Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03623.jsonl.gz/1229

(Voodoo Rhythm Records Bern, 2006)
Gerade als er dazu ansetzte, sein nächstes Glas runterzukippen, öffnete sich die Tür und durch gleissendes Sonnenlicht glitt ein Schatten ins Innere der Bar. Samuel Tanner kniff die Augen zusammen und sah zu, wie sich ein gedrungener Mann einige Meter neben ihm an die Bartheke setzte. Dann wandte er sich wieder seinem Glas zu. Der Bartender, ein junger Mann mit Tattoos, Bart und Jeans-Hemd, begrüsste den neu dazu gekommenen Gast freundlich: «Was darf’s sein?» Samuel Tanner hörte nicht länger hin. An Tagen wie diesen lebte es sich gut. Nach dem ersten Gipfeli gleich das erste Bier und alle Zeit der Welt oder zumindest Zeit genug, um auf jeder Seite der Tageszeitung vor ihm einige Momente zu verweilen. Mit seinen aufgerauten Fingen blätterte er eine Seite weiter. Er überflog einen Nachruf zum Tod eines Regisseurs, von dem er nie gehört hatte. Auch die Titel seiner zahllosen Filme waren ihm neu, aber Samuel Tanner schaute ohnehin keine Filme. Viel lieber las er und liess sich und seiner Fantasie so etwas mehr Raum. Mit Interesse las er die nächsten Zeilen, deren Autor nur lobende Worte für den verstorbenen Regisseur gefunden hatte. Ein Film über die Reise eines Zigeunerjungen schien dem Autor besonders am Herzen zu liegen. Vielleicht sollte er sich doch wieder mal einen Film ansehen, vielleicht gerade einen von diesem Regisseur, dachte sich Samuel Tanner und trank einen nächsten Schluck. Der bärtige Bartender sprach noch immer mit dem Mann, der vor ein paar Augenblicken in die Bar gekommen war. Samuel hörte nun ihrer Unterhaltung zu.
«Ich weiss ja nicht, wer deine Freunde sind, ob das deine Freunde sind …aber wirklich ehrlich scheint hier niemand mit dir zu sein. Nur ich.»
«Weisst du, was mir letztes Mal schon aufgefallen ist?», fragte der Gast. Er war wohl Mitte Vierzig, den Kopf hatte er glattrasiert, die Hände, die er auf dem Tresen zu Fäusten geballt hatte, waren grob und mit mehreren schweren Silberringen versehen.
«Letztes Mal?»
«Letztes Mal, als ich hier war.»
Der Bartender schwieg, warf seinem Kunden einen fragenden Blick zu.
«Weisst du, was mir letztes Mal schon aufgefallen ist?»
Der Bartender zuckte nur mit den Schultern, und wischte mit dem Lappen den Tresen weiter.
«Dass du mir auf den Geist gehst, das ist mir letztes Mal aufgefallen.»
Der junge Mann schaute kurz auf und erwiderte: «Ok. Tut mir leid, das zu hören.»
«Vor allem dieser Bart … kannst du dir den nicht wieder abnehmen?»
«Er ist echt», antwortete der Bartender und fügte dann hinzu: «Ich habe ihn mir einige Monate wachsen lassen.»
Der andere verzog das Gesicht. «Auch noch stolz bist du darauf …hat dir denn niemand gesagt, dass das nicht gut aussieht?»
«Nein.»
«Ich weiss ja nicht, wer deine Freunde sind, ob das deine Freunde sind …aber wirklich ehrlich scheint hier niemand mit dir zu sein. Nur ich.»
«Den meisten gefällt das hier.»
«Ich hätte eine Schere dabei, damit du ihn dir abschneiden kannst.»
«Nicht nötig», sagte der Bartender nun etwas weniger freundlich und sah sich in der Bar nach anderen Gästen um, die er bedienen könnte. Samuels Glas war zwar leer, die Flasche gleich daneben aber immer noch halbvoll. Er vertiefte sich wieder in seine Zeitung, oder tat zumindest so, während der andere Mann eine Schere hervor nahm und begann, mit ihr zu spielen.
«Ich könnte sie dir auch in den Bauch rammen.»
Samuel seufzte, blickte auf und drehte sich dem Geschehen an seiner Seite zu. Der Barmann bewegte sich nicht mehr, stand verkrampft da und brachte kein Wort über die Lippen. Der Glatzkopf deutete mit der Schere eine schnelle Handbewegung nach vorne an, erschrocken wich der Bartender zurück. Der andere lachte laut auf und sagte dann nur: «Komm schon, schneid ihn dir einfach ab.»
Er wedelte mit der Schere und hielt sie ihm dann hin. Samuel Tanner beäugte den Bartender. Mit dem Handrücken strich sich dieser den Schweiss von der Stirn, jegliche Farbe war ihm aus dem Gesicht gewichen. Mitleid mochte er für das bärtige Milchgesicht an diesem Nachmittag trotzdem nicht aufbringen. Eigentlich gab er dem glatzköpfigen Schikaneur ja Recht. Ohne seinen theatralischen Bart hätte der Bartender zwar nicht unbedingt besser ausgesehen, aber sicherlich wäre er weniger Leuten auf den Geist gegangen. Er genehmigte sich einen nächsten Schluck. Der Barmann blickte zu Samuel rüber, suchte seinen Blick, versuchte, einen Verbündeten zu finden. Samuel blickte regungslos zurück und machte keinerlei Anstalten, ihm zu helfen. Lieber wollte er zuschauen, wie sehr sich der Bartender einschüchtern liess. Auch der Glatzkopf blickte zu Samuel hin und deutete ein schiefes Lächeln an. Dann drehte er sich wieder dem Bartender zu und sagte: «Komm schon, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Ich muss nachher noch etwas erledigen.» Der Bartender griff langsam zur Schere. Der andere hielt an ihr fest und grinste ihn an: «Und du machst ganz sicher keine Dummheiten, oder?» Samuel stellte sein Glas ab. Vielleicht wird sich der bärtige junge Mann ein Herz fassen und sich zu wehren versuchen. Dann könnte es hier drin ganz schön schnell ungemütlich werden, dachte sich Samuel. Der Glatzkopf lockerte seinen Griff und liess die Schere los. Wieder lachte er laut auf. Der Bartender hielt die Schere wie ein Messer zur Verteidigung. «Ich sehe, was sich da hinter deinem Bart tut», sagte der Gast.«Du wägst die verschiedenen Möglichkeiten, die dir bleiben, ab. Glaub mir, dein Bart ist das mindeste, was du an diesem Nachmittag verlierst.»
Der Bartender führt die Schere an seinen Bart. Als die ersten Barthaare zu Boden fielen, klatschte der Glatzkopf in die Hände und lachte: «Bravo. Weiter!» Der junge Mann kämpfte mit den Tränen. Samuel schüttelte nur den Kopf und drehte sich wieder ab. Er schickte sich an, weiterzulesen und versuchte, die Stelle im Text zu finden, bei der er zuletzt war. Der Regisseur und die Reise des Zigeunerjungen. Er fand die richtige Zeile nicht wieder und blätterte um. «Das sieht doch schon viel besser aus. Oder?», sagte der Gast mit lauter Stimme. Samuel blickte auf. Der Bartender hatte sich die eine Seite des Bartes gestutzt, ungleichmässig standen die Haare ab. «Mach nur weiter», sagte der Glatzkopf.«Ich hol mir in der Zwischenzeit selber was zu trinken von der Bar.» Er stand auf, trat hinter die Bar und musterte die verschiedenen Flaschen, den Rücken zum Barmann gedreht. Dieser hielt inne, die Schere im Bart, machte keine Bewegung mehr. Der Glatzkopf streckte sich und griff zu einer teuren Flasche Whisky. Er konnte sie nicht wirklich fassen. «He, reichst du mir diese Flasche runter?», fragte er. In dem Moment raste der Barmann auf ihn zu und versuchte, ihn mit der Schere zu treffen. Die beiden krachten hinter dem Tresen zu Boden. Samuel Tanner hörte Schläge und Schreie. Er seufzte, trank nochmal einen Schluck und stand auf. Doch kein freier Tag, dachte er sich und ging langsam um den Tresen herum, um hinter die Bar zu treten. Der kleine Glatzkopf hatte die Oberhand gewonnen und verpasste dem Bartender mehrere Schläge ins Gesicht. Die Schere lag ein paar Meter weiter weg am Boden. Als sich Samuel Tanner den beiden näherte, holte der Glatzkopf zu einem wuchtigen Schlag aus und liess seine Faust mit aller Kraft niedergehen. Samuel Tanner meinte, Knochen brechen zu hören.
«Schade. Beinah wärst du mir sympathisch gewesen.»
Winselnd wand sich der Bartender am Boden und streckte die Hände hilflos nach oben. Samuel Tanner riss den anderen an den Schultern hoch, trat ihm mit dem rechten Knie in den Rücken und warf ihn über die Theke. Der Glatzkopf krachte in einen Tisch auf der anderen Seite des Tresens. Erst jetzt sah Samuel Tanner, dass zwei weitere Gäste in die Bar getreten waren, besorgt sahen sie ihn an, der eine mit dem Mobiltelefon am Ohr, der andere hielt seine Hände beschwichtigend in die Höhe. Der Bartender am Boden gab ein erbärmliches Bild ab, allzu ernsthaft verletzt schien er aber nicht zu sein. Der andere Störenfried schien sich beim Sturzflug über die Theke weh getan zu haben und krümmte sich am Boden. Samuel Tanner ging zu ihm rüber und schaute grinsend auf ihn herunter. «Schade. Beinah wärst du mir sympathisch gewesen.» Der Glatzkopf drehte sich auf den Rücken und quälte sich ein Grinsen ab. Durch seine blutverschmierten Zähne sagte er: «Dieser Hipster hatte doch mehr Eier als gedacht.» Samuel Tanner zuckte mit den Schultern. Hinter ihm hörte er, wie mehrere Personen in die Bar stürmten. Dann verlor er den Boden unter den Füssen. Der Glatzkopf war plötzlich über ihm und rammte ihm den Ellbogen in den Bauch. Samuel drehte sich so schnell wie möglich weg, um dem nächsten Schlag auszuweichen. Den Tritt aus der anderen Richtung sah er nicht kommen.
| Kapitel II >