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«Die Menschen stehen unter Schock oder sind traumatisiert»
Fotojournalist Patrick Rohr besuchte im Auftrag von Carelink-Kundin Helvetas die ukrainische Grenze in Moldawien. Die Organisation betreut im ärmsten Land Europas Kriegsvertriebene aus der Ukraine.
Carelink: Sie waren für Helvetas eine Woche an der ukrainischen Grenze in Moldawien. Was haben Sie dort gemacht?
Patrick Rohr: Helvetas hat, zusammen mit anderen Organisationen, auf beiden Seiten der Grenze bei Palanca im Südosten Moldawiens wärmeisolierte und beheizbare Zelte aufgebaut, die die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit Deza kurz nach Kriegsausbruch ins Land gebracht hat. In diesen Zelten bietet Helvetas Menschen mit speziellen Bedürfnissen, wie zum Beispiel stillenden Müttern oder Menschen mit einer Behinderung, die Möglichkeit, sich auf der Flucht vor dem Krieg in ihrer Heimat kurz zurückzuziehen und zu erholen. Meine Aufgabe war es, die Arbeit von Helvetas in Bild und Ton zu dokumentieren und darüber zu berichten.
Was haben Sie an der Grenze in Moldawien erlebt?
Die Helvetas-Zelte stehen auf einem grossen Umsteigeplatz am Dorfrand, wo Reisebusse die Geflüchteten aufladen und zum Beispiel in die moldawische Hauptstadt Chisinau oder in die rumänische Hauptstadt Bukarest bringen, von wo ihre Reise weitergeht. Auf den Umsteigeplatz kommen nur Kriegsvertriebene, die nicht im eigenen Auto reisen können. Die meisten von ihnen sind am Morgen in einen Bus gestiegen, weil in ihrer Nachbarschaft eine Rakete oder eine Bombe eingeschlagen hat. Ein paar Stunden später stehen sie an der Grenze, die sie zu Fuss überqueren müssen, und werden dann mit einem kleinen Bus auf dem Umsteigplatz gebracht. Viele der Menschen, die ich ankommen sah, standen unter Schock oder wirkten nach Tagen und Wochen des Bombardements traumatisiert.
Können Sie ein Beispiel erzählen?
Ich erlebte, wie die Familie Sgerya in ein Helvetas-Zelt kam: die 46-jährige Informatiklehrerin Yevgeniya mit ihren fünf Kindern zwischen 12 und 21 Jahren, ihrer zehn Monate alten Enkelin und ihren Eltern. Yevgeniya lebte mit ihren Kindern und ihrer Enkelin in einem 5000-Seelen-Dorf östlich von Mikolajiw, nahe dem Schwarzen Meer. Als der Krieg am 24. Februar losging, flogen die ersten Raketen auf den Militärflugplatz im Nachbardorf. Am nächsten Tag fiel nach weiteren Explosionen der Strom aus, auch Gas und Wasser gab es irgendwann nicht mehr. Um nicht zu erfrieren, traf man sich am Abend mit den Nachbarn am Lagerfeuer. Nach zwei Wochen ging es nicht mehr, und Yevgeniya bat ihre Kinder, das Nötigste zu packen. Zusammen gingen sie nach Mikolajiw, wo Yevgeniyas Eltern wohnen. Im Schutz der Grossstadt, so hoffte sie, würden sie sicherer sein. Doch in der Nacht, bevor sie flohen, explodierten gleich neben der Wohnung Bomben. Da beschlossen sie, gemeinsam zu fliehen. Um sieben Uhr in der Früh bestiegen die neun Leute einen Bus, vier Stunden später kamen sie beim Grenzübergang von Palanca an. Die Angst, von einer Bombe getroffen zu werden, fuhr die ganze Zeit mit. Im Helvetas-Zelt konnte sich Vater Aleksandr, dem wegen einem Diabetes beide Beine amputiert wurden, etwas erholen, und die 21-jährige Viktoria konnte ihre zehn Monate alte Tochter Alisa stillen. Alle bekamen etwas zu essen und Informationen, wie sie ihre Flucht weiter organisieren können. Diese Unterstützung ist eine praktische und emotionale Hilfe, wie sie auch Carelink bei Grossereignissen mit ihrer Care-Betreuung praktiziert.
Wie hilft Helvetas sonst noch in Moldawien?
Bisher kamen über 400’000 Kriegsvertriebene aus der Ukraine ins Nachbarland Moldawien mit seinen 2,6 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern, etwa 100’000 sind geblieben. Helvetas unterstützt zusammen mit dem Uno-Welternährungsprogramm (WFP) und der Deza moldawische Gastfamilien mit einem finanziellen Zuschuss. In einer ersten Phase organsierte Helvetas Transportmöglichkeiten von der Grenze in die Hauptstadt Chisinau, verteilte SIM-Karten und installierte Ladestationen für Handys. In einem nächsten Schritt plant Helvetas die wirtschaftliche Integration ukrainischer Geflüchteter zu fördern. Dafür analysieren Expertinnen und Spezialisten von Helvetas Angebot und Nachfrage sowie die Frage, wie moldawische Unternehmen gestärkt werden können, um neue Arbeitsplätze zu schaffen. Im Moment beschäftigt die Menschen vor Ort vor allem auch die Angst, dass Moldawien das nächste Ziel der russischen Angriffe werden könnte.
Patrick Rohr ist Journalist, Fotograf und Moderator. Er arbeitete bis 2007 für SRF Schweizer Radio und Fernsehen (u.a. «Arena», «Quer») und ist seither als Kommunikationsberater und Fotojournalist tätig. Für Helvetas berichtet er regelmässig über Projekte in Asien und Afrika. Bei Carelink moderiert er unter anderem eine Webcast-Serie, und die Porträts für unser Erscheinungsbild stammen auch von ihm.
www.patrickrohr.ch
Um den Geflüchteten vor Ort helfen zu können, ist Helvetas auf Spenden angewiesen: PC: 80-3130-4 oder IBAN: <iban-pii>, Vermerk «Ukraine».
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