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Nuit Debout à l'ENS de Lyon - Stehende Nacht im ENS
Seit dem 31. März wird der Place de la République in Paris jeden Abend besetzt, um Diskussionen und Debatten über gesellschaftliche Themen zu führen und politische Aktionen zu organisieren. Die AktivistInnen haben sich selber Nuit Debout (’Stehende Nacht’) genannt. Die Bewegung hat sich blitzschnell in ganz Frankreich ausgebreitet : in den grossen wie in kleineren Städten kommen Menschen zusammen, um über Politik und um über ihre Vorstellungen einer besseren Welt zu diskutieren. Die Bewegung ist durch die Proteste gegen das sogenannte Arbeitsgesetz, die Gesetzesvorlage der Ministerin El-Khomri enstanden, die eine grosse Reform der Arbeitsgesetze darstellt. Ganz schnell hat aber die Bewegung eine breitere Kritik ausgeübt : eine Kritik des Arbeitsgesetzes und seiner Welt. Beispielsweise, der Ausnahmezustand, der seit November und den Terroranschlägen in Paris herrscht, und der der Polizei viel mehr Macht zuspricht, wird stark kritisiert. Am 10. Mai wurde das sogenannte Arbeitsgesetz anhand des Verfassungsartikels 49.3 durch die Regierung durchgesetzt. In der Tat erlaubt dieser Artikel der französischen Verfassung die Regierung, ein Gesetz durchzusetzen, selbst wenn das Parlament sich dagegen erklärt hat. Die Begründung des Premiers Manuel Walls ist, dass das Gesetz mittlerweile durch viele Abänderungsanträge verändert wurde, und dass die Geschlossenheit des Gesetzes nicht mehr gefährdet werden darf. Diese Entscheidung hat eine neue Welle von Demonstrationen und Proteste ausgelöst. Viele Schulen und Universitäten wurden im Rahmen dieser Proteste von den Studierenden selbst besetzt. So ist es in der Ecole Normale Supérieure in Lyon. Die Ecole Normale Supérieure oder ENS ist ein Symbol des Elitismus, was das Schulsystem in Frankreich angeht. Unter den Grandes Ecoles ist die ENS einer der angesehensten. Viele Studenten bereiten die Aufnahmeprüfung vor, um in diese Universität aufgenommen zu werden, und wenige werden am Ende ausgewählt. Die Studierenden dieser Universität geniessen die besten Studiumsbedingungen überhaupt, sind zehn jahre lang als Beamte eingestuft, und bekommen eine monatliche Lohne, ganz zu schweigen von diesem privilegierten Status, das lebenslang hohes Ansehen geniesst. Manche Normaliens, Studierende und Beamte der ENS, haben sich an der Bewegung Nuit Debout angeschlossen. Sie haben zweieinhalb Wochen einen Klassenraum besetzt, um gegen die Abschottung der ENS und gegen die eigenen Privilegien zu kämpfen. In dem folgenden Interview erklären vier von den BesetzerInnen die Bedeutung dieser Besetzung. Sie erklären das Zusammenspiel zwischen allgemeiner Systemkritik und der Kritik einzelner Bestandteile dieses Systems, sowie zum Beispiel die Privilegien der Ecole Normale Supérieure. Sie erklären uns die Bedeutung vom Schlüsselbegriff Education Populaire, die man ins Deutsche mit ’Volksbildung’ oder ’ausserschulische Bildung’ übersetzen könnte. Die Bewegung Nuit Debout ist ein Zusammenschluss von vielen unterschiedlichen Menschen, vielen unterschiedlichen Meinungen. Deswegen erzählen die 4 BesetzerInnen der ENS eher ihren persönlichen Kampf und ihre persönlichen Erfahrungen. Die letzten Sätze des Interviews deuten eine bestimmte Unsicherheit an. Das Interview wurde vor einer Woche am Montag aufgenommen. Am Mittwoch danach wurde der Raum um 7 h morgens von 30 PolizistInnen geräumt. Heftige Erfahrung für uns 6, die an der Nacht im Raum geschlafen haben. Die Räumung wurde vom Rektor befehlt. Die zahlreiche Auseinandersetzungen und Versammlungen, die die Räumung ausgelöst hat, haben den Rektor dazu geführt, anzubieten, dass der Klassenraum für politische Bildung und Diskussionen zur Verfügung steht : die Bedingungen wären, dass niemand im Raum schläft und kocht, aber sind gerade dabei, verhandelt zu werden.