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Damit die Prominenz weiter abheben kann
Der Bern Airport ist der Flugplatz für den Bundesrat, Staatsgäste und Milliardäre. Seit Jahren kämpft er um sein Überleben. Jetzt soll er gerettet werden – mit einer Solaranlage.
Von Basil Schöni, 28.11.2023
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Lawrence Stroll ist reich. Sehr reich. Das Vermögen des Kanadiers wird auf 3,6 Milliarden Dollar geschätzt. Und Lawrence Stroll fliegt gerne. Sehr gerne. Auf der Rangliste der Privatjetflieger mit dem grössten CO2-Ausstoss belegte er im Jahr 2022 den vierzehnten Platz.
Eine der wichtigsten Stationen Strolls ist der Flugplatz von Bern. In Gstaad, im Berner Oberland, besitzt der Modemogul ein Feriendomizil. Gstaad hätte eigentlich einen eigenen Flugplatz, doch auf diesem kann Stroll nicht landen. Sein Privatjet, die Bombardier BD-700-1A10 Global 6000, ist zu schwer für die dortige Landebahn. Darum führen Strolls Reisen in die Schweiz oft über Bern.
Eine Woche Reisen mit Lawrence Strolls Privatjet sieht zum Beispiel folgendermassen aus:
Am Sonntagmorgen, dem 14. Februar 2021, startet das Flugzeug in Bern. Nach einem kurzen Abstecher ins Glarnerland überquert es den Atlantik und landet in Kanada, von wo Stroll noch am gleichen Tag weiter in die USA fliegt. Schon am Montag verlässt er den amerikanischen Kontinent wieder und reist nach Grossbritannien. Am Dienstag geht es dann kurz nach Mailand und keine Stunde später wieder zurück ins Vereinigte Königreich. Am Donnerstag fliegt er (mit kurzem Umweg über einen anderen britischen Flughafen) wieder nach Bern, nur um gleich nach Stuttgart weiterzureisen, wo er eine halbe Stunde verweilt und schliesslich wieder nach Bern zurückkehrt.
In fünf Tagen hat der Privatjet von Lawrence Stroll damit 15’689 Kilometer zurückgelegt. In Bern ist er in dieser Zeit zweimal gestartet und zweimal gelandet. Das alles geht aus Daten des Open-Sky-Network hervor, die der Republik vorliegen.
Der schwerreiche Stroll reist also regelmässig über den Bern Airport. So nennt die Betreibergesellschaft den Flugplatz der Bundesstadt. Auch Bundesrätinnen und Staatsgäste starten und landen hier. Dem Flugplatz in Belp, gleich ausserhalb der Berner Agglomeration, haftet damit ein gewisser Glanz an.
Doch die Betreiber kämpfen um seine Existenz.
Die Flughafen Bern AG, die den Flugplatz betreibt, hat seit vielen Jahren finanzielle Probleme. Im Sommer 2018 ging die Fluggesellschaft Skywork in Konkurs – sie war die grösste Kundin der Flughafen Bern AG. Auf den Konkurs folgten drei Jahre, in denen der Flugplatz Millionenverluste verzeichnete. 2019 wollte der Kanton Bern die darbende Flughafen Bern AG mit Steuergeldern unterstützen. Doch die öffentliche Finanzierung stiess auf breite Kritik. Das Vorhaben wurde fallen gelassen.
Im Jahr 2022 erreichte die Flughafen Bern AG mit einem Erfolg von rund 75’000 Franken wieder knapp die schwarzen Zahlen. Doch die Zukunft bleibt ungewiss.
Der Republik liegt eine Präsentation vor, die unter anderem von der Flughafen Bern AG stammt und an einer Sitzung des Aviatik-Dachverbandes Gasco im Januar 2023 gezeigt wurde. Darin steht, dass die Flughafen Bern AG zwar die Betriebskosten des Flugplatzes alleine stemmen könne. Unterhalt und Entwicklung der Infrastruktur seien aber nicht nachhaltig möglich. Es bestehe ein Sanierungsbedarf von 30 Millionen Franken.
Eine Unterstützung durch den Kanton sei allerdings unrealistisch. So sehe es die Kantonsregierung. Und ein Finanzierungsbedarf durch die öffentliche Hand gäbe den Gegnerinnen des Flugplatzes einen Grund, den Flugplatz als Ganzes infrage zu stellen.
Dem Bern Airport geht es also gar nicht gut. In der Gasco-Präsentation wählt man für diese Situation vorsichtige Worte. Deutlicher wurde offenbar Urs Ryf, der CEO der Flughafen Bern AG, hinter verschlossenen Türen. In einer Sitzung mit der Segelfluggruppe Bern, die mit dem Bern Airport aktuell über ihre Zukunft verhandelt, soll Ryf gesagt haben: Seine Firma sei aktuell ein «Zombie-Unternehmen». So berichten es Mitglieder der Segelflieger gegenüber der Republik.
Ryf selber bestreitet diese Aussage. Er habe die Firma nie ein «Zombie-Unternehmen» genannt. Die Flughafen Bern AG sei profitabel, verfüge über einen hohen Eigenfinanzierungsgrad von über 64 Prozent und sei weit weg von einer hohen Überschuldung.
Rettung verspricht in dieser Misere nun ein Grossprojekt. Die Flughafen Bern AG will nämlich zusammen mit dem kantonalen Energieversorger BKW die grösste Freiflächensolaranlage der Schweiz bauen – auf dem Gelände des Flugplatzes. «Die Erträge aus dieser Mantelnutzung sichern die langfristige finanzielle Selbständigkeit der Flughafen Bern AG», heisst es dazu in der Gasco-Präsentation. Und im neusten Geschäftsbericht der Flugplatzbetreiberin: «Der Solarpark ist aufgegleist und erlaubt uns endlich wieder Perspektiven.»
Zu diesem Zweck gründeten die Beteiligten eine eigene Aktiengesellschaft, die Belpmoos Solar AG. Die BKW, welche selber zu einer Mehrheit dem Kanton Bern gehört, hält an der AG 51 Prozent. Die Flughafen Bern AG besitzt weitere 39 Prozent. Und ein paar Monate nach Ankündigung des Projekts stiess auch noch das öffentliche Stadtberner Energieunternehmen EWB hinzu. Es hält die verbleibenden 10 Prozent.
Diese Konstellation bedeutet aber: Es sind hauptsächlich die staatlichen Unternehmen BKW und EWB, die das Solarprojekt stemmen. Indirekt rettet damit doch der Staat den Flugplatz.
Bei Stadt und Kanton ist man währenddessen begeistert von dem Projekt. Die Berner Regierungsrätin und Bundesratskandidatin Evi Allemann (SP) spricht sich in einem PR-Video für das Vorhaben aus. Und Michael Aebersold (SP), Mitglied der Berner Stadtregierung, sagt in einem weiteren Video, er sei «sofort Feuer und Flamme gewesen». Die Solaranlage sei ein «energiepolitischer Leuchtturm auf städtischem Boden».
«Städtischer Boden» deshalb, weil das gesamte Flugplatzgelände der Gemeinde Bern gehört. Sie verpachtet es seit vielen Jahren an die Flughafen Bern AG.
Nicht erwähnt wird in den PR-Videos der Regierungsmitglieder, dass es auch gute Gründe gegen das Projekt gibt. Auf dem Belpmoos – wie der Flugplatz in Bern halb liebevoll, halb belächelnd genannt wird – soll nämlich eine sogenannte Freiflächenanlage entstehen. Die Solarpanels würden also nicht auf bestehende Gebäude montiert, sondern auf unbebauten Boden.
Noch 2012 hielt ein Positionspapier der Bundesämter für Raumentwicklung, Umwelt, Energie und Landwirtschaft fest, dass solche Freiflächenanlagen nur dann sinnvoll sind, wenn sie gegenüber Anlagen auf bestehenden Bauten «sehr grosse Vorteile» bringen. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn auch im Winter eine grosse Menge Strom produziert würde, wie es etwa bei den viel diskutierten alpinen Solaranlagen der Fall ist. In Belp ist damit nicht zu rechnen.
Auch bezüglich der Umweltauswirkungen sind Freiflächenanlagen laut dem Positionspapier bedenklich: «Insbesondere Anlagen auf Kulturland und auf ökologischen Vorrangflächen (z. B. Trockenwiesen) führen zu Nutzungskonflikten und widersprechen einer haushälterischen und nachhaltigen Bodennutzung.»
Wie einige Wochen nach der Lancierung des Projekts bekannt wurde, wäre vom Prestigeprojekt in Belp genau so eine Trockenwiese betroffen. Und nicht nur irgendeine: eine der grössten Trockenwiesen im gesamten Mittelland.
Solche Trockenwiesen und -weiden sind in der Schweiz vor allem für die Pflanzenwelt wichtig. Mehr als ein Achtel der hiesigen Pflanzenarten existieren heute nur noch in diesen Biotopen. Seit dem Jahr 1900 verschwanden bereits über 95 Prozent der Trockenwiesen und -weiden in der Schweiz.
Anders sähe es aus, wenn die Wiese im «Bundesinventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung» verzeichnet wäre. Dann käme nämlich die Trockenwiesenverordnung des Bundes zum Zug. Nach dieser sind die Trockenwiesen von nationaler Bedeutung «ungeschmälert zu erhalten». Das Solarprojekt auf dem Flugplatz dürfte damit nicht gebaut werden.
Das weiss auch der Kanton Bern. Im Zuge der Revision dieses Bundesinventars hatte er die Trockenwiese dem Bundesamt für Umwelt zur Aufnahme empfohlen. Doch er machte einen Rückzieher. Am 14. Februar 2023 – einen Monat nach der Ankündigung des Solarprojekts – schrieb ein Mitarbeiter der Abteilung Naturförderung beim Amt für Landwirtschaft und Natur eine E-Mail an das Bundesamt für Umwelt.
«Mit einer Aufnahme des Trockenstandorts ins Bundesinventar könnte das Solarprojekt nach geltendem Recht nicht realisiert werden», heisst es in dem Schreiben, das der Republik vorliegt. Der Kanton befürchte, dass das ein Aufhänger für Lockerungen beim Naturschutz sein könnte. «Wir haben deshalb beschlossen, den Antrag auf Aufnahme des Objekts im Belpmoos ins Tww-Inventar des Bundes zu sistieren.» Das Bundesamt für Umwelt bestätigte die Sistierung: Man werde «bezüglich dieses Objektes bis auf Weiteres keine Aktivitäten veranlassen».
Um Lockerungen beim Naturschutz zu vermeiden, will der Kanton eine der grössten Trockenwiesen des Mittellandes also gar nicht erst unter Schutz stellen.
Noch ist nicht klar, ob die Solaranlage tatsächlich gebaut wird. Das Projekt befindet sich erst in der Planungsphase. Nach eigenen Angaben will die Belpmoos Solar AG bis Ende 2025 eine Baubewilligung erhalten. Danach soll die Anlage innert neun Monaten gebaut und im Jahr 2026 in Betrieb genommen werden.
Um verschiedene Fragen zum Projekt zu klären, hat die Belpmoos Solar AG eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Auch die Umweltauswirkungen wurden darin untersucht. Zu welchen Schlüssen die externen Autorinnen kamen, ist nicht bekannt. Auf Anfrage liess die Medienstelle der BKW ausrichten, dass sie die Studie zum jetzigen Zeitpunkt nicht zur Verfügung stelle. Sie werde dann im Rahmen der Anpassung des kantonalen Richtplans einsehbar sein.
Inzwischen regt sich langsam etwas Widerstand gegen das Projekt. Im September reichten drei Kantonsparlamentarier aus SVP und SP eine Interpellation ein, in der sie dem Regierungsrat verschiedene Fragen zu den Umweltauswirkungen des Projekts stellten. Auf den Naturschutz und die betroffene Trockenwiese fokussiert auch der Verein Natur-Belpmoos, der sich im August gegründet hat. Neben verschiedenen Einzelpersonen gehören ihm auch die Lokalsektionen bekannter Umweltverbände an, wie etwa die Berner Sektion von Birdlife oder Pro Natura Berner Mittelland.
Der Solaranlage weichen müsste auch die Segelfluggruppe Bern, die kürzlich ihr hundertjähriges Bestehen feierte. Weil die Freiflächenanlage auch auf ihrem Teil des Flugplatzes gebaut würde, müssten die Segelfliegerinnen ihren Verein auflösen.
Im links-grün dominierten Berner Stadtparlament war die Solaranlage bisher kein Thema. Als Eigentümerin des Bodens und als über die EWB direkt involvierte Partei hätte die Gemeinde mit ihrem Wort ein gewisses Gewicht.
Keine Freude hätte man in der Stadtberner Politik wohl an Milliardären wie Lawrence Stroll. Dessen Privatjet landete im letzten Jahr durchschnittlich alle zehn Tage auf dem Belpmoos. Und alle zehn Tage startete er wieder von dort. Alle zehn Tage zahlte er Gebühren an den Flugplatz. Und alle zehn Tage kaufte er in Belp das Kerosin für seinen Jet. Bis zu 20’000 Kilogramm Flugzeugtreibstoff, nur um einmal vollzutanken.
Milliardäre wie Stroll sind Teil des Geschäftsmodells auf dem Bern Airport. Es ist ein Geschäftsmodell, das für sich alleine nicht existenzfähig scheint. Gut möglich, dass ausgerechnet die grösste Solaranlage der Schweiz diesem Geschäft die Zukunft sichert.