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Das Dufour-Schulhaus / L' école Dufour 1892
Gottlieb Hauser jun. (1883-1963), Generalagent der
«Schweizer Uhrmacher Genossenschaft Alpina»
Schüler vom Progymnasium Biel von 1892 bis 1897
Dieser Artikel beruht auf Zitate von Gottlieb Hauser jun., erschienen 1954 als Fortsetzungsgeschichte in der «Schweizer Uhrmacherzeitung» unter dem Titel «Heiteres und Ernstes aus dem Leben eines Uhrenvertreters».
Während 44 Jahren, von 1903 bis 1947, bereiste Hauser jun. als Auslandsvertreter der «Alpina Union Horlogère AG» hauptsächlich Osteuropa und den Balkan und besuchte
17 Länder.[1]
Die Eltern
Gottlieb Hauser sen. stammte aus Stadel im Wehntal. Er war der Sohn von Bauersleuten. Landwirtschaft interessierte ihn nicht, denn er wollte die Uhrmacherei erlernen und so schickte ihn sein Vater in das nahegelegene Bülach in die Lehre. Danach kam er nach Meilen am Zürichsee. Seine spätere Gesellenzeit verbrachte er in Lyon, Marseille und London, von wo aus er nach Australien auswandern wollte. Seine alte, betagte Mutter hielt ihn aber zurück. Als Uhrmacher führte er in Winterthur ein Uhrengeschäft unter dem Namen «G. Hauser-Witzig» im sogenannten «Zyt» (Zum «Zeit»). Später übersiedelte er in das Haus «Zum Wilhelm Tell» in der Marktgasse.[1]
Inserat von 5. 2. 1887, erschienen in der Neuen Zuger Zeitung.
Gründung der Schweizerischen Uhrenmacher-Genossenschaft
Gottlieb Hauser jun.: «Als ich am 1. April 1883 in Winterthur geboren wurde, gründete mein Vater mit einigen Uhrmacherkollegen, darunter der damalige Uhrmacher und Redaktor Christian Graf-Link von der Schweizerischen Uhrmacherzeitung, in der ‹Kronenhalle› in Zürich die ‹Schweizerische Uhrmacher Korporation›. Später wurde diese unter dem Namen ‹Alpina Union Horlogère AG› zur ältesten und grösste Uhrenverkaufsorganisation dieser Art ist.» [1] Der Alpina-Prospekt von 1941 beschrieb die Gründung wie folgt: 1883 trafen sich 7 Schweizer Uhrmacher anlässlich der ersten offiziellen Landesausstellung in Zürich und unterhielten sich über die Lage des Uhren-Detailhandels und seine Schattenseiten. Alle waren sich einig, dass zu viele unbekannte Uhren und verschiedene Kaliber angeboten wurden, dass die Qualität oft sehr ungenügend war und dass die Uhrmacher sich gegenseitig eine sinnlose Konkurrenz machten. Auf Veranlassen von Gottlieb Hauser sen. gründen sie eine Vereinigung, deren Programm sich durch neuartige Richtlinien auszeichnete:
1. durch gemeinschaftlichen Einkauf oder Fabrikation sich vorteilhafte Preise zu sichern
2. infolge der zusammengefassten Einkaufskraft Einfluss auf die Fabrikation zu gewinnen
3. das Lager einfacher zu gestalten.[3]
Zweck des 1886 zur «Schweizerische Uhrenmacher-Genossenschaft» SUG (Association horlogère suisse) umgewandelten Unternehmens war, den Mitgliedern durch Benutzung gleicher Bezugsquellen grössere Berufsvorteile zu verschaffen. Aktives Genossenschaftsmitglied wurde jeder in der Schweiz etablierte Uhrenmacher, welcher nach schriftlicher Anmeldung durch den Vorstand aufgenommen wurde, das Eintrittsgeld bezahlt und eine Realkaution von Fr. 500.- geleistet hatte. Unter den gleichen Bedingungen konnten auch im Ausland etablierte Uhrenmacher Mitglieder der Genossenschaft werden. Sitz der Genossenschaft war zuerst die Marktgasse 447 in Winterthur, mit Gottlieb Hauser sen. als Präsident.[4] Ein wichtiger Gedanke der «SUG» war es, zur Qualitätssteigerung, die Lehrlingsprüfungen zu einer obligatorischen zu machen.
Umzug von Winterthur nach Biel
Hauser jun.: «Am 1. Februar 1890, ich war gerade Schüler der 1. Primarschulklassen in Winterthur, fasste mein Vater den Entschluss, die Genossenschaft, die in den ersten Jahren ihrer Tätigkeit in seinem Uhrengeschäft in Winterthur geführt wurde, nach dem Uhrenzentrum Biel, der sogenannten ‹Zukunftsstadt›, zu verlegen und sein Geschäft in Winterthur zu verkaufen. Hier ist dann das Unternehmen aus den allerkleinsten Anfängen zu seiner späteren Bedeutung gelangt.» Der Vorstand bestand aus fünf und der Verwaltungsrat aus drei Mitgliedern, einem Verwalter für den Verkauf, einem Leiter für die Fabrikation und die Kontrollstelle. Präsident und zugleich Verwalter war Gottlieb Hauser sen. in Biel, als Vize-Präsident amtete Erhard Baur von Küsnacht, Kanton Zürich. Als offizielles Publikationsorgan galt die schweizerische Uhrmacherzeitung in Romanshorn.
Foto links: Das Doppelhaus des ehemaligen Vergolders Voirol an der Neuengasse Nr. 5, wo Hauser sen. im Parterre des linken Traktes die 2 ½ Zimmerwohnung als
Domizil für die von ihm gegründete «Schweizer Uhrmacher Genossenschaft» (SUG) mietete und wo sie einige Jahre ihren Sitz hatte. Als eine weitere Adresse gab das Bieler Adressbuch 1901 die
Dufourstrasse 45 an.
Arbeit zwischen den Schulstunden
Hauser jun.: «Unsere Familie war in den ersten Jahren mit der Genossenschaft in ständigem Kontakt. So besorgten wir vier schulpflichtigen Kinder abwechslungsweise die sogenannten ‹Kommissionen›. Die Genossenschaft konnte sich keinen eigenen Kommissionär leisten. So mussten wir zwischen den Schulstunden die Heimarbeiter besuchen, Aufträge hintragen und abholen, da die Genossenschaft mit der Zeit auch einen Reparaturdienst für ihre Mitglieder unterhielt. Es waren das die Vergolder, die Polisseuses, die Federnmacher, die Steinmacher (pierristes), die Vernickler und Oxideure, die Zeigermacher, die Schalenmacher, die Graveure, die Regliererinnen, die Kronen- und Pendantfabrikanten, die Rochetsschleifer, Spiralfabrikanten, die Schraubenpolisseuses, die Secreterzeuger, die Assortimentmacher, Glassetzer usw. Ein interessanter Hinweis diesbezüglich befindet sich im Generalversammlungsprotokoll der ‹Schweizerischen Uhrmacher-Genossenschaft› vom 7. Mai 1893, wo auch zum ersten Mal mitgeteilt wurde, wie das Personal bezahlt wurde. Dort heisst es: Es erhielten pro Monat Gottlieb Hauser sen. (Verwalter) Fr. 300.–; Frl. Hirs, Buchhalterin, Fr. 100.–; Bucher, Lehrling, Fr. 50.–. Ausserdem bezog Hauser sen. für die Reinhaltung der Lokalitäten und für die Kommissionen durch seine Knaben eine Zulage von Fr. 200.–. Dem Remonteur Wirz wurde ein Taggeld von Fr. 5.50.– zugebilligt.»
Die verlorene Uhrenschale
Hauser jun.: «Meine damals 12-jährige Schwester, welcher an der Reihe war, die Kommissionen während eine Woche zu besorgen, verlor abends auf dem Weg vom Schalenmacher nach Hause eine Herrengoldschale. Zu Hause gab es einen grossen Krach. Es war Winter und abends setzte Schneefall ein, der die ganze Nacht durch anhielt, sodass in der Frühe 50 cm Schnee in den Strassen lag. Abends zuvor gingen wir schon alle auf die Suche nach der Goldschale, aber vergebens, der Schnee verdarb alles. Kurzentschlossen, da man den Weg, den meine Schwester einschlug, genau kannte, telefonierte mein Vater an das Gemeindeamt, der Schneesauberer möchten in der Frühe auf jenem Weg hinter dem Schneepflug genau nachsehen, ob sie nicht ein Päckchen mit einer Goldschale finden würden. Am anderen Tag kam die telefonische Verständigung vom Gemeindeamt, die Goldschale sei gefunden worden.»[1]
Schüler am Progymnasium Biel
In Biel besuchte Gottlieb Hauser jun. die Primarschule, dann im Dufourschulhaus von 1892 bis 1897 das Progymnasium. Einer seiner Klassenkameraden war der 1. Bieler Altstadtleistpräsident Eduard Amsler (1882-1937). Im Anschluss daran verbrachte er ein Jahr in der welschen Schweiz in Renan, im Sankt-Immer-Tal, beim Pedometer Fabrikanten Wuilleumier, um Französisch zu lernen.[1]
Lehrzeit an Uhrmacherschule Biel von 1898 bis 1901
Hauser jun.: «Aus dem Welschland zurück, rief mich mein Vater ins Büro, um aus mir herauszufinden, zu welchem Beruf ich mich nun endlich entschliessen möchte. Ich schwärmte für die Zuckerbäckerei, entschloss mich dann doch, den Beruf meines Vaters zu ergreifen. Im April 1898 trat ich in die Uhrmacherschule Biel, welche eine Abteilung des kantonalen Technikums war, ein. Das kantonale Technikum Biel bestand damals noch aus Holzbaracken, während die Uhrmacherschule in einem besseren Gebäude untergebracht war. Aber gerade im ersten Lehrjahr wurden die Holzbaracken geschleift und an der Stelle eines alten Friedhofes der heute bestehende Bau des Technikums errichtet. In den späteren Jahren wurde auch die alte Uhrmacherschule niedergerissen und an ihre Stelle kamen zwei dem kantonalen Technikum vorgelagerte Neubauten, die seit jener Zeit die Uhrmacher- und die Mechanikerschule beherbergen. Unser Jahrgang 1898 bestand nur aus 18 Schülern; etwa 8 bis 10 davon waren Schweizer, die übrigen 8 waren Deutsche, Italiener, Ungarn, Engländer und ein Afrikaner namens Felix Valcarsell aus dem Belgischen Kongo.
Der erste Jahrgang war dem Werkzeugbau gewidmet: Drehen und Feilen; der zweite den feineren Dreharbeiten: Zapfenspiele, Balance und Ankerwelle; die Fertigstellung eines Ankergangmodells. Im dritten Jahrgang beendigte ich drei Schulkaliber, Taschenuhrwerke, von welchen ich nach Beendigung der Lehrzeit zwei Stück in Silbergehäuse meinen beiden Brüdern schenkte.
Mein Glanzstück war die Fertigung eines Alpina-Werkes erster Klasse, welches ich von der Alpina-Rohwerkfabrik in Genf bezog, deren Inhaber Duret & Colonnaz die ersten Alpinawerke überhaupt erzeugten, bzw. solche der Firma Jakob Straub, Söhne, in Biel lieferten, welche in anerkennenswerter Weise seit den ersten Anfängen der Genossenschaft einen beachtlichen Anteil an der Entwicklung der Verkaufsorganisation hatte. An diesem Alpina-Rohwerk machte ich die Remontoirpartie, das Räderwerk, die Ankerhemmung, fasste die Steine und setzte die Breguetspirale (réglage). Eine Goldgehäusefabrik lieferte die 30 Gramm schwere 19-Karat-Goldschale, Bassineform. Als ich die Schule verliess, schenkte ich dieses Meisterstück meinem Vater. 1953 vermachte ich das Werk dem Uhrenmuseum der Stadt Wien. Im zweiten Jahrgang der Schule erhielt ich für meine Arbeit einen ‹Prix d’encouragement› (Aufmunterungspreis), ein Gratisabonnement auf das ‹Journal Suisse d’Horlogerie et de Bijouterie›.
In den Jahren meines Besuches der Uhrmacherschule in Biel, war Georges-Frédéric Berner (1889-1910), im Schülerjargon ‹Fidi› genannt, Direktor der Schule. Er war hauptsächlich für die Theorie ein glänzender Fachmann. Er war auch Führer des Uhrenobservatoriums am westschweizerischen Technikum, da die Uhrmacherschule eine Abteilung desselben war. Jules Mauler, ein gebürtiger Tscheche, ein Hühne von Gestalt, mit einem kolossalen Schnurrbart, war für die praktischen Arbeiter und die Reparaturarbeiten tätig. Charles Dupontet, bereits ein ziemlich bejahrter Herr und nur Französisch sprechend, war der dritte Professor. Er sass oder stand immer an seinem blitzsauberen Etabli und überwachte die Schüler. Zwischen Direktor Berner und Jules Mauler gab es hie und da Krawalle. Direktor Berner, ein eigenwilliger Patron, und Jules Mauler lieferten sich zum Gaudium der Schülerschaft öfters spannende Kämpfe. Manchmal sah es so aus, wie wenn sie handgreiflich werden würden. Zwei Vorkommnisse in der Schule bleiben mir unvergesslich: Als Jules Mauler eines Tages an seinem eigenen Drehstuhl mit Dreharbeit an einer Balancewelle beschäftigt war, verfing sich die Balance in seinem Schnurrbart. Herr Dupontet und ein Schüler hatten reichlich zu tun, um weder die Balancewelle, noch den schönen Schnurrbart zu verletzen, bis sie beide befreit hatten.
Für einen bestimmten Tag, Stunde, Minute und Sekunde war weltweit der ‹Weltuntergang› angekündigt. Die ganze Schule sprach davon, einige lachten darüber, andere machten traurige Gesichter, speziell Professor Dupontet glaubte wirklich an den Schwindel. Als die Stunde, Minute und Sekunde immer näherkamen und sich der Schülerschaft eine ungeheure Spannung bemächtigte, rutschte auf die Sekunde genau ein Schüler von seinem Tabouret unter sein Etabli mit einem Mordkrawall – und das war das Ende des Weltunterganges …
Noch einiges über den Afrikaner Felix Valcarcell: Dieser war hochintelligent, hatte aber meist nur Dummheiten im Kopf. Die Physikstunden gab damals Professor Renfer (mit Beinamen ‹Molekül›). Die Physikstunden nahmen die Uhrmacherschüler gemeinsam mit den Mechanikerschülern. Varcarcell war es einmal gelungen, sich eine Minuten-Repetitionsuhr zu verschaffen. Er sass meistens auf der letzten Bank. Wenn nun Professor Renfer seine Experimente machte und es still war, hörte man auf einmal von weitem läuten: tin-tin-tin-tin-tin-tin. Alles grinste, der Professor drehte sich von der Wandtafel um, hatte aber eigentlich nichts gehört; als er in seinen Experimenten fortfuhr, klang es wieder: tin-tin-tin-tin-tin usw. Nun hörte auch er das seltsame Geräusch und ging auf den Fussspitzen an den Bänken entlang, um festzustellen, woher es kam. Bis dahin war aber die Klasse wieder so ernst wie nie.»[1]
Arbeit als gelernter Uhrmacher
Hauser jun.: «Im März 1901 war meine dreijährige Lehrzeit an der Uhrmacherschule beendet. Ich arbeitete dann noch ein Jahr bei verschiedenen Heimarbeitern, Finisseuren, Remonteuren und Repasseuren. In den späteren Jahren war ich immer wieder froh, das Fach gelernt zu haben, denn immer waren die Kunden erfreut, wenn sie wahrnahmen, dass ich gelernter Uhrmacher war. In dieser Eigenschaft bin ich dann auch während 15 Jahren Direktionsmitglied der ‹Schweizerischen Handelskammer› in Wien gewesen, wo ich als Vertrauensmann für die schweizerische Uhrenindustrie fungierte.»[1]
Aufenthalt in Frankfurt am Main
Hauser jun.: «Das Schicksal verschlug mich nach Frankfurt am Main. Bei der Firma ‹Bekker & Cie.›, in der Schillerstrasse, bzw. in deren Filiale in Griesheim a/M. fand ich eine Anstellung. Ich wurde dort 20 Jahre alt, es waren die letzten Jugendjahre.»[1]
Mitbegründer vom Fussballklub «Allemania»
Am 4. Mai 1902 wurde in Griesheim der erste Fussballverein FC Alemannia gegründet. Hauser jun.: «Unvergesslich war für mich, dass ich in Griesheim Mitbegründer des dortigen Fussballklubs war und dass in der Gründungsversammlung meinem Vorschlag, dem Klub den Namen ‹Allemania› zu geben, einstimmig Folge geleistet wurde. Als ich später nach 30 Jahren mit meiner Frau Frankfurt besuchte und eine Rheinreise unternahm, war ich überrascht und erfreut zugleich, beim Vorbeifahren an Griesheim von weitem einen grossen Sportplatz zu erblicken, aus welchen ein mächtiges Schild mit der Aufschrift ‹Fussballklub Allemania› ragte.»[1]
Die Uhrmachergenossenschaft wird umbenannt
1901 beschloss die Genossenschaft «Schweizerische Uhrenmachergenossenschaft» (Association horlogère suisse) in Biel an ihrer Generalversammlung vom 9. Juni, von nun an folgenden Namen zu führen: «Union horlogère, Schweizerische Uhrenmachergenossenschaft, Association horlogère suisse».
Partnerschaft mit Deutschland
Gottlieb Hauser, sen: «Anfangs war unsere Gesellschaft auf die Schweiz beschränkt und nannte sich zuerst ‹Schweizerische Uhrmacher-Konvention› und dann ‹Schweizer Uhrmachergenossenschaft›. Damals hatte man den Standpunkt vertreten, alle Uhrmacher zusammenzuschliessen. Aber die Gesellschaft ist kein gewöhnlicher Uhrmacherverein, die Interessen sind ganz andere.»
Der anfängliche Arbeitsbereich der von Gottlieb Hauser sen. gegründeten Union Horlogère, wurde bald durch eine sich über ganz Europa ausbreitende Verkaufsorganisation erweitert. Auch Deutschland wurde eine Stütze des Unternehmens, als die Union horlogère 1899 dort eine Vertretung gründete. Karl Schmutzer, Fachlehrer der Uhrmacherschule München, gehörte zu den Gründern der deutschen Union Horlogère und war in deren Vorstand. Am 30. Juni 1913 wurde er an der Tagung in Biel zum Ehrenmitglied ernannt. In kürzester Zeit verzeichnete die Gesellschaft 300 deutsche Uhrmacher als Mitglieder. Gottlieb Hauser sen., konstatierte 1904 an einer Tagung des Deutschen Uhrmacherbundes: «dass die Union horlogère auf ziemlich einstimmigen Wunsch ihrer deutschen Mitglieder in Glashütte ein Grundstück gekauft habe, auf dem eine Fabrik stehe und wo sie zu fabrizieren gedenke.»
Dennoch vermochte die Philosophie von Gottlieb Hauser sen. nicht jeden zu einem Beitritt zu überzeugen. Der Uhrenfabrikant «A. Lange & Söhne» bezog dazu 1907 im «Allgemeinen Journal der Uhrmacherkunst» Nr. 20 Stellung: «Zu unseren Vertretern zählen wir eine grosse Anzahl deutscher Uhrmacher, die zum Teil seit mehreren Jahren der ‹Union Horlogere›, zum Teil seit neuerer Zeit der neu gegründeten ‹Vereinigung grösser Schweizer und Glashütter Uhrenfabrikanten› angehören, während ein anderer, und zwar ein nicht unerheblicher Teil beiden genannten Vereinigungen gänzlich fern steht. Infolgedessen können wir niemand bevorzugen und fragen auch nicht danach, ob einer unserer Vertreter der oder jener, oder gar keiner Vereinigung angehört, wie wir denn auch noch nie von einem Vertreter Mitteilung über seine Zugehörigkeit zu der oder jener Vereinigung erhalten haben. Aus diesem Grunde können wir uns auch nicht entschliessen, der einen oder anderen Vereinigung als Mitglied beizutreten, weil wir keinen unserer Vertreter bevorzugen und auch keinen benachteiligen wollen, was aber sofort geschehen würde, wenn wir unseren Beitritt zu einer Vereinigung erklären.»
1909 erfolgte die Gründung der Präzisionsuhrenfabrik Alpina in Glashütte. Der deutsche Uhrengrosshändler Wilhelm Ulrich entschloss sich bereits 1905, die Vertretung der Schweizer Uhrmacher-Genossenschaft zu übernehmen. Bei Übernahme der Vertretung durch Wilhelm Ulrich bestand bereits für die übrigen Teile Deutschlands die Vertretung durch Emil Rothmann, an dessen Stelle später sein Bruder Richard Rothmann trat. Bis zur Gründung der «Alpina Deutsche Uhrmacher-Genossenschaft» 1916 führte jeder der beiden Vertreter die Geschäfte auf eigene Rechnung. Dann wurden diese beiden Betriebe vereinigt, deren Inhaber jeder für seinen Bezirk Geschäftsführer der Alpina wurde. [6] Zwei Generalvertretungen, eine in Berlin, die zweite in Frankfurt am Main, vermittelten den geschäftlichen Verkehr zwischen den deutschen Uhren-Detailgeschäften und der «Union Horlogère» in Biel.
Alpina Uhr im Neuen Museum Biel (NMB).
Aufenthalte in Russland
Hauser jun.: «Am 3. Juli 1903 unternahm mein Vater für die Union Horlogère die erste grosse Geschäftsreise nach Russland. Ich konnte ihn begleiten, wenn ich möglichst viel Russisch lerne. Ich nahm sofort bei einem Deutsch-Balten aus Riga, 12 bis 15 Stunden, sodass ich wenigstens die russischen Buchstaben, die Cyrillika, kennenlernte und nach einer äusserst praktischen Methode auch etwas Konversation dazu.
In Russland wurden die Hotelportiers allgemein ‹Schweizer› genannt. In Warschau bestand ein Vergnügungspark mit dem Namen ‹Szwajcaria›. Eigentümlich war, dass in den Gassen Warschaus die Handwerker eines Standes zusammen sind. In der einen lauter Schuster, in der anderen nur Schneider und in der dritten 16 Uhrmacher. Es gab viele Uhren-Remontageateliers, Betriebe, die für russische Uhrengrossisten Chablonnages aus der Schweiz bezogen, die Uhren remontierten, da der Zoll für eine Uhr sehr hoch war. Die Furnituren wurden in Gewicht verzollt, was die Uhren verbilligte. So eine Firma war ‹Zeligson frères›. Die zwei besten Firmen der Uhrenbranche waren die sehr alte Firma ‹Woroniecki› auf der Novy Swyat und die ‹Modro› auf der Markshalkovska, in der etwa 250 Wand- und Standuhren hingen.
In St. Petersburg vielen mir die zahlreichen Heiligenbilder in den Strassen auf. Von weitem sieht man die Leute sich verbeugen, nahmen den Hut oder die Mütze vom Kopf und bekreuzigen sich. Das Geschäft ‹Tschassi Moser› war das erste, welcher von der Schweiz Uhren nach Russland einführte, weshalb das Unternehmen einen ungeheuren Ruf in Russland hatte. Ein immenses Uhrengeschäft war ‹Torgowi Dom Winter, Uhrenhaus Friedrich Winter›. Der Inhaber Häfeli stellte sich als waschechter Luzerner vor.
In Konstantinopel kam für mich ein verantwortlicher Moment. Mein Vater, der wieder in die Schweiz reiste, übergab mir die Musterkollektion, mit welcher ich mit dem
Schiff nach Moskau zurückfahren sollte. Ich setzte meine Reise alleine fort, mitten in Russland auf mich selbst angewiesen. Es stellte sich heraus, dass der Handel mit Uhren in Russland zum
Grossteil in Schweizerhänden war; aber auch viele deutsche und andere ausländische Firmen beherrschten neben den Russen den Uhrenmarkt.
In St. Petersburg besuchte ich einen eingewanderten Deutschen, welcher in seinem Geschäft nebst Uhren auch Jagdgewehre und Munition führte. Er hatte eine Neuenburgerin zur Frau, mit welcher ich dann auf Französisch sprach.» Die Alpina-Festschrift von 1993 erwähnte: «Die Russlandreise dauerte insgesamt 50 Tage. Es gelang eine grössere Anzahl ganz bedeutender Kunden zu anzuwerben. Der Umsatz konnte auf ca. ½ Million Franken gesteigert werden.»
1904 liess die Bieler Firma die Wortmarke «Alpina» ins Markenregister eintragen. Zu diesem Zeitpunkt befand sich Gottlieb Hauser jun. bereits wieder als Alpina-Vertreter in Moskau. Er erinnerte sich: «Von 1903 bis 1905 verbrachte ich etwa 1 ½ Jahre in Moskau. Hier befand sich das Schweizer Uhrengeschäft von ‹Pavel Buhré›. Neben dieser Firma und der Firma ‹William Gabju› waren in Moskau zu jener Zeit noch andere Schweizer Uhrenhäuser, z. B. die Firmen ‹Morel› (zwei Geschäfte), dann ‹Leuba› und nicht zuletzt die Firma ‹Moser›, alle aus dem Berner Jura und Neuenburger Jura eingewandert. Auf der Reise in den Kaukasus wurde mir im Schlafwagen die Uhrenkollektion geraubt. Da ich das Köfferchen mit den Golduhren besser versteckt hatte, war ich froh, dass die Gauner diesen übersahen. Ich fuhr mit einem deprimierten Gefühl nach Hause. Zu guter Letzt hat mein strenger Herr Papa als Vorgesetzter der Firma darauf bestanden, dass ich die Hälfte des Schadens, also Fr. 1000.-, selbst zu bezahlen hätte, da die Versicherungsgesellschaft, bei welcher die Kollektion versichert war, den Fall als Raub ansah, wofür die Kollektionen nicht versichert waren.»[1]
1906/07 unternahm Gottlieb Hauser jun. für Alpina Reisen nach Budapest, Belgien und Holland, um dort die Verkaufsorganisation einzuführen.
Die ersten 25 Alpina-Jahre
1908 feierte die Firma ihr 25-jähriges Bestehen. Das Ziel, die Förderung der beruflichen Ausbildung und der Dienst am Kunden hatten sich Erfolgreich durchgesetzt. Nach der Schaffung von eigenen deponierten Spezialkalibern ging die Gesellschaft zu dem System über, in jeder Stadt nur ein Mitglied mit der Vertretung und dem Alleinverkauf ihrer Marke zu betrauen. Auf dieser Grundlage nahm die Gesellschaft rapide zu. Es wurde in der Folge eine ganze Anzahl Institutionen geschaffen, die nicht nur den Mitgliedern und Vertretern, sondern vielmehr den kaufenden Privaten die grösstmöglichen Vorteile gewähren. Die der Gesellschaft angehörenden Fabrikanten schlossen sich unter sich zu einem Syndikat zusammen, die einzelnen Fabrikanten spezialisierten ihre Fabrikation. Für die Werbung sorgten grosszügige Kataloge und Schaufensterdekorationen. Es gab eine gemeinsame Garantie, indem sämtliche Mitglieder in allen Staaten für die von einem Gesellschaftsmitglied an einem anderen Ort gekauften, mit Gesellschaftsgarantieschein versehenen Uhren, dem Eigentümer die unter die Garantie fallenden Arbeiten kostenlos ausführen.[12]
Der geborene Vertreter
1908 siedelte Gottlieb Hauser jun. nach Wien über. Er widmete sich in den nächsten Jahre der Vertretung und dem Aufbau der Alpina in Österreich-Ungarn und konnte hier beste Erfolge erzielen. Seit dem Anschluss der österreichischen Berufskameraden an die deutsche Uhrmacher-Genossenschaft Alpina betreut Hauser jun. als Uhren- und Schmuckwarengrosshändler die Alpengaue sowie die osteuropäischen Länder, in denen er sich ebenfalls bestes Ansehen erarbeitet hatte.[2]
Hauser jun.: «Bei meiner Tätigkeit handelte es sich nicht nur darum, eine damals in jenen Ländern noch vollständig neue und deshalb unbekannte Uhrenmarke, ‹Alpina› und ‹Union Horlogère›, einzuführen, sondern die besten Uhrmacher auf jedem Platze mit einem neuzeitlichen Verkaufssystem solider Uhren vertraut zu machen, um den Fachmann gegen unseriöse Konkurrenz zu schützen und ihm zu einer Monopolstellung zu verhelfen. Um das durchzuführen, bedurfte es nicht nur fachmännischen Wissens, Fleisses und Energie sowie Ausdauer, sondern auch eines gehörigen Masses von Idealismus und Kundendienst.»[1]
«Union horlogère, Schweizerische Uhrmachergesellschaft, Associations horlogère suisse»
1911 wurde in Biel der Vorstand der «Union horlogère» neu bestellt. Er bestand aus Gottlieb Hauser sen. von Biel (Präsident), Alfred Kurt von Grenchen (Sekretär), Friedrich Lang von Frankfurt a. M. (Beisitzer) und Henri Berthoud von Bern.
Das 1913 von August Eduard Haag im Heimatstil erbaute fünfgeschossige Haus an der Unionsgasse 13 war der ehemaliger Hauptsitz und Bürotrakt der Alpina, Union horlogère AG. Heute ist es ein Wohn- und Geschäftshaus. Über dem Haupteingang befindet
sich die Inschrift «Union Horlogère».
Erster Weltkrieg 1914 bis 1918
Unter dem Namen «Vereinigte Uhrenfabriken Alpina AG» gründete sich 1915 an der Unionsgasse 13 eine Aktiengesellschaft. Zum Verwaltungsrat gehörten Gottlieb Hauser sen., Direktor der Uhrenfabrik «Union horlogère» (Präsident), der Bieler Uhrenfabrikant Jakob Straub (Vizepräsident) und der Grenchner Uhrenfabrikant Albert Kurth (Schriftführer).
1916 setzte der damals in der Schweiz berüchtigte wirtschaftliche Überwachungsdienst der «Entente» die «Union Horlogère» auf die schwarze Liste und behauptete, das Unternehmen sei durch die Zugehörigkeit einer grösseren Anzahl deutscher Uhrmacher nicht mehr als schweizerisches, sondern als ein deutsches zu betrachten.[7] Laut Bericht der Pariser Zeitungen traf im Februar 1916 der schweizerische Reisende Edmund Sommer in Pontarlier mit Uhren im Werte von 60‘000 Fr. ein. Die Uhren trugen das Bild von Joffre und French und die vom französischen Gesetz geforderte Aufschrift «eingeführt aus der Schweiz». Sommer präsentierte sich bei seinen Klienten im Namen der Firma «Alpina», die nach Kriegsausbruch errichtet worden sei. Die französischen Blätter berichten, die «Alpina» sei nichts anderes als eine Umwandlung der «Union horlogere» in Biel, die von Rothmann (Berlin), Long (Frankfurt) und Ulrich (Wien) geleitet werde. Sommer wurde vom Gericht Pontarlier wegen Handels mit dem «Feind» zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Die beschlagnahmten Uhren wurden konfisziert.[8] Die Zeitung «L'Impartial» vom 27. Juni 1916 reagierte darauf folgendermassen: «Edmond Sommer ist der Märtyrer falscher Denunziationen. Zunächst einmal sind ‹Union horlogère› und ‹Alpina› ein und dieselbe Firma, wobei ‹Alpina› eher ein Markenzeichen ist. Die 1883 gegründete ‹Union horlogère› ist kein deutsches Unternehmen, sondern ein Zusammenschluss von Schweizer Herstellern mit Uhrenhändlern aus verschiedenen Ländern. Es handelt sich also um eine internationale Vereinigung mit Sitz in Biel und Niederlassungen im Ausland in Berlin, Frankfurt, Glashütte, Wien, Besançon, Moskau, Lissabon, London und Santiago. Das Ziel dieser Kombination ist es, direkt an den Uhrenhändler zu verkaufen, ohne den Umweg über den Grosshandel nehmen zu müssen. Die Organisation hat etwa 2000 Mitglieder.»
Die Geschäftsfähigkeit dieser von Schweizern gegründeten und geleiteten Genossenschaft war durch diesen Umstand schwer bedroht. Mit einem Schlag hörten die im Laufe langer Jahre geknüpften geschäftlichen Beziehungen zu den übrigen europäischen Ländern auf. Die Folge war Liquidation der «Union Horlogère» und Ausscheiden der deutschen Mitglieder. Die bisherige Genossenschaft wurde bald darauf in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, während die aus der «Union Horlogère» ausgeschiedenen deutschen Uhrmacher sich am 15. Februar 1916 in Eisenach zu einer rein deutschen Genossenschaft unter der Firma «Alpina, Deutsche Uhrmachergenossenschaft» zusammenschloss. Die Generalvertretungen der «Union Horlogère» in Berlin und Frankfurt a. M. wurden von den deutschen Uhrmachern käuflich übernommen. Die Frankfurter Vertriebsstelle blieb bis 1926 bestehen und wurde dann in die Berliner Zentrale einbezogen.[7]
Umwandlung in eine Aktiengesellschaft
Durch die wirtschaftspolitischen Schwierigkeiten wurde in Biel die «Union horlogère, Schweizerische Uhrmachergenossenschaft, Association horlogère suisse» 1917 aufgelöst und als Aktiengesellschaft «Union horlogère AG» neu gegründet. Zum Verwaltungsrat gehören Gottlieb Hauser sen. und der Kaufmann Otto Jungi. Das Lokal befand sich an der Unionsgasse 13.
Registrierungen im Handelsregister von 1916 bis 1917.
Ehemalige Alpina Uhrenfabrik «Straub & Co.»,1907 am Oberen Quai 51 erbaut. Ab 1896 war Jakob Straub Vorstandsmitglied der Schweizerischen Uhrenmachergenossenschaft, später Vizepräsident und Sekretär. Ab 1915 wirkte er als Vizepräsident der «Vereinigten Uhrenfabrikanten, Alpina AG». Der Bieler Progymnasialschüler Hans Straub (1885-1953) absolvierte wie Gottlieb Hauser jun. die Lehre an der Uhrmacherschule Biel. 1930 gründeten Hans und Louis Straub die Aktiengesellschaft «Straub & Co., Alpina Uhrenfabrik». 1937 wurde Hans in den Verwaltungsrat der Alpina berufen.
Die «Alpina-Gruen-Gilde AG» Biel (1929 bis 1937)
Durch den Zusammenschluss der «Deutschen Uhrmacher-Genossenschaft Alpina Berlin» und der schweizerisch amerikanischen Uhrenfabrik «Gruen-Gilde», gründete sich 1929 mit Sitz in Biel die Dachgesellschaft «Alpina-Gruen-Gilde AG» Das Gründungskapital betrug 1 Million Franken. An der Gründung beteiligten sich die «Gruen Watch Company» in Cincinnati, USA, die der «Gruen-Gilde» angeschlossenen fünf schweizerischen Uhrenfabriken, die «Alpina Deutsche Uhrmacher Genossenschaft» Berlin und die «Union Horlogère» in Biel, die für das übrige Europa ausser Deutschland gleiche Organisation wie die «Alpina» in Deutschland. In dem Verwaltungsrat und Direktionskomitee waren die an der «Alpina-Gruen-Gilde» beteiligten Gesellschaften durch ihre Vorstände vertreten.
Die «Alpina» Deutsche Uhrmacher Genossenschaft Berlin hatte den alleinigen Vertrieb der sämtlichen «Gruen-Gilde» Uhren für Deutschland und die «Union Horlogère» für das übrige Europa.[9] Der deutschen «Alpina» gehörten etwa 800 deutsche Uhrmacher an. Die «Gruen-Gilde» Uhrenfabrik besitzt eigene Uhrwerk- und Uhrengehäusefabriken in der Schweiz und den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Sie fabrizierte hauptsächlich Taschen und Armbanduhren. Während die «Alpina» bisher nur in loserer Verbindung mit einigen Schweizer Taschen- und Armbanduhrfabriken stand und sie selbst keine eigene Uhrenfabrikation betrieb, war sie künftig durch den Zusammenschluss mit der «Gruen-Gilde» Uhrenfabrik in der Lage, ihren Mitgliedern eine in eigenen Fabriken hergestellte Taschen- und Armbanduhr zu liefern. Nun konnten durch den genossenschaftlichen Aufbau der Organisation im Uhrengewerbe zum ersten Mal Fabrikation, Grosshandel und Einzelhandel in einer Organisation vereinigt werden.[5]
Eine Riesenuhr für die Pariser Weltausstellung
1935 stellte die «Alpina Gruen Guilde» an der Kolonialausstellung in Paris aus. Als schönes Propagandawerk konnte die Uhrenfabrik in Biel nach einem Jahr Handarbeit die damals grösste Armbanduhr der Welt fertigstellen. Sie wog 8,5 Kilo, die Zugfeder war 2,80 Meter lang, die Platine hatte eine Länge von 27 Zentimetern bei entsprechender Breite. Die Riesenuhr war die genaue Nachbildung einer gewöhnlichen Alpina-Armbanduhr von 2,5 Zentimeter Länge. Man hatte das Modell einfach 120-mal vergrössert. Dabei war die Uhr so gebaut worden, dass man alle ihre Bewegungen sehen konnte. Das Stück war technisch umso interessanter, als es als damals einzige grosse Uhr, auf die Sekunde ausreguliert wurde. An der Herstellung dieses Werkes arbeiteten die Uhrentechniker nicht weniger als 6 Monate, da jeder einzelne Bestandteil natürlich besonders angefertigt werden musste. Die Rädchen liefen auf 17 Rubinen, die in der Riesenuhr die Summe von 1000 Fr. repräsentieren. Die Uhr wurde nach der Weltausstellung in den Schaufenstern von Uhrenspezialgeschäften ausgestellt.[14]
Die Marke «Alpina» sorgt für Verwirrung
Durch verschiedenen Auseinandersetzungen herrschte 1936 Unsicherheit darüber, welche Marken der Uhrmacher-Genossenschaft «Alpina» gültig sind.
- Die Schriftmarke «Alpina» war Eigentum der «Alpina Gruen Gilde AG» in Biel und international eingetragen. Sie wurde seit 1928 nur zur Kennzeichnung der Uhren benutzt, die zum «Alpina-Gruen-Konzern» gehörten.
- Die Marke «Gilde» kennzeichnete eine einfachere, ebenfalls in den erwähnten Fabriken hergestellte Uhr.
- Die Marke «A» im Dreieck durfte ebenfalls nur für Uhren verwendet werden, die man in den «Alpina-Gruen»-Uhrenfabriken herstellte.
- Die Marken «Alpina» und «A» im Dreieck konnten nicht für Taschenuhren aus deutschen Fabriken verwendet werden.
- Für das rote Dreieck mit der Schrift «Alpina, das Kennwort guter Uhren» wurde der Markenschutz von den deutschen Gerichten und dem Reichspatentamt bestätigt.
- Die Marken «Kreis im Dreieck», «Festa» und «Tresor» waren Eigentum der «Deutschen Uhrmacher-Genossenschaft Alpina». Sie wurden für Spezialitäten benutzt, die man für die «Alpina» in der Schweiz oder in Deutschland herstellte. [11]
1939 starb Gottlieb Hauser sen. im Alter von 85 Jahren.
Geschäfte in Sarajevo
Hauser jun.: «Verwandtschaftliche Beziehungen, meine Frau wurde in Sarajevo geboren, und geschäftliche Verbindungen führten mich nach Bosnien. Die schlanken Minaretts von über hundert Moscheen ragen weithin silhouettenartig in den Himmel und verleihen dem Stadtbild einen ganz eigenen Reiz. Ich besichtigte die Gold- und Silberwarenwerkstätte von Abdulah Kasumagie, eine Werkstätte mit modernsten Walz-, Stanz- und Schneidmaschinen, Schleifstühlen und Poliermaschinen, ein Riesen-Drehstuhl, Präzisionswaagen in allen Grössen, Scheide- und Legieranstalt, Laboratorium. Kasumagie ist gelernter Uhrmacher, sah in der Uhrmacherei keine Zukunft und kam auf den Gedanken, Goldwaren zu erzeugen. Seit 15 Jahren hat er ständig den Betrieb vergrössert. Er zeigte ein Familienstück, eine sechseckige Tischuhr aus der Zeit der Besetzung Bosniens durch Österreich-Ungarn im Jahre 1878. Sie stammt vom Sultan Machmud, welcher die Uhr seinem Urgrossvater im Tauschwege für Lebensmittel an die türkischen Belagerer abgab.»[10]
Zweiter Weltkrieg (1. September 1939 bis 2. September 1945)
Gottlieb Hauser jun. befand sich immer noch in Wien und leitete die Generalvertretung der Alpina. «Es kam das Gespenst eines neuen Krieges auf. Die
Einfuhrbewilligungen für Uhren aus der Schweiz wurden immer spärlicher erteilt. Ich durfte mit Beginn des neuen Regimes die Vertretung der ‹Alpina› auf Provisionsbasis nicht mehr weiterführen,
sondern nur auf eigene Rechnung kaufen. Ich wurde also ohne mein Zutun ‹Grossist› und liess mich 1939 als solcher in Uhren, Gold- und Silberwaren sowie Handelsagentur im Handelsregister neu
eintragen.»
In Deutschland verboten die Alliierten der Genossenschaft, ihre Uhren unter dem Namen Alpina zu vermarkten. Daher nannte sich die Genossenschaft ab 1942 «Dugena, Deutsche Uhrmacher-Genossenschaft Alpina».
Hauser jun.: «Die Uhreneinfuhr sank während des Krieges auf den Nullpunkt. Infolge der stündlichen Gefahr von Fliegerangriffen liessen wir Tag und Nacht den Radioapparat eingeschaltet. Wenn der ‹Kuckuck› schrie, bedeutete das Fliegergefahr. Als wir uns am Vorabend unserer Abreise in die Schweiz am 24. Juli 1944 zur Ruhe legten, um am anderen Morgen im Schnellzug nach Salzburg-Innsbruck-Buchs einen Sitzplatz zu erhalten, wurde Fliegeralarm gegeben, sodass wir die Nacht im Bunker verbrachten. Trotz unserer frühen Ankunft am Westbahnhof erhielten wir keine Sitzplätze und mussten 8 Stunden bis Salzburg im Seitengang der Coupés stehen. Als wir am Abend des 26. Juli Buchs erreichten, waren wir glücklich, auf Schweizer Boden gelandet zu sein.»
Schaffung einer neuen Existenz
Hauser jun.: «Ende 1944 liess ich mich in Bern als Handelsvertreter im Handelsregister eintragen. Ich versuchte meine Tätigkeit, wie ich sie in Wien als Vertreter ‹schweizerischer Uhrenfabriken› ausübte, auch in Biel. Ich stiess jedoch auf Schwierigkeiten. Engrosgeschäfte mit Uhren im Inland hätte ich nur ausführen können, wenn ich der sogenannten ‹Convention der Grossisten› angehört und mich deren Bedingungen unterworfen hätte, mit Erlag einer Kaution usw. Der Zufall wollte es, dass um diese Zeit der mir befreundete Hermann Kesselburg, Bijouterie Grossist in Biel, 1945 die Schweiz verlassen musste und ich die Übernahme des Kesselburg-Geschäftes übernehmen konnte. Neben dem Bijouterie-Engrosgeschäft verlegte ich mich auf die Tätigkeit als Einkäufer von Uhren für südamerikanische Uhrenimporteure. Als der Dollarblock aufhörte zu existieren und alles aufatmete, trat die Kontingentierung der Importe in den südamerikanischen Staaten mangels Dollardevisen in Kraft, sodass also auch hier das Uhrengeschäft anfing, immer schwieriger zu werden.»[1]
Reiseberichte in Uhrmacher-Zeitungen
Da Gottlieb Hauser jun. schon mehr als 30 Jahre Abonnent der «Diebeners Uhrmacher-Woche» war, entschloss er sich dazu, von seinen abenteuerlichen Reisen als Alpina-Vertreter in dieser Zeitschrift zu berichten. Von 1954 bis 1955 tat er dies in der «Schweizerische Uhrmacher-Zeitung/Journal Suisse d’Horlogerie».
Abschied von der «Alpina»
1947 kündigte die «Alpina Union Horlogère AG» den Vertrag mit Gottlieb Hauser jun., da er die Altersgrenze von 65 Jahren erreicht hatte. Somit trat er anfangs 1948 nach 44-jährigen Mitarbeitertätigkeiten ausser Dienst. Sein Sohn Gottlieb Hauser jun. der 2., welcher zuvor nach Argentinien auswanderte, gab in Buenos Aires die Uhren- und Juwelen-Fachzeitung «La Revista Relojera. El Orfebre» heraus. Am 8. August 1948 folgte ihm das Ehepaar Hauser nach und reiste über Paris-Cherbourg nach Südamerika ab. Gottlieb Hauser jun. starb 1963.[1]
1972 wurde in Biel die «Alpina Union Horlogère» aufgelöst und die «Alpina Watch International AG» gegründet. Sie hatte von der «Alpina Union Horlogère SA» alle Fabrikations- und Markenrechte, sowie die Absatzorganisation übernommen. 2002 wurde «Alpina» von «Frédérique Constant» übernommen. 2016 kaufte der japanische Uhrenkonzern «Citizen» die Schweizer Frédérique-Constant-Gruppe mit der Marke «Alpina».
Alpina-Uhrenausstellung im Neuen Museum Biel (NMB),
Philipp Wilhelm K.
Quellen/Sources: 1) Gottlieb Hauser jun, «Heiteres und Ernstes aus dem Leben eines Uhrenvertreters» in Schweizerische Uhrmacherzeitung / Journal suisse des
horlogers, Nr. 4, Lausanne, 1954; - 2) «Gottlieb Hauser zum 60. Geburtstag» in Die Uhrmacher-Woche Nr. 13/14, Leipzig, 1943, S. 69: - 3) Alpina: die Zusammenarbeit zwischen Erzeugern und
Verkäufern der Uhr = la collaboration entre producteurs et vendeurs de la montre, Alpina Union Horlogère AG, Prospekt, Basel, 1941, S. 3ff; - 4) «Uhrenmacher-Genossenschaft» in Der Bund,
Bern, 2. 9. 1886, S. 2; - 5) «Schweizerische Uhrenfabrik einer deutschen Uhrmacher-Genossenschaft» in Neue Zürcher Zeitung, Zürich, 10. 7. 1928, S. 3; - 6) Wilhelm Ulrich, 70 Jahre alt in
Deutsche Uhrmacherzeitung Nr. 37, Berlin 1940, S. 274; - 7) Richard Rothmann, «Eröffnung der Alpina-Woche» in Die Uhrmacher-Woche Nr. 26, Leipzig 1929, S. 472; - 8) «Ein Schweizer Reisender wegen
Handelns mit dem Feind verurteilt» in Der Bund, Bern, 22. 6. 1916, S. 1; -9) Ms., «Alpina Gruen Gilde AG Biel» in Der Bund, Bern, 10. 7. 1928, S. 4; - 10) Gottlieb Hauser jun., «Sarajevo» in
Deutsche Uhrmacher-Woche Nr. 12, Leipzig, 1941, S. 95; - 11) «Welche Alpina-Marken gelten?» in Die Uhrmacher-Woche, Nr. 33, Leipzig 1936, S. 440; - 12) «Ein interessantes Unternehmen» in
Intelligenzblatt für die Stadt Bern, Bern, 25. 7. 1908, S. 1; - 14) «Die grösste Armbanduhr der Welt» in Neue Zürcher Nachrichten, Zürich, 12. 5. 1931, S. 4
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