Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03302.jsonl.gz/974

SDG 8
Menschenwürdige Arbeit für alle und nachhaltiges Wirtschaftswachstum
Im Zentrum des achten Ziels der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung steht die Förderung eines dauerhaften, breitenwirksamen und nachhaltigen Wirtschaftswachstums und menschenwürdiger Arbeit für alle. Die Tabakindustrie beschäftigt weltweit etwa 100 Millionen Menschen; die meisten dieser Arbeitsplätze sind jedoch keine Traumjobs.[1]
Die 40 Millionen Anbauer auf den Tabakplantagen – meist in armen Ländern oder Entwicklungsländern wie Malawi, Simbabwe, Indonesien, China und Brasilien – sind besonders benachteiligt. Sie sind gezwungen, teure Setzlinge, Düngemittel und Pestizide zur Pflege ihrer Kulturen zu kaufen. Gleichzeitig erhalten sie nur einen geringen Erlös von den Grosshändlern, die im Auftrag der grossen Zigarettenhersteller ihre Tabakblätter kaufen und die Preise immer weiter drücken.
Das Durchschnittseinkommen eines Tabakbauern in Malawi für zehn Monate harter Arbeit beläuft sich auf lediglich 247 Franken.[2] In einigen Ländern, etwa dem Libanon, wäre der Tabakanbau ohne staatliche Subventionen nicht einmal rentabel.[3] Das wiederum treibt die Bauern in eine ausweglose Schuldenspirale. Daher lassen viele von ihnen Kinder und Frauen oder Migranten unter sklavenähnlichen Bedingungen auf ihren Farmen arbeiten.
Etwa 1,3 Millionen Kinder arbeiten auf Tabakplantagen, namentlich in Malawi, Simbabwe, Mexiko, Indonesien und Kasachstan.[4] Anfang 2021 stand die Continental Tobacco Alliance, einer der grössten Tabakexporteure Brasiliens, vor Gericht. Sie wurde beschuldigt, die Beschäftigten – darunter Minderjährige – auf ihren Plantagen unter sklavenähnlichen Bedingungen zu halten.[5]
Dieses Phänomen betrifft keinesfalls nur die von Armut geprägten Länder. In Süditalien werden auf der Strasse Tagelöhner für die Arbeit auf Tabakplantagen angeworben − für einen Hungerlohn.[6] Im Südosten der Vereinigten Staaten − in Kentucky, Tennessee, Virginia und North Carolina –, dem Haupttabakanbaugebiet des Landes, findet man viele Kinder auf den Farmen.[7]
Sogar in der Schweiz setzen die Tabakbauern weiterhin Minderjährige als Erntehelfer ein. In einer Annonce in der Stellenbörse Adosjob.ch aus dem Jahr 2018 wurden junge Tabakpflücker zur Arbeit in einem landwirtschaftlichen Betrieb im Kanton Waadt gesucht. Sie sollten «mindestens 15 Jahre alt» und in der Lage sein, unter schwierigen Bedingungen zu arbeiten. Die Entlohnung? Zwischen 8 und 15 Franken pro Stunde, je nach Qualität der Arbeit.[8]
Arbeiter auf Tabakplantagen sind nicht nur schlecht bezahlt, sie sind auch ernsthaften Gesundheitsrisiken ausgesetzt, wie etwa der Green Tobacco Sickness, einer Form von Nikotinvergiftung.[9] Ausserdem laufen sie Gefahr, gefährliche Mengen an Pestiziden aufzunehmen. In Kenia berichten 26 % der Tabakbauern von Vergiftungssymptomen durch diese Chemikalien.[10]
Den Arbeitern in den Zigarettenfabriken geht es da kaum besser. Sie sind gezwungen, quälend lange Stunden schädlichen Tabakstaub einzuatmen und entwickeln häufig arbeitsbedingte Erkrankungen. In Bangladesch könnten Fabriken, die billige gerollte Zigarillos – sogenannte Beedis – herstellen, nicht existieren ohne die vielen Kinder, die sie für einen Hungerlohn beschäftigen.[11]
All dies steht in krassem Gegensatz zu den hohen Gehältern, welche Beschäftigte der grossen Zigarettenhersteller in den wohlhabenden Ländern einstreichen, in denen diese ihren Hauptsitz haben. Angeblich gibt es sogar einen «Immoralitätsbonus», den Arbeitgeber in Branchen, denen unter ethischen Gesichtspunkten ein schlechter Ruf anhaftet, zahlen müssen, um an qualifiziertes Personal zu kommen.[12] Eine Führungskraft bei Philip Morris International in Neuenburg bekommt – ohne Berücksichtigung von Bonuszahlungen – ein Jahresgehalt von fast 181'000 Franken; das entspricht laut Glassdoor-Website dem 732-Fachen dessen, was ein Tabakbauer in Malawi verdient.[13]
Die Beschäftigten in den unteren Etagen dieser Konzerne könnten dagegen bald um ihre Arbeitsplätze bangen müssen, im Zuge der Verlagerung eines Teils der Produktion in Länder mit niedrigerem Lohnniveau und der Automatisierung der Zigarettenherstellung. Das Werk von Philip Morris im niederländischen Bergen op Zoom produziert mit nur 1900 Mitarbeitenden 9 Milliarden Zigaretten pro Jahr.[14]
Tabak hat nicht nur negative Auswirkungen auf den allgemeinen Zugang zu menschenwürdiger Arbeit, sondern auch auf das Gesamtwirtschaftswachstum. Zwischen Gesundheitsausgaben, vorzeitigen Todesfällen und den durch das Rauchen verursachten Produktivitätseinbussen kostet der Tabak die Weltwirtschaft jährlich 2 Billionen US-Dollar und damit 2 % ihres BIP. In der Schweiz beläuft sich der entsprechende Betrag auf 5 Milliarden Franken.[15]
Trotz dieser besorgniserregenden Bilanz pflegt die Tabakindustrie weiterhin das Image eines Anbieters von sicheren, gut bezahlten Arbeitsplätzen. «Der Tabakanbau leistet einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Lebensumstände, der Gesundheit und der Belastbarkeit der Bauern, die sich ihm widmen», verspricht British American Tobacco in einem reich bebilderten Studienband.[16] Philip Morris wiederum beschreibt detailreich die emanzipationsfördernde Bedeutung der Beschäftigung von Frauen auf seinen Plantagen.[17]
Im Bewusstsein der Imageschäden, mit denen sie angesichts des hohen Anteils an Kinderarbeit in ihrer Lieferkette zu kämpfen haben, gründeten die Zigarettenhersteller im Jahr 2000 in Genf auch eine NGO, die Eliminating Child Labour in Tobacco-Growing Foundation (ECLT). In deren Verwaltungsrat sind alle grossen Tabakproduzenten vertreten, die auch allein zum Stiftungsbudget von insgesamt 5,7 Millionen Dollar beitragen.[18]
Obwohl man sich auf die Fahnen geschrieben hat, Kinderarbeit auf den Plantagen abzuschaffen, dient dieses Organ hauptsächlich als Propagandainstrument für die Zigarettenindustrie. Im April 2021 trat die Stiftung dem United Nations Global Compact bei, einer Initiative, die Unternehmen zu verantwortungsvollem Handeln anregen soll. Über diese Plattform kann sie nun Einfluss auf die Instanzen der Vereinten Nationen nehmen. Die Tabakindustrie ist immer dort am schlagkräftigsten, wo sie im Verborgenen agiert.
[3] K. Hamade, “Tobacco Leaf Farming in Lebanon: Why Marginalized Farmers Need a Better Option” in Tobacco Control and Tobacco Farming: Separating Myth from Reality, edited by W. Leppan, N. Lecours and D. Buckles, London: Anthem Press, 2014
[10] Ohayo-Mitoko, G. J.; Kromhout, H.; Simwa, J. M.; Boleij, J. S.; Heederik, D. (2000): Self reported symptoms and inhibition of acetylcholinesterase activity among Kenyan agricultural workers. In Occupational and environmental medicine 57 (3), pp. 195–200. DOI: 10.1136/oem.57.3.195.
[11] Kim, J., Rana, S., Lee, W., Haque, S. E., & Yoon, J.-H. (2020, June). How the Bidi Tobacco Industry Harms Child-workers: Results From a Walk-through and Quantitative Survey. Safety and Health at Work. Elsevier BV. https://doi.org/10.1016/j.shaw.2020.02.002