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«Solo oder Orchester – das ist wie Tennis oder Fussball»
Der Schweizer Flötist Emmanuel Pahud ist als Solist und als Mitglied der Berliner Philharmoniker gleich in zwei Sparten ganz oben angekommen. Hier spricht unser diesjähriger Fokus-Künstler über Nervosität, Neid und seinen Appetit auf Neues.
Emmanuel Pahud, Sie sind einerseits ein weltweit gefragter Solist und Kammermusiker, andererseits Orchestermitglied bei den Berliner Philharmonikern – hatten Sie dieses Doppelleben immer schon geplant?
Es hat sich einfach so ergeben. Anfang der 1990er-Jahre hatte ich einerseits eine halbe Orchesterstelle in Basel, andererseits habe ich als Solist Wettbewerbe absolviert und Preise gewonnen. Daneben studierte ich immer noch in Paris, wo ich mit Studienkolleg*innen viel Kammermusik machte. Das war alles gleichzeitig, und seither haben sich alle Bereiche entwickelt. Ich wollte mich nie entscheiden. Zum Glück musste ich das auch nicht tun.
Wenn Sie in Ihre Agenda schauen – wie ist da das Verhältnis zwischen Soloauftritten und Konzerten mit den Berliner Philharmonikern?
Es sind derzeit pro Jahr etwa 75 Orchesterauftritte und 80 bis 85 Konzerte auf selbstständiger Basis, also Soloprojekte und Kammermusik. Ein bisschen mehr Solo als Orchester – so hat sich das Verhältnis in rund 30 Jahren gefestigt. In der Planung haben allerdings die Berliner Philharmoniker die Priorität; wenn wir zum Beispiel mit dem Orchester auf Tournee gehen, dann sind diese Termine blockiert. Aber Kollisionen sind selten, wir planen ja lange im Voraus. Der jetzige Horizont liegt in der Saison 2024/25.
Also keine Probleme mit der Vereinbarkeit?
Nein. Früher wäre das anders gewesen – der Flötist James Galway etwa hat seine Stelle bei den Berlinern in den 1970er- Jahren zugunsten seiner Solokarriere aufgeben müssen, weil Herbert von Karajan für seine Projekte von den Orchestermusikern ständige Verfügbarkeit verlangte. Heute haben wir mehr Spielraum.
Wie nutzen Sie ihn als Solist?
Ich habe immer Appetit auf Neues. Auf neu komponierte Werke, oder auch auf älteres Repertoire, das ich noch nie gespielt habe, oder das ich zusammen mit anderen Musiker*innen noch einmal anders angehen möchte. Dass ich bei der Residenz hier mit dem Tonhalle-Orchester Zürich in einer Saison gleich zwei ganz neue Werke spielen kann, von Meistern ihres Fachs wie Toshio Hosokawa und Erkki-Sven Tüür, ist einfach grossartig. Von daher geht es bei der Planung natürlich nicht nur um Termine und Verfügbarkeit, sondern auch um die Frage, wohin die musikalische Reise gehen soll.
Bei den Soloprojekten sind Sie der Reiseleiter, im Orchester planen andere. Fällt es Ihnen leicht, sich aus dem Scheinwerferlicht zurückzuziehen? Oder ist es vielleicht sogar angenehm?
Es ist tatsächlich angenehm, wenn man ein Teil eines Ganzen sein darf, wenn das ganze Orchester diese Energie generiert. Solo oder Orchester, das ist ein bisschen wie Tennis oder Fussball spielen. Natürlich geht es bei Bläsern auch im Orchester teilweise um Einzelleistungen, aber vor allem geht es ums Zusammenspiel. Der Teamgeist ist das Wichtigste. Auch für mich als Solist ist das ein Plus, das ich mitbringen kann – ich bin so darauf getrimmt, aufmerksam zu sein, den anderen zuzuhören … Musizieren ist immer ein Dialog.
Abgesehen von der Dialogfähigkeit: Welche Qualitäten brauchen Sie als Solist, welche als Orchestermusiker?
Der Respekt vor dem musikalischen Text muss immer da sein – aber sonst sind es ganz unterschiedliche Fähigkeiten. Als Solist habe ich die Verantwortung vom ersten bis zum letzten Ton; da muss ich mit dem Publikum spielen, mit der Aufmerksamkeit, mit den Klangfarben, mit der Dynamik. Und ich gebe mit meinem leisesten und meinem lautesten Ton eine Bandbreite für die Aufführung vor. Wenn ich dagegen im Orchester sitze, geht es darum, die Anweisungen der Dirigent*innen umzusetzen. Schneller, leiser, ohne Vibrato: Da kann ich nicht sagen, ich übe das für die nächste Probe. Wir müssen die Vorgaben technisch sofort realisieren können, das ist gar nicht so leicht – und es hält einen instrumental gut in Form.
Dann gibt es also auch im Orchester Momente der Nervosität für Sie?
Sogar mehr als bei Soloauftritten. Wenn ich Solist bin, geht alles nach meinem Konzept. Und wenn etwas passiert, wird der Dirigent mir folgen, und alle anderen werden es auch. Im Orchester dagegen muss ich mich dem Konzept des Dirigenten unterordnen, ihm dienen, so gut ich kann. Die Qualität muss immer noch top sein, aber die musikalische Botschaft ist vorgegeben. Da steigt die Spannung, etwa wenn es darum geht, eine exponierte Phrase von jemandem zu übernehmen und dann weiterzugeben: Diese Verbindung hinzubekommen, und zwar so, wie der Dirigent sie haben
Das klingt nicht nach der berüchtigten Orchesterroutine …
Natürlich gibt es die Gefahr, wenn man 10, 20 oder wie ich jetzt schon 30 Jahre im Orchester spielt, dass sich da Automatismen einschleichen – dann ist der Geist der Musik tot. Man muss deshalb jeden einzelnen Ton mit einer Absicht spielen, auch beim Üben. Man muss etwas bewirken wollen mit dem Instrument, sonst ist es sinnlos. Das habe ich schon in meinem Studium gelernt, bei Aurèle Nicolet und Peter-Lukas Graf. Es ist eine grundlegende Philosophie des Musizierens, und die gilt eben nicht nur bei Soloauftritten, sondern ich erlebe sie auch bei den Berliner Philharmonikern in jeder Probe und in jedem Konzert. Man geht am Ende anders vom Podium, und auch das Publikum geht hoffentlich anders aus dem Saal, als es hereingekommen ist: Darum geht es.
Was bedeutet das für die Vorbereitung von Konzerten?
Bei den Berliner Philharmonikern haben wir vor einem Konzert jeweils vier Proben plus die Generalprobe – als Solist bekomme ich nie so viel Zeit, da gibt es eine oder allerhöchstens zwei Proben. Daher muss ich mich für diese Auftritte alleine entsprechend vorbereiten. Übrigens mit steigendem Alter auch etwas länger als früher. Am meisten Einstudierungszeit brauchen natürlich zeitgenössische Werke, aber auch ein Mozart-Konzert oder eine Bach-Sonate sind heikel, denn dort kann jeder merken, wenn ein falscher Ton auftaucht. Ich plane also inzwischen auch bei vertrautem Repertoire immer einen halben oder einen ganzen Tag Vorbereitung ein. Aus Respekt vor der Musik, vor den Mitmusiker*innen. Es ist eine Frage des Ethos.
Wenn Sie im Orchester sitzen: Führt Ihre Solo-Erfahrung dazu, dass Sie die Solisten anders sehen? Gnädiger, oder kritischer?
Wir haben bei den Berlinern das Glück, dass wir wirklich nur mit der Crème de la Crème der Solist*innen spielen. Da gibt es viel zu bewundern, übrigens auch bei den Kolleg*innen im Orchester. Spielweisen, Klangpaletten, Ausdruck, wie jemand die Töne verbindet – das ist für mich eine Fortbildung, immer noch. Ich lasse mich da eher inspirieren, als dass ich es kritisch beurteilen würde.
Ist es eine Ehre für Sie, bei den Berliner Philharmonikern zu spielen? Oder ist es eine Ehre für das Orchester, einen so prominenten Soloflötisten zu haben?
Die Berliner kämen wohl ganz gut auch ohne mich zurecht … Ich bin froh, wenn ich zu denjenigen gehöre, die den Glanz dieses Orchesters durch ihre solistischen oder kammermusikalischen Aktivitäten in die Welt tragen. Wenn ich also irgendwo als Solist auftrete, stehe ich nicht nur als Emmanuel Pahud auf der Bühne, sondern immer auch als Mitglied der Berliner Philharmoniker – besonders seit wir 2008 die Digital Concert Hall haben. Mit den Streamings öffnen wir die Berliner Philharmonie für Hunderttausende Menschen weltweit. Etwa 50'000 sind jeweils live dabei, weitere hören die Konzerte später. Es ist unglaublich, wie viele man so erreicht. Wenn ich dann auf Emmanuel Pahud 39 einer Solo-Tournee zum ersten Mal an einen Ort komme, kennen mich die Leute irgendwie schon, ich war schon in deren Wohnzimmer.
Gibt es eigentlich Neid im Orchester wegen Ihrer Solokarriere?
Ich habe das noch nie gespürt, nein. Und ich selbst bin auch nicht neidisch auf andere. Der Grad an Zufriedenheit und Erfüllung ist in diesem Orchester so gross, dass man nicht neidisch ist. Eine solche Mentalität würde auch gar nicht hineinpassen in so eine Truppe; es wäre nicht kompatibel mit dem Teamgeist, der da herrscht. Wir sind eine Orchesterrepublik, jeder gibt sein Bestes in seiner Funktion. Und auch bei der Funktion gibt es keinen Neid: Es kann niemand etwas dafür, dass Brahms zum Beispiel die Harfe nur beim «Deutschen Requiem» eingesetzt hat. Und ich bin auch nicht beleidigt, weil ich kein Tschaikowsky-Flötenkonzert habe.
Immerhin können Sie mit den Berlinern Tschaikowsky-Sinfonien spielen.
Ja, das ergänzt sich tatsächlich. Auch das ist ein guter Grund für mein Doppelleben. Als Solist habe ich ein grosses Repertoire vom Barock bis in die Frühromantik und dann wieder im 20. und 21. Jahrhundert. Aber die Romantik fehlt weitgehend – die habe ich dafür als Orchestermusiker.
Wenn man Ihnen zuhört, drängt sich die Schlussfrage auf: Haben Sie einen Traumjob?
Eigentlich ein Traumleben. Klar, das Reisen ist mühsam, und meine Familie sieht mich nicht besonders oft. Mit einem normalen Alltag ist so ein Musikerdasein nicht zu vereinbaren. Aber auch hier hilft mir die Doppelrolle: Als reiner Solist ist man noch viel mehr unterwegs, so bin ich fast jede zweite Woche in der Berliner Philharmonie zu Hause.
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Emmanuel Pahud in der Tonhalle Zürich
Vor 30 Jahren war der 52-jährige Genfer Flötist Emmanuel Pahud erstmals in der Tonhalle Zürich zu hören, bei einem Kammermusikkonzert. 1998 folgte der erste grosse Auftritt mit Nielsens Flötenkonzert unter David Zinman. Seither war Pahud immer wieder hier zu Gast, als Solist und Kammermusiker, mit Repertoire-Hits, Raritäten und Zeitgenössischem. 2003 hat er die Flötenkonzerte von Ibert und Khachaturian mit dem Tonhalle-Orchester Zürich unter David Zinman auf CD herausgebracht. Die laufende Saison hat er als Fokus-Künstler mit der Uraufführung von Toshio Hosokawas «Ceremony» unter Paavo Järvi eröffnet; im Januar spielt er nun Erkki-Sven Tüürs Flötenkonzert «Lux Stellarum», das er mit Järvi im vergangenen Mai in der Berliner Philharmonie uraufgeführt hat. Im April folgt ein Kammermusikkonzert mit Orchester-Musiker*innen.