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Bei einem Besuch vor Ort erzählt uns Martha, dass sie mit ihrer Familie vor über 20 Jahren ein Haus im Quartier gebaut hat. Heute ist sie 61 Jahre alt und berichtet von diversen gesundheitlichen Problemen, die sie und ihre Familie belasten. Sie leidet an Hauterkrankungen und hat Schwierigkeiten mit ihren Augen. Auch bei ihren Kindern und Enkeln sind schon Erkrankungen aufgetreten. Sie erzählt, dass sie das grosse Grundstück für ihre ganze Familie gekauft hat, ihre Kinder nun trotzdem ausserhalb des Quartiers zusätzliche Wohnungen mieten müssen. Sie möchte ihr Haus eigentlich verkaufen, betont aber, dass sie das Haus nicht mit gutem Gewissen an eine andere Familie verkaufen könne. Und etwas anderes kann sie sich so nicht leisten. Sie wünscht sich, dass die Klaukol-Fabrik die verschmutzte Umgebung reinigt oder die Bewohner:innen an einem sauberen Ort unterbringt.
Der Schweizer Baustoffkonzern Sika betreibt in Argentinien eine Fabrik, die eine Nachbarschaft mit Staub verschmutzt. Die medizinische Untersuchung von 48 Quartierbewohner:innen zeigt nun, dass der Staub die Menschen krank macht.
In Virrey del Pino, einem Vorort der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, steht eine grosse Baustofffabrik, die zu 100% dem Schweizer Bauchemiekonzern Sika gehört. Rund 1’000 Menschen leben im Quartier mit dem Namen Las Mercedes, im unmittelbaren Umkreis der Fabrik. Die Fabrik Klaukol stellt Mörtel, Pasten, Klebstoffe und andere Baumaterialien her. Bei der Produktion entsteht viel Staub, der sich aufgrund mangelhafter Filtersysteme überall im Quartier absetzt. Analysen zeigen, dass der Staub unter anderem aus Siliciumdioxid besteht, das von der WHO als ein Karzinogen der Stufe 1 – also stark krebserregend – eingestuft wird.
Die Quartierbevölkerung leidet unter den gesundheitlichen Folgen
Seit vielen Jahren wehrt sich die Bevölkerung bereits gegen die Verschmutzung, denn der Staub ist überall: Er findet den Weg in die Häuser, setzt sich in den Kleidern fest und erschwert das Atmen. Und die Bewohner:innen hegen den Verdacht, dass der Staub sie krank macht: So leiden in der Nachbarschaft viele an Atemwegserkrankungen und Hautausschlägen.
© Facundo Fraga
Der 42-jährige Andrés berichtet uns von seinen Gesundheitsproblemen und den Einschränkungen, die diese Probleme für ihn im Alltag bedeuten. Er leidet an Asthma und hat Hautprobleme. Wenn die Fabrik mehr Emissionen ausstösst, werden diese Probleme schlimmer. Auch seine kleinen Kinder haben Asthma und Allergien. Er möchte das Quartier deshalb verlassen, auch weil die Beschwerden seiner Kinder nachgelassen haben, als sie einen Monat woanders gelebt haben und bei der Rückkehr wieder schlimmer wurden. Er betont auch, dass er sich sicher ist, dass eine solche Fabrik im Land, in dem Sika seinen Sitz hat – also in der Schweiz – niemals zugelassen wäre.
© Facundo Fraga
Über Jahre verbessert sich die Situation für die Bewohner:innen nicht: Eine Sammelklage von einem Teil der Bevölkerung, die 2009 gegen die Fabrik eingereicht wird, bleibt 10 Jahre ergebnislos hängig, bis das Gericht entscheidet, es sei nicht zuständig. Nur eine junge Bewohnerin mit einer Nieren- und Lungenkrankheit darf einen kleinen Erfolg verbuchen: 2021 einigt sich Sika-Klaukol in einem Vergleich mit ihr, die Miete ausserhalb des Quartiers zu bezahlen. Sie sagt heute, dass es ihr besser geht, seit sie nicht mehr in der Nähe der Fabrik wohnt.
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Erst im Frühling 2023 lässt die lokale Umweltbehörde ACUMAR 48 Anwohner:innen bei einer renommierten Spezialistin für Lungenkrankheiten an der Universität Buenos Aires ärztlich untersuchen. Die Patient:innendossiers zeigen, dass die Menschen Atemwegserkrankungen, anhaltender trockener Husten, Atemnot, Nasenhöhlenentzündungen und Asthma aufweisen und gemäss Untersuchungsberichten ständig gereizte, schmerzende und gerötete Augen, Juckreiz und in einigen wenigen Fällen auch Hautallergien oder Hautüberempfindlichkeiten haben.
Die Ärztin betont, dass sie den Menschen empfiehlt, nicht länger in der Nähe dieser Fabrik zu wohnen, da der viele Staub einen negativen Einfluss auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen hat.
Auch zwei argentinische Behörden kommen zum selben Schluss: Die Fabrik dürfte aufgrund ihrer Auswirkung auf Mensch und Umwelt nicht so nahe an einem Wohnquartier stehen.
Sika redet sich raus, obwohl Studie Verschmutzung belegt
Die Fabrik Klaukol behauptete in der Vergangenheit stets, nichts mit der Verschmutzung in der Nachbarschaft zu tun zu haben. Auch gegenüber dem Rechercheur von «Das Lamm» streitet Sika im Frühling 2022 kategorisch ab, dass in der Fabrik gesundheitsgefährdende Stoffe freigesetzt werden. Stattdessen gebe es weitere grössere Fabriken in der Nähe, von denen der Staub stammen könne oder auch aus Heizungen von angrenzenden Wohnsiedlungen. Mit der Bevölkerung habe man einen guten Austausch, es gebe sogar einen Tag der offenen Tür in der Fabrik.
Doch die wissenschaftliche Untersuchung, die ACUMAR im Sommer 2022 veröffentlichte, kommt zu einem anderen Schluss: Die chemische Zusammensetzung des Staubs im Quartier zeigt klar, dass er zu einem Grossteil aus der umstrittenen Fabrik stammt.
Dem Bericht ist zudem zu entnehmen, dass die Fabrik in einem schlechten Zustand ist und die Staubbelastung nicht richtig misst. So gebe es neben den Kaminen zahlreiche diffuse Quellen wie die Beladungszone oder der Lagerbereich, von dem grosse Mengen an Staub freigesetzt werden können.
Bilder aus dem ACUMAR-Bericht dokumentieren die Staubverschmutzung in der Klaukol-Fabrik. © CONICET/ACUMAR
@ Greiz Perviu
Gericht schliesst die Fabrik
Im Oktober 2023, kurz vor Publikation dieser Recherche, ordnete nun ein Regionalgericht an, dass die Fabrik vorübergehend geschlossen werden müsse, weil es einen Zusammenhang zwischen den Erkrankungen der Bevölkerung und den Fabrikemissionen vermutet und Klaukol die Massnahmen, die die Umweltbehörde ACUMAR im Sommer 2022 empfohlen hatte, nicht umgesetzt hat.
Nachdem sich Sika gegen diesen Entscheid gewehrt hat, läuft die Fabrik aber unterdessen schon wieder. Die Behörde ACUMAR , erklärt, dass die Fabrik nochmals 90 Tage laufen solle, damit Sika die geforderten Messungen vornehmen könne. Falls danach keine Besserungen zu erkennen seien, soll die Fabrik erneut geschlossen werden. Für die Bevölkerung war die Schliessung eine kurze und vorübergehende Freude, nun leben sie wieder mit der Unsicherheit, wie es weitergeht und wie lange sie die Missstände vor Ort noch werden aushalten müssen.
Die Schweiz braucht ein Konzernverantwortungsgesetz
Der Fall zeigt leider einmal mehr, dass freiwillige Versprechen der Konzerne nicht ausreichen, um solche Fälle von Menschenrechtsverletzungen und Umweltverschmutzung künftig zu verhindern. So trat Paul Hälg, der Verwaltungsratspräsident von Sika, noch 2020 als einer der prominentesten Gegner der Konzernverantwortungsinitiative auf und behauptete, dass die Initiative übertreiben sei, weil es für Sika sowieso eine Selbstverständlichkeit sei, Verantwortung zu übernehmen und Menschenrechts- sowie Umweltstandards zu respektieren.
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Doch wie dieser Fall nun gerade zeigt, hat Sika trotz verschiedener Hinweise über Jahre keine ausreichenden Massnahmen ergriffen, um die Verschmutzung zu stoppen und sogar bis zuletzt versucht, sich aus der Verantwortung zu reden. Ein griffiges Konzernverantwortungsgesetz würde hier endlich Abhilfe schaffen: So müsste Sika die Verschmutzung in Argentinien unverzüglich stoppen und für die angerichteten Schäden im Quartier Las Mercedes geradestehen.
Gerade auch vor dem Hintergrund der europäischen Entwicklung in Richtung mehr Konzernverantwortung muss sich die Politik dem Thema endlich annehmen: Sonst droht die Schweiz bald zum einzigen Land in Europa ohne Konzernverantwortung zu werden.