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Vor 175 Jahren fuhr mit der «Spanisch-Brötli-Bahn» die erste Eisenbahn in der Schweiz. Das BAV beleuchtet im Jubiläumsjahr in den «BAV News» verschiedene Aspekte der schweizerischen Bahngeschichte. In dieser Ausgabe geht es um die Elektrifizierung, mit welcher die Bahnen frühzeitig auf einen modernen und im Inland verfügbaren Energieträger setzten.
Die Eisenbahn als Pionierin bei der Elektrifizierung des Verkehrs
Während die Bahnen der Gründerzeit noch mit Kohle unterwegs waren, ging 1888 in der Schweiz mit der Tramway Vevey-Montreux-Chillon (VMC) die erste elektrisch betriebene Bahn in Betrieb. Es folgten schrittweise weitere Schmalspurbahnen. 1901 wurde anlässlich der Generalversammlung des Schweizerischen Elektrotechnischen Vereins beantragt, auch die Elektrifizierung der Normalspurbahnen zu prüfen.
Der Initiant liess sich laut der späteren Studienkommission für elektrischen Bahnbetrieb «hauptsächlich von der Notwendigkeit leiten, unser Land von den kohlenproduzierenden Ländern unabhängiger zu machen und der schweizerischen elektrotechnischen Industrie ein neues Arbeitsfeld zu eröffnen.» Die Studienkommission selber hob 1912 in ihrem Bericht an die Generaldirektion SBB «die Verwertung der nationalen Wasserkräfte an Stelle der ausländischen Kohle» als Hauptmotiv hervor «und wenn möglich eine Verbilligung des Betriebs». Bereits 1906 bzw. 1913 gingen die verschiedenen Streckenabschnitte der Lötschberg-Simplon-Achse elektrifiziert in Betrieb.
Die Kohleknappheit im Ersten Weltkrieg gab der Elektrifizierung einen grossen Zusatzschub. 1920 ging die Gotthardbahn elektrisch in Betrieb und bis 1928 wurde mehr als die Hälfte der SBB-Strecken elektrifiziert.
Mehrere positive Auswirkungen
Die frühe Elektrifizierung der Bahn in der Schweiz war weitsichtig:
- Sie garantierte auf lange Frist die Versorgung mit Energie aus inländischen Quellen – ein Anliegen, das auch heute und weit über den Bahnbetrieb hinaus ein grosses Thema ist.
- Sie ermöglichte technischen Fortschritt und eine Leistungssteigerung der Bahn, welche dadurch effizienter und konkurrenzfähiger wurde. Zudem wurden viele Arbeitsplätze geschaffen.
- Da – mit Ausnahme der SBB – viele Bahnen statt auf eigene Kraftwerke auf Partnerschaften mit örtlichen Elektrizitätswerken setzten, entstanden auch Impulse für die allgemeine Elektrifizierung des Landes.
- Die Anwohner der Bahnstrecken wurden von den Rauch- und Russ-Emissionen der Dampflokomotiven befreit, was die Akzeptanz des Bahnausbaus erhöhte.
- Aus heutiger Sicht war die Elektrifizierung auch ein guter Entscheid für den Klimaschutz, auch wenn dieses Argument zu dieser Zeit keine Rolle spielte. Heute ist der Klimaschutz der Haupttreiber für die Elektrifizierung des Verkehrs. Gegenüber dem Strassenverkehr hat die Bahn hier rund ein Jahrhundert Vorsprung.
Führende Rolle der Schweiz
Mit der raschen Elektrifizierung der Bahn nahm die Schweiz bereits in der Zwischenkriegszeit im internationalen Vergleich eine führende Rolle ein. Aus militärischen Überlegungen erfolgte eine weitere Elektrifizierungswelle im Zweiten Weltkrieg. In überaus kurzer Zeit wurde ein weiterer, grosser Teil des Netzes elektrifiziert. Diese wurde nach Kriegsende fortgeführt, um einer drohenden Arbeitslosigkeit vorzubeugen.
Heute ist es eine Selbstverständlichkeit, dass die Eisenbahn elektrisch verkehrt. Noch ist die Elektrifizierung der Eisenbahn in der Schweiz allerdings nicht ganz abgeschlossen. Das BAV fördert im Rahmen des Projekts «Energiestrategie im öffentlichen Verkehr 2050» Bestrebungen namentlich der SBB, die verbleibenden Dieselflotten bei den Dienstfahrzeugen auf elektrischen Antrieb umzustellen.
BAV-News Nr. 97 März 2022