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Besucht man die St. Galler Stiftsbibliothek, nehmen einem die ausgestellten Handschriften in Beschlag. Wenig Zeit bleibt, die bemalte Decke mit den Fresken genauer zu betrachten. Sie sind 1762/63 entstanden und ein Spitzenwerk des aus Süddeutschland stammenden spätbarocken Malers Joseph Wannenmacher (1722–1780).
Dazu kommt das Bildprogramm, in seinen Grundzügen wohl vom Auftraggeber, Abt Cölestin Gugger (1701–1767), entworfen. Die Decke zeigt in grossen Rundbildern die Konzilien von Nizäa (325), Konstantinopel (381), Ephesus (431) und Chalzedon (451). Es sind dies die Kirchenversammlungen, die die für die meisten christlichen Konfessionen grundlegenden Dogmen festlegten: das Dogma von der Trinität und die Zweinaturenlehre. Die Darstellungen sind umkränzt von Wandbildern der griechischen und lateinischen Kirchenväter – auf der einen Seite Athanasisus, Basilius, Gregor von Nazianz und Johannes Chrysostomus, ihnen gegenüber Gregor der Grosse, Ambrosius, Augustinus und Hieronymus. Ebenfalls abgebildet sind die Kirchenlehrer Beda Venerabilis und Anselm von Canterbury, beide Benediktiner.
Studie zum Bildprogramm der St. Galler Stiftsbibliothek
Der emeritierte Stiftsbibliothekar Ernst Tremp widmete unlängst diesem Gesamtkunstwerk eine umfangreiche Studie.1 Besonders erfreulich ist, dass die Bilder minutiös beschrieben werden. Tremp erzählt, worum es bei den Kirchenversammlungen ging, referiert über die Entstehungsgeschichte und versucht eine theologiegeschichtliche Einordnung. Er nennt die im Bildprogramm zum Ausdruck gebrachte Grundhaltung «orthodox», d. h. rechtgläubig im Sinn der römisch-katholischen Kirche. Woher bezogen die St. Galler die Anregung? Tremp erwähnt den Ende des 16. Jahrhunderts erbauten Salone Sistino der Vatikanischen Bibliothek in Rom, der mit Fresken nicht nur der vier ersten, sondern aller ökumenischen Konzilien bis und mit Trient ausgeschmückt ist. Da der Maler Wannenmacher zeitweise in Rom lebte, ist es gut möglich, dass er den Salone Sistino sah. Auch sein Auftraggeber, Cölestin Gugger, studierte in jungen Jahren in Rom. Die Idee, einen Bibliothekssaal mit Konzilsbildern zu schmücken, war also naheliegend. Umso mehr muss zu denken geben, dass man durch die Beschränkung auf die ersten vier Konzilien in St. Gallen deutlich einen anderen Weg beschritt. War genug Platz vorhanden?
Wenn man wirklich «orthodox»-römisch-katholisch sein wollte, hätte es sich in diesem Fall eher aufgedrängt, sich auf das bisher letzte Konzil, das Tridentinum (1545–1563), zu beschränken. In aller Freundschaft sei Ernst Tremp gefragt, ob er den Einfluss der katholischen Aufklärung nicht unterschätzt hat. Gerade im süddeutschen Raum, Österreich und Bayern sowie in den geistlichen Fürstentümern Köln, Mainz, Würzburg und Münster, war diese Strömung damals von höchster Aktualität. Der Einfluss der vor allem in Norddeutschland verbreiteten protestantischen Aufklärung war gross, da man auch in katholischen Kreisen zunehmend weniger Hemmungen hatte, auch nicht katholische Autoren zu lesen. Die Polemik, die das Gespräch zwischen Protestanten und Katholiken während Generationen geprägt hatte, trat zurück. Sie wurde erst im 19. Jahrhundert im Zeichen der Restauration wieder virulent. Vor diesem Hintergrund lässt es sich vielleicht besser verstehen, weshalb man in St. Gallen nur die ersten vier Konzilien und nicht etwa das antireformatorische Tridentinum dargestellt hat.
Hochschätzung der ersten vier Konzilien
Bemerkenswert ist, wie der Humanist und Förderer der St. Galler Reformation, Vadian, die Kirchengeschichte sah. In einem Brief an den Leiter der Zürcher Kirche, Heinrich Bullinger, entwarf er im Jahr 1543 einen christentumsgeschichtlichen Gesamtentwurf. Er wandte die aus der Antike übernommene Theorie von den vier Weltzeitaltern (golden, silbern, ehern und eisern) auf die Kirche an. Die ersten drei Jahrhunderte nach Christi Geburt seien das Goldene Zeitalter gewesen, während das Silberne bis und mit Kaiser Justinian I. (Regierungszeit 527–565) gedauert habe. Anschliessend sei es zu einem immer grösseren Verfall gekommen.2 Abt Cölestin Gugger kannte diesen Brief wohl nicht. Mit dem Bildprogramm in der Stiftsbibliothek kam er dieser Gesamtschau trotzdem aber unbewusst bis zu einem gewissen Grad entgegen.
Eine noch engere, vielleicht nun wirklich bewusste Parallele für die Hochschätzung der ersten vier Konzilien und der Kirchenväter findet sich beim an der Universität Helmstedt lehrenden evangelischen Theologen Georg Calixt (1586–1656). Er verfügte über sehr gründliche Kenntnisse der Literatur des christlichen Altertums und edierte u. a. Schriften Augustins. 1626 prägte er in seiner Einleitung zu dessen Werk «De doctrina christiana» den Ausdruck «consensus antiquitatis», der später in «consensus quinquesaecularis» umgestaltet wurde. Gemeint ist damit, historisch allerdings zu verallgemeinernd, dass die christliche Kirche in den ersten fünf Jahrhunderten in den wesentlichen Aussagen über den christlichen Glauben noch einig gewesen sei. Besonders die Dogmen der ersten vier Konzilien über die Trinität und die Christologie seien allgemein anerkannt gewesen. Calixt richtete sich mit dieser Sicht in erster Linie an die römisch-katholischen Theologen, denen er zurief, das in den ersten Jahrhunderten der Christentumsgeschichte Gültige sei wichtiger als das, was später dazu gekommen sei. Es gebe eine Hierarchie der christlichen Wahrheiten. Calixt nahm hier unter anderem vorweg, was inzwischen auch das Zweite Vatikanum postuliert hat. In seiner eigenen Zeit fand Calixt sowohl bei Katholiken als auch bei Protestanten wenig Zustimmung. Im 18. Jahrhundert war es dann aber der grosse evangelische Aufklärungstheologe Johann Salomo Semler (1725–1791), der Calixt aus der Vergessenheit hervorholte. Heute lebt die Theorie des «consensus quinquesaecularis» besonders bei den Anglikanern und bei den Altkatholiken weiter.
Im Zusammenhang mit den Fresken in der St. Galler Stiftsbibliothek stellen sich die Fragen: Kannte Cölestin Gugger Calixt und Semler direkt oder mindestens indirekt? Wusste er um diese Kontorverse?3 Was wollte Gugger mit seinem Bildprogramm aussagen? Ging es ihm gegenüber der protestantischen Stadt St. Gallen darum, zu betonen, dass seine römisch-katholische Kirche eben die «rechtgläubige» sei?4 Oder war das Bildprogramm vielleicht doch eher eine freundliche Einladung, das Gemeinsame der verschiedenen Konfessionen stärker als das Trennende zu betonen? Das Zweite Vatikanum sagte am 21. November 1964 in seinem Dekret «Unitatis redintegratio»: «Darüber hinaus müssen beim ökumenischen Dialog die katholischen Theologen, wenn sie in Treue zur Lehre der Kirche in gemeinsamer Forschungsarbeit mit den getrennten Brüdern die göttlichen Geheimnisse zu ergründen suchen, mit Wahrheitsliebe, mit Liebe und Demut vorgehen. Beim Vergleich der Lehren miteinander soll man nicht vergessen, dass es eine Rangordnung oder ‹Hierarchie› der Wahrheiten innerhalb der katholischen Lehre gibt, je nach der verschiedenen Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens.» Vielleicht waren die Fresken in der St. Galler Stiftsbibliothek ein Schritt in dieser Richtung. Mit den Worten des gegenwärtigen Stiftsbibliothekars Cornel Dora in einem Brief an den Verfasser: «Thema des Saals wäre damit die christliche Wahrheit und deren wissenschaftliche Erforschung, wobei die Gemeinsamkeit der Konfessionen auf der Grundlage des Consensus quinquesaecularis betont ist.»