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An der eigenen Resilienz zu arbeiten ist besser als Neuroenhancement
Hirndoping wird immer beliebter
Statt das Hirn mit Medikamenten aufzuputschen, deren Wirkung zweifelhaft ist, und die zu schlimmen Nebenwirkungen führen können, empfehlen Experten, an der Stressresistenz zu arbeiten und Ängste abzubauen.
Ehrgeizig, erschöpft, am Ende – bei dauerhafter Überlastung versuchen manche Menschen, ihre Leistungsfähigkeit künstlich zu steigern. Sie trinken literweise Kaffee oder Energydrinks, nehmen Aufputschmittel oder Psychopharmaka, um Konzentration und Gedächtnis zu verbessern. Die Einnahme pharmakologischer Substanzen mit dem Ziel, die geistige Leistung zu steigern, wird Neuroenhancement oder auch «Hirndoping» genannt. «Wir sehen in allen Lebensfeldern und -aktivitäten Versuche, mit Medikamenten, leistungssteigernden oder psychoaktiven Substanzen die Leistungsfähigkeit zu beeinflussen», sagt Dr. Toni Berthel, Psychiater in Winterthur und bis vor Kurzem Präsident der Eidgenössischen Kommission für Suchtfragen EKSF.
«Die Leistungsgesellschaft verlangt nach fitten, durchtrainierten, nimmermüden, durchsetzungsfähigen Menschen. Manager und Politiker zeigen dies, indem sie Marathons bestreiten oder ihre Ausdauer in Triathlons beweisen. Dass hier auch hin und wieder Stimulanzien eingesetzt werden, ist zu vermuten.» Die Palette der «Hirndoping-Mittel» reicht von Kaffee über Koffeintabletten und Energydrinks, Vitaminen und pflanzlichen Mitteln zu verschreibungspflichtigen und illegalen Substanzen. Verlässliche Zahlen, wie viele Menschen ihr Gehirn mit Medikamenten aufputschen, welche Berufsgruppen betroffen sind und ob das in den vergangenen Jahren zugenommen hat, gibt es jedoch nicht. Die Prävalenz unter Studierenden beträgt in den USA je nach Studie zwischen 5 und 35 % und in Deutschland 1–20 %. Diese grossen Unterschiede sind zum einen auf die Erhebungsmethode zurückzuführen, zum anderen auf die Definition von Neuroenhancement.
Die Dunkelziffer der Nutzer ist wahrscheinlich hoch
Für die Schweiz gibt es wenige Daten. In einer Umfrage des Schweizer Instituts für Sucht- und Gesundheitsforschung (ISGF) in Zürich von 2016 unter 10 171 Angestellten und Studierenden gaben 411 (4 %) an, jemals in ihrem Leben verschreibungspflichtige Medikamente oder Freizeitdrogen genommen zu haben, um besser arbeiten oder studieren zu können. Im Jahr vor der Umfrage hatten 215 (2,1 %) ihr Hirn «gedopt». Am häufigsten wurden Tranquilizer und Antidepressiva verwendet. Bei solchen Umfragen muss man jedoch immer beachten: Wer gibt schon offen zu, Neuroenhancer zu verwenden? Experten vermuten daher eine hohe Dunkelziffer.
Koffein: Filterkaffee schlägt Energydrinks
Koffein erhöht die Wachheit und Aufmerksamkeit, das Gedächtnis wird aber nicht beeinflusst. Auch in Energydrinks wirkt vor allem Koffein. Man sollte aber die Koffeinmengen vergleichen: 250 ml Energydrink enthalten rund 80 mg Koffein. In 240 ml Filterkaffee sind 95 bis 200 mg, in 450 ml Caffè Latte von einer bekannten amerikanischen Kette 150 mg Koffein. Ein Espresso hat dagegen nur 40 bis 75 mg und eine Dose Cola 30 bis 35 mg. Manche erhoffen sich mehr von «natürlichen» Mitteln. Vitamine sind zwar wichtig für die Funktion des Gehirns. Dass sie in Pillenform aber die Hirnleistung steigern, ist unwahrscheinlich. Ähnlich sieht es bei Ginkgo biloba aus.
Neuroenhancer bessern die Gedächtnisfunktion nicht
Zu den verschreibungspflichtigen Neuroenhancern gehören Modafinil, Methylphenidat, Antidementiva und Antidepressiva. Ähnlich wie Methylphenidat wirken Amphetamine oder ihre Abkömmlinge Speed, Ecstasy oder Crystal Meth – alles illegale Drogen. Nur bei Modafinil, Methylphenidat und den illegalen Drogen ist nachgewiesen, dass sie Konzentration, Aufmerksamkeit und Wachheit steigern. «Berichtet jemand, sich mit Methylphenidat Dinge besser merken zu können, liegt das daran, dass er wacher und aufmerksamer ist», erklärt Professor Dr. Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Mainz. «Die Gedächtnisfunktion bessert sich damit höchstwahrscheinlich nicht.» Liest man die Liste der Nebenwirkungen dieser Medikamente, fragt man sich, warum jemand sie freiwillig zum Neuroenhancement nimmt: Das geht von Kopfschmerzen, allgemeine Unruhe über Schlafstörungen und Herzrasen bis zu Atemnot. Abgesehen davon besteht die Gefahr, dass die Medikamente psychische Krankheiten auslösen oder abhängig machen können.
Personen, die besser mit Stress umgehen, also resilienter sind, greifen seltener zum Hirndoping, fand Prof. Liebs Team heraus. «Resilienz ist zwar zu einem Teil angeboren», sagt er, «aber man kann lernen, resilienter zu werden und mit dem Druck im Arztberuf ohne Aufputschmittel klarzukommen.» Als Strategien nennt er als erstes das Active Coping, also Stress nicht negativ sehen, sondern als Herausforderung. Trägt einem der Chefarzt auf, mal eben bis morgen eine komplizierte Studie für die Morgenbesprechung zusammenzufassen, sagt man sich: «Das ist zwar viel, zeugt aber davon, dass der Chef viel von mir hält. Ich schaffe das.» Zweitens hilft kognitive Flexibilität, also eine Situation anders zu bewerten. Kritisiert der Chefarzt vor versammelter Mannschaft meine Präsentation, sehe ich eine Chance darin: Ich kann mehr lernen und dann vielleicht einen Karriereschritt machen. Drittens: Realistischer Optimismus. Manche Leute versuchen partout, Dinge zu ändern, die sich nicht ändern lassen – das lähmt einen. Kommt man mit einem Kollegen nicht klar, kann es besser sein, sich aus dem Weg zu gehen. Viertens: Sich einfühlsame Freunde suchen. Man erfährt, dass auch andere Probleme mit ihrem Job oder dem Chef haben – soziale Unterstützung macht resilienter.
Umgang mit psychoaktiven Substanzen lernen
Jeder Mensch muss für sich herausfinden welches Mass an Belastung und Stress er aushalten kann, sagt Dr. Berthel. «Helfen kann ein Austausch mit Kollegen oder psychologisch geschultem Fachpersonen sowie ein Ausgleich zwischen beruflichen Anforderungen, Entspannung und sozialen Kontakten.» Ob in Zukunft mehr Menschen zu Neuroenhancern greifen, werde sich zeigen. «Aber eines ist klar», sagt er, «Menschen, die einen hohen Leistungsdruck spüren oder sich selbst stark unter Druck setzen und merken, dass ihre Leistungsfähigkeit nicht ausreicht, sind immer wieder versucht, mit Hilfe einer Substanz abzuschalten, den Schlaf zu regulieren oder sich wach zu halten.» Abgesehen davon sind psychoaktive Substanzen eine Realität und gehören zur kulturellen Praxis. «Wir müssen lernen, mit ihnen so umzugehen, dass wir einerseits von den positiven Wirkungen profitieren können – zum Beispiel von einer guten Tasse Kaffee – und anderseits die Kontrolle über den Konsum nicht verlieren. Dies ist eine Herausforderung, der wir uns als Gesellschaft stellen müssen.»