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Jeder Vater steht irgendwann zwischen Angelina Jolie, Karl Lagerfeld und Nicolas Sarkozy. Zumindest muss er sich fragen: Wer von ihnen hat recht? Sind die neuen Väter «das Schlimmste, was es gibt, weil sie Kleidung und Karriere vernachlässigen» (Lagerfeld)? «Heiss. Da es nichts schärferes gibt als einen guten Vater» (Jolie)? Oder muss ein Vater vor allem eines sein: «Patriarch und Anführer» (Sarkozy)? Tja.
Frühere Generationen hatten es da leicht. Familienernährer und -oberhaupt zu sein, reichte bis vor etwa 40 Jahren vollumfänglich, um als guter Vater durchzugehen. Aber heute? Wie sollen sie denn nun sein, die jungen Väter? Oder besser noch: Wie sollen sie keinesfalls sein? Denn Auflistungen davon, was Väter falsch machen, gibt es reichlich: Etwa, dass sie keine Ahnung haben, wie Strampelanzüge zu reinigen sind, kaum Erziehungszeit nehmen, weder Kleidergrösse noch Freunde des Nachwuchses kennen … Oder aber auch, dass Väter sich bei Kindern anbiedern mit Kissenschlachten statt «Bettzeit!», Dr. Dre aufs iPhone laden statt Verben abzufragen und Biken gehen statt der Tochter das Augenbrauenpiercing zu verbieten. Zudem arbeiten sie entweder zuviel, dann fehlen sie daheim, oder sie arbeiten zu wenig, dann fehlt das Geld.
An steilen Thesen über väterliches Versagen mangelt es nicht. Vermutlich auch nicht an Daten, die all das stützen. Fakt aber ist gleichfalls: So viel Vater wie heute war nie.
Jeder Vater steht irgendwann zwischen Angelina Jolie, Karl Lagerfeld und Nicolas Sarkozy. Zumindest muss er sich fragen: Wer von ihnen hat recht? Sind die neuen Väter «das Schlimmste, was es gibt, weil sie Kleidung und Karriere vernachlässigen» (Lagerfeld)? «Heiss. Da es nichts schärferes gibt als einen guten Vater» (Jolie)? Oder muss ein Vater vor allem eines sein: «Patriarch und Anführer» (Sarkozy)? Tja.
Familie ernähren? Ja. Erziehen? Auch ja.
Zwar verbringen Väter weniger Zeit mit ihren Kindern als die Mütter, aber doch immerhin – obwohl 88 Prozent voll erwerbstätig sind und 82 Prozent des Familieneinkommens erarbeiten – täglich zweieinhalb Stunden mit Arbeiten in Haus und Familie, die Hälfte davon mit ihren Kindern. 69 Prozent finden es, so das Meinungsforschungsinstitut Allensbach, «wichtig, dass man sich auch als Vater um sein Kind kümmert», nur noch jeder dritte sieht sich ausschliesslich als «Familienernährer », vielmehr ist es für 58 Prozent «völlig selbstverständlich, sich genauso um die Erziehung zu kümmern wie die Mutter». Dass Väter dennoch nach wie vor in Kinderarztpraxen und beim Kauf von Kleinmädchensandalen so häufig anzutreffen sind wie Murmeltiere am Strand, gehört zu den Widersprüchen der modernen Vaterrolle. Oder wie es der St. Galler Professor Dieter Thomä in seinem Buch «Väter» ausdrückt: «Die Figur des Vaters ist zwischen die Fronten geraten. Der Vater muss verkraften, zwischen mehr oder weniger Autorität hin- und hergejagt zu werden wie eine Flipperkugel.»
Über Selbstverständlichkeiten denkt keiner nach
Einzige feste Grösse: der gute Wille, es gut zu machen. Sagen doch sieben von zehn jungen Vätern, sie möchten ihren Kindern ein Vorbild sein. Aber was für ein Vorbild? Als Respektperson? In ihrer Kumpelhaftigkeit? An Coolness? Als Autorität? Oder doch eher als Freund des Kindes, der durch Kameradschaft seine eigenen Werte schmackhaft macht?
«Väter denken nicht ständig darüber nach, welche Art von Vater sie sein wollen», so Rainer Neutzling, Vaterforscher und Autor mehrerer Gender-Bücher. Und das habe nichts mit Gleichgültigkeit zu tun, sondern damit, dass Väter, vielleicht Männer generell, selten über jede Falte ihres Innenlebens nachgrübelten. Und – dass man sich über Selbstverständlichkeiten eben keine Gedanken mache. «Es denkt doch auch keiner an seinen Knöchel, ausser dieser ist verstaucht.»
Stefan Minder ist so ein «selbstverständlicher» Vater. Mit seiner Partnerin und seinen beiden Kindern lebt der Maschineningenieur in Zürich. Mit der 5-Jährigen und dem 10-Jährigen zu spielen ist Alltag, im Herbst Drachen steigen zu lassen, mit ihnen zu schmusen und vorzulesen ist normal. Normal, wie er es auch damals fand, seinen Job zu reduzieren, als die Kinder kamen. So eine Zäsur im Leben, so etwas Wichtiges wie Vater werden und dann keine Reaktion darauf? Das wäre für ihn NICHT normal gewesen. Vater, Papa oder Vati nennen ihn seine Kinder trotzdem nicht, sondern: Stefan. Warum? «Warum nicht? müsste die Frage heissen. Ich will doch auf meine Kinder nicht durch meine Funktion ‹Vater› wirken, sondern als Mensch.» Ob er eher Kumpel als Vorbild ist, weiss der 41-Jährige nicht. «Vorbild ist man vermutlich doch einfach dadurch, dass es einen gibt.» Mit dem Respekt dagegen, lacht Stefan Minder, sehe es möglicherweise anders aus. Da könne man nachbessern. Denn dass sein Sohn neulich, als sein Vater laut darüber n achdachte, ob er beruflich auf Lehrer umsatteln solle, klar und deutlich gefunden habe: «Lehrer? Dafür bist du zu dumm und zu faul», sei doch ein wenig irritierend gewesen. Aber nur kurz. Man mag sich, frotzelt, schimpft, lacht, lebt halt zusammen. Punkt.
Die Angst der Trennungsväter vor Liebesverlust
Anders sieht die Situation bei Trennungsvätern aus. Da wird Alltägliches besonders, weil es Alltag nicht gibt. Wie in jeder Fernbeziehung bekommen plötzlich Ausschnitte von Verhalten ein Gewicht, die sich, gäbe es Kontinuität, relativieren würden. Bei knapp bemessener Zeit muss man(n) sich überlegen, welche Rolle aus dem Bündel man spielen möchte. Patrick Baumann aus Steinach hat sich für «Freund und Kumpel» entschieden. Notgedrungen. Klar sei es damals, als er noch mit Frau und Tochter unter einem Dach gelebt habe, für ihn selbstverständlich gewesen, auch die Tochter zur Mithilfe anzuhalten, zum Aufräumen zu ermahnen, ab und an streng zu sein. Aber jetzt, nach Scheidungsquerelen, Sorgerechtsstreitereien? «Jetzt picke ich mir konsequent die Rosinen aus der Erziehung raus. Da bin ich ganz ehrlich», sagt der 43-Jährige. Er fordere nichts, strafe nicht, schimpfe nicht. «Ich möchte einfach, wenn ich schon meine Tochter nur noch alle zwei Wochen sehen kann, eine ungetrübt schöne Zeit mit ihr. Ich habe Angst, dass sie sonst vielleicht nicht mehr kommen mag.» Patrick Baumann zuckt die Achseln. Er weiss, dass der Wettbewerb «wer ist der nettere Elternteil», die Aufteilung «Mama fürs Grobe, Papa fürs Lustige» nicht sinnvoll ist, aber ausgesucht hat er sich das nicht. Gerne hätte er es anders. «Vor allem möchte ich, dass meine Tochter mich lieb hat», sagt er etwas hilflos. Dafür macht er eben den superlässigen Daddy. Lieber wäre er ein Vorbild. Aber wie bei so wenig gemeinsamer Zeit? «Das ist schon sehr schwierig. Ich lasse mir so viel es geht von ihr erzählen und höre ganz genau zu. Ob das reicht, eine dauerhafte Spur bei ihr zu hinterlassen? Ich weiss es nicht.» Gerne würde er noch mehr Vater sein, ein Vater mit mehr gemeinsamer Zeit, mehr Diskussionen, mehr Verantwortung für sein Kind. Deshalb hat er das Netzwerk www.doubtfire. ch für die Rechte von Trennungsvätern gegründet. «Denn obwohl ich die Freund-Rolle gewählt habe, will ich doch nicht nur irgendein Kollege sein.»
Das wäre auch fatal. Denn, wie Wissenschaftler herausgefunden haben, können Kinder mürrische Väter händeln, strenge Väter, eitle und peinliche. Alle. Nur keine Väter, die ihre Kinder an Jugendlichkeit rechts überholen wollen, Väter, die so tun, als ob sie coolstes Gschpänli statt Erzeuger seien.
Das nämlich irritiert, lässt Pubertierende die Orientierung verlieren, verhindert Reibung und damit das Herausschleifen einer eigenen Persönlichkeit – und macht ihnen erwachsenes Verhalten madig. Oder wie es Dieter Thomä in seinem Väter-Buch über die Wirkung von Erwachsenen, die auf möglichst Jung machen, schreibt: «Den Jugendlichen muss es so gehen wie einem Bergsteiger, dem während des Aufstiegs Massen von Menschen entgegenkommen – voll Überdruss ob des Ziels, dass er erst noch erreichen will.»
Solange ein Vater eindeutig Vater ist und gerne Vater, spielt heiss oder schlecht gekleidet, soft oder streng keine Rolle. Hauptsache authentisch. Und: Vorbild ist er sowieso.