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Ist die Wasserknappheit in der Welt so dramatisch, wie man hört?
Max Maurer: Ja, sie ist dramatisch. Man schätzt, dass heute insgesamt zwei Milliarden Menschen unter Wasserknappheit leiden. Bis 2050 könnten es fünf Milliarden sein. Man muss unterscheiden zwischen dem Wassereinsatz in der Landwirtschaft und der eigentlichen Wasserversorgung der Menschen.
Wie steht es bezüglich Wasserversorgung?
Etwa 800 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu einer sicheren Wasserversorgung. 2,3 Milliarden haben keinen Zugang zu einer sicheren Abwasserentsorgung. Beides hängt eng zusammen. Eine sichere Wasserversorgung ist schwer zu gewährleisten, wenn es keine funktionierende Abwasserentsorgung gibt. Denn mit einer unsicheren Abwasserentsorgung verunreinigt man die Umwelt und damit die Wasserressourcen. Das verunmöglicht wiederum eine sichere Wasserversorgung.
In welchen Weltregionen ist Wasserknappheit besonders ein Problem?
In Kalifornien und anderen Teilen der USA zum Beispiel. Weiter in China, Indien, Südafrika und im Nahen Osten. Das Kriterium ist, dass weniger als 1000 Kubikmeter Regenwasser pro Person und Jahr zur Verfügung stehen. Das wirkt sich dann oft negativ auch auf die Lebensmittelproduktion aus.
Was sind die Ursachen der Wasserknappheit?
In der Landwirtschaft ist es einfach: Es gibt mehr Menschen, die mehr Nahrungsmittel brauchen, was einen grösseren Bedarf an Land und Wasser mit sich bringt. Bei der eigentlichen Wasserversorgung ist es komplexer. Hier ist es vor allem eine Planungs- und Organisationsfrage, dass genügend Wasser zur Verfügung steht.
Konkret?
Es braucht zum einen relativ wenig Umweltverschmutzung, bis grosse Wasserressourcen beeinträchtigt sind. Zudem erhöht sich mit steigendem Lebensstandard oft auch der Wasserbedarf pro Kopf, was sich bei wachsender Bevölkerung drastisch auswirken kann. Auch scheitert eine ausreichende Wasserversorgung oft an maroder Infrastruktur. Wenn der Wasserverlust 50 Prozent beträgt, muss doppelt so viel Wasser für die Versorgung organisiert werden. Weiter liegt es an veralteten Konzepten. Es ist zum Beispiel nicht nötig, 300 bis 500 Liter pro Tag und Kopf in eine Stadt zu lenken. Durch Wasserrecycling kann man mit sehr viel weniger auskommen.
Ist die marode Infrastruktur nur in Entwicklungsländern ein Problem oder auch bei uns?
In der Schweiz wird die Infrastruktur in der Regel gut unterhalten. Ein gewisser Wasserverlust ist auch kein Problem, weil bei uns wegen regelmässiger Niederschläge genügend Wasser zur Verfügung steht. Global ist der Zustand unterschiedlich. In den Niederlanden etwa ist das Netz hervorragend, in Grossbritannien hingegen nur mässig.
Wie kann man der Wasserknappheit begegnen?
Grundsätzlich kann man mehr Wasser organisieren oder den Wasserverbrauch senken. Einfach mehr Wasser zu organisieren, ist zwar ein beliebtes Konzept, aber langfristig das schlechteste. China baut hierfür Staudämme und an vielen Orten sorgen Entsalzungsanlagen für mehr Wasser. Das bringt zwar mehr Wasser, ist aber wahnsinnig teuer und energieaufwendig. Günstiger ist es, weniger Wasser zu nutzen. Man kann die Bevölkerung ermahnen, sparsam mit Wasser umzugehen, wie das in Australien funktioniert hat. Es ist möglich, mit deutlich weniger als 10 Litern pro Person und Tag auszukommen. In der Schweiz liegt der tägliche Pro-Kopf-Verbrauch bei gut 140 Litern. Auch die Wiederaufbereitung von genutztem Wasser ist zunehmend eine Option. In Kalifornien etwa gibt es tolle Recyclingprogramme. Billig ist das allerdings nicht.
Sind Privatisierungen eine gute Idee?
Da ist die Frage, was man damit genau meint. In der Schweiz ist ein grosser Teil der Versorgung privatwirtschaftlich organisiert, zum Beispiel Planung und Bau. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass eine privat betriebene Wasserversorgung schlechter sein muss. Entscheidend ist die Frage, wem die Infrastruktur gehört. Ich finde, die Infrastruktur sollte der Öffentlichkeit gehören. Wir können uns zum Beispiel nicht leisten, dass die Wasserversorgung von Zürich bankrottgeht. Der Nachteil ist, dass in einem solchen monopolitischen System, in dem Gebühren verlangt werden, die Kunden und Kundinnen geschröpft werden können. Wenn man in der Schweiz sämtliche Infrastrukturen verzinsen würde, verdoppelten sich die Wasserpreise. Die Vollprivatisierung ist zwar sehr gewinnbringend, aber teuer für die Konsumenten.