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Caritas Jordanien wurde 1967 anlässlich des Sechstagekrieges gegründet. Ihre erste Aufgabe war es, den Palästinenserinnen und Palästinensern zu helfen, die nach der Besetzung des Westjordanlandes nach Jordanien geflohen waren. Seither ist die jordanische Caritas eine wichtige Anlaufstelle für mittellose Jordanierinnen und Jordanier, aber auch für Flüchtlinge aus den Nachbarländern Syrien und Irak geworden. In zwölf über ganz Jordanien verteilten Zentren erhalten sie von der Caritas Beratung und Unterstützung.
Das Caritas-Zentrum Al-Huson liegt in einem Aussenbezirk der Stadt Irbid im Norden Jordaniens. Es handelt sich um ein altes, massives Haus mit dicken Steinwänden. Im Innern des Zentrums wird der verfügbare Platz minutiös ausgenutzt: Tische und Stühle stehen eng beieinander, auf der Rückseite des Hauses wurden Baracken angebaut, wo zusätzliche Arbeitsplätze und ein Warteraum eingerichtet wurden. Wegen der zahlreichen syrischen Flüchtlinge wurde das Angebot in Al-Huson ausgebaut und es musste Platz für neue Sozialarbeitende und Freiwillige geschaffen werden.
Zuhören und Leiden lindern
Am heutigen Sommertag liegt bereits morgens um halb zehn die Hitze in der Luft. Bis Mittag wird es gegen vierzig Grad heiss werden. Im Innenhof des Zentrums spenden die Mauern und kleine Bäume Schatten. Überall stehen weisse Plastikstühle, wo Menschen sitzen und warten: Bunt verschleierte und ganz in schwarz gekleidete Frauen, ältere Männer mit langen Gewändern und Keffiyehs, den traditionellen karierten Kopftüchern, junge Frauen in Jeans und T-Shirt, Teenager mit gestylten Haaren und Kinder jeden Alters, die zwischen den Wartenden spielen.
Am hinteren Ende des Warteraumes sitzt eine Caritas-Mitarbeiterin und registriert die Gesuchstellerinnen und -steller im Computer. Sie fragt nach Dokumenten und hört sich die Probleme an, welche die Menschen zur Caritas geführt haben. Mit jedem Gesuchsteller, der das erste Mal ins Zentrum kommt, führen die Caritas-Mitarbeitenden ein Interview, um die Lebenssituation und die aktuellen Bedürfnisse zu erfassen.
Die Menschen, die ins Caritas-Zentrum kommen, sind oft verzweifelt. Sie haben Existenzängste, Schulden, keine Wohnung oder brauchen dringend eine medizinische Behandlung, welche sie sich nicht leisten können. Viele Flüchtlinge sind traumatisiert vom Krieg. Eine junge Caritas-Mitarbeiterin erklärt: «Das Wichtigste ist, die Leute reden zu lassen und zuzuhören.» Sie ist stolz auf ihre Arbeit, weil sie den Menschen helfen kann.
In Al-Huson gibt es einen Arzt und einen Zahnarzt, die kostenlose Behandlungen anbieten. Familien erhalten finanzielle Unterstützung um Essen, Wohnung oder den Schulbesuch für die Kinder zu bezahlen. Für Flüchtlinge, welche in unsicheren, baufälligen oder schimmligen Räumen wohnen, führt Caritas die dringendsten Renovationen durch. Regelmässig finden Spielnachmittage für Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen statt. Alte oder kranke Menschen müssen nicht ins Zentrum kommen, sondern werden zu Hause besucht.
Die Türen stehen allen offen
Die Caritas-Mitarbeitenden stets in Kontakt mit den Hilfsbedürftigen, manchmal monate- oder jahrelang. Sie erleben viel und wissen Geschichten zu erzählen: Von der 34-köpfigen syrischen Grossfamilie, welche dank Caritas Schweiz die Miete für ihre Wohnung bezahlen konnte. Vom Jordanier, der eine Augenkrankheit hat und zu erblinden droht – für ihn muss eine schnelle Lösung gefunden werden. Vom Familienvater, der froh ist, dass er für ein Integrationsprojekt der Caritas Strassen reinigen und so zum Lebensunterhalt seiner Familie beitragen kann.
Wenn man die Mitarbeitenden und zahlreichen Freiwilligen im Zentrum nach der Motivation für ihre Arbeit fragt, ist die Antwort meist dieselbe: «Caritas is love.» Und diese Nächstenliebe gelte – das wird immer betont – für alle Menschen, die zu Caritas Jordanien kommen: Christen und Muslime, Männer und Frauen, Jordanier, Iraker, Syrer und Palästinenser.
Text und Bilder: Michèle Renaud, Project Officer, Caritas Schweiz Regionalbüro für die Syrienkrise, Amman