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In der Tetralogie von Thomas Manns Opus magnum «Joseph und seine Brüder» gibt es im letzten Teil «Joseph, der Ernährer» ein Kapitel (die Träume des Pharaos) mit starkem Akualitätsbezug: Der junge Pharao Echnaton istaufgewühlt von seinen beiden Träumen der sieben fetten und der sieben mageren Kühe sowie der gesunden und der kranken Ähren. In der Folge konsultiert er die tempelnahe Gelehrtenklasse, um seine Träume interpretieren und somit die Zeichen der Zeit deuten zu lassen. Die Gelehrten aus der Priesterklasse waren quasi die Professoren Altägyptens. Sie erklären dem Pharao, dass ihre Kunst darin bestehe, zu wissen, welche Quellen sie erforschen müssen, um fundierte Antworten auf bestimmte Fragestellungen zu finden.
Joseph, der Volkswirt
Die Gelehrten tauschen sich aus und unterbreiten danach dem Pharao diverse Deutungen des Traumes. Sie basieren allesamt auf unhinterfragten Grundannahmen der damaligen Götterkunde. Der kritisch denkende Echnaton zeigt sich enttäuscht über die nicht nachvollziehbare Kasuistik. Auf der Suche nach Alternativen schlägt ihm sein oberster Mundschenk vor, den jungen Joseph an den Hof zu holen. Dieser habe ihm vor vielen Jahren während seiner kurzen Zeit im Gefängnis seinen Traum richtig gedeutet. Echnaton ist neugierig auf diesen «Outsider» und lässt ihn herbeiführen.
Joseph kann den Pharao nicht nur durch die plausible Traumdeutung beeindrucken, sondern auch durch seine intelligenten und praktischen Überlegungen, wie der Pharao die Hungerkrise, die dem Land nach dem Ende der vorausgesagten sieben fetten Jahre bevorstehe, meistern könnte.
In der Folge wird Joseph zur rechten Hand des Pharaos ernannt, der sich um alle praktischen Angelegenheiten des Landes kümmert. Dies erlaubt es Echnaton, sich voll und ganz seinem Sonnengott Aton zu widmen. Das «Aton-Projekt» ist auch eine politische Initiative, um den wachsenden Einfl uss der Priesterklasse, die am Götterkönig Amun-Re festhält, zurückzudrängen. Es wurde von Amenophis III lanciert und seinem Sohn Echnaton in radikaler Weise durchgezogen.
Während Echnatons radikaler Bruch mit den etablierten religiösen Institutionen im Volk nicht sonderlich gut ankommt, erfreut sich Joseph durch seine weitsichtige und praxisorientiere Staatsführung grosser Beliebtheit.
Josephs Politik der Vorsorge bewahrt das Land nicht nur vor der Hungerkrise, sondern sichert auch die Machtstellung des Pharaos, innen- wie aussenpolitisch. Joseph will jedoch weder von seinen Brüdern noch vom ägyptischen Volk als Prophet verehrt werden, denn schliesslich sei er doch bloss ein «Volkswirt», der sich um den Haushalt des Staates und das langfristige Wohlergehen des Volkes kümmere.
Sein Wissen als Volkswirt hat er sich jedoch nicht im Studium angeeignet, sondern als Meier des grossen Haushaltes von Potiphar mit all seinen Produktions- und Konsumbereichen. Er lernte dort, die Ressourcen auf verantwortungsvolle Weise zu verwalten und zu vermehren, wobei er sich stets bewusst war, dass er sich als ursprünglich versklavter Ausländer auf dünnem Eis in der ägyptischen Gesellschaft bewegt. Hochmütigkeit gegenüber seinen Untergebenen und Nachlässigkeit gegenüber seinem Vorgesetzten würden sich fatal auf seine Akzeptanz und somit auf seine langfristigen Pläne auswirken.
Implizite Kritik an der Professorenschaft
Mit der Darstellung der sich ethisch überlegen fühlenden damaligen Priesterklasse
und dem unglaublichen Aufstieg Josephs in Ägypten übt Thomas Mann implizit auch Kritik an den Zuständen in Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Kirche mag ihren Einfl uss verloren haben, doch die Suche nach Sinn und Orientierung in der Gesellschaft nahm deswegen keineswegs ab.
Die geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten an Universitäten füllten in gewisser Weise dieses Vakuum. Wobei sich dabei die Wissenschaft stark mit der Religion und der Politik vermischte, denn die säkularen Erzählungen der Gelehrten waren trotz Anspruch auf Rationalität und Wissenschaftlichkeit keineswegs frei von impliziten Heilsversprechen. Sie trugen dadurch nicht unerheblich zum Aufbau von neuen autoritären Staatsideologien bei. Diese sahen bereits damals das Übel in der wirtschaftlichen Globalisierung underachteten im Krieg die einzige Möglichkeit die Souveränität, die soziale Gerechtigkeit und die Interessen des jeweiligen Landes zu verteidigen.
Markus Müller zeigt in seinem Gastkommentar, dass das Misstrauen gegenüber der Wirtschaft auch im 21. Jahrhundert immer noch allgegenwärtig ist. Für Müller ist klar, dass die Wissenschaft sich keinesfalls auf eine Zusammenarbeit mit der Wirtschaft einlassen darf, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit im Volk bewahren will.
Der Faktor Mensch
Gemäss Müller hat die Covid-19-Krise gezeigt, wie wichtig es sei, eine unabhängige Klasse von Wissenschaftern zu haben, die «mittels einschlägiger Informationen, Einordnungen und Prognosen aufklärend, beratend und bestenfalls beruhigend» wirke. Die vom Bund einberufene Covid-19-Science-Task-Force hat zu Beginn der Krise jedoch nicht sehr viel zur Beruhigung des Volkes beigetragen. Einzelne Mitglieder der Task-Force konnten sich mit alarmistischen Prophezeiungen gar eine eigene mediale Plattform schaffen.
Müller meint in seinem Beitrag, dass die Kritik an solchen Exponenten der Wissenschaft respektlos sei, denn die Universitäten seien ja Orte der Integrität, Unabhängigkeit und Verlässlichkeit, solange sie nicht durch die Wirtschaft korrumpiert würden.
Wenn sich die Universität daher als Wächterin der Moral zu präsentieren versucht, so ist eine ähnliche Skepsis wie bei den Kirchen angebracht.
Dieses Wissenschaftsverständnis mag auf die Tatsache zurückzuführen sein, dass Müller als Ordinarius für Staats- und Verwaltungsrecht wohl kaum mit der Wissenschaftstheorie von Thomas Kuhn vertraut ist. Dieser hat mit seinem bahnbrechenden Buch «Struktur der wissenschaftlichen Revolutionen» bereits 1962 aufgezeigt, dass es in den Routineabläufen der Wissenschaft (normal science) sehr wohl «menschelt». Auch etablierte Wissenschafter sind nämlich keine Säulenheiligen, sondern Streben nach Macht und Anerkennung. In diesem Streben sind ihnen aufstrebende Wissenschafter, die ihre Theorien hinterfragen, oft ein Dorn im Auge.
Gefördert werden stattdessen eher die unkritischen Reproduzenten von Wissen innerhalb des etablierten Paradigmas. Dieses Selektionsverfahren mag zwar zum Konsens innerhalb einer Disziplin beitragen, doch langfristig vergrössert es die Kluft zwischen Theorie und Realität. In der Folge wird das Festhalten am «Nicht-mehr-Haltbaren» immer mehr zu einem ethischen Problem, denn es blockiert den Erkenntnisfortschritt, also die eigentliche Grundlage der Legitimation von geschützten Forschungsstätten.
Der Vorwurf, dass Wirtschaftsinteressen die Unabhängigkeit der Wissenschaft gefährden würden, mag in manchen Fällen zutreffen. Eine allzu grosse Abhängigkeit von Drittmitteln aus Stiftungen und Bundesämtern kann jedoch die Unabhängigkeit der Forschung auch gefährden, denn die Forschung soll ja immer auch einer bestimmten Agenda dienen.
Ausserdem ist es ein Mythos, zu glauben, dass die Universitäten ursprünglich frei von Abhängigkeiten gewesen seien. Sie wurden immer zu einem bestimmten Zweck gegründet. Die ETH Zürich wurde zum Beispiel nicht etwa ins Leben gerufen, um die Grundlagenforschung voranzutreiben, sondern um die Schweizer Wirtschaft zu unterstützen in der Entwicklung von bahnbrechenden Innovationen und der Ausbildung von talentierten jungen Leuten für zukunftsträchtige Industriebranchen. Diesbezüglich liesse sich guten Gewissens sagen, dass der Erfolg der Schweiz im 19. Jahrhundert primär auf pragmatische und lösungsorientierte öffentlich-private Partnerschaften zurückzuführen sei.
Die Moral des «Aufsteigers»?
Joseph schien bereits damals zu verstehen, dass Kooperationsbereitschaft im Privatsektor genauso ausgeprägt sein kann wie Wettbewerb. Sein Wissen hat sich Joseph jedoch nicht durch eine formale Ausbildung, sondern durch konkrete Lebenserfahrung angeeignet. Er hatte nicht das Privileg, zur Oberschicht zu gehören, sondern musste sich ständig Sorgen um seine Existenz machen. Als Sklave hatte er eigentlich keinen Anspruch auf Menschenrechte.
Stattdessen musste er sich mit harter Arbeit, Unternehmertum und einer gewissen Prise Schalk Anerkennung und Respekt in der Gesellschaft verschaffen – zugleich hielt er stets fest an seinen ethischen Prinzipien und seinem Gottvertrauen, denn er war sich bewusst, dass sein Schicksal letztlich nicht von ihm selbst bestimmt wird.
In der hoch polarisierten heutigen Diskussion um Wirtschaft und Menschenrechte wäre es schwierig, Joseph einzuordnen. Als Wirtschaftsfl üchtling hätte er bestimmt Anrecht auf Opferstatus. Dass er jedoch den wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg geschafft hat, macht ihn zu einem ernsthaften Konkurrenten der privilegierten etablierten Klasse, die ihn zunehmend gering schätzt oder gar verachtet.
Wenn sich daher die etablierte Universität als Wächter der Moral zu präsentieren versucht, so ist eine ähnliche Skepsis wie bei den Kirchen angebracht. Es handelt sich nämlich primär um eine konventionelle Moral, welche sich nicht die Mühe nimmt, die eigenen Werte und Normen kritisch zu prüfen. Die Joseph-Erzählung von Thomas Mann ist ein Entwicklungsroman, der nicht zuletzt aufzeigen soll, wie der Mensch durch Lebenserfahrung und ständiges Hinterfragen zur moralische Reife gelangt. Es wäre daher eine gute Lektüre für Studierende, welchen es nicht egal ist, ob sie nun in einer Kirche oder einem Vorlesungssaal sitzen.
Erschienen in der NZZ am 26. Dezember 2021