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Am Fuss der Treppe im Erdgeschoss des Museums steht in weissen Buchstaben auf schwarzem Grund das fünfte Gebot geschrieben: “Du sollst nicht töten”. Natürlich geht es in der Ausstellung “Mord und Totschlag” um den Bruch des Menschen mit diesem Gebot. Zu Beginn des Rundgangs wird auf absurd abstrakte Weise aufgedeckt, wie viel der menschliche Körper, reduziert auf sein Material, wert ist – genau 808.40 Franken bei 70 kg Körpergewicht.
Die vom historischen Museum der Stadt Luxemburg konzipierte Ausstellung führt mit Fragesätzen durch 15 Themenräume. Das historische Museum Bern hat sie mit lokalen Elementen ergänzt. Neu sind etwa Interviews mit Schweizer Juristen und Fälle der Berner Kriminalpolizei. Die Ausstellung findet in abgedunkelten Räumen statt, von verschiedenen Medien unterstützt, seien es Kurzfilme, Zeitungsausschnitte oder Gegenstände.
“Ist der politische Mord zu rechtfertigen?”
So lautet die Hauptfrage eines Themenblocks. Hierbei wird das Verbrechen gegen die Menschlichkeit als Mordmotiv an den Drahtziehern, wie zum Beispiel am lybischen Diktator Muammar al-Gaddafi ins Zentrum gerückt. Daran schliesst der zweite Themenraum an. Die Anschläge auf das World Trade Center waren einschneidend in der Gesellschaft. “Darf man Terroristen töten?”, wird gefragt. Als aktuelles, umstrittenes Beispiel dient der getötete Al Kaida-Terrorist Osama bin Laden.
“Warum ist Mord top Thema in Literatur und Film?”
In vielen Spielfilmen und Romanen wird mindestens eine Person ermordet. Der Zuschauer wird dabei mit seinem eigenen Voyeurismus konfrontiert und fragt sich: Warum sehe ich hin? Als Provokation werden in der Ausstellung hinter Gucklöchern verschiedene Bilder und Filmausschnitte gezeigt, mit Hinweisen auf das jeweilige Mindestalter. Die Entscheidung liegt beim Einzelnen selbst, ob er hinschaut oder nicht. Aber der Mensch ist sehr neugierig auf die Sensation. Auch deshalb lassen sich Boulevardzeitungen, wie zum Beispiel der “Blick” gut verkaufen.
“Völkermörder – sind sie ganz ‘normale’ Menschen? Warum kehren sie wieder ins alltägliche Leben zurück?”, heisst es im nächsten Themenblock. Die Firma Ford etwa brachte 1971 ein Auto auf den Markt, von dem sie wusste, dass der Tank explodieren könnte. Die wahrscheinliche Schadenersatzsumme war aber immer noch günstiger als ein Rückruf des Modells. Die Ausstellung spricht genau dieses Thema im Nebentitel an: “eine Ausstellung über das Leben”. Mörder gibt es nicht nur auf Titelseiten oder in Kriminalromanen, sondern sie werden von der Gesellschaft oft gar nicht als solche wahrgenommen.
Notwehr, Vertuschung, Suizid
An der Kasse bekommen die Besucher ein Kärtchen, das später zur Auffindung des eigenen hypothetischen Mordmotivs dient. Fast am Ende der Ausstellung wird das Kärtchen in eine von sechs Boxen geworfen, die alle für ein anderes Mordmotiv stehen. Jeder Besucher kann in die durchsichtigen Boxen blicken. Am letzten Samstag gaben circa ein Drittel der 200 gezählten Ausstellungsbesucher Notwehr als Mordmotiv an. Vier Leute würden einen Mord begehen, um eine peinliche Angelegenheit zu vertuschen. Und, was erstaunt: viele nannten auch Suizid.
Das Thema Suizid steht im historischen Museum am Schluss des Rundgangs im Mittelpunkt. Die Besucherinnen und Besucher werden mit ihren Meinungen dazu konfrontiert. Mit Suizid, Sterbehilfe und Abtreibung geht der letzte Themenbereich jedoch klar über das im Ausstellungstitel erklärte Ziel hinaus. Das irritiert und man fragt sich, was Abtreibung, Suizid oder Sterbehilfe eigentlich mit “Mord und Totschlag” zu tun haben.
Die Ausstellung regt mit solchen Fragen immer wieder zum Nachdenken an. Am Ende bleiben aber viele interessante Fragen unbeantwortet, wie zum Beispiel: Ist der politische Mord zu rechtfertigen? Ein wenig mehr Aufklärung wäre hier wünschenswert gewesen.