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Im ersten Teil der meines Reiseberichts habe ich beschrieben, wie ich an den Ausgangspunkt meiner Reise gelangte. Es ist wichtig, dass Du den Teil zuerst liest, sonst wird es schwierig, der Geschichte zu folgen. Wenn Du also „Was ist die Bibel für mich: der Ausgangspunkt“ noch nicht gelesen hast, empfehle ich Dir, dort anzufangen.
Bist Du wieder hier? Dann weiter auf dem Weg.
Die Moderne
Wir sind an dem Punkt verblieben, wo ich erkannte, dass das traditionelle Christentum sich mehr der Wissenschaft angenähert hatte, als ich vermutet hatte.
Vor allem hat es mich überrascht, dass das Christentum den Wahrheitsbegriff des wissenschaftlichen Zeitalters übernommen hatte. Wahr war, was durch Fakten unterlegt werden konnte. Zusätzlich war natürlich immer noch wahr, was die Bibel sagte.
Daraus ergibt sich ein Problem genau da, wo die Fakten den Aussagen der Bibel widersprechen. Interessanterweise war die Kirche, wenn auch sehr zögernd, in mehreren Punkten bereit, bisher als wahr empfundene Aussagen der Bibel neu zu überdenken. So zum Beispiel das Modell einer flachen Erde zugunsten eines helio-zentrischen Weltbildes.
Doch an anderen Stellen wurde es schwieriger. Nehmen wir die Schöpfungsgeschichte.
Der neu akzeptierte wissenschaftliche Wahrheitsbegriff führte zu einer wörtlichen Auslegung der Schöpfungsgeschichte als Tatsachenbericht, der die ersten Tage der Existenz dieses Universums beschrieb: die Schöpfung in 6 Tagen, der Ruhetag, der Fall des Menschen und dessen Folgen.
Die Wissenschaft lieferte Fakten für ein Universum, das 13.8 Milliarden Jahre alt war. Zum Glück nannte die Wissenschaft die Evolutionstheorie eine Theorie. Das schien auszudrücken, dass sie selber nicht so richtig daran glaubten. Nur wird natürlich das Wort Theorie in der Wissenschaft anders verwendet: es bedeutet eine hinreichend plausibilisierte Annahme, welche bis jetzt die gefundenen Fakten am besten beschreibt.
Wie reagiert man auf eine solche Diskrepanz? Der Unterschied zwischen 7 Tagen und 13.8 Milliarden Jahren ist ja nicht so einfach vom Tisch zu wischen.
Erklärungsversuche
Ich bin Software-Architekt. Ich habe in mehreren Anläufen, aber jeweils ohne Abschluss, über viele Jahre studiert. Ähnlich dem Dr. Faust kann ich sagen: „Ich hab studiert Geschichte, Politologie, Mathematik, Informatik, Computerlinguistik, Künstliche Intelligenz und Theologie, und bin so klug als wie zuvor.“
Meine Berufs- und Studienkollegen konnten nicht verstehen, wie ich einem antiquierten Glauben anhängen konnte. Interessanterweise war es meist die Schöpfungsgeschichte, die sie als Konfliktpotenzial und Grund für sich selbst angaben, diesen Glauben nie teilen zu können. (Und traditionelle Christen meinen immer noch, es sei die Frage nach dem vielen Leid in der Welt, die die Menschen umtreibe. So habe ich es in meinem modernen Berufsumfeld nicht erlebt, auch wenn das traditionell durchaus stimmt.)
Also musste ich für mich selbst und meine Kollegen diesen Konflikt erklären. Wissenschaftlich erklären.
Ein erster Ansatz:
Ein Freund von mir hat die Schöpfungsgeschichte mit Hilfe der Einsteinschen Relativitätstheorie untersucht. Wenn Gott ein Beobachter ausserhalb des Systems Universum ist und das Universum mit seit dem Big Bang abnehmender Geschwindigkeit expandiert und an ihm vorbeizieht, dann entsprechen die Jahrmilliarden für Gott in etwa 7 Tagen.
Je schneller das Universum vorbeizieht, desto länger die vergangene Zeit im System, während der Beobachter nur einen Tag erlebt. So entspricht nach diesen Berechnungen zur Zeit Davids ein Tag bei Gott etwa 1000 Jahren auf Erden, genau so, wie David es im Psalm ausdrückt.
Die Schöpfungsgeschichte mit ihren Stationen und Tagen kann so ziemlich genau umgelegt werden auf die „Big Bang“-Theorie.
Ein zweiter Ansatz:
Max Plank hat mit seinen Plankschen Konstanten bewiesen, dass es eine kleinstmögliche Distanz und eine kleinstmögliche Zeiteinheit gibt. Das heisst, dass unser Universum nicht analog, sondern digital ist. Somit kann das Universum tatsächlich eine Computersimulation sein. Als solche kann der Programmierer in den sechs Tagen des Programmdurchlaufs die Schöpfung durchgeführt haben. Als Teilnehmer und Teil der Simulation wäre es für uns nicht ersichtlich.
Ich war sehr kreativ in den Versuchen, die Bibel mit der Wissenschaft zu versöhnen.
Doch wie hatte sich die Kirche eigentlich aus der Affäre gezogen, wo es kein Zurück mehr gab und die Bibel offensichtlich „falsch“ lag?
Ein neues Weltbild
Wie schon gesagt, musste die Bibel sich von einem geozentrischen Weltbild verabschieden – spätestens, als Astronauten aus dem Weltall ein Bild der Erde schickten („Rising Earth“), war nicht mehr von der Hand zu weisen, dass die Erde eine Kugel war, die die Sonne umkreiste.
Wie hat die Kirche das überwunden?
Noch heute glauben die meisten Christen, dass die Erde von einem Dom umgeben war, ausserhalb dessen Wasser war. Dieses Wasser, das jetzt zu fehlen scheint, ist bei der Sintflut niedergegangen – oder der Dom ist so viel grösser, als wir dachten.
Ich kam aber mehr und mehr zu einer anderen Überzeugung. Das fing in etwa so an:
Nehmen wir an, dass der Schreiber der Schöpfungsgeschichte seine Erfahrungen in die Beschreibung einfliessen liess. Die Erde sieht für uns tatsächlich aus wie eine Scheibe, der Himmel wie ein Dom. Und alles, was nicht festgemacht und verankert ist, fällt vom Himmel. Das Wasser war auch klar, schliesslich regnete es ja immer wieder. Das musste von irgendwo herkommen.
Das würde allerdings bedeuten, dass Gott eine Schöpfungsgeschichte diktierte, die nicht den Fakten entsprach. Spätestens in der modernen Zeit würde Gott also als Lügner überführt.
Doch seien wir etwas gnädig. Gott wollte die Menschen zu jener Zeit nicht überfordern, und vertraute darauf, dass wir das nachvollziehen können würden. Also vereinfachte er die Geschichte und passte sie an, wo notwendig, damit auch Mose es begriff.
Ein Problem haben wir mit dieser Erklärung: auch die Urknall-Theorie kann sehr einfach und anschaulich erklärt werden. Warum also ausweichen, wenn die faktische Wahrheit auf einem einfachen Niveau genauso gut funktionieren würde?
Vielleicht geht es bei der Geschichte ja gar nicht um eine historische und faktische Darstellung der Schöpfung, sondern um Prinzipien, welche Gott uns mitteilen wollte?
Ein anderes Wahrheitsverständnis
Wie ich im ersten Artikel angedeutet habe, hatte der Schreiber der Schöpfungsgeschichte den Wahrheitsbegriff der Moderne gar nicht zur Verfügung.
Er wollte durch das Erzählen von Geschichten dem Hörer Leben spenden. Leben spenden im Sinne von: Sinn geben, Freude spenden, moralische Verbesserung herbeiführen.
Wenn die Geschichte dies leistete, war sie wahr.
Daraus ergibt sich ein ganz anderer Interpretationsansatz für die Schöpfungsgeschichte. Doch dazu mehr im nächsten Artikel.