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39-jähriger Mann mit Oberschenkelamputation rechts und Unterschenkelamputation links nach Motorradunfall. Er stürzte, als er ohne Prothesen, in seinem Rollstuhl auf einer stark geneigten Strasse fuhr. Dem Patienten fehlte das Gegengewicht der Beine, wodurch der Rollstuhl für ihn deutlich kippeliger wurde. Durch eine Veränderung des Kipppunktes durch eine Radstandverlängerung sowie Antikipprollen wäre das Sturzrisiko deutlich reduziert gewesen.
55-jährige Frau mit Multipler Sklerose, chronisch sekundär progredienter Verlauf, stark verminderte Muskelkraft. Sie konnte vor drei Monaten noch einige Meter mit Hilfe ihrer Extensionsspastik und mit ihrem Rollator in geschlossenen Räumen gehen. Seit einer Operation hatte sich eine Flexionsspastik entwickelt, welche die Patientin nicht mehr funktionell zum Gehen nutzen kann und nun ständig auf den Rollstuhl angewiesen ist. Das Knie ist soweit in Flexionsstellung, dass der Fuss nicht mehr auf der Fussraste abgestellt werden kann und beim Anschieben des Rollstuhles behindert. Zudem ist der Tonus vermehrt erhöht. Das Kissen ist zu kurz und die Beine haben keine korrekte Druckverteilung. Mit Anpassungen des Kissens, der Rückenlehne sowie einem steileren Winkel der Fussrasten konnte die Patientin wieder ihre Füsse abstellen und auch der Tonus konnte etwas normalisiert werden.
49-jährige Frau, Post Polio Syndrom, Sitz im Rollstuhl mit starker Hyperlordose, sie lehnt sich beim Antreiben des Rollstuhls kaum gegen die Rückenlehne, Schulter-Nacken-Schmerzen. Die Sitzanalyse zeigt, dass einige Adaptationen der Rückenlehne, sowie der Sitzneigung beim Rollstuhl nötig sind. Ihre Schmerzproblematik war vor allem durch eine inadäquate und unergonomische Fahrtechnik zurückzuführen, welche korrekt geschult werden musste.
83-jährige Frau aufgrund von allgemeiner Schwäche und verminderter Gehfähigkeit im Pflegerollstuhl, welcher weit nach hinten gekippt ist. Sie wohnt im Heim. Ihr Umfeld klagt darüber, dass sie nicht mehr am Leben teilhaben mag. Sie schläft bei Unterhaltungen ein und zeigt kein Interesse an den Gesellschaftsspielen mit anderen Heimbewohnern, obwohl diese früher ihre grössten Hobbies waren. Allein durch die Umsetzung in einen normalen Rollstuhl mit steilerer Neigung aber anpassbarer Rückenlehne kann ihre Aufmerksamkeit und mentale Leistungsfähigkeit verbessert werden. Ihre psychische Grundstimmung und die Teilhabe am sozialen Leben werden dadurch erheblich verbessert.
Begegnet man im Alltag Rollstuhlfahrern, so ist man bei einigen überrascht, wie gut der Patient in seinem Rollstuhl sitzt und mit dem Rollstuhl fast eine Einheit bildet. In anderen Fällen hat man das Gefühl, dass der Patient und sein Rollstuhl so gar nicht harmonieren. Selbst als Laie ist man dann versucht, einzugreifen und den Rollstuhl zu verändern, um dem Patienten eine bessere und bequemere Sitzposition zu verschaffen. Diese Rollstuhlanpassung sollte aber nicht nur intuitiv, sondern nach wissenschaftlich und empirisch gesicherten Gesichtspunkten erfolgen.
In Studien werden meist nur Teilaspekte der Rollstuhlanpassung, wie der Sitzwinkel, die Neigung der Rückenlehne, die Höhe der Armlehnen und das Dekubitus-Risiko isoliert untersucht.a,b Studien zur umfassenden Rollstuhlanpassung sind – nach meinen Recherchen – nur selten zu finden. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass eine Rollstuhlanpassung nur für jeden einzelnen Patienten individuell erfolgen kann und muss.
Mit einer möglichst optimalen Rollstuhlanpassung (wheelchair adjustment) beschäftigen sich weltweit Hersteller, Ärzte und Therapeuten sowie Patienten selbst. So wird auch in der Schweiz eine bestmögliche Anpassung des Rollstuhls an den Patienten angestrebt. Sie soll ihm ermöglichen, die grösstmögliche Selbständigkeit zu erreichen und dabei einen Komfort in seinem Rollstuhl zu sichern sowie möglichst verhindern, dass es zu zusätzlichen Langzeitschäden durch das benötigte Hilfsmittel kommt.
Eine optimale Rollstuhlanpassung kann sinnvoll nur von einem Fachpersonal durchgeführt werden, welches in der Lage ist, eine gute Bewegungs-und Sitzanalyse durchzuführen und die individuellen Möglichkeiten für den Patienten zu evaluieren. Danach sollte gemeinsam mit einem Techniker die entsprechende technisch mögliche Adaptation umgesetzt werden.
Bei der Rollstuhlversorgung geht es um die höchst mögliche Integration in den Alltag, dies auf den verschiedenen Ebenen (Abbildung 1).
Das Grundprinzip einer Rollstuhlanpassung ist, die ideale Balance zwischen Komfort und bestmöglicher Funktion zu finden, welche möglichst Dauerschäden vermeidet.
Worauf kann ich achten, wenn ich einen Patienten im Rollstuhl analysiere :
(Quantitative Analyse nach Engströmc)
Restriktionen
Lage des Körpers im Raum
Kopfposition
Das Fallen des Oberkörpers
Nach vorne aufrichten
Der Kopf beim Aufrichten
Die Beine beim Aufrichten
Das Becken beim Aufrichten
Reaktionen beim Aufrichten
Was muss bei einer Rollstuhlanpassung beachtet werden :
Definition eines gemeinsames Zieles der Rollstuhlversorgung
Wie mobil ist der Patient
Wohnort/örtliche Umgebung des Patienten
Transferfähigkeit des Patienten
Welche Körperstrukturen/Funktionen des Patienten sind eingeschränkt
Welche Aktivitäten sollen mit dem Rollstuhl ausgeführt werden (Alltag)
An welcher Tätigkeiten des täglichen Lebens will der Patient mit dem Rollstuhl teilhaben (Beruf/Hobbies)
Prognose der Erkrankung
Vorgeschichte Dekubitusgefahr
Inkontinenz
Auf welche technischen Gegebenheiten ist zu achten (Tabelle 1).
Gefahren bei falscher Rollstuhlanpassung :
Dekubitus
Schmerzen
Kontrakturen
Tonuserhöhung
Fehlstellungen/Haltungsschäden
Müdigkeit
Reduktionen von Alltagsfunktionen
Einschränkung der Mobilität
Überlastungsschäden
Verletzungsgefahren
Stürze
Negative Veränderung des Körperschemas
Es sollte eine gute Rollstuhlversorgung stattfinden, bei welcher gut ausgebildetes Personal beratend tätig wird
Das Ziel der Rollstuhlversorgung/anpassung sollte mit allen Beteiligten definiert werden, im Mittelpunkt stehend der Patient
Eine gute Beckenposition ist häufig der Schlüssel für eine gute Sitzposition
Grundprinzip : so viel Aktivität wie möglich, so viel Stabilität wie nötig.