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Aufstieg und Fall von Muhammad Ali
Leben und Wirken von Muhammad Ali scheinen bis heute eine grosse Anziehung auszuüben. Nein, ich spreche nicht vom Boxer, obwohl die Diagnose selbstverständlich auch auf ihn auch zutrifft. Es geht um den osmanischen Vizekönig Muhammad Ali, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Ägypten regierte.
Die Faszination rührt daher, dass er der einzige nahöstliche Herrscher war, der sein Gebiet frühzeitig wirtschaftlich entwickeln und dem Westen die Stirn bieten wollte. Das Experiment schien zunächst zu gelingen, brachte aber nie den gewünschten Erfolg. Die Idee, den Westen mit einer staatlich gelenkten Industrialisierung zu forcieren, war aber seither auf der Agenda der armen Länder.
Wie sah seine Strategie aus?
Erstens erhöhte Muhammad Ali die Steuereinnahmen des Staates durch zwei Massnahmen:
- Der Staat kaufte von den Bauern Baumwolle und Weizen zu tiefen Preisen auf und verkaufte sie auf dem Weltmarkt zu höheren Preisen, um zu Einnahmen zu kommen.
- Der Staat erhöhte die Steuerbelastung der Bauern, indem er das bisherige Lizenzsystem mit der Bodenbesteuerung ersetzte.
Zweitens unterstützte der Staat durch vier Massnahmen die einheimische Textilproduktion und Nahrungsmittelverarbeitung:
- Er finanzierte teilweise den Maschinenpark der Firmen mit Steuergeldern.
- Er verbesserte das Kanalsystem im fruchtbaren Nildelta.
- Er verbilligte den Bezug von Baumwolle und Flachs.
- Er führte nicht-tarifäre Handelshemmnisse (spezielle Auflagen) ein, um die ausländische Konkurrenz fernzuhalten.
Zunächst funktionierte das System gut. Die Mechanisierung der Textilindustrie begann ab den 1820er-Jahren spürbar zu werden. Der Abstand zu den grossen westlichen Vorreitern, insbesondere Grossbritannien, blieb zwar immer noch gross. Aber im Vergleich zu anderen Industrieländern wie Belgien und der Schweiz konnten sich die Fortschritte durchaus sehen lassen, wie ein neues Paper zeigt (Quelle).
Bald jedoch ging dem Experiment der Atem aus. Der Abstand zu den Industrieländern vergrösserte sich wieder. Nach Alis Tod brach das System zusammen. Warum?
Die Fachleute sind sich nicht einig. Die einen betonen, dass das ganze Experiment von Anfang einen Konstruktionsfehler hatte. Es beruhte auf einer überdurchschnittlichen Ausbeutung der Bauern (Fellachen), die politisch auf die Dauer nicht durchzuhalten war. Auch die kostspieligen militärischen Abenteuer Muhammad Alis schadeten dem Projekt. Sie endeten mit einer Niederlage im Jahr 1840. Der osmanische Sultan in Istanbul fühlte sich bedroht und verbündete sich mit Grossbritannien.
Die militärische Expansion war in der Tat sehr kostspielig. Ali wollte nicht nur den Sudan kontrollieren, sondern auch Syrien und Teile der arabischen Halbinsel. Zeitweise hatte sein Reich eine grosse Ausdehnung (Quelle):
Auf der anderen Seite wird argumentiert, dass Muhammad Ali durchaus Erfolgschancen gehabt hätte, wenn sich der Sultan nicht mit Grossbritannien verbündet hätte. Zudem sei der Lebensstandard der Fellachen zur damaligen Zeit nicht tiefer gewesen als derjenige der bäuerlichen Haushalte auf Kontinentaleuropa. Die Strategie wäre innenpolitisch also durchaus weiterhin tragbar gewesen.
Schliesslich habe Alis Verstaatlichung des Exports erfolgreich vermieden, dass die steigenden Baumwollpreise in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die gewerbliche Produktion Ägyptens zerstört hätten. Ohne seine Kontrollen hätte es sich für die privaten Unternehmer nicht gelohnt, in die Textilfabrikation zu investieren. Sie hätten sich dem Baumwollhandel zugewandt und so eine Modernisierung der Wirtschaft verhindert – wie dies in vielen Rohstoffproduzenten im 19. Jahrhundert passiert ist.
Aus was für Gründen auch immer, Alis Traum einer ägyptischen Wirtschaftsmacht erfüllte sich nicht. Es war Japan am Ende des 19. Jahrhunderts vorbehalten, als erstes nicht-westliches Land die Industrialisierung zu schaffen – bis heute ein Rätsel.