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Sie nahm aus der Pralinenschachtel die nächste Praline und schob sie sich in den Mund. Als die Vollmilchummantelung zwischen ihren Zähnen aufbrach, floss die cremige Karamellfüllung in ihre Mundhöhle. Gabi versuchte sich diesem Gefühl hinzugeben. Den Weg des Karamells im Mund wahrzunehmen und zu folgen. Doch es half nichts. Der bittere Geschmack, der ihr in der Kehle brannte, mischte sich unter den Schokoladenkaramellgenuss und ihr wurde übel. Sie rannte zur Spüle und spuckte die klebrige Masse wieder aus.
Sie atmete tief ein. Was sollte sie jetzt tun? Sie wusch sich das Gesicht und spülte ihren Mund aus. Hinter ihr lag die Küche in Trümmern. Sie würde aufräumen müssen, dachte sie. Für einen kurzen Moment blieb sie noch an der Spüle stehen und betrachtete ihr verzerrtes Spiegelbild im Wasserhahn, die blonden Locken, die etwas zu grossen Ohren, jetzt noch grösser, den roten Mund. Es ist doch komisch, das der Wasserhahn noch so sauber war, dachte sie. Dann drehte sie sich um. Wo sollte sie anfangen?
Der Tisch stand schief, die Stühle waren umgeworfen, das Geschirr vom Tisch gefegt und die Tischdecke herunter gezogen. Scherben bedeckten den Boden, dazwischen Essensreste, zerbrochene Kerzen.
Sie hob die Stühle auf, schob alles an seinen Platz. Dann kehrte sie die Scherben zusammen und wischte den Boden. Schweiss lief ihr übers Gesicht. Es war ein ungewöhnlich schwüler Abend. Es hätte so schön werden können. Doch sie hatte sich etwas vorgemacht. Die ganze Zeit schon hatte sie es gewusst. Und für diesen Mistkerl hatte sie sich aufgeopfert, ihre Jugend verschwendet, Falten bekommen. Nun war ihre Schönheit und Unbeschwertheit dahin.
Die Spritzer an der Wand würden schwierig zu beseitigen sein, darum kümmerte sie sich später, dachte sie als sie die roten Streifen neben der Tür wahrnahm. Sie nahm den Müllbeutel mit den klägliches Resten ihres Lebens und wollte ihn gerade nach unten bringen, da entdeckte die das grosse Küchenmesser, dass noch auf der Anrichte lag.
Gabi nahm es in die Hand. Es war schwer und sehr scharf, das wusste sie aus Erfahrung. Gelassen und ruhig wischte sie das Messer ab und legte es wieder in die Schublade zurück. Sie drehte sich um, die Küche sah wieder ganz normal aus, als wäre nichts passiert.
Es war ja auch nichts passiert. Paul war nicht aufgetaucht. Er kam an ihrem Geburtstag zu spät. Sie hatte gewartet mit Pasta a la Napoli, Rotwein und Kerzen. Doch er kam nicht. Sie hatte den Wein alleine getrunken und den Kerzen beim brennen zu gesehen. Und dann ist es einfach so in sie gefahren. Sie warf die Teller vom Tisch, heulte und schrie. Ihre ganze Wut aus 12 Jahren Ehe brach aus ihr heraus. Erst sass sie zwischen den Scherben, doch dann kam ihr ein Gedanke. Gabi ging zur Küchenschublade und holte das schärfste Messer heraus. Sie hielt es zitternd in der Hand. Langsam beruhigte sie sich. Sie sah auf das Messer. Was könnte sie nicht alles damit anstellen? Doch jetzt war sie froh, dass sie die Gardinen nicht zerschnitten hatte, nicht in die Polster gestochen, nicht den Flachbildfernseher zerkratzt hatte. Denn das hätte sie dann doch nicht mehr rückgängig machen können. Und bis jetzt hatte sie immer alles Rückgängig gemacht. Die Koffer wieder ausgepackt, das Zugticket storniert, die Wohnung wieder aufgeräumt. Wenn Paul dann nach Hause kam, ihr Paul, dann war alles wie zuvor und Gabi brauchte sich um ihre Zukunft keine Sorgen zu machen.
Gabi brachte den Müll in den Hinterhof. Vor dem Haus parkte ein Auto. Obwohl der Motor und die Scheinwerfer aus waren, sassen noch Leute darin. Nachtschwärmer, dachte sie. Sie warf den Beutel in die grosse silbrige Tonne. Dann ging sie wieder zum Treppenhaus. Gerade noch im Augenwinkel sah sie wie ein Mann ausstieg. Paul. Gabi hielt den Atem an. Sie versteckte sich hinter der Hausecke. Paul beugte sich noch mal ins Auto, um jemanden zu küssen. Der Jemand, oder besser Diejenige zog ihn am Kragen noch mal ins Auto.
Gabi nutze die Gelegenheit. Noch völlig schockiert rannte sie die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf. Schnaufend löschte sie das Licht. Nun stand sie heftig atmend in der dunklen Küche. Sie hörte die Schlüssel in der Tür. Leise schlich Paul hinein. Was sollte sie nun tun? Wenn er sie in der Küche erwischte, würde er wissen wollen, warum sie dort im Dunkeln stand? Und dann? Was sollte sie ihm sagen?
Gabi wusste, es würde nun nichts mehr wie zuvor. Sie hatte alle Scherben weggeräumt, aber diese Scherbe hatte sie übersehen. Paul ging ins Schlafzimmer. Er tastete sich im Dunkeln zum Bett. Flüsterte heiser ihren Namen.
Paul hörte Gabi nicht. Sie hatte lautlos die Schublade geöffnet und das Küchenmesser herausgenommen. Nun stand sie hinter ihm. Ein zwei Mal hätten vielleicht gereicht, doch Gabi konnte nicht aufhören. Zu leicht glitt das Messer immer wieder in Pauls Körper. Doch schliesslich verliess sie die Wut. Die atmete tief ein. Die Luft roch staubig und nach Blut.
Gabi ging in die Küche. Ein weiteres Mal wischte sie das Messer ab und legte es in die Schublade. Dann nahm sich eine Praline und ihren Mantel. Dann verliess sie singend die Wohnung.