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Die alte Eidgenossenschaft entstand als ein konservatives Bündnis, als ein bewusstes Bewahren bestehender Erfolgsmuster. Zwar hatten landbesitzende Bauern und freie Städter prinzipiell nichts dagegen, dem Kaiser zu huldigen und die Kirchenabgaben zu entrichten. Jedoch lehnten sie «neuere», interventionistische Verwaltungsformen des Reiches ab. Ebenso lehnten sie «neue» Steuern und Abgaben ab. Und sie wollten von ihresgleichen gerichtet werden – wie es der alte Brauch war.
Um die Etablierung neuer Strukturen zu vermeiden, hielt man bewusst am Kleingliedrigen und Lokalen fest. Denn die Erfahrung zeigte: Der Ausgleich verschiedener Interessen funktioniert nur im Lokalen. Ein übergeordnetes System bleibt nur stabil, wenn es grundsätzlich lokal funktioniert. Aus diesem Grund hatte die Eidgenossenschaft auch kein Problem, die verschiedensten Regierungsformen innerhalb ihres Bundmechanismus zu akzeptieren: Oligarchien, Demokratien, Aristokratien und sogar Theokratien.
In der Regenerationsphase des 19. Jahrhunderts schien der Konservativismus der alten Eidgenossenschaft nicht mehr zu funktionieren. Nach den napoleonischen Kriegen, der Helvetik und mit dem Aufkommen des Nationalstaates wurde es schwierig, im alten Bündnis einen Orientierungspunkt zu finden.
Doch die grundsätzliche Verpflichtung zum Lokalen entwickelte sich im Liberalismus am Ende des 19. Jahrhunderts fort: Jede Region pflegte nicht nur eine eigene Politik, sondern auch einen eigenen Liberalismus. Der grosse Durchbruch der Liberalen gelang, als sie das grundsätzlich Lokale mit dem Gesamtschweizerischen verbinden lernten.
Der aufkommende, damals offen revolutionäre Freisinn forderte ein europaweites Bündnis liberaler Staaten – nicht um einen neuen Staat zu gründen, sondern um eine Kooperationsgemeinschaft für Freiheit zu etablieren. Es überrascht somit nicht, dass viele Personen mit französischem, italienischem oder deutschem Hintergrund zu Trägern der Liberalismen in der Schweiz wurden. In ihrer Ideenwelt sollte das alpine Land als liberales Vorbild aufgebaut werden, dem die anderen europäischen Länder folgen würden. Die Schweizer Freiheit sollte ganz Europa inspirieren.
Mindestens bis in die 1980er Jahre blieb die Schweiz dieser Idee verpflichtet. Das Land baute nur einen minimalen Sozialstaat auf, damit Bürgerinnen und Bürger frei und verantwortlich blieben. Die Neutralität sollte aufzeigen, wie man in einer bipolaren Welt friedlich leben kann.
Die bewusste Ablehnung des EU- und EWR-Beitritts mahnt zur strukturellen Bescheidenheit: Freier Handel ist eine Sache der einzelnen Akteure und nicht der Superstrukturen. Bürokratien, wie sie in den Zentralen der Europäischen Union entstanden sind, werden als Bedrohung für die Tradition des lokalen Interessenausgleichs wahrgenommen.
Die Geschichte zeigt: Die Schweiz agierte nicht wie ein Sonderling, sondern wie ein Vorbild mit Anziehungskraft. Die Kombination aus Freiheit, Föderalismus und Verantwortung strahlte weit über die Grenzen hinaus. Margaret Thatcher, Wolfgang Schüssel oder Gerhard Schröder beriefen sich auf die Schweiz, um Reformpläne zu erläutern. Selbst die skandinavischen Länder nehmen heute die Schweiz als Vorbild, um mehr Markt einzuführen.
Seit den 1990er Jahren jedoch hadert und zweifelt das Vorbild. Aus Gründen, die nicht erklärbar sind, will es sich immer mehr den anderen angleichen. Es baut Alleinstellungsmerkmale ab, passt sich an, gibt seine Vorbildfunktion auf. Doch noch sind die Chancen nicht alle vergeben. Mit dem Willen und dem Mut, anders und besser zu sein, kann die Schweiz wieder zum Vorbild werden. Freiheit, Föderalismus und Verantwortung: Die Kraft der Schweiz in Europa und weltweit entspringt ihrer Einzigartigkeit.