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Witze über Leute im Rollstuhl, über Pädophilie und Rassismus – bei Charly’s Comedy Club wird kein Blatt vor den Mund genommen. Charles Nguela und Hamza Raya im grossen Doppelinterview.Wie bist du dazu gekommen, Stand-up-Comedy zu machen?
Charles: Die Geschichte habe ich schon etliche Male erzählt, ich erzähle sie aber trotzdem gerne nochmals. Ich hatte vier oder fünf Jahre lang eine Freundin und dann haben wir uns getrennt. Ich bin dann mit ein paar Freunden in eine Bar, habe zu viel getrunken und ich habe dann so laut geredet, dass die Leute hinter mir mitbekommen haben, was ich gesagt habe und gelacht haben. Schlussendlich habe ich diese Leute eineinhalb Stunden unterhalten, ohne es zu merken. Als ich dann die Bar verlassen habe, kam eine alte Dame zu mir und fragte mich, ob man mich buchen könnte. Ich, im Suff, dachte, sie wolle mich als Call Boy und habe entsetzt abgelehnt. Sie fragte dann, ob ich nicht Komiker sei, meine Freunde haben das mitbekommen und mich ans Gaukler-Festival in Lenzburg angemeldet. Ich habe da meine fünf Minuten gemacht und seither bin ich süchtig. Das war am 13. August 2001.
Hamza: Ich habe mich nicht dazu entschieden, ich war von klein auf eine sehr aufgestellte Person und war auch immer der Klassenclown. Ich bin dann zu den Schweizer Talenten gegangen, ohne grossen Plan und wollte ehrlich gesagt nur Spass haben. Das hat darin resultiert, dass Stefan Büsser mich eingeladen hat, zehn Minuten bei seiner Tour zu performen. Das war mein erster Auftritt.Wie präsentiert sich dein bisheriger Werdegang?
Charles: Ich habe eine erste Lehre als Gastronomie-Fachmann gemacht, diese habe ich dann allerdings abgebrochen und eine zweite Lehre als Drucktechnologe angefangen. Die habe ich dann auch fertiggemacht. Später habe ich mich im Bereich Management und Marketing weitergebildet, danach habe ich aufgehört (mit der Ausbildung) und gesagt, entweder probiere ich es und scheitere, oder ich mache so weiter.
Hamza: Ich habe die Matura gemacht, studiert habe ich nicht. Ich arbeite momentan als Informatiker.Was rätst du Leuten, die etwas Eigenes auf die Beine stellen wollen?
Charles: Es kommt darauf an, was man für ein Mensch ist. Ich rate allen, immer einen Plan B bereit zu haben, falls es nicht funktioniert. Wenn du genug Talent hast und denkst, du schaffst das, dann mach das. Aber es ist zu 80 Prozent harte Arbeit und zu 20 Prozent Talent. Ich denke ein Mensch, der hart arbeitet kann genauso weit kommen, wie ein Mensch, der viel Talent hat.
Hamza: Gas geben. Ich hatte das Glück, dass sich alles einfach so ergeben hat. Was ich aus eigener Erfahrung sagen kann ist, dass diese Talentshow einen grossen Effekt hatte. Ich wurde quasi von heute auf morgen bekannt, ich kann sie also nur empfehlen. Allerdings gibt es sie nicht mehr, man müsste dafür also in Deutschland antreten.Was macht den Unterschied zum Erfolg? Was unterscheidet dich von den Anderen?
Charles: Man muss den Unique Selling Point finden, etwas, was man vermarkten kann und die Anderen nicht haben. Wenn man ihn gefunden hat, muss man daran arbeiten und ihn konstant verbessern. Wie schon gesagt, harte Arbeit ist wichtig. Ronaldo sagte, erst wenn man Weltmeister ist, fängt die harte Arbeit an. Bis dahin denkt man, man habe viel gemacht, aber man muss noch mehr machen, um die Position zu halten.
Hamza: Das ist einfach. Meine Sprachen – ich spreche elf Sprachen und kenne fast niemand, der so pankulturell ist. Im Amerikanischen gibt es allerdings Russel Peters, er macht, wie ich auch, kulturübergreifende Comedy. Er spricht wie ich über alle Kulturen und Sprachen, jedoch unterscheide ich mich von ihm, da ich viele Sprachen, über die ich spreche, auch beherrsche. Er hingegen spricht nur Englisch und ein wenig Hindi.
prisma verlost 1×2 Tickets inklusive Meet & Greet mit den Künstlern für die Show vom 22. Mai 2018 im Pfalzkeller St. Gallen. Schreib eine Mail mit dem Betreff «Charly’s Comedy Club» an <email-pii>, um an der Verlosung teilzunehmen. Teilnahmeschluss ist am 19. Mai um 12 Uhr.
Was ist das «Beste» an deinem Job? Und was sind die grössten Downsides?
Charles: Das Beste ist, dass man konstant andere Leute lachen sieht, egal wie schlecht es ihnen geht. Manchmal kommen sie rein und sind sauer und man sieht sie lachend aus der Show gehen. Das ist das Schönste, mit Abstand. Das Schlimmste ist ein Publikum, das nicht offen ist und nicht lacht, da kommen dir fünf Minuten vor wie 20. Auch ein negativer Aspekt ist, dass egal wie schlecht es dir geht, du auf der Bühne glücklich sein musst. Das kann sehr schwierig werden, je nachdem wie traurig du bist. Du musst es einfach wegstecken. Manchmal magst du einfach nicht lachen und es macht es noch schwerer, wenn du dann die Leute im Publikum lachen siehst. Man hat auch wenig Zeit für sich selbst und auch Beziehungen sind schwierig.
Hamza: Das Beste ist, wenn in einem Land mit einer der höchsten Suizidraten Leute zu dir kommen und sagen, dass sie schlechte Laune haben und deine Videos sie wieder aufstellen. Es gibt nichts Schöneres zu hören. Mit Humor hat man auch die Aufmerksamkeit der Leute und kann ihnen etwas mitgeben. Der negative Aspekt ist, dass ich ein Mensch bin wie jeder andere. Als mich beispielsweise meine Exfreundin verliess, ging es mir drei Monate lang nicht gut. Alle Leute erwarteten trotzdem von mir, dass ich lustig bin. Das ist dann so ein Moment, wo man die Kraft fast nicht aufbringt. Manchmal meinen die Leute dann, man sei komisch zu ihnen, dabei geht es dir einfach privat nicht gut und du meinst es gar nicht böse. Das passiert aber eher selten, mir geht es meistens gut zum Glück.
Wie findest du die Motivation dazu, ein Programm zu schreiben?
Charles: Meine Mutter hat mir immer gesagt: «Mach etwas, bei dem du das Gefühl hast, dass du der Welt etwas gibst.» Sie meint damit, wenn du es nicht machst, dann wird es jemand anderes machen. Eine weitere Motivation ist, dass ich meine Miete weiterhin zahlen will (lacht). Auch toll ist, dass du, egal wie schlecht es dir geht, weisst, dass sich schlussendlich jemand ab deinen Witzen erfreut.
Hamza: Comedy ist anders als zum Beispiel eine Bachelorarbeit zu schreiben, ich sitze mit dir am Tisch und ich sage etwas und du antwortest etwas darauf, das ich sehr lustig finde. Ich schreibe mir das dann jeweils auf, man muss stets die Augen offenhalten. Manchmal sehe ich etwas, das eigentlich gar nicht lustig ist. Im Libanon halten zum Beispiel Männer Händchen als Kollegen, das ist eigentlich nicht lustig aber ich versuche, etwas Lustiges daraus zu machen. Ich suche also die Motivation nicht, sie kommt zu mir.
Was ist deine grösste Inspiration, von wo holst du deine Ideen?
Charles: Unsere Gesellschaft finde ich seit ich klein bin sehr interessant. Wenn man mich so ansieht, dann würde man nicht denken, dass ich als Kind sehr schüchtern war. Ich stand einfach in der Ecke und habe Leute beobachtet. Ich sitze auch heute noch gerne im Zug und schaue Leute an. Ich überlege mir auch, weshalb Personen das tun, was sie machen. Alltagssituationen inspirieren mich, aber auch schlechte Erfahrungen. Wir Komiker sind eigentlich extrem zynische Menschen. Es kommt humorvoll rüber, aber eigentlich sagen wir viele schlechte Sachen (lacht). Ich denke, das Paradebeispiel, was dies angeht ist Claudio Zuccolini. Er ist extrem zynisch, stellt es aber so dar, dass man lachen muss. Man fühlt mit und das ist meine Motivation.
Hamza: Ich hole meine Motivation aus dem Alltag, aus den Sprachen und aus dem Kontakt mit anderen Kulturen. Auch aus den Ferien nehme ich gerne Sachen mit. Vor allem die Kulturen sind für mich eine grosse Quelle der Inspiration.
Wie lange brauchst du, um ein Programm zu schreiben?
Charles: Für mein erstes Programm brauchte ich zwei Jahre, ich hatte immer wieder kleinere Auftritte und habe dann oft Stücke daraus in mein Programm genommen. Das zweite hätte ich in einem Jahr schaffen sollen, wir sind in die USA gegangen, um ein wenig Comedy zu machen und ein wenig abzuschalten. Allerdings haben wir die Probleme aus der Schweiz mitgenommen und es war extrem schwierig. Als ich dann nach Hause kam, kamen noch ein paar private Sachen dazu und insgesamt habe ich das Programm in paar Monaten geschrieben, so vielleicht fünf bis sechs Monate. Mit den Jahren fällt es einem auch leichter, man kennt seinen Stil.
Hamza: Ich setze mich nicht hin und schreibe einfach irgendetwas. Ich kann das nicht. Ich muss durch die Welt gehen und sehe immer mehr und schreibe das dann auf, ich muss einfach die Augen offenhalten. Es geht deshalb sehr lange bei mir, es ist wie ein Programm, das nie endet. Bei mir kommen immer wieder neue Sachen hinzu.
Du sprichst auch mal eher sensible Themen an. Wie weit darf Humor deiner Meinung nach gehen? Hast Du auch schon kritische Rückmeldungen erhalten?
Charles: Ich kriege ständig kritische Rückmeldungen. Als Komiker ist es unser Job, stets an die Grenzen zu gehen und manchmal auch darüber hinaus. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis jemand kommt, dem es nicht gefällt, man kann nie alle zufrieden stellen. Ich sage immer, dass zehn Prozent des Publikums meine Witze nicht mag. Aber solange man die Witze mit Respekt macht, muss man sich nicht entschuldigen. Denn wenn man sich entschuldigt für seine Witze, ist das sein eigener Tod. Wenn du dich entschuldigst, haben die Leute das Gefühl, du hast dich nicht vorbereitet und stehst da oben auf der Bühne ohne zu wissen, wie viel Macht du in der Hand hast.
Hamza: Es gibt immer kritische Rückmeldungen. Immer. Aber wenn du eine Meinung ernst nimmt, die das Limit von Humor definiert, dann müsstest du alle anderen Meinungen auch ernst nehmen. Denn es gibt nicht nur eine Definition, wie weit Humor gehen darf, jeder hat irgendeine andere Meinung. Es gibt nicht einen Menschen, der die richtige Definition hat. Einer zieht die Linie da, der andere da. Wenn du eine Linie ziehst, musst du auch die anderen ziehen, du ziehst die Linien dann also überall. So kannst du gar keinen Humor machen. Ziel muss sein, den Leuten zu helfen, ihre Linie zu erweitern. Das macht sie zu glücklicheren Menschen, man merkt, dass die Leute, welche einen engeren Horizont von Humor haben weniger glücklich sind.
Wie gehst du mit Druck um?
Charles: Es kommt darauf an, an einer Mixed-Show ist es extrem schwierig. Ich brauche meistens eine halbe Stunde meine Ruhe, da höre ich Musik und singe, um meine Stimme aufzuwärmen. Sonst habe ich eigentlich kein Ritual, ich laufe viel hin und her, das beruhigt mich und so werde ich die Energie los. Ich denke immer, ich muss jetzt dann da raus und 250 Leute zum Lachen bringen, die ich nicht kenne, die mich noch nie gesehen haben. Diese Vorstellung ist schon beängstigend.
Hamza: Es ist einfach ein Teil meines Lebens, ich spüre den Druck gar nicht mehr richtig. Es fühlt sich nicht an, wie ein Druck, es ist einfach normal. Momentan ist es auch nicht wie ein Auftrag, es macht so Spass, dass ich auch gratis auf die Bühne stehen würde.
Weshalb soll man eure Show besuchen?
Charles: Es ist eine andere Art von Kunst (Stand-Up), es wird nicht allen gefallen. Aber genau deshalb sind Mixed-Shows so gut, es ist alles dabei. Wenn du zwei nicht lustig findest, findest du sicher die anderen zwei lustig. Ich finde Comedy-Shows allgemein gut – das, was man denkt, wird auf der Bühne laut ausgesprochen. Man findet Gleichgesinnte. Wenn es zum Beispiel ein Witz ist, der ein wenig daneben oder dreckig ist und man andere sieht, die auch darüber lachen, verbindet das. In diesem Raum, in diesem Moment sind wir alle genau gleich, das finde ich ein sehr besonderes Gefühl. Das kann ich jedem nur empfehlen.
Hamza: Das ist eine gute Frage. Sicher einmal wegen Gabirano, seine Gestik und Mimik ist einzigartig. Ihn muss man gesehen haben, er ist einzigartig in der Schweiz. Mich sollte man sehen, weil ich etwas zu sagen habe, ich möchte den Leuten etwas mitgeben. Ich will nicht nur Blödsinn machen, ich will dem Publikum etwas zwischen den Zeilen vermitteln.
Charly’s Comedy Club
22. Mai 2018, 20:00 Uhr (Türöffnung: 19:00 Uhr), Pfalzkeller St. Gallen
Mit Charles Nguela, Hamza Raya, Gabirano und Veri
Tickets: www.ticketino.ch