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Wenn es um die gesundheitlichen Gefahren durch atomare Strahlung geht, regelt die Weltgesundheitsorganisation die Fragen einvernehmlich mit der Internationalen Atomenergie-Organisation.
Seit dem 26. April 2007, dem 21. Jahrestag der Atomkatastrophe in Tschernobyl, stehen an der Auffahrt zur Zentrale der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf zwei bis drei Menschen mit Transparenten und Flugblättern. Jeden Tag, bei Hitze, Regen, Schnee oder Kälte. Die DemonstrantInnen fordern von der WHO die Aufkündigung eines über fünfzig Jahre alten Abkommens mit der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) in Wien, deren Hauptauftrag es ist, «die Nutzung der Atomenergie für Frieden, Gesundheit und Wohlstand in der ganzen Welt zu fördern und zu verbreiten.»
Dieses Abkommen ist nach Überzeugung informierter BeobachterInnen dafür verantwortlich, dass die WHO angesichts der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima ihre Verantwortung für die Gesundheit der betroffenen Menschen nicht wahrnimmt. Im 1959 geschlossenen, lange geheim gehaltenen Abkommen mit der IAEO verpflichtete sich die WHO, «die IAEO zu konsultieren, bevor sie ein Forschungsprogramm oder eine Massnahme zu den Folgen radioaktiver Strahlung einleitet», mit der Absicht, «die betreffende Frage einvernehmlich zu regeln».
Versagen der WHO
Seit Beginn der Atomkatastrophe vom 11. März bemühen sich JournalistInnen in Genf, um von der WHO Informationen zu möglichen gesundheitlichen Auswirkungen zu bekommen sowie zu Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung. Doch erst am 18. März verlas Gregory Hartl, Sprecher des WHO-Teams für aktuelle Krisen, einige dürftige Informationen, die zuvor bereits die japanischen Behörden und die IAEO verbreitet hatten. Fragen zur radioaktiven Verseuchung von Nahrungsmitteln liess Hartl unbeantwortet.
Drei Tage später äusserte sich ein Sprecher der WHO in Peking vorsichtig über eine erhöhte radioaktive Strahlung in China. Und am 23. März schliesslich veröffentlichten WHO, IAEO sowie die Welternährungsorganisation (FAO) ein gemeinsames Kommuniqué. Quintessenz: Dem «Risiko radioaktiver Strahlung» werde «erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt».
Die drei Organisationen teilten mit, dass «einige Nahrungsmittelproben aus der Präfektur Fukushima sowie aus umliegenden Gebieten radioaktiv kontaminiert» seien, aber die Nahrungsmittel würden «überwacht, Radioaktivitätswerte gemessen und die Ergebnisse veröffentlicht». Von eigenen Empfehlungen und Massnahmen ist keine Rede. Die WHO hat bis heute kein eigenes Team in Japan.
Die Vereinigung Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) wirft der Weltgesundheitsorganisation inzwischen eklatantes Versagen vor. «Die Reaktion der WHO auf die atomare Katastrophe von Fukushima ist völlig unzureichend», sagt Angelika Claussen, Strahlenexpertin und ehemalige Vorsitzende der deutschen IPPNW-Sektion. Statt sich auf die IAEO und die japanischen Behörden zu verlassen, sollte die WHO endlich eigenständige Massnahmen ergreifen «und die Bevölkerung in Japan ungeschönt und objektiv über die gesundheitlichen Auswirkungen der Fukushima-Katastrophe und über eine mögliche Kernschmelze informieren», so Claussen.
Alles unter Verschluss
Für die IPPNW ist das Versagen der WHO nur erklärbar mit «dem Abkommen mit der IAEO, die die Risiken der Atomenergie seit Jahren herunterspielt». So bezifferte die IAEO die Opfer der Atomkatastrophe von Tschernobyl auf weniger als 50 Tote. Die WHO spricht bis heute von 9000 Menschen, die aufgrund der Strahlenexposition «sterben könnten». Der Organisation sind die Daten über das wahre Ausmass, das ihre Schätzung bei weitem übersteigt, zwar bekannt, doch sie hat diese wegen eines Einspruchs der IAEO bis heute nicht veröffentlicht.
Auch nach dem Golfkrieg 1991 gegen den Irak sowie nach dem Luftkrieg der Nato 1999 gegen Serbien/Montenegro nahm die WHO ihre Verantwortung nicht wahr. In beiden Kriegen hatten die US-Streitkräfte massiv Munition eingesetzt, die durch abgereichertes Uran gehärtet war. Im Südirak stellten die lokalen ÄrztInnen einige Jahre nach dem Krieg einen Anstieg der Krebs- und Leukämiefälle sowie der Missbildungen bei Neugeborenen auf das Zehnfache fest. Doch die WHO wies alle Forderungen nach einer unabhängigen Untersuchung zurück. Im Falle Serbien/Montenegro liess die WHO nach Aufforderung durch das Uno-Hochkommissariat für Flüchtlinge zwar ein Gutachten erstellen. Doch auch dieses Dokument wird bis heute unter Verschluss gehalten.
Ende März hat die WHO nun ihre Selbstdarstellung geändert. Bis anhin hatte sie in allen Presseerklärungen, Unterlagen sowie auf ihrer Website immer auf die «IAEO als federführende Organisation» (lead agency) verwiesen. Auf der am 25. März aktivierten Website zu Fukushimaist jedoch keine Rede mehr von der IAEO. Stattdessen betont die WHO, sie arbeite «mit unabhängigen Experten» zusammen.
Das Abkommen zwischen der WHO und der IAEO kann durch Mehrheitsbeschluss der jährlich in Genf stattfindenden WHO-Generalversammlung gekündigt werden. Die nächste findet Mitte Mai in Genf statt. IPPNW und andere nichtstaatliche Organisationen haben in den letzten Jahren unter anderem die Schweiz mehrfach aufgefordert, einen Kündigungsantrag zu stellen. Dazu war der Bundesrat bislang aber nicht bereit.