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Dreh einfach deine Schuhe um
Classic and modern Jewish Tales by Edward Feinstein, Berman House
Es war einmal ein Mann, der seines Lebens überdrüssig war. Er fand keine Freude mehr an seiner Familie, seiner Arbeit, seiner Gemeinschaft. Und so betete er immer öfter zu Gott, dass er ihn diese Welt verlassen liesse: „Zeige mir den Weg ins Paradies“, flehte er ihn an.
Gott fragte: “Bist du sicher, dass es das ist, was du willst?“ Der Mann antwortete: „Ich bin von ganzem Herzen sicher“. „Gut“, erwiderte Gott, „dann zeige ich dir den Weg ins Paradies“.
Wie sich herausstellte, war das Paradies gar nicht weit weg, nur ein paar Tagesreisen weit von seinem Dorf entfernt. So brach er bald auf. Er lief bis zum Einbruch der Nacht, dann beschloss er unter einem Baum auszuruhen. Doch bevor er einschlief, kam ihm in den Sinn, dass er womöglich am Morgen vergessen haben würde, welcher Weg zum Paradies und welcher zurück ins Dorf führte. So ließ er seine Schuhe am Wegesrand stehen mit den Spitzen in Richtung Paradies, damit er am nächsten Morgen nur in seine Schuhe schlüpfen musste um seinen Weg weiter zu gehen.
Und es geschehen unerwartete Dinge – war es ein Teufelchen oder ein Engelchen oder nur ein kleines Tier - die Schuhe wendeten sich. Über Nacht hatten sich die Schuhe gedreht! In der Früh stand der Mann auf, ass eine Frucht vom Baum und schlüpfte schnell in seine Schuhe. Er lief und lief. Mittags konnte er ein Dorf sehen und sein Herz machte einen Hüpfer: “Jetzt komme ich ins Paradies“, dacht er. „Mein Heimatdorf war nicht schön, immer so überfüllt, so laut. Dieses hier ist anders, es ist erfüllt von Leben und Freude. Er setzte sich hin und beobachtete das Leben im Dorf. Er hörte die Lieder, die die Kinder in der Schule sangen, er hörte die Geräusche der Erwachsenen bei der Arbeit, er hörte Musik. Er spürte die Lebendigkeit, die das Dorf erfüllte. So sass er lange da. Am Abend hörte er die Rufe der Familien zum Abendbrot. Es duftete so gut, da bekam er auch Hunger. Er dachte: „Wenn das Paradies meinem Dorf so ähnelt, möchte ich gern wissen, ob es auch eine Strasse im Paradies gibt, die wie meine frühere Strasse ist“. Und er ging schauen, und schon fand er sie. Dann dachte er weiter: „Ich möchte doch wissen, ob es im Paradies auch ein Haus gibt wie mein Haus. Und als er das dachte, stand er schon davor! Während er noch über den wunderlichen Zufall grübelte, kam eine Frau an die Tür – eine Frau, die eine auffallende Ähnlichkeit mit seiner Frau hatte. Sie nannte ihn beim Namen und bat ihn, doch zum Abendessen hereinzukommen.
Sein Herz machte einen Sprung: “Sie kennen mich im Paradies! Es gibt einen Platz für mich hier im Paradies“ sagte er leise und überwältigt.“ Komm, die Suppe wird kalt“ sagte die Frau,
„komm“. Er trat ein, dieses Haus im Paradies hatte nichts mit seinem Haus im Dorf zu tun, jenes war überfüllt gewesen, voller Unordnung. Dieser Ort hier war gemütlich und voller Leben. Die Kinder lärmten nicht sondern freuten sich und lachten. Er sass am Tisch und ass die beste Mahlzeit, die er je gegessen hatte. Er dankte der Frau für ihre himmlische Suppe und auch sie freute sich. Dann ging er in das Nebenzimmer und fiel in den erholsamsten Schlaf, den er je gekannt hatte.
Morgens reichte ihm die Frau, die seiner so sehr ähnelte, seinen Werkzeugkasten und schickte ihn zur Arbeit. Zunächst war der Mann ungläubig. Wer hat schon von Arbeit im Paradies gehört? Aber dann kam ihm in den Sinn, dass es sogar im Paradies Aufgaben gab, die gemacht werden mussten. Und gleich merkte er, dass diese Arbeit anders war als jene, die er vorher getan hatte. Nicht eintönig oder mühsam, nein, sie erfüllte ihn mit einem Gefühl von Sinn und Zweck. Und am Abend kam er zum gleichen liebevollen Heim zurück, zur gleichen Frau und den Kindern und ass wieder von der wundervollen Suppe. - Stellt euch vor, in der folgenden Zeit konnte niemand den Mann überzeugen, dass er nicht im Paradies war.
Denn für ihn war von nun an jeder Tag erfüllt mit mehr Lebensfreude, mehr Sinn und Glück als der vorherige Tag. – Drum: Dreh einfach deine Schuhe um!