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Mein dreimonatiger Stage in Mali war fast vorbei. Ich hatte mit Hilfe des MAZ und der DEZA Ende 2002 auf der Redaktion der Regierungszeitung «l‘Essor» in Bamako gearbeitet, dabei wundersame Überraschungen des westafrikanischen Arbeitsalltags erlebt und viel gelernt: Wer kann wann die einzige Telefonleitung auf der Redaktion benutzen? Wie schreibe ich Artikel von Hand? Wozu darf ein Praktikant ein Firmenfahrzeug buchen? Und an welchen Festtagen wimmelt es im ganzen Millionendorf von Schafherden?
Ich hatte einiges publiziert, wurde sogar «en mission» in den Süden des Landes geschickt, nur ein Ziel meines Aufenthalts blieb unerreicht. Ich lebte damals zwar grundsätzlich recht zielfrei, aber ich wollte unbedingt ein Interview mit Aminata Traoré. Die streitbare Autorin, Politikerin und Unternehmerin war um die Jahrtausendwende eine der wenigen bekannten Persönlichkeiten Malis. So wurde ihre fundamentale Globalisierungskritik vor allem im französischsprachigen Europa gehört, im deutschsprachigen Raum viel weniger (bevor sie später im Kinofilm «Bamako» von Abderrahmane Sissako sich selbst spielte und die Rolle als afrikanische Anklägerin einmal mehr sehr authentisch verkörperte).
Vom Kollegen von der Kultur kriegte ich ihre Nummer. Doch so oft ich dort anrief, die prominente Dame war nie erreichbar. Ihr Assistent vertröstete mich ständig, sie schien auf Reisen. Oder wollte sie gar nicht mit mir sprechen? Je unsicherer ich wurde, desto mehr wurde mein Ehrgeiz angestachelt. Ich wollte Traorés pointierte Haltung im O-Ton hören, vor allem interessierte mich ihre Meinung zu den Verheißungen des Internets für Afrika. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, dass ich sie je erreichen würde, als ich die ehemalige Kulturministerin zufällig an einem Apéro von Helvetas traf. Ich nahm all meinen Mut zusammen, bat sie um ein Interview und erhielt wider Erwarten eine freundliche Zusage: Ich solle mich doch bitte mit ihrem Sekretär in Verbindung setzen. Das Wort wirkte Wunder: Bei der gleichen Person, die mich zuvor wochenlang vertröstet hatte, kriegte ich sofort einen Termin. Die Umstände schienen mir speziell genug, um ein Dienstfahrzeug zu reservieren. Alle Ampeln standen nun auf grün: Nichts schien meinem Interview mehr im Weg zu stehen.
Doch am Tag X war alles plötzlich wieder wie verhext: Als ich im Hof der Redaktion abmarschbereit war, waren die zwei Reporterautos weg – und meine Reservation leider nichtig. Ich insistierte in hübschester Schweizer Manier, bis der liebenswerte Chauffeur sich bereit zeigte, mich im Ersatzauto zu fahren, einem mindestens 30 Jahre alten Renault 11-Kombi, der sonst meist im Hof herumstand. Na gut, wunderbar, zu Fuss wäre ich längst zu spät gewesen, und mir war der hübsche Oldtimer recht.
Während der Fahrt merkte ich allerdings, wieso der Chauffeur gezögert hatte. Die kaputte Kupplung des Wagens reagierte im Stau immer ruppiger. Schrecklich langsam hüpften wir durch die Stadt, bis sogar das Armaturenbrett hinunterfiel, das ich für den Rest der Fahrt auf dem Beifahrersitz schwitzend halten durfte. Ich war rund eine Stunde zu spät, als wir endlich ins Quartier einbogen. Ich fürchtete, das grosse Interview sei geplatzt – in der Schweiz wäre dies wohl längst geschehen. Doch wir waren in Bamako. Ich stürzte ins Hotel und wurde gebeten, Platz zu nehmen. Uff, nicht zu spät!
Nun war ich da, machte es mir bequem und wartete. Eine weitere Viertelstunde. Ich blieb sitzen. 30 Minuten. Dieses Interview liess ich mir nicht mehr nehmen. Eine Stunde. Soviel trotzige Geduld hatte ich noch nie an den Tag gelegt. Und dann kam sie tatsächlich. Im Hausrock und barfuss schien sie gerade von der Siesta zu kommen. Aber das war jetzt alles egal. Das Aufnahmegerät lief und Aminata Traoré redete sich langsam munter, bis ich kaum mehr fragen musste.
Das Gespräch dauerte länger als die kumulierte Verspätung. Meine Arbeit bestand vor allem aus nachträglichem Übersetzen, Kürzen und dem Einflicken von Fragen in den mit Furor gespickten Monolog, in dem die afrikanische Intellektuelle dem verwöhnten Gast Afrika erklärt. Ich habe dieses Treffen als eine spannende Begegnung zweier Welten in Erinnerung, die mit gebührender Dramatik zustande kam.
Und was habe ich dabei gelernt? Wenn man jemanden unbedingt will, kriegt man jede Person für ein Interview. Man braucht dazu eigentlich nur ein paar Fragen, etwas Hartnäckigkeit, ein Mü Glück – und das richtige Timing. Seit jenem magischen Moment in Mali bin ich da viel gelassener.