Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03433.jsonl.gz/1686

Radioaktivitäts-Warnschild bei Prypjat, Tschernobyl
Katastrophale nukleare Unfälle wie die Kernschmelzen in Tschernobyl und Fukushima sind häufiger zu erwarten als bisher angenommen. Dies schreiben Wissenschaftler um Jos Lelieveld, Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz. Die Forscher analysierten die Laufzeiten aller zivilen Kernreaktoren der Welt sowie die bisher aufgetretenen Kernschmelzen. Daraus errechneten sie, dass schwere Reaktorunfälle im momentanen Kraftwerksbestand etwa einmal in zehn bis zwanzig Jahren auftreten können. Nukleare GAUs sind damit rund 200-mal häufiger als in der Vergangenheit geschätzt wurde.
Die Forscher gingen aber noch weiter ins Detail. Vor allem das radioaktive Material Cäsium-137 nahmen sie unter die Lupe. Anhand eines aufwändigen Computermodells, das die Erdatmosphäre beschreibt, ermittelten sie, dass die Hälfte des Cäsiums bei einem GAU mehr als 1000 Kilometer weit transportiert würde; weitere 25 Prozent würden in einem Radius von mehr als 2000 Kilometer verteilt. Das bedeutet, so die Forscher, dass Westeuropa im Durchschnitt einmal in 50 Jahren mit mehr als 40 Kilobecquerel radioaktivem Cäsium-137 pro Quadratmeter belastet wird. Ab dieser Menge gilt ein Gebiet als radioaktiv kontaminiert.
«Im weltweiten Vergleich tragen die Bürger im dicht besiedelten Südwestdeutschland durch die zahlreichen Kernkraftwerke an den Grenzen von Frankreich, Belgien und Deutschland das höchste Risiko einer radioaktiven Kontamination», schreiben die Wissenschaftler. In Westeuropa wären bei einer einzigen Kernschmelze durchschnittlich 28 Millionen Menschen von einer Kontamination mit mehr als 40 Kilobecquerel pro Quadratmeter betroffen. Noch höher ist diese Zahl in Südasien. Ein schwerer nuklearer Unfall würde dort rund 34 Millionen Menschen betreffen, im Osten der USA und in Ostasien 14 bis 21 Millionen Menschen.
Aufgrund dieser Erkenntnisse fordern die Forscher eine Neubetrachtung der Risiken, die von Kernkraftwerken ausgehen. Weltweit sind derzeit 440 Kernreaktoren in Betrieb, 60 weitere sind in Planung.