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Reisebericht 2003
Regenzeit
Als wir im vergangenen Oktober die HOPE FOR ALL Clinic besuchten, war noch Regenzeit und der Zufahrtsweg stand knietief unter Wasser. Der Arzt musste viele Durchfallkrankheiten behandeln, denn infolge der Überschwemmung ist verseuchtes Wasser in die Brunnen gelangt, aus denen die Leute ihr Trinkwasser schöpfen. Andere Patienten litten unter Hautinfektionen an Beinen und Füssen, weil sie stundenlang im Wasser stehen mussten.
Ich selber kann bei der ärztlichen Sprechstunde nicht mithelfen, weil ich die kambodschanische Sprache nicht beherrsche. Die Khmer-Sprache zeichnet sich zwar durch eine einfache Grammatik aus, doch die Aussprache der 24 (!) verschiedenen Vokale ist derart schwierig, dass man schon ein bis zwei Jahre lang im Land leben muss, bis man sich mit den Leuten verständigen kann.
Landminen
Man bekommt ein beklemmendes Gefühl, wenn eine kambodschanische Zeitung berichtet, dass die Zahl der Minenunfälle zurückgeht und dass im vergangenen Quartal in der Provinz Battambang "nur" noch 250 Menschen durch Landminen verstümmelt wurden.
Seit Kriegsende wurden in Kambodscha etwa 10 Millionen Personenminen unschädlich gemacht, doch mindestens noch einmal so viele dieser heimtückischen Waffen lauern noch immer auf ein Opfer. Wenn in der Regenzeit das Land unter Wasser steht, werden Minen auch auf Felder geschwemmt, die früher bewirtschaftet worden sind und als sicher gelten. So sind es meistens harmlose Reisbauern und ihre Frauen oder Kinder, die den Minen zum Opfer fallen.
Landminen können von Metalldetektoren nicht geortet werden und müssen in mühsamer und gefährlicher Arbeit von Hand gesucht und entschärft werden. Selbst erfahrene Minenräumer schaffen selten mehr als hundert Quadratmeter pro Tag.
Krawalle in der Hauptstadt
Am 29. Januar 2003 gab es schlimme Krawalle in Phnom Penh. Scheinbar aus heiterem Himmel wurden thailändische Gebäude und Einrichtungen zerstört. Das legendäre Hotel "Royal" ging in Flammen auf und zwei weitere grosse Hotels sowie zahlreiche Niederlassungen thailändischer Gesellschaften wurden schwer verwüstet. Vor den Augen der Polizei stürmten über hundert wildgewordene Männer in die thailändische Botschaft, um zwei Stunden lang alles kurz und klein zu schlagen und dann das Gebäude in Brand zu setzen. Der Botschafter flüchtete über einen Gartenzaun und musste per Boot in Sicherheit gebracht werden. Thailand brach die diplomatischen Beziehungen mit dem Nachbarland ab und setzte seine Truppen in Bereitschaft.
Der Grund für diesen Ausbruch des Volkszorns scheint absurd. Ein kambodschanisches Lokalblatt hatte ein Interview mit Morgenstern veröffentlicht, einer auch in Kambodscha populären thailändischen Filmschauspielerin. Darin äusserte die Künstlerin ihren sehnlichsten Wunsch, dass die berühmten Tempelanlagen von Ankor Wat in thailändischen Besitz gelangen. Der Filmstar beteuerte später, es nicht so gemeint zu haben, doch die beleidigten Gemüter der Kambodschaner liessen sich nicht mehr besänftigen. Ministerpräsident Hun Sen erklärte in einer Rede, dass Morgenstern weniger wert sei als ein Grasblatt von Angkor Wat, und der Mob liess die Wut an thailändischen Einrichtungen aus.
Inzwischen haben sich die Beziehungen zwischen den beiden Ländern wieder gebessert, denn beide Staaten haben ein Interesse, dass der Handel wieder in Gang kommt.
Die Kambodschaner blicken neidvoll auf Thailand, das von Kriegen verschont geblieben ist und sich zum wohlhabendsten Land Südostasiens entwickelt hat. In Thailand ist das Volkseinkommen 10 mal höher als in Kambodscha. Die spärlichen kambodschanischen Industrieprodukte haben wenig Chancen gegenüber der besseren und billigeren Konkurrenz aus Thailand. Ein Beispiel dafür sind die Bodenplatten in unserer Clinic, die sich nach drei Jahren in Sand aufgelöst haben und durch thailändische Fabrikate ersetzt werden mussten. Selbst Gemüse und Geflügel aus Thailand sind in Kambodscha billiger zu haben als einheimische Produkte.
Kambodschas Wirtschaft wird vom Ausland beherrscht. Viele Handelsfirmen, Fabrikationsbetriebe, Telefongesellschaften und Radiostationen sind in thailändischer Hand. Da verwundert es nicht, dass die Habenichtse so heftig reagieren, wenn die reichen Nachbarn auch noch nach ihrem Kulturerbe greifen wollen.
Dengue-Fieber
In Kambodscha grassiert das Dengue-Fieber. Allein in Phnom Penh zählte man in den letzten Monaten bis 8'000 Erkrankungen, davon 150 mit tödlichem Ausgang. Die Krankheit wird durch Stechmücken übertragen. Die betroffenen Patienten erleiden innere Blutungen, an denen vor allem Kinder sterben können. Eine Impfung oder eine ursächliche Behandlung ist nicht bekannt.
Der Blinddarm des Ministerpräsidenten
Der Standard der kambodschanischen Spitäler ist äusserst bescheiden. Wenn ein Tourist in Kambodscha ernsthaft krank wird oder verunfallt, wird ihm dringend geraten, sich ausserhalb des Landes behandeln zu lassen. Die kambodschanischen Medien feierten es als bedeutendes Ereignis, als der eigene Ministerpräsident den Mut hatte, seinen Blinddarm in einem einheimischen Spital und nicht im Ausland operieren zu lassen.
Vor ein paar Monaten wurde über Herzoperationen berichtet, die in einem Spital von Phnom Penh durchgeführt werden. Dazu muss allerdings ergänzt werden, dass für diese Eingriffe jedes Mal ein komplettes Operationsteam samt Ausrüstung aus Frankreich eingeflogen wird. Es wäre medizinisch sinnvoller und wahrscheinlich auch billiger, diese Patienten in Frankreich zu operieren, doch dem französischen Staat ist offensichtlich daran gelegen, sein Prestige mit derartigen spektakulären Aktionen zu erhöhen.
Parlamentswahlen auf kambodschanisch
"Democracy is still a baby in Cambodia" – mit diesen Worten hat ein einheimischer Mitarbeiter von HOPE FOR ALL die kürzlich abgehaltenen Parlamentswahlen kommentiert. In der Tat ist es auch mit gutem Willen und internationalen Beobachtern nicht einfach, in einem Land wie Kambodscha demokratische Wahlen durchzuführen. Auf dem Land können die wenigsten Leute lesen und schreiben. Wer erklärt ihnen, ob sie die Fotografien ihrer Wunschkandidaten ankreuzen oder durchstreichen müssen? Wie verhindert man, dass bezahlte Vertreter einer Partei die Dörfer besuchen und behaupten, in der Hauptstadt gäbe es einen riesigen Computer, der feststellt, wie jemand gewählt hat und der dann die Leute bestraft, welche für die "falsche" Partei gestimmt haben?
Immerhin sind die Wahlen dieses Jahr ohne schwere Zwischenfälle verlaufen. Gesiegt hat die Partei von Ministerpräsident Hun Sen, der das Land schon bisher regiert hat. Im Ausland wurde das Resultat mit Erleichterung zur Kenntnis genommen, denn es verspricht für die kommenden fünf Jahre eine Stabilität, die notwendig ist, damit sich das Land in Ruhe weiter entwickeln kann.
Langnasen und das asiatische Lächeln
In Kambodschas Khmer-Sprache wird ein Ausländer "Barang" genannt. Der Ausdruck leitet sich vom Wort "français" ab. Wenn sich Kambodschaner über das Verhalten von Touristen amüsieren, bezeichnen sie diese gerne als "Langnasen". Doch die Menschen von Kambodscha unterscheiden sich von den Europäern nicht nur in der Nasenlänge, sondern in ihrer ganzen Wesensart.
Die Grenzbeamten am Flughafen von Phnom Penh kommen sich wichtig vor und machen mit Vorliebe ein mürrisches Gesicht. Sonst begegnen einem die Leute in Kambodscha meistens mit einem Lächeln. Was hinter dem Lächeln steckt, ist kaum zu ergründen.
Für einen Kambodschaner ist wichtig, unter keinen Umständen sein Gesicht zu verlieren. Deshalb wird er nie einen Ärger zeigen und auch bei harten Diskussionen kaum laut werden. Eine Bitte seines Gegenübers schlägt er nicht mit einem schroffen "nein" ab, denn dadurch könnte ja der Bittsteller sein Gesicht verlieren.
Hilfe zur Selbsthilfe
HOPE FOR ALL hat dieses Gerät angeschafft (Kosten: 750 US-Dollars), mit dem drei Männer bis 30 Meter tief nach Grundwasser bohren und Brunnen einrichten. Diese Tätigkeit schafft nicht nur eine Existenzgrundlage für die Familien der Bohrequipe. Auch die Bauern erzielen höhere Erträge, wenn ihre Felder dank der Brunnen wirksamer bewässert werden.
42 Leute haben von uns im vergangenen Quartal einen Kredit zwischen 30 und 100 US-Dollars erhalten. Sie brauchen das Geld als Startkapital für einen Kleinhandel mit Gemüse, Früchten oder Kleidern, für Nähateliers, für die Einrichtung von Zweirad-Reparaturwerkstätten oder für ein Schuhmachergeschäft. Ein Händler will ab einem Handwagen Wasser verkaufen und ein "fliegender" Mechaniker möchte defekte Marktstände reparieren.