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Wer glaubt, ein Experiment, das zum grössten Teil darin besteht, im Bett zu liegen, sei eine angenehme Sache, sollte sich mit Bruno Guerit unterhalten. Guerit hat im Dienst der Wissenschaft kürzlich drei Wochen in einem der zwölf Betten des Instituts für Raumfahrtmedizin Medes in Toulouse verbracht. Auf die Frage, was das Schlimmste daran gewesen sei, weiss er gar nicht, wo anfangen: das Liegen, die fehlende Privatsphäre, die Zwiebelsauce und noch einmal das Liegen. «Das Liegen», sagt der 36jährige, «war viel schlimmer, als ich erwartet habe.» Drei Wochen ist es her, seit er aufgestanden ist. Noch immer ist er bleich und nicht ganz er selbst.
Guerit ist zur ersten obligatorischen Nachuntersuchung an den Ort der «extremsten Erfahrung» seines Lebens zurückgekehrt. Das Forschungsinstitut liegt hinter dem Hauptgebäude des Spitals Rangueil auf einem kleinen Hügel bei Toulouse. Es ist in einem zweistöckigen Plattenbau untergebracht, aus dem man gegen Norden einen wunderbaren Blick über die 400 000-Einwohner-Stadt hat – vorausgesetzt, man liegt nicht im Bett mit dem Kopf tiefer als die Fensterbank, weil man sich schriftlich verpflichtet hat, drei Wochen lang immer mit «mindestens einer Schulter in Kontakt mit der Matratze zu bleiben», nie «beide Schultern aufs Kissen zu legen» und nur «ein einziges ungefaltetes Kissen» zu verwenden.
Drei Mal fünf Wochen haben Guerit und elf weitere Versuchsteilnehmer in den schmucklosen Zweierzimmern des Instituts verbracht. Für die erste Phase rückten sie im November 2012 ein, dann erholten sie sich zu Hause und kamen wieder im April 2013 und schliesslich zum letzten Mal im September 2013. Die fünf Wochen teilten sich in je eine Woche Vor- und Nachuntersuchung und dazwischen drei Wochen Liegen. Die Frauen, die vor acht Jahren hier an einer ähnlichen Untersuchung teilnahmen, stellten als erstes die Möbel um, die Männer brachten ihren Laptop mit Computerspielen und einen Stapel DVD mit.
Die letzten drei Wochen Liegen seien besonders hart gewesen. Guerit wusste, was ihn erwartete, jeder Neuigkeitswert, der die Tortur am Anfang der Studie erträglicher gemacht hatte, war verloren gegangen. Er wusste um die starken Kopf- und Rückenschmerzen, mit denen der Körper auf das lange Liegen reagierte. Er kannte die Schwermut, die sich in den Betten breitmachte. Oft konnten weder Filme noch Bücher, weder Internet noch Telefon die Teilnehmer damit versöhnen, dass sie die Freiheit, auf eigenen Füssen zu stehen und sich frei zu bewegen, aufgegeben hatten. «Am schlimmsten waren die Nachmittage», sagt Guerit, wenn er auf keine der erlaubten Zerstreuungen Lust hatte und die einzige Abwechslung darin bestand, sich vom Rücken auf die Seite zu drehen und wieder zurück.
Bruno Guerit, der sonst nie länger als sieben Stunden im Bett verbrachte, konnte nichts als daliegen, Stunde um Stunde, Tag um Tag, Woche um Woche, und zusehen, wie sein Körper vier Kilogramm Muskelmasse verlor.
Dieses Schicksal teilte er mit Luca Parmitano, der in 400 Kilometern Höhe regelmässig über ihn wegraste. Parmitano, der seine Ausbildung zum Testpiloten nur gerade einen Kilometer östlich am Institut Supérieur de l’Aéronautique et de l’Espace in Toulouse erhielt, gehörte zur sechsköpfigen Besatzung der Internationalen Raumstation. Seit dem 29. Mai 2013 kreiste er alle 93 Minuten einmal um die Erde.
Die Welt ist im Grunde ein riesiger Kraftraum, in dem wir ständig jeden Muskel im Kampf gegen die Schwerkraft stählen. Fällt die Schwerkraft weg wie in der Raumstation oder bei einem zukünftigen Flug zum Mars, werden die Muskeln schwach, und die Knochen geben Calcium, das sie nicht mehr brauchen, ins Blut ab, wo die Nieren es herausfiltern. Jeder Astronaut muss sich an den unangenehmen Gedanken gewöhnen, dass er in der Schwerelosigkeit einen Teil seiner Knochen uriniert. Wenn Luca Parmitano am 11. November nach seiner Rückkehr auf die Erde wie ein gebrechlicher Mann in der Steppe Kasachstans herumgetragen wurde, dann aus einem einzigen Grund: weil er ein gebrechlicher Mann war.
Der Schwund von Muskeln und Knochen ist nur eine von vielen Wirkungen, die die Abwesenheit der Schwerkraft hat. Auch das Immunsystem reagiert auf die ungewöhnlichen Umstände, und der Kreislauf arbeitet anders.
Weil die Ankunft auf dem Mars ein schlechter Moment für eine Herzschwäche oder einen Oberschenkelhalsbruch ist, besteht seit Beginn der Raumfahrt das dringende Bedürfnis, bereits vor der Reise ins All mehr über die Wirkung lang andauernder Schwerelosigkeit zu erfahren. Das Problem ist bloss, dass sich Schwerelosigkeit nicht einfach im Labor herstellen lässt. Anders als ein Raum ohne Luft oder ein Raum ohne Licht ist ein Raum ohne Schwerkraft auf der Erde eine physikalische Unmöglichkeit. Einzig in Flugzeugen, deren Flugbahn einer imaginären Riesenachterbahn folgt, herrscht Schwerelosigkeit, allerdings kaum länger als 30 Sekunden.
Ende der 1960er Jahre versuchte man die Wirkung der Schwerelosigkeit deshalb mit anderen Massnahmen nachzuahmen. Als die einfachste und deshalb heute gängigste hat sich erwiesen, sich ins Bett zu legen und längere Zeit nicht aufzustehen.
Den ersten solchen Versuch unternahm der amerikanische Fliegerarzt Duane Graveline. 1957 wählte er zehn junge Soldaten aus, untersuchte sie von Kopf bis Fuss und legte sie für zwei Wochen ins Bett. «Und dann begannen meine Probleme», erinnert sich Graveline, «sie wollten lesen, sie wollten sich rasieren, sie wollten aufsitzen, sie wollten selber essen.» Graveline hatte vorgesehen, dass sie von Krankenschwestern gefüttert würden, damit sie ihre Arme möglichst nicht bewegten. Nachdem er einen Versuchsteilnehmer auf der Toilette erwischt hatte, nahm er allen die Unterhosen weg. Es nützte wenig. Sosehr sich die jungen Männer darauf gefreut hatten, sich ins Bett zu legen, so schwierig war es, sie dort zu behalten.
In den folgenden Jahrzehnten wurde die Methode verfeinert, die Dauer ausgedehnt. 60 Tage, 90 Tage, 120 Tage. Im Januar 1986 schliesslich legten sich in der damaligen Sowjetunion 11 Männer ins Bett und standen erst 370 Tage später wieder auf. Als Belohnung hatte man ihnen ein Auto versprochen. Einer gab auf – er hatte schon ein Auto.
«Am Anfang sehen alle das Geld», sagt Arnaud Beck, der medizinische Leiter in Toulouse. Wie jeder Teilnehmer bekommt Bruno Guerit 18 000 Euro für die 15 Wochen. Viel mehr, als er als Sanitäter im Spital Rangueil erhält, wo er zurzeit arbeitet. Aber das Geld, so sagt Becks Kollegin Marie-Pierre Bareille, dürfe nicht die einzige Motivation bleiben, sonst bestehe die Gefahr,
Wenn sich ein Teilnehmer auch nur ein einziges Mal aufrichtet, wird er für den Rest der Studie wertlos und kann gehen.
dass die Teilnehmer den Versuch nicht durchhielten. Beck und Bareille koordinieren die neun Teilstudien, die von Forschungsgruppen aus Europa und Kanada vorgeschlagen worden waren: Es geht um veränderte Blutwerte, neue Messverfahren, den Einfluss von Kraftübungen.
Disziplin und Motivation sind die wichtigsten Voraussetzungen für die Teilnahme an einer Bettruhestudie. Von den 500 Männern, die sich 2012 auf die Ausschreibung der aktuellen Untersuchung gemeldet hatten, interessierten sich 200 ernsthaft, 46 kamen für Tests nach Toulouse. Sie wurden medizinisch begutachtet, psychologisch untersucht und nach ihrer Lebensweise gefragt. 12 blieben übrig. Bei der Auswahl orientierte man sich lose an Kriterien, die auch für Astronauten gelten. Dabei kommen ausgerechnet jene gesunden, aktiven und sportlichen Männer zum Zuge, die am meisten unter dem Nichtstun leiden. Guerit ist Triathlonläufer. Nachdem er seinen Freunden zum ersten Mal von der Studie erzählt hatte, fragten sie ihn, ob er verrückt sei.
Auch die Versuchsteilnehmer fragen sich regelmässig: Worauf habe ich mich da bloss eingelassen? Mit den Knochen wird auch das Gemüt fragil, deshalb lässt man die Männer spüren, wie wichtig ihr Beitrag für die Wissenschaft sei, nicht nur für zukünftige Astronauten, sondern auch für Herzkranke oder die Grossmutter, die unter Osteoporose leidet. «Sie sollen sich als Teil von etwas Grösserem fühlen», sagt Marie-Pierre Bareille. Trotzdem beendeten vier der zwölf Teilnehmer die Studie vorzeitig, wozu sie jederzeit das Recht hatten. Die hohe Ausfallquote hatte vor allem mit der Dreiteilung der Studie und der damit verbundenen langen Dauer zu tun. Einige hatten in der Zwischenzeit Arbeit gefunden, ein Student konnte sein Studium nicht länger unterbrechen. Der Mann mit dem triftigsten Grund, nach Hause zu gehen, blieb jedoch. Seine Frau brachte ein Kind zur Welt. Es wird später einmal zum besten geben können, dass sein Vater während seiner Geburt im Bett gelegen habe.
Zu den wiederkehrenden Ritualen der Studie gehörte, dass jeden zweiten Tag eine Pflegerin mit einem Winkelmesser bei Guerit vorbeikam und kontrollierte, ob sein Kopf noch tief genug liege. In den 1970er Jahren hatte man nämlich herausgefunden, dass ein Bett mit sechs Grad Neigung gegen das Kopfende die beste Simulation der Schwerelosigkeit garantiert. Der Kopf kommt so 20 Zentimeter tiefer zu liegen als die Füsse. Die Rollbahre, auf der Guerit durch endlose Krankenhausgänge geschoben wurde, die Duschwanne, die Liege für die Kraftübungen: Alle hatten die magischen 6 Grad Neigung. Essen und Trinken wurden zu einer zeitraubenden Angelegenheit.
Guerits Unabhängigkeit endete in Armlänge von einem Bett. Alles andere war exterritoriales Gebiet, das ohne die Hilfe des Pflegepersonals unerreichbar war. Für jedes Buch, jede Decke, jedes frische T-Shirt musste er klingeln, auch für die Bettpfanne. Die totale Abhängigkeit blieb nicht ohne Wirkung. «Viele der Männer wurden ein bisschen wie Kinder», sagt Bareille, «das ist normal, wir kennen das von früheren Studien.»
Das Personal versucht die Wünsche ihrer Königskinder, soweit es geht, zu erfüllen, denn mit jedem Tag, den eine Studie dauert, werden sie wertvoller. Bettruhestudien sind teuer. Diese hier kostete 2,5 Millionen Euro, bezahlt von der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA. Wenn sich ein Teilnehmer auch nur ein einziges Mal aufrichtet, wird er für den Rest der Studie wertlos und kann gehen – wenn er noch gehen kann. Zwei Kameras wachen über die Einhaltung dieser Regel, eine normale am Tag und eine Infrarotkamera in der Nacht.
Die zwölf Teilnehmer wurden in drei Gruppen à vier Männer aufgeteilt, wovon jede in jeder Phase anderen Vorschriften folgte. In der ersten Phase machte Gruppe eins regelmässig im Liegen ein kurzes Krafttraining auf einer vibrierenden Plattform, Gruppe zwei machte dasselbe Training und nahm eine Nahrungsergänzung aus Eiweiss zu sich, Gruppe drei, die Kontrollgruppe, machte überhaupt nichts. In den nächsten Phasen wurde getauscht, so dass am Schluss alle Teilnehmer alle Massnahmen durchlaufen hatten.
Damit die Resultate vergleichbar blieben, musste der Menuplan, der sich alle sieben Tage wiederholte, in den drei Phasen des Experiments exakt derselbe sein. Die Menus wurden vor Beginn der Studie gekocht und dann eingefroren. Das Kalbsgeschnetzelte, das Guerit im September 2013 serviert wurde, stammte vom selben Tier und war gleichzeitig zubereitet worden wie jenes, das er ein knappes Jahr zuvor bekommen hatte.
Die Ernährungsspezialistin Pascale Vasseur war für das Essen zuständig. Dass sie nach Beginn der Untersuchung keine Änderungen am Speiseplan mehr vornehmen konnte, ohne die Resultate zu gefährden, wurde ihr bei der Zwiebelsauce zum Verhängnis. Die Männer waren zu zweit in kleinen Zimmern untergebracht, und ihre Wirkung auf die Verdauung blieb nicht aus. «Das nächste Mal gibt es keine Zwiebelsauce mehr», sagt Vasseur schuldbewusst.
Das Essen stehen zu lassen war verboten. Der Energiebedarf jedes Versuchsteilnehmers war vor dem Experiment bestimmt worden. Was in die Küche zurückkam, wurde gewogen und in anderer Form in der nächsten Mahlzeit versteckt. Vasseur hatte vor dem Versuch aufs Hundertstelgramm genaue Küchenwaagen angeschafft.
Eine andere Unannehmlichkeit, gegen die es keine Abhilfe gab, war die fehlende Privatsphäre. Die Männer verbrachten drei Wochen lang 24 Stunden am Tag mit einer fremden Person im gleichen Zimmer. «Zuerst konnte ich kaum Wasser lassen, so gehemmt war ich», sagt Guerit. Obwohl er seinen Zimmergenossen mochte, nervten ihn Kleinigkeiten. «Er hatte die Tür lieber zu, ich lieber offen.» Auch traute sich Guerit mit der Zeit nicht mehr, zu ihm hinüberzuschauen, weil es ihm selbst unangenehm war, beobachtet zu werden. Zunehmend wurde er dünnhäutig, dann ärgerte ihn schon die Art und Weise, wie manche Pflegerinnen an die Tür klopften. «Man führt das Leben eines gelähmten Millionärs», sagt Guerit sarkastisch, «man muss keine Einkäufe machen, braucht keine Brieftasche, man kocht nicht, öffnet keinen Schrank selbst. Man drückt auf den Klingelknopf und sagt, was man will.»
Am letzten Tag der Bettruhe begann sich Guerit vor dem Aufstehen zu fürchten – aus gutem Grund, denn die Auferstehung von den Liegenden ist kein schöner Moment. Als er in einem Spezialbett vorsichtig aufgerichtet wurde, kämpfte sein Herz gegen die Schwerkraft, um genug Blut ins Gehirn zu pumpen. Er hatte Bauchweh, Kopfweh, Schweissausbrüche – und die Forscher standen Schlange. «Alle wollen, dass ihre Messungen so früh wie möglich nach dem Aufstehen gemacht werden», sagt der Raumfahrtmediziner Beck.
Die Resultate stehen noch aus, aber es ist unwahrscheinlich, dass sie spektakulär sein werden. Schon die Erkenntnis, dass die Vibrationsplatte und etwas Eiweiss die Dauer des Krafttrainings in der Raumstation verkürzen könnten, wäre ein Erfolg. Auch am Tag, an dem Guerit aufstand, trainierte Luca Parmitano in der Raumstation zwei Stunden umständlich auf einem Laufband, ohne dass er den Schwund seiner Muskeln wirklich hätte aufhalten können.
Wie ratlos die Raumfahrtmediziner dem Phänomen gegenüberstehen, zeigt sich auch daran, dass sie jede Hilfe annehmen, auch wenn sie aus unwahrscheinlicher Richtung kommt. Seit einiger Zeit arbeitet man mit Bärenforschern zusammen. Bären haben das Problem des Muskelschwunds offenbar gelöst. Sie sind nach einer sechs Monate langen Winterruhe augenblicklich bereit, auf Jagd zu gehen.
Bruno Guerit wird noch einige Wochen brauchen, um seine alte Form zu erlangen. Wenn ihn das Nichtstun im Bett etwas gelehrt habe, dann, wie kostbar die Zeit sei. Die Versuchsleiter raten den Teilnehmern, sich für die Zeit der Studie ein Ziel zu setzen, ein Buch zu schreiben etwa oder eine Sprache zu lernen, doch bisher ist noch kein Buch in den schiefen Betten von Toulouse entstanden. Zwar kommen viele mit hochfliegenden Plänen, doch bald zeigt sich, dass sie auch im Bett jene bleiben, die sie immer schon gewesen sind.
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