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Nicolas Lindt: Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. Porträts, Geschichten & Reportagen aus dem Jahr der «Bewegung» 1980/81. Zürich, 2020
Zürich, 1980: Es war das Jahr der «Bewegung». Sie entzündete sich im Mai, nachdem ein 60-Millionen-Kredit für das Opernhaus gesprochen wurde. Sie war kreativ und radikal, forderte alles und dies subito. «Tragt die Alpen ab – freie Sicht aufs Mittelmeer!» Ihr Kampf konzentrierte sich auf ein Abbruchgebäude hinter dem Hauptbahnhof: das AJZ (Autonomes Jugendzentrum). Es wurde nach Krawallen eröffnet – und nach Krawallen wieder geschlossen.
Jugendliche ebenso wie ehemalige «68er» bekannten sich zur «Bewegung». Nicolas Lindt war einer von ihnen. Als Mitbegründer der Zeitung «Eisbrecher» befand er sich mittendrin im Geschehen. So entstand 1981 auch sein Buch «Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom» – persönliche Interviews mit Bewegten, die der Revolte eine Sprache verliehen.
Vier Jahrzehnte danach erscheinen diese Porträts in einer Neuausgabe, die einerseits durch Reportagen von Nicolas Lindt aus dem Jahr der «Bewegung» und andererseits durch ein Gespräch mit einem für die Erstausgabe Interviewten über die Ereignisse aus heutiger Sicht erweitert wurde.
Jolanda Spirig: Hinter dem Ladentisch. Eine Familie zwischen Kolonialwaren und geistlichen Herren. Zürich, 2020
In ihrem letzten Buch widmete sich Jolanda Spirig der Textildynastie Jacob Rohner, welche die bekannten «Rohner-Socken» hervorbrachte. Nun legt sie mit ihrem neuen Buch erneut eine Familiengeschichte vor, allerdings diejenige einer Familie des unteren Mittelstandes in den 1950er Jahren. Es ist die Geschichte von Martha Beéry-Artho, deren Mutter in Bern einen Kolonialwarenladen führt, während der Vater in der vatikanischen Botschaft – der Apostolischen Nuntiatur – als Gärtner-Chauffeur arbeitet.
Die Geschichte des heranwachsenden «Martheli» und ihrer Familie widerspiegelt den Alltag eines katholisch geprägten Schweizer Haushalts der Nachkriegsjahre. Das Buch erzählt ausserdem ein Stück Schweizer Geschichte: von konservativen Frauenbildern, der Entwicklung der AHV oder der schweizerischen Hilfe für die Ungarnflüchtlinge 1956.
Das Buch des Kulturhistorikers Wolfgang Martynkewicz erschien im vergangenen Dezember und wurde in den Literaturfeuilletons breit besprochen. Niemand ahnte damals in unseren Breitengraden etwas von der Ausbreitung des Coronavirus und den jetzigen Verhältnissen, die den Inhalt des Buches einige Monate später in einem anderen Licht erscheinen lassen.
Das Jahr 1920 erschien den Zeitgenossen chaotisch, anarchisch und haltlos. Kurt Tucholsky beschrieb es beispielsweise mit den Worten: «Diese Zeit hat etwas durchaus Gespensterhaftes.» Der Erste Weltkrieg stellte den Sinn des Lebens grundsätzlich in Frage. Zwar hielten viele an den alten Ordnungen und Vorstellungen fest, daneben aber waren eine Reihe von Intellektuellen und KünstlerInnen der Überzeugung, es sei etwas gänzlich Neues in Entstehung begriffen.
Martynkewicz hat diese Stimmen im vorliegenden Buch versammelt und erweckt damit gerade in Bezug auf die heutige Krise ein erstaunlich aktuelles Bild der Zeit.