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«Du kannst mir gerne Momo sagen. So nannte ich meine leibliche Grossmutter. Obwohl ich sie nur bis sechsjährig erlebte, habe ich starke Erinnerungen an sie. Mein Vater ist Tunesier, meine Mutter Schweizerin. Als mein Vater seine Schwester besuchte, die schon vor 20 Jahren in der Schweiz lebte, traf er in einem Migros-Restaurant meine Mutter. Blickkontakt reichte, um eine Beziehung zu starten. Meine Mutter reiste mit nach Tunesien, worauf ihre Schwester sich dafür einsetzte, dass sie zurückkommt. Sie war damals schon an Schizophrenie erkrankt und die notwendigen Behandlungen waren in Tunesien nicht möglich. Sie kam drei Monate später zurück und stellte eines Tages fest, dass sie schwanger war. Dies bereits im sechsten Monat. Im Dezember 2003 wurde ich geboren. Zehn Tage später kam ich zu meiner Pflegefamilie. Die Platzierung wurde schon vor meiner Geburt in die Wege geleitet. Meine Mutter hatte bereits einen Sohn, welcher 13 Jahre älter ist als ich, auch für ihn wurde ein Pflegeplatz gesucht.
Meine Pflegefamilie unterstützt mich bis zum heutigen Tag und hat alle Hochs und Tiefs durchgestanden und immer zu mir gehalten. Von dort aus konnte ich in Begleitung meine leibliche Grossmutter besuchen. Ich durfte auf ihrem Schoss sitzen und erlebte wie es ist, zu wissen, am richtigen Ort zu sein, mich selbst zu sein. Mein Vater konnte nicht mehr in die Schweiz einreisen, da er keine Mittel hatte. Er versuchte seit meiner Geburt, mit mir in Kontakt zu treten. Als ich sechs Jahre alt war, überquerte er das Meer mit einem Boot bis nach Italien. Dort wurde er von der Seepolizei festgenommen und zurückgeschickt. Davon habe ich erst später erfahren.
Mit 13 Jahren habe ich ihn gesucht und mit Facebook gefunden. Meine Pflegefamilie freute sich für mich. Im Januar 2022 kam er in die Schweiz und traf meine leibliche Mutter nach 18 Jahren wieder. Sie lebt in einem Pflegeheim. Beide waren liebevoll zueinander. Mein Vater wünschte sich, dass ich ihn und seine jetzige Familie in Tunesien besuche. Nachdem ich mich innerlich zum Entscheid durchgerungen habe, holte er mich im Dezember 2022 für die Reise ab. Seine heutige Frau lernte er im Kongo kennen. Ich habe drei kleine Halbgeschwister zwischen ein- und vierjährig. Nun sind Zwillinge unterwegs. Dieser Besuch war sehr wichtig für mich, um meine Wurzeln zu kennen. Die Welten sind sehr verschieden und ich weiss noch nicht, wie ich das zusammenbringe. Es gehört nun zu meinem Leben. In Tunesien wurde ich sehr herzlich aufgenommen. Der Umgang mit mir ist offen und unkompliziert. Ich erlebte ein vergleichbares Gefühl, wie auf dem Schoss meiner Grossmutter, ein Ankommen, glücklich sein, ohne viel zu brauchen, ich wurde verwöhnt und angenommen. Mein kleiner Bruder wollte mich nicht gehen lassen, er weiss, dass ich seine Schwester bin. Als Familienmensch tat es mir weh, wieder abzureisen.
Meine Pflegefamilie unterstützte mich schon früh im Kontakt mit meiner Mutter. Für die Besuche durfte ich schöne Kleider anziehen und die Vorfreude war jeweils gross. Leider wurden die Termine oft abgesagt oder verschoben. Ihre Unzuverlässigkeit war für meine Pflegeeltern und sicher auch für mich sehr belastend, da ich weinte und enttäuscht war. Ein Teil von mir hat eine Art Verständnis für ihre Krankheit aufgebaut, auch wenn es bis heute schwer ist, eine kranke Mutter zu haben.
Aus Berichten weiss ich heute, dass ich bereits im Vorschulalter auffällig war. Streit und Eifersucht gehörten zu mir. Ich war sprunghaft und impulsiv und hatte stereotype Schaukelbewegungen. Es wurde mir erzählt, dass ich ein ausgeprägt forderndes und aufmerksamkeitsheischendes Kind gewesen bin. Im Vorschulalter wurde eine ADHS diagnostiziert, welche sich durch Schwierigkeiten im Bereich des sprachlichen Verstehens und Schreibens zeigte. Rechnen fiel mir schwer, auch die räumliche Vorstellung war schwach. Bereits im Alter von acht Jahren wurde eine Psychotherapie beantragt und die Therapeutin durfte mich
viele Jahre begleiten. Der geringe Selbstwert, die mangelhafte Impulssteuerung, Kritikfähigkeit und Reflektieren lernen, standen im Mittelpunkt der Therapiestunden. »
Der Hausarzt erinnert sich, dass Momo im Alter von 10 Jahren nicht mehr gerne zur Mutter ging. Der spätere schulische Wechsel in die Mittelstufe war anspruchsvoll. Es beinhaltete viele Veränderungen wie neue Lehrer, ein neuer Schulweg und die beginnende Pubertät.
Momo: «Die Teenagerjahre waren nicht nur für mich, sondern auch für meine Pflegefamilie eine besondere Herausforderung. Ich begann Themen zu verbergen, brachte einen Freund mit, verzog mich ins Zimmer und sprach nicht mehr. Im Nachhinein würde ich dies nicht mehr so machen. Für die berufliche Eingliederung wurde ein Antrag an die IV gestellt und bewilligt, so dass ich eine Lehre in der Hauswirtschaft machen konnte. Als ich kurz vor dem 18. Geburtstag, im November 2021, zum ersten Mal in die Klinik musste, hatte mein Pflegepapi Tränen in den Augen und ich realisierte, wie sehr ich ihm am Herzen liege. Ich hatte schon seit 2020 Angst depressiv zu werden, konnte mich in der Ausbildung nicht mehr konzentrieren, verletzte mich selbst und hatte Schlafstörungen. Ich hatte oft Chaos, konnte meine Sachen nicht erledigen und meine Pflegeeltern kamen an ihre Grenzen. Nach einem zweiten Klinikaufenthalt wurde eine betreute Wohnform gesucht. Seit ich im Dialogos bin, habe ich viel über mich erfahren, konnte Fehler machen und werde in Lernprozessen begleitet. Das ist Gold wert für mich. Ich lerne viel über meine Verhaltensweisen, kann mich besser sortieren und einschätzen. Ich habe gelernt Nein zu sagen. Es gelingt mir nicht immer – aber es ist wichtig, für mich einzustehen. Ich hatte Angst, dass wenn ich einmal nein sage, ich nicht mehr dazugehöre. So war ich bereit Dinge zu tun, die mir gar nicht entsprachen oder mir Freude bereiteten. Jetzt kann ich die Zeit für etwas nutzen, was mich freut. Ich bin regelmässig im internen Atelier in Stettfurt und helfe Sonja oder male und zeichne an meinen Bildern.
Ich werde gerne gebraucht und bin gerne nützlich. Die Betreuung und Sonja machen mir Komplimente, das hat meinen Selbstwert erhöht. Zwischendurch habe ich Ängste und Einbildungen im Kopf. Die Hyperaktivität nehme ich wahr, erlebe mich aber nicht als beeinträchtigt. Als Kind erhielt ich das Medikament «Concerta», als Folge habe ich mir Knöpfe in die Haare gemacht oder die Haare ausgerissen. Als weitere Nebenwirkung litt ich auch unter Appetitlosigkeit, konnte nicht mehr essen und hatte Bauchschmerzen. Später wurde mir bewusst, dass «Concerta» mir beim Lernen hilft. In der Pubertät musste ich Ritalin nehmen und verweigerte es, da es als Droge bekannt ist. Ich bestand dann die Ausbildung (EBA) mit einer guten Note und habe auch heute keine ADHS-Medikamente mehr. «Suchterkrankungen sind typisch bei ADHS», sagte mein Psychologe. Es hilft, die Sorgen in der Realität auszuhalten. Erst jetzt realisiere ich, weshalb mich die Einnahme von Amphetaminen oder Kokain beruhigt und ich konzentriert werde, während andere komplett gegenteilig darauf reagieren. Auf diese Drogen verzichte ich schon lange. Die Angst, wie meine Mutter zu erkranken sitzt tief und es ist mir wichtig, psychisch stabiler zu werden. Auch wenn es mir noch schwer fällt, möchte ich den THC-Konsum hinter mir lassen.
Im Dialogos zu sein ist gut, weil ich nicht verurteilt werde, man akzeptiert mich und nimmt mich ernst. Komplikationen im Zusammenleben gehören dazu. Wenn ich impulsiv bin und die Hände verwerfe, ist es Zeit zu sortieren. Die Betreuung erkennt diese Momente und es hilft mir, wenn sie es ansprechen und mit mir die Themen konkret ordnen. Ich bin gespannt auf meine Anstellung im Mai mit 70 % in der Hauswirtschaft. Den Druck, mich stets zu erklären oder zu rechtfertigen und den Erwartungen zu genügen, möchte ich zunehmend ablegen und meinen eigenen Weg finden.»