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Im Himmel über Bern
Gefäss:
Seit 1952 laufen die Restaurationsarbeiten am Berner Münster. Zurzeit wird die Turmspitze wieder in Stand gesetzt. Mit 100 Metern Höhe ist der Kirchturm der schweizweit höchste seiner Art.
Das spätgotische Berner Münster zählt zu den grossen Kirchenbauten der Schweiz. Nach dem Baubeginn 1421 brauchte man 150 Jahre um das Mittelschiff einzuwölben und damit zu vollenden. Die Turmspitze wurde, wie bei vielen romanischen und gotischen Kirchen Europas, erst im 19. Jahrhundert fertig gebaut. 115 Jahre später wird sie nun saniert.
Die Vollendung des Turmes geschah nach den Plänen von August Beyer aus Ulm, der auch für die Fertigstellung des Ulmer Münsterturms verantwortlich gezeichnet hatte, des höchsten Kirchturms der Welt. Um Bauausführung und Detailplanung kümmerte sich der Thuner Architekt August Müller. Zwei Jahre - 1889 bis 1891 – dauerte es, bis die Turmpfeiler-Fundamente und der an den Turm grenzenden Bogens im Inneren zu verstärkt waren. Danach wurde das erste Werkstück am Oktogon eingesetzt. Im November 1893 war der Turm fertig. Schliesslich führte man noch ein 45 Meter hohes, reich verziertes und filigran durchbrochenes Sandsteinwerk auf. Dies geschah alles ohne Elektrizität: sämtliche Werkstücke wurden von Hand mit Flaschenzügen hinauf transportiert. Die Mehrheit der Steinarbeiten führten Dutzende von Stein- und Bildhauern am Boden aus, die das ganze Jahr über arbeiteten – sommers 65 Stunden in der Woche.
16 Etagen in luftiger Höhe
Heute sind die Arbeiten am Turm nicht weniger aufwendig als einst: Die üblichen Fassadengerüste, die auf dem Boden gestellt werden, konnten hier nicht eingesetzt werden. Es bedurfte besonderer Studien und Massnahmen: Das Gerüst benötigte eine tragfähige Basis, welche die Lasten und Kräfte so auf das darunter liegende Oktogon des Turmes abträgt, dass dieses nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. Aus Sicherheitsgründen wurden praktisch keine Schweissarbeiten vorgenommen, die massive Stahl-Gerüstkonstruktion veschraubte man vor Ort. Dabei musste die sich nach oben verjüngende Form des Turms berücksichtigt werden.
Das Helmgerüst zählt 16 Etagen ist 32 Metern hoch. Auf die sonst üblichen Rückverankerungen, die mit Dübeln im zu sanierenden Bauwerk eingelassen werden, verzichetet man ebenfalls. Denn das kostbare Haustein-Quaderwerk des Helms sollte nicht beschädigt werden. Aus diesem Grund steht der obere Teil des Gerüstes frei und wird mit Spannseilen weit nach unten abgespannt. Dem Winddruck auf dieser Bauhöhe trägt man Rechnung, indem man anstatt der üblichen Kunststoffnetze den winddurchlässigeren Maschendraht verwendet.
Klappt alles nach Plan, wird das Gerüst noch vor Ende Oktober kann vom Oktogon entfernt. Anfang 2012 soll die Turmspitze wieder freigelegt werden. Die unteren Teile es Helms werden dann in zwei Jahren ausgerüstet.
Der Zahnarzt lässt grüssen
Laut Jürg Schweizer, Präsident des Münsterbaukollegiums, gleicht die Restaurierungsarbeit eher einer zahnärztlichen Behandlung als einem Fliessbandbetrieb. Die laufenden Arbeiten umfassen in erster Linie eine gründliche, schonende Reinigung der Steinoberflächen und eine sorgfältige Überprüfung des Helms auf Risse, Hohlstellen und offene Fugen. Fehlstellen werden mit Steinersatzmörtel oder neuem Stein repariert. Losgelöste Schalen werden hintergossen und die zahlreichen Risse ausgefugt. Verstärkungsmassnahmen im Innern verbessern die Stabilität des Helms. - Die meisten Schäden entstanden im Laufe der Zeit übrigens nicht auf der dem Wetter ausgesetzten Seite, sondern auf der schlecht austrocknenden Innen- und Rückseite des Steins.
Bis auf eine Höhe von 90 Metern besteht der Berner Münsterturm aus einer Skelettkonstruktion. Für die nötige Festigkeit und für das Auffangen des Seitenschubs sorgen durchbrochene Strebepfeiler im Innern sowie eiserne Ringanker und Zugstangen. Zudem wurde mit Blei ausgegossen, eiserne Sturmstangen sichern die Masswerke der Öffnungen, Eisendübel verklammern die Hauptpfeiler. Wie im Spätmittelalter wurde auch hier die Zierlichkeit und Eleganz der gotischen Skelettbauweise mit Hilfe von Eisen erzielt: In den obersten zehn Metern besteht der Helm aus ganzen Quadern, ist also massiv gebaut. Je höher der Helm ist, umso schlanker ist er.
500 Kilogramm Eisen sorgen für Stabilität
Um die einzelnen Steine zusammenzubinden und zu sichern, wurde senkrecht in der Mitte der Konstruktion eine 12 Meter lange Eisenstange als Armierung eingefügt und unten mit 500 Kilogramm beschwert. Diese sorgt dafür, dass die Turmspitze bei starkem Wind und bei Erdbeben nicht auseinander bricht oder umkippt. Wie wichtig dies ist, zeigte sich beim Erdbeben vom 25. Januar 1946 als mehrere Werkstücke rissen und mit eisernen Hilfskonstruktionen vor dem Absturz gesichert werden mussten. 1999 wurde diese Massnahme aus Sicherheitsgründen nochmals ergänzt. Der Zustand dieser Stange ist für die Sicherheit der Turmspitze ausschlaggebend. Sie wurde vor 115 Jahren im heute noch bestehenden Hammerwerk Worblaufen hergestellt und nicht verzinkt. Deshalb ist es wichtig, genau abzuklären ob sie korrodiert hat und ob sie die kommenden Jahrzehnte noch hält. Trotz intensiver Bemühungen ist es bis heute nicht gelungen, die Stange herauszuziehen. Möglicherweise hat sie sich durch Rostentwicklung verklemmt. Allenfalls müssen oberste Quader des Turmes für eine Sanierung abgetragen.
Bei einer solchen Restaurierung sind mehr oder weniger grosse Unbekannte und Überraschungen die Regel. Trotzdem ist die Berner Münster-Stiftung zuversichtlich, dass die Arbeiten termingerecht abgeschlossen werden können. (mai/mgt)