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Ronald Brautigam – © Bild: Marco Borggreve
Das famose Kammerorchester «I Tempi» schreitet zum vierten Streich in seinem Projekt «Beethoven update», das die Aufführung aller neun Sinfonien Beethovens umfassen soll. Jetzt also dessen 4. Sinfonie in B-Dur, op. 60, die «griechisch schlanke Maid zwischen zwei Nordlandriesen». – So das vielzitierte Dictum über die Vierte, die – unbegreiflicherweise – immer ein wenig im Schatten der heroischen Dritten und der schicksalsschweren Fünften steht. Das waren noch Zeiten, als die Musikkritik sich eines derart blumigen, aus heutiger übervorsichtiger Correctness vielleicht sogar gewagten Vergleichs bedienen durfte! Formuliert habe diese Charakterisierung angeblich kein Geringerer als Robert Schumann. Wie auch immer – Carl Maria von Weber dagegen geisselte das Werk mit ätzender Ironie, indem er dem Komponisten vorwarf, «alles Geregelte zu vermeiden, denn die Regel fesselt nur das Genie». Doch gerade aus dieser vermeintlichen «Regellosigkeit» bezieht das Werk seine unerhörte Frische und Stringenz, beides Markenzeichen von «I Tempi» unter seinem Dirigenten und Gründer Gevorg Gharabekyan – davon später.
Zum Werk: Beethoven schrieb die Vierte 1806, gewissermassen «auf Bestellung» eines gewissen Grafen Franz von Oppersdorff, der ein privates Orchester unterhielt. Dieser adlige Musikliebhaber war offenbar bereit, eine beträchtliche Geldsumme für ein neues Werk aus Beethovens Feder zu bezahlen und sich damit die entsprechende Widmung zu sichern. Ursprünglich war eigentlich die 5. Sinfonie dem Grafen zugedacht, der Komponist verkaufte diese jedoch «aus Not» (?) dem Fürsten Lobkowitz und überliess Oppersdorff die Vierte. Privatim wurde das Werk dann allerdings nicht in dessen Salon, sondern im März 1807 im Palais des Beethoven-Gönners Lobkowitz, aufgeführt; die öffentliche Uraufführung fand Ende des gleichen Jahres im Wiener Burgtheater statt. Aus welchen Gründen auch immer – finanzielle oder verlegerische Motive, künstlerische Überlegungen, Vorliebe des Mäzens? – hatte Beethoven also die Arbeit an der schwergewichtigen «Schicksalssinfonie» unterbrochen, um ein ganz anders gestimmtes Werk zu schaffen – schlanker, klassischer, heiterer, um nicht zu sagen «leichter». Einzelne Musikologen bringen dessen beschwingten Gestus gar mit Beethovens Gefühlen für seine begabte Klavierschülerin, Therese von Brunsvik, in Verbindung... Doch letztlich eignet der 4. Sinfonie keine wie auch immer geartete Programmatik wie etwa der Eroica oder der Pastorale.
Die Pianissimo-Einleitung allerdings entspricht noch keineswegs der folgenden Heiterkeit. Hier schlägt das Orchester, das auf Darmsaiten, mit Naturhörnern und -trompeten sowie historischen Pauken musiziert, einen abgründig-geheimnisvollen Ton an. Den Musikern von «I Tempi» gelang es wunderbar, ein gleichsam suchendes, stockendes Tasten im Dunkeln zu erzeugen, eine verschattete, gespannte Atmosphäre, die sich in einer Folge von Fortissimo-Schlägen entlädt und in die sprudelnde Vitalität des Allegro vivace übergeht. Vorantreibender Puls und lebhafte Bewegtheit, gepaart mit Transparenz und Präzision, sind denn auch die Merkmale, die das kontrastreiche Spiel des agilen Kammerorchesters auszeichnen. Höchst ergötzlich auch das muntere Ping-Pong, in dem sich die einzelnen Instrumentengruppen – etwa die exzellenten Holzbläser – die Themen zuspielen. Ob im energievollen Drive des 3. Satzes mit seinen wechselnden Rhythmen oder im forsch angeschlagenen Tempo des Finales, wo gesangliche Linien der Holzbläser mit dem spitzfingrigen Getriebe der Streicher im Widerstreit liegen, bleibt die Durchhörbarkeit gewahrt.
Eröffnet wurde der Abend mit der Ouvertüre zu «Andromeda e Perseo» von Haydn, nicht Joseph, sondern dessen jüngerem Bruder Michael – ein leichtgewichtiges, konventionelles Stück, aber ein hübscher Einfall, das Programm mit «unbekanntem Bekanntem» einzuleiten. Haydns Oper, eigentlich eine erbauliche Serenata für ein adliges Publikum, entstand 1787 – also im selben Jahr wie Mozarts «Don Giovanni» –, vermeidet jedoch jegliches subversive Gedankengut ebenso wie musikalisches Un-Erhörtes. Statt um Hedonismus und zügellose Sinneslust, geht es hier um Tapferkeit, Edelmut und Ethos. Das wundert nicht, handelt es sich dabei doch um ein Auftragswerk des Salzburger Fürsterzbischofs Colloredo (ja, der mit dem berühmten Fusstritt in Mozarts Hintern!) zu dessen 15-jährigem Amtsjubiläum. Erzählt wird die Geschichte der äthiopischen Prinzessin Andromeda, die, an einen Felsen gekettet, einem vom Gott der Meere entsandten Ungeheuer zum Opfer dargebracht werden soll, weil sie, so hatte ihre Mutter geprahlt, Poseidons Nereiden an Schönheit übertreffe. Im letzten Moment wird sie vom griechischen Helden Perseus, der schon die Medusa besiegt hatte, gerettet, geehelicht, geschwängert – und wenn sie nicht gestorben sind... Auch dieser nicht allzu komplexen Musik nahmen sich die «Tempisten» mit quirliger Spielfreude an, indem die zwei gegensätzlichen Themen – Qual und Erlösung? – pointiert zum Klingen gebracht wurden.
Perseus bekämpft das Monster und befreit Andromeda – Tiziano, 1554/56
Dazu bildete Mozarts anschliessendes Klavierkonzert, Es-Dur, KV 449, einen denkbar klaren Gegensatz. Und wie Beethovens Sinfonie ist es eines seiner eher selten aufgeführten Konzerte, da es auf den ersten Blick weniger «gefällig» daherkommt. In einem Brief vom 26. Mai 1784 an den Vater schrieb der Komponist: «Das ist ein Concert von ganz besonderer art, und mehr für ein kleines als grosses Orchestre geschrieben.» [sic]. Vollendet wurde das vermutlich bereits 1782 skizzierte Werk 1784 und als erste Komposition «den 9ten Hornung» (i. e. Februar) in Mozarts eigenhändiges Werkverzeichnis eingetragen. Dazu wieder in einem Brief nach Salzburg: «... ich hab es für die frl. Ployer gemacht, die es mir gut bezahlte.» Barbara Ployer war eine Schülerin Mozarts und, dem Schwierigkeitsgrad des Konzerts nach zu schliessen, eine ausgezeichnete Pianistin.
Der holländische Pianist Ronald Brautigam, ein renommierter Experte des Spiels auf Hammerklavier, hatte für diesen Auftritt einen modernen Konzertflügel gewählt, der allein durch seine schiere Grösse das Orchester optisch zum Verschwinden brachte. Ob der leisere Hammerflügel dem historisch informierten Spiel besser entsprochen hätte? Da das Orchester dasselbe Konzert anderntags mit einem anderen Solisten (Teo Gheorghiu) und modernem Instrument interpretierte, schien auch jetzt der Entscheid für den Steinway aus klanglichen Gründen angezeigt. Dennoch geriet die Balance zwischen Solist und Orchester – Streicher und Oboen und Hörner ad libitum – erstaunlich gut, und das trotz der prominenten Platzierung und obwohl das Instrument ohne Deckel gespielt wurde.
Brautigams Spiel ist frei von jeglicher Effekthascherei, zupackend, muskulös und gleichzeitig nuanciert. Er betonte im 1. Satz die dunklen, melancholischen Farben, gab der Musik einen nachdenklichen Gehalt, ohne deshalb – im schönen Einklang mit dem Orchester – ihren vorwärtsdrängenden Fluss zu hemmen. Traumhafte Gelassenheit prägte sodann das Andantino, souveräne Attacke das fast rondohafte finale Allegro ma non troppo. Mit launigem Zugriff kostete der Solist die immer wieder überraschenden harmonischen Wendungen und virtuosen spieltechnischen Raffinessen aus. Und das Orchester blieb ihm nichts schuldig, bot ihm jederzeit wach und wendig Paroli.
Zwei beethovensche Contertänze als Zugabe markierten den witzigen Schlusspunkt des spannenden Abends im Saal des Konservatoriums Zürich.
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