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Rezension
von Liliane Studer
Publiziert am 24/07/2014
Das Bild zu Beginn dieses Romans trügt: Rosa und Julius, Enkelin und Grossvater, stehen zusammen zwischen den Apfelbäumen in der Obstwiese und schauen in den Himmel. Grossvater ist ein alter Mann, er kann nicht mehr gleichzeitig sprechen und sprechen, seine Lunge ist voll Schleim. Muss er ausspucken, würgt es Rosa im Hals, und Grossvater entschuldigt sich. Am Morgen braucht er jeweils lange, bis er angezogen ist. Grossmutter wird ungeduldig, wenn er die Manschettenknöpfe wieder nicht findet. Im stattlichen Haus leben drei Generationen: Rosas Grosseltern, ihre Eltern mit ihr und ihem Bruder Frieder. Rosa und Grossvater verbringen viel Zeit miteinander. Er erzählt ihr, wie schön es sei, im Ballon zu fliegen, vor allem nachts, und Rosa wünscht sich, ihn einmal begleiten zu dürfen. Dass Grossvater nur in seinen Träumen fliegt, weiss das Mädchen nicht. Rosa ist die Einzige im Haus, die keine Probleme mit dem alten Mann hat. Auch er ist gerne mit der Kleinen zusammen, «er sucht nach ihr, um Zeit mit ihr zu verbringen, mit ihr zu plaudern und ihr zuzuhören».
Dass Rosa einen ganz natürlichen Zugang zu Julius Brunner hat, mag damit zusammenhängen, dass sie zu klein ist, um zu verstehen, was mit Grossvater war und ist. Sie war erst fünfjährig in diesem Mai 1950, in dem der Roman einsetzt. Ein Jahr zuvor, im Sommer 1949, wurde der Dorfarzt Julius Brunner in die bernische psychiatrische Anstalt Waldau eingeliefert, nachdem er der wiederholten Abtreibung für schuldig befunden wurde. Ins Gefängnis konnte man ihn nicht schicken, seine Gesundheit hätte es nicht erlaubt. Julius Brunners Leben war nicht einfach: er verstand sich als gewissenhafter Arzt, der sich den Frauen verpflichtet fühlte, indem er ihnen half, wenn sie ungewollt schwanger wurden. Er tat das für ihn Naheliegende, er tat es als Arzt und liess sich dafür bezahlen. Mit seiner eigenen Frau hingegen gab es immer wieder Probleme, sie hatten schwierige Zeiten; der erste Sohn überlebte die Geburt nur ganz kurz, beim zweiten Sohn hatte Lina eine Fehlgeburt, nachdem sie beim Fensterputzen von der Leiter gestürzt war. Julius tat sich schwer damit, dass er keine Söhne haben sollte.
Verena Stefan hat die Akte ihres eigenen Grossvaters intensiv studiert – sie umfasst achthundert Seiten und lagert im Staatsarchiv des Kantons Bern. Zusätzlich hatte sie Einsicht in seine Krankengeschichte. Doch wäre es verfehlt zu sagen, dass die Autorin in erster Linie aus (auto-)biografischem Interesse heraus diesen Stoff, diese Geschichten ausgewählt hat. Wie in ihren früheren Büchern steht auch hier ein letztlich politisches Thema im Vordergrund: In der Nachkriegsschweiz wurde es enger und normierter, was vor allem für Frauen bedeutete, sich zunehmend in einem starren Rollenkorsett zu finden. Für eine aussereheliche Schwangerschaft büsste die Frau. Doch gab es einige wenige Männer, Ärzte, die hier den Frauen halfen – und dafür mit Gefängnis bestraft wurden. Im Roman Die Befragung der Zeit zeichnet Verena Stefan diese Nachkriegsjahre auf eindrückliche Weise. Mit der gekonnten Verknüpfung von Zitaten aus Protokollen, Akten, Krankengeschichten (im Buch kursiv gesetzt) und der Erzählung der fiktionalisierten Geschichte ihrer eigenen Grosseltern zeigt sie Menschen in ihren Überzeugungen, in ihren Handlungen wie auch in ihrem Scheitern. Beeindruckend ist in diesem Roman nicht nur die progressive Haltung des Julius Brunner, berührt nehmen wir teil an einer letztlich gescheiterten Beziehung zwischen Lina und Julius, woran Julius einen grossen Anteil hat. Denn wer hat zu leiden, wenn der Mann Dinge tut, die vor dem Richter und in der Folge mit einer Verurteilung enden? Ob Rosa je begriffen hat, dass Grossvater nie in einem Ballon geflogen ist, sondern dass diese Vorstellung ihm in schwierigen Stunden in der Waldau half, bleibt offen. Doch in den Himmel hinauf schaute sie gerne, auch am Tag von Grossvaters Beerdigung, mit dem der Roman endet.