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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

4. Buch
31. Varro hat die volkstümliche Auffassung verworfen und, wenn er auch nicht zur Erkenntnis des wahren Gottes durchgedrungen ist, doch die Meinung vertreten, es sei nur ein einziger Gott zu verehren.
Und wie stellt sich Varro zur Sache? Er hat zwar leider den Bühnenspielen, freilich nicht auf eigene Faust, einen Platz unter den „göttlichen Dingen“ eingeräumt; aber wenn er schon mit der Miene der Frömmigkeit immer wieder zur Verehrung der Götter ermahnt, so lässter doch durchblicken, daß die einschlägigen Staatseinrichtungen der Römer nicht in allweg seinen Beifall haben; er gesteht vielmehr unumwunden, daß er die Götter und ihre Namen, wenn er den Staat neu zu begründen hätte, nach Anweisung der Natur gestalten würde. Da er aber nun einmal einem alten Volke angehöre, so müsse er die von altersher überkommene Geschichte der Namen und Beinamen in der überlieferten Form beibehalten und bei seinen Forschungen und Schriften sein Augenmerk darauf richten, die Menge geneigt zu machen, die überkommenen Götter vielmehr zu verehren als zu verachten. Mit diesen Worten deutet der äußerst scharfsinnige Mann hinreichend an, daß er manches unterdrücke, was nicht ihm allein Gegenstand der Verachtung sei, sondern auch, wenn man davon reden wollte, dem gemeinen Volke verächtlich erscheinen würde. Man müßte das lediglich für meine Vermutung halten, wenn er nicht ganz offen an einer anderen Stelle von den Religionen sagte, es gebe viele Wahrheiten, die zu wissen der Menge nicht allein nicht frommen, sondern selbst anders aufzufassen, wenn auch unrichtig, für das Volk besser sei, und deshalb hätten die Griechen die Einweihung in die Mysterien unter dem Siegel der Verschwiegenheit und in geschlossenem Raum vorgenommen. Hier hat er ja den ganzen Plan der Scheinweisen verraten, von denen die Staaten und Völker regiert werden sollten. An solchem Trug aber haben die bösen Dämonen eine unbändige Freude, sie bemächtigen sich auf einen Schlag der Betrüger und der Betrogenen und nur die Gnade Gottes durch unsern Herrn Jesus Christus macht frei von ihrer Herrschaft.
Derselbe Schriftsteller, einer der scharfsinnigsten und gelehrtesten, läßt sich auch dahin vernehmen, daß nach seiner Ansicht nur die das Wesen Gottes erfaßt hätten, die da glaubten, er sei die Seele, die die Welt durch Bewegung und Vernunft regiere; wenn er also auch noch nicht die volle Wahrheit erreichte [der wahre Gott ist nämlich nicht eine Seele, sondern steht auch der Seele als Urheber und Schöpfer gegenüber], so hätte er sich doch, wofern er sich nur von den durch Gewöhnung herbeigeführten Vorurteilen hätte losmachen können, zur Verehrung eines einzigen Gottes bekannt und sie empfohlen, eines Gottes, der durch Bewegung und Vernunft die Welt leitet, und man hätte sich sonach mit ihm nur noch darüber auseinanderzusetzen, daß er diesen Gott als Seele bezeichnet, nicht als Schöpfer der Seele. Er berichtet auch, die alten Römer hätten über hundertundsiebzig Jahre lang die Götter ohne Bildnisse verehrt, und bemerkt dazu: „Wäre es dabei geblieben, so würde die Verehrung der Götter eine reinere sein“. Zum Beleg für diese Ansicht beruft er sich auch auf das Volk der Juden; ja er sagt zum Beschluß dieser Stelle unbedenklich, jene, die zuerst für das Volk Götterbildnisse aufstellten, hätten ihren Mitbürgern die ehrerbietige Scheu benommen und einen Irrtum hinzugefügt, wobei er von der ganz vernünftigen Anschauung ausgeht, daß die Götter bei der Unzulänglichkeit der Bildnisse leicht der Verachtung anheimfallen könnten. Und wenn er sagt: „sie haben einen Irrtum hinzugefügt“, nicht: „sie haben einen Irrtum gelehrt“, so will er damit zu verstehen geben, daß eben auch schon vor Einführung der Bildnisse Irrtum vorhanden gewesen sei. Wenn er also meint, nur die hätten das Wesen Gottes erfaßt, die ihn für die die Welt regierende Seele hielten, und ohne Kultbildnisse werde die Religion reiner geübt, wer sieht da nicht, wie nahe er der Wahrheit kam? Wäre er dem alt eingewurzelten schweren Irrtum gegenüber nicht ohnmächtig gewesen, er hätte sofort die Überzeugung vertreten, daß nur ein Gott, den er für den Lenker der Welt halten würde, zu verehren sei, und zwar ohne Bildnis; und da er sich damit der Wahrheit ganz bedeutend annäherte, so hätte er sich im Hinblick auf die Wandelbarkeit der Seele wohl leicht bestimmen lassen, anzunehmen, daß der wahre Gott eine unwandelbare Natur sei, die auch die Seele erschaffen habe. Was immer demnach solche Männer in ihren Werken an spöttischen Bemerkungen über die vielen Götter niedergelegt haben, sie haben dabei mehr unter der Einwirkung der geheimen Absichten Gottes der Wahrheit Zeugnis gegeben, als den Versuch gemacht, ihren Anschauungen Geltung zu verschaffen. Wenn wir also daraus Zeugnisse anführen, so geschieht es zur Widerlegung derer, die nicht einsehen wollen, wie erdrückend und schlimm die Macht der Dämonen ist und welche Freiheit uns das einzigartige Opfer so heiligen Blutes und die Gabe des heiligen Geistes verleiht.