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Vor über 2000 Jahren war Xian ein politisch wichtiges Zentrum, von wo aus der berüchtigte erste chinesiche Kaiser Qin Shihuangdi sein Reich mit eiserner Faust regierte. Lange Zeit geriet der Ort darauf in Vergessenheit. Es war 1974 zu Beginn des Frühlings. Im Dorf Xiyang, unweit von Xian, hattte man beschlossen, einen neuen Brunnen zu bauen, um die unter der Frühjahrestrockenheit leidenden Felder bewässern zu können. Beim Graben stiess man auf grotesk geformte Tonscherben und gefässartige Gegenstände: Die Bauern, die für ihre Umtriebe mit 30 Yuan (=5 Franken) entschädigt wurden, ahnten nicht, dass sie die Grabstätte des Kaisers Qin Shihuangdi gefunden hatten, eine der bedeutendsten archäologischen Funde des zwanzigsten Jahrhunderts. Mittlerweile wurden über 7.000 lebensgrosse Figuren aus Ton gefunden, die eine komplette Armee mit Kriegern, Kommandeuren, Pferden und Streitwagen darstellen. Die Herstellung dieser Figuren war bestimmt eine gewaltige Leistung, uns fehlte aber die Magie des Ortes, die Chinesen haben eine hässliche Ausstellungshalle über die stramm stehenden Soldaten gebaut, die in etwa den Charme eines Flugzeughangars entfalten kann. Insgesamt werden rund 7.600 solcher Figuren vermutet. Sie sind in der Schlachtordnung der damaligen Zeit formiert, nach Osten ausgerichtet und sollten über die Totenruhe des Kaisers wachen. Viel besser gefällt uns Xian mit seiner mächtigen Stadtmauer und dem regen Treiben in den verschiedenen Quartieren. Im muslimischen Quartier fühlen wir uns in den Orient versetzt, der Duft von Gewürzen und aromatischem Lammfleisch liegt in der Luft.
Mit dem Zug fahren wir nach Pingyao, eine völlig intakte Stadt aus der Ming-Dynastie, in deren alten Vierteln, den Hutongs, man sich verlieren kann. Die chinesischen Touristen lassen sich mit Elektromobils duch die Gassen fahren, auf die breite Befestigungsmauer der Stadt müssen sie sich aber mit uns mühen. Auf der Weiterfahrt nach Beijing besuchen wir die Höhlengrotten bei Datong, wo in 53 Höhlen schätzungsweise 51000 Figuren aus dem Felsen geschlagen wurden. Das hängende Kloster in der Jinaxi-Schlucht wurde aus Angst vor der sich anbahnenden Flut in die westliche Felswand gebaut, nur mit einem Holzgerüst im Stein verkeilt. In 50 Metern Höhe wandeln wir über die hölzeren Balustrade, etwas unsicher, zumal der Touristenstrom nicht abreissen will und die Führerin betont, dass hier nur 4 Mönche wohnen, was ausserhalb der Stosszeiten eine weitaus kleinere Nutzlast bedeutet.
Wir haben uns sehr auf Beijing gefreut und werden nicht enttäuscht. Fasziniert vom geschichtsträchtigen Tiananmen-Platz verbringen wir einen ganzen Tag, um die weitläufige "Verbotene Stadt" zu erkunden. Hier lebten und regierten bis zur Revolution 1911 die chinesischen Kaiser der Dynastien Ming und Qing. Der einfachen Bevölkerung war der Zutritt verwehrt – was den Namen "Verbotene Stadt" erklärt. Die vielen Tempel und sonstigen Gebäude sind eindrücklich, die Kunstgegenstände sind unfassbar. Wir finden einen 5-Tonnen-Jadestein, aus dem die Landschaft um Yangshuo gemeisselt wurde, und getreu dem Grössenwahnsinn der chinesischen Kaiser wurde der Stein auch über hunderte von Kilometern auf mit Wasser vereisten Wegen in die heilige Stadt geschoben. Wir finden uns wieder in der Welt der Konkubinen und Eunuchen, erfahren viel vom Ränkespiel der Macht während dieser Zeit und sind froh, den richtigen Bus zurück zu unserem Lotus-Hostel zu erwischen. Beijing ist im Aufbruch: Die Olympischen Spiele im nächsten Jahr beflügeln die Chinesen, das Olympiastadion von Herzog & de Meuron steht wie ein riesiges stählernes Vogelnest im Gelände. Neben der Moderen stehen die alten Bauten. Es gibt viel zu sehen: Der "Tempel des Himmels" ist extrem formschön, der "Sommerpalast" eine Erholung von der doch beträchtlichen Luftverschmutzung. Sehr fasziniert waren wir auch von der Monumentalität der Chinesischen Mauer. Die mickrigen 12 Kilometern, die wir auf der Mauer zurücklegten, stehen im grossen Kontrast zu der Gesamtlänge von 6.350 km (Hauptmauer 2.400 km). Entgegen allen Behauptungen, dass sie aus dem All sichtbar sei, ist sie doch hinsichtlich Volumen und Masse das grösste Bauwerk der Welt. Die Wanderung führte uns über steile Aufstiege und an vielen Wachtürmen vorbei. Es war eindrücklich, die Mauer ganz alleine zu bezwingen, da die meisten Touristen nur den völlig überlaufenen Teil von Badaling besuchen.
Mit dem Nachtzug fahren wir an der Küste entlang nach Shanghai. Die Stadt ist einem rasenden Wandel unterworfen, die engen, grauen Altstadtgassen, in denen sich das Leben der Bevölkerung vollzog, sind verschwunden. "Hutong" hiessen diese Strassen, der Name stammt aus dem Mongolischen und bedeutet "Wasserquelle". Es handelte sich also immer um Wege, die zum nächsten Brunnen führten. Den Chinesen ist die historische Bedeutung egal, die Oberen der Metropole befürworten ungezügelte Bauwut und hemmungsloses Spekulantentum, die Zehn-Millionen-Stadt wurde in eine gigantische Baustelle verwandelt. Und seit Neureiche und ausländische Firmen 8000 Franken Miete pro Monat für eine 100 Quadratmeter grosse Luxuswohnung zahlen, ohne mit der Wimper zu zucken, ist die Gier unersättlich geworden. Tausende von Wanderarbeitern werkeln Tag und Nacht - mit archaischen Geräten - an 40 Stockwerke emporragenden Wolkenkratzern, ganze Stadtviertel werden plattgewalzt und deren Bewohner zwangsweise umgesiedelt, um Platz zu machen für Bürokomplexe, Einkaufszentren und glitzernde Finanztürme. Dies ist die Schattenseite des uneingeschränkten Strebens nach Geld. Wir haben die chinesischen Bevölkerung wegen ihrer Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit sehr geschätzt, einige Entwicklungen müssen wir jedoch stark hinterfragen. Man muss jedoch beachten, dass die Berichterstattungen in den westlichen Medien sehr einseitig und tendenziös sind. Trotzdem ist Shanghai vor allem ein kulinarisches Ereignis. In der "French Concession", das immer noch stark von der französischen Kolonialmacht geprägt ist, essen wir wie "Gott in Frankreich". Ein nächtlicher Spaziergang entlang der Uferpromenade "The Bund" mit Blick auf die europäischen Gebäude des 19. und 20. Jahrhunderts und den Jin-Mao-Tower, den fünfthöchsten Wolkenkratzer der Welt, ist Pflicht. Das "Paris des Ostens" macht mit seinem "Shanghai Museum" sogar dem "Louvre" Konkurrenz.
Nicht eine Pyramide wie in Paris hat I.M. Pei in Suzhou entworfen, dafür ein architektonisch fantastisches Museum. In Suzhou, eine Stunde ausserhalb von Shanghai, kann man ausserdem die alte Kunst der Gartengestaltung bewundern. Die Chinesen waren während der Ming-Dynastie die Vorreiter der Gartenkunst. Für uns war es unfassbar, wie sie auf engstem Raum eine weitläufig erscheinende Oase aus Steinen und Pflanzen erschaffen konnten. Im "Garten des bescheidenen Beamten", dem "Löwenwaldgarten" oder dem "Garten des Meisters der Netze" dachten wir ungestört über unsere Erlebnisse des letzten Jahres nach.
Nach nunmehr fast 12 Monaten ist unsere Speicherkapazität doch sehr ausgelastet und wir freuen uns auf die Rückkehr in die Heimat. Doch China lässt uns nicht ohne eine weitere technische Machtdemonstration ziehen: Mit der Magnet-Schwebebahn brausen wir von Downtown Shanghai mit einer Höchstgeschwindigkeit von 430 km/h zum Pudong Airport hinaus. In 7 Minuten sind wird da! Glücklich, dass unsere Weltreise bei Weitem nicht so schnell vergangen ist, steigen wir ins Flugzeug der British Airways und landen nach einem Zwischenstopp in London in Zürich. Wir freuen uns sehr, unsere Familien und Freunde wieder zu sehen, lange kommunizierten wir nur via Mail oder Telefon. Selbst nach so langer Abwesenheit ist uns die Schweiz immer noch vertraut, uns fällt aber verstärkt die Winzigkeit und Dichte des Siedlungsraums auf. Es ist schön, wieder daheim zu sein. Genau diese Zufriedenheit lässt uns noch schwärmerischer auf die letzten 12 Monate zurückblicken: Es war das Beste, was wir je gemacht haben!