Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03282.jsonl.gz/804

Das menschliche Hirn ist ein seltsames Organ. Das merkt man besonders dann, wenn es nicht normal funktioniert – manche Hirnstörungen führen uns drastisch vor Augen, wie sehr das, was wir uns als Realität zu sehen gewohnt sind, von der Arbeit unseres Gehirns bestimmt wird. Ein Beispiel dafür ist der Fall eines Patienten, der trotz intaktem Sehsinn sämtliche Ziffern von 2 bis 9 nicht erkennen kann, aber die Ziffern 1 und 0 sowie römische Ziffern oder Buchstaben völlig normal sieht.
Forscher um Teresa Schubert von der Harvard University haben auf dem Wissenschaftsportal «Proceedings of National Academy of Sciences» (PNAS) eine Studie veröffentlicht, die sich mit dem merkwürdigen Fall befasst. Der heute 60-jährige Amerikaner leidet seit acht Jahren an einer Sehstörung, die nach einer Art Anfall auftrat, dem fortschreitende Schäden in verschiedenen Hirnregionen folgten. Der Patient – in der Studie als «R. F. S.» bezeichnet – kann seither die Ziffern 2 bis 9 nicht mehr erkennen. «Wenn man ihm eine Zahl zwischen 2 und 9 zeigte, war R.F.S. ausserstande, diese Ziffer oder auch nur ihre Form zu erkennen», schreiben die Forscher. «Er sah stattdessen nur ein Knäuel schwarzer Linien – ähnlich wie Spaghetti.»
Es spielte für R. F. S. keine Rolle, ob ihm kleine, gedruckte Ziffern oder solche in der Form von grossen Schaumstoff-Figuren gezeigt wurden – er konnte sie alle nicht erkennen, auch Zahlenkombinationen nicht. Zudem konnte er nicht aus der Gestalt der von ihm wahrgenommenen «Spaghetti-Knäuel» auf die jeweiligen Ziffern schliessen, denn die Form dieser Knäuel änderte sich jeweils auch dann, wenn ihm dieselbe Ziffer gezeigt wurde.
Äusserst seltsam ist die Tatsache, dass R. F. S. – der vor seiner Erkrankung als Ingenieur arbeitete und daher viel mit Zahlen zu tun hatte – keine Schwierigkeiten bekundet, die Ziffern 0 und 1 zu erkennen und zu verstehen. Auch Buchstaben oder Sonderzeichen wie &, %, # oder $ kann der Patient problemlos erkennen. Und er kann auch Objekte problemlos erkennen, die sehr ähnlich aussehen wie eine Ziffer – beispielsweise ein grosses B, das einer 8 ähnelt. R. F. S. kann auch nach wie vor rechnen; allerdings muss er die Ziffern dann als römische Zahlzeichen vor sich haben oder sie als Zahlwörter ausschreiben. Es handelt sich bei seinem Leiden also um eine hoch selektive Zahlenblindheit.
Klar ist, dass der Sehsinn des Mannes intakt sein muss. Erst im Gehirn geschieht etwas, das dafür sorgt, dass gewisse Ziffern lediglich verzerrt in sein Bewusstsein gelangen. Sein Gehirn erkennt die Ziffer – um sie dann umgehend nicht mehr zu erkennen. «Wenn er eine Zahl ansieht, muss sein Gehirn ja zunächst feststellen können, dass es sich um eine der betroffenen Ziffern handelt und nicht um etwas anderes – das ist wirklich ein Paradox», bemerkt Co-Autor Michael McCloskey von der Johns Hopkins University dazu in einer Mitteilung der Universität.
Erst mit eine Reihe von Experimenten gelang es den Forschern, dem Leiden des Patienten auf die Spur zu kommen. So bemerkten sie, dass R. F. S. auch Objekte nicht erkennen konnte, die innerhalb einer Ziffer oder dicht daneben lagen. So war er nicht imstande, eine Violine zu erkennen, die in einer grossen 3 eingezeichnet war. Wurde dieselbe Zeichnung der Violine weiter von der 3 entfernt, konnte er sie jedoch sehen.
Die Forscher zeichneten nun die Hirnströme von R. F. S. auf, während ihm Ziffern mit eingebetteten Bildern oder Wörtern und solche ohne diese Objekte gezeigt wurden. Schaute R. F. S. eine Ziffer mit einem darin eingezeichneten Gesicht an, konnte er dies nicht erkennen. Die Aufzeichnung seiner Hirnströme lässt jedoch vermuten, dass sein Gehirn das Gesicht doch registrierte, obwohl R. F. S. nichts davon bewusst merkte. Seine Gehirnströme zeigten dieselben Muster, wenn ihm ein Gesicht gezeigt wurde, das nicht in einer Ziffer eingebettet war und das er normal sehen konnte.
Auch als die Forscher R. F. S. ein in einer Ziffer eingebettetes Wort präsentierten, konnten sie denselben Effekt feststellen: «R. F. S. erkannte kein Wort», sagt Schubert, «aber sein Hirn nahm nicht nur wahr, dass da ein Wort war, sondern konnte es auch identifizieren, etwa das Wort ‹Tuba›.» Sein Gehirn führte also komplexe Analysen des Gesehenen aus, ohne dass etwas davon in sein Bewusstsein drang.
Schliesslich diagnostizierten die Wissenschaftler die Krankheit des Mannes: Es handelt sich, wie sie annehmen, um eine sogenannte kortikobasale Degeneration (CBD), eine seltene Hirnstörung. Sie wurde durch die Schädigung von zwei Hirnarealen verursacht: dem Cortex und den basalen Ganglien. Dies führt zu Symptomen wie Gedächtnisproblemen oder Muskelkrämpfen, ähnlich wie bei der Alzheimer-Krankheit.
Für R. F. S. entwickelten die Forscher ein spezielles numerisches System, das er auswendig lernen konnte und im Alltag – und sogar bei der Arbeit bis zu seiner Pensionierung 2014 – einsetzen konnte. Allerdings hat sich sein Gesundheitszustand seither stark verschlechtert. Die durchschnittliche Lebensdauer nach einer Diagnose mit CBS beträgt nur acht bis zehn Jahre. Immerhin sind seine kognitiven Funktionen, abgesehen von seiner spezifischen Zahlenblindheit, noch weitgehend intakt.
(dhr)
Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.