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Werde du selbst! Finde deinen Weg! Erfülle deinen Traum! Das Kino ist voller Gestalten, die nach Selbstverwirklichung suchen, gegen alle Hemmnisse und Widerstände. Eddie the Eagle erzählt von einem Mann, der das Unmögliche erreichte und sich den Jugendtraum erfüllte, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Nicht als Sieger, nur als Teilnehmer. Der Film geht zurück auf die historische Figur des nur 165 Zentimeter grossen Engländers Michael Edwards, der Grossbritannien bei den Olympischen Spielen 1988 in Calgary vertrat. Er war der mit Abstand schlechteste Teilnehmer der Skisprungkonkurrenz, für die er denkbar schlecht ausgestattet war – eher pummeligen Körperbaus, behindert durch eine Brille mit Gläsern so dick wie der Boden einer Cola-Flasche, die zudem immer wieder beschlug, sodass er seine Sprünge fast im Blindflug absolvierte. Er kam in die englische Olympia-Equipe, weil er der einzige britische Vertreter dieser Sportart war und bei einem Qualifikationsspringen mit einer lächerlichen Weite den englischen Rekord aus den zwanziger Jahren brach und damit für die Olympiade qualifiziert war.
Taron Egerton spielt Edwards in einer unnachahmlich tapsigen, weltvergessenen Art. Die dicke Brille, die improvisierte Kombination von Kleidungsstücken, die Beharrlichkeit, mit der er die sozialen Kontakte sucht, die er braucht! Aber auch die Unfähigkeit, das Spiel der Images mitzumachen, das seine Skispringer-Konkurrenten so genüsslich zelebrieren. Ein aggressionsfreier Eigensinn unterliegt Egertons Spiel in allen Phasen, in jenen der Frustration wie auch in denen des Erfolgs. Er entspricht schon äusserlich so überhaupt nicht den Körperidealen des sportlich-gestählten Körpers, dass man verwundert bemerkt, wie früh man als Zuschauer intensivste Sympathien für die Figur entwickelt.
Dabei ist die Personnage des Films weitgehend an Stereotypen orientiert und inszeniert Musterfiguren. Der Vater, Putzer, mürrisch, den Sohn manchmal tadelnd, aber immer in Loyalität und väterlicher Zuwendung verankert bleibend, weil die Mutter das Treiben des Sohnes gegen jede Kritik abschirmt, den Sohn sogar ermunternd, seinem gar nicht so geheimen Lebenswunsch nachzugehen. Am Ende nehmen die beiden den berühmt gewordenen Sohn auf dem Flughafen in Empfang; sie tragen Strickpullover mit «I am Eddie’s Mother/Father». Ein Trainer, der selbst einmal erfolgreicher Sportler war und zum Alkoholiker wurde, der aber durch die Begegnung mit Edwards wieder zu sich selbst findet und am Ende als Skisprung-Trainer weiterarbeiten wird. Dessen Trainer, der sich von seinem Schüler distanziert hatte und ihn am Ende wieder in die Arme nimmt. Der Chef der britischen Olympia-Begleitung, dessen sauertöpfische Miene beständig zu sagen scheint: Dieser Mann gehört nicht hierher! Ein Radioreporter der BBC, der sich in Begeisterung redet, wenn Edwards am Start ist. Da ist der «fliegende Finne», der weltbeste Skispringer seiner Zeit, der sich Edwards gegenüber am Ende erklärt, dass sein Motiv zum Springen nicht das Erringen der Medaillen wäre. Und eine Wirtin im deutschen Trainingslager, die sich als Skispringer-Groupie erweist.
Keine der Figuren ist auf Tiefe ausgelegt (mit Ausnahme von Edwards’ Mutter). Auch die Geschichte, die der Film von einem erzählt, der sein persönliches Ziel erreicht, ist stereotypes Durchschnittstheater. Die Qualitäten des Films liegen auf anderem Gebiet. Auch wenn das Training Edwards’ darauf hinauszulaufen scheint, eine spirituelle Einheit von Ich und Sprung von der Schanze zu erreichen (darin an die fast religiösen Dimensionen des Sports in dem heute noch präsenten Olympia-Läuferfilm Chariots of Fire, GB 1981, Hugh Hudson, erinnernd), so verweigert sich der Film, dieses Thema weiterauszuführen. Allerdings wird es in einer Szene manifest, dem ersten Sprung Edwards’ von der höchsten Schanze. Er fliegt in der Luft, Rückschnitte auf den Trainer, die Eltern, den Radioreporter dehnen die Zeit des Fluges. Als er in dem Moment, in dem er zu scheitern und abzustürzen droht, einen Schrei ausstösst, den zugleich die Zuschauenden und sogar die Musik des Films aufnehmen. Der so unbeholfen wirkende Mann hat einen Durchbruch erreicht, scheint der Film zu suggerieren. Doch auch das ist Schema. Zum Thema des Films wird der Weg zu dieser unvermittelt wirkenden Entäusserung des Inneren nicht.
Die Sympathien, die der Protagonist gewinnt, sind anderer Begründung – und der Film wiederholt eine Affektbewegung des Publikums, die schon das historische Publikum 1988 erfasst hatte. Edwards wurde während der Spiele im kanadischen Calgary ebenso zum Liebling des Livepublikums wie auch der Millionen vor den Fernsehapparaten. Wer erinnert sich noch an die Star-Athleten der Winterspiele von vor 25 Jahren, die Medaillengewinner insbesondere, könnte man fragen. Das Kino, in dem ich den Film sah, war voller Fünfzigjähriger. Sie erinnern sich an die Figur des Michael Edwards, der nie eine Chance hatte, aufs Siegerpodest zu klettern und der doch alle Wettkämpfe bestritt, dem ein Radiomoderator den Ehrennamen «Eddie the Eagle» verlieh, ein Name, der sich schnell weltweit ausbreitete. Die Sportstars seiner Zeit, seine Konkurrenten – sie sind im Vergessen versunken, Eddie «the Eagle» aber lebt weiter. Ein weit über den Augenblick hinweg lebendiges Faszinosum, weil er gegen alle Leistungsgrundsätze der Olympiaden antrat.
Eine Ausnahmefigur? Für das Publikum war er die clowneske Einlage. Ein Auftritt, bei dem immer unklar war, ob er mit sauberer Landung endete. Er war der englische Kauz. Aber er war nicht nur exotische Einlage (wie das Eisbobteam in Cool Runnings, USA 1993, Jon Turteltaub), sondern entfesselte ein symbolisches Spiel, wurde zur unwillentlichen Performance. War Edwards es, der den Jazz zur Olympiade brachte? Als einer, der im Reglement eigene Wege fand und ging, es dabei parodierend und – zumindest im Blick der Olympia-Offiziellen – verhohnepiepelnd? Probte er den symbolischen Aufstand gegen das bürokratische Regime der Olympia-Behörden ebenso wie gegen die uniformen Leistungsanforderungen des «So-weit-wie», «So-schnell-wie», «So-viel-wie» usw. sowie die stillschweigende Erwartung, dass «Nur-die-Besten» zum Wettkampf antreten sollten?
Wenn ein Sprung gelungen war – der Film zeigt die Szenen genussvoll und ausführlich –, lief Edwards vor die Zuschauertribüne und demonstrierte mit erhobenen Daumen an beiden Händen seinen Erfolg. Egerton spielt gerade diese Auftritte mit spürbarer Lust, einer Freude Ausdruck gebend, die nicht mit der Weite des Flugs oder den Haltungsnoten begründet war, sondern allein im «Ich-bin-heil-gelandet!» und die den ganzen Körper des Mannes zu erfassen schien, wenn er anfing, seinen persönlichen Sieg zu einer ungehörten Musik wie ein Tanzbär vor dem Publikum zu feiern, was wiederum sein Publikum zu Begeisterungsstürmen hinriss. Edwards’ Auftritte griffen tief in die Liturgien des Publikums der Olympiade ein, spannten für die kurze Dauer seiner Performances einen eigenen «edwardianischen» Handlungsrahmen für die Zuschauer auf.
Die von den Offiziellen nicht mehr kontrollierbaren Aktionen Edwards’ haben über die Satirisierung der ritualisierten Beziehungen zwischen der Olympiade, den Sportlern, die Reportern und den Zuschauern hinaus einen heute kaum noch lesbaren politischen Horizont: Edwards ist erkennbar Mitglied der lower class, scharf gegen seine bourgeoisen Konkurrenten abgegrenzt. Olympiaden sind von Ernst getragene Veranstaltungen der Etablierten, der Herrschenden – und Edwards wird dann sichtbar als deren Saboteur, zu einem Untergrundkämpfer, dessen Waffe die Verulkung ist und der das Lachen als Medium der Kritik vereinnahmt. Ob Edwards die Rolle bewusst spielte oder nicht – seine Naivität ist in dieser Hinsicht nur eine Maske, Provokation sein Metier.
Dass das Internationale Olympische Komitee 1990 die Regeln veränderte und nur noch Teilnehmer zu den Spielen zuliess, die sich zuvor auch im internationalen Wettbewerb gegen ausländische Konkurrenz bewiesen hatten, ist angesichts der symbolischen Attacke Edwards auf die olympischen Rituale nur verständlich. Die Regel wird bis heute spöttisch die Eddie the Eagle Rule genannt: späte Ehre für einen Ausnahmesportler.