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Ich bin mit meinen Eltern zusammen mit den Grosseltern aufgewachsen. Eines Tages sah ich schon als erwachsene Frau meine damals etwa 85jährige Grossmutter mit zwei voll beladenen Taschen aus der Migros kommen. Sofort sprang ein junger, modern gekleideter Mann auf sie zu...Er nahm ihr die Taschen ab und begleitete sie nach Hause. Als ich sie später fragte, wer der junge Mann war, antwortete sie: «Das war der frühere Nachbarsbub, den habe ich einfach gerne gehabt. Seine Eltern waren berufstätig; deshalb ist er oft nach der Schule zu mir gekommen.» Ich erinnere mich, wie oft Burschen und Mädchen ihr angeboten haben, zu helfen. So verkündete ein Junge begeistert: «Sagen Sie mir, wann ich Ihre Fenster putzen kann, ich kann das nämlich». Alle diese jungen Erwachsenen waren bei meiner Grossmutter als Kinder stets willkommen gewesen. Hatte einer etwas angestellt, wusste er, wohin er mit seinem Problem gehen konnte. Manchmal vermittelte auch mein Grossvater mit einem versöhnlichen Brief, wenn eine Scheibe wegen eines Balls zerbrach oder ein Gartenzaun etwas verbogen wurde.
Als im Haus kürzlich eine Wohnung zu vermieten war, erfuhr ich, dass einer Bewerberin die Wohnung verweigert worden war, weil sie ein Kleinkind hatte. Da hörte ich in meiner Erinnerung meine Grossmutter, wie sie zu ihrer Cousine sagte: «Aber Clémence, ein Kind bringt Sonnenschein ins Haus.» Bis ins hohe Alter von 97 Jahren durfte sie die Wärme dieser Sonnenstrahlen spüren. Wir Menschen sind es, die einander Wärme oder Kälte entgegenbringen. Manchmal braucht es nur kleine Aufmerksamkeiten oder ein gutes Wort, damit es im Leben etwas heller und leichter wird. Dabei spielt das Alter keine Rolle. Bis zu ihrem Tod bedankte sich meine Grossmutter für jede noch so kleine Geste der Aufmerksamkeit und der Nachsicht.
Carmen Siegrist