Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03324.jsonl.gz/1224

Pedro Lenz über Lance Armstrong, den bemitleidenswerten Akribiker.
Lange bevor Lance Armstrong seinen siebten Tour-de-France-Sieg feiern konnte, hatte er ein erfolgreiches Buch publiziert. Das Buch trägt den Titel «Tour des Lebens», und im Untertitel heisst es: «Wie ich den Krebs besiegte und die Tour de France gewann».
Wer das Buch gelesen hat, weiss danach vermutlich mehr über Armstrong als er selbst. Der Bursche vom US-amerikanischen Hinterland, der unter prekären Verhältnissen aufwuchs, versteht sein eigenes Leben seit früher Kindheit als ständigen Kampf. Als Kind kämpfte er gegen soziale Ausgrenzung. Als junger Radprofi in Europa kämpfte er um Anerkennung in einem Milieu, dessen ungeschriebene Gesetze ihm anfänglich völlig fremd waren. Als Krebspatient kämpfte er mit aller Verbissenheit gegen die Krankheit und den Tod. Als er vom Krebs geheilt war, kämpfte er um den erneuten Anschluss an die Weltspitze im Radsport. Ausserdem kämpfte er mit seiner Stiftung dafür, dass die Krebsforschung vorankommt.
Als Armstrong danach die Tour de France gewann, hätte er eigentlich ein bisschen zurücklehnen können, aber wenn einer seine Existenz immer nur als Kampf verstanden hat, kann er nicht ruhen. Er kämpfte um weitere Tour-Siege, er kämpfte um Geld für seine Stiftung, er kämpfte um Rekorde, und er kämpfte gegen das Älterwerden. Nachdem er bei seinem Comeback im Jahr 2009 als 38-Jähriger nochmals Dritter jener Rundfahrt wurde, die er sieben Mal gewonnen hatte, sah er dieses fantastische Resultat als Niederlage, die es auszumerzen galt. Ein Jahr später startete er noch einmal, aber diesmal reichte es ihm nur noch zu einem 23. Rang.
Da er danach einsehen musste, dass es ihm im Radsport nicht mehr ganz nach vorne reicht, wechselte er die Disziplin und kämpfte fortan darum, die Weltspitze im Triathlon zu erklimmen. Erst die Dopinganklagen machten diesem Vorhaben ein Ende, sonst befände sich der 41-Jährige immer noch im sportlichen Kampf. Stattdessen kämpft er nun um seine Ehre, seine Glaubwürdigkeit und seine Existenz.
Nachdem nun klar ist, dass Armstrong, wie so viele seiner Berufskollegen, gedopt hat, wundern sich manche darüber, dass eine derartige Lichtgestalt so tief fallen konnte. Wer aber in seinem Buch, das auf dem Höhepunkt seiner Karriere erschienen ist, gelesen hat, mit welcher Akribie und welcher Verbissenheit dieser Mensch jederzeit und überall darum gekämpft hat, der Sieger zu sein, wundert sich vielleicht ein bisschen weniger.
Lance Armstrong hat sein Leben immer nur als Wettkampf verstanden, als Wettkampf, den es unter allen Umständen zu gewinnen gilt. Er war gnadenlos mit sich selbst und mit seinem Umfeld. Nichts hat er so gehasst wie die Niederlage. Und ganz offensichtlich wollte er auch bei der sportmedizinischen Versorgung der Beste sein. Deshalb hat er wohl so manche Dopingkontrolle ungestraft überstanden. Er war auch im Umgang mit leistungsfördernden Substanzen besser, schlauer und konsequenter als seine Rivalen, die reihenweise schon während ihrer Aktivkarriere in die Fallen der Dopingfahnder tappten.
Wir Radsportfans könnten heute Mitleid mit Armstrong haben. Wir könnten zu seinen Gunsten argumentieren, dass er bei Weitem nicht der Einzige ist, der sich in dieser wohl härtesten aller Sportarten mit Doping beholfen hat. Wir könnten auch argumentieren, dass er trotz allem der Beste seines Fachs war, weil vermutlich alle Spitzenfahrer seiner Epoche mit gleich langen Spiessen (oder Spritzen) gekämpft haben. Dass wir ihn trotzdem nicht lieben, hat weniger mit seiner Verurteilung zu tun als mit seiner Verbissenheit. Die Tragödie dieses Menschen ist nicht das Doping. Vielmehr ist Armstrong ein bemitleidenswerter Zeitgenosse, weil er offenbar nie gelernt hat, dass das Leben noch andere Facetten hat als den Kampf und den Sieg. Er wäre noch jung genug, es zu lernen.
Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Wenn er Rad fährt, ist er in der Regel sauber.