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In ihrem dritten Roman nähert sich Anita Siegfried dem Leben der britischen Mathematikerin Ada Lovelace, die mit ihren Liebesaffären, ihrer Spiel- und Drogensucht ihre Zeitgenossen provozierte. Ada wurde 1815 als einzige legitime Tochter Lord Byrons geboren, den sie nie kennenlernen sollte. Zu ihrer Geburt war der Dichter ausser Haus, «er vergnügt sich im Drury-Lane-Theater mit einer Tänzerin – oder vielleicht ist es die kleine Komparsin, die neulich ihre Anstecknadel in seiner Kutsche vergessen hat?» Adas Mutter, Lady Byron, schätzte ihren Mann als «durch und durch unheilbar verderbt» ein. Mit dem Baby fuhr sie zu ihren Eltern, wenige Wochen später war die Scheidung aktenkundig. Lady Byron fasste den Entschluss, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um aus Adas Wesen die Neigungen und Veranlagungen zu tilgen, die sie mit dem Vater gemein hatte. Mit zunehmendem Alter wehrte sich Ada gegen die rigorosen erzieherischen Massnahmen: «Meine Mutter ist nicht mein auf ewig von Gott autorisierter Schutzengel.»
Der Roman beginnt an Adas 21. Geburtstag, dem Tag ihrer Volljährigkeit, und endet mit ihrem Tod im Alter von nur 36 Jahren. In Rückblenden erhellt Anita Siegfried nicht nur Adas konfliktreiches Verhältnis zu ihrer moralisierenden Mutter und dem unbekannten, «verheerend attraktiven» Vater. Sie schildert Adas Leidenschaft für die Mathematik, die sie zur wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Erfinders Charles Babbage machte. In Babbages Auftrag schrieb Ada Lovelace die «Notes» zu seiner Analytischen Maschine – jene Anmerkungen, die Adas Namen ins heutige Computerzeitalter gerettet haben: auf der Landesausstellung Expo.02 wurde der Pavillon «Der intelligente Raum» in Neuenburg im Gedenken an die erste Programmiererin «Ada» genannt.
Zu den leuchtenden Stellen des Romans gehören Ausflüge zu den Angestellten des freiherrlichen Haushalts: zu Lizzy und Rose in die Küche, in der es dampft und brodelt von früh bis spät. Dass Ada ihre Mutter mit Henne anspricht, diese selbst sich Vögelchen nennt, und ihren Gatten Krähe oder Hahn ruft, kommentiert Adas Zofe Ellen mit einem unschlagbar trockenen «nun ja». Pure Lesefreude verbreitet ein Besuch der Weltausstellung 1851, wo Ada und Babbage in der Maschinenhalle die neuesten Erfindungen der modernen Technik bestaunen: «Spektakulärstes Objekt war ein mit Dampf betriebener Mähdrescher aus den USA».
Als «Poetin der Mathematik» bezeichnete Benjamin Woolley Ada Lovelace in seiner Biographie. «Eine Frau am Anfang der Moderne» nannte Dorothy Stein sie. «Die Braut der Wissenschaft» nannte sich Ada selbst. Als Frau im «Schatten ferner Jahre» beschreibt sie Anita Siegfried. Sie hat nicht nur einen lohnenden Roman über eine hochbegabte, vielgestaltige Frau, sondern auch ein mitreissendes Panorama Londons in vorviktorianischer Zeit geschaffen.
vorgestellt von Christoph Simon, Bern
Anita Siegfried: «Die Schatten ferner Jahre». Zürich: Dörlemann, 2007.