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Ich will ja nicht den Eindruck erwecken, als ob ich alle Lektüre, die ich beginne, auch fertig läse. Zwar entwickelt man mit der Zeit eine Art Siebten Sinn, welche Lektüre einem zusagt und welche nicht.
(P.H. zu Ann Radcliffe)
So habe ich meinen letzten Lektüre-Abbruch vor mehr als einem Jahr eingeleitet. Diesmal kann ich zu meiner Rechtfertigung sagen, dass mir C. M. Wielands Leben von einem gewissen J. G. Gruber wider mein Wissen und wider mein Wollen geliefert wurde. Was ich nämlich nicht wusste: Diese Biografie aus dem Jahre 1827 schliesst den Greno-Reprint von C. M. Wielands sämmtlichen Werken ab, obwohl Jahreszahl und Typographie (Fraktur statt der eleganten, von Wieland selber gewählten Antiqua) zeigen, dass sie ursprünglich nicht dazu gehörte, auch wenn sie damals schon im selben Verlag (Göschen) erschienen war. Beim Erwerb des Reprints habe ich sie also zwangsläufig hinzu erworben. Und da ich als Dreiachtels-Schwabe der Meinung bin, dass ich somit 1/15 des Kaufpreises dafür hingelegt habe, wollte ich dieses Fünfzehntel entsprechend ausnutzen. (Eigentlich war es sogar mehr als 1/15 – es ist nämlich dieser Band der umfangreichste der 15.)
Gruber hätte den grossen Vorteil, Wieland noch zu Lebzeiten gekannt und mit ihm über sein Leben gesprochen zu haben. Ich werfe dem Autor denn auch nicht mangelndes Wissen vor (dafür bin ich auch viel zu wenig in die Biografie vorgedrungen). Was mich – wie die Franzosen zu sagen pflegen – ennuyiert, ist einerseits die unsägliche Heldenverehrung, die aus jedem Satz quillt, wie das Fett aus der Weihnachtsgans. Das ist zugegeben epochentypisch und Wieland auch zu gönnen, der rasch genug hinter Goethe und Schiller, ja sogar hinter Herder, gestellt wurde. Aber da ich nicht lese, um eine Epoche kennen zu lernen, sondern aus Genuss … Weiter ist ennuyant, dass Gruber die Fülle seiner Kenntnisse nicht strukturieren kann. Unmotivierte Exkurse in die Geschichte der deutschen Literatur kurz vor und beim Aufgehen von Wielands Stern zerreissen den bereits aufgenommenen biografischen Faden unnötig. Und last but not least missfällt mir Grubers Stil, der, wenn er nicht gerade das Fett aus der Gans quillen lässt, akademisch kompliziert und trocken ist, wie man nur zu jener Zeit adademisch kompliziert und trocken schreiben konnte. Und das dem exzellenten Stilistiker Wieland!
Ich glaube nicht, dass sich – auch ohne meine Warnung hier – sehr viele Menschen heute noch veranlasst fühlen, Grubers Biografie zu lesen. Falls doch, soll man nicht sagen können, ich hätte nicht davor gewarnt…