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Die Alhambra in Granada, Teil 1: Das verlorene Paradies der maurischen Könige
Wer in Spanien Richtung Süden reist, begibt sich in eine ganz besondere Gegend zusammengewachsener Kontraste. Die christliche und islamische Kultur sind hier im gleichen Masse präsent. So unterschiedlich wie zwei Grundfarben, zerschmelzen sie doch zu einem einheitlichen Ganzen unter der glühenden Sonne des spanischen Südens und den bald melancholischen, bald leidenschaftlichen Klängen des andalusischen Flamenco.
Die Alhambra ist wahrscheinlich das schönste Andenken an die Herrschaft der Mauren auf der iberischen Halbinsel, die den Spaniern nach der Reconquista zugefallen war. Dieses Meisterwerk der Architektur, Gestaltungs- und Gartenkunst thront über dem spanischen Granada und ist ein absolutes Muss für alle Besucher, die sich in Andalusien aufhalten.
Dies ist ein Bericht über die Alhambra in Granada, Spanien in zwei Teilen. Hier das Inhaltsverzeichnis:
Die Alhambra ist eigentlich ein Baukomplex, der aus einer befestigten Zitadelle, „alcázar“ genannt, und glanzvollen Palästen umgeben von Ziergärten und Parks besteht. Der Burgberg wurde schon in der vorrömischen Zeit wegen der erhöhten und deswegen strategisch günstigen Lage besiedelt.
Nach der in 772 angefangenen Conquista – der Eroberung der iberischen Halbinsel durch die Araber – wurde hier nach dem Befehl von Badis ibn Habus von seinem jüdischen Kanzler Jusuf ibn Naghralla eine Festung errichtet. Vor allem wurde die Alhambra während der Herrschaft der Dynastie der Nasriden ausgebaut und künstlerisch gestaltet. Während der Reconquista, der Zurückeroberung, wurden die Mauren von den christlichen Reichen nach und nach zurückgedrängt, während das Sultanat Granada und seine Alhambra das letzte maurische Staatsgebilde auf dem spanischen Territorium war.
Über die Herkunft des Namens „Alhambra“ sind sich die Forscher nicht einig. Nach der am weitesten verbreiteten Version bedeutet das Wort Alhambra „die rote Festung“. Die rote Farbe wird im Namen erwähnt, weil die Alhambra hautsächlich bei Nacht gebaut wurde, und das Licht der brennenden Fackeln ihre weissen Mauern rot scheinen liess. Andere sind der Meinung, dass der Name ihres Gründers, des ersten Nasriden-Königs Al-Ahmar, übersetzt nicht anderes als „el rojo“ – „der Rote“ – bedeutet, und das wegen seiner roten Haarfarbe. Auch der rötliche Boden, auf dem die Burg gebaut wurde, könnte den Namen „Alhambra“ erklären.
Als die katholischen Könige Isabel und Fernando 1492 das Emirat von Granada erobert hatten, war der König von Granada Muhámmad XII, bekannt als Boabdil, dazu gezwungen, sein Königreich an die Spanier abzugeben. Er war so untröstlich und traurig, dass er weinte, als er die Alhambra verlassen musste, die er „mein irdisches Paradies“ nannte. Seine Mutter, die ihn in diesem schmachvollen Abzug begleitete, sagte, so die Überlieferung: „Weine nun wie eine Frau darüber, was du nicht zu verteidigen wusstest wie ein Mann“. Auf dem Weg zu der Küste von Granada gibt es einen Berg, der bis heute „Seufzer des Mauren“ („El suspiro del Moro“) heisst, weil Boabdil hier zum letzen Mal unter Tränen auf seine geliebte Alhambra blickte.
Die Ereignisse in Granada im Jahre 1492 wurden zur Weichenstellung nicht nur in der spanischen, sondern auch in der Weltgeschichte. Einerseits wurde die fast 800 Jahre lange arabische Herrschaft auf der Halbinsel endgültig zurückgestossen. Und andererseits bekam Christoph Kolumbus genau zur gleichen Zeit den Segen der katholischen Könige für das Erschliessen des neuen Seeweges nach Indien. Obwohl die spanischen Herrscher grosses Interesse an der Alhambra hatten und sogar planten, hierher die königliche Residenz zu verlagern, hat die Entdeckung Amerikas die staatlichen Prioritäten verschoben. Infolgedessen geriet die schöne Alhambra trotz der sporadischen Versuche, die Anlage für die königliche Familie einzurichten, in eine latente Vergessenheit, und das für Jahrhunderte!
Erst im frühen 19. Jahrhundert wurde die Alhambra von der für Schönheit empfindlichen Künstlerseele des amerikanischen Schriftstellers Washington Irving aus ihrem Dornröschenschlaf wachgeküsst. Während seiner Spanienreisen wohnte er in der Alhambra. 1829 erschienen dann seine „Geschichten von der Alhambra“ – eine Sammlung von kurzen Prosastücken, in denen er die Barbarei der christlichen Eroberer im Vergleich zu der blühenden maurischen Hochkultur verurteilte.
Dieses Buch versetzte so viele Leser in eine romantische Begeisterung, dass sich seitdem die Alhambra nach und nach immer grösser werdender Besucherzahlen erfreute, ein Trend, der sich im Laufe der Jahrzehnte in der geometrischen Progression entwickelte. Denn heutzutage gilt die Alhambra als das schönste und beeindruckendste Beispiel des maurischen Stils in der islamischen Kunst und ist die meistbesuchte Sehenswürdigkeit Spaniens: 2011 wurde eine historische Zahl von fast zweieinhalb Millionen Besuchern erreicht.
Die Nachfrage ist heute so gross, dass es unmöglich ist, einfach hinzugehen und die Anlage zu besichtigen. Die Anzahl der Besucher am Tag ist begrenzt, deswegen müssen die Tickets im Voraus (zum Beispiel per Internet) bestellt werden. Auch die für den Besuch der Nasriden-Paläste vorgesehenen Zeiten sind streng reglementiert.
Seit 1984 gehört die Alhambra zum Weltkulturerbe von UNESCO.
Oberstes Bild: Blick auf die Alhambra (Bild: Mihael Grmek, Wikimedia, CC)