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BANK FÜR HANDEL UND INDUSTRIE
DARMSTADT1
Darmstadt 25 Dezember 1871.
Geehrtester Herr Präsident
Ihre geschätzte Zuschrift vom 18t d. Mts habe ich rechtzeitig erhalten und abends Ihre Depesche vom 19t. Daß ich beide erst heute beantworte müssen Sie theils mit übergroßer Beschäftigung, theils mit einem schweren Krankheitsfalle mit tödtlichem Ausgang in meinem Hause entschuldigen; überdieß bin ich noch lange nicht im Besitz der Antworten aller derjenigen Personen, an welche ich wegen der beiden von Ihnen angeregten Gegenstände geschrieben resp. mich gewendet habe.
Was zunächst die requirirten Geschäftsord2 nungen der Directionen süddeutscher Eisenbahn en betrifft, so kann ich Ihnen kaum etwas bieten, was Sie gebrauchen können. Ich unterstelle, daß Sie Sich mit « Preußischen Normen» versehen haben; ausser Preußen existiren eben in Süd- resp. Südwest Deutschland nur 3 größere Privatbahnen: Ludwigsbahn, Pfälzer Bahnen, Bayerische Ostbahn. Alle drei haben verschiedene und für Ihre Verhältnisse kaum passende oder vergleichbare Organisationen. | Bei der Hessischen Ludwigsbahn ist der gewählte Verwaltungsrath die den Betrieb eigentlich leitende obere Behörde: unter ihm stehen nur executive Oberbeamte, die den verschiedenen Ressorts ziemlicher Selbstständigkeit vorstehen. Weder ein Director, noch eine eigentliche Collegialische Direction besteht – wenn man nicht den Verwaltungsrath als solche betrachtet.
Die Pfälzer Bahnen haben einen gewählten sehr zahlreichen, deßhalb schwerfälligen, Verwaltungsrath und eine von der Regierung ernannte (aus Director u Subdirector bestehende) Direction. Der Verwaltungsrath übt seine Befugnisse der Hauptsache nach durch ein Comite aus, das gewissermaaßen unter der Direction steht.
Bei den bayerischen Ostbahnen ist der Verwaltungsrath de jure die leitende Behörde, ein Director der ausführende Beamte. Da aber der Verwaltungsrath sehr zahlreich ist, in verschiedenen Orten wohnt, sehr selten zusammen kommt – so bedeutet er sogut wie Nichts und für ihn regiert der Präsident, der auch von der Regierung ernannt ist. |
Diese etwas geschraubten Verhältnisse bei der Pfälzer & bayerischen Ostbahnen originiren von den großen Staatsgarantien die diese Bahnen genießen.
Die Geschäftsordnung etc des Verwaltungsrathes der Hessischen Ludwigsbahn sende ich Ihnen unter Kreuzbahn; desgleichen die «Satzungen» der Pfälzer Bahnen: Geschäftsordnungen oder Reglements den Verwalthungsrath und die Direction betreffend existiren dort nicht. Von der bayerischen Ostbahn habe ich, auf meine Requisition noch nichts erhalten.
Der Technikerfrage förderliche Mittheilungen kann ich leider auch nicht machen. Ich habe mich an mehrere, mir befreundete, Ingenieure gewendet, denen ich ein Urtheil zutraue. Alle Antworten die ich bis jetzt erhalten (freilich nur ein kleiner Theil) laufen auf die Ihnen schon bekannten Personen hinaus oder auf solche, die schon in der Schweiz, namentlich am Hauenstein gebaut haben und Ihnen daher besser bekannt sind wie uns.3
Ich habe unter Anderem mich auch erkundigt, wer denn jetzt unter den leben | den deutschen Technikern als der beste Theoretiker, die beste wissenschaftliche oder literarische Kraft im Tunnelbauwesen gelte? Es wurde mir darauf die Antwort, daß das unzweifelhaft ein Herr Rziha, zuletzt in Braunschweigischen Diensten, sei, dessen Buch über Tunnelbau das Beste sei was bis jetzt erschienen. Ich habe mich daher an die Direction der Braunschweigischen Eisenbahnen erkundigend gewendet und von dem Vorsitzenden derselben, Finanzrath Wolf, die beifolgende Antwort erhalten. Meiner Ansicht nach wäre ein solcher Mann wie Rziha vielleicht als Consulent zu verwerthen – oder doch vielleicht darüber zu hören, wen er für vorzugsweise befähigt halte, den Gotthardstunnel auszuführen. 4
Mit vorzüglicher Hochachtung
Ihr ergbnster
L Parcus