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Hochgebirgssport in Bolivia
= » » r. Von Arnold Heim
.'liüi Bildern ( Ili, 112Zürich ) In den südamerikanischen Ländern südlich des Äquators, die von dem gewaltigen Kettengebirge der Anden durchmessen werden, ist der Hochgebirgssport und der Skisport im besonderen sehr ungleich entwickelt.
Das bedeutendste Zentrum Argentiniens für Bergsteiger und Skifahrer ist Bariloche. Noch vor einigen Jahrzehnten ein elendes Dörfchen, ist es jetzt ein Kurort ersten Ranges mit Touristenhotels und einem Riesenluxushotel geworden. Die Lage an dem riesigen, weitverzweigten Lago Nahuelhuapi, 700 m über Meer, ist herrlich. Freilich hat das Landschaftsbild hier wie überall in Südamerika durch Brand und Entwaldung an Schönheit eingebüsst. Und obwohl die Gegend des Sees zum Nationalpark erklärt wurde, habe ich selbst gesehen, wie immer noch die Entwaldung weiterschreitet. Der höchste von Bariloche aus bestiegene Berg ist der dreiköpfige vergletscherte Tronador, 3470 m, ein alter, bis auf den Kern abgewitterter Vulkan mit granitenem Sockel. Er liegt bei 43° südlicher Breite. Sowohl von der argentinischen wie der chilenischen Seite kann der Gipfel mit Zwischenstationen in Klubhütten erreicht werden.
Einen zweiten Ausgangspunkt für Bergsport in Argentinien bietet die Stadt Mendoza am Ostfuss des Andengebirges, 10 Breitengrade ( 1100 km ) weiter nördlich, an der Transandinenbahn. Von hier gelangt man mit Eisenbahn oder auf der Autostrasse bis an den Fuss des höchsten Berges beider Amerika, den Aconcagua, 7040 m. Er liegt noch auf der argentinischen Seite der Wasserscheide. Auf der Landesgrenze mit Chile erhebt sich der Tupungato, 6700 m ( Messungen noch unsicher ). Er ist ein dem Kettengebirge aufgesetzter erloschener Vulkan, während der isolierte Kopf des Aconcagua, der formell etwas dem Tödi gleicht, ein von der Erosion herauspräpariertes Stück Faltengebirge darstellt. Denn nach, meinen Beobachtungen besteht er, wie der ihm nördlich benachbarte Mercedario ( 6700 m ) aus abwechselnden Lagen von alten Laven und marinen mesozoischen Sedimentgesteinen mit Ammoniten, die insgesamt von der Erdrindenstauung in der jüngeren Tertiärzeit ergriffen und aufgerichtet wurden. Seit der Erstbesteigung durch den schweizerischen Bergführer Mathias Zurbriggen ist der Aconcagua schon öfters bestiegen worden. Er hat aber auch schon zahlreiche Opfer gefordert, die meist bei Wetterumschlag und in Schneestürmen erfroren sind, so anfangs 1944 u.a. mein Freund Geologe Dr. W. Schiller. Da keine technischen Schwierigkeiten zu überwinden sind, hängt der Erfolg einer Besteigung wesentlich von zwei Faktoren ab: der Tüchtigkeit des Bergsteigers, vor allem was Herz und Lunge betrifft, und vom Wetterglück.
Auch in Chile blüht der Andinismus und Skisport. Ausgangspunkt ist die Hauptstadt Santiago. Neue Autostrassen und Klubhütten erleichtern den Zugang zu den Skifeldern. Im Süden wird Skisport von Osorno aus betrieben.
HOCHGEBIRGSSPORT IN BOLIVIA Am verblüffendsten aber ist das, was im nördlich anschliessenden, schon volltropischen Bolivia geleistet wurde und wird, während in Peru sich noch nichts von nationalem Bergsport regt. Und dies, obwohl sich dort die höchsten und kühnsten Tropengebirge der Erde erheben. Wohl haben ausseralpine Alpinisten schon Bedeutendes geleistet, so vor allem der Deutsche und österreichische Alpenverein, dem die besten Hochgebirgskarten von ganz Südamerika zu verdanken sind ( vgl. Aufsatz Heim in dieser Zeitschrift, 1940, I, 281 ).
Dass Peru so rückständig ist, liegt einerseits an der Stumpfheit und Gleichgültigkeit der « verzivilisierten » Indianer und Mischlinge, die keinen Sinn für Naturschönheiten haben, teilweise aber auch an der Schwierigkeit und Abgelegenheit der Zugänge von der Hauptstadt Lima aus. Ein Skigebiet wird Peru deshalb wohl nie werden können.
Hören wir also nun Näheres über den « Club Andino Boliviano! » Ich berichte teils aus eigenen Erlebnissen und Beteiligung an einer Expedition, zu der ich von dem gastfreundlichen Klub eingeladen wurde, zum Teil auf Grund von Daten, die ich dem vortrefflichen derzeitigen Präsidenten, René Zalles Gozalvez in La Paz, verdanke.
Geographisch gesprochen ist La Paz die verrücktest gelegene Hauptstadt der Erde, die ich kennengelernt habe. Ihr einziger Zugang mit Flugzeug, Eisenbahn oder Auto bietet der Altipiano, diese ausgedehnte, steppenhafte Hochfläche, in welcher der Lago Titicaca, 3800 m, als seichte Wanne eingesenkt ist. Diese Ebene steigt von dort allmählich nach Osten bis auf 4100 m, wo sie zu einem gewaltigen, wilden Erosionszirkus abbricht. Plötzlich steht man vor einem Abgrund und erkennt zu seinen Füssen in der wilden, verzweigten Schlucht die Häuser der Stadt, sogar mit einem Wolkenkratzer, der neuen Universität. Grossartig ist der Blick besonders in der Nacht, wenn die Tausende ferner Lichter heraufleuchten. Von den Schluchten eng eingezwängt, erstreckt sich die Stadt von 3400 bis 3800 m Höhe. In Tödigipfelhöhe liegt der Bahnhof, zu welchem Strasse und Bahn in vielen Schleifen hinabführen. Von dort gibt es keinen Ausgang, ausser dem Zurück zum Altipiano, es sei denn, dass man einen oft wegen Schnee ungangbaren Pass von 4600 m Höhe nach Osten im Auto benutzen könne, von wo eine Strasse steil in das tropisch grüne Bergland auf der Ostseite der Kordillere sich hinabschlängelt. Aber auch dort, in Chulumani ( 1800 m ) oder Coroico, landet man wieder in einer Sackgasse.
Trotzdem ist La Paz, schon wegen seiner Höhe, ein vortrefflicher Ausgangspunkt für Bergtouren.
Am 26. März 1939 wurde der « Club Andino Boliviano » gegründet. Schon im folgenden Jahr war eine Strasse bis an den kleinen Gletscher des Chacaltaya gebaut, wo eine Klubhütte errichtet wurde. Sechs Monate später wurde der erste Skilift Südamerikas eröffnet, der staatlich betrieben wird. Er ist 2 km lang und überwindet eine Höhe von 400 m ( 4900 bis 5300 m ). Im Jahr 1942 wurde dort, bei 5200 m, die zweite « Cabana » gebaut, ein stattliches Holzhaus in Schweizer Stil — das höchste Hotel der Erde! In Form und Farbe erinnert es an das Haus vom Jungfraujoch. Ständig wird es von einem Pächter des Klubs bewohnt und bewirtet. Ja, man kann dort an Feiertagen vortrefflich, wenn auch einfach, essen, und es gibt auch einige Betten. Fast jeden Sonntag fahren zwei Autobusse in etwa zwei Stunden von La Paz zum Chacaltaya-Haus, vollbeladen mit Skitouristen, darunter vielen Vertretern von bolivianischen Eingeborenen, Europäern und Nordamerikanern, und mit nicht wenigen Damen, worunter vortrefflichen Skifahrerinnen. Sie stehen untereinander in kameradschaftlicher Freundschaft. Sind Wetter und Schneeverhältnisse gut, so herrscht Grossbetrieb.
Schon vom Klubhaus ist die Aussicht herrlich. Im Süden und Westen dehnt sich die weite Hochebene. Bei klarer Beleuchtung erkennt man darüber, 230 km weit im SSW, den weissen Kopf des Sajama. Er ist mit 6620 m der höchste Berg Bolivias, ein alter, erloschener Vulkankegel ohne Krater.
Steigen wir vom Klubhaus noch 200 m höher, auf die Schneekuppe des Chacaltaya, 5400 m, so erheben sich gerade vor uns im Nordwesten die grossartigen Sechstausender der 20 km langen Cordillera Real, zuvorderst der meisselförmige Granitkopf des Huayna Potosi ( Caca Aca ), 6094 m. In der entgegengesetzten Richtung steht frei der von tiefen Erosionstälern ausgeschnittene Illimani, 6460 m, als Zweithöchster Bolivias und Wahrzeichen von La Paz.
Freilich ist das Wetter oft schlecht. Von der tropischen Niederung des Ostens her wallen die Nebel herüber, oft schon am frühen Morgen. Sie bäumen sich an den Gräten und Gipfeln des Kettengebirges, um diese gegen Mittag ganz zu verhüllen. Auch in Südamerika muss der Bergsteiger, wenn er gute Aussicht haben will, beim ersten Tageslicht den Aufstieg beginnen.
Im April 1943 wurde das erste « Campeonato » am Chacaltaya abgehalten, an dem sich verschiedene Länder Südamerikas beteiligten. Eine Elite des Klubs von 22 Bergsteigern hat bereits alle Sechstausender Bolivias sowie viele Fünftausender bestiegen. Trotzdem bleiben zur Erforschung noch weite Gebirgsteile, die auf der vortrefflichen Karte von Professor Carl Troll ( Bonn ) noch nicht bearbeitet sind.
Während die vielen Skilifts und die Pistenrennerei in der Schweiz heute Mode geworden sind und den Skisport beherrschen, aber wenig Touren auf neuen Spuren gemacht werden, bedeutet ein Skilift bei über 5000 m Höhe keinen Luxus. Denn auch für einen kräftigen jungen Andinisten mit gesunder Lunge und Herz erfordert das; Steigen in solchen Höhen eine unvergleichliche Anstrengung und würde das Skifahren ohne Lift keine Sonntagserholung sein können. Es verdient Bewunderung, was der junge « Club Andino Boliviano » in den Hochanden geleistet hat, indem er dort das höchste Hotel erbaut und das höchste Skigebiet der Erde erschlossen hat.
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