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Interview: Mark van Huisseling
Helge Müller: Ein wichtiges Thema, richtig. Die Suppe an den Märkten ist hin- und hergeschwappt in den ersten zwei Monaten des Jahres. Technologiewerte haben zuerst nochmal einen Kursschub erlebt. Vor wenigen Wochen hat das aber gedreht, der Nasdaq 100, der Technologiefirmen-Index, liegt nun erstmals seit längerer Zeit hinter dem Standard & Poor 500, dem Index der grössten Unternehmen Amerikas, zurück. Und diese Entwicklung wird Bestand haben, denke ich.
Wir sehen seit November eine Sektorrotation von Value-Aktien, Papieren von Unternehmen mit viel Substanz, zu Growth-Werten, Firmen mit hohem Wachstums- und Gewinnpotential; paradoxerweise entscheiden sich Anleger jeweils für Titel einer Kategorie, selten aber für beide gleichzeitig. Das hängt mit der Inflationserwartung zusammen. In der Eurozone beispielsweise betrug die jährliche Preissteigerung im November 2020 noch 0,2 Prozent, im Februar lag sie bereits bei 1,4 Prozent.
Einverstanden. Doch das unterliegende Thema, das dafür verantwortlich ist, ist die starke Erhöhung der Geldmenge, die pandemiebedingt stattgefunden hat. Wir sehen massive Eingriffe der Staaten, Konjunkturstützen im Umfang zweistelliger Prozentsätze der Wirtschaftsleistung, sowie der Zentralbanken in Form von Anleihenkaufprogrammen.
Laut dem Ökonomen Milton Friedmann ja. Aber nach der Finanzkrise von 2007/08, als vergleichbare Massnahmen, wenn auch in geringerem Ausmass, ergriffen worden waren, kam es nicht zu einem Anstieg der Inflation.
Genau, weshalb diese das Geld, das ihnen von den Zentralbanken zur Verfügung gestellt worden war, kaum an Unternehmen weitergaben. Dieses Mal haben wir es nicht mit einer Bankenkrise zu tun. Weshalb die Banken die Unternehmen im grossen Stil mit Liquidität auf Pump versorgen. Also kommt mehr Geld in den Kreislauf, was die Wirtschaft weiter pusht. Interessanterweise haben die Zentralbanken mitgeteilt, dass sie die Zinsen auf längere Zeit nicht anheben wollen. Wir sehen eine Kombination von Faktoren, die zu einer spannenden Lage führt.
Tatsächlich, und zwar in den 1950er Jahren. Das Learning ist, verkürzt gesagt: Es dauerte recht lange, bis die Inflation kam, nämlich zirka fünf Jahre. Und in dieser Zeit fand das statt, was man Finanzrepression nennt: Die Staatsschulden sanken real betrachtet in den Inflationsjahren, während denen die Zinsen tief blieben.
Ja, das ist so. Obwohl bei, sagen wir, 30-jährigen amerikanischen Staatsanleihen eine Zinssteigerung von einem Prozent mit rund 30 Prozent auf den Kurs der Anleihe durchschlägt. In den vergangenen Monaten haben die Zinsen am langen Ende um ungefähr ein Prozentpunkt angezogen, nachdem sie zuvor zirka auf der Höhe der 10-jährigen Papiere notierten, was nicht normal ist. Damit wir uns richtig verstehen: Wir erwarten nicht ein rasches Anziehen der Zinsen auf breiter Front. Aber wir gehen davon aus, dass die Weltwirtschaft bald wieder gut läuft, auch wegen der erwähnten Konjunkturstütze und der weiteren Liquidität, die in den Kreislauf kommt.
Wir müssen Unternehmen identifizieren, die davon profitieren. Solche, die inflationsbedingte Mehrkosten auf ihre Kunden abwälzen können. Dann verdienen sie mehr, weil durch die höheren Preise ja mehr Geld reinkommt.
Wir schauen uns dazu die Gewinnwachstumsprognosen an und gehen dabei davon aus, dass die Marschrichtung und das -tempo ungefähr gehalten werden können. Was eine Aussage darüber zulässt, wie hoch ein vernüftiges Kurs-/Gewinnverhältnis in zehn Jahren sein könnte. Für die Firma Alphabet, der Muttergesellschaft von Google und YouTube, kommen wir auf ein Potenzial von 400 Prozent Kurswachstum in zehn Jahren – selbst bei einem Abschlag vom heutigen KGV und ohne Inflation –, das heisst rund 20 Prozent pro Jahr. Alphabet ist kein Einzelfall, wir erkennen auch nicht die von manchen Beobachtern beschriebene Blase.
Ja, es gibt sogenannte zyklische Werte, die uns gefallen: Chemiefirmen, Industrie- oder Rohstoffunternehmen sowie Banken. Die Vertreter von Branchen, die in letzter Zeit abgehängt wurden, profitieren von dem beschriebenen Szenario.
Der schweizerisch/britische Rohstoffhersteller und -händler Glencore beispielsweise; das KGV der Aktie ist, nach Gewinnen, erst ungefähr bei 11, uns scheint 17 angemessen. Bei den Banken blicken wir auf die Deutsche, die Anleger bewerten das Institut zurzeit mit ungefähr 0,35 des Buchwertes, das heisst negativ – geht die Bank pleite oder ist das Geschäftsmodell unbrauchbar? Glauben wir nicht. Weiter den breit aufgestellten deutschen Chemie- und Mischkonzern BASF beziehungsweise den Industrieriesen Siemens oder auch die Auto- und Motorradherstellerin BMW. Dennoch setzen wir beim Schwerpunkt unserer Anlagen weiter auf Technologiefirmen, global tätige Konsumgüterunternehmen und die Gesundheitsbranche.
Mit High Yield-, Hochzins-, Firmenanleihen lässt sich immer noch Geld verdienen. Von der Schnellverpflegungsgruppe Yum! Brands erhalten Anleger, die in Dollar investieren, 4,5 Prozent Zinsen, in Euro zahlt beispielsweise Burger King Frankreich 5,25 Prozent und im britischen Pfund empfehlen wir die Anleihe der Betreibergesellschaft des Flughafens Heathrow, von der gibt es 4,6 Prozent. Für Staatsanleihen hingegen haben wir weiterhin nur zwei Worte übrig: Hände weg.
Helge Müller ist Mitgründer und -inhaber sowie Portfolio Manager von Genève Invest, einem unabhängigen Vermögensverwalter in Genf.
Dieser Beitrag wurde von Commercial Publishing in Zusammenarbeit mit Genève Invest erstellt. Commercial Publishing ist die Unit für Content Marketing, die im Auftrag von 20 Minuten und Tamedia kommerzielle Inhalte produziert.