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Mit schweren Depressionen ist nicht zu spassen. Medikamente, sogenannte Antidepressiva, können diese Patienten aus ihrem Tief holen. Häufig getrauen sich Betroffene nicht oder zu spät, ihren Zustand ihrem Hausarzt oder einem Psychiater zu offenbaren. Deshalb werde rund ein Drittel der schwer Depressiven gar nicht behandelt, erklären übereinstimmend führende Psychiater.
USA: Jede vierter Frau mittleren Alters Psychopharmaka verschrieben
Gleichzeitig erhält eine noch viel grössere Zahl von Frauen und Männern Psychopharmaka, denen sie mehr schaden als nützen. Das Verschreiben von Antidepressiva hat in den letzten zwanzig Jahren in einem Mass zugenommen, dass man glauben könnte, unsere Gesellschaft mache die Menschen verrückt. Acht oder neun von hundert Personen im Alter von über 14 Jahren haben im Jahr 2010 in Frankreich, Belgien Österreich, Grossbritannien, Schweden oder Spanien über längere Zeit Antidepressiva geschluckt. Das zeigt eine Übersicht des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit in Bonn. Die Schweiz hat das Institut nicht einbezogen. In den USA sind es bereits mindestens zehn von hundert über 14-Jährigen, wie die Fachzeitschrift «Psychotherapy and Psychosomatics» berichtet. Unter den 40- bis 50-Jährigen hänge sogar jede vierte Frau am Tropf dieser Psychopharmaka.
Nach der bisherigen amerikanischen Psychiatrie-Bibel «DSM-4» liegt eine schwere Depression nur dann vor, wenn eine Patientin oder ein Patient während wenigstens zwei Wochen an mindestens 5 der folgenden 9 Symptome gleichzeitig gelitten hat:
- Fast den ganzen Tag eine depressive Verstimmung.
- Fast den ganzen Tag ein deutlich vermindertes Interesse oder eine deutlich verminderte Freude an allen oder fast allen Aktivitäten.
- Deutlich weniger oder deutlich mehr Appetit mit entsprechendem Gewichtsverlust ohne Diät oder einer entsprechenden Gewichtszunahme (>5 Prozent/Monat).
- Schlaflosigkeit oder im Gegenteil vermehrter Schlaf.
- Drittpersonen beobachten eine psychomotorische Unruhe oder Verlangsamung.
- Müdigkeit oder Energieverlust.
- Ein Gefühl von Wertlosigkeit oder unangemessene Schuldgefühle (nicht nur Selbstvorwürfe oder Schuldgefühle wegen der Krankheit).
- Die Denk- oder Konzentrationsfähigkeit oder Entscheidungsfähigkeit sind stark vermindert.
- Wiederkehrende Gedanken an den Tod (nicht nur Angst vor dem Sterben), wiederkehrende Suizidvorstellungen, genaue Planung eines Suizids oder tatsächlicher Suizidversuch.
Eine Gruppe von Wissenschaftler wollte herausfinden, ob in den USA jede vierte Frau im mittleren Alter zum Zeitpunkt der Verschreibung von Antidepressiva tatsächlich gleichzeitig fünf dieser Symptome aufwies und damit an einer schweren Depression litt. Sie untersuchten 5639 Patientinnen und Patienten – eine repräsentative Auswahl von insgesamt 75’000 Patienten, bei denen Ärzte eine schwere Depression diagnostiziert hatten. Das in «Psychotherapy and Psychosomatics» veröffentlichte Resultat ist alarmierend: Fast zwei Drittel der Untersuchten erfüllten die Kriterien für eine schwere Depression nicht und bekamen trotzdem Psychopharmaka verschrieben.
Die meisten dieser Patienten nahmen sie während mindestens zwei Jahren ein, obwohl diese Arzneien folgenschwere Nebenwirkungen haben können.
Studienleiter Ramin Mojtabai, Psychiatrie-Professor an der Johns Hopkins School of Public Health in Baltimore, erklärte, dass Ärzte immer häufiger Traurigkeitsgefühle wegen eines Todesfalls oder Beziehungsproblemen sowie Alltagsstress mit Antidepressiva behandelten.
Die New York Times, welche unter dem Titel «Antidepressiva-Schwemme» darüber berichtete, zitierte eine 50-Jährige New Yorkerin. Schon wenige Wochen nach dem Tod ihres Gatten habe ihr der Hausarzt Antidepressiva verschrieben, obwohl sie selbst ihre Trauergefühle als normal betrachtete. «Der Arzt sagte mir, ich müsse wieder funktionieren, meinen Job behalten und meine Tochter betreuen.»
Erweiterte Diagnosen
Die grosszügige beziehungsweise fahrlässige Verschreibungspraxis mancher Ärzte ist im revidierten amerikanischen Diagnose-Katalog «DSM-5» jetzt verankert. Bisher galt erst als Depression, wenn eine Trauernde mehr als zwei Monate nach einem Todesfall diesen immer noch nicht akzeptiert hat und antriebslos bleibt. Nach der neuen Diagnose-Definition muss ein Arzt jetzt keine zwei Monate mehr abwarten, bis er eine «Depression» diagnostizieren darf.
Neu gibt es nun auch die Diagnosen «periodische Fressanfälle», das Messie-Syndrom, die Spielsucht, das exzessive Sich-Kratzen, Stimmungsschwankungen und Wutausbrüche («Disruptive mood dysregulation disorder» DMDD) oder starke prämenstruelle Beschwerden. Und wenn ein Arzt die im Alter üblichen Gedächtnis- und Denkstörungen als etwas überdurchschnittlich beurteilt, kann er neu die Diagnose «minore neurokognitive Störung» stellen.
Die neuen erweiterten Diagnosen haben Folgen für die amerikanischen Krankenversicherungen, welche Medikamente aufgrund dieser Diagnose zahlen müssen. Und sie haben Folgen für die Pharma-Forschung: Die Zulassungsbehörde FDA verlangt, dass psychiatrische Studien die Diagnosen-Definitionen des DSM übernehmen müssen.
Noch sind wir in Europa nicht ganz so weit. Hier gilt der Diagnosekatalog ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation. Aber auch dieser ist in Revision und der ICD-11 wird sich dem amerikanischen annähern.
«Eine wesentlich subjektive Angelegenheit»
Jeffrey Lieberman, Präsident des amerikanischen Verbands der Psychiater, machte geltend, dass die Diagnose einer Depression «eine wesentlich subjektive Angelegenheit» sei. Man könne nicht einfach einen Blut- oder Urintest oder ein EKG machen.
Als Kontrast zu dieser Haltung zitiert die New York Times die niederländische Hausärzte-Vereinigung: Sie rief letztes Jahr ihre Mitglieder auf, Antidepressiva nur in wirklich ernsthaften Fällen bei schweren Depressionen zu verschreiben, und bei den andern Fällen psychologische Hilfe und Unterstützung im Alltagsleben anzubieten. Niedergeschlagenheit sei häufig eine normale, vorübergehende Reaktion auf Enttäuschungen und Verluste.
Professor Wolfgang Maier, Präsident der «Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde» warnt vor der «Gefahr der Pathologisierung alltäglicher Leidenszustände und natürlicher Anpassungs- und Alterungsprozesse».
Die ständige Ausweitung der Diagnosen bereits in der Vergangenheit hatte Folgen für die Sozialversicherungen: In der Schweiz nahmen die IV-Renten infolge Depressionen, Belastungs-, Persönlichkeits- und Schmerzstörungen in den letzten zwanzig Jahren um ein Mehrfaches zu. Doch in Wirklichkeit leiden heute nicht mehr Personen unter einer schweren Depression als früher. Heute fühlen sich sogar mehr Schweizer und Ausländer, die hier wohnen, «psychisch ausgeglichen» als noch im Jahr 1992. Das geht aus den Gesundheitsberichten des Schweizerisches Gesundheitsobservatoriums Obsan hervor.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine