Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03097.jsonl.gz/2665

Das Verlangen nach künstlichen Lichtquellen, um die Nacht zum Tag zu machen, ist so alt wie die Menschheit. Während Jahrtausenden musste man sich dazu des Feuers bedienen. Bis 1879 wartete man bei Kerzenlicht und im Schein von Petroleum- und Gaslampen auf Edisons Glühbirne, und es war erst Ende des vorletzten Jahrhunderts, dass sich die Elektrifizierung allmählich durchzusetzen begann.
Die «Lichtbildner» -wie sich früher die Fotografen nobler bezeichneten – suchten nach brauchbaren künstlichen Lichtquellen, um besonders während der Wintermonate den Arbeitstag im Tageslichtatelier auszudehnen. So ist es nicht erstaunlich, dass die bedeutendsten Erfinder der Fotografie zugleich auch die ersten Anwender von Kunstlicht in der Fotografie waren. Daguerre legte den Mitgliedern der Akademie der Wissenschaft in Paris, Arago, Biot und Humboldt, im Jahre 1839 Kunstlichtaufnahmen vor, und Talbot machte im Juni 1851 die erste Aufnahme mit elektrisch gezündetem Blitzlicht.
Die Kunstlichtquellen sind fast alle älter als die Fotografie. Physiker befassten sich schon lange mit der Suche nach weissem Licht. So fand der Deutsche Thomas Johann Seebeck (1770-1831) im Jahre 1812, dass bengalisches Weissfeuer eine hohe aktinische Wirksamkeit aufweist. Die Entwicklung pyrotechnischer Lichtspender ging weiter, als Sir Goldsworthy (1793—1875) vierzehn Jahre später das Oxyhydrogen-Kalklicht erfand, bei dem ein Kalkzylinder mittels eines Sauerstoffgebläses zur Weissglut gebracht wurde.
Thomas Drummond, der oft irrtümlicherweise als Erfinder des Kalklichts bezeichnet wurde, benützte diese Lichtquelle bei seinen trigonometrischen Studien in Irland (1826) erstmals öffentlich. Das «Drummondsche Kalklicht» wurde von Professor Dr. Göppert und Direktor Gebauer in Breslau bereits 1839, im Jahre, als die Fotografie bekannt wurde, für mikroskopische Aufnahmen verwendet.
Das elektrische Bogenlicht
Die Tatsache, dass sich zwei von elektrischem Strom durchflossene Kohlestäbe an ihren Berührungspunkten bis zur Weissglut erhitzen und dass bei deren Distanzierung ein helles Licht entsteht, fand der Engländer Sir Humphry Davy (1778-1829). Die ersten, die den elektrischen Lichtbogen zum Daguerreotypieren verwendeten, waren Silliman und Gooves, die im November 1840 damit ein Medaillon aufnahmen, und im selben Jahr Berres, der dieses Licht für Mikro-Fotografien zuzog. Fizeau und Faucault, zwei französische Physiker, bewiesen 1844 den hohen aktinischen Gehalt dieses Lichtes. Dennoch dauerte es lange Zeit, bis galvanische Elemente und Kabelrollen bei den Fotografen Einzug hielten.
Um 1880 begann das elektrische Bogenlicht in den Ateliers Einzug zu halten. Unabhängig von Sonnenstand und Wetter konnte der Fotograf das Objekt optimal beleuchten.
Einer der ersten, die das elektrische Bogenlicht 1858 in einem Atelier verwendeten, war Felix Nadar (1820—1910). Für seine Porträtaufnahmen wirkte das neue Licht zunächst zu hart, bis Nadar die Schatten mit einer zusätzlichen Magnesiumlichtquelle aufhellte. So arbeitete der berühmte Porträtist in seinem Pariser Atelier bald unabhängig vom Sonnenlicht.
Einer generellen Verbreitung der Kohlenbogenlampe stand der Umstand im Wege, dass die Elektrizität gerade in abgelegenen Regionen erst allmählich verfügbar wurde. «Herr Siemens ist überzeugt,» schrieb ein damaliger Chronist, «dass man dahin gelangen wird, die Elektrizität nach der Art der jetzigen Gas- und Wasserleitungen in die Häuser zu leiten, um sie zur Beleuchtung, ja zum Kochen und zu vielen anderen Zwecken zu benutzen.» Bis dahin war zwar noch ein weiter Weg, aber recht hatte Herr Siemens.
Von Pustlichtlampen und Blitzpulver
Während nahezu alle Kunstlichtarten, die in der Fotografie erprobt oder mit Erfolg angewendet wurden, irgendwie mit der Physik verbunden waren, gab es ein pyrotechnisches Gemisch, das ausschliesslich für fotografische Zwecke Verwendung fand. Der englische Chemiker John Maule empfahl 1857 die Mischung aus Salpeter, Schwefel und Schwefelarsen für fotografische Aufnahmen.
Die Substanz wurde in einer sechseckigen Laterne mit blauen Gläsern zur Zündung gebracht und brannte etwa 15 Sekunden lang. Moules «Photogene» war preisgünstig, und allmählich verbreitete sich das «Weissfeuer» unter verschiedenen amen, von mehreren Herstellern angeboten, in den meisten Ländern. Neben dem späteren Magnesiumlicht, das im Gegensatz zum Weissfeuer sehr schnell abbrannte, bleiben diese langsam brennenden Mischungen weiterhin auf dem Markt. Sie waren noch lange nach der Jahrhundertwende erhältlich. Allerdings waren Fotografen, die Gesellschaften in Innenräumen mit Magnesiumlicht aufnehmen wollten, wegen der unvermeidlichen Rauchentwicklung nicht sonderlich beliebt.
Die weitere Entwicklung pyrotechnischer Lichtquellen führte zum Magnesiumlicht. Magnesium wurde 1808 von Sir Humphry Davy entdeckt. 1859 fanden Professor Robert Wilhelm Bunsen (1811- 1899) und Sir Henry Roscoe (1833 bis 1915) die chemische Wirkung des brennenden Magnesiums und wiesen auf die extreme Helligkeit und die hohe aktinische Wirksamkeit dieses Elementes hin. Auf Anregung Bunsens wurde eine Lampe konstruiert, die im Zentrum ihres Reflektors einen Magnesiumdraht verbrannte, der laufend mittels eines Uhrwerkes nachgeschoben wurde. Solche Magnesiumdrahtlampen gab es von verschiedenen Herstellern bald in phantasievollsten Ausführungen und mit aufwendigsten Funktionsmechanismen.
William White führt seine Magnesium-Pustlichtlampe im Herbst 1865 der «British Association» in Birmingham vor.
Durch neue Herstellungsmethoden kam das Magnesium nach 1865 wesentlich billiger zu stehen. John Traill Taylor (1827-1895) stellte im selben Jahr eine Mischung von Magnesiumpulver mit Kaliumchlorat, Schwefel und Schwefelantimon her, das blitzartig unter einer enormen Lichtentwicklung verbrannte. Gleichzeitig wurde von William White das Magnesiumpustlicht erfunden und im Herbst 1865 der «British Association» in Birmingham vorgestellt. Dabei wurde pulverförmiges, reines Magnesium in eine Flamme geblasen, wobei ein Blitz von etwa 1/5 Sekunde Dauer entstand.
Für beide Erfindungen war die Zeit noch nicht reif, weil die noch üblichen nassen Kollodiumplatten zu wenig empfindlich waren. Die Zeit verging, John Taylor geriet langsam in Vergessenheit, und die Pustlampe erlebte, vielleicht wegen ihrer Originalität und der sicheren Handhabung, Mitte der 1880er Jahre ein Comeback. Eine der einfachsten Pustlampen ist die Ausführung von A. Guebhard aus dem Jahre 1889 (Bild links). «Diese Vorrichtung besteht aus einer Kerze und einem jagdhornförmig gebogenen Glasrohr, wovon ein Ende trichterförmig erweitert, das andere mit einer Einschnürung zum Aufschieben des Kautschukrohres versehen ist. Durch das trichterförmige Ende wird das Magnesiumpulver eingeschüttet. Das andere Ende steht mittelst des Schlauches mit der Kautschukbirne in Verbindung.»
Betrachten wir unter den zahlreichen, zum Teil kuriosesten Konstruktionen noch die Magensiumlampe von Paul Nadar (Bild rechts) aus Paris. Sie kam 1891 auf den Markt und unterschied sich von ihren Mitbewerbermodellen dadurch, dass es sich um eine Pustlichtlampe handelte, die durch ihre Konstruktion nicht nur ein blitzartiges Verbrennen von Magnesiumpulver ermöglichte, sondern ein 40 bis 50 Sekunden andauerndes grelles Licht ausstrahlte. Die Lampe verfügte über ein besonders grosses Magnesiumpulverreservoir und über zwei Druckluftbälle, mit denen kontinuierlich Magnesiumpulver in die Spiritusflamme geblasen werden konnte. Der Beschreibung war übrigens noch die Warnung beigefügt, dass die Lampe, im Hinblick auf die grosse Rauchentwicklung, nur unter einem Rauchabzug in Betrieb zu setzen sei.
Pustlichtlampen wurden nicht immer nur mit reinem Magnesiumpulver betrieben. In den Fachbüchern der Jahrhundertwende sind unzählige Rezepte zu finden, wobei Hinweise auf die Gefährlichkeit des Selbstmischens meist nicht fehlten. Häufig traten dabei nämlich Unfälle mit verheerenden Folgen auf.
Sonnenlicht in Dosen
Während für gewisse fotografische Aufgaben eine lange Abbrenndauer des Magnesiums erwünscht war, sollte anderseits eine möglichst kurze Leuchtzeit, z um Beispiel für das Fotografieren von Personen, erreicht werden.
Der Engländer G. A. Kenyon unternahm i m Jahre 1883 Versuche mit einer Mischung von Magnesiumpulver und reinem Kaliumchlorat. Trotz der starken Rauchentwicklung setzte sich seine Mischung allgemein durch, einmal der kurzen Abbrennzeit von 1/2 bis 1/25 Sekunde wegen, dann aber auch, weil kein Pustlicht mehr, sondern ein besonderes Zündgerät mit Feuerstein verwendet werden konnte.
Zum Abbrennen von Blitzlichtpulver bediente man sich speziellen Vorrichtungen, welche mittels von Zündkapseln das Blitzichtpulver zur Zündung brachten. Das Bild links stammt aus einer Werbung von Kodak um 1920
Über die Arbeitsweise mit Magnesiumblitzlicht — und auf dessen Gefährlichkeit hinweisend – verfassten Dr. Adolf Miethe (1862-1927) und Johannes Gaedicke (1835-1916) vier Jahre später die Schrift «Praktische Anleitung zum Arbeiten mit Magnesiumblitzlicht». Sie wurde in vielen Zeitschriften auszugsweise nachgedruckt und trug viel zur Verbreitung des Blitzlichtes bei. Miethe und Gaedicke leisteten sich im November 1887 über eine längere Zeitspanne den Scherz, dass sie nachts in Potsdam zu Versuchszwecken Blitzlichtpulver zündeten. Sie sorgten damit reichlich für Schlagzeilen in der Potsdamer und der Berliner Presse, da die Häufigkeit der «donnerlosen Wintergewitter» den Meteorologen als sehr merkwürdiges Phänomen vorkam.
Magnesiumblitzlicht war ideal zum Ausleuchten grosser Räume, weil damit eine nahezu schattenlose Ausleuchtung erzielt wurde. Unangenehm hingegen war die starke Rauchentwicklung, die dem Blitz nachfolgte
Die Zusammensetzung des inzwischen handelsüblich gewordenen Blitzlichtpulvers wurde laufend geändert, wobei m a n eine raucharme Verbrennung unter hochaktinischer Lichtentwicklung und eine Verminderung der Unfallgefahr anstrebte. Lange Zeit war es auch untersagt, Blitzlichtpulver mit der Post zu versenden. Durch verschiedene Zusätze wurde die Explosionsgefahr so weit eingedämmt, dass schliesslich die kaiserlich-deutsche Oberpostdirektion mit ihrem Erlass vom 3. November 1905 den Postversand zuliess.
Blitzlichtpulver gab es in verschiedensten Konfektionierungen. Zum Dosieren verwendete man einen mitgelieferten kleinen Löffel, dessen Füllmenge einem Gramm entsprach.
Magnesiumpulver gab es in verschiedenen Packungen. Berufsfotografen bezogen üblicherweise Hundertgrammdosen (1925 zu 3,70 Reichsmark), während Amateurfotografen Zehngrammpackungen vorzogen. Dies nicht zuletzt deshalb, weil das Pulver vor Feuchtigkeit geschützt werden musste. Das Pulver wurde in besonderen Abbrennvorrichtungen zur Zündung gebracht, wobei die Erfinder die phantasievollsten Gebilde dafür konstruierten. Später kamen für den problemlosen Amateurgebrauch auch Kapselblitze in den Handel. In einem Papierbeutel waren etwa 3 Gramm Blitzpulver enthalten, welches über einen Papierzündstreifen zur Verbrennung gebracht werden konnte. Dazu hängte man den Kapselblitz irgendwo in der Raummitte an einem Faden auf, löschte die Lichter, öffnete den Kameraverschluss, entflammte den Zündstreifen, wartete auf den Blitz und schloss danach den Verschluss.
Noch bis in die 1950er Jahre gab es es sogenannte Beutelblitze, welche eine kleine Menge Blitzpulver enthielten, das man über eine Lunte zündete.
Mehr als vierzig Jahre lang konnte sich das Blitzlichtpulver auf dem Markt behaupten, weil es sich um eine brauchbare und sehr preisgünstige Kunstlichtquelle handelte, die, ausser einigen Streichhölzern, energieunabhängig war. Für eine Porträtaufnahme benötigte man etwa 1/4 Gramm, während man für eine mittlere Gruppenaufnahme schon 2 bis 3 Gramm verpuffen musste.
Und wie ging es weiter?
1925 patentierte Dr. Paul Vierkötter in München eine «Blitzlichtlampe mit elektrischer Zündung», in welcher in einem evakuierten Glashohlkörper eine Blitzpulvermischung abgebrannt wurde. Wesentlich teurer als das offene Blitzpulver setzte sich die Blitzlampe nur allmählich durch, doch wurde sie in den kommenden Jahrzehnten durch die Miniaturisierung und Grossserieproduktion immer populärer, so dass das Blitzpulver schnell in Vergessenheit geriet. Doch dies ist, zusammen mit dem Werdegang des Elektronenblitzes, eine andere Story …
Quelle: Urs Tillmanns «Geschichte der Photographie» 1981, Verlag Huber, Frauenfeld
Abbildungen: Archiv Urs Tillmanns