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Mein Förderband
Unser Kolumnist fährt um die halbe Welt, um über Arme zu berichten (und schaut bei dieser Gelegenheit Orte für Reiche auch an).Der Kolumnist auf Recherche (im Dienstwagen), Buenos Aires, Freitag, 23. März 2012, 15.00 Uhr
Vergangene Woche war ich in Buenos Aires. Bevor ich vom guten Leben erzähle, zwei Sätze oder so darüber, was die andere Hälfte macht (und noch davor das: Ich war Gast der Jacobs Foundation, einer Stiftung mit Hauptzweck Jugendförderung, Wikipedia). Vor einigen Wochen wurde hier über einen Charity- Event von Renata Jacobs, mit der ich bekannt bin, für die «Cartoneros y sus Chicos» berichtet (dabei handelt es sich um Arbeiterfamilien von einer Wiederverwertungsanlage in einem Armenvorort von Buenos Aires). Mit einem Teil des Geldes, das während dieses Anlasses gesammelt wurde (im Ganzen 120 000 Franken), wurden in der Zwischenzeit ein Förderband sowie weitere Anlagen gekauft, die den cartoneros die Arbeit – das Trennen von gesammeltem Abfall, den man verkaufen kann (Papier, Karton, PET-Flaschen et cetera) – erleichtern (MvH begleitete Renata Jacobs, weil es gut ist, wenn eine Stiftung Gutes tut, aber besser, wenn einer darüber berichtet).
Im Norden der Stadt befinden sich Berge von Abfall, den die zirka siebzehn Millionen Einwohner und die Unternehmen der Gegend machen. Dort ist auch die Wiederverwertungsanlage («Wiederverwertungsanlage» ist ein Wort, das vielleicht zu grosse Vorstellungen auslöst – es handelt sich dabei um Hallen aus Blech, in denen der Abfall, den die cartoneros zuvor in den Strassen von Buenos Aires aus zur Abfuhr bereitgestellten Säcken genommen und mit Karren in den Vorort transportiert haben, getrennt wird. Die zwanzig Kilometer in das Zentrum (und wieder retour) legen sie zu Fuss zurück, weil die Karren nicht in Busse passen. Es gab eine Zeit lang, nur zum Sagen, einen Zug für Abfallsammler, jetzt ist er still gelegt - waste management ist nicht bloss in Neapel, auf Sizilien und in New Jersey Mafia-Sache.
Die längste Zeit verkauften die Sammler den Abfall unsortiert weiter, jetzt trennen sie Papier, Karton, PET-Flaschen, damit sie weniger betrogen werden und etwas mehr verdienen. Und deshalb das Förderband, das Renata Jacobs, Michael und Katrin Kümin – ein Finanzunternehmer und eine Public-Relations-Beraterin aus Winterthur – sowie Joos Heintz, ein Schweizer Mathematikprofessor an einer Universität von Buenos Aires, für ungefähr sechzig cartoneros-Familien kauften, mit gesammeltem Geld. Abschliessend ein Satz zu Armut, die sonst nicht vorkommt in dieser Spalte (Armut an materiellen Dingen jedenfalls nicht): Sie hat kein schönes Gesicht und keinen schönen Körper, die Abfallsammler haben dicke Bäuche, Übergewicht, vom ungesunden Essen; was sie, übrigens, auch haben, ist ein Mobiltelefon. Das nächste Vorhaben von Renata Jacobs und den anderen ist eine Betreuungseinrichtung für Kinder der cartoneros-Familien (und das sind viele) ebendort.
In den Gegenden der Stadt mit Namen Recoleta, Palermo und Las Cañitas merkt man nichts von la miseria. Es gibt dort Geschäfte, die Waren verkaufen, wie man sie aus der Schweiz kennt (obwohl MvH findet, man müsse für ein Accessoire von Louis Vuitton oder eine Uhr von Breitling nicht um die halbe Welt reisen). Was fehlt in seinen Augen: Designer, die den Gaucho-Stil sowie dortiges Handwerk, in unsere Zeit übertragen plus für Städter geeignet, anbieten (Ihr Kolumnist war bei La Martina, um nicht ohne Einkäufe heimzufahren).
Eine andere Geschichte sind Restaurants und Hotels. Ich empfehle das «Alvear Palace», so etwas wie das «Baur au Lac» der Stadt, ein Hotel, das es anderswo nicht gibt (Dieter Meier wohnt auch dort, wenn er in Buenos Aires ist; Vorsicht, ein Scotch - ein Lagavulin, 16 years, um genau zu sein - kostet umgerechnet 115 Dollar in der Halle). Wenn wir es davon haben: Gewöhnliche Argentinier dürfen keine Devisen mehr kaufen beziehungsweise annehmen, das haben Politiker und Beamte entschieden. Deshalb werden im Augenblick kaum Wohnungen und Häuser verkauft – porteños (Einwohner von Buenos Aires) tauschen nicht Liegenschaften gegen Pesos (schade, ein schönes Haus in Palermo gäbe es bereits für 400 000 Dollar, eine kleine Wohnung für einen Viertel).
Essen soll man, natürlich, Fleisch, und zwar von dort (nicht Kobe-Rind, das auch zu haben wäre). Ich empfehle «Fervor» (so etwas wie die «Kronenhalle» mit jüngeren Gästen), «Lo de Jesus» (erinnert an «Balthazar» in Manhattan) sowie «Osaka» (für die, die einmal Ceviche möchten zur Abwechslung, wie yours truly).
An Tango, nebenbei, kommt man nicht vorbei. Die gute Nachricht: Es gibt auch eine zeitgemässe, im Grunde untergrundmässige Ausführung davon, im «La Catedral»-Klub zum Beispiel (unbedingt hingehen, aber nicht vor 02.00 Uhr oder so; wer es zustande bringt, so lange aufzubleiben, trotz Zeitverschiebung, bereits an den ersten Abenden, sagt mir, wie das geht).