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Es ist heiss. Ein Schild verspricht «Cola Baridi Sana», eisgekühltes Cola. Ein leeres Versprechen. In Gama Makani gibt es keinen Strom mehr. Von der Schule stehen nur noch die Grundmauern und das Gemeindehaus ist eine Ruine. Unter dem Mangobaum auf dem Dorfplatz sitzen Männer, die längst weg sein sollten.
Das Dorf gehört einer schwedischen Agro-Firma. Rund um Gama Makani soll eine Grossplantage entstehen. Von 20'000 Hektaren Rohrzucker sei die Rede, erzählt ein Dorfbewohner: «Gelegentlich tauchen Angestellte einer Sicherheitsfirma auf und verbieten uns, unser Land zu betreten», berichtet er.
Es habe geheissen, fährt der Mann fort, die Dorfbewohner würden stattdessen Geld oder Land bekommen. «Davon haben wir noch nichts gesehen. Es heisst, wir würden alle von dieser Grossplantage profitieren, aber ich frage Sie, was haben wir davon, wenn wir von unserem Land vertrieben werden und nicht wissen, wohin wir sollen?»
Wer ein Stück Land hat, hat alles für das Leben – und das Sterben.
Aus einem Transistor-Radio plärrt Musik. Die Zeit steht still. Die Felder liegen brach. Die 1300 Dorfbewohner warten auf die Baumaschinen und eine ungewisse Zukunft. Aus einer Lehmhütte tritt eine runzlige Frau. Mama Mathilda ist wütend. Sie wolle dieses Land nicht verlassen, sagt sie. Denn jedes Dorf habe seine eigene Geschichte, seine eigene Tradition. «Ich wurde hier geboren und habe immer hier gelebt»
Wenn sie Schulgeld für ihre Kinder brauche, pflanze sie Mangos und verkaufe auf dem Markt, sagt sie: «Jetzt will mich eine schwedische Firma wegschicken. Wohin soll ich gehen. Etwa nach Schweden? Geben die mir neues Land?»
Der Dorfälteste beruhigt Mama Mathilda und versucht die Empörung seiner Mitbürger in Worte zu fassen. «Wer ein Stück Land hat, hat alles für das Leben – und das Sterben», sagt er. Und wer eine Hütte bauen wolle, der brauche ein Stück Land. Wenn er Hunger habe, bebaue er dieses Land: «Mit einem Stück Land kann ich meine Kinder ernähren. Auf meinem Land kann ich nach Wasser bohren und wenn ich sterbe, werde ich auf meinem Stück Land begraben. Deshalb bedeutet Land alles.»
Ich wurde hier geboren und habe immer hier gelebt.
150 Kilometer südlich von Gama Makani in Daressalam treffen wir den Mann, der den Dorfbewohnern ihr Land wegnehmen will. Per Carstedt ist CEO der schwedischen Firma EcoEnergy, die das Land seit fünf Jahren vom Staat gepachtet hat. Das Gespräch beginnt süss. Eloquent referiert der braungebrannte Schwede über Tansanias Zuckerwirtschaft: Seine Firma wolle im grossen Stil Rohrzucker anpflanzen, weil Tansania über die Hälfte seines Bedarf importieren müsse.
«Das sind Millionen von Dollar, die so verloren gehen. Weshalb soll das Land Zucker importieren, wenn es den Zucker selbst produziert?», fragt Carstedt rhetorisch. Die Überlegung seiner Firma: Mit dem gesparten Geld können andere Nahrungsmittel gekauft werden. Carstedt führt den Plan weiter aus: «Es fehlt in Tansania nicht an Land, aber es fehlt an einer klugen Landwirtschaftspolitik. Weshalb nicht in grossem Stil Zucker produzieren und daneben im traditionellen Stil Reis, Kartoffeln oder Ananas anbauen?»
Da kommen Leute aus Europa und romantisieren das Leben der Kleinbauern und vergessen dabei, wie wir uns entwickelt haben.
EcoEnergy will Dämme bauen und Regenwasser sammeln, einen Teil des Landes aufforsten, gegen 3000 lokale Arbeitsplätze schaffen und aus den Pflanzenabfällen soll Strom und Ethanol produziert werden. Der Plan klingt durchdacht. Trotzdem kritisieren NGO's das Projekt heftig. EcoEnergy betreibe Landraub und verdränge traditionelle Kleinbauern.
CEO Carstedt bleibt gelassen: «Wer sind wir, anderen zu vorzuschreiben, wie sich ernähren sollen? Da kommen Leute aus Europa und romantisieren das Leben der Kleinbauern und vergessen dabei, wie wir uns entwickelt haben.» Auch wir seien einst alle Bauern gewesen – heute seien noch zwei, drei Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. «Man kann Leute doch nicht auf immer und ewig verdammen, auf einem Stück Land ihre eigene Nahrung zu produzieren.»
Wortreiche Erklärungen – gegenüber dem Journalisten
Während 90 Minuten spricht der studierte Agronom praktisch pausenlos. Noch nie gesprochen hat er dagegen mit den Dorfbewohnern von Gama Makani. Seit fünf Jahren werden sie von Wachmännern drangsaliert. Wer sind wir, andere von ihrem Land zu jagen? An dieser Stelle wird der Zucker-Experte merklich sauer. Natürlich hätten seine Leute mit den Dorfbewohnern gesprochen.
Die Situation sei für EcoEnergy unerträglich. Vor fünf Jahren habe er mit der Regierung einen Pachtvertrag unterzeichnet, seither verhandle er mit 16 verschiedenen Ministerien über dessen Vollzug. EcoEnergy habe ansehnliche Summen zur Entschädigung der lokalen Bauern in Aussicht gestellt. Für die Umsetzung sei nicht er, sondern das Landministerium zuständig.
Uns fehlt das Kapital und Wissen, um diese riesigen, fruchtbaren Landflächen zu nutzen.
Daressalam, First Ardhi Street, das Landministerium. Das Büro von Moses Kusiluka, dem obersten Landverwalter Tansanias, liegt im fünften Stock. Im dritten bleibt der Lift stecken. Ein mechanischer Defekt, entschuldigt sich Herr Kusiluka und erklärt freundlich, weshalb man dankbar sei, dass Agro-Investoren wie EcoEnergy nach Tansania kämen.
Wie alle anderen Länder brauche auch Tansania Investoren, sagt er. Und man verfüge über riesige fruchtbare Landflächen, die heute nicht genutzt würden. Allein: Es fehle am Wissen und am Kapital, diese Flächen effizient und wirtschaftlich zu nutzen: «Deshalb heissen wir ausländische Agro-Firmen willkommen. Sie bringen Geld, aber auch Wissen und Technologie ins Land, damit wir unser Land entwickeln können.»
Schlecht informierte Landbewohner?
Durchaus nachvollziehbare Gründe. Nur scheint im Fall der Firma EcoEnergy das Land nicht ungenutzt, sondern von einem ganzen Dorf bewohnt und bewirtschaftet zu werden. Vielleicht seien die Leute nicht richtig informiert, sagt Kusiluka. Denn beim angesprochenen Projekt handle es sich eindeutig um Land, das dem Staat gehöre: «Diese Leute haben sich dort ohne Bewilligung niedergelassen und weigern sich wegzugehen.»
Nun müsse ein Gericht entscheiden, wie es weitergehe. «Das macht uns traurig. Für die Bewohner, die längst an einem anderen Ort ein neues Leben beginnen könnten, aber ebenso für die Investoren, die für unser Land wichtig wären. Der Fall ist blockiert.»
Am Ende fühlen sich alle beraubt
Ja, wem gehört jetzt nun das Land? Die Dorfbewohner berufen sich auf das Gewohnheitsrecht, die schwedische Firma auf einen rechtsgültigen Vertrag mit der Regierung? Im Verlauf des Gesprächs wird klar, dass im Landministerium mehr klemmt, als nur der Lift. In Tansania, das zehnmal so gross wie die Schweiz ist, gibt es kein Grundbuchamt und es gibt nirgendwo eine Akte, wer nun Eigentümer von Gama Makani ist.
60 Prozent der ungenutzten Landflächen dieser Erde liegen in Afrika. Diese angesichts des steigenden Nahrungsmittelbedarfs zu nutzen, ergibt Sinn. Ohne klare Eigentumsverhältnisse fühlen sich am Ende dieser Geschichte aber alle beraubt: Der Staat um ein prestigeträchtiges Investitionsprojekt, die Agro-Investoren um ihr Recht und die lokalen Bauern um ihr Land.
Die Sicht der UNO
In den letzten 5 Jahren wurden weltweit 36'000 Mio. Hektaren Land verkauft oder verpachtet – die Fläche von Deutschland. Die Hälfte der Pachtverträge wird in Afrika abgeschlossen. Die UNO-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Nahrung, Hilal Elver, sieht darin eine Gefahr für die Ernährungssicherheit der Armen. Mehr dazu erfahren Sie hier.