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Die offenen Fragen
Was sagt TX-Group-Verleger Pietro Supino zur «Tamedia Papers»-Recherche? Wir wissen es nicht. Er wollte bisher keine Fragen beantworten. Welche das sind, erfahren Sie hier.
09.12.2020
Selbstverständlich wollten Republik und Heidi.news Tamedia-Verleger Pietro Supino mit den Ergebnissen der «Tamedia Papers»-Recherche konfrontieren. Im August stimmte dieser einem Interview zu. Dann bat er darum, die Fragen im Voraus zu erhalten – diesem Wunsch sind wir nachgekommen. Schliesslich teilte er mit, er wolle zuerst die Veröffentlichung der Serie abwarten. Wir publizieren deshalb hier alle offenen Fragen.
Herr Supino, Ihr Konzern hatte vor Ihnen nur vier Verlagschefs. Das ist bemerkenswert. Welcher Ihrer vier Vorgänger hat Sie am stärksten beeinflusst?
Stimmt es, dass Ihre erste wichtige Mission als Mitglied des Verwaltungsrates darin bestand, Tamedia im Oktober 2000 durch den Börsengang zu steuern?
Welche Rolle spielte der Berner Verleger Charles von Graffenried in Ihrem beruflichen und persönlichen Werdegang?
Gibt es eine Vorbildfigur in den Medien oder im Journalismus, der Sie Bewunderung entgegenbringen und von der Sie sich inspirieren lassen?
Was hat Sie während Ihrer Ausbildung an der Columbia Journalism School geprägt?
Sie wurden von den Mitgliedern Ihrer Familie, die durch einen Aktionärsbindungsvertrag gebunden ist, zum Präsidenten des Verwaltungsrates bestimmt. Ist dies eher eine Ehre oder eine Bürde? Und warum?
Ein Medien- und E-Commerce-Konzern im Mehrheitsbesitz einer Familie – passt dieses Modell noch in die heutige Zeit?
Die Mitglieder Ihrer Familie wollen Dividenden, die Redaktionen würden gern in Inhalte investieren. Hat jemand von beiden recht, und wie schlichten Sie diesen Konflikt?
Sie gehören dem Verwaltungsrat von Gruppo Editoriale in Prato (Italien) an. Ist dies für Sie ein Mandat mit einer gewissen emotionalen Komponente, das sich mit Ihrer in Italien verbrachten Kindheit verbindet? Oder ist es eher ein Vorzeichen dafür, dass die Zukunft von Tamedia stärker europäisch geprägt sein wird?
Nach der Übernahme der Publigroupe 2014 wurde Ihnen intern der Beiname «Smiling Knife» verliehen. Erkennen Sie sich darin wieder?
Ihre Vergütung als Präsident des Verwaltungsrates beträgt seit mehreren Jahren 1,6 Millionen Franken. Laut der Ethos-Stiftung ist dies das Vierfache der Vergütung, die Leiter grössenmässig vergleichbarer Unternehmen wie Valora, Metall Zug oder Vetropack erhalten, die an der Schweizer Börse notiert sind. Wie begründen Sie diese Vergütung?
In Ihrer beruflichen Laufbahn (vor 2007) waren Sie an der Gründung von Offshore-Unternehmen und Treuhandgesellschaften beteiligt. Sie haben über dieses Thema auch eine Doktorarbeit verfasst. Das Tamedia-Investigativteam hat an gross angelegten Operationen mit dem Konsortium ICIJ mitgewirkt, die diese Offshore-Konstruktionen anprangern. Wie ist es Ihnen gelungen, beides miteinander zu vereinbaren?
Warum stehen Sie der direkten Presseförderung inzwischen wohlwollend gegenüber, nachdem Sie lange den Standpunkt vertraten, diese sei nicht erforderlich?
Warum stehen Sie der Förderung elektronischer Medien so ablehnend gegenüber?
Welche Bedeutung messen die Mitglieder der fünften Generation Ihrer Familie den Medien im Rahmen der TX-Group-Geschäftstätigkeit zu?
Auch die Vergütung, die den Mitgliedern der Geschäftsleitung bezahlt wird, liegt über der Vergütung in grössenmässig vergleichbaren und an der Schweizer Börse notierten Unternehmen. Warum?
Im März 2013 setzte Tamedia seinen Redaktionen ein Gewinnziel von 15 Prozent pro Titel. Warum legt man ein solches Ziel fest und hält daran fest – wohl wissend, dass mehrere Titel dieses Ziel niemals werden erreichen können? Gilt dieses Gewinnziel noch? Wenn nicht – wann wurde es fallen gelassen und welches Gewinnziel gilt für die Titel gegenwärtig?
Mehrere Führungskräfte oder ehemalige Führungskräfte sagen, die Konzernkosten, die den Titeln von Tamedia/TX Group von den zentralen Diensten von Tamedia/TX Group in Rechnung gestellt werden – und insbesondere die IT- und Mietkosten – seien intransparent und überhöht. Wie werden diese Kosten berechnet?
Mehrere Führungskräfte oder ehemalige Führungskräfte sagen, der Konzern habe die Kosten für die Feier zum 125-Jahr-Jubiläum des Unternehmens den Medientiteln entsprechend ihrem jeweiligen Personalbestand in Rechnung gestellt, und diese Kosten hätten sich auf bis zu mehrere Zehntausend Franken pro Redaktion belaufen. Ist das zutreffend?
Trifft die Behauptung der erwähnten Führungskräfte oder ehemaligen Führungskräfte zu, dass der Konzern – vollkommen rechtmässig – die liquiden Mittel aus seinen Titeln abgezogen hat, um insbesondere die Investitionen des Konzerns in andere Geschäftsbereiche zu finanzieren?
Mehrere Quellen sprechen von der Existenz einer Strategiedebatte im Verwaltungsrat. Müssen die Kleinanzeigen, die sich zu den Online-Plattformen verlagert haben, wie in der Vergangenheit auch künftig weiterhin die Presse finanzieren? Die Quellen geben weiter an, die Diskussion sei dahingehend entschieden, dass die Marktplätze nicht die Presse finanzieren und die Titel ihre eigenen Rezepte entwickeln müssen, um ihren Fortbestand zu sichern. Können Sie bestätigen, dass diese Debatte stattfand und in der beschriebenen Weise entschieden wurde? Und welche Einstellung hatten Sie persönlich zu diesem Thema?
Sehen Sie sich als Architekt der Diversifizierungsstrategie des Konzerns, die darauf abzielt, die Tätigkeit der TX Group über den Medienbereich hinaus auszuweiten – insbesondere durch die Akquisition von Marktplätzen?
Glauben Sie angesichts der Diversifizierung der TX Group und ihrer profitabelsten Aktivitäten, dass der Konzern ein Medienkonzern bleiben wird?
Tamedia wurden mehrere Unternehmensübernahmen respektive Management-Buy-outs angeboten – insbesondere für «Le Matin», «Bilan» und «Finanz und Wirtschaft». Diese wurden systematisch abgelehnt, obwohl die betreffenden Titel in Schwierigkeiten steckten. Warum haben Sie diese Buy-outs abgelehnt? Können Sie Beispiele für Investitionen nennen, die konkret zugunsten der genannten Titel getätigt wurden?
Wird die TX Group im Jahr 2030 noch Print-Zeitungen herausgeben?
Warum ist «20 Minuten» nicht Teil des Unternehmens Tamedia?
Im Jahr 2018 beschleunigte Tamedia den Konkurs von Publicitas, indem Tamedia als erster (und wichtigster) Kunde die Geschäftsbeziehungen zu Publicitas aufkündigte. Im Geschäftsbericht 2018 schreibt CEO Christoph Tonini: «Im Ergebnis enthalten ist unter anderem auch eine Wertberichtigung auf Forderungen in der Höhe von 6,0 Millionen Franken infolge des Konkurses von Publicitas.» Die Verluste bei anderen Verlagshäusern waren mitunter sehr erheblich und im Verhältnis höher als die von Tamedia erlittenen Verluste. Manche dieser Verlagshäuser behaupten, es wäre möglich gewesen, branchenintern eine gemeinsame Lösung zu finden. Haben Sie in Ihrer Eigenschaft als Präsident des Verbands Schweizer Medien alles versucht, eine gemeinsame Lösung zu finden, um die Verluste der anderen Publicitas-Kunden zu minimieren?
Eine weitere Frage zu Publicitas: Am 11. Mai 2018 sagte Konzernsprecher Christoph Zimmer gegenüber der Nachrichtenagentur SDA, Tamedia habe zwei Jahre vor dem Konkurs (22. Juli 2016) eine Vereinbarung zur Forderungsabtretung mit Publicitas geschlossen. Dies erkläre den Umstand, dass Tamedia seine Verluste im Vorhinein habe minimieren und gleichzeitig bei der Befriedigung aus der Konkursmasse von einer differenzierten Behandlung profitieren können, die vorteilhafter gewesen sei als die Behandlung der anderen Verlagshäuser. Aus den Unterlagen, die wir einsehen konnten, geht allerdings hervor, dass in dem genannten Vertrag von 2016 die Klausel über die Forderungsabtretung nicht enthalten war. Diese Klausel soll erst am 16. Januar 2018 in Anhang 6 des zwischen Tamedia und Publicitas abgeschlossenen Rahmenvertrags hinzugefügt worden sein. Können Sie die Aussagen, die Zimmer gegenüber der SDA getätigt hat, bestätigen?
Am Abend des 4. Juli 2018 trafen Sie am Rande des Montreux Jazz Festival mit Nuria Gorrite, der Präsidentin des Waadtländer Staatsrats, zusammen. Dieses Zusammentreffen veranlasste Sie, sich grundsätzlich mit einer Vermittlung zwischen der damals im Streik befindlichen Belegschaft von «Le Matin» und der Unternehmensleitung von Tamedia bereit zu erklären. In einem von Serge Reymond unterzeichneten Schreiben schlug Tamedia in der Folge diese Vermittlung aus, ohne sich beim Staatsrat zu bedanken. Der Staatsrat ging so weit, zu behaupten, Tamedia habe die Behörden benutzt, um dem Streik ein Ende zu bereiten. Wie bewerten Sie im Rückblick Tamedias Haltung in diesem Vorgang? Gibt es etwas, das Sie bedauern?
Trifft es zu, dass Pierre Ruetschi, der damalige Chefredaktor der «Tribune de Genève», von Tamedia entlassen wurde, weil er sich weigerte, die Namen der Streikenden in seiner Redaktion zu nennen?
Der Rechtsstreit zwischen der Redaktion von «Le Matin» und Tamedia dauerte fast zwei Jahre und endete mit einem Entscheid des Schiedsgerichts, der den entlassenen Beschäftigten vorteilhaftere als die von Ihnen angebotenen Bedingungen zusprach. Welche Lehren ziehen Sie daraus mit Blick auf etwaige zukünftige Massenentlassungen?
Steht das Ausscheiden von Serge Reymond bei Tamedia in Zusammenhang mit seinem Umgang mit dem Arbeitskampf bei «Le Matin»?
Wem gehört die Zeitung, die Sie morgens zum Kaffee lesen? Das Onlineportal, das Sie in der Mittagspause anklicken? Die Geschichte einer reichen und mächtigen Verlegerfamilie. Und was sie mit ihren Medien macht. Zum Auftakt der Serie.