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Das kurze, bewegte Leben der Annemarie Schwarzenbach fasziniert auch noch Jahrzehnte nach ihrem Tod. Sie war Fotografin, Journalistin, Schriftstellerin, Historikerin und zeit ihres Lebens eine Suchende. Jetzt wird sie am Basler Luststreifen-Festival gefeiert.
Die Schweizer Fotografin und Historikerin Annemarie Schwarzenbach lebte schon vor knapp 100 Jahren ein Leben jenseits gesellschaftlich diktierter Geschlechterrollen und Einschränkungen. Sie wurde nur 34 Jahre alt. Eine kurze Zeitspanne, welche die Lebefrau aus reichem Elternhaus voll auskostete. Ihre kurze Biografie lässt ahnen, was noch hätte kommen können, wäre nicht dieser Fahrradunfall im Herbst 1942 gewesen.
Teil einer illustren Familie
Annemarie Schwarzenbach wird am 23. Mai 1908 in eine Zürcher Industriellenfamilie geboren. Ihre Mutter Renée Schwarzenbach ist Fotografin, der Vater Seidenfabrikant. Annemarie Schwarzenbachs Name reiht sich ein in die Ränge von Leuten wie General Ulrich Wille, ihrem Grossvater, der die Schweizer Armee nach preussischem Vorbild umbaute. Sein Sohn, Ulrich Wille junior gründet 1912 die Jugendorganisation Pro Juventute. James Schwarzenbach, Vater der nach ihm benannten Schwarzenbach-Initiative, welche 1970 den Ausländeranteil in der Schweiz radikal beschränken wollte, ist ihr Cousin.
Die Kindheit verbringt Annemarie Schwarzenbach im grossbürgerlichen Umfeld Zürichs. Bei den Empfängen der Mutter geben sich die wichtigsten Persönlichkeiten von Zürichs Oberschicht die Klinke in die Hand. Ihre Mutter erzieht sie als Junge, sie bekommt sogar den Spitznamen «Page Otto», wenn sie sich in Theaterkleidern der Liebhaberin der Mutter, Opernsängerin Emmy Krüger, verkleidet. Der liberalen Einstellung der Mutter hat sie es zu verdanken, dass sie ihre geschlechtliche Ambivalenz ausleben und sich frei entwickeln kann, ihre Mutter ist es aber auch, welche sie mit ihrer eifersüchtigen Liebe nach dem Studium aus dem Haus treiben wird.
Zwischen Mutter und Freiheit
Annemarie Schwarzenbach hat ihr Leben lang gegen ihre Mutter rebelliert. Einerseits sind die konservativen politischen Werte und die Begeisterung für den Nationalsozialismus von Renée Schwarzenbach ein unüberwindbares Hindernis, andererseits belasten eifersüchtige Wutausbrüche und ihre Tendenz die Tochter abzuschirmen die Beziehung.
Schon während des Studiums beginnt Annemarie Schwarzenbach, der Einflusssphäre der Mutter zu entschleichen. 1930 macht sie in München die Bekanntschaft mit Erika Mann und deren Familie. Die Freundschaft entwickelt sich in eine unerwiderte Liebe zur deutschen Schriftstellerin, trotzdem bleibt der Kontakt zwischen Schwarzenbach und den Manns ein Leben lang aufrecht. Ein Jahr später promoviert Schwarzenbach an der Universität Zürich, kurz darauf erscheint ihr Erstlingsroman «Freunde um Bernhard».
Das Verhältnis zur Mutter verschlechtert sich zunehmend. Nach der Promotion verlässt Annemarie Schwarzenbach das Elternhaus, wird Fotojournalistin, Abenteurerin. Zuerst verbringt sie einige Zeit in Berlin bei den Manns, ab 1932 begibt sie sich auf Reisen durch Europa, Asien, Afrika und Amerika.
Fotografin, Korrespondentin, Abenteurerin
Schwarzenbach wird Korrespondentin für Schweizer Zeitungen, den Rest ihres Lebens verbringt sie grösstenteils unterwegs. Sie bereist im Zuge ihrer Arbeit Skandinavien, Russland, Spanien, Vorderasien. Ihren Eskapismus lebt sie nicht nur physisch aus, indem sie sich von der Familie emanzipiert und sich in Liebschaften mit Arbeitskolleginnen stürzt. Auch geistig flieht sie in eine andere Welt. Während eines längeren Aufenthalts in Berlin 1931 beginnt Schwarzenbach, sich Morphium zu spritzen. Zuerst in Gesellschaft, später auch alleine.
Die letzten Jahre in Schwarzenbachs Leben sind geprägt von längeren Klinikaufenthalten. 1939 verbringt sie eine längere Zeit in einer Anstalt, um ihre Drogensucht behandeln zu lassen, 1941 befreit ihr Bruder sie mit Mühe aus der Zwangseinweisung in einer psychiatrischen Klinik.
Es ist ein ordinärer Verkehrsunfall, der ihrem Leben schliesslich ein Ende setzt. Im September 1942 stürzt sie im Engadin mit dem Fahrrad und zieht sich eine Kopfverletzung zu, von welcher sie sich nie mehr erholt. Zwei Monate später stirbt sie an den Folgen des Unfalls.
Dreimal Annemarie
Die bewegte Geschichte der Annemarie Schwarzenbach war schon oft Thema biografischer Neuauflagen. Jüngstes Beispiel dafür ist der Film «Je suis Annemarie Schwarzenbach» der französischen Regisseurin Véronique Aubouy, welche sich dem Thema in einer künstlerischen Betrachtung annimmt. Zwei Schauspielerinnen und ein Schauspieler schlüpfen abwechslungsweise in die Haut der Annemarie Schwarzenbach. Zu sehen ist der Film am Luststreifen-Festival 2015 im Neuen Kino mit anschliessendem Gespräch mit der Regisseurin und einer der Schwarzenbach-Darstellerinnen, Nina Langensand.
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«Je suis Annemarie Schwarzenbach», Samstag, 10. Oktober, 20:00, Neues Kino Basel, Luststreifen Festival