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El Comandante kämpft den Kampf seines Lebens
Wie es ihm wirklich geht, wissen nur ein paar Eingeweihte. Fest steht, dass Chávez seit Juni 2011 viermal operiert werden musste, nachdem die Ärzte in der Beckengegend Krebs entdeckt hatten. Er hat sich zudem mehrerer Chemo- und Strahlentherapien unterzogen. Die genaue Art seiner Erkrankung wurde stets sowohl von ihm selbst als auch von seinen Ärzten geheim gehalten.
Nur vorübergehend „völlig geheilt“
Auch nach der jüngsten Intervention, zu der der venezolanische Präsident wie bei den früheren Behandlungen nach Kuba geflogen war, geizte die Regierung in Caracas mit Informationen. Aussenminister und Vize-Staatsoberhaupt Nicolás Maduro gab in einer landesweit verbreiteten Fernseh- und Radioansprache lediglich bekannt, dass der komplizierte Eingriff sechs Stunden gedauert habe, aber „korrekt und erfolgreich“ abgelaufen sei.
„Erfolgreich“ waren laut offizieller Version auch schon die drei ersten Operationen gewesen. Im vergangenen Sommer hatte sich Chávez als völlig geheilt erklärt und bei jeder Gelegenheit betont, er fühle sich „moralisch, geistig und körperlich in bester Verfassung“, um im Oktober abermals für das Amt des Staatsoberhaupts zu kandidieren.
Was passiert am 10. Januar?
Er wurde denn auch mit einem Stimmenanteil von 55 Prozent für weitere sechs Jahre gewählt. Ob der Linksnationalist, der Venezuela seit 1999 regiert, am 10. Januar sein neues Mandat tatsächlich in Angriff nehmen kann, ist jedoch alles andere als gewiss. Sollte seine Krankheit ihn daran hindern, müsste die Regierung gemäss der geltenden Verfassung innerhalb von 30 Tagen Neuwahlen anberaumen. In der Übergangsphase hätte Vizepräsident Nicolás Maduro, ein enger Vertrauter des Staatschefs, die Amtsgeschäfte zu übernehmen.
Loyal und linientreu, aber wenig charismatisch
Chávez hatte den 50-jährigen Aussenminister nach seinem letzten Wahlsieg im Oktober zu seinem Stellvertreter ernannt. Vor der Abreise nach Havanna bestimmte er ihn auch zu seinem Nachfolger. Falls irgendetwas passiere, solle Maduro nicht nur sein Mandat zu Ende führen, sagte Chávez. Komme es zu Neuwahlen, appellierte er an seine Landsleute, sollten sie unbedingt seinem langjährigen Weggefährten und engen Vertrauten die Stimme geben: „Das ist meine unumstössliche, absolute und totale Überzeugung.“
In Maduro sieht Chávez offenbar am ehesten einen Garanten dafür, dass die von ihm propagierte „Bolivarische Revolution“ allenfalls auch ohne ihn weiterlebt. Der ehemalige Buschauffeur und Gewerkschaftschef gilt als sehr loyal und linientreu. Er verfügt jedoch über wenig Ausstrahlung und gebärdet sich bei weitem nicht so kämpferisch wie El Comadante, der polarisiert wie kaum sonst ein Politiker und Andersdenkende schnell einmal als Landesverräter, geldgierige Oligarchen und Steigbügelhalter der US-Regierung, seines Intimfeindes, beschimpft.
Keiner ist so populär wie Chávez
Auch wenn Maduro bei jeder Gelegenheit seine Treue zu Chávez und dessen Modell eines Sozialismus des 21. Jahrhunderts beteuert: Wird Venezuela auch ohne Chávez auf dem von ihm vorgezeichneten Weg weitergehen?
Zweifel sind angebracht. Wenn Chávez von der „Bolivarischen Revolution“ redet, meint er immer auch sich selbst. Ein Grossteil seiner Wähler identifiziert ebenfalls die mehr oder weniger konkreten Vorstellungen von einer gerechteren und partizipativeren Gesellschaft mit seiner Person. Er konnte sein Volk immer wieder überzeugen, dass die milliardenschweren Sozialprogramme, finanziert aus den Erdöleinkünften des Landes, nur unter ihm eine Zukunft haben.
Es ist anzunehmen, dass Maduro an den Projekten zur Armutsbekämpfung, Reformen im Bildungsbereich und im Gesundheitswesen sowie Plänen zur Verminderung der Wohnungsnot festhalten würde – solange genügend Geld da ist. Nur müsste er dazu zuerst einmal gewählt werden. Dass Chávez ihn zu seinem Nachfolger gekürt hat, sichert ihm nicht automatisch auch einen genügend starken Rückhalt in der Bevölkerung.
Viele beten für seine Genesung
Auch innerhalb der Bolivarischen Bewegung, die keineswegs homogen ist, verfügt Maduro bei weitem nicht über so viel Einfluss wie Chávez und kann deshalb nicht auf dieselbe geschlossene Unterstützung zählen wie der Präsident. Dessen dominante Persönlichkeit war bisher der stärkste Kitt für den inneren Zusammenhalt der Bewegung. Steht nicht mehr er an ihrer Spitze, drohen Flügelkämpfe, die nicht bloss den Hausfrieden der Chavisten, sondern auch die politische Stabilität des Landes gefährden könnten.
Es war wohl eine gehörige Portion Zweckoptimismus im Spiel, als Chávez vor der Abreise nach Kuba sagte: „Die Republik und die Revolution sind in guten Händen.“ Ein Venezuela ohne Chávez? Ein solcher Gedanke ist für viele Venezolaner schwer vorstellbar. Und so beten unzählige Anhänger landauf und landab, dass der Staatschef den schwierigsten Kampf seines Lebens gewinnen wird.