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„Storydealer“ lautete die Berufsbezeichnung auf der Visitenkarte von William Stills. „Biographydealer“ wäre wohl zutreffender gewesen, aber doch zu umständlich, würde vielleicht auch unseriös tönen. Storydealer mochte er besser, das klang nach Schriftstellerei und nach Verlagswesen. Stills ging auf die fünfzig zu, aber er sah jünger aus. Der Koffer neben ihm musste schwer sein, jedenfalls war ein leises Stöhnen zu hören, als er ihn beim Einfahren des Zuges in Luzern in die Hand nahm.
William Stills kannte sich in der Schweiz nicht schlecht aus, er war früher schon in Grindelwald gewesen, er hatte als Tourist Genf und Zermatt besucht. Jetzt war Luzern dran, nicht zum ersten Mal. Er kannte die teueren Häuser an der Seepromenade, er wäre gerne dort abgestiegen, er hätte sich den Schweizerhof oder das Hotel Europe gut leisten können. Die drei Sterne des Weissen Kreuzes in der Altstadt genügten ihm. Drei Tage Arbeit standen ihm bevor, sieben Verabredungen, er würde auch dieses Mal nicht dazukommen, diesen felsigen Berg im Rücken der Stadt kennenzulernen.
Er hatte genügend Zeit eingeplant, um sich die Daten im Laptop nochmals anzuschauen. Peter Bernays, sein erster Klient, würde bestimmt pünktlich erscheinen, seine Kunden waren alle pünktlich. Er las Bernays’ Unterlagen nochmals durch, er hatte sie verarbeitet, hatte drei Varianten aufgestellt, die sich ergänzten, eine Kurzversion, eine Variante für den akademischen Gebrauch und eine familiär-historische Adaptation. Er überprüfte nochmals, was seine elektronischen Lexika zum Familiennamen seines Klienten wussten. Die Bernays waren früher in Mähren vorgekommen, es hatte vor dem Zweiten Weltkrieg die grosse Weinhandlung Paul Barnays & Söhne in Wien gegeben, Bernays war ein jüdischer Name. Peter Bernays, das hatte er den Unterlagen entnehmen können, war katholisch. In der familiär-historischen Variante hatte Stills Aaron Bernays bereits 1835 zum Katholizismus übertreten lassen.
Als die Dame von der Rezeption seinen Besucher telefonisch ankündigte, war Stills bereit, den Mann persönlich kennenzulernen, der ihn bis anhin nur in Mails begegnet war. Die Sitzung von Angesicht zu Angesicht, auf die er stets beharrte, diente der Feinadaptation. Körperbau, Ausstrahlung, Physiognomie und Wahlbiografie mussten aufeinander abgestimmt werden. William Stills wollte keine halben Biografien abliefern.
Bernays sass vor ihm, er wirkte kleiner, als Stills ihn sich vorgestellt hatte. Während Bernays Stills Varianten las, beobachtete ihn Stills sehr genau, um sich dann und wann Ergänzungen zu notieren, die er nachher übertragen würde. Drei Seiten umfasste die familiär-historische Variante, drei Seiten diejenige Variante, welcher der Ausbildungsweg des Leiters der Höheren Verwaltungsschule zu entnehmen war. Das Lizenziat der Hochschule St. Gallen (HSG) stimmte, nur dass Stills dem Studium an der HSG noch zwei Semester an der London School of Economics hinzugefügt hatte. Die Stelle bei der Ausbildungsabteilung der Treuhandfirma in Zürich entsprach den Angaben, die Bernays zusammengestellt hatte, nur dass die drei Monate, in denen Bernays später auf Stellensuche gewesen war, jetzt auf Stills Papier an der Wirtschaftsfakultät in Rotterdam verbracht worden waren. Bernays reagierte wie alle, er war perplex über seine gedehnte Biografie, er betrachtete ungläubig Stills erste Computerausdrucke der Bestätigungen der Londoner Wirtschaftsfakultät und der Rotterdamer Universität. Bernays entdeckte bei der Lektüre sein Interesse für Fragen der Kulturökonomie, er stellte fest, dass er in den vergangenen drei Jahren entsprechende Fachkurse der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Deutschland besucht hatte. Als er Stills bedeutete, dass er ihn gerne weiterempfehlen würde, winkte dieser entschieden ab, die Zentralschweiz war für ihn jetzt abgedeckt, mehr als sieben Biografien würde eine Region dieser Grösse nicht ertragen. Im Umkreis von hundert Kilometern wollte er keine zusätzlichen erweiterte Biografien absetzen. St. Gallen würde die nächste Etappe sein, er hatte dort bereits ein Hotelzimmer reserviert. Die Hochschule wollte er unbedingt aufsuchen, sie war ihm schon mehrmals dienlich gewesen, er kannte sie von den Vorlesungsverzeichnissen her nicht schlecht.
Stills liess sich, wie zuvor brieflich vereinbart, von Bernays die Kursverzeichnisse der Höheren Verwaltungsschule geben, er könnte sie in einer anderen Biografie einsetzen, einer seiner Klienten könnte als Kollege an der Schule von Bernays gearbeitet haben. Bernays würde ebenso dicht halten wie alle anderen zuvor. Das Arbeitszeugnis, das Bernays vor Jahren bei der Treuhandfirma erhalten hatte, war in Kopie da, es würde sich bei einem anderen Klienten gut wiederverwenden lassen.
Stills war zufrieden, jetzt konnte er sich auf den nächsten Kunden einstimmen, es war eine Frau, eigens von Basel herangereist, tätig in der pharmazeutischen Branche. Manche Details in den Unterlagen, die sie ihm zugeschickt hatte, klangen ihm allzu sehr nach einer gestreckten Biografie, er war sich nicht im klaren darüber, weshalb eine in Basel wohnhafte Österreicherin in Wien ein französisches Abitur absolviert haben sollte. Er jedenfalls hätte so etwas nicht erfunden.