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Die Klimakrise hatte die Notwendigkeit, die Nutzung fossiler Brennstoffe zu reduzieren, bereits verstärkt. Nun hat auch der Krieg in der Ukraine vor allem in Europa die Dringlichkeit erhöht, alternative Energiequellen zu finden, um die Öl- und Gasimporte aus Russland zu ersetzen. Eine wachsende Zahl von Ländern auf der ganzen Welt – von denen viele zuvor von der Energieerzeugung mit Kernenergie Abstand genommen hatten – stimmt nun mit dem Weltklimarat der Vereinten Nationen (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) überein, dass die Kernenergie für alle Pläne zum Erreichen von Netto-Null-Emissionen und zum Verringern der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen entscheidend ist.
Es ist an der Zeit, die Wahrnehmung zu ändern, dass die Nuklearindustrie ein «Abfallproblem» hat.
Sogar innerhalb der Branche wird das Thema ausgediente Kernbrennstoffe immer noch wie ein schmutziges Geheimnis behandelt, das nicht diskutiert werden sollte, da es sonst die Pläne für neue Investitionen in die Kernenergie zunichte macht. Die Wahrheit ist jedoch, dass ausgediente Brennelemente in Zwischenlagern auf der ganzen Welt sicher und verantwortungsvoll entsorgt wurden und werden. Mehr noch, in Ländern wie Kanada, die geologische Tiefenlager für die langfristige Lagerung ihrer ausgedienten Brennelemente entwickeln, beginnt eine neue Ära der Entsorgung radioaktiver Abfälle, die als globales Modell für verantwortungsbewusstes Handeln dienen wird. Die Nuklearindustrie muss die Schüchternheit ablegen und dies allen mitteilen.
Einem IPCC-Bericht aus dem Jahr 2018 zufolge lässt sich ein Anstieg der globalen Temperaturen um mehr als 1,5 °C bis zum Jahr 2050 nur durch eine beinahe Verdreifachung der weltweiten Stromerzeugung aus Kernenergie von 400 Gigawatt auf 1160 Gigawatt verhindern. Der Bericht kommt zum Schluss, dass dieses Ziel nur durch den Bau von mehr Kernreaktoren in den nächsten 30 Jahren erreicht werden kann, wobei die Menge an ausgedienten Brennelementen, die sicher gelagert werden müssen, entsprechend zunehmen wird.
Die geologische Tiefenlagerung ist eine weltweit anerkannte Lösung
Unabhängig davon, was die Zukunft für neue Investitionen in die Kernenergie bereithält, gibt es heute bereits etwa 400’000 Tonnen ausgediente Brennelemente weltweit, die für Jahrtausende sicher aufbewahrt werden müssen. Es wäre unverantwortlich, diese Last auf künftige Generationen abzuwälzen, umso mehr, da wir über einen weltweit anerkannten Lösungsweg verfügen.
Es besteht ein wissenschaftlicher Konsens darüber, dass die geologische Tiefenlagerung der beste Weg ist, den wir kennen, um ausgediente Kernbrennstoffe über Hunderttausende von Jahren hinweg sicher zu lagern und einzuschliessen. Und es ist nicht nur eine theoretische Lösung:
- Das finnische Tiefenlager Onkalo auf der Insel Olkiluoto, das der Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation, Rafael Mariano Grossi, als wegweisend für die langfristige Nachhaltigkeit der Kernenergie bezeichnet hat, wird derzeit von der Entsorgungsorganisation Posiva Oy gebaut. Der Beginn der Einlagerung von Abfällen ist für Mitte der 2020er-Jahre geplant.
- Anfang 2022 erteilte die schwedische Regierung der Entsorgungsorganisation Svensk Kärnbränslehantering AB (SKB) die Genehmigung zum Bau einer Verpackungsanlage und eines geologischen Tiefenlagers für ausgediente Brennelemente in Forsmark in der Gemeinde Östhammar. Sobald alle erforderlichen Genehmigungen erteilt sind, wird der Bau voraussichtlich etwa 10 Jahre dauern.
- Im September wählte die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) Nördlich Lägern als Standort für ein geologisches Tiefenlager für [schwach-] und hochaktive Abfälle in der Schweiz aus.
- In Frankreich hat die Agence nationale pour la gestion des déchets radioactifs (Andra) die Baugenehmigung für das geologische Tiefenlager Cigéo in Meuse/Haute-Marne beantragt.
Kanadas Plan für die sichere Entsorgung ausgedienter Brennelemente
Auch in Kanada gehören wir zu den führenden Nationen, die ein langfristiges Entsorgungsprogramm vorantreiben. Kanadas Plan [auch bekannt als Adaptive Phased Management] für die sichere und langfristige Entsorgung ausgedienter Brennelemente entstand im Dialog mit Kanadiern und indigenen Völkern und basiert auf den von ihnen genannten Werten und Prioritäten. Der Plan wird nur in einem Gebiet mit informierten und bereitwilligen Gastgebern umgesetzt, in dem die Gemeinde, die First Nation- und Métis-Gemeinschaften und andere in dem Gebiet zusammenarbeiten, um ihn umzusetzen.
Im Jahr 2010 leitete die Nuclear Waste Management Organization (NWMO) einen mehrstufigen, von den Gemeinden gesteuerten Prozess ein, um einen Standort zu finden, an dem Kanadas ausgediente Brennelemente sicher gelagert und eingeschlossen werden können.
Ein wichtiger Bestandteil des Genehmigungsprozesses in Kanada ist die Achtung der Rechte der indigenen Völker. Wir arbeiten eng mit indigenen Gemeinschaften und Wissensbewahrern zusammen, um das indigene Wissen in unsere Arbeit einzubeziehen. Dazu gehört auch die Veranstaltung von Workshops zu indigenem Wissen und westlicher Wissenschaft, in denen wir versuchen, diese Wissensformen in den Dialog über Themen wie die Bedeutung des Schutzes von Wässern einzubringen.
Wir haben eng mit den 22 Gemeinden und indigenen Völkern zusammengearbeitet, die ihr Interesse bekundet haben, mehr über das Projekt zu erfahren und ihr Potenzial als Standort für das Projekt zu erkunden. Auf der Grundlage immer detaillierterer technischer Studien und der Einbindung der Bevölkerung hat die NWMO die Liste der potenziellen Standortgebiete schrittweise auf zwei Gebiete eingegrenzt: das Gebiet der Wabigoon Lake Ojibway Nation bei Ignace im Nordwesten Ontarios und das Gebiet der Saugeen Ojibway Nation in South Bruce im Süden Ontarios.
Kanadischer Tiefenlagerstandort soll 2024 ausgewählt werden
Heute sind wir auf dem besten Weg, im Jahr 2024 einen bevorzugten Standort auszuwählen, bevor wir das Projekt in die behördliche Genehmigungs- und Zulassungsphase überführen. Diese nächsten Schritte werden streng und anspruchsvoll sein – und das sollten sie auch sein – um den Kanadiern und den indigenen Völkern die Sicherheit und Gewissheit zu geben, die sie brauchen und verdienen.
Die NWMO hat in den letzten zwanzig Jahren einen weiten Weg zurückgelegt und gemeinsam mit unseren internationalen Schwesterorganisationen bewiesen, dass geologische Tiefenlager ein sicheres, langfristiges Konzept für die Entsorgung von ausgedienten Kernbrennstoffen sind. Da die Regierungen hierzulande und auf der ganzen Welt im Rahmen ihrer Strategien für saubere Energie auf die Kernenergie setzen, dürfen wir nicht nachlassen und müssen auch die nächste Generation miteinbeziehen, um unser Werk fortzuführen, das wir begonnen haben, um den anfallenden ausgedienten Kernbrennstoff zu entsorgen.
Entsorgungslösung umsetzen und nicht Verantwortung abschieben
Wie die schwedische Klima- und Umweltministerin Annika Strandhäll bei der Bekanntgabe der Genehmigung des schwedischen geologischen Tiefenlagers im Januar sagte: «Es ist unverantwortlich, den Atommüll Jahr für Jahr ohne Entscheidung in den Wasserbecken zu lassen. Wir dürfen die Verantwortung nicht auf unsere Kinder und Enkelkinder abwälzen. Unsere Generation muss die Verantwortung für unsere Abfälle übernehmen.»
Abgesehen von der Notwendigkeit der Energieversorgungssicherheit hat der andauernde Krieg in der Ukraine auch unsere kollektive Verantwortung für die sichere Entsorgung unserer ausgedienten Kernbrennstoffe in geologischen Tiefenlagern zum Schutz von Mensch und Umwelt verstärkt – unabhängig davon, was an der Oberfläche geschieht. Wir können nicht vorhersagen, was mit der Menschheit und ihren Einrichtungen geschehen wird, und wir können ganz sicher nicht davon ausgehen, dass über die vielen tausend Jahre – die ausgediente Brennelemente eingeschlossen und ferngehalten werden müssen – dauerhafter Frieden herrscht.
Wir alle stehen in der Verantwortung
Deshalb ist es so wichtig, dass wir jetzt handeln. Es liegt an uns allen in der Nuklearindustrie, diese Botschaft zu verbreiten.
Ob in formellen Gesprächen mit Regierungen, durch Richtigstellung von Falschinformationen in den sozialen Medien oder in den Mainstream-Medien oder durch informelle Gespräche mit Familie und Freunden – wir alle müssen unseren Teil dazu beitragen, die Welt zu informieren: Wir haben kein Atommüllproblem. Wir haben eine Lösung für den Atommüll.
Verfasser/in
Laurie Swami, Präsidentin und CEO von NWMO
Quelle
Dieser Text ist erstmals am 19. Januar 2023 von World Nuclear News (WNN) publiziert worden und wurde mit freundlicher Genehmigung auf Deutsch übersetzt und durch Zwischentitel ergänzt.
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