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Der Vordenker der Occupy-Bewegung ist 59-jährig gestorben: David Graeber war nicht nur einer der grossen politischen Analytiker unserer Zeit, der Anarchist prägte auch die zeitgenössische Ethnologie.
Irgendwann im Frühling 2015. Wir sitzen in einem Seminarraum im Old Building der London School of Economics and Political Science (LSE). Es ist Freitag, 10.30 Uhr – Beginn des wöchentlichen Friday Seminar, des wohl bekanntesten wissenschaftlichen Forums der Ethnologie in Europa. Eine Professorin dreht sich um und fragt in die Runde: «Wollte David nicht auch kommen?» Jemand antwortet: «Er protestiert gerade mit den Studierenden im ersten Stock gegen die Ökonomisierung der Bildung. Soll ich ihn holen?»
David Graeber war damals erst knapp zwei Jahre Professor an der LSE – einer Universität, die irgendwie sehr gut zu ihm passte, irgendwie aber auch gar nicht. Gut passte sie, weil die LSE im 19. Jahrhundert auf Initiative der Fabian Society, einer nichtrevolutionären marxistischen Bewegung, entstand, die einen Gegenpol zu den establishmenttreuen Universitäten Oxford und Cambridge schaffen wollte. Nicht gut passte sie zu Graeber, weil ebenjene Hochschule mittlerweile gut 22 000 Pfund (15 000 Pfund für britische und EU-BürgerInnen) für einen einjährigen Masterabschluss in Sozialwissenschaften verlangt und damit vor allem Studierende aus reichem Elternhaus anlockt oder jene, die bereit sind, sich zu verschulden.
Als zuverlässiger und pünktlicher Kollege war David Graeber nie bekannt. Aber dafür wurde er wohl auch nicht an die LSE geholt. Schon vor seiner Berufung war er ein Star, weit über die Fachgrenzen der Ethnologie hinaus. Der Durchbruch gelang ihm mit seinem 2011 veröffentlichten Buch «Schulden. Die ersten 5000 Jahre». Ein Bestseller – und vor allem ein Meisterwerk. Eigentlich ist das Buch kein typisches Werk für die Ethnologie, die sich üblicherweise eher einer bestimmten Gruppe in einem bestimmten regionalen Kontext widmet. Trotzdem ist das Buch durch und durch ethnologisch, da sich Graeber in seinem historischen Abriss unzähliger ethnologischer Beispiele bedient, die aus seinen eigenen Forschungen und den Forschungen anderer EthnologInnen stammen.
Das Kollektiv im Vordergrund
So verwendete er ältere Studien zu den Tauschgewohnheiten von Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften als Arsenal, um die Annahme der neoklassischen Wirtschaftslehre zu demontieren, dass Schulden eine ökonomische Notwendigkeit darstellen – vielmehr, so zeigt Graeber, sind sie ein gezielt eingesetztes Machtinstrument. Das Buch war zentral für die Ethnologie als wissenschaftliche Disziplin, denn es brach in der Zeit des Nachspiels der Finanzkrise mit den zuvor gefeierten postmodernen Theorien, die die Welt als Diskursfeld deuteten, und rückte die realen Verteilungskämpfe, Hierarchien und Ungleichheiten wieder ins Zentrum der Analyse.
Für seine Doktorarbeit an der University of Chicago forschte Graeber im ländlichen Madagaskar. Schon damals interessierte ihn die Rolle sozialer Schichtung. Gleichzeitig mobilisierte er auf dem Campus für seine politischen Anliegen. Er war – und blieb – überzeugter Anarchist, der nichts von der Trennung seines Tuns als Wissenschaftler und seines Tuns als politischer Akteur hielt. Dies wurde ihm 2005 zum Verhängnis, als in Yale – damals war er bereits Professor für Ethnologie – sein Arbeitsvertrag nicht erneuert wurde. Offiziell gab es seitens der Uni dafür nie eine Begründung. Wie damals jedoch schon viele bekannte EthnologInnen in Unterstützungsschreiben für Graeber erwähnten, sollen seine politischen Überzeugungen der restlichen Professorenschaft in Yale ein Dorn im Auge gewesen sein.
Graeber liess sich davon nicht einschüchtern. 2004 publizierte er das Buch «Frei von Herrschaft. Fragmente einer anarchistischen Anthropologie», 2009 dann «Direkte Aktion. Ein Handbuch» – beides Bücher, die die Ethnologie und politischen Aktivismus direkt miteinander ins Gespräch bringen und aufzeigen, dass Graeber diese zwei Handlungsfelder nie isoliert betrachtete.
2011, zeitgleich mit dem Erfolgszug seines Bestsellers «Schulden. Die ersten 5000 Jahre», wurde Graeber auch als Aktivist berühmt. Er mobilisierte für die Occupy-Wall-Street-Proteste in New York und wurde der wichtigste Vordenker der Bewegung. In den Tagen nach seinem Tod haben Menschen auf Twitter ihre Lieblingszitate von Graeber geteilt. «We are the 99%», Graebers Ausspruch, der zum Slogan für die Occupy-Bewegung wurde, war verständlicherweise ganz vorne mit dabei. In «seiner» Bewegung – obwohl er selbst natürlich immer das Kollektiv in den Vordergrund stellte – sah er auch später immer ein Erfolgsmodell. Sie war für ihn ein Experimentierfeld direktdemokratischer Prozesse, ein Beweis dafür, dass kollektiver politischer Aktivismus abseits von etablierten Parteien, AkteurInnen und damit Hierarchien stattfinden kann.
Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er in den letzten Jahren als Kritiker von «bullshit jobs» bekannt. Ursprünglich formulierte Graeber die These, dass ein zunehmender Teil aller Jobs kaum einen klar definierbaren Nutzen hat, 2013 in der US-Graswurzelzeitung «Strike Magazine». Diesen Gedanken baute er später in Buchform aus und erregte damit Aufsehen. So wurde gerade in deutschsprachigen Medien die Nachricht über den Tod Graebers meist mit dem Verweis auf sein Buch «Bullshit Jobs» veröffentlicht. Das wirklich interessante Argument im Kontext seiner Bullshit-Jobs-These führte er jedoch eher im Buch «Bürokratie. Die Utopie der Regeln» von 2016 aus. Darin zeigte er nämlich, dass Bürokratie nicht primär eine staatliche Praxis ist, die im Kontrast zu privatwirtschaftlichen, «effizienten» Prozessen steht, sondern dass viele bürokratische Prozesse ein direktes Resultat der sogenannt freien Marktwirtschaft sind. Damit lieferte er eine dezidiert linke Bürokratiekritik, die ihn erneut als kreativen und unberechenbaren Denker positionierte.
Piraten und Könige
Seinen Erfolg als Wissenschaftler und Aktivist nutzte Graeber zunehmend auch dazu, als «public intellectual» Einfluss auf gesellschaftliche und politische Debatten zu nehmen. Unvergessen ist etwa sein Auftritt bei Maybrit Illner 2012, wo er basierend auf seinem damals eben erschienenen «Schulden»-Buch auf dem Höhepunkt der Eurokrise im deutschen Fernsehen einen Schuldenerlass für Griechenland forderte. Unvergessen sind seine Solidaritätsbekundungen für Gemeinschaften in prekären Situationen, etwa für die KurdInnen in Rojava. Diesen Frühling ergriff er mehrmals auch das Wort zum Thema Antisemitismus und zu seiner eigenen Positionierung als antikapitalistischer Aktivist mit jüdischem Hintergrund. Und auch zur Coronapandemie äusserte er sich. In einem Interview mit der «Zeit» ermahnte er uns, die Verarbeitung dieser Krise produktiver zu nutzen als damals bei der Finanzkrise von 2008.
In letzter Zeit investierte Graeber zudem Zeit in das Schreiben von Kinderbüchern. Im Rahmen des Projekts «Anthropology for Kids», geleitet von seiner Frau Nika Dubrovsky, verfasste er ein Buch über Könige. Kurz vor seinem Tod kündigte er in einer Videobotschaft ein weiteres Kinderbuch an, über Piraten – «viel besser als Könige», wie er sagte.
Die Bereitschaft, sein Wissen auch in Form von Kinderbüchern zu verbreiten, zeigt, wie David Graeber wirklich war. Nicht einfach ein brillanter Denker, nicht einfach überzeugter Anarchist, nicht einfach politischer Aktivist. Nein, wie es die Ethnologin Laura Bear in ihrer Funktion als Leiterin des Instituts für Ethnologie an der LSE auf den Punkt gebracht hat: «Er war das, was ein Anthropologe sein sollte – ein Botschafter anderer Möglichkeiten.»
Stefan Leins ist Juniorprofessor für Ethnologie an der Universität Konstanz. Er verbrachte 2015 ein Jahr am Department of Anthropology der London School of Economics and Political Science, wo auch David Graeber lehrte. Zum letzten Mal sah Leins Graeber an einem konspirativ anmutenden Treffen im Mai 2019, wo Graeber Umweltaktivisten, Bankerinnen und EthnologInnen an einen Tisch brachte, um über den Klimawandel zu diskutieren.