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Alte Vögelibibliothek und neue Sachlichkeit
Frühere Museumsbauten
Als Ende Oktober 1998 das erneuerte und erweiterte Museum den 600 geladenen Gästen und dann am Eröffnungs-Wochenende einem Publikum von 5000 Personen vorgestellt wurde, war es das vierte Mal in der langen Geschichte des Museums, dass die Öffentlichkeit die ausgestellten Schätze in einer neuen Umgebung bewundern konnte. Nach mehr oder weniger langen Zeiträumen, zuletzt etwa alle 50 Jahre, hatten jeweils Platzmangel sowie neue An- und Herausforderungen das Museum zur Vergrösserung seiner Räumlichkeiten gezwungen.
Casinoplatz - Bibliotheksgalerie
Nachdem in der Stadtbibliothek selbst der Platz für die wachsenden Sammlungsbestände knapp geworden war, wurden die naturkundlichen Objekte 1791 in der Bibliotheksgalerie neu aufgestellt. Die spätere Bezeichnung "Vögelibibliothek" leitete sich von der darin untergebrachten Vogelsammlung Daniel Sprüngli's ab. Die 1773-75 durch Architekt Niklaus Sprüngli erbaute Galerie mit der prachtvollen Fassade diente als repräsentativer Eingang und Ehrensaal zur Bibliothek. Nach dem Auszug der Bibliothek (1894), der Lateinschule (Gymnasium), 1882 bereits des Naturhistorischen Museums, beherbergte die Galerie noch eine Zeit lang das Historische Museum. 1909 wurde sie, in erster Linie wegen des zunehmenden Verkehrs über die Kirchenfeldbrücke, nach einer entsprechenden Volksabstimmung abgebrochen; rote Markierungen im Strassenbelag des Casinoplatzes zeigen noch die Lage ihrer Fundamente. Damit verlor Bern ein städtebaulich wertvolles Element; einzig die Fassade blieb dank den Bemühungen des Berner Architekten Henry B. von Fischer (1861-1949) erhalten und ziert heute den Thunplatz (vgl. Hofer 1947, Schnell 1999).
Waisenhausstrasse
1882 eröffnete das Naturhistorische Museum erstmals ein eigenes Gebäude an der damaligen Waisenhausstrasse, heute Ferdinand-Hodler-Strasse (vis-à-vis des Kunstmuseums). Das Werk von Architekt Karl Alexander Albert Jahn (1841-1886) war 1878 begonnen und in zweijähriger Bauzeit fertiggestellt worden. Von diesem Bau sind keine Spuren mehr übriggeblieben; auch sein inneres Aussehen ist nicht dokumentiert. Das Gebäude wurde 1930 der Obertelegraphendirektion (später: PTT-Betriebe) verkauft und nach dem Umzug des Naturhistorischen Museums an die Bernastrasse im Jahr 1934 abgerissen.
Bernastrasse (Altbau)
Die Geschichte des dritten Museumsgebäudes, an der Bernastrasse in den Jahren 1932-34 erstellt (seit 1995 als "Altbau" bezeichnet), ist untrennbar verbunden mit der von Wattenwyl-Sammlung afrikanischer Säugetiere, welche als Afrika-Dioramenschau noch heute das eigentliche Markenzeichen des Berner Museums bildet. Zwar wurden bereits 1888 Klagen über erneuten Platzmangel im zweiten Museumsbau laut, dem man später mit einem zusätzlichen Glaspavillon abzuhelfen versuchte. Doch unlösbar wurde das Raumproblem durch die Sammelexpedition (1923-24) von Vater und Tochter von Wattenwyl. Bernard von Wattenwyl war begeisterter Grosswildjäger und wollte dem Museum seiner Heimatstadt eine Kollektion afrikanischer Grosstiere schenken, welche in Dioramen, d.h. in einer Nachbildung ihres natürlichen Lebensraums gezeigt werden sollten. Der Vater kam während der Expedition ums Leben, doch seine Tochter Vivienne führte das Vorhaben erfolgreich zu Ende und brachte die Jagdausbeute sicher nach Bern. Über diese bewundernswerte Leistung wurde bereits viel geschrieben; die vielfältigen Zusammenhänge zwischen dieser Jagdexpedition und der Dioramenschau im Berner Museum sind in einer 1998 erschienen Schrift nachzulesen (Bundi 1998).
Der Bau an der Bernastrasse wurde möglich durch einen Landabtausch. Die Obertelegraphendirektion erwarb die Liegenschaft an der Waisenhausstrasse, um darauf eigene Erweiterungspläne zu verwirklichen. Der Burgergemeinde andererseits wurde der Ankauf einer Parzelle an der Bernastrasse, zwischen dem Historischen Museum und der Landesbibliothek gelegen, ermöglicht. An der Finanzierung des grossen Vorhabens (Kosten: 1.7 Millionen Franken) beteiligten sich der Kanton und die Einwohnergemeinde mit je 200 000 Franken, und der 1928 eigens zur Realisierung der Afrika-Dioramen gegründete Museumsverein bezahlte jährlich 5000 Franken an die Betriebskosten.
Gewinner des Wettbewerbs war das Architektenteam Werner Krebs und Hans Müller aus Zürich (Kurzbiographie: Rucki und Huber 1998). Das Projekt sah ein hufeisenförmiges Gebäude mit vier, im quergestellten Nordtrakt fünf Stockwerken vor, welches einen nach Süden offenen Innenhof umgibt. Die Realisierung erfolgte in Etappen, wobei die 1937 ausgeführte Verlängerung des östlichen Längstrakts im Projekt bereits enthalten war. Drei spätere, im ursprünglichen Projekt nicht vorgesehene Veränderungen betrafen die Verlängerung des Westtrakts (1960), eine gegen den Innenhof hin vergrösserte Eingangshalle (1970-71) und im Jahr 1976 die Unterkellerung des Nordtrakts.
Das Gebäude an der Bernastrasse gilt als exemplarisches Beispiel der Schweizer Moderne. Der Kontrast zum historisierenden Bau des Bernischen Historischen Museums (Baubeginn 1892) macht die Wesenszüge der "neuen Sachlichkeit" besonders augenfällig. Entsprechend wird dem Bau in der einschlägigen Literatur hohe Anerkennung gezollt: "Das Naturhistorische Museum, das in der direkten Umsetzung seines zweckdienlichen Konzepts viel mit einem Industriebau gemeinsam hat, ist in seiner aufgeklärten, jeglicher Monumentalität abholden Sachlichkeit ein wichtiger Beitrag zur Schweizer Moderne." (Schweiz. Architekturführer 1992-96). "Sein klares architektonisches Konzept macht diesen Bau zu einem der wichtigen Zeugen der schweizerischen Moderne. Besondere Beachtung verdienen die Details und die grosszügige Innenraumgestaltung." (Graf 1987). Diese architekturhistorische Bedeutung war beim Erweiterungs- und Umbauprojekt von 1992 unbedingt zu berücksichtigen.
Neubau: die Museumserweiterung
Ziele der Erweiterung
Durch seine bauliche und personelle Struktur von 1934 (damals 10 Mitarbeiter) war das Berner Naturhistorische Museum in erster Linie ein "Schaumuseum", ausgerichtet auf permanente Dioramenausstellungen mit afrikanischen und einheimischen Tieren und eine systematisch angeordnete, inhaltlich grossartige und einzigartige Mineraliensammlung. Den neuen Anforderungen, insbesondere im Dienstleistungssektor und in der Öffentlichkeitsarbeit, versuchte man gerecht zu werden mit einer allmählichen Vermehrung des Personals (1984: 26 reguläre Stellen, verteilt auf 34 Personen), improvisierten Arbeits- und Depoträumen, Auslagerung von Sammlungsbeständen (Estrich von Schloss Landshut, Lagerhalle am Stadtrand, ehemaliger Schweinestall in Oltigen) und thematischen Wechselausstellungen gerecht zu werden. Erst die Erweiterung von 1992 gestattete es, endlich die längst erforderliche Infrastruktur zu schaffen, die Planungsfehler von 1932 zu korrigieren und das Museum für den Schritt ins neue Jahrtausend vorzubereiten. Fünf Ziele wurden dabei angestrebt:
- Geeignete Magazinräume (Depots) für die wissenschaftlichen Sammlungen, d. h. etwa 80% des Sammlungsgutes, welches primär wissenschaftlichen Zwecken dient oder nicht dauernd ausgestellt ist.
- Eine klare Trennung von Publikumszone und internem Bereich sowie der Ausstellung von den Sammlungsmagazinen (grosse Teile der Studiensammlung waren im alten Ausstellungsmobiliar untergebracht).
- Neue, grosszügige Ausstellungsräume.
- Bereitstellen von Arbeitsräumen, Labors und Ateliers für die Arbeit "hinter den Kulissen" - d. h. Ausstellungsgestaltung und wissenschaftliche Tätigkeit -, damit das Museum seine vielfältigen Aufgaben optimal erfüllen kann.
- Ein Arbeitsraum für Schulklassen und Kurse.
Die fünf Ziele wurden mit der Fertigstellung des Erweiterungsbaus und dem Umbau im Jahre 1999 erreicht.