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Ein einfaches Beispiel: Ein Kind möchte keinen Broccoli zum Abendessen, sondern Schokolade. Die vernünftigen Eltern erwidern, dass das Gemüse gesünder sei. Sie sagen: «Zuerst isst du den Broccoli, dann bekommst du zum Dessert ein Stück Schokolade.» So weit, so klar. Wissen Kinder nicht, was gut für sie ist, entscheiden die Eltern. Zum Wohl des Kindes.
Leider ist es nicht immer so einfach wie in diesem Alltagsbeispiel. Gerade wenn die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde, kurz Kesb, involviert ist.
«Gefährliche und unzumutbare Zustände»
Natürlich, im Nachhinein würde er vieles anders machen, sagt Christian Kast heute. Dass die Kesb bei seiner Familie intervenierte, fand er anfangs gut. Er hoffte, die Kesb leiste sozusagen praktische Integrationshilfe, indem sie seiner Frau von offizieller Seite erklärt, was in der Schweiz erwartet wird von Eltern.
Seine Frau sollte verstehen, dass gewisse Dinge, die auf den Philippinen vielleicht normal sind, hier nicht gehen. Dass es zum Beispiel nicht in Ordnung ist, dass ein sechs- und ein zweijähriges Kind allein im Dorf und in der Nähe des Rheins unterwegs sind.
Die Kesb intervenierte allerdings anders, als Christian Kast es sich vorgestellt hatte. Sie klopfte nicht einfach mal auf den Tisch, sondern brachte die Kinder mittels superprovisorischer Verfügung ins Heim. Zum Wohl der Kinder. Im Behördendeutsch liest sich das so: «Ursächlich für die Unterbringung waren nebst der gesundheitlichen Situation von Margie Kast, welche die Betreuung von Alina und Queen Sebell nicht (mehr) verlässlich wahrnehmen konnte auch die vorherrschenden Zustände im Familienheim (zertrümmerte und herumliegende Haushaltsgegenstände sowie Spielsachen, angespannte Paarproblematik, häusliche Gewalt), die sich für junge Kinder gefährlich und unzumutbar zeigten.»
Philippinen einfach – zum Wohl der Kinder
Vor einer Rückkehr der Kinder sollte laut Kesb unter anderem sichergestellt sein, dass: «Margie Kast über längere Zeit psychisch und körperlich stabil ist.» Dass «Christian Kast regelmässig Beratungsgespräche bei der Anlaufstelle gegen häusliche Gewalt in Anspruch genommen hat.» Und dass: «Die Paarsituation geklärt und beständig ist.» Während Christian Kast sich kooperativ zeigte mit den Behörden, tat seine Frau das Gegenteil: Sie ging auf Konfrontationskurs.
Es liegt auf der Hand, dass die Rückkehr der Kinder unter diesen Umständen in weite Ferne rückte. Und so beschlossen die Kasts, das Recht in die eigenen Hände zu nehmen. Sie brachten die Kinder anlässlich eines Besuchstermins nicht wie abgemacht in einen Kletterpark, sondern zum Flughafen, wo sie mit ihrer Mutter in Richtung Philippinen abflogen. Zum Wohl der Kinder.
Keine einheitliche Definition
Besagtes Kindeswohl ist zum geflügelten Begriff geworden. Zur Maxime für Eltern, Gerichte und die Kesb. Was damit eigentlich gemeint ist, bleibt zuweilen trotzdem unklar. Das fängt schon damit an, dass eine einheitliche Definition fehlt. Die Schweiz blieb bei der Umsetzung der englischen Originalversion der UN-Kinderrechtskonvention nämlich unpräzise. In der Konvention ist vom «best interest of the child» die Rede. Der Gesetzgeber übersetzte das knapp mit: Kindeswohl. Aber auch wenn es eine einheitliche Definition gäbe, bliebe die Anwendung auf den Einzelfall sicher oft umstritten.
Was, wenn Alina in die Schweiz möchte?
Christian Kasts Tochter Alina wächst nicht in einem Heim, sondern auf den Philippinen auf. Bei ihrer Mutter und ihren Grosseltern. Im Moment scheint sie dort glücklich zu sein. Aber wird sie es bleiben? Christian Kast versucht, ihr eine berufliche Perspektive aufzubauen. Auf den Philippinen. Es könnte allerdings sein, dass sie ihr Leben nicht dort, sondern in der Schweiz verbringen will. Was dann? Irgendwann wird man sie fragen können, ob das alles zu ihrem Wohl gewesen ist.
Zum Autor
Simon Christen ist seit 2011 Redaktor bei «DOK» und «Reporter». Seine Filme widmen sich gesellschaftlichen und politischen Themen.
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«Arena/Reporter», Sonntag, 11. Juni 2017, 21.40 Uhr live auf SRF 1.