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| Palladius von Helenopolis († vor 431) - Leben der Väter (Historia Lausiaca)

1. Isidor.
Als ich zum ersten Male die Stadt der Alexandriner betrat [unter dem zweiten Konsulate des großen Kaisers Theodosius, der jetzt ob seines Glaubens an Christus bei den Engeln weilt],1 traf ich daselbst einen wunderbaren, mit Tugend und Weisheit reich geschmückten Mann; es war der Priester Isidor, Vorstand des Fremdenhospizes der alexandrinischen Kirche. Von diesem erzählte man, er habe die ersten Kämpfe seiner Jugend in der Wüste bestanden; auch sah ich in Nitrien2 seine Zelle. Zu jener Zeit, als ich ihn kennen [S. 325] lernte, war Isidor ein Greis von siebzig Jahren; er lebte noch fünfzehn Jahre lang und starb im Frieden. Bis an sein Ende trug er keine Leinwand außer einer Binde, berührte kein Bad3 und genoß nie Fleisch. Dennoch sah sein Leib so blühend kräftig aus, daß jene, die seine Lebensweise nicht kannten, der Meinung waren, daß er Überfluß habe. Seine Tugendhaftigkeit nur teilweise zu schildern, ist unmöglich. Er war von solcher Nächstenliebe beseelt und so friedfertig und edel, daß sogar seine ungläubigen Feinde Ehrfurcht vor seinem Schatten hegten. Er besaß so tiefe Kenntnis der Heiligen Schrift und der göttlichen Lehren, daß er sogar bei den gemeinsamen Mahlzeiten der Brüder in Verzückung geriet. Fragte man ihn nach deren Inhalt, so gab er zur Antwort: "Ich war im Geiste weit weg und im Schauen entrückt." Ich sah ihn oft bei Tische weinen, und wenn ich ihn nach dem Grunde seiner Tränen fragte, sprach er zu mir: "Ich schäme mich, vernunftlose Speise zu nehmen als vernunftbegabter Mensch, der durch die von Christo verliehene Kraft im Paradies der Wonne weilen sollte." Ihn kannte der ganze römische Senat und die Frauen der angesehensten Männer daselbst, denn er war zweimal nach Rom gekommen, das erste Mal mit dem Bischof Athanasius,4 dann mit dem Bischof Demetrius.5 Obgleich er großen Reichtum und viele Güter besaß, schrieb er beim Tode kein Testament, hinterließ kein Geld und sorgte nicht für seine Schwestern, die Jungfrauen waren, sondern empfahl sie Christo mit den Worten: "Der euch erschaffen hat, wird sorgen für euch [S. 326] wie für mich." Seine Schwestern lebten mit einer Schar von siebzig Jungfrauen zusammen.
Ich begab mich zu diesem in jungen Jahren und bat ihn um Unterweisung in den Anfangsgründen des Einsiedlerlebens. Er sah sofort, daß meine strotzende Jugendkraft heilsamer Lehren weniger als körperlicher Anstrengung bedurfte, weshalb er mich wie ein erfahrener Fohlenbändiger fünf Meilen6 vor die Stadt hinaus in die sogenannten Einsiedeleien führte.
1: Diese Zeitangabe steht handschriftlich ungenügend fest.
2: Jetzt Wadi Natrun, zwischen zwei Höhenzügen südlich von Alexandrien.
3: Die Abneigung der Asketen jener Zeit gegen das Baden wurzelte ohne Zweifel im tiefen Abscheu vor dem schamlosen Benehmen der Heiden in den öffentlichen Bädern.
4: Der hl. Athanasius kam 340, zum zweiten Mal verbannt, mit Mönchen nach Rom, unter denen nach Sokrates (Hist. eccl. IV, 23) Ammonius der Große war. Dabei muß Isidor also gewesen sein.
5: Vielleicht (?) Bischof Demetrius von Pessinus in Galatien, der 404 wie Pall. in Sachen des Chrysostomus nach Rom ging; doch soll Isidor bereits 404 gestorben sein, nachdem er in die Sketis und dann nach Palästina und Konstantinopel hatte fliehen müssen im Originistenstreite.
6: Die röm. Meile (= mille = 100, nämlich 1000 Schritt zu je 5 röm. Fuß) beträgt 1472,5 m.