Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03529.jsonl.gz/301

Die Stadt Pondicherry in Südindien hat eine Geschichte, die getränkt ist von Mystik und Philosophie. Ausgrabungen von Glasperlen, deren Alter auf ca. 2500 Jahre datiert wurden, belegen, dass es schon vor der Zeit Kleopatras Handelsbeziehungen zwischen der Hochkultur des alten Ägyptens und Pondicherry gegeben hatte. Zu der Zeit, aus der der Glasschmuck stammt, wurde Glas nur in Ägypten hergestellt. Die Rosenkreuzer bezeichneten Pondicherry im Mittelalter als eine der 12 bedeutendsten spirituellen Orte. Im 19. und 20. Jahrhundert war es die einzige französische Kolonie auf indischem Boden und wurde deswegen zum Zufluchtsort von Sri Aurobindo, der sich als ehemaliger Freiheitskämpfer vor den Engländern dorthin ins „inner-indische“ Exil geflüchtet hatte. Schließlich wurde Pondicherry die Wiege Aurovilles, dessen Zentrum sich ca. 15 km Luftlinie vom Stadtrand Pondicherry’s befindet.
Im Zuge des philosophischen Flairs dieser Stadt am Golf von Bengalen entstand 1981 dann auch die Diamantschleiferei „Aditi Diamonds“. Traditionell sitzt die Diamantschleifindustrie genau auf der gegenüberliegenden Seite des indischen Subkontinents, an der Westküste, in Mumbai und etwas nördlich davon, in Surat. Doch der deutsche Gründer der Schleiferei war in erster Linie auf der Suche nach der Philosophie, nicht nach geschäftlichem Erfolg. Und so entstand 1981 ein Gewerbezweig in Pondicherry, der sich zunächst ein bisschen anfühlte wie ein Pinguin in den Ötztaler Alpen.
Eines Tages, im Jahr 1993, wurde der Inhaber der Schleiferei zu einem sehr wohlhabenden Bürger Pondicherrys gebeten, einem der Sponsoren und Koordinatoren des sich damals im Rohbau befindlichen Matrimandirs. Nachdem man nun schon über 23 Jahre an dem Gebäude gearbeitet hatte, war man an einen Punkt gekommen, an dem man nicht mehr weiter wusste. Die Vorgabe, dem Matrimandir eine äußere Hülle aus reinem Gold zu verschaffen, war eine Aufgabe, der man nicht gewachsen war. Nachdem das Gebäude zu 100 % von privaten Sponsoren finanziert wurde, erschien es zum einen nicht nur unmöglich die Herausforderung finanziell zu meistern, man hatte auch keine Ahnung wie man die technische Seite des Projektes angehen sollte.
Studien von großen vergoldeten Gebäuden, oder Teilen solcher Gebäude, hatten auf die Spur einer französischen Firma geführt, welche im Blattgold-Verfahren neben der Fackel der Freiheits-Statue in New York auch den Dom der Invaliden in Paris und etliche weitere große Sehenswürdigkeiten vergoldet hatte. Doch ein Angebot dieser Firma zur kompletten Vergoldung des Matrimandir fiel so astronomisch aus, dass man den Gedanken an diese Methode gleich wieder aufgab.
Der Inhaber der Diamantschleiferei, ebenfalls einer der Hauptförderer des Bauvorhabens des Matrimandir, war kein Unbekannter in der Gegend. Er schliff nicht nur Diamanten in Pondicherry, sondern hatte inzwischen auch in Deutschland ein schlagkräftiges Team, welches Schmuck produzierte, also mit Gold umgehen konnte. Die indische Schleiferei hatte eine beachtliche Größe erreicht, produzierte mit einer Personalstärke von 300 Mann damals bis zu 3000 Brillanten am Tag und war mit Abstand der größte Devisenbringer für den Bundesstaat Pondicherry. Schon einmal hatte der Unternehmer ein Problem am Matrimandir gelöst, welches mit Vergoldung zu tun hatte und in Indien nicht gemeistert werden konnte. Und so einigte man sich darauf das Problem in die Hände des deutsch-indischen Teams um die Diamantschleiferei Aditi Diamonds zu geben.
Um ein Ziel zu erreichen, bei dem man den Weg dorthin nicht kennt, ist es oft das Beste, einfach mal aufzubrechen und die Kurskorrekturen erst vorzunehmen, wenn man auf dem Weg ist. So begann man mit dem Verfahren der Blattvergoldung. Doch man hatte die Rechnung ohne die Natur Südindiens gemacht. Eine Felsenbiene, welche, in der flachen Gegend um Pondicherry, das Matrimandir als höchsten Felsen betrachtete, fand die vergoldeten Fassadenelemente anscheinend ideal um ihre Honigwaben daran zu befestigen. Die Biene, sehr viel größer und aggressiver als die üblichen Honigbienen, sucht sich Plätze, die für ihre Feinde unerreichbar sind, und nachdem sich die Königin für einen Platz entschieden hat, baut der Schwarm der Arbeiterinnen innerhalb von etwa einer Stunde eine Wabe bis zu 1,5 Meter Größe, welche normalerweise von einem überhängenden Felsen, aber in unserem Fall nun von einer vergoldeten Fassadenscheibe, hing. Die Bienen sind sehr aggressiv und jeder potentielle Feind, der der Wabe zu nahe kommt, wird von einer Kriegerstaffel angegriffen. Die Blattgold-Vergoldung zog die Bienen anscheinend magisch an, so dass bald bis zu 40 Bienenstämme riesige Honigwaben an das Matrimandir hängten und somit die Bautätigkeit durch die aggressiven Tiere erheblich beeinträchtigt wurde.
Zusammen mit etlichen anderen Problemen musste daher letztlich der Versuch der Blattgold-Vergoldung nach einem Jahr wieder eingestellt werden. Was nun? Die einzige Lösung schien zu sein, das Gold durch einen Glasüberzug zu schützen. So wurde in dreijähriger Forschungs-Arbeit in Deutschland eine Goldkachel entwickelt, bei der im Vakuum-Verfahren Blattgold in Glas eingeschweißt wird. Das Verfahren wurde patentiert, die Kachel nach allen möglichen Verfahren getestet.
Schließlich wurde ein erstes Fassadenelement mit der neuen Goldkachel bestückt und nach Süd-Frankreich gebracht, um es Roger Anger, dem Architekten des Gebäudes, vorzustellen.
Dieser lebte auf einem Hügel in Le Crestet in einem alten Schloss der früheren Gegenpäpste aus Avignon, umgebaut mit modernem Atelier für seine Arbeit. Vor der Kulisse der antiken Gemäuer, mit weitem Blick über das Tal, trugen der deutsche Unternehmer und sein schweizer Techniker im Frühsommer 1997 das Ergebnis einer über drei Jahre langen Arbeit mit klopfendem Herzen in den Innenhof der Burg und erwarteten mit gemischten Gefühlen das Urteil Rogers. Und er war begeistert!
So wurde schließlich die Vakuum-Gold-Kachel der Schlüssel zur Vergoldung des größten komplett vergoldeten Gebäudes der Welt.
Die Herstellung von 2,5 Millionen Kacheln mit reinem Feingold, bei einer vergoldeten Gesamtfläche von 4500 Quadratmetern, war aber nicht nur eine finanzielle und technische Herausforderung, sondern auch eine organisatorische. Vakuum-Öfen für das Verschmelzen von Glas wurden von einem Ingenieur der Deggendorfer Werft konstruiert und nach Indien verschifft, Maschinen zum Präzisionsschneiden von Blattgold wurden entworfen, Ultraschallgeräte zum Reinigen des Glases und eine Anlage zur Demineralisierung von Reinigungs-Wasser importiert. Schlussendlich produzierten etwa 100 Leute im Schichtbetrieb bis zu 4000 Goldkacheln pro Tag und verklebten diese mit einer aus der Schweiz importierten Vakuum-Misch-und-Dosieranlage mit hochwertigstem Mehrkomponenten-Silikon.
Die Erfindung der mehrschichtigen Vakuum-Glaskachel war jedoch nicht die einzige interessante Idee, die aus der Forschungsarbeit am Matrimandir entstand. Im Umfeld der Diamantschleiferei und der Schmuckproduktion reifte in den Versuchs-Ateliers in Niederbayern und den Produktionsstätten in Südindien eine weitere Idee: Das Einschmelzen von Diamanten in Glas.