Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03314.jsonl.gz/3492

mehr
Seen von Géronde und Siders heute tiefer liegen als der Wasserspiegel der Rhone. Die Abrissnische des prähistorischen Bergsturzes von Siders muss an dem von der Alpe de Varone bis zum Fuss des Mont Bonvin reichenden Gehängeabschnitt gesucht werden, der sich durch die Beschaffenheit der ihn umrahmenden Felsen, sowie durch seinen geneigten und aus gegen das Rhonethal hin einfallenden Schichten bestehenden Boden als Ausgangpsunkt des Sturzes kennzeichnet, worauf endlich auch die petrographische Natur der den Trümmerstrom bildenden Gesteinsarten hinweist. Es hält schwierig, das Volumen der durch den Sturz abgerissenen und zu Thal geschleuderten Felsmassen aus dem heutigen Zustande des Ablagerungsgebietes oder aus dem Umfang der Abrissnische zu bestimmen.
Man darf sogar als wahrscheinlich annehmen, dass es sich in diesem Falle nicht um einen einzigen grossen Bergsturz, sondern eher um eine Reihe von verschiedenen einzelnen, grössern oder kleinern Abbrüchen handelt. Dieser Schluss scheint sich aus der verschiedenen Höhe und den Unterschieden im innern und äussern Bau der Bergsturzhügel in der Thalsohle, sowie ferner auch aus der Gestalt der Abrissnische, die zwei Stufen aufzeigt, zu rechtfertigen. In der Tat kann man deutlich eine untere und eine obere Nische unterscheiden.
Jene befindet sich zwischen den Felsen von Emenona und dem die Alpe de Varone tragenden Felsgerüst und trägt nahezu in ihrer Mitte das Dorf Cordona. Das Volumen der Felsmassen, die von dem durch diese Felsen gebildeten Hufeisen sich abgerissen haben, kann zusammen mit der Felsplatte, die oberhalb Varone verschwunden sein muss, auf nahezu 3 Milliarden m3 geschätzt werden. Die zweite Stufe wird durch die Nische zwischen den Felsen von Prily und Le Plan unter der Varneralp gebildet.
Dazu scheint ferner noch eine höher gelegene Gegend, nämlich die Zone zwischen Nousey und dem Zayettazhorn, ebenfalls Material zu dem weiten Trümmerfeld von Siders geliefert zu haben. Die Grenzen dieser obersten Nische sind aber schwierig zu bestimmen. Hat sie sich wirklich an einem der sukzessiven Abbrüche mitbeteiligt, so muss dies vor dem aus der untern Nische gekommenen Absturz der Fall gewesen sein, weshalb auch ihre Mitwirkung bei dem heutigen Zustand des Ablagerungsgebietes sich nicht mehr mit Sicherheit bestimmen lässt.
Diese oberste Nische hat viel eher das Aussehen eines durch Gletschereis ausgearbeiteten Kares, wie ein solches die benachbarte Nische oder Combe von Colombire unzweifelhaft darstellt. Die Moränenablagerungen und Spuren von Glazialerosion durch lokale Gletscher, die der tiefer unten gelegenen Nische durchaus fehlen, sprechen dafür, dass dieses oberste Kar sich an der Entstehung und Zusammensetzung des grossen Trümmerfeldes nicht direkt als Abrissgebiet beteiligt hat.
Andrerseits ist aber die Arbeit der Gletscher an diesem gewaltigen Ereignis ebenfalls mitbeteiligt. Dadurch, dass das Rhonethal zwischen Leuk und Siders einen nach N. konvexen schwachen Bogen beschreibt, musste die seitliche Glazialerosion den zwischen Varone und Miège an die N.-Flanke des Thales sich anlehnenden Schichten ihren Fuss abschneiden. Nachdem dann der grosse Thalgletscher zurückgeschmolzen war und dadurch die Thalsohle geräumt hatte, rutschten die ihres Haltes beraubten Felsen unter dem Druck des in der Höhe immer noch vorhandenen lokalen Gletschers auf ihrer mergelig-schiefrigen Unterlage ab und bildeten ähnlich wie beim Bergsturz von Goldau einen Trümmerstrom, der sich mehr und mehr lockerte und auflöste, um sich dann endlich in der ¶
mehr
Thalsohle niederzuschlagen. Dieser Trümmerstrom erreicht im Unter Pfinwald am jenseitigen Ufer der Rhone seine grösste Höhe (637 m), erstreckt sich auf mehr als 17 km Länge thalauswärts bis nahe an Brämis (Bramois) und bedeckt somit eine Fläche von 30-35 km2. Daraus folgt wiederum, dass die gesamte Schuttmasse des Ablagerungsgebietes, um dem Volumen der aus der untern Nische weggerissenen Felsmasse zu entsprechen, eine Mächtigkeit von etwa 100 m gehabt haben muss. Da es kaum wahrscheinlich sein dürfte, dass diese Dicke jemals beträchtlicher gewesen ist, erscheint die Mitbeteiligung der obersten Nische an der Entstehung des Trümmerfeldes auch aus diesem Grunde als ausgeschlossen.
Das Hügelgebiet von Siders und Umgebung, das wir soeben beschrieben haben, hat man auch auf die Wirkung der Gletscher zurückführen und als von diesen und der Rhone herausmodellierte Züge der Landschaft erklären wollen. Wenn aber zwischen den Sturztrümmern wirklich auch Moränenablagerungen vorhanden sind, so kann es sich doch nur um solches Material handeln, das mitsamt dem Felsschlipf in die Tiefe gerissen wurde. Der Bergsturz von Siders ist auf jeden Fall postglazial, d. h. jünger als der Rückzug des diluvialen Rhonegletschers. Schürfungen bei Siders haben ergeben, dass das Sturzmaterial auf Moränenschutt liegt. Dass der Sturz auch in prähistorischer Zeit niedergegangen sein muss, beweisen die auf den Hügeln befindlichen Reste von keltischen und römischen Siedelungen.
[Prof. Dr. H. Schardt.]