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Auch bei andern Gelegenheiten trat er den landläufigen liberalen Ansichten und Forderungen mit keckem Übermut entgegen, indem
er die unabhängige Stellung des Königtums und die Freiwilligkeit seiner Zugeständnisse wahrte, sich gegen die Zulassung
von Juden zu öffentlichen Ämtern erklärte und dabei bekannte, daß er allerdings der von den Liberalen
als finster und mittelalterlich bezeichneten Richtung angehöre, dem großen Haufen, der noch an Vorurteilen klebe.
Den hierdurch erworbenen Ruf eines ultrakonservativen Junkers befestigte er noch durch sein Auftreten in der zweiten Session
des VereinigtenLandtags im April 1848, wo er, die Niederlage des preußischen
Königtums und der bisher
herrschenden Stände beklagend, gegen die vom Landtag beschlossene Dankadresse stimmte, und durch manche Äußerungen seines
Ingrimms gegen das damalige Treiben in Berlin, wie die, »daß die großen Städte als Herde der Revolutionen vom Erdboden vertilgt
werden müßten«. Er ward daher auch erst nach dem politischen Umschwung Ende 1848 in die Zweite
Kammer gewählt, welche 1849 zusammentrat.
Auch hier opponierte er sowohl den demokratischen als den nationaldeutschen Tendenzen. Die 1849 beschlossene Reichsverfassung
ließ nach seiner Meinung der Monarchie zu geringe Macht; wenn es sich nicht selbst gefährden wollte, müßte Preußen den
Deutschen befehlen, welches ihre Verfassung sein solle, und dazu sich erst durch Wiederherstellung eines
starken Königtums, innerer Eintracht und kräftiger Wehrfähigkeit tüchtig machen, bis dahin aber mit Österreich
[* 16] in Gemeinschaft
handeln. Er bekämpfte daher auch die Radowitzsche Unionspolitik im ErfurterParlament und verteidigte in der preußischen
Zweiten Kammer sogar die Olmützer Übereinkunft. Die Bildung einer starken königstreuen Partei war sein
Hauptziel, welches er auch durch Beteiligung an der »Kreuzzeitung« zu fördern
bemüht war.
Die Lage in Preußen war eine schwierige, denn der König wollte die Reorganisation der Armee nicht rückgängig machen, das
Abgeordnetenhaus protestierte gegen die definitive Durchführung derselben ohne Bewilligung der Mittel und wahrte sein Budgetrecht
durch Absetzung der Mehrkosten im Militärbudget. Bismarck übernahm die Aufgabe, die Reorganisation
zu sichern, und er hoffte es bei dem Abgeordnetenhaus dadurch zu erreichen, daß er in der Sitzung der Budgetkommission 30. Sept. sehr
versöhnlich auftrat und auf die Notwendigkeit einer starken Rüstung
[* 25] Preußens hinwies, da Deutschland nicht auf dessen Liberalismus,
sondern auf seine Macht sehe und die großen Fragen der Zeit nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse,
sondern durch Blut und Eisen
[* 26] entschieden würden.
Bismarck, der 8. Okt. zum Ministerpräsidenten und auswärtigen Minister ernannt wurde, verzichtete unter diesen Umständen auf jeden
weitern Versöhnungsversuch und beschloß, nachdem das Herrenhaus das Budget des Abgeordnetenhauses verworfen hatte, ohne Budget
zu regieren, den Widerstand des Landes aber dadurch zu überwinden, daß er die angekündigte deutsche Politik
auch ohne Unterstützung der Volksvertretung verwirklichte. Dem Abgeordnetenhaus trat er fortan mit rücksichtslos offener
Sprache
[* 28] entgegen und erregte namentlich einen Sturm der Entrüstung durch die Darlegung seiner Ansicht, daß das Haus, indem
es seinen Standpunkt einseitig festhalte und ein Kompromiß mit den andern gesetzgebenden Gewalten ablehne, einen Konflikt heraufbeschworen
habe, Konflikte aber zu Machtfragen würden und wer die Macht habe, dann in seinem Sinn vorgehe.
Aber mit dieser Aussicht auf die Erfüllung der 1849 gescheiterten Hoffnungen stieß er ebenso auf spöttischen Unglauben
wie mit seiner schleswig-holsteinischen Politik 1863-64, die auf einem meisterhaften Überblick der Sachlage, der schärfsten
Beurteilung der übrigen Mächte beruhte und durch den Erfolg glänzend gerechtfertigt ward, indessen
nicht gelingen konnte, wenn ihr Ziel vorzeitig verkündet wurde; daher ward sie auch von den preußischen Liberalen nicht verstanden
und gewürdigt und nicht zum Anlaß einer Versöhnung genommen.
Als der WienerFriede und die Zurückdrängung des Augustenburgers wenigstens in Preußen mehr und mehr die Überzeugung aufdämmern
ließen, daß Bismarck Preußens Machtstellung vortrefflich gewahrt habe, erneuerte die Vertagung des Konflikts
mit Österreich durch den GasteinerVertrag, den Bismarck, der Friedensliebe des Königs nachgebend, schloß, wofür er zum
Grafen erhoben wurde, wiederum das Mißtrauen gegen die auswärtige Politik der Regierung, und der Verfassungskampf brach 1866 mit
verschärfter Heftigkeit aus.