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Eidechsen.
[* 2] Die Naturgeschichte dieser Tiere hat in den letzten Jahren sehr erhebliche Fortschritte gemacht durch das Studium der Brücken- oder Stacheleidechse (Sphenodon punctatus oder Hatteria punctata) und ihrer fossilen Verwandten. Man hatte die neuseeländische Stacheleidechse oder Tuatera, die bei den Eingebornen die Rolle des menschenfressenden Lindwurms oder Drachens der deutschen Sagen spielt, und von der sie schon dem Kapitän Cook Schauergeschichten erzählten, für ein fast ausgestorbenes Tier gehalten; aber vor ca. sieben Jahren hat sie Reischek in Menge auf den kleinen Inseln der Mangareibai im O. der Nordinsel Neuseelands lebend angetroffen, und sie ist seitdem häufig in europäische Sammlungen gelangt. Trotz ihres teilweise gepanzerten Körpers und des vom Kopf bis zum Schwanz laufenden drohenden Stachelkammes scheint sie ein ziemlich friedfertiges Tier zu sein, denn sie teilt ihre unterirdische Wohnung regelmäßig mit einem Sturmvogel (Procellaria Gouldi oder Cooki) oder einem ¶
forlaufend
Sturmtaucher (Puffinus gavius), so daß die Eidechse auf der einen, ein oder zwei Sturmvögel auf der andern Seite der Höhle hausen. Ob diese eigentümliche Art des Zusammenwohnens auf gegenseitigem Nutzen oder bloßer Duldung beruht, ist übrigens unbekannt, doch das erstere wahrscheinlicher.
An diesem Tier hatte man längst höchst altertümliche Merkmale entdeckt, nämlich beiderseits gehöhlte Wirbel, wie sie sonst nur bei Fischen, Amphibien und Reptilien der Vorzeit vorkommen, und ebenso im sonstigen Knochenbau Eigentümlichkeiten, wie sie nur fossilen Tieren zukommen; auch das sogen. Scheitelorgan, welches von den meisten Zoologen für ein verkümmertes drittes Auge [* 4] gehalten wird, weist hier noch eine Entwickelung auf, wie bei keinem andern lebenden Tier.
Auch gehören thatsächlich alle nähern Verwandten der Stacheleidechse längst begrabenen Zeiten an, und die wichtigste davon, Palaeohatteria longicaudata, eine langschwänzige, 42-47 cm lange Panzereidechse mit robusten Gliedmaßen, aus den Permschichten des Plauenschen Grundes, ist 1888 von Credner beschrieben worden. Die merkwürdigste Eigentümlichkeit derselben besteht darin, daß sie im Beckenbau Kennzeichen der Stegokephalen, also von Amphibien, mit denen der Reptilien vereinigt und eben darin Ähnlichkeiten mit Krokodilen und Dinosauriern auf der einen Seite, mit Plesiosauriern auf der andern besitzt.
Dazu kommen im Schädelbau Anklänge an die Familie der Schildkröten,
[* 5] so daß sich im Bau dieses Tiers Eigenheiten
fast aller Reptilienordnungen vereinigen, obwohl es im allgemeinen den
Eidechsen am nächsten zu stehen scheint. Gleichwohl
können Hatteria, Palaeohatteria und andre fossile Verwandte kaum mehr mit den heute lebenden
Eidechsen in einer Ordnung vereinigt
bleiben, wie es Huxley und auch Credner befürworteten, und selbst die 1807 für Hatteria aufgestellte
besondere Ordnung der Schnabelechsen (Rhynchokephalen) scheint für Palaeohatteria nicht mehr auszureichen, da diese als eine
wahre Mischform aus allen jüngern Reptilienformen erscheint und darum an die Wurzeln des gemeinsamen Stammbaums gestellt zu
werden verdient.
Auch der noch immer sehr unvollkommen bekannte Ursaurier (Proterosaurus) scheint nach Credners Untersuchungen hierher
zu gehören, und von einer in englischen und indischen Triasschichten gefundenen 2 m langen Art (Hyperodapedon Gordoni) hat
Huxley 1887 nachgewiesen, daß sie ihrem Körperbau nach ein vollkommenes Mittelglied zwischen Rhynchosaurus articeps
der Triasschichten und der lebenden Hatteria bildet. Natürlich tritt jede nähere Erkenntnis der Stammverwandtschaft der
strengen Sonderung in künstliche Abteilungen feindlich entgegen, und wenn man fortfährt, die ältern
Schnabel
eidechsen den eigentlichen Eidechsen (Lazertilien) zu nähern, so kann das nur in dem Sinn geschehen, daß letztere die Abkömmlinge
eines Mittelstammes des Reptilreichs darstellen, der bis zu den Schnabelechsen zurückführt, und um den sich die andern
Reptilienordnungen als Seitenzweige gruppieren. Nach alledem muß man sehr gespannt sein, die Ei- und
Jugendentwickelung der Brückeneidechse kennen zu lernen, deren Untersuchung nicht mehr lange auf sich warten lassen wird.
Die schon früher oftmals behauptete, aber immer wieder bestrittene Giftigkeit einzelner
Eidechsenarten ist nunmehr bei der
Gattung Heloderma sicher dargethan worden. Zwei Arten derselben, H. horridum und H. suspectum, leben in
den Südstaaten Nordamerikas und in Mexiko,
[* 6] woselbst ihr Biß seit jeher wie derjenige der Klapperschlangen gefürchtet wurde.
Schon
lange wußte man, daß sie Zähne
[* 7] besitzen, welche vorn und hinten mit Furchen versehen sind, wie sie auch bei einzelnen
Giftschlangen vorkommen, die keinen geschlossenen Zahnkanal besitzen, um das Gift in die Wunde zu leiten.
Allein dies wäre noch kein Beweis, denn eine nahe verwandte Eidechse auf Borneo (Lanthanotus borneensis) ist gleichfalls mit
Furchenzähnen versehen, ohne giftig zu sein. In Wirklichkeit betrachteten denn auch Brehm und andre Forscher den Verdacht der
Giftigkeit bei Heloderma, als Volksmärchen, weil man Fälle beobachtet hatte, in denen der Biß ohne alle
übeln Erscheinungen geheilt war und alle übrigen
Eidechsen giftlos sind. Indessen haben neuere Beobachtungen von Lubbock, Weir Mitchell
und Reichert dargethan, daß Frösche,
[* 8] Tauben
[* 9] und Meerschweinchen dem Biß oder einer Einspritzung
[* 10] des Speichelgifts in wenigen
Minuten erliegen, und der erstgenannte Naturforscher hat kürzlich einen Fall mitgeteilt, in welchem ein
von der Eidechse in den Daumen gebissener Mann starb.
Die Ungleichheit der Wirkung beruht auf dem eigentümlichen Verhalten, daß ungleich den im Oberkiefer liegenden Giftdrüsen der Schlangen [* 11] hier die beträchtlich entwickelten Drüsen im Unterkiefer liegen und, wie J. G. ^[Johann Gustav] Fischer festgestellt hat, ihr Sekret durch vier noch weiter verästelte Kanäle zur Wurzel [* 12] der vorn und hinten gefurchten Giftzähne entsenden. Obwohl nun der Rachen des gereizten Tiers in der Regel von dem reichlich abgesonderten Speichel übertrieft, so kann doch leicht der Fall eintreten, daß die Furchenzähne des Oberkiefers giftfrei sind, und dann werden, wenn das Tier in gewöhnlicher Stellung zubeißt, nur geringe Mengen des Gifts in die Bißwunde gelangen.
In der Regel jedoch werfen sich diese
Eidechsen, wie Sumichrast beobachtete, bei der Verteidigung auf den Rücken, so daß beim Zubeißen
in dieser Lage die Furchenzähne des Unterkiefers von oben nach unten wirken und das Gift, den Gesetzen der
Schwere entsprechend, in die Wunde fließen lassen, wie es bei den Schlangen geschieht. Weir Mitchell und Reichert in Philadelphia
[* 13] haben sich größere Mengen des Sekrets verschafft, indem sie das Tier reizten, auf einen Gefäßrand zu beißen, um damit genauere
Versuche anzustellen. Sie fanden, daß es alkalisch reagiert, nach einigen Minuten Krämpfe, Pupillenerweiterung
und Tod (bei Tauben) veranlaßt, wobei es, ähnlich wie das Cobragift, auf das Herz wirkt. Es zeigte sich im vergifteten Tier
das Herz in völliger Muskelerschlaffung und voll harter, schwarzer Klumpen.