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Am 22. März berichteten sowohl das Schweizer (ab 15:25) als auch das ARD-Fernsehen (ab 07:36) in ihren Hauptnachrichten-Sendungen über die Urteilsverkündung im Fall Alexei Nawalny. Obwohl die deutsche ARD-Tagesschau um 20:00 Uhr nur fast halb so lange dauert wie die SRF-Tagesschau um 19:30 Uhr, informierte die ARD über das Nawalny-Urteil während 141 Sekunden, SRF nur während 43 Sekunden.
In der SRF-Tagesschau fehlte die wichtige Information, dass Nawalnys Anwältin Berufung eingelegt hat und das Urteil somit noch nicht rechtskräftig ist. Die Information, ob ein Urteil rechtskräftig ist oder nicht, gehört zwingend zu jedem Bericht über ein Gerichtsurteil.
In beiden Sendungen erfuhren die Zuschauerinnen und Zuschauer, dass Alexei Nawalny zu neun Jahren Haft mit besonders strengen Haftbedingungen verurteilt wurde.
Zusatz-Infos beim SRF
Die folgenden beiden Informationen erwähnte nur das SRF, die ARD jedoch nicht:
1. Bei dem Schuldspruch geht es unter anderem um Gelder einer «inzwischen verbotenen Anti-Korruptions-Stiftung». Die ARD erwähnte keine Organisation.
2. Nebst dem Schuldspruch bezüglich der oben genannten Gelder gab es noch einen zusätzlichen Schuldspruch wegen Missachtung des Gerichts in einem früheren Prozess.
Zusatz-Infos bei der ARD
Folgende Informationen erfuhren nur Zuschauerinnen und Zuschauer der ARD-Tagesschau, nicht aber diejenigen von SRF:
1. Das Urteil ist noch nicht rechtsgültig, denn Nawalnys Anwältin hat Berufung angekündet.
2. Nebst der Haftstrafe wurde auch eine hohe Geld-Strafe gesprochen.
3. Das Urteil ist milder als von der Staatsanwaltschaft gefordert.
4. Es wurden unterdessen noch zwei weitere Verfahren gegen Nawalny eröffnet, u.a. wegen Gründung einer extremistischen Organisation.
5. Die improvisierte Pressekonferenz von Nawalnys Anwältin vor dem Ort, wo das Urteil verkündet wurde, hat die Polizei aufgelöst und die Anwältin und ihr Kollege wurden vorübergehend festgenommen.
6. Die ARD nannte konkrete Details zu den «strengen» Haftbedingungen, z.B. die nur sechs erlaubten Familien-Besuche pro Jahr.
7. Der Ort der Urteilsverkündung wird genannt, ein Straflager in einer Kleinstadt drei Stunden von Moskau entfernt.
8. Die Russland-Korrespondentin der ARD nahm eine Interpretation des Urteils vor: «Hier im Land wird es auch als Botschaft der Abschreckung verstanden – niemand soll es mehr wagen, Präsident Putin herauszufordern.»
Unterschiedliches Wording
SRF und ARD benutzten teilweise auch eine unterschiedliche Wortwahl:
1. Als Delikt nannte das Schweizer Fernsehen «Betrug», die ARD «Veruntreuung».
2. Während SRF Nawalnys Gerichtsverfahren einen «Schauprozess» nannte, sprach die ARD von einem «umstrittenen Prozess».
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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