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In seinem neuen Buch «Grace – die Biographie» erzählt Thilo Wydra, deutscher Journalist und Autor zahlreicher Filmbücher und Biografien, von Grace Kelly, die viele Rollen spielte und viele Leben lebte. Ein Leben voller Widersprüche. Grace Kelly, die Verletzliche und doch unglaublich Starke. Die gläubige Katholikin, die unzählige Affären hatte. Der Hollywood-Star, der sich bewusst für die Lebensrolle der Fürstin entschied.
Der Autor beschreibt Grace Kellys Geschichte als ein bewegtes und bewegendes Spiel von Licht und Schatten, die auch eine stete Suche nach Liebe und Anerkennung ist. Ein Märchen? Mitnichten. «Märchen erzählen erfundene Geschichten», sagte Grace Kelly einst und ergänzte: «Ich dagegen bin echt. Ich existiere. Wenn man eines Tages mein tatsächliches Leben als Frau erzählte, dann würde man den Menschen erkennen, der ich wirklich bin.»
Grace – die Aussenseiterin
Geboren 1929, wächst Grace Kelly in Philadelphia als drittes von vier Kindern in einer streng katholischen Familie auf. Erzogen wird die junge Schülerin von Nonnen in einer Klosterschule. Ihre deutschstämmige Mutter ist pflichtbewusst, ordentlich, preussisch.
Ihr Vater, John B. Kelly, ist ehrgeizig und sportfanatisch. Ausdauer und das Streben nach Höherem bestimmen seinen Lebensweg. Der Sohn eines irischen Einwanderers hat sich vom Maurerlehrling zum Multimillionär hochgearbeitet. Die fragile, kränkliche Grace kann seinen Ansprüchen nicht genügen. Grace fühlt sich von ihrem Vater unverstanden und ungeliebt.
Grace – die Willensstarke
Gegen den Willen der Eltern beschliesst Grace, Schauspielerin zu werden. Als sie 17 Jahre alt ist, zieht sie nach New York und besucht die American Academy of Dramatic Arts.
Grace will ihrem Vater beweisen, was in ihr steckt. Sie will frei und unabhängig sein. Geld verdient sie mit Auftritten in Werbespots und als Model. Bald schon steht sie in Fernsehspielen vor der Kamera sowie am Broadway auf der Bühne. Mit 22 Jahren dann gelingt ihr der Durchbruch auf der Leinwand: in der Rolle der Quäkerin Amy im Film «High Noon» von Fred Zinnemann.
Ob es eiserner Wille ist, weiss sie selbst nicht ganz zu sagen: «Wenn ich etwas wirklich erreichen will, erreiche ich es meistens. Ich weiss nicht, was daran schuld ist – mein Wille, mein guter Stern oder mein Kelly-Stolz. Wahrscheinlich ist es alles miteinander.»
Grace – die Getriebene
1955 wird Grace für ihre Darstellung der Ehefrau eines Alkoholkranken in «The Country Girl» mit dem Oscar als beste Schauspielerin geadelt. Der Kommentar ihres Vaters John B. Kelly habe gelautet: «What the fuck is an Oscar?», so Wydra in seinem Buch.
Grace ist getrieben von ihrem Wunsch nach Zuneigung, Wärme, Geborgenheit. Obwohl streng katholisch, endet kaum einer ihrer Küsse auf der Leinwand. Ob mit Gray Cooper, Cary Grant, Bing Crosby oder William Holden: Im Leben der Hollywood-Prinzessin jagt eine Liaison die andere.
«Sie war getrieben von einem unstillbaren Hunger nach Liebe, und daran war ihre Familie schuld. Sie litt an einem Gefühl gähnender Leere, schrecklicher Einsamkeit», sagte Grace Kellys Schauspiellehrer und und Theaterregisseur Don Richardson, mit dem sie ebenfalls eine kurze Beziehung unterhielt, die sie auf Druck ihrer Eltern beenden musste.
Grace – die Vernünftige
Den einen oder anderen Partner stellt Grace ihren Eltern vor. Doch keiner wird für würdig befunden. Der erste potenzielle Heiratskandidat: Fürst Rainier von Monaco. Ihn lernt die frischgebackene Oscar-Preisträgerin bei ihrem Besuch der Filmfestspiele Cannes kennen.
Die Zeitschrift «Paris Match» hat für die Titelgeschichte einen Fototermin im Palast arrangiert. 30 Minuten soll das Rendezvous gedauert haben. Danach sehen sich der Hollywood-Star und seine Durchlaucht erst kurz vor ihrer Verlobung wieder. Liiert ist sie zu der Zeit mit Oleg Cassini, dem russisch-italienischen Couturier. Grace macht völlig überraschend Schluss.
Cassini muss Grace daraufhin gefragt haben, was sie denn von einem Mann wolle, den sie vor acht Monaten gerade für etwa eine halbe Stunde gesehen habe?! Sie kenne ihn doch überhaupt nicht. «‹I will learn how to love him›, antwortet sie ihm. ‹Ich werde lernen, ihn zu lieben›», so zitiert Wydra Grace Kelly und erkennt darin einen Satz, der ihrem Wesen sehr entspricht.
Grace – die Fürstin
Mit der Entscheidung, Fürst Rainier zu heiraten, geht ihr lang ersehnter Wunsch in Erfüllung: die Anerkennung ihres Vaters. Von da an fing der Vater an, «sie zu aktzeptieren», so der Autor der Grace-Biografie.
Grace willigt ein, sich einem Fruchtbarkeitstest zu unterziehen. Um die Mitgift bezahlen zu können, veräussert sie Aktien. Grace bezahlt eine Millionen Dollar; ihr Vater steuert die zweite geforderte Million bei. Grace unterschreibt einen Ehevertrag, der besagt, dass im Fall einer Scheidung – egal wer die Ehe löst – die Kinder beim Regenten bleiben.
Grace – Schauspielerin wider Willen
Ihre Schauspielkarriere muss die schöne Frau, die zeitlebens als Stilikone galt, an den Nagel hängen. Grace hat sich für die lebenslange Rolle der Fürstin entschieden; auch aus Angst, als alternde Diva keine Job-Angebote mehr zu bekommen. «Diesen neuen Job, den sie hatte, wo sie ihre schauspielerischen Fähigkeiten mitbringen musste, weil sie immer lächeln musste und Hände schütteln musste auch mit Leuten, die sie nicht mochte... Auf eine Weise hat sie weiter gespielt, und der Job war gesichert. Solange die Ehe hielt, hat sie den Job behalten», so zitiert der Buchautor den guten Freund Robert Dornhelm in einem Interview.
Ein Leben im goldenen Käfig
Vor 30 Jahren, am 14. September 1982, stirbt Fürstin Gracia Patrizia nach einem Autounfall. Ihr Wagen stürzt auf derselben Haarnadelkurven-Strecke, auf der sie Jahre zuvor bereits in Alfred Hitchcocks Film «To Catch a Thief» viel zu schnell unterwegs war, in die Tiefe. Die genaue Unfallursache? Sie drang nie an die Öffentlichkeit.
Buchhinweis
Thilo Wydra: Grace. Aufbau Verlag, 2012.