Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03626.jsonl.gz/2415

mehr
mehr als hundert Personen zugleich badeten. Auch wurden in Hospitälern und Klöstern Bäder errichtet (balnea animarum, refrigeria animi), in welchen Arme unentgeltlich baden konnten. Keiner konnte den Ritterschlag erhalten oder in einen Orden [* 2] aufgenommen werden, bevor er nicht gebadet hatte. Noch häufiger und allgemeiner wurde der Gebrauch der Bäder durch die nähere Bekanntschaft mit den Sitten des Orients infolge der Kreuzzüge. In den Städten wurden eigne Badestuben errichtet, in welchen die Geschlechter getrennt badeten, und wo zugleich geschröpft und zur Ader gelassen wurde.
Man badete gewöhnlich des Sonnabends und betrachtete die körperliche Reinigung symbolisch zugleich als eine geistliche Weihung und Vorbereitung zur kirchlichen Feier des Sonntags. Bei der großen nach den Kreuzzügen herrschenden Sittenverderbnis gerieten jedoch die Bäder bald in Verfall. Die liederlichen Dirnen (fahrenden Weiber), welche in Scharen auf Reichstagen, Kirchenversammlungen und Jahrmärkten herumzogen, fehlten auch nicht in den Badestuben und trugen viel zum Verfall derselben bei. Da durch warme Bäder und Badestuben die ansteckenden Krankheiten, namentlich die im 16. Jahrh. so fürchterlich wütende Lustseuche, leichter verbreitet wurden, so beschränkte man den Gebrauch warmer Bäder aus Furcht vor Ansteckung in Deutschland [* 3] und Italien. [* 4]
Der Gebrauch der Mineralbäder wurde in Deutschland und Frankreich vorzüglich im 15. und 16. Jahrh. allgemeiner und häufiger. Die Bäder, deren sich die Völker des Orients, namentlich die Türken, Ägypter und die Bewohner von Hindostan, bedienen, charakterisiert die raffinierteste Sinnlichkeit. Mit Bädern von Wasserdämpfen, welche mit den feinsten und kostbarsten Parfümen vermischt sind, wird eine durch Sklaven mit großer Sorgfalt verrichtete Manipulation des Körpers verbunden, welche man mit dem Namen Massieren, Kneten oder Schampuen (shampoo) bezeichnet und in mehreren Krankheiten sehr empfiehlt.
Vgl. über das Badewesen der Alten außer den Werken über römische Altertumskunde im allgemeinen: Wichelhausen, Über die Bäder des Altertums (Mannh. 1851);
Confeld, Das altrömische [* 5] und seine Bedeutung für die Heilkunde (Darmst. 1863);
über die Badestuben des Mittelalters: Zappert, Über das mittelalterliche Badewesen, im »Archiv für Kunde österreichischer Geschichtsquellen«, Bd. 21 (Wien [* 6] 1859, Hauptschrift);
Joh. Falke, in »Westermanns Monatsheften«, Bd. 11 (1861);
Kriegk, Deutsches Bürgertum im Mittelalter (neue Folge, Frankfurt [* 7] 1871);
Marggraff, Badewesen der Vergangenheit (Berl. 1881).
Die medizinische Litteratur über Heilbäder s. Balneologie.
Einrichtung der modernen Badeanstalten.
In neuerer Zeit hob sich im Abendland das Badewesen zuerst in England. Die englische Regierung erließ 1846 ein Gesetz, durch welches die Stadtgemeinden ermächtigt wurden, nachdem auf Antrag von zehn Gemeindemitgliedern die städtische Verwaltung sich mit Zweidrittelmajorität für eine derartige Anlage entschlossen hat, die Ausführung derselben unter Verwendung von geeigneten Steuern in Angriff zu nehmen, worauf sie unter Aufsicht des Staatsministeriums steht. An allen Orten Englands und Schottlands finden sich jetzt auf Grund dieses Gesetzes angelegte große Schwimmanstalten für Männer und Frauen und in allen größern Städten auch auf Aktien gegründete Privat-, sogen. Klubbäder, welche nur den Aktionären zugänglich sind und außer der großen Schwimmhalle und den gewöhnlichen Wannenbädern unter anderm noch römische und Dampfbäder, Billardzimmer, Turnhalle, Lesezimmer und Rauchzimmer enthalten.
Bei den öffentlichen Bädern Englands und Belgiens ist in erster Linie auf die Schwimmhallen, erst in zweiter Linie auf warme Bäder Rücksicht genommen, von Dampf- und Schwitzbädern dagegen abgesehen worden. In der That scheinen diese letztern, in Rußland, Dänemark, [* 8] Norwegen [* 9] und Schweden noch vielfach im Gebrauch befindlichen Bäder auch in Deutschland minder nötig zu sein. Seit 25 Jahren sind auch in Deutschland Badeanstalten errichtet worden, zunächst die nach englischem Vorbild, jedoch ohne Schwimmbad gegründete Wasch- und Badeanstalt [* 10] in Hamburg [* 11] und nach ähnlichen Prinzipien die mit Schwimmbädern, Wannenbädern und Waschständen versehenen Aktienunternehmungen in Berlin. [* 12]
Eine weitere Förderung haben die öffentlichen Badeanstalten in größern deutschen Städten durch die Anlage der städtischen Wasserwerke erfahren, welche das zum Badebetrieb erforderliche reine Wasser zu liefern im stande sind. Auf diese Weise sind unter andern die mit Hilfe der Sparkasse und des Staats gebaute Badeanstalt in Bremen, [* 13] wo auch Bäder zweiter Klasse zu sehr billigen Preisen verabfolgt werden, und die große bedeckte Schwimmhalle in Dortmund [* 14] entstanden, welche der Stadt gehört und gleich den vorhergehenden das ganze Jahr hindurch betrieben wird.
Neben diesen größern, besonders mit Rücksicht auf die Unbemittelten errichteten Badeanstalten haben Aktiengesellschaften und Privatunternehmer Anstalten mit Schwimm-, Wannen- und andern Bädern eingerichtet und dieselben durch nicht zu hoch gehaltene Preise möglichst vielen zugänglich gemacht, worunter die mit getrennten Korridoren und Treppen [* 15] für Be- und Entkleidete versehene Schwimmanstalt in Aachen [* 16] hervorzuheben ist. Als die meist entwickelten erscheinen die mit den Einrichtungen der römischen Thermen ausgestatteten Badeanstalten, welche, wie das römische am Praterstern in Wien, Räume und Bassins von verschiedenen Temperaturen zum Schwitzen und Abkühlen, Douchen, Ruhebetten u. dgl. enthalten.
Die öffentlichen Bäder werden zu den wirksamsten Mitteln für den physischen und moralischen Fortschritt der Bevölkerung, [* 17] da jeder, der die Wohlthaten des Badens an sich selbst empfunden hat, allmählich auch seinen Angehörigen dieselben nicht vorenthalten wird. Auch läßt sich erfahrungsmäßig durch sorgfältige Reinhaltung des Bassins, der Umgänge und Badezellen, durch besondere Reinigungsbäder und Douchen bei hinreichendem Zufluß von frischem Wasser und bei wöchentlich mindestens zweimaliger Entleerung, Scheuerung und Füllung das Schwimmbad in einem Zustand der größten Reinheit erhalten und durch die genügende Heizung [* 18] des Wassers und der Luft während der kältern Jahreszeiten [* 19] ein Aufenthalt schaffen, welcher ebenso gesund wie angenehm ist und zum wirksamsten Erholungsort wird.
Die Einrichtung der Badeanstalten, welche dem mit dem Baden [* 20] beabsichtigten Erfolg zu entsprechen hat, ist verschieden, je nachdem sie der Erhaltung der Gesundheit, der Wiederherstellung derselben oder beidem entsprechen sollen. Dem ersten Zweck entsprechen vorzugsweise die kalten und warmen Wannenbäder, die Reinigungsbäder, die Douchebäder und die Schwimmbäder, dem letztern die ¶
mehr
Dampfbäder, die römisch-irischen Bäder und besonders die Medizinal- oder Heilbäder. Da jedoch diese Zwecke mehr oder minder ineinander greifen, so werden auch die hierfür erforderlichen Räume und innern Einrichtungen häufig miteinander kombiniert. Die Wannenbäder, welche entweder mit Metall- oder gemauerten Wannen und gewöhnlich mit Brausen versehen sind, werden meist in größerer Zahl innerhalb eines größern Raums von ca. 3 m Höhe durch ca. 2 m hohe und ca. 3,5 m voneinander entfernte Zwischenwände so abgeschieden, daß sie zwischen den letztern und der Decke [* 22] noch einen ca. 1 m hohen Luftraum behalten, durch welchen Luft und Licht [* 23] sich verbreiten können.
Die Wannen erhalten im Lichten am obern Rand ca. 1,6 m Länge bei 0,65 m Breite, [* 24] am Boden ca. 1,45 m Länge und 0,5 m Breite bei einer Tiefe von ca. 0,55 m und werden der bequemen Benutzung halber oft um ca. 0,25 m in den Fußboden versenkt. Ein Tisch, Stühle, ein kleines Sofa etc. vervollständigen die innere Ausstattung. Werden diese Wannenbäder geräumiger angelegt und mit mehr Eleganz und Komfort ausgestattet, so erhalten dieselben den Namen Salonbäder. Die Wannen, welche in einzelnen paarweise angeordnet und ca. 20 cm in den Fußboden eingelassen werden, bestehen hier meist aus Terrakotten, [* 25] und es werden außer verschiedenen Brausen Einrichtungen zum Anwärmen der Badewäsche angebracht. Außerdem legt man besondere größere Wannenbäder auch für das gleichzeitige Baden mehrerer Kinder an. Die Wannen müssen der freien Bewegung der Kinder wegen sehr geräumig und mit geneigter Rückwand versehen sein und werden innen meist mit glasiertem Steingut bekleidet.
Die Reinigungsbäder, welche das Bedürfnis nach Erfrischung und gründlicher Reinigung des Körpers auf die einfachste, Zeit, Raum und Kosten ersparende Weise befriedigen sollen, bestehen meist aus reichlich temperierten, ca. 0,5 m tiefen, mit breitem, zum Sitzen bestimmtem Rand versehenen Fußbädern von ca. 0,75 m Länge und 0,55 m Breite nebst darüber angebrachten Brausen.
Die Douchebäder, welche entweder in Verbindung mit Wannen- oder Schwimmbädern oder auch allein gebraucht werden und im letztern Fall mit eignen Aus- und Ankleidezellen versehen sind, enthalten meist eine Auswahl verschiedener kalter und warmer Douchen, welche als Regen- und Schlauchdouchen und hierbei als sogen. Kopf-, Seiten- und Sitzdouchen von oben, von allen Seiten und von unten wirken.
Die Schwimmbäder erfordern mindestens ein 10 bis 20 m langes, 5-10 m breites und 0,75-2 m tiefes Bassin mit umlaufendem, 1,2-2 m breitem Gang, [* 26] auf welchen die ca. 1,2 m langen und breiten, 2 m hohen, oben offenen, eventuell in zwei Stockwerke verteilten An- und Auskleidezellen münden. Die letztern schließen sich entweder, wie bei allen ältern und selbst bei neuern Anstalten, an die Umfangswände, besser jedoch an einen äußern Umgang an, von wo die Ankommenden die Zellen und erst, nachdem sie dort ihre Fußbekleidung abgelegt haben, den innern Gang betreten.
Sind zwei Stockwerke vorhanden, so sind in letzterm Fall die äußern und innern Umgänge durch gesonderte Treppen zu verbinden. An oder in dem Bassin selbst befinden sich meist Regen- und Schlauchdouchen, auch steht die Schwimmhalle meist mit dem Douchebad in Verbindung. In den kältern Jahreszeiten, wo die Temperatur der Luft und des Wassers bez. ca. 15 und 16° R. nicht erreicht, ist das Schwimmbad mit den nötigen Heizungsvorrichtungen zu versehen, welche für beide getrennt und z. B. mittels Dampfheizung so angelegt werden, daß gußeiserne Röhren [* 27] unter den mit durchbrochenen Gußplatten belegten Fußböden der Umgänge oder Öfen [* 28] in besondern Nischen angebracht werden, während aus mehreren am Boden des Bassins mündenden Röhren mit feinen Öffnungen Dämpfe direkt in das Wasser strömen. Um das Wasser des Bassins in beständiger Bewegung zu erhalten, ist teils eine Schale angebracht, aus welcher das zufließende Wasser in das Bassin niederfällt, teils ein durch Dampf [* 29] getriebener Wasserfall hergestellt, welcher gewaltsam in das Bassin strömt und in demselben eine starke Wellenbewegung [* 30] hervorbringt.
Die Dampfbäder, wegen ihrer großen Verbreitung in Rußland auch wohl russische Dampfbäder genannt, bestehen in nicht zu großen Räumen mit staffelförmig angeordneten Schwitzbänken, worauf der Badende nach dem Entkleiden sich legt. Der einströmende, in Dampfkesseln entwickelte Dampf hat eine Temperatur von +28 bis +40°. Die Dauer des Bades beträgt 20-25 Minuten, während dessen die leidenden Teile mit jungen Birkenreisern u. dgl. leicht geschlagen und mit Bürsten frottiert werden.
Unmittelbar vor dem Ankleiden wird mittels der in dem Baderaum befindlichen kalten Douche ein Regenbad genommen und hierauf der ganze Körper sorgfältig abgerieben und frottiert. In einem anstoßenden, etwas kühlern Zimmer muß der Kranke sich abkühlen können, ehe er sich der frischen Luft aussetzt. Die römisch-irischen Bäder, welche im wesentlichen als Luftschwitzbäder zu betrachten sind, erfordern a) einen auf 30-35° R. geheizten, mit hölzernen Sitzen und Ruhebänken und mit einem zum Eintauchen des ganzen Körpers hinreichenden Becken voll lauwarmen Wassers versehenen Raum, das Tepidarium, worin der Badende sich während ca. 20 Minuten dem Schwitzen überläßt.
Zur Erwärmung dieses Raums ist derjenige Teil des Fußbodens, welcher nicht von dem erwähnten Wasserbecken eingenommen wird, meist aus Lattenwerk hergestellt, unter welchem die Heizröhren liegen; b) einen zweiten, mittels einer ähnlichen Heizanlage auf 45-50° R. erwärmten Raum, das Sudatorium, worin der Badende 4-5 Minuten verweilt, um in völlige Transpiration zu geraten; c) einen dritten, zum Frottieren und zu der Behandlung in warmem und kaltem Wasser bestimmten Raum, das Lavacrum, worin eine größere Wanne mit warmem Wasser und eine Anzahl verschiedener warmer und kalter Douchen enthalten sind. Erst wenn eine genügende Abkühlung erfolgt ist, wird der Badende sorgfältig mittels erwärmter Leintücher trocken abgerieben; d) je eine Badezelle, welche zum Entkleiden und zum Ausruhen dient, wo der Badende nach dem Bad, nur mit einem Leintuch bedeckt, ca. 20 Minuten auf einem Ruhebett verweilt und sich wieder ankleidet, um sodann die Anstalt zu verlassen.
Die Medizinalbäder bestehen in Wannenbädern, jedoch machen dieselben oft Zusätze erforderlich, welche (wie die Schwefelbäder) unangenehme Ausdünstungen veranlassen, weshalb sie meist eine von den übrigen Bädern getrennte Lage erhalten. Die zu sogen. reizenden Bädern bestimmten Wannen müssen mit einer Bekleidung versehen sein, welche den Angriffen der zum Wasser gemachten Zusätze, wie Salz, [* 31] Asche, Senfmehl, Lauge oder Pottasche, auf die Dauer widersteht.
Einrichtungen ganzer Badeanstalten. Werden die Badeanstalten für Gesunde und zwar zur ¶