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So taktvoll ist wohl noch kaum eine literarische Weltkarriere ausgeklungen. Philip Roth, der am 22. Mai im Alter von 85 Jahren in Manhattan verstarb, hatte sich 2005 erst von der grossen Romanform verabschiedet und dann, nach vier kleineren Büchern, 2009 ganz zu schreiben aufgehört.
Seither hat er noch dankend einige Preise entgegengenommen, in einem offenen Brief an Wikipedia irrtümliche Angaben auf seiner Seite richtiggestellt und vereinzelte Interviews gegeben – das letzte am 16. Januar 2018 in der «New York Times», nur noch per E-Mail. Zwei Monate zuvor war mit dem Band «Why Write?», der Essays, Reden und Gespräche aus einem halben Jahrhundert versammelt, die Publikation von Roths Gesamtwerk in der Library of America abgeschlossen worden. Acht Jahre nach dem Ende der schriftstellerischen Tätigkeit war so auch ihre Kanonisierung vollzogen, und der Autor, der keiner mehr war, konnte sterben.
Was liess Roth zu einer derart unbestrittenen Autorität werden, dass er zuletzt gelassen auf die Ausübung seiner Kunst verzichten konnte? Sicher ist da der ebenso eindringliche wie elegante Umgang mit der Sprache, jenem amerikanischen Englisch, von dem der Nachfahre osteuropäischer Juden einmal sagte, es habe ihm seit seiner Kindheit in Newark, New Jersey, durch den Klang der Namen, die Vielfalt der Dialekte und die Schlaumeiereien des Slangs die Weite Amerikas erschlossen. Und sicher war Roth ein Virtuose der Romanform, die er zunehmend durch mäandrierende, vor- und zurückspringende Erzählgänge ausweitete. Aber fast noch bedeutsamer erscheint im Rückblick eine andere Eigenheit: Roths Abarbeitung an der US-Zeitgeschichte.
Die Vielfalt der Dinge
Verbunden war das mit Roths Credo des realistischen Romans. In seiner Rede zur Feier des 80. Geburtstags, die den Abschluss von «Why Write?» bildet, bekannte er sich 2013 zur literarischen «Repräsentation der belebten und unbelebten Dinge». Er habe versucht, «für jedes letzte amerikanische Ding ein möglichst treffendes verbales Abbild» zu finden. Ein Jahr später schilderte er diese Dingvielfalt in einem Interview mit «Svenska Dagbladet» unter einem politischen Gesichtspunkt: Keine «homogene Bevölkerung, keine nationale Identität, keinen einzigen Nationalcharakter» habe Amerika aufzuweisen, und «fast keine Wahrhaftigkeit, nur Konflikte überall». Dieses Feingefühl für das Einzelne, das kein Allgemeines, sondern nur eine Konfliktlage repräsentiert, prägt Roths literarische Darstellungen von Geschichte. Vom Zweiten Weltkrieg über die McCarthy-Jahre und die Gegenkulturen der Sechziger und Siebziger bis zur Endphase des Kalten Kriegs und den Kulturkämpfen der neunziger Jahre: Stets erscheinen seine (überwiegend männlichen) Helden als Einzelfälle, die durch ihr Schicksal die Mär widerlegen, dass die US-amerikanische Fortschrittsgeschichte hin zu globaler Freiheit und Gleichheit verlaufe.
So erstaunt es nicht, dass der Autor sich verschiedentlich sehr pessimistisch über die US-Politik äusserte. Im Interview mit «Svenska Dagbladet» kritisierte er in seiner bekannt witzigen Art die ökonomische Ungleichheit, und er beklagte die «alte amerikanische Plutokratie», die «die Interessen der Grossfinanz» vertrete. Das war 2014, und US-Präsident war jener Barack Obama, der Roth drei Jahre zuvor im Weissen Haus die National-Humanities-Medaille verliehen hatte. Über George W. Bush hatte Roth einmal gesagt, er sei nicht nur unfähig, eine Nation zu führen, nicht einmal für einen Klempnerladen reiche es. Und das letzte Wort über den Präsidenten Donald Trump lautete – im Interview vom Januar 2018: «ein massiver Betrugsfall, die böse Summe all seiner Mängel, einer, der nichts vorzuweisen hat als die hohle Ideologie eines Grössenwahnsinnigen».
Gegen die Heuchelei
Schrieb Roth derart zeit seines Lebens gegen die «gigantischen Heucheleien» Amerikas an, so arbeitete er sich gleichzeitig an den Erzählformen und Motivkomplexen der westlichen Literaturgeschichte ab. Mal war es die literarische Form der Klage («Portnoy’s Complaint», 1969), mal jene des Bekenntnisses («Operation Shylock», 1993), mal die mittelalterliche Allegorie von Jedermann («Everyman», 2006) und mal Miltons Epos vom Verlust und Wiedergewinn des Paradieses («American Pastoral», 1997), die er umarbeitete und neu interpretierte. Aber all dies sollte nicht besagen, dass die literarischen Formen von zeitloser Wahrheit seien. Vielmehr verlangten die von Roth erfundenen Einzelschicksale, die aus den amerikanischen Konflikten resultierten, gerade die Umarbeitung der tradierten Formen. So gelang ihm in seinen höchst verdichteten und mit grösster Genauigkeit ausgeführten Plots oft beides zugleich: die Neuschreibung der US-Zeitgeschichte und der literarischen Tradition.
Lässt dieses minutiös austarierte Verhältnis von Literatur und Geschichte Roth als geradezu kanonischen Autor par excellence erscheinen, so ist es eine andere Frage, ob das für die Nachwelt wohlgeordnete Werk auch in Zukunft gelesen wird. Auch diesbezüglich war Roth Pessimist: Bereits in zwei Jahrzehnten, prophezeite er 2014, werde die Leserschaft eines US-Romans nicht grösser sein als die derzeitige Leserschaft lateinischer Gedichte. Wir werden sehen.