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Walter Biel, Sie kamen 1959 als junger Journalist und Ökonom zur «Tat». Was hat Sie damals an dieser Zeitung interessiert?
Ich war ein überzeugter Liberaler, ein Verfechter der Wettbewerbswirtschaft. Man macht sich heute keinen Begriff, wie sehr die Schweiz bis tief in die 70er-Jahre von Kartellen beherrscht war. Die Migros und ihr Gründer Gottlieb Duttweiler kämpften gegen diese Erstarrung. Darum ging ich aus politischer Überzeugung zur «Tat»-Redaktion und arbeitete dort dann auch fast zwei Jahrzehnte lang.
Wie beurteilen Sie rückblickend Gottlieb Duttweiler als Medienmacher?
Als Sie zur «Tat» kamen, gab es die Zeitung schon seit 24 Jahren. Wie funktionierte das Blatt damals?
Wir begleiteten natürlich die grossen Projekte, an denen Duttweiler in der letzten Phase seines Lebens arbeitete. Das war zum Beispiel die Lancierung der Versicherung Secura oder der Aufbau einer Raffinerie im norddeutschen Emden, mit der Duttweiler den Mineralölkonzernen Konkurrenz machen wollte. Die «Tat» hatte aber auch einen unabhängigen News- und Kulturteil. Sie war damals eine täglich erscheinende Abendzeitung, die jeweils ab 16 Uhr erhältlich war.
War die «Tat» wirtschaftlich erfolgreich?
Wir hatten eine Auflage von etwa 30'000, was damals als respektabel galt. Die Zeitung schrieb trotzdem stets rote Zahlen und musste von der Migros finanziert werden. Das lag vor allem daran, dass viele Firmen nicht in der Migros-Presse inserieren wollten.
Wie haben Sie Gottlieb Duttweiler als Schreiber erlebt?
Ich muss dazu sagen, dass sich Duttweiler damals viel stärker auf die andere Migros-Zeitung, den «Brückenbauer», konzentriert hat. Seine Kolumnen publizierte er meist dort und nicht in der «Tat». Ich habe ihn als Meister klarer, kräftiger Worte in Erinnerung. Er war ein grosser Rhetoriker und auch ein sehr guter Schreiber, zugleich durchaus offen für Kritik und Anregungen zu seinen Texten.
Wie war er denn als Chef?
Was den unabhängigen Teil der «Tat» betraf, so hat er uns viel Freiheit gelassen. Sonst haben wir natürlich klar die Positionen der Migros vertreten. Duttweiler war ein Chef, der von seinen Mitarbeitern eigenständige Meinungen verlangte, er hatte ja auch keine Angst, sich mit klugen Leuten zu umgeben. Wie jeder grosse Tatmensch konnte er aber ungemütlich werden. Dutti verwandelte sich zur Dampfwalze, wenn er eines seiner grossen Ziele in Gefahr sah.
Worauf legte Duttweiler bei seinen Zeitungen besonderen Wert?
Er wollte Klarheit und Verständlichkeit, und er setzte auch auf die Wirkung von Bildern. Das war keine Selbstverständlichkeit, denn damals waren die meisten Zeitungen noch die reinsten Bleiwüsten.
Was denken Sie, auf welche Medien würde Duttweiler heute setzen? Würde er vielleicht Fernsehen machen oder ein soziales Netzwerk aufbauen?
Manche Leute glauben ja immer genau zu wissen, was Dutti heute tun würde. Ich kann es nicht sagen. Ich weiss nur so viel: Er würde uns alle mit seinen Ideen überraschen.
Autor: Michael West
Fotograf: Tanja Demarmels