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Ist es schlimmer als Tschernobyl?
Vor 25 Jahren explodierte der Atomreaktor von Tschernobyl. Ist die Katastrophe in Japan sogar noch schlimmer?
Tschernobyl galt bislang als schlimmster Unfall in der Geschichte der Atomkraft. Auf der siebenstufigen INES-Skala, mit der Zwischenfälle in AKW beurteilt werden, steht Tschernobyl auf Stufe 7.
Am 12. April - einen Monat nachdem der verheerende Tsunami das Atomkraftwerk Fukushima schwer beschädigte - hat die japanische Aufsichtsbehörde NISA den nuklearen Unfall im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi auf der internationalen Ereignisskala INES ebenfalls auf die höchste Stufe 7 hochgestuft. Die Hochstufung in Fukushima-Daiichi betrifft die Blöcke 1 bis 3 des beschädigten Kernkraftwerks. Die NISA begründet die Hochstufung mit neuen Berechnungen über die freigesetzte Menge an Radioaktivität. Laut einem Richtwert der internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA) wird ein Unfall dann als INES 7 eingestuft, wenn mehr als 50'000 Terabecquerel Radioaktivität freigesetzt wurden. Dieser Wert wurde in Fukushima überschritten.
Es gibt jedoch gewichtige Unterschiede zwischen den beiden Unfällen: In Tschernobyl explodierte ein so genannt graphitmoderierter Reaktor. Durch die Explosion und die anschliessenden Graphitbrände wurden grosse Mengen radioaktives Material in die Atmosphäre geschleudert und von dort über Hunderte von Kilometern verteilt. In Fukushima hingegen wurden die Reaktoren beim verheerenden Erdbeben vom 11. März automatisch abgestellt. Die Probleme entstanden durch den Ausfall der Kühlung, die auch nach einer Abschaltung weiterlaufen muss.
Welche Auswirkungen hat der GAU auf die Schweiz?
Wie gross ist die Gefahr, dass die radioaktive Strahlung, die in Fukushima freigesetzt wird, die Schweiz erreicht?
Gemäss dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) stellt die in Japan freigesetzte Radioaktivität für die Schweizer Bevölkerung keine Gefahr dar.
Mit dem nationalen Radioaktivitäts-Messnetz NADAM werden die Werte von 63 über die ganze Schweiz verteilten Sonden alle zehn Minuten ermittelt. Sie können auf der Website der nationalen Alarmzentrale eingesehen werde: NAZ
Anders als bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 sind demnach auch keine besonderen Vorsichtsmassnahmen notwendig: Der Aufenthalt im Freien oder der Verzehr von Gemüse und Obst ist bedenkenlos möglich.
Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Bundesamts für Gesundheit: Info-Line: 031 322 97 28
Könnte so etwas auch in der Schweiz passieren?
Die Atomkraftwerke in der Schweiz stammen aus der gleichen Zeit wie das AKW Fukushima, in dem durch das Erdbeben und den anschliessenden Tsunami eine Kernschmelze ausgelöst wurde. Wie erdbebengefährdet sind eigentlich Schweizer AKW?
Die 2007 veröffentlichte «Pegasos»-Studie kam zum Schluss, dass in der Schweiz die Gefahr für AKW durch Erdbeben bislang unterschätzt wurde. Bis dahin war man davon ausgegangen, dass Schweizer AKW aufgrund der seismischen Gefährdungslage nahe Erdbeben der Magnitude 5 aushalten müssen. Die «Pegasos»-Studie zeigte jedoch auf, dass die fünf Schweizer AKW für ein nahes Erdbeben der Magnitude 7 nachgerüstet werden müssen. Zum Vergleich: Das letzte Erdbeben der Magnitude 6 in der Schweiz ereignete sich 1946 in Sierre VS, ein Erdbeben der Magnitude 7 tritt hierzulande etwa alle 1000 Jahre auf.
Die grösste Gefahr für AKW geht jedoch nach den Erkenntnissen der Studienverfasser weniger von den ganz starken Erdbeben aus, sondern vielmehr von mittleren Beben mit einer Magnitude zwischen 5,5 und 6,5, die in nächster Nähe der AKW stattfinden. Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) ordnete aufgrund dieser Ergebnisse an, dass die Atomanlagen überprüft und nachgerüstet werden müssen. Diese Arbeiten sind derzeit im Gang und sollen in rund fünf Jahren abgeschlossen sein.
Fazit: Zwar sind extrem starke Erdbeben wie in Japan in der Schweiz praktisch ausgeschlossen. Einen hundertprozentigen Schutz vor Schäden an AKW gibt es trotzdem nicht.
Wie wird die Strahlung gemessen?
Wie wird die Strahlendosis gemessen und ab welchem Wert ist sie gefährlich?
Die radioaktive Strahlenbelastung für Menschen wird in Sievert angegeben. Sie ist ein Mass für die biologischen Wirkungen und die Gefährdungen durch radioaktive Strahlungen. Die übliche Dosis, der Menschen in der Schweiz durch medizinische Belastungen und die natürliche Radioaktivität ausgesetzt sind, beträgt 5 Millisievert (mSv) pro Jahr, also fünf Tausendstel-Sievert. Bei dieser Dosis ist das Strahlenrisiko vernachlässigbar klein.
Für die gesundheitliche Gefährdung ist die Dauer der Belastung ebenso wichtig wie die Dosismenge. 5 mSv pro Jahr sind unproblematisch, aber wenn ein Mensch einer Belastung von 5 mSv pro Stunde während einem Tag ausgesetzt wird, hat er eine Dosis von 120 mSv erhalten. Das liegt bereits über dem zulässigen Grenzwert in der Schweiz von 20 mSv pro Jahr, denen Menschen in medizinischen Berufen maximal ausgesetzt sein sollten.
Welche Wirkung hat Radioaktivität auf Menschen?
Die Belastung mit hohen Dosen über 500 mSv pro Stunde führen zu akuter Strahlenkrankheit. Übelkeit und Kopfweh treten nach wenigen Stunden auf, danach klingen die Symptome ab, um später verstärkt aufzutreten. Die Menschen überleben die Belastung bei richtiger medizinischer Betreuung. Ist die Dosis deutlich höher und beträgt sie mehrere Sievert, kommt es zu inneren Blutungen und Infektionen. Die Überlebenschancen sind gering.
Deutlich kleinere Mengen an Radioaktivität sind nicht akut gefährdend, aber sie erhöhen die Zahl der Veränderungen (Mutationen) im Erbgut und erhöhen das Krebsrisiko. Die Krebsfälle können Jahre später auftreten.
Soll man jetzt Jodtabletten kaufen?
Nein. Dazu gibt es in der Schweiz keinen Anlass. Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) stehen für den Notfall genügend Jodtabletten zur Verfügung, die auch sehr schnell an die Bevölkerung verteilt werden könnten. Das BAG rät sogar explizit von einer unnötigen Einnahme von Jodtabletten ab. Diese könnten die Gesundheit gefährden.
Wie gefährlich sind Lebensmittel aus Asien?
Am 30. März hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Verordnung über die Einfuhr von Lebensmitteln mit Ursprung oder Herkunft Japan erlassen. Diese Verordnung sieht eine Verstärkung der Kontrollen von Importen aus Japan vor. Am 12. April hat die EU die Höchstwerte für Iod, Caesium und Plutonium zwecks Harmonisierung mit Japan tiefer angesetzt - auch die Schweiz übernimmt diese strengeren japanischen Werte für Importe japanischer Lebensmittel.
Seit Mitte März erhebt die Oberzolldirektion im Auftrag des BAG Stichproben von Lebensmitteln aus Japan. Die Resultate der Radioaktivitätsmessungen werden auf der BAG-Homepage veröffentlicht. Bisher waren gemäss BAG alle Lebensmittelproben negativ, die Waren konnten für den Verkauf freigegeben werden. Lebensmittel aus Japan, die heute in der Schweiz im Verkauf sind, können laut BAG bedenkenlos konsumiert werden.
Das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt, in Japan vorsorglich Jodtabletten bereit zu halten. Die Tabletten sollten jedoch ausschliesslich auf Anweisung der örtlichen Behörden eingenommen werden. Eine vorbeugende Einnahme ist nicht sinnvoll.
Aufgrund der höheren Strahlenempfindlichkeit wird Schwangeren und Familien mit Kindern zudem empfohlen, vor Aufenthalten im Grossraum Tokio/Yokohama mit einem Arzt Rücksprache zu nehmen.