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Umwelt
"Die ganze Geographie"
Dieses Lehrbuch hat den Anspruch, das gesamte Fach Geographie in einem Buch darzustellen. Das ist eher ungewöhnlich, weil die beiden Teilbereiche Humangeographie und Physische Geographie sich in den letzten Jahrzehnten immer weiter ausdifferenzierten und heute meist getrennt behandelt werden. Entsprechend dick mit über 1300 Seiten, die fast DIN-A4-Format haben, ist es geworden.
Eine lange Liste deutschsprachiger ProfessorInnen und DozentInnen für Geographie hat Beiträge für diesen umfangreichen Sammelband geschrieben. So spiegelt er auch wider, welche Ansichten vorherrschen, obwohl hier keine Debatten geführt werden, denn es ist ja "nur" eine Einführung. Es gibt kritische Artikel, beispielsweise jene von Bernd Belina und Anke Strüver, die jedoch in der Minderheit sind. Gleich zu Beginn, der sensationslüstern mit mehreren Naturkatastrophen offensichtlich das Interesse am Buch wecken soll, ergreifen die Herausgeber das Wort und schrecken mit ihrer Nähe an den herrschenden Diskursen eher ab: Sie zeigen ihre Staatsnähe, wenn sie die Auswirkungen des Erdbebens in Haiti dem dortigen schwachen Staat zuschreiben, der nicht die richtige Bewältigungsstrategie ("coping strategy") entgegensetzen konnte. Ausgebeutet von Diktaturen und korrupten Regimes wurden dort auch nicht in erster Linie die Menschen, sondern der haitische Staat (S. 4). Dass die Instabilität auf Haiti vielleicht im Interesse anderer, mächtiger Staaten liegen könnte, wird nicht formuliert. Bei den Auswirkungen des GAUs in Fukushima stehen nicht die Menschen mit ihren Gesundheitsschäden, die radioaktiv verseuchte Umwelt und die Eliten aus Politik, Forschung und Wirtschaft, die diese Katastrophe verursacht haben, im Vordergrund, sondern Börsenkurse und die Wirtschaftsentwicklung (S. 10).
Einen latenten Rassismus zeigen einige Bilder und Textstellen: Auf S. 19 ist ein Foto von einer Wadi-Durchquerung bei Hochwasser (also quasi einer Flussdurchquerung) zu sehen, bei der, ganz in kolonialer Manier, die weißen Geographiestudierenden auf dem Jeep sitzen, während Schwarze die Arbeit machen, damit die Weißen auf der anderen Seite ankommen. Eine kritische Distanz zum abgebildeten Geschehen erfolgt nicht, kommentiert wird es stattdessen mit "Faszination Geographie". Im Kasten "Festung Europa" (S. 21) ist von "Schwarzarbeitern aus Osteuropa" die Rede, die über die Grenze geschmuggelt würden. Diese ArbeiterInnen werden jedoch erst in der EU zu "schwarzen" gemacht, weil seitens der Staaten verhindert wird, dass sie eine legale Arbeit aufnehmen oder anders am gesellschaftlichen Reichtum teilhaben können. Die Kriminalisierung von Flüchtlingen wird zwar kritisiert, dennoch ist in diesem Zusammenhang von "Asylanten" die Rede. So befremden Wortwahl und Darstellung manchmal, auch wenn es dem Inhalt zufolge wohl nicht so gemeint ist.
Leider fehlt dem Buch analog zur Wissenschaftsgemeinde der Geographie oft ein kritischer Blick auf die Phänomene und Prozesse, die dargestellt werden. Ein weiteres Beispiel: Heinz Heineberg beschreibt und definiert Gentrifizierung, aber Verdrängung kommt darin nicht vor, Aufwertung dagegen schon (S. 874). Trotzdem bietet es vor allem im humangeographischen Bereich einen ausführlichen Einblick in die Themen, von der Sozialgeographie bis zur Historischen Geographie. Weniger in die Tiefe geht Teil IV, der die Physische Geographie behandelt. Zugute halten muss man dem Lehrbuch seine gute didaktische Aufbereitung: viele Photos, Diagramme und Karten veranschaulichen die Stofffülle.