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Deep-Darkness 6
Dr. Beatrice Nunold
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Dunkelheit, nichts als zähe, undurchdringliche Dunkelheit. Oft, vielleicht zu oft habe ich die leeren Weiten des Universums durchschifft. Mir war klar, dass die Dunkelheit nicht zäh war, und undurchdringlich bloß für die Blicke. Doch stets, wenn ich diesen Gott verlassenen Sektor des bekannten Universums durchkreuzte, überkam mich das Gefühl, dass sich die Finsternis wie eine klebrige kosmische Riesenqualle um meinen alten, soliden Frachter stülpte. Nicht die Gute Hoffnung schiffte durch die dunklen Ecken des Universums, sondern die Finsternis verschlang sie. Mit dem Verlust des Blicks in lichtere kosmische Gefilde, verdunkelte sich mein Gemüt. Ich werde mich nie an die interstellare Nacht gewöhnen, aber ich hatte meine Methoden mit der Tiefenraumdepression umzugehen. Andere nahmen Space-Drugs.
Ich fluchte vor mich hin. «Finsternis», dachte ich, «ein biblischer Begriff. Und das Licht fiel in die Finsternis und die Finsternis hat es nicht begriffen. — Oder ergriffen? Verdammt, jedes Mal werde ich zur trübsinnigen Philosophin oder zur düsteren Mystikerin. Wie war das doch gleich? Fürchte den Tag des Herrn, denn des Herrn Tag ist Finsternis und nicht Licht, oder so ähnlich. Amos, irgendwas. Zum Teufel! Die Düsternis gebiert düstere Gedanken. Denk an etwas anderes. Wie war das doch gleich in der letzten Raumstation. In der Kantine hat ein recht ansehnlicher Handelsvertreter für Schönheitsprodukte aus Meeresalgen und -mineralien von Thetis tüchtig gebaggert. Ob er seine Pflegepräparate selbst verwendet. Hübsches Kerlchen, ein Vendianer mit Knackarsch. Er hatte eine echte Chance. Dann hat er dir dieses sicher gut gemeinte Kompliment gemacht. Er schwärmte von deinen Sternenaugen. Das brachte dich wieder ins Grübeln. Hättest du doch geschwiegen, ich hatte dich zwar nicht für einen Weisen gehalten, aber doch für Wert befunden, mit mir ein paar nette Stunden in meiner Kabine zu verbringen. Sternenaugen, — haben sie wirklich den kalten, abweisenden Glanz, der verlorenen Sonnen, die nur mit ihrer Kälte drohen, damit niemand ihren Höllengluten zu nahe kommt? Was gäbe ich darum, ein paar dieser verlorenen Sterne in diesem nicht enden wollenden Dunkel zu sehen.»
Ich schloss die Augen. «Dunkelheit auch hinter meinen Lidern. Wie undifferenziert die Weite doch ist, wie homogen. Als wären die Augenlieder weg geschnitten. So gab Kleist bei der Betrachtung des Gemäldes Mönch am Meer seiner Verzweiflung Ausdruck, angesichts der differenzlosen düsteren Weite auf dem Bild Caspar David Friedrichs. Der Mönch war die einzige Senkrechte in dieser Unendlichkeit. Ich, Esther Morgenglanz, die einsame Eremitin in ihrem kleinen Frachter mitten in der Unendlichkeit des Universums. Bin ich nicht auch die einzige Senkrechte, meine einzige Senkrechte, mein einziger Bezugspunkt und einzige Orientierungsmarke, von dem aus ich mein Koordinatennetz auswerfe wie eine Spinne? Im Netz der Spinne verfangen sich kleine Insekten, die ihr als Nahrung dienen. In meinem geistigen Netz verfangen sich Bilder, Töne, Gerüche, Tastsensationen, mir zur geistigen Nahrung. Aus ihr webt sich mir Welt und Sinn. Aber hier und jetzt, ist mir als wären mir die Augenlider weg geschnitten. — Diese zähe undurchdringliche Düsternis. Hier gibt es keine Bilder, keine Welt, keinen Sinn. Was macht es für einen Unterschied, ob die Augenlider fehlen oder die Dunkelheit, dir die Augen mit Finsternis verklebt? Dunkelheit von Augenblick zu Augenblick. Oder gibt es keine Augenblicke mehr, die sich aneinander reihen und ein aktuelles Hier und Jetzt verschenken? Verdammt noch mal! Aktualität ist das unsinnlich winzige, gequantelte, Intervall von 10-43 Sekunden, das unbemerkt die Zeit gebiert, selbst die Dunkelheit zwischen den Blitzen der Leuchtbojen im Tiefenraum, den Bruch zwischen Vergangenheit und Zukunft, die Leere zwischen den Ereignissen. Was, wenn diese Leere sich ewig dehnt? Wenn nie mehr ein Augenblitz auf den andern folgt? Wenn kein diskretes Intervall mehr aus dem Quantennirwana springt und im Nu eines Augenblicks Ewigkeit aufblitzt? Wenn die Leere zum Tag des Herrn expandiert, zu Dunkelheit, zu verfluchter niemals endender Dunkelheit?» — Lost in the dark emptyness! — Oh, Verflucht!
Mit weit aufgerissenen Augen ich in die Finsternis. Ein jäher Lichtblitz verursachte ein ebenso plötzliches Blinzeln. Von einem Augenblick auf den anderen heiterte sich das Universum auf, formte sich zum wohlgeordneten Kosmos, spannte sich Welt aus mit einem dichten Netz von Koordinaten. Wieder blitzte es.
«Ja!!! — Ich bin bald da! Raumstation Deep Darkness 6 ich komme. Mädels haltet Eure Männer fest! Denn diesmal lass ich mir durch kein wohlmeinendes Kompliment die Laune verderben.»
Einem Gedanken wuchsen hinter meiner Stirn Worte zu: «Hoffnung keimt nicht einfach auf. Hoffnung überkommt uns wie Angst und Traurigkeit.»
Und ich war guter Hoffnung, sehr guter. Jetzt hatte ich es gar nicht mehr eilig.
«Die Vorfreude» schoss es mir durch den Kopf, «will ausgekostet sein. Bis zum Andockmanöver bleibt noch etwas Zeit, wie wunderbar.»
Ich klappte einen Spiegel vor der Panoramascheibe herunter, ähnlich denen in den Sonnenblenden auf der Beifahrerseite in den Autos auf der guten alten Erde der Vergangenheit. Unter der Konsole zog ich ein Kosmetiktäschchen hervor. Ausgiebig betrachtete ich mein halblanges schwarzes Haar, das blasse, viel zu scharf geschnittene Gesicht und die hellen blauen Augen.
«Sternenaugen», dachte ich und lachte, zog den Lidstrich nach und das Rot der Lippen.
«Deep Darkness 6, ich bin im Anflug! Nur noch wenige Augenblicke und ich bin bei Euch!» ■
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Beatrice Nunold
Geb. 1957 in Hannover, Studium der Philosophie, Kunstgeschichte, Volkskunde und Sprache und Kultur Vietnams an der Universität Hamburg, diverse journalistische und wissenschaftliche Veröffentlichungen sowie Lyrik in Anthologien, lebt als Philosophin und freie Autorin in Goslar/BRD
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