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Der frühere Konzernchef Philippe Bruggisser hat bei seinem ersten Gerichts-Auftritt die Anklagevorwürfe zurückgewiesen. Schlüsse der Staatsanwaltschaft tat er als "Mumpitz" ab.
Anders als sein ehemaliger Chef hat Ex-Swissair-Finanzchef Georges Schorderet am Donnerstag vor dem Bezirksgericht Bülach erneut geschwiegen.
Der im Januar 2001 entlassene SAirGroup-Konzernchef Bruggisser reagierte bei der Befragung durch das Bezirksgericht Bülach wie zuvor schon Mario Corti ungehalten auf ein Gutachten der Anklage.
Was die Staatsanwaltschaft gestützt auf diesen Bericht gemacht habe, "das ist einfach Mumpitz", sagte Bruggisser.
Corti hatte Anfang Woche von einem "Papiergutachten" einer "Hilfsperson" gesprochen.
Der ehemalige Swissair-Finanzchef Georges Schorderet, der gleichentags auch wieder vor den Richtern erscheinen musste, verweigerte dagegen erneut die Aussage und bezeichnete sich als unschuldig.
Nicht überschuldet
Die Staatsanwaltschaft wirft Bruggisser und Schorderet in Bezug auf die Übertragung einer Gesellschaft vom SAirGroup-Konzern in die Flugtochter SAirLines im Jahr 2000 ungetreue Geschäftsführung vor.
Durch den Übertrag der Gesellschaft, welche die Swissair-Beteiligung am Reservationssystem "Galileo" enthielt, sei der SAirGroup ein Schaden von 103 Mio. Franken entstanden.
Er habe den Fusionsvertrag mit gutem Gewissen unterzeichnet, sagte Bruggisser. Angaben des Gutachters, auf die sich die Anklage berufe, seien "einfach falsch".
Wie schon der letzte Swissair-Chef Mario Corti und Verwaltungsrat Thomas Schmidheiny betonte auch Bruggisser mehrere Male, dass die SAirLines nicht überschuldet gewesen sei.
Bei der SAirLines hätten stille Reserven in der Swissair und der Crossair geschlummert, weil diese zu einem tiefen Buchwert aufgeführt gewesen seien: "Das hätte jedes Kind merken können".
Den Vorwurf der Anklage, dass bei dieser Transaktion ein Interessenkonflikt zwischen der SAirGroup und der SAirLines bestanden habe, wies Bruggisser ebenfalls zurück.
Befragung geht weiter
Die Situation des Flugkonzerns im Jahr 2000 sei schwierig gewesen, räumte Bruggisser ein. Schwierigkeiten hätten der Gruppe vor allem die um zwei Drittel angestiegenen Treibstoffpreise und der hohe Dollarkurs bereitet.
Die Flugnebenbetriebe seien damals aber normal gelaufen und Swissair und Crossair hätten die damals "normalen" Airline-Probleme gehabt.
Beim "Riesenproblem" des deutschen Ferienfliegers LTU habe man die strategische Lösung bereits gefunden gehabt: "Da musste man nur noch warten."
Zwei Probleme
Tatsächlich habe die Gruppe zwei Probleme gehabt, so Bruggisser: Die belgische Sabena und die französischen Flugbeteiligungen. Bei der Sabena sei er der Meinung gewesen, dass diese zuerst ihre Vermögenswerte hätte verkaufen müssen, bevor die Aktionäre weiteres Geld einzuschiessen hätten.
Bei den französischen Beteiligungen habe man zwei Alternativen gehabt: Den rund 1 Mrd. Franken teuren Ausstieg oder die Sanierung, die 800 bis 900 Mio. Franken gekostet hätte. Die Alternativen hatte er dem Verwaltungsrat an der Sitzung im Januar 2001 vorlegen wollen, an der er dann entlassen wurde.
Bruggisser muss sich auch wegen Zahlungen an den Chef der polnischen Fluggesellschaft LOT verantworten. Falschbeurkundung und ungetreue Geschäftsbesorgung lauten hier die Vorwürfe gegen ihn und andere Angeklagte. Mit diesem Punkt sollen die Verhandlungen am kommenden Montag fortgesetzt werden.
swissinfo und Agenturen
In Kürze
Der Swissair-Prozess findet vom 16. Januar bis am 9. März vor dem Bezirksgericht Bülach statt.
Die Verhandlungen in der 1500 Personen fassenden Stadthalle sind öffentlich.
Die Einvernahme der 19 Angeschuldigten ist bis am 5. Februar vorgesehen.
Ab 15. Februar folgen die Anklage der Staatsanwaltschaft und die Plädoyers der Verteidigung.
Die Anklageschrift umfasst 100 Seiten. Die Akten füllen 4150 Aktenordner.
Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat in 40'000 Arbeitsstunden mehr als 300 Personen einvernommen und 20 Haus-Durchsuchungen veranlasst.
Eine erste Version der Anklageschrift vom 30. März 2006 hat das Gericht wegen Mängeln zurückgewiesen. Die überarbeitete Anklageschrift liegt seit dem 31. Dezember 2006 vor.
Zurzeit bereitet die Staatsanwaltschaft eine weitere, zivilrechtliche Anklageschrift vor.
Hunter-Strategie
Der Name von Philippe Bruggisser ist bei der Swissair untrennbar mit der Hunter-Strategie verbunden. Sie steht für den Kauf von ausländischen Airline-Beteiligungen mit dem Ziel des Aufbaus eines Airline-Verbundes, der so genannten Qualiflyer-Group.
Von der Unternehmensberatung McKinsey empfohlen und zusammen mit Bruggisser entwickelt wurde diese Strategie im Januar 1998 vom Verwaltungsrat der SAirGroup abgesegnet und dann Schritt für Schritt umgesetzt.
Die Hunter-Strategie habe sicher etwas mit seiner Entlassung zu tun gehabt, sagte Bruggisser am Prozess. Das sei ihm damals aber so nicht kommuniziert worden.
Nach seinem Rauswurf aus dem Flugkonzern hat Bruggisser fast 6 Mio. Franken erhalten.