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Carstens,
Asmus Jakob, Maler, der Wiedererwecker der Kunst in Deutschland, [* 2] geb. zu St. Jürgen bei Schleswig, [* 3] wurde durch den Anblick der Gemälde von Juriaen Ovens, einem Schüler Rembrandts, im Dom zu Schleswig für die Kunst begeistert. Da jedoch nach dem Tod seiner Eltern sein Erbteil nicht zum Studium der Kunst ausreichte, kamen die Unterhandlungen, welche seine Vormünder mit den Malern Gewe in Schleswig und Tischbein in Kassel [* 4] anknüpften, nicht zum Ziel. E. mußte auf fünf Jahre als Lehrling in eine Weinhandlung zu Eckernförde eintreten.
Kaum war indes die Lehrzeit vorüber, so ging er nach kurzem Aufenthalt in Schleswig 1776 nach Kopenhagen [* 5] und begann hier seine vorwiegend autodidaktischen Studien, da ihm das akademische Treiben nicht zusagte. Die dortige Gipssammlung bot ihm mehr Anleitung als der Unterricht der Professoren, wenn er auch zum Zweck der Erlangung eines Reisestipendiums die Akademie besuchte. Da er wegen Auflehnung gegen die Professoren von derselben ausgeschlossen wurde, arbeitete er ganz für sich, durch Rötelporträte den Unterhalt und die Mittel zu einer Reise nach Italien [* 6] ¶
mehr
verdienend. Da aber sein Geld nur bis Mantua,
[* 8] wo er vier Wochen Giulio Romano studierte, und bis Mailand
[* 9] reichte, kehrte er über
die Schweiz
[* 10] nach Deutschland zurück und erwarb sich nun in Lübeck
[* 11] fünf Jahre lang seinen Unterhalt mit Porträtieren, trotz
seiner Kränklichkeit und Dürftigkeit jede Muße zum Komponieren benutzend. In dieser Lage lernte ihn
sein späterer Biograph, L. Fernow, kennen, und auf Empfehlung des Vaters von Overbeck, Bürgermeisters zu Lübeck, erhielt
Carstens die
Mittel zur Reise nach Berlin.
[* 12]
Auch hier waren während eines Aufenthalts von zwei Jahren Wasser und Brot [* 13] nicht selten seine einzige Nahrung, bis ihm seine große Komposition: der Sturz der Engel, eine mit Sorgfalt ausgeführte Federzeichnung, eine Professur an der Akademie, vom Minister v. Heinitz Aufträge zur Dekoration eines Saals im jetzt Blücherschen Haus am Pariser Platz, wo sie jedoch neuerlich zerstört worden sind, während sich einige Grisaille-Deckenmalereien im Schloß erhalten haben, und auf zwei Jahre einen Gehalt von je 450 Thlr. zu einer Reise nach Rom [* 14] eintrug. Im J. 1792 kam er, nach kurzem Aufenthalt zu Florenz, [* 15] in der Weltstadt an. Er wählte Michelangelo und Raffael zu seinen Vorbildern, neigte sich aber in der Folge mehr zu dem letztern. In Rom erregte der Kunstschlendrian seiner Landsleute seinen derben Tadel, und dieser rief dagegen auf ihrer Seite Feindschaft und absprechendes Urteil über seine Leistungen hervor.
Desto ehrenvollen Beifall zollten ihm römische und andre Künstler. Eine Kunstausstellung eigner Werke im April 1795, zu welcher er das Publikum durch eine öffentliche Anzeige eingeladen hatte, fiel für den Künstler über alle Erwartungen günstig aus. Dagegen geriet er mit der Berliner [* 16] Akademie, welche seine Rückkehr verlangte, in Differenzen, da er erklärte, deren Verlangen nicht nachkommen zu können, indem er nur in Rom seine weitere Ausbildung zu bewirken vermöge.
Dies führte zum Bruch unter peinlichen Korrespondenzen, in welchen er sogar zur Rückzahlung der genossenen
Pension angehalten ward. Indes schuf der Künstler eifrig, jedoch ohne materiellen Erfolg, weiter, bis ihn im äußersten Elend der
Tod ereilte. Während das Hauptverdienst der meisten damaligen Kunstwerke in Vermeidung einzelner Fehler und in sorgfältiger
Ausführung einzelner Teile nach dem Modell und Gliedermann bestand, zeichneten sich
Carstens' Werke durch treffliche
Auffassung des dargestellten Gegenstandes und durch die Gesamtkomposition aus.
Die Ölmalerei hat er zu spät begonnen, um etwas Bedeutendes darin zu stande zu bringen, und zur Ausübung der Freskomalerei, die seinem Geist wohl am angemessensten gewesen wäre, bot sich ihm keine weitere Gelegenheit. Daher kann er nur nach seinen Zeichnungen und Aquarellen beurteilt werden. In ihnen offenbaren sich außerordentliches Leben und Sinn für Stil und Schönheit wie kaum bei einem Akademiker der damaligen Zeit. Trotz all der Gegner, die er fand, machte sich erst durch seine Anregung ein lebendigerer Geist unter den deutschen Künstlern in Rom geltend, wie denn überhaupt er und Thorwaldsen, der sich an ihm heranbildete, die Wiederherstellung der Kunst im Anfang unsers Jahrhunderts bewirkten.
Die meisten seiner Stoffe schöpfte aus Homer, Pindar, Sophokles, Äschylos, Shakespeare und Ossian. Eine seiner größten Kompositionen
ist die Schlacht der Kentauren und Lapithen, zu Florenz vollendet; ebenso tragen das Gepräge eines hohen,
schöpferischen Geistes und gründlichen Verständnisses der Antike und der großen Cinquecentisten, namentlich Raffaels und
Michelangelos: die
Überfahrt des Megapenthes, das Gastmahl Platons, die Nacht mit ihren Kindern, das Traumorakel des Amphiaraos,
die singenden Parzen und der Argonautencyklus, welcher nach
Carstens' Tod, von seinem Freund J. ^[Joseph Anton]
Koch gestochen, 1799 erschienen ist.
Carstens' Bedeutung für die Kunstgeschichte liegt hauptsächlich darin, daß er sich mit voller Hingebung in den Geist der Antike
einlebte und das Studium derselben als Grundlage für die Regeneration der modernen Kunst hinstellte. Die meisten Zeichnungen
von
Carstens besitzen Weimar
[* 17] und Kopenhagen.
Vgl. L. Fernow, Leben des Künstlers A. J.
Carstens (Leipz. 1806; neue Ausg.
von Riegel, Hannov. 1867);
Schöne, Beiträge zur Lebensgeschichte des Malers
Carstens (Leipz. 1866);
A. Sach, A. J.
Carstens' Jugend- und
Lehrjahre (Halle
[* 18] 1881).
Die Mehrzahl seiner Zeichnungen ist von W. Müller u. a. gestochen und in 2. Auflage von Riegel in zwei Bänden (Leipz. 1869 u. 1874) herausgegeben worden. Ein dritter Band [* 19] (Leipz. 1884) enthält die 24 Blätter des Argonautenzugs, teils von den Platten der Kochschen Stiche gedruckt, teils in Lichtdrucks nach denselben.