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Das Gedicht als loses Gewebe denkbar, in dem ein Motiv durchgeführt ist, das erst nur beim Blick auf das Ganze klar wird. Die Kunst besteht darin, dass das Gewöhnliche, Banale, irgendein Satz wie „Die Stadtbahn donnert vorbei …“ im Zusammenhang, aus dem Zusammenhang Bedeutung gewinnt. Es ist mit diesem Gedicht wie mit einem Gemälde: ein grüner Fleck, ein grauer Fleck ist an sich unbedeutend; aber mit anderen Flecken zusammen ergibt er eine Komposition, kann er eine Komposition ergeben. – Von einem Gedicht zu sagen: dieser Vers ist gut, aber dieser andere ist schlecht ist ein Todesurteil für das Gedicht; denn das Gedicht besteht ja nicht aus guten Versen. Die Verse sind gut, wenn sie und insofern sie zusammen eine Komposition, ein Gebilde, das hält, ergeben. Das ist das einzige Kriterium für einen Vers: ob er im Ganzen richtig steht: ein „schönerer”, „besserer“ Vers kann „schlechter” sein als ein „schlechterer“, // wenn er dem Ganzen weniger dient. – Bei einem längeren Gedicht ist es oft so wie im Roman oder Drama: es braucht blassere Stellen, stille Passagen, die nur weiterleiten; damit die Zentren wirklich Zentren sind, braucht es Stoff, den die Wirbel ansaugen können. Die Kunst besteht dann jeweilen darin, den richtigen, ansaugbaren Stoff zu wählen. Das ist das Unbefriedigende, im unangenehmen Sinn Preziöse, Angestrengte und Anstrengende in vielen Gedichten (bei George z.B.): Jeder Vers will bedeutend sein, man macht viele einzelne sehr kunstvolle Verse und setzt sie dann zusammen und nennt das dann ein Gedicht. Da geht ein überstarker Duft davon aus, woran man zuweilen zu ersticken fürchtet. – Im Augenblick interessiert mich, sehr im Gegensatz zu früher, das Gedicht als offener Fluss, der Zuflüsse von allen Seiten aufnimmt und unversehens in eine Bucht mündet, von deren Existenz und Aussehen man eben noch nichts wissen konnte.