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Brasilia, einst für 500'000 Menschen bis ins Jahr 2000 konzipiert, platzt aus allen Nähten. Inzwischen leben knapp 3 Mio. Menschen hier. In der Stadt selber wohnen die meistverdienenden Leute des Landes. Die 10 umliegenden Satellitenstädte sind sehr arm und es sieht, insbesondere nach den zwei schmucken Kolonialstädtchen Goias und Pierenopolis, für uns grauenhaft aus. Baufällige versprayte Häuser, Abfall, Staub, wirklich nichts Schönes.
Die Idee, die Hauptstadt von der Küste ins Landesinnere zu verlegen, tauchte erstmals im Jahr 1789 auf. Nach der Grundsteinlegung 1922 geschah wieder lange nichts. Erst 1956 entschloss sich Präsident Juscelino Kubitschek mit dem Bau der Stadt in die Geschichte einzugehen. Lucio Costa (Stadtplaner), Burle Marx (Landschaftsarchitekt) und Oscar Niemeyer (Architekt) drückten der Stadt ihren Stempel auf. Nach 1000 Tagen Bauzeit mit 30'000 Arbeiter konnte Brasilia am 21.4.1960 eingeweiht werden.
Wir durchqueren die Stadt auf den grosszügig angelegten Strassen bis Lago Sul und erreichen das Casa do Lago, wo wir uns für die nächsten Tage einquartieren. Die Besitzerin des Anwesens lässt Camper bei sich im Garten parkieren. Sie ist eine liebe, aber etwas zerstreute Dame, die sich fürstlich bezahlen lässt. Die Alternative wäre ein öffentlicher Parkplatz in der Stadt. Bei der momentan herrschenden Hitze ist uns das Haus am See mit (leider schmutzigem) Pool, dafür sauberen Duschen doch lieber. Wir lassen uns erklären, wie man von der nahen Bushaltestelle am besten ins Zentrum kommt. Ein Bus hält, und der Fahrer bestätigt, dass er ins Zentrum fährt. Irgendwie biegt er aber nicht so ab, wie wir das erwartet haben. Wahrscheinlich macht er noch eine Runde durch ein Quartier, beruhigen wir uns. Doch wir entfernen uns immer weiter von Brasilia, und die Passagiere werden immer weniger. Ich versuche mich mit der Busbegleitperson zu verständigen. Die junge Frau hat aber gar kein Interesse, behilflich zu sein. Ich entnehme, dass wir zuerst zum Busbahnhof in San Sebastian fahren, und dann zurück ins Zentrum. Wie lange dies etwas dauern würde, davon hatte sie keine Ahnung. Nach etwa 90 Minuten Fahrt für weniger als Fr. 1.-- erreichen wir schliesslich das Zentrum von Brasilia. Die Sonne brennt auf die trockene, baumlose Eixo Monumental und wir flüchten in ein Shopping-Center. Einen Espresso haben wir uns jetzt mehr als verdient. Einen ersten Überblick über die Stadt verschafft man sich am besten vom Fernsehturm aus. Allerdings ist dieser wegen Bauarbeiten geschlossen. Leider sieht es gar nicht so aus, als ob dort noch gebaut würde, bzw. dass dieser Turm jemals wieder geöffnet wird. Das markanteste Gebäude, welches nicht aus Oscar Niemeyers Feder stammt, soll das Santuario Dom Bosco sein. Das Gebäude unterscheidet sich tatsächlich sehr stark von Niemeyers futuristischen Bauten, und gefällt uns sehr gut. Auch Niemeyers Catedral Metropolitana ist sehr bemerkenswert. Gegen Abend erreichen wir die 17 identischen und regelmässig angeordneten Regierungsbauten und den Palacio Itamaraty, das von Wasser umgebende Aussenministerium, wo wir uns der Einfachheit halber ein Taxi nehmen. Bus gefahren sind wir für heute genug.
Nach zwei Fahrtagen Richtung Südosten kommen wir im wenig besuchten, aber wunderschöne Kolonialstädtchen Diamantina auf ca. 1200 müM an. Der historische Stadtkern scheint seit 200 Jahren unverändert geblieben zu sein. Die engen Gassen aus Pflastersteinen, mit den gut erhaltenen Gebäudefassaden sind steil, und bei Regen bestimmt sehr rutschig. Wir geniessen einen herrlichen und wolkenlosen Tag.
Ein prall gefüllter Briefkasten und der längst fällige «Alles muss raus – Tag» lassen uns auf dem Camping Sao Pedro einen Zusatztag einlegen. Die etwas kühleren Temperaturen bieten sich für Büro- Wasch- und Putzarbeiten an. Einmal mehr schlägt Murphy zu, und gegen Mittag gibt es auf einmal kein Wasser mehr. Irgendwie schaffen wir es trotzdem, alles zu erledigen und gönnen uns gegen Abend noch ein Eis im Städtchen.
Auf dem Weg nach Belo Horizonte entdeckt Herbie im Vorbeifahren in Curvelo eine Werkstatt, die sehr sauber und ordentlich aussieht. Spontan lassen wir den fälligen Ölwechsel machen. Der Filter ist an Lager, alles läuft reibungslos und kostet alles in allem mit Abschmieren gerade mal Fr. 60.--.
Unsere Ankunft in Belo Horizonte, der drittgrössten Stadt von Brasilien verspätet sich daher ein bisschen. Nicht gerade ideal, da wir nicht genau wissen, wo wir übernachten werden. Als erstes versuchen wir unser Glück auf einem Parkplatz auf dem Universitäts-Campus im Norden der Stadt. Wie wir den hervorgesprudelten Worten des Pförtners entnehmen, ist es ok, wenn wir hier über Nacht stehen bleiben. Am Morgen wollen wir uns an der künstlich angelegten Lagoa da Pampulha die ebenfalls von Oscar Niemeyer entworfene Igreja de Sao Francisco de Assis anschauen und danach in die Innenstadt auf den Parkplatz beim Busbahnhof fahren. Der Verkehr ist beträchtlich und der Betrieb im Busbahnhof beeindruckend. Dies gibt wahrscheinlich keine ruhige Nacht. Wir durchstreifen die Innenstadt und verpflegen uns am Abend nicht sehr stilvoll im Busbahnhof bei Dominos Pizza. Aufgrund der Verkehrslage wollen wir morgen früh um 6 Uhr losfahren, was uns sogar gelingt. Um diese Zeit kommt man zügig voran, und kurz nach 8 Uhr beziehen wir schon unseren nächsten Stellplatz oberhalb von Ouro Preto. Endlich gibt es Frühstück. Danach hat sich auch der Hochnebel verzogen und wir machen uns auf, die seit 1980 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörende traumhaft schöne Stadt zu erkunden. Man findet hier das homogenste und kompletteste Arsenal barocker Kunst und kolonialer Architektur Brasiliens. Dank einer Universität und einer Hochschule für Bergbau hat es nebst den Touristen auch viele junge Menschen hier. So bleibt die Stadt lebendig und wirkt nicht wie ein Freilichtmuseum. Nach Sonnenuntergang bezaubert die Stadt durch ihre Laternenbeleuchtung. Aufgrund einer Empfehlung gibt es auch heute Pizza im wunderschönen Garten des «Opasso». Dagegen kann Domino’s natürlich einpacken!
Zwei Tage später erreichen wir Rio de Janeiro. Die Auswahl eines geeigneten Stellplatzes wurde uns durch den aktuellen Bericht von Graham und Angela erleichtert. An der Praia Flamengo gibt es einen bewachten Parkplatz, wo man mehrere Tage stehen kann, und es erlaubt ist, im Fahrzeug zu übernachten. Die Anfahrt über die Niteroi Brücke ist problemlos und am Mittag stehen wir bereits auf dem Parkplatz. Unsere Sorge, ob wir einen freien Parkplatz finden werden ist unbegründet. Wir sind das einzige Fahrzeug auf dem grossen Platz. Speziell. Hätten wir nicht gerade von Graham und Angela gehört, dass es hier problemlos und sicher ist, ich weiss nicht ob wir geblieben wären. Der Wachmann versichert uns auch, dass es sicher ist, und dass halt nur am Sonntag viele Leute hier parken würden. Aha. Wir bezahlen im Voraus bis Sonntag, also für drei Nächte und erhalten sogar eine Quittung dafür. Wir entscheiden uns für eine erste kurze Runde zum Supermarkt, um dann noch einmal zum Auto zurückzukehren und zu schauen, wie die Situation ist. Alles ist gut. Wir nehmen uns ein Taxi zur Talstation des Corcovado. Fairerweise werden die Kunden vor dem Kauf des Tickets zur Cristo Redentor Statue darauf aufmerksam gemacht, dass der Gipfel gerade im Nebel und die Sicht gleich Null ist. Das nächste Taxi bringt uns zur Talstation der Gondelbahn auf den Zuckerhut. Hier ist das Wetter prima. Aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit beschliessen wir, bis nach Sonnenuntergang zu bleiben, und die Lichter der Grossstadt von hier oben zu geniessen. Wir schaffen es noch rechtzeitig auf den Parkplatz zurück, bevor der Wachmann abschliesst und uns mit zwei lieben Wachhunden alleine zurücklässt. Abgesehen vom Strassenlärm der links und rechts vorbeiführenden Schnellstrassen bleibt alles ruhig.
Dem Wetterbericht zufolge soll es für den folgenden Nachmittag wieder Sonnenschein geben, und wir starten nach einem Vormittag im Zentrum einen neuen Versuch für den Corcovado. In der brandneuen Stadler-Rail-Zahnradbahn lassen wir uns durch den Dschungel zur weltberühmten Statue chauffieren. Die Aussicht ist auch von diesem Gipfel atemberaubend. Zurück auf dem Parkplatz verschwindet unser Wachmann lange vor 20 Uhr und schliesst uns ein. Kurz nach 20 Uhr fahren zwei LKW’s vor, die gerne ihre Fahrzeuge auf dem Gelände abgestellt hätten. Interessiert beobachten wir das Geschehen vom Camper aus. Einer der Fahrer steigt kurzerhand über den Zaun und auf einmal ist das Tor offen. Die Wachhunde tolerieren dieses Vorgehen ohne Probleme. Die LKW’s werden geparkt, und die Fahrer schliessen das Tor wieder zu und verschwinden. Prima. Wir sind gespannt, wie der Wachmann morgen früh auf diese Situation reagiert. Leider warten wir vergeblich. Niemand erscheint, um wie üblich um 6 Uhr aufzuschliessen, damit man das Gelände verlassen kann. Auch nicht um 7 und auch nicht um 8 Uhr ist jemand hier. Da wir nicht den ganzen Tag auf dem Parkplatz verbringen möchten, geht Herbie die Lage abchecken, wo man am besten über den Zaun entfliehen kann. Dies ist aber gar nicht nötig. Das Schloss wurde nämlich gestern Abend von den LKW-Fahrern nicht sachgemäss geöffnet, sondern aufgebrochen. Vor dem Tor warten auch schon ganz ungeduldig zwei Katzen-Aktivistinnen, die regelmässig auf dem Platz das notwendige Futter für die ca. 10 hier lebenden Katzen vorbeizubringen. Wir freuen uns auf einen gemütlichen Samstagvormittag in der Stadt, ein bisschen lädelen, ein bisschen käfelen, wie wir uns das von Solothurn gewohnt sind. Wir treffen eine Geisterstadt an. Restaurants, Geschäfte, Einkaufszentren, alles ist geschlossen. Wir treffen kaum eine Menschenseele an. Keine Autos fahren auf den breiten Strassen. Wo sind die bloss alle hin? Als sich am Nachmittag wieder die Sonne zeigt, wird alles klar. Wir besuchen unsere dritte Sehenswürdigkeit, die wir unbedingt bei schönen Wetter sehen wollten: Die Strände Copacabana und Ipanema. Hier sind sie also alle, die Cariocas, wie die Einwohner von Rio genannt werden.
Es gäbe noch viel zu entdecken, doch wir müssen weiter. Bald läuft unser 90-Tage-Visum ab, und es sind noch viele Kilometer bis zur Grenze zu bewältigen. Wir haben uns mit Graham und Angela in Paraty verabredet und freuen uns auf das Wiedersehen. Zuletzt hatten wir die beiden im letzten Jahr in Bariloche getroffen.
Nach einem lustigen Abend verabschieden sich die beiden. Sie müssen noch früher an der Grenze sein als wir.
Paraty hat einen malerischen historischen Kern aus der Kolonialzeit. Die Häuserfassaden sind farbig, und die Gassen aus unregelmässigen Pflastersteinen laden zum Flanieren ein. Dies jedoch nicht vor 11 Uhr morgens. Unser erster Rundgang erscheint uns merkwürdig, fast wie Rio an einem Samstag. Nur verschlossene Türen, keine Menschen und keine Fahrzeuge. Erst gegen Mittag werden die ersten Läden geöffnet und Tischchen auf die Strasse gestellt. Alles ist sehr stark vom Tourismus geprägt, und das normale Leben findet in der Neustadt statt. Hocherfreut stimmt uns die Entdeckung eines Thai-Restaurants. Das können wir nicht auslassen, ist dies doch das erste dieser Art, welches wir auf dem südamerikanischen Kontinent finden. Das Essen schmeckt fabelhaft.
Wir legen einen langen Fahrtag ein und lassen Santos und Sao Paulo hinter uns. Die grüne Atlantikküste ist sehr schön, es gibt unzählige lange, herrliche Strände. Wir können es selber fast nicht glauben, doch zum ersten Mal seit wir in Südamerika sind, haben wir, beziehungsweise nutzen wir die Gelegenheit, im Meer zu baden.
In Blumenau haben wir uns mit unserem Freund Detlef verabredet. Leider verpassen wir den Abschluss des Oktoberfests mit dem Festumzug um einen Tag.
Der Stellplatz beim Deutschen Club ist sehr praktisch. Trotz Regenwetter können wir überdacht kochen und essen. Schliesslich gibt es viel zu erzählen und zu bereden, haben wir uns doch ¾ Jahre nicht gesehen. Im vergangenen Monat ist es rund um uns herum in Südamerika ein bisschen unruhig geworden. Die angekündigte Erhöhung der Treibstoffpreise in Ecuador sorgte für Unruhen, der Ausnahmezustand wurde verhängt. Reisende sassen fest. Noch bevor sich dies wieder gelegt hatte, fingen auch in Chile die Demonstrationen und Krawalle an, da eine Erhöhung der Preise im öffentlichen Verkehr angekündigt wurde. Obwohl der Präsident sich im Nachgang für mangelnde Weitsicht entschuldigte, ist die Lage im Moment offenbar noch nicht entspannt, und Chile fällt als Reiseziel aus. Die Wiederwahl von Evo Morales in Bolivien, zusammen mit den Wahlbetrugsvorwürfen der Opposition lösten Strassensperren und Demonstrationen aus. In Argentinien steht ein erneuter Staatsbankrott bevor. Die Inflation ist mehr als ungesund.
Diese Umstände machen eine langfristige Planung momentan schwierig.
Von Blumenau selber haben wir uns ein bisschen mehr deutsche Tradition erwartet. Vergeblich suchen wir eine deutsche Bäckerei. Wie es scheint, geht es hier weniger um Brot, dafür viel mehr um Bier. Nach zwei Tagen verabschieden wir uns ein weiteres Mal von Detlef. Nach einem kurzen Abstecher nach Pomerode machen wir uns auf den langen Weg nach Foz do Iguacu. Entgegen der Empfehlung von Dolores, unserem Garmin Navigationsgerät, fahren wir direkt von Blumenau nach Westen. Dolores wäre lieber wieder nördlich bis Curitiba gefahren und erst von da nach Westen abgebogen. Diese Strecke sind wir aber schon vor zwei Monaten gefahren. Ein kurzer Blick auf die Karte, und wir setzen unsere Absicht durch, obwohl uns die angegebene Fahrzeit über die BR-470 relativ lang erscheint. Am zweiten Fahrtag und einer genaueren Betrachtung der Situation wird auf einmal alles klar. Wir haben übersehen, dass unsere geplante Route nach Foz do Iguacu und Paraguay durch Argentinien führt. Dies wären zwei Grenzübergänge für nichts, und das wollen wir uns nicht antun. Dolores wollte uns dies auch nicht antun und hat die Strecke bereits ohne die Abkürzung durch Argentinien berechnet. Daher kommt also die lange Fahrzeit. Nach einer Abwägung der Möglichkeiten entscheiden wir uns für die Strecke über die BR-163 bis nach Cascavel und von dort nach Foz do Iguacu. Die gesamte Strecke ist sehr schön und führt uns durch eine sehr grüne und hügelige Landschaft mit viel Industrie und Landwirtschaft, und durch durchaus ansehnliche Ortschaften mit einem gewissen Wohlstand. Der deutsche, bzw. europäische Einfluss ist vielerorts sichtbar.
Wir nähern uns Foz do Iguazu über die BR-277 und der Himmel verdunkelt sich mehr und mehr. Heftige Windböen zerren an uns, und erklären die vielen verfledderten Werbetafeln für das Shopping in Paraguay am Strassenrand. Im Zentrum von Foz versperren umgeknickte Bäume die reibungslose Durchfahrt.
Der Camping International ist unterdessen in neue Hände übergegangen. Letztes Mal sind wir zehn Tage geblieben. So viele werden es diesmal nicht. Trotzdem richten wir uns gerne für ein paar Tage ein, und warten erst mal ab, bis der Regen nachlässt. Der Grenzübertritt nach Paraguay scheint ein bisschen popelig zu werden, da die Beamten beidseits der Grenzen lieber dem Einkaufstourismus zuschauen, als offizielle Dokumente für richtige Grenzübertritte bearbeiten. Anfang nächster Woche werden wir dies gestärkt und ausgeruht, und ausgestattet mit viel Geduld am frühen Morgen in Angriff nehmen.