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Familie und Reichskirche
Der böhmische Zweig Thun-Hohenstein
Das Adelsgeschlecht der Thun stammt aus dem südlichen Teil der Grafschaft Tirol, wo es seit dem 12. Jahrhundert bekannt ist. Die alten Stammsitze liegen im Nonntal nördlich von Trient. Im 16. Jahrhundert bilden sich die drei Linien Castel Thun, Castel Caldes und Castel Brughier. Die Angehörigen dienen um diese Zeit meist dem habsburgischen Kaiserhaus. 1619 wird die Familie in den Reichsgrafenstand erhoben. Stammvater des böhmischen Zweiges Thun-Hohenstein ist Johann Cyprian aus der Linie Thun Castel Brughier.[1] Begründer des Vermögens ist sein Bruder Christoph Simon.[2] Dieser erwirbt nach der Schlacht am Weissen Berg zahlreiche konfiszierte Güter und Herrschaften des vertriebenen böhmischen Adels, darunter die Herrschaft Tetschen im Tal der Eger. Er erhält auch die Grafschaft Hohenstein im Harz, verliert diese aber schon im Dreissigjährigen Krieg wieder an Brandenburg. Sie bleibt trotzdem Namensgeberin des böhmischen Zweiges der Thun. Das erworbene böhmische Vermögen vererbt Christoph Simon 1635 seinem Neffen Johann Siegmund, dem einzigen noch lebenden Sohn seines Bruders.[3] Dieser residiert seit 1628 in Tetschen und sichert den böhmischen Zweig Thun-Hohenstein.
Die Familie
Johann Ernst wird am 6. Juli 1643 geboren. Der Geburtsort ist unklar. Wahrscheinlich ist es Prag. Genannt werden auch Castelfondo im Südtirol und Graz.[4] Sein Vater ist Johann Siegmund, der Begründer der böhmischen Linie Thun-Hohenstein. Seine Mutter, die dritte Ehefrau von Johann Siegmund, ist Margaretha Anna von Oettingen-Baldern.[5] Johann Ernst ist fünfter Sohn von acht Kindern dieser Ehe. Fünf davon erreichen das Erwachsenenalter. Insgesamt hat sein Vater mit drei Ehefrauen dreizehn Kinder, die das Erwachsenenalter erreichen. Er stirbt 1646. Keines seiner Kinder mit Margaretha Anna ist zu diesem Zeitpunkt mündig. Die Mutter übernimmt die Vermögenverwaltung bis zu deren Volljährigkeit.
Die Geschwister pflegen untereinander enge Beziehungen. Vor allem der älteste Halbruder Guidobald, seit 1654 Fürsterzbischof von Salzburg und Bischof von Regensburg,[6] fördert die Erziehung und Karriere seiner jüngeren Halbbrüder. Nach seinem frühen Tod übernimmt der Halbbruder Wenzeslaus, inzwischen Fürstbischof von Passau,[7] diese Aufgabe. Sie ist nicht leicht, denn die Halbbrüder aus der dritten Ehe scheinen sich mit Ausnahme des letztgeborenen Rudolph Guidobald[8] schnell auf einen schuldenbasierten aufwendigen Lebensstil einzurichten.
Biografische Lücken und eine sorgenlose Kavalierstour
Über die Ausbildungswege von Johann Ernst ist nichts bekannt.
Sein Halbbruder Guidobald, der seit 1654 Fürsterzbischof in Salzburg ist, verschafft ihm ein Kanonikat in Salzburg. 1663 wird Johann Ernst als Kanoniker in Salzburg eingetragen und leistet das verlangte Residenzjahr. Inzwischen kann ihm auch der Halbbruder Wenzeslaus, der noch in Salzburg residiert, ein weiteres Kanonikat in Passau verschaffen.
Aus dem Schriftverkehr des Fürsterzbischofs Guidobald mit dem Halbbruder Wenzeslaus entnehmen wir, dass Johann Ernst wie alle seine Brüder eine Kavalierstour durch Europa unternimmt und 1665 bis 1667 in vielen Ländern hohe Schulden hinterlässt, deren Begleichung dann den beiden Prälaten zufällt. Für den 16-monatigen Frankreichaufenthalt 1666 treffen Forderungen von 9700 Gulden ein. Wenzeslaus ärgert sich über seinen Halbbruder. Wenn dieser so weitermache, müsse er die ererbten Güter in Kürze veräussern. Johann Ernst setzt aber das muntere Schuldenmachen fort. Im Juli 1667 schreibt Wenzeslaus, dass die letzte Nachricht aus Barcelona vier Wochen alt sei und dass er nicht wisse, wo sich sein Halbbruder inzwischen aufhalte. Dieser wisse offensichtlich nicht, wie hart das Geld von den Untertanen zu erpressen sei und mache sich keine Gedanken über die Geldausgaben. Immerhin ist, auch dank der Schuldforderungen, die Reiseroute bekannt. Sie führt den jungen Grafen von Thun-Hohenstein durch Deutschland, Italien, Frankreich, die Niederlande, England und Spanien, am Schluss noch nach Nordafrika. Am 1. Juni 1668 stirbt sein Förderer Fürsterzbischof Guidobald. Ob Johann Ernst zu diesem Zeitpunkt zurück ist, wo er und wie er das nächste Jahrzehnt verbringt, ist ebenso unklar wie seine Ausbildung. Diese riesige Lücke in der Biografie eines Fürsten der Reichskirche ist einmalig.[9] Erst mit der Priesterweihe 1677 wird Johann Ernst wieder fassbar. Er feiert die Primiz auf dem Familiensitz seines Bruders Maximilian in Tetschen (Děčín). Der sorgenlose Jungadelige scheint sich demnach ins «Pfaffenleben»[10] eingefügt zu haben. Dies bestätigt die am 29. Dezember 1679 erfolgte Ernennung zum Fürstbischof von Seckau durch Fürsterzbischof Max Gandolph.[11] Als Fürstbischof von Seckau ist er auch gleichzeitig Generalvikar in den Dekanaten Steiermark und Wien-Neustadt. Johann Ernst muss sich demnach nach seiner Rückkehr aus der Kavalierreise als Vertrauter des umstrittenen Fürsterzbischofs im Domkapitel bewährt haben. Obwohl nicht dokumentiert, dürfte Johann Ernst zwischen 1679 und 1687 zeitweise in Seggau residieren. Ein Zeichen ist die von 1681–1682 veranlasste Barockisierung der Marienkapelle im südlich von Graz gelegenen Residenzschloss. Spätestens als Fürstbischof von Seckau verfügt er auch über genügende Einnahmen, um jetzt selbst als Gönner aufzutreten.
Fürsterzbischof von Salzburg
Wahl und Machtsicherung
Am 30. Juni 1687 wählen 19 stimmberechtigte Domherren Johann Ernst von Thun-Hohenstein in mehrfach unterbrochenen Wahlgängen zum neuen Fürsterzbischof von Salzburg. Er muss vorgängig auf eine 91 Artikel umfassende Wahlkapitulation[12] schwören. Sie sollte dem Domkapitel unverschämt hohe finanzielle und politische Vorteile bringen. In seiner schon jetzt klar absolutistischen Haltung denkt der neugewählte Salzburger Fürst allerdings keinen Moment an die Erfüllung des Wahlversprechens. Machiavellisch strebt er alleinige Regierungsmacht an.[13] Zwar legt er noch im Sommer 1687 einen Gegenvorschlag mit 68 Artikeln vor. Sie werden durch das Domkapitel folgerichtig abgelehnt, das jetzt gegen den Fürsterzbischof vor Gericht geht. Der Kleinkrieg um Rechte und Vorrechte des Domkapitels belastet das Erzstift während 15 Jahren. Der Fürstbischof gewinnt den Prozess in Rom 1702, auch weil der Papst schon 1695 ein Verbot von Wahlkapitulationen ausspricht.
Der Sieg genügt dem einen unbedingten Absolutismus fordernden Fürsterzbischof noch nicht. Noch 1702 schlägt er dem Domkapitel den soeben als Wiener Bischof gewählten Franz Anton Graf von Harrach[14] als Koadjutor[15] vor. Das gedemütigte Domkapitel vermutet mit Recht einen neuen Schachzug zu seiner vollständigen Entmachtung und lässt sich vom Papst die Wahlfreiheit bestätigen. Kaiser Leopold bittet 1703 das Kapitel um die gewünschte Wahl. Johann Ernst überweist im gleichen Jahr dem Kapitel 12 000 Gulden und bietet eine verbesserte Zusammenarbeit an. 1705 wird das Kapitel auch vom neuen Kaiser Joseph I. bestürmt, endlich die Wahl abzuhalten. Diese findet im gleichen Jahr statt. Das während dreier Jahre allseitig bearbeitete Kapitel wählt den vorgeschlagenen Grafen von Harrach als Koadjutor mit Nachfolgerecht. Nachdem die nicht wirklich dringende Wahl mit dem zunehmenden Augenleiden des regierenden Fürsterzbischofs begründet wird, scheint dieses Leiden erst 1708 eine Übernahme der Regierungsgeschäfte durch den inzwischen zum Reichsfürsten ernannten Harrach erforderlich zu machen.[16]
Inzwischen hat Johann Ernst auch das Domkapitel mit Verwandten verstärkt.
Im Domkapitel sitzt zur Zeit der Wahl mit Cousin Rudolf Joseph Graf von Thun[17] nebst einigen verschwägerten Verwandten nur ein Familienmitglied. 1688 und 1699 besetzt deshalb der neue Fürstbischof das Kapitel zusätzlich mit den Cousins Georg Jacob Anton Graf von Thun[18] und Johann Jakob Maximilian Graf von Thun.[19] Die von ihm protegierten und geförderten Verwandten stammen nicht aus der böhmischen Linie der Thun-Hohenstein, was auf enge Beziehungen des neuen Fürsterzbischofs ins Trentino hinweist. Nebst den erwähnten Domherren stammen auch der Oberhofstallmeister Ernst Joseph Alois[20] und der Oberst und Kommandant der Feste Hohensalzburg, Christoph Anton Simon,[21] aus dem Thunschen Familienstamm im Trentino.
Regierung
Johann Ernst kann die Regierung des Erzstifts in einem wirtschaftlich günstigen Umfeld übernehmen. Der Vorgänger hat ihm gefüllte Kassen überlassen. Vom beginnenden Aggressionskrieg des französischen Königs gegen das Reich und auch von den Türkenkriegen ist Salzburg bisher nur wenig betroffen. Die Salzkriege mit Bayern sind Vergangenheit. Erst mit den grössenwahnsinnigen Ambitionen des Bayernherzogs im ausgebrochenen Spanischen Erbfolgekrieg beginnt 1702 eine vermehrte Belastung für das Hochstift, einerseits durch die Verstärkung der Grenzsicherungen zu Bayern und durch die dem Kaiser zur Verfügung gestellten Truppen, andererseits durch ausserordentlich hohe Reichs-Kontributionen für den begonnen Krieg gegen Frankreich und Bayern. Eine spürbare Folge des Krieges sind die sehr hohen zusätzlichen Steuerlasten der Untertanen, die der Fürsterzbischof gerechterweise auch auf Klerus und Adel ausweitet. Eine weitere Folge der bayrischen Aggression ist die verstärkte Hinwendung Salzburgs zum habsburgischen Kaiserhaus, wie dies auch anlässlich der Wahl des Koadjutors 1705 sichtbar wird. «Jetzt ist Wien das Vorbild in allem und bleibt es».[22]
Belastend für die ersten Jahre der Regierung von Johann Ernst sind die Nachwehen der unnötigen und in Europa Aufsehen erregenden Vertreibungen der Protestanten aus dem Defereggental.[23] Der neue Fürsterzbischof setzt die menschenverachtende Religionspolitik seines Vorgängers fort und lässt trotz europäischer Proteste die zurückgehaltenen Kinder der Vertriebenen nicht ausreisen. Erst 1691 muss er aufgrund eines kaiserlichen Mandats nachgeben. Er offenbart sich hier als wenig diplomatischer und mit den Stimmungen in Europa unvertrauter Fürst.
Eine weitere Niederlage erleidet er beim Versuch, seine erzbischöfliche Gewalt auch über das Bistum Passau auszudehnen. Er unterschätzt den Widerstand Wiens, weil das Bistum Passau vorwiegend in Österreich liegt. Nach Interventionen des Kaisers in Rom und am Reichstag wird das Vorhaben 1697 beerdigt.
Gute Noten erhält die Regierung von Johann Ernst hingegen in der Wirtschafts- und Finanzpolitik. Seine grossen Stiftungen und Bauten kann er bis zum Ausbruch des Spanischen Erbfolgekrieges problemlos finanzieren. Er versucht sich auch als Förderer der einheimischen Wirtschaft. In klassisch merkantilistischer Art interveniert er mit Manufaktur-Gründungen und gleichzeitigen Importverboten. So gründet er 1701 eine Glashütte in Aich bei St. Gilgen, die aber nie Gewinn erwirtschaftet, zumal das Einfuhrverbot auf Druck von Salzburger Glasermeister schon 1710 fällt.
Fürstliche Vergnügen und kleinliche Verordnungen
Zur Lieblingsbeschäftigung eines Fürsten zählt standesgemäss die Jagd. Johann Ernst betrachtet sie als das alleinige Recht des Adels. Entsprechend schränkt er mit neuen Gesetzen die Rechte der Bevölkerung ein. Schusswaffenbesitz ist nur noch Adeligen und Jagdbeamten erlaubt. Die Verbote treffen vor allem eine durch Wildschaden geplagte Bauernschaft hart. Dies scheint den Fürsterzbischof wenig zu kümmern. Wichtiger ist ihm die höfische Jagd, bei denen die Bauern als Treiber aufgeboten werden. Besonders wichtig ist für den Fürsterzbischof die Fasanenaufzucht. Das höfische Vergnügen des Abknallens vorher gezüchteter Fasane ist derart vorrangig, dass er in Klessheim noch vor dem Baubeginn seines neuen Jagdschlosses eine grosse Fasanerie anlegen lässt. Seine Jagdliebe führt auch zu Verboten wie das Weiden der Schafe im Gebirge, das er zur Schonung der Steinböcke erlässt. Auch die Biberjagd wird bei Galeerenstrafe verboten. Nicht nur bei neuen Jagdgesetzen zum Vorteil des Adels regiert er hart. Mit Verordnungen, die teilweise Sittenmandat-Charakter haben, greift er in das Leben der Bevölkerung ein. Vor allem seine schon bei den Protestantenkindern zu beobachtende religiöse Intoleranz zeigt sich in vielen weiteren Verordnungen. Er verbietet selbst kurzfristige Auslandaufenthalte in «unkatholischen» Orten. Er ist fürstlicher Asket und kein Freund von Volksvergnügungen. So verbietet er das Gässelgehen[24] bei Strafe, das Tanzen und Musizieren erlaubt er nur noch bei Tageslicht und nur noch in bestimmten Monaten. Eine zwar gutgemeinte, aber besonders absurde Verordnung erlässt er 1693. Er befiehlt jedem privaten Haushalt die Vorratshaltung von Getreide. Dies in einer Zeit grossen Getreidemangels, in der sich die Untertanen kaum ernähren können. Die strengen Verordnungen zeigen in erster Linie die Besorgnis des Fürsten um das Seelenheil der Untertanen, für die er allerdings mit anderen Verordnungen auch Erleichterungen schafft. So schränkt er 1700 die gewinnorientierte Praxis der Grundherren bei der Neuverleihung von Landwirtschaftsgütern stark ein, dies nicht zu deren Freude. Nur bei den Jagderlassen ist ihm das Vergnügen des Adels wichtiger als die Bedürfnisse der Landbevölkerung.
Religiosität
Die barocke Religiosität der Zeit vor der Aufklärung verdient in der Regel keine besondere Erwähnung. Auch weltliche und kriegstreibende Fürsten sind religiös, selbst wenn sie die Kirche für ihre Eroberungsziele nutzen. Fürsterzbischof Johann Ernst nimmt aber die katholische Religion und ihre gegenreformatorischen Ziele bedeutend ernster als andere geistliche Fürsten des Absolutismus. Dazu gehört auch seine Marienverehrung. 1697 fordert er mit die Würdenträger der Universität auf, seinem Beispiel nachzugehen und öffentlich ein Gelöbnis auf die Verteidigung der unbefleckten Empfängnis Mariä abzulegen. Er erklärt die Immaculata als Patronin des Erzstifts. Privat lebt er asketisch. Er gibt sich mit Ausnahme der Jagd keinen Vergnügungen hin, fastet mit Ausnahme eines abendlichen Gemüsebreis an drei Wochentagen gänzlich und kasteit sich mit einem Strick, den er selbst bei der Jagd mit sich trägt. Musik duldet er nur für kirchliche Zwecke und für Empfänge. Er stösst mit seiner übertriebenen Frömmigkeit auf viel Unverständnis am Hof. Beim Volk kann er sich hingegen, trotz seiner Sittenmandate, dank seinen vielen wohltätigen Stiftungen beliebt machen.
Wohltätige Stiftungen
Wenn heute populäre Medien Johann Ernst mit dem Zunamen «der Stifter» bezeichnen, wollen sie auf die Verdienste des Fürsterzbischofs im Bereich der sozialen Wohlfahrt hinweisen. Er offenbart sich damit, auch im Widerspruch zu einigen seiner Verordnungen, als einsichtiger Politiker, der von der christlichen Wohlfahrt überzeugt ist und damit auch die Werke seiner Vorgänger Markus Sittikus und Paris Lodron fortsetzt.[25]
1688 kauft er das Schloss Mülleck in der Vorstadt Mülln und lässt an seiner Stelle ein Hospital für Pilger und Kranke bauen. Es trägt den Namen St. Johannes-Spital. 1695 ist der Männerflügel, 1704 die Kirche und der Frauenflügel vollendet. Johann Ernst stiftet für das Spital mit über 100 Betten einen Fond von 112 000 Gulden und zusätzlich 1000 Gulden für jedes Lebensjahr des Stifters. Auch die Übernahme der Baukosten werden ihm zugeschrieben. Die Grösse und der Stiftungszweck sind einmalig. In Salzburg sind zu diesem Zeitpunkt nur hospizähnliche Stiftungen bekannt.[26] Schon 1708 werden 863 Männer und 405 Frauen aufgenommen. Die Johannes-Spital-Stiftung reiht sich in die grossen Spitalstiftungen wie dem Ospedale maggiore in Mailand (1457, 1624) oder dem Juliusspital in Würzburg (1576), aber auch dem Welschen Spital in Prag (1602) ein.
1695 stiftet Johann Ernst 30 000 Gulden für die Errichtung einer Mädchenschule unter der Leitung des Schulordens der Ursulinen.[27] Ein erster Standort ausserhalb der Stadt führt nicht zum Erfolg. Erst 1698 weist er den Ursulinen den Standort des ehemaligen Markusspitals in den Gstätten zu, wo er ihnen den Bau der Kirche und des Klosters mit den Schulräumen ermöglicht.
1702 stiftet er für sein schon 1694 begonnenes Priesterhaus an der Dreifaltigkeitsstrasse das Collegium Virgilianum für arme adelige Studenten und das Collegium der Siebenstädter für bürgerliche Studenten. Für das Priesterhaus mit der Dreifaltigkeitskirche kann er auf bereits bestehende Stiftungen zurückgreifen.
Eher merkwürdig für einen Reichsprälaten ist dagegen der militärische St. Ruperti-Ritter-Orden, den er 1701 gründet. Ähnliche dem Malteser-Orden gestaltet, werden aus dem Stiftungskapital 12 Ritter des Adels, die sich an die Ordensregel halten, mit einer Präbende versorgt.
Schon für die Chronisten des 18. Jahrhunderts ist Herkunft der Gelder für die grosse Anzahl der Stiftungen, die alle aus dem Privatvermögen des Fürsterzbischofs stammen sollen, nicht ganz geheuer. Hübner (1792, Band 1) schreibt von einer glücklichen Verbindung mit der holländischen Ostindien-Kompagnie. Spätere Autoren nehmen diesen Hinweis dankbar auf und erläutern die Herkunft der Stiftungsgelder mit den reichen Gewinnen aus der Beteiligung an der Ostindien-Kompagnie. Neuere aufwendige Nachforschungen in den Archiven der Kompagnie bleiben aber ergebnislos, eine Beteiligung von Johann Ernst kann ausgeschlossen werden. Die Herkunft der Gelder bleibt damit weiterhin rätselhaft, wenn nicht von der Selbstverständlichkeit ausgegangen wird, dass der Fürst nebst seinen Einnahmen aus den erzbischöflichen Domanialgüter auch Mittel der Hofkammer nutzt.
Bauherr und Mäzen, Ruhm und Nachruhm
Tetschen
Dem älteren Bruder von Johann Ernst, Maximilian, fällt nach seiner Volljährigkeit die Herrschaft Tetschen (Děčín) am Oberlauf der Elbe zu. Er beginnt um 1670 mit dem barocken Umbau der Schlossanlage und zwischen Schlossgarten und Stadt und lässt 1687–1691 die Heilig-Kreuz-Kirche bauen.[28] Sie wird von Fürsterzbischof Johann Ernst 1691 eingeweiht. In diesem Jahr hält sich Johann Bernhard Fischer[29] in Prag auf und studiert die Werke des führenden Architekten Jean Baptiste Mathey,[30] zu denen auch das Palais von Michael Oswald Thun-Hohenstein, das heutige Palais Toscana, zählt. Ein Kontakt Fischers mit den in Prag anwesenden Thun-Hohenstein, auf Empfehlung der Fürsten von Liechtenstein oder des Grafen Althann, ist denkbar. Fischer ist an der Einweihung in Děčín anwesend.[31] Spätestens anlässlich dieser Einweihung findet auch der erste Kontakt mit dem Salzburger Fürsterzbischof statt.
Johann Michael Rottmayr
Noch bevor der Salzburger Fürsterzbischof erste Kontakte zu Johann Bernhard Fischer knüpft, ist er Mäzen des 1687 aus Venedig zurückgekehrten Malers Johann Michael Rottmayr[32] aus Laufen an der Salzach. Johann Ernst verschafft ihm die ersten Grossaufträge in Salzburg, 1689 die Deckengemälde im Carbinierisaal der Residenz und im Schloss Mirabell. Er wird Hauptauftraggeber von Rottmayr, der für die Familie Thun auch in Cholitce und Prag arbeitet. Rottmayr wird nach 1693 in fast allen Salzburger Bauten von Johann Bernhard Fischer beigezogen. Fischer wird zu seinem zweiten Förderer.
Förderung deutscher Meister
Die Vorgänger von Fürsterzbischof Johann Ernst bevorzugen deutsche Künstler eher selten, und dann nur bei Malern und Bildhauern. Johann Ernst dehnt diese Bevorzugung auf das ganze Bauwesen aus. Dieses zeigt noch Ende des 17. Jahrhunderts eine klare Überlegenheit der «Welschen». Meist sind es geschulte Praktiker mit einer ausnahmslos guten Bauorganisation, zu der auch die Kostengarantie zählt. Diese Tradition wird von den Vorarlberger Baumeistern im Westen des Alten Reiches weitergeführt. Im Gegensatz dazu nimmt der österreichische Adel nach Beendigung der Türkenkriege, ähnlich dem französischen Hof, vermehrt ehemalige Maler, Bildhauer und Offiziere in seine Dienste, die sich in Baukunst weitergebildet haben und sich als rein planende Architekten anbieten. Sofern sie deutscher Abstammung sind, werden sie bevorzugt. Der Salzburger Fürsterzbischof geht allerdings noch einen Schritt weiter. Er stellt den 1685 begonnenen Bau der Kirche und des Klosters der Theatiner (Kajetaner) kurz nach seinem Amtsantritt ein.[33] Unter Bruch der Verträge entlässt er die dort hervorragend arbeitenden «Italiener», zu denen der bauleitende Giovanni Gaspare Zuccalli[34] und die Stuckateure Francesco und Carlo Antonio Brenni[35] zählen. Der Bau des Klosters bleibt bis 1696 unterbrochen. Mit dem schon 1686 erfolgten Wegzug des Hofbaumeisters Giovanni Antonio Dario[36] sind in Salzburg nach dem Regierungsantritt von Johann Ernst welsche Baufachleute nicht mehr in leitender Stellung zu finden.[37]
Johann Bernhard Fischer von Erlach
Für die wichtigsten Bauvorhaben seiner Regierungszeit zieht der Fürsterzbischof Johann Bernhard Fischer aus Wien bei, der 1696 vom Kaiser das Adelsprädikat «von Erlach» erhält.[38] Der spätere «Kaysrl. Hoff⸗Ober⸗Ingenieur» ist ihm seit 1691 bekannt. Er beweist mit dem Beizug Fischers eine glückliche Hand und zeigt viel Verständnis für die in den Spätbarock weisende neue Architektursprache seines Architekten. Johann Ernst wird damit zum Vollender des barocken Salzburg, für das Wolf Dietrich 100 Jahre vorher den Rahmen geschaffen hat. Die Bauwerke der Stiftungen von Johann Ernst zählen dank Fischer von Erlach zu den Höhepunkten der barocken Baukunst um 1700.
Den ersten Auftrag erhält Fischer 1693 mit dem Westportal am Hofmarstall[39] und der östlich anschliessenden Felsenreitschule.[40] 1694 folgt mit der Dreifaltigkeitskirche[41] und den beidseitigen symmetrischen Trakten des Priesterhauses und des Collegium Virgilianum der erste Sakralbau. Im gleichen Jahr beginnt er mit der Wallfahrtskirche Maria Kirchental[42] bei Lofer. 1696 ist Grundsteinlegung für das innovativste Sakralbauwerk Fischers in Salzburg, der Kollegienkirche der Benediktineruniversität.[43] 1699–1705 baut er die Ursulinenkirche[44] mit dem Kloster und den Schulräumen. In den gleichen Jahren baut er auch die Anlage des Johannesspitals mit der Kirche.[45] Ein letzter Bau ist das Jagdschloss Klessheim mit dem sternförmigen Gartenpavillon, die 1709 stuckiert werden.[46]
Pro Deo & Pro Populo
Die beiden Gestalter Salzburgs, der Fürsterzbischof und sein kaiserlicher Architekt, sind begnadete Botschafter in eigener Sache und nutzen die graphischen Medien zu einer gelungenen Inszenierung ihrer Werke.[47] 1701 erscheint ein allegorischer Stich mit dem Titel «Pro Deo & Pro Populo», der Johann Ernst inmitten der Gebäude seiner guten Werke zeigt.[48] Eine weitere Lobpreisung der Tugenden von Johann Ernst erfolgt 1707 anlässlich der Einweihung der Kollegienkirche.[49] Das Schabkunstblatt im Frontispiz zeigt unter dem Titel «Templum Virtutis Thunianae» ein Porträt des Gepriesenen und seine sieben Tugenden vor einer Innenraumarchitektur der Kirche.[50] Ebenfalls 1707 überreicht die Benediktineruniversität anlässlich der Weihe ein Thesenblatt im ungewöhnlich grossem Format (615 mm Breite und 938 mm Höhe), das eine grosse Innenraumperspektive zeigt und im Sockelbereich die Fassaden und den Grundriss der Kollegienkirche enthält.[51] Fischer von Erlach erhält zudem den Auftrag, eine Stichfolge seiner Salzburger Werke herauszugeben. Das Stichwerk ist beim Tod des Fürsterzbischofs mit Ausnahme dreier Stiche der Kollegienkirche noch unvollendet.[52] Diese wird schnell ein vielbeachtetes Werk und Vorbild von Doppelturm-Kirchenfassaden einiger Abteikirchen in den Bistümern Konstanz und Augsburg, wie die dies die Fassade von Weingarten zeigt. Für die Verbreitung sorgen die aus diesen Abteien stammenden Rektoren und Professoren der Salzburger Benediktineruniversität.[53]
|Anhang: Fürsterzbischof Johann Ernst Thun-Hohenstein in Druckgrafik und Bild|
Lebensende
Schon 1702 begründet Johann Ernst die Einsetzung eines Koadjutors mit einem zunehmenden Augenleiden. Franz Anton Graf von Harrach wird zwar 1706 gewählt, aber erst Ende 1708 übergibt Johann Ernst die Regierungsgeschäfte an seinen Nachfolger. Am 20. April 1709 stirbt Johann Ernst von Thun-Hohenstein im Alter von 66 Jahren. Entsprechend seinen Anweisungen wird der Leib in der Domkirche, das Herz in der Dreifaltigkeitskirche, das Gehirn in der Kollegienkirche und die Eingeweide in der Johannis-Spital-Kirche begraben. Er verbindet so nochmals die Orte seiner wichtigsten Stiftungen mit seinem Gedächtnis. Früh bestellt er 1690 sein Epitaph beim Salzburger Bildhauer Andreas Gezinger. Es ist im rechten Querschiff der Domkirche aufgestellt und vom gleichen Typus wie die beiden ersten Epitaphien für Markus Sittikus und Paris Lodron im Chor. Das Porträt im Epitaph wird Frans de Neve II zugeschrieben.[54]
Die Wappen Thun-Hohenstein
Das Stammwappen der Herren von Thun ist in Blau ein goldener Schrägbalken. 1516 vermehren sie das Wappen mit der neu erworbenen Herrschaft Königsberg. Das Wappen Königsberg ist gespalten, heraldisch rechts ist am Spalt in Silber ein halber roter Adler und links in Schwarz ein silberner Balken zu sehen. Der nach diesem Herrschaftserwerb nun gevierte Schild zeigt in Feld 1 und 4 das Stammwappen, in Feld 2 und 3 das Wappen Königsberg. Siebmacher stellt es 1605 vor. Es ist mit zwei Helmen bekrönt. 1619 wird im Herzschild das Wappen Caldes, in Rot ein silberner Balken, zugefügt. Jetzt sind auch drei Helme als Helmzier angebracht. Diesem gevierten Schild Thun-Hohenstein ist immer auch das gespaltene Wappen des Erzstifts Salzburg (vorne in Gold ein schwarzer Löwe und hinten in Rot ein silberner Balken) beigefügt, entweder als separater Schild wie im Dedikationsstich 1707 oder als geteiltes Wappen, unten das quadrierte Wappen Thun-Hohenstein, oben das gespaltene Wappen des Erzstifts. Überhöht wird der Wappenschild meistens mit dem scharlachroten Kardinalshut (Galero) mit sechs Quasten, der dem Erzbischof von Salzburg zusteht. Zusätzlich, wie schon auf dem ersten Stich anlässlich seiner Wahl 1687, kann der Wappenschild auch eine Adelskrone als Helmzier enthalten.
Pius Bieri 2017
|Literatur:

Hübner, Lorenz: Beschreibung der hochfürstlich⸗erzbischöflichen Haupt⸗und Residenzstadt Salzburg, Erster Band. Salzburg 1792.
|Zauner, D. Judas Thaddäus: Chronik von Salzburg, Neunter Theil, Salzburg 1818.|
|Riedl, Johann: Salzburgs Domherren von 1514–1806, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde. Salzburg 1864.|
|Meraviglia-Crivelli, Rudolf Johann: Der böhmische Adel. Mautern an der Donau 1885.|
|Martin, Franz: Salzburgs Fürsten in der Barockzeit. Salzburg 1952.|
|Heinisch, Reinhard Rudolf: Die politische und wirtschaftliche Situation Salzburgs unter Erzbischof Johann Ernst – Der Rahmen für das Wirken Fischer von Erlachs, in: Barockberichte, Heft 18/19, Salzburg 1998.|
|Polleross, Friedrich: Pro Deo & Pro Populo. Die barocke Stadt als «Gedächtniskunstwerk» am Beispiel von Wien und Salzburg, in: Barockberichte, Heft 18/19, Salzburg 1998.|
|Ramisch, Hans: Drei Fürstbischöfe aus dem Hause Thun-Hohenstein als Mäzene barocker Kunst, in: Barockberichte, Heft 31, Salzburg 2001.|
|Juffinger, Roswitha und Brandhuber, Christoph: Familienbande – Der Fürsterzbischof und seine Familie, in: Erzbischof Guidobald Graf von Thun 1654–1668, ein Bauherr für die Zukunft. Ausstellung Residenzgalerie Salzburg 2008.|
|Genealogie (Web):

Genealogie in Salzburg-Wiki
|Stammbaum Johann Cyprian von Thun-Hohenstein in genealogy.eu|
|Die Familie Thun, Familiengeschichte und Stammbäume in thunweb|
Anmerkungen:
[1] Johann Cyprian Freiherr, dann Graf von Thun und Hohenstein (1569–1630), Rat und Kämmerer des Erzherzog Leopold von Tirol, Herr auf Tetschen, Klösterle, Castelfondo und Sarntal; verheiratet mit Anna Maria von Preysing.
[2] Christoph Simon Freiherr, dann Graf von Thun und Hohenstein (1582–1635), Reichsfreiherr 1604, Reichsgraf 1629 , Herr zu Roken, Castelfondo, Königsberg und Sarntal sowie Tetschen, Klösterle, Choltitz und Felixburg. Begründer der böhmischen Vermögen, Geheimer Rat und Kämmerer sowie Obersthofmeister Ferdinands III., Grossprior des Malteser-Ordens in Ungarn, sowie Komtur in Klein Öls, Eger und Bozen.
[3] Johann Siegmund Graf von Thun-Hohenstein (1594–1646), böhmischer Statthalter. Er heiratet 1612 Barbara von Thun-Caldes (†1618), 1628 Anna Margarethe Gräfin von Wolkenstein-Trostburg (†1635) und 1637 Margaretha Anna von Oettingen-Baldern (†1684). Siehe auch den Stammbaum der Familie von Johann Siegmund oder den vollständigen Stammbaum der böhmischen Linie im Thun-Web unter www.thunweb.com/pdf.
[4] Prag ist Lebensschwerpunkt der Mutter. Hier heiratet sie 1637 und hier stirbt sie 1684. In Prag wird 1639 auch der zweite Sohn Franz Siegmund geboren. Die Geburtsorte der weiteren Geschwister aus dritter Ehe bleiben mit Ausnahme von Johann Ernst ungenannt. Für ihn wird ohne Quellenangeben meist der Südtiroler Familiensitz Castelfondo genannt, auf dem vor dem Wohnsitzwechsel der Familie nach Böhmen als Letzter 1616 noch Guidobald geboren wird. Markus Hansiz SJ nennt 1729 quellenbasiert als Geburtsort Prag (in: Archiepiscopatus Salisburgensis chronologice propositus, Seite 843) und Zauner (1818, Seite 1) bestätigt dies. Wie spätere Historiker zur Nennung Castelfondo oder Graz (Martin 1952) kommen, ist nicht nachvollziehbar.
[5] Margaretha Anna von Oettingen-Baldern (um 1618–1684), Tochter von Ernst I., Graf von Oettingen zu Baldern, heiratet 1637 in Prag Johann Siegmund Graf von Thun-Hohenstein.
[6] Guidobald Graf von Thun-Hohenstein (1616–1668). Fürsterzbischof von Salzburg 1654–1668. Bischof von Regensburg 1666–1668. Kardinal 1667–1668.
[8] Rudolph Guidobald Graf von Thun (1644–1697) tritt ins Prager Kapuzinerkloster ein. 1663 ermöglicht er dank seines Erbverzichts die Heirat des hochverschuldeten Bruders Maximilian mit Maria Franziska Gräfin von Lodron, einer Nichte des vormaligen Fürsterzbischofs von Salzburg.
[9] Die Literatur zu Johann Ernst ist rudimentär. Eine erste Biografie liefert Hansiz 1729, Seiten 842–889. Eine zweite Biografie von D. Judas Thaddäus Zauner 1818 ist zudem die letzte umfassende Darstellung. Beide Biografien umfassen nur die Jahre seines Episkopates 1687–1709.
[10] Sein Halbbruder Wenzeslaus stellt 1663 anlässlich der neuen Domherrensitze in Salzburg und Passau besorgt fest, dass dem jüngeren Halbbruder «das Pfaffenleben noch nicht allerdings recht eingehet» (noch nicht verinnerlicht hat) und wünscht ihm, dass er sich so verhalte, wie es sich einem edlen Pfaffen geziemt.
[11] Max Gandolph Graf von Kuenburg (1622–1687) ist 1668–1687 Fürsterzbischof in Salzburg. Er ist rigoroser Bekämpfer der Protestanten. Unter ihm findet 1684–1686 eine Protestantenvertreibung mit Einbehaltung der Kinder statt. Unrühmlich ist auch das Kapitel der Hexenverfolgungen in Salzburg zwischen 1675 und 1679/81. Er ist verantwortlich für die Hinrichtung von 153 vielfach jugendlichen Personen (das jüngste Opfer ist zehn Jahr alt!) aus randständigen Gruppen, deren Geständnisse unter Folter erpresst worden sind.
[13] Nicolò Machiavelli schreibt in «Der Fürst», Kapitel XVIII : «Ein kluger Herrscher kann und soll daher sein Wort nicht halten, wenn ihm dies zum Schaden gereicht und die Gründe, aus denen er es gab, hinfällig geworden sind».
[14] Franz Anton Graf von Harrach zu Rorau (1665–1727) aus Wien. Er wird 1685 Domherr in Passau und 1686 in Salzburg, wo er 1687 sein Residenzjahr leistet und 1690 Kapitular wird. 1691 ist er Dompropst in Passau, 1692 Passauer Geistlicher Rat. 1701 wird er, obwohl nicht Kapitular, mit Konsens von Kaiser Leopold I. als Koadjutor des Wiener Fürstbischofs eingesetzt. 1702 ist er Fürstbischof von Wien. 1705 einstimmige Wahl zum Koadjutor des Salzburger Fürsterzbischofs. 1706 resigniert er als Fürstbischof von Wien und wird am gleichen Tag vom Kaiser Joseph I. zum Reichsfürsten ernannt. Er residiert jetzt in Salzburg. 1709–1727 ist er Fürsterzbischof von Salzburg.
Quelle: Tagebuch oder «Notata» des Franz Anton Fürsten von Harrach.
[16] Das Augenlicht soll schon 1695 derart schlecht sein, dass er keine Messen mehr lesen kann. Kurzsichtigkeit? Denn gleichzeitig geht er ja dauernd auf die Jagd. Der Widerspruch fällt offenbar nicht auf.
[17] Rudolf Joseph Graf von Thun (1652–1702) aus Vigo di Ton, Sohn von Maximilian aus der Linie Castel Thun (Ton). 1690 setzt ihn Johann Ernst als Fürstbischof von Seckau ein.
[18] Georg Jacob Anton Graf von Thun (1665–1714) aus Malè, Schloss Croviana. Sohn von Karl Cyprian aus der Linie Thun-Caldes-Croviana. Er wird 1699 Hofratspräsident, 1712 Geheimrat und 1713 Dompropst.
[19] Johann Jakob Maximilian (1681–1741) aus Malè. Sohn von Georg Virgil aus der Linie Castel Caldes. 1708 ernennt ihn Johann Ernst zum Fürstbischof von Gurk.
[20] Ernst Joseph Alois Graf von Thun (1667–1705) aus Trient, Sohn des Alphons Franz aus der Linie Castel Brughier. Er wird 1705 auch Geheimer Rat, verunglückt aber im gleichen Jahr zur See auf der Rückreise aus Lissabon. Der Sohn seines Bruders Joseph Johann Anton wird später Fürstbischof von Passau (Joseph Maria, geb. 1713 in Trient, 1761-1763 Fürstbischof von Passau).
[21] Christoph Anton Simon Graf von Thun aus Coredo (1635–1712), Sohn des Georg Siegmund aus der Linie Caldes. 1688 wird er Salzburgischer Kriegsrat und Kommandant von Hohensalzburg, 1693 Geheimer Rat.
[22] Zitat Franz Martin (1952)
[23] Die Hälfte der Talbevölkerung widersetzt sich der Rekatholisierung und wird ausgewiesen. 300 Kinder werden zurückgehalten und katholischen Pflegeltern übergeben. Das Defereggental liegt südlich des Alpenkamms bei Lienz.
[24] Das Gässelgehen ist ein Werbeverhalten junger Männer, die nachts heiratsfähige Mädchen ans Fenster locken und «wohl gar Unzucht treiben» (Zauner 1818). Das Gässelgehen ist in Europa unter zahlreichen Bezeichnungen wie Kiltgang oder Fensterln bekannt.
[25] Fast jeder seiner Vorgänger ist auch Stifter. Speziell zu erwähnen sind Markus Sittikus und Paris Lodron. Markus Sittikus von Hohenheim stiftet das Markusspital in den Gstätten und das Konvikt mit der «Hohen Schule», der nachmaligen Universität, zu der Paris Lodron mit dem Stiftungskapital beiträgt. Paris Lodron ist auch Stifter des Collegiums Marianum und des Collegiums Rupertinum.
[26] Leprosenhaus Mülln (47 Siechen), Bürgerspital an der Getreidegasse (50–90 Pfründner), Bruderhaus St. Sebastian an der Linzergasse (60 Pfründner und 33 Unterpfründner), Markusspital in der Gstätten (14 Kranke, 1617 gestiftet, 1624 von den Barmherzigen Brüdern verlassen, 1669 durch Bergsturz zerstört), Erhardspital im Nonntal (24 Pfründer und Pfründnerinnen).
[27] Zum Orden der Ursulinen siehe das Glossar «Kirche» in dieser Webseite.
[28] Die Altstadt von Děčín wird nach 1945 zerstört. Das Schloss und der Garten sind heute stark verändert, die Heilig-Kreuz-Kirche und ihre nähere Umgebung aber vollständig erhalten. Ihr Schöpfer ist unbekannt. Hans Sedlmayr in: Johann Bernhard Fischer von Erlach (1997) vermutet den Prager Maler und Liebhaberarchitekten Jean-Baptiste Mathey als Planer. Mathey ist Planer des Prager Palais von Michael Oswald, dem heutigen Palais Toscana. 1683/85 stellt ein weiterer Bruder von Johann Ernst, Romedius Konstantin, in Cholitce den Schlossneubau und 1691 die Schlosskirche St. Romedius fertig. Auch hier ist Johann Ernst mitbeteiligt und schenkt 1691 das Altarblatt von Johann Michael Rottmayr. Der Bau wird ebenfalls Jean-Baptiste Mathey zugeschrieben, die Ausführung aber dem Umkreis der Mitarbeiter im Bautrupp Lurago. Die Verknüpfung der Familie Thun-Hohenstein mit Jean-Baptiste Mathey ist bedeutend intensiver als bisher dargestellt.
Gehe zur Vogelschauansicht von Schloss und Stadt Tetschen (in Mauritius Vogt «Das jetzt-lebende Königreich Böhmen», Frankfurt am Main 1712.
[30] Jean-Baptiste Mathey (1630–1695) Maler und Architekt aus Dijon. Um 1655 in Rom. 1675-1694 in Prag.
[31] Hans Ramisch (Barockberichte 2001) ist überzeugt, dass es sich bei der Heilig-Kreuz-Kirche von Děčín um ein Frühwerk von Johann Bernhard Fischer handelt. Er sieht die Verbindung Fischers zu den Thun-Hohenstein auch in ihrer engen Verwandtschaft mit den Wiener Fürsten von Liechtenstein. Maximilian von Thun-Hohenstein, der Herr auf Děčín ist seit 1680 mit Maria Maximiliana von Liechtenstein, Tochter von Hartmann, verheiratet. Ihr Bruder, Anton Florian von Liechtenstein ist schon seit 1679 mit Eleonore Barbara von Thun-Hohenstein, der Tochter von Michael Oswald, verheiratet. Der 1686 aus Rom zurückgekehrte Fischer arbeitet 1687–1689 für Fürst Johann Adam Andreas von Liechtenstein, einem Cousin von Anton Florian. Dieser ist aber nie Bauherr von Johann Bernhard Fischer, der schon 1690 für die Grafen Althann arbeitet. Trotzdem dürfte der Kontakt Fischers zu den Thun-Hohenstein den Empfehlungen der Fürsten Liechtenstein zu verdanken sein. Zu Johann Bernhard Fischer von Erlach siehe die Biografie in dieser Webseite.
[33] Ursache der Arbeitseinstellung und des Konflikts mit den Theatinern sind eigentlich die Benediktiner, die eine Konkurrenz der Theatiner in der Lehrtätigkeit bekämpfen und in der Wahlkapitulation 1687 ein Verbot erreichen. Warum dann Johann Ernst diesen Artikel als einer der einzigen akzeptiert, ist nicht erklärbar. Erst nach einer päpstlichen Intervention wird 1696 weitergebaut, nun sogar mit einer zusätzlichen Stiftung des Fürsterzbischofs. An der Fassade der 1700 eingeweihten Kajetaner- oder Theatinerkirche ehren aber die Theatiner nur seinen Vorgänger.
[34] Giovanni Gaspare Zuccalli (1637–1717), auch Johann Kaspar von Zuccalli, aus Roveredo im Misox (Graubünden). Viele Quellen zu seiner Salzburger Tätigkeit sind falsch. Hier baut er die Kajetanerkirche und die Erhardskirche im Nonntal. Falschzuschreibungen sind die Dombögen und der Carabinieri-Saal in der Residenz. Giovanni Gaspare Zuccalli verlässt Salzburg um 1688. Eine auch in der Salzburgwiki (Stand August 2017) genannte Hofbaumeisterstelle in Salzburg von 1689–1693 kann ebenfalls nicht stimmen, denn Giovanni Caspare Zuccalli prozessiert um diese Zeit gegen den Salzburger Hof und gegen Fürsterzbischof Johann Ernst wegen nicht bezahlter Honorare aus den Verträgen vor 1687, was nicht mit einer Hofstelle vereinbar ist. Zu ihm siehe auch den Stammbaum Zuccalli in dieser Webseite.
[35] Zu Francesco und Carlo Antonio Brenni siehe die Biografien in dieser Webseite. Sie sind zwar noch 1689 im Carabinierisaal der Residenz tätig, müssen aber um die vereinbarten Akkordzahlungen aus der Tätigkeit bis 1687 ebenfalls gegen den Fürsterzbischof prozessieren.
[36] Giovanni Antonio Daria (~1630-1702) aus Pellio im Val d'Intelvi, Hofbaumeister in Salzburg 1650-1686. Hauptwerk ist die Wallfahrtskirche Maria Plain (1671–1674).
[37] Dies im Gegensatz zu Wien, wo Domenico Martinelli aus Lucca noch bis 1705 eine beherrschende Stellung ausübt und Giovanni Pietro Tencalla aus Bissone bis 1701 kaiserlicher Hofbaumeister ist. Auch in Salzburg bleiben italienische Stuckateure unter der Regie von Johann Bernhard Fischer weiterhin tätig. Dass dies bei seinen Salzburger Bauten wieder Italiener sind, ist nicht erstaunlich. Fischer kennt aus seiner Tätigkeit in Wien und Böhmen keine ihm genügenden deutschen Meister, denn die Wessobrunner haben sich um 1700 erst zwischen Inn und Rhein einen Namen gemacht.
[38] Fischer wird vor allem für die Bauten der Stiftungen beigezogen. Für weitere Bauten unter der Regierung von Johann Ernst, wie zum Beispiel der 273 Meter langen Mirabell-Kaserne (1685–1697), werden keine Planer genannt.
[47] Mit der Aufführung des gewaltigen Bühnenepos «Pietas vixtrix» (Milde und Frömmigkeit siegt) von Nicolaus Avanicini SJ am Wiener Hof 1656 beginnt die Verherrlichung des österreichischen Herrscherhauses und der Reichskirche, vorerst auf der Bühne, dann nach dem Vorbild Versailles und der dortigen Inszenierung des Sonnenkönigs vermehrt im Druck. Allegorische Stiche mit dem Mittelbild Leopold I. (Philipp Kilian, Augsburg, vor 1693), aber auch römische Stiche mit dem Porträt des Papstes Sixtus, umgeben von den Darstellungen seiner Werke, sind Vorbilder für die Stiche der tugendhaften Werke des Johann Ernst von Thun.
[49] Der Titel der Dedikationsschrift lautet: «Templum virtutis immortalibus honoribus celsissimi et reverendissimi S.R.I. principis ac domini, Domini Ioannis Ernesti, ex Comitibus de Thun, archi-episcopi Salisburgensis, s. sedis apostolicae legati, germaniae primatis, &c. &c. principis ac domini, domini clementissimi : consecratum ab Universitate Benedictina Salisburgensi, cùm templum academicum ab eodem magnificenitssimè aedificatum dedicaretur, anno M.DCC.VII. die 20. Novembris».
[50] Das Frontispiz-Schabkunstblatt der Dedikationsschrift trägt den Titel «Templum Virtutis Thunianae». Stecher ist Johann Georg Baumgartner nach einer Zeichnung von Johann Friedrich Pereth. Es zeigt Johann Ernst von Thun mit den Darstellungen seiner sieben Tugenden Pietas, Clementia, Prudentia, Justizia, Misericordis und Religio.
[52] Fischer verwendet die Zeichnungen später für sein eigenes Werk, dem «Entwurf einer Historischen Architectur».
[54] Frans de Neve, der Jüngere (1632–1704) aus Antwerpen.
Das Porträt von Johann Ernst Graf Thun-Hohenstein ist dem Stich «Pro Deo & Pro Populo» entnommen, in welchem der Fürsterzbischof inmitten seiner guten Werke dargestellt und, vor allem im begleitenden Text, verherrlicht wird. Der Stich erscheint erstmals 1701 als Frontispiz einer Predigtsammlung mit Lobpreisungen des Fürsterzbischofs in Bezug auf seine Stiftungen. Zum Stich siehe den Beschrieb im Text der Webseite.
Bildquelle: Frontispiz einer Predigtsammlung, Augsburg 1701, nach Zeichnung von Johann Friedrich Pereth (fec.), gestochen von Philipp Anton Leidenhofer (sculpsit).
|Johann Ernst Graf von Thun-Hohenstein (1643–1709)|
|Biografische Daten||Zurück zum Bauwerk|
|Geburtsdatum||Geburtsort||Land 18. Jahrhundert|
|6. Juli 1643||Prag||Böhmen|
|Titel und Stellung||Regierungszeit|
|Fürsterzbischof von Salzburg||1687–1709|
|Sterbedatum||Sterbeort||Land 18. Jahrhundert|
|20. April 1709||Salzburg A||Erzstift Salzburg|
|Kurzbiografie|

Johann Ernst Graf Thun-Hohenstein ist 1687–1709 Fürsterzbischof von Salzburg. Er entstammt einer böhmischen Adelsfamilie. Zwei seiner älteren Halbbrüder auf dem Fürstenthron von Salzburg und Passau ebnen ihm den Weg in der Reichskirche. Über seine Jugendjahre und Ausbildung ist nichts bekannt. Vor der Wahl in Salzburg ist er Fürstbischof von Seckau. In Salzburg regiert er radikal absolutistisch. Sein Ruhm und Nachruhm gründet in den vielen Stiftungen und ihren Bauwerken. Als erster Fürst schaltet er welsche Meister aus, beweist aber mit dem Beizug des kaiserlichen Hofarchitekten Johann Bernhard Fischer eine glückliche Hand. Seine Regierung bedeutet auch die endgültige Einordung Salzburgs in den österreichischen Einflussbereich.
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