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Der Ursprung der Vorsorgesysteme in Europa lässt sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Zu dieser Zeit begannen einige europäische Länder, erste Formen von Renten- und Krankenversicherungen einzuführen. Während des 20. Jahrhunderts erlebten die Vorsorgesysteme in Europa dann eine kontinuierliche Weiterentwicklung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie in zahlreichen Ländern ausgebaut, um eine umfassendere soziale Absicherung zu gewährleisten. Dies war nicht zuletzt eine Reaktion auf die sozialen Herausforderungen, die mit dem wirtschaftlichen Wandel und der Urbanisierung einhergingen. Auch in der Schweiz setzten nach den gesellschaftlichen Umbrüchen der Industrialisierung verantwortungsbewusste Unternehmer private Betriebskassen für ihre Angestellten auf. Diese halfen im Falle von Krankheit, Unfällen oder Todesfällen, anfangs mit wenig Fokus auf die Altersvorsorge.
Bis ins 19. Jahrhundert hatten alle das gleiche Verständnis: Nach der Geburt wurde man (hoffentlich) von den Eltern und dem sozialen Umfeld versorgt. Ab dem Erwachsenenalter musste man dann auf eigenen Füssen stehen. Und im Alter wurde man entweder vom Familiensystem versorgt oder starb. Meistens in (verglichen zu heute) relativ jungem Alter.
Woher entsprang dann auf einmal das Gerücht, dass sich trotz explodierender Lebenserwartung praktisch jeder darauf verlassen könne, im Alter von Dritten finanziert zu werden?
Ein attraktives Versprechen
Als Arbeitgeber im 19. Jahrhundert war es natürlich attraktiv, dem Arbeitnehmer ein Paradies zu versprechen, das ab dem 65. Lebensjahr lockt und in dem alle bekannten wirtschaftlichen Regeln nicht mehr gelten. Darunter die Regel, dass nur das ausgegeben werden kann, was vorher auch eingenommen wurde … Das Versprechen wurde vermutlich im Wissen gemacht, dass die durchschnittliche Lebenserwartung damals bei 65 Jahren lag und somit das versprochene sinnbildliche Vorsorgeparadies in Realität gar nicht so teuer werden würde.
Als das Vorsorgeparadies dann Mitte des 20. Jahrhunderts Realität wurde (dank der geburtenstarken Jahrgänge und des Wirtschaftswunders, welches das System aufrechterhielt), wurde der Mythos nochmals verstärkt. Zudem entdeckte die Werbeindustrie rasch die nötigen Motive und baute entsprechend die Bilderwelt des Vorsorgeparadieses clever aus: glückliche, gesunde Rentner beim unbeschwerten Wandern, Reisen, Segeln. Dazwischen ein paar Spielchen mit den Enkelkindern. Weit und breit keine Wolken in Sicht.
Auch die Politik erkannte rasch, dass Pensionierte eine grosse Wählergruppe sind, die sich rege an Wahlen und Abstimmungen beteiligt – in der Schweiz inzwischen mit 1,7 Millionen schon 30 Prozent der Wahlberechtigten. Und schon nahm das Unheil seinen Lauf. Das bisherige Konzept der Vorsorge musste weitgehend stabil vermarktet werden, um Stimmen zu sichern. Darin waren sich alle Parteien einig.
Zu dieser spannenden Mischung an Treibern kommt ein genetischer. Die Evolution stellt sicher, dass Verhalten und Fähigkeiten, die zum Überleben einer Spezies beitragen, durch positive Selektion gefördert werden. Ist etwas für unsere Spezies von Vorteil, wird es integriert. Alles andere verschwindet früher oder später.
Die Herausforderung bei der Vorsorge ist allerdings perfide. Bis vor ein paar Hundert Jahren hatte der Mensch eine Lebenserwartung von lediglich 30 bis 40 Jahren. Die Evolution der Menschheit war geprägt von einem nackten Überlebenskampf, langfristiges Denken wurde nie belohnt. Eine Ausrichtung auf eine Lebenserwartung von 80 bis 100 Jahren ist uns genetisch und verhaltensbiologisch gesehen komplett fremd. Woher also sollten die Fähigkeiten kommen, langfristig zu planen und für die Vorsorge zu sparen?
Leben auf Kosten der Kinder
Falls Sie nach Evidenzen suchen, wie schwierig Vorsorgesparen in der Realität ist, dann werfen Sie einen kurzen Blick auf die Neurentenstatistik des Bundesamts für Statistik. Sie stellen fest, dass bei Fälligkeit eines Säule-3a-Produktes durchschnittlich rund 40 000 bis 50 000 Franken ausbezahlt werden. Rechnen Sie nach: Seit 1987 konnte jedes Jahr etwa 6000 Franken eingezahlt werden, wonach maximal 250 000 bis 300 000 Franken (je nach Anlagestrategie) bei Angestellten vorliegen. Dass dies nicht der Fall ist, liegt an unserer natürlichen Tendenz, das Thema aufzuschieben. Als weitere Evidenz sehen wir, dass nur etwa jeder zweite Berechtigte tatsächlich ein 3a-Konto beziehungsweise eine 3a-Police hat.
Dass es an allen Ecken und Enden der Vorsorgesysteme ächzt, ist hinlänglich bekannt und ein medialer Dauerbrenner. Auch mangelt es nicht an Vorschlägen, wie das Problem anzupacken sei: Von der Erhöhung des Rentenalters über mehr Lohnprozente für die AHV, die Förderung der Arbeitsmarktbeteiligung und Anpassungen der Anlagerichtlinien für Pensionskassen bis hin zur Gründung einer BVG-Einheitslösung ist alles vertreten.
Nach verschiedenen Fehlversuchen ist die BVG-Reform, über die wir im März 2024 abstimmen, ein Schritt in die richtige Richtung, mit einer Senkung des Umwandlungssatzes, Verstärkung des Sparprozesses und einem Rentenzuschlag für die Übergangsgeneration. Aber selbst dieser Schritt stösst auf erheblichen Widerstand.
Das Problem ist, dass die heutige Langlebigkeit nur zu finanzieren ist, wenn aktive Beitragszahler bereit sind, Ältere zu subventionieren. Das ist unfair und stossend: Ich will schliesslich nicht meinen Kindern und deren Generation kollektiv zur Last fallen.
Fairer wäre es, wenn neben einer unvermeidbaren kleinen Subvention jeder individuell versuchen würde, genug Mittel anzusparen, diese entsprechend anzulegen und auch die persönliche Kostensituation so zu gestalten, dass die Subvention beziehungsweise die Umverteilung minimiert wird. Dazu muss allerdings erst der innere (vermutlich genetisch ausgeprägte) Vorsorgeschweinehund gebändigt werden und auch die Lebensarbeitszeit verlängert und optimiert werden.
Sechs Stellschrauben
Da diese wichtigen Themen im heutigen Ausbildungssystem leider (immer noch) wenig Gewicht geniessen und das System wie oben ausgeführt nicht in der Lage ist, die vollständige Finanzierung zu sichern, ist und bleibt die Eigeninitiative gefragt. Dazu einige Tipps:
- Arbeitsmarktfähigkeit: Die Welt verändert sich und wird sich auch in Zukunft weiter rasend schnell verändern. Jeder trägt eine hohe Selbstverantwortung, für den Arbeitsmarkt attraktiv zu bleiben. Das gesamte Wissen der Menschheit und das Spektrum an Ausbildungen war noch nie so zugänglich und erschwinglich wie heute. Es gibt kaum Ausreden, sich nicht auf der Grundlage der Marktentwicklungen in geeigneter Form weiterzubilden.
- Lebensarbeitszeit: Die Lebensarbeitszeit – individuell, aber auch in Familiensystemen – ist ein riesiger Hebel, was die persönliche Vorsorge betrifft. Ob zwei Erwachsene jeweils 100 Prozent arbeiten oder einer 80 Prozent und der andere 20 Prozent, beeinflusst das Spar- und Vorsorgepotenzial logischerweise massiv. Ich habe oft den Eindruck, dass dieser Aspekt bei der Lebensplanung vernachlässigt wird. Dabei ist er einer der einfachsten Hebel, die eingesetzt werden können.
- Lebenslange Ausbildung: Der Begriff «abgeschlossene Ausbildung» sollte aus meiner Sicht verboten werden. Die persönliche Ausbildung darf nicht aufhören, sondern gehört in den Alltag integriert. Nur so können die Arbeitsmarktfähigkeit, das Einkommen und die Sparquote erreicht werden, die für die Finanzierung der Langlebigkeit notwendig sind.
- Gesundheit: Langlebigkeit stellt die körperliche und mentale Gesundheit vor Herausforderungen, die aktiv und kontinuierlich angegangen werden müssen. Auch hier ist alles notwendige Wissen über die persönliche Fitness und ausgewogene Ernährung zugänglich. Lediglich die Selbstdisziplin muss aktiviert werden, um mit etwas Glück den Körper und den Geist fit zu halten.
- Spar- und Anlageverhalten: Sparen und Anlegen erfordern Disziplin, die erlernt werden muss. Es ist notwendig, frühzeitig damit zu beginnen und die Erträge des Ersparten konsequent zu optimieren. Dazu sollten unbedingt professionelle Berater hinzugezogen werden; das Angebot ist hier breit gefächert.
- Kostenmanagement: Um überhaupt fürs Alter sparen zu können, muss man von dem Moment an, in dem man seine erste Lohnzahlung erhält, eine gewisse Disziplin bei den Ausgaben an den Tag legen. Von zentraler Bedeutung ist hier, dass die Ausgaben nicht höher liegen als das Einkommen. Eine Sparquote sollte von Tag 1 an eingebaut werden.