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Geschichte des Frauenstudiums
Die Universität Bern spielte eine Pionierinnenrolle im Frauenstudium. Bereits 1870 besuchte eine Russin die Universität Bern als regulär immatrikulierte Studentin.
Die Pionierinnen der Universität Bern
1868
Als am 28. Juli 1868 liess sich ohne jede Schwierigkeit eine "Dame aus Deutschland", Ernestine Schröer, ins Immatrikulationsbuch der Uni Bern einschreiben. Sie sollte allerdings nie in Bern auftauchen und über ihre Identität ist nichts bekannt.
1870
Die erste Frau, die 1870 als eingeschriebene Studentin - wenn auch nur für zwei Gastsemester - ihren Fuss in die "alma mater bernensis" setzte, kam aus gutem russischen Hause. Catharina Gontscharoff war die Nichte der Puschkina, der Frau des grossen russischen Dichters Alexander Puschkin
1872
Anna Galvis-Hotz, Tochter des Kolumbianers Nicanor Galvis und der Schweizerin Sophie Hotz, immatrikulierte sich als erste reguläre Studentin, die in Bern ein ganzes Studium absolvierte und hier auch abschloss. Nach ihrer medizinischen Promotion 1877 kehrte sie nach Bogota zurück, wo sie ein Leben lang als erste kolumbianische Ärztin wirkte.
1872
Vom Herbst 1872 an stiegen einige Russinnen in Bern ab, so Valérie von Hohenastenberg-Wigandt, Marie Walitzky, Barbara Tscherbatscheff und Raissa von Swiatlowsky. Nachdem Russland seinen Untertaninnen das Studium in Zürich durch einen “Ukas” – einen Erlass – praktisch verboten hatte, wichen russische Studentinnen zu Dutzenden, schliesslich zu Hunderten nach Bern aus.
1874
Als erste Frau an der Universität Bern bestand die russische Medizinerin Rosalia Simonowitsch im Mai 1874 das Doktorexamen.
1881
Eine zweite Welle russischer Studierender schwappte nach der Ermordung Alexanders II von 1881 nach Mitteleuropa. Die Verfolgung der Opposition und die - in Erkenntnis der Zusammenhänge zwischen Bildung und der Entwicklung revolutionärer Ideen - verschärften Aufnahmebedingungen an russischen Hochschulen hatten einen Exodus der bildungshungrigen Jugend aus dem Zarenreich zur Folge und brachte Bern die bekannte "Russinnenflut" der 1890er Jahre.
1888
Als erste Frau in Bern führte die Böhmin Anna Bayer Ende des 19. Jahrhunderts an der Kram- bzw. Gerechtigkeitsgasse eine ärztliche Praxis.
1889
Die erste gebürtige Schweizerin endlich, die in Bern ihre Medizinstudien mit dem Doktortitel abschloss, war 1889 Hedwig Widmer-Zimmerli aus Zofingen, die zweite war 1894 Clémence Broye aus Estavayer.
1898
Als erste Frau in Bern wurde die Philosophin Anna Tumarkin 1898 habilitiert. Sie war hier 1906 auch die erste Honorarprofessorin und 1909 die erste Extraordinaria. Tumarkin ist Europas allererste Professorin, die im Gegensatz zur grossen, bereits 1884 in Stockholm inthronisierten Dozentin Sofja Kowalewskaja das Recht hatte, Doktoranden, Habilitanden zu prüfen und im Senat Einsitz zu nehmen.
1899
In Bern wurde der Studentinnenverein gegründet, der Anstecknadeln “Gleiche Rechte, Gleiche Pflichten” trug und sich für die Interessen der Studentinnen stark macht.
1914/1917
Nachdem die Zulassungsbedingungen in Bern verschärft und in Russland verbessert, 1914 der 1. Weltkrieg ausgebrochen und 1917 die russische Revolutionproklamiert worden waren, blieben die Russinnen weg. Der Anteil der Studentinnenan der Universität Bern fiel von einem Drittel (rund 500 von 1500) auf unter zehn Prozent.
1964
Erst 1964 wurde an der Universität Bern eine ordentliche Professorin ernannt. Die Steuerrechtlerin Irene Blumenstein-Steiner wurde in der Nachfolge ihres Mannes und zwei Jahre vor der Pensionierung Ordinaria.
1967
Prof. Maria Bindschedler, Ordinaria für germanische Philologie, wurde 1967 erste Dekanin der Universität Bern.
1989
Prof. Beatrix Mesmer-Strupp, Ordinaria für Neuere allgemeine undSchweizergeschichte, wurde 1989 Vizerektorin und kam somit als erste Frau in der Berner Universitätsleitung. Eine Rektorin gab es bis heute noch nie an der Universität Bern.
2009
Erst Anfang der 1980er Jahre wurde wieder ein weiblicher Anteil von einem Drittel der Studierenden erreicht. Heute sind über fünfzig Prozent der 14 000 Studierenden Frauen. Aber nur gerade 14 Prozent der Professuren sind mit Frauen besetzt.
Literatur zu den ersten Dozentinnen und Studentinnen der Universität Bern
Rogger Franziska, Die Pionierinnenrolle der russischen Medizinerinnen an der Berner Universität, in: Unipress Nr. 93, Juni 1997
Rogger Frannziska, Der Doktorhut im Besenschrank. Das abenteuerliche Leben der ersten Studentinnen – am Beispiel der Universität Bern. eFeF-Verlag Bern 1999/2002, ISBN 3-905561-32-8
Bachmann Barbara und Elke Bradenahl, Medizinstudium von Frauen in Bern, 1871-1914, Diss. med. dent., Masch. aus dem Medizinhistorischen Institut der Universität Bern (Prof. Dr. U. Boschung). Bern 1990
Zäh Doris, Die ersten Studentinnen an der Juristischen Fakultät 1874-1914. Seminararbeit (Prof. Dr. Pio Caroni), Masch. Bern 1992
Lindt-Loosli Hanni, Von der “Hülfsarbeiterin” zur Pfarrerin. Die bernischen Theologinnen auf dem
steinigen Weg zur beruflichen Gleichberechtigung. Verlag Haupt Bern-Stuttgart-Wien 2000. (Schriftenreihe des Synodalrates Heft 18), ISBN 3-258-06191-2
Schmitt Susanna, Die ersten Studentinnen an der philosophischen Fakultät der Universität Bern. Proseminararbeit (Prof. Dr. Catherine Bosshart-Pfluger), Masch. Fribourg 2002