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Ausgangspunkt unserer Vallotton-Ausstellung ist die historische Situation der Sammeltätigkeit von Arthur und Hedy Hahnloser-Bühler. Félix Vallotton (1865 Lausanne – 1925 Paris) war neben Bonnard der wichtigste Künstler der Sammlung, deren Schwergewicht auf der Künstlergruppe der 'Nabis' liegt. Er ist mit weitaus mehr Werken vertreten als die anderen Künstler, zudem war er von Anfang an der künstlerische Berater des Sammlerpaars und blieb zeit seines Lebens ihr intensivster Gesprächspartner. Davon zeugt der rege Briefwechsel zwischen Hedy Hahnloser und Vallotton, der bereits im Mai 1908 nach dem ersten, mutigen Ankauf des Aktbildes 'Baigneuse' beginnt. Die seitdem aufgebaute umfangreiche Vallotton-Sammlung umfasst sowohl alle Perioden seines Schaffens als auch alle von ihm behandelten Gattungen und ist somit repräsentativ für sein gesamtes Werk. Demzufolge werden in unserer Ausstellung alle Genres in gleicher Weise vorgestellt: Interieurs und Stillleben, Grossstadtbilder und Landschaften, Porträts, Akte und mythologische Szenen. Dabei können wir im wesentlichen aus dem reichhaltigen Fundus der Hahnloser/Jaeggli Stiftung in der Villa Flora und der heute auf verschiedene Nachkommen verteilten Bestände der ehemaligen Hahnloser-Sammlung schöpfen.
Ausserdem kommt ins Spiel, dass sich Hedy Hahnloser intensiv für eine Anerkennung und Verbreitung von Vallottons Werk eingesetzt und auch ihre Verwandten und Freunde zu Ankäufen von Vallotton-Bildern inspiriert hat. Diese ergänzten häufig in sinnvoller Weise die Werke ihrer eigenen vorzüglichen Sammlung, so dass von Vallotton als Pendants oder als Zyklen gedachte Bildgruppen zusammenbleiben konnten. So erwarb Hedy 1909 vom Künstler das Werk 'Soir antique' (1904), in dem eine Gruppe von Nymphen vor den ihnen nachstellenden Faunen flieht, und ihr Cousin Richard Bühler kaufte in demselben Jahr aus der von Hedy Hahnloser mitorganisierten ersten Vallotton-Ausstellung im Künstlerhaus Zürich das Pendant 'Penthée' (heute Privatbesitz), das die Verfolgung von Pentheus durch die ihn später in blinder Raserei zerreissenden Mänaden zum Thema hat. Diese beiden Werke, in denen Vallotton die mythologischen Szenen aus der Antike als modernen Geschlechterkampf interpretiert, werden in unserer Ausstellung seit langem einmal wieder gegenübergestellt.
Aus der berühmten Bilderserie 'Bords de Seine' von 1901 erwarb das Ehepaar Hahnloser 1909 von Vallotton 'Tas de sable blanc' und 'Les chalands, bords de Seine', während Emil Hahnloser, Arthurs Bruder, 'Le Pont-Neuf' kaufte, das er später dem Kunstmuseum Winterthur schenkte. Zwei weitere Bilder kamen durch Hedys Vermittlung 1910 in die Sammlung ihres Cousins Hans Schuler, der von 1912 bis 1920 Mitglied der Ankaufskommission der Zürcher Kunstgesellschaft war: 'La fumée' und 'Pêcheurs à la ligne'. Die sich heute in Privatbesitz befindlichen Werke waren seit 1938 nicht mehr ausgestellt, und deshalb freuen wir uns besonders, dass wir diese Serie nun zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder zusammenführen können. Vallotton verlässt in diesem Paris- Zyklus die von flanierenden Menschen erfüllten Strassen und Plätze der modernen Grossstadt und führt als kritischer Zeitgenosse die Kehrseite der glänzenden Entwicklung der Metropole vor Augen, nämlich die zunehmende Veränderung der Stadtlandschaft durch Industrialisierung und technischen Fortschritt.
Einen Höhepunkt bildet als weiteres Beispiel für die überlegte Koordination der Ankäufe eine Gruppe mit Darstellungen selbstbewusster schwarzer Frauen: aus der Sammlung Hahnloser die Gemälde 'La Blanche et la Noire' und 'Négresse à la cruche' (1913), in denen dasselbe Modell dargestellt ist – 'une négresse superbe', wie Vallotton schrieb – sowie die eindrucksvolle Mulattin 'La Mulâtresse' aus der ehemaligen Sammlung Richard Bühler. Das grossformatige Werk 'La Blanche et la Noire' gehört heute als einziges der vier monumentalen Bilder, mit denen Hedy und Arthur Hahnloser ihren Mut zu 'schwierigen' Werken Vallottons bewiesen, zur Hahnloser/Jaeggli Stiftung in der Villa Flora. Die anderen befinden sich als Schenkungen von Hedy Hahnloser und deren Erben in Museumsbesitz: „Le repos des modèles“ (1905) und 'L’homme poignardé' (1916) im Kunstmuseum Winterthur sowie 'L’enlèvement d’Europe' (1908) im Kunstmuseum Bern. Daran wird deutlich, dass das Sammlerpaar nicht nur die eigene Sammlung, sondern immer auch die Museumssammlungen vor Augen hatte. Insbesondere setzten sie sich mit enormem Engagement für den Bau und die Sammlung des 1916 eröffneten Kunstmuseums Winterthur ein.
'La Blanche et la Noire' ist das vielschichtigste und in der spannungsvollen Konfrontation eines weissen Aktes mit einer schwarzen Frau auch das provozierendste Werk der Ausstellung. Die Schwarze stellt Vallotton nicht mehr im hierarchischen Gefälle zur weissen Frau als Dienerin dar, wie dies im 19. Jahrhundert vor allem in der Orientmalerei üblich war, sondern als starke Frau, die durch das freche Attribut der brennenden Zigarette als emanzipierte, moderne Pariserin charakterisiert wird. Mit den für ihn charakteristischen ironischen Brechungen belässt Vallotton der Bildaussage bei allen kunsthistorischen und gesellschaftspolitischen Bezügen ihre Offenheit und Vieldeutigkeit.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog:
'Félix Vallotton in der Villa Flora'
Herausgegeben von Ursula Perucchi-Petri.
Mit Beiträgen von Angelika Affentranger-Kirchrath, Margrit Hahnloser-Ingold und Ursula Perucchi-Petri.
135 Seiten, 50 farbige und 12 sw Abbildungen,
23x28 cm; ISBN 978-3-7165-1486-3
Erhältlich an der Museumskasse der Villa Flora oder über unseren Internetshop (Shop).
Ab 22. Januar 2008 wird die Vallotton-Ausstellung in der Villa Flora nach der Rückkehr der Leihgaben vom Kunsthaus Zürich um einige neue Bilder bereichert. Bei den Interieurs ist neu 'Le Chapeau violet' von 1907 zu sehen, ein mit seinem extravaganten violetten Hut modisch 'verkleidetes' Modell, das zu der Reihe der von Vallotton so genannten 'Simili-Porträts' gehört. Unter den Stillleben ist das Werk 'Concombres' von 1911 zu entdecken, in dem Vallotton mit den drei prallen, froschgrünen Gurken und den glänzend roten Kirschen den Komplementärkontrast von Grün und Rot auskostet und die Gemüse und Früchte in ihrer fast metaphysischen Dingpräsenz hervortreten lässt.
Eine neue Attraktion bietet die Gegenüberstellung des 1904 entstandenen Bildpaares 'Soir antique' und 'Penthée'. Der Aussergewöhnlichkeit dieser beiden grossformatigen und in Vallottons Schaffen einzigartigen Werke waren sich auch das Sammlerpaar Hahnloser und der Cousin Richard Bühler bewusst, als sie sich entschieden, je eines der Gegenstücke zu erwerben und auf diese Weise zusammen zu halten.
Im ersten Bild flieht eine Gruppe von Nymphen in einer düsteren Landschaft unter dem fast erloschenen Licht des Abendhimmels in wilder Hast vor den ihnen nachstellenden Faunen. Aus der antiken Ueberlieferung, in der auch von der Harmonie zwischen Menschen, Göttern und Natur berichtet wird, wählt Vallotton die Szene aus, in der mit der Verfolgungsjagd eine unverblümte Gewalttätigkeit zum Ausdruck kommt. Die Emotionen des mythologischen Geschehens finden ihre Entsprechung in der dunklen Stimmung der Landschaft.
Dasselbe gilt für das Pendant 'Penthée',das unter dem Thema der Verfolgung des Pentheus durch die ihn später zerreissenden Mänaden die Umkehrung des Geschlechterkampfes vorführt. Einen erschreckenden Ausdruck für die blinde Raserei findet Vallotton in den wallenden , schwarzblauen Gewändern der Frauen und in der Gestik ihrer ausgreifenden Arme, die sich wie die Tentakel eines Polyps nach Pentheus ausstrecken. Mit der Verlegung in die Mythologie gelingt es Vallotton, die Geschlechterproblematik aus dem Persönlichen in eine Distanz zu rücken und ihr einen ironisch gefärbten neuen Ausdruck zu verleihen.
Die neuen Werke integrieren sich in den Ablauf der Ausstellung, welche die auf die einzelnen Räume der Villa Flora verteilten Exponate nach für Vallotton wichtigen Themen gliedert: Porträts, Pariser Grossstadtszenen, Stadtlandschaften, Interieurs, Stillleben, Badende, Mythologische Szenen und Landschaften.
Die Villa wird ab Herbst 2018 umfassend renoviert und erweitert, weshalb bis zur Wiedereröffnung 2022 keine Ausstellungen gezeigt werden können. Die Werke der → Hahnloser/Jaeggli Stiftung sind vorübergehend im Kunstmuseum Bern zu sehen.
Der Trägerverein Flora organisiert Veranstaltungen, begleitet die Renovationsphase und wird die Aktivitäten der Villa Flora vor und nach der Wiedereröffnung ideell und finanziell tatkräftig unterstützen. Helfen Sie mit, werden Sie Mitglied.