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Situationsplan der Stadt Basel, Blatt I: Davidsboden, Kannenfeld, Strafanstalt, 1857–1859. Statsarchiv Basel-Stadt, Planarchiv H 2,54 Nr. 1
Überspitzt formuliert zeigt dieser Ausschnitt aus dem sogenannten Löffelplan im Staatsarchiv die Keimzelle des modernen Basel. Und zwar nicht unbedingt wegen der keltischen Siedlung, deren Spuren beim Erstellen eines neuen Gaskessels 1911 zu Tage traten (und die deshalb den etwas prosaischen Namen «Basel-Gasfabrik» erhielt). Sondern wegen der Gasfabrik selbst. Mit ihr beginnt in Basel die Industrialisierung.
Gas
Laternenplan, 1882. Staatsarchiv Basel-Stadt, Planarchiv Q 2,118
Das Verfahren, aus Steinkohle Leuchtgas zu erzeugen, war Ende des 18. Jahrhunderts in England entwickelt worden. Es war ein Meilenstein: Mit dem neuen Energieträger konnten nicht nur Strassen beleuchtet werden, sondern auch grosse Fabrikhallen. Erstmals war die industrielle Produktion vom natürlichen Tag/Nachtrythmus unabhängig. Sehr schnell setzte sich das Steinkohlegas in ganz Europa durch. 1852 eröffnete der elsässische Ingenieur und Unternehmer Gaspard Dollfuss an der Binningerstrasse Basels erste Gasfabrik. Damit hatten die alten Öllampen, mit denen der Rat seit den 1760er-Jahren einzelne Strassenkreuzungen (schwach) beleuchten liess, ausgedient. Der Laternenplan von 1882 zeigt eindrücklich, dass in allen Strassen mehrere Gaslaternen die Nacht zum Tag machten. Dabei wurde jede Laterne abends einzeln angezündet. Die vierzehn Gasmänner mussten ihre abendliche Runde schon früh beginnen, damit bei Einbruch der Dunkelheit wirklich alle Laternen brannten, wie auf dem um 1900 entstandenen Foto vom Münsterplatz zu sehen ist.
Laternenanzünder auf dem Münsterplatz, 1900. Staatsarchiv Basel-Stadt, NEG A 97
Die neue Gasfabrik St. Johann
Die Nachfrage nach Gas stieg ständig, da zunehmend auch private Haushalte beliefert wurden. Bald stiess die Gasfabrik an der Binningerstrasse an ihre Kapazitätsgrenzen. Zudem häuften sich die Klagen wegen Geruchsbelästigungen. Deshalb entschloss sich die Regierung 1860 zum Bau der Gasfabrik St. Johann. Erbauer war wiederum Gaspard Dollfuss, der die Fabrik bis zur Übernahme durch die Stadt 1867 als Pächter betrieb. Das «Schnabelboden» genannte Gelände lag damals noch weit vor der Stadt, wie der eingangs gezeigte Löffelplan deutlich macht. Ein Blick auf weitere im Staatsarchiv aufbewahrte Pläne zeigt jedoch deutlich, wie schnell die Stadt auch nach Norden expandierte. Reizvoll ist der Vergleich zwischen dem Übersichtsplan von 1896 und jenem von 1904. In dieser kurzen Zeit waren eine ganze Reihe neuer Strassen entstanden, deren Namen alle auf den industriellen Charakter des Quartiers verwiesen: Kraftstrasse, Lichtstrasse, Voltastrasse, Kohlenstrasse. Ebenso fällt auf, dass die alte Gasstrasse aufgehoben wurde und der Name auf die neue Verbindung zwischen Vogesen- und Elsässerstrasse überging.
Übersichtsplan 1896. Staatsarchiv Basel-Stadt, Planarchiv Q 6,2
Übersichtsplan 1904. Staatsarchiv Basel-Stadt, Planarchiv Z 1,46
Die Entstehung der Chemischen Industrie
Bei der Verkokung von Steinkohle entsteht nicht nur Gas, sondern, ursprünglich als lästiges Abfallprodukt, auch Steinkohlenteer. 1857 wurden daraus (wiederum in England) erstmals Teerfarben hergestellt. Gaspard Dollfuss, immer am Puls der Zeit und ein kluger Unternehmer, errichtete deshalb unmittelbar neben seiner Gasfabrik eine kleine chemische Fabrik, in der Farbstoffe für die in Basel dominierende Textilindustrie (insbesondere Seidenbänder) hergestellt wurden. Diese Fabrik wurde 1871 von Durand und Huguenin übernommen, deren Unternehmen später in der Sandoz aufging. Bilder aus dem Staatsarchiv aus den 1930er-Jahren zeigen das ausgedehnte Industrieviertel.
Sandoz von Süden, 1939. Staatsarchiv Basel-Stadt, BALAIR 4246
Dreirosenbrücke im Bau, 1933. Staatsarchiv Basel-Stadt, BALAIR 3306
Elsässerstrasse 4 (Schlachthaus), um 1933/1934. Staatsarchiv Basel-Stadt, NEG 4284
Bei der 1933 vom St. Johannstor aus entstandenen Aufnahme sehen wir im Vordergrund das Schlachthofareal, dahinter die beiden grossen Gaskessel (deren einer bis in die 1980er-Jahre stehen blieb, obschon die Gasproduktion 1931 nach Kleinhüningen verlagert worden war) und, rechts davon, die rauchenden Schlote der chemischen Industrie. Die Dunstglocke darüber verdeutlicht, weshalb man auch von der «Schmutzecke» der Stadt sprach.
Das hat sich grundlegend verändert. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Produktion zunehmend ins Ausland verlagert. Dennoch blieb Basel eine Chemiestadt. Zwei Weltkonzerne, Roche und Novartis, haben hier ihren Hauptgeschäftssitz. Letzterer, aus der Fusion zwischen Sandoz und Ciba-Geigy hervorgegangen, begann 2001 mit dem Bau eines riesigen Forschungszentrum, dem Novartis Campus. Was 1860 mit der bescheidenen Gasfabrik begann, mündete im 21. Jahrhundert in einer von internationalen Stararchitekten errichteten «Stadt in der Stadt».