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28.04.2017 - Dieter Schupp
28.04.2017
Dieter Schupp
Einsamkeit
Bisher hat ein politischer und psychologischer Begriff das schöne alte Wort «Einsamkeit» ersetzt. Einsamkeit hiess «Isolation».
In unserer gängigen Sprache war «Einsamkeit» nicht mehr vorgesehen. Das technische Wort «Isolation», das zum Ausdruck brachte, was mit jemandem gemacht worden ist, genügte – musste genügen. Nunmehr taucht in den Feuilletons das Wort «Einsamkeit» wieder auf, und es erscheinen Bücher mit «Einsamkeit» im Titel. Sogar eine «Philosophie der Einsamkeit». Der Autor, Lars Svendsen, ist Professor für Philosophie an der Universität Bergen.
Aus der Kundenrezension zitiert: «Erscheint es trendig, sich mit der Einsamkeit zu beschäftigen? Ist Einsamkeit ein Produkt der anonymen Massengesellschaft oder Teil des menschlichen Wesens? Wie und warum entsteht dieses quälende Bedürfnis nach Verbundenheit mit anderen? Kann ein Mensch vielleicht sogar die beste Zeit seines Lebens dann haben, wenn er allein ist?»
«Die Neigung zur Einsamkeit nimmt mit den Jahren zu» (A. Schopenhauer)
Mit der Suche nach Antworten auf jene drängenden Fragen unseres modernen Lebens hat sich Lars Svendsen der Erforschung eines Phänomens angenommen, die Faszination und die Herausforderung der Einsamkeit unter die Lupe genommen. Svendsens Verdienst ist, dass er die Einsamkeit nicht als Isolation verstand, sondern mit dem Diskurs über die Einsamkeit den Begriff der Verantwortung ins Gespräch brachte.
«In der Einsamkeit reduziert der Mensch sich auf sich selber» (M. E. de Montaigne)
Da fallen einem Namen ein: Montaigne und Rousseseau, Kierkegaard und Nietzsche, Rilke und Hesse, Schopenhauer und Heidegger. Der eine oder der andere hat unter Einsamkeit eine Verschiedenheit von Alleinsein verstanden: Sich verlassen und verloren fühlen. Einsamkeit als Gleichmacher, Arme wie Reiche. Eine Kultur der Stille…
«Das Bedürfnis nach Einsamkeit zeigt, dass in einem Menschen Geist ist» (S. Kierkegaard)
…für Andere gehört zur Einsamkeit ein heiliger Raum, – ein Sich lösen vom «Haben», – Zwiesprache halten, – Orts- und Zeitwechsel, – Erleben: «Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei», – Der hier ist der, der hier ist, – Ruhe – Sich Zeit nehmen zum ungestörten Nachdenken. Sinnieren.
«Lass die Einsamkeit zu, die Langeweile, die Leere» (M. Heidegger)
Beispiel: Die philosophische Erkenntnis des Martin Heidegger (1889-1976), für den Einsamkeit ein Grundgefühl ist. In seinem Hauptwerk «Sein und Zeit» zeigt er, wie dem Menschen «sein eigenes Dasein und die Bezogenheit auf die Welt insgesamt entgleitet.» Es verfügt über einen bestimmten Spielraum von Möglichkeiten, bekommt es bestimmend dort mit bestimmten, ihm unbekannten «Gegenständen» zu tun. Das dabei entstehende Befinden nennt Heidegger Angst. Angst ist immer Angst vor etwas Unbestimmten und Unbekannten.
Angst ist für Heidegger ein Existenzial, eine Befindlichkeit, «in der das Dasein durch sein eigenes Sein vor sich selbst gebracht wird», so, dass der Mensch sich vor sich selbst ängstigt. Die Angst ängstet sich nicht so sehr vor anderen Seienden, sondern um das Selbst- In-der-Welt-Sein, «mit seinen ständigen Befindlichkeiten». Und der Mensch erfährt unentwegt: Ich – ich allein – bin hier gemeint.
«Eines ist Verlassenheit, ein anderes Einsamkeit» (F. Nietzsche)
Wohl gibt es in dieser «unheimlichen Welt» die Chance, inmitten der Angst «das mir zugewiesene Dasein» zu ergreifen und zu gestalten. Doch der Mensch, geworfen in sein Da, hat nur Befindlichkeiten zu vollziehen. So hebt Martin Heidegger den Ort und die Einsamkeit des Sein-Selbst hervor, da nur hier und mit und da die Bereitschaft für die «Wahrheit des Seyns» sich selbst vorbereiten könne.
«Alle grossen Leidenschaften entstehen in der Einsamkeit» (J.-J. Rousseau)
Zentral ist Heideggers Erkenntnis: Als «Hirte seines Seins» ist der Mensch total den Befindlichkeiten mit den Erschütterungen «aus-gesetzt», muss sein Gleichgewicht unentwegt suchen/bewahren. Ohne Einsamkeit: keine seelische Reifung und Entwicklung, dahin gehend: Mir kann niemand mein eigenes Dasein abnehmen. Ich muss es selbst leben.
Bleibt die Frage: Was kann ich tun? Kafkas Parabel «Von den Gleichnissen» spricht es in den zwei Worten aus: «Geh hinüber!». Transcente te ipsum, leicht gesagt und schwer getan. Dieser einfachste scheint auch der letzte Rat zu sein, den die Philosophie zum Thema Einsamkeit bereithält.