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Etrit Hasler über die grösste Wrestlingshow aller Zeiten – in Nordkorea
1995 steckte die nordkoreanische Diktatur in der vielleicht tiefsten Krise ihrer Geschichte: Der Zusammenbruch der Sowjetunion hatte das isolierte Land seines grössten Handelspartners beraubt, die Landwirtschaft lag aufgrund von Überschwemmungen darnieder, und der ewige Diktator Kim Il Sung hatte das Land nach einem Herzinfarkt seinem Sohn «vererbt». Die Menschen flüchteten in Scharen nach China und Südkorea, und es sah sehr danach aus, als wäre die «Demokratische Volksrepublik Nordkorea» bald nur noch ein Schreckgespenst der Geschichte.
Doch der frische, wenn auch nicht mehr ganz junge Kim Jong Il (damals 53 Jahre alt) bewies sich schnell als der Diktator, als den wir ihn bis zu seinem Tod kannten: ein offensichtlich Irrer mit Hang zu grossen Inszenierungen. Als es seinem Volk so dreckig ging wie nie zuvor, organisierte er als PR-Coup den grössten Wrestlingevent in der Geschichte des Sports: das «Pyongyang International Sports and Culture Festival for Peace», unter Wrestlingkennern bis heute als «Collision in Korea» bekannt.
Eingefädelt von CNN-Besitzer Ted Turner, der Anfang der neunziger Jahre mit Gründung der World-Championship-Wrestling-Liga (WCW) ins Sportgeschäft eingestiegen war, und der japanischen Wrestlinglegende Antonio Inoki, wurde am Wochenende des 28./29. April 1995 im 1.-Mai-Stadion in Pjöngjang ein Wrestlingevent aus dem Boden gestampft – das Regime erhoffte sich davon nicht weniger als eine Demonstration seiner «ungebrochenen Lebenskraft».
Inoki seinerseits hatte schon genügend Erfahrung im Mischen von Politik und Wrestling. Er bekleidete seit 1989 einen Sitz im japanischen Sangiin (Senat) und hatte seine Wiederwahl gesichert, indem er 1990 in den Irak gereist war und dort im Gegenzug zur Freilassung von 41 japanischen Geiseln einen Wrestlingevent veranstaltet hatte.
Mit viel Aufwand wurden nun also Wrestler und Prominente nach Pjöngjang gelotst. Das Programm liest sich wie eine Liste der Legenden: von US-amerikanischer Seite Scott «Flash» Norton, die Steiner Brothers Rick und Scott, Road Warrior Hawk (eine Hälfte der Legion of Doom, die mit ihren Zweimann-Moves den Tag-Team-Wettbewerb revolutionierte), von japanischer Seite Exsumoringer Tadao Yasuda, der amtierende japanische Champion Shinya Hashimoto und ein gewisser Hiroshi Hase. Falls Sie diesen Namen noch nie gelesen haben: Er sitzt seit 2015 als Sportminister im Kabinett von Shinzo Abe.
Zum Final der zweitägigen Show gab es einen Match zwischen Ric Flair, dem vielleicht erfolgreichsten US-Wrestler aller Zeiten (mit je nach Zählweise 16 bis 25 Weltmeistertiteln), und Inoki. Letzterer schaffte es auch noch, Muhammad Ali nach Nordkorea zu bringen, gegen den er 1976 einen der ersten Mixed-Martial-Arts-Kämpfe überhaupt bestritten hatte.
Der Erfolg blieb – zumindest vor Ort – nicht aus. Die offiziellen Stellen Nordkoreas sprachen von 355 000 ZuschauerInnen (anwesende Journalisten schätzten eher um die 310 000) – ein Zuschauerrekord, der bis heute ungebrochen ist. Der Rest der Welt betrachtete das Treiben eher befremdet mit ein wenig Hofberichterstattung von CNN und je einer Kurzmeldung von AP und Reuters. Die Gefängnisstrafen, die einige US-Wrestler für den illegalen Besuch Nordkoreas erwartet hatten, blieben aus.
Der Rest ist Geschichte: Turner verkaufte fünf Monate später sein Medienunternehmen an Time Warner, die WCW ging 2001 ein. Antonio Inoki wurde 1995 aus dem japanischen Parlament abgewählt, nicht zuletzt wegen illegaler Reisen nach Nordkorea, wurde jedoch 2013 erneut gewählt. Das Regime in Nordkorea ist der Welt als Schreckgespenst erhalten geblieben. Und als Kim Jong Ils Sohn Kim Jong Un die Diktatur übernahm, reiste Antonio Inoki nach Nordkorea und organisierte 2014 – wen überraschts – eine Wrestlingshow.
Etrit Hasler fragt sich, wieso Donald Trump eigentlich nicht Antonio Inoki zu seiner Amtseinführung eingeladen hat. Jenen, die sich ausführlicher für die Geschichte interessieren, empfiehlt er Dan Greenes «Oral History of Pro Wrestling’s 1995 Historic Excursion into North Korea» auf der Website von «Sports Illustrated».