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In der Arbeiterfrage wird das WortArbeiter (welches sprachlich eine Person bedeutet, die ihre Kraft
[* 3] äußert, um
einen Wert hervorzubringen) in einem engern Sinn gebraucht. Es bezeichnet hier nur Lohnarbeiter und von
diesen auch nur einen Teil. Die Arbeiterfrage, eine Lohnarbeiterfrage, bezieht sich nur auf diejenigen Lohnarbeiter,
welche als solche in gewerblichen und landwirtschaftlichen Unternehmungen ihren Erwerb suchen. Sie ist ein sozialesProblem,
doch nicht das einzige sozialeProblem, das heute existiert. Man nennt sie ab er häufig die soziale Frage
schlechthin, weil sie unter den vielen sozialenFragen der Gegenwart weitaus die wichtigste und bedeutsamste ist.
SozialeProbleme sind Aufgaben für den Staat und die Gesellschaft zur Besserung ungenügender Zustände ganzer Gesellschaftsklassen,
welche ebensolchen Umfang angenommen haben, daß zur Beseitigung der Mißstände die Kraft der Einzelnen (der Individuen,
resp. der betreffenden Klasse) nicht mehr hinreicht, sondern dazu die Mitwirkung der Gesellschaft (Gesellschaftshilfe) und
des Staats (Staatshilfe) notwendig ist. Ein sozialesProblem entsteht erst dadurch, daß die thatsächlichen Zustände der
Gesellschaft in Widerspruch geraten mit einem Gesellschaftsideal, mit einem Zustand, wie er nach der idealen und sittlichen
Anschauung sein sollte, und daß man allgemein zu der Überzeugung gelangt ist, daß Staat und Gesellschaft
die Möglichkeit und die Pflicht haben, diesen Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen dem, was sein sollte, und
dem, was ist, zu heben.
SozialeProbleme können deshalb doppelten Ursprungs sein. Sie können einerseits entstehen dadurch, daß
die thatsächlichen Zustände sich gegen früher verschlechtert haben. Sie können aber auch anderseits entstehen, ohne daß
eine solche Verschlechterung eingetreten, lediglich dadurch, daß ein Volk sich höhere Gesellschaftsideale stellt als früher.
Unter dieser Voraussetzung können sie sich auch dann bilden, wenn die thatsächlichen Zustände bessere geworden sind. Die
Arbeiterfrage gehört zu den Problemen der letztern Art.
Die Arbeiterfrage hat zu ihrem Gegenstand die Lage der vorerwähnten Lohnarbeiter in ökonomischer, moralischer und sozialer Hinsicht.
Diese Lage zeigt zahlreiche Mißstände, die im Widerspruch stehen einerseits mit den Anforderungen, welche vom Standpunkt
der Moral und Humanität an das Leben der Einzelnen gestellt werden, und mit den Rechten, welche der moderne
Staat als Grundrechte der Persönlichkeit anerkennt, insbesondere mit dem Prinzip der persönlichen Freiheit und Gleichberechtigung,
anderseits mit den kulturellen Aufgaben und Zielen des modernen Kulturstaats.
Einkommen, die Wohnungs- und Ernährungsverhältnisse, das Familienleben, an die Sicherung und Versicherung gegen Unglücksfälle,
an die moralische, religiöse, soziale und politische Existenz dieser Klassen. Die Arbeiterfrage ist daher nicht nur eine Lohn- oder Einkommensfrage,
sondern eine Frage viel allgemeinerer, viel komplizierterer Art, und sie ist auch nicht bloß eine ökonomische,
sondern zugleich eine sittlich-religiöse und eine politische Frage. Die Besserung von Arbeiterzuständen ist auch schon vor
dem 19. Jahrh. Gegenstand sozialerProbleme gewesen.
Aber das, was man heute unter der Arbeiterfrage begreift, wenn von ihr schlechthin die Rede ist, ist doch erst eine Erscheinung, ein Problem
des 19. Jahrh. Für die richtige Würdigung dieser Arbeiterfrage ist
wesentlich, daß sie ihren besondern Entstehungsgrund und Inhalt hat einerseits in Übelständen, die erst im letzten Jahrhundert
durch die gegen früher völlig veränderten rechtlichen und technischen Verhältnisse der Volkswirtschaft hervorgerufen wurden,
anderseits darin, daß die heutigen Kulturstaaten und ihre Gesellschaft sich viel höhere Aufgaben für
die Verbesserung des Loses der untern Volksklassen stellen, als es früher geschah, daß man diese Klassen auf eine viel höhere
Stufe der Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung erheben will, als sie früher erstrebt wurde.
Das Auftreten der in unserm Jahrhundert ist daher nicht ein Zeichen des Rückschritts, nicht ein Beweis
dafür, daß die Lage der Lohnarbeiter gegen früher eine schlechtere geworden, sondern im Gegenteil ein Zeichen des Fortschritts,
ein Beweis dafür, daß die Völker, bei denen die Arbeiterfrage eine brennende Tagesfrage ist, bewußt eine höhere Kulturstufe erreichen
wollen, daß ihr Rechtsbewußtsein, ihre humanen und sittlichen Anschauungen, ihre sittlichen Bestrebungen
höhere geworden sind.
Die Arbeiterfrage gehört zu den schwierigsten Problemen, die je Völker in der Geschichte sich gestellt haben. Es kann daher nicht wundernehmen,
daß die Ansichten über das Maß des Berechtigten und Erreichbaren und über den Weg zu diesem Ziel weit auseinander gingen
und gehen. Und in der That zahllos sind die Vorschläge zur Lösung der Arbeiterfrage, und die Litteratur, in der
die widersprechendsten Ansichten entwickelt sind, füllt eine große Bibliothek. Im allgemeinen aber lassen sich in diesem
Chaos drei Hauptrichtungen als besonders charakteristisch und als allein bedeutsam unterscheiden: zwei sich extrem gegenüberstehende,
falsche und eine dritte, richtige, die allein mögliche Lösung anbahnende, in der Mitte zwischen beiden
stehend. Das hauptsächlich unterscheidende Kriterium für die verschiedenen Richtungen ist weniger die Ansicht über das berechtigte
und erreichbare Ziel als die Stellung des Staats zur Lösung der Frage, das Verhalten der staatlichen Gesetzgebung und Verwaltung
zur Hebung
[* 5] der Mißstände. Diese Richtungen sind die individualistische (vulgo Manchesterrichtung), die
sozialistische und die sozialreformatorische.
Mißstände, die sich nicht auf diese Ursachen zurückführen und durch Beseitigung derselben heben ließen, könnten nach
ihrer Lehre
[* 6] nur noch in geringem Lohn ihren Grund haben. Wo dieser bestehe, sei er aber nicht die Folge etwa einer mangelhaften
Verteilung des Volkseinkommens oder unberechtigter Handlungen der Arbeitgeber, der deshalb zu seiner Erhöhung eine neue besondere
restriktive Wirtschaftspolitik erheische, sondern sei er lediglich die Folge von Kapitalmangel der Unternehmer (Arbeitgeber)
und daher durch eine Erhöhung desKapitals derselben zu beseitigen.
Sie stützen diese Ansicht auf die sogen. Lohnfondstheorie (s. Arbeitslohn), nach welcher das Kapital, aus
dem der Lohn definitiv gezahlt werde, das Unternehmerkapital sei und daher (nach dem allgemeinen Preisgesetz), wenn dieses
steige, die Nachfrage nach Arbeitern und folglich die Löhne der Arbeiter steigen würden. Diese Seite der Arbeiterfrage sei also lediglich
die Frage, wie man das Kapital der Unternehmer zu vermehren habe, mithin eine Kapitalfrage. Die Lösung
dieser Frage erfordere aber keine besondere Politik. Dieselbe ergebe sich von selbst aus der naturgesetzlichen Entwickelung
der Volkswirtschaft bei freier Konkurrenz. Denn bei dieser finde eine stete Kapitalvermehrung statt.
Wir verstehen hier darunter nach dem wissenschaftlich üblichsten Sprachgebrauch von Sozialismus und
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mehr
sozialistisch (s. Sozialismus) diejenige Richtung, welche, von dem Grundgedanken ausgehend, daß die wirtschaftliche Freiheit
der Einzelnen bei der bisherigen individualistischen Produktionsweise nur zur Unterdrückung der Schwächern durch die Stärkern,
zu einer ungerechten Verteilung der Güter, zu einer Ausbeutung der besitzlosen Lohnarbeiter durch die besitzenden Klassen
führe, diese wirtschaftliche Freiheit der Einzelnen und die bisherige individualistische Produktionsweise
beseitigen, dem Einzelnen die Verantwortlichkeit für seine Lage abnehmen und auf die Gesamtheit überwälzen und zu diesem
Zweck den bisherigen Wirtschaftsorganismus und die bisherige Rechtsordnung radikal umgestalten will. (Nach wissenschaftlichem
Sprachgebrauch trennen wir auch den Sozialismus vom Kommunismus [s. d.], der demnach nicht als besondere
Richtung in der Arbeiterfrage erwähnt wird, weil er praktisch ohne jede Bedeutung ist.) Die Anschauungen und Forderungen des Sozialismus
in Bezug auf die neue, die sozialistische Rechts- und Wirtschaftsordnung haben sich erst allmählich im Lauf desJahrhunderts
klarer, schärfer und bestimmter herausgebildet (s. Sozialismus).
Die wesentlichen und Hauptforderungen des heutigen Sozialismus sind:
1) die Umwandlung des privaten individuellen Eigentums an den sachlichen Produktionsmitteln (Grundstücken, Kapital) in öffentliches
und Kollektiveigentum der Gesellschaft (Abschaffung des individuellen Grund- und Kapitaleigentums);
2) die Ersetzung der freien individualistischen Produktionsweise durch die sozialistisch-genossenschaftliche oder
kollektivistische, so daß nicht mehr in den Unternehmungen sich gewinnsuchende Arbeitgeber und Lohnarbeiter,
Kapital und Arbeit, gegenüberstehen und vertragsmäßig in den Ertrag der Unternehmung teilen, sondern in genossenschaftlichen
Unternehmungen, in denen alle Arbeiter Mitunternehmer sind, produziert wird (Abschaffung der Lohnarbeit);
4) diese Umwandlung der bisherigen Produktionsweise in die sozialistische und die planmäßige Regelung der letztern
soll durch den Staat geschehen. Die heutigen Sozialisten appellieren an den Staat; er soll nicht nur das
private Grundeigentum und das Erbrecht an sachlichen Produktionsmitteln aufheben, sondern auch die Organisation der neuen Unternehmungen
leiten und regeln.
Der Sozialismus zeigt wie in der Vergangenheit, so auch in der Gegenwart noch wieder verschiedene Richtungen. In Deutschland
speziell lassen sich heute zwei unterscheiden, die sozialdemokratische, welche den sozialistischen Volksstaat
durch die sozialdemokratische Republik erstrebt, und die autoritäre, monarchische (der sogen. Staatssozialismus), welche die
Verwirklichung eines konservativen und monarchischen sozialistischen Staats durch das sozialeKönigtum empfiehlt (s. Sozialismus).
Sie hält positiv fest an der gewerblichen Freiheit und rechtlichen Gleichheit als Grundbedingungen für
den allgemeinen Kulturfortschritt und für die größtmögliche Entfaltung aller Fähigkeiten der Einzelnen; aber sie erkennt
an, daß diese Freiheit keine absolute sein kann, und daß sie selbst als beschränkte ohne weitere positive Maßnahmen des
Staats Mißstände erzeugt, die geradezu eine Unfreiheit einzelner Volksklassen herbeiführen, die schwächern
Elemente von der Teilnahme an den Kulturfortschritten ausschließen, ja an einem auch nur bescheidenen Kulturleben verhindern.
Die letztern, Mitglieder der liberalen politischen Parteien, stellen sich namentlich für die notwendigen sozialenOrganisationen
auf den Boden des Voluntarismus, der Freiwilligkeit, verweisen die Arbeiter mehr auf die Selbst- und Gesellschaftshilfe
und wollen polizeiliche Zwangsmaßregeln möglichst vermeiden. Die andern, den konservativen politischen Parteien angehörend,
legen dem Voluntarismus, der Selbst- und Gesellschaftshilfe, eine geringere Bedeutung bei, erachten deshalb eine Verstärkung
[* 9] derselben durch die Staatshilfe und staatlich-sozialeOrganisationen für geboten, ebenso polizeiliche
und andre Zwangsmaßregeln.
Nach diesem Unterscheidungsmerkmal aber gibt es nicht bloß zwei, sondern eine ganze Reihe verschiedener Schattierungen; in
Deutschland weicht fast jede der hierher zu rechnenden politischen Parteien von der Fortschrittspartei bis zu den Deutschkonservativen
in dem Grad und der Art der Staatshilfe, die sie für notwendig, resp. zweckmäßig
erachten, von der andern ab. Bezüglich der kirchlichen Mitwirkung betonen die einen den hervorragend christlichen
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