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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Neuntes Buch
63. Gottes Nichtkennen und Nichtwissen.
Bei allem nämlich, wovon Gott ein Nichtwissen zugesteht, bekennt er zwar ein Nichtwissen, dennoch aber ist er nicht in Nichtwissen befangen. Denn die Tatsache seiner Unkenntnis ist nicht die Schwäche des Nichtkennens, es ist vielmehr entweder die Zeit zum Sprechen nicht angetan oder der Entschluß zum Nichthandeln vorhanden.
Gott spricht zu Abraham: „Das Geschrei von Sodoma und Gomorrha ist erfüllt, ihre Sünden sind gewaltig groß: ich werde also hinabsteigen und zusehen, ob sie gemäß ihrem Schreien auch ihr Ende finden; wenn es nicht (der Fall ist), dann, um es zu erfahren.”1 Da haben wir also Gott (über etwas) in Unkenntnis, was er dennoch sehr wohl kennt. Wenn er nämlich weiß, daß die Sünden gewaltig groß sind und anderseits hinabsteigt, um zu sehen, ob sie ihr Maß erfüllt haben, und wenn es noch nicht der Fall ist, um es wenigstens zu wissen, dann erkennen wir, daß er nicht deswegen in Unkenntnis ist, sofern er (etwas) nicht weiß, sondern daß er dann „wisse”, sofern es Zeit zum Handeln sei. [S. 142] Das Wissen Gottes ist also nicht Abstellen des Nichtwissens, sondern Erfüllung der Zeit. Man wartet nämlich noch darauf, daß er wisse. Da wir aber von ihm ein Nichtwissen nicht annehmen dürfen, da er anderseits doch auf ein Wissen wartet, so ist notwendig die Tatsache, daß er trotz seines Wissens nicht weiß und trotz seines Nichtwissens weiß, nichts anderes als eine Entschließung zu sprechen oder zu handeln.
1: Gen. 18, 20 f.