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6. Sonntag der Osterzeit: Offb 22,10–14.22–24 (Apg 15,1–2.22–29; Joh 14,23–29)
Was in Offb 21,1–5 bereits angedeutet wurde, wird in der heutigen Lesung noch einmal aufgegriffen und breiter ausgeführt. Es geht um die Beschreibung des neuen Jerusalems, in dessen Mitte kein Tempel mehr ist, «weil Gott, Herrscher über das All, ihr Tempel ist, er und das Lamm» (Offb 21,22). Das hat Interpreten dazu verleitet, V. 22 als Zielsatz zu nehmen und vom neuen, christlichen Jerusalem zu sprechen, die Beschreibung der Stadt dagegen als nicht so wichtig zu erachten. Das mag zwar legitim sein, aber dennoch sei all jenen, die sich entschliessen können, diesen Text als Predigttext zu wählen, wärmstens die Lektüre des ganzen Textes Offb 21,1–22,5 empfohlen. Sie werden es nicht bereuen.
Neues Jerusalem
Der Seher Johannes wird von einem der sieben Engel auf einen hohen Berg entrückt (Offb 21,9 f.). Vers 9 ist mitzulesen, weil damit der Parallelismus zu Offb 17,1 offenkundig wird. Dort wird der Seher in die Wüste entrückt, wo er die mit Perlen und Gold geschmückte und in Scharlach und Purpur gekleidete Hure Babylon mit einem goldenen Becher in der Hand sieht, der gefüllt ist mit Abscheulichkeiten und dem Unrat der Unzucht. Hier jedoch führt ihn der Engel auf einen hohen Berg. Er zeigt ihm, wie die heilige Stadt Jerusalem von Gott her aus dem Himmel herabkam, erfüllt mit der Herrlichkeit Gottes (Offb 21,10 f.). Mag sein, dass mit den beiden Orten subtil auf zwei Ereignisse des Auszugs der Israeliten aus Ägypten angespielt wird: die Wüste als Ort, an dem die Israeliten das goldene Kalb fertigten; der Berg als Ort, auf dem Mose die Bundestafeln in Empfang nahm. Dort Götzendienst, hier Gottesdienst. Weil die Herrlichkeit Gottes in Jerusalem wohnt, ist die Stadt erleuchtet, sodass es in ihr auch nicht mehr Nacht wird (Offb 21,25). Die Stadt wie ihre Strassen sind aus reinem Gold (Offb 21,18. 21). Sie ist umgeben von einer hohen Mauer aus Jaspis mit zwölf Toren – die jedoch nie geschlossen werden –, auf denen je ein Name der Stämme Israels geschrieben ist und über denen je ein Engel wacht. Die Mauer ruht auf zwölf Grundsteinen, auf denen je ein Name der Apostel steht. Jeder Grundstein ist ein kostbarer Edelstein. Die Masse der Stadt sind ideal. Kurz, die Stadt selbst ist eine in Bezug auf Masse, Anordnung und Materialien, aber auch in Bezug auf das, was darin getan wird, vollkommene, erlesene und kostbare Stadt. Ein Tempel ist nicht in ihr, da Gott selbst ihr Tempel ist, er und das Lamm. Vom Thron Gottes her entspringt eine Quelle mit Lebenswasser, das zum Fluss wird, auf dessen Seite Bäume des Lebens wachsen. Jeden Monat spenden sie Früchte, ihre Blätter dienen zur Heilung der Völker.
Es ist eine grandiose Schau, die der Rekonstruktion der Hoffnung dient. Und die ist keineswegs harmlos. Vergessen wir nicht, was in Offb 17–18 alles über die Hure Babylon gesagt wurde. Hier ist der Gegenentwurf. Denn was ist das für eine Stadt, die so kostbar und edel ist, die aber ihre Tore nicht zu schliessen braucht und die die Völker strömen? Was ist es für eine Stadt, in der das Gold buchstäblich auf den Strassen liegt und alles aus Gold besteht? Wer käme da auf die Idee, Gold horten zu wollen? Was ist das für eine Stadt, wo alle Dürstenden eingeladen werden, von der Quelle des Lebenswassers umsonst (gratis) zu trinken (Offb 21,6)? Was ist das für eine Stadt, in der Sonne und Mond nicht mehr scheinen, weil Gott selbst ihr Licht ist und damit auch alle Erwählungsansprüche entfallen?1 Es ist die Stadt des Volkes Gottes, jenseits aller Religion. «Sie werden sein Angesicht schauen, und auf ihrer Stirn wird sein Name stehen» (Offb 22,4). Statt Ausschluss Einschluss, statt kaufen und verkaufen teilen, statt Tod L eben.
Kein Fluch mehr
Es lohnt sich, bei der Beschreibung des neuen Jerusalems länger zu verweilen. Denn auf der einen Seite ist es erstaunlich, wie viele biblische Bezüge Johannes schafft. Sie hier alle anzuführen, würde den Rahmen sprengen. Hingewiesen sei aber doch auf Jes 25; 60; 65,17–25; den Tempelentwurf von Ez 40–48 oder Jes 55,1: «Auf, geht zum Wasser, all ihr Dürstenden, und die ihr kein Silber habt, geht, kauft Getreide und esst, geht kauft Getreide, nicht für Silber, und Wein und Milch, nicht für Geld!» Insbesondere gilt es auch den Bezug zur Schöpfungsgeschichte zu bedenken. Es ist ja mehr als auffällig, wie über jedem Tor der Stadt ein Engel ist. Aber es wird nicht gesagt, was dieser Engel zu tun hat. Von den Kerubim heisst es nach dem Sündenfall von Adam und Eva, dass sie sich östlich vom Garten Eden niederliessen «und die Flamme des zuckenden Schwerts, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten» (Gen 3,24). Sie tun es im Auftrage Gottes. Denn dieser hatte festgestellt: «Sieh, der Mensch ist geworden wie unsereiner, dass er Gut und Böse erkennt. Dass er nun nicht seine Hand ausstrecke und auch noch vom Baum des Lebens nehme und esse und ewig lebe!» (Gen 3,22). Umso erstaunlicher ist es, dass den Engeln im neuen Jerusalem nicht eine ähnliche Aufgabe zukommt, zumal es ganze Alleen von Lebensbäumen gibt. Diese spenden Früchte im Überfluss, und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker. «Und nichts Verfluchtes wird mehr sein» (Off 22,3). Offensichtlich wird damit auch der auf der Schöpfung lastende Fluch genommen. Die Menschen dürfen vom Baum des Lebens essen. Auf diesem Hintergrund erhält die Anwesenheit Gottes inmitten der Völker ohne den Tempel ein intensiveres Kolorit: Das Tempelgebäude selbst war ein Grund zur Unterscheidung. Es teilte das Land aufgrund seiner Nähe oder Ferne in verschiedene Heiligkeitsbereiche ein: Je näher etwas beim Tempel war, desto grösser sein Grad an Heiligkeit. Das Zentrum bildete das Allerheiligste, welches vom Hohen Priester nur einmal im Jahr unter Beachtung strengster Reinheitsvorschriften am Versöhnungstag betreten werden durfte. Fremden war der Zutritt in den Tempel nicht erlaubt. Diese Unterscheidungen werden hinfällig. Niemand hat mehr ein Recht, den Zugang zu verwehren.
Mit Johannes im Gespräch
Mich erstaunt, mit welch grossartigen Bildern und prophetischer Kraft Johannes das neue Jerusalem zeichnet. Es ist nicht einfach eine Vertröstung, sondern eine die Wirklichkeit transformierende Kraft. Intuitiv hat das Marc Chagall in einer grossartigen Weise bei den Fenstern im Zürcher Fraumünster zum Ausdruck gebracht: Da senkt sich das neue Jerusalem vom Himmel auf die Erde, um im Mittelfenster von der Erde her den Lebensbaum wachsen zu lassen, an dem nicht nur Christus, sondern das Volk Israel und mit ihm all die geschundenen Völker auferstehen. Hier, in diesem offenen Horizont kommen Gott und die Menschen aus allen Völkern zusammen.