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Michel Houellebecq hin, Jonathan Littell her: Die neuen französischen Romane wirken wie versteinert. Ein Abbild der Gesellschaft?
Zu Beginn dieses Jahrhunderts schüttelte Michel Houellebecq mit seinen Romanen «Elementarteilchen» und «Die Erweiterung der Kampfzone» den behäbig gewordenen französischen Literaturbetrieb durch, indem er über frustrierte SinglearbeitnehmerInnen in den Vorstädten schrieb. Das hatte es in der französischen Literatur lange nicht gegeben. Auch jenseits seiner Bücher, zu denen nicht zuletzt unsäglich schlechte Gedichte gehören, rüpelte er ordentlich rum, zog über den Islam und die AchtundsechzigerInnen her und fand Stalin sympathisch, weil der die AnarchistInnen gehasst habe. Aus seiner Rebellion ist längst Klamauk geworden. Die Literatur hat er nicht beeinflusst.
Und nun kommt ein weiterer Aussenseiter, der Französisch schreibende US-Amerikaner Jonathan Littell mit seinem jüngst auf Deutsch erschienenen Roman «Die Wohlmeinenden», für den er 2006 den Prix Goncourt bekam, den wichtigsten französischen Literaturpreis. Die Verbrechen der Nazis und der komplette Russlandfeldzug aus der Sichtweise des SS-Obersturmbannführers Aue. Kein Wunder, dass die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» jubelte: Wenn schon ein jüdischer Autor die Botschaft vermittelt, Aue hätte jeder von uns sein können, dann ist der nächste subtile Exkulpationsschritt fällig. Im Übrigen halte ich es, der ich mir die integrale 1400-seitige Lektüre nicht angetan habe, mit jenen KritikerInnen, die das Buch als psychologisch fragwürdig, historisch überflüssig und literarisch wenig ergiebig einschätzen.
Etüden, Kammerstücke
In der ganz normalen französischen Literatur dieser Jahre herrscht der Retrotrend. Die letzten Stimmen des Nouveau Roman, Claude Simon und Alain Robbe-Grillet, sind verstummt. Nun sind aus der Kunstgeschichte schöpfende, eher harmlose Romane für die gebildeten Stände angesagt oder stilistische, sich ganz aufs Literarische zurückziehende Etüden. Zur ersten Kategorie gehört der bis anhin nicht übersetzte Roman « Couleur du temps» von Françoise Chandernagor über einen fiktiven Maler der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts - nicht ganz zufällig wohl aus einer der akademischsten Perioden der französischen Malerei und mit vergeblichen Versuchen, die Zeit zu bannen. Was ihm im Leben nicht gelang, gelingt ihm auch nicht in der Kunst; sein letztes Bild zeigt einen alten Maler und seine junge, aus einer anderen Zeit stammende Familie.
Zur zweiten Kategorie zählt der 2007 auch auf Deutsch erschienene, von der Kritik als Kammerstück gelobte Roman «Ravel» von Jean Echenoz, Goncourt-Preisträger auch er. Erzählt werden, mal summarisch, dann wieder detailliert, die letzten zehn Jahre im Leben des Komponisten Maurice Ravel (1875-1937), vor allem, wie der eigenbrötlerische Junggeselle, der ein an äusseren Ereignissen armes Leben führt, seine Macken zelebriert. Ein kurzer Text, der von Aussparung lebt - die Kompositionen dieser Jahre, etwa der «Boléro», kommen nur am Rande vor. So entsteht eine emotionslos feinnervige Etüde auf hohem Sprachniveau, nach deren Erkenntniswert man sich nach der Lektüre gleichwohl fragt.
Fragwürdiger Doku-Roman
Oder nehmen wir Gilles Leroy, der mit seinem Roman «Alabama Song» den letztjährigen Prix Goncourt gewonnen hat. Berichtet werden Ausschnitte aus dem Leben der Zelda Fitzgerald, Ehefrau des US-amerikanischen Schriftstellers Francis Scott Fitzgerald (1896-1940), seinerseits Autor von «The Great Gatsby». Der Erzählstil ist flotter, reisserischer, scheinbar unkonventioneller als jener von Echenoz, wirkt aber sehr unbeholfen. Die Autobiografie , unterlegt mit Jahreszahlen, wird als Form gewählt, und im Nachwort fühlt sich der Autor bemüssigt, darauf hinzuweisen, dass sein Doku-Roman natürlich ein Werk der Fantasie sei, in dem einiges frei erfunden sei, anderes hingegen den Fakten entspreche.
Wir folgen also den sich immer wieder ähnelnden Lebensstationen der Zelda Fitzgerald, lernen ihren französischen Liebhaber und ihren egozentrischen, ruhmsüchtigen, brutalen Ehemann kennen und bemerken rasch: Der Autor nimmt Partei für Zelda. Aber uns wirklich auf die Seite dieser neurotischen, hysterischen Aristokratentochter aus dem Süden zu ziehen, vermag er nicht. Und nachdem sie bei einem Brand im letzten der vielen Sanatorien und psychiatrischen Anstalten, die sie durchlaufen hatte, ums Leben gekommen ist, fragt man sich, was man in diesem Roman - eigentlich eine Aneinanderreihung zeitlich weit auseinanderliegender Szenen - erfahren hat: Dass diese «Bobos» (Bourgeois-Bohemiens) der dreissiger Jahre mit ihren Egotrips, Alkohol- und Drogenexzessen recht eigentliche Kotzbrocken waren. Einen «grossen Amerika-Roman» habe der Autor vorgelegt, merkt der Verlag an. Als ginge es in der Literatur um das Abhaken von Schauplätzen.
Patrick Modiano ist einer der bekannten, wenn nicht der bekannteste Autor seiner Generation und hat den Prix Goncourt 1978 schon in jungen Jahren bekommen. Sein im Herbst 2007 erschienener Roman «Dans le café de la jeunesse perdue» ist zwar noch nicht übersetzt, dafür ist er mit mehreren seiner zahlreichen Romane im deutschsprachigen Raum vertreten, etwa «Dora Bruder» (1998) oder zuletzt mit der Autobiografie «Ein Stammbaum» (2007).
Im «Café der verlorenen Jugend» finden die LeserInnen ein sattsam bekanntes Szenario: die Identitätssuche in einem Paris der sechziger Jahre, der russgeschwärzten Fassaden und nächtlichen Stadtwanderungen - ein literarischer Topos, der bis zu Baudelaire zurückreicht und die alternativlose Initialbedingung für Modianos Schreiben darzustellen scheint. Diesmal geht es um Louki, eine junge Frau, die unter ärmlichen Bedingungen im Quartier von Montmartre aufgewachsen ist, zunächst in Bars des 18. Arrondissements und später im Café Conde beim Odéon in Saint-Germain verkehrt. Ihre Geschichte, die mit dem unerklärten Sprung aus einem Fenster endet, wird von vier Personen erzählt: einem Studenten, der sie im Café beobachtet, dem Privatdetektiv, den ihr Mann mit der Suche nach ihr beauftragt hat, ihr selbst sowie einem ebenfalls solitären jungen Mann, der sich in sie verliebt hat.
Erführen heutige LeserInnen nicht lieber endlich etwas über die Identitätsprobleme von ZeitgenossInnen im heutigen Paris, etwa aus den Banlieues, statt auf den Spuren von Individuen der sechziger Jahre zu wandeln, die zu einer Obsession des Autors Modiano geworden sind? Gelte es nicht, neben der Vergangenheit die Gegenwart zu begehen und zu erkunden?
Und die arabischen AutorInnen?
Der französische Roman - als Abbild der Gesellschaft - ist wie versteinert. Sein Blick richtet sich wie jener der Kulturgesellschaft verklärend in eine Vergangenheit, die längst museal geworden ist. Die klassische Moderne ist der Fluch der französischen Literatur, erdrückend in ihrer Wirkung.
Die Themen der Zeit werden eher von frankofonen arabischen AutorInnen aufgegriffen, etwa dem Marokkaner Tahar Ben Jelloun. Er entwirft in seinem Roman «Partir», deutsch unglücklich mit «Verlassen» übersetzt, vor dem Hintergrund einer Jugend, die kein anderes Ziel zu kennen scheint, als in die Festung Europa überzusetzen, die Geschichte eines Geschwisterpaars aus Tanger. Den beiden gelingt es, legal nach Spanien zu gelangen. Ein reicher, schwuler Kunsthändler holt zunächst den Bruder nach Barcelona in der Hoffnung, ihn zu seinem Geliebten zu machen. Dem gelingt es, seine Schwester nachkommen zu lassen, die die Alibigattin des zum Islam konvertierenden Galeristen wird. Glücklich werden die beiden in dieser verqueren Situation nicht und kehren schliesslich, vielleicht eine sozialpolitische Wunschprojektion des Autors, in ihre Heimat zurück.
Ben Jellouns Roman hat kolportagehafte Züge, ihm gelingt kaum, seinen Figuren Individualität zu verleihen. Sie bleiben Masken in einer Szenerie voller Klischees und höheren Kitsches. Immerhin gebührt ihm das Verdienst, ein brennendes Thema, die globalisierte Massenmigration zu thematisieren, eines jener Sujets, denen sich die elitistisch rückwärts gewandte französische Literatur konsequent verweigert.
In deutscher Übersetzung erhältlich
Françoise Chandernagor: «Das Kind im Turm». Aus dem Französischen von Christel Gersch. Piper Verlag. München 2004. 286 Seiten. Fr. 33.80.
Jean Echenoz: «Ravel». Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Berlin Verlag. Berlin 2007. 112 Seiten. Fr. 32.90.
Patrick Modiano: «Ein Stammbaum». Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Hanser Verlag. München 2007. 125 Seiten. Fr. 23.70.
Tahar Ben Jelloun: «Verlassen». Aus dem Französischen von Christiane Kayser. Berlin Verlag. Berlin 2006. 256 Seiten. Fr. 34.90.