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Geschichte des Gebäudes und Geschichte der Institution
Sowohl das Deutsche Seminar als akademische Institution wie auch das Gebäude, in dem es sich heute befindet, können auf eine reichhaltige Geschichte zurückblicken.
Der Engelhof – ein geschichtsträchtiges Gebäude
Der Engelhof, das am Nadelberg und an der Stiftsgasse gelegene Eckgebäude, hat eine lange und wechselhafte Geschichte. Er stammt sehr wahrscheinlich aus dem frühen 14. Jahrhundert. Bis zum Jahr 1990, als das Deutsche Seminar in das Gebäude einzog, durchlief der Engelhof eine Reihe von entscheidenden baulichen Veränderungen und wurde im Laufe der Zeit von verschiedenen bekannten Basler Bürgern, Wissenschaftlern, Schriftstellern, Philanthropen und Wirten unterhalten und genutzt.
Die Entstehung des Engelhofs
Der Engelhof wird das erste Mal im Jahre 1357 im Rahmen einer Schultheissurkunde erwähnt. Das genaue Entstehungsdatum des Gebäudes ist jedoch unklar. Bekannt ist allerdings, dass der Engelhof das grosse Erdbeben im Jahre 1356 überstanden hat. Deshalb kann davon ausgegangen werden, dass die Entstehungszeit des Gebäudes im frühen 14. Jahrhundert liegen muss. Über die ersten Phasen der Gebäudenutzung weiss man allerdings nichts. Die Grundstruktur der Gesamtanlage und die Gruppierung der verschiedenen Flügelbauten um den Hof dürften die Zeit aber überdauert haben.
Der Engelhof im Wandel der Zeit
Bereits sehr früh wurde der Engelhof nicht mehr als Wohnhaus, sondern zu Zwecken der Repräsentation verwendet. Im 2. Stock des Haupttraktes befindet sich noch heute ein Prachtzimmer, das sogenannte Condé-Zimmer, das im 15. Jahrhundert im gotischen Stil eingerichtet wurde und in keiner Ecke einen rechten Winkel aufweist. In diesem Zimmer wurde 1499 der Basler Frieden zwischen Gesandten Frankreichs, Österreichs und der Eidgenossenschaft unterzeichnet. Den Namen Condé-Zimmer erhielt der Raum jedoch erst einiges später: Ein spanischer Calvinist hatte 1568 einen grünen Kachelofen einbauen lassen, der sich noch heute im Zimmer bestaunen lässt, und Henri de Condé 1575 als berühmten Gast bewirtet. Eine Wappenscheibe erinnert im Fenster auf den Nadelberg an diesen Besuch.
Immer wieder wurde der Repräsentationsbau am Nadelberg für Refugianten zur Verfügung gestellt. Durch diese Glaubensflüchtlinge entwickelte sich der Engelhof zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert zu einem Zentrum für das geistige Leben in Basel.
Auf der Liste der prominenten Käufer des Engelhofs findet man bekannte Namen wie den Mathematiker Johann II. Bernoulli-König oder den Handelsherrn Emanuel La-Roche-Merian. Bis 1875 blieb die Liegenschaft im Besitz der Familie La-Roche. In diesem Jahr wurde der Engelhof an eine Organisation von Basler Philanthropen verkauft, welche dort ein christliches Hospiz einrichteten. Dieses hauptsächlich durch Gönnerbeiträge finanzierte Hospiz sollte vor allem den Handwerksburschen eine Bleibe verschaffen, welche sich auf Wanderschaft befanden. Zu einem späteren Zeitpunkt wurde dem Hospiz ein Arbeitsvermittlungsbüro angegliedert. Noch etwas später wurden sogenannte Arbeitersäle errichtet, in welchen Abendkurse angeboten wurden. In diesem Weiterbildungsangebot wurde beispielsweise Buchhaltung, Englisch oder Gesang unterrichtet.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde der Engelhof mehr und mehr zu einer Gaststätte und zu einer günstigen Unterkunft. Aus dem Handwerkerhospiz und den Arbeitersälen wurde ein christliches Volksgasthaus, ein Ort der Begegnung. In den 1970er Jahren schrieb die Gaststätte allerdings nur noch rote Zahlen. Die Engelhofkommission erwog den Verkauf, die Synode der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Basel-Stadt plante einen neuen christlichen Jugendtreffpunkt. Zusammen mit der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige (GGG) konnte die Synode am 27. Juni 1979 eine Urkunde unterzeichnen, nach der der Engelhof ab dem 1. Januar 1981 an die GGG überging, die den gesamten Gebäudekomplex umbauen und renovieren wollte, um darin neben dem Jugendtreffpunkt auch eine Tagesstätte für psychisch Behinderte zu schaffen. Doch das Projekt wurde nie umgesetzt und so kam es, dass die GGG zum Verkauf bereit war.
Die Universität im Engelhof
Am 7. Februar 1984 ging der Engelhof in den Besitz der Universität Basel über, nachdem der Grosse Rat die Umbaupläne und einen Kredit genehmigt hatte. Vier Jahre später konnte schliesslich mit den Umbauten begonnen werden.
Im Jahr 1990 war es dann soweit: Die Universität Basel konnte in den Engelhof einziehen. Im Erdgeschoss und im 1. Stock des Haupttraktes war das Deutsche Seminar angesiedelt, im 2. Stock das Seminar für Nordistik. Im Süd- und Südwesttrakt zog das Slavische Seminar ein. Mittlerweile sind Nordistik und Slavistik aus dem Engelhof ausgezogen und im Nachbarhof am Nadelberg 6 bzw. 8 angesiedelt.
Heute befinden sich im Erdgeschoss die Seminarräume des Deutschen Seminars. In den beiden Untergeschossen sind die Archiv- und Verwaltungsräume zu finden. Im 1. und 2. Stock befinden sich die Büros der einzelnen Fachbereiche, in den zwei obersten Etagen befindet sich die Bibliothek, die sich durch eine spektakuläre Mischung aus alter Bausubstanz und neuen Elementen auszeichnet.
Geschichte des Deutschen Seminars
Fast so tief in der Geschichte der Stadt verwurzelt wie das Gebäude, in dem sich das Deutsche Seminar heute befindet, ist die Beschäftigung mit Sprache und Literatur. In Basel reicht der methodisch reflektierte Umgang mit den Zeugnissen deutscher Sprache und Literatur bis in die Zeit des oberrheinischen Humanismus zurück; er erwächst aus der lateinischen Gelehrtenkultur Mitteleuropas und ist auf das engste sowohl mit der Gründungsgeschichte der Basler Universität (am 4. April 1460) wie auch mit der Entwicklung des Druck- und Verlagsstandortes Basel verbunden.
Einrichtung des ersten Lehrstuhls und Gründung eines Seminars
Erst mit dem Universitätsgesetz von 1818 wurden allerdings die artes liberales als Philosophische Fakultät den anderen Fakultäten gleichgestellt und mit ordentlichen Lehrstühlen dotiert, darunter auch mit einem 1819 besetzten Lehrstuhl für „Deutsche Literatur“ (Carl Friedrich Sartorius). Die Denomination umfasste hier noch im wesentlichen Literatur des Mittelalters, Altertumskunde und Mythologie. Mit dem Berliner Wilhelm Wackernagel, der 1832 auf Empfehlung Karl Lachmanns und Jakob Grimms den Lehrstuhl übernahm, hielt eine neue philologische Ausrichtung der Germanistik in Basel Einzug, die wissenschaftliche Spezialisierung (Editionswesen und vergleichende Sprachgeschichte) versprach. Wackernagel wurde in seinen siebenunddreißig Basler Dienstjahren für das Seminar und seinen Aufschwung zur prägenden Figur. Seine vor allem sprachwissenschaftlich ausgewiesenen Nachfolger Moritz Heyne (1870–1883) und Otto Behaghel (1883–1888) wechselten nach wenigen Jahren nach Göttingen bzw. Gießen. Im Jahr 1885 wurde aus dem Lehrstuhl ein ganzes Seminar, als Germanisch-Romanisches Seminar bis 1913 mit der Romanistik verbunden. Man residierte am Münsterplatz 8 im Gebäude der Allgemeinen Lesegesellschaft. Neben der wissenschaftlichen Zielsetzung wurde die Lehrerausbildung für die Gymnasien als Aufgabe formuliert.
Ausdifferenzierung des Fachs
Anfangs des 20. Jahrhunderts erst etablierte sich eine deutliche Arbeitsteilung zwischen neuerer Literatur- und Sprachwissenschaft. Zu Beginn des Wintersemesters 1900 waren neue Räume im Bischofshof bezogen worden, sieben Jahre später erfolgte die Übersiedlung ins Haus Augustinergasse 8. Dort übernahm 1912 Julius Petersen, der später auf seinem Berliner Lehrstuhl zu einem der ersten Wissenschaftsmanager der Germanistik werden sollte (u.a. Begründung der Schiller-Nationalausgabe), für drei Jahre den literaturwissenschaftlichen Lehrstuhl; ihm folgten der geistesgeschichtlich ausgerichtete Rudolf Unger und 1917 bis 1935 dann Franz Zinkernagel. Sein Nachfolger wurde der aus Zürich berufene Walter Muschg (wie Emil Staiger ein Schüler Emil Ermatingers). Muschgs vielbeachtetes Konzept einer „Tragischen Literaturgeschichte“ stellte in Interpretationen von der Antike bis in die Gegenwart die Szene der poetischen Produktivität und ihre gesellschaftlichen ‚Opfer‘ in den Mittelpunkt des Nachdenkens über Literatur und ihren besonderen Status.
1920 konnte mit Andreas Heusler die Ältere Abteilung ein eigenes Ordinariat besetzen, das Altertumskunde und Philologie verband. Den Lehrstuhl der Älteren Abteilung nahm von 1938 an Friedrich Ranke ein, der mit seinen Forschungen zur Literatur des höfischen Mittelalters (u.a. seiner bedeutenden Tristan-Ausgabe) das Profil der Basler Mediävistik schärfte. Von 1952 an übernahm Heinrich Wagner für sechs Jahre diesen Lehrstuhl, von 1958 bis 1988 sodann Heinz Rupp; in seiner Person verband sich nochmals die andernorts bereits aufgegebene Einheit von Mediävistik und Linguistik. Mit der Berufung Ernst Erhard Müllers auf einen Lehrstuhl für Geschichte der deutschen Sprache und Mundartforschung gewann die deutsche Sprachwissenschaft an Gewicht. Durch Heinrich Löffler, der 1975 einen eigenständigen Lehrstuhl für Sprachwissenschaft einnahm (emeritiert 2004), trug das Deutsche Seminar der wachsenden Bedeutung der Linguistik mit ihren sich etablierenden Spezialgebieten Gesprächsforschung, Medienlinguistik und moderner Dialektforschung Rechnung.
Wachstum und Aktualität
Längst hatte sich der Zuschnitt des Seminars wiederum dramatisch gewandelt. 1913 hatte das Seminar mit seinen Dozierenden und Studenten noch insgesamt 59 Mitglieder gezählt, eine bis dahin unerreichte Rekordzahl. Der vom Staat gewährte jährliche Seminarkredit betrug zu jener Zeit 100 Franken. Für viele Jahrzehnte war ab 1917 das Seminarhaus am Stapfelberg 7 die Heimat des Deutschen Seminars; in den sechziger und siebziger Jahren zog man vorübergehend erst an den Aeschengraben 9, später auf Kleinbasler Seite in die Clarastraße 13, ehe 1990 das heutige, aufwendig renovierte Domizil im Engelhof bezogen werden konnte. Die Zahl der Seminarmitglieder stieg von 437 im Jahre 1968 bis auf das Doppelte zwanzig Jahre später. Zugleich wurden in den fünfziger und sechziger Jahren neue Assistenzstellen eingerichtet (1952 gab es nur eine Assistenz, 1968 schon ganze acht); hinzu kam ferner ein Extraordinariat für Neuere Literatur (Louis Wiesmann).
In der Neugermanistik waren es nach Muschg die 1968 zeitgleich berufenen Ordinarien Karl Pestalozzi und Martin Stern, die den steigenden Studierendenzahlen im Gefolge der 68-Bewegung und dem wachsenden Interesse an einer gesellschaftlich ausgerichteten, gleichwohl ästhetisch ‚eigensinnigen‘ Literaturwissenschaft mit einer erheblichen Ausweitung des Lehrangebots und der theoretisch-methodischen Bandbreite des Faches entgegenkamen. Für mindestens eine wissenschaftliche Generation prägen sie, nicht zuletzt auch durch das Rektorat Karl Pestalozzis, in besonderer Weise das öffentliche Erscheinungsbild des Deutschen Seminars. Von 1980 an bis ins Jahr 2001 übernahm mit Christoph Siegrist als Nachfolger von Louis Wiesmann ein Dozent das Extraordinariat für Neuere Deutsche Literatur, der auch den Kontakten zur zeitgenössisches Literatur besonderes Gewicht zu geben vermochte – ebenso wie sein Nachfolger Wolfram Groddeck, dem Herausgeber der Kritischen Robert Walser-Ausgabe, der 2006 an die Universität Zürich berufen wurde. Gabriele Brandstetter, die 1997 die Nachfolge Martin Sterns antrat, förderte in ihrer Basler Zeit bis 2003 sowohl die theaterwissenschaftliche Dimension der Germanistik wie auch die kulturwissenschaftliche Neuausrichtung, etwa durch Beschäftigung mit den Themen Tanz und Performance.
Auch auf linguistischer Seite erfuhr das Deutsche Seminar mit der Ernennung von Annelies Häcki-Buhofer zur Ordentlichen Professorin 1997 einen Modernisierungsschub, indem sie der wachsenden Bedeutung von Psycholinguistik, Spracherwerbsforschung, sprachlicher Variation besonders in der Schweiz, Lexikographie, Korpuslinguistik, Phraseologie und Genderaspeken des Sprachgebrauchs Rechnung trug. In der mediävistischen Abteilung vermochte es Rüdiger Schnell in seiner von 1988 bis 2008 währenden Zeit am Deutschen Seminar Themen wie Textsorten- oder Gattungstheorie, die Erforschung der Höfischen Kultur, die Geschichte der Sexualität, Liebe und Ehe, die Historische Emotionsforschung sowie die Sprachgeographie und historische Semantik in die Veranstaltungsräume des Deutschen Seminars zu bringen. Heute sehen sich die amtierenden Professorinnen und Professoren sowie die übrigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Deutschen Seminars einer qualitativ hochwertigen Forschung ebenso verpflichtet wie einer zeitgemässen und abwechslungsreichen akademischen Lehre.