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Blüte flüstert dir Sonne zu
zum Umarmen
Nebelfrau du
die Brust baucht mich
nimm deinen
Sommermond in keinen
Winter auf.
Blüte flüstert dir Sonne zu
Blüte flüstert dir Sonne zu
zum Umarmen
Nebelfrau du
die Brust baucht mich
nimm deinen
Sommermond in keinen
Winter auf.
Schafe und Ziegen riechen gut
aber
Ziegen noch besser
das muß
ich mir merken
und so vieles andere auch
Seelenbücher lächeln
freundlich aus dem Regal, zwinkern
uns hat sie gern
mir zu
wir mußten uns keine Zettel
schreiben aber
mich rührt des Gedankens Gedanke
während der stolze Käse schmeckt
zuhause bestiefelt
aber eigentlich nicht in Stiefeln zu Hause
Wo man sie nicht finden kann such ich
ratlos
die Toilette schon ziemlich
angetrunken und schwer von
Begriff, aber peinlich ist es mir nicht
unter ihren
Augen
und das ist
der befreiendste von allen Gedanken und
Wünschen
naß bin ich nicht geworden, weil
es bimmelt und
ein Keksgedanke freut sich
beklommenen Herzens.
Nichts ist besser als Bratwurst.
Ein Brötchen ist besser als nichts.
Also ist ein Brötchen besser als Bratwurst.
Der Schluß scheint formal gültig zu sein. Er folgt dem Schema: Wenn A besser ist als B, und B besser ist als C, dann ist A besser als C. A ist besser als B. Also ist A besser als C. Man nennt eine solche Beziehung wie die Besser-als-Beziehung eine transitive Relation. Andere transitive Relationen sind etwa die „unter“-Relation (wenn A unter B ist und B unter C, dann ist A auch unter C), oder die „größer“-Relation in der Mathematik.
Daß hier logisch nicht alles mit rechten Dingen zugeht, liegt auf der Hand. Warum aber? Des Rätsels Lösung liegt in der Verwendung des Ausdrucks „nichts“.
Nichts verhält sich nämlich ganz anders als eine Konstante wie A oder B, und die Verwendung von Ausdrücken wie nichts, niemand, nirgends als Konstanten ist logisch unzulässig. Genau das aber wird im Bratwurstschluß getan und funktioniert folgendermaßen: Der Satz Nichts ist besser als Bratwurst ist syntaktisch dem Satz A ist besser als Bratwurst gleich. Aus A ist besser als Bratwurst und Ein Brötchen ist besser als A kann problemlos Ein Brötchen ist besser als Bratwurst geschlossen werden. Setze ich nun nichts an die Stelle von A, so passiert etwas Merkwürdiges. Zwar bleibt die äußere Struktur, also die Syntax, des Ausdrucks erhalten. Seine Bedeutung ist aber nicht parallel zu dieser identischen Struktur. Warum nicht? Weil nichts eine Negation enthält, die aber syntaktisch sozusagen „versteckt“ ist. Man kann den Satz Nichts ist besser als Bratwurst paraphrasieren als: „Es gibt nichts, das besser als Bratwurst ist“. Setzt man diese Paraphrase in das ursprüngliche Schema ein, so sieht man, daß auch die syntaktische Gültigkeit verschwindet: Also hängt diese einzig und allein von der äußeren Struktur der Sätze ab, nicht von ihrer Bedeutung. Gehen aber Bedeutung und Syntax nicht parallel, weil die natürlich-sprachliche Syntax Dinge gleich erscheinen läßt, die semantisch höchst unterschiedlich sind, so lassen sich sehr merkwürdige Schlüsse konstruieren, die formal gültig zu sein scheinen, es aber semantisch nicht sind. Das wohl berühmteste Beispiel findet sich in Alice in Wonderland und sei hier zitiert. Die unerlaubte Verwendung von nobody als Konstante wird durch Großschreibung angedeutet:
“Who did you pass on the road?” the King went on […].
“Nobody,” said the Messenger.
“Quite right,” said the King: “this young lady saw him too. So of course Nobody walks slower than you.”
“I do my best,” the Messenger said in a sulky tone. “I’m sure nobody walks much faster than I do!”
“He can’t do that,” said the King, “or else he’d have been here first. […]”
Nebenbei bemerkt läßt sich der Schluß doch noch so auffassen, daß er gültig ist. Dazu müssen wir aber den Satz Nichts ist besser als Bratwurst in einer kaum natürlichen Interpretation verstehen, derjenigen nämlich, die paraphrasiert ungefähr lautet: „Nichts zu haben ist besser als eine Bratwurst zu haben“. Wenn wir dann hinzunehmen „ein Brötchen zu haben ist (noch) besser als nichts zu haben“, können wir scharfsinnig folgern, daß ein Brötchen besser ist als eine Bratwurst.
qed
Selbst wenn
ich den blick abwende
bleiben
die anderen augen
in meinem nacken
das springseil ist verhakt mit dornen
und die
schaukeln
schaukeln nicht mehr
gefesselt steht
die wippe starr und
starr die schönheit der
blumen alle.
Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.
Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.
freudig
zwar: aus den wolken fallen zumindest
aus manchen und wachwerden und
augenreiben
aber auch das spiegelbild
kann mich mir nicht wiederschenken
drehe ich mich ist es weg
verkehrtherum
nebenauge
unohr
mißhandundfuß und
das herz ist wohl
am rechtenfleck, wosonst
nur recht ist es nicht
wasesist
wasistes
im stich
gelassen vom eigenen
augen sind ganzstill
wie von rehen
Als könnte ich Herzschläge umblättern, mit Fingern, die wund sind von der Zartheit des Seidenpapiers: so ließe sich die Zukunft vielleicht auswendig lernen, wenn man nur schnell genug wäre und ihr zuvorkäme. Aber ich sehe mich schon wieder meinem Schatten hinterherlaufen, ihn einzuholen hoffnungsvoll bemüht. Ein leerer Raum spannt sich erstickend um mich, so leer, so sehr überhaupt Raum, das es mir eng wird um brust und Mund und Glieder. Wo bin ich selbst in all dem Gefäde und Gezerre von Dimensionen? Wo stehe ich, ist mein Platz, was habe ich in meinen Händen, das ich anbieten könnte? Ich weiß nicht, was verlangt wird. Ich weiß nur, daß etwas verlangt wird, weil ich selbst voller Verlangen bin. Doch stehe ich am Rand, in der Mitte, oder wo? Plötzlich verschiebt sich alles, und es steht zu erwarten, daß sich noch mehr noch ärger verschieben wird, ein Schock der Erkenntnis: Du bist gar nicht so, nicht der, für den du dich hieltest. Eingenistet in bequeme Annahmen habe ich mich.
Es bleibt nur, unstillbar, unergründlich, unauslotbar, der Wunsch: zu gefallen. Das Wasser reichen zu können. Als könnte man sich und andere an sich selbst und anderen messen. Alles ist erlaubt, nichts ist möglich.
Und ich muß mich seit neuestem fragen: Wie wäre es? Ja, wie wäre es überhaupt?
Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit möchte ich Beschwerde gegen einen Ihrer Mitarbeiter einlegen. Gestern, am 23.11.2004 um 14 Uhr am Bahnhof Köln-Süd wurde mir vom Zugbegleiter der Einstieg in die verspätete Regionalbahn RB 11217 Richtung Bonn, planmäßige Abfahrtszeit 13:45 mit der Begründung verweigert, ich hätte widerrechtlich die Gleise überquert. Der Mitarbeiter stellte sich dabei so vor die Tür, daß ich nicht an ihm vorbeikam. Ich hielt das für einen Scherz und bat ihn, er möchte bitte Platz machen, damit ich einsteigen könne. Darauf wurde mir erwidert, ich solle bitte die Treppe benutzen. Dann schloß sich die Tür, der Zug fuhr ab.
Ich erkläre hiermit, daß ich die Gleise nicht überquert habe. Andererseits hätte auch das am Fehlverhalten Ihres Mitarbeiters wohl kaum etwas geändert. Ich verlange von Ihnen eine scharfe Zurechtweisung des Mitarbeiters.
Übrigens ist dies schon das zweite Mal, daß ich wegen eines solchen “Verdachts” in Schwierigkeiten gerate. Beim ersten Mal sprach mich ein Mitarbeiter des sogenannten Prüfdienstes in höchst unangemessenem Tonfall mit der Bemerkung an, ich hätte doch gerade die Gleise überquert. Glücklicherweise mischte sich eine Mitreisende ein und bezeugte, daß nicht ich es gewesen war, der die Gleise überquert hatte. Von einer Beschwerde habe ich damals abgesehen, da der Vorfall folgenlos blieb und sich der Mitarbeiter bei mir entschuldigte.
Im übrigen möchte ich bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam machen, daß die Anlage des Kölner Südbahnhofs das Überqueren der Gleise förmlich herausfordert, da man, um vom Aufgang Zülpicher Straße auf Gleis 1 zu gelangen, über 200m gehen muß — eine Strecke, die verständlicherweise nach Abkürzung verlangt, wenn die Zeit knapp ist und 40 min Wartezeit drohen. Täglich sind dort zahlreiche Fahrgäste zu beobachten, die sich dieser Abkürzung bequemen. Statt unangemessener disziplinarischer Sofortmaßnahmen durch das Personal der DB wäre vielleicht an den Bau einer Brücke oder einer Unterführung zu denken, die das Überqueren der Gleise überflüssig macht. Oder muß dort erst ein Unfall geschehen, ehe diese schon lange fällige Verbesserung in Angriff genommen wird?
Hochachtungsvoll
T. Th.
„Das ist eine meiner Lieblingsstellen“, flüstere ich meiner Tischnachbarin zu. Vorne im Raum holpert sich eine Stimme am Hexameter ab. labitur et labetur in omne volubilis aevum …
„Warum?“ flüstert sie zurück.
Bis auf zwei enthält der Vers nur offene Silben. Vokal und Konsonant stoßen einander an und lösen einander aus wie Steine in einem Dominospiel; kaum ein Stocken von Positionslängen stört oder hemmt auch nur einen winzigen Augenblick dieses stete Fließen. Von den zwei Konsonantenhäufungen besteht die eine nur aus Sonoranten, die sich nahtlos in den Strom der Vokale einfügen. Wortakzent und Iktus fallen genau zusammen; reibungslos und ohne Holpern folgt betonte Hebung auf unbetonte Senkung, so daß die Silben vorbeigleiten, unaufhaltsam fließend wie der Strom selbst, den sie beschreiben. Dunkelheit beschwört das seltene Wort volubilis „wirbelnd“ herauf, eine Dunkelheit, die sich in der zweiten Worthälfte ein bißchen aufhellt, ganz wie ein Strom mal dunkel gurgelt, mal hell aufschäumt. Doch das Helle ist nur von kurzer Dauer und in Dunkelheit geschlungen, so wie das -bilis von tieftönenden Hinterzungenvokalen umgeben ist.
Ich weiß wohl, es ist nicht so gemeint, und meine Liebe zu dieser Zeile löst sie ganz aus dem Zusammenhang, der ein durchweg ermunternder und optimistischer ist. Aber mir spricht eine große Traurigkeit aus diesem Vers. Der Fluß wird für alle Zeiten dahinfließen, wir aber mit unseren kleinen Hoffnungen stehen an seinem Ufer und warten und warten darauf, daß er eines Tages versiege.
Als ich einmal am Morgen nach einer Party in die Küche unsrer WG kam, las ich am Kühlschrank folgende Zeile:
Frag ohne Atem um Honig sie
Das prägte sich sofort ein. Das brannte sich fest. Das war wunderbar. Hocherotisch.
Verwirrung schüttelt die Bäume aus, bis sie leer sind, so leer und einsamneu wie der Himmel, den sie festkrallen mit ihren erstorbenen Fingern. Unsicherheit streicht über die üppigen Pfützen, und der Regen gestern: War er nicht fast schon warm und vertraut angesichts dieses stürmischen Neu, das alle Zeiten vergangen und alt sein läßt und mit Macht sich gegen jedes Wiederkehren stemmt? Die eigenen Fußtritte glänzen noch im Schlamm, aber wohin sie führen, das weiß niemand mehr. Gestern schlug das Herz wie heute. Aber was tat es dazwischen? einen Augenblick nicht hingehört, und schon ist Tag und Nacht und wieder Tag entflohen.
Und so wird es auch weitergehen, wird es weitergehen müssen: Die Reihe der Tage bricht nicht ab und zu sich selbst kehrt sie nie zurück. Eins wird aus dem anderen geboren, aber die Kindertage haben die Elterntage getilgt hinter ihrer Stirn.
Nie ewig
sein
immer am Hund
oder
ohne Dunkel
liegen
Neulich im Lateinseminar. Die Rede kommt auf Chrysippos, einen hellenistischen Philosophen. Der Professor, Herr F., berichtet, von Chrysippos sei folgendes Zitat überliefert. Man hört förmlich die Anführungszeichen. Dann trägt er vor:
„Wenn Du etwas nicht weggeworfen hast, so hast du es noch.“
Brüllendes Gelächter füllt den Raum. So ist das also. Ja ja, die Alten. Wirrköpfe alle miteinander. Aber es geht noch weiter. Herr F. wartet, bis die Heiterkeit abgeklungen ist, dann fährt er fort:
„Hörner hast du nicht weggeworfen. Also hast du Hörner.“
Dann steht er auf, wechselt in gewohnter Manier Lesebrille mit Fernsichtbrille, schaut in die Runde.
„Widerlegen Sie das mal“, sagt er ernst.
Meine Hand will schon hochzucken, da geht Herr F. aber schon zu etwas anderem über. Die Widerlegung sei daher hier nachgeholt.
Es handelt sich hier um ein Beispiel aus einer ganzen Reihe von Paradoxa, die immer demselben Schema folgen: Ein auf den ersten Blick schlüssiges Argument führt in einen unakzeptablen Widerspruch zur Erfahrung. Berühmtestes Beispiel ist wohl das vom griechischen Philosophen Zenon formulierte Schildkröten-Paradox. Der aus akzeptablen Prämissen gezogene Schluß scheint gültig, widerspricht aber der Erfahrung – wir wissen ja, daß der schnellere Achill die langsamere Schildkröte einholen muß.
Es gibt nun prinzipiell zwei Möglichkeiten, eine solche Paradoxie aufzulösen. Entweder ist der Schluß falsch, oder in den Prämissen ist der Wurm drin. Es wäre also entweder zu zeigen, daß wir empirisch unrecht haben, und es sehr wohl gilt, daß der Nicht-Entsorger von Hörnern welche hat; oder aber es müßte gezeigt werden, daß die Voraussetzung falsch ist. Da ich mich aus guten Gründen weigere zu akzeptieren, daß ich Hörner besitze, bleibt also nur die zweite Möglichkeit.
Sehen wir uns das Schlußschema genauer an. Chrysippos arbeitet mit zwei Prämissen. Erstens: Wenn einer etwas nicht wegwirft, dann hat er es noch. Zweitens: Hörner hast Du nicht weggeworfen. Da wir die zweite Prämisse Hörner hast du keine weggeworfen als wahr akzeptieren müssen, bleibt nur die erste Prämisse, Wenn du etwas nicht weggeworfen hast, so hast du es noch. Daß diese Prämisse falsch ist, ist sehr einfach zu zeigen. Wir müssen uns dazu nur fragen, was den Satz Chrysippos hat keine Hörner weggeworfen widerlegt. Offensichtlich doch nicht, daß er noch welche hat: Denn Chrysippos hat durchaus auch dann keine Hörner weggeworfen, wenn er nie welche besessen hat. Mit anderen Worten, der Satz Chrysippos hat keine Hörner weggeworfen ist nur dadurch zu widerlegen, daß man ihn dabei beobachtet, wie er sich der Stierzier gerade entledigt. In allen anderen Fällen, sei es, daß Chrysippos Hörner hat, sei es daß er nie welche besaß, ist der Satz Chrysippos hat keine Hörner weggeworfen wahr. Also folgt aus diesem Satz auch nicht, daß er jemals Hörner hatte. Folglich ist die Prämisse falsch.
Man kann Beliebiges nicht wegwerfen. Tatsächlich kann man unendlich oft unendlich viel nicht wegwerfen. Gerade in diesem Augenblick beispielsweise werfe ich gerade eine Million Euro nicht weg. Dazu muß ich sie nicht gehabt haben. Ich kann alles mögliche nicht wegwerfen. Ich kann auch nicht-nach-Shangri-La-zurückkehren, weil ich nämlich nie da war. Ein weiteres Beispiel besteht darin, über Nichtvorhandenes Aussagen zu treffen, etwa Kein Gürteltiere in der Kathedrale von Chartres spricht fließend Altpersisch. Natürlich ist der Satz wahr. Widerlegen kann man ihn nur, wenn man ein Gürteltier, das fließend Altpersisch spricht, in der Kathedrale von Chartres auffindet. Findet man dort keins, ist der Satz wohl oder übel wahr.
Warum aber lassen wir uns so leicht hinters Licht führen, so daß uns die Hornprämisse zunächst als wahr erscheint? Das hängt damit zusammen, daß wir sprachliche Ausdrücke immer in ihrer plausibelsten und nicht in jeder ihrer logischen Möglichkeiten interpretieren. Umgekehrt wäre es irreführend, etwas zu behaupten, das zwar streng logisch nicht falsch, jedoch hochgradig uneinsichtig bzw. kommunikativ sinnlos ist. Nehmen wir als Beispiel den Ausdruck etwas wegwerfen. Er setzt die Existenz eines Gegenstandes voraus, der weggeworfen wird. Der Ausdruck Chrysippos wirft Hörner weg ist wahr genau dann, wenn Chrysippos Hörner wegwirft. Dazu muß er aber welche haben, sonst kann er sie nicht wegwerfen. Wie sieht es nun mit der Verneinung dieses Satzes aus? Chrysippos hat keine Hörner weggeworfen. Die plausible Interpretation nimmt auch in der Verneinung an, daß Chrysippos Hörner hatte. (Denn warum sollte sonst jemand von Chrysippos’ Hörnern sprechen?) Das heißt, in der plausiblen Interpretation bleibt die Voraussetzung für die Wahrheit des bejahten Satzes (Chrysippos hat Hörner weggeworfen), wenn er verneint wird, erhalten. Der Hörer des Satzes Chrysippos hat keine Hörner weggeworfen nimmt zurecht an, daß Chrysippos welche hatte. Warum? Weil es nicht kooperativ wäre, zu behaupten, Chrysippos habe keine Hörner weggeworfen, wenn er tatsächlich nie welche hatte. Genausogut könnte man von Chrysippos’ Hörnern alles mögliche in Verneinung aussagen, ohne Lügen zu verbreiten, beispielsweise, daß Chrysippos seine Hörner nicht lackiert habe, daß er sich seine Hörner nicht gebrochen habe, daß er sich um seine Hörner kein rosa Schleifchen gebunden habe etc ad nauseam. Alle diese Sätze sind wahr. Nur besagen sie nichts. Sie sind irreführend, da sie beim Hörer die Vorstellung erwecken, Chrysippos besäße Hörner. Diese Erwartung macht sich der Philosoph zunutze, um den Leser in einen Trugschluß zu locken.
So, jetzt bin ich dran mit den kleinen schiefgehenden Dingen. Habe ich zu lange gewartet, war ich nicht hartnäckig genug, hätte ich einfach darauf bestehen sollen? Oder war es ohnehin eine Schnapsidee? Und warum ist diese kleine schiefgeratene Geste, dieses klitzekleine Mißlingen jetzt so ungeheuer bedeutungsvoll für mich? Ist es, weil ich stets in Symbolen denke? Ist es, weil ich zu glauben bereit bin, daß damit selbst dieser Nachmittag in ein Licht der Vergeblichkeit getaucht ist, das diese Stunden vom Jetzt wegbrechen läßt wie eine morsche Brücke? Ist es das? Oder benehme ich mich jetzt fürchterlich kindisch? Ja, wahrscheinlich tue ich das. Aber das ändert nichts.
Tief luftholen und sich selbst zur Vernunft rufen. Es geht vorbei. Und dann wird es mir so albern vorkommen wie es tatsächlich ist.
Über Kirchturm und rauchwürgende Kamine hin gellt der Dreiecksschrei der Gänse. Asphaltgeruch mit Nässe und Pferdemist klebt in der Nase, die Stirn schmerzt, die Autos rollen wie wild, als hätte Ziel und Fahrt und Weg irgendeine Bedeutung, die Züge quietschen und halten und halten. Bäume hängen am Himmel fest, und ich bin so müde bis ins Innerste hinein. Zermüdet, zermürbt, zerfühlt. Zerfasert und zerdünnt bis an die Grenze einer Leere, die so dichtgepackt ist, daß sie keinerlei Empfindung außer dem Wahrnehmen ihrer selbst mehr aufnehmen kann. Ich möchte mir eine Decke aus grauschweren Wolken über den Kopf ziehen und schlafen, schlafen, schlafen.
Gestern nacht plötzlich, in jenen gefährlichen Stunden, da die Erinnerungen an uns wallen wie traurige Vogelschwingen, wie Rauch, der endlos den Kaminen entquillt, vermisse ich meine ehemalige Mitbewohnerin, Carmen, die vor drei Monaten aus unserer WG ausgezogen ist. Wir haben kaum je ein intensives Gespräch geführt, ja, wir sind uns kaum je wirklich über den Weg gelaufen. Sie war tags über nicht da, ich nachts meistens nicht. Sie aß gerne auf ihrem Zimmer, fernsehenschauend, ich in der Küche. Ein Hallo hier oder da; ein bißchen Lästern über die Jungs, die im Hof ihre Mofas frisieren. Ein Lächeln hier, ein Grinsen da, da war alles. Und plötzlich vermisse ich sie wie verrückt. Ist es diese schlimme Stunde, vier Uhr morgens, wenn man glücklich von der Toilette zurück ist und die warme Bettwatte einen wieder umfängt, diese Stunde, da plötzlich Altes, Vergessenes, Verdrängtes, Übersehenes und Vergangenes wieder hochkommt wie zäher, unverdauter Brei? Ist es die plötzliche blitzwache ‚Erkenntnis, daß uns nichts, aber gar nichts bleibt auf unserem Weg, und wir alles verlieren werden, früher oder später? Ist es das Gefühl der Hilflosigkeit, und daß uns alles, was wir an Leben schaffen und uns als Gewinn anrechnen, unaufhaltsam, von Minute zu Minute entgleitet? Wie oft schon lag ich plötzlich wach, schlaflos vor plötzlichem Weh.
Carmen hatte zwei Mäuse, die nachts in ihrem Riesenterrarium herumfegten und nagten und wühlten. Wenn ich wandern war, brachte ich ihnen immer etwas zum Knabbern mit, Fichtenzapfen, ein Stück Borke, Hainbuchenzweige. Es dauerte nie länger als ein zwei Tage, bis alles zu Sägemehl verarbeitet war. Daran dachte ich jetzt, oder wie wir zu dritt kurz vor ihrem Auszug die Küche renoviert haben, Claas, sie und ich. Wenige Tage später sagte sie uns, sie wolle mit ihrem Freund zusammenziehen.
Oder mein Mitbewohner Jörn, mit dem ich über drei Jahre zusammenwohnte, in einer anderen Zeit, damals, in Plittersdorf. Jörn, dem ich mein Herz über eine gerade vollzogene Trennung ausschüttete, kaum daß wir einen Monat zusammenwohnten. Jörn, der mir alles über seine indonesische Freundin erzählte. Wir teilten das kleine Appartement vom Winter 93 bis zum Sommer 97. Eines Abends füllten wir billige Weingläser von IKEA mit Wasser und bauten eine kleine Glasorgel auf; dann probierten wir solange am Wasserstand herum, bis es uns gelang, die Titelmelodie von Once upon a time in the west zu intonieren. Wir saßen bis zwei Uhr morgens in der Küche, berauscht mehr von unserem Spiel als vom Chianti, glücklich wie kleine Jungs.
Was ist davon geblieben?
Nichts.
Solcherart sind die Dinge, die plötzlich da sind, um vier Uhr morgens, zwischen Schlaf und Schlaf, so nah, als wäre man noch mittendrin, und so schmerzvoll weit weg, daß es einem eng wird in der Brust. Wo soll man das alles nur hintun? So vieles geschieht, ist geschehen, wird geschehen. Zuviel, um alles in all seinen Tragweiten, Facetten Farben und Gerüchen je so durchdenken und erinnern zu können, daß man sagen kann, es ist gut. Dazu ist es zuviel, ist es zu groß. Wir schlucken es nicht. Wir lösen es nicht. Wir sind nie mehr frei. Wir schieben nur fort. Und unter dem Schleier hervor kriecht es dann nachts und macht uns weh vor Vergeblichkeit und Vorbei, vier Uhr morgens, zwischen Schlaf und Schlaf.
Gibt es einen schöneren, eleganteren, praktischeren, sinnlicheren Gegenstand, als gerade ihn? Er ist doch unübertroffen. Keine noch so ausgefeilte Technik kann ihn ersetzen, wenn es wirklich darauf ankommt. Er ist immer zur Stelle, funktioniert auch bei Stromausfall, ist nahezu unverwüstlich sowie leicht und unkompliziert zu handhaben; auch ist er pflegeleicht und liefert meist befriedigende Ergebnisse. Seine langgestreckte Form, seine Steifheit und die Glätte seiner Haut bestechen durch ihr schnörkelloses funktionales Design. Auch für das Auge ist er ein Genuß, und manch einen überkommt schon bei seinem Anblick der Wunsch, ihn in die Hand zu nehmen und damit herumzuspielen. Zwischen den Fingern fühlt er sich gut an, ganz gleich, ob er der eigene ist, oder einem anderen gehört.
Manchen Menschen genügt es, ihn ab und an zur Hand und in selbige zu nehmen; andere dagegen zögern nicht und nehmen ihn zuweilen auch gern in den Mund, vor allem dann, wenn sie nicht weiter wissen; andere wiederum stört der herbe Geruch und Geschmack, so daß sie schon der Gedanke, so etwas zu tun, ekelt; es soll aber sogar solche geben, die daran lutschen, ja, die gar darauf herumkauen – welch letzteres aber eine Unsitte und wovon dringend abzuraten ist.
Zwar ist er von Natur aus schön und praktisch und durch nichts zu verbessern; verspielte Menschen jedoch, Mädchen zumal, setzen ihm manchmal eine Gummikappe auf, die allerlei Verzierungen haben kann aber nicht muß: Noppen, Rillen, Fransen, Büschelchen, ja manche mögen es, wenn er ein Fellmützchen trägt. Derlei Zierat kann sogar sacht parfümiert sein. Erdbeere, Banane und Vanille sind gängige Noten und besonders bei Schulmädchen sehr beliebt. Doch so, wie er ist, ist er schon seine eigene Perfektion; alles, was man ihm sonst angedeihen läßt, alles, womit man ihn ersetzen mag, jede angebliche Verbesserung: sie sind doch nur zierendes Beiwerk. Deshalb wir man immer wieder auf ihn zurückkommen.
In manchen Kulturen bewahrt man ihn in einem Futteral auf. In anderen wiederum legt man nicht so viel Wert auf eine Verpackung. Jedenfalls sollte man ihn nach seinem Gebrauch wieder ordentlich verstauen.
Manchmal ist er hart, manchmal weich, je nach Bedürfnis, Anlaß und Vorhaben; am besten aber ist er zu gebrauchen, wenn er angespitzt ist. Man sollte aber hinterher saubermachen, damit nicht irgendwann jeder Ort, wo man ihn gebraucht hat, von seinen Spuren vollgesaut sei. Wird er jedoch oft und lange gebraucht, oh: so schrumpft er irgendwann und schnurrt zu einem lächerlichen Stummel zusammen. Er kann zärtlich sein und sacht, oder kraftvoll Akzente setzen; er kann ungestüm und unüberlegt sein, oder zögerlich und zagend seine Arbeit tun. Manchmal dauert es sehr lange mit ihm. Manchmal ist man schneller mit ihm fertig, als man gedacht hat. Und manchmal, ja, manchmal schafft er Werke von Bestand. Am schönsten aber ist es, wenn er eine Liebesbotschaft spricht.
Kann man mehrere Ohrwürmer gleichzeitig haben? Man kann. In meinem Fall sind es ungefähr 12, die summen und spielen und zupfen und singen in meinem Kopf schon den ganzen Tag. Von neuen Leuten und Kamillen, von Krampenschlägen vor Tag und von dort, wo die Malven blühn; und von einem Pfefferminzmund und schweren Händen und kühler Haut, und von einem Glas Wein, das vielleicht das letzte Glas sein wird. Ich laufe durch den Wald und über die Felder, auf denen der untergegrabne Kohl faulig seinen Duft aussendet, und lausche und lausche, und über mir ziehen schon wieder die Gänse dahin, die den großen Himmel von sich geworfen und abgeschüttelt haben, und noch einmal schreien und schreien, ehe sie auf und davon sind für wieder einen Winter.
Gerade gehört, und beim Hören ihr Beistand hinübergedacht …
Die Augen schließ und schlaf, mein Kind,
was draußen rauscht, ist nur der Wind,
der Wind, der in den Bäumen weht,
wenn’s finster wird, mein Kind, der geht
bis an den Rand der Welt.
Der Rand der Welt ist immer da,
ist weit hinter Afrika,
ist ferner als die Sterne glühn,
und doch ist, wo die Malven blühn,
schon auch der Rand der Welt.
Gleich hier im Uhrgehäus, das tickt,
im See, in den der Fischer blickt,
im Kummer, der den Vater frißt,
ganz anderswo für jeden ist,
mein Kind, der Rand der Welt.
Du mußt das heut noch nicht verstehn,
du mußt nur schlafen und vorm Wehn
des Winds nie bangen, und als Mann
fährst einst vielleicht du wirklich dann
bis an den Rand der Welt.