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[Dieser Beitrag gehört zum Roman „Utopia“. Der Roman erscheint im Blog in loser Reihenfolge. Der Beginn findet sich hier.]
Noë war am Abend ganz erschöpft eingeschlafen und dann hatte sie die ganze Nacht seltsame Dinge geträumt. Dass ihr Wasser aus den Augen gelaufen war, Wasser, das salzig schmeckte. Und dass seltsame Geräusche aus ihrem Mund kamen, wenn wenn sich der ganze Körper zusammengezogen hätte.
Am Morgen fühlte sie sich immer noch erschöpft und beschloss, einen Spaziergang an der frischen Luft zu machen. Nicht, dass die Luft in ihrer Wohnung nicht frisch gewesen wäre, aber man las so oft, dass jemand spazieren ging und sich danach wieder besser fühlte. Sie ging durch die immer gleichen Strassen, aber sie sah gar nicht die Fenster und die Hauseingänge, stattdessen hing sie verklärt ihren Gedanken nach, über die Bedeutung des Regens und über Gefühle, die man spüren konnte oder die auch in einem drin waren.
Als sie nach geraumer Zeit aufblickte, stand sie vor dem Café Meetingpoint und beschloss, rein zu gehen und eine Pause zu machen in ihrem sinnlosen Umherirren. Und vielleicht war jemand da, der sich mit ihr unterhalten mochte. Oder ihr einfach etwas erzählen wollte. So dass sie nur zuhören konnte und nichts tun und nichts weiter denken musste.
Sie stieg in den ersten Stock und betrat das Café und sah Luis an einem runden Tisch sitzen, zusammen mit einigen anderen Frauen und Männern und erfreut ging sie auf die Gruppe zu. Luis fragte sie, wo sie gewesen sei, es sei doch der Jubiläumstag von einem der grössten Dichter aller Zeiten und sie hätten sich darum hier versammelt um über die Stücke des Dichters zu sprechen. Noë musste zugeben, dass sie heute den Nachrichten ihrer Friends noch gar keine Beachtung geschenkt hatte, dass sie sich jetzt aber gerne dazu setze und zuhöre und vielleicht auch selber etwas dazu sagen würde.
In vielen der Stücke des weltbekannten Dichters verstarben Menschen, weil sie sich gegenseitig umbrachten. Aus Gier und Hass und auch aus Liebe und überhaupt ging es meist um die Liebe und um Menschen, die sich so sehr liebten, dass jemand dafür sterben musste. Noë fragte in die Runde, ob denn Liebe ein so starkes Gefühl sei und ob die anderen so etwas jemals empfunden hätten. Die anderen schauten sie aber verdutzt an: Gefühle, das war etwas für Romane und Theaterstücke. Das war doch nicht etwas, was man einfach so erlebte. Es begann eine Diskussion, in der das Dafür und Dawider von Gefühlen abgewogen wurde. Und die Gruppe schien sich recht einig: Der Normalzustand war ein gefühlloser, aber das zu beschreiben, das gäbe kein gutes Buch. Und darum kämen in den Büchern so viele so grosse Gefühle vor, aber sonst wäre das seltsam. Wenn alle Menschen durch die Welt gingen und sich immerzu über ihre Gefühle austauschten oder darüber nachdachten.
Noë runzelte die Stirn. Offenbar war sie nicht normal. Offenbar machte sie sich zu viele Gedanken. Und offenbar gefährdete sie die Gesellschaft sogar oder machte sich lächerlich. Beschämt verstummte sie. Sie senkte den Blick und ihre Schultern fielen leicht nach vorne. Da spürte sie im linken Auge ein Zucken. Sie griff sich mit der Hand an die Schläfe. Das Gefühl kam ihr irgendwie bekannt vor. Sie wusste nicht, ob sie von Vorfreude oder Entsetzen gepackt wurde. Aber das Zucken wurde so schlimm, dass sie die Augen schliessen musste.
Als sie sie wieder öffnete, befand sie sich auf der Strasse, mitten im Häusergewirr. Sie ging der Strasse entlang, immer gerade aus. Und sie begab sich ganz nahe an die Häuserwand. Sie streckte ihren Arm aus und berührte mit der Hand die Hauswand. Und während sie Schritt für Schritt voran ging, liess sie ihre Hand über die Hauswand streifen. Es gab einen kleinen Widerstand, wenn sie vor einem Fenster vorbei ging. Ihre Hand berührt das Glas. Dann federt die Hand wieder zurück, auf die Hausmauer und den rauen Verputz. Dann gibt es einen weiteren Widerstand, die Tür. Die Hand streift über das Metall der Tür. Es scheppert ganz leicht. Dann kam wieder der Verputz. Dann wieder Glas. Verputz. Metall. Verputz. Glas. So ging Noë, Schritt für Schritt für Schritt. Und als sie das nächste mal aufblickte, stand sie wieder vor dem Café Meetingpoint.
Sie wusste nicht, wie lange sie in den Strassen umher gewandert war. Aber sie war müde und wollte sich hinsetzen und so ging sie ins Café. Es war leer, die anderen waren nicht mehr da. Sie setzte sich an einen Tisch am Fenster. Sie betrachtete die Tischplatte. Sie erkannte die Maserung des Holzes. Ein Astloch. Sie sah, wo die Platten zusammengefügt worden waren. Sie tastete die Platte mit der Hand ab, versuchte die Struktur zu erfühlen. Sie fuhr mit dem Daumen einem Riss im Holz entlang, aber sie konnte ihn nicht spüren.
Da kam Luis und setzte sich zu ihr. Er fragte, ob es ihr gut gehe. Sie sei am Morgen wieder einfach plötzlich verschwunden. Noë nickte. Sie frage ihn, ob er manchmal auch ein Zucken im Auge habe und ob er auch schon einmal plötzlich an einem anderen Ort gewesen war. Aber Luis konnte sich an ein solches Erlebnis nicht erinnern. Sie fragte ihn weiter, ob er sich manchmal ein anderes Leben wünschte. Ob er sich überhaupt etwas wünschte. Aber Luis schüttelte den Kopf: Was man sich denn noch wünschten könnte, wenn man alles hatte, was man brauchte. Er sei zufrieden, er habe Zeit zu lesen und zu kochen und zu backen. Er könne tun und lassen, was er wollte.
Noë fuhr immer noch mit dem Daumen dem Riss auf der Tischplatte entlang, gedankenverloren und ohne dass sie gewusst hätte, was sie da eigentlich tat. Plötzlich merkte sie aber, wie Luis auf ihren Daumen starrte. Sie hörte auf und guckte ihm in die Augen. Er blickte sie fragend an. Sie nahm seine Hand und legte seinen Finger auf den Riss in der Tischplatte. Sie fragte ihn, ob er das spüre. Er schüttelte den Kopf. Sie fragte ihn, ob er das nicht seltsam finde. Er schüttelte wieder nur den Kopf.
Er seufzte und sagte, dass sie sich zu viele Gedanken machte. Und dass sie doch einfach mal wieder ein Buch lesen solle. Etwas, was ihr Freude machte. Was ihr den Freude machte, wollte er wissen. Sie dachte nach und erzählte ihm dann vom Regen und davon, dass wie es riecht, wenn es im Sommer regnet. Luis sah sie verwundert an. Wie sie denn darauf komme. Es habe doch schon lange nicht mehr geregnet. Und dass Regen rieche, das konnte er sich erst recht nicht vorstellen.
Noë wollte noch nicht aufgeben. Sie fragte Luis nach seiner Lieblingsfarbe. Er antwortete, dass doch alle Farben schön seien. Da könne er sich nicht für eine einzige entscheiden. Das wäre ungerecht gegenüber all den anderen Farben. Ob ihm denn das Dunkelrot der Sessel im Café gefiele, fragte in Noë. Er nickte, ja, das gefalle ihm. Was es für ihn bedeute, fragte ihn Noë weiter. Er überlegte. Er verstand ihre Frage nicht. Er fragte darum zurück, was Noë damit genau meine. Sie sagte ihm, dass das Dunkelrot sehr dunkel sei, aber auch angenehm. Sie habe das Gefühl, sie könne sich förmlich in einem dieser Sessel verkriechen. Das gebe Geborgenheit. Sicherheit. Luis fragte sie, ob sie denn sonst nicht sicher sei und wer sie angreife, wenn sie nicht in diesem Sessel sitze, oder wer sie verteidige, wenn sie sich im Café befinde. Er blickte umher, wie wenn er nach einem Bodyguard suchen würde. Noë seufzte.
Das Gespräch begann sie zu langweilen. Intuitiv rieb sie sich mit der Hand die linke Schläfe, presste das Auge zu. Sie spürte, wie es anfing zu zucken. Erst befürchtete sie, dass sie es zu fest zusammengekniffen hätte. Aber dann schloss sie es einfach und versuchte die Muskeln um das Auge zu entspannen. Und bevor sie die Augen wieder öffnete, hoffte sie, dass sie nicht mehr im Café sass, sondern zu Hause auf ihrem Sofa.
Als sie die Augen wieder aufschlug, stand sie in der Strasse vor ihrer Wohnung. Sie blickte zum Himmel, ob da vielleicht Regenwolken waren, aber der Himmel hatte wieder seine normale, undefinierbare blaugraue Farbe angenommen. Noë horchte in sich hinein: War sie wütend oder traurig. Sie wusste es nicht. Sie war etwas enttäuscht. Sie hatte versucht, mit Luis über Gefühle zu sprechen, über etwas grösseres als das eintönige Leben in den eintönigen Strassen. Aber er konnte nicht. Oder wollte nicht. Er hatte gar nicht verstanden, worum es hier ging.
Plötzlich hatte sie andere Gedanken in ihrem Kopf, Wörter formten sich, ohne dass sie diese Wörter suchte. Sie erinnerte sich einfach an diese Wörter. Sie tauchten einfach in ihr auf. Ich sehe dich an, lächle dir zu, du lächelst zu mir zurück. ich liege hier, im weichen kühlen gras. du spielst mit deinen kameraden fussball. Woher nur kannte sie diese Worte, woher kam diese Erinnerung. Ach, genau, sie hatte ein Gedicht gelesen. Und sie rannte ins Haus hinein, in ihre Wohnung und zum Bücherregal. Sie ergriff den Gedichtband und suchte und fand das Gedicht und atemlos las sie es noch einmal durch, Wort für Wort.
tagtraum
ich liege hier
im weichen, kühlen gras
du neben mir
ich sehe dich an
lächle dir zu
du lächelst zu mir zurück
ich liege hier
im weichen kühlen gras
du ganz nah neben mir
ich strecke meine hand aus
streife deinen arm
ich liege hier
im weichen kühlen gras
du ganz nah neben mir
ich schliesse die augen
du flüsterst mir ins ohr
was mich zum lächeln bringt
ich liege hier
im weichen kühlen gras
du spielst mit deinen kameraden fussball
16. Juni 1994
Und auf einmal hatte sie das Gefühl, sie versteht, worum es in diesem Gedicht geht. Es geht nicht um das kühle Gras, nicht um Fieber oder um Klimaerwärmung. Es geht um ein „ich“ das sich ein „du“ wünscht, dass bei ihm ist, beim „ich“ und das „ich“ stellt sich vor, träumt davon am helllichten tag, dass das „du“ mit ihm im Gras liegt und mit ihm Zeit verbringt und sich mit ihm unterhält. Aber das „du“ ist eben nicht da, liegt nicht mit dem „ich“ da, sondern macht etwas anderes, es spielt mit seinen Kameraden Fussball. Und das „ich“ nicht.
Noës Herz klopfte. Sie hatte mit Luis über Gefühle sprechen wollen. Aber Luis wollte nicht. Er war zwar da, aber er war auch nicht da. Sie wusste nicht, ob er Fussball spielte. Sie konnte es sich nicht vorstellen. Aber sie wusste, dass er gedanklich nicht am selben Ort war wie sie. Oder auch gefühlsmässig. Er wollte nicht dasselbe wie sie.
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