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Der überwiegende Teil der afrikanischen Migration findet auf dem afrikanischen Kontinent selber statt. Diese Binnenmigration ist mitnichten ein reines Krisenphänomen, sondern oft normaler Bestandteil der täglichen Lebenssicherung. Ihre Bedeutung für den sozialen und ökonomischen Wandel ist enorm – doch die europäische Migrationspolitik behindert diese Entwicklungen.
Eine halbe Milliarde Menschen sind innerhalb Subsahara-Afrikas in translokale Zusammenhänge eingebunden – als Migrantin oder Migrant, als Daheimgebliebener, als Zurückgekehrte. Als Kind, dessen Eltern in der Stadt arbeiten und die nur an Feiertagen nach Hause kommen. Als älterer Mensch, der sein ganzes Leben über jedes Jahr in der Trockenzeit fortgegangen ist, um anderswo Geld zu verdienen, und nun auf das Land zurückgekehrt ist. Als junge Frau, die sich um ihre kranken Eltern kümmert. Als Minenarbeiter oder Tagelöhner auf einer Plantage, der regelmässig Geld nach Hause schickt und seine Familie vermisst.
Migration vor allem in Afrika selbst
Migration ist, allen Stimmen zum Trotz, die einen «Ansturm auf die Festung Europa» befürchten, bei weitem nicht ausschliesslich eine Süd-Nord-Erscheinung. Dieser befürchtete «Ansturm» erscheint in einem ganz anderen Licht, wenn man sich vor Augen führt, dass 60 bis 80 Prozent der westafrikanischen Migranten über 15 Jahren intraregional, das heisst innerhalb ihrer Heimatländer oder in benachbarte Länder, wandern. Afrika ist in Bewegung, aber vor allem innerhalb des Kontinents.
Ein entscheidender Faktor des afrikanischen Migrationsgeschehens sind translokale Netzwerke beziehungsweise translokale Livelihoods. Aufbauend auf Erkenntnissen der Migrations- und Entwicklungsforschung beschreibt das Konzept der translokalen Livelihoods die Systeme der alltäglichen Existenzsicherung sozialer Einheiten, welche sich in translokalen Haushaltsnetzwerken manifestieren – das kann die Familie sein, aber auch Freunde, Nachbarn usw. umfassen, die ihr Leben gemeinsam und gleichzeitig an unterschiedlichen Orten organisieren.
Innerhalb des etablierten räumlichen Netzwerks sind die translokalen Livelihoods anpassungsfähig und reaktionsschnell. Das bedeutet, dass sich das translokale Netzwerk auf klimatische, politische und andere Bedingungen – Preisschwankungen bei Nahrungsmitteln oder Mieten, Arbeitsmöglichkeiten, Entlöhnung, Krankheiten, Pflegebedarf usw. – recht schnell einstellen kann. Die Migrationsrichtung und die Migrationsform können sich kurzfristig ändern (zum Beispiel vom städtischen zum ländlichen Haushalt bei Arbeitslosigkeit), und mit ihnen auch die «personelle Besetzung» der verschiedenen Standorte. Die räumliche Diversifizierung der Livelihoods bietet somit eine gute Grundlage für die Organisation des alltäglichen Lebens, aber auch für die Reaktion auf spontane Krisensituationen, was sie somit unentbehrlich für einen grossen Teil der subsaharischen Bevölkerung macht.
Der Einfluss der europäischen Migrationspolitik
Die in Europa vorherrschende Politik der Migrationsverhinderung in Richtung Europa, das heisst schärfere Grenzkontrollen, strengere Einwanderungsgesetze und der Versuch, die Migration bereits in den Herkunfts- und Transitländern ausserhalb der EU usw. zu verhindern, wirkt sich jedoch auch auf die innerafrikanische Migration aus; jene Migration also, die nicht nach Europa ausgerichtet ist. Dies hat zusätzlich einen indirekten Einfluss auf Entwicklung, der in engem Zusammenhang mit den translokalen Livelihoods steht: Soziale Sicherungsnetzwerke spannen sich in Subsahara-Afrika unter anderem wegen der zur Kolonialzeit gezogenen Grenzen, die Ethniengrenzen durchschneiden, auch über Nationalstaatsgrenzen hinweg. Verhindert man nun verstärkt die Grenzübertritte, erschwert man die translokale Lebensweise oder kanalisiert sie in eine andere Richtung hin zu einem bislang vom Netzwerk nicht erschlossenen und somit für die Lebenssicherung ungewissen Ort. Die Folge hiervon ist eine erhöhte Vulnerabilität, da den Menschen die räumliche Diversifizierungsstrategie genommen wird.
Die europäische Migrationspolitik in Afrika wirkt sich unter anderem negativ auf die Entwicklung des Kontinents aus, indem weite Bevölkerungsteile ihrer Möglichkeiten zur translokalen Lebensführung beraubt werden. Durch die dadurch steigende Vulnerabilität werden Migrationen (über weite Distanzen) weiter erschwert, diese Reaktionsoption auf die Verwundbarkeit entfällt und eine Abwärtsspirale der Verwundbarkeit beginnt. Möchten die westlichen Staaten wirklich die Entwicklung in Afrika fördern, sind kurzfristige, einzig auf Migrationsverhinderung abzielende Politiken der gänzlich falsche Weg.
Bild aus Uganda: Fabian Biasio