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Niemand hätte es sich vorstellen können, dass die Welt nach zwei Jahren Pandemie mit dem Ukraine-Krieg in eine weitere Krise geraten könnte. Was wir zur Zeit erleben, ist zweifellos ein historischer Moment, ein neues Kapitel der Menschheitsgeschichte. Wie reagieren Künstler auf die neuen Ereignisse und wie positioniert sich die Kunst angesichts der gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Lage? Zudem stellt sich auch die Frage der Kunstrezeption: Welche Bedeutung geben wir heute noch der Kunst, welche Kriterien beeinflussen unsere Wahrnehmung und unser ästhetisches Urteil?
Die zwei Seiten der Kunst
Was ist Kunst? Um diese Frage zu beantworten, muss man zwischen der Funktion und der Rezeption von Kunst und Künstlern unterscheiden.
Historisch betrachtet hat die Kunst aufgrund ihrer Auftraggeber immer einen elitären Status gehabt. Ohne die Rolle von Kirche, Königen und dem Adel als Mäzene hätten die Künstler der Renaissance kaum Meisterwerke produzieren können. Das wird auch später in der bürgerlichen Gesellschaft des Barocks ersichtlich, wo reiche Fachleute und Unternehmer die besten Künstler mit der Erstellung von Luxusgütern für ihre Lebensräume beauftragten. Der Kunsthistoriker Hanno Rautenberg nennt dieses Verhältnis «eine Frage der Macht»1.
Parallel dazu spielte sich ein Prozess der Emanzipation des Künstlers ab: Der ursprünglich anonyme Handwerker kämpfte für einen eigenen, sozial anerkannten Berufsstand. Aus diesem Emanzipationsprozess entstand die Idee des virtuosen Genies, die den Künstler zu einer intellektuellen Figur mit exzellenten handwerklichen Fähigkeiten erhob. Dieser Prozess wurde mit der Avantgarde des 20. Jahrhunderts vollendet.
Die Kunst hat aber auch eine soziologische Seite: Wie wird sie vom Publikum interpretiert, welche Rolle spielen die Institutionen, die Sammler und welche Bedeutung haben die Künstler selbst? Die Aufgabe oder Funktion der Kunst wurde grundsätzlich von der Tradition geprägt. Die Künstler schafften es aber, die Grenzen des Kanons immer weiter zu verschieben:, manchmal war Kunst einfach unterhaltsam, manchmal unterstützte sie gesellschaftliche Neuerungen und manchmal war sie schlicht humorvoll..
Unterschiedliche Erwartungen an die Kunst
Die Kunst des 20. Jahrhunderts machte sich einen Namen mit ihrem Geist der Provokation und des Bruchs mit Traditionen. Wenn wir Museen besuchen, erwarten wir, einen Moment der Schönheit und der Reinheit, der Katharsis zu erleben. Unter dem Begriff Schönheit kann man auch die Harmonie, Transzendenz oder Sinnlichkeit verstehen. Was wir aber nicht verstehen, kann irritierend sein, die Provokation kann zur Empörung führen.
Die Kunst kann man als Spiegel der Gesellschaft lesen. Künstler der Avantgarde fungierten demnach als Seismografen, welche die Gesellschaft in Frage stellten. Ihre Leidenschaft und die Provokationen, die sie einsetzten, waren wie die zwei Seiten einer Medaille, um die Unabhängigkeit für sich selber zu erreichen und die Gesellschaft zu «re»formieren.
Den Bruch mit der Tradition zeigt zum Beispiel Duchamp mit seiner Ready Made Kunst. Hier wurde die Idee wichtiger als das Objekt: der Künstler erhob sein intellektuelles Können über die handwerklichen Fähigkeiten. Das zeigte sich im aktuellen Rechtsfall des Handwerkers Daniel Druet gegen Maurizio Cattelan, den Künstler und Auftraggeber einiger Kunstwerke. Druet realisierte einige der berühmten Werke Cattelans, blieb aber als materieller Urheber unerwähnt. Infolgedessen focht Druet Cattelans Urheberrecht an und verlor. Diese Auseinandersetzung zeigt, dass die Idee heute zum wichtigsten Definitionskriterium eines Kunstwerks geworden ist2.
Ist Kunst Provokation oder Verschönerung?
Transzendenz, Innovation oder Verschönerung: Was macht ein Objekt zu einem Kunstwerk? Und was kann die Kunst heute noch zu den Fragen unserer Gesellschaft beitragen? Die alte Idee des Künstlers als Genie hat heute Platz gemacht für das Interesse an der richtigen Inszenierung unserer Gesellschaft. Die digitalen Formate helfen dabei, die Abschaffung physischer Barrieren voranzutreiben. Sie schaffen nebenbei eine mediale Bilderpräsenz, die auf Sichtbarkeit und Multiplikation durch Follower zielt.
Vor kurzem wurde die Dokumenta in Kassel anlässlich ihrer fünfzehnten Ausgabe von Ruangrupa, einem Leitungskollektiv aus Indonesien kuratiert. Es folgte ein Skandal über eines der ausgestellten Kunstwerke, dem eine antisemitistische Bildsprache vorgeworfen wurde3. Dem indonesischen Künstlerkollektiv Taring Padi wurde vorgeworfen, die Grenze der künstlerischen Freiheit überschritten zu haben und ihr Werk wurde zwei Tage nach der Eröffnung aus der Ausstellung entfernt. Hier stellt sich die Frage, wo der Raum für Diskussion bleibt. Darf die Kunst die Wahrnehmung unserer Traditionen und Denkmuster im interkulturellen sozialen Raum in Frage stellen? Kann die Enttäuschung über die Zensur in Energie für eine neue Definition der Ästhetik und der Ethik umgewandelt werden, oder wird der Kunst ab jetzt «nur» die Rolle gegeben, unsere Lebensräume zu verschönern?
1 Rauterberg, Hanno, Schatten, Alexander (Moderator). (2022, 29. April). Kunst und Zukunft (Audio-Podcast). In: Zukunft Denken. https://www.podbean.com/media/share/pb-aynzv-11d856b?utm_campaign=au_share_ep&utm_medium=dlink&utm_source=au_share (Stand: 22.07.2022)
2 Urheberrechtsstreit: Wem gehört ein Werk: dem Künstler – oder dem, der es produziert? SRF, Freitag, 8.7.2022, 18:00 Uhr. https://www.srf.ch/kultur/kunst/urheberrechtsstreit-wem-gehoert-ein-werk-dem-kuenstler-oder-dem-der-es-produziert (Stand: 18.07.2022)
3 Landmann, Ellinor (Autorin): Kultur-Talk: Umstrittene Ausstellung: Was bringt die Dokumenta? SRF, Sonntag. 26.6.2022, 06:05 Uhr (33:00). https://www.srf.ch/audio/kontext/kultur-talk-umstrittene-ausstellung-was-bringt-die-documenta?id=12207482 (Stand: 22.07.2022)
4 Bild: https://www.independent.co.uk/asia/indonesia-anti-semitic-art-removed-israel-b2106752.html; Quelle: https://static.independent.co.uk/2022/06/22/12/GettyImages-1404059182.jpg?quality=75&width=982&height=726&auto=webp