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Landschaft der Urzeit
Da schriftliche Quellen fehlen, wird die Landschaft der Urzeiten auf der Basis von Indizien, Annahmen und Theorien rekonstruiert. Das liegt auch daran, dass Mitteleuropa eine alte Kulturlandschaft ist und kaum ein Gebiet seinen Naturzustand bewahren konnte. Einig sind sich alle Experten darüber, dass sich die Landschaft früherer Zeiten nicht mit den beiden Kriterien «Wald» und «Nicht-Wald» beschreiben lässt und es einen fliessenden Übergang zwischen geschlossenem Wald und gehölzfreiem Offenland gab. Der scharfe Waldrand wurde erst vom Menschen geschaffen.
Landschaft und Klima nach den Eiszeiten
Nach der letzten Eiszeit war Mitteleuropa zunächst waldfrei. Als das Klima wärmer wurde, wanderten im Verlauf der nacheiszeitlichen Vegetationsentwicklung die verschiedenen Baumarten gestaffelt ein. Zuerst kamen Zwergsträucher, Birken und Kiefern. Mit steigenden Temperaturen folgte die Massenausbreitung der Hasel und die Entstehung von Wäldern mit den anspruchsvolleren Baumarten Eiche, Ulme, Linde, Ahorn und Esche. In den Mittelgebirgen wanderte die Fichte ein. Als sich das Klima um zirka 800 v. Chr. wieder etwas abkühlte, begann die Buche zu dominieren. Die regionale Entwicklung unserer heutigen Waldtypen setzte ein.
Archäobotanik – Hilfsmittel prähistorischer Landschaftsbeschreibung
Die Pollenanalyse ist ein wichtiges Hilfsmittel zur Rekonstruktion der Landschaftsentwicklung. Pollen, also der Blütenstaub der Blütenpflanzen, oder Sporen von Farnen haben eine widerstandsfähige Aussenhaut, die bei Luftabschluss hunderttausende von Jahren überdauern kann. Die Form und Gestalt der Aussenhaut der Pollenkörner ist von Pflanzenart zu Pflanzenart verschieden, so dass diese bestimmt werden kann. In Mooren, die sich über Jahrtausende aus Seen entwickelt haben, können die Pollenkörner mit Hilfe von Tiefenbohrungen in ihrer zeitlichen Schichtung entnommen werden. Der während der Blühzeit auf die Erdoberfläche niedergehende Pollenregen spiegelt die Zusammensetzung der umgebenden Vegetation wider. Daher gibt die Abfolge der im Sediment von Seen oder in Mooren abgelagerten Pollen Auskunft über die Vegetationsentwicklung seit der letzten Eiszeit. Eine weitere Möglichkeit, Informationen über die prähistorische Zeit zu gewinnen, sind Untersuchungen von Samen und anderen pflanzlichen oder tierischen Überresten in archäologischen Ausgrabungen.
Der Mensch als Landschaftsgestalter
Der Mensch wurde in Mitteleuropa zuerst in Gegenden mit fruchtbaren Böden sesshaft. Dies sind beispielsweise Lössgebiete, die auch in der Region Basel vorkommen. Die Besiedlung der Hochrheingegend ist bereits in prähistorischen Zeiten durch die Archäologie belegt. In den Altsiedellandschaften Klettgau und Dinkelberg haben bereits die Kelten Heu geschnitten. Der Einfluss des Menschen auf die Naturlandschaft hat sich seit Ende der mittleren Steinzeit vergrössert, als die Besiedlung dichter und die Wirtschaftsweise bäuerlich wurde. Die Menschen bauten auf Äckern Feldfrüchte an und züchteten Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen und Pferde. Sie trieben diese zum Weiden in den Wald oder auf Weideland, das auf ehemaligen Wäldflächen entstanden ist. Die Pflanzen, die auf den von Menschen geschaffenen Grünlandflächen spontan wuchsen, kamen grösstenteils bereits im Kulturland der Altsiedelgebiete vor. Es handelt sich dabei um die Arten unserer Blumenwiesen. Diese wuchsen ursprünglich auf lichten oder waldfreien Flächen, zum Beispiel in Auengebieten oder auf Felsköpfen.
Dichtes Waldland als Urzustand
Die Vegetationsentwicklung nach den Eiszeiten ist im Detail noch unklar. Viele Fachleute sind der Meinung, dass das Klima in Mitteleuropa den Baumwuchs gefördert hat und daher fast überall ein eintöniges Waldland entstanden ist. Nur wenige Stellen blieben waldfrei: Gebiete in Meeresnähe, salzige Marschen, übernasse und nährstoffarme Moore, Felsköpfe und Flühe, Steilhänge, Kiesbetten der früheren Flussauen, Steinschutthalden und Lawinenbahnen in den Gebirgen sowie die Höhen oberhalb der Baumgrenze. In den Urwäldern Mitteleuropas entstanden als Folge des Absterbens alter Bäume, Windbruch oder Blitzeinschlägen kleinere Lichtungen. Erst der sesshafte gewordene Mensch schuf ein buntes Mosaik aus Äckern, Heiden, Wiesen und Weiden und drängte den Wald innerhalb der letzten Jahrtausende zurück.
Megaherbivoren – wichtige Gestalter der Naturlandschaft
Andere Fachpersonen gehen davon aus, dass der Wald bereits vor dem Einsetzen der Landwirtschaft beträchtliche Lücken aufgewiesen hatte. Sie untersuchen den Einfluss grosser Pflanzenfresser (Megaherbivoren) auf die Vegetation. Vegetationsgeschichtliche Untersuchungen unterstützen diese Hypothesen. Pflanzenarten, die heute als Weide- und Wiesenzeiger gelten, wurden noch vor einer Besiedlung durch den Menschen gemeinsam mit typischen Waldpflanzen nachgewiesen. In diesen Gebieten ging man früher von einer dichten Bewaldung aus. Gemäss der Megaherbivoren-Theorie schufen die Pflanzenfresser in der prähistorischen Landschaft ein räumlich und zeitlich dynamisches Mosaik von Wald und Offenland.
Vorläufig Ansichtssache
Beide Theorien werden teilweise heftig diskutiert, aber keine kann endgültig bewiesen werden. So können nur unvollständige Angaben über die Grösse der Vegetationsmosaike und deren räumliche Verteilung gemacht werden. Über das soziale Verhalten der Tierarten und deren Populationsgrössen gibt es nur Annahmen auf der Grundlage heute lebender verwandter Arten. Andererseits berücksichtigt die klassische Theorie die zeitlichen Veränderungen zu wenig. Die Rekonstruktion der Landschaft erzeugt heute noch ganz verschiedene Bilder. Sie wird intensiv diskutiert und bleibt vorläufig Ansichtssache.
DK / AH