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Münchhausen-Syndrom: Wenn Patienten ihre Ärzte hereinlegen
Sie täuschen Schmerzen vor, tragen Säuren auf die Haut auf, injizieren sich Milch, Kot oder andere Substanzen: Die meisten Ärztinnen und Ärzte hatten schon einmal mit Patienten zu tun, die Krankheitssymptome oder Verletzungen vortäuschen. In der Medizin wird dieses Krankheitsbild als „Münchhausen-Syndrom“ bezeichnet, nach dem berühmten Lügenbaron. Welche Ursachen liegen der artifiziellen Störung zugrunde und wie können Mediziner das Münchhausen-Syndrom diagnostizieren?
Münchhausen-Syndrom: Vorgetäuschte Krankheitssymptome
Der Londoner Arzt Richard Asher hat das Münchhausen-Syndrom als erster beschrieben und ihm seinen noch heute gebräuchlichen Namen gegeben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ordnet das Krankheitsbild in ihrer neuen Klassifikation ICD-11 unter „Andere Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen“ ein und beschreibt es als „artifizielle, selbstinduzierte Störung“.
Patienten mit Münchhausen-Syndrom täuschen medizinische, psychologische und verhaltensbezogene Anzeichen vor. Liegt tatsächlich eine Krankheit oder eine Verletzung vor, verschlimmern oder verfälschen sie absichtlich die Symptome. Externe Anreize wie etwa der Bezug von Invalidengeld sind für die Betroffenen aber nur nebensächlich. Vielmehr liegen dem Krankheitsbild unbewusste Motive zugrunde. In der Medizin spricht man von einem primärem Krankheitsgewinn: Die Patienten wünschen sich etwa die Zuwendung und Aufmerksamkeit, die sie aufgrund ihrer Symptome erhalten.
Auf diese Weise täuschen Patienten ihre Ärzte
Der Neurologe Jürg Kesselring beschreibt in der Zeitschrift „Primary Hospital and Care“, wie weit Patienten mit Münchhausen-Syndrom gehen, um ihre artifizielle Störung geheimzuhalten und den Anschein einer Erkrankung oder Verletzung zu erwecken. Beispiele gibt es aus allen Fachgebieten. Dermatologen können es etwa mit Patienten zu tun bekommen, die sich Säuren oder Laugen auf die Haut auftragen. Andere spritzen sich Flüssigkeiten oder sogar Kot unter die Haut. Durch die falsche Einnahme von Medikamenten werden Symptome wie Fieber oder Vergiftungserscheinungen hervorgerufen. Einige Patienten fügen sich selbst Verletzungen zu, täuschen Lähmungserscheinungen oder epileptische Anfälle vor.
Befinden sie sich bereits in Behandlung, manipulieren Betroffene zum Beispiel ihre Operationswunden oder Zugänge, um den Krankenhausaufenthalt zu verlängern.
Münchhausen-by-proxy
Eine Variante der artifiziellen Störung ist das „Münchhausen-by-Proxy-Syndrom“. Dabei rufen die Betroffenen die Krankheitssymptome nicht bei sich selbst hervor, sondern bei einem Stellvertreter. Häufig handelt es sich bei den Betroffenen um Mütter, Grossmütter oder Babysitter, die bei Säuglingen oder Kleinkindern Manipulationen vornehmen, die zu Krankheitssymptomen führen. Aber auch Erwachsene können als Stellvertreter für die Betroffenen dienen.
Den typischen Münchhausen-Patienten gibt es nicht
Einen typischen Patienten für das Münchhausen-Syndrom gibt es nicht. Es können Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und Berufen betroffen sein. Einer von Kesselring zitierten Untersuchung zufolge sind rund ein Viertel der Betroffenen sogar im Gesundheitswesen beschäftigt oder gehören zum Laborpersonal. Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen.
41,8 Prozent der Patienten mit Münchhausen-Syndrom sind auch an Depressionen erkrankt, bei 16,5 Prozent liegt eine Persönlichkeitsstörung vor. Ein Zusammenhang besteht vor allem mit narzisstischen, Borderline- oder dissozialen Persönlichkeitsstörungen. Die Mehrheit der Betroffenen verletzt sich selbst, ein geringerer Anteil der Patienten simuliert Krankheiten. Am häufigsten sind das Vortäuschen von endokrinologischen, kardiologischen und dermatologischen Problemen.
Diagnose-Kriterien für das Münchhausen-Syndrom
Artifizielle Störungen wie das Münchhausen-Syndrom werden oft erst nach Jahren diagnostiziert. Eine artifizielle Störung zu erkennen fällt auch deswegen so schwer, da viele Betroffene eine komplexe Beziehung zu ihrem Arzt oder Psychologen aufbauen. Sie verstehen es, sich als ideale Patienten zu präsentieren, die sowohl eine hohe fachliche Versiertheit aufweisen als auch mit aufwendigen Untersuchungen und schwierigen Eingriffen einverstanden sind. Andererseits zeichnet sich das Krankheitsbild durch plötzliche Beziehungsabbrüche aus. Patienten entlassen sich etwa selbst aus dem Spital oder erscheinen nicht mehr zu Terminen. Stattdessen suchen sie andere Mediziner auf.
Kesselring nennt einige Kriterien, an denen sich Mediziner bei der Diagnose des Münchhausen-Syndroms orientieren können:
- Vortäuschen, künstliches Hervorrufen oder Verschlimmern körperlicher oder psychischer Krankheitssymptome
- wiederholte Wundheilungsstörungen, für die keine organische Ursache vorliegen
- die Symptome verstärken sich vor der geplanten Entlassung aus dem Spital
- die Betroffenen zeigen ein suchtartiges Verlangen nach ständig neuer Spitalaufnahme
- es besteht eine hohe Bereitschaft, sich invasiven therapeutischen Massnahmen zu unterziehen
- die Patienten sind gleichgültig bezüglich des Krankheitsverlaufs
- es gibt Hinweise auf mehrere vorangegangene Eingriffe und Operationen
- die Arzt-Patienten-Beziehung weist pathologische Merkmale auf