Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03559.jsonl.gz/2151

a Service d’addictologie, Hôpitaux Universitaires de Genève, Schweiz
b Klinik für Alterspsychiatrie, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, Schweiz
Solaris (1972)
Drehbuch: Andrei Tarkowski, Friedrich Gorenstein. Nach dem gleichnamigen Roman von Stanislaw Lem. Regie: Andrei Tarkowski.
Es gibt Filme, die lohnt es sich, als Psychiater gesehen zu haben, da sie es erlauben, ansonsten schwer begreifliche psychopathologische Prozesse und ungewöhnliche Erlebensweisen zu veranschaulichen. Beispiele für diese Art von Film mögen «Clean, Shaven» von Lodge Kerrigan oder «Trainspotting» von Danny Boyle sein.
Weiterhin gibt es Filme, die der Psychiater kennen sollte, da sie die Vorstellungen der Gesellschaft über die Psychiatrie und psychiatrische Erkrankungen, und somit auch die Erwartungen der Patienten und ihres Umfelds massgeblich prägen. «One flew over the cuckoo's nest» von Milos Forman gehört sicherlich zu dieser Kategorie, aber auch «Psycho» von Alfred Hitchcock.
Und dann sind da Filme, welche die Grundannahmen der Disziplin betreffen, die Frage etwa, was Wahrnehmung, Bewusstsein, Identität und andere Gegenstände der psychiatrischen Praxis sind und wie sie zueinander in Beziehung stehen. Aber auch die Frage nach dem Wirklichen, der Erkennung und Verkennung der Realität. Es sind zugleich Filme, die zur Frage der Realität (und in Verbindung mit dieser) auch jene der Moralität aufwerfen. Dies sind Filme, die das Selbstverständnis des Psychiaters, seine Rolle und seine diagnostischen, Interpretations- und Interventionsansätze hinterfragen und dadurch auch die Selbstsicherheit des erfahrenen Therapeuten ins Schwanken bringen können. Solche Fragen sind, und das sollte nicht allzu sehr erstaunen, Gegenstand einiger der Hauptwerke grosser Filmemacher. Als Beispiele seien hier «Persona» von Ingmar Bergman, «8½» von Federico Fellini, «Blow up» von Michelangelo Antonioni oder «Le charme discret de la bourgeoisie» von Luis Bunuel angeführt.
«Solaris» von Andrei Tarkowski ist so ein Film. Ein Film, dessen Zugang gewisser Fähigkeiten bedarf, auch wenn er einen linearen Drehbuchaufbau hat ohne komplizierte Rückblenden und im zeitlichen Ablauf leicht nachvollziehbar ist. Allerdings erschliessen sich dem Zuseher die einzelnen Elemente der Geschichte besonders anfangs nicht immer aus dem Zusammenhang. Und dies umso weniger, je mehr er sich um eine proaktive, vorausschauende Konstruktion und Deutung bemüht. In diesem Sinne ist es ein Film, der den Fähigkeiten eines Psychiaters entgegenkommen sollte. Er lässt sich wie eine Psychotherapie erfahren: zu Beginn abwartend, alles auf sich zukommen lassend, sich ‒ wenn möglich ‒ einer überhasteten Sinngebung enthaltend und dann zunehmend sich seine eigenen Reime bildend, ohne weiteres auch in Gedanken von der eigentlichen Geschichte des Filmes abschweifend.
«Solaris» ist eines der Hauptwerke von Andrei Tarkowski, 1972 in der Sowjetunion gedreht. Er basiert grösstenteils auf dem gleichnamigen Science-Fiction-Roman von Stanislaw Lem. Der Film erhielt unter anderem einen Spezialpreis anlässlich der Internationalen Filmfestspiele von Cannes.
Die Handlung
Der Psychologe Kris Kelvin wird zu einer Raumstation gesandt, welche über dem Planeten Solaris schwebt. Auf der Station soll Seltsames geschehen. So seien mehrere Kosmonauten wahnsinnig geworden. Solaris ist ein Planet, der aus einer Art Urmeer besteht, auf dessen Oberfläche Farben und Muster ständig wechseln, meist scheinbar ungeordnet, turbulent, «unbegreiflich», dann aber sich plötzlich Strukturen, Bilder, Motive formen. Es scheint als handle es sich um eine Art denkendes Etwas, eine Intelligenz.
Als Kelvin auf der Raumstation eintrifft, hat sich der Forscher Gibarian, auf dessen Ersuchen Kelvin losgeschickt wurde, in der Zwischenzeit suizidiert. Von den beiden noch anwesenden Wissenschaftlern Snaut und Sartorius erhält Kelvin keine klare Information. Diese verhalten sich von Anfang an äusserst seltsam. Am Morgen nach seiner Ankunft erwacht Kelvin neben einer jungen Frau, die wie seine verstorbene Frau Hari aussieht, sich auch Hari nennt und behauptet, seine Frau zu sein.
In der Folge erfährt Kelvin, dass alle Passagiere der Station in gleicher Weise mit «menschgewordenen» Erinnerungen konfrontiert sind. Dr. Snauth erklärt, dass es sich bei diesen Klonen um Materialisierungen von Erinnerungen handelt, welche Solaris erzeuge. Hari 2 hat Selbstbewusstsein, kann sich an manches aus dem Leben von Hari 1 erinnern, aber nicht an alles, weswegen sie Kelvin Fragen zu dessen Frau und deren Tod stellt. So erfährt sie unter anderem, dass Hari 1 sich suizidiert hat und Kelvin sich hierfür schuldig fühlt.
Kelvin versucht mehrfach, sich Haris’ Doppelgängerin zu entledigen. So schiesst er sie in einer Raumkapsel ins All. Hari ist jedoch nach jedem Aufwachen Kevins wieder scheinbar unversehrt zurück. Sartorius schlägt vor, sie durch ein spezielles Verfahren endgültig zu liquidieren. Kelvin jedoch hat sich in der Zwischenzeit in die neue Hari verliebt.
Jede neue Hari beginnt, mit der Zeit eine eigene, von den vorhergehenden Klonen ansatzweise unterschiedliche Identität zu entwicken. Nachdem Hari bewusst wird, dass sie ein Duplikat aus Kelvins Erinnerungen ist, unternimmt sie ihrerseits einen Selbsttötungsversuch, ist aber bald wieder zurück an der Seite Kelvins …
Kommentar
«Solaris» wird häufig «2001: A space odyssey» von Kubrick, einem anderen bedeutenden Science-Fiction-Film, gegenübergestellt. Bei «2001» handelt es sich um einen Film über die Menschheit, die Frage nach dem Beginn der Menschheit, eventuell auch nach dem Übergang der Menschheit in etwas Anderes. «Solaris» hingegen ist ein Film über den Menschen, das Menschsein, über die Frage, was den Menschen letztendlich ausmacht, zum Beispiel ob er eine feste Einheit ist. «2001» unternimmt eine Reise ins Äussere (in den Raum, über die Menschheit hinaus), «Solaris» eine Reise in innere Weiten, ins «Eigentliche».
Es ist ein Film, der im wahrsten Sinne des Begriffes nach einem phänomenologischen Einstieg verlangt. Er fordert dazu auf, sich jeglicher ungesicherter Urteile zu enthalten (die sogenannte «Epoché»). Was als gesichert gelten kann, sind die Erfahrungen, Empfindungen, im Falle Kris Kelvins, die Erfahrung der Präsenz von Hari, die Gewissensbisse bezüglich ihres Suizidtotes. Was als gesichert gelten kann, sind gar die Zweifel Kelvins bezüglich seiner Erfassung der Realität. Das häufig von Phänomenologen angeführte Musterbeispiel der an Phantomempfindungen leidenden Person nach einer Amputation mag auch im Falle Kelvins angebracht sein. Was den Phänomenologen interessiert, ist die Empfindung (d.h. das Phänomen selber), nicht die Frage nach der logischen Erklärung für das Phänomen. Kris Kelvin mag in diesem Sinne ein seiner Ehefrau Amputierter gelten, die von ihm «wahrgenommenen» Empfindungen sind von Interesse, unabhängig davon wie «real» Hari ansonsten ist. Die Frage «Was ist eigentlich real?» darf ausgeklammert werden (= Epoché). Es ist somit auch ein Film über das Nicht-Verstehbare. Der Ozean auf Solaris funktioniert wie ein Gehirn, erzeugt Bewusstsein, spiegelt das Bewusstsein und Unbewusstes der Menschen, die sich ihm nähern, und materialisiert ihre Wünsche. Jeder Versuch, «Solaris» rational zu verstehen, stösst an die Grenzen des menschlichen Verstandes, oder des überhaupt Verstehbaren. In diesem Sinne muss auch der Film «Solaris» nicht wirklich verstanden werden, das ständige Operieren zwischen Sein und Schein lässt aber eine bestimmte Art des Verstehens aufkommen. Es ist ein Film, der zum Denken anregt, aber keiner endgültigen Antworten bedarf.
Im Laufe der Filmgeschichte haben zahlreiche Werke die Frage der Wahrnehmung und ihres Realitätsbezugs aufgegriffen. Dies kann im Rahmen einer Reflexion auf das Medium Film selbst geschehen (Fellinis «8½» ist hierfür wohl ein gutes Beispiel). «Solaris» hingegen problematisiert die Unterscheidbarkeit von Wirklichkeit und Wahrnehmung, die Abhängigkeit der Wahrnehmung von Erwartungen, Wünschen, Hoffnungen, bereits Erlebtem etc.
Es lässt sich schliesslich auch ein existentialistischer Aspekt aus «Solaris» ausarbeiten. Wenn die Welt das ist, was wir aus ihr machen, wenn sie gar das sein kann, was wir uns wünschen, dann müssen wir vorsichtig sein, mit dem, was wir uns wünschen. Dies ist ein Thema, das Tarkovsky in seinem zweiten Science-Fiction-Film «Stalker» 1979 erneut aufnimmt. Hier suchen drei Männer einen Ort auf, an dem die geheimsten, innigsten Wünsche in Erfüllung gehen. Auch in diesem Ziel erkennen die Protagonisten, dass die Erfüllung ihrer ursprünglichen Wünsche nicht die Lösung ihrer Probleme ist.
«Solaris» ist somit ein Film, der eigentlich zu Beginn einer psychiatrischen Karriere gesehen werden sollte, da er für Selbstverständnis und Praxis grundlegende Fragen aufwirft. Er wird aber den erfahrenen und in seinem Verständnis der Psychopathologie und in seiner Erfahrung gefestigten Psychiater ganz besonders ansprechen. Ein Dilemma, das sich recht einfach lösen lässt: Psychiaterinnen und Psychiater können wiederholt und in jeder Phase ihrer Ausbildung und Praxis von «Solaris» profitieren.
Correspondence
Prof. Dr. med. Daniele Zullino, Service d’addictologie, Hôpitaux Universitaires de Genève, Grand Pré 70, CH-1202 Genève, Daniele.Zullino[at]hcuge.ch
Copyright
Published under the copyright license
“Attribution – Non-Commercial – NoDerivatives 4.0”.
No commercial reuse without permission.
See: emh.ch/en/emh/rights-and-licences/