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Die Retortenstadt mit verstecktem Charme
Brasilia - die Hauptstadt, die im Niemandsland entstand. (Thomas Häusler / SRF)
Wikipedia sagt: «Im Jahr 1956 befand sich die Gegend weitab von der Zivilisation. Die Stadt Belém liegt 1600 Kilometer entfernt und Rio de Janeiro 930 Kilometer. Die nächste Eisenbahnstation lag 125 Kilometer weg, die nächste befestigte Straße 640 Kilometer. Bauholz musste aus 1200 Kilometern und Baustahl aus 1600 Kilometern Entfernung geholt werden.»
Eine weite Stadt
Nachdem ich in eine Woche im dichtgedrängten São Paulo verbracht habe, fällt die Weite der Stadt auf. Es ist eher eine Abfolge von bebauten Blocks, getrennt durch Grünräume und breite Strassen, als eine gewachsene Stadt.
Man erkennt den Masterplan sofort. Hat er funktioniert? Was den Autoverkehr anbelangt, ziemlich gut. Paradiesische Zustände im Vergleich zu São Paulo. Kaum Staus; im Nu ist man da, wo man hin will. Befreiend auch die Weite.
Fussgänger vergessen
Aber sonst? Als Fussgänger merkt man schnell, dass man vergessen worden ist von den Planern. Es gibt so wenige Fussgängerstreifen, dass die Menschen sich über die Strassen mogeln, wo sie wollen - und können.
Manchmal muss man vier (!) nebeneinanderliegende Strassenzüge überwinden, bis man beim nächsten Häuserblock ankommt. Trampelpfade in den weiten Grünflächen zeugen davon, wie die Menschen sich den Lenkungsplänen der Stadtplaner widersetzen.
Am Rand wirds charmant
Das Zentrum ist steril, Läden gibt es nur in Malls, Restaurants nur in den Hotels, die alle in einigen Block konzentriert sind. Erst wenn man sich einige Kilometer nach aussen bewegt, entwickelt die Stadt einen gewissen Charme.
Bäume beschatten die Wege, die Wohnhäuser sind parkartig angelegt, jeder Block hat sein kleines Zentrum mit Geschäften und Restaurants. Hier sitzen die Menschen am Mittag und essen, manche erobern sich friedlich die Trottoirs, stellen Tisch und Stühle auf und spielen Karten.
Der Hort des Menschlichen
Als ich am Abend durch das Hotelviertel schlendere, auf der Suche nach etwas Menschlichem, stosse ich auf einen Kleinunternehmer, der seinen Grill aufgestellt hat inmitten der Hotelhochhäuser, einen Plastiktisch und drei Stühle.
Hier kann man einen Spiess essen, ein Bier trinken, mit anderen plaudern. Durch solche widerspenstigen kleinen Gesten der Bewohner wird die Metropole aus der Retorte doch noch lebenswert.
Die Stadt des Büchertauschs
Immerhin ist Brasilia auch eine Bücherstadt - auf eine kuriose, symphatische Art: An vielen Bushaltestellen sieht man Stapel von alten Büchern, Heften, Comics.
Wer ein altes Buch zuhause hat, das er nicht mehr will, bringt es zur nächsten Haltestelle. Und wählt sich dort neuen Lesestoff aus. Dieser Büchertausch funktioniere schon seit einigen Jahren wunderbar, hat mir eine eifrige Nutzerin erzählt.
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