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Architektur als "Scienza speculativa"
Zur Scamozzi-Ausstellung in Vicenza / von Werner Oechslin

Der nachfolgende Text entspricht der leicht gekürzten deutschen Fassung des Beitrages von Werner Oechslin im Katalog zur in Vicenza gezeigten Ausstellung zu Scamozzi wieder. Die vollständige deusche Fassung steht als PDF zum Download zur Verfügung (vgl. Literaturangabe am Schluss des Textes)
Die Bedeutung Scamozzis als Theoretiker wird bis heute häufig unterschätzt oder auch schlicht verkannt und geleugnet. Sie daran messen zu wollen, ob die "Idea" gesamthaft und in adäquater Weise aufgenommen und weiterverarbeitet worden ist, geht an der Wirklichkeit solcher Rezeptionsvorgänge vorbei, die meist selektiv und partiell verlaufen und mitunter von Missverständnissen und willkürlichen Veränderungen und Eingriffen geprägt sind. So besehen ist es höchst bemerkenswert, dass Scamozzis konkreter Einfluss trotz des sehr hohen theoretischen und zuweilen philosophischen Anspruchs bis in die Praxis hinein - notabene über das in ein klassisches 'Säulenbuch' verwandelte Libro VI. - nachvollziehbar und belegbar ist. Jener 'holländische Klassizismus', der sich im 17.Jahrhundert als weitgehend verbindliche Form repräsentativer Architektur - verbunden insbesondere mit dem Werk des wegen seines "overtreflijk verstandt" gelobten Jacob van Campens - durchsetzte, ist wesentlich auf das venezianische Modell, mithin auf die Stiche der "Idea" Scamozzis zurückzuführen. Dort hat sich, dem Vorbild Venedig direkt an die Seite gestellt, mit dem Amsterdamer Rathaus "een Steen-rotz in Zee" stilbildend in Szene gesetzt. Wo sonst wenn nicht hier und im holländischen 'Klassizismus' hat sich die 'Architektur eines Buches' - Palladio miteingeschlossen - so unmittelbar und verlässlich in Architektur umgesetzt? Auch die andere Tatsache steht unbestreitbar zu Buche: Scamozzi ist als letzter der erlesenen Gruppe 'klassischer', normsetzender Architekturtheoretiker hinzugesellt worden, auf deren Grundlage der bis zur Schwelle der Moderne über die Säulenordnungen bestimmte gültige Kanon der Architekturtheorie erstellt wurde.
Dass trotzdem im allgemeinen Urteil die Bedeutung der Theorie Scamozzis offensichtlich unterschätzt bleibt, hat einen doppelten Grund. Zum einen sind die alten, spätestens seit Milizia weitverbreiteten negativen Vorurteile weiterhin wirksam. Zum andern sind die Schwierigkeiten bei der Bewältigung des umfassenden und gleichwohl nicht vollendeten Werkes der "Idea" unbestreitbar. Die Komplexität und die Fülle, die Gelehrsamkeit und der grosse Umfang entmutigen den "eiligen Leser", der unter den Adepten der Architekturtheorie schon immer den Ton angab.
"Liber quem vides magnae scientiae medulla est."
L. Pignoria zu Scamozzis "Idea della Architettura Universalis", 1615.
Die hohe Wertschätzung, die dem jungen Scamozzi bereits 1584 anlässlich der Publikation des "Indice copiosissimo" zur Serlio-Ausgabe zuteil wurde, steht im Zeichen seiner umfassenden intellektuellen Befähigungen, der "grandezza del suo divinissimo intelletto". Das prädestiniert ihn zum Theoretiker, nährt aber von Anfang an Zweifel, ob andere ihm dabei folgen können. Und gerade damit verbindet sich der spätere Argwohn, ja die offene Kritik an Scamozzis Selbstüberschätzung: "d'être aveuglé par la vanité sur la nature propre de son mérite". Der solches schreibt, ist nun keineswegs einer jener ungeduldigen, "eiligen Leser", sondern Quatremère de Quincy, der sich wie kein zweiter mit dem gesamten architekturtheoretischen Schrifttum in der vitruvianischen Tradition befasst hat und es bereichert und neugeordnet weiter vermittelt. Er ist es, der jenes Vorurteil festigt, das dann mit Worten wie "une ambition trop ardente" und "une activité démesurée" deutlich negativ charakterisiert erscheint. Seine Quelle ist diesbezüglich Milizia, der sich - jeder barocken Rhetorik abhold - am Duktus der Grabesinschrift Scamozzis in S.Lorenzo stiess und dies kommentierte: "non vi è cosa più bugiarda d'un Epitaffio".
Zu viele Argumente haben sich so im Laufe der Zeit gegen Scamozzi und seine intellektuellen Ansprüche und Leistungen angesammelt und aufgetürmt. Man wollte weder deren grundsätzliche Ausrichtung, noch deren Einbettung in die damalige, universalistisch ausgerichtete Zeit - letzteres im Rahmen gegenreformatorischer Zielsetzungen - begreifen, nachdem zwischenzeitlich die Académie Royale de l'Architecture die Kurssetzung einer einschlägigen, sich selbst genügenden Architekturtheorie nachhaltig bestimmt hatte. Dieses engere, innerarchitektonische Theorieverständnis konnte mit den geistigen Ausschweifungen Scamozzis - und seiner Zeit - nichts mehr anfangen. Das geradezu unbegrenzte "per via della speculatione", mit dem Scamozzi allgemein theoretische und theoriebildende Tätigkeit beschreibt, war längst durch den Zwang einer normativ ausgerichteten, spezifisch architektonischen 'Wissenschaft' ersetzt worden. Diese normative, ein verbindliches Regelwerk anstrebende Architekturtheorie ist dann zum Kern einer 'klassischen' Architekturauffassung geworden, der man dann umgekehrt auch Scamozzis - herausgelöste - "Säulenlehre" subsumiert hat.
Selbst als man in der Frühgeschichte der französischen Architekturakademie die Grenzen einer solchen, auf der Autorität der 'klassischen Autoren' - unter ihnen Scamozzi! - aufgebauten, ausschliesslich 'nomothetischen' Wissenschaft der Architektur erkannte, liess man gleichwohl von diesem Modell und von diesem Kurs einer 'klassischen', an der 'Doktrin' Vitruvs orientierten Architekturtheorie nicht ab. Man hatte schon in einer der ersten Sitzungen der neugegründeten Akademie, am 4. Februar 1672, die "principale authorité" Vitruvs festgestellt und deren Verbindlichkeit bestärkt ("à suivre sans s'en départir"). Man hatte eine Woche später in Palladio die erste Autorität unter den modernen Architekten erkannt und gleichentags die nächstfolgende Beurteilung angesagt: "on jugera de quel poids doit estre l'authorité de Scamozzi". Am 18.Februar 1672 wurde diesbezüglich eingeräumt, Scamozzis Proportionierungen wären "beaucoup plus ingénieuses", ihm aber gleichwohl - Palladio nachgeordnet - "le second rang entre les modernes" zugewiesen. Trotzdem sollte gleichwertig auch für Scamozzis Theorie gelten: grundsätzliches Befolgen, genauere Überprüfung von Fall zu Fall.
Mit jener detaillierteren Analyse von Scamozzis "Idea" begannen die Akademiker am 28.September 1676, nachdem sie zuvor ausführlichst Palladio und danach Vitruv in der Übersetzung Perraults gelesen hatten. Nur gerade zwei Sitzungen dauerte die Lektüre Scamozzis. Man las das Proemium und die ersten beiden Kapitel des ersten Buches und fand nichts, was besonderer Beobachtung wert war ausser der Kritik, die Scamozzi wegen Rückständigkeit auch gegenüber der französischen Architektur richtetete. Die Reaktion folgte prompt. Man setzte die Lektüre Scamozzis ab und begann mit derjenigen Philibert Delormes. Die Begründung wiederholt, was bezüglich des Textes Vitruvs und der bei Jean Martin noch keineswegs überwundenden "oscurità" schon einmal als Kriterium bemüht worden war, Verständlichkeit: "... on a trouvé à propos de quitter la lecture de Scamozzi, jusqu'à ce qu'il soit traduit en françois...". Nur war man diesbezüglich weniger gut vorbereitet als im Falle der durch Perrault unternommenen Vitruvübersetzung. Am 21.April 1677 ist so zwar nochmals von Manuskripten und Bitten um Übersetzung von weiteren Teilen der "Idea" Scamozzis die Rede. Doch das scheint sich alles im Rahmen dessen zu bewegen, was sich noch deutlicher in der Editionsgeschichte der "Idea" zwischen blossen Tafelreproduktionen und partieller Textedition abzeichnet. Das ambitiöse, nicht vollendete Unternehmen Scamozzis scheitert zum zweiten Mal wegen Umfang und zu hohem inhaltlichem Anspruch.
"Oscurità" - ein vorerst Vitruv zugedachter Topos - und Gelehrsamkeit werden in einen Topf geworfen. Es zeichnet sich je länger je deutlicher ab, dass das Interesse an einer fundierten Wissenschaft der Architektur zugunsten eines praxisorientierten Regelwerkes aufgegeben wird. Von nun an ist 'Theorie der Praxis' das Kennzeichen verbindlicher theoretischer Beschäftigung mit der Architektur. Man wandte sich deshalb auch in der Blondelschen Akademie zunehmend den aktuelleren, zeitgenössischeren Bauten zu und beliess die Autoritäten als das, was sie waren: Autoritäten! Das Paradox liegt darin, dass mit dieser Praxisorientierung jene Autoritäten nicht aufgeweicht, sondern viel eher bestärkt wurden. Trotz aller Einwände und Relativierungen hat sich der 'klassisch' orientierte mainstream der Architekturtheorie durchgesetzt. Daran konnte auch Perrault nichts ändern, dessen Angriff auf Blondel im übrigen ja nur Korrekturen, mehr Flexibilität innerhalb der klassischen Norm forderte.
All dies bleibt sehr viel enger und präziser als Scamozzis Definition der Architektur als "Scienza speculativa", bei der er sich - für spätere Verhältnisse ungewohnt oder gar provokativ - auf Aritoteles' Metaphysik beruft. Für eine enge architekturimmanente Betrachtung der Theorie bleibt offensichtlich das Zusammenführen von Aristoteles, Plato und Vitruv anstössig und unverständlich - bis heute! Milizia und davon abhängig Quatremère de Quincy war es ein Greuel und konnte nur als intellektuelle Überheblichkeit gedeutet werden. Oder eben: die klassizistische, akademische Enge erwies sich schon immer eingeschränkter als die vorurteilslose philosophische Betrachtung der Architektur, die sich Scamozzi - aus dem Blickwinkel seiner Zeit - vorgenommen hatte.
"Perchè tutte le scientie, e parimente le belle Arti vengono lodate, comendate, e tenute in sommo pregio, & honore: ò per la speculatione, e certezza delle dimostrationi, che eccellentemente contengono, ò per la nobiltà del soggetto, che trattano: overo come vogliono i savi, per l'uso delle quali vengono a governarsi l'attioni de gli huomini, & anco da ammministrarsi le Republiche, & i Regni: ò finalmente da comodi. che da esse prevengono...". [Scamozzi, Idea, I, capo I., S. 5.]
"Essendo vero, come fu detto, che l'Architettura sia Scienza speculativa; dunque concluderemo...". [Scamozzi, Idea, I, capo III., S. 11.]
Dies bedarf einer kurzen Begleitung und Erklärung. Der Begriff der 'Spekulation', bei Scamozzi der Charakterisierung einer Wissenschaft der Architektur unmittelbar zugeführt, hat bei seinem (Teil-)Übersetzer d'Aviler längst eine negative Deutung erhalten. Den "spéculateurs" schiebt er das "pure spéculation" hinterher und beschreibt damit all das, was über das unmittelbar nützliche, das akademisch sanktionierte theoretische Wissen der Architektur hinausreicht. Was das konkret beinhaltet, hat er in seiner 'Scamozzi-Ausgabe' in rigoroser Einschränkung auf die die reine Säulenlehre beinhaltenden Teile selbst konkret vorgeführt. Er folgt damit dem Kurs der französischen Akademie und bestimmt andererseits den weiteren, massiv eingeschränkten Umgang mit der "Idea della Architettura Universale". Diese hat mittlerweile längst ihren 'universalen' Titel eingebüsst und ist - allen anderen Traktaten angeglichen - zur blossen Säulenlehre verkommen. 1685 erscheinen bei Jean Baptiste Coignard, "Imprimeur du Roy", "Les Cinq Ordres d'Architecture de Vincent Scamozzi, Vicentin... Tirez du sixième Livre de son Idée generale d'architecture: Avec les Planches Originales. Par Augustin Charles d'Aviler". Ein moderner 'Scamozzi'! Und doch irritiert die Tatsache, dass Scamozzi zum einen in den Kanon der regelsetzenden Theoretiker aufgenommen ist, dass aber zum andern sein Lehrgebäude nur sehr partiell beachtet, de facto aber missachtet wird.
Der verbindliche Text der französischen Architekturlehre, François Blondels "Cours d'architecture" bezeichnet 1675 schon im Titel, in welcher Art Architekturtheorie nunmehr aufgebaut sein würde, um den - von Colbert und seinen kulturpolitischen Ambitionen bestimmten! - Zielen der Akademie genügen zu können. Zum einen wird unmissverständlich die Säulenlehre - genauer: die Verknüpfung der allgemeineren Fragen der "Origine et Principes d'Architecture" mit der "Pratique des cinq Ordres" - als Inbegriff einer Theorie der Architektur ausgegeben. Zum andern sind es eben die Autoritäten, die das garantieren sollen: "suivant la doctrine de Vitruve & de ses principaux Sectateurs, & suivant celle des plus habiles Architectures qui ayent écrit entre les Modernes, qui sont Vignola, Palladio & Scamozzi".
Scamozzi ist also in die Gruppe der verbindlichen theoriesetzenden Autoren aufgenommen: trotz des latenten Unverständnisses gegenüber seinem wirklichen Anliegen, das eben sehr viel umfassender, philosophiosch und universal geprägt ist und eine Wissenschaft zur gesamten Architektur ausbreiten möchte. Blondels instrumentierte Architekturlehre ist dagegen aufs engste mit den Ausbildungszielen der Akademie und diese mit kulturpolitischen Zielsetzungen verbunden. Akademien seien seit jeher, so Blondel, Orte, an denen "d'un même esprit" an der Perfektionierung einer Kunst ("à le perfectionner") gearbeitet würde. Von daher wird auf die Notwendigkeit einer 'Reinigung' geschlossen, was, so scheint es, ganz modern und unvermeidlicherweise mit Reduktion einhergeht. Auch die Deutschen "ont utilement travaillé pour purger leur langue" wird gleich in der Préface - mit Hinweis auf die Tätigkeit der 'Fruchtbringenden Gesellschaft' - festgestellt. Reinigung, Reduktion, Herstellung eines Regelwerks! Die Akademie ist der Ort, "où sa Majesté a voulu que les regles les plus justes & les plus correctes de l'Architecture fussent publiquement enseignées deux jours de chaque semaine". Autorität und Regelwerk finden also zu idealer Symbiose. Von hier aus - und eben nicht 'hermeneutisch' aus dem jeweiligen Zusammenhang heraus - wird das Gegebene, werden Vitruv und seine modernen Nachfolger beurteilt. Auch diesbezüglich fällt François Blondel das für lange Zeit verbindliches Urteil. Gilt für Vignola, dass an seiner Festlegung der Ordnungen kaum etwas zu korrigieren sei, bedürfen Palladio und Scamozzi der Korrektur. "Ie n'ay rien changé dans l'ordre que Vignole a tenu pour ses mesures particulières, mais pour celles de Palladio & de Scamozzi.... j'ay crû qu'il seroit mieux..." : Palladio und Scamozzi werden also mit einigen Korrekturen einer (noch) engeren Normsetzung - auch bezüglich der Säulenlehre - unterworfen. Diesbezüglich liest man zu Scamozzi: "La plus grande peine que j'ay euë a été dans la reduction de celle de Scamozzi; Car cet Architecte produit une maniere de supputation fort extraordinaire pour mesurer les parties de ses Ordonnances, & qui, pour être trop sçavante, n'est nullement commode pour la pratique."
Anders gesagt: Scamozzi hat nun zwar die Anerkennung als 'Autorität' in Sachen Säulenlehre gefunden, die sich wie jene Vignolas und Palladios auf "l'approbation la plus universelle" stützt; doch andererseits gereicht ihm auch hier die zu grosse und deshalb nicht vermittelbare Gelehrsamkeit zum Vorwurf.
Insofern überrascht es umsomehr, dass Scamozzi - stets in dem von Blondel und der Akademie vorgezeichneten Rahmen einer engeren architekturtheoretischen Doktrin - soviel Aufmerksamkeit zugewendet wird. Die Radikalkur, mit der d'Aviler 1685 - also noch bevor er 1691 gerade umgekehrt aus der konzisen "Regola" Vignolas durch endlose Zutaten ein umfassendes Architekturbuch schafft - aus der Rückbildung der "Idea della Architettura Universale" ein 'korrektes' Säulenbuch herstellt, bedient sich analoger Begründung und Rechtfertigung. Auch die Reihenfolge der Argumente ist aufschlussreich: "La rencontre qu'on a faite des planches originales, a donné lieu à ce dessein: comme on n'avoit encore rien vu de ce Livre en nostre Langue, on a crû que nos Architectes n'auroient pas desagreable de voir traduit en françois celuy qui leur manquoit des trois Architectes qui tiennent le premier rang pour la doctrine des Ordres entre les Modernes." Wie so häufig, ein editorischer Vorwand! Es sind die sich in ihrer Qualität - der Auszeichnung mit Hilfslinien, Massangaben - von den üblichen Darstellungen der Säulenordnungen abhebenden Tafeln, die ganz offensichtlich als für die Diskussion der Säulenlehre unverzichtbar eingeschätzt werden. So wurden sie - nämlich als Tafelwerk - erstmals ausserhalb Italiens publiziert. Dem der Originalausgabe entlehnten Frontispiz der "Grontregulen der Bow-Const. oste, De Vytnementheyt van de Vyf Orders der Architectura van Vincent Scamozzi" folgen demnach von Dancker Dackerts 1661 zurechtgerückt 39 Stiche, denen knappe Bildlegenden von Jochen Schuym vorangesetzt sind. So - mit minimalen Textergänzungen ausgestattet - lässt sich dieser 'Scamozzi' mit wenig Aufwand für den deutschen Markt aufbereiten. Der 1665 hinzugesetzte Titel lautet dann "Die Grund-regeln Der Bau-Kunst: Das ist, Erklärung der fünff Ordnungen im Bau-wesen, Durch Vincentz Schamozzi....". Was d'Aviler danach unternimmt, was Julius Dankerts verlegerisch vorkehrt oder was in Deutschland der Nürnberger Verleger Johann Hoffmann in die Wege leitet, ist im Grunde genommen ein neuerliches 'Auffüllen' und Ergänzen des Stichwerkes mit originalen oder anderweitigen Texten von oder nach Scamozzi. Entsprechend gewunden sind die zugefügten Erklärungen und Entschuldigungen. Dahinter steht so oder anders die Absicht, die Säulenlehre aus dem Ganzen heraus zu destillieren. Bei d'Aviler ist gerade noch die Sorge spürbar, etwas vom originalen Duktus der Argumentation Scamozzis zu retten: "Par cette raison l'on n'a pas jugé à propos de traduire tout entier ce sixième Livre, qui contient les Ordres, ny aussi d'en extraire seulement le sens, & faire d'autres discours, parce que si d'un costé on a voulu éviter la proxilité, de l'autre on n'a voulu rien mettre que ce qu'a dit Scamozzi." Ohne Umschweife und geradezu bissig kommentiert Quatremère de Quincy die seither obligate Operation: "en séparant cette partie vraiment classique, de ce volumineux amas de notions dont personne ne soutiendroit aujourd'hui la lecture."
Als 1764 bei Jombert in Paris im Rahmen einer Edition der wichtigsten Schriften der Architekturtheorie auch die - schon im Titel auf die holländische Ausgabe von 1713 bezogenen - "Oeuvres d'Architecture" Scamozzis erschienen, ist dort diese, jüngere Editionsgeschichte erstmals zusammengefasst. Dort heisst es, niemand zweifle an der hohen Bedeutung Scamozzis, an seinem "rang distingué". Schliessslich hätte selbst "le grand Blondel" ihn in die Liste der Autoritäten gesetzt. Und zu diesen "meilleurs Auteurs classiques" würde er auch gehören. Ansonsten gilt weiterhin: "il seroit difficile de trouver des Lecteurs qui eussent assez de patience & de loisir pour n'être pas rebutés des répétitions ennuyeuses, des digressions fréquentes & de toutes les autres choses superflues qui grossissent inutilement son Livre." Das Urteil hat sich festgesetzt.
In Deutschland, wo die Wissenschaft der Architektur - ungleich zur Situation in Italien und insbesondere in Frankreich, wo sich die Autonomie der Künste längst durchgesetzt und in den Akademien ihren institutionellen Rahmen gefunden hat - den 'mathematischen Wissenschaften' eingegliedert bleibt, stellt sich eine nur graduell verschiedene Situation dar. Man bemüht sich wenigstens, etwas umfassender Scamozzi gerecht zu werden. Der Nürnberger Kunst- und Buchhändler Johann Hoffmann versucht sich also um ein deutsches 'corpus' der Lehre Scamozzis und beschreibt das im Titel: "Alles aus dem Italiänischen selbsten mit grossem Fleiss genommen, und, wo in demselben Druck-Fehler, deren eine grosse Menge mit grosser Undeutlichkeit gefunden werden, überall nach dem wahren Verstande geändert, denn mit der Holländischen Übersetzung verglichen, und mit gäntzlicher Verwerffung derselben, als welche mit unzehlichen Haupt-Fehlern angefüllet, von allen solchen Fehlern gesaubert, erkläret, und den Liebhabern dieses edlen Stückes der Mathematique zum besten in öffentlichen Druck gegeben."xxxiii Was hier, 1678 erstmals gedruckt und 1697 neuaufgelegt wurde, ist gleichwohl 'bloss' die deutsche Version der aus dem sechsten und dem dritten Buch Scamozzis extrahierten Säulenlehre, der dann die Tafeln mitsamt den teils holländischen, teils italienisch verfassten und deutsch ergänzten Legenden hinzugegeben sind.
Längst ist die Verwirrung ob der verlegerischen Zufälligkeiten und Willkür evident. Der Weg zurück zu Scamozzis "Idea" und dem, was sich dahinter wirklich verbirgt, bleibt versperrt.
"Celui qui n'en a que la spéculation, n'est que le fantôme d'un philosophe...". [de Jaucourt, article 'spéculation', in: Diderot/d'Alembert: Encyclopédie, XV, 1765.]
"Ille in idea Architecturae...". [F. X. Mannhart, Bibliothea Domestica..., V, 1762.]
Was also haben all diese Autoren und deren Nachfolger bis heute bei Scamozzis übersehen? Was versteckt sich umgekehrt hinter der 'Idee' Scamozzis, was meint in seinem Sinne 'Spekulation'? Im französischen Verständnis, wie dies der Chevalier de Jaucourt 1765 in der "Encyclopédie" Diderot und d'Alemberts umschreibt, meint 'Spekulation' längst das blosse, der Praxis enthobene 'Spekulieren': "Ce mot s'oppose à pratique." Somit ist es für sich allein genommen unnötig und überflüssig: "Celui qui n'en a que la spéculation, n'est que le fantôme d'un philosophe, d'un homme vertueux, religieus, moraliste." Spekulation hat so besehen mit Philosophie im engeren Sinn gar nichts zu tun; sie ist allenfalls dort zugelassen, wo sie im Bereich der Physik dem Experiment zugeordnet ist.
Das ist nun das genaue Gegenteil von dem, was Scamozzi grundsätzlich zur Spekulation als einer Grundfunktion wissenschaftlichen Tuns aussagt. Gleich im ersten Satz des ersten Kapitels (I,I) der "Idea", wird "speculatione" parallel oder gar synonym zur "certezza delle dimostrationi" verwendet. Und später definiert Scamozzi die Architektur als "Scienza speculativa" (I,III). Was sich damit verbindet, hat Scamozzi im 'Proemio' in grundsätzlicher Absicht vorangestellt. Er stellt die architektonisch-wissenschaftliche Spekulation in den zugehörigen philosophischen Rahmen. "Scientie sono indagatrici delle cause di tutte le cose divine, & humane." Und von diesen "scientie" sind einige "speculative, pure, e semplici". Scamozzi bezieht dies auf die "Filosofia sopranaturale, che i greci chiamano Metafisica". Und es ist klar, dass er auf diesem Hintergrund - der Metaphysik Aristoteles' - die Spekulation auf die Zielsetzung der Metaphysik bezieht, der es natürlich nicht vordergründig um eine Nutzanwendung, sondern um das Wissen 'des Wissens willen' geht: "Wenn sie daher philosophierten, um der Unwissenheit zu entgehen, so suchten sie das Erkennen offenbar des Wissens wegen, nicht um irgendeines Nutzens willen."
Was de Jaucourt in der "Encyclopédie" Anlass war, um von einem 'Phantom' zu reden, ist hier ganz im Einklang mit den ersten Erörterungen der aristotelischen Metaphysik Bedingung dieses von Natur aus erstrebten Wissens. Dass Scamozzi damit, nämlich mit der Zuordnung der Architektur zur 'Spekulation', mithin zur höchsten Form der Wissenschaft, in bester humanistischer Tradition argumentiert, wird spätestens dann klar, wenn man die grundsätzlichen Erwägungen des 'Proemio' etwa mit den entsprechenden Überlegungen Daniele Barbaros in dessen 'Proemio' zu seiner Vitruvübersetzung vergleicht. Auch dort geht es um den Wahrheitsgehalt wissenschaftlicher Erkenntnis, um die diesbezügliche Privilegierung der Architektur (bei Barbaro deutlicher über den Anteil an den quasi-göttlichen Erkenntnismöglichkeiten der Mathematik demonstriert) und um die Schwierigkeiten, die sich aus der Überlappung mit der Welt der Erfahrungen - auch dies in Analogie zu den ersten Überlegungen in Aristoteles' Metaphysik - ergeben. Was bei Vitruv zu Beginn an 'Hilfswissenschaften' aufgelistet wird, die für den Architekten unabdingbar sind, erfährt bei Scamozzi unter Verweis auf Aristoteles' Metaphysik und Physik, auf 'de Anima' und die Ethik, auf Plato und - weil der knappe Ausspruch des "Ars natura adiuvat" passt - auch auf Andrea Alciatis Emblembuch, seine grundsätzliche, wissenschaftsimmanente Begründung. Gerade letzteres lässt erahnen, wie stark Scamozzi in den Denkformen seiner Zeit verwurzelt ist, die neben den argumentativ eingesetzten philosophischen Belegen auch den knappen Sinnspruch einsetzen. So endet Scamozzi auch sein 'Proemio' mit Vergil ("Exercitatio potest omnia") und Homer ("Aetate prudentiores reddimur"). Letzteres bezieht er auf sein eigenes Werk, das mit seinen zehn Büchern sichtbar Vitruv, aber noch viel deutlicher Alberti nachgeformt ist und "un corpo intiero" bilden sollte. Auch dies, der ganzheitliche und eben nicht nur der umfassend systematische Aspekt ist hier - auf der Basis philosophischer Grundlegung - ganz deutlich als verbindlicher Rahmen der "Idea" angezeigt.
Vergleicht man also de Jaucourts Definition der "spéculation" in der Enycyclopédie mit Scamozzis Auffassung, so wird der Kontrast deutlich. Ein riesiges Missverständnis hat sich zwischen ihn und die Nachwelt gestellt. Auch die sonst so 'wissenschaftstreue' deutsche architekturtheoretische Tradition sieht diesen eben nicht nur systematischen, sondern zutiefst philosophischen Zusammenhang kaum. Für den 'wissenschaftlich' - aber genauer eben: mathematisch - über allen Verdacht erhabenen Leonhard Christoph Sturm gilt bezogen auf seinen Vorgänger Nikolaus Goldmann das Lob der Synthese: "Also befleissiget er (Goldmann) sich, die Leichtigkeit des Vignolae, das Ansehen des Palladii, die genaus Ausmessung, samt der schönen Eintheilung des Scamozzis, gleichsam mit einander zu vermählen." Es ist jedoch der jesuitische Enzyklopädist F.X.Mannhart, der Goldmann zusammen mit Scamozzi in einen noch allgemeineren Rahmen stellen lässt und so die 'andere' Qualität der "Idea" doch noch einmal - gegen alle zeitgenössischen Miss- und Unverständnisse - herausstellt. Die hervorragenden Leistungen der beiden vergleicht er so: "ille (=Scamozzi) in idea Architecturae, hic (=Goldmann) in manductione perfecta ad Architectonicam Civilem". Der mathematisch orientierte Goldmann wird also einer 'Theorie der Praxis' zugewiesen, Scamozzi dagegen einer letztlich philosophisch, spekulativ (aber hier im positiven Sinne!) ausgerichteten Wissenschaft der Architektur. Nichts hat sich bei der Einschätzung geändert, ausser dass der Jesuit Mannhart Scamozzi wegen seiner philosophischen Spekulation eben nicht geringschätzt, sondern umgekehrt sehr hoch einstuft.
"Le Scientie sono indagatrici delle cause di tutte le cose divine, & humane...". [Scamozzi, Idea, Proemio.]
"Laonde da coteste autorità di Vitruvio, di Platone, di Aristotele, di Gemino, di Pappo, e d'altri molti, che non adducciamo, si vede, che l'Architettura indubitatamente, e Scientia speculativa, e precellente nelle dottrine, e nelle eruditioni, e tanto nobile, e singolare investigando le cause, e le ragioni delle cose a lei attinenti." [Scamozzi, Idea, I,I,1]
Mit dieser philosophischen Grundlegung verbindet sich auch die von Scamozzi schon im Titel seiner "Idea della Architettura Universale" beanspruchte Universalität.
Diese meint in erster Linie den zum Beispiel bei Scipio Gabrielli 1604 als "aurea mundi catena" beschriebenen inneren Zusammenhang, der durch die philosophische Betrachtung erkennbar wird. Als "Artes cum ex Philosophia sua principia recipiant, ut perfectae, & absolutae sequuntur eam...", wird dort der Rahmen beschrieben. Und welchen Stellenwert man damals der Metaphysik generell zuweist, ergibt sich aus der Formulierung. "Et licet Metaphysica omnia absolute consideret, tamen dicitur scientia de abstractis, seu de divinis; quoniam per ea potissimum contradistinguitur a caeteris scientijs, & eisdemmet supereminet." Mit solchen Überlegungen setzt auch Scamozzi in seinem Proemio ein, "incominciando alquanto più ad alto il ragionamento nostro", um so die Architektur letztlich im Rahmen der Wissenschaften und der Künste situieren zu können. Das wird dann mit der Feststellung quittiert, "che l'Architettura indubitatamente, e Scientia speculativa, e precellente nelle dottrine, e nelle eruditioni, e tanto nobile, e singulare investigando le cause, e le ragioni delle cose à lei attinenti." Der Beweis führt bei Scamozzi über die Belege "da coteste autorità" - an dieser Stelle "di Vitruvio, di Platone, di Aristotele, di Gemino, di Pappo, e d'altri molti che non adducciamo" - und über die Beanspruchung der wissenschaftlichen Kriterien der Beweisführung des "investigando le cause, e le ragioni delle cose a lei attinenti" mitsamt den zugehörigen "dimostrationi" auch für die Architektur.
Scamozzi stellt auf diese Weise den allgemeinen Rahmen her, wie das vor ihm Barbaro, seinerseits an der grundsätzlichen Bestimmung der Wissenschaft interessiert, vorgezeichnet hat ("il sapere non è altro che conoscere gli effetti per le proprie cause"). In seiner "Bibliotheca selecta" hat Antonio Possevino deshalb auch die Ausschliesslichkeit des vitruvianischen Vorbildes mit Blick auf Architekten wie Ammanati, Valeriani und Michelangelo ergänzt: "non omnino ex Vitruvio, sed ex ratione, ex observatione, optimoque veterum modo pendent." Längst ist die Betrachtung in den allgemeineren Rahmen von Kunst und Wissenschaft gestellt und dies wiederum mit der Autorität eines Barbaro und Alberti ausgestattet worden.
Für Scamozzi ist es zur Selbstverständlichkeit geworden, in einem Atemzug von "Aristotele, e Platone, e Vitruvio" zu reden und es ist auch klar, dass er alles zusammen in den Rahmen göttlicher Weisheit und Vorsehung stellt, wie das für seine - gegenreformatorische - Zeit und Umgebung verbindlich war. Es besteht kein Zweifel, dass Scamozzi seine Bildung aus diesen Quellen bezog. Zu dem umfassenden Schrifttum, das jene Bildungsauffassung in ihrer universalen Ausrichtung dokumentiert, gehört jener erste Teil der "Bibliotheca Selecta", den Possevino 1598 in Vicenza in einer gesonderten Ausgabe unter dem Titel "Coltura de gl'ingegni" erscheinen liess. Es geht darin umfassend um die "doni che ne gl'Ingegni dell'huomo ha posto Iddio". Diese Wissensgaben, deren Mannigfaltigkeit und deren Ausrichtungen ("inclinationi"), werden gemäss der Widmungsadresse von Mariano Lauretti als "Cosmo" ganzheitlich gefasst. Wer sich mit diesem Kosmos befasst entdeckt dessen ganzen Reichtum, der sich als ein nobles "teatro" darstellt und dem die "maraviglie chiuse nell'huomo" entsprechen. Der "intelletto" und der "ingegno" halten diesen Reichtum zusammen. Sie sind dem Menschen deshalb eingegeben, "per poter contemplare, & affaticarlo nelle speculazioni, che poi ne servono al l'operare con modi virtuosi".
Solcherlei sind die Voraussetzungen, deren der Mensch sich bedienen soll. Darüber steht im Zeichen von Wahrheit und Wissenschaft die Aussage: "le scienze vengono da Dio". Das nimmt Scamozzi auf, wenn er die auch für die Architektur notwendigen "intelletto, memoria, e volontà" als "dono singolare della Maestà d'Iddio" einführt. Das bildet den grösstmöglichen Umfang jeglichen wissenschaftlichen Tuns. Scamozzis "Idea" versichert sich nicht nur des universalen, philosophischen Hintergrunds. Er stellt dies in den noch universaleren Rahmen der Heilsgeschichte. Dort, wo er den griechischen Begriff des Architekten aus dem "Archos, che vuol dire Prencipe dell'edificare" ableitet, fügt er andererseits auch die Variante aus der Bibel hinzu: "Et implevi eum cum spiritu Dei, sapientia, & intelligentia, & scientia in omni opere ad excogitandum quicquid fabre fieri potest ex auro, & argento, & aere, marmore, & gemmis, & diversitate lignorum".lvii Genau so hatte ja auch Possevino die Architektur nicht nur aus Vitruv, sondern auch aus dem biblischen Tempel von Jerusalem abgeleitet ("num item ex Salomonici Templi quae olim extabat structura").
"...per poter contemplare, & affaticarlo nelle speculazioni, che poi ne servono al l'operare con modi virtuosi...". [Mariano Lauretti, in: Possevino, Coltura de gl'ingegni..., 1598.]
"...che egli nella sua Idea va speculando tutte le belle forme...". [Scamozzi, Idea, I,I,1.]
Was scheinbar in unendliche Höhen entschwindet, wird aber gerade von dort her wieder der Welt zugeführt. So wie Possevino aus dem Modell des salomonischen Tempels konkret die Grundlage architektonischer Betätigung herleiten will ("item ex Salomonici Templi structura petenda sit aedificandi ratio, quae sit omnium praestantissima"), so antwortet nun Scamozzi auf die im Titel des ersten Kapitels enthaltene Frage "che cosa sia architettura" ebendort: "che egli nella sua Idea va speculando tutte le belle forme". Nun ist man also jener späteren Bedeutung der 'spéculation' näher, die dies wenigstens im Hinblick auf das Experiment und den konkreten Bezug zur physikalischen Welt positiv bewertet. Scamozzi befindet sich diesbezüglich - und mit seiner Auffassung einer "scienza speculativa" - in bester philosophischer Tradition. Sie ist ganz im Gegensatz zur späteren Deutung in der Encyclopédie unmissverständlich auch auf die Praxis ausgerichtet. Mit dem "per via della speculatione" ist gemäss Scamozzi - in verallgemeinerter philosophischer Form und in der Nachfolge von Aristoteles' Physik und Metaphysik - der ganze Prozess der Formfindung grundsätzlich bezeichnet. Und er wird nun auch - auf der hier mit Strabo belegten Tatsache der Zuordnung der Architektur zu den mathematischen Wissenschaften - beschrieben und in architektonisch verbindliche Termini gesetzt: "L'Architettura si serve in astratto del numero, delle grandezze, delle forme, delle materie, de'motti naturali, degli artificiali, e delle altre parti per via della speculatione; e si serve ancora della quantitè discreta, della continova, e delle proportioni, e corrispondenze; in que'modi à punto, che fa il Mathematico, & il Fisico, e Metafisico." Eine grössere Nobilitierung der Architektur ist kaum denkbar! Scamozzi verbindet auf diese Weise die damals gängigen - wissenschaftlichen - Definitionen der Architektur mit den umfassenden Wissensdefinitionen der Philosophie. Und er tut dies nicht nur auf dem Weg blosser äusserer Zitate und Belege, sondern er verbindet die Argumente wie in der eben zitierten Definition der Architektur, die auf die Metaphysik und auf 'De Anima' zurückgreift, und der zudem wieder die Präzisierung gemäss Vitruv (I,I,3) hinzugefügt wird: "Significatur proposita res, de qua dicitur; hanc autem significat demonstratio rationibus doctrinarum explicata." Das setzte Vitruv im ersten Kapitel des ersten Buches gegen die Unwissenheit von Architekten ("sine litteris"). Scamozzi fügt dies mit den vorausgegangenen Wissenschaftsdefinitionen zusammen, indem er nun aus dem "per la speculatione, e certezza delle dimostrationi" (I,I) konkret das "significare" herauslöst und es der Deutung des Formprozesses zuführt. Das vitruvianische "ad propositum deformationis" (I,I,1) und das, was er später verstreut zur Zeichnung aussagt, wird so bei Scamozzi vorerst grundsätzlich mit der "parte dimostrativa" einer Wissenschaft, aber noch in der gleichen Zeile bezogen auf die konkrete Wissenschaftsform der Architektur mit "apportare in Disegno, overo in Modello" beschrieben.lxiv Grundsätzliche, philosophische Erwägungen und konkrete architektonische Problemstellungen fliessen in eins.
Wie das schon Daniele Barbaro vorgezeigt hat, gelingt es Scamozzi auf diese Weise, die bei Vitruv oft verstreut und zusammenhangslos gegebenen Begriffe - ergänzt um die philosophische Basis - in den 'vernünftigen' Zusammenhang zu setzen. Damit ist ohnehin einer Bedingung des 'Wissenschaftlichen' - gemäss Vitrvus "ratiocinatio" und dem von Scamozzi mit Plato belegten "cum ratione scientiam esse" - Genüge getan. Auf dieser Grundlage entstehen dann Definitionen, die bei genauerem Hinsehen in obigem Sinne durchdacht sind: "...il fine dell'Architetto è d'Inventare, e disegnare prima la forma dell'edificio, e disporre, e distribuire bene tutte le cose, con tal corrispondenza, & ordine; affine che rieschino con molta Vinustà, e Decoro; cosi nel tutto come nelle parti di esso...". Solcherlei umfassende Definitionen, die - modern - den gesamten Formfindungsprozess umfassen, sucht man in der späteren akademischen architekturtheoretischen Literatur vergebens. Dort wird solches vielleicht vorausgesetzt, aber die dahinter versteckte "speculatione", die Scamozzi mit seiner "Idea" verknüpft, sucht man vergebens. Man hat sich der philosophischen Grundlegung entledigt und aus Unverstand die entsprechenden Teile von Scamozzis "Idea" abgespart. Dort bleibt die 'Norm' in Form der Säulenordnung als Ersatz übrig. Allgemeinere Definitionen lauten dann - wie bei François Blondel - eher trivial als lapidar: "l'Architecture est l'Art de bâtir". Jene Positionen, die sich über diesen engen Kreis hinauswagen, sind auch später in der Architekturtheorie in Minderzahl geblieben. In Scamozzis Zeit ergibt sich der grössere Rahmen aus den verbindlichen Konzepten von Bildung und umfassender Gelehrsamkeit.
"... si dice Cosmo, nella nostra significante ornamento, che quanto più si và contemplando, tanto maggiormente le nobiltà sue vengono ad iscoprirsi molte, e poderose." Man muss lange warten, bis wieder ein Theoretiker der Architektur nicht nur die Enge der in sich festgefügten Säulenlehre überwindet, sondern zudem auch den ganzen weiten Kosmos an diese Stelle setzt. Jenen von Possevino hervorgehobenen Zusammenhang von "cosmo" und "ornamento" hat erst Gottfried Semper wieder neu entdeckt, der ähnlich wie Scamozzi wegen seiner ebenso umfassenden wie ausufernden Bücher, aber auch wegen seines (zu) hohen intellektuellen Anspruches systematisch missverstanden wurde. Er erkannte in jenem Doppelsinn - für die Bezeichnung des "Zierrathes" wie der "höchsten Naturgesetzlichkeit und Weltordnung" - den "Schlüssel hellenischer Welt- und Kunstanschauung." Einsicht in die entsprechende umfassende Bedeutung von Scamozzis "Idea" hatte man jedenfalls in der borromeischen Akademie in Mailand, wo man Scamozzis "Idea" 1622 als Preis aussetzte und "al sodetto Ferrario" als Anerkennung überliess
Literatur:
- Werner Oechslin. L’architettura come scienzia speculativa, in: Vincenzo Scamozzi 1548-1616. Architettura è scienzia (Ausst. Kat Vicenza 2003), S. 23ff.