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Versuche mit einem Selbstportrait von Innen
Meine Versuche gehen auf eine Information (2003) einer Architektin zurück, die
mir erzählte, im Moment arbeite sie an einem Wettbewerb für ein Adorno-
Denkmal.
Ich kann natürlich keine solche Mitteilung erhalten, ohne dass ich selber auch zu
überlegen beginne, wie ich denn so ein Problem angehen würde.
Meine Überlegungen dazu gingen in folgende Richtung:
Adorno erhält ein Denkmal wegen der Leistungen seines Gehirns, des Inneren
seines Kopfes. Kann man so etwas anschaulich machen? Lässt sich der
Betrachter des Denkmals in das Innere dieses Kopfes versetzen, um zu
suggerieren, für einen kurzen Moment die Welt mit Adornos Wahrnehmung zu
sehen? (und damit neugierig auf die Lektüre seiner Texte zu werden?)
Etwas einfach umgesetzt: den Kopf nicht als ‚Positiv’, als Gesicht, das ich
ansehe, sondern irgendwie als Gesichtsoberfläche von Innen wahrnehmen, als
Hohlform, sozusagen als Adorno-Maske, die ich beim Überstülpen einen Moment von Innen ansehe.
Ich versuchte, das mit meinem Gesicht auszuprobieren. Ich drückte mein
Gesicht in den Schnee und fotografierte den Abdruck.
Dabei machte ich die Feststellung, dass das Auge das Negativ sofort ins
Positive ‚korrigiert’, d.h. die Hohlform als solche gar nicht wahrnehmen will.
Als ich diesem Phänomen etwas nachging, stellte ich natürlich fest, dass es den
Wahrnehmungswissenschaftlern und Künstlern längst bekannt ist, und virtuos
damit gespielt wird (Bruce Nauman in Venedig, Friedrich Kuhn, und andere)
Dies als Einleitung zu meinen Versuchen.
Beispiel: Eindrücke in Gips als ‚Sicht von Innen‘, aber nur als ‚Positiv‘ wahrnehmbar.
Votivbild eines Atheisten:
Meine Geschichte zu diesem Titel in Kürze: November 1996, sehr aggressive Schmerzen in der linken Leistengegend endeten mit der Diagnose „Nierenstein auf der linken Niere“.
Die Operation verlief erfolgreich. Bei der Schlussuntersuchung betrachtete der Ultraschallspezialist auch noch die rechte Niere und stellte dort einen Schatten fest. Er schickte mich zur genaueren Abklärung.
Der Tomograph zeigte dann einen pingponggrossen Tumor auf der rechten Niere. Ob Krebs oder ungefährlich, liesse sich nur während der Operation feststellen, sagte der Spezialist. Falls er gefährlich sei, werde man die rechte Niere gleich mit entfernen. Ich gab natürlich meine Einwilligung zu diesem Vorgehen. Als ich aus der Narkose aufwachte, teilte man mir mit, Tumor und Niere seien entfernt worden.
Damit komme ich zum Thema. Ich war meiner linken Niere für ihren Schmerz-Alarm sehr dankbar, ebenso dem sorgfältigen Ultraschall Spezialisten. Bei diesem bedankte ich mich, und bei der Niere führte ich das von den Pflegerinnen eingeführte Einsalben beider Nierengegenden auch nach der Genesung weiter, bis heute.
Als ich auf einer Reise feststellte, dass dieses morgendliche Salben der Nierengegenden einfach nicht möglich war, mangels Salbe, passierte mir ein merkwürdiger und absurden kleiner Schock, nämlich unvermittelt die Angst, die linke Niere könnte mir diese Unterbrechung meines Dankens übelnehmen.
Meine Folgerung, das Salben war offenbar längst zum Dankbarkeitsritual geworden. Und damit war die Brücke zum Votivbild gegeben. Die Kirchen hatten ja in ihrer Geschichte Dankbarkeit immer geschickt ausgenützt. Könige stifteten nach Rettungen Klöster, kleine Leute kleine Bilder, Votivbilder.
Dies der Hintergrund meiner Umsetzung als Druck: ein ‚cadavre exquit’ mit dem Motiv einer erheblichen Zahl von Flaschen mit Körpersalbe, ohne Ironie.
Sommer 2016