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Wladimir Rosenbaum, Rechtsanwalt und Antiquar
1894-1984, geboren in Minsk, Russland, gestorben in Ascona
1894-1984, geboren in Minsk, Russland, gestorben in Ascona
Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts und Duma-Abgeordneten. Lebte ab 1903 bei seiner Mutter in Genf. Studierte in Bern und Zürich. Einbürgerung in Zürich. 1923 Anwaltspatent. Enge Verbindungen zur künstlerischen Avantgarde in Zürich. Karriere als Strafverteidiger. Engagement gegen den Nationalsozialismus und Antisemitismus. Beherbergte in den Dreissiger und Vierziger Jahren Emigranten in Comologno im Valle Onsernone, wo er mit seiner Frau Aline Valangin, mit der er sich 1917 verheiratete (Scheidung 1940), das "Castello della Barca" besass. 1937 wurde er wegen Waffentransaktionen für den spanischen Bürgerkrieg über seine Anwaltskanzlei verhaftet und 1938 vom Bundesgericht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Entzug des Anwaltspatents, gesellschaftliche Ächtung, Rückzug ins Tessin, wo er mit seinem letzten Geld einen Kupferkessel gekauft haben soll, als Beginn seines Daseins als Antiquitätenhändler in Ascona. Hier wurde er unschuldig in einen Betrugskandal um den Baron van der Heydt verwickelt. Sein Antiquariat in der Casa Serodine, diesem wunderschönen Barockhaus gegenüber der Kirche, erlangte Berühmtheit. Werner Zingg arbeitete bei ihm als Restaurator. Sein Nachbar in der Serodine war Leo Kok in der „Libreria della Rondine“. Oft kamen Erich Maria Remarque und andere Literaten in die Serodine zu Besuch. Rosenbaum war ein beliebtes und geschätztes "Asconeser Dorforiginal" und hatte dort einen grossen Freundeskreis, zu dem unter anderen Otto Bachmann, Robert Neumann, Egon Schöneberg und Jack Trommer, seine "Schachkumpane" im "Battello", zählten. Die Asconesen machten Rosenbaum zum Ehrenbürger und erwähnen ihn heute noch als einen der wichtigen Promotoren für die Asconeser Musikwochen. Er ist auf dem Friedhof von Ascona begraben, in einem jüdischen Grab. Darin liegen seine erste Frau, Aline Valangin, und seine dritte Sybille Kroeber, die er 1957 heiratete; sie war Bibliothekarin und Schauspielerin. Seine zweite Frau Anne de Montet heiratete 1967 den Maler Italo Valenti. Frei nach Bernd Stappert, Deutschlandfunk, 2000: "Ein Rosenbaum aus Minsk, der seit seinem achten Lebensjahr in der Schweiz Zuflucht genommen hat vor den mörderischen Pogromen des zaristischen Russland. Noch als Jura-Student ist er Chef des Rechtsbüros des Eidgenössischen Brotamtes und bald schon - mit nur 23 Jahren - Anwalt: Ein Fürsprech, der binnen kurzem kometenhaft aufsteigt, noch in den Zwanziger Jahren gemeinsam mit Aline, seiner Frau, ein grosses Haus im Zentrum Zürichs führt, das nicht nur am monatlichen »jour fixe« als Treffpunkt der künstlerischen und geistigen Elite gilt. Hans Arp, Rolf Gérard und Max Ernst gehen ein und aus, Ignazio Silone und Ernst Toller; Elias Canetti liest aus seiner "Blendung", und Thomas Mann, Hermann Hesse und Martin Buber finden hier ihr Auditorium. Doch in ein anderes bürgerliches Haus wird Wladimir Rosenbaum in Zürich nicht eingeladen: Der subkutane schweizerische Antisemitismus blieb virulent. Ernst Schmid schrieb in "Max Bills und seine Links zum Tessin, Ausstellung zum 100. Geburtstag in der Casa Rusca, Locarno, 2008: "Nochmals eine Ehre, die letzte, erwies Max Bill seinem Freund Wladimir Rosenbaum mit der Abdankungsrede im Jahr 1984. Dazu fanden sich in Bills Bibliothek Handnotizen zu einer Anrede, die Rosenbaum im Prozess, der ihn ruiniert hatte, im Gerichtssaal hielt. Bill zitierte im Hof der Casa Serodine: „Herr Obmann, meine Herren Geschworenen, der Staatsanwalt hat mich jeweilen bezeichnet als Herr Rosenbaum aus Zürich. Meine Herren, ich bin nicht Herr Rosenbaum aus Zürich. Meine Herren, ich bin der Jude Rosenbaum aus Litauen. Ich bin der Papierschweizer Rosenbaum." Ganzer Text von Ernst Schmid, siehe hier, www.maxbillfilm.ch.
Interview mit Rosenbaum und Max Frisch zum "Antisemitismus in der Schweiz", Ferien-Journal, 1980 (330,0 kB)