Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03418.jsonl.gz/683

Seit April dieses Jahres hören wir, die russische Armee sei am Ende, der Feldzug im Osten der Ukraine gescheitert, die Reserven an Marschflugkörpern aufgebraucht und anderes mehr. Ein Glied in dieser Argumentationskette stellte die Reaktivierung von Kampfpanzern des Typs T-62 dar, die, wie der Name schon sagt, über 50 Jahre alt sind. Ein anderes Erklärungsmuster weist in die gegenteilige Richtung: Russland mobilisiert nicht nur Personal, sondern auch Material, und es zieht die Schlüsse aus den Erfahrungen der vergangenen neun Monate. Und Russland hat noch nicht alle seine Karten ausgespielt.
Kommentierten westliche Presse-Erzeugnisse im August dieses Jahres noch hämisch das Auftauchen von Kampfpanzern des Typs T-62 so erzeugte die Lieferung des noch älteren T-55 aus Slowenien an die Ukraine auf der anderen Seite der Front für Belustigung (1). Britische Experten aus nachrichtendienstlichen Kreisen werteten die Lieferung von T-62 Panzern als Ausdruck der Verzweiflung, die aufgekommen sei, nachdem Russland unerwartet hohe Verluste an Panzern habe einstecken müssen (2). Weshalb Russland angesichts der Verfügbarkeit von ca. 7’000 Panzern des Typs T-72 auf den alten T-62 zurückgriff, wäre allerdings noch zu erklären, zumal es unter den mobilisierten Reservisten kaum mehr einen geben dürfte, der am T-62 ausgebildet wurde (3). Hier war britischerseits wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens oder es handelt sich gleich um eine Informations-Operation.
Obwohl als Weiterentwicklung des T-54/55 entstanden, war der T-62 für seine Zeit ein sehr innovativer Kampfpanzer, denn er verfügte als erster über eine Glattrohrkanone, die flügelstabilisierte Pfeilgeschosse verschoss. Diese erreichte eine höhere Mündungsgeschwindigkeit und eine höhere Durchschlagsleistung als die damaligen westlichen Panzerkanonen im Kaliber 105 mm. Auch die Waffenstabilisierungsanlage war ihren westlichen Pendants überlegen. Glattrohrkanonen des Kaliber 120 mm und flügelstabilisierte Pfeilgeschosse, sogenannte APFSDS Geschosse gehören heute zum Standard aller Kampfpanzer der Welt. Damit verfügte die Sowjetarmee bereits über einen solchen Panzer, lange bevor die US-amerikanische Rüstungsindustrie versuchte, der Schweiz den M1 Abrams Panzer mit einer 105 mm Kanone zu verkaufen (4).
Einen Teil der Erklärung für das Auftauchen des T-62 im Osten der Ukraine wird wohl darin bestehen, dass sich auch die international nicht anerkannte Republik Südossetien mit einem Kontingent an der russischen Operation in der Ukraine beteiligt, deren Panzereinheiten nach wie vor mit dem T-62 ausgerüstet sind (5). Für ein defensives Gefecht im Südkaukasus mögen solche vorerst noch genügen, für den Kampf gegen moderne Panzer aber nicht. Für die slowenischen T-55 wird es aber allemal reichen.
Abbildung: Panzer der Streitkräfte Südossetiens in der Ukraine
Quelle: https://osnova.news/n/15713/
Verteidigung am Dnjepr
Man würde sich mit dieser Erklärung zufriedengeben, wenn danach nicht noch weitere Panzer dieses Typs gesehen worden und Berichte über deren Umbau aufgetaucht wären. Ein westlicher Korrespondent berichtete bereits Mitte August, dass die russische Armee beabsichtige, solche Panzer in ihre Verteidigungslinien zu integrieren:
“Russia has established strong, layered defenses, including air cover, in the Kherson region, according to Western military analysts, even using vintage T-62 Soviet battle tanks as stationary artillery pieces to provide defensive support.” (6)
Die russische Armee täte damit dasselbe, wie die Schweizer Armee und das Österreichische Bundesheer zu Zeiten des Kalten Kriegs, die Türme alter Panzer auf Bunker aufbauten, welche in statischen Verteidigungslinien standen. Der Bau von betonierten Fundamenten und der Ausbau von Panzertürmen von ihren Wannen wird in der Ukraine aber nicht notwendig sein, wenn man teilgedeckte Stellungen in Form von Mulden baut, in die ein Panzer hineinfährt oder Betonmauern, hinter welchen Panzer sich aufstellen können. Und das wiederum wäre ein Hinweis darauf, dass die russische Armee sich für längere Zeit in gut ausgebauten Verteidigungslinien einzurichten gedenkt (7). Die Existenz von drei bestens ausgebauten Verteidigungslinien am Südufer der Dnjepr/Dnipro bei Kherson zeigt, dass der Rückzug der russischen Kräfte aus dem Norden der Oblast Kherson keine Verzweiflungstat, sondern eine geplante Aktion war und dass der wochenlange Verteidigungskampf der russischen Truppen in der Oblast Kherson bezweckte, hinhaltend en Kampf so lange zu führen, bis die Verteidigungslinie ausgebaut war.
Kampf um Städte
Auch nach Ausscheiden des T-62 aus dem Dienst bei der Sowjetarmee verblieben viele, des zwischen 1962 bis 1975 in einer Stückzahl von 20’000 Exemplaren gebauten Panzers in Depots in Russland und werden nun reaktiviert (8). Seit dem Ende der Produktion wurden zahlreiche Modifikationen und Modernisierungen am T-62 beobachtet, denn der Typ blieb vielerorts im Einsatz (9).
Die Reaktivierung von T-62 Panzern ist keineswegs eine Improvisation, sondern wurde in mehrfach geübt, zuletzt in der Übung “VOSTOK 2018”. Dabei tauchten T-62 auf, die durch Reaktivpanzerung verstärkt worden waren, was den eigentlichen Schwachpunkt des T-62, seinen vergleichsweisen Panzerschutz zumindest teilweise kompensiert (10). Gegen den Beschuss mit Pfeilmunition aus Panzerkanonen bleibt der T-62 aber ungenügend geschützt, was seinen Einsatz gegen moderne Kampfpanzer ausschließt. Wenn aber eine aktive Schutzausrüstung wie die “Shtora” und eine Reaktivpanzerung wie z.B. die “Relikt” dazu kommen, dann schützt das den Panzer recht gut gegen Panzerfäuste und Panzerabwehr-Lenkwaffen.
Zur Reparatur und Wartung von T-62 Panzern sollen in Moskau und Rostow-am-Don eigens neue Fabriken gebaut worden sein (11). Das bestätigt die Erkenntnis, wonach Russland sich in kriegswirtschaftlicher Hinsicht schon vor einiger Zeit auf einen Krieg vorzubereiten begann.
Aufschlussreich ist auch die Tatsache, dass nun auch Berichte erschienen, die von der Modifikation von T-62 zu einem Leichtpanzer sprechen. Ausgerüstet mit einer 57 mm Schnellfeuerkanone, deren Rohr bis zu 60° erhöht werden könne, soll der T-62-57 wohl weniger als Flugabwehr-Panzer zum Einsatz kommen, sondern eher Gegner in erhöhten Stellungen bekämpfen. Solche waren in den Straßenkämpfen überall im Osten der Ukraine zu beobachten, ganz besonders in Mariupol (12). Eine leichtere Bewaffnung mit der dadurch zu erwartenden Verringerung des Gesamtgewichts dürfte das Zusatzgewicht der reaktiven Panzerung zumindest teilweise kompensieren, sodass sich die Einschränkungen im Bereich der Mobilität in Grenzen halten dürften. Und der Einbau eines stärkeren Motors in den T-62 würde dessen Schwachpunkt der, für heutige Verhältnisse bescheidenen Geschwindigkeit des Fahrzeugs gutmachen (13). Der, im Vergleich geringe spezifische Bodendruck des T-62 verschafft ihm sicherlich in weichen Böden, wie sie im Winter im Süden der Ukraine typisch sind, eine gute Beweglichkeit im Gelände.
Zeichnung: Leichtpanzer T-62-57 (ohne Reaktivpanzerung)
Quelle: https://alternathistory.com/novyj-lyogkij-tank-rossii-t-62-57/
In diesem Sinne sollen T-62-57 offenbar eine ähnliche Rolle einnehmen wie der Leichtpanzer BMPT “Terminator”, der in den Kämpfen in Severodonetsk und Lysychansk eingesetzt war, um die motorisierten Schützen der russischen Armee von der Aufgabe des Schutzes der Panzer in Städten zu entlasten. Ein ähnliches Projekt wird schon auf der Basis des Kampf-Schützenpanzers BMP 3 verfolgt (14). Wenn das der Fall wäre, dann würde dies darauf hindeuten, dass Russland die Führung von Kampfhandlungen in überbautem Gelände vorbereitet und damit den Kampf um die Städte in der Ukraine noch keineswegs aufgegeben hat.
Fazit
Die russische Armee hat den Bedarf nach einem Leichtpanzer für die Unterstützung in Verteidigung und im Kampf im überbauten Gelände erkannt und die Rüstungsindustrie zieht ihre Konsequenzen daraus. Der T-62 kommt in den Osten der Ukraine, um zu bleiben. Gleichzeitig ist interessant, welche Panzerfahrzeuge im Krieg noch nicht in Erscheinung getreten sind: Vom T-15 Kurganets hat man noch nichts gesehen. Die eine Erklärungsvariante ist, dass dieser noch nicht einsatzbereit ist, und dass rasch eine Ersatzlösung gefunden werden musste. Die andere ist: Russland hält sich eine Reserve zurück. Ähnliches gilt für den T-14 Armata. Russland wird wohl kaum seinen Feldzug abbrechen, bevor es nicht die letzten Trümpfe ausgespielt hat.
Anmerkungen:
- Siehe David Axe: Slovenia Is Giving Ukraine Some Very Old Tanks. But Age Can Be Deceiving, bei Forbes, 19.09.2022, online unter https://www.forbes.com/sites/davidaxe/2022/09/19/slovenia-is-giving-ukraine-some-very-old-tanks-but-age-can-be-deceiving/.
- Siehe “Britische Experten: Russland greift in Ukraine auf 50 Jahre alte T-62-Panzer zurück”, in: http://www.n-tv.de. 27. Mai 2022, online unter https://www.n-tv.de/ticker/Britische-Experten-Russland-greift-in-Ukraine-auf-50-Jahre-alte-T-62-Panzer-zurueck-article23359907.html. Eine gute Übersicht über T-62 gibt Tankograd, online unter https://thesovietarmourblog.blogspot.com/2015/12/t-62.html. Eine kurze Zusammenfassung der Entwicklungsgeschichte: “Wie kam der T-62 zu seiner 115mm-Kanone?”, online unter https://aw.my.games/de/wie-kam-der-t-62-zu-seiner-115mm-kanone. Vgl. auch Das Panzerdetail.kotsch88.de, zur Kanone, siehe http://www.kotsch88.de/g_115_mm_d-68.htm und zur Stabilisationsanlage: http://www.kotsch88.de/g_115_mm_d-68.htm,
- In Russland waren zu Beginn des Krieges 7’000 T-72 verschiedenster Versionen eingelagert. Siehe The International Institute for Strategic Studies (IISS): The Military Balance 2018, London 2018, S. 194.
- Siehe Herbert Wanner: Die Panzerbeschaffung unserer Armee, in: Allgemeine schweizerische Militärzeitschrift ASMZ Band 147 (1981), Heft 12, S. 785 – 788, online unter https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=asm-004:1981:147::1360.
- Siehe Defense Express: Ossetian Units to Use T-62 Against Ukraine, 22.06.2022, online unter https://en.defence-ua.com/weapon_and_tech/ossetian_units_to_use_t_62_against_ukraine-3346.html und Осетинск батальон на Донбассе утяжелили танками”, bei osnova.news (in russischer Sprache). 06.2022, online unter https://osnova.news/n/15713/.
- Siehe Tim Lester: Russian troops in south Ukraine squeezed as Kyiv ramps up strikes on bridges, ammo depots, bei CNN.com, 16.08.2022 , online unter https://edition.cnn.com/2022/08/16/europe/ukraine-kherson-russia-bridge-strikes-intl/index.html.
- In der Schweiz hießen solche festen Anlagen Centi-Bunker. Der Verfasser arbeitete noch selbst in solchen.
- Siehe The International Institute for Strategic Studies (IISS): The Military Balance 2012. Auflage, London 2012, S. 193,196.
- Siehe beispielsweise Вестник: 07.2013, online unter Омская модернизация Т-62: дешево и сердито.
- Siehe auch Michael Sheldon: #PutinAtWar, Soviet Tanks Reactivated in Russia’s East, 07.09.2018, online unter https://medium.com/dfrlab/putinatwar-soviet-tanks-reactivated-in-russias-east-a81a111051a1.
- Siehe Boyko Nikolov: 800 Soviet T-62 tanks from the 60s enter UralVagonZavod for repair, bei Bulgarian Military, 13.10.2022, online unter https://bulgarianmilitary.com/2022/10/13/800-soviet-t-62-tanks-from-the-60s-enter-uralvagonzavod-for-repair/.
- Siehe Альтернативная История: Новый лёгкий танк России Т-62-57 Новый лёгкий танк России Т-62-57, 08.2022, online unter https://alternathistory.com/novyj-lyogkij-tank-rossii-t-62-57/ und “Более того, углы возвышения орудия +60 градусов, что открывает возможность ведения огня по вертолётам и штурмовикам противника, а также БПЛА. Причём для этого можно использовать снаряды с дистанционным подрывом, что сделает из Т-62-57 неплохую зенитную установку для прикрытия с воздуха“. Siehe Новый лёгкий танк России Т-62-57, bei Дзен, ДмД Бронетехника, 18.08.2022, online unter https://dzen.ru/media/id/5c1d7091bf2b9100aa8b96c2/novyi-legkii-tank-rossii-t6257-62fd024e1754ad1185ff205d (in russischer Sprache).
- Spezifischer Bodendruck T-72 = 0,9 kg/cm2, siehe http://t-72.de/alt/html/t-72.html. T-62 = 0,77 kg/cm2; siehe Spezifischer Bodendruck, online unter https://www.wiki.de-de.nina.az/Spezifischer_Bodendruck.html.
- Siehe “BMPT BMP-T tank support infantry fighting combat armoured vehicle technical data sheet information U“, in: armyrecognition.com, online unter https://www.armyrecognition.com/russia_russian_army_light_armoured_vehicle_uk/bmpt_bmp-t_tank_support_infantry_fighting_combat_armoured_vehicle_technical_data_sheet_information_u.html#top und https://dzen.ru/a/Y2K_BT3h7wQR5WHY.
- Titelbild Graustufenfoto Des Mannes, Der Gewehr Hält von asim alnamat auf com, 16.11.2020, online unter https://www.pexels.com/de-de/foto/graustufenfoto-des-mannes-der-gewehr-halt-404995/.