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Gleich zu Beginn des Buches spiegelt sich die mangelnde Selbstreflexion des Deutschen Fachjournalistenverband über die eigene journalistische Praxis wider: Das Buch ist in ausschliesslich männlicher Sprache verfasst. Die einleitende Autorin Christin Fink setzt fort, dass der Positive Journalismus „von den beabsichtigen Wirkungen her zu definieren“ (ebd.) ist und will der Negativitätsdominanz in den Medien entgegensteuern. Die wirkungsorientierte Begriffsauffassung des Positiven Journalismus orientiert sich in erster Linie am Output der produzierten Werke und nicht am Input. Darüber hinaus wird festgehalten, dass eine Abgrenzung zu anderen journalistischen Genres aufgrund von Überschneidungen nicht möglich sei (ausser seine Abgrenzung zum negativen Journalismus).
Der Positive Journalismus beabsichtigt, die verzerrte Wirklichkeit, produziert durch negative Darstellungen in Mainstreammedien, aufzubrechen. In diesem Sinn sind nicht nur „bad news, good news“, sondern eben auch „good news, good news“, in Form von konstruktiver Berichterstattung. Man solle also „[o]ptimistische Botschaften verbreiten, die die Menschen inspirieren“ (Seitz 2016, S. 16). Demnach versucht der Positive Journalismus ein komplettes Bild der Welt darzustellen, indem einseitige Abbildungen vermieden und Rezipient_innen somit ausgewogener und umfassender informiert werden. Denn „Nachrichtendefinitionen und -faktoren im Journalismus sind keine feststehenden Gesetzmässigkeiten. Sie werden im Produktionsprozess der Medien interpretiert und festgelegt.“ (Hafez / Grüne, S. 105)
Zudem wird im Positiven Journalismus mit Ansätzen aus der positiven Psychologie hantiert: Der Mensch soll in seinen Lebensbereichen allgemein gestärkt werden. Kurzum, Positiver und Negativer Journalismus sind zwei Seiten einer Medaille, die sich beide in die journalistischen Grundwerte, Objektivität und Neutralität, einflechten lassen. Dass allerdings hinter jedem produzierten Werk subjektive Positionierungen stehen, wird von den Autor_innen des Sammelbandes ausgeblendet. Und das obwohl öffentliche Diskurse in gesellschaftlichen Aushandlungsfeldern entstehen, die in Herrschaftsverhältnisse eingebettet sind.
Journalist_innen deuten beziehungsweise erzählen demnach Geschichten aus ihren Perspektiven, die von der jeweiligen gesellschaftlichen Positionierung abhängig sind. Die deutschsprachigen Mainstreammedien sind zumeist aus männlicher und weisser Perspektive geschrieben, mit dem Auftrag (und in dem Glauben) „objektiv und neutral“ zu berichten: „Journalismus soll informieren, indem er ein möglichst richtiges Bild von nachprüfbaren Tatsachen liefert. Das ist zumindest seine unverzichtbare Kernaufgabe. […] Objektivität und Neutralität können hilfreiche Mittel sein, dieses Ziel zu erreichen.“ (Gehrmann, S. 91)
Systemimmanente LösungenAls Ursachen der dominanten Negativberichterstattung nennt Oliver Bidlo „die Selbstzuschreibung der Journalisten, sich als Korrektiv, als Watchdog zu begreifen.“ (Bidlo, S. 37) In diesem Sinn verweisen negative Nachrichten auf etwas unstimmiges, vermitteln ein bestimmtes Wertekoordinationssystem und haben einen Aufforderungscharakter. Die Frage des „Warum berichten wir darüber?“ wird ausgeklammert. Denn Journalist_innen berichten mehrheitlich über das, was nicht in Ordnung zu sein scheint. Die vermittelte „permanente Infragestellung der vorhandenen Ordnung“ (ebd., S. 45) stattet negative Nachrichten mit einem Authentizitätsanspruch aus, der sich aus vergangenen Erfahrungen und Erkenntnissen speist. Hier lässt sich entgegnen, dass weder der Positive noch der Negative Journalismus wirklich gesellschaftskritisch berichten. Beide Ansätze agieren systemimmanent, indem sie vermeiden, an strukturellen Ungleichheiten zu rütteln, sondern lediglich auf die Probleme und deren scheinbare Lösungen hinweisen.
Der Technologiekritiker Evgeny Morozov nennt diese Ideologie „Solutionism“: Es ist die Idee, dass es für jedes Problem eine einfache technologische Lösung gibt. Morozov geht davon aus, dass dieser Solutionism zusätzlich verschleiert, was für Fragen überhaupt gestellt werden könnten und sollten. Oder vielmehr, dass eben die Fragen selbst schon systemimmanent und daher gar nicht mehr auf Erneuerung oder Verbesserung im sozialen oder politischen, sondern nur noch im kapitalistischen Sinne abzielen, wobei beide journalistische Ansätze dieselbe Art des systemimmanenten, ideologisch aufgeladenen Geschichtenerzählens verfolgen. Nur soll der Positive Journalismus Krisen beheben, ohne dabei den Kontext zu hinterfragen. Er arbeitet zwar nicht, wie der Negative Journalismus, mit fürchterlichen Bildern, die zum Beispiel mit negativ geprägten Einstellungsmustern vieler Mediennutzer_innen gegenüber „Fremden“ korrelieren, sondern versucht, Identifikations-, Empathie und Wertemuster zu aktivieren, um Kosmopolitismus und weltweite Solidarität zu begünstigen.
Dennoch bleibt zu hinterfragen, auf welche Werte- beziehungsweise Identifikationsmuster hier eigentlich genau zurückgegriffen wird? Denn die mediale Produktion von normativen Stereotypen, um Bezugspunkte zur Leser_innenschaft herstellen, ist genauso problematisch wie dessen Verbindung von Klischees mit negativen Ereignissen. Auf die Aushandlungsprozesse von gesellschaftlichen Normen und Werte geht man also nicht ein: „Gibt es nämlich ein Stereotyp, das mit spezifischen Eigenschaften gefüllt ist, so hat es auch eine positive Berichterstattung schwer, Aufmerksamkeit zu erhalten und in der Erinnerung der Leser zu bleiben.“ (Thimm / Witsch, S. 203)