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Ende Februar kritisierte der Berner Epidemiologe Christian Althaus in einem Interview die Gesundheitsbehörden für ihren Umgang mit dem Coronavirus. Er warf ihnen vor, eine «unverantwortliche Fehleinschätzung der Gefährlichkeit» vorzunehmen. Diese Fehleinschätzung führte er auf den angeblichen Umstand zurück, dass es im Bundesamt für Gesundheit zu wenig Experten für die komplexen epidemiologischen Fragen gebe. Althaus selber veranschlagte die Sterblichkeit von Covid-19 um einen Faktor zehn höher als jene einer gewöhnlichen Grippe. Als Worst-Case-Szenario der Corona-Epidemie wollte er 30'000 Tote nicht ausschliessen – allein für die Schweiz.
Die Marschrichtung war vorgegeben. Vier Wochen später legte der Basler Epidemiologe Richard Neher nach. Er veröffentlichte drei Szenarien zur möglichen Entwicklung der Covid-19-Pandemie in der Schweiz in Abhängigkeit der getroffenen Massnahmen zur Eindämmung. Die pessimistischste Variante prognostizierte 100'000 Tote bis zum Herbst, die optimistischste 1000 Tote. Neher sah die Lage der Schweiz Ende März im unteren Bereich des mittleren Szenarios. Dieses ging von 22'000 Toten aus.
Wie hat sich die Lage seither entwickelt? Um die Frage zu beantworten, braucht es vorab ein paar Bemerkungen zu den Kennziffern, mit denen die Corona-Krise beschrieben wird.
Schätzungen zur Dunkelziffer der Infizierten gehen weit auseinander
Eine davon ist die Fallsterblichkeit. Viele Studien nehmen sie als Massstab dafür, wie gefährlich das Virus ist. Bei der Fallsterblichkeit (Case Fatality Rate CFR) wird die Anzahl der Toten durch die Anzahl der von Ärzten und Spitälern erfassten Krankheitsfälle geteilt. Eine Fallsterblichkeit von einem Prozent bedeutet, dass einer von hundert der erfassten Erkrankten stirbt. Was sich in der Theorie einfach anhört, hat in der Praxis mehrere Fallstricke, die zu grossen Verzerrungen führen können.
Die Fallsterblichkeit bildet immer nur einen Teil des tatsächlichen Krankheitsgeschehens ab. Sie berücksichtigt nur jene Patienten, die sich bei einem Arzt gemeldet haben. Alle übrigen Erkrankten fliessen in die Berechnung nicht ein. Dies kann dazu führen, dass die Sterblichkeit insgesamt überschätzt wird.
Zuverlässigere Angaben zur Gefährlichkeit von Covid-19 würde die Infektionssterblichkeit liefern (Infection Fatality Rate IFR). Hier wird die Anzahl der Verstorbenen durch die Anzahl der Infizierten geteilt. Dies setzt aber voraus, dass diese tatsächliche Durchseuchung, also die Gesamtzahl der Infizierten in der Gesellschaft, bekannt ist. Hier sind die Forscher aber erst ganz am Anfang. Die Schätzungen zur Dunkelziffer der Infizierten gehen weit auseinander.
Wie zuverlässig sind Tests?
Eine weitere Verzerrung kann aus einer mangelhaften Zuverlässigkeit der Tests entstehen. Zwar sieht das BAG dies nicht als Problem. Ein chinesisches Forscherteam aus Guangzhou kam jedoch zu einem anderen Schluss. Weil die Tests bei wiederholten Messreihen bei denselben Patienten mal positiv, mal negativ anschlugen, raten die Forscher davon ab, die Tests als alleiniges Diagnosemittel zu verwenden.
Selbst die Hersteller haben Vorbehalte. Weit verbreitet ist der Cobas SARS-CoV-2-Test von Roche. Im Kleingedruckten des Beipackzettels warnt der Pharmahersteller davor, negative Ergebnisse als alleinige Diagnose zu verwenden. Und positive Ergebnisse zeigten zwar die Anwesenheit einer Corona-typischen Gen-Sequenz. Daraus könne aber nicht mit Sicherheit auf die tatsächliche Präsenz der Viren geschlossen werden. Die EU empfiehlt in einer aktuellen Richtlinie dringend, die Tests erst zu validieren, bevor Ärzte sie für ihre Entscheidungsfindung verwenden sollten.
«Coronatote» hatten meist eine Vorerkrankung
Neben den Fragezeichen zur Zuverlässigkeit der Tests und dem fehlenden Wissen zur tatsächlichen Durchseuchung fügt die Zählweise eine weitere Unsicherheit hinzu. In den meisten Ländern werden alle testpositiven Verstorbenen als «Coronatote» gezählt. So auch in der Schweiz. Diese Zählpraxis kann zur Überschätzung der Gefährlichkeit führen. Denn nur der allerkleinste Teil dieser Toten war vor der Infektion komplett gesund. In der Schweiz litten 97 Prozent an mindestens einer Vorerkrankung. Die drei am häufigsten genannten Vorerkrankungen bei verstorbenen Personen waren Bluthochdruck (64%), Herz-Kreislauferkrankungen (57%) und Diabetes (26%). Der Altersmedian der Verstorbenen betrug 84 Jahre. Das heisst, die eine Hälfte war jünger, die andere Hälfte älter.
In einer Mitte April veröffentlichten Stellungnahme kam die deutsche Akademie der Wissenschaften Leopoldina zum Schluss, die «bisher stark symptomgeleiteten Datenerhebungen» hätten zu einer «verzerrten Wahrnehmung des Infektionsgeschehens» geführt. Um eine differenzierte Einschätzung der Risiken zu ermöglichen, müssten die verfügbaren Daten zu Krankheitsverläufen und Todesfallzahlen in Relation zu denen anderer Erkrankungen gesetzt werden.
Übersterblichkeit im Vergleich zur Grippe
Hierfür bietet sich ein Vergleich mit der von der Grippe verursachten Sterblichkeit an. Die Daten der Sterblichkeitsstatistik haben den Vorteil, dass sie sehr zuverlässig abbilden, was real passiert. Die Frage, ob jemand noch lebt oder gestorben ist, bietet, etwa im Gegensatz zur Todesursache, kaum Raum für Kontroversen.
Sterben mehr Menschen als erwartet, spricht der Statistiker von Übersterblichkeit. Sie wird als Ausdruck eines besonderen Ereignisses wie einer Grippe-, Hitze- oder Kältewelle gedeutet. Für dieses Jahr liegen die Zahlen bis zur Kalenderwoche 19 vor. Die Übersterblichkeit beträgt 1649 Tote. Für den grössten Teil davon dürfte die grassierende Covid-19-Pandemie verantwortlich sein. Dass wir es allerdings nicht mit einem ausserordentlichen Sterbegeschehen zu tun haben, zeigt ein Blick auf die letzten Grippe-Epidemien.
Die letzte eher schwere Grippewelle gab es im Jahr 2017. Sie forderte in Deutschland gemäss dem Robert-Koch-Institut rund 25'000 Tote, in Italien gemäss dem Istituto Superiore di Sanità ebenfalls rund 25'000 Tote. Bei Covid-19 sind es Stand Mitte Mai 7800 Verstorbene in Deutschland und 30'900 in Italien.
In der Schweiz waren es gemäss Bundesamt für Statistik 1670 Tote. Mehr Opfer forderte hierzulande die Grippewelle im Jahr 2015, nämlich 2510 Tote. Das sind rund 800 Tote mehr als der aktuelle Covid-19 Stand. Im Vergleich zur jährlichen Gesamtsterblichkeit liegen auch diese Zahlen im sehr tiefen Prozentbereich: Jährlich sterben in der Schweiz rund 66’200 Menschen oder 1273 pro Woche.
Wie passen diese Daten mit den Szenarien zusammen, die in den vergangenen Wochen von Experten berechnet wurden? Christian Althaus wollte dazu keine Stellung nehmen. Richard Neher räumt ein, dass sich die Dinge erfreulich entwickelt hätten. «Für die Genfersee-Region oder das Tessin war das mittlere Szenario aber durchaus realistisch.»
Wie präsentiert sich die Lage in Europa? Einen aktuellen Überblick zur Übersterblichkeit in insgesamt 24 europäischen Ländern liefert das European Mortality Monitoring Project (Euromomo). Die Stelle sammelt die Daten der staatlichen Statistik-Ämter und arbeitet mit der europäischen Seuchenschutzbehörde ECDC und der WHO zusammen.
Für die Grippewelle 2016/17 weist Euromomo während dreizehn Wochen eine Übersterblichkeit mit insgesamt rund 108’200 Toten aus. Die diesjährige Übersterblichkeit, deren Ursache zum grössten Teil Covid-19 sein dürfte, beginnt in der neunten Woche, die aktuellsten Zahlen stammen aus Woche siebzehn. Für diese zehn Wochen beträgt die Übersterblichkeit 148’000 Tote. Das sind 32’500 Tote mehr als in den dreizehn Wochen der Grippewelle 2016/2017. Auch für diesen Vergleich gilt die Einschränkung, dass die Covid-Welle noch nicht vorbei ist und die Zahl der Toten wohl noch zunehmen wird. Zum Vergleich: Insgesamt sterben in der EU jährlich rund 5,1 Millionen Menschen oder rund 98'100 pro Woche.
Gefährlichkeit überschätzt? Nein, sagt das BAG.
Um der erwarteten Covid-19-Welle standhalten zu können und eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern, bauten die Kantone ihre Kapazitäten an Intensivbetten massiv aus. Aktuelle Belegungszahlen des Bundesamtes für Gesundheit zeigen, dass seit Ausbruch der Coronakrise schweizweit die Kapazitäten an Intensivbetten an keinem Tag mehr als zu 59 Prozent ausgelastet waren (Covid-Patienten und Nicht-Covid-Patienten kumuliert). Die durchschnittliche Belegung betrug im April 53 Prozent. Haben Bundesrat und Behörden die Gefährlichkeit des Virus überschätzt?
«Nein», sagt ein Sprecher des BAG. Der Vergleich mit den Grippetote sei nicht sinnvoll, weil die durch Corona verursachte Übersterblichkeit andauere und die Zahl der Toten steigen könne. «Zudem wäre die Sterblichkeit ohne die Hygienemassnahmen und den Lockdown einiges höher. Ein Vergleich ist erst sinnvoll, nachdem alle Übersterblichkeitsperioden vorbei sind», so der Sprecher. Zwar sei es derzeit schwierig, die Gefährlichkeit von SARS-CoV-2 zu quantifizieren. Viele Regierungen weltweit hätten die Situation aber ähnlich beurteilt und ähnliche strenge Massnahmen getroffen.
Einige Experten zweifeln
Ebenso richtig ist jedoch, dass viele Experten zum Schluss kommen, die Gefährlichkeit von Covid-19 unterscheide sich kaum von jener einer schweren Grippe. Bei einer normal verlaufenden Grippeepidemie geht man von einer Sterbichkeitsrate (IFR) von 0,1 Prozent aus. Bei einem schweren Verlauf ist die Rate entsprechend höher.
In Deutschland untersuchten der Virologe Hendrik Streeck und sein Team anhand einer Zufallsstichprobe in der Ortschaft Gangelt, wie viele der Bewohner Antikörper gegen Covid-19 gebildet hatten. Er kam auf 15 Prozent. Daraus berechnete das Team eine Infektionssterblichkeit von 0,37 Prozent. Der Leiter des deutschen Robert-Koch-Instituts bezeichnete die Studie als «hervorragend», man müsse sie aber vorsichtig interpretieren. Die Ergebnisse liessen sich nicht auf ganz Deutschland übertragen.
In Oxford kamen Forscher vom Centre for Evidence-Based Medicine (CEBM) unter der Leitung der Epidemiologen Jason Oke und Carl Heneghan zum Schluss, dass die Letalität von Covid-19 weltweit gesehen über alle Altersklassen im Bereich zwischen 0,1 Prozent und 0,41 Prozent liege. Das heisst, von zehntausend Infizierten sterben zwischen 10 und 41 Menschen. Auch in der Altersgruppe über 70 Jahre liege die Sterblichkeitsrate ohne Vorerkrankung nicht über einem Prozent.
«Die vom CEBM gefundene Sterblichkeit für Covid-19 unterscheidet sich tatsächlich nicht von jener einer schweren Grippewelle», sagt Thomas Rosemann, Leiter des Instituts für Hausarztmedizin an der Uni Zürich. Natürlich sei nicht alles Panikmache, was man täglich in den Medien lesen, und die vom Bundesrat getroffenen Massnahmen seien zu diesem Zeitpunkt richtig gewesen. «Nachdem die Spitäler aber wochenlang Gewehr bei Fuss gestanden sind, ohne dass die angekündigte grosse Welle hereinbrach, mehren sich in Ärztekreisen die Stimmen, die sich fragen, ob wir nicht überreagiert haben», so Rosemann, der selber verantwortlich war für ein Covid-19-Notspital.
In den USA untersuchte John Ioannidis von der Universität Stanford eine Zufallsstichprobe der Bevölkerung des kalifornischen Bezirks Santa Clara auf Antikörper gegen SARS-CoV-2. Der Epidemiologe ist einer der weltweit meistzitierten Wissenschaftler. Die Zahl der Infizierten erwies sich mit 2,8 Prozent als weit grösser denn ursprünglich vermutet. Dies wirkt sich wiederum auf die Einschätzung der Sterblichkeit aus. Ioannidis und sein Team schätzen sie auf 0,17 Prozent. Sie könne aber in Gegenden mit überlasteten Gesundheitssystemen oder in Gruppen mit einem grösseren Anteil an Risikopatienten substanziell höher ausfallen.
«Die Ergebnisse unserer Studie sind eine Botschaft der Hoffnung. Sie bedeuten, dass Covid-19 nicht gefährlicher ist als eine gewöhnliche Grippe. Wir sollten keine Angst haben.» Ioannidis Studie wurde nach der Veröffentlichung kritisiert. Die verwendeten Tests seien nicht zuverlässig genug, so einer der Kritikpunkte. Ein weiterer bezieht sich auf die Stichprobe: Sie sei nicht repräsentativ.
Unsichere Datenlage als grosses Problem
Die überwiegende Anzahl der Länder hat mit starken Massnahmen auf das Corona-Virus reagiert. Unklar ist, welchen Anteil diese an der Eindämmung der Pandemie hatten. Schweden hat weitgehend auf behördliche Verbote verzichtet. Schulen, Geschäfte und Restaurants blieben offen. Einer der Berater, die der schwedischen Regierung diesen Weg empfohlen haben, ist der Epidemiologe Johan Giesecke. Der emeritierte Professor, der auch die WHO berät, kritisiert die Lockdown-Massnahmen. «Diese Massnahmen haben keine wissenschaftliche Evidenz. Die Regierungen überschätzen die Gefährlichkeit von Covid-19. Es handelt sich um eine milde Krankheit, ähnlich wie eine Grippe. Die Sterblichkeit liegt bei 0,1 Prozent», sagt Giesecke. Geschützt werden müssten nur die Risikogruppen.
Dass die Einschätzungen zur Gefährlichkeit des Coronavirus stark divergieren, hängt vor allem mit der wenig gesicherten Datenlage zusammen. So herrscht zur realen Infektionsrate der Bevölkerung, also wie viel Menschen sich mit dem Coronavirus angesteckt haben, noch immer Unklarheit. Die Rate war zu keinem Zeitpunkt bekannt. Für die Berechnung der Ausbreitungsgeschwindigkeit und der Reproduktionszahl mussten die Forscher Annahmen treffen. Entsprechend stark streuen die Resultate.
Die Reproduktionszahl sagt aus, wie viele andere Menschen ein Infizierter ansteckt. Wie aus einem aktuellen Arbeitspapier des Beratungsgremiums Swiss National Covid-19 Science Task Force hervorgeht, bezifferte ein Forscher-Team der Uni Bern die Reproduktionszahl für das SARS-CoV-2 ohne Massnahmen mit 1,8, die Uni Genf kam auf 5,3. Der Lockdown soll R gemäss der Uni Bern auf 0,4 gedrückt haben, die ETH Zürich hingegen kam auf einen R-Wert von 0,8.
Fragwürdig sind die vom BAG täglich kommunizierten Zahlen zu den laborbestätigten Fällen. Sie sind zum einen stark abhängig von der Anzahl der Tests, die durchgeführt werden. Je mehr getestet wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass positive Covid-Fälle gefunden werden. Vor allem aber suggeriert die Fallzahl eine Aktualität, die sie nicht hat. Zwischen dem Zeitpunkt der Infektion und dem Zeitpunkt des Tests vergehen im Durchschnitt gemäss BAG zwischen 11 und 13 Tage. Die vom BAG «aktuell» kommunizierten Covid-19-Fallzahlen bilden damit ein Infektionsgeschehen ab, das bereits vor knapp zwei Wochen stattgefunden hat.
Um endlich eine verlässliche Datengrundlage zu erhalten, wurde das nationale Forschungsprogramm Corona Immunitas gestartet. Es ist auf zwölf Monate ausgelegt und soll repräsentativ den Anteil der Personen mit Antikörpern gegen das Coronavirus bestimmen. Erste Ergebnisse liegen bereits aus dem Kanton Genf vor: Dort hat man gefunden, dass zum Stichtag 24. April mindestens 9,7 Prozent der Bevölkerung Antikörper gebildet hatte. Das entspricht 51’500 Personen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren in Genf 233 Todesopfer zu beklagen. Theoretisch liesse sich daraus eine Infektionssterblichkeit von 0,45 Prozent berechnen. «Es ist noch zu früh, um daraus Rückschlüsse zu ziehen, aber eine Sterblichkeit von etwa 1 Prozent erscheint mir nicht unplausibel», sagt Milo Puhan, Forschungsleiter von Corona Immunitas.