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Das nennt man Tautologie: Wenn der Franken überbewertet ist, ist er überbewertet. Das ist eine sogenannte reale Falschbewertung. Also der Franken ist überbewertet, weil er nach einer Theorie überbewertet ist. Der Beweis dafür? Na, er ist halt überbewertet, sagen doch alle, und die Theorie auch.
Wer behauptet, der Franken sei zu stark oder überbewertet, der müsste in der Lage sein, die „richtige“ Bewertung des Frankens herzuleiten. Sonst ist diese Behauptung etwa so aussagekräftig wie die Feststellung: Ist aber heiss heute. Im Vergleich wozu, ist das nur eine persönliche Empfindung, oder lässt sich das objektivieren?
Sobald der US-Dollar oder der Euro, die beiden wichtigsten Währungen für die Schweizer Exportwirtschaft, mal wieder nach unten drehen, also der relative Wert des Frankens steigt, wird der SNB applaudiert, dass sie dagegen ankämpfe und am Markt interveniere. Das lasse sich an der Entwicklung der Sichtguthaben auf der Passiva-Seite der Bilanz der SNB nachweisen.
Es mag nun sein, dass die SNB tatsächlich Devisen mit Franken aufkauft, dabei ihr Privileg in Anspruch nehmend, Neugeld herstellen zu können, wie es ihr drum ist. Sie verstieg sich bekanntlich schon dazu, eine Untergrenze zum Euro von 1.20 Franken festzulegen. Die verteidigte sie einige Jahre; seither sitzt die SNB auf einem Devisenberg im Wert von rund 800 Milliarden Franken und weiss nicht, wie sie davon wieder runtersteigen kann.
Wieso eine Notenbank überhaupt im freien Devisenmarkt intervenieren soll, der sich definitionsgemäss wie jeder Markt durch Angebot und Nachfrage zu einer Preisfestlegung durchhandelt, erschliesst sich allerdings nicht.
Was eine Notenbank machen kann, ist den Versuch unternehmen, die eigene Währung zu schwächen. Indem sie mit Neugeld Fremdwährungen aufkauft. Was eine Notenbank eher nicht machen kann, ist die eigene Währung zu stärken, weil sie dafür Fremdwährungen braucht, über die sie normalerweise nicht in grossen Mengen verfügt.
Um ein Gefühl davon zu bekommen, von welchen Mengen wir hier sprechen: Der Devisenmarkt ist mit Abstand der grösste Marktplatz der Welt. Hier werden direkt, mit Derivaten und mit allen denkbaren Finanzinstrumenten rund 6 Billionen Dollar umgesetzt. Pro Tag.
Notenbankchefs sprechen gerne von der Bazooka, die sie hervornehmen können. Damit meinen sie: Im Notfall können wir alles mit Neugeld zuschütten. Und alles heisst bei uns alles. Stimmt das?
Schauen wir uns die Verteilung der Munition mal näher an; dafür nehmen wir die Währungsreserven der Staaten. 63 Prozent werden weltweit in US-Dollar gehalten. Dann kommt mal lange nichts.
20 Prozent in Euro, dann kommt wieder länger nichts und dann 4,9 Prozent in Yen und 4,5 Prozent in Pfund. Dann kommt wieder nichts, und dann der ganze Rest der Welt, wobei der Schweizerfranken stolze 0,2 Prozent ausmacht. Sagt der IMF, und der sollte es noch am ehesten wissen.
Also entspricht hier der Anteil des Frankens wohl so etwa der Grösse der Schweiz. Schauen wir uns nun die Hitparade der grössten Besitzer von Währungsreserven an, gemessen in US-Dollar.
Einsam am der Spitze steht China mit rund 3,5 Billionen, wenn man Hongkong dazunimmt, sind es 4 Billionen. Dann folgt Japan mit 1,3 Billionen. Und dann, wir blasen triumphierend ins Alphorn, mit 826 Milliarden die Schweiz. Saudi-Arabien mit knapp 500 Milliarden haben wir abgehängt, Deutschland hat magere 207 Milliarden, und die USA liegen fast gleichauf mit Polen, 125, beziehungsweise 121 Milliarden.
Ist das gut oder schlecht für die Schweiz, denn etwas anderes interessiert uns ja in erster Linie nicht? Die Schweiz ist, das mögen wir doch, ein Sonderfall. Der Franken spielt weltweit als Reservewährung eine Rolle, für die man zwar kein Mikroskop, aber doch eine Lupe braucht.
Ganz anders sieht es aus, wenn man die Währungsreserven auf Länder aufschlüsselt. Im Fall Schweiz braucht man da eher einen Feldstecher, wenn man die Zunahme in den letzten zehn Jahren betrachten will. Die entsprechende Kurve steigt steiler nach oben als die Eigernordwand.
Noch im Jahr 2008 betrugen die Devisenreserven 74 Milliarden US-Dollar. Üppig, aber durchaus in Relation zum BIP von damals auch in Dollar gemessenen 554 Milliarden. Die Summe aller in der Schweiz vollbrachten Wertschöpfung betrug ungefähr das 7,5-fache der Reserven. Bis 2018 stieg das BIP auf 704 Milliarden. Das ist inzwischen ein minderer Betrag im Vergleich zu den 826 Milliarden Reserve.
Das ist einsamer Weltrekord. Zum Vergleich: Die USA führen die Liste der 20 Länder mit dem grössten BIP unangefochten an: über 20 Billionen im Jahr 2018. Dann kommt China, 13 Billionen, Japan, 5 Billionen, Deutschland 4. Und auf dem letzten Platz noch die Schweiz.
Kurzer Kassensturz: Die Währung Franken spielt weltweit kaum eine Rolle. Die fleissigen Schweizer steigern zwar ununterbrochen das Bruttosozialprodukt, schaffen es aber gerade mal auf den letzten von 20 Plätzen, was den weltweiten Vergleich betrifft.
Aber selbst im Fall Chinas, das die grössten Devisenreserven weltweit besitzt, machen die nur inklusive Hongkong etwas mehr als einen Drittel des BIP aus. Im Fall USA sind es sogar nur läppische 0,6 Prozent. Aber die sind der Herr der Weltwährung Nummer eins.
Ist es nun von Vorteil oder nicht, dass die Eidgenossen auf den drittgrössten Reserven der Welt sitzen, als einziges Land, bei dem dieser Notgroschen sogar die gesamte Wertschöpfung eines Jahres übertrifft? Felix Helvetia oder furchtbar?
Nun, viel Geld ist immer besser als wenig Geld. Harte Währung ist immer besser als weiche Währung. Hohes Vertrauen in eine Währung ist besser als Zweifel an der Stabilität der Währung.
Geradezu paradiesische Zustände sind ausgebrochen, wenn eine Notenbank unablässig Neugeld herstellt, das ihr aus den Händen gerissen wird. Das ist weltweit einmalig. Der Franken selbst ist eine werthaltige Ware geworden, durch nichts anderes gedeckt als durch das Vertrauen, das ihm entgegengebracht wird und erkennbar an der hohen Nachfrage danach.
Also könnten wir uns eigentlich endlich in den Liegestuhl verziehen, den Gletschern beim Abschmelzen zuschauen und gelegentlich eine Rösti braten? Ab und an ein paar Milliarden Franken unter die Leute bringen, wofür unsere SNB dann noch mehr ausländische Aktien und erstklassige Staatsschuldpapiere kauft. Weil sie nicht den gleichen kriminellen Fehler wie die EZB machen will, in der eigenen Währung zu investieren.
Ob bei Bergbahnen oder bei Bundesobligationen: Wenn das eine Notenbank macht, ist sie auf das Niveau eines Hütchenspielers heruntergesunken, sie verschiebt Geld von der linken in die rechte Hosentasche.
Aber bevor nun die Leser die Hand von der Maus heben, den Bildscharm abschalten und sich ins Schlaraffenland zurückziehen: Es gibt einen Haken bei den über 800 Milliarden Reserve. Also eigentlich mehrere, ehrlich gesagt.
Zunächst einmal sagt ja das Wort Devisenreserve schon, dass der Batzen in fremden Währungsräumen angelegt ist, in US-Dollar, Euro, etwas Yen und in Gold. Das bedeutet, dass die SNB keinen Einfluss auf die Gestaltung der Wechselkurse bezüglich des Frankens hat.
Also genauer gesagt: Wenn die US-Notenbank oder die EZB es für eine gute Idee halten, den Dollar oder den Euro zu schwächen, dann kann die SNB im Wesentlichen nur mit der Hellebarde fuchteln und „unfair!“ schreien.
Oder sie kann mit der Schöpfkelle fuchteln und sagen, dass sie notfalls das Dollarmeer oder den Eurosee mit Franken zuschütten wird. Alle Marktteilnehmer und Spekulanten wissen dann zwei Dinge: Das würde die SNB nie schaffen. Aber sie hätte wohl einen längeren Atem als Spekulanten, die gegen sie wetten.
Mit solchen Drohungen, mit der zeitlich begrenzten Festlegung einer Untergrenze zum Euro und mit diskreten Interventionen am Markt ist es der SNB gelungen, den Dollar mehr oder minder auf Parität und den Euro auf 1.10 zu halten.
Das ist doch gut, oder? Das gibt Handlungssicherheit für die Exportindustrie, trägt also zur Pflege der Schweizer Wirtschaft bei; Super-Jordan, wir lobpreisen dich. Moment, dazu gibt es überhaupt keinen Grund. Durch die unablässigen Versuche, den Abstand zwischen Franken und absaufendem Euro stabil zu halten, hat die SNB in nur zehn Jahren diesen Riesenhaufen an Devisen gebastelt.
Die einzig gute Nachricht daran ist, dass sie so nebenher ein Eigenkapital von knapp 160 Milliarden Franken aufgehäuft hat. Die schlechten Nachrichten: Es gibt Auguren, die behaupten, diese 160 Milliarden würden hinten und vorne nicht reichen, wenn es im Währungsraum Euro und Dollar kracht.
Durch den Handels- und Zollstreit mit China, durch eine militärische Auseinandersetzung mit dem Iran, durch was auch immer. Hier kann man aber Entwarnung geben. Wenn die Mitarbeiter der SNB, die die Anlagen verwalten und damit immerhin regelmässig viel höhere Gewinne einfahren als unsere beiden Grossbanken, nicht im Tiefschlaf verharren, merken sie die ersten Anzeichen für solche Entwicklungen.
Und können die hochliquiden Anlagen in Fremdwährungen auf einen Schlag abstossen. Und mit dem üppigen EK die Verluste abfedern.
Aber die nächsten drei schlechten Nachrichten haben keine gute Seite. Wer auf über 800 Milliarden Devisenreserven und auf einem Eigenkapital von 160 Milliarden sitzt, sollte einen Plan haben, was er damit machen will. Kurz-, mittel- oder langfristig. Zu diesem Thema sendet die SNB aber das Pausenzeichen.
Mit der kühnen Behauptung, der Franken sei überbewertet, und auf keinen Fall dürfe er massiv an Wert gewinnen, begründet die SNB die Negativzinsen, die sie der Schweiz verordnet. Abgesehen davon, dass niemand den „richtigen“ Wechselkurs zwischen Währungen bestimmen kann: Das ist keine bittere, aber nötige Medizin, das ist Diebstahl.
Diebstahl bedeutet, jemandem etwas wegnehmen, ohne dass der dabei ein Wörtchen mitzureden hätte. Wem Abgaben oder Steuern zu hoch sind, kann umziehen oder sich ins Ausland abmelden. Oder Stimmen für eine Initiative „runter mit den Steuern“ sammeln.
Die SNB schneidet mit ihren Negativzinsen allen Sparern und Anlegern Milliardenbeträge ab. Nicht, um sie wie ein Dieb für sich selbst zu nutzen. Sondern als Teil ihres Gewinns kommt das ins Eigenkapital.
Da durch die Gewinnausschüttung der SNB eigentlich nur die öffentliche Hand profitiert, Privataktionäre bekommen höchstens 15 Franken pro Aktie, handelt es sich hier um eine versteckte Steuer. Zu der aber weder der Souverän, noch das Parlament, noch der Bundesrat etwas sagen kann, denn niemand ist gegenüber der SNB weisungsbefugt.
Die SNB pumpt mit den Negativzinsen und der damit einhergehenden Explosion der Boden- und damit der Immobilienpreise eine Blase auf, die so sicher wie das Amen in der Kirche platzen wird. Dabei ist nur eines sicher: Die Anzahl Milliarden, die dabei verröstet werden, ist garantiert höher als alle denkbaren positiven Auswirkungen des Negativzinses.
Und schliesslich fällt der Schuldzins als Allokationshilfe und als Sargnagel für obsolet gewordene Unternehmen weg. Wer investieren will, hat keinen Massstab für das Risiko. Wer eine marode Bude führt, kann sich dank Billiggeld über Wasser halten. Also wird falsch und weniger investiert, weil die eigentliche Absicht, die Konjunktur mit Billiggeld anzukurbeln, und somit auch den Konsum, nicht funktioniert.
Was tun, wie schon Lenin ganz richtig fragte. Was er dann tat, war vielleicht nicht das Gelbe vom Ei. Aber was die SNB betrifft, kann, sollte, müsste der Souverän dringend etwas tun. Weil von ihrem Handeln schlichtweg jeder betroffen ist. Jeder einzelne Staatsbürger, Steuerzahler, Rentenanwärter. Und was sollte er tun; die Revolution ausrufen? Aber nein, das ist eigentlich nie gut gekommen.
Die Politik der kleinen, aber richtigen Schritte, das zeichnet doch den Eidgenossen aus. Er muss nur aufhören, auf die Schalmeienklänge und Drohungen der veröffentlichten Meinung zu hören. Statt „Finger weg“ und „nur für Spekulanten“ sollte die Ansage sein: Die SNB ist die Bank der Schweizer Bevölkerung. Deshalb wollten schon ihre Gründer eine Volksbeteiligung. Deshalb wird die SNB-Aktie an der Börse gehandelt.
Einziges kleines Problem: 100’000 Aktien, davon fast 50 Prozent im Besitz der öffentlichen Hand, reichen hinten und vorne nicht für eine Volksbeteiligung. Keine revolutionäre, aber sinnfällige Lösung: Aktiensplit.
Und dann? Dann darf der Stimmbürger über das Schicksal der Schweizer Notenbank bestimmen? Da wird er doch sofort die 160 Milliarden verpulvern, und wie eine Notenbank funktioniert, das ist doch nur was für Fachleute. Falsch, falsch, nochmal falsch.
Das gleiche billige Argument kommt immer, wenn es um eine Abstimmung über eine Erhöhung des Steuerfusses geht. Wird doch sicher abgelehnt. Nein, wird es nicht, wenn der Stimmbürger einsieht, dass das nötig ist.
Was für Fachleute? Blühender Unsinn. Der Benützer eines Autos muss auch nicht wissen, wie man den Motor zusammenbaut. Wer über den Bau eines AKW abstimmt, muss auch nicht wissen, wie man das steuert. Aber da er von den Folgen betroffen ist, muss er mitreden können.
Mitreden. Mehr will man doch nicht bei der SNB. Nicht aus Machtgier. Aber weil die Zeiten, dass die SNB so spannend wie das Nachtprogramm des Schweizer Fernsehens war, vorbei sind. Weil die SNB nicht länger einfach ab und zu neue Geldscheine drucken lässt und den Leitzins festlegt. Sondern weil die SNB so gross, so bedeutend, so wichtig für die Schweiz geworden ist, dass man sie ganz sicher nicht einigen unantastbaren Chefs überlassen darf.
Dass der SNB-Chef Thomas Jordan nur das Beste will, sei gar nicht bestritten. Aber da nicht er, sondern das Schweizer Volk es ausbaden muss, wenn er das zwar will, aber stattdessen eine Katastrophe anrichtet, darf nicht er alleine in seinem kleinen Führungszirkel die Geschicke der ganzen Schweiz bestimmen.