Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03160.jsonl.gz/1413

mehr
eine Präpositur (Propstei) mit 9 Pfarren und 8 Kirchen. Die Herrschaft Stargard [* 2] ist in 6 Präposituren (Synoden) mit 61 Pfarren und 145 Kirchen eingeteilt. Die Oberaufsicht führt das landesherrliche Konsistorium zu Neustrelitz. [* 3] Ein landesherrliches Schullehrerseminarium besteht zu Mirow, ein landesherrliches Gymnasium und eine landesherrliche Realschule zu Neustrelitz, zwei städtische Gymnasien zu Neubrandenburg [* 4] und Friedland, eine landesherrliche, als Realprogymnasium anerkannte Realschule zu Schönberg (in Ratzeburg) und eine Baugewerkschule zu Strelitz. [* 5] Außerdem sind an 250 Stadt- und Landschulen vorhanden.
Rechtspflege und Verwaltung. Die Rechtspflege wird durch 10 Amtsgerichte, 1 Landgericht (Neustrelitz) und ein mit Mecklenburg-Schwerin gemeinsames Oberlandesgericht (Rostock) [* 6] geübt. Die höchste Verwaltungsbehörde ist das Staatsministerium, repräsentiert durch einen Staatsminister, und für die innern Angelegenheiten die aus dem Staatsminister und zwei Räten bestehende Landesregierung zu Neustrelitz. Das Finanzwesen ist, wie in Mecklenburg-Schwerin, dreiteilig.
Ein Etat wird nur für die landesherrlich-ständische Kasse (Centralsteuerkasse) in Neubrandenburg vorgelegt. Die Matrikularbeiträge (s. Matrikel) bilden, soweit sie nach Verhältnis der Kopfzahl auf das Fürstentum Ratzeburg fallen, eine ausschließliche Last der landesherrlichen Kasse. Rücksichtlich der Herrschaft Stargard wurde in der Steuervereinbarung vom über die Deckung nachstehendes bestimmt: bis 150000 Mecklenburg zahlt der Landesherr, von da an bis zur Höhe von 195000 Mecklenburg die Centralsteuerkasse, die folgenden 39000 Mecklenburg wieder der Landesherr, den darüber hinausgehenden Betrag zu einem Viertel der Landesherr, zu drei Vierteln die Centralsteuerkasse.
Durch eine Vereinbarung auf dem Landtage von 1889 wurde, nachdem schon 1886 eine Änderung erfolgt und inzwischen das Reichsgesetz vom betreffend die Besteuerung des Branntweins, ergangen war und der Großherzog erklärt hatte, die Last aus seinen Einkünften nicht länger tragen zu können, auch in Mecklenburg-Strelitz eine Wechselwirkung zwischen den Überweisungen des Reichs und den Matrikularbeiträgen eingeführt. Vertreter des einzigen Reichstagswahlkreises ist (1893) der Abgeordnete Nauck (deutschkonservativ).
Verfassung der beiden Großherzogtümer. Die auf der Union der Prälaten, Mannen und Städte der mecklenb. Lande vom und dem landesgrundgesetzlichen Erbvergleiche vom beruhende landständische Verfassung gilt für beide Großherzogtümer ausschließlich des Domaniums, der Stadt und Herrschaft Wismar [* 7] und des Fürstentums Ratzeburg. Die Landesvertretung, das «Korps der Ritter- und Landschaft», zerfällt in das Korps der Ritterschaft, zu welchem sämtliche mit einem Rittergut (Hauptgut) Angesessenen, etwa 700 an der Zahl, ohne Unterschied des adligen und bürgerlichen Standes, gehören, und das Korps der Landschaft, worin die 47 Landstädte (die Residenzstadt Neustrelitz gehört zu diesen nicht) und die Seestadt Rostock vertreten sind.
Rostock und Wismar haben ausgedehnte Selbstverwaltung, eigenes Gesetzgebungsrecht sowie verschiedene Hoheitsrechte. Beide Stände, Ritterschaft und Landschaft, gliedern sich nach den beiden vormaligen Herzogtümern Schwerin und Güstrow, [* 8] oder nach drei Kreisen, indem das Herzogtum Schwerin den Mecklenburgischen Kreis [* 9] bildet, während das Herzogtum Güstrow in die Kreise [* 10] Wenden und Stargard zerfällt. Jeder Kreis hat einen Erblandmarschall, und jedes Herzogtum vier Landräte, die auf Vorschlag der Stände von den Großherzögen (sieben von Schwerin, einer von Strelitz) auf Lebenszeit ernannt werden.
Diese nebst einem Bürgermeister von Rostock, also im ganzen 12 Mitglieder, bilden das Landtagsdirektorium. In dem Engern Ausschuß, der als ständiges Kollegium die Landstände vertritt, ist jedes Herzogtum durch einen Landrat, jeder Kreis durch je einen ritterschaftlichen Abgeordneten und je einen Abgeordneten der Vorderstädte Parchim, Güstrow und Neubrandenburg und endlich die Seestadt Rostock gleichfalls durch einen Abgeordneten vertreten. Landtage werden in jedem Spätherbst, abwechselnd in Sternberg und Malchin, gehalten; außerdem können jederzeit außerordentliche Landtage berufen werden.
Ritter und Landschaft tagen in einer Versammlung, und es entscheidet absolute Stimmenmehrheit der Anwesenden. Doch steht jedem Stande die abgesonderte Beschlußfassung frei, und wenn die Beschlüsse beider Stände auseinander gehen, kommt ein Landtagsbeschluß nicht zu stande. Die landesherrlichen Kommissarien verhandeln mit den Ständen schriftlich und durch Vermittelung der Landmarschälle. Ohne Zustimmung der Stände darf keine ihre Privilegien berührende neue Verordnung ergehen und keine neue Steuer aufgelegt werden.
Auch muß bei den allgemeinen Landesgesetzen zuvor das «ratsame Erachten» der Stände eingeholt werden. Dagegen sind die Großherzöge, soweit es nur ihr Domanium angeht, in der Gesetzgebung und Besteuerung unbeschränkt. Doch haben sie in der Vereinbarung vom erklärt, abgesehen von der ordentlichen Hufensteuer in bisheriger Höhe, von dem ihnen zustehenden Recht der Besteuerung des Domaniums für die Dauer der Vereinbarung zu der Aufbringung der Kosten des Landesregiments oder zu allgemeinen Landeszwecken keinen Gebrauch machen zu wollen, ohne im übrigen auf das ihnen zustehende Recht selbst zu verzichten.
Neben den Landtagen kommen «Konvokationslandtage» vor, zu welchen nur die Stände eines Landesteils von dem betreffenden Landesherrn berufen werden; ferner «kommissarisch-deputatische» Verhandlungen zwischen landesherrlichen Kommissarien und ständischen Deputierten; außerdem halten die Stände unter sich «Konvente», teils allgemeine, teils besondere. Innerhalb der Ritterschaft werden drei Abteilungen unterschieden:
1) der eingeborene und recipierte Adel, 2) die nicht rezipierten, aber receptionsfähigen adligen und 3) die nicht receptionsfähigen bürgerlichen Gutsbesitzer. Der eingeborene und recipierte Adel behauptet thatsächlich ein ausschließliches Recht auf die Verwaltung und Pfründenbesetzung der drei 1572 der Ritter- und Landschaft zur christl. Auferziehung der inländischen Jungfrauen überwiesenen Jungfrauenklöster zu Dobbertin, Malchow und Ribnitz, soweit nicht vertragsmäßig der Landschaft ein beschränkter Anteil an jenem Recht zugestanden war. Mecklenburg-Schwerin hat zwei, Mecklenburg-Strelitz eine Stimme im Bundesrate. Die Titel beider Großherzöge sind ganz gleichlautend, ebenso die Wappen. [* 11] Das Wappen, in einfacher Gestalt ein Büffelkopf, in vollständiger seit 1657 eingeführter Zusammenstellung, hat sechs Felder und ein Mittelschild; letzteres ist quer geteilt, die obere ¶
mehr
Hälfte rot, die untere golden (Grafschaft Schwerin). Die Felder zeigen:
1) in Gold [* 13] einen gekrönten schwarzen Büffelkopf mit silbernen Hörnern (Mecklenburg);
2) in Blau einen schreitenden goldenen Greif [* 14] (Rostock);
3) quergeteilt, oben wie 2, unten ein grünes, silberbordiertes Feld (Fürstentum Schwerin);
4) in Rot ein schwebendes silbernes Kreuz, [* 15] darüber eine Krone (Ratzeburg);
5) in Rot einen weiblichen Arm mit goldenem Ring (Stargard);
6) in Gold einen schrägliegenden Büffelkopf (Wenden). Das Wappen ist von einem Stier und einem Greif gehalten und von der Königskrone bedeckt. Die Landesfarben sind für Schwerin Blau, Gelb, Rot; für Strelitz Rot, Gelb, Blau. 1804 ward ein gemeinsamer Hausorden der Wendischen Krone gestiftet, dessen Verleihung beiden Großherzögen zusteht; 1884 stiftete der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin noch einen Greifenorden (s. d.). ^[Abb.: Wappen von Mecklenburg]
Geschichte. Im frühen Altertum wohnten hier verschiedene deutsche Völkerschaften; im 6. Jahrh. wird der slaw. Stamm der Wenden Herr im ganzen Lande. Um 780 war der Westen von Mecklenburg im Besitz der Obotriten, der Osten im Besitz der Wilzen. Erst durch den Sachsenherzog Heinrich den Löwen [* 16] wurden die Wenden in Mecklenburg dauernd unterjocht und zum Christentum bekehrt. Der Obotritenfürst Niklot, von dessen Stammsitz Mikilinborg (d. h. große Burg, jetzt ein Dorf zwischen Wismar und dem Schweriner See) das Land den Namen erhielt, fiel 1160 im Kampfe.
Sein Sohn Pribislaw, der Stammvater des noch regierenden Fürstenhauses, ließ sich 1164 taufen und ward 1167 als deutscher Vasall wieder in die Herrschaft eingesetzt. Doch trennte Heinrich der Löwe die Grafschaft Schwerin von dem Lande ab und verlieh sie um 1167 dem Ritter Gunzel von Hagen. [* 17] Heinrich der Löwe stiftete die Bistümer Schwerin und Ratzeburg. Nach dem Sturze Heinrichs des Löwen wurde Mecklenburg von König Waldemar Ⅱ. von Dänemark [* 18] unterworfen. Aber 1223 nahm Graf Heinrich von Schwerin, der Sohn Gunzels, den dän. König gefangen, und Waldemar mußte nach längerer Haft in Mecklenburg seine Freiheit durch vollständigen Verzicht und hohes Lösegeld erkaufen.
Die Schlacht bei Bornhöved machte der dän. Herrschaft in Norddeutschland für immer ein Ende. 1229 teilten die Enkel des Heinrich Burwy, des Sohnes Pribislaws, das Land in vier Linien. Von diesen blüht die älteste, welche den Nordwesten des Landes mit dem Stammsitz der obotritischen Fürsten in Besitz nahm, bis jetzt fort und beerbte 1261 die Linie zu Richenberg (Parchim), 1314 die zu Rostock und 1436 die zu Werle (Fürstentum Wenden); außerdem erwarb sie 1358, nach dem Aussterben der dortigen Dynastie, auch die Grafschaft Schwerin.
Ferner kam durch Heirat 1301 die Herrschaft Stargard, die ursprünglich zu Brandenburg [* 19] gehörte, als Mitgift an Mecklenburg. Es ward zwar mit dieser Herrschaft 1352 eine jüngere Nebenlinie ausgestattet; diese erlosch aber 1471 wieder, so daß nun ganz Mecklenburg unter einen Fürsten gelangte (wenn mehrere Brüder vorhanden waren, pflegten diese fortan gemeinschaftlich zu regieren; mehrfach kamen aber auch neue Landesteilungen vor). Die Ständeversammlungen waren bis Anfang des 16. Jahrh. weder regelmäßig, noch umfaßten sie das ganze Land. 1523 schlossen die Stände zum Teil gerade wegen der Landesteilungen eine Union, die die Grundlage für die weitere Entwicklung der ständischen Verfassung in Mecklenburg bildete.
Während des Mittelalters beanspruchten die Herzöge von Sachsen [* 20] und die Markgrafen von Brandenburg eine Lehnsoberherrlichkeit über Mecklenburg, und erst wurden die mecklenb. Fürsten von Kaiser Karl Ⅳ. zu Herzögen ernannt und damit später als vollberechtigte Reichsfürsten anerkannt. Spätere Streitigkeiten mit Brandenburg fanden ihre Beilegung durch den Vertrag von Wittstock in welchem das brandenb. Kurhaus verschiedene Ansprüche aufgab, dafür aber die Eventualsuccession in ganz Mecklenburg, sobald der Mannsstamm der dortigen Dynastie ausgestorben, zugesichert erhielt.
Die Reformation hatte im zweiten Viertel des 16. Jahrh. die Einführung des luth. Glaubensbekenntnisses zur Folge, und auch das Bistum Schwerin kam seitdem unter die Verwaltung des mecklenb. Fürstenhauses. 1555, 1611 und 1621 fand eine neue förmliche Landesteilung statt, wobei aber die Stadt und Universität Rostock, das Hofgericht, das Konsistorium, die Landstände u. s. w. ungeteilt blieben. So entstanden die Linien Güstrow und Schwerin. Während des Dreißigjährigen Krieges wurden beide Herzöge, Johann Albrecht Ⅱ. von Mecklenburg-Güstrow und Adolf Friedrich Ⅰ. von Mecklenburg-Schwerin, wegen ihres Bündnisses mit König Christian Ⅳ. von Dänemark in die Reichsacht erklärt und vertrieben.
Darauf belehnte Kaiser Ferdinand Ⅱ. Wallenstein mit Mecklenburg. Mit Hilfe Gustav Adolfs von Schweden [* 21] kehrten die vertriebenen Herzöge 1631 wieder zurück, und der Prager Friede bestätigte sie 1635 im Besitz ihrer Erblande. Im Westfälischen Frieden 1648 mußten die Herzöge die Stadt Wismar nebst den Ämtern Poel und Neukloster an Schweden abtreten, erhielten aber zur Entschädigung die säkularisierten Bistümer (Fürstentümer) Schwerin und Ratzeburg sowie die Johanniterkomtureien Mirow und Nemerow.
Die Linie Güstrow starb schon 1695 mit Johann Albrechts Ⅱ. Sohn Gustav Adolf wieder aus. Der Herzog Friedrich Wilhelm von Schwerin wollte nun das ganze Land an sich nehmen, aber sein Oheim Adolf Friedrich Ⅱ. von Strelitz erhob dagegen Protest. Nach längern Streitigkeiten und Fehden vermittelte Kaiser Leopold Ⅰ. den Hamburger Teilungsvergleich vom Adolf Friedrich erhielt die Herrschaft Stargard nebst Mirow und Nemerow und das Fürstentum Ratzeburg und wurde somit der Stifter der Linie Strelitz.
Gleichzeitig ward das Recht der Erstgeburt und das Linealsystem eingeführt. Die Union der Landstände blieb unverändert bestehen. Zwei apanagierte Nebenlinien, die zu Grabow, abgezweigt von Schwerin, und die zu Mirow, abgezweigt von Strelitz, gingen 1746 und 1752 wieder in den Hauptlinien auf. In Mecklenburg-Schwerin folgten auf Friedrich Wilhelm (1692‒1713) Karl Leopold (1713‒28, wegen seiner steten Streitigkeiten mit den Ständen vom Reichshofrat abgesetzt), dessen Bruder Christian Ludwig (seit 1728 Administrator, seit 1733 kaiserl. Kommissarius, 1747‒56 Herzog), Friedrich (1756‒85), sein Neffe Friedrich Franz Ⅰ. (1785‒1837), ¶