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Wenn Olga Jaroslava (Name geändert) sehen will, wo die Erbschaft ihres verstorbenen Mannes geblieben ist, muss sie zum Zahnarzt. Genauer: ins Dental Institut an der Zentralstrasse 32 im Luzerner Vorort Ebikon. Rund 135'000 Franken hat die gebürtige Lettin in die Praxis investiert. 100'000 Franken sind in die Gründung der Aktiengesellschaft geflossen, rund 35'000 Franken in die Praxiseinrichtung. «Ohne mich wäre die Praxis nie eröffnet worden», sagt Jaroslava. Die Mutter einer minderjährigen Tochter wurde denn auch im Oktober 2012 die erste Verwaltungsratspräsidentin der Dental Institut AG.
Die treibende Kraft hinter der Praxisgründung war jedoch nicht sie, sondern der gebürtige Russe Alexandre Pavlov. Olga Jaroslava lernte ihn über eine Bekannte kennen und beschloss ohne grosse Umschweife, ihr Geld in Pavlovs Praxis zu investieren. Als Gegenleistung bot ihr Pavlov einen 60-Prozent-Job als Praxisgehilfin an.
Da Pavlov selber nicht Zahnarzt ist, brauchte es als Dritten im Bunde noch den deutschen Zahnarzt Winfried Kerner (Name geändert), auf den die Praxisbewilligung lautete. So startete das Trio im Herbst 2012 mit der neuen Klinik. Ein gutes halbes Jahr später war Olga Jaroslava ihren Job los – und einen Grossteil ihres investierten Geldes ebenso.
Plötzlich nur noch das halbe Guthaben
Jaroslava weiss heute, dass sie so ziemlich jeden Fehler gemacht hat, den sie machen konnte. Obschon sie nachweislich das gesamte Aktienkapital von 100'000 Franken einzahlte, erhielt sie bloss 49 Aktien à 1000 Franken. Pavlov zeichnete mit Jaroslavas Geld ebenfalls 49 Aktien, zwei Anteilscheine übernahm Zahnarzt Kerner. Olga Jaroslavas Darlehen über 51'000 Franken taucht in keiner Buchhaltung auf. Auch die 35'000 Franken, die sie in die Einrichtung der Praxis steckte, sind nirgends verbucht.
Pavlov bestätigt, dass Olga Jaroslava 100'000 Franken in die Aktiengesellschaft eingebracht habe. Seine Erklärung, weshalb sie nur 49 Aktien dafür erhielt, klingt aber abenteuerlich: Er selber habe «in Form von Arbeit im Bereich des Firmenaufbaus» einen Beitrag an die AG geleistet, Zahnarzt Kerner «in Form der zahnärztlichen Lizenz». Damit hat sich, wenn man Pavlovs Lesart folgen will, der Wert des von Olga Jaroslava eingebrachten Geldes mit der Firmengründung praktisch halbiert.
Im Mai 2013 kam es zum Bruch zwischen Jaroslava und Pavlov. Jaroslava erzählt, wie sie in ein Treuhandbüro im zugerischen Baar zitiert und dort genötigt worden sei, eine Vereinbarung zu unterzeichnen, mit der ihr für ihr Aktienpaket gerade mal 15'000 Franken gezahlt wurden. Unmittelbar danach kündigte ihr Pavlov. Schreiben von Jaroslavas Treuhänderin, die die Rückzahlung der investierten Gelder fordert, beantwortet er seither mit Abrechnungen über angeblich von Jaroslava bezogene Leistungen auf Geschäftskosten. Neue Verwaltungsratspräsidentin der Dental Institut AG ist mittlerweile Pavlovs Lebenspartnerin.
Olga Jaroslava ist nicht die erste Frau, die bei Geschäften mit Pavlov Geld verloren hat. Bereits 2010 investierte Elena Etter (Name geändert), auch sie Osteuropäerin und verwitwet, rund 45'000 Franken in die von Pavlov mitgegründete Zahnarztpraxis Edelweiss AG in Luzern. Auch Elena Etter wurde zuerst Verwaltungsratspräsidentin der Firma und danach von Pavlov ausgebootet.
«Nie eine Gegenleistung erhalten»
Die beiden Frauen erzählen jedoch nicht bloss von unsauberen Finanzgeschäften, denen sie zum Opfer gefallen sind. Wie verschiedene andere Zeugen berichten sie auch über Pavlovs Geschäftsmodell. Der findige Russe hat in den vergangenen Jahren eine Art Vermittlungsdienst für Zahnarztpatienten aufgebaut: Zuerst unter dem Namen Medicum Pavlov, dann als Medicum GmbH verwies er Patienten an Zahnarztpraxen.
So steht es zumindest in der Werbung. Pavlov schreibt darin von «Partnerpraxen», bei denen Patienten ihre Kosten «um 30, 40 oder sogar um mehr als 50 Prozent senken könnten, ohne ungewollte Risiken oder Aufwände einzugehen». Tatsächlich versuchte Pavlov, mit Zahnärzten ins Geschäft zu kommen. Ein Zahnarzt, der nicht genannt werden will, berichtet von einem Betrag von 4000 Franken für «Werbemassnahmen», den er – bar und ohne Quittung – an die Medicum GmbH gezahlt hat: «Eine Gegenleistung in Form von Inseraten oder gar Patienten habe ich dafür nie erhalten.»
Preise nach Gutdünken
In der Realität ist die Anzahl dieser «Partnerpraxen» gemäss mehreren Insidern sehr überschaubar. Pavlov, so erzählen sie, habe sich jeweils im Namen von Medicum Zahnarztofferten von anrufenden Patienten schicken lassen und diesen versprochen, ihnen eine günstigere Behandlung zu vermitteln. Dabei habe es sich aber immer um denselben Zahnarzt gehandelt: erst um die Zahnarztpraxis Edelweiss, später um das Dental Institut – bei beiden Praxen hat er selber die Hände im Spiel. Insider erzählen, wie die günstigen Offerten zustande kommen: Pavlov, gemäss «Zentralschweiz am Sonntag» gelernter Grafikdesigner, schreibe bei den erhaltenen Offerten nach Gutdünken einen tieferen Betrag hin, den dann der behandelnde Zahnarzt einhalten müsse – ungeachtet des medizinischen Problems.
Bei der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft lehnt man solche Praktiken ab: «Es ist nicht seriös, für Zahnbehandlungen Offerten zu machen, ohne eine Diagnose zu stellen und ohne die Krankengeschichte zu kennen. Ein Zahnarzt muss den Patienten sehen, um Behandlungsvorschläge machen zu können», erklärt Mediensprecher Marco Tackenberg.
Weitermachen trotz Konkurs
Weder die Patienten der Zahnarztpraxis Edelweiss noch diejenigen des Dental Instituts wussten von der personellen Nähe der Medicum GmbH zur Praxis. Dabei hätten sie sich durchaus darüber wundern können, dass eine Dienstleistung einer privaten Firma «gratis und unverbindlich» ist, wie es auf der Website von Medicum heisst. In Wirklichkeit lässt sich Pavlov für die Tätigkeit für die eigene Praxis zusätzlich mit 3000 Franken monatlich honorieren, wobei die Inserate, die Medicum schaltet, der Praxis separat verrechnet werden. Der unterschriebene Vertrag zwischen Pavlovs Medicum GmbH und dem Dental Institut liegt dem Beobachter vor, und sowohl Zahnarzt Kerner als auch Olga Jaroslava bestätigen unabhängig voneinander, dass Pavlov das Geld kassiert hat. In dessen Interpretation handelt es sich dabei jedoch um einen «Entwurf», der nie umgesetzt worden sei.
Richtig erfolgreich kann das Unternehmen nicht gewesen sein. Betreibungsregisterauzüge zeigen offene Forderungen von über 200'000 Franken gegenüber Alexandre Pavlov; sein Lohn ist gepfändet. Am 27. Mai hat der zuständige Richter den Konkurs über die Medicum GmbH verhängt. Pavlov macht jedoch unbeirrt weiter. Seine Website, mit der er um Kunden wirbt, ist immer noch aufgeschaltet. Sie gehört jetzt laut Pavlov einfach «der Einzelfirma Medicum und nicht mehr der Medicum GmbH».