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Herr Aebischer, als Wissenschafter entwickeln Sie Gentherapien für Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson. Als Manager führen Sie die EPFL. Wie lebt es sich mit dieser Doppelrolle?
Ich schlafe nicht viel und spiele kein Golf (lacht)…
…arbeiten dafür aber 80 bis 100 Stunden pro Woche. Wie motivieren Sie sich?
Wissen Sie, mein Vater arbeitete als Maler auch über 80 Stunden. Seine Antriebskraft war dieselbe wie meine: Leidenschaft.
Sie gingen im Alter von 30 Jahren an eine Ivy-League-Universität in den USA. Was bot Ihnen die Brown University damals, das Sie nicht in Zürich, Genf, Lausanne oder anderswo in Europa fanden?
Als ich in die USA kam, merkte ich, dass ich bis anhin keine Ahnung hatte, was Wettbewerb und modernes Management bedeuten. Amerikanische Universitäten sind exzellent, weil das akademische System einzig von der Leistung abhängt. Familie und Herkunft spielen keine Rolle. Das war entscheidend für mich: vorwärtskommen! Gelegenheiten nutzen!
Gelegenheiten wofür?
Eines Tages klopfte ein Typ namens Mark Levin an meine Tür. Er war ein Venture Capitalist und sagte mir: «Ich las, was Sie als Wissenschafter machen. Ich möchte mit Ihnen ein Unternehmen gründen.» Ohne eine Ahnung davon, was da genau vor sich ging, dachte ich: why not? Das sind die USA. Sie nehmen einen jungen Typen mit einer Idee und sagen: lass es uns versuchen! Das (schnippt mit den Fingern), das ist es, was uns hier fehlt.
Das war in den 1980er Jahren. Sind die USA noch immer das Land der Gelegenheiten?
Das amerikanische System gibt jungen Wissenschaftern einen Vertrauensvorschuss und stattet sie mit der nötigen Freiheit aus. Mach, was du willst, aber mach es gut! Als ich an der Brown University ein Departement zu leiten begann, war ich 35 Jahre alt. Das ist in Europa undenkbar. Diese Art von get going kann manchmal auch furchterregend sein. Aber wenn man eine Idee hat, kann man sie umsetzen. Und wenn man reüssiert, erhält man dafür Anerkennung.
Das ist es, wonach exzellente Wissenschafter streben – Anerkennung?
Die wissenschaftliche Arbeit ist im Gegensatz zu vielen anderen gesellschaftlichen Sphären nicht von finanziellen Motiven getrieben. Natürlich wollen unsere Professoren einen guten Lohn. Aber wenn wir sie rekrutieren, ist ihre primäre Motivation die Anerkennung durch ihre peers. Auf höchstem Niveau herrscht ein grosser Wettbewerb. Wissenschafter wollen Keynote-Vorträge halten, in Topjournalen publizieren. Das ist es, was sie wirklich antreibt.
Jetzt idealisieren Sie.
Zugestanden: es gab selbstverständlich auch Leute, die sensibel auf finanzielle Anreize reagierten. Ich aber sagte: das ist das letzte, was wir brauchen. Und wenn ich finanzielle Mittel einwerben konnte, hat das meinen Lohn nie – ich betone: nie – verändert. Das ist wichtig. Wenn ich potentielle Donatoren angehe, wissen sie, dass ich das nicht aus pekuniärem Eigeninteresse tue.
Trotz Ihres Erfolgs in Amerika kehrten Sie im Jahr 1992 in die Schweiz zurück. War der Konkurrenzdruck am Ende zu hoch?
Nein. Ich bemerkte, dass ich Europäer bin.
Wie meinen Sie das?
Ich mag die USA, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich dort sterben wollen würde. In Providence gab es nichts, keine Oper, kein Theater. Das habe ich vermisst. Ich kam also zurück und habe an der EPFL zusammen mit meinen Mitarbeitern das Beste des amerikanischen Managements in die europäische Kultur eingebettet. Wir schafften die Departemente ab, haben professionelle Dekane angestellt, die Doktorandenschule initiiert und den Tenure Track eingeführt. Der Tenure Track ist entscheidend: junge Wissenschafter erhalten ein Budget und die gleichen Rechte wie ordentliche Professoren – ausser dass sie innerhalb von acht Jahren beweisen müssen, dass sie es zur Spitze schaffen können.
Wenn nicht, müssen sie gehen?
Genau. Diese Regeln werden ihnen selbstverständlich zu Beginn ihrer…