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Leben am Rande der Gesellschaft
Das Musical «Menschen am Bahnhofplatz» erzählt eine Geschichte aus dem wahren... Weiterlesen
von
Hans-Peter Widmer
09. März 2018
09:00
Napoleon I. wird die Redewendung zugeschrieben, jeder französische Soldat trage den Marschallstab im Tornister. Das traf aber auch auf den Müllerssohn Samuel Schwarz (1814–1868) aus Mülligen zu. Er wurde im Alter von 41 Jahren zum eidgenössischen Oberst befördert, was damals auch einem Brigade- oder Divisionskommandanten entsprechen konnte. Und der Bundesrat nahm Schwarz im preussisch-österreichischen Krieg 1866 für den Fall einer Grenzbesetzung sogar als General in Aussicht. Doch der rasche Ablauf der Ereignisse machte ein grösseres Truppenaufgebot nicht mehr nötig. Gleichwohl war Samuel Schwarz' Karriere aussergewöhnlich. Er gehörte im Kanton Aargau und im jungen, 1848 geschaffenen schweizerischen Bundesstaat, zu den führenden Köpfen.
Müllerssohn mit Ambitionen
Samuel, dem dieser Vornamen in vierter Familiengeneration zugesprochen wurde, kam am 5. März 1814 in der jahrhundertealten Mühle in Mülligen zur Welt. Der Vater und der Grossvater, die aus der reichen Remiger Müllersfamilie Schwarz stammten, hatten den heruntergekommenen Betrieb vor dem Konkurs gerettet, baulich saniert und über ein halbes Jahrhundert lang wieder zum Blühen gebracht. Das Mühlrad wurde nicht von der Reuss selber, sondern von einem mächtigen Quellbach angetrieben, der dem Reusshang entsprang – er liefert seit Jahrzehnten Trinkwasser für die Gemeinde Windisch, respektive die Regionale Wasserversorgung Birrfeld. Der junge Müllerspross folgte nicht der Familientradition. Nach dem Besuch der Gemeindeschule Mülligen, der Bezirksschule Lenzburg und der Kantonsschule Aarau studierte Samuel Schwarz in Zürich, Heidelberg und Lausanne Jurisprudenz. Mit 25 Jahren eröffnete er eine Anwaltskanzlei in Brugg. Immerhin beeinflussten zwei «erbliche Belastungen» seine Laufbahn: Es zog ihn in die Politik und ins Militär. Von 1842 bis 1852 gehörte er dem Grossen Rat an, zusammen mit dem Vater, der zudem Gemeindeammann von Mülligen sowie Oberst war.
Mitglied des Dreigestirns
1848 wurde Schwarz junior auch in den Regierungsrat gewählt (damals war die gleichzeitige Zugehörigkeit zum Grossen Rat und zur Regierung möglich). Er übernahm vom Vorgänger, dem in den neuen schweizerischen Bundesrat berufen Frey-Herosé, den Vorsitz der kantonalen Militärkommission, was dem Militärdepartement entsprach. Zudem betreute er zeitweise das Bauwesen, das mit den aufkommenden Eisenbahnprojekten von Bedeutung war. 1856 bekam Schwarz zwei hochkarätige neue Regierungsratskollegen: Emil Welti, der dann 1866 als Nachfolger von Frey-Herosé seinerseits in den Bundesrat wechselte, sowie Erziehungsdirektor Augustin Keller. Das Dreigestirn gab in der Aargauer Regierung den Ton an.
Die Drei spielten auch auf eidgenössischer Ebene eine Rolle und lösten sich in Bundesämtern ab. Schwarz war Ständerat von 1853–1857, Welti von 1857–1866 und Keller von 1866–1881. Zudem gehörte Schwarz 1851/52 und von 1866–1868 dem Nationalrat an, wie vor ihm Keller von 1854–1866. Es war eine bewegte Zeit. Der junge Bundesstaat stand im Aufbau, Nachwehen des Sonderbundkrieges von 1847 waren zu überwinden und die Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantonen neu zu regeln. Aussenpolitik, Zollwesen, Post, Masse, Gewichte und Währung wurden Bundessache. Klärungsbedarf bestand auch im Militärwesen, das noch hauptsächlich den Kantonen unterstand. Dafür war Samuel Schwärz prädestiniert.
Der Militärfachmann
Schwarz war in der Truppenführung erfahren. Er kommandierte unter anderem 1856 die 24. Brigade bei der Grenzbesetzung gegen Preussen. Daneben amtete er als Militärinspektor und Kommandant der Zentralschule Thun. Angesichts der unzulänglichen Verhältnisse in der Armee bemühte sich Schwarz, die eidgenössischen Räte für eine längere und einheitliche Ausbildung sowie für vermehrte Kredite zur Ausrüstung, Bewaffnung und Landesbefestigung zu überzeugen. Mit seinem Sinn für das Zweckmäs-sige forderte er die Abschaffung des Paradedrills, dafür die Verbesserung des Felddienstes und die Vereinfachung des Exerzierreglements. Das brachte ihn in Konflikt mit welschen Kollegen, die an den schweren Epauletten auf den Uniformschultern und der unförmigen Kopfbedeckung, dem Tschako, festhalten wollten. Er setzte sich auch dafür ein, dass dem neuen Polytechnikum (ETH Zürich) ein Lehrstuhl für Militärwissenschaften angegliedert wurde.
Im Alter von erst 54 Jahren verstarb Samuel Schwarz überraschend und mitten aus seinem Wirken an den Folgen einer Lungenentzündung. Sein Tod wurde in der Bevölkerung, in der Politik und Armee als grosser Verlust empfunden.