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Cuno Amiet an der Ausstellung «Making van Gogh» im Städel Museum Frankfurt
Ein Erfahrungsbericht von Daniel Thalmann, Urenkel von Cuno Amiet und
Stiftungsratspräsident der Fondation Cuno Amiet
Die Entstehung des «Mythos van Gogh» um 1900 und die Bedeutung seiner Kunst für die Moderne in Deutschland stehen im Mittelpunkt dieser, seit 20 Jahren umfangreichsten Präsentation mit Werken von Vincent van Gogh in Deutschland. Im Dialog mit Werken deutscher Künstler und Vertreter der «Brücke» wird dabei Vincent van Goghs Schlüsselrolle für die Kunst der deutschen Avantgarde deutlich. Das «Brücke»-Mitglied Cuno Amiet ist als einziger Schweizer Künstler an dieser bedeutenden Ausstellung vertreten.
Van Goghs «L’Arlésienne» als markanter Auftakt.
Beim Betreten der Ausstellung werden die Besucherinnen und Besucher vom prägnanten, kontrastreichen Werk «L’Arlésienne» (1888) empfangen. Dieses Bild erinnert an die gemeinsame Zeit von Vincent van Gogh und Paul Gaugin in Arles. Beide Meister portraitierten Mme Genoux, die Besitzerin des Cafés de la Gare. Seinem Bruder Theo schrieb van Gogh: «Ich habe endlich eine Arlésienne, eine Figur, die ich in einer Stunde auf die Leinwand gebracht habe. Der Hintergrund ist helle Zitronenfarbe, das Gesicht grau, das Gewand schwarz, schwarz, schwarz und ganz preussischblau. Sie stützt sich auf einen grünen Tisch und sitzt auf einem orangenfarbenen Holzstuhl». Das Werk lebt von den grossen, zusammenhängenden Farbflächen und Komplementärkontrasten.
Bildimpressionen der Ausstellung «Making van Gogh» im Städel Museum Frankfurt:
Hommage an die Leistungsschau der Moderne in Köln.
Rund um das Bild «L’Arlésienne» findet im ersten Ausstellungsraum eine Wiedervereinigung von mehreren Werken van Goghs statt, die 1912 an der Sonderbund-Ausstellung in Köln zu sehen waren. An der damaligen Ausstellung internationaler, moderner Gemälde und Skulpturen hatte die «L’Arlésienne» einen bedeutenden Auftritt, zusammen mit 124 weiteren Werken von Vincent van Gogh. Insgesamt waren 634 Werke der Avantgarde aus Europa ausgestellt. Neben weiteren Künstlern wie Paul Cézanne, Paul Gauguin, Pablo Picasso, Edvard Munch, Henri Matisse, Ludwig Kirchner oder Erich Heckel stellte Cuno Amiet als bedeutendster Vertreter der Schweizer Moderne mehrere Werke aus. Die Sonderbund-Ausstellung wurde zur Sensation und förderte die Entwicklung der deutschen und internationalen, modernen Malerei.
Die aktuelle Ausstellung «Making van Gogh» im spektakulären Erweiterungsbau des Städel Museums zeigt eindrücklich, welchen Einfluss van Gogh bereits zu Lebzeiten auf sein Umfeld hatte und dass der Mythos um den niederländischen Maler im Wesentlichen in Deutschland entstand und er dort posthum die grössten Erfolge feierte und eine ganze Generation von Künstlern inspirierte.
Amiets intensive Auseinandersetzung mit dem Vorbild.
Auch Cuno Amiet liess sich durch sein grosses Vorbild Vincent van Gogh inspirieren. Erstmals begegnete er van Goghs Kunst 1892/93, während seines Aufenthalts in der Künstlerkolonie in Pont-Aven. Aus den dort zirkulierenden Erzählungen und eigenen Experimenten lernte er seine Malweise kennen. Amiet setzte sich systematisch und analytisch mit van Goghs Malerei auseinander und fertigte auch Kopien seiner Bilder an, um vollständig in sein Denken und seine Vorgehensweise einzutauchen. Überdies setzte er aus der van Gogh’schen Bildsprache eigenständige Kompositionen um. Van Goghs Werk «L’Arlesienne» (1988) beeindruckte Cuno Amiet und er fertigte davon eine Kopie aus seiner «Erinnerung» an, wie er auf dem Bild vermerkte. Das besagte Bild sah er zuvor nur einmal an der van Gogh-Ausstellung 1908 in München, hatte eine genaue Bildbeschreibung vom Sammler Josef Müller und kannte die schwarz-weiss Abbildung aus der Publikation von Julius Meier-Graefe. In der aktuellen Ausstellung «Making van Gogh» sind nun beide Werke vertreten. Das Original der «L’Arlésienne» (1888) von Vincent van Gogh und Cuno Amiets Kopie, die mit ihrer Farbigkeit und Strahlkraft überzeugt. Neben Amiets «L’Arlésienne» hängt sein Selbstbildnis (1907), eine eigenständige Komposition, inspiriert von van Goghs «Bildnis des Oberaufsehers Trabuc».
Cuno Amiet als Vermittler der klassischen Moderne.
Cuno Amiet wusste über die zukunftsweisende Kraft von van Goghs Kunst und empfahl Schweizer Sammlerinnen und Sammlern Werke von van Gogh in ihre Sammlungen aufzunehmen. Auf seinen Rat hin erwarb der Kunstsammler Richard Kisling 1907 das Werk «Zwei Kinder» (1890) von Vincent van Gogh was Kisling zum ersten Besitzer eines Bildes des Meisters in der Schweiz machte. 1908 erwarb die Sammlerin Gertrud Dübi auf Amiets Empfehlung das Werk «Bildnis des Oberaufsehers Trabuc». Das stetig wachsende Interesse an van Gogh wirkte sich positiv auf die Entwicklung der modernen Malerei in der Schweiz aus. Cuno Amiet gehörte um 1900 nicht nur zu den Erneuerern der Malerei in der Schweiz sondern auch in Deutschland. Auf Einladung von Erich Heckel trat er 1906 der expressionistischen Künstlervereinigung «Brücke» bei. Die Begegnung mit Amiets Malerei war für die «Brücke» von wichtiger Bedeutung.
«Making van Gogh» - ein aussergewöhnliches Kunsterlebnis.
Die Ausstellung zeigt mehr als 120 Werke und Arbeiten auf Papier, davon 50 mehrheitlich zentrale Werke van Goghs aus allen Schaffensphasen. Die Besucher erleben die faszinierenden Zusammenhänge zwischen Zeitgeschichte und Malerei an einem spektakulären Ausstellungsort. «Making van Gogh» thematisiert die besondere Rolle, die Galeristen, Museen, Privatsammler und Kunstkritiker in Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts für die posthume Rezeption van Goghs als «Vater der Moderne» spielten. Die Ausstellung im modernen, unterirdischen Erweiterungsbau ist in drei Themenbereiche «Mythos», «Wirkung» und «Malweise» aufgeteilt. Van Goghs Kunst steht im Dialog mit Bildern von Künstlern wie Ludwig Kirchner, Max Beckmann, Erich Heckel, Max Pechstein, Paula Modersohn-Becker oder Cuno Amiet. Dabei wird Vincent van Goghs Rolle als Schlüsselfigur für die Kunst der deutschen Avantgarde deutlich. Ein Besuch wird zum ganzheitlichen Kunstgenuss, der sich im Vorfeld mit dem Digitorial (vangogh.staedemuseum.de) unkompliziert vorbereiten lässt und das Audio-App auf das Smartphone geladen werden kann.
Weitere Informationen zu dieser faszinierenden Ausstellung finden Sie auf der Webseite des Städel Museums.
Auszug aus dem Aufsatz «Das eindrucksvollste Weihnachtsfest»
Geschrieben von Cuno Amiet, erschienen im Tages-Anzeiger, Weihnachtsnummer, Dez. 1926
Sehr geehrter Herr Redaktor
Das Weihnachtsfest, das mir bis jetzt vielleicht den grössten Eindruck gemacht hat, ist das von 1889 in Paris. Meine Mittel waren sehr knapp. Ich hatte den ganzen Herbst durchgehungert. Ich konnte nur einmal am Tage essen & zwar wenig. Und wenn ich bis im Mai in Paris bleiben wollte musste ich auch bis dahin weiter hungern. Auf die Festtage war die Aussicht trübe. Da bekam ich unerwartet, als Weihnachtsgeschenk, von zu Hause 50 Franken. Wie wunderbar! Gleich dachte ich an ein gutes Mittagsmahl. Aber war denn da nicht die Mandoline, die ich im Vorbeigehen jeden Tag in der Auslage so sehr / so hoffnungslos bewunderte mit 50frs. angeschrieben? Nun hatte ich ja plötzlich die Möglichkeit diesen stillen & heissen Wunsch zu befriedigen. Und leichtsinnig wie ich nun halt einmal bin, eile ich schnurstracks hin & kaufte sie mir. Ich war der glücklichste Mensch in Paris. Die gute liebe Mandoline hat mir damals & noch lange über viele Schwierigkeiten hinweggeholfen. Jetzt hängt sie im Atelier, sie wird nicht mehr gespielt. Still ist sie deshalb aber nicht. Ich brauche sie nur anzusehen gleich fängt sie an zu plaudern. Sie kennt die Geschichte meines ganzen Lebens.
Diese Weihnacht hat mir Eindruck gemacht. Das Weihnachtsfest aber das mir den grössten Eindruck gemacht hat, habe ich noch nicht erlebt. Da müssen Sie mich das nächste Jahr wieder fragen.
Dieser Aufsatz, wie auch das unten stehende Foto, dass die Mandoline zeigt, ist erfasst in unserem historischen Archiv. Wir wünschen allen LeserInnen und Leser eine besinnliche Adventszeit.
Es ist Apfelernete-Zeit
Der Apfel, der für Amiet eine Art Talisman war, faszinierte ihn so sehr, dass er das Thema der Obsternte immer wieder, innerhalb seiner Malerei, aufgriff. Viele seiner entstandenen Werke im Laufe der Jahre sind heute in namhaften Museen zu Hause und für die Öffentlichkeit zugänglich.
Amiet äusserte sich anlässlich eines Interviews im Jahre 1928 wie folgt:
«Obsternten haben mich immer angezogen so wie frühere Maler immer Madonnen malten».
Sein Garten in dem kleinen Weihler auf der Oschwand sowie die umliegenden Gehöfte und die liebliche Landschaft boten ihm immer wieder auf’s neue Anregung. Auch Amiet selber hatte in seinem grossen Garten viele Obstbäume. Immer zur Erntezeit half er auch gerne, bei den umliegenden Bauern, an der Obstpresse mit und genoss danach den herrlich frisch gepressten Most.