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Alfonso Cuaróns Meisterwerk «Roma» ist das berührende Epos einer Familie in Mexico City und ihrer Angestellten Cleo; gleichzeitig ein Historiengemälde von allgemeiner Gültigkeit.
«Roma», der vielleicht persönlichste Film des mehrfach ausgezeichneten Regisseurs und Drehbuchautors Alfonso Cuarón «Gravity», 2013) , handelt vor allem von Cleo, der jungen Hausangestellten einer Familie im mittelständischen Viertel Roma von Mexiko Stadt während der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts. In Erinnerung an seine eigene Kindheit wurde Cuaróns Film eine Liebeserklärung an die Frauen, die ihn einst grossgezogen hatten. — Doch «Roma« ist gleichzeitig wohl der welthaltigste Film des Meisters: ein Welttheater, im Mexiko des 20. Jahrhunderts angesiedelt und in der Sprache unserer Zeit verfasst. Der Film wurde im Januar 2019 für die beste Regie und als bester ausländischer Film mit Golden Globes ausgezeichnet.
Familiensaga und ...
Cleo (Yalitza Aparicio) und Adela (Nancy García García), ihre Freundin, beide mixtekischer Abstammung, arbeiten im Haushalt eines meist abwesenden Arztes und seiner Frau, Señora Sofía (Marina de Tavira). Die beiden haben einen guten Job im Mexiko jener schwierigen Jahre, das von Aufständen erschüttert wird, die Luis Echeverría Álvarez immer wieder brutal niederschlagen lässt. Dafür hat Cleo weder Zeit noch Sinn, sie ist ausgefüllt mit Hausarbeiten und vier Kindern, die sie lieben, ihr aber gleichzeitig um die Nase tanzen. Doch dann wird sie schwanger. Was normalerweise schon problematisch wäre, wird ohne Mann, denn dieser ist verschwunden, noch schwieriger. Als Teil der indigenen Bevölkerung und bettelarm steht sie am Rande der Gesellschaft. Allein ihre Anstellung verschafft ihr Sicherheit. Doch kann sie in diesem Zustand ihren Job behalten? Als Cleo ihr Problem der Señora gesteht, reagiert diese anders als erwartet. Auch sie ist am Anschlag, ihr Mann ist seit Monaten auf «Geschäftsreise», wie es heisst, und bezahlt auch keinen Unterhalt mehr für die Familie. Jetzt muss Sofía die Familie unterhalten und die Fassade aufrechterhalten. Deshalb kann sie nicht auf Cleo verzichten, weil diese die Familie besser zusammenhält als sie. Und so entsteht im Haus eine funktionierende Gemeinschaft von Frauen, während draussen Horden von Männern sich gegenseitig umbringen.
... gleichzeitig Historiengemälde
Alfonso Cuarón schuf mit «Roma» eine eindrückliche mexikanische Saga, ein Historiengemälde von universeller Bedeutung, ein Welttheater. In kontrastreichem Schwarzweiss gedreht, besteht der mehr als zweistündige Spielfilm, der wie ein Dokumentarfilm daherkommt, aus wunderbaren Bildern und mitreissenden Handlungen. Galo Olivare gleitet mit seiner Kamera durch Häuser und Strassen und folgt wie ein Windhauch Cleo, um sie liebevoll bei der täglichen Arbeit zu begleiten. Wenn es sein muss, dreht sich die Kamera auch mal um die eigene Achse, um die hintersten Ecken der Räume auszuleuchten. Höhepunkte sind dabei die Familienfeste Weihnachten und Neujahr, aber auch eine Treibjagd, ein Waldbrand sowie das Trainingslager der Revolutionäre und die Strassen- und Häuserkämpfe. Das ist monumentales Kino. Zumal, wenn selbst bei Hunderten von Akteuren jedes Detail auch im Hintergrund minutiös exakt aufgebaut und gefilmt wurde.
Ebenso vermittelt ein ausgeklügeltes Tondesign zwischen ruhigen und lauten Szenen, einsamen und überbordenden Momenten einen Bilder- und Tonrausch, der mitreisst. Stimmen und Geräusche erfüllen den Film und lassen eintauchen in das Chaos des Lebens und des Sterbens. So beim Corpus-Christi-Massaker der Studenten, das Cleo genau in dem Augenblick miterlebt, als ihre Fruchtblase platzt. Durch den Mob aufgehalten, landet sie verspätet im Kreissaal, wo Frauen mit ihr um Leben und Tod schreien. Ein Schreien, das sich so etwas wie ein emotionales Zentrum des Films erweist, stellvertretend für das Heulen und Wehklagen aller Frauen dieser Erde, die unter Schmerzen Kinder gebären, die deren Männer in den Kriegen töten.
... in einem Mexiko mit offenen Wunden
«Roma» spielt in einer Zeit, als Mexiko tief verwundet und erniedrigt war, ähnlich wie das antike Rom in seinem Untergang. Und dies mit blutenden, offenen Wunden, die das Leben der Bewohner von Grund auf veränderten. Ruhe und Sicherheit gab keine mehr, nicht einmal bei den Frauen, die durch Klassenunterschiede zwar getrennt, durch ihre Empathie jedoch immer wieder versucht hatten, gemeinsam zu leben. Cleo, Sofía und die Kinder stehen für jene, die im Schicksalsjahr 1971 alles verloren haben, im Glücksfall lediglich ihr Leben zu retten vermochten.
Eine Szene mit starker Symbolkraft ist jene, in der Cleo im Spital das Erdbeben erlebt. Eben hat sie erfahren, dass sie schwanger ist, da steht sie in der Neugeborenenstation, und es beginnt zu beben. Steinbrocken fallen von der Decke ins Zimmer der Babys, eine Krankenschwester rennt herein, packt die Kleinen und verschwindet mit ihnen. Darauf folgt eine lange Kamerafahrt zu einem Brutkasten, auf dem ein Stein liegt und darin ein Baby: Leben und Tod, so nahe, dass es fast nicht mehr auszuhalten ist. Auch eine weitere Szene bohrt sich einem in die Seele ein. Gegen Filmschluss fährt die Familie ans Meer. Dort geht es noch einmal um Leben und Tod, als sich die Kinder zu weit ins Meer hinaus wagen und Cleo, die nicht schwimmen kann, sie zu retten versucht. Auch hier einer dieser existenziellen Grenzorte zwischen Leben und Tod. Nur selten gelingt es, dermassen intensiv das Werden, Sein und Vergehen zu zeigen wie Alfonso Cuarón im Film «Roma«, der es schafft, das Hier und Jetzt zu transzendieren.
Seiner Ziehmutter gewidmet
«Roma» ist Libo, der Frau, die vor fünfzig Jahren den kleinen Alfonso Cuarón grossgezogen hat, gewidmet. Im Film steht Cleo für Libo, eine Frau, die die Kinder anderer betreut und zeigt, was Mutterliebe vollbringt. Doch «Roma» ist immer gleichzeitig auch ein Film über Zeiten und Räume, über Krieg und Frieden, ist allgemein gültig, angesiedelt im Mexiko des 20. Jahrhunderts. Cleo, Sofia und ihre Kinder sind Menschen, die das Schicksal dieser Gesellschaft voller Rassismus und Klassenkampf, vergifteter Machtstrukturen und Geschlechterunterschiede überlebt haben und zum Leben Neues fanden, nämlich Mitleid, Freundschaft und Liebe.
Der US-Streamingdienst Netflix sicherte sich die Distributionsrechte für «Roma». Das überrascht bei einem Meister wie Alfonso Cuarón. Doch Produzenten und Regisseur erklärten, so heisst es, es liege ihnen viel daran, dass der Film ein möglichst grosses Publikum erreiche und Netflix dafür eine Rolle spielen könne. Cuarón stimmte dem Deal unter der Bedingung zu, dass der Film gleichzeitig, zumindest in bestimmten Ländern, so auch in der Schweiz, ebenfalls ins Kino komme. «Roma» hat eine grosse Verbreitung und eine angemessene Präsentation verdient, erhielt er in Venedig doch den Goldenen Löwen, dem wohl noch andere Preise folgen werden.
Titelbild: Die Hausangestellte Cleo im Mittelpunkt
Regie: Alfonso Cuarón, Produktion: 2018, Länge: 135 min, Verleih: Netflix