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• Das kluge Mädchen wird Zarin
• Das kluge Gretel
• Die faule Kati
• Der Frauenwagen
• Beiträge zum Thema
Das kluge Mädchen wird Zarin
Vor langer Zeit lebte einmal ein Zar; der liess Folgendes verkünden: «Wer einen Stein so schneiden kann, dass Blut daraus fliesst, den will ich zum Ersten meines Reiches machen.» Da kamen von allen Seiten mutige Burschen herbei, aber was sie auch versuchten, keinem gelang es, den Stein so zu schneiden, dass er blutete. Nun lebte in einem Dorf nicht weit vom Zarenpalast entfernt ein Hirtenmädchen, das jeden Tag die Ziegen hütete. Als es von der Aufgabe des Zaren hörte, verkleidete es sich als Mann, ging zum Palast, liess sich vor den Zaren bringen und sprach: «Verehrter Zar, ich werde die Aufgabe lösen.» Sofort verbreitete sich die Nachricht, dass ein junger Mann den Stein zum Bluten bringen wolle. Die neugierigen Menschen versammelten sich auf dem grossen Platz vor dem Zarenpalast. Das Mädchen zog sein Messer hervor, um den Stein zu schneiden, dann aber wandte es sich zum Zaren und sagte: «Lieber Zar, wenn du willst, dass dieser Stein blutet, so musst du ihn erst lebendig machen.» Der Zar wunderte sich über diese Worte und sprach: «Du bist der Klügste in meinem Reich, und ich will dich zum vornehmsten Manne machen. Wenn du aber noch eine Aufgabe lösen kannst, so will ich dich in meinen Palast aufnehmen wie meinen Sohn». Das Mädchen sagte: «Sprecht, oh Zar, und ich will versuchen, die Aufgabe zu lösen.» Der Zar sprach: «In drei Tagen sollst du zu mir kommen, geritten und doch nicht geritten. Du musst mir ein Geschenk übergeben und doch nicht übergeben und vor dem Palast sollen wir dich empfangen und doch nicht empfangen.» Die Hirtin ging sogleich in ihr Dorf und gab drei Bauern den Auftrag, drei Hasen und zwei Tauben lebendig zu fangen. Die Hasen steckte sie in einen Sack, gab sie den Bauern und sprach: «Sobald ich euch ein Zeichen gebe, sollt ihr die Hasen freilassen.» Sie selbst nahm die beiden Tauben, versteckte sie in ihrem Umhang und setzte sich rittlings auf eine Ziege, so dass ihre Füsse den Boden berührten. Auf diese Weise machte sie sich auf den Weg zum Zaren und schickte jemanden voraus, um sie anzukündigen. Der Zar zog mit seinem Gefolge vor die Stadt. Als nun das Mädchen nicht mehr weit entfernt war, befahl es den Bauern, die Hasen frei zu lassen. Kaum aber sprangen die Hasen davon, rannten auch die Diener des Zaren los, um die Hasen zu fangen und so hatten sie die Hirtin empfangen und doch nicht empfangen. Das Mädchen ging nun dem Zaren entgegen. Mal hob es die Füsse auf den Rücken der Ziege, mal liess es sie am Boden streifen und kam so geritten und doch nicht geritten. Dann trat es vor den Zaren, zog die beiden Tauben aus seinem Umhang und überreichte sie ihm als Geschenk, doch bevor er sie ergreifen konnte, flogen sie auf und davon, und so hatte er ein Geschenk erhalten und doch nicht erhalten. Da Zar freute sich über so viel Klugheit und sprach: «Du hast die Aufgabe gelöst und von heute an sollst du bei mir im Palast wohnen und mir wie ein Sohn sein.» Die Hirtin aber flüsterte ihm ins Ohr: «Ich bin kein Bursche, ich bin ein Mädchen.» Da strahlte der Zar gleich doppelt und machte sie zu seiner Frau, und so wurde die Hirtin durch ihre Klugheit Zarin.
Märchen aus Bulgarien
©Mutabor Verlag, ISBN 978-3-9523692-7-2
Das kluge Gretel
Es war eine Köchin, die hiess Gretel, die trug Schuhe mit roten Absätzen, und wenn sie damit ausging, so drehte sie sich hin und her, war ganz fröhlich, und dachte: ‹Du bist doch ein schönes Mädel.› Und wenn sie nach Haus kam, so trank sie aus Fröhlichkeit einen Schluck Wein, und weil der Wein auch Lust zum Essen macht, so versuchte sie das Beste, was sie kochte, so lang, bis sie satt war, und sprach: «Die Köchin muss wissen wies Essen schmeckt.»Es trug sich zu, dass der Herr einmal zu ihr sagte: «Gretel, heut Abend kommt ein Gast, richte mir zwei Hühner fein wohl zu.»
"Wills schon machen, Herr», antwortete Gretel. Nun stach es die Hühner ab, brühte sie, rupfte sie, steckte sie an den Spiess, und brachte sie, wie es gegen Abend ging, zum Feuer, damit sie braten sollten. Die Hühner fingen an braun und gar zu werden, aber der Gast war noch nicht gekommen. Da rief Gretel dem Herrn zu: «Kommt der Gast nicht, so muss ich die Hühner vom Feuer nehmen, es ist aber ein Jammer und schade, wenn sie nicht bald gegessen werden, wo sie am besten im Saft sind.» Sprach der Herr: «So will ich nur selbst laufen und den Gast holen.» Als der Herr den Rücken gekehrt hatte, legte Gretel den Spiess mit den Hühnern beiseite und dachte: ‹So lange da beim Feuer stehen, macht schwitzen und durstig, wer weiss, wann die kommen! Derweil spring ich in den Keller und nehme einen Schluck.› Es lief hinab, setzte einen Krug an, sprach: «Gott segne es dir, Gretel», und tat einen guten Zug. «Der Wein hängt aneinander», sprach es weiter, «und ist nicht gut abbrechen», und tat noch einen ernsthaften Zug. Nun ging es und stellte die Hühner wieder übers Feuer, bestrich sie mit Butter und trieb den Spiess lustig herum. Weil aber der Braten so gut roch, dachte Gretel: ‹Es könnte etwas fehlen, versucht muss er werden!›, schleckte mit dem Finger und sprach: «Ei, was sind die Hühner so gut! Ist ja Sünd und Schand, dass man sie nicht gleich isst!» Es lief zum Fenster, ob der Herr mit dem Gast noch nicht käme, aber es sah niemanden, stellte sich wieder zu den Hühnern und dachte: ‹Der eine Flügel verbrennt, besser ist es, ich esse ihn weg.› Also schnitt es ihn ab und ass ihn auf, und er schmeckte ihm, und wie es damit fertig war, dachte es: ‹Der andere muss auch herab, sonst merkt der Herr, dass etwas fehlt.›Wie die zwei Flügel verzehrt waren, ging es wieder und schaute nach dem Herrn, und sah ihn nicht. ‹Wer weiss», fiel ihm ein, ‹sie kommen wohl gar nicht, und sind wo eingekehrt.›Da sprach es: «Hei, Gretel, sei guter Dinge, das eine ist doch angegriffen, tu noch einen frischen Trunk, und iss es vollends auf, wenn es all ist, hast du Ruhe. Warum soll die gute Gottesgabe umkommen?» Also lief es noch einmal in den Keller, tat einen ehrbaren Trunk, und ass das eine Huhn in aller Freudigkeit auf. Wie das eine Huhn hinunter war, und der Herr noch immer nicht kam, sah Gretel das andere an, und sprach: «Wo das eine ist, muss das andere auch sein, die zwei gehören zusammen. Was dem einen recht ist, das ist dem andern billig; ich glaube, wenn ich noch einen Trunk tue, so sollte es mir nicht schaden.» Also tat es noch einen herzhaften Trunk, und liess das zweite Huhn wieder zum andern laufen. Wie es so beim essen war, kam der Herr daher gegangen, und rief: «Eil dich, Gretel, der Gast kommt gleich nach.»
«Ja, Herr, will es schon zurichten», antwortete Gretel. Der Herr sah indessen, ob der Tisch wohl gedeckt war, nahm das grosse Messer, womit er die Hühner zerschneiden wollte, und wetzte es auf dem Gang. Indessen kam der Gast und klopfte höflich an der Haustüre. Gretel lief hin, schaute wer da war, und als es den Gast sah, hielt es den Finger an den Mund und sprach: «Still! Still! Macht geschwind, dass ihr wieder fortkommt. Wenn euch mein Herr erwischt, so seid ihr unglücklich; er hat euch zwar zum Nachtessen eingeladen, aber er hat nichts anders im Sinn, als euch die beiden Ohren abzuschneiden. Hört nur wie er das Messer dazu wetzt.» Der Gast hörte das Wetzen und eilte so schnell er konnte die Stiegen wieder hinab. Gretel war nicht faul, lief schreiend zu dem Herrn und rief: «Da habt ihr einen schönen Gast eingeladen!»
«Ei, warum, Gretel? Was meinst du damit?»
«Ja», sagte es, «der hat mir beide Hühner, die ich eben auftragen wollte, von der Schüssel genommen und ist damit fortgelaufen.»
«Das ist eine feine Art!», sprach der Herr, und es tat ihm leid um die schönen Hühner.
«Wenn er mir dann wenigstens das eine gelassen hätte, damit mir etwas zu essen geblieben wäre.»
Er rief ihm nach er sollte bleiben, aber der Gast tat als hörte er es nicht. Da lief er hinter ihm her, das Messer noch immer in der Hand, und schrie: «Nur eins! Nur eins!», und meinte, der Gast sollte ihm nur ein Huhn lassen, und nicht alle beide nehmen. Der Gast aber meinte nicht anders, als er sollte eins von seinen Ohren hergeben, und lief als wenn Feuer unter ihm brennte, damit er sie beide heimbrächte.
Märchen der Brüder Grimm
Die faule Kati
Es war einmal ein Wirt, der hatte drei Töchter. Die zwei älteren waren brav und fleissig, die Jüngste aber, die Kati, war stinkfaul, schlief, bis ihr die Sonne in die Augen schien und kümmerte sich weder um Keller noch um Küche. Eines Tages sollte sie auf das Feld gehen, um dort zu arbeiten. Kati aber, faul wie immer, legte sich unter einen Kirschbaum und schon bald war sie eingeschlafen. Doch ihre Ruhe dauerte nicht lange, denn eine große Kröte kroch ihr über das Gesicht. Das Mädchen fuhr erschrocken auf und zitterte, als es das garstige Tier sah. Die Kröte sah das faule Mädchen ruhig an und sprach:
«Guigg, guagg!
Kati, geh mit mir.
Guigg, guagg!»
Da dachte sich die Kati: ‹Bei diesem schmutzigen Tier wird es nicht viel Arbeit geben› und ging mit. Nun patschte die Kröte durchs Feld und die schläfrige Kati folgte ihr nach und gähnte. So ging es eine ganze Zeit und sie kamen in den Wald, nah dem Wirtshaus ihres Vaters. Sie waren erst ein kleines Stück gegangen, da stand ein großes herrliches Schloss vor ihnen. Die Kröte sprach kein Sterbenswörtchen, watschelte in die schöne Burg hinein und Kati ging nach und dachte bei sich: ‹Da ist es feiner, als in meines Vaters Wirtshaus, wo einem die Gäste viel Arbeit machen›. Die Kröte führte Kati in einen grossen Saal und sprach:
«Guigg, guagg!
Kati, jetzt mußt du sieben Jahre bei mir bleiben. Sieben Jahr darfst du dich nicht mehr waschen, nicht mehr kämmen und nichts Warmes mehr essen.
Guigg, guagg!»
‹Ja›, dachte sich Kati ‹das will ich gerne tun,› und freute sich.
Von nun an wusch sich Kati nicht mehr, kämmte sich nie und ass nie warme Speise. Sie lag Tag und Nacht und Nacht und Tag in ihrem Bett und stand höchstens auf, wenn sie der Hunger hatte, aber dann trank sie nur kühles Wasser und ass hartes Brot. So verging ihr die Zeit schnell und ehe sie es wünschte waren die sieben Jahre um. Der Jahrestag ihrer Ankunft im Waldschloss kam. Gegen Abend, die Sonne sank schon hinter den Bergen, begann es fürchterlich zu donnern, die Kröte patschte in den Saal, wo Kati faulenzte, und sprach:
«Guigg, guagg!
Kati, heute mußt wachen, heut darfst kein Auge zufallen lassen.
Guigg, guagg!»
‹Ja, dachte sich Kati, jetzt hast du sieben Jahre geschlafen, jetzt kannst du wohl auch eine Nacht wachen›, stieg aus ihrem Bette und setzte sich in einen seidenen Lehnsessel.
Es wurde immer dunkler und ein fürchterliches Gewitter zog am Himmel herauf. Kein Stern ließ sich sehen, nur Blitze zuckten durch die pechschwarzen Wolken und der Sturmwind heulte durch den Wald. Als der Sturm am schlimmsten lärmte, läutete es am Schlosstor. Als die Kröte das hörte, sagte sie zur Kati: «Guigg, guagg! lass ein!»
Kati nahm die Lampe, stieg in den Schlosshof nieder und öffnete das Tor. Davor stand ein wunderschöner Rittersmann, der für die gastliche Aufnahme dankte und Kati in den Saal folgte. Wie die Kröte den schönen Ritter sah, hüpfte sie auf und quakte:
«Guigg, guagg!
Kati, jetzt koch was Warmes. Vor dem Auftragen aber wasch dich, kämm dich und zieh das feine Gewand an.
Guigg, guagg!»
Bei den letzten Worten holte die Kröte aus einem Kasten ein prachtvolles Kleid hervor. Kati aber dachte sich: ‹In sieben Jahren kannst du wohl einmal kochen und eine kleine Arbeit tun, besonders wenn du ein so schönes Kleid dafür bekommst.› Sie ging in die Küche, feuerte an und kochte. Dann kämmte und wusch sie sich, zog das wunderschöne Kleid an und trug das Essen in den Saal. Wie staunte aber Kati, als sie hineintrat! Da sass anstatt der garstigen Kröte eine schöne Frau im weissen Kleid sprach freundlich: «Du hast mich aus meinem Zauber erlöst. Nimm zum Dank diesen Schlüssel, der dir alle Schätze meines Schlosses öffnet, und meinen Sohn zum Gemahl.» Bei diesen Worten gab ihr die Gräfin einen goldenen Schlüssel, sie nahm die Hand des Ritters und legte sie Katis Hand. Dann verschwand sie. Kati aber lebte mit ihrem schönen Ritter viele Jahre glücklich auf dem prächtigen Schloss. Ob sie noch dort wohnt und ob sie sich immer wäscht und kämmt, ist mir nicht gesagt worden.
Märchen aus Österreich
© Mutabor Verlag, ISBN 978-3-9523692-7-2
Der Frauenwagen
Es lebte einmal ein Bauer, der war fleissig, hatte eine ebenso fleissige Frau zu Hause und in der Wiege lag der erste kleine Sohn. Der Bauer war arm, doch wenn der Nachbar ihn auch auslachte, weil er anstatt Land, nur Wind hinterm Haus hatte, so freute er sich doch an dem Wenigen, das er hatte, umso mehr. So kam der Winter und der Mann war nach einem langen Tag voller Arbeit im Wald auf dem Weg nach Hause. Zufrieden summte er vor sich hin, die Axt auf der Schulter und freute sich auf Frau und Kind. Nun waren aber gerade die heiligen zwölf Nächte und in dieser Zeit geschehen seltsame Dinge. Auf einmal hörte der Bauer Vögel singen, so hell und laut wie im Mai, obwohl es doch schon dunkel wurde und der Mond sein Licht auf den weissen Schnee warf. Da hörte er, wie ein Pferdewagen dahergefahren kam. Schnee wirbelte auf und er sah, dass es Frau Holle selbst war, die in dem Wagen sass. Sie hielt die Pferde an und sprach: «Du kommst mir gerade recht. An meinem linken Rad ist der Keil abgebrochen. Nimm schnell dein Beil, hole das beste Holz und mach mir einen neuen..» Stumm hörte der Mann die Bitte, beugte sich herunter, sah den Schaden und schaute sich nach einem geeigneten Holz um. Er entdeckte ein gutes Bäumchen, nahm die Axt und schlug, dass die Späne nur so flogen. Dann fügte er den neuen Keil ein, als wäre er schon immer dort gewesen. «Nimm die Späne, sie sind dein Lohn!», rief ihm Frau Holle zu, dann liess sie die Peitsche durch die Luft pfeifen und Pferd und Wagen stoben davon. Der Mann schaute dem Wagen hinterher, konnte aber schon bald nichts anderes mehr sehen, als tanzende Schneeflocken. Die Späne liess er liegen und dachte bei sich: ‹Das war ein geringer Lohn für gute Arbeit›, dann machte er sich auf den Weg nach Hause. Unterwegs aber fingen ihn seine Schuhe an zu drücken. Etwas Hartes musste in seinen Schuhen sein, denn bald schmerzte es so sehr, dass er erst den einen und dann den anderen Schuh auszog und umstülpte. Da fielen auf einmal Späne aus reinem Gold in den Schnee, die leuchteten im Mondlicht wie Sterne. Da erkannte er den Wert des Lohns, den er von Frau Holle erhalten hatte und trug die wertvollen Späne glücklich nach Hause. Mit dem Geschenk der Frau Holle zog auch ein bescheidener Wohlstand in das Haus des Bauern ein und was er auch tat, gelang ihm gut. Der Nachbar, der den armen Bauern früher immer verspottet hatte, konnte das Glück des Armen kaum fassen. Er hörte von der Begegnung mit Frau Holle und ihrem Geschenk und dachte bei sich: ‹Dumm wie er ist, hat er die Späne liegen lassen. Ich aber würde es besser machen.› Er konnte es kaum erwarten, dass wieder Winter wurde und merkte sich den Tag in den Zwölften, wenn Frau Holle wieder in ihrem Wagen über das Land fahren würde, gut. Als der Tag endlich gekommen war, schlich er sich in den Wald und wartete genau an der Stelle, wo der arme Bauer im vergangenen Jahr die Goldspäne bekommen hatte. Bald hörte er Pferde schnauben und Frau Holle kam in ihrem Wagen gefahren. Sie hielt an und fragte: «Weshalb stehst du hier und versperrst den Weg?“ Der Mann begann zu zittern vor Angst und stotterte leise etwas von Keil und goldenen Spänen. Da rief Frau Holle: «Du hast deine Axt aus Habsucht mitgebracht, so sollst du den Lohn bekommen, den du verdienst.» Mit diesen Worten schlug sie ihm auf die Schulter und auf einmal wuchsen auf seinem Rücken zwei mächtige Buckel. Der Mann krümmte sich vor Schmerz und als er aufschaute, sah er nur noch das Schneegestöber hinter dem Hollewagen. Beschämt schlich er nun nach Hause und trug die Buckel seiner Dummheit ein ganzes Jahr. Als dann wieder Winter wurde und die Nacht der Zwölften kam, riet ihm der Bauer, es nochmals bei Frau Holle zu versuchen und ihr von seiner ehrlichen Reue zu berichten. So ging der Bucklige traurig in den Wald und wartete an der gleichen Stelle, bis er die Pferde schnauben hörte und der Wagen der Frau Holle kam. Wieder hielt sie neben ihm und fragte: «Weshalb stehst du hier und versperrst den Weg?“ Da bat der Mann um Vergebung für seine Beleidigung und Habgier und beteuerte seine ehrliche Reue. Frau Holle lächelte ihn an und sagte: «Nicht mich hast du damals beleidigt, sondern dich selbst.» Nach diesen Worten schlug sie ihm auf die Schulter und da hob und streckte er sich und stand da als gesunder Mann. Voller Glück hob er den Kopf, um sich bei Frau Holle zu bedanken, doch da war nichts mehr zu sehen, noch nicht einmal Spuren waren im Schnee. Glücklich eilte er nach Hause. Er hatte zwar keine goldenen Späne bekommen, dafür aber sich selbst zurück gewonnen.
Märchen aus Deutschland
©Mutabor Verlag, aus: Wintermärchen aus aller Welt ISBN 978-3-9523692-8-9