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Werner Müller-Grimmel, Stuttgarter Zeitung (26.05.2008)
Jacques Fromental Halévys "Clari" mit Cecilia Bartoli am Opernhaus Zürich
Wenige Monate nachdem die französische Oper "Le Comte Ory" des italienischen Komponisten Gioachino Rossini 1828 in Paris aus der Taufe gehoben wurde, machte dort dessen französischer Kollege Jacques Fromental Halévy mit der Uraufführung seiner italienischen Oper "Clari" Furore. Die berühmte Maria Malibran, die als Titelheldin maßgeblich zu diesem Erfolg beitrug, war damals gerade zwanzig Jahre alt. Im Gegensatz zu "Ory", den soeben auch die Staatsoper Stuttgart ins Repertoire genommen hat, verschwand "Clari" jedoch bald in der Versenkung. Erst mit seiner sieben Jahre später herausgekommenen Grand Opéra "La Juive" - derzeit sowohl in Stuttgart als auch am Opernhaus Zürich auf dem Spielplan - erwarb sich Halévy dauerhaften Ruhm.
Dank Cecilia Bartoli ist nun in Zürich auch "Clari" aus langem Dornröschenschlaf erweckt worden. Bei ihren Recherchen zu Malibran, deren 200. Geburtstag sie seit dem Erscheinen ihres neuen Albums "Maria" mit einer weltweiten Konzerttournee feiert, hat Bartoli auch Halévys Partitur entdeckt.
Die der exzentrischen Primadonna von einst auf Leib und Kehlkopf geschriebene Titelpartie verlangt einen Stimmumfang von fast drei Oktaven, makellose Belcanto-Technik und darüber hinaus anrührendes Charisma. Pietro Giannones Libretto erzählt die Geschichte des naiven Bauernmädchens Clari, das von einem Herzog auf sein Schloss gelockt wird. Als es der Verführer mit der Heirat nicht so eilig hat, flieht Clari zurück zu ihren Eltern, wird jedoch verstoßen, weil sie Schande über die Familie gebracht hat. Gerade noch rechtzeitig erscheint der Herzog, dem nun seine wahre Liebe aufgegangen ist.
Moshe Leisher und Patrice Caurier haben diesen harmlos-melodramatischen Plot in unsere Zeit verlegt und augenzwinkernd als eine Art surrealen Fotoroman inszeniert, in dem exaltierte Charaktere ebenso wie soziale Gegensätze aufeinanderprallen. Clari ist hier eine Unschuld vom ukrainischen Kolchosenlande mit Kittelschürze und Gummistiefeln, die im Internet ihren Traumprinzen gefunden hat, sich auf seine Anzeige bewirbt und in den reichen Westen fährt. Drastisch wird ihr Kulturschock gezeigt, als sie in der hypermodernen Villa eines neureichen Junggesellen ankommt (Bühne: Christian Fenouillat).
Ein Heer von Bediensteten in gelbschwarz gestreiften Uniformen (Kostüme: Agostino Cavalca) umsorgt dort einen Dandy, der sich im goldenen Anzug wie eine Kreuzung aus Elvis und James Dean ausnimmt. Zu Claris Geburtstag wird vor schrill kostümierten Gästen ein Stück aufgeführt. Vergnügen bereitet es freilich nur denen, die dörfliche Ehrbegriffe nicht kennen. Clari dreht durch, muss in eine Klinik eingeliefert werden und setzt sich dort eine Spritze, während die Schwester am Nachtschalter gespenstisch zur Harfenspielerin mutiert.
Bartoli macht begreiflich, warum Malibran einst als Clari frenetisch gefeiert wurde, rollt bedrohlich ihre Rrrrs ebenso wir ihre Augen, steigert sich herzerweichend in Seelenqualen hinein und meistert noch im Pianissimo atemraubend halsbrecherische Koloraturen. Auch John Osborn (Herzog), Eva Liebau, Oliver Widmer, Carlos Chausson, Stefania Kaluza, Giuseppe Scorsin und der von Jürg Hämmerli perfekt einstudierte Chor singen exzellent. Adam Fischer bietet mit dem gepflegt "historisch" musizierenden Orchester "Scintilla" eine mustergültige Aufführung.