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Geschichte
Babylon: der Gründungsmythos von Berlin
Babylon bezeichne heute nichts anderes als die "paradigmatische Metropole" schreiben die Herausgeber im so bezeichneten "Aufriss" dieser Publikation. "Sie setzt sich der Babylon-Faszination auf die Spur, die zwischen den 1890er und den 1930er Jahren so viele deutsche Architekten, Schriftsteller, Regisseure, bildende Künstler, Wissenschaftler, Industrielle und Politiker in ihren Bann schlug und in Berlin ihren prominentesten Austragungsort fand", heißt es da weiter. Das Deutschland der Wilhelminischen und Weimarer Epoche hätte sich dieses Babylon erfunden, wenn es nicht tatsächlich jüngst in der Gründungszeit der neuen Hauptstadt und Metropole ausgegraben worden wäre. Denn Berlin war bei der Reichsgründung - anders als London, Paris oder Wien jener Zeit - eher provinziell geprägt und brauchte einen entsprechenden Gründungsmythos, nachdem das Image "Spree-Athen" nicht so richtig griff, da deutlich zu klein und Griechenland politisch unbedeutend.
Berlin: Schatzkammer Babylons
Wer im heutigen Berlin bei der U2 Klosterstraße hinunter zu den Gleisen schreitet, wird bald feststellen, dass "die Reihe von Volutenbäumen, die sich in ihrer abstrakten Ästhetik nahtlos in die gelb-blaue Wandkachelung des Vestibüls einfügen dieselben stilisierten Palmen verkörpern, die auf der Thronsaalfassade Nebudkadnezars II. vor dem Ischtar-Tor im Pergamonmuseum" zu besichtigen sind. Auch letztere befinden sich nämlich in Berlin, genauer gesagt auf der Museumsinsel im Zentrum und tatsächlichen Herzen der Stadt, man möge sogar noch Schatzkammer hinzufügen, wenn man an den ebenfalls dort ausgestellten Kopf der Nofretete denkt. Aber wieso hatte sich das Berlin der Gründungszeit ausgerechnet Babylon, das gemeinhin als "topische Heimat der Apokalypse" gilt, für seinen Gründungsmythos ausgesucht? Nomen est Omen?
Stadt, Schrift, Staat, Sterne und Scherben
Die hier vorliegende Anthologie beschäftigt sich mit dieser Frage in historischen Texten und Materialien in nicht chronologischer Reihenfolge aber nach den Themen Stadt, Schrift, Staat, Sterne und Scherben geordnet und in literarischer, journalistischer und wissenschaftlicher Form sowie mit zeitgenössischen Fotografien, Zeichnungen und Illustrationen. Ergänzend enthält der Anhang ein Register wichtiger Personen-, Götter- und Ortsnamen zum babylonischen Faszinationskomplex und ist so quasi als ein Who-is-who des Babylonismus um 1900 zu lesen.