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Die Schweiz gehört zu den spendefreudigsten Nationen der Welt. Alljährlich kommen rund 800 Millionen Franken zusammen. Immer mehr drängen nun auch ausländische Hilfswerke auf den lukrativen Markt. Das sei problematisch, sagt Roland Jeanneret von der Schweizer Glückskette.
Roland Jeanneret, Leiter Kommunikation bei der Glückskette, kennt das Schweizer Spender-Profil: Es sind eher ältere Leute, mehr Frauen als Männer, Personen mit höherer Schulbildung und einer gewissen Weltoffenheit. Gemäss den Erfahrungen des "Bettelonkels der Nation", wie er sich selber nennt, werden die besten "Umsätze" im November erzielt, wenn der 13. Monatslohn ausbezahlt wird.
swissinfo: Welche Ereignisse sind für Spendewillige besonders attraktiv?
Roland Jeanneret: Ereignisse, die eine doppelte Nähe haben, generieren wesentlich mehr Spenden, als wenn es eine doppelte Distanz gibt. Es gibt bei einem Ereignis eine inhaltliche Nähe: was ist passiert, gibt es Schuldige, und kann ich den Vorgang erklären. Und es gibt eine geografische Nähe: kenne ich diesen Ort, habe ich eine persönliche Beziehung dazu.
swissinfo: Können Sie ein Beispiel geben?
R.J.: Die Unwetter im Wallis und Tessin im Jahr 2000, wo Gondo im Zentrum stand. Dort hat quasi ein Berg ein Dorf gefressen, ein Naturereignis. Das muss man der hiesigen Bevölkerung nicht erklären. Wir alle wissen, was passiert, wenn der Berg uns bedroht, mit Steinschlag, Lawinen und Bergstürzen. Und der Grenzort Gondo ist den Leuten von den Ferien bekannt, Männer haben in der Gegend Militärdienst geleistet. Da spielte die doppelte Nähe, und es gab entsprechend viele Spenden.
Für eine doppelte Distanz steht der Darfur-Konflikt. Seit Jahren sammelt die Glückskette, die Spendenerträge für diese Region sind eher bescheiden. Die Leute verstehen nicht, weshalb die Menschen sich verfolgen und Frauen vergewaltigt werden. Ist es ein religiöser, ein politischer, ein kultureller Konflikt, oder geht es um Bodenschätze? Und wo liegt eigentlich Darfur? Im Sudan, aber wo liegt der Sudan? Ist das Afrika oder Arabien? Hier gibt es weder eine inhaltliche noch eine geografische Nähe, was nicht sehr animiert, zum Portemonnaie zu greifen.
swissinfo: Spielt auch die Schuldfrage eine Rolle?
R.J.: Ja, bei einem Konflikt haben wir schnell das Gefühl, den könnte man jederzeit stoppen, die müssten sich nur einigen. In Wirklichkeit ist es natürlich viel komplexer. Jedenfalls helfen die Leute eher, wenn es keinen Schuldigen gibt - wie bei einem Tsunami oder einem Erdbeben.
swissinfo: Wird in der gegenwärtigen weltweiten Finanzkrise jetzt gespart statt gespendet?
R.J.: Ab Frühling werden wir es v.a. bei den institutionellen Spendern zu spüren bekommen, denn Stiftungen können nur das Geld verteilen, das sie erwirtschaftet haben. Gemeinden und Kantone werden Steuerrückgänge spüren, und Firmen können natürlich nicht Kurzarbeit einführen und gleichzeitig grosse Spenden machen.
Da diese institutionellen Spenden bei uns nur 10-12% ausmachen, hoffen wir, die Finanzkrise nicht allzu sehr zu spüren bekommen. Denn bei den Einzelspendern haben wir bei früheren Rezessionen eher das Umgekehrte festgestellt: Die Leute werden solidarischer und verstehen, dass man in Not ist und es auch bei uns Menschen gibt, die von Armut betroffen sind.
swissinfo: Bis zu 30% der Spenden fliessen in Administration, Fundraising und Werbung. Ist das nötig und angemessen?
R.J.: Das ist schwierig zu beurteilen. Am besten hält man sich an die Definition der ZEWO, der Zertifizierungsstelle für Wohlfahrtsinstitutionen. Sie prüft, wie effizient die Hilfswerke arbeiten. Allerdings muss man aufpassen, dass man nicht Äpfel mit Birnen vergleicht. Es ist ein Unterschied, ob nach einem Erdbeben in Indien 300 typengleiche Häuser gebaut oder nach dem Tsunami 2000 traumatisierte Kinder betreut werden müssen.
Zudem arbeitet nicht jedes Hilfswerk, das niedrige Kosten angibt, besonders gut. Ich könnte Beispiele nennen von Organisationen, die Zehntausende von Franken in den Sand gesetzt haben, weil sie nicht wussten, wie man einen Frachtbrief ausstellt, damit die Hilfsgüter den Zoll passieren konnten. Administrativ-Kosten sind dazu da, um die übrigen 70-80% der Hilfe zu garantieren und professionell umzusetzen.
Die Glückskette setzt die Spenden zu 100% ohne Abzüge ein, ihre Partner-Hilfswerke dürfen höchstens 10% Projektbegleitungskosten geltend machen.
swissinfo: Immer mehr Hilfswerke drängen in die spendefreudige Schweiz. Wäre es nicht gescheiter, zusammenzuarbeiten, statt sich einen Verteilkampf zu liefern?
R.J.: Das Spendenvolumen bleibt seit Jahren stabil bei etwa 800 – 900 Mio. Franken, aber es gibt immer mehr Hilfswerke. Mittelfristig muss man sich schon Gedanken darüber machen, wie man besser zusammenarbeiten will, denn jedes Hilfswerk hat wieder Unkosten.
Verschärfend kommt hinzu, dass die Schweiz als spendefreudig gilt, was sich global herumgesprochen hat. Auch ausländische Grosshilfswerke und Hilfswerke der UNO drängen zunehmend auf den lukrativen Schweizer Markt. Besonders störend ist, dass sie keine Projektverantwortung haben, sondern nur kommen, um Geld abzuschöpfen.
Diese Organisationen fahren zum Teil mit ganz beträchtlichen Werbebudgets auf, was die hiesigen Hilfswerke zwingt, mehr in die Werbung zu investieren. Das ist eine schlechte Entwicklung. Spenderinnen und Spender sind zwar bereit zu helfen und auch einen bestimmten Betrag für Administration auszugeben. Sie werden aber kaum goutieren, dass sich die Hilfswerke Werbeschlachten liefern, um weiter zu existieren.
swissinfo: Wie kann man diese Entwicklung aufhalten?
R.J.: Dazu gibt es zwei Stichworte: Vermehrte Zusammenarbeit und Koordination bei gleichen Zielen oder gar Fusionen. Einfach wird das nicht, denn viele Hilfswerke haben ihre eigene Geschichte und Tradition und klar definierte Philosophien, wie sie helfen wollen.
swissinfo-Interview: Gaby Ochsenbein
Glückskette
Die Glückskette wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet.
Seit 1983 ist sie eine Stiftung.
1999 erhielt die Glückskette den internationalen Menschenrechts-Preis.
Die Glückskette ist kein Hilfswerk, sondern eine Sammelplattform der Schweizer Medien, angeführt von der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG SSR idée suisse.
Die Glückskette arbeitet mit 35 Partner-Hilfswerken zusammen, darunter auch die Auslandschweizer-Organisation ASO.
Die Glückskette unterstützt 300 Hilfsprojekte in 46 Ländern.
15% der gesammelten Gelder fliessen in Sofort- und Nothilfe, 70% in die Instandstellung und den Wiederaufbau, 15% sind für die nachhaltige Entwicklung bestimmt.
Hilfswerke
In der Schweiz gibt es insgesamt 1500 Hilfswerke und Hilfsaktionen.
500 davon haben das ZEWO-Gütesiegel. Die ZEWO ist die Zertifizierungsstelle für gemeinnützige Organisationen.
Das Spendevolumen in der Schweiz beläuft sich auf rund 800 Mio. Franken.
Die Schweizer Bevölkerung ist stark im Spenden: Eine Rekordsumme kam nach dem Tsunami 2004 zusammen: 230 Mio. Franken, das sind 30 Franken pro Kopf.
Roland Jeannerets Tipps
- Nur ZEWO-zertifizierte Hilfswerke unterstützen.
- Sich keine Spenden am Telefon aufschwatzen lassen.
- Jede Spende verursacht adminstrative Kosten: Deshalb besser wenige Hilfswerke mit grösserem Betrag, statt viele mit kleinem Betrag unterstützen.