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«Alles war sehr bescheiden, aber wir hatten alles, was wir brauchten»30.01.2019 - 15:57 | Marcel Henry
Sie war eine der Ersten, die den DU-Artikel las, der den Anstoss zum Bau des Kinderdorfes Pestalozzi gab: Anuti Corti, die Witwe des Kinderdorf-Gründers Walter Robert Corti. Am 3. November 2018 ist sie 100 Jahre alt geworden; gefeiert wurde ihr runder Geburtstag im Kinderdorf Pestalozzi. Und sie brennt noch heute für die Idee einer Oase des Friedens im Appenzellerland.
Durch Neugierde zur idealen Gattin
Dass sich ihr Leben so entwickeln würde, war nicht absehbar. In der Schule konnte sie noch so gut sein, ein Mädchen war damals in den 1920/30er-Jahren ein Mädchen. Aber sie habe Glück gehabt, sagte Tochter Claudia in ihren Worten zur Jubilarin, damals nämlich, als sie ihren Walter Robert kennengelernt hatte. Er habe gemerkt, dass sie eine Persönlichkeit war, die vielleicht etwas weniger wusste, etwas weniger lang die Schulbank drücken konnte als er, die aber neben Schönheit und Herzensbildung eine grosse Neugierde mitbrachte. Was immer Walter Robert dachte, las, sagte und tat, habe Anuti nicht nur interessiert, sondern sie habe auch daran teilgenommen. «Auf diese Art und Weise wurdest du zu seiner Partnerin im umfassenden Sinne, zu seiner Lebenspartnerin», sagte die Tochter.
Die Rückseite des Einzahlungsscheins
Kennengelernt hatte Anuti ihren Walter 1940; sie war damals in Ägeri als Zahnarztgehilfin tätig. Er hat «gottlob» Zahnschmerzen bekommen, wie Frau Corti ausführt. Auf der Rückseite des Einzahlungsscheins, der mit der Rechnung auf die Wurzelbehandlung folgte, schrieb der junge Corti: «Und lassen Sie mir das Mädchen mit den Puszta-Augen herzlich grüssen» (Puszta bezeichnet eine Landschaft in Ungarn), womit Anuti Bonzo, später Corti, gemeint war. So ist sie, die beim Zahnarzt auch die Buchhaltung erledigte, auf das Interesse ihres zukünftigen Gatten gestossen, doch noch funkte es nicht. Drei Jahre später suchte Walter Robert jemanden, der gut Maschine schreiben konnte, denn in der Zwischenzeit war er beim DU als Redaktor engagiert worden. Er rief Anuti beim Zahnarzt an und sie trafen sich. Anuti sagte zu, in Zürich seine rechte Hand zu werden. Daraus wurde mehr. Aber bevor es dazu kam, war noch dies: Als sie bei ihm anfangen sollte, litt sie an einer schweren Erkältung. Sie schrieb ihm dies, worauf er ihr Vitamin-C-Tabletten zukommen liess. «Das hat mich tief gerührt, denn ich war es nicht gewohnt, dass man so um mich besorgt war.» Ein sinnstiftendes Leben Anuti Corti hat sich zeitlebens in die zweite Reihe gestellt. «Ich habe die Kleider von den Frauen der Freunde meines Mannes getragen», sagt sie bescheiden. Es sei immer gegangen. Alles war sehr bescheiden, aber sie hätten es nicht so empfunden. «Wir hatten alles, was wir brauchten.» Anuti Corti ist mit ihren 100 Jahren wohl die Einzige, die die gesamte Geschichte des Kinderdorfes noch überblicken kann. Das Feuer für die Idee ist ihr bis heute geblieben. «Es ist daher nicht nur schön, dass wir deinen 100. Geburtstag im Kinderdorf feiern dürfen», wie ihre Tochter meinte, «es gibt auch keinen stimmigeren Ort für dieses Fest.» In diesem Sinne hoffen auch wir, die Mitarbeitenden des Kinderdorfes, die vitale und humorvolle Jubilarin noch möglichst lange besuchen und befragen zu dürfen. Die Chancen stehen gut, denn Anutis Mutter hat das Alter von 110 erreicht.