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Es ist warm, ja schwül, «bedeutende Schneeschmelze in den Firngebieten» künden die Wettermeldungen an. Eine junge Frau rennt und rennt, sie rennt um ihr Leben – diesmal nicht um einen Preis zu erringen, sondern die Freiheit, von der sie geträumt hat.
Von Béatrice Eichmann-Leutenegger
Vom Campingplatz in Wollishofen, wo ihr Sport-Team weilt, spurtet sie ins Zentrum Zürichs, immer auf der Suche nach einem Polizeiposten, bei dem sie um Asyl bitten wird. Es ist der 13. August 1973: Die Tschechin Helena Sinecká, preisgekrönte Sportlerin, will keinesfalls mehr in ihre Heimat zurückkehren, wo die Reformversuche des «Prager Frühlings» (1968) gescheitert sind.
Lehrerin wollte die junge Frau werden, die an der Prager Karls-Universität Geschichte und Bibliothekswissenschaft studiert hatte, doch ihre regimekritische Haltung wurde von der Obrigkeit registriert, und ihr Berufsziel musste sie sich aus dem Kopf schlagen. Wohin also?
Eine neue Heimat
1945, unmittelbar nach Kriegsende, war sie geboren worden und wuchs in Nordböhmen auf, umschmeichelt von den warmen, weichen Tönen der tschechischen Sprache. Dagegen empfand sie viel später die deutsche Sprache «wie einen germanischen Hagelschlag». Dennoch lernte sie nach der Flucht unverzüglich das neue Idiom, schrieb in ihren Briefen vorerst ein köstliches Deutsch mit charmanten Fehlern.
Ihr Schalk blitzte auf, wenn sie vom Kater Moritz erzählte, der durch den Gemüsegarten streunte. Aber bald wagte sie sich an Gedichte, in denen sie mit luziden Bildern die verlorene Heimat zum Leben erweckte, von der verborgenen Trauer sprach, vom Fremdsein, von der Auswanderung ins Nichts. Die Limmat wurde für sie zur Moldau, die Limmatbrücke zur Prager Karlsbrücke.
Der Klosterweiher in Kappel
Ab 1998 wohnte sie im Haus der Stille des einstigen Zisterzienserklosters Kappel. Der Klosterweiher förderte ihre Kreativität auf staunenswerte Art. Denn in Bildern und Gedichten beschwor sie seine Wasserschrift, hörte auf dem Grund die Steine atmen. Mit ihrer Kamera entlockte sie ihm die Blautöne von Ultramarin bis zu zartem Hellblau.
Der Weiher weitete sich zum Ozean, tief und unergründlich, aber der Abgrund entpuppte sich als Urgrund. Auf seiner Oberfläche spiegelten sich die Äste der Bäume wie weit ausgreifende Finger, die Fassade des Gästehauses dehnte sich zu einem Traumpalast, die vorüberziehenden Wolken liessen an ätherische Wesen denken, das Sonnenlicht verwies auf die lux aeterna.
So stellte sich eine einzigartige ästhetische Wirkung ein, die weit über das Sichtbare hinausreichte und eine Ahnung der transzendenten Welt vermittelte, die wir jetzt gemäss einem paulinischen Wort (1 Kor 13, 12) in einem blossen Spiegel und «nur in rätselhaften Umrissen» sehen. Es war die Sehnsucht, welche Helena Aeschbacher-Sinecká leitete: jene nach der Kindheitswelt und mehr noch jene nach einer ewigen Heimat.
engel
aus der dunkelsten stille
im aufschrei des lichts
plötzlich
ein engel
wer sein leuchtendes
antlitz sah
der findet nicht mehr
zurück
Die Hartnäckigkeit, mit der die Künstlerin den Klosterweiher ergründet hat, erinnert an Claude Monets unermüdliche Zuwendung zu seinem Seerosenteich in Giverny: immer wieder dasselbe Motiv, aber dem Geheimnis der Verwandlung auf der Spur.
Frühe Gebrechlichkeit
Dabei erschien mir Helena stets als fragile Frau, und kaum konnte ich an ihre Vergangenheit als Kanu-Wettkämpferin und nationale Meisterin von 1962 glauben. Doch der Sport forderte viel später seinen Tribut, denn die Gebrechlichkeit des Alters stellte sich frühzeitig ein und begrenzte die physischen Kräfte.
Aber zäh wehrte sich Helena Aeschbacher-Sinecká gegen die Zumutung des Körpers und schöpfte aus der künstlerischen Tätigkeit immer wieder ihre Auferstehungen. Seit 2017 lebt sie in einem Seniorenheim in Affoltern a. A., zwar bekümmert wegen der physischen Beschwerden, aber im Geist hellwach.
Die innerste Ruhe
Die Heimwehschlacht
hab’ ich verloren
jetzt kennt mein Herz
keine Sehnsucht mehr
Wunschlos im Frieden
breitet es sich aus
über das Nichts
das ihm geblieben ist
Versöhnt
spinnt die Seele
an ihrem Spinnrad
den ruhigsten Faden
Zwei Höhepunkte prägten die vergangenen Lebensjahrzehnte. Im Frühjahr 2005 präsentierte die Zentralbibliothek Zürich Fotos und Texte der Künstlerin, die sie von ihr als Schenkung angenommen hatte. Im November 2015 überreichte der tschechische Botschafter Karel Boruvka im Namen des tschechischen Kultusministers den Kulturpreis «Artis Bohemiae Amicis» an Helena Aeschbacher-Sinecká. Sie zitierte danach drei Gedichte in Tschechisch und Deutsch. Als sie die Verse in ihrer Muttersprache vortrug, klang ihre Stimme – so ein Zuhörer - «jung, fein, fast mädchenhaft».
Zuletzt erschienen: träume. Gedichte und Aquarelle. Zu bestellen bei Paul Jenni, Höllbündtenstrasse 16, 8964 Rudolfstetten, <email-pii>