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Eine unbequeme Wahrheit für Berlin
Die schwachen Länder der Eurozone müssen mehr wie Deutschland sein.
So ungefähr lautet der populäre Tenor im harten Kern der Währungsunion. Gerne wird dabei auf die Zeit zwischen 2000 und 2006 verwiesen, als Deutschland unter der Regierung von Gerhard Schröder harte Strukturreformen am Arbeitsmarkt durchführte und damit den Grundstein für den heutigen Erfolg legte.
Das klingt einleuchtend. Spanien, Portugal, Italien, Irland und Griechenland haben ihr Schicksal selbst in der Hand. Wenn sie bloss dem Beispiel Deutschlands folgen würden, wären ihre Probleme gelöst.
Leider ist alles etwas komplizierter.
Deutschland hat in der ersten Hälfte des letzten Jahrzehnts sehr wohl tiefgreifende Strukturreformen umgesetzt, die Lohnstückkosten gesenkt respektive eingefroren und die Basis für das heutige «Exportwunder» gelegt. Doch unter näherer Betrachtung wird klar, dass Deutschland dies nicht ohne fremde Hilfe vollbrachte. Tatkräftige Unterstützung erhielt Berlin just von jenen Volkswirtschaften, die heute in der Krise stecken: Spanien, Irland, Portugal und andere periphere Staaten der Eurozone.
Schauen wirs uns etwas genauer an. In den Jahren nach der Jahrtausendwende und nach der Einführung der Gemeinschaftswährung war Deutschland der kranke Mann Europas. Das Land stand während Jahren in oder an der Schwelle zu einer Rezession. Hier die Wachstumsraten Deutschlands in jenen Jahren gemäss Daten der Weltbank:
- 2001: 1,5 Prozent
- 2002: 0 Prozent
- 2003: –0,4 Prozent
- 2004: 1,2 Prozent
- 2005: 0,7 Prozent
- 2006: 3,7 Prozent
Das waren die mit Abstand schwächsten Wachstumsraten der namhaften Eurostaaten. Sogar Frankreich und Italien expandierten schneller.
Wie die folgende Grafik zeigt, stand die deutsche Volkswirtschaft während jenen Jahren zudem lange Zeit gefährlich nahe an einer Deflation (Quelle: Eurostat):
Die gelbe Kurve zeigt die Inflationsrate Deutschlands im Zeitraum zwischen Ende 1999 und Anfang 2008. Die blaue Kurve zeigt, zum Vergleich, die Inflationsrate in der gesamten Eurozone. Von 2000 bis 2007 lag Deutschlands Inflationsrate permanent unter jener der Eurozone; in den Jahren 2000, 2002 und 2003 lag sie in Deutschland zudem fast immer unter 1 Prozent.
Kurz rekapituliert: In den ersten sechs Jahren des neuen Jahrtausends war Deutschland die schwächste Volkswirtschaft der gesamten Eurozone. Das Wirtschaftswachstum war anämisch bis nicht existent, die Teuerungsrate lag über weite Strecken gefährlich nahe an einer Deflation.
Während dieser Zeit setzte die Regierung Schröder ihre Agenda 2010 um. Weil aber Strukturreformen in der kurzen bis mittleren Frist das Wirtschaftswachstum weiter dämpfen, war Deutschland für seinen Erfolg auf externe Hilfe angewiesen, um nicht noch weiter in Rezession und Deflation zu versinken.
Und diese Hilfe bekam es, denn während dieser Zeit erlebten Euro-Peripherieländer wie Spanien, Irland, Portugal und Griechenland – ganz zu schweigen von den USA, Grossbritannien und den asiatischen Schwellenländern – einen kräftigen Boom, der von der Europäischen Zentralbank in keiner Weise gebremst wurde.
Besonders erhellend ist die Betrachtung der Inflationsraten in den boomenden Euroländern. Hier zunächst Spanien (Quelle: Eurostat):
Auch in dieser Grafik gilt: Die gelbe Kurve zeigt die Inflationsrate Spaniens, die blaue Kurve zeigt die Werte für die gesamte Eurozone. Während der Zeit, als Deutschland mit einer Deflation flirtete, lag Spaniens Inflationsrate nahezu permanent zwischen 3 und 4 Prozent.
Hier das nächste Beispiel Irland (Quelle: Eurostat):
Das gleiche Bild: Deutlich erhöhte Inflationsraten während den Boomjahren.
Hier Portugal (Quelle: Eurostat):
Und schliesslich Griechenland (Quelle: Eurostat):
Es ist überall das gleiche Bild. Die wirtschaftlich boomenden Peripheriestaaten (Italien war damals eine schwächelnde Ausnahme an der Peripherie) verzeichneten Inflationsraten von zum Teil deutlich über 3 bis 4 Prozent.
Und was tat die Europäische Zentralbank? Sie liess es zu. Wie wir in diesem Blogbeitrag bereits aufgezeigt haben, betrieb die EZB während jenen Jahren eine für damalige Verhältnisse äusserst lasche Geldpolitik.
Diese Geldpolitik war richtig für das deflationsgefährdete Deutschland, führte an der Euro-Peripherie jedoch zu Boom, Überhitzung und hoher Inflation. Und die EZB liess diese Überhitzung bewusst zu.
Der Inflationsunterschied von zwei bis drei Prozentpunkten zwischen Deutschland und Spanien, kumuliert über mehr als fünf Jahre, erklärt zu einem grossen Teil das Auseinanderdriften der Lohnstückkosten zwischen diesen zwei Volkswirtschaften während dieser Zeit. Das oft gehörte Argument, die Spanier hätten «über ihre Verhältnisse gelebt», ist vor diesem Hintergrund Humbug.
So weit die Vergangenheit.
Heute sind die Rollen vertauscht. Heute sind die Peripherieländer die kranken Männer Europas, die Strukturreformen in ihrem Arbeitsmarkt umsetzen sollen, um wieder wettbewerbsfähig zu werden.
Der sicherste Weg, die Lohnstückkosten Spaniens, Portugals oder Irlands dem Niveau Deutschlands anzugleichen, führt wiederum über die Differenz der Inflationsraten zwischen diesen Volkswirtschaften. Verzeichnete die Peripherie zwischen 2001 und 2006 eine um zwei bis drei Prozentpunkte höhere Inflation als Deutschland, muss es jetzt genau umgekehrt sein: sie müssen eine deutlich niedrigere Inflationsrate als Deutschland aufweisen.
Und wie kann das erreicht werden? Ganz einfach: Deutschland müsste im Inland über mehrere Jahre Inflationsraten (auch im Lohnniveau) von deutlich über 2 Prozent tolerieren und die Binnenwirtschaft boomen lassen. Genau so, wie es Spanien & Co vor zehn Jahren taten.
Doch genau das geschieht nicht. Bereits seit mehreren Monaten verharrt Deutschlands Inflationsrate unter 1 Prozent; aktuell sind es 0,8 Prozent. Die Binnenwirtschaft lahmt – und die Regierung lässt es zu, obwohl, wie der Ökonom Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin überzeugend argumentiert, der Bedarf an nützlichen Infrastruktur-Investitionen gross wäre.
Die Regierung Merkel ist derart fixiert auf den Gedanken, im Staatshaushalt eine «schwarze Null» zu erzielen, dass sie einen Rückfall in die Rezession in Kauf nimmt.
Damit fehlt den Staaten an der europäischen Peripherie eine wichtige Wachstumsquelle. Wenn Deutschlands Inflationsrate auf 0,8 Prozent verharrt und die Peripheriestaaten zwei bis drei Prozentpunkte weniger erreichen sollen, sind sie zu negativen Inflationsraten – sprich: Deflation – verdammt.
Nun könnte man annehmen, dass etwas Deflation doch eigentlich gar nicht schlimm ist. Wer soll schon etwas gegen sinkende Preise haben? Doch wie wir in diesem und diesem Blogbeitrag bereits aufgezeigt haben, ist Deflation für eine hoch verschuldete Volkswirtschaft höchst gefährlich.
Spanien und die anderen Peripheriestaaten sollen mehr wie Deutschland sein. So lautet die eingangs erwähnte Forderung. Das wird aber nur funktionieren, wenn Deutschland seinen Part ebenfalls spielt – und sich verhält wie Spanien vor zehn Jahren.
Zum Wochenende noch einige Links in eigener Sache:
- Hier geht es um den schwedischen Ökonomen Knut Wicksell und den wicksellschen Prozess
- Hier erklärt mein Kollege Andreas Neinhaus den Balassa-Samuelson-Effekt
- Hier geht es um das Heckscher-Ohlin-Theorem
- Und hier wird das Pareto-Optimum erklärt
Wer sich für die Goldinitiative interessiert, über die in der Schweiz am 30. November abgestimmt wird: In diesem Video erklärt der Finanzprofessor Erwin Heri (hier gehts zu seiner Fintool-Website) die Folgen, die eine Annahme der Initiative hätte.