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Nach Jahren habe ich das Buch «Der Verlust der Tugend» (dt. Übersetzung) wieder hervorgenommen. Anlass dazu war das Studium und die Podcastserie über das wegweisende Buch «The Rise and Triumph of the Modern Self» (ausführliche Rezension). Das Hörbuch ergänzt wunderbar die schriftliche Version. Die katholische Universität Notre Dame hat zudem Ausschnitte der dritten Auflage, die ein Vierteljahrhundert nach der Originalausgabe erschienen ist, bereitgestellt.
Im Vorwort zur dritten Auflage berichtet der Moralphilosoph MacIntyre (*1929) über seinen geistigen und geistlichen Werdegang. Wenn es nur noch viele Denker gäbe, die eine solche Entwicklung durchmachen würden! Der Marxist stellte sich Fragen zu Denkvoraussetzungen und Konsistenz des eigenen Weltbildes.
Ich zitiere auszugsweise aus dem lesenswerten Prolog. Die zentrale These:
Zentral war und ist dabei die Aussage, dass es nur möglich wäre, die dominante moralische Kultur der fortgeschrittenen Moderne von einem Standpunkt außerhalb dieser Kultur angemessen zu verstehen. Diese Kultur ist nach wie vor von ungelösten und scheinbar unlösbaren moralischen und anderen Unstimmigkeiten geprägt, in denen die bewertenden und normativen Äußerungen der streitenden Parteien ein Problem der Interpretation darstellen.
Wie zeigt sich der (mangels eines übergeordneten Standards unauflösbare) Widerspruch?
Einerseits scheinen sie eine Bezugnahme auf einen gemeinsamen, unpersönlichen Standard vorauszusetzen, aufgrund dessen höchstens eine der streitenden Parteien im Recht sein kann, andererseits deuten die dürftigen Argumente, die zur Untermauerung ihrer Behauptungen angeführt werden, und die charakteristisch schrille, selbstbewusste und ausdrucksstarke Art, in der sie geäußert werden, stark darauf hin, dass es einen solchen Standard nicht gibt.
Die heute Situation ist nur verständlich mit Blick auf einen früher existierenden, den Einzelnen, Gruppen und Völker übersteigenden moralischen Standard – den jedoch die Geistesgeschichte gar nicht mehr richtig zu erfassen vermag.
Meine Erklärung war und ist, dass die Gebote, die so geäußert werden, einst in einem Kontext praktischer Überzeugungen und unterstützender Denk-, Fühl- und Handlungsgewohnheiten verankert und verständlich waren, einem Kontext, der inzwischen verloren gegangen ist, einem Kontext, in dem moralische Urteile als von unpersönlichen Normen bestimmt verstanden wurden, die durch eine gemeinsame Vorstellung vom menschlichen Wohl gerechtfertigt waren.
Die Auflösung des übergeordneten Standards zur Bestimmung des menschlichen Wohls ist Resultat eines Jahrhunderte andauernden Prozesses:
Diesem Kontext und dieser Rechtfertigung beraubt, mussten moralische Regeln und Gebote infolge der umwälzenden und sich verwandelnden sozialen und moralischen Veränderungen im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit auf neue Weise verstanden und mit einem neuen Status, einer neuen Autorität und einer neuen Rechtfertigung versehen werden.
MacIntyre bemerkte, dass Aristoteles ihm einen zuverlässigen Referenzrahmen für eine fundamentale Moraltheorie bereitstellte. Von dort aus sei es möglich
zu verstehen, was das Dilemma der moralischen Moderne ist und warum der Kultur der moralischen Moderne die Mittel fehlen, um mit ihren eigenen moralischen Untersuchungen weiterzukommen, so dass Sterilität und Frustration zwangsläufig diejenigen heimsuchen, die nicht in der Lage sind, sich aus diesem Dilemma zu befreien.
Der nächste Schritt war die Entdeckung des Thomismus. Von Aquin war nicht nur von Aristoteles, sondern noch stärker von der Bibel und einer christlichen Weltanschauung geprägt.
Nur weil der Mensch einen Zweck (engl. an end) hat, auf den er aufgrund seiner spezifischen Natur ausgerichtet ist, können Praktiken, Traditionen und dergleichen so funktionieren, wie sie funktionieren.