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aus dem smbulletin 1/2021
Stereoskope belebten einst den Naturkundeunterricht. Diese Apparate stellten beim Betragten von Bildpaaren eine räumliche Wirkung her. Das Schulmuseum Bern besitzt mehrere Stereoskope mit den dazugehörigen Bildern.
Die Stereoskopie, so liest man, beruhe darauf, „dass Menschen, wie alle Affenarten und die meisten Raubtiere auch, durch ihre zwei Augen ihre Umgebung gleichzeitig aus zwei Blickwinkeln betrachten.” Aus diesen Informationen ordne das Gehirn den Objekten einerseits eine Entfernung zu; andererseits schaffe es ein räumliches, also dreidimensionales Bild.
Diese Fähigkeit ist wichtig und ein grosser Vorteil im Überlebenskampf. Wenn die Primaten und Raubtiere einzuschätzen vermögen, wie weit entfernt ein Feind oder ein Rivale ist, oder wie nah die Beute, können sie besser entscheiden, ob sie angreifen oder das Weite suchen sollen. Falls es sich um Menschen mit Verstand handelt, könnten sie sogar eine dritte Möglichkeit ins Auge fassen und versuchen, mit dem Gegenüber ins Gespräch zu kommen, anstatt ihm an die Gurgel zu sprin- gen. Aber das ist im Zeitalter von Twitternachrichten eventuell ein frommer Wunsch und führt sowieso weg vom Thema.
Jedenfalls ist das räumliche Sehen eine schöne und nützliche Eigenschaft der Affen aller Art sowie der Raubtiere, inklusive der gescheiten Eulen. Voraussetzung dazu ist, dass die beiden Augen auf der gleichen Ebene angeordnet sind, also in die gleiche Richtung blicken und sich nicht seitlich am Kopf befinden, wie bei den Fischen, den Pferden und den meisten Vögeln – wobei auf etwas unterschiedliche Art auch diese Le-bewesen ein Bild vom Raum gewinnen können.
Die dreidimensionale Illusion
Im Fall des Menschen, dem am weitesten entwickelten Säugetier, kann die Fähigkeit zum räumlichen Sehen auch dazu verwendet werden, zweidimensionale Bilder dem Betrachert so vorzuführen, dass dieser sie als dreidimensional empfindet. Man nennt dieses Verfahren Stereoskopie. Es ist genau genommen eine absichtlich herbeigeführte Sinnestäuschung, ein Illusionsverfahren. Das Wort setzt sich aus zwei griechischen Vokabeln zusammen, wobei “stereos” “Raum” bedeutet und “skopeo” mit “betrachten” übersetzt wird. Die Stereoskopie ruft immer wieder Staunen hervor, weil flache zweidimensionale Bilder plötzlich mit einem 3D-Effekt überraschen, dadurch sehr realitätsnah wirken und eben eine zusätzliche Dimension bekommen. Genau aus diesem Grund bereicherten sie auch früh schon den Geografie- und den Naturkundeunterricht in den Schulen.
Um einen stereoskopischen Effekt hervorzurufen, benötigt man die entsprechenden Hilfsmittel. Vor dem elektronischen Zeitalter waren diese einfach und an-schaulich. Nötig sind einerseits zwei nahezu identische Bilder vom gleichen Gegenstand, sei es nun ein Gift-pilz, ein Käfer, der Zytglogge in Bern oder die Jungfrau im Oberland. Die beiden Bilder unterscheiden sich nur dadurch, dass sie aus leicht versetzter Perspekti-ve aufgenommen sind, mit einem seitlichen Abstand des Aufnahmestandorts von 68 bis 72 Millimetern, was jenem der Augen entspricht. Das Bildpaar wird dann schön nebeneinander angeordnet und durch ein geeignetes Gerät betrachtet. Dieses Gerät heisst Stereoskop oder Stereometer.
Beim Gegenstand handelt es sich um ein einfaches Stereometer. Es sieht ein wenig aus wie eine Taucher-brille, ist allerdings aus Holz gefertigt mit einem nach hinten aufgesetzten Schirm, der störendes licht vom Betrachter fernhält.
Vorne in der Maske sind ein Schlitz für die Nase und zwei viereckige Löcher für die Augen ausgespart. In ih-rer Fortsetzung sind in geringer Entfernung auf einer Schiene die beiden Fotografien befestigt. Gezeigt wird das Löwendenkmal in Luzern, eine bekannte Sehens-würdigkeit, die die Geografiestunden oder vielleicht auch den Geschichtsunterricht bereicherte, denn das Monument im Gletschergarten erinnert an ein histori-sches Ereignis während der Französischen Revolution.
Nur ein Bild pro Auge
Das Stereometer hilft dem Betrachter die Teilbilder im Gehirn zu einem einzigen zu vereinen und so erst die plastische Wirkung hervorzurufen. Dazu ist es nötig, den beiden Augen nur das jeweils zugehörige Bild zu zeigen. Als es noch nicht so einfach und üblich war wie heute, in der Schule Filme bzw. Videos vorzu-führen, zählten stereoskopische Aufnahmen und die dazugehörigen Geräte zum festen Bestand des Unterrichtsmaterials. Es gab auch eine Vielzahl von geeigneten Aufnahmen, die man im Fotohandel erwerben konnte. Einen Hinweis auf die Motive gibt die Bestellung der Sekundarschule Neuenegg, die im Jahr 1978 Stereobilder vom Wistenlacherberg, von Moutier, Liegerz, der Senseschlucht, der Freiberge und vom Steingletscher anforderte.
Ausser dem Betrachtungsmaterials sind für die Stereoskopie auch eigene Fotoapparate nötig. Diese sind mit zwei identisch arbeitenden Linsen ausgestattet, die im Augenabstand gleichzeitig zwei Bilder schiessen. Auf diese Weise wurden im Lauf der Zeit tausende Stereobilder angefertigt und vertrieben. Nicht alle waren jugendfrei, denn die Methode fand natürlich auch Eingang in den Bereich der erotischen Aufnahmen. Andere Bildserien zeigten sehenswerte Sujets aus allen Kontinenten. In den USA zählte Keystone zu den führenden Anbietern. Die Firma produzierte un-ter dem Titel ‘Tour of the World’ zahlreiche Bildserien. Die Stereofotografie ist allerdings aufwändiger und teurer als die herkömmliche. Sie fand ihren Platz des- halb vornehmlich in Spezialgebieten wie dem Schul-unterricht und weniger im Amateurbe- reich. Dank der Digitalkameras erlebt sie in letzter Zeit eine gewisse
Renaissance.
Die andere Methode
Die im Kino gezeigten 3D-Filme beruhen übrigens auf einer anderen Methode, dem ‘Amaglyphenverfahren’. Dabei werden die beiden Halbbilder in Komplemen-tärfarben erstellt und übereinandergelegt. Um den räumlichen Effekt zu erleben, setzen sich die Zuschau-er die bekannten 30-Brillen auf. In deren Augenlö-chern löschen zwei unterschiedliche Farbfilter je eines der Halbbilder. Die beiden Augen sehen dadurch die Szenen ebenfalls aus zwei Perspektiven, die das Ge-hirn zu einem räumlichen Bild verarbeitet.
Die ersten Stereobilder waren übrigens keine Foto-grafien, sondern Zeichnungen. Von Jacopo Chimenti aus Empoli ist eine doppelte Tuschzeichnung überliefert, die bereits um 1600 entstand. Auch Sir Charles Wheatstone arbeitete noch mit Zeichnungspaaren als er 1938 seine Forschungsergebnisse über räumliches Sehen veröffentlichte und gleichzeitig einen Bild-betrachter konstruierte, den er erstmals Stereoskop nannte. Die erste Kamera mit zwei Objektiven wurde 1854 hergestellt. Sie war das Werk eines anderen Engländers, Sir David Brewster. Bestimmt haben diese Erfinder und Forscher auch darüber nachgedacht, dass der Mensch so zu funktionieren scheint, dass er erst ein vollständiges und abgerundetes Bild erhält, wenn er eine Sache von zwei Standorten aus betrachtet.