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Die Befürworter der Initiative «Mühleberg vom Netz» argumentieren, die letzten Betriebsjahre des AKW Mühleberg seien die gefährlichsten? Spielt es wirklich eine grosse Rolle, ob die Anlage 42 oder 47 Jahre lang betrieben wird?
Jürg Joss:
Grundsätzlich ist es so: Das Risiko einer Kernschmelze ist solange gross, wie die Kernspaltung im AKW im Gang ist. Sobald man die Anlage abschaltet, beginnt das Risiko zu sinken. Sind die Brennstäbe – frühestens fünf Jahre nach der Abschaltung – ausgebaut, gibt es dieses Risiko nicht mehr. Bei Annahme der Initiative ist das Risiko also frühestens 2019, nach 47 Jahren, weg, bei ihrer Ablehnung voraussichtlich fünf Jahre später.
Voraussichtlich? Die BKW hat ja selber angekündigt, 2019 definitiv abschalten zu wollen.
Mit dem Wort «definitiv» ist es in der Nuklearindustrie so eine Sache. Die Internationale Atomagentur führt eine Liste, auf der der Status von jedem AKW vermerkt ist. Ein Status heisst «Langzeitstillstand». In den USA gab es mehrere AKW, die nach einem Stillstand von mehreren Jahren wieder ans Netz gekommen sind. Solange ein AKW nicht entladen ist und sich im Rückbau befindet, kann es theoretisch wieder gestartet werden.
Allerdings mit steigendem Unfallrisiko.
Klar. – In Mühleberg ist es schon heute so, dass am Kernmantel eine Schweissnaht Risse von nahezu drei Metern aufweist. Bei einem Erdbeben könnte sich an dieser Stelle der Kernmantel schneller und stärker verschieben, dadurch könnten die Brennelemente gegeneinander gequetscht und die Steuerstäbe blockiert werden. In dieser Situation würde der Reaktor unregulierbar. Die Folge wäre eine Kernschmelze.
An diesem Reaktor muss man nicht mehr basteln, man muss ihn sofort abstellen.
Jürg Joss
Der Core Damage Factor ist eine Kennzahl zur Bestimmung der Kernschmelzwahrscheinlichkeit. Dieser Faktor ist von 1,3 [1991] über 1,5 [2002] auf 2,35 [2012] gestiegen. Das heisst: Zurzeit sind zweieinhalb Kernschmelzunfälle auf 100'000 Jahre zu erwarten. Man kann aber auch sagen: Die bernische Bevölkerung ist heute aus Expertensicht doppelt so gefährdet wie 1991 – und zwar, obschon die BKW dauernd beteuert, man sei auf dem neusten Stand der Nachrüstung. Darum sage ich: An diesem Reaktor muss man nicht mehr basteln, man muss ihn sofort abstellen. Das Reaktorgebäude ist zu eng, um alle nötigen Nachrüstungen machen zu können. Kabel, Metalle und elektronische Steuerungselemente altern, und nicht alles lässt sich auswechseln. Kommt dazu: Bei Erneuerungen an der Elektronik müssen die Programme oft neu geschrieben werden. Solche Steuerungsänderungen sind kein Plus an Sicherheit, sondern zuerst einmal ein Fehler-, also ein Sicherheitsrisiko.
Der aktuelle Core Damage Factor für Mühleberg sagt jedoch bloss, dass im Zeitraum von 40'000 Jahre eine Kernschmelze zu erwarten sei.
Das stimmt. Bloss wäre es vielleicht sinnvoll, die Formel, mit der dieser Faktor errechnet wird, kritisch zu hinterfragen. Tatsache ist: In Fukushima dauerte dieser Zeitraum von 40'000 Jahren etwa dreissig Jahre, in Tschernobyl deren zwanzig und im Werk Three Mile Island in Harrisburg bloss deren neun. Zudem gibt es auf der ganzen Welt kein zweites Atomkraftwerk, das bloss 14 Kilometer von einer Stadt in der Grössenordnung von Bern entfernt liegt.
Und nicht vergessen sollte man auch, dass 1986 in Mühleberg schon einmal Radioaktivität entwichen ist, als es eine Panne mit dem Filter einer Abluftanlage gab. Die Nachzerfallsprodukte dieser Strahlung findet man zum Teil bis heute in den Böden der Umgebung. Es gibt Krebskranke und es gab unterdessen verstorbene Krebskranke, die ihre Erkrankung mit diesem Unfall in Zusammenhang bringen respektive gebracht haben. Trotzdem existiert bis heute keine epidemiologische Untersuchung über Krebserkrankungen in der Umgebung des AKW.
Abgesehen von dieser Panne könnte man aber immerhin sagen, dass hier in der Schweiz Qualitätsarbeit gross geschrieben werde und dass die Angestellten die Anlage doch sicher im Griff haben.
Im letzten November wurde in der Fernsehsendung ECO der 72jährige Elektroingenieur Ueli Jost porträtiert. Gesagt wurde, er arbeite noch täglich im AKW Mühleberg, und weil er seit Anfang dabei gewesen sei, kenne er die Anlage wie kaum ein anderer. Am Schluss des Beitrags sagte er in die Kamera, er müsse jetzt an eine Besprechung, bei dem das Fernsehen nicht dabei sein dürfe. Ich stelle fest: In Mühleberg scheinen Mitarbeiter Jahre über die Pensionierung hinaus so viel exklusives Know How im Kopf zu haben, dass sie an wichtigen Sitzungen unverzichtbar sind. Dieser Fernsehbeitrag hat nicht zu meiner Beruhigung beigetragen. Umso mehr, als man weiss, dass Atomkraftwerke ein zunehmendes Imageproblem und deshalb ein wachsendes Problem haben mit dem Know-How-Transfer zur nächsten Generation.
Im Notfall würde man sich offenbar auf zum Teil unvollständige oder falsche Unterlagen beziehen.
Jürg Joss
Entsprechend waren die Anfang 2013 zu Mühleberg veröffentlichten Ergebnisse der bisher letzten OSART-Mission der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA: Das Team fand zum Beispiel einen Tank, der älter als vierzig Jahre war, aber bei dem die 40-Jahresprüfung nicht durchgeführt wurde; sie fanden Kabel, von denen nicht dokumentiert war, in welchen Kanälen sie laufen; sie fanden Kabel, bei denen die Altersüberprüfungsdokumentation fehlt; sie fanden Sicherheitsventile, die falsch oder nicht dokumentiert waren. Im Notfall würde man sich in Mühleberg offenbar auf Unterlagen beziehen, die zum Teil unvollständig oder falsch sind, und wenn das nicht reicht, müsste man dann Ueli Jost aus dem Bett klingeln, um Genaueres zu erfahren.
Bleibt das Kostenargument: Gedroht wird damit, dass bei einer Annahme der Initiative die Privataktionäre der BKW, die rund 47,5 Prozent der Aktien halten, Schadenersatz in dreistelliger Millionenhöhe einklagen könnten. Das ist ein starkes Argument, um in Mühleberg noch einige Jahre russisches Roulette zu spielen.
Das Argument wiegt bei der Bevölkerung schwer, auch weil die BKW behauptet, allerdings nie detailliert ausgewiesen hat, 50 Millionen Franken ihrer Gewinnabgabe an den Kanton stammten aus dem AKW. Und es stimmt, dass ein Ja zur Initiative Kapital der BKW-Aktionäre vernichten würde, auf dem sie bisher ihre Dividende bekommen haben. Aber weil der Kanton nicht gegen sich selber klagen wird, fällt mehr als die Hälfte der Summe von vornherein weg. Und ob die Privataktionäre klagen werden, ist laut «Bund» noch sehr unklar – abgesehen davon, dass der Schaden erst würde berechnet werden können, wenn bekannt wäre, welche Auflagen das ENSI mit einem Betrieb bis 2019 verknüpft.
Demokratiepolitisch fände ich es im übrigen einigermassen pikant, wenn Aktionäre und Aktionärinnen, darunter vermutlich sehr viele aus dem Kanton Bern, juristisch gegen die bernischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger vorgehen würden, zu denen sie selber gehören. Und ebenso pikant ist, wenn Suzanne Thoma als BKW-Chefin, ebenfalls im «Bund», sagt, sie gehe davon aus, dass diese Schadenersatzklagen eingereicht würden. Sie ermuntert damit im Rahmen ihres Kampfs gegen die Initiative die BKW-Aktionäre, Klage gegen jenen Kanton einzureichen, der mehrheitlich für ihren Lohn als BKW-Angestellte geradesteht.
Wie geht es für Sie weiter, wenn die Initiative abgelehnt wird?
Wir würden dranbleiben. Fukushima hat dazu geführt, dass die Forderungen, die wir als AKW-Gegner seit vielen Jahren gestellt haben, auf den Tisch gekommen sind und unterdessen auch endlich Investitionen ausgelöst haben. Es wäre auch weiterhin nicht hoffnungslos, mit Öffentlichkeitsarbeit, Streitschriften und juristischen Schritten für die Stilllegung des AKW Mühleberg vor 2019 zu kämpfen.