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Viel über freimaurerische Symbolik und Ritual kann man erfahren, wenn man Mozarts «Zauberflöte» hört. Da sind mehr Symbole der Freimaurer geheimnisvoll hineinverwoben als der Opernfreund ahnt. Mozart war ja Freimaurer und hat darin viele freimaurerische Elemente musikalisch umgesetzt und der Textdichter Schikaneder, ebenfalls ein Freimaurer, hat mit der Figur des «Sarastro» seinem Stuhlmeister, Freiherr Ignaz von Born, ein Denkmal gesetzt.
Die freimaurerischen Symbole sind nicht Zweck, sondern Mittel. Wenn die Grenzen, welche die Menschen künstlich durch nationale, rassische, religiöse, politische, wirtschaftliche und kulturelle Vorurteile errichteten, überschritten werden sollen, müssen Ausdrucksmittel verwendet werden, die allen Menschen guten Willens zugänglich sind. Eine solche supranationale Sprache stellt die Symbolik dar. Sie ist keine Erfindung der Freimaurer, denn der Mensch schreibt, spricht, denkt und fühlt in Symbolen. Schon die primitivste Gesellschaftsordnung nutzte soziale Symbole und die heutige Gesellschaft ist vollgestopft von Symbolen jeder Art. Soziale und ideologische Symbole wie die Worte «Kapitalismus», «Sozialismus», «Imperialismus», «Materialismus», «Gut», «Böse», «Sittlichkeit», «Idealismus» usw. können die Menschheit in Bewegung setzen.
Symbolik begleitet uns von der Geburt bis zum Tode. Jedes Buch, jede Zahl, jedes Zeichen in den Verkehrssignalen, jede Staatsflagge usw. ist ein Symbol. Auch die Freimaurerei hat sich ihre Symbolik bewahrt: Winkelmass, Kreislinie oder Kubus beispielsweise haben für die Freimaurer die Bedeutung von Sinnbildern. Diese Symbole sind eine Richtschnur für das Verhalten und Handeln, eine viel weniger veränderliche Richtschnur als manche anderen Symbole der menschlichen Gesellschaft. Sie sind nicht auf den unmittelbaren Vorteil des einzelnen oder einer bestimmten Gruppe von Menschen orientiert, sondern auf das Wohl der Gesamtheit. Die Freimaurerei versucht, die erstrebten ethischen Ziele durch symbolische Arbeit zu erreichen. Sie bedient sich hier zu der von den mittelalterlichen Dombauhütten und Steinmetz-bruderschaften überlieferten Gebräuche und Ritualistik. Gebaut wird sinnbildlich am Tempel der Menschlichkeit, dessen Vorbild der Tempel des Königs Salomo ist und dessen Bausteine die Menschen sind. Ziel der Freimaurer ist die symbolische Wiedererrichtung des Salomonischen Tempels. Als Menschheitstempel, in dem die Menschen in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit vereint sein sollen. Die symbolische Arbeit der Freimaurer geschieht vorwiegend auf verbale Weise in den Ritualen, welche ein wichtiger Bestandteil der Logenarbeit sind und die sich auf die ethische und geistige Optimierung des Menschenausrichten.
Die Frage nach Freimaurerei und Esoterik lässt sich in der heutigen Zeit, da von Astrologie über Okkultismus bis Religion alles unter dem Begriff «Esoterik» subsummiert wird, nur schwer beantworten. Wenn Esoterik bedeutet, dass die Kenntnisse und Verhaltensweisen nur einem bestimmten Kreis von Eingeweihten bekannt und verständlich sind und Aussenstehende nur durch Einweihung (Initiation) und/oder Unterrichtung (Instruktion) eingeführt werden, so trifft dieser Begriff auch auf die Freimaurerei zu, nicht aber, wenn darunter eine Abkehr von der Welt und Verlegung des Schwerpunktes auf Übersinnliches verstanden wird. Die Symbolik - die Arbeit mit Sinnbildern - soll sich vor allem an die Gemütskräfte wenden, soll unterbewusst wirksam sein und mithelfen, veredelnd auf den Menschen einzuwirken. Dieses alte Brauchtum, dem die Freimaurer mit Ehrfurcht begegnen und das innere Erlebnis echter brüderlicher Verbundenheit und Liebe stellen allein das freimaurerische «Geheimnis» dar. Ein Erlebnis, das geschützt sein muss vor Profanierung oder Verunglimpfung durch Menschen, die solcher Gesinnung und Haltung nicht fähig, nicht zugänglich oder nicht willig sind. Dies ist ausschliesslich der Grund, weshalb bei den Logenzusammenkünften keine Aussenstehenden Zutritt haben. Die weltumspannende Bruderkette, diese von Menschen gebildete Kette ist eines der stärksten freimaurerischen Symbole. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil die Menschen auch heute noch weit von der Verwirklichung dieses Wunschtraums entfernt sind. Die weltumspannende Bruderkette und auch die anderen freimaurerische Symbole sind aber keine Tatsachen, sondern geistige Realität. Die vorwiegend aus den Bauhütten der mittelalterlichen Handwerker stammenden freimaurerischen Symbole werden im freimaurerischen Verständnis aber nicht definiert, ihre schöpferische Interpretation ist dem Einzelnen überlassen.
Nehmen wir ein freimaurerisches Symbol, den rechten Winkel, als Beispiel. Mit dem Winkelmass prüften die Werkmaurer die Rechtwinkligkeit der behauenen Steine. In der symbolischen Freimaurerei wie sie sich seit 1717 entwickelt hat, versteht der Freimaurer sich selbst als unbehauenen Stein der durch fortwährende Arbeit an sich selbst so gestaltet werden muss, dass er tauglich wird den künftigen Bau – die menschliche Gesellschaft – mit zu tragen. Im Ritual wird der Freimaurer aufgerufen, dieses Mass immer wieder an sich anzulegen und sein Denken und Handeln danach auszurichten. So sind der rauhe Stein und der behauene Stein als Symbol für das Streben nach Vollkommenheit zu verstehen.
Jeder Mensch, der sich als ernst zu nehmendes Glied der heutigen Völker-gemeinschaft versteht, arbeitet an einem gemeinsamen Ziel, an Humanität, Toleranz und Friede unter den Menschen. Dies ist das Bauwerk, an dem die Freimaurer arbeiten. Die Steine zum Bau des Bauwerks, das mit «Tempel der Humanität» bezeichnet wird, sind die Menschen. Und die Werkzeuge, deren sie sich bedienen sind
In diesem Sinne ist das Winkelmass ist für den Freimaurer das Symbol der geraden Ausrichtung, der Gerechtigkeit. Die Freimaurerei sagt aber nicht, was Gerechtigkeit sei. Sie ist eine Schule der Selbstfindung, aber sie gibt dem Suchenden keine anderen Ziele vor als die, welche er sich selbst setzt. Darum ist sie auch keine Lehre und keine Religion, ja nicht einmal Religionsersatz. Sie ist nur Hinweis, Ansporn und Quelle der Kraft auf einem Weg, der über die Selbsterkenntnis zur Selbstverwirklichung führen soll. Das gemeinsame Ziel heisst: Menschlichkeit, Humanität. Der Freimaurer ist aufgerufen, an das Gute im Menschen zu glauben, ohne die Möglichkeit des Scheiterns ausser Acht zu lassen. Auf welchen Wegen sich einer dahin begeben will, was im Einzelnen zu tun und zu lassen sei, darauf gibt die Freimaurerei keine Antwort. Denn innerhalb dieser Grundvoraussetzung fordert sie Toleranz für jede ehrliche Überzeugung. Toleranz ist neben der Arbeit am rauhen Stein der zweite Grundpfeiler der Freimaurerei. Toleranz nicht im Sinne eines Gewähren- und Treibenlassens, sondern Toleranz in Fragen der Weltanschauung und des Glaubens.