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Nach 14 Jahren im Ashram war es für Doug Keller an der Zeit, auf eigenen Beinen zu stehen. Doch woher sollten die Jobs kommen, wenn der Lebenslauf eher nicht den üblichen Erwartungen entspricht? Also unterrichtete Doug mehr und mehr Yogaklassen – und schlug wieder einen ungewöhnlichen Weg ein. Für ihn war es der richtige: Heute gilt Doug Keller als Koryphäe in Sachen Yoga-Therapie und -Philosophie.
Wann hast Du begonnen, Dich für Philosophie und Meditation zu interessieren?
In der High School, als in der Pubertät auf einmal all diese Fragen auftauchten – zur eigenen Sterblichkeit, zu Spiritualität und so weiter. Ich fand die Antworten, die zum Beispiel die Religion lieferte, sehr unbefriedigend. Erst im College konnte ich entsprechende Kurse belegen.
Bist Du denn religiös aufgewachsen?
Nicht besonders. Meine Eltern waren Wissenschaftler. Mein Vater war Religion gegenüber sehr skeptisch, was nicht ungewöhnlich ist. Meine Mutter unterstützte meine Interessen. Ausserdem fand ich in der Schule die TV-Serie «Kung Fu» extrem spannend, in der ein Kind in einem Shaolin-Tempel aufwächst. Also habe ich Kung-Fu-Stunden genommen, lange, bevor es hip wurde.
So ging es los mit Deinem Interesse für östliche Philosophien?
Das war meine erste Erfahrung in diese Richtung. Deshalb haben mich im College vor allem Laozi und Zen interessiert. Mit indischen Philosophien habe ich mich anfangs überhaupt nicht auseinandergesetzt. Ich wollte ursprünglich Jura studieren, kam dann aber auf die Idee, Collegedozent für östliche Philosophien zu werden, weil mich diese ja am meisten interessierten.
Wann kamst Du auf die indischen Philosophien?
Erst in der Graduate School. Gleichzeitig traf ich Swami Muktananda, der an den Wochenenden in New York City unterrichtete und 1981 einen Sommer lang in seinem Ashram in Upstate New York. Damals lag der Fokus auf Meditation und einfacher Praxis. Ich merkte, dass alles, an dem ich innerlich arbeitete, auch eine Veränderung im Aussen mit sich brachte. So begannen Dinge und Gewohnheiten, die ich an meiner Persönlichkeit nicht mochte, zu verschwinden.
Haben diese Veränderungen auch das Verhältnis zu Deinem Umfeld beeinflusst?
Meine Eltern waren damals schon geschieden. Meine Mutter hat meine Entwicklung akzeptiert, meine Brüder haben sich dafür interessiert, waren aber noch zu jung. Mein Vater als skeptischer, intellektueller Wissenschaftler war noch nicht mal damit einverstanden, dass ich selbst auch Collegedozent werden wollte. Das lag natürlich zum Teil daran, dass ich mich für Philosophie entschieden hatte und nicht für eine Naturwissenschaft. Und für romantische Beziehungen hatte ich erstens keine Zeit. Zweitens habe ich in der Nähe der Uni gewohnt, in der Bronx. Und die Bronx war am Wochenende eine Geisterstadt, niemand war dort. Ausserdem hatte ich einfach kein Geld für Partys oder solche Sachen.
Dabei waren die 1980er-Jahre in New York sicherlich sehr abenteuerlich …
Das schon! Aber all meine Entscheidung waren am Ende gut. Es wäre auch nicht so schlau gewesen, in den 1980er-Jahren Philosophiedozent zu werden. Obwohl ich damit meinem Herzen gefolgt wäre. Als ich mit der Uni fertig war – meine Abschlussarbeit musste ich noch schreiben – hätte ich viele Teilzeitstellen haben können. Aber es gab eben keine Vollzeitstellen, es war für die Unis damals einfach günstiger, Dozenten in Teilzeit einzustellen.
Hast Du dennoch angefangen, zu unterrichten?
Ich hatte bereits seit dem ersten Semester der Graduate School unterrichtet, was höchst ungewöhnlich war. Ich bin ins kalte Wasser gesprungen, das war super – es war eine erste Erfahrung darin, Menschen etwas beizubringen, die keine Ahnung davon haben, was Du ihnen gerade erzählst. Beim Unterrichten ging es mir immer öfter so, dass ich mich mit dem Wissen aus den Büchern nicht mehr identifizieren konnte. Dann bekam ich die Möglichkeit, Vollzeit in den Ashram zu gehen und mich mit den Themen zu beschäftigen, die mir wirklich wichtig waren. Das konnte ich einfach so machen, weil ich ein Stipendium hatte und somit keine Schulden. Aber meine Abschlussarbeit habe ich nie fertig geschrieben.
Bist Du dann gleich nach Indien?
Zuerst war ich ein Jahr im Ashram nördlich von New York City, 1986 ging es nach Indien. Ich dachte, ich bleibe dort für ein Jahr, aber es wurden viereinhalb. Dann kam ich für ein Jahr zurück nach New York, kehrte für zweieinhalb Jahre nach Indien zurück und war am Schluss wieder in Upstate New York. Also war ich sieben Jahre in Indien und insgesamt 14 Jahre im Ashram.
Bereust Du es, dass Du Deine Arbeit nie fertig geschrieben hast?
Aus ganz vielen Gründen: nein. Manchmal denke ich, es wäre noch lustig, wieder zur Schule zu gehen. Aber es wäre wieder genau gleich – ich würde nicht weiterkommen. Ich dachte allerdings, dass sie mich Ashram unterrichten lassen, weil ich darin so viel Erfahrung hatte. Aber ich landete in der Küche!
Wie war das für Dich?
Es war demütigend und gleichzeitig cool. Ich habe es akzeptiert, denn ich wollte ja dort sein, also konnte ich mich nicht gross beschweren.
Aber war es nicht frustrierend, nach all den Jahren des Studiums in der Küche zu arbeiten?
Schon, aber gleichzeitig habe ich mich immer daran erinnert, dass mich all diese Jahre nirgends hingebracht haben, sie haben mir nichts bedeutet. Nach vielen Jahren in der Küche hatte ich dann einen Unfall, bei dem ich mich ernsthaft verbrannt habe. Vielleicht war es Karma, aber nachdem ich mich erholt hatte, durfte ich im Garten arbeiten. Also habe ich die nächsten zehn Jahre mit Gartenarbeit verbracht.
Wann trat Yoga auf den Plan?
Der Ashram bot lange Zeit kein Hatha Yoga an – aus sehr interessanten Gründen. Nachdem Swami Muktananda den Ashram in den frühen 1960er-Jahren gegründet hatte, kamen später auch immer mehr Menschen aus dem Westen, Hippies, die von ihm gehört hatten. Swami Muktananda selbst hatte eine lange Hatha-Yoga- und Meditationspraxis, die er auch anderen nahebrachte. Aber diese neuen Gäste hatten zum Teil extreme Persönlichkeiten: Sie kamen aus einer extremen Drogenwelt und gingen ihre Yogapraxis nun ebenso extrem an. Also blieben sei zum Beispiel eine Stunde im Kopfstand. Das war natürlich körperlich nicht gesund. Also konzentrierte sich Swami Muktananda immer weniger auf die Hatha-Yoga-Praxis, sondern vielmehr auf Meditation, Chanting ... Dinge, die Menschen erden. Als ich dann im Garten arbeitete, wurde langsam wieder mehr Hatha Yoga angeboten. Die Menschen, die in den Ashram kamen, hatten sich verändert: mehr Leute aus der Mittelklasse, die für eine Auszeit kamen. Sie brauchten passend zur Meditation etwas, um ihren Körper zu stärken, um gesund zu bleiben und um überhaupt fähig zu sein, lange zu meditieren. Zur selben Zeit bekam ich dann die Möglichkeit, Hatha Yoga zu unterrichten. Ich musste mehrfach darum bitten, weil sie mich eigentlich im Garten brauchten.
Warum hat Dich persönlich die Hatha-Yoga-Praxis angezogen?
Sie hat sich gut angefühlt für meinen Körper. Ich war damals überhaupt nicht flexibel, sondern sehr steif. Aber meine Muskeln wurden langsam geschmeidiger, und ich stellte fest, dass meine Körperproportionen gut für Yoga geeignet waren und ich recht flexible Bänder hatte. Und dann wollte ich auch unterrichten. Schliesslich liess man mich, und die Leute mochten es. Obwohl ich mir sicher bin, dass ich – wie jeder Yogalehrer am Anfang – ein furchtbarer Lehrer war. Aber die Leute waren grosszügig genug, meinen Unterricht zu mögen.
Wie lief eine Yogastunde im Ashram ab?
Der Lehrer gab die Anweisungen und jemand befolgte sie auf einer Bühne. Der Lehrer machte nichts vor, damit er sich aufs Anleiten konzentrieren konnte. Das fühlte sich völlig falsch für mich an, also bekam ich ein wenig Ärger, weil ich die Person auf der Bühne korrigierte. Das fanden die Leute dort sehr befremdlich.
Wie haben denn die anderen Lehrer reagiert, wenn die Person auf der Bühne etwas falsch gemacht hatte?
Sie haben einfach auf ihre Notizen geschaut und weitergemacht. Und: das war ja lange vor Anusara etc. Man hielt am Anfang einer Stunde einen kleinen Vortrag zu spirituellen Themen – auf den viele Lehrer bei der Vorbereitung viel mehr Wert legten als auf die Praxis.
Das ist ja grösstenteils heute noch so …
Ja, als John Friend in den Ashram kam, hat er dieses Konzept übernommen – dass es ein spirituelles Konzept hinter der Stunde geben soll. Er unterrichtete damals schon in den USA, praktizierte aber immer wieder mit Iyengar in Pune. Das erste Mal kam er nach so einem Training zu uns in den Ashram, wo er schlussendlich auch Teacher Trainings gab. Ein Training bei ihm durfte ich aber erst mitmachen, nachdem ich wieder in den USA war.
Bei wem hast Du denn dann praktiziert?
Ich war sehr auf mich allein und meine Praxis gestellt, nutzte Videos von Richard Freeman und anderen Lehrern. Erst, als ich wieder im Ashram in New York war, habe ich bei Iyengar-Lehrern in New York City praktiziert, vor allem bei Kevin Gardiner. Er unterrichtete damals in seinem Apartment, in das maximal zehn Leute reinpassten – acht ins Wohnzimmer und zwei in die Küche. Seine Schüler waren oftmals Tänzer mit gesundheitlichen Problemen. Kevin hatte ein tiefes Verständnis von Anatomie, konnte sich klar ausdrücken und die Asanas demonstrieren. Das war meine Chance, wöchentlich oder alle zwei Wochen zu lernen – zusätzlich zum Sommertraining mit John Friend im Ashram. Der liess die philosophischen Konzepte des Ashrams in die Asanas einfliessen, und zusammen mit den Grundlagen des Iyengaryoga entwickelte sich daraus langsam Anusara Yoga.
Wann hast Du selbst angefangen, nur noch zu unterrichten?
Erst 1995/96, also gut vier Jahre nach meinen ersten Teacher Trainings. Bis 1998 habe ich Vollzeit im Ashram unterrichtet und hatte Zeit, zu anderen Lehrern zu gehen und zu reisen, um in anderen Zentren des Ashrams zu unterrichten.
Aber dachtest Du Dir in all den Jahren niemals: Wie soll ich jemals meine Rente bezahlen?
Doch, aber der Ashram kam für Unterkunft und Essen auf, ausserdem bekamen wir einen kleinen Lohn, um Ausgaben für Dinge wie Kleidung und Medikamente abzudecken. Für mehr als zehn Jahre habe ich an sieben Tagen die Woche gearbeitet, sieben bis zehn Stunden am Tag – für rund 300 Dollar im Monat. Ich musste mich um nichts kümmern, aber natürlich konnte ich nichts sparen. Das war schön für eine Weile: Ich musste nicht über die Zukunft nachdenken.
Aber gleichzeitig habe ich nichts gelernt, das mich in der Welt da draussen weitergebracht hätte – ausser Hatha Yoga. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich verstanden habe, dass ein Teil von mir nicht erwachsen wurde. Es ist, wie wann man immer bei seinen Eltern bleibt. Irgendwann musst du ausziehen und für dich selbst sorgen, das ist Teil des Erwachsenwerdens. Zu der Zeit, als ich über diese Dinge nachdachte, kam gleichzeitig die Leitung des Ashrams auf mich zu und sagte mir, dass sie Personal abbauen müssten und ich mir draussen Arbeit suchen müsse. Man mag daran glauben, dass das Universum immer eine Tür für Dich öffnet oder nicht – aber dies passierte just zu dem Zeitpunkt, an dem ich bereit war zu gehen.
War Dir von Anfang an klar, dass Du auch ausserhalb des Ashrams als Yogalehrer arbeiten wolltest?
Ich habe nicht geglaubt, dass ich einen Job als Yogalehrer bekommen würde. Also bewarb ich mich für andere Jobs. Aber ich konnte in meinem Lebenslauf für die letzten 15 Jahre natürlich keine richtigen Joberfahrungen nachweisen. Zwischenzeitlich habe ich hier und da unterrichtet und das lief gut.
In New York?
Nein, das war in der Gegend um Washington, D.C., wo meine Familie lebte. Ich hatte sie ja 15 Jahre lang kaum gesehen, und so hatte ich auch Unterstützung durch sie. Dann habe ich immer mehr unterrichtet – bis ich keine Zeit mehr hatte, mich auf reguläre Jobs zu bewerben. Das hatte ich natürlich so nicht geplant, aber ich hatte es mir ja auch so gewünscht.
Und was sagte Dein Vater?
Er starb schon 1991, als ich in Indien war. Er hatte sich so von der Familie entfremdet, dass wir das erst erfuhren, als sein Vater, also mein Grossvater, ein Jahr später starb. Meine Mutter zog meine drei jüngeren Brüder alleine auf.
Hat sie sich Sorgen gemacht, als Du in Indien warst bzw. 14 Jahre im Ashram?
Sie hat mich besucht, sie mochte den Ashram und das Konzept. Aber ich habe auch Anrufe von ihr bekommen, in denen sie sagte, sie komme hoch und hole mich da raus. Ich konnte sie aber immer beruhigen. Aber ja, sie hat sich Sorgen gemacht und meinen Weg gleichzeitig akzeptiert.
Wie geht es Dir heute? Waren all Deine Entscheidungen richtig?
Ja, ich bin total zufrieden! Ich unterrichte die Dinge, die mir wichtig sind und die eine Bedeutung für mich haben. Zunächst mal fühle ich mich dem Yoga verpflichtet. Ich möchte zeigen, welche Bedeutung es hat und ihm eine Zukunft geben. Es entwickelt sich ständig, und wer auch immer gerade Yoga unterrichtet, ist die Zukunft von Yoga. So war das schon immer.
Doug Keller hat sich auf Yoga-Therapie spezialisiert und gibt sein Philosophie-Wissen ausserdem in Teacher Trainings und Workshops weiter. Er hat mehrere Bücher verfasst und ist weltweit unterwegs, um sein Know-how zu teilen. Alle Termine gibt es aktuell auf seiner Homepage: www.doyoga.com.
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