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New Orleans (awp/sda/dapd) - Ein Jahr nach der verheerenden Ölkatastrophe im Golf von Mexiko stellt sich die Frage: Kann ein Unglück dieses Ausmasses erneut passieren? Absolut, sagen Experten. Sie beklagen die noch immer unzureichenden Veränderungen beim Umgang mit Tiefseebohrungen und der technischen Voraussetzungen dafür.
Die Ölindustrie sei schlecht auf mögliche Unglücke vorbereitet, sagt Charles Perrow, Professor an der renommierten Yale University. Der Experte für Unfälle, beim Einsatz hochriskanter Technologien, glaubt nicht, dass die Ölindustrie "Wege gefunden hat, um die Unternehmenskultur ausreichend zu verändern, um künftige Unglücke zu vermeiden".
Die schlimmste Ölpest in der Geschichte der USA begann am 20. April 2010 mit der Explosion der vom britischen Ölkonzern BP betriebenen Plattform "Deepwater Horizon" des Ölbohrkonzerns Transocean. In den darauf folgenden Monaten bis zum Verschluss liefen mehr als 750 Mio Liter Erdöl ins Meer.
Seitdem ist die Ölindustrie mit der Einführung neuer Technologien konfrontiert worden und Aufsichtsbehörden verstärkten die Kontrolle der Ölindustrie.
Doch viele dieser offensichtlichen Neuerungen bleiben nicht ohne Kritik. Unter anderem haben manche Zweifel an der Wirksamkeit eines viel gepriesenen neuen Systems, das austretendes Öl an einem beschädigten Bohrloch auffangen soll.
Das System sei noch nicht am Meeresboden getestet worden, kritisieren sie. Und bei einem in der Ölbranche weitverbreiteten Bohrlochabsperrventil (Der Blowout-Preventer hatte auch bei der "Deepwater Horizon" versagt) sei zwar ein Designfehler festgestellt, nicht aber korrigiert worden.
Kritiker bemängeln aber auch, dass Regulatoren eine Bohrgenehmigung erteilten, bevor ihre Katastrophenpläne genehmigt waren. Auf Druck von der Ölindustrie und Abgeordneten hatte die Regierung von US-Präsident Barack Obama nach einem einmonatigen Moratorium die Erteilung von Bohrlizenzen Anfang dieses Jahres wieder aufgenommen.
Nach der Explosion der "Deepwater Horizon" wurden Ölproduzenten wie BP für Mängel in ihren gesetzlich vorgeschriebenen Katastrophenplänen kritisiert. Unter anderem hätten Firmen die Zeit, die auslaufendes Öl braucht, um die Küste zu erreichen, erheblich unterschätzt, hiess es.
Einige der grössten Ölfirmen sagten der Nachrichtenagentur AP, sie hätten ihre Katastrophenpläne inzwischen zwar aktualisiert, warteten aber darauf, dass sie genehmigt würden. Die für die Genehmigung solcher Pläne zuständige US-Aufsichtsbehörde BOEMRE teilt mit, dass sie für die Bearbeitung der Katastrophenpläne zwei Jahre Zeit habe.
Auch wenn die Pläne noch nicht abgesegnet seien, könnten Ölkonzerne ihre Antragstellung auf eine Bohrgenehmigung fortsetzen und eine Lizenz erteilt bekommen. Voraussetzung sei, dass die Firmen schriftlich bescheinigen könnten, dass sie dazu in der Lage seien, mit einem Ölleck umzugehen, erklärt Behördensprecherin Eileen Angelico.
Die Behörde "nimmt die Ölfirmen beim Wort, dass sie mit einem Ölleck umgehen können", kritisiert der leitende Anwalt der Umweltorganisation National Ressources Defense Council (NRDC). "Dies ist die gleiche Art von Rücksichtnahme auf angebliche (Öl)Firmenexpertise, die geradewegs zu dem BP-"Deepwater Horizon"-Desaster führte."
Während Kritiker Unzulänglichkeiten bei Technik und Regelungen sehen, äussern sich Vertreter der Ölindustrie zuversichtlich, eine Katastrophe wie die des Vorjahres verhindern zu können.
Der Ölkonzern BP teilt mit, man sei inzwischen eine viel sicherere Firma. Das Unternehmen entliess im vergangenen Jahr mehrere seiner Führungskräfte, darunter Chef Tony Hayward, und schaffte eine Einheit für die Kontrolle der Firmensicherheit.
Wegen der Fortschritte, die im Laufe der Ölkrise des vergangenen Jahres gemacht worden seien, sei das Unternehmen dazu in der Lage, auf ein Ölleck zu reagieren, sagt BP-Sprecher Daren Beaudo.
Vertrauen schenken Ölunternehmen einem neuen Auffangsystem, das von grossen Ölkonzernen entwickelt wurde, darunter Exxon Mobil, Chevron, Shell und ConocoPhillips.
Nach Angaben von Ölfirmen kann das System austretendes Öl in bis zu rund 2400 Meter Tiefe schnell eindämmen und bis zu 60'000 Barrel Öl pro Tag auffangen. Zum Vergleich: Am Höhepunkt der Ölpest im Golf von Mexiko Mitte Juni 2010 traten täglich etwa 57'000 Barrel Öl in einer Tiefe von rund 1500 Meter aus.
Ein Testen des neuen Systems im Meer sei nicht nötig, sagt der Chef der Marine Well Containment Co. - einem Konsortium aus den für das Auffangsystem verantwortlichen Unternehmen -, Martin W. Massey. Teile des Systems seien an Land in einem kontrollierten Umfeld in Houston im US-Staat Texas getestet worden. Regierungsbeamte hätten die Tests beobachtet und ihre Genehmigung erteilt, sagt Massey.
Professor Perrow äussert sich trotz der Zuversicht der Ölkonzerne skeptisch. Er halte es für wahrscheinlich, dass es in den kommenden fünf Jahren mindestens ein grösseres Ölleck geben werde.
"Selbst wenn sich jeder viel Mühe gibt, wird es ein Unglück geben, verursacht durch Kostensenkung und Druck auf Arbeiter", sagt er. Die Ölfirmen "sind Geld verdienende Maschinen und sie machen Geld, in dem sie Dinge bis an die Grenze treiben".
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