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Wanderungen in den Pyrenäen
Mit 6 Bildern.Von Jakob Wildi.
In den Jahren 1897—1899 war ich in den spanischen Pyrenäen in Stellung, und da wird es niemand wundern, dass es mich jungen Schweizer auch dort in die Berge zog.
Das Bergsteigen war damals in Catalonien und in Spanien überhaupt noch nicht Mode. Wiederholt hörte ich von meinen Freunden die Bemerkung: Sie möchten nur wissen, was ich auf den Bergen suche, es sei ja gar nichts droben; wenn wenigstens eine Wirtschaft oder schöne Frauen oben wären, würden sie es begreifen. Meine Argumente blieben ihnen dunkel: dass ich mich wegen einer schönen Aussicht und wegen der Anstrengung selbst so bemühe und dass das alles mir ein Ersatzgottesdienst sei.
Die Wanderungen von damals waren für mich kleine Entdeckungsfahrten. In den einsamen Hochtälern traf ich nur Bauern, die auf ihren alleinstehenden Höfen lebten und wirkten wie ihre Vorfahren vor 300 Jahren. Viele von ihnen trugen noch die rote oder violette Catalanenmütze. Die Namen und Höhen der Vorberge konnte ich selten erfahren, wenn so ein Berg nicht mit einer Kirche oder einem Schloss gekrönt war.
Oft erhielt ich widersprechende Angaben. Ich gestehe, dass ich mich auch gar nicht besonders bemüht habe, viel darüber zu vernehmen. Das Neue, Eigenartige und Romantische, das alles so ganz anders war als bei uns in der Schweiz, beschäftigte mich zur Genüge und wurde mir schönes, schlichtes Erlebnis.
Zu Anfang dieses Jahrhunderts kam das Bergsteigen in Spanien, besonders in Catalonien, ein wenig in Mode. Es gründete sich in Barcelona ein « Centre de Excursionistas de Catalunya », deren Mitglieder hauptsächlich rechtsstehende, vollblütige Katalaner, darunter auch viele Geistliche, aber alle aus den besseren, gebildeten Kreisen waren. Alle Drucksachen, seien es Bücher oder Tourenführer, die dieser Club herausgab, wurden nur in katalanischer Sprache gedruckt. Die Beiträge waren so hoch, dass nur wirklich Wohlhabende sich diesem Club anschliessen konnten. Aus diesen Gründen kam die Gesellschaft in den Verdacht, auch politisch tätig zu sein. Ob es sich so verhielt, weiss ich nicht. Tatsache ist, dass dieser Club das Bergsteigen und Wandern in Bewegung brachte und dann auch in den höheren Pyrenäen Clubhütten erstellte, die hotelmässig betrieben wurden. Landkarten in einem nützlichen Masstabe konnte ich damals keine auftreiben. Der grösste Teil des spanischen Volkes bestand aus Analphabeten, und sehr viele, die ein wenig schreiben konnten, hatten von einer Landkarte keine Ahnung.
Mehr als 20 Jahre später gelang es mir, in Barcelona nach langem Suchen eine Karte der nordöstlichsten Provinzen zu kaufen. Sie enthielt aber viele Fehler und eignete sich auch wegen des Masstabes 1: 500,000 nicht für Bergwanderungen. 1927 erwarb ich mir ein Doppelblatt der spanischen Militärkarte 1: 100,000, gedruckt 1920. Ich benützte sie zur Besteigung der Pedra Forca. Diese Karte ist fünffarbig, aber ohne jede Erklärung, die Äquidistanz 50 m, die Kurven sind alle gezogen. Die Höhe jedes Berges oder Hügels ist eingetragen, aber nirgends die Höhe einer Ortschaft oder des Talgrundes. Die Excursionistas de Catalunya haben auch zwei Kartenskizzen gedruckt, welche die Berge zwischen Ribas und Camprodon und die Maladetagruppe behandeln.
Uli de Ter — Puigmal.
In die höheren Pyrenäen hatte ich seinerzeit nicht steigen können. Clubhütten gab es damals noch keine. Wenn ich das letzte armselige Dörflein verlassen hatte, so fand ich keine Unterkunft mehr. Alphütten gibt es nicht an den meist kahlen Bergen.
Die Pyrenäenberge, die ich gesehen habe, können sich mit unseren Alpen nicht messen. Sie sind lange nicht so hoch und haben zumeist plumpere Formen.
yv Im Jahre 1920 bin ich erstmals zur Clubhütte Uli de Ter hinaufgestiegen, und sieben Sommer später zog es mich wieder dorthin.
Ich fuhr mit der Bahn über Ripoll nach San Juan de Abadesses und von da mit dem Postauto bis Camprodon, einem kleinen Städtchen, 950 m. Auf einer guten Strasse dem Flüsschen Ter entlang spazierte ich das Tal hinauf zum letzten Dörflein Setcases 1230 m. Nun wird das Tal enger. Spärlicher Wald bekleidet die Berghänge. Der Weg ist schmal geworden und führt bald durch mageren Föhrenwald und bald über Weiden. Er ist leidlich markiert durch gusseiserne Tafeln auf Gasröhren, die so gar nicht in das Gelände passen. Nach sechs Stunden trat ich aus dem letzten Wald und erreichte dann die Clubhütte Ull de Ter 2325 m.
Bei der Hütte angekommen, musste ich feststellen, dass nicht nur niemand da war, sondern dass die Hütte auch sehr gut verschlossen war. Nach vergeblichen Öffnungsversuchen an Türen und Fensterläden lenkte ich meine Schritte zu der 150 m entfernten Schutzhütte, die keine Fenster hat und auch als Stall für Saumtiere dient. Als ich um die Ecke und vor den Eingang trat, sah ich zwei bärtige, schmutzige Kerle vor mir sitzen. Sofort wünschte ich mir eine Waffe, denn ich glaubte, nun endlich Räuber vor mir zu haben, von denen mir meine spanischen Freunde öfter erzählt hatten.
Die beiden Männer entpuppten sich bald als Schmuggler, die hier, kaum mehr als eine halbe Stunde von der französischen Grenze entfernt, auf gute Gelegenheit warteten, ein Catalane und ein Franzose.Von ihnen erfuhr ich, dass die Clubhütte erst in vierzehn Tagen geöffnet werde. Gelassen rieten sie mir zur Umkehr. Das war aber für mich unmöglich, denn in der Dunkelheit hätte ich Weg und Steg nicht gefunden, wie diese Schmuggler sie finden. Auf meine Frage, wo sie denn schlafen würden, erklärten sie, hier in der Hütte auf dem Boden.
Im Innern sah ich eine Feuerstelle. Den Boden bildete festgestampfte Erde. Mobiliar war keines vorhanden. Was tun? Aussen gelangte ich über eine Treppe in den oberen Raum, der nur noch einen spärlichen Rest Holzboden hatte, denn der grössere Teil der Bretter war verfeuert worden. Dieser Raum diente sonst als Heu- und Strohlager. Heute war von beiden kein Halm zu sehen.
Ich entschloss mich, die Nacht da oben zu verbringen, und stieg dann wieder zu meinen neuen Bekannten hinunter. Die Schmuggler fingen an zu kochen, und ich öffnete meinen Rucksack. Zuerst bot ich ihnen Zigaretten und machte ihnen damit eine so grosse Freude, dass sie mich zum Reis einluden. Auch die Früchte, die ich zum Nachtisch spendete, fanden dankbare Abnehmer. Nach dem Mahle sassen wir noch lange auf ihren vielen Säcken und Wolldecken um das Feuer und plauderten. Die Nacht war sehr kühl. Als ich mich dann auf den oberen Boden zurückziehen wollte, rieten sie mir davon ab, denn ich werde es wegen des Rauches nicht aushalten, ich solle bei ihnen bleiben und habe genug Platz auf ihrer Wolldecke. Und so geschah es. Zuerst lagen wir zu zweien, der andere sass am Feuer auf einem Stein und wollte sich trotz mehrfacher Aufforderung seines Kollegen lange nicht zu uns legen. Schlafen konnte ich natürlich nicht und war herzlich froh, als endlich der Tag anbrach.
Nach dem Frühstück ging ich nochmals zur verschlossenen Clubhütte hinüber und erinnerte mich an meinen ersten Besuch im Sommer 1920. Damals war die Hütte offen und im Betrieb. Sie wurde geführt wie ein Berghotel bei uns in der Schweiz und fällt nur durch ihr Äusseres auf. Man ass an sauber gedeckten Tischen. Wem das Mittagsmahl zu teuer war — damals 7 Pesetas mit Wein —, der konnte à la carte bestellen, was das Herz begehrte: Sardinen, Eier, Beefsteaks, Poulet, Forellen usw. und als Getränke Milch, Kaffee, Tee, Schokolade, Bier, etliche Sorten Liköre und Weine bis zum Champagner. Das Schlafen in einem richtiggehenden Bett kostete 2,50 Pesetas.
Nun verabschiedete ich mich von den beiden Schmugglern, die mir erklärten, das Wetter sei nicht gut, sie wollten daher noch oben bleiben. Wahrscheinlich aber war ihnen das Wetter nicht schlecht genug für ihr mühseliges und gefährliches Handwerk. Mir gefiel das Wetter auch nicht besonders: Wolken manöverierten am Himmel, und heftig blies der Wind.
Da mein ursprünglicher Plan, einige Tage von hieraus Bergfahrten zu machen, nun wegen der geschlossenen Hütte erledigt war, beschloss ich, die Höhenwanderung nach dem Wallfahrtsort Nuria zu unternehmen. Im Sommer, wenn kein Schnee mehr liegt, ist das ein leichter und sehr aussichtsreicher Spaziergang, der zum grössten Teil zwischen 2500-2800 m verläuft und etwa fünf Stunden dauert. Von der Hütte schritt ich in südwestlicher Richtung über eine Geröllhalde zum Coll de Marana 2500 m auf. Dann wandte ich mich rechts an der Berghalde des Puig de Bastiments entlang in die nach Westen verlaufende Mulde, wo das Flüsschen Freser entspringt.
In der hinteren Hälfte nach links ansteigend erreichte ich auf einer Wegspur den Grat des Tirapits 2780 m. Von hier führt die Spur ganz wenig unter den Gipfeln und Gräten der Puig de l' Infern 2870 m, Puig Supérieur de la Vaca 2830 m und Puig de la Vaca 2812 m durch auf den Coll de Carança 2725 m. Über diese Gräte und Spitzen verläuft die französisch-spanische Grenze.
Den Puig de la Vaca hatte ich schnell erstiegen. Es war aber diesmal mit der schönen Aussicht nichts. Der scharfe Wind schob immer mehr Gewölk von Westen heran. Bei klarem Wetter sieht man bis ans Meer hinunter, den Tibidabo bei Barcelona, den Montserrat, im Westen die Maladettagruppe und nach Norden weit nach Frankreich hinein.
Vom Coll de Carança erreichte ich, über Geröll leicht ansteigend, in wenigen Minuten den Coll de Noucreus 2809 m. Das ist ein Übergang, der seinen Namen « Noucreus » von neun kleinen eisernen Kreuzen hat, die da in einer grossen Steinplatte einzementet sind. Sie sollen zum Andenken an neun hier vom Blitz erschlagene Menschen errichtet worden sein. Nun sah ich in südwestlicher Richtung durch ein Tal hinunter bereits den Wallfahrtsort Nuria, mein Ziel.
Drohend sammelten sich die Wolken und mahnten zum Abstieg durch das steinreiche, eintönige, etwa 5 km lange Tal. Aber schon brach ein heftiges Gewitter los, und da im ganzen Tal kein Unterschlupf zu finden war, kam ich bis auf die Haut durchnässt in Nuria an, 1985 m. Im Unterkunftshaus bei der Wallfahrtskirche, das wie ein Hotel geführt wird, trank ich schnell etwas Warmes und legte mich nachmittags 230 Uhr ins Bett.
Nach einem guten Schlaf machte ich mich am anderen Morgen trotz zweifelhaftem Wetter an den Puigmal 2909 m. Über den Aufstieg von hier aus ist nicht viel zu sagen. Er kam mir ziemlich langweilig vor. Über magere Weiden und Geröll erreichte ich schon nach drei Stunden den Gipfel. Vergebens hatte ich mich auf die schöne Aussicht gefreut. Dichter Nebel verhüllte die Pyrenäen.
Im Abstieg nach der Grenzstadt Puigcerda verirrte ich mich und kehrte wieder auf die Spitze des Puigmal zurück, um auf dem Aufstiegsweg rascher als zuvor hinunter zu gehen. Schon drohte wieder ein Gewitter. Da ich noch genügend Proviant hatte, so hielt ich bei Nuria nicht mehr an, sondern wendete mich der wilden Schlucht zu, durch die ein Pfad zum ersten Dörflein Queralps 1218 m führt. In dieser Schlucht macht das Flüsschen einige schöne Sprünge über Felsen hinunter. Ohne grössere Rasten strebte ich weiter, erreichte die Strasse und bei Nacht den Kurort Ribas, ein kleines Städtchen an der Linie Puigcerda-Barcelona. Bei lieben alten Bekannten fand ich echt spanische Gastfreundschaft.
Pedra Forca 2507 m, zu deutsch Steingabel, ist ein weit sichtbarer Vorberg der Pyrenäen, der seine umstehenden Kameraden um 200—300 m überragt. Nur nördlich, in seinem Rücken, stehen gleich hohe und höhere Gipfel. Ich hatte die stolze Gabel bis jetzt nur aus grosser Entfernung gesehen, und nun wollte ich sie besuchen. Dazu konnte ich die Militärkarte benützen, die gerade jene Gegend umfasst. Der Berg steht ziemlich genau in der Mitte zwischen den Städtchen Seo de Urgel und Berga.
Am 15. Juni 1927 erreichte ich Berga mit dem Autobus von San Quirico de Besora aus. Von hier fuhr ich dem Fluss Llobregat entlang talauf, und der freundliche Chauffeur Hess mich dann zwei Kilometer vor Quardiola aussteigen, wo ich gleich meine Bergfahrt beginnen konnte. Es war schon spät am Nachmittag, als ich auf einem Saumpfad talein marschierte. Die Sonne verschwand schon hinter den Bergen. Als ich mein erstes Ziel, das Dörfchen Massanes, noch nicht sah, riet mir ein grasender Bauer, bei ihm zu übernachten. Ich blieb und hatte es nicht zu bereuen. In der kleinen, getünchten Kammer stand ein sauberes Bett und ein Stuhl, mehr brauchte ich nicht.
Trotzdem um die Pedra Forca etliche Dörflein liegen, habe ich nirgends ein fahrbares Strässchen gesehen, nur steile Saumwege, auf denen nicht einmal ein Stosskarren voran käme. Was diese Dörflein von aussen benötigen, tragen schwerbeladene Maultiere herauf. Das Lederzeug ihrer Geschirre ist mit unzähligen Messingnägeln und Schnallen verziert. Dazu kommt noch eine Menge roter und blauer Troddeln und Schnüre, so dass man vom Maultier nur wenig sieht. Hoch auf der Last des letzten Tieres liegt gewöhnlich der faule Treiber.
In Massanes, das nur aus wenigen armseligen Hütten besteht, hielt ich lange Mittagsrast, auch wegen der Hitze. Hier hatte ich nun die Pedra Forca direkt vor mir, ein 200 m tiefes Tal trennte mich von ihrem Unterbau.
Die Pedra Forca ist ein alleinstehender Berg, der im Norden an den Fuss der Sierra de Cadi stösst. Meine Erkundigungen über die Aufstiegsroute hatten keinen klaren Erfolg. Ich entschloss mich, den Berg östlich ein Stück zu umgehen und dort einen Aufstieg zu suchen, der Südhang war mir zu warm.
Die Nacht verbrachte ich im Wallfahrtsort El Cresolet, der aus einer Kirche und drei Häusern besteht. Am folgenden Morgen machte ich mich zeitig an die « Arbeit ». Zuerst folgte ich einem gut sichtbaren Pfade, der nach der Karte direkt westlich an den Nordfuss des Berges führt, von wo ein Bächlein herabrauscht. Das Weglein wurde immer kleiner, zuletzt hatte ich es nur noch auf der Karte und stand in einem ziemlich dichten Staudenwald. Nun griff ich den Berg selber an, kam bald in lichteres Gehölz und gelangte auf einen grasigen Rücken. Am Nordfusse der grösseren Gabelspitze liegt eine Weide.Von dieser aus sieht man keine Gabelspitzen mehr, sondern ziemlich schmale 20—30 m hohe Felsenkämme. Zunächst suchte ich eine Stelle, von der aus ich ziemlich leicht über diesen Kamm turnen konnte, und gelangte auf der anderen Seite zuerst in dichtes Gebüsch und aus diesem in eine grosse Geröllhalde, die direkt in den Sattel zwischen den Gabelspitzen hinaufzieht. Aus dem Sattel gewann ich in leichter Kletterei die östliche, höhere Pedra Forca.
Inzwischen waren Wolken aufgestiegen und beschränkten die Aussicht. Aber schon der Tiefblick auf die nähere Umgebung entschädigte mich.
Ich stieg zum Dörflein Sorribas-Aspa ab. Es war wie ausgestorben, alle Leute arbeiteten auf den Feldern, nur die Lehrerin nicht. Sie begleitete mich ein Stück Weges und berichtete traurig, die Schule bestehe aus einem Zimmer und ihr, die Kinder kämen, wann es den Eltern passe, ich könne mir nicht vorstellen wie sterbenslangweilig es für sie hier sei, sie habe meistens gar nichts zu tun, mit den Leuten, die nichts anderes kennen als ihr Vieh und ihre Äcker, könne sie nichts reden, und das ganze Jahr komme kein Bein hier vorbei.
Von Massanes trat ich am folgenden Morgen in ramponierten Schuhen den schmalen Talweg an. An der Strasse unten blühten und dufteten Lindenbäume. Rauhe Männer rissen grosse Äste davon ab und trugen sie nach Hause, um dort den Teeblust abzupflücken. Auch ein Stück Spanien. Von Quardiola an trug mich der Autobus wieder.