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Le Corbusiers Erleuchtung im Osten
«Architektur ist das kunstvolle, korrekte und grossartige Spiel der unter dem Licht versammelten Baukörper.» Das berühmte Diktum Le Corbusiers kennt fast jeder. Weniger bekannt ist, dass dem Architekten die Erleuchtung zu den Körpern im Licht keineswegs angesichts der amerikanischen Getreidesilos kam, die er dazu abbildete, sondern in Istanbul.
Nicht nur als eine Definition der Architektur ist der bekannte Satz grundlegend, auch im Werk seines Verfassers war er fundamental. Der nach Paris emigrierte Schweizer Charles-Édouard Jeanneret veröffentlichte ihn 1920 im ersten Artikel, den er mit seinem neuen Künstlernamen «Le Corbusier» unterzeichnete, und im ersten Heft der Zeitschrift «Esprit Nouveau», mit der er und seine Mitstreiter auszogen, das Denken über Architektur und Kunst zu revolutionieren. «Drei Mahnungen an die Herren Architekten» war der Aufsatz betitelt, und die erste der Mahnungen betraf «le volume»: den Baukörper.
Leuchtende Silos
Was man sich unter der poetischen, aber nicht unbedingt eindeutigen Wendung «le jeu savant, correct et magnifique des volumes assemblés sous la lumière» vorzustellen hat, illustrieren Fotos: riesige Getreidesilos aus zylindrischen und rechteckigen Körpern, deren Schlichtheit, Glätte und Arrangement den klaren Kontrast von sonnenbeschienenen Flächen und tiefen Schatten eindrucksvoll hervorheben.
«Die amerikanischen Ingenieure zerschmettern mit ihren Berechnungen die mit dem Tode ringende Architektur»1, kommentiert der Verfasser unerbittlich. So erfand sich Le Corbusier als kühler Rationalist, so etablierte er sich als wortgewaltiger Chefpropagandist einer modernen Architektur, der Technik und Industrie die Leitbilder lieferten.
Doch weder die Geschichte der Moderne noch die Biografie und die Positionen Le Corbusiers waren so sonnenklar, wie sie sich hier präsentieren. Die als dramatisches Fanal inszenierten amerikanischen Silos hatte der Architekt, als er sie veröffentlichte, nie mit eigenen Augen gesehen, einige der Fotos davon klaute er sich aus dem «Jahrbuch des Deutschen Werkbundes» von 1913. Nicht allein bei dessen Lektüre aber war dem Architekten die Inspiration zu seiner Neudefinition der Architektur aus dem Licht gekommen, sondern durchaus im eigenen Augenschein.
Das offenbarte er 1925 in seinem Buch «L’art décoratif d’aujourd’hui», also fünf Jahre nach der ersten Publikation des berühmt gewordenen Satzes. Dort berichtet er von seiner eigenen Bildung und Ausbildung als junger Mann, als er noch Jeanneret hiess und sich noch nicht Le Corbusier nannte. Und hier nimmt eine Bildungsreise 1910–1911 über den Balkan an den Bosporus den bedeutendsten Raum ein. «Ich unternahm eine Reise, die entscheidend sein sollte», schreibt der Architekt feierlich – entscheidend für seine Konzeption der Architektur.
Leuchtende Moscheen
Tatsächlich findet sich hier der zuvor in den Kontext der amerikanischen Silos gestellte Satz abermals: «L’architecture est le jeu magnifique des formes sous la lumière.» Diese Variante kommt nicht nur mit weniger Adjektiven aus, sie ist auch wesentlich inklusiver als die zuvor publizierte. Er fährt fort: «Architektur zeigt sich in grossen Werken, komplex und prunkvoll, von der Geschichte überliefert; aber sie zeigt sich auch in der kleinsten Bruchbude, in einer Umfassungsmauer, in jedem erhabenen oder bescheidenen Ding, das genügend Geometrie besitzt, um mathematische Verhältnisse aufzuweisen.»2
Von grossen Ingenieuren ist keine Rede mehr, selbst eine Hütte wird nun zur Architektur gezählt. Und abgebildet werden hier keine Silos, sondern beinahe ausschliesslich Bauten und bauliche Fundstücke aus Istanbul: Die Süleymaniye-Moschee, eine Gartenmauer in «Stamboul», eine andere, kleine Moschee, ein Grabstein, eines der typisch türkischen Holzhäuser, der Friedhof im Stadtteil Eyüp und die Hagia Sophia sind in den eigenen Reiseskizzen des Architekten zu sehen. In all dem sollte sich Jeanneret also bereits Architektur als Spiel der Formen im Licht offenbart haben.
Eine Erleuchtung auch im übertragenen Sinn, liest man die hier verwendeten Formulierungen genau. Denn gereist sei er «cherchant la leçon qui m’éclairera», eine Anspielung auf eine Erhellung, die sich am Ende des Gründungsmanifests der Zeitschrift «Esprit Nouveau» wiederfindet: «[I]l y a un esprit nouveau; c’est un esprit […] guidé par une conception claire.»
In Istanbul hatte Jeanneret seine Lektion gelernt, die ihn «erleuchtete» und letztlich seine «klare» Vorstellung von Architektur inspirierte. Dass die Wortwahl kein Zufall ist und es sich hier tatsächlich um Referenzen ans Licht handelt, legt der Reisebericht nahe, der erst 1966 komplett veröffentlicht wurde, ein Jahr nach Le Corbusiers Tod. Auffallend oft finden sich darin Referenzen ans Licht, insbesondere in den Schilderungen der grossen Moscheen von Edirne und Istanbul und der Moschee als Bautyp allgemein.
Edirne im Westen der Türkei zeigte sich ihm «im Glanz des grossen Nachmittagslichts», das auf die gewaltige Kuppel der Hauptmoschee, flankierende Minarette und weitere Moscheen treffe; den Innenraum einer Moschee zeichne «ein üppiges diffuses Licht ohne jeden Schatten» aus; darüber sehe man «die lichte Krone aus tausend kleinen Fenstern der Kuppel funkeln»; das ganze Bauwerk habe eine «Erhabenheit aus weisser Kalktünche. Die Formen waren klar».3
Erleuchtung bei Nacht
Nicht immer aber entsprachen die osmanischen Sakralbauten diesem Ideal. Istanbul erlebte er mit bleiernem Himmel und grauem Meer, was die Moscheen «dreckig» erscheinen liess. Die weiss im Sonnenlicht leuchtende Moschee wird zum Wunschbild: «Ich wünschte, dass Istanbul weiss wäre, grell wie Kreide, und dass das Licht dort kreischt. Ich will eine komplett weisse Stadt im weissen Licht.»4
Erfüllen sollte sich dieser Wunsch absurderweise nicht bei Tag, sondern bei Nacht. Jeanneret wurde Zeuge eines der grossen Stadtbrände, die das damalige Istanbul regelmässig heimsuchten, und ausgerechnet im Licht der die zahlreichen Holzhäuser verschlingenden Flammen leuchteten die Moscheen auf, wie er es sich gewünscht hatte: «Von den Flammen umschmeichelt, schimmern sie wie Alabaster, mystischer als je zuvor, unverletzliche Tempel Allahs!» Die Minarette zeigten sich ihm «weiss wie ein zu stark erhitztes Eisen»5. Ausgerechnet das Feuer, das die profanen Holzbauten zerstörte, doch den steinernen, von Friedhöfen und Gärten umgebenen Moscheen nichts anhaben konnte, setzte die Stadt ins ideale Licht.
Ein Licht, das weitreichende Folgen haben sollte: Wenn Le Corbusier vom alten Paris in seinem berühmten «Plan Voisin» nurmehr die Hauptmonumente übrig lassen sollte, dann stellte er auch damit die Architektur ins rechte Licht, in seinem eigenen «jeu savant et magnifique» – absichtlich gegen Vorstellungen dessen verstossend, was «correct» sein mag.
Istanbul um 1900 in Bildern
Das vom armenisch-syrischen Pascal Sébah und seinem Sohn Jean begründete Fotostudio Sébah & Joaillier gehörte um 1900 zu den erfolgreichsten im östlichen Mittelmeerraum. Vater und Sohn lichteten viele bedeutende Bauten Istanbuls und seiner Bewohner ab – und zeigten die Stadt so, wie der junge Jeanneret (Le Corbusier) sie gesehen haben muss. Mehr Aufnahmen finden sich auf www.sebahjoaillier.com.
Literatur
Rémi Baudouï: «Le regard sur l’islam» in: Le Corbusier: Le symbolique, le sacré, la spiritualité. Hg. von Debora Antonini u. a. Ed. de la Villette, Paris 2004, S. 38–53.
Roberta Amirante (Hg.): L’invention d’un architecte: le voyage en Orient de Le Corbusier. Ed. de la Villette, Paris 2013.
Anmerkungen
1 Le Corbusier-Saugnier: «Trois rappels à MM. les architectes» in: Esprit Nouveau 1 (1920), S. 90–96.
2 Le Corbusier: L’art décoratif d’aujourd’hui. Ed. Crès, Paris 1925,
S. 211: «L’architecture est dans les grandes œuvres, difficiles et pompeuses léguées par le temps, mais elle est aussi dans la moindre masure, dans un mur de clôture, dans toute chose sublime ou modeste qui contient une géométrie suffisante pour qu’un rapport mathématique s’y installe.»
3 Le Corbusier: Le Voyage d‘Orient. Ed. Forces vives, Paris 1966, S. 60 und 76f.: «dans l’éclat de la grande lumière de l’après-midi»; «une ample lumière diffuse afin qu’il n’y ait nulle ombre»; «scintiller la couronne lumineuse des mille petites fenêtres de la coupole»; «majesté d’un bandigeon de chaux blanche. Les formes étaient claires».
4 Wie Anm. 3, S. 67: «Le plomb du ciel […] la mer grise […]. Les mosquées sales […]. Je veux […] que Stamboul soit blanc, cru comme de la craie, et que la lumière y crisse […]. Sous la lumière blanche, je veux une ville toute blanche.»
5 Wie Anm. 3, S. 74 und 110: «Sous la caresse des flammes elles reluisent comme d’albâtre, plus mystiques que jamais, invulnérables temples d’Allah !»; «blancs comme un fer trop chauffé».