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Es waren einst ein König und eine Königin, die hatten drei Söhne. Davon hieß der älteste Joseph. Er kehrte nach vielen Jahren Studiums von der hohen Schule zurück, und alle Leute der Gegend waren in festlicher Stimmung, um ihn feierlich zu empfangen.
Durch die Schar der Leute am Hof drängte sich auch ein altes Weib, welches ein Säcklein voll Brot auf den Schultern trug, das sie unter der königlichen Tafel zusammengelesen hatte. Weil sie aber so klein war, daß man sie kaum bemerkte, wurde sie im Gedränge von der Menge des Volkes unabsichtlich umgestoßen. Dabei rollte das Säcklein auf den Boden, öffnete sich und die Brotbröcklein fielen auf das Pflaster. Die Alte machte in ihrer Entrüstung eine so komische Grimasse, daß Prinz Joseph das Lachen nicht unterdrücken konnte. Die arme Frau, dadurch doppelt gekränkt, wandte sich an den Spötter und schleuderte ihm voller Zorn die Verwünschung entgegen:
»Du sollst nicht eher Ruhe haben, als bis du die schöne Infinita mit den goldenen Zöpfen gefunden hast!« Der Königssohn und die anderen Leute hörten es; aber sie beachteten diese Worte nicht. Bald darauf waren die Festlichkeiten zu Ende. Doch Joseph war von diesem Augenblicke an nie mehr recht zufrieden. Schließlich sagte er zum König:
»O Vater, gib mir das schnellste Pferd, denn ich muß mich aufmachen, um die schöne Infinita zu suchen.« Der Vater wollte davon nichts wissen. Weil jedoch der Sohn nicht aufhörte, ihn zu bestürmen, mußte er ihn schließlich ziehen lassen. Also ging er fort und ritt mitten durch Wälder, über Gebirge und verlassene Gegenden, ohne irgendeinen Aufenthalt. Endlich sah er eines Nachts in der Ferne etwas Helles schimmern. Bald darauf konnte er ein Haus erblicken, und noch vor Mitternacht langte er dort an. Er klopfte an die Tür, und ein alter Mann mit weißem Bart trat heraus, der ihn mit freundlichem Antlitz willkommen hieß. Er ließ ihn an seiner Seite Platz nehmen, stellte ihm ein Nachtessen auf und sprach:
»Diese Nacht schläfst du in meiner Hütte und ruhst dich aus; denn wie ich sehe, bist du recht müde.« »Ich danke Euch, recht gerne will ich dableiben«, antwortete Joseph, »aber ich bin hierhergekommen, um Euch zu fragen, ob Ihr vielleicht wißt, wo die schöne Infinita wohnt?«
Der Einsiedler erwiderte: »Ich bin schon alt, habe jedoch noch nie von ihr erzählen hören. Doch habe ich einen Bruder, der älter ist als ich. Er wohnt jenseits der sieben Berge, weit entfernt von hier. Der könnte es vielleicht wissen.« Am folgenden Morgen machte sich Joseph in der angegebenen Richtung auf den Weg. Auf der Wanderschaft stieß er auf ein altes Weib, das ihn wiedererkannte. Es war jene, die gegen ihn damals die Verwünschung ausgesprochen hatte. Sie ritt auf einem prächtigen, feurigen Pferd und hielt ein Schwert an der Seite.
»Gib mir dein Roß und deinen Degen«, sprach sie zu ihm, »so will ich dir die meinen geben. Sobald du mit diesem Schwert hier eine Person berührst, wird sie sogleich tot zur Erde fallen. Berührst du sie zum zweiten Male, so wird sie wieder lebendig auferstehen. Und hier, dies Pferd rennt so schnell wie der Wind.«
Der Königssohn willigte in den Tausch ein, und die Alte verschwand. Der Jüngling gab dem Pferd einen Hieb mit der Peitsche, und es jagte davon wie der Blitz. So ritt er von dannen über die sieben Gebirge und erreichte die Hütte des zweiten Einsiedlers. Dort hielt er an und klopfte an die Tür. Der gute Alte nahm ihn gastfreundlich auf und lud ihn ein, Platz zu nehmen; aber der Königssohn fragte: »Könnt Ihr mir nicht bitte sagen, wo die schöne Infinita wohnt?«
»Ich bin alt, sehr alt«, antwortete der Eremit, »gleichwohl hörte ich noch nie von ihr reden. Doch habe ich einen älteren Bruder, der wohnt sieben Gebirge weiter weg. Es ist wohl möglich, daß er es weiß.« Prinz Joseph dankte ihm, stieg sogleich wieder aufs Pferd und galoppierte wie der Wind davon. In kurzer Zeit gelangte er zum dritten Waldbruder und klopfte an die Tür. Sogleich schaute der alte Mann heraus. Er hatte einen ehrwürdigen langen Bart, der weiß wie Milch war und ihm bis an die Knie reichte.
»Was wollt Ihr, schöner Jüngling?« fragte er ihn. Und der Prinz antwortete:
»Ich bin gekommen, um Euch zu fragen, ob Ihr wißt, wo die schöne Infinita wohnt.«
Und der Eremit gab zur Antwort: »Ich bin alt, uralt, aber noch nie habe ich von ihr reden hören. Doch habe ich einen Sohn, der >Wind< heißt und immerfort umherstreift. Der hat sie vielleicht irgendwo gesehen.«
Joseph setzte sich hin, um >Wind< zu erwarten. Und siehe da, auf einmal kam er herbei. Der Prinz fragte ihn nach der schönen Infinita, und Wind entgegnete: »Morgen gehe ich gerade zu ihr, um ihr die Wäsche zu trocknen. Merkt wohl, ich stehe frühzeitig auf. Ich rufe dreimal, dann reise ich fort, auch wenn ihr mich nicht gehört habt.«
Joseph schlief wenig, und am Morgen in aller Frühe folgte er dem Wind. Bald erreichten sie das Haus der schönen Infinita. Der Prinz lief rings ums Haus herum, sah aber weder Türen noch Fenster. Da und dort standen Marmorstatuen im Grün des Gartens. Eine davon berührte er aus Versehen. Da sah er, wie ein schöner Jüngling daraus hervorkam, der ebenfalls ein Königssohn gewesen war. Von ihm erfuhr er, daß alle jene Marmorfiguren nichts anderes als hübsche Jünglinge waren, die die schöne Infinita hatten sehen wollen und dann von der Zauberin in Statuen verwandelt worden waren. Da erweckte der Prinz auch die anderen Jünglinge. Diese zeigten ihm eine Öffnung in der Mauer und erklärten ihm, daß dies die Türe sei. Doch warnten sie ihn, ja nicht hindurchzugehen; denn hinter der Türe ständen zwei Riesen, die niemanden eintreten ließen. Er aber hörte nicht auf sie. Wie er die beiden Riesen sah, berührte er sie mit seinem Schwert und sie fielen tot zu Boden.
Schließlich fand er die schöne Infinita, die in der Tat von bezauberndem Liebreiz war. Sie fragte ihn: »Aber, wie hast du es angestellt, bis hierher zu kommen? Seit zwanzig Jahren bist du der erste, dem dies gelungen ist. Und jetzt, was soll ich mit dir anfangen? Wo soll ich dich verstecken? Weißt du denn nicht, daß die Zauberin dich mit einem einzigen Bissen zum Nachtessen verschlingen wird, wenn sie dich hier sieht?«
Und wirklich nahte nun die Böse. Die schöne Infinita versteckte den Jüngling sogleich. Die Hexe merkte aber, daß jemand eingedrungen war. Sie rümpfte die Nase und brummte:
»Ich rieche einen Christenmenschen. So höre wohl, was ich dir sage: Kannst du den Tisch so decken, daß der Tisch den Fußboden nicht berührt, das Tischtuch den Tisch nicht berührt und daß auch die Becher das Tischtuch nicht berühren und dennoch nichts dazwischen ist, so will ich jenen Jüngling verschonen, den du dort versteckt hast; kannst du das aber nicht, so esse ich ihn lebendig und schön, wie er ist, auf.« Mit diesen Worten ging sie fort.
Jetzt rief die schöne Infinita den Prinzen Joseph aus dem Versteck hervor und sprach zu ihm:
»Weißt du, was wir jetzt tun müssen? Wir wollen fliehen und diese drei Dinge mit uns nehmen: Einen Stein, eine Blume und ein Wasserfläschchen.«
Und so geschah es auch. Als die Zauberin zurückkam und niemanden mehr fand, geriet sie in größten Zorn, fluchte und befahl ihren Dienern, sich augenblicklich auf den Weg zu machen, um die Flüchtlinge einzuholen. Unterdessen eilten Joseph und die schöne Infinita in schnellstem Lauf davon wie der Wind. Als sie glaubten, weit genug entfernt zu sein, hielten sie an, um ein wenig auszuruhen. Bald aber merkten sie, daß sie von zwei Dienern verfolgt wurden. Da sprach das Mädchen:
»Laß uns diesen Stein dorthin werfen. Dann verwandle ich mich in eine Kirche und einen Kirchturm, und du wirst der Küster.«
»Recht so, ich bin einverstanden«, erwiderte der Königssohn. Sie schleuderten also den Stein auf den Weg, worauf sich augenblicklich eine Kirche mit dem Glockenturm erhob, und der Prinz stellte sich an den Eingang, wie wenn er jemand erwartete. Die Diener kamen herangelaufen und fragten ihn:
»Sagt uns bitte, guter Mann, ob Ihr einen Jüngling und ein Fräulein habt vorübergehen sehen?« »Ich habe bereits das erste Zeichen geläutet, und jetzt gehe ich, zum zweiten Mal zur Messe zu läuten. Möchtet ihr vielleicht die Messe hören?«
»So mach doch, daß du fortkommst, du und deine Messe!« antworteten die Diener und kehrten wieder nach Hause zurück.
Die Zauberin, außer sich vor Zorn über diesen Mißerfolg, schickte zwei andere Diener aus. Joseph und die schöne Infinita waren inzwischen weitergeflüchtet und liefen lange Zeit. Kaum hatten sie sich jedoch hingesetzt, um ein wenig auszuruhen, so erblickten sie die beiden Diener, welche ihnen nachsetzten. Da sprach das Mädchen: »Laß uns diese Blume auf den Boden werfen. Ich werde in einen Garten verwandelt, und du wirst der Gärtner sein.« Und so geschah es. Als die Diener anlangten, fragten sie den Gärtner, der neben dem Gatter stand: »Habt Ihr vielleicht einen Jüngling und ein Mädchen hier vorübergehen sehen?«
Da erwiderte der Gärtner: »Bald werden der Salat und der Knoblauch groß sein. Heute säe ich noch Petersilie an.« Die beiden ändern entgegneten: »Ach, scher dich doch zum Kuckuck, samt deinen Krautstengeln!« und damit kehrten sie unverrichteter Dinge nach Hause zurück. »Ihr seid doch rechte Einfaltspinsel!« schimpfte die Zauberin. »Habt ihr denn nicht gemerkt, daß sie der Garten und Joseph der Gärtner war?«
Nun machte sie sich selber auf, um die Flüchtlinge zu erwischen. Joseph und die schöne Infinita liefen immer noch, als sie plötzlich merkten, daß sie von der Hexe in eigener Person verfolgt wurden. In aller Eile warfen sie das Wasserfläschchen zu Boden und sogleich bildete sich ein See mit einem Aal darin; aber dieser glitt der Hexe aus den Händen und sie konnte ihn nicht fassen. Schließlich gab sie die Sache auf und sprach: »Ich will euch laufen lassen. Aber, Infinita, erinnere dich wohl daran, sobald dein Joseph nach Hause gelangt und sich bei der Rückkehr von irgend jemand küssen läßt, wird er dich für immer vergessen.« Und damit ging sie fort.
Die beiden jungen Leute machten sich wieder auf den Weg. Sie gelangten zu einer Stadt, die nicht weit von Josephs väterlichem Schloß entfernt war. Da brachte er die schöne Infinita in eine Herberge, wo sie warten sollte, bis er wiederkäme. Dann kehrte er an den Königshof zurück, um alles seinen Eltern zu erzählen. Hernach wollte er die schöne Frau in einer Karosse festlich abholen. Daheim angekommen, hatte er Mühe, sich wieder zu erkennen zu geben. Er warnte alle seine Leute, ihn ja nicht zu küssen, und dann begab er sich in sein Schlafgemach, um sich von der Reise auszuruhen. Während er schlief, näherte sich einer seiner Brüder, der nichts von allem wußte, dem Bette und küßte den Schläfer aus Freude, ihn wieder zu sehen. In diesem Augenblick vergaß Joseph alles, und auch die schöne Infinita war seinem Gedächtnis gänzlich entschwunden.
So wartete die Braut vergeblich auf ihn. Als sie sah, daß er nicht wiederkehrte, fing sie eine Kaffeewirtschaft an und ließ sich die »schöne Kaffeewirtin« nennen. Joseph kam zufällig auch dorthin, kehrte ein und konnte das schöne Mädchen nicht genug bewundern. Auch sie fand Gefallen an ihm; aber als sie abends allein im Zimmer waren, befahl sie ihm:
»Schließ doch jene Fensterläden!«
Er gehorchte, aber während er den einen Fensterladen schloß, öffnete sich der andere wieder. Und so mußte er die ganze Nacht damit verbringen, die Fensterläden zu schließen, ohne sich zur Ruhe legen zu können. Enttäuscht kehrte er nach Hause zurück, sagte aber niemandem etwas von seinem Erlebnis.
Am folgenden Tag wollte sein Bruder auch hingehen, um die schöne Kaffeewirtin zu besuchen. Auch er wurde von ihrer einzigartigen Schönheit bezaubert und bestürmte sie um ihre Liebe. Sie zeigte sich ihm scheinbar entgegenkommend, fügte jedoch hinzu:
»Du wirst zwei Kerzen in das Schlafzimmer bringen, und sobald ich im Bette bin, wirst du sie auslöschen!« Am Abend trug er wirklich zwei Leuchter mit Kerzen in die Schlafstube; aber während er die eine auslöschte, zündete sich die andere wieder von selbst an. So ging es die ganze Nacht hindurch, und er konnte nicht schlafen. Am nächsten Morgen kehrte er nach Hause zurück, ohne jemandem etwas von dem Vorgefallenen zu sagen.
Am folgenden Tag suchte auch der jüngste Bruder die Kaffeewirtin auf. Auch er verliebte sich in sie und schenkte ihr in seiner Freude prächtige Schmucksachen. Am Abend begab er sich in ihr Schlaf gemach; aber während er einen Stiefel auszog, hatte er den ändern schon wieder am Fuß. Und so mußte er immerfort seine Stiefel ausziehen, bis der Morgen da war.
Ärgerlich kehrte er nach Hause zurück und erzählte alles seinen Brüdern. Diese schauten sich verwundert an, und dann berichteten sie einander, was jedem von ihnen begegnet war.
Mittlerweile hatte der König für seinen ältesten Sohn eine Braut gesucht, denn es war die Zeit gekommen, ihn zu verheiraten. Es kam der Tag, an dem die Verlobung stattfinden sollte. Es wurde dazu ein Festmahl veranstaltet, zu dem auch die Kaffeewirtin eingeladen war. Als alle Gäste ihr Glas erhoben, um auf das künftige Glück des Brautpaares anzustoßen, wandte sich die schöne Infinita an Joseph und sprach zu ihm:
»Erinnerst du dich nicht mehr an das Zauberschloß, wohin du gekommen bist, mich abzuholen? Denkst du nicht mehr daran, wie du damals den Küster, den Gärtner und den Aal entstehen ließest? Erinnerst du dich nicht mehr an all das, was ich um deinetwillen erlitten und erduldet habe? Und wie steht es um die Versprechungen, die du mir gemacht hast?«
Joseph schaute das Mädchen genauer an und erkannte plötzlich an ihren langen goldenen Zöpfen seine geliebte Infinita. Tief gerührt umarmte er sie mit Tränen in den Augen und sprach zu ihr: »Du allein bist meine auserwählte Braut.«
Die andere, die der Vater für ihn bestimmt hatte, mußte wieder heimziehen. Und nun, da sich die beiden glücklich wieder gefunden hatten, feierten sie erst recht den Tag ihrer Verlobung.
Quelle: Götz E. Hübner und Sigrid Früh, Von Gletscherjungfrauen und Erdmännlein, Fischer TB , nach Walter Keller, Tessiner Märchen
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.