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5 Minuten in Auschwitz
5 Minuten im Leben von Pawel Sawicki, der im Museum Auschwitz-Birkenau arbeitet - dem Mahnmal der grössten Vernichtungsmaschinerie unserer Zeit.
Mein Weg führt mich jeden Tag an den Baracken, der Gaskammer und dem Krematorium vorbei. Es ist ein Weg von fünf Minuten, vom Touristenparkplatz bis zu meinem Büro. Ich wünschte mir, ich könnte alles, was ich über diesen Ort weiss, und alles, was ich je davon gesehen habe, vergessen und diesen Weg als Besucher gehen. Zum weissen Haus hinter dem Stacheldraht, das früher die Apotheke der SS-Soldaten war. Wo heute das Pressebüro steht, in dem ich arbeite. Wenn ich aus dem Fenster schaue, blicke ich auf die unverputzten Wände der KZ-Baracken. Wer hier arbeitet, sagt sich: Entweder du bleibst kein ganzes Jahr, oder du bleibst für immer. Ich bin nun 32 Jahre alt und seit fünf Jahren hier. Eigentlich bin ich Journalist, ich arbeite nebenbei noch immer Teilzeit beim polnischen Radio. Die Anfrage, ob ich diesen Job hier machen will, kam vom Museum. Ich sagte sofort zu.
Auschwitz war immer ein grosses Thema für mich. Ich begann schon früh, Bücher darüber zu lesen, mir Filme dazu anzusehen. Dann suchten sie an der Universität Leute, die bei einem Holocaust-Projekt mithelfen würden. Ich wollte mitmachen.
Meine Eltern haben sich bei einem Spaziergang an der Sola kennen gelernt, dem Fluss von Auschwitz. Nenn es Schicksal, nenne es, wie du willst. Auf jeden Fall soll ich wohl hier, an diesem Ort des Grauens, meinem Tun nachgehen. Ich weiss nicht, ob ich wirklich stärker bin als andere. Ich glaube, dass man sich an jeden Job auf der Welt gewöhnen kann.
Ich habe über Jahre hinweg Hunderte von Briefen studiert, von den Menschen aus dem KZ und ihren Angehörigen. Ich habe diese schreckliche Vergangenheit genau analysiert, gefragt: Warum ist das Unglaubliche geschehen? Bei Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden erfuhr ich, dass diese es schafften, trotz ihrer Erfahrungen später ein zufriedenes Leben zu führen. Ich habe dadurch aber auch gelernt, mein eigenes Leben anders zu betrachten. Das hat mich zu einem ziemlich optimistischen Menschen gemacht. Denn was sind meine Probleme schon, verglichen mit dem, was die Menschen hier drin durchgemacht haben?
"Wer hier arbeitet, sagt sich: Entweder du bleibst kein ganzes Jahr, oder du bleibst für immer."
Das erste Mal war ich als kleiner Junge im KZ Auschwitz. Ich habe meinen Onkel besucht, der auf dem Touristenparkplatz vor dem KZ Eis verkaufte. Ich war zu klein, um zu verstehen, welche Hölle sich abgespielt hatte. Mir erschien Auschwitz damals bloss irgendwie interessant. Und als ich dann endlich alt genug war, um es zu begreifen, wusste ich schon zu viel darüber. Ich habe irgendwie den richtigen Moment verpasst, mich dem unmittelbar auszusetzen.
Zur Fussball-Weltmeisterschaft im letzten Jahr hatten wir die Spieler aus Holland, Deutschland, England und Italien hier. Das gab viel zu tun. Wir können das Museum nicht einfach für die Öffentlichkeit schliessen, weil Miroslav Klose oder Wayne Rooney auftauchen – wie andere Museen das vermutlich tun. Dieser Ort ist ja einer, der allen jederzeit zugänglich sein soll. In den letzten zehn Jahren haben wir das Museum Auschwitz nur zweimal geschlossen: für den amerikanischen Präsidenten und für den Papst.
Ich lebe mit meiner Frau und unserem Sohn im Städtchen Auschwitz. Die Menschen hier stört es, dass dieser riesige Schatten über ihnen und ihrer Stadt hängt, ein Schatten, den sie nie loswerden. Es war ja nicht ihre Idee, hier ein Konzentrationslager zu bauen. Ich für meinen Teil finde, dass dieses Konzentrationslager zu uns gehört. Es ist nun mal geschehen, und damit müssen wir uns auseinandersetzen, so weh es auch tut. Dieses Museum steht hier, um den Leuten auf der Welt begreiflich zu machen, dass sie eine Verantwortung haben dafür, welchen Lauf unser Leben nimmt, welche Entscheidungen getroffen werden.
Das kleine Waldstück hinter den Gaskammern, am Ende des Lagers, ist ein wichtiger Platz für mich. Dahin kommen nicht viele Menschen. Dort spielt sich der wohl grösste Gegensatz zu dem Grauen von Auschwitz ab. Es ist paradox: die Unschuld der Natur, die Gerüche des Waldes, all das Leben. Die Bäume und Tiere wissen nicht um den Schrecken des Lagers, während wir, trotz der 68 Jahre, die vergangen sind, mit dieser Tragödie in unseren Köpfen weiterleben müssen. Dieser Platz macht einem bewusst, dass es trotz alledem auch in Auschwitz immer wieder Frühling wird.