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Der Fluch des geschenkten Geldes
Der Ökonom Michael Pettis, Professor an der Peking University, hat einen überraschenden historischen Vergleich angestellt (hier). Um Griechenlands Problem in der Eurozone verständlich zu machen, verweist er auf die Reparationszahlungen, die Frankreich von 1871 bis 1873 an Deutschland leistete.
Die Grundidee ist folgende: Länder, in die grosse Kapitalströme fliessen, zahlen einen enormen Preis, wenn sie einen fixen Wechselkurs haben. Kurzfristig steigen zwar Immobilienpreise und Löhne, aber sobald der Zufluss versiegt, folgt eine verheerende Wirtschaftskrise. Die Immobilienkrise erhöht die privaten Schulden und mit einer Verzögerung auch die staatlichen Schulden, und die relativen hohen Löhne verunmöglichen es, dass ein Land über die Exporte aus der Krise herauswachsen kann.
Griechenland erlebte einen solchen Boom, nachdem der Euro eingeführt worden war. Die folgende Grafik zeigt das Ausmass des Zuflusses. Von Januar 2002 bis September 2008 wuchs der Anteil des ausländischen Privatkapitals von 30 Prozent auf 80 Prozent des griechischen BIP (Quelle).
Dann begann der Zufluss zunächst zu stagnieren, ehe er drastisch zurückging. Um Griechenland vor einer Liquiditätskrise zu bewahren, sprangen die staatlichen Gläubiger ein.
Was hat das nun mit Deutschland zu tun?
Pettis verweist auf die Reparationszahlungen nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870–71, um zu zeigen, dass Deutschland vor 150 Jahren eine ähnliche Erfahrung wie das heutige Griechenland machte. Ob dieser Hinweis zur Lösung der Eurokrise beiträgt, ist fraglich. Auch ist die historische Analogie nicht ganz stimmig. Das Deutsche Kaiserreich war wirtschaftlich ungleich erfolgreicher als Griechenland. Aber die Zeit von 1871 bis 1873 ist in der Tat eine äusserst interessante Periode der europäischen Wirtschaftsgeschichte.
Nach der Niederlage war Frankreich gezwungen, fünf Milliarden Goldmark an Deutschland zu zahlen. Das entsprach 23 Prozent des französischen BIP bzw. etwa 20 Prozent des deutschen BIP. Auf den ersten Blick würde man meinen, dass Frankreich der grosse Verlierer dieser Reparationszahlungen gewesen war. Das war aber nur kurzfristig der Fall. Deutschland zahlte den höheren Preis.
Warum?
Frankreich konnte das Geld relativ mühelos am einheimischen Kapitalmarkt aufnehmen, unter anderem mit der Hilfe von ausländischen Investoren, darunter auch deutschen. 1873 war bereits die ganze Summe überwiesen. Durch die Verschuldung am Kapitalmarkt stiegen zwar die französischen Staatsschulden beträchtlich an, aber das Land war wirtschaftlich stark genug, um diese tragen zu können.
Deutschland hingegen erhielt in kurzer Zeit so viel Kapital, dass es einen enormen Boom erlebte. Immobilienpreise und Aktienkurse schossen in die Höhe. Auch die Löhne wuchsen deutlich stärker als bei den wichtigsten Handelspartnern. Und weil damals alle europäischen Länder fixe Wechselkurse hatten, nahm die preisliche Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Exportsektors ab. Deutschland litt unter dem Fluch des geschenkten Geldes.
Bereits 1873 kehrte die Konjunktur, und das junge Deutsche Kaiserreich erlebte eine schwerwiegende Rezession, auch bekannt unter dem Namen Gründerkrach. Die Krise dauerte mehrere Jahre und ist vom Typ her durchaus vergleichbar mit dem, was wir in den letzten Jahren in Südeuropa beobachtet haben. Es herrschten nicht gerade griechische Verhältnisse, aber der wirtschaftliche Einbruch war traumatisch.
Auch politisch hatte die lange Krise grosse Auswirkungen. 1878 wandte sich Reichskanzler Otto von Bismarck von der Zusammenarbeit mit den Nationalliberalen ab und schmiedete mit den Agrariern und den Ruhrindustriellen das Bündnis aus «Roggen und Eisen», um den Freihandel zu begrenzen. In das Jahr 1878 fällt auch die Verabschiedung des Sozialistengesetzes, das sozialistische und sozialdemokratische Organisationen und deren Aktivitäten im Deutschen Reich verbot.
Etwas Ähnliches sehen wir in Griechenland: Lange Krisen verursachen immer einen hohen politischen Kollateralschaden.