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Nicht weniger als
fünf Bände zählt die Biographie, welche neunzig Jahre nach Beethovens
Tod erschienen ist und Leben und Werk umschreibt. Drei Musikforscher
und -schriftsteller haben in jahrzehntelanger Arbeit versucht, einen
Geist zu ergründen, der die Welt so reich beschenkt und auf der anderen
Seite selber so hart gekämpft und gelitten hat.
Kindheit
Ludwigs flämischer Grossvater war Sänger und
Hofkapellmeister in Bonn. Er starb, als sein Enkel gerade erst drei
Jahre zählte. Die frühen Erinnerungen prägten jedoch seine eigene
Zukunft. Der Vater Johann war ebenfalls Sänger. Aber sein übermässiger
Alkoholgenuss führte zu Verwahrlosung und Armut.
Anstatt in die Schule geschickt zu werden, musste der kleine Ludwig
täglich am Klavier stehen (auf einem kleinen "Bännkgen") und üben. Früh
begann die Karriere eines Wunderkindes, welches mit seiner Kunst der
Menschheit dienen sollte. Als Siebenjähriger, in den
Ankündigungen des Vaters noch um ein Jahr jünger gemacht, trat Ludwig
"mit verschiedenen Clavier-Concerten und Trios" auf. Erst elfjährig
wirkte er bereits als unbesoldeter Vertreter des Hoforganisten.
Auch das Violinspiel sollte er erlernen. Als Ludwig siebzehn Jahre alt
war, starb die Mutter Maria Magdalena, fünf Jahre später der Vater. Von
den sieben Kindern erreichten nur Ludwig und zwei jüngere Brüder das
Erwachsenenalter.
Verzicht und Verantwortung prägten den Knaben.
Nach dem Tod seiner Mutter wurde er zum Familienoberhaupt. Zwei Jahre
später, als Neunzehnjähriger bat er den Kurfürsten Maximilian Franz,
ihm die Hälfte des Gehalts des nicht mehr dienstfähigen Vaters zur
Ernährung der Familie zufliessen zu lassen. Für Ludwigs künstlerischen
Werdegang war sein Vater hingegen wesentlich von Bedeutung. Mit seinem
begabten Sohn unternahm er allerlei Reisen in die Umgebung, um den
Bildungshorizont zu erweitern.
Seine "Schutzengel" jedoch nannte Beethoven später die Mitglieder der
Bonner Adelsfamilie Breuning, die ihn herzlich in ihr Haus aufnahmen.
Ein sehr wichtiger
Lehrmeister war seit 1781 (!) der gebildete Komponist und Aufklärer Christian
Gottlob Neefe. Dieser unterrichtete Ludwig in der Tradition
des Generalbasses und machte ihn mit dem "Wohltemperierten Klavier"
Joh. Seb. Bachs, mit Haydn und Mozart vertraut. Er erkannte das
Genie sehr früh, und 1782 sorgte er für eine Veröffentlichung
von Klaviermusik des zwölfjährigen Künstlers.
Sturm und
Drang
Kaum ein anderer Musiker der Weltgeschichte investierte so viel Fleiss
und Energie in seine eigene Weiterbildung wie L. v.
Beethoven. Im Jahr der französischen Revolution schrieb er sich als
Student in der neuen Bonner Universität ein. Als
kritischer Zeitgenosse war er an Philosophie und Politik interessiert.
Friedrich Schillers "Ode an die Freude"(1785) faszinierte ihn schon
damals, denn auch er war voll von idealistischen Ideen.1792 konnte
Beethoven mit einem Stipendium des Kurfürsten nach Wien
reisen, um sich dort von Joseph Haydn weiter
ausbilden zu lassen. Von Antonio Salieri wurde er
im "freyen Styl" und in der italienischen Gesangskomposition
unterrichtet; sein Geigenspiel wollte er noch vervollkommnen.
Mit fünfundzwanzig
Jahren trat Beethoven in Wien an die Öffentlichkeit.
Er zeigte sich als Virtuose auf dem Klavier und spielte bereits seine
beiden eigenen Klavierkonzerte. Eine Konzertreise
führte ihn nach Berlin, Dresden, Prag und Budapest.Doch sein Streben
(Goethe!) stand noch lange nicht still. Fünf Jahre später, am 2.
April 1800 ertönten im Burgtheater nacheinander eine Sinfonie
von Mozart, zwei Gesangsarien aus Haydns neuer "Schöpfung", Beethovens
Septett op. 20, sein Erstes Klavierkonzert und sozusagen als Krönung
seine Erste Sinfonie in C-Dur unter seiner Leitung (welch ein
Marathon!).
Beethoven im Jahr
1800. Stich von Johann Neidl
Der Komponist des neuen Jahrhunderts war damit
unumstritten etabliert. Waren Haydn und Mozart noch vorwiegend
Auftragskomponisten von Fürstenhäusern, so wollte nun Beethoven ganz
freischaffender, unabhängiger Künstler des Bürgertums sein, sowohl
formal wie auch inhaltlich seine Botschaften vermitteln können.
Verdüsterung
1801 schrieb L.v.Beethoven an einen Freund: "dein Beethoven lebt sehr
unglücklich, ...wisse, dass... der edelste Theil, mein Gehör sehr
abgenommen hat... meine schönsten Jahre werden dahin fliegen, ohne
alles das zu wirken, was mir mein Talent und meine Kraft geheissen
hätten." Einem anderen Freund teilte er mit: "ich will dem Schicksaal
in den Rachen greifen, ganz niederbeugen soll es mich gewiss nicht."
Ein Jahr später entstand das sogenannte "Heiligenstädter
Testament" (nach einem in der Natur schön gelegenen Dorf nahe
von Wien). Der zweiunddreissigjährige Beethoven richtete das Schreiben
an seine beiden Brüder, offenbarte ihnen seinen Zustand, seine
Verzweiflung darüber und auch seine daraus hervorgegangene Philosophie,
sich in sein Schicksal zu ergeben und sein Leid in Geduld zu ertragen
bis zum Ende. Er erklärte seine Brüder, seinen Arzt und den Fürsten
Lichnowsky, welcher ihn finanziell unterstützt hatte, zu seinen Erben.
Die Brüder ermahnte er, ihren Kindern Tugend zu empfehlen und beendete
das Testament mit einem Seufzer: "o Vorsehung - lass einmal einen
reinen Tag der Freude mir erscheinen..."
Ergebenheit,
Verzicht
Wie einsam sich Beethoven fühlte, und wie sehr er sich nach
Geborgenheit sehnte, zeigt auch sein Brief von 1812 an
die "Unsterbliche Geliebte". Als Anrede schrieb er:
"Mein Engel, mein alles, mein Ich...". Wer gemeint war, weiss heute
noch niemand mit Sicherheit. Der Inhalt handelt von Aufopfern, von
Verzicht, von Leiden, von Demut, von Treue und Liebe, von Glück,
Unglück und Sehnsucht.
Doch man glaubt es
kaum, in der Zeit zwischen diesen zwei Seelendokumenten
komponierte Beethoven sieben grosse Sinfonien, das Oratorium "Christus
am Ölberge", die Oper "Fidelio", das Violinkonzert, mehrere Ouvertüren,
drei Klavierkonzerte und einige Streichquartette!
Moralische
Verantwortung
Bevor Beethoven mit erneutem Schöpfergeist sich seinem Spätwerk
zuwandte, erbrachte oder besser gesagt erzwang er noch eine allerdings
nicht ganz gelungene moralisch pädagogische Leistung. Nach dem Tod
seines Bruders Kaspar Karl liess er sich als alleinigen Vormund des
Neffen Karl einsetzen. Er entriss sogar den Knaben seiner Mutter (in
langem, schlussendlich gewonnenen Prozess) und begann nun, ihn alleine
zu "erziehen". Karl sollte nach seiner Meinung Künstler oder Gelehrter
werden, was sich zu einer mühsamen und leidvollen Angelegenheit
entwickelte. Die Möglichkeit für Beethoven, zu einer eigenen Familie zu
kommen, wurde für den Neffen zum Kerkerdasein.
Tragisches
Ende
War Beethoven 1814 zum letzten Mal öffentlich als Pianist aufgetreten,
so konnte er drei Jahre später keine Musik mehr hören, und von 1819 an
verkehrte er mit der Aussenwelt nur noch über seine Konversationshefte.
Der innere Drang, weiter zu komponieren, war hingegen stärker als alles
äussere Leiden. 1823 wurde die "Missa solemnis" beendet, ein Jahr
darauf die "Neunte Sinfonie" mit der "Ode an die Freude" von Schiller,
und 1825 folgten die letzten Streichquartette.
Nach dem missglückten Selbstmordversuch des Neffen Karl wurde Beethoven
sehr krank und starb im Frühling 1827. Eine skizzierte Zehnte Sinfonie
blieb unvollendet.

Der erste in Amerika
geborene und auch in den USA ausgebildete Pianist, Komponist und in
ganz Europa bekannt gewordene Dirigent des 20. Jahrhunderts konnte am
Ende seines Lebens festhalten: "Ich muss mich ausruhen, ich bin alt,
müde und krank, doch glauben Sie mir, ich habe dieser Welt noch eine
ganze Menge zu sagen!" Dies sind nochmals die Worte eines Pädagogen,
dessen Bedürfnis, sich mitzuteilen so typisch für
den Musiker der ganz besonderen Art war.
Bernstein sagte von sich, er sei in erster Linie ein Komponist ernster
Musik. Das stimmt insofern, dass er ja eine Sinfonie komponiert hatte,
bevor er einen Song schrieb. Die "Musicals" sind ein Teil seines ganzen
Werks; mit der Musik zur "West Side Story" ist Leonard Bernstein
populär geworden. So gesteht er selber ein: "Ich habe insgeheim den
Verdacht, dass jedes meiner Stücke - ganz gleich für welches Medium -
in gewisser Hinsicht Theatermusik ist."
Im Zusammenhang mit
"unseren Konzerten" ist interessant zu wissen: Neben der echten
amerikanischen Musik, die Bernstein zahlreich als Dirigent aufführte,
leitete er unzählige Konzerte mit Musik von Beethoven, dessen
Klavierkonzerte zum Teil vom Flügel aus. Ebenfalls spielte er Gustav
Mahlers "Sinfonie der Tausend" mit europäischen Orchestern ein.
Überhaupt war er von Beethovens wie auch von Mahlers Musik ganz
besonders fasziniert.
Wie kam es denn
soweit?
Leonards Vater Sam war erst sechzehnjährig aus einem jüdischen Dorf in
Russland nach Amerika ausgewandert. Nach Jahren mühsamer Arbeit als
Fischputzer, später als Coiffeurangestellter bei seinem früher
emigrierten Onkel gründete er in Boston eine eigene Kosmetikfirma.
Leonards Mutter Jennie war ebenfalls auf abenteuerliche Weise als
siebenjähriges russisches Mädchen nach Amerika gekommen. Auch ihre
Familienmitglieder waren praktizierende Juden.
Seine frühe Kindheit
schilderte Leonard Bernstein als gar nicht glücklich. Er war ein
schwächliches, kränkliches Kind, welches unter dem häufigen
Wohnungswechsel seiner Eltern in der Umgebung von Boston zu leiden
hatte und, von Asthma und Heuschnupfen geplagt, scheu und zurückgezogen
aufwuchs. Das einzige, was ihn freute, waren die mit Musik (Chor und
Orgel) verbundenen Kirchgänge in Begleitung seiner Eltern.Dann kam die
Erlösung: Ein Klavier, von einer Tante nicht mehr
gebraucht, wurde in die Wohnung gebracht. Nach ausgiebigem
Experimentieren und "Spielen" auf dem Instrument durfte der Elfjährige
bei einer Nachbarin Stunden nehmen. Die Fortschritte, die Leonard
machte, waren erstaunlich. Bald konnte er ein Konservatorium besuchen.
L. Bernstein in "Ein
Leben für die Musik", E. Castiglione, Henschel-Verlag Berlin 1993
Der Vater nahm den
Knaben ab und zu in Konzerte mit (Ravel, Rachmaninow), wollte aber
Leonards Wunsch, selber Musiker zu werden, lange Zeit nicht
akzeptieren, was zu heftigen Auseinandersetzungen mit finanziellen
Konsequenzen führte. Leonard war ein überdurchschnittlich guter
Schüler. Nach seinem Schulabschluss begann er ein Studium an der Harvard-Universität,
wo er neben den Musikfächern auch Vorlesungen in Philosophie, Ästhetik,
Literatur- und Sprachwissenschaft besuchte. Diese fünf Jahre nannte
Bernstein "die glücklichste Zeit meines Lebens".
In Harvard befreundete er sich mit Aaron Copland,
welcher eine Komposition unter dem Einfluss von Strawinsky und Bartók
geschrieben hatte. Einer seiner besten Lehrer war Walter Piston, der
ebenfalls aus Massachusetts stammte.
In diese Zeit fiel auch die für das weitere Fortkommen entscheidende
Begegnung mit dem Dirigenten Dimitri Mitropoulos.
Er riet Bernstein (er nannte ihn "genius boy"), sein Musikstudium in
Philadelphia, am Curtis Institute of Music, bei Fritz Reiner
weiterzuführen. Auf diesem Weg lernte Bernstein bald auch den
vorbildlichen Dirigenten Sergej Koussevitzky in
Tanglewood kennen und arbeitete mit ihm mehrere Jahre lang in
gemeinsamen Kursen während den Sommermonaten.
Neben seiner Ausbildung war Leonard Bernstein immer wieder gezwungen,
Geld zu verdienen. Er spielte bei Festen, Hochzeiten, aber auch in Bars
und Nachtlokalen; er arrangierte einfache Melodien und Lieder für eine
kleine Jazzband und schämte sich deswegen nicht. Einigen
Nachbarskindern gab er Musikunterricht.
Nachfolgend einige
wenige, aber wichtige Teilziele von "Lennys" steiler Dirigenten-Karriere:
1934 Erstes öffentliches Konzert als
Pianist mit dem Boston Public School Symphony Orchestra
(Klavierkonzert von E. Grieg)
1939 Erstes Konzert als Dirigent und
Komponist mit "The Birds" in Harvard.
1943 Spektakuläres Konzert des 25-jährigen
Bernstein als Vertreter des Dirigenten Bruno Walter
mit den New Yorker Philharmonikern; Ernennung zum 2. Dirigenten dieses
Orchesters.
1947 Auftritt in Tel Aviv.
Eine enge Verbindung mit dem Israel Philharmonic Orchestra bleibt
bestehen.
1948 In Rom, 1953 in Mailand (Scala), 1954 in
Venedig
1954 Erste Fernsehsendung
über "Beethovens Fünfte Sinfonie"
1969 Letztes Konzert mit den New Yorker
Philharmonikern als deren Musikalischer Leiter. Von da an dirigierte
Bernstein alle führenden Orchester der Welt.
1989 Fall der Berliner Mauer; am 23. und 25.
Dezember dirigiert Bernstein in beiden Teilen Berlins
die "Neunte Sinfonie" von Beethoven.
"Die Musik
ist mein Leben, und mein Leben ist die Musik." (Leonard Bernstein)
Christine Bühler