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«Ich fühle mich besser denn je – mit 96»
Der gebürtige Zürcher Reiner Keller hatte eine schwierige Kindheit. Als er in den Fünfzigern nach San Francisco auswanderte, fühlte er sich erstmals akzeptiert. In den USA fand er als Architekt sein Glück.
Aufgezeichnet von Fabian Rottmeier
«Dass ich heute ein glücklicher US-Amerikaner bin, hat mit meiner Kindheit zu tun. 1926 in Zürich als Sohn einer ledigen Mutter zur Welt gekommen, wuchs ich hauptsächlich in Pflegeheimen auf. Unter anderem in Zürich, Leysin, Elgg und Stäfa. Egal, wo ich war, ich fühlte mich als Mensch zweiter Klasse. Dieses Minderwertigkeitsgefühl führte dazu, dass ich in der Schule mit Dummheiten auffallen wollte. Ein Lehrer beschied mir einmal nach einer Bestrafung ich sei ja ohnehin nicht viel wert. Meinen Vater sollte ich erst mit 16 kennenlernen. Er war Kommandant bei der Zürcher Kantonspolizei. Ich blieb bis zu seinem Tod ein Geheimnis.
Es gab aber auch gute Zeiten. Als meine Mutter im zürcherischen Elgg als Dienstmädchen angestellt war, durfte ich zwei Jahre bei ihr wohnen. Ich war glücklich – und hatte viele Freunde. Neugierig wie ich war, hatten es mir besonders Baustellen angetan. Mich interessierte jeder Neubau und ich schaute bei allen Arbeiten genau zu. Ich hätte schon mit acht Jahren ein Haus bauen können! Mit Holzresten und rostigen Nägeln konstruierte ich Windmühlen und kleine Schiffe. Später wurde aus mir ein Möbelschreiner, ein Zeichner, ein Innenarchitekt und Raumgestalter für Verkaufslokale – und schliesslich in den USA ein Architekt.
«Als Zeichner in einer Ladeneinrichtungsfirma verdiente ich in San Francisco zweieinhalb Dollar pro Stunde.»
Als ich Mitte der 1950er-Jahre mit meiner Frau nach Kalifornien auswanderte, nachdem wir zwei Jahre in Schweden gelebt hatten, konnte ich meine Unsicherheit zusehends ablegen. Meine erste Reise in die USA war anfänglich von beruflicher Natur. Ich entwarf und zeichnete Ladengestaltungen und -einrichtungen für meinen damaligen Arbeitgeber in Steckborn am Bodensee. Die Firma entwarf Selbstbedienungsläden, was es sie damals in der Schweiz noch kaum gab. Die USA waren führend in solchen Ladensystemen. Auf meiner Berufsreise sollte ich mir diese neuartigen Modelle anschauen und eingehend studieren, damit wir gewisse Dinge in der Schweiz übernehmen konnten. Unser Aufenthalt in der USA – geplant war eine Dauer von zwei Jahren – führte nach fünf Jahren zu einem permanenten Wohnsitz mit US-Bürgerrecht.
Die erste Wohnung kostete monatlich 95 Dollar
Meine Frau und ich zogen nach San Francisco und mieteten für 95 Dollar im Monat eine möblierte Wohnung. Das war auf Dauer etwas zu teuer für uns – als Zeichner in einer Ladeneinrichtungsfirma verdiente ich nur zweieinhalb Dollar pro Stunde. Ich entdeckte bald, dass billigere Wohnungen nur in den Slums zu finden waren. Statt eine Wohnung zu mieten, kauften wir mit unseren Ersparnissen von 11’000 Dollar zwei abbruchreife Liegenschaften: ein ausgebranntes und ein schief stehendes Zweifamilienhaus. In meiner Freizeit demolierte ich eigenhändig das eine und renovierte das andere Haus. Bis ich mit allem fertig war, vergingen fünf Jahre.
1962 verkaufte ich beide Liegenschaften und erstand ein etwas moderneres Einfamilienhaus sowie ein Gebäude mit neun Wohnungen in einem afroamerikanisch geprägten Viertel. Diese neun günstigen Mietwohnungen waren in schlechtem Zustand – und ausschliesslich von Weissen bewohnt. Als ich die erste renovierte Wohnung an einen Afromerikaner vermietete, zogen alle Weissen aus. In der Folge zogen weitere Afroamerikaner ein und ich lernte viel über ihre Kultur und ihr Leben. Ich fühlte mich ihnen verbunden, da auch sie, wie ich in der Schweiz, mit einem «chip on your shoulder» geboren und als minderwertig behandelt wurden.
«Der frische Wind der Hippie-Bewegung und der sexuellen Revolution passte mir bestens.»
Meine Scheidung fiel in die Zeit der Berkeley-Studentenrevolte, der Hippie-Bewegung und der sexuellen Revolution. Dieser frische Wind passte mir bestens. Endlich, mit über 40 Jahren, lernte ich, wie man mit Frauen umgehen muss. Ich hatte verschiedene «Freundschaften», wie man so schön sagt. Meist bloss für kurze Zeit. Heute nenne ich diese Lebensphase «interregnum», also den Zeitraum zwischen zwei offiziellen Regierungen – respektive zwischen zwei Ehen. Es war die Zeit, als in und um die Bucht von San Francisco unglaublich viel passierte.
Über einiges war ich zuerst entsetzt, doch bald überdachte ich meine protestantisch-konservativen Ansichten und wandte mich einer freien, buddhistisch inspirierten Lebensauffassung zu. Ich lernte Leute kennen, die meditierten, Yoga übten und vom Buddhismus fasziniert waren. Ich besuchte auch einen Ashram. Nachdem ich viele Jahre versucht hatte, die Predigten in den Schweizer Kirchen zu verstehen, machte dort endlich vieles Sinn. Einmal sollte ich gar Maharishi Mahesh Yogi, den indischen Guru und Begründer der Transzendentalen Meditation, höchstpersönlich am Flughafen von San Francisco abholen. Eine Freundin hatte mich darum gebeten, da ihr Cabriodach defekt war – und es regnete. Wir befreundeten uns mit Maharishi Mahesh Yogi, er gab uns ein Mantra, und unsere spirituellen Reise mit vielen Gleichgesinnten nahm ihren Anfang.
Die zweite Hochzeit
Als ich wieder heiratete, war es vorbei mit dem «Ausschweifen». Eine Zürcherin im Schweizerclub von San Francisco hatte mich mit ihrer Jugendfreundin aus Zürich verkuppelt, als ich die Schweiz besuchte. Ich war Mitte 40, kaufte zwei Tickets für die Zürcher Tonhalle – und eines führte zum andern. 1972 lud ich sie dann zu Ferien in die USA ein. Ich fuhr einen roten Porsche, es war eine wunderbare, lebhafte Zeit. Sie zog bald nach Kalifornien, wo wir 1973 heirateten.
Wir hatten dann im Sinn, ins Marine County, den Bezirk nördlich der Golden Gate Bridge, zu ziehen. Ich wollte eine Parzelle kaufen und ein Haus bauen. Doch nach einem Jahr ohne Regen gab es dort keine Baubewilligungen für Wasseranschlüsse. So landeten wir weiter nördlich, rund eine Fahrstunde von San Francisco entfernt, in Sonoma. Ich kannte die Stadt bereits. Einige unserer Freunde waren schon ins Sonoma Valley gezogen. Das Weinanbaugebiet liegt neben dem bekannteren Napa Valley. Aber wir haben die besseren Weine! Sagt man.
Inzwischen hatte ich mein Staatsexamen für Architektur abgelegt und konnte erstmals als Architekt arbeiten, nachdem ich als Innenarchitekt und Bauzeichner gewirkt hatte. Ich hatte mein eigenes Büro, spezialisierte mich auf Renovationen, Auf- und Anbauten und erhielt dafür ein paar Auszeichnungen des American Institute of Architects.
Ein bisschen Engadin muss sein
Zuerst lebten wir in einer kleinen Hütte, dann konnten wir ein «richtiges» Haus erstehen. Es war 1950 von einem schwedischen Steinmaurer erbaut worden. Ich gestaltete vieles um, änderte die einfachen Öffnungen zu Engadiner Bogendurchgängen, entfernte überflüssige Gänge und Wände, um schliesslich einen offenen, hellen Wohnbereich zu erschaffen. Dort leben wir nun, umgeben von Eichen und Akazien, seit über 40 Jahren. Unser Haus liegt leicht erhöht an einem Hang. Wir fühlen uns wohl dort.
Dank meinem etwas führungslosen Leben in Pflegeheimen war ich es gewohnt, Probleme selbstständig zu lösen. Diese Gepflogenheit sass tief. Ich reparierte und änderte, wo es nötig war, alles selber. Handwerker einzustellen, war mir fremd. Mit 96 Jahren musste ich nun jedoch meine Grenze erkennen und wurde etwas vernünftiger. Mittlerweile kann ich es sogar geniessen, anderen zuzuschauen, wie sie an meinem Haus arbeiten. Und sie können es erst noch besser als ich. Eine Stunde Gartenarbeit liegt aber noch drin bei mir.
Freunde und Berge waren immer meine Motivation, die Schweiz regelmässig zu besuchen. Diesen Juli fuhr ich fünf Stunden vom Vallée de Joux nach Zürich, war auf dem Pilatus, auf dem Niesen und bin von der Wengeneralp zum Eigergletscher spaziert. Am besten gefiel mir Rigi-Kaltbad. Vom Hotelfenster aus sah ich vom Säntis bis zu Eiger, Mönch und Jungfrau. Der Sternenhimmel nachts war faszinierend.
Der besondere Geburtstag
Vor 36 Jahren, an meinem 60. Geburtstag, lernte ich meinen Halbbruder Walo kennen. Seine Frau war auf meine Briefe gestossen und hatte mich kontaktiert. Wir wurden von der Familie meines Vaters warmherzig aufgenommen. Dass sie mich ausfindig machen konnten, war nicht selbstverständlich: Mein gebürtiger Name ist nicht Keller, sondern Kesselring. Der Name passte mir aber nicht, als ich in die USA auswanderte. Schliesslich brachte man damit noch immer den deutschen, nationalsozialistischen General Albert Kesselring in Verbindung. Als ich die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt, nutzte ich die Gelegenheit zur offiziellen Namensänderung.
«Ich werde mich weiterhin weigern, einfach dazusitzen und zu warten, bis der Tod mich holt.»
Meine diesjährige Sommerreise durch die Schweiz hat mir die nötige Distanz und Klarheit verschafft, wie es zu Hause weitergehen soll. Meine Frau und ich werden bald in ein Altersheim ziehen und können uns damit von vielen täglichen Verpflichtungen befreien. Ich freue mich auf diese Zeit und werde mich weiterhin weigern, einfach dazusitzen und zu warten, bis der Tod mich holt. Es gibt ja noch viel zu tun. Ich empfinde das Leben vielmehr als Reise denn als Streben nach einem Ziel.
Die Idee, im Alter in die alte Heimat zurückzukehren, habe ich schon vor Jahren verworfen. Das Leben in den USA ist für den Mittelstand nicht einfacher geworden, aber die Vereinigten Staaten sind nun auch mein Land. Es wäre feige gewesen, den USA den Rücken zu kehren, bloss weil sich die Lebensumstände verschlechtert haben. Zudem wollte ich auch meine amerikanischen Freunde nicht zurücklassen. Meine Entscheidung ist trotzdem schmerzlich, weil ich die alte Heimat liebe und die Berge und die alten Freunde vermisse. Und so lebe ich – wie viele Amerikaschweizer – irgendwie zwischen zwei Welten.
Meditieren hilft
Der Schlüssel für mein hohes Alter? Schwierig zu sagen. Meine Jugend war in den Kriegsjahren geprägt vom obligatorischen turnerischen Vorunterricht – als Vorbereitung auf den Militärdienst. Neben Leichtathletik waren damit Skitouren (wohlgemerkt ohne Lift!), Leichtathletik, Velotouren, Karabinerschiessen, Klettern, Bergtouren und mehr verbunden. Das hat vielleicht mit meiner heute mehr oder weniger intakten körperlichen Kondition zu tun. Ich bin immer noch mehrmals wöchentlich körperlich aktiv, sei es mit Kraftübungen, Spaziergängen oder Aqua Fit. Bei Letzterem gibt es rund zwanzig Frauen und drei Männer, was ich als durchaus angenehm empfinde. Ich werde schon fast ehrwürdig behandelt, da ich auch dort wie eigentlich fast überall die älteste Person bin. Zudem tausche ich mich seit Jahren in «Altersgruppen» aus. Wir diskutieren offen über Alters- und Finanzprobleme, über den Sinn des Lebens, aber auch über den Klimawandel oder Sex. Das Zusammengehörigkeitsgefühl in unserer Gruppe ist sehr gross.
Nach meiner Pensionierung begann ich, abstrakte Kunst und Aktmalerei zu betreiben (Anmerkung der Redaktion: Einige Bilder gibts hier auf Reiner Kellers Website zu sehen). Ebenso meditiere ich seither wieder täglich – wie damals in San Francisco. Abgesehen von ein paar Beschwerden fühle ich mich mit 96 besser und zufriedener denn je. Ich sehe Unannehmlichkeiten eher als unausweichliche, notwendige und lehrreiche Gegebenheiten an.
Mit gesunder Ernährung hat mein hohes Alter definitiv nichts zu tun: Auf diesem Gebiet bin ich nicht so folgsam. Gemüse mag ich nicht. Aber irgendwie habe ich mich durchgemogelt, obwohl es etwas «giiret im Gebälk». Im Kopf klappt’s aber noch ziemlich gut.»
Zeitlupe-Serie: Auslandschweizerinnen und -schweizer
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