicht. Ich habe natürlich auch das Privileg, dass ich in einem Beruf tätig bin, der viele Interessen abdeckt und bei dem ich mit vielen lustigen Leuten zusammenarbeiten kann. Das ist der Vorteil, den ich als freischaffender Schauspieler und Autor habe. Der Nachteil ist, dass ich keine gradlinige Entwicklung habe. Aber in meinen Berufen muss man sich irgendwann klar darüber sein, dass man nicht planen kann. Und wenn mal etwas nicht klappt, liegt es ja auch nicht immer an einem selber, und dann kann man ja auch mal ein bisschen «tätscht» sein. Das finde ich nicht schlimm, so lange es nicht eine wirkliche Krise, ein Burnout, wird.
Wann haben Sie Viktor Giacobbo zum ersten Mal getroffen?
Das muss Mitte der 1990er-Jahre gewesen sein, als Linard Bardill mich als «Peter Bichsel»-Imitator in die TV-Sendung «Übrigens» eingeladen hat und ich dort zum ersten Mal die Redaktion von «Viktors Spätprogramm» zu Gesicht bekam. Später traf ich Viktor Giacobbo in der Kantine.
War es Liebe auf den ersten Blick?
Damals nicht. Kurz danach jedoch, als ich angefragt wurde, auch während «Viktors Spätprogramm» einmal den Bichsel zu machen, hatten wir es auf einen Schlag lustig zusammen.
Hat Viktor Giacobbo immer noch ein Problem damit, dass Sie klüger sind als er?
Nein, weil er sich für klüger hält.
Er hat Schriftsetzer gelernt, Sie die Matura gemacht und Philosophie studiert.
Viktor hat diese Statusprobleme nicht, ich auch nicht. Ich bilde mir auch nicht sehr viel auf dieses Lizentiat ein.
Funktionieren Sie auch privat mit Viktor Giacobbo wie ein altes Ehepaar?
Ja, manchmal. Ausser, dass wir natürlich viel schneller sind als ein altes Ehepaar. Und dass wir in einem Alter sind, in dem man gewisse Eigenheiten besser thematisieren kann. Ein altes Ehepaar ist irgendwann im System und fertig, und das ist auch okay. Aber neben der wichtigen, privaten Freundschaft gibt es bei uns zwei auch noch die berufliche Ebene. Oft wissen wir nicht, in welchem Bereich wir uns gerade bewegen.
Wird es laut oder leise, wenn Sie beide Krach haben?
Es wird nie laut, aber wir argumentieren dann schon deutlich. Natürlich kann es während eines Probeprozesses auch mal kurzzeitig emotional sein, das heisst aber nicht, dass es laut sein muss. Aber man ist unter einem gewissen Druck und dann ist der Ton nicht immer ganz genau gleich. Finden wir aber beide nicht so schlimm.
Wann kamen Sie sich das letzte Mal als Idiot vor?
Heute Morgen, als ich das Handy gesucht habe. Das ist jetzt ein bisschen simpel. Wollen Sie eine gröbere Antwort?
Haben Sie schon einmal zugeschlagen?
Ja.
Was ist die schlimmste Konsequenz, die Sie je wegen eines Witzes aushalten mussten?
Peinlich ist es, wenn man im falschen Moment das Falsche sagt. Das kann auf der Bühne passieren genauso wie im Privaten. Ich denke, das hat jeder schon einmal erlebt und gedacht: «Halt einfach den Latz.»
Herr Müller! Das war jetzt aber eine ziemlich laue Antwort. Aber für ein Mal lassen wir Ihnen das durchgehen.
Ist Viktor Giacobbo der einzige Mensch auf der Welt, der sich öffentlich lustig machen darf über Ihren Bauch?
Nein. Das dürfen grundsätzlich alle, nur ist es halt so: Dieser Witz ist schon sehr häufig gemacht worden. Das heisst, er muss je länger desto besser werden, damit er lustig bleibt. Das ist die Schwierigkeit.
Wie kam eigentlich das Foto von Ihrem nackten Bauch zustande, das Viktor Giacobbo über Jahre in der TV-Sendung «Giacobbo/Müller» gezeigt hat?
Da bin ich an einem Samstagnachmittag mit unserem Produzenten einen Gang entlang gegangen, der einigermassen hell beleuchtet war, und dann haben wir dieses Foto gemacht. Wir hatten für die Sendung etwas geplant und wir dachten, es wäre gut, wenn wir so ein Foto hätten. Diese Situation ist übrigens exemplarisch dafür, wie die Sendung «Giacobbo/Müller» entstanden ist. Wir hatten nie die Idee, eine Serie mit meinem Bauch zu machen. Sondern wir dachten, wir machen das jetzt einmal und schauen dann, wie es sich entwickeln wird. Das war eine gewisse Freiheit, die wir uns immer wieder herausgenommen haben.
Hat Ihr Bauch einen Namen?
Nein.
Gibt es ein Wiedersehen mit dem Bauch-Bild während dem Stück «Giacobbo/Müller in Therapie»?
Nein.
Warum ist Ihnen Eitelkeit fremd?
Die ist mir gar nicht fremd. Ich bin eitel in dem Sinn, dass ich gerne gute Produktionen realisiere. Das heisst, wenn ich auf der Bühne oder in einer Sendung schlecht aussehe, wir aber gesamthaft einen guten Abend abliefern können, ist mir das viel, viel wichtiger, als wie ich während der Produktion wirke. Als Performer habe ich eine grosse Eitelkeit. Ja, ich will gut sein. Das ist eine satte Portion Eitelkeit.
Wann haben Sie das letzte Mal versucht abzunehmen?
Dass ist ein permanenter Prozess, zwischendrin gelingt es mir auch.
Vor ein paar Jahren trainierten Sie regelmässig im Fitnesscenter. Heute auch noch?
Ja.
Je mit einem Personaltrainer versucht?
Ja, aber nicht oft.
Ihr Lieblingssportgerät?
Wasser.
Ihr Lieblingsfluchwort?
Tamisiech.
Wirklich wahr, dass Sie weit und breit das beste halbe Poulet mit Cocktailsauce machen?
Nein (lacht). Das ist irgendwo einmal behauptet worden, gell, oder ich habe es einmal behauptet. Ich behaupte ja auch viel Seich. Ich mache keine halben Poulets, nein, aber ich mache satanisch gute Mistkratzerli im Ofen nach dem Rezept von meinem Fischhändler Momo in der Markthalle Zürich.
Die mächtigste Frau, mit der Sie je Abendessen waren?
Meine Mutter (lacht) ... nein, diese Frage beantworte ich nicht.
Der mächtigste Mann, mit dem ...
Weiter.
Mehr als ein Jahr nach dem Ende von «Giacobbo/Müller» bietet das Schweizer Fernsehen diese Sendungen immer noch im Internet an. Bekommen Sie dafür Tantiemen, wie die Darsteller von der US-Sitcom «Friends»?
Nein, wir gaben unsere Internetrechte frei, weil wir im Gegenzug eine eigene Internetseite für die Sendung realisieren durften. Und sowieso: «Friends» ist eine Klasse für sich. Kürzlich habe ich die TV-Serie mit meiner Freundin nochmals angesehen und es ist verdammt erstaunlich: Es ist eine göttlich gute Comedyserie, genauso wie «Seinfeld» auch. Gute Figuren, gute Dialoge, guter Witz.
Wie viel Geld haben Sie in diesem Jahr schon verdient?
Das sage ich nicht. Ich bin ja jetzt selbständiger Komiker, aber es ist gut gelaufen.
Je von einer Karriere im Ausland geträumt?
Nein, aber ich habe immer wieder einmal im Ausland gearbeitet, in Deutschland, in Österreich. Wenn jetzt aber morgen das Telefon von den Coen-Brüdern käme, würde ich fliegen ... also natürlich erst, nachdem ich alle Vorstellung von «Giacobbo/Müller in Therapie» absolviert hätte (lacht laut).
Welcher Kino-Flop tat mehr weh: «Tell» oder «Das Missen-Massaker»?
Lesen Sie Kritiken?
Ja.
Hat es Sie verletzt, als Sie «Weltwoche»-Filmkritiker Wolfram Knorr kürzlich unter «Die schlechtesten Schweizer Schauspieler» wählte und dazu notierte: «Zehn Schweizer Darsteller, an denen man nicht vorbeikommt. Leider.»
(Lacht) So wie ich die «Weltwoche» behandle, was soll die auch Anderes über mich schreiben? Eigentlich gehen die noch relativ pfleglich mit mir um, dafür was ich schon alles über die «Weltwoche» gesagt habe. Und so lange sich der Wolfram Knorr so wenig Mühe gibt beim Schreiben, macht es mir nicht sehr viel aus.
Wann zum letzten Mal geweint?
Als ich kürzlich jemanden verabschiedet habe.
Was ist Ihnen heilig?
Es gibt schon Sachen, die mir heilig sind. Aber ich bin ja Atheist und insofern gibt es für mich keine Heiligkeit. Aber es gibt Dinge in unsere Gesellschaft, etwa die Menschenrechte, dir mir sehr wichtig sind, überhaupt die ganzen Errungenschaften der Aufklärung, die heute so gern und schnell für und von Despoten ins Kamin geschrieben werden. Das wäre eine interessantere Wertediskussion als «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst». Mit solchen theologischen Aussagen habe ich Mühe und ich denke, ein «Globi»-Buch ist intellektuell herausfordernder als solche Sprüche.
Stellen Sie sich gelegentlich die Sinnfrage?
Ja. Was soll das, was wir, was ich auf der Welt mache? Diese Selbstzweifel kenne ich schon. Man muss dann aber unterscheiden können: Ist diese Frage im Moment gerade berechtigt oder habe ich einfach grad schlechte Laune und gehe besser ins Krafttraining und danach in den Apéro und alles ist wieder gut. Aber es gibt eben schon auch diese Momente, in denen das nichts nützt.
Oh, da haben wir durch das ganze Interview ein ziemlich hohes Reflexionsniveau erreicht. Na dann, auf geht's zur Schlussrunde – mit erhöhtem Fragetempo.
Traurig, dass Sie keine Kinder haben?
Ich habe es schon bedauert, aber heute lebe ich recht gut ohne Kinder.
Wie geht es Ihrer Freundin?
Sehr gut.
Ihre heimliche, büenzlige Seite?
Schulterblick und Blinken beim Rechtsabbiegen.
Macht es Spass, Mike Müller zu sein?
Es ist meine einzige Chance.
Wann waren Sie das letzte Mal so richtig schön betrunken?
Am 31. Dezember 2017.
Und noch eine Beichte, bitte: Ihre Erfahrungen mit Drogen?
Haben stattgefunden.
Sie sind 54. Die Hälfte Ihres Lebens ist wahrscheinlich vorbei ...
... bin ich nicht sicher.
Wenn es so wäre: Ein Problem für Sie?
Nein. Aber ich lebe verdammt gerne.
Haben Sie ein Testament?
Nein, aber ich sollte dringend eines machen.
Patientenverfügung?
Ja, ja, online und im Portemonnaie.
Sind Sie Mitglied bei einer Sterbeorganisation?
Ja, Exit.
Zum Schluss noch der grosse Talenttest: Schätzen Sie jetzt bitte, lieber Mike Müller, Ihr Talent von null Punkten, kein Talent, bis zehn Punkte, Supertalent, ein: Koch?
7.
Glückspilz?
7. Ich habe das Gefühl, dass grosse Schicksalsschläge an mir vorbeigingen. Das ist ein grosses Glück. Ich hatte in meinem Leben immer super Bedingungen. Ich sehe keinen Grund, einen dummen Latz zu haben. Ich konnte immer mit guten Leuten zusammenarbeiten. Insofern, ja, ja, Glückspilz.
Feminist?
Ja. 8.
Tür auf. Pressefrau kommt rein. Der Journalist hält zwei Finger hoch. Noch zwei Fragen. Sie, die Dame von der Presse, bleibt bei geöffneter Tür im Raum stehen, um ihrer Ansage Nachdruck zu verleihen. Der nächste Fragesteller wartet bereits. Endspurt!
Macho?
Da nehme ich eine Sex, weil es so schön tönt.
Schauspieler?
Das sage ich nicht. Der Schauspieler hat sich selber nicht zu beurteilen, dass sollen die Zuschauer tun.
Das Interview hat genau 31 Minuten und 27 Sekunden gedauert.
Das ist aber gut. Und – sind Sie durch?
Ich nicht, aber mit den Fragen.
Grinsender Mike Müller. Hahahahaaa.
Zur Person: Mike Müller
Mike Müller, 54, wuchs in der Region Olten auf. Nach dem Philosophiestudium spielte er in der freien Szene Theater, engagierte sich im Casinotheater Winterthur und war immer wieder Gast am Zürcher Schauspielhaus und am Theater Neumarkt. Dem grossen Publikum bekannt wurde er durch Fernsehauftritte, etwa in «Viktors Spätprogramm» und durch Kinofilme wie «Ernstfall in Havanna» oder «Mein Name ist Eugen». Von 2008 bis Ende 2016 bestritt er mit Viktor Giacobbo die Satiresendung «Giacobbo/Müller». Mike Müller lebt in Zürich.
Neues Stück: Am 5. April feiert Müller im Casinotheater Winterthur zusammen mit Viktor Giacobbo, Dominique Müller und Daniel Ziegler Premiere von «Giacobbo/Müller in Therapie». Für die Premiere und die weiteren Vorstellungen sind nur noch wenige Tickets erhältlich.Zurück zur Startseite