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Alexandru Patactis stellt eine knallrote, kleine Sporttasche auf den Esstisch seiner Altbauwohnung. «Survival Kit» steht darauf. «Das hat uns die Stadt gegeben als Vorbereitung auf das Erdbeben», sagt der Videokünstler und Hochschuldozent und räumt den Inhalt der Tasche auf den Tisch.
«Wasser in Beuteln, Essen in Pulverform, Verbände und dieses seltsame Ding.» Ein knallgelber Apparat, der Radio, Taschenlampe und Alarm in einem ist und mit einer Kurbel betrieben wird.
Patactis kurbelt, lacht – und wird plötzlich ganz ernst. «Ich glaube nicht, dass uns das hilft, wenn dieses Haus hier über uns einstürzt.»
Verdikt: «Einsturzgefährdet»
Wie viele Gebäude im Zentrum der rumänischen Hauptstadt wurde auch die Nummer 63 am Boulevard Carol I. zwischen den beiden Weltkriegen gebaut. In jener Zeit, als Bukarest den Beinamen «Paris des Ostens» erhielt.
Die Behörden haben die Statik des achtgeschossigen Gebäudes untersucht. Verdikt: «Einsturzgefährdet».
Pläne, das Haus mit Stahlbeton zu verstärken und erdbebensicher zu machen, gibt es schon seit 2009. Geschehen ist nichts. «Die Kosten sind für uns Eigentümer zu hoch», sagt Alexandru Patactis, Präsident der Stockwerkeigentümergemeinschaft.
«Die Kredite der Stadt sind zwar ziemlich günstig. Aber einige Eigentümerinnen sind Rentner. Die können sich die Kredite trotz der guten Konditionen nicht leisten. Unter diesen Umständen alle dazu zu bringen, einer Sanierung zuzustimmen, ist immens schwierig.»
Dazu kommt: Alle Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses müssten für zwei bis drei Jahre ausziehen, bis die Sanierung fertig wäre. Patactis versucht, die Sanierung zwar aufzugleisen; aber so recht daran zu glauben scheint er nicht.
Vielleicht ist das Haus ja besser gebaut, als wir denken.
Um dennoch ruhig schlafen zu können, beruhigt er sich damit, dass die Nummer 63 schon zwei verheerende Erdbeben überstanden hat – jenes von 1940 und jenes von 1977.
«Das gibt mir ein gewisses Sicherheitsgefühl und verhindert, dass ich permanent Angst habe. Vielleicht sind diese Häuser aus den 1920er- und 1930er-Jahren ja tatsächlich besser gebaut, als wir denken.»
Falsch gebaut und schlecht unterhalten
Einer, der das wissen muss, blickt von der Strasse aus auf die bröckelnde Fassade der Nummer 63: Matei Sumbasacu, Bauingenieur, Experte für erdbebensicheres Bauen.
«Dieses Haus wurde nicht erdbebensicher gebaut. Und es ist schlecht unterhalten», urteilt Sumbasacu. So wie Hunderte alter Gebäude in der Bukarester Innenstadt.
Dazu kommt, dass viele dieser alten Häuser, die 1977 beim grossen Erdbeben nicht eingestürzt sind, trotzdem massive Schäden davongetragen haben. Nur sehe man die nicht immer auf Anhieb, sagt der Bauingenieur.
Das verheerende Beben von 1977
Das letzte grosse Erdbeben in Rumänien ereignete sich am 4. März 1977. Es hatte sein Epizentrum rund 85 Kilometer nördlich von Bukarest und erreichte eine Stärke von 7.5 auf der Richterskala, einer der höchsten je in Europa gemessenen Werte. Das Beben forderte über 1500 Menschenleben, die meisten davon in der rumänischen Hauptstadt.
Über 30'000 Gebäude wurden zerstört oder beschädigt. Die wirtschaftlichen Kosten der Schäden wurden auf rund zwei Milliarden Dollar geschätzt.
Die kommunistische Führung Rumäniens liess kaum Gebäude gründlich sanieren. Aber Diktator Nicolae Ceaucescu benutzte das Erdbeben als Vorwand für die Zerstörung von ganzen historischen Vierteln in Bukarest für seinen gigantischen Regierungspalast.
Schon 37 Jahre früher, am 10. November 1940, erlebte Rumänien eines der stärksten je in Europa gemessenen Erdbeben. Auch damals starben rund 1500 Menschen.
Nach dem Beben liess das kommunistische Regime von Diktator Nicolae Ceaucescu einige Schäden kaschieren. Richtig repariert oder gar erdbebensicher saniert wurde kaum.
«Die Kommunisten hatten nicht das Geld, um alle Gebäude richtig zu sanieren. Aber sie hatten eine starke Propaganda. Damit überzeugten sie die Leute davon, dass ihre Stadt erdbebensicher sei», sagt Sumbasacu.
Bis heute kursieren in Bukarest Geschichten von Gebäuden auf Rollen, von heimlich eingebauten Stahlbetonstützen oder sogar davon, dass die Erde aufgehört habe zu beben.
«Wir kämpfen bis heute mit dem Erbe dieser staatlichen Desinformation», sagt der Gründer von Re:Rise, einer Organisation, die Erdbebenrisiken in Rumänien verringern will.
Wir kämpfen bis heute mit dem Erbe dieser staatlichen Desinformation
Der junge Bauingenieur hat ein gewisses Verständnis dafür, dass die Leute sich an diesen Geschichten festhalten. «Ich habe selbst in einem einsturzgefährdeten Haus gelebt. Und obwohl ich es besser wusste, habe ich mir oft erzählt, das Gebäude sei stabiler, als es aussehe.»
Staatliche Hilfe: Grosszügig, aber bürokratisch
Wer sein Gebäude erdbebensicher machen will, bekommt Unterstützung von der Stadt Bukarest. Günstige Kredite mit langen Laufzeiten, zum Beispiel.
Die Hilfeleistungen seien grosszügig, findet Sumbasacu. «Aber die Bürokratie, die damit einhergeht, ist ein Albtraum.»
Das sei wohl Absicht. Die Behörden signalisierten Hilfsbereitschaft, wollten aber keine allzu grosse Nachfrage nach Hilfen. Denn letztlich sei zu wenig Geld vorhanden, um alle Häuser zu sanieren.
Und es fehle an Know-how: «Wir haben nicht genügend Bauunternehmen, die wissen, wie man erdbebensicher baut.» Und so sind in Bukarest in den letzten Jahrzehnten gerade mal ein paar Dutzend Häuser erdbebensicher gemacht worden.
«Das nächste grosse Beben kommt bestimmt»
Wie alle Experten ist Sumbasacu überzeugt, dass Bukarest in Richtung einer Katastrophe schlittert. «Das nächste grosse Beben kommt. Die Frage ist nur, wann. Wir rechnen mit bis zu 6500 Toten.»
Leuten wie Alexandru Patactis, die in einsturzgefährdeten Häusern leben, bleiben dann nur zwei Dinge: Die Hoffnung, dass ihr Gebäude trotz allem noch einmal standhält und das gelbe Kurbelradio.