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Pﬂanzenheilmittel aus Wolfsfuss sind gut für das Herz. Das wussten schon die Indianer.
Im Gegensatz zu Heilkräutern wie Andorn, Melisse, Brennnessel oder Herzgespann, die bereits seit der Antike bekannt sind, ist die Geschichte der arzneilichen Verwendung des Europäischen Wolfsfusses (Lycopus europaeus) relativ kurz. Erst seit dem Mittelalter finden sich Hinweise über diese zur Familie der Lippenblütler (Lamiaceae) gehörende Pflanze und deren Wirksamkeit bei Herzklopfen, Herzjagen und Herzschmerzen in Verbindung mit Angstgefühlen.
Die nordamerikanischen Sioux-Indianer nutzten dagegen schon seit Urzeiten einen nahen Verwandten, den Virginischen Wolfsfuss (Lycopus virginicus), der
in seiner Wirkung dem europäischen Vetter vergleichbar ist. Der Virginische Wolfsfuss ist in Nordamerika von Kanada bis Florida, in Asien und Australien sowie in den gemässigten Zonen Europas heimisch und wächst an stehenden Gewässern und Flüssen mit schwacher Strömung.
Die Sioux setzten die Pflanze in Form von Teeaufgüssen aus dem frischen Kraut wie auch aus der Trockensubstanz erfolgreich bei Erkältungskrankheiten, offener Lungentuberkulose, zur Blutstillung und als Beruhigungsmittel ein. Auch als wertvolles Herztonikum, vor allem gegen nervös bedingte Herzbeschwerden, fand es seinen Platz in der indianischen Medizin. Dieses Wissen machte sich später auch die Homöopathie zunutze und verwendet seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts den Virginischen Wolfsfuss bei Herzbeschwerden und Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose).
Zur Gattung Lycopus zählen insgesamt vier Arten, von denen ausser Lycopus europaeus und virginicus auch Lycopus lucidus arzneilich genutzt wird, seit über 2000 Jahren etwa in der chinesischen Heilkunde gegen Menstruationsbeschwerden, schmerzhafte Verletzungen und Inkontinenz. Die vierte Art, Lycopus americanus, ist in ihrer Wirkung dem Europäischen und Virginischen Wolfsfuss ähnlich, auch sie bevorzugt zudem als Standort den feuchten Boden am Ufer von Seen und Teichen.
Die Bezeichnung Wolfsfuss geht zurück auf die Form der Blätter, die an den Fussabdruck eines Wolfes erinnern soll. Auch der lateinische Gattungsname Lycopus leitet sich vom altgriechischen Wort «lykos» für Wolf und «pous» für Fuss ab. Die Artbezeichung «europaeus» verweist auf die europäische Heimat dieser Art; entsprechend bezeichnet «virginicus» den nordamerikanischen Verwandten. In Anlehnung an seinen bevorzugten Standort wird das Kraut im Volksmund auch Uferwolfsfuss, Wasserandorn oder Sumpfandorn genannt. Darüber hinaus bestehen noch weitere Namen wie Wolfstrapp, Wolfshuf oder Zigeunerkraut.
Ausgangsstoff für das homöopathische Arzneimittel aus Lycopus virginicus ist eine Urtinktur, die aus der frisch blühenden Pflanze gewonnen wird. Der Virginische Wolfsfuss fand in der homöopathischen Literatur erstmals im Jahre 1855 Erwähnung. Das Mittel wurde von den Ärzten Morrison, Chandler und Kopp einer homöopathischen Arzneimittelprüfung unterzogen. Arzneimittelprüfungen werden in der Homöopathie bis heute zur Überprüfung der Wirkungen eines Medikaments an gesunden Probanden durchgeführt. Diese müssen die zu prüfende Substanz in gewissen Abständen einnehmen. Danach werden die auftretenden Änderungen im Befinden schriftlich dokumentiert. Neben den Prüfergebnissen ﬂiessen Symptome von Vergiftungsfällen sowie Beobachtungen an Kranken mit in die Arzneimittelbilder ein.
Der deutsche Homöopath Erich Assmann, der Lycopus virginicus nach Europa einführte, empﬁehlt das homöopathische Mittel nicht nur bei nervösen Herzerkrankungen und Schilddrüsenüberfunktion, sondern auch bei deren Ausprägungen während des Klimakteriums der Frau. Hierzu zählen besonders beschleunigter Puls, inneres Zittern und Angstzustände, wobei Assmann unterstreicht: «Mir ist kein Mittel bekannt, das diese rein hormonale Angst so ausgeprägt hat wie Lycopus.»
Ferner hat sich das Mittel bei Herzschwäche mit Auftreten von schnellem Herzschlag und heftigem Pochen in der Brust sowie als Unterstützung bei der Behandlung von Morbus Basedow (einer immunologisch bedingten Schilddrüsenüberfunktion) bewährt. Im Krankheitsfall präsentiert sich der betroffene Patient als reizbar, nervös, zittrig und gehetzt, besonders am Abend tritt eine erhöhte geistige und körperliche Aktivität auf. Da die homöopathische Behandlung mit Lycopus virginicus relativ frei von Nebenwirkungen ist, hat sich diese Therapie in der naturheilkundlichen Praxis fest etabliert. Als Standarddosis werden jeweils dreimal täglich fünf Globuli in der Potenz D6 empfohlen, was einer Verdünnung von 1 zu 10 entspricht.
Botanik und Ernte
Der Europäische Wolfsfuss ist eine bis zu einem Meter hohe, mehrjährige Staude, die in Europa und Nordasien verbreitet ist und an Fluss- und Bachufern, feuchten Gräben, in lichten Wäldern, auf nassen Wiesen und in Sümpfen vorkommt. Zudem ist das auch in der Schweiz vorkommende Gewächs eine schöne Gartenpflanze, die mit ihren auffälligen Blättern die Blicke auf sich zieht. Er bevorzugt sonnige Standorte bei feuchten und nährstoffreichen Böden. Sein nordamerikanischer Verwandter, der Virginische Wolfsfuss, ist in der Natur überwiegend auf Wiesen anzutreffen und fällt etwas kleiner aus. Er kann ebenfalls im Kräutergarten angepflanzt und verwendet werden. Der ausdauernde Wolfsfuss hat einen vierkantigen Stängel, der mit gegenständigen, elliptischen, scharf gezähnten, sechs bis neun Zentimeter langen Blättern besetzt ist. In den oberen Blattachseln wachsen dichte, kugelige Scheinquirle mit weissen trichterförmigen Lippenblüten, die violett punktiert sind. Die Früchte bestehen aus vier kleinen braunen Nüsschen, in denen die Samen enthalten sind. Diese können im Herbst oder Frühling im Garten ausgesät werden, ältere Pflanzen lassen sich auch durch Teilung vermehren. Für die Arzneizubereitung wird das blühende Kraut (Herba lycopi) in der Zeit von Juli bis September abgeschnitten, zu kleinen Sträussen gebunden, kopfüber an einem schattigen, luftigen Ort aufgehängt und getrocknet.
Aufgrund seiner wertvollen Inhaltsstoffe rückte der Wolfsfuss im 20. Jahrhundert auch immer mehr in den Mittelpunkt pharmakologischer Interessen. Die Medizin in Europa entdeckte zunächst seine positive Wirkung auf das Herz und bei leichten Formen der Schilddrüsenüberfunktion. Neben Gerbstoffen, Flavonoiden, Glykosiden, Harzen und kleinen Mengen an ätherischem Öl ist es vor allem die Lithospermsäure, ein Kaffeesäurederivat, die den Wolfsfuss zu einem wertvollen Spezifikum bei einer Schilddrüsenüberfunktion macht. Heute hat sich der Wolfsfuss als pflanzliches Schilddrüsentherapeutikum in der modernen Phytotherapie fest etabliert – vor allem bei Beschwerden mit vegetativ-nervösen Störungen wie Unruhe, Reizbarkeit, Angst, Schlafstörungen, Herzklopfen, Herzrasen und übermässigem Schwitzen. Wolfsfussextrakte bremsen den Jodtransport zur Schilddrüse und mindern die Ausschüttung von Schilddrüsenhormonen.
Zudem findet das Kraut zunehmend wissenschaftliche Anerkennung bei der Behandlung von Spannungsgefühlen und Schmerzen der Brustdrüse (Mastodynie) während der zweiten Zyklushälfte der Frau. Die Wolfsfuss-Substanzen hemmen die Bildung des Hormons Prolaktin, das die Milchdrüsen in der Brust stimuliert, und besitzen daher einen lindernden Effekt bei zyklusbedingten Schmerzen und Spannungen der weiblichen Brüste. Dies bestätigten bereits in den 1970er- und 1980er- Jahren verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen. So konnten beim prämenstruellen Syndrom, der Mastodynie und klimakterischen Befindlichkeitsstörungen mit Wolfsfuss gute Ergebnisse erzielt werden.
Wolfsfuss-Zubereitungen gibt es im Handel als Tee, Tinktur, Urtinktur, Homöopathikum, als Fertigpräparate oder zusammen mit Herzgespannkraut
und Baldrianwurzel in Kombinationspräparaten.
Gesundheitstees mit Wolfsfuss
Bei einer Behandlung mit Wolfsfuss darf die Erhaltungsdosis niemals plötzlich abgesetzt werden, da es sonst zu einer Verstärkung der Beschwerden kommen kann. Eine Anwendung mit Fertigpräparaten sollte darüber hinaus nicht ohne fachlichen Rat erfolgen.
Vorsicht: Bei Vorliegen einer Schilddrüsenunterfunktion oder bei einer vergrösserten Schilddrüse mit normalen Hormonwerten ohne Beschwerden darf Wolfsfuss nicht angewendet werden. Auch Schwangere und Stillende dürfen Wolfsfuss-Zubereitungen grundsätzlich nicht verwenden. Generell sollte Wolfsfuss nicht in Kombination mit Thyroxin-Präparaten eingenommen werden. Bei einer bevorstehenden Schilddrüsenuntersuchung mit Radiojod müssen Heilmittel mit Wolfsfuss zwei Wochen vor dem Eingriff abgesetzt werden, da sie das Ergebnis verfälschen können.
Schilddrüsen-Tee
Tee aus dem getrockneten Kraut (Lycopi herba) kann bei leichter Schilddrüsenüberfunktion mit vegetativ-nervösen Störungen oder auch bei vegetativ-nervösen Beschwerden angewendet werden, die dem Bild einer Schilddrüsenüberfunktion entsprechen, ohne dass dabei eine messbare Hyperthyreose vorliegt. Ferner wird er bei prämenstruellen Beschwerden, Wechseljahrproblemen und Kreislaufstörungen eingesetzt.
1 gehäufter TL (entspricht zirka 1 Gramm) der fein geschnittenen getrockneten Droge mit einer Tasse heissen Wassers übergiessen, 10 Minuten ziehen lassen und absieben. Zweimal täglich eine Tasse Tee mässig warm und ungesüsst über mehrere Wochen lang trinken. Die Tagesdosis von maximal 2 Gramm sollte dabei nicht überschritten werden, wobei die richtige Dosierung individuell zu ermitteln ist, indem auf das eigene Wohlbefinden und Körpergefühl geachtet wird. Bei bestimmungsgemässem Gebrauch sind keine Nebenwirkungen zu erwarten.
Schilddrüsenausgleichende Teemischung
Für diesen auf die Schilddrüse beruhigend und ausgleichend wirkenden Tee werden jeweils 20 Gramm Wolfsfusskraut (Lycopi herba), Herzgespann (Leonuri herba), Baldrianwurzel (Valerianae radix), Melissenblätter (Melissae folium) und Lavendelblüten (Lavandulae flos) benötigt. Von dieser Mischung 1 TL mit heissem Wasser übergiessen und 7 Minuten zugedeckt ziehen lassen. Zweimal täglich eine Tasse Tee schluckweise nach den Mahlzeiten trinken. Bei bestimmungsgemässem Gebrauch sind keine Nebenwirkungen zu erwarten.
Internet
• www.awl.ch/heilpflanzen/lycopus_europaeus/index.htm
• http://phyto.astral.ch/Phyto/ALL/phytotherapie/001-2004/10-Andreas.pdf
Literatur
• Siegfried Bäumler: «Heilpflanzenpraxis heute»,
Urban & Fischer Verlag 2007, Fr. 131.–
• Roger und Hildegard Kalbermatten: «Pflanzliche Urtinkturen»,
AT-Verlag 2005, Fr. 19.90.
• Heide Fischer: «Frauenheilpflanzen»,
Nymphenburger Verlag 2006, Fr. 34.90
• Bruno Vonarburg, «Homöotanik. Band 2: Blütenreicher Sommer»,
Haug Verlag 2005, Fr. 166.–
• Julius Mezger,«Gesichtete homöopathische Arzneimittellehre»,
Haug Verlag 2005, Fr. 238.–
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Bilder: © Roland Robra, René Berner