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Richard Kuhn (1900–1967)
Professor für allgemeine Chemie an der ETH Zürich
Richard Kuhn wurde am 3. Dezember 1900 in Wien geboren. Er war eines der zwei Kinder von Richard Kuhn, kaiserlich-königlicher Hofrat und Ingenieur, und Volksschullehrerin Angelika, geborene Rodler.
Den ersten Schulunterricht erhielt Kuhn privat von seiner Mutter. Von 1910 bis 1918 besuchte er das Gymnasium in derselben Klasse wie der spätere Physiker und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli.
Studium
Nach der Matura leistete er Militärdienst bevor er im Winter 1918/19 das Studium der Chemie an der Universität in Wien aufnahm.
Ab dem folgenden Winter setzte er sein Studium an der Universität München beim früheren ETH-Professor und Nobelpreisträger Richard Willstätter fort.
1922 promovierte er mit der Arbeit "Über die spezifischen Eigenschaften der Fermente".
1925 habilitierte er mit einem "Beitrag zum Konfigurationsproblem der Stärke".
ETH Zürich und Ehe mit Daisy Hartmann
1926 wurde er aus 32 Bewerbern als Nachfolger von Hermann Staudinger, der an die Universität Freiburg im Breisgau wechselte, auf die Professur für allgemeine Chemie an die ETH Zürich berufen. Hier begann er mit der Erforschung pflanzlicher Carotinoide und von Vitaminen. An der Hochschule lernte er die Pharmaziestudentin Daisy Hartmann kennen, die er 1928 heiratete. Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor. Im Mai 1928 ersuchte Kuhn darum, seine am 30. September 1929 ablaufende Anstellung nicht zu verlängern.
Zeit in Heidelberg
Ab Oktober 1929 war er Leiter des (Teil)-Instituts für Chemie am neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Institut für medizinische Forschung in Heidelberg und Honorarprofessor der Chemie an der Universität. Ab 1936 amtete er als interimistischer, ab 1937 als geschäftsführender Direktor des selbigen Instituts. 1938 wurde ihm für seine Forschung über die Carotinoide und Vitamine der Nobelpreis für Chemie zugesprochen. Mit dem Hinweis auf den Erlass der nationalsozialistischen Regierung von 1937, der Wissenschaftlern in Deutschland die Annahme des Nobelpreises untersagte, lehnte er den Preis ab.
Zweiter Weltkrieg und Giftgasentwicklung
Kuhn hatte als Österreicher nicht der NSDAP beitreten müssen, machte dies aber – gemäss aktuellem Forschungsstand – mit gesamtdeutscher Gesinnung und Anpassung ans Regime wett. 1933 entliess er seine jüdischen Mitarbeitenden. Um sich Ressourcen für die eigene Forschung zu sichern und die Karriere zu fördern, scheute er sich auch nicht, einen Kollegen zu denunzieren, der weiterhin jüdische Angestellte beschäftigte. Nach Kriegsbeginn suchte Kuhn nach Schutzmitteln gegen chemische Kampfstoffe. Ab 1940 erforschte er im Auftrag der Wehrmacht umgekehrt Hemmstoffe von Vitaminen hinsichtlich ihrer Brauchbarkeit als Chemiewaffen. Ab Ende 1942 widmete Kuhn sich zusätzlich der Giftgasforschung. Zunächst suchte er nach Abwehrsubstanzen zum Schutz der eigenen Truppen. Nachdem die vermuteten Gegenmittel die Wirkung der neuartigen Nervengase Tabun und Sarin noch verstärkt hatten, entwickelte Kuhn das Giftgas Soman, das mangels medizinischer Entschärfungsmöglichkeit die beiden anderen an Gefährlichkeit weit übertraf und bis heute übertrifft. Eingebunden in das Netzwerk der Kriegsforschung hatte er auch indirekt Anteil an Menschenversuchen.
Kooperation mit den Alliierten
Im Herbst 1944 wurden Akten zur Soman-Forschung durch Chemieoffiziere aus Heidelberg weggeschafft sowie Unterlagen und Korrespondenzen zu anderen Projekten vernichtet. Mangels greifbarer Unterlagen konnte Kuhn den alliierten Westmächten glaubhaft machen, in seiner vielfältigen Funktion innerhalb der Kriegsforschung Schlimmeres verhütet zu haben. Seine Kooperationsbereitschaft mit den Westmächten und deren Interesse an seinem biochemischen Wissen ermöglichte es ihm, das Kaiser-Wilhelm-Institut, später Max-Planck-Institut, für medizinische Forschung weiter zu leiten. Ab 1948 war er Schriftführer des Verwaltungsrates, ab 1954 Vorsitzender der Chemisch-Physikalisch-Technischen Sektion und ab 1955 Vizepräsident der Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Gesellschaft.
Nobelpreis
Er erhielt 1949 den abgelehnten Nobelpreis von 1938 wieder zuerkannt und bereiste in den 1950er Jahren mehrmals die USA, unter anderem zur Beratung von dort tätigen Kollegen aus den früheren Chemiewaffenprojekten. 1961 erklärte er in einer Festschrift zur Geschichte der Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Institute die Wissenschaft für ethisch wertfrei und zum zweckmässigen Handeln verpflichtet, was sowohl die ärztliche Erhaltung des Lebens als auch dessen militärische Vernichtung einschliesse.
Kuhn starb am 31. Juli 1967 in Heidelberg.
Handschrift
Brief von Richard Kuhn an den Präsidenten der ETH Zürich, München, 10. Juli 1926, mit dem er die Wahl zum Professor für allgemeine Chemie an der ETH annimmt (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, SR3: 1926/Nr.1034).
Bestand
Im Hochschularchiv der ETH Zürich an der ETH-Bibliothek wird das historische Schulratsarchiv mit den Unterlagen zur Professur von Richard Kuhn aufbewahrt. Im Doppelnachlass Richard Willstätter/Arthur Stoll ist eine Korrespondenz mit 34 Briefen zwischen Richard Kuhn und Arthur Stoll (1887–1971), Professor für Chemie an der Universität München und Direktor der Sandoz AG Basel, aus den Jahren 1932 bis 1957 archiviert.
Literatur
- Maier, Helmut, & Gesellschaft Deutscher Chemiker. (2015). Chemiker im Dritten Reich: Die Deutsche Chemische Gesellschaft und der Verein Deutscher Chemiker im NS-Herrschaftsapparat. Weinheim: Wiley-VCH.
- Deichmann, Ute. (2006). Richard Kuhn, 1900-1967: Stellungnahme der Gesellschaft Deutscher Chemiker zu seinem politischen Verhalten während der NS-Zeit unter der Fragestellung: Kann Kuhn als Persönlichkeit Vorbildcharakter in der Chemie zuerkannt werden. Online-Publikation.