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Weltweit werden noch rund 7000 Sprachen gesprochen. Doch über ein Drittel von ihnen sind gefährdet. Besonders bedroht sind die Sprachen der indigenen Völker. Gemäss der Unesco stirbt alle 14 Tage eine solche Sprache aus.
Die UNO will diesem Sprachensterben entgegenwirken und hat 2019 zum Jahr der indigenen Sprachen ausgerufen. Der Sprachwissenschaftler Nikolaus Himmelmann erklärt, was ein solches Jahr bringt und wie das Sprachensterben gebremst werden kann.
Nikolaus Himmelmann
Sprachwissenschaftler
Der Professor für allgemeine Sprachwissenschaft lehrt an der Universität Köln. Er ist auch im Vorstand der Gesellschaft für bedrohte Sprachen, Link öffnet in einem neuen Fenster aktiv. Der Verein verfolgt das Ziel, den Erhalt bedrohter Sprachen zu fördern.
SRF News: Ist das UNO-Jahr der indigenen Sprachen mehr als blosse Symbolik?
Nikolaus Himmelmann: Ja, das ist etwas mehr als Symbolik. Es ist schon wichtig, dass dieses Thema in der Gesellschaft und auch weltweit wahrgenommen wird. Und es kann einzelne Initiativen unterstützen, die sich um den Erhalt indigener Sprachen bemühen.
Alle zwei Wochen stirbt eine indigene Sprache. Wo ist das Sprachensterben denn am schlimmsten?
Vor allem in den Regionen, wo das Sprachensterben schon länger begonnen hat: Das wären Nordamerika, Australien und Teile von Afrika. Aber die grösste Zahl bedrohter Sprachen findet man rund um den Äquator, weil es da noch die meisten gesprochenen indigenen Sprachen gibt.
Und woran liegt es, dass die ausgerechnet dort verschwinden?
In Nordamerika und Australien gibt es eine längere Geschichte der Unterdrückung der indigenen Sprachen. Das hat in den 1920er und 1930er Jahren angefangen und mehr oder weniger dazu geführt, dass diese Sprachen überwiegend ausgestorben sind. Die jetzigen Bedrohungsszenarien rund um den Äquator haben mit der Globalisierung zu tun. Dort entschliessen sich immer mehr Familien oder Dörfer dazu, die eigenen Sprache nicht weiter zu verwenden und auf die regionale oder nationale Sprache zu wechseln.
Was heisst das konkret?
Sprachensterben bedeutet, dass eine Generation sich dazu entschliesst, mit den Kindern nicht mehr in der Muttersprache zu kommunizieren. Die nachwachsende Generation erlernt diese Sprache nicht mehr aktiv. In vielen dieser Gemeinschaften entsteht der Eindruck, dass die eigenen Sprachen nicht wirklich wertvoll sind, sondern dass die Kinder möglichst gut in den nationalen oder regionalen Sprachen aufwachsen. Das ist eine Fehleinschätzung.
Für den schulischen Erfolg ist es nicht das Beste, wenn man versucht, das Kind in einer National- oder Regionalsprache aufwachsen zu lassen, die man selber gar nicht gut beherrscht. Das ist das typische Problem. Je besser Kinder in ihrer Muttersprache aufwachsen, desto leistungsfähiger sind sie auch in anderen Sprachen.
Das heisst, es müsste bei den Eltern ein Umdenken stattfinden?
Es müsste im Wesentlichen etwas am Prestige der indigenen Sprachen gemacht werden. Es müsste auch Aufklärung darüber gemacht werden, dass die Idee falsch ist, dass schulischer Erfolg und spätere Karrieren davon abhängen, dass man möglichst früh in der National- oder Regionalsprache zu sprechen lernt.
Aber sind die Kinder überhaupt daran interessiert?
Das hängt in vielerlei Hinsicht von den Erwachsenen ab. Die Kinder machen überwiegend die Dinge, die die Erwachsenen machen. Es gibt dann die typischen jugendlichen Blockaden. Jugendliche sind ja auch sehr gut darin, eigene Sprachvarianten zu erfinden, um sich besonders abzusetzen. Aber die grosse Linie wird von der Erwachsenenwelt bestimmt. Das ist – glaube ich – überall auf der Welt so.
Das Gespräch führte Barbara Büttner.