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Der Chef der britischen Grossbank Barclays, Jes Staley, nimmt nach Untersuchungen der Aufsichtsbehörden über seine Verbindungen zu dem verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein seinen Hut.
Wegen der vorläufigen Ergebnisse der Untersuchung und der Absicht Staleys, diese anzufechten, sei man übereingekommen, dass der langjährige Vorstandschef von seiner Position mit sofortiger Wirkung zurücktrete, teilte Barclays am Montag mit.
Die britische Finanzaufsicht FCA und die Bankenaufsicht PRA hatten die von Staley gegenüber Barclays gemachten Angaben zu seiner Verbindung zu Epstein unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse wurden der Bank und ihrem Vorstandschef Freitagabend mitgeteilt.
An der Londoner Börse kam die Nachricht nicht gut an. Die Barclays-Aktie büsste zu Wochenbeginn zeitweise zwei Prozent ein.
«Das Board ist von diesem Ergebnis enttäuscht», erklärte die Bank. «Herr Staley hat die Barclays-Gruppe seit Dezember 2015 erfolgreich und mit echtem Engagement und Können geleitet.» In ihrer Mitteilung merkte Barclays zudem an, die Untersuchung habe keine Befunde dafür gegeben, dass Staley irgendeine der mutmasslichen Straftaten von Epstein sah oder sich dieser bewusst gewesen sei. Das Verfahren der Behörden sei noch nicht abgeschlossen. Daher sei es nicht angebracht, sich weiter zu den vorläufigen Resultaten zu äussern.
Der 64-Jährige war im vergangenen Jahr ins Visier der britischen Aufseher geraten. Dabei ging es darum, wie aufrichtig Staley in seinen Schilderungen zu den Epstein-Verbindungen gewesen war. Der Skandal um den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein hatte international hohe Wellen geschlagen. Epstein hatte sich 2019 in einem Gefängnis in New York das Leben genommen, nachdem er wegen Sexhandel und sexuellem Missbrauch von Minderjährigen verhaftet worden war.
Staley hatte in der Vergangenheit gesagt, seine Verbindungen zu Epstein hätten im späteren Verlauf des Jahres 2015 geendet und er habe es bedauert, jemals mit ihm zu tun gehabt zu haben.
Staley stand mit Epstein im Zuge seiner langen währenden Karriere bei der US-Bank JP Morgan in Verbindung. Dort war Epstein bis 2013 ein wichtiger Kunde im Privatbank-Geschäft. Epstein, der sich selbst in der Öffentlichkeit als brillanter Finanzier darstellte, hatte in den USA Zutritt zu den höchsten Kreisen der Gesellschaft - darunter auch US-Präsidenten. Selbst nachdem Epstein 2008 als Sexualstraftäter registriert worden war, tat dies seinen Verbindungen zu den Mächtigen in Wirtschaft und Finanzwelt keinen Abbruch.
Die «New York Times» berichtete 2019, dass Epstein dutzende vermögende Kunden an Staley vermittelt habe. Zudem berichtete sie, Staley habe Epstein zwischen 2008 und 2009 im Gefängnis besucht, als dieser eine Haftstrafe wegen erzwungener Prostitution einer Minderjährigen abgesessen habe. Staley selbst hatte Journalisten gesagt, seine Beziehungen zu Epstein hätten sich deutlich ausgedünnt, nachdem er JP Morgan 2013 verlassen habe. Seit er 2015 an die Spitze von Barclays gerückt sei, habe er Epstein nicht mehr gesehen. Staley arbeitete insgesamt 34 Jahre lang bei JP Morgan.
So manchen Prominenten haben die einstigen Epstein-Verbindungen noch nach Jahren verfolgt. So kündigte der Chef des US-Finanzinvestors Apollo, Leon Black, Ende Januar seinen Rückzug aus dem operativen Geschäft an, nachdem bekannt wurde, dass er an Epstein für Finanzdienstleistungen 158 Millionen Dollar gezahlt hat. In Grossbritannien trat Prinz Andrew, der Sohn von Queen Elizabeth II, von seinen royalen Ämtern zurück, als seine Verbindungen zu Epstein an die Öffentlichkeit kamen.
Schon 2020 war wegen der Untersuchung der Aufsichtsbehörden über einen Abgang von Staley spekuliert worden. Die «Financial Times» hatte damals berichtet, JP Morgan habe den britischen Aufsehern Emails zwischen Epstein und Staley zukommen lassen aus seiner Zeit als Chef der Privatbank bei dem US-Geldhaus.
Der 64-Jährige teilte jetzt den Barclays-Mitarbeitern in einem Memo mit, welches Reuters einsah, dass er nicht gewollt habe, dass seine persönliche Antwort auf die Untersuchung zu einer Ablenkung werde. Der Top-Manager habe nun 28 Tage Zeit, um die FCA zu informieren, dass er die Untersuchungsergebnisse anfechte, sagte eine mit dem Verfahren vertraute Person. Insgesamt könne der Prozess Monate dauern.
Staleys Zeit an der Spitze der Bank blieb nicht ohne Kontroversen. Unter seiner Führung durchtrennte Barclays historische Verbindungen mit Afrika und fokussierte sich stärker auf das Privatkundengeschäft und das Investmentbanking in Grossbritannien und in den USA. 2018 konnte Staley eine Kampagne des aktivistischen Investors Edward Bramson abwehren. Dieser hatte seinen Rücktritt gefordert, da aus seiner Sicht die Investmentbank nicht die gewünschten Ergebnisse liefere. Zuletzt hatte das Investmentbank-Geschäft starke Zahlen vorgelegt, was sich jüngst in den Quartalsergebnissen zeigte.
Ein Nachfolger für Staley am Steuerrad von Barclays steht bereits fest: C.S. Venkatakrishnan, bislang Head of Global Markets, soll nun die Position des Vorstandschefs des Finanzkonzerns übernehmen. Das Board sei zuversichtlich, dass die Bank unter seiner Führung den strategischen Weg weiterverfolgen und die Geschäftsentwicklung vorantreiben werde. (awp/sda/reu)