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Vor 200 Jahren wurde ein Mann geboren, der durch sein Denken und seine Schriften die Welt veränderte – nicht nur in seinem Sinne.
Nein, soll Karl Marx gesagt haben, ein Marxist sei er nicht. – Die Weltanschauung, die sich aus Marx› Schriften entwickelte, entfaltete ihr Potential erst nach dem Tod ihres Vordenkers.
Als Karl Marx am 5. Mai 1818 in Trier geboren wurde, war die Napoleonische Epoche endgültig zu Ende. Die Ideale der Französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – wurden während der Restauration vorwiegend vom gebildeten, liberalen Bürgertum hochgehalten, 1830 und – nachhaltiger – 1848 gingen die jungen Revolutionäre auf die Barrikaden und erzwangen mehr Bürgerrechte, eine Verfassung, ein Parlament. – Auch die Eidgenossenschaft konstituierte sich 1848.
Karl Marx stammt aus einer liberalen jüdischen Familie. Sein Vater konvertierte zum (evangelischen) Christentum, um in Trier weiterhin als Anwalt tätig sein zu können. Nach dem Wiener Kongress 1815 war das katholisch geprägte Trier Preussen zugeteilt worden. In der Familie pflegte nur die Mutter den jüdischen Glauben. Sonst spielte Religion keine Rolle. Weshalb in einer von Marx› frühen Schriften zu lesen ist, Religion sei das Opium des Volks, ist aus seiner Herkunft nicht zu erschliessen.
Karl Marx 1882,
Foto von E. Dutertre, Algier / commons.wikimedia.org
Im Studium in Bonn und Berlin hatte Karl Marx sich einen Namen gemacht als analytischer Denker in der Nachfolge Hegels, als Journalist mit spitzer Feder und als politisch engagierter Mann, nicht nur unter Freunden und Mitstreitern, sondern auch bei den preussischen Behörden. Kurz nach seiner Promotion hatte Marx im Oktober 1842 als Chefredakteur der liberalen «Rheinischen Zeitung» in Düsseldorf begonnen, aber schon ein halbes Jahr später wurde die Zeitung wegen Verstössen gegen die Zensur verboten. Marx verlor seine Arbeit und emigrierte nach Paris. Dort hatte er ein interessantes Angebot erhalten: an der Redaktion und Herausgabe der «Deutsch-Französischen Jahrbücher» mitzuarbeiten. Diese Hefte sollten dem Dialog zwischen deutschen Demokraten und französischen Sozialisten eine Plattform geben.
Von einem Exil ins andere
Paris wurde eine bedeutsame Station in seinem Leben und bot ihm zunächst eine sorgenfreie Zeit. Kurz vorher hatte er Jenny von Westphalen geheiratet. Von den Besitzern der «Rheinischen Zeitung» hatte er ein grosszügiges Abschlusshonorar erhalten, und der Pariser Herausgeber zahlte ebenfalls ein Gehalt, das dem jungen Ehepaar eine unbeschwerte Zeit ermöglichte. – Geldprobleme führten im Leben der Familie zu ständig wiederkehrenden Sorgen. In Paris lernte Marx Heinrich Heine kennen und seinen wichtigsten Mitstreiter: Friedrich Engels. Hier arbeitete Marx an seinem Konzept der Entwicklung einer idealen, gerechten, d.h. klassenlosen Gesellschaft, die seiner Meinung nach nur durch Klassenkampf zu erreichen sei. Zuerst müsse eine angemessene Lebensgrundlage für alle geschaffen werden, die «materielle Basis», auf dieser Grundlage entstünde dann der «ideologische Überbau» der Gesellschaft. – Marx wollte, so soll er selbst gesagt haben, sein philosophisches Vorbild G. F. W. Hegel «vom Kopf auf die Füsse» stellen.
Das Kommunistische Manifest, 1848 in London erschienen, beginnt mit den Worten: «Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.»
Aber auch in Paris wurde Marx, der weiterhin in Kleinstzeitungen scharf gegen den Staat und die Herrschenden polemisierte, von den preussischen Beamten beobachtet und 1845 auf deren Betreiben aus Frankreich ausgewiesen. Er reiste nach Brüssel und erhielt eine vorläufige Aufenthaltsgenehmigung mit der Auflage, sich jeder politischen Agitation zu enthalten. Doch Brüssel wurde die Geburtsstadt des kommunistischen Pamphlets schlechthin, des «Kommunistischen Manifests», das die Welt noch lange bewegen sollte. In diesem 23 Seiten langen programmatischen Text entwickeln Marx und Engels die wichtigsten Säulen der später als «Marxismus» bezeichneten Weltanschauung, es endet mit dem inzwischen berühmten Aufruf «Proletarier aller Länder, vereinigt euch!».
In Brüssel fand Marx viele Gesinnungsfreunde oder korrespondierte von dort aus mit ihnen. Hier beginnt die lebenslange Freundschaft und Zusammenarbeit mit Friedrich Engels. Es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass ohne Friedrich Engels Marx nicht der kommunistische Revolutionär geworden wäre, der er in der Tat wurde. Erst Friedrich Engels berichtete ihm von den erbärmlichen Verhältnissen, in denen die englischen Fabrikarbeiter arbeiteten und lebten. Das Proletariat, von dem er später schrieb, hatte Karl Marx in seinem bürgerlich-liberalen Umfeld nie kennengelernt.
Friedrich Engels – der verlässliche Freund
Friedrich Engels, geboren 1820, stammte aus einer begüterten Fabrikantenfamilie und hatte in Manchester in einer Fabrik seines Vaters seine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen. Im preussischen Heer hatte er seinen Militärdienst geleistet. Seine Interessen waren weitgefächert, in seinen späteren Jahren beschäftigte er sich intensiv mit Naturwissenschaften und Wirtschaftslehren. Immer konnte er sein Engagement für revolutionäre Gedanken und Aktivitäten mit der Sorge für die materiellen Notwendigkeiten vereinbaren. Die Tuchfabrik in England leitete er, bis er seine Anteile 1870 an seinen englischen Teilhaber verkaufte. Seit sich Marx und Engels kennengelernt hatten, unterstützte Engels seinen Freund und dessen Familie immer wieder auch finanziell, besonders nachdem Familie Marx 1849 ins Exil nach London gehen musste.
Friedrich Engels im Jahre 1862, Fotograf: Egidius Franz Carl Billotte / commons.wikimedia.org
Auch in Brüssel konnten die Revolutionäre nicht bleiben. Marx versuchte es nochmal in Düsseldorf bei der «Neuen Rheinischen Zeitung», bis er 1849 des Landes verwiesen wurde. Nun blieb nur noch London. Ironie des Schicksals: Das Land, in dem der Kapitalismus schon am weitesten fortgeschritten war, gewährte dem Mann, der den Kapitalismus überwinden wollte, lebenslang Bleiberecht. In London widmete sich Marx, Doktor der Philosophie, dem Studium der Ökonomie. – Seine Dauerkarte für den Lesesaal des Britischen Museums ist legendär geworden. Aus diesen Forschungen entstand allmählich sein Hauptwerk «Das Kapital», allerdings nur der erste Band, die anderen beiden Bände wurden nach Marx› Tod von Friedrich Engels fertiggestellt.
Karl Marx war nicht sehr zufrieden in seinem Exil, er wäre viel lieber nach Deutschland zurück, um direkter wirken zu können. Zudem stritt er sich oft mit seinen Weggenossen, die ihm nicht immer folgten. Wie schon erwähnt, musste er in ärmlichen Verhältnissen leben, vier seiner sieben Kinder starben schon sehr früh aufgrund fehlender medizinischer Hilfe. – Dabei war Marx kein asketischer Revoluzzer. Wenn Geld im Haus war, genoss er mit seiner Frau gern ein wenig Luxus. Seine Frau Jenny unterstützte ihn stets ideell und praktisch, sie schrieb alle seine Manuskripte ins Reine. Doch legte sie ebenso Wert auf ihre adelige Herkunft, als Absenderin schrieb sie stets: Jenny Marx, née Baroness von Westphalen. Nach ihrem Tod 1881 unternahm Marx zu seiner Erholung eine Reise nach Algier, Nizza und Monte Carlo. Am 14. März 1883 starb er in London.
Kommunismus – Utopie oder Dystopie?
Ist Karl Marx der erste Denker der Globalisierung? Marxismus und Kommunismus haben vieles in unserer Welt verändert. Der Kommunismus entwickelte sich in unterschiedliche – oft menschenverachtende – Richtungen. In der Form, wie ihn die Frühkommunisten konzipiert hatten, ist er Utopie geblieben. Der Kapitalismus jedoch ist nicht verschwunden, er hat sich verändert, anders als Marx und seine Freunde gehofft hatten. «Proletarier» im Sinne von Marx und Engels gibt es nicht mehr, aber Ausbeutung geschieht nach wie vor, denken wir an die Textilfabriken in Asien oder die Arbeit in Bergwerken in Afrika und Südamerika, und zwischen Arm und Reich klaffen immer noch tiefe Gräben.
Nach Marx› Tod schrieb Friedrich Engels: «. . . Marx war vor allem Revolutionär. Mitzuwirken . . . am Sturz der kapitalistischen Gesellschaft und der durch sie geschaffenen Staatseinrichtungen . . . an der Befreiung des Proletariats, dem er zuerst das Bewusstsein seiner eigenen Lage und seiner Bedürfnisse, das Bewusstsein der Bedingungen seiner Emanzipation gegeben hatte – das war sein wirklicher Lebensberuf. Der Kampf war sein Element.» Uns Heutigen erscheint Karl Marx eher als Intellektueller mit der Fähigkeit, Theorien und Zukunftsvisionen zu formulieren. Was es wert ist, verwirklicht zu werden, muss jede Generation und jede Gesellschaft immer wieder neu beurteilen. Eine Auseinandersetzung mit Marx› Werk ist wohl auch heute nicht überflüssig.
Eine Überraschung als Nachtrag
Karl Marx schrieb als Student auch Gedichte, die bis vor kurzem vergessen waren. Die Folk-Gruppe «Die Grenzgänger» aus Bremen hat sie wiederentdeckt, vertont und eingespielt. Die CD wird anfangs Mai 2018 erscheinen.
Kleine Auswahl empfehlenswerter Literatur:
Das Kommunistische Manifest. Severus Verlag 2015. ISBN 978-3-95801-209-7
Das Kapital. Das Kapital (Vollständige Gesamtausgabe) 3 Bände im Schuber. Nikol VerlagsGmbH 2016.
ISBN 978-3-86820-363-9
Terry Eagleton: Warum Marx recht hat. Ullstein Verlag 2012. ISBN 978-3-550-08856-8
Bernd Ziesemer: Karl Marx für jedermann. Der erste Denker der Globalisierung.
Frankfurter Allgemeine Buch 2012. ISBN 978-3-89981-284-8
Eric Hobsbawm: Wie man die Welt verändert. Über Marx und den Marxismus. Carl Hanser Verlag 2012.
ISBN 978-3-446-24000-1
Hans Jürgen Krysmanski: Die letzte Reise des Karl Marx. Westend 2014. ISBN 978-3-86489-072-7